
        
                         Daniel Caspers von Lohenstein
                 Grossmütiger Feldherr Arminius oder Herrmañ /
       Als ein tapfferer Beschirmer der deutschen Freiheit /Nebst seiner
                          Durchlauchtigen Tüssnelda in
             einer sinnreichen Staats-Liebes- und Helden-Geschichte
                            Dem Vaterlande zu Liebe
                     Dem deutschen Adel aber zu Lehren und
                              rühmlichen Nachfolge
                         In zwei Teilen vorgestellt /
                    Und mit annehmlichen Kupffern gezieret.
 
                                      Dem
                       Durchlauchtigsten / Grossmächtigen
                           Fürsten und Herrn / Herrn
                            Friedrich dem Dritten /
      Marggrafen zu Brandenburg / Des Heil. Röm. Reichs Ertz-Lämmerern und
 Chur-Fürsten / in Preussen / zu Magdeburg / Fülich / Cleve und Berge / Stettin
  /Pommern / der Cassuben und Wenden / auch in Schlesien zu Grossen und Schwibuss
                 Hertzogen /Burggrafen zu Nürnberg / Fürsten zu
                       Halberstadt / Minden und Cammin /
Grafen zu Hohen-Tollern / der Marck und Ravensberg / Herren zu Ravenstein / der
                        Lande Lauenburg und Bütow / etc.
                        Meinem genädigsten Chur-Fürsten
                                   und Herrn.
 
  Durchlauchtigster Grossmächtiger Chür-Fürst /Gnädigster Chur-Fürst und Herr.
Arminius / vor welchem das Welt-beherrschende Rom mehrmals gezittert / hatte das
Absehen / seine sieghafte Waffen / welche nebst Ihm vor mehr als tausend Jahren
zu Staub und Asche worden / wiederum ans Tagelicht zu bringen / und solche Eur.
Chur-Fürstl. Durchl. Erlauchtestem Herrn Vater /höchstrühmlichen Andenckens zu
Füssen zu legen. Dieser deutsche Held zohe Ihm und seinen Landes-Leuten das
Römische Joch recht unerschrocken vom Halse / darunter viel Könige seuffzeten /
und wiedmete die eroberten Römischen Adler / Waffen und Beile nach der Varischen
Schlacht seinen Göttern. Was Wunder: dass er sich mit seinen Sieghaften zu dem
grossen Europeischen Friedrich Wilhelm zu wenden begehret? als zu einem viel
rechtern GOtt / weil Gott der Götter die Beherrscher der Erden selbst so nennet;
als einem hertzhaften Verteidiger Deutschlandes; welches wegen der vor wenig
Jahren so tapfer verfochtenen Freiheit (die gleich denen beim Hellespont auf des
Protesilaus Grabe wachsenden Bäumen von der herrschenssüchtigen Aufblähung des
gegen über liegenden Iliums schon zu knacken anfieng /) seinen blutigen Degen zu
küssen / und gleich dem Xenophon / dessen Sohn in der Mantineischen Schlacht
vors Vaterland rühmlich gestorben / zu verehren Ursache hat; als einem
Uberwinder; dessen Siege fast alle vier Teile der Welt geschmecket / und oft
als einen Blitz empfinden müssen. Die Tugend ist wohl ihr selbst-Lohn und braucht
keines Anstriechs; Gleichwol aber hat Homer des Achilles / andere anderer Helden
Bedächtnüs biss auf unsere Zeiten erhalten müssen. Dem Arminius ist sein
Vaterland diese danckbare Pflicht schuldig geblieben; und die nach so viel
hundert Jahren beim Schlusse dieses löblichen Vorhabens beschäfftigte väterliche
Hand hat das Göttliche Verhängnüs durch allzufrühzeitigen Tod unterbrochen: dass
nunmehr der Sohn diesem hochverdienten Helden hierdurch vollends ans Licht
hilfft /und solch Werck / nach dem zu höchstem Leidwesen Deutschlands unser
grosser Ceder-Baum / daran sich manch Staat sicher gelehnet / nicht ohne
erbebenden Donner-Knall in Stücken zerfallen / Eur. Chur-Fürstl. Durchl. bei
nunmehr angetretener Regierung / als einem nichts minder klugen und hertzhaften
Nachfolger / zum schuldigsten Opfer / nebst seinem Hertzen / als der besten
Beilage / in aller Untertänigkeit liefert.
    Arminius bleibt nun Zweifel ohne in dem berühmten Berlin / dessen
Verherrlichung einen August zum Beherrscher andeutet / unter die Helden
aufgetrönet /welchem Eurer Chur-Fürstl. Durchl. gleich Dero Erlauchtestem Herrn
Vorfahr / weil von Adlern nur Adler geboren werden / aller Welt zur Nachfolge
lebhaftes Bild / gleich der Sonne bei denen Persiern oder denen Sinesischen
Königen mehr mit verdecktem Munde und Angesicht stillschweigend zu verwundern /
als durch eine ohnmächtige Feder abzuzirckeln. Denn Tinte und Farbe ist
allzuschlecht hierzu; und das Altertum hat schon längst seinen Phidias und
Silanion / Welschland seinen Bernin / wir Deutschen aber unsern Rauch-Müller
verloren; wiewol auch diese noch nicht die rechten Werckzeuge der Verewigung
sind; sondern Eur. Chur-Fürstl. Durchl. anbetenswürdige Vollkomenheiten sah man
vor Dero würcklichen Regierungschon in die Sternen gezeichnet / und fester / als
alle in stummen Marmel und Alabaster gehauene Ehren-Säulen / in die danckbaren
Bemüter der itzig- und künftigen Welt / als die lebhaften und unvergänglichen
Behältnüsse / gesetzet. Anitzo aber schauet ganz Europa Eur. Chur-Fürstl.
Durchl. in Dero Erlauchtesten Herrn Vatern Fussstapfen vollkömmlich getreten zu
sein; in dem Selbte so wohl zu grosser Verwunderung aller Fürsten / als hohem
Vergnügen aller aufrichtig-gesinnten deutschen Hertzen die deutsche Freiheit zu
beschirmen allbereit einen höchstrühmlichen und die Unsterbligkeit verdienenden
Anfang gemacht haben; also Selbte nicht minder als ein ander Heermann / wie vor
Dero eigene Länder / als des ganzen deutschen Reichs Wolstand zu sorgen bemühet
sind.
    Ich verhoffe die glückseligsten Zeiten / und darinnen meinen Angel-Stern
erreichet zu haben / da in Dero nunmehr durch eine wieder aufs neue aufgegangene
Sonne bestrahlten Himmels- und Erden-Kreisse ich meinen würcklichen Sitz gefunden
/ in welchem Berechtigkeit und Friede sich küssen / Künste und Waffen sich
umbarmen / und der heilige Gottesdienst die Grundfeste ist; also ein jeder
Untertan mit mehrerm Recht / als die Egyptier / welche ihren Segen weder dem
Himmel / noch ihren Königen / sondern eintzig dem Nilus zuschreiben / vor die
ewige Erhaltung des zeiter vom Tod und Verhängnüs heftig erschütterten
Erlauchtesten Chur-Hauses Brandenburg den Allerhöchsten hertzlich anzuruffen /
und nebst mir sich glückselig zu schätzen und zu rühmen Ursach hat.
    Eur. Chur-Fürstl. Durchl.
                                            Alleruntertänig-gehorsamster Knecht
                                                    Daniel Caspar von Lohenstein
 
                            Vorbericht an den Leser.
        Hochgeneigter Leser.
Hier stellet sich / unser vor etlichen Jahren getanen Vertröstung nach /
nunmehr der Grossmütige Arminius auf den Schau-Platz der Welt. Er suchet bei
denen Sieg-prangenden Helden dieser Zeit günstige Erlaubnüs / Ihm einen Eintritt
in dero Rüst-Kammern zu verstatten; Und lebet der guten Hoffnung: ob Er gleich
in der heutigen Kriegs-Kunst / so wohl wegen Aenderung der Zeiten / als anderer
Zufälle und Gelegenheiten sich nur unter derselben Schüler oder /Lehrlinge
zehlen möchte / dass sie ihm dennoch nichts minder seinen teuer-erworbenen
Lorber-Krantz / als auch eine Stelle in denen Ehren-Sälen unter anderer
Helden-Bildern gönnen / und ihm den Nahmen eines hertzhaften Feldherr deswegen
in keinen Zweifel ziehen werden; weil Er die Kriegs-Kunst und Staats-Klugheit zu
seiner Zeit an dem Welt-gepriesenen Hofe des mächtigsten Kaysers Augustus / da
die Krieg- und Friedens-Künste gleichsam mit einander umb den Vorzug kämpften /
vollkommentlich erlernet / hernach aber bei Antretung seiner Regierung und
obristen Feldhauptmannschaft in Deutschland / vor die Beschirmung der gleichsam
in letzten Zügen liegenden Freiheit / gegen die stoltzen Römer höchst-
angewendet; ja nicht allein seinen bedrängten Lands-Leuten das schwere Joch der
Römischen Dienstbarkeit / daran einige Römische Kayser so gar selbst einen
Greuel gehabt / gäntzlich vom Halse gestreifft / andere deutsche Fürsten zu
gleichmässiger Heldenmütiger Tapferkeit aufgemuntert / und wider die
hochmütigen Römer in Harnisch gebracht / sondern auch derogestalt siegen
gelernet: dass das durch ihn geschwächte grosse Rom unterschiedliche mahl
erzittert / Augusten sein Glücke zweifelhaft gemacht / und von derselben Zeit
an das streitbare Deutschland vor unüberwindlich gehalten worden.
    Man wünschte zwar wohl: dass der Herr über Tod und Leben dem seligen Herrn
Verfasser dieser Geschichte noch so viel Tage zugesetzet / als Er bedurfft hätte
/ dass Er seinem Arminius oder Herrmann in diesem Vorberichte selber das Wort
reden / und Ihm einen Geleits- oder Beglaubigungs-Brieff in die Welt mitgeben /
auch zugleich seinen itzigen Auftritt bestens entschuldigen können.
    Wir wollen aber den hochgünstigen Leser indessen an den grossen Lehrmeister
und Fürsten der Staats-Klugheit / den Cornelius Tacitus gewiesen haben /und mit
dem vergnügt sein: dass derselbe als ein ausländischer Geschicht-Schreiber und
Feind der Deutschen sehr wohl geurteilet / wie man auch an seinem Feinde die
Tugend loben müsse. Welch Zeugnüs denn um so viel mehr von der Heuchelei und
Laster der Dienstbarkeit entfernet / umb wie viel verdächtiger auch der
glaubwürdigsten Freunde Urteil ist; als denen oft wider ihren Vorsatz / wo
nicht Heuchelei /doch allzugütige Gewogenheit anhänget. Dieses hat Er auch damit
bewehret: dass Er von unserm Arminius das herrlichste Zeugnüs von der Welt
abgeleget und dabei gerühmet: Er habe Rom / das Haupt der Welt / da es in der
grösten Blüte seiner Macht gestanden / und schon mit ausländischen Feinden
fertig gewesen / hertzhaft angegriffen / keine Gefahr gescheuet / und sich in
allen Treffen dergestalt tapfer verhalten: dass Er niemals gäntzlich geschlagen /
noch überwunden worden.
    Warumb aber unser seliger Lohenstein ihm eben die Beschreibung dieses Helden
zu seiner Neben-Arbeit erwehlet / wollen wir zwar zu ergründen uns nicht
bemühen; sondern einem jeden über dessen Ursachen ein freies Urteil abzufassen
erlauben; Gleichwol aber dieses melden: dass vornehmlich so wohl einige hohe
Standes-Personen / als andere vertraute Freunde ihn hierzu veranlasst und
ersuchet: dass Er von unsern Deutschen / gleich wie andere Völcker von ihren
Helden / auch etwas gutes schreiben möchte; als welchen sie insgemein / gleich
wie Homer dem Achilles / Xenophon dem Cyrus / und andere Andern zu viel / wie
wir unserer kaltsinnigen Art nach / den Unsrigen zu wenig zugeeignet. Weil Er
denn weder jener Befehl füglich abzulehnen / noch derer Bitte abzuschlagen vor
möglich / sondern beiden etwas zu versagen vor ein straffwürdiges Laster
gehalten; so hat Er ihm / nach dem fast alle Helden ihre Geschicht-Schreiber
überkommen haben / die Lieb- und Lebens-Geschichte des Arminius / als welche Er
zu seinem Zweck am beqvemsten zu sein vermeint / zu beschreiben vorgenommen /
damit ja dieser unvergleichliche Held auch zu dieser Zeit noch einen herrlichen
Glantz bei seinen Landes-Leuten bekommen /und sein Ruhm nicht gäntzlich in dem
Staube der Vergessenheit begraben bleiben möchte. Diese deutsche Geschichte nun
hat er aus dem tieffen Altertum hervor gesucht / und selbige in eine solche
Ordnung zusammen zu bringen sich bemühet / die dem Leser weder allzutunckel noch
vedriesslich fallen möchte. dabei wolle sich aber der bescheidene Leser nicht
befrembden lassen: dass Er nicht den Lateinischen Nahmen Arminius behalten /
sondern ihn durchgehends nach der deutschen Sprache Herrmann benennet. Massen er
sich dissfals / wie andere in dessen Benahmung seiner Freiheit gebrauchet; weil
beide Nahmen doch einerlei sind / die meisten deutschen Geschichtschreiber aber
seiner unter dem Nahmen Herrmann gedencken.
    Sonst hat unser seliger Uhrheber in dieser Geschichte / wie andere Gelehrten
nach dem Triebe seines Gemüts-Geistes dies geschrieben / worzu er von Natur so
viel Lust / als wegen seiner Amts-Geschäffte Zeit und Gelegenheit gehabt. Und
wird man Ihm umb so viel desto weniger diese Schreibens-Art übel deuten können /
weil nicht allein bei andern Völckern /sondern auch in unserm Deutschlande die
Edelsten unter den Sterblichen sich dergleichen bedienet; ja so gar vor wenig
Jahren Durchlauchtige Hände einen höchstrühmlichen Anfang darinnen gemacht und
genungsam gezeiget: dass wir nunmehr andern Völckern in der Kunst-Liebe / wo
nicht es zuvor tun / doch die Wage halten können; also / dass wir der
ausländischen Ubersetzungen vor itzo so wenig / als ihrer deswegen über uns
geführten Höhnerei bedörffen werden.
    Vornehmlich aber hat eine hochgedachte Erlauchte Feder / und zwar eben in
den Cheruskischen Landen / welche weiland unser Arminius beherrschet hat / zu
grosser Vergnügung aller edlen Gemüter / mit den wichtigsten Beweis-Gründen
herrlich ausgeführet: dass dergleichen Arbeit ein Zeitvertreib des Adels sein
solle / und demselben insonderheit wohl anstehe; in dem der Mensch vielmehr
verpflichtet wäre den Gemüts-als Leibes-Ubungen obzuliegen. Welches auch
hoffentlich keine vernünftige Zunge in der Welt wird widersprechen / noch die
geschickteste Feder wiederlegen können. Massen es doch allzuwahr ist: dass eine
gute Feder einen Edelmann nicht minder in der Hand / als auf dem Helme zieret.
Denn ob zwar der Adel an sich selber ein schöner Zierrat und helleuchtendes
Kleinod des Menschen ist; so will es doch aber auch nötig sein: dass Er in das
feine Gold guter Sitten und Wissenschaften versetzet werde; sonst wird er
dessen Besitzer eine schlechte Folge des Ansehens oder Hochachtung geben können.
Die Edlen sollen die Eigenschaft der Adler / wovon sie nicht ohne Ursach den
Nahmen fuhren / an sich haben / und sich unaufhörlich nach der Sonne der Tugend
und guter Künste schwingen / und so wohl bei Krieg-als Friedens-Zeiten nicht nur
den Leib durch die Waffen und anständige Ritterspiele / sondern auch den
Verstand durch die Bücher und das Schreiben üben. Denn hierdurch kann sich der
Mensch allein edel machen; indem das Geblüte nur den Leib / Tugend und
Wissenschaft aber den ganzen Menschen edel macht. Der Adel ist / wie Salicetus
sagt / eine Tochter der Wissenschaft; und hat / wie Marius beim Salustius redet
/ seinen Uhrsprung aus der Tugend genommen. Er ist des Menschen Ehre; die Ehre
aber nach des Aristoteles Ausspruche der Tugend Lohn. Dahero ist es
unverantwortliche Torheit / sich bereden lassen / als ob nach Wissenschaft
streben und den Büchern obliegen einem Edelmanne verkleinerlich wäre / oder dass
es Ihn zu andern Ubungen unfähig mache; da doch alle wolgesittete Völcker
jederzeit dafür gehalten: dass es rühmlicher sei den Adel von der Tugend /als von
den Ahnen zu zehlen. Deswegen / spricht Livius / habe zu Rom ein jeder / der nur
tugendhaft gewesen / auch edel werden können. Was kann aber den Menschen eher
tugendhaft machen / als gute Künste und Wissenschaften erlernen; als wordurch
der Verstand nicht nur geschärffet / sondern auch das Gemüte / ja der ganze
Mensch ermuntert / und zu allem guten fähiger gemacht wird? Der grosse Alexander
ist nicht zu schätzen gewesen: dass Er aus dem Stamm der Macedonischen Könige /
noch der Cäsar: dass Er aus dem Hause der Julier geboren worden; sondern dass
beide sich durch Tugend und Tapferkeit gross gemacht haben. Hätten selbige auch
nicht die Weissheit zur Gefärtin gehabt / würde ihr Ruhm einen schlechten Glantz
zum Beisatze haben. Denn es ist nichts schändlichers / als / so zu reden / dem
Jupiter zu wieder den Bacchus im Haupte / und die Pallas im Bauche führen; oder
nur bloss allein edel von Geblüte und leer von Weissheit sein; dass man so denn nur
allein zu dem Gedächtnüs oder Ehren-Bildern seiner Ahnen fliehen / und von der
Vorfahren Glantze entlehnen; also es solcher Gestalt nicht viel besser machen
müsse / als bei den Alten die Ubeltäter /welche / wenn sie verfolget wurden /
ihre Zuflucht zu den Altären / Begräbnüssen oder Bilder-Säulen der Kayser zu
nehmen pflegten. Massen solche Menschen nichts besserem / als denen mit
zierlichen Sattel-Decken prangenden Bucephalen vergliechen werden können. Aller
Gegen-Einwendungen aber ungeachtet /wird es doch sonder Zweifel noch ferner / so
lange tugendhafte Menschen in der Welt sein werden / dabei bleiben: dass die
Tugend der beste Adels-Brieff / und /wie Pontanus spricht / scheinbarer als die
Sonne sei /weil jene auch die Blinden / diese aber sie nicht sehen können. Und
wäre zu wünschen: dass alle edle Menschen glauben lernten / dass es auch noch
heute in der Welt / wie weiland zu Rom / gehe / da niemand in den Tempel der
Ehren kommen konnte / er musste denn zuvor durch den daneben gebauten Tempel der
Tugend gehen; so würden sich vielleicht ihrer viel dem Glück zu Trotz aus jedem
Stande lobwürdig erheben können; Allermassen wie der deutsche Homerus unser
Opitz von einem gelehrten Ritter Schaffgotsche / der einen artlichen Poeten
abgegeben habe / redet: der Stand durch Verstand blühet / und wer nur Verstand
hat / auch mit Stande / Gut und Adel begabet wird. Wie denn dessen unser seliger
Lohenstein selber ein Beispiel abgeben kann / wie diss an Ihm wahr worden /was
Sprach saget: dass die Weissheit Ihn zu Ehren gebracht / und neben die Fürsten
gesetzet hat.
    Was nun diese seine Arbeit anbelanget / so wolle der hochgeneigte Leser
solche nicht durchgehends vor ein blosses Getichte / oder so genennten Roman
halten. Denn ob man zwar wohl gestehen muss: dass die Grich- und Römischen
Geschichtschreiber nicht so viel wunderliche Zufälle und weitläufftige Umstände
anführen; so wird man sich doch diss nicht ganz befrembden lassen / sondern
dabei glauben: dass unser Uhrheber viel des jenigen / was Er nicht bei den
Geschichtschreibern gefunden / teils aus seinen alten Müntzen / teils aus den
Uberschrifften und Gedächtnüs-Maalen / die er ihm insonderheit hierinnen überaus
wohl zu Nutz zu machen gewust / zusammen gesucht / solche gehöriger Orten
klüglich angewehret /und also den Mangel damit hin und wieder ersetzet hat.
Wesswegen zwar zuweilen ein- oder die andern Umbstände als ertichtet zu sein
scheinen; doch aber /dass sie nicht durchgehends vor blosses Fabelwerck zu halten
sind / entweder in der alten oder neuen Geschichte ihre gewisse Ursachen und die
Wahrheit zum Grunde haben. Welches der in den Altertümern und Geschichten
bewanderte Leser leicht mercken / die Rätsel auflösen / und die rechten Trauben
von den gemahlten zu unterscheiden wissen wird.
    Es ist zwar unser Uhrheber bei seinen Lebzeiten niemals gesonnen gewesen /
diese Geschichte durch den Druck ans Tagelicht zu stellen / und sich damit den
ungleichen Urteilen der Welt zu unterwerffen. Nicht / dass er seine Arbeit
jemanden missgegönnet /oder sich jemals dergestalt in seine Gedancken verliebt
hätte: dass er andere neben sich vor Kebsweiber gehalten; sondern weil er selbige
/ wie alle seine Sachen / niemals vor etwas geachtet / was der Welt mitzuteilen
würdig sei. Massen Er dieses alles bloss zu obgemeldter vornehmer Personen und
guten Freunde eigenen Gefallen und Vergnügung / in denen / wegen seines mühsamen
Amptes häuffigen Geschäffte und schwerer Rechts-Händel / wenig übrigen Stunden
/besonders aber meistens in seinem Gicht- oder Geduld-Bette zum Zeitvertreib und
Gemüts-Beruhigung geschrieben / und zuweilen ihnen etwas davon mitgeteilet /
die sich denn mit dessen Durchlesung nichts weniger / als er mit der Arbeit
belustiget / und ihn immer mehr aufgemuntert haben.
    Das Absehen dieser Arbeit wird der kluge Leser gleichfals leicht wahrnehmen
können: dass er der Welt dadurch einen guten Nutzen zu schaffen getrachtet; weil
er vornehmlich angemercket: dass ins gemein junge Standes-Personen allzuzeitlich
einen Eckel vor ernstaften Büchern zu bekommen / und lieber die mit vielen
Eitelkeiten und trockenen Worten angefülleten Liebes-Bücher / als den la Motte /
oder den Spanischen Saavedra / da doch diese Bücher ihre Gelehrsamkeit und ihren
Nutzen haben / zu lesen pflegen. Dahero unser Lohenstein auf die Gedancken
geraten: ob man nicht unter dem Zucker solcher Liebes-Beschreibungen auch eine
Würtze nützlicher Künste und ernstafter Staats-Sachen / besonders nach der
Gewohn- und Beschaffenheit Deutschlands /mit einmischen / und also die
zärtlichen Gemüter hierdurch gleichsam spielende und unvermerckt oder sonder
Zwang auf den Weg der Tugend leiten / und hingegen ihnen einen Eckel vor andern
unnützen Büchern erwecken könnte. Wesswegen er auch hierinnen allerhand fröliche
und traurige Abwechselungen von lustigen / verliebten / ernstaften und
geistlichen Sachen gebrauchet / umb die Gemüter desto aufmercksamer zu machen,
auch über diss mehr auf anmutige Reden / gute Gleichnüsse und sinnreiche Sprüche
/ als allzuweitläufftige Umbstände und Verwickelungen der Geschichte gesehen.
Derowegen wolle der bescheidene Leser auch nicht übel vermercken / wenn er da
oder dort einigen Irrtum entweder in dem Nahmen oder der Zeit-Rechnung befinden
möchte Massen der seelige Verfasser wegen seines geschwinden Absterbens das
ganze Werck nicht gäntzlich durchlesen können / da Er sonder Zweifel wohl noch
eines oder das andere ab- oder zugetan haben würde. Ob Er nun schon seinen
Zweck nicht in allem nach Wunsch erreichet haben dörffte; so wird Er doch zum
wenigsten hierinnen die Bahn gebrochen / und so wohl den Nachkommen ein Licht
aufgesteckt / als die Lehre eines gewissen Ausländers beobachtet haben: dass
dergleichen Bücher stumme Hofemeister sein / und wie die Redenden gute Lehren
und Unterricht geben; also diese neben denselben durch allerhand Beispiele die
Würckung des Guten / und die Folge des Bösen /die Vergeltung der Tugend / und
die Bestraffung der Laster vorstellen sollen.
    Dahero / wenn ja jemanden bedüncken möchte / als ob ein oder das andere
Laster zuweilen hierinnen mit schönen oder zu freien Worten beschrieben wäre; so
wolle doch derselbe ihme von unserm seeligen Herrn Uhrheber keine übele
Gedancken machen / sondern vielmehr glauben: dass er in der Gerechtigkeit / in
der Tugend und Liebe zu GOtt fest gegründet gewesen /und wohl keinem Christen in
der Welt hierinnen nachgegeben. Sein Hertz war von allem Eigennutz entfernet;
hingegen sein Gemüte desto mehr nach Weissheit begierig und in derselben
unersättlich. Deswegen hielt er jederzeit gleich dem berühmten Engelländer
Bradfort / die Unterredung mit gelehrten Leuten / die er fast täglich zu seinen
Besuchern wünschte und auch hatte / vor eine Erqvickung der Seelen / und sah es
überaus gerne / wenn sie an seinem Tische vor lieb nahmen / und durch kluge
Gespräche ihm seine Speisen würtzten. In Ermangelung derselben aber waren gute
Bücher seine unzertrennliche Gefärten; und war ihm nicht möglich einen
eintzigen Augenblick müssig zu sein. Denn er schätzte die vergebens
hinstreichende Zeit mit dem weisen Demetrius vor den kostbarsten Verlust; und
hielt dies / was andere Arbeit und Mühe nennen / vor ein stärckendes Labsal und
die allersüsseste Gemüts-Erleichterung. Daher erwehlte er ihm ausser seinen
Ampts- und andern Verrichtungen eine beständige und immerwehrende Arbeit / die
ihm nach des Himmels Bewegung oder Sonnen-Lauff gleichsam in einem
unauffhörlichen Zirckel führte. Sie war ihm ein rechtes Spielwerck; also / dass
man wohl mit Warheit beteuern kann: dass ihm solche niemals einigen Schweiss
ausgepresst / noch etwan Verdruss oder Ungeduld erwecket hat. Denn er war in der
Arbeit überaus glücklich; Er wusste ihm die schwersten Sachen dergestalt leicht
und annehmlich zu machen: dass ihn etwas zu verfertigen fast wenig oder gar keine
Mühe gekostet. Massen sein Kopff ein rechtes Behältnüs der Wissenschaften zu
sein schien / darinnen er die allerwichtigsten Beweis-Gründe gesammlet hatte;
und zu aller Zeit so wohl aus dem Munde / als der Feder von sich geben / und
gleichsam wie eine Schale den Balsam der Gelehrigkeit nur immer reichlich
ausgiessen konnte. Hierinnen aber hat er wie andere als ein Mensch geschrieben /
und als ein rechtschaffener Christ nach seiner Schuldigkeit geglaubet; auch eine
und die andere Begebenheit bloss zu einem Beispiel vorgestellt / und zwar mit
einer solchen Art / die dem Leser eine Begierde so wohl das Gute als Böse zu
betrachten / beides aber zu unterscheiden /erwecken möchte. Denn allzulange auf
einer Seite spielen / oder immer einen Ton hören / ist den Ohren vedriesslich /
und dem Gemüte zu wieder. Zu dem weiss man ja wohl: dass den Reinen alles rein
ist; und tugendhafte Gemüter auch aus Lesung des Bösen wie die
Scheide-Künstler aus gifftigem Napel etwas Gutes zu ziehen pflegen.
    Denn weil alles der Veränderung unterworffen ist, und wir Menschen in der
Welt meist die Abwechselung der Dinge / als die Mutter der Vergnügung lieben /
ob solche gleich nicht allemal eine freundliche Stirne / und den Mund voll Bisam
hat; So folgen wir billich hierinnen dem Beispiel des Himmels; der bald trübe /
bald klar / bald stille / bald stürmerisch zu sein / und zuweilen mit Blitz und
Donner zu spielen pfleget / damit etwas gutes daraus folgen könne / was wir uns
weder versehen / noch dessen Ursachen / warumb diss oder jenes geschehen /
ergründen können. Derowegen wird ihm ein jeder bedachtsamer Leser die auf solche
beschriebene Laster allemal gefolgten grausamen Straffen hierinnen eben so wohl /
als in dem heiligen Haupt-Buche zu einer Warnung und Schrecken dienen lassen.
Denn hätte niemand die Klippen Scylla und Charybdis ausführlich beschrieben /
und die See-fahrenden vor der Gefahr gewarniget / so würden noch viel Schiffer
daran scheitern / und sie anitzo niemand so klüglich zu meiden wissen. Ein jeder
Ort hat seine Wunderwercke und seine Missgeburten / wie seine Tage und Nächte;
Und wo Sonnen sind / da gibt es auch Finsternüsse. Dannenhero wir alle Sachen in
der Welt gleichsam als in einem Spiegel beschauen / die bösen meiden / die guten
annehmen /und stets gedencken sollen: dass wie alle / auch die geringsten Laster
ihre gewisse Straffen; also die Tugenden allezeit ihre herrliche Belohnungen zu
gewarten haben. Denn beides das Gute und auch das Böse sind gewisse Zahler einem
jeden / wie Er es verdienet. Wer böse geartet ist / wird gleichwol böse bleiben
/ wenn er schon nicht den Arminius gelesen haben wird. Zu dem könnte man wohl
fragen: was können die Steine davor / dass der / so gläsern ist / sich daran
zerstösset? Wer nicht wohl versetzen kann / muss niemals fechten /noch sich ohne
guten Wind zu tieff in die See begeben. Man soll bei Lesung der Bücher ein
adeliches Hertz haben / und mit Verachtung alles / was weibisch oder unedel ist
/ bei Seite setzen; hingegen seine Hand wie der unter des Licomedes Jungfrauen
in Weiber-Tracht verborgene Achilles nach würdigen Sachen ausstrecken. Denn als
diese mit Anschauung des vom verkleideten Ulysses zum verkauffen dahin
gebrachten Weiber-Schmucks beschäfftiget waren /Achilles bloss nach der darunter
verborgenen Wehre grieff / und also hierdurch vom Ulysses erkennet ward. Mancher
lieset zwar die heiligsten Bücher /höret tausend guter Lehren und nachdrückliche
Vermahnungen / dennoch aber will ihn keines bessern; sondern er unterstehet sich
vielmehr wohl gar die allerherrlichsten Dinge / wie Lucianus / zu einem Gespötte
zu machen. Wie denn auch noch heute zu Tage nichts gemeiners in der Welt ist /
als über andere Sachen seltzame Urteile fällen und tadeln können. Ja es giebet
so gar Menschen / welche lieber ohne Zunge als Stichreden sein wollten; also dass
es mancher entweder vor keine sinnreiche Erfindung / oder ihm vor einen Schimpff
halten würde / wenn er nicht von jedem Dinge etwas böses oder stachlichtes zu
reden wüste. Denn dadurch meinen dergleichen Leute / welche sich gleichwol die
Warheit zu reden einbilden /bei der gelehrten Welt vor helleuchtende Sternen
angesehen zu werden; da sie doch kaum dampfende Pech-Fackeln sind / welche / was
auch immer ihr Schwefel und Rauch vor Bländungen vorbilden kann /sich doch ihres
Gestancks halber selbst verraten /und ihre eigene Vertunckelung befördern.
Diese reden insgemein nie zierlicher / als wenn sie am übelsten nachreden; und
gläntzen niemals mehrers / als wenn sie am meisten brennen. Sie sind wie die
Löwen /welche / wenn sie einmal Blut von ihren Klauen gelecket / noch immer
grössere Begierde darnach haben; oder wie die Scorpionen / die nur allezeit zu
stechen bereit sind. Hingegen haben alle rechtschaffene Gemüter jederzeit eine
Abscheu vor Spöttern zu tragen pflegen; weil ihre Worte und Tinte ein lauteres
Gift ist / so die Nahmen und alles das / was sie benennen / vergifftet. Wie
denn jener ausländische Ritter und kluge Rats-Herr zu Venedig gar nachdencklich
hiervon geurteilet: dass kein ehrlicher Mann mit gutem Gewissen dergleichen
weder reden noch schreiben könnte; Und gleich wie man Verräterei liebte /den
Verräter aber hassete; also man auch Spott- oder Stachel-Reden zwar lobte /
aber vor derselben Uhrheber einen Abscheu trüge; ja einem dergleichen Liebhaber
an statt des verhofften Lobes gar hoch vernünftig zur Antwort schrieb: Disteln
säen und Satyrische Schrifften machen / wäre seines Bedünckens einerlei; wenn
sodenn Dornen daraus wüchsen / müste man nicht das Glücke / sondern seine eigene
Torheit anklagen. Und ob selbte zwar bei den Zuhörern ein Gelächter erregten /
setzten sie doch gemeiniglich den Uhrheber in Leid. Dannenhero diese der grosse
Alexander recht Königlich verlachet / Tiberius verstellet /und Titus gar nicht
angehöret; Massen dieses süsse Gift seine eigene Straffe mit sich führet.
Solche Menschen / so ihren herrlichen Verstand und Vernunft nur zum Bösen und
des Nechsten Nachteil anwenden / werden offtmals / weil sie mit schädlichem
Rauch gehandelt / auch wie des Alexander Severus Diener /Turinus mit Rauch
gestraffet; und könten nicht unbillich ein Beispiel vom Peryllus nehmen / als
welchen die Göttliche Rache nicht ohne Ursach straffte: dass /weil er die schöne
Kunst aus Ertzt Bildnüsse der Götter und fürnehmer Helden zu güssen endlich
missbrauchte / und dem grausamen Phalaris zu Liebe einen Ertztenen Ochsen / als
ein Werckzeug die Menschen zu peinigen machte / er auch darinnen zu erst die
Wahrheit bewehren / und seinen verbrennten Leib den höllischen Göttern zu einem
Schnupff-Pulver werden lassen musste.
    Gleich wie es nun allerhand wunderlich-geartete Menschen in der Welt gibt;
also mühen sich einige /die einen Gran wichtiger als die jetzt beschriebenen sein
sollen / nichts / als unnötige Grübeleien / und eitel unnütze Fragen auf die
Bahn zu bringen; Und wollen mit einiger Not wissen wessen Tochter Hecuba
gewesen? was Achilles / als er unter des Licomedes Jungfrauen verborgen gewesen
/ vor einen Nahmen geführet? was vor ein Lied die Syrenen zu singen pflegen? In
welche Hand Diomedes die Venus verwundet? An welchem Fusse Philippus gehuncken?
durch wen Augustus des Brutus Kopff nach Rom geschickt? und dergleichen mehr;
oder leben gar wie Domitianus: dass sie sich lieber täglich etliche Stunden mit
einer treflichen Fliegen-Jagt / als einem nützlichen Buche zu erlustigen
pflegen. Hingegen sind andere wohl so gottloss: dass sie die allernützlichsten
Sachen hassen / und sich nicht allein unterstehen schädliche und nichtige Dinge
/ wie Favorinus das viertägichte Fieber / Dio die lange Haarlocken / Synesius
die Glatzen / Lucianus die Fliegen zu loben / sondern andere wohl gar den Fürsten
der Finsternüs mit Lobsprüchen zu verehren. Ihrer viel sind auch / die nicht nur
den Neptun wegen seines der Augen halben nicht recht gebildeten Ochsens /
Minervens Haus wegen seiner Unbewegligkeit / des Vulcanus Menschen-Bild wegen
der nicht durchsichtigen Brust zu tadeln; sondern so gar den himmlischen Körper
selbst / als das gröste Uhrwerck des höchsten Schöpffers nach ihrer Einbildung
einzurichten und zu stellen sich bedüncken lassen.
    Derowegen können wir uns umb so vielmehr leicht die Rechnung machen: dass wie
nicht alle Sachen allen gefallen; ja das grosse Welt-Licht die Sonne selbst von
den Persen angebetet / von den Mohren hingegen verfluchet wird; noch die besten
Speisen jedwedem Munde schmecken; also auch dieser unser Arminius nicht nach
eines jeden Gehirne eingerichtet sein; sondern ein jeder nach seiner Einbildung
/ oder nach der Gewogenheit zu dessen Verfasser gut oder böse davon urteilen /
und also ihm nicht besser gehen werde / als des Jupiters Bildnüsse / umb dessen
Kopff die Spinnen ihr Gewebe ziehen. Denn / denen Ungeduldigen oder allzu vieles
Qvecksilber-habenden wird vermutlich diese Schreibens-Art zu weitläufftig / den
Ungelehrten zu hoch und historisch / den Scheinheiligen zu frei / denen
Welt-gesinnten mit zu vieler Weltweissheit und geistlichen Sachen angefüllet /
denen übrigen aber auf diese oder jene Art nicht recht sein /und da oder dort
seine Fehler haben; also / dass man wohl mit dem Ausomus Ursach zu sagen haben
möchte: wem dieses unser Spiel nicht gefällig ist / der lese es nicht; oder wenn
er es gelesen / so vergesse er es wieder; der so er es nicht vergessen möchte /
so verzeihe er uns.
    Allein es wolle der hochgeneigte Leser nur gedencken: dass ein Mensch keiner
Englischen Krafft fähig ist; ja auch dem Fleische der Heiligen selber
Schwachheiten anhangen: und dass man das jenige Buch / welches lauter
gleichgewogene Leser oder Liebhaber bekommen / und allen Menschen gefallen wird
/ unter die sieben Wunderwerke der Welt zehlen / desselben Verfasser aber zum
Oberhaupt und Richter aller Bücherschreiber setzen werde. Viel / die dergleichen
Geschicht-Bücher verachtet / haben weder selber was bessers zu schreiben / noch
sonst durch ihr Beispiel die Welt frömmer zu machen gewust. Man hat auch noch
niemals weder gehört noch gelesen: dass es aus ihrem Haupte Gold geregnet hätte /
vielleicht /weil kein Bergwerck darinnen gewesen. Denn ein jeder mag sich nur
bescheiden: dass zwar alle Meere Schaum und Sand / aber nicht Perlen und Korallen
herfür bringen können.
    Schlüsslich aber wolle ja niemand meinen: dass unser Uhrheber die Zeit nur
bloss allein an dieses Werck oder seine Poetische Getichte gewende habe. Wer von
seiner andern Arbeit und Ampts-Verrichtungen Zeugnüs begehret / denselben wollen
wir nicht allein an das Bresslautsche Rat-Haus / und den berühmten Welt-klugen
Herrn Frantz Freiherrn von Resselrode / den Mäcenas dieser Zeit / sondern auch
an die jenigen / so ihn gekennet / gewiesen haben; als welche hoffentlich ohne
alle Heuchelei oder Parteiligkeit ihm das Ehren-Lob nachzurühmen sich nicht
wiedern werden: dass er die kurtzen Jahre seines Lebens / so wohl vor die Stadt /
als die jenigen / die sich seinem Rat und Beistandes anvertrauet / treulich und
redlich gearbeitet / seine gröste Lust in der Arbeit gesucht / und gnungsam
gewiesen / ja sein Corpus Juris zeugen wird: dass er so wohl ein grosser
Rechtsgelehrter und kluger Staats-Mann / als sinnreicher Poet gewesen; und dass
man gar wohl in der einen Hand der Astrea Wagschale / in der andern aber auch des
Apollo Leier führen könne. Denn wo Temis und Minerva in einem Tempel beisammen
gestanden /haben sie allezeit denselben berühmter gemacht / und einander die
beste Handreichung tun können. Dahero auch eine Erlauchte Person von unserm
Lohenstein artlich zu schertzen Anlass genommen: Es hätte das Glücke in
Austeilung der Ehren-Aempter entweder geirret / oder ihm unrecht getan; in dem
es ihn zu einem Staats-Diener nicht einer Stadt / sondern eines grossen Königs
machen sollen / weil er zu dergleichen Diensten vor andern fähig / und gar
füglich des Plinius Baum / der einen ganzen Garten mit allerhand Früchten
vorstellte / oder auch des Ausonius Bacchus-Bilde / so von allen Göttern etwas
eigentliches gewiesen / und er es daher Panteon / oder alle Götter genennet /
zu vergleichen gewesen.
    Dannenhero werden weder Plato / noch alle die jenigen eigensinnigen
Klüglinge / welche der Poesie /samt allen andern denen Gelehrten mehr schönen
Zierrat als grossen Reichtum erwerbenden edlen Künsten eine Grufft zu bauen /
oder zum minsten nur ihrem Purpur einen Schandfleck zu machen bemühet sind /
einen Schluss abzufassen Ursach haben / keinen Poeten in Rat oder zu weltlichen
Ehren-Aemptern zu nehmen. Da doch Rom und Grichenland nie berühmter gewesen sind
/ als da die Poesie auch bei Burgermeistern und andern Grossen zu Hause war.
Daher wird es auch hoffentlich unserm Bresslau / so lange nur gute Künste und
Sitten in der Welt blühen werden / eben so wenig / als der Stadt Rom / weil der
Burgermeister Cicero ein grosser Redner daselbst gewesen und Bücher geschrieben
/ als sonder welche er in der Welt vielleicht weniger bekannt sein würde /
niemals zu einiger Schande und Verkleinerung ihres Ansehens gereichen / wenn man
gleich sagen wird: dass Hofmannswaldau / Lohenstein / und für ihnen viel andere
ihres gleichen Getichte geschrieben / und die Poesie zur höchsten Vollkommenheit
gebracht haben. Die allergrösten Helden-Geister sind entweder selber Poeten oder
doch grosse Liebhaber / ja der erste deutsche grosse Kayser Carl / den Ost und
West angebetet / der Uhranheber der deutschen Tichter-Kunst gewesen. Die Lesung
des Homerus Getichte hat dem grossen Alexander mehr Feuer / als seiner Diener
Rat zu Heldenmütigen Entschlüssungen gegeben; Und es hätte ihm jener frembde
Bote / der mit einem freudigen Gesichte zu ihm kam / auf seine Frage: Ob
Homerus von den Todten auferstanden wäre? keine frölichere Zeitung sagen / als
wenn er hätte Ja sprechen können. Unser Arminius kann auch selber Zeugnüs
ablegen: dass er an dem mächtigen Kayser August / nichts minder einen geschickten
Redner und Poeten /als grossen Herrscher gefunden habe; der auch schon im
zwölfften Jahre seiner Gross-Mutter Julia eine offentliche Leich-Rede gehalten /
hernach aber bei seiner Kayserlichen Würde es seinem hohen Ansehen ganz nicht
verkleinerlich geachtet / dass er so gar seines Staats-Dieners Mäcenas Tod mit
einem Leich-Getichte beehret hat. Und ob zwar Plato in seinen Gesetz-Büchern
übel von den Poeten geredet; so hat er doch mehr den Missbrauch / als die Kunst
bestraffen wollen; Im übrigen aber von einem Poetischen Rat so viel gehalten:
dass er sie anderswo Väter und Führer der Weissheit / ja ein Göttliches Geschlecht
genennet. Ist auch gleich nicht eben mit Absterben der Poeten eine Stadt zu
Grunde gegangen; so hat man doch zum wenigsten allemal nicht ohne Nachdencken
beobachtet: dass so bald aus einem Orte die darinnen zum höchsten gestiegene
Tichter-Kunst sich verloren / derselbe auch in kurtzem ein ganz anderes und
verstelltes Gesichte bekommen hat.
    Jedoch damit wir nicht die Gräntzen einer Vorrede allzuweit ausstecken /
wollen wir dissfals weder eine Lobschrifft noch Schutz-Rede oder Verteidigung
der Poesie machen, sondern nur letzlich den geduldigen Leser hiermit gebührends
ersuchet haben: dass er von unserm seligen Lohenstein gleichfals ein gutes
Urteil fällen; indessen aber den Ersten Teil solcher seiner Arbeit gewogen
aufnehmen / und künftige Michael-Messe / geliebts GOTT / des Andern nebst
vollständigen Registern gewärtig sein; auch alle Fehler darinnen zum besten
kehren / und gewiss glauben: dass wo er es ja nicht in allem wohl getroffen / doch
wohl gemeinet / und nicht allein damals bei den Freudensbezeugungen über des
itzigen Allerdurchlauchtigsten König Josephs in Ungarn höchsterfreulichen Geburt
gleichsam aus einem Poetischen Triebe gewahrsaget hat: dass derselbe seines
Gross-Anherrn-Vatern / Kayser Carl des Fünften Fussstapfen betreten / alle seine
Tugenden und Glücke besitzen / und nach Anzeigung des anfänglich verlauteten
Geburts-Tages / eben wie dieser ruhmwürdigste Kayser / so wohl von Sieg als
Friede berühmt werden würde; Sondern er hat auch gleich wie wir / jederzeit
diesen andächtigen Wunsch in seinem Hertzen geführet: dass der grosse GOTT / als
der höchste Beschirmer und Erhalter aller Königreiche und Länder unser itzigen
Allerdurchlauchtigsten Oesterreichischen Herrmann / den Grossen LEOPOLD / einen
nichts minder grossmütigen Feldherrn / als preisswürdigsten Beschirmer deutscher
Freiheit in unverrucktem Wolstande erhalten / fernere glückliche und Siegreiche
Waffen wieder alle die deutsche Freiheit kränckende Feinde verleihen / und unter
Seine Fahnen lauter tapfere /keinen Eigennutz / sondern nur das Vaterland und
die Eintracht liebende Heer-Männer senden / auch das ganze hochlöblichste und
allergütigste Ertzhauss Oesterreich dergestalt segnen wolle: dass dessen Stamm
sich durch die ganze Welt ausbreiten / seine Zweige aber biss in den Himmel
reichen mögen.
 
                                 Ehren-Getichte
Was ist der kurtze Ruff der mit ins Grab versinckt /
Dafern Er aus der Grusst nicht ewig wider schallet?
Ein schneller Blitz / der zwar von Ost biss Westen blinckt /
Doch bald vergessen ist / wenn drauf kein Donner knallet /
Ein Rauch der bald verfliegt / ein Wind der bald verstreichet /
Ein Irrlicht / dessen Schein für neuer Sonn' erbleichet.
Wie bald verkocht in uns die Hand voll kühnes Blut!
Wie eilends pflegt das Tacht des Lebens auszubrennen!
Noch Hand noch Schädel weist den edlen Geist und Mut.
Wer will den Zunder in der todten Asch' erkennen?
Der welcher unser Lob erhalten solt' auf Erden /
Muss dess' in kurtzer Zeit ein stummer Zeuge werden.
Was hilffts denn / dass ein Mensch nach grossem Nahmen strebt /
Wenn sein Gedächtnis nicht kann zu der Nachwelt dringen!
Für Agamemnons Zeit hat mancher Held gelebt /
Dehn Seiner Tugend Preis zun Sternen können bringen;
Weil aber kein Homer zu Ihm sich hat gefunden /
Ist Seiner Taten Glantz in tunckler Nacht verschwunden.
Braucht allen Aloe und Balsam Alter Welt /
Bemahlt nach Sotis Art die teuren Leichen-Kittel /
Schnjetzt feste Zedern aus mit fremdem Leim verkwellt /
Bezeichnet Tuch und Sarch mit Bildern grosser Tittel /
Wird nicht ein Oedipus die schwartze Brust entdekken /
Bleibt im Verwesen doch Eur Stand und Wesen stekken.
Baut hohe Gräber auf / bedeckt mit einer Last
Von Jaspis und Porphir die dorrenden Gebeine /
Schreibt Nahmen / Tun und Amt in Taffend und Damast /
In Holtz / in Gold und Aertzt / in festen Stahl und Steine;
Zeit / Moder / Fäule / Rost weiss alles zu entstalten:
Des Nachruhms Ewigkeit ist anders zu erhalten.
Sucht in des Cörpers Glutt für todten Nahmen Licht /
Es wird sein Glast so bald als diese Flamme schwinden.
Ein unverzehrlich Oel wenn sein Gefässe bricht
Muss durch die Lufft berührt samt Eurem Ruhm erblinden.
Der Mahler pflegt sein Licht mit Schatten zu erhöhen;
In schwartzen Schriften bleibt die Tugend helle stehen.
Weil im Pelatzger Land die Künste hilten Haus /
Sind seine Lorbeer-Zweig auch unversehrt bekliben.
Rom breitte Seinen Ruhm durch Schwert und Feder aus:
Was Cäsar hat getan das hat er auch geschriben.
Der Teutschen Tichterei der Barden Helden-Lider
Belebten Mannens Geist Tuiscons Asche wider.
Wem wär' Epaminond' ohn kluge Schrift bekant?
Wer wollte nach Atens und Spartens Fürsten fragen?
Wo blibe Lysimach der Leuen überwand?
Würd' auch die Welt was mehr vom grossen Grichen sagen?
Es hätt' Ihr Nahme längst wie Sie vermodern müssen /
Wenn Sie kein weises Buch der Sterbligkeit entrissen.
Itzt wär' Horatz von Rom auf beiden Augen blind /
Die Flamme kühner Hand die sich so frei vergriffen
Und freier noch gestrafft verrauchet in den Wind /
Duil umbsonst so oft Er Essen ging bepfiffen /
Roms Schutz-Stab Scipio verfaulet und zubrochen /
Wenn nicht ein Livius für Sie das Wort gesprochen.
Doch weil der Eitelkeit ein enges Ziel gestekkt /
Weil Bücher auch vergehn und Ehren-Säulen wanken /
Sigs-Zeichen fallen umb / und Grauss den Marmol dekkt /
Weil Schriften sich verlir'n aus Augen und Gedanken /
Muss Sie ein kluger Geist zu Zeiten wider regen
Und auf die alte Müntz ein neues Bildnis pregen.
Eh Guttenberg die Kunst zu schreiben ohne Kil /
Zu reden für das Aug' und Wörter abzumahlen
In Teutschland aufgebracht / als nur ein Rohr vom Nil /
Als Leinwand oder Wachs / als Blätter oder Schalen /
Als eines Tieres Haut allein gedint zu Schriften /
Wer konnte da der Welt ein lang Gedächtnis stifften?
Wie sind Polybius und Dio mangelhaft!
Was hat uns nicht die Zeit vom Tacitus genommen /
Vom Curtius geraubt / vom Crispus weggerasst?
Was ist vom Ammian in unsre Hände kommen?
Viel andre haben zwar von andern viel geschrieben /
Ihr Nahmen aber selbst ist uns kaum übrig blieben.
So hat der leichte Wind vorlängst darvon geführt
Was Libys aufgesetzt / die Barden abgesungen.
Wo wird der zehnde Teil von diesem mehr gespürt /
Was noch zu Celtens Zeit geschwebt auf tausend Zungen?
Und muss was übrig ist nicht vollends untergehen /
Weil kaum der Teutsche mehr den Teutschen kann verstehen?
Manch Ritter edlen Bluts besang was Er getan /
Obgleich sein Helden-Reim nicht klang in zarten Ohren.
Man trifft von alter Zeit mehr als ein Merkmahl an /
Dass unser Schlesien zur Tichterei geboren /
Wann Silber dessen Fürst / ein Heinrich / uns sein Liben
(Und anders mehr vielleicht) in Lidern hat beschriben.
Die Stükke sind zwar schlecht die auf uns kommen sein /
Und kann man wenig Licht in solchem Schatten finden /
Die Funken geben bloss aus bleichen Kohlen Schein /
Doch sind sie unsren Sinn noch fähig zu entzünden /
Und dass die Kinder auch was Ahnen täten / lernen /
So muss ein neuer Glantz ihr tunckles Grab besternen.
Ein fremder schreibt von uns mit ungewisser Hand /
Siht mit geborgtem Aug' und redt mit anderm Munde /
Ihm ist des Landes Art und Gegend unbekant /
Gemeiner Wahn und Ruff dint Ihm zu falschem Grunde:
Ost nimmt Er Ort für Mann / und was Er recht soll nennen /
Wird doch der Lands-Mann kaum in seiner Sprache kennen.
Rom klebt die Hoffart an: was nach der Tiber schmekkt
Geht Tagus göldnen Sand' und Isters Perlen oben.
Wirdnicht der Nachbarn Ruhm durch Eyfersucht beflekkt /
So siht man selten doch den Feind nach Würden loben.
Weil sich die halbe Welt gelegt zu seinen Füssen /
Hat aller Barbarn Preis für Ihm verstummen müssen.
Des Grichen Buch ist oft ein leerer Fabel-Klang /
Der eingebildte Witz umbnebelt sein Gehirne /
Und weil der Teutschen Schwert Ihm biss zum Hertzen drang /
So scheint Ihm noch der Gram zu stekken in der Stirne.
Zeugt nicht von seinem Hass und Irrtum zur Genüge /
Dass Er den Galliern schreibt zu der Teutschen Züge?
Kömmts auf die neue Zeit: wo selbe Francken sein /
Die haben Teutsch zu sein durch Lufft und Zeit vergessen /
Ihr stoltzer Hochmut wächst / macht andre Völcker klein /
Und trachtet allen Ruhm sich selber beizumessen.
Wil man den Spanier / will man den Welschen fragen /
Ihr wen'ge werden uns gleich- zu vom Teutschen sagen.
Doch schwätze fremder Feind / und Neider was Er will /
Das Lob der Tapferkeit muss unsren Teutschen bleiben.
Ist ihre Redligkeit verschmitzter Nachbarn Spil /
Doch kann sie keine List aus ihrem Lager treiben:
Und / was nicht fremde Faust der Wahrheit will vergönnen /
Wird noch wohl von sich selbst der Teutsche schreiben können.
Was aus Minervens Stadt zum Capitol ward bracht /
Des weiss sich unser Land mit Nutzen zu bedinen.
Die Strass' ist zum Parnass aus Teutschland längst gemacht /
Man siht manch Lorber-Reiss bei unsern Palmen grünen.
Corintus und Aten hat Teutsche Faust erstigen:
Wer weiss schreibt Sie nicht auch von ihren Ritter- Sigen.
Nur umb die Helden ists am meisten jetzt zu tun /
Die durch die lange Zeit zum andern mahl gestorben /
An unbekantem Ort' ohn einig Denckmahl ruhn:
Doch haben sie nunmehr was Sie gesucht erworben.
Begehrt jemand Bericht / was Teutsche vor gewesen /
So kann Er Lohensteins berühmten Herrmann lesen.
Das Feuer dieses Geists ist Teutscher Welt bekant /
Man weiss / wie Mund und Kil mit Nachdruck konnte spielen.
Was Er für Land und Stadt für Arbeit angewandt /
Wird noch mit mehrem Danck die späte Nachwelt fühlen.
Was ich bei dieser Schrift am seltzamsten gefunden /
Ist / dass Sie die Geburt der seltnen Neben-Stunden.
Flöst Argenis mit Lust der Klugheit Lehren ein;
So spürt man solche hir mit vollem Strome kwellen.
Entdekkt man hir und dar Poetischer Farben Schein;
Der Teutsche pflag sein Lob in Tichterei zu stellen.
Hat sich Erlauchte Hand bemüht mit Aramenen /
So muss ein Lorber auch die Schreibens-Art bekrönen.
Was sonsten Müh und Fleiss aus hundert Büchern sucht /
Wird hir als im Begriff mit Lust und Nutz gefunden.
Wie Chauz' und Catte streitt / Cherusk' und Frise sucht /
Wie Quad und Hermundur verachten Tod und Wunden /
Vom alten Gottesdienst / der Fürsten Reih und Leben
Kan dieses edle Werck vergnügte Nachricht geben.
Doch bindt sich dis nicht nur an Teutscher Gräntze Zil;
Es zeigt den Kern von Roms und Morgenlands Geschichten.
Wer sich gelehrt / verliebt / und Stats-klug weisen will /
Siht was Er nur verlangt in Reden und Getichten.
Er kann an auch will Er sich zu suchen unterwinden /
In diesem Buche viel von nähern Zeiten finden.
Den Mann und Ort verkehrt der Zeiten schneller Lauff /
Ein neuer Schauplatz zeigt was Vorwelt auch gesehen.
Löst doch mit Unterscheid manch Nahmens-Rätsel auf /
So findt ihr was vorlängst und neuer ist geschehen.
Das Wachstum Oesterreichs den Ruhm von seinen Helden /
Wird Euch der Unterricht von Herrmanns Vorfahrn melden.
Ziht jetzt die Sein' an sich der Tiber alte Pracht /
Trachtt durch Gewalt und List zu sein das Haupt der Erden /
Genung dass Herrmañ noch für Teutschlands Freiheit wacht /
Dass Varus und Segest von Ihm besiget werden /
Der Sonn' aus Oesterreich die Neben-Sonnen weichen /
Die Hochmut aufgeführt / und Stambols Monden bleichen.
Dis hat der kluge Geist gewüntscht und vorgesagt /
Der Sultan Ibrahims verdinten Fall besungen.
Wenn Er die Zeit erlebt / da dieser Wunsch vertagt /
Hätt Er mit Herrmañs Lob noch höher sich geschwungen.
Er hätte dises Buch noch weiter führen müssen /
Und mit dem höchsten Ruhm der Kayser-Sige schlissen.
Wir nehmen unterdess zum frohen Zeichen an /
Dass Jene wie diss Buch solln sein ohn Schluss und Ende.
Dass aber auch die Welt den Schatz genissen kann /
Ist dieses Buches Schluss ersetzt durch Freundes Hände.
So lange man nun wird der Tugend Ehre geben /
Wird unser Lohenstein in seinen Schrifften leben.
                                                       Hanss Assmann von Abschatz.
 
Mir / Bruder / stehts nicht zu des Bruders Ruhm erheben
Es wären Stoppeln nur / des Reides Gauckelspiel.
Der schon Herrmann kann dir tausend Leben geben;
Ob schon dein zeitliches noch vor der Welt verfiel.
Armin hat Stock und Beil den Deutschen abgerissen /
Und dennoch sah man: dass Deutschland sein vergass.
Allein' jetzt muss die Welt von ihm und dir erst wissen /
Am meisten / da der Wurm von beider Asche frass.
Es dreut der Westen Stern / so sich sonst Sonne nennet /
Uns Deutschen wiederumb aufs neue Mord und Brand.
Wer aber seinen Schein / des Mohnden Ohnmacht kennet /
Armin am Leopold / der Deutschen Götter Band /
Wird sehen seinen Glantz zu Regenbogen werden /
Und dieses Schwantz-Gestirn selbst blutig untergehn.
Indessen bleibt dein Leib die Schale zwar der Erden /
Dein Geist bei Sonne / Mond' und dem Gestirne stehn.
Die Nachwelt ist verpflicht und Deutschland hoch verbunden
Der Hand / so seinen Ruhm aus Grufft und Gräbern hebt.
Umb deines hat Armin Zypressen selbst gewunden /
Und keiner Spinne Kunst dein Sterbe-Kleid gewebt.
Du liegest im Armin / Armin in Dir begraben /
Und Deutschland ist der Stein / so beider Asche netzt.
Dem Bruder gönne nur den Ruhm dabei zu haben:
Dass Er ein Ende hat dem deinen nachgesetzt.
                                                    Hannss Casper von Lohenstein.
 
                        Vorstellung des Kupffer-Tituls.
Auf Deutschland! kanst du noch der fremden Schmach vertragen?
Fällt dir Qvintilius und Drusus noch zu schwer?
Ist das verhasste Joch noch nicht entzwei geschlagen?
Auf Deutschland! rüste doch ein ausserlessnes Heer.
Darf denn ein stoltzer Feind dir Haar und Kleider rauben?
Gibt man den Freiheits-Ring so unbedachtsam hin?
Auf Deutschland! wafne dich; sonst muss ich sicher glauben /
Dass ich in Sybariss und nicht in Deutschland bin.
Die junge Mannschaft wird verwegen hingerissen /
Die Aecker umbgepflügt / der Landmann ausgeprest /
Da unterdessen Städt' und Dörffer brennen müssen /
Indem sich keine Hülff' und Rettung spüren lässt.
Diss kann zwar ein Segest / ein Marobod verschmertzen /
Weil Gold und Eigennutz ihr wahres Zil verrückt /
Doch zeucht Arminius diss Unrecht ihm zu Hertzen /
Und hat das blancke Schwert vor aller Heil gezückt.
Auf Held! Auf Hertzog! geh! ermahne deine Brüder /
Bring dein behertztes Ross in den erhitzen Streit.
Zeit und Gelegenheit kömmt nicht so schleunig wider /
Drumb dämpfe / weil du kanst / das Gift der Dinstbarkeit.
Ihr aber die Ihr noch auf Bären-Häuten liget /
Und Deutschlands Untergang mit trocknen Augen schaut /
Seid ihr durch Zauberei in trägen Schlaf gewiget?
Ist das erfrorne Hertz denn noch nicht aufgetaut?
Ach feige! wolt ihr nicht des Nachbarn Haus erretten /
So wird das Eurige gewiss zu Grunde gehn /
Und der gefangne Fuss in ungeheuren Ketten /
Und Fesseln / die Ihr euch selbst angeleget / stehn.
Wie aber seh' ich nicht den tapfern Arpus eilen?
Banasch und Jubil sind auf gleichen Schluss bedacht.
Es denckt sich Sesitach nicht länger zu verweilen /
Schaut wie dem Cattumer das Hertz vor Freuden lacht.
Auf Helden! fördert euch! die Bahn ist schon gebrochen /
Der Feldherr geht voran; es muss gefochten sein;
Das Unrecht wird allein durch Feur und Schwert gerochen /
Brecht derowegen keck in Wäll' und Läger ein.
Man hat euch biss hieher durch wunderliche Künste
Recht umb das Licht geführt / und Nasen angedräht /
Nun aber zeigt sich ein nichtiges Gespinste /
Das ein geschwinder Ost im Augenblick verweht.
Auf denn! Ermuntert euch! denckt an der Ahnen Taten /
Denckt an die Siges-Pracht / die euch zu hoffen steht.
Kämpft standhaft! Kämpft behertzt! als tapfere Soldaten /
Denckt / dass euch Well' und Flut biss an die Lippen geht.
Die Nachwelt wird von euch mit Ruhm und Ehre sprechen /
Und wenn ein Tacitus nicht redlich schreiben mag /
So wird ein Lohenstein durch Nacht und Wolcken brechen /
Dergleichen kluge Faust bringt alles an den Tag.
Ihr mögt euch immerhin biss an die Sternen schwingen /
Er folgt / und läst den Kil / der nichts von Moder weiss /
Biss in das innerste des düstren Alters dringen;
Diss ist / versichert euch / der allerbeste Preis.
Ihm steh'n Tanfanens Hayn und Heiligtümer offen /
Er weiss / was Libys spricht / und was Velleda denckt.
Ihr habt von Ihm' allein die Ewigkeit zu hoffen /
Die weder Zeit noch Tod in enge Fässel zwängt.
Unsterblich-grosser Geist! so lang' als deutsche Helden /
Und deutsche Tapferkeit auf deutschem Boden blühn /
So lange wird man dich der greisen Nachwelt melden /
Und einen Lorber-Strauch auf deiner Gruft erziehn.
Du hast uns schon vorlängst dein Ebenbild gewisen /
Das hohe Trau'rspil zeigt wie deine Feder prangt.
Man hat der Schlesier besonders Glück geprisen /
Das sie durch deine Hand in diesem Stück' erlangt.
Last nur Cleopatren und Agrippinen kommen /
Stellt die Epicharis und Sophonisben vor;
Du hast dem Sophocles vorlängst den Preis genommen /
Und Eschyluss beseuffzt / was er durch dich verlohr.
Es will der Seneca dir mehr als willig weichen /
Corneille schämt sich nicht bald hinter dir zu gehn.
Und Tasso denckt ihm nicht den Gipfel zu erreichen /
Auf welchem Lohenstein wird eingegraben stehn.
Doch ist es nicht allein mit Reimen ausgerichtet /
Arminius entdeckt die wahre Siges-Bahn.
Schau! wie Heliodor sich ganz erschrocken flüchtet:
Schau! was Barclajus selbst und Scudery getan;
Schau! wie Marini starrt / wie Sidnei sich entsetzet /
Und wie Biondi fast vor Neid zerbersten will.
Sie haben ja vorhin die kluge Welt ergötzet:
Jedweder sehnte sich nach ihrem Helden-Spil.
Itzt aber ist es aus: du hast allein gesiget /
Du hast Italien und Engelland gezähmt /
Und Franckreich / das sich sonst nur an sich selbst vergnüget /
Zu aller Deutschen Trost / durch deine Schrifft beschämt.
Unsterblich-hoher Geist! wie soll dir Deutschland dancken?
Das deiner Trefligkeit so hoch verbunden bleibt. Schrancken /
Dein Ruhm weiss ausser dem fast nichts von Gräntz' und
Weil ihn der Zeiten Ruff biss an die Wolcken treibt.
Vor diesem hätte man dir Tempel und Altäre /
Und Säulen von Porfyr und Jaspis aufgesetzt.
Man tät' es auch noch jetzt / wenn nicht die frembden Heere
Uns bis auf Blut und Marck durch Schwert und Brand geschätzt.
Doch bleibt das Vaterland / wie sehr es ausgesogen /
Wie gross auch immermehr sein Unvermögen ist /
Dem wunderbahren Fleiss / der schönen Müh gewogen /
Die seiner Helden Lob zu ihrem Zweck erkist.
Mich däucht / ich sah' es nächst vor deinem Grabe ligen /
Es brach / fast ausser sich / in diese Wörter aus:
Hir ligt mein teurer Sohn / mein einiges Vergnügen /
Hir ist mein Paradis / mein ausserkohrnes Haus.
Ihr Kinder eifert nicht / dass ich bei dieser Baare
Mehr als bei andern bin: ich kenn' euch alle wohl.
Ich weiss / ihr ehret mich: ihr krönet meine Haare:
Und ider fördert diss was er verrichten soll.
Allein / hir muss ich was besonderes ablegen:
Komt! hört / was meinen Sinn auf diesen Schlus gebracht.
Mich hat Arminius vor Zeiten durch den Degen /
Itzt aber Lohenstein durch Schrifften gross gemacht.
                                                             Christian Gryphius.
                                Uber das Bildnüs
                      Herrn Daniel Caspers von Lohenstein.
Hier spielt ein edler Stein / dem Jovis Blitz fast weichet /
Und dem kein Diamant aus Bengala sich gleichet.
Dort trotzt Er Tod und Neid / weil ihn kein Maass umbgränzt /
Und Erin Gottes Hand als eine Sonne gläntzt.
                        F.N.
                                                                          Daniel
 
                                 Heldenmütige
     Liebes- und Lebens-Geschichte von dem teuren Freiheits-Beschirmer des
                         bedrängten alten Deutschlandes
                Arminius oder Hermann und seiner Durchlauchtigen
                                  Tüssnelda /
                                        
                                 Erster Teil.
                                      Inhalt
                               Des Ersten Buches.
Die Beschaffenheit des Römischen Reichs unter dem Käyser Augustus. Herzog
Herrmann kommt mit denen Deutschen / vom Qvintilius Varus / wider den
Sicambrischen Hertzog Melo / verschriebenen Fürsten / in dem Deutschburgischen
Hein / zusammen. Tanfanens Heiligtum. Herrmann opffert durch den Priester
Libys. Die Leiche der Sicambrischen Fürstin Walpurgis wird beerdiget / welche
sich / umb dem geilen Varus zu entkommen / im Siegestrome ertränckt hatte.
Herrmann richtet den Fürsten ein Gastmahl aus; und ermahnet sie / ihre
versammlete Waffen wider die Römer zu brauchen / mit Vorbildung ihrer Tyrannei.
Arpus der Catten Hertzog fället ihm bei; und schlägt den Herrmann zum
allgemeinen Feld-Herrn für. Segestes der Casuarier und Eulgibiner Hertzog gibt
die Schuld des Römischen Uberfalls den Deutschen / widerrät den Frieden zu
brechen / sondern den Varus zu verklagen. Hält ihnen den unglücklichen Auffstand
der Gallier / Pañonier und Dalmatier für / und dass der mächtige König Marbod mit
den Römern in gutem Verständnüsse lebe. Jubil des Bojischen Königs Brittons / den
Marbod ermordet / Sohn / flucht auff den Marbod / und rät solchen selbst zu
bekriegen. Ganasch der Chautzen Hertzog misst dem Segestes die Ursache bei: dass
die Chautzen von Tiberius überfallen worden. Ingniomer der Bructerer Fürst aber
entschuldigt Segesten und besänftigt sie; und dieser erbeut sich den Uberfall
der Römer selbst einzurichten. Segimer Segestens Bruder und alle Anwesende
erklären den Hertzog Herrmann zum Feld-Herrn. In dem für der Walpurgis Leiche
eröffneten Grabe wird eine zweifache Wahrsagung gefunden. Die Priester setzen
den Feld-Herrn auff einen geweiheten Wagen / und händigen ihm drei alte
Kriegs-Fahnen ein. Das Heer nimmt den neuen Feld-Herrn mit Freuden an. Des
Feld-Herrn Rüstung und Rede zum Heere. Hertzog Segimer und unter ihm sein Sohn
Sesitach / wie auch Catumer der Cattische Printz führen den Vortrab. Ein
unbekannter Ritter bittet beim Feld-Herrn / um den Ausschlag künftigen Krieges
zu erforschen / gegen einem Römer einen Zweikampff aus / darinnen der vermeinte
Römer mit dem stürtzenden Pferde ohnmächtig zu boden fällt / durch seines
Gefärten Klag-Geschrei für eine Königin erkennet / und in das Schloss
Deutschburg getragen wird. Der Feld-Herr kriegt Nachricht: dass der Vortrab von
Römern überfallen worden / und Segestes zum Feinde übergegangen sei; worauff er
selbten zu Hülffe rennt / Igniomern und Arpus das Heer nachführen lässt. Segimer
verfolgt die weichenden Römer / und verfällt in dem sich zwischen die Wefer und
Aeder an die Festung Cattenburg ziehen wollen. Herrmann befiehlet: dass Hertzog
Jubil mit einem Teile des Hinterhalts einen Umschweiff nehmen / und dem Feinde
den Weg abschneiden sollte. Segimer / Catumer und Sesitach fechten an einem
Furte wider das ganze Heer. Der Feld-Herr macht ihm einen andern Weg / trifft
auff des Varus Leib-Wache und den Eggius. Herrmann reisst diesen vom Pferde /
wird aber umgeben / von Adgandestern wieder zu Pferde bracht / aber von den
Römern / welchen der Segestes einen neuen Furt gewiesen / so wohl als Segimer
ganz umringt. Catumer und Sesitach werden verwundet. Das deutsche Heer entsetzt
sie. Der Vortrab zeucht sich zurücke auff eine Fläche /den Römern Platz zu einer
Schlacht-Ordnung zu machen; und die Römer dringen wider den Willen ihrer
Feld-Obersten nach / also / dass sie zu schlagen genötigt werden. Die Römische
und Deutsche Schlacht-Ordnung. Seginier führt ein Teil der Reuterei / wird vom
Zeno Printzen aus Armenien verwundet / und muss seine Stelle seinen Sohn Sesitach
vertreten lassen. Ein Ritter gerät mit dem Zeno in einen heftigen Streit /
wird aber zur Erde gefällt / für Issmenen des Feld-Herrn Schwester erkennt und
gefangen weggeführet. Zeno und Sesitach sind verliebt in sie; fallen dahero
einander grimmig an. Hertzog Ganasch kommt diesem zu Hülffe / fället den Zeno
und nimmt ihn gefangen. Die Römische Reuterei wird auff dieser Seiten / und Vala
Numonius auff der andern vom Printzen Catumer in die Flucht geschlagen. Eggius
/Viridomar und Günterich fechten im rechten Flügel tapffer. Ingniomer trifft
auff sie mit grosser Hertzhaftigkeit. Catumer bricht mit der Reuterei in den
rechten Flügel ein / Viridomar wird von ihm zu Boden gerennet und ertreten.
Catumer tödtet Hertzog Günterichen. Um den Römischen Adler wird verzweiffelt
gefochten. Ingniomer bauet dem Eggius die Hand ab und stöst ihm das Schwerdt
durch die Gurgel. Der Römische Fähnrich ersticht sich selbst. Ingniomer erobert
den Adler / und Catumer der flüchtigen Gallier Fahne. Rhemetalies trifft mit
seinen Traciern im lincken Flügel. Hertzog Arpus bringt die Römer in Unordnung.
Die Menapier und Bituriger und Cejonius fechten laulicht. Rhemetalies und Arpus
geraten aneinander / jener wird in Schenckel dieser in Arm verletzt. Printz
Sesitach bricht mit der Reuterei in lincken Römischen Flügel ein. Cejonius
weichet / Rhemetalies wird gefangen. Herrmann und Varus treffen mit dem mitlern
Gross ihrer Heere zusammen. Des Varus Verrichtungen in Syrien und Deutschland.
Wie vorteilhaftig Herrmann die Schlacht-Ordnung gemacht. Die traurigen
Anzeigungen bei den Römern für der Schlacht. Varus / Cäditius / Cälius /
Britomar / Arbogast / fechten auff einer / die Deutschen auff der andern Seite
scharff und zweifelhaft. Herrmann bemühet sich an Varus zu geraten / bricht
mit dreihundert Edelleuten zu Pferden ins Römische Fuss-Volck. Der Ritter /
welcher für der Schlacht die fremde Königin überwunden / trifft auff den
verkleideten Segestes. Jenem zerspringt der Degen / Segestes tödtet ihm und
dieser wieder ihm das Pferdt / reisst ihm den Helm ab; als er aber: dass es
Segestes sei / erkennet /zeucht er den Streich zurücke und lässt den Degen
fallen. Herrmann will dem Segestes einen Streich versetzen / der Ritter aber
fängt selbten anff und wird selbst verwundet; gibt sich hier auf für die
Fürstin Tussnelde / Segestens Tochter / zu erkennen; fällt ihrem Vater zu Fusse
/ reicht ihn ein Schwerdt / und verlangt von seiner Hand zu sterben. Segestes
erkennet sein Verbrechen / wünscht zu sterben / wird aber auff des Feldherrn
Befehl in Eisen geschlagen. Tussnelde wird ohnmächtig und nach Deutschburg
bracht. Hertzog Herrmann nimmt den Caldus Cälius gefangen / verwundet den Varus
/ reisst dem Manlius den Haupt-Adler aus. Das ganze Römische Heer fleucht /
Varus ersticht sich selbst. Sesitach steckt seinen Kopff auff eine Lantze.
Hertzog Jubil trifft auffs neue auff den Vala Numonius / den Cäditius /
Britomarn und Arbogasten / als sie nach der Cattenburg zu entrinnen vermeinen.
Unter diesen will einer hier / der andere dort hinaus. Jubil durchrennt den
Numonius /verwundet den Britomar. Die Römer verkriechen sich in Wald. Es erreget
sich ein heftiger Platzregen. Der Wald wird rings um mit Deutschen besetzt. Die
Deutschen machen sich die Nacht durch lustig mit Wolleben und Gesängen. Ein
schrecklicher Sturmwind schlägt viel Bäume nieder. Diese erschlagen die Römer
mit den ihrigen erbärmlich. Ismene des Feld-Herrn Schwester wird erledigt. Die
Deutschen suchen aus dem Walde den Feind herfür; plündern seine Wagen und
Feld-Geräte / erlegen den Rest / nehmen viel Weiber und Kinder gefangen; kommen
für das Römische Läger / dar ein Cäditius und Arbogast mit einem Teil ihres
Volcks entronnen. Herrmann macht Anstalt zum Sturme. Catumer setzt durch die
Lippe und beschleust auff der andern Seite das Läger. Hertzog Jubil will gegen
die Festung Alison sich ziehen /verfällt aber auff zwei Legionen Römer unter dem
L. Asprenas. Herrmann läst Ingniomern fürm Läger /zieht dem Asprenas entgegen.
Jubil treibt der Römer Vortrab zurücke. Die im Läger machen mit ihren Zeichen:
dass Asprenas Stand hält. Fürst Marcomir geht mit den Usipetern zum Jubil über.
Die Römer setzen Jubiln harte zu / und muss er sich zurücke ziehen. Asprenas
verfällt auffs ganze Deutsche Heer / erfährt von einem Gefangenen des Varus
Niederlage; zeucht sich also / indem Cäcina und Silvanus Plautius mit der
Reuterei fechten / zurück. Die Römische Reuterei wird in die Flucht bracht.
Herrmann erlegt den Plautius. Der Römer Niederlage. Jubil verwundet den Cäcina /
Printz Sigesmund den Asprenas / welcher mit dem Uberreste bei anbrechender Nacht
sich zwischen die Sümpffe / hernach aber durch den Wald gar zurücke gegen Alison
zeucht. Der Marsen Hertzog Malovend schlägt sich durch den Catumer durch / und
kommt ins Römische Läger. Catumer lässt einen Teil seines Volcks fürm Läger /
und geht mit einem Teil für Alison. Ganasch verfolgt den Asprenas. Herrmann
fodert das Läger auff. Malovend widerrätet / Cejonius schleusst sich zu ergeben;
befiehlt im Läger die Waffen über einen Hauffen zu tragen. Malovend und Apronius
verstecken den dritten Römischen Adler in einen Sumpff. Herrmann bemächtiget
sich des Lägers. Cejonius / Malovend / und Arbogast werden in Fessel geschlagen
/ die Gefangenen eingeteilt und fortgetrieben. Grausamkeit der Deutschen gegen
die Gefangenen / insonderheit der Hermegildis gegen den Titus Labienus / welcher
ihres Ehemanns Mörder / und ihrer Tochter Ehrenschänder gegen sie vertädiget
hatte; als auch andere Sach-Redner. Das Läger wird geschleifft. Die Fürsten
kommen auff die erste Wahlstadt. Mustonius und Qvintus Julius Postumus / die
des Varus Leichnam beerdiget / werden befehlichet ihn wieder auszugraben. Sie
weigern es / Printz Sesitach aber lässt selbten gleichwohl ausscharren. Die
Deutschen so in der Schlacht blieben / werden teils verbrennt / teils
weggeführet. Herrmanns Einzug in Deutschburg. Er wird von Priestern und
Jungfrauen herrlich bewillkommt. Catumer und Ganasch kommen beim Feld-Herrn mit
unterschiedenen Gefangenen /darunter auch Römische Frauen an / nachdem sie
Alison erobert und den daraus entkommenen Lucius Cäditius verfolgt. Des
Feld-Herrns gebliebene Grafen werden prächtig verbrennt / und die Asche
begraben. Emma des Ritter Waldecks: Wittib beerdigt ihres Eh-Herrns Gebeine und
erhenckt sich selbst über sein Grab. Der Deutschen Ritterspiele bei den
Begräbnissen. Herrmann schlägt viel die sich wohl gehalten zu Rittern. Des Varus
Waffen werden in Tanfanischen Tempel gelieffert / sein Haupt auff Tuiscons Altar
gelegt / die Römischen Adler den Göttern auffgehenckt. Die Gefangenen werden
auff hundert Altaren geopffert; viel Köpffe aber auffgehoben. Malovend /Apronius
und Emilian werden begnadigt / Cejonius wird in einem Sumpffe ersteckt. Sextus
Catulus verdammt die deutschen Opffer. Caldus Cälius schlägt ihm den Kopff mit
seinen Fesseln entzwei und hierauff auch Catulus. Fürst Sesitach will des Varus
Leib nicht auff dem Altare verbrennen lassen. Fürst Sigesmund erzehlt: wie er
das Römische Priestertum verlassen / und opffert des Varus Leiche selbst auff.
Nesselrod ziehet einen Brieff herfür / den Segestes für der Schlacht an Varus
geschrieben. Das Kriegs Volck wird auff Segesten dadurch heftig erbittert /
begehret an die Priester ihn zum Tode zu verdammen. Segestes wird geholet /
Herrmann hierüber bekümmert. Ganasch dringt auff Segestens Tod / Herrmann redet
für ihn. Segestes erkennet seine Schuld / und will sterben. Libys wird gezwungen
auszusprechen: Segestes müsse entweder vom Hencker / oder / da er seinem
Ursprunge und Bürgerrechte abschwüre / von Priestern sterben. Segestes erkieset
vom Hencker zu sterben; bittet aber ihm einen eigenhändigen Tod zu erlauben.
Tussnelde verdammet den Eigenmord / und erbeut sich vermöge ihrer Landes Gesetze
den Tod für ihren Vater auch wider ihren Willen auszustehen. Bei aller
Anwesenden Erstarrung will sie dem Priester Libys das Opffer-Messer aus der Hand
reissen; Herrmann verhindert es. Tussnelda verweiset ihm die Verwehrung ihres
Todes / und entdeckt zugleich ihre zusammen gepflogene Liebe. Libys streicht die
seltzamen Schickungen der gütigen Götter heraus und erkennet: dass die Liebe und
Verlobung mit dem Feld-Herrn Tussnelden vom erkieseten Tode errette. Segestes
willigt in seiner Tochter Heirat. Der Verlobten Vergnügen / des Volcks Freude
hierüber. Arinia wirfft zu Befreiung des Fürsten / Zeno und Rhemetalies ihnen
ihren Krantz und Gürtel zu. Alle ziehen nach Deutschburg zurücke.
 
                                  Erstes Buch.
Rom hatte sich bereit so vergrössert: dass es seiner eigenen Gewalt überlegen war
/ und es gebrach ihm jetzt nichts mehr / als das Maass seiner Kräfften. Denn nach
dem Bürger gewohnt waren / ganze Königreiche zubeherrschen / für Landvögten
sich grosse Fürsten beugten / die Bürgermeister Könige für ihre Siegs-Wagen
spanneten / konnte die Gleichheit des Bürgerlichen Standes ihren Begierden nicht
mehr die Wagehalten. Hieraus entspannen sich die innerlichen Kriege / welche dem
Käyser Julius das Hefft allein in die Hand spielten / als der grosse Pompejus in
der Pharsalischen Schlacht seine Kräfften / das Römische Volck aber seine
Freiheit verlohr / und jenem über Hoffen die Erde zum Begräbnüsse gebrach / dem
sie kurtz vorher zu Ausbreitung seiner Siege gefehlet hatte. Deñ ob zwar der
andere grossmütige Brutus /durch einen in des Julius Brust gestochenen Dolch
/das Joch der Römer zu zerschneiden / dem Vaterlande die Freiheit / seinem
Geschlechte zum andernmal den Nahmen eines Erlösers zuerwerben trachtete / so
schlug doch sein nichts schlimmerer Anschlag viel ärger als des ersten Brutus
aus. Also hänget ein gewünschter Ausschlag nicht von der Gerechtigkeit der Sache
/ nicht von der Kühnheit eines hertzhaften Unterfangers / sondern von dem
unwandelbaren Gesetze des unerbittlichen Verhängnisses. Wie nun Brutus vom
Antonius erdrückt war / also enteuferte sich der furchtsame Lepidus seiner
Hoheit und fiel dem August in einem Trauerkleide zu Fusse. Der letzte unter den
Römern Cassius tödtete sich aus Einbildung eines fremden Todes. Des Sextus
Pompejus Kopf schwam im Meere; Cato und Juba fielen lieber in ihre eigene
Schwerdter / als in die Hände des Octavius. Anton verlohr sich durch eigene
Wollüste / blieb also niemand von den grossen übrig als August und sein Anhang.
    Da nun dieser die Gemüter der Kriegsleute mit Geschencken / den Pöfel mit
ausgeteiltem Geträide /den Adel mit Freundligkeit / alle mit fürgebildeter
Süssigkeit des Friedens gewonnen hatte / war niemand /der nicht lieber eine
glimpfliche Herrschaft / als eine stets blutende Freiheit verlangte. Ja die
auch selbst im Herzen die einhäuptige Herrschaft verfluchten /traten von ihrem
Anhange und Meinung ab / nach dem der Stadt Rom Schutz-Gott solche vorher
geändert hätte. Alle Widerwärtigen erkenneten das Absehen des Verhängnisses / die
tödtliche Kranckheit ihrer Bürgerlichen Herrschaft / und nahmen wahr: dass das
zwistige Vaterland nur unter einem Hute zubefriedigen / und die bei denen
Bürgerlichen Kriegen zerfleischte Freiheit unter einem Fürsten einzubüssen der
Römer gröstes Glücke war. Und hiemit fiel das Los auf den August; gegen welchem
die sich ihm widersetzende Tugend unglückseelig; die Tapfferkeit selbst
unvermögend ward. Dahero ging nun jederman in seinen Palast / nach dem / wie sie
selbst sagten /ihnen das Glücke zu selbtem und zu ihrer Schuldigkeit den Weg
gewiesen hatte / und wohin die Götter vorhergegangen waren. Ja die der Tugend
und freien Künsten hold waren / schrieben diesem Fürsten an die Pforte: Wer für
unrecht hielte / dass der Himmel über seinem Würbel schwebte / dass die Sonne so
hoch stünde / hätte alleine sich zu beschweren: dass der würdigste Käyser wäre.
Sein Verdienst setzte ihn auf eine so hohe Staffel / wohin ihm weder der Unwille
seiner Missgönner nachsteigen / noch das Auge der Ehrsüchtigen nachsehen konnte.
Feindschaft und Aufruhr erstickte in sich selbst; der Hass gegen ihn verwandelte
sich in Verwunderung / die Widersetzligkeit in Liebe. Und hiemit übertraf dieses
Schoskind des Gelückes bei weitem den Julius. Er kam dem Numa gleich in dem /
dass er den Tempel des Janus nach Erbauung der Stadt zum dritten mal zusperrete /
daran aber: dass er das gröste Teil der Welt beherrschte /überstieg Er so wohl
alle seine Vorfahren / als anderer abgelebter Beherrscher Botmässigkeit. Die
seltzamsten Zufälle spielten ihm mehr als er wüntschte in die Hand / und
nötigten ihn gleichsam die Gräntzen seines Gebietes zu erweitern / ob er gleich
das Römische Reich in denen überkommenen Schrancken zu erhalten entschlossen
war. Weil die Uberlast nichts minder eine Ursache ist: dass allzu grosse
Herrschaften als überbauete Schlösser einfallen / und grosse Leiber den meisten
Schwachheiten unterworffen sind. Alleine wo GOtt und das Verhängnüs etwas
vergrössern will /da müssen auch die Schrancken der Natur sich ausdehnen / und
die Zügel der menschlichen Gemüts-Regungen zerreissen; oder es läst sich der
Ehrsucht nicht so leicht ein Ziel / als Ländern einen Gräntz-Stein setzen. Das
Glücke belegte für die Römischen Gewaltaber den hoffärtigen Phrat mit Brücken /
und die Zeit bähnete ihnen die sandichten Wüsteneien des innern Libyens, also /
dass die Gräntze des Römischen Reichs von den weissen Britten / biss zu den
schwartzen Mohren / von dem Gebürge dess Caucasus / biss ausser den Säulen des
Hercules sich erstreckte; und das Indische Meer nichts minder die Rubinen der
Morgen-Röte / als das / worinnen die Sonne zu Golde geht / seine Perlen dem
Kayser zinsete. Wesswegen August nicht so wohl umb den Anfang aller von Rom
aussgehenden Meilen zu rechnen / als das Reichtum seines güldnen Reiches zu
bezeichnen / auff den Marckt zu Rom eine Säule aus Golde setzte. Ja nicht nur
das Reich überstieg die Schrancken allervorigen /sondern Rom selbst das Maass
aller Städte; dessen Umbkreiss zwei und viertzig Römische Meilen betrug; dessen
Häuser sechs Millionen Menschen beherbergten; und derogestalt das übrige Italien
nicht nur öde und einsam machte / sondern schier aller Völcker der Welt
Aufentalt war; und in einem Tage der vorwitzigen Eitelkeit zehen tausend Pfund
zusammen gelesener Spinnen liefern konnte. Diesemnach denn die Welt sie für ihr
gröstes Wunder / das menschliche Geschlechte sie für ihre Gebieterin zu verehren
gezwungen ward / nach dem Glücke und Zeit ihr die Oberhand und die Ewigkeit
enträumte. Bei solcher Beschaffenheit schickte Phraates dem Kayser die dem
Crassus und Antonius abgenommene Adler wieder /und trat ihm ganz Armenien als
ein Kauff-Geld des Friedens ab. Die Parter versicherten ihm ihre Treue durch
Geissel / und vertraueten ihm die Auferziehung ihrer Könige. Die herrschsüchtige
Candace meinte Egypten zu gewinnen / und büssete ihren Königlichen Sitz Tanape
ein. Largus drang biss ins Hertze dess glückseligen Arabiens / und König Samos
blieb in seinen Sand-Bergen nicht von den Römischen Waffen unbeirret. Der
Indianische König Porus schickte nach Rom die ersten Tieger / Pirimal aus der
Insel Taprobana Würtzen / und Edel-Gesteine / umb hierdurch sich beim Augustus
einzulieben / und der Römer Freundschaft zu erlangen. Die Deutschen / welche
der Kayser und andere grosse Könige wegen ihrer Treue und Tapferkeit ins gemein
zu ihrer Leib-Wache erkieseten / stunden den Römern in ihren Kriegen zu Dienste.
Die Cimbrer beschenckten ihn mit dem bei ihrem Reiche für das gröste Heiligtum
und Kleinod gehaltenem Tiegel / und die / welche ihre Kräfften über die Gewalt
der unsterblichen Götter heraus strichen / lernten nach und nach verschmertzen:
dass Drusus dess Kaysers Stief-Sohn durch etliche zwantzig am Rhein-Strome
erbauete Festungen ihrer Freiheit gleichsam einen Kap-Zaum anlegte; dass Tiberius
biss an die Elbe drang / die Chauzen für seinem Stule die Waffen niederlegten /
ja dass dess Kaysers Feld-Hauptmann Quintilius Varus sie nicht so wohl mehr mit den
Waffen im Zaume hielt / als täglich nach der Schärffe der Römischen Gesetze /
oder vielmehr nach dem Wahne seiner lüsternen Begierden verurteilte.
    Unter diesem Joche schmachtete die Welt und Deutschland / so dass nach dem
allererst gebändigten Dalmatien niemand war / der wider die Römer einen Degen
zuckte / denn der grossmütige Hertzog Melo mit seinen Sicambern und
Angrivariern; als zu dem grossmütigen Herrmann der Cherusker Hertzoge sich ein
Ausbund der Deutschen Fürsten (welche Quintilius Varus wider den seiner Meinung
nach aufrührischen Melo guten teils verschrieben hatte) eingefunden / und auf
seine bewegliche Aufmunterungen in dem Deutschburgischen Forst an der Lippe ihre
Heer- versammelt hatten. Die Sonne trat gleich in die Wage / und war selbigen
Tag schon zu Golde gegangen / nach Mitternacht sollte auch gleich der volle Mond
eintreten / als Hertzog Herrmann die Grossen in dem Häyn der Göttin Tanfana
einleiten liess. Es war ein Tal / welches ungefähr eine Meilweges im Umbkreisse
hatte / rings herumb mit steilen Felsen umbgeben / welche allein von einem
abschüssenden Wasser zerteilt waren. An dieser Gegend hatte die andächtige
Vor-Welt dem Anfange aller Dinge / nehmlich dem Schöpfer der Welt zu Ehren auf
jeder Seiten eine dreifache Reie überaus hoch und gerade empor wachsender
Eich-Bäume gepflantzet / und wie dieses ganze Tal / also auch insonderheit den
in der Mitte gelegenen Hügel / und die in selbtem von der Natur gemachte Höle /
als auch den daraus entspringenden Brunnen für eines der grössesten Heiligtümer
Deutschlands verehret / auch den Glauben: dass in selbtem die Andacht der
Opfernden durch einen Göttlichen Trieb geflügelt / und das Gebete von den
Göttern ehe als anderwerts erhöhet würde / von mehr als tausend Jahren her auf
ihre Nachkommen fortgepflantzet. Denn die alten andächtigen Deutschen waren
bekümmerter Gott recht zu verehren / als durch Erbauung köstlicher Tempel die
Gebürge ihres Marmels zu berauben und ihre Ertzt-Adern arm zu machen. Diesemnach
sie für eine der grösten Torheiten hielten Affen / Katzen und Crocodilen / ja
Knobloch und Zwibeln mit Weirauch zu räuchern; welche bei den Egyptiern mehr die
aus Jaspis und Porphyr erbaueten / oder aus einem ganzen Felsen gehauene
Wunder-Tempel vorstellten / als durch derselben Pracht einiges Ansehen ihrer
schnöden Hässlichkeit erlangeten. Nichts minder verlachten sie die zu Rom
angebetete Furcht und das Fieber / als welche Kranckheiten wohl unvergöttert / ja
abscheulich bleiben /wenn gleich zu Uberfirnssung ihrer Bilder und Heiligtümer
alle Meere ihr Schnecken-Blut / und ganz Morgen-Land seine Perlen und
Edel-Gesteine dahin zinset. Da hingegen eine wahre Gotteit eben so ein aus
schlechtem Rasen erhöhetes Altar / und ein mehr einem finstern Grabe als einem
Tempel ähnliches /aber von dem Feuer andächtiger Seelen erleuchtetes Heiligtum;
wie die Sonne alle düstere Wohnungen mit ihrem eigenen Glantze erleuchtet und
herrlich macht; also dass ohne die Gegenwart des grossen Auges der Welt alle
gestirnte Himmels-Kreise düstern / in Abwesenheit einer wesentlichen Gotteit
alle von Rubin und loderndem Weirauch schimmernde Tempel irrdisch sind. Denn ob
wohl GOtt in und ausser aller Dinge ist / seine Macht und Herrschaft sonder
einige Beunruhigung sich über alle Geschöpfe erstrecket / seine Liebe ohne
Ermüdung allen durch ihre Erhaltung die Hände unterlegt / ob er gleich ohne
Aussdehnung alles ausswendig umbschleust / alles innwendig ohne seine
Verkleinerung durchdringet; und er also in / über / unter und neben allen Sachen
/ jedoch an keinen Ort angebunden /noch nach einigem Maasse der Höhe / Tieffe
und Breite zu messen / seine Grösse nirgends ein - sein Wesen nirgends
ausszuschlüssen ist; so ist doch unwidersprechlich: dass GOtt seiner Offenbarung
nach /und wegen der von denen Sterblichen erfoderten Andacht einen Ort für dem
andern / nicht etwan wegen seiner absonderlichen Herrligkeit / sondern aus einer
unerforschlichen Zuneigung / ihm belieben lasse / ja mehrmals selbst erkieset
habe.
    Uber dem Eingange nun dieser ebenfals für andern erwehlten Höle waren
nachfolgende Reimen in einen lebendigen Stein-Fels gegraben / jedoch gar schwer
zu lesen; weil sie nicht allein mit denen vom Tuisco erfundenen Buchstaben
geschrieben / sondern auch vom Regen abgewaschen und vom Moos verstellet waren:
Ihr Eiteln weicht von hier! der Anfang aller Dinge /
Der eh als dieser Fels und dieser Brunn-Quell war /
Hat hier sein Heiligtum / sein Wohn-Haus / sein Altar;
Der will: dass man ihm nur zum Opfer Andacht bringe.
Die ist das Eigentum der Menschen. Weirauch / Blut /
Gold / Weitzen / Oel und Vieh ist selbsteigen Gut.
Die Opfer die ihr ihm auf tausend Tischen schlachtet /
Die machen ihn nicht feist / und keine Gabe reich.
Ihr selbst genüsset es / wenn ihr den Schöpfer gleich
Durch eure Ersilingen hier zu beschencken trachtet.
Euch scheint der Fackeln Licht / ihr rücht des Zimmets Brand;
Ja / was ihr gebt / bleibt euch mit Wucher in der Hand.
GOtt heischt diss zwar / doch nicht aus lüsterner Begierde.
Denn was ergejetzt das Meer ihm an der armen Flut
Des Taues? welcher Stein wüntscht ihm der Würmer Glut /
Die bei den Nächten scheint / und der Rubinen Zierde?
Ihr weiht GOtt nur das Hertz zum Zeichen euer Pflicht;
Euch selbst zu eurem Nutz / ihm zur Vergnügung nicht.
Ja auch die Andacht selbst weiss GOtt nichts zuzufrömen;
Denn eignet sie uns zu gleich seine Gnad und Heil;
So hat sein Wolstand doch nicht an dem unsern Teil /
Wie unsre Freude rinnt aus seinen Woltats-Strömen.
Hingegen wie kein Dunst versehrt der Sonnen Licht /
So verunehrt auch ihn kein Aberglaube nicht.
Der Lästerer ihr Fluch tut ihm geringern Schaden /
Als wenn ein toller Hund den vollen Mond anbillt.
Es rühmt als Richter ihn was in der Hölle brüllt;
Wie's Lob der Seligen preist seine Vater-Gnaden.
Den grossen GOtt bewehrt die Kohlt / die dort glüht /
So wohl / als die / die man wie Sterne gläntzen sieht.
So ists nun Übermass / unsäglich grosse Gütte /
Dass GOtt die Betenden hier würdigt zu erhörn!
Weicht Eitele! umb nicht diss Heil'ge zu versehrn!
Denn dass'GOtt in diss Tal nur einen Blick aussschütte /
Ist gröss're Gnad / als wenn das Auge dieser Welt
Den schlechtsten Sonnen-Staub mit seinem Glantz / erhält.
    In dieser andächtigen Einfalt bestunden die alten Heiligtümer. Nachdem aber
die Römer über den Rhein gediegen / und jede Landschaften auch so gar dem
Kayser Augustus häuffig Tempel aufrichteten /liessen die Hartz- und Marssländer
sich von ihrer alten und einfältigen Andacht ableiten: dass sie nach der
Römischen Bau-Art auf diesen Hügel einen rundten und prächtigen Tempel von
viereckichten Steinen aufbaueten. Gleich als ob es in der Willkühr der
Sterblichen stünde: die Götter nichts minder in gewisse Gestalten zu verwandeln
/ wie sie aus denen Gestirnen nicht nur üppige Bulschaften / sondern Bären
/Hunde und andere wilde Tiere in dem Abrisse ihrer tummen Einbildung gemacht
hätten / oder auch / als ob es die Götter mehr vergnügte / wenn die Sterblichen
ihnen Steine an statt ihrer Hertzen einweihen /und mit kostbarer Eitelkeit ihren
kaltsinnigen GOttes-Dienst überfirnsen.
    Wiewol nun an etlichen Orten Deutschlands die Sonne unter der Gestalt eines
halbnackten auf einen hohen Pfeiler gesetzten Mannes / dessen Haupt mit
Feuer-Stralen umbgeben war / und der auf der Brust ein brennendes Rad hielt; der
Mond unter dem Bildnüsse eines Weibes / mit einem kurtzen Rocke / einer Kappen
mit langen Ohren / mit gehörnten Schuhen und dem Monden auf der Brust; der
Tuisco in der Haut eines wilden Tieres / mit einem Zepter in der Hand verehret
ward; so hatte doch gegenwärtiger Ort noch diese Reinigkeit erhalten: dass sie in
diesen ihren ersten Tempel kein Bild ihres GOttes entweder nach menschlicher
Aehnligkeit / oder Gestalt eines Tieres setzten. Sintemal sie nicht nur den
abscheulichen Missbrauch der Götter Bildung daraus wahrnahmen: dass Praxiteles
nach seiner Bei-Schläferin Gratina /viel andere nach der unzüchtigen Phryne die
Göttin Venus / Phidias nach einem missbrauchten Knaben Pantauches / den
Olympischen Jupiter abgebildet hatten; und wie schwer der Bild-Schnitzer sein
eigen Gemächte anbeten könne / beobachteten / sondern auch ehrerbietig glaubten:
Man könne zwar gewisse Bildnüsse zum Zeichen der daselbst verehrten GOtteit in
gemein / zu welchem Ende im Anfange der Dinge die Sterblichen zu ihrem
GOttes-Dienste Lanzen sollen aufgesteckt haben / die Morgen-Länder ihren Jupiter
durch einen grossen rundten oberhalb länglichten / die Araber durch einen
viereckichten Stein / die Perser durch einen Fluss / die Druiden durch einen
hohen Eich-Baum / oder durch einen Degen und Gezelt; die Paphier ihre Venus mit
einer Kugel angedeutet haben / oder zum Unterschiede eines gewissen
GOttes-Diensts / der an einem Orte im Schwange gienge / als durch den Blitz /
dass Jupiter / durch den Spiess / dass Pallas / durch die Säule / dass Hercules /
durch das wilde Schwein / dass die Göttin Herta / durch ein altes Schwerdt / dass
Marss / (welchem die Scyten unter dieser Gestalt ihre Gefangenen opffern) durch
einen Sebel / dass die Diana (womit sie die Taurer abbildeten) allda verehret
würde / an heiligen Oertern auffstellen / oder selbte gar nach der Gewohnheit
ihrer Voreltern mit in die Schlachten nahmen / oder zu ihren Heer-Fahnen
brauchen; Die Grösse aller himmlischen Geister aber würde verunehret / wenn man
sie selbst mit zerbrechlichem Ertzt oder Steinen abbilden / oder in durch
Menschen Hände gemachte Mauren einschliessen wollte. Denn der grosse Umkreiss der
Welt sei der gröste / eine andächtige Seele aber der angenehmste Tempel Gottes.
Ja das kleineste Moos /das an den niedrigsten Stauden wächst / sei die Grösse
Gottes fürzubilden gross genug. Der geringste Wurm diene zum Beweisstume seiner
lebhaften Gegenwart und unendlichen Versehung. Dahero auch Pytagoras seinen
Nachfolgern auffs schärffste verbot / keinen Ring / oder was anders / darein
Gottes Bild gegraben wäre / zu tragen. Hierdurch auch sie zugleich erinnerte:
dass sie ihre Glaubens-Geheimnisse von GOtt bei dem albern Pöfel nicht gar zu
gemein machen sollten. Nichts minder hat Numa verboten /GOtt durch eines Menschen
oder Tieres Bild fürzustellen / weil es verkleinerlich wäre / das höchste Ding
mit so geringen zu vergleichen / und die unsichtbare Unbegreiffligkeit durch die
Augen denen Sterblichen gemein zu machen. Wie wohl hernach mit dem Verderb der
Römischen Sitten auch diese einschlich: dass sie / nach Gewohnheit der Egyptier /
auch ihrer in Edelgesteine geschnittener Götter Bildnisse mit Ringen an Fingern
trugen.
    Der Priester Libys / ein steinalter Mann / dessen eissgraues Haar zwar den
Schimmel der Zeit / und die Vergänglichkeit des Leibes / sein munteres Antlitz
aber gleichsam ein Vorbild der unsterblichen Seele darstellte / trat aus der
Höle diesen Deutschen Helden entgegen / und erweckte so wohl gegen ihm als
diesem heiligen Ort eine ungemeine Ehrerbietung; Zumal die Deutschen ohne diss
gegen ihre Priester grössere als gegen Könige zu bezeugen gewohnt waren. Seinen
Leib / von den Schultern biss auff die Füsse / bedeckte ein schneeweisses Gewand /
welches ein Gürtel / darauff die zwölff himmlischen Zeichen gestickt standen /
über den Lenden zusammen zog. Das Haupt war mit einem Lorber-Krantze umflochten
/ in der lincken Hand trug er einen Dreizancks-Stab; auff dessen mittelster
Spitze die Sonne / auff denen zwei eussersten der Mond und das Feuer abgebildet
war. Deñ unter dem Schatten dieser dreien natürlichen Geschöpffe betete ein
Teil der Deutschen eine dreieinige Gotteit an. In der rechten Hand hatte er
einen Sprengwedel / welchen er dreimal in das aus der Höle hervor rinnende
Qvell-Wasser eintauchte / und damit die sich nähernden Helden besprützte. Also
fort fiel Hertzog Herrmann für der Hölen auff sein Antlitz / und ruffte mit
ausgebreiteten Händen des Orts Gotteit um Erhörung und glückliche Ausführung
seines Anschlags an. Hierauff zündeten die Opfferknechte das Feuer auff dem
unferne von der Höle auffgerichteten Altare an / brachten Beile / allerhand
Gefässe mit Wasser zur Reinigüng des Opffers / und endlich zwei weisse Ochsen
herbei; welche um den Hals mit Kräntzen aus allerhand wohlriechenden Blumen
umwunden waren. Der Priester wusch seine Hände aus dem Brunnen /legte die lincke
auff den Kopff des Opffer-Viehes /seufftzete und betete bei sich / die Augen
starr gegen dem auffgehenden Monden haltende. Nach diesem schnitt er ein wenig
Haare von der Stirne der Ochsen warff sie mit Weihrauch vermenget ins Feuer /
und schlingte ihnen einen Strick um den Hals / mit welchem ohne biss die fördern
Füsse gebunden waren. Als nun die Opffer-Knechte selbte damit zu Boden fälleten
/ nahm der Priester das Messer und stach darmit durch ihre Kehle / fing das
herausspritzende Blut in eine steinerne Schüssel auff / und goss es in die Flamme
/ welche davon ganz spitzig in die Höhe klimmete. Endlich schnitt er den
ganzen Bauch auff /besah das Eingeweide / zerteilte mit den Beilen die Ochsen
/ wusch sie ab / besprengte die Viertel mit Meel und Saltz / und verbrennte
alles zu Aschen.
    Nach derogestalt vollbrachtem Opfer rief er mit lauter Stimme dem Hertzoge
zu: Er sollte aufstehen /die GOtteit hätte sein Gebete gnädig aufgenommen /und
das Opfer deutete in allem an: dass das Verhängnis seinem Fürhaben geneigt wäre.
Hertzog Herrmann sprang hierauf mit gleichen Füssen empor /neigte sich gegen dem
Altare / und weil sein Hertze so wenig die Freude / als seine grosse Hoffnung
eines glücklichen Aussganges verbergen konnte / steckte er seine lincke Hand gegen
dem aufgehenden Voll-Mond aus / und tät ein Gelübde: dass er alle edle Römer
/welche von ihm würden gefangen werden / aufopfern wollte. Hiemit wendete er sich
gegen die Fürsten und andere Grossen / welche unfern von ihm bei dem Opfer auch
ihrer Andacht gepfleget hatten / und ersuchte sie: dass sie ihm / als einem
Wegweiser hinter den Hügel und Tempel nachfolgen möchten. Sie hatten aber kaum
etliche Schritte fortgesetzt / als sie von Westen her gegen dem Tempel sich
einen Todten-Aufzug nähern sahen; welches sie aus aller Begleitenden schwartzen
Trauer-Kleidern und ihren umbhülleten Häuptern erkenneten. Zuförderst giengen
zwantzig Edel-Leute / welche die Bilder der Sicambrischen Fürstlichen Ahnen
vortrugen; diesen folgten drei Sicambrische Priester mit Opfer-Beilen / und
hierauf alsofort ein mit Blumen-Kräntzen über und über bekleideter Sarg /
welcher von zwölf weisse Wachs-Fackeln tragenden Edel-Knaben umbgeben / und von
so viel edlen Jungfrauen getragen ward; die alle so viel Tränen über ihre
Wangen flüssen liessen / dass es schien /als hätten ihre Augen sich in das
regnende Sieben-Gestirne verwandelt. Ihre Vorgängerin / eine ansehnliche Frau /
alleine hatte trockene Augen / es sah ihr aber eine heftigere Bestürtzung aus
dem Gesichte / als welche mit Weinen fürzubilden ist. Der Leiche folgten eine
ziemliche Anzahl Sicambrische Edel-Leute / und zuletzt die Opfer-Tiere / welche
auf denen Begräbnüssen zwar geschlachtet / nicht aber verbrennet /sondern von
denen Leidtragenden verspeiset zu werden pflegen. So bald sie für den Eingang
dess Tempels kamen / ward die Baare niedergesetzet / der Sarg eröffnet / in
welchem eine eingebalsamte Leiche eines Frauen-Zimmers zu sehen war. Nachdem sie
alle gegen der heiligen Höle sich biss auf die Erde niedergebückt / und ein
kurtzes Gebete getan hatten; kehrte sich die dem Sarche vortretende edle Frau
zu denen anwesenden Fürsten / und fieng nach etlichen tieffen Seufzern halb
rechelnde an zu reden: Wundert euch nicht / grosse Helden / wer ihr auch seid /
dass so viel bestürtztes Frauen-Zimmer und traurige Frembdlinge eure heilige
Rat-Schläge stören. Unsre Leiche und Sache verträget nichts als Wehklagen; bei
denen Deutschen aber ist den Männern nur das Andencken /denen Weibern das
Trauren allein anständig. Lasset euch vielmehr befrembden: dass mein trockner
Schmertz noch das Vermögen hat meine Zunge zu rühren. Dieses Gerippe sind die
geringschätzigen Hülsen der überirrdischen Walpurgis / der Sicambrischen
Fürstin; welche ich von Jugend auf durch tugendhafte Erziehung zu bedienen das
Glücke / der boshafte Varus aber zu ermorden den Vorsatz gehabt hat. Wolte GOtt
aber / dieser Unmensch hätte nur ihr Leben / nicht aber ihre Tugend auszuleschen
sich bemühet! Alleine diese Heldin hat das erste an ihr selbst hertzhaft
ausüben müssen / womit Varus / der Keuschheit Tod-Feind / das andere zu
vollbringen gehindert würde. Denn sie hat lieber in dem Siege-Strome ertrincken
/ als mit diesem lüsternen Hengste in dem Gewässer der Wollüste schwimmen
wollen. Ich stehe an unsere Walpurgis der Römischen Lucretia zu gleichen /
welche letztere / da sie unschuldig gewest ist / nicht den Tod / wenn sie aber
nur ihr beliebtes Verbrechen mit dem Blute zu überfirnsen gesuchet /kein Lob
verdienet hat. Sintemal die erstere durch zeitliche Abschneidung ihres
Lebens-Fadens dem Wüterich auch das Vermögen sie zu verunehren abgeschnidten.
Gleichwol aber beredet mich der aus so viel Helden-Gesichtern hervor strahlende.
Anblick: dass die unbefleckte Walpurgis zum minsten so wohl eine Ursache der Rache
/ ein Anlass die gekränckte Freiheit wiederzusuchen / für Deutschland; als die
gleichwol besudelte Lucretie eine Mutter der bürgerlichen Herrschaft / und eine
Vertilgerin der Wütteriche in Rom zu sein / verdiene. Ja weil diese grossmütige
Tochter des Fürsten Melo in ihrem Hertzen einen so grossen Tugends-Eyfer
gezeuget: dass sie an ihrem Leibe die unsinnige Begierde des Varus doch mit dem
Tode gestraffet hat; würde ich aller anwesenden Helden Unwillen über mich
billich ziehen; wenn ich nur Zweifelte: dass sie an dem schuldigen Varus so viel
Laster mit gelinderer Straffe belegen / und dem / nicht so wohl zur Rache seines
Hauses / als dem gemeinen Wesen zum Besten / wider die Römer hertzhaft streiten
den Melo ritterlich beispringen wurden. Diesem heiligen Heine hat ihr
bestürtzter Vater die Asche einer so heiligen Fürstin gewiedmet / weil dieser
Leib vorher ein heiliges Behältnüs einer so reinen Seele gewest. Aber in wie
viel ein herrlicher Heiligtum wird mit ihrem Gedächtnis das Bild der Tugend
beigesetzt werden; wenn in denen Hertzen so grosser Helden die trüben Wolcken
des Mitleidens einen solchen Blitz gebehren / welcher den Wütterich in Asche
verkehret / und der Nach-Welt ein Beispiel der unglücklich angefochtenen
Keuschheit hinterläst. Nach dem aber die Leichen ihrer Ruh / die fromen Seelen
ihrer Erquickung / die Bösen der Marter nach dem Tode würdig sind / und also mit
Seufzern begleitet zu werden verdienen / insonderheit die irrdischen Straffen
ein allzu leichtes Gewichte gegen die Schwere eines so grausamen Verbrechens
abgeben; so sehet / was das adeliche Frauen-Zimmer der Sicambrer für eine
bewegliche Bitte an die Geister des andern Lebens deswegen abgelassen. Hiemit
grief sie in den Sarg /und nahm der darinnen ausgestreckten Leiche ein Schreiben
aus der lincken Hand / und lass folgende Worte daraus:
Ihr Geister / die ihr seid von GOtt dazu bestellt
Der Sterbenden Gebein' und Asche zu bewahren /
Last dieser Leiche ja kein Leid nicht widerfahren!
Denn die hier Eyss ist / war die Sonne dieser Welt /
Die hier ist Erde / schloss den Himmel in sich ein;
Die Staub ist / war zuvor ein Wunder-Stern auf Erden.
Jedoch sie kann jetzt todt nichts wenigers ja werden /
Die / weil sie lebend war / nichts grössers konnte sein.
Ihr Geister aber ihr / die ihr Gespielen seid
Der hier gepeinigten und dort erfreuten Seelen.
Nehmt an Walpurgens Geist / der aus des Leibes Hölen
Sich mit Gewalt entbrach / und für bestimmter Zeit /
Womit ihr keuscher Leib rein / heilig / unbefleckt
Zu dem was er gewest / zur Erden in der Erde /
Allein ihr himmlisch Geist ein Stern im Himmel werde /
Der hier schon ein gross Licht der Welt hat aufgesteckt.
Ihr Hencker endlich auch / der Seelen / die in Kot
Das Oel der Tugend kehrn / des Himmels Schatz verliehren /
Und noch ihr stinckend Gift auf reine Lilgen schmieren /
Tut ja dem Varus an Pein / Ketten und den Tod.
Er hat auch euch versehrt / denn hätt' er nicht geglaubt:
Dass nach dem Tode nichts / kein Recht / kein Leben wäre;
Dass weder GOtt noch Geist sich an die Laster kehre /
So hätt' er's Leben wohl Walpurgen nicht geraubt.
    Alle anwesende Fürsten sahen einander ganz bestürtzt an; denn nicht nur die
traurigen Gesichter der anwesenden Klage-Weiber / sondern auch der todten
Fürstin Antlitz sie gleichsam mit stummer Zunge zum Mitleiden und zur Rache
anfleheten. Das Wasser in welchem sie einen halben Tag gelegen / ehe sie
gefunden und heraus gezogen worden / hatte ihren Leib durch Aufschwellung / und
der Tod ihr fast himmlisches Antlitz durch den Raub seines Purpers verstellet;
gleichwol waren auch in dieser geringsten Uberbleibung nicht schlechte Merckmale
ihrer Schönheit und Anmut zu spüren. Denn die Sonnen / wenn sie gleich
untergangen sind / lassen doch noch Kenn-Zeichen ihres herrlichen Glantzes
hinter sich. Also wurden anfangs ihre Augen / hernach ihre Gemüter überaus
beweget; dahero Hertzog Herrmann diese ihm gleichsam vom Himmel zugeschickete
Gelegenheit die deutschen Fürsten zur Verbitterung anzureitzen wohl wahrnahm; und
die für ihnen als ein Marmel-Bild unbewegt stehende Vorrednerin ersuchte; sie
möchte den berührten Trauerfall ihnen umständlicher entdecken Diese fing
alsofort auff unverwendetem Fusse an: die hier liegende Tochter des Hertzogs Melo
war von der Natur mit allen Schätzen übermässig beschüttet / welche das weibliche
Geschlechte von ihrer milden Hand anzunehmen fähig ist. Ja auch ihr Hertze war
mit dem Schatze der Männer beteilet / nehmlich einem Heldenmute; also dass ihre
Schönheit mit ihrer Anmut nicht nur ohne Waffen ihre Anschauer überwältigte;
sondern ihr Geist auch fähig war Länder einzunehmen. Was mühe ich mich aber die
heraus zu streichen / welcher Vollkommenheit ganz Deutschland fürlängst
erkennet; nunmehr aber an ihr einen so herrlichen Schatz so schändlich verloren
hat? Denn wie es Schlangen gibt / welche nur die schönsten Blumen anfeinden;
und die Kröten aus den reinsten Kräutern ihr Eyter saugen; also hat die Tugend
dieser so reinen Fürstin nicht die Anfechtung des geilen Varus zurück zu halten
vermocht. Dieser Unmensch zohe mit etlichen tausend Römern und Galliern durch
das Sicambrische Gebiete nach Alison. Melo nahm ihn als einen Freund und
Bundsgenossen freundlich auff / bewirtete ihn auff etlichen seiner Lustäuser
/wohin die Reise zutrug / auffs höfflichste; und diese seine zu ihrem Unglücke
so schöne Tochter musste die mit ihm reisende Frau des Lucius Asprenas und
etliche andere Römerinnen / oder vielmehr Kuplerinnen auffs fteundlichste
unterhalten. Varus fing mit ihrer ersten Erblickung alsbald Feuer / und in einem
Tage brandte sein Hertz lichterloh. Wiewohl nun ihre ihr aus den Augen sehende
Tugend diesen in seinen stinckenden Hertzen auffsteigenden Dampff hätte
niederdrücken sollen; war doch dieser der Laster gewohnte Mensch so wenig seiner
Vernunft als seiner Begierden mächtig; sondern er meinte: dass die Schönheit so
selten keusch / als die Sonne kalt wäre / und Walpurgis für eine Ehre oder Gnade
zu achten hätte / wenn ein Anverwandter des Römischen Käysers mit ihr seine Lust
büssete. Ja es war Varus in sich selbst so sehr verliebt: dass er kein
Frauenzimmer für so kaltsinnig hielt / welches bei seiner ersten Ansprache nicht
die Freiheit; bei der andern Zusammenkunft die Vernunft verliehren / und seine
Vollkommenheit nichts minder alles Weibsvolck verliebt / als die Soñe in
Mohrenland alle Einwohner schwartz machen müste. Nachdem er auch ein und ander
mahl in Abwesenheit der Römischen Frauen gegen sie ziemlich freie Reden und
Geberden gebraucht / Walpurgis aber es in Meinung: dass es zu Rom gewohnte Sitten
wären / ohne eusserliche Empfindung hatte hingehen lassen / bildete er sich ein
/ dieser Fürstin Hertze wäre schon eine von ihm so in die Enge gebrachte
Festung: dass sie um sich zu ergeben nur die Ehre verlangte auffgefodert zu
werden. Diesemnach er sie dann / als Hertzog Melo mit des Asprenas Gemahlin in
einem Lustause das Königsspiel spielten / bei der Hand nahm / und in einem
schattichten Gange des Gartens mit seinem garstigen Munde durch Abheischung
unziemlicher Liebe nichts minder das Haus seines so wohltätigen Wirtes / als
die keusche Ohren dieser tugendhaften Fürstin verletzte. Walpurgis / welche
nichts minder mit Hertzhaftigkeit / als die Rosen mit Dornen ihre Beleidiger zu
verletzen gewaffnet war /hatte sich bei nahe entschlossen diesem unverschämten
Tollkühnen mit einem Schimpffe zu begegnen; sie erwog aber alsbald vernünftig /
was ihrem Vater und allen Sicambern aus einer zu hitzigen Bewegung für Unheil
erwachsen / und / nachdem Varus so grosse Kriegs-Macht an der Hand hatte / in
was für Gefahr und Unglück sie sich durch zu geschwinden Eyfer stürtzen könnte.
Diesemnach sie denn / wiewohl mit ganz veränderter Freundligkeit dem Varus
antwortete: Sie mutmasste aus diesem Vortrage / wann sie es nicht vorhin wüste:
dass er nicht lange in Deutschland gewesen sein müste / alwo dieser Schertz gar
ungewöhnlich wäre. Der von den Begierden ganz verblendete Varus gab nur ein
Lachen darein / meldende: die Römer wären gewohnt insgemein Schertz und Ernst
mit einander zu vermählen; und möchte sie glauben: seine gegen ihr entglommene
Liebe wäre schon zu einem solchen Feuer worden: dass sie sich mit denen erstern
Schalen nicht sättigte. Walpurgis zähmte sich noch und versetzte: Sie könnte sich
seine angegebene Meinung nicht bereden lassen / weil er nichts minder von denen
Deutschen / als sie von Römern wüste: dass beiderseits zweifache Ehen verdammlich
wären. Varus fuhr alfogleich fort und fing an: Ich bejammere die Einfalt der
Deutschen / welche der Himmel mit übermässiger Schönheit begabt / aber mit
gebrechender Wissenschaft selbte zu brauchen gestrafft hat. Sie Römer aber
wüsten: dass die Ehen nicht unaufflösslich; ein Ehweib auch nur ein Wort der Wurde
/ nicht der Vergnügung wäre; welche alsofort mehr als die Helffte verschwinde /
oder gar erstickte / wenn man die Liebe in die Schranken des Ehbettes als in
einen Kercker versperrete; Sintemahl einem für dem leicht eckelte / dessen Genuss
man täglich in seiner Gewalt hätte. Die tugendhafte Walpurgis färbte sich über
so unverschämtem Gegensatze / und wollte sich des Varus entbrechen; welcher aber
ihr die Hand los zu lassen weigerte / und sie also ihm zu sagen nötigte:
Deutschland hätte ihm so sehr über seiner Einfalt Glück zu wünschen / als die
wollüstigen Ausländer über ihrer gerühmten Wissenschaft sich zu betrüben.
Sintemahl keine reinere Unschuld sein könnte / als die Laster nicht kennen;
welchen so viel Gift anklebte: dass ihr Nahme gleichsam anfällig / wie der
Basilisten Auge tödtlich wäre. Dahero sie ihn ersuchte: dass er ihre als einer
Jungfrauen Ohren mit so ärgerlichen Beleidigungen verschonen und erwegen sollte:
wie in Deutschland auch nur die Versehrung der Schamhaftigkeit eine ärgere
Verletzung als der Tod / sie aber /mit der er redete / nichts minder im Gemüche
/ als von Ankunft eine Fürstin wäre. Eben dieses / antwortete Varus / ist
alleine erheblich genug / ihr andere Gedancken einzureden. Denn die Gesetze /
welche der Natur und ihren Neigungen Zwang antun / sind für den Pöfel gemacht.
Die blosse Wilkühr der Fürsten aber ist eine Richtschnur / welche Gutes und
Böses unterscheidet. Und der Glantz ihres Ansehens ist so vermögend einer
Schwachheit die Farbe der Tugend /als die Sonne einer trüben Wolcke des Purpers
und Goldes anzustreichen. Niedrige Gestirne würden nur von andern verfinstert /
an die aber / welche in den obersten Kreissen stünden / reichten weder Schatten
noch Flecken. Nichts minder wären die Heldinnen an eine solche Höhe gesetzet:
dass ihre Flamme der Liebe entweder gar ohne einigen Rauch der Schande loderten /
oder zum minsten selbte kein irrdisches Auge zu erkiesen vermöchte. Diese
ungebundene Freiheit nach ihrem Belieben zu leben / und von dem andern
verbotenen Baume zu essen / wäre das einige Vorrecht und Vorteil / die das
Glück ihnen für so viel Sorgen und Schweiss / womit der Pöfel verschonet würde /
zugeschantzt hätte. Woriñen die Sitten der Deutschen auch selbst
übereinstimmeten; welche dem gemeinen Volcke nur eines / den Fürsten aber mehr
Weiber zu heiraten erlaubten. Die Fürstin Walpurgis unterbrach mit einer nicht
geringen Ungedult die allen Fürstlichen Häusern verkleinerliche Lehre; welche er
nach seinen unreinen Gemütsregungen zu erhärten bemühet war. Ist die Keuschheit
/ sagte sie / nicht das edelste Kleinod des ganzen weiblichen Geschlechts
/warumb soll denn der Pöfel sich mit dieser köstlichen Perle zu schmücken allein
befugt / denen Heldinnen aber sich mit Unflate der Laster zu besudeln eine
anständige Tracht sein? Der Kot bleibt hesslich und so viel mehr kenntbar in
Krystallenen Geschirren; und die Laster garstig / wenn sie schon in Sammet und
Gold-Stück gehüllet / oder auf helffenbeinerne Stüle gesetzet werden. Die
Straalen des Gelückes haben so wenig die Krafft aus einem stinckenden Verbrechen
eine Tugend zu machen / als das Gestirne aus Kröten-Gerecke oder Frosch-Leich
reine Tiere zu gebehren. Warlich es scheinet nichts ungereimter zu sein; als
dass bis / was in eines Bürgers Hause stincket / auf der Burg den Geruch des
Ambra vertreten; dass ein eitrichter Hader ein gemeines Weib verstellen / einer
Fürstin aber wohl anstehen / dass Hurerei und Ehbruch an Mägden gestrafft / an
Göttern aber mit dem abergläubischen Griechen-Lande angebetet werden soll. Der
Adel hat ja zu seinem Eben-Bilde die Perlen /welche von dem reinen Taue des
Himmels gezeuget werden / und ohne ihren gäntzlichen Verderb keinen unsaubern
Bei-Satz annehmen. Die grösten Diamanten / wenn sie unrein sind / sind unwerter
/ als kleine. Das Feuer / als das oberste unter den natürlichen Dingen ist
reiner / als die niedrigern; ja es ist denen Flecken so sehr feind / dass es viel
schwartze Dinge weiss macht / viel Ungestalten die Farbe des Himmels oder des
Gestirnes zueignet / die unverbrennliche Leinwand von aller Unsauberkeit / das
Gold von Kupfer und Schlacken saubert. Wie mag man denn uns den Hütten-Rauch
schandbarer Geilheit für ein heiliges Feuer der Liebe verkauffen? Nein fürwar;
ich lasse mich nicht bereden: dass die Natur für den Schmuck des Fürstlichen
Frauen-Zimmers nur Perlen und Rubinen / der Himmel aber für das gemeine die
Reinligkeit der Keuschheit / und das Feuer der Schamhaftigkeit auserwehlet habe.
Ich kann nimmermehr glauben: dass die Edeln deswegen insgemein äuserlich schöner
und lebhafter / die geringern ungestalter und eingeschlaffener sind; womit jene
den Zierrat der Seele in dem Schlamme der Sünden erstecken; diese aber in
innerlicher Vollkommenheit den Vorzug haben möchten. Wäre es nicht eben so viel
/als die Seide aus Weid / die Wolle aus Schnecken-Blute färben; und in ein
Huren-Haus ein Bild aus Golde / in einen Tempel aus Tone setzen? Wahr ist es
zwar: dass in der Welt meist kleine Missetaten gestrafft / grosse noch mit
Lorbeer-Kräntzen verehret werden; und der allein ein Ubeltäter ist / der seiner
Schwäche halben gestrafft werden kann; aber die gerechte Rache GOttes schläget
auf die hohen Häupter öfter und grimmiger / wie der Blitz eher in die Gipfel der
Gebürge / und Cedern / als in niedrige Täler und auf Krumm-Holtz. Und die
Schmach unsers Tuns kömt auch für der Welt eher aus Tage-Licht / denn derer /
welche ihr niedriger Stand verdüstert: Sintemal unsere Fehler nicht minder genau
als die Flecken des Monden auf einen Finger breit ausgerechnet / ja unsere mit
allem Fleiss verdeckte Schwachheiten eben so wohl als die auch unsichtbaren
Finsternüsse übel gedeutet werden. Zu geschweigen: dass die Laster bei hohem
Stande und Ansehen nichts minder als das Gift in dem gestirnten Scorpion
unvergleichlich schädlicher / als in dem irrdischen ist. Sintemal Untertanen in
ihrer Fürste Antlitzern auch die Feuer-Maale für schön halten / und ihre
angebohrne Gebrechen nachäffen; also ihre Laster nichts minder für Sitten / als
die hesslichste Larven für eine anständige Tracht añehme. Der für toller Brunst
schier wahnsinnige Varus meinte mit nichts wenigerm / als mit Worten abgespeiset
zu sein; daher er der tugendhaften Walpurgis unter Augen sagte: Es wäre da keine
Zeit / und verlorne Müh einen Priester oder Weltweisen abzubilden / sondern ihr
läge die unvermeidliche Not ob /sich zu erklären: ob sie gutwillig seines
Willens leben / oder Zwangs gewärtig sein wollte. Weil nun die verwegenen und
vollbrachten Laster ins gemein glücklich ausschlagen / hielt es Varus für eine
Torheit /nur halb oder furchtsam bosshaft sein. Diesemnach er denn mit obigen
Worten alsbald sie als ein Unsinniger anfiel; sie aber mit grosser
Hertzhaftigkeit seinen geilen Betastungen Widerstand tat. Ich / sagte diese
Frau / weil mir die Aufsicht über diese Fürstin anvertrauet war / hörte allein
in einer von dem Gepüsche verdeckten Nähe dieses alles mit stetem Hertz-Klopfen
an / und weil ich besorgte: Walpurgis möchte übermannet werden / rieff ich mit
einem jämmerlichen Geschrei umb Hülffe. Hierüber entstand zwischen denen
Sicambern und Römern ein Auflauff und zugleich ein blutiges Gefechte; weil sie
den Varus und die Fürstin noch in einander so unfreundlich verwickelt antraffen.
Hertzog Melo sprang aus dem Lust-Hause selbst herbei; aber Varus hatte das
Garten-Tor aufzubrechen und das Kriegs-Volck einzulassen befohlen; welches die
wenigen Hof-Leute des Hertzogs leicht zurücke trieb oder erlegte. Wiewol Melo
mit schäumendem Munde / als ein Tieger-Tier / dem man seine Jungen raubt /
fochte / und sein Leben zulassen / oder sein Kind zu erstreiten ihm vorsetzete
/biss er von dreien empfangenen Wunden sich so sehr verblutete: dass er in eine
wiewol ihm dienende Ohnmacht sanck; weil die Grausamkeit dieser Räuber ihm
schwerlich das Leben gegönnet hätte; wenn es nicht schon für verloren wäre
geachtet worden. Gleichwol aber wollte der Himmel der Bosheit des Varus nicht
enträumen: dass sie einer so reinen Keuschheit ein Haarbreit Abbruch zu tun
vermocht hätte. Denn die Fürstin Walpurgis riess einem Römer ein Schwerdt aus /
und weil Varus sie zu verwunden bei Lebens-Straffe verbot / war es ihr unschwer
/ durch etliche Hauffen ihr einen Weg zu öfnen; biss sie an den die eine Seite
des Gartens bestreichenden Siege-Fluss kam; in welchen sie sich rückwerts
stürtzete / als sie sich alles Hülffe entblöst / ihr Schwerdt zersprungen /und
sich allentalben umbringet / und dem unzüchtigen Ehren-Schänder Varus anderer
gestalt zu entrinnen keine Mögligkeit sah. Die Römer und insonderheit Varus
wurden hierüber so beschämt und bestürtzt / dass sie / gleich als vom Blitz
gerühret / erstarreten /und als wenn die Göttliche Rache schon ihnen über dem
Nacken schwebte / oder etliche Kriegs-Heere ihnen in Eisen wären / über Hals
über Kopf sich aus dem Sicambrischen Gebiete flüchteten. Denn die Boshaften
erkiesen allererst die Grösse ihres Lasters nach vollbrachter Tat. Hertzog Melo
ward hierauf wieder erfrischet / und ihm seine Wunden verbunden; welche GOtt so
viel zeitlicher heil werden lassen /dass er wider solche Grausamkeit ein strenger
Rächer sei. Der eines bessern Glücks würdigen Walpurgis Leib ward in dem Wasser
sorgfältig gesucht / an selbigem Abende noch funden / und endlich auf unsers
Fürsten Befehl / in Begleitung tausend streitbarer Sicambrer / anher gebracht.
Denn wie ihre reine Seele /nach abgelegter Bürde verwesslicher Glieder / in einem
der reinesten Gestirne / daraus sie entsprungen / oder in einer ander-viel
herrlichern Welt / jetzt ihre Wohnung hat; also verdienet auch ihr heiliger Leib
/dass er in der heiligsten Erde Deutschlands sein Begräbnüs erlange.
    Hertzog Herrmann fieng nach ihrem Schlusse zu denen andern Fürsten an: Ist
dieses nicht eine Begebnüs / welche einen Stein in der Erden erbarmen möchte?
Ist die Greuel-Tat des Varus nicht so abscheulich / dass sie der Göttlichen
Rache unmöglich entkommen kann? Diese heilige und behertzte Tode aber ist uns
eine Lehrmeisterin: dass man ehe sich selbst tödten /als sich seiner Freiheit und
Tugend berauben lassen /und dass man länger nicht leben soll / als so lange es
rühmlicher ist zu leben als zu sterben. Viel Völcker halten die Grabe-Städte für
Pforten / woraus sich die Göttlichen Leitungen durch Wahrsagung herfür tun;
Lastet uns allein hier wahrnehmen / dass die Todten denen Lebenden durch ihr
Bei-Spiel mehrmals die Augen aufsperren. Ja die Todte sind die getreuesten
Spiegel so wohl anderwertigen Beginnens / als Wegweiser unser künftigen
Entschlüssungen. Als die andern Fürsten hierzu gleichfalls ihr Wort gaben und
Mitleiden bezeugten / ward die Leiche der Fürstin Walpurgis von denen Priestern
mit Wasser aus dem heiligen Brunnen besprengt; jeder Fürst streuete eine
Handvoll Blumen auf die Leiche / wüntschte ihr eine sanfte Ruhe; und Hertzog
Herrmann gelobte ihrem Geiste ein fettes Rach-Opfer an ihren Feinden
abzuschlachten. Weil nun zu ihrer Beerdigung Anstalt gemacht ward / verfügten
die Fürsten insgesamt sich in die Cheruskischen Zelten / darinnen eine grosse
Menge kleiner Tische / weil eine jede Person auf einem absondern zu speisen
pflegt / zubereitet / und mit allerhand Speisen teils in silbernen / teils
ertztenen / teils irrdenen Schüsseln besetzet. Auf der Erden hin waren
allerhand Häute von Beeren / Luchsen / Wölfen / Füchsen und andern wilden
Tieren /die im Hartz-Walde gefangen werden / aufgebreitet. Auf diese nötigte
der Cheruskische Fürst seine Eingeladene sich niederzulassen / und nam endlich
seine Stelle zwischen den zweien Hörnern der gleichsam in einen halben Mond sich
umbkrümmender Taffeln. Es war alles nach der Cheruskischen Landes-Art aufs
prächtigste angestellt / und einem jeden Gaste ein mit Silber eingefassetes Horn
von Auer-Ochsen mit Biere / und ein Becher mit Weine / derogleichen numehro auch
durch die Gemeinschaft mit den Römern in Deutschland komen war / für gesetzt.
    Nach fast vollbrachter Mahlzeit liess Hertzog Herrmann ihm einen ganz
güldenen Becher reichen /stand auf / tranck selbten dem Hertzoge der Catten
Arpus zu / und redete die Anwesenden mit folgenden Worten an: Edle Deutschen /
grossmütige Bunds-Genossen; Quintilius Varus hat uns sämtlich anher beruffen /
dass wir unsere Schwerdter im Blute unserer Brüder und Bunds-Genossen / der für
Deutschlands Freiheit und die Schand-Tat des Varus zu rächen ergreiffenden
Sicambrer baden sollten. Aber so sehr sich Varus betrogen finden wird / wenn er
gläubt / dass die Cherusker und Catten nicht für die allgemeine Wolfart ihre
Irrungen vergessen könten / auch Fürst Arpus und ich allhier einander selbst
aufreiben würden; so wenig traue ich einigem Anwesenden Deutschen zu /dass er
glaube / ich wäre für die Römer aufgesessen /und meine Cherusker wollten wider
die Deutschen einen Sebel zücken. Wir würden nicht mehr unserer Vorfahren Nahmen
zu führen würdig sein / wenn wir dieses im Schilde führten / oder zeitero nicht
mehr vom Verhängnisse wären gedrückt / als durch eigens Kleinmut zu Sclaven
gemacht worden. Mein Anherr König Teutobach liess von des Bürger-Meisters Carbo
und Silan Legionen nicht ein Bein davon kommen /als selbte sich nur ihren
Nachbarn den Galliern näherten; und wir können die Römischen Adler zwischen dem
Rhein und der Elbe fliegen sehen? Teutobach /sage ich / drang mit mehrem
Schrecken als Hannibal durch die felsichte Mauren Italiens / schlug den Manlius
und rieb mit dem Cävio den Kern des Römischen Adels auf. Worüber Rom erzitterte
/ und selbigen unglückseligen Tag mit Kohlen in seine Zeit-Register schrieb. Und
wir empfinden nicht / dass zwei Meilweges von hier in dem Hertzen Deutsch-Landes
in unsern heiligen Heinen unsere Tod-Feinde ihr Lager und Besatzungen haben? Dem
Kayser Julius / dessen Taten die Römer selbst mehr für Gött-als menschlich
halten / boten die einigen Sicambrer / ihrer Freunde halber / die beiihnen über
dem Rheine Zuflucht gesucht hatten / die Spitze / und sagten ihm statt begehrter
Ausfolgung unter Augen: Der Rhein sei die Gräntzscheidung zwischen ihrem Gebiete
und dem Römischen Reiche. Eben diese behertzten Sicambrer rennen uns auch dismal
den Preis ab; indem der grossmütige Melo ich allein an die Römer macht / und sie
über dem Rheine antastet / auch mit etlicher tausend erschlagener Feinde
ausgeleschtem Leben seiner tugendhaften Tochter zu Grabe leuchtet. Wir aber
lassen die Saale und Elbe zinssbar machen / die Lippe und Weser mit Festungen
besetzen? Kayser Julius schlug ja wohl die erste Brücke über den Rhein / alleine
/ nachdem er vernahm / dass die Catten sich ihm zu begegnen versamleten / kehrete
er zurücke und brach die Brücke ab; meinte auch seinen Ehren gar genug getan zu
haben: dass er achtzehn Tage auf deutschem Bodem hätte rasten können. Und wir
lassen mehr als so viel Jahre dessen Nachkommen / von denen wir noch zur Zeit
wenige Taten gesehen / unsere Ehre kräncken / unsere Güter rauben / und die
Wilkühr über unser Leben und Kinder ausüben? Die Augen gehen mir über / wenn ich
bedencke: dass unsere Waffen vom Roste gefressen werden / weñ wir selbte nicht
noch in der Römer Diensten ausputzten; dass wir unsere Schwerdter im Blute
unserer eigenen Bluts-Verwandten waschen / uñ sie wie uns unter das Joch der
Römer müssen spannen helffen. Wolte Gott aber /wir trügen noch das Joch
rechtschaffener Römer / und wären nicht Knechte eines einigen üppigen Menschen /
an dem nichts Römisches als der Nahme / ja der den Römern selbst verächtlich /
und ein Knecht seiner Begierden ist. Gewiss ich halte dafür: dass uns Quintilius
Varus nicht so wohl Marck und Bein auszusaugen / als zu Beschimpfung unserer
vorhin so hoch herausgestrichenen Tapferkeit fürgesetzt sei. Sintemal bei uns so
viel Goldes nicht zu erscharren / als in Syrien /welches er bei seiner
armseligen Hinkunft reich gefunden / bei seinem reichen Abzuge aber arm
verlassen hat. Wie / oder will Rom durch ihn in unser Vater-Land der warmen
Länder abscheuliche Laster / welche unsere Einwohner auch vom Nahmen nicht
kennen / unser zwar harter / dissfalls aber mehr gütiger Himmel nicht verträget /
einspielen / und unser geliebtes Deutschland / in welchem die Weiber männlicher
als anderswo die Krieges-Leute sind / weibisch machen? Weil ja dieser üppige
Mensch von Wollüsten / womit die Römer ohne dis insgemein denen Unterworffenen
mehr als mit ihren Waffen Schaden tun / zerrinnen möchte. Denn ist in unserer
Gegend wohl ein schönes Weib für seinen unkeuschen Anmutungen verschonet
blieben? Was sag ich aber von Anmutungen? Die Töchter des Landes haben nichts
minder seiner Geilheit ihre Jungfrauschaften / als den wollüstigen Römischen
Weibern ihre gelben Haare zu ihrer Aufputzung / als einen Zoll abliefern müssen.
Ich will der Römischen Grausamkeit geschweigen: dass sie anfangs bei denen
Begräbnüssen wohl-verdienter Helden / nach der Erfindung des Junius Brutus /ihre
Gefangenen umb Leib und Leben zu fechten nötigten; hernach aber auch gemeine
Bürger solches aufbrachten; ja ihren Geist mit dem Blute solcher Fechter zu
versöhnen in ihren letzten Willen verordneten; und endlich auch der Weiber
Holtz-Stösse mit dieser Grausamkeit verehret wurden. Wie denn Kayser Julius auf
dem Begräbnüsse seiner Tochter viel Deutsche und unzehliche Gallier / nebst
einer grossen Menge wilder Tiere / sich durch selbsteignen Kampf aufzureiben
gezwungen hat. Mich ärgert so sehr nicht / dass die Bürgermeister und Einwohner
die Antretungen ihrer Aempter / die Bau-Herren die Aussmachungen ihrer Gebäu /
die Stadt-Vögte das Gedächtnis des von ihnen betretenen Richter-Stules / ja so
gar die Priester ihre Weihungen / die Uberwinder ihre Siegs-Gepränge mit so
blutigem Gefechte gefeiert / und den schwermenden Pöfel fast Monatlich / oder
zuweilen hundert und zwantzig Tage nach einander mit Auffopfferung vieler
tausend Fechter besänftigt haben. Es läst sich noch verschmertzen: dass Römische
Bürger ihre Gastmahle nicht vor vergnüglich halten / wenn nicht ihr Tisch mit
dem Blute der dabei kämpffenden Deutschen bespritzt wird; welche man hierzu
vorher mit niedlichen Speisen in gewissen Gemächern mit Fleiss gemästet hat. Deñ
hierdurch ist von unsern Feinden nichts als das Leben versehret worden / worüber
ein Uberwinder allerdings ein Recht erlangt. Aber die Schändung unserer Kinder /
die Verunehrung unser Weiber / und zwar unter dem Scheine der Freundschaft /
ist ein unverdauliches und nur mit ihrem Blute ausleschliches Unrecht. Was haben
unsere Augen kurtz vorher an der Leiche der tugendhaften Walpurgis für ein
Trauerspiel anschauen müssen? Warlich ihre stummen Lippen haben in ihrer Seele
eine solche Krafft der Beredsamkeit / dass / weñ ich auch nie gemeint gewest wäre
der Römer Feind zu werden / ich mich mit ihnen zu brechen nur dieser Greueltat
halben entschlüssen müste. Diese todte Rednerin ist mir mit ihrer
nachdrücklichen Betagung der Rache zuvor kommen: dass ich mit wichtigen gründen
euch zum Kriege zu bereden überhoben zu sein scheine. Es ist ein besonder
Geheimnis des Verhängnisses: dass es das Laster der Unzucht nichts minder zum
Fallbrete mächtigster Reiche / als zum Fallstricke grössester Uberwinder
erkieset. Daher ich festiglich glaube: dass die Schandtat des Varus ihm den Hals
brechen / und der Römischen Herrschaft in Deutschland einen tödtlichen Stoss
versetzen werde; weñ wir anders den / welchen das Schrecken über seiner Bosheit
furchtsam / die Frucht verzagt und taumelnd macht / durch unsere Unachtsamkeit
sich nicht wieder erholen lassen. Meinen aber wir an der Beschimpffung des
Fürsten Melo kein Teil zu haben; so behertzigt den unermesslichen Geitz und
Grausamkeit dieses Wüterichs / welcher auch dar Schätze gesammlet / wo niemand
für ihm einige gesucht; und für einen Centner Ertzt gerne tausend Deutsche
vergraben hat; in dem er die Klüffte unsers Hartzwaldes gleich einem Maulwurffe
durchfahren / und unzehlich viel unser darüber schmachtender Landesleute noch
bei Lebzeiten in eine Hölle verdammet hat / biss er die Gold- und Silber-Adern
erfunden / welche die Natur oder die mehr milden als zornigen Götter für den
unersättlichen Augen der Menschen verborgen hatten. Auch hat nicht nur er sich
mit unserm Schweiss und Blute angefüllet; sondern zu Befestigung seines
ungewöhnlichen Richterstuls uns den durstigen Aegeln der Zancksüchtigen
Sachredner zum Raube übergeben; welche die Deutschen nicht nur biss auffs Blut
ausgesogen / sondern ihnen mit ihren gifftigen Zungen durch Seel und Hertz
gedrungen. Ist wohl eine schimpfflichere Dienstbarkeit zu ersinnen; als dass die
edlen Deutschen sich von einem geringen Ausländer /der vielleicht nicht seinen
Grossvater zu nennen weiss /müssen urteilen lassen? dass Deutschland seine heilsame
Sitten / welche die Römer ehmahls selbst anderer Völcker besten Gesetzen weit
fürgezogen haben /zu Bodem treten / ihm fremde Rechte auffdringen /oder vielmehr
nach andern Begierden ihm Ehre / Hals und Vermögen absprechen lassen / auch Beil
und Stecken gleichsam zum täglichen Schrecken fürtragen sehen muss. Dass wir
Deutschen in Deutschland unsere Notdurfft und Gemüts-Meinung nicht in unserer
uhralten Muttersprache fürtragen dörffen / sondern auch Fürsten durch den Mund
lateinischer Knechte und Dolmetscher reden müssen? Dieses aber ist grausamer als
die Grausamkeit selbst / und unsern freien Gemütern unerträglich / dass sich
dieser auffgeblasene Mensch für Hoffart selbst nicht kennet / und die Edelsten
unter uns am verächtlichsten hält. Wie viel Stunden muss offters ein deutscher
Fürst / welchem der Käyser wohl ehmahls selber entgegen kommen /für dem Zimmer
auffwarten / ehe Varus ihn mit der Verhör begnadigt? Welch Römischer Obrister /
dem etwan eine Legion anvertrauet worden / stehet einen Hertzog in Deutschland /
der ein ganz Volck zu beherrschen hat / nicht kaum über die Achsel an? Welcher
Rottmeister will nicht den Fürnehmsten unserer Ritterschaft fürgezogen sein?
Behertzigt diesem nach / grossmütige Helden / was bei diesem grossen Ubel euere
Klugheit euch vernünftig entschlüssen / und eure Tapfferkeit behertzt ins Werck
setzen heist. Einem grossen Gemüte sind Armut / Fessel und Dienstbarkeit ja
noch erträglich / Beschimpfung aber erdulden und seine eigene Ehre in Wind
schlagen /heist zugleich die Wurtzeln der Tugend in sich ausrotten. Dahero ist
es rühmlicher und süsser ehrlich sterben / als schimpfflich das Leben behalten.
    Hiemit tranck Fürst Herrmann den Becher aus / gewehrte ihn dem Hertzoge der
Catten / und setzte bei: dieses Trinck-Geschirre ist ein wertes Angedencken
meines Grossvaters / Hertzog Aembrichs / dessen Tapfferkeit die Herrschaft der
Eburonen dem Cheruskischen Hause unterworffen. Dieses war der Mund-Becher des
Cotta / und hernach Aembrichs Beute / als er ihn und seine ganze Legion Römer
vertilgte und Sabinus für ihm die Waffen kleinmütig niederlegte. Der Himmel
gebe: dass ich dir morgen des Varus Trinckgeschirre bringen könne!
    Der Catten Hertzog nahm solchen als ein besonderes Glücks-Zeichen und ein
Pfand vertreulicher Freundschaft an; beföderte selbten an den Segestes der
Cassuarier und Dulgibiner Fürsten; mit dem Beisatze: er versehe sich / dass
keiner unter den Anwesenden sei / welcher mehr zu beratschlagen nötigachtete:
ob das unerträgliche Joch der Römer von den Achseln des Vaterlandes zu werffen /
und selbtes durch Uberfallung des Varus in die güldne Freiheit zu setzen sei.
Denn für einem Wüterich hätten alle Menschen eine Abscheu; und alle behertzten
ihn auffzureiben den Vorsatz; sintemahl der Pfeiler seiner Herrschaft nur das
Bild der Furcht / und die Riesen-Seule der Grausamkeit wäre. Der ersten
verleschende Furcht wäre der Anfang seines Falles / der letztern Entschliessung
das ungezweiffelte Mittel seiner Zermalmung. Varus hätte zwar den Deutschen
durch seine Blutstürtzungen und Grausamkeit ein nicht geringes Schrecken
eingejagt; aber die vermessenste Kühnheit wäre eine Geburt der kleinmütigsten
Furcht / und eine Tochter der Verzweiffelung. Also würden auch die Verzagtesten
in diesem Fürhaben nicht feige; Sie aber als Helden / wo nicht durch eigene
Ruhms-Begierde / doch durch die Rache gegen so vieles Unrecht hierzu genugsam
auffgemuntert sein. Die Parter / welche doch leibeigen geboren und der
Dienstbarkeit gewohnt wären / hätten sich wider die Römische jederzeit biss auffs
Blut verfochten / und mit Erlegung des Crassus und Ventidius ihnen nicht so wohl
das güldene Kleinod der Freiheit / welches der Deutschen Augapffel wäre / als
einen unsterblichen Nachruhm erworben. Pacorus habe dort darüber sein Leben
auffgeopffert / ihm würde es nichts weniger süsse sein / fürs Vaterland zu
sterben. Er habe deswegen seinen einigen Sohn mit ins Läger bracht /umb den
allgemeinen Feind Deutschlands zu bestreiten; welcher nach dem überwundenen
Varus die Erstlinge seines Bartes in den Taufanischen Tempel zu lieffern
beglückt zu sein hoffte. Er hätte von seiner Vorfahren Ansprüchen und
Staats-Gesetzen abgesetzt / und den zwischen den Catten und Cheruskern fast
ewigen Streit in Freundschaft beigelegt. Sintemahl der Eigennutz insgemein auch
den schwächsten Feinden den Sieg zuschantzte / und daher so wohl dieser als
häusslicher Hass dem gemeinen Nutzen nachgeben sollte / denn wo man gleich
rechtschaffene Ursache zur Feindschaft hätte / sollte man der Sache / nicht der
Person feind werden. Derentalben hätte er jederzeit dem Marcus Brutus in dieser
letzten Zeit den ersten Platz unter den Römern eingeräumt / weil er nicht als
ein zu hitziger Sohn sich auff die Seite des Julius /sondern als ein treuer
Bürger zu dem für die Freiheit streitenden Pompejus geschlagen; ungeachtet
dieser des Brutus Vater auffgerieben hätte; ja auch des Julius Wohltaten sich
hernäch nicht verblenden und abhalten liess / für die gemeine Freiheit seinem
Wohltäter den Dolch ins Hertze zu stossen; Wodurch er sich zu einem zweifach
danckbaren Sohne des gemeinen Wesens gemacht hätte. Derogestalt wäre numehro
allein die Frage / wie diss Werck / welches er für wichtiger als schwerer hielte
/ vorsichtig zu vollziehen wäre? Denn ein frommer Fürst wäre zwar leicht
anzugreiffen / aber gefährlicher zu erlegen; weil er todt am meisten geliebt
würde. Hingegen wäre ein böser Herrscher zwar schwer anzutasten / aber sonder
Gefahr zu stürtzen. Sintemahl ihn nach seinem Tode auch seine eigene Schoss
Kinder verdamten; womit sie nicht für so böse als ihr verlohrner Rückenhalter
möchten geachtet werden. Solchem nach wäre seine Meinung: der glückliche
Ausschlag hange von Fortsetzung eines geschwinden Uberfalls / und von Anführung
eines erfahrnen Feldherrn. Langsamkeit sei der Kern in zweifelhaften
Ratschlägen / Geschwindigkeit aber in der Bewerckstelligung eines Schlusses.
Uberdiss würden Aufflehnungen wider einen Unterdrücker gefährlicher beratschlagt
als ausgeübt. Wo es auch ums gemeine Heil zu tun wäre / müste niemand sich
eigne Vermessenheit oder Ehrgeitz auffblehen lassen und zu Zwytracht Anlass
geben. Denn seine Leibs-Stärcke / seine Gemüts-Kräfften und Erfahrung nur
seinem eigenen Ehrgeitze wiedmen / wäre viehisch oder teuffelisch; selbte
zugleich dem gemeinen Wesen zum besten anwenden / stünde Menschen zu; seinen
eigenen Vorteil aber gar davon abziehen /schiene so gar etwas göttliches zu
sein. Diesem nach wollte er den gerne für den hertzhaftesten halten / und die
Oberstelle demselben ohne Widerrede einräumen /welcher am ersten durch den Wall
des Römischen Lägers einbrechen würde. Inzwischen erkläre er sich /dass er unter
dem Cheruskischen Hertzoge / welcher die Römische Kriegs-Art von Grund aus
gefasset / als er unter ihnen selbst einen Heerführer abgegeben /seine Cätten
willigst in Schlacht-Ordnung stellen wolle. Das Glücke sei eine Buhlerin junger
Helden. Sein Geschleckte / seine Tugend / sein Eyfer für das gemeine Wesen / und
dass er der Urheber dieses heiligen Bündnisses sei / eigne ihm das Vorrecht zu /
und erkläre ihn zu ihrem obersten Feld-Herrn. Er aber wollte durch sein Beispiel
lehren: dass ob wohl viel fähig wären / einem ein Oberhaupt fürzusetzen
/gleichwohl es selbst nicht über sich leiden könten; dennoch ihm und der
deutschen Freiheit nicht zu wider lieffe / einem Beschirmer des Landes zu folgen
/ den man gleich selbst aus Bret gehoben hätte.
    Aller Anwesenden Angesichter schienen dem Arpus Beifall zu geben / als
Segestes ihm einfiel: Es wäre freilich wohl zu wüntschen Deutschland in völlige
Freiheit / das Volck in Sicherheit / sich in mehr Ansehen zu setzen; allein es
hätten die Deutschen die Römer wider sich selbst / durch unaufhörliche Einfälle
in Gallien / gereitzet. Hätte Ariovist sich mit denen gewonnenen Sequanern
vergnügt / die Heduer und alle Gallier ihm nicht wollen untertänig machen /dem
Julius nicht spöttische Antwort zugeboten / so hätten die Römer so wenig / als
vorher / auf Deutschland ein Auge gehabt. Was hätte Aembrich nicht den Römern
für Händel gemacht / und für Schaden zugefügt? dass August den Vinicius mit einem
Kriegs-Heere in Deutschland geschickt / hätten die Catten erholet / indem sie
unterschiedene Römische Kaufleute /die guter Meinung zu ihnen kommen / beraubet
und erschlagen. Den Anfall des Lollius und die Grausamkeit des Drusus hätten die
Sicambrer / Usipeter und Tencterer verursacht / welche in Gallien eingefallen
/und viel Römer gekreutzigt / ja den Lollius gar aufgerieben hätten. Die
Anfänger eines Krieges wären nicht eben die / welche zum ersten den Degen
zuckten /sondern die Beleidiger / welche jene entweder zur Notwehre / oder zu
Ablehnung der ihnen sonst zuwachsenden Schande nötigten. Zu dem hätte ihre
eigene Zwytracht den Römern Tür und Tor aufgesperret; Hertzog Herrmanns
eigener Vater Sigimer mit dem Kayser Bindnüsse gemacht / seine eigne Kinder
hätten unter ihren Fahnen gefochten; numehro /nach dem fast alle mit den Römern
Bindnüss und Vergleich getroffen / wäre es so wenig rühmlich als sicher /
alsofort Treu und Glauben zu brechen / welche man auch den Feinden halten müste.
Wäre Quintilius Varus aus den Schranken der Bescheidenheit und des Vergleichs
geschritten / müste man dieses Ungemach nur mit der Gedult / als Misswachs und
Ungewitter von GOtt aufnehmen. Laster würden sein / so lange als Menschen;
jedoch wechselte Böses und Gutes mit einander ab. Zu dem so sei dis nicht dem
Kayser noch dem Römischen Volcke beizumessen. Rom hätte über seine Land-Vögte
schärffere Gesetze gemacht /und härtere Straffen ausgeübt / als über frembde
Völcker. Als Cornelius Gallus die Egyptier übel gehalten / und nicht halb so
viel als Varus gesündigt / habe Kayser August / auf Anklage des einigen Largus /
ihn seiner Würden entsetzt / seine Güter dem gemeinen Wesen zugeeignet / ja ihn
zum Selbst-Mord gebracht. Man sollte durch eine Gesandschaft zu Rom dess
Vaterlands Wunden entdecken / Erleichterung und einen sittsamern Land-Vogt
bitten. Nach dem es aber mit Deutschland schon einmal so weit kommen / könnte das
Volck aller Beschwerden sich nicht gäntzlich enteusern. Die Ruhe der Völcker
könne nicht ohne Waffen / die Waffen nicht ohne Kriegs-Sold / der Kriegs-Sold
nicht ohne Land-Schatzung im Stande bleiben. Zwar könnte er den Römern nicht gar
recht geben / weniger die Verbrechen des Varus verteidigen / und die Süssigkeit
der Rache widersprechen. Alleine diese wäre nichts minder als die Liebe nur ein
Tun gemeiner Leute. Die Vorträgligkeit aber wäre der einige Bewegungs-Kreis
eines Fürsten / und das Absehen der Klugheit. Beide sollten weder sehen noch
hören; wo der Gebrauch dieser Sinnen sie auf einen andern Abweg verleiten wollte.
Weil nun die Römer in Deutschland noch allzu mächtig / sie aber mit keinem
Hinterhalte versehen wären / deuchtete ihn noch zur Zeit nicht ratsam zu sein /
alles auf die Spitze zu setzen. Es sei erträglicher unter höherer Gewalt / als
leibeigen sein. Zwischen Gehorsam und Dienstbarkeit sei noch eine schwere Klufft
befestigt. Diese würden sie Deutschland erst aufhalsen / da ihr gefährliches
Fürnehmen nicht geriete. Der Römer wären ohne die fast unzehlbaren
Hülffs-Völker zu Alison drei ganzer Legionen / so viel Flügel Reiterei / und
noch absonderlich sechs Geschwader. Fuss-Volck; alles ausserlesene alte
Kriegs-Knechte und erfahrne Obristen. Das Läger stünde an einem vorteilhaften
Orte / wäre aufs stärckste befestigt; Asprenas läge noch mit einem ansehnlichen
Heere zwischen der Isel und der Emsse / und in der Festung Alison / Tran und
Cattenburg starcke Besatzungen. Zu Meintz / beim Altare der Ubier / bei den
Nemetern und Vangionen befindete sich noch mehr als ein Kriegs-Heer / welches in
wenig Tagen dem Varus zu Hülffe kommen könnte. Die ordentliche Besatzung des
Rhein-Stroms bestünde in acht Legionen und der Donau an vieren. Uber dis läge
bei Carnumt eine / bei Bonn und Gelduba auf dem Rheine und bei desselbten
Einflusse ins Meer an dem Britannischen Schloss drei mächtige Schifs-Flotten.
Zu geschweigen: dass der Kayser nach Uberwindung des Sextus Pompejus vier und
viertzig Legionen zusammen bracht / zu Lande ohne die viel höher sich
erstreckenden Hülfs-Völcker zeiter siebendehalb hundert tausend Römische
Kriegs-Leute /bei Misen und Ravenna / in Gallien / auf dem roten Meere und dem
Phrat ansehnliche Schifs-Flotten unterhalten / und hiemit alle Länder in
einander feste verbunden hätte. Zweihundert neun und viertzig tausend Gallier
wären unter dem Vereingentorich / und noch neulich achtmal hundert tausend
gewafnete Pannonier und Dalmatier wider etliche Legionen Römer zu ihrem eignen
Verderb aufgestanden / jene aber habe Julius / diese Tiberius aufs Haupt erlegt
und zu Sclaven gemacht. Vergasilaus der Arverner Hertzog wäre darüber gefangen /
König Vereingentorich von seinen eignen Leuten in die Hände der Feinde geliefert
/ zum Siegs-Gepränge geschlept und hernach getödtet / Corbeus der Bellovaker
Fürst erschlagen /Guturnat / der seine Cornuter wider den Kayser angeführet /
zu Tode geprügelt / und sein Kopf durchs Beil abgeschlagen worden. Draxes habe
sich aus Verzweifelung zu Tode hungern / und Lucterius in Fesseln verschmachten
/ Batto der Dalmatier Haupt und Uhrheber des Krieges sich auf Gnade und Ungnade
ins Tiberius Hände geben müssen / und Pinetes lächsete noch in dem Römischen
Kercker. König Marbod / ein Herr der Marckmänner / Sedusier / Heruder
/Hermundurer / Schwaben / Semnoner und Longobarden / dessen Gebiete sich von der
Elbe biss zur Weichsel und der Ost-See erstreckete / der achzig tausend Mann
stets auf den Beinen hielte / habe mit ihnen wider die Römer aufzustehen
Bedencken gehabt / und wer wüste / was der schlaue Tiberius mit ihm zu ihrem
Nachteil für Abkommen getroffen; nachdem die Römischen Kriegs-Obersten gegen
ihn verträuliche Nachbarschaft pflegten. Also schiene es ratsamer zu sein /
dass man noch eine Weile den Mantel nach dem Winde hienge / und nichts minder
Marbods Absehen / als des Pannonischen Krieges völligen Ausgang vollends
erwartete. Denn es wäre mit Erlegung des Varus nicht ausgemacht / sondern die
Römische Macht in so langer Zeit so feste beraaset: dass sie ohne Zerberstung
ihrer Widersacher nicht würde ausgerottet / und ohne Erdrückung ihrer Bestürmer
schwerlich zermalmet werden. So lange beraasete Reiche / wie das Römische wäre /
würden vergebens bestürmet; daher müste man sie veraltern und durch stete Ruhe /
wie die stehenden Wasser / faul werden lassen. Die öftere Bewegung befestigte
nichts minder eine Herrschaft / als die Bäume; hingegen könnte man ein Reich
nicht ärger bekriegen / als durch den Frieden; welcher Anfangs ihre Tapferkeit /
hernach sein Wesen / wie der Rost ungebrauchten Stahl verzehrte. Ihm sei es zwar
umb seine greise Haare nicht so leid /als er Sorge trüge umb den Wolstand der
Erbarmens-würdigen Nachwelt. Sie aber sollten sich aus anderer Beispiele spiegeln
/ und daraus lernen: dass es ratsamer sei Gehorsam mit Sicherheit für der
Hartnäckigkeit mit seinem Verderben erkiesen.
    Segestes hätte noch länger geredet / wenn ihm nicht Jubil / Brittons des
letzten Bojischen Hertzogs einziger Sohn in die Rede gefallen wäre. Das Wasser
gienge der Deutschen Freiheit in Mund / gleichwol zeigte ihnen GOtt und das
Verhängnüs einen Weg die Römischen Fessel am ihren Gliedern zu schleudern /oder
sie gar denen Römern anzulegen. Sintemal von undencklicher Zeit nicht so viel
Fürsten miteinander vereinbart / die Römische Macht aber so sehr / als jetzt /
durch den Pannonischen Krieg nicht erschöpft gewest wäre. Diesemnach könnte er
bei sich nicht befinden: dass man die selten-umbkehrende Gelegenheit sollte aus
den Händen lassen. Diese mit beiden Händen umbarmen wäre ein Werck der Klugheit
/ von Verbesserung der Zeit und denen Wunder-Wercken /des Glückes aber Hülffe
und Errettung erwarten /wäre ein Traum der Einfältigen / und ein Trost der
Verzweifelten. Die fürgebildete Gefahr könnte nur Weiber von hertzhaften
Entschlüssungen zurücke halten. Denn einem Helden-Geiste wär nichtsschrecklich /
als sich gezwunge sehen der Bosheit beizupflichten. Weder die Kinder / die noch
kein Urteil hätten /noch die Toren / welche es verloren / fürchteten sich für
dem Tode. Solte nun ihnen ihre Vernunft und das Heil des Vater-Landes nicht
diese Sorge benehmen; wovon jene Unverstand und Torheit erledigte? Der Tod wäre
das Ende der Natur / keine Straffe / ja vielmehr oft ein neues Leben der
Sterbenden / und ein Heil der Lebenden. Es wäre nicht nur erträglicher /sondern
auch rühmlicher einmal sterben / als sein Leben in ewiger Ungewissheit wissen;
welches sie täglich gleichsam als eine Gnade vom Varus erkennen müsten. Denn
Sterben wäre wohl die Eigenschaft eines Menschen; umb sein Leben aber betteln
der Weiber. Hätten sie nun als Männer gelebet / sollten sie nicht geringer
sterben; wenn es ja der Himmel also über sie beschlossen hätte. Diss wäre sein
Schluss /und sonder Zweifel ihrer aller als Fürsten / denen man alle Tage / wo
nicht nach dem Leben / doch nach ihren Ländern grasete. Welcher Fürst aber das
Hertze hätte ohne Herrschaft zu leben / hätte gewiss keines selbter fürzustehen.
Sie edle Deutschen sollten nicht lassen ihr Leben ihre Freiheit überleben / noch
es eine Nach-Geburt ihrer sterbenden Tapferkeit sein. Sie sollten ihnen nicht
heucheln / dass mit Abschaffung des Varus und Erlangung eines glimpflichern
Land-Vogts ihre verschwundene Freiheit wieder jung würde; welche eben so wohl
unter einem vernünftigen als tummen Oberherrn zu Grabe ginge. Weñ die Römer
schon ihnen einen andern Landvogt gäben /würden sie doch nur die Art ihrer
Bedrängung / nicht die Bürde verändern; weil sie alle gläubten / dass sie als
Aegeln und Peitschen zu denen überwundenen Völckern geschickt würden. Jeder
bildete ihm / wie Demades ein / er kriege mit seiner Landvogtei einen Beruff zu
einer güldenen Erndte; oder er sei verpflichtet sich in eine mit ihren Klauen
alles zerreissende oder besudelnde Harpyie zu verwandeln. Denn wie die von der
Sonnen erregten Winde das Feld mehr ausdörreten / als die Sonne selbst; Also
massten sich alle von Fürsten eingesetzte Landvögte insgemein einer strengern
Herrschaft an / als die Fürsten. Der Käyser möchte ihnen ja güldene Berge
versprechen /aber kaum Spreu gewehren; weil die Römer auch gegen die / welche
einen grossen Vorteil über sie erlanget / Treu und Glauben zu halten nicht
gewohnet wären. Dem Könige Porsena hätten sie ja Geissel eingelieffert / aber
wieder entwendet. Als sie dem Brennus und seinen Deutschen das für Rom zum
Lösegelde versprochene Gold zugewogen / hätten sie sie arglistig überfallen. Als
der Samniter König Claudius Pontius das Römische Heer in seine Hände und unters
Joch bracht / hätte der Bürgemeister Postumius einen Frieden eingegangen; das
Römische Volck aber nach freigelassenem Heere selbten über einen Hauffen
geworffen. Was hätten sie Deutschen sich numehr denn für gutes zu versehen / die
in den Augen der Römer schon ihre Sclaven wären? Lucullus hätte in Spanien das
Cauceische Volck gegen hundert Talent ausgeliefferte Geissel und gestellte
Hülffs-Völcker in seinen Schirm genommen / hernach aber sich arglistig der Stadt
bemächtigt / und zwantzig tausend unschuldige Leute meuchelmörderisch über die
Klinge springen lassen. Eben so wären alle Ausonier in Italien aus einem
falschen Argwohne / dass sie auff der Samniter Seite hiengen / in einem Tage mit
Strumpf und Stiel ausgerottet worden. Sylla hätte / nach erscharreten zwantzig
tausend Talenten / Asien / und Paulus / nach allem ausgepressten Gold und Silber
/ allererst ganz Epyrus ausplündern lassen. Hortensius hätte die aufgenommenen
Abderiten beraubet / die Fürnehmsten entaupten / die Bürger verkauffen /
Pleminius der Locxenser Heiligtümer stehlen / ihr Frauenzimer schänden / Appius
den Salaminischen Rat durch Hunger tödten lassen. Insonderheit aber nötigte
die Staats-Klugheit die Römer gleichsam dazu: dass sie in der Grausamkeit gegen
die Deutschen beständig verharreten. Denn Wüteriche wären so böse / dass ihnen
von nichts mehr als der Tugend Gefahr zuhinge. Hartnäckigkeit befestigte ihre
Herrschaft durch Furcht /ihre Besserung aber stürtzte sie durch Misstrauen neuer
Verschlimmerung. Also müste ein Gebietter niemals anfangen grausam zu sein /
oder niemals aufhören. Alles dis hätten sich die Deutschen täglich zu befahren.
Ja er hätte noch kein grösseres Merckmal aufgebürdeter Dienstbarkeit verspüret /
als jetzigen Zweifel an einem sieghaften Ausschlage. Wer an den Verlust gedencke
/ habe schon halb verspielet. Dass Deutsche aber von Frembden überwunden werden
könten / wäre zeiter für eine Unmögligkeit gehalten worden. Von Galliern auf
sie einen Schluss machen /schiene den Römern selbst ungereimt; die sich wider
jene zu kämpfen schämeten / wann sie mit den Deutschen schon eine Hitze
ausgestanden hätten. Zu dem wären die Gallier teils durch eigene Zwytracht
verfallen / teils von Deutschen überwunden worden. Mit den Pannoniern und
Dalmatiern aber wäre das Spiel noch nicht ausgemacht / welche vom Marbod
schändlich wären im Stiche gelassen worden / weil ein Wütterich / wie er / doch
kein recht Hertze hätte /ja nicht nur alle andere / sondern so gar sich für sich
selbst und seinem eigenen Bei-Spiele fürchtete. Warumb sollten nun sie diesen
scheuen / der wegen begangener Laster aus seinem Hertzen die Zagheit / aus
seinem Gebiette die Ubelwollenden nimmermehr verbannen könnte; und an seinen
meisten Untertanen grössere Feinde als an denen vertriebenen Bojen und
beleidigten Feinden hätte. Das Band seiner und des Tiberius Freundschaft wäre
zerrissen worden / nach dem Hertzog Herrmann beiden die Fürstin Tussnelde aus
den Zähnen gerückt hätte. Die vier und viertzig Legionen wären biss auf fünf und
zwantzig noch für dem Dalmatischen Kriege verschmoltzen; in diesem aber bei nahe
vollends die Helfte / oder doch der beste Kern drauf gegangen. Die Flotten
bestünden meist in schlechtem Volcke / und in gepressten Aussländern; welche nach
Abwerffung des Römischen Jochs eben so wohl als die Deutschen seufzeten. Die
übrige Macht in denen entfernten Ländern und so gar andern Teilen der Welt
könten mit Vernunft so wenig als der Angelstern von seinem Wirbel verrückt
werden / da August nicht auf allen Seiten Tür und Tor den Feinden öfnen wollte.
Also möchten sie ihnen die leeren Nahmen der erschöpften oder teils blinden
Legionen keinen blauen Dunst für die Augen machen /weniger sich schrecken
lassen.
    Ganasch der Chautzer Hertzog pflichtete dem Jubil bei / anführende: dass wo
die Glut eines Wütterichs rasete / selbte zu leschen sich die Gewogenheit eines
ganzen Volckes billich gleichsam durch einen Platz-Regen dahin ausschüttete. Es
wäre zwar den Menschen die Begierde der Neuigkeit angebohren / aber diese wäre
mit sich selbst so unvergnügt; dass wie sie überdrüssig worden zu sein / was sie
vorher gewest /also auch stets ihrer gegenwärtigen / insonderheit aber der
verärgerten Beschaffenheit gram würde. Diesem nach müste ja die edlen Deutschen
das Verlangen /sich wieder in der uhralten Freiheit zu sehen / ankommen; welche
lobwürdige Begierde auch die wilden Tiere in ihren Wäldern nicht verloren
hätten. Bei welcher Beschaffenheit sie sich nicht sollten irren lassen: dass
Segestes ihnen nicht beipflichtete / dessen Ergetzligkeit allezeit fremdes
Unheil / und anderer Ohnmacht sein süssester Lebens-Atem gewest wäre.
Insonderheit habe sein Hertz allezeit mehr zu den Römern / als zu den Deutschen
gehangen. Er habe jenen den Durchzug verstattet / und sei Ursache: dass die
Chautzen vom Tiberius so unverhofft überfallen /ihnen die Waffen abgenommen / er
selbst nebst denen Edlen des Landes für des Kaysers Richterstuhle sich zu beugen
gezwungen worden. Ingniomer der Bructerer Fürst / Hertzog Herrmanns Vetter / ein
so wohl bei den Römern als Deutschen hochangesehener Kriegs-Held unterbrach /
aus Beisorge erwachsender neuer Uneinigkeit / Hertzog Ganasches hitzige Rede
/und hielt ihm ein: Die Zufälle wären eine weile so verwirrt / der Tugend und
offenhertzigem Beginnen so feind gewest / dass auch der fürsichtigste auf so
glattem Eisse habe gleiten / und der es am besten gemeint / seine Redligkeit
verstellen müssen. Ja man wäre in solche Zeiten eingefallen / da die Liebe des
Vaterlandes für eines der grösten Laster gehalten worden. Numehro aber habe ein
guter Einfluss des Gestirnes /oder vielmehr die kluge Anstalt Hertzog Herrmanns
und die eusserste Bedrängung der Sicambrer die zerrütteten Gemüter so vieler
deutschen Fürsten / als ihrer noch nie auff einmal wider die Römer zusammen
getreten / vereinbart. Nunmehr blickte sie eine so glückliche Zeit an / da man
erndten dörffte / was man dächte / und dis ausüben / was man im Schilde führte.
Itzt ereigne sich die Gelegenheit / da sie alle das Seil der Römischen
Dienstbarkeit von den Hörnern abstreiffen / Segestes aber die alte Scharte
auswetzen könne. Denn eine tapffere Tat wische die Schamröte von vielen
begangenen Fehlern ab. Segestes /welchem die Römer am meisten traueten / könne
für dissmahl ihrem Siege eine grosse Hülffe geben / nach dem Varus ihn selbst /
von Herrmann und andern Fürsten aber nur gewisse Kriegs-Schaaren beruffen hätte:
dass er wider den Teucterer und Sicambrischen Hertzog Melo / welcher auff Hertzog
Herrmanns gegebenen Einschlag alleine wider die Römer den Harnisch anzuziehen
sich hertzhaft gewagt hätte / mit ihren Hülffs-Völckern zu Felde ziehen möchte.
Also könnte Segestes entweder durch eine vertraute Person / oder auch selbst dem
Varus seine und der gefoderten Hülffs-Völcker Anwesenheit zu wissen machen / und
hierdurch nicht alleine dem versammleten Kriegs-Heere / welches doch wenig
Stunden mehr für den Römern könne verborgen stehen / eine destoweniger
verdächtige Näherung zu dem Römischen Läger und einen unversehenen Uberfall zu
wege bringen / sondern wohl gar die Römer aus ihrem Läger und Vorteil ins freie
Feld locken. Man sollte nunmehro keinen Augenblick versäumen. An geringer Säumniss
hänge oft der Verlust der ganzen Sache; und die Zeit sei im Kriege am
teuersten. Anschläge würden zwar krebsgängig / gute Gelegenheit aber komme
nicht zweimahl wieder. Man solle das fertige Heer nur immer gegen das Läger
anziehen lassen. Hertzhaften Leuten riegele die Natur alle Pforten auff / das
Glücke stehe ihnen an der Seiten / und das Verhängnis hielte ihnen den Rücken.
    Segestes begegnete / wiewohl allem Ansehen nach mit schwermütigen Worten /
dem Igniomer: er hielte das Werck nochmahls für gefährlich und zu entschlüssen
bedencklich. Es wäre nicht weniger unzeitig / was zu früh / als zu späte
geschehe; die Ubereilung aber noch schädlicher / als die Versäumung. Denn
ungeschehene Dinge könnte man noch tun / geschehene aber nicht wieder
verwischen. Wesswegen die Klugheit für eine Tochter des kalten Geblütes / die
Ubereilung aber für eine Mutter unzeitiger und daher todter Geburten gehalten
würde; Und müste man der Gelegenheit freilich wohl wahrnehmen / selbter aber
nicht zuvor kommen / und wenn man seinen Feind zu bekriegen hat / sich nicht ehe
von seinen eigenen Schwachheiten / als von des Feindes Tugend überwinden lassen.
Diese wäre bei den Römern unvergleichlich / als welche ihr meistes Leben mit den
Waffen hinbrächten; allen ihren Ruhm aber durch selbte erlangten; ja niemand
kein Ehren-Amt zu bekleiden fähig wäre / der nicht zum minsten zehn Jahr zu
Felde gedienet hätte. Zu geschweigen / dass die zu Fuss dienenden Kriegs-Leute
eher nicht als nach zwantzigjährigen Diensten erlassen würden; und die Römer
auch beim Frieden ihre Wffaen durch stete Kriegs-Ubungen also brauchten / dass
weder selbte noch ihre Tapfferkeit verrostete. Nichts destoweniger / wenn sie
alle ja mit den Römern zu brechen für gut ansähen / wäre er nicht gemeint / mit
seinem Bedencken des mehrern Teils Schluss zu stören / und sich in seine
Gedancken dergestalt zu verlieben / dass er aller andern Urteil als unrechte
verwerffen sollte. Denn man sollte in Ratschlägen allezeit das beste raten / und
doch auch dem / was man für schlimm hielte / beifallen / wenn es die meisten
billichten. Sintemahl das beste / welchem nur wenig folgten / schlimmer wäre als
das ärgste; welches alle auszuüben auf sich nehmen. Dass übrigens Qvintilius
Varus ihn und andere Hülffs-Völcker wider die Sicambrer beruffen /habe ihnen
freilich zu einem guten Vorwand gedienet / ihre Völcker ohne Verdacht zusammen
zu führen. Dahero sei er bereit unter diesem Scheine einen Schlüssel ins
Römische Läger zu finden. Segemer des Segestes Bruder schlug hiemit auff seinen
Degen /meldende: Wenn ihn auch Segestes nicht findet / so ist hier einer
verhanden. Und wenn wir dismahl den Römern nicht den Weg wieder über den Rhein
weisen / köñen wir uns nicht beschweren / dass es uns an Gelegenheit / sondern an
Hertze und an der Wissenschaft uns selbte nütze zu machen / gemangelt habe. Sie
hätten ohne biss ihren Feind allzu grosswachsen /und die Flamme zu sehr zu
Schwünge kommen lassen; welche sie gar verzehren würde / wenn sie selbter so
lange zusehen würden / biss die Römische Macht aus Dalmatien ihnen vollends über
den Hals käme. Also wäre die Geschwindigkeit wider geschwinde Kranckheit die
heilsamste Artznei. Hiermit stimmten alle andere Fürsten und Grossen ein /
standen von ihren Taffeln auff / verehrten den Cheruskischen Hertzog als ihren
obersten Feldherrn / und wünschten ihm glückliche Uberwindung seiner uñ ihrer
Feinde.
    Hertzog Herrmann / auff welchen numehr aller anwesenden Augen gerichtet
waren / liess in seinem Antlitze und Geberden nicht das geringste Merckmahl eines
entweder verwirrten oder freudigen Gemüts blicken. Denn ob wohl der Glantz
neuer Würden sonst insgemein die Vernunft nichts anders als die übermässigen
Sonnenstrahlen das Gesichte verdüstern; so war doch diesem Helden; welcher in
sich ein auskommentliches Maass hatte die ganze Welt zu beherrschen / bei diesem
neuen Wachstume nichts neues noch hoffärtiges; Sintemahl dergleichen
Auffblehung nichts minder ein gewisses Zeichen einer Gemüts-Kranckheit / als
die Geschwulst der Leibes-Gebrechen / und eine augenscheinliche Andeutung ist /
dass solche Ehre zu gross für das Behältnis einer so engbrüstigen Seele sei. Er
gebrauchte gegen die Fürsten eben die Ehrerbietung als vorher / und als gegen
seines gleichen. Ja durchgehends stellte er sich so / als wenn er die
Feldherrschaft leichter überkäme / als zu haben verlangte; Massen nur diese
letztere Begierde zu herrschen eben so wohl kein Mittel in ihrer Bezeugung zu
treffen weiss; als das Gelücke zwischen Gebot und Fussfall selbtes zu beobachten
pflegt. Daher er sich denn auch erklärete: Er empfinde in sich ein so
unbeschreibliches Vergnügen über der neuen Eintracht der deutschen Fürsten und
über dem für die allgemeine Wohlfart gemachten Schlusse; diesen auszuführen
wäre sein einiges Absehen / dieser Versammlung gewest / und hätte er es dem
Verhängnisse und ihrer Klugheit heimgestellt: Ob sie ihn hierinnen zu einem
Kriegs-Manne / oder zu ihrem Feld-Herrn gebrauchen würden. Nach dem ihnen aber
das letztere gefallen / täte er hierinnen mehr ihrem Willen / als seinem
Ehr-Geitze ein Genügen. Denn ob wohl die verwirrete Beschaffenheit der Zeit / die
besorgliche Missgunst derer / welche nach dieser Würde gestrebet /und sein noch
nicht allzu hohes Alter ihn hievon zurücke ziehen wollten; so überwiege doch sein
Verlangen dem gemeinen Wesen zu dienen alle andere Bedencken; und die Bilder
seiner lobwürdigen Vorfahren ladeten ihn gleichsam ein / lieber mit Schweiss und
Blut in ihre Fussstappen und in dis von ihnen geführte Ambt zu treten / als die
Hände seiner Ergötzligkeit halber auf die Schoos zu legen. Denn die Auftürmung
der Ehren-Säule wäre ein abergläubischer Zeit-Vertreib und eine Verschwendung
der Unkosten; wenn sie allein ein Gedächtnis dessen / was die Todten getan
haben / nicht aber eine Ermahnung sein sollen / was denen lebenden zu tun
obliegt. Dahero dasselbige Bild / welche nur etliche Tage gestanden /aber das
Glücke habe / dass jemand durch rühmliche Nachartung seinem Befehle gehorsamet /
viel höher zu schätzen wäre / als eines / das tausend Jahre wider Lufft und
Ungewitter getauret / aber zum unfruchtbaren Anschauen gedienet hat. Hätten
seine Vor-Eltern durch ihre Taten zuwege gebracht / dass sie ihm ihren Stab
einhändigten; wollte er sich befleissen durch sein Tun zu behaupten / dass er ihr
Sohn wäre; nach dem ein ungeratener Sohn eines Helden sich gar keines Vaters zu
rühmen hätte. Denn keines frembden Sohn könnte er vermöge der Natur; des
Natürlichen aber wüste er es wegen seiner Untugend nicht zu sein /also / dass
wenn die Todten reden könten / würden sie ihn / wenn er sich ihrer Ankunft
rühmte / entweder Lügens straffen / oder ihn als einen Wechsel-Balg aus dem
Geschlechte stossen. Dieses und der Notstand Deutschlands zwinge ihn die
aufgetragene Würde willig zu übernehmen. Denn / wenn das Gebäu eines Reiches
einfallen wollte / müste der erste der beste seine Achsel unterschieben / und zu
denen Stützen nicht diss oder jenes Holtz ausschüssen. Bei so gestalten Sachen
könnte sich niemand entbrechen / der sich sonst doch ausdücken würde / wenn ihn
die Scham-Röte oder der Mangel eines gültigen Verwands nicht zurücke hielte.
Wie er deñ feierlich sich verwahrte: dass er ihm diese Würde nicht leichte; ihre
Ubernehmung aber nicht aus Hoffart / sondern aus Liebe des Vaterlandes nicht
schwer machte. Seine Wercke sollten nicht nur seine jetzige Erklärung beglaubt /
und ihnen wahr machen / dass er nicht so wohl ihr Feld-Herr sein / als ihr Bruder
leben / und als ihr Freund für sie und das Vater-Land sterben wollte. Denn alle
andere Merckmaale der Freundschaft wären ungewiss oder verdächtig; die
grössesten Beteuerungen verhülleten oft ein gehässiges Hertze / die
nützlichsten Dienste verkleideten zuweilen den Eigen-Nutz / die Freigebigkeit
zielte auf anderer Verbindligkeit / der Gehorsam rührte nicht selten mehr aus
einem Notzwange als willkührlichem Eifer her; wenn aber die Freundschaft mit
seinem eigenen für eines andern Erhaltung versprjetzten Blute besiegelt würde /
wäre sie allem Verdacht eines angenommenen Scheines / aller nachteiligen
Auslegung / und allem widrigen Urtel überlegen.
    Bei Aussdrückung dieser Worte und darüber erwachsender Vergnügung trat ein
mit der Fürstin Walpurgis Leiche vorhin beschäfftigter Priester mit einem
freudigerm Gesichte / als sein Todten-Dienst mit sich brachte / ins Zelt / und
berichtete: Der Walpurgis Grab wäre fertig / mit Bitte: Es möchten die Fürsten
die Leiche noch mit einer Hand voll Erde beehren /und ihr merckwürdiges Grabmahl
anzuschauen unbeschwert sein. Diese waren teils wegen Andacht /teils aus
Begierde das angedeutete Grab zu sehen leicht dazu zu bereden. Wie sie nun an
den bestimmten Ort kamen / fanden sie drei Stiche tief die Erde ausgegraben /
darunter aber ein ansehnliches in einen lebendigen Fels gehauenes Grab. Welches
ihnen so viel mehr wunders wert vorkam / weil nicht allein in so enger Zeit ein
solch Grab auszuhauen unmöglich /auch das geringste Merckmal der herausgehauenen
Steine verhanden; sondern auch die steinernen Grabmale bei denen Deutschen sehr
seltzam waren / als welche ihre Todten nur in die frische Erde zu begraben / und
zum höchsten die Gräber mit Rasen aufzusetzen und zu erhöhen pflegen / entweder
weil sie die steinernen und kostbaren Grabmale denen Leichen für beschwerlich
halten; oder weil sie selbte als eine Eitelkeit / oder auch als eine oft bei
denen unwürdigsten missbrauchte Ehre verschmähen. Sintemal leider bei den
Griechen die zwo Huren Glycera und Pytionice so prächtige Begräbnüs-Male / dass
des Miltiades und Pericles selbten nicht den Schatten reichen / erlangt; zu Rom
aber so gar Raben und Pferde nicht so wohl damit beehret / als die mit Füssen
getretene Gedächtnis der Horatier und Fabier dadurch beschimpfft worden.
Uberdis hatte dieser Fels und das daran klebende Moos den annehmlichsten
Veilgen-Geruch / der die Anwesenden nicht wenig erqvickte. Ihre Verwunderung
aber verkehrte sich gar in eine andächtige Verehrung dieses Orts / als sie nach
der auf den Seiten vollends weggeräumten Erde gegen Mittag in dieses steinerne
Grab folgende Uberschrifft eingegraben funden:
                                 Dieser Fels /
                 Dessen Geruch aller andern Blumen übertrifft /
               Weil er niemahls mit diesen Flüchtlingen vergehet;
                      Dessen Krafft den Cedern vorgehet /
      Weil er nicht nur keinen Wurm hecket / sondern auch nicht herbergt /
                    ist zum Grabmale einer Fürstin erkiest /
     Die wie das Kraut / welches ehe zerspringt / als sichs anrühren läst /
                                   vergangen.
            Die mit dem Hermelin ehe durchs Feuer als Kot laufft /
                     Und ehe es sich besudelt / entseelet.
                                   Darff also
                      Dieses Grab kein Opfer der Blumen /
                       Die Begrabene keines der Tränen /
                       aber wohl tugendhafte Nachfolger.
Sie hatten kaum auf der einen Seite diese durch das Alter und die eingedrungene
Erde vertunckelte Schrifft zusammen gebracht / als auf der andern folgende
erkieset ward:
                          Die Eröffnung dieses Grabes
                    Wird denen Deutschen die Augen auftun /
                 Dass sie die Römische Dienstbarkeit abwerffen /
                              und erkennen werden:
                 Dass ihr Reich zum Schutz-Bilde die Eintracht /
                     ihr Heer zum Haupte einen Mann dörffe.
              Es ist aber noch Glück und Klugheit bei einem Grabe
                    nicht allererst beim Tode sehen lernen.
Alle Fürsten lasen zwar diese Zeilen / Hertzog Jubil aber war der erste / der
alle Geheimnisse dieser Wahrsagung am ersten ergründete. Sintemahl er sich der
Erzehlung vom Hertzog Herrmann erinnerte / welche ihm der Schutz-Geist des
Gabretischen Gebürges nicht nur / dass er ein Erlöser des dienstbaren
Deutschlandes sein / sondern auch deswegen eine in Stein gegrabene Wahrsagung
bei dem Tanfanischen Tempel gefunden werden würde / vorhin angedeutet hätte.
Weil nun Hertzog Jubil dieses kürtzlich erzehlte; war die in dieser Wahrsagung
entaltene Billigung des zum Heerführer erwehlten Hertzog Herrmanns deutlich
genug zu verstehen; und weil die erste Schrifft allbereit durch die in biss Grab
gelegte Fürstin Walpurgis Sonnenklar wahr gemacht war / fand die letztere so
viel mehr Glauben und zohe desto grösser Vertrauen zu dem neuen Feldherrn und
dem künftigen Siege nach sich. Wesswegen der ganze Hein seine Freude über
dieser glücklichen Wahl durch ein allgemeines Frolocken kund machte.
    Unterdessen hatte der Priester Libys denen vier schönsten und grösten
weissen Pferden / derer eine ziemliche Anzahl in selbigem heiligen Heine erzogen
/ und keines zu irrdischer Arbeit gebraucht / auch von sonst keinem Menschen /
als dem Priester / weder gefüttert noch beschritten wird / das erste Gebiss und
Zaum anlegen lassen / selbte mit silbernem Zeuge und seidenen Qvasten roter
Farbe / welche bei diesen Völckern Krieg andeutet / belegen und an einen
geweiheten Wagen spannen / auch solchen für den Zelten in Bereitschaft halten
lassen. Sie rauchten für Hitze und Schweiss / da sie doch in etlichen Tagen nicht
aus dem Stalle kommen waren; welches sie dahin ausdeuteten: dass die
Schutz-Geister selbiges Orts allbereit auff selbten wider die Feinde gestritten
hätten. Diesem nach die Priester denn auch alsofort dem Feldherrn mit vielen
Seegensprüchen drei Kriegs-Bilder / welche noch die Vorfahren in diesem Heine
aufgehenckt hatten / und unter den Deutschen /wie bei den Römern die Adler / zu
Kriegs-Fahnen gebraucht worden / überreichten. In dem ersten war ihres
Uhranherrns des Tuiscons Haupt / im andern ein Pferd / im dritten ein Löwe
abgebildet. Die Pferde aber fingen heftig zu schäumen und zu wiehern an.
Welches Libys und die andern versammleten Priester für ein überaus gutes Zeichen
des Sieges auslegten; sonderlich weil selbte den rechten Fuss zu erst aufhoben /
durch die in der Erde gesteckten Lantzen ohne einige Berührung durchrenneten.
Daher sie alle so wohl den Hertzog Herrmann als die andern Fürsten /welche für
dem Wagen hertraten und dem Heere zueileten / mit tausend Glückswünschen
begleiteten. Denn diese Anzeigungen versicherten die Fürsten so gewiss des Sieges
/ als wenn sie selbten schon in den Händen hätten. Sintemahl zwar die Deutschen
mit den meisten Völckern auch aus denen Eingeweiden des Opffer-Viehes / aus dem
Fluge der Adler / Habichte und Geier / aus dem Geschrei der Raben / der Krähe
und Nacht-Eulen / aus dem Lauffe der Wölffe / Füchse und Schlangen / aus den
Wirbeln der Flüsse / aus fallenden Lufft-Sternen / und aus Andeutungen derer zu
erscheinen genötigten Geister künftige Begebenheiten zu erforschen pflegen;
insonderheit aber aus der Anzahl vieler ungefehr in die Asche gemachte Striche /
und durch gewisse aus einer fruchtbaren Gärte gekerbete und mit unterschiedenen
Merckmahlen bezeichnete Höltzlein / die der Priester auff ein weisses Kleid
ausschüttet / und hernach zu dreien wieder aufflieset / ihr bevorstehendes
Glücke zu ergründen vermeinen; so setzen sie doch auff keine Wahrsagung mehr
Vertrauen / als auff die Andeutung dieser geweiheten Pferde. Nicht zwar / dass
sie ihnen eine Wissenschaft dessen / was das Verhängnis ihnen bestimmet habe /
zueignen; sondern weil sie dafür halten: Gott bewege durch eine geheime Krafft
aus einer Erbarmniss gegen den Menschen diese edlen Tiere / als ohne dessen
Zulassung kein Vogel eine Feder rühren /kein Pferd einen Fuss auffheben könnte.
    So bald das Kriegs-Volck / welches in voller Rüstung bereit stand / und nur
auff einen Feind los zu gehen begierig war / den heiligen Kriegs-Wagen erblickte
und daraus erkennte / dass der Krieg und Anfall des Feindes beschlossen war /
kriegte selbtes gleichsam eine neue Seele und erfüllete die Lufft mit einem
heisern Feld-Geschrei. Als sie aber gewahr worden / dass Hertzog Herrmann als
Feldherr seinen Sitz darauff genomen hatte / machten sie mit Zusammenschlagung
ihrer Lantzen / Spiesse / Schilde und andern Waffen / um dadurch ihr
Wohlgefallen über solcher Wahl zu bezeugen / ein solches Getöne / dass auch die
nächsten kein Wort von des Igniomers Rede / welcher ihnen von ihrem Schlusse
einen Vortrag tun wollte / verstehen konten. Womit sie aber zu verstehen geben
möchten: dass sie dis / was Igniomer ihnen sagen wollte / verstünden / und ihre
bei der Wahl eines allgemeinen Hertzogs habende Stimmen dem Herrmann einmütig
gäben; nahmen vier der fürnehmsten Kriegs-Obersten zwei Lantzen auff die Achseln
/ legten darauff einen breiten Schild / hoben den Feld-Herrn von dem Wagen
darauff / und trugen ihn mitten durch ihre Reihen. Hierauff senckten sie diesen
Kriegs-Stuhl / womit er ab und zu Pferde sitzen konnte. Dieses war ein feuriger
Hengst / welcher /nachdem er diesen fürtrefflichen Helden auff sich bekommen /
für Hoffart den Erdboden eintreten wollte /mit seinem Schäumen und hitzigen
Sätzen seine Ungedult aber / dass es nicht schon in der Schlacht wäre /zu
verstehen gab. Herrmanns Leib war mit einem gläntzenden und zum Teil
vergüldeten Harnische bedeckt / womit ihn Käyser Augustus beschencket / als er
in Armenien bei Einsetzung des Königs Artavasdes die Römischen Waffen zu seinem
Ruhm und des Käysers Nutzen getragen hatte. In der rechten Hand führte er eine
Lantze / im lincken Arm einen länglichten Schild / auff welchem ein springendes
Pferd geetzt war / welches die Cheruskischen Hertzoge noch vom alten Hermion her
/ aus besonderer Liebe zu den Pferden / zu führen gewohnt waren. Um seine Lenden
war ein mit Edelgesteinen versetztes Schwerdt gegürtet /und an dem Sattelknopffe
hieng ein eckichter Streit- Seine braunen und kringlichten Haare hatte er nach
seiner Landes-Art ihm über dem Häupte lassen zusammen binden; den Helm aber /
über welchem ein Habicht mit ausgebreiteten Flügeln zu sehen war /liess er ihm
seinen Waffenträger neben bei tragen. In solcher Rüstung stellete er sich gegen
das in voller Schlacht-Ordnung stehende Heer / und redete mit vermischter
Freundligkeit und Grossmütigkeit sie derogestalt an:
    Edle Deutschen / vertrauteste Brüder. Dem Verhängnisse und den Fürsten des
Vaterlandes hat einmütig gefallen / für die Freiheit Deutschlands wider der
Römer Bedrängung die Waffen zu ergreiffen / und mich zum gemeinen Feld-Herrn zu
erkiesen. Das letzte anzunehmen hat mich die Liebe des Vaterlandes gezwungen /
nicht meine eigene Vermessenheit gerejetzt. Die Andeutungen der Priester / die
Gerechtigkeit unserer Sache / die Wollüste unsers weibischen Feindes und eure
Tapfferkeit / verheissen mir einen unzweiffelbaren Sieg. Es ist unnötig Männern
ein Hertz einsprechen / für derer Taten mehrmahls Rom erzittert / durch deren
Hülffe die Römer allein in Gallien Fuss gehalten / und gegen die Parter
gestanden. Der Deutschen ihre Feldherren werden ihrem Kriegs-Volcke mehr zum
Beispiele als zum Befehlichen fürgesetzt. Ich / sichert euch / behertzte Brüder
/ will heute mit meinem Blute lieber drei Spannen Erde gegen die Römer gewinnen /
als drei Schritte zurück weichen / wüste ich auch dadurch mein Leben auf tausend
Jahr zu verlängern. Werdet ihr meinen Fussstapfen nachfolgen / wird diesen Tag
entweder von dem Feinde oder uns kein Gebeine entrinnen.
    Hiermit ergriff er den Helm / drückte ihn aufs Haupt / und sprengte mit
seinem Pferde von einer äusersten Spitze der Schlacht-Ordnung biss zur andern.
Das Heer aber schlug noch mit grösserm Ungestüm die Waffen aneinander; welches
bei den Deutschen die kräfftigste Art etwas zu bestätigen / und die ehrlichste
jemanden zu loben ist. Hierauf erregten die teils hörnerne / teils aus Messing
gegossene Krum-Hörner / bei noch stiller Nacht / ein solches Getöne / dass die
Erde erbebte / und die Lüfte mit vielfältigem Wieder-Schalle erfüllet wurden.
    Hertzog Segimer nahm hiemit den ihm unter gebenen Vortrab / und führte
selbten gerade dem Feinde zu / unter welchem sein Sohn Sesitach tausend junge
Cheruskische und Bructerische / Printz Catumer des Arpus Sohn fünfhundert junge
Cattische Edelleute führte / welche alle / weil sie noch keinen Feind erschlagen
/ eiserne Ringe trugen / umb in dieser Kriegs-Schule ihr Glück oder vielmehr
ihre Tapferkeit zu versuchen / und zugleich das Recht zu erwerben gemeint waren:
dass sie künftig goldne Ringe tragen möchten.
    Als diese bei dem Feld-Herrn vorbei zohen / welcher alle und jede in
genauern Augenschein nahm /und keinen Hauffen zur Hertzhaftigkeit aufzufrischen
vergass / ritte ein gerader wohl-gewafneter Jüngling /der einen mit grünem
Laubwercke ausgeetzten Harnisch / und im Schilde eine Taube führte / aus der
Ordnung / näherte sich dem Feldherrn / und reichte ihm mit tiefster
Ehrerbiettung einen Zettel / darauf diese Schrifft zu lesen war:
    Erlauchter Fürst / grossmütiger Feld-Herr! Die Cherusker sind gewohnt für
ihren Schlachten durch Zwei-Kampf eines Einheimischen und eines gefangenen
Feindes den Ausschlag des bevorstehenden Treffens zu erkundigen. Göñe diesemnach
einem ruhmbegierigen Edelmanne / dass / nach dem dir die gütigen Götter den Sieg
schon so augenscheinlich gewiesen haben; dass ich und ein gefangener Römer /
jeder mit Waffen nach seiner Landes-Art allhier zusammen schlagen / und mir
deine Augen und Vorbild heute das Glücke des Sieges mitteilen / was ich sonst
meiner Stärcke und Tapferkeit nicht zutrauen darf.
    Dem Feld-Herrn kam dieser Anspruch ganz unvermutet / jedoch nahm er diese
kecke Entschlüssung für ein sehr gutes Zeichen an / und sein Hertze empfand
gegen diesem Edelmanne eine ungemeine Beweg- und Zuneigung. Er würde auch nicht
die Beschaffenheit seiner Person und den Anlass zu diesem Ebenteuer genau zu
erforschen vergessen haben /wenn er nicht alsbald in die Gedancken gefallen
wäre: dass selbter / umb alleine unbekant und mit dem Helme verdeckt zu bleiben /
sein Verlangen schrifftlich entworffen hätte. Dahero lobte er / ohne einiges
vorwitziges Ausfragen / sein Begehren / und befahl: dass / da irgend einige
gefangene Römer alldar befindlich wären / sie augenblicklich zur Stelle gebracht
werden sollten. Fürst Arpus / welcher unferne davon hielt / vernahm diesen Befehl
des Feld-Herrn / näherte sich zu ihm / und liess alsbald zwei wolgewachsene
schöne Jünglinge zur Stelle bringen / welche er für kurtzer Zeit gefangen
bekommen / als die Römer aus der vom Drusus am Berge Taunus aufgerichteten
Festung Tranburg auf die Catten gestreifft. Diese fragte der Feld-Herr: Ob einer
unter ihnen das Hertze hätte mit anwesendem Edelmanne zu fechten? Der Preis des
Sieges sei des gefangenen Freiheit. Hertzog Herrmann hatte diss letzte Wort noch
halb im Munde / als der schönste unter beiden / welchem die Anmut selber aus
den Augen sah / versetzte: Er habe niemanden noch einen solchen Tantz versagt.
Die Dienstbarkeit sei ihm unerträglicher als der Tod. Das Unglücke / nicht die
Liebe seines Lebens habe ihn lebendig in seiner Feinde Hände geliefert / in dem
er in dem Scharmützel mit dem Pferde gestürtzt / und darüber gefangen worden
wäre. Wolte ihm der Catten Hertzog seine Waffen wieder langen lassen / und der
Feldherr ihm den Zwei-Kampf erlauben; würde er es für eine grössere
Grossmütigkeit aufnehmen / als er ihm in diesem Nord-Lande zu finden eingebildet.
Alsofort wurden die ihm abgenommenen Waffen / und ein wohl-aufgeputztes Pferd zur
Stelle bracht. Die Fertigkeit im Wafnen gab die Lust zu diesem Kampfe und die
Hoffnung des eingebildeten Sieges genungsam zu verstehen. Ob nun wohl die zum
Vortrab geordnete Kriegs-Völcker ihren Anzug beschleunigten /so blieb doch das
ganze Heer / samt denen Fürsten und Kriegs-Häuptern mit aufgesperreten Augen
und begierigem Gemüte den Ausschlag zu erfahren unverrückt halten. Der numehr
fast volle Mond ersetzte an dem heuteren Himmel bei nahe die Stelle der
abwesenden Sonnen. Beide freudige Kämpfer tummelten ihre Pferde mit ungemeiner
Geschickligkeit / und hierauf renneten sie wie ein Blitz gegeneinander. Der
Gefangene traf mit seiner Lantzen den Deutschen an die rechte Hüfte / dieser
aber jenen auf die Brust. Jedoch sassen sie beide so wohl zu Pferde / dass ehe
einer sich aus dem Sattel bewegte / beide Lantzen in Stücke sprungen.
Augenblicks wendeten sie sich / und ergriff der Römer einen Wurff-Spiess / der
Deutsche aber einen Streit-Hammer; alleine der Wurff-Spiess ging diesem unter
dem lincken Arm durch / und ob zwar der Deutsche mit dem Streit-Hammer den Römer
an der rechten Achsel erreichte / wusste sich der Römer doch dem Schlage so
künstlich auszuwinden / dass selbter ohne empfindliche Beschädigung abging. Ja er
spannte mit ebenmässiger Geschwindigkeit seinen Bogen / und schoss rückwerts auf
seinen Verfolger so gerade / dass / wenn selbter mit dem Schilde den Pfeil nicht
aufgefangen / ohne Verwundung derselbte seinen Flug nicht würde vollendet haben.
Inzwischen hatten beide schon ihre Schwerdter entblösset / und fielen einander
als zwei junge Löwen an; jedoch wusste ein jeder des andern Streiche mit solcher
Geschickligkeit zu begegnen / dass bei einer halben Stund die Zuschauer nichts
minder verwundernd als zweifelhaft blieben / auf welche Seite noch endlich der
Sieg ausschlagen würde. Endlich gelückte dem Deutsche ein heftiger Streich des
Römers Pferd an Hals / wovon selbtes sich kollernd in die Höhe lehnte / in einem
Augenblicke zurücke schlug / und der Gefangene / weil es zugleich eine kleine
Graben traf / durch einen heftigen Fall unter das Pferd zu liegen kam. Der
Deutsche sprengte bei diesem Zufall etliche mal umb seinen Feind rings umb her /
und nach dem er an selbtem keine Bewegung sah / ritter gegen dem Feld-Herrn /
bezeigte selbtem eine tieffe Ehrerbietung / ihm gleichsam für den verstatteten
Kampf demütigen Danck erstattend / und rennte Spornstreichs dem vorangegangenen
Vortrabe nach. Etliche der nechsten Zuschauer aber sprangen zu dem Gefallenen /
zohen ihn unter dem schon halb-todten Pferd herfür / öfneten ihm den Helm /
wurden aber kaum einigen Lebens an ihm gewahr. Fürst Jubil / der unter den
Fürsten diesem Falle der nechste war / und aus diesem Kampfe ihn nicht wenig zu
schätzen angefangen / befahl alsbald ihm den Harnisch zu lüften / und durch
Eröfnung der Kleider ihm Luft zu machen. Als dieses erfolgte / wurde man aus den
Brüsten gewahr: dass es ein Frauen-Zimmer war. Hierzu kam nicht nur der Feldherr
und andere Fürsten zu ihrer hohen Bewunderung; sondern sie erstaunten auch noch
mehr /als der andere hierzu gelauffene Gefangene ihm für Verzweifelung die Haare
ausrauffte / und nebst anderer jämmerlicher Verstellung / welche auch einen
Seellosen Stein zur Erbarmnüs hätte bewegen können / mehrmals die Worte: O
unglückselige Königin! ausrief. Unterdessen ward man gewahr / dass ihr das Hertz
und der Puls noch etwas schlug / ja als der andere Gefangene sie mit etlichen
bei sich habenden Balsamen bestrich / fieng sie wieder an zu atemen. Worüber
sein Antlitz und Geberden zwar nicht geringe Freude / zugleich aber auch eine
Reue an Tag gaben: dass der übermässige Schmertz die Schrancken der
Verschwiegenheit überschritten / und das Geheimnüs ihres Standes entdecket
hatte.
    Hertzog Herrmann und die andern Fürsten hätten bei so seltzamer Begebenheit
nicht unterlassen / von dem Gefangenen die eigentlichere Beschaffenheit /und was
für Zufälle diese fremde Königin in Deutschland gebracht hätten / genau zu
erforschen / wenn nicht ein Ritter mit ganz verhängtem Zügel und keuchendem
Pferde gerennt kommen wäre: und ihnen angedeutet hätte / dass eine Meilweges von
dannen eine Menge Römischer Reiterei den Vortrab aus einem verborgenen Winckel
angefallen / Segestes / welcher / dem Verlass nach / unter dem Scheine den Feind
zu verkundschaften voran gegangen war / mit seinen bei sich habenden Grafen und
tausend Kriegs-Knechten sich zum Feinde geschlagen / und die Deutschen mit
angefallen habe. Hiemit befahl der Feldherr: dass die Königin nebst dem andern
Gefangenen in sein unentferntes Schloss. Deutschburg geführet / ihrer auch auffs
sorgfältigste gepfleget werden sollte. Dem Inguiomer und Arpus vertraute er das
Gross des Heeres /dem Jubil und Ganasch den Hinterhalt mit möglichster
Geschwindigkeit auf den Kampffplatz zu stellen. Er aber / umb nicht allein der
ersten Unordnung zu begegnen / sondern fürnemlich den Stand und die
Beschaffenheit des feindlichen Heeres selbst zuerkiesen /nahm nebst seinen
hundert Grafen tausend Edelleute und Pferde zu sich / welchen so viel
Kriegs-Leute zu Fusse / die sie zu ihren Leib-Schützen erkieset hatten / und
wenn sie nur sich mit einer Hand an die Meenen der Pferde anhielten / ihnen auch
in vollem Rennen gleich lieffen / und dieser Geschwindigkeit halber mit leichten
Schilden aus Weiden-Holtze / die ein eiserner Ring umbschloss / mit Helmen aus
Leder und nur mit Eisen gespitzten Lantzen gerüstet waren / und eilte seinem
Vortrab möglichst nach. Als er nahe den halben Weg biss dahin hinter sich gelegt
/ ward er verständigt: dass Segimer den Römischen Hauffen / welcher ihn
überfallen / nechst dem abtrünnigen Gegestes zurück gejaget hätte / hiermit
aber in dem Deutschmeierischen Tale / bei dem Flecken Falckenburg auf das
ganze Römische Heer verfallen wäre. Sie hätten eine grosse Menge Wagen und
Kriegs-Geräte bei sich / es wären durch den Forst eine grosse Menge der
dickesten Bäume umbgehauen / und die Moräste mit Brücken belegt zu sehen; dahero
habe es das Ansehen: dass die Römer ihr Lager gäntzlich verlassen / und sich
zwischen die Weser und die Aeder an die Festung Cattenburg hätten ziehen wollen.
Müste also ihr Anschlag durch den Segestes vorhero gäntzlich verraten worden
sein. Der Feldherr / welchem diese Meinung der Wahrheit sehr ähn ich schien /
fertigte alsobald einen Edelmann an den Hertzog Jubil ab / und befehlichte ihn /
dass er mit dem grössesten Teile des Hinterhalts sich gegen Sud-Öst ablencken /
und derogestalt dem Feinde nicht allein den Pass abzuschneiden / sondern ihm mit
Gelegenheit gar an die Seite oder in Rücken zu fallen trachten sollte. Seinem
Kriegs-Volcke aber sprach er bei dieser verlautenden Flucht der Römer so viel
mehr ein Hertz zu / und hielt ihnen für: dass ein furchtsames Heer nur geschlagen
/ nicht überwunden werden dörfte; weil es von seiner eigenen Einbildung schon
übermannet / jeder Ruff des Feindes schon für ein Siegs-Geschrei / seine eigene
Bewegung aber für eine Flucht gehalten würde. Ja wer auch nur an dem Siege
zweiffelte / der füchte nicht / sondern versetzte nur die feindlichen Streiche
ohne einigen behertzten Angriff; und also räumte er insgemein das Feld / nicht
weil er es verspielet / sondern weil er es verspielt zu haben aus Schrecken
glaubete. Hierauff geriet Hertzog Herrmann gleich zu hoher Zeit auf die
Wahlstatt /allwo der Vortrab die Macht des ganzen Römischen Lägers mit
unaussprechlicher Tapfferkeit schon eine Stunde auffgehalten hatte. Welches an
sich selbst unmöglich gewest wäre / wenn nicht Hertzog Segimer sich des
Vorteils der daselbst vermengten Täler /Berge und Wälder bedienet / und an
einem engen Furte / allwo die Römischen Legionen sich nicht völlig auff ihn
ausbreiten konten / Fuss gesetzt hätte. Catumer und Sesitach täten mit ihren
jungen Edelleuten Wunderwercke von Tapfferkeit / Segimer aber wiese alle Künste
eines erfahrnen Feld-Hauptmanns. Herrmann wahrnehmende: dass es wegen dieses
Vorteils mit dem Segimer keine Not hatte / suchte ihm einen andern Weg / durch
ein Gestrittig an den Feind zu kommen / um des Segimers Hauffen ein wenig Lufft
zu machen / und hatte das Glücke auff des Qvintilius Varus Leibwache zu treffen
/ welche Lucius Eggius anführte. Beide erkennten einander an ihrer Rüstung /und
dahero drangen sie gegeneinander mit Gewalt durch / um an einander zu kommen.
Denen ihrigen befahlen sie / dass sie nicht hauen / sondern nur stechen / und
insonderheit nach dem Antlitze zielen sollten. Herrmann und Eggius fochten
gegeneinander wie zwei wütende Pantertiere. Nachdem aber weder Lantzen noch
Schwerdter einem unter ihnen einigen Vorteil über den andern verleihen wollten /
sprengte Herrmann an den Eggius hart an / umarmete ihn so feste / dass sie beide
zur Erden fielen. Ob nun zwar Herrmann oben zu liegen kam / war doch die Menge
der Römer / so diesem Römischen Heerführer zu hülffe kamen / so gross dass Herrmañ
den unter sich gebrachten Eggius verlassen / und zu Fusse wider tausend Lantzen uñ
Degen sich verteidigen musste. Fürst Adgandester / welcher der Oberste unter
denen Grafen oder Gefärten des Feldherrn war / die / wie bei den Galliern die
so genannten Soldurier aus dem Kerne des Adels von denen Deutschen Fürsten
nichts minder im Friede zur Pracht und allen fürnehmen Hoffämtern / als im
Kriege zu ihrer Leibwache pflegen erkieset zu werden / ward dieser dem Feldherrn
zustossenden Gefahr inne. Weil nun dieser Gefärten Pflicht ist / dass /wie ihr
Hertzog ohne Schimpff keinen es ihm darff an Tapfferkeit zuvor tun lassen /
also ihnen eine nicht geringere Schande sei / des Fürstens Tugend nicht gleiche
kommen / ja ein unausleschliches Brandmahl ihres ganzen Lebens / ohne den
Hertzog lebendig aus der Schlacht kommen; Wesswegen sie auch auff dem Helme einen
kohlschwartzen Federpusch führen; so drang er nicht alleine durch das Gedränge
der Römer verzweiffelt durch / sondern ermunterte auch durch sein Beispiel noch
dreissig andere Ritter / welche wie der Fürst für den Sieg / also sie für ihren
Fürsten zu streiten / und ihm alle ihre Heldentaten zuzueignen verbunden / und
wenn nur einer für dem andern Ehre einlegen kann / dem Tode selbst das blaue in
Augen zu sehen gewohnt sind. Diese machten durch ihre gleichsam blitzende
Streiche / deren jeder fast einem Römer das Licht auslöschte / dem Feldherrn ein
wenig Lufft /und Adgandester / welcher ihm mit seinem Schilde viel Streiche
abgelehnet / hingegen selbst sieben Wunden hierüber bekommen hatte / Raum und
Gelegenheit / dass Herrmann wieder zu Pferde kommen konnte; indem er selbst von
dem seinigen absprang /und es seinen Feldherrn beschreiten liess. Dieser war kaum
in diesem Stande / und der von Verblutung ziemlich matte Adgandester hatte sich
kaum wieder auff eines erlegten Römers Pferd geschwungen; und die übrigen Grafen
an ihren Hertzog gezogen / als gegen ihnen ein Ritter in einem ganz vergüldeten
Harnische und Helme / den ein Pfauen-Schwantz zierte / nebst drei tausend
Armenischen und Numidischen Schützen / derer ertztene Helme mit feuerroten
Federn nach Erfindung der Carier gläntzten / ihre Pferde aber / so wohl als sie
/ nach Partischer Art in stählerne Pantzerhemde eingenehet waren / herfür
rückte /welche die Lufft mit ihren Pfeilen gleichsam schwartz machten; also /
dass / ob wohl der Feldherr mit seinem Schwerdte keinen vergebenen Streich tät /
dass nicht einer der Feinde entweder das Leben oder die Kühnheit sich ihm zu
nähern verlohr / er und seine Helden rings umher mit Feinden umringt waren. Ja /
was noch ärger / so hatte Segestes den Römern welche gleichsam zwischen dem
Walde und einer See vorhin eingesperret waren / durch den Sumpff einen Furt
gewiesen; als sie so wohl dem Feldherrn als dem Vortrabe in Rücken kamen. An
beiden Orten stand es schon auff der eussersten Spitze / und die Not war recht
an Mann kommen; Fürst Catumer war in einen Arm / Fürst Sesitach an die lincke
Hüffte verwundet; von des Feldherrn hundert Grafen hatte mehr als die helfte ins
Grass gebissen / und von seinen zwei tausenden war mehr als das vierdte Teil
erlegt. Eggius führte an einer / und der Armenische Fürst Zeno an der andern
Seite mit steter Abwechselung frischer Völcker die ihrigen nichts minder mit
Worten / als mit ihrem Beispiel auff die Deutschen an / welche gleichwohl wie
Mauern stunden / als Ingniomer und Arpus mit dem Gross des Heeres ankamen / und
die ihrigen / so von der Menge der Römer / Armenier /Numidier / Nemeter /
Vangionen / Gallier und Eretenser übermannet wurden / entsetzten. Nunmehro ging
die rechte Schlacht allererst an / und das Auge der Welt stieg gleich an dem
blauen Morgen-Ecke des Himmels auff seinen vergüldeten Wagen empor: womit es
einen Zuschauer dieser blutigen Schlacht abgeben könnte. Der Feldherr / als er
sich nun dem Feinde genugsam gewachsen zu sein achtete / liess an den Segimer
Verordnung abgehen / dass er und seine Völcker Fuss für Fuss zurück weichen / und
dem Feinde Raum und Platz zu einer völligen Schlacht-Ordnung machen sollte.
Welches er nebst dem Fürsten Catumer und Sesitach jedoch dem Feind allezeit die
Stirn bietend / mit sehr guter Art ins Werck richtete. Der Feind nahm dieses für
eine kleinmütige Flucht auff / drang an dreien Orten / wo nehmlich der Feldherr
und Hertzog Segimer gefochten / Segestes aber den Furt gefunden hatte / mit
aller Gewalt nach /also / dass weder Qvintilius Varus / noch Lucius Eggius /
welcher allentalben das Lob eines vernünftigen Feld-Hauptmanns und eines
behertzten Kriegs-Manns verdiente / die ihrigen zurück halten konten; weil beide
nicht allein sahen / dass das Römische Heer sich hierdurch aus dem Vorteil begab
/ sondern auch / als Varus und Eggius über diesen Fluss selbst setzen wollten /
beider Pferde gleichsam kollernde solches zu tun weigerten / ja so gar Tränen
aus den Augen fallen liessen. Bei welcher Begebenheit sie sich erinnerten: dass
auff gleichmässige Art die durch den Fluss Rubico zu setzen widerstrebende Pferde
dem Käyser Julius den bei nahe begegnenden Untergang wahrgesagt haben. Nachdem
es aber nicht zu ändern war /und es unverantwortlich und noch schädlicher schien
/die Helffte des Heeres / welches durch die drei Wege auff das freie Feld schon
durchgebrochen war / im Stiche zu lassen / mussten sie aus der Not eine Tugend
machen / also die rote Blutfan zum Zeichen der Schlacht auffstecken / das
ganze Heer ihre Segen Aexte / Ketten / Grabescheite / Sicheln / Riemen / und
das auff zwantzig Tage mit sich genomene zweimal gebackene Brodt abwerffen und
übergehen lassen /also auf verwechselten Pferden folgen / hierauf auch so gut /
als es die Zeit und der Ort lidte / in Schlacht-Ordnung stellen. Sintemal für
dismal unmöglich war der Römischen Art nach alle Hülfs-Völcker an die Spitze /
die leicht gerüsteten an die Stirne der Legionen / und die alten Kriegs-Leute
zum Hinterhalte zu ordnen. Den rechten Flügel / welcher von einer Legion /
fünftausend Nemetern / Tribozern und Vangionen / welche allererst den Abend
vorher ins Römische Läger ankommen waren / und sieben tausend Galliern bestand /
führte Lucius Eggius / Viridomar der Vangionen / und Günterich der Trierer
Hertzog. Im lincken Flügel war eine Legion Römer / dreitausend Tracier /
viertausend Ubier und Menapier / achttausend andere Gallier / und hatte zu
Kriegs-Häuptern den Cejonius / Rhemetaltzen einen Fürsten aus Tracien / den
Menapischen Fürsten Malorich / und den Hertzog der Bituriger Ambigat. Das
mittlere Gross hatte andertalb Legionen Römer / zweitausend Usipier / tausend
Cassuarier / mit denen Segestes übergelauffen / tausend Juhoner / zehntausend
Gallier /worinnen Quintilius Varus / als oberster Feldherr / in Person /
Segestes / Britomar / der Ubier Fürst / und Arbogast der Mediomatrizer Hertzog
/ oberste Befehlhaber waren. Die auf achttausend Mann sich belauffende Reiterei
führte auf der einen Seite Vala Numonius / auf der andern Zeno ein Armenischer
Fürst. Hierunter waren zweitausend Römer / das andere Trierer / Armenier und
Numidier / welche teils mit ihren Pferden gepantzert / und mit schweren Waffen
versehen waren / teils aber nackt und mit blossen Bogen gerüstet / auf Pferden
ohne Sattel und Zaum sassen / und noch ein Bei-Pferd an der Seite lauffen hatten
/ von derer einem auf das andere sie mit unglaublicher Geschwindigkeit zu
springen / und mit einem Winck der Spiess-Rute selbte meisterlich zu leiten
wussten. Zweitausend Cretensische Schleuderer waren dort und dar
zwischeneingespickt / welche sich rühmten: dass von der Heftigkeit ihres
Schleuderns die bleienen Kugeln in der Luft zerschmeltzten / und ihre Steine
alle Harnische durchdringen. Dass also die frembden Hülfs-Völcker / wider die
alte Römische Kriegsverfassung / an Fuss-Knechten mehr als zwei-an Reiterei mehr
als dreimal die Anzahl der Römer überstieg. Hingegen vertraute der Feldherr dem
Ingniomer den lincken / dem Arpus den rechten Flügel; Segimer bedeckte mit der
Reiterei den lincken / und Catumer den rechten Flügel; der Feldherr selbst
führte das Gross in der Mitten / und Hertzog Ganasch blieb zum Hinterhalte unter
einem Hügel stehen. Varus änderte das früh gegebene Wort / und gab anietzt: die
Glückseligkeit / Herrman aber: die Freiheit. Dieses ward nur mündlich / jenes
aber auf gewissen beschriebenen Höltzlein herumbgegeben.
    Das Treffen begonte nach erlangter Fläche von denen teils an die Spitze
gestellten / teils zwischen die Flügel eingespielten Schleuderern; kurtz aber
darauff von den erstern Fahnen derer dreifach hinter einander gestellten Hauffen
/ wiewohl so wohl auff deutscher als Römischer Seiten im rechten Flügel zum
ersten. Alleine die Römer / welche wegen der in lincken Armen hängender Schilde
die Deutschen auf der Seite zu blössen / und ihnen einen besondern Vorteil
abzujagen vermeinten / befunden sich mercklich betrogen; weil der Feldher in
seinem lincken Flügel alle die / welche linckisch / oder linck und recht waren /
gestellet hatte; welche ihre Schilde alle in rechten Arm nahmen / und dadurch
die Römer in ihrem ganzen Gefechte verwirreten. Hertzog Segimern u. Catumern
mochte weder die Mattigkeit von vorigem Kampfe /noch die empfangenen Wunden
hindern: dass sie nicht auf den Feind so hurtig als vor immermehr los giengen.
Die Numidischen Schleuderer und die Armenische Reiterei / welche ihre Pantzer /
umb ihren Feind zu vielen vergebenen Streichen zu veranlassen / mit baumwöllenen
Röcken verdeckt hatte / täte mit ihren Pfeilen und Wurffspiessen ziemlichen
Schaden / weil doch der Catten aus hanfenen Fadenen gestrickte und in Essig
gehärtete / oder hörnerne aus Pferdehuf Schuppenweise mit Drate zusammen
gemachte Brust-Harnische und höltzerne Schilde / nicht wie jener aus stählernen
Ringen gemachte Pantzer und lederne Schilde den Stich halten wollten / und
Hertzog Segimer ward von dem Armenischen Fürsten mit einem durch die lincke
Achsel so heftig verwundet / dass er aus dem Gefechte sich zurücke ziehen und
seinem Sohne Sesitach seine Stelle zu vertreten anvertrauen musste. Hingegen
zertrennete die deutsche Reiterei mit ihren langen Spiessen die Römischen
Glieder / zernichteten mit ihren schweren Streit-Hammern die dickesten Schilde
und die aufs beste gehärteten Harnische. Ihre mit Wiederhacken gespjetzte
Wurff-Spiesse machten auch die / welche gleich an keinem gefährlichen Orte ver
wundet waren / zum Fechten unfähig /weil sie mussten aus dem verletzten Gliede
geschnidten werden. Weñ sie selbte nun in Verwirrung gebracht hatten / sprangen
sie von ihren Pferden / die inzwischen auf ihrer Stelle stock stille zu stehen
gewohnt waren / stachen ihre kurtze Degen teils den Pferden / teils den
Feinden in ihre Bäuche / schwungen sich hiermit wieder auf die Pferde / und
brachen an einem andern Orte ein; also dass / wenn Fürst Zeno mit seinen
geschwinden Armeniern nicht mehrmals in die Lücken gerückt / und den Römern sich
zu erholen Lufft gemacht hätte / das Fussvolck bei zeiten würde bloss gestanden
sein. Dieser Held fiel nicht anders als der Blitz bald dar bald dort ein / und
wie sehr sich Fürst Sesitach bemühete mit ihm anzubinden / diente doch seine
ungewöhnliche Landes-Art zu fechten /ihm gegen dem schweren Reisigen Zeuge zu
einem besondern Vorteil. Endlich hieng sich einer aus denen Cheruskischen
Edelleuten an ihn / welcher eine leichte mit güldenen Blumen bestreuete Rüstung
führte; also / dass Zeno ihm endlich stand halten musste /oder sich vielmehr
freiwillig wider ihn setzte / als er sah / dass ein einiger Ritter ihm so auf
den Hals ging; umb zu bezeugen / dass seine vorige geschwinde Abwechselungen
nicht eine verzagte Flucht / sondern eine vorteilhaftige Krieges-Art gewesen.
Diese zwei rennten mit ihren Lantzen so heftig aneinander / dass die Stücke davon
in die Luft flogen / und fingen mit ihren Degen so einen hitzigen Kampf
gegeneinander an / dass die umb sie herumb fochten /und auf die Streiche ihres
eigenen Feindes genungsam Achtung zu geben hatten / deñoch ein vorwitziges Auge
auf diese zwei Kämpfer warffen; gleich als wenn an ihrem Siege und Verlust auch
eines oder des andern Teils Verderben oder Wolfart hienge. Als nach langem
Gefechte der Armenische Printz wahrnahm / dass wegen des Deutschen Hurtigkeit und
Vorsicht mit dem Degen nichts auszurichten wäre / warff er sein Pferd herumb /
riess einem Armenier einen Wurff-Spiess aus / und nach dem der Deutsche einem
andern / der ihn auf der Seite anfiel / einen Streich versetzen musste / warf
Zeno selbten so glücklich / dass er dem Deutschen den Schenckel verwundete / und
in den Bauch des Pferdes so tief hinein drang / worüber Mann und Pferd zu Boden
stürtzten. Hierüber wurden die Armenier so hochmütig / als wenn durch diesen
glücklichen Streich der völlige Sieg erlanget wäre /die Deutschen aber so
erbittert / als wenn Zeno den Feld-Herrn selbst erleget hätte. Und hiermit ging
das Schlagen aufs neue mit zweifachem Eifer an. Der Gefallene konnte wegen
empfangener Wunde von der Erde nicht empor kommen. Sesitach tät zwar das
äuserste ihm aufzuhelffen; das Gedränge aber war umb ihn so gross / und Zeno traf
mit einem andern Wurf-Spiesse des Sesitach Pferd / dass selbter unter seine
Grafen zurück weichen musste. Inzwischen wäre der Gefallene numehro der Rache der
wütenden Feinde aufgeopfert worden / wenn nicht zu seinem Glücke ein Pferd ihm
den Helm vom Haupte getreten / und hiemit dem Fürsten Zeno das schönste Antlitz
unter der Sonnen ins Auge geworffen hätte. Dieser ward hierüber ganz erstarrend
/ nicht anders als wenn ihm das Haupt der Medusen ins Gesichte gefallen wäre.
Bald aber erholte er sich / und verbot den Seinigen alle fernere Beleidigung /
befahl auch den Verwundeten alsofort aus dem Treffen wegzuführen. Unterdessen
hatte Sesitach ein frisches Pferd bestiegen / und kam nun sich an den Zeno aufs
neue zu machen / als er des Hertzog Herrmanns wunderschöne Schwester /die
unvergleichliche Issmene verwundet und in den Händen des Feindes sah. Denn diese
Fürstin hatte sich ihrer Landes-Art nach nebst etlichen andern Frauenzimmern dem
Kriegs-Heere mit unkentlicher Rüstung eingemischet. Issmene! Issmene! rief er /
aus ganzen Kräften / und sprengte damit auf die / welche sie gefangen führten /
zu. Alleine der Hertzog aus Armenien / der numehr allererst von seinem Feinde
erfuhr / was für ein Kleinod in seine Hände verfallen wäre / begegnete ihm mit
ungläublicher Gegenwehr /also dass Issmene aus den Augen dieses Fürsten geriet /
und denen Deutschen sie zu erlösen alle Hoffnung entfiel. Es war nicht anders /
als weñ Eris einen neuen Zanck-Apfel zwischen diese zwei Helden geworffen /und
selbten dem Uberwinder zum Siegs-Preise aufgesetzt hätte. Sie fielen einander so
rasend an / gleich als wenn sie aus Mutter-Leibe gegeneinander Tod-Feindschaft
gebracht hätten. Weil aber Sesitach numehro ganzer sechs Stunden gefochten
hatte / ihn auch die empfangene Wunde nicht wenig im Fechten hinderte / würde er
/ und mit ihm die deutsche Reiterei auf selbiger Seiten / diesen hurtigen Feind
kaum länger bestanden haben / wenn nicht Hertzog Ganasch auf Verordnung des
Feld-Herrn / durch die in der Schlacht-Ordnung zwischen jeden dreien Fahnen
gelassene Strassen / mit einem Teile seines Hinterhalts ihnen zu Hülffe kommen
wäre. Sesitach hatte von den Wurff-Spiessen des Zeno numehr das andere Pferd
verloren / und musste sich zu Fusse gegen ihm verteidigen / als der Chauzer
Hertzog ihn mit dem Degen in der Faust ablösete. Ehe nun Zeno sein recht inne
ward / hieb Ganasch ihm den Zügel am Pferde entzwei / und nach dem er dergestalt
sich nicht wenden konnte / versetzte ihm Ganasch mit einem schweren Streit-Hammer
einen so harten Schlag rückwerts aufs Haupt / dass er ganz ertäubet auff den
Erd-Boden fiel. Die Armenier verloren mit diesem Schlage auch all ihr Hertz /
meinende: dass ihr Fürst entweder von selbtem entseelet / oder doch von denen
über ihn sprengenden Pferden zertreten sei. Hiemit fingen sie an gegen die
frischen Völcker des Ganasch laulichter zu fechten und endlich die Flucht zu
ergreiffen / also /dass die Römische Reiterei / ungeachtet selbter der zum
Hinterhalt stehende Flügel von eitel alten Rittern zu hülffe kam / auch nicht
länger den Anfall der Deutschen aushalten konnte / und auf selbiger Seiten ihr
Fuss-Volck ganz bloss stehen blieb / den Armenischen Fürsten aber in den Händen
des Hertzog Ganasches liessen.
    Ehe diese Begebenheiten sich auf dieser Seiten dergestalt zugetragen hatten
/ war Fürst Catumer schon aus der andern Seiten der Römischen Reiterei Meister
worden. Deñ diese war gegen die Deutsche solangsam / dass die Römischen Reiter
Fussgänger zu sein / die Deutschen aber sich alleine auf Pferden zu bewegen
schienen Dahero ward Vala Numonius von des Cattischen Fürsten Lantze auf der
rechten Seiten verwundet / die Römischen und Trierischen Glieder von dem
Deutschen Adel durchbrochen / worauf er zum ersten die schimpflichste Flucht
ergriff. Ja der Deutschen Tapfferkeit hatte ihm eine solche Furcht eingejagt
/dass er nicht näher als am Rheinstrome sichern Stand zu finden trauete.
    Hingegen fochten Eggius / Viridomar und Günterich im rechten Flügel zu ihrem
unsterblichen Ruhme und des Numonius Schande desto hertzhafter. Denn die
Vangionen und Trierer hatten zwar durch Versetzung ihres Sitzes in Gallien einen
gelindern Himmel erkieset / auch durch lange Gewohnheit mit den Römern umzugehen
und mit ihnen sich zu befreunden /fast alle Liebe des alten Vaterlands verlernet
/ gleichwohl aber grösten teils ihre deutsche Tapfferkeit behalten. Und Lucius
Eggius war sonder Zweiffel der Ausbund der Römischen Kriegs-Obersten; welcher
über des Qvintilius Varus Uppigkeiten offters sein Missgefallen bezeugt / und von
der anfälligen Senche so vieler Wollüste nicht angesteckt worden war / sondern
mit den alten Römischen Sitten auch die Kriegs-Zucht bei seinem Volcke /
ungeachtet des Varus Nachlässigkeit / unversehret behalten hatte. Dieser hielt
selbtem nicht allein ein: Sie hätten dreimal so viel Pannonier und Dalmatier
erlegt / und noch keinem Feinde den Rücken gekehret. Dieser Barbarn ganze Macht
bestünde an dem ersten Ungestümme /welches keinen Bestand hätte / sondern wenn
nur der erste Anfall behertzt überstanden wäre / Anfangs sich in Trägheit /
hernach in knechtische Kleinmut verwandele. Er wolle bei ihnen Gut und Blut
auffsetzen /und diesen Tag entweder todt sein / oder den alten Preis der
Römischen Waffen behaupten; sondern sein Tun diente auch denen Behertzten zu
einem Beispiel / denen Verzagten zu einer Auffmunterung. Uberdiss hatte Eggius in
das erste Glied der vördersten Kriegs-Hauffen meistenteils alte ausgediente
freiwillige Römische Rittersleute gestellet / und ihnen zu Hauptleuten so gar
Rats-Herren zugeordnet; wie die Römer nur in äusersten Notfällen zu tun
pflegeten. Ingniomer hingegen ward durch der glücklichen und tapferer Leute
Gemüts-Regung / nämlich einen Lobswürdigen Ehr-Geitz zu ungemeinen
Helden-Taten angerejetzt / umb zu erweisen / dass auch er der obersten
Feldhauptmannschaft würdig gewest wäre. Er selbst begegnete den kühnesten
Feinden zum ersten / lobte die Seinigen / welche sich ritterlich hielten /
schalt die Kleinmütigen / tröstete die Verwundeten / und halff den Gefallenen
auff. Eggius / welcher die Seinen dort und dar einbüssen und in Unordnung
bringen sah / verwandelte seine Hertzhaftigkeit in ein Wütten. Denn als er
einen Hauptmann für einem Deutschen zurück weichen sah / stiess er ihm selbst
den Degen in Leib / riess ihm den Schild vom Arme /und war an den gefährlichsten
Orten stets der förderste. Als auch dis nichts verfangen wollte / seine Römer
hertzhaft zu machen / warff er das Kriegs-Zeichen des Drachens mitten unter die
Feinde. Durch welches Mittel die Römer mehrmals ihre ganz zertrenneten Heere
wieder in Stand gebracht; weil sie nicht alleine zu diesen Bildern zu schweren /
sie in Feier-Tagen einzubalsamen / und den Göttern gleich zu verehren / sondern
auch die / welche sie in der Schlacht einbüssen /mit Rutten zu peitschen und zu
entaupten pflegen. Diese Erfindung verursachte zwar keine geringe Veränderung
in dem Streite der Römer / welche freilich wohl noch einen verzweifelten Ansatz
täten; weil aber Vala Numonius die Flucht ergriffen hatte / und Catumer mit
einem Teile seines reisigen Zeuges / welcher nicht den Feind verfolgte / auf
der Seite in den rechten Flügel einbrach / warff er alle gute Verfassung des
Eggius vollends über einen Hauffen / und riess dem Casca die erste Fahn / darauf
ein. Wolff gebildet war /zu grossem Schrecken der Römer aus den Händen.
Viridomar wollte gegen ihm die Ordnung erhalten / er ward aber zu Boden gerennt /
und von Pferden ertreten. Den Fürsten Günterich schlug Catumer mit einem
Streit-Hammer so heftig / dass ihm Gehöre und Gesichte verging / und stiess ihm
den Degen unter dem Pantzer in Leib / dass er darüber seine Seele ausbliess.
Hiermit gediegen die Deutschen biss in das Mittel der Legion / und waren gleich
einem Ameisshauffen umb den Römischen Adler zu erobern beämsigt. Eggius und die
Streitbarsten drangen den Ihrigen allhier zu Hülffe / und es mochten weder
Spiesse / noch Hacken / noch Schwerdter ihnen den Weg verschrencken; gleich als
mit diesem Fahne das Schutz-Bild des Römischen Reichs verteidigt werden sollte.
Kein Römer wiech hier einen Fuss breit zurücke / sondern sie fielen von der Menge
ihrer Feinde Gliederweise / wo ein ieder gestanden war; und in eines ieden
erlegten Lücke trat alsobald ein ander in die Stelle; also dass die Streitenden
numehr nicht auf der Erden / sondern denen todten Leichnamen ihren Kampf-Platz
hatten. Inguiomer selbst / weil er wohl sah / dass am grossmütigen Eggius das
Haupt-Werck des Sieges gelegen war / machte sich an ihn. Dieser fochte wie ein
verzweifelter Löwe / welchem man seine jungen rauben will / und jenem hatte die
Begierde eines so treflichen Feindes Meister zu werden Mut und Kräfften
vergrössert. Jedoch konnte so grosse Heftigkeit in die Länge nicht austauren.
Eggius hatte zwar einen Uberfluss von Mute / aber endlich Mangel an Kräften /und
er konnte kaum mehr atmen / oder die Glieder rühren / als Inguiomer ihm einen so
heftigen Streich versetzte / dass mit der Hand ihm auch sein Schwerdt entfiel.
Alsobald stiess er ihm den Degen durch die Gurgel. So unglücklich verging dieser
Ausbund der streitbarsten Römer / wo anders ein hertzhafter Tod nicht für eine
allgemeine / dis aber / dass er keinen Römischen Adler noch in den Händen des
Feindes sah / für seine absondere Glückseligkeit zu achten war. Kein
Donner-Schlag / der einen ganzen Turn zu Boden wirfft / kann grösseres
Schrecken verursachen / als die Niederlage dieser Römischen Seule. Mit seinem
Falle entfiel auch den Streitbarsten der Mut /und die Hoffnung ihrer Erhaltung.
Denn wie die einem Heerführer zustossende Gefahr eine nicht geringe Ursache des
Sieges abgibt / weil ieder ihn zu erhalten seine äuserste Kräften anstreckt;
also ist der Tod desselben auch die wichtigste Ursache der Niederlage / weil mit
seinem Leben iedem schier das Hertze entfällt. Der Fendrich / als er kaum noch
eine Handvoll seiner Verteidiger umb sich sah / umbarmete den ihm
anvertraueten Adler / und stach ihm selbst den Degen in die Brust. Denn was
hätte eines Römers Leben für ein ärgerer Schandfleck angebrennt werden können /
als dass ihm der erste Römische Adler in Deutschland wäre abgenommen worden?
Inguiomer ergriff nun selbst den Adler / Catumer aber riess fast eben zu einer
Zeit einem Gallier ihre Kriegs-Fahne / auf welcher ein Hahn stund / aus / und
wie diesen überwundenen Hülffs-Völckern weder die Ruhms-noch Siegs-Begierde /
sondern die Not ihres Zustandes die Waffen in die Hand gegeben hatte /also
vermochten sie so wenig ietzt / als vorhin iemals der Deutschen Tapferkeit die
Waage zu halten. Dahero suchten sie ihr Leben / als ein besonder Geschencke des
Verhängnisses durch eine offene Flucht zur Ausbeute davon zu bringen. Sintemal
die Römer ihre Bunds-Genossen stets an die Spitze zu stellen / und mit der
eroberten Länder Blute die Benachbarten zu überwinden gewohnt waren.
    Im lincken Flügel lieff das Spiel nichts glücklicher. Rhemetalces hatte mit
seinen Traciern zuförderst dem ersten Sturme der Deutschen zu begegnen
erwehlet. Ihr erstes Geschoss / ehe sie zu den Schwerdtern griffen / waren Pfeile
und leichte Wurff-Spiesse. Daher / wenn das erste Glied sich verschossen hatte
/es sich biss zur Erde bückte / und so auch das andere und dritte / biss das
vierdie Glied auch sein Geschoss anbracht; da denn die fördersten Glieder /
welche unter dess ihre Bogen spanneten / wieder den Anfang machten. Alleine die
Deutschen drangen mit ihren langen Spiessen den Traciern bald so nahe auf den
Hals / dass sie ihr Geschoss nicht länger brauchen konten / biss die Römer / welche
überaus verbittert wurden / dass die jungen Cattischen Edelleute / neben dem
deutschen rechten Flügel / an ihrer Pferde Hälse zu zwei und drei Feindes-Köpfe
henckten / durch Zusammenrückung ihrer Hauffen / in dem anfangs ieder Kriegsmann
rings um sich her sechs Schuch / numehr aber nur drei Schuch lang Platz hatte /
denen Traciern neuen Platz machten. Diese gebrauchten sich darauf einer neuen
Kampf-Art / steckten auch ein neues Kriegs-Zeichen auf / nämlich einen Drachen
/dessen silberner Kopf mit offenem Rachen die Zähne bläckte / und / wenn der
Wind hinein ging / zischte /der übrige hinausgehende Leib aber recht nach der
eigentlichen Beschaffenheit der Drachen gemahlet war. Welches denen Catten
anfangs seltzam und zäuberisch fürkam. Ihre Art zu kämpfen gleichte sich dem
Blitze / weil sie so fertig auf den Feind los giengen /und selbten durch Pfeile
und Wurff-Spiesse beschädigten / im Augen-Blicke sich aber auf die Seiten
zerteilten / und hinter die geschlossenen Hauffen der Römer wider setzten.
Alleine Hertzog Arpus und seine Catten gewohnten alsobald beider Neuigkeiten
/liessen sich also nichts irre machen / sondern durchdrangen die Römischen
Glieder / verbeugten den Traciern mehrmals an den Strassen der Römischen
Schlacht-Ordnung den Weg / also / dass wenn nicht Fürst Rhemetalces seine Völcker
wieder zusammen gerafft / und durch unzehlbare frische Anfälle den Deutschen zu
tun / den Römern Luft gemacht hätte /dieser Flügel in kurtzer Zeit würde
zertrennet worden sein. Zumal der Graf von Solms das Glücke hatte /im ersten
Treffen den Römischen Obersten Pansa zu tödten / welchen damalige zwei Monate
die Reie traf / über diese Legion und die fünf ändern Obersten zu gebieten. Denn
denen Menapiern und Biturigern schiene der Streit ein schlechter Ernst zu sein /
als welche ungewiss waren / ob der Römische Sieg oder Verlust ihnen eine
Erleichterung schaffen / oder grössere Bürde aufweltzen würde. Ja sie waren in
ihrem Gewissen überzeugt / dass die Gallier ihre Freiheit in sieben Jahren mit
minderem Schimpf verloren / als sie sich gegenwärtig wider die Verteidiger der
Deutschen Freiheit hätten zu fechten gebrauchen lassen. Dahero / wie gegen
angedräuete Dienstbarkeit am blutigsten und am gerechtesten gefochten wird /also
kühlet sich dar aller Eyfer bald ab / wo die Kriegs-Leute die Würckung des
Sieges selbst verdammen. Cejonius fochte nichts weniger ganz laulicht / und
büssete das Siegszeichen des Elephanten ein / welches das andere hundert dieser
Legion noch unter dem Käyser Julius durch tapfere Zurücktreibung der
Pompejischen Elefanten zu führen verdient hatte; weil er dem Quintilius Varus
sich aus dem befestigten Läger zu begeben beweglich aber vergebens widerraten /
und einen traurigen Ausgang selbst vorher wahrgesagt hatte. Also wird die
Ausführung eines Rat-Schlusses niemanden gefährlicher vertraut / als dem / der
selbten von Anfang verworffen hat. Und die einmal eingebildete Furcht läst ihr
auch durch handgreiffliche Ursachen ihren einmal gefassten Aberglauben nicht
ausreden. Bei solcher Beschaffenheit war unter den Grossen auf dieser blutigen
Schau-Bühne der Tracische Fürst der mutigste / der das Trauerspiel feurig und
mit Aufopferung vieler Todten ansehnlich machte. Der Catten Hertzog nahm daher
ihm Ursache / fand auch unschwer Gelegenheit gegen ihm seine Kräfften zu messen.
Rhemetalces empfing den Arpus so behertzt / dass auch die Kleinmütigen beschämt
und noch neben ihm Stand zu halten veranlasst worden. Beide verwundeten zugleich
einander ihre Pferde / also dass sie abspringen und mit den Degen zu Fusse
gegeneinander streiten mussten. Arpus verletzte den Rhemetalces in Schenckel /
dieser jenen in Arm / und es hatte sich weder einer noch der ander einigen
erlangten Vorteils zu rühmen / als der Graf von Nassau das Kriegs-Zeichen /
darauff das silberne Bild des Drusus stand / dem Petronius auswand / und
Sesitach zugleich mit seiner Reuterei nun auch in diesen Flügel einbrach /
welche teils mit ihren Lantzen und viel längern Degen / als das Fussvolck zu
führen gewohnt ist / die Glieder zertreñeten / teils durch die Gewalt der
Pferde die Römer zu Boden renneten /also dass Cejonius in das Tal zwischen das
Gestrüttig zu weichen / und sich in das verlassene Römische Läger zu flüchten
befahl. Die Römer folgten ihrem zurückweichenden Adler / die Gallier ihren
Fahnen nach. Rhemetalces blieb allein mit seinen wenigen Traciern stehen / und
verfluchte die Zagheit des Cejonius. Alleine was sollte diese Handvoll Volck
gegen dem Strome eines siegenden Heeres ausrichten? Die hartnäckichten Tracier
wurden fast alle erschlagen /dem Fürsten Rhemetalces aber / welcher auf dieser
Wallstatt gerne eine ruhmwürdige Helden-Baare erlanget hätte / ward es nicht so
gut / dass er sterben mochte. Denn Hertzog Arpus befahl / dass ihn niemand
verwunden / sondern lebendig fangen sollte.
    Das mittlere Gross beider Kriegs-Heere kam am längsamsten zum Treffen / weil
Hertzog Herrmann wahrgenommen / dass die grösseste Macht der Römer darein
gestellt war / und daher befohlen hatte / dass seine zwei Flügel sich als zwei
Hörner herfür ziehen / und den Feind bald Anfangs zum Schrecken des langsam zum
Gefechte kommenden Kernes in seiner Schwäche angreiffen sollten. Nichts desto
weniger war der Streit am allergrimmigsten / und dahero auch am blutigsten.
Sintemal wie in dem Hertzen alle Lebens-Kräffte gleichsam in einen Mittel-Punct
zusammen gezogen werden; also sich umb beide obriste Feldherren auch die Kräffte
der Streitenden aneinander drangen. Denn diese sind in Wahrheit das Hertz und
die Seele eines Heeres / welche allen andern Gliedern ihre Bewegung mitteilen /
und durch vorsichtige oder schlimme Anstalt den Ausgang einer Schlacht herrlich
oder erbärmlich machen. Quintilius Varus kam zu dieser Schlacht wider seinen
Willen / und dahero auch mit weniger Hoffnung des Sieges. Ihn trug nicht allein
sein Gemüte nicht zu den Waffen / und seine Lebens-Art hatte ihm auch keine
kriegerische Zuneigung angewöhnt; sondern es hatte so wohl sein natürlicher Trieb
/ als seine bisherige Verwaltungen ihn mehr zu Schlichtung der Rechts-Händel /
als Schlacht-Ordnungen zu stellen geschickt gemacht. Denn Syrien / so lange er
Land-Vogt daselbst war / behielt mit seinem Gehorsam eine beständige Ruhe / und
seine wichtigste Verrichtungen waren daselbst gewest / dass er dem Herodes im
Nahmen des Kaysers die Landschaften Trachonitis und Batanee eingeliefert / die
Stadt Cäsarea dem Drusus zu Ehren köstlicher zu erbauen / mit einem grossen
Hafen zu versehen / eingeraten / ja zwischen dem Herodes und den Gadarensern
einen Richter abgegeben / und jenem des alten Jüdischen König Davids Grab zu
erbrechen / und dadurch seinem Geitze eine Nase zu drehen Anlass gegeben hatte.
Ob auch wohl die erschöpften Juden zuletzt wider den Varus und Sabinus / als von
welchen sie biss auffs Blut ausgemergelt / ihre Schlösser ihnen abgenommen / des
Herodes verlassene Schätze gewaltsam angegriffen / ja aus dem Tempel zu
Jerusalem der Kirchen-Schatz geraubt worden / am Pfingst-Feste einen Aufstand
erregten / auch den Sabinus / Rufus und Gratus / sambt der dritten Legion in der
Burg Zion belägerten / und Atronges ein gemeiner doch starcker Hirte sich zum
Könige auffwarff; so zerstreueten sich doch die Aufrührer / als sie nur hörten /
dass Quintilius Varus mit zwei Legionen im Anzuge begriffen / aus Ptolemais
funfzehenhundert / und vom Könige Aretas noch eine grössere Anzahl
Hülffs-Völcker zu ihm gestossen waren. Worüber Atronges gefangen / und nebst
zweitausend Rädelsführern vom Varus ans Creutze genagelt wurden. Als Varus in
Deutschland kam / war selbtes eben so wohl in Ruhe /dahero nichts minder seines
Leibes als Gemütes Beschaffenheit ähnlich. Er verhing dem Kriegs-Volcke allen
Mutwillen und Müssiggang. Jederman dorfte gekochtes Fleisch / neugebackenes
Weissbrodt / und andere niedliche Speisen auch zur Unzeit essen /wenn gleich
nicht das allgemeine Zeichen dazu gegeben ward. Nicht nur die Obersten /
Hauptleute / Reiterei / und die Freiwilligen waren aller Arbeit entoben;
sondern er liess auch das gemeine Fuss-Volck /welches teils numehr über
schlechter Arbeit schwitzte und seufzete / den Schantz-Bau dem gemeinen
Kriegs-Gesinde aufbürden. Nach dem das Läger nur genung befestigt war / blieben
alle Kriegs-Ubungen nach / die doch sonst die neugeworbenen des Tages zweimal /
die alten einmal treiben / und noch dazu Sümpfe trocknen / Hafen vertieffen
/Flüsse räumen /oder anderwerts hinleiten / Schiffe und Tempel bauen / Waffen
schmieden / ja mehrmahls / umb nur durch Faulheit nicht Leib und Gemüte zu
verderben / vergebene Arbeit ausmachen mussten. Die Wachen verminderte er umb die
Helfte / also / dass sie erst den zehenden Tag herumb kam. Uberdiss liess er sie
sonder Wach-Feuer / auch noch ohne Schild und Pantzer halten / und sie dorften
die Rundten nicht nach alter Gewohnheit laut ausschreien / umb die
Krieges-Gebieter nicht im Schlafe zu stören. Die Rollen der Kriegs-Leute /
welche täglich einkommen mussten / durchsah er kaum des Monats einmal. Er machte
unter den Straffen keinen Unterschied / liess wider die Römischen Gesetze die
Frembden so bald mit Wein-Stöcken / als die Römischen Bürger mit gemeinen
Stecken schlagen. Zohe ihm also bei den Seinigen den grösten Hass auf den Hals.
Von den Deutschen bildete er ihm ein / dass in ihnen kein Geist wäre / sie auch
nichts anders von Menschen als die blosse Sprache und die äuserlichen Glieder an
sich hätten / und dahero diese ehe mit dem Kap-Zaum der Gesetze / und der
Süssigkeit eines angewohnten Friedens / als mit Schärffe der Waffen gedemütigt
werden könten. Die schlauen Deutschen / welche so viel Gehirne im Kopffe als
Marck in Gliedern hatten / stärckten durch eusserliche Bezeugungen den Varus in
seiner irrigen Einbildung. Sie erdichteten allerhand verworrene Rechts-Händel
/trugen sie den Römern für / und liessen sich von ihnen / gleich als wenn die
Götter ihnen alleine die Wagschale des Rechts und der Billigkeit anvertrauet
hätten / entscheiden. Die einander am besten verstunden / verstellten ihre
Vertrauligkeit mit Schmähungen und Gezäncke; so denn unterworffen sie sich der
Römer Vermittelung / lobten ihre Tieffsinnigkeit /danckten für ihre Urtel /
verdammten ihres eigenen Vaterlandes wilde Sitten / welche vorhin alle Zwytracht
durch das Faustrecht auszumachen gewohnt gewest wären. Ja sie baten mehrmahls
von den Römern eine Anzahl Kriegs-Leute zu Beschirmung ihrer Flecken / und
Ausrottung der Räuber und Landbeschädiger aus; gleich als wenn sie numehr die
Ubung der Waffen gar vergessen / und alle Degen in Pflugscharen verwandelt
hätten. Die Fürsten warteten dem Römischen Land-Vogte offters auff
/verschmertzten alle Bedrängnisse / luden die Römer mehrmahls zu Gaste / machten
mit denen geringern grosse Vertrauligkeit / strichen ihnen durch tausend
Lobsprüche gewaltig den Fuchs / täten ihnen ihre Uppigkeiten nach / und
beredeten sie: dass Deutschland der Römer Ankunft ihre höfflichere Sittsamkeit
/ihre gemächlichere Lebens-Art / und die Verbesserung ihres ganzen Zustandes zu
dancken hätte. Ja erst für drei Tagen war Hertzog Herrmann / Segimer / Segestes
und Ganasch beim Varus zu Gaste gewest. Also verlernte Qvintilius Varus vollends
alle Kriegs-Wissenschaft; und seine Verrichtungen waren mehr eines
Stadt-Richters als eines Feldherrn ähnlich / der sein Läger mitten in eines
streitbaren Feindes Lande hatte / und weil seine verwähnte Kriegsknechte sich
hauffenweise von ihren Fahnen verlieffen / nicht nur den Neugeworbenen / sondern
auch wohl denen / welche zehen Jahr gedienet / des Käysers Nahmen in die Hand
musste einbrennen lassen. Dem deutschen Feldherrn hingegen war die Kriegs-Lust
angestammet /das Feuer der Grossmütigkeit sah ihm aus den Augen / und die
Erfahrenheit der Waffen hatte er teils von seinem tapffern Vater Hertzog
Sigmarn /teils in denen Römischen Lägern selbst gelernet. Wie verschmitzt er
nun die Gelegenheit die unvorsichtigen und allzusicheren Römer zu überfallen /
und die teils schüchternen / teils zwistigen Fürsten auff seine Seite zu
bringen / nichts minder die Schlacht-Ordnung höchst vorteilhaftig zu machen
gewust; also machte er in gegenwärtigem Treffen zweifelhaft; ob er mehr ein
streitbarer Kriegsmann / als ein vernünftiger Heerführer wäre. Das deutsche
Heer war rückwerts Bergauff gestellet / womit dessen Grösse auff einmal den
Römern ins Gesichte fiel / und die Menge ihnen ein Schrecken einjagte. Denn in
Schlachten werden die Augen am ersten geschlagen. Dieses Schrecken bemüheten die
Deutschen sich auch in die Ohren der Römer einzujagen / indem sie ihre holen
Schilde für den Mund hielten / darein aus allen Kräfften schrien / und durch den
Widerschall das allergrausamste Getöne erregten; also / dass die Römer dafür die
Ohren zustopfften / gleich als wenn sie / wie die Indianer in dem Zuge des
Bacchus / durch das vom Pan angegebene Geschrei aus dem Felde würden gejagt
werden. Uberdis kehrten sie ihre Stirne gegen Westen; denn es hatte ihr Feldherr
vorher gesehen /dass die auffgehende Sonne dem Feinde gleich in die Augen fallen
/ und sie bländen würden. Auch befremdete bald anfänglich den Feind überaus: dass
die Deutschen nicht wie vorhin verwirret durcheinander fochte / sondern Glieder
und Ordnung hielten / auch mit bessern Waffen als vor iemals versorgt waren.
Jede unversehene Neuigkeit aber kann im Kriege ein nicht geringes Schrecken
verursachen. Welches in der Römer Gemütern so viel ehe fing / weil
unterschiedene traurige Zeichen sie vorhin bestürtzt gemacht / und den Zorn der
Götter angedräuet hatten. Die Opffertiere waren den Tag vorhero den Druyden /
welche wegen der Gallier opffern wollten / entrissen. An dem einen Römischen
Adler hatte sich ein Bienschwarm gelegt; und dem Varus hatte getraumt / als wenn
er mit dem Hertzog Herrmann zu Rom im grossen Schauplatze tantzte und von dem
Volcke mit frolockendem Zuruff bewillkommet würde. Denn ergetzende Träume legten
sie auff traurige Zufälle aus.
    Ob nun wohl die Deutschen derogestalt in mehrer Hoffnung und Vorteil
standen / der Graff von Ascanien auch denen Galliern die grosse weisse seidene
Fahne / darein mit Purpurnen Buchstaben der Nahme des Kaysers geschrieben war /
abdrang / und sie nebst denen andern ausländischen Hülffs-Völckern durch die
tapffern Cherusker in Unordnung brachte / so war doch bei den Römern die
Tapfferkeit so tieff eingewurtzelt / dass selbte weder gar noch auch bei allen
sich durch angenommene Uppigkeit hatte vertilgen lassen. Lucius Cäditius und
Caldus Cälius fochten als hertzhafte Kriegsleute / und führten die ihrigen an
/als verständige Obristen. Britomar und Arbogast waren des Käysers und des
Glücks Schosskinder / und von ihnen aus Edelleuten in die Würde der Fürsten
erhoben / also so wohl von der Natur für ihren eignen Wohlstand als aus Pflicht
für ihre Wohltäter hertzhaft zu fechten angerejetzt. Den Segestes und seine
Casuarier zwang die Furcht verzweiffelt zu fechten. Deñ was kann ein Uberläuffer
ihm schrecklichers fürbilden / als dass er in der verlassenen seinigen Hände
verfalle? Ja es war gleichsam ein Zeichen für des Qvintilius Varus sich
näherndem Ende / dass er dissmahl grössere Merckmahle der Tugend / als sonst
iemahls von sich blicken liess. Denn ein bald ausleschendes Licht gibt einen
desto grössern Strahl von sich / und die Winde / die bald auffhören wollen
/rasen desto heftiger. Das ganze Kriegs-Volck stiess und schlug so heftig auff
einander / dass das Getöne der Waffen den Schall der Trompeten und anderer
Kriegs-Spiele dämpffte / und sich offtmals den Schlägen auff Ambossen
vergleichte. Bald ward auff einer bald auff der andern Seiten durchgebrochen /
und bald zogen die Römer und Gallier / bald die Deutschen den kürtzern / und
unter beiden fiel keiner / der vom Feinde das Antlitz hätte weggekehret. Ob auch
wohl die Numidischen Schützen in der Deutschen Schilde viel Pfeile so tieff
eingeschossen / dass sie selbte unbrauchbar machten / verliess doch keiner seine
Reihe /sondern fochte mit entblösstem Leibe. Die Gallier /welche Varus mit Fleiss
zuförderst geordnet hatte /mussten länger als ihr Wille und Gewonheit war /Stand
halten. Denn die Römer standen ihnen am Rücken und wiesen denen Flüchtigen
selbst die Spitzen. Etliche Stunden dauerte die Tapfferkeit beider Teile / dass
der Sieg und Verlust auf ganz gleicher Wagschale lag. Denn Hertzog Herrmann /
als er alle Flügel wohl besichtigt und allentalben beste Anstalt gemacht / sich
auch auff die andern Heerführer zu verlassen hatte / überlieff nach so langem
Gefechte die Ungedult / dass der Feind allzu hartnäckicht ihm den Sieg
vorentielt / welchen ihm die Priester und die Hertzhaftigkeit seines Heeres
doch schon vorher versprochen hatten. Dahero vergass er sich oft / dass er der
Feldherr war / indem er in die dicksten Hauffen der kühnsten Feinde sprengte. Am
meisten aber verdross ihn / dass er den Römischen Feldhauptman Varus so lange
nicht zu Gesichte bekommen konnte; um mit eigenen Händen denen Rach-Göttern
Deutschlands eine fette Beute durch Auffopfferung des Römischen Feldherrns
abzulieffern / und dadurch die Schmach seines Vaterlandes und Geschlechts
abzuwischen: dass Marcellus nach eigenhändiger Erlegung seines Anherrns des
Königs Viridomars zum dritten mahl seine Waffen dem Feretrischen Jupiter
auffgehenckt hatte. Endlich erblickte er ihn zu Pferde unfern von dem Römischen
Adler der dritten und Haupt-Legion haltend. Alleine Cäditius Cälius und
Segestes / welcher / um sich unkentlich zu machen / den Helm verwechselt und
seinen Harnisch mit einem Römischen Waffen-Rocke verdeckt hatte / machten mit
fast verzweiffelter Gegenwehr dem Feldherrn so viel zu schaffen / dass er dem
Varus unmöglich beikommen konnte. Hierauff entschloss er durch drei hundert
Cheruskische Edelleute / welche er auff einen sonderbaren Notfall von der
andern Reiterei abgesondert und hinter sein Fussvolck an einen niedrigen Ort also
unsichtbar gestellet hatte / sein Heil zu versuchen. Hiermit befahl er: dass in
der mitten das Fussvolck sich augenblicks trennen und daselbst diesem reisigen
Zeuge Platz zum Einbruche machen sollte. Den Römern kam dieser Angriff der
Reuterei so unvermutet / gleich als ob selbte aus den Wolcken gerennet kämen.
Und weil es unmöglich war gegen sie einige Römische Reuterei durchzubringen /
litte ihr bestes Fussvolck unglaublichen Schiffbruch /und ihre ganze Verfassung
geriet in heftige Zerrüttung. Unter diesen Edelleuten war auch dieser / der für
der Schlacht gegen die fremde Königin den ebenteuerlichen Zweikampf ausgeübt
hatte. Dieser setzte ihm für / seine Hertzhaftigkeit nunmehr auch gegen Männer
auszuüben / nachdem er durch eine ohne diss meist nur zufällige Uberwindung eines
Weibes mehr Verkleinerung als Ehre erlangt zu haben ihm einbildete. Mit denen
Galliern / deren Häupter sich zwischen dem Fussvolk ebenfals zu Pferde befanden
/ anzubinden / war ihm auch nicht anständig / als derer erstern Sturm man zwar
für mehr als männlich / ihren Verfolg des Kampfes aber schlechter als weibisch
hielt. Hiemit geriet er an den Segestes / und rennte mit verhängter Lantze
Spornstreichs auf ihn zu. Segestes aber versetzte durch einen heftigen Hau
seines Schwerdts so glückselig / dass die Spitze der Lantze ohne seine Berührung
zur Erde fiel. Hierauff verfolgten sie mit den Degen ihren Streit / diesem
Ritter aber sprang nach einem heftigen Gefechte die Klinge des Degens entzwei /
also dass er sich ohne einige Waffen und dahero in höchster Gefahr befand.
Segestes verfolgte bei eisem Zufalle sein Glücke mit vielfältigen Hieben.
Alleine einem Hertzhaften ist kein Degen zu kurtz / und ein halber lang genug /
denn ein Schritt gegen seinem Feinde und ein unverzagtes Hertze ersetzet / was
einem an Eisen abgehet. Daher zernichtete er Segesten / mit geschwindester
Fürwerffung des Schildes und Degenstrumpffs / alle seine Streiche. Endlich aber
versetzte dieser dem Pferde einen zweifachen Stoss in Hals. Dieses verursachte
den Ritter / dass er / ehe das verwundete Pferd stürtzte / mit einer fertigen
Hurtigkeit aus dem Sattel sprang /und nicht nur auff die Füsse zu stehen kam /
sondern auch auff dem Boden nebst einem Todten einen entblösten Degen fand /
welchen er des Segestes Pferde in einem Augenblicke so tieff in die Brust stach
/ dass es alsofort mit seinem Reuter entseelet zu Boden sanck. Der Ritter
gebrauchte sich dieses Vorteils mit hertzhafter Geschwindigkeit / sprang dem
auff den Rücken gefallenen Segestes auf den Hals / und weil er wegen dess unter
dem Waffenrocke verborgenen Pantzers ihm etliche vergebene Stiche versetzte /
riss er ihm mit aller Gewalt den Helm vom Haupte / um den Segestes die Gurgel
mit samt dem Kopffe abzuschneiden. Hilff Himmel! rieff er / vom Segestes bei
seinem ersten Anblicke auffspringend / und liess mit einer heftigen Bestürtzung
den auff ihn gezückten Degen aus der Hand fallen. Die Worte erstarben ihm auff
den zitternden Lippen / und seine Glieder worden unbeweglicher als eine
Marmel-Seule / also / dass Segestes ihn auffzureiben Zeit und Gelegenheit genug
gehabt hätte / wenn nicht seine aus dieser Bestürtzung empfundene Verwunderung
ihm Vernunft und Glieder gebunden hätte. Bei dieser Begebenheit erblickte
Hertzog Herrmann Segestens entwaffnetes Angesichte / und griff ihn aus
geschöpffter Verbitterung nicht so bald mit empfindlichen Scheltworten: Ha!
Verräter des Vaterlandes! als mit der Schärffe der bei handen habenden Waffen
an. Es würde auch der in voller Verwunderung begriffene Segestes einen
gefährlichen Streich bekommen haben / wenn nicht der Ritter den / welchen er
kurtz vorher hinzurichten so begierig war / mit Fürwerffung beider Armen gegen
diesen unvermerckten Angriff beschirmet hätte. Wovon er aber selbst verwundet
war / dass das Blut über die Waffen häuffig herab floss. Dem Feldherrn kam diese
Begebenheit eben so seltzam für / und fuhr ihn mit grimmigen Worten an: Was ihn
dieser Verräter und Uberläuffer zu verteidigen veranlasste? Dieser riess ihm
hierauff selbst den Helm vom Haupte / und gab hiermit zu erkennen / dass es die
unvergleichliche Fürstin Tussnelde / Segestens einige Tochter war. Urteile /
fing sie an / grossmütiger Hertzog: ob das Kriegsrecht mich mehr den Feind zu
verfolgen und dem Feldherren zu gehorsamen / oder das Gesetze der Natur den
Vater zu beschützen nötige? Sie hatte diese Worte noch halb auff der Zungen
/und die Augen gegen den Feldherrn gerichtet / als sie schon für dem ganz
verwirrten Segestes fussfällig ward / und ihm das von der Erde wieder
auffgehobene Schwerdt / mit Beisetzung dieser Worte / reichte: Straffe Segestes
deine bosshaftige Tussnelde / welche nicht mehr des Tochter-Nahmens wert ist /
nach dem sie das Mordeisen wider ihren Vater gezuckt hat. Rom wird diesen
Schandfleck nimmermehr ausleschen / dass die unmenschliche Tullia über die
blutige Leiche ihres schon todten Vaters die bestürtzten Pferde gesprenget hat.
Und ich habe Deutschland mit diesem Brandmahle besudelt / dass ich dem lebenden
das Messer an Hals gesetzt. Räche Segestes durch diesen Werckzeug meines
Verbrechens deines Geschlechtes und des Vaterlandes Schande / welche grösser ist
/ als warum Virginius seine Tochter auff öffentlichem Marckte abschlachtete.
Diese Rede beseelte sie mit einer so erbärmlichen Geberdung und Wehmut / dass
sie dem Segestes durch die Seele / dem Feldherrn durchs Hertze drang / und bei
diesem eine vielfache Empfindligkeit / bei jenem aber verursachte / dass er
wieder zu sich selbst kam / und ihr mit dieser Antwort begegnete: Ich empfinde
den Zorn der Götter und die Bisse meines Gewissens über mein begangenes Laster /
welches so gross ist / dass das Verhängnis meiner eignen Tochter Klinge wider
meine Verräterei zur Rache geschliffen hat. Vollführe deinen Streich wider den
/ der sich selbst verdammet. Kinder sind dem Vaterlande mehr als ihren Vätern
schuldig / und die Gesetze haben denen Belohnung und Ehrenmahle ausgesetzt / die
das befleckte Blut ihrer straffbaren Eltern dem gemeinen Wesen auffopffern. Der
Feldherr fiel Segesten in die Rede: Es wäre ein allzugross Glücke für einen
Verräter / dass er von so edlen Waffen / entweder einer so unvergleichlichen
Heldin oder eines deutschen Fürsten sterben sollte. Das Recht des Vaterlandes
habe auff Feinde der Freiheit knechtische Strafen ausgesetzt. Schlaget diesem
nach den / der sich selbst schon verdammet / in die Eisen. Du aber /
unvergleichliche Tussnelde / lasse dich den Verlust eines dem gemeinen Wesen
ohne diss schon abgestorbnen Vaters nicht jammern. Deine Tugend ist der
Väterlichen Flecken nicht fähig / und diese darff sich für keine Wäyse achten /
welche wegen ihrer Heldentaten das Vaterland selbst zu einer Tochter auffnehmen
muss. Alsobald waren einige dar / die dem Segestes Fessel anlegten; welche die
Deutschen / um ihre Gefangenen damit feste zu machen / in die Schlachten
mitzunehmen gewohnet waren; worüber Tussnelde teils wegen empfangener Wunde /
teils dass ihres Vaters Zustand ihr so tieff zu Hertzen ging /in Ohnmacht sanck
/ und auff Befehl des Feldherrn mit allerhand Erfrischungen erqvicket / und nach
Deutschburg getragen ward.
    Der Feind war durch den Verlust Segestens überaus bestürtzt / Hertzog
Herrmann aber durch den zweifachen Sieg dieser deutschen Amazone gleichsam
beschämet / und dahero zu einem so eifrigen Gefechte angezündet / dass kein Feind
seinen Sturm ausdauern konnte. Caldus Cälius / welcher ihm begegnen wollte / ward
von ihm mit dem Streitammer zu Boden geschlagen und darüber gefangen.
Qvintilius Varus / als er ihn dem Römischen Haupt-Adler so nahe kommen sah /
machte sich mit seiner Leibwache / als denen eussersten Kräfften des Römischen
Heers gegen ihm herfür. Dieses waren tausend mit kupffernen Schilden und
schupfichten Pantzern aus dem alten Kerne der Römischen Kriegsleute ausgelesene
freiwillige / welche schon ihre zwantzigjährige Dienste ausgestanden und
ansehnliche Kriegs-Aemter verwaltet / auch keine Wache oder andere Arbeit mehr
zu vertreten / sondern nur den Feldherrn zu beschirmen hatte / und auff ihren
Schilden den Nahmen des Kaysers mit Golde eingeetzt führten. Diese taten wohl
ihr bestes unter ihrem streitbarem Führer Cäcina; und fochten nach Gelegenheit
des engen oder geraumen Orts bald mit ihrem kurtzen / bald mit dem langen
Spanischen Degen / wormit die lincke / wie mit jenem die rechte Seite versehen
war. Alleine die Keckesten wurden unverlängt von der deutschen Reuterei zu
Grunde gerichtet / und der Feldherr kam dem Varus so nahe / dass / ob wohl die
Römischen Kriegsleute ihn mit ihren Schilden auffs möglichste verdeckten / er
ihm einen Wurffspiess in die Schulter jagte; dem Qvintilius Manlius aber in Hals
einen tödtlichen Stich versetzte / und mit eigner Hand ihm den Römischen Adler
ausriss. Nachdem auch inzwischen beide Römische Flügel ganz aus dem Felde
geschlagen waren / drang Fürst Catumer und Sesitach mit der Reuterei auff den
Varus los. Wodurch der letzte noch stehende Rest des Römischen Heeres in
öffentliche Flucht / Qvintilius Varus aber in eusserste Verzweiffelung gebracht
ward. Denn als er seine noch standhaltende Hand voll Volcks auff allen Seiten
umringt /und nirgendshin einige Ausflucht mehr sah / bezeugte er endlich
grössere Hertzhaftigkeit zu sterben als zu kämpfen / und redete die nächsten
mit diesen Worten an: Lasset uns / ihr ehrlichen Römer / diesen letzten Schlag
des veränderlichen Glücks behertzt ertragen / und lieber dem Tode frisch in die
Augen sehen /als aus einer bevorstehenden Gefängnis noch einige Erlösung hoffen
/ und also eine freiwillige Entleibung einer knechtischen Dienstbarkeit
fürziehen. Der stirbt desto rühmlicher / der noch einige Hoffnung zu leben übrig
hat. Ich gestehe / dass uns Segestes und die Götter unser Verderben vorher
gesagt: allein wenn das Verhängnis an unser Glücks-Rad die Hand anlegt / können
uns keine verträuliche Warnungen aus seiner Verfolgung entreissen / und der
Scharffsinnigsten Anschläge werden stumpff und verwirret. Jedoch lasse ich gerne
geschehen / dass der Schluss der Götter mit meinem Versehen bekleidet / und der
Zufall zu meinem Verbrechen gemacht werde. Mein Grossvater Sextus Varus hat in
der Pharsalischen Schlacht durch seine eigene / mein Vater Varus Qvintilius in
dem Philippinischen Kriege durch seines freigelassenen Hand sich
lieberhingerichtet ehe sie sich der Willkühr ihrer Feinde / die doch Römer waren
/ unterwerfen wollen. Ichwil es ihnen nachtun / ehe ich in dieser Barbarn Hände
falle / und euch ein Beispiel / der Nachwelt aber das Urteil hinterlassen; Ob
ich durch meine Schuld / oder durch ein besonders Verhängnis meines Geschlechts
also vergehe. Crassus hat durch seine Niederlage gegen die Parter weniger
Schande eingelegt / als / dass er nicht / wie Publius / Censorinus und Megabachus
ihm selbst das Leben verkürtzet / sondern sich in die verräterischen Hände des
Surena vertrauet / und des Maxartes Sebel die Kehle dar gereichet hat. Von dem
Tode mehr Worte zu machen /ist ein Stücke der Kleinmütigkeit. Wie feste ich mir
zu sterben fürgesetzt / könnet ihr dahero schlüssen /dass ich niemanden einige
Schuld beimesse. Denn sich über Menschen und Götter beklagen / stehet nur dem an
/ der länger zu leben begehret. Ein König aber soll seines Reiches / ein Knecht
seines Herrn / ein Kriegsmann seines Obersten / ein Feld-Hauptmann seines Heeres
Wohlstand nicht überleben. Hiemit umhüllete er mit seinem Goldgestückten
Purpur-Mantel sein Haupt / und stach seinen Degen ihm biss an den Griff ins
Hertze. Also verhüllete sich auch der ermordete Pompejus und Julius; wormit
niemand ihre sterbenden Ungeberden sehen möchte. Die fürnehmsten und
hertzhaftesten taten es ihrem Heerführer nach /und benahmen durch eigene
Entseelungen dem Feinde die Lust und die Ehre von seinen Streichen zu fallen.
Andere / welche gleich noch genugsame Kräffte zu fechten hatten / warffen ihr
Gewehre weg / und reichten / aus Verdruss zu leben / ihre Hälse den feindlichen
Schwerdtern hin. Zumal von denen neun Obersten dieser andertalb Legionen / nur
noch einer / von den neuntzig Hauptleuten mehr nicht als ihrer fünff übrig
waren. Die Flüchtigen worden von der Reiterei zu Boden gerennt / die liegenden
von den Pferden ertreten / die stehenden wie das Vieh zerfleischt / also /dass
das Feld numehro keine Gestalt eines Kampfplazes / sondern einer Schlachtbanck
fürstellte. Sesitach ward über des Varus und anderer Obersten eigener Entleibung
sehr verbittert / weil er mit seiner Reiterei sie lebendig in die Hände zu
bekommen ihm eingebildet hatte / und dahero sprang er selbst vom Pferde /schnitt
den Kopf des Varus Leiche ab / und steckte selbten / nach der Deutschen und
Gallier Gewonheit /und den Römern desto mehr Schrecken zu machen /auff eine
Lanze. Das ganze Feld ward mit Todten bedecket / und die zwischen denen Hügeln
dieses Forstes lauffenden Bäche von dem Blute der Erschlagenen auffgeschwellet /
insonderheit an denen drei engen Furten / wodurch das Römische Heer seine
Flucht zurücke nahm. Ihr jämmerlicher Zustand aber ward dardurch vergrössert /
dass Vala Numonius und seine zum ersten durchgegangene Reuterei / Cäditius /
welcher zwischen denen Pässen noch über zwölfftausend streitbare Männer wieder
zusammen gezogen und in Ordnung bracht hatte / in Meinung mit der bald
anbrechenden Nacht noch nach der Catten Festung zu entrinnen / ingleichen
Britomar und Arbogast mit mehr als zehn tausend Galliern gerade auff den Hertzog
Jubil traffen / welchen der Feldherr dem Feinde in den Rücken zu gehen
befehlicht hatte. Es ist unschwer zu ermessen / was denen Römern die Müdigkeit
von einer so heftigen Schlacht / einem siegenden Feinde auff dem Rücken / und
einem frischen von fornen zu begegnen / für Hindernis schaffte / ja was die
Furcht / allwo des Pöfels Träume so wohl als kluger Leute Gutachten gehöret
werden / für seltzame Meinungen auff die Bahn brachte. Einer riet sich durch
den frischen und vielleicht nicht allzugrossen Hauffen des Hermundurischen
Hertzogs durchzuschlagen / und / weil doch das zwar nähere Läger keine
Sicherheit / die Festung Alison aber keinen genugsamen Raum und Lebens-Mittel
schaffen könnte /den Anfangs schon erkieseten Weg gegen der Cattenburg oder gar
an den Rhein fortzusetzen. Ein ander hielt diss für ein verzweifelt Werck / und
wollte / dass /nachdem Cejonius mit dem grösten Teil des lincken Flügels und dem
einigen noch erhaltenen Adler sich wieder in das Läger gezogen hätte / man dahin
folgen / sich darinnen biss auff den letzten Mann wehren /und von denen zwei
Legionen / welche Lucius Asprenas nicht allzuweit von ihnen unter seinem Gebiete
hatte / Hülffe erwarten sollte. Wie nun die Zwytracht in Begebenheiten / welche
keine langsame Ratschläge erdulden / der geradeste Weg zum Verderben ist; also
wartete Hertzog Jubil die Erörterung ihres Zweiffels nicht aus / sondern
bediente sich der wider die Uneinigkeit höchst vorteilhaften Geschwindigkeit.
Einem flüchtigen Feinde jagt auch ein rauschendes Blat Schrecken ein. Was sollte
nicht dieser freudige Held / mit seinen streitbaren und unermüdeten Völckern /
gegen die / welche zum ersten ausgerissen und allhier zwische Tür und Angel
waren / ausrichten? Fürst Jubil traff selbst in Person auff den Numonius /und
durchrennete ihn mit seiner Lantze; also fiel dieser verzagte Ausreisser nicht
nur schimpfflicher / sondern auch eh / als die / welche er im Stiche gelassen
hatte. Britomar ward von ihm durch einen Wurffspiess heftig verwundet / und
nachdem von einer Seiten dieser Hertzog / auff der andern das ganze obsiegende
Heer mit aller Gewalt nachdrungen / musste dieser Uberrest des Feindes in den
Wohnstädten der wilden Tiere ihre Sicherheit suchen / und ein Hauffen hier /der
ander dort sich in die dickesten Wälder verkriechen. Alleine auch in diesen
wären sie von ihren Feinden nicht unverfolget blieben / wenn nicht die
stockfinstere Nacht mit einem heftigen Platzregen eingebrochen / und die
schwartzen Wolcken das sonst volle Monden-Licht ganz verdüstert / und also dem
Todschlagen nicht so wohl ein Ende / als einen Anstand gemacht hätte.
    Der Feldherr liess bei dieser Begebenheit selbst Befehl und Zeichen geben /
dass die Deutschen bei so gefährlicher Finsternis und schlüpfrigem Wetter ihren
Feind in die morastigen Wälder nicht verfolgen / sondern mit der auffgehenden
Sonnen der Römer und ihrer Gehülffen endlichen Untergang erwarten sollten.
Gleichwohl besetzte er die Wälder um und um an denen Orten / wo er meinte / dass
irgends der dieser Wildnüsse kundige Feind zu entrinnen / ihm einigen Weg suchen
dörffte. Er verordnete auch / dass aus denen umliegenden Flecken dem Heere /
welches nun gleichsam den ganzen Forst belägerte / ein Uberfluss von
Lebensmitteln / welche der Deutschen Kriegs-Sold sind / zuführten. Wie sehr sie
nun sonst auch dem Schlaffe ergeben sind / und von der langen Schlacht ermüdet
waren / so ermunterte sie doch dieser herrliche Sieg dergestalt / dass wenig oder
keiner ein Auge zutat. Denn die / welche nicht ihre eigene oder ihrer Ang
hörigen empfangene Wunden zu verbinden / noch die Schwachen ins Läger zu führen
hatten / machten sich auff der Wahlstatt und um den Forst herum bei etlichen
tausend Wat- und Freuden-Feuern mit Gesundheit-Trincken / Jauchtzen und
Lobgesängen ihrer Feld-Herren und Heerführer lustig. Unter die Kriegsknechte
mischten sich nun auch die Barden / sangen von dem deutschen Hercules vielerlei
Lieder / und zohen mit einem freudigen Nachklange ihm endlich doch den
grossmütigen Herrman für.
    So vergnügt sich nun bei diesem Wolleben die Deutschen befanden; so elende
ging es denen Uberwundenen / wider welche der Himmel numehro selbst sich
verschworen zu haben schien. Deñ den entstandenen Regen begleitete ein solch
erschrecklicher Sturmwind / welcher nicht nur die Aeste und Wipffel der Bäume
zerbrach / sondern auch die stärckesten Stämme mit den Wurtzeln aus der Erden
riss / und sie denen ohne diss halb todtgeschlagenen auff die Hälse warff. Die
aber / welche diesem Ungewitter zu entkommen vermeinten / und aus dem Gehöltze
hervor krochen / wurden von denen allentalben wachsamen Deutschen wie die Hunde
zerfleischet. Das ganze Gefilde erbebete von unauffhörlichem Widerschall / bald
von dem Frolocken der Sieger / bald von dem Krachen der Bäume / bald von dem
Angst-Geschrei der Zerschmetterten / und stellte auff einmal den seltzamen
Wechsel der irrdischen Dinge für / dass selten einer lachen könne / wenn nicht
der andere weine. Dieses Unheil ward vermehret noch durch dieses Hertzeleid /
dass grösten teils der Römer ihre Weiber und Kinder / welche sie wider die alten
Kriegs-Gesetze der Römer bei sich / und die Nacht zuvor aus dem Läger
mitgeführet hatten / von diesem Sturm-Winde uberfallen / die Weiber oft in den
Armen ihrer Ehmänner / die säugenden Kinder auff den Brüsten ihrer Mütter
zerqvetscht worden. Ja es brach einigen diss jämmerliche Schauspiel dergestalt
ihr Hertze / dass sie / aus Erbarmniss / ihrer eigenen Kinder und Ehgatten Elend
durch Mord zu verkürtzen sich entschlossen. Dieser Sturm nötigte auch dieselben
Armenier / welche auff des Zeno Befehl Ismenen gefangen hielten /sich aus der
innern Wildnüss herfür zu tun. Bei welcher Begebenheit sie ihren Vorteil ersah
/ dem einen unvermerckt das Schwerdt aus der Scheide zoh / und durch die Rippen
stiess. Die drei andern fielen sie zwar hierüber so grimmig an / aber sie
vertäidigte sich mit unvergleichlicher Hertzhaftigkeit. Das hierdurch erregte
Geräusche zohe eine grosse Menge derer im Walde irrenden Römer herzu / welche
die teils abgehauenen Kieffern-Aeste / teils von denen Römischen Wagen
genommenen Hartzt-Fackeln anfangs zu ihrem Lichte / nunmehr aber gegen die
gleichfals sich alldar versammlete Deutschen zu Schwerdtern brauchten / und weil
sie sich iederseits auff etliche hundert verstärckten / in einen vollkommenen
Streit mit einander gerieten. Die Verzweiffelung und das seltzame
Feuer-Gefechte der Römer aber brachte die Deutschen zum weichen; wiewohl die
Fürstin Ismene / als eine grossmütige Heldin / dem Feinde stets die Stirne bot /
und denen weichenden Deutschen verächtlich zurieff: Ob sie ein Bienenschwarm
wären / welche vom Rauche vertrieben würden? Ob sie numehr für einem
entwaffneten Feinde zu lauffen für keine Schande hielten / den sie den Tag
vorhero in seiner besten Rüstung geschlagen hätten? Endlich kam der Ritter
Waldeck mit zwei hundert Mann seiner Wache darzu / welche den Feind nach grossem
Verlust wieder in Wald trieb / und diese Heldin zu grosser Freude des ganzen
Heeres zum Feldherrn brachte.
    Als es den folgenden Morgen kaum zu tagen anfing / liess der Feldherr schon
ein Zeichen geben / diss was von den Feinden nicht / wegen ermangelnder
Verbindung / an den Wunden gestorben / in Sümpfen ersticket / oder von den
Bäumen erschlagen noch von den wilden Tieren zerrissen war / aus den Hecken und
Löchern herfür zu suchen und auffzureiben. Also ward dieses Tagelicht nach
etlichen tausenden in eine Nacht des Todes verwandelt. Denn wo der schlüpffrige
Erdboden nur einen Fussstapfen eines Menschen zeigte / folgten ihrer zehen und
mehr der Spure nach /und zerfleischten ohne Erbärmniss ihre für Furcht und Kälte
zitternde Feinde. Ja es ward gleichsam für eine grosse Schande gehalten / wenn
einer nicht einen abgehauenen Feindes-Kopf für die Füsse seines Obristen
niederzulegen hatte; also hin und wieder Berge von blutigen Menschenköpffen zu
schauen waren. Nebst diesem unterliess der Feldherr nicht mit geschlossenem
Hauffen durch den Weg / welchen die Römer ihnen durch Umhauung vieler Bäume für
der Schlacht durch den Forst gemacht hatten / nachzusetzen / und traff kurtz
nach aufgegangener Sonne auf einer etwas blancken Höhe auff das gröste Teil des
Römischen Feld-Gerätes / und einer grossen Menge mit Frauen / Kindern / Zelten
/ Kriegszeug und anderer Notdurfft beladenen Wagen / zwischen welchen noch
etliche tausend Männer eingeflochten waren. Diese Verwickelung / der glatte
Erdboden / und dass Bogen / Schilde / Schleudern und ander Gewehre von dem
starcken Regen ganz unbrauchbar gemacht worden waren / benahm denen
schwergewaffneten Römern alle Mögligkeit sich in Ordnung zu stellen / und gegen
die mit leichter Rüstung und langen Spiessen versehenen Deutschen zu fechten.
Dahero wurden sie ohne grosse Mühe niedergehauen / auch Weiber und Kinder /
welchen nicht der Feldherr und andere Fürsten die Gnade der Dienstbarkeit
wiederfahren liessen / von der Schärffe des Schwerds nicht verschonet. Ob die
Römer auch wohl an der Einfart des sich wieder anfangenden Waldes eine Menge
Wagen / Holtz und ander Geräte anzündeten / um an dieser Enge denen Deutschen
die Verfolgung zu verhindern; so waren doch diesen alle Fusssteige und Nebenwege
so gut bekandt / dass sie in kurtzem sich im Gehöltze wieder an sie hingen / von
welchen einige in der Flucht einander selbst über einen Hauffen rennten und
beschädigten /andere über die Stöcke oder in Moraste stürtzten /also dass die
Deutschen nicht so wohl zu kämpffen Not / als nur niederzumetzgen Gelegenheit
hatten.
    Gegen Abend ward der ohne diss den Tag unauffhörlich gewehrte Regen abermals
mit einem noch schrecklichern Sturmwinde begleitet / welcher in den Wäldern das
oberste zu unterste drehete / und dahero selbst die Deutschen zwang sich auff
die Fläche zurück zu ziehen / wiewohl sie den Römern den zornigen Himmel zu
einem genugsam grausamen Feinde über dem Halsse liessen / und des Nachts die vom
Feinde im Stiche gelassenen Wagen und Beute bei abermahligem Wolleben
durchsuchten.
    Des Morgens vermochte sie auch der noch währende Sturm nicht auffzuhalten /
sondern sie brachen /wiewohl wegen der häuffig über einander gefallenen Bäume /
unter denen viel hundert ihrer Feinde erbärmlich zerschmettert lagen / mit
grosser Müh durch den Forst durch / und kamen endlich an das zwischen dem Alme-
und Lippenstrome befestigte Läger der Römer / in welches sich Lucius Cäditius /
Arbogast und noch etliche andere Heerführer / mit allen denen /welche von dieser
zweier Tage Niederlage übrig blieben waren / eingeschlossen hatten.
    Der Feldherr stellte alsofort ein Teil seines Heeres in Schlacht-Ordnung /
und liess durch einen Hauptmann das länglicht viereckichte auch zwar sehr veste
/aber wider die Römische Art mit Küchen / Badstuben / Betten und allerhand
Hausrat angefüllte Läger auffodern / mit der Bedrohung: dass wenn sie den
Sturmbock den Wall berühren liessen / er so denn von keinen Bedingungen ihrer
Erhebung hören wollte. Er kriegte aber zur Antwort: dass sie sich biss auf den
letzten Blutstropffen zu wehren entschlossen hätten. Hiermit befahl Hertzog
Herrmann alsobald denen Zimerleuten / und einem Teile ohne diss mit Beilen und
Aexten versehener Kriegsleute / Reissig-Gebünder zu Füllung der Gräben und
Sturmleitern zu Ersteigung der Wälle zu fertigen. Er selbst legte auch / um sein
Volck desto mehr auffzufrischen / mit Hand an; Zumal bei denen Deutschen ohnediss
die Kriegs-Obersten mehr durch ihr eigenes Beispiel / als durch Befehle / ihre
anvertraute Gewalt auszuüben pflegen. Er machte hierauff Tag und Nacht zu
Uberwältigung des Lägers möchligste Anstalt. Inzwischen liess er den Hertzog
Catumer wissen: dass er mit seinem noch hinterstelligen Flügel gegen Norden und
über den Lippestrom abweichen / also verhindern sollte / dass die im Läger
beschlossenen sich nicht daraus an die so weit nicht entfernte Festung Alison
abziehen könten. Hertzog Jubiln aber hiess er mit einem Teil Reuterei durch die
Alme setzen / um disseits der Lippe die Seite gegen Alison zu bedecken.
    Es war nun schon alles zum Sturme fertig / zwei aus Heinbuchen hundert und
zwantzig Ellenbogen lang gemachte und mit einem starcken eisernen Widerkopffe
versehene / auch mit einem wider das Feuer durch ein ledernes Sturm-Dach
verwahrte Sturm-Böcke / an derer iedem vier tausend Männer ziehen mussten /
hatten an zweien Orten den Wall dreissig Ellen breit über einen Hauffen
geworffen. Der Graben war an unterschiedenen Orten ausgefüllet / und es waren
vier mit Eisen und Alaun wider das Feuer bedeckte Sturmtürme zum anschieben
fertig. Die grossen Steinschleudern waren an dienliche Orte gepflantzt /und es
sollte gleich zum Anlauffen das Zeichen gegeben werden / als man den dritten Tag
bei der Sonnen Auffgang gegen Westen über der Alme einen starcken Schall von
Trompeten und andern Kriegs-Spielen vernahm / welchen der daher kommende Wind
heftig vergrösserte / ein von dem Hermundurer Fürsten zurückjagender Edelmann
aber berichtete / dass zwei Legionen Römer / welches man aus ihren zwei Adlern
erkennte / nebst etlichen Hauffen Reutern recht gegen ihn anzügen. Der Feldherr
mutmassete alsbald / dass Lucius Asprenas / ein erfahrner Kriegs-Oberster / des
Varus Schwester Sohn / die zwischen der Isel oder Nabel und der Emse zerteilte
Legionen (wie es sich denn in Wahrheit also auswiess) zusammen gezogen / und bei
der Festung Alison über die Lippe gesetzt haben müste. Dahero liess er den
Hertzog Inguiomer mit einem Teil Volckes für dem Läger stehen / teils alles in
altem Stand zu erhalten / teils zu verhindern / dass die Römer nicht durch den
Alme-Strom setzten. Weil auch der heftige West-Wind den Deutschen gerade in die
Augen gestrichen hätte /wenn er den anziehenden Römern geraden Weges entgegen
gegangen wäre / lenckte der Feld-Herr Sudwerts ab / womit er zugleich den halben
Wind gewinne / und das Fuss-Volck nicht durch den Alme-Strom waten dörfte.
    Asprenas / welcher zwar Nachricht hatte / dass Quintilius Varus mit den
Cheruskern und Hermundurern in Zwytracht und in ein Treffen geraten war / ihm
aber nicht traumen liess / dass dieses grosse Heer aufs Haupt erlegt / weniger das
Läger noch dazu belägert und er so nahe dem Deutschen Heere wäre / wollte durch
seinen Trompeten-Schall seine Ankunft dem Römischen Läger kund machen / ward
daher überaus bestürtzt / als er die vom Hertzog Jubil über den Alme-Strom
geführte Deutsche Reiterei / und in deren Fahnen den gekrönten Cattischen Löwen
erblickte. Ihm machte auch alsobald Nachdencken / dass diese Reiterei / als sie
seiner ansichtig worden / stock stille halten blieb / und nach dem er ohne diss
am reisigen Zeuge sehr schwach war / wusste er nicht / ob er die Deutschen
anzufallen Befehl erteilen sollte. Zumal diese ohnedis harte an dem Pusche
hielten /und er sich eines starcken Hinterhalts besorgen musste. Also blieben
beide Teile eine gute Weile / Asprenas aus Zweifel / Jubil auf Hülffe wartend /
gegeneinander stille halten. Gleichwol konnte Asprenas sich wenig gutes versehen
/ und daher stellte er sein Volck auf allen unversehenen Anfall in
Schlacht-Ordnung /und liess hiemit einen Vortrab Reiterei gegen die Deutsche
voraus traben / umb die wahre Beschaffenheit zu erkundigen: ob die Catten dar
als Freund oder Feind stünden. Denn weil er noch nicht wusste / dass diese sich
mit den Cheruskern ausgesöhnet hatten /und zu ihnen gestossen waren / er auch
bei so gar nahem Römischen Läger nicht vermuten konnte / dass ein Feind daselbst
seinen Stand haben solle / war ihm eine Meinung so zweifelbar / als die andere.
Diese aber ward ihm dadurch allzu zeitlich benommen / dass die Catten ohne einige
eingebildete Wortwechselung den Römischen und teils Usipetischen Reitern in
vollem Rennen mit eingelegten Lantzen begegneten /derer etliche von den Pferden
renneten / die wenigen andern aber / als sich zumal die grosse Menge der
Deutschen mehr und mehr aus dem Gehöltze herfür tat / das Hasen-Panier
aufzuwerffen nötigten. Asprenas konnte ihm numehr aus der so sichtbar sich
vergrössernden Anzahl die Rechnung leicht machen / dass ein der Reiterei gemässes
/ und also mächtiges Fuss-Volck am Rücken stehen müste; dahero war er schon halb
und halb entschlossen die Legionen mit guter Art gegen dem nahen Walde an einen
wegen dabei liegender Sümpfe vorteilhaften Ort zurück zu ziehen. Hievon aber
hielt ihn zurücke / dass er gleichwohl in dem Römischen Läger die Römischen
Kriegs-Spiele hörte / auch ihm im Läger durch aufgesteckte rote Tücher und
Schwenckung vieler Fackeln gewisse Kriegs-Zeichen geben sah / welche ihn durch
bei denen Römern abgeredte Verständnis genungsam versicherten / dass das Läger
von Römern besetzt /aber nicht ausser Gefahr wäre. Dahero entschloss er sich fort
und dem Läger zuzudringen / in Hoffnung /es würden auff allen Fall die etwan
Belägerten auch das ihrige tun / und die Deutschen zugleich anfallen.
    Hiermit geriet die Reiterei beiderseits an einander / Cäcina führte die
Römische / und Hertzog Jubil wollte als der letzte in voriger Schlacht numehro
mit seinen Hermundurern und anvertrauten Catten in dieser die erste Ehre
einlegen. Ob nun zwar die Römer das ihrige taten / so war doch der deutsche
reisige Zeug ihnen so wohl an der Anzahl als Geschwindigkeit überlegen / und
welches das ärgste war / so ging Fürst Marcomir mit seinen Usipetern von den
Römern zu den Deutschen über / also / dass die Römische Reiterei gegen den
mutige Jubil nicht lange gestanden haben würde / wenn nicht die Acarnanischen
und Balearischen Schleuderer ihnen zu hülffe geeilet hätten. Dieser ihr
knechtisches Handwerck ist von Kind auf das Schleudern / und kriegen sie von der
Mutter kein Brodt / das sie nicht mit dem Steine getroffen. Sie schlingen die
eine Schleuder als eine Zierrat umb das Haupt / die sie in der Nähe brauchen /
die andere als einen Gürtel um den Leib / welche etwas weiter schleudert / und
die / welche am fernesten trägt /haben sie stets in der Hand und in
Bereitschaft. Sie schwencken sie dreimal umbs Haupt / treffen mit einem
pfündichten Steine oder Blei sechshundert Füsse weit / was sie wollen / und
zerschmettern auch denen auffs beste Geharnischten ihre Glieder. Unter diesen
waren auch Achaische Schleuderer / welche an statt der Kugeln Spiesse und Pfeile
mit grossem Nachdruck warffen. Aber auch diese würden nicht lange gestanden sein
/ wenn nicht das Römische Fuss- sich genähert und die Reiterei entsetzt hätte.
Die Legionen drangen gleichsam als Mauren gegen die Deutschen an / dem Fürsten
der Hermundurer worden von denen untergespickten Armenischen und Arabischen
Schützen / welche letztern ihre Bogen mit den Füssen spannen / und Pfeile eines
Mannes lang schüssen / zwei Pferde unter dem Leibe erlegt / weil die Pfeile
wegen ihrer zweifach über einander stehenden oder vierhackichten Spitzen
unmöglich aus der Wunde zu ziehen waren. Er selbst ward mit einem geschleuderten
Steine auf die Brust getroffen; also / wie hertzhaft gleich dieser Hertzog dem
Feinde unter die Augen ging / so war es doch unmöglich zwei geschlossene
Legionen zu durchbrechen. Weil aber die Deutschen gleichwol keinen Fuss breit
weichen wollten / geriet der Graf von Mansfeld so sehr ins gedrange /dass ein
Römer seinem Pferde den Degen in Bauch stiess / worvon es zu Boden stürtzte /
zwei andere aber ihm den Schild mit Gewalt vom Arme rissen. Dieser Verlust
machte diesen Helden ganz rasend; weil bei den Deutschen keine grössere Schande
ist /als den Schild einbüssen / und derselbe so denn weder einigem Ratschlage
noch dem Gottes-Dienste beiwohnen darff. Er sprang hierauf nicht nur von der
Erden / sondern auch hinter einen Römer auffs Pferd /stiess ihm den Degen durch
den Hals / riss dem davon sterbenden den Schild vom Arme / und warff den Todten
aus dem Sattel / verfolgte auch den der seinen Schild hatte wie ein Blitz / biss
er ihm das Licht ausleschte / und seinen unschätzbaren Verlust mit nicht
geringerm Ruhme / iedoch auch mit nicht wenigern Wunden / als des Cato Sohn in
der Schlacht gegen den König Perses seinen ihm entfallenen Degen wieder
erlangte. Dieses Beispiel ermunterte die Deutschen / dass sie gleichsam wider
alle Vernunft und Mögligkeit die ganze Römische Macht aufhielten. Nach dem aber
Hertzog Jubil dabei mehr Schaden als Vorteil ersah / gab er denen Seinigen ein
Zeichen /dass sie sich nach und nach auf die lincke Seite ziehen sollten. Denn der
gerade hinter dem Rücken sich befindliche Wald war zum Treffen des feindlichen
Fuss-Volcks vorteilhaftiger / als seiner Reiterei. Asprenas meinte / er hätte
numehr schon den Sieg in Händen /und der Feind habe ihm selbst bereit den Weg in
das Römische Läger geöffnet / als auf der rechten Seiten Segestens Sohn / Fürst
Sigismund / mit der Cheruskischen Reiterei die Römer anfiel / und sich zugleich
das deutsche Fuss-Volck sehen liess. Asprenas erkennte nun allererst seinen Fehler
/ und die Gefahr / in welche seine Verwegenheit das Römische Kriegs-Volck
gestürtzt hätte / gleichwol liess er seinen Mut nicht alsobald fahren / sondern
war bemühet / aus der Not eine Tugend zu machen / und die Scharte seiner
Ubereilung durch Vorsicht und Tapferkeit auszuwetzen. Er presste einem mit dem
Pferde gestürtzten / und hierdurch in seine Hände verfallenen Cattischen Reiter
aus / dass Quintilius Varus mit dem ganzen Heere biss auffs Haupt geschlagen /
das Läger von Hertzog Inguiomern beschlossen / Hertzog Herrmann aber mit dem
siegenden Heere gegen die Römer in sichtbarem Anzuge wäre. Dahero ordnete er:
dass Cäcina mit seiner Reiterei / und Sylvanus Plautius mit denen untermengten
Schützen und Schleuderern die andringende deutsche Reiterei aufhalten / und
durch ihr Gefechte denen Legionen sich zwischen die Sümpfe und den Wald
zurückzuziehen Lufft machen sollte. Hertzog Jubil und Sigismund worden durch
Zurückweichung des Römischen Fuss-Volcks Meister des Feldes / und wenn einer
gegen die Reiterei fochte / fiel der ander bald dar bald dort in das Fuss-Volck
ein / und tät grossen Schaden. Der Feldherr sprach dem deutschen Fuss-Volck so
beweglich zu / dass sie ihre Müdigkeit des schon in vierdten Tag währenden.
Treffens vergassen / und auf die Römer trabende zulieffen / nach dem sie sie
schon für der einigen Reiterei weichen sahen. Wie geschwinde nun gleich diese
fortgieng / so war es doch seiner Siegs-Begierde vielzu langsam; dahero fügte er
sich selbst zu der Reiterei / und brachte mit seinem grimmigen Anfalle die
Römische in offentliche Flucht / fäbelte die Schützen und Schleuderer meist /
auch unter ihnen den Plautius mit eigner Hand nieder. Die fördersten Hauffen der
Legionen / welche zwar allezeit den Deutschen in viereckicht geschlossener
Schlacht-Ordnung die Stirne boten / kamen in nicht geringe Verwirrung. Weil auch
wegen der Sümpfe das Römische Fuss-Volck nicht mit der auf der Fläche gehaltenen
Breite sich zurück ziehen konnte / sondern sich daselbst zerteilen musste /und
also viel längsamer zu weichen vermochte; wurden sie von dem deutschen
Fuss-Volcke nun auch erreichet / zertrennet / und wie tapfer gleich Asprenas an
der Spitze des Fuss-Volcks / Cäcina an der Stirne des sich zwischen den Legionen
widersetzenden reisigen Zeuges fochten / fast alles / was nicht bei Zeite über
die engen Furte der Moräste gediegen war / niedergehauen oder ertreten / Cäcina
auch von dem Jubil im Haupte / Asprenas vom Fürsten Sigismund mit einer Lantze
in Arm verwundet. Es würden auch weder Wald noch Moräste dem übrigen Heere
einige Sicherheit verschafft haben / wenn nicht die regenhafte Nacht denen
Deutschen abermals mit ihrer Finsternis die engen Wege über die Sümpfe verbeugt
hätte /wiewol in selbten auch viel Römer stecken blieben und erstickten / die
aus den Händen ihres Feindes zu entrinnen vermeinten.
    Asprenas war nicht weniger durch den grossen Verlust seines Volckes
bekümmert / als umb Erhaltung des überbliebenen Heeres sorgfältig. Zumahl er
seinem unvorsichtigen Anzuge selbst grossen teils die Schuld des empfangenen
Schadens und der noch vorstehenden Gefahr gab. Dahero trachtete er durch eine
Kriegs-List sein Versehen auszubessern; befahl also hin und wieder Wach-Feuer zu
machen / Bäume abzuhauen / Gräben gegen dem Feinde / und in allem solche Anstalt
zu machen / als wenn er an diesem vorteilhaften Orte sich befestigen und also
stehen bleiben wollte. Inzwischen liess er im finsternund in möglichster Stille
unter dem Geräusche / so durch das Umbhauen der Bäume gemacht ward / die Wagen
und das Heergeräte / samt denen Krancken / und welche am übelsten zu Fusse
waren / zurücke und nach der Festung Alison gehen / welchen das Fuss-Volck nach
und nach folgte / und / weil die Not auch im stockfinstern sehende Augen hat /
geschwinder und ohne wenigere Vermerckung des Feindes / als ihm Asprenas selbst
eingebildet hatte / durch den holen und engen Weg / der durch selbigen Wald
führte / auf das flache Feld gegen Alison geriet. Worauf Asprenas die Feuer
nach und nach von sich selbst verleschen /das Geräusche in Wäldern sich
vermindern liess / und mit der zurückbliebenen Reiterei eilfertig nachfolgete.
Hertzog Herrmann hatte inzwischen Nachricht erlangt / dass Catumer mit seinem
Hauffen auf Malovenden der Marsen Hertzog auff der andern Seite der Lippe
getroffen hätte / dieser aber dennoch mit etlichen Tausenden teils Reiterei /
teils Fuss-Volck in das Römische Läger durchgedrungen sei; Catumer also ein
Teil zu Beschlüssung des Lägers daselbst gelassen /und weil ihm etliche
Gefangenen entdecket / dass vorhergehende Nacht Lucius Asprenas mit seiner
Kriegs-Macht bei Alison über die Lippe gesetzt hätte / mit dem grösten Teile
auch diese Festung zu sperren /und den Feind zu einer Zertrennung zu nötigen /
an der Lippe seinen Zug fortgesetzt habe. Ob nun zwar der Feldherr endlich beim
Abzuge der Reiterei die Flucht des Feindes durch etliche Kundschafter erfuhr /
so dorfte er doch / teils wegen Müdigkeit seines Volcks / teils wegen
vernommener Verstärckung des Lägers / teils wegen grosser Finsternis sich durch
die gefährlichen Moräste und Wälder / allwo er von dem listigen Feinde leicht
hätte umringet und überfallen werden können / den Feind zu verfolgen nicht wagen
/ sondern musste mit dem lichten Morgen neue Entschlüssungen erwarten.
    Mit anbrechendem Tage sahen die Deutschen / dass Asprenas völlig das Feld
geräumt hatte. Und ob wohl ein Teil der Reiterei unter Hertzog Ganaschen (denn
mit dem ganzen Heere ihn zu verfolgen schiene bei so ungestümem Wetter und
schlimmen Wegen weder ratsam noch möglich) biss an die Festung Alison den Feind
verfolgte / auch von denen / welche in so schnellem Zuge so eilfertig nicht
hatten folgen können / ein ziemliches Teil übereilte und erlegte / so mussten
sie doch endlich den Asprenas / welcher in die Festung Alison alles Heer-Geräte
abgelegt hatte /durch die Tencterer gegen den Rhein / allwo einige Volcker auch
schon Aufstand zu machen anfingen /entschlippen lassen.
    Der Feldherr führte das Heer bei so gestalten Sachen wieder für das Läger /
allwo Hertzog Inguiomer die an zweien Orten / bei währendem Treffen mit dem
Asprenas / ausfallenden Belägerten / welche Fürst Malovend tapfer anführte / mit
grossem Verlust zurück getrieben / und so wohl in Verwirrung als Schrecken
versetzt hatte. Bei so sieghafter Zurückkunft des ganzen Heeres / und
zerronnener Hülffe des Asprenas / und da kaum so viel Kriegs-Leute als Zelten
verhanden waren / in derer iedem ihrer sonst eilf zu sein pflegen / gerieten
sie in äuserste Verzweifelung / sonderlich da die Deutschen die denen
erschlagenen Römern abgeschnittene Köpfe auf ihre Spisse gesteckt hatten / und
selbte teils in die Graben warffen / teils über die Wälle ins Läger
schleuderten /teils nach dem Beispiele der Kayserlichen Kriegs-Knechte für
Munda / als Pompejus die Pharsalische Schlacht verloren hatte / ihnen von
derogleichen Köpfen Brustwehren und Brücken machten; und wie Hannibal nach der
Schlacht bei Cannas für keine gemeine Rache hielten / wenn sie über die Bäuche
der Römer zu Sturme lauffen könten. Ob nun wohl der Feldherr die Unvermögenheit
der Römer ihr Läger zu beschützen wahrnahm; so erwog er doch / dass die Schlangen
auch nach zerknirschtem Kopfe sich mit dem Schwantze wehren / und einem
verzweifelten Feinde ehe eine goldene Brücke zu seinem Abzuge zu bauen / als ein
erlangter Sieg durch angemasste Vertilgung desselbten in Gefahr zu setzen sei.
Dahero hielt er den Eyfer der hitzigen und zum Sturme begierigen Deutschen mit
allem Fleiss zurück / ihnen einhaltend: Der Krieg müste zwar mit einer in die
Augen lauffenden Tapferkeit angefangen / ein herrlicher Sieg aber mit Rat und
Vernunft ausgemacht werden. Er hielte für einen grössern Verlust als Gewinn /
wenn er einen Deutschen einbüssete / ob schon hundert Feinde darüber ins Gras
beissen müsten. Er wollte sich des den Belägerten eingejagten noch frischen
Schreckens bedienen / und das gleichwohl mit einem zehn Schuch hohen / mit
eingelegten weidenen Ruten und Köpfen verstärcktem Walle / und nicht nach
gemeiner Art mit einem acht Fuss breit- und tieffen / sondern wohl zweifach
vergrössertem Wasser-Graben befestigte Läger /welches unterdessen an denen von
den Sturm-Böcken zerstossenen Orten ziemlich wieder verbauet worden war / noch
einst auffodern lassen. Die andern Fürsten stimmten des Feldherrn Meinung bei;
ward also der Ritter Nassau ins Läger geschickt / selbtes auff Gnade und Ungnade
auffzufodern / iedoch sollte er denen Belägerten keine Zeit zu gewinnen / noch
über einigen Bedingungen langweilig sich zu beraten verstatten. Unterdessen
wurden die Sturm-Böcke und grosse Stein- wie auch die Feuer-Schleudern wieder zu
rechte gemacht / und das Heer zum Sturme aufgeführt. Der Marsen Fürst / als ein
noch junger hitziger Herr /nebst etlichen Römischen Obersten / widerriet sich
zu ergeben / entweder umb für andern hertzhaft angesehen zu werden / oder dass
er als ein Deutscher sich vom Feinde mehrer Grausamkeit besorgte. Er meinte: Es
sei ehrlicher sich / so lange man noch eine Faust rühren / und in selbter den
Degen halten könne /wider so grimmige Feinde ritterlich zu fechten / als aus
Zagheit in unerträgliche Dienstbarkeit zu fallen /oder wohl gar lieber vom
Hencker / als einem redlichen Feinde umbkommen. Nichts sei so arg / wessen sie
sich nicht von einem erzürnten Feinde / welcher so gar von keiner Behandelung
hören wollte / zu befürchten hätten. Sie würden nichts minder / wenn sie sich
ergeben / als wenn sie überwunden würden / sterben müssen. Dieser Unterscheid
wäre es alleine / dass man auf jene Art die Seele mit Spott / auff diese
tugendhaft ausbliesse. Alles sei so viel mehr unsicher / iemehr ihm Schimpf
anklebte. Müste es auch ja gefallen sein / wäre es rühmlicher der Gefahr die
Stirne / als den Nacken darbieten. Tapferkeit müste auch der Feind loben / und
grossmütige Gegenwehre stünde nicht alleine Helden wohl an / sondern sie risse
auch oft Verzagte aus ihrem Untergange. Sie würden an Hertzhaftigkeit dem
Feinde hoffentlich nichts bevor geben / an Güte der Waffen wären sie den
Deutschen überlegen; sie hätten den Wall zu ihrem Vorteil /und die Not /
welche das letzte und beste Gewehre wäre / diente ihnen zu einem kräfftigen
Beistande. Cejonius aber / welcher die höchste Gewalt über das Läger hatte /
riet das ausdrückliche Widerspiel. Es wiese es der Augen-Schein / dass die
Götter diesesmal wider die Römer selbst gekrieget hätten. Ja diese hätten diss
Unheil ihnen durch vielfältige Wunder-Zeichen angekündigt. Der Blitz habe zu Rom
in den Tempel des Kriegs-Gotts geschlagen. Die Gipfel des Apenninischen Gebürges
wären übereinander gefallen / und aus selbten drei Feuer-Säulen empor gestiegen.
Der Himmel habe zeiter oft in vollem Feuer gestanden / und hätten sich
unterschiedene Schwantz-Sterne sehen lassen. Es wären von Mitternacht her
Lantzen in ihr Läger geflogen kommen / die Bienen hätten etliche ihrer
Opfer-Tische mit Wachs überzogen. Das Bildnis des Sieges habe sich für einem
darfür tretenden Deutschen umbgewendet / und sein Gesichte gegen Rom gekehret.
Umb die Römischen Adler wäre etlichemal ein blinder Lermen entstanden / und die
Wache sei / gleich als die Barbarn eingefallen / darüber erschreckt worden.
Alles dieses hätte der Götter unversöhnlichen Zorn / der Römer unvermeidlichen
Verderb angedeutet. Varus habe diss alles verächtlich in Wind geschlagen / wiewol
dem / was das Verhängnis iemanden schon bestimmte / könne man nicht entgehen /
wenn man es schon vorher wahrnehme. Dahero wäre es ihres Orts numehro eine
grosse Torheit / wider das Verhängnis zu Felde ziehen / eine Klugheit der
unauffhaltbaren Notwendigkeit aus dem Wege weichen. Ihrer wären noch eine
Handvoll gegen das sich noch täglich vergrössernde Heer der Deutschen. Da nun
die ganze Römische Macht gegen diesen Sturm-Wind viel zu ohnmächtig gewest wäre
/was sollten sie wenige und meist hart verwundete ausrichten? Der Deutschen
Grausamkeit habe zeitero sich nach den Römischen Sitten mercklich gemiltert.
Und da sie auch ihre Kriegs-Art von Ermordung der Ergebenen nicht zurücke hielte
/ würden sie doch ihrer eignen Landsleute und Bluts-Freunde schonen /welche in
Römischer Gefangenschaft begriffen / also gleichmässiger Rache unterworffen
wären. Sie würden selbst Gott dancken / gegen sie die Ihrigen auszuwechseln. Der
Uberwinder schriebe dem Uberwundenen willkührliche Gesetze für. Dahero sei es
mehr gewöhn-als nützlich gewisse Absätze zu behandeln. Denn wer könne dem Sieger
die Hände binden / dass er die verwilligte Abrede nicht breche? Dahero hielte er
für ratsamer sich der Gnade ihrer Feinde / welche ja noch Menschen / keine
Ungeheuer wären / zu ergeben / und durch Streichung der Segel den Ihrigen und
dem Vaterlande sich zu erhalten / als aus Hartnäckigkeit ihm eitele Ehre
erzwingen wollen und zu Grunde gehen. Er wäre zwar bereit / wenn denen
Belägerten oder Rom darmit was geholffen würde / sich zum Schlacht-Opfer für sie
eigenhändig hinzugeben. Auch schiene die Ergebung schimpflich / die verzweifelte
Gegenwehr mehr rühmlich zu sein: Alleine diese wäre doch dem Vater-Lande / dem
sie durch jene noch erhalten würden / nicht so nützlich. Nun aber wäre es
grössere Liebe dem Vaterlande mit seiner Schande /als mit seinem Tode dienen.
Also sollten sie sich gegenwärtiger Not nur unterwerffen / welche die mächtigen
Götter selbst nicht überwinden könten. Die meisten fielen dem Cejonius bei; also
wurden auch die Tapfersten überstimmet / wie es insgemein zu geschehen pfleget /
wo die Meinungen gezehlet / nicht gewogen werden.
    Der deutsche Ritter / welcher ihnen bald anfangs angedeutet hatte / dass ihre
Ergebung keine Bedingung zuliesse / ward hierauf für die Versammlung gebracht /
und Cejonius eröffnete ihm: Nachdem die Götter seinem Feldherrn die Ehre eines
so grossen Sieges zugedacht / müsten sie der Zeit / dem Verhangnüsse und seiner
Tugend weichen; sich also ergeben. Ihnen und allen Uberwundenen sei es ein Trost
/ von einem so grossen Helden überwunden worden sein. Weil es auch ihm so
gefiele / wollten sie durch keine Unterhandlung ihm die Zusage seiner Gnade
abnötigen. Die Tugend eines hertzhaften Uberwinders sei ein sicherer Pfand der
Sanftmut / als beteuerliche Worte. Sich selbst überwinden sei der gröste Sieg
/ und eines Siegers gröster Ehren-Ruhm / gegen Gefangene Erbarmnis üben. Ein
einig erhaltener Feind sei ein schöneres Siegsmahl als tausend todte Leichen.
Nichts hingegen besudele die Lorbern eines Uberwinders mehr als das Blut /
wormit sie die Rachgier nach schon abgekühltem Geblüte und geendigter Schlacht
bespritze.
    Mit dieser erwüntschten Verrichtung und einer guten Anzahl Römischer Geissel
kehrte der Ritter zu seinem Feldherrn / Cejonius aber befahl / dass alle im Lager
befindliche Waffen auf einen Hauffen getragen / die Pforten des Lägers
aufgesperret / und ein ieder numehro den Grim des Feindes / den sie mit Waffen
abzulehnen nicht vermocht / mit demutiger Begegnung besänftigen sollte. Fürst
Malovend aber / und Apronius ein Römischer Oberster / welchen nebst vielen
andern über der Entwafnung so vieler tapfern Kriegs-Leute die Augen übergiengen
/ und dahero des Cejonius kleinmütige und schimpfliche Entschlüssung verdammten
/ hatten aus Verdruss zwar ihrer eigenen Wolfart / nicht aber des noch übrigen
Römischen Adlers vergessen. Dahero eilten sie zum Emilian / der ihn in seiner
Verwahrung hatte / hielten ihm die ihnen allen daraus erwachsende Schande ein /
da dieses güldne Kleinod und Zeichen der Römischen Hoheit in die Hände des
Feindes geliefert würde; worden also schlüssig / solchen in einen im Läger
befindlichen Sumpf zu verstecken.
    Hertzog Herrmann wollte bei so glücklichen Begebenheiten weder einige Zeit
verlieren / noch Gelegenheit versäumen / gab alsobald Befehl / dass die Reiterei
/ und ein Teil des Fuss-Volcks ins Läger rücken /die vier Pforten / ihre Türme
/ das in der Mitte auf einem Hügel stehende und gleich einem Tempel mit einem
Opfer-Tische versehene Haupt-Zelt des Feldherrn / welches von Seide und
Goldstück war / auch gewürffelte Persische Teppichte zum Fuss-Boden hatte / das
Zeug-Haus nebst andern vornehmen Plätzen besetzen / und die Waffen der
Belägerten in Verwahrung nehmen sollte. Als nun diss alles in genungsame
Sicherheit gebracht / ritte er unter der Begleitung Hertzog Inguiomers / des
Cattischen und anderer Fürsten ins Läger; welchen Cejonius für der Pforte
begegnete / dem Feldherrn die Schlüssel fussfällig überlieferte / ihn auch für
sich und die Ergebenen umb eine leidliche Gefängnis und Beschirmung für den
gemeinen Kriegs-Knechten anflehete. Sintemal diese schwerlich reine Hände
behalten könten / wo der Sieg ihnen zugleich den Werckzeug zur Rache / und
Gelegenheit zur Beute darreckte. Die Grossmütigkeit eines so grossen Uberwinders
liesse sie nichts widriges besorgen / weil so denn weder Menschen noch Götter
ihm den herrlichen Sieg missgönnen könten. Die vorigen Merckmale seiner Gütigkeit
hätten sie beredet / dass sie ihre Ergebung einer verzweifelten Gegenwehr
fürgezogen hätten / weil sie glaubten / es würden sie so wenig der Deutschen
Botmässigkeit /als ihn ihrer demütigen Unterwerffung gereuen. Der Feldherr
versetzte ihm: Man würde nach denen Gesetzen des Vaterlandes / nach dem Beispiel
der über die Deutschen ehmals siegenden Römer / und nach Maassgebung der
Kriegs-Rechte gegen sie verfahren. Worauf Cejonius / Fürst Malovend / Arbogast
und alle Grossen in Fessel geschlagen / die gemeinen Kriegs-Knechte aber ie zehn
und zehn aneinander gekoppelt / und nebst der gefundenen reichen Beute unter die
Uberwinder eingeteilet / die ins Läger zurückgebrachte Schriften des Varus und
alle andere Geheimnisse sorgfältig auffgesucht und auffgehoben worden. Es hätte
einen Stein in der Erden jammern mögen / das erbärmliche Winseln der Gefangenen
/welche an Stricken gleich als Heerden unvernünftigen Viehes fortgetrieben
wurden / und nun allererst ihre Zagheit zu bereuen / des Cejonius aber zu
verfluchen anfingen.
    Wiewol nun Hertzog Herrmann und andere Fürsten ihr Volck mehrmals ermahnten
/ sie sollten sich mit der Beute vergnügen / hingegen unbarmhertziger
Blutstürtzung entalten; denn es würde den Schirm-Göttern Deutschlandes schon
ein austrägliches / und die allgemeine Rache vergnügendes Anteil aufgeopfert
werden; so war es doch unmöglich über so viel tausend ein nichts übersehendes
Auge zu haben / und in ihren kriegerischen Gemütern das Gedächtnis so
mannigfaltigen Unrechts / als einen leicht fangenden Zunder der so süssen Rache
zu vertilgen. Deñ etliche stelleten ihre Gefangene auf der abgehauenen Bäume
Stöcke empor / und liessen ihre Knaben nach ihnen mit Pfeilen zum Ziel schüssen.
Viel spisseten die Schädel der Todten auf die Gipfel der Bäume / oder baueten
aus denen abgefleischten Knochen Hütten. Andere / und insonderheit die unter dem
Feldherrn kämpfenden Cimbrer / machten aus denen abgeschnittenen Haaren Stricke
/ und hingen ihre Gefangenen darmit an die Aeste. Denn die streitbaren Deutschen
lassen insgemein ihre Haare weder Scheere noch Scheer-Messer berühren / biss sie
einen Feind erwürget / und so denn legen sie mit ihrem Haare zugleich ihr
getanes Gelübde ab; gleich als wenn sie so denn allererst ihrem Vaterlande ihr
freies Antlitz zu zeigen / und sich eines Deutschen Uhrsprunges zu rühmen
berechtigt wären. Die Reiterei hackten vielen die Köpfe ab / und steckten sie
teils auf ihre Lantzen /teils auf die Wipfel der Bäume / teils schlugen
eiserne Haspen in die Köpfe / und hingen selbte ie zwei und zwei über den Hals
ihrer Pferde; gleich als wenn diese blutige Merckmale nicht allein die
Kenn-Zeichen ihres Sieges wären / sondern auch güldene und Purperfärbichte
Ausputzungen überträffen. Am allergrausamsten aber ward auff die gefangenen
Sach-Redner und Gerichts-Anwälde gewütet. Es war unter denen Kriegsleuten
Hermegildis / eine Frau Adelichen Standes / welche nichts minder ihre angebohrne
Hertzhaftigkeit / als die Rache / teils wegen ihres ermordeten Eh-Herrns /
teils ihrer geschändeten Tochter die Waffen anzulegen bewogen hatte. Denn es
hatte Munatius / ein Römischer Hauptmann / den ersten wegen eines geringen
Unvernehmens und daraus gefassten aber verstellten Grolles bei seinem eigenen
Tische durch Gift hingerichtet / sich auch dieser Mordtat / als eines wider
einen plumpen Deutschen rühmlich ausgeübten Kunst-Stückes offentlich gerühmet.
Ob sie nun wohl diese Mordtat bei dem Varus geklaget / schützte doch Munatius
für / es könnte wider ihn keine grössere Straffe statt finden / als die Deutschen
gegen Frembde und Einheimische in solchen Fällen ausübten. Diese aber büsseten
einen Todschlag mit einem Pferde oder einem Rinde. Die Klägerin versetzte: Diese
Busse hätte nur im redlichen Zweikampfe / nicht in heimlichem Meuchel-Morde
statt; Varus hätte auch den Deutschen die Römischen Straff-Gesetze
auffgedrungen; also müste der Täter seines Vaterlandes Satzungen so vielmehr
unterworffen sein. Als nun Munatius nirgends keine Ausflucht wusste /und die
Klägerin sich gleich eines gerechten Urtels /dessen sie Varus gegen Abheischung
fast ihres ganzen Vermögens versichert hatte / versah / wischte Munatius mit
einem Gnaden-Briefe herfür / welchen seine Freunde ihm auff des Varus
selbsteigne Vor-Schrifft beim Kayser zu Rom ausgebracht hatten. Ihre
wunderschöne Tochter aber hatte sie dem Antistius /einem Römischen Jünglinge /
gegen sein bei ihr beteuerlich getanes Versprechen / dass er beim Varus viel
vermöchte / und ihr zu Ausübung gerechter Rache wider den mit ihm ohnediss in
Feindschaft stehenden Munatius unfehlbar verhelffen wollte / nach ihrer
einfältigen Landes-Art verlobet; ihm auch ihres Vaters Pferd und Waffen / ja
wider die Gewohnheit der Deutschen noch ein ansehnliches an Gütern zugebracht.
Nach wenigen Tagen aber verhielt er sie gar geringschätzig / und erklärte
offentlich / dass er sie nicht für sein Eh-Weib / sondern für eine blosse
Bei-Schläferin erkennete. Die hierdurch höchst-bekümmerte Mutter und
Freundschaft kamen mit ihrer beschimpften und endlich gar verstossenen Tochter
für den Varus; Antistius aber schützte für / dass die geklagte Heirat so wohl
wegen unterlassener Römischen Verlobungs-Gebräuche / als seines Vatern
ermangelnder Einwilligung zu solcher Eh von Unkräfften wäre; ja er hielt sie
noch höhnisch / vorgebende /dass eine deutsche Sclavin mehr denn zu viel Ehre
erlangt hätte / wenn sie ein Römischer Edelmann des Bei-Schlaffs würdigte. Und
hiermit mussten sie zwar schimpfflich abziehen; solche Ehrenkränckungen aber
schrieben sie mit unausleschlichen Buchstaben in das Buch unvergesslicher
Rachgier. Diese Hermegildis nun erblickte unter den Gefangenen ungefehr den
Titus Labienus / wegen seiner Stachel-Reden ins gemein Rabienus genennt / dessen
Schrifften auch vermöge eines ausdrücklichen Ratschlusses offentlich zu Rom
verbrennt wurden. Dieser hatte sich deswegen zwar in seiner Ahnen Begräbnis
lebendig einschliessen lassen / ward aber vom Kayser daselbst weg und aus Rom
geschafft / kam also zum Varus und gab im Läger den vornehmsten Sach-Redner ab
/hatte auch in oberwähnten Rechts-Händeln so wohl den Munatius als Antistius
spöttisch und anzügerlich verteidigt. So bald fiel selbter der Hermegildis
nicht ins Gesichte / als ihr Hertze Gift und Galle zu kochen / die Augen aber
Grimm und Feuer auszulassen anfingen. Hiermit wechselte sie ihn gegen drei
andere Gefangene aus / um mit seinem Blute so wohl ihren Zorn abzukühlen / als
ihrer besudelten Tochter Flecken abzuwaschen. Der übermässige Eyfer liess sie
wenig Worte machen; dahero ergriff sie den in Fessel geschlossenen Labienus /
schnitt ihm eigenhändig das Glied / welches sie empfindlich verletzt hatte /
nehmlich die Zunge aus dem Maule / und nachdem sie selbte grimmiger / als es die
erbitterte Fulvia der Zunge des beredten Cicero mitspielte / mit Pfrümen
zerfleischt hatte / reckte sie selbte mit diesen Worten empor: zische mich mehr
an / du gifftige Natter. Ja sie nehete ihm gar die erblassenden Lippen zusammen
/gleich als wenn sie seine Entselung noch nicht versicherte / dass auch sein
todtes Schmach-Maul die Zähne auff sie nicht mehr blecken würde. Dieses Beispiel
verhetzte viel andere Deutschen gegen die Sach-Redner. Einer beschwerte sich /
dass dieser ihm sein Erbgut abgerechtet hette / unter dem Vorwand / dass in den
eroberten Landschaften aller liegenden Gründe Eigentum dem Käyser verfallen
wäre; Ein ander klagte: dass jener eine unredliche Handlung / durch welche er um
ein grosses Teil seines Vermögens betrogen worden / als gültig verfochten hätte
/ weil die Römischen Rechte die Verforteilungen / biss zur Helffte des wahren
Preisses / zulässlich erkennten; der dritte schmähete einen andern / der seines
Anverwandten letzten Willen wegen Mangel einer spitzfindigen Zierligkeit
umgestossen / und die Erbschaft dem Land-Vogte verfallen zu sein ausgeführet
hätte. Mehr andere verfluchten die von ihnen selbst kostbar gebrauchten Anwalde
/ welche ihnen ihr letztes Marck ausgesogen / gleichwohl aber die Geheimnisse
ihrer anvertrauten Sache dem Gegenteile zu verraten sich hatten erkauffen
lassen / und viel verzweiffelte Trauerfälle verursacht. Dahero kühlte ieder
Beleidigter an den Sachrednern seinen Mut / und wurden einem Teile die Augen
ausgestochen / einem andern die Hände / vielen die Zungen und Lippen
abgeschnitten /also / dass / so viel ihrer nur ausgeforscht wurden /keiner die
Erbarmung seines Uberwinders zu erbitten vermochte / und der ganze grosse Wald
/ wodurch sich das Heer gegen Deutschburg zurücke zoh / nachdem der Feldherr das
Römische Läger zu schleiffen ein Teil zurück gelassen hatte / allentalben
blutige Gedächtnisse grimmiger Uberwinder behielt. Denn ob wohl einige der
Meinung waren / dass die Deutschen dieses so starck befestigte Läger zu ihrer
Sicherheit wider die Römer in solchen Stande lassen und besetzen sollten /
widerriet es doch der Feldherr / meldende: der Deutschen Brüste wären ihre
festeste Mauren /die von Steinen erbaueten Wälle aber nur Zuchtäuser und Fessel
der Dienstbarkeit. Zu dem verlernten auch wilde Tiere ihre Hertzhaftigkeit /
wenn sie eingesperret würden.
    Folgenden Morgen kam der Feldherr mit den andern Häuptern auff die erste
Wallstatt / und wie ieder unter ihnen freudig zu erzählen wusste / wo einer und
der andere getroffen; wo es am schärffsten hergegangen; wo die Römer am ersten
gewichen; wo Segestes gefallen wäre; also gerieten sie endlich auch auff die
Stelle / wo sich Qvintilius Varus verzweiffelnde selbst hingerichtet hatte /
funden aber daselbst zwei Römische Kriegsknechte / welche eine Grube
zuscharreten / und auff bedräuliche Befragung um ihr Vornehmen / zur Antwort
gaben: Sie wären in der Schlacht von empfangen Wunden für todt liegen blieben /
als sie aber nach ihrer Ohnmacht wieder zu sich selbst kommen wären / hätten sie
den zwar entaupteten Leib ihres Feldherrn erkennet / und ihrer Pflicht zu sein
erachtet / teils mit etlichen zerbrochenen Degen / teils mit ihren eigenen
Nägeln ein Grab zu scharren / und / nachdem auch die Ameisen und Bienen ihre
Todten begrüben / ihn zu beerdigen. Die Fürsten lobten zwar ihre Frömmigkeit;
sonderlich / da sie für Schwachheit wegen des so viel weggelassenen Blutes nicht
selbst auff den Füssen zu stehen vermochten; Fürst Sesitach aber war der erste /
der dem Feinde diese Begräbnis-Ehre zu gönnen widerriet. Als sie nun befehlicht
worden den Leichnam wieder auszugraben / versetzte einer unter ihnen Mustonius:
die Feinde pflegten ja auch den Todten eine Hand voll Erde den Hafen dess
entseelten Leibes zu gönnen. Die Heleer hätten für unmenschlich und für eine
Verletzung des Völckerrechts gehalten / wenn man die todten Feinde nicht
begrübe. Bei denen Ateniensern wären die Heerführer zum Tode verdammet worden
/die solches unterlassen; wodurch Chabrias seine unterlassene Verfolgung der
geschlagenen Spartaner entschuldiget; Und der sonst von Natur so grausame
Hannibal hätte die Römer sorgfältig beerdigen lassen. Die Deutschen würden sich
mit dem Schandflecke der Parter und Nabateer zuversichtlich nicht beflecken
/welche aller wohl gesitteten Völcker Fluch verdienten / dass die ersten die
Magen der Wölffe und Raubvögel zu Särgen ihrer Todten werden liessen / und
hernach erst die nackten Gebeine begrüben; die andern aber ihre Leichen den
Mistauffen wiedmeten. Auch trauten sie ihnen nicht zu / dass sie / wie die
Scyten / des Varus Leiche zum verspeisen verlangten. Des grossen Alexanders
Vater hätte dadurch seinen Ruhm nicht wenig verkleinert / dass er nicht nur die
Gefangenen /sondern auch die erschlagenen Tebaner verkaufft /und auff ihre
Begräbnisse einen Zoll geschlagen. Wolten sie denen andern todten Römern die Ruhe
im Grabe nicht gönnen / sollten sie solche doch einem Römischen Bürgermeister und
Feldherrn nicht verweigern. Und da ihn seine Würde dessen nicht fähig machte /
hätte er solches durch seine letzte Grossmütigkeit nichts minder als Demostenes
verdient; welcher von den sonst so sehr erbitterten Syracusiern nur deswegen
ehrlich begraben worden wåre / dass er nach verlohrnem Kriegs-Heere mehr Hertz
als Nicias bezeuget / indem er durch sein eigen Schwerdt ihm selbst vom Leben
und aus der Dienstbarkeit geholffen. Auch wäre des Varus Leiche dieser wenige
Sand so vielweniger zu missgönnen / nachdem ihm ohnediss nicht die letzte Pflicht
nach Römischer Art durch Einäscherung des Leibes geschehen könnte. Sesitach fuhr
den Mustonius an / Varus wäre der Erde nicht wert / und sie sollten alsofort ihn
ausscharren. Zumahl diese Einscharrung ohne diss nicht den Römern gemäss sein
sollte. Hätte doch Sylla bei Anien des Marius Asche nicht unbeirret gelassen /
sondern auffs schimpfflichste zerstreuet. Diesem begegnete der andere Römer
Qvintus Julius Postumus / des berühmten Landvogts in Dalmatien Sohn: Die
Verbrennung wäre bei den Römern keine unveränderliche Notwendigkeit. Das edle
Geschlechte der Cornelier hätte ausser dem Sylla sich unversehrt in die frische
Erde legen lassen. Sie hätten weder so viel Kräffte noch Leichtsinnigkeit den
Beerdigten auszuscharren /und ihr gutes Werck numehr mit einem ärgern Laster zu
besudeln. Bei den Römern und allen wohlgesitteten Völckern wären die Begräbnisse
heilig. Die Mutter aller irrdischen Dinge bezeugte so denn / wenn sie den
Menschen von der Natur absonderte / allererst ihre gröste Mutter-Liebe / weil
sie die Leichen durch ihre Bedeckung unversehrlich machte. Sie würden ihnen
hierdurch nicht geringern Zorn und Straffe der Götter auff den Hals ziehen als
Creon / welcher den Häemon seinen Sohn auff dem Grabe seiner verlobten Antigone
sich selbst ermorden / seine Gemahlin Eurydice sich eigenhändig hinrichten / und
sich selbst in höchster Verzweiffelung hätte sehen müssen / weil er die Leiche
dess vom Eteocles erlegten Polynices wieder ausscharren / die ihn begrabende
Antigone aber in eine Höle lebendig einmauern lassen. Der sonst in allem so
glückselige Sylla wäre darinnen allein unglückselig gewest / dass er des Marius
beerdigten Cörper ausgegraben / seinen Kopff zu offentlicher Schau auffgestellet
/ und dadurch nicht allein seinen Ruhm besudelt / sondern seine Leiche auch
wider des Cornelischen Geschlechts Begräbnis-Art / aus Beisorge ebenmässiger
Ausscharrung / hätte verbrennen lassen müssen. Wolte man aber den wenigen Sand
um ein Stück Goldes verkauffen / würde selbtes nicht mangeln. Ja da Cimon die
Freiheit feines im Kercker verschmachteten Vaters Leiche zu beerdigen sich in
sein Gefängnis und Fessel schliessen lassen; Sie aber keine Freiheit um ihres
Feldherrn Leiche zu kauffen übrig hätten / were er erbötig mit seinem Leben auch
seine Beerdigung zu entbehren / wenn nur des Varus ohne diss durch den
abgerissenen Kopff genugsam beschimpffte Leiche nicht wieder ans Tagelicht
kommen dörfte. Hertzog Herrmann nahm die tugendhafte Entschlüssung dieser
zweien Römer wohl auff / entbürdete sie der anbefohlnen Ausgrabung / und befahl:
dass sie in ihrer Gefangenschaft ehrlich gehalten / und von der Ausgrabung des
Varus verschonet werden sollten; ob schon die Römer weder die Gräber noch die
Leichen ihrer Feinde / noch auch ihre eigene Grabmahle / wo das Haupt nicht läge
/ für heilig hielten. Ob nun wohl des Varus Leiche dergestalt unauffgescharret
blieb / so ward doch selbte von dem nachziehenden ergrimmten Kriegs-Volcke / und
zwar meist auff Anstifftung des Fürsten Sesitachs ausgegraben / und auff einem
Karne mit fort geschleppt. Denen andern in der Schlacht umkommenen ward das
beste zur Beute abgenommen / und blieben ihre Leichen zwischen den erschlagenen
Pferden und zertrümmerten Waffen unbeerdigt liegen. Die aber / welche von denen
Deutschen in der Schlacht geblieben waren / wurden von ihren Befreundeten oder
Geferten auffgehoben / auff unterschiedenen auffgerichteten hohen Holtzstössen
nebst ihren Pferden und Waffen nach ihrer Lands-Art verbrennet / und ihre Asche
hernach beerdigt. Wiewohl auch viel Leichen hohen Standes von der Wallstatt zu
herrlicherm Begräbnis-Gepränge weggeführet wurden. Die Deutschen / welche der
Feldherr zu Bewachung der Wallstatt verlassen hatte /beteurten einmütig / dass
bei der Abends-Demmerung die erschlagenen Todten sich auffgerichtet / und auffs
neue mit einander die ganze Nacht durch geschlagen hätten / gleich als wenn
ihre Verbitterung sich nicht an einem Tode vergnügen könnte. Ja es ereignete sich
bei Absonderung der Todten / dass ihrer unterschiedene / welche auff oder nahe an
einander lagen / einander in dem letzten Grimme Nasen und Finger abgebissen
hatten.
    Der Feldherr war noch eine halbe Meilweges von Deutschburg entfernet / als
ihm eine grosse Menge Volcks entgegen kam. Zuförderst gingen die Barden und die
heilige Aurinia mit fünffhundert edlen Jungfrauen. Jene waren mit langen weissen
Kleidern angetan / ihre Häupter waren mit Kräntzen aus Eichenem Laube / welcher
Baum bei ihnen für heilig gehalten wird / umgeben / und sie bliessen mit
Krummhörnern die annahenden Sieger freudig an / und vermischten diss Getöne mit
des jauchzenden Volcks Frolocken. Diese waren teils mit Himmelblauen / teils
mit Meergrünen Röcken bekleidet / ihre weissen Haarlocken / mit welchen der
anmutige Westwind spielte /waren mit Blumen-Kräntzen geschmückt. Uber ihre
Achseln hingen Bogen / und an der Seite mit Pfeilen gefüllte Köcher. Ihr Gewand
verdeckte mit Fleiss die rechten Brüste / da hingegen die lincken ganz bloss zu
sehen waren / um denen streitbaren Siegern gleichsam neue Amazonen furzubilden.
Ihre schneeweissen Fürtücher hatten sie auffgeschürtzt / und mit allerhand
Blumen angefüllt. In der Mitte folgte selbst der Priester Lybis nebst sieben
andern Priestern in schneeweissen Röcken. Bei Nåherung des Feldherrn / neigte
sich die ganze Schaar gegen Ihm mit grosser Ehrerbiettung / und er selbst sass
vom Pferde ab / welchem der Priester Lybis mit allerhand andächtigen
Gebehrdungen einen von Lorberblättern / und mit gesponnenem Golde umflochtenen
Siegs-Crantz auffsetzte. Als Hertzog Herrmann hierauff wieder zu Pferde sass
/gingen Anfangs die Jungfrauen / hernach die Barden /endlich Libys und seine
Gefärten für denen Fürsten her. Diese zündeten in ihren Rauch-Fässern Weirauch
und Agstein an; die Jungfrauen aber sträueten allerhand Blumen auff den Weg /
und wechselten mit den Barden gegeneinander singende nachfolgende Reimen ab:
                                Die Jungfrauen.
Eilt / wunscht unsern Helden Glucke /
Eilt / bewillkommt unser Heer /
Das mit Palmen kommt zurücke /
Reich von Ruhm / von Beute schweer!
Singt den Fürsten Sieges-Lieder /
Die so sieghaft kommen wieder!
                                  Die Barden.
Die Schutzherrn ihres Volcks / des Vaterlandes Väter /
Die fürs gemeine Heil behertzt zu Felde ziehn /
Die fremde Dienstbarkeit / Mordstiffter / Ertzverråter /
Bei uns mit Strumpff und Stiel zu tilgen sich bemuhn /
Die kann der Himmel nicht Sieg-Hülff- und Trostloss lassen /
Noch ihr unendlich Lob der Sonnen Zirckel fassen.
                                Die Jungfrauen.
Schmuckt mit Blumen Bahn und Wege /
Herrmann hat verdient: dass man
Ihm die Hände unterlege /
Und zum Vater ihn nehm' an.
Dass er / weil er lebt auff Erden /
Schon vergöttert möge werden.
                                  Die Barden.
Alcides mahlt uns ab ein Vorbild unsers Fürsten /
Der durch der Tugend Trieb biss zu den Sternen flog.
Ihr Zunder hiess sie zwei nach Ruhm und Ehre dürsten /
Als beider Zunge noch an Mutter-Brüsten sog.
Wie Hercules zerriess zwei Schlangen in der Wiege /
So jung erwarb auff Neid und Mord-Lust Herrmann Siege.
                                Die Jungfrauen.
Nesseln pflegen bald zu brennen /
Und auszarten Kreilen sind
Löw und Adler zu erkennen /
Cyrus herrscht als Hirt und Kind.
Unsers Herrmanns zarte Jugend
Zeigt vollkommnen Witz und Tugend.
                                  Die Barden.
Alcidens Klugheit siegt beim grossen Scheide-Wege /
Als ihn die Wollust dort / hier Tugend lockt zu ihr.
Rom rejetzt auch unsern Held auff seiner Ehrsucht Stege /
Er aber zog das Heil des Vaterlandes für /
Der Tugend rauhe Bahn / den Weg voll Dorn und Hecken.
Itzt aber lässt sie Ihn die süssen Früchte schmecken.
                                Die Jungfrauen.
Disteln sind der Tugend Wiegen /
Bleibt Sie aber standhaft stehn /
Sieht man sie auff Sammet liegen /
Und auff weichen Rosen gehn.
Streuet Blumen / werfft Narcissen /
Zu des grossen Hermanns Füssen.
                                  Die Barden.
Alcides tödtete das wilde Schwein / den Riesen /
Den Ochsen und den Low / den Drachen / den Busir.
Des Varus Grausamkeit und Mordlust hat erwiesen:
Schwein / Ochse / Riese / Drach' und das ergrimmste Tier
Sei Schatten gegen ihm / und seiner Hencker Wutten.
Furst Herrmann aber hat den Kopff ihm abgeschnitten.
                                Die Jungfrauen.
Schande krönt den Ubeltåter /
Ehre wahrer Helden Haupt.
Fessel sind für die Verräter.
Herrmans Scheitel wird umlaubt
Mit verdienten Lorber-Kronen /
Seine Tugend zu belohnen.
                                  Die Barden.
Alcides trieb hinweg des Stymphalus Geflügel /
Das eitel Menschen-Fleisch zu essen lüstern war;
Nahm den Amazonen die Gürtel und die Spiegel;
Fürst Hermann reisst sein Volck aus grösserer Gefahr;
Knupfft Schwerdt und Gürtel ab / nicht Weibern / Kriegesleuten /
Jagt die Raubvögel weg / und sammlet reiche Beuten.
                                Die Jungfrauen.
Eulen müssen sich verstecken
Für der Sonnen Glantz und Licht /
Adler sind der Tauben Schrecken /
Menschen siehn für Göttern nicht;
Unsrer Helden Spiess und Pfeile
Sind den Römern Donnerkeile.
                                  Die Barden.
Alcides Achsel hat den Himmel unterstützet /
Der güldnen Aepssel Raub frohlockend heimgebracht.
Des Monden Brut vertilgt / das Vaterland beschützet /
Und den Promoteus von Felsen lossgemacht.
Fürst Herrmann tilget Rom / macht unser Joch zunichte /
Stützt Deutschland und erwirbt der Freiheit guldne Früchte.
                                Die Jungfrauen.
Ja / dem Herrmann ist nichts gleiche /
Freund und Feind gestehet es:
Er sei Schutz-Gott unsrer Reiche
Unser ander Hercules.
Nur dass keine Seulen wissen
Seine Taten einzuschliessen.
                                  Die Barden.
Tuiscons Seele lebt in unsrer Helden Leibern /
Sie führt wie Alemann die Löwen an der Hand /
Hat Hermion gemacht Kriegs-Helden auch aus Weibern /
So ist dem Herrmann auch die Kunst nicht unbekandt /
Wenn von Tussneldens Schwerdt / und von Ismenens Spissen
Geharnschte Fürsten falln und ihre Bugel küssen.
                                Die Jungfrauen.
Grabt der Deutschen Helden Taten
Marmeln / Ertzt und Bäumen ein.
Diss sind Erndten solcher Saaten.
Elbe / Weser / Mosel / Rhein
Wird nicht länger Wasser bringen
Als man diesen Sieg wird singen.
    Nachdem nun endlich der Feldherr mit den andern Grossen auff seinem Schloss
Deutschburg ankommen war / er daselbst die fürnehmsten Gefangenen in Hafft
halten / das Heer in die nechst angelegenen Örter biss zu fernerer Entschlüssung
zerteilen / der Verwundeten wohl pflegen liess / sie selbst persönlich
heimsuchte und tröstete / die tapffern lobte und begabte / auch für so
herrlichen Sieg den Göttern auff den instehenden neuen Mond herrliche Opffer zu
bringen / und sich seines Gelübds zu befreien Anstalt machte / kam endlich auch
Fürst Catumer sieghaft zurücke / und berichtete: dass er das Schloss Alison /oder
Altzheim / auff der West-Fürst Ganasch auff der Ost-Seiten mit dem Kriegs-Volcke
/ welches den flüchtigen Asprenas verfolgt / beschlossen hätte. Aus diesem habe
Lucius Cäditius auff geschehene Auffoderung ihm schimpffliche Antwort
zuentboten: dass so lange er Atem holete / er von keiner Ubergabe hören; sondern
die ihm anvertraute Festung zu ewigen Merckmahle seiner Treue behaupten oder zu
seinem Grabe haben wollte. Dahero er denn auch zur Gegenwehr und mehrer
Befestigung des Orts Tag und Nacht Anstalt gemacht. Alldieweil sie aber / diesen
vorteilhaftig-gelegenen Platz zu bestürmen / weder genugsames Fuss-Volck noch
Sturm-Zeug bei Handen gehabt / hätten sie aus dem Römischen Läger beides zu
bringen Befehl erteilet. Sie hätten aber von einigen im Ausfall erwischten
Galliern die Nachricht erlanget: dass die Festung zwar mit Kriegszeuge und
übermässiger Mannschaft / welche sich von des Asprenas Heere hinein geflüchtet
hätten / auffs beste versehen wåre; die Lebensmittel aber würden auffs
sparsamste ausgeteilet / und hätte Cäditius für / alles zur Gegenwehr
undienliche Volck heraus zu jagen. Sie hätten überdiss genau erforschet / welcher
Gegend das Kornhaus stünde / das ihnen denn auch ein Gallier nahe hinter der
Mauer angewiesen. Hierauff hätte Hertzog Ganasch und er alsofort Anstalt gemacht
/ dass folgende Nacht selbiger Gegend zwei höltzerne Seulen etwas höher als die
Mauern der Festung wären eingegraben / und darauff nach Art eines
Brunn-Schwengels ein langer Balcken gelegt worden / mit dessen hinterwärtiger
Niederziehung gegen der Festung zu ein Korb mit zehn geübten Schützen wäre empor
gezogen worden. Diese hätten / ungeacht derer von der Mauer auff sie unzehlbar
abgeschossenen Pfeile / mit ihren brennenden Wurff-Spiessen und Feuer-Pfeilen
das Dach des Kornhauses in Brand gebracht / und /wie eiffrig gleich die Römer
solches zu leschen bemühet gewest wären / völlig eingeäschert. Cäditius hätte
sein heimliches Ubel derogestalt verraten / und über etliche wenige Tage eine
so grosse Menge Volcks zu unterhalten kein Mittel gesehen / wäre also gezwungen
worden / die erste Mitternacht darauff auff der Sud-Seiten blinden Lermen zu
machen / auff der Nord-Seiten mit seiner ganzen Macht auszufallen. Dieser wäre
durch die in Bereitschaft stehenden Hauffen mit blutigem Gefechte
durchgebrochen. Er Catumer habe zwar sein ganzes Läger bald in die Waffen
gebracht und den Feind verfolgt / Hertzog Ganasch wäre auch mit seinem
Kriegs-Volcke durch die verlassene und nun unschwer erbrochene Festung über die
Lippe / und ebenfals dem Feinde in Rücken gegangen / welcher sie auch mit
anbrechendem Tage erreicht hätte; Alleine der Morastige Ort / dahin man mit der
Reiterei schwerlich hätte kommen können /hätte ihnen allen Angriff verwehret.
Zwischen solchen Sümpfen wäre er drei Tage bald fort gerückt / bald hätte er
wieder Lufft geschöpfft / und bei solchem Zuge teils unerträglichen Hunger /
teils weil er bald vor / bald hinterwerts / bald auff der Seiten angefallen
worden / empfindlichen Abbruch gelitten. Er müste seinem Feinde den Ruhm lassen
/ dass er durch Erdultung so grosser Not / mit steter Durchwatung der Pfützen /
mit Abbruch des Schlaffs / mit unauffhörlicher Gegenwehr die Unmöglichkeit
selbst überwunden / unerträgliche Dinge überstanden / Cäditius bei seinem zwar
grossen Verlust die tauerhaften Deutschen müde gemacht / in seinen
Entschlüssungen weder verwegene Ubereilung / noch träge Langsamkeit begangen /
endlich wider menschliche Einbildung einen Weg und Furt durch die Lippe
gefunden / und des Nachts in aller Stille sein meistes Volck darüber in
Sicherheit gebracht / also mit dem Degen in der Faust ihm nicht so wohl einen
Weg durch seinen stärckern Feind gemacht / als der Natur selbst abgewonnen habe.
Ja es hätte geschienen / als wenn der Himmel sein Elend länger anzuschauen müde
/ und derogestalt mitleidend worden wäre / indem er durch etlicher Tage Regen /
bald nach seiner Durchwatung /den Strom derogestalt angeschwellet hätte / dass
Hertzog Ganasch und er sich mit Erober- und Besetzung der Festung Alison / mit
Niederreissung des dem Drusus Claudius zum Gedächtnis daselbst aus Marmel
auffgerichteten Heiligtums und köstlichen Altares /mit denen zurück gebrachten
Gefangenen / darunter auch etliche Römische Frauen wären / hätten vergnügen /
und dem Feinde Zeit sich an den Rhein zu ziehen verstatten müssen.
    Den Tag für dem Neumonden brachte die Gewohnheit mit / denen noch etwan
übrigen Todten ihren letzten Dienst abzustatten. Denn es hatte eine grosse
Anzahl der Grafen / welche auff des Feldherrn Leib bestellet waren / als auch
sonst etliche aus uralten Fürstlichem und viel aus Ritterlichem Stamme ihr Blut
fürs Vaterland verspritzet; welche / ob sie zwar in dem Andencken der Nachwelt
ihrer Tugend wegen ewig leben / doch auch für ihre Leiber / als die Wohnstädte
so himmlischer Seelen ansehnliche Gedächtnis-Mahle verdienen. Diesemnach hatte
Hertzog Herrmann in dem grossen Tale / rings um den Taufanischen Tempel einem
ieden einen viereckichten funffzig Schuch hohen / und zweihundert Schuch im
Umkreiss habenden Holtz-Stoss auffrichten lassen. Denn grosse Holtzstösse und
hocherhabene Gräber sind nichts minder Kennzeichen hoher Verdienste und
Werthaltung / als grosse Schatten Merckmahle grosser Leiber. Die Leichen wurden
von der Burg auff erhobenen Stühlen durch eitel Ritter dahin getragen / welchen
in die Hand ein Honig-Kuchen / in den Mund eine Müntze gegeben / auff das Haupt
ein Krantz / als ein Zeichen der überwundenen irrdischen Drangsalen / gesetzt
war. Ob nun wohl die Deutschen zeitero bei ihren Begräbnis-Feiern keine
kostbare Pracht gebrauchten /die Todten mit keinen Kleidern ziehrten / noch die
Holtz-Stösse mit wohlrüchenden Salben und Balsamen auffrichteten / sich auch mit
einem aus Rasen erhöheten Grabmahle vergnügten / und also nicht unweisslich
anmerckten: dass aus der Menschlichen Asche / als dem Merckmahle unser
Vergängligkeit /Ehrgeitz ziehen wollen / die gröste Eitelkeit sei; so wollte doch
der Feldherr / bei diesem ungemein herrlichen Siege denen fürs Vaterland
ruhmwürdig auffgeopfferten Leichen auch ein ungemeines Gepränge ausrichten. Sie
hatten in dem Läger einen grossen Vorrat von Zimmet / Weirauch / Myrrhen /
Narden und Jüdischen Balsam / welchen Varus noch mit aus Syrien bracht /
gefunden. Dieser ward zu Einsalbung der Leichen und der Holtzstösse verbrauchet.
Denn die Deutschen hielten diss für eine heilsame Verschwendung / welche ihnen
den Zunder zu weibischer Uppigkeit aus dem Wege räumte. Jeden Ritters Pferd ward
auch geschlachtet / und nebst seinen gebrauchten Waffen und was dem Verstorbenen
sonst etwan lieb gewesen / mit verbrennet. Die Bluts-Verwandten warffen in die
Flamme viel an ihre schon fürlängst verstorbene Freunde gestellte Brieffe / in
Meinung: dass ihre Seelen hierdurch den Zustand ihrer Nachkommen zu wissen
bekämen / als welche die verbrennten Schrifften zu lesen allerdings fähig wären.
Bei iedem Holtz-Stosse wurden auch etliche der Gefangenen abgeschlachtet / und
überdiss mussten auff den Gräbern dieser Helden hundert Paar gefangener Römer und
Gallier / auff welche das Los fiel / sich zu tode fechten. Ja es fiel die
deutsche Ritterschaft den Feldherrn an: weil die Römer mehrmahls zehn und
zwantzig Jahre nach ihrer Eltern Tode ihre Gräber mit dem Blute derer zum
Fechten gezwungener Deutschen / ja auch Julius seiner Tochter Begräbnis damit
eingeweiht / andere auch wohl selbst solches in ihren letzten Willen verordnet
hätten; so möchte er doch seines Vaters wahrhaftes und seiner Muttter leeres
Grab /bei dem Taufanischen Tempel / durch gleichmässiges Blut der Römer verehren.
Weil nun der Feldherr diesen so unverdienten Helden übel etwas ausschlagen konnte
/ befahl er: dass auff iedem Grabe sieben Paar Römer einander aufopffern sollten.
Die Freunde der Todten aber verscharreten die aus den glüenden Kohlen
herfürgesuchte Gebeine und Todten-Asche / nachdem sie sie mehr mit Tränen als
wohlrüchenden Wassern angefeuchtet hatten / in die Erde. Auff iedem Grabe
richteten sie von Rasen einen hohen Hügel auff / der Feldherr aber liess hernach
einen Stein dabei setzen / und in selbten das Lob dess daselbst Begrabenen hinein
graben. Unter andern war alldar Emma / eines Herulischen Fürsten Tochter / des
in der Schlacht umkommenen Ritters Stirum Wittib. Diese / nachdem sie ihrem
Ehherrn die letzte Pflicht mit höchster Sorgfalt geleistet hatte / lass aus den
noch allentalben brennenden Holtz-Stosse / ohne einige Empfindligkeit /seine
noch heissen Beine in einen Krug zusammen. Die in ihrem Hertzen noch
unerloschene und von übermässigem Schmertz zusammen gezwengte Liebe presste aus
ihren Augen so viel Tränen aus / dass es schien / als ob ihre ganze Seele
darein zerrinnen wollte / um nur ihres Eh-Herrn Gebeine damit abzukühlen / und
seine Todten-Asche damit einzubalsamen. Als endlich ihre Augen kein Wasser mehr
zu geben vermochten / verscharrete sie den Todten-Krug unter eine hohe Eiche /
rieff hiermit: ihr Götter! lasset dieser Asche die Erde leichte sein! Und ihr
heiligen Gebeine / würdiget dieselbe zu eurem Opffer / welche dadurch schon
lange genug gelebt / nach dem sie ihr Leben mit einem solchen Helden zugebracht.
Nun ich denn meines Ehmanns Hertze in diese Flamme / und in diesen Krug / meines
aber in diese Asche begraben habe / worzu ist mir dieser Hertzlose Leib länger
nütze? Alsofort ergriff sie ein Band / henckte sich an einen Ast recht über
ihres Eh-Herrn Grab. Sintemahl nach der Herulischen Völcker Landes-Gewonheit
eine Frau ohne höchste Ehren-Verletzung eben so wenig /als die sich mit ihren
Ehmännern verbrennende Frauen in Indien lange ihres Eh-Herrn Todt überleben
darff. Ja bei den Deutschen insgesamt / sieht man alleine Jungfrauen heiraten
/ indem selbte nur einem einigen Ehmann einen Leib und ein Leben widmen /aus dem
Bette ihrer einmal abgelegten Jungfrauschaft in kein anders schreiten / und
dahero nach ihres Ehmans Tode nach längerm Leben zu seuffzen wenig Ursache
haben. Also gelten bei diesen Völckern mehr die guten Sitten / als in Narsinga
und bei andern Völckern die schärffsten Straff-Gesetze / wo der Priester bei
Verstattung der andern Verehligung solches mit einem glüenden Eisen auff den
Schuldern der Braut versiegelt. Die Fürsten / Grafen und Ritter / ja der
Feldherr selbst hielten hierauff denen Beerdigten zu Ehren Turnier / Fuss-Kämpffe
/ Ring-Kopff-Rennen und allerhand andere Ritterspiele / und Hertzog Herrmann
schlug eine gute Anzahl derselben / welche in der Schlacht sonderbahre Taten
ausgeübt / zu Rittern; unter denen war Sarweden / Eberstein / Helffenstein /
Waldeck / Benteim / Salm / Reifferschied /Reckum / Palland und viel andere
tapffere Helden.
    Nach eingetretenen Neumonden wurden auff des Priesters Lybis Erinnerung alle
Gefangenen / alle Waffen und die Köpffe von denen Erschlagenen zu dem
Taufanischen Tempel gebracht. Aus denen auff einander gelegten Köpffen ward
gleichsam ein hoher Turm gebauet / die Waffen an einem andern Orte auff einen
hoher Hauffen anfänglich zusammen getragen / und von selbten die / welche
Qvintilius Varus geführet und mit Golde reichlich gezieret waren / ausgelesen /
und in dem Tempel dem Woden / mit welchem Nahmen sie den göttlichen Beistand im
Kriege andeuteten / zu Ehren aufgehenckt / die andern aber von dem Feldherrn
unter die Kriegs-Leute ausgeteilet. Hertzog Herrmann und Inguiomer trugen
selbst die zwei eroberten Römischen Adler / und liefferten selbte mit grossem
Gepränge dem Hohenpriester Libys ein / welcher beide über zwei Opffertische
stellte. Des Varus Haupt ward auff einem dem Tuisco auffgerichteten Altar als
ein Erstling ihres Opffers /gelegt / in dessen im Leben unersättlichen Mund / wie
vormahls es Mitridates dem Manius Aqvilius / und für 32. Jahren Orodes dem
Crassus / oder vielmehr Sextimulejus dem Grachus mitgespielet hatte
/zerschmeltztes Blei gelassen / und den Schutzgöttern Deutschlands für erlangten
herrlichen Sieg gedancket. Hierauff baueten die Priester um den Tempel ringsher
hundert Altare aus zusammengesetzten Rasen / alldar allezeit den hundersten der
Gefangenen denen Göttern zu opfern. Massen denn alsofort von den Priestern ihre
Häupter mit Wein abgewaschen / die andern Glieder mit Wasser besprengt / hernach
gebunden /geschlachtet / das Blut in einen Kessel zusammen auffgefangen / die
Leiber verbrennt / und die Köpfe zum teil zur Balsamung auffgehoben worden.
Sintemal die Deutschen die Köpfe nach der Egyptier Gewohnheit / die sie von den
Opfern in Nil-Strom warffen / nicht mit verbrennten / sondern mit Ceder-Safft
einzusalben / und für der Fäulnüss ihren Nachkommen zum Gedächtnis ihrer Siege zu
verwahre / auch selbte in so grossem Werte zu halten pflegen / dass sie selbte
nicht / mit den Mördern des Grachus / umb gleichwiegendes Gold verwechseln
würden.
    Endlich ward auch Malovend der Marsen Fürst /Cejonius / Caldus Cälius /
Sextus Catulus / Apronius und Emilian zur Opferung geführet. Als man nun an den
Malovend die Hand anlegen wollte / schützte er das Recht des Vaterlandes für /
welches ihn als einen gebohrnen Deutschen seinen eigenen Göttern / welchen auch
von den wilden Scyten nur fremdes Menschen-Blut geopfert würde / zu schlachten
nicht zuliesse. Ob nun wohl Hertzog Ganasch ihm fürwarff: Er habe dem Vaterlande
abgeschworen / dem er das Leben zu dancken hätte / und den letzten Atem
schuldig wäre. Wer wider dis den Degen ausziehe /verliere sein Bürger-Recht /
und sei ärger zu straffen als Ausländer; so nam sich doch so wohl der Priester
Libys als der Feldherr dieses Gefangenen an. Jener /weil die milden
Schutz-Götter Deutschlands ihr eigenes Blut zu verderben Abscheu hätten; dieser
/ dass so wohl der schlüpferigen Jugend unvorsichtigen Fehlern /als denen
seltzamen Verwickelungen bissheriger Läufte etwas von der Schärffe der Gesetze zu
entängen sei. Hingegen müste gegen die Römer mit der ihnen gewohnten Schärffe
verfahren werden / welche nicht nur die gefangenen Menschen tödteten / sondern
auch ihre Hunde schlachteten. Cejonius zohe für sich an /dass er / Apronius /
Emilian / und alle andere / die im Läger gewesen / nicht für Gefangene / sondern
für sich gutwillig ergebende zu achten wären / welche hinzurichten alle Völcker
für Grausamkeit hielten. Der Feldherr aber befahl: Es sollte zwar dem Apronius /
Emilian und andern Ergebenen das Leben geschenckt sein / Cejonius aber würde
wegen seiner verzagten Auffgabe des Lägers ihm selbst nur zur Schande leben /
und habe mit seinen gegen die Deutschen verdienten Bosheiten einen ärgern Tod
verdienet; dahero müsse er von Henckersnicht Priesters-Händen sterben. Die Römer
hätten gegen die Ergebenen mehrmals anders gewütet. Emilianus habe fünfhundert
Ergebne aus des Viriats Kriegsleuten in Spanien mit dem Beilhinrichten; Kayser
Julius den Fürsten Guturat in Gallien zu Tode prügeln / und hernacherst
entaupten; allen / die sich aus Mangel Wassers mit der Festung Uxellodun ihm
ergeben müssen /und Waffen tragen können / die Hände abhacken / der noch lebende
Augustus in dem bürgerlichen Kriege ganze ergebene Städte aushauen lassen.
Cejonius warff ein: Maximus Emilianus habe dem Konneba /einem ergebenen
Strassen-Räuber / Cäsar auch See-Räubern das Leben geschenckt. Er ward aber /
als er mehr reden wollte / hingerissen / in einen nicht weit entfernten Sumpf
geworffen / und mit einer auf ihn geworffenen Hurde erstecket. Auf welche Art
die Deutschen das Laster weibischer Zagheit zwar offentlich zu straffen /
zugleich aber das Gedächtnis zu verstecken pflegten. Eine in Wahrheit eben so
wohl verdiente Straffe für den Cejonius / als im Mitridatischen Kriege für den
Aquilius / welcher lieber schimpflich vom Hencker als rühmlich im Streit zu
sterben erkieset hatte. Caldus Cälius und Sextus Catulus sahen inzwischen wenig
Hoffnung übrig sich von so blutiger Auffopferung zu erledigen / als welche in
der Schlacht verwundet und gefangen worden waren. Gleichwol wollte Catulus sein
Heil noch versuchen / redete derowegen den Feldherrn an: Er könnte nicht glauben
/ dass einige Götter an so grausamem Gottes-Dienste Gefallen trugen. Die Scyten
und Tracier würden für die rauesten Völcker insgemein gehalten / diese aber
opferten nur den hundertsten Gefangenen / hier aber würde von denen sonst so
hochgerühmten Deutschen auff alle erbärmlich geraset. Hannibals und Xantippus
Grausamkeit sei zwar noch beschrien / dass jener aus denen erschlagenen Feinden
über die Vergellische Bach ihm eine Brücke gebaut /die Väter mit den Söhnen /
Brüder mit Brüdern zu kämpfen gezwungen / und hierdurch den Mohren ein
Schau-Spiel angestellt habe; dieser / dass er und die Cartaginenser dem Attilius
Regulus die Augen-Lieder abschneiden / und ihn an der brennenden Sonne
verschmachten lassen. Alleine beide hätten scheinbare Ursache ihrer Grausamkeit
gehabt; der erste /weil der Römische Rat die Gefangenen zu lösen verboten; die
andern / weil Regulus den Römern den Frieden und seine Auswechselung selbst
widerraten hätte / und so wohl er als Sempronius dem Feinde gleichsam zu Trotze
ins Mohrische Läger zurück kommen wären. Diesesmal aber wäre an ihrer Lös-oder
Einwechselung nicht zu zweifeln. Hingegen habe Mitridates nicht allein
unsterbliches Lob erworben /sondern auch die Römer mit nichts mehrers erschreckt
/ als dass er ihre Gefangenen mit einem Zehr-Pfennige versehen und ohne Entgeld
frei gelassen. Kayser Julius habe es mit den Pompejischen Gefangenen nicht
anders gemacht. Hertzog Ganasch fiel ihm in die Rede: Alle Gefangene müssen
sterben. Rom hat selten einem fremden Gefangenen Lufft und Leben gegönnet. Vom
Marius vermochten die Celtischen Weiber und Kinder nicht das Leben und die
Freiheit zu erbitten. Caldus Cälius biss hierüber die Zähne zusammen / und fuhr
den Catulus mit verzweifelter Geberdung und harten Worten an: Schone deiner!
Einem Römer stehet es so wenig an das Leben zu erbetteln / als diese Barbarn
einiger Bitte wert sind. Folge meinem Beispiele / wo es dir mehr umb Ehre als
den ohnmächtigen Atem zu tun ist. Hiermit ergriff er die eisernen Ketten /
wormit er gebunden war / und stiess selbte so heftig an sein Haupt / dass er mit
Vergiessung seines Bluts und Gehirnes Augenblicks todt zu Boden fiel. Ja ehe ein
Mensch zuspringen konnte /hatte es Catulus ihm nachgetan; allen hierüber
erstaunenden Zuschauern zum Nachdencken lassend: Ob bei dieser Begebenheit das
behertzte Beispiel oder die geschwinde Nachfolge mehrer Verwunderung würdig sei
/ oder ob sie nicht mit grösserm Ruhm gestorben als Cornelius Merula / der umb /
nicht in des wütenden Marius Hände zu fallen / mit seinem eignen Priester-Blute
des Jupiters Augen besprengte; oder als Herennius Siculus / der seinen Kopf an
den Pfosten des Kerckers zermalmte / und also dem Hencker gleichsam den
schimpflichen Tod aus den Händen wand.
    Hierauff ward auch der ausgescharrte Leichnam des Römischen Feldherrn zu
einem Altare geschleppt /bei welchem Printz Sesitach / Hertzog Segimers und
Fürst Siegesmund des Segestens Sohn zugegen waren. Der erstere / welcher wegen
einer einsmal geschehenen Beleidigung auf den Varus einen unversöhnlichen Hass
geschöpfft hatte / spottete nicht allein sein / sondern wollte auch verwehren ihn
als ein unwürdiges Aass auff dem Altare zu verbrennen. Fürst Siegesmund aber /
welcher wegen seines abtrünnigen und numehro verhafteten Vaters in gröstem
Bekümmernüsse war / und von denen gegen ihn als einen Verräter des Vaterlandes
höchst-erbitterten Deutschen ein scharffes Urtel befahrete / bekam hierbei eine
Gelegenheit zugleich sich bei den Deutschen einzulieben / und den Römern einen
Dienst zu tun /oder zum minsten selbte nicht gar aus der Wiege zu werffen. Denn
ob wohl der schlaue Segestes / als er zu den Römern überging / seinem Sohne mit
Fleiss befohlen hatte / er sollte mit einem Teile des Casuarischen Adels auf der
deutschen Seite stehen bleiben und fechten; womit / wenn die Deutschen die
Ober-Hand behielten / der Sohn dem Vater / da aber die Römer obsiegten / der
Vater dem SohneFreiheit und Begnadigung erbitten könnte; Siegesmund auch in der
Schlacht seinen Mann gewehret / und gute Kenn-Zeichen seines deutsch-gesinneten
Gemütes von sich gegeben hatte; so vermochte doch diss alles / entweder wegen
kindlicher Liebe / oder weil sein Gewissen des Vaters Verbrechen selbst zu
unnachläslicher Straffe verdammete / ihm nicht die geschöpfte Furcht zu
benehmen. Dahero redete er den Sesitach an: Vetter / du weist / wie mein Vater
mich zu grossen Ehren gebracht zu haben vermeint /als er mir wider meinen Willen
/ und die angeborne Abscheu für den Römern das Priestertum bei dem von den
Römern am Rheine aufgerichteten Altare der Ubier nicht ohne grosse Müh und Geld
zuwege gebracht. Zeit und Alter lidten es damals nicht / dass ich hätte meine
innerste Gemüts-Meinung heraus sagen / oder mich dem väterlichen Befehle
widersetzen dörffen. Den ersten Augen-Blick aber / da ich von der Deutschen
wider die Römische Dienstbarkeit rühmlich-gefassten Entschlüssung nur wenig Wind
bekommen / habe ich vorsätzlich das ewige Feuer ausgelescht / den Priester-Rock
und die Haupt-Binden zerrissen / mich über den Rhein geflüchtet / und für mein
Vater-Land mein Blut mit besserm Ruhme / als dort die uns geraubten Ochsen / den
Göttern aufzuopfern / entschlossen. Gönne mir diesemnach / dass ich unsern
Schutz-Göttern dieses von seinem Blute und Vermögen so fette Opfer abliefern /
und jenes irrdische Priestertum in ein heiliges verwandeln möge. Die
Gewogenheit des Fürsten Siegesmunds und die Einfalt der umbstehenden
Kriegsknechte liess sich von ihm leicht erbitten /und der andächtige Libys wollte
einen Fürsten von so hohem Geblüte / welcher schon einmal zum Priester geweihet
war / von dieser Verrichtung nicht abstossen / sondern befahl / dass ihm alsobald
aus dem heiligen Brunnen reines Wasser zu Abwaschung seiner Hände gebracht ward;
warff zu seiner Bestätigung ihm einen weissen Rock über / und setzte ihm einen
Lorber-Krantz auff. Fürst Siegesmund ward hierüber nicht wenig vergnüget; weil
er hierdurch zum minsten wider die strengen Gesätze / welche auch der Verräter
Kinder gewissen Straffen unterwerffen / sich in Sicherheit gesetzt hatte.
Hiermit raffte er sich mit der von den Kriegs-Leuten entblösseten Leiche des
Varus / warff selbten in die lodernde Flamme des Altars /und rieff: Grosser
Tuisco / nim dieses Opfer für die Wolfahrt des Vater-Landes gnädig an! Ja! und
vertilge die Verräter desselbten mit Strumpf und Stiel; brach ihm Nesselrod ein
Cheruskischer Ritter ein: Sehet / und erstarret zugleich / ihr edlen Deutschen
/über der Bosheit des meineidigen Segestes. Hiermit lass er einen Brief /
welchen er in des Varus Kleidern gefunden / Segestes aber die letzte Nacht für
dem Treffen an ihn geschrieben hatte / mit nachfolgenden Worten ab:
    Segestes wüntschet dem Quintilius Varus Leben und Sieg / ihm selbst aber
den numehr zu späten Tod / nach dem er mit dem Hertzog Herrmann und andern
Bundbrüchigen Fürsten in den Uberfall des Römischen Kriegs-Volcks hat stimmen
müssen / welche die zum Schein wider die Sicambrer / Angrivarier und ihren
aufrührischen Melo versammleten Hülffs-Völcker folgenden Tag wider eure Adler
anführen werden. Wolte Gott! Varus hätte meinen Warnungen so viel Glauben
gegeben / da ich ihm noch für wenig Tagen riet so wohl mich als den arglistigen
Herrmann nebst seinem Anhange bei seinem Gastmahle in Fessel zu schlüssen / als
er auff die glatten Versicherungen dieses Aufrührers mit seinem nun
empfindlichen Schaden getrauet. Es ist mehr ein törichter Aberglauben / als
eine Frömmigkeit / wenn man ihm ein Gewissen macht den in seinem Hause über
seinem Tische hinzurichten / welchen sein Verbrechen zum Tode verdammt. Numehro
bestehet dein und der Römer Heil in Zusammenraffung der Römischen Kräffte / und
in einer vorsichtigen Zurückziehung von der Lippe. Inzwischen glaube / dass ich
meine Waffen der Römischen Macht beizufügen entschlossen sei /da mir der Feind
und das Verhängnis nicht alle Wege verbeugen würden. Diss abgelesene Schreiben
verursachte unter dem Kriegs-Volcke ein grosses Getümmel. Einige fragten: Warumb
man den Segestes /welcher dem Vaterlande das Römische Joch hätte an die Hörner
schlingen helffen / welcher Ursache wäre /dass Deutschland zu unausleschlichem
Spott zwischen dem Rhein und der Elbe die Römischen Beile und Ruten gesehen /
nicht zum Sühn-Opfer den Göttern des Vaterlandes zum ersten abgeschlachtet
hätte? Andere riefen: Bei andern Völckern wäre es halsbrüchig / wenn einer
wider seines Feld-Obersten Willen den Feind angegriffen / und gleich gesieget
hätte. Papirius hätte deswegen den Q. Fabius zum Tode verdamt / und Manlius
seinen eigenen Sohn mit dem Beile richten lassen. Solte nun Segestes sein
Vaterland ungerochen bekriegt haben? Die väterlichen Gesetze hiessen Verräter
und Uberläuffer an Bäume auffhencken. Man sollte diesen Eydbrüchigen herzu
schaffen. Sein hoher Stand vermöchte ihn nicht des Todes zu befreien / wo der
Deutschen Gesetze nicht zu Spinneweben werden sollten / darinnen nur Mücken und
Fliegen hencken blieben / Wespen und Hornissen aber durchrissen. Missetaten
stünden Fürsten / wie Flecken den grösten Gestirnen am schimpflichsten an.
Segestens Bestraffung könnte auch keine Schande auff seine so hochverdiente
Anverwandten wältzen. Denn die Laster besudelten niemanden als den Ubeltäter /
und die Ursache / nicht die Straffe machte einen unehrlich. Deswegen hätte
Lucius Brutus seine eigene Söhne / weil sie mit den verjagten Tarquiniern
Verständnüs gehabt / und Spurius Cassius seinen nach der Römischen Herrschaft
strebenden Sohn mit Ruten schlagen / und des Kopfes kürtzer machen lassen. Mit
solchem Ungestüm fielen sie an die Priester. Gott und die Vorfahren hätten ihnen
die Gewalt gegeben die Missetäter in Hafft zu ziehen und zu verurteilen. Sie
sollten über den Segestes ihnen nun Recht verhelffen. Gott könne keinen süssern
Geruch empfangen / als den Dampf vom kreischenden Blute eines boshaften
Menschen. Der Feldherr ward über diesem Zufalle in nicht geringe Verwirrung
versetzt; sonderlich als er wahrnahm / dass hierdurch einige Priester / mit
Hülffe der verbitterten Kriegsleute / den Segestes herbei zu schaffen sich
bewegen liessen. Und zwar viel / in Meinung / dem Feldherrn / welcher mehrmals
vom Segestes beleidigt worden war / einen Dienst zu tun / nach dem insgemein
unvergeltete Woltaten für Verlust / gerächetes Unrecht für Gewinn gehalten
würden. Er selbst konnte zwar die Verräterei Segestens unverdammet nicht lassen
/gleichwohl fühlte er schon durch die Beleidigung Segestens seiner
unvergleichlichen Tussnelde Seele verwunden / und diese Empfindligkeit ihm
selbst durchs Hertze gehen. Ja diese Bekümmernis wuchs noch mehr / als Ganasch
das durch den Segestes seinen Chautzern verursachte Unheil wieder auf den
Teppicht warf / und dass auch hundert seiner Köpfe seine so sehr beschimpften
Volcke dergleiche Schmach zu bezahle viel zu wenig wären. Hertzog Jubil
pflichtete dieser Meinung nicht nur bei / sondern zoh auch an: Wem das Vaterland
lieb wäre / der müste solchen Verrätern gram sein / welche auch so gar die
hassten / die sie zu Werckzeugen ihres Vorteils brauchten. Solche grosse
Verbrechen übersehen / wäre ein gewisses Kennzeichen entweder gleichmässiger
Bosheit / oder dass man sich für denen fürchtete / welche für der Gerechtigkeit
leben sollten. Nicht nur die Lasterhaften / sondern auch die / welche bei
gemeinen Verwirrungen sich etwas zu entschlüssen kein Hertze hätten / würden
durch so grausame Barmhertzigkeit zu schädlicher Nachfolge verleitet / die
Unschuld aber schüchtern gemacht / welcher ohnediss stets mehr Gefahr als Ehre
zuhinge; da hingegen die Boshaften noch mit ihren Ubeltaten wucherten. Wenn nun
Segestes das Kauff-Geld / das ihm die Römer für der Deutschen Freiheit gegeben
/ behielte /die Deutschen aber seine Verräterei nicht strafften /wer wollte
nicht glauben / dass die Vergeltung numehr der Bosheit / die Schande der Tugend
gewiedmet wäre; oder / dass Segestes diese nicht unbillich verhandelt hätte /
welche über ihrer Dienstbarkeit so unempfindlich wären. Wie viel rühmlicher wäre
es ihnen / wenn die Vor-Eltern ihre Freiheit mit so viel Blute nicht behauptet
hätten; weil es ja schimpflicher wäre /das erworbene verlieren / als es gar
nicht erwerben! Was würde in Deutschland mehr heilig bleiben / nun das
Vater-Land zu feilem Kauffe ginge? Zu was würde Recht und Richter mehr nütze
sein / nun die Verräterei unsträfflich wäre? Zu was Ende kämpften sie umb das
Joch der Herrschaft abzulehnen / wenn Segestes tun möchte / was er wollte?
Denn dis wäre das euserste der Königlichen Gewalt. Würde man nun am Segestes
ein Bei-Spiel der Rache üben / würden sich alle / die was Böses im Schilde
führten / wie das kleine Gepusche bei einem grossen Zeder-Falle erschüttern /
die Redlichen aber von der empor wachsenden Bosheit nicht gedämpft werden. Es
wäre viel schädlicher / die Laster ungestrafft / als die Tugend unbelohnet
lassen. Denn die Gutten würden dadurch nur träger / die Bösen aber verwegener
und schlimmer. Die meisten Anwesenden billigten diese Meinung durch ein helles
Begehren: Man sollte denen Gesetzen ihre Krafft / dem Rechte seinen Lauff / und
der Straffe ihr Maass lassen. Ja das Volck bezeigte mit seinen Ungeberden
gleichsam seine Ungedult über der allzulangsamen Rache. Gleichwol erholte sich
Hertzog Herrmann / drehete sich gegen dem obersten Priester / als welcher ihm
hierinnen am meisten zu statten kommen konnte / meldende: Diese Opfer könten mit
einheimischem Blute nicht besudelt werden / nach dem die Sitten des Vaterlandes
nur frembdes Blut heischten. Alleine wie grosses Ansehen er bei iedermann hatte
/ so war doch dieser Fürwand die erbitterten Gemüter zu beruhigen
allzuohnmächtig. Denn Hertzog Ganasch hielt entgegen: Es foderten die Gesetze
nicht allein Straffe über die Beleidiger; sondern es sollte der Feldherr sich nur
seines eigenen Gelübdes erinnern / wie er an diesem heiligen Orte den Göttern
bei aufgehendem Monden angelobt / alle die er gefangen bekommen würde /
aufzuopfern. Ja / antwortete der Feldherr: Aber Segestes ist nicht in meine /
sondern in seiner eigenen Tochter Hände verfallen / welche für das Vaterland mit
mehr als männlicher Tapferkeit ihr Blut aufgesetzet / durch ihren glücklichen
Anfang dem ganzen Heere die unzweifelbare Hoffnung eines herrlichen Sieges
eingebildet / und dahero zweifaches Hertze gemacht. Denn der erste Ausschlag
gebiehret entweder verzagte Furcht / oder vermässene Zuversicht. Mit nicht
minderm Ruhm hat Fürst Sigesmund seine Liebe zum Vaterlande bezeugt / und mit
seinem Blut die Flecken der väterlichen Schuld abgewaschen. Uber dis haben Sylla
und andere Wüteriche denen Verstorbenen zu Ehren ehemals denen undanckbarsten
und schuldigsten Missetätern die verdienten Straffen entangen. Segestes ward
nebst denen zweien gefangenen Fürsten Armeniens und Traciens auf einem Wagen
gleich herzu geführt /als der Feldherr für den ersten derogestalt redete.
Segestes ward hierüber nicht wenig beschämt; fiel ihm dahero in die Rede: Er
hätte diese Verteidigung weder umb den Feldherrn / noch seine Begnadigung umbs
Vaterland verdienet. Er erkenne die Grösse seines Verbrechens erst nach
vollbrachter Tat. Wäre es nach den väterlichen Rechten zulässlich / wollte er
hier gerne ein Opfer für das gemeine Heil werden. Denn dem / welchen sein
Gewissen verdammte / wäre der Tod ein Trost / das Leben eine unaufhörliche
Quaal; Sintemal die Gnade einen Verbrecher zwar der Straffe / nicht aber seiner
Schande entbürden könnte. Die Priester erstarreten gleichsam hierüber; und ob
zwar der Feldherr für Segesten das Wort nicht reden wollte /sahen sie ihm doch
unschwer an / wie sehr ihm seines erkieseten Schwähers Fall müste zu Hertzen
gehen. Denn wie die Liebe ein so nachdrückliches Feuer ist /dass sie stählerne
Hertzen erweichet; also läst es sich auch am schwersten verbergen / und ist
unter allen Gemüts-Regungen die unvorsichtigste. Ganasch nahm diese
Unbewegligkeit der Priester für eine Kaltsinnigkeit auf; redete sie daher auffs
neue an: Ihnen wäre die Erhaltung der Gesetze / die Straffe der Laster auff ihre
Seele gebunden. Sie sollten numehro dem Volcke Recht verhelffen / und urteilen:
Ob sie den /welcher sich selbst verdammete / losssprechen könten? Taugte dieser
Missetäter nicht zu einem Schlacht-Opfer / so wäre dieser heilige Ort doch ihr
gewöhnlicher Richt-Platz / wo über der Edlen Leben erkennet und gesprochen
würde. Sie sollten erwegen die Eigenschaft des Lasters / die Beschaffenheit des
Verbrechens / und das den Deutschen hieraus erwachsende Unheil. Griechenland
könne sich rühmen / dass Codrus / umb nur durch seinen Tod das Vaterland zu
erhalten / seinen Purpur mit dem Rocke eines Sclaven verwechselt; der ins Elend
verjagte Temistocles aber / womit er dem Xerxes wider sein undanckbares
Vaterland dienen dörfte / habe von einem dem Jupiter geschlachteten Ochsen das
Blut ausgetruncken / und sich selbst für seine Feinde aufgeopfert. Deutschland
aber habe am Segestes so eine Schlange geboren /welche der eigenen Mutter Leib
zerfleische. Die Geister seiner ruhmwürdigen Vorfahren / derer Geschlechte er
mit so schlimmen Taten beschwärtzte /würden in ihren Gräbern beunruhiget werden
/ da sie nicht durch seine Hinrichtung versöhnet / ja er seinen so tugendhaften
Kindern als ein Greuel aus den Augen gerissen würde. Das Urtel wäre unschwer
wider ihn abzufassen / nach dem das Gesetze in dem benachbarten Hayne an so
vielen Bäumen angeschrieben stünde / daran man viel geringere Verräter und
Uberläuffer auffgehenckt sehe. Die Gesetze wären ohne folgende Bestraffung der
Ubertreter eine Blendung der Einfalt / und ein Hohn der Boshaften. Denn keines
hätte eine so kräfftige Gütte in sich / diese auff den Weg der Tugend zu leiten
/ die Guten aber folgten ihr ohne Gesetze. Eine zum Argen geneigte Seele wäre
zwar die Mutter / und brächte die Laster auff die Welt / der solche nicht
hinderte / hülffe ihr auff die Beine / aber der Richter / welcher sie nicht
straffte /krönete sie gar. Libys befand sich hierdurch überwiesen / und nach dem
er weder einen so hochverdienten Feldherrn / welcher die Stiefmütterlichen
Abneigungen des Glücks mit so väterlicher Liebe gegen das Vaterland ausgegleicht
hätte / betrüben / noch iemanden die Gerechtigkeit versagen wollte / zwischen
Tür und Angel. Denn nach dem er durch die Woltat dieses Helden sich und
Deutschland allen Bekümmernüsses entledigt wusste / hatte er numehr so viel mehr
Kummer um ihm selbst. Hingegen müsten alle andere Absehen der Gerechtigkeit aus
dem Wege treten; sintemal da schon die Gesetze zu Grunde gingen / wo Gewalt und
Ansehen über sie empor stiege. Bei diesem Bedencken legten gleichwohl / aus
einem besondern Verhangnüsse / die Opfer-Knechte Hand an Segestes / hoben ihn
vom Wagen / und er selbst wartete nicht so wohl mehr auff sein Todes-Urteil /
als auff was Art selbtes an ihm würde vollzogen werden. Aller Augen waren auff
den Libys gerichtet / welche durch ihr Stillschweigen ihm numehr das Urtel
abzunötigen schienen. Dahero dieser Priester sich nur seines Amptes nicht
entäusern konnte / sondern zu befinden gezwungen ward: Es müste Segestes / da er
ein taugliches Opfer sein wollte / seinem Vaterlande / Geschlechte und Nahmen
abschweren / oder die irrdische Straffe der Verräter ausstehen. Segestes
entrüstete sich überaus / und fuhr den Priester mit harten Worten an: Er habe
zwar bei dieser der Tugend gehässigen Zeit gesündigt; darumb aber sei bei ihm
die Wurtzel der Tugend nicht gäntzlich ausgerottet / dass er den Glantz seiner
verstorbenen Ahnen lieber mit Füssen treten / als sich eines schimpflichen Todes
entbrechen solle. Der erste und letzte Tag des Lebens mache einen Menschen
entweder glückselig oder verächtlich / das Mittel lauffe bald in Ruh / bald mit
Sturm dahin / nach dem das Glück sein Steuer-Ruder führe / dahero liege einem
Sterbenden keine Sorge mehr ob / als dass er das Schau-Spiel seines Lebens
tugendhaft beschlüsse. Ein heimlicher Abend trockne die Pfützen eines
schlüpfrigen Tages auff / und ein sauberer Grabe-Stein verdecke auch die
besudelsten Lebens-Taffeln. Dahero wolle er lieber als ein Deutscher gehenckt
sein / als ein unwürdiger Frembdling /oder vielmehr verstossener / der Eitelkeit
einer ihn nicht rein brennenden Opferung genüssen. Das Lob oder die Schande
eines Todes rühre nicht von dem Ruffe des Pöfels / noch von dem eitelen Wahne
des irrenden Volckes / sondern von dem Gemüte des Sterbenden her. Ihrer viel
stiegen rühmlicher auff den Raben-Stein / als mancher Asche in güldne Töpfe und
alabasterne Gräber verscharret würde. Niemand war /der / dieser letzten
Entschlüssung wegen / Segestens Laster nicht zum Teil für vermindert hielt.
Weil auch der am Ende des Lebens herfürblickende Schatten der Tugend nicht
anders als der Wider-Schein der untergegangenen Sonne den allerschönsten Glantz
zu haben scheinet. Gleichwol konnte Libys nicht vorbei sein End-Urtel zu
eröffnen: dass Segestes nach den Gesetzen des Vaterlandes müste hingerichtet
werden. Aber / versetzte Segestes / ist es einem Nachkommen des Halb-Gotts
Tuisco nicht verstattet / dass er das Urteil an sich selbst ausübe / und / womit
man sein Verbrechen nicht weibischer Zagheit zuschreibe /den letzten Atem
ungezwungen ausdrücke? Denn ich weiss wohl / dass diese ihnen einen schönern Tod
antun / die noch viel Hoffnung zu leben übrig haben; aber auch diese sind
weniger verächtlich / welche der Notwendigkeit des unvermeidlichen Todes mit
unverwendeten Augen entgegen gehen. Libys antwortete ihm mit Nein. Der angetane
/ nicht der eigenwillige Tod sei eine Straffe. Dieser sei vielmehr eine
Notwendigkeit der Natur / eine Ruhe von der Arbeit / ein Ende des Elends.
Getrauestu dir denn (fing die für ihres Vaters Leben sorgfältige Tussnelde an /
welche sich gleich durch die Menge des Volcks zu diesem Trauer-Spiele
herzugedrungen hatte) einer zu sterben entschlossenen Seele den Weg zu verbeugen
/ da uns die Natur zu dem Tode hundert Pforten eröffnet hat? Meinstu / dass wenn
ein Elender die schwache Gemeinschaft des Leibes und der Seelen zu trennen Lust
hat / selbter Gift trincken / Stricke kauffen /Messer brauchen / rauhe
Stein-Felsen suchen / glüende Kohlen verschlingen / die Adern zerkerben müsse?
Das Glücke hätte über uns allzugrosse Herrschaft /wenn wir so langsam / oder
nur auff einerlei Art /sterben als geboren werden könten; als welches über einen
Lebenden alle / auff einen / der zu sterben weiss / keine Gewalt ausüben kann. Hat
dir nicht Caldus Cälius bewiesen / dass die Fessel / welche ihm den Eigen-Mord
verwehren sollten / sein Werckzeug darzu gewest? Der Räuber Coma dorffte nichts
als seinen eignen Lebens-Atem hierzu / durch dessen Hinterhaltung er unter den
Händen seiner Hüter und für den Augen des Bürgermeisters Rupilius sich ersteckte
/also die Ausforschung um seine Geferten zernichtete. Aber es sei ferne / dass
Tussnelde dem / welchem sie das Leben zu dancken hat / den Selbst-Mord einloben
sollte. Ein Knecht tut unrecht / wenn er sich seinem Herrn zu Schaden
verstümmelt. Wir sind alle Knechte des überall herrschenden GOttes / und also
nicht Herren nur eines einigen Gliedes / weniger unsers Lebens. Wir sind
Ebenbilder des grossen Schöpfers. Wie mögen wir uns denn selbte zu zerstören
erkühnen / da es das Kupfer-Bild eines sterblichen Fürsten zu verunehren
halsbrüchig ist? Sollen die Menschen nicht zahmer als wilde Tiere sein? Keines
unter diesen aber hat eine so wilde Unart / dass es sich selbst vorsetzlich
tödte. Ja es ist eine Schwachheit eines verzärtelten Gemütes / oder eine
Raserei der Ungedult /wegen eines heftigen Schmertzens nicht leben wollen / und
eine Torheit sich zum Sterben nötigen / dass man nicht auff eine andere Art
sterbe. Gesetzt nun /der Hencker setze uns das Messer schon an die Kehle / soll
man darumb dem Hencker die Hand zu Vollziehung des Streiches leihen? Lasse den
ankommen / der dich tödte. Warumb wilstu frembder Grausamkeit Stelle vertreten?
Missgönnestu dem Hencker die Ehre dich zu tödten / oder wilstu ihn der Mühe
überheben? Der von dem Göttlichen Aussspruche selbst für den Weisesten erklärte
Socrates konnte nach empfangnem Urtel seinem Leben durch Entaltung vom Essen
oder Gift alsbald abhelffen; was sollte sich aber der für dem ihm zuerkenneten
Gifte fürchten / der den Tod verachtete? Dahero wartete er seines Mörders /ob
schon das eingefallene Feier in Delphos die Vollziehung des Urteils dreissig
Tage auffschob. Lernet hieraus / ihr Deutschen / mit was Ruhm ihr euer heutiges
Siegs-Fest durch Verdammungen verunehret! Alleine / heiliger Libys / mögen
derselben auch die Gewohnheiten des Vaterlandes zu statten kommen /dessen
Gesetze wider ihren Vater ausgeübet werden? Der Priester ward über so seltzamen
Abwechselungen nicht wenig bestürtzt / und bildete ihm ein / es würde diese
Heldin / welche mit denen in der Schlacht gebrauchten und vom Blute bespritzen
Waffen angetan erschien / wegen ihrer Verdienste des Vaters Begnadigung suchen.
Dahero liess er sich gegen sie heraus: Derselben / welche sich umbs Vaterland so
wohl verdienet hätte / könten die Woltaten solcher Rechte keines weges
verschrenckt werden. Wolauff denn /sagte sie / so stellet den Vater derselben
Tochter nur auff freien Fuss / welche sich für seine Befreiung für ihn selbst
auffzuopfern entschlossen ist. Bei den meisten Völckern stehet in der Willkühr
und den Händen der Eltern das Leben und der Tod ihrer Kinder. Ihnen ist erlaubt
/ auch zu ihrem blossen Unterhalt für sie ein blutiges Kauffgeld zu nehmen.
Warumb soll ihnen nicht auch frei stehen sie für ihr Leben aufzuopfern. Und
warumb nicht am allermeisten dem Segestes seine Tochter? welche ihn mit eignen
Händen erwürget / da sie ihn in der Schlacht in die eurigen geliefert? Lasse
diesemnach / liebster Vater / mich für dich schlachten / und übe an mir aus /
was dir so wohl deine väterliche Gewalt verstattet / als meine eigene
Verwahrlosung auffbürdet. Dem Segestes fielen die milden Tränen über die
Wangen / und die Bestürtzung hatte ihn eine ziemliche Weile stum gemacht / biss
er seine Tochter dergestalt anredete: Nein / nein / hertzliebste Tussnelde.
Haben die Assyrier ihrem Bel /Cartago dem Saturno für ihre Wolfart gleich ihre
eigne Kinder geopfert; habe ich zeitero meine Macht etwas rau über dich
ausgeübet / werde ich doch nimmermehr auf diese Grausamkeit verfallen / die
Unschuld / ja mein eigenes Blut für mich hinzugeben. Ich habe mit meinem
Verbrechen meine väterliche Gewalt verloren / und bin nun alles äuserste
unerschrocken zu leiden entschlossen. Es ist vergebene Ausflucht / versetzte
Tussnelde. Menschen / welche sich dem schlüpfrigen Glücke ganz und gar
vertrauen / verlernen zwar selbst die Natur / und verwandeln ihre angebohrne
Eigenschaften; aber kein Zufall kann das Recht des Geblüts aus den Adern
vertilgen / und kein bürgerlich Gesetze machen: dass Segestes nicht der
Tussnelden Vater bleibe. Ich heische Recht / heiliger Libys / und ich beziehe
mich auff das Recht der Kinder hiesigen Landes / welche für die Eltern auch
wider ihren Willen sterben können. Mit diesen Worten sanck sie für dem einen
Opffer-Tische zu Boden /und nach dem sie dreimal geruffen hatte: Schlachtet die
für ihren Vater willig sterbende Tochter; sah sie alle Umstehende ringsum mit
starren Augen an /gleich ob sie aus eines iedem Antlitze das innerste seines
Gemüts lesen wollte. Libys verlohr vewundernde hierüber Puls und Sprache; Der
unbarmhertzige Ganasch ward zu inniglichem Mitleiden bewogen; Ihr Bruder
Siegesmund erstarrte wie ein Stein / Segestes sanck ohnmächtig zur Erden / alle
Umstehenden seuffzeten; Hertzog Herrmann ward von der Liebe und dem Mitleiden so
empfindlich berühret /dass er seine Hertzhaftigkeit viel zu schwach hielt diesem
Trauerspiele ohne seine selbst eigne Verliehrung zuzusehen / und womit die bei
den Deutschen verächtliche Wehmut ihm nicht bei dem anwesenden Pöfel ein
verkleinerliches Urtel zuziehen möchte /verhüllete er sein Antlitz / gleich als
ob diese Begebenheit ihm mehr als dem leiblichen Vater zu Hertzen ginge / und er
schwerer als vor zeiten Agamemnon der Opfferung dieser andern Iphigenia zusehen
könnte. Ja er stand schon auff verwandtem Fusse / um sich dieser unerträglichen
Bekümmernis zu entbrechen /als ihn ein heftiger Hall des schreienden Volcks
/seine Enteusserung zu hemmen / und sein Gesichte zu eröffnen nötigte. Da er
denn wahrnahm / dass die an ihrer Auffopfferung zu zweiffeln anfangende Tussnelde
auffgesprungen war / und sich dem erstarrten Libys das Schlachtmesser aus der
Hand zu winden bemühete. Ihr Götter! rieff er / und sprang zwischen sie und den
Priester / um mit der Ausreissung des Messers auch ihre selbständige
Hinrichtung zu verhindern. Unbarmhertziger Herrmann! sprach sie / und blickte
ihn mit ganz gebrochenen Augen / aus welchen Tod und Wehmut selbst zu sehen
schien / an /dass es einen Stein hätte erbarmen mögen. Unbarmhertziger Herrmann!
fuhr sie fort / ist diss das schöne Kennzeichen der mir mehrmahls so hoch
beteurten Liebe? Missgönnestu mir für meine beständige Zuneigung den Tod / oder
die Ehre für den Vater zu sterben? Jenes verwehren einem auch die Feinde nicht;
dieses aber kann mir die Unsterbligkeit erwerben. Holdselige Tussnelde / fing der
Feldherr gegen sie an / soll der nicht den Streich von deiner Brust abwenden /
welcher ihm zugleich durch seine Seele gehen würde? Was würde dir mit einer
eiteln Unsterbligkeit des Nachruhms gedienet sein / welche mich zu Grabe
schicken / und nebst meinem Ruhme mein ganzes Wesen vertilgen würde? Soll ich
denn aber / fuhr sie heraus / meinen Vater so verächtlich in Wind schlagen und
so schimpfflich umkommen lassen? Soll ich das mit Purpur-Tinte in mein Hertz und
Adern geschriebene Gesetze der Natur ausleschen / und die eingepflantzte Wärme
der Liebe durch kalten Undanck erstecken? Hertzog Herrmann sah hierauff den
Priester Libys schmertzhaft an / gleich als ob er von ihm ein Hülffsmittel
erbitten wollte / welcher von seiner Bestürtzung sich noch kaum erholen konnte.
Nach einem langen Stillschweigen fing er als wie aus einer Entzückung an: O
allerweiseste Gotteit! wie werden doch der Scharffsichtigsten Augen verdüstert
/ wenn sie in die Sonne deiner unerforschlichen Versehung schauen wollen! Welch
ein alberer Schluss komt heraus / wenn unser törichtes Urtel die Schickungen
des Verhängnisses sich zu meistern unterwindet / und mit dem Pöfel diss oder
jenes für gut oder böse / für Glück oder Unglück hält / was in seinem Wesen und
Ausgange nicht so beschaffen ist / als es eusserlich unserm blöden Verstande
fürkömmt. Welcher unter uns glaubte nicht / dass Segestes in das tieffste Elend
verfallen / Tussnelde in den mitleidentlichsten Zustand geraten wäre? Unsere
Gesetze halten das einmal getane Sterbens-Gelübde eines Kindes vor seine
Eltern für unwiederrufflich / und es hat kein sterblicher Mensch die Gewalt / es
so denn aus den unerbittlichen Armen des Todes zu reissen / oder es von Erfüllung
des Gelübdes zu entbinden. Welche Ariadne würde uns nun aus diesem gefährlichen
Irrgarten führen / welch Oedipus uns diss Rätzel aufflösen? wenn die göttliche
Weissheit durch so seltzame Zufälle unsern im finstern nur tappenden Verstand
nicht erleuchtete; Wenn sage ich / die so empfindliche Bestürtzung dieses
Hertzogs uns nicht die Fenster seines Hertzens eröffnete / und wir so wohl
darinnen /als in der sterbenden Seele der unvergleichlichen Tussnelde das Feuer
einer reinen Liebe lichterlohe hätten heraus schlagen sehen. Lästert nun mehr
das Verhängnis ihr irrdischen Gottes-Verächter / dass es sich weder um unsern
Ursprung / noch um unser Ableben / noch um einigen Menschen bekümmere. Fället
mehr frühzeitiges Urtel: dass die Frommen selten Seide spinneten / die
Boshaften aber meist auff Rosen gingen. Lernet aber ihr Andächtigen / dass alle
Begebenheiten an einer richtigen Schnur der göttlichen Leitung hängen; dass alles
/ was uns begegnen soll / schon vom Anfange her / zwar nicht in den
Stern-Ziffern / aber wohl in der Hand des Verhängnisses auffgezeichnet sei; Dass
die göttliche Barmhertzigkeit unter den bittern Schalen eines scheinbaren
Elendes den süssesten Kern unserer Wohlfart verberge; und meist der garstigste
Nebel gefährlichster Zufälle sich in einen erfreulichen Sonnenschein verkläre.
Wisset demnach / dass unsere gütige Gotteit der gewaltigen Liebe alleine
entangen habe / den Knoten solcher Gelübde auffzulösen / und die Riegel der
Opfferschrancken zu zerbrechen / wenn mit der Verlobten iemand sich in ein den
Göttern angenehmers Ehverlöbniss einläst. Ist nun nicht sich höchst zu wundern /
wie unsere traurige Cypressen sich über aller Anwesenden Einbildung in
annehmliche Myrrhen verwandeln? Wie unser glücklicher Feldherr in einem Tage mit
Lorbern und Rosen bekräntzt wird? Stehe auf Segestes / aus dem Schatten des
Todes /aus den Fesseln des Unglücks / und erfreue dich über die Vertilgung
deiner begangenen Fehler / erkenne dein und deines Hauses Glücke in Besitztum
der unvergleichlichen Tussnelde / und in Verbindung des grossen Herrmanns
Beglückselige mit dem Ubermasse deiner Vergnügung unsern unsterblichen Feldherrn
/ durch Versprechung deiner holdseligen Tochter / und unserer neuen
Schutzgöttin. Verknüpffe durch diese Heirat die Hertzen der grossmütigen
Cherusker / und der tapffern Casuarier. Ihr aber / O ihr überaus glückseligen
Verliebten / warum verziehet ihr nach so fester Verknüpffung eurer tugendhaften
Seelen nunmehro durch inbrünstige Umarmung auch die Leiber zu vereinbarn?
Wunderschöne Tussnelde /opffere numehr deine zarte Seele über den Flammen der
unbefleckten Liebe deinem Bräutigam auff / der die seinige dir fürlängst
gewidmet hat / und nach dem du deinen Vater durch die Liebe aus dem Rachen des
Verderbens gerissen / so mache auch diesen unschätzbaren Helden von den Stricken
aller Furcht los / und lasse den / der auff den Grund deiner Tugend geanckert /
mit seiner Hoffnung numehro in Hafen der Vergnügung mit vollem Segel einlauffen.
    Diese wunderliche Ebenteuer kamen allen Anwesenden nicht anders als ein
Traum für; iedoch bezeugten sie mit Geberden und Jauchzen ihre daraus
geschöpffte Freude Segestens Ohnmacht verwandelte sich in eine Schwermut. Denn
die Vergnügung / welche er über Erhaltung seines Lebens empfand / war nicht
mächtig genug / die wider den Cheruskischen Hertzog eingewurtzelte Gramschaft
so geschwinde abzulegen / oder auch nur zu verdecken; Vielmehr wuchs sie in
Segestens Hertzen gegen diesen Helden / weil er seiner zeiter verworffenen
Liebe sein und seiner Tochter Leben zu dancken gezwungen ward. Also ist man
geneigter / weniges Unrecht als grosse Wohltaten mit gleichem zu vergelten; Ja
wenn Wohltaten schon die Kräffte unserer Vergeltung übersteigen / geben wir
statt verbindlichen Danckes unsern Wohltätern noch Hass zu Lohne. Uberdiss hatte
Hertzog Herrmann vorhin nicht so wohl den Segestes / als dieser jenen beleidigt
/ dahero brachte die Eigenschaft des menschlichen Gemütes beim Segestes mit /
den beleidigten zu hassen / und zwar /weil feine Ursachen hierzu unrechtmässig
waren /desto heftiger. Gleichwohl musste er aus der Not eine Tugend machen /
und so viel möglich seine gegen den Feldherrn tragende Feindschaft mit
betrüglichem Liebkosen bekleiden. Dahero erklärte er sich: Dass nachdem es den
Göttern beliebet / die Gemüter des Feldherrn und seiner Tochter zu vereinbarn /
liesse er ihm derselben Verlobung allerdings gefallen /und erteile hierzu
seinen väterlichen Willen. Tussnelden stieg nun allererst die Schamröte unter
die Augen / entweder weil sie sich erinnerte / dass sie nach Art der Sterbenden
oder der unvorsichtigen Liebhaber eine allzufreie Zunge gehabt / als sie die
Heimligkeit ihres Hertzens nicht nur dem / welchen sie liebte / sondern so
vielen Zuschauern offenbahret hatte; oder weil ihre Landes-Art erforderte ihre
Zucht bei Erkiesung eines Mannes mit dieser Farbe als dem schönsten
Brautschmucke der Jungfrauen zu bezeichnen. Hertzog Herrmann / ob er wohl dem
Segestes den Zwang seiner Einwilligung unschwer anmerckte /und wohl verstand /
dass der / welcher ihn vorhin nie auffrichtig geliebt hatte / den
hervorblickenden Unwillen nicht zum Scheine annahm / fügte sich doch zu ihm mit
höfflichster Ehrerbietung / hob ihn von der Erden auff und danckte ihm / dass er
ihn für einen würdigen Bräutigam seiner unschätzbaren Tochter beliebt hätte.
Hierauff näherte er sich zu Tussnelden mit annehmlichster Liebes-Bezeugung / und
verwechselte mit ihr / zum Zeichen ihrer Verbindung etliche Mahlschätze; Worüber
Tussneldens Schamhaftigkeit sie doch so weit nicht verschlissen konnte / dass ihr
nicht die Vergnügung ihres Hertzens aus den Augen gesehen hätte.
    Kein Mensch / ausser der schwermütige Segestes / war zugegen / welcher
nicht überaus grosse Freude bezeugte / dass das Verhängnis ein dem Vaterlande so
heilsames und zu friedsamer Eintracht des Schwähers und Eydams dienendes
Verbindiss gestifftet / und die so traurigen Opffer mit so einem frölichen
Ausgange beglückt hatten. Die Priester sprachen mit andächtigen Geberdungen
tausenderlei Segen über die Verlobten / und es war aller einmütiger Schluss /
dass ehesten Tages das hochzeitliche Beilager sollte vollbracht werden.
    Die Fürsten Zeno und Rhemetalces hatten diesen Begebungen gleichsam auff
einer Schau-Bühne / zwischen Furcht und Hoffnung / als denen zwei Wirbeln
menschlichen Lebens / lange genug zugesehen / als /aus der grossen Menge des
frolockenden Volcks / sich die bei den Deutschen heilige / und so wohl wegen
ihrer Weissheit als Wissenschaft künftiger Dingein grossem Ansehen sich
befindende Aurinia / welche in eben diesem Heine / nebst hundert zu ewiger
Keuschheit verschwornen Jungfrauen / ihren Auffentalt hatte / auff einer
schwibbogichten Sänfte näherte /denen Verlobten / nach Uberstehung vielerlei
seltzamen Zufälle / grosses Glück und Auffnehmen ihres Geschlechts weissagete;
auch / dass die Götter nunmehro des Bluts überdrüssig wären / andeutete. Hierauff
riss sie ihren Krantz vom Haupte / lösete den Gürtel von ihren Lenden / und warff
beides zu Beschirmung dieser zweier Fürsten auff ihren Wagen /welche Zeichen bei
denen andächtigen Deutschen auch die schon Verdammten vom Tode zu befreien und
wider alle Gefahr zu versichern kräfftig waren. Eine Tat in Warheit / welche
dem Beispiele der Vestalischen Jungfrau Claudia die ihres Vatern Appius
Siegs-Gepränge wider des Römischen Zunftmeisters angemasste Hindernis beschützte
/ weit fürzuziehen ist! indem diese nur ihres Geschlechtes Ehrgeitz beförderte /
jene aber zwei Fremdlinge aus Lebens-Gefahr riss. Libys verfügte hierauff / dass
nicht nur diese zwei Fürsten / sondern alle noch lebende Gefangene entfesselt
würden / und dahero diese zwar in freierer Bewahrung blieben / jene aber /
nachdem sie der heiligen Aurinia als ihrer Schutz-Göttin weissen Schleier
(welchen sie ihnen selbst darreichte / weil sonst niemand bei Lebens-Straffe sie
anrühren dorffte) mit tieffster Demut geküst / und für ihre Begnadigung
gedancket hatten / wurden nebst allen andern Fürsten von dem Feldherrn in seine
Burg eingeladen. Alles Volck begleitete sie mit unauffhörlichen Glückwünschen /
die Priester mit vielfältigen Segnungen / und der schon anbrechende Morgen
diente ihnen zu einem anmutigen Wegweiser / gleich als wenn das grosse Auge der
Welt nicht ehe den Erdboden mit seinem Scheine hätte erfreuen wollen / als biss
mit dem Schatten der Nacht bei vielen auch die Furcht des ihnen für Augen
schwebenden Todes verschwunden wäre. Der Priester Libys trug inzwischen Sorge
für die Asche der Abgeschlachteten / womit selbte mit denen noch übrigen
Gebeinen in Todten-Töpffe gerafft und verscharret würde. Absonderlich sammlete
er die Uberbleibung des Qvintilius Varus in einen steinernen Krug / vergrub sie
/ richtete auch daselbst einen viereckichten Stein mit dieser Uberschrifft auff:
Der Syrien bepflückte /
Die frechen Juden band /
Der Deutschen Freiheit drückte /
Erlangt kaum diesen Sand.
Sein Tod hat / nicht sein Tun / ihm noch dis Grab gegeben /
Das Ende krönt ein Werck / vertuscht ein schlimmes Leben.
 
                                     Inhalt
                               Des Andern Buches.
Hertzog Herrmanns Vergnügung / Tussneldens Freude / Segestens Schwer- und
Malovends Unmut. Des Fürsten Zeno und Malovends Unterredung vom Königs- und
andern Spielen; insonderheit: Ob diese den Fürsten anständig / und der Deutschen
Spiel-Sucht verdamlich sei. Adgandester deutet im Nahmen dess Feldherrn denen
gefangenen Fürsten die Freiheit sich mit der Jagt zu erlustigen an. Lob des
Jagens. Sie fangen es mit der Reiger-Beitze an. Fällen einen Uhr-Ochsen.
Seltzame Härte ihrer Köpfe. Erlegung eines vom Kayser Julius mit einem Halsbande
bezeichneten Hirschen / welcher über den Rhein gesetzt / weil die Sicambrer ihm
die aus Gallien getriebenen Menapier nicht hätten wollen ausfolgen lassen / für
den auff ihn dringenden Catten aber hätte müssen zurück weichen. Dahero er
vorher aus dem Sicambrischen Tier-Garten zu seinem Andencken alle also gezierte
Hirsche lossgelassen hätte. Der Hirschen Alter und Eigenschaften. Was für
Unterschleif mit falsch-ertichteten Altertümen vorgehe. Was die Tiere den
Menschen für Artzneien gewiesen. Ob die unvernünftigen Tiere / wie die Menschen
/ Gemüts-Regungen haben? Malovend gedencket eines Wunder-Horns / welches eine
Wald-Göttin einem Fürsten seines Geschlechts gegeben. Der Römer Grosssprechen von
ihren Taten. Ihre gegen frembde Völcker verübte Bosheiten / und Verdrückung
anderer Siege. Die Fürsten fällen viel wilde Schweine / derer eines Rhemetalcen
verwundet. Fürtreffligkeit der Britannischen Tocken und anderer Hunde. Erlegung
zweier Bären. Die Treue der Hunde gegen ihre Herren. Alfesleben verlieret bei
Ausweidung des Bäres einen eisernen Ring. Schätzbarkeit gewisser Ringe / und
warumb die Cattischen Edelleute biss zu Erlegung eines Feindes eiserne tragen?
Das Recht güldne und eiserne Ringe zu tragen / die Gewohnheit selbte zu
verschenken / an gewissen Gliedern zu tragen / und gewisse Bilder darein zu
etzen. Was die Catten und andere für Wappen geführt. Alfesleben wird von einer
Sau verwundet. Andeutungen durch Ringe und andere seltzame Wirkungen. Die
Fürsten speisen in des Feldherrn Jäger-Hause. Beschreibung des Boller-Brunnes /
und anderer wunderbaren Wässer. Deutschland wäre Aussländern wider die Wahrheit
allzu rauh beschrieben / und hätte sich durch die Gemeinschaft mit den Römern
verbessert. Die Natur wäre mit wenigem vergnügt / und hätte iedem Lande seine
Notdurfft verschafft. Scheltung des lüsternen Uberflusses. Schädligkeit
frembder Gewächse. Ob die Natur deswegen in allen Landen nicht alles wachsen
lasse / dass eines mit dem andern Gemeinschaft haben solle? Ob der Mensch sein
Leben durch Erfindungen zu verbessern / oder sich mit den blossen Gaben der
Natur zu vergnügen habe? Verwerffung der Zärtligkeit und Verschwendung / und das
Lob der menschlichen Abhärtung; iedoch sei die Tugend keine Feindin der
Gemächligkeit. Der Deutschen Uhrsprung. Die Geschichte Hermions des ersten
deutschen Feldherrns aus dem Cheruskischen Geschlechte. Der Kwaden Hertzog
Atcorot hat Missfallen über Hermions Wahl. Seine Tochter Emma ist verliebt in
Hermions Sohn Marss. Hermion nimt sich der vom Atcorot bekriegter Noricher /
nebst dem Fürsten der Rhetier Bato an; schlägt und zwinget ihn /dass er ihm die
Länder zwischen der March und Wage / seinem Sohne Mars die Tochter / dem Bato
sein Wahl-Recht abtreten muss. Seine Gemahlin Künigundis verleitet den Atcorot
zum Friedens-Bruche /sperret die Emma ein / und bringt den Mars umbs Auge.
Atcorot wird geschlagen / erstochen / Künigundis belägert / aber durch den Emma
an Mars / der Jutta des Hermions Tochter an Valuscenes des Atcorots Sohn
geschehene Verbeiratung Friede gemacht. Hermion überwindet die Sequaner / und
lehret die Weiber kriegen. Mars wird nach ihm wider Svasandufaln den Fürsten der
Tencterer zum Feldherrn erkieset / dieser auch von jenem / und jener vom Fürsten
der Alemänner erlegt. Cridifer sein Sohn wird von Dulwigen der Vindelicher
Hertzoge gefangen. Nach neun andern wird Vandal der dritte Cheruskische
Feldherr. Dieser schlägt Micasirn den Sarmater /stirbt aber zeitlich. Ihm folgt
der kluge und friedsame Hertzog Ulsing; herrschet lange; vermählet seinen Sohn
Alemann an Vercingentorichs Tochter und macht ihn zum fünften Feldherrn. Lob des
Friedens. Ulsings nützliche Gebäue. Verachtung der unnützen aber kostbaren / wie
auch der wahrsagenden Sternseher-Kunst. Die Wissenschaft des Sternenlauffs sei
aber nützlich. Ulsing muss ihm ein Bein ablösen lassen und stirbt. Der streitbare
Aleman führet einen Löwen mit sich / erlegt die wildesten Tiere / versteigt
sich in Jagten / wird von einer Heidexe errettet / schlägt die Gallier.
Kriegerische und Friedsame Fürsten sollen miteinander abwechseln. Die
Cheruskischen sind im Heiraten glücklich. Alemann verehlicht seinen Sohn Hunnus
mit des Britannischen Königs Tochter / welcher das Atlantische Eyland erobert.
Der Cartaginenser / Phönicier / Egyptier / Nord-Völcker / Scyten / Britañier /
Bataver / Friesen Schiffart dahin. Die Britannier wären durch Ungewitter dahin
verschlagen worden. Madoch der Cimbern Hertzog wäre 300. Jahr ehe dahin gereiset
/ und die Sitonier lange vorher für dem Wüterich Harfager in die Atlantische
Insel geflohen. Ihr Reichtum wäre Ursach / dass nimmer ein Volck für dem andern
verborgen / gleichwohl hätte das Erdbeben ein gut Teil davon verschlungen. Der
Griechen und Römer Schiffarten / welche aber sich in das Atlantische Eyland
nicht erstrecket. Marcomir der sechste Cheruskische Feldherr erbt von der Mutter
Britannien und viel andere Länder; sein Bruder der Noricher Hertzog der Bojen
und Kwaden Gebiete. Marcomirs Kriege wieder Usesivaln der Gallier Hertzog /
wider die Hermundurer / Catten und den Scytischen König Salomin. Er richtet
zwei Seulen auff der Atlantischen Insel auff / erobert viel grosse Länder und
schaffet die in der Welt so gemeine Menschen-Opfferung darinnen ab. Würde der
Reichs-Urheber und ihrer Vergrösserer. Ob Alexander dem Julius oder dieser jenem
vorzuziehen? Marcomirs Siege / Reisen und Ablegung seiner Herrschaft. Welche
die löblichste Vorbereitung zum Tode wäre. Der Seele sei ein geheimer Zug gegen
GOtt / und ein Verlangen nach der Unsterbligkeit angebohren. Irrdische Ursachen
der Abdanckungen. Mit dem Alter verfielen die besten Fürsten. Die Reue folge der
Niederlegung der Würden auff dem Fusse. Marcomir verläst seinem Sohne Hippon die
fremden / seinem Bruder Ingram die deutschen Länder und die Feldherrschaft.
Beispiele etlicher anderer sich ihres Reichs enteusernder Fürsten. Der Getischen
Könige dienstbare Herrschaft. Des Rakimis Abdanckung wegen verfallenen Ansehns
bei seinem Volcke. Der siebende Feldherr Ingram und der Dacier Hertzog Decebal
bewerben sich widereinander um die Pannonische und Kwadische Hertzogin
Hermildis. Decibal verfälscht Ingrams Schild durch Einschiebung eines Bildes der
Cimbrischen Fürstin Gandeberge. Beider Fürsten Turnier. Das Bild wird in des
Ingrams zerschmettertem Schilde entdecket und der Hoff wider ihn erbittert. Die
vermumte Hermildis kämpfft wider den Hertzog Ingram / wird aber von ihm heftig
verwundet. Grausamer Streit Ingrams wider Decebaln /welcher gezwungen wird
seinen Betrug zu bekennen. Decebal wird vom Hofe verbannt / erregt aber wider
den König Lissudaval die Pannonier / diese erwählen seinen Sohn Gudwil zum
Könige. Gudwils Misstrauen gegen den Ingram. Gottesdienst der Kihala bei den
Kwaden. Ingram beteuret seine Redligkeit / und rühret einen glüenden Rost
unversehrt an. Ihm wird Hermildis vermählet. Lissudaval stirbt / Gudwil wird vom
Salomin erlegt. Ingram erbt das Kwadische Reich / krieget um das Pannonische mit
Decebaln. Er siegt / verfällt aber mit den Scyten in Krieg. Schutz-Bilder
gewisser Örter. Friedebald beschützt wider den Salomin die Stadt Vindobon;
Decebal trit dem Ingram Pannonien ab / behält Dacien. Salomin vertreibt Decebals
Sohn und seine Mutter / nimmt Bregetio ein; Ihm widerstehet aber Ingram. Sein
Sohn Klodomir der achte Cheruskische Feldherr wird von Marcomiren erzogen. Seine
Tugenden und Liebe gegen Riamen Marcomirs Tochter / welche aber in Friedebalden
verliebt / und unter der ebenfalls in Hertzog Friedebalden verliebten Königin
der Kwaden Olorene Auffsicht ist. Beider Fürstinnen geheime Eifersucht. Riama
gibt Friedebalden ihre Liebe zu verstehen. Marcomir schreibt an Olorenen und
Riamen / will diese Klodomirn gegen Abtretung der Feldherrschaft vermählen.
Klodomir ist hierzu geneigt / ihm aber selbst Riama unhold. Astinabes der
glückseligen Inseln König wirbt um Olorenen. König Ingram verbeut seinem Sohne
Klodomir der Feldherrschaft sich zu verzeihen. Marcomir schickt Friedebalden
wider den König Salomin; trägt Olorenen Astinabens Heirat für / erfähret aus
Hertzog Friedebalds Briefe Olorenens und Riamens Liebe gegen den Fürsten
Friedebald. Marcomir befehlicht die Riame Klodomirn / Olorenen den Astinabes zu
ehlichen. Marcomirs und Olorenens ungleiches Urtel von Fürstlichen
Staats-Heiraten. Die Fischer ziehen des durch Schiffbruch umkommenen
Friedebalds Leiche aus dem Wasser / worüber Olorene ohnmächtig wird / Riame
erstarret und beide erkrancken. Klodomir gerät in einer Wildnis in
Lebens-Gefahr. Die zwei krancken Fürstinnen werden nach Gades in den Tempel des
Esculapius bracht. Friedebalds Geist bittet sie um Vergessung ihrer Liebe und
Betrübnisses. Ihre Genesung und seltzame Verliebung in die ihnen bestimmten
Bräutigame. Schlaue Wunderwercke der Priester. Der Gottesdienst gebe nicht nur
eine Larve der Staats-Klugheit / sondern auch der Liebe ab. Klodomirs Vermählung
mit Riamen / des Astinabes mit Olorenen. Friedebalds Geist bedienet ihren
Braut-Tantz / und weissaget Olorenen. Ihre Einsamkeit wegen des verlohrnen
Astinabes. Merckwürdige Unterredung von den Geistern der Lebenden und Todten.
Hippon nimmt das Reich des Astinabes ein. Klodomirs glückliche Herrschaft und
Kriege wider den Salomin und Miles. Nach seinem Tode herrschet der neundte
Feldherr Roderich / krieget wider drei Scytische Könige / und setzt Deutschland
in Ruh / weigert sich auch auff des Partischen Königs Mitridates Ersuchen mit
den Scyten den Frieden zu brechen. Ruhm des Friedens / dahin ein verlebter
Fürst sein Absehen nehmen soll. Roderich schickt dem Mitridates kostbare
Gegengeschencke. Untersuchung des Goldmachens / und ob das Reichtum der Pfeiler
eines Reiches sei. Gespräche von dem ewigen Feuer. Malorichs des zehenden
deutschen Feldherrn kluge Herrschaft. Er erkiest Hertzog Aembrichen zu seinem
Reichs-Erben. Die Erscheinung eines schrecklichen Schwantz-Sternes. Deutungen
solcher Gestirne und der Erdbeben. Rückkunft der auff der Jagt gewesenen
Fürsten nach Deutschburg / allwo unterdessen Melo der Sicambrer Hertzog /
Beroris sein Bruder / und Dietrich sein Sohn mit vielen Gefangenen Römern
ankommen waren / welche sie in der Festung Tranburg / Mattium / Segodun / und
Cattenburg / und in dem mit dem Cäditius abermals gehaltenen Treffen bekommen /
und berichtet /dass die Menapier und Eburoner wider die über den Rhein
getriebenen Römer auffzustehen geneigt wären. Der Deutschen hierüber bezeugte
Freude.
 
                                Das Andere Buch.
Das Volck kam insgemein mit nicht geringer Freude /die Fürsten mit überaus
veränderten Gemüts-Regungen / iedoch meist alle mit mehrer Vergnügung auff des
Feldherrn Burg an / als sie vorher in den Deutschburgischen Hein gediegen waren.
Hertzog Herrmann sah sein Vaterland numehr durch seine Vernunft und Tapferkeit
auff den Stul der güldnen Freiheit versetzt / sein Haupt mit unverwelckenden
Siegs-Kräntzen überschattet / und er sollte nun in das Bette der wunderschönen
Tussnelde schreiten; also schien er in beiden heftigsten Gemütsregungen /
nehmlich der Ehrsucht und Liebe den höchsten Zweck erlangt zu haben / und /
nachdem ein gewüntschter Ausschlag alle Verdriesslichkeiten überzuckert / konnte er
das erlidtene Ungemach so viel leichter ihm aus dem Sinne schlagen. Ja er wusste
wider das Unrecht des Segestes sich keiner rühmlichern Rache zu bedienen / als
nach so vielen Woltaten seine Abneigung mit möglichster Ehrerbietung / und die
menschliche Eigenschaft mit Entäuserung alles Unwillens zu überwinden / nach
dem es doch in unser Gewalt nicht stehet / etwas / so unserm Gedächtnis schon
einmal fest eingedrücket ist / gar zu vergessen. Die grossmütige Tussnelde ward
wegen Errettung ihres verurteilten Vaters /wegen eingelegten Ruhmes ihres
Brudern / durch die Vergnügung ihrer inbrünstigen Liebe von Freuden dergestalt
überschüttet / dass ihr so viel Gutes mehrmals nur zu träumen bedeuchtete / und
sie darüber aus angewohntem Unglücke zu zweifeln anfing / mehrmals auch ihre
Freudigkeit nicht allzusehr an Tag zu geben sich zwingen musste. Weil sich aber
Schwermut nicht so leicht als Freude verbergen läst / sah dem Segestes und
seiner stets gesuchten Einsamkeit entweder der Verdruss wider seiner Tochter
unvermeidliche Heirat / oder die Erkenntnis seiner eigenen Schande aus den
Augen. Denn die Laster sind ihnen selbst die ärgsten Hencker / und es kann der
Leib nicht so blutig mit Ruten gestrichen werden / als das Gewissen der
Boshaften ihre eigene Bangsamkeit peinigt. Malovend empfand zum teil auch
einige Wunden dieser innerlichen Quaal / dass er den Degen wider seine Landsleute
ausgezogen / und noch nicht allerdings versichert zu sein meinte / ob ihm
solches so gar ungenossen ausgehen würde. Diese Schwermut veranlassete den
Tencterischen Fürsten Marcomir /dass er den Fürsten Malovend auff seinem Zimmer
heimsuchte / und mit dem Königs-Spiele die Verdrüssligkeit der Zeit zu verkürtzen
vornahm. Nach weniger Zeit kam Zeno der Pontische und Rhemetalces der Tracische
Hertzog darzu / welchem letztern befrembdet fürkam / dass Malovend seine
Bekümmernüsse mit einem Spiele zu erleichtern suchte; welches zwar nachdencklich
und darinnen Fürstlich wäre / dass es keine knechtische Begierde des Gewinns /
sondern den einigen Ruhm des Obsiegs zum Zweck; aber keine Bewegung des Leibes
in sich hätte / und das Gemüte eben so sehr als das wichtigste Fürnehmen
beschäfftigte / also in seiner Ernstaftigkeit nichts weniger als ein Spiel
wäre. Malovend antwortete Rhemetalcen: Der Nahme des Königs-Spiels redete ihm
selbst / und ihnen / als Fürsten / dieses Zeitvertriebs halber / das Wort; und
weil es aus Morgenland den Ursprung / auch bei selbigen Völckern das gröste
Ansehen hätte / wunderte ihn so viel mehr / wie er es für so verächtlich hielte
/ da doch in selbtem / als in einem Sinnbilde alle Herrschens-Künste und die
oberste Botmässigkeit der Klugheit entalten sein sollten. In welchem Absehen ein
Indischer König dem mit ihm kriegenden Persischen ein König- dieser aber jenem
ein Bret-Spiel überschickt; und wie jener die Gewalt der Klugheit / also dieser
die Macht des Glückes dardurch entworffen haben solle. Im Fall aber auch gleich
ihr Spiel nicht die Freudigkeit anderer Lust-Spiele in sich hätte / wäre seine
traurige Eigenschaft ihrer Gefangenschaft so viel anständiger. Rhemetalces
versetzte: Er wäre zwar ein naher Nachbar der Lydier / welche das Würffel-Bret-
und Ball-Spiel erfunden haben sollten / dissfalls aber wäre er von ihrer
Lebens-Art ganz entfernet / in dem er zu keinem als denen Kriegs-Spielen
einigen Zug hätte /und aus selbten mehr Unlust als Ergötzligkeit schöpfte.
Sintemal der Mensch zu einer nützlichen Tätigkeit geboren / wie der Himmel zur
Bewegung geschaffen wäre. Die sämtlichen Spiele aber wären wegen ihrer
vergebenen / wo nicht schädlichen Bemühung / für etwas geringers als den
Müssiggang zu halten. Insonderheit aber hielte er das Spielen einem Fürsten für
unanständig / als dessen Ambt wäre stets mit wichtigen und gemeinnützigen Dingen
unmüssig zu sein. Wesswegen er die vom Menedemus dem jungen Antigonus beim Spiele
ins Ohr gesagte Lehre als heilsam verehrte: Erinnere dich / dass du eines Königs
Sohn bist. Zeno brach Rhemetalcen ein: Dieses wäre ein allzu scharffes Urtel
wider die Spiele / und eine zu strenge Einsperrung der Fürsten. Nach der Meinung
des Göttlichen Plato verrichteten GOtt und die Natur alles spielende; warum
sollte alle Ergötzligkeit /welche doch ein Wetz-Stein der folgenden Arbeit wäre /
Fürsten verwehret sein? Die Bewegung der Sterne solle sich einer spielenden
Harffe gleichen. Ja die Weissheit selbst wäre nichts besser als ein vernünftiges
/ und das menschliche Leben grossen teils ein Affen-Spiel. Dahero der den
sieben Weisen in Griechenland gleich-geschätzte König in Egypten Amasis sich
mehrmahls zu vermummen und einen Narren fürzustellen sich nicht geschämet hätte.
Es wäre zu wünschen / dass man alles dis / was ein Fürst zu lernen hätte / ihm im
Spiele beibringen könnte / wie Parrhasius alle seine so liebliche Gemählde mit
Singen verfertigte. Sintemal Fürsten ohnedis nicht den Büchern / wie die Sclaven
von den Ketten wollen angefesselt sein / und alle Gemächte äuserlich entweder
dieselbe Anmut oder Verdrüssligkeit zeugen / die dem Künstler in seinem Gehirne
gesteckt / wenn ihm die Arbeit entweder schwer oder gut von Händen gegangen.
Wenn das Meer am annehmlichsten wäre /spielte es mit seinen sanften Wellen / und
wenn das Auge der Welt der Welt seinen Segen austeile / mit seinen Straalen.
Die gütigsten Fürsten wären zu Kurtzweil geneigt / die allzu ernstaften aber
insgemein die grimmigsten gewest. So gar Socrates und Heraclites hätten zu
Ephesus unter den Kindern des Beinleins / und der sauersehende Cato mit den
Würffeln gespielt. Wie möchte man denn Fürsten eine strengere Weissheit
abheischen? König Demetrius hätte es ihm für keine Schande geachtet / allerhand
Schnitzwerck / der junge Dionysius Wagen und Tische mit seiner Hand zu machen /
und Attalus ertztene Bilder zu giesse. Der Cizicenische Antiochus hätte sich mit
tantzenden Tocken / König Aeropus in Macedonien mit Laternen-machen / Hercules /
Agesilaus und Alcibiades mit Spielen der Kinder sich erlustigt. Ja / sagte
Malovend / habe ich doch den umbs Reich so sorgfältigen Kaiser August nach der
Abend-Mahlzeit über Mitternacht mit vierseitigen Würffeln spielen und dabei
zwantzig tausend Groschen verlieren /und seinen Mitspielern wohl drittalbmal so
viel zum Spiele verehren sehen. Rhemetalces fing an: Diese Freigebigkeit muss dem
Spiele noch ein wenig aushelffen. Denn ein Fürst soll niemals spielen / als mit
Vorsatze zu verlieren. Mit was aber entschuldigt ihr Deutschen eure Lüsternheit
zum Spielen? Sintemal ich nach der Schlacht wahrgenommen / dass ihrer viel / und
zwar nüchtern bei gutem Verstande / gegen ein gewisses von den gefangenen Römern
auffgesetztes Geld so gar ihre eigene Freiheit auffgesetzt / und /ungeachtet der
Verspielende stärcker und vermögender war / sich in die Knechtschaft des
gewinnenden Spielers ohne Widerrede gestellet hätten. Malovend begegnete ihm: Er
könnte diesen Missbrauch seiner Landsleute nicht umstehen. Alleine wie schwerlich
das Tessalische Tal Tempe / oder einige Aue der Welt nicht auch ein giftiges
Kraut unter ihren Gewächsen nährte / so wäre kein so wohl gesittetes Volck unter
der Sonne / welches nicht einige Laster unter dem Nahme der Sitten hausete. Die
Lydier verkaufften die Jungfrauschaft ihrer Töchter / ehe sie sie
verheirateten / die Sarder tödtete ihre veralternde Eltern / die Perser
entkleideten sich zu ihrer Schwelgerei /gleich als wenn sie eine Schlacht
liefern sollten / ja Eltern und Kinder heirateten wider die gleichsam angebohrne
Scham und das Gesetze der Natur zusammen. Die dem Spiele ergebenen Deutschen
aber machten gleichwohl aus dem Laster eine Tugend /nach dem sie in dem Spielen
sonder Zwang einigen Gesetzes so standhaft Treu und Glauben hielten / und sich
lieber ihrer Freiheit / als der Wahrheit entäuserten. Ausser dem würde man die
Versäumung nötiger Geschäffte / Zwytracht und Gewinnsucht / als die gemeinsten
Missbräuche des Spieles / in Deutschland so gemein nicht als bei andern Völckern
finden. Dahero es mit der Deutschen Spiele schier wie mit den Pfirschken
beschaffen zu sein schiene / welche in Persien giftig / in den Nordländern aber
eine gute Speise wären.
    Malovend würde den Deutschen noch ferner das Wort geredet haben / wenn nicht
gleich Fürst Adgandester in das Zimmer getreten wäre / welcher denen Gefangenen
im Nahmen des Feldherrn erlaubte / an dem Hofe ohne geringste Bestrickung sich
auffzuhalten / wenn sie anders nur ihr Wort geben / sich des Orts nicht zu
entbrechen. Wie nun diese Gnade sie so viel mehr vergnügte / und gegen den
Fürsten Adgandester ihre Verbindligkeit auffs beweglichste ausdrückte; also
wurden ihre Gemüter gegen dem Feldherrn auffs höchste verknüpfft. Denn es ist
keine grössere Zauberkunst sich beliebt zu machen / und andern das Hertz zu
stehlen / als Wohltat und Leutseligkeit. Der Feldherr hatte die deutschen
Fürsten /wenn ieder der Ruh gepflegt haben würde / zu einem herrlichen Mahl
eingeladen / weil er aber mit ihnen über ihren Reichs- und Kriegs-Händeln dabei
zu ratschlagen willens war / den Zeno / Rhemetalces / Marcomir und Malovend
absonderlich zu bedienen angeordnet. Weil nun gleiches Alter und einerlei Glücke
auch die fremdesten Gemüter leicht miteinander verknüpfft / gerieten diese
drei letztern unschwer in eine sonderbare Vertrauligkeit. Folgenden Tag
veranlassete sie der Feldherr selbst ihnen selbige Tage / da er teils mit
Ratschlägen / teils mit Anstalt seines Beilagers beschäfftigt war / durch
Jagen die Zeit zu vertreiben / und ihnen allen Kummer aus den Gedancken zu
schlagen / gab auch sie zu unterhalten ihnen den Fürsten Marcomir zu. Daher
nötigte sie so wohl dieses höffliche Anbieten / als ihr eigener Trieb / und
insonderheit die um das schwartze Meer bräuchliche Landes-Art folgenden Tag nach
der Morgenröte fürzukommen / und mit allerhand nötiger Anstalt in das
Hertzogliche Gehäge sich zu dieser den Fürsten gewöhnlichen und wohl anständigen
Lust zu verfügen. Sintemal sie den Leib hierdurch zu allerhand Mühsamkeit
abhärten / in Verfolgung des flüchtigen Wildes rennen / des Hertzhaften /
fechten / des Schlauen / allerhand krummen Räncken und List mit List begegnen /
und die Beschaffenheit eines Landes am besten kennen lernen. Welche
Wissenschaft einem Fürsten nötiger als die Kenntnis der Gestirne ist. Denn
diese hat den bedrängten Sertorius mehrmahls errettet / wenn seine Feinde ihn
schon in Händen zu haben vermeint. Die bei Verfolgung eines Wildes sich
ereignete Verirrung ist mehrmals eine Wegweiserin des Sieges gewest. Wesswegen
iederzeit die streitbarsten Völcker die Jagt geliebt / und die tapffersten
Fürsten mit dieser männlichen Ergetzligkeit ihre Herrschens-Sorge erleichtert /
denn auch ihre Erqvickungen sollen Bemühungen sein. Darius hielt diese so
ruhmwürdig /dass er auff sein Grab ihm als einen besondern Ehren-Ruhm schreiben
liess / dass daselbst ein fürtrefflicher Jäger begraben läge. Etliche grosse
Fürsten hätten selbst diese Kunst mit ihrer eigenen Feder zu beschreiben sich
nicht geschämet. Diesemnach denn die wider diese an sich selbst gute Ubung
geschehene Einwürffe von schlechtem Gewichte zu achten sind /samb selbte das
menschliche Gemüte mehr wilde machte / als sie dem Leibe dienlich wäre; dass
ihre Annehmligkeit einen Fürsten nötigern Sorgen abstehle. Sintemal selbte auff
blossen auch den Kern der besten Sachen verderbenden Missbrauch gegründet sind.
Dass aber Saro der Gallier König sich über Verfolgung eines Hirschen ins Meer
gestürtzt / andere sich in Gebürgen verstiegen / oder von Gespensten verleitet
worden / ist ihrer eignen Unvorsichtigkeit /oder andern Zufällen / welche auch
in den löblichsten Unterfangungen die Hand mit im Spielhaben / nicht der
Eigenschaft des Jagens zuzuschreiben.
    Den Anfang dieser Jagt machte der Graf von Uffen / des Feldherrn oberster
Jäger-Meister / an einem sumpfichten Orte mit dem Reigerbeitzen. Denn so bald
dieser etliche Mitternächtische Falcken aussliess /erhoben sich eine grosse Anzahl
Reiger empor / welche allhier für den Hertzog pflegen gehegt zu werden /also dass
sie niemand sonst bei ernster Straffe beunruhigen darff; wiewol sonst das
allgemeine Völcker-Recht / welches den Fang der wilden Tiere iedermann gemein
läst / in Deutschland unversehrt ist. Auff die auffprellenden Reiger wurden
alsofort so viel Falcken / worunter etliche schneeweisse / welche bei denen
Cimbern und Bosniern gefangen werden / ausgelassen. Diese mühten sich auffs
eifrigste jene mit ihrem Fluge zu überklimmen / und hierauff stiessen sie
schriemwerts mit vorgestreckten Klauen auff die niedrigen Reiger mit solcher
Heftigkeit herab / dass ihr Abschiessen gleichsam ein Geräusche des Windes machte
/ und die Reiger ganz zerfleischt zur Erden fielen. Wiewol etliche schlaue
Reiger die allzu hitzigen Falcken mit ihren über sich gekehrten Schnäbeln nicht
nur verwundeten / sondern gar tödteten. Diese Lust vergnügte den Hertzog Zeno so
sehr / dass er sich heraus liess: Plato hätte zwar die Fisch- und Vogel-Jagt / als
etwas knechtisches getadelt / er befindete aber die Reigerbeitze für eine recht
edle Fürsten-Lust. Rhemetalces fing an: Die Tracier hätten für uhralter Zeit
diesen Vogel-Krieg höher als keine andere Jagt gehalten / und ihre Könige bei
der Stadt Amphipolis mit dem Habicht-Fange der Wasser-Vogel ihnen eine ungemeine
Lust gemacht. Zeno pflichtete diesem Lobe gleichfalls bei / mit Vermeldung / dass
die Indianer mit ihren abgerichteten Adlern ebenfalls das furchtsame Geflügel zu
fangen pflegeten / aber ihre Lust käme der gegenwärtigen bei weitem nicht bei.
    Hierauff kamen sie in den nechst daran liegenden Forst / darinnen ihnen
alsofort unterschiedene Rehe auffstiessen / derer etliche sie mit ihren Pfeilen
fälleten. Hernach kamen sie auff die Spur eines wilden Uhr-Ochsens / den sie
auch alsofort ereilten. Zeno vermeinte mit seinem Bogen ihn alsofort zu erlegen
/und schoss drei Pfeile hintereinander auff dessen Stirne / welche aber alle ohne
Verwundung absprungen. Dieser Fürst verwunderte sich hierüber nicht wenig
/meldende: Er wüste nicht ob diese Ochsen sich mit Kräutern feste gemacht / oder
seine Armen alle Kräfte verloren hätten. Malovend lachte und sagte: Von Gemsen
glaubte man zwar / dass wenn sie die Doranich-Wurtzel gegessen / sie mit keinem
Geschoss verwundet werden könten; von dem Ochsen aber hätte er diss nie gehört.
Rhemetalces schos zwei Pfeile / eben so wohl vergebens / dem Ochsen auff den
Kopff / und dahero mit nichts minderer Entrüstung. Da fing Malovend an: Sie
suchten vergebens diss Tier im Kopfe zu beleidigen / der so harte wäre / dass ein
Geschoss ehe durch Ertzt als durch seine Hirnschale gehen würde. Hiermit traff er
den rennenden Ochsen mit einem Wurfspiesse so glückselig in die Seite / dass
selbter in der Brust vorging / und dieses Tier entseelt zu Boden fiel. Hierauff
schoss er einen Pfeil ihm durch den Kopff durch und durch. Welches beiden andern
Fürsten noch seltzamer fürkam / und mit dessen nunmehr leichter Durchschüssung
die Krafft ihrer Bogen versuchten. Malovend berichtete sie hierauff / dass mit
dem Leben die Härte des Schädels zugleich verschwinde / und hiermit verfielen
sie auff einen Hirsch von ungemeiner Grösse / und einem Geweihe von sehr viel
Enden. Er verwundete zwar selbten mit einem Pfeile / es würckte aber solcher
mehr nicht / als eine schnellere Flucht. Nachdem er auch in diesem Forste eine
See erreichte und durchschwamm / mussten die Fürsten einen Umweg selbten zu
verfolgen nehmen / und womit er ihnen nicht gäntzlich entrinne /ein paar Strick
Winde los lassen. Diese brachten ihn /nachdem er endlich in seinem Lauffe nach
Art der Hirschen / wegen Schwachheit ihres Mastdarms und wegen der Verletzung
offtmahls ruhen musste / zu Stande / also / dass er / keine andere Ausflucht
sehende / sich endlich selbst denen Fürsten näherte / ihre Bogen und Pfeile /
gleich als wenn er von ihnen sich keines Leides zu besorgen hätte / betrachtete
/ und als ein Muster allzu leichtgläubiger Vertrauligkeit / vom Rhemetalces mit
einem Wurffspiesse getödtet ward. Als diese Fürsten aber diss gefällte Wild
betrachteten /wurden sie eines am Halse habenden und unter den Haaren ziemlich
ins Fleisch gewachsenen Halsbandes gewahr / welches sie von den Pferden
abzusitzen und selbtes eigentlicher zu erforschen verursachte. Das sie denn auch
aus dichtem Silber gefertigt / und darauff eingeetzt befanden: Als Julius Cäsar
den Deutschen ein Gebiess anlegte / gab er mir die Freiheit. Sie erstarrten für
Verwunderung gleichsam über dieser Begebenheit / und Rhemetalces beklagte
überaus: dass seine unvorsichtige Ubereilung dieses denckwürdige Tier / welches
ganzer drei und sechtzig Jahr nur nach getragenem Halsbande unversehret blieben
wäre / zu unzweiffelbarem Verdruss Hertzog Herrmanns gefället hätte. Fürst
Malovend aber fiel ihm in die Rede: Er möchte sich hierüber keinen Kummer
machen. Es würde der Feldherr ihm hierfür noch grossen Danck sagen. Warum?
versetzte Rhemetalces. Malovend antwortete: Weil dieser Hirsch ein verdrüssliches
Gedächtnis desselben Tages ist / da die Deutschen ihre Freiheit zu verliehren
angefangen. Beide Fürsten wurden dadurch mehr begierig alle Umstände von ihm zu
vernehmen: Worauff er denn ihnen folgenden Bericht erstattete: Es hätten in
Deutschland sich die Catten iederzeit für andern / so wohl an Streitbarkeit als
an Fruchtbarkeit herfür getan; also / dass sie alleine über hundert grosse
Dörffer mit denen darzu gehörigen Landstrichen bewohnet / alle Jahr aber etliche
tausend gewaffnete Männer aus ihren Gräntzen getrieben / und / durch ihren Degen
neue Wohnplätze zu suchen / also auch ihre Herrschaft zu vergrössern genötigt
hätten. Dieser Ausbreitung wäre ihrer Lebens-Art zu statten kommen. Denn nachdem
sie wenigen Ackerbau gepflegt / sondern nur von Jagten und Viehzucht gelebt /
hätte sie der Hunger zur Kriegs-Lust gezwungen / und sie wären von Kindauff die
Freiheit lieb zu gewinnen /die Glieder durch tägliche Kriegs-Ubungen zu
verstärcken / Kälte und Hitze mit nacktem Leibe zu vertragen angewöhnt worden.
Ja / ungeachtet sie den Römischen Kauffleuten mit ihnen zu handeln / womit sie
ihrer Feinde Leuten angewehren köñen / verstattet hätten / liessen sie doch biss
jetzt keinen Wein noch andere zur Uppigkeit dienende Wahren bei ihnen einführen /
womit ihre Tapfferkeit durch keine Wollüste verzärtelt würde. Diese hätten nun
nahe für hundert Jahren die Ubier ihnen zinssbar gemacht / für sechs und sechzig
Jahren aber die Usipeter gar aus dem Lande getrieben / welche / nachdem sie
durch allerhand Landschaften der Ansibarier / Angrivarier /Chamaver / Bructerer
und Marsen / unter allerhand Kriegs- und Glücks-Zufällen umgeirret / die auff
beiden Seiten des Rheins wohnende Menapier überfallen / und sie an der Maass
ihren Herd und Hof auffzuschlagen gezwungen hätten. Diese aber wären aus dem
Regen in die Troffe gefallen / indem der in Gallien damals siegende Cäsar sie
daselbst nicht leiden /sondern sie über den Rhein und die Botmässigkeit der
Ubier zu begeben zwingen wollen. Worüber es zum Treffen kommen / darinnen die
Menapier eine schwere Niederlage erlitten / und die übrigen sich zu denen
Sicambern hätten flüchten müssen. Weil diese nun die Menapier Cäsarn nicht
hätten ausfolgen lassen wollen / die von denen Catten gedrückten Ubier beweglich
um Hülffe gebeten / er auch ohne Schreckung der Deutschen sich der Gallier nicht
versichert gehalten / hätte er eine Brücke über den Rhein gebaut / und mit sechs
Legionen darüber in Deutschland gesetzt. Die Deutschen hätten unschwer diesen
Brückenbau hindern können; alleine Sie wären auff Ratgeben der Tencterer
schlüssig worden / etliche Tagereisen weit / mit allem ihrem Vorrate sich
zurücke zu ziehen / und da die Römer sich tieffer ins Land wagen würden / selbte
nicht allein aus ihren Wildnüssen rings umher zu überfallen / sondern auch ihnen
den Rückweg und die Brücke gar abzuschneiden. Weil nun dem Käyser selbst sehr
verdächtig fürkommen wäre / dass die sonst nicht zu furchtsamen Deutschen ohne
geringsten Widerstand die Brücke zu verfertigen verstattet / und ohne einigen
Schwerdschlag ihren Sitz verlassen / hätte er die Brücke an beiden Enden mit
starcken Bollwercken verwahret / in Meinung nicht unverrichter Sache den
deutschen Boden zu räumen. Alleine nach dem Fürst Catumer den Römischen Vortrab
in die Flucht geschlagen / und etliche Ubier ihm Kundschaft gebracht / dass die
Catten ein allgemein Auffbot getan / und wider ihn im Anzuge wären; hätte er
nicht ratsam befunden / so lange Stand zu halten / sondern er hätte der
Sicambrer Dörffer verbrennt / den Ubiern auff den Notfall neue Hülffe
versprochen / der Deutschen Gedäue / und insonderheit einen herrlichen
Tiergarten des Sicambrischen Hertzogs verwüstet. Nachdem er nun in diesem über
hundert grosse Hirschen gefunden / und er in Deutschland ein Gedächtnis seiner
Uberfart zu verlassen gewünscht / welches von den Deutschen so bald nicht
vertilget werden könnte / so hätte er iedem Hirsche ein solch Halsband / mit
gleichmässiger Schrifft / als wir hier für Augen sehen / angemacht / und selbte
frei in die Wildnüsse lauffen lassen. Hierauff wäre er den achtzehenden Tag mit
seinem Heere in Gallien gekehrt / und hätte die Brücke / womit sie den Deutschen
nicht selbst zum Einfall diente / wieder weggerissen. Zeno fing hierauff an: Er
müsse gestehen / dass dis eine gute Art sei in einem feindlichen Lande / und da
der Feind zumahl wenig Geschichtbücher zu halten pflegt / sein Andencken zu
erhalten. Ja versetzte Rhemetalces / sonderlich wo es wahr ist / dass eine Krähe
neunmahl des Menschen Alter übersteigen und nahe biss an neunhundert Jahr leben /
ein Hirsch dieses aber vier mahl übertreffen und derogestalt wohl drei tausend
und fünftehalb hundert Jahr alt werden solle. Alleine es ist dieses nicht des
Käysers erste Erfindung / sondern er hat es dem grossen Alexander nachgetan /
welcher nach erlangtem Siege wider der Triballer König Syrmus und die Geten /
vielen Hirschen silberne / auch hernach in Indien güldne Halsbänder umgemacht.
Uberdiss wäre auch des Diomedes Hirsch allererst zu Zeiten des Königs Agatocles
gefangen worden / und Käyser August hätte an unterschiedenen Orten solche
Hirsche mit güldnen Halsbändern und dieser Uberschrifft lauffen lassen: Rühre
mich nicht an / ich stehe dem Käyser zu. Malovend fiel ihm ein; Er könnte nicht
glauben / dass ein Hirsch so lange leben solle. Auch ich nicht / antwortete ihm
Rhemetalces; Gleichwohl aber leben sie sehr lange / teils wegen ihrer
natürlichen Leibes-Kräfften / welche auch bei ungestümem Meere aus Cypern in
Cilicien und Syrien zu schwimmen vermöchten; ja mit ihrem Ateme Nattern aus den
Steinritzen zu ziehen / die verschlungenen Schlangen im Magen in Stein zu
verwandeln /und gleichsam in einen fleischernen Sarge ein steinernes Aas zu
vergraben mächtig sind; teils wegen mangelnder Galle / teils wegen ihrer
eingepflantzten Wissenschaft wider Gift und andere Schwachheiten allerhand
heilsame Kräuter und Artzneien zu erkiesen. Wie sie denn / um der Blödigkeit
ihrer Augen abzuhelffen / so viel schlangen fressen / hernach sich in die kalten
Flüsse eintauchen / biss das Gift aus dem Magen durch die Augen schwitze.
Gleichergestalt hätten die verwundeten Hirschen den Menschen die wilde Polei als
ein Kraut gewiesen / wodurch die ins Fleisch geschossene Pfeile heraus zu ziehen
sind. Dieser gegenwärtige Hirsch könne nu selbst ein Zeugnis ihrer Lebhaftigkeit
abgeben / denn er habe diss Halsband schon etliche sechzig Jahr getragen / und
als man es ihm umgemacht / wird er nicht klein gewest sein. Ja / sagte Malovend
/ diss kann leicht sein / weil ein Hirsch in fünff Jahren zu seiner Vollkomenheit
gelangt; und wir in Deutschland insgemein dafür halten / dass ein Hirsch hundert
Jahr lebe. Zeno brach hierauff ein: Für hundert Jahren kriegte ein Hirsch wohl
keinen Stein im Auge / aber sonst müste er viel länger leben. Denn sein Vater
Polemon / König im Pontus / habe nach einen Hirsch am schwartzen Meer geschlagen
/ auff dessen Halsbande diese Griechische Uberschrifft zu lesen gewest:
Alexanders Scytische Beute ist meine Zierrat. Nun aber sind es nahe vierdtehalb
hundert Jahr / seit Alexander in selbigen Ländern Krieg geführet. Es kann
vielleicht wohl sein / dass zuweilen ein Hirsch so lange lebe / begegnete ihm
Rhemetalces; aber ich besorge / es gehe wie in andern Altertümern viel
Unterschleif mit unter / und habe solche Sachen meist einen viel jüngern Vater /
als den sie an der Stirne führen. Und insonderheit sind die Griechen hierinnen
Meister / welche viel Dinge / die gestern jung worden / einer greissen und
ungewissen Zeit Kinder heissen. Sie tichten ihnen nicht allein Helden / die nie
in der Welt gewest; Sie rühmen sich Städte eingeäschert zu haben / die nie
gestanden / und die Stadt Troja / ja Priamus / Hector und ihre Nachkommen sind
noch etliche hundert Jahr hernach in voller Blüte gewest / als sie solche
zerstört und erlegt zu haben die ganze Welt lügenhaft überredet. Sie
verhandeln noch jetzt den einfältigen Ausländern zwar in der Erde verschimmelte
aber neu gegossene Müntzen / die ihr Cadmus und Cecrops sollen haben prägen
lassen. Und wie lange ist es / dass ein verschlagener Hetrurier etliche bleierne
Taffeln / auf welche ein alter berühmter Warsager Olemus Calenus die alten
Hetrurischen Gesetze und nachdenckliche Wahrsagungen geschrieben haben solle /
er aber selbst in eine Höle versteckt gehabt / für mehr als so viel wiegendes
Silber verkaufft. Zeno fiel hier ein / es hat ein Betrüger sich nicht unbillich
auff einen andern bezogen. Denn so viel ich mich erinnere / ist diss eben der
Calenus / welchen der Rat zu Rom über dem auff dem Tarpejischen Berge
gefundenen Kopffe zu rate gefragt / und der den Bau des Capitolinischen Tempels
arglistig nach Hetrurien zu ziehen getrachtet /wenn seine Tücke nicht sein
eigner Sohn verraten hätte. Ich gläube / fing Zeno wieder an / dass das Römische
Volck schon vorher mit selbigem Kopffe betrogen gewest sei / indem viel der
nachdencklichen Römer dafür halten / es habe der schlaue Tarquinius /welcher mit
allerhand scheinbaren Kunststücken seinen blutigen Stul unterstützen musste / es
selbst vorher dahin begraben lassen / um seinem Tempel-Bau und Herrschaft eine
eben so grosse Hoffnung und Ansehen bei dem leichtgläubigen Pöfel zu erwerben /
als die Königin Elissa bei Auffindung eines Pferde-Kopffs ihrer neuen Stadt zu
wege brachte / wie sie zu Cartago den Grund legte. Rhemetalces liess sich
hierauff heraus: Er könnte dergleichen Erfindungen sich leicht bereden lassen.
Die gerechtesten Herrscher / zu geschweigen die / welche sich mit Gewalt oder
Arglist auff den Tron gespielt / müsten das unbändige Volck durch wunderliche
Arten in Schrancken halten /denen hitzigen Köpffen einen Kapzaum anlegen / den
Ehrsüchtigen einen güldnen Ring unter dem Scheine einer Zierrat durch die Nase
ziehen / den Pöfel mit Schauspielen und anderm unnützen Zeitvertreib von der
Bekümmerung um die Herrschaft abziehen / und diesem so wie dem sonst
erschrecklichen Wallfische eine Tonne zum Spielen fürwerffen / die
Scheinheiligen mit angenommener Andacht betäuben / den Geitzigen einen aus
gläntzendem Ertz gebackenen Kuchen zum Verschlingen vorwerffen / darvon sie
hernach zerplatzen. Allein dieses gehöret mehr in die geheimen Ratstuben / als
auff die Jagt. Rhemetalces fing an: dieser Hirsch hat noch wohl etwas / welches
wir als Weideleute zu betrachten haben / nehmlich / dass seine Geweihe gleichsam
mit Moos und Eppich überwachsen sind / und wohl neunzehn Ende haben / welches er
für ein Kennzeichen eines hohen Alters hielte. Malovend antwortete: beides wäre
in Deutschland nichts ungemeines / und hätte er Geweihe mit dreissig Enden
gesehen. Hieraus aber wäre der Hirschen Alter nicht zu nehmen / welche zwar die
härtesten und fast unter allen Tieren nicht hole Hörner hätten / iedoch /weil
selbte nicht an die Hirnschale angewachsen wären / alle Frühlinge abwürffen /
und das eine Horn / welches zur Artznei am dienlichsten sein soll /
verscharreten. Ja / sagte Zeno / er hätte diss selbst wahrgenommen / und hätten
die unvernünftigen Tiere zwar denen Menschen viel nützliche Artzneien gewiesen
/ nehmlich das Wasser-Pferd das Aderlassen /der Egyptische Vogel Ibis das
Klistiren / die Schwalbe und Schlange die Augen-Kräuter / der Storch den Nutzen
des Krauts Wohlgemut / die Natter des Fenchels / die Bären die Artznei der
Ameisen / die wilden Tauben des Lorber-Baums / man sehe aber dabei ihre
sonderbare Missgunst. Unterschiedene Vögel versteckten ihre Nester / die Heidäxe
verschlinge ihre abgeworffene Haut / dass sie nicht für die fallende Sucht
gebraucht würde; und das furchtsamste aller Tiere / welches in der Flucht für
Angst wohl sechzig Füsse weit springe / fiele mehrmals lieber in der Jäger Hände
/ als es seine Geweihe unvergraben liesse. Rhemetalces versetzte: Er hielte diss
Beginnen der wilden Tiere mehr für einen blinden Trieb der Natur / als für eine
Würckung wahrhafter Gemüts-Regungen. Zeno antwortete lachende: Ob er die
Tauben niemahls habe verliebt / auch nie erzürnet / einen Hund einmal neidisch
/ das andere mahl liebkosend gesehen? Ob er die Löwen allzeit brüllen / niemahls
kirmeln / die Turteltauben stets girren oder wehklagen gehöret hätte?
Rhemetalces versetzte: diese Abwechselungen wären so wenig ein Beweis
eigentlicher Gemüts-Regungen / als diss / dass sie einmal Speise /das andermahl
Geträncke zu sich nehmen. Denn weil wilde Tiere keine Vernunft hätten / Furcht
/ Begierde / Missgunst und dergleichen aber Uberschreitungen der
Vernunft-Gräntzen wären; könnte in einem Hertzen / welches keiner Tugend fähig
wäre / und in einem Kopfe ohne Vernunft / so wenig ein Laster und der Beifall
einer falschen Meinung Platz finden / als diss / was kein Leben hat / sterben.
Dannenhero / wenn ein Tier schiene bald Hoffnung / bald Grimm / bald Liebe zu
erwählen / wäre es ein blosser Schatten wahrer Gemüts-Regungen. Einem Löwen
käme die Eigenschaft des Zornes nicht viel besser zu / als einer Wolcke / wenn
sie blitzet. Eine Hinde wäre nicht eigentlicher traurig / als der Monde / wenn
er verfinstert würde. Zeno begegnete Rhemetalcen: Er hörte wohl /dass er die
Stoischen Weisen zu seinem Lehr-Meister gehabt hätte / welche die in dem Hertzen
wohnenden Gemüts-Regungen in das Gehirne versetzten / darinnen derselben so
wenig / als Einwohner im Monden /zu finden wären. Sie schlügen sich aber selbst
/ wenn sie Kindern / Narren und vollen Leuten selbige nicht absprechen könten /
welche doch weniger Vernunft /als Papagoyen und Elefanten hätten. Denn bei den
Kindern wäre sie noch ungebohren / in Narren todt /bei Vollen eingeschlaffen.
Die ersten weinten aus Unvernunft umb ihre Tocken so bitterlich / als Oenone umb
ihren Paris / und Priamus umb sein Königreich. Sie erschrecken für einer Larve
mehr / als Brutus für seinem bösen Geiste. Der Wahnsinnige zu Aten opferte aus
eingebildetem Eigentum / frembder Schiffe halber / sein abgeschnidtenes Haar
dem stürmenden Meer und Winde so willig / als es die belägerten Frauen zu
Cartago zu Bogen-Sehnen hergaben. Die Vollen zu Syracusa warffen aus geträumtem
Schiffbruche mühsamer alles zum Fenster des Schenckhauses hinaus / als der
Schiffbruch-leidende Ulysses alles über Bord. Rhemetalces wendete ein: Dieser
Art Menschen könnte er eben so wenig wahre Gemüts-Regungen / als dem Vieh
entängen / weil ihnen eben so wenig die Wahl ihrer anklebenden Schwachheit /als
dem Vieh / ihrer angebohrnen Art zu widerstehen /mangelte. Der Hase und der
Hirsch wären allemal furchtsam / der Löwe und Tiger allemal grimmig /und die
Tauben könten nichts als immer liebreitzend sein. Zeno widersprach diss durch
diese Frage: Ob er die Hirschen niemals einen Jäger hätte tödten sehen? Ob nicht
Ptolomäus sieben paar hoffärtig hertrabende Hirschen an so viel güldnen Wagen
geführet / und Mitridates so viel behertzte zu seiner Leib-Wache erkieset habe?
Des Sertorius weisse Hindin hätte den Ruhm einer Wahrsagerin erworben / und eine
andere in Egypten die Griechische Sprache verstehen gelernet. Hätte nicht
Onomarchus mit den zahmen Löwen gespeiset / Antonius sie für seinen Wagen
gespannet? Hanno hätte einen / wie ein Lamb / bei der Hand geführt / und dadurch
von seinem argwöhnischen Vaterlande ihm seine Hinrichtung zugezogen. Mentor von
Syracuse / Elpis aus Samos und Androclus hätten durch ihre Woltaten sie zu
einer empfindlichen Liebe bewogen. Die Turtel-Taube ergrimmete sich wider den
Raben / betrübete sich über den Tod ihres Gespielen / trincke nur trübes Wasser
/ und sitze auff keinen grünen Zweig mehr. Sollen nun diese Tiere keine wahre
Gemüts-Regung haben? Sie haben ja alle Sinnen der Menschen / welche ihnen so
wohl als uns alles annehmliche und verdrüssliche empfindlich machen; ja in
unterschiedenen übertreffen sie uns noch. Wer will sich überreden lassen / dass
der Hase für den Hunden nicht aus Furcht fliehe / und das Rebhun sich für dem
Habichte nicht aus Schrecken verkrieche? Wer will an dem Grimme des Löwen
zweifeln / wenn für seinem Brüllen die Wälder beben /und tausend Tiere zittern
/ oder er Spisse und Degen zermalmet / und die Jäger zerfleischet? Rhemetalces
fiel ein: Alle diese Bewegungen der Tiere schritten über keine Gräntzen / weil
sie keine Vernunft zur Anweiserin / und kein Gesetze zur Richtschnur hätten.
Zeno antwortete: Es folgte hieraus nichts anders / als dass die ihren
Gemüts-Regungen den Zaum verhängenden Tiere nicht wie den Zügel der Vernunft
zerreissen / den Menschen misshandelten. Unterdessen wären doch beider
Gemüts-Regungen nichts minder / als das Wette-Rennen in einem freien Felde /
und einer umpfählten Renne-Bahn / als der Lauff eines entmanneten und mit einem
unwissenden Steuer-Manne versehenen Schiffes seiner wesentlichen Eigenschaft
nach einerlei. Zwischen beiden Regungen aber wäre kein grösserer Unterschied /
als zwischen dem Tun eines wilden und eines zugerittenen Pferdes / eines auff
dem Seile tantzenden / und eines andern in der Wüsten mit dem Nasenhorn-Tiere
kämpfenden Elefanten. Dem Fürsten Malovend wollte dieser Streit zu lange währen /
daher fing er an: Seinem Bedüncken nach wäre nützlicher / seine Gemüts-Regungen
so vernünftig zu leiten / dass sie mit denen unvernünftigen Tieren keine
Aehnligkeit hätten / als über ihrer Gemeinschaft oder Unterschiede bekümmert
sein. Fürnemlich aber wäre zu wünschen / dass der Missbrauch der Vernunft in den
menschlichen Hertzen nicht ärgere Feindschaft als zwischen Schlangen gesamet /
und ihre Rachgier nicht schädlichere Waffen erfunden / als die Natur an Klauen /
Zähnen und Hörnern denen wilden Tieren mitgeteilet hätte. Nach dem sie aber
nicht allein ein gehörntes Tier geschlagen / sondern auch anderer Hörner
erwehnet / könnte er gegen sie eines seltzamern Hornes / als vielleicht
anderwerts einiges Tier haben möchte / unerwehnet nicht lassen / welches
vielleicht so wenig unangenehm zu hören / als zu der Jagt ungeschickt sein
würde. Als er nun beider Fürsten Ohren geneigt zum Anhören vermerckte / fing er
an: Es habe ein Fürst aus seinen Vor-Eltern sich in denen von dannen nicht
allzuweit entfernten Friesischen Wildbahnen einmal verirret / in selbtem sei
eine wolgestalte Wald-Göttin auff einem ihm unbekandten Tiere zu ihm geritten
kommen /habe ihm ein überaus artiges Horn dargereicht / und /dass er den darinnen
entaltenen Tranck austrincken solle / ermahnet / da er sein Geschlechte in
überaus grosse Würde und Gewalt versetzet wünschte. Der Fürst habe diss Geschirr
/ welches auch noch in ihres Geschlechts Schatz-Kammer als eine besondere
Seltzamkeit auffgehoben würde / angenommen / worauff die Wald-Göttin für seinen
Augen verschwunden. Er aber habe sich solches auszutrincken nicht wagen wollen /
sondern sich voller Entsetzung Spornstreichs davon gemacht / und das Horn
überrücke ausgegossen / wovon dem Pferde / so weit es bespritzt worden / die
Haare weggegangen wären. Zeno sagte: Es ist diss in Wahrheit eine ungemeine
Begebenheit / und ich möchte dis Horn wohl sehen. Malovend vertröstete ihn: Er
wollte dazu Anstalt machen; aber er würde so wenig / als alle / die es biss auff
gegenwärtige Zeit in Augen-Schein genommen / nicht ergründen können /ob solch
Geschirr aus Horn / Ertzt / oder aus was für einem andern Talge bereitet oder
gewachsen sei. Diss ist noch seltzamer / sagte Rhemetalces / welches mir die
Wahrheit der Geschichte ziemlich beglaubigt /und ich werde nicht ruhen / biss ich
diss Wunder-Horn zu Gesichte bekomme. Aber da deine obige Erzehlung von des
Kaysers Julius Brücke und Verrichtug mit der Wahrheit übereintrifft; wie denn
diese an dem Orte /wo etwas geschehen / am wenigsten verfälscht bleibt; hat
Julius sich keiner so grossen Taten gegen die Deutschen zu rühmen / noch den
Hirschen eine so ruhmrätige Schrifft anzuhängen / noch weniger die Römer so
viel Wesens darvon zu machen Ursache gehabt; und ich erfahre nun / dass die
Griechen nicht alleine tichten können. Freilich wohl! antwortete Malovend. Das
Geschrei ist mit den Riesen vergeschwistert / es überschreitet allezeit das
rechte Maass der Wahrheit mit einer Übermass / es gebiehret allezeit
Wunder-Wercke oder Ungeheuer / leget der Sachen entweder zu viel zu / oder nimt
zu viel darvon / und vermischet das lautere eines Wercks mit einem unechten
Beisatze. Hätten die Deutschen bei sich so viel Geschicht-Schreiber / es würden
auch des Drusus und anderer Römer Taten so grossen Ruhm in der Welt nicht haben
/ als sie daraus machen. Und daher mutmasse ich / es verhalte sich mit ihren
alten Wunder-Wercken nichts besser. Zeno fiel ihm bei / und fing an: Die Ferne
und das Altertum wären der scheinbarste Firnis der Unwahrheit / und pflegten
nicht nur die Römer / sondern alle andere Völcker / insonderheit die Griechen
ihre alte Helden und Taten / wie die Wald-Götter in des Timantes Gemählde den
Daumen des schlaffenden Cyclopen mit langen Stängeln zu messen. Die Eroberung
einer mittelmässigen Stadt war bei ihnen ein Wunder-Werck / die Erlegung eines
berühmten Räubers machte den Sieger zu einem Hercules. Ja die Würde der
Halb-Götter war für Zeiten so guten Kaufs / dass unter den Griechen leicht einer
was tun dorffte / umb vergöttert oder unter die Sternen versetzt zu werden. Zu
Rom wäre so gar die Hure Flora / bei den Marsen die Zauberin Medea mit einem
Tempel verehret worden. Es ginge ja noch wohl hin / sagte Marcomir / wenn die
Griechen und Römer in Herausstreichung ihres Eigen-Ruhms nur über die Schnure
gehauen / nicht aber die Flecken ihrer Ungerechtigkeit anderer Völcker Unschuld
/ wie die Spinnen ihren giftigen Unflat reinen Blumen anschmiereten. Ich will der
Griechen Eitelkeit / weil sie den Deutschen wenig Leides getan / unberühret
lassen. Die Römer aber haben den Brennus und seine Deutschen bei Auszahlung
ihres Löse-Geldes arglistig überfallen / die Stadt Alba / ihr Vaterland / aus
blosser Ehrsucht vertilget / die Samniter wider Treu und Glauben hinters Licht
geführet. Den dritten Krieg wider Cartago haben sie mit grösserm Meineid
angefangen /als sie den Mohren niemals aufweltzen können. Geitz und
Herrschens-Sucht habe ihren Krieg wider den Macedonischen König Philipp
angezündet. Dem Antiochus / welchen sie zur Zeit des Africanischen Krieges unter
dem Scheine falscher Freundschaft auff ihre Seite bracht / hätten sie ganz
Asien disseits des Taurischen Gebürges und zehentausend Talent ohne rechtmässige
Ursache abgezwungen. Dem Könige Perses hätten sie in einem Frieden / so lange er
lebte /Heil und Sicherheit versprochen / ihn aber bald im Schlaffe erwürget;
gleich als wenn dieses Bild des Todes nichts minder ihn aus der Zahl der
Lebenden genommen / und ihr Bündnis zerrissen hätte. Den mit leeren
Freundschafts-Schalen sicher gemachten Eumenes hätten sie dem Antiochus
verkaufft / den Attalus zum Knechte / und über sein Eigentum zum Amptmanne
gemacht; ja durch Einschiebung eines falschen letzten Willen seinem Sohne
Aristonicus seiner Vor-Eltern Reich mit dem Degen abgerechtet /und ihn zum
Schau-Gepränge geführt; gleich als von einem guten Vater ein mächtigerer / für
dessen Bosheit er sich nicht fürchtete / zum Erben eingesetzt werden könnte. Eben
so hätten sie des Nicomedes und der Nysa Sohn von Bitinien verdrungen. Dass
Crassus aus unsinniger Gold-Begierde des Pompejus und Sylla mit den Parten
getroffenes Bündnis unglücklich gebrochen / wüsten die Römer selbst nicht genung
zu verfluchen. Gegen die Gallier hätten sie eine Ursache vom Zaun gebrochen /
und durch Arglist die unüberwindlichen Deutsche selbst aneinander gehetzt / um
so wohl die Uberwinder / als die Uberwundenen zu verschlingen. Gleichwol aber
wollten sie niemals das Wasser getrübt / sondern nach ihrer Geschicht-Schreiber
Gross spreche / die halbe Welt / entweder durch gerächetes Unrecht / oder durch
den ihren Bunds-Genossen geleisteten Beistand erobert haben; Gleich als wenn
nichts minder die Schwächern die Mächtigern / als die Tauben die Geier zu
beleidigen /nicht aber insgemein diese sich an jene zu reiben pflegten. Uberdis
schrieben sie ihre Fehler und Niederlagen mit so fahler Dinte auff / welche
niemand lesen könnte; oder schämten sich wohl gar nicht ihren Verlust mit
Siegs-Geprängen zu verdecken. Wesswegen er nicht zweifelte / dass sie die
Niederlage des Varus eben so wohl verkleinern würden / als sie des Lollius
vertuscht hätten. Alle hörten den eifrigen Marcomir geduldig an / weil sie
entweder den Römern selbst nicht gar hold waren / oder eines Gefangenen
Schuldigkeit zu sein hielten / etwas zu verhören. Zeno aber nahm endlich das
Wort von ihm / und sagte: Er wollte weder in einem noch dem andern das Wort
reden. Alleine Laster würden so lange gefunden werden / als Menschen. Gute und
Böse wären unter allen Völckern / wie weisse Leute und schwartze Mohren in der
Welt. Die Römer wären von allzu grossem Glücke verblendet worden / bei welchem
die klügsten Leute wie die hellesten Augen von der Sonnen Straalen ihr Gesichte
einbüssten. Bei anwachsender Gewalt schiene / was vorträglich / auch recht zu
sein / und das Gelücke machte auch die sittsamsten kühn / das zu tun / was man
bei niedrigerm Zustande verdammete. Unterdessen wäre das durch das Glücke
verderbete Urteil doch nicht so kräftig / dass man den Lastern nicht ihre
Hässlichkeit ansehen / und sich seine eigene Fehler zu rühmen überreden lassen
sollte. Die Eigenliebe hätte in der einen Hand einen Schwam / damit sie fort für
fort sich zu saubern bemühet wäre; in der andern aber Kohlen / um andere damit
zu schwärtzen; gleich als wenn frembde Besudelung unsern Brandmahlen / wie die
finstere Nacht den Sternen einen Glantz zu geben vermöchte. Bei welcher
Bewandnüss man ihm von den Römern nicht frembde zu machen hätte / dass sie lieber
anderer / als ihre eigene Ankläger sein / auch ihre eigene Unglücke lieber
verhüllen / als durch derselben Eröfnung wie die Wunden durch Abreissung der
Pflaster verärgern wollen. Ausser dem würden alle merckwürdige Geschichte
insgemein ungleich und durch Ferne-Gläser angesehen / welche von fornen die
Sachen vergrössern / von hinten zu aber verkleinern. Ja es wäre eine
unabtrennliche Eigenschaft der Erzehlungen / dass selbte mit der Entfernung
nicht anders / als die von einem Gebürge abkugelnden Schneeballen ohne ihre
Schuld wüchsen. Denn wenn schon Hass oder Gunst sich nicht mit auff die
Wag-Schale legten / so hätte doch Glück und Irrtum mit die Hand im Spiele / und
strichen dem Wesen einen falschen Firnis an. Auch diss /was an sich selbst gross
genung wäre / behielte sein Maass nicht / sondern der Nahme überwiege die eigene
Schwerde. Der grosse Alexander hätte selbst gestanden: Man redete mehr von ihm
als wahr wäre. So haben die Deutschen hingegen von ihnen zu rühmen /fing
Malovend an / dass sie mehr tun / als man von ihnen saget. Rhemetalces lächelte
/ mit Beisetzung dieser Worte: Wir haben es leider / und du zwar an deinen
eigenen Landsleuten wohl erfahren. Aber / Malovend / so viel aus deinen Worten
verlautet / bistu deinem Vaterlande nicht gram / was hat dich denn bewogen dich
auff der Römer Seite zu schlagen? Malovend zoch die Achseln ein und seuffzete.
Sie hätten ihm auch ferner angelegen die Ursache zu eröffnen; es brachten aber
die Jäger gleich vier grosse hauende Schweine gejagt / welches ihr Gespräche
unterbrach /und sie nach ihren Waffen zu greiffen nötigte. Zeno warff das
förderste mit einem Wurffspiesse / alleine es lieff mit selbtem gleichsam ohne
einige Empfindligkeit der Wunden hinweg / so bald es sein Wasser gelassen hatte.
Denn ausser dem können sie nicht starck lauffen. Rhemetalces schoss etliche
Pfeile auff das andere / sie vermochten aber nicht einst durchzudringen.
Malovend aber sprang nach seiner Landes-Art eilfertig vom Pferde / liess ihm den
nechsten Jäger ein Eisen langen / hielt selbtes gegen dem dritten Schweine /
welches ganz verblendet darein lieff / und mit diesem Fange steintodt zur Erden
fiel. Rhemetalces fing hierüber an: Ich gläube / dass die wilden Schweine in
Deutschland keine Augen haben / dass sie sich so selbst auffopffern. Ja / sagte
Malovend / wie in der ganzen Welt die Menschen / welche entweder Furcht oder
Begierden verblenden. Hiermit gab er dem vierdten Schweine einen gleichmässigen
Fang. Zeno fing hierauff an: Ich sehe wohl / dass Malovend diss Handwerck besser
als wir gelernet / sprang hiermit / nach dem er noch unterschiedene grosse
Stücke folgen sah / vom Pferde / welchem Rhemetalces bald folgete. Jener
begegnete einem Hauer gleichfalls mit einem Eisen / welches zwar wohl antraff /
aber am Holtze in stücken brach / also er mit seinem Degen sich zu beschirmen
gezwungen ward. Diesem gelang es noch ärger. Denn das Schwein rennte ihn gar
über einen Hauffen / verletzte ihn auch ein wenig in die Hüffte / weswegen die
Jäger etliche der grossen Britannischen Tocken auff sie los lassen mussten. Diese
hielten die Schweine bei den Ohren so feste / dass man ihnen die Eisen ohne
einige Kunst ins Hertze stossen konnte. Nachdem nun wohl zwölff Stück erlegt /
fing Zeno an: Ich glaube / dass P. Servilius Rullus aus diesem Forst entsprossen
sei / weil er zu Rom mit den wilden Schweinen so grosse Verschwendung angefangen
/ und der erste gewest / der iedem Gaste ein ganzes Schwein fürgesetzt. Ja /
sagte Zeno / und diese würden auch wohl dem Apicius das Gewichte halten / der
keines auffsetzen liess / welches nicht tausend Pfund schwer war. Malovend
antwortete: zum wenigsten hat er diesen Pracht von den Deutschen gelernet /
welche bei ihren Hertzogs-Wahlen nicht nur ganze Schweine / sondern grosse
Ochsen braten. Zeno aber fiel ein: Er wundere sich vielmehr / dass die deutschen
Schweine so wohl ihre Landsleute kenneten / in dem sie nur die Ausländer
beleidigten. Malovend versetzte diesen Schertz: vielleicht wären sie so klug
oder gütig / als die Tyrintischen Schlangen / die Nattern am Phrat / und die
Scorpionen auff dem Berge Latmus / von denen man ihn zu Rom im Ernst bereden
wollen / dass sie gegen die Eingebohrnen ganz kirre wären / auch ihnen kein Leid
antäten. Ich begehrte ihrer vernünftigen Unterscheidung / sagte Rhemetalces /
nicht so viel / als auff die Stärcke gegenwärtiger Hunde zu trauen. Zeno fiel
ihm ein: Er wünschte / dass diese Gegend noch streitbarere Tiere hegete / um zu
versuchen / ob diese Hunde auch Löwen und Elefanten bemeistern könten / wie die
/welche der König in Albanien und Sophites in Indien dem grossen Alexander
verehret hätten. Ich weiss / sie würden ihren Feind nicht scheuen / antwortete
Marcomir. Denn die Gallier holten sie aus Britannien /und brauchten sie wie die
Garamanten in Schlachten an statt der Kriegs-Knechte / und die Colophonier
stelleten sie Gliederweise in die Spitze des Treffens. Die Cimbrer richteten
ihre eigene Hunde darauff ab. Rhemetalces fuhr fort: Ich habe gemeint / meine
Nachbarn die Magneten führten nur mit Hunden Kriege. Ja sagte Zeno; brauchte sie
nicht König Masinissa zur Leibwache? und noch heute zu Tage ist diss in Africa
nicht ungemein. Die Römer selbst haben solche als M. Pomponius Sardinien
eingenommen / zu Ausspührung ihrer in öde Örter geflüchteten Feinde gebraucht.
Rhemetalces antwortete ihm: alles diss ist der Hunde Eigenschaft ähnlicher / als
dass sie zu Rom auff den Schau-Bühnen die Stelle und Verrichtungen der Gauckler
vertreten. Sie sollen uns / rieff Malovend / hier zuversichtlich auch ein nicht
unangenehmes Schauspiel fürstellen / und erinnerte sie rückwärts umzuschauen /
allwo die Jäger zwei grosse Bären gegen sie auffgejagt hatten. Die sich
erschütternden Pferde aber hatten dieser Tiere Näherung schon / ehe sie sie zu
Gesichte bekomen / angedeutet /weil die Natur beiden einen unversöhnlichen Hass
eingepflantzt. Die ausländischen Fürsten wollten etliche von den Britannischen
Tocken auff sie los lassen; Malovend aber meinte / es wäre an einer genug. Denn
an den andern Bär würde sich wohl ein einiger Jäger machen. Der lossgelassne Hund
griff alsbald den grösten Bär an / und machte ihm so viel zu schaffen / dass er
sich für ihm auff einen Eichbaum flüchtete; nach welchen sie hernach mit Pfeilen
so lange zum Ziele schossen / biss er nach vielen empfangenen Wunden herab fiel.
Den andern Bär aber griff Alfelsleben / ein von Fussauff gewaffneter Cattischer
Edelmann des Fürsten Adgandesters / an; gegen welchen sich der Bär aufflehnte /
und als er ihn mit den fördern Klauen umarmete / fiel der Jäger mit allem Fleiss
zurücke /und stach ihm ein Messer durch den Bauch ins Hertze / dass er über ihm
steintodt liegen blieb. Ehe sich aber dieser unter dem Bären herfürweltzte /
fing der ihn begleitende Hund erbärmlich an zu winseln / fiel den todten Bären
auffs grimmigste an / und als dieser sich nicht regte / stürtzte sich der Hund
in den nechsten See / hätte sich auch darinnen vorsätzlich ersäuffet /wenn nicht
der hinzu lauffende Jäger durch sein Zuruffen ihn davon abwendig gemacht hätte.
Sie verwunderten sich alle über dieser Begebnis / und sagte Rhemetalces / dass es
doch kein ander Tier an Liebe und Treue gegen den Menschen den Hunden gleich
täte. Man hätte mehr als tausend berühmte Beispiele / dass sie für ihre Herren
biss in Tod gefochten / auch nach etlichen Jahren ihre Mörder angefallen und
entdeckt hätten. Ja des Eupolites Hund wäre über seinen Absterben erhungert /
des Xantippus wäre seinem Schiffe so lange nachgeschwommen / biss er ersoffen /
des letzten Darius Hund wäre sein einiger Todes-Gefärte gewest / des Lystmachus
und Pyrrhus hätten sich in ihre brennenden Holtz-Stösse gestürtzet.
    Die Verzweiffelung dieses getreuen Hundes war kaum vorbei / als Alfelsleben
/ der den Bär in Eil ausgeweidet hatte / keine geringe Bestürtzung von sich
blicken liess. Wie nun dieser dem Jägermeister den Verlust seines eisernen Ringes
/ als die Ursache seiner Bekümmernis andeutete / zohe Zeno einen köstlichen mit
Diamanten versetzten Ring vom Finger / und reichte selbten diesem Cattischen
Edelmanne /um dardurch seinen Schaden zu ergäntzen. Alfelsleben bezeugte gegen
dieser Fürstlichen Freigebigkeit die höfflichste Demut / und weigerte sich
dieses Geschencke anzunehmen / anziehende / dass der Wert seines verlohrnen
eisernen Ringes durch keinen andern / auch durch den mit einem köstlichen Opal
versetzten Ring nicht ersetzt werden könnte / welchen der Ratsherr Monius gehabt
/ und so hoch geachtet / dass er sich lieber damit ins Elend verjagen lassen /
als solchen dem geitzigen Antonius abtreten wollen; noch auch um denselben Ring
/ um dessen Kauff zwischen dem Cöpio und Drusus eine Todt-Feindschaft und ein
schrecklicher Krieg erwachsen. Rhemetalces fing an: in was denn die Kostbarkeit
dieses Ringes bestanden / weil selbter nur für eisern angegeben würde? Ob
selbter eine geheime Krafft wie derselbe Ring in sich gehabt habe / welchen der
Königliche Hirte Gyges in einer Höle einer in einem ertztenen Pferde verwahrten
Leiche abgezogen; sich damit als wie des Pluto oder der Hölle Helm ebenfals die
Krafft gehabt haben soll / unsichtbar und zum Könige in Lydien gemacht hätte?
oder ob dieser Ring den Alfelsleben / wie des Phecensischen Fürsten zwei Ringe /
durch ihren Klang erinnert hätten: Ob er diss oder jenes tun oder lassen sollte?
Alfesleben / welcher in dem Eingeweide des Bären seinen Ring bekümmert suchte /
gleichwohl aber das eine Ohr bei dem Gespräche dieser Fürsten hatte /
antwortete: Wo die Anreitzung der Tugend etwas bessers / als die betrügerischen
Künste der Zauberei wäre / würde sein Ring zweiffelsfrei höher als alle erwähnte
/ ja auch als des Eucrates Ring / darinnen des Pytischen Apollo Bild alle
Heimligkeiten ihm entdeckte / und andere zu achten sein / krafft welcher
Timolaus alle Schwerden erheben / durch die Lüffte flügen / iederman
einschläffen / und alle Schlösser öffnen wollte. Uber diesen Worten fand
Alfelsleben den Ring in einem Darme des Bäres / welchen er mit grossen Freuden
dem ihn zu sehen verlangenden Fürsten Zeno reichte. Bei dessen erstem Anblicke
er anfing: es ist dieser Ring ziemlich weit / und zum Verlieren gar geschickt.
Weil er nun so hoch geschätzt wird / mutmasse ich / dessen Weite werde so wohl
als der Ring des dem Jupiter zu Rom geweihten Hohenpriesters etwas sonderlichs
anziehlen; in dem dieser ihn erinnerte / dass er nichts gezwungenes für die Hand
nehmen sollte. Ja / sagte Marcomir / nichts anders zielet auch dieser deutsche
Ring an; daher auch kein Leibeigner solchen bei Lebens-Straffe tragen darff.
Uberdiss kömmt auch dieser Ring dem erwähnten priesterlichen bei / dass er mit
keinem Steine versetzt ist. Zeno fiel ein: bei andern Völckern aber sind die
eisernen Ringe der Leibeigenen Merckmahl /wie die silbernen der unedlen Freien.
Wiewohl beide sich aus einem verborgenen Ehrgeitze unterstehen denen edlen
einzugreiffen / und unter der Farbe oder Schale des Stahles Gold zu tragen.
Malovend antwortete: Es ist nicht ohne / dass Eisen und Stahl dem Golde nicht zu
vergleichen; sondern vielmehr solche Ringe von eben dem Metalle / worvon
insgemein die knechtischen Fessel sein. Mir ist auch nicht unwissend / dass zu
Rom die ersten güldnen Ringe nur die Botschafter / die Rats-Herren / und die
Ratsfähigen Geschlechte / welche nach der Cannischen Schlacht alle ihr Gold in
den gemeinen Kasten gelieffert / hernach die Ritterlichen getragen / und daher
Mango aus der grossen Menge der abgenommenen güldenen Ringe zu Cartago die
Anzahl der erschlagenen edlen Römer erwiesen habe. Durch welches Kennzeichen des
Cornutus Knechte des Marius den Cornutus zu ermorden befehlichte Kriegs-Leute
betrogen; indem sie unter dem Scheine ihres schon entseelten Herrn einer
gemeinen Leiche güldne Ringe angesteckt / und sie für des Cornutus zu Grabe
getragen. Wiewohl freilich das Recht güldne Ringe zu tragen hernach auff die
Kriegs-Hauptleute / nach diesem auff die ausserlesnen Kriegs-Männer / ferner auff
die Edelleute / welche viertzig tausend Sestertier in Vermögen zeigen konten /
verfiel. Ja endlich steckte Verres /wiewohl mit grossem Unwillen des Römischen
Adels / seinem Schreiber / Sylla seinem Schauspieler Roscius / Käyser Julius dem
unedlen Laberius / Balbus dem Gauckler Herennius Gallus / Käyser August dem vom
Pompejus mit der Schiffs-Flotte übergehenden Mena / und seinem Artzte Musa einen
güldnen Ring an; also / dass zuletzt dieses güldne Geschencke nur für ein Zeichen
der Loslassung aus der Dienstbarkeit angenommen ward. Nichts destoweniger ist
unläugbar / dass Prometeus / welcher der Ringe Erfinder gewesen sein soll /
einen eisernen getragen / und dass bei denen Spartanern ein eiserner Ring ein
Kleinod der Edlen / zu Rom eine Zierde des Königs Numa in seinem ertztenen Bilde
war / dass bei denen alten Römern die gleich mit einer güldenen Krone im
Siegs-Gepränge einziehenden Uberwinder / und insonderheit Cajus Marius / als der
dem König Jugurta an seinen Wagen gespannet einführte / doch einen eisernen
Ring am Finger truge / ja die Römischen Gesandten in ihren Wohnungen nur eiserne
ansteckten / die Römer auch noch nur mit dergleichen ihre Bräute beschencken.
Ich habe zu Rom selbst zu der Zeit / als Käyser August das Volck in zehn und
zehn abteilte /die Richter in ansehnlicher Zahl sitzen / und in der meisten
Händen keine andere als eiserne Ringe gesehen / und hat man mich versichert /
dass der Römische Adel keine andere tragen dörffte / wenn sie der Stadt-Vogt
nicht mit einem güldenen beschenckt hätte / ungeachtet die von ihnen
überwundenen Sabiner lange vorher insgemein an den Fingern und Armen güldene mit
Edelgesteinen versetzte Ringe und Armbänder geführet. Endlich mag auch der
Käyser so heilig geschätztes Bild zu Rom nichts minder in eiserne / als güldene
Ringe geprägt werden. Zeno betrachtete inzwischen Alfeslebens Ring auffs
genaueste / fing hierauff an: Ich finde an diesem Ringe weder Kunst noch
Kostbarkeit / vermutlich aber wird er wegen einer verborgenen Ursache ein
Ehrenzeichen des deutschen Adels sein. Vielmehr ein Merckmahl der Schande
/versetzte Marcomir. Denn es müssen ihn alle Catten so lange tragen / biss sie
einen Feind überwunden /gleich als wenn sie durch solche Heldentat sich von
einem Fessel der Verachtung befreien müsten. Nach dieser Art darff kein
Cherusker und Catte auch für Erlegung eines Feindes weder Haupt noch Bart
bescheeren lassen / gleich als wenn er durch ein dem Vaterlande zu liebe
getanes Gelübde das Haar so lange zu tragen verpflichtet wäre. Hertzog Zeno
fragte: Warum denn dieser junge Edelmann um den Verlust dessen /was er los zu
werden so sehr wünschte / so bekümmert gewesen wäre? Wesswegen / seiner Meinung
nach / er dieses Schmach-Zeichen mehr Ursache in diesen Pfuhl / als Polycrates
und Sextus Pompejus ihre Ringe ins Meer zu werffen gehabt zu haben schiene.
Marcomir antwortete: Es wäre denen / welchen diese Ringe zu tragen von ihrem
Fürsten einmal ausgeteilet worden / verkleinerlich / wenn sie selbte
verliehreten; gleich als wenn sie das Denckmahl ihrer Tugend und versprochenen
Tapfferkeit so geringschätzig hielten und ausser Augen setzten. Zu dem wäre der
Deutschen Gewohnheit / dass die Fürsten um den Sieg / die Edlen aber für den
Fürsten kämpfften / und die Ehrerbiettung gegen ihre Fürsten so gross / dass sie
für Gewinn und Ehre schätzten /wenn sie mit einem ihnen gleich schädlichen
Gehorsam der Fürsten Befehl befolgten / und aus einer ihnen zu wachsenden
Schande ihm Ruhm und Ehre zuschantzen könten. Fürnehmlich aber wäre es dem
Alfesleben darum zu tun / dass er in der letzten Schlacht dreier Gallier und
zweier von ihm erlegter Römer Köpffe eingebracht hätte / und er also folgenden
Tag dem Cattischen Hertzoge Arpus diesen Ring als ein Pfand seiner numehr
bewehrten Hertzhaftigkeit zurück lieffern sollte; worgegen er nach der Deutschen
Gewohnheit zum Siegs-Lohne mit einem Schwerdte / einem Bogen / oder einer
Rüstung / zuweilen auch wohl mit einem güldenen Ringe / nach des Hertzogs
Gefallen und des Siegers Verdienste beschencket würde. Ausser solchen durch
Tapfferkeit erworbenen dörffte kein deutscher Rittersmann keinen güldenen Ring
tragen. Rhemetalces fing an: es ist diss sehr löblich und dem Cartaginensischen
Gesetze nicht ungleich / welches verbot / mehr Ringe anzustecken / als einer
Feldzüge getan hatte. Sonsten wären alle erzehlte Dinge der Tapfferkeit
wohlanständige Geschencke. Insonderheit wäre die Verehrung der Ringe in dem
tieffsten Altertume schon bräuchlich gewest. Denn wie diese nicht nur zu
Versicherung der Wetten / der Gelübde / der Heirats-Schlüsse gegeben worden;
also habe die Stadt Cyrene einen kostbaren Ring schmieden / das köstliche Kraut
Silphium / welches auch unter andern Schätzen dem Delphischen Apollo gewidmet
war / darauff prägen lassen / und solchen ihrem Urheber Battus als ein Zeichen
ihrer Danckbarkeit; Philip / als er wider die Bysantzier zohe / dem grossen
Alexander / dieser auff dem Tod-Bette / als ein Erkenntnis seiner treuen Dienste
/ oder ein Zeichen des ihm zugeigneten Reiches dem Perdiccas / der krancke
August dem Agrippa seinen Ring gegeben. Malovend nahm das Wort von ihm und fing
an: Es wäre die Art mit dem Ringe einem die Nachfolge der Herrschaft zuzueignen
/ oder sonst eine ungemeine Vertrauligkeit anzudeuten / wie Alexander gegen dem
Hephestion mit seinem an den Mund gedrückten Ringe getan / als er ihme
Olympiens geheime Schreiben zu lesen gab / auch in Deutschland nicht unbekant /
und pflegten die Catten diese eiserne Ringe ihrer Ahnen auffs fleissigste zu
verwahren. Sonst wären diese Ringe vielleicht deswegen stählern / weil bei denen
alten Deutschen dieses in der Haushaltung und im Kriege nützlichere Ertzt in
grösserm Ansehen / als das Gold / auch dem Kriegs-Gotte zugeeignet gewest. Aus
welchem Absehen / und weil die rechte Hand meist die Ausüberin der Tapfferkeit
sein muss / der Daume und mitlere Finger auch der stärckste ist / diese eiserne
Ringe auch nur in der rechten Hand / und zwar in oberwähnten zweien Fingern
getragen würden. Da hingegen die meisten Völcker die aus blosser Wollust
angenommene Ringe in der müssigern und verborgenern lincken Hand / und in dem
Finger neben dem kleinern / gleich als wenn nach der Egyptier wiewohl irrigen
Meinung aus diesem Goldfinger eine kleine Ader zu dem vom Golde Stärckung
empfangenden Hertzen ginge / trügen / den Daumen und mittlern Finger damit
niemahls besteckten. Diese Erzehlung vergnügte die fremden Fürsten überaus / und
nachdem Rhemetalces diesen Ring gleichfals wohl betrachtet hatte / fing er an:
Ich finde in diesem Ringe gleichwohl noch etwas / was Fürst Zeno nicht
angemercket / oder gemeldet; Denn es ist in ihn was gebeitzet / welches ich aber
noch nicht recht erkennen kann. Für kein Bild eines Gottes darff ich es nicht
annehmen / weil ich weiss / dass die Deutschen mit den Egyptiern dissfals nicht
einig sind / welche des Harpocrates und anderer Götter Bilder gar gemein an
Fingern tragen. Vermutlich aber wird es iemand berühmtes von dieses Edelmanns
Ahnen oder aus seinen vertrauten Freunden sein. Massen ich in Griechenland und
zu Rom diese Gewohnheit wahrgenomen / und bei dem Germanicus den Ring mit des
Africanischen Scipio eingeetztem Haupte gesehen /welchen das Volck seinem
unwürdigen Sohne / als er sich die Stadtvogtei zu suchen unterstand / abgezogen
hat. Käyser Julius hat der gewaffneten Venus Bild /von welcher er nichts minder
entsprossen / als seine Aehnligkeit empfangen zu haben vermeinte / getragen. In
Griechenland pflegen noch die Nachfolger des Welt-Weisen Epicurus sein Bild in
ihren Ringen zu verehren / in ihre Säle zu setzen und auff ihre Trinck-Geschirre
etzen zu lassen. Alfesleben antwortete hierauff selbst: Es ist weder eines noch
das andere / sondern ein Schild / und darauff das Haupt des Tuisco /zu meiner
Erinnerung / dass nichts schändlichers sei als im Kriege den Schild einbüssen;
und dass alle edele Gemüter in die Fussstapfen ihres niemahls überwundenen
Tuisco zu treten schuldig sind. Zeno fing hierüber laut an zu ruffen: diss ist
ein so schönes Sinn-Bild / als dieser junge Ritter tapffer ist. Nichts nicht kann
einem einen grössern Zug zur Tugend / als das Anschauen eines berühmten Helden
verursachen. Also hat Aristomenes des Agatocles / Callicrates des Ulysses / und
Käyser August des grossen Alexanders Bild in ihren Ringen getragen / und
Tiberius siegelt schon mit des Augustus. Callicrates hat so gar nach Ulysses
Kindern den seinigen ihre Nahmen gegeben /und das Römische Geschlechte der Macer
trägt nicht nur in Ringen / in Trinckgeschirren und Waffen; sondern auch das
Frauen-Zimmer Alexanders Bild mit Perlen / Gold und Seide gestickt auff ihren
Hauben /Kleidern und Zierraten. Auch hat mir zu Rom Lucius Macro ein vertrauter
des Tiberius eine aus Agtstein gearbeitete Schale / als das schätzbarste Kleinod
ihres Geschlechtes / gewiesen / in welche vom berühmten Pyrgoteles Alexanders
Taten auffs künstlichste gegraben sind. Rhemetalces / der noch immer den Ring
betrachtete / brach ein / und sagte: Ich finde inwendig noch einen in diesen
Ring gegrabenen Löwen. Alfelsleben fiel ihm bei / und berichtete / dass die
Hertzoge der Catten dieses hertzhafte Tier zu ihrem Geschlechts- und
Feld-Zeichen brauchten / und deswegen alle solche eiserne Ringe damit bestempeln
liessen. So führen sie / antwortete Rhemetalces / mit dem grossen Pompejus
einerlei Merckmahl / weil dieser stets einen mit einem Schwerdte gerüsteten
Löwen in einen Sardonich-Stein gegraben am Finger trug / und damit siegelte.
Massen dieser Ring dem todten Pompejus auch vom Achille abgezogen / dem Käyser
Julius mit dem eingehüllten Haupte überschickt / und damit sein zu Rom
ungläublicher Tod bestärcket ward. Zeno setzte bei: Es wäre die Zuneigung
gewisser Sinnen-Bilder iederzeit im Brauche gewest. Die Egyptischen Kriegsleute
hätten insgemein einen Kefer / als ein Bild der Tapferkeit / weil es keinen
Kefer weiblichen Geschlechts gebe / Areus der Spartaner König einen Adler /
Darius ein Pferd / Amphitruo den auffgehenden Sonnen-Wagen mit vier Pferden /
die Locrer den Abend-Stern / die Könige in Persien das Bild der Heldin Rhodogune
mit zerstreueten Haaren /welche bei derselben Aufflechtung eine erlittene
Niederlage erfahren / und selbte nicht eher / als biss nach verübter Rache
zuzuflechten sich verschworen hat /Clearchus die tantzenden Jungfrauen zu Sparta
/ welche alle Jahre die Caryatische Diana also verehreten /Sylla die Ergebung
des Königs Jugurta / und zuweilen drei / Timoleon ein Sieges-Zeichen / weil er
derogleichen Ring in dem Kriege gegen den Icetes aus dem Los-Topfe gezogen /
Intercatiensis des Scipio Emilianus Sieg über seinen eigenen Vater / Pyrrhus den
Agat mit den Musen / August einen Sphinx / Seleucus und seine Nachkommen einen
Ancker / Mecänas einen Frosch / Issmenias das Bild der Amimone in ihren Ringen
geführet. Unter diesem Gespräche brachten die Hunde eine grosse Sau aus dem
Gesümpfe herfür gejagt / welcher der wegen seines wiedergefundenen Ringes frohe
Alfelsleben mit dem Eisen mutig entgegen ging. Zu allem Unglücke aber brach der
Stiel entzwei / und Alfelsleben fiel über einen Hauffen. Die schwere Rüstung
hinderte ihn geschwinde aufzuspringen die andern aber die Ferne /ihm im
Augenblicke Hülffe zu leisten; und also kriegte diese grimmige Sau Zeit / diesen
hurtigen Edelmann im Bauche und in der Seite / wo er ungeharnischt war /
gefährlich zu verwunden / also / dass die Jäger ihn halb todt in das nechste
Jäger-Haus zur Verbindung tragen mussten. Wie nun alle hierüber ein sonderbarhes
Mitleiden bezeugten / fing Rhemetalces an: Ich sehe gleichwohl aus diesem
Beispiele / dass die aus denen Ringen zuweilen genommene Andeutungen nicht blosse
Eitelkeiten sein / sondern gewisse Geheimnisse in ihren Kreissen verborgen
stecken /wie Polycrates mit seinem Schaden / Timoleon mit seinem Frommen
erfahren / weil jenem dadurch sein Untergang / diesem ein herrlicher Sieg wider
die Leontiner angedeutet ward. Also sagte Esopus den Samiern mehr denn allzu
wahr / als ein Adler ihren Ring / damit der Rat zu siegeln pflegte / mit in die
Lufft nahm / und in eines Knechtes Schoss fallen liess; sie würden unter eines
Königs Dienstbarkeit verfallen. Marcomir begegnete ihm: Er hielte den Verlust
des Ringes und Alfelslebens Verwundung für einen blossen Zufall; und also auch
diese der Ringe wie auch andere eingebildete Andeutungen für Aberglauben. Er
gestünde gerne / dass in köstlichen Edelgesteinen / als in welche die Natur
gleichsam ihre Kunst und Herrligkeit zusammen gezwänget hat / nichts minder als
der Magnet absondere Kräffte in sich hätte / aber nur natürliche und der Vernuft
gemässe. Daher er denn für ein bloss Getichte hielte / dass ein in eines Hahnes
Magen gefundener Stein den Milo Crotoniates unüberwindlich gemacht habe.
Gleicher gestalt wäre ihm unglaublich oder eine Zauberei / dass iemals ein in ein
Glas gehenckter Ring gewisse daran gehaltene Buchstaben durch seine Bewegung
bezeichnet /und einen Nachfolger im Reiche angedeutet; dass der weltweise Eudamus
Ringe bereitet hätte / welche die Gespenster verjagt / die Schlangen-Bisse
verhindert /und die Verstorbenen zu erscheinen genötigt; Moses aber mit einem /
seinem Egyptischen Weibe seiner und aller vorhergehenden Vergessenheit
beibracht. Wesswegen er auch diss für den ärgsten Aberglauben hielte / wenn
etliche Wagehälse aus denen vom Kreutze genommenen Ketten / oder von den Klingen
der Scharffrichter ihnen zu allerhand verdächtigem Gebrauche (wie der ruchlose
Eucrates getan haben soll) Ringe schmieden lassen. Rhemetalces versetzte: Keine
gründliche Ursache könnte er so wenig geben /als die scharffsichtigsten
Weltweisen in vielen andern Geheimnüssen. Unterdessen bekräfftigte es die
Erfahrung und ihr heutiges Beispiel. Niemanden wäre iemals ein Stein aus dem
Ringe / oder der Ring selbst zersprungen / dem nicht ein Unglück auff dem Nacken
gesessen. Woraus allem Ansehen nach geflossen zu sein schiene / dass die
Traurenden / die Fussfälligen / die zum Tode verdammten die Ringe abnehmen /denen
Sterbenden aber selbte abgezogen würden; gleich als weñ ihr Leid keines grössern
Unglücks Ankündigung aus ihren Ringen mehr zu erwarten hätte. Ihrer viel hätten
deswegen umb auff den Notfall ihrem Leben abzuhelffen / Gift in ihren Ringen
verwahret. Massen Demostenes dardurch dem vom Antipater abgeschickten Mörder
Archias / und Hannibal des Flaminius Kriegsleuten zuvor kommen wären /und der
Bewahrer des von dem Camillus dem Capitolinischen Jupiter gewiedmeten Schatzes
hätte mit Zerbeissung eines in seinen Ring eingesetzten Steines ihm
augenblicklich sein Leben verkürtzt / als Marcus Crassus daselbst zweitausend
Pfund Goldes weggenommen. Also durchgraben die eitlen Sterblichen nicht allein
die Eingeweide der Erde / und beschinden ihnen so viel Hände / nur dass eines
einigen Fingers Glied gläntzend sei / sondern sie mühen sich auch ihre
Scharffsinnigkeit zu Beförderung ihres Todes an zugewehren / also / dass wenn in
der Tieffe der Erdkugel nur eine Hölle zu finden wäre / diese Kaninichen des
Geitzes solche fürlängst untergraben / und / wo nicht Ertzt / doch Schwefel und
Gift daraus geraubet haben würden.
    Die Sonne war hiermit schon über den Mittags-Wirbel gelauffen / als Hertzog
Herrmanns Jägermeister sie in das unfern davon gelegene Fürstliche Jägerhaus zur
Mittagsmahlzeit einlud. Dieses war ein sechseckichtes von gebackenen Steinen
aufgeführtes /und mitten in einem lustigen Tiergarten gelegenes Gebäue /
darinnen sie bei ihrer Ankunft unten auff einem gepflasterten Boden schon eine
fertige Taffel fanden / und in dieser Wildnüss nicht allein den hungrigen Magen
mit schmackhafter Kost / als das Gemüte mit annehmlichem Gespräche sättigten.
Wie sie aber im besten Essen waren / erhob sich in einem Augenblicke unter der
Taffel ein Geprudel und Geräusche / das Wasser spritzte auch bald darauf so
heftig in die Höhe / dass alle an der Taffel sitzende häuffig bespritzet / und
darvon auffzuspringen genötigt waren. Dieses Bad verursachte ein nicht weniges
Gelächter / und Zeno fing an: Er hätte in dieser sandichten Fläche keine
Wasser-Kunst gesucht. Der Graf von Uffen / des Feldherrn Jägermeister
antwortete: Es hätte sie die Natur / keine Kunst an diesen Ort versetzet. Denn
es wäre diss der berühmte Boller-Brunn /welcher alle Tage zweimal zwischen den
Sand sich versteckte / und so vielmal wieder herfür springe /also nicht anders /
als das Meer Epp und Flut habe. Sie liessen hierauff die Taffel hinweg rücken /
umb diesen Wunder-Brunn so viel eigentlicher zu betrachten / und an einem
sichern Orte die Mahlzeit zu vollenden. Zeno fing hierauff an: Dieser Brunn komt
mir für / wie der von mir auff der Reise aus Italien besichtigte Fluss Timavus in
Histrien / dessen Strom ebenfalls von dem in die unterirrdischen Klüffte sich
eindringenden Adriatischen Meere so sehr auffgeschwellet wird / dass er weit über
seine Ufer sich ergeust /und selbige Landschaft wässert. Dahero halte ich dafür
/ dass dieser Boller-Bruñ gleichfalls von dem Aufschwellen des Baltischen Meeres
seine Bewegung hat. Rhemetalces warff ein: Was wird aber für eine Ursache zu
geben sein / dass an dem Flusse Bätis ein Brunn / wenn sich das Meer ergeust /
ab- und wenn es fällt / wieder zunimt? Dass bei den Helvetiern das berühmte
Pfeffer-Bad im Anfang des Mayen Wasser bekomt / im Mittel des Herbst-Monats aber
selbtes wieder verliert; dass in dem Pyrenischen Gebürge ein Brunn im längsten
Tage das Wasser mit grossem Geräusch heraus stöst / und weñ der Tag am kürtzsten
/ wieder verseuget? Zeno antwortete: Das erstere rührte her von den weiten und
verdrehten unterirrdischen Wasser-Gängen / durch welche das eindringende Meer
sich so geschwinde nicht durchzwängen kann; das andere aber könnte nicht von dem
Ab-und Zulauffe des Meeres / sondern / seinem Bedüncken nach / noch von dem
zerschmeltzenden Schnee /welcher nach und nach mehr / als die bald
abschiessenden Regen / in die Berge einsincke / herrühren. Wie komts aber /
sagte Rhemetalces / dass es in Pannonien und in Histrien eine See gibt / die des
Sommers vertrocknet und besäet wird / des Winters aber schwimmet und Fischreich
ist; und dass in Syrien ein Fluss nur den siebenden Tag kein Wasser hat? Dieses
muss aus der Gelegenheit des Orts unzweifelbar entschieden werden / versetzte
Zeno. Denn es können wohl daselbst solche Hölen sich befinden / die entweder den
Sommer über / oder auch nur sechs Tage die zusammenrinnenden Fluten
auffzufangen fähig sind; hernach aber selbtes wie ein ausgedrückter Schwam durch
gewisse Röhre wider von sich geben müssen. Malovend fiel ein: Sie würden vieler
Tage Arbeit bedürfen / die Wunder ausländischer Bruñen und Flüsse zu berühren /
wiewol er viel für Gedichte hielte; als: dass in der Insel Cäa ein Brunn den /
der daraus trincket / verdüstert / einer in Cilicien lebhaft / der Leontische
gelehrt / in Sicilien einer weinend / der ander lachend / einer / ich weiss nicht
wo / verliebt machen /einer in der Insel Bonicca verjüngen / der Fluss Selemnius
in Achaien aber der Liebe abhelffen solle. Es lidte es auch nicht die Zeit von
Deutschlands Wunder-Wassern zu reden; sondern er wollte nur von der engen Gegend
nicht verschweigen / dass nahe von dar der Fluss Beche und Lichtenau sich unter
die Erde verkriechen / und unfern von des Feldherrn Burg bei der Stadt Tenderium
wieder hervor schüssen; wie der Fluss Anas in Hispanien / Lycius in Asien /
Tigris in Mesopotamien / Timavus in Histrien / und viel andere auch tun sollen.
    Uber diesem Wasser-Gespräche ward die Mahlzeit vollendet / da sie dann in
einen über das ganze Gemach gehenden Saal empor stiegen / welcher mit allerhand
Zierraten ausgeputzt war / und rings herumb über den Tiergarten ein lustiges
Aussehen auff die häuffig darinnen verschlossenen und miteinander spielenden
Tiere eröffnete; worunter viel von Natur wilde Bären / Wölfe / Luchsen /
entweder durch Gewohnheit gezähmt / oder ihnen ihre zur Verletzung dienende
Waffen benommen waren. Umb den Saal herumb waren in Lebens-Grösse zwölff Helden
gemahlet / derer Waffen genungsam andeuteten / dass es Deutsche wären. Zeno
redete hiermit den Fürsten Malovend an: Ich habe mir Deutschland viel wilder
beschreiben lassen / als ich es ietzt in Augenschein befinde. Und darff ich mich
über die Sitten der Einwohner nicht mehr so sehr verwundern / nach dem ich auch
in ihren Wildbahnen die wilden Tiere zahmer als anderwerts antreffe. Man hat
mich beredet: es wäre allhier ein unauffhörlicher Winter / ein immer trüber
Himmel / ein unfruchtbares Erdreich; die Städte hätten keine Mauren / ihre
Wohnungen wären Hütten / oder vielmehr Hölen des Wildes / mit derer Häuten sie
sich der Kälte kaum erwehren / und mit der Rinde von den Bäumen sich für dem
Regen decken müsten; das Feld trüge kein Getraide / die Bäume kein Obst / die
Hügel keinen Wein. Ich erfahre numehr aber in vielen Sachen das Widerspiel. Diss
Gebäue liesse sich auch wohl bei Rom sehen / und auff unsere heutige Mahlzeit
hätten wir auch den Römischen Bürgermeister Lucullus / ja den lüsternen Gauckler
Esopus zu Gaste bitten köñen. Deñ haben wir gleich nicht von Indianischen
Papegoyen das Gehirne / keine Egyptische Phönicopter Zungen / aus dem roten
Meere die Scarus-Lebern / aus dem Britannischen die Austern / vom Flusse Phasis
die Phasanen / und Vögel / die reden können / gespeiset /oder in einer Schüssel
/ ja in einem Löffel eines ganzen Landes jährliche Einkünfte verschlungen; so
hat man uns doch solch wolgeschmackes Wildpret und Geflügel auffgesetzt /
welches Africa / die Mutter der Ungeheuer / nicht der Köstligkeiten / mit allen
seinen seltzamen Tieren nicht zu liefern gewust hätte / und uns besser
geschmeckt / als jenen Verschwendern ihre unzeitige Gerichte / welche an sich
selbst weder Geruch noch Geschmack haben / und nur deswegen /dass sie kostbar und
seltzam sind / verlanget werden. Ist unser Fuss-Boden nicht mit teurem Saffran
bestreut / so ist er doch mit wolrüchenden Blumen bedeckt gewesen. Ich sehe wohl
/ sagte Marcomir / dass unser Deutschland einen so geneigten Beschauer bekomen /
der es bei den Ausländern mit der Zeit in grösseres Ansehen setzen dörfte. Ich
gestehe es: Wo mich die Liebe des Vaterlandes / in welchem uns die rauesten
Steinklippen schöner als anderwerts die Hesperischer Gärte und das Tessalische
Lust-Tal fürkommen / nicht zu einem ungleichen Urtel verleitet /dass bei uns
das Erdreich nicht so rauh / der Himmel nicht so grausam / das Ansehen nicht so
traurig sei /als es die üppigen oder durch hören sagen verleiteten Ausländer
gemacht. Uberdis hat Deutschland von der Zeit her / da die Deutschen mit den
Römern in Kundschaft geraten / viel ein ander Gesichte bekommen /als es für
hundert und mehren Jahren gehabt. Die /welche vorhin von nichts als von dem
erlegten Wilde und Viehzucht lebten / haben nun gelernt den Acker bauen /
fruchtbare Bäume / ja an der Donau und dem Rhein gar Weinstöcke pflantzen. Wir
zeugen jetzt so viel essbare Kräuter und Wurtzeln / wir machen unsere Speisen mit
so frembden Würtzen an / welche man noch bei unserer Eltern Leben nicht einst
hat nennen hören. Alleine ich weiss sicher nicht / ob diese Verbesserung
Deutschlands Auffnehmen oder Verderb sei. Ich bin zwar kein Artzt / kein
Kräuter- und Stern-Verständiger / ich kann mich aber nicht bereden lassen / der
gütigen Natur diese Missgunst auffzubürden /dass sie einem Lande was entzogen
hätte / dessen man so wohl zu seiner Gesundheit als Notdurft unnachbleiblich
benötiget wäre. Warlich die Göttliche Versehung / welche allen wilden Tieren
so reichlich ihren Unterhalt verschafft / ist dem Menschen so feind nicht gewest
/ dass er sein Leben zu erhalten so grosser Kunst und so fernen Zuführung dörffe.
Kein Wald nähret so unfruchtbare Bäume / keine Wüstenei so stachlichte Disteln /
welche nicht dem Menschen so wohl die Notdurft der Artznei / als der Speise
gewehre. Jedermann könne seine Lebens-Mittel allentalben und umbsonst finden.
Mit Pappeln und Goldwurtz hätten sich fürzeiten ganze Völcker ausgehalten / und
Könige nicht so verschwenderisch / als jetzt gemeine Bürger gelebet. Als die
Königin in Carien Ada dem grossen Alexander viel niedliche Speisen geschickt
/hätte er ihr zu wissen gemacht / dass die Nacht-Reise ein viel besserer Koch zum
Früh-Maale / eine sparsame Mittags-Mahlzeit aber die Würtze seines Abend-Essens
wäe. Aber nunmehr baute / nach dem Beispiele der Sicilier / fast iedermann aus
seinem Leibe der vielfrässigen Verschwendung einen Tempel. Diese Lüsternheit und
der Uberfluss habe das menschliche Leben allererst so teuer gemacht / und
bezahle die Ungesundesten umb hundertfachen Preis. In welchem Absehen des
Zamolxis Meinung allerdings wahr wäre / dass alles Ubel und Gute des Leibes aus
dem Gemüte des Menschen herflüsse. Die Artzneien / welche die Reichen aus
Arabien und Indien kommen liessen / bräche ein Tagelöhner von gemeinen Stauden
ab. Und da der Egyptier und anderer Völcker Götter nur die in ihrem Landstriche
gewachsenen Früchte ihnen opfern liessen / wäre der Menschen Lüsternheit nach
frembden Gewächsen zweifelsfrei eine schädliche Uppigkeit. Ein hungriger Magen
nehme alles an /die Natur aber wäre mit dem schon vergnügt / was sie verlangt.
Zeno fiel ihm ein: Es wäre keine Feindschaft / sondern ein Geheimnis der
Göttlichen Versehung / dass in einem Lande nicht alles wüchse /wormit sie durch
solche Dürftigkeit die entfernten Völcker in ein allgemeines Band und
Freundschaft zusammen knüpfte. Es ist diss / antwortete Malovend /eine
annehmliche Heuchelei unserer Schwachheiten /und ein scheinbarer Fürwand der
Wollüstigen. Die Uppigkeit alleine hat uns gelehret ihre Gräntzen überschreiten
/ und anfangs nach überflüssiger / hernach gar nach schädlicher Kost gelüsten;
welche uns vergiftet / da sie uns nähren soll. Man schätzet die Speisen nach dem
Geschmacke / nicht nach der Gesundheit; ja man mühet sich nicht ohne
empfindlichen Eckel frembder Gewächse Bitterkeit und den Gestanck der von dem
äusersten Meere zu uns geschickter Fische zu gewohnen. Wie lange hat man den aus
Indien gebrachten Zinober zu Rom unter die Artzneien gemischt / ehe man erfahren
/ dass er selbst Gift wäre? Wie viel gemeinen Staub haben die Araber bei der
Seuche solcher Sitten den Ausländern für Phönix-Asche und ein bewährtes
Gesundheits-Mittel / diss /was in Sperlings-Köpfen gewachsen / für süsses Gehirne
des Phönixes verkaufft; der doch niemals als gemahlt in der Welt gewesen ist.
Wie viel köstliches gleich auch anderwerts zu finden / so kann ich mich doch
schwerlich bereden lassen / dass die in den heissen Mittags- und Morgenländern
wachsende Pfeffer /Ziemet / Muscaten und andere brennenden Früchte denen
Mitternächtischen Leibern zuschlagen sollten. Die Gestirne / welche uns allhier
eine absondere Beschaffenheit von anderer Lands-Art geben / flössen denen hier
wachsenden Kräutern und anderen essbaren Dingen gleiche Eigenschaften ein.
Dahero müssen sie uns unzweifelbar gesünder sein / als die / welche mit der
Wärmbde unsers Magens und dem Triebe unsers Geblüts keine Vergleichung haben.
Rhemetalces setzte hierauff nach: Zeno ist meinem Vaterlande und meines Himmels
Einflüssen näher; also scheinets /müste ich auch seiner Meinung näher als andern
kommen. Denn da die Natur eine Feindin des Uberflusses wäre / wie Malovend
meinte / würde er sie dazu selbst machen / wenn er alle Mitteilung frembder
Land-Gewächse verdamte. Sintemal sie in vielen Land-Strichen mehr köstliche
Früchte wachsen liesse / als die Einwohner verzehren könten. Ja in vielen
unbevolckten Ländern finde man die edelsten Gewächse. Aus den unwirtbaren
Sandflächen des grossen Scytiens komme die so nützliche Rhabarber; aus den
unbewohnten Stein-Klüfften Asiens der bewehrte Bezoar und der kräfftigste Mosch.
Dahero schiene ihm der Anzielung göttlicher Versehung gemässer zu sein / aus der
milden Hand ihres Uberflusses lieber etwas aufsuchen / als selbtes ohne Gebrauch
verderben lassen. Und ich weiss nicht / ob in fruchtbaren Ländern gelegene
Völcker / welche den göttlichen Segen alleine für sich behielten / nicht
schlimmer handelten / als die Phönizischen Kauffleute / welche wohl ehe bei
reichen Jahren den ihrem Bedüncken nach allzuhäuffig gewachsenen Pfeffer ins
Meer geschüttet / wormit diese Wahre nicht zu wolfeil würde. Marcomir hingegen
fiel dem Malovend bei und sagte: Es kömt mir für / dieser Uberschuss bestehe
nicht auf so festem Grunde; oder der Schluss sei davon auch allzuweit gesucht.
Denn mich bedünckt /man schreibe frembden Gewächsen mehr Wunderwercke zu / als
man an ihnen befindet; Und es halte unser wunderwürdiger Holunder-Baum der
Rhabarbar /unser Hirschhorn und Krebs-Augen dem Bezoar die Wage. Mosch und
Zibet aber ist eine leicht entbehrliche Würtze der Geilheit. Oder da wir
selbtem auch nichts gleichwichtiges entgegen zu setzen haben; Geschicht es nicht
so wohl aus Armut unsers Erdreichs /als aus unsorgfältiger Unwissenheit unsers
eigenen Reichtums / welche mehrmahls Schätze besitzt / die sie nicht kennet.
Wenn auch kein Volck nach keinen frembden Gerichten gelüstete / würde iedes
seinen Vorrat allerdings aufzehren. In dem aber die Indianer aus Europa Weine
verlangen / dieses nach ihren Gewürtzen etzelt / bleibet einem ieden von dem
seinigen etwas übrig / welches doch sonst iedes Jahr / oder doch in einem andern
bei sich ereigneten Misswächsen aufginge. Da aber sich auch irgends ein warhafter
Uberschuss ereignete / rühret er durch blossen Zufall und durch eigene
Verwahrlosung der unersättlichen Menschen her. Zeno brach ein: Wie soll ich
begreiffen / dass die Unersättligkeit als eine Mutter des Mangels einen Uberfluss
nach sich ziehen solle? In alle Wege /versetzte Malovend. Wenn der Mensch sich
mit dem seinen oder der Genügligkeit vergnügte / würde Geitz / Ehren-Ruhm und
Herschenssucht so viel Völcker nicht vertilgen / so viel Länder nicht Volck-arm
machen / und die Vergrösserung des menschlichen Geschlechts hindern; welches von
der ganzen Welt Zuwachs selten was übrig lassen würde. Zugeschweigen: dass man
aus frembden Ländern nicht so oft die Notdurfft als den Zunder zu Wollüsten
holet. Wie viel mahl hat Rom und Gallien aus Mangel Getreides für Hunger
geschmachtet / da es an Würtzen / Datteln /Indianischen Nüssen / Syrischen
Balsamen / Perlen /Edelgesteinen / Purpur und Helfenbein / und andern zur
Uppigkeit dienenden Sachen einen Uberschuss gehabt? Eben jener Mangel / fuhr Zeno
fort / überweiset dich / dass ein Land dem andern auch in unentbehrlichen Sachen
müsse behüflich sein. Du hast Rom gesehen; Kanst du nun glauben / dass das
schmale Welschland dieser Welt Volck genungsam Brodt geben / und man ihm seine
Kornhäuser Egypten und Sicilien verschliessen möge! Malovend fragte alsofort: Ob
die Natur durch ihre Fruchtbarkeit / oder nicht vielmehr Ehrgeitz / Wucher und
Wollüste sechzig mahl hundert tausend Menschen in den engen Creiss des grossen
Roms zusammen gezogen? Weist du aber / fuhr Rhemetalces heraus / dass Not und
Hunger deine Cimbern unter dem Könige Teutobach gezwungen in Welschland und
Gallien einzubrechen /an das schwartze Meer sich zu setzen / ja gar in Asien
überzugehen? Malovend antwortete ihm: Mehr das Wasser als der Hunger. Jedoch will
ich endlich wohl glauben / dass ein Volck in gewissen Dingen mit dem andern
Gemeinschaft haben müsse; Auch dass die Natur ein Teil der Welt für andern
Ländern auskommentlicher versorget habe / und dass diss / was die Natur ohne des
Menschen Zutat selbigem liefert /nicht aber der unvergnüglichen sterblichen
Gemächte und Erfindungen endlich mitzuteilen sei. Wenn die Natur so selzame
Vermischungen der Speisen mit Ambra / so frembdes Geträncke von Zucker /
ausgepresten Beeren und Granatäpfeln / die Abkochung allerhand Balsam und
Biesamkuchen; Die Aufbauung grosser Alabasterner Paläste / und Bergen oder
Städten gleichsehende Gefilde / für nötig befunden hätte /würde die / welche so
vielerhand Speisen wachsen läst / die in den Trauben so köstliche Säffte kochet
/die das grosse Gewölbe des Himmels / die Wunderhäuser des Gestirnes / die
unterirrdischen Hölen / die geheimen Wasserleitungen des Meeres und der Flüsse /
die Adern der Brunnen gebauet / auch diss / was die schwachen und alberen
Menschen ihr nachaffen / zu bauen mächtig und vorsichtig genung gewesen sein.
Die Vorwelt hat ohne Bildhauer und Steinmetzer ruhiglich leben können. Es war
die glückseligste Zeit /als noch kein Baumeister war / als niemand Zügeln
brennte und über dem Steinschneiden schwitzte / da man die Decken nicht
vergüldete / den Boden nicht mit Marmel pflasterte / die Wände nicht mit
Persischen Teppichten behing; Da man auf Grase / nicht auf künstlicher geneheter
Seide / oder gewebter Baumwolle sass / sondern aus vier Gabeln und vier Stangen
und qverübergelegten Aesten in einer Stunde ein ganz Haus bauete; Da
Mitternacht sich mit wenigen Schoben für aller Kälte / das bratende Mohrenland
in gegrabenen Hölen sich für aller Hitze beschirmete; Da man ohne der Serer
Handlung / oder der Würmer Gespinste / ohne Tödtung der Purpur-Schnecke sich mit
Hanf und Häuten kleidete; Da man sich mit Piltzen und gemeinen Baumgewächsen
vergnügte / aus lautern Brunnen und unverdächtigen Bächen tranck. Zeno brach ihm
ein: Er machte die Natur zur Stiefmutter gegen dem Menschen / da sie doch auch
die wilden Tiere für eine so gütige Versorgerin erkennten. Diese wären alsbald
/ wenn sie das Tagelicht erblickten / bekleidet / ihrer selbst mächtig / und es
wisse von sich selbst eine Biene die Kräuter zu unterscheiden / woraus sie Gift
oder Honig zu saugen habe. Ein Hirsch wisse mit was für einem Kraute er sich
nach der Geburt reinigen sollte. Das wilde Schwein wisse / sich mit Eppich / die
Schlange mit Fenchel / der Bär mit Ameissen / der Elefant mit Oelbäumen / die
Holtztaube mit Lorberblättern zu heilen. Der Adler sehe / der Geier rüche / der
Affe schmecke / der Maulwurff höre / die Spinne fühle besser und schärffer als
der Mensch. Solte nun deswegen die Natur diesem unholder als jenem sein? Nein
sicher! Denn die Vernunft / als das eigentliche Kleinod des Menschen / welches
ihn allein den Göttern ähnlich macht / übertrifft und vertrit alle andere
Fürtreffligkeiten der Tiere / die Stärcke des Löwens / die Schönheit des Pfauen
/ die Geschwindigkeit der Pferde. Diese muss der Mensch zu seiner Unterhaltung
und Wohlstande nichts minder anwenden; Als das Cameel seinen Rücken / der Hund
seine Füsse / der Ochse seine Lenden / die Spinne ihre Kunst / die Ameiss ihren
Fleiss / die Nachtigal ihre Stimme nicht müssig sein läst. Die Natur / sage ich /
hat uns die Vernunft deswegen eingepflantzt: dass wir unser Leben dadurch für
allen andern Geschöpffen nicht nur tugendhaft /sondern auch glückselig machen
sollten. Diese hat den Hammer / die Säge / die Axt / die Kelle / die Spille /den
Weberstul und tausend andere Werckzeuge erfunden: Dass man Häuser gebaut / Wolle
gesponnen /Seide gewebt / Speisen gekocht / Artzneien bereitet /durch die
Schiffarten ein Ende der Welt mit dem andern vereinbart / und das dürfftige
Leben mit tausendfachem Uberflusse beseligt hat. Eine elende Glückseligkeit!
rieff Marcomir / welche den Leib mästet / das Gemüte bebürdet / und die Seele
besudelt. Freilich wohl zeucht die Gemeinschaft mit frembden Völckern / die
Erfindung so vielerlei Künst eden Gliedern eine grosse Gemächligkeit / der
Tugend aber einen unschätzbaren Verlust zu. Jemehr das Glücke und die Natur dem
Leben liebkoset / ie in gefährlichern Zustand versetzt sie es. Was in Rosen
verfaulet / wird in Nesseln erhalten. Die im Elende tauren /werden von
Glückseligkeit verderbet. Daher ist die Natur daselbst / wo sie raue Klippen /
kalte Lufft /sandichtes Erdreich geschaffen / eben so wenig für grausam zu
schelten / als die Mütter zu Sparta / die ihre Söhne abzuhärten selbte für dem
Altar der Ortischen Diana biss auffs Blut / zuweilen auch auff den Tod peitschen
lassen. Die Tugend will durch keine weiche Lehre begriffen sein. Ein Feldherr
stellt den ihm liebsten Kriegsknecht an die gefährlichste Spitze; und den
schätzen die Götter am würdigsten / an dem sie versuchen / was ein Mensch zu
erdulten fähig sei. Von guten Tagen zerfliessen nicht allein unsere Gemüter /
sondern die Wollüste reissen uns auch gleichsam die Spann-Adern aus unsern
Gliedern. Wen in dem Glase-Wagen nie keine rauhe Lufft angegangen / wer die Hand
nie in ein kalt Wasser gesteckt /den Fuss nie auff die blosse Erde gesetzt / der
kann auch ohne Gefahr nicht einen mässigen Wind / ein geringes Ungemach vertragen.
Was man aber am härtesten hält / wird das tauerhafteste. Der öfftere Sturmwind
befestigt die Wurtzeln und Aeste der Eichbäume / weñ die in windstillen Tälern
wachsende Pappeln morsch bleiben. Eines Schiffers Leib verträgt ohne
Empfindligkeit die schlimmste Seelufft. Der Pflug härtet des Ackermanns Hände /
die Waffen des Kriegsmanns Armen ab; das offtere Wetterennen macht eines
Läuffers Glieder behende. Wie gesund und wohlgewachsen sind die Scyten / und
andere Nord-Völcker / die in holen Bäumen wohnen / sich mit Fuchs und
Mäuse-Fellen decken / mit Vogel-Federn kleiden / mit Eicheln speisen. Wie hoch
steigen in ihren Geheimnissen die Persischen Weisen / welche / um zu den tieffen
Nachsinnungen desto geschickter zu sein / nichts als Kressicht assen? Wie viel
besser stand es zu Rom / da das Capitol unvergoldet /und nicht so ansehnlich als
jetzt des Lucullus Vorwerck / und des Messala Fischhälter / da ein Ochse nicht so
teuer als jetzt ein Fisch war / da die Samnitischen Gesandten den grossen Curius
aus einem höltzernen Nappe gebratene Rüben essen fanden / und er so wenig von
ihrem Golde als ihren Schwerdtern zu überwinden war / da der Zerstörer des
Schatzreichen Cartago Publius Scipio nicht einen Scherff von ihrem Reichtume
mit seine Armut vermischen wollte / da Lucius Emilius der Uberwinder des Königs
Perses und Macedoniens die im Königlichen Schatze gefundene sechs tausend Talent
nicht einmal anzusehen würdigte / ob er schon seinen Söhnen so wenig verliess /
dass sie seiner Ehfrauen die zugebrachten fünff und zwantzig Talent nicht
erstatten konten / als jetzt / da Freigelassene auff Helffenbeinernen Tischen
speisen / da einem vollbrätigen Ausgeschnittenen kein Vogel und Fisch schmeckt
/keine Blume reucht / als zur Unzeit; da einem lüsternen Gauckler Meer und Lufft
zu arm sind neue Speisen genug zu geweren / da ein verfluchter Pollio seine
Murenen mit Menschen-Fleisch mästet / da ein Tullius um einen höltzernen Tisch
ein ganzes Vermögen gibt / da ein Rats-Herr aus nichts als edlen Steinen
/Porcellan oder Cristallen / denen die Zerbrechligkeit ihren Preis gibt /
trincken mag / da die geile Julia an iedem Ohre drei reiche Erbschaften hängen
hat / und weder dem Leibe noch der Scham dienende Kleider trägt / in welchen zu
schweren nötig wäre / dass sie nicht nackt gehe / und darinnen sie ihren
Ehbrechern nicht mehr im Schlaff-Gemache weisen kann / als sie auf öffentlichen
Plätzen zur Schau feil trägt. Da man jährlich wohl zwantzig Tonnen Goldes den
Serern für Würtzen und Steine schickt / da ein Fürst zum Begräbnisse seiner
Ehebrecherin mehr Weirauch und Balsam verbrauchet / als ein Jahr dessen in der
Welt wächst. Wir Deutschen wussten nichts als von güldner Freiheit / konten die
Laster nicht neñen / und die wir jetzt den Römern nachtun / als wir auff Rasen
Tisch hielten / und in Stroh-Hütten wohneten / da wir die Eingeweide unserer
Gebürge nicht durchwühleten /und die geitzigen Fremden in den Adern Gold zu
suchen veranlassten / da wir bei Entzündung unserer Wälder Ertzt gefunden hatten.
Urteilet diesem nach /was dieser Herrligkeit für Elend / wie viel diesem
Weitzen Spreu anklebe; und gläubet / dass wie die Natur keines Künstlers darff /
die nötigen Sachen gemein / die üppigen sauer zu erlangen sind / also die Natur
Gott und der Tugend nicht unsers Wollebens halber den Menschen so tieffsinnig
gemacht / und den Verstand verliehen habe. Fürst Zeno lächelte / und wendete
sich zum Rhemetalces / meldende: Ich sehe wohl / Marcomir ist ein Weltweiser von
der Secte des Zeno / und er würde mit dem Diogenes schon den Becher wegwerffen /
wann er iemand aus seinem Hand-Teller trincken sehe. Allein ich lasse mich nicht
bereden / dass die Götter die Tugend zur Straffe des Leibes in die Welt geschickt
haben / dass der Schluss der Vernunft auff eigenes Ungemach ziele / dass die
Wollust alleine des Viehes Gut sei / dass das Wesen der Tugend in Bitterkeit
bestehe / dass sie nichts als Wasser trincken / auff Disteln gehen / im
Siechhause liegen und in Begräbnissen wohnen dörffe. Sondern ich bin vielmehr
der Meinung / dass der Gebrauch von dem Missbrauche zu unterscheiden / die Rosen
nicht zu vertilgen sind / weil die Spinne Gift draus sauget /und die Artzneien
nicht zu verbieten / weil die Boshaften selbte zur Vergifftung missbrauchen / ja
dass es ein Teil der Weissheit sei / sich der unschuldigen Wollust ohne Laster
gebrauchen. Und / wie es nicht vermutlich / dass die Natur so viel köstliche
Sachen entweder umsonst / oder nur zur Ergetzligkeit der Boshaften geschaffen;
also ist die Reinigkeit solcher Dinge nicht wegen Unmässigkeit der Verschwender
zu verdammen. Mecenas lag allerdings tugendhaft auff Damasten und Sammet / und
versteckte seine Klugheit mit grösserm Nutzen des gemeinen Wesens unter den
Schatten seiner kostbaren Lustgärten / wenn er den Käyser August von dem rauhen
Weg der strengen Gerechtigkeit und Blutstürtzung abhielt / und mit vielerlei
Kurtzweilen ihn zu einer sanften Herrschaft anleitete / wenn er mit seinen
Woltaten ihm die Welt zum Schuldner machte / mit seiner Auffrichtigkeit
verursachte / dass der vermummte Hoff seine Larven weglegte / mit seiner
Freigebigkeit die Begierde der Geitzigen überlegte / wenn er sein Haus mit
kostbaren Gemählden / mit künstlichen Bildern aus Corintischem Ertzte / mit
Cristallinen Geschirren nicht zu seiner Hoffart Abgötterei ausputzte / sondern
dass er dem / welcher etwas dran lobte / was zu verehren hatte. Womit er
sicherlich tugendhafter verfuhr / als jener Weltweise / der alle Menschen zu
ihren eigenen Feinden machen wollte / ihnen selbst nicht allein nichts gutes zu
tun / sondern ihnen Durst / Hunger /Frost / Marter / ja Strick und Messer
einlobte. Alleine nachdem uns Marcomir so viel gutes von dem alten einfältigen
Deutschlande rühmet / diese zwölff Bilder aber grösten teils nicht dieser Zeit
Kinder zu sein schienen / so wünschten wir wohl von ihrer gerühmten
Glückseligkeit Wissenschaft und Teil zu haben. Es sind / antwortete Malovend /
zwölff oberste Feldherren Deutschlands / und zwar alle Hertzog Herrmanns
Voreltern; So viel ihrer kein Fürstliches Geschlechte aus seinem Hause zu zehlen
hat. Und ich muss gestehen / dass ob wohl die Cherusker Hertzoge meinem
Geschlechte / daraus ich entsprossen / stets auffsätzig gewest / doch ihre
Taten für andern ruhmwürdig zu achten sind. Zeno fing hierauff an: Es ist
löblich / die Tugend auch an seinen Feinden loben /und ist derogleichen Zeugnis
so viel mehr von der Heuchelei / und dem in selbter verborgenen hesslichen Laster
der Dienstbarkeit entfernet. Hingegen ist auch der glaubwürdigsten Freunde
Urteil verdächtig / weil selbtem auch wider ihren Vorsatz wo nicht eine
Heuchelei / doch eine zu gütige Gewogenheit anhänget. Diesemnach wir denn so
vielmehr von ihnen die Geschichte / und zwar aus keines andern Munde zu
vernehmen begierig sind. Malovend antwortete: Er würde dieser Helden Verdiensten
und des Zeno Sorgfalt ein Genügen zu tun zwölff Monat zur Erzehlung bedürffen.
Jedoch wollte er hiervon einen Schatten und nicht vielmehr / als der Mahler
allhier getan / von ihnen entwerffen. Als nun beide ihre Begierde anzuhören mit
Stillschweigen zu verstehen gaben / hob Malovend an: Wir Deutschen sind
insgesamt vom Ascenatz entsprossen / welcher mit seinen Nachkommen im kleinern
Asien den Sitz gehabt / von dem die Phrygier / Bitynier / Trojaner und Ascanier
/ wie auch die Reiche Ararat / Minni und Ascenatz den Ursprung haben. Hertzog
Tuisco hat mit einer grossen Menge Volcks teils über das enge / teils das
schwartze Meer gesetzt / und sich aller Länder zwischen dem Rhein und der Rha
bemächtigt. Ihm ist im Reiche gefolgt Hertzog Mann / Hertzog Ingevon / und
Istevon /mit welchen sich Deutschland in viel Hertzogtümer zu teilen
angefangen / sonderlich da zugleich die um das Caspische Meer und die Meotische
See wohnenden Cimbrer / für der Macht der Scyten / mit welcher ihr König
Indatyrsus die halbe Welt überschwemmete / sich flüchteten / und teils in
klein Asien / als ihr altes Vaterland / teils aber unter dem Fürsten Gomar /
meinem Uhranherrn durch die flachen Sarmatischen Felder sich an der Ost-See
niederliessen. Ungeachtet dieser Teilung / erwehlten die deutschen Fürsten
unter ihnen ein gewisses Haupt / welchem sie zwar nicht als einem vollmächtigen
Könige untertänig waren / gleichwol aber in ihren selbsteignen Zwistigkeiten /
und wann sie mit andern Völckern in Krieg verfielen / sich seiner Vermittelung
und Heerführung unterwarffen. Anfangs bestand diese Wahl bei denen gesamten
Fürsten / hernach aber ward solche wegen mehrmahliger Zwytracht und Langsamkeit
siben Fürsten heimgestellt. Aus den Cherustischen Hertzogen ist Hermion der
erste / der zu dieser Würde kam / und auch hier in den Gemählden. Sechs Fürsten
gaben ihm wegen seiner Grossmütigkeit / und zwar derer drei gegen Verlobung
seiner wunderschönen Tochter einmütig ihre Stimmen / wie es ein Sternseher
vorher dem Könige Istevon / an dessen Hofe er erzogen worden war / wahrgesagt
hatte; der einige Hertzog der Qvaden Atcorot / der vom Hercinischen Gebürge an
alle zwischen der March / der Weichsel und der Teisse gelegene Länder beherrschte
/ lag wider die Noricher zu Feld und wohnte der Wahl nicht bei. So bald dieser
solche Erhöhung vernahm / gab er sein Missfallen mit vielen ungleichen
Bezeugungen an Tag; ja liess sich selbst für einen Obersten Feldherrn
Deutschlandes ausruffen; ungeachtet er vorher diese ihm angetragene Würde / auf
Einraten seines obersten Cämmerers / ausgeschlagen hatte. Denn weil Fürst
Hermion für etlichen Jahren in des mächtigen Atcorots Diensten gelebt hatte /
und sein oberster Marschall gewest war / schiene es ihm verkleinerlich zu sein
/den numehr als sein Haupt zu verehren / dem er vorhin zu befehlen gehabt hatte.
Hingegen konnte seine Tochter Ema ihre Freude kaum verdecken / als welche sich in
Hermions Sohn den Fürsten Marss verliebt /und ihm heimlich die Ehe versprochen
hatte. Hermion ward mit grossem Gepränge / ungeachtet des Atcorots Widersetzung
/ zum Feldherrn ausgeruffen / es traff sich aber / dass der Reichsstab
unversehens vermisst ward / auff welchem die Fürsten dem Feldherrn die Pflicht zu
leisten gewohnt waren. Als diese nun dem Hermion selbte abzulegen anstunden /
entblössete er seinen Degen / mit diesen Worten: Sehet dar / ihr grossmütigen
Helden / den Stab / auff welchen unser und alle Reiche gestützt werden müssen.
Worauff ihm alle ohne Widerrede den Eyd der Treue leisteten. Hermion aber / der
für ärgste Schande hielt /sich zwar in der Würde / nicht aber in genugsamen
Ansehen zu schauen / empfand des Atcorots Verachtung in der Seele / und /
nachdem die damals zu Deutschland gehörigen Noricher sich beim Hermion beweglich
beschwerten / dass der Qvaden Hertzog /nachdem die Gallier ihren letzten Fürsten
Durnacin hingerichtet hatten / unter dem Vorwand eines ihm mit seiner ersten
Gemahlin Garramis zugebrachten Heiratguts / und der von seinem überwundenen
Feinde König Aleb eroberter Kriegs-Beute / ihnen mit unrechter Gewalt viel
Landschaften abgenommen / ja biss an die Mure / den Inn und das Adriatische Meer
sich feste gesatzt hatte / dieser auch auff Hermions Befehl das gewonnene nicht
abtreten wollte / führte er wider die Qvaden mit Hülffe der Rhetier seine
Heerspitzen. Hermion und Bato der Rhetier Hertzog gerieten bei der Stadt
Vindobon mit dem Atcorot in eine blutige Schlacht / und nachdem sein
Bundgenosse Fürst Rangolbebet mit seinen Bastarnen und Daciern zum ersten
schimpfflich die Flucht gab / vermochten die Qvaden nicht länger zu stehen / das
ganze Heer ward auffs Haupt geschlagen / und Atcorot selbst entrann mit Not
in Vindobon / darinnen ihn seine Gemahlin und Kinder Hermion rings um starck
belagerte. Atcorot musste diesem nach bei so verzweiffeltem Zustand in einen
sauren Apffel beissen /und dem Hermion nicht allein unter einem Zelte / dessen
künstliche Seiten-Wände bei solcher Demütigung wegfielen / fussfällig werden /
sondern auch drei Fahnen mit dreien Ländern in des Hermions Hände lieffern / dem
Fürsten Mars seine schöne Tochter Emma verloben / den Landstrich zwischen der
March und der Wage zum Brautschatze / dem Fürsten Bato sein Wahlrecht und ein
Stücke Landes an der Donau abtreten / und also den Frieden teuer genug kauffen.
Alleine seine Gemahlin / die Herrschenssüchtige Kunigundis / eine Tochter des
mächtigen Königs der Reussen und Bulgarn / welcher sich einen Herrn des ganzen
schwartzen Meeres schalt / ward über diesen Verlust in verzweiffelte
Verbitterung gesetzt / lies auch nicht ab / biss sie teils mit Liebkosen /
teils mit Fürbildung des unablöschlichen Schimpffes / welche nicht nur ihm und
den streitbaren Qvaden / sondern auch ihrem mächtigen Vater zuwüchse / den
Hertzog Atcorot zum Friedensbruch veranlassete. Ja diese hitzige Mutter
verdammte ihre dem Printzen Mars verlobte Tochter Emma nebst zehn andern
Jungfrauen Fürstlichen Geblüts in eine Wildnis auff dem Carpatischen Gebürge /
allwo eine Anzahl der Göttin Herta geweiheter Jungfrauen beschlossen waren / zu
Gelobung ewiger Jungfrauschaft; dem Fürsten Mars aber liess sie heimliches Gift
beibringen / wodurch er in grosse Gefahr des Lebens und in Verlust des einen
Auges versetzt ward. Hermion und sein Sohn Mars begegneten mit ihren Cheruskern
und Rhetiern dem Atcorot und dem Fürsten Rangolbebet / welche mit einem viel
mächtigern Heere nicht allein im Anzuge waren / sondern auch unterschiedene
fürnehme Kriegs-Obersten des Hertzog Hermions bestochen hatten. Beide traffen
auff einander bei der Festung Medoslan mit fast verzweiffelter Tapfferkeit.
Hermion als er seinem umringten Sohne zu helffen wie ein Blitz in die Hauffen
drang / ward von einem zu diesem Ende vom Atcorot mit vielen Verheissungen
angefrischtem Qvadischen Ritter Nahmens Turn (welchen Hermion hierüber zwar
gefangen kriegte / aber seiner Tapferkeit wegen in allen Ehren hielt) vom Pferde
geworffen und in eusserste Lebens-Gefahr gestürtzt; gleichwol vertäidigte er
sich zu Fusse so hertzhaft / biss ihn und seinen Sohn endlich die seinigen / und
insonderheit die Tapferkeit des Ritters Regensperg aus so äuserster Gefahr
entrissen. Ja weil die Dacier abermals zum ersten die Flucht gaben /und Milota
/ ein von dem Atkorot beleidigter Qvadischer Herr / aus Rachgier sich mit einem
Teile des Heeres zum Hermion schlug / die Kwaden aber in der Cherusker
Heergeräte / solches gleichsam nach schon erlangtem Siege zu plündern /
einfielen / wurden sie wieder biss auffs Haupt geschlagen / Atkorot zwar vom
Ritter Emerwerck mit einer Lantze vom Pferde gerennt und gefangen / aber von
zweien Marcomannischen Rittern / derer Bruder er entaupten lassen /
durchstochen. Die Städte Eburodun / Eburum und Kalmnitz ergaben sich dem Sieger;
die Fürstin Künigundis ward in einem festen Berg-Schloss belägert / und es
schiene numehr mit ihr und dem Qvadischen Reiche geschehen zu sein / als ihre
Tochter Emma / welche aus ihrer Bestrickung in dem Carpatischen Gebürge
entkommen war / in dem Lager ankam / dem Hermion zu Fusse fiel / und durch des
Fürsten Mars Vorbitte für ihre Mutter Begnadigung erlangte. Der Vergleich ward
durch die Heirat zwischen dem Hertzoge Mars und der Fräulein Emma /die ihm alle
vom Atkorot eroberte Länder zum Heirat-Gute einbrachte / vollzogen. Hingegen
heiratete des Atkorots Sohn und Stul-Erbe Valuscones des Hermions Tochter
Jutta / die Königin Künigundis aber den schönen Ritter Berg-Rose. Hernach
überwand er auch die Sequaner / allwo ihm aber in einer Schlacht gleichfalls das
Pferd erstochen / und er mit vollem Kürass in eine See zu sprengen gezwungen ward
/ biss ihm der Ritter Hanau zu Hülffe kam. Dieser Held hat zum ersten die Weiber
gelehrt die Waffen führen / und die Gewohnheit eingeführt / dass der Mann seinem
Weibe ein gesatteltes Pferd / eine Lantze und Degen zum Mahlschatze liefern
müssen. Also ist Hermion der Grund-Stein der hernach so hoch gestiegenen
Cheruskischen Herrschaft.
    Nach Hermions Absterben ward zwar Suasandufal / ein Fürst der Tencterer zum
Feldherrn erwehlet /nach dem er aber von dem Könige der Russen Geld nahm /
selbtem gegen die Sarmater im Kriege beizustehen / welches die Deutschen ihnen
für verkleinerlich hielten / wieder abgesetzt / und Hertzog Mars /der andere in
diesen Gemälden / von fünf der wählenden Fürsten zu solcher Würde erhoben.
Suasandufal ward hierüber so erbittert / dass er entweder seine Hoheit behaupten
/ oder sein Blut aufopffern wollte. Als nun beide mächtige Kriegs-Heere in der
Nemeter Gebiete auf einander traffen / drang Suasandufal ganz verzweiffelt
durch die geharnischten Hauffen gleich wie ein Blitz durch / biss er persönlich
auf den Fürsten Mars traf / selbten auch nichts anders als ein ergrimmter Löw
anfiel. Dieser verletzte zwar den Mars in Arm / Mars aber schlug mit einer
vorsichtigen Geschwindigkeit seinen Streitkolben dem Suasandufal so starck ins
Antlitz / und verletzte ihn bei das lincke Auge / dass er vom Pferde stürtzte;
Worauf sein Eydam / ein streitbarer Ritter / Nahmens Oetingen /ihm einen so
tieffen Hau in Hals versetzte / dass er mit dem ausspritzenden Blut und Galle
seine Seele ausbliess. O ein herrlicher Sieg! rief Rhemetalces / wo man mit
Schlagung einer Ader so viel Blutstürtzung abwendet / und auf dem Leichensteine
eines mit eigner Hand erlegten Feindes seine Herrschaft befestigt! Ja / fuhr
Malovend fort / wenn sonderlich die Tapfferkeit des Sieges mit Barmhertzigkeit
gekrönet wird /wie Hertzog Mars tat / welcher hierauf alsofort keinen Menschen
mehr zu erschlagen verbot. Zeno fiel ein: diss ist der gröste Sieg / sich
dergestalt selbst zu überwinden / und seinen Stul nicht auf Furcht sondern Liebe
bauen / wormit die Untertanen für ihrem Fürsten / wenn sie ihn erblicken / sich
nicht als für einem blutgierigen Panter-Tiere verkrichen / sondern selbtem als
einem wohltätigen Gestirne Augen und Hertz zu neigen. Diss begegnete diesem
Uberwinder / sagte Malovend. Denn die sich ergebenden Feinde richteten ihm auf
der Wallstadt eine prächtige Siegs-Seule auf; Und weil Hertzog Mars sich der
durch die Wahl ihm aufgetragenen Würde enteuserte / in dem zwei auf des
Suasandufals Seiten stehende Fürsten dazu nicht gestimmet hatten / kamen sie
alle noch einmal zusammen / und erklärten ihn einmütig zu ihrem Haupt und
Obersten Feldherrn. Alleine Hertzog Mars wollte auf einmal sein Geschlechte
allzu mächtig / ihm die Qvaden und Hermundurer untertänig machen / und seines
Vettern des Hertzogens der Alemannier Hertzogtum an sich ziehen; Welches diesen
veranlassete / dass als er bei Ubersetzung des Flusses Ursa seine Gelegenheit
ersah / ihn im Gesichte seiner auf der andern Seite des Stroms zurücke
bliebener Söhne und Hofleute mit Hülffe dreier mitverschwornen Edelleute
tödtete. Dessen Hertzogtum aber ward dennoch des Mars Söhnen zu teile. Also
ist die Herrschenssucht eine rechte Flamme / derer Unersättligkeit von dem
erlangten Uberflusse wächset / endlich aber doch zu einer Hand voll Asche wird.
    Hierauf wurden neun andere Fürsten zu Obersten Feldherrn erwehlet. Denn ob
schon etliche Cridifern des Hertzogs Mars Sohn gegen Dulwigen den Hertzog der
Vindelicher erkieseten / ward er doch in einer blutigen Schlacht / darinnen er
mit eigner Hand funfzig streitbare Männer erlegte / von Hertzog Dulwigen
gefangen.
    Nach hundert und dreissig Jahren kam der Cheruskische Stamm wieder zu solcher
Würde / ist auch biss jetzt dabei blieben. Denn es ward Hertzog Vandal Oberster
Feldherr der dritte allhier in der Reie. Ja seine Tapfferkeit machte ihn im eben
selbigen Jahre zu einem Fürsten der Pannonier und Marckmänner. Und ob wohl
einige Marckmännische Herren / welche in ihrem Gottesdienste der Eubagen auf den
Gründen der Natur befestigten Meinungen / mehr als der Druiden geheimen
Offenbahrungen / denen Vandal zugetan war / beipflichteten / ihn verworffen /
seine Verteidiger von einem Turme herab stürtzten / und den Sarmatischen
Fürsten Micasir zu ihrem Fürsten berufften / so schlug er doch diesen mit Hülffe
des Hertzogs der Hermundurer auffs Haupt / also dass die Sarmater ihn umb Friede
bitten / die Scyten auch /welche in Pannonien eingefallen waren / für ihm
zurücke weichen mussten. Aber seine Herrschaft endigte sich nach zweien Jahren
mit seinem frühzeitigen Tode. Als Malovend mit diesen Worten ein wenig verbliess
/ setzte Fürst Zeno bei: Dieser Held dienet uns zu einem Beispiele / dass
allzugrosses Glücke so geschwinde / als die zwischen den Bergen
zusammenschüssenden Regen-Fluten / vergehen; und dass Fürsten / welche der
Himmel mit so häuffigen Siegen überschüttet / sich denen fallenden Luft- und
Schwantz-Gestirnen vergleichen / welche zwar mit ihrem Blitze den Glantz der
ewigen Sternen wegstechen / in kurtzem aber in Asche zerfallen.
    Diesem folgte in solcher Würde / fuhr Malovend fort / der hier in der
vierdten Stelle stehende Hertzog Ulsing / dessen Mutter Cimburgis / eine
Sarmatische Fürstin / mit flacher Hand einen eisernen Nagel in die Wand schlagen
konnte. Dieser Herr war in der Stern-und Mess-Kunst erfahren; er befliess sich die
Heimligkeiten der Natur zu erforschen / und aller guten Künste Meister zu sein /
derer Friede und Ruhe / wozu ihn eine Zuneigung trieb / bedürftig sind. Seine
fernen Reisen hatten ihm eine ungemeine Klugheit zuwege gebracht / welche er für
die eigentliche Kunst eines Feldherrn hielt. Dahero mangelte es ihm nie an kluge
Ratschlägen / welche sonst meist bei Unglück einem entfallen. Er zohe denen
heftigen und grossen Ruff nach sich ziehenden Entschlüssungen die vorsichtigen
für / als durch welche eine Gewalt sicherer behauptet würde. Denn er hielt es
für eine Schwachheit / nach Art der verwegenen Schiffer / die bei ärgstem Sturme
aus dem Hafen sich auff die hohe See wagen / sich mit tapfern Taten wollen
sehen lassen / umb ihm nur einen grossen Nahmen zu machen / wenn schon das
gemeine Wesen in Unruh / das Reich in Gefahr gesetzt wird. Gleich als wenn die
Tugend nur in Kriegs-Künsten / das Ampt eines Fürsten in der Beschäfftigung der
Tieger und Raub-Vögel bestünde / und ein unsterblicher Nachruhm mit friedsamer
Beobachtung des gemeinen Heils keine Verwandnüss hätte. Diesemnach die besten
Fürsten iederzeit die Ruhe ihrer Völcker der Eitelkeit vieler Siegs-Bogen
fürgezogen / und zwischen dem Ambte eines Fürsten und eines Kriegsmannes einen
vernünftigen Unterscheid gemacht /hierdurch aber nicht nur Ehre genung bei den
Nachkommen / sondern auch Liebe bei den Lebenden erworben hätten. Auff diese Art
beschützte Ulsing seine Herrschaft drei und funfzig Jahr wider viel gefährliche
Anschläge / verursachte / dass viel mächtige Häupter / und insonderheit der
Scytische König von dem Flusse Jaxartes und Paroxamisus ihn mit Gesandschaften
und Geschencken ehrten; ja durch die seinem Sohne Alemann zu wege gebrachte
Heirat mit der Tochter des alten Carnutischen Hertzogs Vercingentorichs / und
dass ihn die Deutschen noch bei seinen Lebetagen zum Feldherrn annahmen /machte
er ihn grösser / als sich keiner seiner Vorfahren durchs Schwerdt. Also
vergrösserte Ulsing sein Haus und Reich durch Klugheit mit besserm Rechte und
Bestande / als viel andere Fürsten / die mit blutiger Aufopferung etlicher
hundert tausend Menschen /Erschöpfung ihrer Schatz-Kammern / Verarmung ihrer
Untertanen / mehrmals nicht hundert Faden Land gewinnen. Dahero denn mit dem
Nahmen des Friedens kein träger Müssiggang bekleidet / weniger bei seinen steten
Kriegs-Ubungen die Gemüter weibisch und schläfriger gemacht / hingegen die
Tugend und guten Künste in Auffnehmen / gesetzt wurden. Wesswegen er alleine so
viel Kräntze von Oel-Zweigen / als ihrer seine Vorfahren von Lorber-Bäumen
/verdiente. Als Malovend über dieser Erzehlung Atem schöpfte / fing Zeno an:
Ich gestehe / dass die meisten Völcker kriegerisch geartet / und die edlesten
Gemüter so voller Feuer sind / dass sie so wenig als Scipio vom Hannibal die
wichtigen Ursachen Friede zu machen annehmen / sondern vielmehr alles auff die
Spitze der Waffen zu setzen / nichts weniger für ihre Pflicht / als für Ehre /
schätzen. Gleich als wenn die Zeit / als die Räuberin ihrer eignen oder
geschenckten Güter / zu unvermögend wäre / dasselbe geschwinde genung zu
zernichten / was sie reiff zu machen keine Mühe gesparet hat. Alleine / wenn man
Krieg und Friede auff eine Wag-Schale legt / es sei gleich jener so
vorteilhaftig / dieser so schlecht als er wolle /müsten auch die / welche
gleich vom Kriege ein Handwerck machen / und auff desselben Ambosse ihr Glücke
schmieden wollen / dem Friede den Ausschlag des Gewichtes zugestehen. Denn nach
dem die Vollkommenheit des Krieges insgemein in Einäscherung der Länder / in
Vertilgung des menschlichen Geschlechts bestehet; also seine Eigenschaft nicht
nur dem rechtmässigen Besitztum zuwider / und der ärgste Feind der Natur und
des Himmels ist / in dem so denn die Väter ihre Eltern begraben / die
Gerechtigkeit der Gewalt zum Fuss-Hader dienen muss / kein Gesetze für dem
Geräusche der Waffen gehöret wird /womit Marius seine Verbrechen wider das
Vaterland entschuldigte; sondern auch kein Sieg so reich ist /dass er die
Unkosten und den Schaden des Krieges ersetzen könne / vielmehr aber Bosheit und
Frömigkeit nach einem Richtscheite gemessen / ja die Tugend selbst übel zu tun
/ und die Treue ungehorsam zu sein genötiget wird; so ist fast wunderns wert /
dass man der Tapferkeit die Ober-Stelle unter den Helden-Tugenden eingeräumt
habe; welche man billich nur für eine Werckmeisterin der eisernen Zeit sollte
gelten lassen / wie der Friede das Kleinod der güldnen ist /welcher als ein
Göttliches Geschencke vom Himmel kommen / dessen Fussstapfen von Oele trieffen /
und dessen Flügel eitel Segen von sich schütten / welcher umb die Welt mit
Uberflusse zu erquicken die Hände an den Pflug und Wein-Stock legt / und der
Handlung alle Gebürge und Seen öffnet. In welchem Absehen die Egyptier den
Frieden in Gestalt eines jungen mit Weitzen-Aehren / Rosen und Lorber-Zweigen
gekrönten Schutz-GOttes mahlen / und darmit seine Glückseligkeiten abbilden.
Wesswegen auch die / welche wider den Frieden eine eingewurtzelte Gramschaft im
Hertzen hegen / zu bekennen genötigt werden / dass der Krieg an sich selbst
nichts gutes / sondern eine Kranckheit des gemeinen Wesens / der Friede aber
desselbten Gesundheit / jener ein Sturm / dieser ein Sonnen-Schein des Glückes /
und wenn der Krieg nicht umb den Frieden zu befestigen angefangen würde /
solcher kein vernünftiges Beginnen / sondern eine Raserei der wilden Tiere sei
/ derer keines doch so blutgierig / als der unversöhnliche Mensch wider seines
gleichen wütet. Wohin die alten Griechen sonder Zweifel gezielet / als sie der
klugen Pallas zwar Helm und Waffen / aber zugleich den Oel-Baum / als das
Zeichen des fruchtbaren Friedens / zugeeignet /dem streitbaren Achilles auch den
friedfertigen Palamedes für Troja an die Seite gesetzt haben. Und bei den Römern
hat die fünfte Legion nur desshalben eine Sau zum Kriegs-Zeichen geführet / weil
man dieses unsaubere Tier denen Friedens-Handlungen zu opfern pfleget. Daher
als die Stadt Aten dieses Absehen des Friedens insgemein ausser Augen gesetzt /
und niemals / als in Trauer-Kleidern /wenn nämlich selbte / nach der Gewohnheit
der stündlich veränderlichen Waffen / grosse Niederlagen erlidten / Friede
gemacht / sie ihr Phocion mit Rechte gescholten / und Rom den Regulus billich
verflucht hat / weil er so hartnäckicht der darumb stehenden Stadt Cartago den
Frieden zu geben widerriet / sich aber dadurch in grausamste Pein / sein
Vaterland in tausenderlei Unglück stürtzte. Wie denn das kriegerische Sparta /
welches den Krieg nicht für den letzten / sondern für den ersten Streich des
Rechtes und den Kriegs-Gott in Band und Eisen angeschlossen hielt / wormit er
nicht von ihnen entfliehen möchte; nichts minder das unruhige Aten / welches
ein ungeflügeltes Siegs-Bild für seinen Schutz-Gott verehrte / zu gerechter
Rache von diesem ihrem Schoos-Kinde in die Römische Dienstbarkeit geliefert
worden. Woraus ich den Römern nichts bessers wahrsagen kann / weil sie anderer
Völcker Laster und Blutstürtzungen nicht nur für ihr Glücke / sondern wenn sie
anderwerts den Saamen der Zwytracht angewehren / für grosse Klugheit halten.
Denn ob wohl insgemein geglaubet wird / dass bei langer Ruh nichts minder die
Tugend weibisch / als das ungenützte Eisen rostig werde / weswegen Scipio Nasica
so sehr die Zerstörung der Stadt Cartago / als des rechten Wetz-Steins der
Römischen Tapferkeit widerraten; so ist doch diss eine auff diesen Irrtum
gegründete Meinung / samb der Friede die Waffen zu unterhalten gar nicht fähig
wäre / und er nach Anleitung einer alten Römischen Müntze die Waffen alsofort
zerschmeltzen müste; Da doch derselben Ubung gar wohl beim Frieden geschehen kann
und muss; und die streitbaren Gemüter sich / wie die Deutschen / in
ausländischen Kriegen können sehen lassen / ohne welche in der Welt fast kein
Fürst eine Leibwache hat / noch einigen Krieg führet. Vielmehr aber sind die
Friedens-Künste zu Befestigung eines Reiches dienlich; Massen denn Sparta acht
hundert Jahr geblühet /ehe es seinen Kriegs-Ruhm und damit auch seinen Untergang
verdienet hat. Endlich verdienet auch die Beisorge / dass der Pöfel beim Frieden
schwürig / das Volck wollüstig / der Adel wegen Mangel hoher Beförderung
unmutig würde / nicht / dass man dem Kriege zu- dem Frieden ablegen solle.
Sintemal so denn nichts minder der Gehorsam als das Wachstum eines Reiches in
der besten Vollkommenheit ist; Weil die / welche etwas zu verlieren haben / für
Aufstand und Unruh Abscheu tragen; Die Unvermögenden aber bei allgemeinem
Schiffbruche sich von den Stücken des gemeinen Wesens zu bereichern vermeinen.
Wenn aber auch aus allzulanger Ruh ein Schaden erwachsen will / ist einem Fürsten
nichts leichter / als dem Müssiggange einen Rocken zu finden / woran er sich zu
tode spinne und der Neuerungen vergesse. Wie ich denn dafür halte / dass die
Egyptischen Könige ihre unnütze Spjetztürme nicht so wohl ihrer Begräbnüsse
halber / weniger aus Aberglauben / dass selbte den Menschen eine Leiter in Himmel
/ den Göttern auf die Erde sein / oder ihr Gedächtnis für einer besorglichen
Ubergiessung der Welt verwahren sollten; Sondern vielmehr um ihre müssige
Untertanen zubeschäfftigen erbauet haben. Gleichergestalt ist glaublicher: Dass
die kostbaren Irrgärte in Creta und Italien zu eben diesem Ende / nicht aber der
Erbauer Schätze zu zeigen / und der Nachbarn Missgunst zu erregen / so kostbar
aufgetürmet worden.
    Malovend pflichtete in allem dem klugen Zeno bei / und erwähnte: Dass der
Feldherr Ulsing um sein Volck so viel besser in Pflicht und arbeitsam zu
erhalten / und dadurch dem Armute / dass es seinen Unterhalt verdienen könne /
Gelegenheit zu verschaffen /viel ansehnliche aber nützlichere Gebäue / denn
vieler Fürsten törichte Wunderwercke gewest wären / in Grund gelegt hätte.
Sintemahl ohne den sichtbaren Nutzen alle Gebäue der Fürsten aberwitzige
Erschöpffungen der gemeinen Schatzkammer / fluchwürdige Bürden der Untertanen /
und schnöde Merckmaale geschwinder Vergängligkeit wären. Diesemnach denn die
drei Wassergraben / welche ein Arabischer Fürst aus dem Flusse Coris / um seine
Sandwüsten anzuwässern / geleitet; Des Selevcus Anstalten das rote- und
Mittel-Meer / wie auch die Euxinische und Caspische See zu vereinbaren;
Ingleichen die vom Pyrrhus und Marcus Varro fürgehabte Zusammenbindung Italiens
und Griechenlands über das Adriatische Meer / des Darius und Xerxes zwei Brücken
über den Hellespont / der Römer Meer-Tämme für dem Lilybeischen Hafen vielmehr
Ruhms verdienen / als die Verschwendung desselben Meders / der das Ecbatanische
Schloss aus silbernen Ziegeln mauren / und Memnons / der zu der Burg in Susa an
statt des Eisens lauter Gold verbrauchen lassen. Wesswegen auch des grossen
Alexanders bei so vielem Glücke ungemeine Mässigung kein geringes Lob verdienet;
In dem er des Werckmeisters Vorschlag anzunehmen nicht gewürdigt / welcher aus
dem Berge Atos Alexanders Bild zu hauen sich erboten / welches / wie ein
Opfer-Priester / mit der einen Hand aus einer grossen Schale einen Fluss
ausschütten sollte / worvon zwei darunter gebauete Städte beströmet werden
könten.
    Rhemetalces fing hierüber an: Es hätte der Erzehlung nach der Feldherr
Ulsing alles so vernünftig eingerichtet / dass er seines Glückes wohl wert
gewest. Ihn wunderte aber hierbei nicht wenig / dass er als ein so kluger Fürst /
der mit so vielen Eitelkeiten angefüllten Sternseher-Kunst beflissen / und bei
dieser unglückseligen Wissenschaft eine so vergnügte Herrschaft geführet.
Sintemal sie warhaftig eine Weissheit der Abergläubigen wäre / und der Schatten
des Unglücks dieselben für andern verfolget hätte / die von dem Lichte der
Gestirne am meisten erleuchtet zu sein sich eingebildet haben. Wie denn
Zoroaster /welchen die Sternseher für ihre Sonne hielten / vom Ninus; Pompejus /
der auf diese Kunst wie auf / einen Ancker sich verlassen / vom Kayser Julius /
als dem kühnesten Verächter dieser und anderer Wahrsagungen / überwunden; Ein
Celtiberischer König / welcher die tiefsten Geheimnisse des Himmels erforschet
und beschrieben / von seinem auf der Erde mehr aufachtsamen Sohne des Reichs
entsetzet / und der so genau-eintreffende Trasyllus auf des Tiberius Befehl
getödtet worden. Malovend begegnete dem Rhemetalces: Hertzog Ulsing hätte von
nichts weniger gehalten / als von der eingebildeten Wissenschaft aus den
Sternen der Menschen künftige Glücksfälle zu erkiesen; sondern er hätte allein
des Gestirnes Stand / ihre Bewegungen und Eigenschaften erlernet; Welche
Wissenschaft einem Fürsten / der einen über den Staub des Erdbodens sich empor
klimmenden Geist besitzen soll / nicht nur wohl anstehet / sondern auch
mehrmahls grossen Nutzen bracht hat. Wie dann Palamedes die Griechen bei Troja /
Alexander für der Schlacht bei Arbelle sein Kriegsvolck / welches bei einer
Mondenfinsternüss in grosses Schrecken verfiel /mit Auslegung der natürlichen
Ursachen mercklich aufrichtete / andere sich dieser Begebenheit zu Stillung des
Auffruhrs meisterlich bedienten. Auch ist niemand so unwissend / dass
unterschiedene Gefangene / durch Ankündigung bevorstehender Finsternüsse / bei
denen barbarischen Völckern ihnen gleichsam ein göttliches Ansehen gemacht / und
dadurch sich aus ihren blutdürstigen Händen errettet haben. Fürsten begreiffen
hiermit auch die Gelegenheit ihrer und anderer Länder; Die bevorstehende
Witterung / und aus der Bewegung der Sonne viel vernünftige Richtschnuren ihrer
Herrschaft. Hingegen hat Nicias und Sertorius aus Unwissenheit der Gestirne und
des Windes grosse Niederlagen erlitten. Archelaus ist für einer Sonnenfinsternüss
so erschrocken / dass er seinem Sohne die Haare abscheren lassen / und sich für
der ganzen Welt verächtlich / Kayser Julius aber durch Auslegung der
himmlischen Richtschnuren und Einrichtung der Jahres-Zeiten sich berühmter
gemacht /als durch seine dem Erdboden fürgeschriebene Gesetze.
    Unser Ulsing aber starb mit nicht minderm Ruhme / im hohen Alter / zu
grossem Leidwesen ganz Deutschlands / sonderlich weil er ihm noch vorher musste
einen Schenckel ablösen lassen. Zeno fügte hier abermals bei: Dieser Fürst
dienet uns zum Merckmahle / dass die Glückseligkeit sich niemanden ohne
vorbehaltene Ehscheidung vermähle; und das Verhängnis einem gar an Leib komme /
wenn jene der Vorsichtigkeit ein Bein unterzuschlagen nicht vermocht hat. Ich
weiss nicht / sagte Rhemetalces / ob man hierinnen dem Verhängnisse / oder nicht
vielmehr den Aertzten die Schuld beimessen solle / derer Unwissenheit durch
unsere Hinrichtung sich erfahren / ihre Verwegenheit aber sich zur Halsfrau über
unser Leben macht. Diesemnach ich diesem klugen Fürsten wohl das Glücke wünschen
wollte: Dass er von eines edlen Feindes Waffen in einem hertzhaften Gefechte fürs
Vaterland einen schönern Todt erlanget / und nicht einem unvermuteten Streiche
seines Feindes dem Schermesser der grausamen Aertzte seine furchtsame Glieder
hätte hinrecken dörffen. Alleine das missgünstige Glücke gönnet insgemein den
tapffersten Helden nicht / dass sie auf dem Kriegsfelde / als dem herrlichsten
Ehren-Bette ihren Geist in dem Gesichte so vieler Tausenden ausblasen; sondern
der Tod hält es vielmehr für einen nicht geringen Sieg / wenn er die grösten
Lichter der Welt durch Kinder-Blattern /durch eine übelgeschnittene Wartze /
oder Hüner-Auge und dergleichen schlechte Zufälle auslescht.
    Malovend fuhr fort / und sagte: Die Deutschen haben insonderheit von einer
blutigen Bahre auch stets mehr als einem madichten Siech-Bette gehalten /auch
lieber etwas mit Blute / als mit Schweiss oder durch kluge Räncke behauptet.
Dahero schlug der fünfte Feld-Herr Hertzog Aleman seinem Vater nicht nach. Er
war behertzt und verwegen / führte auch stets einen lebendigen Löwen an der Hand
/ ja zu Isiniska riss er einem sechsjährigen Löwen den Rachen auff /zohe ihm die
Zunge heraus; der Löw aber blieb für ihm entweder aus Schrecken oder
Ehrerbietung wie ein Lamm stehen. Bei den Eburonern erstach er einen über ihn
springenden Hirsch / bei den Rhetiern einen wütenden Bär / und auff denen ihm
überaus beliebten Jagten erlegte er viel hauende Schweine und andere grimmige
Tiere mit seinem blossen Degen. Wesswegen die Griechen ihn hernach den deutschen
Hercules genannt. In den steilen Gebürgen hat er sich nach Gemsen und
Steinböcken oft so weit verstiegen / dass er keine Rückkehr gewust; mehrmals
haben ihn die abkugelnden Steine und der abschiessende Schnee in höchste
Lebensgefahr gesetzt. Merckwürdig ist von ihm / dass als er einst auff der Jagt
auff der Erde geschlaffen / ihn eine Heidäx ans Ohr gebissen und erweckt habe /
als in seinen eröffneten Mund eine Schlange kriechen wollen. Ist diss wahr /
sagte Zeno /so müsten die Heidäxen ihrer selbst und ihrer Jungen mehr als der
Menschen vergesslich sein. Man hält es für kein Gedichte / antwortete Malovend /
und deswegen soll er eine güldene Heidexe zum Gedächtnisse am Halse getragen
haben. Er war ein Meister in Zweikampff und Turnieren / in den Schlachten fochte
er selbst in der Spitze. Er bewältigte sich der Menapier und Noricher / zwang
die abtrünnigen Marnier und Nervier / nachdem ihn der tapffere Fürst der
Hermundurer Treball / sein und Deutschlands rechter Arm / aus ihren Händen
errettet hatte. Er schlug viel tausend Gallier. Mit den Lepontiern führte er
einen blutigen aber unglücklichen Krieg. Die Bataver aber schlug er auffs Haupt
/ und nahm ihnen ihr ganz Gebiete / ausser etliche in Pfützen ligende Örter
ab. Es ist ein grosses Glücke eines Reiches / sagte Zeno /wenn friedsame und
kriegerische Herrscher in selbtem mit einander abwechseln. Denn so denn
verlernen die Kriegsleute nicht die Ubung der Waffen / der Adel behält seine
Freiheit und Ansehen / die grossen Verdienste bleiben nicht nach / noch ohne
Belohnung /und die im Kriege entkräffteten Länder erholen sich wieder bei der
Ruh; ja auch diss / was man durch die Waffen gewonnen / beraset im Frieden am
besten. Diesem nach denn Rom desshalben augenscheinlich gewachsen / dass nach dem
hitzigen Romulus der sanfte Gesetzgeber Numa gefolget. Dass hierauff der
kriegerische Tullus die Waffen und die Gemüter dieses streitbaren Volcks
geschärffet / und diesen der Baumeister Ancus abgelöset; die Pracht des
Tarqvinius aber nicht nur dem / was Ancus gebauet /sondern auch denen
Obrigkeiten ein Ansehen gemacht. Servius hat hernach durch angelegte Schatzung
denen Römern ihre vorher unbekandten Kräffte gezeiget / und der hoffärtige
Tarqvinius durch seine Grausamkeit diese Wohltat getan / dass das Volck das
unschätzbare Kleinod der Freiheit liebzugewinnen angefangen. Es ist wahr / fuhr
Malovend fort; /Aber der Cheruskische Stamm hat insgemein dieses Glücke gehabt /
dass desselbten streitbarste Fürsten zugleich Meister in den Friedens-Künsten
gewest /und insonderheit durch glückliche Heiraten sich vergrössert haben; Also
dass dieser Stamm den Liebes- in Warheit für seinen Glücks-Stern rühmen kann.
Massen denn auch dieser Feldherr Alemann seinem Sohne Hunnus Diumfareds des
Britannischen Königs Tochter vermählte / welcher mit seiner Schiffart der
grossen Tritonischen oder Atlantischen Eylande bemächtigt hat. Das selbige
Eiland / fragte Rhemetalces / von welchem Plato erzählt / dass es auserhalb der
Seulen Hercules liegen / und grösser / als Asien und Africa zusammen / sein
solle? Ich halte es dafür /sagte Malovend / denn seine Gelegenheit und Grösse
trifft mit ihm ein. Aber sagte Zeno / wird die Erfindung nicht der Stadt
Cartago zugeschrieben? Ich erinnere mich aus den alten Geschicht-Schreibern:
dass nach dem die Cartaginenser ihr Gebiete biss an das Philenische Altar und in
Spanien erstrecket / sie ausserhalb der Gaditanischen Meer-Enge (welche sie
stets mit einer Schiffs-Flotte besetzt gehalten / und ausser selbtem alle
betretende Frembden ersäufft) insgemein nach den Inseln Cassiterides geschifft
hätten. Von dar wäre ein Schiff durch Ungewitter viel Tagereisen weit auff ein
grosses Eyland verschlagen worden / welches hernach durch ihre Fruchtbarkeit /
gesunde Lufft / Anmut / Schiffreiche Flüsse viel Cartaginenser dahin / und ihr
sandichtes von der Sonne und steter Kriegsflame brennendes Vaterland zu
verlassen gelockt hätte; also dass die Suffetes in Sorgen geraten / es würde
Cartago dieser daselbst so gross gemachten Herrligkeit und der stets beliebenden
Neuigkeit halber gar öde gelassen / und ihr Reich dahin versetzt werden.
Wesswegen sie nicht allein bei Lebens-Straffen fernere Schiffart dahin verboten
/ sondern auch den Hanno mit einer Kriegs-Flotte dahin geschickt / welcher die
daselbst niedergelassenen Cartaginenser auff die Schiffe gebracht / und
ungeachtet ihres erbärmlichen Wehklagens / dass sie die kaum gekostete Süssigkeit
dieses neuen Vaterlandes verlassen sollten / zurück geführet hätte. Ausser allem
Zweiffel /antwortete Marcomir / sind die Cartaginenser dahin komen / sintemal
man daselbst hin und wieder Helffenbein / da doch daselbst keine Elephanten sind
/ gefunden hat; und es ist bekandt / dass die Römer zu Cartago noch in dem
Tempel des Esculapius zwei Häute von daselbst gefangenen rauchen Weibern
gefunden / welche eben derselbe Hanno / der ganz Africa umschifft / alle Meere
durchforscht / also leicht das Atlantische Eyland finden können / zum ewigen
Gedächtnis auffgehenckt. Ja man glaubt numehro festiglich / dass der
Cartaginenser Vor-Eltern die Phönicier noch lange Zeit vorhero hinter diese
Eylande (die nichts minder als das Libysche Gebürge und das grosse Meer von dem
Phönicischen Könige Atlas den Nahmen bekommen) in das grosse Reich Kekisem /und
dieselben mittägichten Länder / die von dem Färbe-Holtze teils berühmt sind /
teils gar den Nahmen haben / worvon der Egyptische Priester Santes dem Solon so
viel zu erzählen gewust / gedrungen; als wo biss an die Sudische Meer-Enge man
von ihnen viel Kennzeichen seit der Zeit angetroffen. Insonderheit haben die
Britannier noch in dieser neuen Welt solche Riesen-Gebeine ausgegraben / die
niemanden mehr als den Phönicischen Enackitern und Chettern ähnlich gesehen. Von
diesen Riesen erzählen noch itzige Einwohner / dass ihre Vor-Eltern durch
göttlichen Beistand mitten durch die See für ihren Feinden trocken geführet
worden / und aus den Morgenländern übers Meer dahin kommen wären / prächtige
Gebäue und noch sichtbare Brunnen daselbst gebauet / endlich durch ihre
abscheuliche Laster vom Himmlischen Feuer ihre Vertilgung erholet hätten. Zeno
verwunderte sich / und meldete: Er könnte nicht begreiffen /warum und wie sie in
so sehr entfernte Länder geraten? Ob sie die Sonne auff ihrem Wagen
mitgenommen? Malovend versetzte: zum minsten hat ihnen so wohl die Sonne als
andere Gestirne den Weg gewiesen. Wie denn auch oberwähnter König Atlas für des
Himmels Sohn / des Saturnus Bruder / und für den Erfinder der Sternkunst
gehalten / und geglaubt wird: dass er / oder sein Bruder Gadir zum ersten / die
Phönicier aber mehrmahls / insonderheit unter dem Könige Hiram aus Idumäa / und
mit ihm die Juden dahin gefahren. Die Phönicier hatten auch den Nordstern zum
ersten zum Leitstern ihrer Schiffart erkieset. Die Ursachen liessen sich auch
leicht erraten; nachdem die Phönicier den Notzwang ihrer Flucht aus ihrem
Vaterlande / woraus sie vorher in Egypten / Persien /Bactrian / über den Ganges
und Indus / und das Caspische Meer in Indien und zu den Scyten Volckreiche
Heere geschickt hatten / selbst bei der Stadt Tingis in eine marmelne Säule
gegraben / nehmlich sie hätten für dem Antlitze des Räubers Josua entlauffen
müssen. Ob sie nun zwar ganz Africa überschwemmet / in Spanien Gades / in
Gallien Massilien / die Balearischen / wie auch die Hesperischen und
Cassiterischen Eylande bebauet / so haben sie doch daselbst nicht immer festen
Fuss setzen können; Sondern es haben die Pharusier und Nigriten in Mauritanien
alleine 300. ihrer Städte eingeäschert / und sie die berühmten sieben
glückseligen Inseln / die man von den Cananeern hernach die Canarischen
geheissen / zu bebauen / hernach gar hinter der berühmten Insel Cerne / durch
das von Schilf und Kräutern ganz überwachsene Atlantische Meer neue Länder zu
suchen gezwungen / worvon diese glückseligen Eylande selbst so leer und wüste
stehen blieben / dass die Nachkommen so gar nichts mehr vom Gebrauche des Feuers
gewüst. Diese Phönicier und Gaditaner waren ebensfalls schon ganz Africa zu
umbschiffen gewohnt / derer zerscheiterte Schiffe mehrmals auf der
Mohrenländischen Küste bei dem Eingange des roten Meers gefunden / und aus dem
Zeichen eines Pferdes für Gaditanische erkennet / ja von dem Egyptischen Könige
Necko die Schiffart aus dem Nil biss in das rote Meer gewiesen worden. Der Weg
nach dem eusersten Eylande Tule war ihnen eine gebähnte Strasse; nach dem die
zwei Tyrier Mantinias und Dereillides dahin verschlagen worden / wie die in
ihren Gräbern zu Tyrus gefundene Cypressen-Taffeln und des Antonius Diogenes
Anmerckungen hiervon sattsames Licht geben. Also ihre Reise nach dem
Atlantischen Eylande für kein solch Wunderwerck zu halten / in dem man von den
glückseligen Inseln bei gutem Winde in funfzehn Tagen unschwer dahin segeln kann.
Die Britannier haben diese Länder eben so reich von Golde und Silber / wie sie
Silenus schon dem Midas beschrieben / ja unterschiedene ausgeleerte Ertzt-Gruben
/ und aus den Adern gehauenes Gold /(worvon doch die Innwohner daselbst nichts
gewust /sondern das Gold aus den Flüssen gefischt) nichts minder so dicke Bäume
/ die sechszehn Menschen kaum umklaftern können / und der Phönicier runde Bauart
gefunden. So diente auch für die Phönicier zum Beweise: dass beide Völcker des
Königs Füsse zu küssen / die Haare biss auf den Würbel abzuschneiden / die
Leichen an der Sonne auszudörren / und in Häusern zum Gedächtnisse aufzusetzen /
die Jungfrauschaften ihrer Bräute den Königen aufzuopffern /das Hundefleisch
für köstliche Speise zu halten / den Gott Cham oder Chambal unter der Gestalt
eines schwartzen ein Weib abbildenden Steines zu verehren / selbtem ihre Kinder
beim Feuer zu opffern / beim Beten die Hand auf den Mund zu legen / und aus
ihren Gliedern Blut zu lassen / bei Verehrung ihrer Götter übers Feuer zu
springen / der Sonnen in Gestalt eines Löwen zu dienen gewohnt gewesen / beide
auch die Mitternächtischen Gestirne mit einerlei Nahmen genennt / die letzten
Erfinder der neuen Welt solche in Sitten und natürlichen Dingen aufs genaueste
befunden haben; wie die Alten das Atlantische Eyland abgemahlt. Rhemetalces fing
hierauf an: Dieses sind sicher scheinbare Kennzeichen / dass die Phönicier dahin
gesegelt; aber sollen diese wohl allein in solche Länder kommen sein? Sie rühmen
sich es / sagte Marcomir / und haben deswegen den Hanno unter ihre Götter
gezehlet / auch sein Bild in die Tempel gesetzt. Ja er selbst liess eine Menge
lehrsamer Vögel abrichten und hernach fliegen / welche ihn in der Lufft für
einen grossen Gott ausschryen. Jedoch streiten die Egyptier und Scyten mit
ihnen ums Vorrecht. Von jenen ist bekandt / wie die Egyptischen Priester sich
gegen den Solon gerühmt haben sollen: dass Osiris damals schon für
neuntausend-Jahren die Verwaltung Egyptiens seiner Isis überlassen / die ganze
Welt durchzogen / endlich auch sich dieses Atlantischen Eylandes bemächtigt /
und daselbst seinen Enckel Neptun zum Könige hinterlassen haben sollte. Ferner
sollen zu Tebe an einem Obeliscus / unter dem Verzeichnüsse der Länder / welche
Sesostris und Osmandua beherrschet / auch diese fernen Abendländer begriffen
gewesen sein. Welche Sage nicht allein der Räuber-Inseln Einwohner daselbst
gegen den Allamegan bestätigt haben / sondern der Egyptier Buchstaben / welche
teils allerhand Tiere / teils verworrene Knoten und Schneckenhäuser
abbildeten / kommen auch mit der Schrifft in Kokisem nicht wenig überein. Dieser
Meinung dient nicht wenig zum Behelff: Dass / ob wohl die gar alten Egyptier das
Meer den Schaum des Typhan und das Verderben genennt /die Schiffer für wilde
Menschen / die Fische für Merckmahle des Hasses gehalten / sie dennoch hernach
der Schiffart sich sorgfältig beflissen. Nach dem auch Ptolomeus Evergetes von
einem gestrandeten Indianer die Strasse nach Indien erfahren / hat so wohl er als
seine Gemahlin Cleopatra unterschiedene Flotten dahin ausgerüstet / welche durch
die Meer-Enge zwischen Abalites und Ocelis um das von dem Gewürtze den Nahmen
habenden Vorgebürge nach der grossen Elephanten Insel Menutesias und der
berühmten Handelstadt in Africa / nach Taprobana /nach der Stadt Ganges / in den
güldenen Chersonesus / ja biss zu dem eusersten Eylande Jamboli gefahren /und
viel köstliche Waaren nach Arsinoe zurück gebracht. Der flüchtige Eudoxus ist
für dem Könige Latirus aus dem Arabischen Meere biss nach Gades gesegelt. Nichts
minder wäre ein von dem Egyptischen Könige Nechus aus der Handelstadt Aduli im
roten Meere abgeschicktes Schiff / nach dreijähriger Fahrt umb ganz Africa in
den Canobisschen. Mund des Nilus eingelauffen. Alleine wie für Zeiten die Scyten
denen Egyptiern in ihrem Zwist um ihr Altertum aus wichtigen Ursachen
abgewonnen; Also rühmen sich auch die Hunnen / Fennen / Hellusier / Oxioner /
Satmaler / Fanesier / Chadener / in der eussersten Mitternacht / über dem Berge
Sevo bei dem grossen Meer-Nabel wohnenden Deutschen und die Hyperborischen
Scyten: dass sie von der Nordspitze Rubeas aus dem Eylande Carambutze und Oone /
aus dem Glessarischen Eylande / aus Tule und Kronen über das gefrorne
Amalchische und Sarmatische Meer gelauffen /die Tauten und Mansen auf ihren
Inseln überwältigt /hernach in das östliche Nordteil dieser neuen Welt
/darinnen wie bei den Scyten Elend-Tiere und weisse Bären / die Anbetung der
Sonnen und das Essen der rohen Speisen angetroffen wird / besonders durch Hülffe
ihrer schnellen Renntiere / und derer geschwinde Hirschen überlauffender Hunde
/ gedrungen wären / endlich sich sehr weit gegen Sud gezogen hätten. Dahero die
Einwohner im Vaterlande des roten Färbeholtzes den Hyperboriern / ihre Sprache
der Fennischen nicht wenig gleiche sei. Die Ursachen wären teils ihre
Geburtsart und Gewohnheit / da sie nämlich nirgends lange zu rasten / auch stets
innerliche Kriege zu hegen pflegten / teils / dass ihr Vaterland ihrem
fruchtbaren Volcke zu enge werden wollen / welches dahero sein Reich nach
Uberwindung des Königs Vexoris biss an Egypten ergrössert / und Asien dreimal
eingenomen hätte. Zeno fing hierauf an: Er erinnerte sich nun auch dessen / was
er in Morgenland von den Ost-Scyten gehöret / wormit er deswegen so lange
zurück gehalten / weil ihm unglaublich geschienen / dass das Atlantische Eyland
so weit und ferne sich erstrecken sollte. Nachdem er aber hörte: es wäre grösser
als Asien und Africa / hielte er es eben für das von den Ost-Scyten ihm
beschriebene Land. Diese rühmten sich nun: dass ihre Voreltern hinter Caoli denen
Zipangrern und Goldreichen Chrysen in das westliche Nord-Teil dieser Welt /
welches entweder zusammen reichte / oder / welches glaublicher / nur durch eine
schmale Meer-Enge bei dem Asiatischen Land-Ecke Tabin getrennet wäre / und mit
ihnen die in beiden Teilen gemeinen Hirsche /Bären / Löwen / insonderheit aber
die wunderschönen Vögel einen Weg gefunden hätten. Ihr erster Zug wäre dahin
geschehen von den Tabinern / Apaleern und Massageten / welche für den
Scytischen Menschen-Fressern in diese neue Welt sich gerettet / und von den
Seren an biss an das Vorgebürge Tabin Scytien wüste und öde gelassen hätten /
derer Nachkommen daselbst noch die Tambier / Apalatker und Massachuseten
genennet würden. Das andere mal wären die wilden Moaln / Ungern / Alanen /
Avaren dahin eingefallen / und daselbst ihre Sitten eingepflantzt / dass nämlich
die Chichimecken / Pileosonen / Cherignanen und andere Menschen-Fresser keine
Bärte / und nur im Hinterteil des Kopfs einen Pusch Haare trügen /des Jahres
nur einen Feiertag hielten / nur in beweglichen Hütten wohnten / Pfeile aus
geschliffenen Steinen und Fischbeine brauchten / viel Weiber nehmen und in die
Blut-Freundschaft heirateten / ihre Leiber und Antlitze mit Löwen / Drachen
und Vögeln bemahlten / den Gefangenen die Haut und Haare vom Kopfe ziehen / ihre
veralteten und erkranckenden Eltern und Geschwister tödteten und essen / oder
den wilden Tieren fürwürffen / ihrer Feinde gefangene Weiber nur zum
Kinder-empfangen leben liessen /wormit sie entweder die neugebohrnen / oder noch
zur Unzeit ausgeschnittenen Früchte zu ihrer unmenschlichen Speise bekämen; dass
viel die todten Leichen wider die Kälte in Peltze hülleten / in ihre Gräber
Essen setzten / den verstorbenen Fürsten zu Ehren ihre Knechte / Gesinde und
Gefangenen / derer Zahl sich mehrmals auff viel tausend erstreckte /
schlachteten / ihre Bündnisse mit Blute aus der Zunge und der Hand bestätigten /
ihre Bräute andere vorher entehren liessen / Menschen-Blut trincken / sich mit
vielerlei Federn schmückten / dass sie einen Schöpfer der Welt anbeteten / nebst
dem aber die Gestirne / Feuer /Wasser / Erde und den Wind verehrten / bei ihrer
Sebel und dem Winde schwüren / die Pipeles / ein in Stein gehauenes Weib / so /
wie am Flusse Carambutzis geschehe / mit Blute von geopferten Tieren
bespritzen und selbtes ihnen wahrsagen liessen; endlich ein Stück Tuch zum
Kennzeichen ihres Reichs auffhenckten. Rhemetalces fiel dem Zeno hiermit in die
Rede und sagte: Die Ubereinstimmung so seltzamer und teils unmenschlicher
Gebräuche wäre schwerlich einem miltern Volcke / als den rauhen Ost-Scyten /
zuzueignen / und dahero ein glaubhafter Grund / dass diese ehe als die
West-Scyten und Phönicier sich in diese Länder versetzt hätten. Ja / antwortete
Malovend / aber für die Phönicier streiten /wo nicht grössere / doch
gleichwichtige Ursachen /und der grosse Unterschied / wie auch der unglaubliche
Umbschweiff dieses Eylandes beredet mich festiglich / dass vielerlei Völcker
darein gewandert sind. Denn die im Reiche Kokisem blühenden Künste der Weber-
und Seidenstückerei / der Goldarbeitung / die Bau-Kunst / die tugendhaften
Sitten sind unzweifelbare Andeutungen / dass sie nicht von den rauhen Scyten
entsprossen / sondern die ihnen in allem fast gleichende Serer / die Einwohner
über dem Berge Imaus / die Zipangrier dahin müssen kommen sein. Sintemal die im
Reiche Kokisem selbst berichten /dass für 400. Jahren noch daselbst die wilden
Chichimeken gewohnt / die aber welche die Mittags-Länder bewohnen / und selbte
die vier Ende der Welt heissen / fürgeben: dass für eben so weniger Zeit alldort
kein Acker-Bau / keine Städte / kein Gottes-Dienst / kein Gesetze gewest /
sondern die Menschen bei den Tieren in Hölen gewohnt / Wurtzeln und
Menschen-Fleisch gefressen / und mit Baum-Rinden sich gekleidet hätten. Es habe
aber ihr Vater die Sonne seinen Sohn Manco und Tochter Coya zu ihnen geschickt
/diese wären zu erst beim See Teticaka ankommen /hätten bei dem Hügel Huanacaut
die Haupt-Stadt Cutzko gebaut / und das Volck besser zu leben gelehrt. Dieser
Manco ist der erste Inga / und allem Ansehn nach ein Frembder aus dem
wolgesitteten Asien gewest / weil er und die Ingen seine Geferten eben wie die
Serer weitausgespannte durchlöcherte Ohren gehabt / eben so prächtig als jene
gebaut / und ihre Könige auffs demütigste zu verehren eingeführt; also / dass
auch sein Speichel von einem ihrer Fürsten mit grosser Ehrerbietung auffgefangen
würde. Massen denn auch die Epiceriner in Canada / wie auch die Quantulkaner von
weit gegen Westen entlegenen dahin kommenden in eitel Seide gekleideten
Kauffleuten / und dass bei Quivira mit Gold und Silber hinten gezierte Schiffe /
dergleichen die Zipangrier und Serer führen / gesehen worden / die Californier
von bärtichten in einer andern Welt wohnenden Leuten zu erzählen gewüst. Auch
hätten die / derer See-Macht einst ganz Ophir / alle Ost-Indische Inseln biss an
den Persischen See-Busen und das gröste Teil Scytiens beherrschet / biss sie
bei Taprobana auf einmal achtundert Schiffe eingebüsst / durch das friedsame
Meer /bei denen daselbst steten Winden / gar leicht in Kokisem und das so
genante Land der vier Welt-Ende überschiffen / die Zipangrier aber auf das an
der neuen Welt hangende Land Sesso noch leichter kommen können. Ja die Aricier
und Icenser sollten selbst aus dieser neue Welt auf Schiffen / darauf die Segel
Häute von Meer-Wölffen gewesen / in Ost-Indien gereiset sein. Die Zeit / da die
neuen Bewohner des Reichs Kokisem in die neue Welt angelendet / trifft auch mit
derselben ein / da Uzou / der grosse Scyten König / zwischen dem Caspischen
Meere / dem Flusse Jaxartes und dem Berge Imaus / über diss Gebürge gesetzt / und
an dem Strome Oechardus / Bautisus die Rhabbaneer und andere Nördliche
Ost-Völcker überwunden hat / derer flüchtiger König Tepin sich mit tausend
Schiffen in entfernte Länder geflüchtet / welche Menge Volcks nirgend bessern
Raum als in dieser neuen Welt gefunden / und ein grosses Teil dem in sieben
Völcker zerteilten Gebiete der Novatlaker abgegeben hat. Massen denn auch der
letztere König dieses Volcks / den unser Feldherr Marcomir gefangen bekommen /
selbst auch diese Ankunft seiner Voreltern aus entfernten West-Ländern / ihre
Anländung an dem Californischen Gestade / und ihre Uberkunft / in ausgehölten
Bäumen über den See-Busen in das Land Astatlan erzählt hat. Nichts minder haben
ihn etliche daselbst gewesene Britannier versichert /dass diese Frembdlinge in
diesen Ländern hohe marmelne Türme / grössere und schönere Palläste / als in
Europa wären / gebauet hätten / ihr Feder-Mahlwerck aber wäre ein Wunder in
frembden Augen. Zeno bestätigte es mit der Scyten und Serer Berichte / und
setzte bei: Ihr König nennte sich wie der Serische einen Herrn der Welt / einen
Sohn des Himmels und der Sonnen; Beider Zierraten und Wappen wären Drachen /
Schlangen und ein Regenbogen; beide Völcker drückten mit Mahlwerck und
Sinnen-Bildern aus / was andere mit der Schrifft. Malovend setzte hierauff als
etwas merckwürdiges bei /dass sie / als Hertzog Marcomirs Volck zu ihnen kommen /
gefragt: Ob sie nicht von Osten kämen? weil ihnen ein berühmter Jucutaner Chila
Cambel / und ein ander den Mechoakanern geweissaget: Es würde ein frembdes Volck
aus Morgenland sie überziehen. Rhemetalces fing hierauff an: Ich vernehme aus
dieser Erzehlung / dass die Britannier diese neue Welt mehr als für diesem
einiges Volck erkundigt / und dass solche unter der Deutschen Herrschaft
bestehe. Dahero muss ich meine Gedancken ändern. Sintemahl ich die Atlantische
Insel zeiter für so wesentlich / als die Länder im Monden gehalten / von denen
darhinter liegenden andern Ländern aber das minste gehöret. Nunmehr / sagte
Malovend / ist nichts gewissers; ja es haben seit der Zeit die Britannier und
Bataver nebst unsern Friesen gegen Sud noch eine dritte Welt entdecket / welche
an einem Ende durch zwei Meer-Engen von der neuen Welt und dem so genennten
Feuer-Lande abgeschnitten wird / in der man aber noch zur Zeit nichts als die
steilen Ufer und etliche wilde Menschen erkundigen können. Zeno fing hierauff
an: Wer aber hat den Britanniern den ersten Weg dahin gewiesen / und wie sind
die Bataver und Friesen dahin kommen? Der allgemeine Wegweiser /nehmlich das
Ungewitter / antwortete Malovend / ist es bei dieser letztern Erfindung
ebensfalls gewest. Ich erinnere mich nun / antwortete Rhemetalces / dass ich zu
Rom gehöret / es habe ein deutscher Fürst dem Landvogte in Gallien Q. Metellus
etliche fremde Menschen verehret / welche mit einem Schiffe aus dem grossen
Atlantischen Eylande in die Deutsche Nord-See getrieben worden. Malovend
versetzte: Diss ist Hertzog Herrmañs Vater gewesen / welcher sie vorher von dem
Hertzoge der Friesen bekommen. Er hat aber ihre ungefährliche Anlendung den
Römern nur weiss gemacht / weil selbige Menschen die dahin fahrenden Friesen mit
heraus gebracht. Unterdessen bleibet gleichwohl wahr / dass auff dem Meere die
Schiffe so weit können verschlagen werden. Sintemahl schon für mehr als fünff
hundert Jahren bei der Stadt Treva Atlantische Einwohner angeländet sind /und
andere dergleichen von den Galliern im Aqvitanischen Meere auffgefangen worden.
Gleicher gestalt hat Nocol ein Ligurier / der bei den Britaniern den Ruhm der
letzten Erfindung darvon getragen /Nachricht von dieser neuen Welt von einem
auff der Hibernischen Küste scheiternden Iberier / der durch Sturm auff die
Britannische Insel gediegen / erfahren. Diese Britannier haben sie zwar nichts
minder als vor Zeiten die von Cartago für allen andern Völckern möglichst
verschlossen; aber nachdem die Bataver und Friesen mit den Britanniern ganzer
achzig Jahr Krieg geführet / und ihnen im grossen Meere viel daraus kommende
Silberschiffe weggenomen / haben sie hierdurch den Schlüssel und den Weg auch in
diese neue Welt gefunden / und sich vieler grossen Länder bemächtigt. Es rühmen
sich aber unsere Cimbern /dass mehr als 300. Jahr für dieser letzten Entdeckung
nach Absterben ihres Fürsten Günets sein Sohn Madoch / aus Verdruss der mit
seinen Brüdern entsponnenen kriegerischen Zwytracht / mit etlichen Schiffen
diese jetzt wieder neue Welt erkundigt / ja zweimahl wieder zurück kommen sei /
und immermehr seines Land-Volcks dahin geführet habe. Die Warheit dessen wird
dadurch bestärcket / dass noch jetzt die Gnahutemallier diesen Madoch Zungam als
einen grossen Helden und Halb-Gott verehren. Nichts weniger bescheinigen unsere
Sitonier / die das Nord-Gebürge Sevo an dem grossen Weltmeere bewohnen / dass
ihrer ein gross teil schon für acht hundert Jahren für dem Wüteriche Harsager
sich auff das Eyland Tule gerettet / von dar über eine Meer-Enge in Kronien
oder Grönland / und aus diesem teils zu Lande / teils über einen See-Busen in
die Nord-Länder der neuen Welt kommen wären. Ich wundere mich / hob Rhemetalces
an / dass in dieser Mitternacht nicht nur die Atlantische Insel sondern auch
fernere und grössere Länder so gar kein Geheimnis sind / da doch wir und die
Römer selbst solche für eitel Träume halte / oder doch der Egyptischen Priester
Bericht geglaubt haben / dass die Atlantische Insel durch ein Erdbeben und eine
grosse Ergiessung der Wasser vom Meere verschlungen worden sei. Malovend
versetzte: Es sei nicht zu verwundern / dass dieselbten Völcker / die nicht
selbst dahin kommen / so wenig davon wüsten /weil wegen derselben grossen
Reichtums / in dem man so viel Edelgesteine und Perlen in den Bergen und Ufern
/ so viel Gold im Sande / ja ganze Berge voll Silber daselbst finde / alle
Völcker iederzeit andern die Mitteilung dieser Schätze missgegönnet. Der
berichtete Untergang sei nicht gäntzlich ein Gedichte; Sintemahl die grosse
Atlantische Insel zwar nicht gar wie die Phönicier und Cartaginenser die albere
Welt zu ihrem Vorteil beredet / doch gutenteils zu Grunde gegangen / und in
viel kleine unter und um den himmlischen Krebs-Strich liegende Eylande
zerteilt worden. Dieses sei in der grossen Erdkugel nichts neues / und wären
so wohl die gegen dem Coryschen Vorgebürge und dem Eylande Taprobana Sudwerts
liegende 11000. Inseln für Alters ein zusammen hangendes Erdreich gewest. Diese
neue Welt wäre auch dergleichen Uberschwemmungen offters unterworffen / nachdem
selbte unterschiedene so grosse Flüsse hätte / deren einer die Erde zu ersäuffen
gross genug schiene / und gegen welche die Donau / der Ganges /der Rhein und
Phrat für kleine Regen-Bäche anzusehen wären. Solten gleichwohl die Griechen und
Römer / fing Zeno an / dieses Geheimnis nicht ergrübelt haben? Für beide
streitet / dass ihre Weltweisen aus der Runde des den Monden verfinsternden
Schattens / aus dem unterschiedenen Auffgange der Sonnen / und aus der
Umweltzung des gestirnten Himmels um den unbeweglichen Angelstern / die Runde
der aus Erden und Meer bestehenden Kugel erwiesen / und geglaubt haben / dass
auff selbter die Menschen seitwerts wohneten / und uns die Füsse kehrten. Weil
nun die insgemein kundige Welt nicht einmal die Helffte solcher Kugel begreifft
/ hätten sie ihnen leicht die Rechnung machen können / dass das andere gröste
Teil nicht eitel Wasser ohne Land / solche Länder aber nicht ganz unbewohnt
sein könten. Absonderlich kommet den Griechen zu statten / dass sie mit der Stadt
Cartago mehrmahls in vertraulichem Bündnisse gelebt / dass Menelaus schon durch
das Mittel-Meer um ganz Africa gesegelt / Indien besichtigt und nach acht
Jahren erst wieder nach Hause komen sein solle. Die Könige Selevcus und
Antiochus haben hinter der Caspischen See die Flüsse Rha / Carambucis und
unterschiedene Ufer des Mitternächtischen Weltmeeres entdecket. Nearchus und
Onesicritus des grossen Alexanders Kriegs-Häupter das Indische und Persische
Meer vom Einflusse des Ganges um das Corysche sich weit gegen Sud erstreckende
Vorgebürge biss zum Phrat ausgeforschet / nachdem Alexander selbst auff dem Flusse
Indus ins Meer gefahren / selbtes mit hineingeworffenen güldnen Geschirren
versöhnet /auff dem eusersten Eylande Cilluta der Tetys ein Altar gebauet und
geopffert hatte. Ja Nearchus wäre gar um Africa herum und durch die Gadische
Meer- in Macedonien eingelauffen. Homerus hätte schon von glücklichen Eylanden /
vom Atlandischen Meere und der Insel Ogygia zu singen gewust. Die Römer aber
haben das unwirtbare Gebürge des Caucasus und die Caspischen Pforten nicht
aufzuhalten vermocht / dass sie nicht meiner Vor-Eltern Pontisches Königreich /
das gegen den grossen Cyrus / den schlauen Philip / den grossen Alexander / den
Sopyrion so grosse Taten ausgerichtet / ihnen dienstbar gemacht. Sie haben auch
alle Heimligkeiten der Stadt Cartago und darunter insonderheit die berühmten
Schiffarts-Beschreibungen des Hanno und Himilco /wie nichts minder die
Schrifften des Pyneas von Massilien / der von den Seulen Hercules biss an den Fluss
Tanais alle Länder durchsuchet / in ihre Hände bekommen / alle ihre Schiff- und
Boots-Leute zu Sclaven gemacht; Mit dem Könige Juba / der so oft in die
glückseligen Eylande geschifft / so gute Kundschaft /ja selbst in der
Schiffart so grosse Erfahrung gehabt. Sintemahl bekandt ist / dass die Römer
gegen Mitternacht biss ins weisse Meer in das Vorgebürge Rubeas /und biss in die
Insel Tule / gegen Mittag um ganz Africa gesegelt. Cälius Antipater ist schon
von Ulyssipo biss in das innerste Mohrenland gefahren; Als noch für wenig Jahren
des Käysers Augustus Enckel Cajus auf dem roten Meere zu tun gehabt / sind
daselbst kenntbare Stücke von zerscheiterten Gaditanischen Schiffen / die um
ganz Africa müssen gelauffen sein / angestrandet. Ein freigelassener des Annius
Plocanus / der den Zoll auf dem roten Meere vom Käyser im Bestande gehabt / ist
in funfzehn Tagen bis in den Hafen Hippuros des Eylands Taprobana gesegelt. Zum
Sertorius in Spanien sind Schiffleute aus den glückseligen Inseln kommen / die
ihm das Land und desselben Einwohner dergestalt gelobet / dass er dahin zu fahren
und sein Leben darauf zu endigen bei sich beschlossen. Des itzigen Käysers
Landvogt in Egypten hat noch alle Jahr hundert und zwantzig Schiffe in Indien
geschickt. Ja da Publius Crassus die viel weiter entlegenen Cassiterischen
Eylande entdecket; Welche zienreiche Länder die Cartaginenser so sorgfältig für
ihnen verbargen / dass sie einem Phönicischen Schiffer gerne allen Schaden
ersetzten / der / um einem ihm folgenden Römischen Schiffe nicht den Weg dahin
zu weisen / mit Fleiss an Africa strandete /scheinet ungläublich / dass sie von
dar nicht eben so wohl als die Phönicier in die Atlantischen Inseln sollten
gedrungen sein. Zugeschweigen / dass Elianus Selenus / in seinem Gespräche mit
dem Phrygischen Könige Mydas / ein Eyland von Grösse / Einwohnern /Sitten und
Reichtum dergestalt beschreibet / dass kein Ey dem andern / als selbtes dieser
neuen Welt ehnlich sein kann. Ja weil die Hesperischen Eylande /der Alten
Beschreibung nach / viertzig Tagereisen entfernet sein sollen; müssen sie
notschlüsslich dieselben / welche für dem festen Lande dieser neuen Welt liegen
/ nicht aber die glückseligen sein / von denen die Gorgonischen nur sieben
Tagereisen entfernet sind. Und ich erinnere mich zweier in Ertzt geetzter und in
des Mecenas Bücher-Saale befindlicher Taffeln / derer eine der Milesische
Amaximander / der zum ersten sie erfunden haben soll / die andere Aristagoras
gemacht / und dem Fürsten Cleomenes zu Sparta geschenckt / die dritte Socrates
gefertigt / und dardurch dem so reich begüterten Alcibiades den engen Umkreiss
Griechenlands / und den unsichtbaren Sonnenstaub seiner engen Landgüter zu
Mässigung seines Hochmuts eingehalten haben soll. In diesen habe ich gegen
Africa über grosse Eylande und feste Länder / wiewohl etwas tunckel vermerckt
gesehen. Malovend brach ein: Sollen die Landtaffeln / die ich für gar was neues
gehalten / gleichwohl so alt / auch diese des Mecenas nicht etwa neue
Nachgemächte sein? Zeno antwortete: Ich zweiffele weder an einem noch dem
andern. Denn Mecenas ist in Kenntnüssen der Altertümer so erfahren gewest / dass
er ihm nicht leicht hat etwas auf binden lassen. Griechenland hat auch nichts so
seltzames und wertes besessen / dessen sie diesen grossen Freund der gelehrten
Welt nicht würdig geschätzt / oder zum minsten durch eine gegen ihm ausgeübte
Freigebigkeit ihnen nicht hätten des Käysers Gnade zuziehen wollen. Zumahl auch
die / welche den Mecenas mit etwas beschenckten / mehr Wucher trieben als
Verlust litten; Weil der Genuss dessen / was er besass / fast aller Welt gemein /
und seine Vergeltung stets zweimahl überwichtig war. Die Landtaffeln aber sind
so alt / dass man insgemein glaubt / es sei der von dem Eolus dem Ulysses
verehrte Sack / darinnen die Winde verschlossen gewesen sein sollen / nichts
anders als ein Widderfell gewesen / darauf der Abriss des Mittelländischen Meeres
/ seiner Klippen und Winde gestanden. Malovend begegnete ihm: Es lässet sich
nach eines Dinges Erfindung vielerlei leicht mutmassen / und nach dem
Ausschlage auch Träume zur Wahrheit machen. Ich gläube auch wohl / dass die
Griechischen Weisen ihnen von unbekanten Ländern in dem Gehirne und auff dem
Papiere mancherlei Abrisse gemacht / gleichwol aber darvon keine Gewissheit
erlangt / weniger solche selbst betreten / oder nur ins Gesichte bekommen haben.
Der Römer wegen ist über obiges noch beizusetzen / dass man in der neuen Welt die
Römischen Nahmen Titus und Paulus / ja in einer Silber-Gruben eine Müntze des
Kaysers Augustus gefunden. Alleine beides ist Zweifels-frei von den Britanniern
oder Batavern vorher dahin bracht worden / und kein einiger gewisser Fussstapfen
von einem Römer daselbst anzutreffen / derer keiner auch / wie ruhmrätig sie
gleich sonst sind / das minste hiervon zu melden weiss. Ja ich habe mir selbst zu
Rom sagen lassen / dass die Römer zwar nach Anleitung der vom Hanno verfasseten
fünfjährigen Reise-Beschreibung etliche Schiffe ausgeschickt / welche aber das
wenigste gefunden / weswegen man hernach seinen Ruhm für ein eiteles Getichte
gehalten hat.
    Rhemetalces fing an: Ich bin selbst der Meinung /dass weder Grieche noch
Römer einigen Fuss in diese andere Welt versetzt habe / weil beide ruhmrätige
Völcker entweder hiervon ganz stumm sind / oder allzumässig und zweifelhaft
darvon reden. Mit was für Sorgfalt haben die Griechen nicht auffgemerckt /dass
Dedalus die Sege / den Hobel / das Bleimass /Teodor von Samos das Richtscheit /
den Drechsler-Zeug und den Schlüssel / Perdix nach Anleitung eines Kinnbackens
von einer Schlange den Zirckel / Pentasilea die Axt / die Beotier zu Cope das
Ruder / Isis oder Icarus die Segel / Dedalus die Segel-Stange und den Mast-Baum
/ Piseus die Schiffs-Schnautze / Griphon der Scyte die eisernen Spitzen / die
Tyrrhener den Ancker / Anacharsis die Schiff-Hacken / Tiphys das Steuer-Ruder /
Neptun die Schiffs-Türme / Glaucus oder vielmehr der erste Schiffer Saturn die
Schiffs-Kunst / Proteus das Wassertreten / die Phönicier die Erkiesung beider
Angel-Sterne / Hippius Tyrius die Last-Schiffe / die Phönicier den Kahn / die
Illyrier das Bot / die Cyrener die Renn- die Salaminer die Pferde-Schiffe
erfunden haben. Die Römer wissen nicht sattsam heraus zu streichen / dass
Duillius die anfässelnden Schiff-Tröpfen / Aprippa die alle Mast-Tauen
durchschneidende eiserne Hacken und Sicheln zu seinem Siege erdacht habe. Wie
sollten sie denn die Erfindung einer neuen Welt verschweigen? Wie viel Wesens
haben die Alten nicht von ihren geringen /oder kaum mittelmässigen Schiffarten
gemacht? Dass der Egyptische König Vexoris über das schwartze Meer biss zu den
Scyten / Tanais der Scyten König aus der Meotischen Pfütze biss an den Nil /
Memnon aus Mohrenland in Phrygien gesegelt / wäre ein Wunder-Werck der Vor-Welt
gewest. Dannenhero sie auch die Welt zu überreden gesucht / dass Sonne und Mond
nicht auff Wagen / sondern auff Schiffen ihren Lauff vollführten / die Geschöpfe
von der Feuchtigkeit gezeugt und genähret würden. Wesswegen auch nicht nur in
Egypten / sondern auch zu Rom der Isis Schiffe zum Gedächtnis ein jährliches
Feier begangen würde. Das mit einem geflügelten Pferd bezeichnete Schiff des aus
Griechenland in Lycien fahrenden Bellerophon hat verdient / dass der Aberglaube
sein Kenn-Zeichen nichts minder als das an dem Colchischen Ufer gewesene Schiff
der Argonauten unter die Gestirne versetzt. Nicht nur Jason ihr Haupt erwarb den
Nahmen eines Beschirmers der Griechen wider die See-Räuber / und das Vorrecht /
dass er alleine sich langer Schiffe bedienen dorfte; sondern das wenige vom
Phrixus in ein Widder-Fell eingehüllte Gold ward für einen güldnen Widder / der
Steuer-Mann Tiphys für einen Halb-Gott / sein Nachfolger Anceus für des Neptunus
Sohn / und der stumme Mast-Baum für einen Redner ausgeruffen. Das zerbrochene
Schiff Argos ward auff der Corintischen Land-Enge dem Meer-Gotte zu einem
Heiligtum gewiedmet / und darbei jährlich von ganz Griechen-Lande Lust-Spiele
gehalten. Bacchus / welcher von der Stadt Nysa aus Arabien biss in Indien
schiffte / spannte an seinen Siegs-Wagen Tiger an; Gleich als ob er mit
Bezwingung etlicher Völcker die Natur selbst bemeistert hätte / und richtete an
dem Munde des Ganges auf zwei Bergen so viel Säulen auf / als wenn daselbst das
Gräntzmaal aller Schiffarten wäre. Die Araber und Phönicier preisten ihn für
den Urheber der Schiffart und Kaufmannschaft; für einen Lehrmeister des
Sternen-Lauffs / und verneuerten das Gedächtnis seiner dreijährigen Reise mit
einem jährlichen Feier. Weil aber Hercules sich aus den engen Ufern der
Mittelländischen See wagte / oder auch nur das Eyland Gades erreichte / schämte
sich Griechenland nicht zu tichten: dass er daselbst beide Meere zusammen
gegraben / und die Berge Calpe und Abila nicht so wohl zu seinen Ehren-Säulen /
als zu Gräntzmaalen des Erdbodens / und der verwegenen Schiffer aufgerichtet
hätte. Ulyssens weltberühmte Umirrungen blieben in dem Umkreisse des
Mittel-Meeres. Denn dass er nach seiner Heimkunft vom Neoptolemus wieder
vertrieben / von ihm am Einflusse des Tagus die Stadt Ulyssipo gebaut /
Britannien und Deutschland befahren worden sei / ist einer Griechischen
Erfindung sehr ehnlich. Malovend brach ein: Ich muss den Griechen hierinnen das
Wort reden / weil wir Deutschen aus glaubhaften Merckmaalen darfür halten / dass
Ulysses auf den Rhein kommen sei / und an dessen linckem Ufer bei den
Tenckterern die Stadt Aschburg gebauet habe. Ja auf der Deutschen und Rhetischen
Gräntze ist so wohl Ulyssens Grab / als ein ihm und seinem Vater Laertes
aufgerichtetes und mit Griechischer Schrifft bezeichnetes Altar noch heute zu
sehen. Aber freilich ist von Gades / aus Deutschland und aus Britannien noch
weit in die Atlantischen Eylande. Rhemetalces setzte bei: Die so weit
herrschenden Persier sind noch nicht so weit kommen als die Griechen. Nach
Indien haben sie sich an ihrem eigenen Ufer finden müssen. Das Caspische Meer
hat ihne keine weitere Fart / als in etliche Flüsse verstattet. Darius /
welcher aus der Euxinischen See bis an den Ister geschiffet / und eine Brücke
darüber gebauet / ist noch fast am weitesten kommen. Die Jüdischen Schiffarten
haben in der Ost-Seite von Africa / an dem Prassischen Vorgebürge den
Monden-Bergen gegen über auf dem Eylande Menutesias / Tapabran und dem güldnen
Chersonesus sich geendigt. Wiewol auch zuweilen ein oder ander Schiff fernere
Reisen getan haben mag / ist selbtes mehr aus Zwange des Sturmes als aus
Willkühr der Menschen geschehen. Zumahl die meisten Völcker auch nur an den
See-Ufern / und zwar auch nur des Tages hinzurudern sich getrauet; biss endlich
sie aus dünnen Fellen / dergleichen die Veneter in Gallien noch brauchen /
hernach aus wöllenem Gespinste / endlich aus Leinwand biss auf zwölf Segel
ausgespannet / sich auf das hohe Meer gewaget / und des Tages die Sonne / des
Nachts den gestirnten Bär zum Wegweiser erkieset haben. Malovend setzte bei: Es
wäre schwerlich ein Volck iemahls in der Schiffart so gut als die Deutschen und
Britannier erfahren gewest; daher sie sich über das grosse Welt-Meer nicht
hätten trauen dörffen. Uberdiss taugten die Sternen / als bei trübem Wetter
verschwindende Zeichen alleine eben so wenig / als der Alten kleine / schwache
und langsame Schiffe in die Atlantischen Länder zu reisen. Denn es wäre bekandt
/ dass Semiramis zwei tausend Schiffe auf Camelen in Indien tragen lassen /
welcher König Starobates vier tausend nur aus Indischem Rohr gemachte entgegen
gesetzt. Die Scyten schwärmen auf so kleinen Schiffen herum / dass sie sie des
Winters auf den Achseln in die Wälder tragen und darinnen wohnen. Ja der
Argonauten so berühmtes Schiff soll so klein gewesen sein / dass sie es von dem
Ister in die Adriatische See / oder von der Tanais in das Nordliche Welt-Meer
über Land auf den Achseln getragen haben sollen. Käyser August hat nach der
Schlacht bei Actium aus dem Hafen zu Schömis seine Schiffe auf Wagen fünf
tausend Schritte weit / auf die andere Seite des Peloponnesus / und Cleopatra
die ihrigen aus dem Mittel-Meere ins rote / drei hundert Stadien weit / führen
lassen. Dionysius in Sicilien sollte das erste Schiff mit fünf Rudern in einer
Reihe gebauet haben. Die Römer hätten beim ersten Punischen Kriege nicht einmal
ein solch Schiff gesehen gehabt / sondern der Bürgermeister Appius von einem an
Italien gestrandeten Schiffe der Mohren ein Muster zu seinen neuen nehmen / und
seine Ruderer zu Lande im Sande hierzu üben müssen. Duillius hätte das von dem
hernach gekreuztigten Hannibal eroberte Schiff des Königs Pyrrhus mit sieben
Rudern in einer Ordnung für ein Meerwunder den Römern gewiesen. Dem Eroberer
Siciliens Luctatius hätte man zu Ehren auf eine silberne Müntze ein
fünfrudrichtes Schiff / als einen grossen Werckzeug seines herrlichen Sieges /
gepräget. Zeno versetzte: Seiner Meinung nach hätte es andern Völckern / und
zwar auch den Alten / an grossen und starcken Schiffen nicht gefehlet. Die
Anfangs aus Semden / oder Bintzen geflochtene / oder aus Baumrinde / holen
Bäumen oder Leder gemachten Kahne und Flössen / hätten sich von Jahre zu Jahre
verbessert. Erictetes hätte die zwei / Amimocles die drei /die Atenienser die
vier / Nesicton von Salamine die fünf / Zerazoras die sechs / Mnesigeton die
acht- und zehnrudrichten Schiffe erfunden; Der grosse Alexander noch vier /
Ptolomeus Soter noch fünf Reihen darzu gesetzt. Der Städtestürmer Demetrius wäre
biss auf dreissig / Ptolomeus Philadelphus auf viertzig /Philopater auf funftzig
Ruder-Ordnungen kommen. Uberdiss hätten ihre Vorfahren schon so starcke Schiffe
gebaut / dass man hohe Türme drauf setzen / und von selbten der Wasser-Städte
Mauren übersteigen können. Fürnehmlich aber wäre des Sesostris dem Osiris
gewiedmetes / auswendig mit Golde / inwendig mit Silber überzogenes zwei hundert
achtzig Ellen langes Schiff / wie auch des Philopators eben so langes / acht und
dreissig Ellen breites / und vom Hinterteile nur biss ans Wasser drei und
funftzig Ellen hohes Schiff berühmt / welches mit vier tausend Ruderern / mit
vier hundert Handlangern / und vier tausend Kriegsleuten besetzt / auch mit
zwölf-elligen Bildern vieler Tiere gezieret gewest. Sein Lust-Schiff mit zweien
Hinter- und Vörder-Teilen wäre nicht viel kleiner / aber viel kostbarer gewesen
/ weil fast alles Holtz Cedern / die Säulen der Gänge und die Bette aus
Cypressen / das Pflaster und die Stüle aus Helffenbein / an statt des Eisens
eitel vergüldetes Ertzt / die Knöpffe der Corintischen Säulen aus Golde / der
neuntzig Ellen hohe Mast mit seidenen Segeln und purpurnen Seilen ausgerüstet /
und auf diesem schwimmenden Königs-Schloss so wohl ein prächtiges Heiligtum des
Bacchus / als der Venus /wie auch eine Höle voller marmelner Bilder von seinen
Ahnen gestanden. Noch ein grösser Wunderwerck soll das vom Archimedes gebaute
Schiff Syracusa gewest sein / welches Hiero dem Ptolomeus schenckte. Es hatte
drei Mastbäume / zwantzig Reihen Ruder /sechs hohe Türme / einen eisernen Wall
/ unzehlbare Zimmer / Badstuben / Pferde-Ställe / einen fischreichen Teich /
etliche schöne Gärte / etliche grosse Schleudern / und darunter eine / welche
Steine von drei hundert Pfunden und funfzehn-elligte Pfeile warff. Das darauf
befindliche Heiligtum der Venus war mit Agat gepflastert / die Türen von
Helffenbein / und alles voller Bilder und Säulen. Der andern Zimmer Pflaster
waren kleine vielfärbichte Kieselsteine / welche die ganze Geschichte von Troja
abbildeten. Dionysius flohe aus Sicilien auf einem Schiffe /darauf sechs tausend
Menschen Raum hatten. Lucullus bauete ein so grosses / darauf man jagen konnte
/und Käyser Julius eroberte in der Pharsalischen Schlacht eines / darauf ein
ganzer Wald fruchtbarer Bäume stand. Nichts minder ist die Grösse der Schiffe
ausser Augen zu setzen / darauf Käyser August den nach Puteoli versetzten
Spitz-Pfeiler des Königs Mesphees und einen andern wohl hundert Ellen langen des
Königs Senneserteus oder vielmehr des Psammirtaus nach Rom gebracht und auf den
grösten Platz gesetzt hat. Nichts weniger hat es denen Alten an geschwinden
Schiffen nicht gefehlet; und ist insonderheit des Annibals von Rhodis und ein
ander Cartaginensisches berühmt / welches vielmahl der Römer ganze
Schiffs-Flotte ausgefodert / und durch seine Flüchtigkeit geäffet hat.
Rhemetalces fing an: Ich bin ebenfalls der Meinung / dass hieran das Hindernis
der so fernen Schiffart nicht liege; Ob ich wohl weiss /dass der Deutschen und
Gallier Schiffe aus eitel eichnem Holtze / und zwar mit Fleiss wider Sturm und
Wellen sehr starck gebauet / die Ancker an eiserne Ketten gehenckt / die Segel
aus zusammen geneheten Häuten wilder Tiere gemacht sind. Alleine weil ich aus
Malovends Reden so viel abnehme / dass sie nebst dem Gestirne noch andere
Richtschnuren ihrer Schiffart haben / mögen sie es solchen Vorteils halber
vielleicht andern Völckern zuvor tun. Massen man denn insgemein glaubt: dass die
Cartaginenser dergleichen Kunst gehabt / und die Serer solche noch haben. Es
ist wahr / sagte Zeno: Denn die Serer wissen durch die Wendung eines gewissen
Steines auch in dem untersten Schiffe und bei stockfinsterer Nacht ihre Fart /
wohin sie gehe / zu erkiesen. Aber mögen wir das Geheimnis der Deutschen nicht
wissen? Malovend versetzte: Ich bin wohl weder unter den Fischen noch dem
Meerschweine geboren / und also auch von Natur kein geschickter Schiffmañ;
iedoch meine ich ihnen etwas zu eröffnen / welches zweiffelsfrei auch vielen
derer verborgen ist / die gleich ihnen in einen Edelstein ein Schiff mit einem
verdreheten Vorderteile und ausgespannten Segeln schneiden lassen / wenn die
Sonne im Löwen / Mars und Saturn aber gegen Mittag stehet / und solchen als
einen Glücksstein an dem Finger tragen. Unsere Friesen / sagte er / schmieden
mit ihrem gerade gegen den Mittag gekehrten Antlitze eine stählerne Nadel / und
ziehen den glüenden Drat auf dem Ambosse unter den Hämmern recht gegen sich und
Mitternacht. Dieselbe Spitze hat hernach diese geheime Krafft / dass / wenn man
die Nadel in der Mitte feste / iedoch zum umwenden geschickt macht / sie sich
allezeit gegen Mitternacht wendet / und also ein richtiger Wegweiser der
Schiffer ist. Rhemetalces und Zeno wunderten sich über diesem Geheimnisse nicht
wenig / und fragte dieser: Ob die Krafft dieser Nadel aus natürlichen Ursachen
oder aus Zauberei herrührte. Malovend antwortete: Er hätte das letztere gute
Zeit geglaubt / weil die Friesischen Schmiede ihn versichert hätten / dass wenn
sie die Nadeln ohne Vorsatz der Spitze einem solchen Zug einzuverleiben
schmiedeten / sie auch solcher Krafft nicht fähig würden; Gleich als wenn die
menschliche Einbildung eine Botmässigkeit über die Gestirne hätte / dass sie dem
Ertzte gewisse Würckungen einflössen müsten. Nach dem er aber hätte wahr
genommen / dass alles ausgekochte Eisen / ohne Absehn des Schmeltzers / zweierlei
Stücke in sich habe / derer etliche dem Nord / etliche dem Mittage geneigt wären
/ und daher die entweder in die Lufft gehenckte / oder auff dem Wasser
schwimmende Eisenfädeme sich beständig mit dem einen Ende gegen Mitternacht /
mit dem andern gegen Sud lenckten / glaubte er festiglich / dass dieser Zug aus
einem verborgenen Triebe der Natur / nicht aber aus Zauberei herrührte.
    Beide ausländische Fürsten bezeigten sich über dieser merckwürdigen
Nachricht sehr vergnügt; Rhemetalces aber fing an: Wir sind unvermerckt aus
diesem Forste auffs Meer und aus Deutschland in eine neue Welt geraten / also
weiss ich nicht / ob wir nicht Zeit zur Rückkehr haben / da wir heute nicht gar
hier verbleiben wollen. Malovend versetzte: Es ist so wenig ohne Ursache
geschehen / als dieser sechste Feldherr der grosse Marcomir gemahlet ist / dass
er mit iedem Fusse auff einer Weltkugel stehet / und in ieder Hand eine Sonne
trägt. Denn weil sein Vater Hunnus noch für dem Gross-Vater starb / erbte er von
seiner Mutter alle Britannische Reiche und die Atlantischen Eylande / nach des
Gross-Vatern Tode aber die Deutschen und etliche Gallische Hertzogtümer und die
Würde ihres Feldherrn. Dahero sagte man von ihm / er beherrschte eine zweifache
Welt / und in seinem Gebiete ginge die Sonne nicht unter. Ja seine Herrschaften
waren so gross / dass er seinen Bruder mit dem Reiche der Noricher beteilte / der
ohne diss mit seiner Gemahlin des Königs Lissudaval Tochter der Boyen und Qvaden
Hertzogtümer überkam. Das Verhängnis hatte dem Marcomir gleichsam zwei
irrdische Neben-Sonnen / nehmlich den Salomin der Scyten / und den Usesival der
Gallier und Cantabrer König entgegen gesetzt / wormit er durch beider
Verdüsterung so viel herrlichern Glantz erlangen möchte. Usesival drang nicht
allein über den Rhein / sondern auch in Hibernien / eroberte Farnaboja / Olamin
und Carjoma; sondern er erregte auch wider ihn den Hertzog der Hermundurer und
Catten / ja auch das Haupt der Druyden / unter dem Vorwand / dass er die Barden
und Eustachen zum Untergange der alten Druyden in Deutschland hegete. Alleine
der Feldherr Marcomir schlug die Gallier etliche mahl biss auffs Haupt / eroberte
alle abgenommene Plätze / bemächtigte sich aller Landschaften zwischen der Maass
/ eroberte die Vesontier und Caturiger / kriegte in einer blutigen Schlacht bei
Zitin den König Usesival / an der Elbe der Hermundurer und Catten Hertzog / wie
auch das Haupt der Druyden gefangen. Den Scytischen König Salomin / der seinen
Bruder bei einem von dem Fürsten Jazapol in Pannonien erregten Auffruhre die
Städte Carpin und Bregentio erobert hatte / trieb er von Belägerung der Stadt
Vindomana mit grossem Verlust weg. Ja als Salomin den König in Colchis Assemules
aus seinem Reiche vertrieb / dieser aber zum Marcomir seine Zuflucht nahm /
schiffte er über das schwartze Meer / erlegte den neu eingesetzten Fürsten
Barsabosar / eroberte die Haupt-Stadt Phasia / und befestigte darinnen den
Assemules. Hinter der Atlantischen Insel liess er auff zwei erhobene Stein-Felsen
zwei grosse Colossen aus Ertzt / einen der Sonnen / den andern dem Monden zu
Ehren auffrichten / und zur Andeutung / dass ihm seine Reichs-Grentzen noch viel
zu gedrange wären / mit göldner Schrifft darauff etzen: Der Zirckel der Sonnen
ist der Tugend zu enge / und des Monden zu niedrig. Dieser Uberschrifft / sagte
Zeno / klebt sicher mehr Hochmut an / als den Tränen des grossen Alexanders /
der darum geweinet haben soll / dass mehr nicht als eine Welt zu seiner Besiegung
verhanden sei. Malovend versetzte: Derogleichen Auslegung hat Marcomir schon
selbst verschmertzen müssen / indem einige über seine Seulen einen Krebs gesetzt
mit der Uberschrifft: Auch die Sonnen gehen den Krebsgang; Andere eine Schnecke
/ die ihr Schnecken-Haus trug mit dem Beisatze: der Atlas träget nicht allein
seinen Himmel. Aber Marcomir hat nicht Ursache sich seiner Schrifft zu schämen /
sondern vielmehr seine Siege des grossen Alexanders fürzuziehen. Denn er erfand
und eroberte die überaus grossen Länder Kokisem und Rupe / in welche man alle
von den Griechen iemahls bezwungene Königreiche setzen kann. Er kam biss an das
andere Gestade des grossen Ost-Meeres / und erlangte diss / wornach der
unersättliche Alexander vergebens seuffzete. Er entdeckte das Silbervolle
Gebürge Opisot / erfüllte Britannien mit Golde / und die Welt mit Perlen.
Rhemetalces fiel hiermit geschwinde ein: Ich sehe wohl Malovend ist zeitlich
unser Meinung worden / und er rühmet nunmehr / was er für kurtzer Zeit
verworffen. Dahero würde er schwerlich seinem Marcomir eine solche Schand- und
Fluch-Seule auffrichten / wie Technas in dem Tebanischen Tempel dem Könige
Menis /darum / dass er bei denen vor dürfftigen Egyptiern den Gebrauch des Geldes
eingeführet hatte. Zeno fing hierauff an: Ich lerne in Deutschland mehr / als
ich iemahls zu Rom erfahren / und bin so vielmehr begierig von dem sonst so
sparsamen Malovend die Beschaffenheit dieser so reichen neuen Welt zu vernehmen;
insonderheit: ob man darinnen auch ansehnliche Städte / wie bei uns / finde?
Malovend antwortete: in der Menge und Festigkeit zwar nicht / aber an Grösse und
Beqvemligkeit geben sie den unsrigen nicht nach /und hätte Marcomir eine in
einer saltzichten See gebauete erobert / welche ihrer Beschreibung nach der
Stadt Rom wenig nachgeben müste / weil sie sechzig tausend Häuser hätte / und
alle Jahr ihrem Abgotte sechs tausend ihrer Kinder schlachtete. Wie nun Zeno und
Rhemetalces hierüber ihre Verwunderung mercken liessen / sagte Malovend: diese
Stadt wäre von Marcomirn noch unglaublich vergrössert und verbessert worden.
Aber / sagte Zeno: ist denn die abscheuliche Abschlachtung der Menschen auch
über das grosse Meer gesegelt / und bei diesen fremden Völckern eingewurtzelt?
Malovend antwortete: In allewege /und zwar nirgends mehr als allhier / wo man
Kinder zu tausenden schlachtet / und da es ganze Völcker gibt / welche wenig
anders als Menschen-Fleisch speisen. Jedoch wäre diss von diesen wilden Leuten
nicht so sehr zu verwundern / weil sie vermutlich nicht allein die
Cartaginenser in dieser Grausamkeit zum Wegweiser gehabt / sondern auch solche
bei denen Völckern / die für die sittsamsten wollten angesehen sein / eingerissen
wäre; und noch darzu für ein Gottesdienst gehalten würde. Sintemahl die
Phönicier dem Saturn die Stadt Heliopolis der Juno / die Blemies der Sonne /
andere andern himmlischen und vermeinten gütigen Göttern ihre liebsten Kinder
schlachteten; da doch diese Greuel-Tat denen höllischen Geistern zu abscheulich
sein sollte / welchen die grausame Königin in Persien Amestris und andere nur
fremde Menschen geopffert hätten. Wie aber der Römische Rat den Griechen die
Menschen-Opfferung abschafte / und die Vestalischen Jungfrauen an derselben
statt alle Jahr dreissig aus kleinen Baum-Ruten geflochtene Bilder in die Tieber
werffen /Amasis an statt der Menschen-Verbrennung in Egypten Wachs-Kertzen
anzünden liess; also hat auch Marcomir durch Einführung der Druyden und ihres
jetzt sanften Gottesdiensts diese neue Welt von ihren unbarmhertzigen Göttern
und dem grausamen Aberglauben erlediget. Marcomir fing hierüber an: In Warheit
Marcomirs Taten sind den Siegen der männlichen Semiramis und des grossen Cyrus
fürzuziehen. Malovend bestätigte es und meldete / dass auch die Deutschen diesen
Marcomir für ihren andern Hercules hielten / und die Cherusker wären selbst
miteinander zwistig / ob sie dem grossen Hermion / dem Uhrheber ihrer Hoheit /
oder dem Marcomir den Vorzug enträumen sollten. Rhemetalces sagte: Es ist so
schwer zu einem grossen Reiche / als in die Tieffe des Meeres einen Grund legen
/ gleichwol aber hat beides kein solch Ansehen / als was hernach mit minderer
Müh in die Luft getürmet wird. Hingegen lässet sichs leichter weiter gehen / wo
der von den Vorfahren gezogene Faden einen leitet / und der Eltern Fussstapfen
einem den Weg weisen. Ja / sagte Zeno / die Uhrheber eines Reichs behalten
insgemein wohl den Ruhm / und zwar billich; wenn aber der Anfänger nur einen
Entwurff zum Zwerge gemacht hat / hingegen der Nachfolger hernach einen Riesen
bildet / oder ein durch seine Veralterung gleichsam verfallenes Reich wieder ans
Bret bringt / ist dieser mehr / als jener / für den Uhrheber eines Reichs zu
rühmen. Dahero auch die Römer dem Kayser August diese Ehre zueigneten /und ihn
Romulus zu nennen entschlossen waren. Marcomir brach ein: Ich halte diesen Ruhm
für ein Urtel der heuchelnden Dienstbarkeit / und den August wohl für einen /
der durch seine Künste die Römische Freiheit zu Boden getreten hat / nicht aber
dem Romulus gleiche / noch für einen Uhrheber selbigen Reiches. Sintemal er zwar
unzehlbare Römer abgeschlachtet /das Reich aber wenig oder nichts vergrössert;
auch alle seine Siege durch den Antonius / Agrippa / und andere ihn vertretende
Krieges-Helden erhalten hat. Da aber die Gewalt des Rats ihm alleine zueignen
eine so grosse Sache wäre; warumb wäre nicht vielmehr Sylla oder Kayser Julius
über ihn zu stellen? Malovend fiel ihm bei / und meinte: dass unter allen Römern
keiner an Helden-Taten dem Julius zu vergleichen wäre; ja er glaubte / dass er
den Nahmen des grossen für Alexandern verdiente. Rhemetalces fing an: Sein Stamm
rührte zwar vom Lysimachus des grossen Alexanders Feldhauptmanne her; aber die
Tracier und Macedonier wären einander niemals hold gewest / und Lysimachus
hätte auch den Pyrrhus aus Macedonien gejagt; also seine Meinung hoffentlich
niemanden verdächtig sein würde. Diese aber ginge dahin / dass Julius Alexandern
nicht das Wasser reichte. Zeno lächelte / und fing an: Es liesse sich zwar über
zweien so berühmten Helden schwer den Ausschlag geben / und wäre diss ein
berühmter Zwist der Römer und Griechen; gleichwol aber hielte er unvorgreifflich
den Julius / wo nicht höher / doch Alexandern auffs wenigste gleich. Rhemetalces
antwortete: Die Götter hätten durch den Traum seiner Mutter Olympia / durch die
in seiner Geburts-Nacht geschehene Einäscherung des Ephesischen Tempels / und
andere Wunder / schon Alexanders künftige Grösse angedeutet. Kayser Julius hätte
Alexandern selbst die Ober-Stelle enträumet / da er bei seinem Bilde zu Gades
bittere Zähren vergossen / weil er in dem Alter / da Alexander schon die Welt
bezwungen gehabt /noch wenig ruhmbares getan hatte. Zeno versetzte: Wenn aus
Träumen und Wahrsagungen etwas zu entscheiden wäre / würde auch für den Julius
anzuziehen sein / dass er seine Mutter beschlaffen zu haben geträumet; welches
für die Uberwältigung der allgemeinen Mutter der Erde ausgelegt worden. Sonst
wäre zwar Alexander jenem in den Jahren zuvor kommen; hingegen habe dieser seine
Langsamkeit / wie die langsame Aloe-Staude / welche in einer Nacht einen höhern
Blumen-Stengel / als die Ceder in etlichen Jahren / treibt / mit Grösse seiner
Wercke einbracht. Die sich langsam aufftuenden Gewächse und Gemüter wären
besser oder zum minsten tauerhafter /als frühzeitige Früchte und sich
übereilende Geister. Ihr Lauff gleichte den Schwantz-Gestirnen / die alle
Gestirne überlieffen / aber gar bald eingeäschert würden / wie es Alexandern
ebenfalls begegnet wäre. Jedoch wäre Julius nicht deswegen / dass er sich so
langsam auffgetan hätte / sondern weil er vorher viel dem Alexander nicht im
Wege stehende Schwerigkeiten überwinden müssen / etwas zurück blieben.
Dannenhero denn die dem Julius von der Tugend ausgepresste Tränen / so wenig als
die / welche Alexander bei Lesung des Homer über den Taten Achillens vergossen
hätte / seinem Ruhme abbrüchig sein könten. Hätte Alexander über den Siegen
seines Vaters geeifert; so hätte Julius über dem Glücke des Sylla geseufzet /
von welchem dieser wahrgesagt / dass dieser Jüngling mehr als einen Marius im
Busem stecken hätte. Beide wären zwar Liebhaber der Gelehrten gewest / und
hätten den Wissenschaften obgelegen. Wie hoch hätte nicht Alexander den
Aristoteles geschätzt / und des Pindarus wegen hätte er nicht nur bei Eroberung
der Stadt Tebe seiner Nachkommen Häuser / sondern auch die Bürgerschaft
erhalten. Aber hierinnen wäre ihm Julius weit zuvor kommen. Er hätte die
Weltweissheit nicht nur geliebt / sondern ihm nütze gemacht. Bei dem Begräbnüsse
seiner Mutter Julia / bei der Verklagung des Dolabella / bei Lossbittung der
Catilinischen Mit-Verschwornen hätte er mit seiner Beredsamkeit grosses Ansehen
erworben. Was er des Tages rühmlich getan / hätte er des Nachts zierlich
geschrieben. Rhemetalces antwortete: Alexander wäre ebenfalls gelehrt und
beredsam gewest / aber sie sehen beide hier nicht als Weltweisen /sondern als
Kriegs-Helden an. Zeno fragte: welcher Held ohne die Welt-Weissheit zur
Vollkommenheit kommen könnte? Diese wäre der Leit-Stern der Tapferkeit / und die
Mutter der Vergnügung. Aber / sagte Rhemetalces: Ist dieses eine wahrhafte oder
verfälschte Weissheit / wenn Julius nur des Epicurus wollüstige Meinungen fasset
/ wenn er weder Götter noch die Unsterbligkeit der Seelen glaubt / und bei
Belägerung Marsiliens an einen ihm am Wege stehenden Baum / den die Druyden von
viel hundert Jahren her den Göttern eingeweiht / die Kriegsleute aber selbten
nur anzurühren Abscheu hatten / zum ersten die Hand und die Axt anlegt? Welchen
Unglauben er aber mit seinem Tode gebüsst / als er seinen und seiner Calpurniä
Unglücks-Traum / des Spurinna und anderer Priester Warnungen verächtlich in Wind
geschlagen. Hat sich Julius nicht in stetigem Schlamme der Geilheit geweltzet?
des Sulpitius / des Gabinius /des Crassus / Pompejus / Bogudes und Brutus
Ehbette durch Ehbruch beflecket? Hat er nicht mit Cleopatren Ehre / Leben und
Vaterland in Gefahr gesetzt? und das Beginnen mit dem Nicomedes läst sich kaum
sagen. Also ist das scheinbare Gute am Julius nicht so wohl Tugend / als ihre
Larve gewest; welche so vielmehr schädliches Gift an sich hat / ie näher sie
der Tugend komt / weil sie so denn / wie die sich mit schönen Sternen deckenden
Schlangen / desto mehr Unheil zu stiften vermag. Rhemetalces meinte: Es würde so
wohl in einem als dem andern ihm zu viel beigemessen / und Er hätte sich niemals
wie Alexander für Jupiters Sohn und selbst für einen Gott ausgegeben. Das
letztere aber wäre die gemeine Schwachheit der Helden / welche Alexandern
ebenfalls in seiner gegen die Barsine / Roxane und Tais / ja gar gegen den
Bagoas geschöpften Brunst befallen hätte. Rhemetalces versetzte: Die Beteuerung
seiner Mutter / der Glaube seines eigenen Vaters / die Heuchelei der Ammonischen
Priester / der Wahn damaliger Zeit / und das übermässige Glücke hätte Alexandern
leicht bereden können / dass sein Ursprung aus dem Himmel wäre / dessen Götter
damals so viel sterbliche Söhne auf Erden hatten / wo es anders nicht eine
Staats- war / bei denen abergläubischen Völckern sich durch solchen Ruhm in
desto grösser Ansehen zu setzen. Zeno brach ein: Sie schritten von ihrem ganzen
Zweck ab / wenn sie dieser zweien grossen Helden Ruhm durch Erzehlung ihrer
Gebrechen verdüsterten / derer Verdienste einen solchen Glantz hätten / dass
selbter so wenig / als die Sonne ihre Flecken /und die über den Monden erhobene
Gestirne ihren Schatten sehen liessen. Ein grosser Geist hätte keinen
einkommentlichern Haushalter als die Freigebigkeit /und keine schönere Gemahlin
als die Freundschaft. Julius aber habe mit seinen Geschencken nicht nur das
Römische Volck und das Kriegs-Heer / sondern auch frembde überschwemmet / Rom
und andere Städte mit kostbaren Gebäuen gezieret / und ausländischen Königen die
Gefangenen zu tausenden frei gelassen. Julius hätte zwar mit niemanden so gar
vertraute Freundschaft / wie Alexander mit dem Ephestion und dem Craterus
gepflogen / iedoch hätte er mehrmals des Königs Micipsa Wort im Munde gehabt /
dass gute Freunde eine sichere Hülffe / als Heere und Schätze wären / und daher
unter freiem Himmel geschlaffen / wormit sich Oppius des engen Wirts-Hauses
bedienen könnte. Seinen Freunden hätte er das gröste Unrecht verziehen; seine
Freundschaft wäre niemanden so gefährlich gewest / als Alexanders / der dem
Clitus und andern vertrautesten das Licht ausgelescht / ja aus blossem Verdachte
den hochverdienten Parmenio und unschuldigen Philotas vorher auf die Folter
gespannet hätte. Es ist wahr / sagte Rhemetalces. Aber ist das zu seiner Tochter
Gedächtnis dem Volcke gegebene Mahl / sind die bei erlangtem Bau-Ambte
auffgewendete Unkosten nicht mehr eine Verschwendung? Hat er durch seine
Begabung den Curio und andere nicht bestochen / und ihnen die gemeine Freiheit
abgekaufft? Alexander hingegen schenckte aus einer blossen Grossmütigkeit denen
/ von welchen er nichts als eine Dancksagung zu gewarten hatte; Mahler /
Bildhauer / Tichter und Weisen liess er in den Schätzen des überwundenen
Morgenlandes teil haben. Und diss / was er seinen besiegten Feinden dem Porus
und Taxiles gab / waren grosse Königreiche. Alexander hätte im Eifer / welcher
bei den Gütigsten meist am feurigsten wäre / zuweilen sich übereilet; aber diese
Scharte hernach durch ganze Meere voll Woltaten und Bereuungs-Tränen
ausgewetzt; und / wenn es der weise Calistenes und das seufzende Heer nicht
verwehret / sich selbst durch Entaltung vom Essen zu Tode gegrämet. Ja er hätte
bei strengem Froste einem halb erfrornen Kriegsknechte seine Königliche Sänfte
abgetreten / und ihn daselbst wieder zu rechte bringen lassen. Den Achilles
hätte er bei seiner Säule glückselig gepriesen / dass er am Patroclus so einen
treuen Freund gehabt hätte. Marcomir brach ein: Er hielte dafür / dass Julius zu
Rom / und Alexander in Griechenland die Ober-Stelle verdiente / und dass beide
/wie die Sonne / wenn sie mit dem Monden den Kreis verwechseln sollte /
anderwerts nicht so hoch würden kommen sein. Alexanders gar zu grosse
Freigebigkeit würde sich selbst unzeitig / ihn bei Zeite dem Römischen Rate
verdächtig / sein hoher Geist ihn geschwinde zu einem Catilina oder Manlius
gemacht /seine Empfindligkeit dem Sylla die Stirne zu bieten veranlast; der
behutsame Julius aber nimmermehr mit fünff und dreissig tausend Mann und mit
siebentzig Talenten den grossen und reichen König der Persen /für dessen einigem
Land-Vogte Griechenland zitterte /anzugreiffen / und Asiens Eroberung gewagt /
sondern vorher sich seiner zweifelhaften Nachbarn versichert; seine Gräntze an
dem Flusse Granicus behauptet / seine Sorgfalt in der Nacht für der Schlacht bei
Arbelle nicht so feste geschlaffen haben. Sein Kummer eines zweifelhaften
Ausschlages / welcher dem Pompejus so oft den Frieden anbot / hätte des Darius
angebotene Tochter mit sechs Ländern unfehlbar angenommen. Und deswegen meinte
ich diesen Streit unvorgreifflich dergestalt zu entscheiden / dass Julius ein
wenig mehr Gehirne / Alexander aber ungleich mehr Hertze gehabt habe.
Rhemetalces versetzte: Das letzte ist ausser allem Zweifel. Denn / in was für
Gefährligkeiten hat sich Julius gewaget? Die Geschwindigkeit der Nervier / und
die Not bei Alexandria setzten ihn wider seinen Willen in einen zweifelhaften
Stand. Und hätte ihn Labienus beim ersten nicht entsetzt / wäre es umb ihn
geschehen gewest. Alexander aber ist mit einem Löwen-Mute der Gefahr mehrmahls
vorsätzlich entgegen gegangen / und hat ohne weniger Schrecken als Brutus dem
Tode das blaue in Augen gesehen; Da hingegen Julius insgemein das gewisse
gespielet / und so wenig als Parmenio in der grossen Schlacht mit dem Darius
alles auf die Spitze gesetzt / weniger sich alleine in die Stadt der Maller
unter so viel tausend Feinde gestürtzt haben würde. Alexander wäre allhier und
sonst unterschiedene mahl / Julius aber niemahls gefährlich verwundet worden.
Zeno brach ein: weil ein Vernünftiger niemahls / als in unvermeidlicher Not /
in der Verwegenheit / wie kluge Aertzte bei verzweiffelten Kranckheiten aus
gefährlicher Artznei sein Heil suchen sollte / wüste er nicht: ob Alexander
seiner Kühnheit / oder Julius seiner Vorsicht halber mehr zu rühmen wäre.
Wiewohl dieser unter den See-Räubern / beim Ungewitter / und / ungeachtet aller
Unglücks-Zeichen / fürgenommener Schiffarten gleichfalls erwiesen / dass keine
Furcht in seinem Hertzen Raum hätte. Rhemetalces begegnete ihm: Die Verwegenheit
wäre das Saltz der Tapfferkeit / und ohne derselben Beisatz wäre kein Held ein
grosser Eroberer worden. Alexander aber hätte in zwölf Jahren mehr Landes / als
die Römer in siebenhunderten / und alle vorige Reiche in mehr als Tausenden
gewonnen. Ja / sagte Zeno: Aber er hat mit den Weichlingen des wollüstigen
Asiens zu kämpffen gehabt. Rhemetalces antwortete: Und Julius mit den reichen
und feigen Galliern / welche weder Waffen noch Schlacht-Ordnung verstanden.
Diese hat er alleine bezwungen; Denn alles andere des Römischen Reichs war ein
Gewin der Scipionen / der Meteller /des Marius / des Sylla und des Pompejus /
welche in sechs hundert Jahren zusammen gewachsene Macht ihm wenig Stunden der
Pharsalischen Schlacht zueigneten. Alexander aber hatte in Persien und Indien
mit keinen Weibern zu tun / sondern mit Völckern /derer eines nur den Crassus
erschlagen / den Antonius überwunden / und das noch jetzt der Römischen Macht das
Gewichte hält. Und es kann so wohl für Alexanders Klugheit als seine Tapfferkeit
kein herrlicher Merckmaal sein / denn dass alle seine Kriegs-Obersten / die aus
seiner Schule kommen / grosse Kriegs-Helden und kluge Könige worden.
    Zeno fing an: Er gestünde gerne / dass Alexanders Taten mehr Glantz hätten /
aber des Julius nicht wenigern Kern. Jenen hätte er als ein Bürger zu Rom mehr
verstecken / und das Gold seiner Vermögenheit mit was unansehnlichem überfirnssen
müssen. Sein Krieg wider den Petrejus und Afranius in Spanien wäre ein Begriff
der vollkommensten Kriegs-Wissenschaft; Die Belägerung der Stadt Alesia ein
Wunderwerck / und ein Muster / davon alle nachfolgende Belägerungen nur
Stückwercke entlehnen; Die Schlacht bei Munda wäre die schärfste Prüfung seiner
Hertzhaftigkeit gewest. Ich gestehe / antwortete Zeno / mit dem Redner Tullius
/ dass Julius der erste unter den Römern sei / aber Alexander sicherlich unter
den Helden insgemein. Julius beobachtete sorgfältig die sichere Mittel-Bahn;
Vernunft und Vorteil waren seine Wegweiser / wie Alexanders die Ehre und seine
Neigung. Alles sein Absehn ging über die gemeinen Schrancken. Er hielt es für
eine Schande mit Ohnmächtigen kriegen. Auf der Jagt fällete er nichts als Löwen
/ und er war niemahls unerschrockener / als wenn andere aus Zagheit
verzweiffelten / oder auch die behertzten aus anderer Schwachheit sich
verloren. Die wildesten Barbarn verehreten ihn / und die Uberwundenen liebten
ihn mehr / als sie ihn vorher gefürchtet hatten; ja er hatte weniger zu tun mit
ihrer Erlegung / als es ihn Mühe kostete / sie für Untertanen anzunehmen; und
mit einem Worte: Er war zu einem Herrn der Welt geboren. Malovend fing an: In
Warheit alle entfernte Völcker / welche nur seine Taten erzählen hören / und
darunter auch unsere Deutschen und Gallier / haben ihn durch Gesandten zu
Babylon dafür verehret; Und der weltberühmte Hannibal hat ihm die erste Stelle
unter allen Helden eingeräumt. Zeno fiel ein: ja / und nach dem Pyrrhus hat
Hannibal ihm den dritten Platz zugeeignet. Alleine als ihn Scipio gefragt: wo er
sich hinstellen wollte / wenn er den Scipio überwunden / hätte Hannibal sich über
alle zu setzen vermeint. Da nun aber Julius dem Scipio vorginge / könnte nach
Hannibals Urtel Alexander nicht dem Julius vorgezogen werden. Marcomir nahm
wahr / dass dieser Einwurf eine Gelegenheit zu einem neuen Zwiste geben würde;
daher er / um selbten zu unterbrechen / anfing: Es würde Malovend seines
Marcomirs drüber vergessen / welcher Alexandern und dem Julius den Lorberkrantz
nicht wenig zweifelhaft machen würde / wenn die Zeit und die ihm als einem
Deutschen dissfalls gebührende Bescheidenheit ihn von einer umständlichen
Vergleichung nicht zurücke hielte; die aber aus Malovends Erzehlung unschwer zu
machen wäre. Es hätte iedwedes Volck und eine iegliche Zeit Beispiele der Tugend
/ welche Frembden und der Nachwelt ein Licht zu geben würdig wären. Er wüste
aber nicht / ob die Missgunst oder das Verhängnis Schuld daran wäre / dass man
neue und einheimische Sachen mit unachtsamen Augen übersehe / und nur alte und
frembde hoch hielte. Er stellte dem Zeno und Rhemetalces alleine zu bedencken
anheim: dass Marcomir viertzig Schlachten gewonnen /und siebentzig Kriege
geendigt habe; dass er sechs mahl in Britannien / sieben mahl in Sarmatien / zwei
mahl in Colchis / vier mahl in Gallien / zehn mahl in Pannonien gewesen / und
eilf mahl übers Meer gefahren sei. Wo aber für etwas sonderlichs zu schätzen
wäre; wenn ein Fürst durch Gemüts-Mässigung seiner Herrschaft ehe / als das
Verhängnis / ein Ziel steckte / so würde Marcomirs Beschluss / welcher alle
Wercke krönete / dem Alexander und Julius auser zweifel den Vorteil abrennen.
Denn jener wäre von seinen Freunden durch Gift / dieser durch das kalte Eisen
aufgerieben worden / als beider unersättliches Gemüte noch nach grössern Dingen
dürstete / und ihr Kopff mit vielen Chimären schwanger ging. Der Feldherr
Marcomir aber hätte für die höchste Glückseligkeit gepriesen / wenn einer als
ein Fürst geboren würde / als ein Held lebte / und als ein Weiser stürbe.
Dannenhero hätte er nach Besiegung aller seiner Feinde sich selbst überwunden;
und nach dem er so gelebt / dass es niemanden / als die Feinde des Vaterlands /
gereuen dorfte; auch so lange / dass er zu Verewigung seines Nahmens den minsten
Beisatz der Zeit bedorfte / bei noch hurtigen Leibes- und Gemüts-Kräfften Würde
und Herrschaft nieder gelegt. Seine Siegs-Gepränge verwechselte er mit einer
andächtigen Einsamkeit / seine Reichs-Sorgen mit einer Betrachtung irrdischer
Vergängligkeit. Die Nachsinnung über der Unsterbligkeit der Seelen / war
zugleich seine Erlustigung und Ehrsucht.
    Diese letztere Entschlüssung / fing Zeno an / halte ich für eine grössere
Hertzhaftigkeit / als seine vorgehende. Denn ob schon kein Ort oder Stand zu
finden / darinnen ein tugendhafter Geist nicht eben so wohl als Diogenes in
seinem Fasse seine Vergnügung antreffen / und ihm eine annehmliche Einsamkeit
bauen könnte; so erfoderte doch die Kunst wohl zu sterben nichts minder Zeit und
Sorgfalt / als das Leben. Diese aber so lange an sich kommen lassen /biss die
Ohnmacht des Alters und das Gespenste des Todes uns überfalle / wäre die
schädlichste Schlaff-Sucht. Sintemahl beides den Menschen in einem Augenblicke /
wie die Nächte die Nachbarn beider Angelsterne mit einer kohlschwartzen
Finsternis überfiele; Niemand aber wie die Schlangen mit ihrer Haut die
Schwachheiten des Alters abstreiffen könnte. Die menschliche Vermessenheit aber
bildete ihr insgemein noch eine Last voll Kräffte zu haben für / wenn sie kaum
noch ein Lot besässe. Daher könten ihrer so viel keine Erlassung der Arbeit von
ihnen selbst erlangen / die ihnen gleich die Freiheit des Alters und die Gesetze
des Vaterlands enträumten. Die Ehrsucht lobte ihnen für eine grössere Süssigkeit
ein an der Kette liegen und andere anbellen mögen / als seiner Freiheit
geniessen / und keine Sclaven in seiner Gewalt haben. Dahero sicher ein
überirrdischer Trieb zu sein schien Purpur und Scharlach von sich werffe /und
sich mit Haar und geringer Wolle decken / seine Augen von dem Schimmer der
schütternden Diamanten und Rubine abziehen / und auff die Asche der Todtengräber
werffen. Rhemetalces setzte bei: er hielte dafür / die Götter hätten das Hertz
in den menschlichen Leib zu einem Uhrwerck gesetzt / welches mit iedem Schlage
den Menschen unauffhörlich seiner Sterbligkeit erinnern sollte. Und die / welche
sich über Behertzigung ihrer Eitelkeit erlustigten /kämen ihm für wie die
Schatzgräber / welche sich erfreueten / wenn sie auff die Scherben der
zerbrochenen Todten-Töpffe kommen. In Warheit / sagte Zeno. Denn beide sind dem
gesuchten Schatze sehr nahe /diese dem Irrdischen / jene der Entbürdung ihrer in
dem Siechhause ihrer krancken Glieder angepflöckten Seele. Es ist nicht ohne /
sagte Marcomir / dass die Hoffnung dieser Entbürdung ein grosser Trost der
Elenden / und ihre Seufftzer alleine nach dem Tode als dem Hafen aller
Bekümmernis gerichtet sein. Aber unsern in fast unveränderlichem Glücke lebenden
Marcomir muss etwas grössers als die mehrmahls kleinmütige Begierde zu sterben
zu seiner Entschlüssung bewegt haben. Wer wollte gläuben / dass ihrer so viel /
welche in blühenden Jahren / im Uberflusse des Vermögens / bei unerschöpfften
Kräfften /im Angesichte des sie anlachenden Glückes / sich der weltlichen
Ergetzligkeiten darum entschlagen sollten /weil sie in den abscheulichen Tod so
verliebt wären /dass sie den süssen Genuss des Lebens für ein Gespenste ansehen /
und für der lockenden Wollust einen Eckel haben sollten? Dannenhero die wahre
Ursache schwerlich in den Scherben der stinckenden Todten-Töpffe / sondern
vielmehr in was himmlischem zu suchen sei. Denn nach dem zwar unser Leib aus der
Erde / unsere Seele aber / nach der meisten Weisen Meinung / aus dem Gestirne
oder vielmehr / wie wir Deutschen glauben / von GOtt seinen Ursprung hat; hegt
sie gegen diesem ihrem Brunnen eine nicht geringere Neigung / als die
Sonnenwende gegen die Sonne / die Africanischen Ziegen gegen dem Hunds- und der
Magnet gegen dem Nördlichen Angel-Serne / wenn anders diese heilige Regung nicht
durch irrdische Verleitung / wie der Magnet durch Knobloch / entkräfftet wird.
Dieses wäre die Liebe GOttes / welche die Seele so vergnügte / dass ihr alle
andere Wollust zu Wermut / alle andere Pracht zu Staube würde. Alle andere
Gestirne verschwinden für der Sonne der Gotteit / welche ohne Verwendung
einigen Blicks der Mensch sein Lebetage anzuschauen geschaffen wäre. Diese Liebe
wäre der Geist des Lebens / und ohne sie das von andern Reitzungen lodernde
Hertz kalt und todt. Sie wäre das Feuer des Weirauchs und der Opffer / ohne
welches jener die Lufft stinckend machte / diese sie mit Rauche schwärtzten /
und die Erde mit Blute besudelten. Ja weil die Liebe den Liebenden mit dem
Geliebten gäntzlich vereinbarte / so erlangte sie mit der Umarmung Gottes das
Besitztum aller seiner unbegreifflichen Reichtümer. Seine Gemeinschaft
teilte ihr alles mit und verwandelte alles böse in das Beste. Das Armut wäre
ihr Reichtum /die Kranckheiten gäben ihr Stärcke / das Gift diente ihr zur
Artznei und der Tod zur Unsterbligkeit / als dem wahren Zwecke dieser Liebe /
und der ewigen Glückseligkeit einer reinen Seele. Diese Süssigkeit würckte eine
Vergessung aller andern vergänglichen Schätze. Alle vorige Absehen verrauchten;
Das Glücke verachtete sie als eine Närrin / die Wollust stincke sie an. Alle
ihre Gemüts-Kräfften eignete sie GOtte zu; und wenn ihre Siegs- und
Königs-Kräntze / alle Gold-Adern und Edelgesteine nicht zu verächtlicher Sand
wäre / würde sie selbte zu seinem Dienst einweihen. Hingegen wären alle ihre zu
GOttes Verehrung geschehende Bemühungen leichte. Wenn sie an der Ramme zöge /
deuchtete sie es ein Spiel zu sein. Denn seine Güte gäbe seiner Ohnmacht Kräffte
/ und erleichterte die Last ihrer heiligen Arbeit. Seine Barmhertzigkeit labte
ihre Hitze / ihr Schweiss würde zu ihrer Erqvickung / der Dornen-Weg der Tugend
verwandelte sich in weiche Rosen / und ein Tropffen seines Trost-Balsams heilete
alle Schmertzen. Die rauhe Höle ihrer erwehlten Einsamkeit gefiele ihr besser /
als die von Porphir und Golde gläntzenden Schlösser; die wilden Kräuter wären
ihr eine süssere Kost / als die verschwenderische Taffel eines Apicius / die
Galle verliere auff ihrer Zunge die Bitterkeit /aus einer Hand voll Meer-Wasser
trincke sie etwas süsseres als die Milch wäre / die vorher ihre irrdische Lippen
aus den Brüsten der Wollust gesogen hätten. Diese Flamme hätte nun auch die der
Eitelkeit abgestorbene Seele des Feldherrn Marcomirs angefeuret: dass seine
Andacht weder in dem greissen Alter noch im Tode erkaltet wäre / dass er die
Nächte mehr der Verachtung der Ehrsucht / als dem Schlaffe / die Tage aber in
Betrachtung der unerschaffenen Sonne zugebracht / und endlich mit Freuden
sterbende die Unsterbligkeit seiner Seele begierlich umarmet / und mit seinen
halb todten Lippen schon den Vorschmack eines bessern Lebens gekostet hätte.
    Zeno und Rhemetalces hörten gleichsam verzückt Marcomirn als einem Wahrsager
zu. Nach einer Weile aber fing jener an: diese Geheimnisse wären zwar für ihn zu
hoch und er wäre ein Kind in dieser Weissheit. Es schiene aber freilich wohl bei
Marcomirn eine überirrdische Leitung zu sein / welcher Erklärung er ihm mit
Gelegenheit auszubitten vorbehielte. Ausser dem könten seines Erachtens sich
auch niedrige Ursachen ereignen / eben so wohl Zepter und Krone wegzulegen / als
Sostenes und andere viel sie anzunehmen verschmähet hätten. Ja es dünckte ihm
eine ruhmswürdige Klugheit zu sein / wenn ein Fürst die schwere Last der
Herrschaft von seinen Schultern weltzte / ehe sie der Tod ihm aus den Händen
risse / seine Lebens-Geister erkalteten / und die Gemüts-Kräfften wegfielen.
Denn wie das greisse Alter durchgehends einem lecken Schiffe und faulen Hause
ähnlich wäre / also liesse sich von einer zitternden Hand das Steuer-Ruder eines
Reichs übel führen / von trieffenden Augen die verborgenen See-Klippen / die
abwechselnden Winde / die fernen Sturm-Wolcken / die Ungewitter andeutenden
Gestirne / welche niemahln in dem gefährlichen See-Busem einer Herrschaft
mangelten / nicht erkiesen; auch von tauben Ohren das Gebelle Seillens und
Charybdens nicht bei Zeite hören. Ein allzu alter Fürst würde gleichsam wieder
zum Kinde / er gläubte allen Hoff-Heuchlern. Die Bosheit leitete ihn wie ein
kleiner Mohr einen grossen Elephanten. Die Diener sündigten ohne Furcht /
liessen ihnen auch noch wohl ihre Verbrechen belohnen. Die gebrechlichen Weiber
würden selbst sein Meister. Ein Beispiel alles dessen hätte man an dem vorhin so
klugen und glücklichen Käyser Augustus für Augen. Livia spielte mit ihm / wie
mit einem Papegoyen / zwinge ihn zu Verstossung seiner Bluts-Verwandten / zur
Verbannung seines einigen Enckels Agrippa auf die Insel Planasia / und seiner
Tochter auf die Insel Pandateria; Dringe den Tiberius hingegen ihm zum Sohne und
unzweifelbaren Nachfolger im Käysertum ein; also / dass der / welcher vorhin
mehr als eine Welt klüglich zu beherrschen fähig geachtet worden / jetzt seines
Hauses nicht mächtig wäre. Dass auch das Glücke / als eine Buhlerin der Jugend /
ihn verliesse / hätten sie in itziger Niederlage erfahren. Der für Jahren ein
Wunder des Volcks gewest / wäre jetzt ihr Gelächter. Die Untertanen hielten
seine Befehle verächtlich / die Feinde seine Gewalt geringe. Die durch frembde
Einfälle beschädigten Länder liessen ihre Liebe sincken / die bei seines
gleichen insgemein / bei Fürsten aber allezeit vom Nutzen geboren / von der
Hoffnung unterhalten wird. Die untergedrückten Freunde würden ihm gram / die
Staats-Diener / weil sie mehr wenige Zeit übrig zu haben meinten / griffen wie
die Habichte desto unverschämter in den gemeinen Schatzkasten / die
freigelassenen verkauften die Ratsstellen / die Knechte machten ihren Herrn
ihnen dienstbar / und alle beteten die aufgehende Sonne noch in ihrer düsternen
Wiege an. Allen diesen Spott und Schaden hätte Augustus verhütet / wenn er wie
Marcomir seine Herrschaft nur für etlichen Jahren abgetreten / und sich den
Mecenas hiervon nicht hätte ableiten lassen. Marcomir fing hierauf an: die
freiwillige und aus irrdischen Ursachen herrührende Abdanckung sei bei grossen
Fürsten ein so unbekandtes Wunderwerck / dass er sich keines merckwürdigen
Beispiels erinnerte / auch nicht glaubte / dass es iemahls des Augustus Ernst
gewesen wäre. Solte sich doch Marcomirs Sohn und Erbe Hippon einst haben
verlauten lassen / dass sein Vater die Ablegung Cron und Zepters noch für der
Sonnen Untergang bereuet hätte; ungeachtet seine Entschlüssung gewiss aus
himlischer Regung geschehen / er auch in seiner Einsamkeit nicht einst nach
seiner Stul-Erben Verrichtungen gefragt; sondern seine Hände mit Pflantzung
eines Gartens / seine Gedancken aber mit Nachsinnen über der Seelen
Unsterbligkeit beschäfftigt; ja noch bei seinem Leben sein eigen Begräbnis-Feier
angestellt hätte.
    Rhemetalces fragte hierauf: Ob sein Sohn Hippon der siebende unter den
Gemälden / und folgender Feldherr gewest wäre? Nein / antwortete Malovend
/wiewohl Hippon ein so kluger Fürst war / dass wenn Marcomir schon wie der grosse
Alexander den besten / oder wie Pyrrhus den / welcher den schärfsten Degen haben
würde / zum Reichsfolger erkläret hätte / er sonder das Recht seines Geblüts
diese hohe Würde zu bekleiden würdig gewest wäre. Denn es wäre Ingram /Marcomirs
Bruder / der siebende unter den Gemälden / ein Herr hohen Verstandes / grossen
Gemüts und unerschöpflicher Gütigkeit an seine Stelle kommen; weil die Fürsten
Deutschlands / um künftiger Zwytracht vorzubeugen / ihn schon für dreissig
Jahren zum künftigen Feldherrn bestimmt hatten. Diesem verliess er seine Länder
in Deutschland / als welcher vorher schon das Reich der Qvaden und Pannonier
erheiratet hatte / seinem Sohne aber trat er die Britannischen Reiche mit denen
Atlantischen Eylanden und andern entfernten Reichen mit grossem Gepränge ab
/übergab ihm auch / wiewohl mit grösserer Grossmütigkeit / als der schon stumme
Alexander dem Perdiccas / seinen Siegelring / mit der Ermahnung /dass er den ihm
für diese frühzeitige Erbschaft und solche ungemeine Wohltat schuldigen Danck
(in dem andere Könige ihren Söhnen zwar das Leben /nicht das Reich zu geben /
sondern nur zu verlassen pflegten) seinen Untertanen durch väterliche Liebe
abstatten sollte. Durch den Ritter Nassau aber schickte er seinem Bruder Ingram
den Stab und das Schwerdt /als die Zeichen der deutschen Feldhauptmannschaft
/mit dieser Erinnerung: Er überschicke ihm hiermit die Centner-Last / nach
welcher alle Sterblichen seufzeten / die aber niemand / der sie recht kennete /
aufheben würde. Es ist wahr / sagte Rhemetalces / die Bürde der Herrschaft
darff Riesen-Achseln /und gleichwol wüntschet sie iedweder Zwerg auf seinen
Nacken zu kriegen. Alle wollen lieber in diesen güldenen Ketten verschmachten /
als bei mittelmässigem Glücke stoltzer Ruh und edler Freiheit genüssen.
Gleichwol aber könnte er obiger Meinung des Fürsten Marcomirs / dass der sechste
Cheruskische Feldherr der erste wäre / welcher die Herrschaft abgetreten
/entgegen setzen / dass vor wenigen Jahren eine Königin der Samojeden Tinacris /
und ein König der Geten Rakimis / für langen Zeiten aber Hierulck und Nidotical
zu aller Menschen Verwunderung Kron und Zepter von sich geworffen; welcher
letztere doch den Nahmen eines Herrn und die Anbetung der Götter von seinem
Volck vorhero angenommen / und seine Eitelkeit mit seinen ganz güldenen
Kleidern und Diamantenen Schuhen an Tag gegeben / ja seine Herrschaft für ein
Göttliches Geschencke zu achten gehabt hätte; weil sie ihm lange vorher von den
wahrsagenden Druyden wäre angedeutet worden. Marcomir antwortete: Ob ich wohl
diese vier Begebenheiten für seltzamere Dinge achte / als die Araber ihre
Phönixe / und die Indianer ihre Einhörner; so dünckt mich doch / es sei nirgend
eine ganz freiwillige Entäuserung gewesen. Denn Nidotical ward teils durch
ungemeine Unpässlichkeit / durch Verwirrung seines Gemütes und festeingebildete
Zerrüttung seines Reichs zu dieser Entschlüssung bracht; Hierulk aber von ihm
hierzu beredet / oder vielmehr übereilet. Die Königin Tinacris entschloss sich
aus Zwange hierzu / weil sie entweder diss tun / oder sich einem ihrer
angebohrnen Freiheit unerträglicherm Gesetze der Vermählung eines Königes
unterwerffen sollte / den nicht sie zu erkiesen / sondern die Untertanen schon
erwehlt hatten. Dahero hielt sie es für ratsamer / sich ehe der Herrschaft
über viel tausend andere zu begeben / als sich eines andern Gewalt zu
unterwerffen. Auch diss letztere halte ich für ein Wunderwerck / fing Rhemetalces
an. Denn die Ehrsucht schämet sich nicht / umb ihre Herrschaft zu befestigen /
alle knechtische Dienstbarkeit auf sich zu nehmen. Alle Larven der Welt wären
ihr anständig / der Bettlers-Mantel nicht zu verschmählich / die Gestalt der
Schlangen nicht zu abscheulich. Wenn man andere Regungen als Kinder mahlte /
müste man die Begierde zu herrschen zwar als eine Riesin abbilden; gleichwol
aber nehme sie wie Hercules die Spindel / wie Apollo den Hirten-Stab in die
Hand. Sie verwandelte sich wie Jupiter in einen Ochsen / wenn sie dadurch einen
Vorteil zu erlangen hoffte. König Rakimis aber / fuhr Marcomir fort / war zu
einer so dienstbaren Herrschaft zu ungeduldig / welcher sie nicht so wohl aus
Verdruss über sein Unglücke / als über verkleinertem Ansehen bei seinen
Untertanen mit dem Rücken ansah. Ungeachtet dieses Reich ohne diss dieser
Süssigkeit / nämlich der ungebundenen Gewalt / nicht gewohnet / sondern seine
Könige mit vielen Grund-Gesetzen / und den Stimmen des fast unbändigen Adels
umbschräncket sind. Rhemetalces fuhr heraus: Ich halte denselben /welcher nach
frembder Richtschnur leben muss / für keinen König; Sintemal das Herrschen
darinnen bestehet / dass alle einem / nicht einer allen von seinem Fürnehmen
Rechenschaft giebet. Ich halte / sagte Malovend / den Rakimis auch nur für
einen Schatten eines Herrschers / der Geten Herrschaft aber für eine
unerträgliche Bürde / für keine Ergetzligkeit. Denn ob ich wohl derselben Unart
nicht billige / die Wollust und Uppigkeit für den Lohn ihrer Herrschaft halten
/sondern vielmehr den Purper für ein erinnerndes Sinnen-Bild ausdeute / dass ein
Fürst sein Blut für sein Volck zu verspritzen schuldig / auch zwischen Bürgern
und Knechten ein Unterscheid zu machen sei; so ist doch auch einem / der zum
Steur-Ruder gesetzt ist / unerträglich / dass ein ieder Boots-Knecht an solches
seinem Gutbedüncken nach die Hand anlegen / ein Untertan seinem Könige ins
Antlitz widersprechen /ein Unvernünftiger / ohne Anziehung einiger Ursache / als
welches er schon für eine Dienstbarkeit hält / die Reichs-Schlüsse zernichten /
ein Aufwiegler die Land-Tage zerreissen / ein Bettler die Königliche Hoheit mit
Füssen treten möge. Gleichwol aber führen diese verderbliche Missbräuche in dem
Reiche der Geten / das hierdurch mehrmals in die äuserste Gefahr gäntzlichen
Untergangs verfällt / den scheinbaren Titul der Freiheit / und man darff sich
wohl gar unterstehen fürzugeben / dass die Unordnung ein Ancker /und Uneinigkeit
ein Reichs-Pfeiler der Geten sei. Am allermeisten aber war die Königliche Gewalt
zur Zeit Rakimis verfallen / und des Adels ihm zu Kopfe gewachsen. Denn / als er
nach seines Bruders Lissudaval Absterben das Reich überkam / hatten schon die
Bastarnen ein Teil der Getischen Untertanen den Kap-Zaum des Gehorsams
abgeworffen / welche Seuche auch andere Treue leichter / als der schon in einem
Gliede fressende Krebs den gesunden Leib vollends einnimmt. Sein Stam stand auf
dem Falle /indem er aller Kinder / und hierdurch derselben Schutzwehren
entblösset war / welche ein Reich und die Königliche Hoheit fester als
Kriegsheere beschirmen / weil doch die besorgte Rache des Nachfolgers auch die
Verwegensten schrecket. Der König musste dem Adel das Heft der Waffen in die
Hände geben /wodurch ein König seine Gewalt schon mit dem Volcke teilt. Weil
er wider die Bastarnen wegen übeler Anstalt seiner Befehlshaber etliche Treffen
verlohr /die Scyten wegen Zwytracht der Reichs-Stände etliche Plätze eroberten
/ die von den Geten selbst ins Land beruffenen Samojeden das ganze Reich
überschwemmeten / und ihn aus dem Königreiche jagten; legten sie die Schuld auf
ihren König / und bürdeten ihm nicht allein die Zufälle des Glücks / wie der
Pöfel sonst zu tun gewohnt ist / sondern ihre eigene Verbrechen auf. Ja sein
eigner Untertan Mulobir hielt ihn endlich so verächtlich / dass er auf ihn den
Degen entblössete / und wider ihn nicht anders / als einen Feind des Vaterlandes
/ zu Felde zog. Zeno lächelte und sprach: So wollte ich lieber der Mossineken
Fürst sein / der nur einen Tag Hunger leiden muss / wenn seine Anschläge durch
Zufall nicht zu gewüntschtem Zweck gelangen. Es ist erträglicher / antwortete
Malovend / als zwantzig Jahr seiner unbesonnenen Untertanen Sclave und Fluch
sein / wie es Rakimis gewest / gegen dem sie allererst ihre schuldige
Ehrerbietung bezeugten / als er sich auch ihre Tränen nicht erweichen liess /
ihre so gefährliche Herrschaft zu behalten; welcher er / wiewol zu spät / ein
sicher und ruhiges Leben vorziehen lernte. Es ist eine nicht ungemeine
Begebenheit / dass die menschliche Bosheit des gegenwärtigen Guten leicht
überdrüssig wird / also unbändige Untertanen ihre gegenwärtige Fürsten
verdammen / derer Verlust sie kurtz hernach bejammern / oder nach einem seufzen
/ den sie kurtz vorher verfluchet.
    Ein fürtrefliches Beispiel stellet solchen unvorsichtigen der oberwähnte
siebende Feldherr / Hertzog Ingram / für Augen / fing Malovend an. Denn ob wohl
dieser tapfere Held bei den Deutschen in grossem Ansehen / und neben dem grossen
Marcomir Unterfeldherr war / sein Bruder ihm auch aus der väterlichen Erbschaft
die Norichschen Länder abgetreten hatte; so schätzten ihn doch die Pannonier
nicht würdig ihres Königs Lissudaval Tochter zu besitzen. Dieser Lissudaval
hatte nicht mehr als einen Sohn den Fürsten Gudwil und die Fräulein Hermildis /
eine Fürstin von wunderwürdiger Schönheit / ungemeinem Verstande /und männlicher
Tapferkeit. Diese Gaben zohen / nicht anders als der Agtstein die Spreu /
unterschiedene tapfere Fürsten und Helden an ihres Herrn Vatern königlichen Hof
/ unter diesen auch den Hertzog Ingram / und den Dacischen Fürsten Decebal. Weil
nun beide Fürsten sahen / dass Hermildis die Eigenschaft des Magnets und der
Sonnen Wende hatte / und wie diese nur den Gestirnen / also sie nur der Tugend
ihre Gewogenheit zuneigete; So diente die Liebe beiden Fürsten zu einem
Wetzsteine / ihre angebohrne Fürtreffligkeiten täglich durch ruhmwürdige Ubungen
mehr zu schärffen; und nach dem Hermildis eine Sonne ihres Königreichs / ein
Begriff aller Tugenden war /suchte ieder Fürst / welcher sie für seinen
Leitstern erkieset hatte / mit tapfern Taten ihre Gewogenheit zu erwerben /
iedoch durch selbte stets einer des andern Vollkommenheit zu verdüstern. Denn
die Flamme einer tugendhaften Liebe wecket die eingeschlaffensten Menschen auf
/ sie begeistert die kältesten Gemüter. Sie machet die Klötzer rege / die
Cyclopen höflich / und die Niedergeschlagenen Ehrsüchtig. In denen aufgeweckten
Seelen aber zündet sie eine so rühmliche Eyversucht an / dass selbte auch die
Unmögligkeiten überwinden / und entweder Stern oder Asche werden wollen.
Lissudaval war zwar über dem Besitztum eines so edlen Kleinods an seiner
Tochter hoch vergnügt / gleichwol aber bekümmert / dass er durch Erwehlung des
einen Fürsten den andern erbittern / und also diese so schöne Helena mit seinem
Königreiche ein ander Troja anzünden würde. Die Fürstin Hermildis selbst konnte
über diesen zweien Hertzogen / welche alle andere wie zwei Sonnen die gemeinen
Sterne verfinsterten / sich mit ihr selbst eines gewissen Urtels nicht
vergleichen / sondern gab ihrem hierüber sorgfältigen Bruder / entweder aus
wahrhaftem Zweifel / oder aus einer vernünftigen Verstellung ihrer Zuneigung /
zu verstehen: Sie wüste einen dem andern so wenig fürzuziehen / als eines unter
ihren eignen Augen für dem andern zu erwählen. Nach vielen seltzamen beider
Fürsten Ansehn in gleicher Wage haltenden Begebenheiten riss endlich beim Decebal
die Gedult aus / und daher geriet er entweder aus selbst eignem Misstrauen zu
sich selbst / oder / weil er die Tugenden zeiter mehr angenommen / als
eigentümlich gehabt hatte / von dem Pfad der Ehren / auf den verzweiffelten
Irrweg der Laster. Alle sein Nachsinnen war nun wie er diesen güldnen Apfel
nicht mehr so wohl durch seine numehr selbst verdammte Verdienste als Arglist zu
überkommen / oder auf dem eusersten Fall auch dem Ingram / dessen hohes
Geschlechte das seine bei weitem überstralete /dieses Kleinods verlustig zu
machen. Denn eine falsche Liebe fähret / wie die grimmige Medea / mit Drachen /
sie verwandelt nicht nur / wie die zaubernde Circe / andere / sondern sich
selbst in reissende Tiere. Ihre Ungedult wird zur Raserei / und ihre Missgunst
hält eines frembden Genuss für unerträglicher / als seinen eigenen Verlust.
Diesemnach Decebal den Ingram zum minsten so unglücklich zu machen / als er
selbst zu werden fürchtete / die drei heftigen Gemüts-Regungen die Regiersucht
/ die Eyversucht / und Furcht wider ihn in Harnisch zu jagen bemüht war. Die
Gelegenheit hierzu gab ihm ein grosses Feier / welches König Lissudaval auf
seiner Tochter der Fürstin Hermildis Geburts-Tag anstellte; darauf nicht allein
alle an diesem grossen Hofe anwesenden Fürsten und Herren sich stattlich
ausrüsteten / sondern sich auch viel frembde / um bei den Strahlen dieser
Fürstin ihre Freiheit / wie die Mutten bei dem Lichte ihre Flügel zu verlieren /
einfanden. Sintemahl es schwer oder unmöglich war die Hermildis zu kennen / und
nicht verliebt zu sein. Decebal / welcher des Hertzog Ingrams Beginnen aufs
genaueste auszuforschen viel Kundschafter unterhielt / erfuhr endlich / dass er
ihm bei einem Silberdrechsler einen künstlichen Schild ausarbeiten liess / darauf
eine schöne von der Sonnen bestrahlte Perlen-Muschel geetzt / auff der Schalen
aber das schöne Antlitz der Hermildis abgebildet / und der ganze Schild mit
dieser Uberschrifft bezeichnet war: Das Beste / und mein Abgott ist gleichwohl
verborgen. Decebal konnte aus dieser Nachricht unschwer erraten / dass Ingram
hierdurch so viel sagen wollte: Wie in der Muschel die Perle das köstlichste wäre
/ also liebte er an der Hermildis mehr ihr tugendhaftes Gemüte / als ihre
euserliche Schönheit. Er missbrauchte aber diese herrliche Gedancken nicht anders
/ als die Hirnse und Spinne die Rosen. Denn er liess alsofort auf ein dünnes Blat
das Bildnis einer zur selben Zeit ihrer Schönheit wegen beschrienen Cimbrischen
Fürstin Gondeberge mahlen / welche man insgemein die Mitternächtische Perle
hiess; brachte es auch durch die dritte und vierdte Hand der über solchem Schilde
arbeitenden Kunst-Meister so weit / dass nicht allein dis dünne Bildnis / ohne
Ingrams Wissen / unter das oberste Blat seines Schildes mit eingemacht / sondern
auch das oberste Blat schwach und zerbrechlich eingeschraubt ward. Hingegen liess
Decebal ihm einen Harnisch / der über und über voller Feuer-Flammen loderte /
und einen Schild fertigen / dessen Umkreiss sich gleichergestalt in eitel
Feuer-Flammen endigte / in der mitten sich aber in drei Kleeblätter zerteilte /
um hierdurch so wohl seine inbrünstige Liebe als die unverwelckliche Hoffnung
fürzubilden. Auff iedem Kleeblatte war ein Hertz gemahlet. Das erste lag auf
glüenden Kohlen /mit der Uberschrifft: O süsse Einäscherung! In das andere liess
eine Hand biss zur innersten Spitze ein Bleimaass / mit der Uberschrifft: Liebe
liebe nichts seichtes. Das dritte hing zerspaltet an einem durchgehenden Pfeile
aneinander / mit der Uberschrifft: In-und auswendig. Auf den angestellten Tag
erschienen beide Hertzoge / nach vielen vorhergegangenen Ergetzligkeiten mit
prächtigen Aufzügen / auf den zu den Ritterspielen bestimmten Schauplatz / mit
nicht andern Gemüts-Regungen / als wenn dieser Tag ihrer Tapfferkeit die
Fürstin Hermildis zu einem Siegs-Preis aufgesetzt hätte. Im Ring- und
Kopf-Rennen hielten beide einander die Wage. Denn im ersten erhielt Decebal / im
andern Ingram aus den Händen ihrer irrdischen Göttin den Preis. Jederman war zu
erwarten begierig / wer unter diesen zwei Löwen im Turnier die Oberhand behalten
würde / darinnen sie einander als zwei geschworne Todfeinde anfielen. Ingram
traf im zusammenrennen den Decebal auf den Helm / dieser jenen / und zwar mit
sonderbarem Fleisse auf den Schild so heftig / dass beide Lantzei in Stücken
sprangen. Hiermit griffen sie beide nach selbiger Landsart zu ihren
Streitkolben; und so sehr sich Ingram bemühete den Decebal am Leibe zu
beleidigen / so sehr trachtete Decebal des Ingrams Schild zu zerschmettern. Bei
solcher Beschaffenheit gaben die Zuschauer schon grösten teils dem Ingram
gewonnen / als / nach einem heftigen Schlage des Decebals / von Ingrams Schilde
das oberste Blat absprang. Das zusehende Volck hielt diss für seine eigene
sinnreiche Erfindung / weil sie darauf alsofort ein so schönes Bild ins Gesichte
bekamen; Hertzog Ingram aber ward hierüber allein so heftig bestürtzt / und nach
dem er bei Herumdrehung des Schildes eines so frembden Bildnüsses gewahr ward /
hielt er sich nicht so wohl für betrogen als bezaubert. Decebal / an statt dass er
sich solcher Bestürtzung zu seinem Vorteil und Beleidigung seines Neben-Buhlers
/ dem gemeinen Urtel nach / hätte bedienen sollen / maste sich einer
befrembdenden Verwunderung an / und ritte unter dem Schein einer gegen den
Ingram gebrauchten Höfligkeit aus dem Schrancken. Wie nun Ingram dergestalt
stille hielt / und sich mit sonderbarer Ehrerbietung gegen die königliche
Schaubühne wendete /ward iederman und hiermit auch das Fräulein Hermildis gewahr
/ dass auf Ingrams Schilde die allentalben mehr denn zu viel bekandte Cimbrische
Hertzogin Gandeberge abgebildet war / und über selbter diese Ubertrifft stand:
Meine und die Nordische Perle. Jeder Einfältiger / geschweige eine so
verschmitzte Fürstin / konnte über diese und Ingrams erste über die
Perlen-Muschel gestellte Uberschrifft und Sinnenbild vernünftig keine andere
Ausdeutung machen / als dass Ingram die Hermildis nur für die euserste Schale /
die Cimbrische Hertzogin aber für die Perle und seinen Abgott hielt. Dahero ist
leicht zu erachten / wie Hermildis diese eingebildete Beschimpffung ihr zu
Gemüte zoh. Rhemetalces fiel ein: Ich bin begierig ihre Empfindligkeit zu
vernehmen. Denn man sagt / dass wenn eine erzürnte Taube ein Ey lege / werde eine
Natter daraus gebrüttet / und ein erbostes Weib gewinne an Grausamkeit den
höllischen Unholden ab. Ja / antwortete Malovend / aber gleichwol vermochte
Hermildis ihren Gemüts-Regungen einen solchen Zaum anzulegen / dass die
Zuschauer ihnen einbildeten / es müste Hermildis dieser Bildnüsse so genau nicht
innen worden sein. Der König nahm diese Begebenheiten zwar wohl wahr / weil er
aber aus dem Stegereiffen keine untadelhafte Entschlüssung zu erkiesen wusste /
gebrauchte er sich des ungefähr fallenden Regens zu einem Vorteil seiner
Klugheit / befahl also wegen unsteten Wetters vom Turnier abzublasen / und liess
durch den Herold dessen Fortstellung auf folgenden Morgen andeuten. Weder
Hermildis noch Ingram wussten / wie sie vom Schauplatze kamen /also waren beider
Gemüter verwirret. Ingram verfluchte den schändlichen und unerforschlichen
Betrug / Hermildis wütete über so schimpflicher Verschmähung. Decebal hingegen
lachte in die Faust / und kitzelte sich über seiner so glücklichen Arglist.
Fürst Gudwil dachte auf nichts als eine geschwinde / Lissudaval auff eine
vorsichtige Rache. Denn die Beleidigten sind insgemein blutgieriger als die
Aegeln / und ergetzen sich an abgeschlachteten Leichen mehr / als die
Scharfrichter. Hertzog Ingram war in tiefsten Gedancken begriffen / so wohl den
Ursprung des Betrugs zu ergründen / als der Fürstin Hermildis seine Unschuld zu
erhärten. Wegen des ersten argwohnte er auf Decebaln / teils aus seinen
Sinnenbildern / teils aus denen auf den Schild fort für fort geführten
Streichen. Wegen des andern aber zweifelte er / dass Hermildis von ihm einige
Schutz-Schrifft annehmen würde. Als er sich nun mit diesen Gedancken schlug
/brachte ihm der Ritter Bercka vom Fürsten Gudwil /und einen Augenblick darauf
ein Norichischer Edelmann vom Decebal einen anzügerlichen Absag- und
Ausfoderungs-Brief zu einem ernsten Kampffe auf folgenden Tag; darinnen sie die
der ihm von niemande feil gebotene Fürstin zugefügte Beschimpfung mit nichts
wenigerm / als seinem Blute / auszuleschen dräueten. Eine Viertelstunde darauf
empfing er durch einen Edelknaben von ihr selbst einen Befehl / er sollte bei
Vermeidung grimmigster Rache ihr nicht mehr ins Antlitz zu kommen sich erkühnen.
Ingram hätte bei so unübersehlichem Unglücke verzweifeln mögen. Er konnte ohne
Zagheit nicht vom Kampfplatze aussen bleiben / und gleichwol dorfte er ohne
seiner andern Seele der holdseligen Hermildis noch grössere Beleidigung sich
dahin / nämlich für ihre Augen / nicht gestellen. Die ganze Nacht ward ohne
Schlaf und mit tausendfachen Abwechselungen der heftigsten Gemüts-Regungen
aller Orts zubracht. Die freudige Sonne hatte allein ruhig ausgeschlaffen /und
die anmutige Morgenröte grüste den Tag mit lachendem Munde. Ihr und allen aber
war auf dem Schauplatze noch zuvor kommen ein Ritter in eben einem so feurigen
Harnische / wie den Tag vorher Decebal angehabt. Der Schild allein führte ein
ander Sinnbild / nehmlich eine Taube die einen Adler zerriss / mit der
Uberschrifft: Mächtige Ohnmacht der Rache. Die Trompeten hatten kaum das erste
mahl ein Zeichen zur Versammlung der Ritterschaft gegeben / als selbte sich mit
unglaublicher Menge um die Schrancken / wie auch bei dem dritten Ausblasen der
schwermütige König / iedoch ohne die Fürstin Hermildis / als welche sich bei
ihrem Herrn Vater mit Unpässlichkeit hatte entschuldigen lassen / einfand. Hertzog
Ingram kriegte von ihrem Aussenbleiben durch die seinigen bei Zeite Wind / und
weil er es dahin andeutete: die Fürstin sei nach erfahrner Ausfoderung mit allem
Fleiss aussenblieben / um / unbeschadet des Verbots ihres Angesichts / ihm den
Schauplatz zu eröffnen / so erschien er alsofort in einem kohlschwartzen
Harnische. Auff seinem Schilde schwebte ein Salamander in der Flamme / mit der
Uberschrifft: Die unversehrliche Unschuld. Fürst Decebal erschien in blancken
mit goldnen Blumen beworffenen Waffen; In dem Schilde war eine Sonne gemahlet /
welche mit ihren Strahlen einen Nebel und darinnen sich befindende Neben-Sonne
unter sich drückte / mit der Uberschrifft: Die obsiegende Wahrheit. Hertzog
Gudwil hatte einen ganz vergüldeten Harnisch / in seinem Schilde stand der
Qvadische Löw / und brach einen Hauffen Pfeile entzwei / mit der Uberschrifft:
Verächtliche Waffen der Missgunst. Diese zwei Fürsten und iederman war bekümmert
/ wer der fremde Ritter wäre / Hertzog Ingram aber mutmassete aus der
Gleichheit des Harnisches: es wäre Decebal. Daher rennte er nach gegebenen
Zeichen wie ein Blitz auf ihn / und jener begegnete ihm mit nicht geringerer
Fertigkeit / beide traffen auch so wohl / dass die Splitter von beiden Lantzen in
die Höh sprangen. Bei der Umwendung reichten ihre Waffenträger ihnen ein paar
andere / welche sie ebensfalls ohne Beschädigung an einander in Stücken rennten.
Im dritten Rennen liess Ingram aus einer fast verzweiffelten Verbitterung die
eingelegte Lantze kurtz für dem Antreffen sincken / umarmte seinen Feind / und
riss ihn durch eine unglaubliche Geschwindigkeit mit sich vom Pferde / stiess ihm
auch zwischen den Zusammenfügungen den Degen in Leib / dass er für todt liegen
blieb. Alsofort fing sein vermumter Waffenträger ein erbärmliches Mordgeschrei
an: Ach! Hermildis! Hermildis! unglückselige Fürstin! Hertzog Ingram / der sich
alsbald wieder zu Pferde gesetzt hatte / erstarrte über dieser Stimme wie ein
Scheit; und der ganze Schauplatz geriet in eine Raserei / als sie nach
abgerissenem Helme Hermildens Antlitz erblickten / aber wenig Zeichen des Lebens
an ihr verspürten. Ingram wäre in diesem Getümmel von dem wütenden Pöfel in
Stücke zerrissen worden / wenn nicht der König bei diesem ihn am meisten
bekümmernden Zufalle Vernunft und Mässigung seiner Regungen behalten / auch der
Leibwache ihn zu beschirmen befohlen hätte. Nach gestilltem erstem Auffruhr /
und als die Fürstin sich von der Ohnmacht erholte / die Wundärtzte
gleichergestalt die Verletzung nicht für tödtlich hielten / kamen Hertzog Gudwil
und Decebal und baten beim Könige aus /dass sie gegen den Ingram fechten und
Rache ausüben möchten. Dieser ward hierdurch allererst von seiner Bestürtzung
ein wenig ermuntert / redete damit den Lissudaval an: Ich wünsche durch mein Blut
/ grossmütiger Fürst / meinen Irrtum zu büssen / wenn ich dardurch nur allein
meine durch des Decebals Betrug oder Zauberei geschändete Unschuld ans Tagelicht
bringen könnte. Das Verhängnis wird es mir sicherlich / und dadurch dieses Glücke
verleihen / dass der Erlauchte Fürst Gudwil Decebals offenbahrtes Laster
verfluchen / und mich gegen dem / welchem ich so hoch verbunden bin / zu
kämpffen nicht nötigen werde. Nach dem Königlichen Verlaub traffen Ingram und
Decebal als zwei Felsen an einander / das Gefechte schien mehr als menschlich zu
sein / denn nach gebrochenen Lantzen und gefälleten Pferden führten sie zu Fusse
mit ihren Schwerdtern auff einander ohne einiges Verblasen / gleich als wenn sie
keines Atemholens bedürften / solche Streiche / welche auffzuhalten Stahl und
Harnisch zu wenig waren. Endlich unterlieff Ingram dem Decebal sein Gewehr / und
nach einem langen Ringen fielen sie mit einander zu Boden; weil aber Ingram das
Glücke hatte oben zu kommen / nahm er seines Vorteils so wohl wahr /dass er dem
Decebal den Helm vom Haupte riss / und ihm den Degen an die Gurgel setzte / mit
Bedräuung: Er wollte ihm nun das Licht ausblasen / da er nicht die betrügerische
Verfälschung seines Schildes eröffnen würde. In Decebals Gemüte kämpfte Schande
und Liebe des Lebens. Diese aber überwog jene / und er gestand / wie schwer es
ihm ankam / mit Erzehlung aller Umstände zu / dass auff seine Anstifftung der
Blattner der Eimbrischen Hertzogin Bildnis unter das oberste Blat eingeschraubet
hätte; Welch Bekenntnis auch alsofort durch den herzu gefoderten Blattner
bekräfftigt ward. Nicht nur des Königs und des Fürsten Gudwil / sondern aller
anwesenden Gemüter wurden hierdurch ganz umgekehrt / und so viel Ingram
Ansehen und Gewogenheit erwarb / so tieff verfiel Decebal in Hass und Verachtung
/ ja Lissudaval liess ihm alsofort Stadt und Hoff verbieten. Ingrams gröste
Bekümmernis war die Fürstin ausser Gefahr / und sich bei ihr ausgesöhnt zu
wissen. Alleine wenig Tage versetzten sie in eine versicherte Genesung / und
ihres Brudern Erzehlung der völligen Begebenheiten den Ingram in so grosses
Ansehen / dass sie ihn selbst zur Verhör beruffen liess / ja / als er ihr seine
Verletzung auff den Knien abbitten wollte / einiges sein Erkenntnis nicht annahm /
sondern ihr selbst ein zweifaches Verbrechen / so wohl eines übelgegründeten
Argwohns /als einer ungerechten Antastung zueignete. Es ist wundernswert / wie
die zwei widrigsten Gemüts-Regungen Liebe und Rache in einer Seele so geschwind
abwechseln können! Die zeiter freie Hermildis ward durch die verbindlichen
Liebes-Bezeugungen Hertzog Ingrams nunmehr tieffer im Gemüte / als vorher mit
seinem Degen verwundet. Den König Lissudaval verband er ihn zu einer innerlichen
Zuneigung / den Fürsten Gudwil zu einer brüderlichen Vertrauligkeit; und hiermit
schien er alle Hindernisse die Qvadische Hertzogin zu erlangen überstiegen zu
haben / als Hertzog Decebal bei denen ihm benachbarten und befreundeten
Pannoniern den Hertzog Ingram durch eine empfindliche Verläumdung vergällete.
Denn er liess durch einen Betrüger seine Hand nachmahlen / und sein Petschaft
nachstechen /schrieb hiermit in seinem Nahmen einen Brieff an den Obersten
Feldherrn Marcomir / darinnen er die Hoffnung seiner Vermählung mit der
Hermildis Ihm vergewisserte / wordurch er das Pannonische Reich /welches für
acht und sechtzig Jahren von ihrem Geschlechte durch angemasstes unrechtes
Wahl-Recht abkommen wäre / wiederum an sich zu ziehen anzielte. Diesen Brieff
händigte er selbst einem Post-Reuter ein / solchen dem Marcomir zu überbringen /
stellte aber etliche Pannonier an / dass sie einen solchen verdächtigen
Brieff-Träger nicht allein anhalten / und ihm die Schreiben abnehmen / sondern
selbten auch /wormit sein Betrug verschwiegen bliebe / todt schlagen sollten.
Keine Natter kann so vergifftet sich anstellen / wenn sie getreten wird / als der
Adel / wenn man ihm das Wahl-Recht nehmen / und ein freies Volck /wenn man es zu
Erb-Untertanen / oder seiner Auslegung nach zu Sclaven machen will. Daher ist
unschwer zu erachten / wie die Pannonier / die ohne diss nicht so viel Schatten
einer Dienstbarkeit / als ein Auge Staub in sich vertragen können / wider den
Hertzog Ingram erbittert worden. Die Furcht und Einbildung sind ausser dem
gewohnt / eben wie die Fern-Gläser / alle Dinge zu vergrössern / und den Sachen
eine andere Farbe anzustreichen / ja diss / was etwan geschehen kann / für etwas
wesentliches zu verkauffen. Dahero war kein Herrschens-Joch so strenge zu
ersinnen / das sie nicht schon unter dem Ingram auff ihren Achseln zu haben
ihnen traumen liessen; und wormit sie ihrer Empfindligkeit so vielmehr Ansehen
und Beipflichtung zu wege brächten / stellten sie dem Hertzog Gudwil nicht
allein seine eigene Gefahr und die Verdringung von denen Väterlichen Reichen für
/sondern sie erklärten ihn auch noch bei Lebzeiten Lissudavals zu ihrem
künftigen Beherrscher. Die Qvaden machten bei so scheinbarer Gefahr auch grosse
Augen / und die eifersüchtige Herrschens-Sucht verwandelte Hertzog Gudwils
Freundschaft wider den Ingram in einen heftigen Argwohn. Ja es mangelte nicht
an Leuten / die um sich beim Gudwil in Ansehen grosser Treu zu setzen ihm
rieten: Er sollte nicht allein Ingrams Heirat mit seiner Schwester stören /
sondern ihm auch das Licht ausblasen. Fürsten sollten allezeit den verdächtig
achten / der nach ihnen ihm Hoffnung zum Reiche machen könnte. Es wäre diese
Entschlüssung nicht zu verschieben / in welcher die Langsamkeit mehr als
Verwegenheit Schaden brächte; auch dörffte man über dem / was zur Ruhe des
Volcks / zur Befestigung des Trons / und zu dem gemeinen Heil angesehen wäre /
ihm kein Gewissen machen / wenn es schon einen Schein der Grausamkeit an der
Stirne führte. Die Suessioner und Senoner hätten für hundert Jahren ihr von den
Eubagen / welche sich wider die alten Druyden aufflehnten / und ihren
Gottesdienst aus den Geheimnissen der Natur ergrübeln und befestigen wollen /
zerrüttetes Reich nicht ehe in Ruhe setzen können / als biss König Colusar eines
ihrer Häupter durch Verlobung seiner Schwester / das andere mit Verleihung
grosser Würden ganz sicher gemacht / und auff der Königlichen Hochzeit über
hundert tausend Eubagen unversehens nieder säbeln lassen / den Bräutigam auch
selbst zu Abschwörung des Eubagischen Gottesdiensts genötigt. Verzweiffelte
Kranckheiten müste man mit Giffte heilen / und in allen grossen Beispielen
stecke ein Gran Ungerechtigkeit / welche Scharte aber durch den gemeinen Nutzen
ausgewetzt würde. Hertzog Gudwil geriet hierdurch in einen rechten Kampff
seines Gewissens und der Regiersucht. Jenes redete dem Ingram als einem noch nie
überwiesenen das Wort; diese aber sprach ihm das Leben ab / weil einem in
Lastern / die die Herrschaft angehen / auch nur glaubhafte Mutmassungen zu
verurteilen berechtigt wären. Hertzog Ingram / welchem diese Verleumdung lange
Zeit verborgen blieb / erfuhr selbte durch vertrauliche Nachricht des Ritters
Schlick / und zugleich / was man dem Gudwil wider sein Leben für blutige
Ratschläge einbliesse. Gleichwohl behielt dieser Fürst ein der Gefahr gemässes
Gemüte / und weil er durch eine blosse Schutz-Rede den bereit so tieff
eingewurtzelten Verdacht zu vertilgen nicht getrauete / noch durch eine
heimliche Flucht zwar sein Leben zu retten / seine Unschuld aber in mehrern
Verdacht einzusencken / und sich dadurch der unschätzbaren Hermildis verlustig
zu machen nicht für ratsam hielt / ihn auch seine übermässige Liebe alles
eusserste zu versuchen veranlassete / so nahm er seine Zuflucht zu einer
vermessenen Andacht. Denn den folgenden Tag fiel der Neumond ein / an welchem
die Pannonier und Qvaden der Gottin Kihala opferten. Diese Göttin war ein
nacktes auff einem mit zwei Tauben bespannten Wagen stehendes Weib / in ihrer
rechten Hand trug sie die Welt-Kugel / in der lincken drei Granat-Aepfel / auf
dem Haupte einen Myrten-Krantz / aus ihrer Brust ging eine brennende Fackel
herfür. Auf ihrem Altare lag ein aus dichtem Golde auf dem einen Gebürge dieser
Völcker gewachsener Stab / darauf die Könige nicht allein dem Reiche ihre
Eydes-Pflicht zu leisten / sondern auch andere Grossen des Landes ihre
Angelöbnüsse zu beschweren pflegten; und wird geglaubt / dass kein Meineidiger
aus dem Tempel lebendig scheiden könnte. Wie nun der König / Fürst Gudwil und
Hermildis für diesem Bilde knieten / und der Priester ein Opfer nach dem andern
anzündete / kam Hertzog Ingram unversehens in den Tempel / legte seine lincke
Hand auf den güldenen Stab / und schwur mit heller Stimme: Ich ruffe euch
Schutz-Götter dieses Königreichs zu Zeugen /dass ich das Erbrecht desselben
meinem Stamme zuzuziehen / die Freiheit des Volcks zu unterdrücken /noch auch
den Fürsten Gudwil darvon abzustossen niemals / sondern allein die
unvergleichliche Hermildis zu besitzen gedacht. Da auch ich hierinnen meineidig
bin / so werde ich und mein Stam vertilget / so verzehre mich augenblicks diese
Flamme. Hiermit fasste er mit der rechten Hand den glüenden Rost /worauf die
Opfer lagen. Alle Anwesenden erstarrten hierüber / und insonderheit / da sie ihn
die Hand ganz unversehrt von dem umbfassten brennenden Eisen wegziehen sahen.
Weil nun kein Mensch an seiner durch dieses Wunderwerck bewehrten Unschuld
zweifelte / musste sich Hertzog Gudwil schämen / dass er diese andere Verleumbdung
sich so leichtgläubig hatte einnehmen lassen. Es ist sicher eine vermessene
Zuversicht zu seiner Unschuld / oder ein ungemeines Vertrauen zu den Göttern
gewest / fing Zeno an / da unter diesem Wunderwercke nicht ein Kunst-Stücke
verdeckt gelegen. Was für ein Kunst-Stücke? versetzte Malovend. Zeno antwortete:
Machet man aus dem Amianten-Steine Leinwand / die von der Flamme gereinigt /
nicht verzehret wird; wächset auf dem Javischen Gebürge Holtz / das nicht
verbrennet; leben in den Cyprischen Schmeltz-Oefen über dem zerflüssenden Ertzte
gewisse Fliegen unversehrt; leschen die Salamandern mit ihrem Speichel das Feuer
aus / so ist es auch wohl möglich / dass der Mensch seine Glieder durch natürliche
Mittel für dem Brande verwahre. Uberdis sollen nicht weit von Rom in dem
Filiskischen Gebiete gewisse Geschlechter / die Hirpien genennt / gewesen sein /
welche am Berge Soractes /wenn daselbst jährlich dem Apollo geopfert worden
/über die glüenden Brände ohne einigen Schaden baarfüssig gehen können / und
deswegen vieler Freiheiten genossen haben. Malovend begegnete ihm: Es mag wohl
sein / dass unter derogleichen Begebenheiten zuweilen die Kunst oder die Natur
spiele; Hertzog Ingrams Beginnen aber ward als ein unbegreiffliches Wunderwerck
der sonderbaren Fürsorge seiner Schutz-Götter zugeschrieben; und daher ihm
alsofort die Fürstin Hermildis im Tempel mit grossem Frolocken der Qvaden
verlobet. Kurtz hierauf starb der König Lissudaval / und betrat Fürst Gudwil
beide Reichs-Stüle / wiewohl mit minderm Glücke / als Verdienst. Denn Decebal
erregte wider ihn den mächtigen König der Scyten Salomin / dass er mit einem
grossen Heere in Pannonien einfiel. König Gudwil begegnete ihm zwar mit
Heeres-Krafft / ward aber bei Zoma geschlagen / und er selbst kam in einem
Morast umb. Nach dessen Tode erkennten die Qvaden zwar alsobald die Fürstin
Hermildis für eine Erbin des väterlichen Reichs / und den Hertzog Ingram für
ihren König; die Pannonier aber wurden untereinander zwistig / und erwehlte ein
Teil in Ansehung der Anverwandnüss und seiner Tapferkeit den Ingram / das andere
Teil aber / teils wegen ihrer Blutfreundschaft /teils aus Furcht für der
Dacier und Scyten grosser Macht / teils weil ihnen das vom Decebal gegen den
Ingram erregte Misstrauen noch im Hertzen steckte /den Decebal / welcher
inzwischen ein Sarmatisches Fräulein Lasabile geheiratet hatte. Hiermit
gerieten diese zwei Fürsten gegeneinander in Krieg / das Glücke aber stand auf
Hertzog Ingrams Seiten; denn er bemächtigte sich der Haupt-Stadt / und liess sich
krönen / verfolgte hierauf mit seinen siegreichen Waffen den Decebal / und
schlug ihn beim Flusse Patissus aufs Haupt / also dass er zum Salomin zu flüchten
genötigt ward. Dieser führte ein Heer von 300000. Scyten wider den König
Ingram auf / drang damit biss ins Hertze Pannoniens / und belägerte die Stadt
Vindobon. Es beschützte aber selbte mit unglaublicher Gegenwehr Friedebald der
Alemannier und Vangionen Hertzog so lange / biss König Ingram ein ansehnlich Heer
zusammen zog. Welchem aber Salomin nicht Fuss halten wollte / sondern nach Verlust
unzehlbarer Stürme und mehr als 60000. Mann ab- und in Scytien zurück ziehen
musste. Insonderheit machte die Belägerten behertzt eine stählerne in einem alten
Tempel aufgehenckte Krone / die der alte König Frison dahin gebracht / und mit
seiner Indianischen Gemahlin Palibotra zum Braut-Schatze bekommen haben soll /
als ihn Sandrocot aus dem Emodischen Gebürge vertrieben / und er anfangs in
Egypten / hernach in Tracien / endlich in Deutschland sich niedergelassen. Denn
sie glaubten / dass / so lange diese in ihren Ring-Mauren wäre / die Stadt nicht
zu erobern sei. So gibt diese Stadt / fing Zeno an / Rom nichts nach / welches
auf sein Bild der Pallas / das Eneas aus dem Trojanischen Brande / Metellus aus
dem in voller Glut stehenden Tempel der Vesta errettet / oder auf den kurtzen
Schild / der unter dem Numa vom Himmel gefallen sein soll / so viel bauet. Es
sind dergleichen Schutz-Bilder hin und wieder gar gemein / fiel Rhemetalces ein
/ und habe ich in der Africanischen Stadt Bockan Hemer auf einem sehr hohen
Turme vier güldene Kugeln angetroffen /die 700. Pfund wiegen / welche eines
Mohrischen Königs Tochter aus ihren Geschmeiden unter einem besondern Zeichen
des Gestirnes hat giessen / und statt ihres versprochenen Braut-Schatzes auf die
4. Turm-Ecken setzen lassen / ja gewisse Geister zauberisch beschworen / dass
sie verpflichtet wären / solche Aepfel und zugleich solches Reich ewig zu
bewahren. Allein der Ausgang lehret nicht allein / dass hierunter viel
Aberglauben und Eitelkeit stecke; wie denn diss Reich ietzt mit seinen Aepfeln
unter frembdem Joche schmachtet / und Troja ist unbeschadet ihres Pallas-Bildes
von den Griechen / Rom unbeschadet seines Ancils von Deutschen erobert worden;
sondern der Ursprung und die Wahrheit dieser Schutz-Bilder ist auch meist
zweifel- oder gar lügenhaft. Einige Römer wollen selbst nicht glauben / dass das
Römische Palladium das rechte sei / weil Heraclea / Lavinium und Luceria das
unverfälschte zu haben sich rühmen / und unter den zwölf Ancilen weiss niemand /
welches das rechte sei. Viel miene auch / dass Eneas das Palladium vom Diomedes
nicht kriegt / weniger in Italien gebracht / sondern Fimbria es im
Mitridatischen Krieg bekommen habe. Ich glaube selbst / versetzte Malovend /
dass Friedebalds Tapferkeit das beste Schutzbild der Stadt Vindobon / und der
Unglücks-Stein der Scyten gewesen sei. Durch derselben Verlust und Flucht ward
Decebal gezwungen den König Ingram umb Frieden anzuflehen / und sich des
Pannonischen Reiches zu entäusern; gleichwol aber blieb dem Decebal das vorhin
zu Pannonien gehörige Dacien mit dem Königlichen Titul und beiderseitiger
Bedingung: dass / wer unter ihnen den andern überlebte / das Königreich Pannonien
völlig haben sollte. Wenige Zeit hernach starb Decebal. Als nun König Ingram /
vermöge ihres Bundes / das Pannonische Dacien wieder forderte / schützte die
Königin Lasabile für: Decebals abgeredter Rückfall hätte den Verstand in sich
gehabt / da einer unter ihnen ohne Kinder stürbe / und Salomin /dem Ingrams
mehrere Vergrösserung Kummer machte / schickte des Decebals zweijährichtem Sohne
Festan eine Königliche Krone und andere kostbare Geschencke / versicherte die
Königin seines Beistandes /brachte auch die Stände des Reichs teils durch
Bedräuung / teils durch Verheissungen / darzu / dass sie diesem Kinde die
väterliche Krone aufsetzten / sich auch überdis noch ein Teil Pannoniens / das
die Jatzyger bewohnen / zu ihm schlug. Als nun König Ingram mit sieghaften
Waffen die Abtrünnigen wieder eroberte / drang Salomin mit einer neuen
Heeres-Macht wieder herfür / lägerte sich bei Bregetio /worinnen sich die
Königin Lasabile und ihr Sohn aufhielt. Daselbst bekleidete er seine Arglist mit
betrüglichen Liebkosungen gegen der Königin und die Landes-Herren / als dem
schädlichsten Gifte rechtschaffener Freundschaft. Endlich ersuchte er die
Königin ihm den König ins Läger zu schicken / wormit er ihm selbst die
mitgebrachten Geschencke einliefern / und seiner Person Beschaffenheit in
Augenschein nehmen könnte. Lasabile erschrack über diesem Anmuten überaus heftig
/ und ward nunmehr allzu langsam ihres Irrtums gewahr / und dass nichts
gefährlichers sei / als einen mächtigern Nachbar zu Hülffe ruffen /derer
Schutz-Flügelmeistenteils von Adlers-Federn sind / welche dieselben / so sie
für Gewalt beschirmen sollen / selbst zerreiben; wie die benachbarten Griechen
am Könige Philip empfunden / der den schwächsten halff / wormit er anfangs die
Besiegten / hernach die Sieger ihm untertänig machte. Gleichwohl dorfte sie ihr
Misstrauen gegen dem Salomin / als welcher mit seinem mächtigern Heere / als dem
ihre äuserste Kräfften nicht gewachsen waren / im Hertzen ihres Reiches stund /
nicht mercken lassen / sondern musste ihren Sohn mit lachendem Munde in den
Rachen eines Wüterichs liefern / dessen Herrschsucht bereits hundertmal die
Ketten der Bindnüsse / ja die Gesetze der Natur durch Hinrichtung seiner eigenen
Söhne zerrissen hatte. So bald diss Kind in seiner Gewalt war / liess er die Stadt
Bregentio bespringen / zwang durch angedräuete Abschlachtung ihres Sohnes / und
mit dem Vorwand / dass ihr Land für Zeiten zu dem von ihm durchs Recht oder
Waffen eroberten Getischen Reiche gehöret hätte / die Königin / dass sie ihm das
Schloss und andere Pannonische und Dacische Festungen einräumen / und für eine
Gnade erkennen musste /dass sie mit ihrem Kinde in Sarmatien ziehen dorfte. Also
erfuhr diese einfältige Königin allzu geschwinde / dass / da sie meinte unter dem
Schatten mächtiger Schirm-Flügel zu stehen / und mit Lilien bedeckt zu sein /
sie in den Klauen eines Raub-Vogels war / und auf den biss ins Hertz stechenden
Dornen lag; lernete aber allzu langsam / dass auch bei fast verzweifeltem
Zustande man frembder Hülffe sich nicht bedienen solle von einem
ungewissenhaften oder im Gottes-Dienste unterschiedenen Fürsten / oder der auf
das Schutzdürftige Land einen Anspruch hat / oder es ihm vorteilhaftig gelegen
ist; sonderlich da die Hülffe die eigene Macht überwieget / und die
Hülffs-Völcker unter ihren eigenen Heer-Führern bleiben / in Festungen verlegt /
und nicht bald wider den Feind geführet werden. Ob nun wohl dieser Salomin
viermal in Person mit dem unzehlbaren Schwarme der Scyten / Geten und Bastarnen
Pannonien überschwemmete /Deutschland auch wegen eigener Trennung der Druyden /
Barden und Eubagen dem Könige und endlich obersten Feldherrn Ingram wenige
Hülffe leistete / so tät er doch diesem grausamen Feinde mit seinen Qvaden /
insonderheit der Gotinischen / Osischen und Burischen Ritterschaft so
mannliche Gegenwehr / dass er nach überwältigtem Dacien über dem Flusse Patissus
und Arrabon sich nicht feste setzen konnte. Und seine Verdienste waren so gross
geschätzt / dass für seinem Absterben noch sein Sohn Clodomir zu der Deutschen
obersten Feldherrn erwehlet ward.
    Dieser Clodomir / der achte in den Gemählden /ward erzogen in dem Hofe und
Läger des grossen Marcomirs. Denn sein Vater wusste wohl / dass einem jungen
Fürsten der Staub auf der Renne-Bahn und auf dem Kampf-Platze zuträglicher / als
der Ambra-Geruch in dem wollüstigen und für iedem Schatten schichternden
Frauenzimmer sei; ja dass die Jugend nichts minder als ein Gefässe den Geschmack
dessen /was zum ersten darein gegossen wird / behalte. Dieser Marcomir leitete
ihn mit seinem Beispiele als der kräftigsten Richtschnure nicht anders zu allen
Fürstlichen Tugenden an / als die Adler ihren Jungen an die Straalen der Sonnen
zu schauen mit ihrem Vorfluge Unterricht geben. Sintemal in dem eingebisamten
Gemache eines Sardanapals auch ein tapferes Gemüte so wenig herrschen / als ein
Adler von der Nacht-Eule die Augen an der Sonne schärffen / oder die Gipfel der
Cedern überflügen lernt. Dieser mutige Held liess seine Tapferkeit in den
Kriegen wider den unruhigen König Usesuval uñ den Hertzog der Hermundurer
blicken. Seine Beredsamkeit machte / dass Marcomir auf den Reichstagen sich
seines Mundes und Vorträge bediente; seine Klugheit / dass er in seiner
Abwesenheit ihm die Herrschaft ganz Britanniens anvertrauete. Daselbst bezwang
ihn die unvergleichliche Schönheit der Fürstin Riama / dass er in heftiger Liebe
gegen sie entzündet / und dardurch seinen Stand täglich mit neuen Helden-Taten
herrlicher zu machen verursacht ward / umb dardurch Marcomirs Einwilligung und
der Fürstin Gewogenheit zu gewinnen. Diesem seinem Absehen aber wurden zwei
heftige Hindernüsse in Weg geweltzet. Denn das Hertze dieser Fürstin hatte
allbereit von frembdem Zunder / nämlich den Tugenden Friedebalds / des Hertzogs
der Vangionen / der die Stadt Vindobon wider den Salomin so herrlich verteidigt
hatte / heimliches Feuer gefangen / und Marcomir bereuete / dass er die
Ober-Feldherrschaft Deutschlandes in seines Brudern Ingrams Hände hatte kommen
lassen / und selbte nicht vielmehr seinem Sohne Hippon zugeschantzt. Deswegen
verstellte er seine sonst zum Clodomir und seiner Vergnügung tragende Zuneigung
/ meinte auch durch seine Flammen einen grössern Schatz zu schmeltzen /nämlich:
dass Ingram und Clodomir gegen den güldnen Apfel der Riama den deutschen
Reichs-Stab verwechseln würden. Beide diese Klippen aber waren Klodomirn
verborgen / und darum desto gefährlicher. Sein hoher Stand / seine Anverwandnüss
/ welche doch bei dem Cheruskischen Hause im Heiraten möglichst beobachtet ward
/ seine fürtrefflichen Leibes- und Gemüts-Gaben / die beweglichsten
Ausdrückungen seiner brennenden Seelen waren zu ohnmächtig der Riama Hertze zu
erweichen / ja es schien / dass / ie heisser er entzündet war / sie so vielmehr
kaltsinnig und unerbittlich würde. Diese Fürstin war in der Aufsicht Olorenens
Marcomirs Schwester / des Qvadischen König Gudwils Wittiben. Deshalben bemühte
sich Klodomir dieser klugen Königin Gunst zu gewinnen / und meinte / wenn er nur
diesen Stein ins Bret bekäme / das Spiel halb gewonnen zu haben. Denn er bildete
ihm diesen süssen Traum ein / die Abneigung Marcomirs / als von dem er sonst in
allem übrigen so hoch geschätzt ward / sei ein blosser Schatten / welcher von
der Kaltsinnigkeit der Fürstin auf ihn fiele. Die Qvadische Königin war von
Klodomirn ihm bei der Riama sein Wort zu reden leicht zu gewinnen / weil sie
selbst auf den Vangionischen Hertzog ein Auge geworffen / ihre Eifersucht aber /
welche mehr als hundert Luchs-Augen hat / der Riama biss ins Hertze sah / und aus
ihren Blicken /aus ihren öftern Färbungen des Antlitzes in Abwesenheit des
Vangionischen Hertzogs / und etlichen andern Umbständen urteilte / dass Riama
ihre verliebte Neben-Buhlerin sei. Wie behutsam nun Olorene ihre
Empfindligkeiten versteckte / so hatte doch auch ihre Liebe verbundene Augen /
welche sich aus den strauchelnden Fehl-Tritten unschwer abmercken liess / und
daher ward Riama eben so geschwinde gewahr / dass Olorene in den Friedebald
verliebt wäre. Also waren sie zwei gegeneinander die allergenauesten Aufseher
/das Fräulein Riama aber darinnen unglücklich / dass Olorene ihr zuvor kommen war
/ und nicht allein ihm ihre Gewogenheit durch nachdrückliche Merckmale entdeckt
/ sondern auch sein Hertze völlig gewoñen hätte. Wie nun aber / dass es allbereit
mit dem Friedebald und Olorenen so weit kommen wäre / Riama nicht wusste; also
war sie bekümmert / wie sie Friedebalden die Wunde ihrer Seele ohne ihre
Verkleinerung und Olorenens Wahrnehmung entdecken möchte. Denn sie wusste wohl /
dass sie hier zum ersten würde müssen die Larve vom Gesichte ziehen / weil
Friedebald sonst gegen einer so grossen Fürstin seine heftigste Liebe mercken zu
lassen sich nimmermehr unterwinden würde. Ja ihre Gedancken liebkoseten selbst
ihrem Gemüts-Triebe / und legten die gegen ihr täglich bezeugte Ehrerbietungen
nebst denen öftern Veränderungen des Fürsten Friedebalds / welche aber von
Olorenens Regung herkamen / für Verräter seiner vermummeten Liebe aus. Und
endlich bildete sie ihr ein / es wäre kein Fürst in der Welt / der gegen sie
nicht sollte entzündet werden / gegen welchen des grossen Marcomirs schöne
Tochter einen Stral ihrer Gewogenheit würde schiessen lassen. Diesemnach
entschloss sie sich / ihre bisherige zweideutigen Gunstbezeugungen dem Friedebald
durch ein deutlicher Merckmal klärer auszulegen. Hierzu ereignete sich
Gelegenheit in dem Königlichen Lust-Garten / allwo Riama / Olorene / Klodomir
und Friedebald einst ihre Zeit mit allerhand Ergetzligkeiten vertrieben. Als
sichs nun traff / dass Olorene und Klodomir miteinander im Schach spielten /
bediente sich die Princessin Riama solchen Vorteils / und veranlaste den
Hertzog Friedebald mit ihr die Länge aus durch den auf beiden Seiten mit
Palm-Bäumen besetzten Spatzier-Saal zu gehen / und / welches unter denen
Gemählden ihm am besten gefiele / zu urteilen. Als nun / nach derselben
Betrachtung / Friedebald gepresst ward seine Meinung zu sagen / lobte er für
allen andern das Bild / da Nannus der Segobrigier König am Rhodan seiner Tochter
Gyptes Hochzeit machte / und nach dem ihr vermöge der Landes-Art aus den
eingeladenen Gästen einen Bräutigam zu erkiesen verstattet war / sie dem Protis
/ der nebst dem Simos aus Griechenland daselbstin angelendet / zum Zeichen
seiner Erwehlung Wasser reichte. Welcher denn hierauf aus einem Gaste des Königs
Eydam ward / und die berühmte Stadt Massilien mit seinen Phocensern erbauete.
Der Riama schoss bei dieser Erzehlung die Scham-Röte mit vollem Strome ins
Antlitz / ihr festiglich einbildend / dass Friedebald nicht allein das Geheimnis
ihrer zu ihm tragender Liebe ergründet habe / sondern er auch als ein Gast von
ihr nichts anders / als was Gyptes dem Protis gewehret / aus Gegen-Liebe
ersäufze. Nach weniger Erholung war ihre Antwort: Sie könne fein Urtel nicht
schelten / und es wäre eine ungemeine Glückseligkeit / wo Liebe und Wahl auf der
Wag-Schale zweier Augen lägen. Wie aber die verdeckte Liebe eröffnet / die
offenbare verdeckt zu sein wüntschet; also wollte auch Riama sich nicht ganz und
gar bloss geben / fing daher an: Ihrem Gutbedüncken schätzte sie noch höher / die
darneben gemahlte Geschichte / von der Qvadischen Königin Bulissa / welche ihren
Reichs-Ständen / die sie entweder zu heiraten oder Kron und Scepter
niederzulegen nötigen wollten / nach darüber gehaltener Beratschlagung
antwortete: Sie wollte den ehlichen / zu welchem sie das Göttliche Verhängnis
versehen hätte. Diesen würde ihnen ihr wolaufgeputztes und ohne Zügel gelassenes
schimmlichtes Pferd zeigen. Ihr Merckmal sollte sein / dass er auf einem eisernen
Tische Mahlzeit hielte. Friedebald war lüstern den Ausschlag dieses Ebenteuers
zu vernehmen; worauf ihm Riama meldete: Das Pferd wäre über Berg und Tal zehn
Meilweges gelauffen / und zehn der fürnehmsten Landes-Herren selbtem mit den
Königlichen Zierraten nachgefolgt. Endlich wäre es wiehernde bei einem
Ackersmanne Nahmens Sarpimil stehen blieben / der auf seiner umbgedreheten
Pflugschar Brodt und Käse gespeiset. Die Abgeordneten hätten hieraus den Schluss
des Himmels erlernet und den Sarpimil für ihren König verehret; Sarpimil aber
diese Würde unbefrembdet angenommen / und seine Reute in die Erde gesteckt /
worauf sie alsofort als eine Haselstaude aufgewachsen. Durch welche wunderliche
Begebungen denn der Königin Bulissa Wahl so vielmehr Ansehens bekommen hätte.
Mit welcher Erzehlung die Fürstin Riama zu verstehen geben wollte / dass die
Heiraten im Himmel geschlossen würden; gleichwohl aber auch durch dis Beispiel
die in ihren Kram dienende Meinung bestätigte / dass eine Fürstin keinen andern /
als welchen sie selbst erwehlte / lieben sollte. Und diese Erklärung begleitete
sie mit einer so durchdringenden Annehmligkeit / dass selbte auch der
Unempfindlichste / zu geschweigen der so tiefsinnige Hertzog Friedebald für eine
Ausdrückung ihrer hertzlichen Zuneigung hätte annehmen müssen. Ich lasse euch
nachdencken / fuhr Malovend erzehlende fort / ob Friedebald über dieser
unvermuteten Liebes-Eröffnung nicht in äuserste Verwirrung geraten sollte. Die
Glückseligkeit / dass er auf einmal von zweien unvergleichlichen Fürstinnen
geliebt ward / überschwemmte sein Gemüte derogestalt /dass weder der Verstand
hierüber einen Schluss zu fassen / noch die Zunge etwas auszusprechen mächtig
war. Und die beschämte Riama wusste mit nichts / als einem tieffen Seufzer / ihr
Hertze zu erleichtern. Gleichwol mussten sie diese Regungen / so gut sie konten /
verstellen / denn Klodomir und Olorene stunden gleich von ihrem geendigten
Spiele auf / und kamen auf sie gerade zugegangen. Sie nahmen alsofort
Friedebalds und der Riama Veränderungen wahr; beiden aber halff ihre Verwirrung
ein Edel-Knabe verdecken / welcher von Marcomirn der Riama und Olorenen
eingelauffene Schreiben brachte. Klodomir und Friedebald liessen desshalben diese
zwei Fürstinnen alleine / und verfügten sich miteinander an die den Garten
durchschneidende / und zu Beschirmung für der Sonne mit eitel Cypress-Bäumen
besetzte Bach. Olorene erbrach das an sie lautende / und lass folgende Worte:
Liebste Schwester. Unser Vertrauen /das sie stets zu Beratschlagung unserer
grösten Reichs-Geheimnisse gezogen / bewegt uns auch dissmal ihre vernünftige
Einrichtung zu erbieten / dass sie Hertzog Klodomirn gegen Vermählung unser von
ihm begehrten Tochter zu gutwilliger Abtretung der deutschen
Feldhauptmannschaft an unsern Sohn Hippon bewege; als welche wir ihm nicht
allein gutwillig entzogen und Klodomirs Vatern zueignen lassen / sondern auch
unser Recht der Erst-Geburt ausser Augen gesetzt / als wir das von unserm Vater
uns zugefallene Noricum ihm überlassen. Das Schreiben an die Princessin Riama
aber war folgenden Lauts: Liebste Tochter / Hertzog Klodomirs gegen euch heraus
gelassene Liebe rühret nicht allein vom göttlichen Verhängnisse her / sondern
dienet auch zum Heil unserer Länder / und zu Erhaltung unsers Hauses. Dahero
zweifeln wir nicht / dass ihr so wohl an so viel Gutem / als seinen Tugenden und
hohen Ankunft eure Vergnügung finden werdet. Jedoch wird die Königin Olorene /
an die wir euch desshalben verwiesen / hierinnen euch eine treue Wegweiserin
abgeben. Lebet also wohl. Wie nun Olorene über ihrem Schreiben erfreuet war /
nach dem sie ihre Neben-Buhlerin von ihrem Ziel abzuziehen Macht und Gelegenheit
bekam; also gab Riamen iedes Wort einen Stich ins Hertze / und sie wusste ihr
Elend nicht zu übersehen. Weil nun ieder Augenblick Verliebten in Tage sich
verlängert / feierte Olorene nicht / sondern fügte sich zu Klodomirn / von
welchem Friedebald sich alsofort absonderte / weil allem Ansehen nach Olorene
mit ihm alleine reden wollte. Diese fing alsofort an heraus zu streichen / dass
sie für seine Vergnügung zeiter mehr / als er selbst bekümmert gewest wäre.
Dahero wäre sie nicht in den engen Schrancken geblieben ihm bei Riamen gut in
Worten zu sein / sondern / nach dem sie Riamens so grosse Kaltsinnigkeit
verspüret / habe sie das Feuer in der Asche gesucht / und nunmehr einen
Schlüssel gefunden Riamens Hertze und die Pforte seiner Glückseligkeit
aufzuschlüssen. Klodomir ward über so frölicher Botschaft fast für Freuden
entzückt; und nach dem er gegen der Königin seine Verbindligkeit aufs
beweglichste ausgedrückt / war er begierig die Auslegung dieses angenehmen
Rätzels zu vernehmen. Olorene fing hierauf an: Sie habe die ausdrückliche
Einwilligung Marcomirs zu seiner Vermählung in ihren Händen / welcher sich Riame
als eine vernünftige Tochter ohne eufersten Ungehorsam nicht würde widersetzen
können. Klodomir kam hierüber vollends auser sich / umarmte bückende Olorenens
Knie / und rieff: Gütiger Himmel! soll ich am ersten für deine Güte /dass du mich
mit so ungemeinem Glücke überschwemmest; oder dieser meiner Schutz-Göttin für
ihre kluge Vorsorge danckbar sein! Olorene bestillte ihn / und versetzte: Es
wäre dieses Werck noch nicht ausgemacht / und hätte das Gewebe unsers Glücks
keinen so gleichen Faden / dass nicht noch hin und wieder ein Knoten daran zu
finden wäre. Jedoch stünde es vielleicht in seiner Gewalt / dem / was ihm noch
am Wege stünde / selbst abzuhelffen. Klodomir fuhr alsofort heraus: da seine
Gewalt sich dahin erstreckte /wäre nichts unter der Sonne / das ihn an der
Vollziehung hindern sollte. Olorene fiel ihm ein: Er solle sich nicht übereilen.
Es habe in der Welt mehr als einen güldenen Apfel / und die Liebe erlange nicht
allezeit unter den menschlichen Gemüts-Regungen den Obsieg. Was sollte diss wohl
für ein Kleinod sein / antwortete Klodomir / das ich oder iemand der
unschätzbaren Riame fürziehen sollte? Olorene versetzte: Wann die Liebe den
Richterstul besitzt / Nichts; wenn aber Ehrsucht urteilen soll / Herrschaft
und Würden. Klodomir stockte hierauf / fing aber nach einem wenigen Nachdencken
an: Ich traue ja wohl dem grossen Marcomir zu / dass ich ihm für seine Tochter die
väterliche Kron und Zepter nicht abtreten solle / welche er unmöglich ungekrönet
wünschen kann / weil die Natur ihr einen Königs-Krantz aufs Haupt zu setzen die
Welt verbinden würde / wenn das Glücke der Geburt ihr selbten gleich nicht
zueignete. Solte mir aber Kron und Zepter am Wege stehen oder unfähig machen /
könnte ich mich noch wohl überwinden / dass ich mich ihrer enteuserte. Nein / nein
/ mein lieber Klodomir / fing Olerene an: Es ist Marcomirn so wenig anständig
einen ungekrönten Eydam zu haben / als ich dem Fürsten Klodomir eine so
blödsinnige Liebe zutraue / dass er in etwas mehr / als in dem unschätzbarn
Purper / seine Vergnügung finden sollte. Kron und Zepter lassen sich leichter
schelten / als wegwerffen. Und es eckelt einem für diesen nicht so bald / als
man eines schönen Antlitzes überdrüssig wird. Die übereilende Hitze der
aufwallenden Begierde unterdrücket zwar zuweilen die Begierde zu herrschen; aber
diese den Fürsten mehr natürliche Wärmde kommt mit der sich von solchen Dünsten
auswickelnden Vernunft bald wieder empor. Dahero wird Klodomir wohl das
Qvadische und Pannonische Reich mit der schönen Riama besitzen können. Diss aber
/ was Marcomir für seinen Sohn Hippon verlangt / rührt nicht allein ohne diss von
seiner Freigebigkeit her / sondern ist an sich selbst eine Nuss / die güldene
Schalen und ein grosses Gewichte / aber keinen Kern / und doch viel Uberlast
hat. Es ist leicht zu erraten / dass ich die Feld-Hauptmannschaft Deutschlands
meine; die Bürde nach der sich Fürsten nicht sehnen dörffen / welche einer
unverschrenckten Gewalt gewohnt sind / und die ihre Freiheit nicht selbst denen
Beherrschten dienstbar machen / ja ihre eigene Länder zu Unterhaltung der
nötigen Pracht / und zu Beschirmung dieses so vielköpfichten Leibes erschöpffen
wollen. Ich begreiffe selbst nicht / was Marcomir für Ansehn habe / dass er diese
eitele Ehre auf die Schultern seines Sohnes zu heben trachtet / die der
Deutschen Fürsten Eigensinnigkeit ihm mehrmahls so sauer und vedriesslich
gemacht. Hingegen überkommst du mit der unschätzbaren Riama einen Königlichen
Braut-Schatz / die Anwartschaft zu so vielen Königreichen. Denn diese stehen
auf den zweien Augen seines einigen Sohnes Hippon / und also auf dem Falle. Die
Fürsten sind nichts weniger sterblich als Untertanen / ja es sterben mehr
königliche / als gemeine Geschlechter ab. Dieses ist mein unvorgreiflicher
Fürtrag / Klodomir; Klugheit wird vernünftig unterscheiden / welche Wageschale
den Ausschlag zu haben verdiene. Dieser liebkosende Vortrag Olorenens fiel kaum
so geschwinde in die Ohren Klodomirs / als sein Gemüte ihren Bewegungs-Gründen
Beifall gab. Dahero schrieb er noch selbigen Tag an seinen Vater den König
Ingram / und / weil die Buchstaben nicht so /wie ein redender Mund / schamrot
wird / schüttete er für ihm sein ganzes Hertze und Absehn aus. Inzwischen lag
Olorene der Princessin Riama an / dass sie gegen den / welchen so wohl das
Verhängnis als ihr Vater schon zum Gemahl bestimmet hatte / anständigere
Bezeugung machen sollte. Ihre Landsart und die Schamhaftigkeit ihres Geschlechts
nötigte sie einen Bräutigam anzunehmen / nicht zu kiesen. Ihre Jugend bescheide
sie der Eltern Urteil / ihre Pflicht des Vatern Wahl sich zu unterwerffen / und
die Erhaltung ihrer Hoheit ihrer unzeitigen Zuneigung fürzuziehen. Die Liebe der
Jugend wäre insgemein blind / daher hätte sie einer fremden Leitung von nöten /
sie wäre ein Kind / also müste sie aus Mangel der Klugheit den Gehorsam zur
Hoffemeisterin haben. Denn keine Fehltritte wären schädlicher als im Heiraten /
und wer hier irrete / käme nimmermehr wieder zu rechte. Riamen war dieser
scharffe Einhalt ein täglich-nagender Wurm im Hertzen / und sie hätte für
Unwillen mehrmals zerspringen mögen / dass ihre Neben-Buhlerin numehr auch ihre
Aufseherin worden war. Gleichwohl zwang sie der väterliche Befehl diese Gewalt
mit Gedult zu ertragen / und ihre Empfindligkeit nicht mercken zu lassen;
wiewohl ihr Gemüte auf Rache und Mittel / Olorenens Liebe auch einen Stein in
Weg zu werffen / bedacht war. Massen sie denn eine ihrer Cammer-Jungfrauen
gewann / die ihr von Olorenen alle nur erforschliche Heimligkeiten entdeckte.
Hierüber kam Marcomir selbst in Britannien / und an den Königlichen Hoff
Astinabes der glückseligen Inseln König / um Olorenen zu werben. Was hier für
seltzame Verwickelungen in den Gemütern sich zusammen flochten / ist unschwer
zu ermässen. Klodomir liebte Riamen / sie aber den Friedebald / der bereits
durch Olorenens Liebe bemeistert war / und sonder Gefahr zwischen zweien Stülen
niederzusitzen / ihm keine Veränderung dorfte traumen lassen. Olorene liebte den
Friedebald / und er zwar sie / aber ihre Flamme war ohne einige Hoffnung / die
sich doch sonst mit der Liebe in die Wiege und in den Sarch leget. Sintemahl die
Liebe ihr auch bei unmöglichen Dingen stets selbst heuchelt / und ihre Besitzer
offtmahls den blossen schlagen läst. Astinabes war in Olorenen verliebt / sie
aber seuftzete nach einer andern Seele. Und endlich verwirrete das Spiel noch
mehr Ingrams Antwort auf Klodomirs Schreiben dieses Inhalts: Der Pöfel
heiratete nach Wollust / Fürsten aber zu ihrer Vergrösserung. Denn das Reich
sei ihre rechte Gemahlin / die Gemahlin ihr ehrliches Kebs-Weib / dessen man
sich auch so gar entschlagen müste / wenn es entweder ihre Unfruchtbarkeit und
der Mangel der Stamm-Erben erforderte / oder der Fürst durch eine neue Heirat
dem Reiche ein stücke Land zuschantzen könnte. Es hätte das Qvadische und
Pannonische Reich der Urheber ihres Stammes / welcher nunmehr die andere Welt
überschattete / ganz Noricum / sein Vater ganz Britannien und die Friesischen
Landschaften / welche würdig wären Europens Indien genennet zu werden / nicht
durchs Schwerdt /sondern durch Heiraten erworben. Durch diesen untadelhaften
Hamen traue ihm Hippon Marcomirs Sohn Hibernien zu fischen. Zu allem diesem
Aufnehmen hätte dem Hermion und seinen Nachkommen die deutsche
Feld-Hauptmannschaft geholffen / welche Würde so gross wäre / dass alle
Europäischen Könige selbter unstriettig die Oberhand einräumten / und diese wäre
darum so viel herrlicher / weil sie keine knechtische Herrschaft über Sclaven
führte / sondern so mächtigen Fürsten vorstünde / welche Königen den Vorzug
nicht enträumten. Weil die letztern Gedancken insgemein die besten wären / könnte
er unschwer urteilen / dass Marcomir nunmehr seinen selbsteigenen Fehler
erkennte / und mit ihrem Schaden die Scharte auswetzen wollte / wenn er diese
vorhin aus den Händen gelassene Feld-Hauptmannschaft wieder an seinen Sohn
ziehen wollte. Dahero beschwüre er ihn bei seiner kindlichen Liebe / er sollte diss
/ was das Verhängnis und Glücke ihnen einmal zugeworffen / ja dessen Abtretung
ohne diss nicht in ihrer Gewalt / sondern in der unumschrenckten Wahlfreiheit der
deutschen Fürsten bestünde / zu seiner eigenen Verkleinerung / zum Fluche ihrer
Nachkommen / und zum Nachteil der ihnen so wohl wollenden Deutschen nicht von
sich stossen. Bei diesem Ungewitter erfuhr Marcomir / dass Salomin in Deutschland
einbrechen wollte / daher schickte er den Hertzog Friedebald / entweder weil er
vorhin gegen ihm so grosse Ehre eingelegt / oder iemand Olorenens Gewogenheit
ihm verraten hatte / ihm aufs neue den Kopf zu bieten. Diese Entschlüssung kam
so unverhofft und geschwinde /dass er von Olorenen nicht einst verträulichen
Abschied zu nehmen Gelegenheit fand. Denn weil Liebe iederzeit von Furcht
begleitet wird / und ihr einbildet /dass ihre selbsteigene Stirne die Verräterin
ihrer Gedancken sei / so wagten sie sich selbst nicht eine einsame
Zusammenkunft zu pflegen. Gleichwol verfiel Friedebalds Liebe / so furchtsam
sie war / in eine unbedachtsame Verwegenheit. Denn als Marcomir und der ganze
Hof ihn an den Hafen und biss aufs Schiff begleitete / drückte er Olorenen bei
letzter Gesegnung einen Zettel in die Hand / welchen sie / weil König Astinabes
ihr so fort die Hand bot / mit nicht geringerer Unvorsichtigkeit in Busem
steckte / also / dass es Marcomir gewahr ward. Astinabes begleitete sie biss an
ihr Zimmer / Marcomir aber wollte ihr / um diese Heimligkeit / worvon er aus
Eyversucht Riamens schon Wind hatte / zu ergründen keine Luft lassen; daher
führte er sie an ein Fenster gegen dem Meere /und fing an Astinabes Person und
Liebe ihr nachdrücklich einzuloben. So sehr nun Olorene Zeit und Aufschub zu
gewinnen trachtete / so sehr vermehrte ihre Kaltsinnigkeit Marcomirs Verdacht /
also / dass er endlich unter dem Scheine / als wollte er ihr die vom Winde
verwickelten Haarlocken zu rechte machen /ihr Friedebalds Brief zwischen den
Brüsten herfür zog / und was sie dahin für Heimligkeit verborgen hätte
/lächelnde fragte. Olorene wusste für Bestürtzung über dieser unvermuteten
Begebenheit kein Wort aufzubringen; Marcomir aber bereuete alsofort seine
allzugrosse Freiheit / und / wormit er seine Schwester nicht allzusehr beschämen
möchte / wollte er ihr den Zettel wieder einhändigen / und seine Sorgfalt mit
einem kurtzweiligen Vorwitze beschönigen. Olorene aber / welche sich entweder
für verraten hielt / oder doch endlich ihre Gewogenheit lieber durch einen
solchen Zufall / als durch ihr eigenbewegliches Bekenntnis zu entdecken verlangte
/ weigerte solchen anzunehmen / und meldete / sie wüste zwar nicht den Inhalt
dieses ihr unvermutet zugekommenen Papieres /doch läge in ihrem Hertzen keine
Heimligkeit verborgen / welche ihre schwesterliche Liebe für einem solchen
Bruder geheim zu halten Ursache hätte. Diese Vertrauligkeit nahm Marcomir mit
einer schertzhaften Freiheit an / und lass daraus folgende Zeilen: Ich bejammere
/ ewige Beherrscherin meiner Seele / dass das Band unserer Gemüter / welches das
Verhängnis zusammen gebunden / Menschen zerreissen. Wie aber? soll die mir
abgenötigte Abwesenheit unser Bündnis auflösen / welches die Tochter des
grossen Marcomirs zu trennen nicht vermocht hat? Nein sicher! die Riegel so
grosser Gebürge / die Tieffen des grossen Meeres werden zwar meinen Leib von
seiner Sonne entfernen / mein Gedächtnis aber wird mir ewig das Bild der
unvergleichlichen Olorene fürhalten / und meine Seele sich ihr / wenn das Tacht
meiner Hoffnung und ihrer Beständigkeit verglimmt / auf dem Holtzstosse der
Verzweifelung aufopfern. Nach Ablesung dieses Schreibens / gerieten sie beide
in ein langes Stillschweigen / biss endlich Olorene ihre Tiefsinnigkeit mit
folgender Rede ausdrückte: Sie könnte nicht läugnen / dass sie den Hertzog
Friedebald so sehr liebte / als einer Frauen Gemüte zu tun fähig wäre.
Marcomir aber habe selbst das Wasser auf das Rad ihrer Gewogenheit geleitet / da
er ihr aufgetragen seine Tochter mit dem Hertzog Klodomir zu verknüpfen. Denn
weil diese zu Friedebalden eine Zuneigung bezeigt / habe sie für ratsam
befunden / anfangs durch angenommene Liebes-Bezeugungen beim Friedebald ihr den
Vorteil abzurennen / und sich seiner zu versichern; Sie habe aber im Ausgange
erfahren / dass kein Feuer sich gefährlicher anrühren lasse /als die Liebe. Ihre
blosse Anstellung habe sich in kurtzer Zeit in Warheit / ihr Schertz in Ernst
verwandelt. Jedoch hoffte sie / dass nicht allein dieses Hertzogs ungemeine
Vollkommenheit eine Entschuldigung ihrer Schwachheit sein / sondern ihre
Bestrickung Friedebalds die Fürstin Riama von einer härteren Gefängnis befreit
haben würde. Marcomir ward über so offenhertzigem Bekenntnis fürnehmlich aber
seiner Tochter Riama ausbrechender Vergehung überaus bekümmert / also dass er aus
dem Stegereiffen nichts gewisses zu entschlüssen wusste / sondern stillschweigend
/ iedoch nicht ohne Kennzeichen einigen Unwillens von Olorenen Abschied nahm.
Der Morgen war kaum angebrochen / als Marcomir Riamen und Olorenen in sein
Gemach beruffen liess.
    Diese leisteten solchem Befehl unverzügliche Folge / fanden aber zu ihrer
grösten Bestürtzung Klodomirn und den Astinabes schon in dem Königlichen Zimmer
/ woraus sie ihnen selbst alsofort ein seltzames Abenteur wahrsagten. Bei ihrer
Erscheinung eröffnete Marcomir alsofort dieses Urteil: Gott hätte ihn mit einer
Schwester und Tochter / die Reichs-Gesetze Britanniens aber mit dieser Gewalt
begabt / dass er selbte nach seinem Gutbedüncken durch Verehligung nicht allein
versorgen / sondern auch die Wohlfart selbten Reichs hierdurch befördern
möchte: Weil nun zwei so vortreffliche Fürsten bei ihm um sie Werbung täten
/könnte er dem Verhängnisse nicht widerstreben. Dahero erklärte er hiermit aus
unverschrenckter Gewalt /dass in dreien Tagen Riame Klodomirn / und zwar mit
Entengung aller vorigen Bedingungen / Olorene Astinaben offentlich sollte
vermählet werden. Klodomir und Astinabes bezeugten mit tieffster Ehrerbiettung
ihre hierüber geschöpffte Vergnügung. Riame und Olorene hörten iedes Wort als
einen absondern Donnerschlag an / iedoch mit einem stillschweigenden Schrecken /
teils weil die Schamhaftigkeit auch denselben Schmertz auszulassen hindert /
zu dem man gleich Ursache hat / teils weil sie besorgten / dass sie durch ihre
Ungeberdung die / mit welchen sie in ein unaufflössliches Bündnis treten sollten /
nicht zu sehr erherbeten / und dass Marcomir ihre Tränen nicht für eine
Hartnäckigkeit auffnehme. Wie nun der Schmertz / den man nicht mercken lassen
darff / und der Eyfer /den man in sich fressen muss / sich in sich selbst
vergrössert / also konten sie sich nach genommenem Abritte Klodomirs und
Astinabens gleichwohl nicht entalten / dass sie Marcomirn mit Vergiessung vieler
Tränen zu Füssen fielen und baten: da man ihnen ja die Freiheit in der
Angelegenheit / welche sich an sich selbst nicht zwingen liesse / verschrencken
wollte / sollte man doch ihre Gemüter nicht derogestalt übereilen / sondern zu
deren Beruhigung einige Zeit enträumen. Marcomir aber antwortete ihnen mit
ernstafter Geberdung: Sie sollten entwerffen / was sie der Vollkommenheit
zweier so grossen Fürsten für Mängel auszustellen hätten. Sie könten beide des
Hertzog Friedebalds nicht fähig werden / der einen Zuneigung aber müste nicht zu
der andern Unvergnügen ausschlagen. Gemeinen Leuten müste man das Joch ihrer
Untertänigkeit dadurch verzuckern / dass sie nach wohlgestalter Bildung / nach
gleichgesitteter Art und ihrem Triebe heiraten möchten; Königen aber würde es
so gut nicht / und Fürstinnen müsten nach dieser Süssigkeit nicht lüstern werden
/ sondern sich diesen Kützel vergehen lassen. Die Wohlfart des Reichs
erforderte mehrmahls einer Helena einen ungestalten Zwerg / einer klugen
Penelope einen albern Träumer durch dieses heilige Band anzutrauen. Der wäre der
schönste Bräutigam / welcher der Staats-Klugheit gefällt / und die festeste
Schwägerschaft / die das Reich befestigt. Olorene begegnete Marcomirn mit einer
hertzhaften Bescheidenheit: Es wäre nicht ohne / dass Könige ihren Töchtern und
Schwestern insgemein niemahls gesehene / weniger beliebte Männer auffzudringen
pflegten / und sie zu Pfeilern und Riegeln ihres Staats / oder auch zu Hamen
fremde Länder zu fischen / ja zuweilen wohl zu Larven ihrer verborgenen
Feindschaft brauchten. Alleine sie erlangten dardurch selten ihren Zweck /
stürtzten aber hierdurch ihr eigenes Blut in ein ewiges Qval-Feuer. Sintemahl
das Band der Anverwandniss viel zu schwach sei / die Auffblehungen der
Regiersucht zu dämpffen / und die Schwägerschaften / welche nur wenig Personen
verknüpffen / den Staats-Regeln zu unterwerffen / daran so viel tausenden
gelegen ist. Sie verhüllten zwar auf eine kurtze Zeit die Abneigungen / wären
aber viel zu schwach / den zwischen ein und anderm Fürstlichen Hause
eingewurtzelten Hass auszurotten. Wie vielmahl hätten die Cheruster und Catten
zusammen geheiratet / die hierdurch zugeheilten Wunden wären aber alsofort
wieder auffgebrochen / und der Ausgang hätte gewiesen / dass nur ein Haus auff
des andern Länder Erb-Ansprüche / und dadurch Ursachen zu neuen Kriegen zu
überkommen gesucht / also Gift für Artznei verkaufft hätte. Rhemetalces brach
hier ein und agte: Olorene hätte sicherlich wahr und vernünftig geurteilet /
und ihre Meinung bestätigte die Vorwelt mit vielen Beispielen. Seine Nachbarn
die Melossen beklagten noch / dass Philip König in Macedonien ihrem Könige
Arrybas seiner Gemahlin Olympias Schwester nur zu dem Ende verheiratet habe
/wormit er ihn einschläffte / und seines Reichs beraubete. Und wie lange ist es
/ dass Antonius dem Käyser Augustus mit Vermählung seiner Schwester Octavie ein
Bein untergeschlagen / seine betrügliche Schwägerschaft ihm mit seinem Leben
bezahlen müssen? Malovend fuhr hierauff fort in der Rede Olorenens: die
Staats-Klugheit hätte zwar unterschiedene mahl das verborgene Gesetze des
Verhängnisses meistern /und eine Vormünderin über die göttliche Versehung
abgeben wollen / wenn Könige ihre Töchter für ihrer Verlobung angehalten aller
Erb- und Reichs-Ansprüche sich endlich zu begeben. Allein der Ehrgeitz habe
hernach aus einer so heiligen Beteurung einen Schertz oder Gelächter gemacht /
die erkaufften Rechts-Gelehrten aber sich nicht geschämet durch offentliche
Schrifften zu behaupten / dass solche Enteusserung für eine ungültige Nichtigkeit
zu halten sei. Und es stünde so denn nicht in der Gewalt einer Fürstin / die
Farbe und Liebe ihres Geschlechts und Vaterlands zu behalten. Denn es glückte
selten einer Fürstin / wie jener tieffsinnigen Spartanerin / welche ihren
zusammen kriegenden Vater und Ehmann dadurch zur Versöhnung gezwungen / dass sie
sich allezeit zum schwächsten Teile geschlagen. Ich will aus unserm eigenen
Hause / fuhr Olorene fort ein einiges Beispiel zum Beweis / dass das Verhängnis
mit den menschlichen Ratschlägen und Staatsklugen Heiraten nur ihr Gespötte
treibe / anführen. Keiner unsers Geschlechts hat mehr durch seine Eh / als
Hunnus mit des Königs Dinfareds Tochter gewonnen. Ihr Vater meinte seine
Britannische Reiche seinem einigen Sohne Nojanes hierdurch zu befestigen / seine
Tochter aber auff den Stul der Glückseligkeit zu setzen. Das Rad aber schlug in
beiden Absehen ganz um. Britannien sah diesen Fürsten kaum anfangen zu
leuchten / als er in Staub und Asche verfiel. Hiermit wuchs dem Hunnus nicht
allein der Mut seiner Gemahlin ältere Schwester / die dem Könige der
glückseligen Eylande vermählet war / von dem Erbteile Britanniens abzuschippen;
sondern solches auch noch dem lebenden Dinfared auszuwinden. Er zwang seine
Gemahlin / dass sie nebst ihm zu Kränckung ihres Vaters sich eine Fürstin über
Britannien ausruffen liess /er schloss seinen Schwehervater von dem Frieden aus
/den er mit den Galliern einging / er kam wider seinen Willen in Britannien /
machte von ihm seine Räte und Untertanen / welche von der untergehenden Sonne
meist die Augen gegen die auffgehende richten / abtrünnig; Er forderte von ihm
mit Ungestüm die Abtretung Caledoniens / das ihm seine Gemahlin Betisale
zugebracht hatte / er verstattete mit genauer Not und mit schimpflichen
Bedingungen seinem Schwehervater eine einstündige Zusammenkunft; und wie sehr
diesem gelüstete einmal seine Tochter zu schauen / durffte er sich doch nicht
erkühnen nur nach ihr zu fragen. Ob wohl auch dieser grosse König für der Zeit
und Not die Segel strich / und seiner Tochter Caledonien abtrat / war Hunnus
doch hierdurch weder gesättigt noch besänftigt. Seine Gemahlin / die alles /
was sie ihm an Augen ansah / tät / die gleichsam von seinem Anschauen lebte /
und aus seinen Neigungen ihr eitel Abgötter bildete / geriet wegen seiner
blossen Abwesenheit aus übermässiger Liebe in eine wenige Gemüts-Schwachheit. An
statt dessen nun Hunnus mit ihr Mitleiden haben sollte /rieff er diese Blödigkeit
für eine gäntzliche Unvernunft aus / verschloss sie in ein Zimmer / und verdamte
sie zu einer traurigen Einsamkeit; ja er liess sie nicht allein seine
Reichs-Stände in öffentlicher Versammlung für blödsinnig und zur Herrschaft
untüchtig erkennen / sondern zwang auch ihren Vater / dass er diese schimpffliche
Erklärung selbst unterzeichnen / und dem Hunnus das Hefft alleine in den Händen
lassen musste. Diese seine Grausamkeit ward nach seinem Tode vollkommentlich
offenbar. Denn als er in der Blüte seines Alters durch Gift umkam / und seine
Gemahlin sich in der Freiheit befand / erwies sie nicht allein ihren
vollkommenen Verstand / sondern auch ein Muster einer unvergleichlichen Liebe.
Denn sie führte seine eingebalsamte Leiche allentalben mit ihr herum / um
selbte alle Tage in dem Sarge zu betrachten / und mit Seuffzern und Tränen
seine von ihr so brünstig geliebte Asche anzufeuchten machte auch hierdurch vom
Hunnus wahr / dieselbe Weissagung / dass er länger nach / als bei seinem Leben
reisen würde. So verwirret ging es diesem Staatsklugen Könige / und so elende
dieser vollkommenen Fürstin. Nicht besser traff es der oberste Feldherr Alemann
/der durch Vermählung seiner Tochter an den mächtigen König der Gallier Lucosar
sich nicht wenig zu vergrössern dachte. Denn diese Verknüpffung ward zu einem
Zanck-Apfel / und Lucosar verstiess sie aus keiner andern Ursache / als dass er
mit der Fürstin Nana die Amorichschen Länder erheiraten könnte. Ja sein
Nachfolger Gudwil verstiess aus gleichem Absehen Lucosars Schwester / um nicht so
wohl der verwittibten Nana / als ihres Heirats-Guts fähig zu werden. Diss sind
die traurigen Ausgänge der Ehen / die die Ehrsucht stifftet / und die Eigennutz
/ nicht auffrichtige Liebe zum Grundsteine haben. Marcomir hörte Olorenen mit
höchster Gedult an / antwortete aber: Er hätte alles reifflich überlegt / und
nicht ohne wichtige Ursachen diesen Schluss gefast. Oefftere
Zusammen-Heiratungen unterhielten gute Verständnis der anverwandten Häuser. Man
versiegelte mit ihnen die Friedens-Schlüsse / man zertrennte dadurch gefährliche
Bündnisse. Da sie nicht selbst den Knoten der Eintracht machten / so befestigten
sie ihn doch. Er habe durch diese Entschlüssung nicht allein auff die
Vorträgligkeit seines Reichs / sondern zugleich auff ihre Vergnügung gezielet.
Sie meinten zwar beide solche mehr in dem Besitz des Fürsten Friedebalds zu
finden. Wie aber diss an sich selbst unmöglich wäre /also sollten sie erwegen /
dass Klodomir und Astinabes an Tugenden dem Friedebald gleich / an Macht und
Ankunft aber ihm weit überlegen wären. Nun hätte das Cherustische Haus ja
allezeit von solcher Art Pflantzen gehabt / welche für niedriger Vermählung
Abscheu getragen / und ihr Antlitz keinem andern Gestirne / als Sonnen
nachgekehret hätten. Die Palm-Bäume würdigten keine unedlere Staude ihrer
Nachbarschaft und Verknüpffung / und die Magnet-Nadel liesse sich keine andere
himmlische Stralen von dem so herrlichen Nord- und Angelsterne abwendig machen.
Wie möchten sie sich denn durch Erwehlung eines ungekrönten Hauptes so tieff
erniedrigen / die aus einem Geschlechte entsprossen / das so wenig gewohnt wäre
Kinder / als der Granat-Apffelbaum Früchte ohne Purpur und Kronen zu haben?
Alles dieses sollten sie behertzigen / und nachdencken: ob sie dem / der Zeiter
für sie mehr als ein schlechter Vater und Bruder gesorgt / etwas übels zutrauen
könten /und ob sein für beiden Fürsten eröffneter Schluss sich ohne seine höchste
Ehren-Verletzung / für welcher ehe alles müste zu drümmern gehen / verändern
liesse. Mit diesen Worten entbrach er sich ihrer / und liess Riamen und Olorenen
in höchster Gemüts-Bestürtzung. Beide mischten allhier ihre Tränen zusammen /
welche kurtz vorher einander mit so scheelen Augen angesehen hatten. Also hat
die Gemeinschaft des Jammers diese seltzame Krafft / dass selbte zertrennte
Gemüter vereinbart. Und diese Eintracht erhärtete / dass die Hände des Unglücks
stärcker / als die Klauen der Eifersucht sind. Klodomir und Astinabes waren
hingegen bemüht durch Ausübung allerhand ergetzender Ritterspiele und
Kurtzweilen so wohl sich sehen zu lassen / als ihnen die Zeit zu verkürtzen /
wormit sie hierüber ihnen ihren Kummer und Gedancken aus dem Gemüte schlagen
möchten /und durch hunderterlei Arten annehmlicher Bedienungen suchten sie ihr
Hertze zu gewinnen. Wiewohl nun Riame und Olorene die grossen Tugenden dieser
zweien ausbündigen Herren nicht allein erkennen /sondern auch darüber sich
öffters verwundern mussten / so sprachen sie doch in Gedancken allemahl
Friedebalden den Preis zu / entweder weil ihr Hertze von ihm schon vorher
besessen war / oder weil die Liebe an sich einen Zug zu einer gewissen
Hartnäckigkeit hat / dass sie auch etwas köstlichers verschmähet /welches man ihr
einnötigen will. Welches so vielweniger zu verwundern / weil die heftige Liebe
einen Menschen völlig entzücket / und ausser dem / was sie liebt / gegen alle
andere Reitzungen unempfindlich macht / auch ein liebender selbst diss / was er
vorhin gewest / zu sein auffhöret / und durch eine gleichsam zauberische
Vereinbarung zu seiner Buhlschaft wird. Nach zweien Tagen führte Marcomir sie
insgesamt auff ein von dem Hofe sechs Meil Weges entlegenes Lust-Haus. Nach
unterschiedenen Ergetzligkeiten verfügten sie sich mit einander aus Gestade des
Meeres /und sahen denen Fischern / wie sie daselbst die Fische berückten / zu.
Kurtz hierauff wurden sie inne / dass die Wellen etliche Breter und Stücke von
zerbrochenen Schiffen an die Klippen trieben. Die Fischer waren darum sorgfältig
/ in Hoffnung grössern Gewinn aus fremdem Unglücke / als durch ihren Fischzug zu
erlangen. Massen sie denn auch kurtz hierauff etliche Menschen / so dem Ansehen
nach Boots-Leute waren / aus dem Wasser fischten und auff ihre Kähne legten.
Unter andern brachte die Flut eine mit köstlichen Kleidern angetane Leiche
getrieben / welchen die Fischer alsofort auff Königlichen Befehl ans Ufer tragen
mussten. Das Wasser aber hatte sein Antlitz /und der anklebende Schlamm und
Schilff seine Kleider ganz unkentbar gemacht. Nachdem sie ihn nun absauberten /
und Olorene einen an dem Finger sich befindenden Ring wahrnahm; hob sie
unvermutet einen hellen Gall an zuschreien. Hierauff verblasste sie nicht anders
/ als die für ihr liegende Leiche / und sanck hiermit in eine tieffe Ohnmacht.
Die bestürtzten Umstehenden wussten nicht / ob sie vor die wahre Beschaffenheit
dieser Leiche erkundigen / oder der Ohnmächtigen beispringen sollten. Als diese
sich nur ein wenig erholete / und man sie um die Ursache ihrer Bestürtzung
befragte / seuffzete sie und sprach mit gebrochener Zunge: Ach! Friedebald!
Worüber die Fürstin Riama alsofort als ein Stein erstarrete / alle
Empfindligkeit und Bewegung verlohr / ausser: dass aus ihren Augen häuffige
Tränen schossen / und sie also einem Marmel-Bilde in den Wasser-Künsten
wahrhaftig ähnlich ward. Die übrigen Anwesenden aber befunden leider! nur nach
eigendlicher Beschauung des todten Leichnams / dass es dieser fürtreffliche Held
war. Sie kehrten diesem nach mit der Leiche höchst bestürtzt auff das Königliche
Haus / allwo man die ganze Nacht so wohl an Riamen / als Olorenen genung zu
reiben und kühlen hatte / derer Bestürtzung sich in eine völlige Kranckheit
verwandelte. Diese aber und die so heftige Empfindligkeit Riamens / welche
Klodomirn fast aller Hoffnung seinen Zweck zu erlangen beraubte / verursachte /
dass er sich des Hoffes / und zugleich seine hierüber sich etwan ereignende
Gemüts-Schwachheit zu verbergen / entschlug / und in denen tiefsten Wildnüssen
des Jagens bediente. Hierüber aber geriet er in euserste Lebens-Gefahr. Denn
als er einst sich von den Seinigen verirrete / und des Nachts in der Rauchhütte
eines Kohlbrenners herbergen musste / ward er von diesem Busiris und zwei andern
Mord-Gesellen unverhofft angefallen / derer sich doch seine Tapfferkeit durch
ihre Hinrichtung mit seiner einigen Hand erledigte. Dieser Zufall und die Unruh
seines Gemütes trieb ihn hierauf wieder an Hof / allwo Riamens und Olorenens
sich täglich vergrössernde Kranckheit die Kunst aller Aertzte und die Kräfften
aller Artzneien zernichtete. Diese euserste Gefahr bewegte den Königlichen Artzt
Marcomirn offenhertzig zu entdecken: Es wären mehr Kranckheiten des Gemütes /
als des Leibes. Dahero er und alle Aertzte denen Krancken keine Genesung /ihnen
selbst aber nichts als Schande zuziehen würde. Marcomir / welcher ohne diss
besser als iemand den Ursprung ihres Ubels wusste / fragte bekümmert: ob denn
diese Schwachheiten des Gemütes auch zuweilen tödtlich wären? In allewege /
antwortete der Artzt / weil die heftigen Gemüts-Regungen der Ausfart der
verwirrten Lebens-Geister nichts minder eine Pforte öfneten / als eine
Verwundung dem ausschüssenden Geblüte / dadurch die Seele nach und nach
verschwinde. Also wäre zu Rom eine Mutter über der unverhofften Erblickung ihres
für todt gehaltenen Sohnes für Freuden erblichen. Und der dem Sophocles
aufgesetzte Lorber-Krantz / weil eines seiner Trauerspiele für andern den Preis
behalten / wäre ihm so tödtlich / als das Gift dem Socrates gewest. Bei so
gestalten Sachen / da keine Kräuter-Artzneien des Gemütes wären / würde am
ratsamsten sein / an statt der Menschen himmlische Hülffe zu suchen. Auf der
Druyden hierüber eingeholtes Gutachten / liess Marcomir beide Krancken in einen
uhralten Tempel des Esculapius / welcher in einem Jahr mit dem zu Cartago soll
gebaut sein / bringen / selbigem durch die dem Heiligtum vorstehende Daunische
und Calabrische Priester auf dem Grabe des Podalir sieben Widder opffern / und
auf derselben Felle beide Fürstinnen legen. Es ist wunderns wert / dass die /
welche so viel Zeit kein Auge zugemacht / diese ganze Nacht in einen sanften
Schlaf verfielen. Olorene erwachte zum ersten / iedoch erst mit der aufgehenden
Sonne / und kurtz nach ihr auch Riame. Beide wussten nicht / wie sie dahin kommen
/ ob sie noch in der Welt oder unter irrdischen Grüften bei den abgelebten
Geistern schwebeten. Nach gegeneinander erfolgter Befragung erzehlte Olorene /
sie wüste nicht / obs ihr geträumet / oder ob der Geist des ertrunckenen Hertzog
Friedebalds ihr wahrhaftig erschienen wäre. Dieser hätte ihr mit kläglicher
Gebärdung erzählt /dass sein Schiff durch Unvorsichtigkeit der Bootsleute an
einen Felsen gelauffen und zerborsten / er aber ertruncken wäre. Er dulde aber
nunmehr unerträgliche Schmertzen / weil ihre und Riamens Seufftzer seine Ruh
störten / und ihre Tränen ihm eitel bittere Wermut einschenckten. Dahero bete
er sie mit gefaltenen Händen / sie sollte mit so unbesonnener Traurigkeit nicht
ihren verstorbenen Liebhaber peinigen / nicht ihrem lebenden Marck und Bein
aussaugen / nicht das gemeine Heil hindern / noch aus übermässigem Hertzeleide
unzeitigen Ruhm / und ihren vom Verhängnisse noch nicht ausgesteckten Tod
suchen. Riame antwortete ihr / diss könnte kein Traum / oder es müste gewiss ein
solcher / welchen die Weisen Gottes Botschaften hiessen / gewesen sein. Denn /
was sie erzehlte / wäre ihr gleichsam bei offenen Augen eben so begegnet; sie
könnte kaum sagen / wie ihr Gemüte so erleichtert wäre / wie so wohl von ihrem
Hertzen ein grosser Stein geweltzet / als die zum Hertzog Friedebald so tief
eingewurtzelte Liebe ganz erloschen zu sein schiene. Uberdiss hätte ihr ihr
Lebetage / wie man vom Cleon aus Daunia / Trasimedes und dem Atlantischen
Volcke schriebe / nie geträumet. Olorene versetzte / auch sie wäre gleichsam
neugebohren / und sie nehme an ihr wahr eine absondere Schickung der Götter.
Diesemnach denn auch die Fürstin Riama nicht Ursache hätte / diesen ihren
erstern Traum für ein Sterbens-Zeichen auszulegen / und dörfte sie dahero / um
seine Würckung zu hindern / ihn weder der Sonne erzählen / noch im Bade
abwaschen. Bei diesen Worten trat der Priester in den Tempel / wünschte ihnen
nicht allein zu ihrem bessern Zustande tausend Glück / sondern unterrichtete sie
auch von allen Begebenheiten / derer Gedächtnis ihnen durch ihr Leid und
Kranckheit ganz entfallen war. Die Fürstinnen erzeigten ihm grosse Ehrerbietung
/ fielen für dem Altare / als dem Ursprunge ihrer Genesung / fussfällig und
danckbar nieder. Nach geendigter Andacht führte sie der Priester im Tempel herum
/ und zeigte ihnen alle sehenswürdige Seltzamkeiten. Unter andern wiess er ihnen
eine Jaspis-Taffel / welche von Cartago in diesen Tempel solle gebracht worden
sein. Auf dieser war die Liebe an einem Myrten-Baume gekreuztigt zu schauen /
und überdiss standen drei Frauen / unter denen des Priesters Auslegung nach Medea
und Dido sein sollten / welche aus für sich habenden Körben die angebundene Liebe
mit Rosen-Ballen steinigten. Olorene lachte über diesem in Stein gewachsenen
Gemälde / und fing zu Riamen an: Es müsten diese Frauen von der Liebe so sehr /
als sie / nicht gepeinigt sein worden. Denn hätten jene so viel als sie erduldet
/würden sie die Hände und Füsse der Liebe nicht angebunden / sondern durchnagelt
/ weniger ihn mit Rosen / sondern vielmehr mit Dornen zu tode geworffen haben.
Gegen über stand eine helffenbeinerne Taffel /auf welcher abgebildet war / wie
der in die Pyrrha verliebte Deucalion sich von dem Leucadischen Felsen ins Meer
stürtzte / und dadurch den unerträglichen Brand seiner Liebe ausleschte. Riame
sah Olorenen an / und sagte: Ich traue numehr dem gütigem Esculapius in dieser
Kranckheit mehr zu / als dieser Meer-Klippe und dem Flusse Silemnus / oder auch
dem Kraute / das von seiner Würckung die vergessene Liebe genennet wird. Ich
nichts minder / versetzte Olorene / als Marcomir / der mit Klodomirn und
Astinaben unvermerckt in Tempel kommen war / ihr in die Rede fiel / und den
Priester fragte / ob Esculapius nur wider / nicht aber auch zu der Liebe helffen
könnte? In allewege / antwortete der Priester. Der die schöne Epione so sehr
geliebt / kann der Liebe nicht so sehr feind sein / und der dem so sehr geliebten
und von Pferden zerrissenen Hippolytus / hiermit wiess er auf das darneben
stehende Bild / das Leben wieder geben / vermag auch wohl eine todte Liebe
lebhaft zu machen. Klodomir und Astinabes lagen hiermit dem Priester zugleich
an / sie beim Esculapius zu verbitten / dass da er Riamen und Olorenen von einer
Liebe / welche stärcker als der Tod gewest wäre / entbürdet hätte / sollte er
nunmehro den Balsam einer lebendigen Liebe in ihre Hertzen flössen. Sintemahl
die unsterblichen Götter zwar wohl die mutwillige Liebe aus dem Himmel /
niemahls aber die vernünftige aus ihren Hertzen verstossen hätten. Der Priester
trat hierauf für das Altar / warf auf die daselbst glimmenden Kolen etliche
Handvoll Weirauch / worvon ein annehmlicher Rauch das ganze Gewölbe gleich
einer Wolcken verhüllete. Hierauf tröpfelte ein so erqvickender Tau über den
ganzen Tempel herab / gleich als die Morgenländer darzu allen ihren Ambra und
Balsam verliehen hätten. Alle Anwesende und selbst Riame und Olorene hielten
dieses für ein absonderes Wunderwerck / und / nach dem der Aberglaube die
Menschen alles zu überreden mächtig ist / liessen sie sich bedeuchten / als wenn
die anwesende Gotteit ihre Gemüter gleichsam durch eine Magnetische Krafft zu
einer Zuneigung gegen Klodomirn und Astinaben züge. Hiermit fiel Rhemetalces
ein: Wie aber? war denn dieser wohlriechende Tau kein Wunderwerck des
Esculapius? Malovend antwortete / das leichtgläubige Frauenzimmer hielt es
freilich dafür / ungeachtet die Deutschen sonst des Esculapius kaum für einen
Halb-Gott erkennen. Ich bilde mir aber ein / es sei allhier nichts minder mit
Künsten zugegangen als es in den Egyptischen Tempeln geschiehet / allwo /wenn
das Feuer auf dem Altare angezündet wird / die vielbrüstige Mutter der Götter
häuffig Milch in einen Marmelnen Kessel spritzet / und zu Sal Isis und Osiris
Milch und Wein rinnen lassen / oder auch / wenn in dem Lybisschen am
Crocodilen-Ufer gebauten Tempel des Esculapius einer hinein trat / und nur die
ertztenen Räder anrührte / selbter alsofort mit Weihwasser bespritzt ward.
Rhemetalces begegnete ihm: Solten die klugen Egyptier wohl so alber gewesen sein
/ dass sie ihnen einen blauen Dunst für die Augen machen lassen? Sicherlich /
versetzte Malovend / sind dieses alles Kunst-Streiche der verschlagenen Priester
gewest / welche hierdurch den einfältigen Pöfel nach ihrem Willen geleitet /
sich zu Halb-Göttern / Egypten aber zum Ebenbilde des Himmels und zu einem
Tempel der Welt gemacht. Nach dem Käyser Augustus alldort ihren abergläubischen
Gottesdienst abgeschafft / habe ich mir selbst in den Altären die heimlichen
Röhren und Werckzeuge weisen lassen / welche von der Hitze des anzündeten Feuers
/ oder durch einen andern Trieb die verborgene Feuchtigkeit auszuschütten sind
gereget worden. Dem sei aber / wie ihm wolle / so gebrauchte sich Marcomir
allhier des Aberglaubens gegen Riamen und Olorenen / ihnen die Liebe zu benehmen
und sie wieder verliebt zu machen. Zeno konnte sich des Lachens nicht entalten
/und fing an: Ich weiss wohl / dass die Staats-Klugen ihre Herschsucht mit dem
Mantel der Gottesfurcht verhüllen / und durch Aberglauben das Volck ihnen
verbindlich machen. Ich erinnere mich / dass Numa durch die ertichteten Gespräche
mit seiner Egeria /Scipio mit seinen Träumen in dem Hause des Capitolinischen
Jupiters / Sulla mit dem fürgetragenen Bildnüsse des Apollo / Sertorius mit den
Warsagungen seiner weissen Hinde / Minos mit denen vom Jupiter ihm eröfneten
Gesetzen / Pisistratus mit seiner vermummten Minerva ihre Herrschaft befestigt
/ dass die Spartaner ihre Regiersucht und den Krieg wider Aten / Philippus den
Uberfall der Phocenser mit ihrem Kirchenraube beschönet / ja dass auch der
Britannische König Dinafer alle seine Begierden mit der Andacht bekleidet; Dass
man aber den Aberglauben zum Werckzeuge der Liebe gebraucht habe / erinnere ich
mich nicht. In allewege / sagte Rhemetalces. Nectabis überredete des grossen
Philippus Gemahlin Olympias / es wurde sie der Hammonische Jupiter schwängern /
und sie von ihm einen Sohn / der die ganze Welt beherrschen sollte / gebähren;
brachte es auch durch abergläubische Betörung oder zauberische Verblendung zu
wege / dass sie diesen Betrüger oftmahls in Gestalt einer Schlangen / und in
Einbildung eines göttlichen Beischlaffs umhalsete. Ja ich halte dafür / dass so
wohl des Scipio als des Augustus Mutter von der Olympias eben diesen Fürwand
ihre frembde Buhlerei zu verblümen gelernt / und nebst ihren Männern auch die
einfältige Nachwelt zu glauben beredet / dass beide von Schlangen gezeugt wären /
Scipions Geist auch deshalben in der Linterninischen Höle von einem Drachen
bewacht würde. Wem ist nicht das Untier / ich mag nicht sagen / der Unmensch
bekant / der sich für den Jupiter ausgab / ja sich des Beischlafs mit dem Monden
rühmte / und deswegen seine Schwestern zur Blutschande verleitete? Wer weiss
nicht / dass ein ander die Heirat einer Vestalischen Jungfrauen mit seinem
Priestertum und einer Wahrsagung / dass von ihnen göttliche Kinder würden
gezeuget werden / bemäntelt? Ich will geschweigen / dass ihrer viel den Bund ihrer
Liebe unter dem Scheine der Andacht zerreissen / das Band der Eh unter dem
Schein zu naher Anverwandnüss zertrennen / andere ihre Abneigung oder auch
frembden Zunder mit der Gelobung ewiger Keuschheit verdecken. Malovend fiel ihm
ein: Es wären so schlimme Missbräuche der Gottes-Furcht auch in Liebes-Sachen
verdamlich; wie er aber für zulässlich hielte / sich ihres Scheins zu Nutz des
gemeinen Wesens zu bedienen; also hätte er es Marcomirn nicht für übel / dass er
Riamens und Olorenens Aberglauben zu einem so guten Zwecke ihrer so löblichen
Verehligung gemissbraucht habe. Es ging sein Anschlag auch so glücklich von
statten / dass beide alsofort gleich also auf Göttlichen Befehl sich mit
Klodomirn und Astinaben zu verknüpfen begierig waren. Die Vermählung ward noch
selbigen Tag im Tempel mit grossem Frolocken vollzogen / und unter dieser Freude
das Trauren umb den umgekommenen Friedebald nach und nach vergessen. Also
quellen aus keinem Hertzeleide so viel Tränen /welche nicht der Schwam der Zeit
austrockne / und es ist keine Liebe in einem Hertzen so beraaset / dass selbte
nicht verwelcken / oder von einer andern überwachsen werden könnte. Wiewol er
hierbei die seltzame Begebenheit nicht verschweigen könnte / dass unter denen
Hochzeit-Fackeln / welche zwölf Edel-Knaben der zum Altar geführten Olorene
fürtrugen / sich eine selbst-bewegende Flame eingemischt / die alles andere
Licht verdüsterte. Und ob schon kein Mensch sonst etwas mehrers sah / so
beteuerte doch so wohl Riame als Olorene / dass selbte der Geist Hertzog
Friedebalds in seinen Händen trüge / und derogestalt seine so liebe Buhlschaft
so wohl nach seinem Tode bediente / als ihre neue Vermählung billigte. Eben
dieser Geist ist ihr zum andern und dritten mal erschienen /und hat ihr geraten
/ alle mögliche Verhinderungs-Mittel fürzukehren: dass ihr Gemahl Astinabes nicht
den Zug wider die Mohren fürnehmen sollte / darinnen er hernach entweder
erschlagen oder zum minsten verloren worden. Wesswegen Olorene auch / als dieser
Geist die traurige Nachricht brachte / dass sie ihren Astinabes nicht mehr sehen
würde / sich gestorben zu sein anstellte / und zum Scheine begraben liess / sich
aber / umb ihrem Betrübnüsse desto freier nachzuhängen / in einer bergichten
Einsamkeit so wohl ihr Leben als ihre zu den Todten tragende Liebe endigte; wo
anders die Geister der Verstorbenen nicht noch diese süsse Empfindligkeit
behalten / wie fast der Schatten des erblasten Friedebalds zu behaupten
scheinet. Rhemetalces fing hierüber an: Ich muss gestehen / dass das erzehlte
eines der merckwürdigsten Ebenteuer sei. Denn ob ich wohl weiss / und die Welt
insgemein glaubt / dass ieder Mann absonderlich 2. Geister zu unabtrennlichen
Geferten habe / derer einer entweder mit ihm geboren wird / oder zum minsten
sich ihm bald bei der Geburt zugesellet / und ihn /wie vom Socrates genung
bekant ist / zu allem Guten reitzet / und durch Träume oder andere Wege für
Unglück warne / der Böse aber ihn zum Verderben reitzet / und / wie dem Brutus
geschehen / erschrecket; Bei welchen erstern Geistes Regung Socrates auf der
rechten / bei des andern auf der lincken Seiten genieset haben soll; so scheinet
doch diss / was Olorenen begegnet / keine weder ihrem noch des Friedebalds Geiste
anständige Verrichtung zu sein; zumal das weibliche Geschlechte nur die Juno zu
seiner allgemeinen Beschirmerin / nicht aber / wie ieder Mann /absondere
Schutz-Geister haben soll / und Friedebalds erschienener Geist nicht ihm selbst
/ sondern andern Menschen / nämlich Olorenen und Riamen seine Dienste
abgeliefert / da doch die Geister sonst Fremden / ja auch Freunden ehe aufsätzig
zu sein scheinen. Massen Augustens Geist des Antonius zu unterdrücken auch
damals bemüht gewest / als beide gleich noch in grosser Verträuligkeit lebten.
Zeno begegnete Rhemetalcen: Er wäre der gänzlichen Meinung / wüste auch keinen
Grund einer bessern aufzufinden / dass Hertzog Friedebalds Schutz-Geist und kein
anderer Olorenen diesen Liebes-Dienst erzeiget habe. Sintemal unzweifelbar wäre
/ dass die getreuen Schutz-Geister nicht / wie insgemein die Menschen /ihr
Freundschafts-Band mit dem Lebens-Fadem zerreissen / sondern auch ihren
Verstorbenen / ja den faulen Leichen wolzutun beämsigt wären / wie der Geist zu
Aten / der den Atenodor umb die Beerdigung der gefesselten Glieder ersuchet /
und derselbe Geist / der aus dem abgehauenen Kopfe des Priesters Cercidas redete
/ und seine Mörder zu Ausübung der Rache offenbarte. Ob auch schon zwischen
Augustens und des Antonius Geiste einige Gramschaft sich ereignet haben soll;
so werden selbte Zweifels-frei die hernach ausgebrochene Tod-Feindschaft
Augustens und des Antonius vorgesehen haben. Sintemal die Götter diese Geister
nicht nur mit der Wissenschaft künftiger Dinge begabten / sondern sie auch zu
Werckzeugen ihrer Offenbarungen brauchten. Diese hätten in Tessalien durch die
Tauben / in Lybien durch den Widder / zu Delphis aus dem Drei-Fusse geweissagt /
und wären der sonst stummen Dinge redende Zunge gewest. Massen denn die Griechen
festiglich geglaubt / dass / als die Pytia so viel für dem König Philipp
wahrsagte / sein Schutz-Geist durch ihren Mund geredet habe. Ja dieser Werck
wäre noch / die geopferten Tiere derogestalt zuzubereiten / dass sie mit den
künftigen Begebenheiten übereinstimmeten / so gar / dass die Eingeweide auf den
Altären mehrmals ohne Lungen und Hertzen gefunden würden / ohne welche doch ein
Tier unmöglich leben könnte. Endlich wäre dieses Geistes der Olorene erwiesene
Gewogenheit für einen dem Friedebald selbst geleisteten Dienst zu achten; weil
ein eifriger Liebhaber seiner Buhlschaft mehr / als ihm selbst / wohl will / und
die Liebe der von denen irrdischen Leibern entladenen Seelen alles eitlen
Rauches befreit / und reiner / als der Lebenden / sein soll. Also hätte die
Liebe des Vaterlandes / die Teseus zu Griechenland trug / so viel gewürcket /
dass sein Schutz-Geist in der Maratonischen Schlacht wider die Persen gestritten
/ ob schon Griechenland / wie Rom die Vesta / und Persien einen feurigen Engel /
und andere Länder andere allgemeine Schutz-Geister gehabt / welche / der
gemeinen Meinung nach von de 2. grossen Welt-Lichtern und den 12. himlischen
Zeichen ihre Bewegung haben sollen. Welcher Meinung denn zum Behelf dienet / dass
Malovends Erzehlung nach dieser Geist beständig Hertzog Friedebalds Gestalt
behalten habe; zumal solche Geister wegen ihrer grossen Zuneigung nicht leicht
eine frembde Gestalt anzunehmen würdigen /und ihren dünnen Luft-Leib darmit
gegen den sterblichen Augen sichtbar machen. Malovend brach ein: Ich sollte
dieser letzt-angezogenen Gestalt halber meinen / dass kein Schutz-Geist / welche
an Bewahrung der nicht nur von bösen Geistern / sondern auch abergläubischen
Zauberern mehrmals angefochtenen Leichen und Todten-Gebeine genung zu tun haben
/sondern vielmehr Hertzog Friedebalds eigener Geist oder Seele Olorenen
wohlgetan habe. Sintemahl wir von den Indischen und Chaldeischen Weisen diese
gründliche Lehre angenommen / dass alle Geister / insonderheit aber die Seelen
der Menschen unsterblich sind / und dass diese alles dis / was bei ihrem
irrdischen Leben fürgegangen / im Gedächtnisse behalten. Massen die Seele auch
nur alleine der ganze Mensch / sein Leib aber nur der Seele Kercker und Grab
ist /durch welchen als ein düsternes Wesen sie das Licht der Warheit zu erkiesen
nur verhindert wird. Bei so gestalten Sachen ist kein Wunder / dass der erledigte
Geist nach dem Tode des Leibes so viel tätiger sei; und bezeuget die öfftere
Erfahrung / wie unruhig der Entleibten Geister um ihre Gräber zu schwärmen / der
Gottlosen Gespenster ihre Wohnungen zubeunruhigen / der frommen Seelen die
betrübten zu trösten mehrmahls bemüht sind. Wesswegen nicht nur die Griechen die
Erstlinge ihrer Früchte / und die Römer der verstorbenen Seelen täglich Wein und
Weirauch opffern / von ihrem Tische ihnen Brosamen lieffern / sondern auch
andere Völcker ihnen Kräntze winden und Altäre bauen. Ja da die Zauberer durch
vergossenes Blut und Galle die Erscheinung der Seelen zu wege bringen; Wie
vielmehr soll nicht eine so heftige Regung /als die festeste Verknüpffung der
Seelen / nehmlich die Liebe ist / so viel zu würcken mächtig sein? Zeno
antwortete: Es wäre die Beruffung der Geister eine Blendung oder Betrug /
sintemal weder Steine / Kräuter noch Beschwerungen einigen Zwang über die
Geister hätten / wiewol die Bösen zuweilen die Abergläubigen mit ihrer
gehorsamen Erscheinung betörten /und aus denen von Menschen geschnitzten
Bildern redeten / gleich als wenn sie von ihnen in irrdische Behältnisse
eingesperret werden könten. Daher ging es mit selbter insgemein wie mit denen
zweien Gottesschändern her / derer einer sich in Saturn / der andere in Anubis
verstellet hätte / um mit denen in die Tempel kommenden Frauen ihre geile Lust
zu büssen /und die schändliche Unzucht noch mit dem Scheine der Andacht zu
überfirnssen. Uberdiss hätte zwar der Geist des Delphischen Apollo nicht für gar
langer Zeit aus seinem Dreifusse geruffen: Er wäre nur ein Sonnenstaub und das
geringste Teil des grossen Gottes / dessen Nahme unaussprechlich / dessen
ewiges Wesen ein unerschaffenes Feuer / und doch das Band der ganzen Welt wäre.
Er Apollo wäre sterblich / ja er stürbe gleich / weil das Licht der göttlichen
Flamme ihn ausleschte. Auch hätte ein Geist bei dem Eylande Paxi dem Tamus
offenbahret / dass der grosse Pan ein Fürst unter den Geistern gestorben wäre.
Gleichwohl aber gebe er willig nach / dass die Seelen der Verstorbenen allerdings
unsterblich wären / ob er zwar der Egyptier Meinung dem Buchstaben nach nicht
beipflichtete / dass die Seele schon für dem Leibe ein absonderes himmlisches
Wesen wäre / und durch den gestirnten Krebs / als die eine Pforte der stockenden
Sonne sich in den menschlichen Leib herab lasse / weil sie sonst von Gott und
dem himmlischen Wesen ihre gehabte Wissenschaft nicht so gar verlieren würden;
also auch hinfällt / dass sie beim Tode durch die andere Pforte nehmlich den
Steinbock wieder empor klimmen / und sich feste in Himmel versperren. Inzwischen
scheint es doch eben so wohl ein ungereimter Aberglaube zu sein / dass die
Menschen sich in umschwermende Geister verwandeln /als dass der Verstorbenen
Seelen / nach Vergessung des leiblichen Ungemachs / wieder in die Bande ihrer
verweseten Leiber kehren sollen. Und lasse ich mich nicht bereden / dass die
Seelen der Tugendhaften sich viel mehr um unsere Eitelkeiten / daran so viel
sündliches klebet / bekümmern sollten. Deñ ob selbten freilich zwar die
Schwachheit der Vergessligkeit / und die Entäuserung aller Liebe nicht
beizumessen ist / so sind selbte doch mit was wichtigern beschäfftiget /weil sie
durch einen heftigern Trieb zu Anschau- und Betrachtung des grossen Gottes /
als die Flamme zu der Emporglimmung / und der Magnet zum Eisen gezogen werden.
Die verdammten Seelen aber sind mit so viel Angst und Schmertzen überschüttet
dass sie der gewesenen Dinge gerne vergessen / und in ein solch Gefängnis
eingesperret / dass sie die Welt zu beunruhigen ihnen nicht dörffen traumen
lassen. Wie aber /versetzte Rhemetalces / wenn die Geister / wormit /nach des
Plato / und fast aller Weltweisen Meinung /Lufft / Erde / Feuer und Wasser
angefüllet / und dieser Elemente Tiere / ja so gar die Britannischen Eylande
Sporades von eitel Geistern bewohnet sein sollen / welche die Anlendung der
Menschen mit Sturm und Feuer-Fluten verhindern / und zu nichts mehr /als aus
Bildern und durch Träume wahrzusagen einen Zug haben / oder auch die höllischen
/ so wie der zauberische Proteus / der Verstorbenen Gestalt annehmen? Oder wie
wenn in dem Menschen die Seele und der Geist zwei absondere Wesen wären? Massen
die Griechen von ihrem Hercules beständig erzählen / dass seine Seele im Himmel /
sein Geist in die Hölle / sein Leib in die Erde versetzt worden sei. Zeno
antwortete: Er verneinte nicht die Vielheit der Geister in der Welt / noch auch
dass ein Teil derselben dem Menschen wohlzutun geneigt / wiewohl ihm ihr Dienst
wegen Vielheit der bösen allezeit verdächtig wäre. Dieses die Olorene
bedienenden Geistes Gewogenheit bedüncke ihn auch von all zu zarter Regung für
einen Geist / und / weil von geraumer Zeit schier alle Wahrsager-Geister zu
verstummen angefangen / eine zu seltzame Begebenheit zu sein. Dass aber des
Menschen Seele und Geist zweierlei sein sollte / wäre ein Irrtum / und die
Meinung vom Hercules ein blosser Aberglaube. Sintemahl der erstere Nahme die
Eigenschaft des Wesens / der andere die lebhafte Regung der Seelen ausdrückte.
Nachdem sie aber unter den Lebenden in dieser Sache keinen unverwerfflichen
Schiedsmann finden würden / müsten sie einmal sich der Geister und Gespenster
entschlagen / wenn Malovend nicht des tapffern Hertzog Klodomirs vergessen
sollte.
    Rhemetalces nahm alsofort das Wort vom Zeno an / meldende / dass er zwar für
seine Meinung und der Geister zu den Menschen tragender Liebe anzuführen hätte /
wie selbte sich so gar mit ihnen zu vermischen lüstern wären; massen Plato /
welchen man von einer Jungfrau geboren zu sein rühmte / der grosse Alexander /
Scipio und andere / von eitel Geistern / insonderheit aber Zoroaster von dem
berühmten Geiste gezeuget worden / welche ihre Mütter in Gestalt der Schlangen
oder der Götter geschwängert hätten. Sintemahl eine Gotteslästerung zu sein
schiene / dass ein wahrer Gott eine sterbliche Frau beschlaffen solle /und / dass
Schlangen Weiber schwängern könten /eben so lächerrlich wäre / als dass die Könige
der Goten einen Bär / und ein Volck am Ganges einen Hund zu ihren ersten
Geschlechts-Ahnen haben sollten. Alleine er bescheidete sich selbst / dass seine
ungewisse Gedancken Malovends annehmlicher Erzehlung billich den Platz räumeten.
    Malovend gehorsamte ihrem Verlangen / und fing an: Astinabes und Klodomir
heirateten zwar einen Tag und unter einerlei Stande des Gestirns; Olorene und
Riame waren eines Geschlechtes / und sie sämmtlich Liebhaber der Tugend; Aber /
wie auff einerlei Zweigen Rosen und Dornen / Datteln und Schwämme wachsen / ein
Teil eines Baums zu einem angebeteten Götzen-Bilde / das andere zu einem
verfluchten Creutze gemacht wird; also waren jene Verwürfflinge / diese aber
Schoos-Kinder des Glückes. Denn der hertzhafte Astinabes brach mit einem
mächtigen Heere in Africa ein / um den verdrungenen König der Mauritanier wieder
einzusetzen; Diese beide Könige aber nicht allein / sondern auch der / welcher
solch Reich behauptete / büssten dem gemeinen Ruffe nach ihr Leben in der
Schlacht ein / welche von dem Falle dreier gekrönten Häupter einen ewigen Nahmen
behalten wird / und desshalben noch so viel merckwürdiger ist / dass sich nach
etlichen Jahren einer fand / der sich nicht allein für den König Astinabes
ausgab /sondern auch durch so viel Merckmahle und Anzeigungen sein Vorgeben
bescheinigte / dass alle Unparteiische urteilten / er müste entweder der rechte
Astinabes / oder sein Geist in einem andern Leibe sein. Wiewohl sein Reich
inzwischen vom Hippon behauptet / und dieser als ein Betrüger aus dem Wege
geräumet ward.
    Klodomir hingegen lebte mit seiner Gemahlin Riama in höchster Vergnügung /
und stand etliche Jahr mit ungemeiner Klugheit Britannien für. Nach seines
Vaters Ingrams Tode aber ward er in einem Jahre dreimal gekrönet. Sein
friedliebendes Gemüte brachte die durch die Meinungen der Druyden /Eubagen und
Barden in Deutschland erwachsene Zwytracht so fern zu einem Vertrage / dass sie
sich nebst einander ohne Verdammung eines oder des andern Irrtums zu dulden
gelobten. Seine Herrschaft erreichte noch den Sturm des grossen Salomins /
welcher wie er unter dem grösten Getöne der Waffen geboren / also auch unter
derselben Krachen seine Seele auszublasen versehen war. Er war auffs neue mit
einer ungläublichen Macht in das Pannonische Reich eingefallen / und belagerte
Siegestadt. Selbige aber vertäidigte Nezir ein Norichischer Ritter mit einer
unerhörten Tapfferkeit / welche diesen unersättlichen Wüterich lehrte / dass ein
unerschrockenes Helden-Hertz mehr als ein eisernes Bollwerck sei / und hierdurch
verursachte / dass er für Ungedult im Lager seine Blutdürstige Seele ausblies /
und der / dessen Ehrsucht Meer und Gebürge nicht hemmeten / alhier in einer
Pfütze Schiffbruch leiden musste. Es richtete aber Salomins arglistiger
Heerführer den Leib-Artzt eigenhändig hin / um seinen Tod so lange zu verbergen
/ biss sein Sohn Miles das Hefft der Herrschaft in Händen hatte / die Belägerten
aber / denen das eingeworffene Feuer numehr allen Auffentalt und Lebensmittel
gefressen / und derogestalt dem Feinde ein schlechtes Sieges-Mahl übrig gelassen
hatte / sich in den unzehlbaren Hauffen der Belägerer zu stürtzen /und ihr Leben
noch um viel Feindes-Blut zu verkauffen gezwungen worden. Also wird zuweilen
auch die Tugend übermannet / und die Hertzhaftesten fallen mehrmahls von dem
Geschoss eines Verzagten; als welche bei zuhangendem Siege nichts weniger als die
Tapffern / wagen. Wiewohl in solchen Fällen der Sieg so wenig für Ehre / als der
Untergang für Schande / ja die / welche derogestalt umkommen / wohl für
erschlagen / nicht aber für überwunden zu halten sind. Massen denn dieser
blutige Gewinn die Scyten also entkräfftet hatte / und Klodomirs kluge
Herrschens-Anstalten dem Miles so sehr unter Augen leuchteten /dass er es
ratsamer hielt / mit einem so fürsichtigen Feinde Friede zu schliessen / als
den ungewissen Ausschlag eines längern Krieges zu erwarten. Dieses Ansehen
brachte auch zu wege / dass Klodomir von den meisten Ständen Sarmatiens zu ihrem
Könige erwehlet ward / wiewohl Miles / der ohne seine euserste Gefahr seinen
Nachbar nicht konnte sehen so gross werden / teils durch Bedräuungen / teils
durch Verheissungen ein Teil der Sarmater zu Erwehlung Tiabors der Dacier
Fürstens beredete. Als nun Klodomir so wohl sein durch rechtmässige Wahl
erlangtes Recht mit dem Degen zu behaupten / als die durch Tiabors Eindringung
ihm zuwachsende Schande mit der Verursacher Blute auszutilgen beemsigt war /
setzte das Verhängnis unvermutet seinem Leben und Gebiete / nicht aber seinem
noch herrlichen Nachruhme einen Grentzstein.
    Die Sonne fing nun an zu Golde zu gehen / und es trat des Feldherrn
Jägermeister zugleich in den Saal mit Erinnerung: es wäre hohe Zeit zur Rückkehr
/ im Fall sie daselbst nicht übernachten wollten. Weil aber diese Fürsten diss
letztere bei ihrem erstern Ausritte zu tun Bedencken hatten / befahlen sie ihre
Pferde zur Stelle zu bringen. Malovend aber fing an: Ich habe meine versprochene
Erzehlung übel eingeteilt /und ich bleibe noch die Geschicht dieser vier
letztern Feldherren schuldig. Zu der letztern zweien / nehmlich Aembrichs und
Segimers ungemeinen Zufällen bedinge ich mir einen besondern Tag aus / von dem
neundten und zehenden aber / nehmlich dem Roderich und Malorich will ich zu
Pferde noch etwas weniges erwähnen.
    Als sie nun auff dem Rückwege begriffen waren /fuhr Malovend fort: Beide
diese Feldherren sind Klodomirs Söhne / und betrat Roderich nach seines Vaters
Tode alle väterliche Trone; diese befestigte er mit Gerechtigkeit / Deutschland
erhielt er durch Vereinbarung seiner Glieder in einer herrlichen Eintracht / und
beseligte es mit dem güldnen Frieden. In Pannonien und Dacien aber führte er
wider drei Scytische Könige / nehmlich dem Turama / der nach des Miles seines
Vaters Tode auff seinem Grabe fünff Brüder abschlachtete / dem Mehdum / welcher
seinen Tron auf siebenzehn erwürgte Leichen seiner Brüder gründete / und dem
Techma / der seinem eigenen Bruder die Augen ausstach / mit grosser
Hertzhaftigkeit Krieg. Er gewann unterschiedene Schlachten / eroberte etliche
verlohrne Festungen / und insonderheit durch eine besondere Kriegs-List des
Ritters Schwartzenburg die durch Zagheit eines Pannonischen Edelmanns den
Scyten ohne Not übergebene Stadt Arabo. Er bemächtigte sich eines Teils
Daciens über dem Flusse Patisus / allwo ein Marsingischer Ritter Reder in der
Festung Nidavar die ganze Scytische Macht mit unglaublichem Heldenmute
auffhielt /und nach Verlust unzehlbarer Stürme abzuweichen zwang. Er zwang den
König der Dacier Gundimes zu einem Vergleiche / krafft dessen nach seinem
Absterben ihm seine Länder heimfallen sollten / und als dieser seiner Zusage
wider kam / in dem er seinem Vetter Nasared seine Herrschaft einräumte / wurden
die Dacier und Scyten auffs Haupt geschlagen / und Nasared selbst musste seine
Untreu mit seinem Halse bezahlen. Ob sich nun wohl hierauff Tabisock zum
Oberhaupte der Dacier auffwarff / und vom Könige Techma beschirmet ward / so
zwang doch Roderich jenen / dass er ihn für seinen Lehns-Herrn erkennen /dieser
aber einen billichen Frieden eingehen musste. Sintemahl der grosse Mitridates
der Parten König um den Tod seines Vaters Artabans / welchen die Tocharischen
Scyten in einer Schlacht erschlagen hatten / wie auch seines Gross-Vaters
Phraates / der eben so umkommen war / zu rächen / nicht allein ihnen die vorhin
verlohrnen Städte Tauris und Artzirum wieder abgenommen / sondern auch den
Scytischen Bund-Genossen Artavasden geschlagen / sich seines Armeniens
bemächtiget / und in das Hertze des Scytischen Reiches mit Feuer und Schwerdt
gedrungen war. Dieser Mitridates schickte eine prächtige Gesandtschaft an den
Roderich mit kostbaren Geschencken / worunter merckwürdig waren ein blauer Topass
so gross / dass man daraus ein Trinck-Geschirr machen konnte / ein weisser Topass und
ein reiner Ametist / beide so gross als ein Ganss-Ey / ein Persianischer Bogen
von Spañadern eines Camels mit grossen Diamanten / zwei Partische Sebeln mit
Damascener Klingen und Rubinen versetzt / ein gelber Topass so gross als ein
Tauben Ey / eine Schnure wundergrosse Perlen / drei Carfunckel / eine Krone von
einer Schlange / und eine grosse Kugel Ambra. Das Absehen dieser Botschaft war
den Feldherrn Roderich zu bewegen / dass er mit dem Techma den Frieden zerreissen
/ und mit den Parten zugleich die Scyten bekriegen sollte. Alleine Roderich
hielt es Fürstlicher zu sein / sein Wort und den gemachten Frieden auch
eidbrüchigen Feinden zu halten / als mit Verminderung Treu und Glaubens seine
Reichs-Gräntzen zu erweitern; zumal auch sich zwischen ihm und seinem Bruder
Malorich gleich Zwistigkeiten ereigneten /welchem er lieber Pannonien abtreten /
als durch brüderliche Zwytracht das gemeine Heil in Gefahr setzen wollte.
Rhemetalces fing an zu seufzen und zu ruffen: O ein ungemeines Beispiel / dass
die Regiersucht nicht alle andere Gemüts-Regungen unterdrücke! Wie viel hat
diese Begierde nicht nur Brüder in meinem Tracien geschlachtet! Und wem ist
unbekant /dass nicht wohl ehe Unmenschen für ihren Bruder-Mord belohnet zu werden
verlanget? Malovend fing hierauf wieder an zu erzählen: Roderichs friedliebendes
Gemüte ist deswegen noch mehr Wunderns wert / weil noch bei Anwesenheit der
Partischen Botschaft die Scyten in Pannonien die Festung Decebalia durch
Verräterei einzunehmen versuchten / und er also mit ihnen zu brechen einen
guten Schein überkam. Warumb nicht Fug und Recht? fiel Rhemetalces ein. Und ich
weiss bei solcher Beschaffenheit nicht / ob ich Roderichs Beginnen mehr für eine
Verabsäumung bequemer Gelegenheit sich in mehr Ansehn und Sicherheit zu setzen /
als eine Gemüts-Mässigung halten soll? Friede und Ruh hätten freilich wohl
scheinbare Nahmen; aber man gebe solche zuweilen auch einer schädlichen
Trägheit. Solche rauhe Völcker pflegten den Frieden fast iedesmals aus
angewohnter Lust zum Kriege zu stören; also wäre leicht zu mutmassen /dass sie
den Krieg aus Liebe eines beständigen Friedens nicht aufgehoben. Ihr Absehen
wäre allein / dass sie ihren Feind durch Ruh und Müssiggang faul und unbewehrt
machen; und weil zu Friedens-Zeit der Adel / welcher im Kriege mehr Gelegenheit
hat sich durch grosse Dienste in Ansehen zu setzen / mehr den Rücken unter das
Joch der Herrschaft beugen muss /selbtem die Waffen und die Kriegs-Ubungen aus
den Händen winden möge. Hingegen legten die Scyten /die ohnedis von guten
Künsten / derer man beim Frieden bedörfte / nichts hielten / den Sebel niemals
aus der Hand / sondern / wie sie keinmal leichte mit zweien Feinden anbinden /
also behielten sie auch meist einen übrig / umb niemals aus der Ubung zu kommen.
Dahero wäre auch ein zweifelhafter Krieg besser / als ein unsicherer oder
verdächtiger Friede /und für einem schimpflichen Müssiggange eine behertzte
Gegenwehre zu erwählen. Zeno antwortete: Es wäre diss ein zu scharffes Urtel
wider einen so lobwürdigen Fürsten / als Roderich gewest. Der Krieg komme denen
/ die ihn noch nicht versucht / so süsse für und bei dessen Ungewitter ergetzten
sich nur die Kinder über so schönen check / die Klugen aber beweinten den
durch seinen Hagel verursachten Schaden. Der Sieg sei allezeit ungewiss / und
habe das Glück darmit seine Kurtzweil / dass es allen Kriegen stets einen ganz
andern Ausschlag gibt / als die klügsten Ratschläge vermutet / und menschliche
Vernunft hat vorsehen können. Uberdiss höre der Krieg niemals auf eine Straffe
der Götter / und auch denen Siegenden verderblich zu sein. Die Frömsten müsten
wider Willen darinnen sündigen / der schärffste und wachsamste Feldherr habe das
Kriegs-Volck nicht dergestalt an einem Faden / dass keine Todschläge /keine
Notzucht / kein Kirchen-Raub begangen werde. Im Friede allein blüheten Recht
und Verdienste / im Kriege würden unschuldige so wohl als schuldige zu Bodem
getreten. So hätte auch manches Reich offtmals viel heimliche Schwächen und
Blössen / die sein eigenes Volck nicht wüste / und der Purpur verdeckte viel
gefährliche Wunden. Man habe sich für den Hülffs-Völckern zuweilen mehr / als
für offentlichen Feinden fürzuschauen. Roderich hätte etliche 30. Jahr die
Klauen mit den Scyten vermengt / ihre Kräften ergründet / die Leichtsinnigkeit
der Dacier und Pannonier behertzigt / die innerliche Unruh für Augen / sein
Bergabgehendes Alter im Gedächtnis / der Herrschens-Kunst Schwerigkeit in
Erwegung gehabt; in dem ein Fürst nichts minder als ein Weber zu seinem Gewebe
Augen / Hände / Armen / Füsse / und alle seine Kräfte / welche doch durch Zeit
und Sorgen abnehmen / anwenden / das Verwirrete verrichten /das zerrissene
ergäntzen müste. Diesemnach sollte ein Fürst / mit dem es auf die Neige seiner
Jahre kommen / in seinen Entschlüssungen ein ganz anderes Augenwerck haben /
als der / welcher im blühenden Alter / bei wachsenden Kräfften / mit feurigen
Regungen auf dem Stul sitzt; da er anders sein Reich / welches durch so viel
Tugend und Klugheit kaum in tausend Jahren zu Stande kommen / nicht durch eine
augenblickliche Ubereilung in Verderben stürtzen / und für dem Richter-Stule der
Nachwelt / welche ohne Heuchelei urteilt / und denen prächtigsten Ehren-Säulen
ihre Larve vom Gesichte zieht / den durch viel Schweiss und Blut kaum erworbenen
Ruhm verspielen will. Die Kette / welche einen Herrscher mit den Untertanen
verknüpfet / nützet sich von Tag zu Tage ab. Denn ich mag nicht sagen / dass die
Begierde des Ruhms / die Beisorge des Verlusts einen jungen Herrn lebhafter und
wachsamer mache / hingegen bei einem bejahrten Fürsten der Zunder der Ehre
verglimme; sintemal das Gemüte nichts minder als der Leib veraltert und schwach
wird / also dass ihn weder das Glücke aufmuntert / noch bei seinem ohnedis für
Augen schwebenden Abschiede das Unglücke zu Hertzen geht / und ein Reich bei so
gestalten Sachen /das anfangs einen göldnen Kopf gehabt / hernach auf tönernen
Füssen stehet; sondern ich ziehe mich allein auf den wanckelmütigen Pöfel / der
das gegenwärtige hasset / die Veränderungen verlanget / ja sich mit der Neuerung
über seiner eignen Gefahr belustigt; also die vieljährige Herrschaft eines
Hauptes ohne Verdruss nicht ertragen kann. Du hast es in allewege getroffen /
pflichtete ihm Malovend bei. Denn Roderich sah wohl / dass seine greise Haare
nicht bei allen Untertanen beliebt waren / dass die meisten die aufgehende Sonne
anbeteten / und seine Herrschaft mehr auf den Ruff / als auf beständige
Kräfften geanckert war; ungeachtet er sich der dem Alter meist anklebenden und
einen Fürsten verhasst machenden Fehler /nämlich des Geitzes / der
Verschrenckung zulässlicher Ergetzligkeiten / der fahrlässigen Hinlassung der
Regirung in frembde Hände vernünftig entäuserte / und unter andern
Zeitvertrieben seine Vergnügung aus Umbarmung des Reichs und Beobachtung des
gemeinen Wesens schöpfte. Zu dem mangelten ihm die rechten Pfeiler seiner
Herrschaft / nämlich Kinder /welche mehr als Kriegs-Heere / besser als alle
ihrem Eigennutz dienende / und den Mantel stets nach dem Winde des Glücks
hängende Freunde einen Fürsten beschirmen. Hingegen hatte Malorich schon so viel
Jahre nach dem Hefte des Reichs / und hiermit auch nach seines Bruders Tode
gelechset; weswegen seine Siege ihn mehrmals weniger / als das Geräusche der
feindlichen Waffen schlaffen liessen / ungeachtet Roderich ihn zwar zum Haupte
seiner Heere gemacht /einem niedrigern aber stets die eigentliche Gewalt
anvertrauet hatte. Endlich hat Roderich behertzigt / dass wie ein Schiff von
Herumbwerffung der Segel auch bei gutem Winde sich erschüttert / und / wo zwei
Ströme zusammen fallen, es Wellen gibt; also wenn ein neuer Fürst zum
Steuer-Ruder tritt / und die neue Regierungs-Art sich mit der alten vermenget /
es nicht sonder Gefahr ist / und dahero ein absinckender Fürst alle Kriege und
Beleidigungen vermeiden / neue Bindnüsse stifften / die alten verneuern solle /
wie die in den Hafen einfahrende Schiffleute die Ruder empor heben. Bei so
gestalten Sachen lasse ich mir nicht ausreden / dass Roderich eine besondere
Klugheit begangen habe / da er mit den Parten nicht in den verlangten Bund und
Krieg schlechterdings eintrat; gleichwohl aber den Botschafter aufs herrlichste
und mit allen ersinnlichen Freuden-Spielen unterhielt /dem Mitridates hingegen
kostbare Geschencke schickte / worunter die in den Sudetischen Gebürgen
gefundene Granaten / die denen Morgenländischen fürzuziehen / etliche in den
Pannonischen Bergwercken aus dichtem Golde gewachsene Corallen-Zincken / und in
den Wein-Gärten an dem Flusse Patissus aus den Stöcken hervorgesprosste güldene
Reben / in dem Iser gefischte Perlen / und zwei vom Roderich aus Kupfer in Gold
verwandelte Platten waren. Wie er denn auch sein Bindnüss nicht gäntzlich
ausschlug /sondern ihn auf Veränderung der Zeit / und Wegräumung einiger dem
verlangten Kriege im Wege stehender Hindernüsse vertröstete. Ich höre wohl / fing
Zeno an / du bist auch in dem Glauben / dass man die Metalle verwandeln und das
Quecksilber in Silber / oder gar zu einem Saamen oder Werckzeuge des Goldes
machen könne. Malovend begegnete ihm: Ich bin sonst nicht so leichtgläubig /
auch in diesem Stücke so zweifelhaft / als vielleicht niemand vor mir gewest;
endlich aber haben meinen Unglauben meine Augen überwunden / nach dem ich selbst
gesehen / wie durch einen kaum sichtbaren Staub ein ganzer Tiegel voll Blei zu
Golde worden. Zeno lächelte hierzu / und sagte: Es wären in dieser berühmten
Betrügerei freilich wohl auch Leute / die in der Scheide-Kunst des Ertztes
ziemlich erfahren gewest / hinters Licht geführet / und wohl ehe Fürsten
zerstäubtes Gold für Blei umb ein schnödes Geld geliefert worden / wormit selbte
hernach ihre Leichtgläubigkeit solchen Verfälschern so viel teurer bezahlen
müssen. Malovend versetzte etlicher massen mit einem Eifer: Er könnte leicht
gläuben / dass viel Einfältige durch Arglist hierinnen betört worden / auch dass
viel Aufschneider sich dieser Kunst rühmeten / die das allergeringste darvon
nicht verstünden; alleine er habe bei dem von ihm erwähnten Goldmachen das Blei
selbst zur Stelle geschafft / und mehr als Luchs-Augen wider allen Unterschleiff
dabei gebraucht. Zu dem wäre Hertzog Herrmans Vatern dem Fürsten Segimer eben
diss begegnet / dass ihm ein unbekandter Mensch ein gar weniges von diesem
Gold-Staube eingeschoben / wormit er hernach selbst acht Untzen Quecksilber zu
dem besten Golde gemacht. Als für viertzig Jahren der Svionen König Gotart den
so berühmten Krieg angefangen / sollte ein dieses Geheimnis wissender Kauffmann
in der Stadt Treva an dem Flusse Chalusus ihm hundert Pfund des derogestalt
gemachten Goldes geschenckt haben / worvon man noch Müntze findete /darauf das
Zeichen des Schwefels und Quecksilbers gepregt wäre. Zeno brach ein: Das
letztere wäre ein denckwürdiges Beispiel / nachdem sonst meistenteils die
Goldmacher Gold-arme Bettler gewest / viel Fürsten das Marck ihrer Länder
hierüber verschmeltzet / und nach dem ihre betrügerische Lehrmeister das in
holen Werckzeugen verborgene Gold unvermerckt in den Tiegel geschüttet / und
darinnen es dem Brutus / der dem Apollo zu Delphis sein güldenes Opfer in einem
Stabe überbrachte / wiewohl gar betrüglich nachgetan / und also einfältige
Fürsten zu hochschädlichem Nachschmeltzen verleitet hätten. Wegen gleichmässiger
Verleitung hätten Segimers acht Untzen Gold wohl hundert gekostet. Mit einem
Worte /diese Ertztwandler hätten seines Wissens viel Reiche arm / keinen Armen
aber noch reich gemacht / insonderheit aber etliche Fürsten durch abgeheischene
Geschencke hinters Licht geführt. Sintemahl diese Betrügerei wie das Haupt der
Medusen gleichsam alle Menschen in Steine verwandelte / und ihrer sonst
gewohnten Vorsichtigkeit beraubete. Daher Fürst Inguiomer einen solchen
Schmeltzer gar klüglich mit eben dieser Antwort abgefertigt / welche Ennius
etlichen Wahrsagern gab / die von ihm gegen Offenbahrung eines Schatzes Geld
foderten / dass sie nehmlich vor dem gefundenen Reichtume ihren Lohn haben
sollten. Eben so wenig wüsten sie etwas gewisses und einstimmiges von dieser
Kunst ans Tagelicht zubringen / sondern sie verdeckten ihren Betrug mit
lächerlichen Rätzeln und Träumen / durch Errichtung seltzamer Missgeburten / als
des grünen Löwen / des flüchtigen Hirschen / des Drachen der seinen Schwantz
verschlingt / der aufgeblasenen Kröte / des Raben-Haupts / und derogleichen /
selbtem eine Farbe anzustreichen / und daraus ein heiliges Geheimnis zu machen.
Uberdiss laufft wider die Vernunft /dass itzige unachtsame Zeit die Wissenschaft
der so tiefsinnigen Vorwelt / der sterblichen und in dem Nebel der Unwissenheit
verwickelten Menschen Kunst die unerforschliche Weissheit der Natur übertreffen
solle / welche so viel Jahre über dem in den Ertzt-Adern so sparsam wachsenden
Golde zu kochen / und die Metalle ihrem Wesen / Eigenschaft und Würckung nach
so ferne von einander unterschieden hat; da hingegen diese Schmeltzer sich
rühmen / dass sie in weniger Zeit grosse güldne Berge machen / ja wenn das grosse
Welt-Meer eitel Qvecksilber wäre /solches alsofort in Gold verwandeln / und mit
diesem gesegneten Weisensteine alte runtzlichte schön und jung / und bei nahe
unsterblich machen / ein unverbrennliches Oel daraus ziehen / oder wohl gar in
einem Brennglase einen lebendigen Menschen / so wie er in Mutterleibe wächst /
zubereiten könten / und dahero so wohl das Gedichte wegen des Jupiters güldenem
Regen und der Rute des Midas / als die Kräfften und Tugenden des von der Sonnen
ausgearbeiteten Goldes weit überstiegen. Dahero hat diss Goldmachen auch bei mir
nicht mehrern Glauben / und ist zweifelsfrei so wahr als diss / dass die Ameissen
in dem Mitternächtischen Indien grosse Goldhauffen zusammen tragen sollen.
Malovend antwortete: Er gebe gerne nach / dass unter diesem Golde viel Schlacke
stecke / und dieser herrlichen Kunst viel Betrug und Missbrauch /welcher aber die
Sache an sich selbst / und dessen nützlichen Gebrauch nicht verwerflich machen
könne / beigemischt sei / ja ihrer viel sich hierinnen für Halb-Götter rühmten /
die kaum den Nahmen eines Qvecksalbers verdienten. Viel Unwissende opfferten
auch nicht geringe Schätze dem Rauch vergebens auf; wie denn auch Roderich nicht
wenig Gold in Nichts verschmeltzt haben soll / ehe er hinter diss Geheimnis
kommen. Sonst aber wäre diese Wissenschaft wegen ihrer vermeinten Neuigkeit
nicht verdächtig zu machen; sintemahl sie vielleicht mit den meisten ums
Altertum striette / weil die ersten Weltweisen / nehmlich die Tichter / solche
unter den Schalen der vom Vulcan / vom Proteus / von dem wiedergebohrnen Fenix /
von der Pandora Büchse / denen güldnen Apfeln der Atalanta und der Hesperiden /
von des Orfeus Höllenfart beschrieben hätten; und insgemein geglaubet würde /
dass das güldene Fluss / wornach die Argonauten geschiffet / nichts anders / als
ein in ein Widder-Fell gehülletes Buch gewesen sei / worinnen die Kunst / den so
geneñten Stein der Weisen zu machen / beschrieben gewest wäre. Massen die
ältesten Egyptischen Priester / in ihrer geheimen Bilder-Schrifft / hiervon
ganze Bücher geschrieben / derselben Uhrsprung ihrem dreimal-grossen Hermes /
den Gebrauch alleine den Königen zugeeignet / die Art der Zubereitung hinter die
Gedichte vom Osiris /Horus / Typhon und der Isis versteckt hätten. Uberdiss
gestünden auch die Verneiner dieser Kunst / dass keine natürliche Ursache
verhanden wäre / daraus man notschlüsslich die Unmögligkeit / aus geringerm
Ertzte Gold zu machen / erzwingen könnte. Am wenigsten aber täte diese
Wissenschaft der Natur und ihrem Ansehn einigen Abbruch. Denn wie die Kunst der
Natur in vielen Sachen zu hülffe käme / durch Propffungen die Baum-Früchte
verbesserte / durch Versetzung des Zwiebelwercks das Geblüme voll und schöner /
durch gewisse Gläser Melonen / und andere Gewächse für der Zeit reif machte;
also vertrete in vielen andern Fällen unser irrdisches Feuer die Stelle der
Sonnenwärmbde / ja die Künstler kämen mit jenem / welches sie nach Notdurfft
der Sachen erhöhen oder mindern könten / in Schmeltz- und Ausziehung des Ertzts
und der Kråuter weiter / als es die Sonne damit zubringen wüste. Unlaugbar wäre
es /dass Qvecksilber und Alaun das Gold gar geschwinde von geringerm Zusatze
reinigen / das irrdische Feuer das Gold reiffer und vollkommener machen / und
derogestalt es der Sonne zuvor tun könnte. Die Mögligkeit geringer Ertzt in Gold
zu verwandeln wäre denen Grund-Gesetzen der Naturkündiger auch gemäss /nach dem
Anaxagoras und Democritus schon für längst ausgeführet hätten: Es wären in der
Welt alle Dinge so vermischt / dass nichts wäre / was man nicht in iedem andern
antreffe. Insonderheit wären die Metalle in ihrem selbstständigen Wesen nicht
von einander unterschieden. Saltz / Schwefel und Qvecksilber sei aller ihr Talg
/ die Vermischung unterscheidete sie allein / und dass ein oder das andere von
diesen Dingen in einem mehr / als in dem andern / reif worden sei. Dahero wäre
dieses keine ganz wesentliche Verwandelung zweier in dem Selbststande ganz
unterschiedene Dinge / sondern nur eine Auskoch- oder Ausbrütung des
Unvollkommenen. Wie denn in Pannonien durch Güte desselben Erdreichs das gesäete
Rocken-Korn im dritten Jahre zu Weitzen würde. Oder / da auch das Wesen selbst
verwandelt würde /wäre solche der Natur nicht unbekand. Der Augenschein würde
ieden überzeugen / dass in Pannonien /unferne von dem Flusse Granua / in einem
Wasser das darein geworffene Eisen zu vollkommenem Kupfer werde. An einem andern
Orte werde das Holtz zum Steine. Wie auch die irrdischen Dinge teils durch
einen natürlichen / teils durch einen gewaltsamen Tod vergingen / nicht anders
wäre es mit ihrer Zeugung beschaffen / und gebe die Kunst mehrmals eine
Schöpfferin ab / wenn sie an statt des Brütens /durch gewisse Wärmbde aus den
Eyern Geflügel brächte / und aus todten Dingen Mäuse / Kefer / Frösche /
Schlangen und andere lebhafte Tiere machte /welche ihrer fühlenden Seele halber
edler / als das Gold / wären. Dass diese Wissenschaft aber so seltzam wäre /
könnte ihrem warhaften Wesen nichts benehmen. Weil die Menschen alle Dinge nicht
nach ihrer eigentlichen Köstligkeit / sondern nach dem ein oder anders ungemein
wäre / schätzten / hätte die gütige Natur selbst Belieben getragen / ihre
Köstligkeiten sparsamer wachsen zu lassen. Die Edelgesteine finde man nur in
wenigen Ländern; der Ambra würde mit kleinen Körnern aus dem Meere / und die
Perlen aus wenigen Flüssen zusammen geklaubt. Es wüchse tausend mal mehr Unkraut
/ als Jasmin und Rhabarber. Warum sollten denn die warhaften Weisen mit dieser
Wissenschaft so verschwenderisch umgehen? Wenn sie dieses Geheimnis dem alberen
Pöfel so gemein machten / würden sie nicht allein wider den der Natur
geleisteten Eyd / der den Affen perlene Halsbänder umzumachen verbiete / sondern
auch wider den Zweck dieser himmlischen Wissenschaft / welche keine Magd des
unersättlichen Geitzes / sondern eine Aertztin der menschlichen Schwachheiten /
eine Handlangerin der Natur / und eine Lobsprecherin der göttlichen Allmacht
sein soll / ja wider das gemeine Heil sündigen / da sie den Kern alles Ertzts /
den Notpfennig aller Dürfftigkeit / das Mittel aller menschlichen Geschäffte
und Umwechselungen / so gemein als die Steine auf den Gassen machen / und
gleichsam dadurch des Ackermanns Hand vom Pfluge / des Kaufmanns Schiffe vom
Meere abziehen / und die emssige Welt in Müssiggang einschläffen / oder diesem
unschätzbaren Ertzte / welches nicht so wohl die eigene Güte / als desselben
Seltzamkeit schätzbar macht / seinen Wert entziehen würde. Ferner sei es auch
iedem Künstler so wenig verboten seinen Handgriffen ungemeine Nahmen zu geben /
so wenig es den Sternsehern übel zu deuten ist / dass sie die Gestirne in so
seltzame Tiere eingeteilet / und die Egyptier ihre Geheimnisse durch Hunde /
Katzen /Eulen und Schlangen abgemahlet. Noch weniger mache diese Kunst
verdächtig / dass selbte das Gold geschwinder bereitet / als es in den Berg-Adern
und in seiner Mutter gezeuget wird. Denn / wie die Gestirne in die so tieffen
Schachte nicht ohne ein und andere Hindernüsse / derogleichen diese
Wissenschaft alle auf die Seite zu tun weiss / würcken könnte; also wäre ungewiss
/ ob das Gold in Flüssen / welches doch das beste ist / so langen kochens
dürffe. Wie wenig Zeit dörffe auch die Natur zu Zeugung der Goldkörner /die am
Flusse Patissus in den Wein-Trauben und also der das Gold in die Ertzt-Adern
allein verdammenden Meinung nach auser ihrer Mutter wachsen /und ich selbst in
meinen Händen gehabt habe. Uberdiss mache er die Natur Goldärmer als sie sei. Wie
viel Flüsse führten häuffiges Gold? Aus wie viel Bergen haue man grosse Klumpen
gediegenen Goldes? Welchen Uberfluss habe nicht nur Pannonien? In der oben
erwähnten neuen Welt wäre ein grosser Berg Topiso so voller Gold und Silber /
gleich als wenn er durch diesen Stein der Weisen darein wäre verwandelt worden;
Und der gröste Reichtum liege zweiffelsfrei noch unter den Klippen oder in
Wildnüssen verborgen. Endlich habe dieser gesegnete Stein der Weisen die
Eigenschaft des Blitzes an sich / wie aus dem blitzenden Golde zu sehen / so
insgemein zubereitet werden kann / und alles unter sich zerdrümert. Wie nun der
Blitz mit einem einigen Strahl die grössesten Cörper in einem Augenblicke
durchdringet / also wäre es keine Unmögligkeit / dass wenn eine See voll sich zu
dieser Verwandelung schickenden Talgs beisammen wäre / solche hierdurch zu Golde
würde. Wenn eine Schlange einen Riesen / der Berge feil tragen und den Himmel
unterstützen könnte / an die kleine Zehe stäche / würde dieser Gran gleichwol den
ganzen Leib einnehmen. Wann die ganze Welt von Schwefel und Salpeter zusammen
gesetzt wäre / würde ein einiger Funcken solche in Brand stecken. Nach dem auch
im Ertzte kräfftigere Artzneien als in Kräutern stecken /das Gold aber das
vollkommenste Ertzt / ja nach der alten Egyptier Urtel die Sonne und
derogestalt auch das Hertze des Erdbodens ist / muss die daraus gezogene Artznei
alle andere übertreffen / und da ein allgemeines Mittel wider alle Kranckheiten
zu finden /solches nichts minder in dem Golde oder vielmehr diesem gesegneten
Steine gesucht / als der Ursprung des natürlichen Lebens nach Gott / der Sonne
zugeeignet werden. Ferner könne kein unverzehrliches Brenn-Oel füglicher aus was
anderm / als aus dem in ein Oel verwandelten Golde / weil diss ja in dem
feurigsten Schmeltz-Ofen keinen Gran einbüsset / sondern sich vielmehr durchs
Feuer köstlicher auswürcket / zubereitet werden. Zeno fiel hier ein: Es liesse
sich alles wohl hören / er würde aber auch seinem eigenen Auge hierinnen
schwerlich glauben / also sie wohl diesen Tag keinen sie entscheidenden Richter
finden. Die angezogenen Zeugnüsse der Alten wären ihm so verdächtig / als die
neuen Ruhmsprüche etlicher Betrüger. Denn Betrug und Lügen hätten mit der
Warheit einerlei Alter. Fürnehmlich wären die Priester in Egypten Meister im
Aufschneiden gewest / da sonst die glaubwürdigsten Lehrer des Altertums kein
Wort dieser Wissenschaft gedächten. Die gelehrten Gedichte hätten in sich den
Kern der Sitten-Lehre / zu dieser geträumten Kunst aber würde sie mit den Haaren
und ganz ungereimt gezogen. Hingegen liesse sich aus dem Gedichte / samb Vulcan
die Minerva hätte notzüchtigen wollen / und aus seinem Samen der Halb-Drache
Erichtonius gezeugt worden wäre /gar artlich schlüssen: dass wenn diese
Gold-Schmeltzer der Natur Gewalt antun wollten / sie nichts als eine nur zu
Verfälschung der Müntze dienende Missgeburt zuwege brächten. Da aber auch diese
Wissenschaft irgendswo anzutreffen wäre / sollte man allen Goldmachern / weil
dieses Ertzt mehr Menschen als das Eisen tödtete / einen Stein in Hals hencken
und ins tiefste Meer werffen / dem gesegneten Steine aber es nicht besser
mitspielen / als die Einwohner der Stadt Babytace an dem Flusse Tygris / welche
alles Gold um es aus den Augen und dem Missbrauche der Menschen zu reissen / tief
verscharreten. Am allermeisten aber müste man diesen Stein des Aergernüsses
Fürsten aus dem Wege räumen. Denn / weil weder Weissheit noch Herrschaft die
gemeinen Begierden in uns ausrottet / und daher wenig Welt-Herrscher jenes
Mohren-Königs Meinung sind / dass güldene Fessel nur Sclaven anstünden /
insonderheit die denen Königen obliegende schwere Ausgaben das Verlangen nach
diesem so angenehmen Ertzte vergrösserten /wären sie weniger als andere zu
verdencken / wenn sie alle scheinbare Mittel / dessen fähig zu werden
/untersuchten. Rhemetalces fing an: Ich aber bin der unvorgreiflichen Gedancken
/ dass ein Fürst so grosse Ursachen nicht habe viel Schätze zu sammlen. Zwar
bescheide ich mich wohl / dass ein Reich ohne Vorrat nicht bestehen könne. Daher
die gemeinen Schatzkammern von den Serern gar klüglich Landwehren des Reichs /
der Beschluss / darinnen von den Scyten das unversehrliche Blut des Volcks
genennet wird. Und also Crates / der sein Vermögen ins Meer warf /eben so wenig
als jener Verschwender zu einem Fürsten getaugt hätte / der mit vielem Reichtum
angefüllte Schiffe zu Verwahrung eines Hafens in die See senckte / um seinem Bau
den Ruhm der Kostbarkeit zu erwerben. Alleine die Sicherheit einer Herrschaft
auf Reichtum bauen / halte ich vor eine grosse Eitelkeit / weil dieses so
vieler mächtigen Reiche Fallbret /Armut aber des so grossen Römischen
Grundfeste gewesen ist. Lycurgus verbot denen Spartanischen Bürgern allen
Gebrauch des Goldes und Silbers /wormit dieses schädliche Ertz weder ihre gute
Sitten verderben / noch solch Uberfluss dem Vaterlande die missgünstigen Nachbarn
zu Feinden machen möchte. Sintemal doch Reichtum und die Hoffnung der Beute des
Krieges fürnehmste Ursachen wären. Hier frischte mit denen herausgestrichenen
Schätzen seine Kriegsleute wider die Sicilischen Wüteriche auf / derer Raub
ihnen mehr / als ihr Kriegs-Sold / eintragen würde. Den König in Cypern
Ptolomeus hätten seine zusammen gescharrete Schätze ums Königreich gebracht.
Käyser Julius wäre durch der Einwohner Vermögen in Gallien und Britannien
gelockt worden. Zu was für einem grossen Wachstume aber stieg Rom empor /als
das Capitol noch mit Schindeln gedeckt war? Die Tugend war niemals in
vollkommener Blüte / und die Siegs-Kräntze niemals gemeiner / als da Rom seine
Kriegs-Häupter vom Pfluge holete. Crassus und Lucullus verdienen zwar mit ihrer
grossen Pracht / Curius und Fabricius aber mit ihren nützlichen Helden-Taten
den Vorzug. Rom hatte bei seinem Unvermögen keinen Mangel / da gleich ihre
Feldherren nicht so viel verliessen / dass sie konten begraben werden /sondern
der gemeine Kasten in die Lücke treten musste; da Tubero aus tönernen Geschirren
speisete /und drei Gewende Ackers eines edlen Bürgers auskommentliches Vermögen
war; Als Fabricius Lucinus den zwei mal gewesenen Bürgermeister Cornelius
Ruffinus als einen Verschwender aus dem Rate stiess / weil er zehn Pfund
schweres Silbergeschirre gekaufft hatte; da Catus Elius / welchem die Etolischen
Gesandten silbern Taffel-Gefässe schickten / als sie ihn hatten aus irrdenem
speisen sehen / solch Geschencke verschmähete / und sich mit zweien Bechern
vergnügte / die ihm seiner Tugend halber aus des überwundenen Perseus Schatze
waren verehret worden; ja als noch die Römischen Ratsherren der
Cartaginensischen Botschaft ein Gelächter waren / weil sie alle zusammen mehr
nicht als für eine Taffel zu besetzen Silberwerck hatten. Hingegen ist zu Rom
die Tugend mercklich verfallen / nach dem die Asiatischen Schätze die Römer zu
besitzen und zu überwinden angefangen / also gar / dass das Armut eine Hindernis
in Rat zu kommen abgab. Welches Unheil Cato vorgesehen / und wider die Einfuhre
des zu Aten und Corint gewonnenen Raubes so nachdrücklich geredet hat. Bei
welcher Bewandnüss sich nicht zu verwundern ist / warum die Stadt Gades der
Armut ein Altar zu bauen / und sie darauf als eine Göttin zu verehren gewürdigt
haben.
    Zeno begegnete Rhemetalcen: Es wäre leicht nachzugeben / dass grosses
Reichtum eben so wohl als die Fruchtbarkeit eines Landes arme und dürftige
Nachbarn zu Ergreiffung der Waffen um sich in einen bessern Stand zu setzen
zuweilen angerejetzt hätte. Nichts desto weniger hätte das Armut der Scyten den
Cyrus und Alexandern / das ziemliche rauhe und von Golde wenig reiche
Deutschland die Herrschsucht der Römer von dem Einfalle nicht zurück gehalten.
Jenes aber hätte sich nur alsdenn ereignet / wenn die Einwohner eines Landes
zugleich weibisch / und ihr Fürst von weniger Klugheit und Tapfferkeit gewest.
Denn an sich selbst ist Reichtum eine Krone der Weisen / weil es sie bei der
Welt in Ansehn setzt / ihr oft niedriges Geschlechte in Adel erhebt / ja in des
gemeinen Volckes Augen sie allererst zu weisen /schönen / tugendhaften und
edlen Leuten macht. Denn wie der Schall des Messings die durch Zauberei
beruffenen Geister vertreiben / die schwermenden Bienen aber vereinbarn soll:
Also zeucht hingegen das Vermögen die besten Gemüter an sich / und machet auch
die Gehässigsten uns zu Freunden. Aus welchem Absehen vielleicht das Getichte
den Ursprung genommen / dass der freigebige Midas / welcher aus dem Berge Bermius
so viel Gold graben liess / alles in Gold zu verwandeln vermocht hätte. Daher
etliche Weisen dem Golde die oberste Herrschaft der Welt zueignen / welcher
alle eigenbeweglich den Eyd der Treue leisteten / und deswegen des Scytischen
Königs Gesandter / als er von einem Goldmacher sagen gehört / nicht ungereimt
gesagt hat: wenn er warhaftig diss könnte / würde sein König notwendig sein
Knecht werden müssen. Insonderheit erhärtete die Erfahrung / dass das Gold die
Spann-Ader einer Herrschaft und im Kriege die Seene der Bogen / die Schneide
der Schwerdter / und der Schlüssel aller Festungen wäre. Tantalus håtte mit
diesem Marcke der Erden / welches er aus dem Phrygischen Berge Sipilus gegraben
/ seine Herrschaft in seinem Hause der Pelopiden befestigt. Die Gold-Adern des
Pangeischen Gebürges in Tracien hätten den Phönicischen König Cadmus zum
Meister seiner Zeit / und das Bergwerck bei Abidus den Priamus zu Asiens
Oberherrn gemacht. Cartago hätte nicht mit seiner Bürger Waffen / sondern mit
dem aus der Handlung gezogenen Gelde / damit es die zum Kriege geworbenen
Ausländer besolden können / sein Gebiete in drei Teile der Welt ausgebreitet.
Durch das vom Chrisitis empfangene Gold habe König Philipp den Grundstein zum
Macedonischen Reiche gelegt. Wesswegen er seines Orts für eine der grösten
Klugheiten eines Fürsten hielte /dass er als ein kluger Hausvater auf einen guten
Vorrat desselbten Ertztes bei Zeiten sinnete / welches auch die Ameisen / als
die Fürbilder eines wohlbestellten gemeinen Wesens / zusammen trügen / und für
den Menschen zu verstecken bemüht wären / ja dessen Gewalt gleichsam eine
Gleichheit mit der göttlichen hätte / weil niemand wäre / der sich nicht der
Botmässigkeit des Goldes unterwürffe.
    Rhemetalces gab bei diesem gemachten Unterschiede dem Fürsten Zeno leicht
Beifall / und setzte bei: Er hielte es zwar nicht mit dem Glauben der Stadt
Rhadata / dass er eine güldene Katze anbeten sollte; Die Vertilgung des Goldes
wollte er aber gleichwohl auch nicht gerne sehen / weil die Persen solches nicht
umsonst der Sonne / die Lacedemonier dem Delphischen Apollo / als ein mehr den
Göttern als Menschen gehöriges Kleinod gewiedmet / die weise Natur es aber ganz
unversehrlich gezeiget hätte / dass ihm das sonst alles verzehrende Feuer keinen
Abbruch tun könnte; welch Vorrecht kein ander irrdisches Ding in der Welt hätte.
Malovend brach Rhemetalcen ein /und fragte: Ob denn das unverbrennliche Oel /
welches das ewige Feuer unterhielte / nicht auch / wie das Gold / unversehrlich
/ und dem Feuer zu widerstehen mächtig wäre. Rhemetalces antwortete: Er hätte
grössern Zweiffel / ob das unverbrennliche Oel und das ewige Feuer iemahls in
der Welt gewest / und von Menschen zu bereiten wäre / als man aus geringerm
ErtzteGold machen könnte? Zeno fing an: es wäre an jenem keinesweges zu
zweiffeln. Sintemal ganz Rom zu erzählen wüste / dass der Bürgermeister Cicero
in das Grab seiner Tochter Tullia ewiges Feuer gesetzt /und dass an der Tiber in
einer Höle / worein der vom Turnus erlegte Riese Pallas gelegt worden / noch
immer eine Lampe brenne. So habe er auch in den Egyptischen Grüfften mit seinen
Augen solche unausleschliche Lichter gesehen. Malovend begegnete ihm lächelnde:
Zeno möchte ihm verzeihen / dass er seinem Unglauben einen andern nunmehr
entgegen setzte. Denn ihm wäre zwar nicht verborgen / dass ihrer viel ewige
Lichter zu machen sich bemühet / auch darauff gekommen zu sein vermeint hätten;
es habe aber gleichwohl damit nicht Bestand gehabt. So sei auch hin und wieder
bei Eröffnung der Todten-Grüffte und Hölen eine unvermutete Flamme oder lichter
Strahl einem ins Gesichte gefallen; allein es wäre diss nichts anders / als die
von langer Zeit verschlossene Lufft und fette Dünste gewest / welche von der neu
eindringenden Lufft gleich wie die Irrlichter an sumpfichten Oertern /
angezündet worden; wie denn auch ohne diss dergleichen Irrwische gar gemein um
die Grabstädte gefunden würden. In Egypten wäre das Erdreich voll Peches und
rinnenden Hartztes / welches die Priester durch heimliche Röhrlein in ihre
derogestalt leicht ewige Ampeln leiteten / darinnen sie unverbrennliche Tachter
hätten. Derogleichen Tacht habe auch Callimachus in Aten zu seiner Ampel
gebraucht / welche ein ganz Jahr gebrennet / und weder vom Winde noch
Platz-Regen auszuleschen gewest. Und würden solche aus dem bekandten Flachse /
der in Arcadien /fürnehmlich aber in dem heissesten Indien wachse /allwo man
daraus / wiewohl / weil er kurtz / gar schwerlich Leinwand macht / darinnen der
Könige Leichname verbrennet werden / um ihre von der Holz-Asche abzusondern /
zubereitet. In dem Scytischen Reiche Tanyu wachse ein Kraut auff Steinen /
welches im Wasser zwar in Kot zerfleust / im Feuer aber nur glüend / doch im
wenigsten versehret wird. So lasse sich auch der Amiantenstein / der in Arabien
/ Cypern und auff dem Berge Carystus / ja auch in unserm Deutschlande gefunden
wird / in Fädeme zerspinnen /die im Feuer nicht versehret / sondern darinnen
gereiniget werden. Ja man habe so gar Papier davon / darauff man schreibt / und
wenn man die Schrifft ausleschen will / solches ohne Versehrung ins Feuer wirfft.
Weil nun diese Tachte ein Oel oder Nahrung der Flammen haben müssen / und ohne
diesen Beisatz beide vor sich selbst nicht brenneten / nichts unverzehrliches
und nicht verrauchendes noch zur Zeit nicht gefunden worden wäre / ob schon
ihrer viel selbtes aus erzehltem Flachse und Steine zu ziehen vergebens sich
bemühet / werde ihm niemand ausreden / dass so wenig ein ewiges Feuer / als eine
ewige alleine von der Kunst herrührende Bewegung iemahls gewest oder zu machen
sei.
    Rhemetalces brach hiermit ein: Ich besorge / wir werden über dem ewigen
Lichte auch den Schein des an sich selbst zwar unvergänglichen Tagelichts
verlieren. Dahero haben wir uns hier länger nicht auffzuhalten / sondern den
Fürsten Malovend zu bitten / dass er sich seines Versprechens entbinde / und uns
den Rückstand vom Feldherrn Malorich melde.
    Dieser / fing Malovend an / gelangte zwar nach seines Brudern Roderichs
Absterben bei schon ziemlich hohem Alter vollends zu dem Qvadischen Zepter und
der Deutschen Feld-Hauptmannschaft; allein er hatte schon lange vorher als ein
Heerführer in den Pannonischen Kriegen seine Klugheit und Tapfferkeit / welche
ihn dieser Würden würdig erklärten / dargetan. Er geriet mit der Scyten
Könige Techma / weil er in Dacien einen ihm nicht beliebigen Fürsten
eingedrungen hatte / in Zwist / war auch wohl entschlossen dieses Unrecht mit
dem Degen auszuführen / allein die deutschen Fürsten waren durch keine
bewegliche Ausführung zu bewegen / dass sie zu dem so gerechten Kriege gestimmet
hätten. Daher verneuerte er den vom Roderich gemachten Frieden; zumahl die
Zwytracht zwischen den Druyden / Barden und Eubagen auffs neue anzuglimmen
anfing / welche hernach unter dem Fürsten Aembrich ganz Deutschland in eine
grausame Flamme versetzte. Ob nun wohl derogestalt seine Herrschaft ohne Krieg
war / war er doch niemahls ohne Waffen / als die gewissesten Siegel einer
sichern Ruh. Er verbarg bei seinem hohen Alter das Abnehmen seiner Kräfte /
indem er nicht allein der kräncklichen Blässe seines Antlitzes mit Salben halff
/ und seine Schwäche mit prächtigen Kleidern verstellte / sondern auch offtmahls
Ritterspiele übte /den Ratschlägen stets persönlich beiwohnte / neue Städte zu
bauen anfing / und allerhand fremde Tiere kommen liess. Er machte ihm selbst
nichts schwer / er beschwerte mit nichts die Brust / was auff die Achsel gehörte
/ und verabsäumte nichts was dem Volcke seinen lebhaften Zustand einreden
konnte. Endlich deuchtete ihn / er könnte seinem Ansehen keine bessere Stütze
untersetzen / als wegen ermangelnder Kinder seine Nachfolge nicht in Ungewissheit
lassen. Daher nahm er in voller Reichs-Versammlung seines Vaters Brudern Sohn
Hertzog Aembrichen zu seinem Sohne an / und erklärte ihn auff seinen Todesfall
zum Könige der Marckmänner / Qvaden / Pannonier und Noricher. Es ist sicher /
sagte Rhemetalces / diss eine kräfftige Grund-Säule eines verlebten Fürsten. Auff
diese lehnte sich auch Käyser Augustus / als er anfänglich seinen Schwester-Sohn
Marcellus / hernach seinen Eydam Agrippa / bald hierauf seine Enckel den Cajus
und Lucius / und endlich den Tiberius an Kindesstatt annahm. Ja auch Fürsten /
die Kinder haben / tun klüglich / wenn sie noch bei Lebzeiten ihnen die Krone
auffsetzen / und die Völcker vereiden. Bei den Persen darff kein König einen
wichtigen Zug vornehmen / er benenne denn vor seinen Nachfolger. Hingegen hat
der grosse Alexander einen nicht kleinen Fehler begangen / sein Reich
zergliedert / Krieg und Blutstürtzung angerichtet / als seine Ehrsucht oder
Missgunst den Zanck-Apffel unter seine Grosse geworffen / dass der Würdigste nach
ihm herrschen sollte. Freilich wohl tat Malorich klüger / und seine
Entschlüssung bekleidete er mit diesem Vortrage / fuhr Malovend fort / GOtt
hätte ihm zwar Zeiter mehr Kräfften verliehen / als ein solches Alter auch bei
denen / die fürs gemeine Heil ihnen nie keinen Schlaff verstört / nicht
insgemein zu haben pflegte; Gleichwohl hiesse ihn seine Sterbligkeit behertzigen
/ dass der Purper so wohl als ein härin Kleid Asche würde /die Liebe des
Vaterlandes aber ihm einen Sohn erkiesen / der ein Vater des Reichs werde.
Hierzu habe er den Fürsten Aembrich für tauglich erachtet / nicht /weil er
seines Geblütes / sondern zeiter ein redlicher Bürger gewesen. Er sei in einem
solchen Alter / das die Reitzungen der schlüpffrigen Jugend überstanden / und
die Schwachheiten des Alters noch so bald nicht zu gewarten habe. Er sei von
Ankunft kein Fremder /dessen Sitten die väterlichen Gesetze verderben / dessen
Anhang die Einheimischen drücken / die Verdienten verdringen könnte; sondern aus
einem Stamme / der zu herrschen gewohnt wäre / und sich sonder einige Uberhebung
über der nicht neuen Würde in Schrancken zu halten wüste. In seinem Leben finde
er nichts zu entschuldigen / und weil er dem Glücke schon auff beiden Achseln
gesessen / wäre nicht zu besorgen /dass er im Widrigen den Reichs-Stab würde
lassen aus der Hand fallen / im Guten aber sich versteigen / und zu der Länder
Verderb Schlösser in die Lufft bauen. Würden die Untertanen zu ihm so viel
Liebe tragen /als er Klugheit und Tugend mit auff den Königlichen Stul brächte /
so würde das Volck sich über ihrem Fürsten / und der Fürst über seinem Volcke zu
erfreuen haben. Das Volck begleitete diesen Schluss mit wiederholten
Glücks-Rüffen. Als es aber durch ein Zeichen wieder gestillet war / kehrte sich
Malorich zu Aembrichen und hielt ihm ein: Es wäre nun an dem /dass / weil der
grosse Leib des Reiches und so viel Glieder des Volckes nicht ohne Haupt sein /
und ohne einen / der den Ausschlag gebe / nicht in gleichem Gewichte gehen könnte
/ sein fallendes Alter dem gemeinen Wesen nicht mehr zu dienen vermöchte / als
wenn es dem Reiche einen tapffern Nachfolger liesse /sein blühendes aber / wenn
es einen guten Fürsten abgäbe. Er sollte sich angelegen sein lassen / dass er
nicht allein besser sei / als er gewest / und sein Wohlverhalten auch die
Hoffnung übertreffe dessen / der ihn erwehlet / und den Wunsch derer / die ihn
für ihr Oberhaupt angenommen. Der setze eine Natter in die Schoos seiner
Untertanen / und einen Phaeton über sein Reich / der einen ungeratenen Sohn
zum Nachfolger liesse. Diss Laster aber finde keinen genugsam schlimmen Nahmen /
wenn ein Fürst mit seinem Nachfolger eifert / und einen Wüterich darzu bestimmt
/ wormit er seine Gebrechen hierdurch verkleinere / und das Volck erst / wann er
todt / nach ihm seufftzen lerne. Zeno brach hierzwischen ein: Dieses gibt man
dem Augustus schuld / dass er an dem ehrsüchtigen und grimmigen Tiberius eine aus
Blut und Kalck zusammen geronnene Missgeburt nach sich zu lassen entschlossen
sei; Wormit aus ihrer beider schlimmen Gegeneinanderhaltung ihm ein Nachruhm
erwachse. Malovend fuhr in Malorichs Rede gegen den Fürsten Aembrich fort: Ein
Fürst geboren sein /ist ein blosser Zufall / erwehlt darzu werden / eines
andern Willkühr / den Untertanen aber wohl fürstehen / ein recht eigner Ruhm.
Diesen wirstu ohnfehlbar erlangen / wenn du es so machen wirst / wie du es
wünschetest / dass es ein Fürst / der über dich herrschte / anstellen sollte. Das
Volck beschloss diese Rede mit abermahligem Jauchtzen und Freuden-Feuern. Der
Himmel aber steckte kurtz hierauff der Welt eine Trauer-Fackel durch einen
abscheulichen Schwantz-Stern an; von welchem man alsbald die Auslegung machte /
dass er nicht allein den Tod des Feldherrn /sondern auch / weil er dreissig Nächte
mit seiner feurigen Rute den Kreis des Himmels durchstrich / und den Erdkreiss
erschreckte / so vieljährigen Kriegs-Brand bedeutete. Ich höre wohl / fing
Rhemetalces an: du seist des Pöfels Meinung / dass die Schwantz-Sterne allezeit
was böses wahrsagen; welches ob es einen Grund habe / mir sehr zweifelhaft
scheinet. Ich trauete mir ihrer fast mehr auffzubringen die meiner Meinung sind
/ dass sie so wohl in natürlichen Dingen nützlich / als in ihren Anzeigungen
erfreulich sind. Sintemal sie nichts minder / als der Donner / die Lufft von
schädlichen Dünsten reinigen. Als der grosse König Mitridates Eupater geboren
war / und den Syrischen Tron betrat / ward seine Grösse durch einen
Schwantz-Stern angedeutet / welcher mit seinem Schwantze das vierdte Teil des
Himmels einnahm / die Sonne verdüsterte / und siebtzig Tage und Nächte so grosse
Feuer-Stralen von sich warff / dass es schien / er würde den Himmel einäschern.
Des itzigen Käysers glückliche Heirat ward auch hierdurch bezeichnet / ja nicht
nur Augustus gab für / dass des ersten Käysers Seele in selbigen Schwantz-Stern
/weil er gleich in denen ihm zu Ehren angestellten Schauspielen erschien /
verwandelt worden wäre; sondern eine grosse Anzahl der tiefsinnigsten Weltweisen
hat stets dafür gehalten / dass die Schwantz-Sterne Seelen wohlverdienter und
noch unter den Gestirnen siegprangender Helden wären. Andere hätten sie gar für
Götter gehalten und angebetet. Malovend antwortete: Anderer Aberglaube wird mich
nicht bereden /diss für ein Glücks-Zeichen zu halten / für dessen blutigen
Stralen / welche meist eine Straff-Rute / zuweilen Schwerdter und Spiesse
abbilden / das Auge Abscheu hat / und das menschliche Gemüte durch einen
geheimen Trieb alsofort in Schrecken versetzt wird. Die tausendfache Erfahrung
hat es fürlängst erhärtet /dass kein Schwantz Stern iemahls erschienen / der
nicht Veränderung der Reiche und Blutstürtzungen nach sich gezogen. Wesswegen
auch unterschiedene ihren Untergang besorgende Fürsten selbte mit edlem Blute zu
versöhnen gemeint; gleich als wenn sie so grimmige Götter wären / welche nicht
gemeines Menschen-Blut zu ihrem Opffer verlangten. Die traurigen Ausschläge
wären auch weder zu Mitridatens / noch zu Augustens Zeit aussen blieben. Hätte
er diesen zweien Ehrsüchtigen Menschen gleich Sieg und Freude mitbracht / so
hätten hingegen so viel tausend ins Grass beissen oder weinen müssen. Die Bosheit
der Welt wäre ein solcher Schadenfroh / dass sie insgemein über andern Tränen
lachte. Wenn einer gewinnt / müste der ander verspielen. Des einen Verlust wäre
des andern Vorteil; des einen Schiffbruch des andern Beute. Als das Erdbeben
die Stadt Rhodus eingeworffen / und andere in Asien verschlungen / wäre zwischen
der Insel Tenamene und Terasia eine neue ans Licht kommen. Welches die
Warsager alsofort ausgelegt: das Römische Reich würde das Griechische
verschlingen. Des einen Ergetzung aber nehme fremden Unglücke nicht sein Ubel.
Der erwähnte blutige Schwantz-Stern habe leider! nicht nur den Feldherrn
Malorich ins Grab / sondern die halbe Welt in ein jämmerliches Blut-Bad
gestürtzet. Und diesen Unstern habe ein kläglicher Einfall eines Rhetischen
Berges begleitet / dessen zerberstende Klippen im Augenblicke eine ganze Stadt
begraben; also auff die bald folgende Zerrüttung vieler Königreiche gleichsam
mit dem Finger gewiesen. Zeno verjahete dem Fürsten Malovend / dass zwar
Schwantz-Sterne und Erdbeben aus natürlichen Ursachen / und zwar jene aus den
feurigen Ausdampffungen der Gestirne / diese vom Ausbrechen der unterirrdischen
Lufft ihren Ursprung hätten; gleichwohl aber pflegte die göttliche Versehung
iederzeit darmit grosses Unheil anzudeuten. Auff das Versincken der Stadt
Lysimachia wäre alsofort der Stamm und die Herrschaft dessen / der sie in Grund
gelegt hätte / untergegangen / und er selbst hätte durch der Stieff-Mutter
Arsinoe Gift seinen so tapffern Sohn Agatocles unmenschlicher Weise
hingerichtet. Als in Syrien hundert und siebentzig tausend Menschen verfallen
wären / hätten die Zeichendeuter die Veränderung des Reichs angekündigt / und
Pompejus die Königliche Herrschaft in Syrien auffgehoben. Wie bei Mutina zwei
Berge gegeneinander gerennet / und Feuer und Rauch gegen einander ausgespyen /
wäre ganz Italien wider Rom auffgestanden / und für der Römer Niederlage an der
Trasymener See hätte die Erde sieben und viertzig mahl gebebet. Malovend setzte
bei; Und ihr werdet mit der Zeit von mir vernehmen / dass nach dem Rhetischen
Felsenbruche Deutschland dreissig Jahr erzittert sei.
    Unter diesem Gespräche näherten sich diese Fürsten an Deutschburg / welche
sie von einer unzehlbaren Menge brennender Fackeln erleuchtet sahen / und ein
heftiges Getöne von Trompeten und Kessel-Paucken höreten. Als sie hinein kamen
/ ward ihnen vermeldet / dass Melo der Sicambrer Hertzog mit seinem Bruder
Beroris und dessen Sohne Dietrich seinen Einzug gehalten / und eine grosse Menge
gefangener Römer und Gallier mitgebracht hätten. Diese Fürsten / welche wider
die Römer vermöge der mit dem Hertzog Herrmann gepflogener Verständnis den
ersten Auffstand gemacht hatten / brachten diese den Deutschen erfreuliche
Zeitung mit / dass weil Qvintilius Varus alhier geschlagen / habe Melo die von
dem Drusus auff dem Gebürge Taunus gebauete Festung Tranburg mit stürmender Hand
eingenommen / seinem Bruder habe sich Mattium und Segodun /und in ihrem Rückwege
auch die Cattenburg an der Aeder ergeben; Hertzog Dietrich habe mit seiner
leichten Reuterei noch den abgematteten Cäditius ereilet / selbten geschlagen /
also / dass er mit einer geringen Uberbleibung mit Not über den Rhein gediegen /
allwo die Menapier und Eburoner des Römischen Jochs überdrüssig wären / und / da
die Deutschen mit einer mittelmässigen Macht über den Rhein setzen würden / wider
die Römer zugleich auffzustehen und ihre Waffen mit den ihrigen zu vereinigen
sich anerboten hätten. Derogestalt hätten die Römer disseit des Rheins keine
Besatzung mehr / und hätte nunmehr ihre Tapfferkeit ihre Reichs-Grentze dahin
wieder erweitert / wohin sie die Natur durch diesen grossen Fluss verleget hatte.
Die unbeschreibliche Freude über diesem neuen Siege verstattete den Siegern /
die Bekümmernis aber denen Uberwundenen keine Ruh; sondern die ganze Nacht ward
von jenen mit Gastereien und ruhmrätigen Erzehlungen ihrer Heldentaten /
welche sie so wie der Römer Verlust nicht gross genug zu machen wussten / von
diesen aber mit Seufftzen / dem Schlaffe aus den Händen gewunden. Denn der Ruhm
und das Geschrei sind Geschwister der Riesen / die von keinem Mittel wissen /
sondern eitel Wunderwercke oder Missgeburten gebähren / nehmlich des Lobes oder
der Verachtung. Biss endlich die schläffrige Morgenröte ihre Augenbranen der
Welt eröffnete / diesen von zweien so widrigen Gemüts-Regungen aber ermunterten
Leuten endlich zufallen liess.
 
                                     Inhalt
                              Des Dritten Buches.
Hertzog Herrmanns Liebe gegen Tussnelden / seine Sorge für das Vaterland und
Ermahnung sich wider die Römer des Sieges zu gebrauchen. Feinde solle man
angreiffen / nicht erwarten. Die deutschen Fürsten schlüssen / dass Hertzog
Ganasch und Melo über den Rhein setzen / Catumer an der Donau einfallen
/Inguiomer dem Könige Marbod des Varus Kopf bringen / und ihn in ihr Bündnis
ziehen / Herrmann und Arpus der innerlichen Unruhe abhelffen solle. Herrmann
schreibt an die Menapier und Eburoner / muntert sie zum Aufstande wider die
Römer auf. Tussneldens Sorge für die von ihr überwundene Königin. Sie und die
Fürstin Issmene suchen diese Frembde heim. Aller dreier beschriebene Schönheit
und Verträuligkeit. Ingviomer gesegnet Tussnelden. Herrmann und Tussnelde
besuchen die Königin. Ihre Entschuldigung wegen des zugestossenen Unfalls. Ihr
Gespräche über des Frauenzimmers Tapferkeit und Fähigkeit zu den Waffen.
Herrmann eröffnet der Königin / dass Tussnelde der Ritter wäre / mit welchem sie
gekämpfet. Verfolgung vorigen Gespräches / und Erhärtung / dass Tugend und
Wollust beisammen stehen könten. Herrmann ziehet die Abhärtung der zartlichen
Bequemligkeit für. Vom Hertzoge der Gotonen Gottwald komt ein Gesandter an. Die
Königin besucht Tussnelden / und wird auf Morgenländische Art bedienet. Dieser
beider und Issmenens Unterredung über der tugendhaften Unglückseligkeit. Von der
Fürtreffligkeit der Gedult und Hoffnung. Die Königin beschreibt ihre Andacht in
dem Tempel des guten Glückes für dem Altare der Hoffnung. Die daran befundenen
merckwürdigen Gegen-Sätze / wordurch die Königin nicht wenig getröstet worden.
Diese läst durch ihre Gefertin Salonine Tussnelden und Issmenen ihren Lebenslauff
erzählen. Armeniens und seiner ersten Könige Beschreibung biss auf den Tigranes.
Des Artanes geile Gemahlin verhetzet wegen verschmähter Schönheit ihren Ehmann
wider den Tigranes / wie auch Meleagers Ehweib ihn wider seinen König zum Kriege
und zur Untreu. Ursache und Vorwand der Kriege wären weit von einander
entfernet. Ein Griechischer Artzt hätte aus Lüsternheit nach Ateniensischen
Feigen des Xerxes angestifftet. Der gekränckte Gottes-Dienst / die durch
angetanes Unrecht abgenötigte Rache / die gefährete Freiheit / wären aller
Kriege Schein-Ursachen. Gleichwohl liesse sich die wahre Ursache und das Absehen
eines Krieges nicht stets sicher entdecken. Tigranes schlägt und tödtet den
Artanes / erobert Syrien / heiratet des grossen Mitridates Tochter / baut
Tigranocerta. Mitridates wird vom Pompejus und Lucullus bedrängt / sein eigner
Sohn Machar fällt den Römern bei. Tigranes wird von Römern bekriegt / und vom
Lucullus geschlagen. Die Griechen in Tigranocerta machen einen Aufstand / und
helffen den Römern hinein. Mitridates und Tigranes schlagen den Fabius / und
erlegen den Triarius. Pompejus jagt Mitridaten in Scytien. Des Tigranes zwei
aufrührische Söhne Barzanes und Pharnaces kommen umb / der dritte Tigranes
fleucht zu den Parten / hernach zum Pompejus. Tigranes unterwirfft sich dem
Pompejus / und tritt Syrien ab. Der junge Tigranes wird König im kleinern
Armenien; dieser tödtet seine Stief-Mutter / stellt dem Vater nach / wird zu Rom
erwürgt. Zwist zwischen dem Partischen Könige Phraates / beider und des
Tigranes Vertrag. Tigranes stirbt / und läst Armenien seinem Sohne Artabatzes.
Mitridates folgt dem von Scyten erschlagenen Phraates im Partischen Reiche /
fällt in Armenien ein / wird vom Artabatzes geschlagen / von Parten ab- und
sein Bruder Orodes eingesetzt. Orodes tödtet Mitridaten. Artabatzes und Julius
Cäsar hetzen den reichen Crassus wider die Parter an. Des Crassus übele
Kriegs-Anstalt. Er schlägt des Artabatzes Hülffe und Rat aus / durch das
bergichte Armenien in Partien zu dringen / geht also durch das sandichte
Mesopotamien / erobert etliche Städte / verwirfft das Gutachten des Cassius /
und folgt dem betrüglichen Araber Agbarus / der ihn in ein wüstes Sand-Land
Assyriens verführet / in welchem Surena den Römern mit 10000. Reitern aufwartete
/ und verachtet Artabatzens treue Warnung. Agbarus fleucht zu den Parten.
Crassus und sein Heer gerät in grosses Schrecken. Seltzame Leitung des
Verhängnisses. Die Partischer Reiterei umbringt die Römer / verleitet durch
angenommene Flucht den jungen Crassus mit einer Legion. Dieser und Censorin
lassen sich ihre Waffenträger tödten / Megabachus ersticht sich selbst / die
übrigen werden von den Parten erschlagen. Segimer mit seinen Galliern hält sich
gegen die Parten tapfer / verwundet den Sillaces / wird aber vom Surena
gefangen; macht sich bei ihm so beliebt / dass er ihm seine Tochter verheiratet.
Die Deutschen würden von Frembden insgemein Gallier genennt / und von Römern
anderer Völcker Ruhm und Geschicht-Schreiber verdrückt. Eitelkeit des Nachruhms.
Die Parter höhnen den Crassus mit seines Sohnes aufgespiesstem Kopfe. Des
Crassus Ungeberdung. Egnatius fleucht mit 300. Reitern nach Carras. Verguntejus
wird / ausser 20. sich durchschlagenden Catten / mit 4. Fahnen erlegt / 4000. im
Läger verlassene Römer abgeschlachtet. Das Heer erreicht Carras / wird aber aufs
neue überfallen. Octavius und Petronius werden erstochen. Maxartes hauet dem
Crassus den Kopf und die rechte Hand ab. Von 100000. Römern entrinnt kaum der
zehende Teil mit dem Cassius. Der Parter Siegs-Feier zu Seleveia. Unterdessen
kriegen Orodes und Artabazes in Armenien miteinander; dieser kriegt des Orodes
Sohn Pacor / Orodes Artabazens Schwester Sigambis gefangen. Bei der
Auswechselung verliebt sich Pacor in sie. Durch dieser Vermählung machen die
Parter und Armenier Friede. Sillaces wirfft bei dem Hochzeit-Maale des Crassus
Kopf dem Orodes zu den Füssen. Nach langer Verspottung geust dieser ihm
zerlassen Gold in Mund. Pacor erobert Syrien biss an Antiochien / wegen welcher
verdächtigen Siege ihn Orodes zurücke rufft / und den Surena tödtet. Pacor
fleucht zum Artabatzes. Cassius und Ventidius erlegen in Syrien den Osaces mit
seinem Partischen Heere. Pacor wird in Parten beruffen. Die Parter stehen dem
Pompejus wider den Julius bei / dem Cassius und Brutus wider den Anton und
August. Pacor erobert Syrien / erlegt den Saxa / setzt den Juden den Hircan
Aristobulen für. Venditius schlägt den Labienus /die Parten und Pharnabates.
Des Venditius Schlacht mit dem Pacor / darinnen jener diesen eigenhändig
durchsticht. Orodes grämet sich über dieser Niederlage bei nahe zu Tode; sein
Sohn Phraates vergibt ihm vollends / und läst seine 29. Brüder entaupten;
seinen eigenen Sohn Tiridates aber ersticht er eigenhändig / wormit er Pacors
Wittib / welche Tiridates liebete / für ihm genüssen könnte. Phraates setzt der
Sigambis heftig zu / als diese sich aber in Fesseln erwürgen will / erbarmet sich
ihr Bewahrer Maneses / und führet sie zu ihrem Bruder Artabazes. Dieser macht
mit dem Antonius wider den Phraates und Artavasdes der Meder König ein Bündnis.
Phraates ersucht den Antonius umb Zurücksendung des Maneses und erlangt ihn.
Anton bricht in Meden ein /belägert Phraata vergebens. Phraates fällt in
Armenien / Maneses beredet Artabazen mit den Partern einen Stillestand zu
machen. Artavasdes erschlägt den Tatian mit zwei Legionen / nimt den Pontischen
König Polemon gefangen. Phraates und Artavasdes jagen den Antonius von Phraata
weg / welcher mit seinem Heere grossen Abbruch leidet / und den Flavius mit
3000. Deutschen einbüsst. Der Römer Durst-und Hungers-Not. Des Antonius
Verzweifelung. Mitridates aber Manesens Vetter errettet die Römer durch seinen
Rat zweimal aus dem Verderben. Artabazes hilfft den Römern über den Fluss Araxes
/ und überwintert sie. Antonius zeucht in Egypten / macht mit dem Artavasdes und
Polemon ein geheimes Bündnis wider den Artabazes und Phraaten / verspricht dem
Polemon das kleinere Armenien / wirbt zum Scheine für seinen Sohn Alexander umb
Artabazens Tochter Statira. Durch diese und andere Künste locket Anton Artabazen
in sein Garn / schlägt ihn in silberne Fessel / und führet ihn im Siegs-Gepränge
nach Alexandrien / und läst ihn entaupten / als er vernimt / dass sein zum
Armenischen Könige erwehlter Sohn Artaxias sich mit dem an statt des verjagten
Phraates neu-erwehlten Partischen Könige Tiridates verbunden hat. Antonius
vermählt seinen Sohn Alexander mit Jotapen Artavasdens Tochter. Cleopatra
schickt Artabazens Haupt dem Kayser August. Die frembde Königin gibt sich für
die Erato Königs Artaxias Tochter zu erkennen. Unglück sei kein Merckmal der
Untugend /aber etlichen Geschlechtern erblich. Antonius / Artavasdes / Polemon /
Archelaus König in Cappadocien /Amyntas in Galatien bekriegen den Artaxias.
Dieser wird wegen Verräterei seines Feld-Obersten geschlagen / fleucht zum
Tiridates in Parten. Tiridates gibt dem Artaxias Hülffe / vermählt ihm seine
Tochter Olympia. Artaxias schlägt den Medischen König Artavasden / gewinnet
Armenien wieder / verfolgt ihn in Meden / kriegt Artavasden gefangen / erobert
Ecbatana. Beschreibung des Schlosses. Artaxias erobert ganz Meden. Olympia
gebiehrt ihm im Tempel der Sonnen die Erato und einen Sohn Artaxias. Dieser aber
wird auf dem Flusse Lycus bei Zerschmetterung des Schiffes von dem Wasser
weggeführet. Klugheit /nicht Stärcke / gehört zur Herrschaft. Geschickligkeit
des Frauenzimmers zum Herrschen. Artaxias erzeucht seine Tochter Erato unter dem
Nahmen des Artaxias. Ihre kluge Auferziehung. Artaxias bleibt zwölff Jahr in Ruh
/ weil August anderwerts mit den Daciern und Geten zu kriegen hat. Weil der
Comagenische König Antiochus den zu den Römern übergegangenen Alexander richten
lassen / sinnet Augustus auf Rache. Sitas der Denteleter blinder König gerätet
auf Anstifftung seiner Gemahlin Arimante mit seinem Bruder in Zwytracht; jenes
Gesandter will diesem vergeben / wird aber gekreuztigt. August fordert ihn
deswegen nach Rom / Artaxias / dessen Schwester er hatte /widerrätet es ihm
zwar / gleichwol zeucht er. Der Gesandten Unversehrligkeit. Ob sie ihrer
Verbrechen wegen gestrafft werden könten / oder man sie ihrem Herrn ausfolgen
lassen müste. Antiochus wird zu Rom entauptet. Seine Gemahlin bringt ihrem
Bruder Artaxias des Antiochus Haupt. August macht den Gefangenen aber
herrschsüchtigen Artabazen des Artaxias Bruder zum Könige in Comagene. Artaxias
hilfft ihm des Partischen Königs Tiridates andere Tochter Antigone heiraten;
wird aber von ihm meuchelmörderisch erstochen. Ungleiches Gedächtnis der tugend-
und lasterhaften. Dieser Gewissens-Angst. Tiberius fällt mit Artabazen in
Armenien ein / Meden ab und untergibt sich dem Ariobarzanes. Erato wird unter
dem Nahmen des Artaxias zu Artaxata gekrönet. Artaxias sucht bei den Parten
Hülffe / aber umbsonst / weil Phraates mit den Scyten den Tiridates überfällt
und schläget. Tiridates entäusert sich hierüber des Partischen Reiches / geht
mit Artafernen /dem Feldhauptmanne Artaban und tausend edlen Scyten aus dem
Läger / und kriegt unterwegens Phraatens jüngsten Sohn Artafernes gefangen / will
in Armenie fliehen / erfährt aber / dass Artabazes selbtes erobert / Olympia
gefangen / Erato verjaget / und Mitridates des entaupteten Alexanders Sohn in
Comagene König worden sei. Daher zeucht er in Syrien zum Kaiser / liefert ihm
Phraatens Sohn / welchen er aber dem Parter wiederschickt / und unterhält
Tiridaten Königlich. Phraates schickt dem Kaiser die dem Crassus und Antonius
abgenommenen Adler wieder. Nachdem inzwischen Olympia Salomin und dem Ariaraten
die Erato zu flüchten anvertraut / ziehen diese nach Sinope. Artabazes verliebt
sich zu Artaxata in Olympien; sie willigt ihn zu heiraten. Ein Erdbeben
zerspaltet das zur Verlobung bestimmte Altor. Artabazes läst den erzürnten
Göttern dreihundert edle Armenier schlachten. Prächtige Zubereitung zu der
Vermählung in der Anaitis Tempel. Olympie / welche der zum Opfer bestimmten Kuh
mit einem glüenden Eisen in die Brust fahren soll / stösst es Artabazen durchs
Hertze. Sie ersticht sich hierauf selbst / das Bild der Anaitis umbarmende.
Olympien wird im Tempel ein gülden Bild aufgerichtet. Tiberius setzt des
Artaxias und Artabazens Bruder Tigranes zum Könige in Armenien ein. Tigranes
nimmt seinen Sohn Artavasden zum Reichs-Geferten an / und vermählet ihn seiner
mit Mallien erzeugten Tochter Laodice. Des Tigranes Römische Sitten machen ihn
den Armeniern verhasst / sonderlich weil er den unzüchtigen GOttes-Dienst der
Anaitis wieder einführt / und die Mallia und Laodice herrschen läst. Tigranes
nimmt des verschickten Fürsten Vologeses Ehweib Dataphernen zu sich; Vologeses
wird hierüber erbittert /zeucht zum Phraates / rätet ihm Armenien einzunehmen /
welches er auch durch Abfall der Armenier ihm beinahe ganz unterwirfft. August
schickt seinen Enckel Cajus wider die Parten in Armenien / weil Tiberius sich
auf Rhodus einsperrete / und nicht mit in Armenien ziehen wollte. Lob des
Feld-Lebens. Indessen zwingt Phraates den belägerten Tigranes sich mit Mallien
selbst zu verbrennen. Gleichwohl komt Censorin in Artaxata / und erklärt
Artavasden für den König in Armenien. Phraates zeucht dem Cajus entgegen /
hindert die Römer an Ubersetzung über den Phrat. Beide vergleichen sich / und
bestätigen Artavasden. Ihre Gastmahle. Phraates entdeckt dem Cajus die
Verräterei des Marcus Lollius / welchen dieser durch Gift hinrichtet. Laodice
fleucht vom ohnmächtigen Artavasdes in einen Tempel / der Armenische Rat setzt
Artavasden ab / geben dem Gotarzes Laodicen und das Königreich. Vologeses
schlägt den Censorin. Cajus handelt mit dem Parten Donnes umb ihm die Stadt
Tospia zu übergeben / wird aber von ihm arglistig verwundet. Donnes fleucht in
ein Schloss und verbrennt sich darinnen. Cajub und Phraates vergleichen sich aufs
neue / setzen Gotarzen ab /und untergeben Armenien dem Medischen Könige
Ariobarzanes. Cajus stirbt. Seine Grabschrifft.
    Erato erträgt ihr Unglück hertzhaft / lebt mit Salomin zu Sinope einsam.
König Polemon hält den Römern zu Ehren Schauspiele. Ein Delphin todtet einen
Crocodil. Meherdates erzählt ihnen / wie der Kaiser nach des Königs Amyntas
Tode Lycaonien eingezogen / wie Scribonius sich für einen Enckel des Mitridates
und einen Sohn des Pharnaces ausgegeben / also das Bosphorische Reich an sich
ziehen wollen. Die Pontische Königin Dynamis aber entdeckt die Falschheit des
vom Scribonius für gewiesenen Zeugnüsses. Scribonius fleucht und rüstet sich
wider die Bosphorer; auf ihr Anhalten schickt Agrippa ihnen den Pontischen König
Polemon zu Hülffe / welchen sie aber schon gefangen / für einen Freigelassenen
des Vedius Pollio erkennet und getödtet. Die Bosphorer greiffen den Polemon an /
werden aber geschlagen. Agrippa setzt dem Polemon die Bosphorische Krone auf /
und vermählt ihm die Königin Dynamis. Erato erscheinet unter dem Nahmen
Massabarzanes mit den zwei Lycaonischen Printzen zu Sinope auf die Rennebahn.
Die Pontische Fürstin Arsinoe Polemons Tochter /kömt neben den Massabarzanes zu
halten. Ihre Zuneigung gegen einander. Arsinoe rennt fürtrefflich /
Massabarzanes eben so gut. Beide kriegen die Preisse. Seltzame Liebes-Regungen
Arsinoens und der Erato gegen einander. Ein Edelmann des Tigranes erkennt den
Massabarzanes für den verjagten Artaxias. Diesen verlangt Tigranes ihm ausfolgen
zu lassen. Polemon schlägt es zwar ab / die Römer setzen ihm aber deswegen
heftig zu. Bei selbst-erkieseter Ausfolgung gibt sich der vermeinte Artaxias
für ein Frauenzimmer zu erkennen / worüber die Römer und des Tigranes Gesandten
in höchste Verwirrung geraten. Erato wird ins Königliche Frauenzimmer genommen
/ Arsinoe auf den Tod kranck. Celsus sagt der Königin Dynamis: Arsinoe sei im
Gemüte kranck. Dynamis erzehlt der Erato ihre und Polemons Fälle; wie des
Scribonius Schwester sie gegen einander durch Zauberei verschlossen; nach dem
Dynamis aber der Diane ihren Gürtel opfert / wird sie schwanger. Beiden träumt:
Sie würde eine den Vater tödtende Schlange gebähren. Sie gebiehrt aber Zwillinge
/ den Zeno und Arsinoen. Dem Polemon wird gewahr sagt: Seine Tochter würde
sterben / sein Sohn ihn tödten. Polemon entschleust sich seinen Sohn
hinzurichten. Dynamis fragt den Sternseher Cheremon umb Rat. Sein und des
Sophites Gespräche / über der Wahrsagung aus dem Gestirne. Cheremon legt vorige
Weissagungen milderer aus. Polemons Schluss: Sein Sohn Zeno soll ausgesetzet
werden. Dynamis aber läst ihn am Flusse Tigris erziehen. Arsinoe stirbt /
Dynamis läst ihren Sohn holen / und erzeucht ihn unter dem Nahmen der Arsinoe.
Die Götter wahrsagen alles Gutes von ihm. Dynamis entdeckt der Erato: dass ihr
Sohn aus Liebe gegen ihr kranck sei. Verwechselte Liebes-Erklärung des Zeno und
der Erato. Ihre Sorge wegen des Zeno dem Polemon verborgenen männlichen
Geschlechts. Ariobarzanes der Armenier und Meder König kommt nach Sinope /
beschenckt den Polemon / die Dynamis und Arsinoen. Wirbt umb Arsinoen beim
Polemon. Dieser eröffnet es der Königin / sie voller Schrecken dem Zeno. Dieser
bemühet sich mit allerhand Vorwand den König Polemon von dieser Heirat abwendig
zu machen. Polemons und der Dynamis Zwist von Beschaffenheit Fürstlicher
Heiraten. Polemon befihlt Arsinoen sich zur Vermählung fertig zu halten /und
verspricht sie dem Ariobarzanes. Arsinoens Kaltsinnigkeit; ihr Absage-Schreiben
an Ariobarzanes. Dieser gibt dem Polemon den Brief. Polemon weiset ihn der Erato
/ und holet sie / aber vergebens / aus. Hierauf fordert er die Auslegung des
Schreibens von Arsinoen / und deutet ihr nochmals die Notwendigkeit der Heirat
an. Arsinoe will sich tödten / Erato aber hinderts / tröstet sie / und gibt sich
ihr für den gewesenen König Artaxias in Armenien zu erkennen. Zeno und Erato
schlüssen mit Einwilligung der Königin zu entfliehen. Salonine trifft am Ufer
des Meeres ihren Ehmann Artafernes an / fuhret ihn in Königlichen Garten / redet
mit ihm die Anstalt ihrer Flucht ab. Salonine und Erato kommen des Nachts auf
Artafernes Schiff; Artafernes aber holet Arsinoen abgeredter massen aus dem
Garten. Folgenden Tag aber werden sie gewahr / dass nicht Arsinoe / sondern ihre
Kammer-Jungfrau Monima vom Artafernes sei ins Schiff bracht worden / welche
Armidas ein Medischer Edelmann entführen wollen. Damon bringt ihnen aus Sinope
die Nachricht / Arsinoe wäre von einem Meden zu Schiffe nach Sinope in Tempel
gebracht worden / sie hätte aber geschworen ehe zu sterben /als den Ariobarzanes
zu heiraten. Polemon und Arsinoe wären in das Behältnis der Priester gegangen
/und über eine Weile hätte ein Priester dem Ariobarzanes angedeutet: Die Heirat
könnte nicht fortgehen. Worauf Ariobarzanes zornig aus Sinope gereiset.
Artafernes selbst kommt aus Sinope zurücke / mit der Nachricht: Dynamis und
Arsinoe würden todt gesagt. Ariobarzanes hätte dem Polemon durch einen Herold
Krieg ankündigen lassen. Erato / Artafernes und Salonine schiffen nach der Stadt
Phasis. Der Stadtalter Bardanes nimt sie und andere entwichene Armenier
freundlich auf. Erato wirfft sich für den Artaxias auf /zeucht ein ziemliches
Heer von den Armeniern / den Bardanes mit den Colchern an sich / und bricht in
Armenien ein. Weil aber Ariobarzanes im kleinern Armenien eingebrochen / und
Melitene belägert / wenden sie sich auch dahin / erobern die Stadt Cergia /und
fahren mit ihren Heeren den Phrat hinab / steigen zu Teucila aus / und kommen zu
der Schlacht zwischen dem Polemon und Ariobarzanes. Cosrhoes /welcher den
Pontischen lincken Flügel schon geschlagen / begegnet dem Artaxias / Bardanes
und Artafernes. Ariobarzanes verwundet den König Polemon tödtlich. Artaxias komt
des Polemons Heere zu Hülffe / mit dem Ariobarzanes ins Gefechte / entdeckt sich
ihm / und nimt nach seiner Verwundung ihn gefangen. Sein ganz Heer wird
geschlagen. Artaxias tröstet den krancken Polemon / stellt die fürnehmsten
Gefangenen und den Ariobarzanes selbst für sein Bette. Pharasmanes entdeckt dem
Polemon / dass Ariobarzanes sein Sohn sei / weswegen er diesem geschrieben mit
dem Polemon ja nicht zu schlagen. Ariobarzanes erzehlt / dass er auf diss
Schreiben mit dem Polemon sich des Friedens halber besprochen; als sie aber sich
einer zwischen sie kommender Schlange mit ihren Sebeln erwehren wollen / hätten
beide gegeneinander haltende Heere aus Missverstande zusammen getroffen.
Pharasmanes erzählt: Der zu Sinope unter dem Nahmen der Arsinoe erzogene Zeno
sei nicht des Polemon Sohn / welchen Dynamis der Pytadoris zu erziehen gegeben.
Der vom Artaxias aus Armenien vertriebene König Artavasdes hätte ihm seinen
Enckel des Alexanders in Egypten und seiner Tochter Jotape Sohn zu retten
anvertraut / diesen hätte er nach Satala im kleinen Armenien geführt / und die
Pytadoris geehlicht; das vom Artavasdes ihm anvertraute Kind aber wäre
gestorben. Weil nun Jotape ihn befehlicht: Er sollte ihr ihr Kind nach Antiochia
bringen / hätte er von der Pytadoris den ihr anvertrauten Sohn des Polemon
entlehnet / und Jotapen gebracht. Diesen von ihr wohl erzognen Sohn hätte
Tiberius hernach zum König in Meden eingeführt. Pharasmanes bestätigte diese
Erzehlung mit Weisung des Cassiopeischen Gestirnes auf des Ariobarzanes lincker
Schulter. Seltzame Bildungen und Eigenschaften der Geschöpfe. Polemon stirbt;
das Pontische Heer nimt seinen gefangenen Ariobarzanes unter dem Nahmen des
andern Polemon für seinen König auf. Artafernes entdeckt den Armeniern das
Geschlechte und die Tugenden der Erato. Diese setzen ihr die Armenische Krone
auf. Die Meden aber untergeben sich einem Römischen Landvogte. Unterredung vom
Verhängnisse / dem Glück und freien Willen. Unglückseligkeit der Herrschenden.
Erato verdammet den unzüchtigen Gottes-Dienst der Anaitis / und schafft selbten
in Armenien ab. Sie verfällt hierüber in Hass. Der Priester scheinheilige
Verteidigung der Geilheit. Sie verfähret aber wider sie mit Schärffe. Orissmanes
ein hochmütiger Armenier wirfft auf die Königin Erato ein Auge / erkühnet sich
der Königin den Arm zu berühren / kriegt aber von ihr einen Verweis. Gleichwohl
schickt sie ihn in Albanien. Selbige Königin weiset ihm ein trauriges Beispiel
des Hochmuts. Polemon der neue König im Pontus wirbt aufs neue umb die Erato /
sie lehnt es aber höflich ab. Orissmanes entdeckt seine Liebe der Königin / sie
aber verbannt ihn aus ihren Augen. Orissmanes lebt auf seinen Land-Gütern unter
dem Fürwand beliebter Einsamkeit. Uberlegung der Einsamkeit. Orissmanes flucht
gegen die ihn besuchenden Armenier auf die Weiber und ihre Herrschaft /
verleumbdet die Königin. Die Grossen reden dem Orissmanes zu / dass er sich des
Reichs und versehrten Gesetze annehmen solle. Die Unterbrechung der
Reichs-Gesetze wäre der Tyrannen Grund-Stein. Orissmanes schlägt zwei Mittel zu
Erhaltung der Armenischen Freiheit für / entweder die Erato zu stürtzen / oder
sie einem Armenier zu vermählen. Die Stände machen einen Schluss / dass die
Königin einen zu ihrem Gemahl erkiesen sollte. Erato gibt ihnen eine verzügliche
Antwort. Oxartes lieset ein Schreiben ab vom Orissmanes / dass Erato wegen des
auserkiesten Zeno keinen Armenier ehlichen würde / worüber die Stände ihr
entweder zu heiraten oder sich des Reichs zu entäusern andeuten. Erato legt in
der Reichs-Versamlung Kron und Scepter nieder. Artafernes und etliche andere
wollen sie darvon abwendig machen / und Ostanes zwingen Königin zu bleiben /
welcher bei erwachsender Zwytracht den Oxartes als Uhrheber dieses Unheils
tödtlich verwundet. Erato / Salonine und Artafernes reisen aus Artaxata /
vernehmen zu Artemita die Wieder-Einruffung der Konigin / und den Eigen-Mord des
Orissmanes. Sie aber ist zum Umbkehren nicht zu bewegen / läst ihre Liebe gegen
den Zeno aus / eröffnet ihre empfangene Weissagung im Phrixischen Tempel. Sie
reisen miteinander durch Syrien nach Cypern. Beschreibung des Paphischen
Tempels. Erato kriegt allda eine gute Wahrsagung; segelt nach Rom. Erato will mit
dem Drusus von dar nach Dalmatien reisen / wegen gemachten Friedens aber zeucht
sie in Deutschland / wird auf dem Taunischen Gebürge von den Catten gefangen /
und also nach Deutschburg bracht. Gespräche von dem Adel /tugendhaften Unedlen /
und derselben Heirat. Hertzog Herrmann komt mit den Fürsten in das
Frauenzimmer. Der Erato und des Zeno bewegliche Benwillkommung gegeneinander.
Betrachtung der Freuden-und Liebes-Tränen. Jubils Gemüts-Regung über der
Königin Erato.
 
                                Das Dritte Buch.
Unter den nachdencklichen Sinnbildern der Liebe /verdienet keines weges den
letzten Stand ihre vom Canatus Sycionius aus Helffenbein und Golde gebildete
Säule / welche auf dem Haupte die Himmels-Kugel / in der einen Hand einen
Granat-Apffel / in der andern ein. Maah-Haupt trug. Mit welchem letztern er
nichts anders andeutete / als dass die Liebe nichts minder / als eine gewisse Art
stechender Nattern / die allermuntersten einschläffte / und ihre wachsame
Regungen fahrlässig machte. In welchem Absehen die Verliebten bei den Griechen
ein gewisses Spiel mit Maah- und Anemonen-Blättern hegen mussten. Dieser
Einschläffungs-Krafft aber war der grossmütige Feldherr Herrmann überlegen /
welcher die Glückseligkeit seiner gegen die vollkommenste Fürstin Tusnelde
tragender Liebe bei ihrem Besitz zwar nunmehr nicht begreiffen / nichts desto
weniger aber die Sorge für das Heil des Vaterlandes / als die allerwürdigste
Buhlschaft der Helden niemahls vergessen konnte. Der Krieg und die Liebe
teilten gleichsam sein Hertz miteinander / oder seine angebetete Venus war mit
keinem Spiegel und Wollust-Gürtel / sondern / wie sie die streitbaren Spartaner
bei Acro-Corint gebildet und verehret / mit Harnisch / Schild und Spisse
gewaffnet. Diesem nach denn der kluge Feldherr folgende Tage mit eitel wichtigen
Ratschlägen nebst denen andern Fürsten beschäfftiget war / wie der erlangte
herrliche Sieg die Uberwinder nicht einschläffen und sicher machen / sondern
vielmehr das Hertz und die Hoffnung der Kriegsleute aufmuntern / und man durch
desselbten vernünftige Verfolgung die rechtschaffene Frucht von so viel
versprütztem Blute einerndten / Deutschland in beständige Sicherheit setzen /
das verlorne wieder gewinnen / oder auch gar die so gefährliche Nachbarschaft
der mächtigen Römer in ihres eigenen Landes Gebürge wieder einschrencken möge.
Herrmann hielt deswegen eine nachdenckliche Rede in dem versammleten
Fürsten-Rate / welche anfangs dahin ging / dass man diesen herrlichen Sieg
numehr eifrigst verfolgen / auch für erlangter völligen Sicherheit Deutschlands
nicht von einander ziehen sollte. Sintemahl auch die / welche die Tapfferkeit der
Deutschen zu Eroberung der ganzen Welt fähig hielten / sie dennoch
beschuldigten / dass ihre Versammlungen allzu langsam geschehen / und ihre
Ratschläge allzu zwistig wären / das Verhängnis hätte ihnen einen grössern Sieg
verliehen / als iemahls ihr Wuntsch gewest wäre; bei ihnen stünde es nun sich
desselbten zu ihrem Vorteil zu gebrauchen. Die grösten Helden hätten hierinnen
verstoffen / und deswegen ihre ersten Lorber-Kräntze sich hernach in traurige
Cypressen verwandeln gesehen. Der sonst unvergleichliche Hannibal hätte zwar die
Römer zu überwinden / auch in dem fruchtbaren Campanien des Sieges zu genüssen /
nicht aber selbten ihm nütze zu machen gewüst. König Antiochus hätte in einem
Winter sein sieghaft- und streitbares Heer bei seinem Hochzeit-Feier zu Chalcis
weibisch / und sein vorig gutes Glücke ihm zum Unsterne und Fallbrete gemacht.
Uberdiss wäre es numehr Zeit die Römer in ihrem Eigentume anzugreiffen. Denn es
wäre ein Kennzeichen der Furcht / und ein Bekenntnis / dass man seinem Feinde
nicht gewachsen sei / wenn man selbten erwartet / und ihm nicht entgegen geht.
Der hertzhafte Pericles hätte aus diesem Absehen nicht zu Beschirmung des
Ateniensischen Gebietes / Hannibal nicht zu Verwahrung Hispaniens seine Waffen
gebraucht / sondern jener hätte das feindliche Sparta /dieser Italien darmit
angefallen. Die Römer wären dadurch so gross worden / dass sie ihren Feind
allezeit im Hertzen angegriffen / und als gleich Hannibal noch in den
Eingeweiden Italiens genaget / hätte doch Scipio eben so wohl als der in Sicilien
schier von den Mohren zur Verzweifelung gebrachte Agatocles das Haupt Cartago
mit erwünschtem Ausschlage angefallen /weil die Africaner hierdurch frembde
Herrschsucht zu vergessen / und ihres Vaterlandes eigenem Feuer zuzulauffen
gezwungen worden. Hätte Darius des Memnons Rate gefolget / und / an statt der
ersten Schlacht / in Macedonien übergesetzt / wäre Alexandern in Persien der
ganze Compass verrückt worden. Nichts minder hätten die Römer wohl Asiens
vergessen / wenn Antiochus nach Hannibals Anschlage sie in der Schwäche ihres
Italiens besprungen hätte. Eben so würden diese allgemeine Räuber der Welt in
Deutschland weder Klaue / noch Fuss aufgesetzt haben / hätten die Deutschen nicht
ihrer Vor-Eltern Fussstappen über die Alpen vergessen / welche in Deutschland so
viel leichter ihre Waffen ausgebreitet / weil diss ihr Vaterland mit keinen
Festungen / ausser denen von der Natur verliehenen Strömen und Gebürgen
versorget gewest wäre. Bei welcher Beschaffenheit es die ärgste Gefahr nach sich
ziehe / den Feind in seinem offenem Lande zu erwarten / welcher in einem
verschlossenen freilich mehrmals von sich selbst zu Grunde gegangen wäre.
Dannenher hielte er für ratsam / die erschrockenen Römer nach ihrem eigenen
mehrmals glücklich-ausgeschlagenem Beispiele selbst in dem ihrigen heimzusuchen
/ und dadurch denen Deutschen den beschwerlichen Dorn aus dem Fusse zu ziehen.
Der Riese Antäus wäre auf seinem Grund und Boden unversehrlich gewest / weswegen
ihn Hercules auf frembdes Gebiete hätte locken müssen. Mit den Römern aber hätte
es das Widerspiel / welche in der Frembde Löwen / in ihrem Vaterlande Schaffe
wären. Jederman pflichtete des Feldherrn Meinung bei / und fiel der Schluss dahin
/ dass Hertzog Ganasch und Melo über den Rhein setzen / Hertzog Catumer an der
Donau sein Heil versuchen / Ingviomer aber dem Könige Marbod des Qvintilius
Varus Kopf als ein Kennzeichen des so grossen Sieges überbringen / und selbtem
zu einem Bindnüsse wider den allgemeinen Feind bewegen sollte. Der Feldherr nam
nebst dem Hertzoge der Catten inzwischen auf sich / denen innerlichen
Kranckheiten Deutschlandes / nämlich dem eine zeiter zwischen den Fürsten
eingerissenen Misstrauen abzuhelffen / und die alte Vertrauligkeit zu befestigen.
Worzu seine beschlossene Heirat iedermänniglich ein sehr heilsames Mittel zu
sein bedeuchtete /und daher derselben Vollziehung von den Fürsten und dem Volcke
so begierig verlangt / als zu der herrlichen Ausrichtung alle mögliche Anstalt
gemacht ward. Der Feldherr schrieb auch selbst mit eigner Hand an die Menapier
und Eburoner: Es hätte das Verhängnis ihnen numehro gleichsam den Himmel /die
Erde und die Flüsse wieder eröfnet / welche ihnen die Römer zugesperret / dass
sie nicht einmal hätten zusammen kommen / und einander ihr Leid klagen /weniger
über das gemeine Heil ratschlagen können. Nun wäre es die rechte Zeit / dass sie
als ein zun Waffen gebohrnes Volck / welches zeiter gleichsam nackt / und unter
frembder Aufsicht sich hätte bücken müssen / selbte ihren erschlagenen Feinden
wieder abnehmen. Es dörffe keines Fechtens mehr / sondern es sei nur noch übrig
/ dass sie der Römer leere Festungen / als die Kapzäune freier Völcker / und die
Ketten der Dienstbarkeit schleifften. Wäre ja irgendswo noch eine Handvoll Römer
übrig / müsten sie selbte zu erwürgen kein Erbarmnis haben / weil zwischen
herschsüchtigen und freien Leuten keine Verträgligkeit / von ihnen aber als
Nachbarn und Bluts-Verwandten nicht nur iederzeit auf den Fall der Not
genugsame Hülffe / sondern gar eine Macht /welche wie ihre Vor-Eltern mit ihnen
in Italien zu brechen / und Rom zu zerstören / mächtig und behertzt wäre / zu
hoffen sei. Inzwischen fing die frembde Königin / welche von der Fürstin
Tussnelda für der Schlacht im Zweikampfe war zu Boden gefället worden / durch
sorgfältige Wartung wieder an zu genesen. Wie nun Tusnelda / so bald sie die
Beschaffenheit dieser überwundenen vernommen hatte /aus einer angebohrnen
Gutertzigkeit mit ihr empfindliches Mitleiden trug / also unterliess sie nicht
/alles ersiñliche fürzukehren / dass sie ihrem Stande gemäss / und nach
Erheischung ihrer kummerhaften Beschaffenheit unterhalten würde. Sie erkundigte
sich alle Tage mehr als einmal ihrer Besserung bei ihrer Gefärtin / welche
alsofort auch die Mannskleider von sich geworffen / und für ein Frauenzimmer
sich zu erkennen gegeben hatte / als mit dieser Königin Falle auch ihre
Heimligkeit offenbar worden war. So bald es nun die Erholung ihrer Kräffte / und
der Königin gesuchte Erlaubung verstattete / hielt es die Fürstin Tussnelda und
Ismene ihre Schuldigkeit zu sein sie selbst heimzusuchen. Als sie nun einander
ansichtig worden / überfiel eine iegliche so eine nachdrückliche Verwunderung
über der andern ungemeinen Gestalt / dass weder eine noch die andere ihre
entschlossene Gemüts-Meinung alsobald eröfnen konnte. Tussnelde hatte ein
wolgebildetes Antlitz / eine klare Haut / einen Blut-roten allezeit lächelnden
Mund /Himmel-blaue Augen / aus welchen die Freundligkeit selbst zu sehen schien
/ weisse kringlichte Haarlocken / welche über ihre Achseln und aufschwellenden
Brüste spielten / und gleichsam mit einander / oder vielmehr selbst mit dem
Schnee um den Vorzug ihrer Farbe strietten. Ihr Leib war lang und geschlang /
ihre Geberden holdselig / welche mit ihrer Anmut im ersten Anblicke gleichsam
aller Anschauer Seelen bezauberten / und ihnen das Band der Zuneigung
anschlingeten. Fast eben so war die Fürstin Ismene gebildet / auser / dass ihre
Haare ein wenig Goldfärbicht / ihre Gebehrdung was mehr trauriger / oder
vielmehr nachsinnend zu sein schien. Die Königin war mehr rösslicht / ihre
Haarlocken braun / ihre Augen gross und schwartz / und in steter Bewegung /
welche unaufhörlich Strahlen als einen beweglichen Blitz von sich liessen / und
die Lebhaftigkeit ihres Geistes andeuteten. Das Gesichte schien zwar etwas
ernstaft zu sein / die Gebehrden aber vermischten selbtes mit einer
durchdringenden Freundligkeit / also dass es schien / das Glücke hätte hier drei
Muster einer unterschiedenen Schönheit mit Fleiss zusammen bringen /und dadurch
so wohl die Allmacht der Natur / welche dreien gegen einander gesetzten Dingen
einerlei. Wunder und Würckungen einpflantzen könne / erhärten / als der Liebe
einen Zanckapfel / wohin sie greiffen solle / aufwerffen wollen. Tussnelde
färbte ihre Wangen mit einer züchtigen Scham-röte / als sie durch ihre
Verwunderung etwas ihre sonst fertige Zunge gehemmet empfandt / erholete sich
aber bald wieder / umbarmte die Königin mit einer so beweglichen Anstellung /
welche auch ohne einigen Wortes Ausdrückung ihr ihr hertzliches Mitleiden
einredete. Diese erste Versicherung bekräfftigte sie mit durchdringenden Worten
/ dass sie ihre Wunden und Unglück in ihrer selbst eigenen Seele empfinde / und
alle Kräfften ihres Gemütes zu ihrer Genes- und Befreiung anzuwenden begierig
wäre; und wormit sie solchen Unrechts-Verzeihung so viel leichter erlangen könnte
/ hätte sie die Fürstin Ismene zu einer Vorbitterin vermocht. Die Königin nam
die Empfahung mit holdseligsten Gebehrden und verbindlichster Antwort auf / und
beteuerte / sie wäre zu ohnmächtig so übermässige Leutseligkeit und Woltaten zu
begreiffen. Ja sie könnte nicht ergründen / wie zwei so grosse Heldinnen nicht
die Gemeinschaft einer so unglücklichen Ausländerin verschmäheten / nach dem
insgemein das Unglück nichts minder / als die Pest für anfällig gehalten würde.
Wiewol sie sich numehr billich aus dem Register der Unglückseligen auszuleschen
schuldig wäre / nach dem sie sich unter der gütigen Beschirmung solcher
irrdischen Göttinnen befindete. Sie hätte besorgt in die Hände der rauhesten
Völcker und grimmigsten Feinde verfallen zu sein / so hätte sie in ihrer
Gefangenschaft mehr Vergnügung / als in der Freiheit; in diesen kalten
Nordländern mehr Feuer unverdienter Freundschaft und Gewogenheit gefunden /als
in den warmen Morgenländern / oder in ihrem unbarmhertzigen Vaterlande bei
Bluts-Verwandten anzutreffen wäre. Ob nun wohl sonst bei derogleichen ersteren
Zusammenkünften man biss zu Ergründung ein- und andern Gemütes gerne an sich
hält / so kamen doch diese drei Fürstinnen einander so offenhertzig für / dass
iede sich euserst bemühete / ihre aufrichtige Zuneigung in der andern Erkenntnis
fest einzudrücken. Worauf denn Tussnelde und Ismene für dissmal / weil die
Königin sich noch schwach und bettlägerig befand / Abschied nahmen / und
einander ihrer Begierde öffterer und fördersamer Wiederersehung vertrösteten.
Sie war kaum in ihr Zimmer zurück kommen / als der Feldherr und Ingviomer bei
ihr eintraten / und zwar dieser schon reisefertig / und von ihr Abschied zu
nehmen / und zu der vorstehenden Verehligung mehr als tausendfaches Glück zu
wüntschen. Tussnelde begegnete Ingviomern mit einer freundlichen Dancknehmung
und zierlichem Glückwuntsche zu seiner so wichtigen Reise. Gegen dem Feldherrn
aber vermochten Mund / Augen und Gebehrden nicht genungsam ihr Hertz
auszuschütten. Nach unzehlbaren Liebes-Bezeigungen vergass sie auch nicht der
frembden Königin Lob aufs beste herauszustreichen / wordurch sie beim Feldherrn
ein sonderlich Verlangen erweckte / sie zu schauen / und die von ihr gemutmaste
seltzame Begebnüsse zu erfahren. Dieses bewegte Tussnelden / dass sie bald
folgenden Tages bei der Königin Verlaub sie zu besuchen / und den Feldherrn
mitzubringen ausbat.
    Die Königin / welche diese Ersuchung nicht allein für ein Glücke / sondern
auch für eine Staffel zu ihrer Befreiung aufnahm / wollte ihr Erkenntnis auch mit
Ubernehmung ihrer Kräffte bestätigen; daher machte sie sich über Macht aus dem
Bette / wormit sie dem Feldherrn und der in ihren Augen so lieben Tussnelde mit
desto mehr Ehrerbietung begegnen könnte. Sie lehnte sich auf die Achseln
Saloninens / (also hiess die bei ihr befindliche Frau) um beide an der Schwellen
ihres Vorgemachs zu bewillkommen. Der Feldherr verwunderte sich über ihre
Gestalt und Annehmligkeit / und befand beides in grösser Vollkommenheit / als
Tussneldens Erzehlung ihm von ihr fürbilden können / weil doch kein Pinsel der
Beredsamkeit eine vollkommene Schönheit so gut nachbilden kann / als das
lebhafte Bild sich in die Taffel des Auges eindrücket. Ja Tussnelde selbst
hätte beteuert / dass entweder die Verminderung ihres Betrübnüsses / oder ihre
aufrechte Darstellung des ganzen Leibes sie über Nacht um ein gutes Teil
schöner gemacht hätte. Hertzog Herrmann bezeugte gegen sie alle ersinnliche
Höfligkeit /und erlangte bei ihr den Ruhm / dass er nichts minder ein geschickter
Hoffmann / als ein tapfferer Heerführer sei. Sie selbst nahm sich über der
Besuchung des Feldherrn etlicher massen einer Verwirrung an. Denn zuweilen ist
diese beredsamer / als die zierlichste Rede das Erkenntnis seines Gemütes
auszudrücken. Nach vielfältiger Abwechselung gegen einander beteuerter
Verbindligkeiten / entschuldigte der Feldherr den ihr in dem Zweikampff
zugestossenen Zufall / bat / sie möchte den Deutschen diese Unart nicht zutrauen
/ dass sie wider das Frauenzimmer vorsetzlich ihre Degen zückten. Die ungemeine
Verstellung ihres Geschlechtes / oder vielmehr die eigenwillige Stürtzung in die
Gefahr wäre dissmal die Ursache eines so schädlichen Fehlers gewest. Die Königin
antwortete mit lächelndem Munde: So höre ich wohl / der Feldherr halte die
Tapfferkeit für eine dem Frauenzimmer unanständige Tugend / und die Waffen für
eine ihrem Geschlechte nicht gewiedmete Waare. Hertzog Herrmann versetzte: Es
hätten zwar beide Geschlechte an allen Tugenden ihr Teil / und könten die
Weiber auch wohl gewisser massen und in etlichen Dingen ihre Hertzhaftigkeit
bezeigen. Alleine / wie das weibliche Geschlechte gewisse Tugenden / als
Keuschheit und Demut / in ihrer Vollkommenheit zu voraus bekommen hätte / als
hätte die Natur selbtes mit der Bürde der Waffen / als dem Eigentume der Männer
/ verschonet. Der Königin stieg hierüber eine kleine Röte ins Antlitz / und
fing an: Sie wollte sich zu der Natur nicht versehen / dass sie dem Frauenzimmer
ein so schlimmes Recht / und eine so ärgerliche Freiheit durch Entziehung der so
herrlichen Tapfferkeit gegeben habe. Der Feldherr brach alsofort ein: Es wäre
diss Kleinod ihnen nicht gar versagt / und bliebe / ausser dem Kriege / ihnen
noch ein weites Feld übrig ihre Grossmütigkeit auszuüben. Welche ihre Keuschheit
wider die Reitzungen der Wollust / wider den Glantz der blendenden Ehrsucht /
wider den Donner angedräueter Schande / wider die Pfeile der Verläumbdung
verteidigen / welche das Band ihrer Liebe kein Ungewitter der Trübsal / keine
frembde Ablockungen und Fürbildung güldener Berge / keine Widersinnligkeit ihres
eigenen Geblütes / keine heimliche Verkleinerung / keine offentliche Verfolgung
/keine Zeit und Abwesenheit vertilgen lassen / sondern den einmal gefangenen
reinen Zunder in ihrem Hertzen bewahrten; dieselbten übten sicherlich so grosse
Heldentaten aus / als kaum diese / die ein geharnischtes Krieges-Volck aus dem
Felde schlügen / oder eine Festung eroberten. In seinen Augen sei Camme /des
Fürsten in Galatien Sinnate Gemahlin eine grössere Heldin / dass sie den Sinorix
für dem brennenden Altare / allwo sie sich diesem unkeuschen Meuchelmörder ihres
Ehherrn sollte verloben lassen /durch einen Gift-Trunck des erblasten Geiste
aufopffert / als der grosse Alexander / der die halbe Welt bemeistert. So könne
auch eine Frau ihren grossen Geist in Ratschlägen / ihre Tapfferkeit in
Anordnungen / ihre Ruhms-Begierde in Pracht der Gebäue schauen lassen. Livia sei
Augustus tägliche Ratgeberin. Für nicht gar langer Zeit habe eine Königin
Britannien glückselig beherrschet. Die höchste Wundersäule in Egypten sei ein
Werck einer Königin. Mausolens Grab / welches die Künste aller Baumeister / die
kostbaren Steinbrüche ganz Asiens erschöpffet; Die hängenden Gärte / die
unvergleichlichen Mauren Babylons wären unvergessliche Zeugnüsse der trefflichen
Artemisie / und der grossen Semiramis. Ja dieser ihre Pracht hätte allen Glantz
überstiegen / der einem Manne ie träumen können; als sie auf einem ihrer
Sieges-Plätze ihr eine Ehren- und Gedächtnis-Säule aus dem grossen Berge
Bagistan hauen lassen. Die Königin brach ihm ein: Wol an dem! warum soll denn
eine Frau mit dem Degen in der Faust ein Ungeheuer sein? Warum soll ein Helm
/oder ein Hut voll Federn sie mehr als die Schlangen das Haupt Medusens
verstellen? Ich bilde mir ein /dass das Schwerdt und Bogen der behertzten
Tomiris / als sie des unersättlichen Cyrus Kopf in die Wanne voll Blut
geworffen; dass der Spiess und die Sebel der grossen Semiramis / als sie alle
königliche Zepter Asiens unter ihre Füsse trat / nicht so unanständlich gewesen
sind. Auch düncket mich / dass Omphale /wenn ihr Hercules die Löwen-Haut
umgegeben / nicht so sehr verstellet worden sei / als wenn er ihre Spindel
genommen / oder Sardanapal Polster genehet /und Teppichte gestückt hat.
Tussnelda fiel der Königin bei / und meldete / dass die Sitten Deutschlandes
/welches iederzeit hertzhafte Weiber mit in die Schlachten genommen / der
Königin selbst das Wort redeten. Der Feldherr begegnete ihnen / er könnte sie
nicht verdencken / dass beide ihre eigene und noch so frische Taten
verteidigten; alleine die allgemeine Gewonheit / die mit der Natur in einem
Alter wäre /hätte die Weiber zu häusslichen Sorgen / ja die Natur ihre
Leibes-Beschaffenheit zum Kinder gebähren bestimmet. Die Fürstin Tussnelde wollte
diesen Einwurff hintertreiben / die Königin aber fiel ihr in die Rede: Was höre
ich? Haben diese zarten Glieder auch iemahls Waffen geführet? Tussnelde
verstummte über dieser Frage / und gab mit ihrem bestürtzten Stillschweigen ihr
eine verjahende / der Feldherr aber diese deutliche Antwort: Es wäre nicht
anders / sie hätte mit in der Schlacht / und zwar zweifach unglückselig
gefochten / indem sie erstlich auf sie die Königin / hernach auf ihren eigenen
Vater zu treffen kommen. Die Königin fing also fort an: Sie wüste nicht / ob sie
es für Ernst oder Schertz annehmen sollte / und ob Tussnelde der Ritter wäre /
der sie überwunden hätte? Tussnelda fing säufzende an: Es wäre / leider! wohl
wahr / sie könnte ihr zweifach Unglück nicht läugnen / und ihre Beleidigung bei
so einer holdreichen Königin nimmermehr genung abbitten. Aber sie hätte sich
über sie keiner Uberwindung zu rühmen; denn sie wäre nicht durch ihrer Feindin
Tapfferkeit / sondern durch einen blossen Fehltritt des Pferdes verunglückt.
Kein Zufall aber vermöchte sich eines Sieges über ein Helden-Gemüte zu rühmen.
Die Königin umarmte und küste hierüber Tusnelden so empfindlich / dass sie
daraus ihre heftige Zuneigung allzugewiss warnehmen konnte. Ich erfreue mich
/rief sie / dass ich von einer solchen Göttin überwunden worden. Und was meint 
nun der Feldherr / verstattet ihm die Sitten seines Vaterlandes / erlaubet ihm
seine Liebe einer solchen Heldin den Gebrauch der Waffen abzuerkennen? Ich gebe
gerne nach / dass nicht alleine die niedrigen Seelen ihr Haus versorgen / sondern
auch die geistigen ein Auge darauf haben sollen. Aber Häussligkeit und Tugend
stehet so wohl neben einander / als die streitbaren Amazonen aus der lincken
Brust die Kinder säugten / und / wo die rechte gestanden /den Bogen ansetzten /
welche sie mit mehrerm Ruhm weggebrennet / als die tun / welche dem weiblichen
Geschlechte die Waffen nehmen / das ist / ihnen das Hertz aus dem Leibe reissen
/ und die Hände von Armen hauen. Hertzog Herrmann erklärte sich hierauf: Es wäre
seine Meinung nicht alle streitbare Frauen in die Acht zu erklären / oder dass
keine zu den Waffen geschickt wäre / ihm träumen zu lassen. Des letztern
Irrtums würden ihn beide anwesende Heldinnen überführen / und durch das erstere
müste er manches Reich vieler Siege und seiner Wohlfart berauben. Allein es
wäre gleichwol eine seltene Begebenheit / dass ein Frauenzimmer mit einem so
unerschrockenen Geiste / mit einem anständigen Eyfer /und demselben Feuer /
welches einen Helden oftmals /besonders in grossen Gefährligkeiten / auser ihm
selbst und über die Schrancken sterblicher Entschlüssungen versetzen müsse /
versorget sei. Daher müste man aus einer Schwalbe keinen Sommer / und aus
wenigen Beispielen kein Gesetze machen / welches dem weiblichen Geschlechte ohne
Unterscheid die Waffen in die Hand gebe. Nein / nein / grossmütiger Feldherr /
brach die Königin heraus / wir lassen uns damit nicht besänftigen / dass er
gegen uns zwei ein Auge zudrücken / unserm Geschlechte aber die ganze Sache
abzusprechen vermeint. Sintemal die kriegerischen Amazonen ganze Länder
angefüllet / die sie denen sonst so streitbaren Scyten abgeschlagen. Ich gebe
gerne nach / dass die Grossmütigkeit eine feurige Tugend sei / welche sich über
die gemeinen empor schwinge / und die Ehre zu ihrem Augenziel habe. Warum aber
soll das weibliche Gesichte nicht auch ihr Hertze zu diesem Gestirne tragen? Die
Rennebahn der Ehre und Erbarkeit stehet uns so weit offen / als den Männern /
und ich weiss nicht / wer uns allein hier sollte Fuss-Eisen gelegt haben. Wir
finden in allen Geschichten eine frische Spur hiervon / dass Weiber-Lust und
Nutzen auser Augen gesetzt / durch Dörner und Steinklüfften / durch Flammen und
Rad nicht nur nach Ehre / sondern wohl oft nach einem blossen Schatten derselben
gerennet / wenn sie das Glück und seine Geschencke aus einer gefasten Liebe mit
Füssen von sich gestossen / Kron und Zepter / um ihr Wort zu halten /
verschmähet / dem Hencker den Nacken geboten / ehe sie was verkleinerlichs
eingegangen /ihren frischen Leib lieber auf dem Holtzstosse ihrer Männer
verbrennet / als die Schande der Wanckelmut auf sich kleben lassen wollen. Ich
gestehe es /die Grossmütigkeit erfordere ein tiefsinniges Nachdenken / und ein
verschmjetztes Urtel. Aber ich habe noch nicht gehöret / dass der Unterschied des
Geschlechtes die Kräfften der Seelen unterscheide. Findet man Weiber / derer
Geist sich nicht weit über die Erde schwingen kann / so sind auch nicht alle
Männer ganz himmlisch / und in beiden ist oft nicht ein Funcken dieses
herrlichen Lichts / welches den Nebel der Irrtümer niederschläget / nicht ein
Sonnenstaub warhafter Klugheit / die die irrdischen Schwachheiten unterdrücken
kann. Es ist auch auser Zweifel / dass diese Liebe der Ehre / dieser Verstand
etwas fürtreffliches zu erkiesen durch ein absonderliches / und andern gemeinen
Tugenden nicht gemeines Feuer erleuchtet werden muss / welches den Menschen über
sein eigenes Wesen erhöhet / welches ihm den Reitz aller Wollust tilget / die
Empfindligkeit aller Schmertzen benimmt / die Furcht aller Schande und des Todes
zernichtet / ja die Unmögligkeit selbst für eine Bländung der Zagheit hält. Wer
aber unterwindet sich diese Entzückung des Geistes unserm Geschlechte strittig
zu machen? Wenn Clelie über die Tyber schwimmet / und in ein feindliches Läger
einbricht; wenn Lucretie lieber ihre Brüste mit ihrem eignen Blute / als ihren
Nahmen mit Unehre besudelt / wenn eine andere lieber sich vom Hencker erwürgen /
als ihre Keuschheit beflecken läst; wenn eine Mutter lieber ihre Kinder
zerfleischet / und auf glüende Röste leget / als in Aber glauben versincken
läst; wenn eine Tochter den von Blut und Gehirne trieffenden Stein /der das
Haupt ihrer Mutter zerschmettert / den Feinden auf den Hals weltzet; wenn eine
Frau das Mordschwerdt aus den Därmern ihres Ehemannes zeucht /und statt der
Tränen und Wehmut das Blut seiner Feinde verspritzet und Rache ausübet; wenn
die ergrimmte Semiramis ihre halbgeflochtene Haare so lange unausgeputzt hängen
läst / biss sie ihre auffrührische Untertanen zu Gehorsam bracht; wenn eine
andere ihr Hembde auszuwechseln verschweret / biss sie eine Festung erobert und
ihres Gelübdes sich los gemacht. Für was will es der Feldherr halten? Will er es
nicht für einen grossmütigen Eyfer / für eine Entzückung eines auser sich
gelassenen Geistes gelten lassen? Der Feldherr ward hierdurch bezwungen der
Königin recht zu geben. Alleine / sagt er / es geht noch eines ab / so wohl
ihrer Erzehlung / als dem weiblichen Geschlechte / welches zu glücklicher
Ausübung der Waffen und Tapfferkeit nötig ist. Ich wollte es leicht erraten /
fiel die Königin ihm ein /dass der Feldherr die uns insgemein vorgerückten
Gebrechen / nehmlich die Schwäche und Zärtligkeit unser Glieder / und die
übermässige Feuchtigkeit unsers Leibes meine; welche uns so wohl an Ausübung
nötiger Kräfften / als an Geschwindigkeit der Bewegung hindern sollen. Der
Feldherr musste gestehen /dass sie es getroffen. Denn / sagte er / man hat
scheinbare Merckmahle / dass die Tauben so zornig und so kühn als die Adler sind;
dass in Hermelinen so viel Tugend und Hertzhaftigkeit zu sterben / als kaum in
Löwen stecke. Gleichwohl aber stehet die Ohnmacht ihrer Kräffte / der Mangel der
Klauen ihnen im Wege / dass sie nicht unter die kriegerischen Tiere können
gerechnet werden. Dahero / im fall sich meine offenhertzige Freiheit keines
Anstosses zu besorgen / und insonderheit von zweien Fürstinnen / welche als
sonderbare Wunderwercke alle Tugenden unsers / und keine Schwachheiten ihres
Geschlechts an sich haben / keiner Empfindligkeit zu besorgen hat / unterwinde
ich mich meine Meinung nicht zu verhelen / dass das Frauenzimmer / welches nichts
als Zibet und Ambra zu rüchen gewohnt / den Staub in Schlachten nicht
vertragen; dass Hände / welche niemahls aus den ausgebisamten Handschuhen / und
in kein kaltes Wasser kommen / schwerlich eine strenge Klinge führen / und mit
dem Wurff-Spiesse spielen; dass ein Haupt / welches unter Seide geschwitzet / und
sich unter einem Pusch Blumen gebeuget / schwerlich einen stählernen Helm
tragen; dass ein Leib / welchen eine kühle Lufft / oder ein Sonnen-Strahl
beleidigt / weder die rauhen Winde / noch die Hitze eines blutigen Kampffs
vertragen könne. Die weichen Lilgen ihrer zarten Brüste wären nicht geschickt /
die Amboss-Stösse der Streitämmer und Lantzen zu vertragen / noch die Bürde
ihres Unterleibs ohne Bügel auff und von den raschen Pferden zu springen. So
höre ich wohl / brach die Königin ein / der Feldherr will etlicher
Pulster-Töchter schlimme Sitten für eine unserm Geschlechte angebohrne
Unartverkauffen / und diss / was eine wollüstige Aufferziehung / oder böse
Gewonheiten verstellet /zu Missgeburten machen. Das meiste fürgerückte sind
Gebrechen der Aufferziehung / nicht der Natur. Und man hat mehr als einen
Sardanapal gefunden / der nie aus dem Frauen-Zimmer kommen / der mit seinen
Beischläfferinnen sich Tag und Nacht auff dem mit Zobeln belegten Fussboden herum
geweltzet / der keine Speise ohne Ambra gegessen / der ihm selbst Bisam-Suppen
gekochet / der einen Seidenstücker abgegeben / ja der sich selbst zum Weibe
gemacht / und einem Ausgeschnittenen verheiratet / der auff die Natur und seine
Mutter sich erboset / dass sie an ihm einen Mann geboren / welcher nicht im
Huren-Hause sich öffentlich feil zu haben fähig sei. Solte man aber dieser
Wechselbälge halber das ganze Männliche Geschlechte verkleinern? Unsere
Leibes-Beschaffenheit soll ja etwas wässerichter / als der Männer sein; aber
deswegen sind die Flügel unserer Seele / welche eben so wohl vom Himmel
entsprungen / und feuriger Art ist / in keinen so zähen Schlamm eingetauchet /
dass sie sich nicht von dem Wuste der Erden / und über die Dünste des niedrigen
Pöfels empor schwingen könnte /noch auch der Leib so faul und zu ritterlichen
Ubungen / insonderheit zum Reiten ganz ungeschickt wäre. Wormit hätte sonst
Cloelia und Valeria ein zu Pferde sitzendes Ehrenbild / welches der
Freiheitsgeber Brutus nicht erlangt hat / erworben? Ich erinnere mich / dass mein
Lehrmeister Dionysius Periegetes mir einst aus dem göttlichen Plato diesen Trost
fürgelesen / dass / wenn der Weiber weichliche Feuchtigkeit durch mässige
Bewegungen ausgetrocknet würde / erlange ihr Leib vom Feuer und Wasser eine viel
vollkommenere Vermischung. Ihre Leiber würden stärcker und geschwinder / und
derselben Bewegung wäre ungezwungener und tauerhaftiger / als der Männer.
Dieses bestärckte er ferner dadurch / dass alle weibliche Raub-Vögel mit ihrem
geschwinden Fluge alle andere kriegrische Tiere im Lauffe / und beide im
hitzigen Kämpffen die Männlichen übertreffen. Ja ich setze unserm Lobe sonder
Eigenruhm bei / dass Löwen / Tiger und Adler männlicher Art nicht so wohl aus
einem hertzhaften Triebe / als aus Hunger /nicht wegen eines rühmlichen
Absehens / sondern nur wegen des Raubes mit einer blinden Ungestüm / die
weiblichen aber aus einer viel edlern Regung / zu ihrem Ruhme / für Erhaltung
ihrer Jungen / und mit einem beständigern Nachdrucke kämpffen / auch sich weder
Flammen nach Stahl von ihrer schuldigen Beschirmung abschrecken lassen. Die
weiblichen Kräuter und Bäume sind auch zum Teil kräfftiger / als die andern.
Die männliche Muscaten-Nuss ist zwar grösser und länger / aber sie hat viel
weniger Krafft / als die weiblichen / und unsere Art Palmen werden in gewissen
Fällen für den männlichen zu Siegs-Kräntzen genommen. Die freudige Tussnelde
hörte dieser Schutzrede mit Lust zu / und ward ermuntert selbter anzuhängen:
Warum wirfft man uns nicht auch für /dass kein Weibsbild iemahl zugleich linck
und rechts /noch / wie die Männer insgemein / auff die Glieder der rechten
Seiten stärcker / als an der lincken sind? dass wir eh als sie veralten sollen?
und andere uns angetichtete Schwachheiten? Welche wir aber als der
Grossmütigkeit nichts benehmende Gebrechen ohne unsere Verkleinerung leicht
entängen könten. Denn auch die äusserlichen Leibs-Kräfften sind nicht nach der
Elle der Glieder abzumessen / sondern wie es nicht genug ist / dass die Natur dem
Stahle solche Härte gegeben / es muss selbten allererst das Feuer glüend / der
Schleiffstein spitzig und zum Degen machen; also müssen Armen Und Schenckel von
der Hitze des Geblüts / und von einer mässigen Ergiessung der Galle / als der
letzten Anfeuchtung wackerer Leute / und dem Wetzsteine der Stärcke beselet
werden. Dahero / weil dieser natürliche Zunder eine heimliche Abscheu von
Riesen-Knochen hat / findet man in so schwämmichten Menschen / welche dem
Ansehen nach Türme feil tragen möchten / weder Geschicke noch Beregligkeit /
wie ich selbst zu Rom am Pusion und Secundellen wahrgenommen / derer zwar eilff
und einen halben Fuss lange / aber zugleich baufällige Cörper der Käyser nach
ihrem frühen Tode in die Salustischen Gärte begraben liess. Und weiss ich diese
ungeheuere / aber geistleere Geschöpffe nicht besser / als denen Gebäuen zu
vergleichen / die von aussen das Ansehen einer Königlichen Burg / innwendig aber
Winckel an statt der Zimmer haben. Hingegen hat die niedrige Balsam-Staude mehr
Krafft in sich / als die lang-hälsichte Fichte. Das kleine in der Serischen
Landschaft Kingcheu wachsende Kraut von tausend Jahren dauret länger / als die
Himmel-hohen Cedern / denen doch kein Blat abfällt / die kein Wurm anbeist /
indem jenes nimmermehr verdorret. Nun ist das in etlicher Augen so klein
scheinende weibliche Geschlechte ja nicht unter die Tiere zu rechnen / welche
keine Galle haben / sondern man eignet ihnen hiervon zuweilen auch eine
Ubermasse zu. Weniger fleust von einem edlen Stamme die Blüte des guten Geblüts
nur auff die männlichen Zweige / also dass die Hefenden Töchtern übrig bleiben /
sondern es wallet die angebohrne Tapfferkeit so wohl in diesen als jenen Adern.
Der Granatapffel-Baum trägt so wenig Blüten ohne Purpur / als Früchte sonder
Kronen; also wird auff die Töchter so wohl / als ihre Brüder das hohe Geblüte
und der Adel fortgepflantzet. Und alle Helden der Welt haben noch unter den
Hertzen der Frauen gelegen. Suchen wir aber das Gestirne dieser unbegreifflichen
Tugend in seinem eigentümlichen Himmels-Zirckel / und diese Blume so wohl
unsers / als euren Geschlechtes auff ihren eigenen Stengel / müssen wir nicht
die Asche des stinckenden Leibes / noch den Schimmel der faulenden Glieder
durchscharren / sondern / weil die Grossmütigkeit eine Lebhaftigkeit des
Geistes ist / und ihren Ursprung und Sitz in dem Hertzen hat / müssen wir sie
nach der Eigenschaft ihrer himlischen Wohnstatt urteilen / und ihr ein Ziel
nach dem Massstabe der unumschräncklichen Seele ausstecken. Diese erscheint zum
ersten auff den Kampffplatz / und zeucht am letzten davon ab. Diese verwendet
kein Auge /wenn schon der Blitz mit Donnerkeilen um ihr Haupt spielet / oder ihr
der Himmel auff den Hals fällt. Diese sieget auch mit zerschmetterten Gliedern /
und in dem Staube des Todes. Ist aber wohl das Hertze der Mäñer von anderm Talg
als das unsrige? Hat eure Seele einen andern Schöpffer / als wir? Sind alle
grossmütige Helden aus dem Geschlecht der Riesen entsprossen? Haben sie alle
Armen aus Stahl / und Schenckel aus Marmel gehabt? Bestehet die Tapfferkeit am
Ausreissen der Bäume / und Versetzen der Berge? Nein sicher! Junius Valens /
welchen ich Pferd und Wagen mit einer Hand anhalten gesehen; Rusticellus / der
seinen Maulesel mit einer Hand empor hob; Milo / dem kein Mensch einen Finger
beugen konnte / werden von mir nicht in die Schau-Bühne der Helden gesetzt.
Hingegen sind die / welche die Welt bemeistert / keine ertztene Colossen gewest.
Den itzigen Kayser würde niemand seine Taten an der Grösse / welcher nach des
Julius Maratus genommenem Maasse nicht länger / als fünff Füsse und ein drittel
ist / anschauen. Die auch jetzt die Römer geschlagen / den Varus erlegt / die
deutsche Freiheit erhalten / sind keine Cyclopen / deren Daumen von Satyren mit
Stengeln ausgemessen werden könten. Im Fall aber ja unsere Leibes-Schwäche und
Zärtligkeit der Glieder eine Hindernis der Tapfferkeit / und ein Fehler unsers
Geschlechts sein soll / wird man uns zuversichtlich das Recht zu den Waffen
nicht gar absprechen / sondern vielmehr nicht ausser Augen setzen können: Dass
auch die Sonne nicht ohne Finsternis / kein Demant ohne Mangel / keine Rose ohne
Dornen sei. Die Königin fiel Tussnelden mit einer ernstaften Anmut in die
Rede / und meinte: Sie hätte ihrem Geschlechte zum Nachteil allzuviel
nachgegeben; sintemahl es dem Frauenzimmer mehr zum Ruhm als zur Schande
gereichte / dass es mit so schwachen Gliedern Helden- und Riesenwercke ausübte.
Wäre also ihre Schwachheit denselben Maalen zu vergleichen / welche durch ihren
schwartzen Gegensatz den Glantz einer schneeweissen Schönheit erhöheten. Oder es
hätte die Natur ihnen diesen Gebrechen mit sonderbarem Fleiss / und zu ihrem
Besten angehengt / wormit nehmlich der Neid hieran etwas zu käuen / das
männliche Geschlechte aber mit ihnen zu eivern nicht noch grössere Ursach habe.
Der Feldherr konnte sich länger des Lachens nicht entalten / sagende: Er sehe
wohl / dass er auff eine so tieffsinnige Beredsamkeit verfallen wäre / welche
auch der Warheit abgewinnen könnte / und wäre er nur zu vernehmen begierig: Ob
sie auch die durch Missbräuche angenommene Zärtligkeiten des Frauenzimmers heraus
zu streichen / und ihr Wort zu reden auff sich nehmen würde. Die Königin
verwechselte diesen Schertz mit einem andern / und fing an: So wenig die
Hässlichkeit schön / und der Irrtum zur Warheit würde / wenn man jene schon in
Güldenstücke kleidete / dieser aber eitel Centner-Worte zulegte / so wenig
traute sie des Feldherrn Höffligkeit zu / dass er zwischen des Frauenzimmers
Rein- und Gemächligkeit / und den Waffen keine Gemeinschaft dulden könnte. Die
Tugend sei der Wollust selbst nicht so feind / als die Feinde des unschuldigen
Epicurus gerne wollten / von denen sie sich wunderte / dass sie nicht den
Schöpffer der Welt meisterten / weil er nicht den ganzen Erdkreiss entweder
unter dem frostigen Bär / oder unter den alles versengenden Hund-Stern gesetzet
/ oder dass er es nicht allezeit Winter sein / und statt der Rosen Disteln /
statt des Weines Schleen / statt der Granaten Holtzäpffel wachsen habe lassen.
Der Tapfferkeit Absehen ziele allezeit auff den Sieg / dieser aber wäre von der
Ergetzligkeit unabtrennlich. Es hätten weder für Alters / noch heute zu Tage nur
diese Schlachten gewonnen / und Städte erobert / welche Hände wie Horn / und
Gesichter wie Löwen gehabt / welche die Sonnen-Hitze ausgetrocknet / und die
Kälte abgehärtet habe. Die alten Persier wären die grösten Zärtlinge / aber die
hertzhaftesten Uberwinder anderer Völcker gewest. Die Helden / welche bei
Maraton des ganzen Asiens Kräffte erlegt / hätten eitel gekräuselte Haare /
eingebalsamte Leiber / und seidene Röcke angehabt. Der grosse Alexander hätte
mehrmahls in allen Wollüsten sich gebadet / auff einmal vier hundert Heerführer
auff güldenen Sesseln und auffgebreitetem Purper gespeiset / und bei dem Grabe
des weisen Alanus denen / die am meisten trincken würden /ansehnliche Preisse
auffgesetzt. Der berühmte Weltweise Xenocrates hätte durch seinen Sieg im
Trincken eine vom Dionysius auffgesetzte güldene Krone erworben. Die klugen
Könige der Egyptier hätten ihren Gemahlinnen der Stadt Antylla Einkünfte zu
Zierraten ihrer Gürtel gewidmet. Ihm selbst nicht gram /und gleichwohl
hertzhaft sein / seiner Gelegenheit /und gleichwohl der Waffen pflegen / könnte
so wohl bei einander stehen / als die Rose bei den Dornen /als das Honig bei dem
Stachel der Bienen. Warum sollten die nutzbaren Früchte / die annehmlichen
Blätter an den Bäumen / die Tugend ihren Firnis die Anmut hassen? Das Hertze
selbst / der Sitz der Tapfferkeit wäre beinahe das weicheste Glied am Menschen
/dessen Fleisch keine Spann-Adern und Knochen / weniger Klauen noch Zähne hätte.
Diesem nach liesse sie ihr nicht ausreden: Es könne sich ein Helden-Geist eben
so wohl mit einem zarten Leibe vertragen / als ein schneidentes Schwerdt in eine
Sammtene Scheide stecken; Es möge ein Sieger seine Hände wohl in rüchende
Handschuch stecken / und ein Uberwinder der Welt unter einem Goldgestückten
Zelte sein. Mit einem Worte: Mich dünckt / die Tugend könne die Wollust zwar
nicht zu ihrer Hofmeisterin / wohl aber zu ihrer Gespielin vertragen / und sie
sehe sauer /wenn man sie gar zur Magd / oder zum Scheusale machen will.
    Der Feldherr ward ie länger ie mehr verwundernd über dieser Königin
tieffsinnigen Schlüssen / und derselben artiger Ausdrückung; gab daher gegen ihr
zu verstehen / er gäbe ihr in alle wege Beifall / dass die Tapfferkeit nicht eben
rauh und wilde sein / Eicheln oder rohes Fleisch essen / unter freiem Himmel
oder auff stets umirrenden Wagen wohnen / aus Ochsen-Häuten Häuser bauen / nackt
oder in Hanffenen Kitteln gehen müsse; Sondern die Tugend könne gar wohl ihrer
Gelegenheit pflegen / das Frauenzimmer sich ihrer Tugend anmassen. Alleine die
Erfahrung habe leider gewiesen / dass die zulässliche Beqvemligkeit leicht aus dem
Geschirre schlage / die Ergetzung sich in eine hässliche Uppigkeit verwandele.
Die Gewächse / welche in Nesseln sich lange hielten / verfaulten alsobald in
Blumen. Griechenland wäre an Witz und Grossmütigkeit allen Völckern überlegen
gewest / biss ihre Ordnung zum Uberflusse / der Uberfluss zur Wollust / die Wollust
zum Laster worden wäre; Und des Aristophanes in einem Schauspiele fürgestellte
Frösche / oder des Sophocles Antigone mehr / als der Krieg wider den Xerxes
kostete. Die Gallier sollten für Zeiten hertzhafter als wir Deutschen gewesen
sein / welches daher glaublich schiene / dass die Helvetier sich zwischen dem
Rhein und Mayn / die Bojen aber in dem Hercinischen Walde niedergelassen / und
die Deutschen überwältigt hätten. Es hätte sie aber ihr Reichtum unbewehrt
gemacht / und ihr Wolleben sie so verzärtelt / dass die Römer / welche schon
einmal mit uns Deutschen angebunden hatten / es ihnen für Schande hielten / wenn
sie wollten wider die weibischen Gallier geführet werden. Dahero die
verschmitzten Römer durch ein besonderes Kunststücke mehr Völcker durch
angewöhnte Wollüste / durch Einführung warmer Bäder / durch Bauung kostbarer
Lustgärte / durch Anrichtung prächtiger Gastmahle / durch Fürstellung lustiger
Schauspiele / als mit ihren Waffen unters Joch gebracht. Sintemal die groben
geschwinder geritten sind; durch Wollüste aber gewohnt man ehe der Ruhe und des
Müssiggangs. Hingegen hat die unbändigen Scyten ihre rauhe Art so viel tausend
Jahr wider den mächtigen Vexoris / wider den gewaltigen Cyrus /wider den grossen
Alexander erhalten / und an sie fast alleine haben sich die stoltzen Römer noch
nie gewagt. Ihre Einfalt oder Ungeschickligkeit hat ihnen den Schatz des Goldes
/ die Geschickligkeit der Künste / zugleich aber viel schädliche Laster
wolgesitteter Völcker verborgen. Diese Unwissenheit aber hat ihnen mehr
gefruchtet / als andern die Wissenschaft der Tugend. Ja ihnen und uns sind zu
selbsteigener Erhaltung die unschuldigen Sitten nützlicher gewest /als den
Griechen und Römern ihre heilsame Gesetze. So lange in Deutschland keine andere
Schauspiele gewesen / als da die nacketen Jünglinge über blosse Degen und
Spiesse sprangen / und dafür keine andere Belohnung / als das Wolgefallen du
Zuschauer suchten / hat kein Deutscher einen Römer gefürchtet /noch die
Begierden sie ihnen zinss- und dienstbar gemacht. Nun aber kann ich meine
selbsteigene Schande nicht verschweigen / dass ich unter ihnen Kriegs-Sold
verdienet.
    Der Feldherr hätte noch länger geredet / wenn nicht Adgandester / sein
geheimster Rat / ins Gemach kommen / und ihm die Ankunft eines Gesandten von
Gottwalden / einem Hertzoge der an der Weichsel und dem Baltischen Meere
gelegener Gotonen angemeldet / und zugleich andere geheime Schreiben abgegeben
hätte. Diese aber nötigten ihn von der Königin höflichen Abschied zu nehmen /
und weil allbereit die Demmerung einbrach / seine wunderschöne Braut wider auf
ihr Zimmer zu begleiten.
    Folgenden Morgen hielt der Feldherr mit anbrechendem Tage Fürsten-Rat / die
Königin aber liess Tussnelden vermelden: Sie hätte auf ihr annehmliches Gespräche
so wohl geruhet / und darvon so viel Kräfften empfunden / dass sie ihr in ihrem
Zimmer aufzuwarten mächtig und begierig wäre. Tussnelde beantwortete ihren
Edel-Knaben / derer etliche der Catten Hertzog aus seinen Gefangenen sie wieder
zu bedienen lossgelassen hatte: Es wäre zwar ihre selbsteigene Pflicht sich in
der Königin Zimmer einzufinden / doch wollte sie lieber etwas ihrer Höfligkeit
abbrechen / als dem zuentbotenen Befehl widerstreben. Sie erwartete also
höchstbegierig die Gelegenheit ihr die Hände zu küssen. Ismene fand inzwischen
sich auch bei Tussnelden ein. Bei erfolgender Zusammenkunft umbfingen diese drei
Heldinnen einander mit einer so grossen Verträuligkeit / als wenn sie nicht
alleine vieljährige Freundschaft mit einander verknüpft /sondern auch selbst
das Geblüte zusammen verbunden hätte. Tussnelde hatte für die Königin und ihre
Gefertin Salonine alsofort / weil so wohl ihre Sprache als Leute / dass sie eine
Morgenländerin wäre / kund gemacht hatten / von Persischen Teppichten ein ihrer
Landes-Art und Bequemligkeit dienendes Bette aufputzen lassen / für sich und
Issmenen aber zwei Helffenbeinene Stüle nach deutscher Art behalten. Diese
Anstalt machte der Königin alsofort ein Nachdencken / und nach dem sie eine
Weile von des vorigen Tages Gesprächen geredet / des Feldherrn Tugenden und
Höfligkeit überaus heraus gestrichen / und seinetwegen Tussneldens
Glückseligkeit gepriesen hatte /fragte sie Tussnelden: Wie sie darzu käme / dass
sie ihr einen in diesen Ländern so frembden Sitz zubereitet hätte? Tussnelde
antwortete: Sie stünde in denen Gedancken / dass die von Kind-an gewohnte
väterliche Sitten zur Gemächligkeit am dienlichsten wären. Wie / sagte die
Königin / woher wissen sie denn mein Vaterland? Tussnelde lächelte / und fing
an: Es hat mirs nicht allein die Sprache zum teil verraten / dass sie eine
Morgenländerin sei / sondern mein Fürwitz /oder / wahrer zu sagen / meine zu ihr
tragende Zuneigung haben bei mir eine ungemeine Sorgfalt erwecket / mich nicht
allein umb ihren Ursprung / sondern auch ganzen Zustand zu bekümmern. Von dem
erstern hätte sie etwas mutmassliches / von dem letztern aber gar nichts
ergründen können. Die Königin bemühete sich diese so geneigte. Erklärung mit
einer empfindlichen Dancksagung zu beehren / und zu vermelden: Sie könnte nicht
umbstehen / dass sie eine Morgenländerin wäre / ihr Lebenslauff aber hätte so
viel Bitterkeit an sich / dass auch dessen blosse Wissenschaft mitleidentlichen
Seelen schmertzhafte Empfindligkeit zu erwecken mächtig wäre. Tussnelde
begegnete ihr: Sie hielte dafür / dass wie etliche Früchte eine annehmliche
Säuere / also das Mitleiden über dem Leiden der Tugend eine durchdringende
Anmut habe. Und die erwähnten Unglücks-Fälle wären eben ein gewisses Merckmal
so wohl ihrer Tugenden / welche in so kurtzer Zeit aller Gemüter an sich gezogen
hätten / als der hohen Ankunft. Denn es hätte das Verhängnis entweder seine Lust
/ oder ein den Leidenden zum besten zielendes Absehen / nichts weniger das
Glücke hoher Geblüts-Personen / als den Glantz nur der zwei grossen / nicht der
kleiner Himmels-Lichter zu verfinstern. Dieses Ungewitter treffe noch darzu
öfter die Tugend-als Lasterhaften; nicht anders / als der Blitz mehrmals in
Kirchen / als Huren-Häuser /die check den Weitzen / nicht das Unkraut
niederschlügen. Denen See-Räubern diente wohl eh eine Steinklippe zur Windstille
/ an der ein Heiliger gescheitert hätte. Die Königin fing an inniglich zu
seufzen: Ja / sagte sie / ich habe es / leider / allzusehr erfahren / dass die
Unschuld nicht selten Ketten und Bande schleppen / die Tugend auf dem
Blut-Gerüste vergehen müsse / wenn die Bosheit auf Rosen geht /und ein Wüterich
den Königlichen Stul einnimt. Ach! aber / auf was für Schwachheit verleitet mich
meine Ungedult? Wer wider sein Unglück murret / geust in das / was er gerne
ausleschen sehe / nur Oel. Wer mit den Schickungen des Verhängnisses nicht zu
frieden ist / entfrembdet sich von den Göttern / suchet sich in sich selbst /
und verlieret sich darüber. Er schleppet die Kette seines Ungemachs mit grosser
Beschwerligkeit nach sich / die er viel leichter tragen könnte. Issmenen wurden
hierüber die Augen nichts minder / als der Königin / wässricht / und fing sie an:
Es wäre wahr /dass / wer die Gedult in seinem Hertzen behielte /wenn ihn das
Unglück gleich aller Güter beraubete /dörfte sich über keinen Verlust
beschweren. Sie wäre das Oel / welches alle Hertzens-Wunden heilte / und der
köstliche Balsam / welcher auch die halbtodten wieder beseelte. Ja / sagte Erato
/ diese ohmächtige Tugend hat mich wider das Ungeheuer der Verzweifelung
kräftiger / als Perseus Andromeden für dem grausamen Meer-Wunder verteidigt;
und da der Himmel selbst mich zu zermalmen gedräuet / hat mir die Hoffnung stets
ein gut Hertze gemacht: Wenn es das Ansehen gewonnen / als wenn das Verhängnis
mich nur deswegen nicht tödtete / weil es mein ängstiges Leben zu einem ärgern
Ubel aufhübe / hat das Vertrauen auf die Göttliche Weissagungen mich doch
iederzeit aufgerichtet. Diesemnach ich denn gerne eine Beipflichterin der
Elpistischen Weisen zu sein gestehe / welche die Hoffnung für das höchste Gut
hielten /und sonder diese das Elend des Lebens für unerträglich; hingegen
derselben Meinung als irrig verwerffe /die auch das vollkommenste Gut / das
nicht gegenwärtig ist / für kein Gut halten / weil es allererst kommen soll.
Weswegen ich zu Aten in dem Tempel des guten Glückes für dem Bilde der Hoffnung
sieben Tage lang meine Andacht verrichtete. Dieses Heiligtum ist wegen des von
dem Bupalus aus Marmel gehauenen / die Erdkugel auf dem Haupte / und der
Amaltee Horn in der Hand haltenden Glücks-Bildes sehr berühmt / in welches sich
ein Griechischer Jüngling so sehr verliebt / dass / als er dessen von dem Rate
zu Aten nicht umb gross Geld habhaft werden konnte /nach dessen Bekräntz- und
vieler Tränen Vergiessung selbtes umbarmende sich tödtete. Weil nun das Bild
der Hoffnung und ihr Altar nahe darbei stand /ward diese von allen / die das
Glücke anbeteten / ebensfalls verehret. Auf allen vier Seiten des Altar-Fusses
sind so viel Wachs-Taffeln / darein die Betenden mit einem Griffel ihre Wüntsche
und Gelübde zu schreiben pflegen. Den sechsten Tag fand ich darin diese Reime
gekritzelt:
        Welch Wahnwitz zündet hier der Hoffnung Weirauch an?
    Die nur die Hungrigen aus leeren Schüsseln speist /
    Ein Traum der Machenden / ein Schatz der Armen heist /
    Weil sie mit ihrem Nichts die Einfalt bländen kann.
        Was hilfst' s / dass sie mit Not das Leben uns noch läst?
    Wenn sie sich gegen ihn als einen Hencker zeugt /
    Durch Schatten / Rauch und Wind Begierd und Wuntsch betreugt /
    Ja mehrmals in ein Horn mit unserm Unglück bläst.
    Ich entsetzte mich über dieser verzweifelten Schändung derselben Gotteit /
welche ich als meinen einigen Glücks-Stern / wie die Afrikanischen Ziegen den
aufgehenden Hunds-Stern verehrte. Diesemnach ich aus einem Andachts Eifer wider
den verzweifelnden Wallfarter mit folgenden Zeilen meine Rachgier ausliess:
        Welch Unmensch ist / der nicht der Hoffnung Weirauch schenckt?
    Die doch des Landmanns Pflug / des Schiffers Ruder regt /
    Verliebter Leit-Stern ist / des Kriegsmanns Faust bewegt /
    Halbtodte lebend macht / Blutarme speist und tränckt.
        Was sie gibt / ist nicht Nichts; scheint sie gleich nichts zu sein /
    Wer ohne sie verdirbt / genest durch ihre Hold.
    Wenn die Verschwenderin das Glücke / Gut und Gold
    Uns raubt / bringt den Verlust die milde Hoffnung ein.
Den siebenden Tag / fuhr die Königin fort / war ich die erste im Tempel / wie
ich den Abend vorher die Pfosten desselbten selbst zugeschlossen hatte. Zu
meiner höchsten Verwunderung aber fand ich unter meinen Reimen nachfolgende aufs
zierlichste in Wachs gedrückt:
Die Hoffnung kann nicht fehln / es muss der Wuntsch bekleiben /
Wenn wir ein Reich verschmähn / und treu im Lieben bleiben.
Diese sich auf meinen Zustand so wohl schickende Schrifft befestigte mein Gemüte
mehr als vorhin nichts anders; weil ich sie für nichts anders / als für eine
Göttliche Antwort hielt / und ich lasse sie auch noch niemals aus meinen
Gedancken.
    Tussnelde fing hierauf an: Dieser Vorschmack ihrer Zufälle machte sie so
viel lüsterner den völligen Verlauff zu vernehmen; wordurch der Königin ein
unzweifelbarer Ruhm / ihr und Ismenen aber eine vollkommene Vergnügung erwachsen
würde. Die Königin Erato antwortete: Es wäre wohl wahr / dass die
Geschicht-Schreiber so sorgfältig wären die unglückseligen in ihre Zeit-Register
/ als die Sternseher die Finsternüsse in ihre Jahr-Bücher aufzumercken; iedoch
wüste sie nicht zu urteilen: Ob die ruhenden wie die fallenden Lufft-Sterne
mehr Glantz / oder / wie der verfinsterte Monde mehr Schatten bekämen. Einem
Unglückseligen wäre die Eindenckmachung des vergangenen Ubels zwar so
schmertzhaft / als einem Verwundeten die Anrührung des Schadens. Daher sie
insgemein wie das fühlende Kraut Egypten geartet sind / welches / wenn man es
anrühret / seine Zweige zurücke / seine Blätter zusammen zeucht / oder gar
verdorren läst. Alleine / dafern zwo so gütige Fürstinnen aus dem Nacht-Gemählde
ihrer traurigen Begebnüsse einiges Anmuts-Licht zu holen vermeinten /könten sie
ohne schwärtzesten Undanck selbtes ihnen nicht entziehen. Ihre Zuversicht zu so
tugendhaften Heldinnen verbiete ihr auch das geheimste / was sie unter ihrem
Hertze hätte / zu verhelen. Da es ihnen denn beliebig wäre / sollte ihr das
geringste nicht verschwiegen bleiben / welches iedoch sie selbst für Wehmut
ohne Irrtum schwerlich würde werckstellig mache. Es sollte aber Salonine ihre
Stelle vertreten; iedoch / weil diese Erzehlung zugleich eine Entdeckung ihrer
Schwachheiten sein würde / könnte ihr kein grösseres Glücke begegnen / als da die
tugendhafte Tussnelde sie hernach der Wissenschaft ihrer Zufälle würdig machte
/ die ohne diss schon durch ihre mehrmalige Seufzer zum Teil verraten wären.
Die Gemeinschaft des Unglücks würde vielleicht beiden zu einer Erleichterung /
Tussneldens Tugenden aber ihr zu einer Richtschnur ihres künftigen Wandels
dienen. Tussnelde begegnete ihr: Ihre Fehler könten keinen andern Wegweiser /
als zu einem Irrgarten abgeben /sonst aber würde es ihre selbsteigne
Erleichterung sein / wenn sie für einer solchen Königin / welche aus eigenem
Betrübnüss so viel mehr Zunder des Mitleidens gefangen hätte / ihr ganzes Hertz
ausschütten könnte. Aller auf Saloninen gerichtete Augen nötigten diese numehr
gleichsam durch die stume Erinnerung ihre Erzehlung folgender gestalt
anzufangen:
    Ich zweifele zwar nicht / dass die so kluge Fürstin Tussnelda durch das
Geschrei das in der Welt so berühmte Reich Armenien / welches nach dem
Partischen allen andern Asiatischen Reichen an Grösse überlegen ist / auch zum
Teil werde haben kennen lernen. Gleichwohl aber will ich mit wenigen Worten
melden: Seinen Nahmen soll es haben entweder von seinem ersten Bewohner Togarma
/ oder von des Helden Melichus Vaterlande / einer Tessalischen Stadt Arimenus /
welchen König Pelias eben so wohl als den seiner Tugend halber zu Hause
verdächtigen Jason in Colchis nach dem güldenen wieder zu schiffen genötiget.
Ob sie nun wohl diese gefährliche Reise glücklich überstanden / Jason auch seine
Colchische Gemahlin Medea verstiess / und den mit ihr gezeugten Sohn Absyrtus
aufopferte / ward er doch mit seinem rittermässigen Hauffen von des Pelias
Kindern wieder aus dem Lande gejagt. Tussnelda fiel ein: Es müssen die
Griechischen Wüteriche mit der denen Herrschenden so sehr verhassten Tugend noch
viel gelinder / als andere / gebahren / weil sie sie alleine mit der
Landsverweisung straffen / da sonst insgemein die Tugenden den gewissesten
Untergang nach sich ziehen / wie Aristodemus bei den Cumanern / Polycelus von
seinem Bruder Hiero / und Clytus vom grossen Alexander erfahren; ja Tyrannen
ihren Stul am meisten zu befestigen sich träumen lassen / wenn sie nur die
Tugend mit Strumpf und Stiel ausrotten könten. Aber /fuhr Salonine fort /
vielmal gereichet ihr auch diese Bedrängnüss nichts weniger / als der Sturm-Wind
der schon halbtodten Flamme zum Vorteil. Jason kam mit der wieder zu sich
genommenen Medea in Colchis / setzte seinen verstossenen Schweher-Vater Aetes
wieder ins Königreich ein / bemächtigte sich vieler Morgenländer / öffnete dem
sonst die Täler ersäuffenden Flusse Araxes einen Aussfluss in das Caspische Meer
/ weswegen ihm daselbst Göttliche Ehre angetan / und viel Tempel / besonders
ein sehr herrlicher in der Stadt Abderis / den hernach der Neid des Parmenio
eingeäschert / gebauet worden. Nach seinem Tode richtete Medius der Meden /
oberwähnter Armenius mit seinen zusammen gezogenen Tessaliern das Armenische
Reich auf. Nach einer langen Reihe seiner Nachkommen bemächtigten die Perlen /
hernach die Macedonier / und endlich die Syrer sich dieses mächtigen und von der
Natur befestigten Reichs. Sintemal es von dem Taurischen und Masischen Gebürge /
worauf der Schnee so gar madicht wird / und zuweilen ganze Heere verschlinget /
von dem Caspischen und Schwartzen Meere umgeben / und von sechs Hauptflüssen /
nämlich dem Phrat / Tyger / Cyrus /Araxes / Phasis / und Lycus / derer immer
zwei in ein absonderlich Meer flüssen / beströmet wird. Es hat nebst andern
Reichtum nicht nur viel / sondern die edlesten Pferde / also / dass die
Partischen Könige kein anders reiten / und unter dem Persischen Reiche wurden
dahin jährlich zwantzig tausend Fohlen gezinset. Unter oberwähnten Königen war
Hydarnis aus des Orontes Geblüte der letzte. Als aber der grosse Antiochus von
den Römern überwunden ward / teilten sich zwei seiner Landvögte Artaxias / und
Zadriades in das grosse und kleine Armenien / welche von den Römern auch für
rechtmässige Könige erkannt /hernach aber vom Antiochus Epiphanes vom Reiche
verjagt wurden. Ja Artaxias / der sein Geschlechte vom Könige Barzanes herführte
/ welcher lange für dem Jason diss Reich beherrscht / und mit dem Assyrischen
Könige Ninus ein Bündnis gemacht hatte / geriet selbst in des Syrers Hände.
Allein sein Sohn Tigranes und Zariadres rufften die Parten zu hülffe /und gab
jener sich selbst / dieser aber seinen Sohn Artanes Sophen ihnen zur Geissel /
dass sie nach wiedererlangtem Reiche den Parten siebzig Täler in Armenien
abtreten wollten. Antiochus ward hierüber so erbittert / dass er den Artaxias im
Gefängnisse hinrichtete / und Zariadres starb durch Gift. Die Waffen der
Parten aber setzten den Tigranes und Artanes wieder auff ihren väterlichen
Tron. Tigranes liess alsofort fürtreffliche Zeichen seiner Herrschens-Kunst und
Tapfferkeit von sich blicken / also dass die Parter selbst darüber Nachdencken
kriegten / und um seine Kräfften zu unterbrechen dem Artanes in Ohren lagen /
dass er mit dem Tigranes einen Gräntz-Streit /und zugleich einen Krieg anfing.
Wiewol andere diesem Kriege eine viel geheimere Ursache gegeben /nämlich / dass
des Artanes Gemahlin an den Tigranes Unehre vermutet / und / weil dieser seines
woltätigen Wirtes Bette nicht besudeln wollen / habe dieses geile Weib ihre
Unkeuschheit in Rache verwandelt /und unter dem tugendhaften Vorwande / dass
Tigranes an sie diese Schandtat begehret hätte / den Artanes die Waffen zu
ergreiffen beredet. Die Fürstin Tussnelda fiel Saloninen ein / und meldete: Es
wäre diss ein denckwürdiges Beispiel / dass die Ursachen und der Vorwand eines
Krieges meist ganz abgesonderte Dinge wären. Es fiele ihr hierbei Meleagers
Ehweib ein / von welcher ihr wäre erzählt worden / dass sein König / als andere
ihre Liebhaber so viel von ihrer Schönheit und Anmut zu sagen gewüst / auf sie
einst ein Auge geworffen / auch von derselben / welche nicht leicht einen
verzweifeln / oder in seiner Liebe Schiffbruch leiden liess / unschwer diss / was
sie wohl geringern nicht versagt / erlangt haben würde /wenn der König nicht ihre
Waare weit unter dem Ruff befunden / und sich ihrer ohne Vergnügung entbrochen
hätte. Den Schimpf dieser in ihren eigenen Augen so ansehnlichen / und ietzt zum
ersten verschmähten Schönheit dräuete sie ihme ins Gesichte zu rächen / und wie
sie ihrem Ehmanne die durch nichts als durch Blut ausleschliche Flecken der
ihrer Keuschheit zugemuteten Unehre meisterlich fürzubilden wusste; also war
ihre Ehre täglich allen denen feil / welche nur mit Meleagern wider den König
den Degen auszuziehen sich erkläreten. Derogestalt ward dieser tapffere Mann ein
Aufrührer wider seinen Herrn / ein Kriegesknecht seines geilen Weibes / da doch
andere die Ursache seines Aufstandes viel weiter herholten / einer / dass der
König in Macedonien in Anwesenheit der Tessalischen Gesandschaft ihm
schimpfliche Worte gegeben; Ein ander / dass er seinem Sohne ein Ehren-Amt
versagt / der Pöfel aber /dass die Liebe der Freiheit und des alten numehr
untergedrückten Gottesdiensts ihn zum Kriege bewogen hätte. Die Armenische
Königin setzte bei: Dieses wären noch gar wichtige Ursachen eines mittelmässigen
Krieges. Den weltberühmten Zug des grossen Xerxes in Griechenland / da er drei
mahl hundert tausend Menschen ausgerüstet / Berge abgetragen / Flüsse
ausgetrocknet / Meere ausgefüllet / hätte ein Griechischer Artzt der Persischen
Königin durch ihr Einblasen erreget / weil er gerne noch einst den Pyreischen
Hafen gesehen / und zu Aten gewachsene Feigen gegessen hätte / da doch dieser
Qvecksalber seine Reise mit geringern Kosten verrichten können; Hingegen Xerxes
zu Ursachen seines Krieges anführte: Er käme die Griechen aus einer so magern
Dienstbarkeit / die sie von so viel kleinen Wüterichen erduldeten /in eine
reiche Freiheit zu versetzen / ja die unsterblichen Götter hätten ihn zu seiner
Entschlüssung gebracht / und die Sonne wäre der erste Urheber seines Krieges.
Freilich wohl / fing Tusnelda an / auch unser Deutschland hat mit seinem Schaden
erfahren / dass aus einem kleinen Qvelle grosse Flüsse / aus einem Funcken
unausleschliche Brände / aus einem übel-aufgenommenem Worte lange Kriege
entstanden / dass eine Tracht einer gewissen Farbe den Adel eines ganzen Volckes
zergliedert / eine auffgerichtete Säule /ein Sinnenbild / das andere auf sich
gezogen / viel Aufrühre gestifftet / und dass die heimliche Verschneidung eines
Cammerdieners manchen grossen Reichs-Colossen von seinem Ehrenstande gestürtzt.
Also haben so wohl die grossen Schauplätze der Königreiche / als die
Gaucklerbühnen mehrmahls euserlich ein prächtiges Ansehen / wenn man aber hinter
ihre Schirme gucket / ist ihr ganzes Gebäue lachens wert. Die Königin
pflichtete ihr bei / und fing an: Nachdem selten iemand aus blosser Liebe der
Gefahr / wie von Deutschen insgemein geglaubet wird / oder aus blossem Durfte
nach Menschen-Blute / wie die wilden Tiere / seinen Nachbar überzeucht /
sondern Geitz und Ehrsucht die älteste und gemeinste Ursache des Krieges ist /
so hat man sich nicht zu verwundern / dass fast alle mahl von den
Herrschsüchtigen die wahre Ursache und das Absehen ihrer blutbegierigen
Entschlüssungen versteckt / und fast iederzeit die scheinbaren Nahmen des
Gottesdienstes / der Gerechten Rache / und der Freiheit zum Vorwandt gebraucht
werden. Es ist unnötig in das Altertum zurück zu sehen. August verdeckte seine
Herrschenssucht in dem Bürgerlichen Kriege meisterlich mit der Frömmigkeit /
welche ihn nötigte den Todt seines Vatern Julius wider den Brutus zu rächen.
Antonius gebrauchte sich auch dieser Farbe wider den Decimus /welcher ihm
Gallien anzuvertrauen verhindert hatte; Gleichwohl aber bin ich in denen
Gedancken / dass es nicht allemahl ratsam sei auch in gerechten Kriegen / weder
die wahre Ursache / noch das eigentliche Absehen kund zu machen. Sintemahl der
Kern aller kluger Entschlüssungen in derselben Heimligkeit bestehet. Auch der /
welcher die beste Karte hat / muss insgemein verspielen / der ihm darein sehen
läst. So begreifft auch Volck und Pöfel nicht allezeit die Gerechtigkeit eines
Fürnehmens / sondern man muss selbten an dem Fademe seines Eigennutzes an sich
ziehen /und / wenn selbter durch widrige Verleitung wilde gemacht worden / ihm
selber zum besten / selbten wie die kollernden Pferde bländen. Salonine brach
ein /um in ihre Erzehlung wieder einzufallen: Artanes wusste seinen Krieg so
klüglich nicht auszuführen /sondern seine Eyversucht blickte bald für / seiner
Untertanen Abneigung brach mit seinem Unglücke bald aus. Denn der grossmütige
Tigranes erlegte ihn in der ersten Schlacht biss aufs Haupt / und er leschte mit
seiner eigenen Hand der unleidlichen Neben-Sonne Armeniens das Licht aus /
welches vollends für dem Sieger alsofort die Waffen niederlegte. Mit dieser
vereinbarten Macht nahm er denen auf des Artanes Seite stehenden Partern nicht
allein die abgetretenen siebzig Täler wieder / sondern er bemächtigte sich auch
der Partischen Städte Ninus und Arbela. Diese Siege erwarben ihm des grossen
Pontischen Königes Mitridatens Tochter / und diese Verbindung zweier so
mächtigen Reiche in ganz Asien ein so grosses Ansehen / als kein Armenischer
König für ihm nie gehabt hatte. Die Syrer rufften ihn wider die Bedrängnisse
ihrer vom Seleucus herstammender Könige zum Schutzherrn an / und hierdurch
brachte er alles / was zwischen dem Phrat und Tiger liegt / die Atropatener und
Gordyeer unter sein Gebiete / ja er bemächtigte sich ganz Syriens und der
Phönicier; baute auch zum Gedächtnisse dieser grossen Taten zwischen Iberien
und der Stadt Zeugma an dem Flusse Nicephorius die mächtige Stadt Tigranocerta /
beschloss sie mit einer Mauer funfzig Ellenbogen hoch / und mit einem fast
unüberwindlichen Schloss. Höret aber / wie das Glücke meistenteils nur
desshalben einen bereichere /dass es hernach mit ihm durch Abnehmung einer reichen
Beute seine Kurtzweil habe / und wie es seine gestrige Schoss-Kinder heute in
Staub und unter die Füsse trete! Ja es vergnüget sich nicht am Raube seiner
eigenen Geschencke / sondern windet einem auch den Gewinn der Tugend aus den
Händen. Welche zwei grosse Räder des Verhängnisses mit einander viel Jahre
gestritten hatten / ob diss oder jenes unter beiden den Tigranes am höchsten
empor heben könnte? Jedoch hatte es das Ansehen / als wenn das Glücke seinen
Kräfften misstrauete / dass es dem Tigranes in seinen selbsteigenen Reichshändeln
etwas anhaben würde / dahero es seinen so feste bergseten Wolstand nicht so wohl
mit eigenen Händen auszurotten / als durch den Fall eines andern grossen
Glücks-Steines in Abgrund zu reissen erfand. Der grosse Mitridates war vom
Sylla und Lucullus so sehr ins Gedrange gebracht / dass sein eigener Sohn Machar
des Bosphors König vom Vater absetzte / und den Lucullus mit einer güldenen
Krone beschenckte / um der Römer Freundschaft zu erlangen. Tigranes aber war
viel zu grossmütig / dass er nicht lieber der Römer sieghafte Waffen ihm über
den Hals ziehen /als seinen zu ihm sich flüchtenden Schweher-Vater dem Lucullus
hätte sollen ausfolgen lassen. Dieser aber kam ihm so unvermutet auf den Hals /
dass Tigranes den / welcher ihm von der Römer Einfall in Armenien die erste Post
brachte / als einen Aufwiegler des Volcks aufhängen liess. Tussnelde fiel ihr
ein: Ich erinnere mich / dass zu meiner Zeit ein Fürst / als man ihm von mehr
denn zu gewisser Eroberung einer Berg-Festung sagte / den Boten hönisch fragte:
Ob er gesehen / dass des Feindes Kriegs-Volck geflügelt wäre? Aber der Glaube kam
ihm bald in die Hand /und der Feind ins Hertze seines Hertzogtums. Nichts
anders / sagte Salonine / ging es dem Tigranes. Denn sein den Römern mit zwei
tausend Pferden begegnender Obrister Mitrobarzanes ward von dem Vortrab
zerstreuet / Mancäus in Tigranocerta belägert / und das dabei liegende Schloss
ging mit Sturm über. Tigranes versammlete inzwischen ein Heer von drittehalb
hundert tausend zu Fusse / und funfzig tausend Reutern. Orontes sein
Feld-Hauptmann fiel den Belägerern für Tigranocerta ein / erlösete auch das
gefangene Königliche Frauenzimmer aus ihren Händen. Der König aber ging gerade
auf den Lucullus los. Wiewohl ihm nun Mitridates riet / er sollte keine
Schlacht liefern / sondern / wie es Lucullus bei der Stadt Cycizum ihm gemacht /
und dardurch sein ganzes Heer zernichtet hätte / nur mit der Reuterei das
Römische Heer hinten und fornen ofters anfallen und müde machen / das Land rings
umbher verwüsten /und die Lebens-Mittel abschneiden. Alleine dieses Kunst-Stücke
deuchtete dem Tigranes nicht genungsam heldenmässig / und aller Verzug knechtisch
zu sein / zumal er die Römische Macht / als er derselben ansichtig ward / zu
Gesandten für zu starck / zu Feinden für zu schwach schätzte. Diesemnach schlug
Tigranes mit dem Lucullus / dieser aber erhielt durch eine besondere Kriegslist
in Eroberung eines vorteilhaftigen Hügels / und durch halsbrüchiges Verbot
/bei währender Schlacht keine Beute zu machen / die Oberhand. Tusnelde fing
hierüber an: Es ist die erste Staffel zum Verlust die Verachtung seines auch
schon halb bezwungenen Feindes / und die / welche iemals zu ihrem in den Händen
habenden Siege Zuschauer gebeten / oder ihren Feind hönisch gehalten / sind
meistenteils vom Glücke / oder ihrer Vermessenheit hinters Licht geführet
worden. Es war wenig Zeit dazwischen / da Democritus / welchen Qvinctius ihm den
Etolischen Ratschluss / darinnen sie den Antiochus zu hülffe geruffen hatten /
zu weisen ersuchte /ihm verächtlich antwortete: Er wollte solches ihm in Italien
zeigen / wenn er dar sein Läger auffgeschlagen haben würde / und da er des
Qvinctius Gefangener ward. Solonine antwortete: Ja / und das Misstrauen ist die
andere Staffel des Untergangs. Jene machet nur sein eigenes Volck fahrlässig /
dieses aber gar zu Feinden. Hierinnen verstiess Mancäus / als er nach erlangter
Nachricht vom Verluste der Schlacht in der belägerten Stadt Tigranocerta alle in
Griechenland geworbene Kriegsknechte entwafnete. Denn diese rotteten sich mit
Prügeln zusammen / und als Mancäus mit seinen Armeniern auf sie los ging /
wickelten sie ihnen statt der Schilde die Mäntel um den lincken Arm / fielen
ihren Feind verzweifelt an / biss sie von den Waffen der Erlegten sich wieder
bewehrt machten / sich etlicher Türme an der Stadtmauer bemächtigten / und den
Römern selbst hinauf / und zu Eroberung dieser reichen Stadt verhalffen.
Tigranes suchte hierauf nichts weniger als Lucullus bei den Partern Hülffe;
derer König solche auch zwar beiden heimlich versprach / aber keinem schickte /
aus vernünftiger Erwegung / dass der Ausschlag des Krieges noch ungewiss wäre /
und sich einer leicht selbst in das Garn verwickeln / oder der undanckbare
Nachbar auch wohl gar seinen Helffer in dem Leime stecken lassen könnte / daraus
ihn das gegen sich selbst oft allzu unbarmhertzige Mitleiden errettet hatte.
Dessen aber ungeachtet / brachten die in das kleinere Armenien gewichene
Tigranes und Mitridates wieder ein mächtiges Heer auf die Beine / schlugen
anfänglich den Fabius / der aber durch Freilassung aller Knechte sich wieder
erholete / und den Mitridates mit einem Steine unter dem Auge heftig
verwundete; hernach erlegten sie den Triarius aufs Haupt / welcher des Lucullus
ihm zu wissen gemachte Ankunft nicht erwarten /sondern die Ehre des Sieges
alleine davon tragen wollte / und also mit seiner fruhzeitigen Stürmung des
feindlichen Lägers vier und zwantzig Obersten / hundert und funfzig Hauptleute /
als die Römer kaum iemahls sonst verloren / auf die Schlachtbanck lieferte.
Wesswegen auch Lucullus zurück gefodert / und der grosse Pompejus / der sich
gleich durch Vertilgung der Seeräuber in grosses Ansehen gesetzt hatte / zu
Ausführung dieses Krieges mit unverschrenckter Gewalt gemächtiget ward. Pompejus
war wider den Mitridates so glückselig / dass dieser zu den Scyten und denen um
den Mäotischen Pfuel wohnenden Völckern seine Zuflucht nehmen musste. Nichts
minder schlug er den König der Albaner Orozes / und der Hiberer Artocus / sammt
denen in ihrem Heere vermischten Amazonen / und drang hierauf dem Tigranes und
seiner Hauptstadt Artaxata auf den Hals. Tigranes aber / der in seinem eigenen
Reiche und Hause so viel Feinde hatte / hielt es nicht für ratsam / die
innerlichen Wunden mit euserlichen zu häuffen / und mit dem Pompejus sich in
einen gefährlichen Krieg zu vertieffen. Denn sein ältester Sohn Barzanes hatte
sich wider ihn empöret / und sein Leben in einer Schlacht eingebüsst. Den
andern aber / Pharnaces genennt / hatte Tigranes auf der Jagt mit eigener Faust
durchstochen / weil selbter ihm / als mit dem Pferde bei Verfolgung eines
Hirsches stürtzenden Vater nicht aufgeholffen / sondern vielmehr die vom Haupte
gefallene Krone seinem aufgesetzt. Sein dritter Sohn Tigranes hatte ihn zwar
unter dem stürtzenden Pferde hervor gerissen / und war deswegen von dem Vater
mit einer güldenen Krone beschenckt worden / alleine kurtz hierauf ward er
ebenfalls meineidig / und / nach verlohrner Schlacht / flüchtete er sich anfangs
zu dem Partischen Könige Phraates / der seinem Vater Sintricus erst im Reiche
gefolget war; hernach aber auf des Parters Eingeben zum Pompejus / ungeachtet
er des feindlichen Mitridates Tochter Sohn war / führete auch selbst wider
seinen eigenen Vater ein Kriegs-Heer in Armenien. König Tigranes setzte bei so
bekümmertem Zustande sein Vertrauen auf des Römischen Feldherrn beruffene Treue
und Glauben / lieferte nicht allein Mitridatens Gesandten / sondern auch sich /
sein Reich / und die Hauptstadt Artaxata ohne Erlangung einigen sicheren
Geleites in des grossen Pompejus Willkühr / legte seinen Purpur-Mantel ab /und
die Krone knieende zu Pompejus Füssen / nur dass er seinen abtrünnigen Sohn bei
ihm anklagen konnte / welcher für seinem Vater nicht aufstand / weniger gegen ihm
einige Ehrerbietung bezeugte / ja auch bei dem Abendmahle / dazu Pompejus seinen
Vater und ihn einlud / nicht erscheinen wollte. Also ist die Rachgier mächtiger /
als die Staats-Klugheit / und das Bündnis des Geblütes. Tigranes hingegen
beschenckte den Pompejus mit 6000. Talenten / und das ganze Römische Heer nach
Standes Gebühr / entschuldigte seinen vorigen Krieg mit Mitridatens naher
Anverwandniss. Pompejus nam den Tigranes mit dem Bedinge / dass er die in Syrien
und Cilicien noch besatzte Plätze abtrete / für einen Freund der Römer an /
machte zwischen ihm und seinem Sohne einen Vergleich / kraft dessen jener das
grosse / dieser das kleinere Armenien beherrschen sollte. Alleine der junge
Tigranes liess sich etliche meineidige Armenier verleiten / dass er seiner
Stief-Mutter der Königin Asterie mit Gift vergab / und auf seinen Vater
wegelagern liess um ihn zu ermorden. Alleine die Schutzgötter Armeniens / welche
unter keinem scheinbaren Vorwand solche Meuchelmörde billigen / liessen diesen
unmenschlichen Sohn in sein eigenes Garn fallen. Denn die zu Beschirmung des
Königs mitgegebene Römer nahmen ihn gefangen / und nötigten hierdurch seine
Gewaltaber in etlichen Schlössern der Sophenischen Landschaft / dass sie selbte
/ und die darein geflüchtete königlichen Schätze den Römern einliefern mussten.
Ja weil er auch in solcher Bestrickung die Parter aufzuwickeln bemüht war /
schickte er mit dem Mitellus Celer ihn in Band und Eisen nach Rom / allwo er ihn
nach gehaltenem Siegs-Gepränge nebst dem Könige Aristobulus im Kercker erwürgen
liess. Eine gerechte Rache! rief Tussnelde / wenn die Bosheit in das Mordbeil
fällt / dass sie andern aufgestellt. Gerechtester Irrtum! wenn der Druyden
oberster Priester Sigabor selbst durch Verwechselung der Flasche den vergifften
Wein zu trincken bekommt /den er andern eingeschenckt. Wenn die geile Apellis an
ihren Gift-Torten den Tod essen muss / die sie für andere gebacken; Wenn die
Megarenser / welche das Atenische Frauenzimmer bei dem Eleusinischen Feier zu
überfallen vermeinen / dem Pisistratus in die Hände geraten! Durch so viel
Siege / fuhr Salonine abermals fort / ward der Parter König Phraates gezwungen
beim Pompejus um Frieden Ansuchung zu tun. Dieser aber hielt seine Gesandten
verkleinerlich / entzog dem Phraates den Titel eines Königes der Könige /
welchen ihm doch sonst der Römische Rat selbst gab / befahl ihm auch die
Corduenische Landschaft dem Tigranes / mit welchem er desshalben im Streit lebte
/ abzutreten; Ehe er aber noch hierüber Antwort bekam / nahm er sie durch den
Afranius ein. Phraates ward hierdurch euserst erbittert / fiel daher nicht
allein mit einem mächtigen Heere in Armenien /sondern beschwerte sich auch durch
eine Botschaft über den vom Pompejus erlittenen Schimpf und Unrecht. Hingegen
suchte Tigranes vergebens wider die Parter Hülffe / statt welcher Pompejus drei
Schiedes-Richter beide Könige zu vertragen abfertigte /welche sich denn auch
nach etlichen bald auf eine /bald auf die andere Seite gefallenem Treffen mit
einander vereinbarten. Sintemahl Tigranes über die vom Pompejus ihm versagte
Hülffe / und dass er dem Könige in Cappadocien Ariobarzanes die seinem Sohne
vorher zugesprochene Sophen- und Gordenischen Länder zuschlug / unwillig ward /
Phraates aber den Tigranes nicht gar zu Boden zu treten / sondern ihn vielmehr
wider die Römische Macht mit der Zeit zu einem Gehülffen aufzuheben / für
ratsam hielt. Nach dieser Zeit beherschte Tigranes Armenien in gewüntschter Ruh
/ weil die Römer teils mit Bürgerlicher Unruh / teils mit dem Gallischen
Kriege beschäfftiget waren / der Parter Schwerdter aber wurden von den
Römischen in der Scheide gehalten /derer Gewalt sie notigte mit ihren Nachbaren
in Freundschaft und gutem Vernehmen zustehen. Endlich starb er auf der Jagt
durch einen Fall / und liess sein Reich seinem einigen noch übrigen mit des
grossen Mitridates Tochter gezeugten Sohne Artabazes / und nebst ihm eine
schöne Fürstin Sigambis. Inzwischen ward auch Phraates der Parter König von den
Griechen und Scyten erschlagen / ingleichen nach ihm Artaban von Tocharischen
Scyten im Arme verwundet / dass er davon starb. Nach diesem wollte sich zwar
Pacorus eindringen / alleine ihn überwog Mitridates in Parten / welcher alle
seine Vorfahren an Grossmütigkeit übertraff / viel Länder seinem Reiche anhing /
und insonderheit an den Scyten das Blut seiner Vor-Eltern durch unterschiedene
Siege rächete. Dieser Mitridates zerriss aus Regiersucht endlich auch das beiden
Reichen so vorträgliche Bündnis mit dem Artabazes / fiel selbtem in Armenien /
und wütete mit Feuer und Schwerdt als ein Unmensch / schonete weder der
unbewehrten Weiber / noch der Kinder im Mutterleibe. Es überfiel ihn aber
Artabazes mit einem fliegenden Heere / als er mit der Helffte seines Volckes
über dem Araxes gesetzt hatte / hieb selbtes in stücken / und zwang ihn / dass er
mit der andern Helffte nach Aufopfferung vielen edlen Blutes sich in Hircanien
zurück ziehen musste.
    Dieser unglückliche Zug / und die in Armenien verübte Grausamkeit machte ihn
seinem selbst eigenen Volcke so verhast / dass der Partische Reichs-Rat ihn als
einen des Reichs unwürdigen Wüterich ab /und seinen Bruder Orodes auf den Tron
setzte. Der flüchtige Mitridates kam zu dem vom Pompejus in Syrien eingesetzten
Römischen Landvogte Gabinius /und bemühete sich ihn wider die Parter
aufzuhetzen. Alleine das Gold des aus Egypten vertriebenen Ptolomäus überwog die
Not und Beredsamkeit Mitridatens / also / dass der Landvogt den Parter hülff
los liess / den Ptolomäus aber ohne Vorbewust des Römischen Rats / und wider die
Verwarnigung der Sibyllischen Weissagung in Alexandrien wieder einsetzte. Ismene
fing hier an: der gute Parte hat gemeint / das Gold sei im Kriege zu nichts /
als zu Beschlagung der Schwerdter und zu Stückung der Fahnen nütze / da doch diss
mehr Feinde schlägt / als der Stahl / und Mauren zermalmet / welche kein
eiserner Bock erschellen kann / ja auch den sonst in den menschlichen Gemütern
so kräfftigen Aberglauben wegsticht. Salonine fuhr fort: der hierzu freilich
nicht genungsam verschmitzte Mitridates meinte bei den Babyloniern Hülffe zu
finden / welche Stadt ihn zwar aufnahm /aber vom Orodes lange belägert /
Mitridates auch durch Hunger gezwungen ward sich in des Brudern Gewalt zu
ergeben. Alleine der Dampf der Herrschenssucht hatte die Augen des Orodes so
verdüstert / dass er ihn zwar wohl für seinen Feind / aber nicht mehr für seinen
Bruder ansah / und daher liess er ihn in seinem Angesichte ermorden. Also kennen
die Menschen / welche das Glück an den Gipffel der Ehren erhoben / auch ihr
eigenes Blut nicht. Ja da das ausdampffende Blut eines frembden Feindes wie
Rosen / eines ermordeten Bürgers wie Weirauch reucht / so übertrifft das Bruder-
und Kinder-Blut den süssen Geruch des edelsten Balsams. Immittelst ward Marcus
Crassus zum Römischen Stadtalter in Syrien bestellt / dessen Reichtum ihm
einen unleschlichen Durst nach dem Partischen Golde erweckte / seine
Vermessenheit aber hatte in Gedancken schon die Indianer und Bactrianer
verschlungen. Artabazes / welcher das von den Partern erlittene Unrecht zu
rächen verlangte / nahm dieser Gelegenheit wahr / und verhetzte durch seine zu
Rom habende Botschaft den Crassus mit vielen Versprechungen wider dieses Volck
/ welches allein die Römische Hoheit verächtlich hielt. Und Julius Cäsar wusste
in seinen Schreiben / und durch den jungen von ihm reichlich beschenckten / und
mit tausend Reutern abgefertigten Crassus sein Fürnehmen nicht genungsam heraus
zu streichen / nur dass er mit Gallien den Kern des Romischen Kriegs-Volcks in
seiner Gewalt behielt. Atejus der Römische Zunftmeister mühte sich zwar euserst
durch Widersetzung des Pöfels / und allerhand abergläubische Opffer ihn von
diesem Zuge zurück zu halten / gab auch selbten mit vielen Flüchen den
höllischen Rach-Göttern; zu Hierapolis fiel er und sein Sohn über die Schwelle
dess der Mutter alles Gesämes zu Ehren gebauten Tempels / die Warsager und
Priester deuteten ihm allerhand Unheil an / der erste Römische Adler kehrte sich
im fortziehen über den Phrat bei der Stadt Zeugma zurücke / ja Donner und
Sturmwinde mühten sich die Römer zurück zu halten. Alleine der vom Verhängnisse
herrührende Untergang ist unentrinnlich / ja wenn es iemands Glücke umdrehen
will / verwirret es auch seinen Verstand und Ratschläge. Dahero hatte Crassus
zu allen Wunderzeichen nicht allein blinde Augen und taube Ohren / wie er denn
auch des Orodes Gesandten Vagises nicht einst zu hören würdigte / und ihn mit
dieser spöttischen Antwort: dass er sein Anbringen in der Stadt Seleucia
vernehmen wollte / abfertigte / sondern er versäumte alle Sorge eines
fürsichtigen Feldherrns / in dem er in Syrien mehr einen Schatzmeister abgab /
und viel Tage im Tempel zu Hierapolis mit Abwägung des dahin gewiedmeten Geldes
zubrachte / und aller / insonderheit aber des Armenischen Königes guten Rat aus
der Acht schlug. Dieser kam mit 6000. Armenischen Rittern in das Römische Lager
/ersuchte den Crassus / dass er durch sein sicheres /und mit genungsamen Vorrat
versehenes Land in Parten einbrechen möchte / allwo er 10000. geharnischte
Reuter / und 30000. Fussknechte in Bereitschaft stehen hätte / welche mit den
Römern nicht über die sändichten Flächen / da der Partische Reiterei kein Feind
gewachsen wäre / sondern durch eitel bergichte Landstriche einbrechen sollten.
Allein Crassus blieb auf seinem Kopffe durch Mesopotamien zu ziehen / weil ihn
das betrügliche Glücke anfangs anlachte / und er Nicephorium einnam / Zenodotia
einäscherte / den Mesopotamischen Unter-König Talymenus Ilaces aus dem Felde
schlug / also / dass Artabazes mit Unwillen nach Hause zog / besonders da Crassus
auch nicht in Mesopotamien überwinterte /sondern in das lustige Syrien zurücke
zog. Wiewol Cajus Cassius auch nur auf diesen Fall sich der den Parten stets
gehässigen Städte Babylon und Seleucia zu bemächtigen / und an den Fluss Tygris /
welcher eine Schusswehre und reiche Zufuhre abgeben / und so denn zu der
Partischen Hauptstadt Ctesiphon den Weg unschwer öfnen könnte / sich zu halten
einriet /folgte doch Crassus dem Arabischen Fürsten Agbarus / welcher sich zu
dem Crassus / um nur die Römer ins Garn zu führen / geschlagen hatte. Dieser
machte von seiner Treue gegen die Römer / und der mit dem Pompejus
aufgerichteten Freundschaft viel Worte / fluchte auf seinen Nachbar den
abtrünnigen Araber Alhauden / vernichtete hingegen den König Orodes / welcher
bereit sich in Scytien und Hircanien geflüchtet /ja die besten Sachen im Stiche
gelassen hätte. Der verzweifelte Wagehals Sillaces und der weibische Surena
wären nur noch in Parten / nicht / dass sie das Hertz hätten für den Römern zu
stehen / sondern allein den Rücken der Flüchtigen zu bedecken. Dahero /wollte
Crassus noch einen Feind finden / den er überwinden könnte / müste er keinen
Augenblick versäumen / und keinen Umweg suchen. Diese Verräterei konnte Crassus
mit den Händen greiffen. Denn Agbarus führte das Römische Heer in ein rechtes
Sand-Meer Assyriens / wo weder Laub / noch Grass / noch Wasser zu sehen war /
weswegen ihm auch die verschmachtenden Römer nicht nur als einem Betrüger
/sondern auch / der den Crassus durch Zauberei aller Vernunft beraubet hätte /
alle böse Flüche auf den Hals wüntschten. Artabazes machte auch dem Crassus zu
wissen / dass Orodes selbst in Armenien mit einer grossen Macht / der er nicht
gewachsen sei /eingefallen wäre / daher könnte er keine Hülffe schicken / sondern
erwartete selbter von Römern / zumahl der fürtreffliche Held Surena / dessen
fürnehmes Geschlechte alleine die Partischen Könige zu krönen berechtigt wäre /
der den Orodes aus dem Elende auf den Königlichen Stuhl erhoben / und Seleucien
mit seiner Tapfferkeit erobert hatte / mit zehn tausend der schnellesten Reuter
in der Sandfläche auf die Römer lauerte. Crassus aber blieb hartnäckicht auf
seinem verderblichen Fürsatze / würdigte den Artabazes keiner Antwort / ja
dräuete ihm noch / dass er ihn im Rückwege zu verdienter Straffe ziehen wollte.
Agbarus / als er nun die Römer im Garne zu sein meinte /entritt bei ersehender
Gelegenheit zu den Parten /worauf die Römer ein mehr als natürliches Schrecken
überfiel / da sie doch noch den ersten Feind erblicken sollten. Ja Crassus ward
so kleinmütig / dass er dem Cassius mit Genehmhabung des Heeres die
Feldhauptmannschaft abzutreten antrug / so er aber anzunehmen weigerte. Die
Königin brach hierbei Saloninen ein: Diss ist sicher ein gewisses Kennzeichen /
dass des Crassus Fehler nicht so wohl von seiner Unvernunft /als von einem
göttlichen Triebe hergerühret haben. Denn in Warheit / es halset sich oft der
menschlichen Klugheit ein verborgener Irrtum mit Gewalt auf /drehet unsere
festgesetzten Ratschläge wie Würffel herum / lachet unserer Weissheit / rühret
die Zufälle wie die Zettel in einem Glücks-Topfe durcheinander /und zeucht
endlich einen solchen Ausschlag ans Licht / darauf unser Wille nie ein Absehen
gehabt / noch unser Witz ihm hätte träumen lassen. Ja / wenn das Verhängnis die
Königin und Schiedes-Richterin aller Dinge uns nicht nur ins Verderben / sondern
auch in Verfluchung der Lebenden / und in Schande bei der Nachwelt bringen will;
so läst es den Allerklügsten in höchste Torheit versincken / und bildet ihm
albere Sachen für heilsame Entschlüssungen vor / derer sich auch Kinder zu
schämen haben. Salomine verjahete es / und fing an: da die Götter iemahls einen
Menschen von seiner Vernunft kommen lassen / ist es gewiss dem Crassus
geschehen. Denn da gleich sein Heer mit genauer Not den Strom Balissus
erreichte; liess er doch wieder aller Obersten Meinung es nicht einmal verblasen
/ weniger die Beschaffenheit des Feindes ausspüren / sondern übertrieb sie
gleichsam ohne Atem-holen so lange / biss sie auff allen Seiten von der
Partischen Reiterei / welche ihre aus Margianischem Stahl gemachte / und wie
Feuer schimmernde Waffen in der Ferne mit leichten Röcken verdeckt hatten / jetzt
aber wegwarffen / überfallen wurden. Diese hielten den schweren Römischen
Kriegsknechten gar nicht stand / sondern erregten mit ihrem Rennen einen dicken
Staub / wormit der Wind den Sand den Römern ins Gesichte jagte. Alsdenn fielen
die Parter erst an / und so bald sich ihr Feind gegen sie setzte /dreheten sie
ihnen zwar die Fersen / täten aber in der Flucht mit denen rückwärts
geschossenen Pfeilen /wormit sie eine ganze Herde Camele bebürdet hatten / den
ärgsten Schaden. Durch diese angenommene Flucht verleiteten sie den jungen
Crassus / dass er mit der Römischen Reuterei und Publius mit einer Legion
Fussvolck die Parter allzuweit verfolgte / welche alsdenn sie von dem ganzen
Heere abschnitt. Der junge Publius Crassus ward gezwungen einen Sandhügel
einzunehmen / und rings um sich her die Schilde fürzusetzen; aber diese Höhe /
auff welcher die zurück und empor stehenden von den Pfeilen so viel leichter
verwundet werden konten / gereichte den Römern selbst zum Verderben. Publius und
Censorinus / weil sie mit durchschossener Hand sich nicht mehr wehren kunten /
auch nach zweier Griechen des Hieronymus und Nicomachus Ratgeben sich nach der
Stadt Ichne nicht flüchten wollten / liessen sich ihre eigene Waffenträger
durchstossen / Megabachus trieb ihm selbst das Schwerdt durch die Brust / die
übrigen wurden von den grimmigen Parten zerfleischet / und mehr nicht als fünff
hundert Gefangene auffgehalten. Unterdessen aber hielt sich Sigimer ein junger
Fürst mit seinen tausend halb nackend-fechtenden Galern überaus tapffer / sie
rennten bald mit ihren Lantzen die Feinde von Pferden / bald sprangen sie selbst
herunter / und hieben den Partischen Pferden die Seenen entzwei / dass also Mann
und Pferd stürtzen musste. Sigimer verwundete selbst den Sillaces in Arm / und
brach durch drei geschlossene Hauffen der gewaffneten Parter / liess auch den
Crassus wissen: dass sein Sohn in eusserster Gefahr / er mit seiner Reuterei in
dem hitzigsten Gefechte gegen der halben feindlichen Macht / sie aber ingesamt
verloren wären / da er ihnen nicht schleunigst zu Hülffe käme. Endlich aber
wurden die Gallier nicht so wohl durch die Menge der Feinde / als durch
ungewohnten Durst und unleidliche Sonnenhitze überwunden / und / weil sie für
Mattigkeit kaum mehr die Glieder bewegen konten / niedergehauen. Der
unvergleichliche Sigimer / welchen Surena wegen so grosser Tapfferkeit zu tödten
verbot /ward nach erlegtem Pferde lebendig gefangen. Dieser Fürst machte sich
bei den Parten so beliebt / und gewann des Surena Zuneigung so weil / dass er
ihm seine wunderwürdige Tochter verheiratete. Ismene konnte sich hierüber des
Lachens nicht entalten / und nachdem die Königin sie beschwur die Ursache nicht
zu verschweigen / bekannte sie / dass dieser Sigimer /des Feldherrn Herrmanns und
ihr eigener Vater / und Surenens Tochter beider Mutter / die so genennten
tausend Gallier alle Deutsche gewest wären / welche die Römischen
Geschichtschreiber insgemein Gallier nennten / wenn sie nur auff der West-Seite
des Rheines gewohnet. Dieser Irrtum habe den Deutschen den Ruhm mancher
Heldentaten entzogen / und fremden Völckern zugeeignet. Also sei der Nachruhm
nicht allezeit eine Tochter der Tugend / sondern ein Weckselbalg / den das Glück
einer fremden Mutter einschiebt. Uberdiss hätten die Römer der Deutschen
Grossmütigkeit nichts minder / als der fremden Völcker Sprachen und Schrifften /
darinnen der Sachen wahrer Verlauff auffgezeichnet gewest / verdrückt / so viel
sie gekönnt / um ihren Siegen desto grösseres Ansehen zu machen. Denn ob wohl
Julius Cäsar nicht verschweigen können / dass die Deutschen ihm die berühmte
Schlacht gegen de Vercingetorich bei den Seqvanern gewonnen / dass sie bei
Belägerung der Berg-Festung Alesia einmal die schon zertrennten Römer wieder
zum stehen brache / das andere mahl dem Feind aus dem Felde geschlagen / dass
Caninius ihnen den Sieg wider den Fürsten Draxes / den sie auch selbst gefangen
bekommen / zu dancken gehabt /dass sie in Cäsars Alexandrinischem Kriege das
beste getan / und über den besetzten Nil gedrungen / so ist doch diss alles
nicht das hundevste Teil ihrer Verdienste.
    Die kluge Salonine antwortete; die Tugend ist ihr selbst Preisses genug / und
darff nicht nach dem irrigen oder vergänglichen Nachruhme lächsen. Ein gutes
Urtel kann den Kot keines Lasters vergülden / und ein böses so wenig als die
Vergessenheit die Tugend hässlich / oder zu nichts machen. Wesswegen die / welche
mit standhaftem Vorsatze auf der Bahn der Tugend wandeln / so wenig sich die
üblen Auslegungen des Pöfels / als die Reisenden im Sommer sich das Schwirren
der Heuschrecken müssen irre machen /noch eines andern unverdienten Ruhm auff
Abwege leiten lassen. Also erwarb Fabius einen unsterblichen Ruhm / weil er die
Verläumdung der hitzigen Köpffe seiner Langsamkeit halber verachtete / und
lieber sein Vaterland erhalten / bei seinen klugen Feinden im Ansehen sein / als
von närrischen Leuten gelobt sein wollte. Ungeachtet auch der Nachruhm für ein
Besitztum der Todten gepriesen wird / so bestehet doch dieser bloss in der
Einbildung der eitelen Erben / und die alleine in dem Gedächtnisse schwermende
Unsterbligkeit ist ein blosses Gespenste des Gehirns /und ein Irrlicht der
Ehrsucht. Ja der Ruhm ist nicht selten ein offenbarer Feind der Tugend / und
eine Buhlerin der Unwarheit / indem das gegenwärtige Lobwürdige meist von dem
Neide gedrückt / die Gedichte der Vorwelt aber als Wunderwercke in hohen Ehren
gehalten werden / nach dem es uns insgemein fürkommt / als wenn jener Licht
unsern Ruhm verdüstere / dieses uns aber den Weg zu der Tugend wiese. Aber die
verschwindende Zeit heist mich wieder zum Crassus kehren / welchem die Parter
seines Sohnes an eine Lantze gespissten Kopff mit dieser hönischen Frage zu
schauen brachten: Was dieser tapffere Jüngling für Eltern habe? Denn seine
bezeugte Tugend liesse sie nicht glauben / dass der weibische Crassus sein Vater
wäre. Gleichwohl aber wollten sie die Römer selbigen Tag nicht gar aufreiben /
sondern dem Feldherrn eine Nacht seinen Sohn zu betrauren vergünstigen. Hiermit
wichen sie nach etlichen Scharmützeln bei anbrechender Nacht etwas von den
Römern ab; Crassus aber sah seinem Elende kein Ende / geriet in eusserste
Verzweiffelung / verhüllte sein Haupt /und verscharrte sich in Staub. Octavius
und Cassius rieten ihm daher das Heer des Nachts zurück zu ziehen. Alleine der
Jamer ward imer grösser / Egnatius flüchtete sich mit den berittensten
dreihundert Reutern nach Carras / entblössete das Fussvolck / und liess seinen
Feldherrn schimpflich im Stiche. Verguntejus kam mit vier Fahnen aus dem Wege /
und ward biss auff zwantzig tapffere Catten / die sich biss nach Carras
durchschlugen / niedergesebelt. Im verlassenen Lager blieben vier tausend
schwache zurück / und worden wie Kälber abgeschlachtet. Das Heer erreichte zwar
auch Carras / allein durch des Andromachus Verräterei / und einem vom Surena
mit den Römern zum Schein gemachten Frieden / und gepflogener Unterredung / fiel
es erst in die Falle / sintemal die Parter / nach dem sie ihren Feind sicher
gemacht / und ihm Crassus im Nahmen ihres Königs mit einem köstlich
auffgeputzten Pferde beschenckt hatten / sie überfielen. Octavius stiess zwar den
/ der ihm zum ersten in Zügel fiel / todt / ward aber rückwerts / und nach ihm
Petronius / durchstochen. Maxartes hieb dem Crassus mit seinem Sebel den Kopff
und die rechte Hand ab. Die Kriegsknechte kamen von dem verfolgenden Feinde fast
alle um / oder wurden von den Arabern in ihre Einöden verschleppet / also / dass
von hundert tausend kaum zehen tausend in Armenien / Cilicien und Syrien
entrannen / welche von dieser grausamen Niederlage die Botschaft zu bringen kaum
genug waren. Worunter auch Cassius war / der hernach den Julius Cäsar erstach.
Surena hingegen hielt zu Seleucia ein herrliches Siegs-Gepränge / ieder Parte
hatte auff seinem Sebel einen Feindes-Kopff angespjetzt / ein dem Crassus
ähnlicher Gefangener ward in Königlicher Tracht zum Schauspiele geführet /
welchem eine Menge fürreitender Huren seine Zagheit in schimfflilichen Liedern
fürrückten. Unterdessen ging es in Armenien zwischen dem Könige Orodes und
Artabazes scharff her / und das Glücke hielt ihre Siege fast in gleicher
Wagschale. So trug sich auch dieser seltzame Zufall zu / dass Artabazes den Pacor
Orodens Sohn in einem Treffen / Orodes aber Artabazens Schwester / die schöne
Sigambis / in einem Berg-Schloss gefangen bekam. Als diese zwei grosse
Gefangenen nun an dem Flusse auff einer Insel gegen einander ausgewechselt
wurden / ward Pacorus im ersten Augenblicke von Liebe dergestalt entzündet / dass
er alsofort seinem Vater zu Fusse fiel / und ihn um ihre Vermählung anstehete.
Artabazes kriegte gleich die Post von des Crassus Untergange / sah also die
ganze Partische Macht ihm auff den Hals dringen / dahero hielt er es nicht für
tulich diese Gelegenheit aus den Händen zu lassen / so wohl einen anständigen
Frieden zu stifften / als das mächtige Haus der Arsacer mit seinem so feste zu
verknüpfen. Die Heirat und Bündnis ward noch selbigen Tag geschlossen / und das
Beilager mit höchster Pracht und allen ersinnlichen Ergetzligkeiten vollzogen.
Der gelehrte Fürst Artabazes gab selbst durch unterschiedene Gedichte seine
Vergnügung an Tag / in derer einem das glückwünschende Armenien eingeführt ward
/ daraus ich alleine den Schluss erzählen will:
Augapffel Persiens / und Auge dieser Welt /
Schweig / Sonne / dass du gebst die Wärmde den Gewächsen /
Den Völckern Geist und Licht. Der Parten Volck und Feld /
Ja ihre Sonne muss nach meinem Labsal lächsen.
Mein Phrat- und Tiger-Qvell tränckt ihren heissen Sand /
Sigambens Liebes-Tau lescht ihres Fürsten Brand.
Ich gönne / Sonne / dir ein weisses Opffer-Pferd /
Dass Griechenland dir Oel / der Mohre Zimmet bringt /
Doch ist mein Caucasus viel edler Opffer wert /
Mehr Weirauchs; weil sein Schnee weit deine Glut verdringet.
Die Seele brennt bei ihm / die dort nicht glimmen kann /
Wenn Arsaces sein Hertz fleckt meiner Göttin an.
Doch bleibt Armenien auch Partens Schuldnerin /
Sein kalter Taurus fühlt des Perseus Liebes-Feuer /
Reisst von Andromeden die schweren Fessel hin /
Erlegt durch seine Huld der Zwytracht Ungeheuer.
Sigambis macht Pacorn / Pacor Sigamben frei /
Dass durch sie beider Reich verknüpfft und einig sei.
Es bisamt Partens Sud so uns're Wässer ein /
Dass Oel und Balsam nur aus ihnen kömmt geronnen.
So mag iedwedes nur den andern Weirauch streun /
Die Sonne meiner Flut / Araxes seiner Sonnen.
Sigambens Seele schmiltzt für Partens Liebes-Glut /
Und Arsacens zerrinnt in ihrer Anmuts-Flut.
    Als nun beide Könige mit den Verlobten gleich Taffel hielten / brachte
Sillaces des Crassus Haupt in das Zimmer / und warff es dem Orodes zu Füssen.
Die Parten aber hoben selbtes mit grossem Getümmel empor / und Sillaces ward
als ein angenehmer! Sieges-Bote mit an den Königlichen Tisch gesetzt. Nach
diesem ergriff Jason Trallianus / welcher gleich das Griechische Gedichte vom
Penteus / wie er von seiner Mutter Agarcen / und der Schwester zerrissen ward /
aus dem Euripides fürstellete / des Crassus Kopff mit den Haaren / lieff in
Gestalt des wütenden Penteus darmit auff und nieder / und sang darzu:
Wir haben einen Berg mit Netzen rings umstellt /
Sehr gute Jagt gehabt / ein feistes Wild gefällt.
    Als nun in der Ordnung des Reihens einer zu singen kam:
Dass dieser Eber hier
Entseelt und Krafftloss liegt / gebührt die Ehre mir;
sprang Maxartes von der Taffel auff / und riss das blutige Haupt dem Jason aus
der Faust / legte es auff eine güldene Schüssel / und überreichte es als ein
Zeichen seiner Tapfferkeit dem Orodes. Dieser beschenckte nicht allein den
Maxartes / sondern auch den Jason mit einem Talent / und niemand war / der
nicht mit diesem abscheulichen Schau-Gerichte sein Gespötte trieb; endlich goss
Orodes zerschmeltztes Gold dem Crassus in Mund / fürgebende / dass doch sein
Golddurst schwerlich mit seinem Leben würde verloschen sein. Seine Hand ward
auch durch alle Partische Städte geschleppet / und allen entgegen kommenden
fürgehalten / um diesem unersättlichen Gliede etwas zu schencken. Nach diesem
ergab sich alles / was zwischen dem Phrat und Tiger lag / den Parten / und
diese fielen unter dem Osaces mit einem fliegenden Heere in Syrien ein / wurden
aber vom Cassius leichte zurücke getrieben. Alleine es folgte Fürst Pacor
alsbald mit einem mächtigern Läger /welchem sich biss an Antiochien alles ergab /
teils weil die Römer wenig Volcks in Syrien hatten / teils weil die Syrer mehr
den Parten als Römern geneigt waren. Diese grossen Siege jagten seinem Vater /
der ohnediss wegen seiner Grausamkeit verhast war /Schrecken und Argwohn ein /
dass er durch Hülffe seines siegenden Heeres ihn vom Trone verdringen möchte;
verursachte also / dass ihn Orodes zurück forderte. Also ist das Laster / das
einen zum Knechte macht / nicht so verdächtig / als die zu herrschen würdige
Tugend. Und ein guter Ruhm ist gefährlicher /als eine böse Nachrede. Der König
in Assyrien Baltasar liess einen jungen Edelmann entmannen / weil eine seiner
Kebsweiber nur seine Gestalt gerühmet /und die / welche ihn heiraten würde /
glückselig gepriesen hatte. Den Sohn des Gobrias durchstach er mit einem Spiesse
/ weil dieser auff der Jagt einen Löwen getroffen / er aber gefehlt hatte. Die
Herrschaft aber ist auch so gar gegen eigene Kinder eiversüchtig. Gegen diese
mehr / als gegen fremde / fing Ismene an / weil sie zu selbter mehr Anspruch
haben. Daher in Gallien ein gewisser Fürst aus Argwohn /dass sein erwachsener
Sohn ihm mit Gift nachstellte /erhungerte / ein ander Vater in Hispanien seinem
Sohne das Licht ausleschte. Salonine fuhr fort: Orodes machte unter Söhnen und
Dienern keinen Unterscheid / denn er liess den wegen des grossen Sieges in allzu
grosses Ansehen gekommenen Surena gar hinrichten / dass derogestalt tapffere
Helden sich mehr ihrer grossen Verdienste / als unwürdige Diener sich ihrer
Gebrechen halber fürzusehen haben. Sintemal Fürsten leichter aus Verächtligkeit
dieser Fehler verzeihen / als jener Dienste vergelten / nachdem es ihnen
beschwerlicher ist Schuldener / als Gläubiger zu sein. Pacor aber zohe für
Unmut und aus Furcht gleichen Undancks mit seiner Gemahlin zum Artabazes / und
streuete daselbst allerhand Samen zu neuer Unruhe wider die Parten. Also ist
ein unzeitiges Misstrauen ein Ursprung der Untreu / und die Empörung ein
verdienter Lohn der übel verhaltenen Tugend. Osaces belägerte inzwischen
Antiochien /Cassius aber trieb ihn nicht mit geringem Verlust ab /und nach dem er
hierauff Antigonien zusetzte / schnitt ihm Cassius und Ventidius durch tägliche
Scharmützel die Lebens mittel ab. Als nun der Hunger ihn Antigonien zu verlassen
zwang / versteckte Cassius teils hinter Berge / teils im Gepüsche / wodurch
Osaces abziehen musste / seine Völcker; griff ihn hierauff an der Spitze an / und
als beide Heere im hitzigsten Gefechte waren / fielen die versteckten den
Parten in Rücken / erlegten sie auffs Haupt / ja Cassius selbst den Osaces.
Dieser Verlust erhielt etliche Jahr auff der Parten Seite den Friede / den
Bürgerlichen Krieg aber zwischen dem Julius und Pompejus auff Seiten der Römer.
Weil auch nach des Osaces Niederlage Pacor wieder in Parten beruffen / und ihm
die Kriegs-Macht anvertrauet ward / blieb Artabazes und Armenien ebenfalls
ruhig. Endlich wurden doch auch die Parten vom Pompejus in den Römischen
Bürger-Krieg geflochten / weil dieser bei ihnen beliebt / des Julius Glücke aber
für gefährlich geachtet ward. Als auch schon Cäsar und Pompejus todt war /
schickten sie wider den Antonius und Augustus Hülffs-Völcker; ja Pacor brach mit
einer grossen Macht in Syrien /machte mit des Cassius und Brutus Gesandten
Labienus ein Bündnis / streiffte biss nach Alexandrien /und nahm Apamea / Mylassa
/ Alabanda / ja Cilicien und vom Phrat biss in Jonien alle Städte ein / welche
meist mit des Brutus Gefangenen / und also den andern Römern selbst abgeneigten
Kriegs-Leuten besetzt waren / schlug den Feld-Hauptmann Saxa in zweien
Schlachten / und in Cilicien ihn selbst todt /setzte den König der Juden
Hircanus ab / und seinen Bruder Aristobulus an seine Stelle / belägerte Tyrus
und Stratonicea / also dass Antonius / weil ihn selbst dahin zu ziehen Fulvia
zurück hielt / den Ventidius wider die Parten schicken musste. Dieser kam den
Labienus in Cilicien über den Hals / ehe er von ihm die geringste Nachricht
erhielt; doch standen sie mit ihren Lägern nur gegen einander. Denn Ventidius
erwartete die Legionen / Labienus die Parten. Diese aber vereinbarten sich bei
ihrer Ankunft nicht mit ihm / sondern griffen auff einem Berge die mit Fleiss
still liegenden Römer an / wurden aber von ihrer gedrungenen Macht über Hals und
Kopff herunter gestürtzet. Labienus musste hierauff wegen seines Volckes Zagheit
des Nachts die Flucht ergreiffen / und sich verkleidet in Cilicien verstecken.
Demetrius aber / ein Käpserlicher Freigelassener / und des Antonius Stadtalter
in Cypern / spürte ihn aus / und tödtete ihn. Hierauff schickte Ventidius den
Upedius Silo mit der Reuterei gegen Syrien voran / Pharnabates aber hatte die
Enge dess Amanischen Gebürges eingenommen / brachte den Silo ins Gedränge / und
es war nahe mit ihm geschehen / als Ventidius ohngefehr zum Treffen kam / und
den Pharnabates erlegte. Hiermit fiel ganz Syrien wieder in die Hand des
Siegers Antiochus in Palestina / und Malchus der Nabateer König / die den
Partern Hülffe geschickt hatten /wurden um grosses Geld gestrafft. Die
Phönicische Stadt Aradus alleine setzte sich zu verzweiffelter Gegenwehr. Pacor
aber brachte bald wieder ein neues Heer auff; Hingegen pflegte Ventidius mit dem
auff der Parter Seite hangenden Chauneus / einem Syrischen Fürsten grosse
Vertrauligkeit / hielt mit ihm unterschiedene Ratschläge / und zwar zu dem Ende
/dass er solche den Parten verraten sollte. Hierdurch brachte er zu wege / dass
sie nicht bei Zeugma geraden Weges / sondern an einem flachen Orte über den
Phrat setzen / wormit er inzwischen sich verstecken konnte. Er liess auch den
besten Partischen Feldhauptmann Traates mit dem Vortrab / und den Pacor mit
dem ganzen Heer unverhindert über den Fluss setzen /verschantzte sich auf einem
Berge / und stellte sich an / als wenn er dem Feinde nicht gewachsen wäre.
Unversehens aber überfiel er mit seiner halben Macht den Phraates im besten
Wolleben / und jagte ihn aus dem Felde. Pacor meinte: Die ganze Römische Macht
wäre hinter des Phraates Völckern her / und fiel daher das seiner Einbildung
nach leere Läger des Ventidius an. Ventidius aber liess seine versteckte Legionen
aus dem Läger und den Cyressischen Püschen die Parter vor und rückwerts
anfallen. Dass ein unversehener Uberfall gegen dreifacher Macht bestehe /ward
dissmal wahr. Denn die Parten verloren anfangs das Hertze / hernach die
Schlacht / und endlich auch ihren Erb-Fürsten Pacor / welchem Ventidius nach
Ausübung wunderwürdiger Tapferkeit die Lantze selbst durch die Brust rennte /
und durch Herumbschickung seines abgehauenen Kopfes alle übrige den Parten
anhängende Städte eroberte. Der einige Camogenische Fürst Antiochus entran nach
Samosata /und ward darinnen belägert / endlich aber / ob er schon durch den
daselbst befindliche sich von dem Wasser anzündete Schlam aufs äuserste wehrte /
mit dem Antonius sich zu vereinbarn genötiget. Orodes kam über dieser den
Parten noch nie begegneten Niederlage halb von Sinnen / er liess viel Tage
keinen Menschen für sich / entielt sich aller Speise / und des redens so lang /
dass man in Gedancken kam / er wäre stum worden. Endlich kamen ihm viel Tage die
Tränen nicht von den Wangen / und kein ander Wort aus dem Munde / als Pacor /
Pacor; ja / wenn er schlief / stellte sich ihm sein blutiger Sohn allezeit durch
traurige Träume fürs Gesichte. Uber diesem Betrübnüsse ward der ohne diss
verlebte Orodes kranck /jede seiner Beischläferinnen aber sorgfältig ihren Sohn
/ derer dreissig er mit ihnen gezeugt hatte / ihm zum Nachfolger einzuloben. Wie
aber das Verhängnis die Parter ins gemein zu Vatermörderischen Königen versehen
hat; also kriegte auch dissmal Phraates unter allen der schlimste an statt des
gütigsten Pacor das Heft in die Hände / welcher seinen wassersüchtigen Vater
durch eingegebene Wolfs-Milch / seine neun und zwantzig Brüder aber durch das
Mord-Beil in einer Stunde hinrichtete. Alleine diese Laster waren für den
unmenschlichen Phraates noch zu wenig / und die durch Mord erworbene Herrschaft
konnte mit Gelindigkeit nicht fortgeführet werden. Daher musste er sich auch mit
dem Blute seines Sohnes Tiridates besudeln. Seinen ersten Eifer gegen ihn
verursachte die allen Wüterichen verhasste Tugend und Tapferkeit ihrer
Untertanen / indem Phraates wegen seiner Grausamkeit verfluchet / Tiridates
Nahmen aber weit über des Königs erhoben ward. Welcher Kummer ihn denn zu der
Entschlüssung brachte / den Tiridates hinzurichten / wormit die ihm abholden.
Parten niemanden aus dem allein Reichs-fähigen Geblüte des Arsaces hätten / den
sie zum Könige benenneten /also ihn wider Willen behalten müsten. Hierzu goss
seine gegen dess Pacors Wittib die schöne Sigambis gefangene Brunst Oel ins Feuer
/ in die er so sehr entbrennte / dass er ihrentwegen auch Berenicen / des
Medischen Königs Artavasdes Tochter zu verstossen versprach. Wie nun Sigambis
gar nicht in Phraatens Willen kommen wollte / hingegen durch heimliche
Kundschaft ausspürete / dass sein Sohn Tiridates sich in Sigamben verliebt / und
sich umb ihre Gewogenheit bemüht hatte / machte ihn seine unbändige Begierde
gegen Tiridaten ganz rasend / in Meinung /dass nicht die von Sigamben
vorgeschützte nahe Anverwandniss / sondern seines eigenen Sohnes Liebe seiner
Vergnügung am Wege stünde. Daher legte er auf alle ihre Tritte Kundschaft / und
wie er erfuhr /dass Tiridates mit Sigambe in den Königlichen Lust-Garten / umb
frische Abend-Luft zu schöpfen / ungefähr zusammen kommen waren / rennte er als
ein wütender Tiger sie mit blosser Sebel an / stiess selbte seinem eigenen Sohne
durchs Hertz / und liess die mit Tiridatens Blute bespritzte Sigamben aus einem
Schloss in Band und Eisen schliessen. In diesem setzte er Sigambens Keuschheit
bald mit Liebkosen und grossen Versprechungen / bald mit Andräuung grausamer
Marter zu. Sie aber verhönete das erstere / und verlachte das andere / biss ihr
in Vertrauen zu wissen gemacht ward / dass Phraates sie mit Gewalt notzüchtigen
und hernach zu Asche verbrennen wollte. Tussnelde fing überlaut an zu ruffen:
Hilff Himmel! Mir gehen die Haare zu Berge über dieses Unmenschen grausamen
Lastern / welcher sich schwerlich der grimmesten Tiere / zu geschweigen eines
andern Menschen vergleichen lassen. Salonine sagte: Sie wüste gleichfalls ihm
kein ander Beispiel beizusetzen / als den Persischen König Darius / welcher /
umb seiner Stiefmutter Aspasia vermählt zu werden / mit 50. seinen Brüdern den
Vater Artaxerxes zu ermorden ein Bündnis machte. Unsere vorerwähnte Sigambis
aber geriet über Phraatens Entschlüssung in äuserste Verzweifelung / und zu so
erbärmlichem Wehklagen /dass der tapfere Maneses / einer der fürnehmsten
Partischen Fürsten / der über solch Schloss und darumb liegendes Land die
Aufsicht hatte / zu Mitleiden gegen ihr bewegt ward / sonderlich / da sie sich
selbst / umb ihre Verunehrung zu verhüten / in den Fesseln zu erwürgen bemühete
/ und die Hippo / weil sie hätte ins Meer springen / und ihre Keuschheit
unverletzt erhalten können / für ihr mehr als selig priess. Daher setzte Maneses
alle sein Glück entweder aus der Liebe der Tugend / oder der Sigambis selbst für
Ihre Ehre in die Schantze / und führte sie aus dem Gefängüsse zu ihrem Bruder
Artabazes / beredete ihn auch /dass er / umb dieses Unrecht / wie auch sich an
dem mit den Parten verbundenen Könige der Meden Artavasdes / welcher der
Sigambis aus Eifersucht für seine Tochter Berenicen des Phraates Gemahlin
Berenicen Gift beizubringen getrachtet hatte / zu rächen /sich mit dem Antonius
wider die Parter verband /sonderlich da Sosius und Canidius allbereit mit 16.
Legionen den König in Iberien Pharnabaces und der Albaner Zoberes zu
gleichmässigem Bündnisse gezwungen hatte. Phraates / dem am Maneses sehr viel
gelegen war / schickte an Antonius / der ihm inzwischen die Städte Larissa /
Aretusa / und Hierapolis geschenckt hatte / eine prächtige Botschaft / trug
ihm Frieden an / und bat ihn umb Zurückschickung des Maneses / welchen er durch
kräftigste Eydschwüre versicherte / dass / nach dem er durch Rettung der
unschuldigen Sigambis mehr lob- als straffwürdig wäre / ihm kein Haar gekrümmet
werden sollte. Also müssen endlich die schrecklichsten Wüteriche / welche die
Tugend für einen schlangichten Gorgons-Kopf ansehen / ihren heilsamen Nachdruck
erkennen / und ihr selber das Wort reden. Antonius liess also den Maneses von
sich / umb Phraaten durch Hoffnung des Friedens mehr einzuschläffen / brach aber
bald hierauf mit andertalb hundert tausend Mann / darunter 13000. Armenier und
6000. Gallier waren / in Atropatenen und Meden ein / und belägerte in der
Haupt-Stadt Phraata Artavasdens Gemahlin und seine Kinder; alleine / weil Tatian
allen Sturmzeug langsam nachführete / vergebens. Hingegen fiel Phraates mit
seiner ganzen Macht in Armenien; also / dass Artabazes sein eignes Feuer
zuleschen dahin seine Macht zu ziehen gezwungen / von Römern aber im Stiche
gelassen /und endlich durch Manesen einen Stillestand mit den Parten zu machen
beredet ward. Inzwischen traff Artavasdes auf den ermüdeten Tatian / er schlug
ihn mit 2. ganzen Legionen / verbrennte allen Kriegszeug und kriegte den
Pontischen König Polemon gefangen. Phraates und Artavasdes stiessen hierauf
zusammen /und schnidten dem Antonius bei Phraata alle Lebens-Mittel ab /
endlichen aber liessen sie ihm solche wieder zu / und erklärten sich gegen seine
Gesandschaft / dass sie die Römer aus Gnade unbeschädigt wollten zurück ziehen
lassen. So bald aber die Belägerung aufgehoben ward / lagen ihnen die Parten in
Eisen /wenn auch Mardus ein den Römern getreuer Parte zu ihrem grossen Vorteil
ihnen nicht einen bergichten Weg in Armenien abzulencken gewiesen / ja zu
Versicherung sich selbst hätte binden lassen / und einen sonderbaren Vorteil
sich gegen die Partische Reiterei zu stellen gewiesen / oder auch die Gallier
sich so tapfer gehalten hätten / wäre ihres Gebeines nicht davon kommen. Wiewohl
ihrer täglich viel für Hunger verschmachteten / oder zum Feinde überlieffen
/dessen unvorsichtige Grausamkeit und Unwissenheit /dass man feindlichen
Uberläuffern Pflaumen streichen / und seidene Küssen unterlegen solle / alleine
verhinderte / dass nicht das ganze Heer den Antonius verliess. Insonderheit
wurden die Gallier und andere frembde Hülffs-Völcker sehr erbittert / dass Titius
und Canidius den fürtrefflichen Gallischen Fürsten Flavius / der den Rücken der
Römer alle Tage mit unsterblichem Ruhme beschirmete / unter denen ihn übermannen
den Feinden alleine baden / und nebst 3000. Galliern durch das Ungewitter der
Persischen Pfeile zerfleischen liess. Issmene konnte bei dieser Erzehlung sich
abermals des Lächelns nicht entalten / musste auch auf der Königin bewegliches
Ersuchen und Saloninens Stillschweigen bekennen / dass diese Gallier eitel
Deutsche / und der von den Römern wegen seiner weissen Haare so genante Flavius
ihr Bluts- gewesen sei / der nach der Belägerung Alesiens mit dem Antonius in
Italien / und folgends in Morgenland gezogen wäre. Nach diesem Flavius hätte
auch Ernst Hertzog Herrmanns Bruder derogleichen zum Nahmen bekommen. Salonine
fing hierauf an ferner zu erzählen: Nach oberwähntem Verlust wuchs den Parten
wieder der Mut / die Römer aber gerieten in äuserste Kleinmut und Drangsal /
also / dass das Gersten-Brodt gegen Silber ausgewogen ward /und sie so gar mit
wahnsinnigmachenden Kräutern den Hunger stillen mussten / wiewohl Antonius mit
seiner Beredsamkeit und Freigebigkeit sie zu unglaublicher Gedult bewegte / und
mit aufgehobenen Händen in Trauer-Kleidern anruffte: Dass sie das dem Römischen
Heere bestimmte Unheil auf seinen Kopf ausgiessen möchten. Endlich hätten sie
sich vollends auf die Schlachtbanck geliefert / als sie gegen ein erblicktes
Gebürge wegen Durst ihren Zug nahmen /wenn nicht Manesens Vetter Mitridates sie
gewarnigt / und dass unter selbigen Bergen die ganze Partische Macht auf sie
wegelagert / berichtet hätte. Endlich entstund wegen ermangelnden Wassers ein
Aufruhr im Läger / also / dass man so gar selbst des Feldherrn kostbare Sachen
plünderte. Ja Antonius geriet in solche Verzweifelung / dass er ihm seinen
Freigelassenen Rhamnus schweren liess / er wollte ihm den Kopf abschneiden /
wormit er weder lebendig in des Feindes Hände geliefert / noch auch unter den
Todten erkeñet würde. Aber Mitridates kam abermals ans Läger / und
vergewisserte sie / dass eine Tage-Reise von dar ein süsser Fluss / und über
selbtem das Ziel sei / wie weit die Parter sie zu verfolgen entschlossen wären.
Welches denn auch also erfolgte; wiewohl die Römer 6. Tage noch mit Furcht und
Zittern forteileten / biss sie den Fluss Araxes / der Meden von Armenien trennet /
erreichten / daselbst aber / und insonderheit die Verwundeten / unter dem
Taurischen Schnee-Gebürge einen neuen Feind / nämlich die Kälte antraffen.
Artabazes hätte ohne Schwerdtschlag mit blosser Entziehung des Schiff-Gefässes
an dem Flusse Araxes die Römer vertilgen können / Phraates und Artavasdes
verwarnigten ihn auch / dass er dem wegen nicht geleisteten Beistandes ergrimten
Antonius nicht trauen sollte. Alleine dieser redliche Fürst liess sich seine
Schmeichel-Worte einnehmen / dass er ihm mit allem Fahrzeuge über den Strom halff
/ ihm Geld und Lebens-Mittel entgegen schickte / und das erhungerte Heer in
Armenien überwintern lies. Antonius selbst zohe in Egypten zu Cleopatren / und
nachdem Artabazes auf sein Ersuchen nicht zu ihm kommen / und auf das ihm
gestellte Fallbret treten wollte / zohe er auf den Frühling wieder in Armenien /
als sich vorher bei ihm Polemon eingefunden / und nicht allein für sich /
sondern auch im Nahmen des Medischen Königes ein Bündnis mit ihm wider den
Artabazes und Phraates gemacht hatte. Wider jenen / weil er ihm die Römer über
den Hals geführt; wider diesen / weil er mit ihm die Römische Beute ungleich
geteilet / und seine Tochter Berenizen von sich verstossen hatte. Antonius
eignete dem Polemon zur Vergeltung das kleinere Armenien zu /schickte aber
Artabazen so viel leichter ins Garn zu locken den Quintus Dellius zu ihm / und
liess für seinen mit Cleopatren gezeugten Knaben Alexander um seine Tochter
Statira werben / und umb eine Zusammenkunft anhalten. Wie nun der von Maneses
aufs neue verwarnigte Artabazes allerhand Aussflüchte brauchte / schickte
Antonius den Dellius mit eidlicher Versicherung seiner Freundschaft / und
beteuerlichen Schreiben des König Archelaus in Cappadocien / und des Amyntens
in Galatien / welche er daselbst eingesetzt hatte / noch einmal zum Artabazes /
folgte aber bald mit seinem Heere auf dem Fusse nach. Artabazes ward hierdurch
teils beredet dem Antonius auf seine glatte Worte zu trauen / teils auch
gezwungen sein Misstrauen nicht mercken zu lassen / fand sich also gutwillig in
sein Läger ein. Antonius aber nahm ihn alsobald in Haft / und gab für: Er müsse
sich wegen entzogener Hülffe mit einem grossen Stücke Geldes lösen / führte ihn
also für die Schlösser / darinnen der Königliche Schatz verwahret war. Nach dem
aber die Stadtalter solche nicht öfneten / der Armenische Adel auch alsofort
seinen Sohn Artaxias zum Könige erklärte / liess Antonius Artabazen in silberne
Fessel schliessen / führete ihn mit seiner Gemahlin und Kindern in einem
Siegs-Gepränge nach Alexandrien / legte sie Cleopatren in güldenen Ketten zun
Füssen / und liess ihnen endlich in einem Schauspiele den Kopf abhauen / als er
vernahm / dass sich Artaxias mit dem Partischen Könige Tiridates verbunden
hatte. Denn weil Phraatens grausame Herrschaft alle Erträgligkeit überstieg /
hatten ihn die Parter verstossen / und Tiridaten auf den Reichs-Stul gesetzet;
hingegen vermählete Antonius des Medischen Königes Tochter Jotapen seinem Sohne
Alexander / und schenckte ihm ein Stücke Armeniens /welche nach des Antonius
Tode Augustus ihrem Vater wieder zurück schickte; Cleopatra aber sendete
Artabazens abgehauenen Kopf zum Augustus. Als Salonine allhier ein wenig Atem
holete / fing die Königin an: Ich besorge / die holdselige Tussnelda und die
schöne Ismene werde aus Unwissenheit / wohin so viel frembde Geschichte zielen /
unserer Erzehlungen überdrüssig werden / daher kann ich mich länger nicht
entalten / ihr zu eröffnen / dass diese Armenische Könige meine Voreltern /
Artaxias mein Vater gewesen /ich aber die verstossene Königin Erato sei /
welcher Unglück Salonine nicht gnugsam auszudrücken getrauet / wenn sie nicht
die Trauer-Fälle meines zum Elende versehenen / nicht aber so lasterhaften
Geschlechtes / wie die Römer in der Welt von ihm ausgesprenget / mit auf die
Schaubühne stellete. Tussnelde umbhalsete die Königin Erato mit Vergiessung
vieler Tränen / und versicherte die / dass wie ihres Stammes Trauer-Fälle ihr
mitleidentlich tief zu Hertzen gegangen wären; also schöpfte sie mit Ismenen aus
derselben umbständlichen Erzehlung nicht wenige Ergetzligkeit. Denn es hätte das
menschliche Elend die Eigenschaft des Feuers an sich / welches /seines
Verderbens wegen / Schaden und weh täte /gleichwohl aber annehmlich anzuschauen
wäre. Also hörete man ins gemein die allertraurigsten Ebenteuer am liebsten.
Uber diss machte die Unglückseligkeit ihr Geschlechte bei ihr weder schuldig noch
verdächtig. Das feinste Gold komme so geschwind in den Schmeltz-Ofen / als das
schlimmen Beisatz hat / und der Hagel schlage so geschwinde Weitzen als Unkraut
nieder. Das Verhängnis habe etliche Geschlechter zu grossem Glück / andere zu
unaufhörlichem Jammer versehen / ohne dass es auf die Tugend oder die Laster ein
oder des andern ein Auge habe. Dahero erbete man von seinen Eltern nicht nur die
Aehnligkeit des Gesichts / und die Gemüts-Regungen / sondern auch die Gunst und
Verfolgung des Glückes; nicht anders /als die jungen Panter von den alten ihre
Flecken /und die Zibet-Katzen den Geruch. Also habe in Hibernien ein Geschlechte
geherrschet / dessen Zweige fast alle vom Hencker-Beile abgehauen worden. Ja was
noch seltzamer: Oftmals klebete einem gewissen Nahmen ein unabsonderlich Unglück
oder Schandfleck an. Sie habe ihr oft erzählen lassen / dass in Armenien alle
Tigranes / im Pontus alle Mitridates / in Persen alle Artaban tapfer / aber
unglückselig gewest. In Gallien wären fast alle Inducianarer eines gewaltsamen
Todes gestorben / einer sei in einem Strome erschossen / der andere auf seiner
Schwester Beilager im Turnier von seinem Stallmeister mit der Lantze ins Auge
gerennt / der dritte von einem Druys in seinem Zimmer / der vierdte von einem
Meuchelmörder in seinem Wagen erstochen worden. Salonine fing an: Da die
Fürstimen ihr wieder gnädiges Gehöre verleihen wollten / würde ihre folgende
Erzehlung die erwähnte Meinung so viel mehr verstärcken. Als sie sämtlich durch
ihr Stillschweigen zu verstehen gaben / dass sie durch ihr darzwischen reden
nicht gern einigen Aufschub verursachen wollten / fuhr sie derogestalt fort:
Artaxias der neue Königin Armenien rüstete sich nach seines Vätern Artabazes
Gefängnisse alsofort möglichst zur Gegenwehr / und ob ihm schon Antonius sein
angestametes Reich unter Bedingungen antrage liess / so wollte er doch nichts zum
Schimpfe seines gefangenen Vaters einwilligen / sondern mit Behauptung der Ehre
alles zufällige lieber auf die Spitze setzen. Allein es zogen wider ihn nicht
alleine die Römer / sondern auch der König in Meden / dessen Tochter der junge
Alexander geheiratet hatte /der König in Pontus Polemon / dem Antonius das
kleinere Armenien geschenckt / und der hernach gar für einen Bundsgenossen der
Römer angenommen ward; Archelaus der König in Cappadocien / und der Fürst in
Galatien Amyntas ins Feld. Gleichwohl liess Artaxias sich diese zusammenziehenden
Gewitter nicht schrecken / zohe ihnen also entgegen / und lieferte ihnen an der
Medischen Gräntze eine Schlacht /in welcher er alle Griffe eines klugen
Feldherrn / und alle Taten eines tapfern Kriegshelden ausübte. Sieg und Verlust
hingen den halben Tag auf einer Wagschale. Denn was dem Artaxias an der Grösse
des Heeres abging / ersetzte seine Grossmütigkeit. Diese aber ward von der
Leichtfertigkeit des verräterischen Artabazes / welchem Artaxias den Hinterhalt
anvertrauet hatte / endlich mürbe gemacht / indem selbter sich zum Feinde schlug
/ und mit einem Teile seiner Reiterei seinem Könige in Rücken fiel. Hierüber
gerieten die Armenier in Unordnung / und / nach dem Artaxias durch keine Müh
sie aus solcher Verwirrung bringen konnte / in die Flucht. Der König kriegte
selbst drei Wunden / diese aber hinderten ihn nicht zu dem Partischen Könige
Tiridates seine Zuflucht zu nehmen / als er an dem Flusse Cyrus ein Teil seines
Volckes wieder versamlet / und hin und wieder gute Anstalt gemacht hatte den
Lauff des Sieges dem Feinde zu hemmen. Dieser Tiridates nahm den Artaxias
freundlich auf / gab ihm nicht allein ansehnliche Hülffe / sondern vermählete
ihm auch seine Tochter die wunderschöne Olympia. Hiemit kam Artaxias zu grossen
Freuden der bedrängten Armenier in seinem Reiche wieder an; und weil Antonius
inzwischen alle Römische Kriegs-Völcker wider den Augustus abgefordert hatte /
wollte er keine Zeit versäumen / sondern ging auf den König der Meden getrost
los. Dieser aber konnte für dem Blitze dieses hurtigen Feindes nicht stehen /
sondern ward nach kaum einstündiger Gegenwehre flüchtig. Die Festungen ergaben
sich meist gutwillig dem Artaxias / und schlugen ihre frembde Besatzung todt.
Artavasdes machte sich über Hals und Kopf aus Armenien; alleine Artaxias folgte
ihm in Meden nach / ereilte ihn bei der Stadt Ecbatana. Beide Heere traffen
hertzhaft auf einander. Die Armenier munterte die Rache / die Meder ihre für
Augen schwebende äuserste Not auf / welche auch Furchtsamen ein Hertze macht.
Alleine Artaxias drang mit dem Armenischen Adel auf einer / und Artaban ein
Partischer Fürst mit den Partischen Hülffs-Völckern so gewaltig auf die Meden
/ dass sie gegen der Stadt in offentliche Flucht gerieten. Als Artavasdes nun
die Seinigen zurück halten wollte / traf Artaxias auf ihn / rennte ihn vom Pferde
/ und konnte mit genauer Not verwehren / dass er von den hitzigen Armeniern nicht
getödtet / oder von Pferden zertreten ward. Artaxias kam also mit dem gefangenen
Könige für die Stadt Ecbatana / welche sich ohne Gegenwehr der Willkühr des
Siegers untergab. Artaxias konnte sich über der Pracht dieser Stadt / und
insonderheit des Schlosses / welches billich unter die Wunderwercke der Welt zu
rechnen ist / nicht gnungsam verwundern. Dieses hat der mächtige König der Meden
Dejoces von Grund aus erbauet / und mit sieben festen Mauern umgeben. Die
äuserste ist von weissem Marmelsteine / die andere von schwartzem / die dritte
von rotem / die vierdte von einem Himmel-blauen Alabaster; die fünfte ist von
gebackenen Steinen / welche mit dem allerhöchsten Zinober und Sandarach
übergläset sind / die sechste ist ganz übersilbert / und die siebende
vergoldet. Die Königliche Burg inwendig ist von dem köstlichsten Marmel / und
nach der vollkommensten Bau-Kunst gebauet. Alle Tore sind von Ertzt / das
Pflaster von vielfärbicht durcheinander eingelegten Steinen bereitet / das Dach
vergoldet / dass bei Sonnen-Scheine niemand selbtes anschauen darff. Die Wände
sind mit güldenen Tapezereien / an welchen noch gewisse Bilder mit Perlen und
Edelgesteinen gestückt zu sehen / die Bödeme mit Persischem Gewebe bedecket. In
einem der Sonne gewiedmeten Tempel stehet des Medischen Reichs-Stiffters Arbaces
/ wie auch des Dejoces Bildnis in Gold / und nach ihm alle Medische Könige aus
Ertzt in Lebens-Grösse gegossen / oder aus Alabaster gehauen. An dem Schilde des
Arbaces war Sardanapal eingeetzet /wie er mit einer Hand dem Arbaces den
Assyrischen Reichs-Stab überreicht / mit der andern den unter sich gemachten
Holtz-Stoss anzündet / mit dieser Uberschrifft:
Ihr Meden lernt von uns: Das Reich sei ein Gewebe /
Zu dem die Klugheit spinnt / daran die Tugend stückt /
Wozu kein Weiber-Arm / kein knechtisch Geist sich schickt /
Dass Wollust Zepter nähm' / und Tapferkeit sie gebe.
Die krönt nun Arbacen / stürtzt den Sardanapal /
Setzt Helden auf den Tron / und Weiber an den Pfel.
    Unter Dejocens güldenem Bilde war die Stadt Ecbatana geetzt mit dieser
Uberschrifft:
Der Ban hier ist ein Bild Dejocens Hand und Stärcke /
Die so viel Stadt einriss / und Länder äschert ein.
In welchem mag nun wohl Dejoces grösser sein?
Er brach nur Mauren ab / hier baut er Wunderwercke.
Zermalmte Stein und Kalck / erhöhte Gold für Kot.
In jenem war er nur ein Mensch / in dem ein Gott.
    Alle andere Bilder / sagte Salonine / haben dar ihre denckwürdige
Uberschriften; ich will aber alle / ausser dieselbe / verschweigen / welche
Artavasdes unter des letztin überwundenen Crassus Kopf / welchen ein
Griechischer Bildhauer aus Alabaster gemacht / und ihm verehret hatte /
schreiben liess:
Des geitz'gen Crassus Kopf ist zwar nur schlechter Stein /
Doch ist er güldner hier / als wo er Gold schlingt ein.
    Die Ergebung der Stadt Ecbatana war ein Wegweiser der andern Haupt-Stadt
Phraata / ja des Königes Artavasdes Gefängnis ein Schlüssel zu dem ganzen
Medischen Reiche / welches ihren König als einen Störer der allgemeinen Ruh
verfluchte / und dem Artaxias fast Göttliche Ehre antat. Unter andern liessen
die Reichs-Stände sein Bildnis aus dichtem Golde giessen / stellten es mitten in
den Tempel der Sonnen / und schrieben darbei: Dem grossen Artaxias /dem dritten
Erhalter der Meden. Also liebkoset die Heuchelei nicht nur den Lastern / sondern
auch der Tugend. Wenn sie aber ihre Larve wegwirfft / übt sie ihre Gramschaft
nicht minder gegen diese / als gegen jene aus; gleich als wenn die Tugend nur
nach Eigenschaft der Heuchelei in nichts wesentlichem /sondern auf eitelem
Scheine bestünde / und ihre Schönheit nur betrüglicher Firnüss wäre / wie der
Verlauff ausweisen wird. Weil nun aber / wie die Glieder an der Kette / also
auch ein Glück an dem andern hängt / war es nicht genung / dass Artaxias das
Königreich Armenien wieder gewonnen / und sich noch darzu zum Herren der Meden
gemacht hatte / sondern seine Gemahlin Olympia kam auch in den Tempel der Sonnen
/ dahin sie sich aus Andacht verfügt hatte /mit der hier anwesenden Königin
Erato und einem jungen Herrn / und zwar gleich mit aufgehender Sonne darnieder /
als die in und ausser des Tempels aus vergüldetem Kupfer gemachte Himmels-Kugeln
entweder durch Zauberei / oder durch heimliche Krafft solchen Gestirnes feurig
und klingend zu werden anfingen. Die Wahrsager wussten nicht genung auszusprechen
/ wie viel Gutes das Verhängnis diesen zwei neugebornen Kindern zudächte. Denn
über diese merckwürdige Zeit war der Ort der Geburt der Meden gröstes Heiligtum
/ und ein vollkomenes Nach-Gemächte des Indianischen Sonnen-Tempels /welchen
Porus dem grossen Alexander zu Ehren gebauet / sein Bild einmal stehende / und
denn auch zu Rosse aus dichtem Golde / des Ajax aus Helffen-Bein / sein eigenes
dem Leben nach fünf Ellenbogen hoch darein gesetzet hatte / und darinnen die
Säulen des Tempels mit Feuerfärbichtem Marmel / und gleichsam blitzendem Golde
gezieret / die Bödeme aber mit Perlen eingelegt waren. Ihre Eitelkeit aber kam
allzu zeitlich ans Licht. Denn als Artaxias zurück in Armenien kehrte / und auf
dem Flusse Tigris durch den Aretusischen See fuhr / geriet das eine Schiff /
worauf die Königlichen Kinder waren / auf einen Steinfels /dass es zu scheitern
ging. Ob nun wohl die Bootsleute das Fräulein mit Nachschwimmen aus dem Wasser
brachten / so ward doch die Wiege / darinnen der junge Fürst Artaxias lag / von
dem Strome davon gerissen; und wie fleissig man auch an den Ufern nachsuchte /
von ihm das geringste Merckmal nicht gefunden. Die Trauer-Fälle sind mitten
zwischen vielem Glücke am empfindlichsten / dahero ging dieser dem Artaxias so
viel mehr zu Gemüte. Denn grosse Gemüter vermögen zwar / wie die Erdkugel /
beständig / aber nicht unbeweglich zu sein. Helden haben eben so wenig
Diamantene Augen ohne Tränen / und stählerne Hertzen ohne Fühlen / als andere.
Zumahl Olympien bei der Geburt ein Zufall begegnet war /welcher der Wehmutter
Urtel nach sie zu künftiger Empfängnis unfähig machte. Gleichwol aber beraubte
ihn die Grösse dieses Hertzeleides nicht seiner durch öfftere Zufälle
abgehärteten Klugheit / und weil seine Liebe gegen Olympien unausleschlich war /
setzte er ihm für / weder durch die sonst nicht ungewöhnliche Heirat mehrerer
Frauen seine eigene durch andere Neben-Sonnen zu verdüstern / noch iemanden
anderst / als diss / was sie geboren / mit der Zeit zu seinem Stuel-Erben zu
erklären. Es stand ihm aber am Wege / dass in Armenien noch kein Weibsbild den
Reichs-Apffel in Händen gehabt hatte. Daher berieht er sich mit seinem
vertrautesten und höchsten Staats-Diener dem klugen Artafernes / was bei so
gestalten Sachen zu tun wäre. Dieser urteilte: Er hielte es in allewege für
eine verdammliche Ketzerei / wenn etliche das weibliche Geschlechte für unfähig
der Königlichen Herrschaft schätzten. Die Staats-Klugheit steckte nicht im
Barte / und die Königliche Hoheit nicht im Sauersehen. Das Gewichte / welches
die Uhr des gemeinen Wesens triebe / sei die Krafft eines lebhaften Geistes /
und die Geschickligkeit einer scharffsinnigen Vernunft / welche nichts minder
in Frauen-als Manns-Köpffen Raum hätten. Das Gestirne der Cassiopea und der Venus
sei so schön und kräfftig / als des Teseus und des Mars. Der Kopff mache einen
zum Weltweisen / die Zunge einen zum Redner / die Brust einen zum Ringer / die
Armen zum Kriegsknechte /die Füsse zum Lauffer / die Achseln zum Träger / ein
grosses Hertz aber einen zum Könige. Wenn an starcken Spann-Adern das gemeine
Heil hinge / müste Griechenland seine Fürsten von den Olympischen Rennebahnen /
und Rom seine Bürgermeister aus den Schauplätzen nehmen. Man hätte wohl eh
Riesen zu Fürsten / welche Bäume auszureissen vermöchten /derer Achseln sich
doch unter einer mittelmässigen Schwerde der Reichs-Sorgen beugten. Hingegen
wären offtmals kräncklichte Fürsten gewest / die etliche Jahr nie aus dem Zimmer
kommen / oder vom Siech-Bette auffgestanden / denen aber die Last etlicher
Königreiche leichte gewest. Diese wären von Zeuge zubereitet / der zum Kopffe
gehörete / und keine Spann-Adern dörfte / jene aber von solchem /der zu Gliedern
und Dienern erfodert wird. Diese gehörten zum Steuer-Ruder / welches nur
Klugheit /keine Stärcke erfordert; jene auf die gemeine Ruder-Banck / da die
Armen das beste tun / die weder der Schweiss / noch die rauhe Lufft entkräfftet.
Es ist wahr / sagte Tussnelde / es hat in Britannien ein König Hippo Marcomirs
Sohn eine und die andere Welt aus seinem Zimer / welches einem Kranckenhause
ähnlicher / als einer Rats-Stube war / so klüglich beherrscht / dass man ihn den
Salomon seiner Zeit geheissen. Und ich muss unserm Geschlechte / dass es zum
Herrschen geschickt sei / abermal das Wort reden. Ich will von der Semiramis und
Nitocris zu Babylon /Artemisien und Laodicen in Asien / von der Tomyris bei den
Scyten den Wundern der Vor-Welt nichts erzählen. Zu erwähnten Königs Hippo Zeit
regierte in Hibernien Telesbia eine Jungfrau lange Jahre zu der ganzen Welt
Verwunderung / ja sie hielt oberwähntem Könige Hippo dergestalt die Wage / dass
seine klügste Anstalten / und die mächtigsten See-Rüstungen zu Wasser wurden.
Für wenigen Jahren hat Canistria den Svionern und Goten mit grossem Ruhm für
gestanden / und ihr Reich über zwei Meere erweitert Die Sitones haben insgemein
Weiber zu Königinnen. Diesemnach deñ hoffentlich unsern Deutschen nicht wird zu
verargen sein / dass sie die Frauen in den wichtigsten Sachen zu rate ziehen /
und ihr Gutachten meistenteils gelten lassen / festiglich glaubende /dass diss
Geschlechte nichts minder heilig als fürsichtig sei. Auch sind die Britannier
nicht zu schelten /dass sie in der Reichs-Folge kein Geschlechte unterscheiden.
Salonine kam hierauff wieder an den Faden ihrer Erzehlung: Artafernes habe den
König Artaxias durch obige und mehr Gründe in seiner Meinung bestärckt / dass er
das Reich auf seine Tochter Erato zu bringen Anstalt machen sollte; iedoch weil
alle Neuerung verdächtig wäre / und einige ehrsüchtige Untertanen ihre
Herrschaft zu unterbrechen sich erkühnen dörften / sollte er den Schiffbruch
seines Sohnes verdrücken / und das Fräulein Erato an des Verstorbenen Stelle
aufferziehen. Artaxias lies ihm diesen Anschlag belieben / von welchem niemand
als der König Artafernes / und ich als Hoffmeisterin des Königlichen
Frauenzimers wusste. Also glaubete ganz Armenien und Persien / dass Erato todt /
und Artaxias lebendig wäre. Die Lebhaftigkeit / und die ansehnliche Gestalt
dieses Fräuleins halff diese Blendung nicht wenig verhüllen. Artaxias gab ihr
den aus der Stadt Susiana am roten Meer bürtigen Dionysius Periegetes / welchen
Käyser Augustus / um sich der Morgenländer Beschaffenheit zu erkundigen / mit
Fleiss in Armenien zu wohnen befehlichet hatte / zum Lehrmeister. Denn es
verstand Artaxias wohl: dass alle Schönheit ohne Auffputzung unvollkommen / und
alle Vollkommenheit ohne Beihülffe rauh sei / ja das Gold selbst müsse gefärbt /
die Diamanten geschliffen werden. Dahero eine kluge Erziehung das Böse
verbessere / dem Guten seine noch ermangelnde Helffte der Vollkommenheit
beisetze. Also unterwiess Dionysius sie nicht alleine in allerhand Sprachen / und
der Platonischen Weltweissheit; sondern sie ward auch in allen Ritterspielen
auffs fleissigste ausgemustert; also dass an ihr keine Eigenschaft ihres
Geschlechtes zu sehen war / als die Schamhaftigkeit und Anmut. In dieser Lehre
blieb Erato biss ins zwölffte Jahr / und Artaxias in ruhigem Besitz beider
Königreiche. Denn nach dem Augustus den Antonius bei Actium überwunden hatte /
war er mit Behauptung Egyptens / und mit Demütigung der Dacier / Mysier und
Bastarnen beschäfftigt / welche mit Hülffe des Getischen Königs Rotes geschlagen
/ ja der Bastarnen König Deldo selbständig von des Crassus jüngstem Sohne
getödtet ward. Dieser kriegte auch mit den Meden und Serden / und dem Getischen
Könige Dapyr und Zyraxes zu schaffen / allwo er das Gebürge Ceira und die
Haupt-Festung Genucla nebst denen dem Cajus Antonius vorhin abgenommenen Fahnen
wieder eroberte. So hat auch Augustus mit Einrichtung seines einhäuptigen Reichs
/ und mit Besetzung der Aemter genung zu tun. Uberdiss dräuten die Britannier in
Gallien einzufallen / die Cantabrer und Asturier wurden auffrührisch; also dass
Augustus wider jene in Gallien /wider diese nach Tarracon ziehen / und nachdem
sein Feldhäuptmann Elius Largus wider den König des glückseligen Arabiens Sabos
einen unglückseligen Zug getan / und in der Wassermangelnden Sandwüsten für
Hitze und Durst sein ganzes Heer verschmachtet war / daselbst die Grentzen
besetzen musste. Zu geschweigen seiner vielfältigen Haus-Bekümmernisse / welche
ihn an alle Ecken des so grossen Reichs die Römischen Heerspitzen zusenden /und
den bei ihm in schlechter Gewogenhiet stehenden Artaxias mit Kriegs-Macht zu
überziehen hinderte; also gegen ihm seine Unhold nicht anders auslassen konnte /
als dass er ihm seine vom Antonius aus Armenien gefangen mit weggeführte Brüder
frei zu lassen weigerte; da er doch den Meden die dem jungen Alexander verlobte
Jotapen willig abfolgen liess. Wie aber das Glücke entweder müde wild einen lange
mit unverwendetem Auge anzuschauen / oder ihm verkleinerlich hält / dass es
allezeit mit einerlei Winde in ein Segel blasen müsse; also konnte auch der
Wohlstand des Königs Artaxias weder für sich selbst unveränderlich bleiben /
noch seine Klugheit das sich stets umwältzende Rad des Verhängnisses hemmen.
Sehet aber / wie das Wetter / so von weitem her über Armenien auffzog! Der
Comagenische König Antiochus hatte seinen Blutsverwandten Alexander / der mit
einem Teile des ihm anvertrauten Kriegsvolcks zu den Römern übergegangen / und
dabei dem mit dem Antonius getroffenen Frieden ihm ausgelieffert worden war /
auff offentlicher Schaubühne andern Aufrührern zum Abscheu hinrichten lassen.
Dieses hielt Augustus für einen Schimpff des Römischen Volcks /welches zeiter
allen fremden Aufwieglern Tür und Tor aufgesperret / und durch selbte mehr als
durch eigene Kräffte in dem trüben Wasser der unruhigen Länder gefischt hatte.
Dahero trug er ihm solche Tat welche künftig Meineidigen die Lust nach Rom
ziemlich versaltzen dörfte / zu rächen lange nach / biss er bei sich ereignenden
Zwytracht zwischen ihm und seinen Bruder dem blinden Könige der Denteleter
/Sitas / Gelegenheit solche auszuüben erlangte. Wiewol insgemein dafür gehalten
ward: dass des Sitas Gemahlin Arimante / mit welcher Augustus die hernach mit
seiner Tochter Julia sich als eine Freigelassene auff haltende / und bei ihrem
ausbrechenden Ehebruche mit dem Julius Antonius sich erhenckende Phorbe durch
Ehebruch erzeugt hatte / den Käyser wider den Antiochus verhetzt hätte. Diese
Herrschsüchtige Arimante meinte / nachdem sie dem Käyser in dem Schoss sässe /
er ihrem Ehemanne auch schon Hülffe wider den Antiochus versprochen hatte / es
trüge ihr mehr keine Busse alle Laster auszuüben. Daher schickte Sitas / oder
vielmehr sie unter dem Scheine die brüderliche Uneinigkeit gütlich beizulegen
einen Gesandten zum Antiochus / der von dar vollends nach Rom ziehen / uñ den
Verlauff der Sachen berichten sollte. Im Werck aber kundschafte dieser des
Antiochus Verfassung aus / und trachtete nicht allein seine Diener zu bestechen
/ sondern ihm auch gar Gift beizubringen. Diese Verräterei aber ward offenbar
/und Antiochus liess seines Bruders Gesandten aus Creutz schlagen. Augustus nam
diese gerechte Straffe für eine Verletzung des Völcker-Rechts und des Römischen
Volcks / zu welchem der Gekreuztigte gehen sollte / auff / und foderte den
Antiochus nach Rom /dafür Red und Antwort zu geben. Artaxias / dessen Schwester
Antiochus hatte / widerriet ihm zu erscheinen / aber er verliess sich auff seine
gerechte Sache. So bald er aber nach Rom kam / ward er für den Rat gestellet /
und gegen ihm auffgemutzet / wie nicht allein alle Völcker / sondern auch die
Götter das den Botschaftern zugefügte Unrecht mit Feuer und Schwerdt gerochen
hätten. Als König Psamenitus in Egypten des Königs Cambyses Herold niedersebeln
lassen / hätten ihn und sein Königreich die Götter in Cambysens Hände gegeben /
welcher des Psammenitus Sohne und zwei tausend Memphitischen Knaben Knöbel an
den Mund legen / sie zur Schlachtbanck schleppen / und dem Geiste des Herolds
auffopffern lassen. Also hätten sie auch den Ariovist gestrafft /weil er des
Julius Cäsars Gesandten Valerius Procillus in Ketten geschlossen und verbrennen
wollen. Als die Atenienser des Darius Botschaft / ungeachtet sie ihnen Erde
und Wasser ansprachen / in ein tieffes Loch steckten / wären sie fast alles
ihrigen entsetzt; und als sie des Königs Philippus todtes Bild (Gesandten aber
wären lebendige Bilder ihrer Fürsten) mit Harn begossen / wäre ihre Stadt mit
Asche / Blut und Saltz besprenget worden. Insonderheit wäre es bei den Römern
ein löbliches Herkommen / solche Schmach mit des Verbrechers Untergange
abzutilgen. Als die Tarentiner den Römischen Botschafter Lucius Postumius
verlachet und besudelt / hätte Tarent hernach bitterlich weinen und den wenigen
Kot mit grossen Strömen Bluts abwaschen müssen. Die ganze Stadt Fidena sei
deswegen eingeäschert worden. Sie selbst hätten ihre eigene Bürger ihren Feinden
zur Straffe ausfolgen lassen / die sich an ihren Gesandten vergriffen / als den
L. Minutius und L. Mannlius den Cartaginensern / den Qvintus Fabius / und Cneus
Apronius der Stadt Apollonia. Antiochus schützte hingegen für / der gekreuztigte
Gesandte wäre kein Römischer / sondern seines Brudern / ja nicht ein Gesandter /
sondern ein Auffwiegler und Meuchel Mörder gewest. Zu dessen Beweis er
unterschiedene Zeugnisse und Uhrkunden fürlegte. Die Unversehrligkeit einer
Botschaft währete nicht länger / als ihre Unschuld. Alle Freiheiten würden
durch Missbrauch verspielet. Weil nun das heilige Amt eines Gesandten kein
Deckmantel unstrafbarer Bosheit sein sollte /hätte er zu Beschirmung seiner
Hoheit / und zur Sicherheit seiner selbst billich Urtel und Recht über ihn
ergehen lassen. Hätten doch die Römer den Tarentinischen Gesandten Phileas /
welcher nur durch Bestechung der Auffseher zwei Tarentinische Geissel von Rom
wegspielen wollen / mit Ruten gestrichen /und vom Tarpejischen Felsen
gestürtzet. Für wenigen Jahren hätte der Schutzherr Hiberniens des Königlichen
Gesandten aus den glückseligen Eylanden Bruder wegen eines gemeinen Todschlages
entaupten lassen. Warum sollte ein König nun nicht den / der ihm nach Reich und
Leben strebt / den Gesetzen und dem Richterstuhl unterwerffen? Allein ihm ward
begegnet: Das Unrecht eines Gesandten ginge auch den an / zu dem er geschickt
würde. Als die Antiater die nach Rom von Sicilien abgefertigte Botschaft
eingekerckert hätten / wären die Römer am ersten wider sie zu Felde gezogen.
Hätte ein Gesandter was verwürcket / stünde das Erkenntnis seinem Herrn zu / dem
er zu Bestraffung abgefolgt werden müste. Als der grosse Alexander Tyrus erobert
/ habe er zwar zweitausend Bürger gekreuztiget / denen Cartaginensischen
Gesandten aber kein Haar krümmen lassen / ob sie schon wider ihn geschickt waren
/ und die Stadt gegen ihn zur Hartnäckigkeit verhetzt hatten. Als Rom den
Phileas gestrafft / wäre Tarent schon den Römern untertänig gewest. Antiochus
zog endlich unterschiedene Schreiben der Königin Arimante heraus / daraus er
bescheinigte / dass sie und König Sitas an ihres Gesandten Lastern Teil und
Wohlgefallen / als er sich von den Mitschuldigen keiner Gerechtigkeit zu
versehen gehabt hätte. Dessen aber allem ungeachtet /sprach der Rat ihm auff
dess in die Arimante verliebten Augustus Befehl den Kopff ab / welch grausames
Urtel auch an ihm unerhörter Weise vollzogen ward. Alleine dieser Streich
zielete noch auff einen grössern Kopff / nämlich den Artaxias / gegen den sich
nun mehr durch Hinrichtung seines Schwagers des Augustus Hass so vielmehr
vergrösserte / nach dem es des menschlichen Geschlechts Eigenschaft ist / den
zu hassen / den wir verletzt haben. Gleichwol aber hielt den Augustus die Macht
und Tapfferkeit des Artaxias / und das Bündnis mit den Parten zurücke / sich
gegen ihn öffentlich Feind zu erklären /ungeachtet er hörte / dass des Artaxias
Schwester mit dem von Rom überkommenen blutigen Kopffe ihres Gemahls zum
Artaxias gezogen war / und ihn um Schirm und Rache mit beweglichen Tränen
anflehete. Diesemnach sah er nach durch List ihm ein Bein unterschlagen / und
befand des Ariaxias eigenen Bruder Artabazes / der nebst dem Tigranes vom
Antonius aus Armenien gefangen weggeführet / und zu Bedienung dem Tiberius
zugeeignet war / zu einem tauglichen Werckzeuge. Denn er war ein Mensch von
Natur zu allen Lastern geneigt / und die Gemeinschaft mit dem Tiberius hatte
ihm diese Lehre fest eingepräget /dass des Herrschens wegen nicht nur alle Rechte
verletzt / das Gewissen an Nagel gehenckt / sondern auch das Geblüte in Galle
verwandelt werden müste. Dieser ward zu einem schönen Vorwand / dass der Käyser
nur dem Verbrechen des Antiochus nicht seinem Geschlechte gram sei / König in
Comagene erkläret /und / die Warheit zu sagen / Artaxias hierdurch nicht alleine
besänftiget / sondern auch sicher gemacht. Artabazes erschien selbst nach
Artaxata / strich seiner brüderlichen Liebe und des Käysers Zuneigung eine
schöne Farbe an / ersuchte ihn auch ihm behülfflich zu sein / dass der Partische
König Tiridates ihm seine andere Tochter vermählen möchte. Artaxias half ihm
nicht alleine zu dieser ansehnlichen Heirat /sondern er hätte ihm gerne die
Sonne zugeeignet /wenn diss so wohl in seiner Gewalt gestanden / als ihn
brüderlich zu lieben. Ist aber wohl ein schwärtzerer Undanck / ein
abscheulicherer Meuchelmord iemals gehöret worden! Artaxias hielt Artabazen mit
seiner neuen Gemahlin Antigone durch ganz Armenien königlich aus / und
begleitete ihn biss an die Comagenische Gräntze. Als sie nun das letzte mahl gut
dem ersten Comagenischen Schloss nicht weit von Samosela Taffel hielten /
Artaxias auch seine meisten Leute über dem Flusse Phrat gelassen hatte / die
übrigen aber mit Fleiss durch den Wein eingeschläfft waren /auch sich diesem
fürsichtigen Könige Gift beizubringen nicht schicken wollte / stiess der
unmenschliche Artabazes unversehens einen gifftigen Dolch in des Artaxias Hertze
/ und besudelte sich und seine Braut mit dem brüderlichen Blute / und eines
solchen Fürstens / dessen Gedächtnis die Tugend unsterblich erhalten wird / wo
sie anders nicht besorget / dass mit ihm auch des keines Namens und
Andenckenswürdige Artabazes dörfte gedacht werden. Die Königin Erato konnte sich
nicht entalten / dass die Wehmut die Tränen Strom-weise aus ihren Augen
preste; Tusnelde aber umb sie von so schmertzhafter Erinnerung auf was anders
zu bringen / warf ein: Sie hielte zwei Dinge für ungerechte Schickungen des
Glückes; eines wäre dass / nachdem der Nachruhm der schönste Preis der Tugend sei
/ der tapffersten Helden Gedächtnis oft gar vergessen / oder doch gar
ungeschickt aufgemerckt würde. Der unvergleichliche Scipio sei nur von der
groben Feder des Ennius gerühmet / die alten deutschen Heldentaten aber von
niemanden aufgeschrieben worden. Das andere bestehe darinnen: dass / nachdem die
Vergessenheit / welche alles in den Staub des unsichtbaren Nichts vergräbet /
die gröste Rache wider die Laster ist / dennoch der Name und das Tun vieler
boshaften Menschen / welche der Geburt nie wert gewest / unvergessen bleibt /
und also die Bosheit nichts minder als die Tugend die Gewalt iemanden zu
verewigen haben soll. Die Ephesier meinten durch ihr Verbot den Namen des ihren
Dianischen Tempel anzündenden Mordbrenners / weil er dardurch ihm die
Unsterbligkeit zu erwerben für gehabt / der Nachwelt aus Ohren und Augen zu
reissen; Gleichwol hat der beredte Teopompus mehr ihm als den Nachkommen zu
Liebe aufgezeichnet / dass es Herostratus gewesen sei. Pausanias erstach den
grossen König Philipp / und sein Mord ist nach dem Einraten Hermocratens nicht
weniger / als des Ermordeten Siege / bekandt. Ja seine Gemahlin Olympias dorfte
diesem ans Creutz geschlagenen Meuchelmörder noch wohl einen Lorber-Krantz
aufsetzen / und Lebenslang bei seinem ehrlichen Grabe ein prächtiges
Jahr-Gedächtnis halten lassen. Es ist nicht ohne /antwortete die sich wieder
erholende Erato / dass viel tugendhafte Gemüter einer gelehrtern oder
aufachtsamern Welt würdig gewest sind / als in welcher sie gelebet / da entweder
der Mangel der Geschichtschreiber / oder der Undanck der Lebenden / welchen
meist nur die verfaulten Knochen der verstorbenen wolrüchen / ihrer vergessen.
Gleichwol aber träget das Verhängnis für die Tugend so grosse Sorge / dass der
Nachruhm derselben / derer Fleisch in unbekanten Gräbern stincket oder vermodert
ist / sich noch als eine kräfftige Salbe in die ganze Welt zerteilt / und dass
die / von welchen bei ihren Lebzeiten kaum ihr Nachbar was gewüst / tausend Jahr
hernach in der ganzen Welt berühmt sind. Worbei ich mich der Reimen erinnere /
die in dem Delfischen Tempel unter dem Bilde des seine Kinder fressenden / und
dardurch die Zeit fürbildenden Saturnus eingeetzt sind; Worauf Faunus / der
daselbst für Zeiten im Nähmen des Saturnus der Helden Glücksfälle geweissagt
haben soll /mit dem Finger zeigte:
Den Menschen ist zwar iede Morgenröte
Ein Sterbelicht; die Sonn' ein Todt-Comete;
Denn ieder Augenblick eilt mit ihm in das Grab /
Als wie die Ström' ins Meer' und Pfeile zu dem Zwecke.
Allein / wie nichts verdirbt / das nicht was neues hecke;
So seil'n sich zwar die Stunden ab;
Doch wird ein Tag daraus. Der Monat wird zum Jahre /
Wenn er zwölf mahl sich leget auf die Bahre.
Und so ist der Verlust ein Wachstum selbst der Zeit.
Wenn auch nun gleich sich Tugend äschert ein /
So scheint doch ihre Grufft ein Fenix-Nest zu sein.
Denn's Lebens-Todt gebier't des Nachruhms Ewigkeit.
    Hingegen kann man freilich wohl durch keine gegenwärtige Käpfer-Gewalt weder
des bösen noch guten Gedächtnis vertilgen. Wiewohl sich nun die nach solchem
Andencken strebende Bosheit mit ihrer eigenen Schande / wie der Geier an
stinckenden Aessern sättigt; so ist doch diss eine mehr als gifftige Nahrung
/welche macht / dass man für beiden Grauen und Abscheu hat. Daher haben die
Lasterhaften sich so sehr für der Feder eines Geschichtschreibers / als die
hässlichen für dem Pinsel des Mahlers zu fürchten. Salonine setzte bei: Aber noch
vielmehr für dem unaufhörlich nagenden Wurme des Gewissens und der göttlichen
Rache. Jenes führet wider den Schuldigen täglich tausend Zeugen / es stellet ihm
für einen Richter /der ihn alle Augenblicke zu Schwerd / Pfal und Schweffel
verdammet; es über gibt ihn einem Hencker / der ihn stündlich mit Ruten
streicht. Weder Leibwache / noch Festungen können ihn hierwider schützen. Denn
weil wir von Natur für Lastern eine Abscheu haben / ist das Zittern der
boshaften Eigenschaft / die Furcht bleibt auch in der grösten Sicherheit nicht
aussen / und sie glauben weder ihren selbst eigenen Schadloss-Bürgen / noch denen
/ die durch heuchlerische Lobsprüche dem Laster eine schöne Farbe anstreichen.
Der Schlaff kann sie nicht beruhigen / das Schrecken schleichet mit dem Schatten
ihrer Träume in ihre innerste Gemächer; so oft man von frembden Verbrechen redet
/ so oft verurteilt sie das ihrige. Diese Angst bleibt niemahls aussen / wo
gleich die Rache der Götter verweilet. Jedoch folget diese doch endlich / und
wenn sie mit einem langsamen Blei-Fusse einen Ubeltäter einholet / so tritt sie
ihm desto schwerer auf den Hals. Beides erfuhr der Bruder-Mörder Artabazes /
welchen von der Zeit so grausamer Tat niemand mehr lachen gesehen. Er wollte
selbte zwar verdrücken / und dass Artaxias durch einen Zufall umkommen wäre / die
Armenier bereden; alleine die Ubeltäter haben meist ihr eignes Antlitz / oder
wohl gar die stummen Spinnen zum Verräter / in dem die Mörder in ihren Geweben
wohl mehrmals ihre Ubeltaten zu lesen vermeinen / und einen Fischkopf für das
Haupt eines unschuldigen Todten ansehen. Ja Artabazens eigene Ratgeber
behertzigten allererst nach vollbrachter Tat die Grösse des Lasters / und nach
dem der nur / den sie hasten /erblichen war / verwandelte sich ihre vorige
Missgunst in Mitleiden / und welche vorhin zu solcher Entschlüssung ein Auge
zugedrückt / zohen den Kopf aus der Schlinge / und verrieten das abscheuliche
Beginnen ihres Fürsten. Wie nun Artabazes seinen Mord entdeckt sah / musste er
seinem offenbaren Laster mit Kühnheit zu hülffe kommen. Dahero ruffte er den
Tiberius zu Hülffe / welcher alsofort mit sechs Römischen Legionen in Armenien
einbrach. Die Reichsstände gerieten bei solcher Bestürtz- und Entfallung ihres
Hauptes / wie auch in Mangel eines erwachsenen Nachfolgers in höchste
Verwirrung; Einer wollte mit seinem Ratschlage dar / der andere dort hinaus /und
also hinderten auch die / welche es gleich mit dem Vaterlande und des Artaxias
Erben gut meinten /einander. Die Meden fielen ab / und setzten den Ariobarzanes
auf den Tron / welcher durch Gesandschaft und Geschencke den damals in Asien
sich befindenden Tiberius auf seine Seite brachte / und vom Käyser die
Bestätigung seiner Herrschaft erlangte. So verlautete auch / dass Augustus
persönlich mit grosser Macht in Asien kommen würde. Artafernes mein Ehmann
brachte es gleichwol in der Eile so weit / dass Erato unter dem Namen des andern
Artaxias zu Artaxata gekrönet ward / und Astyages mit einem fliegenden Heere dem
Artabazes entgegen zog. Er selbst nahm aufs schleunigste seinen Weg in Parten /
um bei solchem Notstande vom Könige Tiridates Hülffe zu bitten. Aber / O der
ohnmächtigen Kräffte / welche sich auff frembde Achseln lehnen! Denn / sehet
/gleich als Artabazes in Armenien gedrungen / war der grimmige von den Parten
vertriebene Phraates mit zwei mahl hundert tausend Scyten / welche er nach hin
und wieder vergebens gesuchter Hülffe durch grosse Vertröstungen gewonnen hatte
/ in Parten eingefallen / und hatte teils von denen / welche die öftere
Veränderung der Fürsten für den Wolstand des Reichs halten / oder bei dessen
Verwirrung sich höher ans Bret zu bringen vermeinen / einen grossen Zulauff
erlanget. Tiridates raffte zwar in der Eil ein ziemliches Heer zusammen / und /
weil die Geschwindigkeit in Bürgerlichen Kriegen das meiste tut /wollte er
seinem Feinde bei zeiten begegnen. Artafernes kam mit etlichen hundert
Armenischen Edelleuten gleich darzu / als Phraates und Tiridates im hitzigsten
Treffen waren / und fand diesen mit Staub und Blut derogestalt besprützet / dass
er ihm kaum mehr kenntlich war. Gleichwol hielt er es nicht für ratsam / bei so
gefährlichem Zustande den Tiridates durch Eröffnung der schlechten
Beschaffenheit in Armenien kleinmütig zu machen / sondern er vermengte vielmehr
seine Waffen gleichfalls mit dem Feinde / und wie klein gleich diese Hülffe war
/ so machte es doch den Phraates stutzig / als er Armenier wider sich fechten
sah. Meine endlich überwog die Menge der Scyten die Tapfferkeit des Tiridates
/ und er musste sich mit seinem Volcke / so gut er konnte / nach eines ganzen
Tages ritterlichem Gefechte zurück ziehen. Das Schrecken etlicher Flüchtigen
brachte den Ruff in das ganze Königreich / Tiridates wäre mit seinem ganzen
Heere erschlagen / und hiermit auch die Furcht unter die dem Tiridates sonst
getreue Untertanen /also / dass eine unzehlbare Menge dem Phraates zufiel /
entweder / weil dem Sieger ieder geneigt ist / oder weil sie durch zeitliche
Unterwerfung seine bekandte Grausamkeit besänftigen wollten / welche er jetzt /
nach Art der neuen Herrscher / mit angenommener Leutseligkeit verhüllte / und
als eine ertichtete Tugend so viel mehr gefürchtet ward. Als nun Tiridates sein
Läger alle Tage abnehmen / Phraatens Macht aber wachsen sah; Massen denn unter
einem neuen Herrn der Gehorsam seine Dienste sehr eifrig abstattet / entschloss
er sich auf Artafernens Einraten dem Phraates lieber das Reich zu räumen / als
noch so viel edlen Blutes ohne Hoffnung des Sieges auf die Fleischbanck zu
opffern. Daher befahl er / dass gegen Mitternacht sein übriges Heer in
Bereitschaft sein sollte /und nachdem er dieses auf einen geheimen Anschlag
angesehen zu sein vermeinte / trug er ihnen ganz unvermutet für: Nachdem die
Götter ihm das Reich nicht länger gönneten / welches er durch einmütige Stime
der Parten überkommen / wollte er dem Verhängnisse aus dem Wege gehen / und
dieses mit gutem Willen abtreten / was ihm doch das Glücke aus den Händen winden
würde. Dahero erliesse er sie ihrer Pflicht / und des ihm getanen Eydes. Jeder
sollte nach seinem Belieben sich bei dem Phraates aussohnen / oder sonst sein
Heil versuchen. Er wäre nun auch aus dem Sprunge dahin zu folgen / wohin ihn
sein Stern oder Unstern leiten würde. Auf allem Fall würden sie und sein
Gewissen ihm zeugen / dass er sein Schwerd in kein unschuldiges Blut der Parten
getaucht habe. Die Fürstin Ismene fing hierüber laut an zu ruffen: Hilf Himmel!
aus was für Blödsinnigkeit hat der so berühmte Tiridates / ehe er völlig
überwunden worden / seine so getreue Untertanen diesem Wüterich auff die
Schlachtbanck liefern / sich selbst aber der Herrschaft enteusern können? Einem
Könige tut es ja nicht so weh sterben / als seiner Hoheit entsetzt werden. Denn
jenes ist nur eine Empfindung eines Augenblicks / dieses aber ein unaufhörlicher
Todt / und das überbliebene Atemholen ein stetes Seufzen. Salonine antwortete:
Eben dieser Meinung wären die getreuen Parten gewest. Denn dem Kriegsvolcke
giengen über dieser seltzamen Entschlüssung die Augen über / die Obersten
umarmten seine Knie / reichten ihm die Hände / weisten ihre Narben und baten: Er
möchte doch das so getreue Heer / die so wohl verdienten und der Wunden gewohnte
Parten nicht verlassen / und in des Wüterichs Hände ungerochen fallenlassen. Es
sei besser widrigen Zufällen begegnen / als ausweichen. Tapffere Leute müsten
mehr Hoffnung schöpffen / als das Unglücke dräuen könnte / und die Furchtsamen
eilten nur zu kleinmütiger Verzweiffelung. Sie wären entschlossen mit einem so
frommen Fürsten zu leben und zu sterben. Alleine Tiridates hatte als ein kluger
Fürst schon seine übrige / und des Phraates Kräfften gegen einander auf die Wage
gelegt / und daraus die Unmöglichkeit seinem Feinde fruchtbar die Stirne zu
bieten erkennet. Die Chimeren der Herrschens-Begierde streichen zwar leicht auch
der Unmögligkeit eine Farbe an / und die Anbeter des blinden Glückes verleiten
die Fürsten leicht zu tollkühnen Entschlüssungen; aber ein kluger Fürst hält es
für keine Schande dem Blitze des Himmels auszuweichen / und der Gelegenheit zu
erwarten sich wieder in Stand zu setzen und in Bügel zu heben / insonderheit
aber in einer verzweiffelten Sache das Bürger-Blut zu sparen. Phraatens
Grausamkeit hätte die Zeit mit dem Schimmel der Vergessenheit überzogen / und
die lüsterne Liebe der Neuigkeit das Volck mit Phraaten verbunden. Weil nun aber
ein Wüterich so wenig als ein Tiegertier nicht von seiner wilden Art lassen /
ja sein mit Blut erworbenes Reich ohne Mord nicht behaupten kann / der
veränderliche Pöfel aber / als ein Cameleon unter den Menschen / und ein Tier /
das den Wirbel des Unbestandes zu seinem Angelsterne braucht / so geschwinde
hasset / als liebt; meinte Tiridates / es würde Phraates bald erkennet werden
/und also seine Herrschaft so wenig als die Zuneigung der Parten keinen
Bestand haben / und er also mit mehr Ruhm / und wenigerm Blute den Königlichen
Stul wieder besteigen können. Diesemnach er denn seinen Getreuen zur Antwort
gab: Er nehme ihre grossmütige Erklärung zu Danck auf / und da noch einige
Hoffnung dem Vaterlande zu helffen übrig wäre / würde er mit Freuden sich für
selbtes aufopffern. Alleine er hätte es nun schon mit dem Glücke versucht / und
das Verhängnis kennen lernen. Möchte er auch gleich durch ihre Tugend Kron und
Zepter behaupten können / so würde diese Eitelkeit doch durch so viel edles Blut
allzu teuer gekaufft sein. Es sei besser sie dem Vaterlande zum besten erhalten
/ als es ihm rühmlich wäre für seine Bürde iemanden zu verderben. Sie hätten
Ehre genung davon / dass ihre Treue alles mit ihm auszustehen wäre willens
gewest. Dahero sollten sie nicht länger ihrer Wolfart und seiner Beständigkeit
am Wege stehen. Traute aber ein und ander nicht beim Phraates Gnade zu finden /
so wäre er nicht darwider / dass derselbe ihm nachfolgte /und an seinem Glücke
Teil hätte. Hiermit gab er und Artafernes dem Pferde die Sporne / und ritt aus
dem Läger fort / welchem das Kriegsvolck ganz verstummet / und als wenn es vom
Wetter gerühret wäre / bestürtzt nachsah. Gleichwohl aber folgten ihm über
tausend Pferde von dem fürnehmsten Adel / welche zu Verstossung Phraatens am
meisten geholffen hatten /und daher lieber ihre Güter / als Köpffe im Stiche
lassen wollten. Mit anbrechendem Tage traffen sie auf ein Geschwader Scyten /
welche sie alsofort umringten /und von ihren Gefangenen vernahmen / dass hinter
ihnen zwei tausend Phraatische Völcker mit vielen beladenen Camelen im Anzuge
wären / welche Phraatens jüngsten Sohn Tiridates wegen zugestossener
Unpässlichkeit in eine sich unferne von dar ergebene Festung bringen sollten. König
Tiridates wollte diese Gelegenheit sich noch zu guter letzte zu rächen nicht aus
den Händen lassen; Gab daher seinem gewesenen Feldherrn Artaban das dritte Teil
seiner Gefehrten darmit den Scyten zu begegnen / mit dem Befehl / er sollte
alsofort Fuss für Fuss zurücke weichen /er selbst aber setzte sich mit einem
Drittel hinter einen Sandhügel / und Artafernes war befehlicht dem Feinde durch
einen Umschweif in den Rücken zu kommen / und / wo möglich / den jungen
Tiridates nicht entwischen zu lassen. Der Anschlag lief nach Wuntsch ab; die
Scyten gingen auf des Artabans geringen Hauffen / so bald sie dessen ansichtig
waren /halb blind los / wurden auch des Königs Tiridates bei ihrer
unvorsichtigen Verfolgung nicht ehe gewahr / als biss Artaban festen Fuss setzte /
und Artafernes hinter dem Sandhügel herfür ihnen in die Seite fiel. Hiermit
wurden sie in einer viertel Stunde zertrennet /und / weil es ihnen meist um den
bei den Kamelen sich befindenden Sohn des Phraates zu tun war /kehrten sie den
Parten den Rücken / setzten den jungen Tiridates geschwind auff ein Pferd / in
Meinung mit ihm alleine durchzugehen / und ihrem Feinde die übrige Beute im
Stiche / und zu seiner Verweilung zu hinterlassen. Aber Artafernes kam ihnen
schnurstracks entgegen / und derogestalt rennten sie meist einander selbst zu
Boden / also / dass die Parten nicht so wohl zu fechten / als nur zu würgen
hatten. Den jungen Tiridates konnte Artafernes mit genauer Not erretten / dass er
nicht von seiner eigenen Reuterei ertreten ward. Nach dieser letzten Rache und
fetten Beute nahmen sie ihren Weg gerade nach Armenien zu; auf der Gräntze aber
wurden sie von dieser betrübten Zeitung erschrecket / dass Astyages mit seinem
Heere von den Römern erlegt / Artaxata durch Verräterei erobert / die
verwittibte Königin Olympia gefangen / Artabazes gekrönet / Mitridates hingegen
ein Sohn des meineidigen Alexanders / welchem der zu Rom entauptete König
Antiochus hatte den Kopf abschlagen lassen / in Comagena eingesetzt; Erato /oder
der so genante junge König Artaxias durch mich und etliche getreue Armenier
geflüchtet / und ganz Armenien unter Artabazens Botmässigkeit gebracht worden
wäre. Diesemnach wusste König Tiridates aus dem Stegereiffen / und da ihm
Armenien / Parten und Scyten verschlossen war / keinen andern Schluss zu fassen
/ als gegen Edessa und Antiochien in Syrien abzulencken / bei dem Käyser /
welcher wegen der gegen die Römer verübten Grausamkeit und abgenommener Adler
dem Phraates nicht gut sein konnte /Zuflucht und Schutz zu suchen / auch ihm den
jungen Tiridates einzuantworten. Tiridates ward vom Käyser freundlich
bewillkommet / und ob wohl Phraates beim Augustus um Ausfolgung seines so
genennten Knechtes des Tiridates und seines Sohnes / Tiridates hingegen um
Hülffe wider Phraaten anhielt; so schickte er zwar jenem den Sohn / das übrige
aber schlug er so wohl Tiridaten als Phraaten ab / iedoch liess er den König
Tiridates in Syrien Königlich unterhalten. Nachdem auch Augustus hierauf selbst
in Syrien kam / und Phraates wegen Tiridatens Einfall sorgfältig war / schickte
jener dem Käyser nicht allein die dem Crassus und Antonius abgenommenen Adler
und noch lebenden Gefangene zurücke / sondern auch seine zwei ältester Söhne
Unnones und Phraates zur Geissel; oder vielmehr / weil er mit seinem ganzen
Geschlechte bei den Parten verhast war / zu ihrer eigenen Versicherung. Welches
Augustus für ein so grosses Werck hielt / dass er sieghaft unter einer
Ehrenpforte in Rom seinen Einritt hielt / dem rächenden Jupiter einen Tempel
baute / um die ohne Schwerdstreich weder bekommenen Adler darinnen aufzuhängen.
Ich muss aber zurück in Armenien kehren / und auf den fürgesetzten Zweck kommen.
Als die Post nach Artaxata von des Astyages Niederlage und Artabazens Anzuge kam
/ nahm die Königin Olympia mich / und Ariaraten einen ihrer vertrautesten Räte
allein in ihr Zimmer / stellte uns ihre und ihres Sohnes des jungen Königs
augenscheinliche Gefahr mit heissen und bittern Tränen für / beschwur uns auch
bei unserer Eydes-Pflicht / dass wir in dieser eusersten Not sie nicht Trostloss
lassen / sondern / weil der Wüterich Artabazes nach ermordetem Vater auch dessen
Sohn nicht leben lassen würde / wir selbten / unserm Gutbedüncken nach / wohin
wir wüsten und könten / retten möchten. Sie wäre entschlossen das Haupt des
Reiches Artaxata nicht zu verlassen / sondern so lange sie atemte / ihrem
grimmigen Feinde die Spitze zu bieten. Ariarates und ich mussten die
Entschlüssung dieser wehmütigen Mutter billigen /erboten uns zu aller
möglichsten Aussrichtung ihres Befehls / und wurden nach ein- und anderer
Beratschlagung schlüssig uns mit dem jungen Artaxias in die von dem Königlichen
Sitze des Pontischen Reichs berühmte Stadt Sinope zu flüchten. Ich mag oder kann
nicht aussprechen / mit was für empfindlichem Hertzeleide Olympia und Erato von
einander Abschied nahmen. Die Zunge war nicht mächtig einiges Wort /noch die
Augen einige Tränen auszulassen / gleichsam als wenn beide allzugeringe
Andeutungen ihrer Liebe und Schmertzens wären. Eine so empfindliche Zärtligkeit
hatte die Natur mit der Mutter-Liebe in Olympiens Hertze gepflantzet / welcher
sonst das Unglück mit allen Zähnen und Nägeln ihres Rades keinen Seufzer
abzuzwingen vermocht hätte. Wir zohen also aus Artaxata / und nahm Erato so viel
Schwermut mit sich / als sie ihrer Mutter Olympia zurück liess. Gleichwohl
hielten die Schutz-Götter die Hand über uns / dass wir in geheim aus Artaxata /
und durch allerhand Umwege über die rauhesten Gebürge in Galatien / und zu
Sinope glücklich ankamen. Viel erbärmlicher aber ging es zu Artaxata mit
Olympien her / welcher Tugend das Glücke gegen sie eiversüchtig /die Bosheit
aber unsinnig machte. Als Artabazes mit den Römischen Legionen für Artaxata kam
/ fingen die / auf welche sich die Königin zeiter am meisten gestützt hatte /
an zu wancken / und denen sie am meisten zugetraut / veränderten mit dem Glücke
auch ihre Gesichter und Gemüte. Ja Artabazes war fast ehe mit gezückter Sebel
durch Verräterei im Schloss ihr auf dem Halse / ehe sie des ersten Angriffs
auf die Stadt gewar ward. Dieser / sage ich / trat mit feurigen Augen / mit
blutbegierigen Händen und giftigem Hertzen in ihr Zimmer / in festem Vorsatze
die Königin eigenhändig seiner Mord-Begierde aufzuopffern. Höret aber / was die
Tugend über die Grausamkeit / und die Schönheit auch über die Unmenschen für
eine nachdrückliche Herrschaft führet! So bald Artabazes Olympien erblickte /
welche alle Annehmligkeiten des weiblichen / und alle Tugenden des männlichen
Geschlechts besass / erblaste sein Antlitz / die Sebel sanck ihm auf die Erde /
und sein schäumender Mund wusste nicht / was er sagen sollte. Endlich befahl er
alleine / dass sie die Königin ehrlich verwahren / und / wo Artaxias sich
aufhalte / genau nachforschen sollten. Die scharffsinnige Olympia dachte alsofort
nach / an was für Klippen sich die Zornwellen dieses blutdürstigen Wüterichs
gestossen haben müsten. Alleine sie konnte selbte unschwer im Spiegel ihrer
unvergleichlichen Schönheit / und durchdringenden Anmut / als ihrer vorhin
schon geprüften zwei ärgsten Feinde / finden; welche zwei Amazonen nicht nur auf
die weiche Schwanen / sondern auch auf die Tieger- und Bären-Jagt zu ziehen /ja
den Pantern die Klauen / und den Löwen die Rachen zu hemmen mächtig sind. Die
Bluts-Freundschaft konnte diesen Unmenschen / der mit seines eigenen Bruders
Blute seine Taffel bespritzt hatte / und nach seinem überbliebenen Erben so
scharffe Fragen verordnete / nicht gezähmet haben. Daher konnte sie ihr an den
Fingern ausrechnen / und / als sie diesen Wüterich nur zum andern mal ins
Gesichte kriegte /ihm leicht an der Stirne ansehen / dass er in sie verliebt
worden / als so viel mehr vernünftiger nachsinnen / wie sie dem andräuenden
Sturme seiner Uppigkeit hertzhaft begegnen sollte. Wie nun die Liebe freilich
das übermütige Glücke zu demütigen bemühet / und der Sieger ein Leibeigner
seiner Gefangenen worden war; Also dachte Olympia auf keine Weise wieder
überwunden zu werden. In ihrem schönen Leibe wohnte noch ein grösser Hertze;
Ihre Keuschheit war mit einer so grossen Hertzhaftigkeit ausgerüstet / dass ihr
auch aller Welt Annehmligkeit keine neue Liebe eindrücken / keine höllische
Marter sie den Pfad der Tugend zu verlassen / bewegen konnte / und daher war ihr
fester Schluss / Artabazens vermutetes Liebkosen zu verlachen / und seinen
Dräuungen Hohn zu bieten. Aber die unausleschliche Liebe ihres Artaxias stellete
ihr seinen Geist für Augen / welcher sie mit aufgehobenen Händen und Darzeigung
seiner Wunden um Rache gegen seinem mördrischen Bruder anflehete. Wo aber sollte
die schwache Hindin / die selbst von den Klauen dieses Wolffes zerrissen zu
werden alle Augenblicke besorgen musste / Rache und Kräfften finden? Endlich
zeigte ihr die Liebe einen Weg durch die Liebe. Denn als Artabazes das dritte
mal zu Olympien in das Zimmer kam / wischte er ihr selbst die Tränen von den
Wangen / verkleinerte ihr die bisherigen Trauerfälle mit dem gewöhnlichen
Wechsel des Glückes / und liess sich heraus: Es hätte wohl ehe einer / die in
grössere Finsternis gestürtzt worden / die Sonne geschienen. Wie er nun an
Olympien weniger Ungebehrdung / als ihn die Grösse ihres Elendes besorgen liess /
vermerckte / ward er den vierdten Tag gegen ihr so offenhertzig / dass er / ohne
Verblümung / seine Liebe entdeckte / und wie sie durch ihre Zuneigung die
Staffel ihrer königlichen Würde alsofort wieder betreten könnte / mit höchster
Beteuerung seiner Aufrichtigkeit meisterlich und vermessen fürzubilden wusste.
Sintemal ihm das lachende Glücke ohne diss eingebildet hatte / dass in der
eroberten Stadt Artaxata nichts unüberwindliches / und so gar alle Seelen gegen
ihm entwaffnet wären. Olympie musste bei diesem Angriffe alle Kräfften ihrer
Seele zusammen ziehen / um die in ihrem Hertzen hellodernde Rache und den Zunder
der Tugend verbergen. Denn die annehmlichen Anfechtungen müssen mit keiner
rasenden Ungedult überwunden / noch / wenn man sich des Gefängnisses erledigen
will / der Kercker-Meister ermordet / am wenigsten / um sich des Hals-Eisens los
zu machen /der eigene Kopf abgeschnitten werden. Dahero liess sie sich gegen ihm
heraus: Sie bescheidete sich wohl /dass wenn sie auch Bäume ausrisse / sie ihren
Gemahl nicht lebendig machen könnte; dass unter Fürstlichen Brüdern wohl mehrmal
Zwist und Feindschaft erwachsen / und dass es erträglicher wäre den Sterbekittel
an /als den Königlichen Purpur auszuziehen / aber ihre Niedrigkeit verbiete ihr
wohl ihr ein solches Glücke träumen zu lassen / dass der so mächtige in der Schoss
der Römer und des Glückes sitzende Artabazes / welchem der Käyser seine eigene
Tochter nicht versagen würde / auf eine durch Zeit und Kummer verungestaltete
Gefangene ein Auge werffen / und von der / welche kaum noch lächsete /
Vergnügung hoffen sollte. Der von toller Brunst mehr als blinde Artabazes konnte
diese ihm nie eingebildete Glückseligkeit kaum begreiffen / und krönete seine
Begierden schon mit einem Braut- seine Einbildung mit einem Siegs-Krantze;
meinte auch durch oftere Eydschwüre über seiner Liebe / und durch Lobsprüche
ihrer Vollkommenheit den Stein aller Hindernis aus dem Wege zu räumen. Endlich
schloss er: Weil die Sonne und edelsten Gestirne nicht nur am fähigsten / sondern
auch gleichsam zu einer Verschwendung geneigt wären ihre vermögende Woltaten
über die Welt auszuschütten / könnte er von einer so schönen Olympie sich nichts
anders / als einer vollkommenen Beseligung versehen. Olympia stellte sich / als
wenn sie seinen Beteuerungen völligen Glauben gäbe / begleitete auch selbten
mit ein und anderm annehmlichen Blicke. Wormit aber einige Ubereilung ihr Tun
nicht verdächtig machte / bat sie zu ihrer Erklärung drei Tage Frist / um durch
solchen Aufschub diesen geilen Wollüster so viel blind und brünstiger zu machen.
Denn wie der schwere und unzeitliche Genuss auch die heftigste Liebe laulicht
macht; also wird selbte durch nichts mehr / als durch Verzug und halb
kaltsinnige Bezeugung des Geliebten angezündet. Artabazes musste nach vergebens
gesuchter Abkürtzung dieser Bedenck-Zeit in solche Gedult willigen / ob ihm
schon seine unbändige Begierde iedern Augenblick zu einem Tage machte. Nach
Verfliessung dieser Zeit /und zum Scheine hierüber gehaltener Beratung
unterschiedener Armenischer Fürsten / welche bei Verlust ihrer Köpfe Artabazens
Ansinnen nicht unlöblich und unheilsam schelten dorfften / drückte Olympiens
Vernunft alle Dünste der Traurigkeit unter sich / und ihr Antlitz vermumte sich
in einen ganz freudigen Geist / gab auch Artabazen diese erwünschte Antwort:
Sie müste es für eine Schickung der Götter erkennen / dass sie / welche sonst
geartet wäre einen geringen Kummer zu Bergen zu machen / nicht allein ihre
grosse Unfälle so leicht aus dem Sinne schlagen könnte / sondern auch dessen
Hertze / dem das Verhängnis und Kriegs-Recht die Gewalt des Todes über ihr Leben
verliehen / mit so heisser Liebe gegen sie gerühret würde. Dahero wollte sie
weder der Götter Schickung noch dem Willen Artabazens widerstreben / nach dem
sie zumal durch beständige Vermählung ihre königliche Würde mit besserm Recht
und grösserm Ruhm behielte / als es die Königin Kleofis von dem grossen
Alexander mit ihrer Liebe erworben. Jedoch getröstete sie sich / dass / da Fürst
Artaxias ihr Sohn zu Stande gebracht würde / Artabazes die Heirat nicht mit
seinem Blüte versiegeln / und dadurch ihre aufrichtige Liebe ausleschen /
sondern nebst dem Leben einen zu seinem Fürstlichen Unterhalt auskomentlichen
Landstrich zu verwalten vergönnen würde. Artabazes kam für Freuden ganz auser
ihm selbst. Denn da die heftige Liebe gleichsam die Fächer des Gehirnes mit
einem schwartzen Rauche anzufüllen /die warhaften Bilder der Dinge in den
Sinnen zu verstellen / und die Vernunft in eine gäntzliche Torheit zu
versetzen mächtig ist; so darf Leichtglaubigkeit und übermässige Freude für keine
Chimere der Liebe gehalten werden. Wiewol seine Bosheit hierdurch nicht
entwaffnet ward / noch seine Grausamkeit listigen Anschlägen nachzusinnen
vergass. Deñ / wormit er Olympien so viel mehr ihren Sohn herbei zu bringen
bewegte / er aber durch seine Hinrichtung ihm diesen beschwerliche Dorn aus dem
Fusse ziehen möchte / verschwor er sich den Artaxias als sein Kind zu halten /
ihme die Stadt Carcatiocerta mit der Sophenischen Landschaft einzuräumen / ja /
so viel an ihm läge / zu der Medischen Krone seines Vaters zu verhelffen. Welch
vergüldeter Vogel-Leim unschwer alle / auser eine so nachdenkliche Olympia / zu
fangen fähig zu sein scheinet. Hiermit machte Artabazes alsofort Anstalt zu
einem prächtigen Beilager / verschrieb so wohl hierzu / als zu Ablegung der
Huldigung die Armenischen Reichs-Stände / welche Olympiens Untreu heimlich biss
in die Hölle verfluchten. Die Nacht für dem Tage / da die Vermählung geschehen
sollte / entstand ein erschreckliches Erdbeben /welches etliche Gebäue in
Artaxata über einen Hauffen warff / und / welches nachdencklich / den steinernen
Opfer-Tisch / für welchem die Vermählung geschehen sollte / mitten entzwei
spaltete. Worüber die Gottsfürchtige Olympia ihr anfing ein Gewissen zu machen /
dass sie / wiewohl aus einem guten Absehen / zu Aergernüss der Welt ihren Ehherrn
so liederlich ausser Augen zu setzen sich angeberdete. Zu geschweigen / dass ihr
einkam: Die Götter wollten sie hierdurch für einem unglücklichen Ausschlage ihres
Fürnehmens warnigen. Uberdiss war ihr sehr bedencklich / dass Artabazes die
Vermählung nicht in demselben Teile des Tempels / wo die keusche Anaitis
/nehmlich Diana verehret / und worein für Zeiten Aspasia zu ewiger Keuschheit
verbannet ward / sondern in dem Heiligtum der geilen Anaitis oder Venus
vollziehen wollte. Alleine ihre Vernunft erholete sich alsobald / und ihre
Grossmütigkeit deutete diss Wunder-Zeichen für sich aus; Artabazes hingegen /
weil die Brunst nicht allein das Gemüte zerrüttet sondern auch einen der
äuserlichen Sinnen beraubet / liess es anfangs ausser aller Acht / nach dem aber
die ganze Stadt solches so gar gross machte / und auf allerhand Art den
erzürnten Himmel zu begütigen suchte; sintemal der Pöfel ohne diss alles / was
ihre Unwissenheit nicht begreifft / zu Wundern macht / und furchtsame Gemüter
zum Aberglauben geneigt sind; wollte Artabazes alleine nicht für einen Verächter
der Götter angesehen sein / befahl also aus einer teuffelischen Andacht die 300.
in der Schlacht noch gefangene Armenier hinzurichten / und durch Aufopferung
dieses edlen Blutes den Grim des Himmels von seinem Kopfe abzulehnen. Olympia
hätte über dieser wilden Aussohnung Blut weinen / und für Leid sich in Asche
verscharren mögen; aber sie musste nun mit lachendem Munde / mit spielenden Augen
/ mit freudigem Geiste in Purper voll schütternden Diamanten und brennender
Rubinen in dem Tempel der hochheiligen Anaitis erscheinen / dahin sie auf einem
vergüldeten Siegs-Wagen von vier schneeweissen Pferden geführt ward. Sie fand
den Artabazes schon in der Mitte als einen Gott auf einem prächtigen von
Edelgesteinen bedecktem Trone sitzen / neben welchem ihr nicht geringerer Sitz
bereitet stand. Diese kluge Königin gab einen so ungemeinen Glantz von sich /
dass es schien: Es hätte Kunst und Natur miteinander sie so herrlich
auszuschmücken Gelübde getan. Die Comagener selbst / welche zeiter im Hertzen
des mit der Olympie Schwester Antigone vermählten Artabazens Liebe geunbilligt
hatten / fühlten sich überwiesen / dass ihr Fürst in einem schönen Gefängnisse
verstrickt / und seine Liebes-Kette aller irrdischer Kronen würdig wäre.
Insonderheit grüsste sie Artabazen mit einer so durchdringenden Anmut / dass
nicht einer aus so viel tausend Zuschauern nur mutmassete / dass unter ihren
Sonnen-Straalen so ein schrecklicher Blitz versteckt / diese Freundligkeit nur
angenommen / und so freie Geberdung gezwungen wäre. Der Priester hatte das Feuer
auf dem Altar nur angezündet / und die zwei weissen zum Opfer bestimmten Kühe
waren schon an beide Hörner des Altares angebunden / als siebenmal sieben der
auserlesensten in Himmel-blauen Damass gekleideten Jungfrauen mit glüenden
Rauch-Fässern / darein sie Weirauch und andere wolrüchende Sachen streuten / für
Artabazen / und siebenmal sieben der edlesten in Purper und Gold gekleideten
Knaben / welche in der rechten Hand brennende Wachs-Fackeln / an der Seite
Köcher und Bogen trugen / für Olympien mit tieffster Ehrerbietung zu knien kamen
/ und hierauf sie für den Opfer-Tisch begleiteten. Nach vielen andächtigen
Geberdungen und Besprengungen mit Balsam und wolrüchenden Wässern / reichte der
Priester / oder vielmehr der unheilige Laster-Knecht dem Artabazes ein in der
Spitze glüendes Eisen / mit welchem er / nach selbigen Heiligtums Gewohnheit /
der auf der lincken Seiten des Opfer-Tisches angebundenen / und zum Opfer
bestimmten Kuh durch die Brust fahren musste. Als Artabazes dieses mit grosser
Scheinheiligkeit verrichtet hatte / gab der Priester einen eben so glüenden
Pfriemer Olympien /umb es mit dem andern Opfer-Vieh eben so zu machen. Höret
aber eine seltzame Umbkehrung! Die Liebe ladet den Tod ein zu einem allgemeinen
Freuden- und Königlichen Hochzeit-Feste. Die Tugend wird zu einer Ruhms-würdigen
Betrügerin und Erbarmnis-werten Mörderin / die Verlobten zum blutigen Opfer
ihres sich für der Bestätigung zertrennenden Bindnüsses. Denn es hob Olympie die
Augen gegen dem Bilde der Anaitis empor / sie holete einen tieffen Seufzer / und
ehe es einige Seele der so viel tausend Umbstehenden gewahr ward / stiess sie das
feurige Eisen dem neben ihr knienden Artabazes durch die Brust / dass er ohn
einiges Lebens-Zeichen stein-todt zur Erden sanck / und derogestalt von
derselben Hand das Leben einbüsste / die mit ihren Augen ihn vorher schon seines
Hertzens und der Vernunft beraubet hatte. Ihr Antlitz verlor in einem
Augenblicke die Rosen voriger Annehmligkeit / die Freundligkeit schien numehr
mit den Augen alle Zuschauer zu erstechen; die Blumen / mit welchen sie
bekräntzt war / verblassten mit ihren Wangen / und der ganze Tempel schien mehr
anietzt von einem Donner-Straal / als vorhergehende Nacht vom Erdbeben berühret
zu sein. Ihre Hand reckte das glüende /und von Artabazens anklebendem Blut noch
zischende Eisen als ein Siegs-Zeichen empor / gleich als weñ die Göttin der
Liebe sich mit der Fackel der Megera /und die selbständige Schönheit mit den
Waffen des Todes in ihr ausgerüstet hätte. Denn ihr vor lachender Mund schäumte
Zorn und Galle / brach auch endlich in diese Worte aus: Umbirrender Schatten
meines Artaxias / und ihr Schutz-Götter des durch so viel Blut befleckten
Armeniens / nehmet von meiner schwachen Hand dieses wolrüchende Opfer des
schlimsten Blutunds zu euer Rache / zu des Vaterlands Aussöhnung und meiner
Reinigung an! Ihr Sterblichen aber glaubt / dass ich niemals dieses Wüterichs
Sclavin / wohl aber seine unversöhnliche Tod-Feindin gewest sei /und dass ich /
ob meine Rache gleich das Glücke gehabt seine Scharffrichterin zu sein / dennoch
nimmermehr aufhören werde seinem Geiste eine höllische Unholdin abzugeben.
Hierauf veränderte sie wieder ihre ganze Gestalt / geriet gleichsam durch eine
Göttliche Verzückung in ein Paradis aller Wollüste /und nach dem sie das Bild
der Göttin Anaitis eine Weile mit starrenden Augen angesehen / auch etliche
andächtige Seufzer aus der Tieffe ihres Hertzens geholet hatte / fing sie an:
Heiligste Göttin / was werde ich dir nun wohl für ein Danck-Opfer bringen: dass du
mein der Rache und Liebe bestimmtes Opfer in diesem dir alleine gewiedmetem
Tempel / an dem Fusse deines Altares hast so glückselig abschlachten / und mit
so schwartzem Blute dieses Blutundes dein heiliges Bild besprengen lassen? Sihe
da / nim die weder durch Mord noch Geilheit befleckte Seele der sterbenden
Olympie an / und vereinbare sie mit dem Geiste ihres Artaxias / welche zeiter
so sehnlich nach einander gelächset haben. Hierauf umbarmte sie mit der lincken
Hand das güldene Bild der Anaitis / mit der rechten aber ergrieff sie einen im
Ermel versteckten Dolch / und stach ihn in ihr Hertz / also dass wie ein Strom
das Blut auf die Göttin heraus spritzte / sie aber mit lächelndem Antlitze / und
mit nicht minderer Vergnügung als ein Feldherr / der nach gewonnener Schlacht in
währendem Siegs-Gepränge von seinen Wunden stirbt / als ein Marmel-Bild stehende
den Geist ausbliess. So hertzhaft besiegte diese Heldin die Liebe / die Wollust
/ den Ehrgeitz / und die Furcht des Todes / welches doch die abscheulichsten
Feinde beider Geschlechter sind / zu einem unvergesslichen Merckmale / dass die
Mässigung des Gemütes auf den Notfall so geschickt zu den Waffen / als sonst
friedfertig sei. Allen Zuschauern band das Schrecken die Glieder / das Geblüte
geran in ihren Adern / also dass sie unbeweglicher / als das todte Bild der
Anaitis standen; bald Olympien als ein Muster der ehlichen Treue / bald
Artabazen als ein Beispiel Göttlicher Rache ansahen; alle Sterblichen aber
hernach diesen Ort / der von dem Blitze Göttlichen Zornes gerühret worden / für
zweifach heilig verehrten. Dem Priester fiel das Messer / den Knaben die Fackeln
aus den Händen / und leschten sich in denen zum Opfer bereiteten Kesseln aus /
welche nun nicht mehr alleine mit Milch und Weine / sondern dem heiligen Blute
der keuschen Olympie gefüllt waren. Als sie aber endlich wieder zu sich selbst
kommen / eilte iedweder mit Furcht für grösserm Ubel aus dem Tempel / einige dem
Artabazes wohl wollende waren zwar über Olympien erbittert / sie aber hatte durch
ihren grossmütigen Tod sich dahin geschwungen / wo ihr weder Rache noch Mordlust
einiges Leid mehr antun konnte. Die meisten aber verfluchten Artabazens Untaten
/danckten den gerechten Rach-Göttern für so scheinbare Bestrafung / und hoben
die Helden-Taten Olympiens über alle Tapferkeiten der Vor-Welt. Daher / wie
Artabazes schlecht / und in der Stille beerdiget ward / also baute man Olympien
ein prächtiges Grabmahl aus Marmelstein / setzte ihr Bildnis aus gediegenem
Golde in den Tempel neben die Göttin Anaitis / in dessen Fuss der Priester
nachfolgenden Lob-Spruch setzen liess:
Heb' / Rom / Lucretien biss an das Stern-Geruste!
Weil sie in Ahern-Brunn den kalten Stahl gesteckt /
Nach dem sie vom Tarquin durch Ehbruch ward befleckt.
Hier dringt ein reiner Dolch durch unbefleckte Bruste.
Lucretie liess zu / vorher die schnöden Lüste;
Olympie hat nichts von geiler Brunst geschmeckt.
Die ihren Helden-Arm zu strenger Rach' aussstreckt
Eh' als zum erstenmahl sie Artabazes kusste.
Lucretie verschenkt dem Schånder nur den Tron /
Hier busst der Fursatz ein Lust / Ehre / Leben / Kron.
Die Nachwelt wird gestehn / die beider Bild wird sehen:
Gold / Ertzt und Marmel sei Olympien zu schlecht /
Lucrezen Holtz zu gut / Lucrezen seh nur recht /
Olympien zu viel durch ihren Stich geschehen.
    Die allgemeine Ruh nötigte doch endlich die Armenischen Reichs-Stände auf
ein neues Haupt zu sinnen; und obwol etliche getreue Liebhaber des Vaterlandes
ihr Absehen auf den rechtmässigen Stul-Erben / nämlich den geflüchteten jungen
Artaxias hatte / so waren ihnen doch die Hände von den Römischen Legionen
gebunden / gleichwohl rieten sie solchen selbst dem Kaiser zu ihrem Könige
fürzuschlagen. Es stand aber Vologeses / einer von den Fürsten Armeniens auf /
eröffnete der ganzen Versamlung / dass er /und etliche andere Stände / welchen
Artabazens Bruder-Mord ein Greuel gewest wäre / dem Kaiser seine abscheuliche
Laster geklagt / und weil sie unter einem solchen Unmenschen nicht zu leben
getrauten / umb einen andern König / und zwar den Augustus so viel eher zu
gewinnen / umb den andern Bruder des Artaxias / nämlich den Tigranes gebeten
hätten. Hierauf lass er ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers ab /des Inhalts:
Er habe des Armenischen Volcks Bedrängüsse behertzigt / und an Artabazens
Lastern ein Missfallen / daher sei Tiberius Nero mit noch vier Legionen im Anzuge
/ und befehlicht den Artabazes des Reichs wieder zu entsetzen / und den
verlangte Tigranes auf den Tron zu erheben. Dieser Brief verbot ihnen mehr an
Artaxias zu gedencken / sondern nötigte sie vielmehr / wie sie den Tiberius
bewillkommen möchten / fürzusinnen. Zumal noch selbigen Tag die Post kam: dass
Tiberius und Tigranes schon aus Macedonien über den Fluss Strymon in Tracien
gesetzt / und daselbst bei der Stadt Philippis ein seltzames Ebenteuer
überstanden hätten / in dem sie auf der Wahlstatt / wo der Kaiser und Antonius
mit dem Brutus und Cassius geschlagen / ein erbärmliches Heulen und
Feld-Geschrei gehöret / auch aus dem Altare / welches Antonius in seinem Läger
aufgerichtet /eine helle Flamme hätten gesehen empor klimmen. Nach weniger Zeit
kamen sie beide mit grosser / wiewohl nach Artabazens Tode / und da nirgends
kein Feind war / mit vergeblicher Macht an / und setzte Tiberius dem Tigranes
selbst die Krone auf; ja / wormit er sein Haus so vielmehr bei dem Reiche
befestigte /nahm er seinen Sohn Artavasdes zum Reichs-Geferten an / und weil
seine Tochter Laodice von grossem Verstande / aber Herrschenssüchtigem Geiste
war / vermählte er diese beide Kinder / welche er mit Mallien einer Baase der
schönen Terentia gezeugt hatte. Diese Mallia war im Verdacht / dass Augustus mit
ihr zugehalten / Tigranes aber sie aus blossen Staats-Ursachen geheiratet
hatte. Es war aber nach des Tiberius Rückkehr / welcher von seinem Zuge gross
Wesen machte / auch deswegen zu Rom absondere Opfer hielt / Tigranes wenige Zeit
in Armenien: da die Armenier / welche mehr gewohnt waren Könige von Rom zu
bitten / als zu behalten / ihm und seinem ganzen Hause / als Frembdlingen
abgeneigt / und endlich als Wollüstigen / feind zu werden anfingen. Es missfiel
ihnen am Könige / dass er ieden alsbald für sich liess / und sich mit den
niedrigern zu gemein machte / dass er selten ritt und jagte / selten Gastmahle
hielt / und sich meist auf der Sänfte tragen liess; die geringsten Dinge ohne
Versiegelung niemanden traute; sonst aber in der Herrschaft allzu wenigen Ernst
spüren liess. Welches alles zwar zu Rom / aber den Armeniern unbekandte Tugenden
waren / und deswegen frembde Laster hiessen. Denn Völckern / welche der
Dienstbarkeit gewohnt / ist die edelste Freiheit verdriesslicher / als Freien die
Dienstbarkeit. Insonderheit war ihnen Mallia / der junge Artavasdes und Laodice
ein Greuel in Augen / und die Vermessenheit kam so weit / dass sie von Mallien /
als des Augustus Kebsweibe Lieder machten / ja einsmals des Nachts an die Pforte
der Königlichen Burg schrieben:
Nicht ärgert euch dass zwei Geschwister ehlich sind.
Er ist nur's Königs Sohn / sie ist des Kaisers Kind.
Denn obwohl Königliche Höfe entweder nur die /welche zu gehorsamen wissen /
einlassen / oder sie darzu machen; insonderheit aber die Morgen-Länder der
Knechtschaft gewohnet / an ihren Fürsten alles zu billigen / und es nachzutun
beflissen sind / und die Heuchelei nichts minder / als die Treue für eine den
Königen schuldige Schatzung halten; so können doch auch diese dienstbare Völcker
nicht die Aufhebung der väterlichen Sitten / ja auch ihre Verbesserung nicht
vertragen; am wenigsten aber den zum Herrn leiden / der durch Entschlagung der
Reichs-Sorgen sie gleichsam ihr Herr zu sein nicht würdiget. Hierinnen aber
verstiess Tigranes am ärgsten / indem er zweien üppigen Weibern / nämlich der
Mallia und Laodicen das Heft in Händen liess. Diesen zu Liebe führte er den in
Lydien anfangs aufgekommenen / und bei den Persen / Meden und Armeniern
eingerissenen / hernach aber vom vorigen Tigranes abgeschaften Missbrauch wieder
ein / da die edlesten ihre Töchter der Göttin Anaitis wiedmeten / welche unter
dem Scheine eines Gottes-Dienstes gemeine Unzucht trieben / und so denn
allererst als für andern heilige Frauen begierig geheiratet wurden. Wie
schläfrig nun Tigranes im herrschen war; so viel eifriger bezeugten sich Mallia
und Laodice. Denn sie vergaben die hohen Aempter / besichtigten die Gräntzen und
Festungen / musterten das Kriegs-Volck / machten Reichs-Satzungen / versamleten
die Stände / schrieben Steuern aus; Wenn Tigranes etwan auf einem Lust-Hause
sich mit einem geilen Weibe belustigte. Unter diesen war auch die schöne
Datapherne Vologesens Ehweib / welcher zum ersten dem Tigranes den Armenischen
Reichsstab zugedacht hatte. Diesem gab er zu Lohne / dass er sein Ehweib anfangs
zu heimlicher Buhlerei verleitete / hernach aber / weil die anfangs verstohlnen
und furchtsamen Laster nach und nach immer kühner werden / verschickte er
Vologesen in Gesandschaft zum Ariobarzanes in Meden; und in seiner Abwesenheit
nahm er Dataphernen gar nach Hofe. Vologeses erfuhr in Meden die Untreu seines
Weibes / gleichwohl aber wartete er seiner Geschäffte aus / und kam mit
vergnügter Verrichtung zu Artaxata an; verstellte auch alle Empfindligkeit wegen
des ihm angefügten Unrechts. Nach abgelegten Bericht liess er sich bei seiner
Gemalin anmelden. Diese verwegene Ehbrecherin aber lies Vologesen schimpfflich
antworten: Der König hätte den Schlüssel zu ihrem Zimmer / und das Siegel zu
ihrem Leibe. Hierüber brach Vologesen die Gedult aus / so dass er Dataphernen
verfluchte / und den Tigranes ersuchen liess: Er möchte ihm seine Gemahlin folgen
lassen; kriegte aber vom Könige zur Antwort: Er sollte sich noch bei
Sonnenscheine auff seine Landgüter begeben / oder man würde ihn ins Tollhaus
einsperren. Gleich als weñ es um die Ehre seines Eh-Weibes zu eifern eine
grössere Unsinnigkeit wåre / als sich mit einer fremden Unehre besudeln.
Vogoleses zohe aus Artaxata voll Gift und Galle / und nahm den geraden Weg in
Parten zum Phraates. Weil er aber vielleicht behertzigte / dass aus eines
Ehbrecherischen Weibes Laster einem Manne keine Schmach zuwachse / oder dieser
Fleck mit desselbten Verhüllung verwischt werde; und damit es nicht schiene /
als wenn er mit des Phaates Waffen und Gefahr nur seine Beleidigung rachen wollte
/ trug er ihm alleine umständlich für: wie schwürig Armenien wider den mit
Kömischen Künsten und Lastern angefüllten Tigranes; wie schimpfflich es allen
Morgenländern wäre / dass des Käysers Leibeigene / welche so viel Jahr in der
Dienstbarkeit gelebt / bei ihnen zu Königen eingesetzt würden; und noch in
solcher Würde schlechten Römischen Landvögten zu Gebote stehen / ja für ihnen
die Knie beugen müsten; Wie das von den Römern nun angefesselte Armenien der
Schlüssel in das sonst durch die Sandflächen genugsam sichere Parten wäre /
welchem der Käyser eben so wohl ein Seil an die Hörner zu lege anzielte. Daher
wäre es nun / da Tigranes ein Weib / Artavasdes ein Weichling / oder gar / wie
etliche mutmasten / ein Verschnittener wäre / da der ganze Adel zum Aufstande
fertig stünde / die Römischen Legionen anderwerts zu tun hätten / hohe Zeit
durch einen schleunigen Krieg Armeniens Wohlfart /Partens Sicherheit zu
beobachten / sein Haupt mit einer neuen Krone / seinen Nahmen mit unsterblichem
Nachruhme zu bereichern. König Phraates hörte Vologesens Vortrag begierig an /
und ob ihm wohl im Wege stand / dass er durch Bekriegung Armeniens den Käyser
beleidigen würde / der in seinen Händen seine zwei ältisten Söhne hatte / so
überwog doch seine Regiersucht die Vater-Liebe / und hatte er auff allen Fall
noch seinen liebsten Sohn Tiridates zum Stichblate und Kron-Erben übrig. Daher
schickte er Vologesen mit sechs tausend leichten Reutern in Armenien voran; er
aber folgte mit einem mächtigen Heere auff dem Fusse nach / und schrieb an den
Käyser: dass er von seinen bedrängten Freunden in Armenien um Hülffe wider den
grausamen Tigranes angeflohen worden wäre; also ziehe er alleine dahin selbigem
Volcke ihre vorige Freiheit und alten Gottesdienst wieder zu geben; ausser dem
begehrte er sich mit Armenien nicht zu vergrössern. Ehe aber dieses Schreiben
nach Rom kam / fiel die Partische Macht in Armenien / allwo die meisten Städte
Vologesen die Schlüssel entgegen brachten / und die besten Festungen Tür und
Tor auffsperreten; also dass Phraates nur genugsam zu besetzen / und wenig zu
fechten fand. Augustus kriegte die Nachricht hiervon / und Phraatens Schreiben
auff einen Tag / als er seinen zwei mutwilligen Enckeln des Agrippa Söhnen
Cajus und Lucius in den Rat zu kommen erlaubt /dem Cajus auch das Priestertum
/ hingegen dem Tiberius auff fünff Jahr die Zunftmeisterschaft zugeeignet /
durch diss letztere aber seine Enckel mehr beleidiget / als durch das erste
vergnügt hatte / Der Käyser / der ohnediss deshalben unwillig war / schrieb im
Eyfer einen heftigen Brieff an Phraates / darin er ihm gar den Königlichen
Titel entzog / und aus Armenien zu ziehen anbefahl; welchem aber Phraates noch
hoffärtiger antwortete / dem Käyser wie einem Bürgermeister schrieb / sich aber
selbst einen König der Könige nennte / und / dass die Partischen Waffen sich
keine Feder jagen liessen / bedeutete. Inzwischen trug der Käyser dem Tiberius
den Zug in das abgefallene Armenien auff / dieser aber / weil er denen in der
Schoss des Käysers sitzenden und frechen Jünglingen aus dem Wege zu weichen für
ratsamer hielt; oder weil er mit der Julia seinem Ehweibe nicht länger hausen
konnte / (welche die Freiheit alle einem Weibe mögliche Laster zu tun oder zu
leiden nach der Grösse ihres Glückes ausmass /) lehnete solches bescheidentlich
ab / und verlangte: dass er auff der Insel Rhodus in Einsamkeit der Weltweisheit
obliegen / und von bisherigen Reichs-Sorgen Lufft schöpffen möchte. Wiewohl nun
der Käyser und Livia ihn hiervon abwendig zu machen bemühet war; Jener zwar
dadurch /dass das gemeine Wesen seiner vonnöten hätte / und die Süssigkeit des
Feld-Lebens ein grosser Geist denen nütz- und rühmlichen Sorgen für die
Wohlfart des Vaterlandes sich nicht sollte abstehlen / und keine ihm mehrmahls
aus eitelem Argwohn eingebildete Verdrüssligkeit seinen Zirckel verrücken lassen.
Livia aber: dass die Enteusserung vom Hoffe nicht nur sein Ansehen und Gewalt
unterbrechen / sondern die durch so viel Sorgen in Grund gelegte Hoffnung der
Reichs-Folge durch seine Abwesenheit verschwinden würde. Denn die Völcker /
welche gleich die Sonne als einen Gott verehren / vergässen ihre Andacht gegen
sie /weñ sie nicht gesehen würde; So war doch Tiber hiervon nicht abwendig zu
machen; sondern antwortete Livien: dass das tollkühne Beginnen des Cajus und
Lucius ein Verlangen in Rom nach ihm / dessen man schon überdrüssig wäre / und
ihn auch bei denen / die ihn gegenwärtig hassten / beliebt machen würde. Gegen
den Käyser aber führte er an: Seine bisherige Bemühung hätte nichts minder einer
Erholung / als Bäume und Aecker der Ruh von nöten. Sintemahl August nach der
Fähigkeit seiner unermüdlichen Achseln als ein zweifacher Atlas nicht anderer
Kräffte messen müste. Wie er nun frische Lufft zu schöpffen unnachbleiblich
vonnöten hätte; also wüste er keine anständigere als das Landleben zu erkiesen.
Die ersten Helden in Griechenland hätten sich auch im Kriege für Troja dadurch
erholet; und wie Augeus bei den Griechen / also Hercules in Italien die Tingung
und andere Vorteile des Ackerbaues gewiesen; ja so gar vier Könige / nehmlich
Hieron / Philometor / Attalus und Archelaus diese Kunst schrifftlich abzufassen
gewürdigt. Die Persischen Könige wären im Friede nichts minder um ihre
fruchtbaren Gärte und Auen /als zur Kriegszeit um die Waffen bekümmert gewest.
Semiramis hätte mit ihren hängenden Gärten sich berühmter / als mit so viel
Siegen gemacht. Xenophon /welcher am Cyrus ein Muster eines vollkommenen Fürsten
fürbilden wollen / setzte seinen gewohnten Auffentalt auffs Land / und in die
Persischen Lustwälder. Der vermeinte Urheber des Müssiggangs Epicur hätte nicht
nur zu Aten in der Stadt Lustgärte angelegt; sondern Tarqvinius zu Rom auch
darinnen gewohnt / und seinem Sohne daraus mit denen geköpfften Maah-Häuptern
die blutgierige Lehre zuentboten; Curius aber nach überwundenem Pyrrhus mit
seinen sieben Huben Ackers / mit der schlechten Kohl- und Rüben-Kost sich so
vergnüget / dass er das von Samnitern ihm geschickte Gold anzunehmen nicht
gewürdigt. Das Schoos-Kind des Glücks Sylla wäre seiner Siegs-Gepränge
überdrüssig worden / und hätte um auff seinem Cumanischen Vorwerge der Fisch- und
Jagt-Lust zu geniessen die höchste Gewalt in Rom niedergelegt. Dem Scipio und
Lelius wäre es annehmlicher gewest in Campanien die Bäume / als in Africa die
sieghaften Kriegs-Schaaren in Ordnung zu stellen; und beide hätten zuletzt
freudiger an dem Meer-Ufer mit den Muscheln / als in Spanien mit der Beute der
Mohren gespielet. Ja der Käyser August selbst hätte seinem Kriegs-Gefehrten
Agrippa in dem Eylande Mitylene / und dem vertrautesten Mecänas in der Stadt Rom
gleichsam eine entfernte Einsamkeit erlaubet. Also hoffte er durch seine Treue
und Gehorsam eine kurtze Erhol- und Lufftschöpffung verdient zu haben. Sintemal
auch die unausleschlichen Gestirne der Ruh benötigt wären / und ihren Schein
mit ihrer Verhüllung abwechselten.
    Dieser beständige Vorsatz gewann endlich / oder vergnügte vielmehr den
Käyser / dass er in des Tyberius Reise willigte. Denn weil er des Agrippa Söhne
zu sehr verdüsterte / war August gleichsam mit seinem Stieff-Sohne für seine
Enckel eiversüchtig; und Tiberius selbst pflegte hierüber zu schertzen: Er würde
das Alter der Egyptischen Spitz-Türme bei Hofe nicht erreichen / weil er / wie
viel kleiner er auch wäre /mehr Schatten als jene von sich würffe. So bald nun
Tiberius Rom gesegnete / warff die übermässige Liebe des Käysers dem Cajus eine
solche Geschickligkeit zu / dass er ihm den Armenischen Krieg anzuvertrauen fähig
hielt. Sintemahl die Neigung zu seinem Geblüte nichts minder als Selbst-Liebe
insgemein auch einem untüchtigen Wunderwercke zutrauet. Ehe aber die Römische
Macht in Armenien anlangte / kam Phraates für die Stadt Artaxata / und
beängstigte teils dieser Feind / teils die auffsätzigen Armenier / teils sein
böses Gewissen den wollüstigen Tigranes derogestalt / dass er dem Römischen
Bündnisse abzusagen / und mit Phraaten Armenien zu teilen sich erbot. Als aber
diss nicht verfing / und die Parten der Stadt mit Stürmen heftig zusetzten /
sich / um nach einem weibischen Leben auch durch einen männlichen Tod seinem
wahrhaften Ebenbilde dem lüsternen Sardanapal ganz ähnlich zu werden / mit
seiner wollüstigen Mallien auff einen Holtzstoss setzte / und nach dem eines das
andere tödtlich verwundet / sich mit einander verbrennten / und also der
Grausamkeit ihres Uberwinders entrissen. Artaxata lag nun in letzten Zügen / und
stand auff der Ubergabe; als Censorinus mit seinen zweien Legionen des Nachts /
ehe es die Parten gewahr wurden / hinein kam; und weil Cajus ohne diss vom
Käyser Befehl hatte / den weibischen Tigranes ab / und seinen Sohn an die Stelle
zu setzen / um dadurch die Gemüter der Armenier wieder ein wenig an sich zu
ziehen; erklärte er alsofort Artavasden zum Könige Armeniens. Wie nun Cajus an
die Armenische Grentze ankam / ward Phraates gezwungen Artaxata zu verlassen /
und dem Cajus entgegen zu ziehen / wie denn auch beide Heere an dem Fuss Phrat
bei Metilene gegeneinander zu stehen kamen. Allwo die Römer zwar mit Gewalt an
einem seichten Furte über den Fluss setzen wollten / aber mit grossem Verlust
zurück getrieben wurden. Als Cajus ihm derogestalt die Stirne bieten sah / sich
auch an des Crassus und des Antonius Niederlage spiegelte / liess er dem Phraates
zu gütlicher Hinlegung ihrer Zwistigkeite eine Unterredung antragen; massen sie
beide denn auch auff einer mitten in Strome gelegener Insel mit einer gewissen
Anzahl Volcks ankamen. Der Parte beteuerte: dass er mit dem Römischen Volcke /
welchem er so gar seine zwei liebsten Söhne freiwillig anvertrauet hätte / die
Freundschaft zu erhalten verlangete / Cajus hingegen hatte eben so wenig Lust
die Würffel einer Schlacht auf den Teppicht zu werfen / und also wurden sie mit
einander eins: dass zwar des Tigranes Sohn Artavasdes Armenischer König sei /und
so wohl den Partischen Grossherrn / als den Kayser für seine Oberherren erkeñen /
die Atropaten und Acilisenische Landschaft mit der festen Stadt Artagera aber
Phraaten für die Kriegs-Kosten eigentümlich verbleiben sollte. Dieser Friede
ward mit zwei prächtigen Gastmahlen / derer das erste Cajus an dem Syrischen
Ufer des Flusses dem Phraates / das andere auff dem Armenischen Phraates dem
Cajus zu ehren hielt /beschlossen. Als auch sie durch den Wein erwärmet /und mit
einander verträulich worden / weiste Phraates dem Cajus unterschiedene geheime
Schreiben / darinnen Marcus Lollius / welchen doch Augustus dem Cajus zu seinem
geheimsten Rate und Obersten Hoffmeister zugegeben hatte / ihm gegen ein
grosses Stücke Goldes alle Römische Kräfften und Anschläge verraten hatte;
welchem Cajus alsofort Gift beibringen liess. Als nun derogestalt alles
strittige abgetan zu sein schien / kam von Artaxata diese seltzame Zeitung: dass
so bald Censorinus mit dem grösten Teile seines Volcks aus selbiger Stadt auff
einen Anschlag ausgegangen wäre / hätte die Königin Laodice sich Artavasdens
entbrochen / und in den Anaitischen Tempel geflüchtet; auch auff des Königs
Wiederfoderung zu entbieten lassen: Sie wollte lieber in der Einsamkeit / als in
dem Bette eines Ohnmächtigen so viel kalte Nächte zubringen. Wie nun Artavasdes
sie mit gewaffneter Hand hätte wollen aus dem Tempel nehmen / hätte sein
jüngerer Bruder Gotarzes und nebst ihm eine gute Anzahl Armenischer Edelleute
dem Könige mit entblösten Degen abgetrieben; ja Gotarzes sich alsofort in den
Reichs-Rat verfügt / und in wenig Stunden wider Artavasden ein Urtel ausbracht
/ Krafft dessen er für unfähig des Reichs und der Eh erkennet; in ein auff dem
Caspischen Meere entferntes Eyland weggeschlept / Gotarzes hingegen auff den
Tron / und Laodice in sein Bette erhoben worden. Censorinus wäre zwar mit
seinem Volcke zurück geeilt / Gotarzes aber habe ihm die Pforten verschlossen;
Vologeses hätte ihn auch mit einem Teile Armenier und Parten überfallen / und
mit grossem Verlust aus dem Felde geschlagen / also dass von den zwei Legionen
ihrer wenig in das Gebürge entronnen wären. Diese unvermutete Veränderung warff
einen neuen Zanck-Apffel auff den Teppicht / und veranlaste den Cajus: dass nach
dem ihm einige einhielten / er habe sich durch so grosse den Parten getane
Verwilligung / insonderheit durch Abtretung der vorteilhaftigen Stadt Artagera
übereilet / er den Partischen Stadtalter Donnes Adduus zu bestechen / und zu
Ubergebung der ihm anvertrauten Festung Tospia zu verleiten trachtete. Dieser
nahm den Schein der Verräterei an / und bestimmte einen gewissen Ort zu
Behandlung des Wercks. Wie nun Donnes bei der Zusammenkunft sechs hundert
Talent zu seiner Belohnung forderte / dieses aber dem Cajus vervielte /reichte
ihm Donnes ein Verzeichnis / darinnen die zu Tospia verwahrten grossen Schätze
auffgezeichnet waren; und als Cajus sich in solchen begierig ersah /versetzte
ihm Donnes eine heftige Wunde ins Haupt /worvon er zu Boden fiel; und ehe die
entfernten Römer herbei kommen kunten / schwung er sich auff sein flüchtiges
Pferdt / auff welchem er zweiffelsfrei entronnen wäre / wenn er nicht mit
selbtem gestürtzet hätte. Gleichwohl aber erreichte er noch ein von den Parten
besetztes festes Schloss / welches als er es nicht länger gegen die Römer zu
halten getraute / dieser treue Diener mit samt sich einäscherte. Weil aber weder
Parten noch Römer dem Gotarzes gut waren /ward dieser Zwytrachts-Axt noch ein
Stiel gefunden /dass Ariobarzanes der König in Meden / zu welchem ohne diss wegen
seiner fürtrefflichen Leibes-Gestalt /und tapfferen Gemütes die Armenier ihr
Hertze trugen / auf die dem Artavasdes behandelte Bedingungen das Königreich
Armenien haben sollte. Dieser erschien nach weniger Zeit in beiden Lägern / legte
auch wegen Armenien so wohl den Parten / als den Römern die Huldigung ab. Die
empfangene Wunde hingegen machte des Cajus Leib nicht alleine zu Kriegs-Ubungen
/ und das Gemüte zu nachdencklichen Ratschlägen ganz ungeschickt / sondern
als er mit Unwillen wider seinen gemachten Schluss nach Rom zurück kehren sollte /
starb er davon in der Syrischen Stadt Lincyra Emesa / allwo sein Grabmahl noch
mit einer viereckichten Spitz-Säule / aus dessen Fusse ein Brunn entspringt / zu
sehen / und daran zu lesen ist:
        Dem Abgott des August / des Röm'schen Halb- Gott's Beinen
Gibt dieser schlechte Sand und Qvell ein Grabmahl ab.
Die Nachwelt schelte nicht des Cajus seltzam Grab!
Der Todt ist ja nur Staub / das Leben nichts als weinen.
    Als diese seltzame Umwechselungen sich in Armenien ereigneten / liess das
Glücke nicht ab / auch mit der Fürstin Erato und mir seine Kurtzweil zu treiben.
Die schlimmen Zeitungen unsers verwirrten Vaterlandes / und insonderheit der
Todt der grossen Olympia erschollen in die ganze Welt / und hiemit auch für
unsere Ohren. Alleine die zwar noch so zarte / aber behertze Erato vertrug alle
diese Ambos-Schläge des drückenden Verhängnisses mit unverändertem Gesichte /
und unerschrockenen Hertzen. Wenn ich sie trösten sollte / kam sie selbst meiner
Schwachheit zu Hülffe / und hielt mir ein: Alle Dinge und Begebenheiten in der
Welt hätten zweierlei Antlitze / und wenn etwas einem abscheulich fürkäme /
rührte es nur daher / dass man selbtes nicht vor / sondern hinterwärts ansehe.
Der Verlust ihres Reiches schiene der Ehrsucht ein unermässlicher Schade zu sein;
Dieser aber entbürdete ihr Gemüte von einer Zentner-Last tausend unruhiger
Sorgen. Der Todt ihrer Mutter käme weibischer Wehmut für als ein unerträgliches
Hertzeleid; aber die Tugend / als die Sonne der kleinern Welt / kröne ihre
Leiche in ihren beiden Himmels-Zirckeln / nämlich in dem Gewissen / und in dem
Urtel der Menschen mit unverwelckenden Siegs-Kronen. Ja der durch die Brüste
ihrer leiblichen Mutter fahrende Dolch käme ihrer Empfindligkeit nicht hässlich
für / nachdem er von dem glüenden Eisen / welches dem Artabazen durch die Adern
dringet / einen so herrlichen Glantz bekommt / und die Rache sich in dem
höchsten Blute des Bruder-Mörders / welches das Oel der Beleidigten ist / so
annehmlich abkühlet. Uberdiss zohe ihr die holdselige Erato fast aus allen
Bitterkeiten eine Ergötzligkeit /und ihre Bedrängnüss ward fast mit ieder
einlauffenden Nachricht erleichtert / wenn sie hörete / wie keiner der
unrechtmässigen Besitzer ihres väterlichen Trones feste sitzen bliebe / sondern
immer einer dem andern das Hefft aus den Händen winde. Daher / ob wir wohl uns
anfangs ziemlich eingezogen hielten /indem wir nicht wussten / wessen wir uns zum
Könige Polemon / weil er von den Römern für einen Freund und Bundsgenossen
aufgenommen war / zu versehen hatten / so war uns doch unsere Einsamkeit
erträglich. Denn weil alleine die Laster schrecklich sind / und mit ihrer
Langsamkeit an den Hertzen ihrer eignen Liebhaber nagen / war unsere Unschuld
allezeit wohl gemutet / und diese machte uns so behertzt / dass wir einsmahls /
als wir hörten / dass der König Polemon zweien von Rom nach Sinope angekommenen
Ratsherren zu Ehren etliche Schauspiele halten wollte / uns in den Schauplatz
auch einfanden. Wir kamen gleich dem Könige und dem Statilius Taurus und Junius
Silanus / welchem jener mit unser Verwunderung die Oberstelle eingeräumt hatte /
gegen über zu stehen. Unferne davon befand sich auch die Königin Dynamis / mit
ihrer wohlgewachsenen Tochter Arsinoe. Mitten im Schauplatze standen zwei
Marmel-Säulen / auf der einen war das Bild Augustens / auf der andern des
Vipsanius Agrippa aus Corintischem Ertzte. In den Schauspielen wurden erstlich
Wölffe / Luchse / Bären / Panter und Löwen zum Kampffe aufgeführet / hernach
aber ward der Schauplatz durch etliche tausend durcheinander spritzende Röhren
wohl zwölf Schuh hoch mit Wasser angefüllet / und aus dem einen Gatter ein
Crocodil / aus einem andern ein Delfin heraus gelassen. Es ist unbeschreiblich /
wie heftigen Grimm diese zwar von der Natur mit ungleichen Kräfften / aber mit
gleichverbitterter Feindschaft ausgerüsteten Tiere gegen einander bei ihrer
ersten Erblickung bezeugten. Der Crocodil verfolgte den Delfin aufs euserste /
dieser aber tauchte bald unter das Wasser / bald wich er auf die Seite / also /
dass jener wegen seines starrenden Rückgrades / und weil er sich mit dem ganzen
Leibe nicht ohne Langsamkeit umwenden konnte / den Delfin zu ereilen nicht
vermochte. Hingegen spitzte der Delfin seine auf dem Rücken habende scharffe
Flüssfeder / und nach einer langen und lustigen Jagt geriet es ihm unter dem
Wasser so wohl / dass er dieses sein einiges Waffen dem sonst unverletzlichem
Crocodil in den Bauch stiess / worvon er mit einem grossen Strome Blutes das
ganze Gewässer anfärbete / und mit dem wieder abgelassenen Wasser todt auf dem
trockenen Boden zu liegen kam. Bei diesen vielfältigen Kurtzweilen machte ihm
ein neben mir sitzender Edelmann Gelegenheit mit mir zu sprechen / und seine
Freundligkeit veranlaste mich auch ein und anders von ihm zu erforschen. Dieser
erzehlte mir / dass diese zwei Römische Ratsherren / nach dem der König in
Lycaonien und Gallo-Grecien Amyntas gestorben wären / mit Ausschlüssung seiner
Söhne selbige Länder für den Römischen Rat eingezogen hätten. Weil denn sie
nach Sinope ihren Weg zugenommen / wäre er nebst dem einen Lycaonischen Fürsten
nachgefolgt / um den bei den Römern hochangesehenen König Polemon um eine
Fürbitte zu ersuchen / dass doch des Amyntas Kindern wo nicht gar / doch ein
Teil ihres väterlichen Reiches gelassen werden möchte. Ich ward erfreuet über
dieser Nachricht / sintemal König Artaxias mit dem Amyntas in verträulicher
Freundschaft gelebt hatte / gleichwol aber wollte ich mich / wer wir wären /
nicht bald bloss geben / sondern meldete auf seine höfliche Erkündigung / wir
wären Edelleute aus Albanien / welche aus blosser Begierde frembde Länder zu
beschauen / für wenig Tagen in Sinope ankommen wären; bezeugte gleichwol gegen
ihm möglichste Zuneigung mit ihm in mehrere Kundschaft zu geraten. Hierauf
fiel ich auf die zwei Säulen / und fragte insonderheit: Warum des Agrippa
Bildnis in diesem Schauplatze gesetzt worden? Der Lycaonier / der sich
Meherdates nennen liess / antwortete mir: Polemon hätte wohl Ursache beide
Bildnüsse zweifach in den Schauplatz zu setzen / weil er beiden das Besitztum
des Bosphorischen Reichs zu dancken hätte. Denn mir würde vielleicht wissend
sein / dass der gewesene Pergamenische König Mitridates des Darius Sohn /der in
Egypten ihm treulich beigestanden war / dem Julius Cäsar seine wunderschöne
Schwester Dynamis zu seiner Ergetzligkeit übergeben / hingegen habe der Käyser
ihm nach dem überwundenen Pharnaces Galatien geschenckt / auch ihm wider des
Pharnaces Bosphorischen Landvogt Asander / ungeachtet er seinem Herrn meineidig
worden und auf der Römer Seite getreten war / den Krieg aufgetragen / und sich
der Bosphorischen Länder zu bemächtigen freigelassen. Dieser Asander aber habe
beim Augustus sich derogestalt eingeliebt / dass er ihm die Dynamis verheiratet
/ und in dem Bosphorischen Reiche bestätigt. Welcher denn auch den sieghaften
Pharnaces / nach dem er die Phanagoreser überwunden / Sinope eingenommen / den
Calvisius geschlagen hatte / mit Hülffe des Danitius aus Asien vertrieben / und
/ als Pharnaces mit einem neuen von Scyten und Sarmatern zusammen gelesenen
Kriegs-Heere wider den Asander den Krieg verneuert / die Stadt Teodosia und
Panticapeum erobert / seine an Pferden notleidende Reuterei geschlagen / und
den biss auff den letzten Mann tapffer streitenden Pharnaces getödtet hat. Hier
zwischen wäre Scribonius kommen / und sich für des grossen Mitridatens Sohn /
des Pharnaces Enckel und rechtmässigen Stul-Erben ausgegeben / und weil er ihm
etwas ähnlich geschienen / und seinen Betrug durch allerhand scheinbaren Fürwand
zu bemänteln gewüst / hätte er beim Augustus es durch allerhand Schelmstücke so
weit gebracht / dass er vom Käyser das Bosphorsche Reich bekommen / und der
derogestalt verdrungene Asander sich darüber zu todte gegrämet oder gehungert.
Nach dessen Tode hätte der so glückliche Betrug ihn so verwegen gemacht / dass er
die verwittibte Dynamis zu ehlichen verlanget. Diese habe ihre Abscheu für dem
Scribonius / welcher mit den Käyserlichen Hülfs-Völckern das Heft in Händen
hatte / möglichst verborgen / und ihn zu heiraten versprochen / da er in der
Reichs-Versammlung erhärten könne / dass er Mitridatens warhafter Enckel /und
des Pharnaces Sohn wäre. Dieser brachte alsofort einen prächtigen Brief herfür /
an dem der Medusen in Gold geprägter Kopf / den Pharnaces eben wie sein
gerühmter Ahnherr Perseus zu seinem Siegel brauchte / hing / und dieses Inhalts
war: Nach dem sein Vater Mitridates fast alle seine Kinder ermordet / auch
durch seinen fürgenommenen Einfall in Gallien die Römer zu Tod-Feinden seines
ganzen Geschlechts gemacht hätte / wäre er genötigt worden fürzusinnen / wie
ihr uhralter Stamm für gäntzlichem Untergange behütet würde; habe daher das
Volck dem Vater selbst abtrünnig gemacht / ihm nach dem Leben gestanden / die
Römer gewarniget / auch / um ihre Freundschaft so viel leichter zu gewinnen /
und / da er ja selbst noch vom Vater hingerichtet würde / doch einigen Erben
verliesse / mit einer edlen Römerin Scribonia sich vermählet. Nach dem auch zwar
sein erster Anschlag wäre verraten worden / hätte ihm doch Menophanes vom Vater
das Leben erbeten / und er endlich das ganze Heer auf seine Seite gebracht /dass
sie ihn im Felde für ihren König erkläret / in Mangel einer bessern eine
papierne Krone aufgesetzt /und Mitridaten in solche Verzweiffelung bracht /dass
er seine zwei Töchter Mitridatis und Nyssa der Könige in Egypten Bräute mit
Giffte hingerichtet /und als das Gift bei ihm nichts würcken wollen /sich durch
die Faust des Gallier Fürstens Bituit /durchstechen habe lassen. Weil ihn aber
Pompejus für seine den Römern durch Aufopfferung seines eigenen Vaters erzeigte
Woltat schlechter / als er ihm eingebildet / belohnet / in dem er ihm nicht das
Pontische /sondern nur das Bosphorische Reich gelassen / und hiervon noch die
Phanagorenser ausgenommen / habe er mit den Römern zu brechen / und sich an die
Parten zu hencken fürgenommen. Weil diese nun dem Römischen Geblüte
Spinnen-feind wären / hätte er für ratsam und nötig befunden / seine Heirat
mit der Scribonia noch geheim zu halten. Inzwischen wäre ihm dass Unglück mit den
Römern begegnet / dass er bei dem Berge Scotius aufs Haupt geschlagen /
gefährlich verwundet / und nach Sinope zu fliehen genötigt worden. Als er nun
zu den Scyten ferner zu fliehen fürgehabt / wäre ihm Scribonia mit heissen
Tränen zu Fusse gefallen / und ihn beweglichst ersuchet / dass er entweder ihre
Eh offenbar machen / oder sie und ihr Kind tödten möchte. Alleine er wäre darzu
nicht zu bereden gewest / sondern er habe ihr / und ihrem noch an ihren Brüsten
hängendem Sohne Scribonius auff den Todesfall gegenwärtiges Zeugnis /dass
Scribonia seine Gemahlin / und diss Kind sein Sohn wäre / erteilet. Dieser
ausführliche Brief hatte einen grossen Schein / und wie Käyser Augustus sich
vorher hierdurch betören lassen / also war keiner unter den Reichs-Räten / der
nicht diesem Scribonius Glauben beimass. Der Königin Dynamis aber alleine wollte
diss nicht in Kopf. Dahero nahm diss schlauhe Weib den Brief selbst in ihre Hände
/ und nach dem sie alle Buchstaben aufs genaueste betrachtet / fing sie in einem
Augenblicke über laut an zu ruffen: Es glaube niemand diesem Verfälscher /
dessen Betrug numehr am Tage liegt. Als nun alle Augen und Ohren auf sie
richteten / redete sie ferner: Sehet / dieser Brief soll nach der verlohrnen
Schlacht bei dem Berge Scotius / und als der Käyser mit dem P. Servilius
Isauricus Bürgermeister in Rom gewest / geschrieben sein; Da doch der Inhalt
dieses Brieffes sich grossen Teils etliche Jahr hernach / und wie Qvintus
Fufius / und Q. Calenus die Bürgermeister-Würde vertreten hat / zugetragen. Die
Anwesenden erinnerten sich dessen alsofort / sahen aber mehrer Gewissheit halber
in den Zeit-Registern nach / welche mit der Königin Einwurffe überein traffen.
Hingegen verstummete Scribonius bei so unverhoft entdeckter Falschheit / wusste
auch / wie sehr er sich bemühete /nichts / welches den Stich halten konnte /
aufzubringen. Endlich erbot er sich diesen in dem blossen Umstande der Zeit
bestehenden Irrtum durch andere Uhrkunden zu verbessern / und erlangte damit
Urlaub aus dem Reichs-Rate zu gehen. Er aber verwandelte seine Beweis-Führung
in eine offenbare Flucht aus der Stadt Panticapeum / zohe sein im Lande
verlegtes Kriegs-Volck zusammen / und meinte seine Gewalt und Heirat mit den
Waffen zu rechtfertigen / weil seine Rechts-Gründe nicht den Stich halten
konten. Sie Reichs-Stände griffen durch Aufmunterung zur Gegenwehr / machten
auch die ganze Begebenheit dem Vipsanius Agrippa / der damals gleich zu
Chalcedon sich befand / zu wissen / und baten dieses unwürdigen Königs entübrigt
zu sein. Agrippa trug alsofort dem anwesenden Könige Polemon / der seinem Vater
Mitridates inzwischen im Pontischen Reiche gefolget war / auf / wider den
Scribonius den Bosphorern Hülffe zu leisten. Wie aber Polemon in solches Land
ankam / hatten sie schon selbst den Scribonius an dem Flusse Psychrus zwischen
dem Coraxischen Gebürge gefangen bekommen / und von ihm diss Bekenntnis
ausgepresset: Er sei ein Freigelassener des Vedius Pollio gewest / und habe
Bekandtschaft gehabt mit demselben / welcher sich zu Rom des Antonius und der
Octavia Sohn zu sein gerühmt /Augustus aber zur Ruderbanck hätte schmieden
lassen. Nach der Zeit wäre er in Asien kommen / und hätte gesehen / wie
glückselig ein seinem Bedüncken nach wenig verschmitzter Cappadocier die Person
des Königs Ariarates gespielet / und mit seiner blossen Aehnligkeit dessen fast
alle Morgenländer überredet hätte / da doch mehr als zu gewiss war / dass Marcus
Antonius bei Einsetzung des Königs Archelaus den Ariarates hingerichtet hatte.
Diese zwei Verfälscher hätten ihm die Bahn gebrochen / und das Bildnis des
Mitridates / dem er ähnlich zu sein vermeint / zu seiner Erfindung sich für
des Pharnaces Sohn auszugeben / Anlass gegeben. Worauf sie denn diesem Scribonius
mit seinem Reiche den Kopf abgeschnitten /und ins Meer geworffen. So bald nun
die Bosphorer die Ankunft des Königs Polemon vernahmen / besorgeten sie sich /
er würde als ein Bundsgenosse der Römer ihnen zum Könige aufgedrungen werden /
da sie lieber einem einheimischen gehorsamt hätten /also zohen sie auf
Anstifften des Meleagenes / der sich auf die Bosphorsche Krone selbst verspjetzte
/dem Polemon mit Heeres-Krafft entgegen / griffen ihn unverwarnigt an / wurden
aber aus dem Felde geschlagen. Es war aber dieser Verlust nur eine Ursache zu
grösserer Verbitterung / und eine Fackel heftiger Kriegs-Flammen. Nach dem aber
Polemon den Meleagenes in einem Treffen erlegte / und die Zeitung kam / dass
Agrippa selbst mit einem mächtigen Heere schon zu Sinope dem Polemon zu Hülffe
ankommen war / legten sie die Waffen nieder / baten selbst / dass der hertzhafte
Polemon ihr König sein möchte. Also setzte Agrippa ihm mit Genehmhaltung des
Käysers nicht alleine die Bosphorsche Krone auf / sondern vermählte ihn auch mit
der schönen Königin Dynamis.
    Ich danckte für so annehmliche Erzehlung diesem freundlichen Edelmanne / und
veranlaste mit möglichster Ehrerbietung ihn mit uns fernere Gemeinschaft zu
pflegen. Wie wir nun für dissmahl von ihm Abschied nahmen / und aus dem
Schauplatze giengen /ward Erato unter der Menge Volcks unvermutet meines
Artafernes gewar. Alleine / ob wir wohl auff dem Fusse ihm nachfolgeten /
verlohr er sich doch unter dem Gedränge aus unserm Gesichte / und wir konten zu
meinem grösten Hertzeleide ihn durch keinen Fleiss finden oder ausforschen.
Folgenden Morgen kam Meherdates in aller früh mit denen zwei Lycaonischen
Fürsten in unser Haus / und berichteten uns / wie Polemon diesen Tag den
Römischen Ratsherren zu Liebe allerhand Rennen von seiner Ritterschaft halten
würde / beredeten uns auch / dass Erato / welche zu Sinope den Nahmen
Massabazanes annahm / nebst ihnen auf der Rennebahn in gleichförmiger Rüstung zu
erscheinen sich entschloss. Als wir in die Schrancken kamen / bezeugten wir für
dem Könige / der Königin Dynamis und den Römern / welche auf einer mit Gold
durchwürckten Persischen Tapecereien umhangenen Bühne dem Rennen zuschauen
wollten / möglichste Ehrerbietung. Wir wunderten uns über der Abwesenheit der
Fürstin Arsinoe / wurden aber bald gewahr / dass selbte unter dem Schalle der
Trompeten /als eine Amozonin ausgerüstet / sich gleichergestalt in die
Schrancken verfügte. Hierauf machte sie alsbald den Anfang aus dem für der
Königlichen Bühne von zweien Herolden gehaltenem Los-Topffe einen Zettel zu
heben / auff denen die Zahl / wie die Ritter nach der Reie rennen sollten /
vermerckt war. Ihr folgten die anwesenden Fürsten und Ritter / derer über fünf
hundert waren / nach / und traf sich das Los / dass die Lycaonischen Fürsten die
ersten / die Fürstin Arsinoe und Massabazanes aber die allerletzten Zettel
bekommen. Weil nun sie von den Herolden in die Reihe nach denen gehobenen
Zetteln gestellt wurden /kamen Arsinoe und Massabazanes harte neben einander.
Beide konten Anfangs einander nicht genungsam anschauen / ja in beiden erregte
sich eine geheime Zuneigung / und ein solcher Trieb ihrer Gemüter /worüber sie
ihnen selbst keine gewisse Auslegung zu machen wussten. Als nun der jüngste
Lycaonische Fürst Masnaemphtes im Rennen den Anfang machte /und dieser / auser
dem Pfeil-Schüssen / alle andere Rennen traf / machte ihr Arsinoe Gelegenheit
mit dem Massabazanes zu reden / den Masnaemphtes zu loben / und den Massabazanes
um seinen Zustand zu fragen. Dieser gab sich / wie ich vorhin gegen dem
Meherdates getan / nachmahls für einen Albanischen Edelmann aus / den an diesen
berühmten Hoff mehr der Vorwitz was denckwürdiges zu sehen / als einige
Notwendigkeit gebracht hätte. Arsinoe antwortete ihm: Es wäre solch Vornehmen
nicht für einen Fürwitz / sondern eine Regung eines tapffern Gemütes zu halten
/ und bedüncke sie / es habe die Tugend die Art etlicher Pflantzen an sich /
welche in ihrem eigenen Erdreiche nicht wachsen können / sondern ihre
Vollkommenheit nach geschehener Versetzung auff einem frembden Bäte erlangen
müsten. Und hätte sie desshalben ein sonderbares Belieben an denselben Edlen /
welche ausser Landes / wo weder die Liebe der ihrigen sie verzärtelte / noch die
Heuchelei ihre Laster streichelte / ihr Glück suchten / und ihren Ruhm
vergrösserten. Wesswegen Massabazanes sich von ihrem Herrn Vater aller
Königlichen Gnade versichern sollte. Unter derogleichen annehmlichen Gesprächen
vollendeten die Ritter ihre Rennen; und es war keiner / dem nicht zum minsten
ein Streich gefehlet hatte. Die Fürstin Arsinoe machte sich daher geschickt das
ihrige zu tun. Das erste Ziel war ein Scyten-Kopff / nach demselben warf sie
den Wurf-Spiess so glücklich / dass selbter recht in das lincke Auge traff; Das
andere war ein einäugichter Cyclopen-Kopff / diesen hieb sie mit ihrer Sebel in
einem Streich ab / fing selbten auch mit der Spitze ihres Sebels / dass er daran
stecken blieb. Das dritte war ein Ring / den sie mit der Lantze / nach dem sie
sie vorher durch einen Wurf in der Lufft dreimal umgedrehet / fast in dem
innersten Zirckel abnahm. Das vierdte war ein auf einer 60. Ellenbogen-hoher
Säule aufgestellter Drache / denselben traf sie mit dem Bogen so wohl / dass der
Pfeil im Rachen stecken blieb. Das fünfte war eine von Ton bereitete / und in
unterschiedene Kreisse eingeteilte Scheibe / in diese traf sie aus der
Schleuder mit einem Steine in den andern Kreis / also / dass ihr kein einiges
Treffen misslang /und sie bei dem umstehenden Volck ein grosses Freuden-Geschrei
erweckte. Massabazanes war allein noch übrig / der rennen sollte / und es liess
ihm niemand träumen / dass dieser unbekandte Frembdling der Fürstin den höchsten
Preis strittig machen sollte. Sie vergebe mir aber / grossmütige Tussnelda / dass
ich meine Königin Erato ehe ins Antlitz loben / als der Warheit ablegen soll.
Massabazanes erschien als ein Blitz-geschwinder Falcke auff der Rennebahn / er
warf seinen Wurf-Spiess dem Scyten-Kopffe ins rechte Auge / hieb den Kopf des
Polyphemus ab / und stach ihm im fallen seine Sebel in das eintzele Auge /er
nahm mit der Lantze den Ring im Mittel weg / er schoss den Drachen ins lincke
Auge / und traf das weisse in der Scheibe mit seinem abgeschleuderten Steine.
Die Zuschauer wurden gezwungen ihn eben so wohl mit einem Freuden-Geschrei zu
beehren / wormit das vorhergehende nicht so wohl den Schein einer Heuchelei
gegen ihre Fürstin / als einen Zuruff der Tugend überkäme. Die zwei Römischen
Ratsherren / denen Konig Polemon das Urtel des Sieges / und die Austeilung
der Preisse anvertraut hatte / konten anders nicht befinden / als: Es hätte
Arsinoe und Massabazanes einander die Wage derogestalt gehalten /dass sie durch
ein neues Rennen gleichen müsten. Arsinoe gab sich hingegen selbst: dass
Massabazanes den Preis erworben; Sie musste aber gleichwohl sich dem Erkäntnüsse
unterwerffen / und ihr wiederholetes Rennen / in dem sie abermals gar nicht
fehlete / gab ihr ein gnungsames Zeugnis / dass ihr Sieg nicht einem
ungefährlichen Zufalle / sondern ihrer Geschickligkeit zuzuschreiben wäre. Aller
Zuschauer sorgfältige Augen waren nun auf den Massabazanes gerichtet / welcher
den Scyten-den Cyclopen-Kopff /den Ring / den Drachen in noch grösserer
Vollkommenheit / als das erste mahl traf / bei dem letzten Ziel aber zu der
Schleuder die lincke Hand brauchte / und /wie iederman es unschwer urteilen
konnte / mit Fleiss die Scheibe fehlete umb der Fürstin den Preis zu lassen;
Gleichwohl aber den Ständer mit dem geschleuderten Steine traf. Das Volck
begleitete beide abermals mit Jauchzen / und Statilius Taurus reichte hierauf
Arsinoen den höchsten Preis / welches war ein Lorber-Krantz dichte mit Diamanten
besetzt; Junius Silanus aber dem Massabazanes den Zier-Preis /nehmlich eine mit
Rubinen umwundene Myrten-Krone. Hierdurch geriet Massabazanes / oder vielmehr
Erato bei Hoffe in grosses Ansehen / also / dass daselbst nichts sonderliches
vorgehen konnte / es musste Massabazanes darbei sein. Der König und die Königin
bezeugten ihm alle ersinnliche Gnade /gleichsam / als wenn der Vorzug eines
Fürsten bloss in dem beruhete / dass er den Menschen mehr gutes tun könne / als
niedrigere; Arsinoe vermochte auch fast ohne ihn nicht zu leben / alle aber
insgemein urteilten / es wäre Massabazanes von grösserm Geblüte / als er sich
ausgebe. Also hat die Tugend die Krafft des Magnets in sich / welche auch die
frembdesten Gemüter an sich zeucht / und wie aus dem Klange das Ertzt / aus der
Schwerde das Gold / wenn schon sein Glantz euserlich durch ein geringeres Ansehn
benommen ist / erkennet wird; also verraten auch tapffere Taten eine hohe
Ankunft / und die Würde eines Helden-Geistes. Erato hingegen empfand einen
nachdrücklichen Zug gegen Arsinoen / also dass sie nicht weniger eine Freudigkeit
bei sich empfand /wenn sie ihr Antlitz zu schauen bekam / als wenn die betrübte
Welt nach der düsternen Nacht die annehmliche Sonne aufgehen sieht. Seine
Enteuserung aber von Arsinoens Augen / war eine Verdüsterung seiner sonst
angebohrnen Freudigkeit / ja die Tage selbst mehr als verdrüssliche Nächte / in
welchen ihm gleichwohl die Träume das annehmliche Bild dieser Halb-Göttin
mehrmahls fürs Gesichte stelleten. Diese Unruh des Gemütes ward endlich zu
einer völligen Schwachheit / und wie sehr gleich Erato solche
Gemüts-Veränderung verblümte / so lieffen sie doch mit der Zeit in die Augen
und Auffmerckung. Ja sie konnte endlich selbst mir länger nicht verschweigen /dass
das Absein von Arsinoen ihr eine fast unerträgliche Marter wäre. Dieser Fürtrag
/ und die zugleich eröffnete Ursache ihrer Beunruhigung kam mir überaus seltzam
für. Denn / da mir nicht die Gleichheit des Geschlechtes im Wege gestanden hätte
/ wäre die Kranckheit leicht zu erraten gewest. Sintemahl die Liebe kein
eigentümlicher Kennzeichen hat / als die Begierde der Vereinbarung. Denn durch
sie wird der Geist gleichsam aus ihrer eigenen in eine frembde Seele verzücket /
und diese höret auff in dem Cörper /den sie beseelet / zu leben / wormit sie in
dem / den sie liebt / einen vergnügtern Auffentalt finde. Weil auch die Liebe
der Uhrsprung der Freude und Ergetzligkeit ist / kann ein Liebhabender nirgend
anderswo /als da / wohin er sein Absehen hat / einige Wollust finden. Alle
andere Lust-Häuser / ja der Himmel selbst / ist ihnen ein Siech- und
Trauer-Haus; die Anmut stincket sie an / alle anderswohin zielende Gedancken
sind ihnen irrdisch und verwerfflich / ja die Seelen werden ihren eigenen
Leibern gram / dass sie an selbten gleichsam angefässelt sind / und sie bedüncken
ihnen frembde Wirts-Häuser / ja wohl gar verdrüssliche Gefängnisse ihrer
Freiheit / und bangsame Todten-Grüffte zu sein / in welchen ihre Vergnügung
vergraben liege. Alle diese Würckungen der Liebe sahen der Erato aus den Augen /
und schienen aus ihrem Tun; Sie war in den Jahren / da diese Süssigkeit zu
käumen / und dieser Zunder zu glimmen anfängt. Aber / dass ihre Neigung auf eine
Fürstin abzielete / war meiner Vernufft ein unauflösslicher Knoten; und die der
Liebe so ähnliche Bezeugungen konten sie allhier unmöglich Mutter nennen. Höret
aber auch die andere Helffte dieses Wunderwercks. Denn ich erfuhr durch
vertraute Hand / dass / da Erato diesseits nach Arsinoen seuffzete / jene nach
Massabazanen lächsete. Da Erato bei ihr ein nagendes Feuer der Zuneigung in
ihrem Hertzen fühlete / Arsinoens Seele loderte / und in lichten Flammen stand.
Wiewol auf Arsinoens Seiten / welche die Fürstin Erato für einen der
vollkommensten Helden hielt / dieser Traum sich von mir leicht auslegen liess /
in dem die Liebe sich mehr als zu viel selbst verriet. Diese wunderbare
Verwickelung der Gemüter und Begebenheiten machte mich überaus bekümmert. Als
ich aber Tag und Nacht einen Fadem suchte beiden Fürstinnen aus diesem Irrgarten
zu helffen / führte das Verhängnis uns aus diesem Irrgange in einen betrübten
Kercker /und verwandelte unsere Verwirrung in schmertzhafte Bekümmernis. Denn
es hatte der Armenische König Tigranes zum Taurus und Silanus nach Sinope einen
seiner Edelleute abgefertigt / dieser aber dem Rennen zugesehen / und die
Fürstin Erato / oder vielmehr den in Armenien so genennten Artaxias erkennet /
und bei seiner Rückkunft solches dem Könige entdecket. Weil nun die / welche
sich unrechtmässig in ein Reich eingedrungen / ewige Todtfeinde derselben sind /
die dazu Recht haben; überdiss die blutdürstige Mallia und Laodice dem Tigranes
beweglich fürhielten / was für Gefahr ihm fürstünde von einem so streitbaren
Jünglinge / der unter fünf hundert geübten Rittern das beste getan hätte / und
dessen feuriger Geist sich nimmermehr in die Schrancken eines gehorsamden
Untertanes würde einriegeln lassen / schickte Tigranes nicht allein eine
ansehnliche Botschaft mit kostbaren Geschencken an den König Polemon / sondern
schrieb nichts minder an den Tiberius / als Taurus und Silanus um den Pontischen
König zu bewegen /dass er ihm den jungen Artaxias / als seinen und der Römer
Feind ausfolgen liesse. Alls diese Gesandtschaft zu Sinope einzog / hielten wir
uns möglichst eingezogen um nicht erkennet zu werden / unwissende / dass wir
bereits verraten und im Garne wären. Denn noch selbigen Abend ward unser Haus
rings umher mit einer starcken Wache besetzt. Kurtz darauf brachte ein
verkleideter Edelknabe von der Princessin Arsinoe einen verschlossenen Zettel an
die Princessin Erato mit diesen Zeilen:
                        Arsinoe an den Fürsten Artaxias.
    Der Tag / welcher meinem Irrtume diss erfreuliche Licht giebet / und die
Vermutungen aller derer / die die Tugend zu schätzen wissen / vergewissert /
dass der unvergleichliche Massabazanes kein schlechter Albanischer Edelmann /
sondern der Enckel des grossen Tigranes sei / setzet mich zwar aus einer nicht
geringern Bekümmernis. Aber ich zittere zu schreiben / dass der Armenische König
ihn aus meiner Gemeinschaft / und in seine unbarmhertzige Hände fordert. Mein
Vater / der zwar die Versicherung seiner Person nicht abzuschlagen vermocht /
ist iedoch allzugrossmütig den auf die Fleischbanck seinem Feinde zu liefern /
der durch seine Tugend eines gerechten Königes Gewogenheit / und die Liebe der
ganzen Welt verdienet. Diss Schreiben gab nach einer heftigen Bestürtzung uns
nicht geringen Trost / und ob wir wohl noch tausenderlei Gefahr für Augen sahen
/ verliessen wir uns doch so sehr auff Arsinoen / als ein Schiffer beim Sturm
auff seinen Ancker. Folgende Tage ward uns in Vertrauen zuwissen gemacht; wie
die Armenische Botschaft beim Könige die rechte Verhör gehabt / und im Nahmen
des Tigranes angeführt habe: Es wäre den Rechten der Völcker / und denen
zwischen den Armen- und Pontischen Königen auffgerichteten alten Verträgen gemäss
/ dass keiner des andern Feinde hausen / sondern selbte ausgefolget werden
selten. Es wäre Weltkündig / wie übel dem Aristodicus von Cuma seine unzeitige
Barmhertzigkeit bekommen / als er den dem Könige Cyrus mit einem grossen Schatze
entlauffenen Pactyas seinem Sardischen Land-Vogte Tabalus nicht aushändigen
wollen / da doch der Didymeische Apollo und Branchus / als die Cumäer sie
hierüber zu Rate gezogen /diss Ausfolgungs-Recht gebilliget hatte. Dahero
versehe sich König Tigranes unfehlbar: dass Polemon ihm den jungen Artaxias als
seinen Feind und Untertan nicht vorentalten würde. Polemon aber habe
fürgeschützt: Es hätte Apollo gleichwohl / als Aristodicus die an dem Tempel
nistenden Sperlinge aus de Nestern verjagt / und dem ihm fluchenden Abgotte
seinen vorigen Spruch entgegen gesetzt / seinen Befehl nur auf gehausete
Ubeltäter / derogleichen Artaxias nicht wäre / gedeutet; ja die Cumäer hätten
den Pactyas gleichwohl nicht unmittelbar den Persen eingeantwortet / sondern ihn
auff die Insel Chius verwiesen / da ihn den allererst die Einwohner seinen
Feinden geliefert. Nach dem der Gesandte darauff bestanden / habe König Polemon
zu seiner Entschlüssung Bedenck-Zeit genommen / und den Gesandten versichert /
dass inzwischen die begehrte und für einen Feind angegebene Person in sicherer
Hafft bestrickt wäre. Nach der Zeit hatte der König alle Kunststücke des
Tigranes Anmuten abzulehnen herfür gesucht /nehmlich die Gesandten mit Jagten /
Schauspielen und andern Kurtzweilen auffgehalten / auch dort und darhin zu
reisen Gelegenheit gesucht / um nur fernere Verhör abzulehnen; und / nach dem
die Botschaft sich darmit nicht länger wollen äffen lassen /fürgeschützt: Er
müste es als eine Sache von grosser Nachfolge mit den benachbarten Königen
beraten /inzwischen könten die Gesandten zurück kehren /seine ihnen vielleicht
auf dem Fusse folgende Botschaft würde seine vernünftige und vielleicht nicht
unangenehme Entschlüssung nachbringen. Hingegen versehe er sich / dass auff
solchen Fall Tigranes auch des Meleagenes Anhang / welche in dem Bosphorschen
Kriege wider ihn die Waffen geführet / und hernach sich in Armenien geflüchtet
hatten / unter denen Lycostenes ein Schoos-Kind des Tigranes war / ausfolgen
lassen würden. Alleine es hätten die Gesandten auff einen endlichen Schluss
gedrungen / ihres Königs Befehl / dass sie ohne den nicht zurücke kehren dörfften
/ fürgeschützt / und die Auswechselung des Lycostenes und andere gegen dem
Artaxius ausdrücklich anerboten. Dessen ungeachtet hätte die Fürstin Arsinoe dem
Könige fort für fort in Ohren gelegen: Es wäre wider der Pontischen Könige
Hoheit einen Fürsten / der zu Sinope in seiner Verfolgung eine Frei-und
Schutz-Stadt zu finden vermeint / ausser dem verhofften Schirm nicht allein zu
lassen / sondern auch einen Unschuldigen in die Klauen eines Wüterichs zu
lieffern. Es lieffe wider das Recht und die Gewonheit der Völcker / und diene
das Beispiel des Käysers / welcher dem Phraates den flüchtigen Tiridates
keinesweges hätte ausantworten wolle / ihm zu einem Wegweiser. Ob nun wohl die
zwei Römischen Ratsherren Taurus uñ Silanus auf die Seite des Tigranes hingen /
so überwog doch die Grossmütigkeit Polemons / und die Anmassung Arsinoens alle
andere Absehen / also: dass die Armenische Botschaft wegen der verlangten
Ausliefferung des Artaxias abschlägliche Antwort kriegte. Alleine das Unglück
wollte der Redligkeit dieses tapffern Königs nicht aus dem Wege treten. Denn noch
selbigen Tag lieffen vom Tiberius Schreiben ein / welche dem Polemon die
Ausfolgung des Artaxias beweglich einhielten / und die Römischen Ratsherren
befehlichten darzu eusserst beförderlich zu sein. Polemon erschrack über des
Tiberius Brieffe / noch mehr aber über des Taurus und Silanus heftigem
Fürtrage. Gleichwohl aber sätzte er ihnen entgegen: Er versehe sich zu ihne als
Römern nicht / dass sie ihn nötigen würden die Gast-Götter seines Hauses zu
beleidigen / und dass er dem Artaxias einmal gegebene Königliche Wort: Er möchte
bei ihm sichern Auffentalt haben / brechen sollte. Treu und Glauben wäre zu Rom
ein solches Heiligtum /welches daselbst auch denen gehalten würde / welche
gleich solches vorher verletzet / und ob schon dem gemeinen Wesen daraus einiges
Unheil zugehangen. Sie hätten den Hanno / der auff der Römer Wort zu ihnen
kommen / unverhindert zurück gelassen / ungeachtet die Cartaginenser den
Gesandten und Bürgermeister Cornelius Asina in Ketten geschlossen hatten. Wie
möchte man denn ihm zumuten seinen Gast und Freund zu bestricken. Zumahl ihm
unbewust wäre: dass dieser Artaxias die Römer iemahls beleidiget / ein Sohn aber
nicht Teil an der Schuld seines Vaters hätte. Antiochus hätte eh wider den mit
den Römern gemachten Friedens-Schluss handeln / als an seinem Gaste dem Hannibal
durch seine Ausfolgung eine Leichtsinnigkeit begehen wollen; indem er ihn
gewarnigt sich aus dem Staube zu machen. Alleine die Römer setzten ihm entgegen
/ Polemon hätte den Massabazanes / für den er sich fälschlich ausgegeben /
keinem Artaxias die Gast-Freiheit erlaubet. Man habe nicht nur auff die
Versicherung seiner Feinde /sondern auch derer zu dencken / die es allem Ansehen
nach werden / und die gemeine Ruh stören könten. Fremde Könige wären einem seine
Feinde ausfolgen zu lassen nicht schuldig; und desshalben wäre der Käyser
Phraaten den Tiridates zu lieffern nicht schuldig gewest / aber wohl die
Bundgenossen. Daher hätte Antiochus unrecht / Prusias aber löblich getan: dass
er den Hannibal habe greiffen lassen / und den Römischen Gesandten lieffern
wollen / wenn er ihnen nicht mit Gift wäre zuvor kommen. Diesem setzten sie
ausdrückliche Bedrohungen bei: dass / nach dem Polemon hierdurch wider seine
Bundgenossenschaft handelte / würde er für einen Beschirmer der Römischen
Feinde angesehen werden. Polemon fand sich derogestalt zwischen Tür und Angel.
Denn auff einer Seite stritte für uns seine Ehre und unsere Schutz-Göttin
Arsinoe / auff der andern Seiten wider uns die Furcht für der Römischen Macht /
und die Gefahr seines Königreichs. Wie nun diss alles uns zu Ohre kam /entschloss
sich Erato lieber freiwillig in die Gewalt ihres Feindes / als einen so
redlichen König in so grosse Gefahr zu stürtzen; Liess auch solches dem Könige
ausdrücklich beibringen / welcher inzwischen noch diesen Vorschlag ersonnen
hatte: dass er auff den eussersten Fall den Artaxias nicht dem Tigranes / sondern
denen weniger grimmigen Römern mit Begleitung einer bewegliche Vorschrifft an
den Käyser und Tiberius ausfolgen lassen wollte. Endlich kam Erato und ich nach
langer Uberlegung unsers bevorstehenden Unglücks auff die Entschlüssung / lieber
die Heimligkeit ihres zum Erbarmniss mehr dienenden Geschlechts zu offenbaren /
als auff die mehrmahls fehlgeschlagene Gnade der Römer zu fussen. Wie es nun an
dem war / dass Massabarzanes dem Taurus und Silanus eingehändiget werden sollte /
und für dem Könige und ihnen erschien / fing er mit einer freudigen Anmut an:
Es befremdete ihn / dass nicht nur Tigranes / sondern auch die so klugen Römer
entweder auff das ungewisse Geschrei / oder auff blosses Angeben eines
Kundschaffers so feste gefusset / und dass Massabarzanes Artaxias wäre / geglaubet
hätten. Seine Unschuld habe keine Scheu weder in der Gewalt eines grimmigen
Wüterichs / noch der so gütigen Römer zu sein. Allein er wäre der nicht / für
den man ihn ansehe; also besorgte er sich noch weniger / dass man ihn zum
Schlachtopffer eines fremden ihm unbekandten Verbrechens hingeben würde /
wodurch zwar Tigranes seinen Tron / weil Armenien vielleicht noch ein Auge auf
den entronnenen Artaxias haben möchte / befestigen / die Römer aber / die
Schutz-Götter der Unschuldigen / beleidigen würde. Der König Polemon und die
Römer sahen einander eine gute Weile stillschweigend an; liessen daher des
Tigranes Gesandten Sinnates darzu kommen / und befragten ihn: Ob er den
gesuchten Artaxias auch eigentlich kennte? Dieser antwortete: nein. Denn er wäre
mit dem Tigranes stets zu Rom / und lange Jahre nicht zu Artaxata gewest. Allein
es wäre Sinorix bei der Hand / der den König dessen vergewissert hätte. Sinorix
war kaum über die Schwelle ins Zimmer getreten; als Massabarzanes ihn anredete:
Bistu der Verläumder / der der Unschuld fremde Laster auffhalset / wo anderst
Artaxias nicht redlicher ist als du / der du mir eine falsche Larve einer Person
/ die ich nicht kenne / fürmachest? Sinorix ward anfänglich etwas bestürtzt über
dieser heftigen Anredung / wollte auch eher nicht antworten / biss er
Massabarzanen wohl und eigentlich betrachtet hatte. Denn Massabarzanes Kühnheit
machte ihm gleichwol Nachdencken: Ob ihn nicht sein Auge hätte betrügen mögen.
Wie er ihn aber auffs genaueste betrachtet; fing er an: Es möchte ja wohl die
Natur zu weilen einen Menschen dem andern ähnlich machen /aber er finde in
seinem Antlitze solche unfehlbare Merckmalhe / dass / dafern er dissmal irrete /
er seinen Kopf / der ihm lieb wäre / wollte verloren habe. Massabarzanes lachte /
und fing an: Wenn ich so rachgierig wäre / als du verläumderisch bist / hättestu
ihn bereit sicher verspielet. Hiemit wendete er sich zum Könige Polemon / und
bat ihn um Verlaub / dass er in das unentfernte Zimmer der Königin sich verfügen
möchte / daselbst wollte er einen unwiderleglichen Beweis fürzeigen / und den
Sinorix augenscheinlich zu schanden machen. Der gütige König konnte diss ihm nicht
abschlagen; wiewohl er und die Römer nicht ersinnen konten / was für Beweis
möglich zu finden sei / der des Sinorix Zeugnis / welcher aus Armenien noch
tausend ihm beistimmende Zeugen auffzubringen sich vermass / hintertriebe / und
des Massabarzanes Verneinung erhärtete. Als Massabarzanes nun in der Königin
Zimmer kam / bei der sich die seinetwegen höchstbekümmerte Fürstin Arsinoe
auffentielt /fiel er vor ihnen auf die Knie / und fing an: Gnädigste Königin /
die Verläumdung des Sinorix / welche einen Fremdling dem Blutdürstigen Tigranes
auffopffern will / zwinget mich für selbter / als einer Schutz-Göttin meiner
Unschuld ein Geheimnis zu entdecken / welches ich lieber auch vor den Göttern
verhelet hätte. Hiermit riss sie ihr Kleid auf / und wiess der Königin und
Arsinoen ein paar so schöne Brüste / als sie iemahls ein Auge gesehen / oder ein
vollkommenstes Frauenzimmer haben kann. Die Königin erstaunete über so
unvermuteter Begebenheit / noch mehr aber die schöne Arsinoe: also / dass sie
eine gute Weile kein Wort auffzubringen wusste. Die nunmehr offenbarte Erato nahm
die grosse Veränderung Arsinoens genau wahr / und weil sie von ihrer Liebe gut
genug wusste / mutmasste sie / ihre Bestürtzung rühre daher / dass weil sich
nunmehr Massabarzanes in ein Weib verwandelte / sie hierdurch ihre Liebe zu
Wasser werden sehe. Nachdem aber beide sich ein wenig erholet / fing Erato an:
Gebet nun / ihr meine Schutz-Götter /einer unglückseligen Jungfrauen / die die
Begierde der Tugend und ein grosses Absehen ihrer Eltern in ein Mannsbild
verstellet hat / wider die Falschheit des Sinorix ein Zeugnis: dass sie nicht
Massabarzanes / weniger der verfolgte Artaxias sei. Der gutertzigen Königin
fielen die Tränen aus den Augen / und sie kunte sich nicht entalten / dass sie
nicht die Erato mit hundert Küssen umhalsete; Arsinoe aber blieb hierbei voll
Nachdenckens unbewegt gleichsam als eine Marmel-Seule stehen / verlohr sich auch
unvermerckt aus dem Zimmer. Die Königin befahl hierauff alsofort ihrem
Frauenzimmer: dass sie den eingebildeten Massabarzanes alsofort ihrer Tugend gemäss
auffs prächtigste ankleiden mussten. Als dieses in möglichster Eil vollbracht
ward / nahm die Königin diese Fürstin bei der Hand / und führte sie in das
Königliche Zimmer /darinnen die verlassenen Personen mit Ungedult den verlangten
Ausschlag erwarteten. Dieser aber als sie nun den eingebildeten Artaxias in ein
Frauenzimmer verwandelt / und die unfehlbare Warheit aus denen mit Fleiss halb
entblössten Brüsten sahen / verwirrte nicht nur den König und die Römer / sondern
auch den Sinnates / und insonderheit den Sinorix; dass jene kein Wort reden
konten / dieser aber für Scham und Schande sich augenblicks aus dem Zimmer
entbrach. Der König ward über diesem Ebenteuer hertzlich erfreuet / die Römer
aber und ganz Sinope verwundernd über der Schönheit und Tapfferkeit dieser zwar
unbekandten Fürstin; welche aber ihren hohen Stand durch ihre Tugend genugsam
ausführete. Sinorix liess sich nicht mehr schauen / und Sinnates musste mit einer
Nase abziehen. Erato aber erfreute sich über so glücklichem Ausschlage / dem
Siege ihrer Klugheit. Denn diese ist die Hebamme der Glückseligkeit und
Vergnügung. Eines allein lag ihr noch auff dem Hertzen / nehmlich die Sorge über
der an Arsinoen verspührten heftigen Veränderung. Zumal da Erato /welche
nunmehr in dem Königlichen Frauenzimer bleiben musste / und von der Königin alle
ersinnliche Gnaden / von der Fürstin Arsinoe aber noch heftigere
Liebesbezeugungen genaass / gleichwol an ihr eine ungewöhnliche Traurigkeit
verspürte. Diese verwandelte sich in wenigen Tagen in eine Kranckheit / und
machte sie gar bettlägerig. Endlich wuchs die Unpässlichkeit so sehr / dass die
Aertzte an ihrer Wiedergenesung zu zweiffeln anfingen; worüber der ganze Hoff
in unermässliches Trauren versetzet ward. Taurus und Silanus hatten selbst mit
dieser so anmutigen Fürstin ein hertzliches Mitleiden; und weil sie den
berühmten Artzt Cornelius Celsus / welchen man seiner Fürtreffligkeit wegen den
Lateinischen Hippocrates nennte / bei sich hatten / ward er endlich auch zu
Rate gezogen. Dieser aber konnte so wenig als die andern sich in die Kranckheit
finden / weniger bei solcher Unwissenheit helffen. Nach hunderterlei
Anmerckungen ihrer Veränderung nahm er wahr / dass wenn einige von dem
Frauenzimmer / und darunter Erato ums Bette standen / der Puls schneller zu
schlagen anfing /ihre Farbe und ganze Beschaffenheit sich änderte. Gleichwohl
aber konnte er hieraus ihm wenig nehmen /noch auff den Grund kommen. Nachdem er
aber mit Fleiss anmerckte / dass dieser Umstand allezeit einerlei Veränderung
machte / und die Königin bei sich täglich vermindernden Lebens-Hoffnung sehr
erbärmlich tät / ihr die Haare ausrauffte / den Göttern und der Natur fluchte /
ihre Kleider zerriss; diese eine Stieff-Mutter schalt / welche dem Menschen bei
seiner Geburt nur deshalben den Verstand entziehe / dass er das gute des
anfangenden Lebens nicht recht genüsse / bei dem Sterben aber gebe / dass er die
Bitterkeit des Todes so viel mehr schmecken müste / zohe dieser nachdenckliche
Artzt die Königin auff die Seite / entdeckte ihr seine Anmerckung und sagte: Er
hielte es mehr für eine Gemüts- als Leibes-Kranckheit / und wenn solche
Veränderung in Anwesenheit einiges Mannes geschehe / wolle er keck sagen: Es
wäre die Kranckheit / daran Erasistratus den Liebhaber der Stratonice geheilet
hätte. Wolte sie nun die Ursache der Kranckheit ergründen / und ihrer Tochter
das Leben erhalten / müste sie die Heimligkeit ihres Hertzens erforschen. Der
klugen Dynamis war mehr denn zu viel gesagt / und sie konnte ihr numehr die
Kranckheit an den Fingern ausrechnen. Gleichwohl aber noch gewisser auf den
Grund zu kommen / ging sie mit unterschiedenen ihres Frauenzimmers zu Arsinoen
/merckte aber in ihrem Beisein an ihr nichts veränderliches. Hierauf trat sie
alleine mit der Erato für ihr Bette; alsofort dorfte sie Arsinoen nicht an Puls
fühlen; denn ihre Gemüts- und Leibes-Aenderung brach an allen Gliedern aus.
Nach so augenscheinlichen Merckmalen führete sie die Fürstin Erato mit sich
/verschloss sich mit ihr in ihr geheimstes Zimmer; daselbst redete sie / ihre
Augen voll Tränen / und ihre Brust voll Seufzer habende / derogestalt an: Wenn
ich / unvergleichliche Erato / nicht ihrer hohen Ankunft halber durch so viel
Tugenden / wormit sie der gütige Himmel ausgerüstet hat / vergewissert wäre /
würde ich entweder den Vorwitz begehen ihren Ursprung zu erforschen / welchen
sie vermutlich aus wichtigen Ursachen verhelet / oder ihr ein Geheimnis zu
entdecken anstehen / welches meinem eigenen Gemahl verborgen ist. Nachdem man
aber für den Göttern und der Tugend sicher sein Hertz ausschüttet / und ihre
Gütigkeit mich aus dem Pfule des Verderbens / mein Kind Arsinoen aus dem Rachen
des Todes zu retten alleine mächtig ist; wolle die ihren Ohren nicht
beschwerlich sein lassen mich zu hören / welcher mitleidentlich Hertze ich so
geneigt weiss mir zu helffen. Als nun Erato mit Zunge und Geberden ihr Mitleiden
und Verbündligkeit beweglich bezeuget hatte / fuhr die Königin Dynamis fort: Als
ich den König Polemon geheiratet hatte / liessen die Götter zu / dass des
Scribonius Schwester durch Zauberei uns zwei Ehleute eben so / wie es für Zeiten
dem Könige Amasis mit der Laodice begegnet / gegen einander verschloss. Polemon /
welcher über diesem Zufalle nebst mir höchst bekümmert ward / nahm seine
Zuflucht zu der Persischen Diana / welche in der Cilicischen Stadt Castabala
verehret wird. Die Wahrsager-Weiber /welche daselbst über den glüenden Rost und
Kohlen /darauf die Opfer angezündet werden / baarfüssig ohne Verletzung gehen /
trugen der Göttin unser Gelübde für / und kriegten zur Antwort: Ich sollte meinen
Gürtel der Jungfräulichen Diana wiedmen / so würde ich schwanger werden / es
sollte ihm aber Polemon den Degen schleiffen. Ob uns nun wohl das letztere
ziemlich tunckel fürkam; so leisteten wir doch dem Göttlichen Befehl Gehorsam /
und ich befand mich in einem Monat schwanger. Wie wir nun auf dem Rückwege bei
der Stadt Seleueia unter dem Berge Taurus vorbei zohen / wollten wir bei der
berühmten Charoneischen Höle nicht vergebens vorbei ziehen / sondern wir
verehrten den Geist denselben / und schlugen des Nachts darinnen unsere
Lager-Stadt auf / umb durch einen Traum wegen des Mittels unser Genesung
bestärckt zu werden. Es träumte uns aber allen beiden: Ich ginge mit einer
Schlange schwanger / die an iedem Orte einen Kopf hätte / derer einer den
Polemon stäche / der andere seine Mutter küsste. Eben dieses träumte uns zu
unserer höchsten Verwunderung wenige Zeit hernach zum andern mal in dem
Pergamenischen Tempel des Esculapius. Wir blieben also mit Furcht und Hoffnung
bestricket biss zu meiner Geburts-Zeit ruhig / wurden aber hertzlich erfreuet /
als ich eines wolgestalten Sohnes und Tochter genesen war / die wir Zeno und
Arsinoe benahmten. Gleichwohl aber konnte mein König ihm den Traum nicht aus dem
Sinne schlagen / daher reisete er selbst in den Epirischen Eichwald bei der
Stadt Dodona / allwo Jupiter in einem alten noch vom Deucalion gebaueten Tempel
künftig Ding wahrsagte. Wie er nun nach verrichteter gewöhnlichen Andacht
fragte: Was er für Glück oder Unglück von seinen neugebohrnen Zwillingen zu
hoffen hätte / antworteten ihm die daselbst singenden Tauben:
Die Tochter wird alsbald die Mutter kussen /
Der Sohn das Blut des Vaters selbst vergiessen.
Als nun Polemon über dieser Weissagung bestürtzt war / und die Götter umb
Erklärung mit vielen Seufzern anflehete / hob sich das güldene Bild des Jupiters
/ welches oben auf dem Tempel stand / auf / und schlug mit seiner eisernen Rute
an die rings herumb aufgehenckten ertztene Tiegel / welche eben vorige Reimen
von sich lauten liessen. Der König wollte mit dieser betrübten Zeitung nicht nach
Hause kehren /sondern schiffte aus Griechenland geraden Weges in Africa / und
durch das fast unwegbare Sand-Meer zu dem Ammonischen Jupiter bei den
Troglodyten; wohin dem grossen Alexander die Raben / dem Bachus ein Widder den
Weg gewiesen hat. Daselbst wusch sich Polemon aus dem Sonnen-Brunnen / welcher
des Morgens und Abends laues / des Mittags eisskaltes / umb Mitternacht
siedendheisses Wasser hat; opferte hierauf sieben Widder / verrichtete alles /
was zu selbigem Gottes-Dienste gehörig ist / und bat ihm seiner Kinder Zufälle
zu offenbaren. Die Priester nahmen des Jupiters Bild / welches wie ein Seeweiser
aus weissem Marmel / oben mit einem Widder-Kopfe gemacht / auf der Seite mit
Smaragden und andern Edelgesteinen gezieret war / setzten solches auf einen
güldenen Nachen / an welchem eine grosse Menge silberner Schüsseln hingen / und
hinter dem eine grosse Anzahl Frauen und Jungfrauen allerhand Lob-Lieder sangen.
Auf des Königs angebrachte Frage verdrehete der Abgott die Augen / schüttelte
den Kopf / raschelte mit den umbhangenden Hammel-Fellen / und / welches zu
verwundern / brauchte der Priester zu Auslegung dessen / was Jupiter andeutete /
eben die von dem Dodonischen Jupiter ausgesprochene Worte. Wiewohl nun die
Wahrheit der Hammonischen Wahrsagungen durch die dem Egyptischen Könige
Temeutes / dem Getulischen Jarbas / dem Hannibal und viel andern erteilte
Weissagungen bewährt war; so liess sich doch Polemon nicht vergnügen / sondern er
beriet sich auch mit dem Pytischen Apollo in Beotien / dessen Heiligtum von
einer Ziege erfunden worden. Wie nun die Pytia nach zweien ihm geopferten
weissen Pferden aus dem Brunne Cassiotis /welcher die angezündeten Fackeln
auslescht / die ausgeleschten anzündet / getruncken / und den Wahrsager-Geist
bekommen / auch sich bei einbrechender Demmerung über die heilige Höle auf den
güldenen Dreifuss gesetzt hatte / kriegte sie einen Jäscht für dem Mund / und
fing an eben diese Wahrsagung /welche fürzeiten dem Tebanischen Könige Lajus
geschehen war / auszuschäumen:
Wenn nicht die Gotter wolln / so zeuge doch kein Kind /
Nachdem dir selbst dein Sohn ein Sterbens-Netze spinnt.
Mit diesen betrübten Offenbarungen kam Polemon wieder zu Sinope an / ich stelle
zu ihrem vernünftige Nachdencken / zu was für Hertzeleid für mich / sonderlich /
da sich der König entschloss meinen einigen Sohn hinrichten zu lassen. Die
ehliche und Mutter-Liebe kämpfte in meinem Hertzen gegen einander /weil jene aus
den Göttlichen Wahrsagungen selbst die Gefahr meines Gemahls / diese meines
Kindes Untergang für Augen sah. Ich hielt ihm aber gleichwohl ein; wie die
albern Ratschläge der Menschen die unvermeidlichen Schlüsse des Verhängnisses
zu stören sich vergebens anmassten / als aus dem Beispiele Astyagens / der seiner
Tochter Mandane ganz Asien überschattende Frucht wollen tödten lassen / und des
Lajus / der seinen mit der Jocasta erzeugten Sohn dem Tode wiedmete / zu sehen
wäre. Uber diss missbrauchte die menschliche Bosheit nicht selten sich Göttlicher
Weissagungen zu ihrem Vorteil. Phalantus wäre seiner Herrschaft vom Apollo so
lange versichert worden / biss er weisse Raben sehen / und in seinem Geträncke
Fische finden würde. Sein Feind Iphiclus aber / dem diss verkundschaft worden /
hätte durch den bestochenen Larca ihm mit dem Wasser kleine Fische in Wein
mischen / und Iphiclus zugleich eine Menge übergipste Raben flügen lassen.
Hierdurch wäre der abergläubische Phalantus sich dem Iphiclus ohne Not zu
ergeben verleitet worden. Nach dem aber auch diss nicht verfangen wollte / sagte
Dynamis /verschrieb ich in möglichster Eil den Egyptischen Sternseher Cherämon
an Hof / welcher bei vielen seiner Wissenschaft halber berühmt / bei nicht
wenigern aber auch seiner Eitelkeiten halber verachtet war; massen er durch das
Gedichte / dass der Vogel Phönix 7000. Jahr lebte / und andere Torheiten sich in
der Welt schon genungsam bekandt gemacht hatte. Nichts desto weniger eröffnete
ich dem Cherämon meines Sohns Geburts-Stunde / wormit er aus dem Gestirne alle
Zufälle seines Lebens aufs fleissigste ausrechnen sollte. Es konnte diss aber nicht
so verholen geschehen /dass es nicht die Königlichen Räte erfuhren / und dem
Polemon fürtrugen: Wie gefährlich es wäre / über dem Zustande der Fürsten die
nichts minder betrüglich- als abergläubische Leute zu Rate fragen; oder auch
gar solche denen Göttlichen Offenbarungen /welche Polemon allentalben
einstimmig befunden hätte / entgegen zu setzen. Die beruhmtesten Chaldeer hätten
einmütig den grossen Pompejus / den Crassus und Cäsar versichert / dass sie mit
grossem Glücke und Ruhm in hohem Alter auf dem Bette sterben würden; sie also zu
vielen kühnen Entschlüssungen verleitet / ihre Unwahrheit aber wäre mit aller
dreier grausam versprjetzten Blute aufgezeichnet. Insonderheit wäre dieser
Cherämon auf derogleichen Betrug abgerichtet / und hätte er den grossen Pompejus
gewarnet: Er sollte sich für dem Cassius hüten. Wie er nun hernach in einem
Nachen von ganz andern ermordet worden / hätte Cherämon seinen Fehler damit
entschuldiget / er hätte keinen Menschen / sondern den Berg Cassius / unter
welchem er gestorben und begraben wäre / verstanden. Ich kam zu meinem Glücke
gleich darzu / und hörte diese Beschuldigung des Cherämons / welchen ich eben
dadurch für glaubwürdig rühmete. Sintemal nicht seine Wahrsagung /sondern des
Pompejus übeler Verstand zu tadeln wäre. Die Götter selbst pflegten in ihren
Weissagungen selten noch so verständlich zu reden / und müsten allentalben
solche Offenbarungen nachdencklich überlegt werden. Polemon aber blieb gegen
mich ganz unbeweglich / allem Vermuten nach mehr aus einem Staats-Geheimnisse
/ als aus Misstrauen gegen dem Cherämon. Denn weil an Wahrsagung künftiger Dinge
so viel gelegen / und die / welche solche zu wissen gegläubet werden / bei dem
Volcke in allzugrossem Ansehen sind / haben iederzeit alle kluge Oberherren
diese Wissenschaft an sich gezogen. Also hätte Amphilochus und Mopsus ihren
Argivern / Helenus und Cassandra des Priamus Kinder ihren Phrygiern / die aus
den Weisen erkiesete Persische Fürsten alleine bevorstehende Begebenheiten / wie
selbte für ihre Herrschens-Rat gedienet / angekündigt. Numa bediente sich zum
Scheine seiner Wahrsagungen einer erdichteten Gemeinschaft mit der Egeria; und
vom Tullus Hostilius glaubten die Römer / dass der Donner ihn deshalben
erschlagen hätte / weil er die Geheimnisse / wordurch der Jupiter Elicius zu
erscheinen beruffen werden könnte / nicht recht beobachtet. Nichts minder ist die
Wahrsagerei auch hernach zu Rom /als die höchste Gewalt / für etwas Königliches
gehalten / uñ mit selbter vereinbart; hingegen / dass die Stadt nicht durch
andere Weissagungen irre gemacht /oder gar ausser den Schrancken des Gehorsams
versetzt würde / haben die Obern die Sibyllinischen Bücher verbrennen / und die
Wahrsager mehrmals aus der Stadt vertreiben lassen. Mit Not brachte ich es
endlich so weit / dass König Polemon einen seiner Räte Sophites befehlichte /
des Cheremon Wissenschaft zu durchforschen. Dieser rechtfertigte ihn alsofort:
Ob er ein Sternseher wäre / und wo er seine Künste gelernet hätte? Cheremon
antwortete dem Sophites gleichsam verächtlich: Er wäre zwar nach Sinope nicht
kommen seines Tuns halber Rechenschaft zu geben; nachdem er in Egypten für
einen halben Gott gehalten würde. Jedoch könnte er nicht läugnen / dass er mit dem
Verhängnisse ein verträuliches Verständnis / und den Sternen tägliche
Gemeinschaft hätte /und nichts minder einen Wahrsager unter den Menschen / als
einen Gesetzgeber im Himmel abgebe; auch versichert wäre / dass sein Nahme nicht
mit tunckelern Sternen / als der Gürtel des Orions daselbst eingeschrieben
werden würde. Sophites fragte weiter: Woher er diese Wissenschaft erlernet? Aus
dem Buche der Verständigen / antwortete Cheremon /nämlich dem Himmel / dessen
Sterne alle Buchstaben wären / woraus die Weisen alle Geheimnisse der Natur und
die Schlüsse des Glückes so unschwer lesen könten / als die ersten Menschen nach
dem Stande der Gestirne in denen sändichten Einöden /und noch ietzt die
Schiffenden hätten reisen lernen /und die Weisen der ersten Welt auch die
Sprache der Tiere verstanden. Worbei er aber mit dem Socrates gestehen müste /
dass die Erfahrung himlischer Dinge ohne Göttliche Hülffe und Erleuchtung sich
nicht erlernen liesse. Sophites erkundigte ferner: Mit welchen Volckes Schrifft
denn diese himlische eine Verwandnüss hätte / und wordurch die Anfänger selbte
verstehen lernten? Cheremon fing an: Die sieben grosse Irr-Sterne wären die
laut-alle andere die stummen Buchstaben. Der kluge Cham hätte das A.B.C. in 7.
ertztene und 7. irrdene Säule aufgezeichnet / wormit selbte weder Feuer noch
Wasser vertilgen möchte. Der sinnreiche Idris aber hätte ein von dem andern
Menschenin eine versiegelten Stein verschlossenes Buch gefunde / darinnen die
allerklärste Auslegung entalten gewest / und aus welchen die Egyptier so viel
tausend Jahr ihre Heimligkeiten geschöpfet hätten. Sophites fuhr fort: Woher sie
eines so grossen Alters der Welt versichert wären; ob sie selbte wegen ihres
Ursprungs für ewig / und ihrer Tauerhaftigkeit nach für unvergänglich hielten?
und ob er auch unter denen Leichtglaubige wäre / dass die Babylonier von 470000.
Jahren den Lauff der Sonnen aufgezeichnet hätten? Cheremon versetzte: Alle Dinge
/ ausser Gott / hätten jhren Anfang; das Alter der Welt wüsten sie aus denen
20000. Büchern des Hermes / in welchen keines Sternes Bewegung von Anfang der
Welt aussengelassen wäre. Das Alter der Welt würde sich auf 36525. Jahr
erstrecken / weil in so vieler Zeit der völlige Lauff des Gestirnes sich endigte
/ und umb ein allgemeines Ende zu machen alles in den ersten Stand verfiele.
Sophites fragte ferner: Ob denn die Sterne allein in der Welt die natürlichen
Regungen des Gewächses / des Gewitters / der Fruchtbarkeit / in dem Menschen nur
über den Leib / oder auch über sein Gemüte / über den Willen und die Regungen
der Seele einige Gewalt hätte. Cheremon antwortete: Die Sternen hätten so wohl
über ein als das andere eine vollkommene Botmässigkeit. Sophites versetzte: So
höre ich wohl / die Sternen haben nicht nur eine blosse Neigung / sondern einen
völligen Zwang über uns. Sintemal alle Wissenschaften keinen zufälligen
/sondern einen notwendigen Schluss in sich haben. Hat denn aber der Mensch
keinen freien Willen der Tugend oder dem Laster beizufallen / auch keinen
Verstand Gutes und Böses zu erwählen in sich? Denn wie unschwer nachzugeben /
dass die Sternen über den menschlichen Leib als ein irrdisches Teil der Welt
würcken können; also nachdem die Seele ein Funcken des Göttlichen Lichtes / und
von einem höhern Ursprunge / als die Sonne selbst ist; wie können die niedrigern
Gestirne über das höhere würcken? Wenn die Seele sich nicht selbst der
Knechtschaft des Leibes unterwirfft? Cherämon sah den Sophites ernstaft an /
und sagte: O ihr albern Menschen / die ihr euer Glücke / euer Klugheit / und
eure gute Wercke eurem freien Willen zueignet. Beides hänget an den Ketten des
unveränderlichen Verhängnisses / welches durch die Sternen die Menschen / wie
ein Gauckler die Tocken durch verborgene Dräte beweget. Dieses Verhängnis haben
die Weisen durch das Fass der Pandora / wie die Bewegung der Irr-Sterne durch des
Orpheus siebenseitige Leier abgebildet / indem jene den Seelen bei der Geburt
des Menschen nach der Anschaffung des Himmels Böses und Gutes zueignet. Die
Hoheit der Seele klimmete zwar höher / als die Gestirne / keines weges aber über
dem Verhängnisse / welches das Gemüte und der Wille Gottes wäre. Diesemnach
auch die Götter an die Notwendigkeiten des Verhängnisses / wie Prometeus an
den Felsen des Caucasus angebunden wären. Es ist diss / sagte Sophites / eine
gefährliche Lehre / welche den vernünftigen Menschen zu einem wilden Tiere /
und zu einem Leibeigenen des Himmels machen. Denn ob er zwar selbst sich
bescheide / dass die so wunderwürdigen Begebenheiten der Welt nicht ungefähr
geschehen / dem menschlichen Willen und Klugheit auch in der Wahl es vielmal
fehl schlüge / und daher etwas überirrdisches über uns das Gebiete führen müste;
so glaubte er doch nicht / dass dieses von denen Sternen /welchen Gott doch einen
gewissen Lauff für geschrieben / und ein solches Ziel gesteckt hätte / wenn man
selbten auch schon das Band anderer natürlichen Ursachen beisetzte / herrühren
könnte oder müste; sondern / dass die Vernunft zwischen bös- und guten eine
unverschrenckte Wahl habe / ungeachtet selbte ihrer Blödigkeit halber vielmal
den unrechten Dreifuss anrührete / ein Weiser aber der Neigung des Gestirnes
überlegen sei. Weil er aber wohl wüste / dass dieser Stritt unter den Menschen
keinen unverwerfflichen Richter hätte / so wollte er inzwischen dem Cherämon
seinen eingebildeten Sternen-Zwang entängen. Nachdem aber Cherämon nicht
läugnen könnte / dass die Chaldeer und Egyptier so gar in der Zahl und in dem
Stande der zwölff himlischen Zeichen einander zuwider wären / diese derselben
zwölff / jene nur eilff machten / ihre Gräntzen auch sonst gar nicht miteinander
übereinstimmten; die Serer über diss über 500. Gestirne mehr / als die andern
zwei und die Araber zehlen; gleicher Gestalt auch etliche Sternseher den Mercur
zu einem weiblichen / andere zu einem männlichen Gestirne / die dritten zu einem
Zwyter machten; eben dieser Stern dem einen vor / dem andern hinten nach ginge;
ihrer viel denen Mitternächtischen / viel denen gerade über unserm Wirbel
stehenden Sternen die nachdrücklichste Wirkung zueigneten; wie wäre möglich /
dass aus diesen widrigen Meinungen / welche doch die Sternseher für ihre
Grundfeste hielten /einige unfehlbare Gewissheit / ja nur eine glaubhafte
Mutmassung gezogen werden könnte? sondern ieder Vernünftiger könnte leicht
urteilen: dass es mit der Sternseher Wahrsagung eben eine solche Eitelkeit hätte
/ wie mit den Aufmerckern des Vogel-Geschrei-und Fluges; es ginge auch mit
beiden einerlei Betrug für. Die Nacht-Eulen wären fast allen Völckern ein
Unglücks-Vogel; die Atenienser und Scyten verehrten ihn als einen gewissen
Siegs- und Glücks-Boten; und hätte Agatocles / welcher beim Anfange der
Schlacht eine vorhin verwahrte Menge Eulen fliegen lassen / seinem Heere damit
ein gross Hertze gemacht; die Cartaginenser aber keine geringe Niederlage
erlidten. Die unabmässliche Grösse der Gestirne / der unbegreiffliche Umbkreiss
des Himmels hätte sich noch durch kein Ferne-Glas einem richtigen Mess-Stabe
untergeben; weniger die Berge / Täler / Seen /und der Talg der Sternen / und ob
in selbten eben so wohl Menschen oder andere Tiere wohnte / ergründet werden
köñen / also dass fast keines einige Sternsehers Rechnung mit der andern
übereinstimmte; wie sollten sie denn die verborgene Eigenschaft / und die
Würckung den Sternen so leichte absehen / welche ihnen so wenig in die Stirne /
als den Kräutern auf die Blätter geschrieben wäre? Die Araber stellten den
Egyptiern / diese denen Chaldeern in ihren Grundfesten unzehlbare Fehler aus.
Die Gestirne selbst veränderten nicht allein ihren Stand / massen der äuserste
Stern in dem Schwantze des kleinen Bäres numehr kaum 4. Staffeln von der
nordlichen Angel-Spitze entfernt wäre / welchen die Alten dreimal so weit
darvon setzten; der gestirnte Stier stünde / wo für Zeiten der Widder gestanden
haben sollte; die Sonne sollte vier und zwantzig mal ihrer Breite weit von der
Erde erhöhet gewest sein / die ietzund nur achtzehn mal von selbter entfernt
wäre / wie auch der Bewegungs-Kreis des Kriegs-Sterns von der alten Anmerckung
hauptsächlich verändert sein. Wie wäre es nun möglich / dass die so veränderten
Gestirne ihre alte Würckung behalten sollten / da die von dem Gebürge in die
nechste Fläche / zu geschweigen die aus Europa in Asien versetzte Kräuter ihre
ganze Eigenschaft veränderten? Zumal die Sternseher selbst glaubten / dass die
Güte und Bosheit eines Gestirnes mehr aus dem Orte / wo er stünde / als aus
seiner Eigenschaft zu urteilen / insonderheit aber der Mercur bei den
glücklichen Sternen glücklich / bei den argen böse; hingegen der Saturn / dessen
Grausamkeit die alten so gar mit Menschen-Opfern versöhnet hätten / in dem Hause
des Löwen glücklich wäre. Wie viel tausend Sternen stünden nur in der
Milch-Strasse / welche unserm Gesichte nur als ein Nebel fürkämen? Welche
Vermessenheit aber wollte sich rühmen / dass sie ihnen ihre Würckung absehen könnte
/ welche sie so gewiss /als die sichtbaren Sterne haben müsten / wo es anders
wahr wäre / dass Gott und die Natur nichts umbsonst schaffe. Wie oft würden die
grossen Himels-Lichter von finstern Flecken verdüstert / wie viel Sterne hätte
man im Himel sich zeige / und wieder verschwinden sehen / welche höhergestanden
und grösser gewest /als der Monde? Solten diese daselbst keine Veränderung
machen / welche den Erd-Boden in so grosse Verwunderung setzten? Sintemal ja die
kleinsten Kräuter nicht ohne Würckung wären / und oft für die grösten
Kranckheiten dieneten. Wie viel unausleschliche Sternen hätte man auf den
Schiffarten in dem Sud-Lande des Himmels kennen gelernet / und durch die
Ferne-Gläser umb den Jupiter und Saturn neue Irr-Sternen erkieset / von denen
die Alten nichts gewüst; aus derer Büchern ihr doch alle eure Geheimnisse
schöpfet. In wie viel Dingen betreuget uns nicht das Gesichte / die
Unvollkommenheit der Ferne-Gläser /die unsichtbaren Dünste in der Luft / welche
dem Stande und der Gestalt der Gestirne eine ganz andere Farbe anstreichen /
und den Sternsehern zu mehrern Irrtümern Ursach geben / als es Irr-Sterne im
Himmel hat. Diesemnach es ihm keine geringere Vermessenheit zu sein schiene /
bei solcher Unwissenheit aus dem Gestirne der Menschen Verhängnis urteilen
wollen / als der vom Apion angezogene Wahrsager beging / der aus des Apelles
Gemählden auch der von ihm sonst nie gesehenen abgemahlten vergangenes und
künftiges Urtel andeutete; oder auch die /welche mit gewissen Edelgesteinen die
Götter aus dem Himmel / die Geister aus der Hölle beruffen /und wenn einem ein
Stein aus dem Ringe springt /daraus ein nicht allein unvermeidliches Unglück
erzwingen / sondern auch deswegen den wichtigsten Anschlag abbrechen. Cherämon
antwortete: Er könnte nicht läugnen / dass viel unter denen Sternsehern irrige
Meinungen von den Sternen hätten / dass die Ferne und die Blödigkeit des
menschlichen Verstandes nicht alles im Himmel so genau auszuecken wüste / und
derogestalt der Himmel den meisten ein unauflössliches Rätzel wäre. Alleine / es
wäre daraus ein mehres nicht zu erzwingen / als dass ihre Wissenschaft nicht
vollkommen / sondern auch mit Fehlern vermischt wäre. Massen denn auch keine
Sternseher / als die Egyptier / die Geburt der Schwantz-Gestirne vorher sehen
/und die Zeit ihrer künftigen Erscheinung anzukündigen wüsten. Diese
Unvollkommenheit aber hinge aller Weissheit und Künsten an; die Aertzte zanckten
sich ja so sehr über den Ursachen und Kennzeichen der Kranckheiten / als über
der Eigenschaft der Kräuter und des Ertztes. Die Staats-Klugen machten über
einer Entschlüssung die Rat-Stuben mehrmals zu einem Irrgarten widriger
Meinungen. Gleichwohl verwürffe niemand die ganze Artznei-Kunst / und die
mehrmals fehltretende Staats-Klugheit. Warumb wäre man denn ihrer Wissenschaft
so aufsätzig? Warumb wollte man denen Offenbarungen der Gestirne nichts glauben /
da so viel Völcker die Sprache der Esel und Bäume / den Flug der Vögel / und das
Geschwärme der Gespenster für unfehlbare Weissagungen annehmen? Keine einige
wäre noch so vollkommen durchsucht / dass die besten Meister nicht noch täglich
was zu lernen / oder ihre Unwissenheit zu beklagen hätten. Die gründliche
Wissenschaft von dem Lauffe und der Würckung der sieben grossen Irr-Sternen /
und der zwölf Zeichen des Tier-Kreisses wären schon genung eines Menschen
fürnehmste Zufälle vorzusehen; ob wohl freilich die kleineren Sterne in
geringern Dingen ihren absonderen Zug hätten. Ihre Würckungen hätte die Welt
durch die Erfahrung eben so / wie die Eigenschaften der Kräuter gelernet.
Sophites brach hier ein: Wie kann die Erfahrung allhier ein gewisser Lehrmeister
sein / nachdem die Sternseher selbst gestehen / dass der gestirnte Himmel niemals
einerlei / sondern stets einen ganz andern Stand darstellet? und dass ein ieder
Stern / so klein er sei /nichts minder als ein iedes Kraut / seine ganz
absondere Eigenschaft habe. Cherämon versetzte: Es ist genung / dass die
fürnehmsten Gestirne offtmals sich miteinander vereinbaren / oder nach einerlei
Art einander entgegen stehen. Stehen doch die Kräuter an einem Orte / und in der
Nachbarschaft dieser oder jener Gewächse besser / als am andern; sie haben
unterschiedene Witterung / auch nach der Landes-Art von dem Gestirne nicht
gleichen Einfluss / gleichwohl müssen die Aertzte die Kräfften der Kräuter / wie
die Sternseher das Vermögen der anders gestellten Gestirne zu unterscheiden
wissen. Die Unwissenheit etlicher in diesen Ländern unsichtbaren Sterne täten
ihrer Weissheit schlechten Abbruch / weil die über unserm Haupte stehende
Gestirne über uns die kräfftigsten /die so weit entfernten aber eben so wohl /
als die unsichtbaren Finsternüsse schlechte Einflüsse hätten. Sophites warff
ein: Wie komts denn aber / dass nach der meisten Sternseher Meinung die bei eines
Menschen Geburt im Morgen aufgehende / nicht aber die gleich über unserm Wirbel
stehende / oder auch nicht vielmehr die bei der Empfängnüss scheinende Gestirne
dem Gebohrnen die Beschaffenheit ihres ganzen Lebens anordnen sollen? Zumal die
Kinder mehrmals in der Geburt etliche Stunden stehen; Viel so gar lebendig aus
den todten Müttern geschnidten würden. Cherämon antwortete: Es wären zwar einige
Sternseher dieser Meinung / die Erfahrung aber eine Lehrmeisterin gewest / dass
wie die aufgehende Sonne mit ihren Straalen die Welt gleichsam lebendig machte;
also wären auch alle andere Gestirne in ihrem Aufgange am kräftigsten. Der
Morgen wäre das rechte Teil des Himmels / die Morgenländer wären die
tieffsinnigsten Leute / in Morgenland wüchsen die Edelgesteine / und die
wolrüchenden Dinge / und die auch im Nord- und West-Striche befindlichen
Gewächse wären doch gegen Morgen wolrüchender und kräfftiger. Sophites fiel ein:
Es wären aber die bei der Geburt aufgehenden Gestirne den meisten Menschen
unbekant / die wenigsten verstünden nicht / wie sie aufzumercken wären; die
andern versäumten diese Sorgfalt / und rechneten ihre Geburts-Stunde nach
Anzeigung der insgemein unrecht gehenden Uhren; gleichwohl aber hätten die
Sternseher kein Bedencken einem ieden Wahrsager abzugeben. Cherämon gab zur
Antwort: Auf einen falschen Bericht könnte freilich keine Gewissheit gegründet
werden. Gleichwohl aber könten sie / wenn schon die Geburts-Stunde so genau
nicht beobachtet worden wäre / aus etlichen merckwürdigen Zufällen desselben
Menschen genau ausgerechnet werden. Sophites lachte / und fing an: Diss ist in
Wahrheit sehr weit gesucht / und aus einer Ungewissheit die andere gezogen; zumal
die Sternseher selbst fürgeben / dass zweierlei Stand der Gestirne doch einerlei
Gutes oder Böses verursachte. Gesetzt aber / dass die Sternseher allezeit der
wahren Geburts-Stunde versichert werden; wie komt es denn /dass aus zweien auf
einmal gebornen Zwillingen der eine ein Schoos-Kind des Glückes / der andere ein
Verwirffling der Welt ist? Dass die zu einer Zeit aus Tage-Licht kommende Proclus
und Euristenes in allem so weit als Morgen und Abend von einander entfernet
sind? Dass Hector und Polydamas einerlei Geburts-Stunde / aber ganz widrige
Verhängnisse haben? Wie gehets zu / dass in einem Augenblicke zwei auf die Welt
kommen / derer einer ein König wird / der andere sein Lebtage ein Sclave bleibt?
Cherämon stockte hierüber ein wenig / fing aber an: Die Gestirne hätten eine so
geschwinde Bewegung / dass fast unmöglich zwei Menschen einen Augenblick der
Geburt haben könten / in welchem doch der Stand der Sternen sich veränderte.
Uberdiss müsten die Würckungen der Gestirne nicht so jüdisch / sondern mit
Vernunft angenommen werden / also / dass nachdem die / welche im Steinbocke
geboren werden / wenn selbtem die Krone gegen Morgen steht / zu der Herrschaft
einen kräftigen Zug haben / nicht eben Könige in Persien werden müssen / sondern
/ wenn sie in ihrer Stadt den höchsten Gipfel erlangen / zu Sparta Fürsten / zu
Rom Bürgermeister werden / diss / was der Himmel wahrsaget / allerdings erlangt
haben. Wenn ein Fürst im Wassermanne / welcher Fischer macht / oder im Orion /
der die Jäger hägt / in der Harffe des Orpheus / als dem Hause der Musen
geboren wird / ist es schon genung / dass er zu selbigen Ubungen eine heftige
Zuneigung habe / nicht aber muss er sich seiner Hoheit entäusern / und aus
fischen und jagen ein Handwerck machen. Durch diesen Fürwand / fing Sophites an
/ läst sich aber der Fehler gar nicht verhüllen: dass durch Schiffbruch / durch
Eroberung einer Stadt / Gewinnung einer Schlacht viel hundert / in Asien durch
Versinckung vieler Städte / in Rhetien durch Einfallung eines Berges / in der
Mutinensischen Gegend durch einen Kampff zweier Berge so viel tausend Menschen
umkommen / welche unmöglich einerlei / oder dem Sternen-Stande nach gleiche
Geburts-Stunden können gehabt haben. Cherämon erblasste und erstummete über
diesem Einwurffe: nach einem langen Nachdencken aber fing er an: Es hätten die
Gestirne zweierlei Einflüsse / nehmlich auff ganze Teile des Erdbodems / und
denn auch absondere auff gewisse Menschen. Jener Art wäre: dass das gestirnte
Drei-Eck denen Nord-Völckern eine verdrüssliche Kälte und Langsamkeit
einpflantzte /und dass Saturn ein sorgfältiger Vorsteher der Städte wäre. Daher
vom Tarutius Firmanus auch der Stadt Rom ihre Zufälle aus den Sternen wären
wahrgesaget worden. Aus welchem Grunde zweiffelsfrei Anaximander und Pherecydes
die bevorstehenden Erdbeben vorher angekündiget hätten. Nach dem nun in der
ganzen Natur die eintzelen Ursachen denen allgemeinen wichen / und mit dem
Umtriebe des Himmels sich auch die ihre absondere Bewegung habende Irrsterne
müsten umweltzen lassen; wäre kein Wunder / dass der einzelen Menschen absondere
Einflüsse dem allgemeinen Einflusse weichen / und also in Pest / Erdbeben und
Kriege auch die mit umkommen müsten /welchen das Verhängnis gleich nicht
absonderlich derogleichen Unglück bestimmet / und seinen Willen sich in solch
Unglück zu stürtzen geneiget hätte. Sind denn die Sterne und die Welt
vernünftige Tiere /wie dem Plato geträumet hat? Ist dieses himmlische Heer /
sagte Sophites / mit einem gewissen Geiste beseelet: dass es bei sich einen
gewissen Rat halten /einen Schluss machen / und unser Gemüte derogestalt
zwingen oder beherrschen könne? Cherämon fing an: die Sterne haben keinen andern
Geist / der sie reget /als das Verhängnis. Sophites setzte ihm ferner entgegen:
dieses aber ist ja noch veränderlich / und lässet seinen Schluss durch unsere
Demut erweichen. Denn ausser dem würde zwischen unser Frömmigkeit und Bosheit
kein Unterscheid / und unsere den Göttern gewidmete Andacht so wenig / als das
Bellen der Hunde gegen den Monden nütze sein. Nach dem auch die Gestirne täglich
so veränderliche Stellungen machen; warum sollten die nachfolgenden
nachdrücklichen Vereinbarungen der Gestirne nicht auch das Glücke der Menschen
ändern / weil selbte ja in der Welt das Gewitter; und die blosse Art der Speisen
eines Menschen angebohrne Beschaffenheit gleichsam ganz umzudrehen mächtig
sind. Cheremon versetzte: Wir setzen das Verhängnis in alle wege über den Lauf
der Gestirne / wie den Fuhrmann über die den Wagen ziehenden Pferde. Wie nun
selbtes in alle wege dem Feuer die Gewalt zu brennen / der Schwerde die
Eigenschaft unter zu sincken benehmen / den gemeinen Lauf der Gestirne ändern /
den Zügel der Sonne hemen / und der elben Schatten verrücken kann; also kann es
auch aus wichtige Ursachen den ordentlichen Einfluss der Sterne ändern. Worbei
denn die Seele des Menschen auch etwas / wiewohl nicht ohne scheinbare Ohnmacht
beitragen / und derogestalt Socrates zwar die ihm vom Gestirne zuhengende Unart
verbessern / gleichwohl aber nicht den gewaltsamen Gift-Todt verhüten kann.
Sophites fing lächelnde an: Ich sehe wohl / dass deine Meinung die Härte anderer
Sternseher / und die unveränderliche Notwendigkeit der Sternen-Einflüsse /
denen sie auch die Götter unterworffen / in etwas miltert. Wormit zugleich alle
nicht eintreffenden Weissagungen der Sternseher entschuldiget werden können.
Cherämon widersprach alsobalb dieses letztere. Sintemal diese Aenderungen des
Verhängnisses sehr seltzam /und für Wunderwercke zu halten wären / damit die
Unwissenden ihre falsche Wahrsagungen nicht zu entschuldigen / und derogestalt
aus ihrer Wissenschaft eine Ungewissheit zu machen hätten. Diesemnach denn einem
warhaften Weisen unter hunderten nicht leicht ein Beispiel fehlen könnte.
Wesswegen die Persen auf eine solche Wahrsagung so feste gebauet hätten / dass sie
ihrer Königlichen Wittib schwangern Leib gekrönet / und ihrer noch ungebohrnen
Frucht einen Mannes-Nahmen gegeben. Hingegen hätte der grosse Alexander mit
seinem Tode den Unglauben gebüsst / dass er wider der Chaldeer Warnigung sich
die Griechischen Weisen bereden lassen nach Babylon zu kommen. Ohne die
Wissenschaft der Sternen könten auch weder Aertzte / noch Schiff und
Ackers-Leute verfahren. Die Indianer nähmen in wichtigen Reichs-Sachen allezeit
die Gestirne zu Rate. Alle Weltweisen hätten diese Wissenschaft / weil sie uns
gleichsam über unsere Menschligkeit empor hübe /und uns künftige Fälle / um
desto bessere Vorsicht zu haben / vorher zeigte / so hoch gehalten / dass
Pytagoras geurteilet: GOtt hätte den Menschen erschaffen / und die Natur ihn
so gerade empor wachsen lassen / dass er den Himmel anschauete. Anaxagoras hätte
einen Zweiffelnden: Ob es gut wäre zu leben /oder nicht / zu Betrachtung des so
schönen Himmels verwiesen. Epicur / der so wollüstige Weltweise /hätte seine
gröste Wollust in diesem wunderschönen Garten gefunden / dessen Blumen niemahls
verwelckten / welche nichts von grüner Farbe an sich haben /weil diese eine
verderbliche Feuchtigkeit in sich hat /und ein Merckmahl nur der irrdischen
Hoffnungen /wie der Himmel ein Behältnis der Glückseligkeit ist. Diese
Verantwortung / oder auch meine tränende Augen / sagte Dynamis / bewegte den
Sophites / dass er des Cherämons Gutachten zu hören den König beredete. Cherämon
aber sagte den dritten Tag dem Polemon: Er sehe aus dem Gestirne / dass man
vorher schon die Götter gefraget; Sie aber eben diss / wohin die Sternen zielten
/ geantwortet hätten. Ihre Antwort aber würde schlimmer ausgelegt / als die
Meinung wäre. Sintemal Polemons Sohn durch seine Heldentaten des Vaters Ruhm /
nicht aber sein Lebens-Licht ausleschen würde. Diese dem Polemon zwar
verdächtige Weissagung brachte es gleichwohl so weit / dass sich der König
erklärete / er wollte seine Faust nicht in seinem eignen Blute waschen / noch den
Göttern in ihren Verhängnis-Stab greiffen. Jedoch müste er der Götter Warnung
nicht schlechter dings in Wind schlagen / sondern dis Unglücks-Kind ausgesetzt /
und dessen Erhalt oder Verderbung dem Himmel heimgestellet werden. Dieser Schluss
ward zwar alsofort vollzogen / ich liess es aber insgeheim eine vertraute
Edelfrau an dem ziemlich weit von hier entfernten Flusse Melas nicht ferne von
der Stadt Zyristra im kleinern Armenien aufferziehen. Hierauff zohe der König
nach Rom / ich aber lernte inzwischen mit meinem höchsten Hertzeleide die
Göttliche Weissagung von meiner Tochter verstehen. Denn sie erkranckte / starb /
und küsste also frühzeitig ihre Mutter / nehmlich die Erde. Dieser Fall
bestürtzte mich derogestalt / dass ich meinem Jammer kein Ende / noch ausser
meinem noch übrig gebliebenen / aber vom Vater und Verhängnisse verworffenen
Sohne keine Ergetzligkeit zu finden wusste. Daher liess ich insgeheim selbten zu
mir bringen / dessen Anmut mich derogestalt bezauberte / dass ich mich entschloss
ihn nicht wieder von mir zu lassen / sollte ich auch selbst ein Opffer seiner
Grausamkeit werden. Also ward ich schlüssig der noch nicht jährigen Tochter Tod
dem Könige zu verschweigen / und diesen nicht älteren als unkenntlichen Sohn
unter dem Scheine eines Mägdleins bei mir zu erziehen. Welches sich so viel
leichter tun liess / weil in Persen / Meden / und Armenien die Väter ihre Kinder
ohne diss nicht eher /als biss sie sieben Jahr alt sind / zu beschauen pflegen.
Gleichwohl aber behertzigte ich die meinem Ehgemahl angedräuete Gefahr / und
nahm mir daher eine Reise mit diesem Kinde für in die Insel Delos / auff welcher
niemand sterben noch geboren werden darff / zu dem berühmten aus lauter Ochsen-
und Widder-Hörnern gebauetem Altare des Apollo / trug ihm daselbst meinen Sohn
mit bittern Tränen / weil ohne diss allda kein Blut geopffert werden darff / für
/ und kriegte zur Antwort:
Bewahre / was du trägst / es wird ein Edelstein
Der Welt / des Konigs Schirm und deine Freude sein.
Wer war froher als ich / über so erwünschtem Ausschlage / gleichwohl hielt ich
mit brünstiger Andacht und Seufftzen eine ganze Nacht an / und fragte; warum
denn die Götter vorher so viel Unglück von diesem Kinde wahrgesagt hätten?
Hierauff liess sich Apollo verlauten:
Wo Witz zu alber ist / wo Vorwitz tappt im Blinden /
schafft das Verhångniss Rat. Gott kann stets Hulffe finden.
In dieser erfreulichen Warsagung bekräfftigten mich hernach auch die Priester
des Branchus / und die Wahrsager-Weiber des Tyrxeischen Apollo / welcher an dem
Orte / wo mein Sohn aufferzogen werden sollte / einen bewehrten Brunnen hat.
Endlich auch der Ismenische Apollo zu Tebe / aus dem berühmten güldenen
Dreifusse / den Helena bei ihrer Rückkehr von Troja ins Meer geworffen / die
Coischen Fischer gefangen / und dem Milesischen Tales / dieser aber dem Solon
gelieffert / welcher solchen hernach / weil er den Titel des weisesten zu führen
sich zu unwürdig schätzte / dem allein weisen Apollo wiedmete. Nach dem es denn
im Pontus die Landes-Art mittebringt /dass Leute von hohem Geschlechte auch ihre
Töchter in allen Ritterspielen ausüben lassen / konnte die Aufferziehung meiner
männlichen Tochter so viel besser geschehen / und dorffte er also nicht brache
liegen /noch seine Tapfferkeit auff den weichen Pulstern des Frauenzimmers
weibisch werden. Wie sie denn /hertzliebste Erato / mit Augen gesehen / dass bei
ihm der Zunder der Tugend nicht verglommen / sondern zu solcher Vollkommenheit
gediegen sei. Aber ach! ihr unbarmhertzigen Götter! wie mögt ihr uns doch
mehrmahls nur darum eine so grosse Hoffnung machen / dass ihr uns hernach in
desto grössere Verzweiffelung stürtzen könnt! wie mögt ihr den Anfang des Jahres
unter tausend anmutigen Blumen / den Tag auff dem Purper-Bette der lachenden
Morgenröte / den Menschen in der anmutigen Kindheit und gesunden Jugend lassen
geboren werden / nur dass man die verwelckenden Blätter mit Schnee / den Tag mit
dem Schatten der traurigen Nacht / das Leben mit dem Schauer des grausamen Todes
hernach verhüllen sehe! Uber diesen Worten überschwemmte die Wehmut die Königin
Dynamis mit so viel Tränen und Seuffzen / dass sie kein Wort mehr auffbringen
konnte. Daher fing Erato / welche inzwischen tausend Auffwallungen des Geblüts
überstanden hatte / als sie Arsinoen in einen Helden verwandelt zu sein hörte
/mitleidentlich an: Man müste der gewaltigen Hand des unveränderlichen
Verhängnisses nur stille halten /und ihre Rätzel nicht für der Zeit
verkleinerlich auslegen. Die Sonne sei ein heller Spiegel Gottes / darein
sterbliche Augen entweder gar nicht sehen / oder doch zum minsten alles nur
düstern oder umgekehrt erkiesen könten. Hingegen müsten wir uns bescheiden: Der
Monde sei ein Ebenbild der Menschen / in dem beide jetzt wachsen / jetzt abnehmen
/ bald geboren werden /bald sterben / gestern in der Völle / heute in nichts
bestehen. Beide kein Licht von sich selbst haben /sondern von ihrer Sonne borgen
/ und wenn sie am vollkommensten sind / nicht nur ihre Flecken und Mängel am
meisten zeigen / sondern auch von dem Schatten der nahen Erde und der
anklebenden Eitelkeit verfinstert werden. Die Tugend alleine sei / die uns nicht
nur nach dem Tode verewige / sondern auch im Leben aus augenscheinlichem
Verderbe reisse. Ja sie glaube festiglich / dass die Gefahr für der Tapfferkeit
schichtern werde / dass der sonst unverschämte Tod für Helden entweder furchtsam
oder ehrerbietig sei / und das Glücke selbst der Tugend den Schirm trage / und
einen Schild fürhalte; Sonst wäre Hercules nicht den Schlangen / Käyser Julius
dem Ungewitter /Alexander den Spiessen so vielmal entronnen / für dem grossen
Mitridates nicht das Gift unkräfftig worden / und die Pfeile für seine Füsse
gefallen. Unter diese Reihe wäre nun auch Fürst Zeno zu rechnen /daher sollte sie
seinetalben mehr die Götter durch Andacht gewinnen / als durch Ungedult
erherben. Ach! fieng die Königin Dynamis an / so muss ich die unvergleichliche
Fürstin Erato auch unter die Zahl der Götter setzen / und ihr den Tempel des
Esculapius einweihen. Denn an ihrem Finger hänget der Lebens-Faden meines Sohnes
/ welchen ihre Gewogenheit als eine gütige Kloto länger spinnen / ihre Unhold
aber /als eine unerbittliche Atropos im Augenblicke zerreissen kann. Erato wusste
nicht alsofort dieses Rätzel auszulegen. Denn ob zwar der Königin Erzehlung ein
grosses Licht gab / warum die Natur sie und Arsinoen zu einer verwechselten
Gewogenheit gezogen / und Arsinoe bei Entblössung ihrer Brüste so grosse
Veränderung gefühlet hatte / so war ihr doch verborgen /dz Dynamis diese
Heimligkeit von ihrem fast schon sterbenden Sohne ausgespüret hatte. Dahero
konnte sie nicht anders / als gegen der Königin sich heraus lassen: die
Wohltaten / die sie genossen / wären von einem so grossen Masse / dass ihre
Danckbarkeit sie nimmermehr auschöpffen könnte. Ausser dem Verpflichteten die
Verdienste ihres Sohnes die ganze Welt für seine Erhaltung zu sorgen; also
wünschte sie auch mit ihrem Verlust selbtem zu helffen / erwartete also nur den
Befehl von derselben / welche ihrer Schwachheit ein so grosses Ding zutraute.
Alleine die Hoffnung wäre meist eine grosse Verfälscherin der Warheit / in dem
die Einbildung sich stets mit dem Verlangen vermählte / und geringe Kräfften
nach dem Masse des genommenen Absehens urteilete. Die Königin antwortete ihr:
Es ist wahr / dass sich Vollkommenheiten leichter in Gedancken abbilden / als im
Werck erreichen lassen; aber ich will ihr / schönste Erato / nicht allein das
Wunderwerck und die Würckung ihrer Vollkommenheit / sondern auch ihr Vermögen
einen Sterbenden lebendig zu machen so klar zeigen / dass sie das erste wird mit
Augen sehen können / im letzten aber sich überwiesen erkennen müssen. Hiermit
nahm Dynamis die Erato mit der Hand und führte sie für des Zeno Bette / welcher
denn alsofort seine Farbe und Pulss zu verändern / und weil die Zunge zu schwach
oder zu verschämt war / mit den Augen das Leiden seiner Seele auszusprechen
anfing. Hiemit hob die Königin wehmütig an: Siehet sie nun / vollkommenste
Erato / dass die Wunden meines nun fast die Seele ausblasenden Sohnes von ihrer
Verletzung herrühren? Dass ihre Tugenden anfangs mit einer unzertreñlichen
Freundschaft sein Hertz gewonnen /ihre unvergleichliche Schönheit aber selbtes
durch die Liebe in ein unauslöschliches Feuer versetzt hat? Wie schwach Fürst
Zeno gleich war / so erholte er sich doch gleich als aus einem Traume / also dass
seine zitternde Lippen nach einem tieffen Seuffzer diese Worte abliessen: Ihr
Götter! hat Dynamis das Geheimnis meines Geschlechts / ihr aber meine allen
Menschen verschwiegene Flamme des Hertzens ans Licht gebracht? Wormit durch das
erste unser Haus in Schrecken oder Zerrüttung versetzet / durch das letztere
aber der Welt wissend werde / dass Zeno von der Hand der unschuldigen Erato
getödtet sei. Welches Geheimnis ich / um eine solche Göttin nicht zu beleidigen
/ so gerne mit in das Grab genomen hätte / so gerne die Sonne / wenn sie zu
Golde geht / ihren Untergang mit Wolcken verhüllet. Erato geriet über dieser
Begebenheit in solche Verwirrung / dass ihre Beredsamkeit nicht ein Wort /
weniger so viel / als der Sterbende zu reden wusste. Ihre Verwirrung verwandelte
sich in tieffe Seufzer. Denn diese sind alleine der Liebe stumme Sprache / wie
die Blässe ihre eigentliche Farbe. Schmertz und Traurigkeit aber wird von ihr
nur zu ihren Dollmetschern entlehnet. Massen denn die Unglückseligen niemals
seuffzen / als wenn sie an den Verlust dessen dencken / was sie geliebt haben.
So bald sich die Lippen / wordurch ihr bedrängtes Hertze die innerliche Hitze
ausgelassen und die frische Lufft zu desselben Abkühlung an sich gezogen hatte /
schlossen / liessen die mitleidentlichen Augen einen reichen Tau der Tränen
von sich fallen / um hierdurch gleichsam das ängstige Hertze zu erleichtern.
Denn wie die von der anbrechenden Morgenröte verursachte Dämmerung sich bei der
über unserm Augen-Ziel empor zeigenden Sonnen in hellen Tag verwandelt; also
ward der Erato vorige Gewogenheit durch das ihr aufgesteckte Licht von des
Fürsten Geschlechte numehr zu einer warhaften Liebe. So sehr nun die
Schamhaftigkeit ihres Geschlechtes ihr verbot solche alsofort mercken zu
lassen; so sehr lag ihr der erbärmliche Zustand des Fürsten / und die Gefahr
seines Lebens an / durch eine unbarmhertzige Vorstellung ihm das Licht nicht
vollends auszuleschen. Die bekümmerte Dynamis nahm diese Veränderung für eine
Enteuserung ihrer Zuneigung an / deswegen wollte sie durch eine feurige Zuredung
einer kaltsinnigen Entschlüssung zuvor kommen; kehrte sich dahero mit diesen
Worten zu ihr: Holdseligste Erato / sie sieht allhier die Gewalt der Liebe /
dass ihre Fackel die Ketten eigener Wolfart / die Garne des Glückes / ja die
Leib und Seele zusammen knüpfenden Fädeme verbrennen können. In ihrer Gütigkeit
liegt es nun zu zeigen / dass die Liebe zwar so starck als der Tod / aber nicht
des Todes Liebhaberin sei; ja dass die ungewaffnete Liebe Gift / Eisen und allen
Werckzeug des Todes zu zermalmen vermöge. Sie erweise / dass ihre Hände gesund
machen können / was ihre Augen gekräncket / dass ihre Freundligkeit heile /was
ihre Schönheit verwundet / ja dass sie mit einem süssen Blicke zwei Wunderwercke
auszuüben vermöge; nehmlich einen todten Verliebten lebendig / und eine
verzweiffelnde Mutter glückselig machen. Der Erato brach über diesen Worten und
denen darauf sich ergiessenden Mutter-Tränen das Hertze / und bezwang sie / dass
sie dem Fürsten auf ihre Gewalt die Hand drückte. Denn nach dem die Vereinbarung
der Seelen der einige Zweck der Liebe / wie die Ruhe die Endursache aller
Bewegungen ist; so bemühen sich auch die eusersten Glieder solcher
Seelen-Vereinbarung behülfflich zu sein. Wesswegen die Weltweisen die Liebe gar
nachdencklich mit einem Bande in der Hand abgebildet haben. Erato deutete durch
diese Vermählung der Hände an / dass sie so gar ihren Leib gerne mit des Fürsten
zusammen schmeltzen wollte /wormit sie mit ihm den Brand seiner Kranckheit fühlen
/ oder ihm erleichtern möchte. Sintemahl auch nur aufrichtige Freundschaft eine
Gemeinschaft so wohl des Glück- als Unglücks hat. Teseus setzt dem Piritous
alle seine Siegs-Kräntze auf / ja die Hölle weiss sie nicht von einander zu
trennen. Bias fühlet so empfindlich die Beraubung seines Vaterlandes /
ungeachtet er für sich die Entsetzung irrdischer Güter für keinen Verlust hält;
er empfindet seiner Bürger Schiffbruch auf festem Lande; die Ketten / welche
seine Freunde in Schenckeln schleppen / fässeln ihn im Gemüte und in der Seele.
Mit dieser umschloss der Fürst hingegen noch enger seine geliebte Erato / weil
seine Glieder hierzu zu ohnmächtig waren / machte sich also der Sonnen / als dem
verliebtesten Geschöpffe der Welt ähnlich / welche / weil sie in einem Tage
alles heimsuchen muss / was sie liebt / und nirgends ihrer Kugel einen Stillstand
erlauben darf / ihr lebhaftes Licht mit den Sternen / wie zwei einander
anschauende Verliebten durch die Augen / ihre Wärmbde mit dem geliebten
Erdbodeme / ihre schöne Farbe mit Golde / Perlen und Edelgesteinen / als denen
Gestirnen der Vorwitzigen / und den andern Sonnen der Geitzigen vereinbart.
Erato / welche nicht allein wusste / dass so gar der leblosen Dinge Zuneigung die
Vereinbarung verlange / als die Flüsse mit dem Meere / das Eisen mit dem Magnet
/ die Spreue mit dem Agsteine sich zu vermählen verlangte / sondern dessen
selbst in ihrer leidenden Seele überwiesen ward / sah diese Regungen dem
Krancken mit heftigem Mitleiden an / konnte sich also mit genauer Not ermuntern
/ dass sie den Fürsten derogestalt anredete: Die Hoffnung wäre eine Mutter / oder
zum minsten eine stäte Gefärtin vernünftiger Liebe / die Verzweiffelung aber
eine Tochter des Hasses. Diesem nach möchte er doch sein Gemüte beruhigen / da
er sie nicht in Unruh stürtzen wollte / und sich nicht selbst hassen / da sie an
seine Liebe anckern sollte. Seine Mässigung würde ihr ein Kennzeichen seiner
Gewogenheit / und eine Weissagung beiderseitiger Vergnügung sein. Hiermit wollte
sie ihre Hand zurück ziehen / der Fürst aber drückte sie vorher an seinen Mund /
worauff sie sich aus dem Zimmer begab / und den Fürsten Zeno halb genesen / die
Königin aber /die der Schmertz vorher gleichsam entzückt hatte / in ungemeiner
Vergnügung verliess. Ob nun wohl Fürst Zeno eine grosse Erleichterung empfand / so
verschwand doch seine Bekümmernis nicht auf einmal / sondern es blieb in seinem
Gemüte so wie auf dem Meere nach dem Ungewitter noch einige Unruh übrig. Denn
es konnte bald sein Hertz die allzu geschwinde Beglückung nicht begreiffen / und
kam ihm der Erato holdselige Erklärung mehrmahls nur als ein Traum für / bald
nam er ihre Bezeugung nur für ein angenommenes Liebkosen / oder für ein durch
die Königin angestelltes Mittel zu seiner Genesung an / bald besorgte er eine
Veränderung ihres Gemütes / oder auch des allzu glitschrichten Glückes. Denn
die Liebe hat zur Gefährtin die Einbildung / die erste Bewegung der Seele / und
die allerunruhigste Eigenschaft des Menschen. Diese hat zu ihrem Dienste mehr
als hundert Mahler / welche nicht nur das Ebenbild dessen /was man liebt / ihr
auff vielerlei Weise fürstellt /sondern auch den Schatten allerhand gefährlicher
Zufälle beisetzet. Ja wenn alle andere Gemüts-Kräfften mit dem Verliebten
eingeschlaffen sind / so bilden doch die Träume ihm alles noch viel seltzamer
für; welche / ob sie zwar blind geboren / auch stets im finstern sind / sich
doch ohne Licht und Wegweiser nicht verlieren / und mit Hülffe der Liebe zu
ihrer Buhlschaft den Weg finden. Gleichwohl erlangte Zeno durch eine
mittelmässige Nacht-Ruh so viel Kräfften / dass er folgenden Tages an die Erato
etliche Zeilen schreiben konnte. Welche Erato mit einer solchen Anmut
beantwortete / dass ihm dadurch aller Nebel seines noch nicht gar verschwundenen
Zweiffels an ihrer Gegen-Liebe vertrieben ward. Die Königin aber kam zu ihr ins
Zimmer / verehrte sie als ihre einige Hülffs-Göttin / umbhalsete sie als ihre
eigene Tochter. Durchlauchte Fürstin! die Welt / fing sie an /ist erstaunt über
der Liebe der Britannischen Fürstin Lelebisa / der Gemahlin des mit dem grossen
Mitridates verbundenen Gallischen Fürsten Edwards. Denn als dieser von einem
giftigen Pfeile verwundet / und von den Aertzten befunden ward: Er könnte nicht
als durch den Tod eines andern / welcher das gifftige Eyter aus seiner Wunden
saugte / beim Leben erhalten werden; Dieser gewissenhafte Fürst aber lieber
sterben / als durch eines unschuldigen Untergang leben wollte / meinte seine
ruhmwürdigste Lelebisa /das Todes-Urtel der Aertzte gienge sie an / und sie
könne sich durch nichts mehr / als durch einen so tugendhaften Todt unsterblich
machen. Dahero band sie ihrem eingeschläfften Eh-Herrn die Wunde sanfte auf /
und sog nichts minder mit einem brünstigen Hertzen / als einer geitzigen Zunge
das Gift und den Tod glücklich aus der Wunden. Die Götter aber / oder das Feuer
ihrer Liebe zerteilte das Gift derogestalt /dass Edward geheilet / Lelebisa
aber davon nicht verletzt ward. Wie viel mehr aber muss ich nicht erstarren über
dem mitleidenden Hertzen der Erato? Welche gegen meinen Sohn einige
Verbindligkeit nicht gehabt / und mit ihrer Gefahr / da anders der König unsere
Geheimnisse ergründen sollte / ihn vom Tode errettet; welche zu seiner Genesung
nicht alleine ihre Zunge /sondern das Feuer ihrer zarten Seele verleihet; welche
einen Sterbenden anfängt zu lieben / wormit sie ihn und seine Mutter beim Leben
erhalte. Erato begegnete der Königin mit nicht geringern Kennzeichen ihrer
Gewogenheit gegen sie / und ihrer ungefärbten Liebe gegen dem Fürsten Zeno /
welchen sie hernach mit einander mehrmahls besuchten. Es würde uns / fuhr
Salonine fort / der Tag / mir aber Worte gebrechen /alle die zwischen diesen
zweien gewechselte Liebes-Bezeugungen zu erzählen. Mich dünckt aber / es sei bei
dieser Geschichte für jetzt genung zu wissen / dass beide mit einer so reinen und
hertzlichen Liebe gegen einander verknüpft wurden / als eine tugendhafte Seele
anzunehmen iemahls fähig werden kann. Tusnelde fiel Saloninen ein: Es ist die
Vollkommenheit ihrer Liebe unschwer zu ermessen / nach dem das Verhängnis selbst
mit die Hand im Spiele gehabt /und diese zwei Seelen schon gegen einander der
Zunder der Liebe gefangen; als ihnen die Gesetze der Natur im Wege gestanden /
und die eingebildete Gleichheit des Geschlechtes ihrer Zuneigung einen Rügel
vorgeschoben. Es ist wahr / fuhr Salonine fort /diese zwei Liebhaber
übermeisterten derogestalt die Unmögligkeit. Denn es stehet die göttliche
Versehung gleichsam der Tugend zu Gebote. Alleine der Himmel hatte nun zwar die
Hindernüsse der Natur auff die Seite geräumt; aber diese Andromede lag noch mit
schweren Ketten angefässelt; von denen sie zu entbinden auch ein Teseus zu
schwach schien. Denn wer sollte so viel göttliche Weissagungen unkräfftig machen?
Wer sollte den König Polemon bereden den in seiner Schoss zu behalten / von
welchem ihm sein Untergang bestimmet war? Die Königin Dynamis / und selbst Zeno
wurden / wenn sie dieser Schwerigkeit nachdachten / und diesen Stein des
Anstossens für Augen sahen / auch wie leicht ihre Liebe sich / und das
Geschlechte der vermummeten Arsinoe verraten liesse / mehrmahls selbst
kleinmütig; also dass Erato ihnen zuweilen ein Hertz zusprechen musste /
meldende: Sie sollten sich die trübe Lufft nicht erschrecken lassen; nach dem
ihnen der Himmel so ein heiter Antlitz gezeigt hätte. Es hätte nichts zu
bedeuten / dass das Meer wütete / nach dem sie ja die Sternen anlachten. Man
müste dem Glücke der grossen Tochter des ewigen Verhängnisses etwas heimstellen
/ und diese Mutter durch Misstrauen ihm nicht selbst zur Stiefmutter machen. Ja /
sagte die sorgfältige Dynamis: Ich halte es freilich für eine so grosse Torheit
/ seine Ratschläge auf lauter Unglück gründen / als seine Vergnügung in der
Traurigkeit suchen. Aber wir erfahren doch / dass das Glücke meist den unwürdigen
buhle / und die Fehler ihres Gemütes mit gewüntschten Zufällen / wie eine
verschmitzte Mutter die Maale ihrer hesslichen Tochter mit Perlen verdecke / mit
der Tugend aber eifere / und ihr insgemein ein Bein unterschlage. Mit diesen
Gedancken schlug sich die Königin fort für fort / und vermochte ihr solche weder
die Zeit / noch die hertzliche Vergnügung / die Polemon aus Arsinoens und der
Erato Tugenden und Verträuligkeit schöpffte / aus dem Sinne zu bringen /noch die
kluge Erato auszureden. Höret nun / wie es nicht allezeit eine Würckung
weibischer Furcht / sondern oft eine Warnigung der Götter sei / wenn einem ein
Unglück ahnet / und wie die Unruh in einer Uhr den Verlauff der Zeit / also das
schlagende Hertz einem die Näherung seines Untergangs andeutet; ja wie aus einem
Regenbogen zuweilen ein schrecklicher Blitz kommen kann / als in der
schwärtzesten Wolcke stecken mag. So bald der schöne und tapffere Ariobarzanes
die Armenische Krone auf sein Haupt kriegte / und mit der Medischen sie
vermählte / war er bedacht auch im Bette nicht einsam zu sein / und seinen Stul
mit erqvickenden Rosen zu bestreuen. Er warf seine Augen in der ganzen Welt
herum; allein es konnte weder die Liebe ihm ein schöner / noch die
Staats-Klugheit ein vorteilhaftiger Bild / als in dem benachbarten Pontus die
weltberühmte Fråulein Arsinoe aussehen. Weil er aber weder dem blossen Gerüchte
von ihren Tugenden / noch dem entferneten Pinsel wegen ihrer Gestalt / noch der
Gewonheit der meisten Fursten / die ihre Wahre meist unbeschaut /oder mit
zugemachten Augen kauffen / und es aufs Glücke wagen müssen / trauen wollte; kam
er mit einem überaus prächtigem Aufzuge nach Sinope /wiewohl unter dem Fürwand /
dass er in Griechenland reisen / und daselbst dem Jupiter ein gewisses Gelübde
ablegen / in der Durchreise aber mit dem Polemon ihrer Vofahren Bundnüsse
verneuern wollte. Dem ganzen Hoffe aber ward alsbald nachdencklich / dass er
dreissig mit den seltzamsten Kostbarkeiten beladene Camele mit sich führte /
derer zehn er dem Könige Polemon / zehen der Königin Dynamis / und zehen der
Fürstin Arsinoe mit aller ihrer Last verehrete. Unter des Königes Geschencken
waren etliche Fässer Chalydonischer Wein / welchen die Pers- und Medischen
Könige alleine trincken; vor zwölf Zimmer Babylonische von Seide und Gold nach
dem Leben der Geschichte genehete Tapeten / zwantzig helffenbeinerne Bilder der
abgelebten Armenischen Könige /und das Gemählde des Protogenes / welchem zu
Liebe allein König Demetrius die belägerte Stadt Rhodos nicht angezündet hat.
Der Königin Geschencke waren Persische Goldstücke / und Indische Edelgesteine
/und darunter des Polycrates unschätzbarer Sardonich-Stein / den ihm des
nachstellenden Glückes allzu freigebige Hand aus dem Meere zurücke bracht hatte;
Dynamis ihn aber hernach Livien / und diese ins Heiligtum der Eintracht
verehrte. Für die vermeinte Arsinoe kam allerhand Arabisches Rauchwerck / aus
Gold / Seide und Perlen gestückte Kleider / und insonderheit ein ganzer
Perlen-Schmuck / derer keine weniger als hundert und sechzig Gersten-Körner wog.
Der König Polemon empfing ihn / wie beider Königlicher Stand / und ein so
freundliches Anmuten eines so mächtigen Nachbars erforderte. Er ward / weil
beider Könige oberste Staats-Diener die Bedingungen des neuen Bündnüsses mit
einander überlegten / mit Jagten / Schauspielen / Rennen / und allen
ersinnlichen Kurtzweilen unterhalten / welche ihm nicht alleine überflüssige
Gelegenheit eröfneten / alle Beschaffenheit Arsinoens wahrzunehmen / sondern
auch einen Zuschauer ihrer wunderwürdigen Tapfferkeit abzugeben. Denn ob sie
zwar bei solchen Feiern aus einer nachdencklichen Vorsicht mit Fleiss ihre Tugend
verstellen wollte; so ward selbte doch / wie es mit ihrer Belohnung / nehmlich
dem Ruhme / und den Sternen bei der Nacht zu geschehen pflegt / nur mehr
sichtbar. Jeder Augenblick verursachte in seinem Gemüte eine Verwunderung / in
seinem Hertzen eine Wunde / also dass ihn bedäuchtete / dass der sonst so
grosssprechende Ruff / welcher kein Mittel weiss / sondern aus allem entweder
Wunderwercke oder Missgeburten macht / nur dissmal durch sein Schau-Glas rückwärts
gesehen / und so wohl die Schönheit als die Verdienste Arsinoens verkleinert
hätte. Dahero kam sein Vorsatz numehr leicht zum Schlusse / dass er um Arsinoen
werben wollte / als welche über ihre eigene Vollkommenheiten ihm mit der Zeit
noch drei Kronen / nämlich die Pontische / die Bosphorsche / und des kleinen
Armeniens / als einen Brautschatz zuzubringen hatte. Die grosse Ehrenbezeugung /
wormit ihm Polemon und Dynamis entgegen ging / und Arsinoens gegen ihm bezeugte
Holdseligkeit / ja seine eigene Grösse und Fürtreffligkeiten überredeten ihn
leichtlich / dass er zu Sinope keine Fehlbitte tun könnte. Wie nun die
Königlichen Räte das neue Bündnis miteinander abgeredet / die Könige auch
selbst alle Bedingungen genehm gehabt hatten / und sie nun in dem Tempel es
beiderseits beschweren sollten; zohe Ariobarzanes den König Polemon an ein
Fenster /welches ein anmutiges Aussehen aufs Meer hatte /umarmete ihn hierauf
mit grosser Ehrerbietung / und trug ihm für: Er wäre dem Polemon aufs höchste
verbunden / dass er die alte Freundschaft zwischen den Pontischen und
Armenischen Königen zu beider Häuser Sicherheit und ihrer Völcker Wolfart auf
festen Fuss gesetzt hätte. Er beteuerte bei den Göttern /welche die Rächer
verletzter Bündnisse wåren / es sollte nicht mehr seines / als des Pontischen
Reiches Wohlstand seine Sorge und Absehn sein. Nachdem nun aber solche
Verbindungen am kräfftigsten durch das Band des Geblütes besiegelt / und mit dem
heiligen Rechte der Heiraten verknüpft würden; in diesem Absehn auch sein
Ahnherr der grosse Mitridates dem Armenischen Könige Tigranes seine Tochter
vermählet hätte / bäte und hoffte er / es würde Polemon ihn seiner Tochter
Arsinoe fähig machen / und ihn für seinen Sohn anzunehmen würdig schätzen. Der
Pontische König nahm diesen Fürtrag mit unveränderter /iedoch freundlicher
Gebehrdung an / hätte auch diese allerdings tuliche Heirat alsofort
geschlossen /wenn er nicht hiervon mit der Königin Ehrentalben zu sprechen /
seiner Hoheit / und der Würde seiner Tochter / wormit selbte nicht für allzu
feile Wahre geschätzet würde / anständiger zu sein gemeinet. Deshalb nahm er
über dieser wichtigen Entschlüssung Bedenck-Zeit / gab ihm aber dabei eine
Erklärung: Er wüntschte beide königliche Häuser aufs festeste zu verbinden.
Polemon kam vom Ariobarzanes geraden Fusses zu der Königin / und eröffnete ihr
sein Anbringen / worüber sie derogestalt erschrack / dass sie selbtes nicht für
den Augen des Königs verblümen konnte. Dieser fragte alsofort: Warum sie über
einer Sache sich entsetzte / darüber sie sich zu erfreuen Ursach hätte?
Ariobarzanes hohes Geblüte / sein zweifaches Reich / seine Leibes- und
Gemüts-Gaben wären solche Dinge / darum die vollkommenste Fürstin selbst zu
buhlen Ursach hätte / und die Staats-Klugheit könnte dem Pontischen Reiche keine
vorteilhaftigere Heirat aussinnen. Dynamis antwortete: Sie müste gestehen /
es hätte diese Vermählung einen grossen Schein / iedoch wüste sie die Ursache
nicht zu sagen /warumb sie ihr Sinn so wenig zum Ariobarzanes trüge. Ob es
vielleicht daher rührte / dass alle Armenische Heiraten dem Pontischen Stamme
unglücklich gewest wären. Dahero bäte sie / der König wolle sich nicht darmit
übereilen / sondern ihr wenige Zeit nachzusinnen / und Arsinoen darüber zu
vernehmen erlauben; Inzwischen aber auch die Götter darüber / alter Gewohnheit
nach / zu Rate ziehen. Die Königin kam hierauf / als eine todte Leiche in
Arsinoens Zimmer /allwo sich Erato gleich aufhielt. Ihr blosser Anblick war
schon ein Vorbote ihrer traurigen Zeitung / welche sie zitternde / mit diesen
Worten aussprach: Ach /Arsinoe / wir sind verloren! Beide erstummeten hierüber
/ und erwarteten mit bebendem Hertzen das über ihr Haupt aufziehende Ungewitter.
Ach / Arsinoe / fing die Königin an / Polemon will dich Ariobarzanen
verheiraten. Kein härter Donnerschlag / als dieser / konnte in ihren Ohren
erschallen. Denn / was hatten sie für erhebliche Ursache eine so ansehnliche
Heirat auszuschlagen? Wie konten sie aber ohne euserste Gefahr dem Könige
Arsinoens Geschlechte offenbahren? Welcher nunmehr der göttlichen Weissagung so
viel mehr glauben würde / nach dem Arsinoe solche Streitbarkeit von sich zeigte?
Sie sannen hin und her / konten aber keine den Stich haltende Ursache diese
Heirat zu verweigern ersinnen. Hierüber kam der König selbst ins Zimmer / und
fragte Arsinoen: Ob sie von ihrer Mutter die auf sie geworffene Liebe
Ariobarzanens vernommen hätte? Er zweiffelte nicht / dass sie dieses grosse
Glücke / als ein Geschencke der Gotter mit freudigem Geiste annehmen würde. Er
hätte inzwischen bei dem Tempel des Pilumnus und Picumnus seine Andacht
verrichtet / und es sei ihm zum Zeichen ihrer glücklichen Vermählung ein an dem
lincken Fusse lahmer Habicht aufgeflogen. Arsinoe fiel ihm alsofort zu Fusse /
umarmte seine Knie / und fing an: Sie wüste / dass es ein halsbrüchiges Laster
wäre / sich dem Befehle eines so holden Vaters / der für seines Kindes Wohlstand
so eiffrig sorgte / zu widersetzen. Nach dem sie aber (unwissend aus was für
einer verborgenen Gramschaft) ihr Hertze nimmermehr überwinden könnte / den
Ariobarzanes zu lieben; Ihr des grossen Mitridates dem Armenischen Könige
Tigranes verheiratete Tochter Asterie / mit dem ihr vom Stieff-Sohne
eingeschenckten Gift-Glase stets für den Augen schwebte / und ihr ein noch
elenderes Ende weissagte; bäte sie / es möchte die väterliche Liebe ihre
Vergnügung der Staats-Klugheit dissmahl fürziehen. Heiraten sollten ja eine
Vereinbarung der Hertzen sein; ausser der wären sie für eine Ehscheidung ihrer
Ruh und Glückseligkeit zu halten. Die Vermählungen würden erstlich im Himmel /
hernach in den menschlichen Hertzen geschlossen. Durch den Einfluss des Gestirnes
gäbe das Verhängnis darbei sein Wohlgefallen oder Unwillen zu verstehen; jenes /
wenn es die Gemüter gleichsam zusammen verzauberte / diesen / wenn einem etwas
auch sonst annehmliches zu wider wäre. Ariobarzanes gäbe zwar einen grossen
Schein der Tugenden von sich; aber wer könnte in wenigen Tagen einen recht
ausholen? Es gäbe in dem Meere des menschlichen Lebens viel Seichten und
Sandbäncke; man müste allezeit mit dem Blei-Masse in der Hand fortsegeln / wo
anders die Hertzen der Menschen so /wie die See / ein Blei-Mass annehmen. Die
Augen sollten Fenster der Seele sein / sie wären aber ihre Larven / welche unter
der Gestalt einer Taube oft einen Basilissken vermummeten; und das schwartze
Saltzwasser des Meeres gäbe vielmahl einen hellen Silber-Schein von sich. Daher
wäre es numehr nötiger und schwerer / die Eigenschaften der Gemüter /als der
Kräuter zu erkennen. So hätten ja auch die Götter seine Scheutel mit dreien
Kronen bereichert; welches sicher mehr ein Uberfluss des Glückes / als eine zu
ergrössern nötige Macht wäre. Solte sie nun als das einige Kind einen Ausländer
heiraten /würde das Pontische Reich seinen alten Glantz verlieren; und / da es
jetzt das Haupt zweier andern Königreiche wäre / müste es künftig ein schlechter
Anhang des Medischen Zepters / eben so / wie Armenien wiederfahren sei / werden.
Die Pontischen Völcker würden diese ausländische Heirat / als ein Seil /
wordurch ihnen das Joch der üppigen Meden an die Hörner geschlinget würde / mit
Unwillen ansehen / oder auch die Vereinbarung so vieler mächtigen Reiche den
Römern und Partern Nachdencken machen / und solche mit Gewalt zu zerteilen
Anlass geben. Die Römer hätten wider den grossen Mitridates keine andere Ursache
zum Kriege / als die Furcht für seinen zwölf Königreichen gehabt / als sie
Nicomeden den Bitynischen / und Ariobarzanen den Cappadocischen Konig wider ihn
aufgehetzet; und hernach zwei und vierzig Jahr wider ihn gekrieget. Eben so
würde der Uhrsprung des Peloponnesischen Krieges der sich allzu sehr
vergrössernden Stadt Aten beigemessen; und derer den Degen zum ersten zückenden
Spartaner Furcht für eine rechtmässige Ursache des Krieges wider Aten / und ihr
Angriff für eine Notwehre gehalten. Die Römer hatten nach dem andern Punischen
Kriege den König Philip in Macedonien zu überfallen keine Ursache sonst gehabt /
als seine verdächtige Kriegsrüstung. Weil nun ein mittelmässiges Reich sicherer
und leichter zu beherrschen wäre / sonderlich künftig von ihr einem
Frauenzimmer; als ein übermässig grosses / welches von einem grossen Geiste
beseelet / mit vielen Armen beschützt werden müste; weil ein grosses Reich seine
Fürsten sicher / seine Feinde verächtlich / die Einwohner wollüstig / die
Tapfferkeit stumpf / die Kriegsleute weich / die Untertanen faul machte / also
aus sich selbst sein Verderben / wie aus dem Eisen der Rost / aus dem Holtze
seine fressende Würmer / entspringe; in die entfernten Länder die königlichen
Schlüsse zur Unzeit kämen; ja wie grosse Riesen schweren Fällen / also weite
Reiche geschwindem Untergange unterworffen wären; so schiene es / ihrem
schwachen Verstande nach / ratsamer zu sein / das Pontische Reich numehr in
seinen unbeneideten Gräntzen zu erhalten. Der verschmitzte König nam unschwer
wahr / dass diese Einwürffe Farben / nicht Ursachen ihrer Verweigerung wären.
Dahero begegnete er ihr mit ziemlich ernstaftem Gesichte: ihre Gramschaft
wäre eine unzeitige Einbildung / und ein vergänglicher Eckel. Dahero wäre nach
diesem so wenig die Würde eines Liebhabers / als nach einem verdorbenen Magen
die Güte einer Speise zu verwerffen. Es hätten zuweilen Gemüter die Art des
Magnets an sich / die zu rostigem Eisen einen Zug / und für Diamanten einen
Abscheu hätten. Die Zuneigung gelüsterte mehrmahls nach der Hässligkeit / wie
manches schwanger Weib nach unartigen Speisen; und der Hartnäckigkeit wäre die
Vollkommenheit so wenig gut genung / als einem vergällten Maule die süssesten
Granat-Aepffel. Die Regungen der Sinnen müsten dem Urtel der Vernunft nicht
zuvor kommen / und der Geist sich nicht zu fleischlicher Vergnügung erniedrigen.
Aller Völcker Einstimmung wäre ein unverwerfflicher Zeuge für Ariobarzanens
Tugenden /und die Welt ein Schauplatz seiner Helden-Taten. Uberdiss mache bei
Bürgern die Liebe / bei Königen die Staats-Klugheit die Heirats-Beredungen.
Dieser wäre gemäss ein Reich so hoch empor zu heben / dass dem Neide die Augen
vergingen an selbtem hinauf zu sehen / und so gross zu machen / dass es ohne
frembde Hülffe der unrechten Gewalt mächtiger Nachbarn die Spitze bieten könnte.
Seine und Ariobarzanens zusammenstossende Kräfften wären noch kaum genung den
Partern oder Römern zu begegnen; für denen er keine Bürgen hätte / dass sein
Bündnis mit ihnen ewig tauren würde. Das Pontische Reich würde für dem Medischen
nichts minder als Armenien seinen Vorzug behalten; und seine Völcker würden
nicht einem frembden Lande / sondern ihrer angebohrnen Fürstin zu gehorchen
haben. Wesswegen man mit Ariobarzanen gewisse Bedingungen abreden müste. Wäre es
denn aber nicht ratsamer / versetzte die Königin Dynamis / Arsinoen einem
Pontischen Fürsten zu vermählen / welchem die Liebe zu diesem Reiche von der
Geburt / die Wissenschaft seiner Rechte und Sitten mit der ersten Auferziehung
eingeflöst worden /welcher der Einwohner Gewogenheit durch treue Dienste
erworben / dem Polemon solche Erhöhung zu dancken / und nicht nur Arsinoen /
sondern auch das ihm zugleich mit vermählete Pontische Reich zulieben Ursach
hätte. König Polemon begegnete ihr: Ungleiche Heiraten wären auch unter denen
Untertanen ungeschickt. Die Frauen und Jungfrauen zu Heraclea hätten sich
lieber selbständig getödtet / ehe sie sich auf des Wüterichs Clearchus Befehl
seinen unedlen Dienern vermählen wollen. Wie viel welliger wäre seiner hohen
Ankunft anständig / noch dem Reiche vorträglich seine eigene Tochter an einen
Untertanen zu verheiraten. Die aus dem Staube empor steigenden wüsten selten
ihr Glücke zu begreiffen / und ihre Begierden zu mässigen. Die an dem Glantze der
Sonnen gewachsenen Früchte wären denen im Schatten stehenden / und die Wercke
hocherlauchter Fürsten des Volckes vorzuziehen. Diesemnach würden die
Untertanen ihrer bei zeite überdrüssig. Denn wie schwer es fiele einem Bildhauer
seinen von ihm ausgehauenen und vergöldeten Götzen / den er im Walde als ein
Klotz gesehen / anzubeten / wenn er schon auf einem Altare stünde; so schwer
käme es die Untertanen an / sich für einem Oberherrn zu bücken / der vorher
ihres gleichen / oder wohl niedriger gewest wäre. Dynamis wagte es noch einmal /
wiewol gleichsam zitternde dem Könige diesen Gegensatz zu tun: Wie die gar zu
niedrigen Heiraten in alle Wege zu verdammen wären; also wären die / da man
denn allzu hoch hinaus gewolt / insgemein sehr unglücklich gewest. Der so
niedrige Töpffers-Sohn Agatocles hätte Sicilien so klug / als kein einiger
König beherrscht; darinnen aber hätte er verstossen / und seine Söhne gleichsam
selbst vom Trone gestürtzt / als er seine Tochter Lanassa dem grossen Könige
Pyrrhus vermählet / der hernach seinen Sohn Helenus einzuschieben bemüht war.
Die hohe Ankunft wäre wohl ein grosses Kleinod / es hätten aber viel grosse
Geschlechter viel Eitelkeit und schlimmen Beisatz an sich. Die Atenienser
rühmten sich so alt als die Erde / und aus sich selbst entsprossen zu sein. Die
Arcadier wollten die Erde noch / ehe der Mond geschienen /bewohnt haben. Die
Julier zu Rom wollten vom Sohne des Eneas / und die Antonier vom Hercules
entsprossen sein. Aus diesem Aberglauben hielten viel für löblicher eine Lais
aus dem Geschlechte der Heracliden / als eine niedrig-entsprossene Penelope zu
heiraten. Ungeachtet die Schönheit die Augen / das Reichtum die Hände
vergnügte / der Adel aber in blosser / und oft falscher Einbildung bestünde;
Sintemahl kundig wäre / dass Königinnen nicht nur / wie des Königs Agis Gemahlin
Timäa von einem edlen Alcibiades / sondern von einem hässlichen Mohr und Fechter
wären geschwängert worden. Ajax hätte deswegen Ulyssen nicht unbillich verlachet
/ als er sich einen Enckel des Eacus gerühmt. Hingegen hätte der Mängel der
Ankunft dem tapffern Pericles / und dem grossen Pompejus an ihrer Tugend keinen
Abbruch getan. Alleine es dörffte alles diesen Kummers nicht; nach dem noch
etliche Enckel des grossen Mitridates des Machares Söhne / und andere Fürsten
Königlichen Geschlechtes im Reiche verhanden wären. König Polemon verfiel über
diesen Worten in den festen Argwohn / samb Dynamis mit einem dieser Fürsten
schon eine geheime Eh-Beredung getroffen hätte; daher er mit feurigem Eyffer
ihre Rede unterbrach: Was? soll ich einem Verräter seines Vaters / wie Machares
gewest / meine Tochter geben? Will man mir einen Eydam auffdringen / dessen
Vater von seinem eigenen zum Tode verdammet worden? Nein sicher / dein Anschlag
wird dir sicher in Brunn fallen: ich will meine Tochter mit nichts unedlerm
vermischen / als ihr Ursprung ist. Der vollkommenste Leib bildet eine Missgeburt
ab / wenn man ihm einen Cyclopen-Kopff auffsetzt. Blei und Zien / ja auch das
Silber selbst / verunehret und vergeringert das Gold /wenn es untereinander
geschmeltzet wird. Man setzt Marmel und Jaspis-Bilder nur in der Götter und
Könige / nicht in Geringerer Wohnungen. Die Natur ist auffs eusserste bemüht /
dass nichts ungleiches zusammen wachse. Eben dieses soll die Klugheit /
fürnehmlich aber in der Liebe beobachten / welche von den Alten für blind und
ein Kind gehalten worden / weil sie am meisten vorsichtiger Leitung vonnöten
hat. Ich versehe mich also zu Arsinoen / wo ich sie anders für meine Tochter
halten soll / sie werde nicht von der Art dess den Pöfel abbildenden Epheus sein
/ welcher / so bald eine Hasel-Staude / als einen Dattelbaum umarmet. Edle
Pflantzen kehren ihr Haupt gegen den Himmel; Die Rosen schliessen ihr Haupt nur
der anwesenden Sonne auff; die Palmen vertragen sich mit keinem geringen
Gewächse. Ja der todte Magnet-Stein folget keinem geringern / als dem so hoch
geschätzten Angelsterne. Und Polemons Haus sollte sich zu den Nachkommen des
knechtischen Machares abneigen? Die Niedrigkeit des Gemütes ist wie alle andere
Schwachheiten nichts minder als die Seuchen anfällig. Zwei Tropffen bösen
Geblütes stecken den ganzen Leib an / und eines einigen Fisches Farbe
schwärtzet ein gross Teil des Meeres. Das menschliche Gemüte ist geartet wie
das Tier / das alle Farben annimmt /am leichtesten aber die Schwärtze der
Bosheit. Hat es seine Neigung zu Napel / so vergifftet sichs. Liebet es Unflat /
so besudelt es sich. Die besten Schnaten verlieren ihre Güte / wenn man sie auff
einen herben Stamm pfropffet. Das Feuer verlieret seinen Glantz /wenn es mit
Wasser oder Erde vermischt wird; Aus Vereinbarung eines Menschen und Pferdes
wird ein hässlicher Centaur / und die niedrigen Vermählungen sind ein ewiger
Schandfleck hoher Geschlechter / welchen König Hiero in Sicilien mit allen
seinen tugendhaften Taten / auch bei der Nachwelt nicht auszuleschen vermocht
hat. Diesem nach ist diss mein End-und unveränderlicher Schluss / dass Arsinoe den
edelsten Fürsten der Welt / den grossen Ariobarzanes heiraten soll. Und ich
befehle dir / Arsinoe / dich ohne einigen Worts-Einwand darzu fertig zu halten.
Des Vaters und der Götter Wille hat keinen Richter über sich. Ihre Vorsorge ist
die vernünftigste und treueste / welche sich weder durch eigenen Dünckel / noch
durch anderer Träume verbessern läst.
    Hiermit ging Polemon unwillig aus dem Zimmer /liess sie in vollem Jammer
stehen / und versprach noch selbigen Tag dem Ariobarzanes seine Arsinoe. Der
Heirat-Schluss und das neue Bündnis ward von beiden Königen in dem Tempel des
Friedens auff dem Altare der Eintracht unterschrieben und besiegelt /auch alle
Anstalt zu dem Königlichen Beilager gemacht / als inzwischen Arsinoe / Dynamis
und Erato ihrem Kummer kein Ende / ihren Tränen keine Maas / und ihrem Unglücke
keinen Rat wussten. Beide Könige kamen aus dem Tempel in ihr Zimer / und wiewohl
Dynamis und Arsinoe ihre Traurigkeit zu verbergen sich eusserst bemüheten / sah
sie ihnen doch beiden mehr als zu viel aus den Augen. Ariobarzanes kriegte
hierüber Nachdencken / und vermeinte Arsinoen durch die höfflichsten
Liebkosungen zu gewinnen / welche ihm aber mit einer gezwungenen oder vielmehr
kaltsinnigen Freundligkeit begegnete. Diese Neuigkeit verstörte ihm die Ruhe der
Nacht und des Gemütes / noch mehr aber ein Schreiben / welches er des Morgens
auff seiner Taffel fand / dieses Inhalts:
                       Arsinoe an den König Ariobarzanes.
    Ich gestehe es / dass Ariobarzanes der ganzen Welt Herrschaft / des Zuruffs
aller Völcker / und so viel mehr meiner Liebe würdig sei; aber alles diss / ja
die Götter selbst / weniger der Zwang meines Vaters sind nicht genug ihn
derselben fähig zu machen. Forsche nicht von mir die Ursache meiner Kälte / denn
die Liebe entspringet mehr vom Einflusse des Gestirns /als von der Würde eines
Dinges. Der beste Ambra reucht einem wohl / dem andern stinckter. Glaube aber /
dass selbte alsofort deine Flammen auslöschen /aber in Sinope ein grösseres Feuer
anzünden würde. Uberwinde dich also / und presse dir keine unmögliche Liebe aus
/ die deine Vollkommenheit so hoch in Ehren hält; da du auch diss letztere nicht
verlieren /oder gar vergällen wilst. Die süssesten Pomerantzen geben Bitterkeit
von sich / wenn man sie allzusehr ausdrückt. Es ist eine grosse Klugheit
unterscheiden können / was man für Karte wegwerffen oder behalten soll / eine
grössere Kunst / sich einer Sache entschlagen / die mit uns entweder keine
Vereinbarung leidet /oder uns selbst den Rücken kehret; die höchste
Glückseligkeit aber / nichts verlangen / was man nicht haben kann. Dieser
deutliche Brieff legte Ariobarzanen den Traum von Arsinoens Kaltsinnigkeit aus.
Liebe und Rache kämpfften in seiner Seele die Wette. Seine Ehre riet ihm dieser
Verächtligkeit mit Beschimpffung zu begegnen / seine Begierde aber Arsinoens
Hertze zu gewinnen; Aber iede Zeile benahm mit der fürgeschützten Unmögligkeit
ihm alle Hoffnung / und stürtzte ihn in eine halbe Verzweiffelung. Bei dieser
Verwirrung ward ihm angesagt: Der König Polemon wäre unterweges ihn zu besuchen
/ folgte auch fast auff dem Fusse ins Zimmer. Ariobarzanes konnte sich kaum
erholen ihm vernünftig zu begegnen / weniger sich beraten / ob er dem Könige
hiervon etwas melden sollte? Wie nun Polemon alsofort seine Bestürtzung wahrnahm
/ und dessen Ursache mitleidentlich erkundigte / reichte ihm Ariobarzanes der
Arsinoe Brieff. Polemon mutmasste alsobald bei erkennter Handschrifft was arges
/ erblasste bei der ersten Zeile / und nach dem er das Schreiben durchlesen
/blieb er gleich als verzückt in vollem Nachdencken stehen; Ob er schon sonst in
Glück uñ Unglück einerlei Gesichte zu behalten wusste / und ihm nicht leichte
durch seine Empfindligkeiten / welches die rechten Fenster des Gemüts sind /
ins Hertze sehen liess. Ariobarzanes sah ihn starr an / und sagte endlich: Diese
wenige Zeilen sind entweder voller Geheimnisse / die wir beide nicht wissen /
oder voller Retzel / die ich nicht aufflösen kann. Polemon lächelte / und fing
an: Man verkleidet zuweilen ein seichtes Absehen mit dem Ansehen eines heiligen
Geheimnisses; Jedoch wird es zuversichtlich keines Wahrsagers dürffen /hinter
diss verborgene zu kommen / und keiner Zauberei / die vorgeschützte Unmögligkeit
möglich zu machen. Hiermit nahm Polemon Abschied / und Arsinoens Schreiben mit
sich / legte auch in seinem Zimmer alle Worte auf die Wage. Je mehr er aber
nachdachte / ie tunckeler schien ihm der Brieff und ie weniger konnte er
ergründen / warum Arsinoe so verzweiffelt Ariobarzanens Heirat zu hintertreiben
suchte. Er argwohnte zwar noch: Es müste Ariobarzanen iemand vorkommen sein /
und sich Arsinoens Gewogenheit bemächtiget haben; aber Arsinoens Schreiben
däuchtete ihn auff etwas ganz anders zu zielen. Endlich fiel ihm ein Arsinoens
ungemeine Verträuligkeit mit der Erato / hinter welcher ein sonderlich Geheimnis
/ oder zum minsten die Wissenschaft / warum Arsinoe für Ariobarzanen so grosse
Abscheu trüge / stecken müste. Mit dieser Sorgfalt kam er unangesagt in der
Erato Zimmer / welche denn noch halb unangekleidet war. Wormit nun Polemon diese
ungewöhnliche Uberfallung rechtfertigte / oder auch vielleicht was erfischete /
wiese er der Erato Arsinoens Schreiben / von dem sie aber ohne diss schon
Wissenschaft hatte / beschwerte sich über seiner Tochter zu seinem Schimpff und
ihrem Unheil gereichende Widersetzligkeit / und beschwor sie endlich / dass / da
sie so tieff in Arsinoens Hertze gesehen / sie ihm die Ursache nicht
verschweigen sollte. Erato begegnete dem Könige mit tieffster Demut / schützte
für: Sie hätte sich ohne Vorwitz nicht unterstehen wollen / Arsinoen etwas
auszulocken; doch sehe sie /dass / wenn nur Ariobarzanes Nahme genennet würde /
sie sich entsetzte / und über der Heirat auffs eusserste grämte / welches ihren
Kräfften in die Länge auszustehen unmöglich fallen dörffte. Der König führte sie
hierauf mit sich in Arsinoens Zimmer / welche mit verfallenen Wangen /
tränenden Augen / und tieffäugichtem Gesichte betroffen ward. Nichts
destoweniger zohe er ihren Brieff herfür / und befahl ihr: Sie sollte rund heraus
bekennen / was ihr Ariobarzanens Eh unmöglich machte / und das in ihrem
Schreiben angedeutete Feuer / welches in Sinope angezündet werden sollte /
auslegen. Arsinoe fiel ihm abermals mit erbärmlichen Geberden zu Füssen / sagte
/sie wäre zwar Meisterin ihres Willens / aber keine Gebieterin über die Natur
und das Verhängnis / welche sie vom Ariobarzanes gleichsam mit den Haaren
wegzügen. Mit dem Feuer hätte sie auff ihre Begräbnis-Fackeln gezielet / weil
diese Heirat doch ihr Tod sein / dieser aber Ariobarzanens Begierden allerdings
ausleschen würde. Ihr Wunsch und Verlangen wäre diesem nach zu sterben / sie
wollte von Hertzen den Tod als ein Geschencke der Götter / und ein Gift-Glas mit
Freuden für eine Königliche Mitgifft aus den Väterlichen Händen annehmen. Wolte
er sie aber der Göttin Vesta zu ewiger Jungfrauschaft wiedmen /wollte sie mit
dem ewigen Feuer auch eine ewige Danckbarkeit in ihre Seele bewahren. Diese
Erklärung tät sie so wehmütig / dass / wie harte gleich Polemon war / ihm die
Augen übergingen / und er mit etwas sanftmütiger Bezeugung sie fragte: was
denn die Ursache ihrer wider einen so vollkommenen König geschöpffter
Todtfeindschaft wäre? Arsinoe antwortete: Sie hegte derogleichen in ihrem
Hertzen nicht / sondern sie hätte vielmehr ein grosses Vergnügen an seinen
Tugenden; aber unmöglich wäre es ihr einmal ihn zu lieben. Polemon fing an zu
ruffen: Ihr Götter! Was ist denn unter einem solchen vergnügenden Wohlgefallen
und der Liebe für ein Unterscheid? Arsinoe antwortete: Ich weiss wohl /
allerliebster Herr Vater / dass die Liebe allezeit die Gewogenheit zur Mutter /
diese aber jene nicht allezeit zur Tochter habe / und mein an dem Ariobarzanes
habendes Belieben doch nimmermehr die Liebe in meinem Hertzen gebehren werde.
Polemon fragte: Was denn ihrer Liebe im Wege stünde? Worauff Arsinoe anfing: Ihr
von dem Verhängnis geleiteter Wille. Denn das Wohlgefallen bemächtigte sich
eines Menschen mit Gewalt und wieder seine Zuneigung. Man müsse die Tugend und
Schönheit auch in seinem Feinde wert halten / und die Gramschaft müste
mehrmals die Gaben der Natur und des Gemüts mit denen schönsten Farben in die
Taffel seines Hertzens mahlen / ja die Stiffter des ärgsten Unrechts innerlich
der Gerechtigkeit beifallen. Diese Gewogenheit zündete sich in einem Augenblicke
wie ein Blitz an / sonder einige vorhergehende Beratschlagung: insonderheit
erstreckte sie sich auff alle Reichtümer der Natur / auff Blumen und leblose
Edelgesteine / die gleich keiner Gegen-Liebe fähig sind. Die Liebe aber / wie
sie ein sich langsam entzündendes Feuer / und allererst der Schönheit Enckelin
wäre; die Beratschlagung zur Amme / und den Willen zum Leiter hätte / also wäre
sie mit sich selbst nicht so verschwenderisch / sie vereinbarte sich nicht mit
allem / was ihr ins Gesicht fiele / sondern nur mit dem / was sie für ihres
gleichen hielte / und was sie wieder lieben könnte. Wesswegen auch kein ander
Tier als der Mensch wahrhaftig lieben / die Schönheit eines Sternes / einer
Perle / eines Pferdes wert geachtet / nichts aber / als das Antlitz und der
Geist eines Menschen / eigentlich geliebt werden könnte. Wenn nun das Verhängnis
nicht unsern Willen / wie der Magnet das Eisen iemanden zu lieben züge / wäre es
uns selbst zu überwinden unmöglich. Polemon ward hierüber vedriesslich / und
befahl ihr / sie sollte ihr diese Träume aus dem Sinne schlagen / und von ihrer
Eigensinnigkeit / welche ihr eitel Ungeheuer fürbildete / abstehen / auch sich
zu dem /was ihr bestes / und nun nicht mehr zu ändern wäre /beqvemen. Der Nahme
des Todes wäre zwar süsse /sein Wesen aber die bitterste Aloe. Wer in ewiger
Einsamkeit leben könnte / müste entweder ein halber Gott / oder ein ganz
unvernünftiges Tier sein. Mit diesen Worten entbrach sich Polemon ihrer / und
versicherte den Ariobarzanes / dass die Vermählung auff die bestimmte Zeit sollte
bewerckstelliget werden. Es wäre nichts seltzames / dass alberen Mägdgen für dem
Ehstande eckelte / dessen Süssigkeit sie hernach nicht genung zu schätzen wüsten.
Die langsame Liebe wäre wie das am langsamsten wachsende Metall / nehmlich das
Gold / die bewehrteste; hingegen verschwinde die heftigste am geschwindesten.
Denn die Fackel / die allzusehr lodert / könne nicht lange tauren. Arsinoe blieb
inzwischen in einer unermesslichen Betrübnis /und verzweiffelten Ungedult. Ich
sehe / fing sie an /dass einem Unglückseligen auff dem Meere das Wasser / auff
der Erden ein Grab / in dem Leben der Tod gebricht. Aber wie sehr er vor mir
fleucht / will ich ihn doch finden / und hiermit griff sie nach einem Messer /
welches ihr aber Erato ausriss / und ihre Verzweiffelung mit nachdrücklicher
Einredung straffte. Ist diss die Tugend / sagte sie / welche der einfallende
Himmel auch nicht von ihrem Sitze zu stürtzen mächtig sein sollte? Ist diss die
Liebe / welche sich mit der Erato in ein Grab zu legen rühmete? Kan aus
Entdeckung ihres Geschlechts ihr was ärgers als der Tod zuhängen / wenn schon
Polemon die Vater-Liebe in grausamste Mord-Lust verwandelt? Ist es nicht
Torheit sterben wollen / um nicht zu sterben? Sie sage es dem Könige unter
Augen / dass sie nicht Arsinoe /sondern der verworffene Zeno sei / der dem
Polemon das Licht ausblasen soll! Sie lasse ihr und mir das Urtel des Todes
sprechen! Es ist besser von den Händen eines unbarmhertzigen Vaters sterben /
als durch Selbst-Mord dem Verhängnisse an seinen Richterstab greiffen. Ach nein!
Holdseligste Erato / sagte Arsinoe: Es ist nicht allein um meinen Hals / sondern
auch um den guten Nahmen meiner Mutter der Königin Dynamis / und um die
unschätzbare Geniessung ihrer Liebe zu tun. Erato versetzte: Es wäre weder
nötig dem Tode ein so unzeitiges Opffer zu lieffern /noch der Königin Ruhm zu
versehren. Die hertzliche Liebe einer barmhertzigen Mutter / und die Erhaltung
ihres verstossenen Sohnes / könne mit dem Titel eines Lasters nicht verunehret
werden. Auch habe die Natur den Auffentalt der Tugend nicht in Sinope
eingeschlossen. Die ganze Wett wäre der Tapfferkeit Vaterland. Die Unschuld
müste zuweilen dem Verhängnisse / zuweilen einer hitzigen Ubereilung dessen
/gegen welchem uns die Natur die Gegenwehr verbeut / ausweichen. Die Götter aber
liessen die Tugend nirgends aufftreiben / sie hätten ihr deñ schon vorher einen
beqvemen Sitz ausersehen. Sie selbst habe diese himmlische Vorsorge zu preisen.
Denn als ihre Untertanen die Armenier sie verstossen / hätte sie der Pontus
willigst aufgenommen / und mit der Liebe des vollkomensten Fürsten beseliget.
Wie? fing Arsinoe an / sind die Armenier ihre Untertanen? In allewege
/antwortete Erato. Und es hat Sinorix nicht geschielet. Denn ich bin der junge
Artaxias / den die Liebe seiner Mutter für einen Fürsten / wie ihre den Zeno für
ein Fräulein auferzogen hat. Arsinoe vergass über dieser erfreulichen Zeitung
alles ihres Leides / und umbarmete die Erato mit einer unermässlichen
Empfindligkeit. Erato aber warnigte sie / ihre Liebes-Bezeugungen anietzo zu
verschieben / und für ihre Wolfart bekümmert zu sein. Einmal wüste sie kein
ander Mittel / als eine heimliche Flucht zu ersinnen; und da die Königin hierzu
stimmete / oder sie selbst nichts sicherers wüste / wollte sie darzu in allewege
geraten haben. Das Werck ward hierauf mit der Königin überlegt / welche / in
Mangel anderer Hülffe / ihr die Flucht gefallen liess. Der Anschlag und die
Anstalt der Reise ward niemanden / als mir vertraut / weswegen ich mich
ungesäumt an das Gestade des Meeres verfügte / uns dreien ein Schiff zu
bestellen. Zu meinem grossen Gelücke lendete gleich ein Schiff am Hafen an /
dessen Entladung ich aus blosser Begierde der Neuigkeit sehen wollte. Denn unter
so viel hundert daselbst anckernden Schiffen hatte ich nur die Wahl auszulesen.
Alleine meine Freude war unermässlich /als ich den ersten / der aus solchem
Schiffe ans Ufer sprang / für meinen Artafernes erkennte. Wormit ich nun seiner
mercklichen Freude und Empfangung zuvor käme / nahm ich die Gelegenheit in acht
unvermerckt hinter ihn zu treten / und / ehe sich seine Augen vergehen konten /
ihm hinterrücks ins Ohr zu sagen: Lass dich nicht mercken / dass du Saloninen
kennest / sondern folge mir auf dem Fusse nach. Artafernes verbarg seine
Gemüts-Regungen derogestalt /dass er sich nicht einst umbsah / gleichwohl aber
meinen Fussstapfen behutsam nachging. Ich wiess ihm den Weg in den nahe am Hafen
liegenden Königlichen Garten / biss wir in einem verdeckten Spatzir-Gange
einander mit erfreuter Umbhalsung zu bewillkommen Gelegenheit fanden. Jedoch
befand ich es für ratsam / so wohl dieser Ergetzligkeit abzubrechen /als den
Vorsatz beiderseitige Zufälle zu erfahren / auf bequemere Zeit zu sparen. Ich
meldete ihm dannenher mit wenigen Worten: Dass die unumbgängliche Notdurft
erforderte die nechstfolgende Nacht die Armenische und Pontische Fräulein nebst
mir aus Sinope zu führen; also sollte er mir ohne Umbschweiff entdecken: Ob er
Herr des angeländeten Schiffes wäre / und darmit zu diesem wichtigen Fürnehmen
helffen könnte. Er erbot sich alsofort meinen Willen zu vollziehen. Wohl dem /
sagte ich / so machet alles zur Abreise fertig / ich will mit der Fürstin Erato
in männlicher Tracht mich schon gegen Abend in euer Schiff spielen / umb
Mitternacht aber werdet ihr in diesem Gange die Fürstin Arsinoe abzuholen
wissen. Mit diesem Verlass schieden wir von sammen; ich aber brachte alsofort
meine glückliche Anstalt beiden Fürstinnen zu / und redete mit ihnen alles ab /
was hierbei zu tun nötig schien. Gegen Abend ging Erato und ich unser
Gewohnheit nach in den Garten / in welchen wir oben aus unserm Zimmer 2.
Manns-Kleider / und etliche andere Notdurfft geworffen hatten. Wir kleideten
uns in einer nahe dabei gemachten Spring-Höle umb /und versteckten unsere
Weibs-Kleider unter die daselbst verdeckten Wasser-Röhre / kamen auch
unvermerckt auf das Schiff / allwo uns Artafernes eine bequeme Lagerstatt anwiess
/ welcher wir uns aber nicht bedienen wollten / biss wir Arsinoens Uberkunft
vergewissert wären / wiewohl etlicher Nächte gestörte Ruh uns sehr schläfrig
gemacht hatte. Gegen Mitternacht fügte sich Artafernes an den bestimmten Ort /
und wenige Zeit hernach kam er zu uns mit der frölichen Zeitung / dass er
Arsinoen glücklich überbracht / und in ein absonderlich Zimmer zur Ruh gelegt
hätte. Wir entschlugen uns zu Verhütung allen Verdachts bei den Schiffleuten /
und alles Aufsehens aus den nah-anliegenden Schiffen / der Bewillkommung /
sonderlich weil Arsinoe mehr als wir des Schlaffes benötigt war. Artafernes
liess die Segel aufziehen / und weil wir ihm freigestellet hatten zu fahren /
wohin ihm beliebte / schiffte er mit gutem Winde immer der Tracischen See-Enge
zu. Wir schlieffen die übrige Nacht und ein Stücke des Tages durch / biss uns
Artafernes aufweckte / und anzeigte: Arsinoe wäre schon etliche Stunden wachend.
Erato und ich eilten mit unser Ankleidung / und / wormit uns Arsinoe nicht zuvor
käme / eilten wir ihrem Gemache zu. Wir erstarreten aber als steinerne Bilder /
als wir statt Arsinoens ihre Kammer-Jungfrau Monime für uns fanden. Erato
erholte sich gleichwohl / und meinte / dass sie vielleicht mit Arsinoen kommen
wäre; fragte daher: Was sie hier machte? Alleine Monime / welche über unser
Erblickung steinerner als wir war / verstummte. Nach etlicher Zeit erholete sie
sich gleichwohl / und weil sie die Fürstin Erato erkennte / fiel sie ihr zu
Füssen /und bat umb Gnade / sie wollte ihr Verbrechen willigst bekennen. Weder
Erato noch ich wussten uns hierein zu schicken. Gleichwohl wusste die Fürstin
alsofort aus dem Stegereiffen eine kluge Entschlüssung zu machen / nahm daher
eine ernstafte Geberdung an sich / und befahl ihr: Sie sollte ihre Schuld
aufrichtig heraus beichten / so wollte sie bei ihrer Fräulein für sie eine
Vorbitte einlegen. Monime bekannte hierauf: Es hätte Armidas / ein Edelmann des
Ariobarzanes / welchem sie die Ehe versprochen / ihr Vater Maxartes aber nicht
hätte zugeben wollen / mit ihr abgeredet / dass er sie in dem Königlichen Garten
diese Nacht / da wegen der auf den Morgen bestimmten Königlichen Vermählung
alles untereinander ginge /abholen / und auf einem dazu bestellten Schiffe nach
Armenien entführen hätte wollen. In dieser Meinung wäre sie auf diss Schiff
kommen; sie sehe aber / dass ein glücklicher Irrtum sie von dem fürgehabten
Verbrechen / welchem sie ietzt allererst nachdächte / abgezogen habe. Erato
verwies ihr ihr Fürhaben / gab ihr aber noch einen guten Trost zu ihrer
Aussöhnung. Wir gediegen hiermit nebst dem Artafernes wieder in unser Gemach /
und wegen Arsinoens in unaussprechlichen Kummer; nachdem wir ihm auch kürtzlich
unsere Ebenteuer erzählt / beratschlagten wir: Was bei so verwirreten Dingen
zu tun? Artafernes erkundigte beim Schiffer: Ob man nicht irgendswo an einem
unentfernten Ufer anländen könnte? welcher als er es verjahete / erbot er sich in
Sinope / welches wegen des umbschifften Leptischen Vorgebürges kaum zehen
Stadien vom Ufer entfernt wäre / zurück zu kehren / und der Sachen
Beschaffenheit auszuforschen. Wir kamen ans Ufer / fanden auch daselbst einen
bequemen Felsen / hinter dem wir nicht alleine für allem Sturme / sondern auch
für allen Augen des Landvolcks sicher liegen bleiben konten. Artafernes ging zu
Fusse nebst seinem getreuesten Diener gerade auf Sinope zu / und nahm von der
Fürstin Erato an Arsinoen und die Königin Dynamis ein Schreiben mit / worinnen
sie dem Artafernes in allem sich zu vertrauen ersucht ward. Nach dem Mittage kam
Damon des Artafernes Getreuer zu uns zurücke / mit dem Berichte / dass / als
Ariobarzanes und Polemon sich schon in dem Tempel der Derceto befunden / und
alles zur Vermählung fertig gewest wäre / hätte man allererst Arsinoen vermisset
/ welche zwar allentalben gesucht / aber nirgends gefunden würde. Mit dieser
Nachricht kehrte er zurücke nach Sinope / stellte sich aber mit dem anbrechenden
Morgen wieder ein /und verständigte uns / es hätte noch vorhergehenden Tag ein
Medischer Edelmann Arsinoen auf eine Schiffe zurücke und in den Tempel bracht.
Wie nun die Priester auf des König Polemons Befehl der Göttin Derceto oder
Adargatis die Fische und Tauben zum Opfer abgeschlachtet / und zu der Vermählung
schreiten wollen / hätte Arsinoe / an statt / dass sie nach Gewohnheit der Bräute
der Göttin lincke Hand fassen und küssen sollen / ihren Fisch-Schwantz mit
beiden Händen umbgriffen / und geschworen / dass sie ehe sterben / als
Ariobarzanen vermählt sein wollen. Hierauf wäre sie in das Behältnis der
Priester gegangen / König Polemon ihr dahin nachgefolgt. Wie sie nun eine gute
Weile darinnen verschlossen gewesen /und Ariobarzanen in vollem Grim / das Volck
aber in heftigem Verlangen des Ausgangs hinterlassen hätten / wäre ein Priester
heraus kommen / und Ariobarzanen bescheidentlich fürgetragen: Es hätte sich eine
wichtige Hindernis ereignet / dass die Heirat ihren Fortgang nicht erreichen
könnte. Ariobarzanes hätte alsofort gefragt: Ob auch Polemon solche billigte? Als
solches der Priester verjahet / wäre er für Zorne schäumende aus dem Tempel
gerennet / und / nach dem er sich kaum eine halbe Stunde auf der Königlichen
Burg verweilet / wäre er mit allen den Seinigen aus Sinope gezogen. Polemon
hätte Abschied von ihm nehmen / ihn auch / als er länger zu bleiben nicht
beredet werden können / begleiten wollen: Ariobarzanes aber hätte ihn nicht
einst für sich zu lassen gewürdigt / sondern Fluch und Dräuen ausgeschüttet.
Diese Zeitungen konten wir nun unschwer auslegen: dass Arsinoe vom Armidas für
Monimen angenommen / und in sein Schiff aus Irrtum komme / hernach von ihr ihr
Geschlechte eröffnet worden wäre. Den dritte Tag kam Artafernes selbst zu rücke
/ und erzehlte uns ferner: dass nach Ariobarzanes Wegzuge kein Mensch weder in
noch aus der Burg gelassen / gleichwohl von eine vertrauten Freund / den er
vorhin zu Sinope kennen lerne / berichtet werde wollen: Es müste ein gross
Geheimnis entdeckt sein / ja man mutmassete gar /dass Dynamis und Arsinoe schon
todt wären. Eine Stunde für seinem Abzug wäre ein Herold von Ariobarzanen in
Sinope kommen / und habe auf dem grossen Platze für der Burg mit hellem Halse
geruffen: Höre Jupiter / höret ihr Pontischen Völcker / der Meden und Armenier
König / der mit eurem ein Bündnis zu machen hieher kommen / auch seine Tochter
zur Gemahlin zu erlangen versichert / hernach geäffet / und nicht einst die
Ursache solcher Reue zu erfahren gewürdigt worden / will die ihm angetane
Schmach durch einen gerechten Krieg rächen. Hiermit habe er das mit dem Polemon
neu aufgerichtete Bündnis heraus genommen / zerrissen / und eine Lantze in das
Burg-Tor geworffen. Der König habe auch noch selbige Stunde diese Fehde durch
schleunige Posten in seine Länder verkündiget / und sich allentalben zur
Gegenwehre zu rüsten anbefohlen. Wir alle waren hierüber aufs äuserste bestürtzt
/ Erato aber wollte sich über dem verlauteten Tode Arsinoens / oder vielmehr
ihres geliebten Zeno gar nicht trösten lassen. Wir redeten ihr aufs beweglichste
ein / hielten ihr für: Wie die Götter sie zeiter oft aus augenscheinlichem
Untergange erlöset / sie auch alle Stürme des Unglücks mit ihrer Grossmütigkeit
überwunden hätte. Es wäre nicht genung durch einen unvergleichlichen Anfang sich
zum Gotte machen / hernach die Hände sincken / und die menschlichen
Schwachheiten blicken lassen. Ein schöner Kopf und ein hesslicher Schwantz machte
die Sirenen zum Ungeheuer. Ehre und Ruhm veralterten nicht weniger / als andere
irrdische Dinge; denn die Gesetze der Zeit vertrügen keine Ausschlüssung. So
wohl der Adler als Phönix müsten sich verjüngen umb ihren Vorzug zu behaupten /
ja die Sonne selbst alle Tage eine andere Bahn erkiesen /wormit die stete
Neuigkeit sie beim Ansehen erhielte / und gleichwohl hätten so viel Weltweisen
ihr eine Vergeringerung beigemessen. Für diesem Abfalle hätte die Tugend keine
Befreiung / so bald sie zuzunehmen aufhörete / nehme sie wie der Monde ab. Diese
geschärffte Einredungen brachten sie endlich ja so weit / dass sie sich zwar
nicht der Traurigkeit / iedoch der Verzweifelung entbrach / und mit uns
beratschlagte: Wo wir denn unsere Flucht hinnehmen sollten? Artafernes schlug
die volckreiche Stadt Phasis für / dahin sie in sechs Tagen zum längsten
schiffen /und wegen der daselbst der Kaufmannschaft halben sich aufhaltender
unzehlichen Frembdlinge unerkennet bleiben könten. Das umbliegende Land Colchis
habe Mitridates Eupator seinen eigenen Königen zum ersten abgezwungen / sei
auch hernach mit dem Bosphorischen Reiche auf den König Polemon kommen. Von
daraus könten sie in wenig Tagen über das Moschische Gebürge in Armenien
gelangen / und wohin sie der Lauff des neuen Krieges beruffen würde. Denn es
sollte ja die Fürstin Erato nicht die Hoffnung ihr väterlich Reich wieder zu
behaupten fahren lassen. Als er mit dem Tiridates aus Parten in Syrien sicher
ankommen / dieser aber in Hispanien zum Käyser / der daselbst wider die
Cantabrer und Asturier gekrieget / gezogen wäre / hätte er uns fast in der
halben Welt / auch zu Sinope aufgesucht / und als er uns nirgends finden können
/ sich in Armenien gewaget / auch daselbst eine so tief eingewurtzelte Liebe
gegen das Geblüte des Artaxias / hingegen einen so grossen Hass wider den
ausländischen Ariobarzanes angetroffen / dass zum Aufruhre der Armeniern nichts
als ein Haupt oder Anführer mangelte. Wir schifften also mit gutem Winde nach
Phasis / ländeten den siebenden Tag daselbst an / nach dem so wohl ich als Erato
uns wieder für Männer ausgekleidet hatten. Der Königliche Stadtalter in Colchis
war Bardanes /des alten vom Mitridates dahin gesetzten Moaphernes Sohn / ein
Mann von grosser Tapfer- und Leutseligkeit. Weil nun ohne diss ganz Colchis von
geflüchteten Armeniern / die die Meden / entweder weil sie Ausländer / oder
allzu aufgeblasen und wollüstig waren / zu ihren Oberherren nicht vertragen
konten /erfüllet war / trugen wir kein Bedencken uns ebenfalls für verjagte
Armenier auszugeben / sonderlich / da eben selbigen Tag mit uns die Post vom
angekündigten Kriege Ariobarzanens nach Sinope kam. Bardanes machte alle
ersinnliche Anstalt aus denen am schwartzen Meere gelegenen Landschaften / die
ihm alle biss an den Mund des Flusses Tanais anvertrauet waren /ein mächtiges
Kriegsheer aufzubringen / und / weil er wohl verstund / dass Armenien nicht
leichter als durch Armenien bezwungen werden konnte / zohe er diese durch
Freundligkeit und grosse Vertröstungen an sich / wohl wissende / dass ein gutes
Wort eines höhern so viel gilt / als eine Woltat eines Menschen / der unsers
gleichen ist / und ein freundlicher Anblick eines Fürsten überwiege ein
ansehnliches Geschencke eines Bürgers. Hiemit gediegen auch wir in seine
Freundschaft / und genossen von ihm alle Ehre. Wie wir aber nach dem
allentalben so kundbaren Kriege eine so grosse Uberkunft der Armenier
wahrnahmen / welche alle lieber Pontisch als Medisch sein wollten /wurden wir
schlüssig uns der Armenischen Gräntze zu nähern; erwehlten also unsere Wohnstadt
zu Ideessa einer Stadt in dem Moschischen Gebürge / wo der vom Phrixus der
Morgenröte zu Ehren gebauete Tempel uns nicht allein zu unser Andacht / und
wegen der daselbst berühmten Weissagungen zur Richtschnur unsers Vorhabens /
sondern auch auf allem Fall zur Sicherheit dienen konnte. Daselbst zohe Erato
alsofort die Larve vom Gesichte / und gab sich den Armeniern für den jungen
Artaxias zu erkennen. Es ist unglaublich / wie in so weniger Zeit diese aller
Mittel / als der Spann-Adern des Krieges entblössete Fürstin ein Heer versamlete
/ welches sich im Felde zu weisen nicht schämen dorfte. König Polemon hörte
diesen Abfall der Armenier / und die Herfürtuung des geflüchteten Artaxias
nicht mit geringer Vergnügung / befahl dem Bardanes selbtem nicht allein allen
Vorschub zu tun / sondern auch mit den Colchisch-und Meotischen Völckern zu ihm
zu stossen / und in Armenien einzubrechen / er stünde mit einem ansehnlichen
Heere schon an dem Flusse Melas / und wollte daselbst dem Ariobarzanes die Stirne
bieten. Dieser hatte hingegen nicht vergessen bei sich alle Vernunft / aus Meden
und Armenien alle Kräfften zusammen zu ziehen / wormit Polemon seine Dräuungen
nicht für gläserne Donner-Keile halten möchte. Erato und Bardanes kriegten
Nachricht / dass Ariobarzanes mit 200000. Mann in das kleinere Armenien
eingebrochen wäre / und an dem Flusse Melas und Phrat die Haupt-Stadt des
kleinen Armeniens Melitene belägere; auch eine ansehnliche Partische Reiterei
vom Phraates folgen sollte. Dahero / weil sie den König Polemon dieser Macht
nicht gewachsen zu sein meinten / änderten sie ihren nach Artaxata / als dem
Hertzen des Königreichs fürgenommenen Zug / umb den Meden in Rücken zu gehen /
und den Ariobarzanes zu zwingen / dass er seine Macht zerteilen müste. Wir
reiseten ganzer 7. Tage / sonder einigen Feind zu sehen / weniger einige
Gegenwehre zu finden / besetzten hinter uns alle Pässe; den achten Tag kamen wir
für die Stadt Cergia / und machten Anstalt zu derselben Belägerung. Die Armenier
aber kamen des Nachts heimlich aus der Stadt / und brachten auf kleinen Nachen
etliche hundert auf dem Flusse Phrat hinein / welche mit Gewalt sich der einen
Pforte bemächtigten / dass der neue Artaxias mit der Reiterei hineinbrechen
konnte. Bei Eroberung dieser grossen Stadt kriegten wir genungsam Schiffe das
ganze Heer den Strom hinab gegen Melitene zu führen. Welches sonder alle
Hindernüsse auch geschahe / weil die Städte auf der rechten Hand des Stromes
sämtlich dem Polemon gehöreten / und von ihm besetzt waren. Zu Analiba aber
erfuhren wir / dass Ariobarzanes bei Näherung des Polemon die Melitenische
Belägerung aufgehoben / und gegen Mardara wider den Polemon sich gewendet hätte.
Diese Nachricht bewegte den Artaxias und Bardanes / dass sie zu Teucila ihre
Heere eilends aussetzten / und dem Artobarzanes in Rücken gingen. Den andern Tag
kamen wir dem Medischen Kriegsheere auf die Spur / und den dritte nach Mittags
brachte uns unser Vortrab / und etliche von ihnen gelieferte Gefangene die
Zeitung / dass Ariobarzanes und Polemon unserne in einer hitzigen Schlacht
miteinander begriffen / die Pontischen Völcker aber schon in Verwirrung bracht /
ja der lincke Flügel in die Flucht gediegen wäre. Erato und Bardanes stellten
unverzüglich ihr Heer in Schlacht-Ordnung / und Artafernes erlangte die Ehre /
dass er mit 6000. leichten Reitern dem Feinde voran einbrechen musste. Wiewohl nun
dieser rückliche Einfall den Meden nicht anders /als wenn ihnen neue Feinde vom
Himmel fielen / fürkam / so schwenckte sich doch ihr rechter Flügel /welchen ein
alter erfahrner Partischer Kriegsheld Cossrhoes führte / nachdem er vorwerts
keinen Feind mehr hatte / alsofort herumb / und begegnete dem Artafernes
derogestalt / dass er etwas zurück weichen musste. Hiermit tät sich Erato und
Bardanes mit ihrem auserlesenen Heere herfür / welches den Cosrhoes anfänglich
stutzig machte. Er sprach aber den Seinen ein Hertze zu / teilte seinen Flügel
gegen des neuen Feindes Schlacht-Ordnung aufs beste ein; und hiermit ging die
andere blutige Schlacht an. Die Sonne ging zwar unter / aber beide erhitzte
Feinde wollten ihre Sebeln nicht einstecken. Es ist unmöglich die Blutstürtzung /
die teils ritterlichen / teils verzweifelten Taten so wohl auf ein als dem
andern Teile zu erzählen. Denn die Nacht verdeckte viel /und war der aufgehende
Monde allzu düster so vielen Tapferkeiten ihr gehöriges Licht zu geben. Daher
verlängerte die Hartnäckigkeit der erbitterten Feinde ihr Wüten biss auf den
andern Tag. Beider Könige Vorsatz war zu siegen / oder zu sterben. Insonderheit
fochte der beleidigte Ariobarzanes mit dem lincken Flügel ganz verzweifelt
gegen den König Polemon /weil er nunmehr bei sich ereignendem neuen Feinde ohne
Fällung des Pontischen Hauptes an seinem bereit in Händen gehabten Siege selbst
zu zweifeln anfing. Diesemnach setzte er mit dem Kerne seiner aus Medischen und
Galatischen Rittern erkieseter Leibwache in den Hauffen / wo die Königliche
Pontische Haupt-Fahne wehete. Weil nun Polemon zum weichen viel zu edel war /
kamen beide Könige selbständig an einander / und Ariobarzanes traf mit einem
Wurff-Spiesse den Pontischen König so sehr / dass er ohnmächtig zu Boden fiel.
Sein Volck ward hierüber so bestürtzt / dass es gleicher gestalt die Flucht
ergriffen / und seinem Feinde den völligen Sieg eingeräumet hätte / wenn nicht
Erato / oder ietzt wieder der junge Artaxias / nach dem Bardanes und Artafernes
dem Cosrhoes genungsam schien gewachsen zu sein /seinen Flügel genommen / und
dem Polemon zu Hülffe kommen wäre. Dieser machte den Pontischen Völckern nicht
alleine Lufft ihren König aus den feindlichen Händen und unter den Pferden
herfür zu ziehen /sondern auch ein Hertze die Wunden ihres Fürsten /und den
Schimpf ihres Verlusts zu rächen. Ariobarzanes aber kriegte als ein grossmütiger
Löw durch Erblickung seines zweiten Feindes ein zweifaches Hertze / und bemühte
sich nach Fällung des Pontischen Königs auch den neuen Heerführer zu stürtzen.
Erato hob bei der ietzt gleich wieder aufgehenden Sonnen mit allem Fleiss den
Helm empor / umb sich dem Ariobarzanes zu erkennen zu geben; rief hiermit: Sihe
hier deinen Neben-Vuhler / der wie er dir Arsinoen aus den Klauen gerissen hat /
also nun auch deinen übermütigen Geist ihrer betrübten Seele zu gerechter Rache
aufopfern wird. Ariobarzanes / der die Fürstin Erato also gleich erkennete /
geriet hierüber in höchste Verwirrung / und die ihn in der Seele beissende
Anredung machte ihn fast rasend. Beide griffen einander wie wütende Panter an /
das abflüssende Blut aus ihren Wunden verminderte keinesweges ihre Kräfften /
noch die Bemühung ihren Atem / sondern beides vergrösserte ihre Verbitterung.
Endlich gelang der Erato ein Streich ihres Schwerdtes zwischen den Harnisch in
Ariobarzanens Arm / und schwächte ihn derogestalt / dass ihm der Degen entsanck.
Erato schrie hierauf: Wisse nun / dass die Götter denen so lohnen / die sich in
frembde Königreiche dringen /und dass ich in allewege der von dir und dem
Tigranes verfolgte Artaxias sei. Ariobarzanes wollte sich nach so heftiger
Verwundung zwar zurücke ziehen; aber /weil die Meden an allen Enden zertrennet
waren /ward er von seinem Feinde umringet / und / nachdem Erato ihn zu tödten
verbot / ihr Gefangener. Die noch wohlberittenen Meden und auf seiner Seite
stehende Armenier räumten das Feld; alle andere aber wurden entweder erlegt oder
gefangen. Erato musste selbst der Blutstürtzung steuren / welche allentalben
herumb ritt / mit Stimme und Geberden wehrte / dass die Uberwundenen nicht alle
durch die Schärffe der Sebeln aufgerieben wurden. Nach derogestalt erlangtem
Siege war der Erato erste Sorge den Zustand des Königs Polemon zu erkundigen.
Deshalb verfügte sie sich unter sein Gezelt / traf ihn daselbst zwar lebend an
/ die Wund-Aertzte aber gaben ihm ganz verloren. Erato bezeugte ihr
hertzliches Mitleiden über des Königs Verwundung / wüntschte iedoch ihm Glücke
zu einem so herrlichen Siege / befahl auch / umb ihm noch für dem Tode eine
kurtze Freude zu machen / die Gefangenen ins Zelt zu führen. Ich erfahre nun
erst /antwortete ihr Polemon / mit gebrochener Stimme /dass ich an ihr den
Schutz-Gott der Pontischen Herrschaft bewirtet habe. Wolte Gott! dass das
Verhängnis nicht allhier mit meinem Leben auch meine danckbare Erkenntnis dieses
Beistandes / und die Gewalt ihre Vermählung mit meinem Sohne einzurichten
verschnidten. Alleine es werden die unsterblichen Götter auch nach meinem Tode
alles diss weisslicher einrichten / als es meine Vernunft auf dem Blate seiner
Gedancken entwerffen konnte. Ich sterbe gleichwohl vergnügt / nach dem die
seltzame Zufälle dieser Schlacht mir augenscheinliche Kennzeichen des
unveränderlichen Verhängnisses abgeben / und ich mein Reich aus so grosser
Gefahr und Dienstbarkeit errettet sehe. Erato machte nach menschlicher
Gewohnheit dem Könige auch bei verzweifeltem Zustand noch einige Lebens-Hoffnung
/ setzte aber bei: Da es ie ja den Göttern gefiele seine Heldengeist der Welt
nicht länger zu gönnen / so stürbe er doch Königlich / und auf dem Bette der
Helden. Er ginge unter wie die Soñe / welche noch der Erden woltut / und sie
erleuchtet / wenn sie schon selbst verfinstert würde. Er hätte seinen
Lebens-Ate daran gesetzt / wormit so viel tausend unglückselige wieder Lufft
schöpfen könten. Sein Fall erhielte nicht nur ganze Geschlechter /sondern 3.
Königreiche auf den Beine / ja seine todte Leiche wäre gleichsam ein Ancker /
der Asien für dem äusersten Schiffbruche bewahrete. Unter dieser Rede des
Artaxias ward Ariobarzanes und viel andere fürnehme Gefangenen für des Polemons
Bette gebracht. Unter diesen war ein ansehnlicher eissgrauer Mann /welcher bald
den Polemon / bald den Ariobarzanes höchst-erbärmlich ansah / und seine Wangen
mit häuffigen Tränen überschwemmete. Polemon hatte ein hertzliches Mitleiden
mit diesem Greise / und weil seine Geberdung ein grösser Leid / als seine
Gefängnis verursachen konnte / anzuzeigen schien / fragte er umb die Ursache;
redete ihm auch zugleich ein: Ein Held müste in beidem Glücke einerlei Gesichte
behalten; in der Gedult bestünde die halbe Weltweissheit / zudem wäre er ein
Gefangener der Menschen / keiner Tieger-Tiere. Pharasmanes (also hiess dieser
Alte) seufzete / und fing an: Seine Tränen rührten von keiner Kleinmut / weil
sein Hertze das Unglück sein Lebtage wohl hätte verdäuen lernen / sondern vom
Mitleiden über einen so unglückseligen Vater / und einen Erbarmens-würdigen
Sohne her. Polemon fragte: Wen er denn meinte? Pharasmanes antwortete: Den auf
dem Todten-Bette vergehenden Polemon /welchem die unbarmhertzigen Götter nur
deshalben am Ariobarzanes einen so tapfern Sohn gegeben hätten / wormit er durch
seine eigene Faust sterben könne. Der ohnediss von so viel versprjetztem Blute
entkräfftete Polemon erschrack hierüber so sehr / dass er in Ohnmacht sanck / und
man durch langes Kühlen ihn kaum ein wenig wieder zurechte bringen konnte.
Hierauf redete er den Pharasmanes zitternde an: Er sollte einem Sterbenden doch
nicht die Warheit verschweigen / sondern aufrichtig melden: Ob Ariobarzanes sein
Sohn wäre / und wie er diss sein könnte? Ich rede die unverfälschte Wahrheit /
versetzte er; aber ich sehe / dass es ein unveränderlicher Schluss der Götter
gewesen / dass Ariobarzanes seinen Vater tödten müste. So bald ich zu Cyropolis /
wo ich Königlicher Stadtalter gewest / den zwischen dem Polemon und
Ariobarzanes sich anspinnenden Krieg vernommen /ist mir mein Hertze kalt worden
/ und Ariobarzanes wird zu sagen wissen / was für einen beweglichen Brief ich /
weil ich Alters halber so schnelle nicht reisen konnte / ihm geschrieben / und
ihn umb sein und seines Stammes Wolfahrt willen gebeten: er wolle es zu keiner
Tätligkeit zum minsten so lange nicht kommen lassen / biss ich selbst ins Lager
käme / weil ich ihm ein keiner Feder vertrauliches Geheimnis zu entdecke hätte.
So viel er ietzt nun ihm erzählen liesse / wäre das Schreibe nicht allein zu
rechte komen; sondern es hätten auch beide Könige eine gütliche Unterredung
miteinander beliebet / er wüste aber nicht /was für ein Zufal diesen heilsamen
Fürsatz in so ein jämmerlich Blut-Bad verwandelt. Es ist wahr / hob der bisher
ganz verstummete Ariobarzanes an. Dieses friedliebenden Alten Ermahnung / die
ich so wenig als Göttliche Weissagungen niemals in Wind geschlagen / bewegte
mich dir / Polemon / Friedens-Vorschläge zu tun. Und wisse / liebster
Pharasmanes / wir zwei kamen alleine zwischen beiden in voller Schlacht-Ordnung
haltenden Heeren zusammen / wir waren auch schon bei nahe eines / als zwischen
unsere Füsse eine Schlange gelauffen kam / welche uns nötigte unsere Sebeln zu
blössen / und / umb uns ihrer zu erwehren / auf selbte zu hauen. Unsere zum
Streit begierige Heere bildeten ihnen ein / wir tasteten einander an / fielen
daher Augenblicks als der Blitz an einander / und / weil der Grimm weder Augen
noch Ohren hat / mochten wir weder mit Zureden noch Zeichen sie zurücke halten /
sondern / nachdem dieser Sturm schon unmöglich zu hemmen war / musste ieder nur
auf seiner Seite das beste tun. Pharasmanes fing überlaut an zu ruffen: Ihr
grimmigen Götter! Habt ihr / oder die höllischen Unholden diese Schlange dissmal
ausgeschickt? Habt ihr diesem unfüssigtem Tiere dessentalben solche
Geschwindigkeit gegebe / mir aber entzoge / wormit jenes das Gift der Zwytracht
unter euch streuen / ich aber durch meinen Bericht nicht den abscheulichen
Vater-Mord verhüten möchte! Wormit mich aber niemand eines Getichtes beschuldige
/ so verschweige / Polemon / dem hiervon nichts wissenden Ariobarzanes nicht /
dass dir die Königin Dynamis auf einmal einen Sohn und Tochter geboren? Ist es
nicht wahr / dass dir die Götter wahrgesagt: Du würdest von deines Sohnes Händen
sterben? Sage / hat dich diss nicht bewegt diss Kind von deinem Hofe zu schaffen /
nachdem die Mutter ihm kaum das Leben erbitten konnte? Hat dir aber Dynamis
mitlerzeit nicht offenbaret / so wird sie es noch tun müssen /dass sie diss
Söhnlein der Pytodoris einer nicht weit von hier wohnenden Frauen zum erziehe
anvertrauet? Hat sie dich nicht berichtet / dass / als du zu Rom gewest / dein
Töchterlein Arsinoe verstorben / sie aber das verstossene Söhnlein wieder nach
Hofe genommen / und unter dem Nahmen Arsinoe auferzogen habe? Polemon
verwunderte sich / wie Pharasmanes in allem so genau eintreffe; gestand auch /
dass Dynamis ihm letztin / als Ariobarzanes Heirat eben deswegen rückgängig
worden / diese Umbwechselung eben so zugestanden hätte. Pharasmanes fuhr hierauf
fort: Aber so wohl du / als Dynamis / stecken in einem grossen Irrtume / wenn
ihr glaubt / dass das von der Dynamis zurück genommene Kind das eurige gewest
sei. Höret nun den wahrhaftigen Lauff der Dinge: Als der berühmte König der
Meden Artavasdes von dem Armenischen Könige Artaxias und seinen Partischen
Hülffs-Völckern aus Armenien verjagt / und nach Verlust der Städte Arsacia /
Cyropolis / Europus / biss an die Stadt Ecbatana ins Gedränge getrieben ward /
trug er in Mangel selbeigener Söhne / für seinen kaum jährichte Enckel
Ariobarzanes / welchen seine de junge Alexander des Antonius und der Cleopatra
verheiratete Tochter Jotape zu Alexandria gebore / der Kaiser ihm aber mit ihr
zurück in Meden geschikt hatte / grosse Sorge; befahl daher mir diss Kind auf
alle Weise und Wege aus den Händen der Feinde zu retten. Ich nahm meine Zuflucht
alsofort in des Königs Polemons Gebiete / und liess mich in der Haupt-Stadt des
kleinern Armeniens Satala nieder. Daselbst ward ich bekant mit oberwähntem
Pytodoris / derer Ehherr ein Jahr vorher verstorben war / und / weil ganz
Meden frembde Dienstbarkeit trug / verlohr ich alle Begierde in mein Vaterland
zu kehren /heiratete also diese edle Armeniern. Wenige Wochen darnach starb das
mir vom Artavasdes anvertraute Kind / worüber ich in Trost-loses Trauren
versanck. Dieses ward vergrössert durch einen Befehl von der Königin Jotape /
dass ich von Stund- an mit dem jungen Ariobarzanes nach Antiochia kommen sollte /
weil der Kaiser sie mit ihrem Kinde in Schutz genommen hätte. Ich wusste meinem
Leide kein Ende /weil Jotape mir leichte die Verwarlosung ihres Kindes zurechnen
konnte. Noch mehr aber war es mir um Jotapen zu tun / welche zweiffelsfrei für
Leide sterben würde / wenn sie mit diesem Kinde den ganzen Medischen Stamm
abgestorben sehen sollte. Ein ander gemeines Kind Jotapen für ihren Sohn
unterzustecken /und vielleicht mit der Zeit selbtes zu einem Könige der Meden
und meinem selbst eigenen Herrn auffzutürmen / schien mir ein allzu
leichtsinniger Betrug /und ein Fallbret der allgemeinen Wohlfart zu sein; Weil
doch im Geblüte des Pöfels kein Helden-Feuer steckt. Diesem nach setzte ich
auffs beweglichste an die Pytodoris / dass sie mir des Polemons ohne diss
verworffenes Kind / als von welchem sie mir die Heimligkeit kurtz vorher
eröffnet hatte / zustellen /ich aber Jotapen überbringe könnte. Pytodoris kam
schwer daran / gleichwohl aber gewan ich sie durch allerhand dienliche Ursachen;
insonderheit / dass dieser Verwürffling seiner Eltern zu seinem Glücke in einen
andern ansehnlichen Stammbaum eingepflantzet / Polemon durch diese Entfernung in
mehr Sicherheit gesetzet würde. Also zohe ich mit diesem Knaben nach Antiochia /
welches Jotape mit tausend Küssen für das ihrige annahm / und dem damahls sich
daselbst befindenden Tiberius ihn als den letzten Zweig von des Astyages Geblüte
bestens empfahl. Tiberius /ob er zwar sonst dem Geschlechte des Antonius nicht
gut war / liess dennoch überaus grosse Gewogenheit gegen Jotapen und ihren Sohn
spüren / brachte ihr auch beim Kayser einen jährlichen ihrem Herkommen
anständigen Auffentalt / eben so / wie ihn der verjagte König der Parten
Tiridates gegeben hatte / zu wege. Dieser Tiridates halff auch selbst nicht
wenig zu tugendhafter Erziehung des vermeinten Ariobarzanes. Wie nun König
Artaxias von seinem Bruder Artavasdes meuchelmörderisch hingerichtet / also die
Medische Krone erledigt ward / schickte Tiberius etliche Legionen mit Jotapen
und ihrem Sohne in Meden / liess den Reichs-Ständen die Tapfferkeit dieses aus
ihrem Königlichen Geblüte entsprossenen Fürsten fürhalten; Tiridates tät auch
das seinige darbei / und also kam er anfänglich auff den Medischen / hernach
durch Hülffe des in Armenien vom Käyser geschickten Cajus auff den Armenischen
Tron. Jedes Wort dieser Erzehlung riess die Zuhörer / insonderheit den Polemon
und Ariobarzanes in tieffe Verwunderung /fuhr Salonine fort; alle sahen einander
stillschweigend an / wussten auch fast nicht sich zu besinnen / ob ihnen träumte
/ oder Pharasmanes Mehre erzehlte. Dieser aber wendete sich zum Polemon mit
diesen Worten: Ich weiss nicht / ob ich dieses Stillschweigen für ein Zeichen des
Zweiffels oder Beifalls annehmen soll? Ich will aber meine Erzehlung durch den
Augenschein wahr machen. Ist es nicht wahr / Polemon /dass die Nachkommen des
grossen Mitridates das Zeichen der Cassiopea mit auf die Welt bringen? Polemon
verjahete es nicht allein / sondern wiess solches auch auff seinem lincken Arme.
Wohlan denn / es weise Ariobarzanes nur sein linckes Schulterblat / so wird sich
eben dieses klar zeigen. Ariobarzanes schüttelte das Haupt / und meinte / dass er
von diesem Geheimnisse / welches er doch an seinem eignen Leibe tragen sollte /
nichts wüste. Pharasmanes blieb darauff feste beruhen / und drang darauff / dass
er sich an solchem Orte entblössen sollte. Als dieses erfolgte / wiess er zu aller
Anwesenden höchster Verwunderung auff Ariobarzanens Schulter eben so rote und
in gleicher Ordnung stehende Stern-Mahle / wie sie die Cassiopea am Himmel / und
Polemon auff dem Arme hatte. Dieses unwidersprechliche Kennzeichen erweichte die
Hertzen beider Könige / dass sie mit tausend Tränen einander umhalseten /
insonderheit aber Ariobarzanes fussfällig seine Beleidigung dem Vater und den
Göttern abbat. Die Fürstin Tussnelda fiel Saloninen in die Rede: diese
Geschichte ist gewiss seltzam und denckwürdig / aber noch mehr wunderns-wert
düncken mich die erzehlten Stern-Mahle zu sein. Wiewohl ich weiss / dass Käyser
Augustus so / wie etliche seiner Vorfahren / den gestirnten Bär auff der Brust
habe / und ich erinnere mich / dass in Sarmatien ein Geschlechte sei / in welchem
alle eine Bären-Tatze mit aus Mutterleibe bringen. Salonine begegnete ihr: die
beständige Fortpflantzung einerlei Zeichens rührte Zweiffelsfrei aus keinem
andern Ursprunge / als woher die so gemeine Aehnligkeit der Eltern und Kinder
käme. Sie hätte aber einst von einem Chaldeer gehöret: Dass ieder Mensch
desselbigen Gestirns Merckmahle an sich trüge / was bei seiner Geburt gleich
auffginge; die Unachtsamkeit aber der Leute liesse es aus der acht solche
wahrzunehmen. Erato wollte nach so langem Zuhören endlich auch einmal ihre Zunge
lösen / und fing an: Die Natur spielte in Muscheln /welche an Vielheit der
Farben und künstlicher Vermischung die Gemählde des Apelles wegstechen; an
Steinen / darinnen man nicht nur ganze Landschaften / sondern auch völlige
Geschichte sehe; an Pflantzen / welche Schaafe und andere Tiere / ja Menschen
männ- und weiblichen Geschlechts abbildeten; im Gesäme / im Gewürme so
wunderlich; also wäre sich so sehr nicht zu verwundern / dass in der kleinen
Welt-Karte der ganzen Natur dem Menschen man so seltzame Bildungen antreffe.
Sie hätte sich iederzeit noch mehr verwundert über etlichen einem und dem andern
Geschlechte angestammten Würckungen; als dass die Ophiogenes im Hellespont die
Schlangenbisse mit blosser Anrührung der Hand / die Psyllen in Africa mit dem
Speichel geheilet / dass die Einwohner der Stadt Tentyra in Egypten eine
angebohrne Gewalt die Crocodile zu zähmen haben; dass Exagonus zu Rom /als er in
ein ganz Fass voll Schlangen geworffen /ihnen alle Krafft zu schaden genomen;
dass der Epirotische König Pyrrhus mit seiner grossen Zähe durch blosses Anrühren
alle Schwäre des Mundes / und die Könige in Gallien biss auff des Induciomarus
Söhne mit dem Finger alle Kröpffe vertrieben. Salonine lächelte / und sagte: Ich
würde durch die Ausführung dieser seltzamen Würckungen / welche fast in allen
Welt-Geschöpffen zu finden sind / verhindert werden / den Faden meiner Erzehlung
abzuschneiden; also muss ich mit ihrer gnädigen Erlaubnis vollends nicht zurück
lasse: dass der unglückselige Polemon zwischen den Umarmungen und Küssen seines
Sohnes den Geist ausbliess / das Pontische Kriegs-Heer aber Ariobarzanen unter
dem Namen des zweiten Polemon für ihr Haupt / und also die Uberwinder ihren
Gefangenen für ihren König erklärten. Hingegen trug Artafernes / als er sah /
dass das weibliche Geschlechte der Erato schwerlich länger verschwiegen bleiben
konnte / den Armeniern für: Sie hätten die Heldentaten ihres Artaxias numehr
gesehen / von welchem er aber nicht verhalten könnte / dass nach dem Verlust des
warhaften Fürsten Artaxias ihr König seine Tochter Erato für seinen Sohn
aufferzogen habe. Alleine die Klugheit und Tapfferkeit / die zwei Grund-Seulen
der Königreiche / wären so wohl ein als anderm Geschlechte gemein. Das
Frauenzimmer habe das Hertz eben da / wo es die Männer hätten / und dieser ihres
wäre von keinem bessern Zeuge als jener. Ihre weichen Hände wären nicht nur für
Seide und Wolle gewiedmet / sondern auch zu den Schwerdtern und Lantzen
geschickt. Ja man spürte die absondere Schickung des göttlichen Verhängnisses /
dass wenn dieses ein zu Grunde sinckendes Reich wieder auffrichten wolle /
selbtes weder die Armen der Riesen /noch die Köpffe der Staatsklugen / sondern
zu Demütigung der Sieger / zu Erholung der Uberwundenen / zu Wiederbringung der
Freiheit / und Ergäntzung des Schiffbruchs schwache Weiber und zarte Mädgen
erkiese. Zwar hätte die Fürstin Erato alle Tugenden der Männer / und keine
Schwachheiten des weiblichen Geschlechts an sich / also / dass sie länger als
Semiramis ihr Geschlechte würde verborgen halten können; aber ihre Redligkeit
vertrüge keine Larve / ihre Vollkomenheit dörffte keinen falschen Schein / und
sie wüste / dass wie die zum Schein angenommenen Tugenden schädlicher / als die
öffentlichen Laster / also auch die Verstellungen seines Geschlechtes
Kennzeichen eigenen Misstrauens und verdächtige Bländungen der Arglist wären. Mit
diesem nachdrücklichen Einhalt brachte es Artafernes bei denen ohne dis
geneigten Armeniern unschwer dahin /dass sie die unvergleichliche Erato für eine
rechtmässige Stuel-Erbin ihres Vaters Artaxias / und für eine Königin Armeniens
erklärten / ihr auch auf der Wahlstatt / als der Schau-Bühne ihrer Wunderwercke
die Krone auffsetzten. Massen denn Ariobarzanes / oder nunmehr Polemon solche
ihr als ein rechtmässiges Erbteil eigenbeweglich abtrat. Nachdem zumahl die
Götter ihm so unverhofft die Pontischen Königreiche zugeworffen hatten. Wiewohl
kurtz hierauff die Meden / nachdem sie vernahmen / dass Ariobarzanes nicht des
Artavasdes Enckel / sondern ein Fremder wäre / und ein Geschrei auskam / dass er
auff dem Rückwege nach Sinope bei Durchschwemmung eines Flusses ertruncken wäre
/ sich seiner Herrschaft entschütteten / und aus blosser Begierde der Neuigkeit
sich lieber einem Römischen Landvogte zum Sclaven machen / als eines
tugendhaften Königs Untertanen bleiben wollten. Hingegen ward die Königin Erato
zu Artaxata mit unbeschreiblichem Frohlocken des Volckes angenommen. Als
Salonine über dieser Erzehlung ein wenig Atem holete / fing die Fürstin Ismene
an: Wenn ich am Ariobarzanes die unvermeidliche Entleibung seines Vaters Polemon
/ am Polemon die vergebliche Vorsorge diss zu vermeiden / was ihm so vielmahl war
geweissaget worden; an der Fürstin Erato die ihr fast nie geträumte Erhöhung bei
mir erwege / werde ich gleichsam wider Willen zu glauben gezwungen / dass der
Mensch nicht seines Glücks Schmied sei / noch dass sein Begiñen und desselbten
Ausschläge ihren Hang von seinem freien Willen /sondern dieser einen
unveränderlichen Zwang / und alle Begebenheiten ihre Bewegung und Gewichte von
dem Verhängnisse habe. Denn ich glaube nicht / dass iemand unter uns noch so
vorsichtig / als Polemon ihm seinen Sohn vom Leibe gehalten; dass iemand
unbarmhertziger / als Dynamis gegen ihr Kind gewest; dass einige unter uns die
ohne Meldung der Ursache geschehene Verweigerung seiner Braut unempfindlicher /
als Ariobarzanes / auffgenommen / oder sich zu einem Vergleiche friedlicher
geschickt hätte / als das Verhängnis die Schlange schickte die geschlossene
Eintracht zu zerbeissen. Welch Beispiel aber nicht nur alleine diese Meinung
beglaubiget / sondern sie sind unzehlbar; also mussten die doch so vorsichtigen
Dorienser wider Willen den Codrus umbringen / und der sich doch für diesem ihm
wahrgesagten Laster nach Rhodis flüchtende Altaemenes seinen ihm nachkommenden
Vater den König in Creta tödten. Salonine antwortete: Manche Zufälle haben
freilich wohl den Schein / als wenn sie von einer Notwendigkeit des
Verhängnisses herrührten / in dem die darwider angewehrten klügsten Anstalten
nichts fruchten / die allermeisten aber zeigten schier augenscheinlich / dass sie
nur ungefehr geschehen / dass Gott / welcher insgemein als die erste Ursache
aller andern das Verhängnis selbst wäre / sich um die irrdischen Dinge zu
bekümmern ihm allzu verkleinerlich hielte / indem sonst die Boshaften nicht
Schoos-Kinder / die Frommen aber Verwürfflinge des blinden Glücks sein würden.
Ja wenn auch unsere Vernunft einige Botmässigkeit über unser Tun hätte / würden
die Albern nicht über dem gewünschten Ausschlage ihrer tummen Anschläge
frolocken / die Weisen aber die klügsten Entschlüssungen zu Wasser werden sehen.
Als ich nach so vielen der Königin Erato und mir begegneten Glücks-Wechseln
unvermeidlich mit dem weisen Epicur die Versehung des Verhängnisses für nichts
anders / als für Träume der Wachenden / und einen elenden Trost krancker
Gemüter / ich mag nicht sagen /für abergläubige Mährlein alter Weiber zu halten
gezwungen werde. Die Königin Erato fiel Saloninen selbst in die Rede / sie
fragende: Was für ein Unstern ihre hohe Vernunft in einen so verdammlichen
Irrtum verfallen liesse / welchem sie in ihren heilsamen Lehren mehrmahls
selbst widersprochen? Ob sie sich nicht auff die nachdencklichen Trost-Reden
besinnete / mit welchen sie die Ohnmacht ihres bestürtzten Gemütes
auffgerichtet? Ob sie die Bewegung der Sterne / den Lauff der Sonne / das
Wachstum der Früchte /und die einträchtige Ubereinstimmung der Natur für nur
ungefähr nicht aber vielmehr in so richtiger Ordnung geschehende Dinge
erkennete? Salonine versetzte: Die Erfahrung machte einen immer klüger / mit den
Jahren und dem Himmel änderte man die Gedancken / und die letzten Meinungen
wären ins gemein die besten. Auch wäre unverneinlich / dass in dem Lauffe der
Natur alles in der Ordnung seinen Fortgang behielte / wie der Schöpffer der Welt
solche Anfangs in ihr grosses Uhrwerck eingepflantzt. Es hinge alles wie die
Ringe oder die Glieder in einer Kette aneinander / und hätte es dieser
allerweisseste Werckmeister derogestalt befestiget / dass kein Drat zerreissen /
und kein Glied zerbrechen könnte. Viel anders verhielte sichs aber mit des
Menschen Gemüte und Willen / welchem das Verhängnis seine Freiheit gelassen /
und die Willkühr zu seinem Führer gemacht hätte / wie der Steuermann in einem
Schiffe wäre. Wie nun diese allzu blind wäre allezeit den rechten Weg zu
erkiesen / und daher so viel Anstalten in Brunn fielen; also wären sie so
wetterwendisch / und deswegen alle künftige Dinge so ungewiss / dass Carneades
gemeint / Apollo hätte von selbtem / ausser in denen vom Lauffe der Natur
eintzig herrührenden Begebenheiten / keine Wissenschaft. Dannenhero Tiresias
aus den Eingeweiden denen von der Pest vergehenden Tebanern nicht zu wahrsagen
wusste / wer der Todschläger des Lajus wäre; also / dass bei solcher Unwissenheit
der Wahrsagergeist / des Lajus Geist durch Zauberei aus der Hölle beruffen
werden musste. Aus welchem Grund nicht wenig Weisen so gar dem Jupiter der
künftigen Dinge Wissenschaft abgesprochen hätten; sintemal diese gleichsam des
Menschen freiem Willen einen Kapzaum anlegen / oder selbten vielmehr gar
auffheben würde. Denn was Gott gewiss vorsehe / müste unveränderlich; also / dass
selbte nicht dem veränderlichen Willen des Menschen unterworffen sein / und
könnte er nicht / diss nicht tun /was er schon vorher gewiss wüste / dass es
geschehen würde. Ismene brach Saloninen hier abermals ein: Ihre eigene
Geschichts-Erzehlung überwiese sie durch die dem Polemon begegnete Wahrsagungen
/ dass Gott alles künftige / was gleich nicht von der Ordnung der Natur herkäme
/ sondern insgemein dem Glücke zugeschrieben würde / eigentlich wüste / und
daher würde der Mensch freilich durch solche unveränderliche Vorsehung gezwungen
eines oder das ander zu tun / wäre also die Tugend mehr eine Gabe / die Bosheit
eine Straffe des Verhängnisses / als ein Werck unsers freien Willens. Ja das
Verhängnis binde so gar die Götter / und hätte Jupiter selbst seinen Sohn
Sarpedon aus den Händen des Patroclus /und den Banden des Todes durch viel
Bemühung zu erretten nicht vermocht; als welcher selbst an das Spinnwerck der
Parcen nichts anders / als ein Sclave an die Fässel angebunden / und dem
Verhängnisse /welches er einmal als ein Gesetze dem Himmel für geschrieben hätte
/ allezeit zu folgen schuldig / und also einer Notwendigkeit unterworffen wäre.
Zumal Unwissenheit / und Veränderungen des Willens einer Gotteit unanständige
Schwachheiten wären. Dieses wäre der älteste Glaube in der Welt; und daher finde
man niemals in denen vermerckten Versammlungen der Götter / die blinde und
unbeständige Göttin des Glückes / welche mit dem Verhängnisse nicht bestehen
könnte / sondern nur ein Gespenste irrdischer Gedancken wäre. Die aber / die sie
endlich zu einer Tochter des Jupiters machten / hätten damit nichts anders
angedeutet; als dass die vom Verhängnisse geschlossene Notwendigkeit in den
Augen der unwissenden Menschen ein Zufall des Glückes schiene zu sein. Dahero
der kluge und tapffere Timoteus seine grosse Taten durchaus nicht für ein
Geschencke des Glückes / noch diss für eine Gotteit erkennen wollte; Sondern /
als seine Neider ihn als einen Schlaffenden abmahlten / bei welchem das Glücke
Wache hielte /in einem Netze allerhand Festungen an sich züge /und ihren Fang in
des Timoteus Schoss ausschüttete /begegnete er ihnen mit dieser scharffsinnigen
Antwort: Hätte er diss schlaffende ausgerichtet / was würde er allererst ausüben
/ wenn er wachen würde? Salonine warf ein: Der viel grössere Timoleon / der das
sich erschütternde Sicilien auf festen Fuss gesetzt /und das feste Cartago
erschüttert / hätte alle seine Siege dem Glücke gedanckt. Die Römer hätten sie
für ihre erstgebohrne Gotteit verehret / ihr die meisten Priester und
Heiligtümer gewiedmet / ihr grössere Kräffte als der Tugend zugeeignet / und
sie für die oberste Uhrheberin des Römischen Reichs erkennet. Zu Smyrna hätte
sie ihr eine Himmels-Kugel auf dem Haupte tragendes / und ein Horn des
Uberflusses haltendes Bild in einem herrlichen Tempel anbeten sehen; welches die
Priester selbst dahin ausgedeutet hätten / dass sie alles beherrschte und
fruchtbar machte. Die Königin Erato hielt sich numehr auch genötigt ihr Wort
dazu zu geben / und fing an: Es ist unglaublich / dass Timoleon / die Römer /
oder einige Weltweise iemahls unter dem Nahmen des Glückes diss / was der Pösel
daraus macht / verstanden habe. Denn dieser nennet alles diss / was ungewiss ist /
das Glücke; bildet ihm auch ein / alles diss sei Ungewissheit / was das Verhängnis
entweder für menschlichen Augen verbirgt / oder ihr blödes Gesichte nicht
erkiesen kann. Da hingegen alle Klugen / welche iemahls das Glücke als was
göttliches angebetete gegläubt haben: dass eben diss / was auf der Erde das Glücke
heist / im Himmel das Verhängnis oder die göttliche Versehung genennt werde.
Hätte der angezogene Timoleon alles sein Beginnen blinden Zufällen zugeeignet /
würde er schwerlich eines Priesters Traum sich haben bewegen lassen / auf einem
absondern Schiffe die Ceres und Proserpina in seinem Kriegs-Zuge nach Sicilien
zu führen. Er würde selbst nach Delphis nicht gereiset sein / und dem Apollo
seine Andacht aufgeopffert / weniger würde ihn daselbst im Tempel zu einem
Glücks-Zeichen eine Opfer-Binde von den aufgehenckten Geschencken sein Haupt
umschlinget /und er gleichsam von der verehrten Gotteit einen Sieges-Krantz zu
vorher überkommen haben. Die Römer hätten aus keinem andern Absehen dem Glücke
als einer erstgebohrnen / ferner als einer starcken /als einer vielbrüstigen /
und als einer himmlischen Göttin so viel Tempel gebaut; als in dem ersten die
ewige / in dem andern die allmächtige / in dem dritten die milde Gotteit der
Versehung / in dem letzten aber ihren Uhrsprung abzubilden; als welche von den
meisten Menschen alleine angeruffen / und über alle andere Götter gesetzt würde
/ welche in allen Dingen das Kraut alleine machte. Dahingegen alle Kluge das
Glücke des Pöfels / welcher selbtes sobald wieder lästert / und ihm seine eigene
Fehler aufhalset / als anbetet / für ein blosses Unding verworffen / weniger
selbtem geopffert haben. Und erinnere ich mich eines Gemähldes dreier so
genennten Närrinnen / darinnen die Weissheit die erstere / nehmlich die
Verläugnerin der Götter ins Tollhauss an eine Kette / die andere /nämlich die
weissagende Sternseherin in eine Klause zum Gebrauche der Niesewurtz / die
dritte / nehmlich das ganz entblöste Glücke ins Zucht-Haus zur Rute verdammte.
Die Fürstin Tusnelde meinte aus Begierde die unterbrochene Geschichts-Erzehlung
von der Königin Erato vollends zu vernehmen; dem erwachsenen Stritte einen
rechtmässigen Ausschlag zu geben /sagte also: Siewäre dissfalls der Königin
Meinung /dass kein ander Glücke / als die göttliche Versehung den Nahmen einer
Gotteit / diese aber keine Lästerung verdiene / sondern in ihren Wercken lauter
Gewissheit und Gerechtigkeit stecke; ob sie schon niemand mit feinem Verstande zu
erreichen vermöchte. In dem Haupt-Stritte aber däuchtete sie / dass so wohl ein
als das an der Teil den Bogen seiner Meinung zu hoch spannte. Denn das
göttliche Verhängnis wäre zwar der erste Bewegungs-Grund aller Dinge; Gott sehe
all unser Tun unveränderlich vorher / und hätte es gesehen / als die Natur sein
Kind / und nichts zu etwas worden wäre. Alleine dieses alles hätte keinen Zwang
in sich / und bürdete dem Menschen keine Notwendigkeit diss gute / oder jenes
böse zu tun auf; sondern es behielte unser Wille seine vollkommene Freiheit.
Denn Gott hätte nur desshalben unser Glück und Unglück so gewiss vorher gesehen;
weil ihm zugleich oder vorher schon unter seine Augen geleuchtet hat / was wir
von der Geburt biss in den Todt böses oder gutes entschlüssen würden. Unsere
heutige / oder die von der Nachwelt Gott bestimmte Andacht wäre ihm so wenig neu
/ als diss / was uns oder den Nachkommen begegnen soll. Jene sieht das
Verhängnis als die Ursache / dieses als die verdiente Würckung vorher. Daher es
die gröste Unvernunft wäre / wenn die ruchlose Verzweiffelung es für einerlei
halten wollte: ob man bosshaft oder tugendhaft sei? Und wenn sie ihr Tun einem
geträumten Notzwange des Himmels unterwirft. Sehen nicht die Sternseher auf
tausend Jahr die Sonnen- und Monden-Finsternüsse / und zwar unveränderlich
vorher? Gleichwol aber haben sie nichts weniger / als einen Zwang über die
Gestirne. Wir sehen von denen Leuchte-Türmen den Schiffbruch eines auff
Stein-Felsen vom Ungewitter getriebenen Schiffes für Augen. Wer wollte aber
diesen insgemein mitleidenden Zuschauern den Zwang solchen Unglücks beimessen?
Diesem nach der weise Zeno dem Diebe /welcher mit der Versehung sein Laster zu
entschuldigen vermeint / vernünftig geantwortet: Dass er auch zu der Straffe
versehen wäre. Dieses ist meine einfältige Meinung / iedoch eine vielleicht
desto unschuldigere. Sintemahl allzu verschmitzte Ausslegungen in so
tieffsinnigen Dingen selbte mehr verfinstern / als erklären; und wo Fragen von
Gott mit einlauffen / eine fromme Einfalt mehr Ruhmes verdienet / als ein
scharfsinniger Vorwitz.
    Jederman ward hierdurch derogestalt bestillet / dass weder Ismene noch
Salonine dieser klugen Fürstin einigen Gegensatz zu tun ratsam hielt; sondern
diese kam wieder auf ihre Armenische Königin / und erzehlte / wie sie ihre
Herrschaft auff die Pfeiler der Gerechtigkeit und Güte gegründet / hierdurch
aber den Ruhm erworben hätte: Das Armenische Reich wäre unter ihr so wohl / als
vorher niemahls befestiget werden; ja es hätte nach so langer Unruh allererst
Erato das sich stets umbweltzende Rad des Glückes zum Stande gebracht. Aber /
rief sie / ach! dass die Tugend und Glückseligkeit nicht einerlei Geburts-Stern
haben! dass Hoheit und Bestand so gar abgesagte Feinde sind! dass die Kronen
auswärts einen so herrlichen Glantz / in sich aber so viel Stacheln einer
unerträglichen Schwerde haben! Erato seuffzete hierzu / und fing an: Ja leider /
ich habe es in kurtzer Zeit erfahren / dass die Unvernunft nach Zeptern strebe
/die man wegwerffen sollte; dass der Pöfel die anbete /welche er zu beweinen
hätte; dass die Torheit nur die Glückseligkeit in Gestalt einer gekrönten
Königin abmahle. Der Neid zehlet alle Körner Weirauch / die die Untertanen
ihrer Herrschaft anzünden / die Missgunst verwandelt kein Auge von den Opffern /
die man den gekrönten Häuptern schlachtet; aber die Räder ihrer Unruh / die
Nägel ihrer Sorgen / die Tränen / welche ihre Larve / die Wunden / die ihr
Purpur verdeckt / und die Fallbreter ihres Untergangs übersiehet sie. Ich / ich
habe leider allererst erfahren / dass Kron und Zepter nichts als ein Werckzeug
der Gauckelei / und der Purper nur zum euserlichen Ansehn /und blöde Augen zu
betrügen so gläntzicht sei; dass in diesem Schauspiele es / wie in den andern /
der Zuschauer besser habe / als der einen Beherrscher der Welt auf der
Schaubühne fürstellet. Tusnelde / teils Saloninen wieder zu der Geschichte
zubringen / teils die Königin Erato von ihrer Empfindligkeit abzuziehen / zohe
die Achseln ein / und sagte: Wir alle / die wir auf die Staffeln der Ehre treten
/ müssen uns keine Zufälle seltzam fürkommen lassen / sondern aus denselben /
wie ein Kriegsmann aus vielen Wunden / und ein Schiffer aus öffteren Stürmen
unsern Ruhm ziehen. Der Fürsten-Stand ist so wenig als hohe Gebäue den
Ungewittern unterworffen; Der Scharlach der Könige hat so wohl als der Purper der
Rosen seine Dornen / und hohe Häupter rinnen so wohl von Tränen / als Gebürge
von Qvell-Wasser. Es gibt so wohl Krancke in Pallästen / als in Siechhäusern;
beide aber sind in viel besserm Zustande / als die glückseligsten Missetäter.
Diesem nach müssen wir mit unser Gedult uns unsere Bitterkeiten versüssen; und
durch unsere Hertzhaftigkeit den schwachen ein Licht aufstecken. Denn in
Warheit die Tugend hat nichts minder auf dem Trone mehr / denn in einem Fasse
des Diogenes Gelegenheit durch ihr Beispiel andern fürzuleuchten /als ein hoher
Pharos irrenden den Weg zu weisen. Ja /fing Erato mit ein weniger Bewegung an:
Es lassen sich alle Betrübnüsse vergessen / alle Unglücks-Pillen verschlingen;
aber die Verläumdungen / da man uns Laster antichtet / da man uns der Welt als
Ungeheuer fürbildet / können auch die grossmütigsten nicht verkäuen. Tusnelde
antwortete: Ein gutes Gewissen ist auch diese / so wohl als Strausse das Eisen /
zu verdäuen mächtig. Weder Krone noch Tugend hat einen Schirm-Brief wider die
Lästerung. Die Hunde bellen den reinen Monden an / und die Grillen schwirren
wider den Himmel. Man hat den schönsten Gestirnen Nahmen und Gestalten wilder
Tiere zugeeignet; ja es ist fast kein Stern / dem man nicht einen Fehler / oder
eine schlimme Würckung beimist. Gleichwol aber üben sie keine Rache; die Sonne
scheinet so wohl über die Mohren / die sie verfluchen; als über die Persen / die
sie anbeten / und die Gestirne erleuchten die Erde / die sie mit ihren
aufsteigenden Dünsten verfinstert. Jedoch will ich ihre Beschwerde keines
Unrechts beschuldigen / biss Salonine den Fürhang von dieser Trauer-Bühne werde
weggezogen haben. Diese richtete sich wieder in ihre Erzehlung ein / und
meldete: Die erste Herrschung der Erato hatte / ausser dem /dass sie des Fürsten
Zeno / ja dieser eines Königlichen Vaters und dreier Kronen durch Erkenntnis des
Ariobarzanes beraubet war / einen heuteren Himmel; ihre erste Zeit war ein
rechter Frühling voller Blumen ohne Stacheln und Bitterkeit. Aber es zohen bald
trübe Wolcken auf / und die Wärmut fand sich unter die süssen Gewächse. Höret
aber / wie die Spinnen aus dem gesunden Saffte der Rosen so ein schlimmes Gift
saugen können! Der Bruder-Mörder / der wollüstige Artabazes hatte bei seiner
Herrschaft den verdammten Gottesdienst der Anaitis / oder vielmehr den
schändlichen Greuel wieder eingeführt / welchen der grosse Tigranes in ganz
Armenien abgeschafft / da die edelsten Armenier ihre schönsten Töchter in der
Anaitis Tempel / und in die dabei zu aller Uppigkeit angerichteten warmen Bäder
gestellen mussten; welche daselbst Finger-nackt hunderterlei geile Stellugen
machten / die unzüchtigsten Spiele von der Ehebrecherischen Venus und dem
schändlichen Priapus fürstellten / ja ihre Keuschheit und Jungfrauschaften
iedem geilen Frembdlinge gleich als ein den Göttern gefälliges und zu ihrer
desto bessern Verheiratung dienendes Opfer zu liefern schuldig waren. Die
tugendhafte Erato konnte dieses abscheuliche Beginnen bei ihrer Jungfräulichen
Herrschaft weder als eine lasterhafte Gewonheit / noch weniger aber als einen
Gottesdienst verhängen. Dahero schalt sie dieses Beginnen in offentlicher
Reichs-Versammlung nicht nur als ein Aergernüss aller wolgesitteten Völcker /
sondern auch als eine Abscheu unvernünftiger Tiere; als welchen die Natur
dieses versteckt hätte / was ihre Töchter allen Frembdlingen zu entblössen sich
nicht schämeten. Alls Polyxena des Achilles Geiste hätte geopffert werden sollen
/ wäre sie das minste um ihr Leben / darmit aber am höchsten bekümmert gewest
/dass bei ihrem Falle keines ihrer Glieder ärgerlich zu liegen kommen möchte.
Käyser Julius hätte bei seiner Ermordung ihm desshalben mit der lincken Hand
seinen Rock unter die Knie gehalten. Denen Milesischen Jungfrauen hätte man
ihren angemasten Selbst-Mord durch keine andere Bedräuung / als dass sie
finger-nackt zu offentlicher Schaue gelegt werden sollten /abgewöhnen können.
Denen Armeniern aber sollte die Feilbietung ihrer geheimsten Glieder nicht nur
anständig / sondern so gar eine Andacht / und ein in die Heiligtümer gehöriges
Gewerbe sein; da doch zu Rom in dem Tempel der Cybele für den Kindern so gar die
Gemählde der männlichen Tiere verdeckt würden /und des Lycurgus Gesetze die
jungen Leute zu Sparta gezwungen hätte / ihre Hände auf den Strassen unter den
Mänteln zu behalten. Auf den Spielen der Flora zu Rom hätten nur die gemeinen
Huren sich entblösset; gleichwol hätten sie sich geschämet in Anwesenheit des
Cato nackt zu sein. In Armenien aber wäre diese unverschämte Unvernunft ein
Vorrecht des Adelichen Frauenzimmers / und sie hielten es für einen Ruhm in dem
Angesichte ihrer Fürsten desto geiler sich zu gebehrden; Da doch anderer Völcker
Pöfel ein unverschämtes Weib für eine ungesaltzene Speise hielte. In Indien
wüchse eine so empfindliche Pflantze / dass sie bei Näherung eines Mannes ihre
Blätter zuschlüsse / und gleichsam ihre innere Beschaffenheit sehen zu lassen
sich schämete. Ihre Jungfrauen aber entblösten auch Knechten ihre Brüste und
Geburts-Glieder / welche Xenocrates an sich selbst zu berühren / und andere
schamhafte Leute nur zu sehen Scheue getragen hätten. Wie viel schändlicher
aber wäre ihre Jungfrauschaften denen geilesten Hengsten aufopffern; welche zu
Tebe eine Jungfrau nicht für die Macedonische Krone dem Nicanor vertauschen
/sieben Milesische auch lieber ihr Leben / als diss ihr Kleinod verlieren wollen.
Nicht nur die Götter / welche teils ein sonderbares Gefallen an denen ihnen
zugewiedmeten Jungfrauschaften trügen / teils auch selbige selbst ewig gelobt
hätten; sondern auch die wildesten Tiere entsetzten sich für so unkeuschen
Bälgen. Der in Griechenland zahm-umbirrende Bär hätte nie keinen Menschen / als
das ihn wollüstig-betastende Mägdlein beleidiget und zerrissen; die Göttin Diana
aber desshalben die Einwohner gezwungen ihr jährlich eine gewisse Anzahl
Jungfrauen zu wiedmen. In den Africanischen Jungfrau-Spielen dörfte keine
unreine Jungfrau sich einmischen / sondern die Minerva schickte es / dass alle
Versehrten durch einen Steinwurff getödtet würden. Alle Völcker-Rechte erklärten
die aus Irrtum mit ihnen geschlossenen Ehen für nichtig. Die Armenischen
Töchter aber meinten durch ihre Unkeuschheit sich bei der Anaitis einzulieben
/und durch ihre Schande so viel bessere Heiraten zu verdienen. Dieses wäre ein
unausleschlicher Schandfleck des ganzen Volckes / eine Aergernüss aller
Ausländer / ein ewiger Spott der Herrschaft / und eine Verhöhnung der Götter;
also wollte sie entweder nicht Königin / oder dieses abscheuliche Beginnen müste
abgestellt sein. Sie liess auch noch selbigen Tag die Lust-Bäder an dem Tempel /
oder vielmehr die Hurenhäuser biss auf den Grund einreissen / und war diss ihr
erstes Gesetze: dass der mit seiner Tochter derogleichen Uppigkeit fürzunehmen
sich gelüsten lassen würde / sollte seiner Ehre und Würden verlustig / die
Töchter aber mit der Straffe der entweiheten Vestalischen Jungfrauen belegt
sein. Alle Tugendhafte hoben diese heilsame Anstalt biss in Himmel / aber weil
die Zahl der Boshaften jene iederzeit übertrifft /machte sie sich bei den
meisten verhast; Wiewohl die Tugend ein solches Ansehen hat / dass sich auch die
lasterhaftigsten schämen müssen sie offentlich zu schmähen. Unterdessen wie es
Schlangen gibt / die ihr Gift auff nichts als das schönste Geblüme speien /
und Hunde / die den Monden nur / wenn er voll ist /anbellen / also lästerten
ihrer viel heimlich die Königin in ihrem lobwürdigsten Fürnehmen / fürgebende:
Fürsten sollten ohne wichtige Ursachen / könten auch ohne Vermessenheit in denen
zum Gottesdienste gehörigen Dingen nichts ändern. Diese Art wäre von uhralten
Zeiten in Armenien eingeführet / von so viel klugen Königen in ihrem Werte
gelassen / von vielen Völckern / nehmlich den Lydiern / Vollsinern /einem
grossen Teile Indiens / und in Africa in dem Tempel Siccut Benots angenommen
und gebilligt worden. Am allerunnützesten aber machten sich die abgeschaften
Anaitischen Priester / welche bei ihrem abscheulichen Gottesdienste sich nicht
nur am sündlichsten befleckten / sondern noch mit ihrer und anderer Uppigkeit
wucherten; in dem nicht nur die weltlichen Männer bei ihrem Eintritte / sondern
auch die von ihnen selbst gebrauchten Jungfrauen ein gewisses für die Wollust
zinsen mussten. Diese liessen wider die so keusche Königin ein so unverschämtes
Buch heraus / dessen Inhalt zu melden ich mich schwerlich überwinden könnte; wenn
diss nicht die wichtigste Ursache der Armenischen Unruh gewest wäre / und ich
mich nicht bescheidete / dass keuschen Ohren alles keusch / und die Schamröte /
welche vielleicht so Erlauchter Fürstinnen Wangen färben dörffte / nur bei denen
Lasterhaften eine Schande / bei denen Tugendhaften aber eine Zierde sei; Sie
auch aus Entwerffung frembder Uppigkeit so wenig etwas böses /als die Bienen aus
Napel Gift saugen können. Wie nun Erato Saloninen einen Winck gab / fuhr sie
fort diesen Inhalt der Schrifft kürtzlich zu entwerffen: Der Königin Erato
angenommener Eifer wäre eine blosse Scheinheiligkeit. Die euserlichen Dinge des
Gottesdienstes müsten nicht nach seinen euserlichen Schalen / sondern nach ihrer
heiligen Bedeutung geurteilt werden / sonst hätten die so klugen Egyptier
längst ihre Zwibel und Katzen / die Syrer ihre Fische aus dem Tempel werffen
müssen. Ein unerfahrnes Weib könnte ihr nicht mehr Klugheit / als so viel Weisen
/und nicht mehr Heiligkeit / als ganze Völcker zumessen. Die Entblössung der
Geburts-Glieder wäre mehr ungewöhnlich / als unverschämt; am wenigsten aber eine
Abscheu der Natur / oder ein Verbrechen. Die ersten Menschen wären insgesamt
nackt gewest / und das gröste Teil Indiens / ja fast ganz Africa gienge nicht
anders. Die Blösse wäre das angenehmste Kleid der Unschuld / die Kleider aber
grossen Teils Hüllen der Hoffart. Die Geburts-Glieder wären bei nahe die
vornehmsten / unter allen die nützlichsten / desshalben aber nicht die
hässlichsten; dahero sie etliche Weltweisen nebst dem Hertzen für nicht schlechte
Teile /sondern für absondere Tiere zu halten / oder auch den Sitz der
eigentlichen Lebens-Krafft eben so / wie in den Lampreten und Neun-Augen / dahin
einzusperren vermeint hätten. Andere hätten ihnen einen sechsten Sinn zugeeignet
/ dessen kein ander Glied / eben so als wie die Zunge / nur des Geschmacks fähig
wäre. Fürnehmlich aber hätte sich keines Volckes Andacht geschämet diese Glieder
zu Sinnbildern ihres Gottesdienstes zu gebrauchen. Diese hätte dem männlichen
unter dem Nahmen des Priapus eine Gotteit zugeeignet; Bacchus mit zwei solchen
Bildern seine Stief-Mutter Juno beschencket. Sintemal hierdurch die würckende
Zeugnis-Krafft der göttlichen Versehung sinnreich angedeutet würde. In diesem
Absehen trügen die Egyptischen Frauen auff dem von der Isis angestellten Feier
des Osyris Geburts-Glied offentlich herum / mahlten auch den Priapus so hässlich
/ als kein Esel von Natur gebildet wäre / um dadurch seine Fruchtbarkeit oder
übermässige Zeuguns-Krafft zu beehren / oder gar zu verewigen. Denen Egyptiern
täten es die Griechen nach / und in Italien würde ein grosses Bild dieses
Gliedes dem Wein-Gotte zu Ehren um die Felder und durch die Städte auff einem
zierlichen Wagen geführt. Zu Lavinium müste eine der keuschesten Frauen selbtem
einen Krantz aufsetzen; welches / auser dieser zum Weinwachse dienenden Andacht
/ doch keine gemeine Hure / auff den Schauspielen in dem Gesichte des
Frauenzimmers sich unterwinden dörfte. Zu Rom würde der Syrer Beel Phegor oder
Priapus unter dem Nahmen des Mutinus Tetinus verehret / und ritten die
verliebten Frauen und Jungfrauen für ihrer Hochzeit vorher auff seinem Gliede /
gleich als wenn sie ihre Keuschheit vorher einem Gotte ablieferten. In andern
Orten hingen die Frauen solche Bilder an den Hals / oder an die Lenden. Die
Syrischen Weiber spielten mit selbtem / als wie mit denen durch verborgene Dräte
tantzenden Tocken. Des Mercurius Bild / das nichts anders als ein Abriss der
ganzen Natur wäre / würde allezeit mit stehender Rute gemahlet. Das weibliche
Geburts-Glied wäre ebenfalls nichts minder der Brunnqvell der Nachkommen / als
ein Sinnen-Bild / welches den Uhrsprung der empfangenden Fruchtbarkeit
andeutete. Die Frauen der reinlichen Völcker versorgten wegen des erstern es mit
den köstlichsten Balsamen. Die in Africa zierten es mit güldenen Ringen / und
angehenckten Kleinodten. Wegen der andern Ursache würde es auff dem
Tesmophorischen Feier zu Syracuse verehret / und ein derogestalt gebildeter
Kuchen oder Käse in Sicilien herumb getragen / verspeiset /aus einem solchen
gläsernen Gliede getruncken; bei andern Völckern es in der Gestalt eines
Dreiecks angebetet. Der Egyptische König Sesostris hätte bei denen weibischen
von ihm bezwungenen Syriern das Weibliche / bei streitbaren Völckern das
Männliche seinen Göttern zu Danckmahlen seiner Siege auff hohen Säulen
auffgetürmet. Die Egyptischen Weiber ihre Heimligkeit mit auffgehobenen Röcken
dem neuen Apis viertzig Tage nach einander an statt eines Opffers gezeiget. Ja
die Wahrsagungs-Krafft wäre durch diesen Eingang vom Apollo denen Sibyllen und
andern weissagenden Weibern eingepflantzt worden. Wiewohl auch die Jungfrauen in
dem Anaitischen Heiligtum ihre Leiber gemein machten / geschehe es doch nicht
so wohl aus Begierde der Wollust / als der Göttin zu Ehren. Aus der End-Ursache
aber müste die Güte eines Fürhabens geurteilt werden. Weil nun derogestalt die
Unschamhaftigkeit nichts minder zu einer Tugend / als das Gift zu einer
Artznei werden könnte; so wäre Epimenides nicht zu schelten / dass er ihr zu Aten
Altare und Opffer verordnet hätte. Aus gleichmässiger Anleitung wäre sonder
Zweiffel der Volsinier Gesetze herausgeflossen: dass Frauen und Wittiben ohne
einige Busse beschlaffen werden möchten / kein Edler aber eine Jungfrau
heiraten dörffte / die nicht vorher ein Knecht der Jungfrauschaft beraubt
hätte. Diesemnach wären der Armenischen Jungfrauen Sitten für keine unerhörte
Neuigkeit zu halten / weniger ihr Gottesdienst als eine Verunehrung der Götter /
sondern vielmehr die gleissnerische Königin von der Herrschaft zu verwerffen;
als welche durch diesen heuchlerischen Anfang nur Gelegenheit suchte alle
Grund-Gesetze der Armenier zu vertilgen.
    Die Königin schätzte diese Gotteslästerung keiner Verteidigung wert / als
welche von dem Gesetze der Natur und dem Urtel aller wohlgesitteten Völcker für
längst verdammt war; verfuhr aber gegen diese aufrührische Affter-Priester mit
Schwerd und Feuer / ungeachtet ihr etliche einhielten: wie gefährlich es bei dem
Pöfel wäre / solche der Einbildung nach heilige Leute gar aus der Wiege werffen.
Denn sie anckerte ihr Vertrauen auf ihr gutes Gewissen /und die niemanden
scheuende Gerechtigkeit. Alle Verläumbdungen verlachte sie; ihr festiglich
einbildende: Dass wie das Gold im Wasser schwerer wiege /als sonst; also setzte
der Schaum falscher Verläumbdung der Tugend mehr im Gewichte bei / als sie
selbten benähme. Weil aber der Verläumbdung Gift ärger als der Schlangen ist;
und in den Augen des Volckes auch der reinsten Unschuld von ihren Kohlen etwas
schwartzes anklebt; gab sie der Ruhmswürdigen Königin keinen geringen Stoss. Weil
aber dieses einige Laster sie zu stürtzen noch zu ohnmächtig war /musste die
Hölle noch ein anders / den Grundstein ihrer Vergnügung und der gemeinen
Wohlfart zu verrücken / dem erstern zu Hülffe ausrüsten.
    Es war einer der vornehmsten Fürsten in Armenien Orismanes / ein Mann von
treflichem Ansehn und grosser Tapfferkeit. Er hatte nicht allein Leibes-Gaben /
mit denen er sich weisen / sondern auch Gemüts-Kräfften / dadurch er dem
gemeinen Wesen dienen konnte. Massen er denn in dem Aufstande wider den
Ariobarzanes das seine rühmlich getan hatte. Aber unter diesem Pflaster lag ein
schädlicher Ehrgeitz / und eine heftige Einbildung verhüllet. Erato merckte
zwar etwas hiervon; denn seine ruhmrätige Zunge vergass zuweilen / dass die
Vollkommenheit in unserm Hertzen / das Lob auff frembden Lippen seine Zelt
aufschlagen sollte. Aber / weil sie entweder solche für Auffschwellungen seiner
noch hitzigen Jugend /oder doch auch die mit Gebrechen vermengte Tugenden aller
Ehren wert hielt / stand er bei ihr in grossen Gnaden / und ihre ohne diss
angestammte Holdseeligkeit tät nach dem Artafernes ihm mehr / als wohl andern
zu Liebe. Diese reine Zuneigung der Königin bildete dem Orismanes seltzame
Gesichter in sein Gehirne. Denn weil er sich selbst für längst in sich verliebt
hatte / überredeten ihn seine süsse Träume unschwer / es müsten auch alle andere
sich in ihn verlieben. Tusnelde brach lächelnde ein: Aller Menschen
Selbst-Liebe ist Torheit / aber der Männer ihre / weil sie sich nicht in
euserliche Schönheit / wie die Weiber insgemein / sondern in die Gaben des
Gemütes verlieben / ist schimpflicher und unheilbar. Denn die Schwachheit nimmt
den Ort ein / woraus die Artznei kommen sollte. Ich habe etliche Narcissen
gekennet / welche geglaubt / dass die tugendhafteste und kaltsinnigste Frau sie
das erste mahl nicht ohne Verliehrung ihrer Freiheit / das ander mahl nicht ohne
Einbüssung ihrer Vernunft anschauen könne / ja dass das Frauenzimmer leichter den
Hunds-Stern und den Sudwind / als ihre Gegenwart ohne Schaden vertragen könne.
Salonine versetzte: In Warheit / Orismanes gehöret in dieser ihre Reie. Der
Königin Höfligkeit nahm er für Liebreitz / ihre Woltaten für einen Zinss ihrer
überwundenen Keuschheit an. Die Königin hingegen urteilte von ihm alle Tage
weniger; weil die Selbst-Liebe eines Menschen Geringschätzigkeit am meisten
verrätet / in dem sie wie der Agstein nichts als leichte Spreu an sich zeucht.
Bei solchem Zustande hielten ein und andere Merckmahle / fürnehmlich aber der
Königin Tugenden und Hoheit des Orismanes sich selbst übersteigende Gedancken /
oder vielmehr derselben Auslassung gute Zeit zurücke. Endlich aber trieb ihn
entweder der Vorwitz der Königin Gemüts-Meinung auszuspüren / oder seine
übermässige Begierde so weit: dass / als die Königin in ihrem Lust-Garten in eine
Höle sich zu erfrischen abstieg /und sich nach der Landes-Gewohnheit auff die
Achsel des Orismanes lehnete / er sich unterstund mit der Hand unter ihren Arm
zu greiffen / umb dem Scheine nach ihr Absteigen zu versichern. Weil diss aber in
Armenien niemanden als den Fürsten Königlichen Geblütes erlaubet / und der
Numidischen Könige Art zu vergleichen ist / die keinen Menschen als ihre
Bluts-Freunde einigen Kusses würdigen; machte ihm Erato ein sauer Gesichte / und
fing an: Es kann ein Mensch sich mehr nicht verstellen / als wenn er weist / dass
er ein Mensch sei. Ein kluger Mann ist für was mehr / einer aber / der seine
Schwachheiten zeigt /für was weniger / als einen Menschen / zu halten. Hiermit
wiess sie zugleich auff den in dem Eingange gemahlten Fall des Icarus / dem die
Flügel zerschmeltzten / als er an die Sonne rühren wollte. Orismanes ward
hierüber nicht wenig beschämet / entschuldigte aber seine Vermessenheit: Es wäre
ihm vorkommen / als ob der Königin auff den glatten Marmel-Staffeln ein Fuss
hätte entgleiten wollen. Erato beruhigte sich darmit / und liess seine Kühnheit
für einen Irrtumb dissmahl hingehen; setzte aber bei: Der ist kein Tore / der
Torheiten begeht / sondern der die begangenen nicht verdecket. Man versiegelt
gemeine Brieffe / wie viel mehr soll man es mit den Gebrechen des Gemüts
machen. Alle Menschen tun Fehltritte / aber mit dem Unterschiede: Dass die
klugen ihre begangenen Irrtümer verblümen / die albern aber auch die Fehler
verraten / die sie tun wollen. Kurtz hernach brauchte sie ihn noch zu einem
Gesandten an Antiopen die Königin in Albanien / welche des Orismanes Hochmut
wahrnahm / und daher einst unter andern Gesprächen an einem Fenster ihm den auff
einem Turme aufgesteckten Kopff ihres gewesenen grösten und liebsten Rates
Trebosserex zeigte und beisetzte: Sehet Orismanes / also müssen der Königinnen
hochmütige Schoss-Kinder erhöhet werden. Denn die Köpffe / welche im Leben mit
eitel Winde schwanger gegangen / können nirgends als in der Lufft ihr Begräbnis
haben. Orismanes antwortete: Es ist besser also sterben / als derogestalt leben
/ dass man hundert Jahr nach seinem Tode von uns nichts zu sagen wüste.
    Wie Orismanes mit guter Verrichtung zurück nach Artaxata kam / kriegte er
von der Königin / wie anfangs / ein holdes Auge / welches deñ seine anfängliche
Einbildung in ihm wieder verneuerte. Kurtz hierauff kam vom Pontischen Könige /
(der nunmehr den irrigen Nahmen Ariobarzanes abgelegt / und den Nahmen Polemon
angenommen hatte /) eine prächtige Botschaft an / durch welche er um die
Königin Erato warb. Seine Mutter die Königin Dynamis schrieb selbst eigenhändig
an sie / und erinnerte sie schertzhaft ihres Versprechens / dass sie ihr ihren
Sohn zu lieben versprochen hätte / welches nicht die eingebildete Arsinoe /
sondern der damahls genennte Ariobarzanes wäre. Niemand in Armenien war / der
nicht festiglich glaubte / dass Erato dieses mächtigen Königs Heirat mit beiden
Händen ergreiffen würde; Orismanen aber bekümmerte es derogestalt / dass er hätte
mögen von Sinnen kommen. Aber in der Erato Hertze war das Bild und Gedächtnis
dess Fürsten Zeno derogestalt eingepregt / dass es weder seine Abwesenheit /noch
sein Fall aus der Kindschaft des grossen Polemon vertilgen / und ein anders
anzunehmen fähig war. Also gab sie der Botschaft mit ganz Armeniens
Verwunderung abschlägliche Antwort; wiewohl sie ihr Nein mit ungemeinen
Lobsprüchen Polemons / mit kostbarer Beschenckung der Gesandten / mit
scheinbaren Entschuldigungen so vergüldete / dass die Botschaft gleichwohl
vergnügt wegzoh / und Polemon statt der Liebe sich mit der Königin Höffligkeit
vergnügen musste. Diese Abfertigung bliess den Orismanes dergestalt auff / dass /
nachdem er ihm keine Ursache ausdencken konnte / warum Erato den Polemon
verschmähet hätte / ihm träumen liess / der Königin Kaltsinnigkeit gegen den
Polemon rühre von den Flammen einer ihr von ihm eingedrückten Liebe. Und ob er
sich wohl seines ersten übel angebrachten Vorwitzes erinnerte / liess er ihm doch
träumen / dass Erato so viel veränderliche Gesichter als der Monde hätte / und
sie ihn nun mit vollem Lichte anlachete. Diesem nach erkünhte er sich kurtz
darauff nach Herausstreichung seiner Ankunft und seiner Verdienste der Königin
von Hefftigkeit seiner Liebe / und wie ihre Heirat dem Reiche so vorträglich
sein würde /Erwähnung zu tun. Erato erblassete für Zorn über der Vermessenheit
dieses hochmütigen Dieners. Denn / nach dem die Liebe zwischen denen Liebenden
eine Gleichheit machet / nahm sie des Orismanes Tun für eine Kühnheit auff /
welche den Knecht gegen seine Frau auff die Wagschale legte / oder einen Zwerg
gegen einen Riesen mit einerlei Mess-Stabe abzumessen gedächte. Weil er nun in
ihren Gedancken so weit unter ihr stand / nahm sie sein Beginnen nicht so wohl
für einen verwegenen Flug einer Nacht-Eule gegen dem Sonnen-Lichte / als für
eine Erniedrigung ihrer selbst auff / und daher würdigte sie sein ander Laster
nicht mehr wie das erstemahl mit ihrem Munde zu bestraffen. Ihr blosser Anblick
aber war schon ein Donnerschlag in seinem Hertzen. Wie sie ihm aber den Rücken
kehrte / fing sie an: Gehe /lass dich meine Augen nicht mehr sehen / wo sie dir
nicht sollen tödtlich sein. Orismanes erkannte allererst nach begangenem Laster
seine Grösse / zohe also bestürtzt aus Artaxata auff seine Land-Güter; iedoch
entdeckte er keinem Menschen seinen Fall / wohlwissende / dass die Königin
schwerlich seine Vermessenheit iemanden vertrauen würde. Denn die Laster /welche
zu des Beleidigten Verkleinerung zielen / werden auch von denen gerne
verschwiegen / welche gleich Ursache solche zu rächen hätten. Weil nun eine
ungewohnte Einsamkeit einen mittelmässigen Geist einschläffet / einen feurigen
aber mehr anzündet /würckte die Entbrechung des Hofes beim Orismanes Ungedult /
diese eine gifftige Rachgier. Seine Ehrsucht hielt ihm ein / dass Fürsten
angefangene Laster nicht geringer schätzten / als die vollbrachten / und dass
diese nur mit Gefahr angesponnen / mit Belohnung aber vollbracht würden.
Zugeschweigen / dass er nichts für tulicher hielt / als mit seiner Herrschaft
anzubinden; weil auch das Unterliegen denen Besiegten zum minsten einen Nahmen
macht / und also vorteilhaftig ist / wenn sie von grossen Helden bezwungen
werden. Diesem nach entschloss er sich entweder durch seine List seinen Zweck zu
erlangen /oder durch seine Verzweiffelung seiner Abgünstigen Untergang zu
verursachen. Wormit er aber solches so viel leichter ins Werck richtete /
verbarg er mit seiner Ungnade auffs sorgfältigste seinen Ehrgeitz und Absehen.
Denen / welche ihn heimsuchten / und die Ursache seiner Abziehung vom Hoffe
erkundigten /machte er tausend Lobsprüche der Einsamkeit. Ach /sagte er / habe
mich der Eitelkeit der Welt entschüttet / um der Ruhe meines Gemütes zu
geniessen. Weil ich weiss / dass sich das Glücke zwar auff eine Zeit zu Dienste
vermiete / sich aber niemanden leibeigen gebe; stehet mir nicht an mit ihm ein
ewiges Bündnis zu machen. Der Hoff ist ein Himmel / der keine andere als
Irr-Sterne hat; daher mag ich die Fart meines ganzen Lebens nicht nach seinem
Angelsterne richten. Er ist ein Glückstopff / der unter tausenden kaum einen
beschriebenen Zettel hat; daher mag ich so vielmal nicht fehlgreiffen. Ich gehe
mit niemenden um als mit den Weisen der Vorwelt / welche weder meinen
Schwachheiten heucheln / noch in ihr Ratgeben einigen Eigennutz einmischen.
Wenn der wollüstige Hoff mit seinen Sorgen in steter Wache ist / geniesse ich
der süssesten Ruh / weil ich wohl weiss / dass Gott und die Sternen für mich auff
der Hutte stehen. Ich weiss /die Enge meines Land-Gutes ist ein Schrancken nicht
nur über die Ferne Armeniens / sondern so weit meine Augen tragen. Ich eigne mir
mit reiner Unschuld den Genuss fremder Güter zu / sonder meinen Nachbarn davon
das wenigste zu versehren. Sintemal ich derselben mich ohne Geitz und
Verschwendung nach den Gesetzen der Natur / und auff eine solche Art gebrauche /
welche ehe / als Kunst und Missbrauch selbte verfälscht / und aus dem gemeinen
Eigentume alles fremde gemacht hat / im Schwange ging. In meinem Armut bin ich
reicher als der König der Parten /und / wenn ich eine Früh-Rose / oder einen
reiffen Apfel einem von meiner Hand gepflantzten Baume abbreche / bin ich
vergnügter als der Käyser / wenn er in einem Siegs-Gepränge ihm Lorber-Zweige um
die Schläffe windet / oder von hundert Völckern ihre Reichtümer zum Zinse
einzeucht. Ich verlache in mir das Ungemach des gefährlichen Hoffes / den Staub
und Pöfel der Städte / die Angst der Ehrsüchtigen /und die Torheit der
Höfflinge / welche den Kern ihres Lebens einem Fürsten / oder wohl oft ihren
unwürdigen Schoss-Kindern / die Hefen des Alters aber / wo es ihnen auch noch so
gut wird / den Göttern wiedmen. Die Federn / wormit die Höfflinge vielleicht so
gemein ihre Häupter bedecken / weil es bei Hofe fast immer windicht ist /
brauche ich viel nützlicher zum Entwurff meiner der Weissheit nachhängenden
Gedancken. Ich lebe mit mir selbst vergnügt / und ich habe allzu spät gelernet /
dass ein Weiser keines andern bedürffe / und dass alles / was ausser ihm ist
/Uberfluss sei. Die Grossen des Reichs / die ihn häuffig besuchten / und sich von
ihm so selten / als der Mercur-Stern vor der Sonne entfernten / hielten dem
Orismanes ein: Niemand als GOtt / der sein Reichtum in seinem eigenen Wesen
besässe / könnte in sich selbst / und in seiner eigenen Einsamkeit seine
Vergnügung finden. Denn GOtt alleine gingen seine Wercke ohne Werckzeug und
Bemühung von Händen /und alles diss / was gleich von ihm herflüsse / bleibe doch
in ihm / als in einem unerschöpfflichen Brunnen unvermindert. Ein Mensch aber
sei durch eine gemeine Dürfftigkeit an den andern gebunden / ja ieder sei nicht
so wohl ein abgesonderter Leib / als ein Gliedmass der allgemeinen Gesellschaft
/ und deswegen darvon unzertrennlich. Ein Mensch könne ihm so wenig selbst
helffen / als ein Auge sich selbst sehen. Die Einsamkeit wäre der Beleidigung
und dem Mangel mehr als die Gemeinschaft unterworffen / jene aber wäre der
Gerechtigkeit / diese der Handreichung / und ein Mensch der Gesellschaft nichts
minder als Feuer und Wassers benötiget. Uber diss sei die Einsamkeit der ärgste
Ratgeber / und man könne bei niemanden gefährlicher / als alleine bei sich
selbst sein. Wenn aber auch schon ein Weiser so weit kommen wäre; dass er für
sich selbst zu sündigen sich schämete / oder auch keinen äusserlichen Beistand
dürffte / so sollten wir doch uns selbst nicht dem Vaterlande stehlen / dem wir
geboren wären / noch für den Menschen das Licht verstecken / das die milde
Natur in uns angesteckt hätte. Die grösten Köstligkeiten hätten ohne ihre
Anwehrung / das Marck der Erden in seinen Adern keinen Fürzug für Schaum und
Asche / und die Tugend machte sich durch ihre Vertuschung zu nichts / oder zum
Laster. Alle Sachen würden geschätzt nicht nach ihrem Wesen / sondern nach ihrem
Aussehen. Was man nicht sehe / sei so viel /als wenn es nicht wäre. Etwas aber
sein / und selbtes auch im Wercke zeigen / wäre ein zweifaches Wesen. Nach
dieser Einrede gab Orismanes allererst Gift und Galle von sich / und wendete
für: Er könnte es länger auff seinem Hertzen nicht behalten / dass seine eigene
Misshandlung / und die daraus erwachsende Bestürtzung ihn in solche Einsamkeit
eingesperret hätte. Denn er habe durch Beliebung der weiblichen Herrschaft
Armenien mehr Schaden getan / als alle seine Ahnen nichts gutes gestifftet /
und es würden alle seine Geschlechts-Nachkommen diese Scharte nicht auswetzen.
Ein Weib wäre das erste Ungeheuer der Natur / welche stets das Männliche
Geschlechte zu zeugen gemeint wäre; also dass das weibliche nur durch Missratung
geboren würde. Wenn nun an einem Weibe was gutes wäre / könnte man es für ein
Wunderwerck halten. Daher die Scyten auch den blossen Nahmen Weib für so
unflätig hielten / dass sie sich selbten zu nennen schämten. Die weiblichen
Gotteiten wären so gar in dem Kreisse der Vollkommenheiten / nehmlich im Himmel
voller Gebrechen /und Jupiter wäre von seiner Juno so geqvälet worden /dass er
sie einmal aus dem Reiche stossen / und sie schwebend in die Lufft hencken
müssen. Das erste Weibsbild auff Erden hätte Jupiter zur Straffe des
menschlichen Geschlechtes zubereiten lassen / als er über den Diebstal des
Prometeus so ergrimmt gewest wäre. Die Schönen hegten in ihren Antlitzen zwar
eine Sonne / alle aber in ihrem Leibe die Befleckung /und in ihren Hertzen den
Unbestand des Monden. Ihr Kopff ginge allezeit mit Eitelkeit / wie ihr Gemüte
mit Geilheit schwanger. Und weil die Alten geglaubt /dass diss sonst so fruchtbare
Geschlechte in nichts mehr als in Gebährung der Weissheit unfruchtbar wäre /
hätten sie der klugen Pallas kein Weibsbild zur Mutter zugeeignet. Zu Aten
hätte man wegen ihrer Unvernunft keinen wichtigern Handel als einen Scheffel
Gerste zu kauffen verstattet. Wegen ihrer Leichtsinnigkeit wären ihre Zeugnisse
bei vielen Völckern /und fürnehmlich in wichtigen Sachen verwerfflich. Der
berühmte / aber allzu weibische Weltweise / der sich nicht entalten konnte dem
Kebsweibe des Hermias zu opffern / hätte gezwungen gestehen müssen /dass sie zu
männlichen Aemtern unfähig / und ihnen oder den wilden Tieren nachzuarten
einerlei wäre. Die alten Römer hätten deswegen sie nicht bürgerliche Güter
miterben lassen / und Voconius habe verboten / dass man ihnen etwas über das
vierdte Teil seines Vermögens vermachen dörffe; also wüste er nicht / wie ihm
gewesen wäre / dass er die Erato auff den Armenischen Tron hätte befördern
helffen? Aller Weiber Herrschaft wäre der Freiheit Ende / und der Reiche
Untergang gewest. Olympias hätte nicht wie eine Königin / sondern henckermässig
über das Blut der Edlen gewüttet. Der kluge Antipater aber auff dem Todt-Bette
seinen Macedoniern / als eine göttliche Wahrsagung vorgetragen / dass sie in
eusserstes Unglück verfallen würden / da iemahls ein Weib über sie zu herrschen
käme. Ja auch dieselben Völcker /welche der Dienstbarkeit gewohnt wären / hätten
den den Weibern geleisteten Gehorsam nicht nur für eine der Freiheit widrige
Unart / sondern auch für was ärgers / als eine Knechtschaft gehalten. Mit
diesem hätte den Ländern das Unglück geblühet. Hecube hätte den Priamus
überredet / oder vielmehr bezaubert / dass er den Griechen die geraubte Helena
nicht wiedergegeben / und hiermit hätte sie Troja eingeäschert. Arsinoe hätte
mit ihrer Geilheit das Cyrenische Reich zerrüttet / Parysatis das Persische mit
Kinder- und Brüder-Blute überschwemmet. Semiramis würde zwar von der Vor-Welt
für einen Ausbund der Königinnen / und eine behertzte Taube ausgestrichen / aber
sie hätte durch Königs-Mord den ihr auff fünff Tage vergünstigten Assyrischen
Stuel an sich gebracht / sie wäre ein schädlicher Raubvogel der Welt / und ein
Pful grausamster Laster gewest / welchen anders nicht / als durch das Mord-Eisen
ihres eigenen Sohnes hätte abgeholffen werden können. Zwar müste er bekennen:
Erato hätte unvergleichliche Leibes- und Gemüts-Gaben; aber es wären die Weiber
den Serischen Rosen gleich / welche alle Tage ihre weisse Farbe in Purper
verwandelten / und bei ihrem Glantze einen stinckenden Geruch hätten. Ja wenn
Weiber am vollkommensten wären / hätten sie doch / wie der Voll-Monde / die
grössesten Flecken. Livia hätte anfangs den Ruhm gehabt / dass dieses
verschmitzte Weib dem Käyser August die heilsamsten Ratschläge an die Hand
gebe; numehr aber beschuldigte man sie / dass sie ihrer Ehrsucht und Grausamkeit
nicht mehr mächtig / und ein Brunn alles Unheils wäre. Erato hätte alle Tugenden
einer Königin / aber auch alle Laster eines Weibes. Jene wäre bekant / weil sie
mehr als diese in die Augen lieffen / diese verborgen / weil sie sie so
meisterlich zu verstecken wüste. Zu dem könnte er nicht läugnen / dass weil die
Schwachheiten der Fürsten so wie die Verfinsterungen der grossen Gestirne
allezeit den Völckern Schrecken einjagten / er der Königin Fehler selbst hätte
verdrücken helffen. Nach dem er aber ihre Rachgier gegen die Vorsteher des
Reichs / welche die Freiheit nicht wollten zu Boden treten lassen / ihre
Uppigkeit / welche desshalben zeiter alle Heiraten ausgeschlagen / und also die
Wollust der Befestigung des Trones fürgezogen /länger nicht zu verdecken gewüst
/ ja er wegen seiner aufrichtigen Einratungen offtmals scheel angesehen /wegen
seiner ihm von Gott verliehenen Gaben beneidet worden wäre; hätte er es für
ehrlicher gehalten /sich des Hofes zu entbrechen / ehe ihn selbter als einen
Verhassten / wie das Meer einen todten Leichnam auswürffe / oder ihn der Grim der
Königin gar einäscherte. Denn der Fürsten Zorn wäre wie der Blitz / den man eher
empfinde / als hörte / von ihren Schlägen sehe man eher das Blut / als die
Wunde. Ja ein einiges Wort eines Königs wäre mehrmals wider seinen eigenen
Willen tödtlich; und hätte wohl ehe ein die Streu-Büchse vergreiffender Diener
seines doch unentrüsteten Fürsten Erinnerung ihm so sehr zu Hertzen gezogen /
dass man ihn frühe todt im Bette gefunde. Ihre nichts minder gefährliche Liebe
wendete sie durch blossen Zufall eine zu / und zöge sie mit Verdruss wieder ab.
Deñ wenn sie iemanden aufs neue hold würden / eckelte ihnen für dem ersten
Schoss-Kinde. Ja sie fielen wie die Fieber von äuserster Hitze in äusersten Frost
/ und ihrer Gnade wandelte sich wie in etlichen zum liegen nicht taugenden
Weinen die gröste Süssigkeit in den schärffsten Essig. Hingegen sei nichts
sicherers einem Diener als die Schlaf-Sucht / und einem Untertanen die Ablegung
der Vernunft. Brutus sei unter diesem Scheine aus der grausamsten Blutstürtzung
des Tarquin und der Tullia ausgeschwommen. Die Tugend aber ziehe nach sich den
gewissesten Untergang. Des Gobrias Sohn wäre vom König Baldasar durchstochen
worden / weil jener auf der Jagt einen Löwen getroffen / dieser gefehlt hätte.
Einen andern hätte man verschnidten / weil seine Schönheit von einer Königlichen
Dirne gelobet worden. So künstlich machte Orismanes aus seinem eigenen Laster
ein frembdes / und die Straffe seines Verbrechens zu einer Entäuserung eines
unempfindlichen Weltweisen. Tissaphernes und etliche andere Fürsten des Reichs
bezeugten über dieser so scheinbaren Beschuldigung ein grosses Leid über
Armenien / und ein Mitleide gegen dem Orismanes; gleichwohl aber hielten sie ihm
ein: Es wäre unverantwortlich beim Sturme die Hand vom Steuer-Ruder sincken
lassen. Die Liebe des Vaterlandes erforderte seine Wunden zu heilen / nicht
eigene Gemächligkeit zu suchen. Brutus hätte für des Vaterlãdes Freiheit sich
der Vernunft beraubt / Genucius das Elend gebauet / Codrus für sein Heil sich
zum Sclaven gemacht / Curtius für seine Erhaltung sich in den Feuer-Pful /
Decius in das feindliche Heer gestürtzt / die Philenischen Brüder für seine
Erweiterung sich in Sand begraben / Temistocles / ehe er seinen Degen wider
seine Landsleute zücken wollen / sich selbst durch Einschluckung giftigen
Ochsen-Blutes aufgeopfert. Des Brasidas Mutter hätte die Wolfart der Stadt
Sparta der Ehre ihres Sohnes vorgezogen; des Pausanias Mutter den ersten Stein
zu Vermauerung der Freiheit zugetragen / dahin sich ihr verräterischer Sohn
geflüchtet hatte. Timoleon hätte umb sein Corint in Freiheit zu erhalten seinen
eigenen Bruder durchstochen; und Orismanes wollte seiner Zärtligkeit nicht ein
wenig weh tun / wormit Armenien wohl sei? Orismanes erkiesete lieber den
Schatten einer traurigen Ruh / als er das gemeine Heil so vieler Völcker
umbarmete? Der schlaue Orismanes stellte sich / als wenn diese Einredung ihm
tieff zu Hertze ginge / und nachde er eine gute Weile gleichsam nachdenckende
stille geschwiegen / fing er an: Ich weiss zwar wohl / dass nicht wenig Weisen die
Staats-Klugheit / nicht die Natur zu einer Mutter der Vaterlands-Liebe machen;
und dass diese mehr von den Eltern uns eingebildet / als mit der Geburt
eingepflantzt wäre. Denn ein Kluger wäre ein Bürger und Einheimischer in der
ganzen Welt / und könnte seine Freiheit nicht wie leibeigene Ackers-Leute an
gewisse Klösser Erde ankleiben lassen. Wie viel weniger wäre der verbunden / der
entweder in Ruhe sicher sein /oder sein Glücke anderwerts in Grund legen könnte
/durch Unterstützung des baufälligen Vaterlandes sich mit ihm zu zerdrümmern.
Die Natur selbst hätte in Africa einen Baum wachsen lassen / dessen genossene
Frucht einem die Vergessenheit seines Vaterlandes beibrächte; Zweifels-frei uns
zu lehren / dass es zuweilen nicht nur ratsam und zulässlich / sondern eine
hertzhafte Klugheit sei seiner Heimet den Rücken kehren. Gewisse Pflantzen
hätten in frembdem Erdreich bessern Gedieg / und bei Ausländern wären die
schätzbarsten Sachen ganz unschätzbar. Allein wenn er gleich für sich gerne
nachgeben wolle / dass weder Furcht noch Unlust uns von der Sorge für das gemeine
Heil zurück halten sollte / dass kein schönerer Tod sei als fürs Vaterland
sterben; dass Orismanes ihm nichts mehr wüntschen könnte / als den Ruhm sein Leben
zu Beschirm-seinen Tod zu Behaltung Armeniens anzugewehren; wer würde ihm Bürge
sein / welche Unschuld könnte ihn verteidigen / dass Orismanes nicht entweder als
ein Heuchler die Laster des Hofes verhangen / oder als ein Uhrheber selbte
gestiftet hätte? Sintemal der Pöfel die schlimme Herrschaft nicht dem Fürsten /
sondern den Staats-Dienern zumisst; die Fürsten aber ihre eigene Verbrechen ihren
Räten aufhalseten / und umb sich zu erhalten / selbte dem Volcke zu einem
Schlacht-Opfer auslieferten; wie der in Hibernien entauptete Forstard / und der
in Iberien zerfleischte Condelar ihm ein trauriges Vorbild abgäben. Tissafernes
begegnete ihm: Ein Reichs-Rat sollte sich seiner selbst ganz entäusern / und
ohne Auszug sein ganzes Wesen dem Reiche wiedmen. Dahero müste er nicht allein
seinen Eigen-Nutz /und sein Leben / sondern auch den Schatz seiner eigenen Ehre
ausser Augen setzen. Die Tugend wäre ihr selbsteigener Lohn / und ihrer Gute
würde weder durch Verläumbdung noch durch Beschimpfung was entzogen. Die
Unschuld würde im Ochsen des Phalaris nicht schwartz. Socraten hinge weder sein
Gift-Glas / noch die ihm zugemässene Abgötterei einigen Fleck an. Und die
Tugend / wenn sie schon ans Creutz geschlagen würde / findete noch eine Olympia
/ welche sie wie den Pausanias mit einer güldenen Krone verehrete. Es wäre
nichts ungemeines in der Welt / dass der / welcher hier als ein Verräter an
Galgen gehenckt / anderwerts für einen Vater des Vaterlandes und für einen
Märtyrer des Staats gepriesen würde. Des Brutus und Cassius Käyser-Mord hiesse
einem ein Schelm-Stück / andern das heilsamste Beginnen. Denn weil in der Welt
so viel Bösen als Guten / so wohl der Unvernunft als der Klugheit die
Richter-Stüle eröfnet wären; könnte unmöglich ein gleichstimmiges Urteil
erfolgen. Sie hätten gesehen Köpfe in güldene Todten-Töpfe vergraben / und mit
marmelnen Leich-Steinen bedecken / diegestern zum Scheusale auf eine Turme
aufgesteckt gewest / von der Sonne ausgedörrt / von den Wolcken befeuchtet
worden. Andere die gestern in Alabaster gelegen /würde heute auf den
Scheiter-Hauffen geworffen. Also gebe oder nehme frembdes Urtel weder den
Lastern noch den Tugenden einige Schätzbarkeit. Insonderheit aber wäre Armenien
ja nicht in so verzweifeltem Zustande / dass die Tugend wider die Gewalt der
Herrschaft sich keines Beistandes zu getrösten hätte. Orismanes hätte auf
seiner Seite die Reichs-Stände /diese aber die alten Gesetze des Vaterlandes /
welche mächtiger wären / als die Herrschaft der Menschen und sterblicher
Könige. Es ist wahr / sagte Orismanes / dass / so lange die Gesetze feste stehen
/ kein Reich wancken / die Freiheit nicht zu Grunde gehen können. Denn die Seele
und Krafft eines Reiches stecket in den Gesetzen; sie sind ein Schild wider
äuserliche Feinde / und ein Schirm wider die aus unserer eigenen Gemeinschaft
uns zu Kopfe wachsende Wüteriche. Aber Erato hat die Taffeln unserer Gesetze /
und zwar die unversehrlichsten / welche nämlich den Gottes-Dienst angehen /
schon zu Bodem geworffen / und mit Füssen getreten; wir aber hierzu unter dem
Scheine einer andächtigen Keuschheit ein Auge zugedrückt. Weñ aber die Gesetze
schon einmal entkräfftet / oder verwirret / ja nur ein wenig gebeugt werden /
ist ihre gäntzliche Zernichtung für der Türe / und die Herrschsucht hebet sie
unschwer mit einem einigen Ansatze vollends ganz aus den Angeln. Ein Kluger
darff nicht so dann allererst die Ohren spitzen: ob sich von ferne ein
Kriegs-Geschrei hören / oder trübe Wolcken aus der Nachbarschaft blicken
lassen. Denn weil so denn der Gesetze Schutz geschwächt ist / sind Heuchelei /
Kühnheit und Geld schon starck und verwegen genung der Freiheit auf den Fuss /
und die alte Herrschens-Art in Grund zu treten. Denn die / welche dem Vaterlande
für den Riss stehen sollen / lassen sich bestechen / oder durch hohe Aempter
verblenden. Durch diese machen sich auch die grösten Gemüter einem Fürsten zu
Knechten / in Hoffnung / dass sie über viel andere ihres gleichen zu herrschen
haben werden. Durch das schädliche Gift des Geitzes / welcher auf
Zusammenscharrung des Geldes alleine bedacht ist / und alles andern vergisst /
wird nichts minder der Leib als das Gemüte der tapfersten Leute weibisch
gemacht. Am allermeisten aber werden die Grossen eines Reichs bezaubert / wenn
man sie selbst des Gesetz-Zwanges erledigt. Denn hierdurch kriegen die Herrscher
freie Hand nicht nur für sich / sondern Weibern / Kindern und Freunden das Garn
dieses so nötigen Bandes abzustreiffen. Die Grossen im Rate / welche doch
Vormünden der Gesetze sein sollten /müssen so denn selbst bei sich ereignender
Spaltung zwischen dem Fürsten und den Gesetzen jenen Pflaumen streichen / diese
beugen / und also die heilsamsten Stiftungen sonder grosses Bedencken im Urtel
überwunden werden. Wir haben kein neuer und merckwürdiger Beispiel für uns / als
des Kaisers August / welcher bei seiner falsch-angestellten Abdanckung dem Rate
zu Rom / als ein einiges Erhaltungs-Mittel / nachdrücklich einriet: Sie sollten
ja an ihren alten Gesetzen das minste nicht ändern lassen; gleichwohl aber der
erste und ärgste Zerstörer derselben war / indem er des Agrippa Söhne / als sie
noch nicht den Kinder-Rock abgelegt hatten / zu Bürgermeistern / den Jüngling
Marcell seiner Schwester Sohn zum obersten Priester / seine Stief-Söhne zu
Feld-Herren machte. Alles diss hätte Erato für längst ins Werck gerichtet / wenn
ihr nicht der Werckzeug gefehlet hätte. Unterdessen wäre es genung / dass sie
Meisterin der Armenischen Grund-Gesetze / und also ihrer aller Halsfrau worden
wäre. Denn die Freiheit eines Volckes / welche die Armenier fast alleine unter
allen Morgenländern erhalten; wäre noch sorgfältiger / als ein junges Palm- oder
Dattel-Bäumlein / auf die Beine zu bringen. Sie müste stets mit neuen Gesetzen
befeuchtet / und mit der Axt der Rechts-Schärffe alle Räuber / wie schön sie
auch zu wachsen schienen /abgehauen werden. Tissafernes versetzte: Ihm wäre zwar
ausser des Anaitischen Gottesdiensts Abschaffung keine andere Durchlöcherung
einigen Gesetzes bekandt; wenn aber auch gleich in einig anderes von der Königin
ein Eingriff geschehe wäre / müste man doch hieraus nicht alsofort eine
gäntzliche Veränderung der Herschens-Art besorgen. Diese wäre ein so schwerer
Stein / welchen kein Weib umzuweltzen vermöchte / zumahl er von so viel hundert
Jahren her so feste beraset wäre. Ihre Herrschaft wäre zu solchem Absehen viel
zu neu. Denn / wenn man ein Reich umgiessen wollte / müste es nach und nach / und
so unvermerckt geschehen / als der Zeiger an den Uhren /oder die Erdkugel sich
umwendet. Es müsse niemand mehr leben / der sich des alten Zustandes erinnerte /
und desselbten Süssigkeit geschmeckt hätte. Den ob zwar der Eigennutz über die
Menschen eine fast unablehnliche Gewalt hätte / so gebe es gleichwohl noch
ehrliche Leute / welche die Freiheit für unschätzbar halten / und das ihnen
dafür angebotene Kauff-Geld wie die Macedonier die vom grossen Alexander zu
Abbissung der abgenommenen Uppigkeiten angezielte Geschencke verschmähen.
Derogleichen lebten nun auch sicherlich unter denen Armeniern / welche voriger
gütiger Könige Herrschaft nicht nur gedächten /sondern auch genossen hätten;
und auff derer Beistand er sich auff den Notfall zu verlassen hätte. Orismanes
brach hierauff aus: Wenn ich mich auff so kluge und tapffere Leute zu verlassen
habe / bin ich entschlossen alles zu tun / was das Vaterland von mir heischet /
und so viel Freunde raten / da ich mich anders ihres Beistandes zu versichern
habe / nach dem meine einigen Hände hierzu viel zu ohnmächtig sind. Oxatres
einer der Reichs-Räte hob an: Es wäre die ärgste Leichtsinnigkeit von uns /
wenn wir in Ausübung dessen / was wir selbst einraten / die Hand abzügen.
Entdecke uns daher deine Meinung /durch was für ein Mittel dem Reiche und uns zu
helffen / und denen Gefährligkeiten zu begegnen sei. Orismanes antwortete: Er
wüste mehr nicht als zwei Wege / derer einer aber verwerfflich / der andere von
ihm so lange zu verschweigen wäre / biss ihm Oxatres oder ein ander Fürst eine
seiner Tochter vermälet hätte. Oxatres versetzte: Wer wird dem Orismanes sein
Kind versagen? Also habe kein Bedencken uns beiden etwas zu verschweigen.
Hierauf fing Orismanes an: Das verwerffliche Mittel ist die Königin Erato aus
dem Wege zu räumen. Denn man hat frome Fürsten wohl zu wüntschen / böse aber wie
Hagel / Misswachs und andere von Göttern herrührende Zufälle zu vertragen. So
viel ihrer an den Julius Hand gelegt /sind erbärmlich umbkomen / ja etliche
haben mit eben dem Dolche / den sie dem Julius in die Brust gestossen / ihrem
verzweifelnden Leben abgeholffen. Astelot / der dem Caledonischen Könige mit
seinem Leben auch die Krone zu rauben vermeinte / ward /der erhaltenen Warsagung
nach / mit einer glüenden Krone gekrönet. Denn es sind doch Könige Stattalter
der Götter auf Erden / die in der Welt keinen Richterstuhl haben / weniger
iemand ihre heilige Glieder zu verletzen befugt ist. Uber diss ist unlaugbar: dass
Erato bei ihren Fehlern so viel unvergleichliche Tugende habe / welche so wenig
als ein fruchtbarer Baum wegen eines dürren Zweiges auszurotte sind. Zu
geschweigen / dass mehrmals böse Menschen gute Herrscher abgeben / und ihre
Laster zum Nutze des Reiches anwenden / und ihre Untertanen mehrmals zu ihrem
Besten durch Betrug hinters Licht führen. Dahero einige der Meinung sind / dass
nur gemeine Leute / nicht Könige / des Bösen sich zu entäusern hätten / woraus
man Gutes hoffete; andere an einem Fürste Ehrgeitz und Ungerechtigkeit so wenig
für scheltbar hielten / als man einem Adler den Raub /einem Löwen den Grim zum
Fehler aussetzte; ja ihrer viel für eine herrschaftliche Tugend hielten / wenn
Fürsten auch in Lastern denen Niedrigern nichts nachgäben. Sintemal Anaxarchus
den grossen Alexander schon beredet hätte / dass ein Fürst nichts Böses zu tun
vermöchte / sondern so gar die Laster unter seinen Händen ihre böse
Eigenschaften einbüssten / und weil er tun möchte / was ihm beliebte / sich in
was gutes verwandelten. Wiewohl ich diese Abwege von der Tugend den Fürsten nur
wie den Aertzten das Gift zur Artznei in äuserster Not und in verzweifelten
Kranckheiten erlaubt zu sein glaube. Uberdiss würde schwerlich Erato so leicht
und ohne Aufruhr des ganzen Reiches / ihrer Würde entsetzt werden können /als
der Rat zu Sparta ihre Könige Agesilaus eine Geld-Busse auflegten / weil er
aller Bürger Hertzen gestohle / und die Liebe der ganzen Stadt ihm zugeeignet
hatte. Sintemal Erato dem Agesilaus hieriñen schon zuvor kommen wäre. Das andere
Mittel fürzuschlagen sollte ich wohl billich anstehen / damit es nicht schiene /
als wenn mein für des Reiches Heil abgegebener Ratschlag ein Auge auf meine
selbsteigene Vergrösserung hätte. Aber weil ich mich so einer hohen Staffel
unfähig erkenne / und keiner unter euch ist / dem ich nicht den Vorzug einräume
/ will ich lieber auch mit Verdacht das Gute entdecken / als mit Ruhm dem
Vaterlande zum Schaden das minste verschweigen. Der Königin Fehlern ist anders
nicht / als durch eine kluge Heirat abzuhelffen / und Armenien anders nicht /
als durch einen einheimischen Bräutigam zu helffen. Weiber und Reben dürffen
wegen ihrer angebohrnen Schwachheit zu ihrem Wohlstande einen Ulmen-Baum oder
Stütze / daran sie sich lehnen / oder darumb winden können. Und wir / da wir
nicht entweder einem geringern gehorsamen / oder / wie unter dem Ariobarzanes
eines frembden Volckes Sclaven werden wollen / können keinen Ausländer unsere
Königin ehlichen lassen. Der Pontische König hat schon sein Heil versuchet / und
es haben sicherlich alle Nachbarn auf die Krone Armeniens ihr Absehen. Die
Königin aber gar unverheiratet lassen / würde zwar dem Reichs-Rate zu
Vergrösserung seiner Gewalt und Ansehens / aber hierdurch zu innerlicher Unruh
dienen / ja man würde ihren Fehlern Luft machen sich zu vermehren; und weil mit
ihr endlich der alte Königliche Stam gar verfiele / möchte ihr Tod dem Reiche
schädlicher / als ihr Leben sein / nachdem entweder die Zwytracht unter denen
Grössen den Reichs-Apfel zum Zanck-Apfel machen / und bürgerliche Kriege erregen
/ oder den Römern Gelegenheit geben würde denen Armeniern wie Syrien einen
aufgeblasenen Land-Vogt aufzudringen. Daher hielte er für heilsam und nötig
darzu zu tun / womit Erato fördersamst an eine Fürsten des Reichs / darinnen
man ihr die Wahl lassen könnte / sich vermählen müste. Des Orismanes Ansehen /
Rede und Geberden waren so durchdringend / dass ihm alle Beifall gaben /und sie
in der ersten Zusammenkunft einen Reichs-Schluss machten / auch selbten der
Königin in versamletem Rate fürtrugen: Sie sollte / und zwar bei noch währender
Reichs-Versamlung / einen Fürsten des Reiches zu ihrem Gemahl erwählen / nachdem
die gemeine Wolfart ihren freien Wohlstand nicht länger vertrüge / und die
Untertanen nach eine Reichs-Erben seufzeten / dessen Wohlstand nicht vertrüge
/dass der Nachfolger ungewiss wäre / indem sonst ihr Reich stets frembdem
Ehrgeitze ein Ziel abgebe / und Erato selbst nicht sicher den Reichs-Stul
besässe. Sintemal der grosse Alexander sich selbst hätte beklagen müssen / dass
der Mangel der Kinder ihn bei Frembden verächtlich gemacht / ja unter seinen
eigenen Macedoniern Uneinigkeit und Verräterei verursacht hätte. Der Königin
kam diese vermessene Gewalts-Anmassung ihrer Untertanen überaus unvermutet
für; gleichwohl verdrückte sie ihre heftige Gemüts-Bewegung / wohl wissende /
dass wenn Untertanen sich schon unterwinden ihren Häuptern an das Heft zu
greiffen; ihre Kühnheit sich ins gemein in Raserei verwandelt / und sie gar
gegen ihnen die Degen zücken. Diesemnach antwortete sie ihnen: Sie nähme ihren
Schluss mehr für eine Liebe gegen sie und ihr Geschlechte an / als sie mutmassen
wollte / dass sie ihrer Königlichen kein Gesetze vertragenden Hoheit etwas zu
entziehen anzielten. Sintemal die Götter dem Volcke weder Gewalt noch Verstand
über Fürsten zu urteilen verliehen hätten. Gleichwohl wäre es in alle Wege gut
so wohl einen Gehülffen in der Herrschaft /als gewisse Nachfolger im Reiche
haben. Aber die Freiheit der Heiraten vertrügen weder solche Maassgebung / noch
ihre Wichtigkeit so gefährliche Ubereilung. Sie wollte dem Wercke nachsinnen /
und sich dessen entschlüssen / was Armenien nützlich und ihr anständig sein
würde. Nachdem auch für dissmal alle nötige Reichs-Sachen erledigt wären /
sollten die Stände biss zu ihrer Wieder-Beruffung sich von sammen / und ieder nach
Hause ziehen. Hiermit ging die Königin aus dem Saale / und liess die Stände
teils in Bestürtz-teils in Verbitterung; gleichwohl hatten sie Bedenken dissmal
wider der Königin Verbot länger vereinbart zu bleiben. Wie sie nun schon
aufgestanden waren / bekam Oxartes vom Orismanes ein Schreiben / darinnen er
berichtete: Er habe numehr aus dem Königlichen Pontischen Hofe / und zwar aus
der Königin Dynamis Frauenzimmer das Geheimnis erfahren: Warumb Erato dem
Ariobarzanes einen Korb gegeben / welches ihn mutmassen liess / dass sie sich
schwerlich einen inländischen Fürsten zu heiraten würde bereden lassen. Denn
sie wäre durch Liebe an den vermeinten Fürsten Zeno / welchen Polemon so lange
Zeit für seine Tochter / Dynamis für ihren Sohn gehalten / verknüpfet / dass sie
diesem eingeschobenen und Zweifels-frei von niedriger Ankunft entsprossene
Mensche schwerlich einen würdigern fürziehen würde. Oxartes lass diss Schreiben /
wiewohl mit Verschweigung des Orismanes / alsofort der ganzen Versammlung für /
brachte es auch so weit /dass sie der Königin als einen neuen Reichs-Schluss
fürtragen liessen: Weil sie keines geringen Ausländers Knechte sein / noch unter
der weiblichen Herrschaft länger schmachten könten; sollte sie sich entweder
vorigem Schlusse unterwerffen / oder Kron und Zepter niederlegen. Die Königin
ward durch diese verzweifelte Verwegenheit hochbestürtzt / iedoch fragte sie den
Oxartes / welcher das Wort führete: Was für einen geringen Ausländer meinst du
wohl / wird Erato sich vermählen / welche den mächtigen Ariobarzanes
verschmähet? Dieser unverschämte Rädelsführer begegnete ihr alsofort: Wir
fürchten den so genennten Fürsten Zeno zu Sinope. Erato erblasste über dieser
Antwort / und konnte nicht ersinnen / wie sie diss Geheimnis ihrer Liebe
ausgespürt hätten; versetzte aber gleichwohl: Es ist wahr / dass ich diesen
unvergleichlichen Fürsten so wohl meines Bettes / als aller Welt-Kronen würdig
schätze. Sage du aber / dass ich keinen meiner Vermählung würdig schätze / den
nicht die Sonne / wie mich / nicht später als einen Fürsten /denn einen Menschen
/ beschienen hat. Den Ständen melde auch / dass ich morgen auf dem grossen
Reichs-Saale sie selbst beantworten wolle.
    Folgenden Tages kam Erato in prächtigster Kleidung / über und über mit den
köstlichsten Edelgesteinen bedecket / die Krone auf dem Haupte / den Zepter in
der Hand tragende / in den bestimmten Ort. Sie lehnete sich auf den Artafernes /
zwei andere ihr getreue Fürsten trugen das Schwerdt und den Reichs-Apfel vorher
/ und sie setzte sich auf den aufs herrlichste erhobenen Tron. Der Saal war mit
viel tausend Menschen also angefüllet / dass kein Apfel zur Erden konnte / welchen
allen die Begierde zu vernehmen / was die Königin für einen Gemahl erkiesen
würde / ein unbewegliches Stillschweigen auflegte. Hierauf fing sie mit einer
freudigen Geberdung und holdseligen Stimme an:
    Wenn die freiwillige Wahl der Armenier mir nicht meiner Voreltern Krone
aufgesetzt hätte / würde ich noch zu zweifeln haben: Ob das Erb-Recht und der
letzte Wille meines Vatern Artaxias genung gewest wäre mir diesen Tron
zuzueignen / welchen für mir noch kein Weib besessen hat. So aber wissen die
Götter / und eure Gewissen überzeuge euch / dass sich Erato nicht zur Krone
gedrungen / nach welcher die meisten Sterblichen so begierig seufzen / weil sie
nicht wissen / dass sie so schwer / und nichts als ein Zirckel sei / der keinen
Mittel-Punct der Ruh in sich habe. Unsere Vorfahren haben bei Krönung ihrer
Fürsten nachdencklich eingeführt / dass der neue König anfangs Feigen / hernach
Terebinten-Beeren essen / endlich einen Becher sauere Milch austrincken müsse.
Denn der Anfang des Herrschens ist anfangs süsse / das Mittel herbe / das Ende
aber versauert gar. Ich selbst habe in weniger Zeit erfahren / die Herrschaft
über andere sei eine edle Dienstbarkeit; auch mich beflissen zu erweisen / dass
ich den Zepter zu Beschirmung des Volckes führte / meiner Würde aber nicht zu
meiner Uppigkeit missbrauchte; dass meine Sorgfalt ersetzte / was meinem
Geschlechte abgehet /und dass euch eurer Wahl / mich aber meiner Wachsamkeit für
eure Wolfart nicht gereuen möchte. Denn nachdem in Armenien eine Neuigkeit ist
/ einer Königin gehorsamen / habe ich mich mehr umb eure Liebe / als umb eure
Dienstbarkeit beworben. Ich habe nach euren Gesetzen gelebt / die ich keinen
unterworffen bin; denn die Willkühr der Könige ist selbst Gesetzes genung / die
Göttin der Gerechtigkeit lehnet sich stets an den Richter-Stuhl des Jupiters;
Insonderheit wenn sie der Natur gemäss sind / welche ich allemal für meine
Richtschnur / und für das auch über Fürsten herrschende Recht gehalten / und so
wohl des Seleucus / als der Partischen Weisen Meinung verdammet: Unter denen
jener alles Recht sprach / was ein König seinen Untertanen fürschriebe; wenn es
schon wie seines Sohnes mit der Stiefmutter vollzogene Eh wider Zucht und
Erbarkeit lieffe. Diese aber bei gebilligter Heirat des Cambyses mit seiner
Schwester fürs höchste Gesetze rühmte: Ein Persischer König hätte alles zu tun
Macht / was ihm beliebte. Aber ich sehe wohl / dass ihr / die ihr an die Gesetze
gebunden / nicht nur ohne sie sein / sondern der Gesetzgeberin selbst
fürschreiben wollet. Ihr wollt mich an eine Heirat binden / die in der Willkühr
ieglichen Bürgers steht. Gläubt aber / dass wie Untertanen nichts grössers als
ihren Gehorsam verlieren / also unmöglich / ein König sein und gehorchen
beisammen stehen könne. So wenig die Menschen dem Gestirne Gesetze geben / und
den Lauff der Sonnen einrichten mögen; so wenig stehet Untertanen zu / das
Fürnehmen ihrer Obrigkeit zu meistern. Ihr meint : Der König sei über das Volck
/aber das Heil des Reichs über den König. Untersucht ihr aber auch / dass weniger
Köpfe Ehrgeitz der Uhrheber dieses Fürwands / der Ungehorsam der Reiche
Untergang sei? Jedoch / ich will mein Urtel nicht so vieler Meinungen fürziehen
/ und euch ein Beispiel zeigen / dass dieser der mächtigste König sei / der über
seine Begierden vollmächtig zu gebieten hat. Dass derselbe die meisten
Untertanen habe / der sich der Vernunft unterwirfft / welche über alles eine
allgemeine Herrschaft hat / und dass Erato ein grossmütiger Hertze habe / als
jener Hetrurische Landmann /der sich gegen dem Käyser August für ein empfangenes
Unrecht bedanckte / weil er es nur aus Irrtum /ich aber gegen euch wohl bedacht
tue. Sehet! hiermit lege ich Kron und Zepter nieder; nehmet sie hin / und gebet
sie einem würdigern. Des Gehorsams darff ich euch nicht entlassen / ihr habt
selbten mir selbst schon entzogen. Wormit ihr aber von mir noch einer Zugabe
geniesst / erkläre ich mich / dass ich numehr als eine Bürgerin verantworten will
/ was ich als eine Königin gesündigt zu haben von iemanden beschuldigt werden
möchte. Bin ich schon die letzte meines Geschlechtes / die Armenien beherrschet
hat / hoffe ich doch die erste in der Welt zu sein / die ihr Königreich ohne
wenigere Empfindligkeit von sich stöst. Alle Zuschauer waren anders nicht / als
wenn sie der Blitz gerühret hätte. Alle verstummeten / sahen einander an /
Oxartes und etliche andere Aufrührer aber wurden mit Scham-Röte übergossen.
Denn die Bosheit wird mehrmals so wohl durch unverhoffte Erreichung ihres bösen
Zwecks / als durch Fehlschlagung ihrer arglistigen Anschläge beschämet. Der
einige Artafernes erholete sich / und fiel der von dem Stuhle niedersteigenden
Königin mit vielen Tränen zun Füssen / sie beweglichst ersuchende: Sie möchte
von ihrem Vorsatz abstehen / und Armenien ihr liebes Vaterland nicht verwäyset
lassen; sie möchte aus ihrer Erleichterung Armenien nicht so grosse Verwirrung
zuziehen / noch aus dem ihr Ruhm erwerben / woraus dem ganzen Reiche eine
unausleschliche Schande erwüchse. Unterschiedene andere täten es Artafernen
nach / und meinten sie durch Herausstreichung der Königlichen Herrschaft / und
ihrer von so vielen verlangten Süssigkeit von ihrem Vorsatze abwendig zu machen.
Erato aber begegnete ihnen: Die / welche die Königliche Würde nicht kennten /
und für eine halbe Vergötterung hielten / möchten sich umb sie drängen. Sie aber
hätte die Armenische Krone mit einer solchen Gemüts-Mässigung bekommen / als
wenn ihr iemand einen Feilgen- oder Rosen-Krantz geschenckt hätte; also stiege
derselben Verlust ihr auch wenig zu Hertzen. Sie erinnerte sich wohl / dass
zweien Häuptern der Stoischen Weltweisen / welche doch die Unempfindligkeit für
ihren Abgott hielten / dem Pytagoras nämlich und Zeno die Herrschaft so sehr
unter die Augen geleuchtet hätte / dass sie so gar mit Gewalt derselben sich zu
bemächtigen bemüht gewest wären; Plato hätte sie für eine Göttligkeit / ein
ander für eine güldene Erndte gehalten; sie aber pflichtete einer ganz andern
Weltweissheit bei / welche derselben Wahnwitz verwürffe / die lieber auf
Goldenstück krancken / als auf Stroh gesund sein; die mit süssem Gifte sich
lieber tödten / als durch bittere Rhabarber genesen wollten. Ja wenn auch die
Herrschaft an ihr selbst noch so anmutig wäre / würde doch numehr /da man sie
ihr aufzudringen gedächte / nichts minder /als die Leier des Arion und Orpheus /
weil sie beide aus Not und Zwang anstimmen müste / alle Liebligkeit verlieren /
ungeachtet jener die Ehre hatte von denen ihm aufhalsenden Delfinen aus dem
Schiffbruche errettet / dieser von denen zusammen gelockten Tieren verehret zu
werden. Denn aller Zwang vergällete iedwede Süssigkeit. Hiemit drang die
unerbittliche Erato auf das Tor zu / umb sich aus dem Saale zu begeben.
Ostanes ein junger Armenischer Fürst hingegen vertrat ihr mit entblösstem Degen
den Weg /und redete sie an: Das Verbündnüss zwischen einem Fürsten und seinem
Volcke wäre so feste / dass so wenig die Untertanen ihren König des Reichs
entsetzen / so wenig dieser ohne jener Willen sich des Herrschens entäusern
könne. Also sollte die Königin Fuss halten / und ihrer Ruh das gemeine Heil
fürziehen. Erato lächelte / und fing an: Mein Freund / dringe mir diss nicht auf
/ was ich alleine wegwerffe / die meisten in diesem Gemache aber äuserst
verlangen; was mir so vieler Nächte Schlaf verstöret / und worumb ich morgen
wieder in Sorgen stehen müste / dass man es mir wieder aufs neue aus den Händen
winde. Das Volck hat durch seine Vorsteher mich meiner Pflicht erlassen / da sie
die ihre versehret. Meinst du aber /dass die / welche zwei Reiche ohne Seufzen
verlässet /für einem rühmlichen Verluste ihres Lebens erzittern kann? Uber dieser
Wort-Wechselung entstand eine heftige Zwytracht / indem der Adel den für einen
Reichs-Verräter ausruffte / der die Königin zu solcher Entschlüssung verursacht
hätte. Die Reichs-Räte trennten sich auch selbst / und nachdem etliche den
Oxartes für den Uhrheber angaben / wendete Ostanes seine Sebel von der Erato
ab / und versetzte dem Oxartes einen selchen Streich / dass ihn Erato noch seine
Seele ausblasen sah. Hierüber entstand ein allgemeines Blut-Bad / der
Reichs-Saal ward in eine traurige Schlacht-Banck verwandelt / und die Armenier
wurden den ersten Augenblick inne / dass ein Reich ohne Oberhaupt / eine Weltohne
Sonne / ja eine lebendige Hölle sei. Bei dieser Uneinigkeitgewann Erato Zeit
sich so wohl aus dem Saale / als auff denen bereit bestellten Pferden aus
Artaxata zu retten. Weil ich und Artafernes Sie nun von ihrem Fürsatze zu
bringen nicht vermochten / ungeachtet wir ihr den bereit erfolgten Tod des
Rädelsführers und anderer Auffwiegler fürstellten / und dass Armenien sie in
wenig Stunden mit grösserm Frolocken / als das erste mahl auff den Stuel heben
würde / vertrösteten / und sie über Hals und Kopf aus Artaxata eilte / wollten
wir sie nicht verlassen / noch den ungewissen Ausschlag der innerlichen Unruh
erwarten; sondern gaben uns mit der Erato auff den Weg / wiewohl nicht sonder
Hoffnung / es würden nach gestürtzten Aufrührern die Stände sie wieder einrufen
/ und wir so vielmehr sie auff einen andern Sinn zu bringen Gelegenheit finden.
Wir reiseten alle in Manns-Kleidern / und daher unkenntlich / dem Gordieischen
Gebürgte zu; woraus der Phrat und Tiger entspringt / als wir auch in die Stadt
Artemita kamen / ward durch einen Herold ausgeruffen: Der Urheber der
Verräterei wider die Königin wäre erforschet / nehmlich Orismanes / welcher sie
und das Reich dadurch zu erlangen getrachtet /aber auch durch verzweiffelten
Eigen-Mord nichts minder seine eigene Straffe / als die Unschuld der Königin
ausgeführt hätte. Dahero würde die flüchtige Erato von ihren getreuen
Untertanen ersuchet: Sie möchte zurück kehrenden väterlichen Tron besitzen
/und ihren Zwistigkeiten vollends abhelffen. Wir lagen ihr auffs neue an / aber
umsonst; denn ob wir wohl daselbst einen Tag auszuruhen fürgehabt / setzte sie
doch selbige Stunde noch ihre Reise ferner und schleuniger als vorhin fort.
Folgenden Tag kamen wir gegen den Mittag an eine angenehme Bach / welche ein mit
tausenderlei Blumen und Kräutern ausgeputztes und von vielen daselbst wachsenden
Amomum eingebiesamtes Tal zerteilt / die Hügel waren mit eiteln Myrten-Oel-
und Lorber-Bäumen beschattet /also dass dieses Paradiess die Königin anrejetzte
daselbst die Mittags-Hitze vorbei gehen zu lassen. Erato fing bei solcher Ruh an
/ ihre nunmehr erlangte Glückseligkeit zu preisen / um dardurch uns beiden
/derer Augen stets voller Wasser standen / die so tieff eingewurtzelte
Traurigkeit ein wenig auszureden / ja sie beteuerte / dass die ganze Zeit ihrer
Herrschaft sie keine so fröliche Stunde gehabt / als sie an dieser anmutigen
Bach geniesse. Sie priess ihre neuerlangte Befreiung von den güldenen Fässeln
ihrer allgemeinen Dienstbarkeit / in welcher das unschuldige Leben
unauffhörlicher Arbeit / das lasterhafte ewiger Schmach / beides grossen
Gefährligkeiten unterworffen / ja noch ungemeine Glückseligkeit wäre /sich
dieser Last ohne einen blutigen Untergang entbürden können / und wenn man von
dieser abschüssigen Höhe nicht gestürtzt würde / sondern gemach absteigen möchte.
Bei dieser Gelegenheit redete ich die Königin an: Es wäre nur unbegreifflich /
dass der blosse Auffstand der unbedachtsamen / aber schon zur Reue gebrachten
Stände / noch auch die der Herrschaft anklebende Beschwerligkeit ihr die
väterliche Krone so vergället haben sollte; es müste eine grössere Ursache in
ihrem Hertzen verborgen liegen / welche sie wider ihre angebohrne Gütigkeit so
sehr verhärtete. Erato begegnete mir: Liebste Salonine / kenntest du. Königliche
Kronen so wohl inn- als auswendig /du würdest keine auffheben / wenn du schon
mit dem Fusse dran stiessest. Der grosse Käyser August hat sich nicht ohne Ursach
derselben entschütten wollen; und ich halte die Ursachen des Agrippa / der ihm
solches geraten / wichtiger und löblicher / als des Mecenas / der ihm diesen
löblichen Vorsatz wieder ausgeredet. Antiochus hat auch so töricht nicht getan
/als er sich gegen die Römer / nach dem sie ihn seines ganzen Gebietes disseit
des Taurischen Gebürges entsetzten / bedanckte / dass sie ihm einer so grossen
Uberlast und vieler Sorgen entbürdet hätten. Gleichwohl aber gestehe ich / dass
die Liebe des gemeinen Heils mir diese Last erleichtert / ich auch wegen meiner
Gemächligkeit dieses Geschencke der Götter nicht weggeworffen hätte. Solte dir
aber / vertrauteste Salonine / wohl schwer fallen die Haupt-Ursache dieser
meiner Entschlüssung durch ein weniges Nachdencken zu erraten. Hastu den
unvergleichlichen Fürsten Zeno so geschwind aus dem Gedächtnisse bracht /dem ich
zu Sinope meine ganze Seele gewiedmet /und dessen Abwesenheit mich seit der
Zeit keine Nacht ruhen / noch auch aus der grösten Ergetzligkeit die geringste
Vergnügung hat schöpffen lassen? Oder trauestu meinem Gemüte zu / dass ich nicht
ihn / sondern sein Glücke geliebt? dass / nach dem er auffgehört des Polemon Sohn
/ und ein Erbe der Pontischen Königreiche zu sein / bei mir auch sein Gedächtnis
verschwunden sei? Nein sicher! Ich werde seinetalben noch zehen Ariobarzanes
und alle Armenische /ja aller Welt Fürsten verschmehen; Wenn schon seine
Tugenden mein Gemüte und deinen Zweiffel nicht überredeten / dass / ob er schon
kein Kind der Dynamis / doch aus Fürstlichem Stamme entsprossen sei. Ist dir
seine eigene Fürtreffligkeit nicht Beweises genug / so will ich dir ein
unverwerfliches Zeugnis der Götter fürlegen. Denn wisse / dass ich nach meiner
Ankunft in die Stadt Idersa in dem Phrixischen Tempel der Morgenröte / woraus
Jason den güldenen Widder geholet / diese Antwort bekommen habe:
Wenn Zeno nicht mehr wird sein Polemons sein Sohn /
Wirstu Armeniens gekrönte Fürstin werden.
Wenn du verlassen wirst den väterlichen Tron /
Wird Zeno dich befrein / viel ängstiger Beschwerden.
Wenn man dich wieder wird zur Königin einweih'n /
Wird er ein Königs Sohn und selbst auch König sein.
Was meinst du nun wohl Salonine / ob ich nicht Ursach habe / mich so wohl dem
Verhängnisse gutwillig zu unterwerffen / als auf die fernere Hülffe der Götter
zu verlassen / welche bereit die Helfte dieser so deutlichen Weissagung wahr
gemacht haben. Nicht nur ich / fuhr Salonine fort / sondern auch Artafernes
verwundern sich über diesen göttlichen Offenbarungen überaus / schöpften auch
von demselben Augenblicke an kräfftigen Trost. Ja ich konnte mich nicht entalten
überlaut zu ruffen: Ihr gütigen Götter! Ach lasset doch unverlängt geschehen /
dass Fürst Zeno dieser beständigen Königin / bei der die Liebe die Ehrsucht / den
grössesten Abgott der Welt überwindet / von ihren ängstigen Beschwerden befreie!
Wir zogen hierauff fort / kamen sonder einige denckwürdige Begebenheiten über
das Taurische Gebürge nach Edessa / von dar durch die Cyrrestische Landschaft
noch Antiochia an dem Flusse Orontes in Syrien / und endlich von dar über Meer
nach Paphos in Cypern / wo der berühmte Tempel der Venus zu sehen ist. Selbigen
soll Cyniras an den Ort gebauet haben / wo diese aus dem Meere nach der Geburt
steigende Göttin ihren Fuss zum ersten mahl hingesetzt. Tamyras aus Cilicien hat
darinnen zum ersten / und seine Nachkommen hernach lange Zeit geweissaget. Die
itzigen Priester rechnen ihren Ursprung von Cynira her. Erato wollte die
Gelegenheit nicht versäumen hier ihre Andacht zu verrichten. Wir begleiteten sie
in den herrlichen Tempel / welcher dreifach mit Myrtenbäumen umgeben /aus eitel
weissen Marmel recht in die Rundte / und eben so wie der Dianen Tempel zu
Ephesus vierhundert fünff und zwantzig Schuch lang gebaut / inwendig mit dichtem
Golde überzogen / aber mit keinem Dache belegt war. Denn es hat dieses
Heiligtum diss besondere Wunderwerck / dass weder Regen noch Tau selbtes
befeuchtet. Das Tor hat Phidias aus Ertz gegossen / und darinnen wie die
gebohrne Venus auff einer Purpur-Muschel von vier Meer-Schweinen ans Ufer
abgeladen wird / auffs künstlichste gebildet. Uber dem Tore stehet auff einem
viereckichten Agatsteine folgende Uberschrifft:
        Die Liebe wird verehrt in diesem Heiligtum /
    Die Mutter der Natur und Schöpfferin der Welt /
    Die Irrtum für ein Kind des kalten Meer-Schaums hält.
    Weil eh / als Ertzt / Crystall / Kraut / Schwesel / Baumwerck / Blume
    Corall / Stein / Tier gewest / ihr Wesen schon bestand.
    Ja dieses All von ihr den ersten Trieb empfand.
        Die flösst den kräfft'gen Tau der Fruchtbarkeit in alles /
    Was Regung / Seele / Trieb und Wachstum in sich fühlt.
    Die schafft: dass / was nur lebt / auff seines gleichen zielt.
    Die schwängert Wasser / Lufft / den Bauch des Erden- Balles /
    Ja Sternen geusst sie Oel / den Reben süssen Wein /
    Den Wurtzeln Farb' und Safft / den Hertzen Anmut ein.
        Schämt aber euch / die ihr Vernunft und Urtel habet /
    Dass / da nicht wildes Vieh aus dem Geschirre schlägt /
    Da Panter / Löw und Pferd kein falsches Feuer hegt /
    Nur ihr verfälscht / wormit euch die Natur begabet.
    Wenn Missbrauch ihre Milch in Gift und Geilheit kehrt
    Und / was euch nähren soll / wie Mad' und Krebs verzehrt.
        Flieht / Irrdische / von hier / die ihr unreine Lüste
    Für Töchter und Gespiel'n der Göttin bettet an!
    So wenig als Napel aus Rosen wachsen kann /
    Jassmin aus Schwämmen blühn / und Balsam qvelln aus Miste;
    So wenig kann die Pest / für der man muss vergehn /
    Der Geilheit Missgeburt in heil'gen Tempeln stehn.
        Was ihr für Liebe rühmt / ist Eyter von den Drachen
    Was ihr zur Göttin macht / ist ein Gift-atmend Weib.
    Sie frisst's Gewissen aus / sie tödtet Seel und Leib.
    Ja wer die Wollust will zu einem Gotte machen /
    Ist wie / der Knobloch / Aff / Hund / Katzen / Crocodil'
    In Götter; Ochs' und Bär in Sterne wandeln will.
        Ihr Seelen aber kommt / ihr unbefleckten Hertzen /
    Die ihr den keuschen Geist nur einer Seel' ansteckt!
    Denn wie mein Opffer-Tisch wird durch kein Blut besteckt /
    Wie man mich nur bestrahlt mit Schwanen-weissen Kertzen:
    So muss bei dem / der liebt / auch Leib und Seele rein /
    Ein Hertze das Altar / die Tugend's Opffer sein.
Dem Eingange gegenüber stehet die Helffenbeinerne Venus des Praxiteles / welche
mit der zu Gnidus um den Vorzug streitet / und darein sich Macareus so unsinnig
verliebet. Unten an dem Fusse dieses Wunderbildes waren diese Reime zu lesen:
Soll Paris und Adon / weil diese nur allein
Die Venus nackt gesehn / diss Bild gefertigt haben?
Nach dem die Aehnligkeit so eigentlich trifft ein.
Weil aber so belebt sich zeigt diss todte Bein;
So fragt sichs: ob ein Gott diss Wunder ausgegraben?
Denn es kann ja kein Mensch beseelen Horn und Stein.
Sagt: was Praxiteles sein Meister nun muss sein?
Auff der rechten Hand stehet eben dieser Göttin Bild /wie sie die Himmels-Kugel
auff den Achseln trägt /aus Alabaster vom Phidias gemacht / auff der lincken des
Alcamenes aus Marmel / einen güldenen Apffel in der Hand haltend / damit er den
Agoracritus überwunden. Der oberste Priester Sostratus begegnete uns auf der
Schwelle mit etlichen andern / und liess die zum Opffer von uns bestimmten drei
Böcke / als das hier angenehmste Opffer / nachdem er sie eusserlich wohl
betrachtet / und tauglich befunden / von uns abnehmen. Er selbst führte uns für
das in der Mitte unter freiem Himmel stehende Altar / für welchem wir nieder
knieten / nachdem wir vorher einen güldenen Groschen darauff gelegt / und eine
Hand voll Saltz in das daselbst brennende Feuer gesprenget. Das darüber erhöhete
Bild der Göttin war nicht in Menschen-Gestalt / sondern ein aus Gold gegossener
Circkel / der vorwerts am weitesten war / einwerts aber immer enger in einen gar
kleinen Umkreiss zulieff. Des Priesters Auslegung nach / ist die Venus also
gebildet / entweder weil so wohl die grösten als kleinsten Geschöpffe der Natur
durch ihren Einfluss erhalten würden / oder ihr Gestirne eben so wie der Monde ab
und zunehme /wenn es der Erden am weitesten entfernet / voll und am grösten /
bei Näherung der Erden aber hörnricht und am kleinsten wäre. Der Priester liess
von denen geschlachteten Böcken nur die im Weine rein abgewaschene eussersten
Teile der Glieder und Eingeweide auff das Altar bringen / denn es mit keinem
Blute bespritzt werden darff. Zweifelsfrei / weil die Liebe selbst der Ursprung
alles Blutes / oder auch gar nicht blutbegierig ist. Nach dem der Priester alle
Fäserlein / und insonderheit die Stücke von den Lebern genau beschauet / streute
er eine Schüssel voll Weirauch in die Flame / kehrte sich hierauff um und fing
zur Erato an: Die Göttin hätte ihr Gebet erhöret; Sie würde zwar noch allerhand
Zufälle überwinden müssen / aber das Verhängnis dächte ihr mehr zu / als ihre
Gedancken jetzt begreiffen / oder ihre Hoffnung fassen könnte. Nach dieser
erfreulichen Ankündigung führte uns Sostratus in eine Halle / und zeigte uns
alle dieselben unvergleichlichen Schätze / welche die Vorwelt / und in selbter
auch ihre Vor-Eltern der Göttin verehret. Unter denen aber allen den Vorzug
verdienet das aus dichtem Golde gegossene Bild der reutenden Hipsicratea /
welches zu ewigem Gedächtnisse ihrer unzertrennlichen Begleitung ihr Gemahl der
grosse Mitridates diesem Heiligtum gewiedmet. Erato nahm nebst uns Abschied /
und wir segelten mit gutem Winde nach Rom. Sintemahl sie in diesem allgemeinen
Vaterlande der Völcker vom Fürsten Zeno einige Nachricht zu erhalten hoffte. Wie
wir nun zu Rom zwar vom Zeno das wenigste vernahmen / Erato aber mit des
Tiberius Sohne dem jungen Drusus verträuliche Freundschaft machte / und dieser
seinem Vater und dem Germanicus in den Dalmatischen Krieg folgen wollte /
entschloss sich Erato in seiner Gesellschaft zu reisen / und mit ihm daselbst
ihr Glück zu versuchen. Wie wir aber in Rhetien kamen /kriegte Drusus vom
Tiberius Zeitung / dass der Dalmatische Hertzog Bato und sein Sohn Sceva sich den
Römern ergeben / und also dieser Krieg ein Ende bekommen hätte. Hierbei war ein
Befehl an Drusus /dass weil krafft einer vom Könige Marbod erteilten
verträulichen Warnigung die Deutschen wider die Römer einen Auffstand fürhätten
/ sollte er sich in das Läger des Qvintilius Varus nach Deutschland verfügen /
und daselbst in die Fussstapfen seines Vettern des sieghaften Drusus treten /
welcher die auffrührischen Gallier im Zaume gehalten / die sie verleitenden
Sicambrer über den Rhein getrieben / die Bataver und Usipeter gedemütigt / die
Friesen / Chauzen und Cherusker zum Gehorsam bracht / bei der in die Lippe
fliessenden Alme die Festung Elsens / als einen Kapzaum selbigen rauhen Völckern
angelegt / die Bructerer auff der Emse geschlagen / funffzig Schantzen an Rhein
gelegt / diesem Flusse den dritten Ausgang ins Meer eröffnet / und mit den
Römischen Adlern biss an die Elbe gedrungen wäre. Erato wollte diese Gelegenheit
das so berühmte Deutschland zu beschauen nicht aus Händen lassen / und also
reiseten wir mit dem Drusus nach Meintz / allwo er seines in Deutschland von
einem Bein-Bruche verstorbenen Vettern prächtiges Begräbnis-Mahl betrachtete /
und auff seinem Altare opfferte. Von Meintz reisete Drusus und wir mit ihm auff
das Gebürge Taunus / und besahen gleicher gestalt die daselbst vom ersten Drusus
auffgebaute Festung. Wie wir aber von dar / in willens zu dem andern Altare des
Drusus an der Lippe und Alme zu gelangen / bei die StadtMattium kamen / wurden
wir / die wir von keinem Kriege nicht wussten / ganz unvermutet von den Catten
überfallen / ja der junge Drusus im ersten Anfalle mit seinem Pferde über einen
Hauffen gerennet. Wenn auch Erato und Artafernes nicht so tapffer den Catten
begegnet hätten / wäre Drusus unzweiffelbar ertreten / oder gefangen worden.
Aber in dem Erato sich so sehr bemühete den Drusus aus dem Gedränge zu bringen /
fiel sie mit ihrem Pferde in einen Sumpf / ward also von den Catten nebst mir /
die ich meine Königin nicht in dem Stiche lassen wollte / gefangen. Drusus entkam
auf das Gebürge; ob Artafernes sich mit ihm geflüchtet / oder todt blieben /
stehe ich noch zwischen Furcht und Hoffnung. Wir aber sind von dem Hertzoge der
Catten als Gefangene in das deutsche Läger /und endlich hieher unter die
Schutz-Flügel so einer tugendhaften Fürstin gebracht worden.
    Hiemit beschloss Salonine ihre Erzehlung / die holdselige Tusnelde aber
umarmte sie mit beweglicher Versicherung / sie hätte mit nichts so sehr / als
durch den Fürtrag so wunderwürdigen Begebenheiten verbunden werden können. Gegen
der Erato aber beteuerte sie: Es wäre ihr hertzlicher Wuntsch / dass sie in
Deutschland der Angelstern ihrer Vergnügung wieder erblicken möchte / der ihr
auf dem schwartzen Meere aus dem Gesichte kommen wäre. Sie müste aus denen von
ihr erzehlten Tugenden mehrenteils Wunderwercke machen; aber dieser finde sie
keinen genungsam würdigen Nahmen / dass sie Kron und Zepter verschmehet um ihrer
Treue keinen Abbruch zu tun; dass sie den so beständig geliebt / von dem sie
zweiffeln könnte: Ob sein Stand ihres Geschlechtes fähig wäre. Denn die Warheit
zu sagen / wie hoch ich die Tugend schätze / wiewol ich weiss / dass ihre
Vollkommenheit in ihrem eigenen Wesen bestehe / und sie so wenig einen Beisatz /
als ein vollkommener Edelstein eine Folge dürffe; so traute ich mir doch nicht
zu mein Gemüte zu überwinden / dass selbtes sich einem ganz und gar eignen
sollte / der nicht Edelgebohren wäre; wenn auch schon der Neid selbst an ihm
keinen Tadel zu finden wüste. Ja wenn ich auch schon aus Irrtum mich so ferne
übereilet hätte / würde ich trachten meinen Fuss aus diesem Garne unvermerckt
zurücke zu ziehen. Denn meinem Bedüncken nach erfordert so wohl Liebe als
Freundschaft eine Gleichheit; und wie hohe Ankunft den Niedrigen einen Zunder
der Liebe abgibt; also hindert ein niedriger Uhrsprung bei den Edlen / dass eine
entglimmende Gewogenheit zu keiner Liebe werde. Zwar ist mir nicht unbekandt /
dass auch bei uns deutschen Königinnen ihre Liebhaber von der Pflugschaar
genommen; dass die Scytischen und Serischen Könige ihre Gemahlinnen insgemein
auch aus dem niedrigsten Pöfel erkiesen; aber ich weiss nicht / ob ihre Wahl mehr
für tugendhaft zu achten / als des Paris Beginnen für leichtsinnig zu schelten
sei; da er nach erfahrnem Fürsten-Stande seine Hirten-Buhlschaft Oenone
verschmähete. Denn wie die Rosen niemahls ohne Purper blühen / die Granat-Aepfel
nie ohne Kronen wachsen; also soll eine Fürstin auch nie nichts anders lieben
/als was Purper und Kronen in sich hat. Die Königin Erato begegnete ihr: Ich
habe mich der Rechtfertigung einer so niedrigen Liebe nicht anzumassen / weil
ich an nichts weniger / als an des Fürsten Zeno hoher Ankunft zweifele. Aber
mich dünckt / dass die so holdselige Tusnelde ein allzu strenger Richter über
die Liebe sei; wenn sie die Tugend eines niedrigern nicht für Liebens-würdig /
oder / wahrhafter zu sagen /nicht für edel hält; Da doch diese der Brunn alles
Adels ist. Ich lobe den Wahnwitz nicht / dass eine Käyserin sich in einen Fechter
/ eine Königin in einen Mohren / eine Fürstin sich in einen Zwerg verliebt. Ich
widerspreche nicht / dass wie auff den höchsten Gebürgen die reineste Lufft /
also in hohen Stämmen insgemein fürtreflichere Gemüts-Gaben anzutreffen /und
dass die mit Fürstlichem Geblüte vermählte Tugend einen zweifachen Glantz habe /
und also der niedrigern fürzuziehen sei; Aber ich kann auch nicht entengen / dass
eine Fürstin einen zu lieben Abscheu tragen solle / der durch seine Tugend sein
Geschlechte adelt / und den ersten Stein zu seinem Glücke leget. Sonst hätte
Astyagens Tochter Mandane nicht dem Cambyses / die Edle Hersilia nicht den
Tullus Hostilius / des Damascon Wittib nicht Agatoclen / und des itzigen
Käysers Tochter nicht den Agrippa lieben können. Sicher / die Liebe hat allzu
viel Zärtligkeit an sich / als dass sie diesem scharffen Gesetze sich
unterwerffen sollte. Die hohen Cedern sind der Ehrsucht /die niedrigen Myrten-
und Rosensträuche der Liebe gewiedmet; Diese aber hat mit jener keine
verträgliche Gemeinschaft. Die der Liebe ein Sinnbild zueignen / bilden sie wie
keinen Adler ab / die nur in der Schoss des Jupiters / oder auf dem Taurischen
Gebürge nisten / sondern wie Bienen / die an dem Saffte und der Seele der
niedrigen Blumen sich vergnügen; die den Tau des Himmels nicht verschmähen /
wenn er schon in die tiefsten Täler auf sich bückende Kräuter gefallen ist. Ja
auch die Liebe / die zwischen hohen Häuptern sich entspinnet / enteusert sich
bei ihrer süssen Genüssung aller euserlichen Herrligkeit; Sie suchet ihre
Ergötzligkeit nicht in den Zinnen der Palläste / sondern in den Wohnstädten der
Hirten; nicht in dem Gepränge des Hoffes / sondern in einfältiger
Verträuligkeit. Uber diss schiene der Fürstin Tusnelde Meinung auch der Würde
des weiblichen Geschlechtes einen Abbruch zu tun. Denn da ein Edler durch seine
Heirat eine Unedle adelte; warum sollte diese Krafft dem Frauenzimmer
verschränckt sein? Warum sollten sie nicht ihren Adel auf die
Geschlechts-Nachkommen fortpflantzen / die zu der Fortzeugung mehr Geblüte und
Sorge / denn die Männer / beitrügen? Diesemnach die Epizephyrier den Adel gar
vernünftig von den Müttern herrechneten; die Lycier ihre Kinder nach den
mütterlichen Ahnen /als denen edelsten Vor-Eltern nenneten; und die Egyptier
ihren Königinnen mehr Ehre / als den Königen erwiesen; in Indien die
Schwester-Kinder so gar die Söhne von der Reichs-Folge ausschlüssen. Die Fürstin
Tusnelde antwortete hierauf: Ich will nicht in Abrede sein / dass auch tapffere
Leute von gemeinen gezeuget werden. Dieses aber geschiehet vielleicht so selten
/ als denen Reigern auf ihren Köpfen die so kostbaren Königs-Federn / und denen
Schlangen Kronen wachsen. Dahingegen die alten Geschlechter nichts minder von
tapfferen Söhnen; als in Indien die alten Steinklippen von Schmaragden und
Türckissen reich sind. Die an der Sonne gewachsenen Früchte sind schmackhafter /
als welche an dem Schatten reif worden. Und wenn man auf den Adel tapfferer
Helden nicht ein besonderes Absehn nehmen wollte; was würde endlich zwischen
Kindern der Menschen und unvernünftiger Tiere für ein Unterschied bleiben? Man
verehrt ja das Altertum in den todten Ehren-Säulen wohlverdienter Leute / warum
nicht auch in ihren lebenden Ehrenbildern / nehmlich den Nachkommen? Diese
schuldige Ehrerbietung macht / dass diss / was ein Edler getan / stets
ansehnlicher sei /als was ein neuer Mensch ausgerichtet. Denn wo die Tugend in
einem Geschlechte einmal recht eingewurtzelt ist / können desselbten Nachkommen
so schwer in eine böse Unart verfallen; als die Mohren-Mütter weisse Kinder
gebähren; ungeachtet ihre Schwärtze keine unabsonderliche Eigenschaft selbiger
Menschen ist. Diesemnach denn der Adel gar billich für einen Lorber-Krantz zu
halten / welchen nicht alsbald die ersten Verdienste zu wege bringen / sondern
die verjährende Zeit denen Geschlechtern nach und nach aussetzt / wenn die
rühmlichen Taten gleichsam schon zum Teil vergessen sind. Dannenhero muss ich
unvermeidlich unserm Geschlechte ablegen / und für das männliche nachgeben: dass
/ nach dem die Früchte nicht so sehr nach den Stamme eines Baumes / als nach dem
Propfreisern fallen / ungeachtet jener allen Safft zum Wachstume tume hergeben
muss; die Art der Kinder / und also die Fortpflantzung des Adels mehr denen
Vätern / als Müttern zuzueignen sei. Jene sind doch nach aller Völcker Rechte
die Uhrheber / diese aber der Beschluss der Geschlechter. Alldieweil aber kein
Zweiffel ist / dass ein auf einen edlen Stamm gepfropffter köstlicher Zweig die
allervollkommensten Früchte trägt / muss ich die Gewohnheit der Deutschen
notwendig verteidigen / welche keinen für vollkommen edel hielten / noch zu
hohen Aemptern befördern / der nicht von Vater und Mutter Edel geboren ist.
Wiewohl sie in dem Kriege / als aus welchem der Adel seinen Uhrsprung nimmt /
solches nicht so genau beobachten / sondern man in Erwehlung der Heerführer bloss
auf ihre Tugend und Taten das Absehn hat. Die Fürstin Ismene ward von einem
geheimen Triebe gleichsam gezwungen Tusuelden einzubrechen: Sie meinte zwar von
beiden Seiten gut von Adel zu sein; nichts desto weniger unterstünde sie sich
nicht ihr selbst diesen Ehrgeitz beizumessen / dass es keine Unedle ihr nicht in
vielem zuvor tun sollte. Dahero däuchtete sie ihres Vaterlandes Gewohnheit
selbst allzu strenge / ja hochschädlich zu sein / weil sie durch Ausschlüssung
der Unedlen von den höchsten Ehrenstellen vielen Tugendhaften Leuten den Weg
verschränckte / dem gemeinen Wesen viel guts zu tun. Zeugeten Leute von
niedriger Ankunft nicht allezeit grosse Helden; so wären die Kinder der Edlen
auch oft von aller Tugend leer / welche doch alleine der Adel / wie die Speise
das Leben /erhielte. Vieler Fürsten Söhne wären ihren Vätern so unähnlich / dass
dieser Verdienste jenen nur ihre Fehler fürrückte / und ihrer tapffern Ahnen
verrauchte Bilder / ja gleichsam lebhafte Steine ihnen Krieg ansagten / und als
Unwürdigen den keinem Erb-Rechte unterworffenen Adel abstreiten wollten. Da nun
dieser ohne Verdienste als dem Uhrsprunge solcher Würde ein eiteler Schatten /
ein Verfolg tapfferer Taten herrlicher / als eine lange Reie berühmter Ahnen
wäre; da alle Menschen von einem entsprossen sein sollen / und also den Fürsten
der ganzen Welt zum Ahnherrn haben; da kein königliches Geschlechte so alt und
ansehnlich wäre / welches nicht niedrige Leute / die man nicht einst vom Nahmen
kennet / unter seinen Vor-Eltern hätte; ja der grösten Helden Nachkommen
insgemein gleichsam in ihr erstes Nichts verfielen / und daher die von den Edlen
Römern auf den Schuhen getragene Monden gar nachdenklich das Wachstum und das
Abnehmen des Adels abbildeten; da unsere Geschlechts-Register so leicht dem
Irrtume und unterschlieffe unterwunden wären / gestünde sie frei heraus: dass
sie bei habender Wahl zwar einen tugendhaften Fürsten allen andern fürziehen /
einen lasterhaften aber / ja auch so gar einen mittelmässigen einem tapfferen
Unedlen im heiraten unfehlbar nachsetzen würde. Sintemahl dieser / ungeachtet
seiner niedrigen Anherokunft / ihren Ahnen viel näher kommen würde / als die /
welche nur vom Geblüte Edel sind / und in sich einen Geist des Pöfels haben.
    Die Hertzogin Tusnelde war schon zu einem neuen Gegensatze geschickt; als
die Gräffin von Horn eine Jungfrau aus ihrem Frauenzimmer ihr andeutete: dass der
Feldherr mit unterschiedenen Fürsten schon im Vorgemache wären / sie
heimzusuchen. Also ward ihr Gespräche unterbrochen um selbte zu empfangen
/welche auch gleich in ihr Zimmer eintraten. Mit dem Feldherrn kamen Hertzog
Arpus / Segestes / Jubill /Rhemetalces / Malovend / und endlich auch Zeno;
dessen aber Erato nicht ehe innen ward / biss sie sich mit den andern
bewillkommet hatte. Wie diese zwei aber einander erblickten / verloren sie
beiderseits Farbe / Sprache und Bewegung. Alle Anwesenden /denen die Nahmen und
die Geschichte so wohl des Zeno / als der Erato / also auch die Ursache dieser
augenblicklichen Veränderung unbekandt war; sahen einander an / nicht wissende:
Ob sie beider Schrecknüss für eine Würckung der Feindschaft / oder Gewogenheit
auslegen sollten / biss der gleichsam aus einer Ohnmacht sich erholende Zeno für
der Erato auf die Knie sinckende / zu ruffen anfing: Ihr Götter! würdigt ihr den
unglückseligsten Zeno / dass er noch einmal den Schatten seiner
Seelen-Beherrscherin erblicke? Oder ist Deutschland so glückselig ein so wohl
getroffenes Fürbild der Armenischen Königin zu besitzen? Die Königin Erato
erholete sich nun gleichergestalt / iedoch konnte sie sich nicht mässigen ihn zu
umarmen / von der Erden aufzuheben / und zu beantworten: Nein / nein / mein
liebster Zeno; du stehest weder die Armenische Königin / noch ihren Schatten;
aber wohl deine getreueste Erato. Zeno fing alsofort nach solcher Ausdrückung
voller Bestürtzung an: O seltzame Bländung irrdischer Zufälle! darf wohl ein
Verwürfling der Welt / den das Glücke nicht nur dreier Kronen / sondern durch
die in der Welt erschollene Erkenntnis Ariobarzanens für den Sohn des Polemon /
seines Standes / seines eingebildeten Uhrsprungs beraubet / dem das Verhängnüs
nichts als das Leben zu einer Straffe übrig gelassen / seine Augen gegen einer
so erlauchteten Sonne aufzuheben sich erkühnen? oder darf der / dem die Götter
selbst den Rücken gekehrt / der sich weniger als ein an die Ruderbanck
geschmiedeter Sclave auszuführen weiss /ihm etwas von Treue oder Liebe einer
gekrönten Königin träumen lassen? Erato liess hierüber entweder für Freuden /
oder für Mitleiden einen reichen Strom von Tränen über die Wangen rinnen; und
antwortete ihm: Solte die / welche vom Fürsten Zeno in ihrer Erniedrigung / ja
ehe er sie gekennet / so hertzinniglich geliebt worden / von ihm itzo so
leichtsinnig absetzen; nach dem sein Uhrsprung von unserer Unwissenheit alleine
verdecket wird? Ventidius / der die Ehre gehabt zum ersten mahl in Rom über die
Parter ein Siegs-Gepränge zu halten / der in eben dem Tage des Königs Sohn
erlegt / als der edle Crassus so viel tausend edle Römer eingebüsst / hat
seinen Vater niemahls erfahren. Soll man der Sonnen ihre Ehre entziehen / wenn
sie Wolcken umbhüllen? Oder soll unsere reineste Liebe sich in eine Ehrsucht
verwandeln / und nicht auf die Tugend ihr Absehen haben / sondern mit dem
veränderlichen Glücke bald diese / bald jene Larve fürnehmen? Ich weiss ja wohl /
dass irrdische Abzielungen einen Menschen ihm selbst so unähnlich machen können /
als er keinem frembden ist; dass die Ehrsucht heute mit der Fersen stöst / die
die Schein-Liebe gestern geküsset; dass die jetzt wohlrüchenden Rosen uns morgen
anstincken. Aber die Götter werden meine Seele für dieser Schwachheit / oder
vielmehr für diesem Schandflecke behüten; dass mein itziger Unbestand den Anfang
meiner reinen Liebe zur Heuchelei machen; mich aber der Welt als ein Muster der
Leichtsinnigkeit fürstellen sollte. Tugend und Liebe sind beide von so hoher
Ankunft / dass ihr alle Würden weichen / alle Vorteil aus dem Wege treten
müssen. Zeno ward über so holdseliger Erklärung ganz auffs neue begeistert /
und nach dem er keine seine Regung genungsamausdrückenden Worte fand /seufzete
er und küste die Schnee-weissen Hände der jetzt zweifach belebten Erato. Alle
anwesenden Fürsten sahen diesen und mehrern Liebes-Bezeugungen erfreuet zu / und
ihre Zuneigung zu beiden Verliebten machte sie ihrer Vergnügungen nicht wenig
teilhaftig. Denn die sonst so eiversüchtige Liebe erlaubet gleichwol der
Freundschaft / dass diese sich über ihren Ergetzligkeiten belustigen möge. Und
es ist ein Beisatz der Glückseligkeit / wenn wir uns nicht allein selbst /
sondern auch andere glückselig schätzen. Wie nun die Fürstin Tussnelde noch
immer der Königin Erato die Tränen über die Wangen schüssen sah /fing sie gegen
ihr an: Ich weiss wohl / dass die Tränen insgemein nach den Seuffzern / wie ein
sanfter Regen nach einem warmen Tau-Winde zu folgen / und die Liebe sich so
wohl als ihre Rosen mit derselben Taue zu erfrischen / oder auch durch so eine
geleuterte Flut die Entzückung der Seele auszulassen pflege. Ich bin aber der
Gedancken gewest / dass die Tränen alleine der Betrübten Liebes-Kinder / und die
Traurigkeit ihre Weh-Mutter wäre. Nach dem ich nun mir unschwer einbilden kann /
mit was für einer Vergnügung die Königin Erato den Fürsten Zeno bewillkommt
haben müste; so lerne ich numehr / dass die Tränen eben so wohl ein reines Blut
freudiger Seelen sein / die ein verliebtes Hertze / welches seine Freude nicht
in sich beschlüssen kann / über die Ufer der Augen auszugiessen gezwungen wird.
Salonine / welche ihrer Königin Gedancken mercklich zerstreuet zu sein wahrnahm
/ vertrat sie durch folgende Antwort: Es wäre nicht ohne / dass das Lachen
insgemein eine Gefärtin der freudigen / das Weinen aber der bekümmerten Liebe
wäre; welches so denn sonderlich bei der Verliebten Zertrennung herfür zu
qvellen pflegte. Denn weil die Vorliebten sich so ungerne von einander
entferneten / stiegen ihre Seelen so gar biss zu den Augenliedern empor / um ihre
Buhlschaft zum minsten so weit / als das Gesichte trüge / zu begleiten. Weil
nun diese Trennung der vereinbarten Seelen ihre wahrhafte Verwundung wäre; so
güssen sich die Tränen aus selbten eben so häuffig aus; als wie das Geblüte aus
einem zergliederten Leibe herfür sprützete. Alleine bei einer unversehenen
Wiederersehung der Verliebten entzündete und öfnete sich ihr Hertze /die Seele
vereinbarte sich abermals mit ihren Aug-Aepffeln; und wäre begierig sich durch
ihre annehmliche Stralen mit dem / was sie liebt / zu vereinbarn. Weil nun die
Augen allzu unvermögend wären / das ganze Wesen der Seele in einen andern Leib
überzugiessen; züge sich so wohl von Liebe als Zorn in diesen irrdischen Sternen
eine Menge feuriger und nasser Geister zusammen / welche die von kalter
Traurigkeit verstopfften oder verfrornen Röhre des Hertzens öffneten / und die
herfür kugelnden Wasser-Perlen über die Wangen / wie die im Frühlinge von den
lauen Sonnen-Strahlen eröffneten Wolcken die sanften Regen abtröpffelten. Daher
auch die von der Freude mit Gewalt ausstürtzenden Tränen kalt / die langsam
herfür qvellenden Trauer-Zähren aber heiss wären; bei obiger Bewandnüss aber es
keines Verwunderns dörfte / dass die Einwohner des Hesperischen Eylandes das
Weinen für ein Merckmahl ihrer grösten Freuden angewehren sollten. Ismene fing
an: Salonine weiss von der Verliebten Tränen so tiefsinnig zu urteilen / dass es
scheinet / sie müsse hierinnen schon das Meister-Stücke gemacht haben. Ich hätte
meiner Einfalt nach solche Tränen für nichts anders / als einen Schweiss der
Seele zu halten wissen; welche von dem Feuer der Liebe und Freude / als denen
zwei hitzigsten Gemüts-Regungen ausgeprest würden. Dahingegen die kalte Furcht
das Hertze einzwänge / und darmit auch allen Tränen ihren Lauff verstopffte.
Rhemetalces nahm das Wort von ihr und sagte: Ich höre wohl / diese schöne
Fürstin sei eine Beipflichterin des Plato / welcher der Seele nicht nur Flügel /
sondern auch den Geistern leibliche Empfindungen zugeeignet hat. Ismene
versetzte: Ich bin zwar das ungelehrteste Kind in der Liebe / und traue daher
meine darinnen vorfallende Irrtümer nicht zu verfechten. Nichts desto weniger
glaube ich / dass die Seelen empfindlicher / als die Leiber sind; ja weil nichts
unbeseeltes etwas fühlet / die Glieder aber nur vermittelst der Seelen
Empfindligkeit haben / sollte man fast die Leiber für unempfindlich halten / die
Empfindligkeit aber alleine der Seele zueignen. Und ob wohl das Tränen-Wasser
kein selbst-ständiges Wesen der Seele ist / so scheint es doch so wenig
ungereimt zu sein / dass man es für einen Brutt der Seele / als den Regen für ein
Gemächte der die Dünste an sich ziehenden Gestirne hält. Die Fürstin Tusnelde
pflichtete Ismenen bei / dass die Tränen-Vergiessung nicht aus einem Gebrechen
des Leibes / noch von einer übelen Beschaffenheit der Feuchtigkeiten / sondern
von der Bewegung der vernünftigen Seele gezeuget würden / daher auch kein ander
Tier / als der Mensch alleine eigentlich weinen könnte. Dieses aber wäre ihr
mehr nachdencklich: warum die so weise Natur die Tränen so wohl zu Freuden- als
Trauer-Zeichen erkieset habe? Jubil antwortete: Vielleicht zu einer
Unterrichtung / dass das menschliche Leben mit Freuden und Traurigkeit stets
abwechsele / und unser Hertze in beiderlei Begebenheit einerlei Gebehrdung und
Empfindligkeit haben sollte. Aber / wie kommt es / dass das Frauenzimmer zum
weinen viel geneigter /als die Männer sind? Tusnelde versetzte: Vielleicht
meinen einige / dass die Weiber eine Verwandschaft mit dem feuchten Monden / die
Männer mit der trockenen Sonne haben; und jene daher auch kleiner und kälter
sind / und also sie mehr Zeug zu Gebährung der Tränen in sich haben.
Rhemetalces fiel ihr ein: Wo ihre Geburt der Seele zuzueignen ist / kann der
Tränen Uberfluss aus nichts anderm herrühren / als dass das Frauenzimmer eine
zärtere und empfindlichere Seele / also auch heftigere Gemüts-Regungen habe;
und also auch die Königin Erato dem Fürsten Zeno in der Liebe und Freude
überlegen sei. Salonine hielt es ihrer Schuldigkeit zu sein sie zu verreden /
und begegnete ihm: Ich glaube zwar / die Liebe sei eine ruhmswürdige Tugend /
denn sonst würden die Griechischen Welt-Weisen ihr schwerlich zu Aten im
Eingange ihrer hohen Schule ein Altar aufgerichtet haben. Diesemnach ihre
Stärcke so sehr / als die Grösse in Perlen gerühmt zu werden verdienet. Warum
will man aber hierinnen dem Fürsten Zeno seinen Preis zweifelhaft machen.
Sintemal ja die sich an ihm gezeigete Ohnmacht eine kräfftigere Entzückung der
Liebe ist / als die Tränen. Denn die Lebens-Geister / die gleichsam die Seele
der Sinnen / und der zweite Anfang des Lebens sind / zerstreuen sich daselbst so
sehr / dass selbtes kein ander Merckmahl /als ein schwaches Hertz-Klopffen
behält; welches nichts anders / als ein ängstiges Schlagen und Hülffe-Ruffung
der vergehenden Seele ist. Diese Ohnmacht der Verliebten ereignet sich nur bei
der übermässigen Begierde oder Freude; wenn das Hertze auff einmal alle seine
Pforten angelweit aufsperrt / dass die Geister / die so flüchtigen Werckleute der
Bewegung / die Federn in dem Uhrwercke der Sinnen / mit einem Hauffen heraus
brechen um mit dem Geliebten sich zu vereinbarn / und hiermit dem Hertzen alle
Krafft / und dem Liebenden schier gar die Seele entziehn.
    Unter diesem Gespräche verwandte Hertzog Jubill bei nahe kein Auge von der
mit dem Fürsten Zeno sich unterhaltenden Erato. Denn er empfand eine ihm
unbekandte Regung über der Schönheit und Grossmütigkeit dieser unvergleichlichen
Königin. Der Feldherr aber nahm für eine absondere Beglückseligung des Himmels
auf / dass er nicht allein so eine grosse Königin / und einen so tapffern Fürsten
in seine Bekandtschaft kommen lassen; sondern dass sie auch in seiner Burg / die
sie vielleicht für einen traurigen Kercker angeblickt hätten / durch ein
sonderbar Verhängnis und ihre Vereinbarung alle Gemüts-Beschwerden ablegen
könten / die sich in ihrem beliebten Vaterlande angesponnen hätten. Nach seinen
und der andern Fürsten gegen sie verwechselten Höfligkeiten ersuchte er sie
allerseits diesen Abend mit ihm Taffel zu halten; worzu er selbst die Fürstin
Tusnelden / Zeno seine so lange Zeit mit tausenderlei Hertzeleid vermiste Erato
/ Hertzog Jubil Ismenen / und Malovend Saloninen auf den grossen Saal führeten
/und nahe biss an Mitternacht die Zeit mit anmutigen Gesprächen und
Schertz-Reden verkürtzten; welche aber allein der Erato und dem Zeno durch die
Begierde einander ihre inzwischen ausgestandene Ebenteuer zu erzählen zu lang
werden wollte; biss endlich nach sämtlicher Abscheidung der angenehme Schlaff sie
ihrer Sorgen und vielfältigen Gemüts-Regungen auff einerlei Arterledigte; dem
Hertzoge Jubil hingegen durch allerhand Träume das Bildnis der wunderschönen
Erato noch tieffer / als vorher seine Augen /in denen die Liebe insgemein zum
ersten jung wird /ins Gedächtnis und Gemüte prägete.
 
                                     Inhalt
                              Des Vierdten Buches.
Tussnelde / Issmene / die Cattische Hertzogin und Fräulein nebst Saloninen werden
in begieriger Erwartung der zwischen der Königin Erato und Fürsten Zeno
vorgegangenen Ebenteuer von Adgandestern des Feldherrn obristem Staats-Rat zu
dem Taufanischen Tempel / allwohin des Drusus zu Alison von den Deutschen noch
übrig gelassene Heiligtümer gebracht werden sollen / verleitet / vom obristen
Priester Libys mit gewöhnlicher Ehrerbietigkeit in solchen geführet / und aldar
die vier Haupt-Ströme Deutschlandes / die Donau / der Rhein / die Elbe und die
Weeser nebst des Drusus in Lebensgrösse aus Marmer gehauenem Bildnüsse mit
allerhand schönen seine herrliche Siege und Taten in sich haltenden
Dencksprüchen gezeiget / über welcher sonderbaren Kunst und Erfindung sich die
ganze Versammlung zwar ergötzet / sich aber zugleich befrembdet / wie diese
ruhmrätigen Bilder zu Verkleinerung ihres Vaterlandes Schutz-Götter in ihr
Heiligtum gesetzet werden könten / welchen Hertzog Herrmann versetzet: dass die
Tugend auch bei Feinden zu loben / und zu guter Nachfolge dienen müsse / welchen
alles widrige Urteil überwiegenden Gründen des Feldherrn der Priester Lybis
beipflichtet / und die Tugend nicht anders als die Sonne überall einerlei und zu
verehren würdig schätzet; und kommt hierauf unter so vielen eratichteten Göttern
auf ein eintziges göttliches Wesen / welches alles einstimmig ordne / schaffe
und erhalte. Ob nun wohl der Priester Libys den sterblichen Menschen keine
Vergötterung zugestanden /sondern ihr ruhmbares Andencken in die Hertzen der
Lebenden / als die besten Tempel und schönste Ehren-Säulen gesetzet wissen will;
So kann er doch nicht alle euserliche Gedächtnis-Mahle / als dem rechten Sporn
lauer Gemüter / und also auch des Drusus Bild nicht so / wie die ihren reinen
Gottesdienst benachteiligende Altar-Täffel aufzurichten widersprechen / welche
letztere der Feldherr hierauf zerbrechen / den Hertzog Jubil / Arxus /
Siegismund und Melo aber zur Beratschlagung wichtig eingelauffener Schreiben in
Tempel beruffen läst. Fürst Adgandester Rhemetalces und Malovend besprachen sich
indessen bei Zermalmung dieser herrlichen Taffel von des Drusus Ruhme / der
Bunds-Genossenschaft und denn auch von den Gründen der Vernunft und Gesetzen
der Natur. Drusus wird wider die den Römern verhaste Feinde die Rhetier
geschicket. Käyser August zu Lugdun auf dem Wagen der Sonnen in Gestalt des
Apollo durch die ihm aufgerichtete mit eitel von der Sonnen und den
Haupt-Strömen Galliens hergenommenen auf ihn und den Julius zielenden
Sinnbildern ausgezierte Ehrenpforte in den vom Adginnius am Rhodan aufgebaueten
Tempel aufs prächtigste eingeholet. Die Gallier werden wider die Römer schwürig
/durch des Drusus Vorsichtigkeit aber bald wiederum zum Gehorsam gebracht;
Ingleichen die Moriner nebst den Batavern von diesem vergeblich bekriegt: welche
letztern von den streitbaren Catten entsprossen / ihren Sitz zwischen dem Rheine
und Nord-Meer erkieset / dem Schutz der Britannier sich anfänglich unterworffen
/ nachgehends aber dieses harte Joch vermittels ihres tapffern Hertzogs Eganors
und seines Sohnes Eisenhertz sich wiederum zum freien Volcke gemachet. Dieser
ihre grosse Handlung und Schiffart hat sie in der ganzen Welt bekandt / ihre
Hertzhaftigkeit sie fast zwischen allen Völckern zu Schieds-Richtern und
Bundsgenossen der mächtigen Römer gemacht / biss sie endlich von den klugen
Britanniern /ja selbst dem Hertzoge Wodan durch die Süssigkeit der Ruhe und des
Gewinns eingeschläfft / der Waffen vergessen / vom Drusus plötzlich überfallen /
und in kurtzer Zeit fast des halben Teils ihrer Herrschaft entsetzet worden.
Enno ein alter Staats-Mann bringt die Fürstliche Herrschaft als die älteste
und heilsamste Herrschens-Art wider das neue Staats-Gesetze zum Vorteil des
Cariovalda und Frohlocken des Pöfels wieder auf den Teppich / worauf dieser
einen der vornehmsten Räte und den gemeinen Redner wider Urtel und Recht aus
einem blossen Verdacht erbärmlich abschlachtet. Inzwischen nehmen die Sicambrer
/Usipeter und Catten aus einer sonderbaren Staats-Klugheit gleichwol wahr: dass
sie sich von den herrschenssüchtigen Römern nicht einzuschläffen / sondern des
Drusus sieghaften Waffen zu widersetzen Ursach hätten / wordurch des Drusus
Heer denn von den Batavern abgezogen / von jeden aber wegen des Ober-Gebiets und
Missträuligkeit weiter nichts fruchtbares ausgerichtet wird / als / dass ein
Stillstand der Waffen zu ein und anderm höchsten Nachteil erfolget. Drusus
unterfänget sich gegen die Friesen und Catten eines nicht minder glücklich als
verzweiffelten Werckes durch Vereinbarung eines Rhein-Arms mit der Nabal und
Aufbauung der Festung Drususburg /überwinder die bei einem sonderbaren Feier
versammleten Friesen nach hartem Gefechte seiner eigenen Verwundung / und des
gefangenen Fürsten Cheudo grossmütigen Antwort. Er Drusus ergötzet sich an der
ins Nord-Meer sich ausgiessendem Emsse / wie nicht weniger an denen vom Hertzoge
Wodan dabei aufgerichteten und auf sich selbst deutenden Säulen. Die hier aus
geschöpffte Selbst-Liebe und Heuchelei veranlasst ihn auch die Chäutzen
überfallen / die ihn aber mit höchstem Verlust und gäntzlicher Niederlage der
Friesen ganz kraftlos wieder nach Rom schicken / von dar ihn Eifer und Rache
bald wieder zurücke diesen und den Usipetern auff den Hals ziehen / welche
erstern sich auch nach hertzhafter Gegenwehr dennoch dem Römischen Joche
unterwerffen / und durch plötzlichen Uberfall des Cheruskischen Gebiets zu
Deutschburg des Feldherrn Segimers zwei Söhne mit ihrer Mutter Asblaste dem
Drusus zur Beute werden müssen. Der Feldherr Segimer der Sicambrische Hertzog
Melo ziehen die Catten in ihr in einem heiligen Häyne mit der Römer Blute
gleichsam bezeichnetes Bündnis / schneiden dem an die Weser gerückten Drusus /
welcher Fluss / seiner eigenen in Stein gegrabenen Worte nach der Zweck seiner
Siege war / die Rückkehr ab / in welchem blutigen Fechten die Römer 12. Fahnen
der Nervier / 8. der Friesen / 20. der Gallier nebst einem Römischen Adler
einbüssen /Anectius vom Arxus / Senectius vom Melo erlegt und Drusus vom Segimer
verwundet wird / so / dass er sich nach Alison flüchten musste / von dar er nach
Rom zum Siegs-Gepränge beruffen / und vor ihm her des Feldherrn Gemahlin
Asblaste mit ihren zwei Kindern auff einem goldnen Wagen mit 4. weissen Pferden
geführet wird. Von dieses des Drusus mehr den Deutschen zum Schimpff als ihm zu
Ehren gereichenden Siegs-Gepränge kommt Adgandester auff Rhemetalces und anderer
Fürsten inständiges Anhalten auff der Octavie des Käysers Schwester Tochter die
schöne in einen Edelmann Nahmens Murena verliebte dem Drusus aber von der Livia
und Augustus zugedachte Antonia / wie diese ihre Liebe unter einer in dem ihr
verehrten Vorwerg bei Baje zahm gemachten Fisch Murene so klüglich verstecket.
Wie sehr sich beide gleich vor der auffsichtigen Octavie und schlauen Livie in
acht nehmen / so muss doch eine im Saal des Weihers gefundene stumme Taffel / und
bald darauff die durch widrigen Zufall erfolgte Verwechselung der Brieffe ihrer
Liebe Verräter sein. Octavia und Antonia geraten durch Umstürtzung des
Schiffes in Lebens-Gefahr / werden aber vom Murena wunderbar errettet; Die
verwechselten Brieffe zwischen Julien und Antonien gegen einander ausgewechselt
/ diese auch von jener bei bevorstehenden zu Puteoli angestellten Schau-Spielen
/ wobei Hertzogs Segimers Gesandter der Ritter von der Lippe das beste getan
/alles Vorschubs in ihrer geheimen Liebe zwar versichert / unter dem vermeinten
Murena aber dem Drusus fälschlich in die Hände gespielet / worüber sie in halbe
Verzweiffelung gesetzet wird. Inzwischen wird Drusus in der am so genannten
Spiegel-See der Göttin Diane gelegenen Höhle Egenia von seiner Mutter wegen
eines an die Julia gefertigten Brieffs gerechtfertiget / diese Stadtkündige
Laster nebst andern ihrer Ehe verhinderlichen Geheimnissen / dagegen die
wunderwürdige und mit allen Tugenden vergesellschaftete Schönheit der Antonie /
die ihm mit der Zeit den Käyserlichen Tron zum Braut-Schatze zu bringen würde /
ihm vor Augen gestellet / endlich auff des Käysers vorgezeigten Befehl zu der
letztern Entschlüssung auch bewogen / und diese wenige Tage darauff nach denen
der Diane geschlachteten Opffern zu Rom durch ordentliches Beilager mehr mit
Liviens und Juliens / als der Vermählten Freude prächtig vollzogen wird. Dem
Drusus steckt Juliens Liebe noch immer im Kopffe; Julia dagegen der Zeiter in
Kummer und Einsamkeit vergrabenen Murena zu geniessen dencket auff alle
ersinnliche Mittel / wird aber von der begleichleidigten Antonia mit gleicher
Müntze bezahlet und der Liebe des Murena entzogen /gleichwohl aber durch die
Staassüchtige Livia mit tausenderlei Erfindungen an ihren andern Sohn den
Tiberius mit Verstossung der frommen und schwangern Vipsania vermählet; diese
mit unablässlichen Geilheiten schwanger gehende Julia zündete nicht weniger
Eifersucht bei ihrem Gemahl / als neue Liebes-Flammen in dem Gemüte des Drusus
an; bauet am Rheine die nach ihrem Gemahl benahmte Stadt Tiberich / ihr selbst
zu Ehren und des am Rhein stehenden Drusus mit besserm Fug zu geniessen / an der
Ruhr die Stadt Jülich. Dieser fällt auffs neue die Catten wieder an / wird auch
von ihrem am Ufer hertzhaft fechtenden Hertzoge Arpus selbst verwundet; Dennoch
aber von diesem wegen der den Römern zu Hülffe kommenden Ubiern sich in die
Wälder zwischen die Fulde und Weser zu setzen vor ratsam gehalten / allwo ihn
Drusus ungeirret lassen / sich gegen dem Mäyn wider die Hermundurer zurücke
ziehen /vor der grossen Macht des Marobods seine kriegerische Waffen in
Friedens-Zeichen verwandeln / ja dieses und des Schwäbisschen Königs Vannius
erlangte Feindschaft mit allerhand kostbaren Geschencken verehren muss. Nach
diesem Erfolg sucht er seine Rache an denen von fremder Hülffe entblössten
Cheruskern auszuüben / setzet über die Weser biss an Hartz-Wald / nach gefundenem
Widerstande wendet er sich gegen die Elbe / diesen noch von keinem Römer iemahls
betretenen Fluss zu übersetzen; Allein die Gespenster müssen sich seinem Ehrgeitze
in Weg legen / und die durch Opffer vergeblich versöhnten Schutz-Götter des
Flusses ihm seinen Brückenbau hindern. Die dissfalls sorgfältigen Rhemetalces und
Adgandester sich unter einander besprechende Fürsten: Ob diese vom Drusus und
vielen andern erzehlte gleichstimmige Begebnis wahrhaftig geschehen und was
davon zu glauben sei? vergesellschaftet der ihnen zuhörende Priester Libys /
erteilet ihnen seine Gedancken über die denen Menschen / Landschaften / Bergen
/ Städten / Tempeln und Flüssen zugeeignete Schutz-Götter / wie von diesen in
Notfällen augenscheinliche Hülffe erfolget / also um so viel weniger zu
beleidigen / noch durch was widriges zu verjagen wären / ja es zeigte der
schlechte Ausgang des Drusus: dass diese durch keine vermeinte Künste / wohl aber
durch unsere eigene Laster entrissen werden könten / dafür wohl gar einige
Menschen in ihren Geburtstägen von ihrem sichtbaren Schutz-Geiste oder durch
Träume gewarnet worden. Der hierauff unverrichteter Sache sich wieder zurück
ziehende Drusus findet seine über die Weser geschlagene Brücke nicht allein
zernichtet / sondern auch von seiner dabei gelassenen Besatzung nichts mehr als
ihre Todten-Knochen. Die wieder ergäntzte Brücke steckt der im Hartz-Walde
stehende Segimer durch sonderbare List wieder in Brand / erleget das hierdurch
geteilte feindliche Heer biss auffs Haupt / den Drusus bei nahe selbst durch
Stürtzung seines verwundeten Pferdes. Dessen gefährlicher Beinbruch wird durch
den zuschlagenden Brand unheilbar / die Gefahr dem Tiberius durch schnelle
Botschaft beibracht / welcher ihn kümmerlich zu Mäyntz noch lebend antreffen
und ihm den letzten Abschieds-Kuss geben kann. Die anwesende Julia drückt ihm die
Augen zu / mit ihren Tränen wäscht und salbt sie zugleich seinen Leib ein /biss
er vollends nach Rom gebracht / alldar öffentlich gewiesen / vom Käyser selbst
seiner Taten halber gerühmet / durch die vornehmsten der Römischen
Ritterschaft auff das Feld Mars getragen / allda verbrennet / die Asche ins
Käyserliche Begräbnis gesetzet /ja ihme und allen seinen Söhnen nicht allein der
Nahme des Deutschen gegeben / sondern auch statt des ihm bestimmten
Siegs-Geprängs andere Feier und Gastmahle angestellet / zu Rom und am Rheine
Ehrenbogen auffgerichtet / die Mutter Livia aber in die Zahl derselbigen Mütter
/ die drei Kinder geboren /gezehlet worden. Unterdessen nimt Segimer die vor
unüberwindlich geschätzte Festung Alteim am Rheine ein / dräuet auch einen
Einfall den Galliern / also: dass Käyser August den Batavern ihre Länder und
Städte an der Maass wieder abtreten / Segimern durch annehmliche
Friedens-Vorschläge besänftigen und die übrigen Bundes-Genossen befriedigen
muss. Uber dieser des Adgandesters Erzehlung läufft die unvermutete Nachricht
ein: dass die Fürstin Tussnelde nebst ihren Gefährtinnen aus dem Lust-Garten mit
Gewalt geraubet worden / worauff der nebst dem Fürsten Jubil im Tempel sich
befindende und darüber höchst bestürtzte Hertzog Hermann augenblicks seine
Leib-Wache auffbeut und samt den übrigen Fürsten den Räubern nacheilet / von
welchen / und dass Fürst Zeno tödlich verwundet / die an einen Baum gebundene
Solonine / ingleichen einige übereilete Lombardische Soldaten Bericht erteilen
/ auch: dass Segestes und Marobod diesen verzweilfelten Anschlag ausgeführet /
und an dem Furte der Weser mit 6000. Pferden der Räuber erwartete; Worauff
Hertzog Herrman sich gleichfals verstärcket / und / ehe er es vermeint / mit
des Feindes Hinterhalt ein Treffen halten muss / biss er endlich gar auff sie
stöst / viel zur Beute machet / und nach Erblickung seines Leit-Sterns der
Tussnelde selbst den Marobod als ein wütender Löwe anfällt; von der Menge aber
endlich übermannet / gefangen und von dem undanckbaren Segestes mit einer
schimpfflichen Ketten als ein Knecht geschlossen wird / auff welche erblickte
Schmach Tussnelde als eine ihrer Jungen beraubte Bärin dem nächsten Lombarder
den Degen ausreisset und durch dessen tapffern Gebrauch den Feld-Herrn aus den
Ketten /ein unter dem Rhemetalces darzu kommender Ritter Horn aber ihn auff sein
Pferd bringt / dass er den Marobod / jener aber den Segestes hurtig anfallen
kann; Worauff dieser ihm übel bewusste und heftig verwundete Flüchtling eines
schimpfflichen Todes halber; Marobod aber gleichfals verwundet mit Hinterlassung
seiner herrlichen Beute / die er letzt noch durch einen verzweiffelten
Bogen-Schutz zu verderben suchet /sich aus dem Staube machen und mit den
seinigen den Platz räumen muss. Indessen halten Hertzog Melo und Jubil mit dem
Marsingischen Hertzoge Taxis und des Sarmatischen Königs Jagello Sohn Boris
einem halben Riesen ein hartes Gefechte / darinnen Melo zweimahl verwundet sich
zurück ziehen / und Jubil die Hitze vollends allein aushalten muss / biss er
endlich des Boris Pferd verwundet und zugleich den Reuter mit seiner schweren
Rüstung über und über stürtzet /wie er ihm aber vollends das Lebens-Licht
auszulöschen im Wercke ist / wird er durch ein unvermutetes auch bald hierauff
erkanntes Geschrei der sich gegen einige blancke Sebel der Sarmater
beschirmenden Königin Erato hiervon ab / und ihr zu Hülffe gezogen / daran er
aber von zweien zu des Boris Leib-Wache abgerichteten und von dessen
Waffenträger wider ihn lossgelassenen weissen Bären mercklich gehindert / wegen
der Königin selbst in grösten Kummer gesetzt / ja letzt von dem noch übrig
lebenden Bären bei seinem grösten Unglück auff ganz wunderbare Weise in den Ort
gebracht wird / allwo sich die kaum noch atmende Königin mit den geilen
Sarmatern ärgert / sie aber hiervon alsbald mit der Feinde eigenen Waffen
erlöset / und auff zweien in Wald verlauffenen gesattelten Pferden wieder zu
seinen durch den Fürsten der Hermundurer entsetzten Cheruskern bringt.
Tussnelde dancket ihrem vom Blut bespritzen Hertzog Herrmann mit tausend
Tränen vor die Erlösung / verflucht die Untreu ihres Vaters; der Feld-Herr aber
leget auff der Wage seiner Vernunft dem vergessenen Unrecht vor der Rache das
Gewichte zu. Nicht weniger fällt die Königin Erato dem Hertzog Jubil in die
Armen / und erhebt ihn unter vielen Lobsprüchen vor ihren Schutz-Gott / wird
aber von ihm wie vorhin mit rühmlicher Tapfferkeit / also auch nunmehr mit aller
gegen gesetzten Höffligkeit verfochten. Diese Begebnüss giebet zugleich Anlass zu
einem unwidersprechlichen Urteil: dass Tugend und Laster nicht dem Einfluss der
Sternen / am wenigsten aber gewissen Ländern zuzuschreiben / sondern ieder Ort
seine Wunderwercke und Missgeburten nicht weniger als seine Tage und Nächte habe:
Ja wo Sonnen /es nicht an Finsternissen; Wo Menschen / es nicht an Ungeheuern
fehle / deren Grausamkeit alle vernunftslose Tiere zu entwaffnen / und gegen
die Königin Erato die sonst raasenden Bären mehr Barmhertzigkeit als die
Sarmatischen Unmenschen vorzukehren gewohnet. Uber diesem Gespräche kommen
unvermuts einige vom Adgandester und Malovend geschlagene Marckmänner dem
Feld-Herrn in die Hände / welcher / an statt: dass er dem flüchtigen König
Marobod vollends vertilgen können / ihm durch einen Brieff erspriessliche
Friedens-Mittel anzutragen / und seine über ihres Vaters des Segestes Untreu
höchst bekümmerte Tussnelde dadurch möglichst zu trösten bemühet ist. Tussnelde
erzählt ihren und der Königin Erato vorgegangenen Raub / des Fürsten Zeno dabei
erwiesene Tapfferkeit / Saloninens Ungemach / Segestes und Marobods über sie
ergangene Entschlüssungen mit höchster Gemüts-Beschwer / und wie sie endlich zu
Deutschburg anlangen; kommt Hertzog Hermanns Bruder Flavius mit höchster Freude
des ganzen Hofes auff etlichen Post-Pferden alldar an / und überbringet von Rom
die grosse Bestürtzung über des Varus erlittenen Niederlage / so den fünften
Tag / weil insgemein dem Ruff Flügel angehefftet werden / schon alldort kundig
worden; Augustus verlieret durch sein hierbei bezeigtes Ungeberden das Ansehen
bei den deutschen Fürsten / die ihn des Tages zuvor aller widrigen Zufälle
Meister /ja der ganzen Welt Beherrschung würdig geschätzet; Jedoch redet diesem
der Feld-Herr alleine noch das Wort / und zwar: dass zuweilen auch der
Hertzhaftigste dem Glücke und der Natur ausweichen / bei Helden die Furcht und
Tapfferkeit eben so wohl als in Wolcken Feuer und Kälte sich vereinbaren müste.
Flavius erzählt seine Begebnis und Aufferziehung zu Rom / der Römer
insonderheit des jungen Lucius lasterhaftes Leben und Geilheit. In dieses
jungen Fürsten Hertze hält die Lehre des weltweisen Atenodors und der
heuchlerische Hoff einen rechten Kampff-Platz. Jener bemühet sich ihm auff
tausenderlei Art die Wollust zu vergällen; Ein ander von der Staats-süchtigen
Livia erwehlter Welt-Weiser Aristippus aber flöste ihm dagegen solche ins geheim
durch seine verzuckerte Worte und verteuffelte Hand-Griffe ie mehr und mehr ein
/ biss solche endlich vom Sotion einem frommen Druyden verraten / Flavius nebst
dem Cajus und Lucius / welcher an den hitzigen Morinnen sein eintziges Vergnügen
/ an allem weissen Frauenzimmer als todten Bildern einen Eckel gehabt /von diesem
Laster-Balge entrissen / dieser aber nebst seiner ergriffenen unzüchtigen
Gesellschaft auffs Käysers Befehl erwürget / in die Tiber geworffen / und alle
Epicurische Weltweisen aus Rom und Welschland verbannet werden. Der Käyserin
Livia Geburts-Tag wird zu Rom mit allerhand Auffzügen auffs prächtigste begangen
/ Lucius dabei in die Dido des Juba und jungen Cleopatre Tochter / weil er ohne
dem einen sonderbaren Zug zu den schwartzen Morgenländern gehabt / heftig
verliebet; Flavius aber / welcher sich ihn von seinen schwartzen Gotteiten
abzuhalten / und die Weissen vor jenen mit allerhand Gründen zu erheben bemühet /
auch das Urtel durch die Schieds-Richter nebst dem Nahmen Flavius erhellet /
von ihr mit mehr Stralen der Bewogenheit beglücket / dagegen von seinem
eiffersüchtigen Neben-Buhler; dieser von der darzu kommenden Dido / Dido vom
jungen Agrippa durch einen Dolch; Agrippa vom Micipsa der Dido Edelknaben durch
einen Pfeil tödlich verwundet wird; die Verwundeten werden alle von einem
Britannischen Artzt nicht so wohl durch Verbindung der Wunden / als des mit
einem gewissen Staube bestreuten Dolches wiederum geheilet / der Artzt aber /um
/ dass dieser den Flavius sein Hülffs-Mittel zugleich mit geniessen lassen / mit
eben diesem Mörder-und schädlichen Werckzeuge vom Lucius in Leib gestochen /
welche Tat dem Käyser zu höchster Empfindligkeit / und den Flavius ausser Rom
in Sicherheit zu wissen veranlasst / so nach schmertzlichem Urlaub bei der Dido
unter dem König Juba und Cornelius Cassus wider der Getulier Hiempsal zu dienen
bald begierig / und die Dido in Numidien wieder zu sehen gewärtig ist. Juba läst
dem Gefangenen Himilco den Kopff abschlagen und solchen dem die Stadt Azama
beschützenden Hiarba mit gleichmässiger Bedräuung überbringen / welcher ihm
hundert Köpffe gefangener Numidier unter dem Vorwand sonderbarer Freigebigkeit
und eines schuldigen Danck-Opffers zur Gegen-Gabe lieffert. Wodurch die Numidier
noch mehr erhitzet und die Getulier durch einen vom Flavius ersonnenen listigen
Streich vermittels der Alraun-Wurtzel in seinem verlassenen Läger eingeschläffet
/ hierauff überfallen / gefangen und der ertödteten Köpffe dem Juba zur Beute
überbracht werden / von welchen dieser König einen grossen Berg schütten / mit
den Gefangenen die Stadt Antotala bestürmen / alles darinnen niederhauen und den
Deutschen zu Ehren die Stadt Tumarra / allwo Flavius diesen Sieg erhalten
/Germana heissen läst. Nach gäntzlich erlegter Feinde und des Hiempsals eigener
Person setzet zu Cirta des vergötterten Juba durch künstliches Zugwerck von der
Cleopatra zubereitetes Bild seine Krone dem in Tempel siegreich zurück kommenden
Könige Juba; Zwei andere aber dem Cornelius Cassus und Flavius zwei mit
Diamanten und Rubinen durchflochtene Lorber-Kräntze auf; dieser letzte findet in
dem seinen einen verwirreten Zettel / nachgehends aber in dem Tempel der
Getulischen Diana unter diesem Bilde seine unter andern zum Schlacht-Opfer schon
fertig stehende geliebte Dido / welche über des Flavius Anblick in Ohnmacht
weggetragen / eine andere in ihre Stelle verordnet / auch vom Juba folgenden Tag
im Tempel in Beisein des Priesters über den zu Rom ihr begegnenden Verlauff
befraget wird. Da sie denn mit aller Bestürtzung des Lucius zu Massilien an sie
versuchte Tätligkeiten / davon sie sich nicht anders / als durch das Gelübde
ewiger Jungfrauschaft los reissen können / nebst Verachtung ihrer Götter und
Stürmung des Tempels / worüber ihm Dianens gerechte Rache das Lebens-Licht
ausgeblasen / erzählt: Welch gezwungenes Gelübde Flavius als ungültig verwirfft
/der oberste Priester dagegen widerspricht / und die Dido dabei zu sterben
verurteilet / worüber der König und Flavius betrübt aus dem Tempel gehen
/Cornelius Cassus aber nach Rom wegen der gezwungenen Getulier zum
Siegs-Gepränge kommen muss. Flavius erzählt: Dass er unter Furcht und Hoffnung
noch ein ganzes Jahr bei dem Könige Juba zu Hofe geblieben / die Getulier auf
Anstifften der Garamanten aber bald hierauf wiederumb wegen des in Lybien
geänderten Acumonischen Gottes-Dienstes wider die Römer die Waffen ergriffen /
so König Juba unter seines des Flavius tapfern Anführung mit Eroberung vieler
Städte / des Micipsa eigenhändiger Erlegung / und des Amilcars am so genanten
Sonnen-Brunnen erfolgten Gefangenschaft bald wiederumb dämpfet / worauf
Ovirinius zu Rom / Juba und Flavius zu Cirta /dieser letztere mehr über die
Feinde als seine Seelen-Beherrscherin sieghaft einziehet: Denn an statt / dass
ihre annehmliche Bewillkommung seine Freude vermehren soll / eröffnet sie ihm
durch ein Schreiben /dass sie ihre Jungfrauschaft einem geilen Priester opfern
müssen / welche Greuel-Tat Flavius an dem obersten und übrigen ihm
vergesellschaftenden Priestern mit eigenhändiger Ausschneidung ihrer Mannheit /
zum Zeugnis ihrer künftigen Keuschheit zu rächen / und dem Juba in einem
Abschieds-Briefe solches zu seiner Nachricht zu eröffnen nicht umbgehen kann /
darauf er wieder nach Rom kehret / vom Käyser und Tiberius wegen seiner vor die
Römer in Africa geleisteten guten Dienste wohl empfangen / des Käysers Leibwache
zum Haupte vorgestellt / bald aber wiederumb mit dem Tiberius und Rhemetalces
entgegen dem Bato / Dysidiat / und die die Römer glücklich bekriegende Dalmatier
gesendet wird. Der widrige Lauff dieses Krieges bringt den Tiberius in einigen
Verdacht / den jungen Agrippa hingegen aus Bret / welch ihrem Sohne
höchst-schädliche Neben-Sonne die argdenckliche Livia bald wieder verfinstert.
Inzwischen wendet der in Pannonien geschickte Germanicus allen möglichen Fleiss
an / dem Bato einen glücklichen Streich zu versetzen / welcher auch vermittels
des Flavius und Deutschen Tapferkeit / ingleichen durch des Feindes Zwytracht
dergestalt erfolget /dass Dysidiat den Tiberius umb Frieden anflehen muss / nach
welch glücklichen Erfolg Tiberius / Germanicus und Flavius mit Freuden und
erlangten Sieges-Kräntzen wieder nach Rom kehren / Bato aber vom Dysidiat wegen
seiner Verräterei gespisset wird /welche der Käyser vor einen neuen
Friedens-Bruch annimt / den Dysidiat aufs neue überziehet / Tiberius die Festung
Anderium / Germanicus durch des Flavius Hülffe die von den inwohnenden Weibern
aufs äuserste beschützte Stadt Arduba erobert / und endlich die Dalmatier /
Pannonier / Dacier und Sarmater nach vielen harten Treffen / worüber der tapfere
Silan sein Leben einbüsset / am Ister und Drave-Strom gäntzlich erleget /
Dysidiat aber dergestalt ins Enge gebracht wird / dass er zu den Füssen des
Tiberius mit Darreichung seines Kopfes umb Gnade bitten / und sein ganzer
Anhang sich unter des Kaisers Gehorsam beugen muss / welcher Ursachen halber denn
vor den Tiberius und Germanicus zu Rom neue Siegs-Gepränge / vor den Flavius und
den auf dem Bette der Ehren gestorbenen Silan zwei Sieges-Bogen in Pannonien
aufgerichtet / und auf der Wallstadt den sich dabei sonderlich wohl gehaltenen
Deutschen zu Ehren die Stadt Deutschburg aufgerichtet worden. Die inzwischen zu
Rom erschollene grosse Niederlage des Varus / dessen Ursache Hertzog Herrmann
sein des Flavius Bruder gewesen / habe alle seine Dienste vertilget / die
deutsche Leibwacht abzuschaffen / und aus Furcht mit andern Deutschen erschlagen
zu werden / dem Käyser Ursach zu geben / ihn nach dem Eylande Dianium zu senden
/ an dessen Ufer er unversehens mit der Dido angelendet / ihr mit tieffster
Ehrerbietigkeit begegnet /beider Unfall nochmals beklaget / und dabei berichtet
habe / dass Juba den obersten Priester mit Löwen zerreissen / die andern aber
alle entmannen lassen: Sie wäre erheblicher Ursachen halber nach Rom gereiset
/ihm aber zu seiner Flucht das eine Schiff abgetreten /dessen er sich mit
Vergiessung vieler Tränen bedienet / und also mit seinen zwei Deutschen
Edelleuten zu Massilien angelanget. Nach dieser Erzehlung und des Flavius von
der Fürstin Tussnelde / Issmene / und übrigem Cattischen Frauenzimmer erlangtem
Handkuss / scheidet diese vornehme Gesellschaft von einander.
 
                               Das Vierdte Buch.
Das Schimmer der schläfrigen Morgenröte hatte noch nicht den Schatten der Nacht
vertrieben / noch die aufgehende Sonne die Gestirne gar verdüstert / als die
vielfache Sorgsfalt schon dem Hofe den Schlaf aus den Augen gestrichen;
insonderheit aber die Liebe in unterschiedenen Gemütern alle Grmüts-Regungen
ausgelescht hatte. Fürnehmlich aber machte die Begierde der Königin Erato und
den Fürsten Zeno wache / umb ihre beiderseits überstandene Zufälle zu vernehmen.
Tusnelde und Ismene / wie auch die Cattische Hertzogin und Fräulein wurden auf
dieser Anleitung nach Erfahrung solcher Ebenteuer gleichfalls lüstern; Weswegen
sie sämtlich mit Saloninen sich in den eine Stunde von der Hertzoglichen Burg
gelegenen Lust-Garten verfügten / umb in ihren Erzehlungen von niemanden
gestöret zu werden. Adgandester aber des Feldherrn obrister Staats-Rat brachte
selbtem /als er mit dem Hertzoge Jubil / Arpus / Sigismund /Melo / Rhemetalces /
Malovend sich auf der Reit-Bahn befand / die Nachricht: dass zu Folge seines
Befehls die fürnehmsten Stücke des dem Drusus zu Ehren in der Festung Alison
aufgebauten / von den Deutschen aber abgebrochenen Heiligtum zu dem
Tansanischen Tempel geführt worden wären. Dieses veranlasste sie insgesamt sich
dahin zu verfügen / den Feldherrn zwar / dass er darmit die bei sich
entschlossene Anstalt verfügte / die andern Fürsten aber der Vorwitz diss
berühmte Gedächtnis-Mahl eines in der Welt so beruffenen Heldens zu sehen. Der
oberste Priester Libys bewillkomte beim Eingange des Tales diese Fürsten mit
gewöhnlicher Ehrerbietung / führte sie hierauf zu dem Tempel / für welchem die
Drusischen Denckmale niedergesetzt standen. Es waren die vier Haupt-Flüsse / die
Donau / der Rhein / die Elbe und die Weser aus Marmel künstlich gehauen / über
denen das Bildnis des Drusus aus Ertzt mehr als in Lebens-Grösse gegossen stand.
Sie lehnten sich mit den lincken Armen auf grosse Wasser-Gefässe / daraus ihre
Ströme geschossen kamen; mit der rechten Hand aber reichte die Donau dem Drusus
einen Myrten-Krantz empor / in dessen inwendigem Kreisse eingegraben war: Dem
Bezwinger der Aufrührer. Der Rhein langte ihm einen Krantz aus Eichen-Laube /mit
der Umbschrifft: Dem Erhalter der Bürger. Die Weser einen Lorber-Krantz / mit
denen Worten: Dem Uberwinder der Feinde. Die Elbe einen Krantz aus Oel-Zweigen /
mit dem Beisatze: Nach verjagtem Feinde. Des Drusus Bild hatte eine dreifache
vergüldete Krone / darinnen ein Mauer- ein Läger- und Schiff-Krantz artlich
durcheinander geflochten war /auf dem Haupte / in welchen künstlich gepräget
stand: Nach erstiegenen Mauern / nach erobertem Walle / nach dem Schiffs-Siege.
Dieses Gedächtnis-Mahl hatte mitten in dem achteckichten Heiligtum gestanden.
Von seinem Altare aber war alles zermalmet / ausser denen silbernen
Opfer-Gefässen /und einer silbernen Taffel / welche die förderste Seite des
Altar-Fusses abgegeben hatte; in diese war mit erhobenen Buchstaben nachfolgende
Uberschrifft gegossen:
                               Dieses Heiligtum
                      der Tugend und des Drusus Claudius /
                       beider unzertrennlicher Geferten /
          ist / auf Befehl des Kaisers / dessen Reich er erweiterte /
    aus Andacht der Römer / die er wieder in Freiheit zu setzen trachtete /
  mit den Händen der Feinde / derer Gemüter er ehe /als ihre Hälse fesselte /
                          in Deutschland aufgerichtet.
                            Die Donau betet ihn an /
Weil er die rauhen Vindelicher / die unwirtbaren Rheten / die kühnen Pannonier
                                   gezähmet /
                            Der Rhein fürchtet ihn /
                weil er seine Ausflüsse dreihörnricht gemacht /
                 seine niedrige Ufer mit Tämmen umbschrencket /
        seinen Nachbarn durch funfzig Festungen einen Kapzaum angelegt.
                            Die Weser verehret ihn /
               die er unter den Römern am ersten überschritten /
                  und allhier zwischen ihr festen Fuss gesetzt.
                          Die Elbe bewillkommet ihn /
                   weil sie für ihm keinen Römer gesehen hat.
                    Das Nord-Meer verwundert sich über ihm;
         weil er auf selbtem die ersten Römischen Flacken aufgesteckt.
                       Seiner Tapfferkeit schafften weder
                         die Feinde mit ihren Waffen /
                        die Gebürge mit ihren Klippen /
                         die Flüsse mit ihren Strömen /
                          die Lufft mit Gespenstern /
                    noch die Träume mit ihren Schrecknüssen
                               einige Hindernis.
Ja die Natur war nicht nur zu schwach ihm irgendswo einen Rügel fürzuschieben /
             sondern er selbst änderte die Gräntz-Mahle der Natur;
                  in dem er den Rhein mit der Isel vermählte /
                      in Deutschland neue Eylande machte /
                     den Nachkommen aber den Weg zeigete /
                 durch Zusammenschneidung der Arar und Mosel /
          das grosse Welt-Meer mit dem Mittelländischen zu vereinbarn.
              Seine Gestalt bezauberte die Hertzen der Anschauer /
                seine Tugend gewan die Gewogenheit des Himmels /
           welche von nichts als seiner Sanftmut übertroffen ward.
     Denn / ob er zwar wie der Blitz alles ihm widerstrebende zermalmete /
               so versehrte er doch nichts / was sich demütigte.
Ob er schon die Sicambrer durchs Schwerd / die Usipeter durch Feuer verheerte /
                 so nahm er doch die Schwaben freundlich auf /
               Er riss den Cheruskern die Palmen aus den Händen /
                  wormit er den Friesen Oelzweige einhändigte.
              Er vergnügte sich an dieser gezinssten Ochsenhäuten /
            und versorgte die Schwaben mit einem tauglichen Könige.
              Seine eigene Feinde netzten seine Asche mit Tränen
          weil niemand bei seinem Leben über ihn hatte weinen dörffen.
                     Seine Woltätigkeit hatte kein Maass /
                        seine Grossmütigkeit kein Ziel;
       Wenn die gütigen oder missgünstigen Götter in weiblicher Gestalt /
    mit der er auch unter den Sterblichen zu kämpffen verkleinerlich hielt /
                         selbtes an dem Ufer der Elbe /
        nicht so wohl seinen Wercken / als seinem Leben gesteckt hätten.
                Dann / nach dem er sich durch seine Taten allzu
                          zeitlich vergöttert hatte /
         verlangten die Götter seinen Geist unter ihrer Zahl zu haben /
            der Ruhm sein Gedächtnis bei der Nachwelt zu verewigen /
                 das Glücke sein Tun aus irrdischen Zufällen /
     das Heil seinen Leib aus den Bandensterblicher Schwachheit zu reissen.
               Das ewige Rom hob seine Todten-Asche in Gold auf.
  Die Hülfen seines Leibes würdigten die Kriegs-Obersten auf ihren Achseln zu
                                    tragen /
        Tiberius sie vom Rheine biss an die Tiber zu Fusse zu begleiten.
          Das Römische Volck hätte sein Leid nicht zu mässigen gewüst /
                  wenn nicht sein Geist seinen Sohn beseelet /
          und am Germanicus der Welt eine neue Sonne aufgegangen wäre;
                      also sich iederman beschieden hätte:
        dass zwei Drusus und zwei Sonnen einander nicht vertragen könten.
                   Diese allhier verächtlichrinnenden Flüsse
       verehren nicht so wohl seinen Schatten auf diesem Opffer-Tische /
      worzu die Adern des Hartz-Waldes ihr erstes Ertzt und Marmel gaben;
               als sie durch diss Ehren-Mahl sich selbst der Welt
                                bekandt machen.
Denn die Tugend versetzt nicht nur die Helden /sondern auch die Flüsse unter die
                                   Gestirne.
    Als diese ganze Versammlung alles nachdencklich durchlesen / und die Kunst
dieser Denckmahle betrachtet / fing Hertzog Arpus an: Ich muss bekennen /dass die
Erstlinge unserer Berg-Schätze in keine ungeschickte Hand gediegen; aber es hat
nicht allein der Römische Hochmut / sondern auch ihre Abgötterei der Hand den
Griffel und das Polier-Eisen geführet /die diese Steine ausgehauen / und diese
Buchstaben geetzt hat. Diesemnach bin ich begierig zu vernehmen / zu was Ende
der Feldherr diese Stücke zum Tempel unserer Götter zu bringen erlaubet habe.
Hertzog Herrmann begegnete ihm: Sein Absehn wäre diese Bilder im Eingange des
Tanfanischen Tempels aufzurichten. Der Catten Hertzog versetzte: Er nehme des
Feldherrn Erklärung für einen Schertz auf; sintemahl er nicht begreiffen könnte /
dass weder diese ruhmrätige Bilder ohne Verkleinerung der Deutschen Freiheit
unzermalmet bleiben / noch ohne Beleidigung des Vaterlandes Schutz-Götter bei
ihrem Heiligtum stehen könten. Der Feldherr antwortete: Es wäre sein
angedeutetes Absehn sein rechter Ernst. Man müste wegen seines eigenen Vorteils
der Tugend keine Kürtze tun. Drusus hätte durch seine Helden-Taten verdient /
dass ihn die Lebenden geliebt / die Nachkommen verehret hätten. Und er wolle eben
deswegen diese Denckmahle in die heilige Halle setzen / wormit die Deutschen
daraus ein Beispiel der Tugend / und eine Warnigung für innerlicher Zwytracht
schöpffen möchten. Wie man wegen einer beliebten Person ihre Laster nicht lieben
sollte / also müste man wegen einer unangenehmen der Tugend nicht gram werden.
Hertzog Arpus fing an: Er wäre in dem mit dem Feldherrn einig / dass man auch die
Tugend am Feinde hoch schätzen / und als ein Bild der Nachfolge anschauen sollte;
Er tadelte auch nicht / dass man in Siegs-Geprängen / oder auch in
Leichbegängnüssen die Bilder der überwundenen Völcker trüge / und dem Sieger zu
Ehren aufstellete; aber dem könnte er nicht beistimmen / dass man die zu sein und
seines Volckes Schande aufgerichtete Gedächtnis-Mahle stehen lassen / und
hierdurch diese Götzen der Ehrsucht verehren sollte. Solche Bilder rückten mit
ihrer stummen Zunge alle Augenblicke den Deutschen ihre Fehler für / und rissen
ihnen täglich die Wunden auf / dass sie nimmermehr verheilen könten. Sie machten
den Landes-Fürsten verächtlich / den Adel schwürig / das Volck furchtsam / und
den Pöfel unbändig. Dieser Ursache halben / und wormit er durch Verdunckelung
der Persischen Geschichte alleine der Griechen Helden-Taten in Ansehn setzte /
nicht aber aus einer wollüstigen Verleitung der Tais / habe der grosse
Alexander mit der Persischen Haupt-Stadt alle ihre Ehrenmahle eingeäschert; der
grosse Pompejus des Mitridates güldene Wagen / des Pharnaces und anderer
Pontischer Könige Bilder / Augustus der Ptolomeer Säulen aus den Augen selbiger
Völcker getan / und zu Rom in Schmeltz-Ofen geworffen. Uber diss wäre die
Aufrichtung solcher Säulen bei denen / die solches täten /ein Aberglaube / die
es aber verstatteten / ein unerträglicher Ehr-Geitz. Denn so schändlich es einem
Buhler wäre / sich mit der Magd seiner Braut gemein machen / so unanständig wäre
es auch / wenn man seine Liebe nur halb der Tugend / halb ihrer Magd /nehmlich
der eiteln Ehre / zuteilte. Ja weil diese Verehrung allein den Göttern keinem
sterblichen Menschen zukäme / massen auch die allerersten zu Rhodis den Göttern
wären gewiedmet / und vom Cadmus bei den Griechen in die Tempel gesetzt worden;
hätte Gott an vielen / teils durch ihre Zermalmung seinen Zorn ausgeübet /
teils selbte zu Merckmahlen irrdischen Unbestandes und Andeutungen himlischer
Rache gebrauchet. Die Säule des Hiero wäre eben den Tag herunter gefallen / als
er zu Syracuse umkommen. Aus des Spartanischen Hiero Bilde wären beide Augen
gefallen / als er kurtz hierauf bei Leuctra ins Grass gebissen. Die vom Lysander
erhobenen Sterne wären vergangen / und das Antlitz seines Marmel-Bildes mit
wildem Kräutichte überwachsen / ehe er mit dem ganzen Ateniensischen Heere von
den Lacedemoniern erschlagen worden. Gleichergestalt wäre diese unmässige Ehre
oft der Ehrsucht zu einer Schiffbruche-Klippe und zur Ursache eines gemeinen
Auffstandes worden. Als des Britannischen Königs Hippon Stadtalter der Hertzog
Bala / nach erhaltenem Siege wider die Menapier / Eburoner / Moriner /
Advaticher und Nervier / sein Bildnis / das zweien den Adel und das Volck
bedeutenden Bildern auff dem Halse stand / aus Ertzt hätte aufrichten lassen /
hätte er selbige schon gefässelte Völcker zu einem verzweiffelten Abfall /
seinen König um so viel Länder /sich um die Gnade des Königs / und in Verachtung
des Hoffes bracht. Das Bild wäre selbst wieder abgebrochen / und die unzeitige
Ehre in Schimpfverwandelt worden. Zuweilen hätten auch diese Säulen einen
Drittern den Hals gekostet. Dionysius habe den Antiphon lassen hinrichten / weil
er gesagt / diss wäre das beste Ertzt / woraus der zweien Tyrannen-Vertreiber des
Harmodius und Aristogitons Säulen gegossen wären. Hingegen wäre Cato zu loben /
dass er für eine grössere Ehre geschätzt hätte / wenn man seinetwegen gefragt:
warum er kein / als weswegen er ein Ehren-Bild hätte? Und Mecänas habe nichts
weniger dem Käyser klüglich geraten: Er sollte ihme durch Wohltaten unsichtbare
Säulen in die Hertzen der Menschen / keine Gold- oder silberne aber in Rom
aufsetzen; als Augustus nicht allein die ihm anderwerts aus Silber gegossene
Bilder zerschmeltzet / und dem Apollo Dreifüsse daraus gefertigt / sondern auch
anderer abergläubige Heuchelei mehrmahls verlacht habe. Denn als einsmahls die
Stadt Tarragon ihm durch eine Gesandschaft zu wissen gemacht / dass auf einem
dem Käyser zu Ehren angerichteten Altare ein Palmbaum auffgeschossen wäre; hätte
er so wohl ihren Aberglauben / als diss Wunderwerk / welches ein alberer Fürst
vielleicht in der ganzen Welt hätte ausruffen lassen / verlachet; in dem er den
Abgeschickten nichts anders geantwortet / als / er sehe wohl / dass sie ihm auf
seinem Altare wenig Opffer verbrenneten. Und da ja auch Menschen durch ihre
Tugenden solche Ehre verdienten; so wäre doch solche nicht den Feinden / am
wenigsten aber von den Deutschen einzuräumen. Ein Serischer König eines neuen
Stammes habe seinem Geschlechte für verkleinerlich geschätzt / wenn die Nachwelt
etwas älters /als von seinen Taten wissen sollte / und daher alle Bücher
verbrennt; Wie möchten denn sie Deutschen ohne Spott ihrer Feinde Bilder ganz
lassen? Die weder dem Tuisco noch dem Mann ihren eigenen Uhrhebern einiges
gemacht / ja nicht gerne solche den Göttern zu fertigen erlaubten; sondern ihre
Helden mit nichts / als einem Liede verehreten. Der Feldherr hörte den
Catten-Hertzog gedultig aus / setzte ihm aber entgegen: Es wäre seine Meinung
nie gewest den Ehren-Säulen das Wort zu reden / welche vom Aberglauben oder
Heuchelei Unwürdigen aufgerichtet würden. Er verlache die Abgötterei der
Griechen / die der Phryne Bild in den Delphischen Tempel gesetzt; der
Alexandriner / die der schönen Sclavin Balestia Tempel gebauet / des Cäcilius
Metellus / der der unzüchtigen Flora Bildnis in dem Heiligtum des Castors
aufgestürtzt; insonderheit aber des grossen Alexanders / der der Pytionice /
welche drei mahl eine leibeigene Magd / und eine Hure gewest / ein prächtiges
Grabmahl zu Babylon / der unkeuschen Glicera zu Tarsus eine ertztene Säule /
ihm aber selbst und den Seinigen kein Gedächtnis aufgerichtet hat. Auch hätten
die Säulen der Boshaften / oder die die Ehrsucht ihr selbst und zu anderer
Verkleinerung aufgesetzt / so wenig Bestand / so wenig das Laster durch einen
angeschmierten Firnis zur Tugend werden / oder Eigen-Ruhm zu seiner Vergrösserung
ausschlagen könnte. Des Demetrius Phalereus 360. Säulen hätten die Ehre nicht
gehabt / dass sie der Schimmel verstellt oder der Rost gefressen hätte; denn sie
wären alle noch bei seinen Lebzeiten abgebrochen und in stinckende Schachte
geworffen worden. Des Demas ertztene Bilder hätte man zu Nacht-Scherben
umgegossen. Hingegen hielte er in allewege wohlverdiente Ehren-Säulen für eine
herrliche Belohnung; ja für einen Saamen der Tugend / welche man zugleich
ausrottete / wenn man ihr allen Preis entzöge. Dieser wäre weder Frembden zu
entziehen / noch diese Beehrungs-Art für einen Greuel der Götter zu schelten.
Alexander hätte dem Aristonicus / einem nach tapfferm Gefechte in der Schlacht
umbgekommenem Cyterschläger eine Säule aufzusetzen kein Bedencken gehabt. Ja
der heilige Numa wäre von den Göttern dem weisen Pytagoras und dem tapffern
Alcibiades zwei Säulen in Rom aufzurichten befehlicht worden. Ja es diente zu
einer Verteidigung seines itzigen Beginnens / dass die Römer ihres geschwornen
Ertz-Feindes Hannibals Bild an dreien Orten ihrer Stadt aufgerichtet hätten.
Vielen hätten solche Ehren-Bilder den Trieb der Tugend eingepflantzt / den ihnen
weder das Geblüte ihrer Eltern / noch der Fleiss ihrer Lehrmeister einflössen
können. Dem Teseus hätten die Tempel des Hercules / dem Temistocles die Säulen
des Miltiades den Schlaff verstört und zu Helden-Taten angefrischet. Denn weil
das Beispiel frembder Ehre die Nahrung und der Zunder der eiversüchtigen Tugend
ist / werde ein feuriger Hengst von dem Schall der Trompeten nicht so sehr zu
der Schlacht als ein edles Gemüte durch frembden Ruhm aufgemuntert. Sintemahl
wie der Himmel grosse Helden in ihrem Leben dem Vaterlande zu Mauern / nach
ihrem Tode aber zu einem allgemeinen Spiegel des Adels und einem Muster ihrer
Lebens-Art bestimmet; also läst ein edler Geist sich nicht beruhigen / wenn er
in ihre Fussstapfen tritt / sondern er brennet für Begierde es ihnen noch
vorzutun. Der in dem Grabe schlaffende / ja wohl längst vermoderte Achilles
weckte den grossen Alexander alle Nacht auf / dass / wie er / dem mütterlichen
Geschlechte nach / von ihm entsprossen war; also er ihn in Taten übertreffen
möchte. Er sah sein Bildnis no comma? / dass ihm nicht Tränen aus den Augen
fielen; nicht so wohl Achillens Sterbligkeit / als seine eigene Langsamkeit zu
beweinen / dass er nicht schon berühmter als jener wäre. Wiewohl an ihm scheltbar
bleibt / dass er auch an Grausamkeit ihm überlegen sein wollte; als er an statt
des todten Hectors den lebendigen Betis umb die Stadt Gatza schleiffte. Was nun
Achilles dem Alexander war / war dieser dem Käyser Julius. Denn weil jener die
Morgenländer bezwungen / wollte dieser der streitbaren Abend-Welt Meister werden;
also: dass / da er ihn nicht übertroffen / doch zweifelhaft gelassen / ob der
grosse Alexander nicht kleiner als Julius gewesen sei. Käyser August hätte zwar
anfangs mit einem Sphynx gesiegelt / von guter Zeit aber brauchte er nur das
Bild des grossen Alexanders / nicht so wohl / dass selbtes ihm Glücke zuziehen /
als eine Aufmunterung zu grossmütigen Entschlüssungen abgeben sollte. Er selbst
müste beteuren / dass Marcomirs seines Anherrns Schatten ihm als ein Gespenste
oft für dem Gesichte umirrete; ja dass die Tugend seiner Feinde ihm täglich neue
Fürbilder auffstellete. Dahero er auch diese zu stürmen für ein Merckmahl
eigener Schwachheit hielte. Rom hätte die Ehren-Säule des hoffärtigen Tarqvinius
auch / nach dem man ihn als einen Feind des Vaterlands verjagt / nicht nur im
Capitol stehen lassen / sondern so gar des Uhrhebers ihrer Freiheit des Brutus
darneben gestellt. Als etliche Römer hätten des Philopemenes Siegs-Bilder in
Griechenland abbrechen wollen / weil er ihr Feind gewest wäre / und so wohl dem
Qvinctius als Attilius grossen Abbruch getan hatte / wäre es von dem
grossmütigen Mumius verwehret worden; und der /welcher sich auff die Kunst und
Kostbarkeit der Corintischen Ertz-Bilder nicht verstanden / hätte doch sie als
Merckmahle der Tugend zu schätzen gewüst. Ja er hätte es für verantwortlicher
gehalten / die Haupt-Stadt Achajens / die Zierde Griechenlands / die
Schatz-Grube aller Köstligkeiten und die Gebieterin zweier Meere einzuäschern /
als eines hertzhaften Feindes Bildnis zu beschimpffen. Käyser Julius hätte die
Gallier geliebt / dass sie seines Feindes des Brutus Bild auch nach seinem Tode
in Ehren gehalten hätten. Diese Beehrung gereichte auch nicht allein dem
Verehrer zu Lobe / sondern auch zum Vorteil. Also hätte Julius mit Auffrichtung
der vom Pöfel herabgestürtzten Bilder des Sylla und Pompejus seine eigene
befestigt. Endlich verliere das Crystall bei uns nicht seinen Wert / dass es aus
den steilesten Klippen gehauen würde; Die rauen Schalen benähmen denen Diamanten
/ die ungestalten Muscheln den Perlen nichts von ihrem Preisse. Wir kauffen die
Rhabarbar von denen wildesten Scyten / Ambra / Musch und andere Kostbarkeiten
von den Menschen-Fressern. Also könnte er nicht begreiffen / warum die Tugend sie
anstincken sollte / weil sie nicht auff eigenem Miste gewachsen wäre? Der Purper
der Rosen behielte seinen Glantz und Geruch auf den dörnrichtsten Stöcken / die
Tugend unter den ungeheuersten Völckern / und bei den grimmigsten Feinden. Als
der Feldherr seine Rede beschloss / schienen die Anwesenden meist seiner Meinung
beizufallen. Denn grosser Fürsten Worte sind eitel Urtel / und haben das
Gewichte des Goldes. Dahero überwiegen sie auch die Meinungen der beruffensten
Weltweisen. Welches hier so viel leichter sich ereignete / weil Hertzog Herrmann
mit so guten Gründen diss behauptete / was die meisten Völcker fürlängst mit
ihrem Beispiele gebillicht hatten. Sintemahl auch sonst der Fürsten Irrtümer
gar leichte Beifall kriegen; weil man insgemein den Mantel nach dem Winde
richtet / und nicht so wohl mit den Fürsten als mit ihrem Glücke redet / um sich
durch Beifall beliebt zu machen. Der tapffere und kluge Hertzog der Catten /
welcher wohl verstand / dass ein hartnäckichtes Widersprechen eines andern Urteil
verkleinerte / also vedriesslich wäre / und man dahero nichts minder eigenes als
frembdes Widersprechen verhüten sollte / fand sich gleichfalls drein. Diesem
folgte der oberste Priester Libys / welcher sich gegen dem Fürsten bückte / und
nach dem er Uhrlaub etwas fürzubringen gebeten hatte / anfing: Er hielte es in
allewege mit dem grossmütigen Ausschlage des Feldherrn. Die Natur hätte zwar
nach dem Unterschiede der Länder die Eigenschaften der Geschöpffe und der
menschlichen Leiber; die Gewohnheit auch ihre Sitten unterschieden; aber die
Tugend wäre nicht anders als die Sonne überall einerlei und zu verehren würdig.
Er hätte desshalben bei Durchreisung Indiens selbige Einwohner gepriesen / dass
sie des grossen Alexanders Siegs-Bogen nicht beleidigt hätten / sondern noch
verehrten. Jedoch hätte er darbei zu erinnern / dass der Missbrauch die den Helden
gebührende Ehre bei den meisten Völckern sehr verunreinigt / und also auch der
Aberglaube dieses Denckmahl des Drusus befleckt hätte. So lange die Griechen die
Nahmen ihrer Helden in der Minerva Schleier gestückt / die Römer ihre in den
Saliarischen Liedern besungen hätten; wäre denen über den Pöfel sich
schwingenden Geistern ihre anständige Ausrichtung geschehen. Die Vergötterung
aber der Todten / und da ihnen die Römer träumen liessen / dass die Adler der
Käyser die Pfauen der Käyserinnen Seelen von den Holtzstössen in den Himmel
trügen / dass der Julius in ein Gestirne verwandelt worden wäre / dass man sie
nach ihrem Absterben / ja den Augustus noch bei Lebzeiten mit Tempel und
Opffer-Tischen verehren müste / wäre zwar ein Geheimnis der Staats-Klugheit / um
die Fürsten für aller Beleidigung so viel mehr zu versorgen; aber eine Erfindung
der Ehrsucht / und fürnehmlich derer / welche hernach selbst vergöttert zu
werden verlangten / also ein irrdischer Gottesdienst und eine lächerliche
Andacht. Der Fürst Rhemetalces fiel dem Priester ein: wie die Laster einen
Menschen derogestalt verstelleten / dass er / wo nicht gar zum Vieh /doch
Halb-Vieh Halb-Mensch wurde; also würde man durch die Tugend wo nicht gar / doch
zum teil vergöttert. Deshalb gläube er / dass Zoroaster / Plato und andere
tiefsinnige Weisen durch die der menschlichen Seele zugeeigneten Flügel / welche
sie aus den Gestirnen herab und wieder hinauf führten / anders nichts als die
Tugend und die Krafft ihrer Vergötterung verstanden hätten. Zumal da sie
ausdrücklich lehrten: es büste die Seele solche Flügel durch Wollust ein. Seine
Meinung bestärckte das Altertum der Vorwelt und die Einstimmung der Völcker.
Die Egyptier eigneten den Seelen die Sternen zur Wohnung und ein göttliches
Wesen zu; weswegen ihre Pyramiden auch nichts / als ihren Helden zu Ehren
gebauete Altäre wären. Die Scyten hätten ihren Toxaris / die Cartaginenser
ihren sich in das Opffer-Feuer stürtzenden Amilcar und die sich verscharrenden
Philenischen Brüder / die Salaminier den Ajax / die von Egina den Eacus göttlich
verehrt. Aten habe dem Cecrops / dem Teseus / dem Menesteus und Codrus / die
Spartaner dem Hyacintus / dem Agamemnon /dem Menelaus / die Arcadier dem
Epaminondas / die Archiver dem Perseus / die von Delphis dem Neoptolomeus / die
Chersoniter dem Miltiades / die von Levce dem Achilles Tempel und Altäre
gebauet. Wer hätte nicht in frischem Gedächtnis / dass Juba bei den Mohren /
Selevcus bei den Syrern / Disares bei den Arabern / Philippus und Alexander bei
den Macedoniern / Romulus zu Rom / und Belecus von den benachbarten Norichern
als Götter angeruffen würden. Ja den Deutschen würde nachgesagt / dass sie den
Tuisco und den Mann göttlich verehrten. Zu dem hätten viel Völcker diese
Verehrung weder in das männliche Geschlechte noch allein auff Helden
eingeschrenckt; ja auch frembder Tugend selbte nicht missgegönnt. Cartago
erkennte die Dido / Babylon die Semiramis / Phasis Medeen / Memphis Arsinoen
/Sparta Helenen / Aten Erigonen / Rom die Acca Laurentia und Deutschland die
Herta und die noch-lebende Aurinien für eine Göttin. Uberdiss wären nicht allein
die sich fürs Vaterland aufopffernden Töchter des Erechteus zu Aten / und die
neun Musen vom Lessbisschen Könige Macaris vergöttert; sondern es hätten die
Zinser auch dem Homerus weisse Ziegen geopffert / die Metapontier den Pytagoras
angebetet /die von Stagira dem Aristoteles ein Fest gefeiret; die Indier rufften
ihren Lehrmeister Cambadaxi / und seine Tracier den Getischen Gesetzgeber
Zamolxis an / dass er nach dem Tode ihre Seele aufnehmen wolle. Dem Paris stehe
weder sein feindliches Vaterland / noch sein Raub im Wege / dass er nicht von den
Laconiern für einen Gott gehalten würde. Die Macedonier hätten dem Eneas / die
Umbrier dem Diomedes / die Rhodier dem Kleptolemus kostbare Heiligtümer
aufgerichtet. Des Ulysses Altar solle in Britannien / ja auch am Rheinstrome zu
sehen / und von seinem Vater Laertus eine Uberschrifft daran zu lesen sein; ja
er selbst habe so wohl auf des itzigen Käysers / als des grossen Alexanders
Altären am Boristenes opffern gesehen. Also würden die Deutschen so wenig alle
dem Drusus noch auch andern Römern aufgerichtete Opffer-Tische zu zerstören /
als diese Meinung von der Vergötterung der ganzen Welt auszureden mächtig sein.
    Der Priester begegnete dem Tracischen Fürsten mit einer demütigen
Annehmligkeit / beides letztere wäre zu bejammern. Der Aberglaube hätte gemacht
/dass man drei und vierzig Hercules / drei hundert Jupiter und zusammen dreissig
tausend Götter zählte /und so gar unbeseelte Sachen / als die Cappadocier das
Messer / wormit Iphigenia solle geopffert worden sein / die Spartaner die Schale
von dem vermeinten Ey der Leda / Rom die Ancilischen Schilde / die Indianer
einen Affen-Zahn für göttlich verehrten. Alleine alles diss wäre so wenig / als
die Vielheit der Irrenden für einen Grundstein der Warheit zu legen. Die
menschliche Seele habe von dem Brunn aller Dinge dem einigen und ewigen Gotte
zwar den Schatz der Unsterbligkeit / aber kein göttliches Wesen bekommen. Dieses
sei unversehrlich / unverderblich und unveränderlich / und von dem Wesen der
Seele so weit /als die Sonne von einem Feuer-Funcken / als das Meer von einem
Tropffen Wasser unterschieden. Die Seele besudelte sich mit vielen Lastern / und
sei in dem zerbrechlichen Geschirre des Leibes vielerlei Leiden unterworffen /
auch als ein unvollkommeneres Geschöpffe von dem vollkommenen Schöpffer ganz
zweierlei. Diesemnach könne auch der göttliche Dienst auff keinen sterblichen
Menschen noch seine sterbliche Seele / die GOTT ihre Tauerung zu dancken habe /
ohne eine dem unendlichen Wesen zuwachsende Verkleinerung / so wenig / als die
Verehrung eines Königs auff seinen Knecht / erniedrigt / ja aus einem Menschen
weniger ein GOtt / als aus einem unvernünftigen Tiere ein Mensch / gemacht
werden. Zu dem wären die Wohltaten der Menschen / welche etwa ein Volck
gepflantzt / eine Stadt erbauet / das Vaterland beschirmet / die Weissheit
gelehret / eine nützliche Kunst erfunden / gegen die unermässliche Güte des
Schöpffers und des Erhalters aller Dinge /nicht als ein Strohhalm gegen das
grosse Welt-Gebäue / zu rechnen. Auch vernehmen die herrlichsten Seelen / sie
hätten gleich / nach des Plato Meinung /ihren Sitz / bei den Gestirnen / oder /
nach der Stoischen Schule / beim Monden / oder / wie Arius wollte / in der Lufft
/ oder / nach des Pytagoras Glauben /in andern Leibern / so wenig die ihnen
zugeschickte Anruffungen; sie rüchen so wenig den angezündeten Weirauch / sie
sehen so wenig die brennenden Opffer; als in ihrer Gewalt stünde den Flehenden
zu helffen / die Befleckten zu reinigen / die Boshaften zu straffen. Diesemnach
/ wie Gottes unverneinliche Eigenschaft wäre / die Ewigkeit ohne Uhrsprung und
Unermässligkeit / welche seinen Mittel-Punct allentalben / seinen eusersten
Zirckel aber nirgends habe /also folge: dass so wenig zwei Ewigkeiten und
Unermässligkeiten neben einander stehen / und in eine / den ermässlichen Dingen
allein anständige / Zahl und Zeit verfallen; so wenig auch mehr als ein GOtt
sein /noch in der Zeit und den engen Schrancken der Welt eine neue Gotteit
entspringen könnte. Dieses wäre der älteste und desshalben auch der wahrhaftigste
Glaube der ersten Welt; Und ob schon Unverstand und Bosheit solchen hernach
abscheulich verfälscht hätte /wäre doch dieser Strahl auch in der ärgsten
Finsternis der abergläubischen Zeiten nicht ganz verdüstert worden. Denn es
hätte nicht nur Pytagoras einen GOtt / als einen unumbschrencklichen Geist /
Parmenides ein einiges unbewegliches und unbegreiffliches Wesen / Zoroaster ein
einiges Feuer / welches alles gezeuget hätte / Antistenes einen einigen
natürlichen GOtt / sondern auch so gar diss gelehret / dass wie die Natur und
alles Geschöpffe nicht so wohl ein Fürhang / der das göttliche Wesen verstecke /
als ein heller Spiegel wäre / in dem die sonst blinde Welt schauen könnte / es
sei wahrhaftig ein GOtt / es sei iedwedes Geschöpffe ein Zeugnis von GOtt / wie
der Schatten ein Merckmahl eines verhandenen Leibes; die Sonne mahle diss mit
ihren Strahlen / der Mensch mit seiner Vernunft / die Erde mit ihrer
Fruchtbarkeit / der Himmel mit seiner Würckung / die ganze Natur mit ihrer
Ordnung / als klaren Pinseln / denen / die nicht sehen / sondern nur fühlen /
deutlich fürs Gesichte; also auch durch das Licht der Natur bei so
unauffhörlicher Eintracht so vieler tausend unterschiedener ja widriger Dinge /
und da nicht eine Feder eines Sperlings / ein Blatt einer Eyche / eine Schupffe
eines gewissen Fisches / mit einer andern Art / durch Gleichheit vermischet
würde / erhärtet werden könnte: es sei mehr nicht als ein einiger GOtt / der
alles einstimmig ordne / schaffe und erhalte. Wiewohl nun diss / was die
Sterblichen in dem Glauben eines Gottes hätte bestärcken sollen / so / wie die
Unerschöpfligkeit der Brunnen / die gleiche Unaufhörligkeit der Flüsse uns
überwiese / dass das Meer alles dessen einiger Uhrsprung sei; gleichwohl albere
Menschen nicht begreiffen könten / wie so viel Dinge möglich von einem
Uhrsprunge herrühren / und das grosse Last-Schiff der weiten Welt von einem
Steuer-Manne geleitet werden könnte / also aus der Vielheit der Würckungen auf
die Menge der Ursachen einen Schluss gemacht / den Werckzeug für den Meister
angesehen; so wäre erfolget / dass die Sonne / der Himmel / die Gestirne / die
Lufft / das Feuer / das Wasser / ja alle Woltaten Gottes / als die Eintracht /
die Liebe / der Sieg / die Freiheit / gleichsam als absondere Götter verehret
worden. Nichts desto weniger hätten nicht allein dieselbten / welche weiter als
der albere Pöfel gesehen / wohl wahrgenommen / dass alle diese Umbkreisse mehr
nicht als einen Mittel-Punct / so viel Bäche nur einen Brunn / und die Welt nur
einen Gott hätte; sondern es hätten auch ganze Völcker die Erkenntnis eines
einigen Gottes behalten. Dieses würde bei den Juden am reinesten angetroffen /
und die Egyptier zu Tebais hätten unter so viel abgöttischen Nachbarn ihren
einigen Gott Kneph / den Schöpfer der Welt / behalten. Die Griechen / als sie
unter so unzehlbaren göttlichen Nahmen so vieler Völcker gleichwohl nur ein
Wesen verborgen zu sein erblickt / dessen rechten Glantz aber unter so viel
Nebel nicht recht erkiesen können / hätten dem unbekandten Gotte zu Aten / ja
auch Augustus zu Rom ein Altar aufgebauet. Wiewohl er auch die / die Gott
anfangs so vielerlei Nahmen gegeben / ihn mit so vielerlei Art des
Gottes-Diensts verehret / nicht so wohl für Abgötter hielte / als des
unvernünftigen Pöfels schlimmer Auslegung den Anfang des Aberglaubens beimässe.
Worzu er die Missgunst der ehrsüchtigen Priester rechnete / welche umb ihnen ein
desto grösser Ansehen zu machen den Gottes-Dienst zu lauter Geheimnüssen machten
/ und hinter Retzel und tieffsinnige Sinnen-Bilder versteckten. Weshalben man in
Egypten in allen Tempeln des Isis und Serapis / den Harpocrates oder Sigaleon
finde / der mit zweien auf den Mund gelegten Fingern die Heimligkeiten der
Götter verschwiegen zu halten andeutete / und zu Rom hätte es den Valerius
Soraus das Leben gekostet / dass von ihm ihr Schutz-Gott wäre ausgeschwätzt
worden. Bei den Deutschen dürfte niemand den Wagen der Herta / welcher mit
einem Fürhange verdeckt ist / anrühren. Bei den Juden der Hohe-Priester allein
in das innerste Heiligtum eingeben. Ja die Egyptischen und Serischen Priester
gebrauchten sich in Göttlichen Dingen so gar einer absondern Sprache / und einer
ganz andern Schreibens-Art; gleich als wenn die Priester nur den wahren Gott /
die Könige nur die Natur / der Pöfel aber die vergötterten Menschen anzubeten
würdig wären. Wie denn bei den Seren niemand als der König dem Himmel und der
Erde opfern dörfte. Hinter diese Geheimnisse wären gleichwohl von Zeit zu Zeit
unterschiedene / teils durch Nachdenken / teils durch der Priester
Offenbarungen kommen. Massen denn der grosse Alexander derer ein ganz Buch voll
von den Egyptischen / Cyrenischen / Persischen und Indianischen Priestern heraus
bracht / und an seine Mutter Olympia überschickt hätte. Und er wollte nicht so
wohl Eigen-Ruhms als der Wahrheit wegen nicht verschweigen / dass wie der
Aberglaube einerlei Abgotte vielerlei Nahmen zugeeignet / als unter der Ceres /
Cybele / Minerva /Venus / Diana / Proserpina / Juno / Bellona / Hecate
/Rhamnusia / Isis / Dago / Derceto / Astarte / den einigen Monden / unter dem
Phöbus / Apollo / Mercurius / Osiris / Adargatis die einige Sonne verstanden
hätte; also die nachdencklichen Priester aller Völcker / unter viel seltzamen
Nahmen / als die Römer / unterm Jupiter / die Cyrener / unter dem Ammon / die in
der Atlantischen Insel / unter dem Pachakamack und Usapu / die meisten aber /
als die Juden / Epyptier / Seren /Indianer / Celtiberier und Deutschen / unter
keinem Nahmen / den einigen Schöpfer der Welt für den wahren Gott erkenneten /
dessen Nahmen auszudrücken weder einige Buchstaben / noch einiges Wort / weniger
einiges Bild zu finden wäre. Der berühmte Tempel zu Jerusalem / der zu Gades und
das Heiligtum des Berges Carmel verwürffen alle Bildnüsse / weil das
unsichtbare Wesen Gottes nur mit den Gemüts-Augen zu schauen / und die
innerliche Furcht und Andacht die tieffste Ehrerbietung wäre. Oder da ja auch
irgendswo der wahre Gott durch etwas fürgebildet würde / zielete solcher
Entwurff bloss auf eine Woltat / oder auf eine gewisse Offenbarung. Weswegen
einsmals der berühmte Indianische Brachmann / Zarmar / der sich hernach in
Anwesenheit des Käysers Augustus zu Aten lebendig verbrennet / seine Einfalt
verlacht / und als er sich / bei verspürter tieffsinniger Weissheit / über die
Vielheit ihrer Götzen und Götter verwundert / ihn unterrichtet hätte: Der grosse
und einige Gott habe sich nicht nur durch die geringsten Geschöpfe / durch Kefer
/ Schnecken / Fliegen / Schlangen und Würmer offenbaret; sondern er sei auch
selbst in allerhand Gestalten auf der Welt / hier so /dort anders / erschienen.
Wie nun diese unterschiedene Erscheinung seine Gotteit nicht zergliederte /also
geschehe diss noch weniger durch ihre Bilder und vielfache Verehrungen. Jedoch
könnte er disfalls desselben Weltweisen Meinung nicht beipflichten: dass Gott an
dem vielfachen Unterschiede des Glaubens und des Gottes-Dienstes ein Gefallen
trüge. Aus Beipflichtung dieser Einigkeit hiessen die Assyrischen Priester Gott
anders nicht / als Adad / nämlich: Den Einigen. Ja in den Sybillinischen Büchern
würde Griechenland / wegen Vielheit der Götter und ihrer vergötterten Menschen /
stachlicht durchgezogen. Und ob schon die Ausländer von den Deutschen insgemein
ausgäben / dass sie drei Götter / nämlich die Soñe / den Mond und das Feuer
anbeteten; so läge doch / unter diesen dreien Bildern / durch die sich Gott dem
Mann / ihrem Uhr-Anherrn offenbaret hätte / ein heiliges Geheimnis einer
dreifachen Einigkeit verborgen; welches zu ergrübeln dem menschlichen Geiste so
unmöglich / als seine Augen in die Sonne zu schauen geschickt wären. Denn
menschlich darvon zu reden / wie der Monde von der Sonnen sein Licht /das in den
natürlichen Leibern aber befindliche Feuer von Sonn und Mond seinen Ursprung
hätte / und alles diss auf gewisse Maass dreierlei / und gleichwohl ein Wesen /
und eines Alters wäre; also sei aus dem Göttlichen Wesen eine andere Person /
aus beiden auch die dritte / iedoch von aller Ewigkeit her / entsprossen / und
doch die Göttliche Einigkeit hier weder zergliedert noch vermehret worden. Auch
wäre die Herta bei den Deutschen keine absondere Göttin / sondern ein
unsichtbares Sinnen-Bild der Gemeine /die diesen reinen Gottes-Dienst / welcher
durch die weissen Ochsen bedeutet würde / in ihren Hertzen unbefleckt behielten.
Die Aurinia aber wäre / so wohl als andere Helde bei de Deutschen / zwar durch
herrliche Gedächtnis-Lieder verehret / kein Mensch aber bei ihnen iemals unter
die Zahl der Götter gerechnet /weder einigem Könige damit geheuchelt worden.
Denn ob ihnen wohl die Ausländer beimässen / dass sie ihren Mercurius / Mars /
wie auch die Isis anbeteten / und dass sie diesen Gottes-Dienst von Frembden
angenommen hätten / aus einem aufgerichteten Renn-Schiffe erzwingen wollten / er
auch nicht läugnete /dass ein Teil der Deutschen in diesen Irrtum durch etliche
Druiden versetzt worden wäre; so wohnte doch denen Verständigern eine viel
andere Meinung und Auslegung dieser Sinnen-Bilder bei. Zudem hätten auch nebst
ihnen viel Völcker die Vergötterung der Todten / darinnen die Griechen den
Anfang gemacht /verdammet. Die Africaner / ausser den Augilen und Nasamonern /
welche ihre Eltern anrufften / und auf diss / was ihnen bei ihren Gräbern
träumete / grosse Stücke hielten / hätten sich dieser Abgötterei allezeit
entalten. Die Persen wären bei ihrer Sonne blieben /biss sie auf Alexanders
Befehl dem Hepyästion / und hernach ihm hätten Tempel bauen müssen. Diese
Anruffung der Seelen wäre auch nur nach und nach / und aus einem Missbrauche
dessen / was Anfangs / zum blossen Gedächtnis der Todten und zum Trost der
Uberlebenden / angezielt worden / entsprungen / und die Helden-Ehre zu einer
Andacht / die Trauer-Mahle zu einem Opfer worden. Ja diese Andacht sei anfangs
nur in einem Hause / bei der Blut-Freundschaft / und bei nächtlicher Fürsetzung
Weirauchs / Weines und Brodts / in die Gräber / verblieben / wormit sie die der
Speise noch dürftige Seelen zu laben vermeint; hernach aber habe die Ehrsucht
der Lebenden die todten Könige in Gestirne verwandelt / und mit ihren
neugebacknen Nahmen die für etlich tausend Jahren gestandenen himlischen Zeichen
verunehret / endlich sie gar zu grossen Göttern / und die letzte
Begräbnis-Pflicht zum Gottes-Dienste gemacht / wormit die Abgötter eines Gottes
Söhne oder Brüder würden / ja sie auch wohl hierdurch aus dem rechten
Gottes-Dienste ein Gespötte machten. Wie man denn wohl ehe denselbten / dem man
giftige Schwämme zu essen gegeben / oder für einen Narren gehalten / vergöttert;
Julius Proculus auch / dass er den Romulus in Göttlicher Gestalt gesehen habe /
meineidig getichtet hätte. Dieselben aber / welche sich besorgt / dass die
klügere Nachwelt ihren Aberglauben verlachen würde / hätten selbten durch die
Veränderung der Nahmen / in dem sie aus dem Romulus einen Quirin / aus Leden
eine Nemesis / aus der Circe eine Marica / aus dem Serapis einen Osiris gemacht
/ zu vertuschen / oder ja seinen eigenen Ehrgeitz darmit zu verhüllen vermeint
/wie nechstin Augustus / der nicht so wohl zu Liebe dem Romulus / als die Jahre
seines glückseligen Alters zu bezeichnen / einen dem Quirin gewiedmeten Tempel /
von sechs und siebentzig Säulen / aufgerichtet. Alleine die Torheit werde durch
keine Einbildung zur Weissheit / kein Irr-Licht durch Verblendung zur Sonne und
kein Sterblicher durch Aberglauben zu einem Gotte.
    Alle Anwesenden / insonderheit aber Rhemetalces /der bei denen seiner
Einbildung nach wilden Deutschen / einen so vernünftigen Gottes-Dienst zu finden
/ ihm nicht hatte träumen lassen / hörten der anmutigen und nachdencklichen
Rede des Priesters / gleich als er ihnen lauter Weissagungen oder himlische
Geheimnisse entdeckte / mit Verwunderung zu. Wormit aber des Tracischen Fürsten
Einwurff nicht allzu unvernünftig schiene / redete er den Priester sehr
ehrerbietig an: Er wäre / von Göttlichen Geheimnüssen zu urteilen / allzu
unvermögend; bescheidete sich auch /dass die Demut und heilige Einfalt Gott
annehmlicher / als eine vermässene Nachgrübelung wäre. Weswegen ihm iederzeit
die Bescheidenheit des weisen Simonides gefallen hätte / welcher dem Könige
Hieron /auf sein Begehren das Göttliche Wesen auszulegen /nach vielen
Frist-Bittungen / endlich geantwortet hätte: Je länger er diesem Geheimnisse
nachdächte /ie mehr ereigneten sich Schwerigkeiten / etwas gewisses von Gott zu
entdecken. Ja er glaubte: dass es Gott selbst nicht gefiele / wenn der
menschliche Vorwitz ihn / nach dem irrdischen check-Stabe der eitelen Vernunft /
ausecken wollte. Denn Gott wäre freilich dissfalls der Sonne gleich / welche sich
durch nichts anders / als ihr eigenes Licht / entdeckte / hingegen aber der
Menschen Augen verblendete / welche sie gar zu eigen betrachten und ausholen
wollten. Ja zwischen Gott und dem Menschen wäre ein viel entfernter Unterscheid /
als zwischen dem grossen Auge der Welt /und der schielenden Nacht-Eule. Weswegen
die Spartaner Zweifelsfrei aus rühmlicher Bescheidenheit dem verborgenen Jupiter
opferten / die zu Elis und zu Aten den unbekandten Gott anbeteten. Diesemnach
hätte er weder das Hertze noch Vermögen einem so heiligen Priester zu
widersprechen / sondern wollte mit dem armseligen Tiresias lieber gar nicht / als
mit dem Atamas und Agave / welche ihre Feinde für Löwen und Tieger ansahen /
Gott für was ansehen / was seinem Wesen und Eigenschaften unanständig wäre
/auch daher nicht billigen / dass man der verstorbenen Helden Seelen den dem
höchsten Gott schuldigen Anbetungs-Dienst zueignen / und den Hercules auff den
Tron des Jupiters setzen sollte. Aber / nachdem die Sonne Neben-Sonnen / dieses
Auge der Welt den Monden / Augustus neben sich die Verehrung des Tiberius / ohne
Verminderung ihrer Hoheit / vertrügen /hielte er dafür / dass die mindere
Verehrung der Helden der höchsten Anruffung des unbegreifflichen Gottes keinen
Abbruch tue / als welcher auch Menschen / die er geliebt / mehrmals hätte
lassen die Sonne still stehen / die Sterne gehorsamen / und das Meer aus dem
Wege treten. Libys lächelte und versetzte: Es liesse sich von menschlichem
Unterschiede auf den Gottes-Dienst keinen Schluss machen. Der eingeworffene
Verehrungs-Unterscheid käme ihm für / wie die Entschuldigung der geilen Julia /
welche ihren Ehbrüchen diesen Firnis angestrichen / dass sie ihren Ehmann / den
Agrippa / doch am hertzlichsten liebte /auch lauter ihm ähnliche / keine frembde
Kinder gebähre / weil sie eher nicht / als nach völlig belastetem Schiffe /
andere Wahren aufnehme / oder / nachdem sie schon schwanger / frembden Begierden
willfahrte. Alleine diese umbschränckte Uppigkeit bliebe so wohl eine Verletzung
der Eh-Pflicht / als die Anruffung der so genanten Halb-Götter eine Abgötterei.
Denn wo die Sonne der ewigen Gotteit schiene / müsten alle andere Sternen auch
der ersten Grösse gar verschwinden. Sintemal doch die Sterblichen nur mit
äusserlichen Gedächtnissmahlen / Gott aber allein mit dem innerlichen Opfer der
Seelen zu verehren wäre.
    Wie nun des Priesters letztes Ausreden ein allgemeines Stillschweigen nach
sich zoh; redete der Feldherr den Priester an: ob er denn nun für zulässlich
/oder gar verwerfflich hielte / des Drusus Denckmale in der Halle des
Tansanischen Tempels auffzusetzen? Libys antwortete: Gemeine Menschen pflegten
in ihren Ratschlägen den Vorteil zu ihrem Augen-Ziel zu haben; Fürsten aber
müsten ihr Absehen auff den Nachruhm richten. Diesen aber befestigten die am
gewissesten / die sich ihrer Sterbligkeit bescheideten /und ihrer hohe Pflicht
so weit ein Genügen täten: dass die Nachkommen von ihnen sagten: Sie hätten
ihren Ahnen keine Schande angetan / dem Volcke vorsichtig fürgestanden / in
Gefahr sich unerschrocken bezeugt / und für das gemeine Heil in Hass zu verfallen
sich nicht gescheuet. Dieses wären die rechten Tempel / die man derogestalt ohne
Abgötterei / in die Hertzen der Lebenden bauete / die schönsten und
unvergänglichen Ehren-Seulen. Denn welche aus Marmel gehauen werden / bei der
Nachwelt aber Fluch verdienen / würden geringer als schlechteste Gräber
gehalten. Gleichwohl aber wären eusserliche Gedächtnis-Maale nicht gäntzlich
ausser Augen zu setzen. Denn sie munterten ein laues Gemüte wie ein Sporn ein
träges Pferd auff. Und für sich selber wären selbte denen Helden nicht allein
zu gönnen / sondern sie möchten auch selbst darnach streben. Denn weil die
Verachtung der Ehre auch die Verachtung der Tugend nach sich ziehe / wäre die
sonst in allem verwerffliche Unersättligkeit alleine bei dem Nachrühme zu
dulden. Und man verhinge wohlverdienter Leute Nachkommen nicht unbillich / dass
sie so wohl wegen ihres Andenckens / als in ihren Begräbnissen / für dem Pöfel
etwas besonders hätten. Einige kaltgesinnte hielten zwar den Nachruhm für einen
Rauch; aber dieser wäre die süsseste Speise der Seelen / wie der von den Opffern
auffsteigende Dampff eine Annehmligkeit GOttes. Alle andere Dinge verleschten;
das Gedächtnis der Tugend aber erleuchtete die fernsten und finstersten Zeiten.
Dieses herrlichen Glantzes halber hätten die Alten / welche die Ehre für eine
Gotteit gehalten / selbter eben so / wie dem Saturn / oder der durch ihn
vorgebildeten Zeit / mit blossen Häuptern geopfert; gleich als wenn nur diese
zwei Gotteiten nicht verfinstert werden könten. Mit einem Worte: In dem
Nachruhme bestünde alleine die irrdische Glückseligkeit / und die Ehre wäre die
einige Köstligkeit /wormit man Gott selbst beschencken könnte. Ja der
tugendhaften Gemüter Begierde / nach ihrem Tode ein rühmliches Andencken zu
behalten / wäre kein geringer Beweis für die Unsterbligkeit der Seelen. In
solchem Absehen könnte wohl geschehen / dass das Bild des Drusus alldar aufgesetzt
würde; die Altar-Taffel aber gereichte zu Abbruch ihres reinen Gottes-Diensts.
Die Fürsten nahmen des Priesters Urteil /als einen Göttlichen Aussspruch an /
und der Feldherr befahl hierauf / des Drusus Bild aufzurichten / die Taffel aber
zu zerbrechen.
    Bei dieser Unterredung lieffen dem Feldherrn wichtige Schreiben ein / welche
veranlassten / dass er sich mit dem Hertzog Jubil / Arpus / Sigismund und Melo zur
Beratschlagung in Tempel verfügte / den Fürsten Adgandester aber zu
Unterhaltung des Fürsten Rhemetalces und Malovends hinterliess / welche
inzwischen der Zermalmung der herrlichen Taffel zuschaueten. Rhemetalces fragte
hierauf den Adgandester: Ob diss alles / was in der Uberschrift vom Drusus
erwehnt würde / der Warheit gemäss wäre? Dieser antwortete: Seine und der
Deutschen Redligkeit wäre nicht gewohnt eigene Fehler zu überfirnssen / fremden
Ruhm aber mit dem Schwame der Missgunst zu verwischen; also müste er gestehen dass
daran wenig zuviel geschriebe wäre. Dieser Drusus / sagte er / des Nero rechter
/ des Käysers Stieffsohn / den Livia erst nach der mit dem Käyser schon
erfolgten Vermählung geboren hatte / hat wenig Römer seines gleichen gehabt /
keiner aber in Deutschland mehr ausgerichtet. Seine Geschickligkeit übereilete
das Alter / und der Verstand kam den Jahren zuvor. Deswegen erlaubte ihm auch
Augustus / dass er fünff Jahr eher / als es die Gewonheit zu Rom mitbrachte /
öffentliche Aemter bediente. Wie er denn auch alsofort als Tiberius der
damahlige Römische Stadtvogt mit dem Käyser in Gallien zoh / sein Amt inzwischen
rühmlich vertrat. Kurtz hierauff ereignete sich / dass / nach dem der Marckmänner
König die Bojen / ein Volck dem Ursprunge nach aus Gallien / aus ihrem Sitz an
der Moldau / Elbe und Eger vertrieben / dieses aber sich bei den Rhetiern und
Vindelichern mit dem Könige Segovesus niedergelassen hatte / diese vermischten
Völcker teils aus angebohrner kriegerischen Art / teils weil ihre Felsen ihnen
zu enge werden wollten / nicht nur in Gallien zum öfftern Einfälle täten /
sondern auch gar aus Italien Raub holeten / ja von den Römern selbst Schatzung
foderten und ihrer Stadt dräueten. Uber diss hielten sie alle durch ihre Länder
reisende und mit den Römern / nicht aber mit ihnen verbundene Personen an;
setzten denen sich darüber beschwerenden Nachbarn entgegen: Es wäre bei ihnen
ein altes Herkommen / dass wer nicht ihr Bundes-Genosse wäre / oder ihnen
Schatzung gebe / für Feind gehalten würde. Rhemetalces fing an: Ich höre wohl
/die Rhetier sind derselben Weltweisen Meinung /welche den insgemein geglaubten
Wahn / samb die Natur die Menschen durch einen geheimen Zug vereinbarte und zu
Unterhaltung der Gemeinschaft triebe / verdammen / sondern die für einander
habende Furcht sie in Gesellschaft / Dörffer und Städte versammlete.
Adgandester begegnete ihm: Wenn er die Beschaffenheit gegenwärtiger Zeit und die
Neigungen itziger eisernen Menschen recht überlegte / müste er dieser denen
Rhetiern beigemessener Meinung beipflichten. Deutschland wäre von undencklicher
Zeit gespalten / und ein Volck gegen dem andern wie Hund und Katze gesinnet
gewest. Die einige Furcht für den Römern hätte sie nun endlich mit einander
verknüpffet / welche wegen ihrer anhängender Kälte die Eigenschaft des Wassers
hätte / indem diese nicht nur das sonst zerfliessende Wasser / sondern auch die
widrigsten Dinge durch Zusammenfrierung / jene aber die ärgsten Feinde gegen die
von einem Drittern andräuende Gefahr vereinbarte. Rhemetalces versetzte: der
meisten Weltweisen einhellige Meinung wäre doch / dass weder die Ameisen noch die
Bienen zu der Versammlung so sehr als der Mensch geneigt wären. Diesen hätte die
Natur ohne Waffen geschaffen / also wäre er eines gemeinen Beistandes mehr als
andere Tiere benötigt. Er würde der wilden Tiere tägliche Beute / und sein
Blut ihre gemeinste Speise sein /wenn ihn die Vernunft und Gesellschaft nicht
beschirmete. Diese aber eignete ihm die Herrschaft über die stärcksten
Elephanten und die unbändigsten Panter zu. Sie befreiete ihn von Kranckheiten
/stärckte ihn beim Alter / linderte seine Schmertzen; ja mit ihr würde die
Einigkeit des menschlichen Geschlechts und das Leben selbst zertrennet. Weil nun
iedes Tier einen natürlichen Trieb zu seiner Erhaltung hätte / müste der Mensch
auch selbten zur Gesellschaft / als dem einigen Mittel seiner Erhaltung haben.
Die Einsamkeit wäre dem Tode ähnlicher als dem Leben; jener aber wäre das
schrecklichste in der Welt / und die Zernichtung der Natur. Wie könnte solcher
nun der Mensch nicht gram sein? Auserhalb der Gemeinschaft wäre die Zunge / der
alleredleste Werckzeug der Vernunft / und das den Menschen am meisten von
andern unterscheidende Merckmahl /nichts nütze. Solte sie desshalben die kluge
Mutter der Welt umsonst geschaffen haben? Das Feuer der Liebe müste ohne
Gesellschaft erleschen / das Band der Freundschaft sich zernichten / die
Fortpflantzung nachbleiben und durch die allgemeine Furcht das ganze
menschliche Geschlechte in sein altes Nichts vergraben werden. Malovend hielt
sich schuldig zu sein Adgandesters anzunehmen / setzte also Rhemetalcen
entgegen: Die Furcht ist kein so grausames Untier als sie insgemein gemahlet
wird. Sie hilfft in unterschiedenen Kranckheiten; Sie öffnet die Blase
/vertreibt das Schlucken / der Gicht und das viertägichte Fieber; Läst die
Meer-Spinne die schwartze Feuchtigkeit entgehen / die sie von dem Garne dess
Fischers eben so wohl als den Menschen aus dem Netze der Feinde errettet. Sie
verwandelt im Cameleon so offtmahls die Farben / ohne welche Veränderung er sich
nicht lange erhalten könnte. Die Hindinnen sind nicht fähig zu empfangen und
trächtig zu werden /wenn sie nicht der Blitz vorher furchtsam gemacht. Die
Furcht lösete des jungen Croesus stumme Zunge; Sie ist eine Gefährtin kluger und
in die Ferne künftiger Zufälle sehender Köpffe / und daher war Aristippus auff
der See beim Sturme furchtsamer als niemand anders. Ja die Furcht ist eine
Wehmutter der Tapfferkeit / in dem ein alles fürchtender Mensch auch alles fähig
zu wagen ist / und die älteste Urheberin der Andacht / denn sie hat den Menschen
zum ersten gelehret / dass ein Gott sei. Wesswegen sich so vielweniger zu
verwundern / dass die Römer der Furcht nicht nur Altäre / sondern die Spartaner
ihr einen Tempel gebaut / und an selbten den Richter-Stul ihrer Fürsten gelehnet
haben. Warum sollte sie denn zu einer Stiffterin menschlicher Gemeinschaften
unfähig oder zu ohnmächtig sein? Die verwechselte Liebe der Menschen hat sicher
wenig Städte gebauet. Denn so heiss sie gegen sich selbst ist / so kalt ist sie
gegen andere. Wäre diese uns von der Natur eingepflantzt / warum liebt man nicht
einen Menschen wie den andern? Warum hat man für so vielen eine innerliche
Abscheu? Die Selbst-Liebe um uns entweder zu liebkosen oder Nutzen zu schaffen /
ist die einige Ursache / warum wir uns nach ein oder anderer Gesellschaft
sehnen. Versammlet uns das Gewerbe / so suchen wir unsern Gewinn / des andern
Bevorteilung. Kommen wir in Amts-Sachen gleich zusammen / hat die Furcht mehr
ihr Auge auff des andern Tun / als auff Befestigung einiger Verträuligkeit /
und das Misstrauen gebiehret mehrmahls Spaltungen als Freundschaft. Wollen wir
mit andern die Zeit vertreiben /schöpffen wir die gröste Vergnügung aus fremden
Gebrechen / aus Verkleinerung der Abwesenden / und wenn wir durch Erlangung
grössern Ansehens und Vermögens unsere Furcht auff andere Schultern legen. Ja
unter dem Scheine der Weissheit und der Begierde zu lehren oder zu lernen /
verbirget sich die Eitelkeit eigener Ehre / und das Verlangen andern zu Kopffe
zu wachsen; und mit einem Worte: der Mensch hat mehr Neigung über andere zu
herrschen / als sie zu Gefährten zu haben. Aus dieser eingepflantzten
Herschens-Begierde erwecket das Misstrauen insonderheit bei den Schwächern Furcht
/ diese aber stifftet grosse und tauerhafte Versammlungen. Sintemahl uns die
Einsamkeit nur wegen dessen / was unserer Selbst-Liebe abgeht / vedriesslich ist;
und bei ermangelnden Erhaltungs-Mitteln gleichsam ein Zwang der Natur / oder bei
Erkiesung ein und andern Verteils die Vernunft dem Menschen die Gesellschaft
auffnötigt / worzu er doch seiner angebohrnen Art nach so geschickt nicht ist /
als zur Einsamkeit. Denn diese erhält ihn in der Glückseligkeit des Friedens und
in seinem Wesen; Ausser der aber gerätet er alsbald in Krieg. Sintemahl die
Menschen niemahls das erstemahl und für gemachten Bündnissen zusammen kommen /
da nicht der Argwohn Schildwache halte / das Misstrauen im Hertzen koche / und
die Vernunft auff Beschirmungs-oder Uberwältigungs-Mittel vorsinnet; Also aller
Menschen erster natürlicher Zustand gegen alle andere kriegerisch ist /
ungeachtet Vorsicht oder Heuchelei insgemein diese Eigenschaft verblümet.
Rhemetalces fragte hierauff: Ob er denn derogestalt der Rhetier gegen alle
Menschen und Völcker / die sie gleich nie beleidigt hätten / tragende
Feindschaft billigte? Adgandester antwortete: Er begehrte der Rhetier Tun
nicht zu verteidigen. Denn ob wohl die Neigungen der Menschen an sich selbst
kriegerisch wären / so hätte doch die Natur durch die Vernunft ihnen diss
Gesetze zugleich eingepflantzt / dass man einem andern nicht tun sollte / was man
selbst von ihm nicht gern erduldete. Die Regungen und das Recht der Natur wären
ganz unterschieden. Uberdiss könnte die Selbst-Liebe neben der Gemeinschaft /
und die eigene Erhaltung ohne des andern Unterdrückung gar wohl stehen; ja jene
müste wegen des Menschen Schwäche und Dürfftigkeit diese zu Gefährten haben /und
ihre Hefftigkeit mässigen / wormit der Missbrauch nicht das Band der
Gesellschaft zertrennete. Wenn auch schon der Mensch sich in genugsame
Sicherheit gesetzt hätte / so wäre er doch auch denen / welche zu seiner
Erhaltung nicht fähig oder nötig sind / auff den Hals zu hucken nicht
berechtigt. Ja auch frembder uns zu vertilgen nicht gemeinter Vorteil gäbe zum
Kriege uns kein Recht. Ein Wetteläuffer wäre befugt alle eusserste Kräfften
anzugewehren / um andern vorzukommen; nicht aber denen ihn übereilenden ein Bein
unterzuschlagen. Jeder Mensch möchte sich um seine Notdurfft bewerben / aber
sie nicht andern arglistig oder mit Gewalt nehmen; ungeachtet die Natur dem
Menschen das Urtel / was er zu seiner Erhaltung bedörffe / frei gelassen / und
anfangs alle Dinge iederman frei gemacht hätte. Denn jenes solle der gesunden
Vernunft und dem angezogenen Gesetze gemäss sein; und weil das Recht aller
Menschen zu iedem Dinge nur eines ieden Genuss verhindern würde / wäre hernach
das durch die Gemeinschaft eingeführte Eigentum von ihr gebilligt / und
derogestalt dem Kriege ein Zaum angelegt worden / welcher der Erhaltung der
Menschen ungezweiffelt zuwider; also der Mensch denen / die ihm zu schaden nicht
gemeinet sind / vermöge obigen Gesetzes / gutes zu tun /und also ihre
Gemeinschaft zu unterhalten verbunden wäre. Zu welcher Verbindligkeit auch
allein genug zu sein schiene / dass der andere so wohl ein Mensch als er wäre.
Denn diese Gleichheit hebe alle Fremdigkeit auff / sänftige alle widrige
Meinungen und gebe einen festen Fuss zu allgemeiner Freundschaft ab. Die
Griechen hätten ihrem Jupiter nicht unbillich den Zunahmen eines Freundes /
eines Gefärten und eines Gastfreien zugeeignet / und ihn gepriesen / dass er
diese Eigenschaften auch den Menschen mitteilte / wormit sie durch
verwechselte Wohltaten ihrer Selbst-Liebe so vielmehr ein Genügen täten.
Sintemahl auch die Ehre vielen andern genutzt zu haben uns selbst die süsseste
Vergnügung ist. Je mehr ihrer nun unserer Hülffe geniessen / ie weiter erstreckt
sich unser Ruhm. Wesswegen die nur gegen eintzele Menschen tragende Freundschaft
mehr von des menschlichen Geschlechts Schwachheit / als von der Einsetzung der
Natur den Ursprung hat; und deswegen Hercules / welcher allen Menschen ohne
Unterscheid durch seine Taten wohlzutun bemüht gewest / für allen andern
Helden unter die Sternen versetzt worden. Malovend warff ein; was ist denn die
Natur für eine zänckische Stieff-Mutter / dass sie dem Menschen einen
kriegerischen Trieb einpflantzet / gleichwohl aber Gesetze der Eintracht
fürschreibet? Adgandester unterbrach diesen Zwist / und fing an: Seinem Urteil
nach hätte der Mensch eine natürliche Neigung zu der häusslichen Gemeinschaft /
die bürgerliche aber hätte ihren Ursprung aus der Furcht / und der Vorsorge
bevorstehendes Ubel abzuwenden. Jene hätte zu ihren Grundfesten die Begierde der
Vermehrung und daher die Gemeinschaft des Männ- und Weiblichen Geschlechts /
wie auch die eingepflantzte Liebe der Eltern gegen ihre Kinder und der
Bluts-Verwandten gegen einander. Diese häussliche Gemeinschaft ist schon genug
den Menschen zu vergnügen und glückselig zu machen. Sintemal die Natur mit
wenigem vergnügt / der Uberfluss aber eine Missgeburt grosser Städte ist. Bei
dieser Gemeinschaft wären die ersten Menschen blieben; welche insgemein in
holen Bäumen und Wäldern gewohnt. Die Scyten hätten noch ihren Auffentalt auff
Wagen / die Araber in Ziegen-Hütten / welche sie bald dar bald dort
auffschlügen. Eben so hätten die wenigsten Deutschen Städte / die meisten
vertrügen nicht / dass der Nachbar an ihre Häuser anbauete; sondern sie wären
nach Gelegenheit eines Brunnens / Pusches / Feldes oder einer Bach weit von
einander zerstreuet. Viel wohnten auch noch in den Hölen der Berge / und
bedeckten sie des Winters mit Miste. Bei solcher Beschaffenheit hätte die Natur
gar nicht / sondern die Wollust alleine vonnöten gehabt dem Menschen die
Begierde zu bürgerlicher Gemeinschaft einzupflantzen / ungeachtet der Mensch
eine Fähigkeit an sich hat / dass er zum bürgerlichen Wandel ausgearbeitet werden
könne. Für sich selbst aber und seinem Ursprunge nach kann er ausserhalb der
Städte vergnügt / tugendhaft und also glückselig leben. Dahero auch ein guter
Mann und guter Mensch weit vonsammen unterschieden sind; und es sich in einem
verwirreten Stadt-Wesen treffen kann / dass ein guter Bürger kein guter Mann sein
dörffe. Ja weil die häussliche Gemeinschaft allem Mangel der Lebens-Mittel und
den Verdriesslichkeiten der Einsamkeit abzuhelffen vermag / hingegen aber die
Bürgerliche ein Verbündnis ist / welches Kinder und albere Leute nicht eingehen
können / auch ohne Gesetze unmöglich bestehen kann / welche den Menschen / sein
Vermögen / seine Ehre und Leben derselben Zwange unterwerffen / ihm also viel /
worzu er keine Lust hat / auffnötigen / seinen frechen Begierden einen Kapzaum
anlegen / und gleichwohl manchen zu keinem das gemeine Wesen fürnehmlich
suchenden Bürger machen / scheinet die bürgerliche Gemeinschaft eine Beraubung
der natürlichen Freiheit / und also der Natur mehr zuwider als ihr Werck zu
sein. Zumahl der Mensch unter allen Tieren das ungezähmteste ist; und an
kriegerischer Zwytracht die rasenden Tieger übertrifft / welche gleichwohl unter
sich selbst einen ewigen Frieden halten; jener aber nicht nur auff seines
gleichen / sondern wider sein eigenes Blut wütet /durch Geitz / Hoffart und
Ehrsucht / derer vereinbarten Regungen sonst kein Tier fähig ist / nicht nur
die andern Glieder einer Stadt unterdrücket / sondern Gott selbst verachtet;
also / dass die Natur nur desshalben aus einer vorsichtigen Erbarmniss den Menschen
am allerlangsamsten gross wachsen lässt / wormit er nicht zu geschwinde zu einem
unbändigen Ungeheuer werde / und durch kluge Aufferziehung zu einem tauglichen
Bürger ausgeschnjetzt werden könne. Diese angebohrne Unart der Menschen hat unter
dem ganzen Geschlechte ein Misstrauen und Furcht / diese aber die bürgerliche
Gemeinschaft / die Erbauung der Städte / die Befestigung gewisser Plätze / den
Gerichts-Zwang und die höchste Gewalt gestifftet / wormit man so wohl wider
Fremder als Einheimischer unrechte Gewalt sicher sei; Nachdem das Gesetze der
Natur wegen der Menschen allzu heftiger Gemüts-Regungen sie in den Schrancken
der Billigkeit zu halten viel zu schwach / und ihr Urtel teils wegen so
grossen Unterschieds der Meinungen zu zweifelhaft / teils wegen übermässiger
Selbst-Liebe gar zu unrecht ist.
    Malovend und Rhemetalces nahmen entweder aus wahrhaftem Beifall / oder aus
Begierde Adgandestern auff seine angefangene Erzehlung zu bringen /seine
Erklärung für einen gerechten Entscheid an. Diesem nach er denn folgender massen
darinnen fortfuhr. Die Rhetier waren ein Beispiel der von den Gesetzen der Natur
abirrenden Menschen / und dass die Furcht eine Mutter der Rache und Grausamkeit /
auch die bürgerliche Gemeinschaft mehrmahls der Natur abgesagte Feindin sei.
Denn als die Römer einst etliche Rhetier durch List in ihre Hände bekamen und
tödteten / machten diese ein Gesetze / dass niemand bei Verlust seines Lebens
einen in seine Gewalt gediegenen Römer leben lassen dorffte / ja sie verschonten
nicht der unzeitigen Knaben in Mutterleibe / nachdem sie durch Zaubereien
erforschten / ob die schwangern Weiber Knaben oder Mägdlein trügen. Diesem nach
schickte der Käyser diesen Drusus mit einem Heere gegen sie; welchem sie aber
bei dem Tridentinischen Gebürge die Stirne boten / iedoch weil die Römer ihnen
an Art der Waffen überlegen waren / den Kürtzern und sich zurück ziehen mussten.
Nichts destoweniger streifften sie noch immer in Gallien / welches den Käyser
nötigte den Drusus mit einem frischen Heere ihnen entgegen zu schicken /und
Tiberius selbst setzte ein anders über den Brigantinischen See / und kam den
Rhetiern in Rücken; also nach dem sie vor und hinterwerts angegriffen wurden /
sie nach unterschiedenen harten Treffen in die Gebürge zurück wichen. Nach dem
aber Tiberius Taxegetium / Cur / Briganz / Vemania / und Viaca / Drusus
Paerodun / Abudiacum / Esco / Ambra / Isarisca und Clavenna einnahm / und an dem
Lech in der Stadt Damasia etliche tausend Römische Geschlechter niedersetzte /
hingegen die streitbarsten Rhetier in Italien hin und wieder zerteilete; mussten
sich diese Völcker nach mehrmahls fruchtloss versuchten Auffstande nur endlich
für dem Drusus demütigen und das Römische Joch auff sich nehmen. Allein die in
Gallien versetzten Rhetier täten den Römern daselbst unbewaffnet mehr Schaden /
als vorhin in ihrem Vaterlande. Denn sie nahmen der Gelegenheit wahr den
Galliern ihre schimpffliche Dienstbarkeit stachlicht zu verweisen / und sie so
gar für Werckzeuge und Fesselträger der Römischen Herrschaft zu schelten; nach
dem man so gar fremde der Freiheit zugetane Völcker in Gallien gleichsam in ein
genugsam sicheres Gefängnis brächte. Wie nun diese Einhaltung unterschiedenen
fürnehmen Galliern tieff zu Gemüte ging; also unterliessen auch die
benachbarten und zum Teil in Gallien noch vermischten Deutschen nicht /
insonderheit die Sicambrer und Usipeter / denen der glückselige Streich wider
den Lollius schon einst geglückt war / ihnen in Ohren zu liegen. Unter andern
aber trug sich zu: dass als der Käyser Augustus aus Spanien in Gallien ankam /
der Römische Landpfleger alle Fürsten in Gallien nach der Stadt Lugdun an dem
Rhodan verschrieb / den Käyser daselbst mit desto grösserer Pracht zu
bewillkommen. Drei Tage nach des Käysers Ankunft fiel sein Geburts-Tag ein. Ob
nun wohl August sich zu Rom aller übermässigen Ehre entschlug / so verhing er
gleichwohl / dass man daselbst seinen Geburts-Tag als heilig mit Lust-Spielen und
Jagten feierte. Die Ritterschaft hielte allerhand Rennen / und die Zunften
sammleten so gar das ganze Jahr in eine Lade die Unkosten zu unterschiedenen
Freuden-Zeichen. Alle Stände gingen mit grosser Ehrerbietung zu dem Pful des
Curtius / und warffen dem Gott Summanus für das Heil des Käysers eine Gabe
hinein. Und an diesem Tage durffte kein Ubeltäter verurteilet / weniger
abgetan werden. Alleine in denen überwundenen Ländern hatte die Heuchelei der
Landvögte diese Fest-Tage viel herrlicher zu halten eingeführet / auch August
solches mehrmahls gebillicht / welcher für ein Geheimnis seiner Herrschaft
hielt sich zu Rom kleiner / anderwerts aber grösser /als er war / zu machen /
und dort für einen Bürger /anderwerts für einen Gott angesehen sein wollte.
Insonderheit meinte dissmahl der Landvogt Qvintus Adginnius was ungemeines
auszuüben / verschrieb also alle Fürsten und einen Ausschuss des Adels nach
Lugdun / welche den Käyser nebst zwei Römischen Legionen auffs prächtigste
einholeten. Ausserhalb der Stadt war eine kostbare Ehren-Pforte gebauet / welche
mit allerhand von dem Phönix genommenen Sinne-Bildern bemahlet war. Auff der
rechten Seiten stand das Bild des Käysers / über ihm war eine Welt-Kugel / und
darauff ein Phönix gemahlet / mit den Worten: Der einige in dem einigen. Neben
ihm stand ein Phönix / der gerade in die Sonne sah / mit der Beischrift:
Gleich und gleich. Auff der andern Seite flog ein junger Phönix / der eines
andern verbrenntes Nest auff ein der Sonne gewiedmetes Altar legte / mit der
Uberschrifft: Heute dir / morgen mir. Bei dem Fusse spreusste ein Phönix die
Flügel / und drehete den gestirnten Tier-Kreis mit einem Fusse herum. Die Worte
dabei waren: Ich verändere die Zeiten. Oben in der Spitze schwebte ein Phönix /
unter ihm hingen die Adler ihre Flügel. Die Uberschrifft war: Der Könige König.
Auff der lincken Hand stand das Bild Galliens / über selbtem aber ein sich
verbrennender Phönix / mit der Uberschrifft: Ich verginge / wann ich nicht
vergangen wäre. Auff der einen Seite war ein Phönix den die Sonne mit Strahlen
überschüttete /mit der Beischrift: Anderer Verzehrung meine Speise. Auff der
andern Seite ein den Hals empor streckender Phönix / der darum seinen auff Art
eines Halsbandes habenden güldenen Kreis zeigete / mit den Worten: Meine Bande
meine Zierde. Oben in der Spitze warff ein Phönix Zimmet und Weirauch auff ein
brennendes Altar / mit der Uberschrifft: Meine Opffer meine Genesung. Das erste
Sinnebild war ein zerbrochener Spiegel / in dessen iedem Stücke die Sonne
vollkommen sich bespiegelte / mit den Worten dabei: Verminderung ohne Abgang.
Das andere war ein hol ausgeschliffener Brenn-Spiegel / in dessen Mittel-Puncte
die Sonnen-Strahlen sich vereinbarten / mit dem Beisatze: Je enger ie
kräfftiger. Das dritte war der verschlossene Tempel des Janus mit der
Uberschrifft: Er zeigt sich durch die Verschlüssung. Das vierdte Sinne-Bild war
der zusammengefügte Tempel der Tugend und der Ehren / mit der Beischrift: Durch
Staub zum Gestirne. Die dritte Ehren-Pforte stand für dem Königlichen Hause /das
dem Käyser zur Wohnung bestimmt war / und auff den Rhodan ein weit und
anmutiges Aussehen hatte. Weil sichs nun gleich traff / dass die Sonne zu Golde
ging / war die Uberschrifft daran:
Die Sonne sinckt ins Meer / so bald August zeucht ein.
Denn eine Stadt verträgt nicht zweier Sonnenschein.
Der Käyser war in Gestalt des Apollo gebildet und ward auff dem Wagen der Sonnen
von vier weissen Pferden gezogen. Die ganze Ehren-Pforte war mit eitel von der
Sonne genommenen Sinne-Bildern angefüllt. Die am Morgen lieblich auffgehende
Sonne hatte eine Uberschrifft: Eigenbeweglich und umsonst. Die am Mittage den
ganzen Erdkreiss überstralende diese Worte: Unermüdet und allentalben. Bei der
alle Gestirne mit Lichte beteilenden Sonne stand: Alle von einem. Bei der den
Schnee zerschmeltzenden und die Kräuter erqvickenden: Ich vertilge und erqvicke.
Der einen Regenbogen machenden Sonne war beigeschrieben: Mahlwerck eines
Blickes. Der die zwölff himmlischen Zeichen durchwandernden Sonne stund
beigesetzt: Eines nach dem andern. Die aller gröste Pracht aber hatte Adginnius
in dem bei Zusammenrinnung des Rhodans und der Araris dem Käyser Julius und
Augustus zu Ehren aus weissem Marmel gebauten Tempel sehen lassen / dahin der
Käyser folgenden Tag auff dem Rhodan in einem ganz übergoldeten Schiffe
geführet / und mit mehr als tausend andern Schiffen begleitet ward. Der Käyser
warff / als er den ersten Fuss in das Schiff setzte / einen köstlichen Ring in
den Rhodan / entweder auch hierinnen es dem grossen Alexander nachzutun / der
nach Eroberung der Stadt Hamatelia dem Meere opfferte / oder aus einer
wahrhaften Andacht / nachdem nicht nur die Messenischen Könige den Fluss Pamisus
/ die Phrygier den Meander und Marsyas / die Egyptier den Nil göttlich verehrten
/ sondern auch die Römer glaubten / dass die Götter und die Gestirne sich von
denen aus dem Meere und den Flüssen dämpffenden Feuchtigkeiten nähreten. Uber
der Pforte des Tempels stand in eine ertztene Tafel gepreget: Denen zwei Göttern
der vier Gallien. Der Tempel war nach Art des Tugend-und Ehren-Tempels zu Rom in
zwei Teile abgeteilet. In dem ersten stand des Cajus Julius Bild zu Pferde aus
Ertzt gegossen in der Mitten. Unter dem Pferde lagen allerhand in Ertzt
gleichfalls geetzte Kriegs-Waffen; und an einem Marmelnen Fussbodeme war zu
lesen:
Als Mars in Gallien nahm Cäsars Taten wahr /
Sprach er: Ich sehe nun / wo ich den Krieg soll lernen.
Nahm also über sich sein Tun / Amt und Gefahr /
Und Cäsars Seele ward der Kriegs-Gott bei den Sternen.
Auff der einen Seiten des viereckichten Tempels stand das Bildnis des Belgischen
Galliens. Die Wand war in zwei Felder abgeteilet. Im ersten war des Julius mit
dem Könige Ariovist gehaltene Schlacht zwischen der Araris und dem Rheine / und
insonderheit wie der verwundete Ariovist in einem kleinen Nachen sich über den
Rhein flüchtete / und zwei Gemahlinnen nebst einer Tochter im Stiche / die
andere dienstbar machen liess / abgebildet. Darunter war in Stein gehauen:
Ariovisten trifft mein erster Donnerschlag;
Der Deutschland zitternd macht und Gallien ertäubet.
So kann ein Helden-Arm ausüben einen Tag /
Was ewig eingepregt in Ertzt und Sternen bleibet.
    Im andern Felde war die heftige Schlacht mit den Nerviern zu sehen / da
diese ganz verzweiffelt fochten / aus den todten Leichnamen Brustwehren machten
/ und das Römische Heer zu weichen nötigten /Käyser Julius aber einem gemeinen
Kriegs-Knechte den Schild vom Arme riss / an die Spitze sich stellte /den Sieg
des Feindes hemmte / ja fast den Nahmen der Nervier vertilgte. Darbei war
auffgezeichnet:
Sind Perseus und sein Schild als Sterne zu erhöhen /
Weil Atlas und ein Fisch verwandelt wird in Stein;
Muss Cäsar und sein Schild verkehrt in Sonnen sein /
Weil tausend Nervier für ihm wie Marmel stehen.
    Auff der andern Seite war das Bild des Aqvitanischen Galliens auffgerichtet
/ und an dem ersten Felde der Wand künstlich eingeetzt das hohe mit sechs
Füssetieffem Schnee bedeckte Gebennische Gebürge / über welches Käyser Julius
die Arverner wider alle menschliche Einbildung überfiel. Darunter stand:
Verkreuch dich Hannibal mit deinem Alpen steigen /
Weil Mensch und Sommer dir dort einen Fuss-Pfad zeigen;
Gebennens Schnee-Gebürg' ist Gemsen auch zu hoch /
Doch findet Julius durch Klipp' und Schnee ein Loch.
    In dem andern Felde stand die Eroberung der überaus festen Stadt Uxellodun;
da Käyser Julius nach vergebens gebrauchtem Schwerdt und Feuer einem starcken
Brunnen das Wasser entzoh / und durch Durst die Belägerten zur Ubergabe zwang /
hernach aber allen / die Waffen getragen hatten / die Hände abhauen liess. Die
Beischrift war:
In dem Uxellodun in Cäsars Hände fällt /
Als er dem ew'gen Qvell die Adern abgeschnitten;
Erweist der Käyser sich mehr einen Gott als Held /
Denn Götter können ja nur der Natur gebieten.
    An der dritten Seite des Tempels stand das Bild des Celtischen Galliens /
und im ersten Felde der Mauer war zu sehen Cäsars wunderwürdige Belägerung der
unüberwindlichen Festung Alexia / und derselben Auffgabe. Die Schrifft dabei
war:
Kein Weg das Auge trägt kaum auf Alexens Klufft /
Doch schwingt sich Cäsar hin / zermalmt Tor / Mauern / Riegel.
Nicht rühmt des Dädalus zur Flucht geschickte Flügel /
Denn Götter nehmen nur ein Schlösser in der Lufft.
    In dem andern Felde der Mauer aber die Ergebung der Carnuter / und die
Aushändigung ihres Fürsten Guturvat / welcher dieses und andere Völcker wider
die Römer aufgewiegelt hatte / und deshalben mit Prügeln und einem Fallbeile
hingerichtet ward. Unter demselben war zu lesen:
        Als sich Carnut empört / komt Cäsar / siht und siegt
    Für seinem Schalten fällt fussfällig es zun Füssen /
    Siht wie sein Haupt entseelt von Beil und Prügeln liegt.
    Denn knechtschen Meineid muss ein Fürst auch knechtisch büssen.
    An der vierdten Ecke des Tempels sah man das Bild des Narbonischen Galliens
/ und in dem einen Felde die Schlacht des Käysers mit dem Könige Vercingentorix
/ und wie nach derselben Verlust dieser mit seinem Volcke und Läger sich selbst
dem Käyser ergibet / und für seinem Stule fussfällig Helm und Waffen niederlegt.
Die Worte darbei waren:
        Nicht Vercingentorix / ganz Gallien liegt hier /
    Wirfft Helin und Zepter weg / weicht Cäsarn Hertz und Seele;
    Rufft: Cäsar halt' ihm selbst der Völcker Opffer für /
    Weil er in Menschen-Tracht die Gotteit so verhöle.
    In dem andern Felde war die unvergleichliche Belägerung der Stadt Massilien
fürgebildet / und wie nach verzweifelter Gegenwehr sie ihre Rüstung / Waffen
/Geschütze / Geld und Schiffe dem Käyser demütig eingeliefert / die Stadt aber
nicht wegen ihrer Verdienste / sondern wegen ihres Altertums / weil sie die
Phocenser noch gebauet / begnadigt wird. Darunter stand:
        Massilien erstarrt für Cäsars Ungewitter /
    Wenn er wie Mavors Glut / wie Zevs Blitz auf sie schneit /
    Doch fässelt er sie mehr durch seine Gütigkeit.
    Denn Grüñ zwingt Mauern nur / Sanftmütigkeit Gemüter.
    Dieses Vor-Tempels an eitel kriegerischen Dingen bestehende Pracht aber ward
weit übertroffen von dem Friedens-Tempel des Kaisers Augustus. Wie in dem
erstern die Zierraten eitel eisenfärbichte Waffen / das Laubwerck nur Lorbern
waren; also waren im andern allerhand Blumen / insonderheit viel Hörner des
Uberflusses in Marmel und Ertzt geetzt. Das Laubwerck bestand an eitel Oel- und
Myrten-Laube /und war alles ziervergoldet. Für der Pforte stand ein
Spring-Brunnen / in welchem die Schale aus Porphir /das Bild der Natur aber /
welches aus den Brüsten mit grosser Heftigkeit / darein das kläreste
Brunn-Wasser spritzte / war aus Corintischem Ertzte gegossen / die Schale
trugen vier aus Alabaster gehauene Delphinen. Die mitten zerteilte Pforte war
aus Ertzt / und darauf Bacchus mit seinen Wein-Reben / und Ceres mit
Weitzen-Eeren gegossen. Darüber stand in Marmel gehauen:
                             Dem Käyser Augustus /
                   Der Gallier grossem und gütigem Jupiter /
                                  baute dieses
                              Qvintus Adginnius /
                    Der Stadt Rom und des Käysers Priester /
                     bei der Zusammen-Flüssung des Rhodans
                                und der Araris.
    Dieser Tempel war Kugel-rund gebauet; in der Mitten stand aus Corintischem
Ertzte des Käysers Augustus Bildnis / welchem alle Kennzeichen des Jupiters und
der Sonne beigefügt waren. An dem marmelnen Fusse stand:
Lass Cäsarn / wenn er stirbt / zu einem Gotte werden /
Ein Schrecken Galliens / des Himmels Kriegs-Stern sein.
August wird eine Sonn' / ein Gott noch hier auf Erden;
Er und der Friede baut / was Furcht und Krieg reist ein.
    Die Abteilung des Tempels aber war fünffach /und in einer ieden eine
Geschichte des Jupiters in Marmel eingehauen / welcher aber alentalben ein dem
Kayser August ganz gleiches Antlitz hatte. In iedem Fünfeck war einer von den
Haupt-Flüssen Galliens / nämlich der Rhodan / die Garumne / die Ligeris / die
Seene und die Maass abgebildet / welche aus ihren Krügen grosse Ströme Wassers
ausgossen. Im ersten lag die Maass / allentalben mit Schilff umbwachsen / oben
sass August bei einer Taffel / ein fliegender Adler aber nahm ihm mit dem
Schnabel ein Teil der Speise vom Teller / mit der Beischrift:
Nicht wunder dich August / dass dir ein Vogel frist
Die Speisen aus der Hand. Er kennt dich / wer du bist.
Und du kanst / was es für ein Vogel sei / ermässen.
Denn Adler pflegen nur mit Jupitern zu essen.
    Im andern Fünfeck sass die Seene / umb und umb mit tausenderlei Art Muscheln
umbleget / und der noch junge Jupiter ward mit Honig von den Bienen ernähret /
welche nach und nach ihre Eisen-Farbe in Gold-gelbe verwandelten. Darüber war zu
lesen:
        Warumb wird Gallien am Golde so sehr reich /
    Nach dem's dem Käyser zinsst? Es grub ja vor kaum Eisen /
    Nicht fragt! denn Jupiter macht / wenn sie ihn nur speisen /
    Der Bienen Eisen-Farb auch schönstem Golde gleich.
    Im dritten Felde lag die Ligeris auf einem mit Moos bewachsenen Felsen; über
ihr war Jupiter gemahlet / wie er den Turm des Acrisius durchbricht /und sich
als ein güldner Regen in die Schoos seiner hierdurch geschwängerten Danae
ablässt. Darunter war geschrieben:
        Entsetze / Gallien / dich für dem Käyser nicht /
    Der güldne Friede kommt / wenn er gleich stürmt und wütet.
    Wenn Jupiter durch Ertzt / durch Türm und Mauern bricht /
    Wird Danae mit Gold und Segen überschüttet.
    Im vierdten Teile lag der Fluss Garumna / das Haupt hatte er wie Bacchus mit
Reben und Wein-Laube umbhüllet. In selbigem Felde war die Geburt der Pallas aus
dem Gehirne Jupiters eingehauen / mit der Bei-Schrifft:
        Die Weissheit steigt hier hoch. Warumb? August regirt.
    Denn Pallas wird gebohrn aus Jupiters Gehirne.
    Saturnens güldne Zeit wird aber auch verspürt!
    Denn dieser Zevs hier beut dem Vater nicht die Stirne.
    Im fünften Teile lag der Rhodan auf einem mit eitel Corallen-Zapfen
bewachsenen Felsen. Im Felde war der in einen Schwan verwandelte Jupiter
gebildet / wie er die Leda des Tyndarus Gemahlin schwängert / welche hernach
zwei Eyer gelegt / aus derer einem Pollux und Helena / aus dem andern Castor und
Clytemnestra hervor kommen. Darunter war gezeichnet:
Warumb mag wohl August so Gallien bebrütten?
Nicht: dass es Eyer ihm aus Golde legen soll.
Als Zevs die Leda zwingt / tut es ihr selber wohl.
Zwei Helden haben sich aus ihrem Ey geschnidten.
Viel tausend aber hört man Franckreich Mutter nennen.
Was macht es? Jupiter ward ein unfruchtbar Schwan.
Der Käyser aber ist ein unermüdet Hahn /
Und die vier Gallien vier gute Lege-Hennen.
    Als der Käyser bei dem Tempel aus dem Schiffe trat / bewillkommte ihn der
ihm zugeeignete Priester Cajus Julius Vercondaridubius / ein Heduer der Geburt /
nebst sechs andern Priestern / welche iedem denen dem Käyser fürtretenen Fürsten
eine weisse mit Oel-Laube umbwundene und brennende Fackel einhändigten. Mitten
im Tempel war bei seinem Bildnüsse ein hoher Tron aufgebauet / darauf sich der
Käyser setzte. Alsofort ward auf denen darinnen stehenden fünf Altaren von
wolrüchendem Holtze ein Feuer angezündet. Die Fürsten der Gallier / und nach
ihnen der Adel / gingen nach der Reihe / neigten sich für dem Augustus /
küsseten gegen ihm ihre rechte Hand / dreheten sich hierauf linckwerts (welches
bei den Galliern die gröste Andacht ist) zu denen Altaren / und warff ieder eine
Handvoll Weirauch in die heilige Flamme.
    Ich mag / fuhr Adgandester fort / alle abergläubische Heucheleien / die
daselbst fürgingen / nicht erzählen. Uns ist alleine genung / dass viel Gallier
diese ihre schmähliche Dienstbarkeit einen sterblichen Menschen göttlich zu
verehren in ihrem Gemüte verfluchten / die zuschauenden Sicambrer und Rhetier
aber die Gallier als Knechtische Sclaven verschmäheten / und alle auf den Julius
Cäsar und den Augustus gerichtete Sinnen-Bilder und Uberschrifften zu ihrer
ärgsten Verkleinerung auslegten. Wordurch denn nach dem Abzuge des Kaisers ihrer
viel aufgewecket wurden / das Römische Joch abzuwerffen / sonderlich da der
Sicambrische Hertzog Antario ihnen wider die Römer mit äusersten Kräfften
beizustehen versprach.
    Dieser Aufstand / sagte Malovend / ist eine noch allzu geringe Straffe des
Käysers gewest / welcher durch angenommene Verehrung der Priester keine
absondere Ehre Gott übrig gelassen. Sintemal entweder keine blindere Torheit /
oder keine schändlichere Vermessenheit sein kann; als wenn ein elender Mensch /
der im Leben sich mehrmals nicht der Läuse / nach dem Tode nicht der Maden
erwehren kann / sich zu einem unsterblichen Gotte machen / und seinen Staub und
Asche mit denen unversehrlichen Gestirnen verwechseln will. Zeno antwortete
Malovenden: Er hätte selbst eine Abscheu für dem / dass ein Sterblicher sich den
unsterblichen Göttern gleichen sollte. Alleine weil die Menschen sich durch
Wohltat den Göttern ähnlich machten / schiene so ärgerlich nicht zu sein /wenn
man seine Woltäter / derer Verdienste man nicht vergelten könnte / auch etlicher
massen mit einer denen woltätigen Göttern zu liefern gewohnten Danckbarkeit
beteilte. Hätten doch die Epyptier den Schlangen-verzehrenden Vogel Ibis / und
andere wilde Tiere wegen des ihnen zuwachsenden Nutzens vergöttert. Sonst aber
könnte er sich schwerlich bereden / dass iemals ein Mensch so alberer Gedancken
gewest wäre; sondern es hätte von Anfang die Unwissenheit des Pöfels / welcher
die herrlichen Taten der Helden als etwas irrdisches zu begreiffen nicht gewüst
/ in dem sie alle andere Menschen nach ihrer Fähigkeit ausgemässen / ihnen etwas
Göttliches mitgeteilet zu sein vermeint; hernach hätte entweder das danckbare
Andencken empfangener Woltaten / zuweilen auch wohl die Heuchelei / und endlich
die Staats-Klugheit / welche das unbändige Volck durch nichts besser in den
Gräntzen des Gehorsams zu halten gewüst / die Halb-Götter in der Welt aufbracht.
Niemand aber hätte seines Wissens irgendswo geglaubt / dass unter solchen Helden
und den ewigen Göttern kein Unterscheid sein sollte. Malovend versetzte: Beider
Verehr- und Anbetung wäre gleichwohl ganz gleich. In Gallien wäre keinem Gotte
ein so herrlicher Tempel als dem Augustus aufgerichtet / und jenem in einem
Jahre nicht so viel Weirauch / als diesem in einem Tage verbrennet worden.
Käyser Julius hätte sich auf einem Wagen dem Capitolinischen Jupiter entgegen
setzen lassen. Anfangs wäre freilich zwar die Götter und Helden-Verehrung
unterschieden gewest; diese hätte in Bildern / jene in Opfern / diese in Küssen
/ jene in der Anbetung bestanden / weil man die von uns entfernten Götter nicht
wie Menschen erreichen können. Hernach aber hätten die Angilen und Nasamonen in
Africa die verstorbenen Seelen / die Persen ihren Cyrus als wahre Götter zu
verehren den Anfang gemacht. Die Griechen hätten der Lampsace anfangs nur eine
Säule / hernach aber Altäre aufgerichtet; die Arcadier ihren Arcas anfangs nur
in einen Stern / den Aristäus aber folgends in Jupitern verwandelt. Jedoch wären
bei allen Völckern die grösten Helden noch so bescheiden gewest / dass sie die
Göttliche Ehre von ihren heuchelnden Untertanen erst nach ihrem Tode zu
empfangen sich vergnüget /erwegende: dass die Göttligkeit noch glaublicher einem
Menschen nachfolgen / als ihn begleiten könne / und dass zu Befestigung dieses
Aberglaubens so viel Zeit verlauffen müsse / wormit man sich des verstorbenen
Schwachheit nicht mehr erinnere / oder zum minsten selbte nicht mehr sehe. Zumal
mit dem Tode auch die der Tugend allezeit aufsätzige Missgunst erlischt / und die
sie schwärtzende Verläumbdung verrecket; hingegen die Nach-Welt iedem nicht nur
seinen verdienten Ruhm wieder erstattet / sondern auch aus der Helden irrdenen
Bildern Heiligtümer zu machen geneigt ist. Augustus aber habe die Gotteit bei
seinem Leben von denen Galliern anzunehmen sich nicht gescheuet / welche doch
nicht das Vermögen haben ihnen selbst einen König zu machen; Da es doch ein
unermässlich schwererers Werck ist einem den Himmel / als ein Königreich
zuzuschantzen. Zeno warff hierwider ein: August wäre der erste nicht gewest /
der solches bei seinem Leben verstattet hätte. Der grosse Alexander hätte als
des Jupiters Sohn angebetet zu werden verlanget / und den solches widerratenden
Callistenes peinigen und kreutzigen lassen. Philadelphus hätte seine und der
andern Ptolomeer Bilder auf güldenen Wagen neben dem Bacchus und andern Göttern
mit ungläublicher Pracht aufführen / Kayser Julius unter der Götter Bildern
seines tragen / auch alle Göttliche Ehre antun lassen. Nichts desto weniger
wäre dieses alles vermutlich mehr aus einer Staats-Klugheit / als aus einer
tummen Einbildung einer wahrhaften Göttligkeit geschehen. Sintemal diese alle
die Götter selbst angebetet / Julius auch sein auf der Erd-Kugel stehendes
Ertzt-Bild mit der Uberschrifft eines Halb-Gottes bezeichnet hätte. Insonderheit
wäre August nicht zu bewegen gewest ihm in Rom einiges Heiligtum bauen zu
lassen; hätte auch Liviens Bild nicht in der Gestalt der Juno aufrichten lassen
wollen; auch als ihm der Rat die von denen überwundenen Völckern angebotene
Vergötterung gleichsam aufgedrungen / sich erkläret / dass sein Ehrgeitz nicht
diese Anbetung / sondern seine Liebe des Vaterlandes nur des RatsVorsorge
billigte; welche meinte / dass durch diese Künste dem Römischen Reiche ein Ansehn
zuwüchse; und die Welt sich weniger einem Gotte als Menschen untertänig zu sein
schämen würde. Die Persen und des Atlantischen Eylandes Inwohner bezeugten gegen
ihrem Könige nur desshalben einen so blinden Gehorsam / weil jene gläubten / dass
er die Stütze des Himmels und der Erde / sein Fusswasser aber eine heilige
Artznei wider viel Kranckheiten wäre; Diese aber dass er liesse Sonne und Monde
scheinen. Malovend fiel ein: Er könnte einen frommen Betrug der Staats-Klugheit
nicht verwerffen / als durch welchen Numa / Scipio / Lucius Sylla / Sertorius /
Minos und Pisistratus ihrem Tun und Gesetzen gleichsam ein göttliches Ansehn
gemacht; Er verargte den Griechen nicht die Aufrichtung des Trojanischen Pferdes
/ denen Phöniciern und Zazintiern den von den Göttern ihrem Fürgeben nach im
Traume befohlnen Tempel- oder vielmehr Festungs-Bau / daraus sie sich ganz
Hispaniens bemächtigt; Aber Gott die Würde der Gotteit / und die Ehre der
Anruffung abstehlen / wäre eine verdammlichere Bosheit / als ein ärgerlicher
Irrtum / dass der Gottesdienst nur eine Erfindung der Staats-Klugheit wäre. Denn
diese steckten nur in dem Finsternüsse der Unwissenheit; jene aber wären die
wahrhaftesten Riesen / die den Himmel vorsetzlich stürmeten / und der Salmoneus
/ der mit seinem Donner den Jupiter zum Streit ausforderte. Diesemnach auch sie
von der göttlichen Rache durch Blitz eingeäschert zu werden verdienten; und
hätten alle vernünftige Weisen solche eitele Vergötterung verspottet / der Rat
zu Aten auch den Demas gar recht mit einer Geld-Busse belegt / weil von ihm der
sterbliche Alexander bei denen Olympischen Spielen als ein GOtt eingeschrieben
worden wäre. Ja Leonnatus hätte sich nicht gescheuet / einen den Alexander
anbetenden Persen ins Antlitz zu verhöhnen; und Hermolaus hätte nebst denen
andern Edel-Knaben desshalben den eitelen Alexander zu erwürgen sich verbunden.
Gleichwol aber / versetzte Zeno / ist der Delphische Apollo selbst so
eiversüchtig nicht gewest / in dem er den Griechen geraten den Hercules zu
vergöttern. Adgandester begegnete ihm: Es hat der Delphische Wahrsager-Geist wohl
eher dem Könige Philip und andern liebgekoset. Weil aber August selbst wohl
ehender mit dem Agrippa / Alexander mit seinem Hephestion wegen allzu grossen
Ansehens geeivert hat; und kein Stern in Anwesenheit der Sonne sich einigen
Glantz von sich zu geben erkühnet; möchten die armen Sterblichen sich wohl selbst
bescheiden / dass sie gegen GOtt Spreue / und keiner Göttligkeit fähig sind; der
angebetete Darius / Xerxes und Attaxerxes auch leider ein Gelächter der
ohnmächtigsten Menschen worden / als den ersten die Scyten / den andern zwei
Griechische Städte / den dritten Clearchus und Xenophon gleichsam in ein
Bocks-Horn gejaget.
    Hertzog Zeus merckte / dass die Eitelkeit der Vergötterung allen Deutschen
ein Dorn in Augen wäre; also brach er von derselben Entschuldigung ab / und
ersuchte den Fürsten Adgandester in seiner annehmlichern Erzehlung fortzufahren.
Dieser verfolgte sie dergestalt: Das Bündnis ward zwischen denen durch des
Agrippa strenge Verfahrung / und des Licinnius Geitz und unmenschliche
Schinderei ohne diss vorher verbitterten Gallier dem Sicambrischen Hertzoge
Antario und den Fürsten der Ubier Beer-Mut ins geheim / und insonderheit durch
Unterhandlung der über des Augustus Vergötterung eivernden Druyden beschlossen.
Alleine die Römer kriegten hiervon zeitlich Kundschaft; und der zu Beobachtung
der Deutschen und Gallier zurück gelassenen Drusus beruffte unter dem Scheine
des Augustus Feier abermals zu begehen / die Fürsten der Gallier nach Lugdun.
Diese fanden sich so viel fleissiger ein / ie weniger sie ihren Anschlag
verraten zu sein besorgten / oder wegen ihrer so beflissenen Dienstbarkeit sich
einigen Arges versahn. Aber die sie beschlüssenden Fässel lehrten sie allzu
zeitlich / dass man bei Anspinnung eines gefährlichen Beginnens alles Vertrauen
aus dem Hertzen verbannen müste. Weil sie aber auf Andräuung noch schärffern
Verfahrens nicht nur ihre Söhne und Bluts- den Römern wider die Pannonier und
Dalmatier zukriegen einlieferten; also der Käyser mit ihnen nicht nur
Hülffs-Völcker / sondern auch Geisel überkam / wie nichts minder alle
Geheimnisse des Bündnüsses erfuhr / wurden sie nach desselbten Abschwerung
wieder auf freien Fuss gestellt. Wordurch sie aber das Misstrauen bei den Römern
und die Verächtlichkeit bei den Bunds-Genossen nicht ablehneten; ja so gar
verursachten / dass die Sicambrer und Usipeter sich mit dem Drusus in ein Bündnis
einliessen.
    Weil aber die obbestrickten Gallier den Hertzog der Moriner Erdmann
beschuldigten / dass er ebenfalls teil an ihrem angezielten Aufstande gehabt
hätte; oder die Römer in Gallien keine umschrenckte Gewalt vertragen konten /
kündigte ihm Drusus unter einem ganz andern Vorwande / nehmlich / dass die
Helffte seiner Länder mit seiner ältesten dem Licinnius verheirateten Tochter
an seinen Eydam verfallen wäre /den Krieg an. Diese Moriner waren nebst den
Batavern das einige Volck in Gallien / welches nicht der Römischen Botmässigkeit
schlechterdings unterworffen war. Käyser Julius und Labienus hatten zwar ihnen
zwei Schlachten abgewonnen; aber die feste Beschaffenheit ihres sümpfichten
Landes und ihre der Streitbarkeit vermählte Vorsicht hatte / auser einer den
Römern verwilligten leidlichen Schatzung / sie noch grossen Teils bei ihrer
Freiheit erhalten; also /dass weder Agrippa / noch August selbst / bei ihrer
Anwesenheit ein Bein unterzuschlagen vermochten. Als nun Drusus mit den Morinern
anband / auch sich etlicher Plätze bemächtigt hätte / hemmete eine Gesandschaft
der Britannier und Bataver / welche schon funfzig tausend Kriegs-Leute auff den
Beinen / und zu Beschirmung der Moriner fertig hatten / den Lauff der Römischen
Siege; nötigten auch den Drusus / dass er / um nicht das missträuliche Gallien
ganz in Gefahr zu setzen / mit den Morinern einen billichen Frieden schlüssen
musste.
    Drusus ward über der Fehlschlagung seines eingebildeten Sieges so verbittert
/ dass er sich hätte in die Finger beissen mögen; insonderheit aber meinte er
gegen die Bataver seine Galle und Rache auszugiessen berechtigt zu sein. Dieses
Volck war von den streitbaren Catten entsprossen / hatte wegen häusslicher Unruhe
sein Vaterland verlassen / die zwischen dem Rheine und dem Nord-Meer gelegene
Pfützen ausgetrocknet / und solch Eyland zur Wohnung erkieset. Weil sie aber von
Anfangs weder an Mannschaft noch Kriegs-Geräte sonderlich starck waren /
mussten sie sich unter den Schutz der Britannier begeben /welche damahls vom
Einflusse des Rheins biss an die Seene Meister der Gallischen Küsten waren. Als
aber die Britannier eine schwerere Hand ihnen auflegten /als die freien
Deutschen zu tragen gewohnt waren /beschwerte sich der Bataver Hertzog Eganor
gegen dem Britannischen Könige / und schrieb ihm zu: Er möchte sich entweder
seiner Härtigkeit / oder seiner Herrschaft enteusern. Es möchte wohl sein / dass
anderer Völcker Könige nur den Göttern Red und Antwort zu geben gewohnt wären;
Die Deutschen aber forderten auch von ihren Gebietern Rechenschaft; und fromme
Fürsten hielten es für einen Ruhm / die Gesetze und das Urtel ihrer Untertanen
über sich zu leiden. Der König / welchem entweder von seinen Land-Vögten die
geklagte Bedrängung ausgeredet ward / oder weil er eine umschrenckte Gewalt
nicht für Königlich hielt / verwies die Bataver an statt verhoffter
Erleichterung zu der Schuldigkeit ihres Gehorsams. Dieses jagte nicht nur die
Bataver in den Harnisch / sondern Eganor bewegte alle denen Britanniern
untertänige Gallier zum Aufstande. Wiewol nun der kluge und tapffere Eganor
Meuchelmörderisch hingerichtet ward; verfolgte doch sein Sohn Eisenhertz den
Krieg wider die Britannier so glückselig /dass diese jene für freie Leute
erkennen mussten. Die Bataver / wie ein kleines Anteil Galliens sie gleich
besassen / erlangten hierdurch ein grosses Ansehen /und den Ruhm / dass sie nicht
nur unter den Galliern /sondern allen an dem Rheine wohnenden Völckern die
tapffersten wären. Weil nun ihr Eyland endlich so wohl ihrer Mannschaft zum
Unterhalte / als ihrer Tugend zur Gräntze viel zu enge war / lagen sie täglich
denen benachbarten Galliern in Eisen / und machten sie durch stete Uberfallung
zinssbar. In denen Nord-Völckern ging zu sagen kein Rauch auf / da sie nicht als
Mittler erbeten worden / oder sie sich selbst zu Schieds-Richtern aufwarffen /
und denen hartnäcktichten einen Frieden vorschrieben. Durch Schiffarten und
Handlung machten sie sich nichts minder vermögend / als in der ganzen Welt
bekandt. Ob auch wohl hernach Käyser Julius ganz Gallien einnahm /wagte er sich
doch nicht / die Bataver in ihrem Lande anzutasten. Ja weil sie für die besten
Schwimmer /und die fürtrefflichsten Reuter berühmt waren / suchte er nicht
alleine durch Gesandschaft und Geschencke ihre Freundschaft; sondern brauchte
sie auch in seinem Britannischen und Bürgerlichen Kriegen um zweifachen Sold für
Hülffs-Völcker. Unter dem Käyser August stiegen sie so hoch / dass Agrippa im
Nahmen des Käysers sie nicht nur für Freunde und Brüder der Römer aufnahm / und
zum Gedächtnis dieser Verbindung an dem Ufer / wo der Rhein ins Meer fällt /
eine von Rom übersendete Marmelne Säule mit der Uberschrifft: Das Volck der
Bataver / der Brüder des Römischen Reichs / aufgerichtet ward; sondern August
erkiesete sie auch zu seiner Leibwache. Derogestalt schienen die Bataver an den
höchsten Gipffel der Ehre und Glückseligkeit gelanget zu sein; Ob zwar im Wercke
bei ihnen wahr war / dass Herrschaften oft mehr dem Ruffe / als dem Wesen nach
auf festen Füssen stehen. Denn wie dem Britannischen Könige ein Reichs-Rat
diesen schlauen Anschlag gegeben hatte / dass die Bataver / wie ihre unbewegliche
Pfützen / durch Ruhe verderben müsten; Also ereignete sich freilich / dass die
Bataver teils durch Sicherheit / in dem sie ihre Macht so feste beraset zu sein
vermeinten / dass sie allen Nachbarn die Spitze bieten könten / teils durch die
vorteilhafte Kaufmannschaft guten Teils der Waffen und ihrer streitbaren
Art vergassen. Worzu sie nicht allein die Süssigkeit des Gewinns / sondern die
von denen listigen Britanniern an die Hand gegebene Gelegenheiten; ja der
Batavischen Fürsten eigne Anleitungen verführten; als welche ebenfalls durch
Verzärtelung der Bataver ihre vorhin mercklich verschrenckte Gewalt zu
vergrössern anzielten. Insonderheit gab Hertzog Waldau durch Einführung gewisser
Handlungs-Gesellschaften auch dem Adel Anlass / sich in die Handlung zu
verwickeln. Und ob wohl der Catten Gesandter dem Batavischen Adel die Gewohnheit
ihrer Vor-Eltern / welche alle Kaufmannschaft bei Verlust des Kopffes aus
ihren Gräntzen verbanneten / wie auch dass das Gewerbe die hertzhaftesten
Gemüter verzagt / und nach der Süssigkeit auch eines unanständigen Friedens
lüstern machte / einhielt; so setzten doch die Werckzeuge des Fürsten Wodan
diesen Erinnerungen entgegen: Die Kaufmannschaft wäre der alten Scyten und
fast aller Völcker bestes Gewerbe gewest. Die Phönicischen Handelsleute hätten
sich durch ihr Gewerbe zu Fürsten / die Stadt Tyrus zu einer Beherrscherin
vieler Länder / und Cartago bei nahe zum Haupte der Welt gemacht. Der grosse
Gesetzgeber Solon / und die berühmtesten Weltweisen Democritus und Socrates
hätten sich zu handeln nicht gescheuet / und der göttliche Plato wäre durch den
in Egypten getriebenen Oel-Handel reich worden. Dem Tales hätte die Vermählung
seiner Sternkunst und Kaufmannschaft grossen Wucher einbracht. Die Römische
Ritterschaft hätte durch Kaufmannschaft ihren Glantz behalten; Lucius Petius
zu Panormus /Qvintus Mutius zu Syracusa dardurch ein grosses erworben. Käyser
Julius wäre eines Wechslers Enckel /und der König Tarqvinius Priscus / so wohl
als der grosse Bürgermeister Cicero / eines Kauffmanns /nehmlich des Damarats
Sohn gewest / ja Tarqvinius selbst und der grosse Pompejus hätten Handlung
getrieben. Die über des Adels Auffnehmen eifernde Fürsten hätten durch
Abschneidung des Gewerbes selbtem arglistig die Flügel zu verschneiden
getrachtet /und solches dem kleinmütigen Pöfel zugeschantzt. Hätten Curius /
Scipio und andere grosse Helden /wie auch fast aller Völcker Adel dem Feldbaue
als einer der Ritterschaft anständigen Bemühung obgelegen; warum sollte die
Kaufmannschaft / welche die Hand in Seide / Gold / Perlen und den edelsten
Gewächsen hätte / selbter verkleinerlich sein? Die Handlung wäre ja ein
Grundstein eines Reiches; welche das Vermögen als die Spann-Adern des gemeinen
Wesens beitragen müste. Die Griechen hätten das Schiff der Argonauten als ein
Sinnebild der Kaufmannschaft unter die Gestirne versetzt; weil sie wohl gesehen
/ dass sie ein beweglicher Angelstern eines Landes wäre. Hiermit erreichte Fürst
Wodan seinen Zweck; die Bataver wurden wohl / wie die andern Gallier / reicher /
aber auch weibischer. Weil nun Wodan nicht ohne Missgunst wahrnahm / wie die
Gallier dem Käyser auf sein Wincken zu Gebote stunden / die Britannier auch dem
/ was sie ihren Königen an Augen ansahen / durch Befolgung zuvor kamen; ward er
vedriesslich / dass er mehr ein Diener / als Gebieter der Bataver sein / und nach
der Deutschen Art nur mit seinem Beispiele / nicht mit Befehle sie zu Beliebung
eines oder des andern Dinges bringen sollte. Daher fing er an nach und nach etwas
weiter zu greiffen. Die Wohltaten seiner Vorfahren hatten ohnediss dem Volcke
eine Liebe gegen sein Geschlechte eingeflöst; diese aber ist nicht selten eine
Stief-Mutter der Freiheit und eine rechte der Dienstbarkeit. Also war fast
iederman seinen Befehlen zu gehorsamen geneigt; und ie begieriger einer zu
dienen war / ie mehr ward er vom Volcke gepriesen / und vom Fürsten erhoben. Das
Glücke bot seinem Vorhaben gleichsam die Hand / weil zwischen denen Eubagen /
die die Bataver zu ihren Priestern und daher auch zu ihren vornehmsten Leitern
hatten / sich über gewissen Meinungen Zwist entspan / und sie dardurch ihre alte
Gewalt schwächten. In diese Zwytracht wickelte sich Hertzog Wodan unter dem
Scheine sie zu vereinbaren / in der Warheit aber sich / nach der Römischen
Käyser verschmitzten Beispiele / zum obersten Priester zu machen. Die klügern
Vorsteher des Landes merckten numehr / wohin Wodan zielte; daher waren sie
bemüht dieser Flut bei Zeiten einen Tamm entgegen zu bauen; und schlug der edle
Bisuar / den die Bataver für einen göttlichen Wahrsager hielten / allerhand
kluge Mittel für; wordurch Wodan unvermerckt in den Schrancken voriger Fürsten /
die Bataver aber bei ihrer alten Freiheit erhalten werden möchten. Unter andern
riet er / dass die zwistigen Eubagen nicht ihnen selbst Recht sprechen / sondern
für einer allgemeinen Landes-Versammlung verhöret und entschieden werden sollten.
Wodans Anhang beschuldigte Bisuarn hierüber / dass er dem neuerlichen Irrtume
beipflichtete /und dardurch die Herrschaft der Bataver zu zerrütten vorhätte.
Wie nun die neue Meinung der Eubagen als irrig verdammt ward / also sprach und
schlug man Bisuarn den Kopff ab. Aller ferne sehenden Bataver Köpffe
erschütterten sich über dem Falle dieses Haupts; ihre Hertzen flossen mehr von
Tränen / als ihre Augen; weil aber das gemeine Volck / das ohnediss sich über so
blutigen Schlacht-Opffern zu ergetzen pflegt / auff Wodans Seite stand / war
niemand so behertzt / dass er hierüber seine Empfindligkeit hätte blicken lassen.
Die Wunden der Beleidigten heilte die Zeit nach und nach zu; Die
Freiheitliebenden gewohnten endlich des Gehorsams / und niemand war / der den
tapffern Wodan nicht zu herrschen / und seine Verdienste nicht einer grossen
Vergeltung würdig schätzte. Also erlangte dieser Fürst fast eine vollmächtige
Botmässigkeit / und verliess sie seinem Nachfolger Dagobert. Dieser machte zwar
durch seine Vermählung mit des Caledonischen Hertzogs Tochter sich vermögender /
aber auch verdächtiger. Insonderheit wusste er nicht so wohl als Wodan in
gefährlichen Entschlüssungen frembdes Wasser auf seine Mühle zu leiten / und ihm
den Vorteil / andern aber den Hass zuzueignen. Wie er nun die seinem Vorhaben
widrige Stadt Batavodur mit der ihm anvertrauten Kriegs-Macht zu überrumpeln
vergebens versuchte; Also starb er hierauf unverlängt / entweder aus Gramschaft
über seinem entdeckten aber fehlenden Anschlage / oder etlicher Meinung nach
durch Gift. Denn insgemein wird über unvermuteten Todes-Fällen der Fürsten
also geurteilt / gleich als wenn sie nicht denen gemeinen Gesetzen der
Sterbligkeit unterworffen / oder insgesamt ein Ziel der Verräterei wären Sein
Tod zohe vielen / welche die alte Freiheit noch in ihrem Hertzen besassen / die
Larve vom Gesichte. Denn nach dem doch ein niemahls fehlender Schluss des
Verhängnisses ist / dass von dem Vorhaben der Fürsten nichts verschwiegen bleiben
kann; dass die Wände ihrer geheimsten Zimmer und Schlaffgemächer auswendig der
Nachwelt als helle Spiegel für Augen stellen / was inwendig im verborgensten
begangen wird; so ist insonderheit der Tod / wenn alle andere stumm bleiben /
ein Verräter ihrer Geheimnisse / welcher durch das Horn des gemeinen Ruffes der
ganzen Welt kund macht / was mehrmahls der oberste Staats-Rat nicht gewüst
hat. Welche Begebnüss Fürsten alleine eine genungsame Ursache sein sollte / nichts
niedriges in ihre Gedancken zu fassen /als von welchem hernach die Welt ewig
reden wird. Ja weil das Geschrei von so schnellem Gewächse ist /dass es über
Nacht aus einem Zwerge zum Riesen wird / und bei Abwegung der
Gemüts-Eigenschaften die Verläumbdung dem Gewichte des Guten iedesmahl ein
Steinlein unvermerckt weg nimmt und dem Bösen zulegt; ereignete sichs auch / dass
vom Dagobert ausgesprengt ward / er hätte mit den Caledoniern und Römern ein
Verständnis gehabt / wie er die Bataver ihm als Leibeigne untertänig machen
könnte. Alldieweil denn das Böse insgemein glaubhafter als das Gute ist / und
über den gemeinen Ruff auch die reineste Unschuld schwerlich einen Richter
findet; blieb dem verstorbenen Dagobert viel nachteiliges auff dem Halse. Sein
verlassener Sohn Cariovalda /ein Kind von wenigen Monaten / war ohnediss der
Herrschaft unfähig / und verfiel unter die Vormündschaft derer / welche der
Freiheit geneigt und der Herrschaft Spinnenfeind waren. Also ward Cariovalda
nicht nur mehr Bürgerlich als Fürstlich erzogen /sondern es ward die ganze
Herrschens-Art umgekehret; in dem nicht nur wie in Gallien / vermöge der von
denen Massiliern bekommenen Richtschnur / der Adel / sondern auch ein Ausschuss
des gemeinen Volcks zu der Herrschaft gelassen ward. Ja etliche Eiverer für die
Freiheit machten ein eidliches Bündnis / dass sie Dagoberts Geschlechte
nimmermehr ihnen so sehr zu Kopffe wachsen lassen / noch dem jungen Cariovalda
die Waffen und höchsten Aemter des Landes in die Hände geben wollten. Massen denn
auch alle Festungen nicht so wohl im Kriege erfahrnen Edeln / als welche im
Verdacht waren / dass sie allezeit einen Hang zu Fürstlicher Herrschaft / und
eine Abscheu für der Bürgerlichen hätten / sondern mehr niedrigern und daher umb
leichtern Sold dienenden Leuten anvertrauet wurden. Denn die bürgerliche
Herrschaft ist geneigt zur Sparsamkeit und geschickter zu Unterhaltung des
Friedens / als des Krieges. Daher wuchs auch bei den Batavern die Handlung und
das Reichtum also / dass dieses die Hibernier und Sitonen in die Augen stach /
und dem Drusus Anlass gab / diese den Batavern / welche / seinem Angeben nach /
numehr so wohl ihnen als den Römern in den Schiffarten Gräntzen und Gesetze
fürschreiben wollten / auf den Hals zu hetzen. Die Bataver kriegten von des
Drusus Ungewogenheit zwar Wind; Sie konten iedoch einige erhebliche Ursache
eines Krieges nicht ersinnen; gleich als wenn selbte nicht wohl ehe die
Herrschenssucht vom Zaune zu brechen pflegte. Die Catten / Sicambrer und
Usipeter warnigten zwar die Bataver / boten ihnen auch wider die Römer ein
Bündnis an; aber das erste vermehrete nur mehr ihren Argwohn / als ihre
Kriegs-Verfassung / und das letztere anzunehmen war ihrer Kargheit wegen
gefoderter Hülffs-Gelder bedencklich; da doch auch die / welche / frembdes Geld
nicht zu begehren / beim eignen sparsam / bei des gemeinen Wesens Gütern geitzig
zu sein der Schuldigkeit erachten / keine Verschwendung heilsamer halten / als
die zu Erhaltung der alten Bundsgenossen geschiehet. Viel derer / die im Rate
sassen / und zwar die Friedens-nicht aber die Kriegs-Künste verstunden / hatten
ihre unfähige Anverwandten zu Kriegs-Häuptern in die Festungen eingeschoben;
andere heuchelten ihnen selbst mit dieser schädlichen Einbildung: Gott und die
Natur hätte die Bataver so befestigt / dass / da Käyser Julius über ihre Flüsse
und Sümpffe zu kommen sich nicht getrauet hätte / Drusus viel zu ohnmächtig wäre
denen etwas abzujagen / welche von den Catten entsprossen /denen die
unsterblichen Götter nichts anhaben könten. Drusus / der inzwischen alle
deutsche Fürsten durch Gesandschaften der Römer verträulicher Nachbarschaft
versichert / viel hohe Bataver mit Geschencken gewonnen / ja den Fürsten der
Ubier und Tenckterer gar in ein Kriegs-Bündnis gebracht hatte /zohe mit drei
mächtigen Kriegs-Heeren an; die festesten und fast unüberwindlichen
Gräntz-Städte Grinnes / Vada und Arenacum giengen ohne einige Gegenwehr / teils
aus Verräterei der bestochenen Gewaltaber / teils aus Mangel genungsamer
Besatzung /teils aus Gebrechen des nicht herzugeschaften Kriegs-Vorrats über.
Der zu Verteidigung des Rheinstroms bestellte Kriegs-Oberste wiess den Römern
selbst den Furt. Also ward in Monats-Frist das halbe Gebiete der Bataver
gleichsam ohne Schwerdschlag eingenommen. Jederman flüchtete in die Eylande der
einverleibten Taxanter; und wenn nicht noch einige treue Leute das Land mit
Durchstechung der Tämme / wiewol mit unschätzbarem Schaden / unter Wasser
gesetzt hätten / wäre die Haupt-Stadt Batavodurum / und die ganze Herrschaft
in die Hände der Feinde verfallen. Hieran war es aber noch nicht genung /
sondern auff der andern Seite zohe noch ein Wetter auf / in dem der Hibernier
König / ungeachtet seines mit den Batavern unlängst verneuerten Bündnüsses / mit
einer mächtigen Kriegs-Flotte sie / wiewohl mit schlechtem Vorteil / antastete.
Denn die Bataver / Taxandrer und Friesen / welche wegen ihrer grossen Handlung
die erfahrensten See-Leute waren /und bei so fernen Schiffarten wider die
See-Räuber den Wasser-Krieg geübt hatten / schlugen die Hibernier nicht allein
aus der See / sondern es zohen auch Himmel und Winde wider sie in Krieg.
Unterdessen schwebten die Bataver gleichwohl in dem gefährlichsten Schiffbruche.
Der Verdacht unter ihnen selbst stieg so hoch / dass keiner dem andern trauete /
und ein ieder sich für seinem Nachbar als einem Verräter fürchtete. Also ward
alles gute Verständnis zerrüttet / alle nötige Anstalt versäumet / die Klügsten
verwirret / und die Hertzhaftesten feige gemacht. Der zur Enderung geneigte
Pöfel fing anfangs an nach der Fürstlichen Herrschaft zu seuffzen / bald darauf
aber darnach zu schreien / und den jungen Cariovalda eigenmächtig um seine
Beschirmung anzusuchen. Der Rat spitzte zu diesem nachdencklichen Ansinnen
gewaltig die Ohren; und ob zwar / vermöge eines neuen Staats-Gesetzes / niemand
bei Verlust des Kopffs die Fürstliche Herrschaft auff den Teppicht bringen
sollte / auch allgemeiner Meinung nach / alle Fürstlichgesinnte aus dem Rate
ausgemustert waren; so erkühnte sich doch Enno / ein alter von Adel / der dreier
Fürsten Helden-Taten noch mit seinem Auge gesehen hatte / in der Versammlung
aufzustehen / und diesen Vortrag zu tun: Die Liebe des Vaterlandes verknüpffte
einen iedern auch wider die Gesetze sich aufzulehnen / wenn sie dem gemeinen
Wesen anfingen schädlich zu sein. Denn man schnidte auch Arm und Bein ab / wenn
der sich darein fressende Krebs den ganzen Leib anstecken wollte. Dieses
nötigte ihn wider diss zu reden / was dem Fürsten Cariovalda an Beherrsch- und
Erhaltung der Bataver hindern möchte. Er fürchtete nicht die auf solche Freiheit
gesetzte Straffe. Denn er würde von den Händen des Scharff-Richters rühmlicher /
als in einer blutigen Schlacht fürs Vaterland sterben. Diss aber könnte dissmahl
nicht anders / als durch einhäuptige Herrschaft erhalten werden. Diese wäre der
Bataver und aller Völcker älteste und heilsamste Herrschens-Art. Rom hätte sich
selbter mit dem Tarqvinius zwar entschlagen / bei seiner Verwirrung und Abfall
aber hätte es von dem gäntzlichen Untergange nicht anders errettet und zu einem
kräfftigen Leibe werden können / als dass sie den Julius sich ihnen zum Haupte
machen liessen. Das ganze gemeine Volck der Bataver widersetzte sich itziger
Freiheit und dem Rate; die sich also zertreñnenden Glieder vermöchte aber nur
einer vereinbaren / dem sich niemand zu widersetzen berechtiget wäre. Diss aber
hätte in vieler Herrschaft nicht statt. Bei geschwinden Kranckheiten / wie die
gegenwärtige Zwytracht und Verfallung der Bataver wäre / müste man kräfftige
Mittel brauchen. Keine Herrschens-Art aber hätte mehr Nachdruck / als die
einzele / wo die Gewalt zu schlüssen in eben dem Haupte beruhete / das der Hand
die Ausübung anbefehlen könnte. Vieler Herrschaft wäre nur so lange vorträglich
/ als Tugend / Arbeitsamkeit und gute Sitten im Schwange gehen. Wenn die aber
verfallen und bei einschleichender Ungleichheit die Edlern / Reichern oder
Geschickten andere überlästig werden /also das Armut den Pöfel zu unrechtem
Gewinn /das erduldete Unrecht zur Rache / die Verschmehung zu verzweiffelten
Entschlüssungen zwinget; müste zwischen beiden ein vermögender Mittler / Richter
und Beschirmer aufwachsen / wo nicht beide einander zermalmen sollten. Die vorige
Gleichheit hätte unter den Batavern aufgehöret; die Kauffleute wären zu reich /
die Handwercker zu arm / der Adel zu sehr gedrückt. Die Sparsamkeit wäre in
Eitelkeiten der Kleider / der Häuser / der Blumen und Gemählde zur Verschwendung
/ die guten Sitten zu Lastern / ihr einträchtiger Gottesdienst zu einer
vielköpfichten Schlange seltzamer Meinungen worden. Der meisten Gemüter wären
nicht hertzhaft und streitbar genung zu einer Herrschaft des Volckes; die
wenigsten geneigt denen fürtrefflichern zu gehorsamen; Die Vermögenden wären
alle selbst zu herrschen begierig; Die Schwächern nach der Dienstbarkeit lüstern
/ jene spotteten der Obrigkeiten / diese der Freiheit; jene täten böses aus
Verwöhnung / diese aus Not; Also hätte müssen gegenwärtige Zerrüttung erfolgen;
ja wenn auch das Vaterland nicht so auff der Schüppe stünde / erforderte die
Eigenschaft so widriger Neigungen / dass sie alle einem Cariovalda untertänig
würden. Alle Anwesenden im Rate höreten ihn gedultig / sahen einander an /
niemand aber erkühnte sich ein Wort darzu zu sagen / biss der gemeine Redner
auftrat / und zwar seine Rede von dem Lobe der unschätzbaren Freiheit anfing;
Als er aber der meisten Ratsherren vorhin ausgeleuterte Gesichter gleichsam von
einem Unwillen überwölcken sah; wendete der verschlagene Redner seinen Schluss
dahin / dass man bei euserster Not solch güldenes Kleinod der Freiheit / wie die
Schiffenden ihre köstliche Ladung / um das Schiff nur zu erhalten / ins Meer
werffen / und durch gutwillige Unterwerffung des unvermeidlichen Herrschers
Gemüte besänften / also ein Teil oder nur einen Schatten der alten Freiheit
nebst Mässigung der Dienstbarkeit erhalten müste. Derogestalt müste man freilich
der Neigung des Volckes folgen; oder vielmehr durch Ausruffung des Cariovalda
für ihren Fürsten denen heftigern Tätligkeiten des Volckes vorkommen.
Gleichwol aber stellte er zu der gegenwärtigen Landes-Väter Nachdencken: Ob
nicht dem Cariovalda die Herrschaft nach Art der Römischen Dictatorn nur auf
gewisse Zeit anzuvertrauen /auch mit gewissen Gesetzen zu umschrencken wäre?
Enno aber begegnete diesem nunmehr mit einer hertzhaften Freiheit: Cariovalda
würde sich nicht weigern die Eydes-Pflicht und Verbindung gegen die Bataver nach
dem Beispiele und der Massgebung seines Vaters und Grossvaters abzulegen.
Nimmermehr aber würde er seine Achseln ihrem gebrechlichen Staat unterschieben /
wenn er nach überstandener Not einer verkleinerlichen Absetzung zu erwarten
hätte. Die Römer hätten nur zu solcher Zeit / wenn ein Teil des gemeinen Wesens
zerrüttet gewest / einem auf gewisse Zeit die oberste Gewalt anvertrauet. Bei
itzigem Zustande der Bataver aber dräueten alle Wände den Einfall; daher müsten
sie / wie die Römer zuletzt / einen beständigen Fürsten / keinen veränderlichen
Verwalter haben. Niemand war im ganzen Rate /der nicht gleichsam mit zusammen
klopffenden Händen dem Enno beifiel; ieder wollte unter den Abgesandten sein /
die dem Cariovalda die neue Herrschaft antragen / oder dem Volcke andeuten
wollte. Als auch Cariovalda im Rat erschien / welchen das Volck mit unzehlbarem
Zulauff und tausenderlei Glück wünschen begleitete / trachtete ieder durch
Ausdrückung seiner über dieser neuen Wahl geschöpfften Vergnügung dem andern
vorzukommen. Die gemeinsten Lobsprüche waren / dass das Verhängnis zu Hohne des
Glückes / als einer widrigen Stiefmutter den Fürsten Cariovalda zum Vater des
Vaterlandes erkieset / und seine Tapfferkeit zu einer gesicheren Gräntz-Festung
/ als ihre grossen Flüsse und Lachen dem Feinde entgegen gesetzt hätte. Mit
diesem Fürsten gienge bei so grossen Ungewittern den Batavern ein heilsames
Gestirne der Wohlfart auff. Das Volck dörffte nunmehr nur um den Fürsten /nicht
mehr um das ihm allzusehr angelegene Heil bekümert sein. Als auch Cariovalda den
Eid seiner Vor-Eltern willig ablegte / rieff der ganze Rat: die Grösse dieses
Fürsten wäre nicht nach der engen Herrschaft der Bataver; die vollkommenste
Gemüts-Mässigung aber wohl nach seinem Ehrgeitze abzumessen. Also pfleget
iederman und zwar die / welche vorhin die hartnäckichsten Eiverer für die
Freiheit gewest /bei veränderter Herrschaft in die Dienstbarkeit des neuen
Fürsten zu rennen. Je edler einer von Geschlechte / ie ansehnlicher er an
Verdiensten oder Würden ist / ie tieffer demütigt er sich und verhüllet wie die
Sterne gleichsam für der auffgehenden Sonne seinen Glantz; wormit er dem Fürsten
nicht verdächtig sei / noch sein im Hertzen insgemein steckender Unwille nicht
aus einer Kaltsinnigkeit herfür blicke. Je unfähig- oder boshafter auch der
Fürst ist / ie niedrigere Unterwerffung erfordert teils seine Eigenschaft /
teils der Untertanen sicherheit / wormit jener sich nicht für verächtlich oder
verhasst zu sein einbilde / und diese zu unterdrücken sich entschlüsse.
    Cariovalda brachte durch so willigen Gehorsam /und die Hülffe der Menapier
die verworrenen Sachen der Bataver gleichwohl etlicher massen wieder zu Stande /
die noch übrigen Pässe wurden besetzt / und die Hibernier wurden zum andern mahl
aus der See geschlagen. Dieses Glücke vergrösserte hingegen die Verbitterung des
Volcks gegen die vorige Herrschaft. Ein gemeiner Mann beschuldigte einen der
fürnehmsten Räte / dass er die fliehenden Hibernier zu verfolgen verhindert /
und dem Cariovalda nach dem Leben gestanden hätte. Die erste war eine offenbare
Verläumdung / das andere eine Anklage ohne Beweis. Gleichwohl nahmen ihn die
Richter in Hafft / der Pöfel aber kam dem Urtel durch eine unmenschliche
Zerfleischung sein und des gemeinen Redners zuvor. Also weiss der blinde Pöfel
weder die Tugend von den Lastern zu unterscheiden / noch in Liebe und Hass Mass zu
halten; sondern es wird der gestern mit Frolocken bewillkommte Camillus /
Temistocles und Cimon heute ins Elend verstossen / dem grossen Miltiates / dem
Griechenland die Freiheit zu dancken hatte / wird nicht nur ein Krantz von
Oelblättern versagt / sondern er muss so gar im Kercker verschmachten. Der
redliche Nuncius wird von dem wütenden Volcke zerfleischet / dass es dem
schlimmsten Bürger die bestimmte Würde zuschantzen könne. Denn wie bei einer
bürgerlichen Herrschaft auch die grösten Wohltaten und Verdienste von
niemanden als ihm geschehen geschätzt / sondern wegen Vielheit derselben / denen
sie zu gute kommen / gleichsam zu Soñen-Staube werden; Also machet hingegen der
Verdacht iede Mücke zum Elephanten / und es ist kein Bürger so geringe / der
nicht meine / dass durch einen schlechten Fehler an ihm die Hoheit der
Herrschaft verletzt worden sei.
    Unterdessen ward durch Vertilgung anderer hohen Bäume / welche gleichwohl
noch einigen Schatten auff den Cariovalda warffen / seine Botmässigkeit mehr
ausgebreitet und befestigt. Hingegen ist unschwer zu urteilen: Ob die neue
Eintracht der Bataver / oder die kluge Anstalt des Cariovalda / oder auch das
mit seinen eigenen Geschöpffen endlich eiffernde Glücke dem siegenden Drusus in
Zügel fiel /und seinen Eroberungen / wiewohl nicht für seiner Ehrsucht ein
Grentzmahl steckte. Gleicher Gestalt stiess sich die Macht der Ubier und
Tenckterer an der Stadt Baduhenna / davon ein Cattischer Sanqvin die Belägerer
mit ihrem grossen Verlust und seinem Ruhme abschlug.
    Inzwischen nahmen die Sicambrer / Usipeter und Catten gleichwohl wahr / dass
es nicht ratsam wäre /die Römer in der Nachbarschaft mächtiger werden zu
lassen; Insonderheit aber rieten die Catten / entweder aus einer alten
Zuneigung zu den Batavern / oder aus einer vernünftigen Staats-Klugheit: Es
sollten die Deutschen mit den Batavern diesen nach Uberwindung der Rhetier
alleine noch übrigen Tamm / zwischen der Römischen und Deutschen Herrschaft
/nicht zerreissen lassen. Durch der Bataver Tore würden sie in das Hertze
Deutschlandes einbrechen / ja ihnen gleichsam in Rücken gehen können. Die Natur
wäre hierinnen selbst ihr Wegweiser / welche / wormit zwei Meere nicht zusammen
brächen / die darzwischen stehenden Vorgebürge mit so steilen Felsen befestigt
hätte; Oder auch heute durch die Wellen an diesem Ecke wieder ansetzte / was die
Flut gestern an jenem Ende abgespielt hätte. Wiewohl nun einige Fürsten unter
ihnen sich auff keine Seite schlagen /und den Ausgang als Zuschauer des Spieles
erwarten wollten; insonderheit auch die Römer durch ihre Gesandten alle deutsche
Fürsten ihrer beständigen Freundschaft versichern liessen; und deswegen die
Ubier und Tenckterer allen andern entgegen setzten: dass die empfangene
Beleidigung keines weges aber die Furcht für dem sich vergrössernden Nachtbar
eine rechtmässige Ursache des Krieges wäre; so hielt ihnen doch der grossmütige
Hertzog der Usipeter und Estier ein: Die Freiheit wäre ein so edles Kleinod /
welches zu erhalten alle eusserste Mittel zulässig wären. Eine vernünftige
Beisorge solches einzubüssen /rechtfertigte alle Beschirmungs-Mittel / wenn die
Furcht anders nicht eine weibische Kleinmut / und insonderheit der siegenden
Nachbar herrschenssüchtig / und zu ungerechtem Kriege geneigt wäre. Weil nun die
Römer ihnen ein Recht die ganze Welt zu beherrschen einbildeten / sie nicht
einst eine Ursache des wider die Bataver angesponnenen Krieges zu sagen wüsten;
mit ihrer Eroberung aber sich zu Herren des Nord-Meeres und zum Gesetzgeber
ganz Europens machten / die Deutschen aber bereit hundert mahl unrechtmässig
beleidiget hätten; so sollten sie sich ja ihrer Nachbarn Unterdrückung zu Hertzen
gehen /und der herrschenssüchtigen Römer Versicherungen nicht einschläffen
lassen. Indem die Beleidigten immer das angetane Unrecht vergessen / oder
vielmehr aus einer knechtischen Zagheit verschmertzet /und sich nur immer das
wirklich angegriffene Volck ihnen zur Gegenwehre gestellt hatte / wäre ihrer so
vielen das Joch an Hals geleget worden. Den Deutschen würde allein die dem
Ulysses verliehene Gnade jenes Cyclopen zu statten kommen / dass er ihn zuletzt
fressen wollte. Die es mit keinem Teile hielten /machten sich beiden zum Raube
und dem Uberwinder zur Beute. Die Tebaner hätten mehr als die Feinde gelitten /
als sie bei des Xerxes Einbruch in Griechenland den Mantel auff zwei Achseln
getragen /hingegen die Etolier es dem Bürgermeister Qvinctius zu dancken / dass
sie auff seine Beredung sich mit den Römern wider den Antiochus eingelassen.
Diese hertzhafte Entschlüssung der Deutschen ward mit einer grossen Tapfferkeit
ausgeübt. Die Deutschen setzten mit Gewalt über den Rhein / ob schon die Fürsten
der Ubier und Tencterer ihnen allentalben die Uberfart verweigerten / wo sie
den Feinden den Weg gewiesen hatten. Drusus / welcher ohne diss denen Trevirern
und andern von den Deutschen entsprossenen Galliern nicht trauen dorffte / ward
gezwungen ausser wenigen Besatzungen seine ganze Kriegs-Macht aus dem Gebiete
der Bataver zu ziehen / und den Deutschen am Rheinstrome entgegen zu setzen.
Weil nun Cariovalda bei dieser Erleichterung die Hände gleichsam in die Schoss
legte / ausser dass er die Stadt Fletio einnahm / und das verlassene Traject
besetzte / hingegen Drusus etliche frische Legionen an sich zoh; wurden die
Sicambrer und Usipeter gezwungen sich zurück über den Rhein zu begeben. Drusus
folgte selbten mit Hülffe der Ubier und Tencterer; Und nach dem der Deutschen
Bündnis entweder noch nicht recht zusammengeronnen / oder sie wegen des
Ober-Gebiets im Kriege mit einander zwistig waren / wo nicht gar Verdacht gegen
einander hegten / gingen ihre Kriegs-Völcker zurück und von sammen. Dem Drusus
konnte das Glücke keinen grössern Vorteil als diese Zwytracht der Feinde
zuwerffen; gleichwohl wusste er nicht / ob sie nicht aus einem geheimen
Verständnisse derogleichen Uneinigkeit annehmen / und / um ihn in ein Netze zu
locken / ohne Not zurück wichen. Daher übte er alleine seine Rache durch
Einäscherung etlicher Flecken aus / und gab für: Er wollte seine zwistige Feinde
nur ihrer eigenen Auffreibung überlassen / weil er kein Jäger wäre /dass er das
Wild in unwegbaren Wildnüssen auffsuchte.
    Alldieweil aber Drusus auskundschafte: dass der Teudo der Friesen / und
Ganasch der Chautzen Hertzog denen Batavern grossen Vorschub getan hatte /auch
die Deutschen Fürsten zu einem allgemeinen Bündnisse anreitzeten; Er auch über
diss wahrnahm /dass die Bataver bei ihrem etliche Jahr getriebenen
Kriegs-Handwercke wieder auff die alten Sprünge kämen / und / wie vor Zeiten die
Tebaner von denen Lacedemoniern / also die Bataver von den Römern die Ubung der
Waffen erlerneten / und daher den Krieg mit ihnen auff eine Zeitlang abzubrechen
/ oder sie vielmehr einzuschläffen für tulich hielt / wie nichts minder
vernünftig überlegte / dass die Römer denen Deutschen nichts anhaben würden /
wenn sie ihnen nicht ans Hertz kämen / welches aber anderer Gestalt nicht als
über das Nord-Meer / und durch Bemächtigung eines grossen Stromes geschehen
könnte; Als beschloss nach getroffenem Stillstande mit den Batavern er bei den
Friesen und Chautzen einen unversehenen Einbruch zu tun / in der Hoffnung / dass
wenn ihm dieser Anschlag von statten ginge / sein Ruhm aller andern Römer
Siegs-Kräntze verdüstern würde. Sintemahl die Friesen unter den Deutschen so
berühmt waren / und sie keinem sterblichen Menschen an Treue und Tapfferkeit
nichts bevor gaben; wollte Drusus sein Heil versuchen / an ihnen Ehre einzulegen.
Nachdem ihm aber vorwerts die tieffen Moräste / auff dreien Seiten das Meer /
die Flevische See / und der Emse-Strom am Wege stand / unterfing er sich eines
verzweiffelten Wercks mit erwünschtem Ausschlage. Denn er machte einen tieffen
und breiten Graben acht tausend Schritte lang / und führte einen Arm des Rheines
in die Nabal oder Sala / baute aldar eine Festung Drususburg / und vergrösserte
von dar biss in die Flevische See den Busem des Flusses; also / dass er mit den
grossen Schiffen darein / und ferner um Friessland in das grosse Meer schiffen
konnte. Weil auch hierdurch das Land der Bataver und Caninefater / welches sonst
jährlich von dem Rheine überschwemmet ward / einen grossen Vorteil erreichte;
liessen es jene nicht ungerne geschehen / diese aber ihnen nebst den Römern
daran recht sauer werden. Rhemetalces fiel dem Adgandester hier ein: Es hätte es
Drusus ihm in alle Wege für ein grosses Glücke zu schätzen / dass seine Tugend
hierinnen die Natur übertroffen / und die von dem göttlichen Verhängnisse
gesetzte Grentzen einem so grossen Strome verändert hätte. Die Götter hätten
durch ihre Weissagungen nicht allein derogleichen Fürnehmen den Menschen
wiederraten / sondern auch ihre darüber bestehende Hartnäckigkeit mehrmahls mit
Ernst unterbrochen. Sesostris wäre gemeint gewesen / das rote und
Mittelländische Meer zusammen zu führen / hätte aber über hundert und zwantzig
tausend Menschen darüber sitzen lassen. Darius / Ptolomeus und Cleopatra hätten
sich ebenfalls ohne Frucht unterwunden / und man sehe noch bei der Stadt Arsinoe
die Merckmahle vergebener Hoffnung. Ich habe derogleichen unnütze Arbeit in
Augenschein genommen / wo Seleucus Nicanor das Caspische und schwartze Meer zu
vereinbaren gesucht. Als die Gniedier ein anhängendes Stücke von Carien
abschneiden wollen / hätte es ihnen Apollo zu Delphis nicht nur untersagt /
sondern die Steine wären denen / die durch selbige Felsen hauen wollen / in die
Augen gesprungen / also / dass sie davon abstehen mussten. Pyrrhus habe vergebens
aus Epirus in Calabrien / Xerxes über den Hellespont eine Brücke zu machen /
Diomedes das Gaganische Vorgebürge von festem Lande abzureissen sich bemühet.
Daher wollte er es weder selbst wagen / noch einem andern raten /es dem Drusus
nachzutun / und die Natur zu meistern / welche allen Dingen der Sterblichen am
besten geraten / und so wohl ihren Ursprung / als Ausfluss am weisesten
eingerichtet hätte. Ja es würde durch solche Veränderung gleichsam die über
Ströme und Berge herrschende Gotteit / denen die Vorwelt Heinen geweihet / und
Altäre gebauet / beleidiget. Adgandester antwortete dem Tracischen Fürsten:
Wenn aus blosser Ehrsucht / oder einen wenigen Umweg zu verkürtzen / Felsen
durchbrechen / aus blosser Eitelkeit Berge abtragen /oder seltzame Gestalten
daraus bilden / und einen unbedachtsamen Eifer über einem etwan ertrunckenen
Pferde schiffbare Ströme in seichte Regenbäche zerteilen / wie es Cyrus mit dem
Flusse Gyndes gemacht / wegen eines freiern Aussehens von einem Lustause hohe
Hügel wegräumen /oder zu blosser Vergnügung des Auges auff fruchtbaren Flächen
rauhe Klippen über einander tragen wollte; müste er dem Rhemetalces in allewege
beifallen. Aber wenn derogleichen Wercke zum allgemeinen Nutz / oder aus Not /
und zu Abwendung allerhand Ungemachs / angefangen würden / hielte er sie in alle
wege für löblich; Und da die Klugheit hierbei das Richtscheit führte / würden
sie auch mit gewünschtem Ausschlage / ihr Stiffter aber mit unsterblichem
Nachruhme beseligt. So wenig eine Mutter ihrem Kinde mit der Geburt zugleich
alle Vollkommenheiten beilege; so wenig habe die Natur auch ihre Geschöpffe
derogestalt gefertigt / dass sie dem menschlichen Nachdencken nichts daran zu
verbessern übrig gelassen. Sie habe ja so viel wilde Bäume gezeugt / dass die
Kunst ihnen durch Pfropffung hülffe. Dem Agsteine und den schönsten Diamanten
müsten die rauhesten Schalen abgeschliffen / das Gold aus hässlichen Schlacken
geschmeltzet / die Perlen allererst durchlöchert werden. Der Mensch werde halb
wild geboren / ja die Weissheit selbst sei anfangs eine Bäuerin / und die ganze
Welt Barbarn gewest. Warum sollte menschlicher Witz nicht auch an rauhe Gebürge
und unbeqveme Flüsse Hand anlegen dörffen? Welche die Natur mehrmahls selbst den
Lauff der Ströme ändert / ja durch Erdbeben / unterirrdische Winde und andere
Verrückungen der aus dem Meere in die Gebürge gehenden Wasserröhre / neue Flüsse
machet / und die Felsen in Seen verwandelt? Er wollte sich mit keinen
Ungewissheiten / als dass der Phönicische Hercules bei Gades / das Mittelländische
und das grosse Welt-Meer / der Cimmerische die Ost- und West-See zusammen
gegraben haben solle / behelffen. Allein es habe nicht nur Drusus mit dem Rheine
/sondern auch Marius mit dem fast ganz versändeten Rhodan / den er an einem
andern tiefferen / und für dem Sturme sicheren Orte ins Meer geleitet / es
glücklich ausgeführt. Cyrus habe durch Ableitung dess Flusses Phrat sich der
Stadt Babylon / Käyser Julius mit Zerteilung des Flusses Sicoris / Hispaniens
bemächtigt / Segimer mit Schwellung der Ocker die Haupt-Stadt der Camplacer
erobert. Für weniger Zeit habe Grubenbrand / der fürtreffliche Hertzog der
Sicambrer / Longobarder und Estier / den Viader mit der Spreu vereinbart / und
auch die Schiffart in die Elbe und West-See: Vereingetorich der Gallier König
aber den Fluss Garumna mit dem Mittel-Meere verknüpffet. Dass die Götter sich
solchen Unterwindungen nichts minder als Jupiter der von den Riesen
fürgenommener Zusammentragung der Berge widersetzten / wäre ein Wahn der
Abergläubigen / oder ein Fürwand der Faulen. Zum letzten gehörte das Gedichte /
dass die Gespenster die Arbeiter / als Tuisco die Donau und den Mein in einander
leiten wollen / weggetrieben hätten; Zum ersten / dass eben damahls / als er diss
mit der Arar und Mosel fürgenommen / biss was im Tage gearbeitet worden / die
Schutz-Götter selbiger Flüsse des Nachts wieder eingerissen hätten. In dem jenes
Träume oder Gedichte der Werckleute /hier aber der viele Regen und der
Schwämmichte Bodem die Ursacher gewest. Insgemein zernichtete diese Wercke die
unbedachtsame Fürnehmung einer Unmögligkeit / oder nebst übeler Anstalt
zufällige Hindernisse. Also hätte Darius die Vereinbarung des roten- und
Mittel-Meeres nahe zu Wercke gerichtet /und seinen Graben dreissig Ellen tieff
und hundert breit schon biss auff 38000. Schritte vollendet gehabt; Er hätte aber
/ um Egypten nicht zu ersäuffen / zuletzt abstehen müssen / nachdemer allzuspät
wahrgenommen / dass das rote Meer wohl drei Ellen höher gelegen wäre. Gleicher
gestalt hätte der hohe Phrat sich mit dem niedrigen Tigris / der dürre und
felsichte Bodem den Avernischen See mit dem Munde der Tiber nicht wollen
vermählen lassen. Silem der Scyten König wäre nahe daran gewest / die Tanais an
die Wolge zuhängen / wenn es die Massageten nicht mit Gewalt verwehret hätten.
Ein Todesfall wäre Ursach / dass in Persien nicht die Flüsse Miana und Tirtiri /
und mit diesen das Caspische und Persische Meer aneinander verknüpfft worden.
    Aber wir müssen den Flüssen ihren Lauff lassen /und mit dem Drusus auff
seinem neuen Strome zu den Friesen schiffen / welcher denn über die Flevische
See mit hundert Schiffen glückselig segelte / und als sich die Friesen von den
Römern nichts träumen liessen /sondern in dem Baduhennischen Heine ein
sonderbares Feier begingen / seine Kriegs-Völcker unverhindert ans Land setzte.
Drusus / welcher wohl wusste /was im Kriege an der Geschwindigkeit gelegen war
/liess ihm durch die Gefangenen alsofort den Weg zu dem Friesischen Heiligtum
weisen. Die in der Andacht begriffenen / wiewohl nicht gäntzlich entwaffneten
Friesen griffen alsofort zur Gegenwehr; Und weil Teudo ihr Hertzog ihnen mit
tapfferem Beispiel vorging / fochten sie wie Löwen / also dass / ungeachtet die
mit völliger Rüstung versehenen Römer für den so unversehens überfallenen
Friesen einen grossen Vorteil hatten / ihrer dennoch viel erlegt / Drusus und
viel Kriegs-Obersten auch verwundet wurden. Endlich aber mussten sie der Menge
der Römer nachgeben / und nachdem alle ihre in der Eil gemachten Ordnungen
durchbrochen waren / ihr Heil durch die Flucht in dem Gehöltze und den Sümpffen
zu suchen /sonderlich der Hertzog Teudo heftig verwundet und hierüber gefangen
ward. Nach erlangtem Siege wollte Drusus seinen Durst aus dem unfern von ihm sich
befindenden Brunnen kühlen / und mit seinem eigenen Helme daraus Wasser
schöpffen; Es rieff ihn aber der gefangene Teudo an / und verwarnigte ihn / dass
er durch solch Wasser seiner Gesundheit nicht Abbruch tun sollte. Drusus goss das
geschöpfte Wasser zur Erden / und fragte: Wer er wäre? und warum ihm denn
solches schaden sollte? Teudo antwortete: Er wäre der Friesen Hertzog / diss
Wasser aber ein gifftiger Brunn / von welchem den Trinckenden die Zähne
ausfielen / und die Grelencke in Knien auseinander gingen. Wie nun andere
Gefangene diesen Bericht bestärckten / wunderte er sich über der Redligkeit
dieses gefangenen Fürsten; welche des Römischen Rats überwog / da sie ihren
Feind den König Pyrrhus selbst für Gift warnigten / als sein Artzt Timochares
ihm zu vergeben antrug. Wormit aber Drusus so vielmehr erforschte: Ob Teudo aus
Heuchelei um dardurch seinen Uberwinder zu besänftigen / oder aus
Grossmütigkeit / ihn gewarniget hätte / fragte er ihn: Warum er wider die Römer
die Waffen ergriffen / und den Batavern Hülffe geleistet hätte? Teudo
antwortete mit lächelndem Munde / und unveränderter Stimme: Weil ich die Römer
für allzu herrschenssüchtig /die Friesen aber für unüberwindlich gehalten. Als
nun Drusus ferner erkundigte: Ob er diesen seinen Fehler nunmehr bereuete?
versetzte Teudo: Kein Unfall vermöge die Tugend so zu verstellen / dass man sich
derselben schämen / oder gereuen lassen sollte. Auff fernere Frage des Drusus /
wie er in seiner Gefängnis verhalten wollte sein; erklärte sich Teudo sonder die
geringste Veränderung des Gesichtes und der Geberden / wie er meinte / dass es
dem Sieger vorträglich /und der Uberwundene würdig wäre. Drusus sah über so
hertzhafter Antwort diesen unerschrockenen Fürsten eine gute Weile an / und
nach einem nachdencklichen Stilleschweigen fragte er ihn ferner: Ob er wohl mit
seinen Friesen dem Römischen Volcke treu verbleiben wollte / da ihm selbige
länger zu beherrschen verstattet würde? Teudo antwortete so ernstaft als
vorher / und als wenn es ihm gleich gielte / ob er wieder zur Herrschaft kommen
möchte oder nicht: Ja / so lange die Römer die Friesen als auffgenommene Freunde
und Bunds-Genossen / nicht als Knechte handeln würden. Drusus war hierüber so
vergnügt /dass er ihm alsofort die Ketten abnehmen liess / die Gefangenen lossgab /
und den Teudo gegen Versprechen wider die Römer nicht mehr zu kriegen und
jährlich tausend Ochsenhäute zu zinsen / in seiner völligen Herrschaft
bestetigte. Malovend brach dem Adgandester ein: Es sollte ein Fürst in allewege
sein Antlitz nicht mit seinem Glücke verändern / sondern dem Widrigen und dem
Uberwinder gerade ins Gesichte sehen. Denn die Kleinmütigkeit des Uberwundenen
wäre dem Sieger selbst schimpflich / seine Hertzhaftigkeit aber gereichte ihm
zur Ehre / und dem Bezwungenen zur Wohlfart. Da hingegen die Furcht den Grimm
des Feindes nicht mildert / noch das Schrecken iemanden aus der Gefahr zeucht /
sondern vielmehr sein Gegenteil mutiger / die Seinigen aber kleinmütig macht
/ welche aus dem Antlitze ihres Fürsten / wie aus denen umbhaubten Gipffeln der
Berge das bevorstehende Ungewitter wahrnehmen. Alles diss begegnete dem so
verzagten Pompejus /welchem nicht so viel der Verlust der Schlacht / als dass er
ihm die Kennzeichen eines Römischen Feldherrn selbst abnahm / schadete / und
durch seine Erniedrigung eines Verschnittenen Hand wider sich behertzt machte.
Ja es schämte sich Emilius / dass er an dem fussfälligen Perseus einen Knecht /
keinen Fürsten überwunden hatte. Der Römische Rat konnte die Rede des weibischen
Prusia nicht aushören / sondern verspeiete seine Zagheit / als er in
Sclaven-Kleidern und mit beschornem Kopffe für den Römischen Gesandten zu Bodem
fiel / sich einen Freigelassenen dess Römischen Volcks / die Ratsherren aber
seine Götter schalt / und die Schwelle des Rathauses küsste. Hingegen hat der
gefangene Hermundurer Hertzog Socas durch seine Grossmütigkeit sein Leben und
Ehre errettet / als er Marcomirn / ungeachtet schärffster Bedräuungen / die
belägerte Festung Elbburg aufzugeben seinen Kriegsleuten nicht befehlen wollte;
Auch als ihm über dem Schach-Spiele das Leben abgesagt ward / er sich daran
nichts irren liess /sondern einen mit ihm spielenden Cattischen Fürsten
fortspielen hiess. Adgandester fuhr hierauff in seiner Erzehlung fort: Drusus war
von dem durch seine Grossmütigkeit ebener Gestalt geneseten Hertzog Teudo durch
ganz Friessland herum geführt / und ihm alles Merckwürdige gezeiget. Letzlich
kamen sie an den Mund der Emse / und auff das Eyland Birhanis oder Fabaria / um
welche sich dieser Strom in das Nord-Meer aussgeust. An ieder Ecke war eine von
überaus grossen Steinen auffgerichtete Seule / oder vielmehr übereinander
getragener Berg zu schauen. Unten war in einem glatten Stein ein Bild eines
alten Schiffers gegraben / der über die Schultern eine Löwen-Haut hencken hatte
/ in der rechten Hand eine Keule / in der lincken einen Bogen trug. An der Seite
hieng ein Köcher / durch das euserste der Zunge ging eine von Gold und Agstein
gemachte Kette. Auff dem obersten Spitz-Steine war diese eingegrabene
Uberschrifft zu lesen.
                                     Wodan
                          zeichnete mit diesen Seulen
                                das Ende seiner
                    und den Anfang grösserer Helden-Taten.
                  Denn die Tugend leidet keinen Grentzstein /
                Und das Ziel der Vorwelt soll sein der Ansprung
                                der Nachkommen.
    Drusus lass an beiden Seulen die gleichstimmige Schrifft mit höchster
Vergnügung / und mehr als zehnmahl; fing hierauff zum Hertzog Teudo an: Er
finde hier so wohl zwei neue Seulen des Hercules /als sein Bildnis; also sollte
er ihm sagen: Ob Hercules auch bei den Friesen gewest / und diese Seulen
auffgerichtet habe. Teudo antwortete? Weil die alten Deutschen sich mehr
bemühet hätten tapffere Taten auszuüben / als auffzuschreiben / und desshalben
ihre denckwürdigste Sachen in Vergessenheit kommen /oder durch vielfältige
Kriege und daher entstandene Feuersbrünste / in Friessland auch durch öfftere
Uberschwemmung des Meeres viel Gedächtnis-Mahle wären vertilget worden / wüste
er ihm von diesem Helden kein genugsames Licht zu geben. Nachdem aber nicht so
gar weit von dar an dem Munde der Schelde des Magusanischen Jupiters Tempel zu
finden wäre / schiene es glaublich / dass dieser Wodan der Deutschen Hercules
wäre / welchen die Klügern Deutschen nicht / wie die Ausländer ihnen einbildeten
/ für einen Gott / sondern für einen grossmütigen Helden verehreten; Und / wenn
sie eine Schlacht anfingen / zu Auffmunterung des Kriegsvolcks seine Taten zu
singen pflegten. Diesem wären auch zwischen dem Emse und dem Seste-Strom mehr
derogleichen steinerne Berge / und an der Lippe ein grosser Wald zugeignet.
Jedoch wäre er der Meinung / dass nicht nur ein Hercules sich in der Welt so
berühmt gemacht / sondern iedes Volck seinen eigenen gehabt /die Ubereintreffung
der Helden-Taten aber ihrer vielen einerlei Nahmen beigelegt hätte.
    Drusus brandte bei solcher Besichtigung für Begierde über die Seulen dieses
Deutschen Hercules seine Siege zu erstrecken; und er nahm die gefundene
Uberschrifft wo nicht für eine auff ihn zielende Wahrsagung / doch zum minsten
für eine Auffmunterung an. Denn es kann kein Brenn-Spiegel noch eine Schlange von
den Strahlen so sehr als ein tugendhaftes Gemüte von anderer Ruhme erhitzt
werden; ja die Ehrsucht ist begierig so wohl diss / was sie zu rühmlichem Beginnen
aufgewecket / durch grössere Taten zu verdüstern / als das Feuer seinen Zunder
/und die Natter ihre Mutter zu verschlingen. Diesemnach lieff er mit seiner
Schiff-Flotte umb Friessland herumb / fiel darmit die von den Chautzen besetzte
Insel Birchanis an / machte sich auch derselben stürmender Hand Meister. Von
dannen segelte er in den Einfluss der Jede / und zwar als die Flut am höchsten
war / kam also mitten in dem Gebiete der Chautzen an. Diese Ankunft war ihrem
Hertzoge Ganasch / den sie alle in der Schlacht und an des Feld-Herrn Hofe wohl
haben kennen lernen / von etlichen Fischern zeitlich zu wissen gemacht worden.
Daher verfügte er sich mit seinen an der Hand habenden Kriegsleuten auf eine der
von den Wurtzeln der Bäume zusammen geflochtenen und schwimmenden Inseln / an
welche die Römer anzulenden sich eiffrigst bearbeiteten. Als nun von etlichen
Schiffen das Kriegsvolck zu Lande kommen war / liess Hertzog Ganasch die Seinigen
solches bewegliche Land fortstossen; fiel hierüber die angeländeten Römer / die
nun allererst sich von den andern abgeschnitten und auf einem schwimmenden Lande
sahen / so grimmig an / dass alle ausgestiegene entweder von den Waffen
aufgerieben / oder ins Wasser gestürtzt wurden. Hierauff befahl er den Seinigen:
dass sie sich auf ihren Nachen begeben / und zwar etlicher massen sich gegen die
Römischen Schiffe zur Gegenwehr setzen; allgemach aber zurück weichen sollten.
Bei diesem Gefechte fiel das Wasser bei der Eppe nach und nach ab; also / dass
Drusus mit seinen grossen Schiffen auff den Grund gedieg; Hertzog Ganasch
hingegen und seine Chautzen mit Geschoss /und insonderheit brennenden
Pech-Töpffen selbten heftig zusetzte / viel Römer erlegten / und unterschiedene
Schiffe in Brand brachten. Und es wäre dissmal umb die Römer getan gewest / wenn
nicht das Wasser endlich so weit weggefallen wäre / dass auch die Nachen im
Schlamme stecken blieben / zu Fusse aber zu fechten nicht vorträglich oder
möglich schien / und die Chautzen sich auff ihre gemachte Sandhügel zurück
ziehen mussten. So bald nun der Bodem ganz trocken worden / setzte zwar Drusus
sein Kriegsvolck von den Schiffen ab / umb weiter hinein ins Land festen Fuss zu
setzen; Aber Hertzog Ganasch traff mit seiner geschwinden Reuterei / welche mit
grossen aus Muscheln zusammen gemachten Schilden bedeckt /und mit langen Spiessen
gewaffnet war / auf die Römer / welche denn mit ihrem langsamen Fussvolk wenig
ausrichten konten / sondern grossen Abbruch litten. Der Verlust wäre auch noch
grösser gewest /wenn nicht Ganasch mit allem Fleiss die Römer mehr abzumatten /
als zu erlegen / also sich mehr stetem Lermens / als einer Schlacht zu bedienen
/ und so lange / biss die Flut aus der See wieder aufschwellen würde / den Feind
aufzuhalten / für ratsamer befunden hätte; in Meinung so denn durch Feuer ihre
Feinde mit Strumpf und Stiel auszurotten. Drusus sah diesen Anschlag des
Feindes und seinen Untergang wohl für Augen; Gleichwol wusste er nicht zu
erkiesen: Ob es ratsamer wäre / sich tieffer ins Land zu wagen / und also die
zurück gelassenen Schiffe in Gefahr zu lassen; oder daselbst stehen zu bleiben /
und der sechs tausend Friesischen Hülffs-Völcker zu erwarten / die in kleinen
Nachen über die Emse zu setzen / und so denn auff dem Lande zu ihm zu stossen
versprochen hatten. Wie nun Drusus in diesem Kummer schwebte; überfiel ihn noch
ein grösserer / indem die Chautzen mit mehr als hundert Nachen hinterrücks die
letztern auff dem Grunde noch stehenden Schiffe mit ihren Feuer-Töpffen anfielen
/ und derer etliche in Brand brachten; Also die Römer auf allen Seiten zwischen
Tür und Angel schwebten. So fing auch das Wasser an sich schon wieder zu zeigen
/ und den Römern den endlichen Untergang anzudräuen; massen die Chautzen sich
bereit wieder mit ihren Kahnen und Feuerwercken zu Anzündung der in dem seichten
Wasser unbeweglichen Schiffe fertig machten. Drusus liess gleichwohl das Hertze
nicht fallen / sondern erzeigte sich allentalben als einen tapfferen
Kriegs-Held / und als einen vorsichtigen Feldherrn. Bei solchem verzweiffelten
Zustande liessen sich endlich die Kriegs-Zeichen der Friesischen Hülffs-Völcker
sehen / welche auff die Chautzen / die bei dem bereit zehnstündigen Gefechte
auch nicht Seide gesponnen hatten / gerade los giengen / und dardurch den Römern
ein neues Hertze zum fechten machten. Aber wie ein kluger Feld-Oberster sich
auff alle unversehene Zufälle geschickt macht / also hatte auch Hertzog Ganasch
einen starcken Hinterhalt hinter etlichen Hügeln stehen / die er alsofort
befehlichte / denen Friesen die Stirne zu bieten. Diese hatten ihnen nicht
eingebildet /die Chautzen in so guter Verfassung / die Römer aber im Gedränge
und an einem so schlimmen Orte zu finden. Ob nun wohl Hertzog Teudo mit seinem
Kriegs-Volcke tapffer ansetzte / so sah er doch wohl /dass ihm nicht nur die
Chautzen überlegen wären /sondern das allgemach aufschwellende Wasser sie beide
von einander trennen / und also in die Gewalt ihrer Feinde liefern würde.
Diesemnach lenckte er bei währendem Treffen so viel immer möglich gegen die
Römer ab / wormit sie zusammen stossen / ihre Schiffe als das einige Mittel
ihres Heiles beschirmen / und endlich so gut sie könten mit Ehren aus diesem
Schiffbruche zurück kommen könten. Hertzog Ganasch nam diss Absehn alsofort wahr;
und also vermochten die Friesen keinen Fuss breit fort zu rücken /den sie nicht
mit Aufopfferung vieler Todten bezahlen mussten. Zumal die Chautzen auf sie / als
Deutsche mehr / als auff die Römer / erbittert waren / und sie so viel grimmiger
anfielen. Die Römer breiteten ihren rechten Flügel zwar gegen die Friesen so
viel möglich aus / um beide Völcker an eine Schlacht-Ordnung zu hencken; aber es
kostete sie viel edlen Blutes. Endlich kamen sie gleichwol zusamen / als die
Römer schon fast biss an die Knie im Wasser standen. Hertzog Teudo gab hierauf
alsofort dem mit Blut und Schlamm bespritzen / und fast nicht kennbaren Drusus
zu verstehen: Es wäre nicht länger Zeit dar zu stehen / sondern er sollte / so
gut er könnte / sich mit den Römern auff die Schiffe wieder verfügen / er wollte
inzwischen mit seinen des Wassers mehr gewohnten Friesen die Feinde so viel
möglich aufhalten. Drusus erstarrte über der Treue dieses kaum versöhnten
Feindes / umarmte ihn also mit diesen Worten: Er wollte zwar seinem Rate folgen
und die Seinigen sich auf die Schiffe flüchten lassen; Aber die Götter möchten
ihn in diese Leichtsinnigkeit nicht verfallen lassen /dass er sich von eines so
treuen Freundes Seite sollte trennen lassen. Wie nun die Römer sich an ihre
Schiffe zurück zohen / drangen ihnen die erhitzen Chautzen mit aller Gewalt
auff den Hals; also / dass /wie männlich gleich die Friesen nunmehr fast biss in
den Gürtel im Wasser stehend ihnen begegneten / sie doch in eine offentliche
Flucht gediegen; und derogestalt die teils ihnen nachwatenden / teils auf
Nachen sie verfolgenden Chautzen sie wie unbewehrte Schaffe abschlachteten /
oder auf ihren Schiffen verbrennten /teils auch ersäufften / und die / welche
gleich einem Messer des Todes entranen / doch durch einen andern Werckzeug
entseelet wurden. Die Friesen und mit ihnen Drusus und Teudo mussten endlich
auch der Gewalt und dem Grimme der Chautzen weichen / und auf ihr Heil bedacht
sein / also auf die Schiffe sich zurück ziehen. Die Chautzen aber waren so
erbittert /dass sie biss an Hals ins Wasser ihnen nachsetzten /die noch festen
Schiffe anzündeten oder mit Beilen Löcher darein hackten; teils mit denen etwan
ertapten Schiff-Seilen die sich hebenden Schiffe anhielten; ja wenn schon ihnen
eine Hand abgehackt war / mit der andern ja mit den Zähnen die Abfart
verwehreten. Allem Ansehn nach wäre auch kein Schiff und keine Gebeine von den
Römern darvon kommen /wenn nicht die hertzhaften Friesen ihnen zur Hülffe
erschienen wären / und nicht allein ein Nord-Ost-Wind / sondern auch der gleich
einfallende Neu-Mond mit Aufschwellung des Salpeter- und saltzichten Wassers die
Flut ehe und höher / als sonst insgemein allhier geschiehet / über die flachen
Ufer ergossen / und die Abfart der noch etwan übrigen funfzig Schiffe
beschleuniget hätte. Also musste Drusus nach Verlust des Kerns und grösten Teils
seiner Kriegs-Leute nach der Insel Birchanis traurig zurück segeln /und / weil
fast niemand unverwundet blieben / daselbst / und bei den treuhertzigen Friesen
ausruhen /endlich an den Rhein zurück kehren / und von dar sich nach Rom / allwo
er abermals zum Stadtvogt erwehlet ward / und dem Käyser aus denen so treuen
Friesen eine auserlesene Leibwache mitnahm / bei anbrechendem Winter begeben.
Unterdessen räumten die Römer alle Plätze / welche sie nicht nur in dem Eylande
/ sondern auch auff dem Gallischen Gebiete der Bataver erobert hatten / auser
der Festung Carvo und Blariach an der Maass; welchen erstern Ort aber Cariovalda
belagerte und einnahm; ungeachtet es schien / dass die Römer selbten leicht
hätten entsetzen können. Welche zwischen beiden sich ereignenden Lauligkeit fast
iederman überredete / dass Drusus und Cariovalda insgeheim mit einander
verglichen wären; nur / dass dieser solches wegen besorgter übelen Nachrede
verhölete / dass er die aus blosser Gutertzigkeit für die Bataver kriegende
Deutschen im Stiche liesse.
    Nachdem aber der grossmütige Drusus wohl verstand / dass der Pöfel in seinen
Ratschlägen sein Absehn nur auf seinen Nutzen und Gemächligkeit habe; ein Fürst
aber nach einem guten Nachruhme unersättlich streben solle; sintemal der Tod
beiden gemein /jener Grab aber durch Vergessenheit / dieser durch
Ehrengedächtnüsse von einander unterschieden ist; so war es ihm unmöglich / in
dem wollüstigen Rom lange zu rasten. Denn ein grosser Geist findet nicht anders
/ als die Sonne in steter Bewegung / seine Ruh; und er will lieber wie ein
Lufft-Gestirne sich in Gestalt eines strahlenden Sternes einäschern / als wie
ein trüber Nebel die Täler bebrüten. Uberdiss nagte die Rache wegen des letztern
Verlustes Tag und Nacht an seinem Hertzen; die nach Art einer geneckten Biene
ihrem Feinde einen Stich beizubringen trachtet / soll sie gleich selbst darüber
ihr Leben einbüssen. Augustus aber hatte ebenfals Lust darzu. Denn er wollte
seinem Vater dem Käyser Julius / der zweimal eine Brücke über den Rhein
geschlagen / nichts nachgeben; Wiewol er diese seine eigene Ehrsucht mit dem
Vorwand bekleidete / dass er die Deutschen nur dem Julius zu Ehren und der von
ihm gebrochenen Bahne nachzufolgen bekriegte. Diesemnach kam der Drusus am
Frühjahre mit einem frischen Kriegsheere wieder am Rheine an / schlug eine
Brücke darüber / und fiel bei denen Usipeten ein / in willens durch selbte und
die Tencterer bei den Chautzen einzubrechen. Die Usipeter und die Sicambrer
langten bei des Drusus verlautender Ankunft alle Nachtbarn / und insonderheit
die Catten umb Hülffe an; zumal die Usipeten ja den Catten ihr Land geräumt /
und ihnen am Rheine mit Vertreibung der Menapier durchs Schwerd einen
Auffentalt gesucht hatten. Gleichwohl aber blieben aus denen benachbarten die
Catten alleine mit ihren Hülffs-Völckern aussen; entweder weil sie den Usipeten
/ als von ihnen verletzten / gram waren / oder die allgemeine Gefahr weder so
nahe / noch so gross /oder sie doch alleine sich zu verteidigen für mächtig
genung hielten. Inzwischen kam Drusus nebst den Ubiern und Tencterern den
Usipeten mit der ganzen Macht über den Hals / und wurden diese gedrungen mit
den Römern zu schlagen. Alldieweil aber die ganze Römische Macht einem kleinen
Teile des zwistigen Deutschlandes weit überlegen war / und so wohl ein
zerteiltes Reich als ein zerbrochenes Schiff zu Grunde gehen muss; zohen die
tapfferen Usipeter /wie hertzhaft sie auch ihrem Feinde begegneten / den
kürtzern. Ja weil diese selbst wahr nahmen / dass das Verhängnis und Glücke
gleichsam selbst den Römern zum besten die Uneinigkeit unter die Deutschen säete
/ mussten sie mit dem Drusus / so gut sie konten / abkommen / und das Römische
Joch übernehmen. Weil nun die Sicambrer aus Ungedult / dass die Catten von der
allgemeinen Freiheit und Wohlfart die Hand abzohen / ihnen selbst eingefallen
waren / schlug Drusus in höchster Eil über die Lippe eine Brücke; und nach dem
solch Land aller streitbaren Mañschaft entblöst war / durfte es weder Kunst
noch Schwerdschlags sich desselbten zu bemächtigen. Massen sie sich alsofort der
Gnade eines so starcken Feindes unterwarffen; Drusus auch um sich ihrer so viel
mehr zu versichern etliche Festungen auffbaute. Hieran aber liess sich Drusus
nicht ersättigen; sintemahl die Herrschenssucht eben so wie ein Fluss / ie mehr
er Bäche in sich schlucket / desto mehr überschwemmet und wegreisset / also
brach er durch der Tencterer Landschaft in das Cheruskische Gebiete ein; und
zwar so unvermutet / dass sie zu Deutschburg den jungen Fürsten Herrmann und
Flavius der Feldherrn Segimers zwei Söhne mit ihrer Mutter Asblaste des Fürsten
Surena aus Parten Tochter gefangen bekamen. So geringschätzig ist in den Augen
der Ehrsucht das Ansehn voriger Freundschaft / welche die Cherusker lange Zeit
mit den Römern sorgfältig unterhalten hatten; In dem Gesichte des Glückes aber
selbst eigene Gefahr / die ihm Drusus durch so vieler streitbaren Völcker
Beleidigung zuzoh / und endlich auf der Wagschale des Krieges das Recht /
welches die Römer zu kräncken kein Bedencken hatten / weil die habende Gewalt
bei Fürsten ein rechtmässiges Mittel ist sich mit fremdem Gute zu bereichern. So
bald Segimer nun / die mit dem Sicambrischen Hertzoge Melo gegen die Catten zu
Felde lag / und sich ehe des Himmel- als Römischen Einfalls versehen hatte
/diese bestürtzte Zeitung empfing; machten diese zwei Fürsten mit den Catten
einen Stillestand der Waffen; Weil aber die zwei auff der Römer Seite stehenden
Obersten der Nervier Senectius und Anectius bei den Catten einen Einfall täten
/ und unter dem Scheine einer unentbehrlichen Notdurfft einen Raub von vielem
Vieh in das Römische Läger wegführten / wurden die Catten so erbittert / dass sie
alsofort den Stillestand in einen Frieden verwandelten / und mit dem Segimer und
Melo sich wider die Römer verbanden. Dieses Bündnis bestätigten sie in einem
heiligen Heine / schlachteten darbei zwantzig von den Römern gefangene
Hauptleute / machten auch mit einander die Einteilung gehoffter Beute (so viel
trauten sie ihrer Tapfferkeit zu) derogestalt / dass die Cherusker die Pferde /
die Catten das Gold und Silber / die Sicambrer die Gefangenen haben sollten.
Kurtz hierauff kriegten diese Bunds-Genossen Nachricht / dass Drusus etliche
tausend sich in der Eil zu Beschirmung des Landes zusammen getane Cherusker bei
dem Flusse Arbalon in die Flucht geschlagen / an der Lippe und Alme eine Festung
und prächtiges Siegs-Zeichen /welches wir hier gesehen / auffgerichtet hatte /
und geraden Fusses auff die Weser zueilte / allwo er allein Ansehen nach
überzusetzen gedächte / weil er in dem Deutschburgischen Hein viel Nachen hätte
fertigen lassen und selbte mit sich führte. Segimer / Arpus und Melo wurden
hierüber schlüssig dem Feinde seinen Lauff zu lassen / und ihm sodenn den Rückweg
an der Weser abzuschneiden; richteten also ihren Weg gerade der Lippe zu.
Inzwischen kam Drusus an der Weser an dem Ende der Cassuarier / wo der
Dimmel-Strom darein fällt / an / setzte ein Teil seines Volckes in den Nachen
über den Strom / um daselbst sich zu verschantzen / wormit er so viel sicherer
eine Brücke / ohne die er einem Römischen Feldherrn überzukommen verkleinerlich
hielt / schlagen könnte. Es waren auch schon etliche Pfäle eingestossen; als ein
Schwarm Bienen sich an den einen Römischen Adler legte. Dieser Zufall jagte den
Römern und selbst dem Drusus in Erinnerung / dass ihnen / als Hannibal sie bei
dem Trasimenischen See geschlagen / und dem Pompejus / als er die Pharsalische
Schlacht verloren / eben diss begegnet war / ein solches Schrecken ein / dass er
alsobald zum Abzuge blasen liess / und ihm für seinem Zurückzuge nicht die Zeit
nahm / ein ander Gedächtnüssmaal seiner Anwesenheit an der Weser zu lassen / als
etliche grosse Steine; darein er graben liess: Biss hieher kam Drusus / dem das
Verhängnis und seine Vergnügung die Weser dissmal zu einem Zwecke seiner Siege
setzten. Denn wie einem grossen Glucke nichts schädlicher / als unaufhörliches
Wachstum; also ist der gröste Sieg / die Waffen mit Sanftmut / die
Glückseligkeit mit Gesetzen / die Uberwindung mit Liebe mässigen. Er war aber
kaum eine kleine Tagereise gegen dem Rheine fortgerückt; als die Kundschafter
ihn berichteten / dass alle Rückwege von den Deutschen besetzt wären / welche er
in ihrem Vorteil und denen zum Uberfall so beqvemen Wäldern anzugreiffen nicht
für ratsam hielt / sondern an einem dienlichen Orte teils auszurasten / teils
die eigentliche Verfassung der Feinde zu erforschen / insonderheit aber Anstalt
zu machen / dass die bei Arenacum am Rheine stehende Legion mit den Ubiern bei
den Catten einfallen / und also die feindliche Macht zerteilen möchte / stille
liegen blieb. Zumahl er mit nicht geringem Schrecken erfuhr / dass Hertzog
Segimer teils durch Einhaltung wichtiger Ursachen /teils durch Andreuung
gäntzlicher Ausrottung der Ubier und Tenckterer Hertzoge zu Abbrechung des
Römischen Bündnüsses / und auff die Seite der Deutschen gebracht hätte. Die
Deutschen aber liessen sich bei Wahrnehmung dieser Kriegs-List nichts irre
machen; sondern bemüheten sich mit der Cherusskischen und Sicambrischen
geschwinden Reuterei / in dem das bei den Deutschen am höchsten geschätzte
Cattische Fussvolck auf der Hute stehen blieb / dem etwan anfallenden Feinde die
Stirne zu bieten / den Römern alle Lebens-Mittel abzuschneiden. Diese Bedrängnüss
und der annahende Winter zwang den Drusus sich zu entschlüssen / dass er
irgendswo mit Gewalt durchbrechen wollte. Hiermit zoh er bei anbrechender und
regenhafter Nacht aus dem Läger in möglichster Stille auf: also / dass die
deutsche Reuterei erst folgenden Tages hiervon Kundschaft erlangte / und es
denen dort und dar zerteilten Völckern so bald nicht zu wissen machen konten.
Folgenden Tag lag er abermals stille / und wie er vorher gegen die Tenckterer
seinen Weg einzurichten geschienen; also lenckte er folgende Nacht recht gegen
die Usipeter ab / und traf mit anbrechendem Morgen bei Arfeld auff den Hertzog
Arpus; welcher ob er wohl nicht die Helffte so starck war / dennoch die Römer
zwischen dem Gehöltze mit unaufhörlichem Scharmützel so aufhielt / dass sie
langsam fortkommen konten. Ein paar Stunden darauf kam Hertzog Melo mit 8000.
Sicambrern den Catten zu Hülffe / also / dass Drusus nunmehro Stand zu halten /
und eine rechte Schlacht zu liefern gedrungen ward. Worzu er sich so viel
leichter entschloss / weil er sich noch stärcker / als die Deutschen zu sein
schienen / befand / dieses auch für ihre völlige Macht schätzte. Beide Teile
vergassen nichts /was klugen Feld-Obersten / und tapffern Kriegsleuten oblieget
/ gleichwol aber mussten die wenigen Deutschen nach etlicher Stunden blutigem
Gefechte sich ein wenig zurück ziehen / sonderlich da die Römer in einem engen
und tieffen Tale standen / da die deutsche Reuterei ihnen wenig Abbruch tun
konnte. Gegen den Mittag aber kam der Feldherr Segimer /der mit seinen Cherusskern
an einem andern Orte dem Feinde aufgewartet hatte / darzu. Worauf sich denn
alsofort das Blat wendete; indem den ohne diss schon ermüdeten Römern gegen einem
so frischen Feinde das Hertze entfiel / den Catten und Sicambrern aber wuchs;
also / dass / wie sehr gleich Drusus die Seinigen mit zusprechen und seinem
Beispiele anfrischte; sie doch anfangs zu weichen / hernach / als Segimer
insonderheit den Drusus verwundet / Arpus den Anectius / und Melo den Senectius
erlegt hatte / und unterschiedene Kriegshäupter mehr gefallen waren / zu fliehen
anfingen. Die Schlacht veränderte sich desshalben in ein Schlachten / und würde
weder Drusus noch sonst ihrer viel aus den Händen der Deutschen entronnen sein /
wenn sie nicht auf der Seite einen Furt gegen der mit Römischem Volcke
besetzten Festung Alison / als wohin Drusus sein einiges Absehn gerichtet hatte
/ gefunden / die anbrechende Nacht aber die Verfolgung der Deutschen gehemmet
hätte. Drusus kam zu Alison verwundet und nicht mit der Helffte des
Kriegs-Volckes an; das meiste Fussvolck / alles Krieges-Geräte / 12. Fahnen der
Nervier / 8. der Friesen / 20. der Gallier / und ein Römischer Adler /welcher
aber in einen Sumpf verborgen worden / blieb im Stiche; und nach dem er selbige
Festung starck besetzet / nam er durch das Gebiete der Usipeter und Tenckterer
seinen Weg an den Rhein / und befestigte daselbst Antonach. Dieser herrliche
Sieg der Deutschen aber ward zu allem Unglücke abermals durch ihre gewohnte
Zwytracht zernichtet; indem die Uberwinder über so reicher Beute uneinig wurden;
und also den Feind gäntzlich aus Deutschland zu vertreiben / die Usipeter wieder
in Freiheit zu setzen verschlieffen / Drusus aber ward zu einem Siegs-Gepränge
nach Rom beruffen / dahin er sich dañ auch mit Antonia seiner Gemahlin / nach
welcher er die von ihm am Rheine an der Cattischen Gräntze gebaute Festung
Antonach nennte / und denen gefangenen Kindern Hertzog Segimers erhob; daselbst
mit grossem Siegsgepränge den Einzug hielt / und auff dem güldenen von vier
schneeweissen Pferden gezogenen Wagen für sich Asblosten mit ihren zweien
Kindern sitzen / unter ihnen aber neben den Vorder-Rädern den Werckzeug / wormit
die zum Tode verdammeten abgeschlachtet wurden / hengen hatte; zur Anzeigung /
dass Siegern über die Gefangenen die Willkühr des Lebens und des Todes zustehe.
Der Römische Rat empfing ihn mit grosser Ehrerbietung / und weil seine
Stadt-Vogtei zu Ende war / ward er zum Unter-Bürgermeister über Gallien und
Deutschland erkläret; den Titel des obersten Feldherrn rief ihm zwar das
Kriegsvolck zu; Augustus aber stand an / ihm solchen noch offentlich erteilen
zu lassen. Drusus hingegen hielt dem Käyser zu Ehren kostbare Schauspiele; und
an seinem Geburts-Tage auf dem Marckte in Rom eine Jagt von allen nur
ersinnlichen Tieren / liess ihm auch zu Ehren viel Egyptische und andere
Sinnbilder fürtragen / davon der Abriss hernach in den vom Sylla zu Preneste
erbauten Glücks-Tempel gebracht worden. Rhemetalces brach Adgandestern ein:
Erkönte nicht begreiffen / wie die Deutschen wegen der Beute mit einander
zerfallen / darüber sie ja vom Anfange mit einander Abkommen getroffen; und wie
Drusus nach einer so grossen Niederlage ein Siegs-Gepränge habe halten mögen?
Adgandester beantwortete ihn: die reiche Beute / die man bei einem Feinde weiss /
ist ja wohl ein Sporn / der das Kriegsvolck anfänglich zur Tugend und tapfferem
Gefechte aufmuntert. Die Begierde darnach machet / dass man das euserste gedultig
ausstehe. Aber wie solcher Uberfluss oft zu ungerechtem Kriege Anlass gibt; wie
denn Crassus desshalben die Parter überfallen / auch biss zu den Bactrian- und
Indianern zu dringen im Schilde führte; und die Hispanischen Reichtümer die
Cartaginenser zu sich lockten; Also verursachet selbter in Schlachten meist
grosse Unordnung und Gefahr; indem die streitenden bei sich nur wenig
ereignendem Vorteile mehr auf die Beute als aufs Treffen bedacht sind /vielmal
auch schon umzingelte Könige und Fürsten /als den Triphon und Mitridates /
durch Wegwerffung ihres kostbaren Gerätes aus den Händen ihrer Feinde / die sie
schon im Sacke gehabt / entrinnen lassen. Endlich gebieret auch die glückliche
Uberkommung der Beute zuletzt mehr Schaden als Gewinn. Denn die in Cartago und
Corint eroberte Reichtümer haben alle gute Sitten in Rom verderbet; die
jetztreichen Gallier waren streitbarer / da sie arm waren / und die von den
Deutschen dissmal den Römern abgeschlagene Beute verderbte das ganze Spiel des
Krieges. Denn ob sie zwar wegen der Pferde / der Gefangenen / des Goldes und
Silbers sich vorher verglichen hatten; so war doch wegen der Waffen / die sie
erobern würden /nichts ausgenommen. Worvon die Catten / welche am längsten
gefochten / den Sicambrern ein geringes /diese aber den Cherusskern gar kein
Teil verstatten; die Cherusker hingegen / als welche die Oberhand und ihren
Fürsten zum Feldherrn hatten / nach ihrer Willkühr damit gebahren / und
insonderheit Segimer zu Auslösung seiner Gemahlin und Kinder die fürnehmsten
Gefangenen haben wollte. Uber dem Siegsgepränge des Drusus aber wundert man sich
in allewege billich / wenn man die alten Sitten und Gesetze der Römer für Augen
hat; welche solches niemanden verstatteten / der nicht auff einmal zum minsten
5000. Feinde / und zwar nicht Knechte oder See-Räuber / sondern freie Völcker
und ohne sonderbaren Verlust überwunden hatte. Wesswegen selbter auch bei den
Einnehmern so wohl die Anzahl der erlegten Feinde / als der gebliebenen Bürger
eidlich anzeigen musste. Gleichergestalt ward dem Fulvius und Opimius diese Ehre
verweigert / weil jener zwar Capua /dieser Fregella wieder erobert / aber mit
nichts neuem das Reich vermehret hatte. Zugeschweigen / dass auch Scipio wegen
eingenommenen Hispaniens / und Marcellus nach erobertem Syracusa diss entbehren
mussten / weil sie nur als Bürger und ohne Bekleidung hoher Aempter alles diss
ausgerichtet hatten. Gleichergestalt war solche Freude in bürgerlichen Kriegen /
indem das eigene Blut mehr zu beweinen ist / nicht erlaubet. Dahero zohe Nasica
und Opimius / nach Erlegung der Grachen / Qvintus Catulus / nach Dämpffung des
Lepidus / stille in die Stadt. Antonius / als er den Catilina erleget / wischte
das Bürgerblut von allen Schwerdtern ab; Und ob gleich Sylla den Marius
/Sulpitius / Cumma / Narbanus / Scipio / Telasinus und Lamponius geschlagen
hatte; so liess er doch in seinem Siegs-Gepränge keines dieser / sondern nur
Mitridatens und fremder Städte Bilder ihm fürtragen. Ja Fulvius Flaccus / und
mehr alte Römer entschlugen sich selbst dieser verdienten Ehre. Nach der Zeit
aber / da die Tugend nicht mehr für ihren eigenen Preis gehalten ward / sondern
der Ehrgeitz an statt des Wesens nach einem Schatten zu greiffen / und dem
alberen Pöfel einen blauen Dunst für die Augen zu machen anfing; ertichtete man
Eroberungen vieler nicht einst gesehener Länder; wenn etwan eine Handvoll Räuber
erlegt / oder ein geringes Nest eingenommen war / rühmte man sich grosser Siege
über ganze Völcker; und dass man unüberwindliche Festungen bemeistert hätte.
Wenn aber die Römer selbst aus dem Felde geschlagen wurden / bekleideten sie
ihre Schande mit dem Nahmen einer klugen Zurückziehung /und mit Verdrückung
ihres Verlustes. Massen sich denn einige nicht schämten bei des Crassus
Partischer / und des Lollius Deutscher Niederlage / da der fünften Legion
Adler verloren ging / sich noch eines Vorteils zu rühmen. Insonderheit wollte
ieder hochtrabender Römer der tapfferen Deutschen Meister worden sein. Dahero
bedienten sie sich der zaghaften Uberläuffer / kaufften von allerhand Barbarn
grossgewachsene Knechte / nötigten sie / dass sie etliche deutsche Wörter
erlernen und nachlallen / ihre Haare nach unserer Art lang wachsen lassen / und
röten mussten; kleideten sie in deutsche Tracht / und rüsteten mit diesen
blinden Gefangenen ihre Siegs-Gepränge aus. Auf diese Weise ging es nun auch
bei diesem Feld- und Einzüge des Drusus her / und diente die gefangene Assblaste
mit ihren Kindern zu einer glaubhaften Beschönigung.
    Rhemetalces setzte bei: Ihn bedünckte / dass Eigenruhm und Verkleinerung
anderer Völcker nicht neu /sondern ein altes Laster der Römer / ja der Schein
ihre erste Farbe gewesen sei. Des Romulus Geburt und Todes-Art; des Numa
Gespräche mit der Göttin Egeria; die Weihung des vom Himmel gefallenen Schildes;
die wunderlichen Taten des Marcus Curtius / des Horatius Cocles / der Clelia /
und des Mucius Scevola / wären grossen Teils Gedichte. Von ihren ungemeinen
Tugenden schriebe niemand als sie selbst / hingegen würden die Taten des
Porsenna /der Gallier / der Cartaginenser / des Pyrrhus / uñ anderer aufs
möglichste verkleinert / den Griechen die Unwahrheit / den Mohren Untreu / den
Syrern die Uppigkeit / den Deutschen und Traciern die Grausamkeit / ja allen
Fremden alle die Laster beigemessen; die doch nirgends mehr als zu Rom im
Schwange giengen. Wiewol die Römischen Geschichtschreiber sich hin und wieder
selbst verreñten / sich des Geitzes schuldig gäben / unrechtmässiger Gewalt die
Vergrösserung ihres Reiches zuschreiben / und / dass der letztere Krieg wider
Cartago aus keiner rechtmässigen Ursache / sondern bloss aus neidischer Missgunst
gegen ein so grosses Reich erhoben / mit zweideutigem Versprechen die
Schiffs-Flotte ihr aus den Händen gewunden / dass der Lusitanische Heerführer
Viriat von des Pompilius erkaufften Meuchelmördern erleget / dass vom Aqvilius
die Pergamenischen Brunnen zu Austilgung derer dem Aristonicus anhängenden
Feinde wider das Recht der Völcker vergiftet /dass vom Sulla mit der Fackel in
der Hand sein Vaterland zu erst angezündet worden wären / zustünden.
    Malovend fiel hierüber ein: Sonder zweifel haben alle Völcker ihre Fehler /
wie ein iedes Gestirne seine Flecken; nur / dass sie in einem sichtbarer sind als
beim andern. Sonst aber ist sich über dem Gepränge und der Hochhaltung des
Drusus so sehr nicht zu verwundern. Denn die Heuchelei ist so alt als die Welt;
welche schon bei den ersten Menschen aus einem Apffel mehr als einem Klumpen
Goldes machte. Die Helden-Nahmen waren gemeiner / und der Adel wolfeiler bei der
Vorwelt / als jetzt. Wenn einer ein wild Schwein erlegte / hiess er ein Hercules.
Wegen Erfindung der Phrygischen Buchstaben ist der Phrygische /wegen der
Angebung der Purpur-Farbe ist der Tyrische Jupiter zum Halb-Gotte worden. Wenn
einer einen Mörder umbrachte / hat man ihn für einen Riesen-Bezwinger / und wenn
einer ein Raub-Nest eingenommen / für einen grossen Weltbezwinger gehalten; und
durch Gedichte aus einem Floh ein Elefanten gemacht. Es ist wahr / sagte
Adgandester / dass nichts minder für Zeiten / als heute zu Tage viel mit
Ehren-Kräntzen grossen Ruhms begabt worden / ihrer wenig aber selbte verdienen.
Alleine die Zeit entblösset doch endlich ihre Unwürdigkeit; und die Wahrheit ist
von solchem Nachdrucke / dass selbte weder Feinde noch Heuchler vertilgen können.
Dahero denn auch die Römer selbst wider Willen frei heraus sagen / dass den
Ausländern nicht so wohl die Herrschaft / als die Laster der Römer unerträglich
wären. Also ereignete sich nach obigem Abzuge des Drusus aus Deutschland / dass
die Römische Besatzung aus Antonach und Bingium den Catten mit täglichen
Raubereien beschwerlich waren. Wie nun diese nach aller Völker Rechte Gewalt mit
Gewalt ablehneten; und mehrmals die Römer den kürtzern zohen; von Drusus /
welcher gleich damals nebst dem Qvintius Crispinus Bürgermeister war / Anlass zum
dritten mal sein Heil in Deutschland zu versuchen; sonderlich da die Catten und
Eherusker selbst wider einander in Haaren lagen /und Deutschland seine Hände in
eigenem Blute wusch. Diese Gelegenheit brauchte Drusus zu einer Schein-Ursache
eines neuen Zuges in Deutschland; ungeachtet der Blitz in den Capitolinischen
Tempel schlug / und die vom Drusus aufgehenckte Sieges-Zeichen auf den Bodem
fielen; Also die Wahrsager ihm wenig gutes andeuteten / der Käyser ihn auch
ungerne von sich liess; wiewohl Drusus viel einen andern Dorn im Fusse stecken
hatte; dessen Erzehlung aber vielleicht anzuhören der Versammlung beschwerlich
fallen dörffte.
    Als nun aber Rhemetalces und die andern Fürsten Adgandestern anlagen / diese
Heimligkeit ihnen nicht zu verschweigen; vollführte er seine Erzehlung folgender
Gestalt: Der berühmte Marcus Antonius / dessen Geschlechte vom Hercules seinen
Uhrsprung haben soll / hat mit Octavien des Käysers Augustus Schwester zwei
Töchter erzeuget; derer eine Domitius-Enobarbus heiratete. Die andere und
jüngste Nahmens Antonia / war von der Natur mit fürtreflicher Schönheit begabt /
und so wohl der einige Trost ihrer Mutter / als ein Schoss-Kind des Käysers. Weil
nun die Schönheit / als die Mutter der Anmut für sich selbst eine geschwinde
Jägerin abgibt / die Augen und Hertzen leicht in ihre Garne bringt / und man
auf dasselbe Bild so viel mehr die Augen wirfft /das eine so grosse Sonne
bestrahlet; entzündete Antonia viel Hertzen / ehe sie noch selbst wusste / was
sie für Feuer in sich selbst stecken hatte. Aber sie erfuhr zeitlich genung /
dass nichts anfälliger als die Liebe wäre; und dass kein Licht von dem andern so
geschwinde Feuer / als eine zarte Seele diese süsse Empfindligkeit des andern
Alters fange. Denn als einsmahls an des Käysers Geburts-Tage der Kern des
Römischen Adels sich mit prächtigen Aufzügen /Rennen / und andern Freudenspielen
sehen liess; Gewan ein junger wohlgebildeter Edelmann Lucius Muräna den Preis /
und zugleich das Hertze Antoniens. Seine Gestalt / seine hohe Ankunft / und
seine Tapfferkeit schätzte sie anfangs ihres Ruhmes / hernach ihrer Gewogenheit
würdig. Diese Blüte der Liebe aber verwandelte sich nach und nach unvermerckt in
einen vollkommenen Liebes-Apffel. Nachdem aber das Glücke insgemein der Liebe
ein Bein unterzuschlagen gewohnet ist; fühlte Antonia nicht so geschwinde in
ihrer Seele diesen anmutigen Zunder; Als der Käyser und Octavia auff
Anstifftung der Livia ihr einen Vorschlag täten sich mit dem Claudius Drusus zu
verheiraten. Dieser Vortrag war in Antoniens Ohren ein rechter Donnerschlag /
und ein rechter Wirbelwind / der ihre Ruhe des Gemütes in völlige Unruhe
versetzte. Wie aber die Liebe eine geschwinde Erfinderin ist; Also war die junge
Antonia alsofort so klug / dass sie mit ihrer Jugend und allerlei anderm Fürwand
ihre Entschlüssung ins weite Feld zu spielen wusste. Inzwischen wuchs ihre Liebe
gegen den Muräna von Tag zu Tage / und zwar so viel heftiger / weil sie Drusus
durch seine Liebesbezeugungen zuverdringen suchte: sie aber ihr Hertze gegen
keinem Menschen / am wenigsten aber gegen dem Muräna ausschütte / und also ihr
Gemüte erleichtern konnte. Denn sie hatte an Octavien eine genaue / an des
Drusus Mutter Livia aber eine noch schärffere Aufseherin / für denen sie sich
nicht rücken dorfte. Alleine höret / wie die Liebe auch einen hundertäugichten
Argus zu verbländen mächtig sei. Mecenas des Käysers vertrautester Freund bat
ihn einmal auf sein an dem Flusse Ania gebautes köstliche Lust-Haus / welches so
wohl wegen seiner Gelegenheit / in dem man darauf gegen die Sabinische
Landschaft /die Pränestinischen / Labicanischen / und Tusculanischen Aecker
übersehen konnte / als wegen seiner fürtrefflichen Marmel-Säulen / ertztenen
Bilder / seltzamen Gewächse / von welchen ein angefüllter Garten das Gebäue an
dreien Ecken umbgab / wegen der im ersten Vorhofe stehender drei herrlicher
Spring-Brunnen / und insonderheit wegen der annehmlichen Gesellschaft / indem
Mecenas daselbst die gelehrtesten Leute selbiger Zeit unterhielt / für ein
irrdisches Paradis von den Römern / und überdiss vom Käyser wegen der
liebreitzenden Terentia beliebet ward. In der Gesellschaft des Käysers war
seine Gemahlin Livia /ihre Söhne Drusus und Tiberius / Antonia und unter dem
Römischen Adel / die den Augustus bedienten /Lucius Muräna. Nebst vielfältigen
Kurtzweilen stellte Mecenas in dem daran gelegenen tieffen Tale eine Fischerei
an / und es musste iede anwesende Person ihm aus den gefangenen Fischen eine Art
auslesen /und zu seine Lobe etwas auf die Bahn bringen. Antonia erwehlte ihr
eine grosse Murene / und meldete: Es könnte kein Frauenzimmer einiger Art Fische
nicht holder sein als dieser / welche dem weibliche Geschlechte so zugetan wäre
/ dass auch keine männlichen Geschlechtes wäre. Ihre Schlauigkeit gehe allen
Fischen für / und diene zur Lehre dem Frauenzimmer / dass dieses so sehr dem
Hamen der Wollüste / als jene dem Garne und Zischen der Fischer zu entgehe
verschmitzt sein solle. Cajus Hircius wäre aller Flüche wert / dass er zum erste
zwar für die Murene dienende Weiher angerichtet / derer aber auf einmal 6000. zu
des Käysers Sieges-Mahle ausgewogen habe. Hingegen habe Hortensius ihre Huld
erworben /dass er eine von ihm lange bewahrte und endlich abgestandene beweinet
habe. Nichts weniger hätte sie Lucius Crassus geschätzt / als er einer ein
Halsband von Edelgesteinen angemacht; welche als seine aufgeputzte Buhlschaft
ihn an der Stimme eigentlich erkennet /ihm zugeschwommen wäre / aus seiner Hand
Speise genommen / und hierdurch nach ihrem Tode verdienet hätte / dass er umb sie
als seine Tochter in der Trauer gegangen wäre. Der Käyser lächelte über der
Antonia freimütigem Vortrage / und verehrte ihr des Hortensius vorhin
erkaufftes Vorwerg bei Bajä / das sie mit höchster Dancksagung annahm / und
alsofort ihre kostbaren Ohr-Gehäncke ab- und ihrer ausgelesenen Murene anmachte;
ja hierauf sich in das geschenckte Vorwerg verfügte / daselbst diese Murene in
den Weiher einsetzte / einen absonderlichen Wärter darzu bestellte / umb den
Weiher ein kostbares Gesimse von rotem Marmel-Steine fertigen / und darein
graben liess:
        Rühmt euern heil'gen Fisch / die ihr durch Zauberei
    Und Liebes-Tråncke meint ein freies Hertz zu rauben;
    Es mag auch Lycien von seinem Fische glauben /
    Dass er zukünftig Ding zu melden fähig sei.
        Der Indus-Strom erheb' auch seinen langen Fisch /
    Der unausleschlich Oel den Persen gibt zum kriegen;
    Lucull mag Silber gleich des Scarus Lebern wiegen /
    Die Auster mache wert zur Unzeit Crassus Tisch;
        Arion streich heraus den willigen Delfin /
    Und Bajens See den / der ein Kind trägt auf dem Rücken.
    Es mag auch Pollio mit Fischen sich erquicken /
    Die er mit Menschen-Fleisch pflegt grimmig zu erziehn.
        Betraure deinen Fisch / Orata / wie ein Kind /
    Pytagoras verehr ihr angebornes Schweigen.
    Es mag sich Syrien fur zweien Fischen neigen /
    Weil Gatis und ihr Sohn darein verwandelt sind;
        Es bet' Egyptenland Hecht' / Aal' und Karpen an;
    Die Barben ess' Octav' für Jupiters Gehirne /
    Es steig' aus Bötens Pful der Wallfisch ins Gestirne /
    Weil er aus seiner Flut der Venus Kind gewan;
        Nehmt ihr zwei guldnen Fisch' auch's Himmels Tier-Kreis ein /
    Weil Venus und ihr Sohn sich so verstellet haben /
    Als sie für Typhons Grimm die Flucht ins Wasser gaben;
    Die Purpur-Muschel mag der Wollust Abgott sein /
        Weil sie der Achsel Glantz / dem Halse Perlen gibt;
    Es schåtze Julius gemeine Milch-Murenen /
    Die ihm muss Hircius zum Sieges-Maale lehnen;
    Antonia ist in vernünftige verliebt.
    Diese seltzame Liebe zu einem Fische / und die Kirrung dieser Murene /
welche Antonia gewehnte dass sie sich auf ihr Zuruffen an das Ufer näherte / und
ihr aus den Händen aass / verursachte viel vorwitzige Römer sich in dieser
lustigen Gegend oftmals einzufinden / und mit diesem freundlichen Fische ihre
Kurtzweil zu haben. Unter diesen fand sich auch offtmals Lucius Muräna / welchem
Antoniens Liebs-Bezeugung bald anfangs nachdencklich vorkommen war. Wie er nun
folgends die eingegrabene Schrifft zu Gesichte bekam; überlass er selbte wohl
zehnmal / und insonderheit bedauchte ihn / dass der letzte Reim ihm das völlige
Rätsel auflösete / nämlich / dass Antonievs Kurtzweil ein blosses Sinnen-Bild /
und die darschwimmende Murene nur das Zeichen / er aber selbst der bezeichnete
wäre. Wie er sich nun teils mit diesen süssen Gedancken eine gute Zeit
gekützelt / teils auch mit der Beisorge allzu vermessener Einbildung lange
geschlagen hatte; sintemal Hoffnung und Furcht an der Spille der Liebe die zwei
Wirtel sind / mit denen sich das Gemüte der Liebhaber herumb drehet / ereignete
sich / dass Antonia mit ihrer Mutter Octavia und Mecenas zu dem Weiher kam / und
den Muräna daselbst sich auf das Gelender auf lehnende auch ganz ausser sich
und unbeweglich antraffen. Er ward ihrer auch ehe nicht gewahr / als biss Antonia
die Murene mit dem Munde lockte / und diese aus dem Wasser empor sprang; worauf
er mit einig mässiger Veränderung gegen ihnen die gebührende Ehrerbietung
bezeugte. Octavia fragte ihn hierauf: Ob die Verwunderung oder die Zuneigung zu
diesem Fische ihn so eingenommen / und unempfindlich gemacht hätte? Muräna
antwortete: Es habe ihn zugleich beides übermeistert; denn dem / was eine so
schöne Fürstin liebte / könnte man ohne ihre Beleidigung nicht gram sein; zu
verwundern aber wäre sich über derselben Leutseligkeit / dass ihre Gunst auch diss
nicht verschmähete / was von ihrer Würdigkeit doch so weit entfernet wäre.
Antonia versetzte mit einer freundlichen Geberdung: Ihrem Urtel nach hätte er
sich so viel weniger über ihrer / als der alldar schwimmenden und ihr so
liebkosenden Murene zu verwundern / so viel mehr die Gewalt etwas zu erwählen
und zu unterscheiden dem Menschen für einem unvernünftigen Tiere zukäme. Muräna
begegnete ihr: Es wäre aber dem natürlichen Triebe und der Vernunft / derer
ersteres die Tiere so gut / das andere aber in weniger Maass besässen / gemäss /
dass das unwürdigere das würdigere / dieses aber nicht eben jenes liebte. Beides
erhärtete der Elefant zu Alexandria des Aristophanes Nebenbuhler / der dem von
ihm geliebten Mägdlein mit der Schnautze aufs freundlichste liebkosete / und sie
täglich mit Obste beschenkte; der Drache / welcher ein Etolisches Weib täglich
besuchte / inbrünstig umbhalsete / und in die Ferne ihr nachzoh; der Stier /
welcher in die Lauten-Schlägerin Glauce / und die Gans / die in Egypten in einen
Knaben verliebt war; ein Panter-Tier habe des Philinus Vater alle Gewogenheit
erzeiget; und ein Drache den Toas in Arcadien aus den Händen der Räuber
errettet; eine Schlange in Egypten eines ihre eigenen Jungen getödtet / weil es
ihres Wirtes Sohn umbgebracht; eine Wölffin habe den Romulus und Remus /eine
Hindin den Cyrus / viel andere grausame Tiere den vom Hispanischen Könige
Gargoris weggeworffenen Habis gesäuget / und die Bienen in Sicilien des
Hieroclytus Auswürffling Hiero gespeiset. Insonderheit aber wäre nichts minder
den Delfinen und Murenen die Liebe gegen dem Menschen / Als den Pfauen gegen die
Tauben / und den Turtel-Tauben gegen die Papegoyen eingepflantzt. Die Delfinen
nähmen sich so gar des menschlichen Seufzens an / ergetzten sich über ihrer
Stimme / und kämen den Schiffen entgegen geschwommen. Ja ob schon die Berührung
der Erde ihr Tod wäre; so folgten sie doch so weit denen lockenden Menschen
nach. Und also wäre einer auf dem trockenen Sande erblichen / der einen Knaben
aus der Stadt Jassus / Dionysius genennt / für Liebe nicht lassen wollen /
welchen hernach der grosse Alexander zum Priester des Neptunus bestellet hätte.
Bei eben dieser Stadt Jassus / und bei Naupact habe ein Delfin sich an dem
flachen Ufer hingerichtet / weil sie einen auf ihnen reitenden Knaben bei
entstandenem Ungewitter abfallen und ertrincken lassen. Und an dem nechst
angelegenen Lucriner-See wäre noch das von dem Käyser gebauete Begräbnis eines
für Sehnsucht entseelten Delfins zu sehen / der einen Knaben täglich von Bajä
nach Puteoli und zurücke geschiffet / nach des Knabens Tode auch sein ihm
verdrüssliches Leben aufgegeben hätte. Aus den Murenen hätten einige den Lucius
Philippus / den Hortensius und Hircius hertzlich geliebt / und ein
denckwürdiges Beispiel sehe man alldar für Augen: Also er glauben müste / dass
wie die grössesten Tiere / als Elefanten und Cameele / für dem Menschen Furcht
trügen / weil die Natur ihren Augen die Eigenschaft eines Vergrösserung-Glases
eingesetzt hätte / wormit sie uns für grösser /als wir wahrhaftig wären /
ansehen; also habe sie auch gewissen Tieren einen solchen geheimen Trieb / wie
das Eisen gegen dem Magnet-Steine oder die Sonnenwende gegen der Sonne hat /
eingepflantzt; hingegen aber wäre an Antonien als eine ungewöhnliche Übermass
ihrer Güte zu rühmen / dass sie eine unwürdige Murene mit ihrer Gegen-Liebe eben
so wie die Sonne die sümpfichten Täler mit ihren Straalen beseligte. Nach dem
auch Antoniens Leutseligkeit ihren Augen keinen sauern Blick zu erlauben fähig
ware; betrauerte er / dass die Murene ihre grosse Glückseligkeit nicht genung
erkennen könnte. Zumal wie sonst alle Murenen vom Essig-Geschmacke rasend / also
diese Geliebte von einem einigen unholden Straale verzweifelnd werden würde.
Antonia sah es dem Muräna an den Augen an / dass er einen Blick in die
Heimligkeit ihres Hertzens getan hatte; und weil Octavia sich mit dem Mecenas
gleich auf die Seite wendete / warff sie auf ihn einen so anmutigen Straal /
der ihm durch Marck und Adern ging / und vollends den Nebel alles seinen
Zweifels zu Boden drückte: Diesen begleitete sie mit folgendem Innhalt: Es
hätten ja wohl ehe hohe Häupter an geringeren Tieren /denen sie zu Ehren ganze
Städte und prächtige Grabmahle gebauet / Crassus / Hortensius und Hircius an
Murenen so gar ihre Erlustigung gehabt / dass sie selbte für unschätzbar gehalten
/ ja für sie die Klage angelegt hätten. Zu dem wüste niemand als sie von der
Würde ihrer vernünftigen Murene zu urteilen. Uber dieser Erklärung hatte Muräna
noch teils seine Seufzer zu verdrücken / teils die Veränderung seines Gemütes
und Gesichtes nickt mercklich zu machen; und daher ward er genötiget / sein
Gespräche mit Höfligkeit abzubrechen. Weil nun Octavia und Mecenas mit einander
in einen Lustgang / Antonia alleine sich in einen andern Weg schlugen /
erkiesete Muräna / welchen die der anfangenden Liebe anklebende Furcht sich
Antonien beizugesellen nicht erlaubte /den drittern. Und als er einen
Scheide-Weg wahrnahm / welchen Antonia notwendig treffen musste; schrieb er mit
dem Stabe daselbst in Sand: Ich liebe. Nachdem nun die scharffsichtige Liebe
nicht leicht eine Spur übersihet; fiel diese kurtze Schrifft Antonien alsofort
in die Augen / welche / als sie Octavien und den Mecenas ihr von ferne folgen
sah / unter der angenommenen Betrachtung etlicher ausländiser Gewächse die
Schrifft hin und wieder tretende mit ihren Fussstapfen ausleschte; hiermit aber
die Liebe in dem Hertzen des hierauf merckenden Murena zweifach anzündete.
Octavia / Antonia und Mecenas fuhren hierauf mit einander auf das bei Baje auf
einem Berge gelegene Vorwerg des Käysers Julius / das funfzehn Ellen lange
Marmel-Bild seines Schutz-Gottes zu schauen / welches Augustus für etlichen
Tagen daselbst hatte aufrichten lassen / und in kriegischer Gestalt in der
rechten Hand eine Opfer-Schüssel / in der lincken ein Horn des Uberflusses
hielt; die Uberschrifft war daran: Dem Schutz-Gotte des Käysers Julius. Von dar
verfügten sie sich in das kostbare Vorwerg des Marius / allwo Mecenas wegen
daselbst in den warmen Bädern wieder erlangter Gesundheit dem Esculapius aus
Ertzt eine Säule aufrichten liess. Inzwischen aber verfügte sich Lucius Murena
nach Puteoli / und liess daselbst den Weiher der Antonia /als wenn er brennte /
und mit den Flammen die darinnen spielende Murene überschüttete / mit in
einander versetzten vielfärbichten Steinen abbilden / und in eine weisse
Marmel-Taffel darunter graben:
        Ihr Motten / die ihr blind in heisse Fackeln fluget /
    Die Flügel euch sengt weg / vergleicht euch ja nicht mir.
    Weil ihr vom ersten Straal bald eingeäschert lieget;
    Mein Brand und Leiden geht dem eurigen weit fur.
    Ich brenn' in dieser Flut / wormit ich mich oft kühle /
    Und meine Liebes-Brunst nur so viel länger fühle.
        Ihr Salamander weicht der leuchtenden Murene;
    Ihr könnt wohl bestehn in Flammen / weil ihr kalt.
    Das Wasser aber / das ich mir nur hier entlehne /
    Ist nicht mein Element / Feu'r ist mein Auffentalt.
    Die Glut / die ihr lescht aus / schlägt über mir zusammen /
    Die Liebe steckt mein Hertz / ich diese Flut in Flammen.
        Ihr Würmer / die ihr lebt in siedend-helssen Qvellen
    Und euch vom Schwefel nährt / die ihr von Kält' erbleicht;
    Glaubt: dass der kalte Teich hier Zunder hegt der Höllen /
    Dass euer Feuer-Kost weit meiner Speise weicht.
    Denn ihr speist nur den Mund mit Schwefel / ich mein Hertze
    Mit Liebe / welcher Glut gleicht keine Schwefel-Kertze.
    Dieses Bild und Gemählde schickte er nach seiner Verfertigung durch etliche
unbekannte Leute zu oberwähntem Weiher / und liess / unter dem Vorwand /dass es
Antonia bestellet hätte / solches in dem daran stehenden Spatzier-Saale
aufsetzen. Wie nun Octavia / Antonia und Mecenas dahin zurücke kamen / fanden
sie diese Neuerung / und Antonia nicht ohne sonderbare Entsetzung. Jedoch weil
sie ihr leicht an den Fingern ausrechnen konnte / woher dieses Ebenteuer käme /
verstellte sie so viel möglich ihre Gemüts-Veränderung / und gab auf Octaviens
Befragung für: Sie hätte für etlicher Zeit diese Reime in dem Saale gefunden /
und weil sie solche für des Virgilius Maro Gemächte hielte; so hätte sie so wohl
ihm zu Ehren /als ihrer Murene zu Liebe / das Bildnis fertigen lassen. Sie konnte
sich aber an dieser Schrifft nicht satt lesen / und ie länger sie selbter
nachdachte / ie klärer stellte selbte die heftige Liebe / ja so gar den darinnen
deutlich ausgedrückte Nahme des Lucius Murena für Augen. Ob nun wohl beider
Liebe täglich zunahm /sonderlich da dieses Feuer im Hertzen so feste
verschlossen blieb; so ereignete sich doch keine sichere Gelegenheit solche
gegeneinander auszulassen / biss auf den anmutigen April / da bei Baulis das
Fest der Venus von dem Römischen Frauenzimmer begangen ward. Der Käyser Julius
hat daselbst der gebährenden Venus als der Mutter der Julier einen so herrlichen
Tempel / als der zu Rom ist / gebauet / darinnen ihr ein Wagen über und über mit
Britannischen Perlen gestücket / geweihet / und darein ihr künstliches vom
Archesilaus gefertigtes Marmel-Bild / welches zweimal die Lebens-Grösse
übertrifft / und in der rechten Hand eine Welt-Kugel / in der lincken drei
Pomerantzen-Aepfel hält / gesetzet. Alle dahin kommende Frauen sind aufs
köstlichste aufgeputzet / tragen Kräntze von Myrten / haben einen Korb voller
Rosen an der lincken Seite hencken / welche sie in dem Tempel hin und wieder
ausstreuen. Wie nun Antonia sich unter ihnen gleicher gestalt fand; bediente
sich Murena der bei diesem Feier bräuchigen Freiheit / fügte sich Antonien an
die Seite / und legte darein einen Zettel / mit Beisatz dieser Worte: Göttliche
Antonia /verschmähe nicht dieses Zeugnütz meiner unausleschlichen Liebe. Antonia
nahm des Zettels also fort wahr / steckte ihn also unvermerckt in den Busem /und
antwortete dem Murena mit einer liebreitzenden Geberdung: Die Antwort wirst du
auf den Abend für dem Tempel in dem Rachen des Medeischen Drachen finden. Murena
war hierüber für Freuden fast verzücket; verfügte sich also bei anbrechender
Nacht zu der aus Ertzt gegossenen und von zwei Drachen gezogenen Medea / die
Käyser Julius von der Stadt Cyzicnum umb 1200000. Sestercier gekaufft / und
daselbst bei dem Brunnen des Cupido gestanden hatte /welcher denen daraus
trinckenden die Liebe vertreiben soll. Er fand auch an dem bestimmten Ort einen
Zettel / und kehrte darmit mit Freuden-Sprüngen in sein Gemach. Als er ihn aber
öffnete / fand er dariñen folgende Zeilen:
    Es ist nicht ohne / himlische Julia / dass der Käyser und die Staats-Klugheit
mir eine andere annötige /und dass Antonia der Liebe nicht unwürdig sei. Aber
sie urteile: Ob die Wahl nicht mehr meiner Seele und dem Verhängnisse / welche
beide ihr ihre Stimmen geben / gebühre? und ob die Vergnügung frembder oder
seiner eigenen Augen Beifalle folge. Die ganze Welt schätzet uns vergebens
glückselig / weil wir uns solches nicht selbst überreden können / und das
grössere Licht verdüstert das kleinere. Dahero wird Drusus so lange Antonien
nicht erwählen / so lange ihn Julia nicht verstösset.
    Murena war über Lesung dieser Zeilen anfangs hertzlich bekümmert / weil er
nicht fand was er gesuchet; dahero er bald unverwandten Fusses zu der Medea
kehrte / aber von Antonien das wenigste nicht antraff / und deshalben sich mit
zweifelhaften Gedancken schlug: Ob Antonie ihrem Versprechen nicht nachkommen /
oder ihre Schrifft in eine frembde Hand verfallen wäre / welches erstere er /
wie sehnlich er darnach geseufzet hatte / nunmehro nicht geschehen zu sein
wüntschte. Gleichwohl vergnügte ihn überaus: dass er hinter die geheime Liebe des
Drusus und Juliens des Käysers Augustus Tochter / und des Vipsanius Agrippa
Wittib / kommen war / und hierdurch Antonien so viel mehr vom Drusus zu
entfrembden verhoffte. Diesemnach schrieb er alsofort einen andern Zettel / in
Hoffnung / dass sich solchen Antonien zuzubringen Gelegenheit ereignen würde. Der
Innhalt war:
    Wo nicht ein Zufall der Göttlichen Antonie Hand in frembde Hände geliefert /
oder meine Unwürdigkeit die Zurückziehung ihres Versprechens verursacht hat; muss
die zauberische Medea selbte in die Beilage verwandelt / oder der Himmel durch
Entdeckung solchen Geheimnüsses die Untreu des Drusus entdeckt haben. Die Götter
/ welche den unter der Schein-Liebe verkleideten Betrug so wunderlich ans Licht
bringen /wollen die Augen der unvergleichlichen Antonie eröffnen / dass sie dem
möge ins Hertze sehen / der sie biss in Tod lieben / ja solch sein Einäschern mit
Vergnügung erdulden wird.
    Es war bei nahe Mitternacht / als er diesen Zettel geschrieben hatte / und
sich an das Gestade des Lucrinischen See-Busens verfügte / umb Puteoli
überzufahren; weil auf den Morgen der vom Calpurnius dem Käyser Augustus zu
Ehren gebaute und mit hundert Corintischen Säulen gezierte Tempel eingeweiht
werden sollte. Die See war bei grossem Zulauffe des Römischen Volckes / und
Anwesenheit des Käysers mit etlich hundert hin und wieder fahrenden Schiffen
bedecket / der Himmel aber von dem hellen Lichte des Vollmonds erleuchtet.
Muräna war nicht weit vom Ufer abgefahren / als eine von dem Berge Vesuvius
auffsteigende schwartze Wolcke den Monden umhüllete / die Lufft stockfinster
machte / und einen harten Sturm erregte; also / dass die Schiffleute nicht so
geschwinde die Segel einziehen konten / als von diesem grössern Schiffe ein
anders übersegelt und umgestürtzt ward. Bei solchem Ungklücke vernahm der oben
auff dem Bodeme des Schiffes stehende Muräna unter andern Geschrei eine
klägliche Weibs-Stimme / welche rieff: Ach! Antonia! Dieses Wort brachte
alsofort den Muräna in die verzweiffelte Entschlüssung / dass er in die See
sprang / der gescheiterten Antonia beizuspringen. Der Himmel selbst schiene
diesem rühmlichen Vorsatze die Hand zu reichen /als welcher sich fast selbigen
Augenblick ausleuterte; Und das Monden-Licht liess ihn fast alle in der See
schwimmende Menschen unterscheiden. Hiermit ergriff er mit iedem Arme ein
Frauenzimmer / und durch seine Geschickligkeit lendete er mit beiden an seinem
nunmehr nach abgeworffenen Segeln stillstehenden Schiffe an. Die Boots-Leute
halffen auch / dass so wohl beide auffgefischten Frauenzimer als Muräna ins
Schiff gezohen wurde. Jene erkennte man alsobald für Octavien und Antonien;
worüber Muräna so verwirret war / dass er nicht wusste / ob er sich über seiner
Hülffe erfreuen / oder / weil beide mehr todt als lebendig schienen / über
solchem Hertzeleide zu tode grämen sollte. Nachdem man sie aber vorwerts legte
/wormit das Wasser ihnen aus dem Munde wieder abschiessen konnte / ihnen auch mit
Erwärmung und kräfftigen Labsalen beisprang / erholte sich anfangs Antonia / und
hernach auch ihre Mutter. Inzwischen ländeten sie zu Puteoli an / allwo dieser
Zufall die Nacht mit Fleiss verschwiegen gehalten ward / wormit weder der Käyser
erschrecket / noch dieser zweier noch matten Frauenzimmer nötige Ruh verstöret
würde. Wie nun aber früh sich eine unglaubliche Menge Volcks bei Einweihung des
Tempels einfand /ward alsofort ruchtbar: wie die in die See gestürtzte Octavia
und Antonia vom Muräna wäre errettet worden? Dahero suchte nach vollbrachter
Einsegnung der Käyser mit der Livia beide heim / liess auch den Muräna dahin
holen / und bezeugte gegen die Schiffbruch leidenden über ihrer Erhaltung grosse
Freude / gegen dem Muräna aber grosse Verbindligkeit. Livia schertzte auch
hierbei: weil Antonie zeiter einer Murene so viel Annehmligkeit erwiesen /
hätten die Götter sie billich durch Muränen aus dem Rachen des Todes gerissen.
Octavia / welche allererst spät erfuhr /wer ihrer beider Lebens-Erhalter gewest
wäre / wusste mit Worten gegen ihm ihre Danckbarkeit nicht auszudrücken / Antonia
aber musste ihre Empfindligkeit mehr vestellen / und ihre Schuldigkeit nur durch
einen und andern annehmlichen Blick oder Seuffzer zu verstehen geben. Nach dem
Abschiede des Käysers und der Käyserin nahm Muräna die Gelegenheit wahr
/Antonien das überkommene Schreiben des Drusus /und das seinige unvermerckt
zuzustecken. Als dieser nun aber ebenfalls zurück kehren wollte / stieg die
liebreitzende Julia an der Pforte des Hauses gleich vom Wagen um Antonien zu
besuchen. Diese redete den Muräna lächelnde an: Es hätte die Göttin Diana /
welcher Stelle sie unter der Zahl der zwölff Götter bei Einweihung des neuen
Tempels und Auffnehmung des Augustus vertreten hatte / ihr ihm etwas zuzustellen
anvertrauet; reichte ihm hiermit einen Zettel / darinnen er diese Worte fand:
    Nachdem es sich nicht geziemet denen Urteln der Natur zu widerstreben /
welche mit ihrer Klugheit alle unsere Spitzfindigkeit übertrifft; so mag ich
länger nicht läugnen / dass ich den Muräna mehr / als seinen Nebenbuhler / ja
hertzlicher als mich selbst liebe /und dass seine Befehle hinfort werden meine
Richtschnur sein. Mir ist die Eigenschaft des verliebten Frauenzimers wohl
bekannt / dass sie ihren Liebhabern ihr Hertz verschlüssen / und sie zwischen
Tür und Angel der Furcht und Hoffnung zu halten pflegen. Solche
Unempfindligkeit aber ist eine Tochter der Grausamkeit. Daher soll man seine
Liebhaber entweder bald verwerffen / oder seine Bedienung ihm nicht unerträglich
machen.
    Muräna / ob er wohl die Handschrifft Antoniens nicht kannte / zweiffelte an
nichts wenigern / als / dass dieser Zettel (als welchen Julia vielleicht nicht /
von wem er käme / verstanden / oder aus Höffligkeit und wegen der am Drusus
habenden Vergnügung ihr zugestellet hätte) die Antwort Antoniens / und unter dem
Nebenbuhler niemand als Drusus verstanden wäre; zumahl solche sich so wohl auff
seine Zuschrifft schickte / die er Antonien in Korb geworffen hatte.
    Muräna und die andern Besucher waren von Antonien kaum aus dem Zimmer kommen
/ als sie Murenens Schreiben mit höchster Vergnügung / des Drusus aber mit
solcher Verwunderung durchlass / dass sie der eintretenden Julia nicht einst inne
ward. Weil nun Julia nicht allein mit Antonien in grosser Vertrauligkeit lebte /
sondern sie auch eines überaus freien Gemütes / und allen Vorwitz mit ihrer
Annehmligkeit zu verhüllen geschickt war / fragte diese sie unvermutet: was ihr
Drusus / für dessen Hand sie solches ansehe / für annehmliche Empfehlung
zugeschrieben hätte? Antonia war hierüber entrötet / versetzte aber alsofort:
Gewisslich / sie ist von solcher Beschaffenheit / dass sich Julia darüber nicht
wenig zu erfreuen hat. In alle wege / antwortete Julia / weil Antonie wohl weiss
/ dass ich als eine einsame Wittib einiger Erfreuungen wohl von nöten / sonst
aber auch Teil an aller ihrer Vergnügung habe. Antonie begegnete ihr: Aber
Julia wird mir nach mehr dancken / dass ich keines an gegenwärtiger hoffen darff.
Hiermit reichte sie der Julia des Drusus Brieff. Diese lass ihn ohne alle
Veränderung durch / und fing hierauff zu Antonien an: Sie erkennte für eine
sonderbare Verträuligkeit / dass sie ihr dieses Schreiben nicht hinterhalten
wollen. Alleine sie dörffte sich über des Drusus vorhin bekandte
Liebes-Erklärung so wenig verwundern /als Antonia mit ihr eifern / sintemahl ihr
unverborgen wäre / dass nicht Drusus / sondern die leuchtende Muräne ihr Hertz
beherrschete. Antonia tät / als wenn sie es von ihrem Fische verstünde;
antwortete diesemnach: In alle wege; und / weil sich niemand vielleicht so sehr
in einen Fisch verlieben wird / habe ich mich noch weniger für Eifersucht zu
besorgen. Julia lächelte / und hob an: Ich besorge / der Käyser / dem Calpurnius
heute den Tempel eingeweiht / dörffte mit ihr eiffern. Denn Antonia habe für
Errettung ihres Lebens diesen Fisch mehr zu vergöttern Ursache / als die
Egyptier ihren Oxirinchus / oder Calpurnius den Käyser. Antonia färbte sich über
dieser Auslegung /und sah wohl / dass ihre Heimligkeit verraten war /redete
daher Julien an: Sie möchte ihr doch nicht verschweigen / welcher gestalt sie
ihr in das innerste ihres Hertzens gesehen hätte. Julia versetzte alsofort: Mir
hat es die Zauberin Medea entdecket; zohe auch hiermit Antoniens eigenes
Schreiben heraus / dieses Inhalts:
    Ich bin zu ohnmächtig dem Verhängnisse und dem himmlischen Triebe meiner
Seele länger zu widerstreben. Deine Tugend hat meiner Freiheit obgesiegt /und
ich gestehe / dass meine Lucrinische Murene nur das Vorbild derselben sei / die
mein Hertze an dir zeitlicher in geheim angebetet hat. Aber lasse dir zu deiner
Vorsicht dienen / dass unsere Flammen so tieffer im Hertzen / als das ewige Feuer
in Todten-Grufften verschlossen bleiben müssen / da sie nicht verleschen sollen.
    Antonia / als sie sich durch ihre Handschrifft überzeuget sah / und nunmehr
wahrnahm / dass ihre Zettel und des Drusus Schreiben mit einander verwechselt
worden waren / meinte sie durch völlige Ausschüttung ihres Hertzens Juliens
Gemüte / als welches sie ohne diss dem Drusus verknüpfft zu sein hielt / so viel
mehr zu gewinnen. Also liess sie sich heraus: Sie empfinde zwar in ihrer Seele
die unergründliche Leitung der Götter zu dem Murena / und das Verhängnis hätte
es nicht umsonst geschicket / dass sie dem / den sie vor so inbrünstig geliebt /
noch die Erhaltung ihres Lebens dancken / und also auch das Unglücke ein Band zu
Befestigung ihrer Liebe weben müste; sie erkennte auch für eine gütige Schickung
des Himmels /dass Drusus / welchen die Menschen ihr sonst zueigneten / eine
Abneigung für ihr / und sein Hertze ihrer so lieben Freundin gewiedmet hätte /
gegen welcher sie seinetalber zu eisern ihr niemahls würde in Sinn kommen
lassen / weil sie wohl wüste / dass die Natur zum Hohne der Liebes-Göttin Julien
zu einer Gebieterin über aller Männer Hertzen gemacht / und die Macht alle
Seelen zu bezaubern / iedoch auch die Gütigkeit iederman wohlzutun verliehen
hätte. Dieses letztere erwartete sie mit Erteilung eines heilsamen Rates /
nachdem es so grosser Behutsamkeit ihre Liebe für der auffsichtigen Octavie zu
verbergen /kluger Anstalt der Livia Absehen zu unterbrechen dörffen würde /
weswegen sie in tausenderlei Kummer stünde / und nicht mehr als eine
viertel-Sunde den Murena in einer geheimen Unterredung für allerhand
Gefährligkeiten zu verwarnigen wünschte. Julia nahm Antoniens Offenhertzigkeit
für eine neue Verbindligkeit auff; händigte gegen Empfang des von Drusus an sie
gerichteten Schreibens Antonien das ihrige ein / und sprach ihr mit einer
sonderbaren Freudigkeit zu / sie möchte ihr hierüber keinen Kummer machen /
sondern sich ihr vertrauen / so wollte sie folgenden Tag sich mit dem Muräna zu
unterreden ihr eine sonst iederman verschlossene auch unerforschliche Pforte
eröffnen. Es wären ja Antonien so wohl der deutschen Botschaft zu Ehren vom
Käyser gemachte Anstalt zu den Schau-Spielen / als die Beschaffenheit des
grossen Schauplatzes zu Puteoli unverborgen /welchen der Käyser wegen des
einsmahls vom Pöfel beschimpfften Ratherrn / dem niemand keinen Raum gemacht /
derogestalt gebauet hätte / dass wie iede Person von hoher Ankunft / also auch
sie beide ihren eigenen abgesonderten Platz und Eingang von aussen / die Sitze
ihrer Fenster und Fürhänge / ja unten vielfältige verborgene Zimmer und Gemächer
hätten. Wenn nun das Frauenzimmer bei Aufftretung der nackten Fechter und Ringer
/ da es ohne diss schon insgemein düstern würde / sich zurück zu ziehen pflegte /
wollte sie mit ihrer Erlaubnüs durch ihre vertraute Leute schon die Anstalt
machen / dass Antonia in den untern verhangenen Zimmern ihren liebsten Murena
verträulich würde sprechen / und ohne einigen Verdacht von sich lassen können.
Die treuhertzige Antonie umarmte Julien und stellte ihr frei alles nach ihrem
Gutbefinden einzurichten / mit Bitte / dass sie selbst auch von ihnen unentfernet
sein wollte. Julia fuhr mit tausend Freuden von Antonien; schickte auch noch
selbigen Abend durch einen ihrer Edelknaben an Murena diesen Zettel:
    Nach dem seine Getreue sich mit ihm / volkommenster Murena / wegen wichtiger
Angelegenheiten zu bereden hat / beliebe er morgen bei angehendem Ringen sich
durch meinen Eingang in das untere Zimmer des Schauplatzes zu verfügen / welches
er für sich nicht weniger / als das innerste meines ihm gewiedmeten Hertzens
offen finden wird.
    Dem Drusus schickte Julia in ihrem eigenen Nahmen einen Zettel eben dieses
Innhalts. Folgenden Tages drang sich alles Volck / was nur zu Puteoli war / in
den Schau-Platz / also / dass alle Strassen ganz einsam blieben. Julia foderte
auch selbst Antonien ab / und wormit der gemachte Anschlag ihr so viel weniger
Verdacht verursachen könnte / wenn ja iemand die Enlassung des Murena wahrnehme /
erbot sie sich mit ihr die Stellen im Schau-Platze zu verwechseln. Es dienet
hieher nicht / sagte Adgandester / die trefflichen Schauspiele zu erzählen; diss
aber kann ich gleichwohl nicht verschweigen / dass Hertzog Segimers Gesandter der
Ritter von der Lippe damahls zwei wilde Ochsen mit einem Spiesse von seinem Sitze
herunter auff einen Wurff getödtet habe. Ungeachtet dieser und anderer
vergnügender Begebnisse / machte doch die Gemüts-Unruhe der verliebten Julia
und Antonia nicht allein die lustigen Schau-Spiele / sondern auch die
annehmliche Gesellschaft mehr vergnügt / als die sonst traurige Einsamkeit
vedriesslich. Das Verlangen machte ihnen ieden Augenblick zum Jahre / und das
offtere Auff- und zuziehen der goldgewürckten Fürhänge verriet gleichsam ihre
Ungedult. So bald nun das Ringen angehen sollte / trat Antonia von ihrem Fenster
wie andere Frauenzimmer ab / fügte sich / der Julien Abrede nach / ins untere
Gemach / allwo sie bei schon tunckelem Abende von ihrem eingebildeten Murena
auffs freundlichste bewillkommet und umarmet ward. Die Liebe / welche in solchen
Begebenheiten eine stumme Rednerin ist / und dass beide ohne diss laut zu sein
wegen der nahe daran stossenden fremden Zimmer nicht für ratsam achteten /
verursachte / dass dieser zweier gehender Liebhaber Irrtum / oder vielmehr
Juliens Arglist länger als eine Viertelstunde verborgen blieb. Ja die keuscheste
Antonia ward nach Geniessung unterschiedener Küsse endlich überwunden / dass sie
dem / welchem sie sich bereit selbst gewiedmet hatte / auch einen Kuss zu geben
unterwand / mit beigefügten Worten: Erkenne hieraus / liebster Murena / zu was
für kühner Entschlüssung mich die Hefftigkeit meiner Liebe verleitet. Uber
diesen Worten vernahm sie einen tieffen Seuffzer / und fühlte / dass der sie
bisher Umfassende die Armen sincken liess. Antonien kam diese Enteusserung
seltzam und verdächtig für; also strich sie den Fürhang / der für einer in der
Mauer vertiefften Ampel hieng / auff die Seite / welches Licht ihr den
leibhaften Drusus für Augen stellte / beide aber in ungemeine Bestürtzung
setzte. Nach dem sie eine gute Weile wie Marmelbilder gegen einander gestanden
/erholte sich endlich Antonia / und fing an: Gehe hin Drusus / ich glaube / dass
du / wie ich / nicht aus Vorsatz / sondern aus Irrtum gesündiget hast; Glaube
aber / wo du der Unschuld kein Laster auffbürden wilst / dass ausser dir kein
Mensch ie Antonien geküsset habe / oder ihr lebtage mehr küssen werde. Sei auch
vergewissert / dass meine Seele niemahls über deiner Kaltsinnigkeit empfindlich /
noch gegen der göttlichen Julie eiffernd sein wird. Denn da der Himmel zweierlei
Einflüsse verträgt / und ein Stern verliebt / der andere abgeneigt macht; habe
ich nicht Ursache mich zu verwundern / dass er wie der Magnet zweierlei Ertzt;
also Drusus Antonien verwirfft / und Julien erwehlet. Ja wenn diese zu lieben
ein Laster wäre / würde der Hoff ganz Rom verjagen / und sich selbst zur
Wüstenei machen müssen. Weil sich dieses allhier begab / umhalsete Muräna in
einem andern finstern Zimmer Julien / und sie ihn mit einer solchen
Empfindligkeit / als eine so heftige Liebe verursachen kann. Sie beantwortete
des Muräna endliche Anredungen mit nichts als verliebten Seuffzern / und
stillschweigenden Küssen. Wie nun aber eine ziemliche Zeit vorbei gegangen war /
hob Muräna endlich an: Hat dich denn / liebste Antonie / deine Liebe ganz stumm
gemacht? und vermag sie mir die angedeuteten wichtigen Angelegenheiten nicht
fürzutragen? Julia fing nach einem tieffen Seuffzer an: Wundere dich nicht /
Muräna / dass die / welche dich hundert mahl brünstiger als Antonie liebt / dass
die /derer ganze Seele in dir lebet / kein Wort auffbringen könne. Muräna
vernahm mit höchster Bestürtzung /wie er verführet sei / zohe damit den Vorhang
ebenfalls weg / und sah / die für Begierde gläntzende Julia vor sich stehen;
fragte hierauff mit etlichmassiger Entrüstung: wie sie darzu käme / dass sie sich
an derselben Platz und Recht stellete / die ihn dahin beruffen hätte? Julia
antwortete für ihm auff die Knie sinckende: Allerliebster Muräna / übe deinen
Zorn über die zu deiner Vergnügung aus / die sonst nichts gesündiget hat / als
dass sie ihre Seele dir selbst auff dem Feuer der eussersten Liebe auffopffert;
denn diese nimmt auch Wunden für Liebeskosungen auff. Glaube aber / dass du hier
eben diese findest / die dich hieher beruffen hat. Ach Muräna! Zürnestu mit mir
/dass mein Geburts-Gestirne alle Regungen in mir nach dem Einflusse deiner
Vollkommenheit erweckt? Fürchtestu nicht / dass die Liebe mit grösserer
Grausamkeit ihre Verachtung rächet / als sonst ihre Kräffte sind? Ach Muräna!
bei dir stehet es ja wohl / dass du mich verschmähest; aber so wenig es in meiner
Gewalt beruhet / dich nicht zu lieben / so wenig kann auch deine Gramschaft es
verhindern. Mit diesen Worten umarmte sie auffs neue Muränen / der ihr aber
einbrach: Wenn du mich liebtest / würdest du mich nicht in Untreu zu stürtzen
trachten; und wenn du dir nicht selbst unhold wärest / würdestu deine Vergnügung
nicht in der Unmögligkeit suchen. Die Liebe ist derselbe Vogel / welcher nicht
als von seines gleichen gefangen werden kann / nehmlich der Gegenliebe / welcher
du nicht fähig werden kanst / weil sie einer andern verpfändet ist. Julia
versetzte: Ist Antoniens Liebe mir zuvor kommen in der Zeit / so überwiegt sie
meine im Gewichte / und ist gegen meiner kalt Wasser. Hat Antonie ehe geliebt /
so liebe ich heftiger. Ach Muräna! meinestu / dass uns die Götter hier vergebens
zusammen gebracht? meinestu / dass der Käyser und Octavia nicht fürlängst
Antonien dem Drusus verlobet? Und wer weiss / ob du nicht noch heute erfährest /
dass Antonia den Drusus eher als dich umarmet habe? Arglist wird sicher nicht
besser verbergt / als unter dem Fürhange der Einfalt; und die Einbildung setzet
die Falschheit bei uns mehrmahls in solch Ansehen / dass man sich auch mit
offenen Augen verbländen läst. Was am wenigsten vermutet wird / verleitet uns
am geschwindesten. Ach Muräna! Hiermit erblasste Julia; und sie wäre ohnmächtig
zu Bodem gesuncken / wenn sie nicht Muräna erwischt /und mit Balsamen erqvicket
hätte. Wie er sie sich aber wieder erholen sah / hob er an: Julia überwinde
dich / schone meiner / hoffe auff die Zeit / vertraue den Göttern / und gedencke
/ dass die Wunden der Liebe nicht alle mit dem Eisen geheilet werden / das sie
zum ersten gemacht hat. Und hiermit trat er nicht weniger verwirret aus ihrem
Zimmer und dem Schau-Platze / als er Julien bestürtzt sitzen liess.
    Ich lasse euch nachdencken / in was für Wellen das Hertze Muränens über so
seltzamen Zufalle gewallet haben müsse. Aber es war hiermit bei weitem nicht
ausgemacht. Denn als er aus dem Schau-Platze schriet / trat Antonie gleich auff
ihre Sänfte; und ob er ihr gleich ins Gesichte fiel / schlug sie doch
augenblicks das Antlitz von ihm weg / zohe auch überdiss die Fürhänge für / dass
er sie darinnen nicht sehen konnte. Wie er auch zu Hause etliche Stunden seinem
Kummer nachgehangen hatte / aber weder sein Elend übersehen / noch selbtem
abhelffen konnte / ward bei ihm ein Freigelassener angesagt / der ihn selbst in
Person sprechen wollte. Dieser übergab ohne einiges Wort dem Muräna ein Schreiben
/ kehrte auch unverwandten Fusses zurück. Muräna öffnete es alsobald / und laass
darinnen nachfolgendes:
    Unsere Liebe hat entweder eine seltzame Schickung der Götter / oder eine
Bosheit der Menschen entzwei gerissen. Ja / was noch ärger / Antonia hat sich
beflecket / also / dass Muräna mit ihr mehr keine Gemeinschaft haben kann. Deñ
die einen fremden küsset / ist nicht fähig von einer so reinen Seele mehr Liebe
zu geniessen. Heuchele mir nicht / dass ich unschuldig sei. Die Hermelinen
seuffzen nach ihrem Tode / wenn sie auch wider Willen sich besudeln; Und nach
dem die Vorsicht ein hundertäugichter Wächter der Keuschheit sein sollte / ist
der blosse Irrtum bei dem Urtel-Tische der Liebe verdamlich /und der von
fremder Verleitung herrührende Fehler unausleschlich. Vergnüge dich daran / dass
sie dich geliebt / so lange es die Tugend verstattet / und dass sie dich für dem
erkieset / den ihr die Ehrsucht fürschlug. Mute mir aber dissfals ferner nichts
zu / wormit weder Antonia nach verletzter Liebe auch die Höffligkeit beleidigen
/ noch Muräna an vergebener Hoffnung Schiffbruch leiden / und mit Ungedult sich
anderwärtiger Beglückseligkeit unwürdig machen müste.
    Muräna geriet über diesem Absagungs-Brieffe Antoniens in halbe
Verzweiffelung / nach etlichen ohne Trost in tieffer Einsamkeit hingelegten
Tagen und ohne Schlaff verlohrnen Nächten erkühnte er sich bei Hofe einzufinden
/ um noch etwan aus Antoniens Antlitze / nicht anders als aus seinem
Geburts-Gestirne seine Erhaltung oder Untergang zu erkiesen. Aber da ging der
Welt wohl dreimal ihre / dem Muräna aber niemahls seine Sonne auff / und es war
von der sonst nicht so einsamen Antonia kein Schatten zu sehen / biss dass der
Käyser und der ganze Hoff nach Rom auffbrach / und er Antonien von dem Drusus
an der Hand ins Schiff begleiten / für ihm selbst auch nicht undeutlich die
Augen niederschlagen sah. Muränen hätte hierüber das Hertze zerspringen mögen
/und er ward genötiget um seine Schwachheit nicht zu zeigen / sich aus dem
Gesichte des Volckes zu entziehen / ja er verlohr sich auch endlich gar für
aller Römer Augen.
    Unterdessen aber sann Julia / ihren Ausschlag in Rom vollends auszuführen /
nach; worzu ihr denn die Natur genugsamen Witz / ihre heftige Liebe mehr deñ zu
viel Kühnheit / ihre ausbündige Schönheit und Anmut / darmit sie sonst / wen
sie nur wollte / bezauberte / satsame Gelegenheit verliehe; Weil sie aber
gleichwohl Muränens Meister zu werden nicht getrauete / so lange Antonia
entweder bei Leben / oder in der Freiheit-Muränen zu lieben gelassen würde /ihr
auch so wohl die Herrschsucht Liviens / als ihr Absehen / dass Drusus Antonien
heiraten sollte / unverborgen war; liess sie einmal,s / als sie aus Liviens
Zimmer ging / gleich als wenn sie solches ungefehr heraus zöge / das vom Drusus
an sie abgelassene Schreiben fallen. Die vorwitzige Livia / die ohne diss auff
der wollüstigen Julia Buhlereien fleissige Kundschaft legte / nahm solches zwar
wahr / verschwieg es aber / und hob selbtes / als Julia schon weg war /begierig
auff. Sie hatte aber kaum mit eusserster Gemüts-Veränderung ihres Sohnes eigene
Handschrifft / und daraus so wohl seine gegen Julien ausgelassene Liebe / als die
Abneigung gegen der in ihren Augen allzu liebenswürdigen Antonia wahrgenommen;
Als sie dem Käyser des Drusus Beginnen fürtrug. Die vorhin zwischen beiden
getroffene Abrede / und dass sie allerdinges den Käyser in Händen hatte / brachte
unschwer zu wege / dass Augustus mit eigener Hand Livien auff ein Papier schrieb:
Es ist mein gemessener Wille / dass Drusus sich alsofort an Antonien vermählen
soll / weil es zu Befestigung des Reichs / zum Auffnehmen unsers Hauses / und
beider selbst eigenem Wohlstande gereichet. Denn die kluge Livia meinte / der
dem Käyser ohne diss in der Schoss sitzende Drusus habe nicht nötig seine
Hoffnung zum Käysertume durch Heiratung der Julia zu befestigen. Weil aber es
gefährlich schien / so ein grosses Absehn nur auff zwei leicht verfallende Augen
zu stellen / wollte sie ihrem andern Sohne dem Tiberius gleichfals ans Bret
helffen / und also arbeitete sie an einer Vermählung des Tiberius mit Julien.
Livia machte ihr folgenden Tag eine Lust-Reise auf des Käysers Vorwerg / welches
zwischen dem Aricinischen Walde / und dem See / den man den Spiegel Dianens
nennet / gelegen ist; nahm dahin aber niemanden als ihren Sohn den Drusus / und
Octavien nebst Antonien zu sich. Des Morgens war sie unter dem Scheine der
Andacht gar früh auf / und die ganze Gesellschaft musste mit ihr über den See
in den gegen über liegenden Tempel fahren / darinnen die Göttin Diana / welche
sich in diesem rundten See oft bespiegelt haben soll / insonderheit von denen /
die zu heiraten vorhaben / andächtig verehret wird. Nach verrichtetem Gebete /
welches sie mit Fleiss zeitlicher als Octavia und Antonia abbrach / nahm sie
ihren Sohn Drusus bei der Hand / und führte ihn in die nahe darbei gelegene Höle
der Egeria / sie setzte sich auf das Marmel-Bild des Neptunus / Drusus auf das
der Tetys / derer iedes ein starckes Qvell von sich spritzte. Hierauf fing
Livia an: Du weist / lieber Sohn / dass die Mutter-Liebe eine der heftigsten
Gemüts- unter allen Müttern / ich aber die sorgfältigste für ihre Kinder sei.
Denn du irrest / da du dir einbildest / dass meine Schönheit oder ander Liebreitz
den Käyser mir biss auf diese Stunde so unabsetzlich verknüpfet halte / welcher
des Servilius Isauricus holdselige Tochter seine Braut noch für der Vermählung
nicht aus Staats-Sucht / des Antonius schöne Tochter die junge Fulvia / noch ehe
er sie erkennet /nicht wegen Zwytracht mit ihrer unverträglichen Mutter / die
fruchtbare Scribonia nicht wegen ihrer Eifersucht / sondern alle drei aus
blosser Lüsternheit und Eckel verstossen hat. Glaube hingegen vielmehr / dass ich
wegen deiner alle Verdriesslichkeiten verschlucket /alle Verläumbdungen der vom
Käyser verstossenen Scribonia verschmertzet / alle Schleen des Unglücks ihm
verzuckert / und mich mehrmals zur Magd gemacht habe / umb mich nicht so wohl in
der Würde einer Käyserin / als dich in dem Vorteil eines Käyserlichen Sohnes zu
erhalten. Der Himmel hat in meine Segel alle gute Winde blasen lassen / also /
dass Augustus sich nicht so wohl einen Herrn der Welt /als ich mich eine
Beherrscherin des Kaisers zu rühmen habe. Eines fehlet mir nur noch zu meiner
vollkommenen Glückseligkeit / nehmlich die Unsterbligkeit / welche mich über die
Staffeln alles irrdischen Wohlstandes erhebe. Diese suchet nun zwar die
Heuchelei in der eitelen Vergötterung / ich und die Wahrheit aber in rühmlichen
Nachkommen. Denn wie kann ich mich bei der Welt und Nachwelt scheinbarer
verewigen / als wenn ich meine Kinder und Kindes-Kinder auf den Römischen
Käyser-Stuhl setze? Diese Würde / hertzliebster Drusus / hänget dir zu / nicht
nur vom Verhängnisse / und meiner Fürsorge / in der ich so gar deinen Bruder
Tiberius / welchem das Alter sonst das Vor-Recht zueignet / dir nachgesetzet;
sondern schon selbst von der Zueignung des Käysers. Alleine der Grund des
Glückes ist so voller Trübsand /dass in selbtem schwerlich ein Ancker haftet; und
die Gewohnheit der Fürsten ist so wetterwendig / dass selbte mehr als mit einem
Nagel muss angeheftet werden. Du bist mit dem Augustus ja durch mich verknüpfet;
aber sollte ich das Haupt legen / dörfte so wohl meine Hoffnung als dein
Aufnehmen verfallen. Diesemnach habe ich auf eine neue Verbindung mit ihm
gesonnen / keine aber ist nachdrücklicher als des Geblütes. Fremde Tugend ist in
unsern Augen Zwerges-Art / aus unserer Anverwandten Mittelmässigkeiten aber
machen wir Wunderwercke. Schaue dich nun selbst in dem grossen Schau-Platze der
Welt umb; ich zweifele / dass weder die Liebe noch die Ehre dir eine
vollkommenere Gemahlin auslesen könne / als die der Käyser und ich dir bestimmet
/ nehmlich die unvergleichliche Antonia. Diese hast du nunmehro ohne fernere
Zeitverlierung zu erkiesen / da du den Käyser vergnügen / mich erfreuen / und
dein eigenes Glücke befestigen wilst. Drusus fiel nach beschlossener Rede Livien
zu Fusse / und fing gegen ihr an: Ich würde /allerliebste Mutter / für ihr
erstummen müssen / wenn gleich Kinder andern Müttern ihre Woltaten verdancken
könten. Denn ich erkenne die Übermass ihrer Verdienste / und das Unvermögen
meiner Abschuldung. Sie hat mich geleitet zur Tugend / und das Tor
aufgeschlossen der Ehren. Ich erkenne ihre wohl-gemeinte Abzielung / und ich
werde über ihren Urteln keinen höhern Richter suchen. Aber nachdem hohe Würden
zwar durch Verbindnüsse befestiget / durch die Tugend aber erworben werden
müssen / düncket mich / ich würde durch Ubereilung mich selbst stürtzen / da ich
nicht den Ansprung von der Tugend nehme. Meine Kriegs-Ubungen sind allererst
Erstlinge der Tapferkeit / keine Taten / die einen Kaiserlichen Stuhl behaupten
könten / welcher auf Klugheit und Hertzhaftigkeit gegründet werden muss; welches
letztere zwar angebohren / das erstere aber durch Erfahrung erlanget werden muss.
Die hierzu nötigen Ausübungen aber würde Zweifels-frei hindern / wo nicht gar
stören eine übereilte Heirat / als der wahrhafte Stein des Anstossens derer /
die auf der Renne-Bahn der Ehren gleich rühmlich einlegen / ja auch einen guten
Vorsprung haben. Denn ein sich verheiratender giebet dem Glücke / welches sonst
über die Tugend nichts zu gebieten hat / schon den Zügel in die Hand. Da er vor
nichts als Ehre zu gewinnen trachtete / fürchtet er hernach nichts als sein Weib
und Kinder einzubüssen / welche ihm bei allen kühnen Unterfangungen für dem
Gesichte herumb irren /und nicht anders als traurige Gespenste alles Unglück
wahrsagen. Er ist lüstern nach dem Rauche von Itaca / und verspielet darüber
etliche Länder; er seufzet nach seiner Penelope / und vergisset des
unsterblichen Nachruhms; er waget keine Schlacht unter dem Vorwand des
ermangelnden Befehls von Hofe; er hebet Belägerungen der schon sich zur Ergebung
verstehenden Festungen auf / wormit er nur das Bette seines ihn in geheim
beruffenden Ehweibes besteigen könne. Er schätzt es für Grausamkeit seinem Hause
Abbruch tun / wenn er schon sein Vaterland darüber in Stich setzt. Sein Kummer
bestehet in dem / was er seinen Kindern verlassen / und wie er seinen Söhnen die
Anwartschaft der Aempter zuwege bringen möge; sie mögen gleich darzu geschickt
sein oder nicht. Antonius ist durch Cleopatren von der höchsten Staffel in
Abgrund verfallen; und der grosse Mitridates hat /umb sich selbst den Fesseln
und Untergange zu entziehen / seine Sebel in seiner eigenen Gemahlinnen Blute
waschen müssen. Ja das Oppische und andere Gesetze hat den Landvögten ihre
Ehe-Weiber in die zu Verwaltung anvertrauten Länder mitzunehmen verboten.
Sintemal dieses Geschlechte beim Frieden Uppigkeit / beim Kriege Schrecken /
beim Aufbruche Unordnung / bei den Männern Missbrauch der Schatzungen / bei den
Untertanen Schwürigkeit verursacht / und / wie viel Schwachheiten selbtem
gleich ankleben / doch bei gutem Glücke sich aus Ehrgeitz des Gebietens
anmasset. Nach dem sich denn die dem Vaterlande und denen Seinigen schuldige
Liebe so schwer einteilen läst / zweifele ich nicht / es werde die / von der
ich nicht nur das Leben / sondern auch den Reitz zur Tugend erlangt / ihr mehr
meine zu rühmlichen Entschlüssungen dienende Freiheit gefallen lassen / als
selbten durch frühzeitige Verheiratung einen Kapzaum anlegen. Livia begegnete
dem Drusus: Er tue dem heiligen Ehstande Gewalt und Unrecht an / wenn er wegen
etlicher Fehler eine an ihr selbst so gute Sache verdamme. Aus dem besten Weine
machte der Missbrauch den schärffsten Essig /und aus den gesündesten Speisen das
schädlichste Gift. Ein tugendhaftes Ehweib verlerne alle weibliche Laster bei
Anmassung männlicher Verrichtungen. Es wäre ohne Not der tapfern Semiramis und
der streitbaren Amazonen zu erwähnen. Wie vielmal habe in den Römischen Lägern
eine Frau die Stelle des Feldherrn vertreten / die tapfern Kriegsleute
aufgemuntert / die Armen begabet / die Krancken gepfleget / die Verwundeten
verbunden? Bei den rauhen Deutschen /derer Hertzhaftigkeit er bereits erfahren /
schlüsse der Mann sein Weib nicht aus den Schrancken der Tugend / noch aus den
Gefährligkeiten des Krieges. Sie wäre eine unabtrennliche Gefertin seiner
Bemühung und Ebenteuer / und sie streite neben ihm in den Schlachten; ja sie
bringe zu Aufmunterung seiner Hertzhaftigkeit ihm nichts als ein gesatteltes
Pferd und eine Rüstung zum Braut-Schatze zu. Man habe für etlicher Zeit
erstarret / wie daselbst eine Fürstin im Krieges-Rate so klüglich vorgesessen /
die Heere gemustert / die Lauff-Gräben besichtigt / die Befestigung angegeben /
die Stürme angeordnet / ihr Hembde zu Pflastern für geqvetschte Kriegs-Leute
zerschnidten / und gewiesen / dass Blitz und Schwerdter nicht allein für die
Männer gewiedmet sind. Dencke diesemnach zurücke / mit was für Rechte du den
Eh-Stand schiltest / und unserm Geschlechte beimissest / dass es einen Riegel der
Tugend fürschübe /und ein Werckzeug Laster sei? Jener hat freilich keine
Beschwerden / aber auch seine Gemächligkeiten. Der wahrsagende Apollo gab dem
weisen Socrates zur Antwort: Er möchte sich verheiraten oder nicht /so würde er
bereuen / was er täte. Das Verhängnis gibet unsern Anschlägen den Ausschlag /
nicht unsere Behutsamkeit. Wenn die Stadt Aten gleich die schlimsten
Ratschläge erwehlte / richtete doch die Minerva alles zum Besten. Dieses
heisset dich dein bissheriger Glücks-Stern ebenfalls hoffen. Der Eh-Stand / das
Ansehn der Kinder ist mehrmals ein Sporn zur Tugend und tapferen Helden-Taten.
Der grosse Julius hat alle seine Taten ausgeübet / nach dem er sich mit des
Piso Tochter vermählt gehabt. Ich selbst bin mit dem Augustus in die Morgen- und
Abend-Länder gereiset. Kan man mich aber beschuldigen / dass ich ihm einigen
Verdruss / seinen wichtigsten Reichs-Geschäffte einige Hindernis verursacht habe?
Hingegen wirst du es mit der Zeit erfahre / was eine Frau ihrem aus der Schlacht
komende und ermüdeten Ehmane für eine Erleichterung schaffe. Uberdiss untersucht
man zu spät und umbsonst / ob diss tulich sei / was schon der verfüget / dem man
schlechter Dinges zu gehorsamen schuldig ist. Mit diesen Worten reichte Livia
ihrem Sohne des Käysers Befehl. Drusus färbte sich etliche mal über den wenigen
Zeilen; fing hierauf an: Er wäre versichert / dass Augustens Vorsorge zu seinem
Besten angezielet sei. Aber nach dem die Wichtigkeit des Werckes Zeit und
Nachdencken / Heiraten einen ganz freien Willen erforderten; versehe er sich
weder einiger Ubereilung noch einigen Zwanges. Livia begegnete ihm: Des Käysers
und mein Absehen ist dir heute nicht neu /und es ist seit deiner Wissenschaft
mehr Zeit / als drei Heirats Beratungen erfordern / vestrichen. Die Freiheit
nach seinem Belieben zu heiraten ist ein Vorrecht des Pöfels. Der Adel aber /
der in so viel andern den Vorzug hat / muss ihm diesen Kitzel vergehen lassen.
Denn wo dem Reiche und der gemeinen Ruhe etwas daran gelegen / bestehet die Wahl
der Braut bei dem Fürsten / nicht bei dem Urtel eines lüsternen Auges. Es ist
Klugheit / sich so wohl Fürsten / als das Verhängnis bei der Hand leiten / nicht
mit den Haaren ziehen lassen. Die Götter haben dem Käyser das höchste Urtel
über alle Dinge gegeben /dem Drusus aber nur die Ehre eines Gehorsams übrig
gelassen. Drusus versetzte: Er wüste in alle Wege die neue Art der Dienstbarkeit
/ dass hohe Häuser aus der Hand der Fürsten ihre Liebsten empfangen müssen
/wormit diese entweder ihre Buhlschaften wohl angewehrten / oder vermögende
Geschlechter durch Vermählung armer oder niedriger Dirnen / in mittelmässigen
Schrancken behielten / oder durch Antrauung ihrer Baasen / welche einen
Königlichen Unterhalt erforderten / ihnen ein und andere Schwung-Feder
ausraufften. Wiewohl nun alles diss in gegenwärtigem Falle nicht einträffe;
iedoch die Gütigkeit des Käysers ihn etwas bedenckliches besorgen / ja sich auch
diese Gewalt der Fürsten nicht iegliche Heirat zu erlauben weder tadeln / noch
hintertreiben liesse; so wäre doch noch niemals in Schwung kommen / dass man
einem wider Willen zu heiraten schlechter dings aufbürdete. Denn diese
Annötigung hätte in sich ungleich mehr Dienstbarkeit / als jene Verweigerung.
Und die Gesetze erlaubten diesen Zwang auch so gar nicht der väterlichen Gewalt.
Livia stund mit Entrüstung auf /und fing an: Drusus / Drusus / kanst du es wohl
übers Hertz bringen / einer dich so hertzlich liebenden Mutter Einratung so
verächtlich in Wind zu schlagen? Traust du es wohl zu verantworten / dessen
Gewalt der väterlichen nachzusetzen / welchen iedermann für den Vater des
Vaterlandes verehret? Drusus antwortete mit tieffster Demütigung: Ich
entschlüsse mich zu verehlichen / allerliebste Mutter / wenn sie es ja für gut
ansihet. Aber warumb redet sie mir nicht das Wort bei der unvergleichlichen
Julia? Und da mir der Käyser so wohl will; warumb gönnet er mir nicht lieber
seine Tochter / als seine Baase? Livia begegnete ihm mit mehrer Heftigkeit:
Meinst du / ich wisse nicht / dass hier der Hund begraben liegt / und dass die
Gestalt der dich doch verschmähenden Julia dich gefesselt habe? Hiermit zeigte
sie ihm den gefundenen Brief. Aber lass dir diese Einbildung nur bei Zeite
vergehen / und schlag dir so schädlich und unmöglich Ding alsbald aus dem Sinne.
Mache dir aus einer flüchtigen Schönheit keinen Abgott; zünde der in deinem
Hertzen keinen Weirauch an / welche ihren Leib zu einem stinckenden Grabe vieler
Uppigkeiten machet. Meinst du bei Julien einen Uberfluss der Annehmligkeit zu
finden / welche ihre zwei Männer Marcellus und Agrippa / für längst abgemeiet?
Wolte aber Gott! es wäre keine frembde Sichel in ihre Erndte kommen! Aber
leider! diese irrdische Sonne hat ihre Straalen iedermann gemein gemacht / in
dem aber hat sie es der Sonne nicht nachtun wollen / dass wie diese niemals ohne
die Morgen-Röte aufgehet / also sie sich aus Schamhaftigkeit iemals gefärbet
hätte. Hingegen verschmähest du die noch frischen Knospen Antoniens / welcher
die Keuschheit selbst aus den Augen siht / und die / welche der Käyser für seine
Tochter aufgenommen / weil er Julien solcher Ehre nicht mehr würdig schätzt. Ich
bin froh / dass du keine blinde Liebe zu Antonien trägst / weil du sie ehlichen
sollst. Denn die unvernünftige Begierde ist ein Leitstern zu einer unglücklichen
Heirat / und verliebt sein ein wahnsinniger Geferte der Ehleute. Dieser erstes
Kind ist die Eifersucht / und das andere Hass. Die Eh soll eine Art der
vollkommensten / und also auch der tauerhaftesten Freundschaft sein. Weil nun
aber der Verliebten Trieb ein schneller Feuer ist / als der Blitz / welcher zwar
alles einäschert / aber selbst bald verschwindet; hat selbter keine
Geschickligkeit den unverzehrlichen Zunder einer so beständigen Vereinbarung
lange zu unterhalten. Die unter der Asche glimmenden Kohlen halten länger Feuer
/ als die in der Glut krachenden Wacholder-Sträuche; und daher dienet die
lodernde Julia zwar besser zur Buhlschaft /die laue Antonia aber ist unzehlich
mal geschickter zur Gemahlin. Jene darff nur gläntzende Schalen; diese aber muss
im Kerne gut sein. Ist deine gute Vernunft aber nicht geneigt diesen wichtigen
Unterscheid zu beobachten / so wird zuversichtlich deine Tugend der Natur Krieg
anzubieten nicht gemeint sein. Die Natur / sage ich / verbeut dir die
Gemeinschaft / wie vielmehr das Ehband mit Julien / nach dem du mich ja
zwingest ein Geheimnis auszuschwätzen / was nur ich und noch eine Seele weiss.
Ach! mein Drusus! wie weit irrest du / wenn du dir einbildest / dass du ein Sohn
des Tiberius Nero heist. Nein Drusus / weit gefehlt! Erkenne heute den Käyser
für deinen Vater. Und dass Livia dem Augustus ehe vermählt gewest /ehe er sie aus
dem Hause des Nero in seines genommen hat / dass die schwangere Livia im dritten
Monden ihm keinen Stief-Sohn geboren. Ob nun wohl Livia hier etwas anhielt /
sah sie doch Drusus alleine ohne eintziges Wort gross an / also / dass sie
fortfuhr: Erwege nun / liebster Sohn / was der Käyser für Macht über dich habe?
was Augustus für Liebe und Sorge für dich trage? und warumb er dir mit Antonien
das Käysertum für deinem älteren Bruder Tiberius /ja die Sonne zuzuneigen
entschlossen sei? warumb er dir deine Schwester nicht vermählen könne? Drusus
sanck hierauf für Livien abermals nieder / mit beigesetzten Worten: Ich dancke
den Göttern und ihr / dass sie mich heute zu einem Sohne eines so grossen Käysers
machen. Ich unterwerffe mich schuldigst seinen und ihren Verfügungen. Ich
erkläre mich Antonien zu heiraten. Aber ich sorge / dass Antonie schwerlich mich
zu ehlichen belieben werde. Darfür lasse mich sorgen / antwortete Livia / und
ging hiermit aus der Höle. Wie sie nun vernahm / dass der Priester der Dianen /
welcher allhier gar mit dem Titul eines Königs beehret ward / mit Octavien und
Antonien gegen dem Nemorensischen Lust-Walde / in welchem Diana den zerrissenen
und wieder zum Leben gebrachten Hippolytus der Egeria anvertrauet haben soll /
gegangen wäre; folgte sie ihnen nach / fand sie auch neben einem Brunnen
beisammen auf einem vom Wetter niedergeschlagenen Myrten-Baume sitzen. Wie sich
Livia nun neben sie verfügt hatte / hob sie an: Liebste Antonia / sie weiss / was
der Käyser von Kind auf zu ihr für Zuneigung gehabt / und wie rühmlich er die
Stelle ihres unglückseligen Vaters vertreten habe. Ich aber beteuere bei der
Gotteit / welcher dieser Pusch geweihet ist / und in Beisein dieses heiligen
Priesters / dass ich mit Octavien eifere / da ihre mütterliche Liebe meine
überwiegen sollte. In was aber mögen wohl Eltern ihre Fürsorge mehr an Tag geben
/ als in glücklicher Vermählung ihrer Kinder? Und wen kann Antonia erwüntschter
heiraten / als der mit der Zeit den höchsten Gipfel in der Welt besteigen soll?
Sie kann unschwer urteilen / dass ich den Drusus meine. Ich mag ihm als Mutter
nicht das Wort reden / Rom aber und die Welt redet es. Und der Käyser hat mir in
Mund gelegt meine ietzige Ausschüttung des Hertzens. Das Antlitz Octaviens gibt
ihr schon ihre Einwilligung zu verstehen. Also erwarte ich nur von ihr eine mir
und dem Käyser annehmliche und ihr selbst erspriessliche Erklärung. Antonia
rötete sich über diesem unvermuteten Vortrage etliche mal / und nach dem sie
ihre Mutter angesehen / auch einen tieffen Seufzer geholet hatte / antwortete
sie: Ich bin verbunden diss / was das Verhängnis beschlossen / der Käyser
befiehlet / Livia verlanget / Octavia genehm hat / und Drusus belieben wird / zu
vollziehen. Livia umbhalsete mit Freuden Antonien / und machte dass sie sich
sämtlich mit einander wieder in Tempel Dianens verfügten; unferne aber darvon
für ein glückseliges Zeichen wahrnahmen / dass ihnen zwei Turteltauben entgegen
geflogen kamen. Wie nun Drusus auf Liviens Verfügung auch im Tempel erschien /
eröfnete sie ihm ihre bei Antonien nach Wunsch verrichtete Werbung; und also
mussten beide / Drusus und Antonia / derer iedes auf des andern Unwillen sich
verlassen hatte / für dem Altare der Diana ihr Verlöbnüss vollziehen. Und nach
dem sie Dianen zwei weisse Ochsen / dem Pilumnus aber auf einem nahen Hügel eine
Ziege geopffert hatten / kehrten sie zurück in das Vorwerg des Käysers / und den
dritten Tag nach Rom / allwo das Beilager mehr mit Liviens und Juliens /als der
vermähleten Freude aufs prächtigste vollzogen ward. Denn die Liebe des Drusus
war gegen Julien derogestalt eingewurtzelt / dass er Liviens Vorgeben /als wenn
er und Julie der Scribonia Tochter vom Vater Geschwister / und beide des
Augustus Kinder wären / mehr für eine kluge Erfindung / als für Warheit aufnahm.
Antonien aber blieb Julie ein steter Dorn in Augen; in dem sie die Zerstörung
der Liebe zwischen ihr und dem Lucius Muräna / dessen Verbergung ihr Angedencken
nicht ausleschte / der arglistigen Julia alleine zuschrieb.
    Hingegen vermochte die Vielheit der Liebhaber Julien derogestalt nicht zu
ersättigen / dass sie nicht so wohl den Drusus in seiner gegen ihr gefangenen
Liebe unterhielt / und wormit sie nicht gar verleschte / nach und nach mehr
Zunder verlieh; als nach dem unerforschlichen Muräna Tag und Nacht seufzete.
Unter ihren anwesenden Liebhabern aber war bei ihr keiner mehr gesehen / als
Julius Antonius / ein Römischer Jüngling hohen Geschlechtes / grossen Vermögens
/und ausbündiger Schönheit. Diesen hatte sie mit ihrem Liebes-Reitze derogestalt
bezaubert / dass sie ihn mit einem Augenwinck / wie der Mohr den Elefanten /
gleich als an einer Schnur leiten konnte. Nebst dem war er entweder so verblendet
/ dass er Juliens Zuhalten mit andern Liebhabern für eine in blosse Höfligkeit
eingeschrenckte Freundligkeit ansah; oder die seine Liebe überwiegende Ehrsucht
verursachte /dass er zu Juliens Uppigkeiten ein Auge zudrückte; nach dem er ihm
nebst Juliens Heirat von künftiger Besitzung des Käysertums was süsses
träumen liess. Julia merckte des Julius Antonius Absehn nicht allein wohl /
sondern sie wusste auch meisterlich ihn mit dem Winde dieser Eitelkeit zu
speisen. Endlich meinte er: Er sässe nicht allein Julien / sondern dem Glücke
selbst in der Schoss; Als sie es beim Käyser durch Vorbitte / bei denen
vorhergehenden Bürgermeistern /Qvintus Fabius / und Qvintus Elius Tubero durch
ihre fast iederman feile Schönheit zu wege brachte / dass Julius Antonius
Römischer Bürgermeister ward. Diesem aber schrieb sie zugleich alsobald für /
dass er den wiewol abwesenden Lucius Muräna zum Stadtvogte erkiesen / und ihn
durch offentliche Ausschreibungen im Römischen Reiche darzu laden musste.
Hierdurch ward Muräna / der inzwischen aus Verdruss sich in das Cilybeische
Gebürge versteckt / und zu einer freiwilligen Einsamkeit verdammt hatte /
gezwungen nach Rom sich zu verfügen / und die ihm vom Vaterlande aufgetragene
Aempter / derer sich ohne Unehre seines Geschlechtes niemand entbrechen dorfte /
aufbürden zu lassen. Muräna war kaum nach Rom kommen / als Julia alle Künste
ihres Liebreitzes herfür suchte sein Hertz zu erweichen. Sie verschloss ihre
Ohren für aller voriger Liebhaber Anbetungen / und alle Röhren ihrer gewohnten
Annehmligkeit gegen ganz Rom / um solche nur über den unerbittlichen Muräna
auszuschütten; entweder weil sie noch keinen Menschen so inbrünstig / als diesen
/ liebgewonnen hatte / oder weil sie es ihr für einen grossen Abbruch hielt / da
einigen Menschens Kaltsinnigkeit sich ihres Liebreitzes erwehren sollte. Die
Magnet-Nadel wendet sich so begierig nicht nach dem Angelsterne; die Sonnenwende
nicht nach dem grossen Auge der Welt; als ihre Begierde auf den Muräna gerichtet
war. Sie brauchte tausenderlei Erfindungen sich in die Versammlungen / wo er
befindlich war / einzuspielen; Und wie sehr er sich ihrer zu entschlagen bemühet
war / wusste sie ihn doch unterschiedene mal so künstlich zu besetzen / dass er
ihrer einsamen Beredung sich nicht entbrechen konnte. Einsmals kamen sie in den
Gärten an der Tyber / welche Käyser Julius dem Römischen Volcke vermacht hatte /
zusammen; da sie denn alles euserste ihn zu gewinnen verfuchte. Julia brachte
den Muräna gleich zwischen den vom Ascalon nach Rom gebrachten Bilde der
gewaffneten Venus / und des Träzenischen Hippolytus zu Stande. Siehest du wohl /
fing sie an / Muräna / was das Verhängnis auf beider Seiten deiner
Hartnäckigkeit für heilsame Warnigungen fürstelle? Glaubst du noch /dass die
Liebe nur ein nacktes Weib / nicht eine gewaffnete Göttin sei; welche ihre
Verschmähungen zu rächen nicht vermöge? Müssen ihr nicht die mächtigsten Götter
Beistand leisten / und der kalte Neptun seine Meer-Ochsen leihen / dass sie an
dem unholden Hippolytus ihre Rache ausüben? Wenn ich nicht wüste / dass Muräna
einsmals ein Gefangener der todten Antonia gewest wäre / müste die lebhafte
Julia sich nur bereden / Muräna hätte von sich selbst eine so grosse Einbildung
/ dass er sich selbst unter allen Sterblichen nur liebenswert / die ganze Welt
aber für verächtliche Spreu hielte. Wie aber / haben dich seit der Zeit deine
Meinungen bezaubert / dass du alle andere zu verwerffen / und allen Liebreitz zu
verlachen entschlossen bist? Hältest du es für einen Schandfleck einem
Frauenzimmer den geringsten Stand in deinem Hertzen zu enträumen? Oder wilst du
die Liebe der brennenden Julie zu einem Sieges-Zeichen deines unempfindlichen
Hochmuts aufrichten? Augen / Mund und Brüste leereten alle ihre Köcher der
Anmut aus / um diesen unerbittlichen oder steinernen Menschen zu bemeistern.
Daher / wie der härteste Marmel endlich von den Regen-Tropffen abgenützet / und
das festeste Ertzt von öfterem Anstreichen eines weicheren Seiles zerkerbet
wird; also erweichte endlich entweder die heftige und beständige Liebe so einer
irrdischen Göttin / oder die Hoffnung künftiger Dinge / welche alles viel
herrlicher fürbildet / wenn das Glücke einem die gehabten aus den Händen reist /
fürnehmlich aber die Anwartschaft höchster Ehrenstaffeln / des Muräna steinernes
Hertze / dass er Julien anfänglich anzuschauen / hernach zu hören / ferner ihr
günstig zu werden / und endlich sie zulieben anfing. Höret aber / wie die
Eifersucht auch nach erloschener Begierde und aller verschwundenen Hoffnung noch
so scharfsichtig und missgünstig sei. Die keusche Antonia / welche nunmehr mit
ihrem Drusus sich vergnügte / und des Muräna zu genüssen die Unmögligkeit für
Augen sah / war gleich die erste / die Muränens verliebte Veränderung wahrnahm
/ und das gröste Unvergnügen schöpffte / dass sie Julien mit dem Siegskrantze der
Liebe prangen / und aus ihrem unwiederbringlichen Verluste ihre Nebenbuhlerin so
bereichert sah. Nachdem sie nun ihr von der Käyserin Livia unschwer fürbilden
konnte / dass ihr Absehn mit Julien weit anders wohin / als auf den Lucius Muräna
gerichtet war; entschloss sie nach langem zweifelhaften Nachdencken sich an
Julien mit eben dem zu rächen / wormit sie von ihr beleidiget worden war. Muräna
hat nach seiner Zurückkunft nach Rom der nunmehr aus des Drusus Armen
unabtrennlichen Antonia das von der Julia empfangene Liebes-Schreiben / welches
er für Antoniens hielt / zurück gesendet / gleich als wenn er sie dardurch aus
sonderbarer Höfligkeit ihres ihm getanen Verbündnüsses befreien wollte; Antonia
aber allererst hieraus er grübelt / dass durch Julien die Verwechselung im
Schau-Platze zu Puteol mit Fleiss angestifftet worden wäre. Diesemnach ereignete
sich / dass Muräna und andere junge Römer in denen Servilischen Lustgärten mit
Julien und anderm Frauenzimmer sich in allerhand Kurtzweil-Spielen belustigte /
und von ieder Person der zu ihrer aller Richterin erkieseten Livia ein Pfand
eingeliefert ward; welches sie hernach wiewohl mit verbundenen Augen wieder
verwechselte / und von der Person / die es zu sich genommen hatte / nebst einem
Sinnspruche zurück empfing. Antonia wollte diese Gelegenheit nicht aus den Händen
lassen / und als ihr ungefehr Muränens Handschuch zukam / steckte sie an statt
des Sinnspruches der Julia Schreiben darein. Wie nun Livia in denen
verwechselten und zurück bekommenen Pfändern die Sinnsprüche / um über ein-oder
andern Teiles Scharfsinnigkeit zu urteilen / eröfnete / und auf Juliens
Schreiben kam / verstummte sie eine gute Weile; iedoch verstellte sie ihre
Veränderung möglichst; also / dass selbter auser Antonien niemand eigentlich
gewahr ward. Gleichwol brach sie kurtz hierauf das Spiel ab / zohe den Käyser
auff die Seite / und weiste ihm seiner Tochter Handschrifft; nichts weniger ihr
einbildende / als dass Antonia solches ihr zugesteckt / sondern vielmehr / dass es
Muräna vergriffen hätte. Augustus / welcher nach der Art grosser Fürsten sich
mehr um diss bekümmerte / was in denen entferntesten Welt-Enden als in seinem
Hause sich zutrug / ward über Julien heftig erbittert. Denn ober zwar seine
Tochter vorher / nachdem ihr erster Ehmann Marcellus auff Liviens Anstifften vom
Artzte Antonius Musa durch kalte Bäder getödtet war / dem vom niedrigerm
Uhrsprunge herrührenden Agrippa vermählet hatte; so war er doch schon vorher mit
dem Käyser beschwägert; in dem er der Octavia Tochter Marcella zur Eh gehabt /
seine Siege wider die Gallier / sein Meer-Bau bei Bajä / sein See-Sieg wider den
Damochares und Sextus Pompejus / seine hohe Würden / und das mehrmahl verwaltete
Bürgermeister-Ampt hatten ihn auch schon auf eine so hohe Staffel erhoben / dass
Muräna / wie viel edler er gleich von Geblüte war /sich dem Agrippa nicht
gleichen dorfte; ja die Staats-Sucht selbst den Käyser nötigte ihm entweder
seine Tochter / oder ein Glas voll Gift zu geben. Zugeschweigen / dass der
Käyser auf den Muräna nicht allzuviel traute; weil sein Bruder Varro Muräna sich
mit dem Fannius Cäpio wider ihn verschworen hatte. Diesemnach forderte der
Käyser Julien in eine Laubhütte für sich / und fragte alsobald /was sie mit dem
Lucius Muräna für verträuliches Verständnis hätte? Diese / welche ihr von nichts
weniger / als dem an den Muräna für längst geschriebenen Brieffe träumen liess /
machte ihr die Beschuldigung ganz fremde. Augustus legte ihr aber alsofort ihre
eigene Hand für; worüber sie zugleich blass und stumm ward; alsofort aber dem
Käyser zu Fusse fiel / und /dass sie auf Muränen ein Auge gehabt hätte /
zugestand. Augustus verbot ihr hierauf bei Straffe des Lebens alle Gemeinschaft
mit dem Muräna / verliess also Julien in euserster Bestürtzung / und kehrte zu
Livien zurücke um mit ihr zu beratschlagen / wie solcher unzeitigen Liebe
Juliens abzuhelffen wäre. Livia / welcher ihre lüsterne Art allzu sehr kundig
war / versicherte den Käyser / dass er von Julien noch grössere Schwachheiten zu
besorgen hätte; da er ihrer Freiheit nicht einen Rügel fürschieben würde. Denn
die sterblichen Menschen wären selten genungsam vorsichtig denen Begierden zu
gebieten / welchen das Glücke selbst zu Gebote stünde. Daher wäre ihr Rat: Es
sollte Augustus sie aufs neue verheiraten / und also mit einem Hammer so wohl
ihre unzeitige Liebe straffen / als ihr ihr eigenes Glücke schmieden. Augustus
ging eine gute Weile im Garten voller Nachdencken auf und nieder / kam hierauf
wieder zu Livien mit diesen Worten: Es ist niemand Juliens fähig als ihr Sohn
Tiberius. Die Käyserin ward hierüber mit einer so unermässlichen Freude
überschüttet / dass wie viel sie gleich wider beiderlei Glücke vermochte /dennoch
Not hatte solche zu verstellen. Diese Empfindligkeit aber bekleidete sie mit
diesem befremdenden Einwurffe: Mit was Rechte oder Schein könnte der Julien
ehlichen / dem die so schöne Vipsania Agrippina / die Marcus Agrippa mit des
Pomponius Atticus Tochter gezeugt hätte / vermählet wäre? Augustus begegnete
ihr: Mit eben dem Rechte / als die Juno Jupitern verlassen / und die Stadt
Stymphalus für den Himmel erkieset / als Penelope vom Ulysses sich getrennet und
nach Sparta geflüchtet / endlich ich selbst Scribonien verstossen / und sie
geheiratet habe. Dannenhero sollte sie ohne einige Zeitverspielung dem Tiberius
seine Entschlüssung einhalten / und auf allen Fall zum End-Urtel eröfnen / dass
das gemeine Heil einem Bürger viel näher / als sein liebstes Eheweib angetrauet
wäre. Livia war zu dem / was sie hertzinniglich verlangte / unschwer zu bereden;
denn ob sie wohl wusste / dass ihr Sohn Drusus vom Käyser zum Reiche bestimmt war;
so gönnte sie doch entweder dem Tiberius diese Würde lieber / oder sie wollte auf
den Fall / da die irrdischen Zufälle dem einen den Compass verrückten / für beide
Söhne den Grund legen / als ihre Hoffnung lieber mir zwei / als einem Ancker
befestigen / und für ihr eigenes Glücke eine Zwickmühle behalten. Wie sie nun
vernahm / dass Tiberius auf das an dem Albanischen See liegende Vorwerg des
Pompejus gereiset war / folgte sie ihm noch selbigen Tag nach / fand ihn aber in
dem unferne darvon aufgebauten Tempel der Venus / welcher auf Liviens Nachfrage
/ was ihn für eine Andacht dahin triebe / antwortete: Sie wüste ja wohl / dass
seine Gemahlin hohen Leibes gienge / also hätte er der gebährenden Venus
daselbst für glückliche Genesung schuldige Opffer gebracht. Livia lächelte und
fing an: In Warheit / ich kann dich besser als hiesige Priester versichern / dass
die Göttin dich erhöret / und dir mehr /als du verlanget hast / zugedacht habe.
Tiberius ward durch diese Rede und Liviens überaus freudige Gebehrdung sein
Glücke zu vernehmen begierig; welchem sie denn auch endlich entdeckte / dass ihm
der Käyser Julien vermählen wollte. Tiberius nahm es Anfangs für Schertz auf /
und fragte: Ob denn der Käyser in Rom mehr als eine Frau zu ehlichen verstatten
wollte? Livia versetzte: Zwar dieses ist der Käyser nicht gemeinet; aber unsere
Sitten erlauben wohl /und ich selbst diene dir zum Beispiele / dass man wohl eine
weg lassen / und eine neue erkiesen möge. Tiberius erschrack über dieser
Auslegung / und wie bedachtsam er gleich sonst in seinen Entschlüssen verfuhr;
so trieb ihn doch seine Liebe so sehr / dass er in die Worte ausbrach: Die Götter
wollen mich in diesen Wanckelmut nicht einsincken lassen / dass ich meine
getreueste Vipsania / die Mutter meiner einigen Hoffnung nehmlich des jungen
Drusus / und die jetzt wieder in so heiligen Banden geht / undanckbar
verstossen; auch für eine so keusche Gemahlin die geile Julia erkiesen sollte!
Livia brach ihm ein: Er sollte zurück halten von der so verkleinerlich zu
sprechen / die des Käysers Tochter und seine unvermeidliche Braut wäre; auch der
Wahrheit durch Leichtgläubigkeit eitelen oder verläumdischen Ruffes nicht
alsobald Abbruch tun. Tiberius antwortete: Seine Einwendung bestünde nicht auf
fremdem Argwohn / sondern auf eigener Erfahrung; indem Julia noch bei Lebzeiten
des Agrippa gegen ihm selbst feil gemacht hatte / was eine ehrliche Frau für
allen / auser ihrem Ehherrn /verborgen halten sollte. Livia begegnete ihm: So
viel mehr hastu die Grösse der Liebe / die Julia zu dir trägt / zu ermessen.
Aber warum redest du / oder ich mit dir von der Liebe / welche nur der Alberen
ihr Leitstern ist? Bist du wohl iemahls so einfältig gewest / dass du geglaubt /
ich hätte deinen Vater den Nero verlassen / weil ich den Augustus inbrünstiger
als ihn geliebt? Die inbrünstigste Liebe verlieret ihr Wesen /und verwandelt
sich in eine Chimere / welche mit der Zeit so gar aus dem Gedächtnis
verschwindet /wenn es um Ehre und Herrschaft zu tun ist. Kanst du sie aber
nicht aus dem Hertzen los werden / so dencke nur / dass auch ich dem Nero nicht
gram worden sei / als ich gleich schon in dem Bette des Käysers geschlaffen?
Zwischen Liebe und Heirat ist eine grosse Klufft befestiget. Jene hat freilich
ihr Absehn auf Vergnügung / diese aber aufs Aufnehmen. Liebe diesemnach / wie du
wilst / deine Vipsania / aber ehliche Julien und mit ihr die Anwartschaft zum
Käysertume. Lasse Vipsania aus deinem Hause /aber nicht aus deinem Gemüte.
Behalt den jungen Drusus und was sie ferner gebähren wird / zu deinem Kinde; wie
ich dich und den Drusus behalten habe. Gönne endlich der eine Handvoll
verstohlener Wollust / die dir die Herrschaft der Welt zum Braut-Schatze
einbringt. Denn in Warheit diese ist wichtiger als der eitele Wind aller
verzweiffelten Liebhaber /und hat mehr Nachdruck / als alle scharffsinnige
Einwendungen. Der bestürtzte Tiberius versetzte seiner Mutter: wie kann ich mir
einige Hoffnung zum Käysertume träumen lassen / wenn ich durch meine unzeitige
Ehscheidung mir ganz Rom gehässig mache? Was Julius und August bei ihrer schon
befestigten Herrschaft gewagt / läst sich von einem Bürger nicht nachtun / der
den höchsten Gipffel zwar im Auge / nicht aber in seinem Besitze hat. Die
Gesetze und Beispiele stehen mir im Wege. Romulus erlaubt einem Manne sein Weib
nur zu verstossen / wenn sie die Eh gebrochen / den Kindern vergeben / oder
falsche Schlüssel gebrauchet. Daher auch viel hundert Jahr zu Rom von keiner
Ehscheidung zu hören gewest wäre; biss Spurius Carbilius wegen Unfruchtbarkeit
/Publius Sempronius wegen Anschauung der Begräbnis-Spiele sein Ehweib
verstossen. Seine fruchtbare und unschuldige Vipsania aber hätte das minste
verbrochen. Bei welcher Beschaffenheit auch Käyser Julius weder durch den
Ehrgeitz verleitet / noch durch des Sylla Dräuungen hätte bewegt werden können
/seine liebste Cornelia des Cnina Tochter zu verlassen. Und ob wohl freilich
unterschiedene mal einige aus liederlichen Ursachen ihre Weiber verstossen /
Cato seine aus Freundschaft dem Hortensius abgetreten hätte; wäre doch dieser
Missbrauch vom August selbst allererst nachdrücklich abgestellet worden. Livia
lachte nur zu des Tiberius Einwürffen / und fragte: Ob er sich selbst nicht
kennte / wer er wäre? Und ob er nicht verstünde / wem die Gesetze geschrieben
würden? Tiberius aber antwortete: Es wäre dem Käyser und ihm selbst daran
gelegen / dass auch die grossen denen Gesetzen gehorsamten. Denn ein Fürst büste
all sein Ansehen ein / wenn er das seinen Befehlen angefügte Unrecht nicht
rächen könnte. Er zeigte mit nichts mehr seine Schwäche / als wenn er den
Verbrechern durch die Finger sehe. Wenn aber die Gesetze zu Spinnweben würden /
welche die Wespen und grossen Fliegen zerrissen; kehrte sie der Pöfel hernach
gar ab / und trete nicht so wohl sie / als den Gesetzgeber selbst mit Füssen.
Livia ward hierüber nunmehr unwillig / und fing mit einer ernstaften
Verstellung an: Es ist der Klugheit nicht gemäss über dem zu grübeln / worinnen
uns statt der Wahl nur der Gehorsam übrig ist. Der Gesetzgeber der Käyser will
es einmal so haben /dessen Gewalt du kein Maass setzen must; wo du nicht deine
künftige verkleinerlich einschrencken wilst. Tiberius wusste Livien hierauf
nichts als tieffe Seufzer entgegen zu setzen; endlich bat er / ihm so viel Zeit
zu erlauben / dass er seiner Vipsania Gemüte einen so schweren Stoss zu
verschmerzen fähig machen möchte. Als diss ihm schwerlich erlaubt ward / trug er
es in eben selbigem Tempel seiner Gemahlin mit der empfindlichsten Wehmut und
mit beteuerlicher Versicherung / dass seine Liebe durch keine Zertrennung
erleschen würde / für. Vipsania aber nahm diese Verstossung / weil sie die
Unvermeidligkeit leicht ermessen konnte / mit einer solchen Bezeugung auf / dass
man ihr weder einige Kaltsinnigkeit ihrer Liebe / noch einige Kleinmut bei
hartem Unglücke zumessen konnte. Als sie aber nach Rom gelangten /und Tiberius
von Vipsanien nun Abschied nehmen sollte; sintemahl der Käyser inzwischen Julien
ohne lange Gewinnung ihres Willens befehlicht hatte sich zu der Vermählung mit
dem Tiberius fertig zu halten; Uberwog beiderseitige Wehmut alle Kräfften der
Standhaftigkeit / also / dass sie einander mit nichts als heissen Tränen und
stummen Küssen gesegnen konten. Ja als Tiberius und Julia auch schon einander
angetraut waren / konnte er seiner Vipsania unmöglich vergessen; ihre Gestalt
schwebte ihm gleich als einem Gespenste Tag und Nacht für den Augen / er
bereuete tausendmahl ihre Verlassung; ja als er sie einmal in dem von ihrem
Vater allen Göttern gewiedmetem Tempel nur ungefehr zu Gesichte kriegte / sah
er selbte mit so starren Augen an / dass ihm darvon die Augenlieder aufschwollen;
und die solches er erfahrende Livia hierauf sorgfältig verhüten liess / das
Vipsania ihm nicht leicht wieder zu Gesichte kommen sollte. Hier entgegen blieb
gegen Julien seine sich anfangs anspinnende / und nach dem sie ihm auf der
Rückreise aus Pannonien zu Aqvileja einen Sohn gebahr / etwas ergrössernde Liebe
dennoch laulicht; endlich / als diss Kind zeitlich starb / ward sie kalt /und
verschwand gar / also / dass Tiberius sich ihrer /so viel möglich / entschlug;
sonderlich / da er sah /dass Julia in Rom nichts von ihren gewohnten Uppigkeiten
nachliess; und dieses alle Augenblicke mit einer neuen Gemüts-Enderung schwanger
gehende Weib zwar alle Farben / niemahls aber die Weisse der Tugend nach Art des
Cameleons anzunehmen fähig / und derselben schönen Griechin ähnlich war /
welcher man den Zunahmen einer Uhr gab / weil sie sich keinen Liebhaber länger
besitzen liess / als biss die Wasser-Uhr ausgelauffen war. Gleichwol bezeigte sie
gegen den Tiberius iederzeit eine so feurige Liebe /dass sie ihm auff den
gefährlichsten Reisen in die rauesten Länder / insonderheit zu den Pannoniern /
welche nach vernommenem Absterben ihres ersten Uberwünders des Agrippa
aufstanden / und nach der von den Deutschen erlittenen Niederlage des Marcus
Lollius / darinnen die Römer den Adler der fünften Legion einbüsten / in
Deutschland nachfolgte. Und weil sie bei diesen fremden Völckern so viel
Gelegenheit zur Uppigkeit nicht fand / hierdurch den eiversüchtigen Tiberius ein
wenig besänftigte. Denn ob zwar die Eiffersucht insgemein eine Geburt der
heftigsten Liebe / wie die Vermehrung der Galle übermässig genossener Süssigkeit
ist; Tiberius aber Julien nie mit einiger Ader geliebt hatte; so war er doch
entweder aus einer angebohrnen Gramschaft / oder aus Einbildung / dass durch
Juliens Geilheit seine Ehr und Ansehen anbrüchig würden / oder welches am
glaublichsten: weil er keinem Menschen Juliens zu genüssen gönnete / dieser
Schwachheit übermässig unterworffen. Welche neidische Unart / wenn sie mit der
Eifersucht sich vermählet / auch mit dem Tode nicht aufhöret; daher jene zwei
Römer in ihrem letzten Willen verordneten / dass nach ihrem Absterben ihre zwei
schönen Weiber auf dem ersten Fechterspiele einander tödten sollten / und Herodes
/ als er einsmahls zum Käyser reisete / hinterliess einen Befehl seine
wunderschöne Mariamne zu ermorden / wenn er nicht zurücke käme. Ja weil Livia
dem Tiberius seine Eiversucht weder durch das Beispiel ihrer eigenen Ubersehung
/ noch durch angezogene Ursachen ausreden konnte / sondern er ihr zu seiner
Verteidigung entgegen setzte: dass die Natur selbst diese Gemüts-Regung
billichte / wenn sie die in Mutterleibe noch befindliche Zwillinge zweierlei
Geschlechtes absonderlich in eine Haut einhüllete und für einander bewahrte;
Livia sich also zu Rom wegen Juliens ärgster Händel / und so gar eine Zerfallung
des Tiberius mit dem Käyser besorgte / in dem doch der eiversüchtigen Rache die
heftigste und schnelleste ist; und desshalben das Bild der Nemesis zu Smyrna mit
den Flügeln des Liebes-Gottes ausgerüstet war / so veranlast sie den Tiberius /
dass als er gleich nach Rom kehrte / und die Last des deutschen Krieges seinem
Bruder Drusus überlassen musste /doch Julien unter dem Scheine fordersamster
Rückkehr bei dem Altare der Ubier zurück liess. Julia / ob sie wohl euserlich
diese Absonderung schmertzlich empfand / verlangte doch im Hertzen ferne von ihm
zu sein; sonderlich / weil des Drusus gegen ihr tief eingewurtzelte Liebe durch
diese beqveme Gelegenheit und bei so unverdächtigem zusammen-sein aufs neue
wiederum zum heftigsten entbrannte / und so wohl der Eckel für dem gramhaftigen
Tiberius / als die ihr allzu sehr versaltzene Genüssung des in Syrien von dem
Käyser ihrentwegen entfernten Muräna ihre Liebe gegen dem holdseligen Drusus
vergrösserte /und ihre vorige umschweiffende Zuneigungen nunmehr gleichsam in
einen Mittelpunct zusammen drang; wo anders nicht auch die gegen Antonien
gefassete Rachgier / weil sie nach eingezogener Nachricht vom Muräna ihr die
Zerstörung ihrer Liebe beimass / Julien reizte ihren Drusus zu lieben / um
hierdurch Antonien so viel mehr zu beleidigen. Also wird die so heilsame Liebe
mehrmals nicht nur zu einer Larve der Herschsucht / sondern auch zu einem Dolche
der Rachgier missbraucht. Massen denn Antonia dieses Verständnis zwar merckte /
aber weder ihren Eheherrn zu beschimpffen / noch ihrer Nebenbuhlerin Anlass zu
geben / dass sie sich noch mehr über ihrer Verschmehung kützeln könnte /
vernünftig verstellte. Sintemal die Eifersucht nur eine sinnreiche Erfindung
sich selbst zu qvälen / und ein Wetzstein fremder Begierden ist. Hierdurch aber
richtete Antonia gleichwol nichts anders aus / als dass Julien gar nicht nach Rom
gelüstete / sondern etliche Jahre / und wormit die Ursache so viel weniger
mercklich war / auch / wenn Drusus im Winter nach Rom kehrte / in Deutschland
verharrete / und in dem Belgischen Gallien nicht weit vom Rheine ihrem Gemahl zu
Ehren die Stadt Tiberich / ihr selbst an der Ruhr die Stadt Julich erbaute;
Hingegen zohe Julia den lüsternen Drusus stärcker als der Nordstern den Magnet
an sich. Dahero er auch als Bürgermeister den dritten Zug / nicht so wohl wider
die Deutschen / als der unersättlichen Julie zu genüssen /fürnahm / und sich
keine widrige Andeutungen / noch des Augustus Widerratungen abhalten liess.
Welcher den aus dem Deutschen Kriege erwachsenden schlechten Vorteil / aber
mercklichen Verlust nunmehr zu überlegen anfing / und daher diesen Krieg der
Fischerei mit dem güldenen Hamen vergliech / in der mehr zu verlieren / als zu
gewinnen wäre. Sintemal die blinde Liebe so sehr in ihr Verderben / als die
Motte in die sie zwar anlockende aber verzehrende Flamme rennet.
    Wie nun Drusus zu Mäyntz / wo der Mäyn in Rhein fällt / ankam / fand er die
nach ihm lechsende Julia schon daselbst auf ihn wartend / welche ihn den Rhein
hinab führte / unter dem Schein ihm ihre zwei neuangelegten Städte zu zeigen /
in der Warheit aber seiner Liebe viel länger und freier zu genüssen. Ja er baute
zu Gelduba am Rheine denen drei Heldinnen und der Liebe ein Heiligtum / in
welches er der Julie Bildnis setzte / und ihr / unter dem Scheine solcher
Gotteiten / nach dem Beispiele der Spartaner opfferte; welche durch diesen
Gottesdienst andeuteten / dass man für Ergreiffung der Waffen alle gütliche
Mittel versuchen sollte. Drusus brauchte sich dieser wollüstigen Reise gleichfals
zu einer Kriegs-List / um vielleicht die alte Meinung und das Gedichte wahr zu
machen / dass die Liebe die scharfsinnigste Erfinderin unter den Göttern / und
Mercur niemals nachdencklicher gewesen sei / als wenn ihr annehmliches Feuer
nichts minder seinen Verstand erleuchtet / als sein Hertze entzündet hätte. Denn
er stellte sich / als wenn er mit seiner Kriegs-Macht wieder bei den Sicambrern
einbrechen wollte; weswegen die Catten / ungeachtet ihres letztern Zwistes wegen
der Beute / ihnen etliche tausend der am besten berittenen Mannschaft /
treuhertzig zu Hülffe schickten. Sintemal die sich mit einander beissenden
Tauben nicht geschwinder mit einander vereinbaret werden können / als wenn sich
ein Habicht / der sie alle zu zerreissen vermag /empor schwingt. Ehe sichs aber
die Deutschen versahn / oder Kundschaft erlangen konten / setzte Drusus bei
Antonach die Römischen Legionen / und Gallischen Hülfs-Völcker über / und brach
bei den Catten mit völliger Macht ein. Hertzog Arpus bot mit seinen versammleten
Catten den Römern die Stirne / und wollte weder seine denen Sicambrern zu Hülffe
geschickte Völcker / noch auch andern Beistand erwarten / entweder weil er die
Römer nicht für so starck /oder sich alleine dem Feinde genungsam gewachsen
hielt / und deswegen in Zurücktreibung der Römer die Ehre alleine einlegen
wollte. Also ging das Treffen beiderseits mit grosser Tapfferkeit an / Hertzog
Arpus fochte wie ein Löwe an der Spitze seiner hertzhaften Catten. Aber weil
der Römer wohl viermal mehr als der Deutschen waren / wurden sie übermannet /
und Arpus mit seinem Heere zurück zu weichen gezwungen; welches wie allhier
gegen die Deutschen /also fast allezeit der Römer Vorteil gewest / dass ihre
Feinde sich nicht mit einander um die gemeine Erhaltung beraten haben / sondern
in dem sie eintzel weise gefochten / alle nach einander überwunden worden.
Gleichwol aber hatten dissmal sich die Römer schlechten Vorteils zu rühmen;
indem ihrer so viel /wo nicht mehr als der Deutschen geblieben waren /und die
Catten an der Lahne wiederum festen Fuss setzten / um des Feindes Uberkunft zu
verwehren. Drusus ward über dem / dass eine Handvoll der Deutschen ihm so viel zu
schaffen machten / erbittert; hielt auch die so kostbare Erhaltung des Feldes
mehr für Verlust als Sieg; und die Beschirmung dieses kleinen Flusses für eine
grosse Schande der Römer. Wesswegen er folgenden Tages seinem in voller
Bereitschaft stehenden Heere andeutete: Er wollte in dreien Stunden Meister
beider Ufer sein / oder selbst sein Begräbnis im Flusse haben. Hiermit setzte er
an dreien Orten an / wormit er die schwächere Macht der Feinde so viel mehr
zerteilte. Die Gallier als geringgeschätzte Fremdlingen / welche wie die
angepflöckten Krähen auch denen Deutschen den ihnen angeschlingten Strick der
Dienstbarkeit um den Hals zu werffen bemüht waren / mussten den ersten Angriff
tun / und weil die Catten mit unglaublicher Gegenwehr keinem einen Fuss aus dem
Wasser zu setzen erlaubten /gleichsam mit ihren Leichen den Römern drei Brücken
über den Fluss machen / also / dass von viel tausend Galliern wenig übrig blieben
/ welchen nicht entweder von den Waffen der Deutschen das Licht ausgelescht /
oder von dem Wasser verdüstert ward. Als nun aber die Römischen Legionen folgten
/ und Drusus selbst mit der Reuterei an einem neuen Furte durchbrechen wollte /
ging die Schlacht allererst mit erbärmlicher Blutstürtzung an. Arpus wollte mit
seinen Catten keinen Fuss breit Erde dem Feinde einräumen / und Drusus nicht
abziehen / und sollte das Römische Heer auch mit Strumpf und Stiel vertilget
werden. Er selbst hielt zu Pferde mitten im Strome / umb den Seinigen ein
Beispiel zu sein; Hertzog Arpus aber gegen ihm am Ufer; ja endlich kamen sie
einander so nahe / dass der Catten Hertzog den Drusus in lincken Arm verwundete;
Gleichwohl wollte er keinen Fuss breit zurück weichen / weil er wohl wusste / dass
ein Feldherr in dem Kriegs-Spiele zwar ein Rechenpfennig von eben dem Ertzte /
als andere Kriegsleute sei / aber etliche tausend gemeine Pfennige gelte /und
ein demselben begegnender Zufall den seinigen ein unermässliches Schrecken dem
Feinde eine zweifache Hertzhaftigkeit zuziehe. Nach einem sechsstündigen
hartnäckichten Gefechte aber und als die Römer schon an dem Siege verzweiffelten
/ hatten die den Römern noch um einen wiewohl zweifachen iedoch schändlichen
Sold dienenden und der Orten mehr kundige Ubier wohl eine Meile weges von diesem
Schlacht-Platze weg / einen andern gar nicht besetzten Furt gefunden / und den
Römischen Hinterhalt an sich gezogen / welcher nunmehr die Catten auff der Seite
anfiel. Hertzog Arpus / als er sah / dass bei solcher Beschaffenheit gegen der
grossen Menge der Römer länger zu stehen mehr eine verzweiffelte Unvernunft /
als eine Tapfferkeit wäre / gab seinen Catten ein Zeichen sich nach und nach
zurücke in die verhauene Wälder zu ziehen / in welche wegen allzu grossen
Verlusts und Abmattung der Römer Drusus sie nicht verfolgen konnte / sondern
vielmehr des Arpus vorsichtige Zurüchweichung einem mittelmässigen Siege
vorziehen / und für eine Hemung seines Einbruchs rühmen musste. Wie denn Drusus
in Warheit an dem Lahnstrome stille zu stehen / und aus den Besatzungen noch
eine Legion nebst zwölff tausend Galliern zu Hülffe zuruffen gezwungen ward. Mit
dieser neuen Verstärckung drang Drusus seinem Feinde nach / welcher inzwischen
sich mit etlich tausend Sicambrern und seinen ihnen zu Hülffe geschickten
Völckern verstärckt / und an der Eder gesetzt hatte. Allhier kamen sie mit
einander das drittemahl zu schlagen. Hertzog Arpus bediente sich abermahl dieses
Flusses zum Vorteil. Denn er hatte seine Schlacht-Ordnung gestellet / dass er
mit dem lincken Flügel an die Eder stiess / mit dem rechten an die alsbald hinter
ihm darein flüssende Fulde etliche Meilen oberhalb der Stadt Stereontium / über
welche beide er etliche Brücken geschlagen hatte / um auff allen Fall darüber
sich zurück zu ziehen. Weil nun die Catten derogestalt auff beiden Seiten
versichert standen / dass die Feinde nicht einbrechen / noch auch / weil die
Stirne der Schlacht-Ordnung nicht allzu breit war; Drusus sich seiner Menge
völlig bedienen konnte / war diese Schlacht so grimmig / als keine vorher. Drusus
und Arpus kamen dreimal in Person an einander; und so tapffer jener vor seine
Siegs-Ehre fochte / so behertzt begegnete ihm Arpus für die Freiheit seines
Volckes. Das Blutvergiessen währete vom Auffgange der Sonne biss in Abend / und
gleichwohl hatte sich keiner des Sieges zu rühmen. Der Römer waren so viel
blieben als der Catten / der Gallier aber ungleich mehr /welche Drusus an die
Spitze stellte / und den Feind durch die Eder anzugreiffen befehlicht hatte /
und gleichsam aus ihrem Verluste denen Römern einen Gewinn zuzu ziehen
vermeinte. Beide Feldherren waren verwundet / und die Kriegs-Heere blieben nur
drei Bogen-Schüsse weit von einander halten / mit beliebtem Stillestande die
Nacht über ihre Todten zu beerdigen. Eine solche Gülte hat der Friede in sich
/dass auch die Feinde dessen mitten unter dem Geräusche der Waffen nicht
entpehren können. Hertzog Arpus aber / weil er seiner Ehren genug getan zu
haben vermeinte / auch wohl sah / dass seine Völcker grossen teils sehr
verwundet / und durchgehends abgemattet / hingegen viel Römer noch nicht einst
zum Treffen kommen waren / brauchte sich dieses Stillstandes zu einer neuen
Kriegs-List / welcher sich die Persen / weñ sie in der Flucht die sie
verfolgende Feinde bekämpffen / bedienen / und dadurch die Scyten die gröste
Ehre einzulegen vermeinen / wenn sie andern den Rücken kehren / und ihnen
gleichwohl den grösten Abbruch tun. Jedoch liess er mit dem flüchtigen
Demostenes in der Hoffnung sich künftig besser zu halten / den Schild nicht im
Stiche; sondern die ganze Nacht anfangs alles Kriegs-Geräte / hernach die
Verwundeten und das Fussvolck über den Fluss gehen; und endlich folgte er mit der
Reuterei nach /zündete die Brücken hinter sich an / und zohe sich an die Weser.
Drusus / welcher ihm einbildete: er hätte den Arpus zwischen diesen zwei Flüssen
im Sacke /ward am Morgen allererst bei Abweichung der letzten Hauffen dieser
klugen Zurückziehung gewahr; hatte auch Bedencken einem so listigen und
tapfferem Feinde zwischen die Flüsse und Wälder tieffer nachzugehen; sonderlich
da er vernahm: dass die Catten sich abermals an einen so vorteilhaften Ort
zwischen die Fulde und Weser gesetzt / und am Rücken ebenfals etliche Brücken
geschlagen hatten. Diesem nach entschloss sich Drusus auch einmal mit de
Hermunduren / welche wie die Catten gleicher gestalt ein Teil der Schwaben
waren / anzubinden / und sein Heil zu versuchen; richtete also seinen Zug gegen
Mittag und gegen dem Mein / von dar wendete er sich gegen der Saale; fand auch
zu seiner Verwunderung etliche Tagereisen weder einigen Widerstand / noch einige
Menschen. Denn in denen Wäldern waren alle Flecken verbrennet. Endlich aber
geriet sein Vortrab nahe biss an den Hermundurischen Saltz-See; aus welchem sie
an statt des mangelnden Meer-Wassers das von ihnen so genennte Saltz-Oel
schöpffen / solches in einen grossen Hauffen glüender Kolen giessen /und also
denn das durch Feuer und Wasser gleichsam zusamen gebackene Saltz von der Asche
absondern. Diesen Ort / als welchen die Natur mit einem so herrlichen Schatze
begabet / auch mit diesem gesaltzenen einen andern süssen See unmittelbar
verbunden hat /halten die Hermundurer für den heiligsten in der Welt / und
glauben / dass Gott nirgends wo so geschwinde das Gebet der Sterblichen erhöre;
dahero sie auch wegen Besitzung dieses Saltz-Sees und etlicher anderer
Saltz-Brunnen mit den Catten und Cheruskern offtmahls Kriege geführet. Nahe
hierbei / sage ich /stiessen etliche Hermundurer / so den Feind ausspühren
sollten / auff des damahligen Bürgermeisters des Qvintus Crispinus Sohn / der den
Römischen Vortrab führte. Wie nun er sich dieser wenigen leicht bemächtigte /
also zwang er ihnen endlich durch Dräuen und Marter aus: dass der Marckmänner
König Marobod zwischen der Saale und dem Saltz-See mit siebentzig tausend
ausserlesenen Fussknechten und dreissig tausend Reutern wartete. Vannius aber / ein
Qvadischer Fürst / welcher durch Marbods Hülffe das Königreich der Qvaden und
Schwaben zwischen der Donau / dem Flusse Marus / und dem Reiche der Bojen
unlängst erobert hatte / stünde nicht weit darvon / und hätte dieser allen
seinen Untertanen befohlen / sich gegen der Saale zurück zu ziehen. Drusus
stutzte nicht allein über dieser Zeitung / sondern ward auch bekümmert /dass er
von dieser grossen Macht nicht umgeben und auffgerieben werden möchte. Weil er
aber gleichwohl nicht begreiffen konnte / warum die Hermundurer /welche eine so
grosse Macht an der Hand gehabt / so ferne gewichen wären; fragte: warum sie
denn ihr Land selbst so sehr verwüstet hätten? Nostitz / ein gefangener Edelmann
/ antwortete dem Drusus: Bei den Deutschen wäre es Herkommens / dass ein ieder
der gemeinen Wohlfart zum besten sich ihres Vermögens gerne verlustig machten.
Wenn diesem nach ihr Fürst es für vorträglich hielte / steckte ieder Einwohner
auff seinen Befehl das Feuer mit Freuden unter sein eigenes Dach / weil sie sich
bescheideten: dass ein Fürst eben so wohl als die Sonne manchmahl beschwerlich
sein müste; welche mehrmahls einem Reisenden den Schweiss austriebe / unterdessen
die Erndte reiff machte / die Welt beseelte / und tausenderlei Nutzen schaffte.
Schwere Sachen senckten sich in die Tieffe / als ihrem ordentlichen Ruh-Platze;
Gleichwohl erhüben sie sich oft empor / wormit in der Natur nichts leer bliebe;
also müsten Untertanen sich dem gemeinen Wesen zum besten auch zuweilen ihrer
süssen Ruh und Wohlstandes enteussern. Am besten aber wäre / dass die Deutschen
den Verlust ihrer wenigen Güter leicht wieder schaffen könten. Warum aber
dissmahl ihre Fürsten die Flucht und die Einäscherung ihrer Wohnungen verordnet
hätten / stünde ihnen nicht zu auszugrübeln. Ausser Zweiffel aber wäre es aus
wichtigen Ursachen / und zu ihrem Besten geschehen. Weil diese Aussage dem
Drusus noch imer mehr Nachdencken machte / schickte er an den König Marobod /
und liess ihm fürtragen: Weil er wohl wüste / wie Käyser August den Marobod / als
er in seiner Jugend zu Rom sich auffgehalten / so lieb und wert gehabt / und
wie hoch er ihn noch zur Zeit schätzte /wäre er dahin nicht kommen die alte
Freundschaft zu verletzen / welche vielmehr die Grösse beiderseitigen Glücks
befestigen sollte. Augustus habe ihm vielmehr eingebunden das gute Vernehmen
zwischen ihnen zu unterhalten. Nachdem aber die Hermundurer so vielmahl in das
Gebiete der Römer eingefallen wären /und ihre Bunds-Genossen mit Raub und Brand
beschädiget hätten / wäre er genötiget worden ihrer Vermessenheit zu steuern /
und desshalben in ihre Gräntzen gerücket. Dafern auch dem Marobod hierüber
ausführlicher zu handeln eine mündliche Unterredung beliebte / möchte er hierzu
Zeit / Ort und Art benennen. Marobod entbot dem Drusus zurücke: Er hätte gegen
die Römer sich in Andencken der ihm zu Rom erwiesener Wohltaten stets also
bezeiget / dass er sie niemahls zum Kriege veranlasst. Dafern man sich aber an
ihn reiben wollte / hätte er genugsame Macht und Hertze ihnen zu begegnen. Er
wollte aber gegen den Mittag an der Bach / welche zwischen beiden Heeren
hinflüsse / nur mit hundert Pferden sich einfinden / und daselbst vernehmen /
was er an ihn ferner zu bringen hätte? Drusus fand sich ein wenig für der Zeit
an dem bestimmten Ort ein; daher König Marbod sich daselbst einzufinden weigerte
/ weil es ihm verkleinerlich schiene zum Drusus als einem Vornehmern zu kommen.
Wiewohl nun Drusus die Hoheit des Römischen Volckes und das Ansehn des Käysers
für sich anziehen liess / entbot ihm doch Marobod zurücke: Er wäre in Deutschland
diss und ein mehrers / als Augustus zu Rom. Und da sein Vorfahr König Ariovist
zum Käyser Julius zu kommen für verkleinerlich geschätzt; wie viel weniger
stünde ihm an zu eines Käysers Feldhauptmanne zu komen / fürnehmlich aber
allhier in Deutschland / da er König /Drusus aber entweder ein Gesandter / oder
ein Gast /oder ein Feind wäre. Uber diss hätte er beim Drusus nichts zu suchen;
wenn also Drusus bei ihm nichts anzubringen vermeinte / könten sie beide der
Zusammenkunft gar entpehren. Endlich ward durch Unterhandlung er dahin
verglichen: dass Drusus von dem Orte abweichen / und beide zugleich auff die
verglichene Stelle zusammen kommen mussten. Ihre Leute liessen sie eines
Bogenschusses weit hinter sich / sie aber trennte nichts als die schmale Bach.
Drusus fing nach beiderseitiger freundlichen Begrüssung zum ersten an die
Gewogenheit des Käysers / die Friedens-Begierde des Römischen Volckes gegen ihn
auszustreichen. Weil nun aber die unbändigen Hermundurer leicht einen
Zanck-Apffel zwischen sie werffen dörfften / verlangte er einen Vorschlag / wie
diese am füglichsten im Zaume gehalten / und aller besorglichen Zwytracht bei
zeite vorgekommen werden könnte. Marobod antwortete: Es wäre ihm nicht unangenehm
die Freundschaft der Römer; Weil aber nechstin der Römische Landpfleger zu
Carmut ihm und seinem Bundsgenossen der Qvaden Könige Vannius / der nicht weit
hinter ihm stünde / und der Römischen Macht in Pannonien Abbruch zu tun Kräffte
genug hätte / schlechte Bezeugung ihrer Freundschaft getan / und sich
weitaussehender Anschläge verlauten lassen; darzu ihm dieser Einbruch des Drusus
nicht unbillich bedencklich fürkäme / täte Drusus gar wohl / dass er alle
Gelegenheit der Uneinigkeit aus dem Wege zu räumen trachtete. Die einmal
zerbrochene Freundschaft wäre hernach unauffhörlichem Misstrauen unterworffen /
liesse sich auch weniger als ein zerfallenes Glas vollkömlich ergäntzen.
Dieselbten hegten mit einander den beständigsten Frieden /die ihre Kräfften noch
nicht gegen einander versucht hätten. Der Hermundurer Streiffen lobte er nicht /
es wäre aber eine so tieff eingewurtzelte Art dieses streitbaren Volckes /
welches schwerlich durch einiges Mittel / am wenigste aber durch die Waffen
vertilget werden könnte. Nachdem aber die Hermundurer ihn für ihren König
angenomen / und er ihren vorigen unruhigen Fürsten vertrieben / wollte er darob
sein / dass der Römer Beschwerden / so viel möglich / würde abgeholffen werden.
Drusus nahm diese Erklärung für bekandt an / und bat / dass Marobod den Vannius
zu ihnen beruffen möchte. Als diss erfolgte / redete Drusus ihn an: Sein Antlitz
und Geberdung bestätigten bei ihm das gute Urtel / welches König Marobod von
ihm gefället hätte / da er ihn zum Königreiche der Qvaden wäre beförderlich
gewest. Diesemnach erkläre er ihn im Nahmen des Käysers ebenfals für einen König
der Qvaden / für einen Freund des Käysers /und treuen Bunds-Genossen der Römer.
Hiermit befahl Drusus alsofort / dass so wohl dem Marobod / als dem Vannius ein
schönes mit einer goldgestückten Decke / und mit güldenem Zeuge geputztes Pferd
/ ein mit Edelgesteinen versetzter Degen / eine Lantze /und ein gülden Halsband
mit des Käysers Bildnisse herbei gebracht ward. Wormit sie also nach gewechselten
Versicherungen ihrer Freundschaft von samen schieden / die Römer aber von ihrem
Drusus hierauff ruhmrätig aussprengten / dass er den mächtigen König Marobod zu
Frieden gezwungen / auch den Qvaden und Schwaben einen König für gesetzt hätte.
    Diesem nach entschloss sich Drusus / der vermöge des mit dem Marobod
getroffenen Abkommens / das Gebiete der Hermundurer räumen musste / seine Rache
an den Cheruskern auszuüben / darzu er nimmermehr eine bessere Gelegenheit
hoffen konnte / als sie ihm jetzt die zwischen dem Marobod / und ihnen schwebende
Misshelligkeit an die Hand gab. Also richtete er seinen Zug recht gegen die Weser
/ welche von aller Besatzung entblösset war / indem der von so vielen
innländischen Kriegen abgemergelte Segimer sich mit dem übrigen Kriegsvolcke im
Bacenischen Walde / so wohl wegen der Marckmänner / als Römer verhauen hatte /
aus Beisorge: Es hätten Marobod und Drusus bei ihrer Zusammenkunft wider die
Cherusker ein Bündnis gemacht / und ihn vor und hinterwerts anzugreiffen mit
einander abgeredet. Sintemal die Zusammenkunft grosser Fürsten nichts minder /
als die Vereinbarung grosser Gestirne / nachdrückliche Würckungen nach sich zu
ziehen pflegen. Drusus schlug eine Brücke über die Weser / befestigte sie / und
ging mit dem ganzen Heere über. Weil er nun alle Flecken leer fand / versuchte
er zwar in den Hartzwald ein zu brechen; aber er musste mit Verlust abweiche /
indem die der heimlichen Wege kundigen Cherusker die Römer bald vor / bald
hinterwerts anfielen / und von denen hohen Klippen und schattenreichen Gipffeln
der Bäume unversehens verletzten. Hiervon wendete er seinen Zug gegen der Elbe /
mit Vorsatz über diesen berühmten Fluss zu setzen / und hierdurch allen für ihm
gewesenen Römern / derer keiner noch diesen Strom gesehen hatte / den Preis
abzurennen. Welches ihm deñ auszurichten nicht schwer schien / weil Deutschland
zwischen der Weser und der Elbe fast ganz Volckleer war / und sich die
Einwohner entweder in den Bacenischen Wald / oder in die Inseln geflüchtet
hatten. Alleine wo menschliche Armen zu schwach sind einem ungestümen Glücke die
Stirne zu bieten / hauen die Götter selbst einem einen Span ein / wo das
Verhängnis seine Deichsel anderwerts hin zu drehen beschlossen hat. Drusus kam
zwar ohne einigen feindlichen Anstoss an die Elbe; alleine / als er noch eine
Tage-Reise davon entfernet war / und er des Nachts seinen Zug fortsetzte / legte
sich ein schwartzes Gespenste in einem Walde ihm über den Weg /also dass das
Pferd mit Schäumen zurück prellte / und weder durch Sporn noch Rute über
solchen Pfad zu bringen war. Nach dem er auch in dem unbesetzten Flusse eine
Brücke zu bauen anfing / überschlug sich das Schiff / und ertrancken die meisten
/ welche den ersten Pfal einstossen wollten. Drusus war hierüber bestürtzt / und
nach dem er ihm einbildete / dass der Schutz-Gott dieses Flusses oder Landes ihm
zu wider wäre / baute er selbtem am Ufer ein Altar von Rasen und Moos /
verordnete selbtem gewisse Priester /welche ihn durch Wüntsche und Beschwerungen
/ und insonderheit durch Opferung der am Ufer gewachsenen Disteln geschwinde zu
erscheinen nötigen sollten. Drusus selbst streute allerhand wässrichte Kräuter in
das Feuer / strich die Hoheit dieses edlen Stromes hoch heraus / gelobte ihm
nicht nur daselbst / sondern auch zu Rom einen Tempel zu bauen / und zu seiner
Verehrung grössere Andacht / als die Deutschen ihm iemals gewiedmet hätten /
anzurichten. Dieser neue Gottes-Dienst ward des Abends bei der Demmerung
verrichtet / weil diese Zeit denen Wasser-Göttern am angenehmsten sein soll. Wie
nun Drusus und die Priester auf eine sonderbare Erscheinung warteten /flohe
unversehens dem Drusus eine Nacht-Eule über dem Kopfe weg / von welchen
gegläubet wird / dass selbte zwar der unholden Götter Abneigungen und künftiges
Unglück ankündigten / zugleich aber als Bilder der Weissheit den Menschen
eröffneten / wie sie allen Trauer-Fällen glücklich entkommen sollten. Es war aber
kaum dieser Unglücks-Vogel fürbei / als an dem andern Ufer der Elbe sich ein die
Länge eines Menschen wohl zweifach übertreffendes Weib empor streckte / und mehr
als über die Helfte des Stromes gegen dem Drusus gewatet kam. Sie war
fingernackt /die Augen gläntzten wie glüende Kohlen ihr im Kopfe / die Haare
hingen ihr ganz verworren über die Brüste und Schultern / und wie sie stehe
blieb / hob sie ihre rechte Hand gegen dem Drusus dräuende auf /und fing mit
einer holen Stimme gegen ihm an: Drusus / Drusus / bilde dir nicht ein / dass der
Trieb deiner Ehrsucht stärcker sei / als die Schutz-Götter dieses mächtigen
Stromes / noch dass dein Hochmut das Ziel des Verhängnisses überflügen könne.
Weiche diesemnach alsofort zurücke / denn hier ist das Ende deiner Taten und
deines Lebens. Jedes Wort dieses Geistes war ein Donner-Schlag in den Ohren und
dem Hertzen des Drusus.
    Rhemetalces brach ein: Es ist unschwer zu glauben / nach dem ich diese
Begebnüss selbst nicht ohne Erschüttern anhöre / dafern anders dieser Begebung
völliger Glaube beizumässen ist. Denn die Wunderwercke dörffen wegen offter
Verfälschung genauere Prüfung als die Müntze. Ich selbst habe in Egypten mit
meinen Augen gesehen / dass die Crocodile etliche sich im Nil badende Knaben an
dem Geburts-Tage des Apis verschlungen haben / da doch ihre Priester der ganzen
Welt weiss machen wollen / dass sie umb selbige Zeit sieben Tage lang zahmer als
die Lämmer wären. Man hat mich zu Rom verlachet / als ich nach dem Orte
gefraget: Wo die Vestalische Jungfrau Valeria Maxima zu Bewehrung ihrer
Keuschheit aus der Tiber das Wasser geschöpft hätte / welches sie in einem
löchrichten Siebe in den Tempel der Götter-Mutter getragen. Ja der sonst
glaubhaftesten Geschicht-Schreiber Bücher sind von ganz unglaublichen Dingen /
welche auch für Träume zu alber scheinen / angefüllet / also / dass nach dem
schon ein Löwe in Peloponnesus / ein Mensch und Ochse anderwerts vom Himmel
gefallen sein soll / wir mit ehstem eine Land-Karte des Monden mit den Gemählden
derer darinnen wohnenden Tiere zu erwarten haben. So leichtglaubig sind die
Menschen / und wir scheinen in nichts nachdencklicher zu sein / als wenn wir
einander eine Unwahrheit aufbinden wollen; ja unsere Einbildung ist bemühet oft
selbst unsere Sinnen zu betrügen / und einen blauen Dunst für die Augen zu
mahlen. Adgandester antwortete: Die Wahrheit wäre eine Bürgerin des Himmels /
und eine seltzame Gästin auf Erden / also nicht Wunder: dass man sie nicht
allezeit und allentalben antreffe. Auch wüste man /mit was für Aberglauben und
Falschheiten die Römer so wohl ihre Unglücks-Fälle als Fehler zu bekleiden
pflegten. Nichts desto weniger wäre das erzehlte dem Drusus mehr deñ allzu gewiss
begegnet / und könnte er ihne etliche noch lebende Deutschen fürstellen / welche
an dem andern Ufer der Elbe eben diss mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist
merckwürdig / hob Rhemetalces an / und eine sichere Bürgschaft der Wahrheit.
Sintemal sonst insgemein so wunderbare Erscheinungen nur von einem Menschen
gesehen / andern aber / die gleich nahe darbei stehen / die Augen verschlossen
werden. Gleich als wenn nur die / welche etwas Göttliches an sich haben /
Geister sehen /und mit Göttern sich selbst besprechen könten. Aber soll ich
dieses Weib für einen Gott oder für einen Menschen halten? Adgandester
versetzte: Diese Frage zu erörtern wäre für ihn zu hoch / und gehörte in die
Schule der Geistligkeit; iedoch fiele ihm bei: dass ein derogleichen Weib auch
dem Catumandus erschienen wäre / und ihn von Belägerung der Stadt Massilien
abgemahnet; er aber solche hernach in dem Tempel für die Göttin der Massilier
erkennet / und mit einer güldenen Kette beschencket hätte. Durch diese
Entschuldigung war der Priester Libys / der kurtz vorher aus dem Tempel zurück
kommen war / und der letztern Erzehlung unvermerckt zugehöret hatte /
veranlasst / sich mit diesen Worten herfür zu tun: Seine Begierde so eines
tapfern Fürsten Sorgfalt zu vergnügen / nötigte ihn ihre Unterredung zu stören.
Seinem Urtel nach aber wäre dieses Gesichte weder für einen rechten Gott / noch
für einen schlechten Menschen zu halten. Rhemetalces umbfing den Priester mit
einer ehrerbietigen Höfligkeit / und lag ihm an: dass er durch seine Erklärung
ihrer Unwissenheit abhelffen möchte. Libys begegnete ihm hierauf mit einer
besondern Annehmligkeit: Zwischen Gott und dem Menschen wäre etwas mitleres /
nehmlich die Geister. Denn Gott als der einige Mittel-Punckt / aus welchem der
Circkel aller Dinge wie aus einem unerschöpflichen Brunnen grosse Ströme
entsprungen wäre / hätte nicht nur den grossen Welt-Cörper als den Schatten und
das Bild seiner unsichtbaren Gotteit mit einem obersten Geiste beseelet /
welcher die widrigen Glieder derselben gleich als eine von allerhand Art Saiten
zubereitete Harffe durch annehmliche Zusammenstimmung in Eintracht erhält / und
insgemein die Natur genennet wird; sondern dieser sorgfältige Vater hat iedem
Teile und Gliede der Welt zu seiner Erhaltung einen Geist absonderlich
zugeeignet. Die tieffsinnigen Egyptier schreiben der verständlichen / der
himlischen und unterirrdischen Welt zwölff Haupt-Geister / ja den Gestirnen
alleine acht uñ viertzig oberste Herrscher zu / derer zwölff gute nach
Zoroasters Lehre vom Orimazes / zwölff böse aber vom Arimanius zu Beseelung der
Welt als eines Eyes erschaffen sein sollen. Die unterirrdische Welt solle
abermals vier Haupt-Geister bewirten / derer einer Osiris dem Feuer / der
andere Isis oder Herta der Erde / der dritte der Lufft / der vierdte dem Wasser
fürstehen sollte. Aber hierbei hat es die Güte des unbegreifflichen Gottes nicht
bewenden lassen. Jedes Land / ieder Berg / ieder Fluss / iede Stadt / ieder
Mensch hat seine gewisse Schutz-Geister. Egypten verehret nicht nur fünf
allgemeine / sondern iede Landschaft einen absonderlichen / und zwar ieden in
einem absonderen Tempel. Die Persen zünden ihren feurigen Weirauch an / die
Syreropfern ihrem wässrichten. Und unser Deutschland ist so wenig als Italien
oder Tracien seines Schutz-Geistes entblösset. Die Phönicier schauen nicht nur
den Berg Carmelus / und die Emessener /die Cappadocier und Dacier ihr Gebürge
als ein Antlitz des ewige Schöpfers an / und verehren ihre Geister teils mit
Tempeln / teils mit anderer Andacht /weil sie die Berge an sich selbst für die
herrlichsten Tempel halten; sondern auch Rom gläubt: der uns hier im Gesichte
liegende Meliboch ihre absondere Geister in sich hegen. Ich geschweige der
Wälder und Täler / und berühre nur die sich mehr hieher schickende Brunnen und
Flüsse. Gewisslich hätte das Auge des Gemütes in ihnen nicht absondere Geister
wahrgenommen / würden die Egyptier ihrem Nilus nicht so viel Säulen und Tempel
gebauet / die Messenier ihrem Pamisus / die Phrygier dem Meander und Marsyas /
der grosse Alexander dem Meere geopfert / die Römer den Vater Tiberin nicht
verehret haben. Der Brunn Clitumnus würde von Umbriern / ein ander von Samiern /
das Qvell Aretusens von Griechen /und die Unsrigen von den Bojen und Catten
nicht für heilig gehalten werden. Und die Stadt Puteol würde ihrem grossen
Schutz-Gotte kein so prächtiges Gedächtnis-Mahl mit einer so herrlichen
Uberschrifft gestifftet haben. Ich gebe gerne nach / dass viel durch ihre
Vergötterung allzuweit gehen / aber das erzehlte Beispiel unserer Elbe ist ein
genungsames Zeugnis /dass diese Geister nicht zu beleidigen sind / sie auch aus
Göttlicher Zulassung eine gewisse Beschirmungs-Macht haben müssen. Auch ist
nicht unbekandt / wie die Stadt Apollonia mit dem Schutz-Bilde des Flusses
Aäntes / welches ihnen die Epidaurier alleine zu Hülffe verliehen / die Illyrier
in die Flucht getrieben habe. Die Tebaner haben wider die Leucrenser einen
herrlichen Sieg mit Hülffe ihres so genanten Schutz-Geistes Hercules erfochten;
dessen Tempel zu Tebe sich bei angehender Schlacht eröffnet / dessen darin
aufgehenckte Waffen sich verloren / und also seine Abreise angedeutet / seinen
Beistand in der Schlacht aber das ungemeine Schrecken der Feinde bewähret hätte.
Daher auch unsere Vorfahren / als sie nach der den Römern bei dem Flusse Allia
zugefügten grossen Niederlage die Stadt Rom eroberten / und die Ratsherren auf
ihren Stülen unbewegt sitzen fanden / nicht ohne Ursache sich entsetzten / weil
sie sie anfangs für die Römischen Schutz-Geister ansahen. Ich geschweige / dass
die Griechen den Schutz-Geist der Stadt Troja durch ihre Beschwerungen auf ihre
Seite gebracht habe sollen. Welche es die Römer / wie ietzt vom Drusus erzählt
worden / nachtun; hingege aber den Nahme und Eigenschaft ihres Schutz-Geistes
Romanessus so sorgfältig verbergen; ja ihre geweihte Bilder / als den
Ancilischen Schild durch Nachmachung so viel anderer verstecken. Rhemetalces
fiel ein: Aber da die Geister einem Orte derogestalt entzogen werden können /
warumb hat es dem Drusus so sehr fehl geschlagen? Der Priester antwortete: Wer
kann ohne Verblendung der Augen in die Sonne / und ohne Verdüsterung des Gemütes
in das viel hellere Licht des Göttlichen Verhängnisses sehen? Ich weiss wohl /
dass derogleichen Missratungen vom Aberglauben einer ungeschickten Verehrung
zugerechnet werden. Denn dieser bildet ihm ein: Einem Geiste müste eine
Wiedehopfe / einem andern ein Kirbis / insonderheit kein frembdes oder des
Geistes Wesen widriges Gewächse / ingleichen alles mit gewisser Geberdung und in
seltzamer Tracht geopfert; ja es könnte ohn ein Maulwurffs-Hertze keine gewisse
Andeutung erbeten; auch müsten die Säulen / in welche die Geister zum Wahrsagen
gebannet werden sollten /aus gewissem Zeuge bereitet und unterhalten werden.
Wordurch König Philipp in Macedonien die Pytia /oder so gar des Apollo
Wahrsager-Geist gewonnen haben solle. Aber mir sind diese Torheiten ein Greuel
/ und ich glaube / dass unser Schutz-Geist durch keine frembde Künste / wohl aber
durch unsere Laster uns entrissen wird / und dass so denn der Göttliche Beistand
von uns und unserm Lande Abschied nimt /wenn unsere unreine Hertzen mehr zu
keinem Tempel eines reinen Geistes taugen / wenn unsere Flüsse / unsere Berge /
als die von der Natur gesetzte Schutzwehren der Länder mit Blute und Unrecht
besudelt sind. Diesemnach dañ auch für keine Strengigkeit des gütige Gottes
anzuziehe ist / wenn er verhänget / dass Städte und Mensche nichts minder von
einem bösen /als einem guten Geiste begleitet werde / oder: dass vieler Meinung
nach / iede Stunde der Woche eines besonderen Geistes bald heilsamer bald
schädlicher Herrschaft unterworffen / und daher unser Glück und Tun auch so
ofter Veränderung unterworffen sein sollte. Denn der iedem Menschen noch in
Mutter-Leibe zugeeignete Schutz-Geist / welcher keinen Augen-Blick sich von ihm
entfernet / sondern zu unserer Geburt behülfflich ist / und nicht / nach
etlicher Meinung mit uns geboren / oder aus dem Geburts-Gestirne herunter
gelassen / weniger aber von uns sterblichen Menschen geschaffet wird; ja der uns
auf den Händen trägt / und biss man die Seele ausbläset /als ein unabtrennlicher
Gefärte begleitet; auch wohl gar nach dem Tode / wenn des verstorbenen Bosheit
sie nicht selbst verbannet ein Beschirmer des Hauses bleibet / und den unfrigen
uns zu Liebe zu Dienste stehen / ist solchen widrigen Geistern nicht nur
gewachsen / sondern auch überlegen / wenn selbter nur in schuldigen Ehren
gehalten / fürnehmlich aber nur mit einem heiligen Leben versöhnet wird;
weswegen unsere Vor-Eltern in ihren Geburts-Tagen ihren Schutz-Geist mit Wein
und Blumen beschenckten; massen mir denn auch ein Edelmann aus der Insel Tule /
dessen Geschlechte nebst etlichen andern alldort von Gott die Gnade haben sollen
/ die den Menschen zugeeignete Geister in Gestalt allerhand Tiere mit Augen zu
sehen / beteuerlich erzählt / dass ihnen sonderlich an eines ieden Menschen
Geburts-Tage die Augen eröffnet würden. Diese Gabe soll auch Socrates gehabt /
und durch Beihülffe seines Schutz-Geistes viel ihm durch Zeichen oder Träume
vorangedeutete Unfälle abgelehnet / ja sein eignes ihm so abgeneigtes
Geburts-Gestirne übermeistert haben. Und ist derogestalt irrig / dass iedes
Menschen Geist die Eigenschaft seines Sternes haben solle. Denn dieser war bei
dem Socrates irrdisch / und zur Uppigkeit geneigt; jener aber feurig / welcher
ihn zu Nachsinnung himlischer Dinge / zu Ausübung der Tugend an- und von allem
vergänglichen ableitete. Uber diss deutet unser Schutz-Geist uns mehrmals unser
gutes Glücke an / wie dem Curtius Rufus in Africa von seinem in einer schönen
Weibes-Gestalt ihm erscheinenden Geiste begegnete; er wecket uns zu einer
erspriesslichen Entschlüssung auf; wie dem Käyser Julius geschahe /welchen / als
er über den Fluss Rubico zu setzen Bedencken trug / die Schilff-Pfeiffe eines
grossen Menschen-Bildes aufmunterte / und ihm über den Strom den Weg zeigte. Dass
aber unser Schutz-Geist mit uns nicht verschwinde / sondern auch nach unserm
Tode für uns und die Unsrigen wachsam sei / hat die Erfahrung uns mehrmals
augenscheinlich erwiesen. In der Maratonischen Schlacht fochte der Schutz-Geist
des Teseus mit hellgläntzenden Waffen für die Griechen wider die Persen. In der
Philippischen Schlacht der Geist des Käysers Julius wider seinen Mörder den
Cassius / und ein anderer Geist erstieg für die furchtsamen Römer den Wall der
Brutier und Lucaner. Die Geister des Pollux und Castors brachten auf ihren mit
Schweiss und Staub besudelten Pferden die fröliche Botschaft von dem bei dem
Viturnische See erhaltene Siege nach Rom. Des in dem Sicilischen Kriege von des
Augustus Krieges-Volcke entaupteten Gabinius Haupt deutete dem Sextus Pompejus
an: dass die himlisch- und unterirrdischen Geister des Pompejus Wehklagen erhört
/ und er einen gewüntschten Ausschlag zu hoffen hätte. Aus dem todten Leichname
des Buplagus mahnete sein Geist die Römer von der Grausamkeit gegen seine Syrier
ab. Des von dem rasenden Wolffe gefressenen Publius nur übrig gelassenes Haupt /
welches hernach in den neu-erbauten Tempel des Lycischen Apollo gebracht ward /
sprach seinen Römern ein Hertz ein / und vermahnete sie zur Tapferkeit. Als die
Aetolier ihres verstorbenen Fürsten Polycritus mit seiner Locrensischen Frauen
erzeugtes oben männunten weibliches Kind als eine Andeutung eines zwischen
beiden Völckern bevorstehenden Krieges zu Versöhnung der Götter verbrennen
wollten / kam des Polycritus Geist / redete seinem Kinde das Wort / und warnigte
sein unbarmhertziges Vaterland für dem daraus entstehenden Unheil. Ja als er das
Volck von seinem Schlusse nicht abwendig machen konnte / und er sein Kind / umb
es aus ihren blutdürstigen Händen zu reissen / selbst zerriess und verschlang /
redete dieses Kindes Schutz-Geist aus dem nur noch übrigen Kopfe beweglich die
Bürger an / dass sie dem blutigen Kriegs-Verderben sich zu entbrechen von dar weg
/ und auf eine Zeitlang in eine der Pallas heilige Stadt ziehen sollten. Der dem
Atenodorus mit so viel Ketten sich zeigende Geist konnte nicht ruhen / biss sein
ermordeter Leichnam ausgegraben / und an einen geweihten Ort geleget ward. Der
Tod war nicht mächtig die Liebe der schönen Philinion des Demostrates und der
schönen Charito Tochter auszuleschen / sondern ihr Geist beseelte noch die schon
begrabene Leiche umb ihren geliebten Machates zu umarmen. Hier entgegen wird
unser Schutz-Geist auch noch im Leben durch lasterhaftes oder dem Verhängnisse
widerstrebendes Beginnen von uns verjaget / und schichtern gemacht. Welches
alleine /nicht aber einige Zwytracht der guten Geister Ursache sein kann / dass
des Antonius Geist sich für des Augustus Geiste gefürchtet haben solle. Oder
wenn wir unsern Schutz-Geist von uns weggestossen / krieget unser feindlicher
Luft uns zu betrüben und zu erschrecken; wie dem Brutus zweimal / als er
nehmlich aus Asien in Europa mit seinem Heere übersetzen wollte / und den Tag für
der Schlacht in den Philippischen Feldern begegnete. Ein solcher Geist brachte
den Tarquinius und die Hetrurier in Schrecken und Flucht / als er bei währender
Schlacht mit den Römern aus dem Arsischen Walde ruffte: Ein Hetrurier ist mehr
als der Römer todt blieben / welche auch den Sieg behalten werden. Und des Dions
böser Geist deutete mit seinem Hauskehren ihm sein und seines Sohnes Todt an.
Also mutmasse ich / dass das dem Drusus in unserer Elbe begegnete Gesichte
entweder sein böser / oder dieses Flusses Schutz-Geist gewesen sein müsse. Aber
fing Rhemetalces abermals an /ward dem Drusus auch wahr / was dieser Geist oder
Gespenste ihm angedeutet hatte? In alle wege / antwortete Adgandester. Denn
solch sein Schrecknüss ward bald mit mehrern bestärcket. Folgende Nacht
umbrennten sein Läger etliche Hauffen grausam-heulender Wölffe; mitten im Läger
/ darein doch bei Leibes-Straffe kein Weib kommen dorfte / ward ein jämmerliches
Winseln von Weibern gehöret / und etliche Luft-Gestirne wurden gesehen / gleich
als wenn der Himmel mit solchen Lichtern dem kurtz darauf sterbenden Drusus /
wie die Sterblichen ins gemein ihren Leichen mit wächsernen Todten-Fackeln zu
Grabe leuchten wollte. Rhemetalces warff ein: Er liesse die Erscheinung des
deutschen Schutz-Gottes billich an seinem Orte / an denen andern Begebenheiten
stünde er nicht unbillich an / weil er sehe / dass kein grosser Mann iemals
geboren oder gestorben wäre / da nicht entweder die Liebe zu dem Todten / oder
der Hass wider die Verdächtigen solche Wunderwercke auf die Bahn gebracht / oder
ungefährliche Zufälle dahin abergläubisch ausgedeutet hätte. Des Romulus
Empfängnüss und Tod soll durch einer Sonnen-Finsternis / des Mitridates Geburt
und Herrschens-Anfang durch einen Schwantz-Stern / welcher siebentzig Tag und
Nächte mit seinen Flammen das vierdte Teil des Himmels bedecket habe /
angedeutet sein. Da doch solche aus dem unveränderlichen Lauffe der Gestirne
sich begeben müsten. Der Tempel zu Ephesus sollte wegen Abwesenheit der bei des
Alexanders Geburt handreichenden Diana verbrennet sein / da doch die Götter
allentalben gegenwärtig / oder zum minsten auch in die Ferne zu würcken
vermögend sein sollten. Als Carneades sich mit Gift hingerichtet / soll der Monde
sich verfinstert haben / da doch diss / wenn Carneades gleich noch hundert Jahr
gelebt hätte /nicht nachblieben wäre. Anderer Unglück sollten frembde Vögel
angekündigt / oder andere Tiere beweinet haben; da doch der Mensch alleine nur
Tränen vergiessen kann. Alleine / wie dem allem sei /glaube ich / dass die blosse
Einbildung des Todes ein Schwantz-Gestirne / welches dem Leibe den Untergang
dräuet / der Seele aber ein zur Tugend wegweisender Leit-Stern sei; Drusus auch
durch das ihm begegnete Gesichte zu keiner gemeinen Schwermut /also zu
seltzamen Einbild- und furchtsamen Entschlüssungen verleitet worden. Adgandester
fuhre fort: Ich will darüber nicht streiten / ob dem Drusus die erzehlten Dinge
begegnet sind / oder geträumet haben. Diss aber ist gewiss / dass Drusus folgenden
Tag mit seinem Heere aufbrach / und seinen Rückweg gegen dem Rheine nahm / nach
dem er in einen grossen am Ufer aufgerichteten Stein hatte eingraben lassen:
    Das Ziel des Claudius Drusus / welches ihm das Verhängnis setzte / weil sein
Feind keines zu machen / seine Tugend aber nicht inne zu halten wusste.
    Die Römer kamen biss an die Weser ohn Hindernis; fanden aber ihre befestigte
Brücke abgebrochen /und nichts als die Todten-Knochen von ihrer Besatzung.
Welches sie in eine noch grössere Bestürtzung setzte; zumal niemand verhanden
war / der ihnen nur die Art so erbärmlicher Niederlage erzählen konnte. Wie sie
nun beemsigt ware eine neue Brücke über diesen Fluss zu schlagen; fielen umb
Mitternacht ein Hauffen von fünff hundert Cheruskischen Edelleuten den Römern
ein / erlegten die Wache / rennten alles was ihnen begegnete im Läger zu Bodem /
zohen sich auch / als sie das ganze Läger in Lermen gebracht /und etliche
hundert Feinde erlegt hatten / ohne einigen Verlust zurücke. Weil nun ein Sieg
des andern Werckzeug ist / und dieselben / welchen das Unglück mit seinen
Blei-Füssen gleich lange auf dem Rücken herumb getreten hat / wieder aufrichtet
/ so ermunterte dieser glückliche Streich den Feldherrn Segimer ebenfalls / dass
er die Römer beim Ubersetze des Flusses anzugreiffen sich entschloss; sonderlich
da er vom Marobod / dass er sein Kriegsheer Sudwerts gezogen hätte / vom Drusus
aber / dass bereit das dritte Teil über die Brücke gesetzt wäre / Kundschaft
einzog. Diesemnach zohe er sein ganzes Heer aus dem Hartzwalde gegen eben
selbigen Strom / und befehlichte etliche Wagehälse / dass sie drei mit Pech /
Schwefel /und anderm brennenden Zeuge angefüllte Schiffe des Nachts Strom-ab
führen / und darmit die Römische Brücke zernichten sollten / mit der Abrede / so
bald er das erste ihm mit einer Fackel gegebene Zeichen von einem Berge
erblicken würde / wollte er mit gesamter Macht das Römische Läger anfallen. Der
Anschlag ging nach Wuntsch von statten. Denn / weil die Nacht sehr trübe war /
die auf den Schiffen sich auch nur den Strom ab treiben liessen / und mit den
Rudern kein Geräusche machten / ward der Feind ihrer nicht ehe gewahr / als biss
die Deutschen an die Brücke anstiessen / und die Brand-Schiffe anzündeten. Die
Römer lieffen hierauf beiderseits der Brücke zu / umb das Feuer zu leschen / als
Hertzog Segimer an einem Orte des Lägers Lermen machte / an zwei andern aber mit
aller Macht einbrach / also gerieten sie alsobald in Verwirrung / und wussten
nicht / an welchem Orte sie zur Gegenwehr eilen sollten. Drusus befahl selbst das
Läger anzuzünden / umb den Feind von seinem eignen Volcke zu unterscheiden /
welches einander hin und wieder selbst verwundete / und zu Bodem rennete. Weil
nun aber die Römer mehr auf die Flucht als Gegenwehr bedacht waren / und daher
einander selbst in das Wasser drangen / und von der in der mitten brennenden
Brücke abstürtzten / drang Drusus mit seiner Leibwache herfür / um durch sein
Beispiel den furchtsamen ein Hertz zu machen. Hingegen war der Feldherr Segimer
von seinem Adel nicht zu erhalten /dass er / ungeachtet seiner damals ihm
zustossenden Schwachheit sich ebenfalls an die Spitze seines Kriegsvolcks
stellte. Rhemetalces fieng hierüber an: Die Feldherre / welche zugleich Häupter
und Herren des Krieges wären / vergässen aus Eifer in den Schlachten
gemeiniglich das Ambt eines Kriegs-Obersten / und eines Fürsten. Denn da diese /
wie Jupiter auf dem Idischen / und Neptun auf dem Samotracischen Gebürge der
Trojaner und Griechen Schlacht / oder wie Xerxes auf dem Egaleischen Gipfel dem
Salaminischen See-Treffen / von aller Gefahr entfernet zuschauen sollten /
zückten sie sich unzeitig herfür / vertreten die Stelle gemeiner Kriegs-Leute
/und beobachten nicht / dass ein unglücklicher Streich dem Treffen ein böses Ende
/ und dem Reiche das Garaus machen könne. Es ist nicht ohne / antwortete
Adgandester / dass / wenn auf einer Schlacht nicht das Hauptwerck des ganzen
Krieges / das Heil oder der Untergang des ganzen Reiches beruhet / und
derselbten Ausschlag an einem zweifelhaften Fademe hängt /ein Fürst sich nicht
mutwillig in Gefahr stürtzen solle. Sintemal es auch bei Niedrigen eine
Unvernunft ist / sich über der Gefahr erfreuen / und nicht erwegen / ob aus
selbter uns einiger würdiger Lohn zuwachse. Wenn aber Freiheit und Dienstbarkeit
eines Volckes auf der Wag-Schale liegen / und es umb des Fürsten Ehre / die
Wolfart des Vaterlandes zu tun ist / muss kein Fürst einige Gefahr zu gross /
keinen Tod zu schrecklich / und sein Blut nicht zu köstlich schätzen; sondern
bei verzweifelten Fällen durch seine Verwogenheit der Kleinmut und dem Unglücke
einen Riegel vorschieben. Denn jene würde dardurch beschämet und lebhaft; diss
aber scheute sich selbst mit einer verzweifelten Kühnheit anzubinden. Also hätte
Sylla sein flüchtiges Heer wider den Orchomenes in Beotien zu Stande / und den
Sieg auf seine Seite bracht /als er sich selbst in das Gedränge des Feindes
gestürtzet. Hätte Alexander nicht mit seinen Macedoniern die Gefahr geteilet /
und das wichtigste auf seine Achsel genommen / würde er nicht biss an das Ufer
des Ganges gedrungen / und Cäsars Siegs-Ruhm in der Blüte verdorben sein / wenn
er bei schon halb verspielter Schlacht nicht einem Hauptmanne den Schild
ausgerissen / und dem Nachdrucke der Nervier einen Stillestand geboten hätte.
Dahero bei so gefährlichem Zustande der Cherusker / dem Segimer seine
wohlbedächtige und wohlausgeschlagene Herfürzückung nicht als ein Fehler
ausgelegt / sondern von denen ohne dis die Gefahr liebenden Deutschen für eine
Ubermaasse der Tapferkeit ewig gepriesen werden müste. Denn er schlug sich durch
des Drusus Leibwache hertzhaft durch / und verwundete des Drusus Pferd mit
einem Wurff-Spiesse so sehr / dass er sich mit ihm überschlug / und das rechte
Schienbein entzwei brach. Des Drusus Fall brachte die erschrockenen Römer in
Verzweifelung / diese aber auch die Furchtsamsten zu Zorn und Kühnheit.
Insonderheit meinten sie ihnen ein unausleschliches Brandmaal zuzuziehen / da
ihr Feldherr in des Feindes Hände verfallen sollte. Und ob wohl hierüber viel der
tapfersten Römer ins Gras bissen / liessen sie doch nicht nach / biss sie den
Drusus unter dem Pferde herfür und aus dem Gedränge / auch auf einem Nachen über
die Weser brachten. Segimer musste hingegen nach einem stündigen Gefechte wegen
ihm von seiner empfangenen Wunde zuhängenden Schwachheit aus der Schlacht
weichen. Weil nun das Römische Heer ohne diss stärcker als die Deutschen waren
/auch bereit zu tagen anfieng / der Tag aber die Schwäche der Cherusker ans
Licht bringen würde /riet er seinem Kriegs-Obersten / dass sie dem Feinde Lufft
machen sollten sich über die Weser zu ziehen. Denn wenn Drusus seine Kräfften mit
Vernunft brauchen könnte / hielten sie ihnen die Waage; wenn er sie aber mit
Verzweifelung vergrösserte / würden sie ihnen überlegen sein. Deshalben sollte
man einem ins Gedrange gebrachten Feinde lieber eine güldene Brücke bauen / als
alle Ausflucht abschneiden. Also zohen die Deutschen sich nach und nach wieder
ab; iedoch liess Segimer dem Drusus durch einen Gefangenen sagen: Er wollte aus
Erbarmnis den Römern erlauben / dass sie selbigen Tag unverhindert vollends über
den Fluss setzen möchten; von dem aber / was den folgenden Tag noch betreten
werden würde / sollte kein Gebeine darvon kommen. Die Römer / ob sie wohl diese
verdächtige Güte der Deutschen nicht begreiffen konten / wurden gleichwohl
überaus froh /überlegten das abgebrennte Teil der Brücke mit Balcken und
Bretern / so gut es die Zeit lidte / wormit das Fussvolck überkommen konnte; die
Reiterei aber musste meist durch den Fluss setzen; und / wormit die Deutschen sie
nicht so bald wieder überfallen möchten / brandten sie selbst vollends die
Brücke ab / reiseten auch Tag und Nacht / biss sie den Rhein erreichten / und zu
Antonach nach verlohrnem Kerne ihres Heeres wieder ankamen. Unterdessen aber /
weil der Schaden des Drusus sich sehr gefährlich anliess / ward dem Tiberius
durch rennende Boten dieses Unglück zu wissen gemacht / welcher nach geendigtem
Pannonischen Kriege sich zu Ticin aufhielt. Wormit sie auch so viel eh einander
sehen möchten / liess er sich /wie schwach er von dem nunmehr durch
zugeschlagenen kalten Brand unheilbaren Schaden war / nach Meintz tragen / allwo
er den dreissigsten Tag nach der Verwundung / als Tiberius eine Stunde vorher
daselbst ankommen / und in Tag und Nacht auf drei Post-Wagen zwei hundert
tausend Schritte über die schrecklichen Gebürge und Wildnüsse mit einem einigen
Geferten Antabagius gereiset / auch auf des kaum noch atmenden Drusus Befehl
von den Legionen als ihr Feldherr bewillkomt war / und ihm den letzten
Abschieds-Kuss gegeben hatte / mit der Hoffnung noch grösserer Taten seine Seele
ausbliess. Die anwesende Julia drückte ihm die Augen zu / und ihre Augen wuschen
seinen Leib mit einem Strome häuffiger Tränen ab. Denn ob zwar sonst die
Schamhaftigkeit auch einen rechtmässigen Schmertz verbirget / so zohe doch ihr
allzu empfindliches Hertzeleid ihrer Liebe die Larve vom Gesichte / welche nur
im Anfange / und so lange ihr kein ungemeiner Zufall aufstöst /fürsichtig ist.
Die Leiche ward köstlich eingebalsamt /und nicht nur von den Kriegs-Obersten /
und denen Rats-Herren der Städte / worauf sie zukam / nach Rom getragen /
sondern Tiberius selbst stützte darbei seine Achseln unter / und liess sich
seiner gegen Julien geschöpften Eifersucht noch gegen dem Drusus allererst sich
entspinnenden Verdrusses nicht mercken /umb Livien nicht zu erbittern / noch den
Käyser zu beleidigen. Gleichwohl aber / weil mit denen täglichen bei Bewillkomm-
und Abschiednehmung gewöhnlichen Küssen / welche die annehmliche Julia /in
Meinung / dass vieler Gewohnheit den Lastern ihre Hässlichkeit benehme / allererst
zu Rom auffbracht hatte / vielerlei Geilheit bedecket und entschuldiget ward /
lag er dem Käyser in Ohren / dass er diese Aergernisse durch öffentliches Verbot
abschaffen möchte. Bei der Stadt Meintz richtete ihm das Kriegs-Heer ein
prächtiges Denckmahl auff. Zu Rom ward seine Leiche auff dem Marckte auff einem
hohen Pracht-Bette gewiesen / und daselbst vom Tiberius / auff der Flaminischen
Renne-Bahn aber vom Käyser selbst seine Taten heraus gestrichen / der Leib von
den fürnehmsten aus der Römischen Ritterschaft auff das Feld des Mars getragen
/ daselbst verbrennet / die Asche in das Käyserliche Begräbnis beigesetzt / ihm
und seinen Söhnen der Zunahme des Deutschen vom Rate gegeben; an statt des ihm
bestimmten Siegs-Gepränges ein ander Feier angestellet / dem Römischen Volcke
auff dem Capitol ein Gastmahl ausgerichtet / zu Rom und am Rheine köstliche
Ehren-Bogen auffzurichten anbefohlen / und Livia die Mutter des Drusus und
Tiberius unter die Zahl derselbigen Frauen gezehlet / die drei Kinder geboren
hatten. Unterdessen nahm Hertzog Segimer die von den Römern für unüberwindlich
gepriesene Festung Alteim an dem Rheine ein / dreuete auch einen Einfall in
Gallien / also dass Käyser August denen Batavern alle abgenommene Länder und
Städte an der Maass vollends abzutreten / den Segimern durch annehmliche
Friedens-Vorschläge zu besänftigen / den Catten allen Schaden zu erstatten /
und die Sicambrer von der auffgebürdeten Schatzung zu befreien gezwungen ward.
    Adgandester hatte noch die letzten Worte auff der Zunge / als ein mit
verhangenem Zügel Spornstreichs gegen sie auff einem Schlägebäuchenden Pferde
rennender Reuter ängstlich nach dem Feldherrn fragte /und endlich dem Fürsten
Adgandester vermeldete /die Fürstin Tussnelde wäre nebst ihrer Gefertin aus dem
Lustgarten mit Gewalt geraubet und hinweg geführet worden. Diese bestürtzte
Zeitung konnte Adgandester nicht verschweigen / sondern fügte sich alsofort in
den Tempel solches zu berichten. Alle erschracken überaus heftig / fürnehmlich
aber Hertzog Herrmann und Jubil standen / als wenn sie der Blitz gerühret hätte.
Denn ob wohl die Liebe die lebhafteste Gemüts-Regung ist / so beraubet doch
keine den Menschen geschwinder seiner Sinnen und natürlichen Kräffte / als wenn
das Schrecken ihr den Verluft ihres Absehens unversehens fürbildet. Gleichwohl
erholeten sie sich alssbald / und verwandelte sich das Erschrecknis bei dem
Feldherrn in einen heftigen Zorn; beim Fürsten Jubil aber in eine Begierde sich
beide der Königin Erato durch ihre Erlösung ihr beliebt zu machen. Was gilt es /
fing Herrmann an / und mich werden meine Gedancken nicht betrügen / dass
Segestes der Urheber dieses verräterischen Raubes sei? Hiermit eilte er aus
dem Tempel / setzte sich mit seiner Leib-Wache nicht allein zu Pferde denen
Räubern nachzueilen / sondern Hertzog Jubil / Melo / Adgandester / ja auch
Rhemetalces und Malovend folgten ihm auch auff der Fersen nach. Denn diese
fremde gefangene Fürsten hielten ihrer Schuldigkeit zu sein /dass sie ihre
Tapfferkeit ihrem so wohltätigen Fürsten zu Liebe sehen liessen. Ausser dem
erlaubte diese Eilfertigkeit niemanden bei dem Boten die Umstände des Raubes zu
erkundigen; sondern nach dem man ihm ein frisches Pferd gegeben / ward er
befehlicht nur den geraden Weg dahin zu zeigen / wohin die Räuber ihre Flucht
genommen hatten. Wie sie nun bald nahe an Deutschburg kamen / stiessen nach und
nach wohl tausend Pferde zu ihnen / die bei erregtem Geschrei sich fertig
gemacht hatten; wiewohl Saloninens Bericht nach die Räuber / welche sie an einem
Baum feste angebunden gelassen / ihr auch den Mund verstorfft / den Fürsten Zeno
aber tödtlich verwundet hatten / schon etliche Stunden zu ihrem Vorsprunge ihrer
Flucht hatten. Gleichwohl aber kamen sie auff die Spur / und behielten selbte
wohl vier Stunden lang recht gegen dem Weser-Strome zu / biss sie endlich an
einem Scheide-Wege sich nach Anleitung des Huffschlages auch zu teilen
genötiget waren. Der Feldherr mit dem Hertzog Melo und Adgandestern behielt die
rechte / Hertzog Jubil mit Rhemetalcen und Malovenden die lincke Hand. Gegen der
Sonne Untergang ereilte der Feldherr etliche zwantzig Reuter / welche die
Müdigkeit ihrer Pferde ihren Geferten länger gleiche zu reiten verhindert
hatte. Diese vermeinten sich zwar in dem dicken Walde auff die Seite zu
verschlagen / weil es wider eine so grosse Menge ihrer Verfolger zu fechten eine
verzweiffelte Torheit schien. Alleine ihre Verfolger umringten sie alsofort
/dass die meisten nicht abweichen konten / die übrigen wurden auch vollends aus
den Hecken herfür gesucht. Auff geschehene scharffe Rechtfertigung: wer sie
wären / und wo das geraubte Frauenzimmer hinkommen? meldeten sie: Sie wären
Longobarder / König Marobods Untertanen und von der Besatzung der an der Elbe
liegenden Festung Lauburg. Fünff hundert daselbst liegende Reuter wären
befehlicht worden /Tag und Nacht biss an ein in dem Deutschburgischen Walde
gelegenes Tal ihren Zug zu nehmen; allwo sie noch nahe drei tausend Pferde /
und zwar ihren eigenen König und einen Hertzog der Cassuarier / dessen Nahmen
ihnen unwissend / angetroffen hätten; von denen sich kein Mensch ausser dieses
rings umher mit einem dicken Walde umgebenen Tales hätte herfür tun dörffen /
ungeachtet sie 3. Tage daselbst sich verborgen gehalten; Diesen vierdte Tag aber
frühe eine Stunde nach der Sonnen Auffgange wäre ein reñender Bote komen / und
nach dem dieser dem fremden Hertzoge nur drei Worte ins Ohr gesagt /wäre er mit
dreissig ausserlesenen und am besten berittenen Edelleuten auffgewest; König
Marobod hätte mit tausend Reutern / darunter auch sie gewest / ihm gefolget /
wäre aber in dem Ende des Waldes gegen Deutschburg verborgen stehen blieben.
Ungefehr aber nach einer Stunde wären die dreissig Pferde Spornstreichs in Wald
zurücke kommen / und hätten auff zwei Zelter-Pferden zwei weinend- und heulende
Frauenzimer zurücke bracht. Worauff ihr König und alles Kriegs-Volck mit grosser
Vergnügung und Eilfertigkeit zurück gekehret wären; also / dass sie mit ihren
abgematteten Pferden ihnen nicht länger hätten folgen können. Weil nun fast
ieder absonderlich hierüber vernommen ward / und sie allesamt mit einander
überein stimmten / etliche sich auch verschnapten /dass König Marobod an dem
Furte der Weser / wo sie alle durchgesetzt / noch sechs tausend Pferde stehen
hätte; stellte der Feldherr diesen Gefangenen völligen Glauben zu / schickte
auch alsofort einen Edelmann mit Befehl zurücke / dass aus den nächst herum
gelegenen Plätzen / in denen das Kriegs-Heer zerteilt lag / alles / was nur in
der Eil auffsitzen konnte /ihm folgen sollte. Er aber liess sich die vernommene
Menge der Feinde nicht schrecken sie zu verfolgen /sonderlich reizte ihn die
Verbitterung wider den Segestes / an dessen Anstifftung er nicht mehr
zweiffelte / nachdem König Marobod selbst diesen Anschlag auszuführen sich
erkühnet hatte / welcher bei der Fürstin Tussnelde sein Nebenbuhler allein / und
beim Segestes iederzeit sehr hoch am Brete gewest war. Etliche Stunden in die
Nacht kam der Feldherr auff eine schöne mit einer rauschenden Bach zerteilte
Wiese / darauff er / wiewohl nicht ohne Unwillen mit seinen Leuten / weil die
Pferde nicht mehr recht fort wollten / ein wenig auszurasten gedachte / und
umwechselungsweise die Pferde auszäumen zu lassen gezwungen ward. Denn ob es
zwar so stockfinster war /dass die Cherusker einander mehrmahls in die Augen
griffen / und einander übern Hauffen rennten / und den Weg mit den Händen
erkiesen mussten; so erleuchtete doch das in dem Hertzen des Feldherrn brennende
Feuer der Liebe seine Augen / dass er ihm einbildete nicht weniger / als gewisse
Tiere auch im finstern zu sehen. Sintemal so wohl diese scharffsichtige
Gemüts-Regung / als die Seele selbst in den Augen ihren fürnehmsten Sitz hat.
Nach Mitternacht sagte ihm seine Vorwache an / dass sie von ferne ein Getöne der
Waffen / ein Geräusche der Pferde / und Geschrei streitender Leute hörten. Diese
Nachricht brachte alsofort iederman zu Pferde / und der Feldherr befahl / dass
man alsobald mehr Kühn-Fackeln anzünden / und ieglicher sich hertzhaft zu
fechten fertig machen sollte; Adgandester musste auch mit seinem Vortrabe alsobald
sich gegen solchem Getümmel nähern / welches / weil es nicht vorwerts /sondern
auff der lincken Seite zu sein schien / mit grossem Ungemach geschach / weil sie
durch unterschiedene Moräste / und einen dicken Kiefer- und Tannen-Wald sich
durcharbeiten mussten. Das sich ihnen immer ie länger ie mehr nähernde Getöne
machte sie so vielmehr begieriger ihr Handgemenge darbei zu haben. Endlich
erreichten sie bei begiñender Tagung den Kampf-Platz / welches ebenfals eine
sumpffichte und zum Treffen ungeschickte Wiese war; daher auch die meisten von
den Pferden abgestiegen waren / und zu Fusse kämpfften. Der erste Anblick zeugte
alsobald aus der Tracht / dass die Cherusker und ein Teil Catten unter dem
Hertzog Jubil /mit denen Marckmännern und langbärtichten Einwohnern der zwischen
der Elbe und der Spreu gesessenen Völcker einander in Haaren waren. Dieser ihre
Menge war auch jenen wenigern weit überlegen; dahero sie sich auch zu ihrer
Gegenwehr nur der vorteilhaftigen Enge an dem Walds bedienen musste. Die
Ankunft des Feldherrn aber änderte alsbald die Beschaffenheit des Treffens /
als er und die zwei andern Fürsten mit ihrem Hauffen dem Feinde grossmütig in
die Seite fielen. So bald Hertzog Jubil dieser Hülffe wahrnahm / drang er sich
zu dem Feldherrn durch /ihm vermeldende: Es wäre nicht ratsam / dass sie
insgesamt hier im Gefechte bleiben sollten. Denn König Marobod und Segestes
hätten bei verspürter Verfolgung nur diesen verlohrnen Hauffen um sie
auffzuhalten / und inzwischen mit ihrer reichen Beute zu entwischen am Rücken
gelassen. Also wäre am ratsamsten hier nur so viel Volck / welches dem Feinde
an einem so engen Orte zur Not gewachsen wäre / zu lassen. Sie aber müsten mit
dem Kerne ihres Volckes dem Haupt-Feinde in Eisen liegen. Der Feldherr lobte
diesen Rat; Befahl daher dem Fürsten Adgandester /dass er nebst Malovenden
allhier dem Feinde begegnen sollte. Er aber und alle andere Fürsten lenckten mit
tausend Pferden rechtwärts / schnitten also diesen feindlichen Hauffen vom
Könige Marobod und Segestes ab. Gegen den Mittag holten sie ihren destalben
ganz unvermuteten Feind ein / welcher auch destalben / ausser einer mit
fünffhundert Pferden bestellter Wache / in einem anmutigen Tale ausruhete. Der
Anfall der Wache brachte alsbald alles feindliche Kriegsvolck in Lermen; allein
/ weil die Cherusker / um desto grösseres Schrecken zu machen / an vier Orten
angriffen / und gegen einem unversehenen Feinde zweifache Mannschaft nicht zu
stehen vermag / konten die Marckmänner und Langbärte sich unmöglich aus ihrer
Unordnung verwickeln / und daher hatten die Cherusker mehr zu metzgen als zu
fechten. Zumahl die Gerechtigkeit der Sache den für sie kämpffenden noch ein
Hertze macht / dem ihm übel bewussten aber die Helffte nimmet. Der Feldherr hatte
auch das Glücke von einem Hügel eine Sänfte zu erblicken / in welcher er seine
himmlische Tussnelde eingekerckert zu sein ihm einbildete. Daher machte er mit
seinem Schwerdte / als einem unauffhörlichen Blitze durch Niederschlagung alles
dessen / was sich gegen ihm setzte / einen Weg dahin; kam auch also nahe / dass
er Tussnelden sein einiges Kleinod dieser Welt mit ihren tränenden Augen
erblickte. Hierüber geriet er ganz ausser sich; indem eines Liebenden Seele
mehr in dem ist / was sie liebt als was sie beseelet; also / dass ob wohl König
Marobod und Segestes in Person mit fünff hundert auffs beste gewaffneten
Edelleuten alldar in Bereitschaft standen / er doch sich für allem seinem
Volcke herfür brach / und den Marobod als ein wütender Löw anfiel. Die
Schwerdter waren nicht zu zehlen / die über ihn gezückt wurden / welche auch
sein Pferd derogestalt verletzten / dass er selbst aus dem Sattel springen / und
sich zu Fusse beschirmen musste. Aber was konten zwei Armen gegen tausend
ausrichten? Denn ob er schon fast mit iedem Schlage einen Feind seiner
rachgierigen Liebe auffopfferte / ward er doch / nach dem die Seinigen ihn ganz
aus dem Gesichte verloren hatten / übermannet / zu Bodem getreten / und auff
Marobods Befehl gefangen. Der verdamte / und aus Hertzog Herrmanns blosser Gnade
nur noch lebende Segestes ward durch seine Rache auch so ferne verleitet / dass
er ihm selbst eine Kette an den Hals warff / und ihn als einen Knecht
fortschleppen liess. Diese Schmach erblickte die vorhin weinende /jetzt aber
wütende Fürstin Tussnelde; welche von ihrem Herrmann so wenig als die
Turtel-Taube von ihren Eyern / kein Auge verwendet / sondern durch ihre Strahlen
sein Glücke auszubrüten vermeint hatte / nunmehr aber alle Feinde mit ihren
Augen erstechen wollte. Daher sprang sie als eine ihrer Jungen beraubte Bärin aus
der Sänfte / riss einem derer sie verwahrenden Longobarder den Degen aus / und
ob sie wohl ungewaffnet / ja mit hinderlichen Frauen-Kleidern angelegt war /
versetzte sie doch zweien Marckmännern von denen / die den Feld-Herrn gebunden
hielten / ehe sich iemand dessen versah / zwei so grimmige Streiche / dass sie
todt zur Erden fielen. Die übrigen gerieten hierdurch in Schrecken und Flucht /
weil sie Tussnelden mehr für eine Kriegs-Göttin / als ein sterbliches
Frauenzimmer ansahen. Hiermit riss sie dem Feldherrn die unwürdige Last der Kette
vom Halse / der sich denn Augenblicks mit dem Schilde und Degen eines
Erschlagenen waffnete; Und weil er diese Bestrickung für die gröste Schmach
seines Lebens hielt / solche mit einem häuffigen Strome feindliches Blutes
auszuleschen alle Leibes-Kräfften anwendete. Denn Liebe und Rache hatten ohne
diss vorher sein Gemüte auffs eusserste angestecket. Die grossmütige / und
numehr gleichsam aufs neue lebende Tussnelde bemühete sich ihrem gewiedmeten
Helden alle Streiche nachzutun / und schlug auff die bei dem Marobod fechtenden
Marckmäñer getrost los /welche darum so viel mehr ausrichtete / weil Marobod diss
wahrnehmende den seinigen bei Leibes-Straffe verbot / sie nur wieder zu fangen /
nicht zu verwunden. Es ist unmöglich zu beschreiben / was diese zwei Helden
gegen die grosse Menge ihrer Feinde für Taten ausübten. Inzwischen aber hatte
Fürst Rhemetalces und die ihm zugegebenen Cherusker die Gefahr und den Notstand
des Feld-Herrn wahrgenommen /und also ihnen mit Blut und Leichen den Weg zu
seiner Errettung gebähnet; Ja endlich drang der Ritter Horn harte an ihn /
sprang vom Pferde / wormit sich Hertzog Herrmann dessen bedienen / und dem auff
ihn dringenden Marobod begegnen konnte. Wie nun diese zwei mit einander
hertzhaft anbanden / gerieten Rhemetalces und Segestes an einander. Beides
Gefechte war würdig von der ganzen Welt gesehen zu werden. Segestes aber ward
an den rechten Ellbogen heftig verwundet; Daher / und weil er den schlimsten
Tod vor Augen sah / wenn er noch einmal gefangen würde / machte er sich zum
ersten aus dem Staube. Der inzwischen auch verwundete König Marobod versuchte
zwar alle sein Heil zu siegen / kriegte aber von des Feldherrn Wurffspiesse noch
eine Wunde in die Achsel / und also musste er mit verfluchter Verlassung seiner
in der Hoffnung schon verschlungenen Tussnelda auch aus dem Gefechte sich
zurücke ziehen. Hiermit kriegte der Feldherr Platz die ungewaffnete Tussnelda
aus so gefährlichem Gedränge zu bringen. Weil aber die Liebe in gekrönten
Häuptern allzu zart und ungedultig / des geliebten Dinges Verlust unerträglich
ist / und kein Zorn rasender / als derselbe zu sein pflegt / welcher eine
heftige Liebe zur Mutter hat; schoss der erboste Marobod bei seiner
Zurückweichung einen Pfeil iedoch vergebens nach der schönen Tussnelde. Die
Marckmänner fochten hierauf alsobald laulichter / hingegen wuchs den Cheruskern
wegen teils wieder erstrittener Beute /und dass etliche neue Hauffen ihnen zu
Hülffe kamen /das Hertze; wiewohl die Longobarden mit solcher Hartnäckigkeit
stritten / dass sie lieber sterben / als einen Schritt aus ihrem Gliede weichen
wollten. Endlich gaben die Marckmänner die Flucht / welche der Feldherr allzuweit
zu verfolgen nicht für ratsam hielt / weil er seinen geraubten Schatz dem
Feinde wieder abgeschlagen / und von den Gefangenen den grossen Hinterhalt an
der kaum drei Meilweges von dar entfernten Weser ausgeforscht hatte / zumal ihm
die allzu zeitliche Flucht des sonst so streitbaren Marobods allzu verdächtig
fürkam.
    Diese Zurückhaltung war auch so viel nötiger und heilsam / weil der
hertzhafte Jubil inzwischen in euserster Not badete. Denn dieser war mit
seinem in dreihundert Männern bestehenden Hauffen auf dreihundert streitbare
Marsinger unter ihrem Hertzoge Tapis / dessen Sitz an dem Flusse Guttalus in der
Stadt Budorigum ist / und dessen Gebiete sich an solchem Strome von dem
Marcomannischen Gebürge biss an die Bartsch erstrecket / gestossen. Ihre Sprache
bezeuget / dass sie von Uhrsprunge Schwaben sind. Neben diesen hielten noch fünf
hundert Sarmater den Hertzog der Hermundurer warm; welch Volck zwar zu Fusse
nichts taugt / zu Pferde aber ist es so schnell / dass wenn es mit seinen über
Stock und Stein rennenden Hauffen anfällt / auch die geschlossenste
Schlacht-Ordnung zertrennet wird. Diese führte des Sarmatischen Königs Jagelle
Sohn / dessen Reich sich von der Weichsel biss an den Fluss Tanais / und vom
Baltischen biss an das schwartze Meer / und die Meotische Pfütze erstreckte. Ihre
Grausamkeit haben auch die Römer schon unter dem Lucullus im Tracischen Kriege
/ und noch für weniger Zeit Augustus erfahren / nach dem sie über die gefrorne
Donau den Römern oftmals eingefallen / und grossen Schaden getan / also dass der
Käyser ihretwegen den Lentulus mit dreien Legionen zu Besetzung selbigen Flusses
halten müssen / biss endlich durch Vermittelung des Dacischen Königs Cotisan die
Römer und Sarmater mit einander einen Frieden gemacht / als jene zu dem Jagello
nach Kiov / diese aber zum Käyser biss in Hispanien nach Tarracon eine prächtige
Gesandschaft abgehen lassen. Dieses Königs Sohn Boris / ein zwantzig jähriger
streitbarer Fürst / hatte sich an des Königs Marobods Hoffe etliche Monat
aufgehalten /und um seine schöne Tochter Adelmund geworben; also um ihm durch
seine Tapfferkeit Gunst und Ansehn zu erwerben / sich diesem eilfertigen
Anschlage des König Marobods zugesellet. Hertzog Jubil und Melo mussten bei
solcher Beschaffenheit sich auch in zwei Hauffen teilen / und also nahm dieser
den Marsingischen Hertzog / jener den über alle andere hervorragenden und mit
einer abscheulichen Rüstung alles grausame dräuenden Boris auf sich. Auf beiden
Seiten ward alle Tapfferkeit und Kriegs-List herfür gesucht. Nach langem
Gefechte ward Hertzog Melo vom Marsingischen Fürsten in die lincke Seite /
hernach von dem RitterHohberg an dem rechten Arm verwundet / und mit ihm sein
Hauffen für denen an der Menge ihnen weit überlegenen Feinden etwas zurück zu
welchen gezwungen. Gleicher gestalt kamen Hertzog Jubil und Boris an einander /
welcher auf eine ganz seltsame Art sein um und um mit eisernem Bleche
behencktes Pferd mit dem Zügel im Munde lenckte. Anfangs brauchte er an statt
der Lantze einen langen an dem Sattel feste gemachten stählernen Pantzerstecher
/ welchen er mit der rechten Hand in vollen biegen rennende auff seinen Feind
richtete; dem aber Hertzog Jubil / weil er diss Gewehre ihm auff die Seite
abzulehnen nicht getraute / klüglich auswich. Ob er nun zwar hingegen den Boris
mit der Lantze zu erreichen vermeinte / beugte sich doch dieser Sarmate mit
einer grossen Geschwindigkeit auf die andere Seite; Hierauf liess er seinen
Schild auf die Seite hängen / ergriff mit beiden Händen eine überaus lange Sebel
/und schlug auff den Fürsten der Hermundurer mit grossem Ungestüme los / also /
dass er für diesen Riesenstreichen sich zu beschirmen grosse Müh hatte. Nach
vielen vergebenen Streichen kriegte endlich dieses ungeheure Gewehre den Schwung
/ also / dass es ihm aus den Händen entfuhr. Jubil meinte bei dieser Gelegenheit
ihm eines zu versetzen / aber Boris bedeckte mit seinem überaus breiten Schilde
seinen ganzen Leib /warf sein Pferd herum / und bückte sich zugleich so tief an
Bodem / dass er eine andere daselbst liegende Sebel aufhob / und mit seinem
Feinde aufs neue anband. Jubil hingegen suchte alle Meisterstreiche herfür
diesem geschwinden Feinde einen Vorteil abzurennen / und insonderheit sein
Pferd zu erlegen / weil er wohl sah / dass des Boris Rüstung und Waffen zu einem
Fussgefechte ungeschickt waren; Zumal diese List vielen Cheruskern neben ihm
wider die Sarmater wohl glückte. Ob nun wohl der abhängende Harnisch viel
tapffere Streiche zernichtete; so geriet ihm doch endlich einer derogestalt /
dass er des Boris Pferd an einen Vorder-Schenckel heftig verwundete / worvon er
über und über stürtzte. Hertzog Jubil sprang Augenblicks vom Pferde um seinem
Feinde vollends den Rest zu geben; als er ein jämmerliches Geschrei eines
Frauenzimmers hinter sich im Walde erblickte / und als er sich umwendete / die
Königin Erato mit einem Stocke gegen zwei mit blancken Sebeln sie antastende
Sarmater sich beschirmen sah. Dieser Notstand machte / dass er des gefallenen
Boris vergass / und der Königin zu Hülffe eilete; für welchem sich ihre Feinde
alsofort in die Hecken verbargen. Herentgegen sah er zwei grausame weisse Bären
/ welche Boris gezähmet / und gleichsam zu seiner Leibwache abgerichtet / sein
Waffenträger aber bei seines Herrn ersehener Stürtzung los gelassen hatte / auf
ihn zurennen / welches ihn nötigte / sich an einen dicken Baum anzulehnen /
wormit er nicht zugleich vor- und rückwärts angegriffen würde. Bei dieser Sorge
hatte er noch eine grössere für die sich nahe bei ihm befindende und unbewehrte
Königin / welche aber / entweder aus göttlicher Beschirmung / oder weil die
Bären dem weiblichen Geschlechte leichte kein Leid tun /zu seiner grossen
Vergnügung unangetastet blieb; iedoch von denen zwei vorigen Sarmatern aufs neue
überfallen / und in das Gepüsche fort geschlept ward. Wiewohl er nun kein ander
Gewehr / als seinen Degen bei der Hand hatte / auch in halbe Verzweiffelung
geriet / dass er die in so grosse Ehren- und Lebens-Not verfallene Erato nicht
retten konnte / so hielt er doch die Bären ihm eine gute Zeit vom Leibe /
verwundete auch beide in ihre Mäuler. Dieses aber verursachte bei ihnen keine
Furcht / sondern vielmehr ein grausames Wüten; insonderheit da der Hertzog dem
einen Bären den Degen tief in die Brust stache. Wie er nun über dem heraus
ziehen zerbrach / sprang der andere Bär gleichsam seines Gefärten Tod zu rächen
/ ihn so gewaltig an / dass er bereit mit einem Knie zu Bodem fiel. Wie nun
dieser auch in der grösten Lebens-Gefahr und bei Ermangelung allen Gewehres
ganz unverzagte Held kein ander Mittel sah diesen grimmigen Klauen zu
entkommen / sprang er mit einer unglaublichen Geschwindigkeit dem Bären auf den
Hals / hielt sich auch mit Händen / Beinen und Zähnen so fest an / dass sich
dieses wilde Tier seiner ungewöhnlichen Last nicht entschütten konnte. Weil nun
Jubil / nach dem er sich feste genung zu sitzen vermeinte / den Bär mit seinem
noch behaltenen Degenstrumpffe möglichst neckte / und zu verwunden trachtete /
nahm dieses erboste Tier in sein erstes Vaterland / nehmlich in den dickesten
Wald seine Zuflucht / brachte ihn aber aus sonderbarem Verhängnisse des Himmels
eben an selbigen Ort / wo sich die nunmehr kaum noch atmende Königin mit den
geilen Sarmatern ärgerte / und in Mangel anderer Waffen mit Zähnen und Nägeln
ihre Ehre verteidigte. Also führet das unerforschliche Verhängnis seine
Schlüsse durch wilde und zahme Tiere aus; und Hertzog Jubil hatte bei nahe
diesem wütenden Bäre so viel zu dancken / als Paris dem so gütigen / der ihn auf
dem Berge Ida gesäuget; und Arion dem Delfine / der ihn durch das Meer nach
Corint getragen haben soll. Hertzog Jubil konnte ihm zwar nichts anders
einbilden; als dass der Bär bei seinem Absteigen ihn aufs neue anfallen würde;
Gleichwol hielt er für rühmlicher von einem unvernünftigen Tiere zerfleischet
werden / als eine so tugendhafte Königin in den Klauen dieser die Grausamkeit
des Bäres weit übertreffender Raubvögel zu lassen / und hierdurch sich selbst
zum Unmenschen machen. Daher griff er mit beiden Händen nach einem vorwärts
ersehenem Aste / und liess den Bär unter sich seine blinde Flucht vollstrecken;
welcher denn auch ohne einiges Umsehen nach seinem Reuter den dicksten Hecken
zueilte. Hertzog Jubil wusste diese göttliche Hülffe mit keinem angenehmern
Opffer seinem Gott abzugelten / als dass er Augenblicks denen sich auf der Erde
mit der Königin umweltzenden Sarmatern zueilte / einem auch / ehe er sein inne
ward / die Sebel von der Seiten wegriess / und selbte beiden in den Wanst stiess /
worvon sie zugleich ihre tolle Brunst abkühleten / als ihre viehische Seelen den
höllischen Rachgeistern ablieferten. Die ihres Hauptes inzwischen entblösten
Cherusker zohen nicht wenig den kürtzern / waren auch von dem Hertzoge Tapis und
dem wieder zu Pferde gebrachten Fürsten Boris schon in Verwirrung und zum
weichen gebracht; als Hertzog Jubil / der in dem Walde zwei aus dem Treffen
entlauffene Pferde erwischt / und nebst der Königin sich darauff gesetzt hatte /
wieder gleichsam vom Himmel fallende den Seinigen zu Hülffe kam. Sein erster
Anblick erneuerte auch der Ermüdesten entfallene Kräfften; Gleichwol aber würden
sie von der Menge endlich übermannet worden sein /nach dem Hertzog Melo sich
wegen vieler Wunden hatte müssen wegtragen lassen / Hertzog Jubil auch aus
sieben wiewol nicht gefährlichen Wunden seine Kräften ausblutete / ja aus denen
Cheruskern nicht einer mehr unbeschädigt blieben war; wenn nicht nach der Flucht
König Marobods und des Segestes Hertzog Herrmann und Rhemetalces mit ihrem
Hauffen dem Fürsten der Hermundurer und denen notleidenden Cheruskern zu Hülffe
kommen wären. Dieser Ankunft verkehrte alsbald das Spiel. Denn Hertzog Tapis
und Boris / welche inzwischen mit den ihrigen auch nicht Seide gesponnen hatten
/ sahen wohl / dass diese neue Hülffe ihnen überlegen wäre; machten ihnen auch
alsofort die Rechnung / dass Marobod an der andern daselbst zwar unsichtbaren
Seite die Flucht gegeben haben müssen. Ja wenn sie auch schon gerne länger gegen
die Cherusker gestanden hätten / so konten sie doch nicht mehr das offentliche
Ausreissen ihrer Marckmänner und Sarmater / welche sich ohne diss in ihren
Kriegen mehrmals der Flucht zu einer Kriegslist brauchen / und also selbte kein
mal für Schande halten / verwehren. Dahero mussten diese zwei streitbare Helden
nur auch zu diesem Erhältnüsse der furchtsamen ihre Zuflucht nehmen / und sich
trösten / dass die Klugheit zuweilen auch hertzhaften zu weichen rätet; und bei
verzweiffeltem Zustande der Gefahr selbst in die Waffen rennen / eine viehische
Hartnäckigkeit / keine Tugend sei. Die Cherusker hingegen waren in ihrer
Verfolgung nicht zu hemmen; in Meinung / dass die / die Furcht im Hertzen trügen
/ auch ein Merckmahl auf den Rücken bekommen müsten. Ob nun wohl denen
Marckmännern und Sarmatern von dem Hinterhalte Marobods eine starcke Hülffe
entgegen kam; so wollten sie doch nicht ihren Verfolgern die Stirne bieten /
sondern brachten unter ihre Gehülffen anfangs ein Schrecken / hernach ein
gleichmässiges Fliehen; biss den Cheruskern teils die Müdigkeit ihrer Pferde /
teils die einbrechende Nacht endlich auch den Zügel anhielt.
    Die nunmehr erledigte Fürstin Tussnelda konnte sich nicht entalten ihren
ganz mit Blut besprützten Feldherrn tränende zu umfangen / und für ihre
Erlösung Danck zu sagen. Hertzog Herrmann nahm selbte mit unaussprechlichen
Hertzens-Freuden an / und ermahnte sie diese mehr göttliche als menschliche
Errettung mit Frolocken / nicht mit Tränen zu erkennen. Tussnelda antwortete:
ihre Zunge könnte freilich ihre Freude der Seele nicht aussprechen / dass sie
nicht allein aus den Händen des grausamen Marobods gerissen / sondern auch in
den Armen ihres liebsten Herrmanns aufentalten wäre; aber wie sollte sie nicht
nur mit Tränen / sondern vielmehr mit Blute beweinen /dass das Geschencke des
Lebens als die gröste Wohltat eines verletzten Menschen ihren Vater Segestes
nicht hätte gewinnen / und von einem so bösen Fürnehmen zurück halten können.
Der Feldherr versetzte: Sie sollte sich an der Güte des Himmels vergnügen. Wer
die göttliche Gewogenheit zur Mutter hätte /könnte die Hold eines unbarmhertzigen
Vaters leicht entbehren. Auch könnte Segestes ihm nimmermehr so viel Leides
antun; als er ihm ihr zu Liebe vergessen wollte. Ja nach dem er nunmehr
Segesten zweimal überwunden hätte / könnte er mit keinem Ruhme sich die
Schwachheit des Zornes überwältigen lassen. Freilich wohl / begegnete ihm
Tussnelda / ist diese Vergessenheit empfangener Beleidigung rühmlicher als das
berühmte Gedächtnis des Cyneas; weil diss eine blosse Gabe der Natur / jene eine
edle Würckung der Tugend ist. Auch ist die Rache eben so wohl ein Laster / als
die Verletzung / nur dass jene es dieser in der Zeit zuvor tut. Jene empfindet
nur die Süssigkeit eines Augenblicks / Sanftmut und Vergebung aber so lange /
als das Leben und Andencken tauert. Jene verletzet nur den Leib ihres Feindes /
diese aber ihre eigene Seele; ja sie kann seinem Verletzer nichts anders rauben /
als was ihm die Zeit ohne diss entziehen wird. Grossmütige Verzeihung hingegen
wird durch unsterblichen Nachruhm verewigt. Dieser hat niemanden iemals / jener
aber die meisten unzehlich mal gereuet / alle verhast gemacht / und nicht wenig
auch einer gleichmässigen Rache unterworffen. Also ward des Achilles Sohn
Neoptolemus / weil er den Priamus dem Jupiter auf seinem Altare abgeschlachtet
hatte /vom Orestes nicht unbillich dem Apollo abgetan. So richtet ihr auch die
Grausamkeit in ihrem eignen Hertzen eine Folter auf. Denn wie die grimmigen
Tiere für einem Schatten / eine abschelenden Blate / einem ungemeinen Geruche
erschrecken / die Löwen sich auch für einer aufspringenden Maus erschüttern;
also fürchtet sich ein grausamer Fürst für eben so viele /als andere für ihm.
Aber stehet es wohl in unserer Gewalt ein so grosses Unrecht zu vergessen? Giebet
uns nicht so wohl unsere eigene Sicherheit / als der natürliche Trieb das
Rachschwerd in die Hand / wenn unsere Gütigkeit unsern Feind nicht besänftiget /
sondern nach Art der abzugelten unmöglichen Woltaten / ihn nur noch mehr
erbittert? Oder kann die Liebe gegen derselben unversehrt bleiben / wenn ihr
Ursprung nichts als Gift und Galle kochet? Und mit was für einer Bach voll
Tränen mag Tussnelde ihren eigenen Schimpf abwaschen; nach dem Segestes sein
ganzes Geschlechte mit solcher Untreu besudelt? Keine Flecken sind schwerer zu
vertilgen / keine Verbrechen geben einen hässlichern Gestanck von sich / als
welche nach Verräterei rüchen. Der Feldherr umarmte Tussnelden aufs neue / mit
beweglicher Bitte: Sie wollte doch ihr und der Tugend kein so ungerechtes Urtel
fällen / wenn sie ihr fremde Schuld des Segestes aufhalsete. Das Licht der
Tugend allein hätte nur diesen Vorzug; und begreiffe so viel in sich / dass sie
auch andere mit ihrem Glantze beteilte; das Wesen der Laster aber bestünde in
Finsternis / und erstrecke sich ihr Schatten nicht über das Maass der Verbrecher;
Daher könnte zwar fremdes Feuer unsere eigentümliche Güter / aber fremde Schuld
nicht unsern eigenen Ruhm verzehren. Uberdiss würde die Grösse ihrer Liebe ihr
schwerlich zu glauben verstatten / dass die Seinige durch einigen Zufall der Welt
vermindert werden könnte. Tugend und ungefälschte Liebe wären in dem / dem
Gestirne zu vergleichen / dass kein Nebel noch Unglück ihnen das Licht ausleschen
könnte; darinnen aber überträffen sie es / dass sie allzeit im Wachstum blieben.
Wie aber könnte sein guter Ruhm mehr ins Abnehmen kommen / als weñ er durch
Rachgier selbten verfinsterte? Alle Begierden verblendeten zwar die Augen des
Gemüts / den Geitzigen machte sein ersehner Vorteil übersichtig / ein Geiler
sähe den Frosch für eine Diana / ein Hoffärtiger die Riesen für Zwerge an / ein
Heuchler machte aus Kohlen Kreide / ein Verläumder aus Kreide Kohlen; ein Zorn-
und Rachgieriger aber sei stock blind / und stürtze sich oft ehe als seinen
Todfeind in den erschrecklichsten Abgrund; ja er rechne es ihm für einen grossen
Gewinn / wenn er seinen Feind mit seiner eigenen Leiche erdrücken könne.
    Bei währender dieser annehmlichen Unterredung wusste die Königin Erato ihre
Verbindligkeit gegen dem Hertzoge Jubil nicht genungsam auszudrücken /also dass
sie auch ohne einige Bedenckligkeit ihres Geschlechtes in seine Umarmung rennte.
Sintemal man sich gegen dem aus Schamhaftigkeit nicht zu zwingen hat / welchem
man die Behaltung der Ehre und Scham zu dancken verbunden ist. Sie nennte ihn
ihren Schutz-Gott / ihren Erhalter / ihren Vater / ja dem sie so viel mehr
verknüpft wäre / so viel sie ihre Ehre höher / als ihr Leben schätzte; weil er
mit dem Blute der geilen Sarmater nicht nur ihre viehische Begierde / sondern
auch das Andencken ihrer schwartzen Unterfangung ausgewischt hätte. Er habe sein
Leben für ihre Keuschheit in die Schantze gesetzt / wormit sie ihr Lebtage nicht
für der Welt und ihrem eigenen Andencken schamrot / oder vielmehr ihre Hände in
ihrem eigenen Blute hätte waschen dörffen. Denn da diese rasende Unmenschen ihr
gleich nach geraubter Ehre den Lebens-Atem übrig gelassen hätten / würde sie
selbtem als einer Marter ihrer reinen Seele doch durch eine Wunde auszufahren
Luft gemacht haben. Wiewol sie zu den Göttern der Zuversicht gelebt / sie würden
ihr ehe den Lebensfadem abgerissen / oder sie der Vernunft und aller Sinnen
beraubet / als eine solche Schmach zu erleben und zu empfinden über sie
verhangen haben. Hertzog Jubil war über dieser freimütigen Erkenntnis
derogestalt erfreuet / dass er der Königin Gunst-Bezeigung nicht nur für eine
weit überwichtige Vergeltung seiner Woltaten schätzte /sondern auch seine
hieraus geschöpffte Vergnügung aller seiner überstandenen Gefährligkeiten schier
vergass. Er raffte diesemnach jetzt alle Kräfften seiner Höfligkeit / wie vorhin
seiner Tapfferkeit zusammen /einer so liebreichen Königin annehmlich zu
begegnen. Er strich ihre gegen die gewafneten Sarmater erwiesene
Hertzhaftigkeit mit so hohen Lobsprüchen / als es ihre herrliche Tat verdiente
/ und mit so lebhaften Farben heraus / dass der Feldherr seine Tbussnelda und die
andern Fürsten / (welche ihre überstandene Ebenteuer zu vernehmen begierig
waren) alles gleichsam noch einmal geschehen sahen. Er verkleinerte seine
Verdienste / indem das Glücke ihm in allem Tun die Hand geführet / und einen
wilden Bären ihm zum Pferde und Wegweiser gemacht hätte; sollte ja aber seine
Tapfferkeit etwas darbei getan haben / wäre ihr unvergleichliches Beispiel für
den Zunder zu halten / welcher seinen Geist zu behertzten Entschlüssungen
angesteckt hätte. Dahero wäre seine Tat nicht so wohl aus eigner Würdigkeit /
als nur wegen so erfreulichen Ausschlages / da eine so tugendhafte Königin aus
einer so abscheulichen Antastung errettet worden / zu schätzen. Hingegen
überstiege ihre zusammen vermählte Tapfferkeit und Keuschheit das Lob aller
Sterblichen / zumal die einige Keuschheit ohne diss für eine grössere
Hertzhaftigkeit / als aller Welt-Eroberer Helden-Taten zu achten wäre. Fürst
Rhemetalces brach hier ein: Er wäre verwundert über dieser grossen Heldin / und
der Neid selbst würde ihrem Ruhme ehe was beisetzen müssen / als einen Gran
wegnehmen können. Aber diss könne er nicht begreiffen / wie die Keuschheit die
eigentümliche Tugend des schwächeren Geschlechtes eine grössere
Hertzhaftigkeit / als die Tapfferkeit der Helden abgeben solle? Jene hätte ja
meist ihre Anfechtung nur von anmutigem Reitze und zuckernen Worten / ihr
Kampff geschehe in wohlrüchenden Zimmern; und die ihr am heftigsten zusetzten /
küsseten ihrem Feinde die Hände / legten sich ihm unter die Füsse
/verschmertzten alle Beleidigung / gehorsamten ihrem Augenwinck / opfferten ihm
Seuffzen und Tränen /und nicht selten ihre hellodernde Seele auff dem Altar der
Verzweiffelung auff. Also hätte die Keuschheit mehr das Ansehn einer gebietenden
Käyserin / als einer streitenden Amazone. Sie liesse sich mehrmals die tiefste
Demut nicht erbitten; sie aber gebiete wohl über Könige / und lache derer / die
alle ihre Kräfften mit eben solchem Vorteil an ihre Unbarmhertzigkeit / als das
Meer seine Wellen an eine steile Klippe anschlagen. Hingegen müsse die
Helden-Tugend so vielen Todten die Stirne bieten / als es Pfeile in den Köchern
der Feinde / und Spitzen an Degen eines versammleten Kriegs-Heeres habe / sie
müsse über unwegbare Felsen / durch ungründbare Ströme / auf geharnschte Mauern
/ wider Feuer und Schwerdter / und den Donner der Geschütze behertzt ansetzen /
welche in der Welt grössere Schrecken und Mörde stiffteten /als der natürliche
Blitz aus den Wolcken. Diese gewinne Schlachten / erobere Festungen / erwerbe
Zepter und Kronen / und zehle ihre Uberwundene nach tausenden. Die holdselige
Tussnelda begegnete dem Tracischen Fürsten mit einer durchdringenden Anmut /
dass nicht so wohl die Selbstliebe ihres Geschlechtes / als die Warheit sie
nötigte / dem Fürsten Jubil beizufallen. Denn wenn man die euserliche Bemühung
des Leibes / und ansehnliche Geschickligkeit der Glieder / weil die Tugenden ja
nicht in Fleisch und Beinen / sondern im Gemüte ihren Sitz hätten /wegnehme /
würde wenig mehr scheinbares für die Helden übrig bleiben / dass ihre Tapfferkeit
sich der Hertzhaftigkeit einer keuschen Frauen fürzücken sollte. Diese müste zu
ihrer Ausübung nicht immer die Gebel in der Hand / Stahl und Feuer über dem
Kopffe / blutige Hände und feurige Augen haben / noch auf Leichen und Asche
gehen. Jedoch wäre die Keuschheit nicht nur eine Tugend des Krieges / sondern
auch des Friedens; und zwar eines so harten / welcher weder einen Stillestand /
noch dass man sich auff keine Seite des Feindes schlüge / verstattete / sondern
in dem man sein Lebenlang kämpffen / und entweder sterben oder siegen müste. Die
Keuschheit hätte zwar zu ihrem Sinnbilde die weichen Lilgen / aber sie müste mit
Disteln umgeben sein. Ja ihrem Bedüncken nach wäre die Rose ihr füglicher
zuzueignen / welche nicht nur an ihrer Farbe verschämt / sondern mit so viel
Dörnern gewaffnet ist. Unter den Tieren wäre das gröste und zum Kriege
geschickteste / nämlich der Elefant / auch das keuscheste / welches von keinem
Ehebruche wüste. Die Keuschheit habe so viel Feinde / als das menschliche
Gemüte unziemliche Regungen; und so viel mehr gefährliche / als sich mit Anmut
und Tugend vermummen / und daher weniger kentbar und schwerer zurück zu treiben
wären / als welche einen mit Dreuen und Schnauben zum Kampff ausfordern. Also
lasse sich der sonst wider den Hammer bestehende Marmel von weichen
Regen-Tropffen abnützen; und der allen starcken Tieren so schreckliche Löwe von
einer Wespe überwinden. Dahero sei Hercules / nach dem er die Ungeheuer der Welt
und der Hölle überwältiget / Alexander und Julius / nach dem sie so viel Völcker
bestritten / so viel Reiche zermalmet / von der Liebe untergedrückt worden / und
ihr Helden-Geist niedriger gewest / als welchen die Keuschheit von nöten habe.
Ja die Natur schlage sich mit ihrem Triebe / unsere eigene Sinnen mit ihrer
Kitzelung auf die Seite dieser so annehmlichen Widersacher; eröfneten ihnen
verräterisch die Pforte des Hertzens; dahero wie die unvermerckte Krafft des
Magnets das so schwere und unbewegliche Eisen ohne unsere Gewaltsamkeit an sich
zeucht / also werde der Liebreitz auch leicht Meister unsers Willens / und
vereinbare sich mit unser Zuneigung. Hingegen habe die Tapfferkeit keine so
schlaue und schleichende / sondern nur einen öffentlichen Feind /nämlich die
gewaltsame Antastung; und nebst ihr die Natur selbst zum Beistande; welche für
Abwendung aller Beleidigung allezeit Schildwache hält / und das Böse abzulehnen
dem Gemüte einen angebohrnen Trieb / iedem Gliede eine absondere Fähigkeit zu
Beschirmung des ganzen Leibes eingepflantzet hat; wenn die Keuschheit von
niemanden als der einigen Vernunft ihre Waffen zuentlehnen weiss. Also sei in
alle Wege der Tapfferkeit viel leichter einem Riesen die Stange zu bieten / als
der Keuschheit die Zuneigungen des Gemütes zu zwingen / das Verlangen der Seele
/ den Trieb der Sinnen zu dämpffen / die Vergnügung als ein so scheinbares Gut
aus den Händen zu schlagen / ja der Wollust obzusiegen / einer so hartnäckichten
und zugleich liebkosenden Feindin /welcher weder die Gewalt der Starcken / noch
das Nachdencken der vorsichtigsten etwas leicht anhat /ob sie schon nicht mit
Schwerd und Feuer / sondern mit Blumen und Schneeballen angreift. Ich geschweige
/ dass die Liebe und Wollust insgemein noch viel mächtige Feinde auf den
Kampf-Platz bringe; als den Geitz / durch Ausschüttung köstlicher Perlen /
unschätzbarer Edelgesteine / und des güldenen Regens /wordurch man auch
unzehlbare Schlösser aufsprenget / und zu Danaen durch eiserne Riegel dringet;
die Schmach und Schande / wenn man der widerspenstigen Keuschheit grausamste
Laster und knechtische Buhlschaft anzutichten dräuet / die Ehrsucht / wenn man
ihre ungemeine Würden / Purpur und Anbetungen vieler Völcker verheisset / ja
endlich den so grausam aussehenden Tod / wenn ein brüllender Tarqvin einer
Lucretia den Dolch ans Hertze setzt; wenn ein Wüterich auf einer Seite sein aus
Sammet und Atlas bereitetes Bette / auf der andern Seite der Hencker Rad und
glüende Zange fürleget; also die Keuschheit alle annehmliche Eitelkeit
grossmütig verachten /alles schreckliche mit einer unbeweglichen Gedult
ausstehen / beides aber durch eine mehr als heldenmässige Hertzhaftigkeit
überwinden / ja mit ihrem eigenen Messer dem Notzwange toller Brunst zuvor
kommen / und ihre Brüste mit reinem Blute beflecken muss; wormit man die Lilgen
der Keuschheit unbesudelt in Sarch lege; Massen denn ohne dergleichen
Anfechtungen sich keine für keusch zu rühmen / sondern entweder für eine von der
Geburtsart her frostige /oder für eine von den Lastern selbst verschmehete zu
halten hat. Der Feldherr brach allhier seiner Tussnelden ein: Die Keuschheit
dörfe in alle wege ein grosses Hertze / und unverzagte Entschlüssungen; aber diss
könne er nimmermehr billichen / dass sie wider sich selbst ihre Rache ausüben /
und ein fremdes Laster an ihrem unschuldigen Leibe straffen sollte. Denn da das
Gemüte in eines andern Uppigkeit nicht gewilligt habe / wäre durch Zwang weder
die Seele besudelt / noch dem guten Nahmen ein solcher Schandfleck angehenckt
worden / welcher mit so scharffer Lauge seines eigenen Blutes abgewischt werden
müsse. Ihm wäre zwar nicht unbekandt / wie hoch die Römer den Selbstmord ihrer
Lucretie heraus strichen; er finde aber daran nichts ruhmwürdiges /als dass sie
mit ihrem Messer das Joch der königlichen Tyrannei zerkerbet habe; und dass wie
aus Aureliens Bauche der Julius und die Römische Dienstbarkeit geschnitten /
also aus Lucretiens Wunde die Freiheit des Volckes geboren worden. Auser dem
aber / da sie Tarqvin mit Gewalt verunehret / wäre sie keines Todes schuldig; da
sie aber zugleich gesündigt / ihre Reue zu spat / und ihre Verzweiffelung keines
Lobes würdig gewest. Die Königin Erato konnte sich nicht entalten / der in ihren
Augen so hoch gesehenen Lucretia das Wort zu reden / und nach des Feldherrn
gebetener Erlaubnis entgegen zu setzen: Keuschheit und Lilgen wären von solcher
Reinligkeit / dass diese auch in ihrem Stiele / jene in ihrem Leibe keinen Fleck
erduldete. Die Lilge streckte ihr Haupt unter den Blumen / die Keuschheit unter
den Tugenden am höchsten empor / wormit jene von dem Schlamme der Erden / diese
der Laster nicht besudelt würde. Die Lilge habe eine Farbe wie Schnee / einen
Geruch über Bisam / eine Krone von Gold; die Keuschheit müsse nicht alleine den
Glantz der Unschuld / sondern einen allen Verdachts befreiten Geruch eines guten
Namens haben / wenn sie den Krantz der Ehren erwerben wollte. Wie nun aber die
Lilge alleine / wenn sie unberührt bleibt / ihren Geruch behielte / durch
Betastung aber selbten in Stanck verwandelte; also müsse die Keuschheit auch die
Berührung ihrer Glieder von einem geilen Finger verhüten / wo sie ihrer Ehre
keinen Abbruch tun wolle; oder da ihre euserste Sorgfalt sie endlich für der
Verwelckung nicht länger befreien / und mit ihrem kräfftigen Geruche die
Giftsaugenden Schlangen von dem Genüsse ihres Jungfrauen-Honigs verjagen könnte /
doch mit ihrem Blute ihr einen neuen Ruhm gebähren / wie die Lilge sich aus
ihren abfallenden eigenen Tränen säme und fortpflantze. Die Fürstin Tussnelda
fiel der Königin ein: Sie billigte allerdinges ihre Lehre / aber nicht das darzu
aufgestellte Beispiel. Denn sie liesse Lucretien gerne für eine Austreiberin der
Tyrannen / für eine Mutter der bürgerlichen Freiheit / nicht aber für ein
vollkommenes Muster der Keuschheit gelten. Sintemal sie für ihrer Befleckung den
angesetzten Dolch des Tarqvin / nicht aber nach verwundeter Sache ihr Messer in
ihren Brüsten hätte empfinden sollen. Weil ja eine mit Schrecken erpreste
Beliebung zwar kein freier / aber gleichwol ein Wille; ein züchtiges Hertze aber
ein so durchsichtiges Crystall wäre / welches keinen Schatten gebe / und ein so
heller Spiegel / dass er vom Anhauchen / von einem geile Anblicke Flecken bekäme.
Diesemnach wäre mit viel reineren Leibern /mit viel keuscheren Seelen nach der
vom Marius erlittener Niederlage das deutsche gefangene Frauenzimmer gestorben /
da sie in einer Nacht / als sie Marius der Göttin Vesta nicht wiedmen wollte /
durch eigenhändigen Tod aller fremden Brunst zuvor kamen. Da aber ja von einem
Wüterich der Keuschheit die Hände gebunden würden / könnte sie so deñ allererst
ein behertzter Tod aller Schande befreien. Also wäre eine Fürstin ihres
Geschlechtes von einem Ungeheuer anfangs in Band und Eisen geschlagen / hernach
aber als sie vergebens um durch einen rühmlichen Todt ihrer Schande für zukommen
/ aus einem hohen Zimmer herab gesprungen / in seinem Bette / worfür sie Pfal
und Holtzstoss lieber beschritten hätte / zu ihrer Entweihung angebunden / und
aus hierüber geschöpfftem Hertzeleide ihre reine Seele auff dem Grabe ihres
vorher ermordeten Ehherrn ausgeblasen worden. Fürst Rhemetalces / nachdem er mit
Verwunderung so tugendhaften Geschicht- und Entschlüssungen zugehöret hatte /
fing hierauff an: Er und die übrige Welt müsten bei solcher Beschaffenheit nicht
nur ihren Meinungen beipflichten / sondern auch ihren Tugenden aus dem Wege
treten. Armenien aber / fing Hertzog Jubil an / würde sich nunmehr mit der
Heldentat ihrer Erato auch den Deutschen zu gleichen und andern Völckern für zu
zücken haben. In alle wege fuhr der Feldherr fort / denn die Tugend ist an keine
Ecke der Welt angepflöcket. Wie unter einem gütigen Himmel und einem
glückseligen Gestirne solcher ArtMenschen geboren werden / die unter dem kalten
Angelsterne wohnen; Also werden in dem eissichten Nord auch solche gezeuget / wie
die /so die Sonne über ihrem Würbel haben. Mir ist zwar nicht unbewust / dass die
Sternverständigen die Weltkugel in sieben der Breite nach genommene Landstriche
abteilen / den ersten / der durch die Insel Meroe geht / dem Saturnus / und
destalben groben / argwohn- und verräterischen Leuten / den andern bei der
Egyptischen Stadt Siene dem Jupiter / und darum klugen andächtigen und
ehrliebenden Einwohnern /den dritten / der Alexandria berührt / dem Mars / und
also kriegerischen und unruhigen Menschen zueignen. Uber dem vierdten / unter
dem Rhodis und halb Griechenland gelegen / setzen sie die Sonne / darinnen
gelehrte / beredsame und zu allen Künsten geschickte Leute wohnten; Den fünften
/ welcher Italien begreifft / stellen sie unter den Einfluss der Venus / und
machen darinnen Wollust und Uppigkeit zur Herrscherin. Den sechsten / der
Gallien in sich hat / soll Mercur unter sich / und also veränderliche und
unbeständige / iedoch denen Wissenschaften ergebige Einwohner; Der siebende
aber / der uns Deutsche und Britannien erreicht / des Monden Eigenschaft haben
/und desshalben traurige / und nur zur Kaufmannschaft und Gastereien geneigte
Leute bewirten. Alleine wie ich unschwer entenge / dass die Würckung der
Gestirne über die Beschaffenheit der dort oder dar sich befindlicher Leiber eben
so wie über die Erde selbst eine grosse Gewalt ausübe; wiewohl auch diese nach
ihrem Unterscheide jener Würckung verhindert; Daher es auch unter dem mittelsten
Sonnen-Zirckel nicht allentalben glüendheiss / sondern recht mittelmässig / gegen
Mitternacht nicht allentalben unerträglich kalt ist / also ist das edelste
Kleinod des Gemüts die Tugend / welche ihren Ursprung nicht aus den Sternen /
noch aus den Dünsten der Erden sondern aus einem überirrdischen Saamen / welchen
die Göttliche Versehung in Mutterleibe noch in unsere Seelen eingeust / und eine
gute Aufferziehung fortpflantzet / nicht in gewisse Winckel des Erdkreisses zu
verriegeln. Zwar ists nicht ohne / dass ein Volck tugendhafter sei als das
andere / und dass zu gewisser Zeit gewisse Laster / wie manche Kranckheiten /
mehr im Schwunge gehen. Allein es ist kein Ort und keine Zeit so unglückselig /
dass eitel Klodier /kein Cato leben sollte. Jedes Land hat seine Wunwerwercke und
seine Missgeburten nichts weniger / als seine Tage und seine Nächte. Keines ist
/welches nicht seinen Hercules / und seine Lucretia auff die Schaubühne stellen
könne. Und wo Sonnen sind / gibt es auch Finsternisse. Ob wir Deutschen nun wohl
dem berühmten Armenien eine so köstliche Perle / als ihre Königin Erato ist /
nicht missgönnen /so rechnen wir es doch für ein Glücke Deutschlandes /dass selbte
mit einem so herrlichen Strahl ihrer Tugend unser Deutschland beseligt / und
ihre Heldentat zu einem Beispiele unser Nachkommen fürgebildet habe. Die
Königin färbte über diesem Ruhme ihre verschämte Wangen / schrieb ihr Beginnen /
da es ja eines Ruhmes würdig wäre / dem Einflusse Deutschlandes / welches so
vieler Völcker gemeine Laster auch nicht nur von Nahmen keñte / alles ihr
gegebene Lob aber der Hertzhaftigkeit des Fürsten Jubils zu /dessen Tugend
nicht nur so viehische Menschen /sondern auch die grausamsten Tiere bezwungen
/und den Nahmen eines neuen Hercules verdienet hätte. Die Fürstin Tussnelde fiel
ein: Ich weiss sicher nicht / ob ich wilde Tiere oder böse Menschen für
grausamer halten solle. Denn ob gleich die Natur diese nicht wie die Bäre mit
starcken Tatzen / wie die Löwen mit starcken Klauen / wie die Tiger mit
scharffen Nägeln / mit einem Rüssel wie die Elefanten / mit Hörnern wie die
Ochsen / mit Zähnen wie die hauenden Schweine / mit Stacheln wie die Bienen
ausgerüstet / so hat sie es doch nicht so wohl aus Missgunst getan / weil die
Vernunft alle Waffen überwieget /als die Menschen aus Misstrauen allzu grossen
Misstrauens entwaffnet. Sintemal die Verläumder eine viel gifftigere Zunge als
die Nattern / wormit sie auch die reinsten Lilgen begeiffern / die Betrüger viel
krümmere Anschläge / als die Hörner der Auer-Ochsen sind /wormit sie auch die
Fürsichtigen beschädigen / die Neidischen schädlichere Augen als Basilissken
haben /und mit ihren Blicken die Unschuld zu erstechen trachten. Der Atem der
Drachen ist nicht so tödtlich als der Heuchler / die Hunds-Zähne nicht so
spitzig als der Zornigen / keine Egel so blutdürstig als die Tyrannen. Also sind
im Menschen nicht nur aller Ungeheuer Waffen vereinbart / sondern da diese zum
höchsten uns nur des Lebens zu entsetzen mächtig sind / so rauben uns diese noch
Ehre / Friede / Gut /Vergnügung / das Gewissen / und endlich gar die Seele /
durch Lästern / Krieg / Diebstal / Ehbruch /Verführ- und Verzweiffelung. Bei
welcher Bewandtnis sich nicht zu verwundern ist / dass so viel Weltweise geglaubt:
die Menschen hätten nichts überirrdisches an sich / sondern sie wären wie die
wilden Tiere von sich selbst aus der Erde gewachsen. Massen denn ein Mensch dem
andern oft unähnlicher als einem Affen / und gehässiger als den Schlangen ist.
Daher Socrates mit ihm selbst nicht eins gewest ist: Ob er ein Mensch oder ander
Tier wäre / und deswegen nachdencklich gedichtet / dass er auff dem
Vogel-Eylande wegen dess daselbst eingewurtzelten Hasses wider die Menschen /
sich habe für einen Affen ausgeben müssen. Ich muss es gestehen / fing Hertzog
Jubil an / diese zwei Bären bezeugten allhier gegen einer solchen
anbetens-würdigen Göttin mehr Barmhertzigkeit und Ehrerbietung / als die
Sarmatischen Unmenschen; ja der eine führte mich so gar zu ihrer Errettung. Und
ob sie wohl gegen mich ihre Klauen gewetzet / so ist doch diss nicht so wohl für
eine Grausamkeit zu schelten / sondern vielmehr als eine Verteidigung ihres
Herrn / welcher sonst sein Leben dissmahl nicht darvon gebracht hätte / zu loben.
Fürst Rhemetalces setzte bei: Es wäre in alle wege die Tat dieser zwei so wohl
abgerichteten und treuen Bären so schlecht nicht anzusehen. In Epiro habe zwar
ein Hund den Mörder seines Herrn angegeben / ein ander sich mit seinem
Lisimachus verbrennen / Masinissa sich von Hunden bewachen lassen / einander
sich mit seinem in die Tiber geschmissenen Herrn ersäuft. Die Colophonier und
Castabalenser hätten Hunde in ihren Schlachten an die Spitze gestellet / zwei
hundert Hunde hätten einen König der Garamanter durch ihre Tapfferkeit wieder in
sein Reich gesetzt. Der grosse Mitridates habe zwar Hunde / ein Pferd / einen
wilden Ochsen / und einen Hirsch / Hanno einen Löwen im Läger zu seiner
Bewahrung abgerichtet / welches als ein Zeichen angezielter Ober-Herrschaft
über Cartago ihn seinen Kopff gekostet / Marcus Antonius habe nach der
Pharsalischen Schlacht zur Andeitung / dass die hertzhaftigsten Römer sich einem
knechtischen Joche unterwerffen würden / gezähmte Löwen an seinen Wagen
gespannet / und sei darmit in Rom gefahren; von denen so wilden Bären aber habe
er noch nicht gehöret / dass selbte zur Leibwache wären gebraucht / und zum
Kriege abgerichtet worden. Der Feldherr antwortete: Es wäre in denen Nordländern
diss nichts ungemeines; massen die Bären alldar zum Tantz und anderer Gauckelei
gewehnet würden. Auch hielte er darfür / dass die Bären in Tracien nicht
grimmiger sein müsten / weil in dem benachbarten Phrygien ja des Priamus wegen
eines Traumes in das Idische Gebürge verworffener Sohn Alexander von einer Bärin
soll gesäuget worden sein. Rhemetalces versetzte: Ich höre wohl / dass der
Feldherr meiner Nachbarschaft mehr als ich selbst kundig sei. Jedoch fällt mir
zu Bestärckung obiger Meinung ein / dass es die Menschen den wilden Tieren weit
zuvor tun /wie Cyrus von einem Hunde / Pelias von einer Stutte /Egistus von
einer Ziege / Romulus von einer Wölffin / König Habis von einer Hinde / Midas
von Ameisen / Hiero und Plato von Bienen / ja Pytagoras gar von einem
Aspen-Baume ernehret worden sei; als die unbarmhertzigen Eltern ihnen die
Lebens-Mittel entzogen. Es ist zu bejammern / antwortete der Feldherr /dass
vernünftige Menschen wilder als wild sind / dass ein Tier ins gemein nur einer
übeln Art / als der Fuchs der Arglist / der Hund der Zwistigkeit / der Esel der
Trägheit / der Hase der Furchtsamkeit / der Panter der Grausamkeit / der Mensch
hingegen aller Laster fähig sei. Und da kein Untier ein anders tödtet / wenn es
nicht Hunger oder Beleidigung darzu nötiget / der Mensch alleine das heilige
Ebenbild Gottes den andern im Schertz und Kurtzweil in offentlichen
Schau-Plätzen mit Lachen und Frolocken der Zuschauer ermordet. Ja weñ man den
Abriss dess menschlichen Lebens genau betrachtet / scheinet selbter fast alle zehn
Jahr eine neue Gestalt eines Tieres abzubilden / und biss zum zehenden Jahre
einen Papagoyen / und ein spielendes Eichhorn / biss zum zwantzigsten einen
stoltzen Pfauen / biss zum dreissigsten einen hitzigen Löwen / biss zum
viertzigsten ein arbeitsames Kamel / biss zum funffzigsten eine listige Schlange
/ biss zum sechzigsten einen neidischen Hund abzugeben / und derogestalt biss er
wieder zum Kinde wird / sich von Jahre zu Jahre mehr zu verschlimmern / und ie
mehr sein Verstand zunimmet /sich seines edlen Schatzes der Vernunft nur
weniger zu gebrauchen / oder kräfftiger zu missbrauchen. Die tugendsame Tussnelde
seufzete hierüber / und zweiffelsfrei über dem Beginnen ihres Vatern Segestes
/und hob an: Wolte Gott! dass der Mensch dieses mehr als himlische Licht der
Natur / welches in uns alle Nebel der Unwissenheit / allen stinckenden Dampff
der Laster erleuchten und zertreiben soll / mit Nachhängung seiner bösen Lüste
nicht verfinsterte! Wolte Gott! dass er alle sein Tun nach dieser Richtschnur
richtete! Denn die Vernunft ist in Warheit der Probierstein / an dem man alle
Begebnüsse streichen /alles Böse und Gute unterscheiden muss. Sie ist die
Magnet-Nadel / welche sich allezeit gegen dem Angelsterne der Tugend wendet.
Diese ist des Menschen eigentümliches Gut / das die Natur ihm zuvoraus
geschencket hat; Alle andere Gaben besitzen auch andere Tiere. Einen Leib haben
auch die Steine / ein Leben auch die Gewächse / die Bewegung auch das Gewürme /
eine Schönheit auch die Pfauen / eine Stimme auch die Papagoyen / eine Stärckere
der Löw / eine schärffere der Adler / eine lieblichere die Nachtigal. Die
Elephanten übertreffen den Menschen an der Stärcke / die Hirschen an
Geschwindigkeit / die Affen am Geschmacke / die Spinne am Fühlen / der Geier am
Geruche / der Luchs am Gesichte / das wilde Schwein am Gehöre. Der Mensch aber
alle Geschöpffe / auch die Gestirne am Gebrauch der Vernunft / nehmlich der
Tugend.
    Uber diesen Worten vernahmen sie ein starckes Geräusche / welches die
Fürsten das Frauenzimmer auff die Seite zu bringen / und sich zu Pferde zu
setzen verursachte. Bald hierauf sahen sie aus dem Gehöltze eine Menge
flüchtiger Marckmänner spornstreichs hervor kommen / welche von denen Cheruskern
unter dem Fürsten Adgandester und Malovend verfolgt worden / hier aber ihrem
zweiten Feinde in die Hände fielen. Wie nun diese wenige Uberbleibung alsofort
umringet ward / und sie keine Ausflucht sahen / warffen sie alle die Waffen von
sich / und untergaben sich der Gnade ihrer Uberwinder. Der Feldherr liess sie
nach Kriegsbrauch gefangen nehmen und in Verwahrung halten. Nach dem er auch von
Adgandestern verstand / dass nach etlicher Stunden hartnäckichtem Gefechte sie
wohl ein paar tausend harte hinter ihnen herziehende Cherusker entsetzet / und
den Feind in gegenwärtige Flucht getrieben hätten; ward er mit den andern
Fürsten schlüssig den König Marobod vollends zu verfolgen und aus seinem Gebiete
zu treiben.
    Diesem nach fertigte er zwei tausend Pferde von denen / welche wenig oder
gar nicht gefochten hatten /unter etlichen seinen Kriegs-Obersten ab / dem
Feinde noch selbige Nacht nachzusetzen. Die Fürsten aber mit denen abgematteten
begaben sich in die kaum eine halbe Meile von dar entfernte Stadt Tulisurgium
/wohin die Verwundeten zu ihrer Pflegung / die Todten aber zu ehrlicher
Beerdigung gebracht wurden.
    Es begunte aber kaum ein wenig zu tagen / als der Feldherr mit seinen
ausgeruheten Cheruskern schon wieder zu Pferde sass / und biss an den Weser-Strom
fortrückte; daselbst aber von einem aus seinem Vortrabe zurück geschickten
Edelmanne benachrichtiget ward / dass König Marobod mit seiner geringen
Uberbleibung / welche nicht entweder von der Schärffe der Schwerdter gefallen /
oder wegen Müdigkeit nicht folgen können / über die Weser gesetzt / und so
eilfertig sich geflüchtet hätte / dass er schwerlich zu ereilen sein würde. Weil
nun der Vortrab nach dem Urtel derer / die die flüchtigen Hauffen gesehen
hätten /dem Feinde überflüssig gewachsen zu sein schien /zumal insgemein drei
Flüchtige nicht gegen einem aus den Uberwindern stehen / hielt es der Feldherr
nicht vor ratsam einem so schwachen Feinde selbst /uñ mit so hohen Häuptern und
mehrer Macht nachzusetzen / sondern er schrieb an König Marobod folgenden
Inhalts:
    Ob zwar das Fürstliche Cheruskische Haus und seine Bundsgenossen von den
Marckmännern durch vielerlei Beleidigung zu Ergreiffung der Waffen wäre
gereitzet worden / habe doch die Liebe des Vaterlands / und die Sorge für die
allgemeine Freiheit ihm allezeit die Eintracht geraten. Sintemal der Degen zwar
/ wenn man will / ausgezogen / nicht aber eingesteckt werden könne; und sie
beiderseits einen solchen Feind an der Seite hätten / der sich der Deutschen
Uneinigkeit zu seinem Vorteil meisterlich zu bedienen wüste. Er habe zeiter
wegen dieses gemeinen Besten unterschiedene Feindseligkeit unerschrocken
übernommen / und die ihm von den Römern angebotene güldene Berge verächtlich
gehalten / da er nebst ihnen mit dem Marobod brechen wollte. Also befremde ihn
nicht wenig gegenwärtiger wider alles Fried- und Kriegs-Recht fürgenommene
Einfall / und zwar zu der Zeit / als er und andere recht deutsch gesinnte
Fürsten so wohl für seine als ihre eigene Erhaltung zu Felde gelegen / und das
schon in fremder Dienstbarkeit schmachtende Deutschland aus den Fesseln gerissen
hätten; ja da der Fürst Ingviomer unterwegens wäre ihn aller Freundschaft zu
versichern /und ein neues Bündiss fürzuschlagen. Die Entführung seiner mit ihres
Vatern Willen ihm verlobten Braut beleidige nicht nur das Recht der
Freundschaft / der Völcker und der heiligen Eh / sondern auch die Gotteit /
für welcher Altare das Eh-Verlöbnis vollzogen worden / und welche das ihr
angefügte Unrecht zu rächen nicht vergesse. Daher mangele ihm nunmehr weder
erhebliche Ursache noch Kräften / mit seinen sieghaften Waffen dieser
Beleidigung gerechter Rache zu üben; daraus die Sterblichen ins gemein einen
grossen Wucher suchten / Gott auch selbst deshalben für uns sorgfältig wäre.
Jedoch wollte er noch einmal hierzu ein Auge zudrücken / und glauben / dass
Segestes der Uhrheber / die Heftigkeit seiner Liebe nur der blinde Wegweiser
dieses Anschlages gewesen sei; der allgemeine Nachtreter unbedachtsamer
Erkühnungen nämlich die Reue ihm aber schon auf den Fersen folge. Daher wolle er
das gemeine Heil seinem absondern Unrechte vor- die abgefertigte Botschaft
nicht zurücke ziehen; also ihm zum Uberflusse noch die Wahl lassen: Ob er das
fürgeschlagene Bündnis für die Freiheit des Vaterlandes belieben / oder ihm und
seinen Bundsgenossen einen verderblichen Krieg abnötigen wolle? Er möchte aus
des vorhergehenden Tages Begebenheit nachdencken / dass man zum Kriege noch
anders gefasst aufziehen müsse / als zu einem Treffen; und dass die Bürger-Kriege
die blutigsten und ungerechtesten / als welche ohne schlimme Stücke weder
angefangen noch ausgeführet werden könten.
    Dieses Schreiben stellte der Feldherr einem Marsingischen Ritter / Zedlitz /
zu / umb solches seinem Könige zu überbringen / er liess auch nebst ihm alle
Gefangene / welche er biss an die Marckmännische Gräntze / wo die Saale und Elbe
zusammen fleust /durch 500. Pferde begleiten und beschirmen.
    Hierauf kehrten sie allerseits mit neuem Siege und unermässlichen Freuden
zurücke / ausser dass die Königin für die Wunden ihres hertzliebsten Zeno grossen
Kummer trug / ob sie schon einige zuletzt nachkommende Edelleute versicherten /
dass die Beschädigung so gefährlich nicht wäre / als man anfänglich gefürchtet.
Denn weil ins gemein böse Botschaften so viel möglich vergeringert werden /
finden selbte auch stets nur einen zweifelhaften Glauben. In der zarten Seele
der edlen Tussnelde aber war der traurige Kummer noch viel empfindlicher
eingewurtzelt / weil sie ihre eigene Ehre durch ihres Vaters Untreue befleckt zu
sein meinte. Daher / ob sie zwar mit ihrem lächelnden Munde ihre iñerliche
Gemüts-Vergnügung zu eröffnen / und ihn mit einem Strome der Annehmligkeit zu
überschütten sich bemühte / waren doch die ihre Freudigkeit unterbrechenden
Seufzer Verräter ihres mit eitel Schwermut überladenen Hertzens. Ja die Augen
selbst vermochten die Qvellen der Traurigkeit nicht zu verstopfen / dass nicht
zuweilen die Tränen ihre lachende Wangen befeuchteten. Hertzog Herrmann fühlete
diese Schmertzen zweifach in seiner Seele / weil sie mit Tussneldens durch die
heftigste Liebe vereinbaret war. Diesemnach nötigte ihn sein eigenes Mitleiden
Tussnelden Lufft / und sie ihrer gewohnten Grössmütigkeit eindenck zu machen /
also ihr einzureden: dass sie durch übermässige Kleinmut ihrem erhaltenen
Tugend-Ruhme keinen so grossen Abbruch / seiner Liebe aber kein so grosses
Hertzeleid antun möchte. Denn es wäre kein ärger Ubel / als kein Ubel vertragen
können. Ein Weiser freuete sich auch in einem glüenden Ochsen; das weiche Holtz
würde nur wurmstichig / und ein niedriges Gemüte durch Widerwertigkeit zu Bodem
geworffen. Er wüste zwar / dass die Natur in Tussnelden der Welt ein Muster der
Vollkommenheit / ihm aber einen Leit-Stern zur Tugend fürstellen wollen; nichts
desto weniger würde sie zweifels-frei selbst empfinden / dass wie der Wind die
Lufft / die Glut das Ertzt /der Sturm das Meer; also das Unglück die Gemüter
von aller Unreinigkeit saubere. Ach! sagte Tussnelde / ich weiss und fühle
nunmehr allzu sehr meine Schwachheit. Ich lerne / dass das Verhängnis
Anfechtungen habe / welche Riesen Furcht einjagen / und auch marmelnen Säulen
Schweiss austreiben können. Es ist nicht ohne / versetzte der Feldherr? Aber
zuletzt gereichet alles dem / der alles diss überwindet / zum Vorteil. Beim
Blitze werden nur von den Muscheln die Perlen empfangen / die Myrrhen rinnen nur
durch die Wunde / welche das Baum-Messer in seiner Mutter-Staude macht; der
Wein-Stock will geschnidten /und gewisse Bäume behauen sein / wenn sie Früchte
tragen sollen. Nicht andere Eigenschaft hätte das unter der Trübsal sich am
tapfersten bezeigende Gemüte des Menschen; und würde man vom Hercules /wenn
keine Ungeheuer gewest wären / so viel rühmliches nicht zu sagen wissen. Was ein
oder ander Mensch absonderlich ausstünde / gereichte zu Erhaltung des gemeinen
Wesens. Die Natur selbst beförderte ihre Geburten durch eine Verderbung vorher
gewesener Dinge. Wer nur immer glückselig sein wollte / verlangte die Welt nur
auf einer Seite / das Gelücke nur vorwerts / und die Natur nur halb zu kennen.
Er wollte / wenn andere beregneten / keinen Tropfen auf sich fallen lassen / und
bei allgemeinem Schiffbruche nur sein Segel in Hafen bringen. Tussnelde rötete
sich hierüber / und versetzte: Sie könnte ohne Unvernunft sich keines Vorzugs für
andern Menschen /noch einer Freiheit von der Botmässigkeit des Gelückes sich
anmassen; aber ihr Unstern schiene mit Fleiss dahin ausgerüstet zu sein / dass er
sie in dem Mittel ihres Hertzens / nämlich in dem Behältnüsse der allein
unversehrlichen Ehre / verwunden / und bei vermeinter Erlangung ihres höchsten
Wohlstandes einäschern wollte. Hertzog Herrmann begegnete ihr mit einem ihm aus
den Augen herfürbrechenden Mitleiden: Es wäre zwar eine gemeine Ketzerei der
Menschen / dass sie / denen es ein wenig wohl ginge / sich für die Schoss-Kinder /
die ein wenig unglücklichen aber sich für die Verwürfflinge des Himmels
ausruffeten. Den Hoch- und Kleinmut vertrügen als Riesen und Zwerge keine
Mittelgattung im menschlichen Leben. Allein es wäre das Unglück dem Menschen so
gemein / als die Schwärtze dem Raben. Weswegen einige Weisen in dem Weinen eine
merckwürdigere Eigenschaft und Unterscheidung von andern Tieren bei dem
Menschen zu finden vermeint / als in dem Lachen / oder auch gar in der
Vernunft. Denn sie wären ins gemein in Wahrheit denen traurigen Wacholder- und
Fichten-Bäumen zu vergleichen / welche keine Blüten trügen / und also aller
Merckmale des freudigen Lentzes beraubt wären. Ihr ganzes Leben /wenn es gleich
die Wollust zuweilen verzuckerte /wäre vergället / und sie wüsten von keine
Honige; den nicht der Tod durch Aufhebung ihres Elendes verursachte / oder die
Tugend aus ihren eigenen Wermut-Blumen saugte. Dahero der tieffsinnige
Democritus den verzweifelnden König Darius beim Verlust seiner schönsten
Gemahlin / nach versprochener Lebendigmachung dieses seines todten Abgottes /
durch diese nachdenckliche Erinnerung zur Vernunft gebracht: Er sollte dreier
niemals unglückseliger Nahmen auf der Verstorbenen Grab einätzen lassen. Welche
Darius aber so wenig in seinem grossen Gebiete / als der Himmel iemals unter
seinem weiten Dache gehabt hat. Unter dieser allgemeinen Unglückseligkeit machte
doch der Himmel die tugendhafte Tussnelda seinem geringschätzigen Urteil nach /
sie aber ihn tausendsach glückselig. Das Verhängnis machte alle schlimme
Anstiftungen ihrer Feinde zu Wasser / und alle zernichtete Fall-Stricke zu
Sieges-Zeichen. Sie besässe den / welchen man von ihr zu trennen Himmel und Erde
beweget / und die Hölle beschworen hätte. Alle Verfolgung gelangte ihrer
Unschuld zur Mitleidung / und ihrem Nahmen zum Ehren-Ruhme. Sintemal auch die
nicht ohne Schuld leidenden die Gewogenheit / als wie der verfinsterte Monde die
Augen der Menschen an sich zu ziehen / und die Unglückseligsten gegen sich
nichts minder eine Verehrung / als Erbarmnis zu erwecken pflegten. Also wiche
man eben so gern einem Blinden / als einem Könige aus dem Wege; und die Alten
hätten die von dem Donner berührten Örter zu Heiligtümern eingeweiht. So
würde sie wohl / antwortete Tussnelde /einer der grösten Tempel in Deutschland
werden / ungeachtet sie sich für keine Gott zu wiedmen würdige Hecke hielte.
Sintemal das Unglück seine äuserste Kräfften an ihr prüfete / und eines alle
Tage dem andern die Hand reichte. Massen sie denn ihr Vater Segestes zeiter
fast so vielen Götzen zun Füssen geleget / als seine Veränderung ihm neue
Anschläge an die Hand gegeben hätte. Der Feldherr begegnete ihr: Gleichwohl
hätte er unter diesen ihrer beider Wuntsch billigen / und dardurch bestärcken
müssen /dass / wie vieler absonderlich tödtlichen Gifte Vereinbarung heilsam /
also mehrmals ein Ubel des andern Artznei wäre. Wenn auch der Sturmwind und das
Unglücke so gar arg rasete / wäre es ein Merckmahl der äuserst angewehrten
Kräfften / und dass beide bald aufhören würden. Die schwärtzeste Wolcke wäre
durch die letztin erhaltene väterliche Einwilligung zu ihrer Heirat
zertrieben; sintemal zwar nicht das Recht der Natur / dennoch der Völcker der
Eltern Beifall zu der Kinder Verehligung erforderte; alle übrigen / welche
Arglist oder Verläumbdung erdächten /wären nur unter die so geringschätzigen
Verdriesslichkeiten zu rechnen; welche Telemachus und die Egyptischen Weiber durch
das Kraut Nepentes in die Vergessenheit zu vergraben getrauten. Nach dem aber
in allen diesen Unfällen das unveränderliche Verhängnis seine Hand hätte / und
unsere Feinde nur Werckzeuge des Göttlichen Zornes wären / stünde es uns ja
besser an / uns der unvermeidlichen Not zu unterwerffen / als ein Sclave unsers
verzärtelten und oft der Natur unverträglichen Willens zu sein. Der Himmel
wollte zuweilen unsere Vergnügung durch die Schärffe der Widerwertigkeiten / wie
die übermässige Süssigkeit durch eine annehmliche Säure verbessern /ja zuweilen
durch einen Sturmwind uns in Hafen der Glückseligkeit treiben. Also pflegten die
Aertzte zuweilen selbst ihren Krancken ein Fieber zu machen /umb gefährlichere
Schwachheiten abzuleiten. Gleicher gestalt hätten die Rhodier bei Einfallung
ihres Colossus aus dem gutertzigen Beitrage ihrer Nachbarn mehr Vorteil / als
aus dem Erdbeben Schaden empfunden. Einigen hätte ein in der Schlacht sie
verwundender Pfeil ihr Geschwüre eröffnet / welches die Aertzte mit einigem
Finger anzurühren sich gefürchtet hätten. Mit einem Worte: Die so süsse Milch
hätte ihren Ursprung aus Blute / und der Honig aus bitterem Klee / und die
grösseste Ergetzligkeit aus überstandenem Unglücke. Tussneldens Hertze ward
nicht so wohl durch die Krafft der angezogenen Gründe /als durch das Ansehen des
Redners selbst gerühret /dass sie eine merckliche Gemüts-Beruhigung von sich
blicken liess. Gleichwohl aber giengen ihr die Augen noch über / und sie gab
diese Ursache ihrer Wehmut zu verstehen / dass sie all ihr Unglück zu vergessen
verbunden wäre / weil das Verhängnis sie durch die Liebe des Feldherrn mit
tausendfacher Glückseligkeit überschwemmete. Alleine / diss stiege ihr noch
allzusehr zum Hertzen / dass ihr Unstern so viel andere Unschuldige mit drückte;
oder / dass für die Wiederbringung ihres Heiles andere so viel leiden müsten. Wie
denn die holdselige Königin Erato nur deshalben / dass sie sich an sie als einen
zerbrechlichen Rohr-Stab gelehnet hätte / in die Gefahr verfallen wäre / Hertzog
Hermann / Jubil und Malovend ihr Blut verspritzet / viel andere auch / und
vielleicht der grossmütige Zeno ihr Leben gar aufgeopfert hätten. Hertzog Jubil
begegnete ihr mit einer freimütigen Ehrerbietung / und weil die Königin Erato
sich ihrer Sänfte näherte / versicherte er sie / dass Hertzog Zeno ausser aller
Gefahr / sonst aber mehr Helden für eine so tugendhafte Fürstin zu sterben
verbunden wären /als das törichte Griechenland für eine unkeusche Helena auf
die Schlachtbanck in Phrygien geliefert hätten. Hertzog Malovend antwortete: Der
den Griechischen Helden zugewachsene Nachruhm machte nichts desto weniger ihre
Baare glückselig / und die / welche für die unsterbliche Tussnelde iemals ihren
Degen gezücket / würden gleichfalls nimmermehr vergessen werden; zumal sie das
Glücke gehabt hätten so viel Zuschauer ihrer Helden-Taten zu haben. Nach dem
aber der gerühmten Tapferkeit des Fürsten Zeno so viel Zuschauer abgegangen
wären; würde es zu ihrer allgemeinen Vergnügung / und zum verdienten Preise
dieses Helden gereichen / wenn sie der Wisenschaft solcher Begebnüss teilhaftig
würden.
    Als nun auch die andern Fürsten ihre Begierde den Verläuff des geschehenen
Raubes zu vernehmen mercken liessen / erzehlte die liebreiche Tussnelda: Sie
wäre früh mit der Königin Erato / dem Fürsten Zeno und Saloninen in den
Fürstlichen Lust-Garten bei Deutschburg gefahren / in Meinung von erwähntem
Fürsten die vertröstete Erzehlung seiner wundersamen Zufälle zu vernehmen. Wir
setzten uns / sagte sie / zu dem Ende auf den Umbgang des letztern Lust-Hauses /
teils dem annehmlichen Spring-Brunnen / allwo aus vier ertztenen Wallfischen
vier grosse Ströme Wasser in die marmelne von so viel unterbückenden
Meer-Göttern gehaltene Schale ausspritze / zu zuschauen / teils auch unsere
Augen in die selbige Gegend gleich eines Krantzes umbgebende Hügel und Wälder
auszutreiben. Der Fürst hatte nach etlichen andern annehmlichen Unterredungen
kaum seine Geschichte berühret / als wir aus Deutschburg einen zu Pferde
spornstreichs dem dicksten Walde zurennen sahen / uns aber als von allen Feinden
weit entfernet /hierüber das wenigste bedenckliche träumen liessen; wiewohl wir
hernach aus dem Ausschlage gemutmasset / dass durch eben selbten unsere
Anwesenheit in dem Lust-Garten verraten sei worden. Wenige Zeit hernach kamen
aus drei unterschiedenen Ecken des Waldes etwan zwölf Pferde gegen Deutschburg
Fuss für Fuss geritten / die wir aber ebenfals / zumal sie auf Cheruskische Art
bekleidet waren / aus der Acht liessen / und des Fürsten Zeno anmutiger
Erzehlung Sinnen und Gemüte wiedmeten. Der Feldherr brach ein: Es ist sicher
eine höchst vermessene Tat / aus unserm mit so viel tausend Mann besetztem
Fürstlichen Läger bei hellem Tage mit so weniger Mannschaft einzubrechen / und
Erlauchte Personen freventlich anzutasten. Aber es gehen keine Anschläge
glücklicher von statten / als derer man sich am wenigsten versihet / und der
Vernunft am wenigsten ähnlich sind / entweder weil das Glücke seine Oberhand
über alle Klugheit hierdurch bezeugen /oder diese uns für aller Unachtsam- und
Sicherheit warnigen will. Tussnelda fuhr fort: Bei dieser letztern verloren wir
sie ein par Gewende lang unter der ziemlich hohen Garte-Mauer aus dem Gesicht
und Gedancken / wurden ihrer auch nicht ehe gewahr / als biss derer sechs oben
auf der Mauer standen / an einer angehenckten Leiter von Stricken in Garten
stiegen /das nahe darbei sich befindende Tor innwendig aufriegelten / und noch
wohl zwantzig andern den Eingang öffneten. Wir eilten wider des Fürsten Zeno
Vermahnung die Stiege an dem Lustause herab / in Hoffnung / wir würden dieser
Gewalt noch durch die Flucht in den innern Garten entkommen / oder zum minsten
durch unser Geschrei iemanden eher als an diesem allzu weit entfernten Teile
erruffen können. Allein diese Räuber hatten so gute Kundschaft der sich
daselbst befindenden Lust gänge / dass sie uns zuvor kamen / und wir ihnen recht
in die Hände lieffen. Fürst Zeno / ob er zwar ohne Schild und Helm /mit seinem
blossen Degen bewaffnet war / grieff die Räuber mit einem unverzagten
Helden-Mute an /massen in unserm Beisein er zwei den Staub zu küssen zwang /
und ihrer wohl fünf verwundete. Alleine weil ihrer wohl zwölff andere ihm den
Zutritt zu uns mit Degen und Spiessen verwehrten / banden die andern der Königin
Erato und mir die Hände zusammen / schleppten uns aus dem Garten / und hoben uns
mit Gewalt auf zwei Pferde / ungeachtet die Königin in tieffe Ohnmacht sanck /
als sie im Zurückschauen den Fürsten Zeno von den Streichen der ihm zusetzenden
Meuchel-Mörder zu Bodem sincken / Saloninen aber an einen Baum anbinden sah.
Aber / ob schon Erato ganz unbestelet war / und von zweien neben ihr reitenden
Bösewichtern mit Not auf dem Pferde erhalten werden kunte; waren doch diese
Raub-Vögel wie die Steine unempfindlich / und eben so stum. Daher wir allererst
in dem Walde die Stifter dieser Entführung erfuhren / als wir den König Marobod
und Segestes in voller Rüstung und Bereitschaft antraffen /dieser aber mir /
dass ich jenem als meinem unveränderlichen Bräutigam nur gutwillig folgen; der
Königin aber / dass sie die Beherrscherin seiner Seele in so wenigen Tagen worden
wäre / und sie unser beider Heil und Vergnügung am meisten suchten / andeutete.
Ich lasse so empfindliche Gemüter / als solche Erlauchte Helden haben müssen /
urteilen / wie mir und der sich den ganzen Tag fast nicht von ihrer Ohnmacht
erholenden Königin müsse zu Mute gewesen sein /da wir den Fürsten Zeno für todt
hielten / Saloninen angebunden / und dardurch allen Trost / dass unser Raub so
bald entdeckt / und uns einige Hülffe nachgeschickt werden würde / verschwunden
sahen. Gewisslich / setzte Erato darzu / weil ich damals mehr todt als lebendig
gewest / habe ich meine Stelen-Angst nicht recht empfunden / sondern sie
allererst dazumal recht angegangen / als mich die zwei verdamten Sarmater so
schändlich angetastet. Und kann ich beteuern / dass ich selbst nicht weiss / ob
sie mich aus den Senfte gerisse / oder wie ich sonst daraus komme oder in ihre
Hände verfallen sei. Allem Ansehen nach aber haben sie sich bei anderer hitzigem
Gefechte ihres Vorteils bedienen / und ihren Mutwillen an mir gewaltsam
ausüben / und sich so denn aus dem Staube machen wollen.
    Unter diesen Gesprächen kamen sie / nach zweimal abgewechselten frischen
Pferden / wiewohl schon eine Stunde in die Nacht / nahe bei Deutschburg an
/allwo sie von denen versamleten Kriegshauffen / und von der Menge des Volcks /
welches sich das Hertzogliche Beilager teils zu bedienen / teils zu beschauen
/ in die Stadt nach und nach eingefunden hatte / mit Jauchzen und Frolocken
bewillkomt / und mit tausenderlei Glückwüntschung über der Erlösung Tussneldens
und den neu-erlangten herrlichen Sieg /in die Fürstliche Burg begleitet wurden;
darinnen nach vorher eingelauffener guter Zeitung und erschollenem Geschrei /
welches nicht selten der Geschichte zuvor komt / ein herrliches Mahl bereitet
worden war / zu welchem alle anwesende Fürstliche Personen und Kriegs-Häupter
sich einfunden / ausser Hertzog Melo / welcher wegen seiner empfangenen Wunden
erst folgenden Tag auf einer Sänfte nachkam / und der Königin Erato / die bei
dem Feldherrn dissmal sich abzusondern / und in dem Zimmer des Fürsten Zeno zu
speisen Verlaub erlangte. Den andern Tag früh liess der Feldherr nach gehaltenem
Rate die Fürsten abermals in dem nechsten Tier-Garten zur Taffel einladen.
    Die Fürsten waren schon in dem Speisesaale versamlet / als dem Feldherrn
angesagt ward / dass ein frembder Fürst nur mit etlichen Post-Pferden ankommen
wäre / und bei ihm Verhör zu erlangen suchte. Wie nun Hertzog Herrmann ihn in
selbigen Saal zu leiten befahl / und er ihm im Vorgemache entgegen kam / trat
sein eigner Bruder Ernst oder Flavius hinein / welcher von dem Feldherrn und
denen andern deutschen Fürsten alsobald erkennet / mit grossen Freuden und
hertzlicher Umbarmung bewillkommet ward. Weil nun die Speisen allbereit auf der
Taffel standen / mussten sie beiderseits ihren Freud- und
Freundschafts-Bezeugungen etwas abbrechen / und sich an die Taffeln setzen. Der
Feldherr bezeigte sich überaus lustig / und gab zu vernehmen / dass er
gegenwärtigen Tag für den andern seiner glückseligsten hielte / inde er nicht
allein wider einen mächtige König einen so herrlichen Sieg / sondern auch seinen
Aug-Apfel die wunderschöne Tussnelda und seinen liebsten Bruder wieder erlanget
hätte. Diese Erklärung machte den Fürsten Flavius begierig / den Verlauff
selbigen Tages zu vernehmen / welchen denn der Feldherr mit ausführlicher
Erzehlung vergnügte / und insonderheit des Fürsten Zeno / Rhemetalces und
Malovends Tapferkeit hoch heraus strich / und meldete / dass Hertzog Malovend
diesen Tag seinen Fehler /dass er wider sein Vaterland die Hand aufgehoben
/getilget / die andern zwei Fürsten aber umb Deutschland verdienet hätten / dass
sie für Fürsten ihres Reichs erklärt / und mit dem Rechte und Freiheit der
Deutsch-Eingebornen beschencket würden. Massen denn auch nach der andern Fürsten
Einstimmung der Feldherr zum Zeichen ihrer Annehmung in den deutschen
Fürsten-Stand / iedem eine Fahne / eine Lantze / und ein köstliches Schwerdt
überreichte / von ihnen beiderseits auch mit grosser Vergnüg- und Dancksagung
angenommen ward. Hierauf gab Hertzog Arpus auch dem Flavius seine Sorgfalt über
seiner so unvermuteten Ankunft zu verstehen; iedoch verlangte er mehr nicht /
als nur: Ob ihn ein guter oder böser Stern von Rom in sein Vaterland geleitet
hätte / zu vernehme / da er die Ursache offentlich zu entdecken Bedencken trüge.
Flavius antwortete: Er müste gestehen /dass er aus einer geheimen Ursache ungerne
von Rom gewichen wäre. Die ihn aber hierzu genötiget / wäre denen nicht zu
verschweigen / von denen sie selbst herrührte. Arpus ward hierüber noch
begiriger; bat daher / weil sie derogestalt zu sage taugte / sie ihnen nicht zu
verschweigen. Flavius antwortete: Die zu Rom erschollene Niederlage des Varus
habe den Käyser derogestalt erschreckt / dass er alle unter seiner Leibwache /
oder auch nur Reisens und Handels wegen zu Rom sich befindende und zu den Waffen
geschickte Deutschen auf unterschiedene entlegene Inseln / die unbewehrten aber
aus Furcht / dass sie einen Aufstand anstiften möchten / ausser der Stadt Rom
geschafft hätte. Ich war auch auf die Insel Dianium gebracht / von dar ich durch
Beistand eines Frauenzimmers mich dieses Gefängnüsses entbrochen habe. Arpus
fragte: Wenn er denn von Rom weg wäre / und wie es möglich sein könnte / dass bei
seiner Anwesenheit in Rom man schon die Niederlage des Varus gewust haben könne?
Flavius antwortete: Sie hätten daraus keines weges zu zweifeln / sondern sich zu
versichern / dass diese böse Zeitung schon den fünften Tag zu Rom gewest / er
aber noch wohl vier Tage hernach aus Rom geschieden sei. Rhemetalces fiel ein:
Ob es durch ein Wunderwerck zu Rom so zeitlich kund worden / wie er ihm denn
erzählen lassen / dass die Schlacht in Macedonien / in welcher Paulus den Perses
überwunden / und in welcher Marius die Cimbrer geschlagen / zu Rom / und des
Tauroftenes Sieg und Krönung zu Egina an eben dem Tage / als solche weit darvon
geschehen / von Gespenstern wären angekündigt worden. Gleicher gestalt solle der
Griechen Plateischer Sieg in Beotien wider den Mardonius in eben demselben Tage
auf dem Vorgebürge Mycale kund worden / und eine Ursache des wider die Persen
erlangten See-Gefechtes gewesen sein. Den Sieg der Lorrer wider die Crotoniaten
in Italien sollen eben selbigen Tag die Stadt Corint / Aten / und Sparta /die
Pharsalische Schlacht viele entfernte Örter / des Käysers August Sicilische
Uberwindung Rom erfahren haben. Flavius versetzte: Es hätten zwar unzehlich viel
Wunderzeichen ein grosses Unglück zu Rom angedeutet / indem der Blitz in den
Tempel des Mars geschlagen / ganze Wolcken voll Heuschrecken in Rom kommen /
und von Schwalben aufgezehret worden; in dem Apemnius und Alpen die Gipfel der
Berge eingebrochen und gegen einander gefallen /daraus drei Feuer-Säulen
aufgefahren / der Himmel etliche mal in vollem Feuer gestanden / etliche
Schwantz-Sterne zugleich erschienen wären. Alleine diese Zeitung wäre durch die
schnelle Post / welche Käyser August in ordentlichen Stand gebracht hätte /dahin
kommen. Denn ob wohl vorhin die Römer auch unterschiedene mahl sich reñender
Boten gebrauchet / in dem Sempronius Grachchus in Griechenland von Amphissa
nach Pella den dritten Tag / Vibullius zum weit entfernten Pompejus in kurtzer
Zeit / Marcus Cato den fünften Tag von Hydrunt nach Rom / Julius Cäsar den
achten von Rom an Rhodan auf abgewechselten Pferden kommen / und ieglichen Tag
hundert tausend Schritte gereiset hätten; so wäre doch diese schnelle Post
allererst von ietzigem Käyser ordentlich eingeführt / welcher durch ganz
Italien / ausserhalb der gemeinen Land-Strassen / absondere schnur-gerade
Kriegs-Wege mit breiten Steinen ganz gleiche habe pflastern lassen / also / dass
die Post-Wagen gar leichte und fluggeschwinde fortgerollet würden. Rhemetalces
antwortete: Es wäre diese Erfindung mit denen schnellen Wagen besser und
gemächlicher als des Cyrus darzu auf ieder Tage-Reise bestellte Angar-Pferde und
Ställe / auf denen sich die Boten oft zu Tode rennten / oder die Pferde
stürtzten / und zu schanden würden. Uber diss wäre von der Lippe den fünften Tag
etwas nach Rom zu bringen eine solche Geschwindigkeit / welche alle vorhin
erzehlte und die von den Persen übernommenen übertreffe; ja er könnte dieser /
weder des Hannibals / der nach verspielter Schlacht gegen den Scipio in zwei
Tag- und Nächten drei tausend Stadia weit nach Adrumet / noch auch kaum des
Königs Mitridates / welcher in einem Tage tausend Stadia / derer acht eine
Römische Meile machen / gereiset soll sein / vergleichen. Es ist wahr /versetzte
Flavius; ledoch meine ich / dass derselbige Freigelassene / der zu meiner Zeit
von Rom in sieben Tagen nach Tarracon zum Käyser in Spanien geritten / und der
Philippides / welcher von Maraton nach Aten noch selbigen Tag kommen / und mit
diesen Worten: Seid gegrüsst / wir haben überwunden / seine müde Seele
ausgeblasen hat; nicht längsamer / als der in fünf Tagen von der Lippe nach Rom
kommen kann /gereiset sei / und so gute Pferde / oder der Persischen Könige
Dromedarien / die in einem Tage funfzehnhundert Stadien gerennet haben sollen /
gehabt haben müsse. Aber es hätten diese schnelle Post nicht allein die Pferde /
sondern guten teils die Stimme der Menschen verrichtet. Denn nach dem die
Gallier und Deutschen schon für langer Zeit gewohnt wären in wichtigen Zügen
gewisse Menschen / die helle Stimmen hätten / hinter- und so weit von einander /
als des andern Ruffen zu vernehmen wäre / zu stellen / da immer einer dem andern
die Zeitung zuschreiet / also / dass in des Käysers Julius Kriege diss / was früh
bei der Belägerung Genab vorgieng / des Abends in der Averner Gräntze schon
vernommen ward; so habe Käyser Augustus eben dieses von dem Rhein an / an allen
bergichten Orten / wo man mit den Post-Pferden so geschwinde nicht rennen kann /
angeordnet. Rhemetalces bedanckte sich für so gute Nachricht / mit dem Beisatze:
Er erinnere sich numehr / dass in Persien für Zeiten auch derogleichen auf die
Berge und Hügel gestellte Postschreier bräuchig gewest wären / und insonderheit
sich derselben Eumenes derogestalt bedienet hätte / dass er in einem Tage dreissig
Tagereisen weit etwas hätte zu wissen machen können. Und als Xerxes in
Griechenland Krieg geführet / hätte er von Aten biss nach Susis derogleichen
Ruffer ausgesetzt /durch welche man in acht und viertzig Stunden in Persien
erfahren / was in Griechenland geschehen wäre. Peucestes hätte eben des grossen
Alexanders Tod in einem Tage dem eussersten Persien zu wissen gemacht. Der
Feldherr setzte bei / diese Post-Art wäre wohl die schnellste / aber sehr
ungewiss; indem ein widriger Wind selbte auff einmal vernichtete / die Erfahrung
auch öffters mit Schaden gewiesen hätte /dass die darzu bestellten Leute eine
Sache ganz unrecht vernommen / und mehrmahls das Widerspiel an den bestimmten
Ort berichtet worden wäre. Denn eines einigen übeles Gehöre verfälsche aller
andern Zungen. So liesse sich auch hierdurch nichts berichten / an dessen
Heimligkeit offtmahls so viel gelegen wäre. Noch ungewisser wären die in
Sicilien bräuchliche Fackeln / de man sich auch nur des Nachts bedienen könnte.
Weil sich auch so gleiche Wege zu bereiten /wie Augustus getan / allzu kostbar
/ die bergichten Länder aber darzu gar nicht geschickt wären / hielte er es mit
den Scytischen und Sarmatischen Pferden /derer sie etliche zwantzig Stück auff
der Rennebahn gesehen / welche / wie unansehnlich sie gleich wären /in einem
Tage / und zwar wohl zehn Tage hinter einander sonder einige Uberlast hundert
Römische / oder fünff und zwantzig deutsche Meilen / auff eussersten Notfall
auch / wenn man sie den Tag vorher nicht überfütterte / noch halb so weit
lauffen könten. Rhemetalces wunderte sich hierüber / und sagte / diese Pferde
wären mit Golde nicht zu bezahlen / und eines prächtigen Grabmahls besser wert
/ als die Krähe des Egyptischen Königs Marrha / die er allentalben hin Brieffe
zu tragen abgerichtet hatte. Hertzog Jubil fiel ihm ein: Ich halte diese Pferde
weniger wunderns-wert / als den Philippidas / der im Persischen Kriege in zwei
Tagen von Aten nach Sparta / zwölff hundert und sechzig Stadia weit / um Hülffe
zu bitten; und noch mehr den Euchidas / der in eine Tage das heilige Feuer zu
hole von Aten nach Delphis und wieder zurück also tausend Stadia weit zu Fusse
gelauffen. Ja unglaublich scheint / dass des grossen Alexanders Bote Philonides
von Sicyon nach Elis hundert funffzig Römische Meilen in neun Stunden gegangen /
und auch alsobald zurücke gekehret sei /also gleichsam die Sonne überlauffen
habe. Wiewohl ich darfür halte / dass es neun Sommer-Stunden gewesen / und dass
man damahls eben wie jetzt die Römer /den langen und kurtzen Tag in zwölff
Stunden abgeteilet / und selbte / nach dem der Tag lang oder kurtz ist /
verlängert oder verkürtzt habe. Eben so unglaublich scheint / dass Philip ein
edler Jüngling den grossen Alexander fünff hundert Stadia weit in voller Rüstung
begleitet / und das ihm vom Lysimachus oft angebotene Pferd anzunehmen
geweigert habe. Sonsten aber halte ich die Botschaft durch das Geflügel sehr
hoch / nützlich / und nicht allein den geschwindesten Pferden / sondern auch
denen in den eussersten Nordländern bräuchigen Renntieren / welche täglich
dreissig deutsche Meilen / und also alle Pferde der Welt überlauffen / überlegen
zu sein. Sintemahl sie keinen krümmenden Umweg machen dörffen / auch über Seen
und Flüsse fliegen / durch keine Läger /Mauern und Bollwercke auffgehalten
werden können. Und wie in Egypten die Taube insgemein zu Briefträgern gebraucht
werden / also weiss ich bei denen benachbarten Batavern / wie auch in Syrien eine
berühmte Stadt / welche bei ihrer Belägerung sich derselben nützlich bedienet
hat. Mir ist aber auch nicht unbekandt / versetzte Rhemetalces / dass eine andere
Festung dar durch zur Ubergabe gebracht worden / als eine solche Post-Taube
wegen Müdigkeit sich im feindlichen Läger auff eine Fahne nieder gesetzt / mit
ihren Hülffs-Brieffen erwischet / ihr andere widrige Brieffe angebunden / und
darmit in die Stadt zu fliegen frei gelassen worden. Der Feldherr redete
darzwischen: Es wären diese Botschaften freilich wohl eben so zweifelhaft /
als der Hunde / welche mehrmahls durch feindliche Läger mit nützlicher Nachricht
durchkommen / zuweilen aber auch zum Schaden erwischt worden wären. Jedoch
liessen sie sich sicher gebrauchen / wenn man gezifferte Brieffe schriebe /die
niemand / als der sie empfangen sollte / lesen könnte. Hertzog Flavius fing
hierauff an: Er hielte für ratsam / dass ein Fürst alle seine Brieffe / an denen
etwas gelegen / und welche in feindliche Hände fallen könten / mit solchen
unkenntlichen Buchstaben schreiben sollte; wie denn Käyser August seines Wissens
dieses Geheimnis mit einem andern / gewisse Kennzeichen abzureden / erfunden;
Käyser Julius noch nur / wenn er was Geheimes irgends wohin schreiben wollen /
einer andern daselbst ungemeinen Sprache Buchstaben gebraucht hätte.
Insonderheit hätte er nach der Niederlage des Lollius iedem Landvogte eine
absondere Art Zieffern zu geheimer Brieffwechselung überschicket / auch ihre
jährige Verwaltungen durchdringend noch auf ein Jahr verlängert /wormit selbte
als der Länder erfahrne / und derer die Völcker schon gewohnt wären / alles so
viel leichter in Ruh erhalten könten. Der Feldherr fing hierauff an: Die
Tieffsinnigkeit der Menschen ergrübelt nunmehr nicht alleine die Geheimnisse der
Schrifften / sondern sie erfindet auch Angeln das verborgenste aus denen
verschlossensten Hertzen herfür zu ziehen. Er hätte in seiner väterlichen
Erbschaft die Kunst in einem Buche verzeichnet gefunden / wie man die
gezifferten Brieffe auffschlüssen könnte / und wäre der Feldherr Segimer darinnen
ein Meister gewest / welchem niemals einiger Brieff zu handen kommen wäre / den
er nicht ausgelegt / und dardurch den Nahmen des deutschen Oedipus erworben
hätte. Unterdessen wäre gleichwohl die geheime Schreibens-Art in keinerlei Weise
zu verwerffen / weil in Griechenland selbten mehr als einer gefunden würden /
die die Rätsel eines Sphynx auffzulösen wüste. Sonst aber merckte er aus des
Flavius Erzehlung / dass der Deutschen Sieg gleichwol zu Rom nicht geringes
Schrecken verursacht haben müsse. Flavius antwortete: Er versicherte sie / dass
es grösser gewest / als da Hannibal für den Römischen Toren gestanden. In ganz
Italien hätte alles nach Rom geflüchtet / in Rom aber alles gezittert und
gebebet / indem die fremden Hülffs-Völcker alle mit drauff gegangen / die
Grentz-Festungen des Volcks entblösset / die junge Bürgerschaft zu Rom durch
den Pannonischen und Deutschen Krieg ganz erschöpfft wären / ja zu Rom schon
die gemeine Rede gegangen / dass die Deutschen geraden Weges gegen Rom anzögen /
und schon nahe unter den Alpen stünden / um ihrer Vorfahren Fussstapfen nach zu
treten / und die vom Marius empfangene Wunden zu rächen. Ob nun wohl der Keiser
zu Besetzung des Gebürges neue Werbungen angestellet / hätte doch fast niemand
des rechten Alters wider einen so tapffern Feind sich wollen einschreiben lassen
/ also dass der Käyser die sich weigernden Bürger zum Los gezwungen / und aus
denen / die noch nicht dreissig Jahr alt / den fünften / aus denen ältern den
zehenden /aller Güter und Ehren entsetzt; ja als auch diss noch nicht geholffen /
etliche tödten lassen. Das dem Tiberius wegen des Pannonischen Krieges bestimmte
Siegs-Gepränge und andere Schau-Spiele hätten müssen nachbleiben; und es wären
in Rom alle Plätze mit starcken Wachten wider allen besorglichen Auffruhr.
besetzt worden. Der Käyser selbst / der vorhin bei vielen grossen Unglücksfällen
nicht nur ein unverändertes Gesichte behalten / sondern auch um sein
unerschrockenes Gemüte zu zeigen Gefährligkeiten gewünschet / und darbei seine
Ehrsucht ausgeübet hätte / wäre ganz verzweiffelt mit dem Kopffe wider die
Tür-Pfosten gelauffen / ruffende: Qvintilius Varus /schaffe mir die verlohrnen
Legionen wieder. Er hätte drei Tage nie gespeiset / drei Nächte nicht
geschlaffen / wider Gewonheit sein Haar und Bart nicht bescheren / den Tag der
Niederlage in das schwartze Zeit-Register / wormit man jährlich daran die
erzürnten Götter versöhnte / einzeichnen lassen. Dem Jupiter hätte er nebst
zugesagten grossen Schauspielen viel andere Gelübde getan / da er das gemeine
Wesen in einen bessern Stand setzen würde. Alle deutsche Fürsten hörten diese
Betrübnis ihrer Feinde mit Freuden an; Hertzog Arpus aber fing an: Augustus hat
durch diese Zagheit bei mir ein grosses Teil seines Ansehens verloren / und
ich halte diesen Abend wenig von dem / den ich gestern der ganzen Welt
Beherrschung würdig schätzte. Denn was mag einem Fürsten unanständiger / seinem
Reiche schädlicher sein / als wenn er ieden Glücks-Wechsel sein Gesichte / und
mit iedem Winde seinen Lauff ändert? Wer für Trübsalen die Augen niederschlägt /
macht selbte gegen ihn nur behertzter; wer aber selbten mit unverwandten Augen
ins Gesichte sihet / machet offtmahls Tod und Hencker stutzend. Die
Kleinmütigkeit reisst keinen aus der Gefahr / wohl aber die Hertzhaftigkeit.
Aus den wässrichten Augen eines Fürsten erkennet das Volck die Grösse
bevorstehenden Ubels / wie aus umwölckten Bergen das Ungewitter / verlieret also
das Hertze / läst die Hände sincken / und fällt in Verzweiffelung. Hingegen hat
ein Fürst mancher Furcht und daraus erwachsender Gefahr dadurch abgeholffen /
wenn er seine Wunden verbunden / nicht gewiesen hat. Massen der meisten Reiche
und Kriege Befestigung nicht so wohl auff der Grösse der Kräfften / als ihrem
grossen Nahmen gegründet ist. Hätte Pompejus nach der Pharsalischen Schlacht
sich nicht so weibisch und kleinmütig gebärdet / würde es ihnen an Kräfften
nicht gemangelt haben / dem Julius die Wage zu halten. Weniger hätte ein
verschnittener Knecht sich gewagt einen so tapffern Held abzuschlachten.
Hingegen hätte der gefangene Porus dem grossen. Alexander nicht so unverzagt
geantwortet /würde er ein Sclave / kein König blieben sein. Es ist schimpff- und
schädlicher seinen Mut als eine Schlacht verlieren. Dieses kann wegen
überlegener Feinde / wegen Vorteilhaftigkeit seines Standes /oder durch
Versehung der seinigen geschehen. Ja Staub / Wind und Sonne verdienen offtmahls
den Siegs-Krantz / und das Glücke den Nahmen / dass es sei ein Meister aller
Ausschläge / und eine Gebieterin über die Schlachten. Der Verlust des Muts aber
rühret von unserer eigenen Schuld her. Sintemal weder Glücke noch sonst iemand
einige Herrschaft über unser Gemüte hat. Dieses ist allen Regungen gewachsen /
lässet sich nicht wie geschlossene Glieder mit Lantzen / und feste Mauern durch
Sturmböcke durchbrechen / es vertreibet alle Furcht und vergeringert alles Ubel
/ wenn es nur beherzigt / dass nichts als unsere Fehler den Nahmen eines Unglücks
verdienen /und dass es rühmlicher sei / ohne sein Versehen etwas verspielen / als
durch Laster oder blossen Zufall viel gewinnen. Diesemnach wie ein Fürst sich
beim Glücke nicht überheben / noch bei gutem Winde die Hände in die Schoos legen
muss / also soll er auch beim Sturme ihm nicht den Compass verrücken lassen /
sondern mit wachsamen Augen / steiffen Händen /unerschrockenem Hertzen seiner
vorigen Richtschnur nachgehen / gleich als weñ seine Klugheit diesen Sturm lange
vorher gesehen hätte / und kurtz zu sagen / die Not kleiner machen als sie ist.
Freilich wohl /versetzte der Feldherr / ist es ein grosser Fehler /wenn ein Fürst
ihm zur Unzeit in die Karte sehen läst / was er für ein böse Spiel habe / oder
weñ ein Ancker gerissen / das Schiff selbst für verloren ausrufft /oder wohl gar
in Grund bohret. Diese Zagheit überfället auch insgemein dieselben / welche
allzulanges Glücke / oder allzugrosse Vermessenheit auff seine Kräfften in
Sicherheit eingeschläfft / gleich als sie sich mit jenem auff ewig vermählet /
oder diese mit dem Feinde nur zu spielen / nicht zu fechten hätten /also ihnen
nichts weniger als einen Unfall habe träumen lassen / weniger auff den Fall / da
etwas umschlüge / vorsichtige Anstalt gemacht. Dieses stürtzte den Pompejus /
welcher in der Pharsalischen Schlacht in seinem Gemüte sich ehe überwunden gab
/ als er im Felde angegriffen ward. Es fällte die Spartaner /als die Atenienser
ihnen wider vermuten Pylus und Cytere wegnahmen. Deñ wie soll ein niemahls
verwundeter Fechter / ein nie zu Bodem gelegener Ringer / ein Schiffer / der nie
keinen Sturm ausgestanden /das erste mahl dafür nicht erschrecken? Und es
scheinet / dass die gewohnten Siege der Römer dissmahl das Schrecken über des
Varus Niederlage zu Rom freilich vergrössert habe. Allein ich bin gleichwohl der
Meinung / dass es in solchen Gefährligkeiten / welche den Staat leicht über einen
Hauffen werffen können / oder da das Volck allzu sicher oder zu vermessen ist /
es so wenig einem Fürsten ratsam sei ein gross Unglücke /als einem Krancken sein
Ubel zu verschweigen. Wenn ein Schiffer den Wellen nicht mehr gewachsen / ruft
er ängstiglich alle Schiffende / dass sie entweder mit Hand aus Ruder legen /
oder ihre Götter um Hülffe anruffen. Wenn ein Fürst zu allem Unglücke
unempfindlich ist / scheints / dass er entweder keine Liebe zu seinem Volcke /
oder keine Acht auff sein Reich habe / oder aus dem Blitze der zornigen Götter
ein Gelächter mache. Ein treues Haupt eines Landes fühlet alle Wunden der
Glieder / und alle Tränen seines Volcks gehen einem Vater des Vaterlandes
durchs Hertz. Die Natur hat allen Tieren als ein Mittel ihrer Erhaltung das
Fühlen eingepflantzet / die Staats-Klugheit den Fürsten eine Empfindligkeit. Die
Krancken sind so denn in eusserster Gefahr / wenn ihnen nichts mehr weh tut /
und die Fürsten / wenn ihrem Reichs-Cörper ein Glied nach dem andern ohne
Empfindligkeit abgerissen wird. Es gibt Sardanapaln / welche sich mehr um
niedliche Speisen / als umbs Läger bekümmern; Die auff Erfindungen sinnen / dass
sie das ganze Jahr frische Feigen / alle Monden neue Blumen haben; den Sommer
in Spreu / Schnee und Eis / und drei Jahr die Weintrauben gut behalten / dass sie
auff einen Stamm zehnerlei Früchte pfropffen / und in einem Apffel Pomerantzen
und Granat-Aepffel mit einander vermählen; hingegen sich über einer verlohrne
Schlacht kützeln / meinende: Es hätte dem schwürigen Pöfel eine Ader müssen
geschlagen werden; Aus dem Verlust einer eingebüsten Stadt noch einen Wucher
machen / weil sie als alzuweit entlegen gar zu viel zu erhalten gekostet / die /
wenn sie ein fruchtbar Land verspielet / darfür halten dass in den übrigen noch
Weitzen genug wachse / wenn des Nachbars Haus brennet / das ihrige noch weit
genug entfernet schätzen. Da denn insgemein heuchlerische Diener aus solcher
Schlaffsucht eine Grossmütigkeit machen / und diese Blindheit für ein
Staats-Geheimnis verkauffen. Denn es hat noch nie ein so schlimmer Fürst gelebt
/ dem seine Hoffheuchler nicht den Titel eines Helden gegeben / den die Klügern
auch eine gute Zeit vertragen und seine Fehler zum beste gedeutet / ungeachtet
er nach seinem Tode kaum für ein Mittelding zwischen Mensch und Vieh angesehen
worden. Es ist in alle Wege wahr / antwortete der Catten Hertzog /dass ein Fürst
seines Reiches Wunden fühlen / sein Unglück nicht gar verstellen / und das
gemeine Feuer zu leschen iederman beruffen solle. Daher könnte er nicht schelten
/ dass Augustus über so grossem Verluste seine Empfindligkeit bezeigt /
insonderheit aber die Sorgfalt die Reichs-Grentzen zu versichern nicht vergessen
hätte. Alleine seine erzehlte Ungeberdung wäre nicht männlich / weniger
Fürstlich. Denn ein Fürst solle wie ein kluger Schiffer auch bei dem
gefährlichsten Ungewitter nie erblassen / noch die Grösse der Not mercken
lassen / wenn er nicht seine Gehülfen verursacht wollte / dass sie aus
Verzweiffelung die Hände sincken lassen / und die Augen mit unnützen Tränen
beschäfftigen müssen. Die Furcht wäre die Eigenschaft eines Lasterhaften / und
das Schrecken eines Sclavens. Alle andere Ubel hätten ihr Maass / und das Unglück
sein gewisses Ziel. Die Furcht alleine überschritte alle Grentzen / und vertrüge
keinen Zaum der Vernunft. Andere Schwachheiten fühlten nur diss / was sie
wirklich und wesentlich beleidigte; die Furcht aber machte das künftige oder
auch nur geträumte Böse gegenwärtig. Sie verwandelte den Schatten von einem
Zwerge in einen Riesen; wie die unter gehende Sonne einen Rosen-Strauch in eine
Ceder. Sie sehe einen gläntzenden Nachtwurm für ein Irrlicht an; Sie zitterte
für ihrer nichtigen Einbildung /wie Pisander für seiner eigenen Seele. Sie
benehme dem Gesichte die Farbe / dem Haupte die Vernunft /dem Leibe das Hertze
/ dem Munde die Beredsamkeit. Sie machte auch die Treuesten wanckelmütig / und
nötigte auch den Guten den Irrtum der Bösen auff. Sie unterscheidete nicht die
heilsamen Eriñerungen kluger Leute / und die Meinungen des albern Pöfels. Sie
zerstörte alle Ruh und Eintracht / und gebe eitelem Ruffe mehr Gehöre als der
Warheit. Ja sie erdichtete ihr selbst / was ihr doch zuwider wäre. Sie triebe
einem die grauen Haare in einer Nacht heraus; Sie entlieffe wie das grosse Heer
des Xerxes für dem furchtsamsten aller Tiere / nämlich einem Hasen; flüchtete
sich wie die mächtige Kriegs-Flotte der Insel Samas bei dem Flusse Siris für dem
Geräusche etlicher aufffliegender Rebhüner / oder stürbe wohl gar für Aengsten
wie die Wasser-Heuschrecke / wenn sie den Meer-Fisch zu sehen kriegt / der von
vielen Füssen den Nahmen hat. Ein Fürst aber nehme durch seine einige Zagheit
tausend ihm folgenden Löwen das Hertze / und stürtzte sein ganzes Volck mit
einer kleinmütigen Gebehrdung ins Verzweiffeln / wie die verfinsterte Sonne die
ganze Welt in Schrecken. Diesem nach müste er alle Furcht von sich verbannen.
Denn wer das wenigste davon im Hertz hätte / wäre unfähig solche andern
einzujagen. Denn die Crocodile und Feinde lieffen nur für denen sie
verfolgenden; hingegen verfolgten sie alle Flüchtigen. Der Feldherr setzte dem
Hertzog Arpus entgegen: Er wollte des Augustus Verstellung zwar nicht das Wort
reden; aber er könnte den Deutschen schwerlich so sehr heucheln /dass der Käyser
hierdurch bloss die Verfallung seines Gemüts entdecket / nicht aber vielmehr ein
unerforschlich Geheimnis verborgen haben sollte. Er kennte den August gar zu gut
/ August aber so wohl der Römer als Deutschlands Kräfften. Wäre es eine Klugheit
sein Unglück verkleinern / so könnte desselbten Vergrösserung zuweilen auch wohl
ein Streich der Staats-Verständigen sein. Wie viel Leute würden nur durch
eusserste Gefahr vorsichtig gemacht / und durch Donner und Blitz aus dem
Schlaffe ihrer Sicherheit auffgeweckt? Die Toren hielten den nur für einen
tapffern Helden / der sich für nichts fürchtete. Daher sein Vorfahr Marcomir /
dessen Hertze gewiss keine weibische Zagheit zu beherbergen fähig gewest wäre
/über eines Grosssprechers Grabschrifft / Krafft welcher er sich niemahls für
etwas gefürchtet haben sollte / lachte und urteilte: der Verstorbene müste
niemahls ein Licht mit den Fingern geputzt haben. Denn die Steine hätten allein
diese Unempfindligkeit; Die Unwissenden schreckte kein Blitz; die Wahnsinnigen
lieffen nur wie die tummen Schaafe ins Feuer / und die wilden. Zelten hätten
nicht ihre Hertzhaftigkeit /sonder ihre blinde Unvernunft an Tag gegeben; als
sie die unversehrlichen Wellen des sie überschwemmenden Meeres mit ihren Waffen
zurück treiben wollten. Man müste dem Glücke und der Natur zuweilen aus dem Wege
gehen. Diese hätte in den hertzhaftesten Tieren uns einen Spiegel der Klugheit
fürgehalten / wenn sie gemacht / dass der Löwe sich für dem Geschrei eines Hahnes
/ der Elefant für dem Gruntzen eines Schweines / oder für dem Ansehn eines
Widers /der Tiger sich für dem Getöne einer Paucke / der Wallfisch für
Zerstossung der Bonen sich entsetzet. Und bei den Helden wäre mehrmals die
Furcht und Hertzhaftigkeit eben so wohl / als in den Wolcken Feuer und Kälte
vereinbarlich. Aratus Sicyonius hätte durch seine Taten bei den Griechen den
Ruhm eines unvergleichlichen Feld-Hauptmannes erworben /gleichwol hätte ihm bei
allen Treffen das Hertze mehr / als dem furchtsamste Kriegsknechte geklopfft;
und er hätte oft seine Untergebenen ängstig gefragt: Ob er auch selbst würde
treffen müssen? Er wollte einen andern tapfferen Kriegs-Mann nicht nennen /
welcher bei angehender Schlacht ärger / als ein Aespenlaub gezittert; diesen
Gebrechen der Natur aber einsmals gegen einem / der ihm einen Harnisch anzulegen
geraten / aber derogestalt artlich abgelehnet hätte: Er dörfte keiner solchen
Waffen. Denn das Fleisch zitterte und scheute sich nur für dem Gedränge / darein
es sein feuriges Hertze einzwängen wollte. Dahero wäre die Meinung nicht
durchgehends anzunehmen / dass kein furchtsamer iemahls ein Siegszeichen
aufgerichtet / noch das Glücke zum Beistande gehabt hätte. Griechenland glaubte
/ dass die Furcht denen Göttern selbst anständig wäre; als welche sich für dem
Riesen Tiphaus in Egypten geflüchtet / und in wilder Tiere Gestalt versteckt
hätten. Das Verhängnis brauchte das Schrecken bissweilen zu einem bösen Wahrsager
/und wenn selbtes eine göttliche Schickung wäre / müsten auch eiserne Hertzen
beben / und die Kinder der Götter so wohl / als Ajax / Hector und Amphiaraus
fliehen. Also hätte Pan bei des Bacchus Heere durch ein blosses Geschrei / und
desselben Wiederschall dem Indischen / eine blosse Einbildung dem Xerxischen /
und eine unerforschliche Ursache des grossen Alexanders Heere / als es gleich
mit dem Darius schlagen sollen / eine über-natürliche Furcht eingejagt / dass sie
wie unsinnige Menschen sich geberdet. Gleichwol wäre bei den letzten solche bald
mit Weglegung der Waffen verschwunden / und ihr Schrecken mit einem herrlichen
Siege gekrönt worden. Dahero wäre die Furcht nicht nur zuweilen unvermeidlich
/sondern auch nützlich; und würden auch die tapffersten Leute durch geschwinde
Zufälle erschrecket. Denn ob zwar ihre Ubermasse freilich wohl alle Weissheit aus
dem Gemüte raubete / und ein ungetreuer Lehrmeister unsers Fürhabens ist; so
wäre doch die mässige eine Mutter der Vorsicht / diese aber der Glückseligkeit /
und eine Schwester der Klugheit. Sintemal die furchtsamen insgemein auch die
Nachdencklichsten sind. Und wie der Camelion nur /wenn er furchtsam ist / zu
seiner nötigen Erhaltung die Farben veränderte / und die Hindinnen nur / wenn
es donnert / trächtig würden; Also lehrete auch nur eine vernünftige Beisorge
für Unglücks-Fällen kluge Anschläge / und vielerlei Anstalten zu erfinden; und
das gemeine Heil fruchtbar zu machen. Die übermässige Furcht selbst wäre mehrmals
zu was gutem dienlich; indem sie durch die Verzweiffelung unmögliche Dinge
ausübete; Und der über seines Vaters Crösus Lebens-Gefahr erschreckende Sohn
seine ihm von der Natur gebundene Zunge aufflösete / wormit sein Band der Liebe
dem Vater den Lebens-Fadem verlängere. Ja die Furcht wäre mehrmals so heilsam /
dass man selbte annehmen müste / wenn man sie am wenigsten hätte. Mit dieser
hätte Ventidius den Pacorus mit seinen Persen / diese aber den Antonius
überwunden. Die Staats-Klugen brauchten die Furcht oft zum Werckzeuge der Ruhe
und Sicherheit. Sie wäre der einige Nagel / welcher die Gesetze hielte / weil
die wenigsten aus Liebe der Tugend nicht sündigten. Sie wäre das Siegel der
Friedens-Schlüsse und Bündnisse / ein Kapzaum unbändiger Völcker / welche bei
verschwindender Furcht also gleich wieder zu den Waffen griffen / und das
gemeinste Band der Untertanen. Denn man müste alle die mit ihr zwingen /welche
durch Woltat nicht zu gewinnen wären. Dahero die Römer die Furcht für so
göttlich gehalten /dass / wie sie in der Welt die erste Andacht gestifftet; also
sie ihr selbst Altäre gebaut und geopffert hätten. Mit einem Worte: ein Fürst
müste allezeit klug / insgemein hertzhaft / zuweilen furchtsam / aber niemals
verzagt sein. Ich muss es gestehen / fing Flavius an /dass die Furcht mich nichts
minder aus der Römer Händen errettet habe / als sie die Hirschen der Grausamkeit
der Jäger zu entreissen pfleget. Hertzog Herrmann bat hierauf den Flavius: Er
möchte doch / wie er so glücklich von Rom in Deutschland entronnen /kürtzlich
entwerffen. Rhemetalces aber setzte bei: Er möchte doch seine auch vorher ihm zu
Rom begegnete Zufälle darbei nicht gäntzlich vergessen. Denn er wüste wohl / dass
wie Africa eine Mutter täglicher Missgeburten / also Rom seltzamer Zufälle wäre /
und insonderheit Fremden. Flavius antwortete: Aus seinen wäre zwar kein
Wunderwerck zu machen; iedoch wollte er seine merckwürdigste Begebnüsse ohne
Umschweif berühren / um teils der Anwesenden Verlangen zu vergnügen / teils
ihre Gedult nicht zu missbrauchen. Hiermit fing er an: das Verhängnüs machte
unsere unglückliche Gefangen schafft dardurch glückselig / dass uns Drusus nicht
mit zum Siegs-Gepränge / sondern der Käyser / weil mein Bruder Herrmann ihn bei
Mniturne aus dem Wasser errettet / uns neben dem jungen Agrippa und Germanicus
in Rom einführte. Ich genoss allentalben dasselbe mit / was Hertzog Herrmann
durch seine Tugend verdiente / worvon ich viel denckwürdige Begebnüsse erzählen
müste / wenn ich mich nicht bescheidete / dass seine Armen wohl grosse Taten
auszuüben geschickt sind / seine Ohren aber ihre Erzehlung nicht vertragen
können. Einmal neigte mir ja mehr das Glücke / als meine Geschickligkeit ein
Mittel zu / des Käysers Gewogenheit etlicher massen zu erwerben / als ich auf
einer vom Drusus angestellten Jagt ein wildes Schwein aufhielt / dass es den
fallenden Käyser nicht verletzen konnte. Der Käyser war über meiner Auferziehung
und Unterweisung in der Bau-Rechen- und Mess-Kunst / wie auch in ritterlichen
Ubungen mehrmals so sorgfältig / dass uns ieder Fremder ehe für des Augustus
Enckel / als für Gefangene angesehn haben würde. Ich hätte den Käyser vielleicht
auch wohl zuweilen in unsern Prüfungen vergnügt / wenn mein Tun nicht allemal
von meinem Bruder und dem Germanicus wäre verdüstert worden. Wiewol diese
Verdüsterung gleichwol zu meinem Vorteil gereichte; weil mein eingeschlaffener
Geist aus Eiffersucht ermuntert / und mein Gemüte durch zweier so lebhafter
Fürsten Beispiel gleichsam rege zu werden gezwungen ward. Sintemal die Laster
nicht nur anfällig sind; sondern auch die Tugend / wie des Apollo Leier / welche
einen Stein /an dem sie gehangen / singend gemacht / und des Orpheus Grab / bei
welchem die Nachtigaln eine viel süssere Stimme bekommen haben sollen / ihre
Gefärten mit ihrer Köstligkeit beteilet. Auser diesem waren Herrmanns
Verdienste so gross / dass die Schätzbarkeit der Römer ihre Gewogenheit nicht gar
auf ihn ausschütten konten / sondern wie die Sonne mit ihren Stralen auf
unfruchtbare Klippen / mich Unwürdigen damit beteilen mussten. In dessen Ansehn
ward mir auch Mecenas hold / und der Käyser hiess mich nebst meinem Bruder des
verbrennten Drusus Asche in der Julier Begräbnis tragen. Welche Verrichtung zwar
in Deutschland einen Schein der Dienstbarkeit haben kann / in Rom aber eine der
grösten Ehren ist / welcher nur die Ratsherren fähig sind. Uber diss ward ich zu
allen Gemeinschaften gezogen / in denen sich des Käysers Enckel Lucius und
Cajus befanden; und ich hatte das Glücke / dass ich mit diesen unbändigen
Jünglingen niemals zerfiel; und weil ich zuweilen mit etwas verhieng; erlangte
ich bei ihnen so viel Ansehen / dass mein Wiederraten sie oft ehe / als des
Käysers strenge Dreuungen von ihren wilden Entschlüssungen zurück hielt. Es ist
wahr / sagte Hertzog Arpus; Man muss an grossen Höffen allezeit vermummte
Antlitzer haben / und das freudig mit machen / darfür man die gröste Abscheu
hat. Junge wilde Fürsten muss man auch / wie die Wall fische fangen; denen man
das in die Seite eingejagte Seil nachläst / und wenn sie schwach ober müde
worden sind / sie allererst zu dem sonst über einen Hauffen gerissenen Schisse
ziehen muss. Hertzog Flavius fuhre fort: Ich darff meine über diese zwei Fürsten
gewonnene Botmässigkeit wohl nicht meiner Klugheit zueignen / weil ich meiner
selbst noch nicht mächtig / und mein Tun ein steter Fehltritt war. Ich meine
aber / dass mein Vorteil von einer Verwandschaft unser Gemüter / und von der
Eintracht der Neigungen den Uhrsprung hatte / welcher Würckungen oft so seltzam
sind / dass sie der Unwissenheit des Pöfels mehrmahls eine Zauberei heisset.
Diese Verwandnüs beredet ohne Worte / und bemächtiget sich der Gemüter ohne
Verdienste; ohne sie aber ist alle Tugend ohnmächtig / und alle Bemühung
vergebene Arbeit. Dieser verborgenen Neigung hilfft nichts mehr auff die Beine
als eine Befleissung sich in die zu schicken / mit denen man umgehet. Denn wenn
man mit den Wölffen heulet / mit den Affen spielet /mit den Eichhörnern tantzet;
wird man nicht nur allentalben beliebt / sondern diese kluge Verwandlung machet
/ dass hernach alle andere einem so fertigen Proteus auch was kluges nachtun.
Lucius war kaum dreizehn Jahr alt / als er schon eine heftige Neigung der
Geilheit von sich mercken liess. Welches mir als einem Deutschen so viel
seltzamer vorkam / als welche sehr langsam diesen Trieb der Natur fühlen / und
für dem dreissigsten Jahre auch zulässlicher Liebe pflegen für Schande achten.
Welches / als ich es damals auf Anstifften unsers Lehrmeisters Atenodorus dem
Lucius erwähnte / so wohl ihm als seinen Römischen Gefärten anfangs unglaublich
/ hernach ein Gelächter war. Sintemal diese uns Deutschen für halbe Missgeburten
schalten / denen unser gefrorner Himmel mehr Schnee als Blut in die Adern
geflöst hätte. Ich aber hing ihnen im lachenden Mute diesen Schandfleck an /
dass ihre unzeitige Lüsternheit ihre Kräfften erschöpffte / ehe sie erstarreten;
und im Frühlinge unreiffe und sauere Aepffel abbreche / welche die Deutschen im
Sommer in ihrer süssen Vollkommenheit zu genüssen pflegten. Hiervon rührete /
dass die sich zur Unzeit abmergelnden Römer gleichsam halbe Zwerge blieben;
Hingegen der Baum-langen Deutschen Kinder als halbe Riesen herwüchsen / und
sichtbare Beweisstümer der Elterlichen Leibes-Kräften für Augen stellten. Bei
solcher Mässigung hätten die Deutschen auch in der Wollust selbst einen Vorteil.
Denn sie behielten biss ins greise Alter das unerschöpfliche Vermögen der Jugend.
Dahingegen bei denen / welche durch zu frühe Begierden ihnen und der Natur
Gewalt antun / eben so zeitlich entkräfftet würden / wie gewisse Bäume ehe
verdorren / wenn man ihnen die Blüten abbricht; Als wenn man ihre Aepffel reif
werden läst. Insonderheit aber war der bei dem Kayser so sehr beliebte Atenodor
von Canaan in Sicilien /teils nach Anleitung seiner Stoischen Weltweissheit
/teils wegen Verbindligkeit gegen dem Käyser / für viel genossene Woltaten
beflissen den Lucius von dem Wege der Wollust abzuleiten. Dieser weise Mann ward
entweder dem August zu Liebe / oder auch wegen seiner Lehre und tugendhaften
Lebens halber für einen halben Gott verehret. Denn ob zwar anfangs die Stoischen
Weisen / als Nachfolger des unverschämten Diogenes als hoffärtige / halsstarrige
und unruhige Verächter der Obrigkeit ganz verachtet waren; so erlangten sie
doch nach und nach durch ihre Mässigung / und insonderheit / als man ihre
Weissheit nicht in Schalen zierlicher Worte / sondern im Kerne der von ihnen
stets eingelobten Tugend bestehen sahen / ein so grosses Ansehen / dass man sie
unter allen gleichsam nur alleine für Weltweisen / oder sie nur für Männer / die
andern Meisen aber für Weiber hielt. Dahero August diesen Atenodor nach Rom
/wie vorher der Partische König den weisen Demetrius von Aten / nach Babylon
die Stoische Weissheit daselbst fortzupflantzen holen und unterhalten liess.
Dieser gute Atenodor hatte schier von der Wiege an dem Cajus und Lucius den
Grund der vom Zeno und Cleantes befestigten Lehre eingeredet / dass das höchste
Gut des Menschen wäre / den Schlüssen der Vernunft zu folgen / nach der
Richtschnur der Natur /nämlich nach dem Willen Gottes zu leben / mit ihm selbst
einträchtig und vergnügt zu sein / und sich aller heftigen Gemüts-Regungen /
welche in dem Menschen einen bürgerlichen Krieg erregten / zu entschlagen;
welche die Vernunft nicht im Zügel führte und zu Ermunterung der sonst
laulichten Tugend angewehrte. Aber beiden war diese Lehre zu schwer auszuüben.
Denn der heuchlerische Hoff / und die Stadt / worinnen alle Laster Bürgerrecht
gewonnen /wo nicht den Nahmen der Tugend erworben hatten; redeten in einer
Stunde ihnen mehr aus / als ihnen Atenodor in zehn Tagen mit genauer Noch
beibracht hatte. Als er nun sonderlich den Lucius einen unmässigen Trieb zur
Geilheit haben sah / befliess er sich die sonst gewohnte Mässigung seiner
uhrsprünglich strengen Lehre bei Seite zu setzen / und die Wollust mit Stahl und
Schwefel anzugreiffen. Einen ganzen Monat lang sagte er dem Lucius schier
nichts anders für / als was das Frauenzimmer ihm verhast / und bei der Welt
kohlschwartz machen konnte. Es hiess ihm ein unvollkommenes Tier / eine Missgeburt
der Natur /welches schwerlich für einen Halb-Menschen zu achten wäre. Ein
hässlich Weib wäre eine Abscheu der Augen / ein schönes eine helle des Hertzen.
Die Liebe machte aus ihr einen Wüterich / die Verachtung einen Todfeind / die
Erzürnung eine höllische Unholdin. Ihre Regungen wüsten von nichts mittelmässigen
/ und vertrügen über sich keine Vernunft; ihre Gedancken duldeten keine
Beständigkeit / ihre Begierden keinen Zaum / ihr Hass keine Versöhnung. Auch was
Tugend an ihnen schiene / wäre ein Blaster / kein Wesen / und ein blosser Fürniss
der Laster. Sie wäre niemanden getreu / als aus dringender Not / keinem
Menschen hold / als zu ihrem Vorteil / und nur keusch aus Furcht der Schande
oder der Verstossung. Sie betrüge ihren besten Freund mit lachendem Munde / sie
versteckte ihr schaden-frohes Gemüte mit falschen Tränen / die Unwarheit mit
glatten Worten / das Gift ihres neidischen Hertzen mit verzuckertem Liebkosen.
Ihre grimmige Augen verwandelten die törichten Liebhaber in Stein / ihre holden
Anblicke bezauberten sie. Ihre Küsse verrückten auch den Weisesten die Vernunft
/ und ihre Uppigkeit machte sie zu Unmenschen. Ja die Weissheit hätte mit dem
weiblichen Geschlechte eine solche Unverträglichkeit / dass ihre Göttin nicht von
einem Weibe / sondern nur aus dem Gehirne Jupiters hätte können geboren werden.
In selbtem kämen alle Laster / wie die Striche in dem Mittel eines Kreisses
zusammen; also / dass Plato mit sich Rat gehalten / ober die Weiber nicht für
eine Mittelgattung zwischen Mensch und Vieh halten sollte. Die aber / welche der
Unzucht den Zügel schüssen liessen / wären grimmere und garstigere Tiere /als
die / welche vom Raube und eitel Unflate lebten. Denn die Wollust wäre der
wahrhafte Prometeus /welcher zu Fertigung seines Menschen den Grimm des Löwen
/ die blinde Unart wilder Schweine / die Grausamkeit der Tiger / die Zagheit der
Hinde / die Betrügligkeit des Fuchses / und den Wanckelmut des vielfüssichten
Meerfisches genommen hätte. Sie stäche ihr selbst die Augen aus / dass sie weder
Schande noch Gefahr sehen / sondern desto blinder und verzweiffelter in den Pful
aller Laster rennen könnte. Sie liesse sich anbeten als einen Abgott; und würde
hernach ein Hencker ihrer eigenen Priester. Sie äscherte Städte und Länder ein /
darinnen man sie beherbergt /und auf Gold und Purpur gelegt hätte; Sie besudelte
mit Mord und Blut das Ehbette / und die Taffeln der Eltern; und ersteckte wie
die Schlangen die Kinder ihres guttätigen Wirtes. Ihre Augen tödteten wie die
Basilisken ohne Verwundung / ihr Atem vergifftete /was er anhauchte; ihre
streichelnde Hände hätten Kreile wie die Egyptischen Mäuse / welche mit ihrem
Krimmen die Eingeweide zerfleischten. Ihre Armen erwürgten wie die Affen mit
ihren Umhalsungen. Ihr Mund bliesse wie jener Wald-Gott kalt und warm heraus;
und ihr Hertze nährete / wie gewisse Berge / bald feurige Ströme brünstiger
Liebe / bald eusersten Schnee des bittersten Hasses. Sie rotte alle andere
Tugenden mit Strumpf und Stiel aus / und brauche die besten Wissenschaften zu
einem Richtscheite nach der Kunst zu sündigen / und auch in der Bosheit dem
Pöfel überlegen zu sein. Alles diss / was die heftige Ungedult dem Atenodor
wider die Wollust und das weibliche Geschlechte heraus lockete / merckte Lucius
fleissiger auf / als nichts vorher. Hierdurch machte er seinem Lehrmeister keine
geringe Hoffnung der in seinem Gemüte noch glimenden Funcken der Tugend.
Alleine Lucius verfügte sich ins geheim fast täglich zu dem weltweisen
Aristippus / welcher sich für einen Nachfolger des Epicur ausgab / und dahero
vom Mecenas an der Tiber einen Garten geschenckt bekommen; auch an dessen Türe
/ eben wie vorhin Epicur / angeschrieben hatte: Hier werden die Gäste wohl
bewirtet; denn hier ist die Wollust das höchste Gut. In der Warheit aber
pflichtete dieser Aristippus dem Aristippus bei / der ein Uhrheber der
Cyrenischen Weltweisen war / und die Wollust des Leibes für das höchste Gut
hielt; Also von dem Epicur so weit als schwartz und weiss entfernet war. Sintemal
diesen alleine die Verleumdung zu einem Freunde der Faulheit / und die zu einem
Beschirmer der Uppigkeit machen wollen / welche ihre Laster in der Schoss der
Weltweissheit verbergen wollen. Dahingegen Epicur nur dieselbe Wollust billigt /
welche man aus der Tugend schöpffet; und daher der Wollust eben diss Gesetze
vorschreibt / was Zeno der Tugend. Dahero er auch selbst sein nur mit Wasser und
Brod unterhaltenes Leben in der höchsten Mässigkeit hingebracht /das euserliche
Glücke für einen seltenen Gefärten eines Weisen gehalten / auch zuweilen selbst
den Schmertz verlanget hat / wenn er zumal sich besorgt /dass auff die Wollust
einige Reue folgen dörffte. Ungeachtet er nun seine verdammte Lehre stets mit
den Meinungen des Epicur verhüllete / so schwam ihm der Honig der Wollust doch
immer auf der Zunge; also / dass Lucius für dem Atenodor einen heftigen Eckel /
zu dem Aristippus aber eine desto grössere Zuneigung empfing. Diesemnach brachte
er den Vermerck der von Atenodor heraus gelassenen Heftigkeiten zu Livien / und
verlangte durch sie beim Käyser verbeten zu werden / dass er sich eines so
rauchen Lehrers entschlagen / und mit bescheidenern versorgt werden möchte.
Livia zohe entweder aus einer weiblichen Schwachheit / oder aus einer vorhin
schon wider ihn gefasten Gramschaft des Atenodorus Lehre für eine sie selbst
antastende Schmähung an; verklagte ihn beim Käyser / und drang darauf / dass er
und alle Stoische Weisen aus Italien gejagt werden sollten. Wiewol sie nun diss
nicht bei dem Käyser auswürcken konnte / sondern er ihr zur Antwort gab: Man
müste mit dem Socrates streiten / mit dem Carneades zweiffeln / mit dem Diogenes
zuweilen über die Schnur hauen / mit dem Epicur sich beruhigen / mit dem Zeno
die Natur überwünden lernen / und also ihm einen ieden Weisen nütze machen; so
brachte sie es doch dahin / dass weder Cajus noch Lucius ihn ferner hören
dorften. Hingegen / weil ihr und ihrem auff den Tiberius gesetztem Absehen daran
gelegen war /dass beide Käyserliche Enckel in den Lastern ersteckt würden; half
sie mit des Mecenas Einraten dem Aristippus zu der Unterrichtung des Cajus und
Lucius /wie auch meiner. Dieser Verführer trug uns anfangs zwar den besten Kern
der Epicurischen Weissheit für /und wusste der Tugend meisterlich eine Farbe
anzustreichen; Gleichwol aber hing er derselben stets diesen Schandfleck an /
dass sie nicht wegen ihr selbst /sondern nur wegen ihrer viel edlern Tochter /
nämlich der Wollust zu lieben wäre. Hernach kam er auff natürliche Dinge / und
lehrte uns / dass die Welt / nicht nach des Heraclitus Meinung / aus Feuer /
nicht / wie Tales lehrte / aus Wasser / noch wie dem Pytagoras träumte / aus
Zahlen / sondern aus eitel durcheinander schwermenden Sonnen-Stäublein /
ungefehr zusammen gewachsen / am allerwenigsten aber nach des Aristoteles
Meinung und Einbildung ewig wäre. Auff diesen Schluss gründete er ferner / dass
die Götter sich um die Welt und die Menschen unbekümmert / also die vom Plato
gerühmte göttliche Vorsorge und Versehung ein blosser Traum wäre / ja die Götter
hätten nicht einmal den. Sinn der Tugend wohl zu tun / weniger Waffen und Macht
die Bösen zu beschädigen. Die Seelen der Menschen verrauchten mit dem sterbenden
Leibe / und hätten nach dem Tode weder Lust noch Straffe zu erwarten. Dahero
wäre die Entschlagung aller Bekümmernis die Ruhe des Gemütes das höchste Gut
der Sterblichen / wie der Müssiggang der Götter. So viel wagte er sich dem fast
unzehlbaren Hauffen seiner sich täglich zu ihm drängenden Lehrlinge fürzutragen.
Und wenn iemand über etwas ihm einen Zweifel erregte; wusste er durch spitzige
Unterscheidungen seine Sätze so meisterlich herum zu drehen / dass es schien /
als wenn er die Götter angebetet / die Menschen allerdings tugendhaft wissen
wollte. Als er aber den Cajus und Lucius so gar geneigt zur Wollust sah; liess er
sie und mich einmal in das innerste Teil seines bewohnten Lustauses zu
absonderer Unterweisung leiten. Wir fanden daselbst an ihm gleichsam einen ganz
andern Menschen. An statt des langen Mantels trug er nach Griechischer Art einen
seidenen Rock der Edelen. Die Platte seines kahlen Kopffes war mit falschen
Haaren bedeckt. An den Armen und Fingern trug er güldene Geschmeide und Ringe
mit Edelgesteinen. An den Füssen hatte er gestickte Schuh mit kleinen Monden.
Und von der Tracht der Weltweisen war nichts / als der lange Bart übrig; welcher
aber mit Fleiss ausgekämmet / und eingebalsamt; die Lippen mit Zinober geschmückt
/ die Nägel vergüldet / und von seinen jetzt Rosenfärbichten Wangen das sonst
aufgeschmierete Bleiweiss / welches sie in seiner Schule sonst blass machte /
abgewaschen war. Der Saal / darinnen er lehrte / war mit allem nur ersinnlichen
Vorrate der Verschwendung /insonderheit aber mit denen geilesten Bildern
ausgeschmückt. Für dem Unterrichte erqvickte er uns mit denen kräfftigsten
Labsaln. Er badete uns mit wohlrüchenden Wassern / salbete uns mit Syrischen
Balsamen / und verschwendete allen Vorrat des üppigen Asiens. Hierauf machte er
eine weitscheiffige Rede von seiner gegen uns tragenden Gewogenheit / und dass
diese ihn nötigte wiewol mit seiner Gefahr das Geheimnis der wahren
Weltweissheit zu offenbaren. Nach dem er uns nun gleichsam nach diesem
verborgenen Schatz seufzen sähe; fing er an / alter Weltweisen Meinungen als
Irrtümer zu verdammen / und als Betrügereien zu verfluchen. Die wahre Weissheit
wäre / wissen / dass kein Gott wäre. Socrates hätte zwar zum Scheine zuweilen
Gottes / als eines unveränderlichen Lichtes / gedacht; aber / weil er selbst
nichts davon gehalten / beigesetzt: Er wäre ein Wesen ohne Leib. Er hätte zwar
aller andern Weltweisen Meinungen widerlegt; aber selbst keinen Satz gemacht /
sondern sich nur mit seiner Unwissenheit gerühmt; und deswegen hätte ihn der
Wahrsager-Geist Apollo für den weisesten Menschen ausgeruffen. Zwar hätte er oft
einer hohen Weissheit / welcher aber der Pöfel nicht fähig noch würdig wäre /
erwehnet; diese aber wäre nichts anders gewest / als die oben erwähnte; und
hätte er sie nur etlichen hohen Geistern / wie wir wären / eröfnet. Gleichwol
aber wäre er verraten /und wegen Entdeckung eines Geheimnüsses / welches nur
herrschende Fürsten wissen sollten / vom Rate zu Aten zum Tode verdammt worden.
Plato / und die nach folgenden Weisen wären Heuchler gewest / und hätten aus
Furcht gleicher Belohnung die Warheit zu bekennen sich nicht gewagt. Epicur
hätte zwar denen scharfsichtigen wieder ein Licht aufgesteckt; und weil er zu
Aten nicht sagen dörffen / dass es keine Götter gebe; habe er gelehret: Es wäre
keine göttliche Versehung. Gleich als wenn nicht dieses letztere auch das
erstere aufhübe. Sintemal ein Gott ohne Versehung weniger als ein Klotz oder
Stein den Nahmen eines Gottes verdienet. Alleine Aristippus von Cyrene hätte die
vom Socrates gefaste Weissheit allererst recht ans Tagelicht gebracht / und
fortgepflantzt; nach dem er der Götter als eines Undinges gar nie erwehnet / und
nichts minder durch die Lehre / als durch sein Beispiel / da er in dem Bette der
geilen Lais / und an der Taffel des verschwenderischen Dionysius alleine seine
Lust gesucht / alles vergangene vergessen / alles künftige verachtet / und sich
nur des gegenwärtigen erfreuet / allen Klugen die Augen aufgesperret / und durch
das Leben auch derer / die ein widriges mit dem Munde lehren / erwiesen / dass
die Wollust des Leibes das einige und höchste Gut des Menschen sei. Hierauf trat
auf sein gegebenes Zeichen ein überaus schönes / aber fingernacktes Frauenzimmer
in den Saal und uns ins Gesichte. Aristippus aber fing an: Sehet ihr nun / ihr
Fürsten der Jugend / das schändliche Ungeheuer des wahnsinnigen Atenodorus.
Düncket euch diese nackte Lehrerin nicht ein klüger Weiser zu sein / als der
sich für wenig Jahren zu Aten wahnwitzig verbrennende Indianer? oder der tumme
Empedocles / der sich in den feurigen Berg Etna stürtzte? Warlich / entweder
euch muss der Sauertopf Atenodor oder eure Augen betrügen. Diese aber werden
euch zuversichtlich überweisen / dass ein schönes Weib das gröste Wunder der
Natur / ein Paradis der Augen / das würdigste Buch eines Weisen / und ein
wesentlicher Begriff himmlischer Ergetzligkeiten /und eine wahrhafte Gotteit
unter den Menschen sei. Ohne sie werden die Männer ihnen selbst feind; von ihnen
aber werfen die Kältesten / wie die Erde von der Sonnen / angefeuert / und sie
opfern ihre Hertzen keiner Gotteit würdiger / als diesem Geschlechte. Sie sind
der unerschöpfliche Brunnen der Fortpflantzung /und die Vollkommenheit der
Natur. Deshalb würde zu Rom Jupiters Priester mit dem Tode seines Eheweibes
auch ein Wittiber seines Priestertums und zu opffern unfähig. Darum darf in dem
Heiligtum der Cybele oder der Götter-Mutter kein Tier / welches nicht
weiblichen Geschlechtes ist / gebildet sein. In dem grossen Feier der Ceres zu
Aten wird das weibliche Geburtsglied verehret; weil durch desselbten ersetzende
Anschauung Ceres den Verlust ihrer Tochter bergessen hätte. Dieses Sinnenbild
aber deutete nichts anders als den unschätzbaren Wert der Wollust an. Ohne sie
ist das Leben bittere Wermut / und die eingebildete Weissheit nur Torheit. Als
er uns dieses seiner Meinung nach feste genung eingedrückt zu haben vermeinte;
wie er denn wohl truste / dass kein Schweffel ein so geschwinder Zunder des
Feuers / als die Jugend der Laster sei; leitete er uns in ein ander Gemach;
darinnen wir zwei marmelne Bilder / des Bacchus und der Venus / derer erstem
zwölf wie Wald-Götter / dem andern wie Liebes-Götter geputzte Knaben bald
raucherten / bald darum nach einem verborgenen süssen Getöne tantzten; in der
Mitte aber eine Taffel mit den seltzamsten Speisen bedeckt / um selbte acht mit
Persischen Teppichten bekleidete Bette antraffen. Wie wir uns nun auf seine
Nötigung auf vier Bette gelehnet hatten / fanden sich so viel ganz nackte
Frauenzimmer neben uns auff die noch leeren Bette; und zwölf andere ebenfals
nackte Dirnen bedienten uns insgesamt an der Taffel. Nach dem diese aufgehoben
war / hegten sie zu uns allerhand geile Täntze mit denen unverschämtesten
Stellungen. Cajus und Lucius verloren sich dann und jetzt in die Neben-Gemächer;
und ich selbst wusste mich kaum zu besinnen / ob mir träumete / oder ob ich in
dem Meer der selbst-ständigen Wollust badete. In dieser Entzückung brachten wir
in dem fest verschlossenen Garten den halben Tag und die Helffte der Nacht zu /
biss uns Aristippus selbst erinnerte / für dissmahl unsere Lehre zu beschliessen;
Bei der Gesegnung aber erinnerte: wir sollten nun die eigene Erfahrung als den
klügsten Richter urteilen lassen: Ob des Aristippus höchstes Gut nicht besser
als des gramhaften Atenodorus sei? Ob des Crates Tasche / des Antistenes
Kappe /des Diogenes Fass / des Zeno Stab würdiger / als des Epicurus Lustgarten
zu achten wäre? Wiewohl alle diese Heuchler nur euserlich wie die Schauspieler
sich in den Mantel der Tugend hülleten; im Hertzen aber der Wollust
beipflichteten / und in geheim sich mit derselben vermählten. Plato hätte sich
dardurch allzu sehr verraten / da er gelehrt / dass die Weiber allen Männern
gemein sein sollten. Als Crates einmal eingeschlaffen / hätte man in seiner
Tasche noch tausend güldene Darier gefunden; ungeachtet er all sein Reichtum
als Kot weggeworffen zu haben sich rühmete. Dem Antistenes wären aus seinen
zerrissenen Hosen offtmals Würffel und Karten gefallen. Diogenes wäre an
Alexanders Hoffe über dem Diebstahle eines güldenen Bechers betreten / und in
seinem Schübsacke das Bild der unkeuschen Lais gefunden worden; ungeachtet er
nur aus dem Hand-Teller zu trincken / und die Weiber mit dem Stabe von seinem
Fasse wegzutreiben pflegen. Euclides wäre in Weibskleidern zu Aten im
Hurenhause angetroffen worden; als er unter dem Vorwand den Socrates zu hören
von Megara dahin zur Nachtzeit geschlichen. Pytagoras hätte in den Armen seiner
Teano / Socrates auff den Brüsten der Aspasia und ihrer Dirnen gelechset /
durch welcher feil gehabte Schönheit sie den Peloponnesischen Krieg angezündet
hätte. Der scharffe Gesetzgeber Solon hätte nicht nur der sich gemein machenden
Venus einen Tempel gebaut / sondern auch mit unkeuschen Weibern Gewerb
getrieben. Des Partaoins für einen Weltweisen gerühmter Sohn wollte eine schöne
Täntzerin nicht neben sich niedersitzen lassen; als sie aber hernach feil
geboten ward / bot er nicht nur das meiste darfür / sondern raufte sich auch mit
andern um sie. Fliehet daher diese Toren / folget dem viel weisern Epicur /
welcher mit seiner holdseligen Leontium den Zucker dieser Welt genoss / und dem
Aristippus / welcher auf denselben Brüsten schlief / von welchen alle Mahler zu
Corint das Muster ihrer zu bilden nötigen Brüste nahmen. Opffert die Blüten
eurer kräfftigen Jugend der ergetzenden Wollust / und dencket / dass sie im Alter
welck wird; nach dem Tode aber keine mehr übrig sei.
    Mit diesem abscheulichen Unterrichte nahmen wir von dem Verführer Aristippus
Abschied / und kamen mit Verwunderung des Hofes / dass Cajus und Lucius sich so
sehr in die Weltweissheit verliebt hätten / nach Hause. Folgenden Tag fanden wir
uns wieder gar zeitlich in des Aristippus Garten / da er denn uns und der
verhandenen grossen Menge der Zuhörer fürtrug: Ein Weiser sollte in allem / was
er täte / sein Absehn allein auf seine eigene Vergnügung haben. Daher dörffte
der / welcher am Müssiggange Ergetzligkeit spürte / sich nicht mit Erlernung
schwerer Dinge quälen / ein Geitziger dörffte gegen niemanden freigebig sein
/ein Furchtsamer nicht in Krieg ziehen / ein Unachtsamer sich umb Gott nicht
bekümmern. Zuletzt gab er uns ein Zeichen / dass wir uns wieder in seine geheime
Schule einfinden sollten. Cajus und Lucius waren schon in das Lust-Haus hinein /
und ich auf der Schwelle / als ich fühlte / dass mich einer hinterrücks bei dem
Kleide zurück zoh. Als ich mich umbwendete / sah ich einen alten Mann / dessen
Antlitz eine sonderbare Andacht / seine Geberden aber eine grosse Bestürtzung
andeuteten. Dieser fing mit aufgehobenen Händen an: Tritt zurücke / edelster
Flavius / von der Schwelle deines Untergangs. Hiermit ergriff er mich bei der
Hand / und führte mich halb gezwungen und halb gutwillig in den düstersten Gang
des Gartens /daselbst fiel er mir umb den Hals / küsste und benetzte mich mit
einem reichen Strome bitterer Zähren. Hierauf sah er gegen dem Himmel / und
fieng an: Ewiger Gott! lasse nicht zu / dass der Sohn des frommen Fürsten
Segimers in den Klauen eines so schändlichen Gottes-Verächters / und seine Seele
von diesem Ertzt-Mörder umbkomme! Ich / der ich anfangs gleich über der Kentnüss
und hertzhaften Ansprache dieses Greises mich verwunderte / ward nunmehr durch
einen geheimen Trieb zu einer absondern Ehrerbietung gegen ihn gereget / und es
schien ihm eine überirrdische Lebhaftigkeit aus den Augen zu sehen. Daher ich
anfing: Sage mir / Vater / woher du mich kennest / und was mir für ein Unglück
vorstehe? Ach! fing er seufzende und zwar nunmehr in deutscher Sprache an: Es
ist hier kein Ort dir alles zu offenbaren. Meine Sprache versichert dich / dass
ich dein Landsmann / und diese meine Beteuerung / (hiermit legte er seine Hand
ihm flach aufs Haupt /) dass ich ein treuer Knecht deines Vaters Segimers /
Aristippus aber der verfluchteste Unmensch und euch den höllischen Unholden zu
einem fetten Schlacht-Opfer zu liefern vorhabens sei. Hier leidet die Zeit nicht
mehr Worte zu mache. Wilst du dich aber erhalten wissen / so entferne dich
augenblicks aus diesem Garten / und suche mich morgen früh in dem Tempel der
Isis / welchen der Käyser unlängst an den Ort / wo vorhin der vom Julius
eingerissene gestanden / zu bauen erlaubet hat. Hiermit setzte sich dieser Greiss
in einen Kahn auf die Tiber / und fuhr davon; ich aber verfügte mich in die
grosse Renne-Bahn / und brachte den Tag mit allerhand Ritterspielen zu / umb
mich der von des vorher gehenden Tages seltzamer Begebnüss / oder dieses Alten
Erinnerung zuhängenden Traurigkeit zu entschlagen. Umb Mitternacht kam Lucius in
mein Zimmer für mein Bette / und wusste mir die beim Aristippus genossene Lust /
welcher die erstere nicht das Wasser reichte / nicht genungsam heraus zu
streichen. Denn er hätte sie mit eitel jungen Mohren und Mohrinnen bedienet /
gegen welcher feurigem Liebes-Reitze des weissen Frauenzimmers Anmut nur für
Schnee zu achten wäre. Ich konnte mich über diesem Vortrage nicht entalten
überlaut zu lachen und zu fragen: Was Aristippus für eine Beredsamkeit sie zu
bereden gebrauchet / dass die Raben schöner als die Schwanen wären? Sind die
Raben nicht schöner / versetzte Lucius / so sind sie doch wahrhaftiger zum Reden
/ als die Schwanen zum singen geschickt / und also anmutiger. Warumb aber sollte
nicht auch Schönheit und Schwärtze bei einander stehen können? Meinest du / weil
deine Deutschen / wie auch du / so weiss sind / dass die Mohren in allen Augen so
hesslich sein? Weist du nicht / dass die Venus in Africa eben so aus schwartzem /
wie zu Aten von weissem Marmel gebildet wird? Ja die Griechen selbst geben nach
/ dass diese Mutter der Schönheit und Liebe mit ihrem Vulcan ein Mohren-Kind
gezeugt habe. Ich antwortete: Nach dem die Gewohnheit auch etwas abscheulichem
eine bessere Farbe anstreicht /und den Augen ihre erste Empfindligkeit benimt;
ja die Liebe gar ins gemein verbundene Augen hat / ist mir nichts frembdes / dass
die Wald-Götter ihre rauche und Ziegenfüssichte Geferten / und die
halbgebratenen Mohren ihre beraucherte Weiber oder vielmehr ausgeleschte Kohlen
für schön halten? Ich aber werde mir solche Farbe niemals für schön verkauffen /
noch auch michs so gar die nackten und schwartzen Weltweisen in Indien bereden
lassen. Mein Auge ist mir dissfalls nicht allein ein unverwerfflicher Richter;
sondern die Römischen Frauen sind meine unzehlbare Zeugen / welche durch so viel
Künste ihre gelbe Haut in eine lebhafte Schnee-Farbe zu verwandeln / und ihre
schwartze Häupter mit den weissen Haaren des Deutschen Frauenzimmers
auszuschmücken bemühet sind. Ja / sagte Lucius / iede Farbe hat ihre
Vollkommenheit. Was weiss ist / muss sehr weiss sein / wenn es schön sein soll.
Also ist die Schwärtze auch schön /wenn sie nicht fahl / sondern vollkommen
schwartz ist. Der schwartze in Mohrenland und bei denen Landesleuten den
Lagionen wachsende Marmel wäre beliebter / als der weisse des Eylands Paros.
Auch ich /versetzte ich / halte viel von schwartzen Steinen; und Diamanten
selbst sind nicht schön ohn schwartze Folgen und finstere Straalen. Aber unter
dem Frauenzimmer halte ich es mit dem weissen. Das Meer hat in sich nichts
köstlichers / als die weissen Perlen; der Himmel der Begriff aller Schönheit
weiss von keiner schwartzen Farbe. Lucius begegnete mir: Er hat dieser in alle
wege zu seiner höchsten Pracht von nöten. Denn seine Gestirne sind so gar
unsichtbar / wenn ihn der Pinsel der Nacht nicht schwartz anstreicht. Ich brach
ihm ein: Der Schatten hilfft wohl unserm blöden Gesichte / aber dem Lichte und
den Sternen teilt er keine Zierde mit. Die Sonne das schöne Wunderwerck der
Natur ist der Schwärtze so feind / dass Nacht und Schatten für ihr in ewiger
Flucht sein müssen. Gleichwohl wird bei den Phöniciern / versetzte Lucius / ein
schwartzer Stein als das Ebenbild der Sonnen unter dem Nahmen des Eliogabalus
angebetet. Also müssen die Gestirne mit dieser Farbe keine so unleidliche
Eigenschaft hegen. Die Indischen und teils Griechischen Götter verlangen ein
schwartzes Lam / oder eine solche Kuh zu ihrem Opfer. Alles diss / antwortete ich
/ rühret schwerlich von einer beliebten Verwandschaft / vielmehr aber daher /
dass ein hesslicher Gegen-Satz der Schwärtze ihrer Zierde einen Firnüss anstreichen
soll. Massen denn die Diamante schwartze Schalen / die Perlen tunckele Muscheln
/ und die Gold-Adern nicht finstere Behältnüsse und düstere Schlacken
verschmähen. Ich hingegen versetzte: Das von der Unreinigkeit geläuterte Ertzt
und die saubersten Geschöpfe sind am weissesten. Das Licht ist ein Merckmal der
Vollkommenheit / und daher auch diss vortrefflicher / was dem Lichte am
ähnlichsten ist. Das weisse aber ist nichts anders als ein ruhendes Licht / wie
das Licht eine tätige Weisse. Dahero ich / ausser dem Lucius / noch keinen
Verliebten von den schönen Kohlen seiner berähmten Buhlschaft / wohl aber von
dem Alabaster des Halses / dem Helffenbeine des Leibes / und den Perlen der
Brüste Lobsprüche gehört hätte. Vielleicht aber doch / sagte Lucius / von dem
schönen Finsternüsse schwartzer Augen / und von dem eine kohlschwartzen Pferde /
das die nachdencklichen Tichter nicht ohne Ursache vor den Wagen der Soñe
gespañt / und vielleicht dardurch angedeutet haben / dass ein Weib ohne schwartze
Augen unvollkommen schön sei. Ich antwortete: Schwartze Augen stechen in alle
Wege wohl ab / aber nur in einem weissen Antlitze / unsere blauen aber schicken
sich in beide. Da man aber von einem so kleinen Teile des Leibes einer Farbe
den Vorzug zueignen wollte / würde die weisse den Obsieg behalten / weil niemand
weissere Zähne hätte / als die Mohren / auch an ihnen nichts zierlicher wäre als
die Zähne. Ich muss dem Flavius / versetzte Lucius / seine Meinung lassen. Ich
aber bin ein Nachkomme des Käysers Julius / welcher nichts minder / als Anton an
der braunen Cleopatra / mit welcher er nicht nur biss in Mohrenland gereiset /
sondern sie gar nach Rom mitgenommen / mehr als an der Schwanen-weissen Martia
Ergetzligkeit genossen / und die Mohrin Euroe der den Schnee beschämenden
Servilia fürgezogen. Perseus hatte nicht nur die schwartze Andromede geehlicht;
sondern sie wäre so gar in den Himmel unter die Gestirne gesetzt zu werden
gewürdiget worden. Massen denn die einander zusagende Abteilung der Glieder /
und wenn iedes an seinem Orte steht / mehr als die blosse Farbe so wohl ein
Frauenzimmer / als eine Säule vollkommen machen. Dahero die Griechen zu
Abbildung einer vollkommenen Schönheit verlangt hätten / dass Euphranor das Haar
/ wie seine Juno gehabt / Polygnotus die Augenbrauen und Wangen / wie er der
Cassandra zu Delphis zugeeignet / Apelles den übrigen Leib / nach dem Muster
seiner Pacata / Aetion die Lippen / wormit seine Roxane pranget / mahlen sollte.
Hierauf haben die Egyptier Zweifels-ohne gesehen / als sie zu ihrem berühmtesten
Memnons-Bilde so schwartzen Stein / als er im Leben gewest /zu nehmen kein
Bedencken gehabt. Es muss alles /antwortete ich / beisammen stehen. Denn die
Vollkommenheit hat mit keinem Gebrechen Verwandschaft. Diese / versetzte Lucius
/ ist schwerlich unter der Sonnen zu finden / und teilt die vorsichtige Natur
einem dieses / dem andern was anders zu. Massen ich dich denn versichere / dass
die zarte Haut der Mohren für weiche Seide / der weissen Weiber aber hingegen
für Hanff anzufühlen / diese aber im Lieben wo nicht todt / doch eisskalt / jene
hingegen lebhaft / und mit einem Worte Buhlschaften voll Feuer sind. Ich weiss
hiervon nicht zu urteilen / fing ich an / weil ich keine Mohrin nie betastet /
auch von der Liebe selbst nicht zu sagen weiss: Ob sie dem Schnee oder dem Feuer
verwandt sei? Du wirst beides morgen prüfen können / antwortete Lucius / wo du
dich unser Glückseligkeit nicht wie heute entbrechen wilst. Hiermit sagten wir
einander gute Nacht; ich aber konnte aus einer ungewöhnlichen Unruh des Gemütes
kein Auge zutun / stand also mit dem ersten Tagen auf / und eilte in den Tempel
der Isis. Dieser war länglicht-rund von eitel rotfleckichtem Egyptischem Marmel
gebaut; das in der Mitte stehende Bild der Isis war von Tebe hingebracht / war
aus Porphyr / hatte auf dem Haupte einen dreifachen Turm / wollichte Haare / am
Halse das Zeichen des Krebses und Steinbocks / zwölff Brüste / in der rechten
Hand eine Cymbel / in der lincken einen Wasser-Krug / nackte Füsse / darmit sie
auf einem Crocodil stand. Die Priester opferten auf dem Altare gleich etliche
Gänse. Der mich den Tag vorher bestellende Alte war meiner bald gewahr / winckte
mir also / dass ich selbtem durch eine Pforte folgen sollte. Dieser leitete mich
in einen langen gewölbten Gang / und endlich in ein kleines Heiligtum /
darinnen zwar ein Altar /aber kein Bild zu sehen war. In diesem nötigte mich
der Alte auf einen dreieckichten steinernen Stul niederzusitzen; fing auch
alsofort an: Entsetze dich nicht / mein Sohn / dass du in diesem Heiligtum
weniger annehmliches / als in des Boshaften Aristippus Garten zu sehen bekommest
/ darinnen aber keine Frucht zu finden / die nicht von einem schädlichern
Drachen / als welcher die Aepfel der Hesperiden bewacht hat /verwahret / oder
vielmehr vergiftet werden. Ich bin Sotion / von Geburt ein Cherusker / von
Ursprung ein Cattischer Fürst / von Glauben ein Druys / von Lebens-Art ein
Pilgram / ein Knecht des Cheruskischen Hauses / des Libys Bruder / welcher ietzt
oberster Priester in dem Tanfanischen Tempel sein soll. Meine mit Begierde der
Weltweissheit vermischte Andacht hat mich schon für geraumen Jahren aus meinem
Vaterlande in Tracien gelocket / teils des berühmten Zamolxis von dem
Pytagoras gelernete / und zu denen Druyden und biss zu denen Hyperborischen
Völckern von ihm gebrachte Weissheit zu begreiffen; teils auch mich umb das
Glücke zu bewerben / dass ich durch meine Aufopferung zum Gesandten der Tracier
an den Halb-Gott Zamolxis erkieset werden möchte. Das Los fugte auch meinem
Verlangen; weil ich aber ein Ausländer war / ward ich von dem Glücke eines so
herrlichen Todes und eines ewigen Nachruhms verdrungen. Ich wendete mich hierauf
nach Aten; weil ich aber daselbst die wahre Weissheit / welche der Jude
Pherecydes des Pytagoras Lehrer in Griechenland bracht / in die Striche des
immer weinenden Democritus / und in die Spitzfindigkeiten des Protagoras
verwandelt fand / fuhr ich in Syrien /verrichtete ein ganzes Jahr meine Andacht
in dem heiligen Tempel der Juden zu Jerusalem / darein mir aber nicht ehe der
Eingang verlaubt ward / als biss ich nach dem Beispiele des Pytagoras mich
beschneiden / und wie jener seine Tochter Sara / also ich mich Moses nennen
liess. Von dar kam ich in Epypten / und nach einer sieben Jahr mit dieses Landes
Priestern gepflogenen Verträuligkeit reisete ich nach Cyrene / aus welcher Stadt
alleine so viel Welt-Weisen / als aus ganz Griechenland kommen sein sollen.
Daselbst habe ich den Verführer Aristippus angetroffen. Ob nun wohl diese Stadt
noch von des alten Aristippus gelehrten Uppigkeiten angesteckt ist / also / dass
man daselbst keinen Wein ohne eingemischten Balsam trincket / und auch Mägde
sich mit dem köstlichsten Veilgen-Oel und Rosen-Salbe einbisamen; also ihnen
Plato einiges Gesetze zu geben sich nicht unbillich geweigert hatte; so waren
doch seine Unterfangungen so abscheulich / indem Ehbruch / Blutschande /
unnatürliche Brunst die geringsten Laster waren / welche dieser geile Bock und
unverschämte Hund der albern Jugend durch seine verdamte Lehre und ärgerliches
Beispiel eingeflöst hatte / dass er in Hafft genommen /und als ein Knecht seiner
schändlichen Begierden mit seiner von garstigem Unflate der Unzucht stinckenden
Gefertin der Hure Cyrene / welche darinnen zwölff neue Stellungen erfunden zu
haben sich rühmte / und ein zauberisches Kraut verkauffte / welches zu
siebentzigmaligem Beischlaf fähig machte / zum Creutze verdammt. Weil aber zu
Cyrene die obrigkeitliche Macht denen Lastern nicht gewachsen war /wurden diese
zwei Ubeltäter von einem Hauffen verwegener Buben dem Scharffrichter aus den
Händen gerissen / und durch ein fertiges Schiff entführet. Ich nahm von Cyrene
als einer Spiel-Tonne aller Laster zeitlich meinen Abschied / und bin für acht
Monden zu Metapont ankommen / alldar ich in Beschauung des von dem Pytagoras
bewohnten / und zu seiner Zeit stets mit sechs hundert Schülern angefüllten
Ceres-Tempels / und anderer heiligen Altertüme zubracht / auch selbst noch
unterschiedene geheime Anmerckungen von dem Oenuphis und Souched / die
Pytagoras zu Hieropolis gehöret / und von dem Ezechiel / welcher ihn zu Babylon
unterwiesen / wie auch von seinen Nachfolgern dem Zelevcus / Charonda /und
Archytas zu meinen Händen gebracht habe. Von dar haben mich zwei bekandte
Egyptische Priester mit anher nach Rom gebracht / und mir nebst zwei andern hier
gefundenen deutschen Druyden / weil sie meinen / dass wir eben wie sie / die Isis
anbeten / und ihr Schiff verehren / und von den von mir gerühmten Pytagoras
hochhalten / dieses kleine Heiligtum erlaubet haben. Weil nun meine Sorgfalt
die Lehren hiesiger Weltweisen zu erforschen mich angetrieben /bin ich auch
hinter den Betrug des verführerischen Aristippus kommen / und weil mir deine
Gestalt etwas Deutsches zu sein geschienen / man mir auch ehegestern gesagt /
dass du ein Sohn des deutschen Feldherrn Segimers wärest / hat mein hertzliches
Mitleiden mich so kühn gemacht / dass ich auch mit meiner Gefahr dich aus dem
Abgrunde des Verderbens zu reissen entschlossen. Hiermit fing er an: Das wahre
Wesen / die väterliche Vorsorge und Versehung Gottes / die Unsterbligkeit der
Seelen / die Bestraffung der Bösen / die Belohnung der Frommen / die
Schätzbarkeit der Tugend / die Freudigkeit eines guten / die Qvaal eines
lasterhaften Gewissens aus unumstosslichen Gründen wider des Epicurus und
Aristippus verdammte Lehre auszuführen; ja diesen Betrüger selbst aus des
Epicurus eigenen Sätzen zu widerlegen; iedoch um vielleicht der Schwachheit
meiner Jugend zu helffen / der Wollust so ferne das Wort zu reden / dass ihr
mässiger Geniess mit der Tugend keine Todfeindschaft hegte / jene aber wie die
Ehefrau zu lieben /diese wie ihre Magd zu dulten wäre. Nach diesem Beschluss
dieser seiner heilsamen Lehre umarmte mich Sotion auffs neue / und beschwur mich
bei denselbigen Geistern meiner frommen Ahnen / dass ich von ihrem heiligen
Gottesdienste / von den heilsamen Sitten meines Vaterlandes / und von dem Pfade
der Tugend keinen Fussbreitt absetzen / und den Aristippus furchtsamer als
Schlangen und Nattern fliehen sollte; wo ich mich nicht in eine ewige Pein
gestürtzet / und mein altes Geschlechte erloschen wissen wollte.
    Das Hertze schlug mir bei währender Rede wie die Unruh in einer Uhr; das
innerste meiner Seele ward gereget / und mich bedünckte nicht so wohl einen
Menschen / als einen Gott zu hören. Daher verfluchte ich den Aristippus / und
verschwur seine Schwelle nimermehr zu betreten. Die andern zwei Druyden kamen
immittelst auch darzu / liebkoseten mir auffs freundlichste / und waren bemühet
mich mit tausend guten Lehren wider die Versuchungen der Wollust auszurüsten.
Worüber ich mich derogestalt vergnügt befand / dass ich mit ihnen das ohne
Auffsetzung einigen Fleisches aus lautern Kräutern und Gesäme bereitetes
Mittags-Mahl einnahm. Uber dieser Mahlzeit reizte mich mein Vorwitz zu fragen:
Ob alle Druyden sich des Fleisch-Essens entielten / und ob sie es aus der vom
Pytagoras herrührenden Meinung täten /dass der Verstorbene Seelen in den
Tieren wohneten? Der eine Druys / von Geburt ein Celte / verjahete /dass sich
alle erleuchtete Druyden des Fleisches entielten / iedoch nicht aus angezogener
und vielen noch zweifelhaften Ursache. Wiewohl diese Meinung längst für dem
Pytagoras von denen Nord-Völckern angenommen / und insonderheit vom Zamolxis
fortgepflantzet worden. Wenn diss zweifelhaft ist /wundere ich mich / dass sich
die Druyden des Fleisches entalten / da doch die sonst so strengen Stoischen
Weltweisen solches essen / und Diogenes so gar rohe Fische zu essen sich nicht
gescheuet hat. Sotion fiel ein: Bei mir hat die Wanderung der Seelen in Tiere
keinen Zweiffel. Aber auch ausser dem halte ich für mehr wunderns-wert / dass
iemahls ein Mensch eines Tieres Aass nur anzurühren / ja gar ihrer tödtlichen
Wunden Eyter / oder der Gebeine Marck auszusaugen und das Blut ihrer Adern zu
essen sich erkühnet habe? Welches ich nichts anderm als dem Mangel des Getreides
in der sich mit Eicheln speisenden ersten Welt zuschreiben kann; Weil ich
angemerckt: was viel Menschen für einen Eckel für noch nie gesehenen Krebsen /
Schild-Kroten / Meer-Spinnen und Austern gehabt / welche doch der kostbaren
Taffeln niedlichste Speisen sind. Sonder Zweiffel haben auch die / welche zum
ersten ihre Schwerdter in Menschen-Blut getauchet / mit Tödtung der Tiere /und
zwar anfangs grimmiger Tyger / wilder Schweine / schädlicher Bären den Anfang
gemacht / biss die der Grausamkeit gewohnte Menschen / nach Art der Atenienser /
welche zum ersten den Verleumder Epitideus getödtet / hierdurch aber den tapfern
Teramenes und weisen Polemarchus zu tödten gelernet haben / auch zu den frommen
Lämmern und nützlichen Rindern kommen sind. Dahero auch Empedocles den Griechen
/ und der Römische Rat Ochsen und Küh zu schlachten / ja auch den Göttern zu
opffern ihrer Nutzbarkeit halber vor Alters verboten hat. Mich bedüncket auch /
ja meine Natur sagt mirs gleichsam /dass sie nicht nur unter den Menschen ein
Band der Liebe / sondern auch zwischen Menschen und Vieh zum minsten eines des
Friedens und des Mitleidens gestifftet habe. Die Elephanten lassen von sich
keine geringe und schlechte Merckmahle der mit uns gemein habender Vernunft
blicken. Die Papagoyen und Schalastern tun uns so gar die Sprache nach;
Zwischen uns und den Affen ist eine ziemliche Aehnligkeit. Wesswegen zu Aten
auch auff eine Straffe gesetzt war / die nur einem lebenden Widder die Haut
abzohen. Ich brach hier ein: Fressen doch aber Löwen / Bären / Wölffe und
Crocodile die Menschen / und zerreissen also dieses vermeinte Bündnis der Natur.
Sotion antwortete: Vermutlich haben es ehe die Tiere von denen einander selbst
fressenden / und also grimmigern Menschen / als diese von jenen gelernet;
Wiewohl die Menschen die Vernunft von dem abhalten sollte / was die
unvernünftigen Tiere aus grossem Mangel oder aus Rache zu tun genötiget
werden. Zudem tödten wir mehr zahmes als wildes Vieh. Wir essen keine Drachen /
Löwen / keine Tiger noch Wölffe; hingegen verschwenden wir tausend Lerchen auf
einer getürmten Schüssel; Wir erwürgen auf ein Gastmahl die Fasanen zu
hunderten / und können ohne unzehlbare Leichen nicht so wohl unsere grimmige
Magen / als unsere unbarmhertzige Augen sättigen; und lassen uns weder der Vögel
Blumen und Tapezerei wegstechende Schönheit / noch ihre und der Schaffe umb
Erbarmniss bittende Stime von unser Blutbegierde abwendig machen / sondern
ermorden die edlen Phönicopter / die wunderschönen Pfauen /dass wir nur von jener
hunderten einen einigen Bissen niedlicher Zungen / von diesen eine Schale
Gehirne haben; Von dem Scarus-Fische und Hechten essen wir nur die Lebern / von
den Murenen nur die Milch / und in einem Löffel verschlingen wir hundert Seelen
mit hundert Sonnen-Fischen; welche wir nur deswegen nicht grösser wachsen lassen
/ wormit unsere Verschwendung nicht zu wenigen Tieren das Leben und Licht
auslösche; da doch ein iedes unter diesen / ja auch eine Fliege ihrer fühlenden
Seele halber edler /als die Sonne ist. Wer wollte sich aber erkühnen den
allerkleinesten Stern auszulöschen / wenn es schon in seinem Vermögen stünde? Ja
wir mästen nicht nur die unschuldigen Tiere zu ihrem Tode / wormit wir selbte
nicht aus einem Eyfer / sondern mit gar gutem Vorbedacht zu schlachten scheinen.
Wir kappen oder entmannen sie auch / wormit sie selbst unserer Lüsternheit so
wohl feister werden / als ihre ausgeschnittene Glieder uns zum Zunder der
Geilheit dienen; da doch unser enger Mund keinen scharffen Schnabel / noch einen
weiten Rachen; keine lange Zähne / die Nägel keine spitzige Kreilen / der Leib
keine so grosse Stärcke / und der Magen keine so kräfftige Verdäuung hat / dass
wir zu Umbring- und Verzehrung des Viehes geschickt wären. Daher nicht nur solch
Fleisch gesotten / gebraten / mit Essig gebejetzt / sondern auch nicht anders /
als eine zu begraben nötige Leiche mit Morgenländischem Pfeffer / Zimmet und
Muscaten eingewürtzet / und unserm Magen verdäulich gemacht werden muss. Wiewol
auch das auffs beste zugerichtete Fleisch eben so wohl als der Wein zwar den
Leib stärckte / das Gemüte aber entkräfftete; Also / dass dieses wie ein
angefülltes Ertzt-Geschirre nicht klingen / wie ein mit Feuchtigkeit
überschwemmtes Auge nicht sehen / und die umwölckte Sonne nicht leuchten könnte.
Wie viel mehr Abbruch muss nun die Seele und der Verstand leiden; da man wie alle
andere also auch diese Speise nicht zur Nahrung / sondern zu Erregung kützelnder
Begierden zurichtet. Die fremden Fische ersäufft man im Cretischen Weine; die
Indianischen Hüner ersteckt man in ihrem eigenen Geblüte; die Schweine tödtet
man mit glüenden Eisen / dass man zugleich ihres Fleisches und Blutes genüsse; ja
dass man mit beiden auch die vermischte Milch und den Safft unzeitiger Früchte
schmecke / tritt man denen trächtigen Bär-Müttern auff ihre Eiter und tödtet
sie. Zu geschweigen / dass diese Fleisch-Begierde ein Wegweiser gewesen / dass
nicht nur etliche wilde Völcker ihre verstorbene Eltern und Freunde verzehret
haben / sondern auch noch etliche ihre Gefangenen schlachten und essen. Hingegen
haben nicht nur viel Weisen / sondern ganze Völcker eine eingepflantzte Abscheu
für vielerlei Fleische bei sich empfunden; massen die Juden keine Schweine und
Hasen / die Egyptier keinen Ibis / die Indier keine Kuh / die Syrier keine
Fische und Tauben essen / und allhier zu Rom Jupiters Priester kein rohes
Fleisch nur anrühren darff.
    Mit diesen und andern Gesprächen brachten wir die Zeit biss auf den Abend zu
/ da ich denn allererst mit vertrösteter Wiederkehr Abschied nam; auf dem Morgen
aber vom Lucius verlacht ward / dass ich des vorigen Tages Lust / welcher blosse
Erzehlung mir eine grosse Abscheu für so viel unnatürlichen Uppigkeiten erregten
/ versäumet hätte. Dieser lag mir hernach beweglich an / dass ich folgenden Abend
sie zu dem Aristippus vergesellschaften möchte / welcher allbereit hundert edle
Römische Jünglinge in sein geheimes Heiligtum auffgenommen hätte / und sie
selbige Nacht dem Bacchus und der Venus einsegnen wollte. Ich mühete mich
möglichst / den Lucius von fernerer Besuchung des Aristippus / insonderheit aber
von der vorhabenden Einweihung abzuhalten. Alleine / weil die Wollust zwar einen
schlüpffrigen Eingang / aber einen mit zähem Leime beworffenen Ausgang hat /oder
ihr Gift die Vernunft ganz einschläffet / wollte Lucius ihm weder eines noch
das andere erwehren lassen / sondern schützte sich sonderlich damit / dass der
Käyser August zu Aten sich der viel verdächtigern Ceres einsegnen zu lassen
kein Bedencken gehabt hätte; ja derogleichen Einsegnunge / ob sich schon selbte
mit der Wollust vermählten / doch Beweisstümer der Unschuld / und den Göttern
angenehm wären. Also verfügten sich Cajus und Lucius zum Aristippus / ich aber
noch vorher mit einer heftigen Empfindligkeit zu meinem Sotion / welcher mir
meinen Unmut alsofort ansah / und um die Ursache fragte. Weil ich nun einem so
heiligen Manne nichts zu verschweigen getraute / eröffnete ich ihm mein
Mitleiden über das Verderben der zweien jungen Fürsten Cajus / Lucius / und
hundert anderer edlen Jünglinge. Sotion erstarrte über dieser Zeitung / und über
eine Weile fing er erst an: Ist es nicht einerlei Missetat einen ersäuffen /
oder einen Ersauffenden / wenn man kann / nicht aus dem Wasser ziehen? Ich finde
mich in meinem Gewissen verpflichtet der Obrigkeit des Aristippus schreckliche
Einweihung zu entdecken / welche nicht ohne grausame der Natur selbst
widerstehende Laster geschehen kann. Ob nun zwar ich und beide andere Druyden
hierbei allerhand Bedencken hatten; war doch Sotion nicht zu erhalten / sondern
eilte zum Bürgermeister Lucius Cornelius / erzehlte ihm des Aristippus ganzes
Leben / und sein Fürhaben; iedoch verschwieg er / dass unter der Römischen Jugend
/welche er selbige Nacht der Hölle verloben wollte /des Käysers Enckel wären.
Cornelius wollte anfänglich dem fremden Sotion wenig Glauben beimessen /die
fürstehende Gefahr aber und Sotions unerschrockene Beteurung überredete ihn
endlich / dass er zwar den Sotion in Verwahrung behalten liess / er selbst aber
zum Käyser sich verfügte und ihm fürtrug: Es wäre ein ärgerer Ausländer in Rom /
als derselbe Grieche / welcher für hundert und zwei und achzig Jahren in
Hetrurien / hernach in die Stadt eingeschlichen wäre / das schändliche Feier des
Bacchus ins geheim eingeführt / den Minius und Herenius Cerrinius zu Priestern /
die Puculla Minia zur Priesterin eingeweiht / und biss sieben tausend Männer und
Weiber durch Unzucht / Mord / Gift und tausend schreckliche Laster dem Bacchus
verlobet hätte. Weil nun auff damahlige Anzeigung der Freigelassenen Hispala und
des jungen von seiner eigenen Mutter Duronia der Hölle gewiedmeten Ebutius wider
alle Verschwornen mit Schwerdt und Feuer verfahren worden wäre; wäre kein
Augenblick zu verspielen / wormit diesem noch abscheulicherm Ubel vorgebeuget
würde. Augustus billichte des Bürgermeisters Gutachten / und befahl dreien
Hauptleuten / dass sie mit einem Teile der Leibwache des Aristippus Garten in
aller Stille besetzen / von der Seite der Tiber selbten ersteigen / die Gebäue
auffbrechen / das Fürhaben der darinnen Betretenen erforschen / und selbte /
insonderheit aber den Aristippus in Hafft nehmem sollten. Dieser Befehl ward
wegen des in dem Lustause mit Paucken und Hörnern verübten Getümmels so
unvermerckt volbracht / dass die Wache ohne einigen Menschens Warnehmung in den
grossen Saal kam / darinnen ein Auffzug des Bacchus uñ der Venus von eitel
nackten Jünglingen und Weibern mit abscheulich-garstigen Unzuchts-Bildungen
gehalten ward / Aristippus aber /dessen Leib keinen Finger breit / ausser das
Haupt mit einem Reben- und Myrten-Laubenen Krantze bedeckt war / einen auff dem
Altare stehenden Priapus mit Weine bespritzte / und zu seiner teufflischen
Einsegnung den Anfang machte. Cajus selbst bildete den Bacchus / die geile
Cyrene die Venus / und Lucius den Cupido ab. Es ist leicht zu ermessen / was die
Leib-Wache über Erblickung dieser beiden Fürsten /diese Versammlung aber über
dem Eintreten der Wache für Schrecken überfallen habe. Cajus und Lucius wollten
durch ihr hohes Ansehn / die andern durch Herfürsuchung der Waffen die Wache
abweisen; aber der angedeutete Käyserliche Befehl / und die für Augen stehende
Macht schlug aller Hertzen zu Bodem; wo anders wollüstige Leute noch eins in
ihrem Busem haben. Sintemal kein Messer so sehr /als Geilheit einen Menschen zu
entmannen fähig ist. Dem Cajus und Lucius wurden allein ihre Kleider gereicht /
und auff einem Wagen nach Hofe gebracht. Aristippus aber ward mit drei hundert
andern beiderlei Geschlechtes so / wie sie betreten wurden / fortgeschlept / und
eintzelich in die Gefängnisse gesperret. August erschrack über seiner Enckel
Verbrechen so sehr / dass er etliche Nächte nicht schlaffen konnte / und etliche
Tage keinen Menschen / als Livien vor sich liess / welche sich über des Cajus und
Lucius Verfallung im Hertzen erfreuete. So bosshaft ist die Ehrsucht / dass sie
mit eigner Bosheit sich empor zu schwingen, andere aber mit ihrer in Abgrund zu
drücken vor hat. Der Käyser befahl endlich nach langem Nachdencken: Man sollte
den Aristippus / Cyrenen und alle ihre Gefährten / wie auch die Mohrischen
Weiber und Knaben im Kercker erwürgen / ihnen Steine an Hals hencken / und sie
des Nachts in die Tiber werffen. Nachdem auch August selbst dem Cajus und Lucius
das Gesetze geschärfft / und ihnen bei nachbleibender Besserung die Verweisung
in das ungesunde Sardinien angedräuet hatte / wurden sie /und zwar / wormit das
Verbrechen nicht einem Ubersehen an dem andern gestrafft zu werden schiene /
alle Römische Gefangene los gelassen. Alle Epicurische Weltweisen wurden aus Rom
und Italien verbannet. Sotion hingegen kam bei den Römern in grosses Ansehen /
und beim Käyser in solche Gnade / dass er die Weissheit öffentlich lehren / die
Druyden auch den halbzerstörten Tempel der Bellona / weil man darinnen viel mit
Menschenfleische gefüllte Töpffe gefunden hatte / ergäntzen / und für sich und
andere Ausländer ihren gewohnten Gottesdienst üben dorfften. Denn den Römischen
Bürgern wollte der Staatskluge August weder diesen noch einigen andern fremden
zulassen. Cajus und Lucius fassten mich zwar in Verdacht / als wenn von mir
Aristippus und sein böses Beginnen angegeben worden wäre / aber der Käyser hatte
dissfals selbst Sorgfalt für mich; indem er durch einen mir in ihrer Anwesenheit
gegebenen empfindlichen Verweis / dass ich auch des Aristippus Verleitung
gefolget hätte / mich aus dem gefassten Argwohne klüglich versetzte.
    Cajus und Lucius wurden durch diese Begebnis genötiget ihre Unart zwar zu
verbergen / aber nicht mächtig sich selbter zu entäussern. Denn die in dem
Hertzen eingewurtzelten Laster sind schwerer als Unkraut aus geilem Erdreiche
auszurotten. Ja die Menschen haben durchgehend mehr den Firnis / als das Wesen
der Tugend an sich. Dahero denn beide junge Fürsten / als der Eyfer des Käysers
verrauchte / und seine gewohnte Leutseligkeit zu ein und anderm Fehler ein Auge
zudrückte; insonderheit aber das Beispiel des Hofes und die kuplerische
Heuchelei sie wieder auff die alten Wege verleitete / sie dem Atenodor zwar
ihre Ohren; aber denen Wollüsten ihre Hertzen verliehen. Wormit aber meine Zunge
nicht scheine ein Register fremder Schwachheiten zu sein /und dass ich mich mit
anderer Kohlen weiss brennen wollte / will ich alleine diss / worvon zugleich mein
Glücks-Fadem gehangen / berühren. Lucius war durch des Aristippus Verleitung so
verwehnt / dass er gleichsam für allem weissen Frauenzimmer eine Abscheu / zu
denen Morischen aber einen heftigen Zug hatte. Daher er ihm etliche schwartze
Sclavinnen kauffte / selbte in einem Garten unterhielt / und sich diesen Mägden
zum Knechte machte. Es trug sich aber zu / dass König Juba / welchem August die
junge Cleopatra vermählt / und das Königreich Numidien wegen seines Vaters Juba
ihm geleisteten treuen Beistandes eingeräumet hatte / seine Tochter Dido nach
Rom schickte / um die Römischen Sitten zu fassen /und bei dem Käyserlichen Hause
sich beliebt zu machen. Diese war eine Fürstin von sechzehn Jahren; aber von
reiffem Verstande. Sintemal die Einwohner der heissen Länder ohne diss
tieffsinniger / als kalte Völcker / diese hingegen hertzhafter / als jene sein
sollen. Sie war zwar ihrer Numidischen Landes-Art nach schwartz; aber die Anmut
leuchtete ihr aus den Augen / die Freundligkeit lachte auff ihrem Munde; dessen
Lippen nicht nach Morischer Art auffgeworffen / sondern wie alle andere Glieder
ihr rechtes Maass und ihre vollkommene Einteilung hatten. Lucius hatte diese
Fürstin so geschwinde nicht gesehen /als die Kohlen ihres Leibes seine Seele in
Brand und Flamme versetzten. Diesemnach er sich aller andern Vergnügungen
entschlug / und seine vorhin auff tausend Gegenwürffe zerstreuete Neigungen
gegen der Dido als in einen Mittelpunct zusamen zoh; also ihr anfangs durch
Höfligkeit seine Freundschaft / hernach durch Seufzer und andere stumme
Beredsamkeiten seine Liebe zu verstehen gab; endlich durch ersinnlichste
Auffwartungen ihre Gewogenheit zu erwerben bemühet war. Unter andern fugte ihm
das Glücke / dass als der Hoff der Käyserin Livia Geburts-Tag feierte; ihm die
Dido zu bedienen durchs Los zufiel. Der Auffzug geschahe des Abends auff der
Tiber. Des Käysers Schiff war gebildet wie ein Ochse / welcher von denen
verborgenen Rudern unter dem Wasser derogestalt beweget ward / gleich als er
durchs Wasser schwimme. Livia sass in Phönicischer Tracht oben an dem Halse wie
eine Königin in Purpur gekleidet / und mit vielen tausend Diamanten gekrönet.
Sie hielt sich an eines seiner güldenen Hörner an /welche mit vielem Blumwercke
umkräntzt waren. August stellte den Jupiter für / Mecenas den Apollo / Terentia
die Venus / und andere Römische Rats-Herren und Frauen die andern Götter /
welche auff allerhand Art Livien bedienten. Die Heldinnen aber preiseten durch
allerhand Lob-Gesänge die von Jupiter auff einem eben so gebildeten Schiffe
geraubete Europa /und verblümeten hierunter / wie August auch dem Tiberius Nero
Livien / und zwar noch schwanger / aus seinem Bette genommen habe. Cajus führte
die junge Livia des Drusus Tochter auff einer Muschel / er selbst bildete die
Sonne für / welche mit ihren Stralen sie schwängerte / und Livia die Venus /
welche gleich geboren und von denen um sie herumschwimmenden Meer-Göttinnen
fortgestossen / von denen geschwäntzten Sirenen aber ihre Schönheit und Lust
singende gerühmet ward. Lucius aber stellte den Wein-Gott / und Dido eine
schwartze Venus / oder vielmehr die Schiffart des Antonius / und ihrer
Grossmutter Cleopatra nach Cilicien für. Denn seines Schiffes Vorderteil war
auffs zierlichste gemahlet /das Hintere ganz vergüldet / die Segel aus Purpur /
die Ruder versilbert / welche von eitel Satyren nach dem Falle der von zwölff
Heldinnen gespieleten Lauten und andern lieblichem Getöne bewegt wurden. Auff
dem Schiffe war um den Mast herum ein Gold-gestecktes Zelt auffgespannt / die
Seiten aber unten entblösset / dass man darunter die Fürstin Dido in Gestalt der
schwartzen Arcadischen Venus / welcher zwölff kohlschwartze Liebes-Götter mit
Pfauen-Schwäntzen Lufft zufachten / und den Fürsten Lucius in Gestalt des
gekrönten / und auff einem zweierlei Wein von sich spritzenden Fasse sitzenden
Bacchus /welchen zwölff Bachen mit Schalen bedienten / sehen konnte. Zwölff
andere Mohren sassen und streuten in die mit glüenden Kolen gefüllten
Rauchfässer Weirauch; zwölff Mohren-Weiber aber spritzten allerhand wohlrüchende
Wasser und Balsame umb sich. Das Schiff war mit etlich tausenden allerhand
Bildungen fürstellenden Wachs-Lichtern besteckt / und an der Spitze des
Mastbaumes waren mit eitel Flammen die Nahmen Lucius und Dido / an dem
Hinterteile des Schiffes / Bacchus und Venus / an dem Vordern / Antonius und
Cleopatra ausgedrückt. Mit einem Worte: Gantz Rom hielt des Lucius Auffzug für
den allerprächtigsten. Bei diesem nun hatte Lucius überflüssige Gelegenheit der
Dido seine Liebe fürzutragen / und um die ihrige sich zu bewerben / weil er /
wenn schon etwas von ihr für eine zu kühne Freiheit auffgenommen werden möchte /
alles mit dem übernommenen Schau-Spiele entschuldigt werden konnte. Dido musste
dem Käyser zu gefallen / und diesen Auffzug nicht zu verstellen / umb mehr / als
sie vielleicht im Hertzen gemeint war / dem Lucius liebkosen. Wiewohl auch die
Ehrsucht ihm das Wort redete; indem Dido sich niemahls höher / als an diesen
vermuteten Erben des Käysers / und des halben Römischen Reichs / hätte
vermählen / oder zum minsten ihre väterliche Krone Numidiens in Africa
ansehnlich vergrössern können. Zu dieser Hoffnung schien ihr nicht wenig zu
dienen die Heuchelei des an dem Ufer der Tiber als Mauern stehenden Volckes /
welches dem Lucius und der Dido tausend Lob-Sprüche und Glück-Wünsche zuruffte.
Folgende Tage war der Dido Gebehrdung gegen ihn zwar viel laulichter; nichts
destoweniger unterhielt sie ihn mit möglichster Höffligkeit / also /dass solcher
Nachlass mehr einer behutsamen Klugheit / als einer kalten Ungewogenheit ähnlich
zu sein schien. Daher sich Lucius unschwer selbst gar bald beredete / dass der
Dido Hertze gegen ihn nicht weniger Feuer / als seines gegen ihr hegete. Denn ob
wohl sonst das Frauenzimmer hierinnen leichtgläubiger /die Männer aber
missträulicher sind; sintemahl diese die Klugheit warniget / jenes aber das
grosse Vertrauen auff ihre Schönheit / und die gewohnte Anbetung auch derer /
die sie zu lieben ihnen nie träumen lassen / verleitet; so bildete ihm Lucius
dissmahl aus einer Schwachheit des noch unreiffen Verstandes / oder in Meinung /
dass alle Weiber der Welt zu Sclavinnen eines jungen Käysers geboren / oder er
vollkommener / als niemand in Rom wäre / diss festiglich ein /ohn welches er sich
nicht glückselig schätzen konnte. Alldieweil denn Liebe eine so gewaltsame Regung
ist / dass sie die Seele peinigt / das Hertze ängstigt / die Vernunft verwirret
/ des Willens sich bemächtigt /und also den Menschen auser sich selbst versetzt
und in ihm nichts minder feind als unvorsichtig macht; konnte ich und andere /
insonderheit die schlaue Livia dem Lucius die Heimligkeit seines Gemüts gar
leicht an der Stirne ansehen / und in seinem Gesichte lesen. Denn die Blässe des
Gesichtes / die Seuffzer des Hertzens / die verworrene Umbschweiffung der Augen
sind allzu geschwinde Verräter der Verliebten. Livia / welche nichts lieber
wünschte / als dass Lucius und Cajus durch seltzame Vergehungen des Käysers
unmässige Gewogenheit verspielen / und des Römischen Volcks Hass auff sich laden
möchte / goss sie / so viel an ihr war / Oel in diss Feuer / und tat des Lucius
wahnsinniger Liebe allen Vorschub. Dido wusste hingegen meisterlich eine
angebehrdete Liebhaberin gegen dem Lucius fürzustellen. Denn ob es zwar sonst
leichter ist / aus etwas nichts / als aus nichts etwas zu machen / so ist es
doch teils der Bosheit /teils der Klugheit nicht so schwer / eine falsche
Liebe zu richten / als eine wahrhafte zu verbergen. Massen auch der Leib
schwerer eine schmertzhafte Wunde verbeisset / als er sich verwundet zu sein
stellen kann. Unterdessen ward doch ich / weil mich Lucius insgemein mit zu
seiner geliebten Dido nahm / ich weiss aber nicht / aus was vor Anlasse so
scharffsichtig / dass mir Didons Bezeigungen gegen dem Lucius eine blosse Larve
der Liebe zu sein schien. Hierinnen ward ich von Tage zu Tage immer mehr
gestärckt / weil ich sah / dass Dido in seiner Anwesenheit mir nicht viel
kältere / in seinem Absein aber viel nachdrücklichere Bezeugungen tat. Wesswegen
mich auch meine Einfalt verleitete / dass ich dem Lucius meine Mutmassung
offenhertzig entdeckte / und ihn von so heisser Brunst gegen einen so schwatzen
Schatz abwendig zu machen mich erkühnte. Lucius aber verlachte mich als einen /
der in Ergründung der Liebe ein Kind / und ein unfähiger Richter über die
Schönheit wäre. Wenn mein Hertze von jener / und meine Augen von dieser etwas
verstünden / würde ich bekennen / dass die eine wahrhafte Enckelin derselben
Cleopatra wäre / welcher ihrer viel ihr Leben willig auffgeopffert hätten / um
nur eine einige Nacht ihrer Liebe zu geniessen. Und ihm sollte seines eben so
wenig gereuen / wenn er bei der Dido gleicher Glückseligkeit fähig würde. Ich
versetzte zwar: Rom würde solcher Gestalt bald öde / und die Welt Männerarm
werden / wenn so schwartze Gotteiten Menschen-Opffer verdienten. Denn die
Schöneren würden so denn zu ihrer Versöhnung ganze Städte zu ihrer
Abschlachtung verlangen. Er wüste zwar / dass nichts Schönes so schön / als diss /
was man liebte / wäre; weil die Einbildung Apellens Pinsel beschämte / und die
Gewonheit selbst das Urteil der Natur verdammte. Daher auch von Hiberniern die
Sprenckeln / von Traciern die Mahle / von Mohren die pletschichten Nasen und
von den Einwohnern der Insel Taprobana die langen durchlöcherten Ohren für einen
Ausbund der Schönheit gehalten würden. Alleine diese Einbildung könnte der wahren
Schönheit so wenig / als die nächtliche Finsternis der Klarheit der Sternen
Abbruch tun. Weniger Menschen seltzames Urtel könnte die Schwärtze so wenig zu
einer Vollkommenheit / als ein Bildhauer einen Stein oder Baum zum Gotte machen.
Es würde aber besorglich in kurtzer Zeit dem Lucius mit seiner Mohrin / wie der
etwas verlebten Helene mit ihrem Spiegel gehen /welche mit heissen Tränen
beweinte / dass er ihr Antlitz nicht so schön wie vor zehn Jahren abbildete. Denn
wie die neidische Zeit Helenen gleichsam selbst der Helene raubte; also wird
eine andere Schönheit und ein reifferes Urtel der Dido in den Augen des Lucius
bald eine andere Farbe anstreichen. Mit diesem Zwiste brachte nicht nur wir
beide offtmahls viel Zeit zu / sondern Cajus schlug sich auch zu mir / welcher
sich inzwischen in eine schöne Cimbrische Sclavin verliebt hatte / und selbte
seine schöne Clytemnestra hiess / weil sie so schneeweiss war / als wenn sie
ebenfalls / wie jene und Helena aus einem von der Leda gelegtem Ey geschälet
worden wäre. Insonderheit verfielen sie einmal in Servilischen Gärten mit
einander in diesen Wort-Streit / allwo in einem Gange die Andromeda aus
schwartzem / und Helena aus weissem Marmel einander gegen über standen. Da denn
Cajus für die Farbe seiner Buhlschaft anführte / dass selbte die Leib-Farbe
nichts minder der Hoheit / als Schönheit wäre. Daher sie die Alten der Soñe
gewiedmet; Pytagoras seinem Gotte ein schneeweisses Gewand zugeeignet / der
grosse Alexander nur eine weisse Krone getragen / die Indianer aber solche Fahnen
für ein Kennzeichen der Freundschaft / und fast alle Völcker für ein Merckmal
des Friedens erkieset hätten. Die weisse Farbe verdiente auch nur alleine den
Nahmen einer Farbe / oder weil alle andere von ihr den Ursprung nehmen / zum
minsten den Ruhm /dass sie aller Farben Mutter wäre / als welche aus Vermischung
des Lichtes und des Schattens ihren unzehlbaren Unterscheid bekämen. Hingegen
wäre die Schwärtze die abscheuliche Leichen und Todten-Farbe / ja sie verdiente
nicht einst diesen Nahmen; denn sie wäre an sich selbst nichts wesentliches /
sondern wie die Finsternis der Nacht ein blosser Mangel des Lichtes / oder
vielmehr der Tod aller andern Farben / ein Schatten der Hölle / und daher eine
Andeutung des Unglücks. Weswegen die Scytischen Könige nicht erlaubten / dass
ihnen einiger schwartzgekleideter ins Gesichte komen dörffte. Lucius setzte ihm
entgegen / die weisse Farbe wäre aller Völcker in Indien Trauerkleid / und eine
Schwachheit der Natur. Massen denn alle weissen Tiere viel ohnmächtiger wären
als die schwartzen. Der Elefant würde von der ihn blendenden weissen Farbe wilde
und wütend; und in Mohrenland mahlte man die bösen Geister nur weiss. Die in dem
Schnee wachsenden Kräuter blieben alle bitter / hingegen wäre das schwartze
Erdreich das fruchtbarste. In den kalte Nordländern / darein die Natur nichts
minder Unfruchtbarkeit / als die Finsternis verbannt hätte /wären die Bären /
die Feldhüner / die Falcken / die Hasen / ja selbst die Raben weiss. Also klebete
an allem weissen eine Unvollkommenheit / insonderheit aber ein kalter Geist in
weissen Weibern. Dahero sie nur / wie Galatea von einem einäugichten Polyphemus
/ welcher sein Lebtage nichts schöners als Milch und Käse gesehn und geschmeckt
hätte / geliebt zu werden verdienten. Also wunderte er sich nicht / dass in
Africa die Bräute noch ihre Hände und Füsse über ihre natürliche Farbe / ja so
gar viel Frauenzimmer ihre weisse Zähne / und die Sarmatischen ihre Nägel an
Händ und Füssen schwärtzten. Ich ward hierüber gezwungen mich meines Vaterlands
und unsers weissen Frauenzimmers anzumassen / und so wohl für jenes
Fruchtbarkeit / als dieser Schönheit zu fechten. Als ich nun gleich mit diesen
Worten schloss: Weisses Frauenzimmer wäre so ferne dem schwartzen / als der Tag
den Nächten / und ein leuchtendes einem verfinsterten Gestirne vorzuziehen; kam
eine weisse Taube geflogen / und setzte sich auf das schwartze Bild Andromedens.
Welches ich und Cajus / dass die Göttin der Liebe mit diesem ihr heiligem Vogel
den Obsieg der weissen Farbe über der schwartzen andeutete; Lucius aber dahin
auslegte / dass sie durch ihre dahin befehlichte Taube der schwartzen
beipflichtete. Uber diesem unserm Streite streckten die Fürstin Dido und
Servilia ihre Häupter hinter dem in selbigem Gange zusammen geflochtenen
Laubwercke herfür / allwo sie ihrem Farben-Kampfe zugehöret hatten. Massen denn
Dido so wohl mir / als dem Cajus / als so offenbaren Feinden ihrer Leib-Farbe
einen gerechten Krieg anzukündigen berechtigt zu sein sich heraus liess /wenn ihr
eigenes Hertze nicht wider sie einen Aufstand erregt / und der weissen Farbe
beigefallen wäre. Mit derogleichen Schertz vertrieben wir die Uberbleibung
selbigen Tages. Worbei ich denn aus einigen Geberdungen wahrnahm / dass diss / was
Dido zwar schertzweise und mit lachendem Munde wider den Lucius für den Ruhm der
weissen Farbe fürbrachte /als meist gar nachdencklich / was ernstaftes hinter
sich verborgen hatte. Wie wir auch von einander Abschied nahmen / und mir
Servilia selbst die Hand reckte sie zum Wagen zu führen; sagte sie gemählich zu
mir: Flavius ist heute glückselig / dass er mit seiner Schönheit einer Königin
Hertz bemeistert / und es ihr zu einem Feinde ihm aber zur Sclavin gemacht hat.
Ich konnte mich nicht entalten mich darüber zu röten; da sie denn fortfuhr: Ich
sehe wohl / seine weisse Farbe vermähle sich mit einer mitlern / wormit er mit
Didons schwartzer so viel leichter zum Vergleich komme. Ich wollte ihr antworten;
alleine sie wendete sich mit Fleiss zum Cajus / und verliess mich also in ein
weniger Verwirrung. Nach etlichen Tagen stellte Lucius einen Tantz an / darinnen
die Farben umb den Vorzug stritten. Ich musste darinnen die weisse vorstellen /
er aber vertrat seine beliebte schwartze; welcher auch von dem zum Richter
erkieseten Hercules Melampyges / den Marcus Lollius übernahm / ein aus eitel
schwärtzlichten Blumen geflochtener Krantz zuerkennt und aufgesetzt / und von
denen neun Musen ihr oder eigentlicher der Fürstin Dido ein Ruhms-Lied gesungen
ward. Wenige Tage hernach stellte Cajus einen gleichmässigen Farben-Tantz an /
welche alle wie Wasser-Nymphen und Meer-Götter aufgeputzt waren; da er mich denn
abermals zur weissen / und das Los die Dido zum Richter der schwartzen Farbe
erkiesete / und in der Fürbildung der Cassiopea mir einen von weissen Lilgen
gemachten Krantz aufzusetzen gezwungen ward. Hiervon habe ich zu Rom / und
folgends so gar in meinem Vaterlande den Nahmen Flavius bekommen / und ist mein
wahrer Nahme Ernst dardurch gleichsam gar erloschen. Denn nicht nur Cajus und
Lucius kleideten sich und ihre Hofe-Leute nach der Gewogenheit / die jener zur
weissen /dieser zur schwartzen Farbe trug; sondern das Römische Volck spaltete
sich ihne zu Liebe gleichsam in 2. 3. widrige Farbenbuhler / also / dass in denen
Schau-Plätzen mehrmals / insonderheit wenn Cajus und Lucius den Spielen
beiwohnten / sich hierüber Zwist ereignete / und ein Teil dieser / das ander
Teil der andern Farbe so wohl mit ihren Kleidern als Ruhmsprüchen
beipflichtete. Diesemnach der Käyser selbst dieser weit aussehenden Uneinigkeit
zu begegnen kein klüger Mittel wusste / als andere Farben ans Bret / und in
Ansehn zu bringen / und dardurch dem Pöfel entweder seine Eitelkeit zu zeigen /
und zu bestillen /oder doch die mehrere Verwirrungen / wie die schwermenden
Bienen durch den Rauch zu beruhigen. Er stellte diesemnach Livien an / dass sie
einen solchen Tantz hielt / in welchem sie die Farben als Schäferinnen aber mit
eitel Sclavinnen aufführte / darunter sie selbst als eine Blumen-Göttin der
grünen den Siegs-Krantz aufsetzte. Zuletzt aber folgte ein Tantz von zwölff
grün-gekleideten Närrinnen / dardurch sie die Erwehlung einer gewissen Farbe
gleichsam als eine Torheit durchzoh; diss aber darmit vorsichtig verblümet ward
/ dass zwar die grüne Farbe mit allen andern eine Verwandnüss habe / und also
hochschätzbar / ja gleichsam der fruchtbaren Natur allgemeine Leib-Farbe sei /
aber doch von der Gewohnheit zum Aufzuge der Narren gebrauchet werde. Servilia
hielt auf des Käysers Befehl einen Tantz / darinnen vier und zwantzig Zwerge so
viel Farben in Gestalt der Gestirne aufführeten / und nach dem Stande der zwölff
himlischen Zeichen künstliche Stellungen machten. Sie krönete selbst in Gestalt
der Juno die blaue Himmel-Farbe mit einem Hyacinten-Krantze. Zuletzt aber
erschienen so viel Todten-Gerippe / welche anfangs die Eitelkeit der ängstlichen
Sterbligkeit durch seltsame Geberden abbildeten / hernach aber / welches die zum
Tode und Trauren geschickteste Farbe wäre / sich miteinander zanckte / endlich
die blaue Farbe darzu erwehleten / als welche ohn diss bei den meisten
Morge-Ländern die Kleidung der Leidtragenden wäre. Livia / des Drusus Tochter /
folgte mit einem Tantze /darinnen sieben Laster sieben Farben fürstellten. Die
Heuchelei war weiss / die Grausamkeit rot / die Hoffart grün / der Neid blau /
der Hass schwartz / die Ehrsucht braun / die Eifersucht gelbe geputzt / und diese
ward von dreien Unholdin zur Königin erwehlet / und ihr Haupt mit gelben Blumen
geschmückt. Endlich beschloss Lollia mit einem von zwölff Heldinnen und so viel
Liebes-Göttern gehegtem Tantze / darinnen sie nicht so wohl als eine angeberdete
als wesentliche Venus / die rote Liebes- und Herrschafts-Farbe mit einem
Rosen-Krantz beschenckte / welchen aber der Neid / der Hass / die Eifersucht /
die Unfruchtbarkeit /als die Tod-Feinde dieser süssen Regung ihr abrissen / und
ihr einen Dornen-Krantz aufsetzten.
    Bei diesen öftern Versamlungen liess Dido gegen mir allezeit meiner
Einbildung nach etwas blicke /welches mich einiger gegen mich tragenden
Gewogenheit zu versichern schien / und mir Terentiens Rätsel auslegte. Ich aber
/ der ich einige Empfindligkeit der Liebe noch nie gefühlet hatte / mich auch
nicht des Lucius Eifersucht zu erregen sehr behutsam anstellen musste / begegnete
ihr mit einer ziemlich kaltsinnigen Höfligkeit. Den Morgen nach dem letzten
Tantze brachte mir ein unbekandter Knabe auf dem Reit-Platze einen Püschel
weisser Blumen / daraus ich nach derselben genauer Beschauung folgende Zeilen
lass:
    Weil der weisse Flavius nichts minder ein Hertze /als ein Vaterland voller
Schnee hat; bin ich genau zu glauben veranlasst worden / dass alles weisse nicht
nur unempfindlich / sondern auch ohne Seele sei. Nach dem mir aber diese Blumen
den letzten Irrtum benommen / habe ich mich verbunden geachtet ihn durch dieser
Lebhaftigkeit zu erinnern / dass nicht alles / was weiss ist / Schnee sein müsse.
    Dieses seltsame Schreiben veranlasste mich nach dem Uberbringer mich
umzusehen / aber er war unvermerckt verschwunden / welches mir so viel mehr
Nachdenken machte. Servilia und Didons Augen aber hatten mir bereit einen gar zu
guten Vorschmack von Didons Zuneigung gegeben / also / dass ich mir gar
geschwinde eine vorteilhaftige Auslegung von der Fürstin Dido Liebe machte.
Unterdessen gelüstete mich diese Schrifft wohl zehnmal zu lesen / iedes Wort
liebkosete mir in Gedancken / und redete mir gleichsam ein / dass es eine
unverantwortliche Unhöfligkeit wäre / einer so annehmlichen Liebes-Erklärung
keine geneigte Erwiederug abzustatten. Ich brachte den Tag in verwirrter
Einsamkeit / die Nacht in Unruh zu. Auf den folgenden begegnete mir Dido / als
sie mit Livien in den allen Göttern zu Ehren gebauten Tempel fuhr / da sie mir
denn noch einmal so schön /und vielmal so liebreitzend / als andere mal fürkam
/also dass ich durch eine geheime Trieb mich genötigt befand ihr dahin zu
folgen. Sie kniete für dem Bilde der himlischen Venus / und liess selbter etliche
weisse Tauben aufopfern. Meine Anwesenheit aber stahl der Göttin von Didons
Augen mehr annehmliche Blicke ab / als sie derselben oder andere Andacht ihrem
Bilde lieferte. Als Livia auch für dem Altare des guten Glückes aufstand / und
der Dido ein Zeichen gab ihr zu folgen / sagte diese im vorbeigehen lächelnde zu
mir: Sie hätte der Liebe die weisse Taube /welche auf der schwartzen Andromeda
Haupte gesessen / geopfert / dass sie mein Hertze von dem Hasse der Schwärtze
abwendig machen möchte. Diese Worte begleitete sie mit einer so durchdringenden
Anmut / dass sich meine Seele gleichsam durch eine Zauberei ganz und gar
verändert befand. Des Nachts stellten mir die Träume / des Tages mein Verlangen
unaufhörlich das Bild der Dido / als einen Anbetens-würdigen Abgott für. Hatte
ich sie einen Tag nicht gesehen / dorffte ich mich folgende Nacht keines
Schlafes getrösten; hatte sie mich aber ihres Anblicks gewürdigt / so wusste ich
meine Freude nicht zu begreiffen. Derogestalt ward mein Leben eine beständige
Unruh. Mit einem Worte: Ich war verliebet / und mir lag ein schwerer Stein auf
dem Hertzen / welchen ich durch eine der Fürstin Dido auf des Mecenas Vorwerge
geschehende Bekenntnis abzuweltzen vermeinte. Aber der nichts minder brennenden
Dido mir statt der Antwort auf meine Stimme gegebener Kuss verwirrete mir
vollends alle Vernunft / dass ich noch nicht weiss /was ich damals für Abschied
von ihr genommen habe. Meine und ihre Flamme ward in beiden Hertzen immer
grösser / also / dass wir sie für dem nichts minder angesteckten Lucius zu
verbergen alle möglichste Sorgfalt / und dardurch unser Vergnügung ein grosses
abbrechen mussten / wo anders die Heimligkeit nicht minder eine Verzuckerung /
als ein Zunder der Liebe ist.
    Alleine / ist es wohl möglich die Liebe zu verstecken / da das gemeine Feuer
durch die festesten Steinklüffte mit ausgespienem Schwefel und Hartzt; ja durch
die unergründlichen Meere herfür bricht /und seine Fluten siedend macht? Lucius
/ welcher sich umb der Dido Liebe so gar durch verzweifelte Mittel bewarb /
kriegte von einer Zauberin die Nachricht / dass einer / welcher seiner
Buhlschaft am unähnlichsten wäre / seinem Absehn allein im Wege stünde. Der
ohne diss gegen mich argwöhnische Lucius machte ihm hieraus alsofort einen
unzweifelten Schluss / dass ich und Dido einander liebeten. Dieser Verdacht machte
ihn zum genauesten Aufmercker unser Geberdungen / und hiermit auch zum Ausspürer
unser Hertzen. Weil nun die Heftigkeit meines Gemütes keine mittelmässige
Entschlüssungen vertrug /setzte er ihm für / mir das Licht des Lebens
auszuleschen / und ihm den Schatten / welcher seiner Vergnügung am Lichte stünde
/ aus dem Wege zu räumen. Weil er aber wohl wusste / dass der Käyser mir geneigt
war / wollte er vor bei der Dido das äuserste versuchen. Diesemnach setzte er als
ein Eifersichtiger an sie mit höchster Ungestüm / sagte ihr unter Augen / wie
töricht sie einen frembden Sclaven für einen Römischen Fürsten und bestimmten
Nachfolger des Käysers liebte / wollte auch ein für alle mal ihre endliche
Entschlüssung wissen. Worbei er sich nicht hemmen konnte / so wohl Flüche auf
mich / als Bedräuungen wider ihren Vater Juba unvernünftig heraus zu stossen.
Dido sah wohl / dass weder Höfligkeit noch bescheidene Antwort diesen
verzweifelten Liebhaber beruhigen würde; und weil sie meinetalben am meisten
bekümmert war / mühte sie sich nur ihm meine Liebe auszureden / und von mir die
besorgliche Gefahr abzulehnen / und für sich alleine Zeit zu gewinnen / sagte
ihm also: dass wenn er Bürgermeister zu Rom sein würde / wollte sie anfangen ihn
zu lieben. Denn ehe stünde es ihr als einer Königs-Tochter nicht an. Lucius war
mit diesem Versprechen zu frieden /und also bemüht / diese Würde ie ehe ie
besser zu erlangen. Also stiftete er an / dass Cajus und er / wiewohl ohne
Zulassung des Käufers / in den grossen Schau-Platz kamen / das heuchelnde Volck
beiden mit grossem Frolocken und Lob-Sprüchen empfing /auch den Käyser anflehete
/ dass er diese mit ihrer Tugend den Mangel der Jahre ausgleichende Fürsten aller
Würden fähig erkennen möchte. Sintemal August selbst im zwantzigsten / Marius im
achtzehenden Jahre Burgermeister worden / Cajus aber beinahe so alt / und Lucius
wenig jünger wäre. Hierüber ward Lucius so verwegen / dass er den Käyser
offentlich ansprach: Er möchte seinen Bruder Cajus zum Burgermeister erklären;
in Hoffnung / dass das Volck ihn so denn zu des Cajus Geferten begehren würde.
Der Käyser schöpfte zwar hierüber nicht geringen Unwillen / und sagte: Marius
wäre durch Gewalt / er aber aus Not zu dieser Würde kommen / welche die Väter
für dem drei und viertzigsten Jahr iemanden anzuvertrauen verboten hätten;
gleichwohl aber machte er den Cajus zum Priester / und dem Lucius erlaubte er
zugleich / dass er in den Rat / in die grossen Schauspiele / und in die
Gastmahle der Burgermeister mit erscheinen dorfte. Hiermit meinte Lucius der
Dido Bedingung schon ein Genügen getan zu haben. Wie nun der Käyser mit den
Fürnehmsten des Hofes sich auf des Lucullus Vorwerge befand / nahm Lucius in dem
Garten bei dem grossen Spring-Brunnen Gelegenheit die Fürstin Dido umb ein
Merckmal ihrer Liebe anzusprechen; ihr zum Beispiel fürhaltende /dass sie doch
nicht unempfindlicher / als die aus todtem Marmel gehauenen Bilder sein möchte /
welche mit so grossem Uberflusse gesunden Wassers nicht nur die durstigen
Menschen labten / sondern auch Blumen und Kräuter erquickten. Die verschmitzte
Dido hingegen wollte des Lucius damalige Beschaffenheit für keine Würde eines
Römischen Bürgermeisters gelten lassen / sondern wiese ihm eine Marmel-Taffel an
dem Umbschrote des Brunnens / darinnen Penelope mit nächtlicher Zurückwebung
ihrer Tages-Arbeit / und andern Entschuldigungen ihre Buhler biss ins zwantzigste
Jahr aufhielt; Welches den ungeduldigen Lucius derogestalt beleidigte / dass er
sich ihr mit heftigster Entrüstung entbrach. Sintemal er mit der ihm vom Käyser
erlaubten Freiheit ihm schon die Herrschaft über alles Frauenzimmers Seelen
eingeraumt zu sein einbildete. Zu allem Unglücke begegnete ich ihm ungefehr
etliche wenige Schritte von dem Brunnen / da er deñ mir / der ich mich des
geringsten Unwillens nicht versah / einen unvermerckt herfür gezückten Dolch in
die Seite stach / worvon ich für todt zu Bodem fiel. Dido / welche diss wahrnahm
/ sprang ganz verzweifelt herzu / riss den Dolch mir aus der Wunde / und gab
darmit dem Lucius einen Stich in Hals. Wie nun sie hierauf mich / oder vielmehr
meine vermeinte Leiche mit vielen Tränen auf dem Erdboden umbarmte; der junge
Agrippa aber den Lucius in der Nähe gurgeln hörte / oder auch wohl den von der
Dido dem Lucius gegebenen Stich gesehen hatte /sprang er herzu / zohe dem auf
der Erde zappelnden Lucius den Dolch aus der Wunde / und stach ihn der Dido
zwischen das Schulterblat hinein. Micipsa / ein die Dido bedienender Edelknabe /
ward dessen gewahr; ergrief also seinen Bogen / und verwundete mit einem Pfeile
Agrippen in Bein. Hierüber entstand ein grosser Lermen / und kamen alle im
Garten Anwesende / ja der Käyser selbst mit Livien herbei; welcher über denen
auf der Erden für todt ausgestreckten / und häuffiges Blut von sich lassenden
vier Verwundeten aufs euserste bestürtzt war. Die Sorge für ihr Leben verschob
die Untersuchung dieser Begebnüs. Gleichwohl wurden alle Deutschen und Mohren
gefänglich eingezogen. Agrippens und der Dido Verletzung ward für nicht so sehr
gefährlich; meine und des Lucius aber für tödtlich befunden. Agrippa kam
derogestalt bald zu rechte; Dido aber / als sie meinen Zustand vernahm / riss ihr
selbst die Pflaster von der Wunde /und sagte offentlich / dass sie mich nicht zu
überleben begehrte: Inzwischen schöpfften die Wund-Aertzte auch von des Lucius
Genesung einige Hoffnung; worüber Dido fast unsinnig ward / und in ihrer Raserei
tausend Flüche und Dräuungen auff den Lucius ausschüttete; welcher inmittelst
mit einem Wundfeber überfallen / und sein Aufkommen sehr zweifelhaft gemacht
ward. Endlich gab sich ein Britannischer Artzt beim Käyser / an / der uns beide
in kurtzer Zeit zu heilen bei Verlust seines Kopffes versprach. Weil uns nun die
Aertzte ganz verloren gaben; liess uns der Käyser dieses gefangenen Britanniers
Willkühr übergeben / ihm auch nebst seiner Freiheit ansehnliche Belohnung
versprechen. Dieser riss so wohl dem Lucius als mir alle Pflaster ab / und wusch
unsere Wunden mit einem gewissen Weine aus. Hernach forderte er den Dolch / von
welchem wir waren beschädigt worden; sauberte selbten aufs fleissigste / salbete
ihn ein und verband ihn mit einem genetzten Tuche; unsere Wunden aber verhüllete
er nur mit einem trockenen. In wenig Stunden vergieng nicht nur mir und dem
Lucius / sondern auch der Dido / welche durch ihr Pflaster-abreissen ihren
Schaden wiederum sehr verärgert hatte / alle bisherige Hitze. Nach dem dieser
Artzt dreimal unser Wunden ausgewaschen / und so viel mal den Dolch mit einem
gewissen Staube bestreut und verbunden hatte / wurden mir nicht nur der Schwulst
/ sondern auch der Schmertzen erledigt. Als dieses Lucius wahrnahm; fragte er
den Britannier: Ob denn die Verbindung des Beleidigung-Waffens der Wunde durch
natürliche Würckung zu statten käme? Als der Artzt diss verjahete / und dass diese
Heilung vermittelst einer geheimen Verwandnüss gewisser Dinge geschehe; ja dessen
Warheit dardurch bewährete / dass wenn er den verbundenen Dolch über das
Kohlfeuer hielt / den Lucius seine Wunde hjetzte; Bei dessen Annetzung aber
wieder schmertzloss ward; fragte Lucius ferner: Ob alle mit diesem Dolche
gemachte Wunden zugleich heileten? und wie der Britannier abermals diss
bestätigte / fuhr er fort: Ob er denn nicht machen könnte / dass nur seine darvon
heil /des Flavius aber ärger würde; verneinte es der Artzt und meldete: Er hätte
an diese unbarmhertzige Kunst noch nie gedacht. Uber diesem Bescheide fuhr
Lucius auf / riess dem Artzte den Dolch aus der Faust / und stach ihn selbst dem
Artzte in Bauch / mit Versetzung dieser verzweiffelten Worte: Ich will lieber
mit meinem Feinde sterben / als ihn mit mir genesen sehen. Alle Umstehenden
erschracken hierüber euserst; der Britannier aber zohe ihm unerschrocken den
Dolch aus dem Leibe / wischte selbten ab / und verband ihn aufs neue. Ich und
Dido empfanden um selbige Zeit unglaubliche Schmertzen / nicht anders / als wenn
wir in unsere alte Wunde einen neuen Stich bekämen. August schöpffte über des
Lucius erfahrnen Grausamkeit einen heftigen Unwillen; liess also den Lucius
nicht allein bewachen / sondern auch binden; wormit er nicht in mehrere
Verzweiffelung geraten möchte. Inzwischen ward es mit mir / und weil Dido
hiervon Nachricht kriegte / mercklich besser; ja wir geneseten beide eher als
Lucius. Diesemnach denn der Käyser nicht für ratsam hielt / mich länger in Rom
zu lassen; wormit er so wohl meiner Sicherheit raten / als auch dem unbändigen
Lucius keinen Stein fernern Anstosses am Wege liegen lassen möchte. Weil nun
mein Bruder Hertzog Herrmann in Asien sich so verdient machte; gleichwol aber er
mich in Deutschland ziehen zu lassen Bedencken trug; stellte er mir frei /wohin
ich unter dem Römischen Gebiete mein Kriegs-Glücke versuchen wollte. Es machten
dazumal gleich die Cantabrer in Hispanien wider die Römer /und in Africa die
Getulier wider den König Juba einen Aufstand. Ich erkiesete ohn einiges
Bedencken dem Könige Juba zu dienen / und der vom Käyser ihm zur Hülffe
erkiesete Cornelius Cossus bat mich selbst aus / dass ich unter ihm die Waffen
führen möchte. Dido / welche bei ihr fest beschlossen hatte /aus Hasse gegen dem
Lucius nicht in Rom zu bleiben / und bereit an ihren Vater Juba um Erlaubnis
nach Hause zukehren geschrieben hatte / ward über dieser Entschlüssung höchst
erfreuet / und versicherte mich /dass sie sich nichts in der Welt aufhalten
lassen wollte mich in Numidien zu umarmen. Nach dreien Tagen nahm ich von Rom und
der mich mit viel Tränen gesegnenden Dido Abschied / wir wurden aber / als wir
kaum das Lylibeische Gebürge aus dem Gesichte gebracht / mit einem heftigen
Sturme befallen / etliche Schiffe auff denen Aegatischen Steinklippen
zerschmettert / ich selbst strandete auf dem Eylande Terapsa / wiewol biss auff
fünf Personen alle Leute gerettet wurden. Derogestalt kam ich wohl zehn Tage
längsamer als Cornelius Cossus in Numidien an / welcher mich bereit ganz für
verloren geschätzt hatte. Das übrige Römische Heer / und darunter fünfhundert
mir unter gebene Deutschen und Gallier waren inzwischen in dem Olcachitischem
Seebusem angelendet. Cornelius Cossus und die obersten Befehlhaber / darunter
auch ich war / reiseten hierauf nach Cirta voran /allwo wir in Abwesenheit des
Königs Juba von der Königin Cleopatra wohl bewillkommt wurden. Nach dreier Tage
Ausruhung / folgten wir dem nach Getulien auff dem Flusse Pagyda eilenden Heere.
Welch Land aus keiner andern Ursache / als aus Andencken der alten Freiheit /
vom Juba abgefallen war / und noch darzu die Lybier über dem Gebürge Tambes und
Mampsarus an sich gezogen hatten. Sintemal für Zeiten beide Völcker keinem
Gesetze noch Botmässigkeit unterworffen waren. Wiewol nun Juba aus dem
unfruchtbaren Getulien wenig Einkünsten zoh; ja ihnen die Besetzung der
Gräntzfestungen / und er zu denen Wartegeldern / welche er denen zu seinen
Kriegsdiensten bestellten Getuliern jährlich reichte /noch zubüssen musste; wollte
er doch ehe sein euserstes dran setzen / als einen Fussbreit sandichter Erde
verlieren. Also vermindert die Armut eines Landes gar nicht die Begierde zu
herrschen / als welche ein Brut der Ehren / nicht des Geitzes ist. Unterwegens
erfuhren wir / dass Juba mit seinem ganzen Heere in die Flucht geschlagen worden
/ und er selbst in der Stadt Vegesela belägert wäre. Dahero eilten wir so viel
mehr gegen den Feind; welcher aber bei unser vernommener Ankunft zurücke gegen
Uciby und von dar zwischen das Gebürge Audus wich. Juba versammlete zwar so denn
seine zerstreuten Numidier grossen Teils wieder zusammen; aber die flüchtigen
Getulier / welche ohnediss auser wenigen Festungen keine beständige Wohnungen
hatten / waren nicht gemeinet gegen die Römer stand zu halten / sondern uns nur
müde zu machen. Wie sie denn auch uns ganzer sechs Monate derogestalt umtrieben
und abmatteten /dass wir nicht länger in Getulien stehen konten / sondern uns in
Numidien zurück ziehen mussten. Alleine der Feind lag uns Tag und Nacht in Eisen
/ und tät uns durch Einfälle mehrmals Schaden. Endlich hatte ich mit meiner
deutschen Reiterei das Glücke ihnen einen Streich zu versetzen / und ihres neu
aufgeworffenen Fürsten Hiempsals Brudern Himilco / welche beide sich des
Jugurta Enckel rühmeten / bei der Stadt Lampesa gefangen zu bekommen. Wie wir
nun nach einer zwei monatlichen Ruh wieder ins Feld zohen / und gegen Sitiphis
einbrachen / die Getulier uns aber wieder wie vormals äffeten / zwang Juba dem
Himilco durch Umgebung eines glüenden Mantels zu offenbaren / wohin die Getulier
ihre Lebensmittel versteckten. Sintemahl wir nirgends keinen Vorrat fanden /
der Feind aber niemals keinen Mangel hatte. Hiermit erforschten wir eine grosse
Mänge Sandgruben und Hölen / darin Hiempsal viel Weitzen / Datteln /
Granat-Aepffel und Wein verborgen hatte /worvon doch niemand als Hiempsal und
seine Fürnehmsten wussten. Wie nun dieser Vorrat zu einem grossen Vorteil des
Römischen und Numidischen Kriegsvolckes diente; also gerieten die Getulier
hierüber in grosse Not; also / dass sie meist nur von Heuschrecken und dürren
Kräutern leben mussten. Juba und Cornelius wurden derogestalt schlüssig die Stadt
Azama zu belägern. Hiempsals ander Bruder Hiarba war darinnen oberster
Befehlhaber. Diesem liess Juba andeuten / dass er auf den Fall seiner verweigerten
Ergebung den gefangenen Himilco in seinem Gesichte abschlachten wollte. Hiarba
aber liess dem Juba zur Antwort wissen: Er könnte ihm und dem Hiempsal keinen
grössern Gefallen tun. Denn weil Himilco sich als ein furchtsames Weib fangen
lassen; hätte er den Spiess zum Lohne seiner Zagheit wohl verdienet. Weil er aber
ehrsüchtig gewest / wäre Hiempsal einer grossen Sorge entübrigt / und er Hiarba
als der jüngste hätte so denn eine Staffel näher zur Herrschaft. Juba /welcher
nicht mit einem rechtschaffenen Feinde / sondern mit aufrührischen Untertanen
zu kriegen vermeinte / liess auf einen Hügel gegen der Stadt Antabele über / ein
Gerüste bauen / und dem Himilco den Kopf abschlagen. Diesen schickte er dem
Hiarba mit einem Zettel / welcher ihm ein gleichmässiges Verfahren andräuete.
Hiarba hingegen liess 100. gefangene Numidier entaupten / gab die Köpffe dem
Boten und liess ihm melden: Er müste eines so grossen Königs Freigebigkeit mit
Wucher vergelten / und weil bei den Numidiern bräuchlich wäre / dass ihre Fürsten
100. Löwen auf einmal opfferten; könnte er auch den Juba mit nicht weniger
Köpffen verehren. Hieraus erwuchs eine verzweiffelte Verbitterung / eine ernste
Belägerung / und eine euserste Gegenwehr. Juba und Cornelius unter gaben mir die
ganze Reuterei / um das Numidische Läger mit nötiger Zufuhre zu versorgen /
und alle Einfälle zu verhüten. Als ich nun einsmals 400. mit Weitzen und Mehl
beladene Kamele ins Läger zu führen bemüht war; erlangte ich Kundschaft / dass
die Getulier mich allentalben umsetzt hätten. Ich war bekümmert nicht so wohl zu
entkommen / als diesen Vorrat zu retten. Alle Numidier rieten den Wein und den
Weitzen in Sand lauffen zu lassen / die Kamele zu erstechen / und uns an einem
Orte durchzuschlagen. Alleine ich sah zu allem Glücke daselbst viel
Alraun-Wurtzel wachsen. Dahero befahl ich alsobald selbte auszurauffen / und so
gut man konnte auszupressen. Diesen Saft liess ich mit dem grösten Teile des
Weines vermischen / aber die Lagen / Blasen und andere Behältnüsse zeichnen. Wir
waren mit unser Arbeit kaum fertig / als die Getulier sich an dreien Orten
herfür täten. Ich liess zwar etliche Geschwader leichte Reuter mit den ersten
Hauffen treffen; befahl aber nirgends Fuss zu halten / und als die Getulier mit
voller Macht anstachen / liess ich den ganzen Vorrat im Stiche. Des Feindes
grosser Mangel an Lebens-Mitteln / und die Eroberung der reichen Beute machte /
dass ich wenig oder gar nicht verfolget ward; also mich etliche Meilen darvon in
einem Palmen-Pusche sicher setzen konnte. Um Mitternacht als ich meinte / dass der
mit der Alraun-Wurtzel vermischte Wein / welcher auch / wenn er nur neben ihr
wächst / zwar nicht giftig wird / aber eine heftige Einschläffungs-Krafft
bekommt / seine Würckung getan haben würde; machte ich mich in aller Stille auf
/ und kam an den Ort meines Verlustes: Daselbst fand ich etliche teils leere /
teils belastete Kamele / umirren; welches mir ein gewünschter Vorbote eines
sonderbaren Vorteils war. Ich rückte nur zwei Stadien der Spure nach fort / da
fand ich die Getulier in einem Palmen-Gepüsche ohne einige Wache teils
schwermend / meist aber schlaffend. Diesemnach liess ich die Helffte meiner
Reuterei in zweien Teilen auf allen Notfall fertig stehen; die andere Helffte
aber teilte ich wohl in zwölf Hauffen / welche auf die noch wachenden los
giengen. Es ist ohne Not hiervon viel Ruhmes zu machen. Denn es waren wenige /
die an die Gegenwehr gedachten / sondern nur die Flucht ergrieffen. Also
schlachteten wir zwölftausend Getulier ohne Verlust eines einigen Mannes ab.
Etliche zwantzig von meinem Volcke waren alleine verwundet. Drei tausend
schlaffenden nahmen wir nur aus Kurtzweil ihre Pferde und Waffen von der Seite /
welche auff den Morgen bei ihrer Erwachung fussfällig um ihr Leben bitten mussten.
Den grösten ab genommenen Raub / nebst funfzehn tausend meist Lybisschen Pferden
eroberten wir wieder; also / dass ich bei meiner Annäherung zu unserm für
Antotale stehendem Heere anfangs ein grosses Schrecken / hernach aber eine viel
grössere Freude erweckte. Massen mich denn Juba mit beiden Armen umschloss / mich
seinen Bruder nennte / und mit kostbaren Waffen beschenckte; wiewol ich den
Titel des Bruders in eine väterliche Gewogenheit zu verwandeln bat und erlangte.
Weil nun meine Deutschen der Getulier Köpffe an die Pferde gebunden / die
Numidier aber sie auf die wieder eroberten Kamele gepackt / und ins Läger
gebracht hatten; liess Juba gegen Antotale einen grossen Berg von der
Erschlagenen Köpffen aufbauen / durch etliche Gefangene aber den Belägerten die
böse Zeitung des grossen Verlustes zubringen. Aber Hiarba steckte auch Mauern
und Türme voll von denen Köpffen der erwürgten Römischen und Numidischen
Gefangenen. Juba liess hingegen die gefangenen Getulier zehn und zehn zusamen
schmieden / und brauchte sie im Stürmen zu der Seinigen Vormauer. Gleichwol
verzog sich die mit allen ersinnlichen Kriegs-Streichen eifrigst fortgesetzte
Belägerung biss in sechsten Monat /in welchem endlich die hartnäckichten Feinde
überwältiget / und alle lebende Seelen in Antotale durch die Schärffe der
Schwerdter vertilget wurden. Die Stadt Tubutis und Aegea giengen hierauf
gleicher gestalt über. Hiempsal musste hierüber gegen dem Flusse Ampsa weichen;
ich brachte ihn aber an selbtem unter der Stadt Tumarra wieder zu Stande / und
nach einem verzweiffelten Gefechte in die Flucht. Die Getulier setzten wohl durch
den Strom / weil aber die Deutschen geschickter als sie waren durch die Flüsse
zu schwämmen / wurden ihrer viel teils im Wasser /teils auf dem Ufer
erschlagen. Hiempsal ward selbst verwundet / und konnte mit genauer Not nebst
wenigen auf das Buzarische Gebürge entrinnen. Juba folgte mit dem Gross seines
Heeres nach / kam aber zum Siege zu spät / iedoch fand er sich so vergnügt / dass
er die Stadt / bei welcher ich diss Glücke gehabt / den Deutschen zu Ehren
Germana heissen liess. Mit diesem Siege ward zwar Juba des flachen Getuliens
Meister / aber die in und über dem Buzarischen / Tambisschen und Atlantischen
Gebürge wohnenden Phorusier / Siranger / Nisibes / schwartzen Getulier und
Natembres stellten sich gegen dem Juba in möglichste Verfassung / und versahn
Hiempsaln mit einem neuen Heere. Nach etlicher Monate Ruh drangen wir /wie wohl
nicht ohne Verlust vielen edlen Blutes / ins Gebürge ein. Unter andern
zeichneten drei hundert Deutschen mit ihrem Blute einen Felsen / auf welchem
Juba den ersten festen Fuss setzte. Nach eines ganzen halben Jahres gleichsam
wechselweise ausschlagenden Treffen brachten wir an dem Flusse Ghir den Hiempsal
mit seinem Heer ins Gedränge; nach einer sehr blutigen Schlacht aber in die
Flucht. Weil ich nun wahrnahm / dass Hiempsal abermals durch den Strom entrinnen
wollte / kam ich ihm zuvor / verbeugte ihm den Weg; da ich denn das Glücke hatte
/dass er mir selbst in die Hände lief. Alleine ungeachtet er schon ganz von
Blute trof / wollte er sich doch nicht ergeben / sondern wehrte sich so lange /
biss er von Pfeilen und Schwerdtern ganz zerfleischet mit seinem Pferde zu Bodem
fiel / und beide mit einander den Geist ausbliessen. Mit dem Falle dieses
Hauptes entgiengen allen Kriegs-Gliedern ihre Kräfften. Die Getulier / welche
unter dem Marius zum ersten / nunmehr auch zum andern mal die Römischen Kräfften
gefühlet hatten / wurden verzagt / öfneten ihr Land vollends dem Uberwünder /
erlangten auch gegen Versprechung / dass sie alle Jahr zehn tausend Pferde und
eine grosse Menge weissen Saltzes / dessen sie viel mit denen gar schwartzen
Mohren in gleichem Gewichte und Gold verwechseln / nach Cirta liefern wollten /
völlige Gnade. Hiermit kehrte König Juba siegreich nach Cirta. Für der Pforten
ward er von der Königin und vielen Priestern bewillkommt / und von ihnen nebst
uns in den Tempel geführet / welcher seinem vergötterten Vater Juba zu Ehren
gebanet war; der so getreu dem Scipio wider den Käyser Julius beistand / und /
um nicht in des obsiegenden Feindes Hände zu fallen / von seinem Freunde
Petrejus in einem Gefechte zu sterben erwehlte. Bei dem darinnen gehaltenen
grossen Sieges-Gepränge hatte Cleopatra das Bild des vergötterten Juba mitten in
Tempel stellen / und durch verborgenes Zugwerck bereiten lassen / dass als der
lebende Juba bei selbtem vorbei ging / das Bild seine mit Lorbern
durchflochtene Krone von seinem Haupte nahm / und dem Könige aufsetzte. Auf
beiden Seiten standen zwei andere Bilder nehmlich der Luft und des Feuers /
welche von den Africanern ebenfals göttlich geehret werden. Das erste setzte dem
Cornelius Cossus einen mit Diamanten / das andere mir einen mit Rubinen
gezierten Lorber-Krantz auf. Wie ich nun nach vollbrachtem Feier in meinem
Zimmer den Lorber-Krantz abnahm /und betrachtete / ward ich darinnen eines
Zettels gewahr / darinnen ich folgende Zeilen lass:
    Die / welche tausend mal geseufzet dem unvergleichlichen Flavius einen
Myrten-Krantz aufzusetzen / hat bei ihrer Verdamnüss noch den Trost für ihrer
eusersten Verzweiffelung demselben / welcher ihre Seele vorlängst überwunden
gehabt / diesen Siegs-Krantz aufzuwinden. Ein Unstern / oder ich weiss nicht / ob
der Menschen oder der Götter Grausamkeit hat sie zu einer blutigen Priesterin
einer so wilden Gotteit gemacht / dass / wo mein einiger Abgott Flavius sich
nicht diesem Ungeheuer sie zu entreissen erbitten läst / sie sich selbst zwar
nicht der Getulischen Diana / wohl aber dem unsterblichen Flavius eigenhändig
aufzuopffern / und mit ihrer Uhr-Anfrau Dido auf einem von Liebe angezündeten
Holtzstosse einzuäschern entschlossen ist.
    Ich / sagte Flavius / lass diese Zeilen wohl zehn mal; und ob ich wohl auf die
Numidische Fürstin Dido mutmaste; wusste ich mir doch auf die darinnen
begriffene Geheimnisse keine sichere Auslegung zu machen. Sintemal ich in der
Meinung war / dass / weil kurtz nach meiner Abreise Lucius vom Käyser nach
Spanien geschickt worden / unterwegens aber zu Massilien gestorben war / Dido
sich noch in Rom aufhielte. Ich schlug mich die ganze Nacht mit unruhigen
Gedancken / der Morgen aber steckte mir etlicher massen ein Licht auf; indem
König Juba mich in meinem Zimmer besuchte / und erkundigte: Ob ich nicht der
Gottesdienste der Getulischen Diana beiwohnen wollte. Auf meine Befragung
unterrichtete er mich: Es hätte Jugurta / als er wider den Marius Krieg geführt
/ und die Getulier ihm so treulich beigestanden / der von den Getuliern zu ehren
gewohnten Diana einen herrlichen Tempel aus rotem Marmel zu bauen angefängen;
Hiempsal / welchen Marius nach überwundenem Jugurta zum Könige in Numidien und
Getulien gemacht / weil er ihm in seiner Flucht Auffentalt in Africa gegeben /
hätte auch etwas daran gebauet / wie auch nach dessen geschwindem Tode sein Sohn
Hiarbas; alleine / weil dieser als ein Gemächte des Marius / auf des Sylla
Befehl vom grossen Pompejus bekriegt und gefangen; Hingegen sein Grossvater
Hiempsal /als der noch einige Zweig von Masanissens Stamme /mit beiden Kronen
Numidiens und Getuliens beschenckt ward / hätte die Ehre gehabt / diesen
köstlichen Tempel auszubauen. Weil er nun die Getulier als ein wildes und meist
rohes Fleisch mehr mit Andacht / als durch einigen andern Kapzaum ihm zu
verbinden nötig hielt / diese aber der Diana ihre selbst eigene Kinder auf dem
Berge Atlas zu opffern pflegen; liess er die in Gestalt eines Löwen gemachte /
und von den Getuliern als ihr einiges Heil- und Schutzbild mit unglaublicher
Andacht angebetete Diana von dem Atlantischen Gebürge auff einem mit zwölf Löwen
bespannten Wagen in Begleitung halb Getuliens anher nach Cirta bringen / und um
die Getulische Grausamkeit teils zu miltern / teils ihnen nicht gar zu
abzulegen / führte er einen solchen Gottesdienst ein /wie die Griechen selbten
für Alters der Taurischen und Brauronischen Diana hielten / die sich nur mit der
Feinde Blut vergnügte. Hiempsal hätte zwar gerne /wie Lycurgus / selbten dahin
eingerichtet / dass an statt der Abschlachtung die Menschen nur gegeisselt und
die Göttin mit dem ausrinnenden Blute versohnet werden möchte. Alleine die
Getulier setzten sich hartnäckicht darwider / vorgebende: da die Taurische Diana
/ wenn man ihr nicht von genungsam edlen und schönen Knaben Blut geopffert /
sich zum Zeichen ihrer Ungnade so schwer und unbeweglich gemacht hätte / dass sie
die Priesterin nicht hätte von der Stelle heben können; würde die viel
mächtigere Getulische Diana mit so geringschätzigen Opffern so viel mehr
unvergnügt und ergrimmet sein. Also hätte es Hiempsal und Juba sein Vater nur
darbei bewenden lassen müssen; ob wohl die Römer mehrmals wider diese
Menschen-Opfferung gemurret. Diesemnach denn auch er / da er die Getulier nicht
anders wieder zu einem Aufstande veranlassen wollte / heute aus den Getuliern
selbst die Erstlinge der Gefangenen aufopffern müste. Weil nun bei den Deutschen
gleichmässige Opfer wären; zweiffelte er nicht / dass ich solchem beizuwohnen
Belieben tragen würde. Ungeachtet ich nun zwar ein und anderes Bedencken hätte
haben können / reizte mich doch die Begierde meines Rätsels Auslegung zu
erfahren / dass ich mit dem Könige Juba selbigen Tag mich in den Tempel de
Getulischen Diana verfügte. Denn die Opfferung darff nur des Nachts geschehen.
So bald wir in den Tempel traten /erhob sich ein grausames Getöne von Paucken
und Jagtörnern. Der oberste Priester besprengte uns daselbst mit Wasser /
welches aus dem Atlantischen Gebürge dahin gebracht werden muss / und leitete uns
zu dem in der mitte stehenden Altare; bei welchem wir uns auff den stachen
Erdbodem niedersetzen mussten. Die oberste Priesterin stand wie eine Diana
bekleidet auf dem Fusse des Opffer-Tisches für einer grossen ertztenen Wanne /
über welcher denen hundert in grüne Seide gekleideten Gefangenen die Gurgeln
abgeschnitten werden sollten. Die Menge der brennenden Fackeln entdeckten mir im
ersten Anblicke meine geliebte Dido. Nach wenigen Augenblicken ward auch sie
meiner gewahr / und sah sie mich eine gute weile mit unverwendeten Augen an.
Bald aber darauf liess sie das Schlacht-Messer aus der Hand fallen / fing an ihre
Geberden und Antlitz zu verstellen. Endlich fiel sie gar zu Bodem / und in
Ohnmacht. Juba und alles Volck erschrack über diesem Zufalle so viel mehr /weil
die Menschen-Opfferung an sich selbst schrecklich genung ist. Die Getulischen
Priester aber / um ihren Gottesdienst nicht verhast zu machen / legten es für
eine göttliche Entzückung aus. Gleichwol trugen sie sie von dem Altare weg / und
kleideten in möglichster Eil eine andere Priesterin zu solchem Opffer aus /
welches mit jämmerlichem Winseln der Sterbenden / mit grosser Verwirrung des
Volckes / und mit so heftiger Bestürtzung des Königs geschah / dass er
unerwartet des Ausgangs sich desselbten entbrach / und nach der Halle / in
welcher Dido lag / leiten liess. Ich folgte über eine Weile dem Juba nach / und
sah / dass sie sie durch reiben und Balsame wieder ein wenig zu rechte gebracht
hatten. So bald sie mich aber nur wieder erblickte / fiel sie nicht alleine
wieder in die ersten Ungebehrdung / sondern über eine Weile rief sie bei ihrer
Entzückung: Flavius / Flavius! Jederman sah mich hierüber an / und ich selbst
hatte keine solche Botmässigkeit über mein Antlitz / dass selbtes hätte meine
Liebes- und Mitleidens-Regung verbergen können. Juba / welcher hierunter ein
gewisses Geheimnis verborgen zu sein mutmaste / befahl der Dido in einem
geheimern Zimmer des Tempels wahrzunehmen / mich aber nahm er bei der Hand /
leitete mich aus dem Tempel / und führte mich mit sich nach Hoffe in sein
innerstes Gemach. Daselbst beschwur er mich bei der Redligkeit / worvon alle
Völcker die Deutschen rühmten / dass ich ihm die Ursache der mit seiner Tochter
sich ereignenden Zufälle eröfnen sollte; weil nicht nur meine selbst eigene
Veränderung meine Wissenschaft verraten / sondern der Dido Mund mich selbst
für den Ausleger erklärt hätte. Diese Beschwerung nötigte mich ihm rund heraus
meine und ihre Liebe zu bekennen; auch alles zuerzehlen / was sich zwischen uns
und dem Lucius in Rom zugetragen hatte / mit dem Schlusse / dass mich nichts
minder vergnügt und glückselig / als seine Tochter gesund machen würde / wenn er
sich mich für seinen Eydam anzunehmen würdigen wollte. Juba hörte mich mit Gedult
und genauer Aufmerckung an; an statt der Antwort aber holete er aus der
innersten Seele einen tieffen Seufzer. Endlich fing er an: Er höre wohl / dass ich
von den letzten Begebnüssen der Dido und denen Getulischen Gesetzen keine
Nachricht hätte. Daher /wollte er auf den Morgen / wo möglich / mir hiervon
nötige Wissenschaft zu wege bringen. Wir nahmen hierauf von einander Abschied;
aber die Nacht ward meinen Gedancken zu einem rechten Zirckel der Unruh; wiewol
ich daraus nicht wenig Hoffnung schöpffte / dass Juba meine Erklärung so gar
gütig auffgenommen hatte. Auff den Morgen sehr früh fügte sich Juba in den
Tempel der Dianen / guter fünf Stunden darnach liess er mich auch dahin beruffen.
Man leitete mich durch selbten in ein unterirrdisches /gleichwol aber durch ein
oben in der mitte des Gewölbes einfallendes Licht ziemlich erleuchtetes Gemach
/in dessen Mitte eine aus Egyptischem Porphyr gebildete Diana aus den Brüsten in
eine weite Marmel-Schale Eisskaltes Wasser spritzte / und den Ort aufs
annehmlichste erfrischte. Darinnen fand ich zwischen dem Könige und dem obersten
Priester meine Dido sitzen. Die Traurigkeit sah ihr aus den Augen / und machte
sie nicht nur stumm / sondern gar unbeweglich. Der Priester bewillkomte mich
freundlich / fing aber alsbald an: die grosse Bestürtzung der Priesterin / uñ
die unablässliche Bitte des Königs hätte mir den sonst iederman verschlossene
Eingang in diss Heiligtum nur zu dem Ende zu wege gebracht / dass ich darinnen
die erheblichen Ursachen vernehmen möchte / warum ich den Zunder meiner Liebe in
meinen Hertzen gäntzlich zu vertilgen bedacht sein; übrigens aber derogestalt an
mich halten sollte / dass die nichts minder rachgierige als alles sehende Diana
ihren Grimm über mich auszuschütten / wie auch die Priester mich nach ihren
heiligen aber scharffen Gesetzen zu straffen nicht gezwungen würden. Als ich dem
Priester mit Ehrerbietung gedanckt / sing die beängstigte Dido an: Verzeihe mir
/ Flavius / dass mein itziger Zustand den / welchen ich mehr als mich selbst
geliebt / so kaltsinnig willkommen heist. Dämpffe in deinem Hertzen die vor
süssen / nunmehr aber nur mir eitele Pein gebährende Flammen. Denn die
Unmögligkeit stehet unser Liebe selbst im Lichten / und die Göttin dieses Ortes
befiehlet in selbte mehr und kälteres Wasser zu giessen / als diss Bild allhier
ausspritzet. Dieses redete sie mit einer solchen Empfindligkeit / dass ich nicht
wusste / ob in mir die Liebe oder das Mitleiden heftiger wäre. Gleichwol konnte
ich mich nicht bereden lassen / dass es Didons ganzer Ernst wäre mir die Liebe
ganz auszureden; weil mir ein ganz widriges die in dem Lorberkrantze gefundene
Schrifft andeutete / und so wohl der Ort / als die Anwesenheit des Priesters mir
diesen Vortrag verdächtig machte / dass Dido mit gebundener Zunge redete. Daher
fing ich an: Unvergleichliche Dido / machet mich denn ihre Verstossung / oder
die Missgunst einer Göttin so unglückselig? Ich kann wohl dencken / dass du nicht
ohne Gelübde der Diane Priesterin worden bist. Aber hast du mir nicht ehe / als
ihr eines getan / nämlich mich ewig zu lieben? Müssen mir also die Götter
dieses Ortes / wo sie anders gerecht sind / nicht selbst das Vorrecht über dich
zuerkennen? Der Priester entrüstete sich über diesen Worten / gebot mir zu
schweigen / und fing an: Wilst du törichter an der Gerechtigkeit Dianens
zweiffeln / welche am gerechtesten ist / wenn es die alberen Menschen am
wenigsten glauben? Wilst du ohnmächtiger Mensch mit den Göttern ums Vorrecht
kämpffen / welche über dich die Gewalt des Lebens und des Todes / als über ihren
Leibeigenen haben? Ich entschuldigte meinen Irrtum mit tieffer Demütigung / so
gut ich konnte / und bat nur / dass mir Dido doch nur zu meinem Troste erzählen
möchte / wie sie zu Vergessung des mir / und zu Beschlüssung des der Diane
angelobten Gelübdes käme. Als der Priester diss durch ein Zeichen willigte / fing
Dido an: Wenige Zeit nach seinem Abschiede von Rom erhielt ich die traurige aber
nun leider zu spat falsch erscheinende Zeitung / dass Flavius mit seinem Schiffe
/ und allen Menschen darauf / zu Grunde gegangen wäre. Dieses Schrecknüss setzte
alle meine Vernunft aus ihren Angeln; also / dass ich weiter weder um mich einige
Bekümmernis zu führen vergass / ob mir schon von meinem Herrn Vater die Erlaubnis
von Rom zu verreisen und wieder nach Africa zu kehren einlief. Als aber Lucius
mich mit neuen Versuchungen beunruhigte /fing ich an wieder an meine Heimreise
zu gedencken /schickte mich auch derogestalt darzu / dass ich den siebenden Tag
von Ostia abzusegeln gedachte. Ich hatte kaum an drei oder vier Orten Abschied
genommen / als unvermutet heraus brach / dass in zweien Tagen Lucius mit dreien
Schiffen in Spanien segeln /und das Römische Krieges-Heer wider die Cantabrer
führen sollte / welche wider die Römer mit einer verzweiffelten Verbitterung die
Waffen ergriffen hatten /weil ihre Gesandten zu Rom lange Zeit mit Bestätigung
ihrer Freiheit geäffet / hernach von einander in gewisse Städte abgesondert /
und endlich so schimpflich gehandelt worden waren / dass sie ihnen selbst aus
Verdruss vom Leben geholffen hatten. Des Lucius Reise erreichte auch den dritten
Tag ihren Fortgang /und liess er bei mir noch alle mir zugezogene
Verdriesslichkeiten entschuldigen. Den 3. Tag darauf schied ich in Begleitung
vieler edlen Frauen von Rom biss nach Ostia / den 4. aber fuhr ich von dar an der
Tusskischen und Ligustischen Küste hin biss nach Massilien; teils weil ich die
weltberühmte Anmut desselbigen Ufers genüssen / teils diese von den Römern
selbst so beliebte / und für einen kurtzen Begrieff ganz Griechenlands gerühmte
Stadt zu besehen lüstern war. Massen mich denn auch die Reichtümer ihrer fernen
Handlung nicht in geringe Verwunderung zohen / die Reinligkeit der Griechischen
Sprache / welche sie von dem Alter ihrer unter dem Tarquinius geschehenen
Erbauung zwischen eitel Galliern ganz rein behalten hatten / und die Menge
ihrer Weltweisen nebst der lustigen Gegend überaus erquickten. Aber diese Lust
ward mir in wenigen Tagen durch eine Nachricht zeitlich versaltzen / dass Lucius
/ welcher bei Aphrodisium mit seinen Schiffen mir vergebens vorgewartet hätte /
endlich auf meine Spur / und gleichfalls in Massilien ankommen wäre. Ich mag
hier nicht die Umbstände meiner Bekümmernüsse und des Lucius Anfechtungen
erzählen. Genung ist es zu wissen / dass Lucius zu Massilien wie der Käyser
selbst angebetet ward / und ihm alles zu Gebote stand. Daher es ihm unschwer
fiel mir und meinem Schiffe die Ausfart aus dem Hafen zu verwehren. Nach dem er
meiner Keuschheit durch die allerglattesten Liebkosungen und Versprechung
güldener Berge vergebens zugesetzt hatte / verfiel dieser geile Hengst in die
Raserei / dass er in einem Lustause Gewalt an mich legen wollte / wordurch ich
genötigt ward von selbtem einen kühnen aber glücklichen Sprung zu tun. Denn
ich kam durch Hülffe meiner auf mein Geschrei sich nähernden Leute aus dem
Garten. Weil ich mich aber nirgends sicher wusste /nahm ich meine Zuflucht in den
nah von dem Uhrheber selbiger Stadt / nämlich dem Peranus / gebauten Tempel der
Diane / darinnen alleine 300. Griechische Jungfrauen unterhalten; aber / weil
die Massilier unter dem Scheine der Gottesfurcht niemanden einigen Müssiggang
enträumen / in der Weltweissheit und denen Geheimnüssen des Gottes-Dienstes aufs
sorgfältigste geübet werden. Sie nahmen mich willig in den Vorhof / und nachdem
ich mich gebadet / und mit ganz neuen Kleidern angetan hatte / in den Tempel
auf; sintemal so wohl allhier als zu Tarent niemand sonst diss Heiligtum
beschreiten darff. Lucius begehrte mich zwar als seine Verlobte mit grossem
Ungestüm und Dräuen heraus; nach dem ich aber die Ober-Priesterin eines widrigen
beteuerlich versicherte / schlug sie ihm meine / als ihrer Freiheit verletzende
Ausfolgung rund ab. Als er auch ihr mit mehr schimpflichen Worten zusetzte /
sagte sie dem Lucius in die Augen: Es wäre diss ein Tempel der keuschen und
glimpflichen Diane. Dahero möchte er mit seinem geilen Ansinnen sich nach Aten
zu dem Tempel der Unverschämigkeit / und mit seinen Schelt-Worten zu dem
Heiligtum der Verachtung verfügen. Hiermit liess sie den Tempel für ihm
zuschlagen; der wütende Lucius aber denen drei Obersten unter denen sechshundert
Tumuchen oder Ratherren anbefehlen: Sie sollten der Ober-Priesterin das auf dem
Rathause verwahrte Gift zu ihrem verdienten Eigen-Morde schicken / und mich aus
dem Tempel schaffen. Der Rat entschuldigte sich aufs beste / dass solch Gift nur
dem / welcher es selbst verlangte / und genungsame Ursache zu sterben andeutete
/ gegeben würde; an dem Tempel aber dörfften sie sich ohne ihren ungezweifelten
Untergang nicht vergreiffen / dessen Schatten auch die Verächter selbiger
Gotteit tödtete. Lucius lachte über diesem Vortrage / und sagte: Es wäre dieser
Aberglaube vielleicht so wahr / als dass derselbe Leiber / welche einmal in den
Arcadischen Tempel des Jupiters einen Fuss gesetzt hätten / so verklärt würden /
dass sie hernach an der Sonne keinen Schatten mehr von sich würffen. Wie er denn
auch ferner hönisch fragete: Ob solcher Tempel auch nicht / wie von dem
unbedeckten Heiligtum der Cyndigdischen Diane getichtet würde / nicht
beregnete und beschneiete? Und derogestalt beharrete er halsstarrig auf seinem
Verlangen. Der Rat umb den Lucius etwas zu besänftigen schickte das Gift der
obersten Priesterin; worüber die geweiheten Jungfrauen in höchste Bekümmernis /
ich aber in gröste Verwirrung geriet / und die Priesterin aufs beweglichste
ersuchte: Sie möchte das Gift mir zu trincken gebe / und hierdurch auf einmal so
wohl ihrem /als meine Kummer abhelffe. Aber sie war unerbittlich / sondern sie
tranck das Gift selbst aus / und fing an: Ich weiss gewiss / dass es die Aertztin
Diana mir nicht wird schaden lassen / und durch diss Wunderwerck dem
Gottes-Verächter Lucius eine ewige Hertzens-Angst einjagen. Wir erstarreten alle
über diesem Beginnen und Glauben / noch mehr aber über dem wunderwürdigen
Ausschlage / in dem die Priesterin die geringste Veränderung nicht davon
empfand. Lucius ward hiervon zwar benachrichtigt / aber er antwortete nichts
anders / als dass die Massilier ihn viel zu alber ansehen / wenn sie ihren Betrug
ihm unter einem törichten Aberglauben aufzubinden vermeinten. Dahero sollten sie
mich ihm gestellen / oder er wollte selber den Tempel stürmen. Diese
Entschlüssung versetzte die ganze Stadt / insonderheit aber die geistlichen
Jungfrauen in kein geringes Schrecken / und mich in Furcht / man würde mich bei
äuserster Gefahr aus dem Tempel stossen. Dahero liess ich mich nach abgelegtem
Gelübde ewiger Jungfrauschaft zu einer Priesterin einweihen / umb der
besorglichen Verstossung /und des Lucius toller Brunst vorzukommen. Hilff Himmel
/ rieff ich / sagte Flavius von sich! Hat gleichwohl der üppige Nebenbuhler
Lucius das Glücke gehabt / dass er durch Verursachung dieses Gelübdes mich auf
mein Lebtage unglückselig gemacht? Nach meinem mit gleichsam tauben Ohren
angehörten Wehklagen / erzehlte mir Dido ferner: Der Rat und zwei Priester des
Jupiters liessen den zu Stürmung des Tempels sich rüstenden Lucius beweglich
abmahnen. Der Rat hielt ihm ein: Dass Lucius hierdurch ihre Götter erzürnte /
die alte Freudschaft beider Völcker beleidigte. Sintemal Massilien mehr für eine
Schwester / als eine Magd der Stadt Rom zu halten wäre. Denn sie hätte bei ihrem
Ursprunge mit den Römern ein ewiges Bündnis gemacht / selbtes nie versehret /
und in Glück und Unglück sich ihre treueste Freundin bezeigt. Sie wäre / als
Brennus sie verbrennet / umb Rom im Leide gegangen / hätte alles Gold zum
Lösegelde des Capitolium vorgeschossen /und sie hätten zu Rom auf den
Schauspielen unter den Rats-Herren ihren gleichen Sitz. Dahero die Stadt nicht
nur zu Beschirmung ihrer Heiligtümer in Aufruhr geraten / sondern der Käyser
selbst diese Gewalt-Tat ungnädig empfinden würde. Die Priester aber dreuten ihm
die unnachbleibliche Rache der Götter an / und machten ihm eingedenck: Wie
Brennus die Stürmung des Delphischen Tempels und den Raub des Goldes daraus so
schrecklich gebüsst hätte. Proserpina hätte am Pyrrhus die Entweihung ihres
Sicilischen Heiligtums mit Umbschlagung alles Glückes und seinem Untergange
ernstlich gerächet. Ihre Diana aber wäre nichts anders als Cyntia im Himmel /
und Proserpina in der Hölle. Die Persen wären in der Potideischen Belägerung
durchs Wasser erbärmlich umbkommen / weil sie einen Tempel des Neptun verunehret
/ und Amilcar hätte nach Beraubung der Erycinischen Venus weder Stern noch
Glücke mehr gehabt. Den Göttern und ihrer Rache wären aber auch die Römer
unterwürffig. Diese wären durch einen gewaltsamen Sturm beschädigt worden / als
sie sich erkühnet nur etliche heilige Bilder von Delphis nach Rom zu führen. Die
geweiheten Jungfrauen aber wären lebhaftere und also heiligere Bilder der Götter
/als die Marmel- und güldenen. Clodius wäre gar recht an der Pforte des der
Cybele gewiedmeten Hauses erschlagen worden / weil er zu Rom in ihren Tempel
vermessentlich gegangen. Griechen und Egyptier wüsten: Dass wer nur sich die
Geheimnisse der Isis zu schauen gelüsten liesse / alsbald stürbe / und Appius
/welcher nur die Freigelassenen zu des Hercules Gottes-Dienste zugelassen / wäre
blind worden. Wie viel ärgere Straffe würde nun seine Gewalt-Tat und
Jungfrauen-Raub ihm auf den Hals ziehen? Zumal der Römer / welcher bei Eroberung
der Stadt Cartago dem Apollo nur den Mantel abgenommen / die Hand /und Flavius
Flaccus / weil er die von der Lacinischen Juno Tempel abgerissene Zügel auf das
Heiligtum des reitende Glückes decken lassen / beide Söhne und sein Leben
eingebüsst. Lucius lachte zwar nur zu allem dem / sagte dem Rate / dass sie dem
Kayser Julius als Uberwundene sich ergeben / und aus Geferten zu Untertanen
gemacht hätten. Die Priester höhnete er mit dem Beispiele des Dionysius /
welcher mit dem Raube der Locrischen Proserpina glücklich nach Hause geschifft
wäre / des Olympischen Jupiters göldene Mantel mit grossem Wucher um eine
wöllenen eingetauscht / und zu Epidaur den Esculapius seines göldenen Bartes
beraubet hätte. Die Priester seufzeten hierüber / und nahmen mit diesen Worten
ihren Abschied: Gott ersetze mit der Grösse die Langsamkeit seiner Rache! Welche
Worte doch beim Lucius eine solche Nachdruck hatte / dass er 3. Tage sich ganz
stille hielt / und iedermann nun das Ungewitter vorbei gegange zu sein glaubte.
Alldieweil aber die Furcht für Gott / wo sie nicht eine andächtige Liebe zum
Grunde hat / als eine seichte Pfütze von der Hitze böser Begierden leicht
ausgetrocknet wird; unterstand er sich in der vierdten Nacht mit dreihundert
reichlich beschenckten Römischen Kriegs-Knechten der Dianen Tempel heimlich zu
ersteigen. Weil aber alle Nacht hundert Jungfrauen in selbtem / und hundert
Hunde in dem Vorhofe wachen / entstund alsofort ein heftiger Lermen im Tempel /
und die Priesterin befahl von den Zinnen Steine und brennende Fackeln auf die
Stürmenden zu werffen. Lucius ward hiervon selbst getroffen / stürtzte also von
einer hohen Leiter hinab /und brach neben noch zwölffen den Hals. Die übrigen
wurden mit solchem Schrecken befallen / dass sie ihre todte Geferten im Stiche
liessen / und nur alleine die Leiche des Lucius mit sich nahmen. Etliche
erzehlten hernach / dass sie auf der Spitze des Tempels die mit Schwefel und Pech
wider sie kämpfende Diana gesehen hätten. Welches / ob es wahr gewest / oder aus
Furcht geglaubet worden / ich nicht zu erörtern weiss. Ob nun zwar der Rat zu
Massilien / umb den Käyser nicht zu erbittern / die Todten in aller Stille auf
die Seite bringen liess / und der Römer Vorwand / dass Lucius an einem
Schlagflusse gestorben wäre / möglichst bestärckte; so machten doch die
Massilier ein grosses Wunderwerck daraus / zohen selbtes auch demselben weit für
/ da ihre Minerva dem Könige Catumand im Traume erschienen war / und ihn die
Belägerung der Stadt Massilien aufzuheben gezwungen hatte. Ich selbst ward
dardurch in meinem Gelübde nicht wenig bestärcket / und blieb daselbst / biss
mein Herr Vater auf erlangte Nachricht von meinem Geistlichen Stande mich von
der Ober-Priesterin zu einer Priesterin unser Getulischen Diana ausbitten / und
anher abholen liess. Dido beschloss hiermit und einem Beisatze vieler tausend
Tränen ihre Erzehlung / welche verursachten / dass mein Hertz inwendig blutete
/und ich im Eifer heraus brach: Der Dido Gelübde und Priestertum ist von keiner
Giltigkeit / weil es den Irrtum zum Vater / und die Furcht zur Mutter gehabt.
Sintemal sie das von meinem Tode falsch erschollene Gerüchte darzu verleitet /
und die Furcht für dem wütenden Lucius ihr ihr Angelöbnüss abgezwungen hat. Der
Priester widersprach mir / und sagte: Die den Göttern geschehende Versprechungen
wären nicht nach den Handlungen der Menschen zu urteilen. Sie blieben
unauflösslich / denn sie gereichten allezeit den Menschen zum Besten. Daher
könten sich diese niemals über einige Bevorteilung beschweren. Also sollte Dido
nur ihre Vergnügung in der Andacht suchen. Dido wäre einmal Priesterin / diss
müste sie sterben. Also müste ich mir das Andencken dessen / was sie vorhin
gewest / und meine Liebe mir nur aus dem Sinne schlagen. Denn ausser der
Vergessligkeit hätten die Sterblichen kein Recht über geschehene Dinge /und
vergangene Sachen. Hiermit gab er so wohl dem Könige als mir ein Zeichen zu
unserer Entfernung. Dido aber begleitete mich mit so wehmütiger Geberdung / dass
ich mich länger der Tränen nicht entalten konnte. Ihr stummer Mund flehete mich
beweglichst umb Errettung an / und meine Augen bemüheten sich ihr selbte
stillschweigende zu versprechen. Nach dem ich mit dem Juba auf sein Gemach kam
/liess er auch seine Gemahlin Cleopatra kommen / erzehlete mir die grosse Müh /
welche er und der Priester gehabt seine Tochter von hundert verzweifelten
Entschlüssungen zurücke zu halten. Er betrauerte /dass es mit der Dido so weit
kommen wäre / und so wohl er als Cleopatra beteuerten / dass / wenn die Götter
hierinnen ein Mittel schickten / sie für gröstes Glücke schätzen wollten / wenn
ich ihre Tochter zu einer Gemahlin würdigte. Diese Zuneigung und andere
Höfligkeiten hielten mich zu Cirta zurücke / als gleich Cornelius Cossus mit
der meisten Römischen Macht wieder nach Rom zoh / allwo man seine Verrichtung so
hoch hielt / dass ihm der Käyser / wie vorher dem Statilius Taurus / dem Lucius
Antronius /und Cornelius Balbus ein Africanisches Siegs-Gepränge und des
Getulischen Zunahmen verstattete.
    Ich / fuhr Flavius fort / brachte bei nahe ein ganzes Jahr an des Juba Hofe
/ und zwar die Tage mit allerhand Mohrischen Kriegs-Ubungen / die Nächte aber
mit stetem Nachdencken zu / die unter dem Scheine einer heiligen Würde
angefässelte Dido zu erlösen. Drei mal hatte ich / das Glücke sie auf gewissen
Fest-Tagen zu sehen und einmal auch so wohl von ihr einen geheimen Zettel zu
bekommen / als ihr einen zuzustecken / darinnen ich alles äuserste für sie zu
tun angelobte. Inzwischen machten die Getulier auf Anstiftung der Garamanten
und Marmarider einen neuen Aufstand. Die letzten ergriffen deshalben wider die
Römer die Waffen / weil August in ganz Lybien des Ammonischen Jupiters
Gottes-Dienst deshalben verbieten liess / dass er durch seine denen kringlichte
Hörnern insgemein gleiche Wahrsagung seinen Enckel Cajus in Armenien zu schicke
/ und darüber einzubüssen verleitet hatte. Auch hätte der Landvogt im Befehl aus
dem uhralten noch von dem Bacchus erbauten Tempel den kostbaren Widder nach Rom
zu schicken / welcher mit eitel gelben Edelgesteinen übersetzt ist / die die
Egyptier die heiligen Widder-Hörner heissen / und Göttliche Träume verursachen
soll. Die Lybier schlugen die Römer aus der Stadt Ammon und Mareobis / und die
Priester versicherten sie / dass ihr Hammon sie so wohl von den Römern erretten
würde / als er dem ihn zu vertilgen anziehenden Cambyses funfzig tausend Persen
mit Sande bedeckt hätte. Durch diese eifernde Andacht kamen auch die Garamanten
mit ins Spiel / und Micipsa der zu ihnen geflohene Sohn des von dem Juba
erschlagenen Hiarba reizte auch die Getulier auf / welche wegen der ihnen
geraubten und nunmehr schlecht verehrten Diana wider die Numidier grössere
Ursache des Krieges hätten / als die Marmarider wider die Römer. Der dem Cajus
zur Aufsicht mitgegebene Publius Quirinius / welcher zwar von schlechter Ankunft
zu Lavinium entsprossen / aber zu dem grösten Krieges-Ruhme / und so gar zur
Würde des Römischen Bürgermeister-Ampts gestiege war / auch wegen der in Cilicie
eroberten Hamonadensische Schlösser zum Siegs-Gepränge gelassen worden war / kam
nach des Cajus Tode und dem Partischen Frieden aus Asien nach Paratonium an /
schlug unter dem Gebürge Aspis die Lybier / eroberte Mareotis und Amon wieder.
König Juba aber und ich brachen mit leichter Müh / weil alle vorteilhaftige
Örter mit Numidiern besetzt waren /in Getulien ein. Nach dreien leichten
Treffen wiech Micipsa zu den Garamanten / welche wir an dem Flusse Garama zum
stehen zwangen / und sie mit Erlegung etlicher zwantzig tausend in die Flucht
schlugen / und die vormals vom Cornelius Balbus eroberte Haupt-Stadt Garaman
eroberten. Unterdessen hatte Quirinius die Marmarider völlig zum Gehorsam
bracht. Daher führte er auf dem Flusse Ciayphus sein Kriegsvolck auf dreihundert
seichten Schiffen in die schönste und fruchtbarste Landschaft des ganzen
Africa Cieips / und über das so lustige Gebürge / die Hügel der Chariten
genennet / vollends in das Reich der Garamanten. Diese sahen sich nun auf beiden
von einem mächtigen Feinde umbzüngelt / und derogestalt in höchsten Aengsten /
sonderlich weil die Römer wegen der betrüglich ermordeten Römischen Besatzungen
keinen Garamanter leben liessen. Nach dem sie sich nun die Brunnen des Landes
mit Sande zu bedecken bemühten / weil zu uns täglich Landes-kündige Uberläuffer
kamen / ergaben sich in einem halben Jahre die Städte Negligemela / Rapsa /
Tube / Tabidium / Natabut / Nitibrum / Tapsagum / Pege und Boin / und hiermit
das halbe Königreich. Quirinius nahm Matelge / Zazama / Baracum / Baluba und
Balsa mit Sturm ein / und endlich belägerten wir den Garamanten-König Asdrubal /
und den Micipsa in der Stadt Debris. Diese unterliessen nichts / was zu einer
Gegenwehr gehöret. Es kamen aber meine durstige Deutschen / welche an vielen
Orten Brunnen zu finden gruben / auf eine unter der Erde von eitel Porphyr
gemauerte Wasserleitung / welche wir alsofort den Belägerten abschnidten / und
zu grosser Erquickung unsers Heeres verbrauchten. In weniger Zeit lidten jene
grosse Not vom Wasser. Denn ob wohl sie in der Festung einen Brunn hatten / so
diente doch das von Mittag biss zu Mitternacht heiss hervor quellende Wasser zu
keiner Durstleschung. Das von Mitternacht biss zu Mittag rinnende kalte war für
eine so grosse Menge Volck und Pferde nicht zulänglich / auch wegen seines
vielen Schwefels ungesund; daher auch so wohl Menschen als Vieh häuffig zu
sterben anfingen / und in unserm Läger sich viel Uberläuffer einfanden. Diese
berichteten uns / dass folgende Nacht alles / was Waffen tragen könnte /
auszufallen / und sich durchzuschlagen entschlossen wäre. Daher zoh ich an dem
bestimmten Orte alle Wachen zurücke / öfnete die Verbauunge der Wege / umb dem
verzweifelten Feind Lufft zur Flucht zu machen. Ich versteckte aber zweierlei
starcke Hinterhalte / derer einer bei erfolgendem Ausfall alsbald in die Stadt
drang / der andere den Flüchtigen in Eisen lag. Diesen letzten führte ich selbst
/ und hatte das Glücke den Micipsa eigenhändig zu tödten / den König Amilcar
gefangen zu kriegen. Der Ritter Gleichen / Oberster über die Deutschen /
bemächtigte sich aber des Tores. Und hiermit ward auch diesem Kriege in zweien
Jahren ein Ende gemacht; Sintemal die übrigen Städte uns vollends die Schlüssel
schickten. Wir betrachteten alle mit einander den seltzamen Sonnen-Brunn /
welchen die Garamanten Göttlich verehren / auch über selbten einen rundten
Tempel ohne Dach / der Sonnen zu Ehren von rotem Marmel gebauet haben. Jedoch
gestehen die Garamanter selbst / dass der Troglodytische Sonnen-Brunn noch
wunderbarer sei / weil er am Mittage eiss-kalt und süsse / umb Mitternacht
brühheiss und bitter ist. Die Griechen aber meinen ihren des Mittags verseigenden
und stets kalten Jupiters-Brunn beiden weit vorzuziehen / weil er die
angezündeten Fackeln auslescht / die ausgeleschten aber anzündet. Qvirinius und
Juba teilten das Garamantische Reich mit einander / und schafften diesem halb
viehischem Volcke die Gemeinschaft der Weiber und andere wilde Unarten bei
Lebens-Straffe ab. Jener zohe sieghaft / und mit zweifachem Ruhme nach Rom /
weil er das ihm verlaubte Siegs-Gepränge unterliess / und sich des gegebenen
Zunahmens Marmaricus und Garamanticus nicht gebrauchen wollte. Ich kam mit dem
Juba gleichfals wieder in Numidien /welcher mich neben ihm auff einem mit sechs
Elefanten bespannten güldenen Siegs-Wagen zu Cirta einzufahren nötigte. Aber
diese Freude war viel zu schlecht meinem nun wieder auffwachendem Liebes-Kummer
abzuhelffen / denn die steten Kriegs-Geschäffte nur ein wenig eingeschläfft
hatten. Insonderheit goss die der Diana in meinem Ansehen opffernde Dido
abermals mehr Oel in das Feuer meines Hertzens als sie Weirauch in die glüenden
Kohlen des Opffer-Tisches streuete. Dahero Juba und Cleopatra so wohl mit mir /
als ihrer nichts minder verliebten und mit Unwillen opffernden Tochter Mitleiden
hatte / mir auch alles eusserste zu versuchen anboten / was zu meiner Vergnügung
gereichen möchte. Hierauff fügten sie sich fast täglich in den Tempel / und ward
einen ganzen Monat lang mit den Priestern über der Dido Befreiung Rat
gehalten. Nach solcher Zeit kamen Juba / Dido / und der oberste Priester des
Morgens früh bei auffgehender Sonnen voller Freuden in mein Schlaffgemach /
weckten mich auff / weil mir gleich träumte: Wie ein Falcke mir eine an dem
Meer-Ufer gefundene herrliche Perlen-Muschel aus den Händen risse / selbte empor
führte / und nachdem er die darinnen gewesene köstliche Perle verschlungen /sie
wieder in meine Schoos fallen liesse. Uber dieser Begebung erwachte ich / und
vernahm mit grosser Vergnügung die gewünschte Zeitung / welche mich meines
Traumes und aller Sorgen vergessen liess. Wie mir denn auch die grosse Hoffnung
den Beisatz nicht vedriesslich machte / dass unser Beilager noch drei Monat
verschoben werden müste. Den dritten Tag ward ein grosses Feier in dem
Dianischen Tempel gehalten. Der Diana wurden hundert Löwen geopffert /hundert
zehnjährige edle Mägdlein auff Ateniensische Art eingeweiht / und selbte auff
zehn mit Bären bespannten Wagen in Tempel geführet. Die den Tempel ringsum
bewachenden drei hundert Löwen wurden nach Getulien geschickt / uñ in der
Wüstenei frei gelassen. Den vierdten Tag ward Dido auff einem prächtigen
Siegs-wagen nach Aphrodisium in den an dem Meer-Strande stehenden Tempel der
Aphroditischen Venus geführet / welcher sie daselbst auf gewisse Zeit
eingeweiht werden sollte. Mir kam zwar nachdencklich für / dass ich bei solchem
Aufzuge der Fürstin Dido Haupt mit fremden Haaren bedeckt; und über diss / dass
die Abschneidung der Haare ein Zeichen des Traurens / und ein Opffer der
Schiffbruch-leidenden ist / sie noch in der traurigsten Bestürtzung sah; meine
Liebe aber / welche insgemein zwar argwöhnisch / aber auch leichtgläubig ist /
liess sich leicht durch den Vorwand beruhigen / dass die Traurigkeit zweifelsfrei
nur aus einer verliebten Ungedult wegen verschobener Hochzeit herrührte / ihre
Haare aber hätte sie an statt ihrer Jungfrauschaft Dianen zur Beute lassen /
wie bei denen Trözeniern die Heiratenden ihre dem Hippolytus / und bei den
Assyriern der Derceto wiedmeten. Also hätte schon Orestes auf Befehl der Götter
der Taurischen Diana einen Tempel bauen / und seine abgeschnittene Haare darein
lieffern müssen. Man überredete mich zwar auch / dass Dido in selbigem Tempel
drei Monat ihre Andacht verrichten müsste; ein ins geheim dahin abgeschickter
Deutscher aber brachte mir die Nachricht / dass sie bald die andere Nacht von
Aphrodisium weg gesegelt wäre; Welches mich so unruhig machte / dass / als
Cleopatra von mir die Ursache meiner ungewohnten Ungedult zu wissen verlangte /
ich ihr diss / und meine desshalben geschöpffte Bekümmernis rund heraus entdeckte.
Sie aber gab mir lächelnde diese scheinbare Antwort: Es wäre wahr / dass sie eine
Wallfart in den Lyceischen Tempel bei der Stadt Trözen verrichten / und
daselbst ihr Gelübde abstatten müste. Sie würde aber auff bestimmte Zeit
unfehlbar zu Cirta sein. Und hätte man wegen der ohne diss bei mir verspürten
Traurigkeit nur diese Entfernung verhölet. Ich war hiermit abermals vergnügt;
ungeachtet ich mehrmahls fürhatte / ihr in Griechenland zu folgen. Juba
unterhielt mich inzwischen mit allen nur ersinnlichen Ergetzligkeiten / mit
Jagten auff die Löwen und Elefanten / wie auch mit Mohrischen Ritterspielen
auff. Die drei Monat waren noch nicht gar verflossen / als Dido wieder zu
Aphrodisium anländete; dahin ich denn sie zu bewillkommen selbst eilete. Sie war
zwar in dem Tempel noch verwahret / iedoch kriegte ich Erlaubnis sie darinnen in
Anwesenheit der Priesterin zu sprechen. Die Traurigkeit war bei ihr noch nicht
verschwunden / ihr ganzes Tun war vermischt von Kaltsinnigkeit und
Liebes-Bezeugungen / welche aber immer wider ihre vorhin gewohnte Freiheit und
Freudigkeit etwas gezwungenes an sich hatten. Als ich das dritte mahl mit ihr
sprach / und die Priesterin anderwerts hin Augen und Gemüt wendete / steckte
sie mir ein Schreiben mit einer solchen Empfindligkeit zu / dass an statt der ihr
auff der zitternden Zunge ersterbenden Wörter sie ihre Wehmut mit einem
Zeugnisse etlicher hundert Tränen erhärtete. Nachdem ich wieder in mein Zimmer
kam / erstarrte ich mehr deñ der in Stein verwandelte Atlas / als ich darinnen
folgende Zeilen lass:
    Wenn ich dich / edler Flavius nicht so sehr liebte /würde ich mich deiner
Liebe nicht berauben. Nim also diese meine selbsteigene Verunglückseligung für
ein unverfälschtes Zeugnis auf / dass ich lieber gehasst und verstossen sein will
/ als meine Liebe mit einiger Unreinigkeit besudeln. Ach leider! aber / ist
gleich mein Leib / so ist doch meine Seele nicht beflecket. Der Wahn des
Aberglaubens / und der Zwang meiner verleiteten Eltern hat mich mir selbst zu
einem Greuel / und dir zu einer unwürdigen Anbeterin gemacht. Denn ich habe die
dir gewiedmete Jungfrauschaft einem geilen Priester der zu Cirta so
unzüchtigen Diane opffern müssen. Alleine dieser Verlust war noch zu wenig. Man
spottete noch der Geschändeten /und machte sie aus einer Verunehrten zu einer
Närrin. Denn man schickte mich in Argia / badete mich bei der Stadt Nauplia in
dem Brunnen Canatus / in welchem alle Jahr Juno ihre Jungfrauschaft wieder
bekommen soll. O des abscheulichen Aberglaubens! dass auch die Götter den
Schwachheiten der Begierden unterworffen / und des Abbruchs ihrer Vollkommenheit
fähig sein sollen! O des albern Wahnwitzes! dass das Wasser / welches ja zuweilen
einigen Schwachheiten des Leibes abhilfft / den Verlust dessen / was die Natur
und die Götter nicht ergäntzen können / erstatten solle! Höre mich diesemnach
auff zu lieben / Flavius; wormit du von mir geliebt zu sein nicht allzu würdig
bleibest. Verstoss mich Flavius / und enteussere dich einer solchen Braut /
welche mit Ehren weder einer keuschen Gotteit Priesterin bleiben / noch eine
Ehefrau werden kann. Erlaube mir aber nur aus Erbarmniss / dass die / welche du
einsmahls die Beherrscherin deiner Seele zu nennen würdigtest / deine Magd und
Leibeigene sterben möge.
    Ich ward / sagte Flavius / über dieser Greuel-Tat des Priesters beinahe
rasend. Bald verfluchte ich den abscheulichen Priester / bald schalt ich die
wahnwitzige Dido; bald verwandelte sich mein Grimm in das wehmütigste
Mitleiden. Also brachte ich ganzer zwei Tage und Nächte zu. Endlich überwand
die Begierde mich an dem Priester zu rächen meine andere Gemüts-Regungen. Ich
sann nunmehr auff Mittel und Wege meinen Grimm an ihm auszuüben; als ein
deutscher Edelmann mir wissend machte / dass der Diana oberster Priester mit noch
sechs andern nach Aphrodisium ankommen wäre / daselbst der Diana zum Danckmal
ein Heiligtum einzuweihen / und die Fürstin Dido nach Cirta zu begleiten.
Keine erwünschtere Zeitung konnte mir damahls zu Ohren kommen. Ich verstellte
daher möglichst meinen Schmertz und meinen Eiver / veranlasste auch die Dido /
dass sie zur See und auff dem Flusse Pagyda nach Cirta zu kehren schlüssig ward.
Weil nun ohne diss mir weder die Landes-Gewonheit / noch Höffligkeit zuliess
meinen Auffentalt auff dem die Dido führenden Schiffe zu haben / nahm ich die
sieben Priester auff mein meist mit lauter Deutschen besetztes Schiff. Meinen
Vorsatz zu vollziehen schien mir Himmel und Wind gleichsam seine Hülffe
anzubieten. Denn dieser beunruhigte ein wenig das Meer / dass die Schiffe von
einander etwas entfernet wurden / und die Wolcken umhülleten des Nachts den
Monden / dass sie einander aus dem Gesichte kamen. Hiermit befahl ich mit meinem
Schiffe an der ganz nahen Insel Calate anzuländen. Daselbst trat ich mit
etlichen meiner Getreuesten aus / und liess die Priester auch dahin leiten. Ich
hiess aber ausser dem Obersten sich alle andere entfernen / und fragte ihn mit
ernstaftem Gesichte: Durch was für ein Mittel sich Dido von ihrem Gelübde
befreit hätte? Er erblasste und verstummte zugleich; endlich aber fing er an: Es
liesse sich dieses Geheimnis niemanden offenbahren. Aber / versetzte ich / die
offenbaren Laster wohl bestraffen. Du unheiliger Mensch! hat dir nicht gegrauset
deine tolle Brunst mit der Andacht einer keuschen Göttin zu verlarven? Hastu
dich nicht entrötet eine so reine Fürstin mit dem Unflate deiner Unzucht zu
besudeln / und die mir gewiedmete Myrten in so traurige Cypressen zu
verwandeln? Der Priester stand nicht anders / als wenn er vom Blitz gerühret
wäre; gleichwol erholete er sich und sing an: Was er getan / wäre aus keiner
Geilheit / sondern nach dem Willen Dianens / nach der Stifftung des Altertums /
nach den Sitten der meisten Morgenländer / und mir selbst zu Gefallen geschehen.
Die Jungfrauschaft bestünde ohne diss mehr in einer einfältigen Einbildung / als
in einem wahrhaften Wesen der Natur. Ja in Africa und Indien hielte man sie
mehr für einen Fehler / als für was schätzbares. Dido hätte sie auch nicht ihm /
sondern nur durch ihn / als ein Werckzeug Dianen auffgeopffert / und er hiervon
nicht die wenigste Lust / wohl aber die Göttin ihre Vergnügung geschöpffet.
Diese hätte ihn / er aber die Dido so heilig überschattet /dass ihre Reinigkeit
so wenig hätte Flecken / als der Amianten-Stein in der Flamme Rauch oder
Versehrung fangen können. Er glaubte nicht / dass ich die ihrer Dianen geschehene
Opfferung der Jungfrauschaft scheltbarer als der Indianischen Götter / und wie
sie auff den Eleisinischen Feiern durch höltzerne Götzen geschehe / halten
würde. Ja zu allem Uberflusse hätte das heilige Wasser des Brunnen Canatus
alles unreine abgewaschen. Woran so viel weniger zu zweiffeln wäre / weil die
Egyptier durch das Bad der Isis / die Perser durch das des Mitra / die Griechen
durch die Apollinar- und Eleusinischen Besprengungen / und insonderheit durch
das Wasser des Flusses Ilissus so wohl alle Seelen- als Leibes-Flecken
abwischen. Ich ward vedriesslich diese scheinheilige Torheiten anzuhören /
unterbrach sie also und sagte ihm: Er sollte seine törichte Wasser-Würckungen
nur die überreden / die aus dem Paphlagonischen Brunnen sich vollgetruncken
hätten / und deutete ihm an: Weil er ja so eine heilige Sünde begangen zu haben
vermeinte / wollte ich keine Straffe an ihm ausüben / als die ihre Götter selbst
vollzogen hätten. Weil sich Attis gelüsten lassen des Midas Tochter der in ihn
verliebten Cybele vorzuziehen / wäre er von dieser eiversichtigen Göttin
gezwungen worden / ihm unter einem Fichten-Baume mit einem geschärfften
Kieselsteine sein Geburts-Glied abzuschneiden. Hiermit legte ich ihm Stein und
Messer für / eben diss an ihm zu vollbringen / wormit er ein desto keuscher
Priester seiner Diane / aber ein nicht so schädlicher Räuber der für ihn nicht
gewiedmeten Jungfrauschaften sein möchte. Der Priester machte hierüber zwar
tausend Schwürigkeiten; aber meine Andräuung grausamern Verfahrens nötigte ihn
sich der Schärffe meines ihm gegebenen Gesetzes wirklich zu unterwerffen.
Gleichwohl liess ich durch meine Wundärtzte ihn sorgfältig verbinden / forderte
die andern sechs Priester vor mich / verwies ihnen ihren abscheulichen
Gottesdienst / und sie zur Nachfolge an das Beispiel des getreuen Combabus;
welcher für der ihm anvertrauten Begleitung der Königin Stratonice / sich selbst
entmannete / und diese in Honig / Myrrhen und ander Gewürtze verwahrete Wahre
dem Könige Selevcus unter seinem Siegel anvertraute / dass sie ihm konnte hernach
ein Zeugnis seiner Treue und Keuschheit / eine Widerlegung der Verläumder / und
für des Selevcus Eyfersucht eine sattsame Beschirmung sein. An den König Juba
schrieb ich:
    Nach dem die Deutschen für Aberglaube und Unehre einen Eckel hätten / könnte
er seine geschändete Tochter nicht in ein Fürstliches Ehbette erheben. Er
entschuldigte des Juba Leichtgläubigkeit / und hätte Mitleiden mit dem Unglücke
der zu beweinen würdigen Dido. Seine an dem Priester verübte Rache würde er
nicht für übermässig schelten / weil er nur diss gestrafft / wormit er gesündigt /
und ihn nichts mehr /als das Vermögen mehr zu verbrechen / selbst von sich zu
tun / angehalten hätte. Diss sein Beispiel sollte dem Juba ein Wegweiser sein /
wie er künftiger Zeit für so schnöden Verleitungen seiner unzüchtigen Priester
sicher sein konnte. Hätte Cybele zum Gedächtnisse ihres geliebten Attis ein
Gesetze machen können / dass alle ihr dienende Priester bei Trompeten-Schall
entmannet werden müsten; so hätte er seiner mehr liebwerten Tochter halber mehr
Ursache alle Numidische auff gleiche Art zum Dienste der keuschen Diana fähiger
zu machen.
    Diesen Brieff gab ich denen aus dem Schiffe gesetzten Numidiern / hinterliess
sie mit den Priestern auff dem Eylande Calate; ich aber segelte mit meinen
übrigen Deutschen gerade nach Drexena in Sicilien. Nachdem ich nun so wohl
hierinnen / als in Campanien alles Merckwürdige besehe hatte / kam ich wieder
nach Rom: da mich deñ so wohl der Käyser als der inzwischen ans höchste Bret
gestiegene Tiberius sehr wohl auffnahmen; weil nicht nur Cornelius Cossus /
sondern auch der beim Tiberius sehr hoch gesehene Qvirinius von mir viel gutes
berichtet / und meine Dienste im Africanischen Kriege aus Gewogenheit mercklich
vergrössert hatten. Ich kam gleich nach Rom / als Tiberius kurtz vorher aus
Deutschland kommen war / und nebst dem Sentius Saturninus sich mit diesen
Völckern verglichen hatte. Dieses halff mir / dass der Käyser mich zum Haupte
über die zu seiner Leib-Wache erkieseter Batavischen Reiterei setzte. Weil aber
sich wenige Zeit der heftige Krieg in Dalmatien anspann / und Tiberius dieses
gefährliche Feuer zu leschen dahin bestimmet war / musste ich mit denen in
Römischen Kriegsdiensten befindlichen Deutschen nur auch dahin. Batto hatte
gleich bei Certissa an der Sau die Römer aus dem Felde geschlagen / die Breuzen
und Teraunizer / zwei Pannonische Völcker ihm beifällig gemacht / und nach
Eroberung der Städte Citalis und Budalia die an dem Flusse Bucantius gelegene
Haupt-Stadt Sirmium belägert; ja Bato Dysidiatus hatte mit seinen Dalmatiern
alles zwischen dem Flusse Tedarius und Tillurus biss an Apollonia und das Eyland
Pitica entweder erobert oder verwüstet / und die einige noch übrige Stadt Salona
belägert; aber wegen einer von einem Wurff-Steine empfangener heftigen Wunde
dafür abziehen müssen / iedoch die Römer zweimahl geschlagen; ja er gleichsam
als ein Blitz biss an die Grentzen Italiens gedrungen / hatte die Städte Nauport
/ und Tergestis /als zwei Schlüssel nach Rom in seinen Händen / welches für
Schrecken zitterte / sonderlich als der Käyser selbst im Rate meldete: der
Feind könnte in zehn Tagen für Rom stehen. Also stand es in Dalmatien und
Pannonien; und in Macedonien wütete Pinnes /als der Landvogt in Illyris / auch
nach seinem Gefallen / als Messalinus mit der zwanzigsten Legion und vier tausend
Galliern dem Dysidiat entgegen eilete /uñ ich ihm mit tausend Deutschen /
Tiberius aber mit einem grössern Heere folgte. Messalinus traff den Feind bei
dem Tempel des Diomedes für sich; und weil er entweder zu hitzig war / oder die
Ehre des Sieges alleine davon tragen wollte / ward er von dem zwar noch
verwundeten / aber die Dalmatier heftig anführenden Dysidiat zurück getrieben /
dass er mit ziemlichem Verlust über den Fluss Natiso weichen musste. Ich kam
folgenden Tag zum Messalinus / und nach dem wir erfuhren / dass die Dalmatier
auch übersetzten / stellten wir uns in einen vorteilhaftigen Ort / lockten den
Feind zu einem neuen Treffen / und hatten das Glücke den Dysidiat auffs Haupt zu
schlagen /welcher nach Verlust mehr als zwölff tausend Mann /weil wir ihm stets
in Eisen lagen / biss über den Sau-Strom zu weichen gezwungen ward. Weil nun
inzwischen der Mysische Landvogt Cäcina Severus den Bato auch die Belägerung für
Sirmium auffzuheben genötigt hatte / stiessen beide Bato zusammen; und nach dem
so wohl Tiberius als Rhemetalces mit einem neuen Heere sie gleichsam umringte /
zohen sie sich zwischen das Almische von den Römern so genennte Claudische
Gebürge. Rhemetalces lockte zwar ein Teil des Pannonischen Heeres auff die
Fläche /und versetzte selbtem einen ziemlichen Streich; nachdem aber er und
Severus mit seinem ganzen Heere seinem Mysien / in welches die Dacier und
Sarmaten eingefallen / Ariopolis erobert / und viel offene Örter angezündet
hatten / zueilen musste / Tiberius mit dem Messalin zu Sescia zwischen der Sau
und dem Flusse Colapis überwinterte / kriegte der Feind Lufft / spielte zwischen
der Sau / der Drave und Ister allentalben den Meister / und brachte fast ganz
Pannonien auff seine Seite. Unterdessen gewanen Rhemetalces und Rasciporis mit
ihren Traciern zwar in Macedonien dem Pinnes eine Schlacht ab / alleine er
verstärckte sich mit seinen Dalmatiern auff dem Skandischen Gebürge und an dem
Flusse Drilon; aus welchen sichern Behältnissen sie denn Macedonien mit
unauffhörlichen Einfällen beunruhigten. Ich ward wohl befehlicht denen
Pannoniern mit der Deutschen und Gallischen Reuterei möglichsten Abbruch zu
tun; und ich traff auch etliche mahl mit ziemlichem Vorteil. Weil aber die
Feinde mir an Macht weit überlegen / auch so flüchtig als die Deutschen waren /
hingegen tausend Schlipplöcher zum Uberfall und Entkommen wussten /war unmöglich
was hauptsächliches auszurichten. Aulus Cäcina und Silvanus Plautius setzten
zwar aus Asien fünff frische Legionen zu Lissus aus / und der König in Tracien
stiess mit zehn tausend Reutern zu ihnen / aber Pinnes und Bato boten ihnen an
dem Flusse Clausula die Stirne / schlugen die Tracier zum ersten in die Flucht
/ erschlugen fast alle Hülffs-Völcker / zertrennten drei Römische Legionen /
erlegten viel Obersten / eroberten viel Fahnen / und trieben das übrige Heer biss
nach Lissus. Weil nun Tiberius und Messalin bei Sescia gleichsam unbeweglich
lagen / und schier alle Anschläge Krebsgängig wurden / verfiel Tiberius beim
Käyser in Verdacht: dass er / um die Waffen stets in seinen Händen zu behalten /
diesen Krieg mit Fleiss verzögerte. Daher entschloss er sich den jungen Agrippa in
Dalmatien zu schicken; Aber Liviens Arglist wendete alle Künste an / den
Tiberius einer solchen Neben-Sonne zu entübrigen /brachte es auch so weit / dass
nicht allein statt des Agrippa der vom Tiberius für einen Sohn angenommene
Germanicus in Pannonien geschickt / sondern auch Agrippa / weil er wegen dieser
Ubergehung Livien ihre Stieffmütterliche Feindschaft / dem Käyser aber die
Vorentaltung seiner väterlichen Güter fürrückte / auff das Eyland Pcanasia
verwiesen ward. Germanicus kam mit einem mächtigen Heere in Pannonien / denn der
Käyser hatte nicht nur Freigebohrne darzu geworben / sondern auch bei damahliger
Teurung viel tausend Freigelassene um Getreide zu Kriegs-Diensten erhandelt.
Dalmatien und Pannonien ward von so viel Römischen Heeren zwar gleichsam
überschwemmet / sintemahl zehn Römische Legionen / siebentzig Fahnen
Hülffs-Völcker / vierzehn Flügel Reuterei / ohne viel tausend Freiwillige
zusammen kamen / welche aber wider die tapffern Pannonier wenig denckwürdiges
ausrichteten / als dass sie weit und breit Pannonien einäscherten / um die /
welche sie mit Waffen zu überwinden nicht getraueten / durch Hunger zu zähmen.
Severus rückte zu dieser Zeit /nachdem die Dacier und Sarmater wieder über die
Ister in das bergichte Dacien gewichen waren / aus Mysien zwischen dem Flusse
Patissus und Ister durch das Gebiete der Metanaster und Jazyger den Pannoniern
auff den Hals / setzte bei Salinum über den Ister / bei Cäsarea über den Fluss
Urpan / schlug sein Läger an dem Volceischen See auff / kam also dem Bato recht
in Rücken. Dieser aber zohe in Eil den Dysidiat an sich / übersiel ganz
unversehens des Severus umb Triccana Barbis / und Serbium in aller Sicherheit
sich erfrischendes Heer / und trieb es biss unter den Wall. Weil aber von Flexum
den Tag zuvor die vierzehende Legion ins Läger ankommen war /welche den
Flüchtigen mit der alten Besatzung zu Hülffe kam / mussten die Pannonier sich
zurück ziehen. Germanicus und ich hatten zu selbiger Zeit mit einem Teile
unsers Heeres gegen die Dalmatier zu schaffen / und das Glücke / dass wir die
Maceer und Dindarier unter dem Gebürge Carvancas aus dem Felde schlugen: welchen
Sieg Germanicus selbst der Deutschen Tapfferkeit zueignete. Gleicher gestalt
ging die feste Stadt Lopsica / darein der Feind fast allen Vorrat des Landes
gebracht hatte / durch die Stärcke eines Hermundurischen Ritters Polentz / oder
Pulio über. Hiermit gerieten die Dalmatier und Pannonier in eusserste Not der
Lebens-Mittel / und von denen gegessenen rohen Kräutern und Wurtzeln rissen viel
schädliche Seuchen / wie nichts minder die Zwytracht bei ihnen ein. Denn Bato
der Breutzer Fürst liefferte gegen empfangenes Versprechen / dass er selbiges und
das Skordiskische Fürstentum bekommen sollte / den Fürsten Pinnes und die
Festung Aleta in des Tiberius Hände. Welches den Dysidiat nötigte dem Tiberius
Frieden anzubieten / welcher denn auch von ihm zu einer Unterredung ein frei
Geleite bekam / und dem Tiberius auff die Frage: Warum sie wider die Römer
auffgestanden wären? antwortete: Weil sie ihre Heerden zu bewahren nicht Hirten
und Hunde / sondern Wölffe brauchten. Dysidiat schloss also einen für die
Dalmatier und Pannonier ziemlich erträglichen Frieden. Tiberius und Germanicus
zohen mit grossem Siegs-Gepränge / und der Käyser / welcher / umb dem Kriege
desto näher zu sein / unterdessen sich zu Arminium auffgehalten hatte / mit
grossen Freuden nach Rom; allda er auch mich mit einem Siegs-Krantze
beschenckte. Inzwischen konnte Dysidiat dem Bato seine Verräterei nicht
vergessen / daher belägerte er ihn mit denen ihm ebenfalls gramen Breutzen in
der Festung Serota /verdammte ihn nach derselben Eroberung zum Tode /und liess
ihn als einen Verräter in Spiess stecken. Der Pannonische Landvogt nahm diss für
einen neuen Friede-Bruch auff / überzohe die Breutzer / und zwang sie mehr durch
Feuer als durchs Schwerdt auffs neue um Frieden zu bitten; den Dysidiat aber
nach Arduba in Dalmatien zu weichen. Alldieweil aber beide Völcker von den
Römern ärger als iemahls vorher gedrückt und ausgesogen wurden; fleheten sie den
Fürsten Dysidiat abermals umb Beschirmung ihrer Freiheit an /überfielen die
Römischen Besatzungen / und brachten den Silan bei Velcera ziemlich ins
Gedrange. Germanicus eilte mit frischen Völckern in Dalmatien / büssete aber in
der Stadt Rhetium / darein ihn die flüchtigen Dalmatier arglistig lockten /
durchs Feuer etliche tausend Mann ein. Diese aber ersetzte er kurtz hernach mit
Eroberung der vormahls vom Tiberius vergebens belägerten Stadt Seretium. Weil
aber Dysidiat sich täglich verstärckte / und mit vier Heeren gegen die Römer
kriegte / schickte der Käyser noch drei Kriegs-Heere unter dem Tiberius dem
Silan und Lepidus in Pannonien; Er selbst aber und darunter ich schlugen sich
zum Germanicus. Silanus kriegte an dem Flusse Arrabo / Silan an der Drave mit
ihren Feinden zu schaffen / und wurden nach etlichen Treffen bei Carrodum /
Bolentium und Limusa Meister. Tiberius und Germanicus drangen mit dem Käyser
durch der Flanater / Japüder und Mazoer Gebiete dem Dysidiat biss ins Hertze
Dalmatiens / und ward er selbst in der fast unüberwindlichen Festung Anderium an
dem Flusse Jader belägert. Der Käyser ruhete bei dieser Belägerung in der Nähe
zu Salona aus. Ich will hier nicht die Künste des schlauen Tiberius erzählen;
genug ist es / dass er den Dysidiat / als er seine Dalmatier vergebens zu einem
neuen Frieden zu bewegen bemühet war / dahin brachte / dass er sich heimlich aus
der Festung stahl / und die Seinigen verliess; auch nach eusserster Gegenwehr den
Feind endlich zur Ergebung zwang. Unterdessen schlug Germanicus nebst mir
etliche mahl den Feind / und nahm das ganze Gebiete der Epetiner / Phryger und
Karier biss auff die Haupt-Stadt Arduba ein. Diese Belägerung setzte Germanicus
mit so viel hertzhaftigerm Eyfer fort / als er dem Tiberius in der Belägerung
der Stadt Anderium / von welcher dieser jenen mit Fleiss entfernet hatte / nichts
nachzugeben begierig war. Die Stadt Arduba war fast umb und umb von dem überaus
strengen Strohme Tillurus umgeben; in welchem die Römer mit ihren sonst
bräuchigen Schiff-Flössen /oder an die Schenckel gebundenen und auffgeblasenen
Ochsen-Blasen und Ziegen-Häuten über zu kommen vergebens versuchten. Germanicus
wusste ihm hierinnen weder Hülffe noch Rat / und also foderte er von mir ein
Gutachten. Ich aber / weil ich bereit wahrgenommen hatte / dass der Strohm nicht
allentalben an die Stadtmauern striche / sondern an etlichen Orten ein
ziemlicher Platz Erde unbewässert an den Mauern hinge / erbot mich folgende
Nacht unter der Stadt-Mauer mit meinen Deutschen festen Fuss zu setzen. Dieses
bewerckstelligte ich auch glücklich. Deñ ich lass mir 200. des Schwimens erfahrne
Deutschen aus; iedem gab ich ein Grabscheit / ein Holtz oder Bret /welches sie
mit über den Fluss zu bringen getrauten. Mein Vorgang / die trübe Nacht / und das
grosse Geräusche des Stromes machte / dass wir unvermerckt überkamen / vorwerts
uns mit einer für uns aufgeworffener Brustwehre / über uns mit einem von Bretern
gemachten / und für den Brand mit Erde beschüttetem Dache / wider alle Gewalt
verwahrten. Worüber die Belägerten derogestalt bei der Tagung erstauneten / dass
sie sich zu ergeben schlüssig waren. Weil aber mehr als tausend Uberläuffer in
der Stadt waren / welche an aller Gnade verzweifelten / und also alles äuserste
auszustehen vorhatten / entstand in der Stadt ein Aufruhr. Jedoch schlugen sich
die mehr männlichen Weiber zu den letzten / und fielen ihren eigenen Männern /
Brüdern und Söhnen in die Haare. So bald ich der innern Unruh innen ward / liess
ich durch meine schwimmende Deutschen etliche Seile über den Strom ziehen / an
welchen nicht nur meine übrige Landsleute / und ein paar tausend Römer / sondern
auch der benötigte Sturm-Zeug übergebracht werden / und wir schier ohne allen
Widerstand die Stadt Arduba ersteigen konten. Die Dalmatischen Weiber liessen
nunmehr von ihren eigenen Anverwandten ab /und fielen uns wie wütende Unholden
an; nachdem sie aber ihrer Ohnmacht gegen unsere Waffen gewahr wurde / stürtzten
sie sich meist alle mit ihren in der Eil erwischten Kindern / teils in die von
ihnen selbst angezündeten Häuser / teils über die Mauern und in den Fluss
Tellurus. Sintemal ihnen erträglicher schien alles / als das edle Kleinod der
Freiheit zu verliere. Also ging diese für unüberwindlich gerühmte Festung schier
ohne Verlust über; und mit ihr entfiel fast allen Dalmatiern vollends das Hertze
/ also / dass sie entweder sich selbst willig ergaben / oder vom Vibius
Postumius vollends unschwer bezwungen worden. Die Pannonier aber wurden aufs
neue von Daciern und Sarmatern durch eine Hülffe von 40000. Mann aufgefrischt /
welche die berühmte Stadt an dem Ister zu den Colossischen Säulen genannt / mit
einer grossen Niederlage der Römer dem Severus abgewannen / und biss an die
Mansvetinische Brücke an der Drave alles unter ihre Gewalt brachten. Dieser neue
Feind ermunterte auch die zwischen dem Gebürge Ardius und dem Flusse Drinus
überaus vorteilhaftig gelegene und so wohl ihrer Kriegs-Wissenschaft als
Harnäckigkeit halber beruffene Daoriser / wie auch die streitbare Disitiates /
dass sie unter dem jungen Pinnes wider die Römer die Waffen ergriffen. Wider
diese letztern ward der neu-erwehlte Dalmatische Landvogt Vibius Postumius /
Lepidus und Junius Blesus geschickt /welche fast mit gäntzlicher Vertilgung
dieser Völcker dem Kriege ein Ende machten. Mich aber schickte der Käyser mit
dem Licinius Nerva Silianus wider die Dacier und Sarmater / weil die Deutsche /
des Augustus Urteil nach / diesen geschwinden Feinden am besten zu begegnen
wüsten. Ich setzte bei Leucomu über die Sau / bei Anciana über die Drave / in
Meinung bei Varronianum auch über den Ister zu kommen / und nicht nur dem sich
aus Dacien täglich vermehrenden Feinde alle fernere Hülffe / sondern auch die
Rückwege über den Ister abzuschneiden. Es setzten sich aber die Pannonier und
zehntausend Dacier bei Animascia uns in Weg; also / dass ich mit meine Vorzuge
gezwungen ward zu schlagen. Ich gebrauchte mich aber des von dem Ventidius gegen
die Parter so glücklich angewehrten Vorteils / dass ich mit meinem
Kriegs-Volcke einen Hügel besetzte / von dem ich die mich angreiffenden Feinde
Spornstreichs und mit verhengtem Ziegel als ein Blitz anfiel; also nicht allein
die viel tausend abgeschossenen Pfeile der Dacier überhin gehen liess / sondern
auch die fördersten Feinde über einen Hauffen rennte / und durch die Tapferkeit
der einigen Deutschen in kurtzer Zeit die Dacier und Pannonier in Unordnung und
in die Flucht brachte. Wie wir aber vernahmen / dass der Feind zu Varronianum und
Mursella sich starck verschantzt hatte /wurden Silvan und ich schlüssig zu Mursa
zurück über die Drave / und zu Korbach über den Ister zu gehen. Dieses
verrichteten wir ohne einigen Widerstand. Weil aber der Feind nunmehr inne ward
/ dass wir ihm in Rücken zu kommen vermeinten / hielt er für notwendig / ehe als
wir uns einigen festen Ortes bemächtigten / zu Varronian ebenfalls über den
Ister zu setzen / und uns mit ganzer Macht auff den Leib zu gehen. Dieser kam
uns den dritten Tag mit 60000. Mann ins Gesichte. Daher Silan und ich uns harte
an den Ister-Strom recht gegen über / wo die Drave in den Ister fällt / in
Schlacht-Ordnung stellten / wormit die starcke feindliche Reiterei die Sarmater
das Römische Fussvolck nicht umbgebe und an beide Seiten anfallen könnte. Wie wir
auch wahrnahmen / dass die Pannonier den rechten / die Dacier den lincken Flügel
erwehlte / der Sarmater aber beide Flügel auf der Seite deckten; also ich die
Helffte unser Reiterei denen an dem Ister vergebens gestellten Sarmatern an
ihrem lincken Flügel genungsam zu sein meinte; setzte ich alle Stall-Buben zu
Pferde / und stellte die Helffte derselben bei unserm lincken Flügel / allwo
Silan mit der vierzehenden Legion am Ister gegen den Feind genungsam feste
stehen konnte. Die Helfte der Deutsche und Gallier Reiterei aber / wie auch 2000.
unnützes Gesindlein stellte ich hinter einen auf der rechten Hand gelegenen
Berg. Wir traffen mit unserm lincken Flügel wegen Vorteilhaftigkeit des Ortes
mit Fleiss zum ersten. Da denn unser Anschlag bald gewüntscht ausschlug / indem /
als die Römische Legion mit fest geschlossenen Gliedern gegen die Pannonier
andrang / die Sarmatische Reiterei derogestalt ins Gedrange kam / dass sie sich
nicht rühren konnte /auch die Ordnung der Pannonier selbst dort und dar
verwirrte. Daher entschloss sich zwar ihr Führer Fürst Popel in den Strom zu
setzen / in Meinung in selbtem herunter zu schwemen / und unserm lincken Flügel
in Rücken zu kommen; Aber es hinderte diss teils das hohe Ufer / teils / weil
ich derogleichen vorgesehe /meine Anstalt / in dem ich an dem seichten Ufer in
der Eil hatte Grabe aufwerffen / oder höltzerne Schläge fürmachen lassen.
Inzwischen kam auch unser rechter / und des Feindes lincker Flügel ins Gefechte.
Unsere an die Spitze gestellten Griechen und Asiatischen Hülffs-Völcker lidten
zwar von den hartnäckichten Daciern etwas Abbruch / iedoch liess ich bald
Deutsche / bald Römer an die Lücke trete / und erhielt also die Schlacht-Ordnung
feste / dass die Dacier müde worden / ehe die dritte Legion / welche dem Lucius
Apronius vertrauet war / recht zum Fechten kam. Die Reiterei der Gallier und
Tracier lidt zwar auch von den geschwinden Sarmatern Not; wenn aber die
Deutschen auf sie traffen / räumten sie Augenblicks den vorhin erlangten
Vortel. Als nun derogestalt beide Heere miteinander im heftigsten Treffen waren
/kamen 50. mit Pannoniern geladene Schiffe den Strom herab / welche teils des
Silans Legion und unsern ganzen lincken Flügel in der Seite mit allerhand
Geschoss angriffen / teils auch unterwerts Volck mit Aexten aussetzten / die die
Graben fülleten / die Schlag-Bäume zerhieben / und also der Sarmatischen
Reiterei am Ufer auszusetzen / und unsern lincken Flügel hinterwerts anzufallen
Gelegenheit machten. Silan wendete zwar / als unsere blinde Reiterei nämlich die
Stallbuben die Flucht nahmen / ein Teil des lincken Flügels umb und gegen die
Sarmater; aber weil er von dreien Seiten bestritten ja er auch selbst von denen
eindringenden Sarmatern mit einer Sebel im Haupte heftig verwundet ward /
geriet der ganze lincke Flügel in Unordnung. Mein rechter hatte für sich
selbst genung zu tun; also befahl ich / dass unsere hinter einem Hügel stehende
Reiterei dem lincken Flügel zu Hülffe eilen / die ganze blinde Reiterei aber
umb den Berg herumb gehen / und denen gegen mich fechtenden Daciern in Rücken
einzufallen dräuen sollte. Der Ritter Zimbern führte die deutsche Reiterei mit
unvergleichlicher Hertzhaftigkeit an / und zwang die Sarmater / dass sie über
Hals und Kopf in Ister sprengen mussten. Ich kam auch selbst dem lincken Flügel
zu Hülffe / und vertraute dem Apronius den rechten / setzte denen schiffenden
Pannoniern 500. Tracische und Cretische Schütze entgegen /brachte also den
lincken Flügel wieder in Stand. Hingegen wurden die Dacier und Sarmater in ihrem
lincken Flügel von unser sich hervortuenden blinden Reiterei derogestalt
geschreckt / dass diese die offentliche Flucht zu ergreiffen / jene aber in
Verwirrung zu geraten anfingen. Ritter Pappenheim hielt nicht für ratsam die
flüchtigen Sarmater zu verfolgen / sondern ging dem Dacischen Fussvolck in die
Seite / Apronius drang ihnen vorwerts auf den Hals; und also ging der ganze
lincke Flügel über einen Hauffen /zumal der Dacische Fürst Deldo selbst todt
blieb. Die Pannonier im rechten Flügel verloren hiermit ihren vorigen Vorteil
/ das Hertze und das Feld. Das Gefechte ward nunmehr in ein Würgen verwandelt.
Von dem Feinde blieben 18000. ohne die sich in den Ister stürtzten / auf der
Wallstadt todt / 10000. wurden gefangen. Dysidiat entran zwar auf einem Nachen /
iedoch liess er uns seinen Gehorsam / und seinen Sohn Sceva zur Geissel
anbieten. Ich aber / weil der tapfere Silan folgenden Tag von den empfangene
Wunden sein Leben auf dem Bette der Ehren beschloss /verwies ich ihn an den zu
Segeste des Ausschlags erwartenden Tiberius / welcher anfangs den Sceva
/hernach den ihm zu Fusse fallenden Dysidiat / welcher sein verwürcktes Haupt
zur Abschneidung willig darreichte / zu Gnaden annahm. Gantz Illyris / Dalmatien
und Pannonien kam hiermit zu völligem Gehorsam / Dacien und die Sarmater in
Schrecken. Germanicus brachte dem Käyser selbst die fröliche Zeitung / welcher
mit dem Tiberius zu Rom im Siegs-Gepränge einzuziehen kostbare Anstalt machte /
den Germanicus mit einem Lorber-Krantze / und mit der Würde der Stadt-Vogtei /
mit der Fähigkeit nunmehr Bürgermeister zu werden / und nach den Bürgermeistern
im Rate seine Meinung zu sagen beschenckte; mir und dem Silan aber zwei
Sieges-Bogen in Pannonien aufführen / ja auf die Wallstatt eine Stadt zu bauen /
und sie den Deutschen zu Ehren Deutschburg zu nennen befahl.
    Ich kam derogestalt vergnügt nach Rom / und ward allentalben nunmehr nicht
so wohl für einen Deutschen / als für einen Römer gehalten. Nach dem aber den
fünften Tag nach des Käysers Ankunft die traurige Zeitung von der grossen
Niederlage des Varus /und dass mein Bruder Uhrheber dieses grossen Verlustes wäre
/ nach Rom kam; also die deutsche Leibwache abgeschafft / alle andere Deutschen
entweder vom Pöfel erschlagen / oder aufs Käysers Befehl in Hafft genommen
wurden / verrauchten auch in einem Augenblicke alle meine Verdienste. Man
brachte mich noch selbigen Tag nach Ostia / setzte mich auf ein Schiff / und
segelte mit mir nach dem Eylande Dianium. Der Käyser liess mir zwar andeuten /
dass es zu meiner selbsteigenen Sicherheit / und nur biss der schwirige Pöfel sich
wieder beruhiget habe würde /geschehe; alleine ich hielt es für ein einsames
Gefängnis. Den andern Tag nach meiner Dahinkunft ging ich an dem Meer-Ufer in
traurigen Gedancken / als ich unversehns zwei frembde Schiffe anländen sah. Bald
darauf ward ich in einen Stein verwandelt / als die Numidische Fürstin Dido ans
Land trat. Diese ward mein so bald als ich kaum ihr gewahr / iedoch war ihre
Veränderung nicht so heftig; daher sie sich mir näherte / mich aufs holdeste
grüsste / und nach dem sie allen ihren Leuten sich zu entfernen einen Winck
gegeben hatte / umb meinen Zustand fragte. Ich ward schamrot über derselben
Freundligkeit / die ich durch meine Verschmähung beleidigt zu haben vermeinte;
gleichwohl begegnete ich ihr mit möglichster Höfligkeit / und entdeckte ihr
meine Beschaffenheit aufs kürtzeste. Nach einem tieffen Seufzer fing sie an:
Unvergleichlicher Flavius / glaube / dass ich dein Unglück mehr als du selbst
empfindest / und dass ich dich als eine irrdische Gotteit verehre / weil ich
dich zu lieben unwürdig bin. Meine bisherige Zufälle verdienen nicht dein
Gehöre; tröste aber deine Rache /dass Juba den obersten Priester auf dein
Zuschreiben habe die Löwen zerreissen / und die andern Priester der Diane
sämtlich entmannen lassen. Ich bin aus erheblichen Ursachen auf der Reise nach
Rom begriffen / hier aber angefahren / umb in dem hiesigen Heiligtum Dianen
ein Gelübde abzustatten. Wormit du aber glaubest / dass ich deine Magd im Wercke
sterben wolle / so trete ich dir das andere Schiff zu deiner Flucht ab. Erwehle
selbst einen Ort / wo du hin wilst. Ich verlange selbten nicht zu wissen. Mache
hierüber keine Schwerigkeit / und lasse allen Kummer mir zurücke. Ich ward
hierdurch derogestalt gerühret / gleich als ich eine Göttin für mir reden hörte.
Die Tränen fielen mir aus den Augen / welche ich statt einer Dancksagung ihr
zurücke liess / und mit meinen zwei deutschen Edelleuten / die man mir ja noch
gelassen hatte / das Schiff betrat. Dido befahl dem Schiffer mir nicht anders
als ihr selbst zu gehorsamen. Nachdem ich von ferne noch einst den traurigsten
Abschied von ihr genommen hatte / erwehlte ich nach Massilien zu fahren / da ich
auch den andern Tag anländete / und von dar auf verwechselten Pferden durch
Gallien nunmehr so glücklich allhier ankommen bin.
    Hertzog Herrmann schöpften über dieser Erzehlung überaus grosse Freude / die
andern Fürsten aber nicht geringe Verwunderung. Der Tag war hierüber grossen
Teils verstrichen: und weil Hertzog Flavius Erlaubnis bat der Fürstin Tussnelde
und Ismene / wie auch dem Fürstlichen Cattischen Frauenzimmer die Hände zu
küssen / schied diese fürnehme Versamlung mit höchster Vergnügung von einander.
 
                                     Inhalt
                              Des Fünften Buches.
Die Gleichheit der Gemüter / welche einen nicht wenigern Zug hat als andere
gewisse Verwandnüss unter sich habende Dinge / bringt auch vor dissmal den
Feld-Herrn / Hertzog Flavius / Jubil / Arpus / Catumer / Rhemetalces und
Malovend in Begleitung der Tussnelde / der Königin Erato / Issmene und Saloninen
in des verwundeten Zeno Zimmer zusammen. Dieser wüntschet dem Feld-Herrn über
den erhaltenen Sieg und der erlöseten Tussnelde vielfältiges Glück /kommet
zugleich auf das im Traum zu seiner Genesung dienende wunderbare Gesichte;
Salonine und Rhemetalces aber auf den Schluss: dass das Pflaster der Liebe allen
andern Gesundheits-Kräutern vorzuziehen. Der Feld-Herr giebet Beifall und
bestätiget: dass offtmals der Krancken feste Hoffnung der Hand des Artztes zu
Hülffe komme / gebrauchten Kräutern frembde Kräffte zuwüchsen / und die
Einbildung allerhand Kranckheiten und Gebrechen zu heilen / ja so gar in Bildung
der Geschöpffe die Natur zu bemeistern mächtig sei. Fürst Zeno kommt auf
Veranleitung der liebreichen Erato auf die Erzehlung seines Ursprungs /
Auferziehung und Ankunft nach Sinope /dahin ihn die Hinterlistigkeit des
Armides geführet /und zur erfolgenden Vermählung dem Könige Ariobarzanes in die
Hände gespielet / darzu denn alsbald alle Zubereitungen im Tempel gemacht / der
König in seinem Vorsatz von des Zeno Vater dem Polemon unterstützet; die Königin
Dynamis aber wegen der ihr hierinnen bewussten Heimligkeit / der vermeinten
Arsinoe / in höchstes Bekümmernis gesetzet wird. Diese Arsinoe ist in der
Kindheit zu Rom gestorben /und in das Begräbnis des Grossvaters Mitridates
geleget / nachmals unter dessen Person Zeno auferzogen worden. Polemon
erschrickt über diesem von der Dynamis ihm geoffenbahrten Sohne als einer
Schlangenbrut / will ihm auch im Tempel das Schlacht-Messer in Leib stossen /
wenn ihn nicht des Priesters Arm daran verhindert. Polemon und Dynamis streiten
hierauf mit einander über dem Hass und Liebe / ob solche nur von der blossen
Einbildung / oder von einem geheimen Triebe der Natur herrühren / darinnen sie
das unvermeidliche Verhängnis entscheidet / die Dynamis nebst dem Zeno aber aus
dem Tempel ins Gefängnis bringt / in welches der wütende Vater Polemon mit
einem blancken Dolche / den er von seinem Schutz-Geiste empfangen zu haben sich
rühmet / einbricht / um seinen Sohn aufzuopffern / dessen Standhaftigkeit den
Vater in Furcht und Verwirrung endlich aber zu der Entschlüssung bringt: dass er
durch den Königl. Stadtalter Nicomedes der Dynamis die Freiheit / dem Zeno
dagegen die augenblickliche Entfernung von Sinope ankündigen läst. Nicomedes
erzählt die dem Polemon im Schlaffe zugestossene Einbildung / und dass der von
seinem Schutz-Geiste empfangene Dolch des Mitridates gewesen / mit mehrer
Ausführung was von Träumen zu halten? Diese Erzehlung unterbricht Salonine durch
Auflösung / der Wundbinden / und Prüfung des wolangeschlagenen neuen Pflasters.
Worauf alsbald Zeno wieder in der Erzehlung fortfähret: wie er in seiner
gewöhnlichen Frauen Tracht von seinen zweien Edelleuten vergesellschaftet zu
Schiffe gegangen / in die berühmte See- und Handels-Stadt Dioscurias / um allda
desto unkenntlicher zu sein / geschiffet / von denen am Strome Hippanus und
Tyras wohnenden See-Räubern angefallen / diese aber durch tapffern Widerstand
endlich überwunden / und nach erobertem Schiffe fussfällig von denen Gefangenen
in seiner Frauen Kleidung vor die Fürstin Arsinoe erkennet / ja als eine
Schutz-Göttin verehret / die auf dem Raub-Schiff zugleich erlösete Pantasilea
aber vor der Amazonischen Königin Minotyea Schwester und einzige Tochter des
Albanischen Königs Zobers mit Hindansetzung ihres väterlichen Reichs gehalten
worden. Er Zeno / weil er bei seiner verkleideten Gestalt den König der Meden
und Armenier Ariobartzanes nicht hätte ehlichen wollen / hätte ihn der Pontische
König Polemon aus allen seinen Reichen verbannet. Pantasilea versprichts mit
Ausschüttung vieler Mitleidungs-Tränen ihn bei der Königin Minotea
anzubringen. Hierauf kommt Flavius und Rhemetalces auf die Numidier alten
Egyptier und andere Völcker / bei welchen die Männer den weiblichen / die Weiber
aber den männlichen Verrichtungen obgelegen. Pantasilea erzählt ihren Ursprung
/ und wie des deutschen Königs Alemanns als ihres Uhranherrns Tochter Vandala
die erste Kämpfferin zu Pferde / ja aller Amazonin Mutter gewesen. Dieser
sparsamen Liebes-Wercke in ihrer mit des Bojus Sohne Tanausis geführten Ehe;
Ihre hertzhafte Antwort und Tapfferkeit gegen den Egyptischen König Vexoras
oder Sesostres in Iberien bei der Stadt Harmasis / allwo die Egyptier die
gerüsteten Weiber vor eitel Gespenster angesehen / und nebst ihrem hierbei
verwirreten Könige Hertz und Feld verloren. Zum Zeichen dieses Sieges und
vieler darauf folgenden Länder bauet ihr Vandala zwischen die Ströme Iris
Termedan ans Meer zu ihrem Königl. Sitze die Stadt Temiscyra; Tanausis aber
nach Eroberung des kleinen Asiens / Syriens / Mesopotamiens und Assyriens
Hirapolis und Betsan / welcher guten Länder wegen die Goten ihres kalten
Vaterlands / ja Frauen und Kinder vergessen. Vandala setzet den überwundenen
Sacken einem Scytischen Volcke ihre Base Zerina zur Königin vor / und führet
dardurch auch bei den rauhen Meden die Amazonische Herrschaft ein. Sie eilet
den Gotischen ihrer Männer entblösten Frauen in Cappadocien zu Hülffe /und
giebet alsbald dem zweifelhaften Siege an dem Flusse Iris seinen erwüntscheten
Ausschlag / bauet dahin wegen ihrer unter währendem Kampffe aufgeflochtener
Haarlocken die durch Grichische Redens-Art so benamte Stadt Komana / ingleichen
der Kriegs-Göttin unter dem Nahmen der Taurischen Diana einen prächtigen Tempel
/ darinnen nachgehends Agamemnon seiner Tochter Iphigenie Opffer Messe
aufgehoben. Die Gotischen Frauen tödten ihre zu Hausse gebliebene und der
Schlacht sich entzogene Männer vollends / nehmen den Nahmen der Amazonen und die
ersten Gesetze der Vandala an / welche ihnen die zwei tapffersten Frauen
Marpesia und Lampeto zu Königinnen fürsetzet / diese brennen ihnen selbst / den
Bogen desto besser zu gebrauchen / die rechte Brüste ab / und nennen sich
Tochter des Kriegs-Gotts und der Diana. Endlich stirbt nach vielen Siegen in
ihrem Reiche Vandala / und läst das Gedächtnis einer Göttin der Tapfferkeit
hinter sich. Marpesiens sieghafte Waffen biss in das Caucasische oder
nachgehends nach ihr genennte Marpesische Gebürge unterbricht ein Assyrischer
Pfeil / ihre Tochter Gorgonia verfolget ihre Siege / von welcher die so
genannten mit Schlangen behangene Gorgonische Schilde und Waffen den Nahmen
bekommen / wird aber auch letzt durch Hinterlist vom Perseus erleget. Nach ihr
herrschet die Königin Myrine / diese überwindet die Syrer durchs Schwerdt / die
Cilicier durch Schrecken / bauet auch unterschiedene Städte / biss sie ebenmässig
in der Schlacht wider die Tracischen Könige umkommet. Lampeto und ihre Tochter
Antiope wird nicht weniger sieghaft und in die Höhe eines so rühmlichen
Urteils gestellet: dass eine Amazone zu überwinden so wenig / als den Himmel mit
Fingern zu erreichen möglich / und dem Hercules einer Amazonen Gürtel vor ein
schwerers Werck / als das goldene Fell aus Colchis zu holen auferleget sei. Die
von den Amazonen hart bekriegte und fast über den Hellespont getriebene Griechen
bauen diesen ihren Feinden zum ewigen Gedächtnis die Stadt Amazonia auf.
Pantaseleens Liebe gegen den König der Mysier Telephus des Hercules und der
Auge Sohn bringt das Amazonische Reich in Aufstand; fällt aber doch gleichwol
bald die aufs neue Troja beängstigenden Grichen wieder an / darunter die
hertzhafte Königin Tamyris dem Scytischen Könige Madyes wider den Cyrus zu
Hülffe kommt / ihres erwürgten Sohnes Rhodobates wegen viel tausend Persen
erleget / gegen den König selbst aufs grausamste wütet / und dardurch allen
Völckern ein Schrecken einjaget / auch behauptet: dass kein ander als Königl.
Geblüte ins künftige den Tron betreten solle. Die Königin Talestris sendet
wider des Königs Artaxerxes Ochus verschnittenen Meuchelmör der Ochus Bagoas und
den sich zum Könige aufgeworffenen Darius Codman tausend Amazonen / welche des
Gotischen Königs Sitalces Tochter Syeda zwar hertzhaft führet / aber tödlich
verwundet / vom Atropates gefangen / dem grossen Alexander verehret / und alldar
dem die Grossmütigkeit der deutschen verfechtendem Fürsten Antyr vermählet wird
/ mit dem sie wieder in Deutschland zurücke reiset. Zeno bekommt Nachricht von
der Fürstin Tussnelde: dass diese zwei Helden-Leute nicht allein glücklich im
Vaterlande ankommen / sondern ihnen auch die Heruler zwei steinerne Ehren-Bilder
aufgerichtet / die Syeda als eine Ceres verehret / und ihr jährlich geopffert
haben. Von diesem uhralten Stamm haben die noch heutiges Tages blühenden
Hertzoglichen Wappen den Bucephals Kopff geerbet. Die Königin Talestris wird
vom Alexander mit List hintergangen / endlich gar von ihm geschwängert; die
Königin Erato von der Fürstin Tussnelde zu einiger Erzehlung ihres
Helden-Stammes / beide aber dardurch gegen einander zu sonderbaren Höfligkeiten
gebracht: biss endlich Rhemetalces von diesen Heldinnen /ingleichen von der
hertzhaften Teuta ausführlicher zu erzählen vom Zeno selbst ersuchet / auch vom
Feld-Herrn darinnen unterstützet wird: wie ihr Vater Basan ein Sicambrischer
König seinen einzigen Sohn Sedan wegen Ehbruchs getödtet / und dardurch
Deutschland in Krieg verwickelt habe. Der Illyrier König Agron beut ihm seine
Freundschaft und Beistand an: worauf König Basan mit seiner streitbaren Tochter
Teuta / und zwar er durch seine Klugheit / die Fürstin mit ihrer Tapffer-König
Agron durch seine Streitbarkeit den Feinden obsieget. Basan erlegt eigenhändig
den König Tabor; Teuta den Heerführer der Sarmaten /und Agrons Heldentaten
bringen ihm die Vermählung der Teuta auf der Wahlstatt zu wege. Rhemetalces
fähret in Erzehlung der Illyrier und des sie bekriegenden klugen König Philipps
in Macedonien / welcher zu aller benachbarten Fürsten geheimten Rathäusern
einen goldenen Schlüssel gehabt / und zu der grossen Welt-Beherrschung
Alexanders den Grundstein geleget / weiter fort: an wen nämlich nach seinem Tode
die Königl. Gewalt Illyriens verfallen; wie Eacidus König in Epirus aus dem
Reiche verjagt; sein zweijähriger Sohn Pyrrhus zur Aufopfferung von dem wütenden
Volcke verfolget / endlich vom Glaucias dem König der Illyrier und seiner
Gemahlin Beroe wider den Macedonischen König Cassander in Schutz genommen / und
nebst seinen Söhnen auferzogen /letzt im zwölfften Jahr auf den väterlichen
Tron gesetzet worden. Dem Glaucias folget sein Sohn Pleuratus / diesem aber der
Hoffnungs-volle Agron der Teuta Ehgemahl / welche die Mydioner wider die
unruhigen Etolier durch eine ansehnliche Gesandschaft um Hülffe anflehen. Teuta
als ein Kriegsknecht verkleidet geht ohne wissen des Königs zu Narona zu
Schiffe / setzet in Etolien aus / erleget sie nebst dem Etolischen
Zunftmeister; kommt nicht allein mit reicher Beute / sondern mit noch grösserm
Ruhme zurücke / weil ihr die Mydioner eine Ehren-Säule als ihrer Erlöserin
aufsetzen. Uber dieser plötzlichen Freude stirbet ihr Ehgemahl Agron / und läst
einen einzigen von einer Grichin gezeugten Sohn Nahmens Pines. Teuta herrschet
in dessen Minderjährigkeit über die massen wohl / demütiget die sie antastende
Eleer und Messenier / nimmt auch gar die Stadt Phoenitz in Epirus mit stürmender
Hand ein / wird aber in vollem Siege wegen der erlangten Nachricht / dass die
Insel Issa und die Stadt Epidamnus sich den Dardanern ergeben / zurück in
Illyrien geruffen: da sie alsbald die Aufwiegler wiederum zum Gehorsam bringt /
sich aber zu Rom über die den Meineidigen getane Hülffe beschweret. Sie stöst
den vom Eylande Isso abgeordneten Calemporus wegen seiner bei der Verhör
allzuscharff gebrauchten Worte mit eigener Hand tod / den Römischen Gesandten
aber läst sie im Rückwege hinrichten / zwei Stadt-Tore zu Dyrrachium erobert
sie mit List / das Eyland und die feste Stadt Corcyra bekomt sie zum
Sieges-Preisse / welche der Römische Bürgermeister Cajus Fulvius durch gutes
Verständnis mit dem Stadtalter wieder einnimt. Gleichwol erhält der Teuta
Hertzhaftigkeit beiden Römern noch einen vorteilhaftigen Frieden /weiset
Demetrium mit seiner an sie mutenden Liebe schimpflich ab / welcher sie als
eine treulose Stief Mutter deswegen bei der Tritevta des jungen Fürsten Pines
rechten Mutter / hernach auch bei den Römern aufs neue verhasst macht: dass sie
ihn zum Vormund erkieset / die unvergleichliche Königin Teuta aber durch ein
paar überschickte gifftige Handschuch tödtet / und also den Demetrius durch ihre
Vermählung zum Stiefvater / kurtz hierauf aber zu ihrem eigenen Meuchelmörder
machet. Tussnelde und Erato stellen wechselsweise den Unterscheid zwischen der
Tugend und dem Glücke oder Verhängnisse vor. Fürst Zeno verführet seinen von der
Pantasilea erhaltenen Bericht / und wie des Gotischen Königs Coriso
Amazonische Tochter Syrmanis durch List den Römern wieder entnommen; kommt
hierauf auf die sonderbaren Merckmahle der Argonauten und den Tempel der Medea;
Hertzog Herrmann aber wie diese insonderheit Hercules / Jason und Medea mit dem
entwendeten goldenen Widder sich vor dem Colchischen Könige flüchten müssen;
Fürst Zeno / wie er mit Pantasilea von Discurias aufgebrochen / zu Ampsalis von
denen Amazonen insonderheit der Königin Minotea empfangen / mit allerhand
Lustbarkeiten und Jägereien ergetzet worden / rühmet zugleich ihre Tugenden und
grossen Reichtum. Der Königin Minotea und Pantasilea Liebe gegen den
gefangenen Fürsten Oropastes / und dessen wiederum gegen den verkleideten Zeno.
Oropastes lehnet der Königin Minotea Liebe durch ein der Göttin Diane getanes
Gelübde höfflich ab / verfällt aber durch der einen Hirsch verfolgenden
Pantasilea nachdenckliche Antwort in das gröste Unglück / durch welches er
seine Mannheit / wie Pantasilea die Augen / von der erzürnten Königin Minotea
verlieren soll. Hertzog Herrmañ Jubil und Flavius nehmen hierbei Anlass auf die
Schönheit und Vortreffligkeit der Augen zu kommen. Fürst Zeno eröffnet dem
Oropastes sein bevorstehendes Unglück und fliehet nebst der Schwester Syrmanis
über die höchsten Gebürge. Sie finden in dieser ihrer Flucht allerhand
Seltzamkeiten / ja vermöge der in Stein und Felssen alldar eingegrabenen Reimen
und Lob-Sprüche gleichsam ein irrdisches Paradiess; dass auch Oropastes und seine
Schwester Syrmanis ihr Leben allda zuzubringen sich entschlüssen. Diesen
Fremdlingen erzählt der Priester Meherdates ihren Gottesdienst /und sein der
Königlichen Würde gleichendes Priestertum. Fürst Zeno kommt wiederum auf seine
zurück gebliebene Rede: wie er mit dem Oropastes und Syrmanis auf die Spitze des
Berges Caucasus zu dem Tempel des Prometeus gereiset / wie hoch solcher sei /
und was sie allda angetroffen / auch wie weit sie darauf ihr Augenmaass getragen;
was vor Herrligkeiten und Kunststücke sie in solchem Tempel angetroffen / und
wie endlich sie der Priester in seine Höle zu einer köstlichen Blumen- und
Kräuter-Mahlzeit eingeladen. Hierauf den Augenblick auch dem Hertzog Herrmann
die bereitete Tafel angekündiget / dem noch schwachen Zeno zu Liebe aber in
seinem Zimmer auf Römische Art nicht so wohl der Schwelgerei als Beqvemligkeit
wegen iedem auf einem Bette bei der Tafel zu speisen Anschaffung geschiehet.
dabei kommt der Deutschen Speise-Art nicht weniger auf den Teppich als die
Speisen auf die Tafel / und die aufgetragenen fremden Fische geben zu mehrer
Verwunderung Anlass: dass gewisse Völcker Würmer /Heuschrecken / Nattern /
Schlangen vor die besten Leckerbissichen halten. Die Tafel wird mit allerhand
fremden Köstlichkeiten besetzet / die sie mit herrlichem Weine wie auch sonst
allerhand Gesundheits-Wässern begiessen / und dabei von dem Gebrauch und
Missbrauch der starcken Geträncke denen darinnen Meister spielenden Völckern /
von dem Unterscheid gekochter und ungekochter auch anderer Wässer / zu reden
Gelegenheit nehmen. Diesen langwirigen Wortwechsel unterbricht bei aufgehobener
Tafel das so gar ungemeine und von seiner Natur des Holtzes wunderbar gebildete
Tischblat. Zeno kommt wieder auf den Priester Meherdates und den von ihm
genommenen Abschied / auch / dass er wegen des zersprungenen Caucasus und des
erst bewunderten Tempels Abstürzung nebst seiner Gefährten bald um sein Leben
kommen / wie hier von nichts mehr / als des Prometeus beschriebener und an
einer Seite zerschlagener Leichenstein / zu Verführung ihrer Reise aber wegen
zerfallener Klippen fast kein Ausgang mehr übrig gewesen; nach ihren mühsamen
und gefährlichen Auswickelung sie zum grausamen Strudel kommen / welcher das
schwartze und Caspische Meer unsichtbar vereinigen / und solches Wunder ein vom
Mitridates beschriebener Fisch / wie ein Delphin zwischen dem Caspischund
Persischen / dem roten und Mittel-Meer / der West- und Ost-See getan /denen
Einwohnern entdecket haben soll. Zeno / Oropastes und Syrmanis erlittener
heftige Sturm auf dem Caspischen-Meer / und Syrmanis dabei mit unterlauffende
Ungedult / wie nicht weniger ihre wunderbare Errettung; die Furcht vor den
Scyten und die ihnen aufgebürdeten Kriegsdienste; ihre Verhör vor dem Könige
Huhansien am Flusse Ganges; dessen sein Aufzug / Art und Kleidung; seine
Freundlichkeit und grosses Versprechnüss; sein schneller Brückenbau über den Fluss
Ganges; die Ankunft an die Serischen Gräntzen / dieser elende und dürre
Beschaffenheit /der Scyten daher verursachte er bärmliche Durstleschung. König
Huhansien argwohnet der Syrmanis Geschlecht / ja dieser / der mit Uberwindung
des Serischen Reichs schwanger geht / wird ein Gefangener der Liebe / die ihm
seine gute Vernunft als einen Wetzstein der Tapfferkeit vorstellet. Fürst Zeno
wird von einem Scytischen Fürsten des Serischen Reichs Beschaffenheit nebst der
Ursache des gegenwärtigen Krieges verständiget / und dass unter ihren Königen
vornemlich Hoangti und Yvas die Erfinder vieler himmlischen und fast aller
Handwercks-Künste wären / weswegen sie auch von den Inwohnern hochgehalten und
lebendig vergöttert worden: Massen die Wohlfart des Reichs ins gemein von
frommen und verständigen Fürsten als ein unausbleiblicher Seegen zu hoffen.
Alexanders des Grossen in Asien am Flusse Hyppanis aufgebaute und teils zu seinem
Ruhm /teils zu seiner Verkleinerung überschriebene Altäre. Die 300. deutsche
Meilen oder 10000. Serische Stadien lange Mauer vom Könige Tschin oder Fius am
Ost-Meer erbauet. Der Serer und Scyten eingepflantzte Widrigkeit so gross: dass
diese beide Völcker auch nicht auf einerlei Art in Mutterleibe zu liegen /und
geboren zu werden gewohnet. Die Europeer werden von allen hoffärtigen Serern
nur einäugicht /die andern Völcker alle aber vor blind gehalten. Die Sud-Tartern
im Königreich Nackia unterwerffen sich der Serischen Botmässigkeit / und bringen
zum Zeichen ihres Gehorsams diesen Königen jährlich eine weisse Phasan-Henne.
Der Sud-Tartern heftige Niederlage auf dem Berge In vom Serischen Feldhauptmann
Gveicing erlitten; ihre Gewohnheit beim Sebel und der Nacht-Eule zu schweren so
heilig als das Pallas-Opffer der Atenienser. Die mächtige Stadt Siucheu am
Flusse Kiang von redenden Papegoyen berühmt wird durch eine dieser Vögel
ungläubliche Propheceiung zur Ubergabe gebracht. Von diesen und dergleichen
wahrsagenden Vögeln kommt Zeno wiederum auf der Serer Land / und ausgehauenen
Wunder des Berges Fexao und Tunghuen. Der Serer Lebens-Art gibt ihnen Anlass zu
überlegen: ob die Weltweissheit bei den Waffen stehen könne? Hartes Gefechte
zwischen beiden Königen Huhansien und Ivan; des ersten gefährliche Verwundung /
dessen tödtlicher Streich von der Syrmanis siegreichen Händen / die ihr durch
gewisse Abgesandten deswegen angetragene Königliche Würde nimmt sie mit höchster
Bescheidenheit an. Der Serer Meinung von Beschaffenheit der Seelen und der
Gemüts-Ruh. Ihr vornehmstes Geschencke 12. im ganzen Königreich ohne Maal und
Flecken ausgelesene und mit den köstlichsten Edelgesteinen gezierte Jungfrauen
an den König Huhansien /die er aber als ein teutscher Fürst hertzhaft
ausschlägt / und hierdurch diese zur Verlobung ewiger Jungfrauschaft / sich
aber in die Liebe der Syrmanis /die er nunmehr aus vielen Kennzeichen vor die
Weltberühmte Tochter des Königs Catisons urteilt / versetzet / sie auch
alsbald der Landes Art nach auf entblösten und geschrenckten Scytischen Sebeln
vor die Königl. Braut ausruffen / wie nicht weniger den Getischen König durch
Gesandten insonderheit den Oropastes um die Einwilligung ansuchen läst.
Huhansien vergist bei der Liebe nicht seine Siege; er erobert die fast
unüberwindliche Stadt Hamfung durch Sturm /den Fürst Zeno krönet er wegen der
ersten Ersteigung und Tödtung des Serischen Helden Pingli mit Lorbern / welche
ihm aber von den verzweiffelten Serern bald hier auf mit Blute gefärbet /
Huhansien und Syrmanis auch selbst dabei / iedoch mit erhaltener Wahlstatt
verwundet werden. Diese beide kommen nebst dem Zeno bei Betrachtung des Wunder-
oder Frauen-Berges Yonin auf die in Stein und Holtz befindlichen seltzamen
Bildungen der Natur / insonderheit macht dieser letzte auf Befehl des Königs mit
seinen bei sich habenden Scyten ihm Berg / Klippen und Steine wegsam / dass sie
die Feinde auch mehr für Götter als Menschen ansehen. Hertzog Hermann lobet am
Zeno die Mässigung seiner hierdurch erlangten Ehren-Maale / weil ein
vernünftiger Diener niemals aus seinen Taten ihm einen Ruhm erzwingen /
sondern alles der Leitung seines Fürsten zuschreiben solle. Mit Eroberung der
Stadt Qvanchung wird ihnen auch der alle andere der ganzen Welt übersteigende
Königliche Schatz zu Teil. Ivens Leiche auf Königs Huhansiens Befehl nebst
einer in Jaspis gegrabenen herrlichen Grabschrifft nach der Serer Art in ihrer
Ahnen Grufft prächtig beigesetzt / um zu zeigen: dass sich auch die gerechteste
Rache nicht über eines Feindes Tod erstrecken solle. Huhansien wird um Frieden
angeflehet / solcher auch durch den hierzu Gevollmächtigten Zeno mit
erwüntscheten Bedingungen beschlossen. Fürst Zeno und Hertzog Herrmann halten an
der ungemeinen Fruchtbarkeit des Gebürges Lie / welches wegen des frommen Xuno
weder Dornen noch Unkraut tragen soll / wahr zu sein: dass die Frömmigkeit der
Fürsten einem ganzen Lande Seegen / seine Laster aber Göttliche Straffen
zuziehe. Der weltweise Cheucung wird wegen seiner sonderbaren Geheimnisse /
insonderheit wegen der entdeckten Krafft des Magnets / den sie den Hercules.
Stein nennen / bei den Seerern Göttlich verehret / das Bild des Flusses Kiang
aber gleich dem Rhodischen Sonnen-Colossus nebst seinen denckwürdigen
Uberschrifften der Haupt-Stadt Suchem / des Königlichen Sitzes Moling und
Porcellanenem Turme vom Zeno mit gröster Verwunderung betrachtet / seine
öffentliche Verhör aufs prächtigste vorgenommen / und der auf seidenes Pappir
geschriebene Friedens-Schluss vom Serischen Könige ihrer Art nach beschworen /
endlich der Gesandte mit vielen Geschencken an den König Huhansien wieder
abgefertiget. Seine Zurückreise über die reiche Handelstadt Uching und
Schlangen-Gebürge Kutien an die von ihm mit Sturm eroberte feste Stadt Junchhang
/ und endlich wiederum ins Königl. Lager Huhansiens. Luckiang der weissen
Elephanten Entaltniss / dieser ihre Kämpffens-Art / und von diesen dem Zeno
zugestossene Gefahr; Seine eingewurtzelte Liebe gegen die Königin Erato
vertreibet alle vom Huhansien und denen Indianern ihm angetragene Glücks- und
Ehren-Strahlen. Perimals gefangene Gemahlin wird durch vielmal sie überwiegende
Perlen und Edelgesteine von ihren Untertanen ausgelöset /auch noch so viel
ihrer Erlösung wegen von den Früchten dieses unschätzbaren Landes ihren Göttern
und den Armen gegeben. Zeno berichtet / wie er der Indianer Weiber sich so
freudig mit ihren verstorbenen Männern auf dem Holtzstoss verbrennen sehen /und
dieses alles aus einem verborgenen Egyptischen und Brahminischen Gottesdienst /
davon wie auch von Wanderung der Seelen ihnen der Priester Zarmar viel
Erzehlungen machet. Zeno erlegt bei dem goldreichen Eylande Catucaumene ein von
seltzamer Gestalt sich dem Schiffe näherndes Seeweib / überläst dardurch dem
klugen Nachdencken der Welt: was von Syrenen oder dergleichen Meer-Wundern zu
halten? Des Käyserlichen Stadtalters Cornelius Gallus zu Heliopolis mit einer
allzu ruhmrätigen Uberschrifft von ihm selbst aufgerichtete Sonnenspitze
lehret: dass alle neblichte Neben-Sonnen / welche ihre rechte Fürsten-Sonne
überscheinen wollen / sich in vergängliche Regentropffen verwandeln müssen. Die
Anlendung in der herrlichen Krocodil-Stadt bei dem Behältnis des fruchtbaren
Nils / und dem dabei befindlichen vom Könige Meris erbauetem wunderwürdigen
Irrgebäu. Der Nilus führet sie von einem Wunder zum andern /und also auch von
dar nach Memphis zu den alten Grabe-Spitzen / dem sieben Wundern der Welt / oder
vielmehr zu den zerfallenen Uberbleibungen der Eitelkeit. Die Gesandtschaft
langet über Babylon zu Marmacus in der Samischen Sybillen Geburts-Orte glücklich
an / in dessen vornehmsten Tempel sie das ertztene Bild der Ceres und Pytagoras
des vollkommensten Weltweisen und halb-Gottes mit allerhand sinnreichen
Uberschrifften nebst seinen eifrigen Nachfolgern antreffen; kommen von dar auf
die Insel Paris zum schönen Tempel des Pallas / nachgehends an den Munychischen
und Pyreischen Haafen zu denen noch sichtbaren Merckmahlen des raaserischen
Sylla / biss sie die Begierde vollends zu Teseus Tempel / zum Grabe Menanders
und Euripides / ja zu dem Heiligtum des vergötterten Socrates führet / dessen
Porphyrenes Bild und Grab sie mit einer Hand voll Narcissen und Hiacynten
verehren. Der Gesandten Ankunft; Käysers Augustus prächtiger Einzug in dem
Augapffel Grichenlands der aller Künste und Weissheit vollen Stadt Aten, dabei
der Käyser in Gestalt des Saturns und anderer Götter; Livia der Astrea und
Ceres; beide endlich aus Gold in des Jupiters und Juno Stelle gesetzet werden.
Alle Tempel müssen dar geöffnet und den Göttern von wegen des Gottes Augustus
geopffert / Ringen / Rennen / alle ersinnliche Lust- und Schau-Spiele begangen
sein. Des Indianischen Gesandtens Verhör beim Käyser / von da er an den
tugendvollen Höfling und Staats-Mann Mecenas des Käysers Schoosskind zum Bescheid
verwiesen wird. Ihr Gespräch bei der Tafel über die gesunden und ungesunden
Speisen; des Käysers persönliche Besuchung; Mecenas eröffneter Bilder-Saal;
seine Freigebigkeit gegen die Indianischen Gesandten; deren erkenntliche
Danckbarkeit durch allerhand mitgebrachte und von der Natur wunderbarer weise
gebildete Seltzamkeiten / darüber sich Mecenas kaum so sehr erfreuen / als Zeno
sich über dessen scharffsinnigem Prometeus vergnügen kann. Nach Maselipals
abgelegter Verhör werden ihnen alle Gedächtnis der Stadt Aten / insonderheit
die Tempel mit ihren Heiligtümern und Gottesdienste der alles in sich
begreiffenden geschleierten Isis gezeiget. Die Gesandschaft vom Zarmar zu des
Plato Grabe und seiner von den Spartanern allein unverletzten hohen Schule
geführet. Zarmars Lehre gegen die Ateniensischen Weltweisen insonderheit den
sich vor andern herfürtuenden Cheremon von Beschaffenheit der Seele und einem
einzigen Göttlichen Wesen: die er auch mit Aufopfferung seines zeitlichen und
Erwartung eines glückseligern bewehret. Seine Asche wird zu Aten als ein
Heiligtum verwahret / Masulipat beurlaubet; Zeno aber wegen seiner entbehrten
Erato als ein umirrender Stern in Griechenland gelassen / iedoch nicht gar aus
dem Creisse der Vernunft und vorsichtigen Klugheit geleitet.
 
                               Das Fünfte Buch.
Die wundersame Zusammen-Neigung zweier an sich selbst unterschiedener Dinge /
stecket nicht allein in Steinen / in Ertzt und Pflantzen / sondern auch in den
Seelen der Menschen. Der Magnet zeucht nicht so begierig das Eisen / der Agstein
die Spreu / das Gold das Qvecksilber an sich; die Reben vermählen sich mit dem
Ulmenbaume nicht so gerne / als etliche Gemüter an einander verknüpffet sind.
Dessen einige und wahrhafte Ursache ist alleine bei beiden die Verwandschaft
ihrer Aehnligkeit. Denn auch die unbeseelten Dinge haben wo nicht einen Trieb /
doch eine Geschickligkeit sich mit ihres gleichen zu vereinbarn. In einem Siebe
samlet sich unter unzehlbarem Gesäme mehrenteils einerlei zusammen. Das sich
aufschwellende Meer wirft die runden Kiesel an einem / die länglichten an einem
andern Orte über einen Hauffen. Wie viel mehr ist nun solcher Zug in beseelten
zu finden. Der Weinstock hat die Eigenschaft aus der Erde die Süssigkeit / die
Wolffsmilch das Gift / die Kolokinten die Bitterkeit an sich zu ziehen. Nach
dem nun aber des Menschen Geist durch die Kräfften der Vernunft aller anderer
Dinge Neigungen weit überlegen ist; darf es keiner Verwunderung / dass einige
ihrer Aehnligkeit halber entweder in Tugenden / oder auch in Lastern so feste an
einander /als die Schnecken und Austern an ihren Muscheln und Häusern kleben.
Jedoch weil eine Tugend mit der andern / nicht wie die Laster zusammen zwistig
sind, ist keine festere Verbündnüs nicht anzutreffen / als zwischen denen der
Tugend geneigten Seelen.
    Derer waren nun vorigen Tag eine ziemliche Anzahl zusammen kommen / welche /
weil die Tugend nicht so / wie die Bosheit hinter dem Berge zu halten / und ihre
Hässligkeit inwendig nein zu kehren Ursach hat / durch ihre ausgelassene
Verträuligkeiten einander ziemlich ausgenommen hatten. Ihre
Gemüts-Aehnligkeiten rejetzten sie also stets um einander zu sein; Die
Höfligkeit aber / und das Mitleiden verband sie den von seinen Wunden noch nicht
genesenen Fürsten Zeno / welcher sich den Tag vorher über seine Kräfften
ausgemacht und nebst andern Fürsten dem Frauenzimmer aufgewartet hatte / in
seinem Gemach heimzusuchen. Also verfügten sich der Feldherr /Hertzog Flavius /
Jubil / Arpus / Catumer / Rhemetalces und Malovend in Tussneldens Zimmer / da
sie denn bei ihr die Königin Erato / Ismenen und Saloninen antraffen / und weil
sie selbst darzu Anlass gaben / sie zum Fürsten Zeno führeten. Dieser empfing
solche annehmliche Gesellschaft aufs freundlichste /wünschte dem Feldherrn über
dem neuen Siege / und der Erlösung seiner unvergleichlichen Tussnelda Glück; Auf
erfolgende Befragung um seinen Zustand aber liess er sich heraus: Es müsse
Deutschland einen viel gnädigern Himmel als andere Länder haben; Denn über die
grosse Sorgfalt / welche der Fürstliche Hoff seiner Genesung halber fürkehrete /
hätte er diese Nacht in einer überaus sanften Ruhe erfahren /dass die Götter
selbst um seine Gesundheit bekümmert wären / nachdem ihm gegen Morgen eigentlich
geträumet hätte: Wie ein Frauenzimmer ihm die Binden von den Wunden aufgemacht /
selbte besichtiget / und / nachdem sie daran eine übermässige Geschwulst und
Jucken verspüret / gemeldet hätte: Es wäre der Degen mit Ziger-Kraute vergifftet
gewest. Daher wären die Wunden mit andern / als zeiter gebrauchten Mitteln zu
heilen; sie sei auch alsofort weggegangen / habe gestossene Raute gebracht / und
sie ihm aufgelegt. Sie verwunderten sich über dieser Erzehlung nicht wenig /
Salonine aber sing an: Sie hielte diesen Traum in allewege für eine göttliche
Offenbahrung / und hätte sie ihr nicht allein erzählen lassen / dass / als
Ptolomäus für der Stadt Hamatelia durch ein gifftig Geschoss verwundet / und
nunmehr an seinem Leben gezweiffelt worden / dem für diesen tapfferen
Krieges-Obristen so sehr bekümmertem Alexander zu seiner Genesung ein dienliches
Kraut ebenfals im Traume gewiesen worden sei / sondern sie hätte auch in Syrien
in einem Seraphischen Tempel gesehen / dass krancke Leute darinnen nach
verrichtetem Gebete eingeschlaffen /und eine Artznei im Schlaffe zu vernehmen
gehoffet. Rhemetalces fiel ihr bei / und meldete: Es hätten die Syrer nicht
allein diesen Glauben / sondern die Griechen verehrten den Esculapius nichts
minder für einen GOtt der Wahrsagungen / als der Artznei. Die Egyptier erzehlten
für eine unfehlbare Warheit / dass Isis ihren Krancken durch Träume ehre
Artzneien offenbarte. Die Carier rühmten sich / dass sie eben diss von ihrer
angebeteten Hemitea im Schlaffe erführen. Hiermit ging Salonine unverrückten
Fusses in Garten / brachte zerqvetschte Raute / und Erato legte nach vorher
erhaltener Genehmhabung des Wund-Artztes / welcher dieses Kraut rühmte / und /
dass die wenigsten Eigenschaften der Kräuter noch unergründet wären / zugestand
/ solches selbst auf des Fürsten Zeno Wunden. Dieser fing hierüber schertzweise
an: Er hätte darzu ein grosses Vertrauen. Denn zu Rom hätte man ganzer sechs
hundert Jahr alle ihre Kranckheiten auch nur mit einem Kraute / nehmlich mit
Kohle glücklicher / als hernach mit teurer Vermischung vieler ausländischer
Gewächse geheilet. Wie viel heilsame Artzneien wären auch nicht dem Menschen von
Tieren gewiesen worden? Wenn aber auch schon sein Traum ein eiteler Wahn / und
diss Kraut für sich selbst zu seinen Wunden nicht dienlich wäre /müste es doch
von so schönen Händen / und einem so mitleidendem Hertzen eine neue Krafft
empfangen. Die Königin Erato färbte sich über diesem Lobe / und versetzte: Sie
wüste zwar wohl / dass die Natur ihren Gliedern keine Würckung der Wund-Kräuter
verliehen hätte / da aber hertzliche Liebe die Krafft zu heilen / oder Wunder zu
tun hätte / wollte sie an nichts weniger / als an der Würckung dieses gemeinen
Krautes / und an des Fürsten Genesung zweiffeln. Hierüber netzte sie die
Pflaster mit einem Strome voll Tränen / gleich als wenn ihre zarte Seele auch
ein Teil zu dieser Artznei beitragen müste. Hertzog Jubil fing hierüber an: Das
Glücke eine so vollkommene Fürstin zu seiner Aertztin zu haben / und nichts
minder von so schönen Händen verbunden / als von so himmlischen Augen betauet
zu werden / sollte einen lüstern machen kranck zu werden. Rhemetalces pflichtete
ihm bei / und sagte: Bei Aertzten von solcher Beschaffenheit könnte er so viel
leichter anderer Aertzte Meinung annehmen / dass wie die bunte Farben-Vermengung
der Tulipanen von ihren Kranckheiten herrührte; also etliche Schwachheiten den
Menschen teils schöner /teils verständiger machten. So ist / versetzte Jubil
/unter so gütige Kranckheiten sonder allen Zweiffel die Liebe zu rechnen; welche
/ wo nicht dem Leibe eine Zierrat / doch den Gliedern eine Geschickligkeit
beisetzt / fürnehmlich aber dem Geiste ein Licht anzündet / und den Ruhm
verdient ein Wetzstein der Tugend genennet zu werden. Der Feldherr brach ein:
Ich gebe das letztere gerne nach; diss aber ist der Liebe viel zu verkleinerlich
/ dass sie mit dem Nahmen einer Kranckheit verunehrt werden will. Jubil
antwortete: zum minsten müssen wir entengen / dass sie eine Mutter der
Kranckheiten sei / wo es wahr ist / dass Antiochus aus Liebe gegen der Stratonica
todt-kranck worden. Der Feldherr versetzte: Nicht die Liebe / sondern der seiner
Liebe angetane Zwang / und in dem er diss / was sich so wenig / als das Feuer
verbergen läst / in seinem Hertzen verdrücken wollte / setzte den Antiochus in so
erbärmlichen Zustand. Durch die Liebe aber seiner Stratonica / ja durch einen
einigen Anmuts-Blick / ward er gleichsam in einem einigen Augenblicke gesund.
Also eignet Fürst Zeno der Erato nichts neues zu; wenn er von dem Einflusse
ihrer Gewogenheit ihm zu genesen Hoffnung macht. Zeno danckte für die
Verteidigung seiner Meinung /und setzte bei: Die Liebe würde in Asien und
Griechenland für die Erfinderin aller Künste / und also auch der Artzneien
gehalten; Ja der schlaue Mercur wäre niemals verschmitzter gewest / als wenn ihm
das Feuer der Liebe seinen Verstand erleuchtet hätte. In der Stadt Egira stünde
das mit einem Horne des Uberflusses gebildete Glücke der Säule der Liebe recht
an die Seite gesetzt; weil diese gleichsam eine Schmiedin der Glückseligkeit
wäre. Diesemnach wäre keines weges für so eitel zu schätzen / dass eine kräfftige
Liebe heilsame Würckung stifften / das Gift aussaugen / und gleichsam den Tod
selbst bezaubern könne. Es sei diss so viel weniger zu verwundern / sagte der
Feldherr / weil iede Einbildung fast in allen Dingen so wunderseltzame Macht
hätte / und mehrmals das Andencken einer gebrauchten Artznei / oder das
Anschauen ihres Behältnüsses / eben diss / was sie selbst zu würcken pflegte.
Diesemnach glaube er / dass des Krancken feste Hoffnung nicht selten den
Irrtümern der Aertzte zu Hülffe komme / und gebrauchten Kräutern fremde
Kräfften zueigne; weil die Erfahrung bezeugte / dass offtmahls verzweiffelte
Kranckheiten durch schlechte Worte / und seltzame Kennzeichen /denen er an sich
selbst die geringste Würckung nicht enträumte / oder vielmehr durch des Krancken
starcken Glauben geheilet worden. Dieser wäre die einige Ursache gewest / dass
des Scyten Toxaris Säule zu Aten / und das Bild des Polydamas auff dem
Olympischen Kampf-Felde die Anrührenden / wie auch das vierdte Buch der
Homerischen Ilias / die / welche darauf schlieffen / vom Fieber befreiete. Der
Psyllen in Africa / der Marsen in Italien / der Ophiogenes in Asien
Gift-Aussaugungen hätten den festen Glauben zu ihrem festen Grunde. Sonder
Zweiffel rührte auch aus einer solchen Einbildung her / dass Pyrrhus mit seiner
grossen Zehe im rechten Fusse die Miltz- / die Pannonischen Könige die
Gelbesucht / die Cantabrischen die Besessenen / die Britannischen die
hinfallende Sucht / der Gallier Fürsten die Kröpffe geheilet haben sollen. Was
die Einbildung im Kinder-zeugen könne / und wie von dieser die Aehnligkeit
derselben ihren Ursprung habe / erhärtete das berühmte Beispiel der Mohrischen
Königin Persina /die vom starren Ansehen einer Marmelnen Andromeda wider die
Landes-Art ein schneeweisses Kind geboren / also in Verdacht des Ehebruchs und
Gefahr des Lebens verfallen wäre. Der Fürst Zeno fiel dem Feldherrn bei / dass
die Einbildung nicht nur bei den Menschen / sondern auch bei wilden Tieren ihre
wunderliche Würckung habe. Denn dass die Schlangen sich von den Beschwerern in
einen Kreis bannen liessen / oder die Ohren für ihrer Stimme verstopfften /
rührte nicht von dem Nachdrucke der Worte und Zeichen / sondern von einer
blossen Bestürtzung. Was aber die Einbildung bei den Menschen würcke /hätte er
bei den Amazonen verwundernd wahrgenomen / indem er derselben unterschiedene
gesehen /welchen auf der rechten Seite keine Brüste gewachsen. Daher ihrer viel
für ein Gedichte der Vorwelt hielten / dass sie / um sich des Bogens desto
beqvemer zu gebrauchen / die Brüste auf der rechten Seite weg brennten; oder es
müste diese Gewohnheit bei ihnen nun gar veraltet und abkommen sein. Gewiss aber
wäre es / und hätten seine Augen ihm unbetrügliche Zeugen abgegeben / dass die
Natur ihnen zu diesem beliebeten Gebrechen jetzt selbst die Hand reichte; dessen
Ursache / seinem Bedüncken nach / nichts anders / als die Einbildung wäre. Die
Königin Erato konnte sich nicht entalten / zu fragen: Wie und wenn er unter die
streitbaren Amazonen verfallen? Zeno antwortete: Diese begehrte Nachricht wäre
ein grosses Stück seiner ihm begegneten Ebenteuer; derer Erzehlung er mit ihrer
Erlaubnis jetzt abzulegen erbötig wäre. Die Fürstin Tussnelda fing hierauf an:
Sie sähe es allen Anwesenden an den Gesichtern an / dass sie seine Zufälle zu
vernehmen höchst begierig wären. Sie selbst hätte darnach gleichsam eine
absondere Sehnsucht. Aber wer möchte ohne Grausamkeit ihm solche Bemühung bei
seiner Schwachheit zumuten? Zeno versetzte: Er empfinde an ihnen / dass
Zuneigung und Mitleiden anderer Wunden allezeit gefährlicher und grösser macht /
an ihm hingegen nunmehr wenig Schmertzen / und keine sonderliche Schwachheit
/welche ihm und zu deroselben Vergnügung sein Hertz auszuschütten /
verhinderlich sein könnte. Wie nun alle Anwesenden ihr Verlangen selbst
bestätigten; zumal sie an ihm eine sonderbare Lust zu solcher Erzehlung
verspürten; fing der Fürst Zeno nach einem tieffen Seufzer an:
    Ich kann aus der Verträuligkeit dieser holdseligen mir die Ohren gönnenden
Versammlung und andern Umständen die Rechnung mir leicht machen / dass die
liebreiche Erato meinen Uhrsprung / meine seltzame Auferziehung / ihre Ankunft
nach Sinope / unser wunderwürdige Liebe / und die unvermeidliche Entschlüssung /
dass wir die Nacht für der zwischen dem Medischen Könige Ariobarzanes und mir
bestimmten Vermählung mit einander weg segeln wollten / ausführlich erzählt
habe; daher ich von ihrem vermuteten Schlusse den Anfang meiner fernern
Begebenheit nehmen will.
    Ich fügte mich auf bestimmte Zeit in den Königlichen Garten / fand auch /
Saloninens Andeutung nach / den mir bestimmeten Leiter. Dieser führete mich zu
folge gepflogener Abrede auf ein Schiff / und ein darinnen wohl aufgeputztes
Zimmer / um daselbst meine Ruhstadt zu haben. Also fort zohen die Bootsleute die
Segel auff / schifften mit gutem Winde aus dem Hafen / und weil ich so wohl
selbst der Ruhe von nöten hatte / als meine hertzliebste Erato in ihrem
Schlaffe nicht stören wollte / war ich um ihren und Saloninens Wolstand
unbekümmert. Ward auch / nach dem ich mich kaum auf die von köstlichen
Persischen Tapeten bereitete Lagerstatt verfüget / von einem festen Schlaffe
befallen. Die Sonne hatte wohl schon zwei Stunden an unser Helffte des Himmels
gestanden / als mich bedeuchtete etliche tieffe Seuffzer zu hören; daher ich aus
dem Schlaffe aufffuhr / meinen über dem Gesichte habenden Flor wegstrich / und
zu meiner höchsten Bestürtzung den Armidas / welchen ich unter des Ariobarzanes
Edelleuten zu Sinope öffters gesehen hatte / auch aus seiner Medischen Kleidung
so viel leichter erkennte / für mir auf den Knien liegen sah. Wie befremdet mir
diss nun zwar fürkam; so verspürte ich doch an dem Armidas eine viel heftigere
Bestürtzung / als er mein Antlitz erblickte / also dass er als ein todter Stein
für mir erstarrete. Diesemnach ich meine Veränderung so viel möglich verstellte
/ und den Armidas mit ernster Gebehrdung rechtfertigte: Wer ihm erlaubet hätte
in diss Zimmer zu kommen? Und was er bei mir zu suchen hätte? Nach einem
ziemlichen Stillschweigen bewegte er nach Medischer Landes-Art sein Haupt zur
Erden / küssete meine Fussstapfen / und bat allein um einen gnädigen Tod /nach
dem er seinen Kopff verwürgt zu haben freiwillig wohl gestehen musste. Diese seine
Demütigung veranlaste mich noch mehr ihm härter abzuheischen: wie er dahin
kommen? und was sein sterbenswürdiges Verbrechen wäre? Hierauf hob er endlich
an: Er wollte nicht verschweigen / dass er sich in meiner Adelichen Jungfrauen
eine / nehmlich die Monime verliebet /und / weil ihr Vater / Maxartes / sie ihm
nicht verehlichen wollen / sie auff diesem Schiffe zu entführen mit ihr
abgeredet hätte. Statt der Monime wäre nun ich selbst ihm / er könnte nicht
begreiffen / aus was für Zufällen / in die Hände gefallen. Daher er seinen Leide
kein Ende wüste. Er könnte aber alle allwissenden Götter zu Zeugen ruffen / dass
er sich an mir nicht aus Vorsatz / sondern blossem Irrtume versündiget hätte.
Diesen wollte er alsobald verbessern / und den Seinigen befehlen / dass sie den
Lauf gegen Sinope zurück richten sollten. Ich erschrack über diesem Schlusse
auffs neue nicht wenig / iedoch weil mir aus dem Stegereiffen keine scheinbare
Ursache solches abzulehnen nicht einfiel / verwies ich ihm / iedoch mit mehrerm
Glimpffe sein Beginnen / vertröstete ihn auch selbtes / so viel möglich / zum
besten zu wenden; Itzt sollte er sagen / wohin der Lauf des Schiffes gerichtet
wäre? Armidas antwortete: recht nach dem Flusse Absyrtus / auff welchem er biss
unter das Moschische Gebürge auszusetzen / und von dar vollends in Armenien zu
kommen ihm fürgesetzt hätte. Ich fing hierauf gegen ihn an: So dörffte dein
Irrtum mich gleichwohl nicht weit von meinem für gesetzten Wege ableiten /weil
ich wegen wichtiger Schwürigkeiten / die meine Mutter wider meine Vermählung mit
deinem Könige erreget / mich heimlich in sein Gebiete zu flüchten mit dem
Ariobarzanes abgeredet. Diesemnach ist mein Wille / dass du den gerädesten Weg
gegen Armenien inne hältest / und dem Volcke auf diesem Schiffe von mir / oder
meinem Anschlage noch zur Zeit das minste nicht entdeckest. Armidas tät / als
wenn meine Erklärung ihn überaus vergnügte / liess mich also in dem Zimmer ganz
alleine / und / weil ich um mich nicht zu verraten nicht einst auffs Schiff kam
/ darfür halten / als wenn wir unsern vorigen Weg gegen Morgen verfolgten / da
ich denn mich auff dem Lande aus seinen Händen zu winden schon Mittel zu
erfinden getraute. Und derogestalt war ich nicht mehr um mich / sondern nur um
meine verlohrne Erato bekümmert. Wir waren aber meines Bedünckens über fünf
Stunden nicht gefahren / als ich vermerckte / dass das Schiff anlendete / und
Armidas kam / mich befragende: Ob mir auszusteigen beliebete / nach dem wir
bereit in den Sinopischen Hafen gediegen wären? Ich erschrack mehr als iemals
über dieser unvermuteten Zeitung / fuhr auch den Armidas alsofort an: Wer hat
dir / verrähtrischer Bösewicht / erlaubet / zurück zu kehren? Armidas
entschuldigte es: Er hätte zwar anfangs meinem Befehl nachzukommen gemeinet
/nachdem er aber der Sache reiffer nachgedacht / wie König Polemon gleichwol
diesen Tag zur offentlichen Vermählung bestimmet / hingegen in Sinope unter den
Meden verlautet hätte / dass ich den Ariobarzanes ungerne heiratete / wäre ihm
meine einsame Flucht bedenck- und unverantwortlich fürkommen / also hätte ihn
seine Pflicht gezwungen / das Schiff umzukehren / und anjetzt von seinem Herrn /
an den er bereit durch einen Nachen hiervon Nachricht erteilet /ferneren Befehl
zu erwarten. Er hatte noch nicht ausgeredet / als unterschiedene hohe Beamptete
/ so wohl des Königs Polemon / als Ariobarzanes ins Schiff traten / und mir
andeuteten: Es wäre im Tempel alles zur Vermählung fertig / beide Könige selbst
schon anwesend / und würde ich mit höchster Begierde erwartet. Ich hätte für
Unlust vergehen mögen / auch würde mich niemand lebendig aus dem Schiffe bracht
haben / da ich nicht noch in dem wider alle Gewalttat und Beleidigung befreiten
Heiligtum eine Ausflucht zu finden / oder Hülffe von den Göttern zu erbitten
gehoffet. Also folgte ich denen Leitenden in die Halle des Tempels / da mir ein
prächtiges Braut-Kleid angeleget / und ich so denn ferner in den innersten
Tempel geführet ward. Das in- und um den Tempel versammlete unzehlbare Volck
frolockte / als mein Hertze Blut weinte / und die Königin Dynamis in dem
innersten Gemache der Priester / in unaufhörliche Ohnmachten fiel; König Polemon
/ der dem Altare gegen über auff einem hohen Stuhle sass / bewillkommte mich mit
einem zornigen Blicke / und ich mühete mich alle Galle meines Hertzens durch
meine Augen über den neben ihm sitzenden Ariobarzanes auszuschütten. Alles
dessen ungeachtet / gab der König den Priestern ein Zeichen / dass sie der Göttin
Derceto / die ihr gewiedmeten Fische abschlachten / selbige über dem heiligen
Feuer sieden / rösten / und in denen an iedem Pfeiler angehenckten Rauchfässern
den Weirauch anzünden sollten. Ariobarzanes stieg von seinem mit Gold und Purpur
ausgeputzten Sitze herab / und stützte sich auff die Achseln der Königlichen
Stadtalter in den Ländern Bogdomanis und Timonitis. Sein eigener Unter-König zu
Ecbatane trug das ewige Feuer / der zu Tospia eine güldene Schale voll
Syrischen Balsams / die Stadtalter zu Tigranocerta und Satala zwei Schüsseln
mit güldenen und silbernen Fischen für ihm her; welches der König alles der
Göttin ablieferte / und den Balsam in das Opffer-Feuer goss. Er fassete auch die
rechte Hand der Göttin / und der oberste Priester winckte mir / dass ich nun auch
mein Opffer / nehmlich ein paar weisse Tauben herzu bringen sollte. Ich aber
ergriff der Derceto von silbernen Schoppen gläntzenden Fisch-Schwantz / welches
eine Abschwerungs-Art ist / und fing an: Heilige Derceto /die du wegen unrechter
Gewalt dich in den See bei Ascalon gestürtzet / und von den Fischen erhalten
worden bist / nimm auch mich allhier in deine Schutz-Armen / und beschirme mich
wider die Gewalt dieses Fremdlings / welchen ich / bei deinen Augen schwerende /
nimmermehr ehlichen kann. Alle Zuschauer wurden über dieser meiner Enteuserung
bestürtzet / der oberste Priester liess das in der Hand gehaltene Rauchfass
fallen; Ariobarzanes schäumte für Zorn / und König Polemon sprang von seinem
Stuhle zu dem Opffer-Tische / ergrief das Schlachtmesser / und wollte es mir in
die Brust stossen. Ein Priester aber erwischte ihm den Arm / und ermahnte ihn /
dass er mit Blutvergiessen nicht das Heiligtum entweihen / und der Göttin Rache
/ derer Zorn ohne diss aus allen Opffern herfür blickte / nicht auff sich laden
sollte. Zwei andere Priester führten mich in ihr eigenes Behältnis / darinnen die
Königin Dynamis sich in Tränen badete / wenn ihr noch die stete Ohnmacht so
viel Kräfften überliess. Der König mit dem obersten Priester folgten mir auf dem
Fusse nach / und weil jener für Ungedult kein Wort fürbringen konnte / ermahnte
mich dieser bei der Gotteit / die selbigen Tempel bewohnte / die Ursache meiner
Abscheu für dem so tapfferen Ariobarzanes zu entdecken. Ich sah die Königin mit
bestürtzten Augen und Gemüte an / sie aber erholete sich / und fing an: Fordert
von mir diese Rechenschaft / und höret auff / der Natur Gewalt anzutun. Denn
so wenig ihr aus kalten Brunnen Feuer schöpffen könnet / so wenig werdet ihr
diesen meinen Sohn ohne Greuel einem andern Mann verheiraten. Polemon sprang
über diesem Berichte auff / und stiess diese Worte gegen der Königin aus: Was
sagst du? Ist diss nicht meine Tochter Arsinoe? Nein sicher / versetzte sie /
selbige ist schon / als du zu Rom gewest /in ihrer Kindheit verblichen / und du
wirst ihren eingebalsamten Leib noch in dem Begräbnüsse Mitridatens finden.
Aber wie ist dieser denn dein Sohn? fragte Polemon. Dynamis versetzte: Eben so /
wie er deiner ist. Denn nach dem Arsinoe gestorben / hat meine Mutter-Liebe
unsern Sohn / welchem du den Nahmen Polemon / ich Zeno gab / von seiner Amme
Pytodoris abgefordert / und unter dem Schein unserer Tochter aufferzogen. Ihr
Götter! ruffte Polemon /hast du eine Schlange in deinem Busen auferziehen können
/ von der du der unfehlbaren Götter Ausspruch wohl gewüst hast / dass ich von ihr
sollte verschlungen werden? Von der mir die Wahrsagung schon heute wahr wird / in
dem mein über ihr geschöpffter Eiffer mir zweiffels frei mein Leben verkürtzet /
und mich in die Grufft stürtzen wird? Dynamis antwortete: Glaubst du wohl / dass
/ da der Götter Wille ihren Worten gemäss ist / selbter durch menschliche
Klugheit zu hintertreiben sei? Hast du den Ausspruch des weisen Pittacus nie
gehöret / dass die Götter selbst sich dem Notzwange des Verhängnisses zu
widersetzen allzu ohnmächtig sind? Magst du deinem eignen Sohn eine Schlange /
und dardurch dich selbst einen Vater eines so gifftigen Tieres schelten? Kanst
du das Erbarmen einer empfindlichen Mutter für ein so arges Laster verdammen?
Welche doch diss / was sie neun Monden unter dem Hertzen getragen /mit so viel
Schmertzen geboren / mehr als ein Vater zu lieben berechtiget ist. Oder hast du
ihm nicht selbst das Leben geschencket? Polemon versetzte: Aber nicht verstattet
/ ihn unter meinem Dache zu beherbergen. Bist du aber deinem Ehherrn nicht mehr
Liebe / als deinem Unglücks-Kinde schuldig gewest /für welche andere glüende
Kohlen verschlungen / und um den Wolstand ihres Reiches und Gemahles zu erhalten
ihre Söhne auff glüenden Rösten geopffert haben? Ich gestehe es / Polemon /
antwortete die ihm zu Fusse fallende Königin / dass auff der Wagschale der
Mütter- und Ehelichen Liebe diese überschlagen solle. Aber wie schwer ist
zwischen beide sein Hertz nach dem rechten Maass abteilen! sonderlich wenn die
Erbarmnis einem Teile ihr heimliches Gewichte beilegt? Wie viel Väter haben
ihre Kinder mehr als sich selbst geliebt? Ariobarzanes in Cappadocien nahm
seine Krone vom Haupte / und setzte sie in Beisein des grossen Pompejus seinem
Sohn auf. Octavius Balbus wollte lieber in die Hände seiner ihn verfolgenden
Mörder fallen / als seinen zurück gebliebenen Sohn nicht noch einmal sehen. Und
du wilst über meiner Mutter-Liebe mit deinem Sohne eiffern? Glaube aber /
hertzliebster Polemon / dass / da ich mein Kind mit einer / ich dich sicher mit
zweien Adern geliebt / und von einem so tugendhaften Geiste deines eigenen
Fleisches mich keiner so grimmen Tat besorget / sondern vielmehr eine sanftere
Auslegung über die meist schwerdeutige Wahrsagungen gemacht habe. Ich habe
erwogen / dass unsere Gefahr nicht so wohl von der Bosheit unserer Wiedersacher
/als von dem unversehrlichen Fademe unserer Versehung den Hang habe; Ja dass
unsere Beschützung mehr vom Himmel / als unser Vorsicht herrühre. Diese kanst du
sicherer nicht erlangen / als wenn du dich dem ohne diss unüberwindlichem
Verhängnisse gedultig unterwirffst / und nicht durch Grausamkeit gegen dein Kind
die Götter als unsere Väter wider dich mehr verbittert machst. Glaube nur / dass
diese durch unserer missträulichen Klugheit Abwege uns schnurgrade auff den Pfad
ihrer unveränderlichen Schlüsse leiten! Polemon begegnete ihr mit noch
ernstaftem Gesichte: Uberrede diese Träume wen anders / und lobe einem
leichtgläubigern deine Liebe ein. Die Sonne erleuchtet ja wohl die
Schwantz-Sternen nichts minder / als andere Gestirne; Aber was ist zwischen
jener und dieser ihrem Feuer / zwischen deiner Liebe gegen den Zeno / und der
gegen mich nicht für ein Unterscheid? Unser Grossvater Mitridates dienet uns zum
Vorbilde. Denn weil seine Gemahlin Stratonice nur ein festes Schloss mit seinen
Schätzen dem Pompejus übergeben hatte / durchstach er in denen von ferne
zuschauenden Augen seiner Mutter ihren und seinen Sohn Xiphar / und liess ihn
unbegraben liegen; Und ich soll für mein eigen Leben nicht eiffern? Gehet aber /
und saget dem Ariobarzanes /dass zwischen seine Vermählung was grosses kommen sei
/ wormit seine Ungedult sich nicht gegen uns über noch mehrere Aeffung
beschweren dörffe. Hierauff kehrte Polemon mit niedergeschlagenen Augen auff die
Burg; verliess also Ariobarzanen in wütender Raserei / die Königin in ängstigster
Bekümmernis /mich im Zweiffel: Ob ich den Polemon für meinen Vater / oder für
meinen Todtfeind halten; ob ich zu Sinope bleiben / oder mich flüchten sollte.
Ehe ich mich aber eines endlichen entschlüssen konnte / kam der Hauptmann über
die Königliche Leibwache / und sagte so wohl mir als der Dinamis an / dass wir
ihm auf Königlichen Befehl folgen sollten. So bald wir nun von der Schwelle des
Tempels traten / wurden wir von einer Menge Krieges-Volckes umgeben / und zu
empfindlichem Betrübnüsse der uns begleitenden Priester auff die Burg in einem
fest verwahrten Turm / zu dem der König selbst die Schlüssel behielt /
verwahret. Ich stelle einem ieden zum Nachdencken / wie uns diese Gefängnis
bekümmerte. Denn wenn Fremder heftigste Beleidigung den Geschmack der Schleen
hat / schmeckt ein von seinen Anverwandten empfangenes mässige Unrecht bitterer
als Wermut. Sintemahl nicht das Wasser / wohl aber das Geblüte sich in Galle zu
verwandeln fähig ist; und aus dem süssesten Honige der schärffste Essig gezogen
wird. Weil aber das Mitleiden für die unschuldige Königin mir am tieffsten zu
Hertzen ging; hatte ich meines Notstandes schier vergessen / biss uns nach
Mitternacht das Schwirren der eisernen Riegel und Türen bei so unzeitiger
Eröffnung des Turmes einen neuen Schauer einjagte. Massen denn auch also fort
der unbarmhertzige Polemon mit einem blancken Dolche nebst etlichen von der
Leibwache zu uns hinein getreten kam. Sein Antlitz war als ein weisses Tuch
erblasset / seine Glieder und Lippen zitterten / und aus den Augen sah zugleich
Furcht / und ihre zwei Töchter /Verzweiffelung und Grausamkeit. Hilff Himmel!
schriehe die Königin / welch höllischer Mord-Geist reitzet ihn selbst zum Mörder
seines Fleisches und Blutes zu machen? hat er seine Unbarmhertzigkeit gegen
andere Menschen zeiter darum gesparet / dass er sie jetzt mit vollen Strömen über
sein unschuldiges Kind ausschütte / und sich denen Indianischen Einhörnern
gleich mache / welche mit allen andern wilden Tieren in Friede leben / und nur
wider seines gleichen wüten? Polemon antwortete: Mein eigner Schutz-Geist hat
mich aus dem bangsamen Schlafe erwecket / mir diesen Dolch in die Hände gegeben
/ und hierdurch dem Vater-Mörder vorzukommen ermahnet. Daher bereite dich / Zeno
/ nunmehro behertzt zu sterben / nach dem es das Verhängnis also schicket / und
die Götter es befehlen. Ich / fuhr Zeno fort / war meines Lebens schon
überdrüssig / und ich sah ohne diss nichts / als den Tod für mir / welches /
nach verlorner Erato / mich meines Jammers erledigen konnte. Daher fiel ich für
dem Polemon auf die Knie / riess die Kleider von meiner Brust weg / und redete
ihn an: Glaube / Polemon / dass / wie ich dir im Leben zu gehorsamen mich
allezeit gezwungen / ausser da mir die Natur selbst einen Riegel fürgeschoben;
also ich dir auch sterbende nicht will zuwider sein. Glaube / dass ich von dem /
dem ich das Leben zu dancken / auch den Tod zu erdulden mich schuldig erkenne;
dass ich vergnügter meine letzte Atem ausblase / als dass man mich Lebenden als
einen Vater-Mörder fürchte; dass ich dardurch nicht so wohl meinen Ruhm als meine
Liebe vollkommen zu machen gedencke / wenn ich die Vater-Hand küsse / die mich
zu tödten das Eisen zückt. Stoss also / stoss Polemon / durch das hier nicht für
Schrecken / sondern aus Liebe schlagende Hertze; aber beleidige nicht mehr die
so unschuldige Dynamis: Stoss zu! stoss zu / Polemon! und zweifele nicht /dass ich
behertzter sterben / als du mich tödten wirst; ja dass ich dir deine zitternde
Hand selber zu führen nicht scheue. Hiermit küssete ich die gewaffnete Hand
Polemons / war auch selbst bemühet selbige mit dem Dolche gegen meine Brust zu
ziehen. Dynamis hatte hierüber in voller Ohnmacht liegende / Sinnen und Verstand
verloren. Polemon holete aus / mir einen starcken Stoss zu versetzen; im
Augenblicke aber sprang er mit höchster Entsetzung zurücke / liess den Dolch
fallen / drehete sich auch ohne einige Wort-Verlierung umb / und eilete aus dem
Turme / also /dass er nicht einst der Wache / ob sie uns wieder verschliessen
sollte / Befehl erteilete. Ich wusste derogestalt nicht / wie mir / weniger wie
dem Könige geschehen war. Insonderheit wusste ich die Ursache nicht zu ergründen
/ welche de Polemon von Ausübung seines so blutigen Vorsatzes gehemmet haben
müste /ausser / dass ich auf meinen willfertigen Gehorsam zu sterben mutmassete.
Sintemal Grim und Eifer eben so wie die stürmenden Meeres-Wellen alles / was
sich mit Härtigkeit widersetzet / zerdrümmern; aber jene an der Demut / diese
in dem weichen Sande des Ufers sich besänftigen. Nach weniger Erholung rieb ich
an der Königin / brachte sie auch endlich wieder zu sich selbst / nach dem sie
eine gute Zeit mich für einen Geist gehalten hatte. Ihre mütterliche hierauf
erfolgte Umbarmungen kann ich nicht ausdrücken; iedoch vermochte diese Freude
sich auch der Furcht für neuem Ubel nicht zu entschütten / weil sie noch weniger
als ich auszulegen wusste / was für ein Trieb den vollen Stoss des Polemons zurück
gezogen haben müsse. Wir lebten zwischen Furcht und Hoffnung oder vielmehr in
einem Mittel-Dinge des Todes und des Lebens / unter der Umbwechselung mit
Tränen und Küssen zusammen biss an den hohen Mittag; da ward unser von der Wache
inzwischen wieder versperrtes Gefängnis eröffnet / und kam Nicomedes /der
Königliche Stadtalter zu Libyssa / wo der berühmte Hannibal begraben liegt /
mit freudigem Antlitz / und gleichwohl weinenden Augen zu uns hinein getreten.
Seine vermischte Geberdung deutete auf eine gleichmässige Verrichtung. Denn er
kündigte der Königin die Freiheit / mir aber einen Befehl an: Dass ich noch für
der Sonnen Untergang Sinope räumen sollte. Ich war mit dieser Strafe vergnügt /
Dynamis aber über meiner Beraubung hertzlich bekümmert. Weil sie denn zu
Nicomeden ein sonderbares Vertrauen hatte / bat sie / er möchte ihr nicht
verschweigen / was seit unser Bestrickung fürgegangen wäre / und was den König
zu der nächtlichen so blutdürstigen Uberfallung veranlasst hätte. Dieser konnte
anfangs für Weinen kein Wort aufbringen / hernach aber erzehlte er: Wie die
Stadt über der Strengigkeit Polemons über uns erstaunet / iedermann fast eine
absondere Ursache / bei Unwissenheit der wahrhaften / der verhinderten Heirat
mit dem Ariobarzanes ertichtet / dieser aus Sinope halb rasend sich begeben /
dem Polemon den Krieg angekündigt / der oberste Priester aber unsere Befreiung
beweglichst gesucht / ja die Sache in ziemlich guten Stand gebracht hätte.
Alleine es wäre der König / bei welchem er vorige Nacht im Vorgemache selbst die
Wache gehabt / aus dem Bette aufgesprungen / hätte auf ihn geruffen / und
umbständlich erzählt / Es hätte ihn sein Schutz-Geist aufgewecket / ihm
angedeutet: Es wäre nun nahe dabei / dass er von seinem Sohn aufgerieben werden
sollte. Also wollte er ihn nicht allein dem Täter fürzukommen / und ehe er sich
seines Gebietes entbräche / desselbten sich zu entbrechen vermahnet / sondern
ihm auch hierzu seines Grossvatern des Mitridatens Dolch eingeantwortet habe.
Ich / sagte Nicomedes / wollte ihm dieses als einen eitlen Traum ausreden.
Polemon aber widersprach es / bezohe sich auf seine wachende Augen /und
insonderheit wäre das unfehlbare Kennzeichen der Dolch dar / derogleichen keiner
im Zimmer nicht gewest wäre / ja er erkennete ihn auch für den / der auf
Mitridatens Grabe gelegen hätte. Wenn aber auch diss gleich nur ein Traum wäre /
bliebe es doch /aller Weisen Urtel nach / eine vom Himmel geschickte Warnigung
der Götter. Socrates selbst hätte aus einem Traume erfahren / dass er in dreien
Tagen sterben würde / und es dem Eschines entdeckt. Der grosse Pytagoras hätte
gelehrt / dass ein Mensch in seinen Träumen sich wie in einem Spiegel betrachten
sollte. Der weise Periogetes / welchen ich in der Eil hatte ruffen lassen /
antwortete dem Könige: Ja / aber des Pytagoras Meinung wäre nicht / dass man /
wie etliche tumme Atlantische Völcker nur den Morpheus für seinen Gott halten /
und alles tun müste / was einem träumte. Denn sonst würde denen Sabinern
/welchen alles träumte / was sie wollten / kein Laster zu verwehren gewest sein.
Träume könten wohl eine Nachricht von der Beschaffenheit des Leibes / und von
den Neigungen des Gemütes abgeben. Dahero ein Mensch nach dem Urtel des Zenon
/ sich aus den Träumen ausnehmen könnte: Ob er in der Tugend zugenommen / oder
nicht. Sintemal / wo dem Epicur zu glauben / ein Weiser ihm allezeit / ja auch /
wenn ihm träumet / ähnlich ist. Indem aber / was vom Glücke oder Verhängnisse
herrührte / könnte man ohne Aberglauben auf keinen Traum fussen. Daher auch der
so erfahrne Hippocrates an die Hand gäbe / wie man durch Opfer sich von der
Beschwerligkeit der Träume erledigen solle. Polemon vergass aller sonst gegen dem
Periogetes zu bezeigen gewohnten Bescheidenheit /und fuhr ihn an: Was bringst du
vor ketzerische Lehre auf die Bahn? Verneinest du die Vorsorge der Götter /dass
sie auch durch Träume uns für künftigem Unglück warnen? Verwirffst du die durch
Träume geschehende Göttliche Weissagungen in des Amphiaraus Tempel bei Aten /
und in dem Heiligtum der Pasitea zu Sparta? Meinst du auch / dass ich der erste
sei / der den ihm im Traume gleichsam mit Fingern gezeigten Feind aus dem Wege
geräumet habe? Smerdes musste über seines Bruders Cambyses Klinge springen / als
diesem träumte / dass er sich auf seinen Stul setzte. Astyages gab seinen Enckel
Cyrus dem Harpagus zu ermorden / weil er aus seiner Tochter Leibe einen ganz
Asien überschattenden Wein-Stock wachsen sah. Des Harpagus Ungehorsam aber
brachte den Astyages umbs Leben und Reich / und erhärtete die Gewissheit so
wichtiger Träume. Periogetes verlohr hierdurch nicht den Mut dem Könige
derogestalt zu begegnen: Es möchten die Götter ja wohl zuweilen durch Träume was
offenbaren / aber sicherlich gar selten. Nimmermehr aber liesse er sich bereden
/dass sie den Kinder-Mord billigen / weniger durch Träume verordnen sollten. Zwar
müste unter so viel tausend eitelen Träumen ja zuweilen einer eintreffen. Denn
wenn tausend Blinde nach dem Ziele schüssen /würden schwerlich alle fehlen /
sondern einige ungefehr treffen. Xerxes hätte seine Eitelkeit nicht genung zu
bejammern gewüst / dass er / auf Verleitung eines zweifachen Traumes / und seiner
eiteln Ausleger den Krieg wider Griechenland angehoben. Wären die Träume
Göttliche Warnungen / würde gewiss den Narren und Bosshaftigen nicht mehr / als
den Frommen und Weisen / am wenigsten aber auch dem Viehe träumen. Ja sie würden
ihre Meinungen viel deutlicher sagen / und sie nicht in so düstere Nebel
verstecken /dass uns die über der Auslegungs-Art so sehr zwistige Wahrsager nicht
entweder nach ihren Neigungen /oder uns nichts minder zu verführen / als
Pflaumen zu streichen Anlass nehmen könten. Worzu des Käysers Julius Traum /
indem er seine Mutter beschlief / ein merckwürdiges Beispiel abgibt. Sintemal
die ihm liebkosenden Römer hierdurch ihm die Herrschaft über unser aller Mutter
die Erde wahrgesagt zu sein glaubten. Dahingegen Hippias / welcher ihm längst
vorher diese Blut-Schande träumen liess / nichts weniger als ein solcher
Welt-Beherrscher ward. Polemon schien hierüber der Vernunft wieder ein wenig
Raum zu geben; warff aber ein: Sein Traum / wo ein so klarer Befehl der Götter
auch so geringen Nahmen vertragen könnte / wäre so deutlich / dass er keiner
Auslegung dörffte. Auch wäre ausser Zweifel / dass Könige / und insonderheit
etliche Geschlechter in gewissen Dingen was besonders über den Pöfel hätten.
Ihre Schutz-Geister wären gewiss stärcker und sorgfältiger / als gemeiner Leute.
Insonderheit hätte der Königliche Pontische Stam einen Traum zum Grund-Stein
seines Glückes. Denn dem Antigonus in Syrien hätte geträumet: Er säete Gold /
sein Diener Mitridates aber erndtete es ein / und führte die Frucht in Pontus.
Dieses Traumes halber hätte Antigonus ihn zu tödten getrachtet / Mitridates
aber sich in Cappadocien zu flüchten genötigt gesehen / allwo ihm das Glücke
die Hand geboten / sich des Pontischen Reiches zu bemächtigen. Eben dieser Traum
/ versetzte Periogetes /dienete zum Unterricht: Dass kein menschlicher Witz
verhüten kann / was die Götter auszuüben im Schilde führen. Ausser dem vertrüge
Polemons Traum allerdings eine und zwar sehr gute Auslegung; Sintemal die
meisten Traum-Deuter festiglich darfür hielten /dass alle Träume auf das
Widerspiel zielten. Polemon besänftete hierüber sein Gemüte / und versprach dem
Zeno kein Leid zu tun / wenn nicht der ihm von dem Geiste eingehändigte Dolch
aus des grossen Mitridatens Begräbnüsse käme / welches ihm der grosse Pompejus
zu Ehren in Sinope aufgerichtet hätte. Ich /sagte Nicomedes / hielt nichts
weniger / als dieses glaublich / und erbot mich daselbst die Wahrheit zu
erforschen. Aber Polemon fügte sich aus Misstrauen selbst dahin / und wir
befanden leider! zu unserer äusersten Erstaunung / dass auf Mitridatens Grufft
der dargelegene Dolch fehlte. Dieses Wunder versetzte uns ins höchste Schrecken
/ den König aber brachte es / alles Einredens ungeachtet / zu der festen
Entschlüssung / seinen Sohn auf selbsteigene Veranlassung der Götter
hinzurichten. Wir sahen aber / fuhr Nicomedes fort / den König mit grösserer
Bestürtzung aus dem Gefängnisse zurück kehren. Er warff sich mit höchster
Verwirrung auf sein Bette /befahl mir biss zu Tage nicht von ihm zu weichen. Wie
ich nun eine Weile seiner Unruh / welche ich für eine Bereuung seines
Kinder-Mords annahm / zugesehen hatte / fing Polemon endlich an: Ach! ihr
grimmigen Götter! ach! Nicomedes! wir sind verloren! Nach unterschiedenen
verwirrten Reden entdeckte er mir endlich auf meine Befragung: Er habe seinen
Sohn nicht getödtet. Denn als er gleich ausgeholet hätte / ihm den Stoss zu geben
/ wäre eben der Geist /der ihm gleich vorhin den Dolch eingehändiget / mit
grausamer Gestalt darzwischen gesprungen / habe ihm den Dolch aus den Händen
gerissen / und gesagt: Halt! diss ist weder dein Sohn / noch ein Todschläger.
Nach solcher Erzehlung wäre Polemon gegen den Morgen endlich eingeschlaffen /
nach seiner Erwachung aber hätte er den Priester erfordern lassen / mit ihm eine
lange Unterredug gepfloge / und ihn endlich mit dieser Botschaft zu ihnen
abgefertigt. Dynamis und ich entsatzten uns über Nicomedens Vortrag /sonderlich
aber / da wir selbst den noch am Boden liegenden Dolch betrachteten / und
selbten gleicher gestalt für Mitridatens erkenneten. Am allermeisten aber stieg
mir zu Hertzen / dass der dem Polemon erschienene Geist mich zwar wider die
besorgte Mord-Lust verteidigt / mir aber zugleich seine Kindschaft
abgesprochen haben sollte. Dahero umbhalsete ich mit vielen Tränen die Königin /
wüntschte / dass diesem meinem unschätzbaren Verluste / da ich mit einem so
mächtigen Vater zugleich eine so holdselige Mutter einbüssete / mein Tod von der
Hand des Königs zuvor kommen wäre. Dynamis aber küsste mich mit der hertzlichsten
Empfindligkeit / als eine Mutter tun kann / und / umb mir diesen Kummer
auszureden / fragte sie: Ob ich einem lügenhaften Gespenste mehr als dem
wahrhaftesten Kennzeichen der inbrünstigften Mutter-Liebe Glauben geben wollte?
Das Aufwallen ihres mütterlichen Hertzen gegen mich könnte sie so wenig zu einem
frembden Kinde ziehen /als die Magnet-Nadel für den Angel-Stern ein frembdes
Gestirne erkiesen. Sie könnte sich auf die Treue der tugendhaften Pytodoris so
sehr / als auf ihr eigenes Augenwerck verlassen. Ja wenn es auch schon
wahrhaftig heraus käme / dass ich nicht ein Sohn ihres Leibes wäre / so würde ich
es doch ewig in ihrem Gemüte bleiben. Sintemal der / welcher durch seine Tugend
ein Königs-Sohn zu sein verdiente / wenn er es schon nicht wäre / sich doch
höherer Ankunft rühmen möchte / als der / welcher es nur von Geburt / nicht
aber durch Verdienste wäre. Ich / ob ich zwar über meiner Kindschaft selbst
zweifelte / und auf den gebrechlichen Grund der von der Natur eingepflantzten
Mutter-Liebe wenig fussete / wollte mich doch nicht selbst eines so hohen
Ursprungs berauben / noch die Königin durch meine Enteuserung mehr betrüben. Und
also brachten wir die übrige Zeit meines vergünstigten Darbleibens mit eitel
liebreichen Umbarmungen zu / biss mit der niedergehenden Sonne nach und nach das
Licht von der Welt / ich aber mit tausend Tränen von der Dynamis Abschied zu
nehmen gezwungen ward. Salonine brach hier ein: Wir müssen nun auch die Würckung
unsers neuen Pflasters erkundigen. Also musste Zeno mit seiner Erzehlung anhalten
/ und die Wundbinden auflösen lassen. Die Schwulst hatte sich zu aller
Anwesenden Verwunderung in so kurtzer Zeit fast ganz gesetzt / und / des Zeno
Andeuten nach / aller Schmertz gestillet / daher band ihm Salonine frische Raute
auf. Die Fürstin Tussnelde aber fing an: Ich verwundere mich über dem so
heftigen Liebes-Triebe der Dynamis / und weiss daher nicht: Ob die grosse Liebe
der Eltern gegen ihre Kinder nicht mehr von der Einbildung / als einem geheimen
Triebe der Natur eingepflantzt werde / nachdem ich gleichwohl aus der Königin
Erato Erzehlung so viel erfahren / dass nicht er / Zeno / sondern Ariobarzanes
für ihren und Polemons wahrhaften Sohn erkennet worden sei; also die Zuneigung
der Eltern ihre Kinder derogestalt nicht erkenne / wie die Wünschel-Rute von
einer Hasel-Staude das vergrabene Gold und Silber / die von einem Eschbaume
verborgenes Ertzt andeutet. Es ist wahr / antwortete Zeno / ich habe hernach
bekümmert erfahren / wie Ariobarzanes den Polemon auf seinem Tod-Bette für
seinen Vater erkennet / also diss Gespenste wahr geredet habe / und ich so arm
worden sei / dass ich weder Vater noch Mutter zu nennen weiss / und wenn ich nicht
zu dem allgemeinen Ursprunge der Menschen gehörete / mich aus einem Steine
entsprossen zu sein schätzen müste. Aber ich will mich nicht versehen / dass mein
und der Dynamis Irrtum die Gesetze der Natur zerreissen /oder die angeborne
Zuneigung zu einer blossen Einbildung machen werde. Wenn das menschliche Gemüte
ausser der Kinder-Liebe sonst keine Zuneigung / sondern wie der Magnet nur zum
Eisen / der Agstein nur zur Spreu einen Trieb hätte / würde sie ihre denen Augen
unkenntliche Kinder Zweifels-frei erkiesen /und das Hertze über ihrer Erblickung
viel anders zu schlagen anfangen. So aber werden wir von der Gleichheit unserer
Geburts-Art / von der Tugend /von Aehnligkeit der Gestalt / oder von einem
geheimen Einflusse des Gestirnes oft zu eines ganz frembden Menschens Liebe
gezogen / also / dass da uns weder das Geblüte noch andere Gaben reitzen /wir
mehrmals selbst die Ursache unserer Gewogenheit nicht finden können. Diese
Vielheit der Gemüts-Regungen machet also unsere Unterscheidung schwer und
zweifelhaft / hebt aber der Eltern innerlichen Trieb nicht auf. Uns würden sonst
die unvernünftigen Tiere beschämen / wenn die wilden Bären für ihre Jungen biss
aufs Blut kämpfen / wenn die Panter lieber in die Eisen der Jäger rennen / als
ihre Frucht im Stiche lassen / wenn die Löwen gegen denen zu Lämmern werden /
die ihnen zu ihrem Brute verhelffen; wenn die Störche die jüngern auf ihren
Flügeln tragen; andere Vogel mit ihrem eigenen Blute heilen; die Adler die
ihrigen gegen die Straalen der Sonne abrichten; wenn die Wallfische ihren Brut
in ihren Rachen für sich nähernden Raubfischen wieder einschlüssen /und nach dem
die Gefahr fürüber / selbte gleichsam zum andern mal gebähren. Zwar ist nicht
ohne / dass eine kräfftige Einbildung der Natur mit ihren Würckungen ziemlich
nahe kommet / dass oft Mütter fremde Wechsel-Bälge / und Väter die ihnen durch
Ehebruch eingeschobene Kinder mit der zärtlichsten Empfindligkeit lieb gewinnen!
aber deshalben ist dieser ihr unverfälschter Trieb so wenig zu verwerffen /als
der Glantz denen Gestirnen abzusprechen / weil auch die Irrwische ihrer Straalen
sich bedienen. Die Fürstin Tussnelda warff hierwider ein; Warumb aber fressen so
viel Tiere ihre eigene Jungen? Warumb zerschlagen so viel Vögel ihre eigene
Eyer? Warumb ermordet Lysimachus seinen tapfern Sohn Agatocles! Warumb nagelt
Maleus seine Sohn Cartalus ans Creutze? Warumb setzet Ptolomeus-Physcon seinen
zergliederten Sohn Menephiten der Mutter Cleopatra für ein Gerüchte auf? Warumb
richtet Laodice ihre fünff mit dem Ariarates erzeugte Kinder mit Gift hin! Und
wer weiss alle Kinder- oder auch Vater- und Mutter-Mörde zu erzählen? Nachdem
ganze Völcker an dem Caspischen Meere ihre verlebte Eltern erhungern / die
Bactrianer aber sie gar von den Hunden auffressen lassen. Freilich wohl /
versetzte Zeno / gibt es unter den Menschen eben so wohl undanckbare Kuckucke /
grausame Nattern / Spinnen und Scorpionen /die ihres eigenen Geschlechts und
Blutes nicht schonen. Dessen aber ungeachtet / bleibet doch der Natur gemäss /
dass die Eltern und Kinder einander lieben /und dass / so lange bei ihnen die
Vernunft recht auffgeräumt bleibt / dieses heimliche Feuer unausleschlich sei.
Wo aber die Laster die Oberhand genommen / und die Menschen sich auff die Spitze
des Glücks setzen / ziehen sie nicht nur ihre Menschheit / sondern die ganze
Natur aus. Und also ist kein Wunder / dass die geilen Mütter ihre Töchter / die
herrschsüchtigen Söhne ihre Väter nicht mehr kennen / und in Kerckern verfaulen
lassen. Deñ die in dem menschlichen Gemüte auffsteigenden lasterhaften
Auffdampffungen verdüstern nicht nur die Vernunft wie dicke Nebel die Sonne;
sondern sie gebähren Ungeheuer / wie die Schwefel-Dünste feurige Lufft-Drachen.
Ja da die wilden Tiere nur insgemein von einer übeln Neigung /als die Panter
von Grausamkeit / der Fuchs von Betruge / die Natter von Undanck / der Hund von
Geilheit / die Heidechse von Missgunst beruffen sind; so ist ein missratener
Mensch ein Begriff aller Laster. Aber nach diesen Missgeburten muss der
vernünftige Mensch so wenig abgemahlet / als die in den faulenden Leichen
wachsenden Würmer für eine rechtschaffene Menschen-Brut gehalten werden.
Tussnelda antwortete: Ich gebe gerne nach / dass bei solchen Unmenschen die
Regungen der Natur sich verlieren /diese auch nach einer so krummen Richtschnur
nicht abzumessen sind; aber woher rühret es / dass vernünftige Eltern einem
Kinde geneigter / als dem andern /oder wohl gar so Spinnen-feind sind / dass sie
es kaum für den Augen leiden können / dass auch tugendhafte Söhne für ihren
Eltern einen Abscheu haben; Massen ich in Italien einen Edelmann gekennet / der
/ wenn er seines Vaters ansichtig war / erblasste / und sich mehr als der
Elephant für dem Widder / der Löw für einem Hahne / die Haus-Schlange für einem
nackten Menschen / die Natter für einem Zweige von Buchen / der Agstein für Oel
/ der Weinstock für dem Epheu entsetzte. Fürst Zeno versetzte: Es sind dieses
seltzame Absätze der Natur / welche so wohl Kriepel und Missgeburten des Gemütes
/ als des Leibes zuweilen gebieret; daraus man so wenig einen Schluss machen /als
ergründen kann / warum ein Mensch keine Katze /ein ander keine Maus sehen / warum
dieser keine Zwiebel essen / jener keinen Wein trincken könne? Hertzog Herrmann
setzte bei: Sonder allen Zweiffel wird der seinem Vater so verhasste Sohn ihm an
Gestalt und Gemüte sehr unähnlich gewesen sein. Denn wie die Aehnligkeit auch
zwischen Fremden eine Vereinbarung stifftet; Also ist die Unähnligkeit so wohl
zwischen Menschen als andern Geschöpffen eine Ursache des Hasses. Hiervon rühret
die Uneinigkeit zwischen dem Magnet und Demant. Deshalb stösset der Mohrische
Stein Teamedes das Eisen so behertzt von sich / als es der Magnet an sich
zeucht. Der Weinstock kann den Kohl nicht neben sich leiden /und ist dem
Lorber-Baume so todtfeind / als das Rohr dem Farren-Kraute / und die Fische dem
Oelbaume. Die Unähnligkeit pflantzet das Schrecken dem Schwane für dem Drachen /
dem Meerschweine für dem Wallfische / dem Löwen für dem Hahne / dem Elephanten
für dem Widder / dem Pferde für dem Kamele ein. Welch letzteres den Cyrus zum
Uberwinder des Crösus machte. Das Geschrei des Esels tödtet so gar die Jungen
der Flachs-Fincken und erschellet ihre Eyer. Ja dieses Vogels und der Goldammer
Blut sollen sich nicht einst mit einander vermischen. Und die stärcksten
Raub-Vögel müssen / wenn sie über den kleinen Camelion flügen / auff die Erde
fallen. Keine andere Beschaffenheit hat es mit den Menschen / ja mit ganzen
Völckern / derer einige einander / teils durch einen geheimen Zug geneigt /
teils Spinnen-feind sind. Diese ihre Aehnligkeit und Ungleichheit rühret
grossen Teils von der Art ihrer Länder / noch mehr aber ihrer Eltern her. Daher
vertragen sich die Meden und Armenier / wie auch die vielerlei Scyten so wohl
mit einander. Die Europeer und Asiatischen Völcker / wie auch die Mohren und
Römer können zusammen gar selten stehen. Zwischen den Galliern und Celtiberiern
/ zwischen den Britanniern und Caledoniern ist fast ein unauffhörlicher Krieg;
Weil der erstern Vaterland einander ganz gleiche / der andern ganz ungleiche
ist; Auch von denen hierbei sehr viel würckenden Sternen unterschiedene
Einflüsse hat.
    Zeno pflichtete dem Feldherrn bei / und meldete: Er hätte auff seinen Reisen
eben diss angemerckt / und so bald er über das Euxinische Meer kommen / den
grossen Unterscheid zwischen desselbten Sud- und Nord-Nachbarn verspührt;
Hingegen bei denen se weit entfernten Serern etlicher Völcker nahe Verwandniss
mit seinem Vaterlande wahrgenommen. Weil nun der Anwesenden Stillschweigen ihm
eine Andeutung ihres Verlangens zu sein schien / fuhr er in seiner Erzehlung
fort: Ich verfügte mich noch selbigen Abend mit zweien Edelleuten / und einem
Knaben / und zwar in meiner gewöhnlichen Frauen-Tracht / in ein Schiff / nicht
so wohl / weil es an einen von mir erkieseten Ort fahren wollte / sondern weil es
seegel-fertig war / um mich nur desto geschwinder dieses unglückseligen Ufers zu
entbrechen. Nachdem wir bereits die ganze Nacht Nord-Ostwerts gesegelt hatten
/erfuhr ich allererst vom Schiffer / dass der Lauff gegen der Moschischen Küste
auff die berühmte See- und Handels-Stadt Dioscurias zwischen dem Flusse Antemus
und Charus gerichtet wäre; Allwo man täglich wohl dreihunderterlei Völcker
anzutreffen pfleget /und die Römischen Kauffleute hundert Dolmetscher zu
Auslegung dreihundert alldar im Schwange gehender Sprachen unterhielten. Welches
mir so viel lieber war / weil ich in einer Versammlung so vieler Völcker nicht
nur desto unkenntlicher zu bleiben / sondern auch so viel mehr mein anderwärtig
Glück zu finden verhoffte. Nachfolgenden Tag gegen Abend fing der auffm
Mastkorbe sitzende Boots-Knecht an zu ruffen / wir sollten die Waffen ergreiffen
/ und uns zum Streit fertig machen / denn er sehe ein Raub-Schiff seinen Lauff
recht gegen uns zu richten. Dieser Ruff erregte im Schiffe ein nicht geringes
Lermen / und / weil es nicht sonderlich zum Kriege ausgerüstet / darzu kaum
dreissig bewehrte Männer darauff waren / bei den meisten empfindliches Schrecken.
Diesemnach ich zu Verwunderung der Schiffenden nicht allein mich selbst zum
Gefechte fertig machte / sondern auch denen Kleinmütigen ein Hertze zusprach;
nebst dem zugleich erkundigte: Woher man in solcher Ferne so genau erkiesen
könnte / dass diss eben ein Raub-Schiff sein müste? Der Schiffherr / welcher aus
der Stadt Tanais bürtig war / sagte mir: Es wäre dieses unschwer an der Art der
Schiffe zu erkennen / welche die auff denen in dem Flusse Boristenes sich
befindlichen häuffigen Inseln / und an dem Strome Hippanis und Tyras wohnenden
Räuber zu führen pflegten. Dieses wäre ein von Kind- auff zum Kriege
abgerichtetes Volck / dessen Reichtum zu Hausse allein in Viehzucht bestünde /
also alles andere auff dem Euxinischen Meere suchte / ja an die daran stossenden
Länder mit seinen flachen Schiffen anländete / und mehrmahls reiche Beuten
darvon brächte. Sie erkennten teils der Geten / teils der Sarmater König für
ihren Ober-Herrn / aber mehr zum Scheine als wesentlich. Denn sie gäben ihm
nicht allein keine Schatzung / erwehlten ihnen selbst ihre Obersten und Richter
/ sondern die Könige liessen ihnen auch selbst jährlich ein gewisses von
allerhand Haus- und Krieges-Geräte austeilen; iedoch hätte er in Kriegen wider
andere Feinde sich auff ihre Tapfferkeit zu verlassen / und wären durch sie
unterschiedene grosse Taten ausgewürcket worden. Unter diesem Gespräche näherte
sich dieses Raub-Schiff / welchem ich wegen seiner Kleinigkeit noch nicht
zutrauen konnte /dass es uns antasten würde. Mir kam aber der Glaube zeitlich in
die Hand; denn so bald uns der Feind nur erreichen konnte / begrüsste er uns mit
seinen Pfeilen /worvon einer alsbald in meinem Schilde stecken blieb / und einen
neben mir in Arm verletzte. Sein Schiff war oben rings umher mit einem Tuche
umspannet /Dass wir die Anzahl der uns anfallenden nicht erkiesen konten. Wir
hingegen taten mit unsern Bogen gleichfals das beste / wo wir nur einen unserer
Feinde erblickten / und der Schiffer bemühte sich mit unserm als einem viel
grössern Schiffe das feindliche zu übersegeln / aber wegen Schlau- und
Geschwindigkeit der Räuber vergebens. Nachdem wir wohl eine Stunde gegen
einander mit dem Pfeil-Gefechte zubracht /auch bei uns unterschiedene
gefährliche Wunden bekommen hatten / und ich sah / dass disseit der Herr des
Schiffes die Seinigen nur zu eigener Beschirmung nicht zum Angriffe des Feindes
anwiess / welches so viel ist / als einem wohl überwunden zu werden / aber nicht
zu überwinden Macht geben; fing ich an: Wir hätten durch unsere Zagheit dem
Feinde nur ein Hertze gemacht / würden auch dergestalt uns durch eigene Schuld
gar verlieren. Denn wer im Kriege nur seiner Haut wehrte / und den Feind nicht
in seinem eigenen Lager und Lande suchte / hätte schon halb verspielet. Also
wäre mein Rat / dass / weil allem Ansehen nach sie uns an der Zahl nicht
überlegen wären / wir unser Schiff an das ihrige feste zu machen trachten
sollten. Wie schwer er nun hierzu zu bereden war / so folgte er doch endlich
meinem Rate / als ihm selbst ein Pfeil in Schenckel zu stecken kam. Weil unsere
bisherige Fechtens-Art einer Kleinmut allzu ähnlich / und der Feind hierdurch
vermessen gemacht war / ging der Anschlag desto leichter / und hiermit der
rechte Streit mit den Schwerdtern an. Dieser währete eine lange Zeit / ohne ein
oder des andern Teils Vorteil /die Todten und verwundeten waren fast gleiche;
Wiewohl die Geten durch ihren Eifer und Behendigkeit wiesen / dass sie das
Kriegs-Handwerck wohl verstünden / und diesem Teile / darunter ihrer viel
diesen Tag wohl das erstemahl die Waffen führten / weit überlegen gewest wären /
wenn ich und meine zwei Edelleute nicht für die Lücke gestanden hätten. Wie ich
nun mit dem Obersten der Räuber / und zweien andern / welche mich ihnen allein
fürnahmen / genugsam zu tun hatte / ward ich eines Frauenzimmers im feindlichen
Schiffe gewahr / welche von unten empor stieg / einem Geten hinterrücks das
Schwerdt aus der Hand riss / und seinem Nachbar einen solchen Streich versetzte /
dass er todt zu Bodem fiel. Dieser Streich kehrte alsbald etliche Sebeln des
Feindes gegen diss Frauenzimmer / die sich aber männlich verteidigte. Weil ich
nun sie ohne Schild / und daher in höchster Gefahr sah / versuchte ich gegen
meinen Feind das eusserste / brachte auch dem Obersten Räuber einen so
glücklichen Streich an / dass er mit seiner Hand auch die Sebel musste fallen
lassen. Ich wollte mich dieses Vorteils bei Zeiten bedienen / besprang daher das
feindliche Schiff / und benahm mit einem andern Streiche einem Feinde das Leben
/ und das Frauenzimmer der ihr ziemlich nahenden Todes-Gefahr. Meine Geferten
wurden hierdurch behertzt / der Feind aber / nachdem mehr als die Helffte erlegt
war /so verzagt / dass sie die Waffen wegwarffen / für mir /ich weiss nicht aus
was für Ansehen / zu Fusse fielen /und das Leben baten / welche alsofort
gebunden und verwahret wurden.
    Rhemetalces fiel ein: Diss sind die herrlichsten Merckmahle eines Gebieters /
welche einem die Tugend und die Natur eingepräget. Zepter und Kronen hingege nur
Tockenwerck des Glückes / welches eine Knecht so wenig zum König / als ein
Perlen Halsband einen Affen zum Menschen machen kann. Hingegen sah man dem Cyrus
auch in der Hirten-Höle seinen hohen Ursprung und sein Helden-Gemüte an. Und
als Käyser Julius gleich von den See-Räubern gefangen war / jagte er ihnen doch
Furcht und Schrecken ein. Denn in Warheit / wer zum Herrschen geboren ist /
verliert auch in Ketten und Banden nicht seine Botmässigkeit; einem dienstbaren
Geiste aber machen auch hundert Kronen kein Ansehen. Zeno gab diss alles nach;
entschuldigte diese auff ihn gemachte Auslegung / fuhr also fort:
    Der Herr des Schiffes und alle andern wussten mir nicht genug zu dancken /
noch auch was sie von mir als einem Weibsbilde urteilen sollten / wenn nicht
einer unter den Schiffenden mich für die Fürstin Arsinoe erkennet / und mich
also durch seine unzeitige Ehrerbietung allen Anwesenden bekandt gemacht hätte;
Welche denn insgesamt mir zu Fusse fielen /darfür haltende / dass der Himmel mich
ihnen zu einer absondern Schutz-Göttin zugeschickt hätte. Eben diesen Titel
legte mir das erlösete Frauenzimmer bei /welches mich mit Tränen umbhalsete /
und nicht genug ihre Verbindligkeit auszudrücken wusste / dass sie von mir aus den
Klauen dieser Raubvögel erlöset worden wäre. Ich versetzte gegen ihr / dass ihre
eigene Tapfferkeit ein Werckzeug unsers Sieges gewest wäre / und würde sie
meinen geringen Dienst überflüssig abschulden / wenn ich allein wissen möchte /
wie sie in diese Not verfallen wäre / und wem ich dissmahl zu ihrer Freiheit
geholffen hätte? Pentasilea / also nennte sie sich / gab mir zu verstehen: Wenn
mit beliebte ihr einen Ort zu unserer Einsamkeit anzuweisen / wollte sie mir in
allem Vergnügung leisten. Nachdem ich nun Vorsorge getan / dass / was von dem
Raube Pentasileen zuständig wäre / abgesondert / und ihr wieder zugeeignet /
das übrige aber für gute Beute ausgeteilet würde / führte ich sie in mein
Gemach des Schiffes / darinnen sie mir eröffnete: Sie wäre der Amazonischen
Königin Minotea Schwester / und eine Tochter des Albanischen Königs Zober /
welcher nebst dem Könige Pharnabazes in Iberien wider des Antonius Feldhauptmann
Canidius Krieg geführet /und / als er von selbtem geschlagen worden / sich nach
Ampsalis / der Amazonischen Haupt-Stadt / biss ihn Moneses mit dem Antonius
wieder ausgesöhnet /geflüchtet / und daselbst ihre Mutter Androgyne geschwängert
hätte. Bei welcher sie in ihrer Kindheit vermöge der Amazonischen Reichs-Gesetze
/ welche den Vätern alles Recht über ihre Töchter entziehen /hätte verbleiben
müssen / hernach aber hätten sie die angewohnten Sitten / und die Süssigkeit
ihrer Freiheit so eingenommen / dass ob wohl ihr Vater / König Zober / ohne Söhne
gestorben / sie nach dem väterlichen Reichs Erbe nie gefragt / sondern eine
Amazonin blieben wäre. Ich war begierig von dieser Fürstin die wahre
Beschaffenheit ihres Reichs zu erforschen /welche sie sonst insgemein aus einer
besondern Staats-Klugheit für den Ausländern auffs sorgfältigste verhölten.
Daher gab ich ihr mit einem freudigen Antlitz zur Antwort: Ich vernehme mit
grosser Vergnügung / dass die vertriebenen und unglückseligen Männer bei denen
Amazonen / die doch in der Welt für die grausamsten Feinde des Männlichen
Geschlechtes ausgeschrien würden / ihren Auffentalt findeten; Also hätte
vermutlich eine verstossene Fürstin / und insonderheit ich / die ich zwar nicht
vom Geblüte /aber wohl vom Gemüte eine Amazonin wäre / dergleichen sich zu
getrösten. Sintemahl ihr alle Anwesenden auff dem Schiffe würden erzählen können
/dass weil ich den König der Meden und Armenier Ariobarzanes mit Verlust der
güldnen Freiheit nicht hätte ehlichen wollen / hätte mich der Pontische König
Polemon aus allen seinen Reichen verbannet /und also segelte ich nunmehro auff
gutes Glücke dahin / wohin mich die Götter und mein Verhängnis beruffen würden.
Pentasilea schüttete mitleidende gegen mich aus ihren kohlschwartzen Augen
einen Hauffen nasser Perlen / umarmte und versicherte mich / dass die Königin
Minotea mich als ihr Kind oder ihre Schwester auffnehmen würde / da ich meine
Zuflucht dahin zu nehmen sie würdigen würde. Es wäre ihr zwar nicht unwissend /
was der falsche Ruff den Amazonen für wilde Sitten andichtete / wie sie nehmlich
alle neugebohrne Knaben Muttermörderisch tödteten / denen Mägdlein die rechte
Brust mit einem glüenden Eisen versehrten / wormit die Brüste sie mit der Zeit
nicht an dem Gebrauch des Bogens verhinderten / oder der rechte Arm dadurch
desto mehr Stärcke bekäme / dass sie aus Erfindung der Königin Antianira die
erwachsenen Männer lähmeten / wormit sie zum Kriege ungeschickt / zur Geilheit
desto fähiger würden; Allein es würde mich mein erster Augenschein in ihrem
Reiche ein anders bereden / indem ich darinnen viel wohlgestalte Knaben / die
biss ins siebende Jahr sorgfältig aufferzogen / und so denn ihren Vätern
heimgeschickt würden / die Amazonen meistenteils zweibrüstig / viel vollkommene
Männer /welche nur nicht Waffen tragen / und die Reichs-Aemter bedienen dörfften
/ sondern der häusslichen Wirtschaft / der Kinderzucht / und anderer sonst den
Weibern obliegende Geschäffte abwarten müsten / antreffen würde.
    Flavius brach ein: Ich erinnere mich / dass ich derogleichen verkehrte
Lebens-Art auch in der Numidischen Stadt Tesset angetroffen / wo nur die Weiber
den freien Künsten obliegen. Ja / sagte Rhemetalces: In Egypten ist es voriger
Zeit üblich gewest / dass die Männer gesponnen / genehet und gewürcket / die
Weiber aber männliche Geschäffte verrichtet haben. Nicht anders liegen auch die
Gelones in Meden der Uppigkeit ob / schmincken und balsamen sich ein; ihre
Weiber aber verrichten alles wichtige. Ich will nicht zweiffeln / sagte Zeno /
dass weil die Amazonen lange Meden beherrschet / die Gewonheit von ihnen den
Ursprung habe. Ubrigens ermunterte ich Pentasileen nicht nur durch mein
fleissiges Auffmercken in ihrer annehmlichen Erzehlung fort zu fahren / sondern
ich ersuchte sie auch beweglichst / mir den wahrhaften Ursprung ihres Reiches
nicht zu verschweigen /nach dem ins gemein so unterschieden hiervon geredet
würde. Pentasileens Willfährigkeit überwog mein Verlangen / also fing sie
hierauff gegen mir an: Unser erster und warhafter Ursprung rühret von der
Fürstin Vandala her / des Deutschen Königs Alemans Tochter / welcher zu seiner
Leibwache / oder vielmehr zum Zeichen seiner über Menschen und Tiere habender
Herrschaft stets einen Löwen an der Hand führte. Als dieser starb / teilten
seine drei Söhne / Norich /Hunnus und Bojus die väterlichen Reiche vom
Boristenes biss an Rhein alleine unter sich; Welches ihre mehr als männliche
Schwester Vandala / welche am allerersten unter den Menschen zu Pferde gestiegen
/und so wohl das Reiten / als Kämpffen zu Pferde erfunden hat / nicht
verschmertzen konnte / sondern als ihre Brüder ihr ein gewisses Erbteil
abzutreten weigerten / ein grosses Heer von allerhand Weibern versammlete / und
zwischen denen Brunnen der Weichsel und des Guttalus mit dem Bojus eine Schlacht
wagte / selbten auch aus dem Felde schlug. Dieser Sieg verursachte / dass aus
allen Enden des deutschen Reichs eine unzehlbare Menge Weiber / welche entweder
der männlichen Herrschaft überdrüssig waren /oder durch die Waffen Ehre
einzulegen getraueten /der Fürstin Vandala zulieff. Diese Macht / oder
vielleicht auch die Abscheu für grösserm Blutvergiessen brachte zu wege / dass
die drei Brüder ihrer Schwester Vandala den Strich zwischen der Weichsel und dem
Guttalus einräumten. Es verliebte sich aber in diese tapffere Vandala des Bojus
Sohn / Tanausis / welchen sein Vater zum Könige der damahls um die Meotische
Pfütze wohnenden Goten gemacht hatte. Diesen tapffern Held vergnügte zwar die
Königin Vandala /iedoch war sie nicht zu bewegen / dass sie ihn als ihren Ehherrn
bei sich behalten / und die Herrschaft über ihr männliches Frauenzimmer
mitgeteilet hätte; sondern er musste darmit vorlieb nehmen / dass sie ihm alle
Jahr einen Monat bei ihr zu bleiben erlaubte / die Söhne / die sie gebahr / ihm
folgen liess / die Töchter aber für sich behielt. Eben zu selbiger Zeit
bemeisterte sich fast ganz Asiens der Egyptische König Vexores / Sesostres /
oder Setos. Nachdem dieser das Reich der Assyrier unter dem Könige Sosarin / und
der Sycioner unter dem Imachus ihm zinssbar gemacht /schickte er an den Tanausis
einen Herold mit Befehl /dass er sich seiner Herrschaft gleichfals unterwerffen
sollte. Dieser Deutsche König der Goten liess dem Vexores zur Antwort wissen: Es
wäre grosse Torheit / dass eines so reichen Volckes König durch Krieg bei denen
etwas suchen wollte / die die Sebel für ihr gröstes Reichtum hielten / also
alldar zwar keine Beute /wohl aber Verlust und ein zweiffelbarer
Kriegs-Ausschlag zu besorgen wäre. Nach dem ihn aber ja so gelüstete / mit den
Goten anzubinden / wollten sie selber ehestens bei ihm sein. Weil nun Tanausis
der Königin Vandala Ehrsucht wohl wusste / machte er alles diss ihr eilfertig zu
wissen / welche mit ihrem Weiblichen Heere sich nicht säumete den Goten zu
Hülffe zu kommen. Die grossen Ströme des Boristenes / des Pantycapes / des
Pacyris / und Gerrhus / und der Cimmerische Bosphorus / waren ihrer
Ruhms-Begierde allzu geringe Hindernisse in Asien zu dringen. Tanausis / welcher
mit einem starcken Heere über die Flüsse Tanais / Marabius / Rhambites / Psöpis
/ und Varadan gesetzt / und solche unter dem Coraxischen Gebürge stehen hatte /
kam ihr biss in die Stadt Apaturus mit den fürnehmsten seiner Gotischen Fürsten
entgegen; baute auch hernach wegen ihrer daselbst genossene Vergnügung der Liebe
einen prächtigen Tempel. Hierauff zohen sie mit einander an der Nord-Seite des
Caucasischen Gebürges / und kamen in Iberien /bei der Stadt Harmastis gegen der
Egyptier Vortrab zu stehen. Die Fürstin Vandala bat ihr gegen diesem wollüstigen
Feinde allein zu fechten aus. Der unversehene Anblick eitel gerüsteter / und so
männlich anfallender Weiber jagte denen Egyptiern alsbald ein grausames
Schrecken ein. Denn / weil sie nicht glaubten /dass dieses schwache Geschlechte
solcher Tapfferkeit fähig wäre / sahen sie sie für Gespenster an. Weil nun in
Schlachten das Auge am ersten überwunden wird /dieses aber so denn dem Hertzen
leicht den Mut benimmt / schlug Vandala nach weniger Stunden Gefechte den Feind
aus dem Felde; welches in das grosse Königliche Heer nicht einen geringen
Schrecken vorher jagte. Dieses traffen die Deutschen in Colchis an dem Flusse
Hippus an. Beide Heere wurden des Nachts in Schlacht-Ordnung gestellet / wormit
sie bald / wenn es begunte zu tagen / mit einander anbinden könten. Vandala
führte den rechten / Tanausis den lincken Flügel. Die auffgehende Sonne warff
durch ihren Widerschein von der Egyptier güldenen Waffen / goldgestückten
Kleidern / und Pferde-Decken denen Deutschen und Goten einen solchen
Widerschein in die Augen / dass sie bei nahe verbländet /und daher so wohl Vadala
als Tanausis die Stirne ihrer Schlacht-Ordnung etwas seitwerts zu lencken
genötigt wurden. Beide Heerführer nahmen daher Anlass ihr Volck auffzufrischen;
Vexores: dass der Feind nicht einst den Glantz ihrer Waffen vertragen könnte;
Vandala und Tanausis aber / dass sie mit keinen abgehärteten Kriegs-Leuten zu
fechten / sondern nur auffgeputzte Tocken / und eingebiesamte Weiber zu erlegen
haben würden. Alleine den Egyptiern schauerte für Schrecken schon die Haut / als
sie die deutschen Amazonen auff eitel schwartzen Pferden /und mit schwartzen
Schilden gerüstet / die Goten aber auff weissen Pferden mit Kohlen-berähmten
Gesichtern und Armen wie der Blitz andringen sahen. Es ist freilich wohl
ratsamer / fing Rhemetalces an / mit starcker als prächtiger Rüstung versehen
sein. Denn das Eisen / nicht das Gold ist von der Natur zu Waffen gezeuget. Und
die Federn dienen wohl den Vögeln zur Flucht / aber nicht den Kriegsleuten zum
Gefechte. Es wäre wahr / sagte Hertzog Herrmann / und wüsten die Deutschen
insonderheit nicht viel von dieser den Feind nur zum Raube reitzenden / und an
sich seilbst beschwer- und hinderlichen Eitelkeit. Gleichwohl aber wäre die
Auffputzung der Kriegs-Leute nicht schlechterdings zu verwerffen; und hätten die
zwei grossen Helden Philopömen und Käyser Julius die ihrigen prächtig
ausgerüstet. Der köstliche Granat-Aepffel-Safft steckte in schönen / die
Diamanten in hesslichen Schalen / und ein Helden-Hertze täte in beiden Wunder.
Zeno meldete / diesesmahl in dem schlechtesten Auffzuge. Uberdiss ereignete sich
/ dass /als die Schlacht nur angegangen war / Vexores von dem obersten Priester
aus Memphis die traurige Zeitung bekam / dass des Königs Bruder und
hinterlassener Stadtalter die Königin verächtlich hielte / mit des Königs
Buhlschaften sich befleckte / und die Herrschaft an sich zu reissen trachtete.
Dieses Unglück verwirrte den Vexores derogestalt / dass er seinen Kriegs-Obersten
ganz widrige Befehl erteilte / und also sein eigenes Heer in Unordnung
brachte. Hingegen fiel auff einer Seite Tanausis / auff der andern Vandala die
Egyptier wie Löwen an / an denen sie aber mehr zu schlachten / als mit ihnen zu
kämpffen hatten. Alles was sich nicht an das Taurische Gebürge / oder die Nacht
versteckte / kam durch die Schärffe des Schwerdtes um. Der König kam mit Not
auff den Fluss Phasis / und auff selbtem über das Euxinische Meer / in den Fluss
Halys / daselbst stieg er aus /ging zu Lande durch Galatien / und Lycaonien /
biss an den Fluss Cydnus / auff dem er in das Cilicische Meer schiffte / und bei
Cypern vorbei gleichsam ohne Umschauen in Egypten ankam. Polemon fing an: Es ist
diss ein merckwürdig Beispiel / dass ein Feldherr mit einem unbekandten Feinde
nicht leicht schlagen / auch nicht alles an die Spitze einer einigen Schlacht
setzen solle. Ja / sagte Hertzog Hermann /auch / dass ein Heerführer nicht allein
ein grosses Hertze / sondern auch in der grösten Verwirrung einer Schlacht einen
auffgeräumten Kopff haben müsse; welcher alle böse Zeitungen verdäuen und
verhölen /ja Zufälle und das / Unglück selbst zu seinem Vorteil gebrauchen
könne. Also munterte der hertzhafte Brennus seine bei währender Schlacht von
einem Erdbeben erschreckende Deutschen auff: Sie sollten nur tapffer ansetzen.
Denn wie sollte der Feind gegen denen stehen / für welchen die Erde zitterte. Und
der grossmütige Marcomir hielt einsmahls sein Heer /von welchem etliche
Geschwader durchgingen / mit diesen wenigen Worten in gutem Stande: Es ist gut
/dass sich die Weiber bei zeite von den Männern absondern. Hertzog Jubil setzte
bei / dass Ariovist zu der dem Käyser Julius gelieferten Schlacht einem ihm die
Zeitung bringenden Kriegsknechte / dass seine Gemahlin getödtet wäre /
unverändert geantwortet habe: du wirst mein Kebs-Weib meinen. Denn ich weiss von
keiner andern Gemahlin / als meinem Reiche; diss aber bestehet nicht in Berg und
Tälern / sondern in denen hier hertzhaft fechtenden Seelen. Zeno fing an: Also
hätte ihm Vexores auch helffen / und mit seinem Glücke nicht alsbald gar die
Vernunft verlieren sollen. Der Königin Vandala / und dem Tanausis hingegen
wuchs mit dem Glücke die Klugheit / allen Deutschen aber durch diesen so
leichten Sieg der Mut /und durch die reiche Beute die Begierde mehr zu
erlangen. Dahero bemächtigte sich Vandala der zwischen dem Taurischen / und
Moschischem Gebürge /wie auch dem Euxinischen Meere gelegener Länder /besetzte
die Stadt Phasis / Sebastopolis an dem Flusse Acinasis / die Stadt Absyrtus an
dem Flusse Absarus / Baute Xylina zwischen dem Flusse Pyxites / und Pritanus /
besetzte die Flüsse Adienus / Ophis / Nyssus / und Melantius / ja brachte biss
an den Fluss Halys die ganze See-Küste unter ihr Gebiete; zwischen die Ströme
Iris / und Termodon aber baute sie ans Meer zu ihrem Königlichen Sitze die
Stadt Temiscyra. Tanausis aber teilte sein Heer in zwei Teil / mit einem
drang sein Bruder Partes über den Caucasus in Hircanien / und durch die
Caspischen Pforten in Meden / welchem sich des Vexores Unter-König Sorim
gutwillig unterwarff. Dieser richtete daselbst von seinem Nahmen das berühmte
Volck und Herrschaft der Parten und Bactrianer auff. Das andere Teil führte
Tanausis in Cappadocien und Lycaonien / daselbst liessen die Goten ihre Weiber
/ Kinder und Alten unter dem Schirm der beiden Fürsten Ylinos und Scolopitus
zurücke / überschwemmeten nicht nur das kleinere Asien / sondern auch Syrien /
Mesopotämien und Assyrien; Sie wären auch biss in Egypten gedrungen / wenn sie
die Pfützen von dem überlauffenden Nil nicht zurücke gehalten hätten. Tanausis
baute in Syrien Hierapolis uñ Betsan / und die Liebligkeit selbiger Länder
verursachte / dass die Goten nicht nur ihres kalten Vaterlandes / sondern auch
der ihrige in Cappadocien vergassen; Ungeachtet sie ihre verlassenen Frauen
beweglich zurück rufften /und aus den Nachbarn andere Männer zu erkiesen
dräueten. Die Königin Vandala führte inzwischen mit den Sacken / einem
Scytischen Volcke Krieg / überwältigte sie / und drang ihnen zur Königin ihre
Base /die schöne und streitbare Zarina auff / welche hernach die Meden / und
andere rauhe Völcker demütigte /selbten mildere Sitten angewöhnete / und
unterschiedene Städte bauete / also auch unter den Scyten die
Frauen-Herrschaft / unter den Amazonen aber die Tugend und Tapfferkeit durch
dieses Gesetze befestigte / dass keine / die nicht drei Feinde erlegt / und zwar
nur alsdeñ / weñ sie vorher ihren Gottesdienst verrichtet / mit einem Manne
Gemeinschaft haben dorffte. Wesswegen sie nach ihrem Tode vergöttert /und mit
Auffrichtung einer Himmel-hohen steinernen Säule verehret ward. Als Vandala mit
den Sacken kaum fertig ward / bei diesem Kriege aber sie fast alle ihre Macht
aus dem kleinern Asien zurück gegen Norden gezogen / und zu Ampsalis ihren Sitz
erkieset hatte / kriegte sie von denen in Cappadocien gelassenen Gotischen
Frauen Nachricht: Nachdem die benachbarten Pamphilier / Paphlagonier und
Armenier /die Gotischen Weiber in Cappadocien aller Mannschaft entblösset /
und von ihren Männern ganz verlassen gesehen / wären sie mit gesamter Hand bei
ihnen eingefallen / hätten auch beide Fürsten Ylinos und Scolopitus erlegt /
also wäre es um sie geschehen / da sie ihnen nicht schleunige Hülffe leistete.
Vandala machte sich unverrücktes Fusses mit einem Teile ihrer streitbaren
Weiber auff / über das Euxinische Meer / stieg zu Temiscyra aus / und traff die
Gotischen Frauen an dem Flusse Iris in einem hitzigen Gefechte mit ihren
Feinden an. Ihre schneidenden Schwerdter gaben dem zweiffelhaftem Siege bald
einen Ausschlag; Die Feinde wurden meistenteils nieder gehauen / und hierdurch
daselbst ein neues Weiber-Reich auffgerichtet. Vandala baute auff der Wallstatt
eine Stadt / und nennte sie zum Gedächtnisse / dass bei währender Schlacht sich
ihr die Haarlocken auffgeflochten / sie aber solche biss zum Ende fliegende
gelassen hatte / nach angenommener Griechischen Redens-Art Komana. In dieser
Stadt richtete sie von eitel rotem aus dem Taurischen Gebürge gehauenem Marmel
der Kriegs-Göttin unter dem Nahmen der Taurischen Diana einen prächtigen Tempel
auff / ordnete hundert Priesterinnen dahin / darunter die Oberste nach der
Königin die höchste Gewalt im Reiche hatte; Sechs tausend Gefangene machte sie
zu Opffer-Knechten / welche aber auff gewisse Feier einander selbst auffreiben
mussten. Die Griechen und alle andere Völcker verehreten hernach dieses
Heiligtum für allen andern / und Agamemnon wiedmete darein das Opffer-Messer /
wormit seine Tochter Iphigenia abgeschlachtet worden war. Weil auch einige bei
ihnen nachbliebene Männer nicht mit in die Schlacht kommen waren / tödteten die
Gotischen Weiber sie vollends / und nahmen hiervon den Nahmen der Amazonen und
die erstern Gesetze der Vandala an; welche ihnen die zwei tapffersten Frauen
Marpesia und Lampeto zu Königinnen fürsetzte / die ihnen ihre rechten Brüste den
Bogen desto besser zu gebrauchen weggebrennet hatten / und sich des
Krieges-Gottes und der Diane Töchter nannten / die erste auch einem Teile des
Caucasischen Gebürges / aus dem die Flüsse Corax und Astelephus entspringen
/ihren Nahmen zugeeignet hatte / weil sie die daselbst einbrechenden Scyten so
hertzhaft zurück geschlagen. Vandala selbst aber kehrte wieder in ihr
Nordliches Reich / alldar sie nach vielen Siegen endlich starb / von den ihrigen
aber für eine Göttin und Fürbild der Tapfferkeit in unerleschlichem Gedächtnisse
behalten ward. Lampeto und Marpesia aber übten ihr Frauenzimmer an statt des
verächtlichen Spinnens in Ritter-Spielen / teilten sich in zwei Heere ab;
Marpesia bemächtigte sich Armeniens / und nennte denselbigen ganzen Strich des
Caucasus nach ihrem Nahmen das Marpesische Gebürge / wiewohl sie hernach bei
einem Einfall der Assyrer durch einen Pfeil tödtlich verwundet ward / iedoch
erst nach erlangtem Siege ihren Helden-Geist auffgab. Dieser ihre Tochter
Gorgonia verfolgte ihre Siege / fuhr auf dem Tigris über das Persische / und
nach Erlegung der Araber über das rote Meer / allwo sie dem Egyptischen Könige
Horus der Isis Sohne ihre Tochter Myrina auff eine gewisse Zeit vermählte / und
ein Bündnis auffrichtete. Von dar zohe sie durch die Cyrenische Wüsten in
Numidien / baute zu dem Tritonischen See eine Stadt / und unterwarff ihr teils
durch Tapfferkeit / teils durch Schrecken / indem die von ihr so genannten
Gorgones ihre Schilde und Waffen mit Schlangen behingen / viel Völcker; Ward
aber endlich durch Arglist vom Perseus erlegt. Nach ihr masste sich der
Herrschaft die Königin Myrina an / schlug die Einwohner in Cercene / worauff
sich die andern Atlantischen Völcker ihr gutwillig untergaben. Von dar drang sie
wieder in Arabien / bemächtigte sich der Syrer durchs Schwerdt / der Cilicier
durch Schrecken /baute die Städte Cyme / Pitame / Priene und Mitilene. Blieb
endlich in der Schlacht mit den Tracischen Königen Sipylus und Mopsus; Nach
welcher Tode diese Amazonen wieder in Lybien zurück kehrten. Lampeto eroberte
inzwischen auff der andern Seite Galatien / Pisidien / Cilicien / und ein Teil
Syriens /baute die Stadt Smyrna / Cuma / Myrina / Paphus /Ephesus / und der
Diane Wunder-Tempel; Ja endlich drang sie biss in Tracien. Vandalens
Nachfolgerinnen aber machten ihnen auff der Nord-Seite des Euxinischen Meeres
biss an den Einfluss der Tanais alle Völcker dienstbar. Marpesien folgte ihre
Tochter Oritia /welche ewige Jungfrauschaft gelobte / und die Stadt Sinope
baute; der Lampeto ihre Tochter Antiope /welche zwei mit ihren Taten die Welt
also erfülleten / dass es eine Amazone zu überwinden so unmöglich /als den Himmel
mit den Fingern zu erreichen gehalten ward. Wie denn deshalben Bacchus in dem
Tempel zu Samos etlicher von ihm erlegter Amazonen Gebeine als ein grosses
Wunderwerck aufhenckte. Daher als Hercules in Griechenland nach unterschiedenen
grossen Verrichtungen / und insonderheit / dass er das goldene Fell aus Colchis
geholt / und den an dem Caucasus angeschmiedete Prometeus lossgemacht hatte /
sich beim Könige noch grösserer Streiche vermass / legte dieser ihm auf / einer
Amazonischen Königin Gürtel zu bringen. Hercules nahm dieses auf sich / und die
Gelegenheit in Acht / als Oritia mit den meisten Amazonen über den Phrat
gesetzt war /zohe den Kern des Griechischen Adels / unter denen Teseus / Enneus
/ Toas / Sokoan / Artolicus / Demeleon / Phlogius die fürnehmsten waren / an
sich /segelte mit neun langen Schiffen durch die Tracische Meer-Enge über das
Euxinische Meer in den Fluss Termodon / schlug also des Nachts unvermutet bei
der Stadt Temiscyra ein Läger auf. Des Morgens schickte Antiope zu den Griechen
/ sie für Freunde haltende / welche nach Gewohnheit ihrer Landes-Art ihrer Liebe
zu genüssen dahin kommen wären / allerhand Erfrischungen sie zu bewillkommen.
Hercules und Teseus nahmen selbte an / luden die Amazonen mit allerhand
Liebes-Bezeugung auf ihre Schiffe /wordurch sich der Königin Schwester Hippolyte
nebst etlichen andern blenden / und also vom Teseus / der sich Augenblicks in
sie heftig verliebte / fangen liess. Hierauf forderte Hercules noch den Gürtel
der Königin / oder er wäre entschlossen solchen mit Gewalt zu nehmen. Die
Amazonen / wie wenig ihrer gleich einheimisch waren / wollten ehe rühmlich
sterben / als ihrem Ruhme durch Zagheit einigen Schandfleck anbrennen / oder
auch nur sich in die Mauren zu Temiscyra einsperren lassen. Daher fielen sie
auf die in voller Schlacht-Ordnung stehenden Griechen aus /nach dem sie vorher
geloset / wie sie hintereinander auf den grossmütigen Hercules treffen sollten.
Die Griechen aber überfiel eine solche Furcht / dass Hercules dem Schrecken als
eine Gotte opfern musste. Ismene fing hierüber an zu lächeln / und zu melden: Die
Schwachheit unsers allzuviel redenden Krancken veranlassete mich die Torheit
der sonst so klugen Griechen zu verlachen / dass sie diss für Gotteiten verehren
/ was wir Deutschen für Schwachheiten / oder gar für Laster haben. Dergleichen
allerdings die von dem schrecklichen Hercules angebetene Furcht ist. Ja /sagte
Rhemetalces / und zu Aten stehen noch zwei Tempel / derer einer der Verachtung
/ der andere der Unschamhaftigkeit gewiedmet ist. Tussnelde fragte
halb-entrüstet hierüber: Heist diss aber nicht unverschämt sein? und ist es nicht
eine offenbare Gottes-Verachtung / wenn man durch eine so lächerliche Andacht
nur des Himmels spottet? Rhemetalces als ein Griechischer Nachbar rötete sich
ein wenig über diesem Eifer. Wormit er nun nicht für einen / der an diesem
Aberglauben Teil hätte / angesehen haben möchte / hob er an: Er wüntschte / dass
die Atenienser ehe / als sie so verdamliche Tempel gebaut / mit den Eleaten den
weisen Xenophanes zu Rate gefragt hätten; welcher auf ihre Befragung: Ob sie
länger der Morgenröte mit Heulen und Wehklagen opfern sollten? ihnen vernünftig
antwortete: Wenn sie die Morgen-Röte für eine Göttin hielten / wären die
Tränen nichts nütze; wäre sie aber eine Verstorbene / so verdiente sie kein
Opfer. Ismene fragte: Was richtete Hercules aber mit seinem furchtsamen Opfer
aus? Zeno sagte: Mit seinen von der Medea empfangenen Zaubereien / welche ihn
unverwundlich machten /sonder Zweifel mehr / als mit seinem törichten
Gottes-Dienste. Wiewohl ich darfür halte / dass der gewüntschte Ausschlag weder
eine falsche Andacht rechtfertige / noch ein widriger den rechtmässigen
verwerfflich mache. Denn die gerechten Götter haben mehrmals so viel Ursache uns
/ als die Eltern ihren Kindern ihre Bitten zu versagen; denen Bösen aber ihre
sie ins Verderben leitende Wüntsche zu gewehren. Ismene versetzte: Kriegte denn
aber Hercules keine Wunde? Zeno antwortete / aus Pentafileens Berichte: Keine /
aber wohl viel heftige Streiche /deren aber keiner durchdrang. Rhemetalces brach
ein: Ich traue gleichwohl dem Hercules nicht zu / dass seine Festigkeit von
Colchischen Künsten hergerührt haben solle / weil die Gemsen- und Siegwurz / die
in dem Hertzen der Gemsen gefundene Kugel / und etliche andere natürliche
Kräuter einen für allen Wunden versichern sollen. So müssen / sagte Jubil / die
für Troja verwundete Venus / und andere Götter schlechte Kräuter-Verständige /
und ohnmächtiger als die Zauberin Medea gewesen sein / dass sie sich auch nicht
unverwundlich haben machen / und Jupiter selbst seinen Sarpedon nicht erretten
können. Zeno antwortete: Dem sei / wie ihm wolle / so blieb er doch fast alleine
nur unversehret. Denn Antiopens Schwester Malpadia traff auf den Teseus /
welcher der Griechen lincken Flügel führte / verwundete ihn auch zwar an dreien
Orten / sie ward aber von der Menge der Griechen umringet und gefangen; Aella
traff auf den Hercules / von welchem sie aber verwundet / und aus dem Treffen zu
weichen genötiget ward. Dieser folgte die tapfere Philippis / welche Hercules
bald im ersten Anbinden erlegte. Nach diesem griffen ihn Protoe / welche auf
einmal hinter einander sieben Helden überwunden hatte / Euribea / Celeno /
Eurybia / Phobe / welche sonst mit ihren Pfeilen auf ein Haar traffen / ferner
Deianira / Asterie / Marpe / Tecmessa / Auge / und die zu ewiger Jungfrauschaft
verlobte Alcippe an. Alle diese wurden entweder vom Hercules verwundet oder
erschlagen / also / dass sie alle darfür hielten / es müsse mit Kräutern zugehen
/oder er kein verwundlicher Mensch sein. Endlich wollte Antiopens andere
Schwester Manalippe ihr letztes Heil an ihm versuchen / verwundete ihn auch an
die Hüffte; sie fiel aber endlich auch in seine Hände / also / dass die Königin
Antiope sich mit den übrigen Amazonen in Temiscyra flüchten / und /wollte sie
anders ihre Schwester Menalippe los haben / sie mit ihrem Gürtel bei dem
Hercules auswechseln musste / welcher denn nach erlangte Siegs-Zeichen mit seinen
grösten teils auch verwundeten Griechen nach Hause kehrte / unterwegens aber
gleichwohl durch eine Krieges-List sich der Stadt Sinope bemächtigte /und
daselbst den Artolycus zum Fürsten einsetzte /dessen Schiff an einer
Steinklippen zerbrochen ward. Die andere Schwester Hippolyte aber / wegen
welcher sich Soloon aus verzweifelter Liebe in den Fluss Termodon stürtzte / war
durch kein Mittel zu befreien /sondern sie ward dem Teseus / die wunderschöne
Auge auch dem Hercules selbst vermählet. Als Orytia diesen Raub und
schimpfliche Niederlage vernahm / munterte sie ihre Amazonen zur Rache auf /
ihnen vorhaltende / wie vergebens sie sich des Pontus und Asiens bemächtiget
hätten / da die Griechen aus ihrem Hertzen einen solchen Raub zu holen sich
unterwinden möchten. Sie ersuchte auch der Königin Vandala Tochter Hipsierate /
und den Gotischen König der Parten Sagil des Partes Sohn umb Hülffe / jene
versprach ihr in kurtzer Zeit / so bald sie nur aus ihrem Scytischen Kriege
zurück kommen würde / 20000. auserlesene Amazonen zuzuschicken; alleine weil
König Sagils Sohn Panasagor mit 40000. Pferden zur Orytia stiess / wollte sie
Hipsicratens Hülffe nicht erwarten / sondern zohe geraden Weges in Phrygien /
und weil Priamus ihr den Durchzug verwehrte /schlug sie sein Heer aus de Felde /
worüber aber ihre Tochter Myrnita todt blieb. Hierauf setzte sie über den
Hellespont / und drang von dar biss in Peloponnesus. Gantz Griechenland hatte
daselbst unter der Haupt-Fahne der Atenienser seine Kräffte versammelt / als es
aber zum Treffen kam / geriet Orytia mit dem Fürsten Panasagor wegen des
Vorzugs in Zwist /und zohe dieser sich in sein Läger zurücke. Dessen ungeachtet
/ band Orytia und ihre Amazonen mit den Griechen tapffer an / und blieb der
Sieg einen halben Tag zweifelhaft / biss dass Orytia nach eigenhändiger
Aufopfferung vieler Feinde / und insonderheit Hippolytens / welche für ihren
Ehherren Teseus der Griechen Feldherrn an der Spitze wider ihre Schwestern am
verzweiffeltesten fochte / tödtlich verwundet ward. Ob sich nun wohl hierauf das
Glück wendete; brachten doch die hertzhaftesten Amazonen ihre Königin aus dem
Gedränge der Feinde / und zohen sich zurück-weichende in Panasagors Läger /
darinnen Orytia mit Vergnügung / weil sie Hippolyten erlegt hatte / nach
Vermahnung der Amazonen zur Tapfferkeit / und Benennung ihrer Tochter
Pentasilea zum Reiche dieses Leben gesegnete. Die abgematteten Griechen wollten
sich nicht wagen das Läger anzutasten / sondern liessen den Feind ohne einige
Verfolgung wieder über den Hellespont in Asien setzen /und bauten zum ewigen
Gedächtnis auff den Siegs-Platz die Stadt Amazonia. Pentasilea verliebte sich
im Rückwege in den König der Mysier Telephus / des Hercules und der Auge Sohn /
und behielt ihn etliche Monat bei sich. Welche Liebe denen Amazonen aus Rachgier
gegen dem Hercules höchst verdächtig und also vedriesslich war / ungeachtet
Telephus ihnen beim Ubersetzen allen Vorschub getan / hingegen den Griechen /
als sie zur Belägerung der Stadt Troja zohen / sich entgegen gesetzt / den
Fürsten Timander getödtet / und / als er dem flüchtigen Ajax und Ulysses
nachrennende mit dem Pferde stürtzte / von den Pfeilen des Achilles eine
tödtliche Wunde bekommen hatte / die auch anders nicht / als mit Verbindung des
verwundenden Eisens / zu heilen war. Dieser Liebes-Zwist kam endlich so weit /
dass Pentasilea Monotapen / als sie ihr allzu heftig einredete / durchstach
/und hierdurch das Amazonische Reich in offentlichen Aufstand wider sich
versetzte / also / dass sie mit einem Teile der ihr wohlwollenden Amazonen sich
in Mysien flüchten musste. Wie nun Troja von den Griechen aufs ärgste bedränget /
Hector auch schon vom Achilles erlegt war / meinte Pentasilea sich so wohl an
den Griechen zu rächen / als einen unsterblichen Nahmen zu erwerben; Zohe also
den Trojanern zu Hülffe / erlegte daselbst etliche tausend Griechen /das
unveränderliche Verhängnis aber schickte es /dass sie nur auch von dem Schwerdte
des grimmigen Achilles fallen musste. Unterdessen wurden die Amazonen in
Cappadocien wegen der Herrschaft uneins /die benachbarten Völcker hingegen
fielen von ihnen ab / und machten wider sie / als welche gleichsam zu ewiger
Schande der Männer sie so lange mit Füssen getreten hatten / starcke Bündnisse;
also / dass sie sich endlich entschlossen selbige Länder zu verlassen; zohen
daher durch Colchis zu ihren Schwestern / die unter den Nachkommen der Königin
Vandala zwischen dem schwartzen und Caspischen Meere noch über viel Völcker
herrschen. Unter der Reihe dieser Königinnen war auch die hertzhafte Tamyris /
welche dem Scytischen Könige Madyes / mit dem sie einen Sohn Rhodobates
gezeuget hatte / wider den Cyrus zu Hülffe kam. Denn nachdem dieser Asien und
alle Morgenländer überwältiget hatte / stach ihn auch der Kützel der Scyten
Meister zu werden. Madyes schickte seinen Sohn Rhodobates mit einem ansehnlichen
Heere an den Fluss Araxes den Persen die Uberkunft zu verwehren; Tamyris aber
riet / den Feind unverhindert überzulassen / und selbten zwischen die Engen des
Taurischen Gebürges zu locken. Rhadabates folgte im ersten / als aber Cyrus nach
zweien Tagereisen aus angenommener Furcht sein mit Wein und köstlichen Speisen
angefülletes Lager verliess / bemächtigte sich dieser junge hitzige Fürst
desselbten / darinnen sein ganzes Heer in Wein und Schlaff alle Tapfferkeit
vergrub / des Nachts von den Persen überfallen / und biss auff den letzten Mann
nieder gemetzget ward. Die Königin Tamyris suchte den Trost über den Verlust
ihres einigen Sohnes nicht in weibischen Tränen / sondern in Rache; wiech daher
mit ihrem Heere biss über den Fluss / welcher nicht weit von dem Caspischen Meere
in Araxes fällt / und von des Cyrus erfolgter Niederlage hernach seinen Nahmen
bekommen. Die übermütigen Persen nahmen ihnen für nicht zu ruhen / biss sie ihr
Reich biss an den Jaxartes oder Tanais erstreckt hätten / setzten also
unbedachtsam über den Fluss Cyrus / allwo die Königin Tamyris mit ihren Amazonen
sie aus allen Ecken des Gebürges überfiel / und zweimahl hundert tausend Persen
niedersebelte / also / dass nicht einer darvon kam / der die Nachricht von dieser
Niederlage in Persen zu bringen vermocht hätte. Cyrus selbst ward gefangen / und
an ein Creutz genagelt / hernach ihm der Kopff abgeschlagen / welches Tamyris in
einen Kessel voll Blutes warf / mit den Worten: Sättige nun allhier du
unersättlicher Wüterich deinen Blutdurst. König Amorges / welcher mit seinen
Sacken den Persen zu spät Hülffe leisten wollte / ward gleichfals aufs Haupt
geschlagen / dass er mit Not entran. Wie nun derogestalt die Amazonen mit ihrem
Ruhm und Taten die ganze Welt / mit ihrem Geblüte die grösten Reichs-Stüle
erfülleten / dass sie nicht leicht von Feinden mehr angetastet wurden / sondern
auch andere Völcker sie zu ihrer Herrschaft erkieseten; massen denn die Königin
Semiramis in Assyrien / Cleosis in Indien des Amazonischen Uhrsprungs sind; Also
haben unsere Königinnen genau beobachtet / dass sie keinen / der nicht ein König
/ oder aus Königlichem Geblüte ist / ihrer Liebe'genüssen lassen / wormit kein
unedles Blut auff den Amazonischen Stul komme. Nach der Zeit trug sichs zu / dass
die Königin Talestris auff bewegliches Flehen des Persischen Königs Arses /
dessen Vater Artaxerxes Ochus von seinem verschnittenen Bagoas ermordet / sein
Fleisch den Mäusen zu fressen gegeben / die Beine zu Degen und Messergriffen
verbrauchet worden waren / wider diesen Fürsten-Mörder und den auffgeworffenen
König Darius Codomann / selbtem tausend Amazonen zu Hülffe schickte. Diese
führte des Gotischen Königs Sitalces hertzhafte Tochter Syeda / welche aus
Begierde der Tugend zu den Amazonen kommen war. Alldieweil aber die furchtsamen
oder meineidischen Persen den Arses und die Amazonen im Stiche liessen / wurden
sie von den Feinden umringt; Bagoas / und die fast tödtlich verwundete Fürstin
Syeda mit noch hundert Amazonen vom Medischen Unter-Könige Atropates gefangen /
von diesem aber kurtz hernach dem den Darius überwindenden grossen Alexander
verehret. Dieser grossmütige Fürst nahm sie mit grosser Höfligkeit an / und
versetzte sie noch selbigen Tag in die Freiheit; wiewohl sie selbst Lust hatten
eine Zeit unter seinen Fahnen zu kriegen. Weil nun die Macedonischen Fürsten sie
täglich bedienten / und über ihrer Tapfferkeit sich verwunderten / ward die
wieder genesene Fürstin Syeda mit einem Deutschen Fürsten Antyr bekandt /
dessen Vater noch über die Heruler herrschte / die Mutter aber aus dem
Königlichen Amazonischen Stamme herrührte / und mit der Königin Talestris
Geschwister Kind war. Dieser junge Fürst war mit der Deutschen Gesandschaft zum
Alexander kommen / welche zwischen ihm und dem Getischen Könige Syrmus
vermittelte / auch ihm unter Augen sagte / dass die Deutschen sich für nichts als
für Einfallung des Himmels fürchteten. Weil nun dieser junge Fürst Antyr grosse
Gewogenheit von Alexandern genossen / und unter einem so grossen Helden durch
tapffere Taten sich berühmt zu machen begierig war; zohe er mit drei hundert
deutschen Edelleuten ihm in Asien nach / und erlangte durch seine
Hertzhaftigkeit nicht mindern Ruhm / als des Königs Gewogenheit. Welcher denn
auch / als ihm Antyr sein Anliegen eröffnete / bei der Fürstin Syeda ihre
Gegen-Liebe / und endlich eine Heirat zwischen beiden Deutschen Fürstlichen
Personen zu wege brachte. Antyr aber ward bald nach dem Beilager von denen
Herulen und Varinen zur Herrschaft beruffen / weil seines Vatern Todt ihm diese
eröffnet hatte; welcher denn mit denen Amazonen nach genommenem Urlaub von
Alexandern unter einer Begleitung zwei tausend Macedonier biss an unsers Reiches
Gräntze / bei der Königin Talestris glücklich ankam / von dar aber mit seiner
Gemahlin Syeda durch Sarmatien und über das Venedische Meer in ihr Vaterland
verreisete. Ob nun diese zwei / fuhr Zeno fort / in Deutschland ankommen / wusste
mir Pentasilea nicht zu sagen; Ich sollte aber vielleicht allhier hiervon
einigen Grund erlangen. Es ist wahr / antwortete die Fürstin Tussnelda alsofort:
Denn dieser zwei Helden-Leute wird Deutschland nimmermehr vergessen; weil sie
nicht nur Stargard / und andere Städte gebauet / sondern durch ihre Taten
verdienet / dass die Heruler ihnen zwei steinerne Ehrenbilder aufgerichtet;
Welche noch als Anreitzungen zu rühmlicher Nachfolge von denen Deutschen in
hohen Ehren gehalten werden. Des Antyrs Bild ist in Riesen-Grösse / hat auff
dem Helme einen güldenen Greiff. Der Schild aber bildet halb einen Ochsen / halb
einen Pferde-Kopff ab / welchen ihm der grosse Alexander aus köstlichem Ertzte
etzen lassen / und zum Gedächtnis verehret / weil er den Marden das
abgenommene Pferd Bucephal wieder abgeschlagen. An dem Bilde der Königin Syeda
hencken die Haare biss an die Waden herab / beide Hände hält hinter dem Rücken /
in einer einen güldenen Apffel / in der andern grüne Wein-Reben mit Trauben.
Weil sie diese Früchte mit aus Asien gebracht / und zum ersten in Deutschland an
der Donau zu pflantzen gelehrt haben soll. Dahero sie von den Herulen fast als
eine Ceres verehret / und jährlich ihr geopffert wird. Diesen seinen Eltern
folgte ihr Sohn / Anar / nicht nur im Reiche / sondern auch in Tugenden nach;
welcher die Sarmatische Fürstin Oraja zur Ehe nahm / und mit ihr nicht geringere
Ehren-Säulen verdiente. Ja dieses Geblüte und Tugenden leben noch jetzt in dem
Helden-Stamme der Herulischen / Rugischen und Varinischen Hertzoge / welche noch
alle obigen Bucephals Kopff in ihren Schilden führen. Diese gute Nachricht /
sagte Zeno / bekräfftigt mir gewaltig Pentasileens ganze Erzehlung; welche
denn mir zugleich vermeldete / dass Alexander der Fürstin Syeda an die Königin
Talestris einen freundlichen Brieff überschickt / und sie zu sich beweglich
eingeladen hätte. Aus dieser Veranlassung wäre die Königin Talestris / welche
doch vorher seinen Feld-Obristen Sopyrion mit seinem ganzen Heere in Albanien
erschlagen hatte / mit drei hundert Amazonen dem grossen Alexander biss in
Hircanien nachgezogen / und dreizehen Tage / biss sie sich von ihm schwanger
befunden / bei ihm verharret. Von dieser Talestris wäre sie und ihre Schwester
die Königin Minotea des Iberischen Königs Pharnabazes Tochter noch übrig. Die
andern Amazonen pflegten meist im Frühlinge auf die Gräntzen ihres Reiches sich
zu verfügen / und alldar den Albanern / Iberiern /Gargarensern und Scyten
beizuwohnen. Die Amazonen hätten auch noch dem Mitridates wider den Lucullus
ansehnliche Hülffe geleistet unter seinem Feld-Hauptmanne Taxiles / und dem
grossen Pompejus nebst dem Iberischen Könige Artocus / und dem Albanischen
Orezes nicht geringen Abbruch getan.
    Die Fürstin Tussnelda fiel dem Zeno in die Rede: Ich höre wohl / es habe Zeno
sich so sehr in die Tugend der streitbaren Amazonen verliebet / dass sein
Gedächtnis nicht eines von den Geschichten ihrer Tapfferkeit ihm entfallen
lassen. Denn / ob schon Freundschaft und Liebe einander so gar nahe verwand
sind / dass selbte oft Geschwister abgeben /jene auch gegen dieser mehrmals
Mutterstelle vertrit; so sind sie doch / was das Andencken betrifft / einander
insgemein himmelweit entfernet / indem die Freundschaft ihre der Ewigkeit
würdige Wohltaten nur in leichten Staub / die Liebe aber ihre ungefährliche
Handlungen in den Marmel der Unvergessligkeit eingräbet. Aber / warum vergisset
Fürst Zeno den Uhrsprung seiner geliebten Erato auch denen Amazonen zuzurechnen
/ nachdem ihre gegen mich ausgeübte Taten schon ihr Geschlechte verraten hat.
Die Königin Erato färbte sich über diesem Lobe / und versetzte: Sie könnte nicht
leugnen / dass ihre Vor-Eltern von mütterlicher Seite ihren Stamm von Amazonen
herrechneten / und es wäre in Morgenland fast kein Fürstliches Haus / welches
nicht etliche Amazonische Schilde zwischen ihren Geschlechts-Kleinoden zeigete.
Aber sie würde durch das Andencken ihres Zweikampfs nicht allein ihrer
Unfähigkeit halber beschämt / also / dass sie entweder an so streitbarer Ankunft
zweiffeln / oder / ob sie nicht als eine Missgeburt ihres Ursprungs Tugenden
nicht geerbet hätte / sich über das Verhängnis beklagen müste / sondern würde
zugleich gezwungen in ihrem Hertzen der tugendhaften Tussnelda einen solchen
Siegs-Krantz aufzusetzen /dessen keine behertzte Tamyris würdig wäre; weil sie
mit ihren Waffen sich zwar ihrer Glieder bemächtiget / durch ihre gegen eine
überwundene Feindin aber gebrauchte Sanftmut sich zu der Gebieterin ihrer
durch euserliche Gewalt unzwingbaren Seele gemacht hätte. Diese ihre Tugenden
beglaubigten ihr mehr / als das Zeugnis der bewährtesten Geschichtschreiber /dass
die Amazonen aus deutschem Geblüte entsprossen. Denn in ihren Augen wäre
Tussnelda zwar nicht an Grausamkeit / wohl aber an Tapfferkeit die vollkommenste
Amazone. Tussnelda begegnete der Königin: Es hätten alle irrdische Dinge
zweierlei Farben / nachdem man selbte entweder gegen dem Schatten /oder ans
Licht stellte; alles menschliche Beginnen aber zweierlei Gesichter / also / dass
sie uns bald schön / bald ungestalt fürkämen / nachdem nehmlich entweder die
Klugheit / oder die Zuneigung der Menschen / oder auch wohl gar der blosse Zufall
eines für dem andern hervor zeigte. Diesem letztern alleine /nicht eigener
Geschickligkeit habe sie beizumessen /dass sie von einer so vollkommenen Königin
nicht wäre überwunden worden. Das Glücke habe die Gewohnheit / dass es dieselben
/ welche es ohne Schuld mit vielen Ubeln drücket / zuweilen mit Zuwerffung eines
unverdienten Obsieges von gäntzlicher Verzweiffelung zurück ziehe. Oder / dass
ihre Unglücks-Wolcke durch einen entgegen gesetzten Sonnenschein so viel mehr
scheinbar werde. Ja ein Lot des Glückes überwiege einen Zentner der
Geschickligkeit. Also wäre es eine Ubermass ihrer Gewogenheit / nicht ein
Verdienst eigener Wercke / dass man Tussnelden nur mit dem Titel einer Amazonin
würdigen wollte. Nein / nein / Durchlauchte Fürstin / fing Rhemetalces an; auch
ich muss ihr ihrer gegen die Römer ausgewürckter Taten halber unter allen die
Oberstelle bedingen. Ja ich wundere mich nun nicht mehr über die hertzhaftige
Teuta / nun ich von dem Wunder unserer Nachbarschaft so viel lebendige Abrisse
in der Schoos des streitbaren Deutschlandes finde. Die Königin Erato vergass aus
Begierde dieser Neuigkeit /der Fürstin Tusnelda Gegensatz zu beantworten; Lag
daher Rhemetalcen mit einer beweglichen Höffligkeit an: Er möchte ihr doch die
ihr unbekandte Teute bekandt machen. Rehmetalces erklärte ihr die Begierde zu
gehorsamen; Aber sie würden entweder hierüber die annehmlichere Erzehlung des
Fürsten Zeno vergessen / oder ihn doch in selbter irre machen. Zeno schlug sich
also fort auff die Seite seiner Erato / und bat: Er möchte nicht allein sie
hierinnen vergnügen /sondern ihm auch hierdurch Gelegenheit eröfnen ein wenig zu
verblasen. So wird mein Verlangen des Fürsten Zeno selzamere Begebenheiten
vollends zu vernehmen eine beqveme Verdeckung meiner Unberedsamkeit sein / sagte
Rhemetalces / denn ich werde mit einer unverhofften Kürtze abbrechen / und mich
bescheiden / dass kurtze Reden / wenn sie gut sind /zweifache Güte haben;
ungeschickte aber durch ihre Kürtze die Helffte ihres Tadels verlieren. Diese
Teuta hat zur Zeit / als Arsaces ein verstossener Sohn des Königs Aschki in
Scyten und einer Amazonischen Königin der Parter Reich in Persien aufgerichtet
/ als eine Königin ganz Illyricum beherrschet. Ihr Vater soll Basan / eines
Sicambrischen Königs Sohn gewesen sein; von dem / und wie es mit Verheiratung
der Teuta hergegangen / uns der Feldherr besser / als ich iemanden unterrichten
wird. Hertzog Herrmann übernahm alsofort diese Vollführung / und berichtete: Es
wäre König Basan des Sicambrischen Fürsten Melo Anherr / ein Feldherr der
Deutschen / und ein so strenger Handhaber der Gerechtigkeit gewest / dass /seinem
Urteile nach / er dem Lucius Brutus / und dem Spurius Cassius vorzuziehen wäre;
indem diese wegen ihrer wider das gemeine Wesen verübte Verbrechen ihre Kinder /
Basan aber / weil er eines Sicambrischen Edelmanns Ehfrau durch Ehbruch
beflecket / seinen Sohn Sedan getödtet hätte. Da es doch bei andern Völckern
nicht ungemein wäre durch Unzucht und Ehebruch gleichsam sich als einen Sohn des
Fürsten sehen zu lassen. So unglückselig nun König Basan in diesem seinem Sohne
war; so viel mehr Freude sah er an seiner Tochter Teuta / welche nicht nur alle
Tugenden des weiblichen Geschlechtes vollkommentlich besass / sondern es auch an
Tapfferkeit denen streitbarsten Helden zuvor tat. Ihre Vollkommenheit erwarb
ihr die Liebe des Volckes / ihre Tugend den Ruhm der Ausländer / und dieser die
Beruhigung des Vaterlandes. Denn nachdem König Basan an seinem einigen Sohne
Sedan das strenge Todes-Urtel ausgeübt hatte / hoben unterschiedene deutsche
Fürsten ihre Häupter nach der Würde der Feldhauptmannschaft empor. Also gebahr
dieser Ehrgeitz nicht allein einen bürgerlichen Krieg / sondern brachte auch die
Sarmater und Dacier mit ins Spiel /dass Deutschland als ein siecher Leib nicht
nur von innerlichen Würmern gefressen / sondern auch von euserlichen Pfriemern
zerfleischet ward. Ja Rache und Missgunst verbländete die Deutschen so sehr / dass
sie über Vertilgung ihrer eigenen Mitglieder jauchzeten /das in ihren eigenen
Städten und Saaten wütende Feuer mit Freuden toben sahen / und lieber eines nur
Knechte unter sich leidenden fremden Fessel küssen /als eines einheimischen
Fürsten väterliche Herrschaft erdulden wollten. Basan steckte derogestalt
zwischen Tür und Angel; Denn die Ausländer wüteten auf die euserlichen Glieder
Deutschlands / seine eigene Landsleute aber in seinen Eingeweiden; wiewol er
sein graues Haupt mit Abtretung seiner Würde zur Ruh zu legen mehrmals
entschlossen war / wenn ihn nicht die Freiheit und Liebe seines zu seinem
Verderben gleichsam sporenstreichs rennenden Vaterlandes zurück gehalten / und
ihm alle Beschwerligkeiten erleichtert hätte. Die ganze Sache stand nun schier
auff der Spitze / König Basan führte seine Sicambrer / das Haupt seiner
Widerwärtigen / Tabor der Sedusier und Vangionen König mit seinen ihm
anhängenden Daciern und Sarmatern / stellten ihre Heere gegen einander in
Schlacht-Ordnung / und es hatte bei Gegeneinanderwägung beiderseitigen Machten
das Ansehen / dass der seinen Feinden schwerlich an Macht gewachsene Basan den
kürtzern ziehen würde; Alls ihm der Illyrier König Agron seine Freundschaft und
Beistand zuentbieten liess / welcher er ihn dreien Tagen mit seiner Heeres-Krafft
wirklich zu leisten versicherte. König Basan zohe zu König Tabors Verwunderung
nebst seiner streitbaren Tochter Teuta sein Heer durch eine besondere
Krieges-List über den Mäyn zurücke; vereinbarte sich auch mit den Illyriern so
unvermerckt / dass die ihn gleichsam als einem verzagten flüchtigen
hitzig-folgendem Feinde dessen nicht einst inne wurden / biss König Basan in
einer neuen Schlacht-Ordnung sein fast zweifach vergrössertes Heer dem
unvorsichtigen Feinde entgegen stellte. Dieser unvermutete Anblick siegte
anfangs denen Augen / hernach die Klugheit Basans / die Tapfferkeit der Fürstin
Teuta / und die Streitbarkeit des Königs Agron denen Waffen der Feinde ob. Basan
erlegte eigenhändig den König Tabor / Teuta den Heerführer der Sarmaten / und
Agron verdiente durch seine Helden-Taten / dass ihm die Fürstin Teuta auff der
Wallstatt vermählet ward. So viel weiss ich von dieser Heldin deutschen
Verrichtungen zu erzählen; das beste wird Fürst Rhemetalces fürzutragen wissen.
    Dieser fuhr fort: Der Illyrer Reich hat Riphat gegründet / welchen einige
irrig Illyrius heissen / und für des Cyclopen Poliphemus und Galateens Sohn
halten. Ihre Tapfferkeit ist von uhralten Zeiten berühmt; also / dass sie denen
behertzten Molossen in Epirus mehrmahls obgesieget / und in einer Schlacht ihrer
über zehn tausend erleget. Hierauff haben sie den Meister über die streitbaren
Macedonier gespielet / und ob sie zwar einsmahls von diesen / als sie der
Anblick ihres mit in die Schlacht genommenen Königs Europus eines noch zarten
Kindes zu verzweiffeltem Gefechte veranlaste / eine schwere Niederlage erlitten;
so haben sie gleichwohl ihr Haupt wieder empor gehoben / den König Amyntas ihnen
zinsbar gemacht / und ein Teil Macedoniens erobert. Nach dem aber die Illyrier
unter einander selbst zwistig waren / also / dass die Scordiscier die Triballen
aus dem Lande und biss über den Ister an das schwartze Meer verjagten / ja die
Andierer und Liburnier /wie auch die Taulantier und Partiner solch Reich gar
unter einander teilten / und jene den Clitus / diese den Bardylis zu ihrem
Könige erwehlten / brauchte sich der schlaue Philipp dieser Gelegenheit / und
zwang nach einer blutigen Schlacht / in welcher er zwar siegte / aber nebst dem
Verlust seines besten Adels verwundet ward / und nach Eroberung der Stadt Lissus
am Flusse Drinus und dem Meere / dem Bordylis alles / was er in Macedonien besass
/ abzutreten. Wie nun aber ein Fluss nur so lange sein Ansehn / dass man selbten
nicht durchwaten könne / behält / biss man einen Furt dardurch gefunden; Also
hält man ein Reich nicht länger für unüberwindlich / als biss selbtes einmal
einen Hauptstreich versehen. Dieses bewog Philippen denen Illyriern immer ie
länger ie mehr auff den Fuss zu treten; diese Geringschätzung aber die Illyrier /
dass sie wider Philippen mit meinen Traciern und Poeoniern ein Bündnis machten.
Aber König Philipp / welcher zu aller benachbarten Fürsten geheimen Rathäusern
einen güldenen Schlüssel hatte / kam ihnen mit seinem auserlesenen Heere zuvor
/und schlug / ehe sie sich mit einander vereinbarten oder in Ordnung stellten /
anfangs die Tracier / hernach die Illyrier und Poeonier. Ja weil das Verhängnis
durch diesen Philip zu der grossen Welt-Herrschaft Alexanders den Grundstein
legen wollte / dessen stählernem Rade menschlicher Witz und Tapfferkeit vergebens
zwischen die Speichen trit / und so wenig als ein Fels die Ausbrechung eines
Qvelles oder die Herfürwachsung eines Cederbaumes verhindert; so brachte er es
durch seinen glücklichen Parmenio so weit / dass sie ihn grossen teils für ihren
Oberherrn erkennen mussten. Wiewohl sie nun bei seinem Tode nach ihrer Freiheit
seuffzeten / und unter dem Könige der Taulantier Glaucias nach dem Degen die
Banden ihrer Dienstbarkeit zu zerschneiden grieffen; so war ihnen doch Alexander
als ein Blitz auf dem Halse / und legte durch Besetzung ihrer Festungen ihnen
einen solchen Zaum an / dass sie nur der Not /und dem Verhängnisse stille halten
/ also unter ihren Uberwindern den Ruhm ihrer Tapfferkeit zu erhalten trachten
mussten. Massen sie denn Alexandern in dem Persischen Kriege ansehnliche Dienste
getan / und für der erstern Schlacht mit dem Darius von Alexandern mit einer
absonderlichen Rede beehret worden. Nach Alexanders Tode ward ein Teil des
Königreichs Illyris dem Philo zu teile; welchen aber König Glaucias bald wieder
des Reiches entsetzte. Dieser beherrschte seiner Vor-Eltern Reich mit grosser
Klugheit / und setzte sich bei seinen Nachbarn in grosses Ansehen; also / dass
nach dem der König in Epirus Eacides wegen unaufhörlicher Kriege mit den
Macedoniern dem Volcke verhast / und aus dem Reiche verjagt / ja sein nur zwei
Jahr alter Sohn Pyrrhus zur Auffopfferung vom Volcke gesucht ward / Androclites
und Angelus diesen Knaben zu ihm flüchteten. Welcher / als er für den Glaucias
und seine aus der Eacider Geschlechte entsprossene Gemahlin Beroe auff die Erden
nieder gesetzt ward / und der König aus Beisorge den Macedonischen König
Cassander allzu sehr zu beleidigen / ihn anzunehmen anstand /von der Erden
aufstand / anfangs das Altar / hernach des Glaucias Mantel ergriff / und durch
seine Tränen erweichte / dass er den Pyrrhus nicht allein aufnahm /und mit
seinen Söhnen auferziehen liess / sondern auch Cassandern / welcher gegen seine
Ausfolgung ihm zwei hundert Talent bot / abweiste / und wie er zwölf Jahr alt
war / ihn mit einem mächtigen Heere in Epirus führte / den König Alcetas erlegte
/ den Pyrrhus aber auff seinen väterlichen Stul setzte. Dem Glaucias folgte sein
Sohn / Pleuratus / welcher denen Ateniensern behülflich war / dass sie die ihnen
vom Demetrius auffgedruñgene Besatzung ausschlugen /und sich in Freiheit
versetzten. Dieser verliess nach einer friedsamen Herrschaft / ob schon sein
benachbartes Macedonien und Epirus sich gleichsam täglich in frischem Blute
badete / den König Agron; dessen Kindheit schon den Illyriern grosse Hoffnung
feine zu Land und Wasser aber in Bereitschaft stehende Land- und See-Macht den
Nachbarn grosses Aufsehen verursachte. Denn er bemächtigte sich im ersten Jahre
seiner Herrschaft des Eylands / Pharos und Corcyra / der herrlichen Stadt
Epidamnus an dem Flusse Palamnus / und eines grossen Teils von Epirus. Welches
alles noch mehr vergrössert ward / als er aus Deutschland sieghaft zurücke kam
/ und zum Siegs-Preisse die streitbare Fürstin Teuta zur Gemahlin nach Hause
brachte. Denn sie waren kaum in dem Königlichen Sitze ankommen / als die
Mydionier durch eine herrliche Gesandschaft sich über ihre unruhige Nachbarn
die Etoler beklagten / dass / weil sie sich ihrer Pöfel-Herrschaft nicht hätten
untergeben wollen / sie von ihnen mit grosser Heeres-Krafft belägert würden /
und dahero wider diese unrechte Gewalt Hülffe baten. Weil nun Königen die
Vergrösserung bürgerlicher Herrschaft ohne diss stets ein Dorn in Augen ist;
Uberdiss König Demetrius in Macedonien ihm ein grosses Stück Geldes für diese
Hülffe darschoss; rüstete Agron in aller Eil hundert Schiffe mit fünf tausend
ausserlesenen Kriegsleuten aus. Die Königin Teuta wollte alsbald bei ihrer
Ankunft ihr einen Nahmen machen; Und daher verkleidete sie sich in einen
gemeinen Kriegsknecht / und segelte ohne Vorbewust des Königs aus dem Hafen zu
Narona mit darvon. Wie sie nun nach dreien Tagen um Mitternacht an das
Mydionische Vorgebürge kamen / gab die Königin sich dem verordneten
Kriegs-Haupte zu erkennen / und befahl ihr allhier sein Ampt abzutreten. Hiermit
befahl sie alsofort sich dem Ufer zu nähern /und auff Booten das Kriegsvolck in
möglichster Eil und Heimligkeit auszusetzen; Alsofort aber alle Schiffe und
Nachen vom Ufer wegzuführen / mit der Andeutung / dass sie entweder auff dem
Lande siegen /oder sterben / keines weges aber sich ihres Schifzeuges zu
schändlicher Flucht missbrauchen wollte. Nach diesem machte sie die
Schlacht-Ordnung / untergab dem Cleomenes das Fussvolck / sie aber führte die
Reuterei. Die Etolier sahen zu ihrer höchsten Bestürtzung / als es anfing zu
tagen / ein fremdes Krieges-Heer harte an ihrem Walle stehen. Ihre Vermessenheit
verleitete sie gleichwol / dass sie ihr Kriegsvolck gegen die Illyrier aus dem
Läger führten. Alleine dieser / und insonderheit der einer Löwin gleich
kämpffenden Teuta Tapfferkeit brachte die Etolier /welchen die belägerten
Mydionier auch in Rücken fielen / bald im ersten Angrieffe in Verwirrung / und
kurtz hierauf in die Flucht. Von denen aber wenig Reuter entranen / alles
Fussvolck ward erschlagen oder gefangen / und unter diesen auch der Etolische
Zunft-Meister. Also kehrte die Königin mit reicher Beute /aber grösserm Ruhme
eilfertig zurücke; welcher die Mydionier eine Ehren-Säule aus Ertzt aufrichteten
/mit der Beischrift: Der göttlichen Teuta / der Mydionier Erlöserin. König
Agron / der inzwischen um die verlohrne Königin sich halb todt gegrämet hatte
/ward durch ihre sieghafte Zurückkunft mit so übermässiger Freude überschüttet
/ dass er davon / und nicht wie die missgünstigen Etolier von ihm aussprengten /
an dem durch Schwelgerei verursachtem Seitenstechen den Geist aufgab. Also kann
das Gemüte zu seinem Verderb nichts minder mit etwas gutem überschüttet / als
der Leib durch gesunder Speisen Uberfluss gekräncket werden. Er verliess einen
zwei jährigen Sohn Pines / welchen er vorher mit einer Griechin erzeuget hatte;
die Königin Teuta aber ungesegnet. Denn es schien / als hätte die Natur diss /was
es an Gemüts-Gaben ihr zuviel gegeben / durch Unfruchtbarkeit am Leibe wieder
abbrechen / und jene Ubermass mit diesem Gebrechen ausgleichen wollen. Teuta
verwaltete das Reich mit einer männlichen Klugheit / und einer heldenmässigen
Tapfferkeit. Denn als die Messenier und Einwohner in Elis / welche in dem
Illyrischen oder Jonischen Meere ihr Gewerbe und Schiffart trieben / sich
weigerten auf Corcyra den gewöhnlichen Zoll abzugelten / und desshalben etliche
Schiffe als verfallen eingezogen wurden; schickten die Eleer mit Zuziehung der
Epirer unterschiedene Raub-Schiffe aus / welche auf der Liburnischen Küste so
gar die königlichen Segel antasteten. Die Königin befahl hingegen alle fremde
Schiffe auffzubringen / eilte selbst mit einer Kriegs-Flotte in Peloponnesus /
durchstreiffte und verwüstete der Eleer und Messenier Landschaft / rückte
hierauf in aller Eil für die Stadt Phönice in Epirus / und nahm selbte durch
Hülffe der darinnen liegenden 800. Gallier / mit welchen sie heimliches
Verständnis hatte / mit stürmender Hand ein. Zu der Uberwundenen Erinnerung /dass
/ wer Verräter zu seinen Gehülffen würdigt / von selbten billich betrogen
werde. Denn diese von ihnen höchst unvernünftig zur Besatzung eingenommene
Gallier waren wegen Untreu aus ihrem eigenen Vaterlande / und wegen Beraubung
des Erycinischen Tempels aus den Römischen Diensten verstossen worden.
    Ob nun wohl hierüber ganz Epirus die Waffen ergrieff / und an dem bei
Phönice flüssenden Strome ein Läger gegen der Königin aufschlug / so mussten sie
doch ihre mächtige Heeres-Krafft teilen / und gegen der Enge bei Antigonia ein
Teil abfertigen /weil der Illyrische Feldhauptmann Scerdilaidas mit 5000.
frischen Illyriern daselbst einzubrechen im Anzuge war. Als Teuta dessen / und
dass die sichern Feinde im Schlaf und Schwelgerei vertiefft wären /vernahm /
machte sie des Nachts eine Brücke über den Fluss / ging mit ihrem Volcke in
höchster Stille über / überfiel mit dem Tage die Epirer / und schlug sie durch
eine grosse Niederlage aus dem Felde. Diese rufften mit grossem Wehklagen und
Fürstellung eigener Gefahr die Etolier und Achäer zu Hülffe; als nun aber die
Königin Teuta mit dem Scerdilaidas im Wercke war / ihre Feinde anzugreiffen /
kriegte sie von Hause Nachricht / dass die Insel Issa / die Stadt Epidamnus und
ein Teil Illyriens sich den Dardanern unterworffen hätte. Dieses nötigte die
Königin mit den Griechen einen ehrlichen Frieden zu schlüssen /welche denn mit
unsäglicher Beute an Silber / Vieh und Sclaven in Illyris zurück kehrete /
nachdem für ihren Waffen ganz Griechenland erzittert war. Nach ihrer Heimkunft
brachte sie die meisten Aufrührer alsofort in die Flucht / und alles / ausser
Epidamnus und Issa / zum Gehorsam. Sie schickte auch nach Rom eine Botschaft /
umb sich über den ihren aufrührischen Untertanen geleisteten Beistand zu
beschweren; welche aber schlechtes Gehör / und alleine diss zum Bescheide kriegte
/ dass die Illyrier durch Antastung etlicher Brundusischer Schiffe zum Kriege
Anlass gegeben hätten. Hierentgegen als Teute wider ihre Abtrünnigen zum Gehorsam
zu bringen bemüht war / kamen Coruncanius von Rom / und Calemporus von dem
Eylande Issa als Gesandten bei ihr an / welche beide sie bei der Verhör mit
ziemlich harten Worten antasteten. Daher sie den Gestanden der Insel Issa / die
sie für Aufrührer und keiner Gesandschaft fähig zu sein hielt / aus Eifer mit
eigener Faust durchstach; den Römischen zwar fortreisen / auf dem Wege aber
gleichfalls hinrichten liess. Alldieweil auch die Stadt Dyrrachium mit dem
Demetrius unter der Decke lag / segelte sie mit hundert Schiffen dahin ab /
welche unter dem Schein frisch Wasser zu holen / mit ihren in den Kannen
versteckten Degen sich zweier Stadt-Tore bemächtigten / endlich aber / als sie
wider die allzu grosse Macht sie nicht länger behaupten konten / zurücke zohen /
und umb das Ceruanische Vorgebürge auf das Eyland Corcyra zusegelten. Nach ihrem
Aussteigen / und für genommener Belägerung der Stadt / schickten die Etoler /
Achäer / die Städte Appollonia und Dyrrachium eine ansehliche Kriegs-Flotte nach
Corcyra; welcher aber die Königin Teuta mit ihrer und der Acarnaner ihrer
Bundsgenossen Schiffen begegnete / unterschiedene feindliche und darauf den
berühmten Acheer Marcus von Caryna versenckte / viel eroberte / und nach dem
alle übrige die Flucht nahmen / das Eyland und die feste Stadt Corcyra zum
Siegs-Preisse bekam. Wie sie nun hierauf Issa und Dyrrachium aufs neue belägerte
/ lendete der Römische Burgermeister Cajus Fulvius mit 200. Schiffen unversehens
zu Corcyra an / welchen der Königin Stadtalter daselbst / aus Verdruss einem
frembden Weibe zu gehorsamen / und weil er aus etlicher Verläumdug die
Königliche Gnade gege ihn etwas sincken sah / dahin beruffen hatte / und den
Römern nicht nur Corcyra und Pharos einlieferte / sondern auch verhalff / dass
sie / nach dem Arlus Postumius noch mit 22000. Mann von Brundusium übersetzte
/die Stadt Apollonia / Dyrrachiu / und Issa / nach aufgehobener Belägerung die
Pforten öffneten / die Partiner und Atintaner / den Römern sich ergaben / die
Stadt Nutria / wiewohl mit grossem Verlust / stürmend einnahmen. Teuta liess bei
der Untreu der Ihrigen und so widrigem Glücke gleichwol nicht den Mut fallen /
sondern setzte sich an dem Flusse Rizon und der Stadt Butoa feste / brachte es
auch dahin /dass die Römer gegen Abtretung dessen / was sie Sud-Ostwerts gegen
Epirus erobert hatten / welches alles sie dem Demetrius zur Verwaltung
einräumeten / und gegen Versprechen / dass die Illyrier die frembden Küsten nicht
mehr durch Raub-Schiffe beunruhigen wollten / mit ihr einen noch erträglichen
Frieden eingiengen. Muste also diese streitbare Königin dissmal zwar / wiewohl
sonder ihre Verwahrlosung / in einen sauren Apfel beissen; iedoch erwarb sie
daraus den Ruhm einer besondern Klugheit / weil doch der Friede denen Siegern
zwar schön anstehet / denen schwächern aber den meiste Nutzen schafft. Wie nun
die Römer hierauf mit den Celten am Po in Krieg verfielen / verrauchten bei dem
undanckbaren Demetrius der Römer Woltaten; daher verleitete er nicht allein die
Istrier und Atintaner der Römer Joch von den Achseln zu streiffen / sondern
unterstund sich auch der Königin Teuta seine Liebe und Ehe anzutragen. Diese
nahm solche Kühnheit für eine unverschämte Beschimpfung an / und liess dem
Demetrius zur Antwort wissen: Deutsche Fürstinnen wären ungewohnet sich zu ihren
Knechten zu legen / noch weniger aber Teuta einen Verräter zu umbhalsen. Dieser
schlechte Bescheid verwandelte seine Liebe in ärgste Galle. Denn diese beide
sind so nahe / als Honig und Stachel an der Biene beisammen. Wormit er aber
seine Rache so viel leichter ausüben möchte / gewan er das Hertze der Tritevta
des jungen Fürsten Pinnes Mutter. Dieser bildete er anfänglich für: Mit was
Unrechte die Stief-Mutter Teuta sich der Illyrischen Herrschaft mit ihrer
Ausschlüssung anmasste / und wie ihr Sohn in äuserster Reichs- und Lebens-Gefahr
schwebte; sintemal die Stiefmütter weniger als die Nattern ihr Gift von sich
ablegen könten. Hiermit brachte er anfangs zuwege / dass auf ihr bewegliches
Anhalten die Römer den Demetrius / welcher die Larve eines keiner schädlichen
Gemüts-Regung unterworffenen Weltweisen ihm meisterlich fürzumachen wusste / zum
Vormünden des Fürsten Pines erkläreten / und ihm seine Auferziehung nebst der
Tritevta anvertraueten. Allein seine Wercke entlarveten zeitlich seinen
Drachen-Kopf /und wiesen / dass die / welche von der Tugend und der
Unempfindligkeit die grösten Streiche machen / meist der Stein-Fels aller
anstossenden Neigungen / und der Strudel aller Laster sind. Denn er verleitete
die einfältige Tritevta / nach dem das weibliche Geschlechte insgemein den
Schimmer für die Güte einer Sache hält / in kurtzer Zeit dahin / dass sie die
unvergleichliche Königin Teuta durch ein paar zugeschickte vergiftete Handschuch
/ wiewohl unwissend / tödtete / hernach diesen Meuchelmörder in ihr Ehe-Bette
nahm /und den / welcher vorher die Königin Teuta als eine Stiefmutter
verdächtigte / als einen Stiefvater aus blinder Liebe umbarmete / ohne
Nachdencken / dass die Tyger durch keine Kirrung vollkommen zahm werden; sondern
dass sie so denn / wenn sie ihre Zähne verstecken / mit ihren Klauen die
Unvorsichtigen zu zerreissen gedencken; und dass die Schlangen /wenn sie schon
bei ihrer Beschwerung ihr Gift weglegen / selbtes doch bald / wenn sie aus dem
Zauber-Kreisse kommen / wieder an sich ziehen. Dieses war das traurige Ende der
wunder-würdige Teuta / iedoch war von den Hochzeit-Fackeln der einfältigen
Tritevta so wenig verbrennet / dass der Uberrest ihr noch konnte zu Grabe
leuchten. Denn weil die Herrschens-Sucht der Ursprung dieser Heirat war / ward
Tritevta fast ehe Leiche als Gemahlin. Der Hochzeit-Tag / der doch auch Sclaven
heimlich ist / und ihren Ketten einen annehmlichen Klang zueignet / umbwölckte
sich schon mit tausenderlei Unvergnügen. Ja sie war in des Demetrius Bette kaum
warm worden / als sie von seiner eigenen Faust durchstochen schon in dem Sarche
erkalten musste.
    O ihr Götter! rieff hierüber die holdselige Königin Erato. Warumb ist das
Verhängnis dem weiblichen Geschlechte so aufsätzig? Oder warumb ist das Glücke
gegen die Tugend so eifersichtig? Warumb presst das Elend die Tränen aus den
schönsten Augen? Und warumb verdüstert der Rauch der Betrübnüsse die reinesten
Kertzen edelster Seelen? Die behertzte Tussnelda antwortete ihr: Lasset uns
weder dardurch der Tugend was ab- noch dem Verhängnisse was auflegen. Jene hat
ihre Vergnügung nicht in dem Tocken-Wercke des Glückes / sondern in der Ruhe des
Gemütes; nicht in der Ergetzligkeit des Pöfels / sondern in der Freude des
Gewissens. Auch die durch gerechteste Göttliche Versehung in eine untadelhafte
Ordnung versetzte Natur hat ihren herrlichsten Geschöpfen gleichsam eine
Unglückseligkeit angekleibet. Keine gemeine Sternen / sondern nur die zwei
grossen Lichter des Tages und der Nacht haben ihre scheinbare Flecken / und sind
der Verfinsterung unterworffen. Der Blumen Königin die Rose pranget zwar mit dem
schönsten Purper / sie wird aber von den Dornen am ärgsten verwundet / sie
leidet am meisten von der Hitze des Mittags / und von den Sturmwinden der
Mitternacht. Die Perlen werden in der Schoss des Ungewitters gezeuget / und die
Corallen wachsen in dem bittersten Meer-Wasser. Hingegen blühen Napell und
andere giftige Kräuter auf keinen Distel-Stengeln / und was der Pöfel für
Glückseligkeit hält / ist eine Dienstbarkeit der Wollüste. Durch diese werden
wir verderbet; ja sie hecket in uns schädlichere Würmer / als ein stets
unbewegter Leib Maden. Das Unglück aber ist nicht nur die Artznei wider die
Wassersucht des Gemütes / sondern die Anleitung zur Tugend. Keine Laster haben
eine solche Anmut /dass sie nicht endlich ihre eigene Liebhaber anstincken. Und
wenn ein Bosshafter auf Sammet liegt / so foltert ihn doch sein Gewissen; wenn
sein Nahme gleich mit Gold an marmelnen Ehren-Säulen stehet /so verwandelt sie
doch die Zeit in Kohlen. Ein unschuldiges Leben aber gibt einen so annehmlichen
Geruch von sich / welcher auch in den garstigsten Kerckern die fauleste Lufft
einbisamt / also / dass wir keinen Atem an uns ziehen; welcher nicht zugleich
unserer reinen Seele ein Labsal / der Nachwelt aber ein erquickend Gedächtnis
abgebe. Dahero mag die Bosheit es uns so sauer machen / als sie kann / weil die
Hoffnung zu siegen alle Verdrüssligkeit des Kampfes verzuckert / so zeucht die
Tugend ihre Ruhe aus der Widerwertigkeit / und sie findet ihre Erlustigung
mitten in der Unruh. Also hat die Zeit in ihrem Rade keinen Unglücks-Nagel /
welcher der Unschuld nicht einen Weiser auf eine glückselige Stunde abgebe; und
das Glücke kann auf sie kein so schäles Auge haben /welches sie nicht in einen
Sonnen-Schein zu verwandeln wisse; denn auch das schlimste muss ihr zu Ausübung
ihrer Gedult dienen. Wenn endlich auch Glücke und Natur ihr gar viel abgewinnt /
so sind es eitele Tropfen Wasser. Denn die Tugend zwinget ihre Feinde / dass sie
sich mit Tränen oder einer Handvoll Bluts vergnügen müssen / welche sie aber
vorher von der Natur überkomen. Ja selbst in der Verzweifelung unter glüenden
Zangen und siedendem Oele tröstet sie doch ihr Gewissen / und die Hoffnung eines
herrlichern Lebens. Der Hencker selbst wird wider Willen ihr Erlöser / und der
letzte Schlag zerbricht ihre Fessel / endiget ihre Pein / nicht aber ihr Leben.
Denn in Wahrheit / so wenig ein Fürst sein Bild aus Golde giessen läst / dass er
es in einen finstern Stall setze /so wenig hat die Göttliche Weissheit ihr
Bildnis in reine Seelen gepräget / dass es nur in der Welt in dem Elemente der
Tränen und Dörner / zur Schaue / oder vielmehr zur Plage stehen sollte; sondern
sie werden in dem Schmeltz-Ofen dieser finstern Eitelkeit von den Schlacken
ihrer Schwachheiten gesaubert / wormit sie in einer unendlichen Ewigkeit desto
herrlicher gläntzen mögen.
    Die Königin Erato umbarmte Tussnelden mit diesen Worten: Ich empfinde aus
ihren heilsamen Lehren- nichts minder ein grosses Licht / als aus ihrem
Beispiele eine freudige Aufrichtung meines Gemütes / wider die Verfolgungen des
Glückes. Freilich muss man / wenn ich es recht bedencke / dem Göttlichen
Verhängnisse / wie ein Blinder seinem Leiter an die Hand gehen. Das Licht unsers
Verstandes ist so tunckel / dass / wenn wir dardurch uns selbst erleuchten wollen
/ nicht weit ohne tödtlichen Fall kommen können. Diesemnach muss ich aus eigener
Erfahrung entängen / dass das Wehklagen über unsere Trauer-Fälle nicht weniger
unrecht / als unnütze ist. Wir machen unsern Unverstand zum Laster / wenn wir
der Göttlichen Versehung anmuten / ihre unveränderliche Ratschlüsse
umbzustossen. Wir sind mit sehenden Augen stock-blind / wenn wir zu Erleuchtung
unsers abschüssigen Lebens ein heller Licht begehren / als dasselbte / welches
die Sonne erleuchtet / und die Circkel der Sternen abmisst. Aber mich verlangt /
hertzliebster Zeno / dass er nun wieder durch Verfolgung seiner Zufälle nicht so
wohl unserer Begierde der Neuigkeit abhelffe / als mein zuweilen kleinmütiges
Gemüte durch sein beständiges Beispiel aufrichte.
    Fürst Zeno antwortete ihr: Sie wäre geschickter andern ein Vorbild ihrer
Standhaftigkeit abzugeben / als es von andern zu nehmen; und er vermerckte wohl
/dass weil ihre Taten nichts weibisches an sich hätten / belustigte sie sich
zuweilen ihre Reden ihrem Geschlechte ähnlich zu machen. Er wollte aber durch
Fortsetzung seiner unterbrochenen Erzehlung ihnen willigst gehorsamen; nur
wüntschte er / dass sie derogestalt von seiner Erzehlung vergnügt würden / als er
von Pentasileens. Denn dieser ihre hätte alsofort in ihm eine heftige Begierde
gewürcket das Reich der streitbaren Amazonen selbst zu beschauen / welches er
der liebreichen Pentasilea auch alsofort zu verstehen gegeben / iedoch vorhero
/ wie sie in die Hände der rauberischen Geten verfallen wäre / ihm vollends zu
eröffnen gebeten.
    Diese / fuhr Zeno fort / bemühte sich aufs beste mich zu vergnügen / fuhr
dahero fort zu erzählen: Es hätte des Getischen Königs Cotiso Tochter Syrmanis
/welchem Käyser Augustus seine Julia hätte verheiraten wollen / sich deshalben
/ dass sie des Käysers Gemahlin oder vielmehr sein Kebs-Weib werden sollen / zu
den Amazonen geflüchtet / dieser hätten ihre Sitten so beliebt / dass / ob wohl
Cotiso vielmahl mit Versicherung: Es hätte sich alle Feindschaft zwischen dem
Käyser und ihm zerschlagen / sie zurück begehret / sie doch diese edle Freiheit
zu verlassen nicht zu bereden gewest wäre. Wie nun ihr Vater alle Hoffnung seine
Tochter in Güten wieder zu erlangen verzweiffelt / habe er solches durch List /
nachdem er durch offentlichen Krieg es gleichfals nicht wagen dörffen /
auszuüben getrachtet / und weil ihm verkundschaftet worden / dass die
vornehmsten Amazonen um diese Jahres-Zeit den sehr alten an dem Ufer dieses
Meeres dem Achilles zu Ehren gebauten Tempel zu besuchen / darbei allerhand
Ritterspiele zu üben / und Ergötzligkeiten zu suchen pflegten / etliche Schiffe
auff den Anschlag seine Syrmanis wegzunehmen ausgerüstet. Diese hätten sich
etliche Tage vorher zwischen die am Ufer sich häuffig befindenden Stein-Klippen
versteckt; Und als die Amazonen nach verrichteten Opffern und Ritterspielen
gegen dem Abende um frische Lufft zu schöpffen an dem Meere ganz unbewaffnet
sich erlustiget / wären die Geten mit blancken Degen herfür geplatzet / da denn
sie fast am ersten wäre erwischt / und weil die Räuber sie ihrem nachmaligen
Berichte nach / wegen ihrer prächtigen Kleider für die Königin angesehen hätten
/ auff das Schiff mit Gewalt getragen / und hierauff fort geführet worden;
Ubrigens wüste sie nicht / wie es mit den andern abgelauffen sein würde.
    Mit diesen und andern annehmlichen Erzehlungen vertrieb mir Pentasilea /
sagte Zeno / die Zeit / biss wir nach etlichen Tagen endlich glücklich in die
herrliche Stadt Dioscurias ankamen. In dieser sind noch unterschiedene
Denckmahle von den Argonauten / insonderheit aber der Tempel der Medea / und
ihre aus Ertzt gegossene und rings umher mit Schlangen umflochtene Seule zu
sehen. Nebst derselben stehet eine andere des jüngern Marsus / des Gotischen
Königs Tanausis Sohn / welcher Meden / nachdem sie am Jason und seinen Kindern
die grausame Rache ausgeübt / dem Hercules aber von seiner Raserei geheilet
hatte / geehlicht / und mit sich in Deutschland geführet / allwo sie von den
Marsen unter dem Nahmen Anguicia noch verehret werden soll.
    Hertzog Herrmann fiel dem Fürsten Zeno allhier ein / und sagte: Es wäre wahr
/ dass die Marsen der Medea Gedächtnis verehrten / und insonderheit von ihr
rühmten / dass sie sie wider die Schlangen / wegen welcher ihr Land damahls fast
nicht zu bewohnen gewest wäre / ein bewährtes Mittel gelehret hätte. Ausser dem
aber berichteten die Marsen / dass Hercules /Jason / und Medea selbst bei ihnen
ausgestiegen weren. Denn wie sich die Argonauten mit dem entwendeten güldenen
Widder geflüchtet / habe der Colchische König Eetes alsobald mit einer
Schiffs-Flotte den Mund der Tracischen See-Enge besetzet; Wesshalben sie durch
die Cimmerische See-Enge in die Meotische Pfütze / von dar auff dem Flusse
Tanais nahe biss zu seinem Ursprunge gefahren / daselbst ihre Schiffe über Land
in den Fluss Rah / aus dieser in den Fluss Vagus getragen / darauff in das grosse
Nord-Meer / endlich bei Gades wieder in das Mittelländische Meer / und ferner in
Griechenland geschiffet wären.
    Fürst Zeno kam hiermit wieder in seine Erzehlung /dass er und Pentasilea /
wie sie alle Seltzamkeiten zu Dioscurias beschauet hätten / nach der Stadt
Pytius über den Fluss Corax / von dar endlich durch die vier hundert und achzig
Stadien lange Mauer / welche die Colchier wider den Einfall der Amazonen an dem
Berge Caucasus gebauet / ihren Weg über ein Teil selbigen Gebürges genommen /
auch den andern Tag glücklich auff die Amazonischen Grentzen ankommen / und
Pentasilea mit grossen Freuden bewillkommet; von dar in die am Flusse Borgis
liegende Stadt Ampsalis begleitet worden wäre. Das Geschrei / sagte Zeno / kam
unserer Ankunft zuvor / und also die Königin Minotea von Masetica uns
entgegen; Welche mich als eine Erlöserin ihrer Schwester gleichsam auff den
Händen trug / und uns erzehlte: wie sie bei dem Einfalle der Geten zu den Waffen
kommen / selbte überwältiget / ja König Cotisons eigenen Sohn den Fürsten
Oropastes selbst gefangen bekommen hätten. Die erste Frucht unserer Ankunft war
/ dass Oropastes seiner engen Bestrücknis erlediget ward; nachdem sie sich bloss
seiner um ihn gegen Pentasileen auszuwechseln so wohl versichert hatten.
Hierdurch erfolgte / dass dieser tapffere Fürst zu mir eine ungemeine Zuneigung
gewann / weil ich sein Volck überwunden / und ihnen seine Beute abgeschlagen
hatte. Denn die Freiheit ist alleine der unschätzbare Schatz unter den
Irrdischen. Ich würde etliche Tage dörffen zu Erzehlung aller Ergetzligkeiten /
die uns die Amazonen mit Hirsch-Luchs- und Biber-Jagten / welche sich auch in
dem See-Strande aufhalten / mit Reiger-und Phasan-Beitzen / die allhier ihr
rechtes Vaterland haben / mit Ritter-Spielen und Durchschwemmungen der Flüsse /
darinnen sie es allen andern Völckern zuvor tun / anstelleten; Also dass weder
ich mich anders wohin / noch auch Oropastes nach Hause sehneten / und daher die
Entschlagung ihres Vaterlandes der Fürstin Syrmanis nicht für übel haben konten.
Mich vergnügte insonderheit / dass diese Amazonen viel anderwerts herrschende
Laster auch mit den Nahmen nicht kannten / und also dieser ihre Unwissenheit
viel heiliger / als sonst in der Welt die Erkentniss der Tugend ist; dass ihre
Sitten mehr gutes / als anderwerts heilsame Gesetze stifften. Insonderheit ist
ihnen die Anbetung Gold und Silbers / des Abgottes so vieler Menschen ganz
unbekandt; daher sie in die Bäche / welche vom Caucasus abschiessen / und vielen
Goldsand mit sich führen / zwar Schaaff-Felle hencken / und damit Gold sammlen;
solches aber mehr zur Lust / als zum Geitze anstellen. Denn ihr gröstes
Reichtum ist ein schnelles Pferd / ein guter Bogen und ein Zobelner Peltz.
Unter dieser ihrer Unschuld aber / sind gleichwohl Liebe und Rache die
heftigsten Gemüts-Regungen. Diese verwandeln unsere Vergnügung allzu
geschwinde in ein klägliches Trauer-Spiel. Denn die Königin Minotea und
Pentasilea verliebten sich in den Fürsten Oropastes; Oropastes aber / ich weiss
nicht aus was für einem seltzamen Triebe / in mich. Ich merckte diese Regung dem
Oropastes zeitlich an / iedoch verstellte ich meine Wahrnehmung so lange / biss
er seine Neigung nun nicht mehr mit Veränderung der Farbe und Seuffzern /
sondern mit deutlicher Ausdrückung zu verstehen gab. Da ich mich denn Anfangs
seiner Gesellschaft auff alle ersinnliche Wege entschlug / hernach seiner Liebe
durch bewegliche Abmahnung abzuhelffen mich bemühete / und den Oropastes zu
behertzigen ermahnte / dass ich aus Hass gegen die Liebe meine Eltern und
Vaterland verlassen / und den Ariobarzanes verschmähet / inzwischen zwar Erde
und Lufft / nicht aber mein Gemüte verändert hätte. Aber ich befand /dass die /
welche eine heftige Liebe mit allzu grosser Kaltsinnigkeit zu stillen vermeinen
/ eben diss ausrichten / als die mit Oel das Feuer leschen; und dass es ratsamer
sei / selbte mit Glimpff nach und nach abzukühlen / und sie sich an laulichter
Begegnung wie die Wellen des stürmenden Meeres auff dem weichen Bette des
kleinen Sandes abschlagen lassen. Weil nun Oropastes derogestalt sein ganz
Hertze mir gewiedmet hatte / blieb nichts für die brennende Minotea und
Pentasileen übrig / welche beide für Liebe hätten zerschmeltzen mögen /
sonderlich aber die letztere / welche ihren Brand für der Königin auffs
vorsichtigste verdecken musste. Minotea konnte sich endlich nicht entalten /
auff einer Jagt in einer erkieseten Einsamkeit für dem Fürsten Oropastes /
welcher zeiter von allen ihren Anmuts-Blicken die Augen nieder schlug / für
ihren Seuffzern die Ohren verstopffte /ihr ganzes Hertze auszuschütten / ihm
alle ihre Schönheiten zu entblössen / alle ihre Annehmligkeiten zusammen zu
raffen / und endlich ihre Rede zu schlüssen: Vermöchte er sie nicht aus
Zuneigung zu lieben / so sollte er aus Erbarmung sie nicht sterben lassen / oder
doch selbst der annehmliche Werckzeug ihres Todes sein / und mit ihren eigenen
Pfeilen /(diese legte sie ihm mit Bogen und Köcher zun Füssen) ihrem elenden
Leben abhelffen. Oropastes erschrack über dieser verzweiffelten Entschlüssung
/wusste auch nicht / wie er der so heftigen Königin vernünftig begegnen sollte.
Nach etlicher Zeit Nachdencken / ersuchte er sie: Sie sollte dem Verhängnisse
nicht in den Zügel fallen / sondern seinen weisen Schickungen in Gedult und
Hoffnung den Lauff lassen. Vernunft und Zeit wären die zwei Dinge / ohne welche
weder die Vergnügung noch die Glückseligkeit reiff werden könnte. Er wäre des
Stromes ihrer Gewogenheit / mit der sie ihn überschüttete / nicht würdig / und
er bejammerte sein Unglücke / dass ein unversehrliches Gelübde / das er auff
gewisse Zeit in dem berühmten Tempel Dianens an dem Ausflusse des Flusses Tyras
bei seiner Absegelung getan hatte / ihn hinderte dieser ihm angebotenen
Süssigkeiten nicht zu geniessen. Ja weil er bei einer so vollkommenen Königin
eine solche Ubermass ihrer Gnade nicht verdienet hätte / trüge er nicht
unbilliges Nachdencken / dass die Götter ihn hierdurch versuchten: Ob er seine
Vergnügung nicht ihrer Furcht vorziehen würde? Die Königin Minotea musste sich
mit dieser wichtigen Entschuldigung beruhigen; stiess also nach langem
Stillschweigen die Worte aus: Ich nehme es für bekant an / Oropastes / dass dein
Gelübde nur auff eine gewisse Zeit ziele / und dass ich in Hoffnung der Zeit und
dem Verhängnisse auswarten solle. Glaube aber / dass ich dich aus meinen
Reichs-Grentzen nicht lassen werde / biss das Ziel deines Gelübdes erreichet
worden sei. Hiermit verfolgte die Königin die Jagt /und liess Oropasten nicht in
geringer Bestürtzung zurücke; Welcher in tieffem Nachsinnen fast ausser sich
gesetzet war / als ihn ein durch das Gestrittig dringender Hirsch gleichsam aus
dem Schlaffe erweckte /welchem Pentasilea sporn-streichs nachsetzte / und
selbten mit einem Wurffspiesse glücklich erreichte /gleichwohl mit dem in seine
Rücken steckenden Eisen seine Flucht verfolgete. Oropastes redete Pentasileen
an: Ihr Wurff wäre gewiss ein Meisterstreich gewest /und müsse er sich wundern /
dass dieses so heftig verwundete Tier noch so flüchtig sein könnte. Pentasilea
versetzte: Wunder dich vielmehr Oropastes über mir / dass ich noch lebe; denn ein
viel schärffer Geschoss steckt mir nicht nur im Rücken / sondern im Hertzen. Wie
nun aber Oropastes nur stille schwieg /und sie starr ansah / hob sie abermals
an: O unbarmhertziger Oropastes! wie bistu doch viel grimmiger wider meine Seele
/ als wir Amazonen gegen das flüchtige Wild. Uber diesen Worten erblickte sie
von ferne ihre einen Luchs verfolgende Schwester die Königin; Daher sie zu
Vermeidung Verdachts sich Oropastens entbrechen / und der Spur ihres Hirschens
nacheilen musste. Oropastes sah nun wohl / dass Minoteens Hefftigkeit ihm nicht
mehr Zeit liess Fuss für Fuss in dem Liebes-Gewerbe gegen mich fort zu schreiten;
Daher drückte er in einem mir bestimmten Schreiben die Pein seines Hertzens mit
so brünstigen Worten aus / dass selbte gleichsam für Feuer raucheten / und / da
ich nicht selbst seines Geschlechts gewest wäre / mich / wo nicht zur Liebe /
doch zum Mitleiden bewegt haben würden. Unter andern klagte er darinnen über
meine schwartze Augen / aus derer Finsternis ein unauffhörlicher Blitz seine
Seele verwundete; Wie sie denn wohl wissen / dass die Verliebten nicht nur
beredsam sind; sondern auch aus mittelmässigen Dingen unvergleichliche
Wunderwercke zu machen und aus gemeinen Brunnen Nectar und Honig zu schöpffen
wissen. Zuletzt schloss er: Ich möchte doch den nicht ohne Hoffnung vergehen
lassen / welchen eine Königin fruchtloss anbetete. Mir ging Oropastens Zustand zu
Hertzen / und ich hätte ihm so gerne von seinem Irrtum und Gemütskranckheit
/als der in ihn verliebten Pentasileen zu ihrer Vergnügung geholffen; wenn ich
anders mich hätte wagen dörffen die Larve meines Geschlechtes von dem Gesichte
zu ziehen. Diesem nach entschloss ich mich dieses Schreiben Oropastens der
Fürstin Pentasilea /welche überaus schöne schwartze Angen hatte / durch eine
unbekandte Person unter seinem Nahmen zuzufertigen / teils ihr Gelegenheit zu
geben sich dessen zu ihrem Vorteil über den Oropastes zu bedienen /teils durch
meine so scheinbare Untreu ihm seine Liebe gegen mich zu vergällen / und also
zweierlei Wunden vielleicht mit einem Pflaster zu heilen. Höret aber / wie mein
Wohlmeinen so unglücklich ausschlug! Die Königin und Pentasilea waren nebst
denen fürnehmsten Amazonen an dem Flusse Icarusa auff einem Lustause / allwo
sie ein Göttermahl angerichtet / und / was diese oder jene für eine Person
vertreten sollte / geloset hatten. Pentasilea ging allezeit in grüner Kleidung /
und wie die Diana ausgeputzet; Zu allem Unglück aber war dissmahl das Los
derogestalt gefallen / dass Pentasilea die Juno / Minotea aber Dianen
fürstellte. Der von mir zum Boten erkiesete Edelknabe kommt bei schon
anbrechender Nacht in der Demmerung dahin / wo sie in einem Garten sich mit
allerhand Spielen erlustigten / verkennet in solcher Tracht die Königin für
Pentasileen / welche ohne diss ausser den schwartzen Augen einander sehr ähnlich
waren; Giebet also im Nahmen Oropastens sein Schreiben der Minotea. Diese nimmt
/ voller Freude und Begierde den Inhalt aus einer so ungemeinen Botschaft zu
erfahren / solches an / sondert sich alsbald von ihren Geferten ab / erkennet
aber bei dessen Durchlesung alsbald den Irrtum des Abgebers / wendet sich also
unverrückten Fusses zu ihm /und fraget: An wen Oropastes diss Schreiben abzugeben
befohlen? Dieser gibt nach meinem Befehl in voriger Meinung / er rede mit
Pentasileen zur Antwort: An niemanden / als an Pentasileens selbst eigene
Hände. Wohl! antwortete ihm die Königin /bringe deinem Herrn zur Antwort wieder
/ was dich deine Augen bald selbst unterrichten werden. Hiermit wandelte
Minotea ihr Antlitz in ein Gesichte einer rasenden Unholdin / ging hierauf in
den Hauffen ihrer Gespielin und fing an: Es ist nun genug gekurtzweilt /wir
müssen auch ein Trauer-Spiel beginnen; Greiffet und bindet diese hochmütige Juno
/ welche uns nicht so wohl die Krone vom Haupte / als das Hertze aus unser Brust
zu reissen gedencket. Alle Amazonen erstarrten / und hätten diesen Befehl für
eine lustige Erfindung zu einem neuen Spiel angenommen / wenn die Augen der
Königin nicht für Grimme Feuer ausgelassen / und ihr Mund für Bosheit gegeiffert
hätte. Also / nachdem bei denen Amazonen der Ungehorsam / oder auch nur die
Ursach oder Auslegung über einen Königlichen Befehl zu begehren ein
sterbenswürdiges Laster ist / mussten sie Minoteens Urtel an der für Schrecken
erstummenden Pentasilea vollziehen. Die wüttende Königin aber ergriff einen
Pfriemer / und stach der unschuldigen Schwester ihre wunderschöne Augen aus mit
beigesetzten Worten: Tut mir nun mehr Eintrag bei dem unbesonnenen Oropastes. O
des grausamen Urtels! O der kohlschwartzen Rache über die weisse Unschuld
dieser schwartzen Augen! fing die Fürstin Tussnelda überlaut an zu ruffen. O der
unmenschlichen Schwester / gegen welcher Panter- und Tiger-Tiere für zahm und
gütig zu halten sind! Ich gestehe es / sagte Jubil / dass ich kein rasendes Tier
dieser Caucasischen Wölffin / ausser dem eiversüchtigen Wald-Esel zu vergleichen
weiss; welcher alle seine von der Mutter nicht bei zeite versteckte männliche
Jungen aus der Beisorge entmannet / dass sie seine Neden-Buhler werden würden.
Auch diese Vergleichung / sagte Zeno / reichet noch nicht an die Grausamkeit der
Minotea; Weil es sonder Zweiffel ärger ist / iemanden die Augen ausstechen /als
entmannen. Wiewohl sie / um sich zu einem Muster einer vollkommenen Unholdin zu
machen bei ihren eigenen Augen und Haaren schwur: dass sie Oropasten eigenhändig
entmannen wollte. Hertzog Jubil versätzte: Minotea müste eitel Eigenschaften
einer Schlange / und ausser der euserlichen Gestalt nichts Menschliches an sich
gehabt haben. Jedoch wäre seinem Urteil nach der Schwur uñ der Fürsatz ihren
kurtz vorher so sehr geliebten Oropastes so schändlich zu verstümmeln eine
unmenschlichere Grausamkeit / als die Beraubung der Augen. Denn ob zwar diese
dem Menschen der Beschauung tausenderlei Schönheiten insonderheit der Sonnen /
wesshalben etliche Weisen das menschliche Geschlechte erschaffen zu sein
geglaubet / entsetzte; so gereichte doch dieser Verlust zu einer Entfernung mehr
Verdriesslichkeiten und Aergernisse. Derer gäbe es in der Welt so viel /dass einige
die Schlaff-Zeit / da man die Augen zutäte / für das beste Teil des Lebens
hielten. Viel durch das Gesichte sich sonst zerstreuenden Kräfften der Seelen
blieben in den Blinden beisammen / verbesserten ihre andere Sinnen / ja so gar
ihre Vernunft; also / dass weil die Natur / als eine gütige Mutter den Gebrechen
in einem / mit andern Vorteilen zu ersetzen beflissen wäre; Die Blinden
insgemein leiser höreten / empfindlicher fühlten / und überaus verschmitzt
wären. Wesswegen der alle Weltweisen übertreffende Democritus sich selbst des
Gesichts beraubet haben soll / damit seine verschlossene Augen des Gemüts zum
Nachdencken geschickter werden möchten. Der blinde Tiresias hätte in die
Begebenheiten künftiger Zeiten einen so reinen Blick als kein Sehender / und
aus allen diesen es eben so wenig iemand dem blinden Homerus nachgetan. Appius
Clodius hätte zwar den Staar / aber wenn ihm iemand fürkommen wäre / dem er es
hätte nachtun sollen / in Ergründung wichtiger Dinge mehr / als Luchs-Augen
gehabt. Die weise Natur machte in Mutterleibe die Augen am letzten / als welche
der Mensch unter allen Gliedern noch am besten entbehren könnte. Viel kleine
Tiere hätten gar keine Augen / des Maulwurffs wären mit einem Felle überzogen /
also nichts nütze; und das grosse Wunder der Wallfisch wäre so übersichtig / dass
er einen kleinen Fisch zum Führer dörffte. Im Scytischen Chersonesus kämen die
Kinder /wie man von Hunden glaubte / blind auff die Welt; In Iberien unterm
Caucasus sollten ihrer viel nicht im Tage / sondern nur des Nachtes sehen. Ja
unsere Lüsternheit suchte gar oft mit der Dido in Finsternissen ihre
Ergetzligkeit / und die Andacht in den düsternen Tempeln ihre Entzückung von der
Eitelkeit. Hertzog Herrmann setzte seuffzende bei: Wir blinde Menschen sind auch
nicht einst fähig in die Sonne zu sehen; Wenn uns aber der Tod unsere blöde
Augen wird zugeschlossen haben / hoffen wir ein so verklärtes Gesichte zu
erlangen / welches in das grosse Licht der ewigen Gotteit zu sehen fähig sein
wird. Flavius fing an: Auff diss Geheimnis muss sonder Zweiffel die bei so vielen
Völckern angenommene Gewohnheit zielen / dass die Priester denen auff die
Holtzstösse gelegten Leichen / ehe sie verbrennet werden / die vorher von ihren
Freunden zugedrückte Augen auffsperren. Zeno wendete sich gegen die zwei
letztere Fürsten / meldende: Es wären dieses heilige Gedancken; aber hoffentlich
nicht zu Verminderung dess von der Minotea durch Ausstechung so schöner Augen
begangenen Lasters angesehen. Wiewohl er versichert wäre / dass ein so edler
Fürst / wie Jubil wäre / seine Vergnügung in keinem andern Finsternisse / als
zweier so schwartzen Augen / wie sie die unglückselige Pentasilea gehabt und
geliebt / finden könnte. Das Gesichte wäre im Leibe der edelste Sinn / wie der
Verstand in der Seele; Und darum stünden die Augen auff einer so ansehlichen
Höhe. Es wäre der gewisseste und geschwindeste Sinn. Denn das Gehöre wäre
mehrmahls denen Verleitungen der Unwarheit unterworffen / und die Augen kämen
mit ihrer Botschaft bei dem gemeinen Sinne viel zeitiger an / als die Ohren und
das Fühlen. Alle andere Sinnen wären irrdisch / das Fühlen hätte die
Eigenschaft der Erde /das Rüchen des Feuers / der Geschmack des Wassers / das
Gehöre der Lufft; das Auge alleine wäre den Sternen ähnlich / und also was
Himmlisches; Ja weil es in einem Augenblicke aus der Tieffe der Erden über viel
tausend Sternen einen unbegreifflichen und geschwindern Flug als die Sonne
selbst tun könnte /gleichsam was göttliches. Die Natur hätte sonder Zweiffel
auch das Gehirne als den Sitz der Vernunft von dem Brunnen des Lebens / nehmlich
dem Hertzen nur desshalben ins Haupt entfernet; Wormit sie nur eine Nachbarin der
Augen / als Fenster der Seele sein möge / zwischen beiden aber wäre eine
sichtbare Verknüpffung. Sintemal die eusserste weisse Schale des Auges von der
eussersten und härtern Haut des Gehirnes; die innwendige dünnere schwärtzlichte
Trauben-Haut des Auges von der weichern Haut des Gehirnes das ädrichte
Augen-Netze und Spiegel aus dem selbständigen Wesen des Gehirnes durch die
Augen-Spann-Ader den Ursprung hätten / und also beide aneinander hingen. Ja die
Augen wären die Leiter und Pforten der Liebe; Ohne welche man die Welt für eine
Wüstenei / das Leben für einen verdriesslichen Traum halten müste. Wer wollte nun
zweifeln /dass einen blind machen eben so viel sei / als einen Lebenden in ein
Grab verschlüssen? Denn ob zwar der Verlust eines Auges im Menschen nicht / wie
in einem Schweine / den Verlust des Lebens notwendig nach sich zeucht; So wäre
doch das Leben der Blinden nur ein Schatten des Lebens / und ein Blinder nichts
besser als die in denen unter-irrdischen Flüssen befindliche Fische / welche
Anfangs blind / hernach gar zu Steine würden / ja ein Todter unter den Lebenden.
Die Natur hätte die Augen / um diese unschätzbare Werckzeuge in Sicherheit zu
setzen / so tieff zwischen die Gebeine versetzt / auch mit Augenbrauen / Liedern
/ und zweifachen Augen-Wimpern verwahret / über diss fast alle Tiere mit zweien
Augen versehen / wormit / wenn ja eines Schaden litte / das andere ihnen das
unschätzbare Sehen erhielte / und das unvergleichliche Meisterstücke das Haupt
um keiner andern Ursache wendbar gemacht / denn dass die Augen allentalben sich
umschauen könten. Ihre Runde wäre ein Zeugnis ihrer unwidersprechlichen
Vollkommenheit / ja die Stoischen Welt-Weisen gäben dem Gesichte gar den Nahmen
eines Gottes. Ein entmannter Mensch hingegen litte an nichts / als an seinen
Nachkommen und an Wollust Abbruch. Wie viel aber wären nicht von Natur / sondern
aus eigener Willkühr und Gelübde unfruchtbar? Zudem wären jene nicht aller
Vergnügung entnommen / wo die allem Vieh gemeine Wollust bei dem Menschen nicht
mehr in Verachtung / als in Wert zu ziehen ist. Die geilesten Weiber vergnügten
sich mehr mit der Verschnittenen Langsamkeit und dem Schatten der Wollust / als
mit einer männlichen Zutat. Unter diesen wäre Cambabus bei der Syrischen
Königin Stratonica so beliebt gewest / dass sich ihm und ihr zu Liebe die meisten
Höfflinge hätten verschneiden lassen. Die Assyrier hätten denen Persischen
Königen jährlich eine gewisse Anzahl ausgeschnittener Knaben zinsen müssen. Alle
diese behielten nicht nur ihre Haare und helle Stimme lebenslang unversehrt /
ihre Schönheit und gesunden Kräffte biss ins hohe Alter; Wesswegen auch die allen
andern unentmannten Menschen und Tieren tödtlichen Schwefel-Dünste bei
Hieropolis in Asien ihnen nichts schadeten / sondern ihr Gehirne der Sitz der
Weissheit bliebe ihnen unvermindert / welches sonst zu Zeugung des Saamens seine
beste Kräffte beitragen müste. Daher wären sie iederzeit bei allen
Morgenländischen Reichen die höchsten im Brete; ja nicht nur oberste Räte /
sondern auch Heerführer gewest / und von den Persischen Königen ihre Augen und
Ohren genennet worden. Zu geschweigen / dass ihrer viel aus Andacht sich selbst
verschnitten / weil sie in solcher Beschaffenheit eben so den Göttern reine
Opffer zu bringen vermeinten /als die verschnittenen Tiere viel niedlichere
Speisen als andere abgeben. Dahero die Mutter der Götter in dem Weltberühmten
Phrygischen Heiligtum nur Verschnittene zu ihren Priestern würdigte. Ja der
weise Aristoteles hätte den Hermias / dieses seines Mangels unbeschadet / so
hoch gehalten / dass er ihm wie einem Gotte zu opffern kein Bedencken gehabt.
Jubil begegnete dem Fürsten Zeno mit einer besondern Annehmligkeit: Er merckte
wohl / dass Fürst Zeno mehr aus den Gesetzen seines Vaterlandes / als der Natur
urteilete / und hierdurch unvermerckt seinem Asien das Wort reden müste.
Alleine die Deutschen hielten nichts minder als die Römer die Entmannung für
eine härtere Straffe / als den Tod selbst. Daher Käyser Julius sich nicht hätte
überwinden können des grossen Mitridates Sohn Pharnaces zu begnadigen / weil er
von denen gefangenen Römern etliche hätte verstimmeln lassen. Die zu ewiger
Fortpflantzung so begierige / ja keinen Augenblick ohne Bezeugung sich
befindende / sondern stets schwangere und zugleich gebährende Natur müste für
dieser Verstimmelung notwendig die eusserste Abscheu haben. Daher sie auch in
Zubereitung des Weiblichen Geschlechts so vorsichtig gewest wäre / dass zwar /wie
Semiramis die Männer / also Andramytis die Weiber zu verstimmeln am ersten
bemüht gewest / sie doch hierdurch ihrer Fruchtbarkeit nicht können beraubet
werden. Wer vernünftiges möchte auch den Raub der nichts minder edelsten / als
zu Erhaltung der Welt höchst nötigen Geburts-Krafft gegen den Gewinn einer
glatten Haut / etlicher gekräuselten Haar-Locken / und einer weibischen nur zur
Würtze der Uppigkeit dienenden Stimme verwechseln? und sich zu etwas machen
lassen / was weder den Nahmen eines Mannes / noch eines Weibes führen kann / und
in dem die Natur sich suchet / aber nicht findet? Wer wollte sich bereden lassen
/ dass durch ein Messer etwas schöner werden sollte / welches / wenn es so
geboren würde / eine Missgeburt hiesse? Uber diss wäre die Unfruchtbarkeit des
Gemütes meistenteils mit der des Leibes verschwistert; ja es schiene schier
wider die Vernunft zu sein / dass ein Entmannter die männliche Tugend der
Tapfferkeit an sich haben sollte. Weniger schickte sich was so gebrechliches zum
Gottesdienste; Und könten bei den Deutschen so wohl als bei den Hebreern weder
die gekappten Tiere Opffer / noch die Verschnittenen Priester abgeben. Sintemal
was in den Augen der Menschen unvollkommen wäre / Gott ohne Verkleinerung nicht
gewiedmet werden könnte. Hierdurch aber meinte er keinesweges denen schwartzen
Augen der schönen Pentasilea einigen Abbruch zu tun / noch dem Fürsten Zeno zu
verargen / dass er über der Verfinsterung zweier so schöner Gestirne seinen
gerechten Eyver ausläst; wo anders nur die schwartzen zwei Sonnen der Königin
Erato nicht eiversüchtig zu werden vermeinten. Zeno ward gezwungen über diesem
Schertze zu lächeln / Erato aber sich zu röten; Und zwar jener zu seiner
Schutzrede anzuführen: Er liebte die Königin Erato so sehr /dass sie mit
niemanden als ihrem eigenen hohen Stande zu eifern uñ zu besorgen Ursache hätte;
dieser habe etwan so viel Teil an meiner Seele / als ihre andere
Vollkomenheiten. Erato versetzte: das erstere wäre ein blosses
Glücks-Geschencke; alles andere aber an ihr so mittelmässig / dass sie nicht
schweren wollte: Ob die aus den schwartzen Augen der schönen Amazone gepflogenen
Pfeile des Fürsten Zeno Schlüsse fiederten; Ihr aber würde ja niemand zutrauen /
dass sie mit einer so unglückseligen Todten eifern sollte. Ja wenn Pentasilea
auch noch gegenwärtig den Fürsten Zeno mit ihren schönen Augen beglückseligte /
würden ihre kleinen Lichter so wenig mit ihren zu eifern die unbesonnene
Vermessenheit / als die Sternen in der Mittel-Strasse mit dem grossen Auge des
gestirnten Ochsens sich zu vergleichen Ursache haben. Flavius brach ein: Unsere
Augen widerlegen zwar der Königin von ihren eigenen Augen gefälltes Urtel / und
wir sehen wohl / dass sie sie auch im Ansehen der Sonne gleich wissen will;
welche / wenn sie über unserm Wirbel stehet / am kleinesten zu sein scheinet.
Alleine ist es denn der Eiversucht Eigenschaft / dass sie nur mit ihres gleichen
in Krieg ziehe? Weil sie eine Schwester der Missgunst ist / sollte ich meinen /
dass sie mit dieser die geringen Gestirne verachten / aber die grossen
Monden-Kugeln anbellen sollte. Die Königin antwortete: Ich halte diss für eine
unrechte Schwester der Eyfersucht / oder vielmehr für eine Missgeburt blinder
Begierden. Wenn ein Kampff nicht zur Tollkühnheit / oder zum Gelächter werden
soll / muss er gegen seines gleichen sein. Eine Juno und Pallas mag wohl mit
einer Venus / aber keine Arachne mit einer Minerve / kein Marsyas mit einem
Apollo / und kein Tersites mit einem Achilles eifern. Tussnelde brach mit einem
Uberflusse ihrer angebohrnen Anmut ein: Ich begehre mich zwar nicht wider diss
Gesetze der Gleichheit auffzulehnen; dennoch dörffte sie dieser tieffsinnigen
Gesellschaft nicht verschweigen / dass die blauen Augen ihr eine Vollmacht
auffgetragen hätten / zu erforschen: Warum die schwartzen ihnen allentalben den
Vorzug zueigneten? Sintemahl die blauen ja mit der Farbe des Himmels / die
schwartzen mit der Hölle prangeten; jene vielmehr Feuer / diese mehr Wasser in
sich hätten. Die schwartzäugichte Erato ward durch solche Höffligkeit genötiget
/ die Seite ihrer eigenen Augen zu verlassen / und denen blauen Augen
Tussneldens das Wort zu reden. Daher sagte sie: Ihre angeführte Ursachen
sprächen den Himmelblauen Augen billich den Preis zu. In ihren Augen wären auch
keine schönere Edelgesteine / als die Saphire; keine schönere Blumen als die
Hyacinten / in der Malerei nichts kostbarers / als das vom Lasurstein kommende
blaue /an welcher Farbe / und der ihr ganz nahe komenden grünen die Augen
selbst sich allein erqvickten; Hingegen weisse Dinge das Gesichte zerstreueten
/schwartze die Augen-Strahlen zu sehr in die Enge drängten / die Röte aber die
Augen entzündete und blendete. Gleicher gestalt stächen die Pfauen mit ihres
Schwantzes blauen Augen der Schönheit aller andern Vögel die Augen aus. Das
schöne blaue wäre gleichsam der Schmeltz der Regenbogen; ja die schwartzen Augen
selbst könten in ihrem den Aug-Apffel umgebenden Regenbogen dieser Himmel-Farbe
niemahls ganz entbehren. Nein / nein / rieff die Fürstin Ismene. Die Königin
wollte mehr ihren deutschen Augen / als der Würde der schwartzen liebkosen /
welche schon für allen Richter-Stülen das Recht wider alle andere Arten erlanget
hätten. Diesem nach wäre es nun nicht mehr umb den Innhalt / sondern nur umb die
Ursache des allentalben / insonderheit aber von der Liebe angenommenen Urteils
die Frage. Aller Anwesenden Augen nötigten die Königin von Ismenen das Wort zu
nehmen / und sich zu erklären: Sie wüste weder von angezogenem Ausspruche / noch
weniger von der Beipflichtung der Liebe etwas; welche / wenn es anders wahr wäre
/ dass die Mutter aus dem blauen Meere ihren Ursprung hätte / von Rechtswegen für
schwartzen die blauen zu erkiesen schuldig gewest wäre. Salonine fiel ein: Soll
sie denn die / welche sie unter ihrer eigenen Stirne getragen / selbst andern
verächtlich nachgesetzt habe; da sie keiner andern Göttin den Preis der
Schönheit zu enträumen willens gewest ist? Erato antwortete: Ich erinnere mich
wohl / dass Pallas von ihren grossen blauen Auge berühmt ist /und dass der Glantz
blauer Augen eines tieffsinnigen Geistes Merckmal sei; dass aber die Liebe
schwartze gehabt / darvon hab ich keine Gewissheit / ungeachtet die Mahler /
welche ihre Unwahrheiten zu vertreten einen alten Frei-Brief haben / solche /
ich weiss aber nicht aus was für einem Grunde schwartz bilden. Auch weiss die
ganze Welt / dass das uns vom Apelles hinterlassene Ebenbild der Venus aus
vielen schönen Antlitzen zusammen gezogen / des Praxiteles nach der Phryne / und
des Adimantus nach des Königs Demetrius Schwester Phile gebildet worden. Wenn
ich aber ja für die schwartzen Augen was vorträgliches sagen muss; weiss ich
nichts anders / als dass sie wegen ihres vielen Wassers bei Tage / die blauen
aber wegen mehrern Feuers in der Nacht heller sehen sollen. Aber auch die
Sternen leuchten nur bei Nacht. Tussnelda fiel ein: Und die Sonne nur bei Tage;
ja wo Sonnen und schwartze Augen sind / kann und darff keine Nacht sein. Daher
ich glaube / dass wie diss die schönsten Diamanten sind / welche die schwärtzesten
Straalen von sich werffen / weswegen man auch denen allzu lichten schwartze
Folgen unterlegt; also auch die diesen Edelsteinen gleiche Augen der Ausbund
aller andern. Erato versetzte: Ich verstehe mich zwar nicht auf die Edelgesteine
/ welches die reinsten sind; diss aber bestätigen alle Naturkündiger / dass in
schwartzen Augen die Crystallen-Feuchtigkeit viel Erde in sich habe / welche von
der angebornen Wärmbde nicht genung geläutert werden kann. Dahero die in heissen
Ländern wohnende Mohren / Indianer und Syrer fast alle schwartze / die
Nordländer aber meist graue und blaue Augen haben; wenn ich aber von Gleichheit
solcher Dinge die Schätzbarkeit der Augen messen sollte / würde ich / meiner
Neigung nach / auch hierinnen den blauen Augen den Vorzug zu geben gezwungen
/weil in meinen Augen die Perlen schöner als alle Edelgesteine sind / dieser
Schönheit aber meist in blaulichtem Glantze bestehet / als in einem scheinbaren
Zeugnüsse / dass die Perlen mehr vom Himmel als vom Meere an sich haben. Fürst
Zeno meinte seiner Erato beizuspringen / meldete also / dass die klugen Serer die
vielfärbichten Augen für die vollkommensten hielten / und insonderheit von ihrem
hoch-schätzbaren Könige Yaus rühmten / dass er so gar vielfärbichte und wie
Regenbogen spielende Augenbrauen gehabt hätte. Ismene fing an: Unter die
Fürtreffligkeit der Augen wird fürnehmlich gerechnet: dass ein ander sich
darinnen wie in einem erhobenen Spiegel besehen könne. Weswegen man die
Verschwindung dieses Gegenscheins für ein unfehlbar Sterbens-Zeichen hält / und
glaubt / dass drei Tage für iedes Menschen Tode man sich nicht mehr in des
Sterbenden Augen bespiegeln könne. Weil nun die aus tunckelem Stale geschliffene
/ alle gläserne Spiegel übertreffen / ja diesen durch Anschmeltzung düsternen
Bleies noch geholffen werden muss / ist ausser allem Zweifel: dass die schwartzen
Augen denen sich bespiegelnden ihr Antlitz viel vollkommener / als andere /
entwerffen müssen. Welches die Königin Erato / wenn sie daran zweifelte /
alsbald in den schwartzen Augen ihres Zeno versuchen könnte. Ja / allerdings /
sagte Tussnelde / denn sie wird zugleich in diesem lebendigen Spiegel ihren
Glücks-Stern wahrhafter erkiesen können / als die / welche in Achaien für dem
Tempel der Ceres in einem biss an das Wasser eines heiligen Brunnes gelassenen
Spiegel ihre künftige Kranckheit /Tod oder Genesung zu erfahren verlangen. Zeno
war begierig nun wieder an seine Erzehlung zu kommen /fing also an: Er sehe wohl
/ sie würden über ihrem Augen-Stritte nicht einig werden / es wäre denn / dass
die / welche vollkommen schön sein sollte / wie der Serische König Fohi / und
Xunus / und etliche Scytische Völcker das grosse Glücks-Zeichen / nämlich /in
iedem Auge zwei Aug-Aepfel / und zwar einen schwartzen und blauen hätte. Ihm
aber hätten die erstarreten Augen seines zurückkommenden Edel-Knabens schon
seine unglückliche Verrichtung wahr gesagt / ehe er noch berichtet / dass in der
Königin Minotea grauen Augen Grimm und Rache / nicht nur Pferde / (wie die
Tibier im Pontus in ihren Augen haben sollen /) sondern eitel Tyger und Drachen
gebildet hätten / also aus ihnen eitel Mord und schwartzes Unglück gefahren wäre
/ und die in ihrem Gesichte aufgezogenen kohlschwartzen Wolcken ihm und dem
Oropastes nichts als Blitz und Untergang dräueten. Weil nun / der Naturkündiger
Meinung nach / in den Augen keine eigentliche Farbe wahrhaftig sein /sondern nur
zu sein scheinen sollte; überdiss die Verliebten meist übersichtig wären / und
nicht so wohl was schönes liebten / als was sie liebten / für schön hielten /
würde die hohe Versamlung ihm hoffentlich erlauben / von ihrem Augen-Streite
Urlaub zu nehmen; wormit sie erfahren möchte / wie er und Oropastes sich von den
tödlichen Basiliske-Augen der erzürnten Taube Minotea entfernet hätten. Ich
lasse aber / fuhr Zeno fort / so viel empfindliche Hertzen urteilen: In was für
eine Bestürtzung mich der Bericht meines Spornstreichs zurückkommenden aber kaum
zu reden mächtigen Knabens versetzt habe /dass mein unvorsichtiges Beginnen der
so holdreichen Pentasilea ihre Augen / und mit selbten wohl gar das Leben
genommen hätte. Weil ich denn den Fürste Oropastes ebenfalls in nicht geringer
Gefahr zu sein achtete / entschloss ich mich / ihm meine Zustand /und diesen
seltzame Verlauff völlig zu entdecken. Wie ich nun in sein Zimmer kam / traff
ich seine Schwester Syrmanis an / welche die ganze Nacht geritten war / und ihm
bereit seine Gefahr berichtet hatte. Wir entschlossen uns also ohne lange
Beratschlagung mit einander / und zwar umb so viel sicherer durchzukommen /
nicht gegen das Euxinische Meer / sondern in das Taurische Gebürge zu flüchten;
welches wir auch / nachdem wir zwei Tage und zwei Nächte nicht von Pferden
gesessen waren / hernach mit erhandelten andern Pferden nach dreier Tage und
Nächte möglichster Forteilung erreichten / und in einer Höle / unter welcher der
Fluss Borgis entspringet / bei etlichen Wurtzel-Weibern einen Tag ausruheten. Wir
gaben für / dass wir nach Gewohnheit der dort herumb wohnenden Völcker / aus
einer besondern Andacht den Tempel des Prometeus besuchen wollten / der auf
denselben Stein-Fels gebauet ist / worvon ihn Hercules soll lossgemacht haben;
erlangten auch unter diesem heiligen Scheine etliche Amazonische Weiber zu
Wegweisern. Diesen Vorwand bestärckten wir durch die denen Amazonen / Massageten
und Armeniern gewöhnliche Aufopferung unserer Pferde der Sonnen zu Ehren / als
welche wir ohne diss über die steilen Klüffte nicht fortbringen konten / sondern
Schuh aus rauchem Ochsen-Leder umb nicht zu gleiten anziehen / und nur zu Fusse
unsere Reise fortsetzen / ja uns mit Wurtzeln / Kräutern und Milch etliche Tage
behelffen mussten. Nach dem wir zehn Tage über die höchsten Gebürge / und unserm
Bedüncken nach offtmals durch die Wolcken gestiegen waren /auch unterweges aus
den Brunnen der berühmten Flüsse Abascus / Corax und Astelephus zu trincken das
Glücke gehabt hatten / kamen wir endlich in ein sehr fruchtbares / und zu
unserer höchsten Verwunderung mit Reben und Oelbäumen überdecktes Tal /darinnen
ein einfältiges Volck wohnhaft ist / welches uns mit allerhand Erfrischungen
erquickte / und diesen Winckel der Welt für das glückseligste Land preisete /
darein von undencklicher Zeit die Begierde der Menschen keinen Feind geführet
hätte. Wir traffen über die in unsern Landen bekanten herrlichen Früchte und
Tiere allerhand uns unbekannte Arten / und unter andern einen mit unzehlbaren
Farben Federn geschmückten und einen Purpur-roten Schnabel habende Vogel an /
welcher von einer Blume wächst / und nicht länger lebet / als die Blume tauret /
also / dass er gleichsam für eine fliegende Blume zu halten ist. Gleicher Gestalt
fanden wir ein Gewächse in Gestalt eines Lammes / das auf einem Stengel wuchs;
eine den Jassminen im Geruch gleich kommende / an Grösse und Vielheit der Blätter
sie aber weit übertreffende Blume Mogorin / derer eine ein ganz Haus
einzubisamen genung ist; Rosen / welche ihre Farben bald in Schnee / bald in
Purpur verwandeln; eine Frucht /da Citronen und Pomerantzen streiffweise sich in
einem Apfel vermählen; und endlich ein Kraut / dessen Genüssung traurige lustig
macht / ja die Tieger-Tiere / die es allhier gab / waren ganz zahm / und die
Schlangen eben so wohl von keinem Gifte / als die Einwohner / ausser der Liebe /
von den schädlichsten Gemüts-Regungen / nehmlich / Ehrsucht / Geitz und
Rachgier nicht eingenommen / also / dass diese Landschaft mit Rechte der Garten
der Welt / und ein Meister-Stücke der Natur genennet zu werden verdiente. Auch
Oropastes und Syrmanis daselbst so gar ihr Leben zuzubringen schlüssig wurden;
mir auch / welchem ohne diss der Himmel meines Vaterlandes so ungütig gewest war
/ und dem in Abwesenheit meiner Erato alle Gestirne finster und schrecklich
fürkamen /leicht die übrige ganze Welt vergället haben würde /wenn mich der
innerliche Magnet nicht gezogen hätte meine Sonne auch unter dem eisichten
Wirbel-Sterne aufzusuchen. Gleichwol schlug ich nicht aus mich in diese Paradise
von meinen überstandenen Verdriesslichkeiten ein wenig zu erholen. Denn wo wir
hinkamen /waren wir angenehme Gäste / die Gärten und Aecker waren so wenig durch
Gräntzmale / als alle Bedürftigkeiten durchs Eigentum unterschieden / sondern
der Uberfluss aller Dinge machte hier alles gemein / diese Gemeinschaft aber
stellte die Wahrheit der ertichteten güldenen Zeit / das von Milch und Honig
flüssende Land der glückseligen Inseln oder des so sehr beruffenen Eylands
Taprobane für; also / dass wir seines Reichtums halber derselben Vorwitz
verlachten / die umb die unnützen Spitz-Türme Egyptens zu sehen /oder einen
güldenen Widder zu holen alle Unlust und Gefahr des Meeres ausstünden / wegen
seiner Einwohner aber es uns nicht anders als jenem von Corint nach Sparta
kommenden fürkam / dass wir alldar die ersten rechten Menschen sehen. Die
Einwohner wussten wenig von unsern Göttern / sondern stunden wegen etlicher von
andern Völckern erfahrner Nachrichten in denen Gedancken / dass / ausser ihnen /
die ganze Welt das Glücke für seinen Gott anbetete / und ieder Mensch nach dem
Triebe des blinden Glückes insgemein aus seiner törichten Einbildung / offtmals
auch aus schändlicher Missgeburt ihm einen Abgott /die meisten Laster aber zu
einem Gottes-Dienste machte. Es ist wunder / sagte Hertzog Herrmann / dass diese
heiligen Leute / da ihnen niemand anderer Völcker Tun aufrichtig entdeckt /
glauben / dass sie Menschen sind / weil sie insgemein im Bösen andere Tiere
übertreffen. Noch mehr aber befrembdet mich /dass sie in den Kreis ihrer Ruhe aus
der andern stürmerischen Welt einigen Frembden einlassen. Allein ich bin wohl
begierig dieses unschuldigen Volckes Gottes-Dienst zu vernehmen. Zeno fuhr fort:
Als wir eben diss von ihnen verlangten / führten sie uns in die Mitte ihrer
Landschaft / und zeigten uns auf einem lustigen mit fruchtbaren Bäumen und
kräfftigen Kräutern bewachsenem Hügel ihren einigen Tempel. Dieser war ein von
dreihundert Himmel-hohen Cedern umbsetzter Umbkreiss. In der Mitte stand das
alabasterne Bild ihrer einigen Göttin / nämlich der Natur. Den einen Fuss hatte
es auf einer ertztenen / den andern auf einer gläsernen Kugel / hiermit auf den
Erd-und den Wasser-Kreis zielende. Das Haupt war mit der Sonne bekleidet / an
der Stirne hing der Monde /das Halsband war eine Reie fünckelnder Sterne; umb
den Leib trug sie einen Gürtel / darauf die zwölff himlische Zeichen gepräget
waren. Aus der rechten Brust spritzte sie Wein / aus der lincken Milch / aus dem
Geburts-Gliede Wasser / welches sich in einer Schale von Agat zusammen
vermischte / und in einer verborgenen Röhre auf das Altar der Göttin geleitet
ward. Auf der äusersten rechten Hand stand das Zeichen des Schwefels / und in
selbter hielt sie eine nie verleschende Ampel; unter dem lincken Arme ein Horn
des Uberflusses / welches mit tausenderlei Früchten und Blumen erfüllet war. In
dem lincken Hand-Teller war das Zeichen des Saltzes / und aus einem Glase troff
fort für fort Oel in die Schale. Auf dem rechten Fusse stand das Zeichen des
Quecksilbers in der Mitten /und umb selbtes herumb des Goldes / des Silbers /des
Kupfers / des Zienes / des Eisens / und des Bleies. Auf dem lincken Fusse des
Spiessglases / des Salpeters / und anderer Berg-Gewächse. Zwischen den Zehen
stachen Corallen-Zapfen / Purpur- und Perlen-Muscheln / rauhe Diamante und
andere Edelgesteine herfür. Der Rücken war über und über / nach Pytagorischer
Art mit eitel Ziffern bezeichnet; als welcher lehrte / dass die ganze Natur von
nichts als Zahlen bestünde. Dieses Sinne-Bild der Natur / und die Freundligkeit
des uns anweisenden Priesters vergnügte uns überaus / veranlasste auch uns ihn so
wohl umb den Ursprung dieses Gottes-Diensts / als die Art der Verehrung zu
fragen. Der Priester unterrichtete uns: Dieser Gottes-Dienst wäre so alt als die
Natur selbst /und darumb auch der reineste / ja nicht allein den Menschen /
sondern allen Geschöpfen gemein. Denn nicht nur der Mensch mit seiner Sprache /
die Nachtigal mit ihrem Gesange / sondern auch die Löwen lobten mit ihrem
grausamen Brüllen / die Pferde mit ihrem Wiegern / die geringschätzigen Raben
mit ihrem unartigen Geschrei / das Gewürme mit seinem ohnmächtigen Atem-holen
ihren Schöpfer. Nicht nur die Sonnenwende durch ihre Umbwendung / das Gewächse
Acacia / wenn es seine Blätter von Mitternacht biss an Mittag aufnach der Zeit
aber zuschleust; ein ander Kraut / wenn es mit der untergehenden Sonne
verwelcket / mit der aufgehenden wieder grünet / ein anders bei untergehender
Sonne seine hohe Farbe in blaue Trauer-Farbe verwandelt / ein anders des Abends
seine Blätter in eine Knospe zusammen zeucht / früh aber wieder ausbreitet /
bezeugeten ihre Andacht gegen ihrem Ursprunge; sondern auch der Trauer-Baum /
der des Tages seine Blätter abwirfft und welck wird / des Nachts hingegen
frische wohlrüchende Blumen bekomt / der Glantzbaum der des Nachts mit seinem
Scheine die Finsternis erleuchtet /ja alle und iede Kräuter gäben mit ihren
wunderwürdigen und dem unachtsamen Menschen noch grossen teils verborgenen
Würckungen ihre Danckbarkeit gegen ihrem ewigen Schöpffer zu verstehen / und
dienten Gott unbefleckter als die alberen Menschen /welche das durch eine
unzertrennliche Einigkeit in einander verknüpffte Wesen der Natur / oder
vielmehr den einträchtigen Einfluss des Schöpffers zergliederten / und wenn
dieser die Sonne / ein ander die Sternen /der dritte die Erde / der vierdte das
Wasser / der fünfte das Feuer / etliche nur Bäume und Steine anbeteten / das
Stückwerck für das ganze verehreten / oder vielmehr Gott den alles beseelenden
Geist in ein so enges Gefässe einsperreten. Da doch sie mit Augen wahrnehmen /
dass die Zeder einen grössern Raum zu seinem Wachstum / als der Isop bedürffe.
Ja der Mensch / das unvollkommene Nachbild Gottes liesse sich nicht in einen
Wald wie der Elefant / nicht in eine Wiese / wie das Pferd / nicht in einen
Seebusem /wie der Wallfisch / nicht in einen Teich / wie der Schwan / nicht in
eine Pfütze / wie der Frosch / noch auch allein in die weite Lufft / wie der
Adler einriegeln / sondern die Erde sei ihm zu seichte; er durchgrabe ihre
innersten Eingeweide / dass Gold und Silber seinen Geitz sättige; Er baue
Wolcken-hohe Schlösser in die Lüffte / seinen Hochmut zu vergnügen; Er fahre
über / und in die Tieffen des Meeres /um seiner Eitelkeit Perlen / Corallen und
Ambra zu opffern; ja seine Gedancken meisterten den Lauff und die Würckung der
Gestirne; sein Nachdencken lösete die Rähtsel auff / die die ewige Versehung mit
verborgenen Ziffern in die Himmels-Kreisse verzeichnet; und die Schrancken der
Natur wären der Grösse seines Gemütes / oder seinen unmässigen Begierden zu
enge. Wie viel weniger könnte nun ein Stern / oder was geringers / ein
genungsamer Begriff einer unermässlichen Gotteit sein? Diesemnach wäre zwar eine
Eichel / aus der so ein grosser Baum wüchse / eine Biene / die so künstlich
baute / eine Ameisse / die so sorgfältig wäre / eine Schnecke in ihrem
Wunder-Hause / eine Muschel / in der die Natur mit so viel Farben spielet / ein
kleiner Stein / der das Zu- und Abnehmen des Monden fürbildet / ein gläntzender
Nachtwurm mit seinem Wunder-Lichte ihnen ein genungsamer Beweis einer
wahrhaftigseienden / kein Geschöpffe aber / ja die ganze Welt selbst nicht ein
anständiges Behältnis einer unumspannlichen Gotteit. Es sei zwar die Grösse der
Himmels-Bogen mit der Geschwindigkeit der darinnen geschehenden / und die Blicke
der Augen übereilenden Bewegungen unbegreiflich; Die Schönheit und
Eigenschaften der zwar nicht nach der Schnur oder dem Zirckel eines Feldmessers
gesetzten- aber mit einem gewissen Lauff und durchdringenden Tugenden begabten
Gestirne / in dem wie iedes Kraut / also auch ieder Stern seine absonderliche
Würckung hat / unermässlich; die zwei grossen Lichter Sonne und Monde / derer
jene die Erde erwärmte und trocknete / dieser die Meere benetzte / und die
Pflantzen betaute / jene den Tag /dieser die Nacht erleuchtete / jener dem
Jahre / dieser den Monaten ihr Maass gäbe / wären zwar die zwei Wagschalen der
Zeit / die zwei Pfeiler / an denen die Wunder der göttlichen Versehung
geschrieben wären; Alleine wie ein hundertäugichter Mensch viel zu wenig Augen
hätte den Himmel genungsam zu betrachten; also wären die fünff Sinnen viel zu
wenig die Fruchtbarkeit der Erde / welche täglich mit neuen Gewächsen unserer
eckelnden Zärtligkeit abhülffe / zu genüssen / oder nur in einer Rose die
Schönheit zu beschauen / die Vielheit der Blätter zu zehlen / mit dem Geruche
sich zu erqvicken. Der Uberfluss der unzehlbaren Gewächse wäre ein Kennzeichen
ihrer Freigebigkeit / der grosse Unterscheid / da kein Kraut dem andern / kein
Blat eines Baumes / keine Feder eines Sperlinges einem andern ganz ehnlich ist
/ sei ein Merckmal der göttlichen Weissheit / die Abwechselung der Zeit / des
Gewitters / und dass die Stauden nicht auff einmal / sondern nach und nach ihre
Blüten und Früchte brächten / wormit es uns so viel mehr genossbar würde /
bezeichne seine väterliche Liebe. Die Lufft flösse uns zwar mit iedem
Atem-holen einen Hauch der göttlichen Gnade ein; Befruchte mit ihrem Anblasen
die Erde / ergötze und speise uns mit dem Gesange und dem Fleische so
unzehlbarer Vögel; ja die göttliche Versehung habe zweiffelsfrei den Vogeln
alleine für allen andern Tieren eine so annehmliche Stimme / keinem einigen
aber das wenigste Gift beigelegt / um den Menschen zu ermuntern / dass er so
viel mehr seine Zunge zum Lobe Gottes anwenden / und seine Seele für allem
Giffte / welches allein denen auf der Erde krichenden Tieren anklebet / rein
behalten; Und wie das männliche Geflügel allezeit schöner als das weibliche ist;
also auch unser Geschlechte aller weiblichen Schwachheiten frei / und diesem ein
Leitstern zur Tugend sein solle. Es wären die Gebürge die Gebeine der Erden eine
Kette der Natur / welche derselben Glieder aufs künstlichste an einander hielte;
Ein Behältnis des göttlichen Reichtums / darinnen das Ertzt geschmiedet / die
Brunnen von dem Meer-Saltze geleutert / von denen die Wolcken zerteilt / auf
denen die hohen Bäume zu Häusern und Schiffen gefället würden. Es sei zwar das
Meer ein Spiegel der göttlichen Allmacht / dessen getürmte Wellen / welche die
Sternen zu bekriegen schienen / doch keinen Fussbreit Erde verschlingen könten /
da ihnen doch die Natur nichts als Staub zu einer Mauer entgegen gesetzt hätte /
dessen unergründliche Tieffe niemahls überlieffe / ob gleich so viel tausend
schifbare Ströme so viel tausend Jahr hinein gelauffen wären. Es wäre eine
unerschöpfliche Speisekammer / welches dem Menschen so viel unzehlbare Fische
gebieret / dass / nachdem sie der ganze Erdkreiss nicht aufzuzehren mag / sie
einander selbst auffressen müsten; Es wären die nimmer verseugenden Flüsse ein
Fürbild der göttlichen Ewigkeit / die Artzt- und Heilbrunnen seiner
Barmhertzigkeit /die Wunder-Qvellen ein Anweiser / dass etwas sei über den
gemeinen Lauff der Natur / nehmlich ein verborgener / und seinem Wesen nach in
seine unerreichliche Unbegreiffligkeit eingehülleter / aber in den Geschöpffen
augenscheinlich offenbarter Schöpffer /der zwar unsern Augen entfernet / seinen
Wercken nach aber uns so nahe / als wir uns selbst wären / dessen Willen wir so
sehr in unserm Tun widerstrebten / so sehr er unser Hertz durch einen
innerlichen Trieb zu seiner Liebe und Erkenntnis nicht anders als der Nordstern
die Magnet-Nadel / der Mittelpunct die Schwerde / die Höhe das Feuer an sich
züge / also /dass man zwar Länder ohne Feuer / keines aber ohne die Wissenschaft
/ dass ein Gott sei / angetroffen hätte; und noch niemahls ein Vernunft-fähiger
Klügling gefunden worden / der das geringste Geschöpffe zu tadeln gewüst / oder
an der so vollkommenen Natur etwas zu verbessern ihm getrauet hätte. Denn die /
welche die so gütige Natur nicht für eine Rechte / sondern für eine
Stieff-Mutter zu schelten sich erkühnet; und die Tiere alles Giftes / das Feld
alles Unkrautes / die Lufft aller Mücken / die Zeit alles Winters befreit zu
sein verlanget / wären nicht ihre Kinder / sondern unvernünftige Wechselbälge.
Die sie aber tadelten / dass sie den Flöhen mehr Beine als den Elefanten / der
Raupe mehr Geläncke als dem Krokodil / der Krähe ein viel grösseres Alter als
dem Menschen gegeben / verdienten als Unsinnige mehr als Prometeus in
stählernen Fesseln auff dem Caucasus angeschmiedet zu werden. Ich fiel / fuhr
Zeno fort / dem Priester in die Rede / und sagte; So höre ich wohl / dieses Bild
sei nicht das Abbild euerer Göttin / und ihr haltet die Natur auch selbst nicht
darfür. In keinerlei weise / antwortete mir der Priester. Diese Säule ist ein
Spiegel der Natur / die Natur aber Gottes. Jene ist die Harffe / welche dieser
stimmet; jene eine Strahl seiner überschwenglichen Herrligkeit /nicht aber die
selbstständige Gotteit / welche / ob sie zwar alles erfüllt / erhält /
erleuchtet / erwärmet / erfreuet / beseelet / schwängert / doch keine
Verwunderung in ihrem Wesen / keinen Abfall in ihren Kräfften leidet. Ob sie
zwar auch in der Seele des Menschen mit Kräfften des Verstandes / in den
Gestirnen durch Wärmde / Licht und andere Einflüsse in der irrdischen Welt durch
Bewegung und Fruchtbarkeit würcket / ja iedem Kraute etwas absonderliches
einflöst / so bestehet sie doch nur in einer einigen Einigkeit / als aus welcher
so vieler widriger Dinge Eintracht rinnet. Diese Einigkeit ist eine Mutter eines
so unzehlbaren Vorrats / welcher nirgends einigen Gebrechen zeigt /gleichwol
aber in aller dieser Menge keinen unnützen Uberfluss hat. Sie würcket in dem
grossen mit nicht beschwerlicher Bemühung / als in dem kleinen; Sie reget so
leicht einen Wald voll Elefanten / und ein Meer voll Wallfische / als einen
Ameiss-Hauffen. Alleine sie ist in grossen Dingen nur derogestalt eine so grosse
Künstlerin / dass sie gleichwol nicht kleiner in dem kleinen sei. Ja sie hat in
dem kleinen mehrmahls solch Belieben / dass sie nirgends mehr ganz / als in den
kleinsten Geschöpffen zu sein scheinet. Wormit aber gleichwol diese Gotteit
sich nicht selbst verkleinere / noch ihre Unermässligkeit gegen das grosse eine
Abneigung zeigen möchte / hat sie in der Welt die grosse Sonne / das Hertze und
Mittelpunct der Welt /das unverseigende Qvell alles Lichtes zu ihrem Spiegel
aufgetürmet. Denn wie diese allein machet / dass man alle Sachen sieht / sich
aber doch selbst nicht recht sehen läst / wie dieser ihr Glantz alle andere
Lichter verdüstert; Also eröfnet auch Gott allen Tieren die Augen / und dem
Menschen den Verstand /beides aber kann ihn nicht sehen / und alle andere
Abgötter sind gegen ihm verdüsterte Schatten. Herentgegen ist der Monde der
Spiegel der kleinern Welt /nehmlich des Menschen / in dem beide bald ab- bald
zunehmen / bald geboren / bald begraben werden /bald alles / bald nichts sind /
beide ihr Licht nicht aus sich selbst / sondern von der Sonne nehmen; wenn sie
am vollkommensten sind / die meisten Flecken haben / und von der Erde
verfinstert werden. Wie der Monde allezeit sein Antlitz gegen der Sonnen kehret
/ und seinen Morgentau der Sonnen zu einem täglichen Opffer liefert; also soll
das menschliche Hertze auch sich niemals von dieser Sonne der Gotteit abwenden
/ sondern seine Seufzer und Gedancken ihr zu einem süssen Geruch andächtig
abliefern. Dieses ist das rechte von GOtt verlangte Opffer / welcher ihm nur zu
einem euserlichen Kennzeichen das siebende Teil ihres Zuwachses auf dem nahe
alldar stehenden Altare darreichen läst; massen die Kinder im Frühlinge die
siebende Blume / die mannbaren Jünglinge und Jungfrauen im Sommer die siebende
Garbe alles Getreides / die Männer das siebende Teil aller Baum-Gewächse zu
bringen pflegen. Mit diesem wenigen seines eigenen Geschenckes vergnügt sich
Gott / damit der Mensch so viel mehr ihm sein ganzes Hertze zu wiedmen Ursach
haben möge. Wir hörten diesen Eisgrauen (erzehlte Fürst Zeno ferner) mit grosser
Vergnügung an; und weil er so wohl Griechisch redete /bat ich ihn meinem
Vorwitze zu vergeben / und mir zu sagen: Ob er ein Eingebohrner in diesem Lande
/oder ein Fremder wäre? Dieser antwortete: Er wäre Meherdates / ein gebohrner
Armenier / des Comanischen Priesters Archelaus / mit dem Sylla und Gabinius
verträuliche Freundschaft gepflogen hätte / leiblicher Sohn / dem Pompejus
nicht allein zu diesem Priestertume verholffen / sondern auch ein ansehnliches
Gebiete unterworffen hätte. Diese Würde wäre der Königlichen in vielem so nahe /
dass er jährlich auch zwei Tage die Königliche Krone trüge / und alle Königliche
Gewalt ausübte / dass er Fürstliche Einkommen genüsse / und allein sechs tausend
Opffer-Knechte unterhielte; in vielem giengen sie auch gar über den König /
indem dieser ihn als einen Vater verehrete / von ihm nicht allein Erinnerungen
annehmen / sondern er auch die Beschwerden des Volckes wider den König
entscheiden müste. Uberdiss wäre das Glücke ihm so an die Hand gegangen / dass
durch sein Anstifften der König in Cappadocien Ariarates vom Antonius wäre
getödtet / ihm aber selbigen Reiches Krone aufgezetzt worden. Ja / ob er wohl in
der Schlacht bei Actium dem Antonius beigestanden /hätte er sich doch bei dem
Augustus ausgesöhnet /und derogestalt eingeliebet / dass er ihm noch das kleinere
Armenien und Cilicien geschencket. Wie er aber derogestalt dem Glücke gar in der
Schoss zu sitzen vermeint / hätte es ihn über Hals und Kopff herab gestürtzet /
indem ihn der Landvogt in Syrien Titus beim Käyser derogestalt vergället / dass
er sich für den Römischen Waffen und des Titus Nachstellungen in das Taurische
Gebürge flüchten müssen / über welches ihn ein Armenier in diese glückselige
Gegend geführet; Gottes wunderbare Versehung aber und die mehr hieraus / als aus
seiner Geschickligkeit sich entspinnende Zuneigung dieses hier wohnenden Volckes
ihn zu einem Priester der Natur gemacht / also seinen vorigen eitelen
Gottesdienst allhier in einen viel heiligern und glückseligern verwandelt hätte.
Allhier habe Gott und die Natur allererst seiner angenommenen Blindheit
abgeholffen / die Larve dem Glücke vom Gesichte gezogen / und mit dem Elende
zeitlicher Würden und königlicher Höffe die Herrligkeit der Gemüts-Ruh / und
einer vergnüglichen Einsamkeit entdecket; also / dass ihn nun nach nichts weniger
als seinem mit so viel Seufzern erworbenem / und so unverhofft ihm aus den
Händen gewundenem Zepter gelüstete. Wormit er auch hierüber für uns so viel mehr
sein Gemüte ausschüttete / führete er uns zu einem nahe darbei gelegenen
Steinfelss / darein er nachfolgende Gedancken / von denen ich mir gegenwärtige
Abschrift auffgehoben / mit grosser Mühe eingegraben hatte:
Du Wetterhahn der Welt / du Fallbret unsers Lebens /
Du Gauckelspiel der Zeit / Gelücke / gute Nacht!
Die Menschen zünden dir den Weirauch an vergebens;
Und dein taub Ohr gibt nie auf Wunsch und Andacht acht.
Wenn du einmal dein Rad / wir eine Hand umdrehen /
Sehn wir Colossen falln / und schweres Ertzt verwehen.
Ich aber schätze dich weit über Gangens Schätze /
Du irrd'sches Paradis / du Hafen süsser Ruh /
Weil hier kein Wüterich gibt knechtische Gesetze /
Weil die Natur uns hier läst allen Willen zu /
Wo die Begierde nie aus dem Geschirre schläget /
Vergnügung und Vernunft sich in ein Bette leget.
Verdammter Heirat-Schluss / unselige Vermählung!
Wo Geitz ein gülden Aas bebrütet Tag und Nacht;
Wo der sonst todte Schatz nur lebt zu unser Qvälung /
Wo Uberfluss uns arm und unersättlich macht;
Wo wir wie Tantalus beim Reichtum Hunger leiden /
Des Nachbars dicke Saat' / und fettes Eyter neiden.
Hier herrschet die Natur / die wenig nur verlanget /
Die läst die Wurtzel nicht des Bösen wurtzeln ein.
Kein Berg-Marck ist das so wie Pomerantzen pranget /
Woran die Früchte Gold / die Blüte Perien sein;
Ja eingebalsamt Gold / das Ambra von sich hauchet /
Und Perlen die man recht zur Hertzens-Stärckung brauchet.
Die güldnen Berge sind kein Merckmal güldner Länder /
Wo Gold in Flüssen schwimmt / da rinnt auch Uppigkeit.
Diss Ertzt heckt aus den Geitz / der Geitz gebiehrt Verschwender;
Wo man das Gold nicht kennt / da ist die güldne Zeit.
Und da die eiserne / wo man schärfft Stahl zu Degen /
Und nicht das Eisen schmeltzt zu Pflugschar'n und zu Eegen.
Wiewol der Acker trägt hier Weitzen und Getreide /
Wo gleich kein Pflug streicht hin / die Eege nicht fährt ein.
Der Baum / der anderwärts bringt Wolle / gibt hier Seide /
Die Kiefer köstlich Oel / der Schleedorn süssen Wein.
Der Zucker wächst auff Schilff / die Buche trägt Muscaten /
Die Mantel Dattelkern / der Apffelbaum Granaten.
Die Ameiss sammlet hier zusammen Weirauch-Körner /
Die Holder-Staube treifft von Balsam und Jasmin /
Die Disteln stehn voll Lilg- und Rosen ohne Dörner /
Und auf Wacholdern sich't man Nelck' und Zimmet blüh'n /
Die Mäuse nehr'n Ziebet / der Mosch schmiltzt von den Ziegen /
Der Hirsch zeugt Bezoar / den Honig machen Flügen.
So herrlich lebt man hier / wenn dort der Tisch der Fürsten
Das kaum erschwjetzte Brodt oft halb verschimmelt gibt;
Wenn oft selbst Könige bei voller Taffel dürsten /
Aus Sorge: Dass iemand wo ihnen Gift einschiebt.
Wenn man für eigner Wach' und Sklaven sich erschüttert /
Und als ein Aspenlaub für Schatten bebt und zittert.
Hier aber wohnt die Ruh und sicheres Vergnügen /
Die Einfalt weiss vom Mord und vom vergifften nicht.
Die Tieger sind hier zahm / der Wolf spielt mit den Ziegen /
Und keine Natter kann hier bleiben / welche sticht.
Betrug und Arglist heist bei Hof' ein Meisterstücke.
Hier weiss man nichts von List / als wie man's Wild berücke.
Bei Hofe weiss ein Greiff zur Taube sich zu machen /
Ein Fuchs ist mit der Haut der Lämmer angetan /
Der Panter scheint ein Schöps / die Geier und die Drachen
Sieh't man für Vögel oft des Paradises an;
Alleine dieses Fell / die Federn und die Sitten /
Sind Angeln nur / wofür sich niemand weiss zu hütten.
Oft wenn das Auge weint / da kützelt sich das Hertze /
Ein Todfeind macht ihm dort die Freundschafts Larve für.
Der Mord-Dolch wird versteckt in eine Hochzeit-Kertze /
Und in Liebkosenden steckt oft ein Tieger-Tier.
Uns schwimmt das innerste des Hertzens auf dem Munde /
Dort geust man Oel in Glut / hier aber in die Wunde.
Die Liebe selber wird bei Hof' ein Ungeheuer /
Die Tochter der Natur zur Missgeburt der Welt.
Geitz / Ehrsucht / Geilheit macht da nur ein todtes Feuer /
Das nicht zum Hertzen dringt / und selten Farbe hält.
Denn niemand frei't der Braut / die ihm / er ihr zugegen /
Der buhlet um ein Ampt / ein ander ums Vermögen.
Hier aber weiss man nichts von so verfälschten Lieben /
Gestalt und Tugend ist hier nur das Heirat-Gut.
Die Ehberedung wird dort aufs Papier geschrieben /
Das Hertz' ist hier der Brieff / die Tint' ist beider Blut;
Ja man vergräbet hier auf einmal und zusammen /
Die Asche der Gebein' und auch der Liebes-Flammen.
Den sonst verhasten Nord hör'n wir mit Anmut wütten /
Weil er gesunde Lufft / uns keinen Schiffbruch bringt.
Wir dörffen Haab und Gut niemals in's Wasser schütten /
Weil uns kein Vorwitz sticht / auch kein Gebrechen zwingt /
Noch zu nichts-nützem Glas und ungesunden Speisen /
Den Erdkreiss zu umfahr'n nach Ost und West zu reisen.
Granaten-Aepffel geh'n für Königliche Zierden /
Ihr Krantz sticht Kronen weg / die Knospe den Rubien /
Wenn jener ihr Besitz schafft ängstige Begierden /
Kan man aus dieser Safft und kräfftig Labsal ziehn.
Der / und die Rosen sind dem Purpur uberlegen;
An diesem klebet Blut / an jenem Tau und Segen.
Der Sorgen-Wurm heckt sich in Seiden-Wurms Geweben /
Die Unschuld fühlt kein Leid in unser schlechten Tracht.
Wo Gold und Schnecken-Blut die Achseln rings umgeben /
Wird oft das Hertze kalt / das Antlitz blass gemacht.
Wir hülln zwar nur den Leib in weisse Lämmer-Felle;
Doch fühl'n wir in der Seel' auch keine Pein und Hölle.
Last Fürsten im Pallast auf glattem Marmel gleiten /
Von Sammet und Damast früh ohne Schlaff aufstehn /
Wozu sie ihnen doch Maah-Träncke zubereiten;
Wir woll'n auf Kräutern ruhn / auf weichen Rosen gehn /
Mit der jetzt müden Sonn uns froh zu Bette machen /
Und mit der Morgenröt' erst wiederum erwachen.
Bei Hofe trinckt man Gift aus kostbaren Krystallen /
Wir süssen Wein aus Tohn / rein Wasser aus der Hand.
Die Missgunst schenckt dort ein der Tugend ärgste Gallen /
Auf unsern Wiesen ist auch Wermut unbekandt.
Dort sticht der Scorpion des Neides / hier nur Bienen /
Wofür ihr Honig uns doch muss zum Labsal dienen.
Ein Hencker prest uns dort den Safft aus Marck und Beinen /
Ein Blutund saugt das Blut aus unser Adern-Qvell;
Weiss Künste fettes Oel zuziehn aus dürren Steinen;
Und endlich übers Ohr den Nackten auch ihr Fell.
Hier milckt man bloss die Milch / und läst die Woll' abscheren /
Die Küh und Schaffe nur durch Uberfluss beschweren.
Ein allgemeiner Brunn / der eine Stadt vergnügen /
Der ein volckreiches Land zur Notdurfft träncken kann;
Wird dort vielmal erschöpfft / ist oft wohl gar versiegen /
Wenn ein verschnitten Knecht setzt seine Gurgel an.
Der Stein und Ertzt verdeut / das keine Glut verzehret /
Und wie die Egel sich mit fremdem Blute nehret.
Man sieht Verleumdung dort der Unschuld Lilgen schwärtzen /
Der Heuchler falscher Firnis verwandelt Kot in Gold.
Hier fälscht kein Honig nicht den Mund / kein Gift die Hertzen /
Niemand ist Tugenden gram / noch den Lastern hold.
Ein hässlich Antlitz prahlt dort gar mit Fleck und Mahlen /
Allhier ist nichts geschminckt / auch keine leeret Schalen.
Der Wind ist nicht so sehr veränderlich im Mertzen /
Als sich des Hofes Gunst des Glückes West verkehrt.
Wenn er mit Zweigen scheint zu spielen und zu schertzen /
Sieht man / dass er wie Blitz in Stämm' und Zedern fährt.
Die früh des Pöfels Gott / der Fürsten Schosskind waren /
Die schleppt ein Henckers Knecht des Abends mit den Haaren.
Der Rosen Purpur-Haupt / der edlen Lorbern Wipffel /
Entgehn des Hofes Sturm / des Glückes Wettern nicht.
Denn es sucht Ruhm daraus / wenn's Himmelhohe Gipffel
Zerschmettert / Riesen fäll't / und grosse Maste bricht;
Wenn's denen / die sich hülln in Gold und Edelsteine
Giebt Ruder in die Hand / legt Ketten an die Beine.
Ja wem gleicht sich der Hof mehr als gemahlten Schiffen /
Die Fessel scheinen Gold / die Ruder Helffenbein.
Ob diese gleich von Schweiss / auch oft von Blute trieffen /
Mein't ieder doch ein Herr / kein Ruderknecht zu sein /
Ob dessen Fuss gleich nur von Banden wird gekräncket /
Ein Höfling aber liegt an Seel und Geist umschräncket.
Bei uns ist iederman sein Herr / sein Fürst / sein König;
Man dringet uns kein Joch / auch wir niemanden auf.
Jedweder ist vergnügt / und keiner uns zu wenig /
Der Tugend lassen wir den Preis / der Zeit den Lauff.
Wer für's gemeine Heil will Schweiss und Witz anwenden /
Dem hilfft man selbst ans Bret und trägt ihn auf den Händen.
Es ist des Glückes Rad recht eine Töpffer-Scheibe /
Die aus geringem Lett' oft güldne Götzen dreht.
Und ihre schnöde Gunst gleicht einem geilen Weibe /
Die Kriepel hälss't und küss't / und Zwerge nicht verschmäht.
Hier ist die Tugend nur gesehn und hoch erhoben /
Dort schimmert Schein und Spreu / hier Schwerdt und Wesen oben.
Auch der drei Kronen trägt / den Stul auf Tugend gründet /
Verfäll't in Staub und Kot / wird aller Pracht beraubt.
Dem man jetzt Weirauch streut / und Sieges-Kräntze windet /
Dem trit ein Scherge noch für Morgens auf sein Haupt.
Hier fürchtet niemand nicht / Volck / Richter / Hencker / Büttel /
Ein einig Wechsel hängt uns zu / der Sterbekittel.
Von dem sind aber auch Palläste nicht befreit /
Und zwar mit herberm Ach und ängst'ger Furcht umhüllt.
Denn sie sind zu Altarn der Eitelkeit geweihet;
Ihr sterblich König ist ihr schnödes Götzen-Bild.
Wir aber seh'n dem Tod' hertzhaftig ins Gesichte /
Denn er versetzt das Bild der Tugend erst ins Lichte.
Dort tobet Glück und Neid auch auf die Ehren-Mahle;
Zermalmt Ertzt und Porphir / wirfft Bilder in den Schach.
Der Schutz-Herr gestern hiess / der steckt heut auff dem Pfahle /
Der ihn vor segnete / rufft ihm jetzt / Schelme / nach.
Hier weiss man nichts von Fluch der andrer Ruhm versehre.
Die Andacht klimmt zu Gott / die Tugend strebt nach Ehre.
    Saloninen lieffen über diesen Reimen tausend Tränen über die Wangen /
welche bei derselben Schlusse sie mit diesen Worten rechtfertigte: Warlich /
dieser Meherdates muss den Hoff gewiss auch in- und auswendig haben kennen lernen
/ weil er ihn mit so lebendigen Farben abzubilden gewüst. Aber ach! nein / wer
will diese Missgeburt abbilden / welche die Larve niemals vom Gesichte legt / und
gleichwol alle Stunden verwechselt / welche durch allerhand falschen Schein das
Antlitz verstellet / und ihr Hertze auszuschütten für ärgsten Schiffbruch hält /
welche nichts mehr zu verlangen sich angebehrdet / als worfür sie die heftigste
Abscheu hat / ja niemanden bei ihr seinen freien Willen läst / als alleine
darinnen / dass sie sich zu freigelassenen Knechten des Hoffes machen mögen. Aber
auch dieses tun sie aus keiner Freiheit / sondern aus dem Notzwange der sie
fässelnden Begierden. Denn keine Fliege strebet so sehr nach Honige / kein
Raubvogel eilet so sehr nach einem Aasse /keine Egel dürstet so sehr nach Blute
/ keine Ameisse eilet so sehr mit dem gefundenen Weitzen-Korne in ihr Läger /
ungeachtet sie ihrer Grösse nach die Geschwindigkeit der Sonne übereilet; als
die Höflinge sich nach ihrer erbärmlichen Dienstbarkeit sehnen /welche doch von
grossem Glücke zu sagen haben /wenn sie sich ihr Lebtage mit dem Traume süsser
Hoffnung / dem Brodte der Elenden speisen können /nicht aber ihrer
unerträglichen Folterung durch das Messer der Verzweiffelung abzuhelffen
gezwungen werden. Rhemetalces fing an: Diese Gedancken des Meherdates sind
sicher / weiser und heiliger / als das Tun seines Vaters' Archelaus / da er in
Armenien sich bei seiner Priesterlichen Würde in die weltliche Herrschaft
einmischete / ja diese Süssigkeit ihn endlich so gar lüstern machte / dass er an
den Cappadocischen Zepter die Hand zu legen / und seinen rechtmässigen König
Ariarates darvon arglistig zu verdringen sich unterstanden. Seiner Bosheit aber
hätte des Himmels gerechter Rache seine wolverdiente Erniedrigung ein Ziel
gesetzt / und dardurch seinen Sohn angewiesen / dass die Priesterliche Würde
nicht mit die Hand im Spiele irrdischer Dinge / keine Stimme im Fürsten-Rate /
und den Fuss nicht auff dem Richterstuhle haben solle. Hertzog Zeno begegnete dem
Feldherrn mit einer sonderbaren Bescheidenheit: Er könnte dem Archelaus freilich
das Wort nicht reden / dass er den Ariarates aus eigener Herrschenssucht ein
Bein untergeschlagen / und sich in seinen Purpur gehüllet hätte; Aber die
Priesterliche Würde so enge einzusperren / oder vielmehr sie gar unter die Füsse
zu treten / schiene ihm nicht ratsam zu sein. Sie wären die Boten und Ausleger
des göttlichen Willens / ja gleichsam die Unterhändler und Friedens-Stiffter
zwischen GOtt und den Menschen; Sie wären Schutzsäulen der Reiche / nichts
minder als die Könige / welche das Volck mit ihrer Andacht / Gebete und Fasten
beschirmeten / als Könige mit den Waffen. Die Aufhebung ihrer Hand hätte wohl ehe
unter den hochmütigen Feinden eine grössere Niederlage verursacht / als viel
tausend Lantzen und geharnschte Helden-Armen. Ihre Hirtenstäbe hätten wohl ehe
Meere zerteilt / Mauern nieder gerissen / Erdbeben / Blitz und Hagel aus den
Wolcken erreget; Wie der wütende Brennus mit seinen Galliern bei dem Delphischen
Tempel erfahren. Wie viel mal hätte eines einigen Priesters blosses Ansehen dem
grimmigsten Feinde den Mut genommen /und seine Rachgier in Sanftmut
verwandelt? Wie oft hätte ihre Aufmunterung den allerverzagtesten ein Hertze
gemacht? Ihre bewegliche Einredung zwistige Fürsten mit einander versöhnet. Ja
den unbändigen Pöfel / für welchen die grösseste Macht kein genungsamer Kapzaum
wäre / vermöge ein Priester gleichsam mit einem Nasen-Bande zu leiten / wohin er
wolle. Daher könne er der Cappadocier alles Herkommen so sehr nicht verdammen /
dass sie dem Comanischen Priester so grosse Gewalt eingeräumet hätten. Die
benachbarten Königreiche / Albanien / Iberien und Cappadocien verehreten seine
Hoheit / erholeten sich bei ihm / wie bei einer göttlichen Wahrsagerei Rates /
liessen ihnen auch von ihm alle ihre Priester benennen / oder zum minsten
bestätigen. Diese Verehrung der Priester wäre fast allen andern Völckern gemein.
Bei denen Egyptiern wären die Priester alleine der geheimen Weissheit würdig
geschätzt worden. Sie hätten für allem andern Volcke eine absondere Schrifft und
Sprache. Zu der Königlichen Hohheit hätte daselbst niemand gelangen können / der
nicht vorher ein Priester gewest wäre. Die Könige richteten sich nach ihren
Massgebungen / und es hätte Darius /als gleich die Persen Egypten unter ihre
Botmässigkeit gebracht / sich nicht erkühnen dörffen wider eines Priesters Willen
sein Bild über die Säule des Sesostris zu setzen. Ja die Egyptier trauten ihren
Priestern zu / dass sie über die Götter selbst nicht geringe Gewalt hätten / und
diese auf ihre Beschwer- und Dräuungen / dass sie die Geheimnisse der Isis
verraten / die zerfleischten Glieder des Osiris dem Tiphon fürstreuen wollten /
nicht geringes Absehen haben müsten. Wie viel Völcker / und so gar die
durchtriebenen Römer glaubten / dass der oberste der Priester auch der oberste
unter den Menschen sei /weswegen er nicht nur keiner Missgunst / keinem Hasse /
keiner Eigennützigkeit / sondern auch alleine dem Verhängnisse unterworffen wäre
/ und die Sternen über sein Tun keine Gewalt hätten. Bei den Egyptiern / Persen
und Griechen / zu Sparta und anderwärts sei nichts minder die Priesterliche
Würde der Königlichen gleich. Die Römer hielten den Priester des Jupiters für
ein lebendig und heiliges Ebenbild seiner Gotteit / für eine Zuflucht aller
Bedrängten; also / dass wenn ein Ubeltäter zu seinen Füssen sincke / müsse er
seiner Fessel erlediget / und er dörffe selbigen Tag weder geschlagen noch
getödtet werden. Bei den Mohren habe nicht nur König Sabacus auf der Priester
Befehl Zepter und Krone weg gelegt /sondern alle ihre Herrscher entäuserten sich
solcher Gewalt / wenn es ihr oberster Priester für gut befindete. Diesemnach
hätten die Juden / die Egyptier / und letzlich die Römischen Käyser die
königliche Gewalt mit der Priesterlichen Würde als einem festen Pfeiler
unterstützet. Auch wäre ihm anders nicht wissend /als dass wie bei den Britañ-
und Galliern die Druyden / also bei den Deutschen ihre Priester in höchster Ehre
/ und den Fürsten gleich gehalten würden; also dass sie nichts minder als die
Könige keinen Gesetzen / und keinem weltlichen Gerichts-Zwange unterworffen
wären. Der Fürsten Kinder würden wie bei den Persern und Serern ihrer
Auferziehung anvertrauet / sie schlichteten der hohen und des Volckes
Zwistigkeiten durch Urtel oder Vermittelung; insonderheit richteten sie über
Todt-Schlägen / über Erbschafts- und Gräntz-Streitigkeiten / sie setzten den
Tugendhaften ihre Belohnung / den Bösen ihre Straffen aus; und fürnehmlich die
grösseste unter allen /nehmlich die Ausschlüssung von dem offentlichen
Gottesdienste; wesshalben solche Menschen von den andern wie die Pest geflohen
würden. So wären sie auch aller Anlagen / aller Ritterdienste und Frohnen
befreit; und sie erkennten in der Welt niemanden /als das von ihnen selbst
erwehlte Haupt / dieser aber niemanden als Gott über sich. Daher könnte man nicht
die Priesterschaft von der obersten in eine so niedrige Staffel herab setzen /
zugleich aber eines der festesten Bande / wormit der Pöfel in Furcht und
Gehorsam gehalten würde / zerreissen. Hertzog Herrmann hörete den Fürsten Zeno
wohl aus / nahm sich aber Rhemetalcens derogestalt an: Ihm wäre die
Fürtreffligkeit des Priesterlichen Amptes so wohl als das Ansehen bei den
meisten Völckern nicht unbekandt. Alleine wie der Könige Macht in euserlicher
Gewalt / und in Beherrschung der Leiber bestünde; also hätten die Priester nur
mit den Seelen der Menschen zu tun. Weil nun aber diese nicht mit Stahl und
Eisen / sondern nur durch Vernunft und der Warheit ehnliche Schlüsse
beherrschet würden / masten sich die Priester irrdischen Zwanges zu Unrechte an.
Ihr Ampt zielte nicht auf Krieg / sondern auff den Friede des Gemütes; Daher
wäre auch ihr Stab nicht spitzig zum beleidigen / sondern oben krum gebogen /
dass die Fallenden sich daran anhalten könten. Priester versetzten durch den
Glantz ihrer Tugenden sich in eine solche Herrligkeit / machten ihnen hierdurch
so viel Gemüter verbindlich / dass sie keines weltlichen Armes nicht bedürfften
/ zumahl es ieden Fürstens Pflicht wäre /selbte zu verteidigen. So übel es nun
jene empfindeten / wenn diese ihren Fuss aufs Altar erhüben / so ungeschickt wäre
es / wenn jene für eine Mütze einen Helm aufsetzten. Wesswegen auch die alten
Römer für abscheulich hielten / dass die / welche einmal auch bei gerechten
Verdammungen eines Ubeltäters gesessen hatten / den Göttern ein unbesudeltes
Opffer darreichen sollten. Des Hercules Priester bei den Coern / und des Alcis
bei den Naharvalen müsten seinem Bedüncken nach desshalben in weiblicher Tracht
opffern / dass sie sich aller männlichen Sorgen zu entschlagen indenck leben
sollten. Auch wäre er versichert / dass bei der ersten Welt die Priester weder in
den geheimen Rat der Könige eingedrungen / noch den Richterstuhl über das Volck
betreten / noch mit fliegenden Krieges-Fahnen aufgezogen wären. Etlicher
Priester Ehrsucht und Vorwitz / unterschiedener Fürsten Unachtsamkeit / oder
auch etlicher / die sich mit Unrecht und Mord auf den Tron gesetzet / ihre
Furcht und Gewissens-Angst / und endlich des Pöfels Aberglaube habe der
Priesterschaft das Hefft grosser Länder und Königreiche in die Hände gespielet
/ und ihre einsamen Grüffte in hohe Paläste verwandelt. Der Schein / dass
geistliche Stifftungen von Blut und fremdem Raube reinigten / hätte vieler
Könige Schatzkammern erschöpffet. Die Lehre / dass / was man in die Hand der
Priester legte / in die Schoss der mildreichen Götter fiele / hätte ganze
Länder arm / die Priesterschaft wollüstig gemacht. Der Fürwand / dass Heiraten
und Eyde Gewissens-Sachen wären / und von denen untersucht werden müsten /
welche die Sorge der Seelen über sich hätten / hätte ihnen den Schlüssel zur
Gerichts-Stube eingehändigt. Der Eifer des Gottes-Dienstes habe sie zu
Reichs-Cantzlern / zu Hertzogen / Fürsten / und geheimsten Räten gemacht / und
die / welche fürzeiten nur denen Kriegsheeren ein Hertze zugesprochen / wären
endlich gar zu Heerführern worden. Ja etlicher der Freiheit gehässigen Fürsten
eigene Anstalt hätte mit Händ und Füssen geholffen / dass die Priesterschaft
unter sich selbst gewisse Häupter empor gehoben / weil sie diese als Werckzeuge
der Dienstbarkeit wider die Freiheit des Volcks zu brauchen angezielet / welche
bei durchdringender Gleichheit der gehorchenden erhalten wird / ihrer weniger
Botmässigkeit aber der Königlichen Macht am nähesten komt und am dienlichsten
ist. Wolte aber Gott! es wäre die Priesterschaft noch in diesen mittelmässigen
Schrancken blieben. Denn wo haben sie nicht ihnen fast alle liegende Gründe
zinsbar gemacht? In wie vielen Ländern besitzen sie nicht das dritte Teil des
fettesten Bodens / und der gewissesten Einkünfte? Wo aber entziehen sie sich
nicht von den allgemeinen Mitleidungen anderer treuen und viel ärmerer
Untertanen? Wo machen sie nicht das Seil der weltlichen Herrschaft von ihren
Hörnern los? An wie vielen Orten lassen sie sich die allgemeinen Richtschnuren
nicht binden? Aus wie vielen Richter-Stülen verstossen sie nicht alle Weltliche
/ und wo schwingen sie ihre Flügel nicht über die Grund-Gesetze der Reiche / und
über die Hoheit der Könige? Haben sie nicht die ersten Stimmen bei ihrer Wahl?
An wie viel Kronen empfangen Fürsten Kron und Zepter aus ihren Händen? Ich will
der üppigen Priester auf der Atlantischen Insel / denen aller Bräute
Jungfrauschaften geopfert werden müssen / der grimigen in Mohrenland / auf derer
Befehl sich sein König hinrichten muss / geschweigen / und allein von dem
Comanischen Priester in Armenien fragen: Ob Sesostris für so übermütig zu
schelten sei / dass er vier Könige an seinen Siegswagen angespannet / oder
Tigranes /dass er ihrer vier zu seinen Aufwärtern hatte / oder auch jener Scyte
/ der einen grossen Fürsten zum Fuss-Schemmel brauchte / als dieser Comanische
Priester / welcher nicht nur seinem / sondern auch fremden Königen Gesetze
fürschreibet / und ihnen in Anstalten des Gottes-Dienstes die Hände bindet?
Welchem Ariarates die Füsse küssen / und seine Ferse auf seiner Königlichen
Scheitel erdulden müssen? Zu geschweigen / dass übermässiges Reichtum und Gewalt
sich mit inbrünstiger Andacht / und also mit der Priester eigenen Pflicht nicht
verträget / sondern sie bei dem Besitztum zur Uppigkeit verleite; Ehrsüchtigen
aber Anlass gebe nach diesem güldenen Apfel durch alle verbotene Künste zu
streben. Julius hatte gegen dem Lentulus das Recht gebeuget / den Pöfel
angebetet / und nahe sein ganzes Vermögen verschenket / dass er nur den Quintus
Catulus / und Publius Isaurius / welche nebst ihm sich umb das Priestertum
bewarben / wegstechen konnte. Diese Pest sei auch leider bei den Deutschen
eingerissen. Denn seine Vorfahren hätten nicht nur aus einer allzugrossen
Gutwilligkeit verhangen / dass die Missetäter zu binden / zu schlagen / oder zu
tödten niemanden als den Priestern freistehe; sondern es habe auch Segestes
sein Gewissen an Nagel gehenckt / die deutsche Freiheit auf die Schippe gesetzt
/ dass er seinem Sohne Siegmund nur das Ubische Priestertum zuwege gebracht.
Endlich wäre es so weit kommen / dass solche ehrsüchtige hohe Priester sich
selbst vergöttert / ihnen selbst gewisse Priester / welche diese Würde vorher
teuer erkauffen müssen / angenommen / und die niedlichsten Opfer von Samischen
Pfauen / Persischen Hünern / Fasanen / und Phönicopter-Zungen zu liefern
angeordnet hätten. Diese Missbräuche zu unrecht angemasster Gewalt hätte jener
König zu Meroe mit Hinrichtung aller Priester / die sich der Gewalt des Lebens
und des Todes über ihn angemasst / nicht ohne Ursache abgestellt / und er wüste
nicht / ob die Albaner so sehr zu tadeln wären / dass sie ihre Priester / wenn
sie sie vorher wohl aufgemästet und eingebalsamt hätten / selbst zum Opfer
schlachteten. Weil aber diese Leute insgemein gefährlicher als glüendes Eisen
anzurühren wären / hätte der kluge Aristobul bei den Juden / der weise Anius bei
den Lateinern /der verschmitzte Midas bei den Phrygiern / und die Römischen
Käyser durch klügere Erfindung sich selbst zu obersten Priestern gemacht / und
die entwendete Gewalt wieder an sich gebracht. Käyser August hätte mit
Schmertzen nach dem Tode des Priesters Lepidus geseufzet / weil er ohne sein
Priestertum sich noch nicht des Römischen Reiches völlig versichert zu sein
erachtet. Der fünfte deutsche Feldherr sein Uhr-Anherr Alemann habe gleicher
gestalt schon wahrgenommen / dass die allzu grosse Gewalt der Priester / und die
allzusehr umbschränckte Herrschaft der Feldherrn der deutschen Macht einen
grossen Abbruch täte. Dahero / wenn Alemann / seinem Absehen nach / das oberste
Priestertum hätte an seine Krone heften / und auf seine Nachkommen
fortpflantzen können / wären die Deutschen hierdurch erschrecklicher / als durch
seines Enckels des glückseligen Marcomirs unzehlbare Siege und Helden-Taten
worden. Ja er würde sein Vaterland mehr / als durch Beisetzung etlicher
Königreiche vergrössert haben /wenn er nur seine heilsame Anschläge ins Werck zu
setzen durch den ihn übereilenden Tod nicht wäre verhindert worden. Denn es war
bereit unter der Hand /dass dieselben Stifftungen / die von denen unverwendlichen
Gütern des Reiches wider die alten Grund-Gesetze geschehen waren / zurück
gezogen / iedoch die er hobenen Nutzungen vergessen / und wo die Priesterschaft
ja ohne solche ihr Auskommen nicht haben möchten / andere Güter erkaufft / und
ihnen zugeschlagen werden sollten. Nebst diesem sollte man alle bereit besessene
geistlichen Güter in die Land-Taffel einzeichnen und untersuchen: Ob selbte
auskommentlich oder nicht; jenen so denn weder durch Behandlung noch durch
einige Freigebigkeit mehrere an sich zu bringen erlauben / diesen aber den
Mängel durch anderer Uberfluss und derselbten Zuschlagung ersetzen. Ferner sollten
die kostbaren Wallfarten und Gelübde nach Carnutum dem berühmten Sitz der
Druyden in Gallien / wordurch nicht alleine Deutschland aller Mittel erschöpft /
sondern denen weibischen Galliern gleichsam zinsbar gemacht würde / abgestellet
sein; am wenigsten auch von dar einige Bestätigung unserer Priestertümer
gesucht / sondern von dem Feldherrn / welcher von der Fähigkeit derer darzu
beruffenen besser / als Ausländer urteilen könnte / erlanget werden. Nichts
minder hatte Alemann für / die übermässige Anzahl der Priester / wordurch dem
Vaterlande / an dessen Erbauung und an nötigen Kriegsleuten viel entginge / auf
die Helffte einzuziehen / der unbedachtsamen Jugend / welche ins gemein entweder
durch Uberredung / oder durch eigene Ubereilung sich allzu frühzeitig dem Altare
wiedmete / bei ihre reiffen Alter aber vergebens bereuete / das fünf und
zwantzigste Jahr zur Fähigkeit ein Gelübde zu tun auszusetzen / die denen
Geistlichen zufallenden Erbteile dem gemeinen Wesen zum Besten anzuwenden / und
die Eltern / die ihre Kinder in solchen Stand treten liessen / mit alsbaldiger
Abstattung in den Reichs-Kasten zu bebürden. Seit der Zeit sind unterschiedene
Häupter zwar auch auf diese Gedancken gefallen; aber es hat selbte entweder die
innerliche Unruhe gestöret / oder die Missbräuche haben durch Länge der Zeit so
feste Wurtzel gefasst / dass sie solche auszurotten selbst verzweifelt. Zumal man
in diesen Kranckheiten stürmerische Artzneien ohne diss mit höchster Gefahr
brauchet; vielmehr aber man diese vorher durch allerhand Liebkosungen
einschläfen muss / denen man unempfindlich ein- oder ander Glied abschneiden will.
Zeno fing hierauf an: Die Priester hörten nicht auf Menschen zu sein / und also
wäre kein Wunderwerck / dass einige zu weit gingen /oder sich in etwas
vergriffen. Wären doch die Könige leicht zu zehlen / und die Nahmen der grossen
Staats-Diener hätten in einem Ringe raum / welche nicht über die Gräntzen ihrer
rechtmässigen Gewalt geschritten wären. Diesemnach liesse sich wegen etlicher
oder vieler Priester missbrauchten Macht / oder übel angewehrter Güter der
sämtlichen Priesterschaft weder die Ehren-Staffeln verschliessen / noch die
Brunnen der Freigebigkeit verstopfen. Am allerwenigsten hätte Deutschland
Ursache darzu; allwo die meisten Priester sich selbst der dürftigsten Armut und
der gehorsamsten Demut verlobten. So hätte er auch bei denen fürnehmsten
Druyden / welche gleich mit bei dem Steuer-Ruder des Vaterlandes / unter den
Fürsten sässen / eine in Asien ungemeine Bescheidenheit / und eine solche Liebe
des gemeinen Wesens gefunden / dass sie mit Freuden ihre älteste
Stiffs-Einkünfte für das Heil des Volckes ausgeleeret / und das Armut mit
ihrem Uberflusse versorgt hätten. Also wäre die Priesterschaft wohl ein Meer /
in welches viel Flüsse ihr Wasser zinseten; aber aus selbtem auch alle Brunnen
ihr Wasser / entweder durch offene Röhren ihrer Freigebigkeit / oder durch die
verborgenen Adern des Göttlichen Segens / welche die Priester durch ihre Andacht
immer rinnend machten. Wie viel unglückseliger wäre Asien und Comagene / wo die
Priester tausend Götter verehrten / und durch tausenderlei Erfindungen sich
müheten blutsäugende Aegeln des Volckes zu sein. Welche Priester wären in der
Welt berühmter / als die nackten Brachmanen Indiens? Gleichwohl aber bestünde
bei ihnen nicht nur die Fürstliche Herrschaft und Oberkeitliche Gewalt /sondern
ihr Wille wäre eine strenge Richtschnur aller andern Menschen / und dieser
Willkühr an jener Gesetze durch ein Seil des allerstrengsten Gehorsams
angefässelt. Die Hände wäre ihne gebunden / ihre Vernunft verdüstert / dass
niemand nichts / als durch die Augen der Brachmanen zu sehen glaubte. Ohne ihr
Erlaubnis dörfften sie nichts essen / ihnen nicht die Haare abschneiden / noch
sich in dem heiligen Ganges baden / noch sonst einig Gelübde abgelten. Sie
verkaufften nicht nur denen Heiratenden das Wasser dieses unerschöpflichen
Stromes zehnmal teuerer /als anderwerts den besten Wein; sondern auch den
Küh-Mist wiegen sie den Einfältigen als ein gross Heiligtum gegen zweimal so
viel Gold aus. Die Dürstenden müsten ehe erdürsten / als ohne eines Brachmans
Einwilligung aus einem offenen See trincken; und die wohl zwantzig Tage-Reisen
weit vom Ganges entlegene Leute wären von denen Brachmanen ihr versiegeltes
Wasser gegen einer schweren Schatzung zu ihrem Labsal zu holen verpflichtet.
Wenn ein Indianer was verliere / müste er zur Straffe seiner Unachtsamkeit eben
so viel seinen Priestern bezahlen / oder er würde bei Nachbleibung dessen als
ein Verfluchter aus der Gemeine gestossen / aus welcher ohne diss wenig in ihre
Tempel kommen / und niemand auser denen Brachmanen ihrer Götter Bilder anrühren
dörffte / gegen welche Deutschland wegen seiner bescheidenen und glimpflichen
Priesterschaft sich glückselig zu schätzen / und ihren zuweilen mit
unterlauffenden Schwachheiten / wie kluge Aertzte gewissen Kranckheiten / etwas
nachzusehen hätte. Denn das hohe Priestertum mit Gewalt an sich zu reissen /
oder ihnen die Flügel allzu sehr zu verschneiden / wäre ein im Gewissen nichts
minder bedenckliches / als in der Ausübung schweres und der gemeinen Ruhe
gefährliches Werck. Daher wollte er dem Feldherrn nimmermehr raten diese Flamme
anzurühren. Was lange Jahre so weichlich gehalten worden / wäre schwer zu etwas
härterem ohne Gefahr zu gewehnen. Und also sei es besser ein Auge zuzudrücke /
als ohne Frucht etwas verzweifeltes verneuern. Denn die Wieder-Einführung der
alte Schärffe und besserer Sitten sei schädlich und unzeitig / wenn selbte
erstarret / unsere Kräfften aber abgenommen hätten. Und es sei so denn mit einer
solchen Herrschaft / wo die Gebrechen zu Sitten worden / wie mit alten
siechhaften Leibern beschaffen; da die Artznei die schädlichen Feuchtigkeiten
nur rege machte / und den sonst noch eine gute Weile angestandenen Tod
beschleunigte. Das Volck selbst sei durch die Länge der Zeit schon dahin
gebracht / dass sie die Gebrechen der Priester ietzt so sehr liebten / als sie
für Alters ihre Andacht und Tugenden wert gehalten. Den Adel kitzelte es / dass
sie dem ältesten Sohne ihre Güter verlassen / die jüngern durch die Würde eines
Priestertums abstatten / und derogestalt den Glantz ihres Geschlechtes erhalten
/ oder auch erhöhen könten. Daher würde unter seinen Räten und den Werckzeugen
seines Vorhabens niemand sein / der nicht Teil an diesem Ubel / und zu diesem
Berge einen Karn voll Erde getragen hätte. Auch gäbe es unter den Untertanen
solche Leute / welche den Veränderungen so gram wären / dass ihnen für ihrer
erlangten Freiheit eckelte. Die von der grausamsten Dienstbarkeit kaum erlöseten
Römer hätten die Tarquinier wieder einzuruffen sich gelüsten lassen. Und ein
verwähntes Volck fluchtete nichts minder dem / der seine Wolfart suchte / als
die am Feber kranck liegenden denen / welche ihnen bei währender Hitze das
schädliche Wasser zu geben verweigerten: Er wüste zwar wohl / dass auch durch
linde Mittel kluge Fürsten vielem Ubel abhülffen. Alleine auch alle
eingewurtzelte Kranckheiten des Leibes nehmen selbte nicht an / sondern
erforderten Stärcke / Reinigungen und scharffes Aderlassen. Wie viel weniger
wären die so hoch entbrennten Begierden des Gemütes mit laulichten Säfften zu
leschen. So fühlete auch keine Spinne so geschwinde / wenn nur ein Finger einen
Faden ihres Gewebes anrührete / als die Priesterschaft / wenn man ihren
Freiheiten mit einem Tritte zu nahe käme. Also sei es besser bei so
zweifelhaftem Ausschlage so kräfftige Schwachheiten nicht anrühren / als es
durch unzeitigen Eifer offenbar machen / dass wir selbten nicht gewachsen sind.
Denn für derogleichen Gesetzen wird noch immer mit Furcht / es werde verboten
werden / gesündigt. Wenn es aber nach dem Verbot den Verbrechern ungenossen
ausgehet / verschwindet nicht nur alle Furcht und Scham bei den Untertanen /
sondern auch alles Ansehen bei dem Fürsten.
    Aber / fuhr Zeno fort / ich muss wieder auf den Lust-Garten meines Gebürges
kommen; darinnen Oropastes / Syrmanus / und ich / zwar eine gute Zeit unser
Ergetzligkeit pflegte / endlich aber teils aus Andacht / teils aus Begierde
der Neuigkeit / auf die Spitze des Caucasus / und in das Heiligtum des
Prometeus zu kommen verlangten. Wir reiseten einen ganzen Tag in diesem
lustigen Tale über allerhand mit Wein / Oel- und Granat-Aepfel-Bäumen bedeckte
Hügel; des andern Tages kamen wir auf ein neues Gebürge / welches zwar überaus
hoch / gegen der aber uns nun für dem Gesichte liegenden Spitze des Caucasus /
nur gleichsam für Maulwurffs-Hauffen anzusehen war. Mit dem Abende kamen wir an
den Fuss des Berges / und nach dem wir nur etliche Stunden geruhet / stiegen wir
mit unsern Maul-Tieren Berg-auf / weil die Hitze des Tages daselbst fast nicht
zu reisen verstattet. Am Morgen mussten wir wegen angehender Gehigkeit die
Maultiere zurücke / und unsere Erfrischungen durch etliche Bergleute tragen
lassen. Gegen Mittag verminderte sich die Wärmde nach und nach / und wir kamen
endlich in eitel Schnee und Eis; die Lufft war auch so kalt gegen Abend / dass
wir ein Feuer machen / uns und unser bei nahe gefrornes Geträncke wärmen / und
bei einem hellen Qvell / welches eines Armes dicke / und wohl drei Männer hoch
aus der Spitze eines Stein-Felsens empor spritzte /übernachten mussten. Befunden
auch / dass unsere Krafft-Wasser alle Stärcke verloren / der Wein aber mehr
Krafft bekommen hatte. Folgenden Tag fingen wir mit auffgehender Sonnen an
wieder empor zu klimmen / kamen in einen dicken Nebel / welcher unsere Kleider
fast durch und durch annetzte / nach Mittages aber in eine helle sehr dünne /
aber / weil die Sonnen-Stralen so hoch von der Erde nicht zurück schlagen können
/ überaus kalte Lufft / und eine Stunde vor Abend auff die verlangte Spitze des
Caucasus /welche dem Blei-Masse nach vier hundert und acht Stadien / oder ein und
funffzig tausend Schritte hoch ist. Diese hat eine Fläche etwan einer halben
Meile in sich / wir empfanden den wenigsten Wind nicht / und zu unser höchsten
Verwunderung oben in dem weissen Sande mit einem Stabe folgende Reime ganz
unversehrt geschrieben:
        Der hohe Fels hier ist des Weisen Ebenbild.
    Man lacht hier wenn es blitzt / wenn Schloss und Hagel fållt;
    Wenn bald der heisse Sud versengt die Unter-Welt /
    Bald sie der kalte Nord in Frost und Schnee einhullt.
    So macht den Weisen auch kein Unfall kalt noch heiss /
    Kein Neid / kein Schwamm der Zeit / lescht seine Zirckel aus.
    Denn Tugend ist sein Tun / ein himmlisch Geist sein Haus /
    Das stets hat Sonnenschein / und nichts vom Winter weiss.
    Diese Beschaffenheit bestetigte unsern Glauben /dass die Opffer-Asche auff
dem Peloponesischen Berge Cylene ein ganz Jahr unverwehet bliebe; und dass beide
Gipffel den dritten Strich der Lufft erreichten / wegen welcher Abteilung
halber die Griechen sonder Zweiffel den Tempel der Lufft dreien Gotteiten
eingesegnet hätten. Wir konten von dieser unglaublichen Höhe zu unser höchsten
Belustigung beide das schwartze und Caspische Meer / nicht aber die Meotische
Pfütze / wie nach des Aristoteles Bericht insgemein von diesem Berge geglaubet
wird / erblicken; Welche beide aber ein viel düsterners Ansehen hatten / als die
herum liegende Berge / weil diese die Sonnen-Strahlen fester und gewaltsamer
zurück schlagen / jene aber solche gleichsam in sich schlucken / und also keinen
Widerschein geben. Die andern Taurischen Berge / auff welchen die weit unter uns
schwebenden Wolcken lagen / kamen uns wie schneeweisse niedrige Hügel / und ein
Regenbogen wie unser Fuss-Schemmel für; Auser der uns nach Sud recht gegen über
liegende Berg Ararat / auff dem ein grosses Schiff stehen soll / worauff sich der
Scytische Deucalion mit seiner Asia und Kindern / auff Einratung seines Vaters
Prometeus für der allgemeinen Sündflut soll errettet haben. Wovon die Griechen
hernach getichtet / dass dieses Schiff nach Wegweisung einer ausgelassenen Taube
auff dem Berge Parnassus angelendet / ja das übrige Wasser zu Aten in einen
Schlund eingeschlucket worden wäre / worüber sie hernach dem Olympischen Jupiter
einen Tempel gebauet / darein sie jährlich einen von Honig und weitzenem Mehle
gebackenen Kuchen als ein Opffer zu werffen pflegen. Dieser Berg Ararat / sagte
Zeno /schien so hoch / wo nicht höher / als der Caucasus zu sein / soll aber /
nachdem durch Erdbeben etliche Klüffte davon abgespalten sind / nicht mehr
bestiegen werden können.
    Nach dem wir nun auff dieser stillen Höhe uns nicht lange auffzuhalten
vermochten / weil uns der Atem wegen Dünnigkeit der Lufft überaus verlag /also
dass wir nasse Tücher für den Mund halten mussten / hieraus also wahr befunden /
dass man durchs Atemholen von der Lufft / als durch Speise und Tranck aus Erd
und Wasser Nahrung schöpffete /überdiss es auch allbereit ziemlich finster zu
werden anfing / und wir unwahr zu sein erfuhren / dass auff dem Gipffel dieses
Berges die Sonnen-Stralen fast die ganze Nacht durch schimmerten / und es
darauff vier Stunden länger Tag sein sollte; so machten wir uns auff der Seite
gegen Sud in ein Tal herunter / zu dem uhralten Tempel des Prometeus /
darinnen zu übernachten. Der abschüssige Weg nötigte uns gleichsam von der Höhe
eben so springend herunter zu eilen / wie man in Africa einen gewissen Berg
tantzend zu übersteigen genötiget sein soll / wenn man nicht vom Feber befallen
werden will / oder vielmehr eines Weisen Lebens-Art sein soll / dass er den Pfad
aller Beschwerligkeiten mit einem freudigen Geiste wandele / und durch keine
Unruhe die Ruhe seines Gemütes stören lasse. Vorerwähnter Tempel ist in einen
ganzen auff der Fläche dieses Tales liegenden Stein-Fels entweder von einem
künstlichen Werck-Meister gehauen / oder von der Natur selbst ausgehölet. Er ist
gross / inwendig kugelrund / und empfängt von einem oben durch den sich zusammen
welbenden Fels gebrochenem Lufft-Loche nur ein weniges Licht. Wenn Agrippa
diesen Tempel / oder seinen Abriss gesehen hätte / wollte ich kühnlich sagen / dass
er nach diesem Muster zu Rom sein Panteon gebauet. In der Mitte stehet ein
steinern Altar / darauffliget eine Erdkugel / welche über die uns bekandte
Länder / Meere und Flüsse mit vielen neuen bezeichnet ist; Ungeachtet diese
Kugel sonder allen Zweiffel viel älter ist / als die ins gemein für die älteste
gehaltene Land-Charte Anaximanders. Sie übertrifft an Vollkommenheit auch die
kupfferne Taffel des Ariftagoras / und die vom grossen Alexander in den Tempel
des Ammonischen Jupiters verehrete goldene / welche doch alle Länder /Meere und
Flüsse auffs genaueste für Augen stellen sollte; wo anders unsere itzige Abrisse
nicht mangelhaft sind. Der Fuss / darauff die Kugel liegt / ist mit einer Eins
beziffert; Gleich als diese dem Menschen bekandteste Kugel der Messstab aller
andern Cörper sein sollte. Uber der Erd-Kugel stehet das aus dichtem Golde
gegossene Bild der Sonne / auff seinem rechten Fusse die Ziffer 140. weil sie so
vielmahl grösser als die Erde sein soll. Wiewohl einige Weltweisen sie für
hundert sechs und sechzig tausend mahl grösser halten. Hingegen Epicur ihm hat
träumen lassen / dass weder die Sonne noch andere Sternen grösser wären /als sie
uns unser Augen-Maass fürbildete; ja einige gar auff den Wahn geraten sind / dass
wie der Stern im Auge keine wesentliche Kugel / sondern nur ein rundes Loch in
der mitlern Augen-Haut sei; Also die Sonne nur ein kleiner Platz des obersten
Feuer-Himmels / welcher so weit in die Runde eröffnet stünde. Auff dem lincken
Fusse ist ein Jahr verzeichnet / weil sie in dieser Zeit alle zwölff himmlische
Zeichen durchlauffet / also / dass kein Teil des Erdbodens länger oder weniger
als das andere bestrahlet wird; Ob schon unter den Angel-Sternen das ganze Jahr
nur ein Tag und eine Nacht eines halben Jahres lang zu verspühren ist. Auff dem
Nabel sind sieben und zwantzig Tage vermercket; weil in so vielen sich die Sonne
um ihren eigenen Mittelpunct herum drehet /wormit sie nicht nur der Erde / aus
allen ihren vielfältigen Schatzkamern ihren Reichtum zu neigen / und sie mit
ihrer tausendfachen Besämungs-Krafft überschritten; sondern auch einem ieden
Irrsterne seiner Eigenschaft gemässe Strahlen und Tugenden / aus ihren
unzählbaren Röhren nicht anders / als das Meer durch seine Bewegung und
Eindringung in die Höhlen der Berge die Erde bei Kräfften erhält / einflössen
möge. An der Seite hänget ein Bogen mit Köcher und Pfeilen / ihren für unsern
Augen noch mehr als Pfeil geschwinden Lauff / und ihre durchdringende Krafft
darmit abzubilden. Sintemal / da gleich die Sonne nicht um den Erdkreiss rennet /
wie die Weltweisen insgemein glauben / dass ihr geschwinder Lauff vom
menschlichen Verstande nicht zu begreiffen sei; In dem sie in einer Stunde über
neun hundert / drei und funffzig Breiten des Erdbodens weit fortrennen müsse; So
kömmt doch ihre Herumweltzung um ihren eigenen Wirbel und Mittelpunct / welches
längsten in sieben und zwanzig Tagen / oder vieler Meinung nach alle 24. Stunden
geschiehet / aller irrdischen Geschwindigkeit zuvor. Ihre Wirkung aber dringt
biss in den Abgrund des Meeres / biss in den Mittelpunct der Erde / und schwängert
gleichsam durch eine angenehme Vermählung alle fruchtbare Dinge / die
verborgensten Ertzt-Adern / die kältesten Kristallen und Schnecken / und das
Marck der rauesten Felsen. In der lincken Hand hat es eine Leier / weil die
Bewegung der Sonne nicht allein einen angenehmen Klang von sich abgeben; sondern
auch die widrigen Würckungen anderer Gestirne / und gegeneinander streitenden
Eigenschaften der Elemente vereinbaren soll; Also dass die Sonne selbst so wohl
aus dem Erdbodem / als aus denen andern sechs Irr-Sternen ihren Einfluss annimmt
/ von welchen ihr rinnendes Meer nach Erheischung der Natur zuweilen als durch
einen Sturmwind beweget / zuweilen auch sein übermässiges Auffsieden besänftiget
wird. Nebst diesem Sonnenbilde stehet das himmlische Zeichen des Löwen / als ihr
rechtes Erhöhungs-Haus abgebildet. Mit den Armen hält es über dem Haupte eine
überaus grosse von Berg-Cristallen zwar geschliffene / an sich selbst aber nicht
glatte / sondern hin und wieder nichts minder als die Erde von Bergen / Tälern
/ Meeren und Flüssen ganz höckrichte Kugel / durch welche man etliche Reihen
Berge gleich als einen Rückgrad / Rippen und Gebeine / als Behältnisse ihrer
Vereinbarung gehen /auch aus solcher Kugel offtmahls Strahlen / Dampff und
Wolcken ausschiessen sieht. Welches mir der Priester selbigen Tempels dahin
auslegte / dass die Sonne / das warhafte Element des eigentlichen Feuers /
dieses aber in seiner warhaften Eigenschaft sonst nirgends / sonderlich aber
unter dem Monden nicht zu finden wäre / und dannenhero die Sonne teils aus
einem harten feurigen Kalcke / teils aus einem flüssenden Flammen-Meere
bestünde / welches dem im Schmeltz-Ofen glüendem Golde zu vergleichen wäre; und
dannenher bei seiner mehrmals heftigen Bewegung nicht nur feurige Dünste
ausdampffte /sondern wie die Feuerspeienden Berge grosse Ströme Glutt von sich
ausstiesse; welche hernach sich entweder in einen Feuer-Regen verwandelten / und
sich also wieder zu ihrem Ursprunge zügen / und der Soñe gleichsam zur Speise
dieneten / hierdurch aber die vielfältigen Flecken an der Sonnen-Kugel / wie
auch ihre Erblassung / und dass sie ihre gütige Einflüsse nicht so leichtlich der
Erde mitteilen könnte / verursachten; Oder gar ihr hartzichtes Wesen also
zusammen kleibten / dass daraus Schwantz-Gestirne erwüchsen / welche / nachdem
ihr Talg geschwinde oder langsam sich einäscherte / ihre Dauerung / und gleich
als auff Erden die Irrwische oder die flügenden Drachen ihren Untergang hätten.
Dieser Erzehlung nach /sagte Rhemetalces / fehlen die Stoischen Weltweisen sehr
weit / weñ ihrer Meinung nach die Sonne aus dem Meere / der Mond aus süssen
Wassern / die andern Sternen aus den Dünsten der Erde ihre Nahrung ziehen
sollen. Noch ärger aber irret Cleantes / wenn ihm die Sonne desshalben nicht den
Krebs- und Stein-Bocks-Kreis überschreiten kann / dass sie sich nicht von ihrer
Speise entferne. Allerdings / fuhr Zeno fort /ist beides weit gefehlt. Sintemahl
iedem Dinge nur diss / woraus es seinen Ursprung bekommen / zur Nahrung dienet;
die Sonne aber eben wie die Erde in ihrem eigenen Kreisse ihren Unterhalt findet.
Sonsten ist / des Priesters Angeben nach / das dicke Wesen in der Kugel des
Sonnenbildes aus Amianten-Stein / und Jambolischem Holtze / das flüssende aber
von dem Oel derselbigen Feuer-Würmer / die in den Schmeltz-Oefen gezeuget werden
/ bereitet; Also / dass es unauffhörlich ohne einige Verminderung brennet / zum
Zeichen / dass die Sonne zwar nichts minder als die Erde und andere Gestirne aus
verzehrlichem Wesen bereitet ist / auch ihr Abnehmen / Gebrechen / und jährliche
Kranckheiten erduldet / derogleichen sie allererst für weniger Zeit gelitten /
und ein ganz Jahr ganz verblasst geschienen hätte; Gleichwohl aber einen
solchen Talck an sich hätte / welcher dem dünnen Sonnen-Feuer eine beständigere
Nahrung giebet. Da aber auch gleich solch Feuer etwas abnähme /würde es durch
die häuffigen Sonnen-Röhren nicht anders / als der abnehmende Schwefel in denen
unauffhörlich brennenden Bergen / von dem Zuflusse aus denen fernen Berg-Adern
reichlich wieder ersetzet. Der Priester stellt die / welche der Soñe opffern
wollen / und eine Hand voll Weirauch in eine güldene mit Rubinen und
Chrysoliten versetzte Schüssel / etliche Handvolln Weirauch und Myrrhen streuen
müssen / um das Altar herum; Hierauff zündet er eine mit Lorber-Zweigen
umflochtene Fackel an / reichet sie dem / welcher ihm am nächsten ist / dieser
dem folgenden / biss sie wieder an den Priester zurück kommt. Alsdenn zündet er
den Weirauch an; da denn zugleich zweiffels frei durch ein verborgen Rohr das
Oel oder der Zunder in der Sonnen-Kugel vermehret wird / weil sich alsdenn
derselben Glantz vergrössert. Diese hat an sich nichts minder / als das durch
sie abgebildete grosse Tage-Licht von dreissig biss an funfzig scheinbare Flecken
/ welche ganz beständig bleiben / und die dichten nicht flüssenden Glieder oder
Gebeine der Sonne sind / zwischen welchen vielmehr gläntzend und flüssendes
Wesen sein Behältnis hat; Wiewohl / weil die Sonne und diese Kugel sich um ihren
eigenen Mittelpunct umwendet / auch diese Flecken einmal anders als das andere
ins Gesichte fallen / aber doch nach sieben und zwantzig Tagen wieder kommen.
Ausser diesen gibt es unzehlbare / bald vergängliche / wiewohl gegen anderer
Gestirne Dünsten sehr helle Flecken / welches nichts anders als aus ihren Hölen
und von dem aufschwellenden Meere aufschüssende Fackeln sind / durch die die
innern Sonnen-Kräffte in ihren eussersten Rand getrieben werden; zum Teil auch
durch ihren Dampff verhindern /dass die flammenden Sonnen-Strahlen die Erde und
andere Irrsterne nicht zu heftig entzünden. Hinter dem Altare stehet eine
zugespitzt Seule / an der folgende Uberschrifft zu lesen ist:
Des grossen Gottes Bild / der / weil er dem Gesichte
Unsichtbar ist / sich uns in diesem Spiegel weist.
Das Auge dieser Welt / das Sud und Nord macht lichte /
Das ieden Tag sein Kind / die Nåchte Tochter heisst.
Das Hertze der Natur / der Brunn der Lebens-Geister /
Die Himmel / Erd und Meer beseel'n mit ihrer Krafft.
Des Schopffers milder Arm / sein reich Almosen-Meister /
Der Bettlern Speise gibt / und Raben Nahrung schafft.
Der Ursprung allen Licht's / von dessen Fackel zundet
Der tunckeln Ampeln Oel iedweder Irrstern an /
Für welchem der Gestirn' entlehnter Glantz verschwindet /
So weit der Flugel sie der Nacht nicht decken kann.
Das unerschöpffte Qvell der Wårmde / die in Tieren /
In Pflantzen / in Gewurm' / in Ertzt und Steinen steckt.
Der Schatz / wo Perlen / Gold und edle Stein herruhren /
Das Tier / das Purpur hegt / Zibet und Ambra heckt.
Der Strohm der Fruchtbarkeit / der / dass auf Sarg und Bahre
Nicht Welt und Vorwelt liegt / durch sein Gesäm' erhålt.
Die Richtschnur ieder Zeit / der Måssstab aller Jahre /
Der Früling / Sommer / Herbst und Winter gibt der Welt /
Das Meer / aus welchem Freud und Reichtum kommt geroñen /
Ist's Bild / dem man allhier steckt Weirauch an:
Der Sonnen.
    Um dieses herrliche Sonnen-Bild sind um den rundten Tempel herum in einer
wohl abgeteilten Entfernung sechs andere zu sehen. Das erste Bild war silbern /
stand auf zwei weissen Ochsen / hatte auff dem einen Fusse 29. Tage / 12. Stunden
/ und 44. sechzigteil; Auff dem andern 27. Tage / 7. Stunden / 42. sechzig
teil zum Merckmahle seines Lauffs. So hoch ist der Vorwitz des Menschen
gestiegen / dass er den Himmel auff einen Finger / die Erde auff ein Haar /und
die Zeit gleichsam auff einem Augenblick abzumessen vermist! Seine gläserne
Kugel über dem Haupte war kaum das zwei und vierzigste Teil so gross als die
Erd-Kugel; denn so viel kleiner soll der Monde sein; Wiewohl ihm ihrer viel auch
das neun und dreissigste Teil der Erde zueignen. Diese hatte in sich so wohl ein
irrdisches als ein wässerichtes Wesen; welches letztere gegen dem Sudlichen
Rande sich als ein grosser Brunn in viel Bäche zerteilete / und gleichsam
unterschiedene helleuchtende Spiegel abbildete. Sie ware auch voll Meere / Flüsse
/ Inseln /Berge / Wälder und Täle / und daher entspringender unzehlbarer
Flecken / welche teils daraus / dass die Strahlen von der Sonnen-Kugel in solche
Tieffe nicht fallen können / teils aus dem Monden-Meere entspringen; auch /
weil dieses sich nichts minder als das irrdische Meer aus seiner eigenen Natur /
und von der Krafft der Sonnen-Strahlen / bald hin bald her beweget; ja der Monde
sich von Ost gegen West / und wieder zurücke weltzet / nicht einmal wie das
andere aussehen / sondern / nachdem die Monden-Kugel gegen den Sonnen-Strahlen /
oder dem Auge des Menschen stehet / sich verändern. Gleichwohl war sein
silberfarbener Schein / nicht nur wenn er voll / sondern auch /wenn er nur wie
eine Sichel aussah / der schönste und dem Augenmasse nach / grösseste nach der
Sonnen für allen andern Stern-Kugeln. Zu den Füssen dieses Bildes stand das
himmlische Zeichen des wässrichten Krebses; In der rechten Hand hatte es eine
weisse Wachs-Fackel / in der lincken einen Wasser-Krug oder Tau-Horn. Sintemal
der Monde nicht nur die Nacht erleuchtet; sondern auch die ganze Erd-Kugel
/welche sonst von der Hitze der Sonne bald zu Staube werden würde / anfeuchtet;
und zwar alsdenn / wenn die Sonne das Monden-Meer im Neu- und Voll-Monden am
heftigsten bewegt / am meisten betauet; also / dass aus der Monden-Kugel nichts
minder als aus der Erde viel / iedoch weit dünnere Dünste auffsteigen /das Meer
sich bei Epp und Flut höher auffschwellet /Flüsse anlauffen / die Pflantzen mehr
Safft kriegen /Krebse und Muscheln völler werden / das Gehirne feuchter wird /
und insonderheit die Blutlosen Dinge den Geist des Monden empfinden.
    Das andere Bild des Mercurs war von einem aus getödtetem Qvecksilber
zusammen gefügten Talcke bereitet; welches mit einem Fusse auff einem steinernen
Hahn / mit dem andern auff eine Ertztene Schlange trat. Seine über dem Haupte
schwebende Kugel war neunzehn mahl kleiner als die Erd-Kugel / und kriegte auch
nur zuweilen / wenn die Sonnen-Kugel am aller dunckelsten leuchtete / einen
Ascherfarbenen Gegenschein. Auff einer Seiten standen die gestirnten Zwillinge /
auff der andern die Jungfrau. Diss Bild hatte in der lincken Hand einen Zirckel /
in dessen Mitte das Bild der Sonnen stand; weil dieser Irr-Stern seinen Lauff um
die Sonne verrichtet / und von selbter sich no comma? über acht und zwanzig
Staffeln entfernet / wird also er gleichsam in ihre und der Venus Stralen stets
eingehüllet; daher auch seine Kugel meist auff beiden Seiten lichte ist / wenn
die Venus nicht zuweilen zwischen ihn und die Sonne tritt. In der rechten Hand
trug diss Bild einen Herolds-Stab /mit zwei gegeneinander gekehrten Schlangen /
weil dieses Gestirne / sonderlich wenn es mit der Sonne vereinbaret ist / oder
sein Geist durch ihre gerade einfallende Strahlen beseelet wird / denen
irrdischen Dingen eine Lebhaftigkeit einflöst / die Tiere / und voraus den
Menschen tieffsinnig machet. Auff dem einen Fusse dieses Bildes stand die Ziffer
sechs; weil dieser Stern in so wenigen Stunden sich um seinen eigenen
Mittelpunct umdrehet / und also auff der Erden gleichfalls bald voll bald
hörnricht zu sein scheinet.
    Das dritte Bild der Venus war von Kupffer / stand mit einem Fusse auff einem
Marmelnen Schwane / mit dem andern auff einer Alabasternen Taube. Die rundte
Kugel über seinem Haupte war zwar nur das sechste Teil so gross als die
Erd-Kugel / iedoch nimmt selbte gleicher gestalt ab und zu; übertrifft aber mit
dem Glantze seine weissgelblichten Strahlen alle andere Sterne / ausser denen
zwei grossen Welt-Lichtern; also / dass selbter so gar einen ziemlichen Schatten
von sich wirfft. Dieses Bild hatte auff einer Seiten den himmlischen Ochsen /
auff der andern die Wage / in der Hand einen Zirckel / in dessen Mittelpuncte
gleichfals die Sonne abgebildet war; weil dieser Irr-Stern um die Sonne lauffen
/ bald über bald unter ihr stehen / auch sich no comma? allzu weit von ihr
entfernen soll; sondern bald ihr Vorläuffer / bald ihr Nachfolger / bald Morgen-
bald Abend-Stern ist / und dahero seinem Stande nach auff der Erde bald klein
/bald gross / und wie der Monde Monatlich; also dieser jährlich bald voll / bald
halb / bald wie eine Sichel sich sehen läst; Auch nach Art der Sonne bald ihre
höckrichten gleichsam aus Diamanten bestehenden Gebürge / bald ihr aus rinnendem
Crystall sich sanfte rührendes Meer beweget / Zierde und Annehmligkeit denen
irrdischen Dingen einflösset / und gleichsam eitel Musch und Ambra von sich
hauchet.
    Das vierdte Bild des Mars war aus hellgeschliffenem Stahle / stand mit einem
Fusse auff einem Bocke /mit dem andern auff einem Wolffe; Weil dieser Irr-Stern
allerhand stinckende Einflüsse hat / und wölfichter Art ist / in den Adern
schwartzes Geblüte / im Hertzen Gift und Galle kochet. Auff dem rechten Fusse
stand die Ziffer 14. als das Mass / wie viel mahl er grösser als die Erde sein
soll. Auff der lincken sein Bewegungs-Ziel / nehmlich / 1. Jahr / 321. Tage /
22. Stunden / und 24. Sechzigteile; Auff der Seiten das Zeichen des himmlischen
Schützens und der Fische /als seine zwei Häuser. In der lincken Hand hatte
dieses Bild einen rundten ganz glüenden und die obere Kugel bestrahlenden
Schild / in der rechten einen Pfeil / wormit dieser Irr-Stern auch sonst
bezeichnet wird. Mit dem ersten zwar / weil er nebst der Sonnen auch zum Teil
sich durch sein eigenes Feuer erleuchtet; daher auch sein Schein / welcher sonst
blasser als der Mond sein würde / blutrot ist; Auch wegen dieses seines eigenen
Scheines seine Kugel zuweilen als halb gespalten scheinet / nachdem er sich
nehmlich um seinen eigenen Mittelpunct herum drehet / und dem Erdbodem ein oder
andere Seite zeigt / wormit er seine schädliche Würckungen über die Erde nicht
allezeit in gleicher Hefftigkeit ausübe. Massen er denn über diss in der Mitten
einen rundten so grossen Wirbel und Schlund / als wohl ganz Africa ist
/ingleichen ein finsteres schwartz-gelbes Pech-Meer hat / darinnen der Zunder /
den dieses feurige Gestirne zu täglicher Zehrung darff / zwischen denen
Schwefel-Bergen / und der aus Hüttenrauch und funckelnder Ertzt-Erde gemachtem
Gerippe erhalten / und durch die geheimen Röhren in die unterirrdischen Hölen
dieses Feuerspeienden Etna geleitet wird. In der rechten Hand führete diss Bild
einen Pfeil / und aus dem Munde fuhr der Blitz / weil er nicht alleine kein mahl
rund aussiehet / vielmehr aber allezeit grosse Spitzen oder Borsten aus seinem
Cörper vorragen hat; sondern weil seine Schärffe allentalben durchdringet / er
gleichsam als ein wüttender Vulcan alle schädliche Waffen zum Verderb der Welt
schmiedet / das Haupt schwindelnd / die Glieder zitternd / die Leber hitzig /das
Hertze klopffend / die Tiere rasend macht / die Gewächse versänget / die
Brunnen versäugen lässt /früh alles verbrennet / des Abends alles austrocknet
/gifftige Winde / aussaugende Lufft / Donner und Wetter verursacht. Daher er
auch von einigen Weisen das kleine Unglück der Welt / und ein Gott der
Zerstörung geheissen worden. Auff den Achseln trug diss Bild eine blaugelbe
höckerichte Schweffel-Kugel /oder vielmehr einen Feuer-ausspeienden Berg; weil
der hiedurch bezeichnete Irr-Stern unauffhörlich stinckenden Rauch und Feuer
schäumet / das wässerichte Teil eitel siedendes Hartzt kochet / um seine Kugel
schwartze Nebel und Wolcken erreget / und durch solche unauffhörliche
Auffschwellung seine Eigenschaften als aus einem Schmeltz-Ofen heraus flösset /
auch allen andern. Geschöpffen eindringet; Wiewohl diese Dünste sich endlich in
einen Regen verwandeln / und also um dieses Wüten ein wenig zu besänftigen /
wieder zu ihrem Ursprunge absincken. Jedoch kriegte diese grausame Kugel von
denen für ihm stehenden erstern und dritten / wie auch von dem hinter ihm
folgenden Irr-Sterne offtmahls einen annehmlichen Gegenschein. Denn wie die
grosse Harffe der Welt zu ihrer annehmlichen Zusammenstimmung allerhand
ungleiche und widrige Seiten erfordert / die Erde aus unterschiedenen
streitbaren Dingen vereinbaret ist; also hat der Himmel auch dieses
kriegerischen Gestirns von nöten / um im Winter die Kälte zu miltern / und der
offtmahls gleichsam Wassersüchtigen Erde zu Hülffe zu kommen. Ja wie kein Gift
zu finden /dass nicht auch zur Artznei werde / wie das gifftige Gewürme seinen
Nutzen schafft / die Spinne in der Lufft / die Kröte auff der Erde / der
Scorpion aus den Wunden / die grünen Käfer aus den Pest-Drüsen das Gift an sich
ziehen; Also zeucht auch dieser Stern die schädlichen Einflüsse aller andern wie
ein rechter Miltz an sich / und verbraucht selbte zu seinem Zunder. Auch hat die
Natur weisslich geordnet / dass der Zirckel dieses Sternes / der in seiner
Näherung zuweilen beim Eintritt des Wassermanns und der Fische ein grosser
Haar-Stern zu sein scheinet / um die Sonne /die Venus und den Mond gehe / womit
er zuweilen von der Erde sehr weit entfernet werde.
    Das fünfte Bild des Jupiters war aus fünckelndem Zihn / stand mit einem
Fusse auff einem mit Blitz ausgerüstetem Adler / mit dem andern auff einem
Hirschen. Auff dem Fusse war das Ziel seines Lauffes mit 11. Jahren / 315. Tagen
/ 17. Stunden / und 14. Sechzigteilen bezeichnet; Neben diesem Bilde war das
Zeichen des gestirnten Schützen und der Fische. Auff dem Nabel sah man 284.
Tage eingepreget /weil dieser Irr-Stern in solcher Zeit sich um seinen eigenen
Mittelpunct / wie ein Rad um die Axe umwenden soll; Wormit er die heilsamen
Kräffte beider Seiten den andern Gestirnen und der Erde mitteilen möge. In der
Hand trug diss Bild einen mit Oel-Laube umflochtenen Zepter; denn dieses
Königlichen Gestirnes Einflüsse (wenn selbte nur nicht durch den dazwischen
tretenden Cörper des feindlichen Kriegs-Sternes auffgehalten werden) wigen den
Menschen Ehre /Herrschaft / einen freudigen Geist und Klugheit zu; Sie
ermuntern in Tieren die Lebens-Geister / in Gewächsen stifften sie
Fruchtbarkeit / in der Lufft heimliches Wetter / sanfte Regen / anmutige
Winde; im Auffgange vermehren sie die Wärmde / im Niedergange die Feuchtigkeit;
Im Sommer mässigen sie die Hitze / im Winter den Frost; ja weil die Tieffen
dieses Gestirns mit eitel Ambragriss angefüllet sind / bestehen seine
Ausdampffungen in eitel wohlrüchendem Balsam / welche in der Erden alle
kräfftige Gewürtze / Oele und Hartzte zeugen / und alle der Indier Stauden
einbiesamen. Daher er nicht unbillich der grosse Glücks-Stern / und das Horn des
Uberflusses geheissen wird. Dieses Bild trug über seinem Haupte einen
absonderlichen Himmel mit vier unterschiedenen Zirckeln. In der Mitte stand eine
hellgläntzende / auch die Erde wohl vierzehn mahl an der Grösse übertreffende /
um den eussersten Rand etwas höckrichte Kugel / welche gegen der Sonnen mit
ihrem Liechte dem Abends-Sterne nichts nachgibt. Auff der abgewendeten Seite
war sie gleichwohl auch ziemlich lichte / weil dieser Irrstern nicht nur von der
Sonnen /sondern auch von seinem eigenen Liechte erleuchtet wird. Umb diese Kugel
von Ost gegen West gingen unterschiedene etwas tunckele teils gerade teils
gebogene Gürtel; Weil dieses Gestirne von solchen dem Taurus verglichenen
Gebürgen in gewisse Striche abgeteilet / zwischen diesen das dariñen mehr
gläntzende / und sich unauffhörlich bewegende Silber-Meer bewahret / auch nur an
etlichen Orten von etlichen See-Engen durchschnitten wird. Diese Stern-Berge /
welche schmal / bald breit / bald weit / bald nahe beisammen / bald
schnurgleiche / bald gekrümt scheinen / nach dem diese sich von Nord gegen Sud
sich umweltzende Kugel uns im Gesichte stehet / halten in sich allen Saamen der
herrlichen Tugenden /welche allen andern Elementen desselben mitgeteilet / und
gleichsam von eitel lieblichen West-Winden ausgehauchet werden. Diese schöne
Kugel krieget ferner noch einen absonderlichen Glantz von ihren vier in denen
vier Zirckeln um sie herum stehenden Stern-Geferten / welche sämtlich von West
gegen Ost /und zwar die innersten und nechsten immer geschwinder als die
eussersten herum lauffen / und ihrem Haupt-Gestirne ihr teils eigenes / teils
von der Sonne geborgtes Licht mitteilen; sonderlich der erste und dritte /
welche überaus helle schimmern / und gleichsam gegen den andern zweien Monden
zwei kleine Sonnen sind. Ja weil die Sonne dieses grosse und hohe Gestirne nicht
völlig erleuchten kann / zum teil ihre Stelle verderben / und aus der Tieffe
desselbten alle Kräfften empor ziehen: wiewohl der erste und nächste an Grösse
den rechten Monden / der andere dem Mercur / der dritte der Venus / der vierdte
der Erde gleich kommt; iedoch nachdem sie ihrem und dieses grossen Gestirnes
Lauffe nach zu stehen kommen / bald nahe beisammen / bald weit von einander /
gegen Nord gross / und als wenn sie unten / gegen Sud viel kleiner / und als wenn
sie über dem Jupiter stünden / auch nach dem Stande der Sonnen bald wie volle /
bald wie wachsend- oder abnehmende Monden aussehen / auch zuweilen vom Schatten
des Jupiters verdeckt; hingegen / weil aus dieser Gestirne hellen Dünsten sich
auch auff eine zeitlang neue Hartzt-Sternen zeigen / zuweilen an ihrer Zahl
vermehret werden.
    Das sechste Bild / war ein aus Blei gegossener alter Greiss; seine Stirne
voller Runtzeln / die Wangen eingefallen / alle Glieder schwach und sonder
Lebhaftigkeit; Die Augen hatte er unter sich geschlagen /und die Beine schienen
zur Bewegung ganz ungeschickt. Deñ der hiermit fürgebildete höchste und
langsamste Irr-Stern hat an sich alle Schwachheiten des langsamen Alters / daher
auch 29. Jahr / 162. Tage / 7. und 36. sechzigteil Stunden verstreichen /ehe er
einmal um seinen Zirckel herum komt. Diss Bild stand auff einem Drachen und Bären
/ hatte auf dem Fusse die Ziffer 22. als das Maass seiner Grösse /wiewol andere
diesen Irr-Stern mit seinen zweien Armen oder Geferten 165. mal grösser als die
Erde schätzen. Auf der Seite stand der gestirnte Steinbock /und der Wassermann.
In der rechten Hand hatte es eine Sichel / in der lincken einen Rauch-Topf /
weil die in diesem Irr-Sterne sich befindende graue Erde und Blei-Berge / wie
auch das gleichsam aus eitel Spiessglase sich langsam bewegende todte Meer aus
seinen Hölen / und aufkochendem Hartzte unaufhörlich stinckende schwartzen Rauch
ausdampfet / als die rechte Kugel der Verwirrung alles verdüstert / mit seiner
Todten-Sichel aber alles heilsame abmeiet /durch seine Kälte die Lebens-Wärmde
auslescht /Feber gebieret / die Feuchtigkeiten zähe machet / giftige Nebel /
Ungewitter / Schiffbruch / Unfruchtbarkeit und Kälte verursachet / sonderlich /
wenn er sich unserm Scheitel nähert / oder mit dem kriegerischen Irr-Sterne in
ein Horn blässt; daher er billich der grosse Unglücks-Vogel / der kalte und
trockene Feind der Natur / und das Vorbild der Zeit / welche ihre eigene Kinder
auffrisst / genennt wird. Uber dem Haupte schwebte eine grosse dunckele Kugel /
welche vorwerts von der Sonnen / auf der Seiten aber auch von zwei kleinen
Kugeln / die ihn gleichsam zu einem dreileibigten Geryon machen / erleuchtet
wird; wiewohl beide Geferten / nach dem man stehet nicht stets als von der
mittelste grossen Kugel ganz abgesondert / sondern nur / als angefügte Armen /
handhaben /und halbe Monden; also die mitlere Kugel wie ein länglichtes Ey /
oder / wenn die eine kleinere Kugel vor- die andere hinterwerts stehet / gar
nicht gesehen werden. Sintemal umb diesen Irr-Stern zwei kleinere Irr-Sterne /
derer ieder nur halb so gross ist / ieder in seinem absondern Circkel von West
gegen Ost aufwerts herumb lauffen / wormit sie mit ihrem eignen Lichte / weil
die überaus weit entfernte Sonne seinen grossen Cörper nicht genungsam
erleuchten kann / alle seine ihnen nach und nach zugewendete Teile /indem sie
und dieser Irr-Stern sich ebenfalls umb ihren Mittel-Punct umbweltzet / erhellen
/ und seine traurige Einflüsse durch ihre absondere Würckungen beseelen helffen;
ohn welche die schwere Blei-Kugel ganz unbeweglich und finster sein würde;
wiewohl /wenn sie diesem Irr-Sterne ihre ebenfalls an sich habende irrdische
dunckele Seite zuwenden / selbter gleichsam verschwindet / oder er auf seinen
beiden Seiten mit zwei wesentlichen / nicht aber von einem blossen Schatten
herrührenden düsternen Henckeln umbgeben wird; hingegen wenn eine Kugel gleich
mit ihrem lichten Teile vor ihm steht / selbten so wenig als ein kleines Licht
einer grössern Flamme Schimmer verfinstert. Diesen Irr-Stern als den
allerschädlichsten hat die Natur in eine unermässliche Höhe / nehmlich nahe
funfzig tausend Breiten der Erde weit / über die Erdkugel gesetzet / womit seine
mächtige Würckungen desto schwächer wären / auch von Heilsamkeit des Jupiters /
von der Lebhaftigkeit der Sonne / und der Feuchtigkeit der Erden gelindert
würden. Wiewohl sie nichts minder als Napel / Wolffs-Milch und dieselbigen
Artznei-Kräuter / welche übel rüchen / in Eingeweiden reissen / dem Magen Eckel
schaffen /oder auch die gifftigen Brunnen / die Schwefel-Bäder / und siedende
Flüsse auf Erden / ja Nacht-Eulen und Fleder-Mäuse nötig und nütze sind. Denn
ob die Saturnischen Einflüsse zwar in denen Leibern / welche einen ihres Giftes
fähigen Zunder in sich haben / grossen Schaden tun; so saubern sie doch andere
ihnen nicht so sehr Zugetane darvon / und treiben die bösen Feuchtigkeiten in
das ihnen von der Natur bestimmte Glied zum Heil der andern Eingeweide. Sintemal
was in dem Menschen der Magen ist / der die Speise verdäuet / und iedem
Eingeweide sein zuständiges Teil zueignet / das ist in der Welt die Erde; die
Werckstatt der Feuchtigkeiten ist in den Tieren das Gehirne / in dem Himmel der
Monde; der Austeiler der Lebens-Geister ist in der kleinen Welt das Hertze / in
der grossen die Sonne; die Leber teilt den Gliedern mit dem Geblüte Krafft und
Stärcke mit / der gestirnte Jupiter allen Geschöpfen / die Lunge schöpfet Lufft
/ und kühlet die Hitze des Hertzens ab / wie der Mercur unter den Gestirnen; die
Nieren sind das Sieb / welches das reine von dem unreinen unterscheidet /und der
Werckzeug der Fruchtbarkeit; dieses würcket auch in der Welt die gestirnte
Venus; und wie die Galle das bittere und schweflichte Geblüte an sich zeucht;
also macht es im Himmel der Kriegs-Stern; ja wie der Miltz alle andere
schädliche Feuchtigkeit dem Leibe zum besten teils in sich zeucht / teils
durch die Stulgänge abtreibet; also ist es in der grossen Welt mit dem
gestirnten Saturn beschaffen; zu geschweigen / dass er auch die flüchtigen
Geister hemmet / alles überflüssige zusammen zeucht / und den Menschen zu
Erforschung nachdencklicher Dinge bereitet.
    Alle diese sechs Kugeln waren nur vorwerts gläntzend / ausser dass die des
Saturn und Jupiters von den Geferten / des Mars aber von seinem eigenen Feuer
auf der Abseiten etwas erhellet wurden / weil sie von der Sonnen-Kugel ihren
Schein bekommen / und alle als kleiner hinter sich einen zugespitzten Schatten
werffen. Man nahm in allen diesen Kugeln gleichsam Erde / Lufft / Feuer und
Wasser wahr / ob wohl dieser Dinge Vermischung bei einem Sterne viel anders /
als beim andern / zu sein schien. Sintemal iedes Element in einem ieden Gestirne
eine besondere Eigenschaft haben soll. Daher auch so wohl die Irr- als andern
Sterne ihre Ausdampfungen haben / daraus zuweilen Schwantz- oder Haar-Gestirne /
nach dem die Sonne sie durchstraalet / entstehen; welche / ob sie wohl lange
Zeit / ja biss zwantzig Jahr scheinen / nach dem ihr Wesen nehmlich feste und
hartzicht ist / wie man in der Cassiopea / auf der Brust des Schwanen und andern
Gestirnen wahrgenommen / doch endlich verschwinden; nach dem der Mittelpunct
iedes Sternes eine magnetische Krafft in sich hat / welche / wie es die Erde und
alle Eingeweide in den Tieren tun /alles seinem Wesen gleichgeartete an sich
zeucht; also dass da ein Stück von dem Monden mit Gewalt auf die Erde käme /
selbiges so wohl zu dem Monden klimmen / als ein Stein aus dem Monden zur Erde
fallen würde. Und daher für ein blosses Getichte zu halte wäre / wenn Licinius
Silanus gesehen haben will / dass ein Mägdlein aus den Sternen gefallen / und
selbtes nahe bei der Erde in eine Fackel verwandelt worden wäre; Wie auch / dass
einst ein Löwe aus dem Monden in Peloponnesus abgestürtzet hätte. Hingegen
billichte der Priester dieses Ortes nicht nur die Meinung des Pytagoras und des
Xenophanes: dass es im Monden Städte / vollkommenere Menschen / und funfzehen mal
grössere Tiere gäbe als auf der Erden. Ja dass daselbst in der Höle der Hecate
der hier abgelebten Seelen über ihr Tun Rechenschaft geben / und ihre Straffe
oder Belohnung empfangen müsten /indem daselbst das rechte Elysische Tal
anzutreffen wäre; sondern es würden auch die übrigen Gestirne /gegen derer
Herrligkeit unsere Erde für Kot / und gegen ihrer unbegreifflichen Grösse für
ein Saam-Korn zu achten wäre / bewohnet / welche aber ihren Leibern und
Gemütern nach / uns ganz ungleich /hingegen ihrer Wohnung nach geartet wären.
Gleicher gestalt sind die Seren und Scyten von dieser Meinung nicht entfernet /
daher der Tatter Xaucung den Serischen König Hiaorus unschwer beredete / dass er
ihm seine verstorbene und im Monden wohnende Changoa alle Nacht zu seinem
Beischlafe herunter lockte. Als auch gleich dessen Betrug offenbar ward /wollte
er doch biss in den Monden einen Turm bauen lassen. Welche Torheit ihm nicht
ehe auszureden war / als biss der Bau-Meister das ganze Serische Reich zur
Grundlegung forderte. Hertzog Herrmann brach Schertz-weise ein: Ich erinnere
mich / dass die Einwohner des Atlantischen Eylandes nach ihrem Tode in die
Sternen versetzt zu werden gläuben; also werde diese vermutlich ihre Bürger
sein. Alleine hat Democritus diese bewohnte Stern-Kugeln auch unter seine viel
Welten gerechnet? Oder hielt dieser Priester / des Plato Meinung nach / die Welt
/ die Erde und Sterne für beseelte / und mit allen Sinnen begabte Tiere? Zeno
antwortete lächelnde: Es würde Pytagoras diesem Priester solche Geheimnisse
unter dem Siegel des Stillschweigens vertrauet haben / weil er gegen ihn damit
hinter dem Berge gehalten. Es mangelte aber gleichwohl noch zur Zeit nicht an
Verteidigung beider Meinungen. Und erinnerte er sich / dass etliche das eine
Nasen-Loch der Erde / in das Tronische Nord-Meer / andere in die Mitte des
Caspischen Nord-Meeres versetzten / und dass die Erde durch selbte Atem holete /
erhärteten; andere Epp und Flut des Meeres für der Erde Lufft-Schöpfung / das
Erdbeben für die Schütterung dieses Tieres hielten /alle aber aus der Hegung so
vieler beseelten Dinge ihr eigenes Leben behaupten wollten. Des Democritus
Meinung aber hätte nicht nur unzehlbare Nachfolger /sondern Epicur hätte gar
gelehret / dass täglich neue Welten entstünden und untergingen. Ja Metrodor hätte
ihm dieses so fest eingebildet / dass er es so ungereimt zu sein geachtet / wenn
nur eine Welt alles All begreiffen sollte / als wenn auf einem grossen Felde nur
eine Aehre wüchse. Dass auch dessen von langer Zeit nicht etwan der albere Pöfel
/ sondern die grösten Leute beredet gewest / gibt uns der grosse Alexander ein
merckwürdiges Beispiel / welchem des Anaxarchus hierüber geführter Beweis so
tieff zu Hertzen ging / dass er bittere Tränen darüber vergoss.
    Nach Betrachtung dieser Bilder / fuhr der Fürst Zeno fort / zeigte uns der
Priester ein in dem Tempel hängendes Muster des grossen Weltbaues / darüber ich
mich zum höchsten verwunderte. Denn nach dem ich zumeinem Lehrmeister einen
Chaldeischen Sternseher / einen Griechischen Weltweisen / und einen Egyptische
Priester gehabt / bin ich vom ersten unterrichtet worden / dass die Erde der
Mittel-Punct der Welt sei / und diese lieffe im ersten Circkel der Monde / im
andern Mercur / im dritten Venus / im vierdten die Sonne / im fünften Mars / im
sechsten Jupiter / im siebenden Saturn herumb. Eben dieses fast hat mich der
Platonische Weltweise gelehrt / ausser dass er die Sonne in andern / den Mercur
in dritten /die Venus in vierdten Circkel setzte. Der Egyptische Priester hat in
dem mich nur etwas sonders bereden wollen / dass die Sonne zwar im andern Circkel
umb die Erde lieffe; aber Mercur und Venus rennten nicht umb die Erde; sondern
ihre zwei Circkel / derer innersten Mercur / den äusersten Venus inne hielte
/gingen mit ihrem Lauffe umb die Sonne / als ihre Trabanten / welche sich
keinmal weit von ihr entferneten. In diesem Welt-Gestelle aber war alles
verrückt. Denn der Mittel-Punct war die Sonne / umb diese lieff im ersten
Kreisse Mercur / im andern Venus / im dritten rennte die von mir für den
unbeweglichen Mittel-Punct gehaltene Erde / und umb diese in einem absondern
kleinen Circkel der Monde herumb. Den vierdten Kreis hatte Mars / den fünften
Jupiter / umb welchen in vier Circkeln vier Sternen umblieffen / den sechsten
Saturn / umb den in zwei Circkeln zwei Sterne umbeileten / inne. Mein Vorwitz
trieb mich dem Priester einzuhalten / dass es ja wider den Augenschein lieffe
/wenn man die täglich auf- und nieder gehende Sonne unbeweglich machen / die
Erde aber / ausser dem Mittel-Puncte der Welt / welches aus denen rings herumb
darauf fallenden schweren Dingen zu ermessen wäre / rücken wollte. Wie sollten
auch auf der wanckenden Erde Menschen und Tiere sicher stehen /oder daraus so
viel Bäume und Pflantzen wachsen /da sie sich bewegen sollte / nachdem das Wesen
/ in welches die Kräfften aller Gestirne einflüssen sollten /ja ruhig sein müste?
Der Priester antwortete mir lächelnde: Ich sollte meinen blöden Augen nicht
zutrauen / das Mittel des unermässlichen Welt-Gebäues zu erkiesen / welches sie
ohne ein Circkel-Maass in keinem Kreisse eines Fingers lang so genau treffen
könten. Meinen falschen Augenschein die Bewegung der Dinge zu unterscheiden /
sollte ich aus einem Schiffe wahrnehmen / da mich bedüncken würde: Das Ufer
fliehe für mir / und ich nicht für ihm. So geschehe auch die Bewegung der Erde
in viel mehrer Gleichheit / als eines Schiffes bei dem besten Winde / darinnen
alles so unverrückt bliebe / wenn es auf der See fort segelte / als wenn es im
Hafen angebunden stünde /ob schon die Erde wohl mehrmals sich erschütterte
/offtmals nicht nur Berge einbrächen / sondern auch an einen fernen Ort gar
fortgesetzet würden. Und die /welche ganze Jahre auf dem Meere sich herumb
schüttelten / würden sich über keinen Abgang der einflüssenden Sterne zu
beschweren / vielmehr aber zu bezeugen haben / dass in denen darauf stehenden
Gefässen die irrenden Pflantzen nichts minder als die in der grossen Erdkugel
eingewurtzelt wären / wüchsen. Über dis hätte nicht nur die Erde / sondern auch
die Sonne und alle Sternen ihren absonderen Mittel-Punct / in welchen alles
zurück fiele / was aus ihr empor kommen wäre. Hingegen wäre es nicht allein
möglicher und der Vernunft gemässer / dass die Erdkugel alle vier und zwantzig
Stunden sich umb seinen Würbel umbwendete / alle Jahre aber einmal umb die Sonne
herumb lieffe; als dass dieses unbegreifflich-grosse Geschöpfe und so viel
tausend unmässliche Gestirne sich so geschwinde / als es menschlicher Verstand
nicht fassen kann / umbrennen sollten; sondern es würde nach fortgesetztem Grunde
/ dass die Welt hier wahrhaftig abgebildet wäre / die Rechnung mit der Bewegung
der Sternen / der Mond- und Sonnen-Finsternüsse viel genauer eintreffen.
    Wie wir nun / sagte Zeno / mit unser Verwunderug dieses Priesters Unterricht
für eine unzweifelbare Wahrheit anzunehmen schienen / gab er uns Anlass das
Gewölbe des Tempels genauer zu betrachten /und zu schauen: Ob das daran
gebildete Gestirne mit unsern gestirnten Himmels-Kugeln überein treffe? Ich ward
aber bald gewahr / dass die mir bekandten 48. oder 50. himlischen Bilder
unzehlich viel mehr Sternen in sich hatten / indem meine Lehrmeister mit dem
Ptolemeus ihrer nur 1022. gezehlet. Insonderheit nahm ich in dem neblichten
Teile des Orions ihrer zwölff / zwischen seinem Gürtel und Degen achzig
/zwischen seinen Schenckeln mehr als fünf hundert / in der Krippe sechs und
dreissig / umb das Sieben-Gestirne vierzig / und in allen Zeichen eine grosse
Menge neuer Sternen wahr; in der Milch-Strasse war die Zahl unzehlbar / und der
Priester versicherte mich / dass im einigen Orion mehr Sternen / als man ihrer
ins gemein am ganzen Himmel zehlte / ja ihrer in dieser Strasse allein über
hundert tausend wären; derer keiner doch so wenig als das kleineste Aederlein in
dem menschlichen Leibe umsonst geschaffen / sondern in der Welt seine absondere
Würckung / ja iedes Kraut seinen eigentümlichen Stern hätte. Ich erstarrte aber
/ als er mir gegen Sud funfzehn ganz neue Sternbilder / davon ich vorhin nichts
gesehen noch gehöret hatte / zeigte. Daher ich für grosser Begierde alsofort
ihre Nahmen zu wissen verlangte / aber zur Antwort bekam: Es wohnte in diesem
Tempel weder Heuchelei noch Ehrgeitz / welche sich nicht vergnügten / Huren /
Ehebrecher / Mörder in Marmel und Helffenbein zu bilden / sondern sie auch nebst
wilden Tieren unter die Sternen versetzt hätten; daher hätten auch weder diese
noch andere Sternen in diesem Tempel so irrdische Nahmen / noch so eitele
Einteilung; Er könnte aber aus ihrem Stande leicht wahrsagen /dass man mit der
Zeit Schlangen / Flüsse / Fliegen /Fische / Dreiecken / Tiere / Krähen /
Phenixe / Pfauen und andere Geflügel daraus machen würde. Er machte auch unter
diesen Sternen / welche insgemein für unbewegliche in einen Crystallenen dichten
Himmel eingeschraubte Cörper hielte / aber in der daselbst durchdringlichen
dinnesten Lufft eben so wohl ihre richtige / wiewol unsern entfernten Augen
unsichtbare Bewegung hätten / nur nach ihrem Wesen und Eigenschaften einen
Unterscheid / dass etliche rechte Sonnen / unter denen der Sirius die gröste
/wären / welche die um sich herum irrenden wiewol in unser Gesichte nicht
fallende / und von unserer Sonne zu erleuchten unmögliche Monden mit ihrem
Lichte beteilten / auch aus ihren feurigen Ausdampffungen viel durchsichtige
Schwantz- und Haar-Sterne zeugeten / wiewol man ihren Schwantz und Haare nicht
so wie unter denen Irrsternen erkiesen könnte; weil sie mehr als hundert mal
weiter von der Sonne / als die Sonne von der Erden stünden. Diese Weite
verursachte gleichfals / dass nachdem diese stillstehenden Sternen sich zwar
nicht von Ost gegen West alle Tage umwendeten; Gleichwohl aber der ganze
gestirnte Himmel jährlich ein gutes Stück von West gegen Ost / wie die Erdkugel
alle Tage fortrückte / man kaum in hundert Jahren solche Fortrückung mit den
Augen vermerckte. Dessen wäre ein klares Zeugnis der mitternächtige Angelstern /
welcher sich kaum drei Himmels-Staffeln weit um seinen Mittelpunct zu drehen
schiene; Da doch dieser enge Umkreiss in Warheit mehr als der Zirckel des Mars in
sich begrieffe. Aus welchen Geschöpffen wir die Unermässligkeit des ewigen
Schöpffers / welcher ist der rechte Mittelpunct der ganzen Natur / und der
vernünftigen Seele ermessen / und also wie die vernunftlosen Dinge nach ihrem
/also so viel mehr wir / in derer Gemütern Gott ein so grosses Licht des
Verstandes aufgesteckt hätte / nach unserm Mittelpunct uns ziehen sollten.
    Wir hatten uns über dem unzehlbaren Gestirne schier müde gesehen / als der
Priester uns wiederum zum Altare führte / und uns das Marmelbild des Scytischen
Königs Prometeus zeigte / welches mit beiden Händen die zwei Hörner desselben
fasste / die Augen aber starr auf die Sonnen-Kugel richtete. Dieser / sagte der
Priester / ist es / der auf diesem hohen Gebürge sein ganzes Leben in
Betrachtung der Sonne und Sternen / gleich als wenn er nach jenes Weltweisen
Meinung hierzu alleine geschaffen wäre / zubracht hätte; worvon das Getichte
entsprungen wäre / dass er auf dem Caucasus vom Mercur an eine steinerne Säule
gefässelt worden. Dieser Steinfels wäre die Säule / seine himmlische Gedancken
wären die Fessel / und er habe einem hierbei nistenden Adler / wenn er sich
ausser seinem Gesichte in die Höhe geschwungen / missgegönnet / dass er nicht /
wie dieser unverständige Vogel / dem Gestirne näher kommen könnte. Dieses wäre
der Adler / welcher ihm täglich sein Eingeweide gefressen zu haben gedichtet
würde. Hier habe Prometeus nicht nur durch den Augenschein / wie in denen
niedrigern Wolcken aus dem Dampffe der schweflichten Dünste und salpetrichten
Feuchtigkeiten Donner und Blitz gezeuget würde / sondern auch durch sein tieffes
Nachsinnen und künstliche Schau-Gläser die Eigenschaften der Sternen / und den
Abgrund der hellen Himmels-Lichter erforschet / und andern Menschen entdecket.
Deshalb hätte die Nachwelt fürgegeben: Er wäre durch Hülffe der Minerva in
Himmel gestiegen / hätte an dem Wagen der Sonne eine Rute angezündet / und
hiermit das Feuer auf den Erdbodem bracht.
    Uber dieser Unterred- und Betrachtung des Tempels / war der Abend nahe
herbei kommen / und wir hätten darüber schier des Essens vergessen / wenn uns
der Priester nicht ein gutes Teil den Berg hinab in eine zu seinem Auffentalt
dienende Höle / zu seiner gewöhnlichen Kräuter-Speise eingeladen / und mit dem
köstlichen Wasser eines daselbst aus einem roten Felsen entspringenden Brunnens
erqvicket hätte; welches uns in Warheit besser schmeckte / als das Wasser aus
dem Flusse Lyncestis / das wie der Wein truncken machen soll; oder auch aus dem
Brunnen des Bacchus selbst / wenn es schon den siebenden Tag gewest wäre / da er
allemahl mit Wein qvellen soll. Hertzog Herrmann fing an: Es ist gleich Zeit /
dass wir auch unser deutsches Wasser kosten. Denn der Graf von Leuningen hatte
dem Feldherrn gleich angemeldet / dass auff seinen Befehl in des Zeno Vorgemach
die Taffel / und zwar dem noch schwachen Zeno zu Liebe auf Römische Art bereitet
wäre / dass ieder Gast sich zur Taffel auff einem Bette legte. Hiermit verfügte
sich die sämtliche Versammlung dahin. Der Feldherr entschuldigte bald anfangs /
dass zwar der Tisch / aber nicht die Gerüchte nach Römischem / weniger nach
Asiatischem Uberflusse bereitet sein würde. Sintemal er selbst zu Rom gesehen /
dass bei einer Mahlzeit zweitausend seltzame Fische / und sieben tausend Vögel
aufgesetzet worden wären. Die Persischen Könige aber sollten auf ein Abend-Essen
viertzig Talent aufwenden / und tausend Tiere abschlachten lassen. Denn die
Deutschen wären nicht gewohnt / wie diese wollüstige Fürsten / in die Welt
Ausspürer niedlicher Speisen auszusenden / noch grosse Silber-Preisse für die
Erfinder neuer Wollüste aufzusetzen / sondern hielten vielmehr dafür / dass der
Gerüchte Uberfluss Eckel verursachte / und das Essen hinderte. Hierauf ward zum
ersten von frischen Neun-Augen vorgelegt; Erato / welche ihr Lebtage keine
solche Fische gesehen / hatte Bedencken sie anzunehmen / und fing an: was sie
mit diesen Würmen machen sollte? Rhemetalces / ob sie ihm gleich eben so fremde
waren / fing lächelnde an: Es wäre nichts ungemeines / dass man Würmer ässe.
Seine Nachbarn / die Tracier / hielten die weissen Holtzwürmer mit den
schwartzen Köpffen für Leckerbisslein. Flavius setzte bei: Und die Africaner
nicht nur die Heuschrecken / sondern auch die grünen Heidächsen. Zeno bestätigte
es / und meldete /dass sie um den Berg Atos die Nattern ässen / und desshalben
insgemein biss hundert und viertzig Jahr zu leben glaubten. Die Candeer in Africa
speiseten auch meistenteils Schlangen. Nachdem aber der Feldherr die Fremden
versicherte / dass die Neun-Augen Fische wären; genassen sie selbte mit
sonderbarem Vergnügen. Noch vielmehr aber hielten sich Zeno und Erato an die
aufgesetzten Biber-Schwäntze und Klauen /welche sie für die köstlichste Speise
des Euxinischen Meeres / Deutschland aber für das rechte Vaterland der
seltzamsten Köstligkeiten hielten; als sie Aescheu / uñ ein Stücke von einem
Stör auftragen sahen / und selbten aus denen gegen den Kopf gekehrten Schupffen
erkenneten. Rhemetalces fing auch an: Es hätte diss schöne Stücke wohl verdienet /
dass sein Kopf wie zu Rom mit einem Krantze / und von bekräntzten Schallmeiern
wäre aufgetragen worden. Wie denn auch die Beotier die Aale mit Kräntzen
ziereten / und sie ihren Göttern opfferten. Rhemetalces hatte kaum ausgeredet /
als man auf des Feldherrn Winck eine Schüssel rote Aale aufsatzte; Welches die
fremde Gäste noch mehr verwundernd machte. Hertzog Herrmann aber befahl einem
ieden Gaste eine Schale mit einem köstlichen am Flusse Patissus gewachsenem
Weine zu geben / und erinnerte sie solche zu genüssen; weil nur die lebenden
Fische im Wasser / die todten aber in etwas heisserem schwimmen. Daher müsten
sie des Fürsten Zeno seinem Wasser erteilten Ruhm für dissmal etwas miltern.
Rhemetalces fing an: Er hätte gleichwol in Pannonien bei Saline in brüh-heissem
Wasser Fische schwimmen sehen. Auch sollte das Wasser zur Verdäuung besser sein /
als der Wein. Fürnehmlich aber wäre der Hunger der beste Koch /und der Durst der
beste Kellermeister. Daher dörfte man sich nicht wundern / dass schlechtes Wasser
dem Fürsten Zeno nicht nur besser als der so hoch beschriehne Nectar geschmecket
hätte / sondern auch wohl bekommen wäre. Er hätte sich gleichfals oft darmit
gelabet / und er könnte dem Pindarus ohne grosses Bedencken entengen / dass das
Wasser unter den Elementen / was das Gold unter den Metallen wäre. Unterdessen
aber wäre doch dem so grossen Geschencke der Natur dem Saffte der edlen Reben
sein Vorzug für dem Wasser nicht zu entziehen / sondern vielmehr zu entengen /
dass der Wein eine Milch der Alten und der Liebe / ja ein Oel des Lebens / und
eine Artzenei der Krancken genennet zu werden verdiente. In welchem Absehn
Bacchus zu Aten als ein Artzt; ja sein Gewächse selbst in Africa für einen Gott
verehret würde. Jederman müste den Wein für einen Zunder der Hertzhaftigkeit /
und für ein heilsames Mittel wider die Traurigkeit gelten lassen. Dahingegen das
Wasser betrübt / und etliches gar / wie das aus dem Brunnen Salmacis / weibisch
machte. Zeno versetzte: Er wäre kein abgesagter Feind des Weines / und hielte es
für Verleumdung / dass einige ihn für ein im Holtze der Reben verfaultes Wasser
schielten. Er hielte ihn auch für eine Hertzstärckung / und eine der
köstlichsten Artzneien; aber nicht für ein dienliches Geträncke. Denn er grieffe
die Lebens-Geister an / erhitzte das Geblüte / zerrüttete das Gehirne /
zerstörete die Fruchtbarkeit / und schwächte die Kräfften der Vernunft. Daher
die Griechen die Schrifften des Demostenes dem / was Eschines schrieb / nicht
wegen seiner bessern Geburts-Art vorzohen / sondern weil dieser Wasser / jener
Wein tranck. Und ob zwar hierinnen die Masshaltung eine Gräntzscheidung zwischen
dem Nutzen und Schaden sein sollte; so bezeugte doch die Erfahrung / dass diesen
Unterscheid zu beobachten schwerer als die Aus-Eckung eines Zirckels wäre. Die
uns angebohrne Lüsternheit setzte dem Glase der Gesundheit einen Becher der
Freundschaft bei / und das dritte schenckte man zu Erfreuung des Gemütes ein.
Hiermit erschlieche uns ein halber Satz zur Trunckenheit / wordurch ein Mensch
schon nicht mehr seiner mächtig wäre / sondern dem Schwelgen freien Zaum
verhienge. Auf diese Art hätte die Trunckenheit sich ganzer Völcker bemächtiget
/ dass sie bei ihnen den Nahmen der Sitten / und das Vermögen viel zu trincken
den Ruhm einer Tugend erlangt. Da doch der Mensch dardurch sich gleichsam zu was
ärgerm / als einem Vieh machte; sintemal / kein Tier auser dem Menschen / ohne
und über den Durst trincke. Daher die Römer allen Weibern / die Cartaginenser
allen Kriegesleuten das Weintrincken so scharf verboten / dass es bei ihnen dem
Ehebruche / bei diesen der Verräterei gleiche gestrafft ward. Pytagoras hätte
die / welche sich des Weines nicht gäntzlich zu entalten gewüst / aus seiner
Schule gestossen; und Pittalus ein Gesetze gegeben / dass ein in der Trunckenheit
begangenes Laster zweifach gestrafft werden sollte. In den Opffern der Sonne /
welche doch diesen Safft selbst allein kochte / und zubereitete / wäre es nicht
zulässlich einigen Tropffen Wein beizumischen /und in den Tempel der Juno dorfte
man keinen dem Bacchus gewiedmeten Epheu bringen; Zu einer heilsamen Lehre / dass
insonderheit Fürsten / und die /welche über andere Menschen Aufsicht haben /
sich dessen zu entalten hätten. Daher der grosse Alexander mit seinem Heere
einen weiten Umweg genommen hätte / wormit er es nicht über den weinreichen Berg
Nysa führen dörfte / weil er solches unversehrt darüber zu bringen nicht
getrauete. Denen über die Gesetze sonst erhabenen Königen in Indien wäre der
Wein durch ein Gesetze verboten / und ein Weiser hätte den Weinberg
nachdencklich die Haupt-Stadt der Laster genennet. Hertzog Herrmann lächelte
/wendete sich gegen den Hertzog Arpus / und fing an: Ich mercke nun allererst /
dass Zeno sich bei den Catten aufgehalten / und ihm ihre Sitten nicht übel
gefallen haben müssen / welche eben so wenig / als die von ihnen entsprossenen
tapfferen Nervier in Gallien einigen Wein / als wordurch man nur weibisch und
zur Arbeit untüchtig gemacht würde / in ihr Land zu führen bei Lebens-Straffen
verbieten. Hertzog Arpus antwortete: Ich besorge vielmehr / dass seine Scheltung
der Trunckenheit nichts minder meine Catten /als alle andere Deutschen zu
treffen anziele. Sintemal wir fast in der ganzen Welt desshalben schwartz find
/es auch in Warheit wenig anders ist / als dass es bei den Deutschen keine
Schande sei / Tag und Nacht mit trincken zugebracht haben. Hertzog Herrmann
setzte bei: Es ist leider wohl wahr / dass die Deutschen im Truncke ihre Schwäche
zeigen. Gleichwol aber würde ihnen viel über die Warheit beigemessen;
insonderheit wäre es eine offenbare Verläumdung der Römer /dass sie einen Knaben
um einen Eymer Wein vertauschten; Bei denen Gastmahlen ihnen die Stirne
aufrjetzten / das Blut daraus in den Wein rinnen liessen / und aus ihren Hörnern
zu Bestätigung ihrer Freundschaft einander zubrächten. Und ob er wohl seiner
Landsleute Laster nicht entschuldigen / weniger zu Tugenden machen wollte; so
hielte er doch das Trincken nicht für das ärgste. Den Deutschen wäre angebohren
/ aufrichtig und streitbar zu sein. Nach des Plato Berichte aber / wären alle
streitbare Völcker / als Scyten / Persen / Zelten / Spanier und Tracier zum
Truncke geneigt / und die Warheit sollte im Weine begraben liegen. In welchem
Absehn die Griechen die Sieger auf den Spielen des Bacchus mit dreifüssichten
Trinckgeschirren beschenckten / gleich als wenn die Trinckenden so wahr / als
die Wahrsagerinnen aus dem Dreifusse des Apollo redeten. Zeno entschuldigte sich
in alle Wege / dass er die Deutschen anzugreiffen nie gemeint gewest wäre; auch
nicht glaubte / dass sie im Trincken allen andern Völckern überlegen sein sollten.
Die Parten suchten Ehre aus vielem Trincken / und hätten der Scyten Gesandten
von ihnen geurteilt / dass ie mehr sie in sich schütteten / ie mehr dürstete
sie. Die Persen hätten ihrem Erlöser dem tapffern Darius als eine besondere
Lobschrifft auf sein Grab geetzt / dass er ohne sein Ungemach viel zu trincken
vermocht. Der grosse Alexander hätte Säuffern ein Talent zum Siegs-Preisse
aufgesetzt / mit dem Proteus in die Wette getruncken / und durch den Wein ihm
selbst den Tod verursacht / gleich als sich Bacchus hierdurch an ihm wegen
Zerstörung der Stadt Tebe hätte rächen wollen. Die Sybariten hielten für
Schande / diss was sie auff dem Bretspiele gewonnen / anders wohin / als auf Wein
anzulegen. Sie nötigten einander so viel mal ihre Schalen auszuleeren / als der
Würffel ihnen ein Gesetze fürschriebe. Sie schämeten sich nicht dem sich
ausschüttenden Magen Gewalt anzutun / und diss zu füllen / was die Natur leer zu
haben sich mühte; gleich als wenn sie zu Verderbung des Weines geboren wären /
und dieser edle Safft nicht anders als durch ihren Wanst ausgeschüttet werden
könnte. Unter diesem versoffenen Volcke hätte sich Sminderydes gerühmet / dass er
in zwantzig Jahren nie hätte gesehen die Sonne aufgehen. Bei den Griechen wäre
das Trincken ein uhraltes Handwerck / und es hätte Homer nicht so eigentlich den
Schild Achillens als das Trinckgeschirre des zum Truncke geneigten Nestors
beschrieben. Bei ihren Gastmahlen würde aus einem grossen Kessel iedem Gaste
durch ein absonderliches Silberröhr so viel Wein zugeflöst / dass selten einer
genung schlingen könnte. Alcibiades selbst hätte nicht nur wegen seiner
Tapfferkeit in Schlachten / sondern auch im Sauffen einen berühmten Nahmen
erlangt. Die zwei grossen Weisen Socrates und Plato wären von ihrem Trincken
beruffen; Arcesilaus und Lacydes hätten sich gar zu tode gesoffen / und Solon
wäre hundert mal über sein eigenes Gesetze gefallen / darinnen er die
Trunckenheit der Obrigkeit bei Lebens-Straffe verboten. Eben so sehr wäre dieses
Laster bei den Römern eingerissen; welche allererst eine Kunst erfunden / ihn
durch einen Lagersack zu seigen / also dem Weine seine Stärcke zu nehmen / und
ihn gleichsam zu entmannen / dass sie dessen nur so viel mehr trincken können.
Marcus Antonius hätte von seiner Trinck-Kunst ein ganz Buch geschrieben. Des
Cicero Sohn wäre zu Rom für einen so grossen Säuffer / als sein Vater für einen
Redner gehalten worden. Tiberius selbst wäre ein so grosser Held in Gläsern /
als im Felde / und hielte den Torqvat nur wegen seiner selzamen Sauff-Künste in
seiner Bestallung. Rhemetalces fing an: Er sollte seinen in diese Zeche gehörigen
Traciern nur nicht heucheln / als bei welchen so wohl Weiber als Männer das
Volltrincken / und so gar die Kleider mit Weine netzen / den Titel des
glückseligsten Lebens verdiente. Hertzog Arpus versetzte: seinem Bedüncken nach
/ wäre die Trunckenheit diesen Völckern /welchen die Natur durch den Weinwachs
einen so reichen Zunder hierzu verliehen hätte / ehe als den Deutschen zu
verzeihen / derer euserste Gräntzen / und zwar nur noch für weniger Zeit durch
blosse Lüsternheit mit Reben wären belegt worden; da die Deutschen doch vorhin
geglaubt / dass sich bei ihnen so wenig Wein pflantzen / als auf dem Eylande
Tenos sein Brunnwasser sich mit Weine vermengen liesse. So aber hätten die
Deutschen mit vielem Nachdencken ergrübelt / wie sie auch das Wasser truncken
machen / und diss also die Eigenschaft des starcken Flusses Erganes überkommen
möchte; da sie nehmlich ihr Bier aus Gersten und Hopffen kochten. Welche
Erfindung alleine seinen Wunsch zurücke hielte /dass alle Wasser in der Welt die
Eigenschaft des Clitorischen Brunnes haben möchten / dessen der / der nur
einmal daraus getruncken hätte / nicht einmal den Wein rüchen könnte. Jedoch
wollte er gerne zu frieden sein / wenn die Deutschen sich mit den Königen in
Persien vergnügen wollten / welche sich des Jahres nur einmal an dem Feier ihres
Gottes Mitra voll trincken dorften. Antiochus in Syrien / und Mydas in Phrygien
hätten ganze Brunnen mit Weine angefüllt / wormit jener seinen Uberfluss zeigen
/ dieser den Silenus berauschen könnte. Alles diss aber wäre Kinderspiel gegen der
Verschwendung des Serischen Königs Rieus / mit welchem auch der erste königliche
Stammbaum Hiaa untergegangen. Denn er hätte einen grossen / und zur Schiffart
fähigen Teich graben /und mit Weine füllen lassen; woraus immer wechselsweise
drei tausend Menschen auff Hundes-Art sauffen / und hernach im nechsten Walde
die an die Bäume gehenckten und gebratenen Ochsen / Hirsche und wilde Schweine
verzehren müssen. Zeno fing an: Hertzog Arpus erinnerte ihn durch sein Verlangen
der Mässigkeit dessen / was die Serer von ihrem unvergleichlichen Könige Yvus
rühmten; dass / als sie ihm den neuerfundenen aus Reiss gemachten köstlichen
Tranck zu kosten gebracht / kläglich geruffen hätte: Wehe meinem Stamme und dem
Königreiche / welche beide durch dieses süsse Gift vergehen werden! Rhemetalces
sagte: Derogestalt sind die Deutschen nicht die ersten / oder wenigstens nicht
alleine / die ihnen neue Träncke erdacht haben. Denn über die Serer kochten die
Mohren aus Hierse / die Pannonier / Spanier und Egyptier aus Weitzen eben dieses
Geträncke / welche letztern es gar von ihrem Osiris gelernt haben wollten. Seine
Tracier machten aus Gesäme gewisser Kräuter / die Babylonier aus Pflaumen / die
Illyrier aus Baumknospen / die Indianer aus Datteln und Zucker-Rohre / die
Africaner aus Granat-Aepffeln starcke Geträncke. Ja die Scyten trincken sich
auch durch den Rauch gedörreter Kräuter voll. Hertzog Herrmann setzte bei: Diese
Einzieh- und Ausblasung des Rauches wäre fürnehmlich in dem Atlantischen Eylande
gemein / woher sie die Friesen auch in die Wasser-Länder Deutschlandes gebracht
hätten; und wüste er nicht / ob die Atlantier von den Scyten /oder diese von
jenen / diesen dürren und stinckenden Tranck bekommen hätten. Am allerselzamsten
aber wäre / dass die Einwohner des Eylands Tule ihren Fischtran / oder die von
den Wallfischen geschmeltzte Fettigkeit allen Weinen der Welt weit fürziehen.
Sonst aber müste er nur von seinen durstigen Deutschen gestehen / dass sie zu
Unterhaltung der Trunckenheit noch aus gepresten Aepffeln und Honige einen
starcken Met jähren liessen; zu ihrem gemeinsten Geträncke aber Milch und
Wasser brauchten. Diese zwei / sagte Zeno / sind sonder Zweiffel wohl die
ältesten / und daher auch die gesündesten Träncke. Massen denn der Wein so gar
von eingemischtem bittern Meer-Wasser / oder wenn man die mit Most gefülleten
Fässer eine weile im Meere schwimmen läst / besser werden soll. Tales Milesius
hält das Wasser gar für den Uhrsprung aller Dinge /die Egyptier für einen Gott /
und die meisten Völcker verehren die warmen Brunnen / und die Qvelle grosser
Flüsse. Ja in dem Heiligtum des Clarischen Apollo / wie auch des zu Colophon
macht das aus seiner Höle getrunckene Wasser auch die ungelehrten Priester so
geschickt / dass sie in gebundener Rede aufs zierlichste wahrsagen. Seine
Artznei-Kräffte sind nicht zu zehlen. Daher Melampus die Vermischung des Weines
mit dem Wasser aufbracht hat; und sein Genuss ist so kräfftig / dass nicht nur die
Heuschrecken davon alleine leben / sondern auch viel Menschen /ohne andere
Speise / sich lange erhalten haben. Denn wie Philinus von lauter Milch; also
haben Moschus /Anchimolus und Lamprus von eitel Wasser neben wenig Feigen und
Myrten-Früchten gelebt. Der Feldherr fing hierüber an: Er wäre ebenfals nicht
nur ein Freund / sondern auch ein Koster der Wasser; wiewol niemand eines oder
des andern Güte durch den Geschmack besser als die / welche keinen Wein trincken
/ zu unterscheiden wüsten; Es wären aber die Meinungen von Gesundheit derselben
so unterschieden / dass er sich nicht recht daraus zu wickeln wüste. Die Griechen
rühmten das Attische / die Persen ihr Euleisches / die in Asien das Donyleische
/ die Phrygier ihr warmes bei Tragasta / die Sicilier ihr kaltes im Brunnen
Aretusa / die Sarmater ihr dinnes im Borystenes /die Stadt Nissa ihr fettes
Wasser / welches sie so gar an statt des Oeles brauchten / für das beste. Zwar
wären die Wasser aus schlammichten und gegrabenen Brunnen / wie auch die
Salpeter- und saltzichten / und die das Ertzt angreiffen / oder langsam das
Gesäme kochten / wie auch das stillestehende verwerflich. Daher die Corinter
aus dem eisskalten Brunnen beim Contoporischen Vorgebürge das Wasser nicht ehe
trincken / als biss es ziemlich weit aus selbtem hervor geflossen wäre. Und das
köstliche Achillische Wasser bei Milet sollte / wenn es stille stehen müste /
saltzicht werden; Das unterirrdische aber / welche die Sonne nie beschiene /
taugte noch weniger; also / dass in Cappadocien das gesündeste Wasser / welches
gleich stehende gut bliebe / verdürbe / wenn es unter die Erde lieffe. Eben so
wenig hielte man von den färbichten. Denn wie der rote Wein / der gelbe Honig
/das grüne Oel / der schwartze Balsam / also wäre das Milch-weisse Wasser auch
das beste. Ja auch den wolrüchenden Brunn in Mesopotamien zu Cabura wollten wenig
loben; weil eben so wohl das gar nichts rüchende / als das nichts schmeckende
Wasser das beste sein sollte. Hertzog Malovend bestätigte es /und zohe als was
merckwürdiges an / dass da die Sonne sonst das Wasser so sehr verbesserte /
gleichwol das von denen Sonnenstrahlen empor gezogene /und hernach aus der Lufft
herab fallende so wenig nütze wäre. Sintemal das aus Schnee und check
zerlassene so gar eine Gift bei sich haben / der Tau die Krätze verursachen /
das Regenwasser aber wegen bei sich habenden Schlammes am geschwindesten faulen
/ und also auf die Schiffe nichts taugen sollte. Alleine diese geschwinde Fäulnüss
/ versetzte Jubil /halten viel Aertzte für ein Merckmal ihrer Heilsamkeit. Daher
sie das Regenwasser etliche mal mit Fleiss faulen lassen / und allemal reinigen /
also hernach solches für gesünder / als alle andere rühmen. Uberdiss hätten die
Alten / insonderheit aber / wenn sie truncken gewest / Schnee zu trincken / oder
auch solchen mit Weine zu vermischen / grosses Belieben gehabt. Des grossen
Alexanders Taffel wäre niemals leer davon gewest; und hätte er im heissen Indien
/ bei Belägerung der Stadt Petra / in dreissig mit Eichenem Laube bedeckten
Gruben den Schnee zu seinem Geträncke aufs sorgfältigste verwahren lassen. Es
wäre diss nichts altes / antwortete Hertzog Herrmann /indem er zu Rom etliche
hundert Eis-Gruben und Behältnüsse des Schnees gesehen / welchen zu erhalten die
Spreu eine desshalben so viel mehr wunderwürdige Eigenschaft hätte; weil sie in
sich durch ihre Wärmde das unzeitige Obst reif machte. Den Schnee aber und das
Eis brauchten die Römer bei ihren Mahlzeiten /nicht nur des Sommers den Wein
damit in Flaschen aufzufrischen / sondern sie würffen beides / und zwar auch im
Winter / nach dem sie die vom Rooste noch glühenden Biltze oder andere scharf
gepfefferte Speisen siedendheiss verschlingen / in ihr Geträncke / wormit sie mit
dem noch unzergangenen Eis und Schnee ihre erhitzte Magen abkühleten. Ja es wäre
diss nicht etwan was besonders grosser Leute zu Rom / sondern der Pöfel wäre auch
so lüstern / dass der Schnee ihme zur Unzeit eine Würtze seiner Uppigkeit abgeben
müste. Wordurch man denn daselbst eine Gelegenheit ausgesonnen hätte / das
gemeine Wasser zu kauffen; nachdem es dieser wuchersüchtigen Stadt vedriesslich
wäre / dass man die Lufft / die Sonne / oder sonst etwas umsonst haben sollte.
Allein es wären alles diss nur Erfindungen der verschwenderischen Wollust /welche
ihrer Lüsternheit so wohl das Leben und die Gesundheit willig aufopfferte. Zeno
fing an: sonder allen Zweiffel muss dieses kalte Geträncke die natürliche Wärmde
sehr dämpffen / und die Rohigkeit des Eises und Schnees sehr schädlich sein; wo
es anders wahr ist / dass die gekochten Wasser am gesündesten sind / die
Schmertzen der Wunden stillen / und dass auch die schädlichen Wasser / wenn man
sie halb einsieden läst / trinckbar werden. Ja ich halte nichts gesünders zu
sein / als das Geträncke der Seren / welche nichts als über ein gewisses Kraut
siedend-heiss gegossenes Wasser / so warm es ihr Gaumen und Zunge vertragen kann /
niemals aber nichts kaltes trincken / und daher auch nicht einst die Nahmen der
Darm- und Glieder-Gicht / des Steines / und etlicher anderer unserer
schmertzhaftesten Kranckheiten kennen. Hertzog Herrmann wunderte sich hierüber
/ und fragte: Ob sich denn mit so heissem Geträncke der Durst wohl leschen
liesse? und wie es den Ausländern zuschlüge? Beides gar wohl / antwortete Zeno;
und hätte ihm hernach die Aenderung vom warmen zum kalten / als die erste vom
kalten zum warmen Geträncke viel bänger getan. Sonst hätten sie in Asien wohl
auch eine gute Art / dass sie gutes Wasser abkochten /hernach in Brunnen oder
Hölen abkühleten; aber es käme der Serischen nicht bei. Ja / sagte Flavius /auch
zu Rom wird diss jetzt für eine tiefsinnige Erfindung gehalten / dass sie / um den
schädlichen Beisatz des gemeinen Schnees und Eises abzusondern / abgekochtes
Wasser in Gläsern zu Eis oder Schnee gefrieren lassen / und sodenn in anderm
Getränke mit genüssen; auch glauben / dass es so denn nicht nur gesünder /
sondern das gekochte Wasser viel schneller gefriere / im Gewichte leichter sei /
auch viel kälteres Eis daraus werde. Solte denn aber / fragte Fürst Catumer /
ein Wasser leichter als das andere / und zwar das leichtere das gesündeste sein?
An dem ersten /antwortete Rhemetalces / ist nicht zu zweiffeln; das Wasser des
Boristenes schwimmt im Flusse Hippanis seiner Leichtigkeit halber
augenscheinlich oben; das Pangaische ist im Winter um ein dritte Teil schwerer
als im Sommer. Und die Griechen / welche auff einer gewissen Wasser-Wage alle
Wasser in Griechenland gewogen / haben das Wasser im Brunnen Pirene das
leichteste zu sein befunden. Es meinen zwar etliche / antwortete der Feldherr /
dass weil das Eretrische gute / und das Amphiaratische böse Wasser einerlei
Schwere hätte / nicht das Gewichte / sondern diss das gewisseste Kennzeichen
gesunden Wassers sei / wenn selbtes geschwinde warm / und bald wieder kalt würde
/ oder im Winter lau / im Sommer Eis-kalt wäre. Aber die meisten prüfften seine
Güte aus der Leichtigkeit / als einem Merckmale / dass es keinen irrdischen
Beisatz habe. Daher denn das Flüsswasser denen Brunnen / fürnehmlich aber den
felsichten Qvellen vorzuziehen wäre. Unter den Flüssen aber verdienten den Preis
/ welche / wie unsere gesunde Donau / von Abend gegen Morgen lauffen / weil
diese die Sonne für andern herrlich läuterte und leichter machte. Ja / sagte
Rhemetalces / desshalben lassen die Könige in Tracien ihr Trinckwasser aus dem
Ister bringen. Alleine die von Mittag gegen Mitternacht lauffenden Flüsse haben
eben so gesund- oder noch gesünder Wasser. Wesswegen die Egyptier ihr leichtes /
und nur halb so viel Feuer als andere / zu seiner Abkochung dörffendendes
Nilwasser für das gesündeste in der Welt / und welches so gar unfruchtbare
Frauen fruchtbar / und ihre Leibes-Früchte stärcker machte /halten / diesen
Strom ihren Goldfluss / ihren Jupiter heissen / und göttlich verehren. Daher
schickte Ptolomeus Philadelphus seiner dem Antiochus verheirateten Tochter
Berenice das Nil-Wasser stets in Assyrien mit grossen Unkosten zu. Zeno
versetzte: die Persier halten gleichwol das Wasser ihres Flusses Choraspes bei
Susa noch viel leichter und besser / welches nicht nur der König alldar trincket
/ sondern auch abgekocht auf seine ferneste Reisen in silbernen Gefässen auff
Maul-Tieren mit sich führen läst. Hertzog Malovend brach ein: Er hätte sich
berichten lassen / dass die Persischen Könige ihr grünes Wasser / welches nur sie
und ihre ältesten Söhne trincken dörfften / aus Brunnen schöpfften. Zeno
antwortete: Es könnte beides wohl beisammen stehen / und würden diese wollüstige
Könige ihr Geträncke zweiffelsfrei nicht seltener / als ihr Hof-Lager verändert
haben; indem sie zu Susa den Winter / zu Eebatena den Sommer / zu Persepolis den
Herbst / und zu Babylon den Frühling hingebracht. Die Indianischen Könige aber
trincken beständig das Ganges-Wasser / dessen ieder Becher eine Untze leichter
sein sollte als alle andere Wasser der Welt. Allein ich habe doch hernach bei den
Serern / (welche meines Erachtens die dinnschälichsten Zungen Wasser zu kosten
haben / und nicht leicht aus einem Brunnen trincken / ehe sie das Wasser auff
einer künstlichen Wage abgewogen /) in der Landschaft Xensi zwei Flüsse Jo und
Kiemo angetroffen /welche wegen Leichtigkeit keine Spreu oder Holtz /weniger
einiges Schiff tragen. Welche Umstände mich bereden / dass in selbten das
leichste Wasser der Welt sei. Ich möchte wissen / sagte der Feldherr: Ob biss
schwerer oder leichter sei / welches unsere Friesen in dem Mittags-Teile der
Atlantischen Insel über dem Andischen Gebürge angetroffen / und auff der Wage
viel leichter / im Geschmacke viel köstlicher / und zweiffelsfrei viel gesünder
/ als das Nil / das Choraspes / und Ganges-Wasser befunden haben.
    Ich will / sagte Zeno / weder mit den Friesen / noch mit sonst iemanden
wegen ihres Geschmacks einen Rechts-Streit anfangen / wormit wir nicht jenen
Philoxenus / der ihm zu dieser Prüfung eines Geiers Kehle / und eines Kranchens
Hals wünschte / oder die wegen ihrer scharffen / und zum Teil drei gespitzten
Zunge alle andere Tiere am Geschmack übertreffende Schlangen zu unserm
Schieds-Richter zu erkiesen gezwungen werden. Dem Jupiter aber kann schwerlich
sein Nectar besser schmecken / als mir das Wasser des Caucasus / dessen
Süssigkeit mich wieder zu dem Fürsten Oropastes / und der Syrmanis zu kehren
reitzet; ungeachtet wir hier hundert mahl köstlicher / als auff dem Caucasus /
oder auch Apicius bei seinen Kamel-Füssen / Hüner-Kämmen / Pfauen- und
Nachtigal-Zungen gessen haben / und dieser edle Wein mit allen in der Welt um
den Vorzug kämpffen kann; Hingegen uns dort die von dem Priester genossene Kost
bald ziemlich versaltzen ward. Der Feldherr danckte für die Willfärigkeit des
Fürsten Zeno / entschuldigte / dass ihr Wasser-Gespräche Ursache gewest wäre /dass
sie weder satt gessen / noch auch getruncken hätten. Weil aber die
allermässigsten Griechen bei ihren Mahlzeiten ein Glas voll Wein den Gratien /
das andere der Venus / das dritte dem Dionysius / und zum Beschlusse noch wohl
das vierdte dem Mercur zu ehren; Die Asiater aber das erste zur Gesundheit / das
zweite zur Wollust / und endlich eins zum Schlaffe /oder den sie versorgenden
Göttern zuzutrincken pflegten; möchten sie doch ihnen ein wenig wohl sein lassen
/ und durch allzu strenge Mässigkeit seiner Sparsamkeit keinen Vorruck tun. Alle
anwesende / ausser der seiner Wunden halber für sich selbst entschuldigte Zeno /
trancken ein Glas auff gutes Glücke des Feldherrn aus; welcher hiermit die
Taffel auffheben hiess. Erato aber verwunderte sich über dem entdeckten
Tischblate / welches von wellichtem Flaser-Holtze war / und mit seinen Augen
zugleich einen Pfauen-Schwantz fürbildete. Daher rieff sie: wie die seltzame
Panter-Taffel in Deutschland kommen wäre? Der Feldherr antwortete ihr
lächlende: Aus dem nächsten von Orlen-Bäumen gar reichen Walde / aus derer
Stämmen oder Wurtzeln derogleichen Flasern Brete häuffig geschnitten würden.
Rhemetalces fing an: Ich selbst hätte diss für ausserlesenes Zeder- oder
Zitronen-Holtz angesehen; ja ich muss auffrichtig gestehen /dass dieses Blat die
zwei zu Rom für unschätzbar gehaltene Taffeln beschämet / derer iede König Juba
für 15000. Sestertier verkaufft. Noch weniger reichen ihm die zwei kostbaren
Taffeln des Käysers / die er aus des Cicero Erbschaft / und vom Asinius Gallus
bekommen / das Wasser. Es ist wahr / sagte Zeno: auch die Heilffenbeinern
Taffeln der Indianer wären hier der Zierde halber in keine Gleichheit zu ziehen.
Tussnelda warff ein: Aber jene sind nicht / wie unsere / der Fäulnis
unterworffen. Zeno versetzte: Ich glaube / dass diese beständiger als jene sind;
weil das Helffenbein mit der Zeit gelbe wird. Alleine welchem irrdischen Dinge
lässet sich mit Bestand einige Beständigkeit / ausser in dem Unbestande /
zueignen? Würmer und Fäulnis sind nicht nur Werckzeuge der Eitelkeit / und
Scharffrichter der alles fressenden Jahre. Was kein Holtz-Wurm ausfressen /
keine Feuchtigkeit verfäulen kann / wird durch Sturmwinde zerdrümmert / durch
Blitz eingeäschert / durch Erdbeben zernichtet. Die Brunnen vertrocknen / die
Steine werden zu Staube / und ganze Gebürge werden über einen Hauffen
geworffen: wie mir der grosse Caucasus ein grausames Schauspiel für Augen
gestellet hat. Denn nachdem wir bei unserm wohltätigen Priester des Prometeus
die Nacht über wohl ausgeruhet hatten / nahmen wir früh Abschied / gingen durch
ein steinichtes Tal / stiegen hierauff einen andern gähen Berg hinauff / in
willens daselbst eine Höle zu beschauen / in welcher Hercules / und seine nach
Colchis gereisete Gefärten ihre Gedächtnisse verlassen haben sollen. Wir waren
noch nicht gar auff der Spitze / als der Fels unter uns zu beben / und der
ganze Berg gleichsam wie eine hängende Wagschale hin und wieder zu wancken
anfing. Der Himmel war helle und heiter; die uns rings umher umgebende Berge
aber speiten mit grossem Gekrache Blitz und Flammen aus. Der höchste Gipffel des
Caucasus brach entzwei / und überschüttete mit seinem Grause die darbei
liegenden Täler; mit dem Rauche aber / den er aus seinem jetzt auffgespaltenen
Rachen ausstiess / verfinsterte er das weite Gewölbe des Himmels / und die
durchdringenden Strahlen der Sonne. Der Tempel des Prometeus fiel mit seinem
felsichten Fusse in das Tal herab / durch welches wir erst gegangen waren; also
dass das grosse Welt-Gebäue sich nunmehr in sein Nichts zu verwandeln schien. Ich
stelle zu iedes Nachdencken / wie wir gezittert / da die Klippen zitterten / und
wir die Berge zerbersten / die Steine zerschmeltzen sahen. Unser Antlitz
erblasste / die Zunge verstummte / das Hertze schlug / als wenn es sich aus dem
in so grosser Lebensgefahr schwebenden Leibe reissen wollte / und unsere Beine
waren nicht mehr starck genug uns auff den Füssen zu erhalten; daher wir auff
den Erdbodem fielen / und unter der Furcht /dass wir von denen einfallenden
Gebürgen bald in dem Abgrunde der Erden würden begraben werden / aller Sinnen
beraubet wurden. Ich weiss nicht zu sagen /wie lange wir in dieser Ohnmacht
gelegen / oder wie lange der Lauff unsers Lebens allhier gehemmet gewest.
Gleichwohl kriegte ich zum ersten meine Siñen wieder / und raffte mich aus
dieser Asche / darmit wir inzwischen ganz waren bedeckt worden / wieder auff;
Oropastes aber und Syrmanis blieben noch ganz für todt liegen. Weil ich nun den
Göttern für Erhaltung meines Lebens nicht besser als durch hülffbare
Beispringung und Liebe gegen meinen Geferten zu dancken wusste / eilte ich einer
unferne von dem Berge abschüssenden Bach zu / schöpffte daselbst in meine Hände
Wasser / brachte auch endlich durch Kühl- und Reibung zuwege / dass anfangs
Oropastes / und hernach die Fürstin Syrmanis wieder zu sich selbst kamen;
wiewohl sie eine lange Weile kein Wort reden konten. Endlich sprachen wir
einander wieder ein Hertze zu / fielen auf unsere Antlitzer / um unsern
Schutz-Göttern Danck zu sagen / und für fernere Beschirmung andächtig
anzuruffen. Wir verwunderten uns hierauff über der seltzamen Veränderung der
ganzen Gegend / welche wir nicht gekennt / sondern uns vielmehr in ein ander
Land versetzt zu sein gemeinet hätten / wenn nicht wir die Stücke von dem herab
gestürtzten Prometischen Tempel erkennet hätten. Weil denn der Berg / darauff
wir waren / auff der Seite /dahin wir wollten / auch abgespalten und unwegbar
worden war / kehrten wir / teils aus Not / teils aus Vorwitz / den Graus des
herrlichen Tempels zu beschauen / wieder in das Tal / fanden aber alles
denckwürdige entweder in Staub verwandelt oder unter die Klippen vergraben;
Ausser des Prometeus Leichenstein / den wir doch im Tempel nie wahr genommen
hatten / lag an einen Stein angelehnet / dessen oberste Seite uns mit seiner
Schrifft benachrichtigte / wo er herkommen wäre. Denn es war darauff zu lesen:
Prometeus nicht / sein Staub liegt nur in dieser Hole;
Sein lebend Leib war schon in dieses Berges Klufft
Versperrt; die Sternen warn die Wohnung seiner Seele.
So war er halb gebohrn dem Himmel / halb der Grufft.
    Auff der andern und inwendigen Seite war eingegraben:
        Schilt nicht / o kleine Welt / auff Untergang und 's Grab;
    Dein Talg ist ja nur Staub / dein Grund ein Tonern Fuss
    Auch sturmst du auff dich selbst / vergiebst durch Uberfluss
    Gesunder Speisen dir; frist's Hertze dir selbst ab
    Durch Ehrsucht / Rache / Geitz. Dein långster Måssestab
    Hålt dreizehn Spannen kaum; da der Verhångniss- Schluss
    Der grossen Welt nicht schont / wenn auch's Gestirne muss
    Verschwinden / das der Nacht so Licht als Leben gab.
        Die Sonn' ist selbst nicht frei von Fleck und Eitelkeit /
    Der Himmel schrumpffet ein / wird ein vermodernd Kleid /
    Der Sternen Oel versengt / die Tempel stehn entweih't
    Die Flusse trocknen aus / der Berge Marck verstäubt.
    Allhier war ein Stücke vom Steine abgebrochen /und also mangelte der Schluss
dieser Reime. Weil wir denn ohne diss wegen Mattigkeit uñ einbrechender Nacht
allhier übernachten mussten; grub ich mit einem daselbst befindlichen spitzigen
und harten Steine folgende Worte darzu:
        Die Gräber fall'n in's Grab. Was frisst nun nicht die Zeit?
    Nun auch die Asche nicht uneingeäschert bleibt.
    Ob wir nun wohl nach der mehr durch unruhige Träume / als durch sanften
Schlaff hingebrachte Nacht / nicht Ursache hatten / an diesem gefährlichen Orte
viel Zeit zu verspielen; so weiss ich doch nicht: ob unsere Erbarmung über dieser
Verwüstung / oder unser Vorwitz / welcher auch in denen Einäscherungen und in
zermalmetem Grausse herrlicher Gebäu etwas schönes zu finden ihm eingebildet /
uns noch einen halben Tag in Beschauung des zerdrümmerten Tempels aufhielt.
Hierauff erinnerte uns die Begierde unsers Magens auf unsere Speise und hiermit
auch auff Enderung unsers Ortes vorzusinnen. Dem erstern Vergnügung zu schaffen
/ fanden wir nichts / als etliche Wurtzeln. Dahero hätten wir uns gerne in das
von uns verlassene Paradis zurück gezogen / wenn uns das Erdbeben durch
Abspaltung so vieler Stein-Klippen nicht alle Wege verschrenckt hätte. Die
Fürstin Syrmanis kam in dieser Einöde wiederum die Liebe ihres Vaterlandes an /
für welcher ihr so lange geeckelt hatte. Daher riet der ihr beistimende
Oropastes /wir sollten unsern Weg nach Nordwest einrichten / da wir entweder an
die Bruñen des Flusses Hippus oder Agrus komen würden / welche beide in diesem
Gebürge ihren Ursprung hätten / und durch das Land Colchis in das Euxinische
Meer ihr Wasser ausschütteten. Wir befahlen unsern wenigen Bedienten an den
Felsen hinauff zu klettern und zu erkundigen: Ob wir daselbst aus diesem
steinernen Gefängnisse einige Ausflucht finden könten? Aber nachdem sie mit
eusserster Lebens-Gefahr sich verstiegen / wurden sie teils durch die
Unmögligkeit ferner zu kommen genötiget / teils durch unsere Zeichen
verursachet mit noch grösserer Gefahr zurück zu kehren. Weil wir nun durch
unsere eusserste und beinahe verzweiffelnde Mühwaltung nirgend anders / als
Ostwerts aus dem Crantze dieser unsäglich hohen Berge endlich einen Weg selbte
zu übersteigen fanden / mussten wir hier nur den Leitungen der Natur / nicht
unsers Willens folgen. Wir kamen den dritten Tag an eine ziemlich starcke Bach /
welche gegen der Sonnen Aufgang von den Gebürgen abschoss. Dieser folgten wir /
als unser Einbildung nach einer Wegweiserin zu dem Caspischen Meere / und
dannenhero auch in eine von Menschen bewohnte Landschaft; Welche letztere wir
auch nach zweier Tage beschwerlicher Reise erlangten / auff der uns gleichwohl
etliche von unsern Pfeilen erlegte Gemsen zur Speise aushalffen. Daselbst nahmen
wir wahr / wie diese Bach nebst etlichen andern hieher zusamenlauffenden Flüssen
von einer überaus hohen Tieffe mit schröcklichem Geräusche verschlungen wurden.
Es grausete einem / wenn man in diesen Strudel sah; die sonst einfältigen
Einwohner aber versicherten uns / dass diese Tieffe ein Teil der unterirrdischen
Höle wäre / durch welche das Caspische uñ schwartze Meer unsichtbar sich mit
einander vereinbarten. Wir hielten diss zwar für einen Traum der einfältigen
Iberier / bei denen wir uns nunmehr befanden; und glaubte ich dieser zweien
Meere Verbindung so wenig als vorhin / dass der Griechische Fluss Pyrrhus zu
Syracusa in den Brunnen Aretusa /der Phrygische Fluss Meander in dem
Peloponesischen Strome Asopus / der sich verschlingende Phrat in dem Flusse
Nilus seinen Ausgang haben sollte; wie wir aber gleichwohl mehr aus Schertz als
Ernst nach dem Grunde dieser Meinung fragten / berichtete uns ein Eissgrauer Mann
/ dass man offtmahls in diesem Strudel eine gewisse Art Schilff / welches nur im
Caspischen Meere wüchse / und eine gewisse Art Fische /die nur im schwartzen
Meere sonst zu finden wären /finge. Uber diss hatte er in seiner Jugend auff
seinen Reisen selbst angemercket / dass das Caspische Meer bei wehenden
Westwinden sich hoch angeschwellet /hingegen das schwartze bei dem Ostwinde
überaus heftig sich beweget und gebrauset hätte. Welches keine andere Ursache
sein könnte / als dass der ordentliche Ausfluss des Caspischen Meeres durch die
Westwinde gehindert / durch die Ostwinde aber gewaltig befördert würde. Uberdiss
nehme das Caspische rings um mit der Erde umfangenes Meer funffzehn Haupt-Flüsse
ein / gleichwol aber lieffe es nicht über; also diese unbegreiffliche Menge
Wasser sich ja irgends wohin verlieren müste. Endlich wäre ein unfehlbares
Zeugnis dieser verborgenen Zusamenflüssung / dass für etlichen Jahren ein Fisch
im Caspischen Meere wäre gefangen worden / an dessen Schwantze ein güldener Ring
gehangen hätte / mit dieser Uberschrifft: Mitridates gab mir zu Sinope die
Freiheit und dieses Geschencke. Der Feldherr fiel dem Fürsten Zeno in die Rede /
meldende: Es wäre die Zusammenverbindung der Wasser eines von denen grösten
Wundern der Welt / und glaubte er: dass wie in dem menschlichen Leibe keines der
kleinesten Aederlein wäre / das nicht seinen richtigen Gang zum Hertzen hätte;
also wäre auch in der Erdkugel kein Bruñ /keine Bach / keine See / die nicht an
dem grossen Welt-Meere hinge / und daher müsten alle Flüsse / die nicht ins Meer
sich ergiessen / sondern unter die Erde sich verschlingen / alle Meere und Seen
/ welche keine eusserliche Einfart ins Meer hätten / durch unterirrdische
Vereinbarung an selbtes verknüpfft sein. Ja ihn habe sein Lehrmeister aus
wichtigen Gründen beredet / dass das Caspische Meer nicht nur mit dem Schwartzen
/ sondern gar mit dem Persischen / das rote mit dem Mittel-Meere / in ihrem
Deutschlande die West- mit der Ost-See / und viel andere mit einander verborgene
Gemeinschaft hätten. Zu Alexandria habe ihm auch ein Priester erzählt / dass
ein schöner Delphin / welchem Ptolemäus eine güldene Taffel mit seinem Namen
angehenckt / und wieder ins rote Meer versetzt / wenig Tage hernach bei dem
Einflusse des Nils im Mittel-Meere gefangen worden wäre. Fürst Zeno pflichtete
dem Feldherrn bei / und sagte: die Natur wäre freilich wohl der rechte
Baumeister /die Kunst nur ein Pfuscher / oder ein Affe. Denn sie hätten
unterweges noch die ohnmächtigsten Merckmahle derer von Selevcus Nicaner
geführter tieffen Graben gesehen / in welchen er das Caspische und Euxinische
Meer hätte zusammen leiten wollen. Nach dieser und der Einwohner Anleitung wären
sie in Albanien zu dem Flusse Cyrus komen / auff selbigem zu Schiffe hinunter
gefahren / auf der lincken Seite die berühmte Stadt Cyropolis lassende / biss wo
dieser Fluss in den Arares fällt / mit welchem er sich hernach durch einen Mund
in das Caspische Meer stürtzet. Weil mir aber bedencklich war / allzu tieff in
das Medische Gebiete uns zu machen; reiseten wir Nord-Ostwerts zu Lande zu der
berühmten Stadt Terebynt /welche der grosse Alexander an das Caspische Meer
/und an das Ende des von dem Caspischen Gebürge sich dahin erstreckenden Armes /
nebst noch einer Mauer über das Gebürge / vierhundert Stadien lang /wider die
Amazonen und andere Nord-Völcker gebauet hat. Allhier wurden wir schlüssig über
das Caspische Meer gegen dem Flusse Rha / der mit siebenzehn Strömen in selbiges
Meer fällt / und auf selbtem biss dahin / wo er sich dem Tanais auf wenige Meilen
nähert / alsdenn auf diesem Strome über die Meotische und das Euxinische Meer
zum Boristenes / oder Hippanis als des Fürsten Oropastes und seiner Schwester
Syrmanis Vaterland zu schiffen. Wir segelten anfangs mit gutem Winde; des Nachts
aber wurden wir von dem starcken hin und wieder schlagen des Schiffes erwecket /
indem sich ein harter Nord-West-Wind erhob / welcher sich in weniger Zeit in den
grausamsten Sturm-Wind verwandelte. Das brausende Meer hob uns mit seinen Wellen
bald biss an die Wolcken empor / welche uns teils mit einer neuen See zu
besäuffen / teils mit unaufhörlichem Blitze einzuäschern dräueten; bald
stürtzte es unser Schiff in den abscheulichsten Abgrund / an welchem in wenigen
Stunden der Mast abbrach / und zu unserm ärgsten Schrecken den umb die gemeine
Wohlfart äuserst bemühten und wohlerfahrnen Schiffer tödtete. Das Steuer-Ruder
ging kurtz hierauf auch entzwei / die Ancker waren nicht zu gebrauchen / und die
Boots-Knechte liessen aus Verzweifelung Hände und Mut sincken; zumal ohne diss
nichts mehr auf dem Schiffe zu tun war / als dass wir das darein spritzende
Wasser ausplumpeten / und hin und wieder die Fugen der Schiffs-Taffeln
verstopften. Kein Mensch war zu sagen auf dem Schiffe / welcher noch einige
Hoffnung des Lebens übrig behielt; ja ihrer viel wüntschten nur einen
geschwinden Untergang / umb sich nur der mehr empfindlichen Todes-Furcht zu
entbrechen / welche allemal empfindlicher ist / als der Tod selbst. Ja die
Fürstin Syrmanis selbst brach nach zweier Tage Ungewissheit: Ob wir lebendig oder
todt wären / die Gedult aus / dass sie sich übers Verhängnis beschwerete: Warumb
sie die zornigen Götter nicht lieber durch Erdbeben unter den Prometischen
Tempel begraben hätten / als dass der Schlag iedweder Welle ihr den Tod nicht
anders als eine Schlag-Uhr die Zeit andeutete? Ich redete ihr also ein: Sie
möchte doch ihr Klagen mässigen / um durch Ungeduld den gerechten Zorn der
Götter nicht mehr zu erheben. Diese müsten durch derogleichen Sterbens-Glocken
uns zuweilen unserer Sterbligkeit erinnern / weil wir auf die Anzeigung der von
der Natur in unsere Brust gepflantzten Uhr so wenig Achtung gäben. Denn ieder
Schlag unsers Hertzens deutete uns nicht weniger / als die wütenden Wellen die
Näherung unsers Endes an. Jedwedes Atemholen sollte nichts minder als der uns
schreckende Donner in Ohren klingen / und uns zum Schiffbruche zubereiten.
Welche Vorbereitung bei den Sterblichen alle Augenblicke fertig sein sollte /weil
unser Hertz und Lunge ein Compass ohne Nadel /und eine Uhr ohne Weiser wäre /
nachdem wir weder Ort noch Zeit unsers Ablebens vorsehen könten. Wer aber
derogestalt bereitet wäre / und durch die Tugend sein Gewissen beruhigt hätte /
der schwebete mit lachendem Munde zwischen Donner und Sturmwind; er blickte mit
einerlei Gebehrdung den Rachen des Abgrunds und den Hafen des Lebens an; er
zwinckerte mit keinem Augenliede für dem Tode / und er veränderte nicht einst
die Farbe für dem Hencker. Fürst Oropastes stimte meinen Tröstungen mehrmals bei
/und Syrmanis entbrach sich ja zuweilen ihrer Traurigkeit; aber die Länge der
Gefahr / und die Schwachheit ihres Geschlechtes riess ihr bei Zeite wieder ihre
Wunden auf. Sie hätte wohl / sagte sie / ehemals mit unverwendetem Aug-Apfel dem
Tode das blaue in Augen gesehen; aber diss wäre ja allzu schrecklich /wenn man
weder sterben / noch genesen könnte; wenn der Tod uns als ein Gespenste vor dem
Gesichte herumb irrete / das Leben aber durch blasse Furcht uns beunruhigte.
Dieses wäre das grausamste aller schrecklichen Dinge / und ein unvermeidliches
Fallbret der beständigsten Gemüter. Oropastes versetzte ihr: Die schon
einmalige Beunruhigung ihres Gemütes ziehe so viel Dünste niedriger
Einbildungen empor. Der kläreste Brunn würde durch wenigste Aufrührung / das
edelste Gemüte durch geringe Ungedult trübe; und / wie ein Quell sich durch
nichts besser / als wenn man selbtes in Ruh liesse / ausklärete; also
besänftigten sich Zorn / Furcht / und andere trübe Gemüts-Regungen nicht besser
/ als mit der Zeit von sich selbst. Die Gedult wäre eine Mutter der Hoffnung /
diese der Klugheit. Ein Kluger aber siegete über alles / und er machte sich zum
Meister über Wellen und Sterne. Biss in fünften Tag währete dieser elende Zustand
/ als sich der Sturm nach und nach legte / uns aber noch zur Zeit schlechte
Hoffnung unserer Erlösung machte / nachdem wir des Mastes und des Steuer-Ruders
beraubt / und also in der blossen Willkühr dieses ungütigen Meeres lebten. Ob
wir uns nun derogestalt als ein aller Spann-Adern beraubter Leib weder mit Segel
noch Rudern fortelffen konten; so vermerckten wir doch aus dem hin- und wieder
schwimmenden See-Schiffe / dass unser Schiff durch den noch strengen
Nord-West-Wind starck fortgetrieben ward. Nach vier Tagen erblickten wir von
ferne ein Gebürge / iedoch unter zweifelhafter Beisorge: Ob es nicht Wolcken
wären / biss wir nach der zwischen dem Angel der Furcht und Hoffnung bingelegter
Nacht uns nahe am Ufer sahen / kurtz aber darauf mit unserm Schiffe am Boden
feste zu stehen kamen; welches denn auch alsofort von den Wellen zerstossen ward
/ und sanck / also / dass ein ieder nunmehr mit Schwimmen sich zu retten
gezwungen ward. Oropastes und ich / hätten leicht ans Ufer kommen können /wenn
die Vorsorge für die zwar sonst des Schwimmens wohl erfahrne / aber durch
bisherigen Sturm und Kummer ganz abgemattete Fürstin Syrmanis zurück gehalten
hätte; welche / ungeachtet unserer Hülffe / so viel Wassers eintranck / dass wir
sie für todt ans Ufer / und durch viel Müh kaum wieder zum Atem-holen brachten.
Wir hatten uns bei einem gemachten Feuer kaum ein wenig abgetrocknet und
gewärmet / als wir einen Schwarm Reiter mit verhencktem Zügel dem Rauche nach
auf uns zurennen sahen; Weil wir nicht wussten / an welchem Ende der Welt wir
wären / konten wir auch von diesen Leuten nichts urteilen. Ihre Kleidung aber
verriet sie also fort /dass sie Nomades / ein Scytisch Volck waren. Diese
rechtfertigten uns alsofort anfangs in ihrer / hernach in der etwas veränderten
Partischen Sprache / wer wir wären / und wie wir dahin kommen? Wie sie nun
unsern Schiffbruch / und dass wir Armenier wären /(denn hierfür hielte ich
ratsam / uns auszugeben /weil die Scyten der von ihnen ausgetriebenen Parten
/ diese aber der Armenier gleichsam angebohrne Feinde sind /) verwandelte sich
die ihnen von uns zugedachte Raubsucht in Mitleiden. Dahero verständigten sie
uns / dass wir in der Landschaft Sogdiana /zwische dem Flusse Oxus und Japartes
/ nicht ferne von der Stadt Zahaspa uns befindeten. Dieses Land hätte für
Alexandern nebst dene auf der lincke Hand des Flusses Oxus gelegene Bactrianern
Oxyartes beherrschet / dessen Tochter Roxanen Alexander geehlichet. Nach
Alexanders Tode hätte sich Teodotus über tausend Bactrianische Städte / und
über alles /was zwischen dem Oxus und Jaxartes lieget / zum Könige aufgeworffen.
Diesem hätte sein Sohn gleichen Nahmens / und endlich Encratides gefolget
/welcher letzte wider den Indianischen König Demetrius unerhörte Tapferkeit
ausgeübet / indem er 60000. Feinde / welche ihn in der Festung Maracande 5.
Monat belägert / mit 300. Reitern zernichtet / hernach sich Indiens biss an
Ganges gar bemächtiget hätte. Wie aber des Encradites Sohn und Reichs-Geferte
Zariaspes die Untertanen allzu harte gehalten /wären die Sogdianer von ihm
abgefallen / und als Zariaspes endlich gar seinen Vater ermordet / über seinen
blutigen Leib / gleich als über einen besiegten Feind mit den Pferden gesprenget
/ und die Leiche zu begraben verboten / hätten die über dem Jaxartes wohnenden
Nomades / und Mitridates / der Parter König / das Bactrianische Reich unter
einander geteilet / und den unferne von dar flüssenden Oxus zu ihrer
Reichs-Gräntze gemacht. Itzo beherrschte dis Land der grosse König der
sämtlichen Scyten / dessen Gebiete sich von dem Flusse Rha biss an das Reich des
Königs Sophites / welcher sich dem grossen Alexander ohne Schwerdt-Streich
unterworffen /erstreckete. Hierauf deutete uns der ansehlichste unter diesen
Scyten an / dass wir ihnen zu ihrem von dar nicht weit entfernten Fürsten folgen
müsten; wordurch die mit uns gestrandete Gefärten nicht wenig erschrecket
wurden. Dieses nahm vorerwähnter Scyte wahr; daher redete er uns aufs
freundlichste zu: Wir möchten kühnlich alle Furcht und Verdacht sincken lassen.
Sie wüsten gar wohl / dass einige Ausländer sie nur für Halb-Menschen hielten /
welche alle Frembdlinge schlachteten / sich mit ihrem gerösteten Fleische
speiseten / und aus ihren Hirnschälen träncken. Alleine die Erfahrung würde
ihnen die Scyten nicht nur als vollkommene Menschen / sondern auch als die
gerechteste unter allen Sterblichen fürbilden. Insonderheit sollten sie nicht
gläuben / dass man daselbst wider sie grausamer / als die ihrer verschonende
wilde Wellen sein würde. Wir kamen nach ein paar Stunden an den berühmten Strom
Oxus / an dessen Ufer der Königliche Stadtalter über Sogdiana sein Zelt
aufgeschlagen hatte. Dieser bewillkomte uns mit freundlichen Geberden / und
nachdem er unser Vaterland und Unfall verstanden / liess er uns alsofort eine
Trachtvoll Speisen / unter denen gesäuerte Pferde-Milch und gebratenes
Cameel-Fleisch die köstlichsten Gerüchte waren / auftragen. Hierauf tranck er
uns dreien selbst eine Schale Wasser aus dem See Kia zu / woraus der Fluss Ganges
entspringet / welches alle Grossen bei den Scyten holen lassen. Nach vielen
erwiesene Höfligkeiten sagte er uns: Weil der grosse König der Scyten Huhansien
gegen die Seren einen mächtigen Zug für hätte / zu dem er bei dem Ursprunge des
Flusses Ganges zu stossen befehlicht wäre /müsten wir zwar nach ihren
Reichs-Gesetzen / welche alle streitbare Frembdlingen in Königs-Dienste nötiget
/ dem Königlichen Heerlager folgen; er versicherte uns aber / dass der König /
als ein Liebhaber der Ausländer / uns gnädig empfangen / und ehrlich verhalten
werde. Als wir nun aus der Not eine Tugend machen / und also unsere
Freiwilligkeit dem Zwange vorkommen musste / liess er uns etliche schöne Pferde /
und einen Vorrat Scytischer Waffen herzu bringen /wordurch wir uns nach
eigener Wahl ausrüsteten. Wir reiseten also drei Tage harte an dem Ufer des Oxus
/aber weil wir alles Wasser mit uns führen mussten /nicht ohne grosse
Beschwerligkeit / und derogestalt bei einem so grossen Strome in grosser Armut
des Wassers. Sintemal das in dem Flusse Oxus so schwer und so trübe / dass man
von dessen offtere Genuss gefährlich erkrancket. Den vierdten Tag lenckten wir
uns Nordwerts / und reiseten über eine sändichte Fläche / welche aber durch
unzehlich viel aus dem Flusse Oxus abgeleitete Bäche / die seinen berühmten
Strom so sehr vermindern / dass seine gäntzliche Versändung mit der Zeit zu
besorgen / bewässert / auch sein sonst untrinckbares Wasser durch so vielen Sand
mercklich geläutert und verbessert ward. Den siebenden Tag lendeten wir nicht
ferne von dem Sogdianische Steinfels an / welcher 30. Stadia hoch sein soll /
und eine unüberwindliche Festung auf sich hat / die Alexander durch Verräterei
erobert. Wir übernachteten in der Stadt / oder / vielmehr in dem Steinhauffen
der von Alexandern eingeäscherte Stadt Branchis; folgenden Tag aber erreichten
wir die berühmte Stadt Buchara /bei welcher sich ein ander Sogdianischer Fürst
mit 10000. Mann zu uns schlug. Nachdem wir einen Tag ausgeruhet / kamen wir nach
dreitägiger Reise in der Sogdianischen Haupt-Stadt Samarcanda an dem Flusse
Isarlo an. Allhier stiess die ganze Sogdianische in mehr als 100000. streitbaren
Männern bestehende Macht zusammen / welche der Königliche Stadtalter musterte /
hernach der Lebensmittel halber / die ohn dis grossen teils auf Kamelen
mitgeführet werden musste / wieder in drei Hauffen verteilte / und gegen die
Landschaft der Tacken ihren Zug einzurichten befehlichte. Wir reiseten wohl
zwantzig Tage / biss wir nach Cascar unter das Gebürge Imaus kamen / welches sich
von dem Mitternächtischen Welt-Meere an /bis an das Gebürge Paropamisis /
welches die Macedonier / Alexandern zu Ehren / den Caucasus hiessen / und von
dar biss über den Fluss Oxus / als ein Rückgrad / sich erstrecket / auch endlich
in Bactriana mit dem Taurischen Gebürge sich verknüpfet. Allhier stiess das Heer
wieder zusammen / als welches durch eine gefährliche Enge über das Gebürge / von
welchem etliche hundert fehltretende Cameele und Pferde in die tieffsten
Abgründe stürtzeten / ziehen musste. Wir brachten hierüber zehn Tage zu; iedoch
nach dem das Heer an den Fluss Caradrus kam / auf welchem alles Heer-Geräte zu
Schiffe geführet werden konnte /ward selbtes einer grossen Last entbürdet / und
dadurch der Zug mercklich beschleuniget. Wo dieser Strom sich nun mit dem Ganges
vereinbaret / traffen wir den König Huhansien an / welcher mit 200000. Scyten /
darunter aber auch viel Sarmater und Deutsche waren / an dem Flusse Jaxartes
Strom- auf gezogen war. Dieser grosse König gab uns unter einem baumwöllene
Gezelt Gehöre. Auf dem Haupte hatte er statt einer Krone einen güldenen
Wieder-Kopf /sein Kleid war ein purpurfärbichter Seidenrock / mit schwartzen
Füchsen durchfüttert / die Sebel hatte allein einen güldenen Grieff und
Beschläge mit Edelgesteinen versetzt. Denn die Scyten würdigen alleine zu den
Waffen / zu keiner andern Uppigkeit dieses seltzame Ertzt. Nach dem er von uns
ietzigen Zustand Asiens / und des Römischen Reiches erforschet / auch von uns
die Erklärung vernommen hatte / dass wir unter seinen Fahnen fechten wollten /
ordnete er uns einen reichlichen Unterhalt an allerhand Lebens-Mitteln /
beschenckte uns mit seidene Röcken / Sebeln und Bogen / und schwur bei dem Winde
und seiner Sebel / dass er nach glücklich verrichtetem Feldzuge uns mit reichen
Geschencken in Armenien liefern wollte. Er liess noch selbige Nacht an einer
Brücke über den Ganges arbeiten / welche zu unser Erstaunung folgende Tag gegen
Abend fertig war. Wo der Ganges / sagte Hertzog Arpus / so gross als unser Rhein
ist / mag Käyser Julius sich verkriechen / dessen in zehn Tagen über unsern
Strom geschlagene Brücke die Römer für ein halbes Wunderwerck halten. In alle
Wege / antwortete Zeno. Denn der Ganges ist / wo er am schmälesten / 100.
Stadien breit / und an diesem Orte stärcker als der Nil / und der Ister zusamen.
Daher er des Huhansie Brücke-Bau für etwas wichtigers / als Darius über den
Tracischen Bosphorus / und des Xerxes hielte / welcher sich dem Neptun Fessel
angelegt zu habe gerühmet / weil er über den Hellespont eine Schiffbrücke
geschlagen; für Alexanders gegen der Stadt Tyrus gebautem Tamme hätte sich zwar
das Meer entsetzt / und Neptun seine Wallfische darwider ausgerüstet; aber es
wäre ein Werck von 7. Monaten gewest. Des Pyrrhus und Varro Vorhaben von
Apollonia aus Griechenland nach Hydrunt in Italien / über das Adriatische Meer
einen Weg zu bähnen / wäre in den ersten Knospen der Einbildung ersticket.
Lucullus hätte zwar die auf dem Lande abgetragene Berge in die See gesenckt /
und Lustäuser drauf gesetzt; oder vielmehr aus dem Meere Land /und aus dem
Lande Meer gemacht / also den Nahmen des langröckichten Xerxes bekomen; aber
auch diese Verschwendung wäre weder dem Nutzen / noch der Geschwindigkeit halber
mit Huhansiens Wercke zu vergleichen / welcher gleichwol acht Tage mit
Ubersetzung des Heeres teils auf Schiffen / teils über die Brücke zu tun
hatte. Wiewol noch ein absonderes Heer von denen dem Huhansien biss an das
Nord-Meer untertänigen Scyten gegen die Serer anzog. Wir setzten hierauf über
das Gebürge des Paropamisus unsere Reise schleunigst fort / und kamen nach zwei
Monaten qver über die lange Sandwüstenei Lop nicht ferne von der Serischen
Gräntze an. Wir konten in dieser Einöde / welche weder Wasser / Laub noch Grass
hat / sondern hin und her nur etliche stachlichte Kräuter und Hecken zeuget /
uns über die Härtigkeit der Menschen und des Viehes nicht genungsam verwundern.
Das mitgeführte Wasser reichte kaum für das Kriegesvolck / also mussten Pferde
und Kamele ungetränckt sich mit den dürren Kräutern / die Scyten aber sich mit
dem Pferde-Blute vergnügen / welches sie aussogen / wenn die Natur von sich
selbst /oder sie ihren zu sehr erhitzen Pferden zur Ader liessen. Hertzog
Rhemetalces fiel ein: Die in dieser Wüsten reisenden sollten billich die
Eigenschaft jenes Griechen von Argos haben / den sein Lebtage nie dürstete /
auf der weiten Reise zu dem Ammonischen Jupiter nur faltzichte Speisen ass / und
gar nicht / ja auch sonst sehr selten tranck. Zeno setzte bei: Casyrta Lasionius
würde sich ebenfals gar wohl zu uns geschicket haben / welcher in dreissig Tagen
nichts tranck / auch nichts feuchtes ass; gleichwol aber Wasser von sich liess. Es
wäre beides viel / sagte der Feldherr / und dünckt mich / es haben die Griechen
beides nichts minder / als die Hyperborier vergrössert / welche ihren Abaris
niemals haben wollen essen oder trincken sehen. Die Natur wäre zwar mit wenigem
vergnügt; Aber der Mensch könnte so wenig als ein Cameleon / der gemeinen Sage
nach / von der Lufft /noch von den Sonnenstrahlen leben. Sintemal die Erfahrung
diesen Irrtum verraten / und gezeigt hätte /dass diss Tier Würmer und Fliegen
verzehrte. Zeno fuhr fort: Wir überstanden durch der obersten Befehlhaber kluge
Vorsicht / und sparsame Austeilung der Lebens-Mittel gleichwol diesen
beschwerlichen Weg /ohne sonderbaren Verlust / an Menschen oder Vieh. Wiewol
auch die Serer zwischen dieser Wüsten und ihren Gräntzen alles versängt /
verheeret / und die Scyten verjagt hatten / so hatten diese doch ihren meisten
Vorrat unter die Erde vergraben / und sich in die Gebürge verstecket / welche
nunmehr herfür rückten / und diesem Heere überflüssige Lebens-Mittel entgegen
brachten. Der König schlug sein Läger an die zwei Seen / durch welche der
berühmte Saffran-Fluss fleust / stellte es daselbst in zwei Schlacht-Ordnungen;
und es mussten beide Heere zu Bezeugung ihrer Tapfferkeit / und wie sie sich
nunmehro bald gegen ihre Feinde verhalten wollten / durch ein blindes Treffen
andeuten. Also mussten auch wir unsere Krieges-Ubungen schauen lassen / welche
den König derogestalt vergnügten / dass er iedem unter uns tausend Nomadische
Scyten von seiner Leibwache untergab. Jedoch hatte Huhansien bei unserem
Gefechte von der Syrmanis eine Mutmassung gefast / dass sie nicht männ- sondern
weiblichen Geschlechtes wäre; daher er nach und nach so viel mehr auf ihre
Leibesgestalt und Gebehrden Achtung gab / und endlich mich zur Rede setzte:
warum wir für ihm ihr Geschlechte verbergen wollten? Also sollte ich ihm gerade
zusage /wer sie wäre. Ich erschrack über dieser unvermuteten Ansprache; wusste
also nichts anders in der Eil zu sagen / als dass sie Oropastens Schwester wäre /
welche aus Anreitzung der Tugend / die Welt zu beschauen / und sich durch
tapffere Taten berühmt zu machen sich ihnen zugesellet hätte. Huhansien fragte
mich etliche mal: Ob er auf meine Erzehlung trauen dörffte? mit der Erinnerung /
dass die Unwahrheit in eines Sclaven Munde eine Schande / in eines Edelmannes
eine unausleschliche Un-Ehre / bei den Scyten aber ein sterbens-würdiges Laster
wäre. Als ich ihm nun selbtes beteuerte / Oropastes es auch nicht allein mit
seinen Worten / sondern fürnehmlich mit scheinbarer Ehrligkeit bestätigte; Liess
er die Syrmanis für sich kommen / erzeigte selbter überaus grosse Ehrerbietung /
verordnete ihr eine Fürstliche Bedienung zu. Wir selbst kamen hierdurch in
grösseres Ansehen / ob wir uns gleich nur für Edelleute ausgaben /auch die
Ursache so grosser Gnaden nicht ergründen konten. Alleine die Liebe hat die
Aehnligkeit des Himmels. Dieser ist ein versiegeltes Buch für allen Geistern;
tausend Weisen haben mit ihren Fern-Gläsern die Heimligkeit ihres Wesens noch
nicht zu erforschen vermocht. Unterdessen leuchtet doch seine Annehmligkeit in
aller Augen. Nicht anders war es mit der Liebe des Scytischen Königs
beschaffen. Er mühte sich seine Neigung gegen der Syrmanis so sehr zu verbergen
/ als die Beschaffenheit der Liebe an ihr selbst unbekandt ist. Gleichwol aber
verhüllete ihr Band nur seine / nicht aber unsere Augen. Denn wir wurden bei
Zeiten / Syrmanis aber noch zeitlicher inner / dass Huhansien ein Auge auf sie
hatte. Seine Höfligkeit verwandelte sich in wenig Tagen in Liebkosung / und nach
und nach in eine inbrünstige Liebe. Denn ob zwar diese die Flüchtigkeit und
Empfindligkeit der Liebe in sich hat / und ihre Mutter die Gewogenheit wie die
Regenbogen in einem Augenblicke gezeuget wird / so unterwerffen sie doch alle
kluge Leute der Beratschlagung / und eröffnen ihr allererst die Pforte des
Hertzens nach einem vernünftigen Urtel. Die Schönheit der Syrmanis legte
hierzu zwar den ersten Grundstein; aber ihre Tugend machte es vollends aus / und
den König Huhansien zu einem Gefangenen / als seine Gedancken mit Uberwindung
des Serischen Reiches schwanger giengen. Weil aber nur die tumme Liebe ein
verführisches Irrlicht; die vernünftige aber ein Leitstern zur Tugend / und
insonderheit ein Wetzstein zur Tapfferkeit ist; vergass Huhansien nicht der
Waffen. Denn dieser grossmütige Fürst meinte / dass die Uberwindung der Seren ein
Werckzeug sein würde / auch der tugendhaften Syrmanis Hertze zu gewinnen. Der
König liess hiermit sein Heer über das Damasische Gebürge fortrücken /welches zu
aller Verwunderung schlecht besetzet war / und wir kamen fast ohne Schwerdschlag
in das Königreich Suchuen. Von diesem erzehlte mir ein Scytischer Fürst / dass
nach dem Könige Sophites / welcher sich dem grossen Alexander ergeben hätte /
seine Nachkommen selbtes beherrschet / iedoch allezeit die Scytischen Könige
für ihre Schutzherren erkennet hätten. Für ungefehr zwei hundert und viertzig
Jahren aber hätte der grossmächtige König der Serer / der das Geschlechte Tschina
auf den Königlichen Stul erhoben / und sein grosses Reich mit diesen Nahmen
genennt / aus angebohrner Feindschaft gegen die Scyten (als welche schon für
zwei tausend drei hundert Jahren unter dem glückseligen / in iedem Auge zwei
Aug-Aepffel habenden Könige Xunus in das Hertze des Serischen Reiches
eingebrochen wären) die damals darinnen herrschenden Fürsten Pa und Cho
vertrieben / und solches Volck / welches aber noch immer nach der viel
gerechtern Herrschaft der Scyten seufzete / bezwungen. Ich ward durch diese
Erzehlung überaus begierig von der Beschaffenheit des Serischen Reiches / und
der Ursache itzigen Krieges mehrern Grund zu erfahren. Daher dieser leutselige
Fürst mir auf mein Ansuchen erzehlte: Es wären schon bei nahe 3000. Jahr / als
Fohius / der erste König / oder Himmels-Sohn (diesen Nahmen gäben sie ihren
Beherrschern) das Serische Reich gestifftet /und mit heilsamen Gesetzen versehen
/ also verdient hätte / dass die Serer ihm keinen sterblichen Vater zueigneten /
sondern fürgäben: Es wäre seine Mutter /als sie im Lande Xensi in einen grossen
Fussstapfen getreten / von einem Regenbogen geschwängert worden; Gleich als ein
gütiger Fürst dem Leibe nach zwar von einem Menschen / dem Gemüte nach aber vom
Himmel / als auf dessen Lauff er sich auch überaus wohl verstanden hätte / seinen
Uhrsprung gehabt haben müste. Nach ihm hätten die Serer einen andern erwehlet /
welcher wegen erfundenen Ackerbaues und ausgeforschter Eigenschaften aller
Kräuter / Ximumgi oder der geistliche Ackersmann genennet / von seinem untreuen
Unter-Könige Hoangti aber nach hundert und viertzig jähriger gütigster
Herrschaft getödtet worden wäre. Ob nun wohl Hoangti derogestalt durch Mord und
Gewalt sich auf den Königlichen Stul gedrungen / so hätte er doch hernach zu
einem wunderwürdigen Beispiele gewiesen / dass auch eine durch Laster erworbene
Herrschaft mit Tugend und Sittsamkeit behalten werden könnte. Denn er hätte Maass
/Gewichte / die Königlichen Kleinode / aus Anschauung der Blumen die Mahler- und
Färbe-Kunst / das Schnitzwerck / die Töpffer-Arbeit / die Müntze / die Sing- und
Rechen-Kunst / die Sinesische sechzig jährige Kreis-Rechnung und Kriegs-Ubungen
erfunden; sich in blau und gelbe / als die Farben des Himmels und der Erde /
gekleidet. Dieses alles / noch mehr aber die Liebe seines Volckes / hätte die
Flecken seines schlimmen Anfangs mit Golde überstrichen / die Gemüter der
Untertanen ihm verknüpfft / und verursacht / dass sie ihnen zu denen
Unsterblichen lebendig versetzt zu sein gläubten / und zu seinem unvergesslichen
Ruhme alle Könige seinen Nahmen Hoangti / wie des Arsaces alle Persische / und
des Ptolemäus alle Egyptische führten. Diesem wäre gefolget sein Sohn der
friedsame Xaohavus / dessen glückliche Herrschaft die Erscheinung des seltzamen
Sonnen-Vogels angedeutet / er auch desshalben der Weisen Kleider mit darauf
gestückten Vögeln / der Kriegsleute mit Löwen und Tigern zu bezeichnen / und
derogestalt alle Würden und Stände sichtbarlich zu unterscheiden verordnet
hätte. Wie aber keine Rose ohne Dornern / kein gross Gestirne ohne Flecken / und
kein schöner Leib ohne Mahl wäre; also hätte diese reine Herrschaft der
Zauberer Kienli mit erschreckenden Nachtgespenstern und Abgötterei besudelt. Von
welcher aber der folgende König Chuenhious / des Hoangti Brudern Sohn / das
Reich wieder gesaubert / die Reichs-Stände nach dem Beispiele zu seiner Zeit
vereinbaret-gewester fünf Irrsterne mit einander in Eintracht versetzt / und
teils zu Befestigung der Königlichen Hohheit / teils zu Verhütung
einschleichenden Aberglaubens ein Gesetze gemacht hätte / dass niemand als der
König dem obersten Himmels-Könige opffern dörffte. Der sechste König wäre
gewesen sein Vetter Cous / der Vater des unvergleichlichen Yaus /welcher im
vierdten Monden / als seine Mutter kurtz vorher im Traum einen roten Drachen
das Zeichen grossen Glücks gesehen / wäre geboren worden. Dieser heilige Fürst
hätte als ein kluger Stern-verständiger die Jahr-Rechnung verbessert / einen
sechsfachen hohen Reichs-Rat gestifftet / das Gespinste der Seidenwürmer / und
die Weberei aufbracht / die ersäufften Länder getrocknet / zu der Sinesischen
Weltweissheit den ersten Stein gelegt / durch seine Frömmigkeit aller von der
zehn Tage nie untergehenden und also alles versengenden Sonne entstehenden Not
abgeholffen; ja auf Einraten seines getreuen / und die Königliche Würde selbst
verschmähenden Dieners Sungous den tugendhaften Ackersmann Xunus / seinen
eigenen ob schon wolgeratenen Söhnen fürgesetzt / und ihn anfangs zum Gefärten
im Reich angenommen / hernach zu seinem Stul-Erben verlassen. Hertzog Herrmann
brach hier ein: Jenes wäre ein Beweis / dass ein Weiser auch die Sternen
bemeisterte; dieses aber so ein herrliches Beispiel / dass es alles Gewichte des
Ruhmes überwiege. Denn da ein Fürst keine nützlichere Sorge fürkehren könnte /
als sich um einen tauglichen Nachfolger bekümmern; so wäre diss eine
unvergleichliche Woltat / wenn man selbten nicht aus seinem Geschlechte /
sondern nach der Notdurfft des Reiches erkiesete. Es sei ein blosser Zufall ein
gebohrner Fürst sein / die Geburt ersetzte den Mangel der Tugend nicht; die Wahl
aber eines Fürsten hätte diesen unvergleichlichen Fürzug / dass sie keinen / als
einen tauglichen auff den Stul heben könne. Es ist beides freilich wahr / sagte
Zeno. Insonderheit haben kluge und fromme Fürsten gleichsam eine Botmässigkeit
selbst über den Himmel. Und rühmten die Serer von ihrem Könige Tangus dem
Uhrheber des Stammes Xanga; dass als es sieben Jahr nie geregnet / und die
Wahrsager angedeutet hätten /dass durch eines Menschen Gebete und Tod der Himmel
versohnet werden müste / dieser Vater des Reichs sich zum gemeinen Opffer
angeboten / aber durch seine Andacht einen fruchtbaren Regen erbeten hätte.
Gleichergestalt wäre der Irrstern Mars durch des Königs Caus Andacht drei
Himmel-Staffeln weit zurück getrieben worden: wormit er nicht das himmlische
Zeichen Sin / unter dessen Schutze sie das Serische Reich zu sein gläuben /
berühret hätte. Auff diese Art / fing Malovend an / bedingen etliche Völcker des
Atlantischen Eylandes ihnen bei Erwehlung ihrer Könige nicht so alber / dass er
ihnen auch solle die Sonne scheinen / und die Wolcken regnen lassen. Zeno fuhr
fort: bei dem Könige Xunus wäre diese Bedingung so wenig vergebens gewest / als
sonst alle von ihm vorher gefällete Urtel / und geschöpffte Hoffnungen
eintraffen. Dieser wäre aus Liebe seines Erblasters drei Jahre nie von seinem
Grabe kommen. Seine Herrschaft könnte ein Vorbild aller andern sein; Er hätte im
Reiche öffentlich verkündigen lassen / man dörffte seinen Befehlen nicht
gehorsamen / weil er König /sondern wenn sie den Rechten gemäss wären; Seine
Leibwache dörfften ihre Spitzen nur so lange / als er ein Vater des Landes wäre
/ für ihn / wenn er aber iemanden unbilliche Gewalt anfügte / wider ihn kehren.
Er hätte die einbrechenden Scyten aus seinem in zwölf Landschaften
abgeteilten Reiche geschlagen /die Gräntzen erweitert / die überlauffenden und
das Land ersäuffenden Flüsse mit Tränen eingeschränckt / Schiffreiche Ströme
durch hohe Gebürge geleitet /Seen ausgetrocknet / trockene Länder mit Strömen
versorget / und für seinem Tode mit gleichmässiger Ausschlüssung seiner Söhne
Yrus / einen Sohn des vorher am Leben gestrafften Qvenius zum Reichs- benennet /
der sich zwar der Königlichen Hoheit zu enteusern getrachtet; Aber / weil die
Ehre wie der Schatten die darnach strebenden fleucht / den fliehenden aber
nachfolget / auf des Volckes Begehren solche nur übernehmen müssen. Dieser wäre
dem Xunus nichts minder an Taten / als an Würde gleich kommen. Denn er hätte zu
unsäglichem Nutzen durch das Reich viel herrliche Fahrten gegraben / grosse
Ströme durch Berge geleitet / See-Buseme zu Acker gemacht / die Tingung
derselben gelehret / seine Fehler ihme zu sagen verlanget / und die im Reiche
nötige Verbesserungen zu erinnern / gewisse Andeutungen verordnet / auch durch
seine Woltaten verdienet / dass die Serer sich seinem Geschlechte Hiaa als
Erb-Untertanen unterworffen. Aus diesem wären siebzehn tapffere Könige kommen /
welche vier hundert ein und viertzig Jahr geherrschet hätten. Hernach wäre diese
Würde auf acht und zwantzig Könige aus dem von dem klugen und måssigen Fürsten
entspringenden Stamme Xanga kommen / und bei selbten sechs hundert Jahr blieben;
Biss König Faus ein streitbarer Held den Stamm Cheva ans Bret gebracht / und mit
sieben und dreissig Nachfolgern acht hundert und sechs und siebentzig Jahr
ausgeschmückt hätte. Unter diesem Stamme wäre der grosse Alexander biss an die
Serische Reichs-Gräntze eingebrochen / als aber die grosse Macht und Zurüstung
der Serer in seinem Heere erschollen / ja dass Agrammes ein Serischer Unter-König
alleine mit zwantzig tausend Reutern / zwei hundert tausend Mann Fussvolck / zwei
tausend Wagen / und drei tausend Elefanten die Gräntzen besetzt hätte / wäre
durch keine Bitte / Zorn oder Zurede sein Kriegsvolck weiter zu bringen gewest /
und also an dem Ufer des Flusses Hypanis / so wie für ihm Semiramis und Cyrus in
dem Sogdianischen Lande /Alexander auch selbst / als er den ersten Fuss in Asien
gesetzt / getan / zwölf Altare mit hohen aus viereckichten Steinen funfzig
Ellenbogen hoch gebaueten Türmen zum ewigen Gedächtnis aufgerichtet. Massen
er / Zeno / denn selbst an dem grösten zugespitzten Turme diese von Alexander
in Stein gegrabene Schrifft gelesen hätte:
        Der / den kein Krieg erschreckt / noch Ruh geschlåffet ein /
    Kein Schatz ersättigt hat / steckt hier ein Ziel dem Siege;
    Dass nur die Nachwelt noch was zu bezwingen kriege /
    Wie wohl selbst die Natur / die ihm die Welt zu klein /
    Die Sonne schuff zu gross / hålt seinen Lauff zurucke.
    Um seinen Siegs-Krantz kämpft die Tugend und das Glucke.
Es hätte aber ein König aus dem Chevischen Stamme / nach dem er dem Andvocot
wider den König Seleucus Nicanor beigestanden / und Indien von dem Macedonischen
Reiche abgerissen / auf die andere Seite solchen Turmes eingraben lassen:
Fur dem Europa bebt / und Asien sich bucket /
Dem auch die Renne-Bahn der Sonnen enge scheint /
Der über Eitelkeit der Erde seufzt und weint /
Hat hier der Eitelkeit ihr Siegel eingedrücket
An seiner Siege Ziel. Mensch / zeuch die Segel ein!
Der Geist ist doch der Welt zu gross / der Leib zu klein.
    Der vierdte Erb-Stamm wäre Tschina / dessen Haupt aber König Tschin / oder
Xius gewesen / der für zwei hundert Jahren die drei hundert deutsche
Meilen-lange / dreissig Ellen hohe / funfzehn dicke und mit vielen Türmen und
Bollwercken versehene Mauer in fünf Jahren von Ost gegen West / und zwar bei dem
Einflusse des Stromes Yalo etliche Stadien weit ins Meer auf viel mit Eisen
angefüllt- und versenckte Schiffe wider die oft einbrechenden Scyten gebauet /
ihren Vorfahren auch grossen Abbruch getan hätte. Daher ob schon dieser Stamm
mit dreien Königen in viertzig Jahren verschwunden / der andere Nachfolger Cu
vom Hyangioo dieser aber von einem Rauber Lieupang / welcher hernach den
fünften Stam Hanya aufgerichtet / erwürget worden wäre; so hätten doch des Xius
herrliche Taten solche Kürtze / wie die Herrligkeit der auf einmal
herausschüssenden köstlichen Blumen die eintzele Fruchtbarkeit der hierauf
verwelckenden Aloe reichlich erstattet. Nach dem Lieupang mit seinem niedrigen
Stande auch alle Laster weggeleget / und die Serer als ein kluger Fürst lange
Zeit beherrschet gehabt / wäre sein Sohn Hyaoxus das Haupt der Serer worden.
Dieser hätte das Reich Corea erobert / hernach mit den Scytischen Königen
blutige Kriege geführet. Zeno fuhre fort: Ich danckte diesem Scytischen Fürsten
für so umständliche Nachricht; Ersuchte ihn aber mir die Ursache des
gegenwärtigen Krieges / zwischen denen zwei mächtigsten Königen Huhansien / und
Iven zu entdecken. Denn ob ich mich zwar bescheide / dass Untertanen sich über
der Gerechtigkeit ihres Herren Waffen zu bekümmern kein Recht / sondern nur
schlechter Dinges seinen Heer-Fahnen zu folgen Ursach hätten; so schiene es doch
Ausländern nicht anzustehen / dass sie wissentlich einem ungerechten Kriege
fremder Völcker sich einmischten. Derogleichen er aber von einem so gütigen
Könige / als er den Huhansien hätte erkennen lernen / nicht vermutete. Tanian
der Scytische Fürst war hierzu sehr willfertig; fing also an: Es ist die
Feindschaft gewissen Völckern wie etlichen Tieren angebohren. Diese hat von
etlichen tausend Jahren / oder vielmehr von ihrem Ursprunge her / eine Trennung
zwischen den Serern und Scyten / oder /wie sie uns nennen / den Tattern
gemacht. Ich weiss nicht / ob diese Tod-Feindschaft dem Unterscheide der Länder
/ oder der Widerwertigkeit unserer Gestirne zuzueignen sei. Denn sie ist so gross
/ dass man insgemein glaubt / die Serer und Tattern lägen nicht auf einerlei Art
in Mutterleibe / würden auch auf zweierlei Weise geboren. Wenn auch die Serer
iemals sich einer Tatterischen Landschaft bemächtigt /oder sie gefangen weg
geführt; haben diese aus Abscheu für den wollüstigen und grausamen Seren sich
ihrer Weiber entalten / dass sie denen Serern nur keine Sclaven zeugten. Wie nun
der Unterscheid der Gestalt freilich wohl eine augenscheinliche Anzeigung ist /
dass die Natur selbst zwischen beiden Völckern einen Unterscheid gemacht / auch
sie durch Gebürge /grosse Ströme und Sandwüsten von einander gesondert habe:
Also tragen die einander fast in allen Sachen widrige Sitten / und die Tracht /
besonders aber der Haare / welche die Serer mit grosser Sorgfalt hegen / wir
aber abscheren / sehr viel zu dieser Zwytracht. Den grösten Hass aber nicht nur
der Tattern / sondern aller andern Völcker ziehen ihnen die Serer durch ihren
unerträglichen Hochmut auf den Hals; indem sie alleine nur zweiäugicht sein
wollen /die Europeer für einäugicht / alle andere Völcker für blind / oder für
Toren halten. Sie versperren allen Fremden / als ihrer Gemeinschaft Unwürdigen
/ den Eintritt in ihre Gräntzen / verschrencken ihnen alles Gewerbe / und heben
durch ihre Verschlüssung alles unter den Völckern übliche Recht auff. Dieses ist
die erste wahrhafte Ursache gewest / warum für zwei und zwantzig hundert Jahren
die Tattern unter dem Könige Xunus das erste mal in das Serische Reich
eingefallen. Die Gelegenheit hierzu gab eine grosse Menge aus dem Reiche
verbannter Serer. Sintemahl Xunus die Landes-Verweisung aus dem Reiche / als
eine das Hals-Gerichte weit übertreffende Straffe einführte. Diese Verjagten
gaben den Tattern alle Anleitung in das Serische Reich einzufallen / und sich
der Beute ihres Uberflusses zu bereichern. Mit diesen Einfällen fuhren die
Tattern wider die Serer als Feinde des menschlichen Geschlechtes fort / biss der
kluge König Yvus / unter dessen glückseliger Herrschaft es drei Tage Gold
geregnet haben soll / den Tattern alle Jahr eine Botschaft zu ihm zu schicken /
und darbei sich der Kaufmannschaft zu gebrauchen erlaubte. Wiewol auch hernach
einige Könige solche Gesandschaften störten; so liess sie doch König Is nicht
alleine wieder zu / sondern er führte auch ein / dass die Tatterischen
Botschaften durch sein ganzes Königreich frei gehalten wurden. Hierauf aber
ereignete sich ein neuer Zwist zwischen beiden Völckern / weil die Tattern dem
aus dem Reiche verjagten Kieus bei ihnen zu wohnen erlaubten. Wiewol es der
kluge König Tangus vermittelte / dass es zu keinem Kriege kam. Nach dem aber
folgende Könige denen Tattern abermals Tür und Tore versperreten; brachen sie
durch das Damasische Gebürge in Suchuen ein / und verheerten auf beiden Seiten
des grossen Flusses Kiang / biss an das Siangische Gebürge alles; zohen aber /
als König Chungting ihnen etliche mächtige Heere entgegen schickte / mit
unschätzbarer Beute zurück. Unter dem frommen Könige Uuting gerieten beide
Völcker abermals mit einander in besser Verständnis; sonderlich / als die Serer
hernach mit denen Nord-Tattern des Königreiches Niulhan und Yen /welche auff der
Brust schuss-freie Kupffer-Spiegel /die Schwerdter auff dem Haupte tragen / zu
schaffen kriegten / welch letzteres Reich auch Tiyeus durch seinen
Feld-Hauptmann Kileus eroberte / und dem Serischen einverleibte. Ja die
Verträuligkeit ward so gross / dass zwei West-Tatterische Brüder zu des Serischen
Königs Cheus tapfferen Feld-Hauptmanne Changus in Xensi reiseten / und sich
seinem Ausspruche unterwurffen; wer unter ihnen das väterliche Reich beherrschen
sollte? Weil ieder es dem andern aufdringen wollte. Rhemetalces fiel seufzende
ein: O ein unvergleichliches Beispiel der Gemüts-Mässigung! Lasset uns alte
herrschsüchtige / welche / um einen Tag dieser scheinbaren Dienstbarkeit zu
genüssen / sich der ewigen Unruh wiedmen / oder sich und ihr ganzes Geschlechte
aufopffern / in die Sitten-Schule der vergnüglichen Scyten weisen! Zeno
versetzte: Auch die Serer hätten gleichmässige Beispiele. Denn nach des Königs im
Reiche U Xenugkungs Absterben / hätte der älteste Sohn Chufan dem jüngsten
Cichaus mit Gewalt den Purpur angezogen. Dieser aber hätte sich um der ihm nicht
zukommenden Würde zu entbrechen geflüchtet / und insgeheim einen Ackersmann
abgegeben; also dass der älteste auff des Volckes Begehren wider Willen hätte
herrschen müssen. Indem des Königs Yven grosser Feldherr Fanlius / welcher fast
alle vom Reiche abgespaltene Länder erobert / wäre zwei mal aus dem Hoffe
entlauffen /und hätte bei Drehung einer Töpfferscheibe die Unbeständigkeit des
wanckelhaften Glücks-Rades ausgelacht: Eben so merckwürdig wäre gewest / dass
die Sud-Tartern im Königreiche Nankiao / jetzt Gannan genennet / durch die
Tugenden des Königs Faus / und Chingus bewogen worden durch eine Gesandschaft
sich der Serischen Botmässigkeit freiwillig zu untergeben / und zu dessen
Zeugnüsse dem Chingus eine weisse Fasan-Henne zu lieffern.
    Hierauf kam Zeno wieder in des Scytischen Fürsten Tanian Erzehlung: Auf
diese lange Wetterstille brach ein grosses Ungewitter aus. Denn Mous der fünfte
König des Stammes Cheva hatte bei seinen Tugenden eine unmässige Begierde zu
reiten / und auf dem Streit-Wagen zu rennen. Weil nun die Tattern es damals in
beiden der ganzen Welt zuvor taten /meinte er / dass sein Ruhm einen grossen
Abbruch leiden würde / wenn er nicht seine Kräften mit den Tattern gemässen
hätte. Also fiel er / wie wohl wider den treuen Rat seines klugen
Schweher-Vaters Cigung /bei denen um die Brunnen des Saffran-Flusses wohnenden
West-Tattern mit einem mächtigen Heere ein. Diese hoben ihre flüchtige Zelten
mit allem Vorrate auf / und zohen sich damit zwischen den Berg Imaus /und das
Damasische Gebürge; aus welchem sie bald da / bald dort / den Serern in die
Seite oder in Rücken fielen / und grossen Schaden zufügten; also dass Mous mit
Verlust vielen Volckes und seines Ansehens zurück zu ziehen gezwungen ward / und
nichts anders zum Vorteil hatte / als dass hernach die heilsamen Ratschläge des
Cigungs bei ihm mehr Ansehn gewahnen. Die Tattern waren hierdurch so erbittert /
dass sie hernach lange Jahre die Serer mit unzehlichen Einfällen beunruhigten.
Wider den König Jeus aber übten sie eine merckwürdige Rache aus. Dieser ward von
einer schönen Dirne Paousa / welcher Mutter von dem Schaume eines Drachens soll
geschwängert worden sein / so eingenommen / dass er seine Gemahlin aus dem
Ehebette / und seinen Sohn Ikieus vom Reichsstuhle verstiess. Dieser flohe zu
seines Vatern Bruder Xin / in die Landschaft Xensi; wider welchen König Jeus /
weil er ihm seinen Sohn nicht ausfolgen lassen wollte / die Waffen ergriff. Xin
ruffte die West-Tattern zu Hülffe / gegen welche Jeus ohne diss zu Felde lag.
Dieser hatte / um seiner niemahls lachenden Paousa eine Lust zu machen / durch
seine Krieges-Losung /nehmlich das Feuer etliche mahl Lermen gemacht /und sein
Krieges-Heer in die Waffen gebracht. Unter diesen Kurtzweilen rückte Xin und
Ikieus mit dem Tatterschen Heere an des Königs Jeus Läger. Als dieser nun gleich
durch die gewohnte Flamme sein Heer aufforderte / blieb doch selbtes in Meinung
/ dass es abermals der Königin zu Liebe angestellte Freuden-Feuer wären / in
seiner süssen Ruh unbeweglich. Hierüber brachen die Tattern ins Läger ein /
zertraten und zerfleischten / was ihnen in voller Unordnung begegnete;
erschlugen auch den König selbst mit seiner Paousa. Xin und Ikieus erschracken
zwar selbst über der grossen Niederlage der Serer / flohen also davon /und boten
den Tattern mit einem frischen Heere die Stirne. Alleine diese trieben den
neuerwehlten König Ikieus zurücke / bemächtigten sich der grossen Länder Xensi /
Suchuen / Inunan und Qvecheu. Ikieus musste sich mit den Ost- und der andere Sohn
des Jeus Pnigus mit den Sudländern vergnügen; ja das ganze Serische Reich ward
zerrissen. Sintemal der Königliche Stadtalter Tschi in Xantung / zu in Huqvang
und Kiangsi / und Tschyn in Xansi sich zu Königen aufwarffen. Weil aber die
Tatterschen Könige die eroberten Länder in viel Teile zergliederten / ersah
Siangkung ein Nachkomme des Pferde-Hirten Ficius seinen Vorteil und versetzte
denen Tattern einen unvermuteten Streich / eroberte auch die Landschaft Xensi
/ mit welcher er sich vergnügte / und den Grund zu der folgenden Herrschaft
seines Stammes Tschina legte; alles andere aber / was er einnahm / dem Könige
Pingus abtrat. Von dieser Zeit an war nichts minder das allzuviel Häupter
habende Scytische / als das zergliederte Serische Reich über drei hundert Jahr
lang in eitel innerliche Kriege zerspaltet / also / dass beide die über Leschung
ihres eigenen Hauses beschäfftiget waren / kein fremdes anzuzünden Zeit hatten.
Unterdessen wuchs das Geschlechte Cnia mit Hülffe der Tattern in Xensi / Xansi /
und Honan so gross / dass es allen Nachbarn schrecklich ward. Die Furcht für
dieser aufsteigenden Macht verband wider ihren Fürsten dem Serischen Könige
Xicin fünf angräntzende Serische Könige zusammen; er erlegte sie aber alle
fünffe auffs Haupt. In Suchuen hatten zwei Tatterische Fürsten Pa und Xo sich
mit einander durch einen langwierigen Krieg abgemergelt; suchten endlich ohne
Erwegung / dass die zwistigen Tauben der zu Hülffe geruffenen Adler / und die mit
einander kämpffende See-Schnecke und Reiger der Fischer Beute werden / bei dem
Cinischen Könige Hülffe /welcher den letzten erlegte / und den / der geholffen
/zu seinem Untertanen machte. Weil nun dieses Tschinischen Königs Sohn
Chaosiang den Serischen König Tschi / und Gvei überwältigte / und die mächtige
Stadt Iyang einnahm / hielten die West-Tattern für ratsam dieser anwachsenden
Macht zu begegnen; fielen also in Xensi ein / und machten obigen Serischen
Königen Lufft / dass sie nebst dem Könige Han sich wider ihn aufs neue rüsten
konten / und er ihnen die Landschaft Xansi biss an den Saffran-Fluss wieder
abtreten musste. Diese liessen zwar die Tattern alleine im Stiche / weil aber der
Tschinische König diesem streitbaren Volcke wenig abgewinnen konnte / auch auf
das Serische Reich sein einiges Augenmerck hatte /machte er mit ihnen gleichsam
Frieden. Hingegen streute er unter die Serischen Könige so viel Zwytracht / dass
sie einander selbst aufrieben / und weil sie eintzelhaft mit ihm kriegten /
alle überwunden wurden; ja das oberste Haupt der Serer für ihm fussfällig ward.
Aber der Tod besiegte den Chaosiang in seinem höchsten Siegs-Gepränge / und des
Fous Bruder Cheukiung brachte mit Hülffe der Tattern und der andern wieder
abfallenden Serischen Könige wider seinen Sohn Ching oder Xius ein mächtiges
Heer auf. Alleine wie vieler Fürsten Bündnisse / weil ieder nicht den gemeinen /
sondern den Eigen-Nutz sucht / wie die gezogenen Gewebe sich leicht verwirren;
also diente der Serer und Tattern Sieg ihnen nur zur Uneinigkeit / und zum
Verderben. Xius gebrauchte sich dieses Vorteils in unvergleichlicher
Geschwindigkeit / welche eben so eine Mutter der Glückseligkeit / wie die Zeit
ihre Stiefmutter ist. Der Himmel selbst schien allentalben sein Beistand zu
sein; also / dass er in weniger Zeit der Mitternächtischen Landschaften Meister
ward. Fasous / der König in Zu oder in Hukwang und Kiangsi bot ihm nur noch die
Stirne. Aber des Xius Feldhauptmann Vangcien gewan ihm eine solche Schlacht ab /
dass die Balcken auf dem Felde in Mensche-Blute schwamen. Er selbst ward gefangen
/ und nach Serischer Art mit seinem ganzen Geschlechte ausgerottet. Also ward
Xius der Uhrheber des Königlichen Tschinischen Stammes für 200. Jahren ein
vollmächtiges Haupt über das Serische Reich / welches er auch nach seinem
Geschlechte Tschina nennte / und umb aller vorigen Fürsten Gedächtnis zu
vertilgen alle Serische Bücher verbreñen liess / wordurch er ihm aber bei den
Nachkommen ewigen Fluch / und seinen Vorfahren mehr Ehre zuwege brachte. Weil
aber Xius durch Müssiggang seinen neuen Untertanen nicht Luft liess auf
Empörungen zu gedencken / und sein Reich wider die streitbaren Tattern / als von
welchen er nunmehr alleine Gefahr zu besorgen hatte / baute er aus der
Landschaft Xensi von dem Ufer des Saffran-Flusses an /biss an das Ost-Meer
obenerwähnte 10000. Serische Stadien lange mit vielen Türmen verstärckte und so
feste Mauer / dass die Arbeiter / wo man irgends einen eisernen Nagel einschlagen
konnte / zum Tode verdamt wurden. Sie ist so breit / dass 8. Pferde darauf neben
einander gehen können / und wird von 1000000. Mensche bewacht. Diese Mauer und
der innerliche Krieg der Seren / da nehmlich Lieupang den Tschinischen Stamm
bald mit des Xius Söhnen ausrottete /hernach aber mit dem Könige in Zu und
andern genung zu schaffen hatte / machte zwischen den Serern und Tattern einen
ziemlichen Stillstand. Nachdem aber Lieupang die West-Tattern vollend aus
Suchuen / ja gar über den gelben Fluss zu vertreiben Anstalt machte; brach ihr
Bunds-Genosse der Nord-Tartern König in die Landschaft Xansi durch die
ungeheure Mauer mit 500000. Mann ein. Lieupang schickte ihnen zwar seinen
glücklichen Hansin / welcher aus einem arme Fischer ein unvergleichlicher
Feldhauptmann worden war / mit einem mächtigen Heere entgegen; alleine die
Tapferkeit der Tatterischen Reiterei zertrennete nichts minder das Serische
Fussvolck / als des Hansin Glücke / welches ihn nur deshalben mit so viel
Siegs-Kräntzen bereichert hatte / damit es auf einmal ihm eine desto reichere
Beute abnehmen könnte. Denn er ward nicht allein aus dem Felde geschlagen /
sondern auch in der Stadt Maye belägert /und von dem hertzhaften Könige Maotun
gezwungen / dass er sich und die Uberbleibung seines Heeres den Tattern ergeben
musste. Die Haupt-Stadt Taitung und ihr ganzes Gebiete unterwarff sich diesen
Uberwündern. Wie nun aber Maotun vernahm / dass König Lieupang mit den meisten
Kräfften des Serischen Reiches gegen ihn anzoh / nahm er mit Fleiss eine
furchtsame Anstalt an / setzte sich also in dem Tale Tai an den Fluss Kiuto /
und versteckte den Kern seines Heeres in das Gebürge Cinhi / also / dass die
Serischen Kundschafter dem Lieupang die einstimmige Zeitung brachten: Es
bestünde das Tatterische Heer in eitel halb-bewehrtem Rauber-Gesinde. Ob nun
wohl der erfahrne Leuking ihm die Tattern anzugreiffen nachdencklich widerriet
/ ward er doch als ein Verräter in Band und Eisen geschlagen. Lieupang / weil
er dem verschantzten Tatterischen Heere nicht beikommen konnte / teilte sein
Heer in zwei Teile / liess mit dem einen den König Maotun beobachten / mit dem
andern aber ging er fort / nahm Quanguu wieder ein / und belägerte Taitung.
Maotun liess ein geringes Teil seines Heeres im Tale Tai steheñ / ging mit
fast allen seinen Kräfften in aller Stille zurück über das Gebürge / und kam
unverhoffter als der Blitz dem Serischen Könige Lieupang auf den Hals / jagte
ihn mit grossem Verluste von Taitung weg in das Gebürge Peteng. Der darinnen
belägerte Lieupang ward gezwunge von dem Maotun demütig Frieden zu bitten / und
ihn mit tausend Centnern Silber zu erkauffen. Weil aber die betrüglichen Serer
den Tattern in das Silber viel Blei eingeschmeltzt hatten / brach Maotun aufs
neue ein / und versetzte dem Lieupang ein solches Schrecken / dass er ihm den
Leuking mit grossen Geschencke entgegen schickte / und ihm / so gut erkönte /
Friede zu schlüssen Vollmacht gab. Dieser ward derogestalt getroffen / dass die
Serer noch so viel Silber zahlten / und der Serische Reichs-Erbe Hoejus des
Maotuns Tochter heiraten sollte. Das erste ward gehalten; die Tatterische
Königs-Tochter aber ward betrüglich / wiewohl mit Unwillen der beiden
Feld-Hauptleute Hansin und Chinhi / einem andern Serischen Fürsten beigelegt.
Wie nun dieser mit einem starcken Heere gegen die einen neuen Einfall dräuenden
Tattern geschickt ward / redete er den Hansin auf wider den undanckbaren und
betrüglichen Lieupang sich zum Könige aufzuwerffen. Aber dieser Anschlag ward
entdeckt / und durch Hansins Hinrichtug der Anschlag im käume ersteckt;
Chinhiaber zu den Tattern zu fliehen genötigt / mit derer Beistand er biss an
seinen Tod den Serern genung zu schaffen machte. Nach seinem Tode brachen die
Nord-Tattern aufs neue in Xansi ein / und musste des Königs Hoejeus Mutter
Liuheva des Königs Maotun Sohn mit Verlobung ihrer Tochter / und einem reichen
Braut-Schatze versöhnen. Weil aber diss letzte Versprechen nicht völlig erfolgte
/ schickte der Tatterische König seine Braut der Liuhera mit einem schimpflichen
Schreiben zurücke. Dieses ehrsüchtige Weib / welche nach ihres Sohnes Absterben
selbst die Serische Herrschaft an sich zoh / meinte zwar Bäume auszureissen /
und die Tattern mit Strumpf und Stiel auszurotten; aber ihr Feldhauptmañ Kipus
dämpfte ihren unzeitigen Eifer /und versicherte sie: Wer an den Tattern zum
Ritter werden wollte / müste in iedweder Brust ein Männer-Hertze haben.
Ungeachtet sie nun ihrem Enckel Uen das Serische Reich abzutreten gezwungen ward
/ vergassen doch die Tattern nicht ihrer Rache / sondern überschwemmeten ganz
Xansi biss an des alten Königs Ivus Geburts-Stadt und Königlichen Sitz Pingyang.
Ob sie nun zwar / als der Feldherr Siang mit sieben hundert tausend Serern auf
sie los ging / für ratsam hielten / mit ihrer Beute nach Hause zu kehren;
verknüpften sie sich doch mit den West-Tattern /und brachen diese in Xensi /
jene in Xansi ein. König Uen und sein berühmter Heerführer Afu zohen beide mit
3. mächtigen Heeren entgegen / gleichwol aber hatten sie nicht das Hertze mit
ihnen zu schlagen /sondern sie besetzten alleine die Pässe / schnidten ihnen
alle Zufuhre ab / nötigten also hierdurch nach dem Beispiele des langsamen
Fabius die Tattern /dass sie nach aufgezehrtem Vorrate und Einäscherung beider
Länder sich zurücke ziehen mussten. Uen starb kurtz hierauf / und folgte ihm
Hiacking; gegen diesen brachen die Nord-Tartern in das Land Ki oder Yen / und
die von Westen in Suchuen ein / kehrten auch mit reicher Beute nach Hause.
Alleine hiermit ward auch ihrem Glücke ein Ziel gesteckt / als welches niemanden
noch seiner Beständigkeit halber einigen Bürgen gesetzt hat. Für Ursachen dieser
Enderung lassen sich nicht so wohl die Einflüsse der Sternen / als diese
Umbstände anziehen / dass die Tattern durch ihr stetes Kriegen die vorhin weichen
Seren abgehärtet / und durch lange Ubung zu Kriegesleuten gemacht hatten / diese
auch an Vermögen und Menge des Volcks / als denen zwei Spann-Adern eines Reiches
denen wegen steten Reitens zum Kinderzeugen nicht so geschickten Tattern weit
überlegen waren; insonderheit aber diese durch Zerteilung ihres Reiches sich
allzu sehr geschwächt hatten. Ihr Unstern aber ging ihnen mit des Hiaokings
Sohne dem Könige Hiaovus auf / wiewohl anfangs mit zweifelhaftem Lichte. Denn
weder das Glücke noch die Natur ist gewohnt von einer äusersten Spitze auf die
andere einen Sprung zu tun. Hiaovus hatte mit den Tattern bei Antretung seines
Reichs mit Versprechung eines jährlichen Soldes einen ewigen Frieden gemacht.
Als er es aber nun durch Gesetze und seine getreuen Landvögte genungsam
befestiget hatte / riet ihm Quei / oder vielmehr seine Ehrsucht / dass er
nunmehr ein so schimpfliches Bündnis zerreissen möchte. Gleichwohl traute er
seinen Kräfften nicht zu / durch offenen Krieg diesem behertzten Feinde einige
Feder auszuziehen; sondern schickte den Ligvang und Puve mit zweien Heeren ab /
unter dem Scheine / die Wache an der langen Reichs-Mauer abzulösen / und er
selbst folgte mit drei hundert tausend Mann biss nach Maye. Weil aber die Tattern
durch einen Gefangenen hiervon Wind kriegten / begegneten sie ihnen mit
unerschrockenem Mute. Hiaovus meinte die Tattern zwar durch Bestraffung des
Quei zu bestillen; alleine sie hielten für schimpfliche Kleinmut der Seren
Meineid ungerächet zu lassen. Hiermit trieben sie drei Serische Heere über Hals
und Kopf zurücke. Wie aber Ligvang / welchen sie denn seiner Geschwindigkeit
halber den flügenden Heerführer nennten / mit noch einer stärckern Macht ankam /
rieten ihnen ihre Wahrsager sich zurücke zu ziehen; Ohne dass die Serer sie
ausser der Mauer zu verfolgen das Hertz hatten. Hierauf schickte Hiaovus den
Chenkiang / das von dem Könige Xius eroberte / aber inzwischen wieder
abgefallene Reich Junnan einzunehmen; welches er nicht allein mit grossem Glücke
verrichtete / sondern auch noch darzu die zwei Reiche Tavon / und Takiam
zwischen denen Flüssen Caor / Cosmin und Martaban eroberte / und derogestalt die
Serische Herrschaft biss an das Indianische Sud-Meer erweiterte. Dieser
glückliche Streich und die Einratung des Feldhauptmanns Gveicing / welcher den
Feind in seiner Gräntze erwarten für schädliche Kleinmut /sein Pferd aber an
des Feindes Zaum binden / für ruhmbare Klugheit hielt / bewegte den Hiaovus zu
der Entschlüssung die Tattern zu überziehen / welche nur in ihrem Neste wie
Cacus in seiner Höle von einem Hercules erleget werden könten. Weil nun das
West-Tatterische Reich Tibet unter dem Amasischen Gebürge alle Tattern schier
mit herrlichen Pferden ausrüstete / derer Wiegern nicht einst die schlechten
Serischen Pferde vertragen kunten / fiel der Schluss / ihnen am ersten diese
Rüst-Kammer abzuschneide. Also zohen wider sie durch Xensi vier solche
Kriegsheere auf / derer iedes / wie des Xerxes / Berge abzutragen /und Flüsse
auszutrincken mächtig war. Die West-Tattern mussten für dieser Menge sich teils
in die Damastschen Gebürge / teils über den Saffran-Fluss begeben. Wormit nun
die Seren in der Tatterischen Fläche festen Fuss setzen / und im Fall der Not
irgendswohin eine sichere Zuflucht finden möchten / baute er in der Tarterei
Tanyu etliche Schantzen / und an den Saffran-Fluss ein grosses viereckichtes /
und mit vielen Vorraten versorgetes Läger. Weil nun die Tattern wohl sahen /
dass ihnen hierdurch ein gewaltiger Kapzaum angeleget ward / versuchten sie durch
öfftere Uberfälle das Werck zu hindern; und als dis nicht verfing / mit ihrem
ganzen Heere zu treffen. Alleine Gveicing versetzte ihnen auf dem Berge In
einen solchen Streich / als sie noch keinen erlitten hatten. Viertzig tausend
Tattern / und der König in Tanyu mit allen Fürsten blieben todt auf der
Wallstatt / und funfzig tausend wurden gefangen. Daher die Tattern auch noch zur
Zeit niemals ohne Tränen selbigen Berg übersteigen. Der Serische König kam für
Freuden selbst dahin / und stieg aus Vorwitz auf die hohen Gebürge zwischen
Tanyu und Tibet. Auf der Jagt fing er ein grosses Tier mit einem Nasenhorne /
welches die abergläubigen Serer für eine Andeutung mehrer Siege hielten; daher
auch Hiaovus von dieser Zeit allererst die Jahre seiner Herrschaft zu rechnen
anfing /und des erschlagenen Königs Hirnschale brauchte er zum Trinck-Geschirre.
Von dar schickte Hiaovus ein Heer gegen Mitternacht / welches die Tattern
abermals aus dem Felde schlug / und ihr Land biss an die Berge Yenchi und Kilien
achtundert Stadien weit verwüstete / und de König Hoensieus zwang sich mit
seinem Lande den Serern zu unterwerffen. Wordurch die Landschaft Xensi unter
den vorhin gräntzenden Saffran-Fluss biss an die an der Westlichen Wüsten Xamo
liegende schwartze See / und das Gebürge Kin / über den Fluss He erweitert und
mit der berühmten Stadt Socheu versehen ward. Weil nun die Herrschens-Sucht wie
das Feuer unersättlich / und ein Sieg des andern Werckzeug ist / schickte
Hiaovus auf einmal 3. mächtige Heere aus. Queicing brachte auf der Ost-Seite des
Berges Imaus in Barolybien zweitausend Stadien weit biss an das Gebürge Tienquen
alles unter seine Gewalt; und ob er wohl darüber sich unter die weiten
Sandflächen nicht wagen wollte; so erboten sich doch alle Tattersche Fürsten biss
an das nordliche Welt-Meer zur Zinsreichung. Kinping drang in das Reich
Barrapheliot / über die Sand-Wüsten Xamo und den Berg Lankius vier tausend
Stadien weit / und kriegte über die erschlagenen siebentzig tausend Tattern
gefangen; baute auch daselbst die Städte Jungya und Lienyung. Liquang fiel in
Nord-Ost hinter das Land Corea gegen Yesso ein; allwo er aber wegen des grossen
Sandes wenig oder nichts ausrichtete / und aus Eifersucht gegen die andern zwei
Sieger ihm selbst die Kehle abschnidt. Hiaovus machte diese 2. Heerführer zu
Königen über die eroberten Länder /welche aber den König der Serer für ihr Haupt
erkennen mussten. Weil aber den Tattern der Knechtischen Serer eiserne Hand
unerträglich war / flüchteten sich viel tausend in das Königreich Tibet /
Usussang /Kiang / und andere in Suchuen und Junnan gräntzende Tatterische Länder.
Nachdem nun die West-Tattern / des Hiaovus Verlangen nach / ihnen nicht den
Auffentalt verwehren wollten / schickte er anfangs den Gveicing / hernach den
Cham gegen die Könige U /und Sum / mit starcker Heeres-Krafft / welche ihre
/zwischen den Flüssen Tatu / Kinxa / und dem hohen Gebürge Umuen liegende Länder
eroberten / und der Landschaft Suchuen biss an das Gebürge Lin einverleibten. Er
selbst Hiaovus wendete sich gegen Sud /führte auf den Flüssen Lukiang und
Lonsang 2. Heere mit sich / bemächtigte sich des Reiches Laos / und erweiterte
sein Reich nicht nur mit Eroberung des Landes Tungking biss an das grosse
Sud-Meer / sondern nahm auch das Eyland Hainan ein / und kam mit einem grossen
Schatze von Perlen durch Fokien siegsprangende zurücke. Diese grosse Siege
veranlassten den König Hieutu in Tibet / dass er sich ebenfalls dem Serischen
Reiche unterwarff. Dessen Sohn Geli Hiaovus an seinen Hof nahm / ihn anfangs zu
seinem obersten Stallmeister / hernach zu seinem fürnehmsten Rate machte / und
ihn für einen Eingebohrnen erklärte / und den Nahmen Kin gab. Hingegen fielen
die geflüchtete Tattern aus dem Reiche Samahã täglich den Serern in Tanyu ein /
worvon Hiaovus den König durch eine Gesandten Suvus abmahnen / und ihn aller
guten Nachbarschaft versichern liess. Weil aber der zu ihm geflohene Serer Gveli
ihn als einen Kundschafter angab / ward er auff das Eiland Tarata in dem
Nord-Meer geschickt / und zu einem Schaaf-Hirten gebraucht. Hiaovus zohe diss zu
rächen mit eilff starcken Heeren durch die Sand-Wüsten Xamo; die Tattern aber
räumten das Feld / verschlossen sich in die Gebürge / und lachten den sie zum
Streit ausfordernden Hiaovus aus / welcher aus Verdruss zurücke zoh / und dem
tapffern Feld-Hauptmanne Laus die Kriegs-Macht übergab. Dieser drang in das
Gebürge Sinuck / und brachte zwar den König in Tanyu in die Flucht; Weil aber
der König in Samahan hinter ihm das Gebürge einnahm / und ihm alle Zufuhr
abschnitt / geriet er in so grosse Not / dass Anfangs sein Unter-Feldherr
Qvoncan zu den Tattern überging /und hernach Laus selbst mit seinem ganzen
Heere sich ergeben musste. Hiaovus verlohr hiermit das Hertze die Tattern ferner
zu bekriegen; sondern verwahrte nur die Fläche zwischen der Serischen Mauer und
dem Gebürge Kin. Der König in Samahan oder Samarkanda unsers Königs Huhansien
Grossvater erlangte hingegen unter allen Tattern ein so grosses Ansehen / dass
alle benachbarte Könige ihn heimsuchten / und als einem unüberwindlichen Helden
zu Ehren Kühe opfferten / ihn auch zu ihrem allgemeinen Schutz-Herrn erkieseten.
Des Hiaovus Sohn und Reichs-Erbe / welchem der Vater den Tatter Geli Kin zum
obersten Feldherrn verordnete / machte über dieser zusamenwachsenden Macht der
Tattern grosse Augen / und suchte unter dem Scheine den Gefangenen Suvus zu
lösen eine Verneuerung des Friedens. Des Hiaovus Enckel König Siven kriegte zwar
eine Lust sich wie sein Gross-Vater durch einen Tatterischen Krieg berühmt zu
machen / sein oberster Rat aber widerriet es ihm auffs beweglichste und hielt
ihm ein: die wider die Tattern erhaltenen Siege kosteten die Serer mehr edles
Blut / als sie Wasser gewonnen hätten. Viel glückliche Streiche erwürben einem
Fürsten wohl den holen Schall des Nachruhms; aber ein unvernünftiges Beginnen
wäre genugsam ihn des Reiches / das Volck der Ruhe zu berauben / und den Fluch
der Nachwelt seinem Gedächtnisse auffzuhalsen. Derogestalt / und weil Huhansiens
Vater als ein gerechter Herr die andern Tatterschen Fürsten zur Ruhe anleitete /
blieb der Friede mit dem Könige Siven / und dem itzigen Haupte der Serer Juen
noch feste stehen; die Tattern mochten auch mit ihrer Wurtzel Ginse / mit
Mardern / Bibern und Zobeln nach Socheu frei handeln. Alldieweil aber itziger
König Juen mehr gelehrt als klug ist / seiner Gemahlin Cieiva alles verhänget /
auch schon ihren Sohn Gaus frühzeitig zum Reichsfolger erkläret / seinen treuen
Lehrmeister Siaovang auff Verleitung der Heuchler hat verderben / und die
Landschaften Quangsi und Hainan abfallen lassen / ja sich selbst seinem Diener
Hien zum Sclaven gemacht hat / ist mit dem Könige Huhansien das Eintrachts-Band
liederlich zerrissen worden. Denn als für einem Jahre zwei an die Landschaft
Xensi gräntzende Könige der Tattern in ihrem Gebürge auff Bisam-Ziegen jagten /
die Serischen Gräntz-Bewahrer aber hiervon Kundschaft erlangten / fielen sie
unvermerckt dahin aus / und nahmen beide sich keiner Feindseligkeit versehende
Fürsten gefangen. Ihr Schutz-Herr Huhansien schickte eine Botschaft ab ihre
Befreiung in der Güte zu suchen / und sich über den Friedensbruch zu beschweren;
Alleine sie ward nicht einmal eingelassen / sondern ihr ins Gesichte gesagt: Man
wäre den Barbarn nicht länger als es die Staats-Klugheit erforderte / Treu und
Glauben zu halten schuldig. Die Gefangenen wurden auch entauptet / und ihre
Köpffe an den Westlichen Anfang der Serischen Mauer auffgesteckt. Die
unerträgliche Schmach hätte Huhansien zu rächen bei der Sebel und Nacht-Eule
geschworen / welche die Tattern so klug uñ so heilig / als die der Pallas
opffernden Atenienser verehrten / sich auch alsbald mit denen verhandenen
Kräfften auffgemacht / die Serer nicht allein aus denen in Tebet und Ususang
habenden Orten getrieben / sondern auch in Xensi die Grentz-Festung Socheu
erobert / folgends über den Saffran-Fluss gesetzt / und auff dem Gebürge Pexe den
belagerten Leanghoejus mit seinem halben Serischen Heere durch Durst getödtet.
Weil aber hierüber Juen seines ganzen Reiches Macht auffgeführet / hätte
nunmehr auch Huhansien alle seine Kräfften zusammen gesucht / und fast alle
Tatterische Könige in sein Bündnis gebracht. Weil nun die Nord-Tattern
gleichfals in Xensi oder Xansi / sein anders Heer aber durch Tibee einbrechen
sollten / versehen sie sich eines erwünschten Fortganges; sonderlich weil die
Gerechtigkeit der Sache ihrer Kriegs-Wage den Ausschlag gäbe. Dieses / sagte
Zeno / wäre die Erzehlung des Scytischen Fürsten gewest.
    Unsere Reise aber anreichend / so bald das Scytische Kriegs-Heer über das
Damasische Gebürge an den Fluss Lu kam / führte König Huhansien selbtes in so
schneller Eyl auff etlich tausend kleinen Schiffen Strom ab / und kam über den
See Mahu (der diesen Nahmen von einem einst darauff gesehenen Drachen-Pferde
bekommen haben soll) so unversehens für die vom Könige Hiaovus erbaute Stadt
Jangko / dass die Einwohner meinten / wir fielen ihnen vom Himmel auff den Hals.
Dieses Schrecken öffnete uns alsobald die Pforten der Stadt / und wir segelten
nun mit allhier eroberten grössern Schiffen auff dem strengen Flusse Mahu
hinunter / und kamen für die mächtige Stadt Siucheu / dessen Mauern von diesem
und dem Flusse Kiang bestrichen werden. Diese stellten sich zwar Anfangs zu
tapfferer Gegenwehr / und wir würden Not gehabt haben / diese von der Natur so
wohl befestigte Stadt zu erobern / weñ sie nicht ein törichter Aberglaube /
welcher die Furchtsamsten in Löwen / die Hertzhaftigsten aber in Hasen zu
verwandeln vermag / in der Scyten Hände geliefert hätte. Diese Stadt /sagte
Zeno / ist überlegt mit redenden Papagoyen und andern Vögeln. Von diesen kam
drei Tage nach einander ein Papagoy auff die Spitze des fürnehmsten Tempels zu
sitzen / und rieff mit heller Stimme: Würden sie die Stadt nicht ergeben / so
würde keine Seele den Scytischen Schwerdtern entrinnen. Huhansien erfuhr diese
Begebenheit von einem Uberläuffer; Daher schickte er auff den Morgen eine Tafel
/ darauff eben diese des Papagoyens Worte geschrieben waren /nebst einer
brennenden Fackel und blutigem Schwerdte zum Zeichen ihrer Einäscherung und
Untergangs in die Stadt. Weil nun die Serer glauben / dass die Seelen der
absterbenden Menschen in ein ihrem Leben gleich geartetes Tier / der Weltweisen
aber fürnehmlich in solche beredsame Vogel fahren; Uber diss die Ubereinstimung
des Ausfoderungs-Schreiben und des wahrsagenden Papagoyen merckwürdig überein
traff /schickten sie noch selbigen Tag zwölff Mandarinen heraus / welche dem
Huhansien einen Fussfall taten /und ihm die Stadt ergaben. Also ist die
Vernunft auch der scharffsichtigsten Weltweisen / wenn selbte nicht von der
göttlichen Versehung geleitet wird / ein Compass ohne Magnet-Nadel. Huhansien
zohe in die Stadt / nicht als wie zu Feinden / sondern als seinen geliebten
Untertanen ein; kein Scyte dorffte einigem Einwohner ein Haar krümen; er
vergeringerte ihnen ihre Schatzung / und alles Tun dieses gütigen Königes
schien denen Uberwundenen ein Wunderwerck /weil selbter ihnen mehr Wohltaten
erzeigte / als sie von einem Lands-Vater hätten hoffen können. Wie nun Huhansien
von dieser Stadt mit viel Köstligkeiten / als edlen Steinen / Porcellanen /
Ambra / dem roten Adler-Holtze / der allein in Suchuen wächset / und
Tschina-Wurtzel bewillkommet ward / brachten sie auch zugleich oberwähnten
Papagoyen mit / welchen der König in ein güldenes Keficht einschlosse / und der
Fürstin Syrmanis verehrte. So bald diese ihn in ihre Hände empfing / rieff der
Papagoy überlaut: Syrmanis wird den König Iven tödten. Jederman erstaunte
hierüber / und selbst Syrmanis / zumahl er vor niemahls ihren Nahmen gehört
hatte; sie verkehrte aber ihre Schamröte in einen höfflichen Schertz. Der
Ausgang aber wiess hernach / dass dieser verständige Vogel nichts als die Warheit
geredet hatte. Ist diss immermehr möglich? fing Flavius an zu ruffen; so
verwundern sich die Römer nicht ohne verdiente Verlachung über ihren Papagoyen /
welcher den Käyser Augustus gegrüsset; und so müssen die aus Irrtum für ganz
unvernünftig gehaltene Tiere zuweilen mehr / als wir mit unserer Klugheit /
künftige Dinge vorsehen / weil ich mich erinnere / dass die Ameissen /welche dem
schlaffenden Midas Weitzen-Körner / die Bienen / die dem noch kindlichen Plato
Honig in Mund getragen / jenem sein Reichtum / diesem seine herrliche
Weltweissheit angekündiget. Rhemetalces fing an: Ich weiss nicht / ob dieser
Papagoy durch andere Kunst geredet haben möge / als die Dodonischen
Wahrsager-Tauben / oder die vier güldenen Vögel /welche die Zauberer zu Babylon
auff das Königliche Schloss angebunden / diese aber das Volck durch eine
absondere Krafft zur Gewogenheit gegen die Könige angelockt haben sollen.
Künftiger Dinge Wissenschaft wäre kein Werck der Vernunft / weniger der
Tiere; ja die Götter selbst wüsten nicht alle / was künftig geschehen sollte /
und ihre Wahrsager irrten vielmahl. Die Vernunft aber wäre eine Tochter des
Himmels / ein Funcken des göttlichen Lichts / und also nur dem Menschen
verliehen; welche in ihm fast diss / was Gott in der Welt würckte. Diesemnach
denn nicht wenig Weisen gar auff die Meinung kommen wären / dass nur der Mensch
eine Seele / welcher eigentliches Wesen im Nachdencken bestünde / andere Tiere
aber gar keine hätten / sondern sich nur durch den Trieb ihres Geblütes / wie
die gezogenen Tocken durch den Drat bewegten. Ja wenn man auch schon in selbten
eine der Vernunft ähnliche Unterscheidung wahrnehme / wäre selbte doch für
nichts bessers / als die Bewegung der Uhren zu achten / die bei ihrer blinden
Unvernunft die Stunden richtiger / als der klügste Mensch andeuteten. Hertzog
Arpus fiel ein: ich weiss zwar nicht aus was für einem Triebe dieser Papagoy
geredet haben mag. Allen Tieren aber alle Würckungen / ja auch den Schatten der
Vernunft abzusprechen / dünckt mich für sie ein zu strenges Urtel zu sein.
Hätte Praxiteles seiner Marmelnen Venus eine geheime Krafft alle Beschauer zur
Liebe zu reitzen einpregen / Archytas eine höltzerne Taube flügend / die
Egyptier redende Bilder durch Kunst zubereiten können / müste man der grossen
Werckmeisterin Gottes der Natur vielmehr zutrauen / dass sie denen lebendigen
Tieren / welche der weise Epicur Spiegel Gottes genennet / etwas edlers
eingepflantzt habe. Sie beflisse sich allezeit das beste zu zeugen / und iedes
Ding zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Daher ereigneten sich nicht nur in
den Tieren augenscheinliche Anzeigungen der Vernunft / sondern auch in den
Pflantzen so klare Merckmahle des Fühlens / dass Empedocles nicht nur in ihnen
den Unterscheid des Männ- und Weiblichen Geschlechtes verspüret / und wie so
wohl andere Gewächse / als die Granat-Aepffelbäume ohne Vermengung beiderlei
Geschlechts-Wurtzeln keine Früchte brächten / angemerckt; sondern es hätte Plato
/ Anaxagoras / Democritus und Pytagoras ihnen / als mit einer gewissen Seele
versorgten Tieren / an statt eines bliden Tieres / eine vernünftige Neigung
zugeeignet. Sintemahl die Pflantzen nichts minder / als die Tiere durch den
Mund ihrer Wurtzeln Nahrung an sich saugten / ihre eingewurtzelte Feuchtigkeiten
sorgfältig erhielten / durch die Rinden Hartzt und andere Unsauberkeiten
ausschwjetzten / trächtig würden / des Winters gleichsam so lange als die Bären
und Ratzen schlieffen / im Frühlinge sich ermunterten / und zu gewisser Zeit
ihre Freude und Traurigkeit bezeigeten. Zeno bestätigte diss / und meldete: Er
hätte diss allzudeutlich in Indien wahrgenommen / allwo er den so genennten / und
einem klein blätterichten Pflaum-Baume nicht unähnlichen Trauer-Baume mit Augen
betrachtet; welcher auff iedem seiner wöllichten Blätter einen rötlichen Stiel
/ und darauff vier rund blättrichte Knospen hätte / auff welchen fünff weisse /
der Granat-Aepffel-Blüte nicht ungleiche aber noch viel annehmlicher rüchende
Blumen / und endlich Früchte in Gestalt grüner Hertzen wüchsen. Mit diesem
Reichtume aber prangte dieser Baum nur des Nachts / bei auffgehender Sonne aber
liesse er nicht nur allen Schmuck seiner Blumen fallen / sondern der Baum selbst
stünde den Tag über mit seinen Blättern ganz welck. Hingegen wüchse daselbst
ein dem weiblichen Farren-Kraute ähnlicher Dorn-Strauch / welcher des Tages / ie
heisser die Sonne stäche / ie schöner er grünete / und seine Blätter allezeit
diesem beliebten Himmels-Auge zukehrete / herentgegen für Traurigkeit gleichsam
in der betrübten Nacht erstürbe. Dass aber die Pflantzen ein nichts minder
empfindliches Fühlen / als die Tiere an sich hätten / wiese der Indianer mit
gelben Blumen prangendes und verschämtes Fühl-Kraut / dessen Blätter sich bei
einer nur nähernden Hand / oder Berührung vom Staube welcken / und
zusammenschlüssen. Welchem eine Krafft nicht nur die Liebe einzupflantzen /
sondern auch die verlohrne Schamhaftigkeit zu erstatten zugeeignet wird; seinem
Geheimnisse aber ein Weiser in Indien so fleissig nachgedacht / dass er darüber
unsinnig worden. Ein ander Kraut in Indien lässet von Anrühren die Blätter gar
fallen; ja auff dem Eylande Taprobana lauffen die von einem Baume gefallenen
Blätter / wenn man daran stösset / auff zweien kleinen Füssen davon; Und die
Blätter der Staude Charitoblepharon werden vom Anrühren ganz harte. Hertzog
Herrmann fügte bei: Es hätten ihm die Friesen von eben derogleichen für dem
Anrühren erschreckenden Pflantzen / und deren vom Anfühlen verwelckenden
Gerste-Stengeln des Atlantischen Eylandes umständliche Nachricht erteilet.
Allein man dörffte das Fühlen der Kräuter nicht aus so fernen Landen holen / in
seinem Garten wüchse eines / dessen Frucht vom Anrühren zerspringe / und daher
den Nahmen hätte: Rühre mich nicht an. Denen deutschen Förstern würde man auch
kümmerlich ausreden / dass die Bäume eine Empfindligkeit hätten; als welche
allein die Ursache wäre: warum in dem ersten unvermuteten Hau die Axt viel
tieffer in Baum dringe / als hernach / da der leidende Baum sich so viel möglich
verhärtete. Für die Meinung aber / dass die Pflantzen beseelte Tiere wären /oder
aber zum minsten es zwischen den Tieren und Pflantzen / wie zwischen den
Menschen und Tieren eine Mittel-Gattung gäbe / schiene nicht wenig zu streiten
/ dass aus denen in das Meer fallenden Baum-Blättern bei den Orcadischen Eylanden
/ Endten; bei den Serern in dem See Vo Schwalben; und in Griechenland aus den
Feigen Würmer wüchsen. Zeno sagte: In Scytien habe ich mit meinen Augen ein
Gewächse mit einem Lamme / und in Suchuen bei der Stadt Chingung Bäume gesehen /
welche die Blume Tunghoa tragen / auff derer ieder ein vollkommener Vogel mit
einem Zinoberfarbenem Schnabel wächst; aber mit der verwelckenden Blume nichts
minder sein Leben / als Schönheit einbüst. Hertzog Arpus fing an: Aus allem
diesem läst sich nun so vielmehr schlüssen / dass die Natur in denen
vollkommenern Tieren so viel weniger eine Stieff-Mutter gewesen / und sie mit
einem gewissen Lichte des Verstandes beteilet haben müsse. Denn ob zwar sie
keinesweges dem Menschen / welcher gegen sie seiner Weissheit halber für einen
Gott zu halten / zu vergleichen wären; so bliebe doch ein geringer Verstand eben
so wohl ein Teil der Vernunft / als ein Zwerg so wohl ein Mensch / als die
Riesen. Man spürte an ihnen den Verstand / das Gedächtnis / und die Wahl ihres
Willens. Diss aber wären die sämtlichen Kräfften der Vernunft. Der Wolff fiele
nicht zwei mahl in eine Grube; der Fuchs käme sein Lebtage nicht wieder dahin /
wo ein Fusseisen gelegen; die Hunde stritten biss auff den Tod für ihren Herrn und
Wohltäter; die Tauben gäben so wohl / als jene verschmitzte Krähe des Königs
Martes / in Egypten richtige Brieffträger ab; die Hüner warnigten ihre Junge für
dem Sperber; die Ameissen versorgten sich über Winter / bissen die Weitzkörner an
/dass sie nicht käumen / und begrüben ihre Todten; die Kranche hielten
wechselsweise Wache; die Ochsen übten sich vorher zum vorstehenden Streite; die
Löwen gingen um den Jägern zu entrinnen / rückwerts in ihre Hölen / und zügen im
Gange ihre Kreilen ein; die Cilicischen über den Taurus fliegende Gänse nehmen
Kieselsteine in die Schnäbel / dass sie ihr gewohntes Geschrei nicht den
auffwartenden Adlern verrate; die Cretensischen Bienen machten sich /wenn es
windicht / mit Sandsteinlein schwerer. Die Vogel bauten ihre Nester so künstlich
/ und nachdem ein Land heiss oder regenhaft / an einem Orte oben am andern unten
offen; die Papegoyen hiengen sie / um ihre Jungen für den Schlangen zu bewahren
/ mit Fädemen an die Bäume; die Affen lernten in Africa auff der Flöten und
Laute spielen; die Kranche kündigten den Winter / die Störche und Schwalben den
Sommer an. Das Schwein hätte das Ackern / die Spinne das Weben / der Esel das
Hacken der Weinberge / und viel Tiere die meisten Artzeneien erfunden. Es sind
diss schon die Gedancken des Anaxagoras gewest /versetzte Rhemetalces / welcher
aber den Tieren nur einen in ihnen würckenden Verstand entangen /selbst aber
nachgeben müssen / dass ihnen keine Fähigkeit etwas mehrers / als ihnen
angebohren ist / zu begreiffen verliehen sei. Zu welchem letztern doch der Kern
der Vernunft steckte; weil der Mensch selbst von der Geburt her einem
ungehobelten Holtze und ungeschliffenem Steine ähnlich wäre; woraus der Fleiss
als die rechte dem Prometeus an der Hand stehende Minerva allererst ein Bild
des Mercur machen müste. Insonderheit mangelt es den Tieren an dem vornehmsten
Werckzeuge der Vernunft / nehmlich der Sprache / welche das einige Mittel ist /
so wohl seine Gedancken zu entdecken / als von andern zu vernehmen. Hertzog
Jubil begegnete ihm / beides schiene ihm sehr zweifelhaft zu sein. Sintemahl
die Tiere zwar keine Sprache der Menschen / aber doch eine solche hätten / dass
sie einander verstünden; ja auch nach und nach die Sprachen der Menschen
verstehen lernten / und also mehr von der Vernunft / als Anaxagoras
wahrgenommen / in sich stecken haben müsten. Melampus / Tiresias und Tales
hätten sich gerühmt / dass sie die Rede der Tiere verstanden /und hiervon käme
der Ruff / dass die Schlangen vor Alters geredet hätten. Daher lehrten so wohl die
Schwalben und Nachtigalen die Jungen ihren Gesang / als die Störche und Adler
ihren Flug; Wie sollen sie aber nicht was anders zu begreiffen fähig sein / da
sie selbst fremde Sprachen lernen? wie die dem Ptolomäus aus Indien geschickte
Hinde die Griechische /und der aus eben diesem Vaterlande kommende Papegoy die
Britannische / welcher aus des Königs Fenster in die Temse fiel / und um
zwantzig Pfund einen Kahn zu bringen rufte; hernach aber dem Schiffer nur einen
Stieber zu geben einriet. Hanno und Apsephas haben beide allerlei Vögel
abgerichtet /dass sie geruffen: Hanno ist ein Gott / Apsephas ist ein Gott. In
Griechenland habe ich redende Krähen gesehen / zu Rom Drosseln / und in unserm
Deutschlande sind die sprechenden Stahre nicht ungemein. Ja auch das Weinen und
Lachen / die dem Menschen alleine als was sonderbares zugeschriebene
Eigenschaften / sind etlichen Tieren gemein. Nicht nur die Papagoyen / sondern
auch gewisse gelbe Vögel in Indien lachen so artlich / dass es kaum vom
Menschlichen zu entscheiden ist. Die Africanischen Esel vergiessen so wohl
Tränen für Müdigkeit / als die Crocodile aus Heuchelei. Die Pferde haben nicht
nur für Wehmut ihren todten Achilles / sondern auch den ermordeten Käyser
Julius beweinet. Auch die Augen der Elephanten trieffen von diesen
Mitleidungs-Zehren /welchem Tiere für allen andern Vernunft und Verstand
zugeeignet werden müste / wenn man sie schon allen andern absprechen könnte. Es
ist wahr / sagte Zeno; Ich selbst habe von Elephanten Dinge gesehen /welche ich
schwerlich glaubte / wenn mich dessen nicht meine Augen überredet hätten. Dass
sie ihre Muttersprache verstehen / und sich darinnen zu allem anweisen lassen /
ist das geringste. Ich habe in Indien sie etliche Worte / dardurch sie ihren
Willen eröffnet /reden gehöret; ja auch in den Staub mit der Schnautze schreiben
sehen. Daher ich nun ausser Zweiffel setze /dass einer zu Rom Griechisch
geschrieben: Ich habe den Celtischen Raub zur Einweihung getragen. Sie lassen
sich zum Kriege und allen andern Künsten abrichten / und einen Knaben mit einen
kleinen Eisen nach Belieben leiten. Sie halten um die Indischen Könige die
Leibwache; fallen zu beqvemern Auff- und Absteigen auff die Knie / bücken sich
für ihren Herren mit grosser Ehrerbietung; und wie hertzhaft sie kämpffen /
habe ich so wohl / als der wider den Porus streitende Alexander erfahren. Ja auch
die Wilden machen unter sich Schlachtordnungen gegen Tiere und Jäger / nehmen
die Schwachen in die Mitte / verlassen no comma? die Matten / und ziehen die
Pfeile aus den Wunden vorsichtiger / als die erfahrensten Aertzte. Sie lernen
die Fechter- und Schwimmens-Kunst /spielen mit dem Balle / schiessen nach dem
Ziele /tantzen nicht nur nach den Kreissen und fürgemahlten Wendungen / sondern
auch auff dem Seile / und tun in den Schauspielen den Gaucklern alle Künste
nach /oder zuvor. Sie vergessen in zehn und mehr Jahren nicht angetane
Beleidigungen / und sparen ihre Rache biss zu beqvemer Gelegenheit / betrüben
sich hingegen zuweilen über ihrer Leiter Absterben so sehr / dass sie sich selbst
durch Entaltung vom Essen tödten. Sie wissen derer auff sie bestellten Knechte
Betrügereien artlich zu entdecken; und wie keusch sie sonst nicht allein unter
sich selbst sind / sondern auch denen Ehebrechern alles Leid antun / verlieben
sie sich doch in die Menschen auffs heftigste. Sie sind so Ruhmbegierig / dass
ich einen sich auff des Königs Anleitung in den Strudel des Ganges / also in den
augenscheinlichen Tod stürtzen sehen. Welcher derogestalt so merckwürdig zu
achten / als jener Elephant Ajax des Königs Antiochus / der aus Scham mit Fleiss
erhungerte / weil er es ihm den andern Elephanten in Uberschwimmen eines Flusses
zuvor tun liess / und ihn hernach mit silbernem Zeuge ausputzen sah. Sie
beerdigen ihre Todten / und wormit gleichsam den Menschen weder Weissheit noch
Andacht zum Vorrecht bleibe / so gläuben die Indianer feste / dass die Elephanten
auch von dem / was im Himel geschehe /Wissenschaft hätten; Ich aber habe mit
Augen gesehen / dass sie die auffgehende Sonne und den neuen Monden anbeten. Wer
wollte nun nicht nachgeben /dass etliche Tiere nicht einen der menschlichen
Vernunft zwar nicht gleichkommenden-iedoch einen ihr nicht ganz unähnlichen
Verstand haben? Sintemahl diss / wormit der Mensch alle andere Tiere übertrifft
/mehr was göttliches / als menschliches ist. Der Papegoy unserer Getischen
Fürstin Syrmanis redet mir hierinnen noch ferner das Wort / von dem ich schier
zu erzählen vergessen hätte / dass / als er über die Gräntze des Serischen Reichs
geführet ward / zu reden anfing: Ich bin ein Serischer Vogel / und schätze
ausser meinem Vaterlande keines würdig / dass sie meine Stime hören solle.
Worauff er alsofort im Kefichte sich erstiess. Der Feldherr fing an: dieser
Papegoy hat besser als Alexanders Pferd und sein Hund Peritas / welchen er zu
Ehren 2. Städte in Indien gebaut / ein Ehrenmahl / und ein köstlicher Begräbnis
/ als nechstin ein Rabe zu Rom / verdienet. Diesem Papegoyen muss ich einen von
den Friesen aus der Atlantischen Insel gebrachten / und meinem Vater Segimer
verehrten Vogel an die Seite setzen / welcher / wo nicht der verständigste /
doch gewiss der schönste Vogel in der Welt ist / und daher besser als der Pfau
ein ausserwehlter Vogel der Juno / und des Königs der Mohren / zwischen dem See
Zaire / und dem Meere zu sein verdienet / in dessen Gebiete niemand ausser ihm
bei Verlust des Lebens und der Güter einigen Pfauen halten darff. Er war aber
auff dem Bauche und der Helffte der Flügel morgenrot / der Rücken und das
übrige der Flügel himmelblau / der lange Schwantz fleischfarbicht / mit
bleich-grün und gläntzender Schwärtze untermengt. Der Kopff hatte wellicht und
rückwärts gekräuselte Federn von Rosenfarbe / und von einem gelb-roten
Feder-Pusche eine Krone / die wie glüende Kolen schimmerte / die Augen breñten
wie Rubinen unter schneeweissen Augenliedern. Was aber das wunderwürdigste war
/verstand uñ redete er in 3. Sprachen die Worte verständlicher / als die
abgerichteste Papegoyen aus.
    Nach aller Anwesenden hierüber geschöpfften Verwunderung und Urtel: dass
dieser Papegoy ihm sein Grabelied gewisser / als die Schwanen zu singen gewust /
erzehlte Zeno ferner: Als König Huhansien zu Siucheu alles in gute Ordnung
gestellt hatte / wäre er wegen der im Strome Kiang befindlicher Strudel und
Steinklippen auff der lincken Seiten des Flusses zu Lande / gegen der
Haupt-Stadt Chunking fortgerückt. Nachdem das Heer den ersten und andern Tag
durch eine überausfruchtbare Gegend biss an den Fluss Chung kommen / hätten sie
den dritten Tag das Läger unter dem hohen Berge Tunghuen auffgeschlagen /an dem
er sich damals nicht satt sehen / noch itzo ohne höchste Verwunderung zurücke
gedencken könnte. Denn ob wohl die Serer insgemein auff den Gebürgen ihren
Abgöttern und Helden zu Ehren köstliche Bilder aufsetzten / uñ insonderheit die
aus Stein gehauene Seule des Abgotts Fe / ein Elefant / ein Löw / eine Glocke
und Drommel auff dem Berge Xepao in der Landschaft Junnan berühmt und würdig zu
schauen wären; Ob auch wohl des berühmten Baumeisters Dinostratus Erbieten / dass
er aus dem Berge Atos des grossen Alexanders Bild / welches mit einer Hand eine
grosse Stadt / mit der andern einen Fluss oder See fassen wollte / dessen Wasser
den Einwohnern zu täglichem Gebrauch auskommentlich sein sollte / insgemein für
eine grosssprecherische Unmögligkeit gehalten würde; so hätte doch aus dem viel
grössern Berg Tunghuen ein alter König den Götzen Fe mit geschränckten Beinen /
und in die Schoss gelegten Händen gefertiget / dessen Höhe und Grösse daraus zu
ermessen wäre / dass man Augen / Ohren /Nasslöcher und den Mund daran über 2.
deutscher Meilen davon erkiesen könnte; also / dass ihm weder der aus einem Steine
gehauene Egyptische Sphynx /dessen Kopff 122. Füsse dick / 143. lang / und 162.
hoch sein soll / noch auch der Fuss in der andern Spitz-Seule oder dem
Begräbnisse des Königs Amasis aus zweien Steinen / deren ieder 30. Füsse dick
/und 1400. lang ist / und darein die Wohnungen der Priester gehauen sind /
einigerlei Weise den Schatten reichten. Auff dem Nagel der kleinen Zehe im
rechten Fusse lese man folgende Uberschrifft:
        Lass / dreimal grosser GOtt / diss Zwerg-Bild dir belieben /
    Das der / den du gemacht zum Grösten in der Welt /
    Dir hier aus Andacht hat zum Denckmahl auffgestellt.
    Ist doch dein Bild so gar in Sand und Kraut beklieben /
    In Schneckenhäuser ein- dein Nahm und Lob geschrieben /
    Weil deiner Weissheit auch / was klein ist / wohlgefällt;
    Die auch Colossen nur fur Ameiss-Hauffen hält /
    Und steile Berge kann wie Asch' und Staub durchsieben.
        So schau nun nicht das Werck / nur deinen Werckzeug an /
    Der dir mehr seinen Geist / als diesen Steinfels weihet.
    So viel dem Menschen Gott Vernunft und Kråfften leihet /
    So viel ist's / was er ihm auch bau'n und wiedmen kann.
    Hält doch dein Bau / die Welt / dir selber nicht's Gewichte /
    Und dein blass Schatten steckt in Stern- und Sonnen- Lichte.
    Der König Huhansien / fuhr Zeno fort / hielt sich teils um sein Kriegs-Heer
durch die Früchte dieser Gegend und die aus diesem Götzen entspringende Bäche zu
erfrischen / teils dieses Wunderbild genau zu betrachten zwei Tage darbei auff
/ verrichtete für ihm seiner Landes-Art nach sein Opffer / kriegte aber den
dritten von einem überlauffenden Serer die Nachricht / dass König Juen / welcher
wegen falscher Kundschaft seine ganze Macht in die Landschaft Xensi gezogen
hatte / nach verlautetem Einbruche in Suchuen / nur ein Teil seines
Kriegs-Volcks alldar zur Beschirmung gelassen / er aber mit der grösten Macht
sich auff den Strom Sung gesetzt / und bei der Stadt Chunking / wo selbter in
den Fluss Kiang fällt /ausgeladen hätte / also nun nahe an ihm mit dem ganzen
Heere in vollem Anzuge wäre. Auf den Abend liess sich schon der Serer Vortrab
sehen / mit welchem die berittensten Scyten nur etliche Scharmützel ausübeten.
Um Mitternacht stellte Huhansien und seine Feld-Obersten in der bei Piexan
liegenden zwei hundert Stadien langen Fläche das Kriegs-Heer schon in
Schlacht-Ordnung; iedoch derogestalt / dass ein grosses Teil des Volcks hinter
dem Berge Chungpie verborgen stand. Als es begunte zu tagen / sahen wir schon /
dass König Juen mit seinen vier mahl hundert tausend Serern in voller
Schlacht-Ordnung gegen uns ankam. Oropastes / ich und die als eine Amazone
ausgerüstete Syrmanis mussten nahe bei dem Könige bleiben. Es ist unmöglich zu
beschreiben die grausame Blutstürtzung; Die Serer waren zwar an Menge stärcker /
und täten durch ihre vorteilhaftige Gewehre /insonderheit durch viel von
Gewalt des Feuers geschossene Blei-Kugeln grossen Abbruch. Die in denen
sändichten Wüsteneien / aber mehr ausgehärteten Scyten / waren doch denen durch
Uberfluss ihres von Fruchtbarkeit schwimmenden Landes / und durch übermässige
Ubungen der Weltweissheit halb weibisch gemachten Serern überlegen. Wie? sagte
Rhemetalces / soll die Weltweissheit / welche das Gemüte wider alle Zufälle
befestiget / welche einen erst zum Manne macht / welche als eine unersteigliche
Mauer durch keinen Rüstzeug des Glücks übermeistert werden kann; welche die
Foltern der Hencker verlachet / für der Sichel des Todes und den schimmernden
Klingen der Feinde kein Auge verwendet / eine Mutter weibischer Zagheit / und
eine Vorläufferin des Untergangs sein? Der Feldherr nahm sich des Zeno an: die
rechte und unverfälschte Weltweissheit / welche das Gemüte durch Tugend
ausarbeitet / die Richtschnur des Lebens / was zu tun oder zu lassen sei /
fürschreibet /bei dem Steuer-Ruder der Vernunft sitzet / und durch die
stürmenden Wellen des trüben Welt-Meeres glücklich durchführet / ist in allewege
ein eisernes Bollwerck der Königreiche / nicht ihre Verzärtlerin. Aber insgemein
tauchten die Menschen nur einen Finger in ihre Lehre / weil diese im Anfange
herber als Wermut / die liebkosenden Wollüste aber ihnen süsser als Zucker
schmeckten. Also umbhüllten ihrer viel sich mit dem Mantel der Welt-Weisen /
derer Gemüte mit Uppigkeit angefüllt wäre. Uberdiss mengte man allerhand
scheinbare Waare unter ihre Würtzen /welche zwar an sich selbst nicht falsch /
aber zum Missbrauch überaus diente. Dieses wäre die Beredsamkeit / die Dichter-
Bau- Stern- und Mess-Kunst / ja alle dieselben Wissenschaften / welche an sich
eine angeborne Liebligkeit hätten / die Ruhe liebten / dem Kriege und rauhen
Arten feind wären. Durch diese verlernte man die Krieges-Ubungen / der Leib
würde verzärtelt / das Gemüte eingeschläft / das Volck zu Schauspielen und
andern Kurtzweilen verliebet / und den tapfersten Leuten unvermerckt das Hertz
aus der Brust / und das Schwerdt aus den Händen gerissen. Durch dis Kunst-Stücke
hätte Cyrus die Lydier / Aristodemus die Cumaner gebändiget / indem jener ihnen
Pferde und Waffen genommen / hingegen Wirts- und Huren-Häuser aufgerichtet;
dieser aber der Bürger Söhne biss ins zwanzigste Jahr im Frauen-Zimmer unter
Bisam und Balsam erzogen / welche zuvor im zehnden schon in das staubichte Lager
genommen worden. Denen Römern wäre es bei Menschen Gedencken mit den Britanniern
/ welche sie Tempel /Rats-Häuser / und Bäder zu bauen / sich in der
Lateinischen Beredsamkeit zu üben / Lust-Spielen und Gastereien zu ergeben
angewöhnet / glücklich angegangen / dass sie ihnen unter dem Schein der
Höfligkeit das Seil der Dienstbarkeit an die Hörner geschlingt. Dieses hätte
seine Vorfahre / als sie in Griechenland und Gallien eingebrochen / beweget /
dass sie von Verbrennung ihrer Bücher abgelassen / weil sie nach und nach
wahrgenommen / dass sie daraus wohl gelehrt / aber auch weibisch worden. Und er
erinnere sich zu Rom gehört zu haben / dass Cato stets im Munde geführet: Rom
hätte seine Freiheit verloren / als die Künste der Griechen bei ihnen
Bürger-Recht gewonnen. Ja er habe zuwege gebracht / dass drei beruffene
Griechische Redner alsofort wieder wären nach Hause geschickt worden.
Rhemetalces versetzte: Dieses ist nicht die Schuld dieser herrlichen Künste und
Wissenschaften / sondern derselben / die sich ihrer schändlich missbrauchen.
Soll man aber darumb alle Rosen-Sträuche ausrotten / weil die Spinne Gift daraus
sauget; oder gar den Gottes-Dienst aufheben / weil die Torheit ihn zum
Aberglauben macht? Die Lehre der Tugend und Sitten ist freilich wohl der Kern
der Weltweissheit / die Tugend aber selbst nicht so unbarmhertzig / dass sie dem
menschlichen Gemüte alle Anmut missgönnen / und iede Ergetzligkeit verstören
sollte. Die Oelbäume vertrügen neben sich die Myrten / der Wein-Stock das
annehmliche Blumwerck. Und ich möchte selbst in keiner Stadt wohnen / in welcher
alle Wohnungen Zeughäuser oder Ruder-Bäncke wären. Soll man aber dieser Weissheit
gram werden / weil der Missbrauch ihr Leid antut? Ich meine vielmehr / dass ihre
Unschuld nichts minder zu beweinen sei / als eine Jungfrau /welcher die Geilheit
Unehre zumutet. Fürst Zeno antwortete: Ich habe in meiner Erzehlung weder die
sauersehende / noch auch die anmutige Weltweissheit verdammet; sondern allein
die Serer getadelt / dass sie dieser allein umbarmet / die Kriegs-Kunst aber zur
Türe hinaus gestossen / und hierdurch ihr mächtiges Reich / für dessen Kräfften
ganz Asien zittern sollte /zum Raube schwächerer Völcker gemacht. Wiewohl ich
gestehe / dass sie dieses mal ihren Mann noch ziemlich gewehret: Dahero denn auch
die Schlacht den halben Tag mit gleichem Glücke abwechselte /biss Zingis ein
Scytischer Fürst nebst dreissig tausend auserlesenen Nomaden und Sarmatern
hinter dem Berge Chungie herfür kam / und den Serern recht in Rücken fiel; da
denn zwar jene einen Vorteil zu kriegen schienen / iedoch brachte der tapfere
König Juen durch seine Hertzhaftigkeit / und die neue Hülffe des Serischen
Hinterhalts alles wieder in gleiches Gewichte. Weil nun der in gelben Kleidern
allein prangende König Juen fast allentalben / wo es am gefährlichsten schien /
an der Spitze fochte / und seine Haupt-Fahne dahin zudringen liess; hielt König
Huhansien es ihm für eine unausleschliche Schande / diesem kühnen Feinde nicht
selbst die Stirne zu bieten. Also mussten die für ihn fechtenden Völcker Platz
machen / und er drang mit seiner Leibwache gerade auf den Serischen König los.
Diese zwei Könige fielen einander selbst als Löwen an / gleich als sie eine
absonderliche Tod-Feindschaft gegen einander trügen. Oropastes und ich kamen
auf zwei Fürsten des Geblütes zu treffen / worfür wir sie aus ihren mit güldenen
Drachen gestückten Kleidern erkennten. Und ich hatte das Glücke einen mit meinem
Sebel zu erlegen; Oropastes aber seinen Feind mit einem Spiesse vom Pferde zu
rennen. Inzwischen hatte König Juen / ob ihn schon Huhansien mit einem Pfeile in
die Lende verwundet / durch ein verborgenes Feuer-Gewehr dem König Huhansien 2.
Blei-Kugeln in den rechten Arm geschossen / dass er nicht mehr seine Sebel
brauchen /und also aus dem Streite mit nicht geringem Schrecken der Scyten
weichen mussten. Die Fürstin Syrmanis / als die nechste darbei / hatte zu grossem
Glücke den dem Könige Juen stets an der Seiten kämpfenden höchsten Reichs-Rat /
der zu seinem Kennzeichen eine Binde mit vielen Edelgesteinen führte /
durchrennet; Dahero als sie den König Juen dem weichenden Huhansien nachdringen
sah / brachte sie mit einer unglaubliche Geschwindigkeit dem Juen einen
tödtlichen Streich bei / dass er todt vom Pferde fiel. Die umb ihn fechtenden
Serer erschracken hierüber so sehr / dass sie erstarreten / gleich als sie alle
der Blitz gerühret hätte. Oropastes riess bei dieser Gelegenheit dem
Reichs-Fähnriche das einen güldenen Drachen fürbildende Königliche Reichs-Fahn
aus / und schmisse es zu Bodem. Hierdurch geriet das ganze Serische Heer in
Unordnung / und nach dem die Leibwache noch wohl eine Stunde lang umb die Fahn
und die Königliche Leiche verzweifelt / aber vergebens gefochten hatte / worüber
ich in die Achsel / Syrmanis in die Hand verwundet ward / hingegen unser
äuserster Hinterhalt aufs neue den Serern in die Seite fiel /geriet alles in
Verwirrung / und weil die Furcht auch die Tapferen / wie der Krebs die gesunden
Glieder nach und nach einnimt / bald darauf in offentliche Flucht. Kein Scyte
steckte diesen Tag eine Sebel ein / die nicht vor in Serischem Blute gewaschen
war /und die Mitternacht leschte noch nicht dieser verbitterten Feinde brennende
Mord-Begierde aus. Das einmal einreissende Schrecken benimet den Augen das
Gesichte / den Ohren das Gehöre / und der Vernunft allen Verstand; daher die
Scyten nicht allein die an denen zwei Haupt-Flüssen Pa und Kiang liegende
herrliche Stadt Chunking verliessen / sondern sich auch des Vorteils dieser
zwei Flüsse / an welchen sie mit geringer Macht noch einmal so viel Scyten
hätten aufhalten können / entäuserten. Die Stadt Chunking schickte mit der
Morgen-Röte dem König Huhansien die Schlüssel zu den Stadt-Toren entgegen;
welcher / ungeachtet seiner Verwundung / gegen Mittags zu Pferde seinen überaus
prächtigen Einzug hielt. Die Häuser auf den Strassen waren mit eitel
Gold-gestickten Teppichten bekleidet / die Spring-Brunnen spritzten eitel
eingeambert Wasser aus / die Strassen waren mit eitel hier häuffig wachsenden
Blumen Meutang bestreut / welches eine weisslichte mit Purpur vermischte überaus
grosse und aller Dornen befreite Rose ist / und von den Serern für die Königin
der Blumen gehalten wird. Bei der Königlichen Burg übergaben die Mandarinen dem
Könige Huhansien die daselbst befindliche Königliche Krone / und andere
Zierraten. Auf den Morgen kam der König selbst in das Zimmer der Fürstin
Syrmanis / führte sie an der Hand / und setzte sie nebst sich auf einen güldenen
von vier schneeweissen Pferden gezogenen Sieges-Wagen / und zohe mit noch
grösserer Pracht auf den nahe bei der Stadt gelegenen Lustberg Lungmuen /auf
welchem ein von weissem Marmel gebauter inwendig mit dichtem Golde überzogener
und mit vielfärbicht eingelegten Porphiren und Agaten gepflasterter Tempel
stehet / in welchem die Könige dieses Sophitischen Reichs für Alters gekrönet /
und für dem Wüterich Tein / welcher / umb aller seiner Vorfahren Gedächtnis
auszutilgen / von ihm aber einen Anfang aller Geschichte zu stiften / alle
Schrifften und Denckmahle verbrennen lassen / wohl 30000. Bücher von dem
Priester Scyulo verborgen und erhalten worden. So bald er dahin kam / trat er
mit der Fürstin Syrmanis für das Altar / auf welchem die Priester von eitel
wohlrüchendem Adler- und Zimmet-Holtze / das ein Regenbogen berühret hatte / ein
Feuer machten. Hierauf reichte er der Syrmanis eine Agtsteinerne Schale mit
Weirauch / und ermahnte sie / dass sie dem grossen Himmels-Könige darmit opfern
sollte. Syrmanis /unwissende / dass dieses dene Königin dieses Reiches allein
zukäme / und selbte durch derogleichen Opferung für das Haupt des Landes
erkläret würde / streute den Weirauch freimütig in die Flame. Dieses war kaum
geschehen / als die mit Fleiss anher geführten teils gefangenen / teils sich
ergebende Fürsten und Mandarinen in Suchue der Syrmanis zu Fusse fielen /ihre
Häupter biss zur Erde neigten / hernach sie / wiewohl mit helffenbeinernen
Taffeln für dem Munde /wormit sie ihr Atem nicht berührte / für die Königin in
Suchuen grüssten. Also nimmet man auch frembde Herrschaften / nur weil sie neu
sind / mit Frolocken an. Diesen folgten vier Scytische Fürsten / welche die
Syrmanis nahmen / und auf einen mit unzehlbaren Edelgesteinen schimmernden Stul
hoben. König Huhansien ward von vier andern auf einen gleich über stehenden
getragen. Der Tempel erbebte von dem Frolocken des Volckes / Syrmanis aber wusste
nicht /wie ihr geschahe / biss nach einem Handwinck alles stille ward / der König
aber zu reden anfing: Das Glücke / das Recht der Waffen / und unsere Tugend hat
uns zum Meister in Suchuen gemacht. Man muss aber durch Klugheit behalten / was
man durch Tapferkeit erworben hat. Jene erfordert die Belohnung grosser
Verdienste / und eine weise Einrichtung der Ober-Herrschaft. Beides dieses aber
eignet der unvergleichlichen Syrmanis die Krone Suchuens zu. Diese gebühret dir
/ weil du dem grossen Fürsten der Scyten das Leben erhalten / dem Serischen
aber hertzhaftig genommen hast. Du aber wirst selber dich nicht entziehen / weil
das Verhängnis dir übermässigen Verstand solche zu tragen / und einen
Helden-Geist sie zu beschützen verliehen hat. Freue dich aber nunmehr erst
glückseliges Suchuen / dass du einer Königin gehorchest / welche Saltz im Gehirne
/ Zucker im Munde / Feuer im Hertzen / und den Blitz in Händen führet. Ist sie
nicht von Geburt eine Königin / so hat sie die Natur durch ihre Fähigkeit / und
die Tugend durch Verdienst hierzu gemacht. Fürstliche Hoheit und Freundligkeit
aber sind augenscheinlich in ihr Antlitz gepräget. Dieses annehmliche Ansehen
verknüpft durch eine geheime Krafft die Hertzen der Untertanen ihr nicht allein
zum Gehorsam / sondern so gar die Seelen der Herrschenden zur Verehrung.
Beglückselige dich also / Suchuen / mit deinem Schiffbruche / welcher dir was
bessers gegeben / als genommen hat / Die härtesten Donner-Schläge / wie
schrecklich sie scheinen / ziehen nach sich eine reiche Fruchtbarkeit. Vergnüge
dich aber / grosse Syrmanis /an diesem Reiche. Einer Ceder ist zwar ein kleines
Gefässe / einem grossen Gemüte aber der geringste Winckel der Welt seine Tugend
auszuüben zu enge. Nichts ist für klein zu schätzen / wo ein grosser Nahme Raum
finden kann. Die Fürstin Syrmanis / ob sie zwar dieser Begebenheit sich auf
diesen Tag am wenigsten versehen hatte / hörete den König Huhansien mit
unverändertem Gesichte / und sonder das geringste Merckmal eines verwirrt- oder
frolockenden Gemütes aus. Ihre Geberden zeigten keinen Hochmut / und bei aller
dieser Neuigkeit schien an ihr nichts neues / gleich als sie mehr herrschen
könnte / als verlangte. Sie erklärte sich hierauf mit einer annehmlichen
Erbietung: Das weibliche Geschlecht wäre die Centner-Last eines Reiches auf
seine Schultern zu heben allzu unvermögend; ihre geringe Dienste aber allzu
unwürdig / dass sie ihr den Siegs-Preis zueignen sollte / welchen die Tapferkeit
des grossen Huhansien / und die Waffen der streitbaren Scyten mit ihrem Blute
erworben hätten. Sie bestärckte in dieser Meinung das Beispiel des in diesem
Reiche so sehr berühmten Fürsten Sungous / welcher dieses Ampt seinem grossen
Verstande überlegen zu sein gemeinet. Bei ihrer Unfähigkeit wüste sie doch
dieses: dass es einem Unvermögenden rühmlicher wäre / sich einer angetragenen
Bürde zu entäusern / als einem Vermessenen die übernommene schimpflich
einzubüssen. Bei solcher Beschaffenheit würde sie für eine Gnade annehmen / da
der König sie ihre Schwachheiten auf dem grossen Schauplatze der Welt zu
entblössen nicht in Gefahr setzen / seinen eigenen Siegs-Preis aber nicht in die
Schantze schlagen würde. Da aber der Befehl des Königs so unerbittlich / als der
Schluss des Verhängnisses unveränderlich wäre / müste sie sich bescheiden / dass
wie den Göttern auch schlechte Opfer angenehm wären / und sie ihn untüchtigen
Werckzeuge geschickt machten; also wolle Huhansien durch Erhöhung ihrer
Niedrigkeit die Grösse seiner Gewalt zeigen / ihren Gehorsam seinem eigenen
Vorteil vorziehen / und durch seine Beschirmung eine Ohnmächtige zu
Beherrschung eines so grossen Volckes fähig machen. Jedoch würde sie auf allen
Fall unter dem Schatten der Königlichen Würde das Ampt einer wesentlichen
Stadtalterin des grossen Huhansiens bekleiden. Die 4. Scytischen Fürsten
überlieferten der neuen Königin hierauf die Königlichen Kleinode / welches war
ein blau und gelber Bund mit einem Pusch Reiger-Federn und grossen Diamanten
ausgeschmückt / ein mit Rubinen über und über versetzte Sebel / ein göldener
Köcher und Bogen mit Smaragden ganz bedeckt / und das Königliche Siegel /
darein ein Drache gegraben / welchem alle / die zu der Königlichen Verhör
gelangen wollen / ja auch der König selbst bei seiner Wahl tieffe Ehrerbietung
bezeugen müssen. Das allerschätzbarste aber war eine küpferne vergüldete Kugel /
auf welcher einen Helfte die Landschaft Suchuen / auf der andern aber die
Gestirne / welchen diss Land unterworffen /sehr künstlich gestochen waren. Diese
Kugel war zwar nicht von denselbigen 9. Gefässen / welche König Ivus schon für
2200. Jahre als Merckmale seiner 9. Länder hatte bereiten lassen / und wormit
als einem heiligen Geheimnisse den Königen die Herrschaft des Reiches übergeben
ward. Alleine es war ein Gemächte des Fürsten Xius / der allererst für 200.
Jahren von dem Fürsten Xo und Pei / welche beide mit ihrem Vater sich dem
grossen Alexander unterwarffen / Suchuen erobert / und also des Yvus
Reichs-Geschirre mit Vergrösserung des Reiches vermehret / Huhansien aber solche
unter dem Geräte des Königs Juen erobert hatte. Alles Volck / welches die
Eroberung dieser Gefässe für eine Göttliche Zuwerffung des Reiches hielt /
verwandelte bei Erhebung der Fürstin Syrmanis sein Stillschweigen in ein
Frolocken / und begleitete den König der Scyten und die neue Königin mit
höchster Pracht und Glücks-Zuruffungen wieder nach Chunking. Also zeitlich
verwandelte sich das Traure / welches doch einem so neuen Betrübnüsse / als der
schmertzhafte Tod ihres erschlagenen Königes war / wohl anstehet / in Freuden;
ja / weil so wohl die Serer als Persen ihre Reichs-Häupter nicht ohne Geschencke
begrüssen /ward die Königin Syrmanis in wenig Tagen mit tausenderlei Gaben
gleichsam überschüttet. Massen denn auch den sechsten Tag von der an der Gräntze
des Reiches Huquang liegengenden Stadt Jungning /und von der fürnehmsten
Haupt-Stadt Suchuens Chnigtu / an dem Flusse Kin / in welcher Gebiete ein Brunn
wie das Meer ab- und zunimmt / und eine Bach von dem Berge Tafung sechzig
Stadien hoch abfällt /nicht nur Zeitung / dass sie die dahin geschickten
Scytischen Krieges-Völcker zur Besatzung eingenommen hatten / sondern auch
Gesandschaften mit grossen Kisten Bisam / welcher an dem Nabel eines kleinen
Rehes wächst / seltzamen Affen / und andern Kostbarkeiten ankamen. Das
herrlichste Geschencke unter allen aber waren zwölf wunder-schöne Knaben /welche
die Fürsten des Reichs zu Bedienung der neuen Königin im Lande auserlesen
hatten. Diese waren aufs herrlichste mit den grössesten Perlen um den Hals und
die Armen / auf dem Haupte mit einem von Diamanten schimmernden Krantze
ausgeputzt. Vier derselben waren mit Purpur bekleidet / mit Köcher und Bogen
ausgerüstet / der eine überlieferte der Königin Syrmanis eine Krone / der ander
einen Königsstab / der dritte eine grosse güldene Müntze / auf welcher sie mit
einem neuen Nahmen nämlich einer Tochter der güldenen Abendröte gepreget stand;
der vierdte ein güldenes Zeit-Register / in welchem der Anfang der
Jahres-Rechnung von dem Tage ihrer Herrschaft angefangen ward. Diese vier waren
Lehrlinge aus der Schule des für fünftehalb hundert Jahren blühenden weltweisen
Confutius; dessen Lehren so unzweiffelbar / als ein göttlicher Ausspruch
verehret werden. Sie zielen fürnehmlich auf eine glückselige Reichs-Herrschaft
/ verehren kein Bild / nur einen einigen Gott den Erhalter der Welt / und halten
der Gottlosen Seelen für sterblich. Die andern vier Knaben waren blau angetan /
einer trug in einem güldenen Korbe die wolrüchensten Blumen / der ander auf
einer Porcellanen Schüssel die geschmacktesten Früchte / der dritte in einer
Crystallenen Schale ein köstliches Geträncke / der vierdte in einem Porphirenem
Gefässe Ambra / Zibet und Bisam. Diese waren aus der Schule der Tausi / welcher
Weltweisen Urheber Lauzu mit dem Confutius zu einer Zeit gelebt /und neun mal
neun Jahr in Mutterleibe gewesen sein soll; auch gelehret hat / des Menschen
höchstes Gut wäre die Wollust / weil die Seele mit dem Leibe verschwinde. Die
letztern vier Knaben hatten alle ein Rubinenes Hertz auf der Brust hencken / in
den Händen güldene Zirckel / und legten selbte wie vorige Knaben zu der Königin
Füssen. Sie waren Lehrlinge der Bonzier / die von dem klugen Tschaka herrühren /
welchen für weniger Zeit des letztern Serischen Königs Vater durch Anleitung
eines Traumes aus Indien holen lassen / und mit welchem seine Mutter im Traume
einen weissen Elefanten / wie Olympias eine Schlange sehende / soll schwanger
worden sein / und ihn durch die Seite geboren haben. Sie gläuben mehr als eine
Welt / die Versetzung der Seelen aus einem Leibe in den andern; sie sind bemühet
allein um die Vollkommenheit des Geistes / und ihr höchstes Gut ist die Ruhe des
Gewissens. Dahero die Serer insgemein von diesen dreien zu urteilen pflegen:
Die Gelehrten beherrschen das Reich / die Tausi den Leib /die Bonzier das
Hertze. Rhemetalces fiel dem Fürsten Zeno hier in die Rede: Ich wundre mich /
wie die Lehre des unwissenden und wollüstigen Epicurus der rechten verhasten
Nacht-Eule unter den andern Weltweisen auch zu den Serern kommen sei? Hertzog
Herrmann setzte ihm alsofort entgegen: Ich verteidige nicht die Serer und
andere unvernünftige Ausleger dieses Weltweisen; aber seiner eigenen Unschuld
habe ich mich billich anzumassen. Er hat geirret / wie alle Weltweisen in andern
Stücken; wo es anderst wahr ist / dass er unsere Seelen für sterblich gehalten
/und keine göttliche Vorsehung geglaubt; nicht aber vielmehr / wie sich wider
seinen Verleumder Nausiphanes aus vielen andern Lehren mutmassen läst /die
Eitelkeit der Griechischen Abgötter verworffen /die Vielheit der Gotteiten als
den Grund aller ihrer Tempel und Andacht über einen Hauffen zu werffen
angezielet; der lasterhaften Seelen künftige Angst aber durch ihre
Sterbligkeit angedeutet hat. Massen denn auch einige seiner Feinde gestehen /
dass er nicht so wohl die Versehung Gottes / als dass das ewige /unsterbliche und
allergütigste Wesen einiger Schwachheit der Sorgfalt unterworffen sei /
geleugnet habe. Ja alle dieselben / welche seine vielleicht unrecht-verstandene
Lehren verdammet / oder seine drei hundert selbst gemachte und nirgends
ausgeschriebene Bücher vielleicht nie gar / und mit Bedacht gelesen haben /
seine tugendhafte und mässige Lebens-Art aller andern Weltweisen Wandel
fürgezogen. Denn Epicurus hat zwar die Wollust auf den Königs-Stul des höchsten
Gutes erhoben / nicht aber die üppige und schlammichte / sondern die ruhige /
welche aus dem Besitztum der Tugend und insonderheit aus der süssen Erinnerung
dessen / was man voriger Zeit gutes getan hat / entspringet; also auch zwischen
Fesseln und Folterbanck ihre unabtrennliche Gefährtin ist. Diese Wollust ist
sicher nichts anders / als die Beruhigung des Gemütes / und die Freude eines
guten Gewissens. Wenn es hagelt und stürmet / wenn der Himmel einbricht / und
der Erdbodem berstet /bleibet sodenn das Hertze der Unschuld unbeweglich / und
ein tugendhaftes Leben balsamet in den stinckenden Kerckern die verfaulte Lufft
ein / welche eine reine Seele durch den Atem in sich ziehen soll. Dannenhero
verhüllten Geilheit und Schwelgerei nicht allein mit dem Mantel des Epicurus
ihre Gift-Drüsen /sondern sie besudelten auch mit ihrem Unflate seine
Reinligkeit. Er selbst verschmähete die weibische Wollust / welche einige Reue
nach sich ziehen könnte /und sehnte sich nach den Schmertzen / der das Gemüte
erleichterte. Er hielt die Angst in dem glühenden Ochsen des Phalaris für
Süssigkeit / und das Feuer könnte / seinem Urtel nach / ihn zur Not ja wohl
brennen / aber nicht überwünden. Es könnte ein streitbarer Arm ja wohl in Seide
eingehüllet / und ein unerschrockener mit Sammet bekleidet sein. Das Glücke habe
keine Herrschaft über einen Weisen / weniger Gewalt selbten umzudrehen.
Dieselben wären nichts minder strafbar / die ihren Tod wünschten / als die ihn
nicht verlangten. Zumal jenes notwendig von einem bösen Leben den Ursprung
haben müste. Kurtz zu sagen: Epicurus wäre die selbstständige Mässigkeit /aber
die Verleumdung hätte ihm ein Huren-Kleid angezogen / und ihn auff das Fass des
schwelgerischen Bacchus gesetzt. Seinem Urtel nach aber habe Epicurus nicht
weiter / als Zeno / welcher die rohe Tugend an sich selbst zum höchsten Gute
gemacht / vom Zwecke gefehlet / da doch solches aus beider / nehmlich der Tugend
und der daraus erwachsender Wollust Zusammenfügung bestünde. Bei welcher
Bewandnüss er dem Epicur als einem noch nie Uberwundenen die Ertztene Ehren-Säule
nicht abbrechen helffen könnte /die ihm sein Vaterland nach dem Tode aufgerichtet
hätte.
    Zeno fing an: Ich muss von diesen Weltweisen nun wieder nach Chunking zu dem
grossen Könige der Scyten kehren / für welchem / nach reicher Beschenckung der
Königin Syrmanis / eine herrlich ausgeputzte Frau erschien / und zum Zeichen /
dass sie das Reich Suchuen abbildete / dessen Wapen auf ihrem Schilde führte. Ihr
folgten zwölf Jungfrauen /alle mit entblösten Brüsten und wie Liebes-Göttinnen
mit Rosen-Kräntzen auf den Häuptern ausgekleidet. Das Reichtum der an ihnen
schimmernden Edelgesteine mühte sich zwar der Zuschauer Hertz zu gewinnen / aber
ihre lebhafte Schönheit stach die Pracht der todten Steine weit weg / und ihre
anmutige Gebehrdung gab ihnen noch darzu eine herrliche Folge. Wie sie alle für
dem Könige Huhansien nieder gesuncken / redete ihre Führerin den König an: Sie
übergäbe ihm hiermit zwölf Geschöpffe der Natur /an welchen der Neid keinen
Tadel / und tausend Augen nicht ein Mahl eines Nadelknopfs gross finden würden.
Diese hätte Gott allein in Suchuen darum lassen geboren werden / wormit es
einen vollkommenen König vergnügen / das Reich aber sich ihrem Uberwinder mit
etwas ungemeinem verbinden könnte. Der König Huhansien lächelte über diesem
unvermuteten Geschencke / und nach dem er sie alle wohl betrachtet /gab er der
gegen überstehenden Syrmanis einen freundlichen Anblick / fing hierauf an: Ich
erkenne zwar aus diesem den Serischen Königen zu bringen gewöhnlichen Geschencke
die Zuneigung ihrer Gemüter; Aber die Scyten sind gewohnet aus Liebe ihnen
ihre Ehegatten zu erkiesen / nicht ihrer Geilheit zu Gefallen einen
Menschen-Zoll aufzurichten. Auch ist bei ihnen das Band der Hertzen die Tugend /
nicht die Gestalt; denn der Purpur krönet so wohl Unkraut als Rosen; Die
Heidechse pranget nichts minder mit Sternen / als der Himmel. Und die Natter
nistet am liebsten unter die Balsam-Staude. Die Entweihung so schöner Kinder
düncket mich grausamer zu sein / als das Gebot des Scedasus / dessen entleibtem
Geiste Pelopidas / da er anders zu siegen vermeinte / eine Jungfrau aufopffern
sollte; und der abergläubigen Griechen / die das Ungewitter mit der Iphigenia
Blute zu stillen vermeinten. Beides aber haben die Götter verwehret / welche
dort eine Stutte / hier einen Hirsch zum Lösegeld aufgenommen. Fürsten sind in
der Welt Ebenbilder Gottes; also stehet ihnen so wenig zu die Entehrung keuscher
Seelen / als der Todschlag der Leiber. Welche ihrer tollen Brunst hierinnen den
Zügel verhengen / machen sich zu Indianischen Teuffels-Götzen / derer
schandbaren Höltzern die Bräute ihre Jungfrauschaft opffern müssen. Die
Geilheit hat den Siegern insgemein den Siegs-Krantz aus den Händen gewunden /
und Könige in Staub getreten. Nicanor hat zu Tebe nicht ehe seine gefangene
Buhlschaft / als eine selbst händigermordete Leiche umarmet. Jener überwündende
Macedonier hat mit den Küssen einer geschändeten Jungfrauen seine Seele durch
eine ins Hertz empfangene Wunde ausgeblasen. Unzucht hat Sardanapaln ins Feuer
gestürtzt / Troja eingeäschert / die Tarqvinier aus Rom vertrieben /und den
Antonius zu Grunde gerichtet. Kehret diesemnach nur zurücke / ihr Ausbund der
Jugend / welche nicht ihr Vorsatz verleitet / sondern die Missbräuche des
Vaterlandes verderben wollen. Trachtet durch Vernunft eure Gemüter schöner zu
machen / als die Natur eure Glieder geschmückt hat; weil auch eine Englische
Helena ohne den Purpur der Schamhaftigkeit hesslicher ist / als die runtzlichte
Penelope. Eine keusche Seele schreitet begieriger in das Ehebette eines
Schäffers / als in das Zimmer Königlicher Kebsweiber. Denn die Pracht der Welt
und das Glücke der Menschen hat ein falsches Licht / an dem nichts tauerhaft /
als der Unbestand ist. Die Tugend alleine hat Bestand und Vergnügung. Die
Keuschheit hegt die empfindlichste Ergetzligkeit; Sie ist der herrlichste
Aufputz der Schönheit. Wollust aber gebieret Reue und Eckel. Also mussten nach
gegebenem Zeichen zu höchster Verwunderung aller Anwesenden diese hierüber
zugleich verstummenden irrdischen Göttinnen den Königlichen Saal räumen. Ich
gestehe es / sagte Rhemetalces / diese Enteuserung ist hundertfach rühmlicher /
als Xenocratens / der die geilen Umhalsungen der allgemeinen Phryne so teuer
nicht bezahlen wollen / und des Scipio / der die zu neu Cartago gefangene Braut
ihrem Luccejus unversehrt aushändigte. In alle Wege / versetzte Zeno. Dannenher
diese recht Königliche Entschlüssung nicht allein dem Huhansien die Gemüter der
Serer / welche der Keuschheit die Oberstelle aller Tugenden zueignen / ihren
Liebhabern nicht selten Ehren- und Sieges-Bogen aufsetzen / und den nach seiner
Gemahlin Tode nicht wieder heiratenden König Chungting noch jetzt nicht sattsam
zu rühmen wissen / ihm aufs festeste verknüpffte sondern sie ziehe auch eine
kräfftigere Würckung als der Blitz nach sich / welcher die gifftigen Tiere
entgifftet / die nicht-gifftigen aber vergifftet. Denn diese zwölff Jungfrauen /
welche zum teil sich schon in Gedancken mit dem grossen Huhansien inbrünstig
umhalset hatten / gelobeten ewige Jungfrauschaft; Die zeiter aber gegen des
Königs Liebkosungen allzulaue Syrmanis empfand augenblicklich eine Erweichung
ihres Hertzens / hernach eine ungemeine Zuneigung / und endlich die vollkommene
Krafft der Liebe; also / dass sie Not hatte selbte zu verhölen. Alleine weil es
leichter ist eine Schlange im Busen / das Feuer in der Hand / als die Liebe im
Hertzen zu verbergen / nahm der König in weniger Zeit nichts minder die
Veränderung ihrer vorigen Unempfindligkeit / als ihrer Blicke und Bezeigungen
wahr. Und weil nichts mehr als die Liebe leichtgläubig macht / so überredete ihn
seine Einbildung / dass er ihre Zuneigung täglich mehr als den zunehmenden Monden
wachsen sehe. In dieser stillen Hoffnung zohe der König mit dem Gross seines
Heeres / nach dem er den Sogdianischen Unter-König bei der Stadt Qveicheu / die
Gräntze Suchuens mit hundert tausend Mann zu beobachten / und ferner in dem
Reiche Huqvang einen festen Fuss zu setzen / hinterlassen /an dem Flusse Sung
Strom-auf biss zu der lustigen Stadt Ganhan. Daselbst belustigte sich der König
in dem Gebürge Co / welches mit eitel Granat-Aepffel-und Pomerantz-Bäumen
bedeckt ist; von dem man den zwölf-spitzichten / und mit neun Saltz-Brunnen
versehenen Berg Nanmin gleichsam zum Gegensatz selbiger Fruchtbarkeit liegen
sieht. Wie nun die Königin Syrmanis sich über dem mercklichen Unterscheide
dieser Gegend überaus wunderte / holete Huhansien aus seinem tiefsten Hertzen
einen beweglichen Seuffzer / und fing an: Ach vollkommenste Syrmanis! Gläubet
sie wohl / dass jener rauhe Fels / und diese von Fruchtbarkeit trieffende Hügel
einander unehnlicher sind / als der Lust-Garten ihres Antlitzes / und die
Unbarmhertzigkeit ihres steinernen Hertzens? Zweiffelt sie / dass jene
Saltz-Brunnen von so viel Wasser / als meine Augen über ihr heimliche Tränen
vergossen / nicht würden süsse gemacht worden sein? Da doch ich noch zur Zeit
kein Kennzeichen einer Empfindligkeit wahrnehmen kann. Unvergleichliche Syrmanis!
Ich erkenne ja wohl / dass kein Sterblicher ihrer Liebe / und die Herrschaft der
Welt nicht ihrer Vollkommenheit fähig sei; Aber verschmähe nicht Huhansien /
welcher in seiner Seele dir einen Tempel gebauet / in welchem er dir sein
selbsteigenes Hertz aufopffert / und die Oberherrschaft der Scyten unterwirfft
/ derer Siegen die Götter kein Ziel / den Reichs-Gräntzen die Natur kein Mass
gesetzet hat. Syrmanis überwand bei dieser zwar unvermuteten Ansprache alle
empfindliche Aufwallungen ihres Gemütes; ungeachtet sie Huhansien recht in ihre
Blösse traf. Daher neigte sie sich mit tieffster Ehrerbietung / und antwortete
dem Könige ohne die mindeste Veränderung des Antlitzes: Grossmächtiger Huhansien
/ ich würde diesen Fürtrag für einen Schertz /wo nicht für einen Traum
anzunehmen haben / dass der / dessen Herrschaft die Welt zu enge / dessen Tugend
der Himmel zu niedrig ist / seine Gewogenheit auf die unwürdige Syrmanis
absencket / wenn ich nicht bereit erfahren hätte / dass es dem Haupte der Scyten
ein geringes sei / Königreiche zu verschenken / und dass seine Gnade nicht mehr
auff seine Freigebigkeit als auff der beschenckten Würdigkeit ziele. Zwar
benimmet der niedrige Fuss einem hohen Colossen / und ein tieffes Tal einem
spitzigen Felsen nichts von seiner Grösse / und die Sonne streicht auch
irrdischen Dingen ein Licht an. Aber Heiraten erfordern eine anständige
Gleichheit. Die Natur selbst bleibt bei ungleicher Vermischung entweder
unfruchtbar / oder sie gebieret seltzame Missgeburten. Wie viel gekrönte Häupter
haben durch niedrige Vermählung den Hass der Königlichen Bluts-Verwandten / durch
fremde den Auffstand der Untertanen / beide aber den Untergang ihres Reichs
verursacht? Jedoch bekümmert mich nicht der Mangel eines grossen Braut-Schatzes.
Denn wer alle Tage eine halbe Welt gewinnen kann / dem darff man keine
Königreiche zubringen. Aber ich besitze auch nicht die Schönheit Roxanens / die
den grossen Alexander bezauberte /noch die Tapfferkeit einer Semiramis / welche
dem Gemüte Huhansiens beistimmete / das den Donner des Himmels nicht fürchtet /
und das Gewichte der Erdkugel überwieget. Würde nun nicht diese übermässige Würde
den wenigen Zunder meiner Tugend / wie allzu kräfftige Nahrung die natürliche
Wärmde eines schwachen Magens erstecken? Ziehe dannenhero /Huhansien / deine
Gedancken zurücke / welche insgemein unsere Vernunft versuchen / und unsere
Klugheit prüfen; Ob wir auch fähig sind gegen unsere Glückseligkeit genungsam
vorsichtig zu sein. Höre mich / deiner gegen mich tragender Liebe halber / auf
zu lieben; wormit sie bei dir nicht zum Eckel / bei mir zur Verachtung werde.
Heiraten sind ohne diss nichts minder ein Schwamm der Liebe / als die Zeit der
Wohltaten. Nim diss nicht an für ein Misstrauen zu deiner Beständigkeit.
Unverdiente Ehre fühlet ihre eigene Schwäche / und erfüllet das Hertze der
Unwürdigen mit dem Schatten der Furchtsamkeit. Und in Warheit / ich würde bei
besorglich herfürbrechender Unfähigkeit so wenig Gedult haben meine Verstossung
zu verschmertzen / als ich mich jetzt eines Verdienstes rühmen kann / den König
der Scyten zu umarmen. Schilt nicht diese meine Kleinmut. Vorhergehende Furcht
vermindert die folgenden Ubel /wenn sie sie schon nicht ablehnet. Vorgesehene
Streiche sind weniger schmertzhaft / und der muss stets mit dem Bleimasse in der
Hand / und mit Misstrauen im Hertzen fortsegeln / den das Glücke in seinen Nachen
hebet. König Huhansien ward durch diese Ablehnung nichts minder als die Flamme
durch Oel angezündet. Dannenhero wendete er all sein Vermögen an / das Gemüte
der Syrmanis zu gewinnen / und selbtes von dem Nebel aller Bedenckligkeit
auszuklären; also / dass sie sich länger nicht überwinden konnte / ihre
Gemüts-Regungen zu verdrücken / sie fiel ihm also zu Fusse mit diesen
Schluss-Worten: Hier lieget /Huhansien / deine Syrmanis / nichts minder zu deinem
Willen / als zu deinen Füssen. Ich schütze nun nicht mehr für unsere
Ungleichheit; Denn der die Mächtigen unterdrücken / die Hoffärtigen ins Joch
spannen kann / vermag auch der Verächtligkeit ein Ansehn beizulegen. Die Liebe
fängt bissweilen Zunder von unsern Gebrechen / wie ein schönes Antlitz herrlichen
Schein von gewissen Maalen. Ich bin zeiter durchs Verhängnis der Götter deine
Magd und Gefangene gewesen; Ich will von nun an sein deine Braut auff deine
Anschaffung / und sodenn deine Gemahlin / wenn mein Vater der Geten König
Cotison es erlauben wird. Glaube aber / dass die / welche dich in ihrer
Erniedrigung hertzlich geliebt hat / dich auf dem höchsten Trone der Welt
allererst anbeten werde. Huhansien unterbrach voller Freuden ihre Rede: Was
sagst du / holdseligste Syrmanis? Umarme ich hier die weltberühmte Tochter des
Cotison / welche das Bette des grossen Augustus verschmähet /und den unwürdigen
Huhansien erwehlet hat? Mit diesen Worten konnte er sich länger nicht mässigen sie
inbrünstig zu umarmen. Sie aber / um ihn alles Zweiffels zu benehmen / zohe
herfür etliche Schreiben des Käysers Augustus / sein und ihr mit Diamanten neben
einander köstlich versetztes Bildnis / welches sie stets an ihren Leib gebunden
trug / und daher noch aus dem Schifbruche mit zur Ausbeute davon gebracht hatte.
Der König wusste seine Vergnügung nun nicht mehr zu begreiffen / weniger seine
Liebe zu verhelen; Daher kehrte er nach etlichen Umarmungen mit der Königin
Syrmanis aus demselben Luststücke zurücke an einem annehmlichen Springbrunnen /
wo er seine Scytische Fürsten / mich und Oropasten verlassen hatte. Sein erstes
Wort war / sie sollten die Syrmanis nicht mehr als Königin in Suchuen / sondern
als des Getischen Königs Tochter / das Haupt der Scyten / und als die Braut
Huhansiens verehren. Wie seltzam nun diese geschwinde Verlobung Oropasten und
mir fürkam / so geschwinde zohen die Scytischen Fürsten ihre Sebeln aus /
schrenckten selbte so artig gegen einander zusammen / dass Syrmanis auf ihren
blancken Klingen einen ungefährlichen Sitz bekam. Massen sie denn andere darauf
Ehrerbietig erhoben / sie zu dem nicht weit entfernten Heere trugen / und sonder
einiges Wortverlieren durch diese einige Landes-Art zu einer Königin der Scyten
erkläreten. Das wegen allbereit ausgeübter Tapfferkeit ihr überaus gewogene Heer
empfing sie mit unbeschreiblichen Frolocken. Inzwischen umarmete sich der König
mit Oropasten / und endlich auch / weil er ihm meine Beschaffenheit kürtzlich zu
entdecken nötigte / mit mir. Wir kehreten hiermit alle gleichsam als ganz neue
Menschen in die Stadt Ganhan; allwo der König bald folgenden Morgen den
Unter-König der Sacken mit tausend Pferden in Gesandschaft an den Getischen
König Cotison abfertigte / und auff bewegliches Ansuchen endlich auch / wiewol
unter versicherter Zurückkehr / Oropasten nach mehr als Königlicher Beschenckung
mit zu reisen erlaubte / um durch ihn so viel mehr die väterliche Einwilligung
zu ihrer Heirat zu erlangen. Nach dem diese Stadt der Syrmanis gehuldigt hatte
/ und die herum liegenden Festungen besetzt waren / verfolgten wir unsern Zug zu
der an dem Flusse Kialing liegenden Stadt Pasi / allwo die Gesandten der grossen
Stadt Inping an dem Flusse Feu /welche ein rechter Schlüssel des Reichs gegen
das Scytische Reich Sifan ist / nicht allein die Schlüssel ablieferte / sondern
auch eine Gesandschaft des Königs in King / welches mit eitel Bergen umfestigte
Reich niemals denen solches ganz umschlüssenden Serern gehorchet / mit der
Königin Syrmanis ein Bündnis schloss. Die Begierde die Herrschaft durch die
Waffen zu erweitern / und durch Geschwindigkeit die Mutter des Glücks / in
Kriegen sich vollends des Reiches Xensi zu bemächtigen / ehe die Serer durch
neue Heeres-Krafft selbiges entsetzten / verbot uns alle Rastung; also musste das
Heer fast Tag und Nacht über den Fluss Tung / unter dem Gebürge Juntai / das
wegen seiner Höhe den Nahmen des Wolcken-Stuls bekommen / und so ferner
forteilen / biss es der König auf der Xensischen Gräntze unter dem fruchtbaren
Gebürge Tapa ausruhen liess. Denn Huhansien erlangte Kundschaft / dass zwar sein
durch die Wüste Kalmack oder Xamo / in das Königreich Xensi / welches zeiter
imer der Königliche Sitz gewest / ein gebrochenes Heer nach dem Abzuge Königs
Juen sich der festen Gräntz-Stadt Xamheu bemächtigt / hingegen die Serer in der
von eitel Felsen wie mit einer Mauer umgebenen Festung Ninghia / und an dem
ganzen Saffran-Strome / über welchen bei Ninghia von einem Berge zum andern die
in einem einigen Bogen bestehende viertzig Ruten lange / und nur von oben biss
ans Wasser funfzig Stangen tieffe Wunder-Brücke geht / feste gesetzt / wie
nichts minder nach verlautetem Anzuge der Scyten / mit einem drittern Heere
zwischen beiden Flüssen Han / und denen daran stossenden Gebürgen verschantzt
hätten. Huhansien traute ihm sonder Krieges-List hier ferner in Xensi nicht
durchzubrechen; Daher gab er seinem Heer öffentlich zu verstehen / dass er nicht
mit Wasser und Klippen Krieg zu führen verlangte / sondern linck- und west-werts
gegen der herrlichen Stadt Cungchang / wo der berühmte König Fohius geboren und
begraben ist / seine Mutter aber einen Ehren-Tempel aus eitel Porphyr hat
aufrichten lassen / abzulencken und den Feinden sodenn in Rücken zu gehen
gedächte. Unter diesem Vorwand schickte er zwantzig tausend Massageten biss an
den Fluss Sihan voran /und durch etliche kleine Hauffen liess er gegen das
feindliche Läger Kundschaft einholen; ja derer etliche mit Fleiss in die Hände
der Serer verfallen. Weil nun nicht allein alle Gefangenen einmütig zusammen
stimmten / sondern auch der Scyten Entschlüssung der Vernunft sehr ehnlich
schien; hoben die Serer mit höchst unvernünftiger Ubereilung mit Zurücklassung
kaum zwantzig tausend Mann ihr Läger auf / um den Scytischen zwischen dem
Gebürge Poching / auf welchem das unfruchtbarmachende Kraut Hoaco wächst / und
dem Berge Loyo / wo ein überaus grosser steinerner Löw aus dem Rachen ein
starckes Qvell aussprjetzt / fürzubeugen. So bald dieser Auffbruch dem Könige
Huhansien verkundschaftet ward / eilte er mit seinem ganzen Heere auff die
fast unüberwindliche und von Bisam und Zinober überaus reiche Stadt Hanchung zu
/ wo Lieupang der Stiffter itzigen Königlichen Geschlechtes Hanya zum ersten
wider das Haus Tschina die Waffen ergriffen / schwemmte in Gesichte des hierüber
erstarrenden Feindes / der über diesen Fluss nur mit Schiffen zu überkommen
möglich hielt / mit der Reuterei durch den Strom Han. Alles was sich widersetzte
/ fiel durch die Schärffe der Scytischen Sebeln. Ehe nun das Fuss- auff denen
eroberten Schiffen auch übergesetzt ward / berennte er die Stadt / um ihr alle
Hülffs-Völcker abzuschneiden / rings herum. Weil aber Pingli /der Enckel des
grossen Helden Changleang / in selbter das Oberhaupt war / setzte er ihm für ehe
mit seinem Blute die glüende Asche der Stadt auszuleschen /als mit Zagheit die
tapfferen Helden-Taten seines Grossvaters zu besudeln / und daselbst eine
Schand-Säule zu erlangen / wo jener den herrlichsten Ehren-Tempel verdienet
hatte. Ob nun zwar Huhansien anfangs durch sorgfältigste Verschonung seiner
hierum liegender Land-Güter und Lustäuser den Pingli bei den Serern zu
verdächtigen vermeinte; Hernach als dieser zu Ablehnung solchen Fallstricks /
wie für Zeiten Pericles zu Aten / seine Güter dem gemeinen Wesen zueignete /
gegen ihm seine grosse Versprechungen mit schrecklichem Dräuen vermischte / da
er sich seinen sieghaften Waffen länger widersetzte; entbot er ihm doch
hertzhaft zur Antwort: Worte wären nur ein Schatten von den Wercken. Diese
wären Männer / jene wären Weiber; Er aber versichert / dass seine siegende
Tapfferkeit ihn entweder zum Helden / oder sein Tod zum Gotte machen würde.
Huhansien ward hierüber erbittert / wiewol er endlich die Tugend in seinem
Feinde lieb gewinnen musste; ob schon ihm etliche Stürme zu seinem grossen
Schaden abgeschlagen wurden. Die Scyten wendeten alle Kräfften und
Krieges-Wissenschaften an / die Mauren zu zerschmettern / die Stadt mit
fliegendem Feuer zu ängstigen / die Bollwercke zu untergraben; aber die
Tapfferkeit der Belägerten trat als die festeste Mauer iederzeit in die Lücke /
biss endlich fast alle Wehren zerschellet waren / und König Huhansien / in
Meinung / dass an dieser Eroberung das ganze Reich Xensi / an seiner Abtreibung
aber auch der Verlust des eroberten Königreichs Suchuen hienge / oder weil das
Feuer und das edle Laster / nehmlich die Begierde seine Gewalt zu erweitern /
durch die Nahrung nur gereitzet / nicht ersättigt wird / und den Fürsten
insgemein nicht diss / was sie besitzen / sondern was ihnen abgehet / beliebet /
in Person die Seinigen zum Sturm anführete / den Feind durch unaufhörliches
Anlauffen abmattete / und endlich sich der Stadt stürmender Hand bemächtigte.
Ich hatte das Glücke der erste auff der Mauer zu sein; aber den Unfall / dass der
verzweiffelte Pingli / weil er sich alles Ermahnens unerachtet / nicht ergeben
wollte / als gleich schon die eroberte Stadt in ihrer eigenen Beschirmer Blute
schwam / er aber für Mattigkeit und von empfangenen Wunden lächsete / von meinem
Degen fiel. Huhansien setzte mir in dem Gesichte des ganzen Heeres einen
Lorber-Krantz / dem für der Zeit aber entseelten Pingli eine Ehren-Säule auf /
mit der Uberschrifft:
Zollt diesem Helden-Lob / nicht unglücksel'ge Zehren /
Mit diesem balsamt nur die Liebe Gräber ein.
Aus Helden-Asche blühn die güldnen Ehren-Aehren /
Die ein vernünftig Feind sich schämet abzumei'n.
Klagt nicht den frühen Todt / das kurtze Ziel der Jahre;
Sein ewig Ruhm verträgt der Zeiten Mässstab nicht.
Glückselig! dem sein Volck pflantzt Lorbern auf die Bahre;
Noch seliger / den selbst sein Feind hebt an das Licht!
Die Scyten waren noch in Blutstürtz- und Plünderung dieser grossen Stadt
begriffen; als dem Huhansien angedeutet ward / dass die Serer / welche die
Belägerung dieser Stadt von den Flüchtigen erfahren /beim Berge Tung zurücke
über den Fluss Han gesetzt / die Scytische Vorwache zurücke getrieben hätten
/und in voller Schlacht-Ordnung gegen die Stadt anzügen. Der König befahl mir
also fort mit denen noch im Läger auff allen Fall unverrückt gebliebenen
Kriegs-Völckern dem Feinde die Stirne zu bieten. Inzwischen brachte er in der
Stadt durch gewöhnliche Kriegs-Zeichen sein Volk unter ihre Fahnen. Ich war kaum
ein paar Stadien aus dem Läger fortgerückt / als der Serer Vortrab auff mich mit
grosser Ungestüm zu treffen kam. Sie verfolgten auch ihren Angriff mit einer so
beständigen Tapfferkeit / dass einer nicht unbillich gezweiffelt hätte: ob wir
hier eine ganz andere Art Feinde gefunden / oder ein neuer Helden-Geist nach so
grossem Verlust in die Serer gefahren wäre. Also ist die Verzweiffelung der
rechte Wetzstein der Tapfferkeit / und die euserste Not machet einen
ungewaffneten wider vier geharnschte zu fechten fähig. Hingegen reizte der
mehrmals erhaltene Sieg / welcher auch die Verzagten endlich behertzt macht /
die Scyten zu grösserer Tugend an. Ich drang nach blutigem Gefechte endlich in
die Mitte dieses Vorzugs /und riss dem Feinde die Haupt-Fahne / an welcher
zweiffels-frei eine rechtmässige Beschirmung anzudeuten / ein mit einem Adler
kämpffender Schwan nebst diesen Worten: Ich fordere nicht / aber ich schlags
nicht aus / gemahlet war / aus den Händen. Aber das grosse Heer der Serer /
welches des erlegten Königs Juen Bruder der unverzagte Zinem führete /brachte
den Vortrab bald wieder in Ordnung und uns ins Gedränge; also / dass ich zu
rechter Zeit vom Könige Huhansien und der streitbaren Syrmanis entsetzt ward. In
seiner Haupt-Fahne führte Zinem einen gekrönten Drachen der Serischen Könige
Kennzeichen /welcher etliche ihn antastende Schlangen verschlang /mit der
Beischrift: Ohne euch / wäre ich nicht /was ich bin. Beiderseits war so grimmig
gefochten /dass ich gestehe / niemals sonst auser nechstin unter dem Varus in
einem heisseren Bade gewesen zu sein. Ich kriegte für der Sonnen Untergange drei
Wunden; Huhansien und Syrmanis / welche Wunder taten /und mehrmals unter den
Feinden verwickelt waren /dass man sie nicht wusste / wurden gleichfals verletzt;
und dennoch vermochte weder die Mattigkeit noch die Nacht die verbitterten
Feinde von einander zu trennen / biss sich nach Mitternacht entweder der Himmel
beider erbarmte / oder so vielem Blutvergiessen nicht länger zuschauen konnte /
indem es mit einer kohlschwartzen Wolcke das Monden-Licht verhüllte / und also
gleichsam selbtes Gestirne ein Trauer-Kleid anzoh. Beide Heere wichen also mit
einem verstockten Stillschweigen zurücke. Auf den Morgen aber wurden wir gewahr
/ dass Zinem sich gar über den Fluss Han zurücke gezogen hatte. Die leere
Wallstatt stellte uns allererst recht das grausame Schauspiel der Schlacht mit
mehr als 100000. Leichen für; etliche tausend geköpfte Strümpfe wussten ihre
Häupter / andere ihre abgehackte Armen / Hände und Beine nicht zu erkiesen: Viel
hatten ihren Geist mit den Eingeweiden ausgeschüttet / andere ihre Seele unter
den todten Pferden ausgeblasen. Nicht wenig waren von der raschen Reiterei
zertreten / oder unter der Last der auf sie fallenden Leichen ersticket. Etliche
hielten noch mit den Zähnen die sie entseelende Feinde / weil ihnen keine
geschicktere Waffen übrig blieben waren. Zum Teil waren sie lebendig von dem
häuffige Staube begraben; viel bissen für Verbitterung in das Grass / weil die
Ohnmacht sie verhinderte ihren Feind zu erreichen; und eine Menge der
Verwundeten seufzete /rechelnde nach der Zertrennung des Leibes und der Seele /
weil sie bereit mit allzu langen Schmertzen auf dem Scheidewege des Lebens und
Sterbens geschwebet hatten / und wegen jenes Bitterkeit dieses für ihre Wolfart
erkieseten. Ja der Tod hatte allhier fast so vielerlei Gesichter angenommen /
als die Zahl der Todten oder noch Sterbenden ausmachte; also / dass König
Huhansien und Syrmanis sich selbst nicht von bittern Tränen mässigen konten;
hierüber er auch seufzende anfieng: Ihr entseelten Leichen / warumb verursacht
ihr mich euch zu beweinen? lasset vielmehr eure Geister über mich Tränen
auspressen / der ich euch selber der Wegweiser zum Tode gewesen bin! Also waren
diese erlegten Krieges-Leute zum minsten glückseliger / als die Weichlinge des
Xerxes /indem diese noch bei Leben mit weibischen / jene aber nach dem Tode mit
edlen Tränen beehret wurden / und zwei Königliche Häupter zu ihren
Klage-Weibern hatten. Unter den Todten / welche der König ohn Unterscheid
beerdigen / teils aber denen in weissen Trauer-Kleidern vom Fürsten Zisem
abgeschickten Serern / welche die Ihrigen im Vaterlande kostbar zu begraben
pflegen / zum Leichen-Gepränge ausfolgen liess / ward endlich auch Barcas der
vermisste Unter-König der Sacken gefunden / aber wegen vieler Wunden kaum
erkennet. Dieser war in seiner Kindheit eines seiner Bluts-Verwandten umb
künftig seinen Kindern sein reiches Erbteil zuzuschantzen ausgeschnidten worden
/ aber hierdurch hatte er das minste von seiner angebohrnen Tapferkeit eingebüsst
/und durch seine überaus treue Dienste sich zu eine Schoss-Kinde des Königs
gemacht. Der König konnte sich nicht entalten diese blutige Leiche zu umbarmen.
Nachdem sie auch abgewaschen war / liess er sie auf einem mit Purpur bedeckten
Prang-Wagen in die Stadt Hanchung führen / in welcher die eingefälleten Mauern
ergäntzet / die fast unzehlbaren Verwundeten aufs sorgfältigste gepflegt wurden.
Inzwischen lief Nachricht ein / dass die Serer sich gar zurücke biss an das
Gebürge Poching gezogen hatten; dahero reisete Huhansien / Syrmanis und ich /
mit einem ausgelesenen Kriegs-Volcke den Strom Han hinauf / den vom Feinde
verlassenen vortelhaften Ort zu besetzen /und hierauf den Wunder-Berg Yoniu /
oder die köstliche Frau genennet / zu besichtigen / weil die Natur auf selbtem
aus Marmel ein so schönes Weibsbild als immermehr Praxiteles gebildet. Wir
erstarreten für diesem Bildnüsse / und Huhansien wollte sich durch viel
Beteuerungen nicht bereden lassen / dass nicht ein Künstler die Hand mit im
Spiele gehabt / wenn ich ihn nicht versichert / dass ich selber viel Steine /
und insonderheit Agaten gesehen hätte / in welchen Städte / Schlösser / Bäume /
Vögel / Fische / vierfüssichte Tiere / Schlangen / ja Menschen aufs deutlichste
wären ausgepregt gewest / und dass in dem Lande Fokien / bei der Stadt Yecheu der
von der Natur gleichsam als einem künstlichen Pinsel mit Bergen / Flüssen /
Bäumen und Blumen durchmahlete Marmel ganz gemein wäre. Der Berg Apennin
bildete hin und wieder Brust-Bilder / das Vor-Gebürge bei Scylla einen
niedergeschlagenen / ein Melitensischer Berg einen gehangenen Menschen / ein
ander bei Panormus eine Müntze mit des Käysers Bildnüsse / das Gebürge an der
äusersten Sud-Spitze in Africa ein deutliches Antlitz ab / welches entweder aus
blossem Zufalle durch die Krafft des flüssenden Saltzes / oder weil die Natur
zuweilen ein rechtes Tier (wie man denn in dem Reiche Huquang an dem Berge
Xeien viel versteinerte Schwalben findet / und sie zur Artznei brauchet) durch
ihre versteinernde Krafft in einen wahrhaften Stein oder etwas flüssendes / das
etwan in einem weichen Behältnüsse eine gewisse Gestalt bekommen / in Crystall
oder Agt-Stein / darinnen ohne diss nicht gar ungemein Fliegen / Spinnen und
Nattern herrlich begraben gefunden werden / durch überaus heftige Kälte / oder
andere zusammenziehende Magnetische Krafft / die in allen Dingen stecket / und
seines gleichen an sich zeucht / verwandelt werde. So könten sich auch in die
wachsenden Steine allerhand Saamen von Bäumen und Kräutern einmischen / und zu
solchen Abbildungen helffen / wie man auf dem höchsten Gemäuer wegen des durch
Wind und Vögel dahin gebrachten Gesämes allerhand Gewächse / ja starcke Bäume
aufwachsen sehe. Hertzog Herrmann brach hier ein / und meldete: Dass in dem
Hercynischen Walde sehr oft artliche Steine mit gebildeten Tieren gefunden
würden; und an dem Norwegischen Gebürge stellte ein Berg einen verkappten
Menschen für. Zeno fuhr fort: Es wäre die Welt mit diesen Wundern ziemlich
angefüllt / ja die Wolcken pflegten uns nicht selten ganze Geschichte
fürzubilden; aber das erwähnte wunder-würdige Frauen-Bild überträffe seinem
Urteil nach alles Spielwerck der Natur. Jedoch gäben demselben wenig nach zwei
Felsen im Reiche Kiamsi / da der höchste einen Drachen / der niedrigere einen
Tiger / welche gegen einander zu rennen scheinen / der Berg Ky in Kiangsi bei
der Stadt Qucilin einen Elefanten / und der Berg Packi in Xensi einen Hahn / der
für dem Ungewitter ein grosses Getöne von sich gäbe / den Hügel Mainen bei
Sangku zwei sehr grosse Augen / dariñen der Apfel / wie auch das schwartze und
weisse von der Natur vollkomen unterschieden / die Spitze auf dem Gebürge Lo bei
Chiuing aber sieben und zwantzig vollkommene Menschen-Bilder eigentlich
darstellten. Dieses hätte auch den König Huhansien verursacht / dass er einen
gegenüberstehenden Berg durch eine unglaubliche Menge Xensischer Einwohner zu
einer Spitz-Säule /wie die Egyptischen wären / aushauen / und aus köstlichem
Ertzt das Bildnis seines geliebten Barcas auf die Spitze setzen / darunter aber
graben liess:
Was Mann und Vater macht / das schnidt der Stahl mir ab /
Doch hat der Stahl mir auch / was Helden macht / erworben /
Der was den Gliedern fehlt / dem Hertzen wieder gab.
Bin ich auch gleich ietzt hier durchs Feindes Stahl gestorben /
Muss doch der Scyten Haupt aus Ertzt mir Bilder weihn /
Darein der Nach-Ruhm schreibt mein Lob mit Demant ein.
    Unten an dem Fusse des gespitzten Berges stand in den Fels eingegraben:
Ihr Riesen von Gemut' / und auch ihr neid'schen Zwerge
Die hoher Tugend Glantz meist in die Augen sticht;
Missgönn't diss Ehren-Mahl dem edlen Barcas nicht /
Sind doch die Helden gröss- und seltzamer / als Berge.
    Die Freigebigkeit des Königs Huhansien / in Beehrung wohl-verdienter Helden
/ sagte Hertzog Jubil /ist ein unfehlbares Kennzeichen / dass er selbst viel
ruhmwürdiges an sich gehabt habe. Denn diese zünden der Tugend mit einer
begierigen Freudigkeit Weirauch an / weil sie selber von so süssem Geruche etwas
mit genüssen. Unverdiente Leute aber sind hierinnen die kärgsten; sintemal sie
das Lob der Tugend dem Gelde gleich achten / dessen man so viel weniger behält /
als man davon ausgibt. Weil über diesem Ehren-Maale gearbeitet ward / sagte
Zeno / verfolgte der König Huhansien mit dem grösten Teile seines Heeres den
Feind / machte auch seinem zeiter durch tapfere Gegenwehr der Serer an dem
Saffran-Flusse aufgehaltenen Unter-Könige in Tibet Lufft / dass er mit seinen
200000. Mann über solchen Strom setzen konnte. Inzwische befahl mir der König mit
100000. Mann mein Heil gegen dem Königlichen Sitze und der überaus grossen
Haupt-Stadt Sigan zu versuchen. Wiewohl ich nun nicht wusste / ob diss aus grossem
Vertrauen / oder wegen scheinbarer Unmögligkeit mich ins Verderben zu stürtzen
geschahe / indem der Weg von Hanchung dahin von des Königs Lieupang
welt-berühmtem Feldherrn Changleang mit vieler 100000. Menschen unglaublicher
Arbeit durch die Himmel-hohen Stein-Klüffte gehauen worden / welche nah auf
beiden Seiten die zwölf Ellenbogen weite Strasse derogestalt verdüstern / dass
die Sonne niemals darein scheinen kann. Uber diss besteht das dritte Teil dieser
30. deutscher Meilen langen Strasse an wunderwürdigen Brücken / welche über so
hohe Täler / dass einem hinunter zu schauen grauset / von einem Berge zum andern
gebaut / und von hohen Pfeilern unterstützt / auf der Seiten aber mit 7. fast
unüberwindlichen Festungen verwahret sind. Der Mangel einiger Beiwege nötigte
mich diesen Pfad auf des Königs Befehl / welche ausser Augen zu setzen keine
Todes-Gefahr erlaubet / inne zu halten. Ich fand aber den ersten Tag alsbald
zwar eine Festung verlassen / aber die Brücke abgeworffen; also / dass die
Scyten mich fragten: Ob ich ihnen Flügel geben könnte über diesen Abgrund sich
zu schwingen? Nichts desto weniger sprach ich ihne ein Hertz ein / stellte ihnen
für Augen: Wie die Scyten ohne unausleschliche Schande nicht für unmöglich
halten könten / was die Serer vermocht hätten vorzutun. Also legte alles /was
sich nur regen konnte / Hand ans Werck / die Pfeiler zu ergäntzen / die
abgeworffenen Dielen empor zu ziehen / und hiermit ward zu meiner selbst eigenen
Verwunderung eine Brücke einer Meile lang ergäntzet. Noch schleuniger ward ich
mit der andern nicht viel kleinern Brücke fertig / weil die Scyten schon die
Handgrieffe etwas besser gelernt / auch aus der Stadt Hanchung viel Bauzeug und
Werckleute herzu geschleppt hatten. Zu der drittern kamen wir als die flüchtigen
Serer / die sich hier sicherer als in der Schoss ihrer Schutz-Götter schätzten /
selbte abzubrechen allererst den Anfang machten / und ich mich also derselben
und etlicher tausend Serer bemächtigte. Diesen liess ich alsofort ihre Kleider
aus- und den Scyten anziehen / mit welchen ich die vierdte Brücke und die
darbei besetzte Festung durch Krieges-List /indem sie ihnen von keinem Feinde
träumen / die halb-bewachten Pforten auch unverschlossen liessen /eroberte / und
in selbter des Unter-Königs in Sigan Sohn / als obersten Befehlhaber / gefangen
bekam. Zwei folgende Schlösser und Brücke fanden wir ganz unbesetzt; bei der
äusersten und grösten aber kam unser Glück ins stecken; denn da war nicht allein
die überaus lange Brücke abgebrochen / sondern auch in das Tal wie in den
höllischen Abgrund nicht ohne Grausen zu schauen / und die gegen über liegende
Festung mit viel tausend Serern verwahret. Weil ich nun die Unmögligkeit geraden
Weges aus diesem Gedränge zu kommen für Augen sah; liess ich einen Preis von 10.
Talent Silbers ausruffen / wenn iemand einen Seiten-Weg ausspüren würde. Dieser
Lohn gewan alsbald einen gewinnsüchtigen Serer / welcher meinem Volcke und
hiermit auch mir einen Fuss-Steig gegen der Stadt Linchang über den Berg Limon
weisete / darauf ich selbst mit Verwunderung einen Brunn fand / der wie der
Albunische See bei Tibur oben eisskalt / unten aber siedend-heiss ist. Daselbst
leitete mich eine entspringende Bach bei nächtlicher Zeit biss an das Ende des
durchbrochenen Gebürges. Ob ich nun zwar der Haupt-Stadt Sigan nur aüf 30.
Stadien entfernet war / hielt ich doch für ratsamer den noch in dem Gebürge
befestigten Feind zu überfallen / und also der Scytischen Keiterei den Weg zu
öffnen. Diese Entschlüssung gelückte mir bei anbrechendem Morgen so wohl / dass
mein Volck sich ehe auf dem Walle befand / ehe der Feind zu den Waffen grieff /
und deswegen auch die / welche sie in Händen hatten / entweder aus Verzweifelung
/ oder ihrem Andeuten nach / weil sie die Scyten bei ihrem Uberfalle nicht mehr
für Menschen / sondern für Götter zu halten angefangen hatten / zu Bodem
warffen. Diese Gefangenen mussten nun selbst die zerscheiterte Brücke wieder
bauen / und ihrem Feinde seinen Siegs-Weg bähnen. Allhier hatte König Lieupang
dem Stiffter dieses wunderwürdigen Felsen-Bruchs Changleang zu Ehren an den
Gipfel des höchsten Felsen mit sechs Ellen langen Buchstaben folgende Reimen
eingraben lassen:
Dass Changleang furs Reich Verstand und Sebel wetzet
Die Mauern åschert ein / und Volcker tritt in Kot /
Durch unser Feinde Blut den Saffran-Fluss macht rot /
Hat ihm den Lorber-Krantz der Helden aufgesetzet.
In dem wird aber er fur mehr als Mensch erkennet /
Dass er den Abgrund båhnt / Gebürge reisst ein;
Denn in der Gotter Hand beruhen ja allein
Die Schlussel der Natur / und Blitz / der Felsen trennet.
    Also verrichtet ein grosses Hertz und ein kluger Kopf wohl herrliche Wercke;
aber eine beredte Zunge oder eine gelehrte Feder muss selbten einen Firnüss
anstreichen; welchen denn dieses Wunderwerck meinem Urteil nach wohl verdienete
/ als gegen welchem die Arbeit des Xerxes / der dem Berge Atos einen
lächerlichen Dräu-Brief / dass er nehmlich ihn / da er sich übel durchgraben
lassen würde / ins Meer stürtzen wollte / geschrieben / und ihn hernach mit einem
nur 1500. Schritte langen Durchschnitte von dem festen Lande abgesondert; wie
nichts minder der vom Lucullus durch den Berg Pausilippus gehauene Weg /welchem
bei den Serern einer durch den Mingyve gleichet / für einen blossen Schatten zu
achten ist. Ja wenn ich an der Scyten Durchbruch über diese Klippen nicht
Anteil hätte / unterstünde ich mich ihn des Hannibals Reise über das
Pyreneische Gebürge weit fürzuziehen. Daher ich jener Uberschrifft gegen über an
einen Fels mit nicht kleinern Buchstaben eingraben liess:
Zermalmen Fels und Klufft / und durch Geburge brechen
Von Berge biss zu Berg auf Meere Brucken baun /
Den Schiffen eine Bahn durch Land und Klippen haun /
Låst unter menschliches Erkuhnen sich wohl rechen.
Dass aber über Wolck' und Berg der Scyte klettert /
Und ubern Abgrund klimt / den auch ein Vogel scheut /
Wenn ein gewaffnet Volck ihm Tod und Mord gleich dreut /
Das hat Huhansien im Leben schon vergottert.
    Hertzog Herrmann bezeugte über diesen Heldenmässigen Taten eine sonderbare
Vergnügung / und gab gegen dem Fürsten Zeno zu verstehen / dass er in diesem
wichtigen Vornehmen nichts minder einen vollkommenen Staats-Klugen / als einen
tapfern Feldherrn abgebildet hätte; da er zwar dieses Gebürge erobert / in dem
seinem Könige aufgerichteten Ehrenmahle aber seiner so gar vergessen. Denn ein
Diener sollte niemals aus seinen Taten ihm einen Ruhm erzwingen; sondern das ihm
zugestossene Glücke alleine der vernünftigen Leitung seines Fürsten zuschreiben;
in Erwegung / dass auch der geschickste Ruderknecht mit seinem Schweisse nichts
zu Umbwendung eines Schiffs helffe; sondern an der einigen Hand des
Steuer-Mannes die Einrichtung der ganzen Fart hänge. Bei so gestalten Sachen
wird er durch seine Tugend ihm gehorsame / durch die Entäuserung seines
Eigenruhms sich zwar auser Neid / nicht aber ausser Ehre setzen. Hingegen ist
nichts verächtlicher /als wenn ein Diener sich eines ihm etwan gelückten
Streiches zur Eitelkeit missbraucht / und seinem Ehrgeitze selbst einen
Lorber-Krantz auffsetzt / aus Unwissenheit / dass der / welcher sich seines
rühmlichen Verhaltens am wenigsten mercken läst / seinen Ruhm vergrössere;
gleich als wenn der dieses desshalben selbst verdrückte / weil er ihm noch weit
ein mehrers auszurichten getraute. Ein kluger Diener hat hierinnen zu seinem
Leit-Sterne und Vorbilde das Auge; welches zwar alles ausser ihm / sich aber
selbst nicht sehen kann; und des Spiegels / der in ihm alles / sich aber selbst
nicht abbildet. Aus dieser Ursache ziehe ich unser deutschen Ritters-Leute
Absehen allen andern für. Denn ihre erste Pflicht bestehet in dem / dass sie das
Vaterland beschirmen / für ihren Fürsten ihr Blut verspritzen / alle ihre Taten
aber / ja auch alle Glücksfälle ihm zueignen. Also kämpffen die Fürsten für den
Sieg / die Ritterschaft aber für den Fürsten. Diese sind in ihrem Reiche / was
die erste Bewegung unter dem Gestirne / und das Gewichte in den Uhren. Die Räder
/ in denen das ganze Kunstwerck stecket /sind die Diener / welche insgeheim und
im verborgenen die Zeit und die Geschäfte abmessen sollen. Ja wenn auch ein
nachlässiger Fürst sich aller Herrschaft entschlägt / und nichts minder die
Erfindung und Anstalt als die Ausübung eines Wercks von einem Diener herrühret /
so soll er doch seinen Fürsten für den Weiser in der Reichs-Uhr achten / welcher
öffentlich als die Richtschnur der Menschen die Stunden anzeiget; ungeachtet er
in sich selbst keine Bewegung hat / oder bei der Sache etwas tut. Denn Diener
sind nur Gefärten der Arbeit / nicht der Gewalt und Ehre; blosse und meist
entbehrliche Werckzeuge / nicht Urheber; Schatten / keine Sonnen / welche
alsofort verschwinden / wenn sie sich unvorsichtig ans Licht machen. Die
hellesten Sterne und der Monde das grosse Nacht-Licht büsset feinen Glantz ein /
wenn sie sich an ihrer Finsternis nicht vergnügen / sondern der Sonne zu nahe
kommen / und sich mit ihren Strahlen bekleiden wollen. König Hippon in
Britannien liess seines hochverdienten Krigesobersten Aletodobals ruhmrätige
Ehren-Seule abbrechen und zerschmeltzen / die er aus seiner Feinde Ertzt hatte
giessen lassen; und als er ihm gleich die Eroberung Caledoniens anzuvertrauen
ihn aus Not nicht übergehen konnte / gewährte er ihn doch aus Gramschaft seiner
Bitte nicht / dass er dem Könige den Steigbügel hätte küssen mögen. Noch in
tiefere Ungnade verfiel Cornelius Gallus beim Augustus / weil er ihm in Egypten
viel Ehren-Seulen auffstellte / seine Geschichte in die Spitz-Seulen grub; ja
die Ungedult zwang ihn ihm selbst vom Leben zu helffen. Hierentgegen starb
Agrippa in unversehrter Gnade / der zwar der Urheber und Werckzeug aller grossen
Siege und herrlichen Gebäue war / hierbei aber sein ganz vergass / dem gemeinen
Wesen den Vorteil / dem Käyser die Ehre zuschrieb; oft auch gar / um das
Glücke zu mässigen und seinem Fürsten nicht zu sehr in die Augen zu leuchten sich
seines Vorteils nicht bediente; Also den Cneus Pompejus zwar zur See schlug
/ihn aber gar nicht verfolgte. Den gewissesten Verderb aber zeucht nach sich /
wenn man die Liebe des Volcks / und den Zuruff des Pöfels gegen sich erwecket.
Daher soll ein Feld-Oberster nach erhaltenem Siege lieber des Nachts und einsam
nach Hofe komen / um die Ehrerbietung der Bürger zu verhüten / nach geendigtem
Kriege sich des Hofes entschlagen / und sich zur Ruhe begeben / wormit er mit
seinem Glantze andere müssige nicht verblende / hingegen aller ihrer Missgunst
gegen sich errege. Ja wenn ein Fürst auch selbst einen Diener allzu hoch ans
Licht stellen will / hat er so viel mehr Ursache sich selbst zu verdüstern. Denn
die Sonne zeucht die niedrigen Dünste der Erden no comma? / ja auch zu keinem
andern Ende empor / als dass sie selbte hernach wieder zu Bodem drücke. Wie viel
Fürsten haben ihre treuen Diener zu Reichs-Gefärten erkieset / ihre Bilder den
ihrigen gegenüber / oder in die Reihe ihrer erlauchten Vorfahren gesetzet / ihre
Taten auff güldene Müntzen geprägt / sie für Väter des Fürsten / für Beschirmer
des gemeinen Wesens ausruffen lassen; selbte aber hernach aus einer blossen
Eiversucht in Staub und Kot getreten. Sintemal der Schatten ohnediss insgemein
denselben Cörper / worvon er fällt / an Grösse übertrifft / und ihn daher so
viel mehr in die Augen sticht. Dahero sagte Cyaxares: Er könnte ehe das seinen
Meden angetane Unrecht verschmertzen / als fremden Wohltaten zuschauen / die
einer seinem Volcke erzeigte. Denn dieses sollte nichts minder als eine Ehfrau
alleine von ihres Ehemannes und Fürsten Liebe wissen / also nur auff ihn die
Augen haben. Und hiervon rühret: warum Fürsten meist mittelmässige Leute /die den
Geschäfften gewachsen / aber nicht überlegen sind / in hohe Aempter erheben /
die fürtrefflichsten Köpffe aber entweder nicht befördern / oder hernach wenn
sie dem Fürsten das innerste ihres Hertzens ausnehmen / oder ihre Klugheit zur
Richtschnur aller Ratschläge eindringen wollen / absetzen. Ja ein Diener soll
nicht nur mit seinem eigenen Tun seines Fürsten Hoheit verdüstern / sondern
auch alles fremde Schattenwerck aus dem Wege räumen. Daher dem Parmenion für
eine ungemeine Klugheit ausgedeutet wird / dass er in Morgenland alle alte Tempel
des Jasons zerstörte / wormit der Nachwelt nur seines Alexanders Gedächtnissmahle
im Gesichte bleiben möchten. Hertzog Arpus bekräfftigte diese Gedancken des
Feldherrn nicht allein / sondern erstreckte selbte auch auff andere / ja selbst
auff Fürsten / dass sie ihre Taten zu keinen Wunderwercken / und ihre Verdienste
zu keinen Riesen machen sollten. Denn denen Ehrsüchtigen hinge nicht nur von
ihren Oberherren / sondern auch von ihres gleichen / ja von denen einerlei Werck
fürhabenden Gefärten Gefahr zu. Der eifersüchtige Hercules hätte sich über den
bei Stürmung der Stadt Troja unter dem Könige Laomedon zu erst über die Mauer
kommenden Talemon so verbittert /dass er ihn erwürgt hätte / weñ er nicht von dem
verschmitzten Talemon durch Zusammenlesung der Steine wäre begütigt worden; Aus
welchem dem grossen Uberwinder Hercules ein Altar gebauet werden sollte. Sich
klein machen und grosse Dinge ausrichten / wäre eine zweifache Tapfferkeit / und
eine sichere Schadloss-Bürgschaft. Marius hätte in diesem Absehen den Tempel der
Ehre zu Rom so niedrig gebaut / als kein anderer sonst daselbst wäre. So
demütig sollten nun alle sein / welche nicht unwürdig in selbten gehen wollten.
Die klugen Baumeister setzten die vollkommensten Seulen unten / die nur aus dem
Gröbsten gearbeiteten in die Höhe; wormit ihre Ferne die Fehler /und das Urtel
die Augen betrüge. Die Mässigkeit des Gemütes aber wäre das Kennzeichen einer
durchgehends vollkommenen / und unauffgeputzten Tugend. Der stinckende Rauch des
Ehrgeitzes führe mit Gewalt in die Höhe. Die reine Flamme der Hertzhaftigkeit
brennte zu unterste. Die todten Leichen schwimmen auff dem Meere oben; Die von
Perlen und Purpur reiche Muscheln aber blieben in dem Grunde liegen. In der
kleinen Welt schwebte das Hertz unter der Lunge / und in der grossen die Sonne
unter dem ungütigen Saturn; da doch beide der Natur und dem Menschen das Leben /
wie ein kluger Fürst seinem Volcke den Wohlstand gäben.
    Fürst Zeno rötete sich über den ihm durch dieser Verachtung der
Ruhmrätigkeit zuwachsendem Lobe / und sagte: Er hätte bei Eroberung dieses
Gebürges für sich selbst so wenig denckwürdiges begangen /dass er nicht so wohl
aus einer so tieffsinnigen Klugheit / als aus Mangel der Verdienste seines
Nahmens in gedachter Uberschrifft vergessen hätte. Weil er aber sich darinnen
nach dem Maasse seines Unvermögens beschieden / hätte ihm das Glücke / welches
denen insgemein den Rücken drehet / die seine Gutwilligkeit für eigene Weissheit
verkauffen / den warhaften Preis solcher Bemühung zugeworffen / nehmlich die
Eroberung der drei Meil Weges grossen Haupt-Stadt Qvanchung oder Sigan / welche
der zweien Königlichen Geschlechter Chera und Tschina / und nun auch des
drittern Hana Sitz gewest. Denn ob zwar diese mächtige und feste Stadt bei
unserer unvermuteten Ankunft zu den Waffen griff; die Einwohner auch weder
durch die Bedräuung der Scyten / noch durch das traurige Beispiel der durch
Sturm übergangenen Stadt Hanchung zur Ubergabe sich bewegen lassen wollten; so
fiel sie doch entweder durch Kleinmut / oder durch übermässige Vaterliebe durch
Schwerdtschlag in unsere Hände; indem der darinnen sich befindende Unter-König
mir selbst in Geheim des Nachtes die eine Stadt-Pforte öffnete / als ich gegen
dem Königlichen Pallaste ein hohes Creutz aufrichten / und ihn bedräuen liess /
dass ich auff den Morgen seinen im Gebürge gefangenen Sohn daran nageln wollte.
Hertzog Herrmann fing hierüber an zu ruffen: Ob er nicht auff den Morgen diesen
verräterischen Unter-König selbst ans Creutz geschlagen hätte? denn der /
welcher wider sein eigenes Volck den Degen auszüge / setzte nicht nur ihm das
Messer an die Gurgel / sondern auch der / welcher sein Geblüte oder sich selbst
lieber als das Vaterland hätte; und nicht lieber mit dem redlichen Temistocles
sich durch getrunckenes Ochsen-Blut auffopfferte / als er ihm etwas zu Leide
täte. Und ich weiss nicht / ob die unbarmhertzigen Mütter zu Cartago / die
wider Feind und Pest ihre unmündige Kinder / derer sich auch die Feinde erbarmen
/ auff die glüenden Opffer-Tische geleget / und durch derselben Blut von den
Göttern Friede zu kauffen vermeint / um derer Leben man sie am andächtigsten
anrufft; mehr ein grausamer Laster zu ihrer Artznei gebrauchet / als die /
welche ein Kind zu erhalten ein ganzes Volck ins Verderben stürtzen. Uber diss
zweiffele ich / dass es des Fürsten Zeno Ernst gewesen sei / einem
unerschrockenen Helden wegen seiner Treue ein so blutiges Trauer-Spiel
fürzubilden. Massen denn insgemein solche Dreuungen nur Versuchungen weibischer
Gemüter /nicht beständige Entschlüssungen sind. Marcomir bekam einesmahls den
Fürsten der Hermundurer gefangen; Ob er ihn nun schon auff eine Trauer-Bühne /da
ihm der Hencker den Kopff für die Füsse legen sollte / steigen liess / vermochte
er ihm doch keinen Befehl auszupressen / dass sich eine seiner Städte ergeben
sollte. Und wie diese Beständigkeit ihm damals nicht den Kopff verspielte; also
gewan er zum Vorteil noch einen unsterblichen Nahmen bei der Nachwelt.
    Zeno lächelte hierüber / und meldete: Er wäre niemahls der Tugend so feind
gewest / dass er sie an seinem Feinde mit einer so ungerechten Rache hätte
bestraffen sollen; hingegen wäre dieser kleinmütige oder vielmehr
verräterische Stadtalter den seinigen ein Greuel / den Feinden eine Verachtung
worden. Die Lossgebung aber seines Sohnes erwarb uns nicht alleine diese fast
unzwingbare Stadt / sondern den von etlichen tausend Jahren gesammleten
Königlichen Schatz zum Lösegelde. Ich bin nicht nur ohnmächtig den unschätzbaren
Reichtum zu beschreiben / sondern meine Erzehlung würde auch denen
Leichtgläubenden verdächtig fürkommen. Unter allen Schätzen aber wurden für den
köstlichsten gehalten / zwei grosse sich nach Art des Monden-Steines nach dem
Zu-und Abnehmen dieses Gestirnes an der Farbe verändernde Perlen; welche
desshalben auch die Perlen des klaren Monden genennet werden / und von dem Könige
Hiaovus bei dem Eylande Hytan in einem Fisch-Netze sollen gefangen worden sein /
nachdem er vorher auff Anleitung seines Traumes einen geangelten Fisch frei
gelassen. Und in Warheit wer selbte Perlen gesehen / wird sie unzweiffelbar
derselben / die Julius Cäsar seiner Buhlschaft Servilia des Brutus Mutter
teuer erkaufft / und denen / welche König Porus an seinen Ohren getragen /
welche die verschwenderische Cleopatra um den Antonius an Kostbarkeit zu
übertreffen / im Essige zerlassen eingeschluckt / fürziehen; und es dürffte
selbte nicht nur Lucius Plancus einer noch reichern Königin aus den Händen
reissen; sondern es würde der wollüstige Clodius / Esopens Sohn bei ihrem
Anschauen sein und seiner Perlen-trinckenden Gäste üppigen Gaumen mässigen.
Rhemetalces setzte allhier bei: Ob er zwar auff die Eitelkeit der Perlen und
Edelgesteine / welchen weder Nutz noch Notdurfft / sondern allein die
Verschwendung einen so hohen Preis gesetzt hätte / indem die ihnen
zugeschriebene Tugenden meist ertichtet / der Demant zu dem geringsten nütze /
der so teure Bezoar in der Artzenei ein blosser Betrug wären / wenig hielte /
so möchte er doch diese Perlen ihrer Farben Veränderung halber wohl sehen; wo es
anders ohne Zauberei geschehe. Denn ob er wohl einen Türckis einst zu schauen
kriegt / der bei seines Besitzers Tode erblasset / und mitten durch einen Ritz
bekommen / bei Uberkommung eines neuen Herrn aber sich wieder gefärbet und
ergäntzet hätte; und einem zu Rom / der eines Fürsten in Gallien gewest / so
glaubte er doch nicht / dass solches aus naturlichen Ursachen geschehen sei.
Nichts weniger wären ihm verdächtig zwei bei einer Fürstin aus Gallien
gleichfals gesehene Diamanten / welche oft andere ihres gleichen geheckt
/gleich als die Steine auch lebten / und sich durch Vermählung vermehrten.
    Zeno begegnete ihm: Es wäre an diesen Perlen so wenig zauberisches / als an
dem sich ebenfalls mit seinem zugeneigten Gestirne verwandelnden Monden-Steine;
indem er mit dem leuchtenden Monden nicht nur leuchtete / sondern auch nach dem
Ab- und Zunehmen seine ganze und halbe Gestalt abbildete /und denen bei den
Serern häuffig wachsenden Rosen gleichte / welche alle Tage bald schneeweiss /
bald Purpur-färbig sind. Uber diss findet man in diesem Reiche Xensi noch andere
Steine / die sich mit dem Monden wie das Meer vergrössern und verminderen; wie
auch in dem Reiche Kiamsi auff dem Berge Xangkiu einen Stein in Gestalt eines
Menschen / der mit der Lufft seine Farben verwandelte / und die Veränderung des
Gewitters ankündigte. Der Feld-Herr fing an: Ich bin wohl kein Götzen-Knecht
todter Eitelkeiten; unterdessen halte ich diese zwei Perlen für ein
Meisterstücke der Sonnen / ja auch des Monden /und glaube / dass nach derselben
Fischung der Erdbodem mehr Reichtum besitze als das Meer / dessen Schätze sonst
alle Köstligkeiten der Gebürge wegstechen sollen. Ich bilde mir auch ein / dass
wenn die Indianer der alten und neuen Welt diese zwei Wunder-Perlen zu Gesichte
bekämen / jene ihren Affen-Zahn /diese ihren Schmaragd unangebetet lassen würden
/ob schon dieser die Grösse eines Strauss-Eyes haben soll.
    Höret aber / fuhr Zeno fort / wie das Kriegs-Spiel auff der andern Seite mit
den Serern verwandelt hatte; indem König Huhansien / als er seinem im Gebürge
Poching befestigtem Feinde nicht beikommen können / über den Fluss Sihan / und
Yao gesetzt / daselbst sein ander Heer über den Saffran-Fluss an sich gezogen /
und mit dieser schrecklichen Macht die Stadt Lieiao stürmender Hand / Tienxin
aber die Begräbnis-Stadt des grossen Fohius mit dräuen / welchem eben zu selber
Zeit der Berg Xecu oder die steinerne Drommel genennt / zum Zeichen eines
grossen bevorstehenden Ungemachs durch sein schrecklich Getöne zu statten kam /
eroberte / und als die Serer selbte zu entsetzen / wiewol zu spät / ankamen /
selbige abermals aufs Haupt erlegte. Allhier erlangte der König Nachricht von
der Ubergabe der Hauptstadt Quanchung; Daher liess er die Königin Syrmanis mit
dem grösten Teile des Heeres für die Stadt Ganti an dem Flusse King rücken /
und zugleich denen flüchtigen Serern in den Eisen liegen; Er aber eilte nach der
Stadt Fungziang an dem Flusse Ping / welche ihm die Schlüssel biss zu der Stadt
Lung entgegen schickte /weil sich ihr gewöhnlicher Glücks-Vogel / den sie für
den Arabischen Fenix halten / abermals hatte sehen lassen / und ihrer Auslegung
nach unter dem Schirme Huhansiens ihnen grossen Wolstand verkündiget. Von dar
kam er in wenig Tagen nach Quanchung /von dar ich inzwischen mich der Festungen
Hoa und Jao / ja des ganzen Strichs biss an den Saffran-Fluss bemächtiget hatte.
Er umarmte mich allhier mit grosser Vergnügung / ging auch mit mir nun nicht
mehr als mit einem fremden Fürsten / sondern wie mit seinem Bruder um. Aus dem
Königlichen Schatze hiess er mich nehmen / was mir gefällig wäre / der Königin
Syrmanis aber / von welcher in etlichen Tagen die Eroberung der Stadt Gante
berichtet ward / schickte er die zwei köstlichen Perlen oder Steine des hellen
Monden / mit diesen Zeilen:
Nim diese Perlen an / du Perle dieser Welt /
Wächst und verfällt ihr Glantz gleich mit des Monden Kertze;
So zweiffle du doch nicht / dass mein getreues Hertze
Die Farbe kräfftiger als Stern und Perlen hält.
Folgenden Tag / als Huhansien nach Qvanchung kam / ward auch des in der Schlacht
gebliebenen Königs Juen Leiche mit Serischem Gepränge dahin gebracht /nur dass
die Scyten nicht / wie es sonst bei Beerdigung der Serischen Könige bräuchlich
war / alle der Leiche begegnende Menschen / und andere Tiere ermordet hatten /
gleich als wenn man durch so viel Tode dem Volcke ihre Könige so viel mehr zu
beweinen Ursache geben wollte; In welchem Absehn der Jüdische Landvogt Herodes
viel edle Leute nach seinem Absterben zu tödten im letzten Willen nicht
unbillich verordnete / weil seine böse Taten ihm schon wahrsagten / dass niemand
seinetwegen ein Auge nass machen würde. Hertzog Herrmann fing an: Es ist diss eine
abscheuliche Erfindung / das ohne diss unnütze und weibische Weinen über die
Verstorbenen zu erwecken. Und sind gegen diese verdammte Anstalten noch
dieselben Völcker / welche mit den sterbenden Herren Pferde und Knechte
begraben; ja auch Alexander zu entschuldigen / welcher aus einer über
Hephestions Tode empfundener Unlust seinen Artzt hencken / alle Pferde und
Maul-Tiere bescheren / des Esculapius Tempel anzünden / das Ecbatanische Schloss
verwüsten / vieler Städte Mauern umwerffen / und noch mehr Völcker ihm Tränen
und Weirauch opffern liess. Zeno fuhr fort: so viel zu tun hätte Huhansien wohl
nicht Ursache gehabt; Weil aber die Serische Könige von undencklicher Zeit zu
Quanchung ihr Begräbnis in einem von eitel Cypress-Holtze gebauten Tempel hatten
/ befahl Huhansien die kostbar eingebalsamte Leiche auffs allerprächtigste zu
seinen Vorfahren zu begraben. Rhemetalces fing an: Es wäre einem Sieger nichts
rühmlicher / als seinen gefangenen Feinden gütlich / und den Todten ihren
letzten Dienst tun. Also hätten der grosse Alexander den Darius königlich /
Anton den Brutus / Annibal den Marcell und Emilius stattlich beerdiget. Hingegen
würde Cambyses noch verschmäht / dass er des Amasis Leiche mit Ruten peitschen /
und wider der Egyptier Gewohnheit zu Asche brennen lassen. Ja / sagte Flavius /
es wäre diss eines niedrigen / jenes eines edlen Gemütes Merckmal. Denn auch die
gerechteste Rache folte sich nicht über eines Feindes Tod erstrecken. Alleine
mehrmahls brauchte die Heuchelei die Einbalsamung der Leichen / die Auffrichtung
herrlicher Ehren-Male / und die rühmlichsten Grabeschrifften zu Bedeckung des
schwärtzesten Meuchelmords. Also hätte Herodes seinem ermordeten Schwager
Aristobul / Antigonus der von ihm hingerichteten Cleopatra / des grossen
Alexanders Schwester / ein prächtiges Begräbnis ausgerichtet; eine Britannische
Königin hätte eine Tonne Goldes zum Leichgepränge einer Caledonischen Fürstin
hergegeben / und aus Marmel ein Ehren-Mal aufgebauet / welche sie doch selbst
hätte entäupten lassen. Hertzog Malovend versetzte: dessen wäre Huhansien nicht
zu beschuldigen /weil er den König Juen als seinen Feind in öffentlicher
Schlacht vermöge des Kriegs-Rechtes getödtet. Dass er auch das ganze Serische
Reich zu zerreissen nicht im Schilde geführet hätte / erschiene daraus /weil er
ihn in sein väterlich Grab legen lassen. Sintemal Perdiccas der Macedonischen
Herrschaft alsbald das Leichenbret gestellt; weil man den grossen Alexander zu
Alexandria / nicht aber in Macedonien begraben. Zeno antwortete: Die Serer wären
hierinnen mehr als kein ander Volck abergläubisch / hätten sich also über die
Gütigkeit des Königs Huhansien nicht genungsam verwundern können; Daher sie auch
unter gemeinen Leuten / wenn sie nicht den ganzen Leib /zum wenigsten einen
Zahn von der Leiche in seiner Ahnen Grab legten. Fürst Catumer fiel ein: Warum
nicht / nach anderer Völcker Gewohnheit / das Hertze? Sind die Zähne bei den
Serern die edelsten Glieder? Flavius antwortete: Bei der Beerdigung müssen sie /
ich weiss nicht / ob darum / dass sie nicht leicht verfaulen / oder aus einem
andern Geheimnisse in grossem Ansehn sein / weil zu Rom / und wo es sonst
bräuchlich ist / die Leichen zu verbrennen / die Kinder / welche noch keine
Zähne haben / dieser Flamme nicht gewürdiget werden. Zeno antwortete hierauf
ferner: Huhansien hätte in allem andern bei der Königlichen Leiche die Serischen
Gewohnheiten beobachten /insonderheit ihr eine köstliche Perle / wie die
Egyptier eine güldene Müntze / unter die Zunge stecken / sie in einen gläsernen
Sarch legen / und neben seines Vaters Grabmal in eine Jaspische Taffel / welchen
Stein die Serer vor andern hoch halten / eingraben lassen:
Der als ein weiser Furst der Seren Stul betrat /
Durch seiner Diener Schuld in blutgen Krieg verfiel;
Der alles / was beim Sturm ein kluger Schiffer / tat /
Doch durch sein Beispiel lehrt: auch Tugend hab' ihr Ziel.
Den würdigste sein Feind / dass er hier Furstlich lieget.
Beweint ihr Seren euch / nicht seinen Tod und ihn /
Der die Unsterbligkeit erlangt hat zum Gewinn.
Zu dem ist er gefalln durch einer Gottin Schwerd /
Die nichts erlegt / was nicht der Ewigkeit ist wert /
Und die Huhansien / den Sieger selbst besieget.
Diese Verehrung war am Huhansien so viel mehr zu rühmen / weil die Seren aus
Beisorge / der erzürnte Feind würde mit der Königlichen Leiche schimpflich
gebahren / sie mit so viel wiegendem Golde auszulösen erbötig waren. Welchen
stinckenden Gewinn aber Huhansien grossmütig ausschlug / und für Schande hielt /
mit der Schalen des menschlichen Leibes Gewerbe treiben / oder von dem etwas
anhalten / den die Natur bereit ausgespannet hat. Eben denselbigen Tag kriegte
der König von dem Serischen Fürsten Zinem Schreiben / darinnen er beklagte den
zwischen den Serern und Scyten entsponnenen Krieg. Er entschuldigte dessen
Ursachen so gut / als er konnte / und / da auch König Juen sein Bruder hieran
einige Schuld trüge / hätten so viel tausend Seelen / und er selbst es mit
seinem Leben gebüsst. Huhansiens Grossmütigkeit / und die Tugend der
vergnüglichen Scyten versicherten ihn / dass sie mehr umb Ruhm / als aus
Begierde fremde Länder einzunehmen die Waffen ergrieffen. Jenen hätte er über
alle seine Vorfahren bereit erworben. Kriegsknechte suchten ihre Vergnügung am
Siege / kluge Fürsten im Frieden. Die aber /welche den Frieden aus Liebe des
Krieges störeten /legten ihn nur aus Begierde des Friedens nicht weg. Er kriegte
für jetzt mit einem sechsjährigen Kinde Ching / des Juens Sohne; Riesen aber
hielten ihnen verkleinerlich mit Zwergen anzubinden. Er würde den Serern auch so
viel Länder nicht abnehmen / als die Ohnmacht seines Feindes seinem erworbenen
Ruhme Abbruch tun könnte. Die Serer wären entschlossen den Scyten alles
abzutreten / was der grosse Xius ihnen für langer Zeit abgenommen. Die gerechten
Götter aber hätten für denen eine Abscheu / welche auf billiche Bedingungen
denen Bittenden die Ruhe verweigerten / und unersättlich nach Menschen-Blute
dürsteten / welches sie als die Oberherren der Fürsten von ihren Händen zu
fordern hätten. Diesem Brieffe war beigefügt eine Vorbitt-Schrifft der
friedliebenden Königin Syrmanis / und recht königliche Geschencke. Dieses
bewegte den ohne diss nicht blutdürstigen Huhansien / dass er die Stadt Jengan in
Xensi / weil sie für Zeiten den Scyten zugehört / zur Friedens-Handlung
beliebte / auch mich und zwei andere Scytische Fürsten darzu vollmächtigte. Wir
wurden daselbst aufs prächtigste bewillkommt / und nach zweien Tagen auser der
Stadt auf dem Berge Chingleang in eine ihnen überaus heilige und für einen
Tempel der Eintracht gehaltene Höle / in welcher 10000. steinerne-von einem
einigen in diese Einsamkeit sich verkrichenden Könige aufgerichtete Götzenbilder
standen / begleitet; nach zehntägichter Unterhandlung auch der Friede
derogestalt beschlossen / dass die beiden Reiche Suchuen und Xensi dem Könige
Huhansien völlig und ewig verbleiben / dessen Bruder / der König in Tibet / des
verstorbenen König Juens Schwester heiraten / und hiermit alle zwischen beiden
Völckern erwachsene alte und neue Ansprüche von Grund aus aufgehoben sein
sollten.
    Demnach nun dieser Friede von dem wiewol noch so jungen Könige / und denen
obersten Reichs-Räten beschworen werden sollte; bat ich mir bei dem Scytischen
Könige aus / die Botschaft dahin zu übernehmen. Also schiffte ich auf dem
Strome Guei in den Saffran-Fluss / und von diesem biss zu der Stadt Pu in dem
Reiche Xansi / allwo ich austrat das Gebürge Lie zu beschauen / auf welchem der
fromme Akersmann Xuno / der hernach der Serer König worden / das Feld gebauet /
darauf seiner Tugenden wegen seit derselben Zeit kein Dorn / kein Unkraut / noch
einige schädliche Staude wachsen soll. Rhemetalces fragte alsofort: Ob er diss
also wahr befunden? Denn auf solchen Fall hielte er es für ein ungemeines
Wunderwerck. Zeno versetzte: das Wachstum dieses Berges wäre allerdinges dem
Ruffe gemäss; ob er aber für dem Könige Xuno was schädliches getragen / wäre mehr
bedencklich. Der Feldherr fügte bei: Er hielte diss nicht für so unglaublich /
nachdem es die ungezweiffelte Warheit wäre / dass die Frömmigkeit eines Fürsten
einem ganzen Reiche Segen / sein Laster aber göttliche Straffe zuziehe. Dahero
hätten die Egyptier ihren Königen alle böse und gute Begebungen / und also auch
blosse Zufälle seiner Schuld beigemessen; die Massynecier ihr Oberhaupt / wenn
etwas missgelungen / einen Tag lang mit Entziehung der Lebensmittel gestraft. Bei
welchem Verstande deñ dieselben Könige / welche sich Brüder der Sterne und Söhne
der Soñen; oder auch / dass sie sich mit dem Monden vermischten / rühmeten / so
sehr nicht zu verlachen wären; denn die Frömmigkeit wäre sicher ein Schlüssel
zum Himmel; eine Meisterin der Natur; eine Verbindung des Glückes / und der
Sterblichen.
    Der Fürst Zeno pflichtete dem Feldherrn bei / und vermeldete / dass die Serer
fast alle Woltaten der Natur / ihrer Könige Tugenden zueigneten / und hätte er
auff dieser seiner Reise hierüber unzehlbare Merckmahle der Danckbarkeit an
Marmel- und Ertzt-Säulen gefunden. Unter andern hätten sie ihm auch in der
Landschaft Hanan / bei Vorbeisegelung des von ferne sich zeigenden Gebürges Tai
nahe an der Stadt Honui / erzählt / dass unter eben selbigem frommen Könige ein
entzwei spaltender Fels eine Höle von drei hundert check-Ruten geöffnet hätte /
daraus ein zehes Wasser flüsse / welches man in vielen Dingen nützlich für Oel
brauchte. Auser diesen natürlichen /wäre diss Reich mit kunstreichen Woltaten
ihrer Könige durch und durch überfüllet. Die auf dieser seiner Schiffart
angemerckte Verwahrung des überaus grossen und schnellen Saffran-Flusses / da
nehmlich alle seine Ufer auff flachem Lande / und insonderheit in dem viel
niedriger liegendem Reiche Honan mit grossen viereckichten Werckstücken zu
Beschirmung des sonst leicht ersauffenden Landes befestigt stünden /wäre ein
rechtes Wunderwerck; zugeschweigen / dass dieser Strom vor Zeiten durch das Reich
Pecheli gelauffen / und durch Kunst hieher geleitet worden. Nichts minder wäre
der obersten Reichs-Räte fürnehmste Sorge / entweder durch ein nützliches
Gebäue oder eine kluge Erfindung dem Vaterlande ihr Gedächtnis zu verlassen /
dass sie ihrer anvertrauten Würde wert gewest. Unter diesen wäre für andern
berühmt der für 1100. Jahren abgelebte Weltweise Cheucung / dessen Turm zum
Sternsehen nebst allerhand Mässzeuge ihm allhier in Honan gezeugt worden. Diese
Erfindung aber wäre ihm nimmermehr zu verdancken / dass er den Serern gewiesen /
wie der Magnet sich gegen dem Mitternächtigen Angelsterne aus eben der Ursache /
als die Sonnen-Wende sich der Sonnen zu wende / und also die darvon gemachte
Weiser oder Magnet-Nadel einen klugen Wegweiser aller unbekandten Schiffarten
abgäbe. Welch Geheimnis ihm der Steuermann vertrauet / und zu seiner
Verwunderung gewiesen hätte. Hertzog Herrmann fragte aus Begierde dieses
herrliche Mittel recht zu erforschen um alle Beschaffenheit; die ihm Zeno nicht
allein umständlich auslegte / sondern denen Anwesenden auch einen bei sich
habenden See-Compass zeigte. Dieser gab ihnen nichts minder Vergnüg-als
Verwunderung / und fing Rhemetalces an / dass dieser einigen Kunst wegen / da
doch viel andere herrliche Eigenschaften in diesem Steine steckten / der Magnet
allen Perlen und Edelgesteinen weit fürzuziehen wäre / der Erfinder aber eine
güldene Ehren-Säule verdienet habe. Er hat sie verdient / sagte Zeno; zumal er
seinen Landsleuten noch ein in der Landschaft Qvantung wachsendes Kraut
gezeiget / aus dessen Knoten zu erkennen sein soll / wie viel folgendes Jahr
Sturmwinde / und um welche Monat-Zeit sie kommen würden; daher hat er sie auch
erlangt. Denn mitten in dem Saffran-Flusse auf einer hohen Klippe stehet eine
Marmel-Säule / und dieses Erfinders aus Ertzt gegossenes und vergoldetes Bild in
Lebensgrösse / unten aber am Fusse ist zu lesen:
Ihr Sternen / die ihr sonst Wegweiser pflegt zu sein /
Denn Schiffern durch den Schaum der ungebähnten Wässer;
Råumt euren güldnen Sitz nunmehr den Steinen ein /
Nun ein so klein Magnet zeigt alle Seefart besser.
Ihr Gotter aber ihr / die ihr Belohner heist
Der Weissheit / die mit Nutz sich sehn läst auf der Erde.
Vergottert Cheucungs Seel' / und schaffet / dass sein Geist
Im Himmel ein Gestirn / im Meer ein Pharos werde.
Mich wundert derogestalt / fuhr Rhemetalces fort /dass dieses Geheimnis allen
andern Völckern / insonderheit denen tiefsinnigen Egyptiern / welche doch den
Magnet als einen Gott verehret / so lange verborgen blieben / oder auch durch
eigenes Nachdencken nicht ergrübelt worden sei; also dass sie ihre Schiffarten
mit ihrer grossen Gefahr und Zeitverlierung immer an denen Ufern / und nach der
allzu entfernten Richtschnur etlicher Sterne / oder aus dem Schiffe
lossgelassener Vögel vollführen müsten. Der Feldherr fiel ein: Er wundere sich
nicht von den Egyptiern /weil sie aus Verächtligkeit aller andern Völcker die
Schiffart auser ihrem Reiche verboten / und sich gleichsam aus einer Andacht
gegen ihrem Nil / des Meeres gäntzlich / als eines vom Typhon herrührenden
Schaumes / enteusert. Gleicherweise hätten auch die Serer sich aller fremden
Völcker mit Fleiss entschlagen / und ihr einiges Reich für eine für sich selbst
vollkommene Welt geachtet; aber aus den fernen Schiffarten der Tyrier und
Cartaginenser mutmaste er / dass sie diese Kunst auch gehabt / und wäre
glaublich / dass der Magnet bei ihnen desshalben dieser Krafft halber des Hercules
Stein geheissen / welchen sie für den allgemeinen Wegweiser verehrten. Jedoch
wäre diese Wissenschaft hernach auser Acht gelassen worden / und wie viel
andere Künste der Alten in Vergessen kommen. Von den Friesen aber hätte er
bereits etwas erzählt / was mit dieser Kunst eine Verwandschaft hätte. Uber
diss brauchten sie auf ihren Schiffen ein gewisses Eisen / welches in seiner Ader
gegen Mittag gelegen / dasselbe bestrichen sie an der einen Seite mit dem
Magnet; also wiese ihnen die sich bewegende Spitze iederzeit den Mittagsstrich.
Es scheinet / sagte Zeno / beiderlei Kunst aus einerlei Nachdencken entsprungen
zu sein / ich aber bin erstaunet / wie gewiss der Steuermann auf diesem strengen
Flusse auch bei stockfinsterer Nacht das Schiff geleitet / also / dass unsere
Reise noch einst so geschwinde / als ich mir eingebildet hatte / von statten
ging. Wir kamen also glücklich in die Landschaft Xantung / fuhren den Fluss Su
hinauf zu der Stadt Sao uns zu erfrischen / und sodenn biss in den Pful Lui den
aus einem Steinfels gemachten Drachen mit einem Menschen-Kopff in dessen Mitte
zubeschauen / der /wenn man auf seinen Bauch schlägt / ein Getöne wie der
Donner von sich gibt / und desshalben der Donner-Geist genennet wird. Von dar
giengen wir zu Lande wieder in den Saffran-Fluss. Weil aber aus diesem biss in den
Strom Guei eine tieffe und breite Wasserfart gegraben / mit eitel geschnittenen
Steinen besetzt / und mit zwantzig beqvemen Schleussen versehen ist; vermochte
ich mich von der Beschauung nicht zu entalten / teils aus Vorwitz / teils zum
Unterrichte derogleichen vielleicht anderwerts darnach anzugeben. Wo der
Wassergang in den Fluss Guei bei Lincing fällt / stehet ein achteckichter Turm
mit neun Umgängen / der von der Spitze biss zum Grunde neun hundert Ellen hoch /
auswendig mit dem feinsten Porcellan inwendig mit Spiegelglattem Marmel bedeckt
ist / oben aber einen küpffernen und starck vergoldeten Götzen stehen hat. Wir
kehrten von Lincing über den Berg Minaxe / darauf eine Säule hundert Mess-Ruten
hoch steht / von dem geringsten Anrühren wie ein Drommel klingt / und von dar
auff dem Flusse Mingto über die Haupt-Stadt Cinan meist durch flache mit
Rossmarin / Hirschen / Rehen und Fasanen häuffig bedeckte Felder / endlich auf
dem Flusse Ven / in die grosse Wasserfart / und in den Saffran-Fluss zurücke.
Auf diesem kamen wir mit gutem Winde zu der überaus grossen Handelstadt /
Linchoai wo der Saffran-Fluss und der grosse Strom Hoai zusammen kommen / und
durch einen Mund in das grosse Ost-Meer fallen. Von dar fuhren wir durch eine
prächtig gegrabene / und mit eitel weissen viergeeckten Steinen besetzte
Wasserfart / 60. Stadien lang / bei dem grossen See Piexe vorbei zu der von dem
Saltzhandel überaus reichen / und mit unzehlbaren Brücken / derer viel vier und
zwantzig auch dreissig steinerne Bogen haben / versehenen Stadt Kiangtu; In
welcher das schönste Frauenzimmer gefunden / aber durch offentlichen Verkauff
zur Geilheit ärgerlich entweihet wird. Biss hieher kamen mir zwei Reichs-Räte
entgegen / diese führten mich auff ein überaus prächtiges Schiff / welches mit
der Vorderspitze einen schrecklichen Schlangen-Kopff / auf welchem ein
vergoldeter Götze sass / unten aber viel lebendige Endten hiengen / mit dem
Hinterteile einen langen Schlangenschwantz / an dem ein sich schwenckender
Gauckler oben und unter dem Wasser allerhand Kurtzweil machte / das Mittelteil
aber mit grün- und gelbichten Schuppen einen Schlangen-Bauch abbildete. Uns
bedeckte ein schneeweisses Dach; auf der Seiten waren goldgestückte Vorhänge
fürgezogen / und an wohl zwantzig hohen Säulen weheten unzehlbare seidene Fahnen
/ zwölf Bootsknechte warffen mit ihren nach Art der Löffel gehöleten Rudern das
geschöpffte Wasser so behende hinter sich /dass das Schiff wie ein Blitz bei denen
gleichsam verschwindenden Ufern vorbei flog. Wir kamen also in weniger Zeit auff
der noch immer währenden Fart in den überaus grossen Fluss Kiang / welcher wohl
den Nahmen eines Meer-Sohnes verdienet. Allhier fuhren wir strom-ab bei der
grossen Stadt Changcheu auf die Insel Zingkiang / unter welcher dieser Fluss nun
nicht mehr zu übersehen ist / und sich mit dem grossen Meere vermählet. An der
eusersten Ecke ragen zwei Steinklippen aus dem Wasser / auff diesen zweien
stehet das Bild des Flusses Kiang / aus Ertzt / achzig Ellen hoch / also / dass
zwischen denen zwei Schenckeln so gut / als durch den Rhodischen Sonnen-Colossus
/ welcher noch um zehn Ellen niedriger gewest / die Schiffe durchsegeln können.
Dieses Wunderbild / gegen welches ohne diss der Apollonische Apollo /der
Tarentinische Jupiter und Hercules für Zwerge zu achten / wird dardurch noch
mehr vergrössert / dass es aus einem güldenen Kruge eine Bach süssen Wassers in
das unten strömende Saltz-Wasser ausgeust / welches für so köstlich gehalten
wird / dass darvon alle Tage dem Serischen Könige seine Notdurfft zu dem
gesunden Cha-Trancke aufgefangen / und nach Hoffe gebracht wird; weil im ganzen
Reiche sich keines besser darzu schicken soll. Wie ich nun alles dieses /sagte
Zeno / erstarrende ansah; erzehlte mir einer von den Reichs-Räten / diss wäre
gleichergestalt ein Werck des grossen Xius / der die lange Mauer gebauet hätte.
Das herausschüssende süsse Wasser habe er aus einem starcken Qvelle auf dem
Berge Hoei /den sie mir Sud-Ost-wärts von ferne zeigeten / steinernen Röhren biss
in dieses Riesen-Bild / welches er iederzeit höher als die Mauer geschätzt / mit
unglaublicher Müh und Unkosten geleitet. Weil man mich nun ohne diss dieses
Wunder zu beschauen durch einen Umweg hieher geführet hatte / fuhren wir etliche
mal unter diesem Bilde durch / endlich stiegen wir gar aus / und auff denen in
den Fels gehauenen Staffeln empor; da ich denn unten an dem rechten Fusse diese
aus dichtem Golde geetzte Uberschrifft zu lesen bekam:
Halt' allen Flussen nicht ich Meer-Sohn das Gewicht?
Mein Wasserreicher Krug kann Länder überschwemmen /
Doch meinen strengen Strom kein Berg noch Fels umtämmen.
Wie kommt's denn / dass allhier das Wasser mir gebricht?
Bin ich getrocknet aus durch's heisse Sonnen-Licht?
Kan ein Medusen Kopff die flücht'gen Wellen hemmen?
Was weiss fur Zauberei in Ertzt mich einzuklemmen?
Die Flut wird ja wohl Stein / zu Ertzte nirgends nicht.
Nein es ist's Xius Werck. Der mir hier Lufft verleiht /
Den muden Lauff benimmt den Blitz-geschwinden Füssen;
Mich trocknet / dass von mir solln keine Trånen flussen /
Mich anhålt; weil er auch den Zügel hemmt der Zeit /
Mein fluchtig Wesen bringt zu Stande / dass wir wissen:
Er konn' auch irrdisch Ding verkehrn in Ewigkeit.
Auf der andern Seite war an den in der ausgestreckten lincken Hand gehaltenen
güldenen Wasser-Krug eingepräget:
Des Monden Tau-Horn tropfft ja Wasser in den Sand
Der Wolcken fruchtbar Schwamm befeuchtet Feld und Auen /
Man sieht aus Qvellen Oel / aus Stauden Balsam tauen /
Ja Feuer-Brunnen sind bei uns nicht unbekand.
Die Berge speien Pech und Schwefel übers Land /
Auch Wein brach einst herfür / wo man liess Steine hauen
Hier aber ist im Meer' ein süsses Qvell zu schauen /
Und Wasser spritzt aus Ertzt / das Flut nicht hegt / nur Brand.
Auch diss ist's Xius Werck. Ein frommer Furst / wie er /
Weiss nicht nur bitter Saltz in Zucker zu verkehren /
Er macht Artznei aus Gift / mei't ab vom Unkraut' Aehren /
Bringt aus den Steinen Brod / aus Ertzte Wasser her /
Kehrt unversehrlich Gold in flüssendes Getråncke.
Ja Xius gibt fast mehr als die Natur Geschencke.
Als ich mich an diesem Wunder-Colossen fast müde gesehen / fuhren wir recht aus
dem grossen Munde des Flusses Kiang gegen das grosse Ost-Meer / endlich aber
lieffen wir Sudwärts in eine gegrabene Wasser-Fart / und bei Changxo in den
Fluss Leu ein /welcher uns in die von dreien süssen Strömen ohne die in den Fluss
Kiang gegrabene Fart gleich als mit einem lustigen See ganz umgebene
Hauptstadt Sucheu leitete; von welcher das Sprichwort ist: Was der Himmel ist
oben / ist Sucheu auf Erden. Die Ringmauer hält wohl fünf / die Vorstadt aber
sieben deutsche Meilweges / ihr Reichtum die Menge der Schiffe und die von
vielerlei Völckern hier ausgeladene Wahren sind unbeschreiblich / gegen Ukiang
hat sie eine Brücke mit 300. steinernen Bogen. Nach ihrer Beschauung fuhren wir
über den grossen See Tai /und einen daraus geführten Graben biss in den Fluss
Kiang / welcher daselbst zwischen zwei Himmelhohen Bergen / die man auch
desshalben des Himmels-Tor heist / sich durchreist. Wir schiften zwischen der
aus einem einigen Felsen bestehenden Insel / und der schönen Stadt Tanyang durch
/ und kamen endlich bei dem Königlichen Haupt-Sitze Moling an / da eines der
Königlichen Schiffe / welches über und über vergüldet / und mit Drachen aus
zusammen gesetzten Perlen und Edelsteinen gezieret war / aus dem Flusse Kiang
durch einen Arm in die Stadt führte / und in einem herrlichen Schloss abladete.
Diese Stadt kann man wegen ihrer Grösse / da nehmlich das königliche Schloss fast
eine die innere Stadt sechs / die euserste 20. deutsche Meilen begreifft / ein
Land / wegen ihrer vielen Einwohner einen Ameiss-Hauffen / wegen ihrer prächtigen
Gebäue ein Wunder der Welt / wegen gesunder Lufft / anmutiger Gärte / Seen und
fast auf allen Gassen hinrauschender aus dem Flusse Kiang geleiteter und mit
viel tausend marmelnen Brücken belegter Ströme / einen Lustgarten; wegen
Reichtums / einen Begrieff des Erdbodems / wegen Höfligkeit und gelehrter Leute
die hohe Schule der Weltweisen / und mit einem Worte mit besserm Rechte / als
die Stadt Rom sich rühmet / ein Haupt der Welt / und eine Königin aller Städte
nennen. Alle diese Herrligkeiten von oben zu beschauen stehet darinnen ein
nichts minder wunder-würdiger überaus hoher Turm / auswendig von den edelsten
grünrot und gelben Porcellanen so künstlich zusammen gesetzt / dass er aus einem
Stücke gebacken zu sein scheinet. Er hat neun zierliche mit grünen Dächern
überwölbte Umgange; an derer vielen Ecken eine grosse Anzahl silberner Glöcklein
hangt / die vom Winde beweget ein überaus liebliches Getöne machen. Auf der
Spitze stehet ein grosser Granat-Apffel aus gediegenem Golde. Dieses Wunder soll
gleichergestalt ein Werck des grossen Königs Xius sein / und unten bei dem
Eingange stehet über dem Porphyrenen Türgerüste /in welchem das Tor aus dem
auf der Serischen Insel Aynan wachsenden teueren Adler- oder Rosen-Holtze
gemacht ist / in einer Agat-Taffel eingegraben:
Egypten bucke dich und deine spitz'gen Turme /
Du hast nur schlechten Stein / ich Gold und Porcellan.
Doch / weil sie nur geweiht fur Leichen / Stanck und Würme /
Sieht man sie gegen mir für Gräber billich an.
Nun aber Moling ist ein Himmel auf der Erden /
Ein Garten dieses Reich's / der Welt ihr Aug' und Zier /
Das Kleinod Asiens / muss ich genennet werden /
Sein Stern / sein Zederbaum / sein Apffel / sein Saphir.
Den dritten Tag / als man uns zwischen die fürnehmsten Seltzamkeiten der Stadt
gewiesen / ward ich auf einer goldgestückten Senfte / welche 12. edle Serer
trugen / über eine lange und breite Strasse / welche wie fast alle andere mit
viereckichten blauen Steinen belegt war / in das königliche Schloss / in das 12.
eiserne Pforten gehen / getragen. Das Schloss ist rings um mit einer starcken
marmelnen Mauer beschlossen /und an ieder eusersten Ecke ein Lustgarten. Bei
ieder Pforte standen drei Elefanten / und in dem ersten Vorhoffe die Leibwache
zu Pferde. In dem andern Hoffe / in dem man über einen schnellen Strom auf einer
herrlichen Brücke und durch eine noch stärckere Mauer kommet / stand die
Leibwache zu Fusse / und an einer Alabasternen Säule hiengen drei güldene
Drachen / als das königliche Wapen / welchem sonst alle Gesandten so grosse
Ehrerbietung als dem Könige selbst erzeigen müssen. Derogleichen mir aber nicht
zugemutet ward. Der dritte Platz / bei welchem mich zwei Reichs-Räte
bewillkommten / bildete einen vollkommenen Schauplatz zwischen denen um und um
von Golde schimmernden Gebäuen ab; der Bodem war mit weiss und rotem Marmel
gepflastert /und iede Reie mit einer Ziffer bezeichnet / weil allhier die
Botschaften bei der Verhör ihren Sitz haben / und nach ihrer Würde weiter oder
näher gegen dem königlichen Stule gestellet werden; wiewol keiner des Königs
Antlitz zu schauen gewürdigt wird. Ich aber ward selbst unter den mit eitel
Persischen Tapezereien bedeckten / und um und um offenen Lust-Saal geführet / wo
der junge König Ching sass / ein überaus schöner Knabe auf einem von eitel
Diamanten sich schütternden Stuhle / an dem die Lehnen zwei Drachen-Köpffe / mit
Rubinen versetzt waren. Drei Staffeln tieffer standen zwölf Reichs-Räte in
blau-sammtenen Röcken mit güldenen Drachen und Schlangen gestickt / wie
steinerne Bilder ganz unbeweglich. Auf der zwei obersten Reichs-Räte Brust war
auff dem Kleide der Vogel Fam gestückt / der König aller Serischen Vogel /
dessen Haupt zum Teil einem Pfauen- zum Teil einem Drachen-Kopfe / der
Schwantz eines Hahnes gleichet; die Flügel sind von fünff der schönsten Farben
vermischt. Er ist bei ihnen nicht nur ein Fürbild der fürnehmsten Tugenden /
sondern auch / wenn selbter sich versteckt / ein Zeichen eines bevorstehenden
Unglücks. Welche Freudentracht in der ganzen Königlichen Burg mich bei
Andencken des für so weniger Zeit verstorbenen Königs Juen anfangs befremdete;
biss ich erfuhr / dass der nicht allein den Todt verwürckte / der in
Trauer-Kleidern in die Burg erschiene / sondern auch der König trauerte um
keinen Menschen / gleich als wenn diese Schwachheit keinem Fürsten anständig /
oder ein König mehr als ein Mensch über gemeine Empfindligkeiten erhoben wäre.
Nichts minder legte auch das Volck nach des neuen Königs Krönung die Klage weg /
die Jahr-Rechnung würde so wohl als der alte Nahme des neuen Königes verändert /
eine neue Art Müntze geschlagen / gleich als wenn nicht so wohl ein neuer
Herrscher auf den Stul / als ein neues Reich auf die Beine käme. Eben diese
Gewohnheit habe ich hernach bei denen Indianern wahrgenommen / da niemand in
ihrer blauen Trauer-Tracht für dem Könige erscheinen / ja den Tod nicht einst
nennen darf. Mir war dem Könige recht gegen über ein von Rubinen gläntzender
Stuhl / an welchem die Lehnen Wieder-Köpffe waren / (denn rot ist der Scyten
Königs-Farbe / die Wieder ihr Wapen) gesetzt / zwei Staffeln hoch / und also sass
ich nur um eine niedriger als der König / der bei meiner Ankunft von dem Stuhle
aufstand / biss ich auch zum sitzen kam. Nach dem ich meine Botschaft / welche
an Glückwünschung zum Reich / und dem Frieden / wie auch an Versicherung
auffrichtiger Freundschaft des Scytischen Königs bestand / abgelegt /
antwortete mir der König mit einer wunder-würdigen Freimütigkeit; erkundigte
sich um den Zustand Huhansiens / und versicherte mich / dass wie er den
geschlossenen Frieden aus Liebe seines Volckes / ungeachtet seines grossen
Verlustes / genehm hätte / und folgenden Tag beschweren würde; also wollte er
nichts vergessen / was zu Huhansiens Vergnügen / und beider Völcker Eintracht
würde dienlich sein. Hiermit endigte sich diese Verhör; auf den Morgen aber
kamen abermals zwei Reichs-Räte mit drei vergüldeten Drachen-Schiffen für das
mir eingeräumte Schloss / und führten mich auf einem Arm aus dem Flusse Kiang
Nord-Ostwerts für die Stadt in einen überaus grossen umbmauerten Tannen-Wald /
in welchem ein hoher Berg / in dessen Steinfels eine herrliche Grufft gehauen /
darinnen ebenfalls vieler alten Könige Leiber verwahrt werden / noch mehrer
Bilder aber darinnen teils aus vergüldetem Ertzte / teils aus köstlichen
Steinen aufgesetzt stehen. Unter diesen befand sich auch bereit des letztern von
der Syrmanis erlegten Königs Juen Bild aus Alabaster / welches eine güldene
Himmels-Kugel auf der lincken Achsel trug / an der die Sonne gleich an der
West-Spitze stand / und also ihre Straalen teils auf die Ober- teils auf die
Unter-Welt warff. An dem ertztenen Fusse stand eingeetzet:
        Wer in dem Leben Gott zu dienen sich befleisst /
    Furs Vaterland setzt auf Schweiss / Kräffte / Blut und Geist /
    Der steht / wenn er gleich fällt / auf festem Fuss und Knichel.
    Sein ihn verkleinernd Sarch wird sein Vergrösse-Glas /
    Er nimt dem Neide 's Gift / der Zeit ihr Winckelmass /
    Dem Tode seinen Pfeil / der Eitelkeit die Sichel.
        Bei denen / die uns gleich das Fussbret kehrn / behält
    Die Tugend doch den Lauff / die Sonne dieser Welt;
    Auch klimmt die Seel ins Licht / schmeltzt gleich der Gliede Lote.
    Wenn Sonn' und Juen uns gleich scheint zu untergehn
    Ist's doch ihr Anfang nur; und beider Glantz bleibt stehn /
    Ein gut Gedåchtnuss ist der Tugend Abend-Rote.
    Diesen Begräbnüssen gegen über stehet auf einem lustigen und mit eitel
fruchtbaren Bäumen / Blumen und Kräutern bedecktem Hügel / ein viereckichter
/prächtiger und überaus grosser Tempel / welcher aus eitel Eben- und anderm
köstlichem Holtz gebauet ist. Umb denselben herumb sihet man viel aus
rotstreiffichtem Marmel-Steine der Sonne / dem Monden / den Bergen und Flüssen
zu Ehren gebaute Altäre / aber ohne einiges Götzen-Bild. Auf ieder Seite recht
gegen den vier Winden geht eine breite Stiege in Tempel /da ieder Stuffen ein
Marmel-Stein ist. Den Tempel teilen vier Reien aus Spiegel-glatten Ceder-Bäumen
aufgerichteten Pfeiler in fünf Gewölber / welche so dicke / dass sie zwei Männer
nicht umbarmen können / und so hoch / dass ich nicht geglaubet hätte / es wären
in der ganzen Welt so schön und gleiche Gewächse aufzufinden. Recht in der
Mitten stehen zwei mit Edelgesteinen reichlich versetzte güldene Dracher-Stüle;
auf derer einen sich der Serische König /nachdem er sich vorher in der Halle in
einem alabasternen Spring-Brunnen gebadet hatte / setzte / und dem unsichtbaren
Schöpfer / welcher den gegen über stehenden Stul zu besitzen geglaubt wird; wie
auch dem Himmel / der Sonne und dem Monden durch Ausstreuung Goldes / Weirauchs
/ und allerhand Feld-Früchte unter die armen Leute opferte. Hierauf nahm er das
seidene Papier / darauf der Friedens-Vergleich geschrieben / und mit beiden
Reichs-Siegeln bekräfftiget war / legte selbtes aufs Haupt / und hierauf
streckte er beide Hände aus / mit heller Stimme ruffende: Himmel / Sonne und
Monde seid / Zeugen und Rächer dieses von mir beliebten Frieden-Schlusses. Euer
Licht leuchte dem / der ihn bewahret / und lesche meines aus / so bald ich
hiervon eines Nagels breit weiche. Als diss vollbracht / gab er den
Frieden-Schluss einem seiner Reichs-Räte / umb selbten mir /der ich ein wenig
auf der Seite einen köstlichen Stul besass / einzuhändigen. Nach diesem ward ich
in einen andern / aber viel kleinern Tempel geleitet / worein mir die zwölff
obersten Reichs-Räte folgten. In der Mitte stand der aus Ertzt gegossene
Wasser-Brunn Lotus / auf dessen ausgebreiteter Blume sass in einer ernstaften
Frauen-Gestalt die Göttin Pusse aus überaus wohlrüchendem Calambi-Holtze gemacht
/ das in den Landschaften Inunan und Chiamsi auf den allerhöchsten Steinklippen
wächst. Ihr Rock war oben blau und feuerfarbicht / unten aber grün und weiss; von
welchem aber allerhand mit Blumen und Sternen gestückte Binden hin und her
flatterten. Das Haupt und die Schläffe waren mit allerhand Früchten beschattet.
Aus ieglicher Seite gingen acht Armen / welche Schwerdter / Spiesse / Kräuter /
Räder / Flaschen / Bücher / und andere mir unkenntliche Zierraten in Händen
hielten. Für diesem Bilde fielen die Reichs-Räte nieder / und beschwuren
gleichfalls den Frieden / sich dieser Göttin Hülffe entäusernde / da sie selbtem
iemals widerkommen würden. Diese erzehlten mir von diesem Abgotte allerhand
seltzame Geschichte / insonderheit dass sie vom Himmel auf Erden kommen / von
einer genossenen Frucht schwanger worden wäre / und einen fürtrefflichen Sohn
geboren hätte /dessen Nachkommen das Serische Reich 1600. Jahr glücklich
beherrschet hätten. In dem grossen Reiche Zipangri / welches als eine Halb-Insel
in de grossen Welt-Meere noch weiter gegen Morgen liegt / gegen Nord aber an dem
äusersten Ecke des Scytischen Reiches henckt / würde diese Göttin / wiewohl in
Gestalt eines mit der Sonne bekleideten schönen Antlitzes verehrt / welches im
Wasser über zusammen gefügten Kirsch-Stämmen / schwartzen Elefanten-Zähnen und
güldenen Blumen auf einer Muschel stünde /und mit Abschlachtung eines Bocks
versöhnt würde. Kurtz zu melden: Es scheinet mir hierdurch der Egyptier
viel-gebrüstete Isis und die durch unsere Cybele abgebildete Zeuge-Mutter die
gütige Natur fürgestellet zu sein. Nach dem nun derogestalt der Friede bestätigt
war / liess der König mir folgenden Tag unter dem Schein einer sonderbaren
Höfligkeit die Abschieds-Verhör selbst andeuten. Sintemal die arggedencklichen
Serer denen Ausländern schwer ihre Einkunft / noch schwerer aber langen
Aufentalt erlauben. Nach meinem Abschiede brachten mir die Königlichen
Trabanten die dem Huhansien bestimmten Geschencke / welches nebst köstlichen
Edelgesteinen / darunter einer / der in des Serischen Feinxes oder des Vogels
Fum Neste / auf dem Berge Fungsao gefunden worden / für unschätzbar gehalten
wird / an allerhand seltzamen Tiere und Gewächsen bestand. Darunter waren die
fürnehmsten ein wohlrüchender Hirsch aus der Landschaft Yuñan / aus dessen Nabel
der Musch geschnitten wird / etliche rechte Schaf-Wolle tragende Hüner / der
schöne Vogel Fum / und der oben schon beschriebene fremde Wunder-Vogel /welchen
man Kanib hiess. Auch waren hierbei eine Kiste knorpelne Vogel-Nester / welche
auf dem felsichten Gestade der Landschaft Tungking / und der Insel Aynan aus
einem von ihnen selbst ausgespeitem Talcke bereitet / und für die niedlichste
Speise gessen werden. Unter denen Gewächsen waren etliche seltzame
Rosen-Sträuche / etliche junge Stauden / woraus die Bäume in Quangsi wachsen /
die statt des Kernes köstliches Brodt-Meel haben; das tausend Jahr tauernde
Kraut Pusu aus Huquang / welches alte Leute zu verjüngern / und die unserm Alrau
fast ähnliche Wurzel Ginseng aus Leabtung / welches denen Halb-Todten noch eine
empfindliche Lebens-Krafft zu geben mächtig sein soll; nichts minder das Kraut
Yu aus Fokie / welches wie Seide gewebt / aber viel köstlicher gehalte wird.
Uber diss war eine Schachtel voll des Krautes Quei / das alsofort die Traurigkeit
vertreibet; und etliche Kisten von dem besten Trinck-Kraute Snuglocha / das in
Kiangnan bei der Stadt Hoeicheu wächst / und wider den Stein / die Gicht und
Schlafsucht eine unvergleichliche Artznei ist; endlich so viel der gelben
Winter-Wurtzel Rheubarbara / die in rote Leime an der grossen Mauer am besten
gezeugt wird. Alles dieses liess ich auf dem Strome Kiang in der Königin Syrmanis
Reich Suchuen führen. Ich selbst war gemeinet diesen geraden Weg auf dem
westlichen Arme des Flusses Kiang über die reiche Stadt Nanling / und den
Schlüssel dreier Länder Gangking / wie auch über die Schiff- und Zoll-reiche
Stadt Juchang in dem Lande Kiangsi / wo die köstlichste Porcellanen aus der in
Kiangnan gegrabenen Erde gemacht werden / zurück zu kehren. Ich kriegte aber für
meinem Aufbruche vom Könige Huhansien einen Edelmann mit Schreiben und
Nachricht: dass Huhansien und Syrmanis zu Befestigung ihres in Suchuen und Xensi
aufgerichteten neuen Reiches die dem Pöfel zeiter in denen eroberten Städte
mitzukommende Gewalt alleine dem der Scytische Herrschaft mehr anständige Adel
zugeeignet; die Zahl derer Obrigkeitlichen Personen vermindert / hingegen auf
dem Lande die Ackers-Leute mit neuen Freiheiten versehen / die unverschrenckte
Gewalt ihrer Herrschaft in viel Wege geschmälert / die alten Schatzungen auf
die Helffte abgesetzt / einen eingebohrnen aber vom Könige Juen nicht allein
verjagten / sondern auch durch seines Vaters schmähliche Hinrichtung biss in die
innerste Seele beleidigten / vom Volcke aber beliebten Fürsten aus Suchuen
daselbst zum Unter-Könige bestellt; die grausamen vorhin gewöhnlichen Straffen
durch offentliche Gesetze gelindert /die Richter-Stüle mit redlichen und dem
Geitze gehässigen Leuten besetzt / alle wohl-verdienten Königlich belohnet / zu
Einführung des Scytischen Gottes-Dienstes fromme Geistlichen und Lehrmeister
bestellt / hierbei aller gleichwohl die Gewissens-Freiheit ungekränckt zu lassen
befohlen / keine Verbreche nachzusehen / die Grossen aber nach ihrem Maass
vorsichtig zu straffen verordnet / die Scytische Sprache und Ritter-Spiele in
Ubung bracht; viel tausend Scytische Bauern aus den sändichten Wüsteneien in
die neuen Länder vermenget / denen Serern / die Scytische / und denen Scyten /
die Serische Weiber heirateten / unterschiedene Vorteil ausgesetzt /auch
endlich die Gräntz-Festungen mit starcken Scytischen Besatzungen versehen
hätte. Nach dieser klugen Reichs-Verfassung wären Huhansien und Syrmanis mit dem
grösten Teile ihres Kriegesheeres durch Suchuen / und das Serische Reich
Jungchang / über das Gold-reiche Gebürge Kinhoa / auf welchem der eine Gipfel
gediegenes Gold sein soll / und die Flüsse Lansang / Lukiang und Pinglang gegen
das Reich des grossen Königs Pirimals gezogen / welcher / von Taprobana an /
alles was zwischen dem Flusse Indus /Ganges und Cossmin lieget / unter seine
Gewalt gebracht / also hierauf den gemeinen Nahmen der Indischen Könige Porus
angenommen / und endlich über den Fluss Oxus in Sogdiana einen Einfall getan
hätte. Dahin sollte ich ihm geraden Weges folgen / und weil er aus dem Reiche
Xensi und Tibet ein absonderes Kriegsheer an dem See Tache sich zusammen zu
ziehen befohlen / sollte ich daselbst gegen dem Feinde einzubrechen trachten.
Uber diesen Reden ward in des Fürsten Zeno Vorgemache die Taffel abermals
gedeckt; da denn diese annehmliche Versamlung vom Feldherrn zu Einnehmung der
Abend-Mahlzeit ermahnet ward; wormit ihr krancker Geschicht-Erzehler zugleich
ein wenig verblasen möchte.
    Die Mahlzeit ward zwar aus Begierde das übrige zu vernehmen kurtz
abgebrochen / allein die darzu kommenden Aertzte wollten dem noch schwachen
Fürste Zeno selbigen Tag nicht erlauben / sich mit ferneren Reden abzumatten.
Also ward dieser und anderer Hindernisse halber seine Erzehlung biss nach Mittage
folgenden Tages verschoben. Wie sie sich nun alle beim Zeno wieder eingefunden;
fing dieser an: Nach erlangtem Befehl des Scytischen Königs eilte ich auf denen
bequemen Wasser-Fahrten über die reiche Handel-Stadt Uching an dem See Tai zu
der herrlichen Haupt-Stadt und dem unschätzbaren Lustgarten Chekiang / an dem
über eine deutsche Meile breiten Flusse Cientang / welcher sich darunter mit
grossem Ungestüme ins Meer stürtzt. Ich kam mitten im Wein-Monat dahin / und
sah mit Erstaunung / wie das Meer seiner Gewohnheit nach umb diese Zeit durch
den Trieb des Monden und Gestirnes den Strom mit grausamen Wellen als Berge
aufschwellete / und die grosse Menge der als / güldne Palläste auf dem Flusse
sonst liegender Schiffe in die inneren Wasser-Armen /und den an der Stadt
liegenden Crystallen-hellen See Sichu trieb / über welchen etliche tausend
steinerne Brücken und prächtige Siegs-Bogen zu zehlen sind. Sie weicht an Grösse
fast keiner Stadt; die Strassen sind alle mit viereckichten Steinen besetzt /
und nach der Reie mit fruchtbaren Bäumen beschattet. Die Menge des Volckes ist
daher zu ermässen: dass darinnen sechzig tausend Seiden-Weber wohnen / und alle
Tage zehn tausend Säcke Reiss / derer ieder hundert Menschen vergnüget /
verspeiset werden. Von dieser Stadt segelte ich mit gutem Winde den Fluss Che
hinauf biss an die Stadt Sintu / bei welcher der berühmte Serische Weltweise
Niensulin auf dem Berge Fuchung heimlich aufgehalten / und vom Fischen sich
ernähret / umb denen ihm angemuteten hohen Reichs-Aemptern aus dem Wege zu
treten; dahin aber der König nach seiner Ausspürung gefolgt / und sich eine
Zeitlang neben ihm auf seinen härenen Kutzen beholffen hatte. So vergällt war
fürzeiten die Ehrsucht / und so beliebt die Weissheit! Hier musste ich durch das
bergichte Land / welches sich von dem Gebürge Kiming und Kinhoa abzeucht / auf
dem der Liebes-und Kriegs-Stern umb die daselbst wachsende überaus wohl und viel
edler als unsere Jasminen rüchende Blume Mogorin gestritten haben soll / und da
auf gewissen Bäumen der beste Talg zu weissen Lichtern /und zugleich Oel in die
Ampeln wächst / zu Pferde fortreisen. Ich kann hierbei nicht verschweigen: dass
als ich mich auf dem Berge Kutien bei Kaihoa /wegen überfallender Nacht / zur
Ruhe legen musste; mit dem Tage erwachende meine Glieder häuffig mit Schlangen
umbschrenckt / und sieben Tieger spielende umb mich sah. Ich sprang für
Schrecken auf / und rieff meinen in gleicher Gefahr schwebenden Geferten;
alleine der hierüber erwachende Königliche Postmeister benahm uns alsobald zu
unserer Verwunderung alle Furcht / mich versichernde: dass auf diesem Berge alle
Schlangen ihr Gift / und die hitzigsten Tyger ihren Grimm verlieren. Nach
diesem setzte ich mich unter Joxan auf den Fluss Yo / und fuhr Strom-ab biss nach
Quecki an den Drachen- und Tyger-Berg Lunghu / und ging zu Lande über den Berg
Yangkiu / auf dem ein mit der Lufft die Farbe veränderndes und das künftige
Wetter andeutendes Menschen-Bild stehet / auf die lustige Stadt Vucheu. Hier
fuhr ich auf dem lincken Arme des so klaren Flusses Lienfan / dass man sein
Wasser wegen seiner unveränderlichen Art zu Stunden-Gläsern braucht / in den
grossen und felsichten Strom Can in Kiangsi. Von dar ward das Schiff den Strom
hinauf durch abgewechselte Pferde Tag und Nacht mit grosser Behendigkeit
gezogen. Derogestalt kam ich nach Linkiang /Vannungam / bei welcher Stadt
überaus künstliche Stein-Klippen und Leim und Ton durch Kunst gemacht in die
Lufft empor ragen; und endlich umb Mitternacht zu der herrlichen Stadt Changkan
/ die wir im finstern ziemlich weit von ferne aus dem darbei liegenden Berge
Tiencho erkieseten; weil des Nachts darauff ein den glüenden Kohlen gleiches
Feuer gesehen wird / welches die einfältigen Einwohner für seltzame Schlangen
oder Spinnen halten. Bei dieser Stadt gingen wir über die von hundert und
dreissig Schiffen bestehende / und mit eisernen Ketten befestigte Brücke / und so
denn auff dem Flusse Chang nach Nangan. Allhier mussten wir über das schwere
Gebürge / welches das Land Kiangsi von Qvantung trennet / vorhin das Königreich
Nanive geheissen /und vom Könige Hiaovus erobert worden. Wir setzten uns aber
bei der ersten Stadt Hiungheu auff den Fluss Chin / fuhren stromab / und kriegten
daselbst eine lustige Landschaft / auff welcher viel hohe Steinklippen gerade
hinauff wie Seulen gewachsen waren /nicht minder das seltzame Gebürge der fünff
Pferdeköpffe ins Gesichte. Bei der schönen Stadt Xaocheu /wo der Fluss Chin und
Vu zusammen fliessen / schifften wir vorbei / und kamen durch das alles Augenmass
übersteigende Gebürge Sangwonhab / welches dieser Strom durchschneidet / und
auff dem Holtze /so harte und schwer wie Eisen wächst / endlich in die
Wunder-Stadt Ovangcheu / wo der Fluss Chin und Ta in das grosse Sud-Meer fällt.
Diese vier deutsche Meilen grosse Stadt ist auff der einen Seite mit dem breiten
Strome / einer zweifachen Mauer / und zwei Wasser-Festungen / auff den andern
Seiten in einem halben Zirckel mit Mauern / fünff Schlössern und hohen Bergen
verwahret / mit köstlichen Tempeln /Palästen auch Marmelnen Siegs-Bogen
geschmückt /und durch grosse Kaufmannschaft und Schiffart bereichert. Nachdem
ich hie einen Tag ausgeruhet /schiffte ich auff dem Flusse Ta gegen Abend / kam
in die herrliche Stadt Nanhai / um welche das wohlrüchende und von der Natur so
schön gemahlte Adler-Holtz wächst / in das Land Qvangsi zu der viel beströmten
und von den Meelbäumen Qvanglang berühmten Stadt Kiaocheu. Dieses Landes
Haupt-Stadt ist Queilni / bei welchem sieben Berge den Stand des gestirnten
grossen Bären eigentlich darstellen. Von Nanhai liess ich das Schiff abermals mit
Pferden nach der Stadt Qveping ziehen / in welcher Gegend wir etliche gehörnte
Tiere / derer Bein auch das Helffenbein übertrifft / zur Erlustigung durch
ausgestreutes Saltz fingen; sintemahl dieses unvernünftige Fürbild der an der
verderblichen Wollust klebenden Menschen lieber die Freiheit und das Leben / als
das ihm so wohl schmeckende Saltz einbüsset. Auff diese Art kam ich auch nach
Yolin / ja auff den Flüssen Luon und Puon in das Reich Inunan. Dieses grosse
Land gehörte für Zeiten zu dem Königreiche Mung / oder Nanchao / welches zwar
vom Könige Xius bemeistert ward / kurtz hernach aber wieder abfiel. Als aber
desselbten König Sinulo sein Volck / zu Zeiten des Serischen Königs Hiaouv / in
sein Gebiete unterschiedene Einfälle tun / und Raub holen liess / Hiaouv aber
sich durch Gesandschaft hierüber beschwerte / entblösste Sinulo seine Sebel /
und hieb darmit sechs Füsse tieff in einen Stein / welcher nah bei der Stadt
Chinkiang /da ich zum ersten ankam / zu sehen ist / mit beigesetzten Worten:
geht und sagt eurem Könige / was wir für Schwerdter haben. Hierüber ward Hiaouv
sehr erbittert / brach daher mit einem ausserlesenen Heere unter seinem
Feldhauptmann Tangsienyo allhier ein /erschlug den König Sinulo mit zwei hundert
tausend Indianern bei der kleinen Stadt Chao / derer Beerdigung man noch auff
dem Berge Fungy zeigt. Also fielen des Sinulo sämtliche Länder Tibet / Laos /
Necbal / Aracan / biss wo der Fluss Cassmin in den Gangetischen Seebusem fällt / in
der Serer Gewalt / ja sie verfolgten ihren Sieg biss gar an den Fluss Ganges.
Diesemnach ging ich von Chingkiang zu der reichen und lustigen Haupt-Stadt
Inunan / an dem grossen See Tien / die ihr Eroberer König Hiaov ergrösserte /als
er daselbst aus seltzamer Veränderung etlicher vielfärbichter Wolcken ihm sein
künftig Glück wahrsagte. Von hier nahm ich meinen Weg zu der Stadt Yecheu an
dem grossen Strome Mossale / welche Stadt / ehe sie Hiaouv eroberte / unter den
Königen des Reiches Mung zu dem Volcke Kinchi mit den vergüldeten Zähnen
gehörte. Massen die Einwohner noch jährlich einen zehn Messruten hohen Stein bei
Nangan über und über mit Golde / von dem viel Berge und Flüsse allhier
angefüllet sind / überdecken und anbeten. Allhier erfuhr ich / dass König
Huhansien mit seinem Heere schon über die Flüsse Lanssang / Lukiang / und
Pinglang kommen / und dem gegen Bactriana mit seiner Heeres-Krafft stehenden
Könige Pirimal recht ins Hertze gegangen wäre; wie auch / dass um den See Tache
sich das bestimmte Scytische Kriegs-Heer versammlete / welches ich führen
sollte. Westalben denn auch der Serische Unter-König nicht so wohl aus Liebe
gegen den Scyten / und des neuen Verbindnisses / als ihre zwei geschworne Feinde
die Scyten und Indianer zu ihrem Vorteil an einander zu hetzen / und also aus
ihrer Abschwächung sich zu verstärcken / uns den Durchzug durch ihr Gebiete
willig erlaubten / mir zu Ubersetzung der Flüsse und Unterhaltung des
Kriegsheers / Schiffe / Reiss / Waffen und Geld anboten. Sintemahl keine
verschmjetztere Kriegs-List ist / als durch unsern Vorschub den Feind von unsern
Gräntzen abhalten / und durch fremde Schwerdter ihm die Gurgel abschneiden;
Daher die Spartaner in solchem Falle dem Kriegs-Gotte einen Ochsen / wenn sie
aber dem Feinde eine Schlacht abgewonnen / nur einen Hahn zu opffern pflegten.
Mit diesem mir dienlichen Vorschube / und einer ziemlichen Anzahl des
freiwilligen Adels aus Inunan / welche unter den Scytischen Fahnen wider die
Indianer ihr Heil versuchen / oder vielmehr jener Kriegs-Art begreiffen wollten /
kam ich zu der vom Könige des Reichs Mung Nanchao erbauten Stadt Inseng / und
über die darbei aus lauter eisernen Ketten zusammen geheffteten Brücke / 140.
check-Ruten lang / biss zu der vom Könige Sinulo gebauten Stadt Mungre / welcher
Gegend und Lufft von dem überflüssigen Bisame gleichsam eingebalsamt / und von
denen zwei Bergen Fughoang / auff dem jährlich viel tausend Vögel ihren daselbst
gestorbenen Fenix zu beklagen sich versammlen sollen / und von dem Felsen Tienul
/ der wegen seines überaus zarten Widerschalls das Ohr des Himmels genennet wird
/ in der Welt berühmt ist. Bei der Haupt-Stadt des Hertzogtums Yecheu / welche
Hiaouv nach diesem eroberten Indien daselbst /wo der Fluss Putoa in den See Siul
fleust / in Grund legte / begegnete mir Ulassa ein Scytischer Feld-Oberster /
mit Bericht / dass das Scytische Kriegs-Heer auff etlich tausend von den Serern
hergegebenen Schiffen den Strom Lukiang herunter käme / und bei der in währendem
Scyten-Kriege von den Serern abgefallenen Stadt Jungchang auszusteigen
gedächten. Ich fuhr also den Fluss He schleunig herunter in den Strom Lanssang /
und traff endlich das ganze Heer in bester Verfassung unter dem Gebürge Ganlo
an / auff welchem zwei starcke Qvelle aus einem zweien Nasenlöchern gleich
gebildeten Felsen entspringen. Ich machte alsobald Anstalt die grosse und feste
Stadt Junchang / welche für Zeiten zu dem mächtigen Königreiche Gailao gehöret /
und Pugnei geheissen / zu beschlüssen / und an dem Flusse Lukiang durch eine
Schiffbrücke zu verhindern / dass ihr aus selbtem über den daranstossenden See
Cinghoa keine Hülffe zukäme. Weil aber diese Gräntz-Stadt starck besetzt /die
von den nunmehr mit den Scyten verglichenen Serern abgefallene Bürgerschaft
wegen besorglicher schweren Strafe ganz verzweiffelt war / sonderlich /da sie
so viel Serer in dem Scytischen Lager warnahmen; liess die Belägerung sich
schwer an. Die Mauren waren sechtzig Ellenbogen hoch / und noch mit tieffen
Graben umgeben; also / dass / ob wir wohl diese mit Reisicht / Säcken und Erde
füllten / wegen der Uberhöhung mit denen auff Waltzen beweglichen Sturm-Türmen
/ und Fallbrücken wenig auszurichten war; und dieselben / welche wir auch
endlich so hoch machten / wurden durch unauffhörliches Feuer-Einwerffen
zernichtet / ob wir sie schon vorwärts mit eisernen Platten / oben aber mit
rohen Ochsen-Ledern bedeckten. So schafften auch die eisernen Widderköpffe an
denen Stahl-festen Steinen der Mauer nicht viel; und wo sie auch irgendswo
Schaden tun wollten / liessen sie von der Mauer Stroh- und Woll-Säcke in den
Stoss fallen / um selbten zu schwächen / oder sie zerdrümmerten die Stoss-Böcke
mit herunter geworffenen Steinen / etliche fingen sie auch mit grossen Seilen
und Schlingen auff / dass sie ohne grossen Verlust nicht konten zurück gezogen
werden. Dieser hertzhafte Widerstand verbitterte die Serer mehr als mich; also
brachten sie zu wege / dass der Unter-König mir von Mungre drei grosse aus Metall
gegossene Röhren ins Läger schickte / mit erfahrnen Leuten / welche in selbten
einen aus Schwefel / Salpeter und Kohlen vermengten Staub fülleten / und durch
desselbte Entzündung eiserne Kugeln eines Kopffs gross mit einem donnernden
Krachen so heftig an die Mauern schleuderten / dass selbte endlich bersten und
zerfallen mussten. Die Belägerten / welche dieses mir überaus seltzame Geschütze
bei den Serern vorher mehrmahls gesehen / müheten sich zwar die Löcher mit
Steinen und Balcken zu ergäntzen / oder mit innwendigen Abschnitten uns zu
begegnen; endlich aber ging die Stadt um Mitternacht durch Sturm über / und es
war mir unmöglich zu erwehren / dass nicht alles von der Schärffe der Scytischen
Sebeln niedergehauen / und die Stadt von denen rachgierigen Serern in die Asche
gelegt ward. Ich räumte diese von Blut und Feuer verstellte / dem Scytischen
Reiche aber wegen Entlegenheit ohne diss wenig nütze Stadt dem Serischen
Unter-Könige ein / mit der Andeutung: Ich wäre von Huhansien befehlicht / den
Serern alles / diss was ihnen die Indianer vom Flusse Pinglang und Knixa als
ihrer vorigen vom Könige Hiaouv erstreckten Reichs-Gräntze abgenommen hätten /
alsofort abzutreten. Diese Erklärung verband mir nicht allein die Gemüter zu
noch mehrerm Vorschube; sondern ich hatte auch in weniger Zeit so viel Serische
Hülffs-Völcker im Läger / dass ich ein Teil derselben zurück senden musste / um
nicht selbst die Scyten an der Zahl zu überwachsen. Wormit aber diese etwas zu
tun bekämen / und die Indianer an vielen Orten zur Gegenwehr sich zu zerteilen
genötigt würden / riet ich diesem Uberschusse den Strom Lukiang / der wegen
seiner Grösse die Mutter der Wässer genennet wird / hinunter zu schiffen / und /
wo selbter ins Sud-Meer fällt / sich der an dem Munde liegenden grossen Stadt
Siam / in welcher Gebiete jährlich mehr als andertalb hundert tausend Hirschen
geschlagen werden / zu bemeistern; darzu ich ihnen denn etliche verständige
Scyten zu ihrer Anführung verlieh. Mit meinem Heere aber setzte ich über den
Fluss Lukiang / und fuhr ohne einigen Widerstand auff dem Strome Xinchuen / biss
wo er sich mit dem Flusse Pinglang vermählet; daselbst stieg ich aus / und
belägerte zu Wasser und Lande die vom Könige Hiaouv erbaute / vom Könige Pirimal
aber eingenommene Gräntz-Festung Mien. Ich hatte diese Stadt durch die
Sturm-Böcke und das ertztene Geschütze schon so weit gebracht /dass die
Belägerten durch das traurige Beispiel der Stadt Jungchang von der Ubergabe
handelten / als ich Kundschaft kriegte / dass der Unter-König in der güldenen
Halb-Insel Malacca die Serer bei Siam auch geschlagen hätte / die in Aracam /
Ava / Cosmin und Bacan aber mit einem mächtigen Heere / Mien zu entsetzen / im
Anzuge wären. Ich ward also genötigt ein Teil des Heeres bei der Belägerung zu
lassen / das gröste aber des Nachts in aller Stille gegen den ankommenden Feind
zu führen / ob schon die Zeit / da der Fluss Pinglang sich wie der Nil über sein
Gestade ergeust / für der Tür war; Ein des Landes wohl erfahrner Serer aber
wiess mich so glücklich an / dass ich den fast zweifach stärckern /und mit vielen
zum Streit abgerichteten Elephanten ausgerüsteten Feind bei auffgehender Sonne /
als selbter sich gleich nach durchreiseter Nacht zur Ruhe begeben hatte / in
voller Sicherheit überfiel / den meisten Elefanten durch etliche in Indianische
Tracht verkleidete Waghälse die Schnautzen mit langen Beilen abhauen liess /
worvon diese und die andern sich umkehrten und auff die Indianer / als ihre
vermeinte Feinde wüteten / das ganze Lager in Schrecken / die in Eil
geschlossenen Hauffen in Unordnung setzten / und mir mit Hinterlassung alles
Kriegs-Gerätes einen grossen Sieg ohne Zückung meines Degens zuschantzten. Der
Todten waren über dreissig- der Gefangenen über zwantzig tausend / denn die
Scytische Reuterei holete die sich meist in Mangel der Pferde / der schnellen
Ochsen gebrauchende Flüchtigen unschwer ein / und hierunter war der Aracanische
Unter-König Abisar selbst / welcher mich verständigte / dass zwar der Scyten
König sich grossen teils der Städte an dem Flusse Cossmin bemächtiget hätte / es
wäre aber der König Pirimal mit einem unglaublich grossen Kriegs-Heere schon
über den Fluss Ganges und Caor kommen / um den Scyten die Stirne zu bieten. Als
diese Aussage mir von andern Indianern mehr umständlich erzählt ward / schickte
ich nur ein Teil des Heeres mit denen eroberten Kriegs-Fahnen und denen
Gefangenen für die Stadt Mien zu rücke / die sich denn nach vernomenem Siege
auff Gnade und Ungnade bald ergab; Ich aber eilte Tag und Nacht gegen dem Flusse
Cosmin umb für der Schlacht noch zum Könige Huhansien zu stossen. Ich kam den
zwantzigsten Tag an den verlangten Strom zu der vom Huhansien eroberten und
besetzten Stadt Tipora. Weil ich denn vernahm /dass die Scyten sich bereit des
Stromes Caor und der Gangariden biss an das Königreich der Pharrasier bemächtigt
/ die Indianer aber bei Dekaka schon für acht Tagen mit ihrer ganzen Macht
gestanden hatten, liess ich durch schnelle Posten dem Könige meine Ankunft
wissen; ich hingegen kriegte Nachricht / dass die Scyten bereit zwei Tage an dem
Flusse Sirote den Indianern die Uberkunft durch unauffhörliches Gefechte
strittig gemacht hätten / weil sie sich ihnen nicht gewachsen hielten. Wie ich
aber in das Königliche Läger kam / hatte selbige Nacht der König Pirimal gleich
durchgedrungen / und also Huhansien sich in ein vorteilhaftiges Gebürge ziehen
müssen. Huhansien und Syrmanis wussten ihre Freude über meiner Ankunft nicht
genugsam auszudrücken; Gleichwohl aber wollte er mit dem ermüdeten Volcke nicht
bald die von den Indianern so sehr verlangte Schlacht wagen / nicht nur um sein
Kriegs-Heer ausruhen zu lassen / sondern auch den Feind desto unvorsichtiger zu
machen; daher er sich zwischen den Bergen / ungeachtet die Indianer sich
mehrmahls näherten / und die zum Reiten gleichsam gebohrnen Scyten oder
vielmehr warhafte Centauren auf ihren Pferden mehr ausruhen / als ermüdet
werden / ganz unbeweglich hielt /und hiermit seine Verstärkung derogestalt
verdrückte / dass Pirimal von Ankunft einiger Hülffs-Völcker das wenigste
erfuhr. Den andern Tag aber / als die Mittags-Hitze etwas vorbei war / führte
Huhansien das Gross seines Heeres / Syrmanis den rechten und ich den lincken
Flügel in möglichster Geschwindigkeit / aus dreien Pforten des Gebürges in die
darfür liegende Fläche / gegen die Westwärts liegenden Indianer ins Feld / und
stellten selbte in Schlacht-Ordnung. Pirimal / der der Scyten Entschlüssung
nicht so wohl ihrer Hertzhaftigkeit als einem Mangel an Lebensmitteln zuschrieb
/ ordnete ungesäumt auch sein unzehlbares Kriegsheer / ob schon selbtes der
neundte Tag nach dem Neumonden war / den die Indianer eben so wie den ersten /
da der Mond zurück bleibt / für sehr unglückselig halten / und dem Pirimal ein
roter Sperber / mit einem weissen Ringe um den Hals / von der lincken Hand
gegen der rechten / über sein Zelt flog; ja selbige Nacht ein Crocodil einen
Elephanten / für dem er sich sonst so sehr gefürchtet /getödtet hatte. Für ieden
Flügel stellte er funffzig geübte Elephanten / in der Mitten aber waren derer
wohl hundert / und er selbst als auch seine Schwester / die er nach der Indianer
Reichs-Gesetzen geheiratet hatte / (die doch sonst die von dem ersten Priester
des Feuers Andsham / bei den Babyloniern und Persern als ein Heiligtum
eingeführte Blutschande so sehr verdammen) liessen sich auff zwei überaus
grossen und schneeweissen Elephanten sehen / welche von Purpur / Gold und
Edelgesteinen an der Sonne gleich als ein Feuer gläntzeten / und einem die Augen
verbländeten. Diese weisse Elephanten findet man alleine und zwar selten an dem
Strome Lukiang / die Indianer halten sie für Könige der andern / sie verehren
sie als etwas göttliches / der König selbst sucht sie offtmahls heim / und sie
werden aus eitel güldenen Geschirren gefüttert. Die sonst so behertzten Scyten
bebten anfangs für diesen getürmten Tieren / und denen Sichel-Wagen / welche
mit ihrem Ansehen und Erschütterung einem ein Grauen einjagten. König Huhansien
aber sprach den seinen ein Hertz ein / und erinnerte sie; wie diese Dinge mehr
das Auge fülleten / als Nachdruck hätten. Zwei oder dreier Elephanten Erlegung
würde die andern scheue / und ihren Feinden zum Fallbrete machen. Denn sie
gingen so lange auff den Feind / so lange ihr Leiter ihrer mächtig wäre; nach
ihrem Schrecknisse aber rennten sie die ihrigen als blind und rasend zu Bodem.
Sie sollten sich erinnern / dass der grosse Alexander wider des Porus gleichmässige
Rüstung die hertzhaften Scyten an die Spitze gestellt / und durch ihre Tugend
mit einer Schlacht dem ganzen Kriege ein Ende gemacht hätte. Ja als die
Macedonier für ihnen die Hände sincken lassen / habe er mit den Scyten alleine
durchzubrechen getrauet. Ihm hätte es an Elephanten zum Kriege so wenig
gemangelt / wenn er sie für dienlich geachtet; er hätte sie aber als mehr
verächtlich von sich gelassen. Ihre Tugend wäre so vielen Völckern obgelegen /
welche zum Teil unter ihnen die Waffen trügen; wie möchten sie sich nun für der
langsamen Bürde unvernünftiger Tiere entsetzen. Die von Ertzt sich
erschütternden Sichel-Wagen aber lägen mit Zerbrechung eines Nagels / oder mit
Hinfallung eines Pferdes zu Bodem. Endlich wären dieses ihrer verzweiffelten
Feinde letzte Kräfften / nach derer Niederlage sie nicht mehr um den Sieg zu
kämpffen / sondern um die Einteilung unschätzbarer Beute sich zu bemühen haben
würden. Wie nun beide Kriegs-Heere auffs beste geordnet / insonderheit aber von
mir dieselbigen / welche bei Mien schon die Elephanten zu fällen gelernet hatten
/ hierauff absonderlich bestellt waren / mit dem Befehl / dass sie die auff dem
Nacken sitzenden / welche diese Tiere durch einen eisernen Griffel leiteten /
mit langen Hacken herunter zu ziehen / die Elephanten selbst mit Wurff-Spiessen
hinter die Ohren zu verletzen / oder hinten unter dem Schwantze in die weiche
Haut die Degen zu stossen / mit langen Beilen ihnen die Schnautzen abzuhauen /
und endlich sie mit brennenden Fackeln zu bländen trachten sollten; ging die
Schlacht mit grausamen Blutstürtzen an. Die Scyten litten anfangs von denen
alles über einen Hauffen rennenden Elephanten die gröste Not /die Indianer aber
blendete die Sonne / und die geschwinde Reuterei machte ihnen auf allen Seiten
genugsam zu schaffen. Derogestalt war das Glücke biss in die sinckende Nacht
durch beider Heere Tapfferkeit gefässelt / dass seine Wage weder auf ein- noch das
andere Teil einen Ausschlag gab / sondern /nachdem iedes einen Bogenschuss
zurücke gezogen /auff der Wallstadt gegeneinander stehen blieben; wiewohl die
Scyten durch Erlegung etlicher dreissig Elephanten einen grosse Vorteil erlangt
zu haben vermeinten. Um Mitternacht begunte ein starcker Nordwind zu wehen /
daher wich Huhansien mit seiner Schlacht-Ordnung dahin ab / teils gegen den
Feind den Wind zu gewinnen / teils auch die Morgen-Sonne aus den Augen zu
kriegen. Alle Serer aber versteckte er in das Gebürge unter Scytischen / wiewol
auch Serisch gekleideten Kriegs-Häuptern / welche zu rechter Zeit den Indianern
in die Seite fallen sollten. Diese wurden noch des Nachts des von den Scyten
gesuchten Vorteils gewahr / und also kam es / ehe es noch tagete / zum neuen
Gefechte. Alleine die Scyten behaupteten den Wind / der ihre Pfeile mit
grösserm Nachdrucke auff die Indianer zu; dieser ihre aber auff sie selbst
zurücke trieb. Ja er schmiss den häuffigen Sand und Staub so wohl den Menschen
als Elephanten so sehr in die Augen / dass sie ehe die tödtlichen Streiche von
den Scytischen Sebeln empfunden / als ihren Feind zu Gesichte bekamen. Nichts
destoweniger tat Pirimal und seine hertzhafte Gemahlin das eusserste die
ihrigen mit ihrem Beispiel und Worten in festem Stande zu erhalten / und die
Menge ihres Kriegs-Volcks vermochte allezeit mit frischen Hauffen die Lücken der
Fallenden zu ersetzen. Insonderheit kam dem Pirimal die von dem Cyrus auch gegen
den Crösus glücklich angewehrte Kriegs-List nicht wenig zu statten; da er gegen
die unvergleichliche Reuterei der Scyten / welche bei vollem Rennen sich biss
zur Erde bücken / und ihre verschossene Spiesse oder Pfeile wieder auffheben kann
/ etliche tausend auff Kamele gesetzte Bactrianer herfür rücken liess. Weil nun
die Pferde die Kamele weder rüchen noch sehen köñen / gerieten die Scyten in
nicht geringe Unordnung; deñ auch die edelsten Pferde der Scytischen Fürsten /
welche über ihre Ankunft wie der Adel über seiner Ahnen Geschlechts-Register
halten; ja auch Huhansien selbst konten ihre edelsten Pferde / welche sonst mit
einem seidenen Faden zu leiten waren / nicht bändigen / und an der Schnure
halten. Huhansien liess zwar alsofort ein Teil des Serischen Fuss-Volcks
darzwischen rücken; Aber dieses würde gegen die viel stärckern Indianer nicht
lange getauert haben / wenn nicht ein Scytischer Oberster durch eine andere
Kriegs-List der feindlichen abgeholffen / und durch Herbeiholung zweier
gezähmten Löwen alle Kamele schüchtern gemacht /und in die Flucht getrieben
hätte. Hiermit kriegte die Reiterei wieder Lufft / und gegen dem Mittag geriet
einem Scyten im lincken Flügel ein so glücklicher Streich / dass er der Königin
weissen Elephanten in rechten Vorder-Schenckel verletzte / worvon er zu Bodem
fiel. Wiewohl dieser hertzhafte Edelmañ diss Glücke mit seinem Lebenbezahlen
musste. Denn der Elephant schlug ihn mit der Schnautze zu Bodem. Die Königin
selbst tödtete ihn durch einen Pfeil von ihrem Bogen; hingegen senckten sich
alle bei diesem Flügel fechtende Elephanten zu grossem Unglück der Indianer auff
die Erde / sintemahl sie gewohnt waren / dem weissen Elefanten als ihrer Königin
alles nachzutun. Welche Abrichtung seinem Bedüncken nach so schädlich wäre /
als die übrige Zubereitung der Pferde; wordurch die Sybariten auff einen Tag
schier gar vertilget worden / nachdem ihre schlauen Feinde mitten in der
Schlacht die angewohnten Saitenspiele hören liessen /die Pferde aber statt des
Kampffes zu tantzen anfingen. Die Verwirrung des rechten Flügels / und die
Gefängnis der Königin / welche die Indianer vergebens aus unsern Händen zu
reissen bemühet waren / jagte dem andern Heere nicht ein geringes Schrecken ein
/die auff Huhansiens Befehl aber nunmehr aus dem Gebürge herfür brechenden- und
in die Seite des rechten Flügels einfallenden Serer / welche die Indianer für
ein ganz frisch ankommendes Heer hielten /brachte in weniger Zeit alles in
öffentliche Flucht /und der für Rache schäumende Pirimal musste wider seinen
Willen nur auch mit seinem weissen Elephanten umdrehen; welchem denn alle übrige
Augenblicks folgten. Die Scyten netzten nunmehr ihre Sebeln nur in der
Flüchtigen Blute / ich aber hielt mir für die gröste Schande / dass ein niedriger
Scyte die Königin gefangen gekriegt hatte / mir aber der König in meinem
Gesichte entkommen sollte. Also drang ich nebst meiner Leibwache durch
unterschiedene noch um den König fechtende Hauffen durch / ich kam aber in dem
Gedränge der wütenden Elephanten von den Meinigen so weit ab / dass in Mangel
alles Entsatzes ich mit dreien Pfeilen verwundet / mein Pferd zu Bodem getreten;
ich aber von der Schnautze des Königlichen Elephanten umfasst / und dem Könige
oben auff seinen Turm zugereicht ward. Also ward ich nach so herrlichem Siege
durch seltzames Ebenteuer ein Gefangener des Uberwundenen / und in die Stadt
Comotay / dahin die Flüchtigen zohen / gebracht. Weil aber Pirimal sich hier
entweder nicht sicher schätzte / oder ein neues Heer auf die Beine zu bringen
gedachte /setzte er die Uberbleibung seines Heeres / woran die Indianer selbst
200000. Mann und 80. Elephanten verloren zu haben gestanden / über den Strom
Caor /und fuhr nach Hinterlassung genugsamer Besatzung selbigen Strand hinab /
biss zu der Stadt Sotagam; und von dar eilte er biss an den wohl zwei deutsche
Meil-weges breiten Strom Ganges. So bald der König auf diesen Strom kam / fiel
er mit allen den seinigen im Schiffe auff seine Knie / hierauff schöpffte er mit
grosser Ehrerbietung in einer breiten güldenen Schale Wasser daraus / wusch
damit Händ und Antlitz /warff hernach selbte zum Opffer uñ seiner Versöhnung in
den Fluss. Deñ alle Indianer verehrten ihn als einen Gott / und mit grösserer
Ehrerbietung / als die Egyptier ihren Nil; gläubende / dass zwar alles ausser dem
Meer-Wasser / (welches die Indianer für einen unreinen Harn / die Egyptier für
eitrichte Tränen des Saturnus halten / auch desshalben kein Meer-Saltz /sondern
nur das aus dem Brunn-Wasser des Hamons gemacht wird / gebrauchen) am aller
kräfftigsten aber des Ganges Wasser / oder auch / weñ ein Abwesender nur daran
gedencke / solch Gedächtnis die Menschen von Sünden abwasche / und weñ die Asche
darein geworffen wird / die Todten aus der Höllenpein erlöse; weil es in dem
Himel entsprossen / auf den Fuss ihres Gottes Wistnou / und das Haupt des Abgotts
Esswara / und hernach erst auff die Welt gefallen wäre. Daher sie auch alle die /
welche sich damit reinigen / oder selbtes auf viel hundert Meilen zu ihren
Opffern abholen wollen / dem Könige vorher eine gewisse Schatzung erlegen
müssen. Bei dieser Uberfart sah ich mit grosser Bestürtzung / wie Pirimal
einen auf das Schiff zuschwimenden Crocodil durch Knüpffung etlicher Knoten in
ein Band unbeweglich / und nach unser ziemliche Entfernung durch ihre
Wiederauflösung beweglich machte. Der König / welcher mich bald anfangs von
meiner Ankunft / und wie ich zu den Scyten kommen wäre / ausgefragt / und mich
imer unter seiner Leibwache stets mit geführet hatte / trug mir bei seinen
allhier angeordneten neuen Kriegs-Werbungen eine Feld-Hauptmañschaft an / die
ich aber mit Vorwand / dass es wider seinen Wohltäter /als König Huhansien wäre
/ ja auch wider den / dem man einmal Treu und Glauben zugesagt / die Waffen zu
ergreiffen / einem edlen Gemüte unanständig wäre / höfflich ablehnete / zumal
meine geliebte Erato mein Hertze heftiger als der Nordliche Angelstern die
Magnet-Nadel nach sich zoh / und mir also die so fernen Umirrungen von meinem
Bewegungs-Ziele empfindlich versaltzte. Es ging kein Tag / ja zu sagen kein
Augenblick vorbei / da ich nicht gewahr ward / wie eine iede abgesonderte
Helffte eines Dinges in der Natur nach Vereinbarung mit der andern verlange /und
dadurch vollkomen zu werden begierig sei. Diss aber / was wir lieben / ist sicher
eine Helffte von uns /und ein zu unser Vergnügung notwendig gehöriges Teil.
Diesemnach ist eines Verliebten Hertz in einer unauffhörlichen Unruh / und in
mühsamer Bewegung; die Gedancken rennen in steter Botschaft; die Seele liegt in
halber Ohnmacht / biss durch Vereinbarung der Leiber die Gemüter auch in ihren
richtigen Stand und Wesen gedeien. Mich anlangend / die Warheit eigentlich zu
sagen / war ich nach so langer Abwesenheit so unvermögend über mich / oder meine
Kräffte so verfallen / dass ich nicht so wohl die Königin Erato als eine Helffte
meiner Liebe zu besitzen / als das wenige übrige / was ich mit meinem Liebe in
der Welt herum trug / ihr vollends zum Besitz einzuräumen verlangte. Sintemal
meine Seele fürlängst aus meinem Hertzen die Wohnstadt verändert / und sich so
wohl in ihre Verwahrung oder Dienstbarkeit geliefert / oder klärer zu sagen /
von ihrer Liebe umfangen zu sein sich gesehnet hatte. Denn ob es zwar nicht ohne
ist /dass eine ungefälschte Liebe ohne den Genuss der ergetzenden Anwesenheit
bestehen / nichts von ihrem Nachdrucke verlieren könne / ja der entfernten
Verlangen der Liebe noch mehrmals eine Ubermass beisetze; so ist doch die
Zusamenkunft die Frucht und das höchste Gut der Liebe / welche durch die
verwechselten Anblicke als durch eine Kette beide Seelen zusamen knüpft / und
die vorhin trüben und wässerichten Tage allererst mit einem Sonnenscheine
beglückseligt. Die Fürstin Tussnelda fing an: Warlich /Zeno weiss die Bewegungen
der Liebe so eigentlich zu beschreiben / dass es scheinet / er habe ihr recht an
Pulss / und sie ihm recht an die Seele gegriffen. Dahero wollte ich wenig
Bedencken haben / der Königin Erato meine Bürgschaft anzutragen / dass seine
Seele mehr in ihrem geliebten Leibe wohne / als in seinem /welchen sie doch
beseelen muss. Ich kann es nicht läugnen / antwortete Zeno / dass diss die einige
Ursache war / warum ich Huhansien / der mich inzwischen unter den Todten mit
tausend Bejamerungen vergebens suchen liess / meine Gefangenschaft nicht zuwissen
machte / von welchem ich versichert bin / dass er mich gegen Ausfolgung der
Indianischen Königin ausgelöset haben würde. Die Königin Erato brach ein: da
Fürst Zeno eine so empfindliche Seele hat /wie hat er seine so holdselige
Reise-Gefärtin Syrmanis / und den wohltätigen Huhansien mit seinem unter den
Gnaden-Blicken eines so mächtigen Welt-Beherrschers so bald ausser Acht lassen
können? Alleine was befremdet mich? dass Zeno sich die Annehmligkeiten Indiens
nicht hat anfesseln lassen. Deñ man wird des mildesten Himels / und der
Hesperischen Lustgärte endlich überdrüssig / aus einer eingepflantzte Sehnsucht
nach einer steinichten und wilden Heimat. Diss aber ist vielmehr bedencklich /
wie Zeno seinem im Morgenlande auffgehenden Glücke den Rücken und der ihn mit so
viel Sturm und trüben Wolcken verjagenden Mitternacht das Antlitz kehren können?
Zeno versetzte: Sie wüste selbst allzu wohl /dass Gewogenheit und Liebe von
einander so weit unterschieden wären / als der kleineste Stern in der
Milchstrasse und die Sonne. Der Syrmanis Freundschaft und der Magnet hätten
beide in sich wohl einen Zug; aber diese Kraft verliere sich / wenn der Glantz
einer Erato und eines Diamants sich näherte. Das Glücke hätte ihm zwar mit den
Händen des gütigen Huhansien liebgekoset / sie kennte aber allzuwohl sein
Gemüte / dass er dieses unvernünftige Weib /welches zwischen Geitz uñ
Verschwendung kein Mittel wüste / welche zwar geil sein / aber nicht lieben
könnte / niemals zu seiner Gemahlin erkiesen sollte; da sie nicht einst zu einem
Kebs-Weibe taugte. Sie würffe zwar Kronen und Fürsten-Hüte auch Knechten zu /
und verwandelte auch Ton / wenn sie ihn anrührte /in Gold; sie täte beides /
aber ihre Schoss-Kinder mehr damit zu äffen als zu beseligen. Sie wäre ein Weib
ohne Füsse / weil sie nirgends stand hielte; sie hätte zwar Hände und Flügel /
aber mit jenen spielte sie nur aus der Tasche / und diese liesse sie niemanden
anrühren. Also dörfte es keines Verwunderns / dass er diesem Irrwische kein Licht
angezündet; sondern bei seinem einigen Glücks-Sterne der holdseligen Erato den
Mittel-Punct seiner Ruh gesucht hätte. Alle Unruhen wären hierumb nützlich
angewehret; denn die Bekümmernüsse gäben das Saltz der nachfolgenden Vergnügung
ab; und die Wiederwertigkeit machte die Liebe zur Tugend. Die / welche nur immer
mit gutem Winde segeln / auf Rosen gehen / ihr Haupt in der Schoss des Glückes
liegen haben wollte / wäre eine Hof-Poppe der Wollus. Hingegen hätte die
wahrhafte Liebe nichts minder mehr Bewegung / als das helle Quell-Wasser gegen
dem sümpfichten. Sie und die Gestirne hätten einen mühsamern Lauff als die
Schwantz-Sternen / und die Tauben einen geschwindern Flug als die Raben. Jedoch
führte das Glücke mit der Tugend nicht einen ewigen Krieg. Es gebe im Lieben
eben so wohl Windstillen /als auf dem Meere; es bliesse nicht selten in die
Segel desselben Schiffes / worauf die Tapferkeit ruderte /und hülffe durch eine
Gefängnis einem auf den rechten Weg / und zur Freiheit. Nicht anders spielte es
mit der gefangenen Königin und mit mir. Denn der grossmütige Huhansien schickte
jene dem Könige Pirimal ohne Entgeld nach Hause; welcher aber hingegen Huhansien
so viel Perlen und Edelgesteine zum Löse-Gelde übersendete / als die Königin
schwer war. Welchen die Indianer mehr als noch so viel freiwillig zulegten. Denn
diese Fürstin hatte durch ihre Leutseligkeit ihr die Gemüter der Untertanen so
feste verknüpft / dass ihrer etliche tausend nach Jalamaka / wo die Flammen aus
einem Stein-Ritze und einem eisskalten Brunnen heraus schlagen / und in den mit
dichtem Golde gepflasterten Tempel des Abgotts Matta zu Nagracot wallfarteten /
und für ihre Erlösung dort ihnen ein Stück von ihren Fingern abbrenneten / oder
drei Zähne an statt des Opfers ausrissen /hier aber ein Stück von ihrer Zunge
abschnitten; glaubende; dieser Abgott lasse es ihnen in kurtzem wieder wachsen.
Andere trugen grosse Schätze von Diamanten / Rubinen / Saphiren / und köstlichen
Perlen / mit welchen dieses Reich gleichsam angefüllet ist / als ein Löse-Geld
zusammen. Ob nun wohl die Pracht dieses Hofes / an welchem alle Tage durchs
ganze Jahr neue Köstligkeiten gebraucht werden / im Anfange des Jahres aber der
König sich in einer Wag-Schale gegen Edelgesteine / Perlen / Gold / allerhand
Früchte abwiegen / und hernach diese Gewichte den Armen austeilen läst; das
Reichtum des Landes / da die Gebürge Edelgesteine / und Balsam schwitzende
Bäume / die Flüsse Gold-Sand und Perlen-Muscheln / die Wälder alle Arten des
Gewürtzes / die unfruchtbaren Sand-Wüsten bei Golconda die seltzamsten Diamanten
tragen / die Forsten mehr als 50000. Elefanten unterhalten / einen vollkommenen
Auszug des Natur fürstellete; so empfand ich doch über aller Annehmligkeit ich
weiss nicht was für einen Eckel / und ich seufzete numehr hertzlich nach meinem
wiewohl verborgenem Vaterlande. Zu meinem Glücke beschloss König Pirimal eine
Botschaft nach Rom zu schicken / umb den Käyser durch Geschencke und noch
grössere Verheissungen / zu einem Kriege wider die Scyten / als die allgemeinen
Räuber der Welt zu bewegen. Die Wissenschaft der Römischen und Griechischen
Sprache / oder vielmehr ein guter Stern / der mir bei dem Könige / ich weiss
nicht / aus was für einer Zuneigung / aufging / erwarb mir das Erlaubnis mit zu
reisen. Wie wir nun von dem Könige Abschied genommen hatte / und in dem Hafen zu
Satigan ins Schiff treten wollte / traffen wir auf dem daselbst bei einem
herrlichen Tempel sich befindenden weiten Platze eine grosse Menge Volcks an /
welches meinen Vorwitz veranlasste mich selbtem zu nähern. Ich sah daselbst eine
grosse Anzahl der edelsten und schönsten Weiber / welche in ihrem köstlichsten
Schmuck nach allerhand Saiten-Spielen umb unterschiedene nur zum anzünden
fertige Holtz-Stösse von Morellen-Aloe-Sandel- und Zimmet-Holtz tantzten. Kurtz
hierauf brachte man eine Reihe eingebalsamter Leichen: von denen mir die
Umbstehenden meldeten: Es wären die vornehmsten in der Schlacht gebliebenen /
und umb grosse Kosten gelöseten Herren; die Tantzenden aber ihre Wittiben /
welche sich nach ihren Landes-Gesetzen mit ihnen verbrennen würden. Ich näherte
mich hiermit einer in der Mitten stehenden / und aus einem einigen Marmel-Steine
gehauenen Spitz-Säule /auf welcher oben aus Golde ein sich verbrennender Phönix
zu sehen war. Unter dieser Säule sind überaus herrliche Grufften gebauet / in
welche der verbrennten Asche in köstlichen Gefässern aufgehoben wird. An dem
Fusse dieser Säule war mit güldenen Buchstaben eingeetzet:
Ihr Heuchler / weichet weg von diesen Grabes-Holen!
Wo ieder Todten-Kopf beherberget zwei Seelen.
Ein Hertz / ein Geist / ein Sinn / ein Tod / ein Grab / ein Graus /
Muss / wenn's Verhångnuss gleich lescht zwei paar Augen aus /
Allhier vereinbart sein. Wil auch des Todes Rachen
Gleich einen Unterscheid durch halbe Trennung machen /
So zwingt doch's andre Teil zu sterben ein Gebot
Der Liebe. Denn die ist viel stärcker als der Tod /
Die zeuget aus der Asch' ein unverweslich Leben /
Kan Seelen auf zu Gott / den Ruhm zur Sonnen heben.
Und also ist die Lieb' auch Herr der Eitelkeit /
Und ein keusch Weib durch sie ein Phonix ihrer Zeit.
    So bald die Leichen oben auf die Holtz-Stösse gelegt waren / nahmen die nun
dem Sterben so nahe Frauen mit lachendem Munde und annehmlichen Küssen von ihren
Befreundeten / unter die sie noch ihren an sich tragenden Schmuck austeilten /
behertzten Abschied; wuschen sich hierauf in einem nahe darbei mit Marmel
umbsetzten Weiher / stiegen darmit in der einen Hand eine Pomerantze / in der
andern einen Spiegel haltend / auf die Staffelweise gebauten Holtz-Stösse /
setzten sich auf die Leichen ihrer mit Lorbeer-Kräntzen geschmückten Ehe-Männer
/ und machten ihnen die Augen-Lieder auf / unter tausend Lob-Sprüchen der
Umbstehenden / weil dieser Tod ihnen selbst nicht nur zu künftiger Ehre /
sondern ihren Männern auch zu ewiger Freude dienen soll. Zu geschweigen: dass die
zu diesem Feuer allzu zärtliche Wittiben Schandflecken ihres Geschlechtes / ein
Spott des Pöfels bleiben / und ihre Seele so wenig der andern Eh / als ihr Haupt
einiger Edelgesteine gewürdiget würden. Dahero man die sich weigernden Edlen
auch wider Willen mit in die Flamme stürtzt / wie man bei etlichen andern
Völckern die Leibeigenen auf ihrer Herren Gräber abgeschlachtet. Nachdem nun auf
ihr gegebenes Zeichen man unten die Holtz-Stösse anzündet / und die Flamme an
dem überall angehefteten schnellen Zunder empor stieg / gossen sie aus einem
Kruge ein wohlrüchendes Oel über ihr Haupt /welches alsobald Feuer fing / und
diese hertzhaften Weiber wie ein Blitz im Augenblick tödtete. Die Königin Erato
fing hierüber laut an zu ruffen: O heiliges Gesetze! O löbliche Gewohnheit!
wollte Gott! es wäre der ganzen Welt allgemein / dass kein Weib ihren Ehemann
überleben dörffte! O des nur dieser weiblichen Grossmütigkeit halber
ruhmwürdigsten Indiens! Rhemetalces wollte hierbei seiner Tracier Lob nicht
verborgen sein lassen / sondern meldete: dass für Zeiten daselbst des
verstorbenen Ehweiber mit einander gerechtet hätten / welche sich mit ihm sollte
ins Grab scharren lassen. Die vernünftige Tussnelda begegnete beiden mit einem
anmutigen Lächeln: Ich würde der Erato Meinung Beifall geben müssen / wenn ich
alleine die Heftigkeit meiner Liebe / so wie sie die ihrige / hierinnen zum
Richter machte. Diese gibet freilich den Verzweifelten Gift und Messer in die
Hand; diese heisset uns die Haare ausrauffen / die Wangen zerkratzen / und über
Stock und Stein sich in den tieffsten Abgrund stürtzen. Aber zu geschweigen: dass
der übermässige Schmertz allzu geschwinde verrauchet / und dass die erste Hitze
sich in weniger Zeit in Eyss verwandelt / ja die / welcher heute kein
Trauer-Kleid schwartz genung ist / oder für welcher man die Brunnen zustopfen
muss / morgen die Wangen anstreicht / und aus dem Trauer-Flor Zierraten
schneidet / ihr weisses Antlitz darmit auszuputzen; so bin ich der Meinung: Die
Vernunft werde einer empfindlichen Wittib viel mässigere Gedancken einraten
/nämlich: dass die Männer wohl mit Tränen zu beweinen / Weiber aber mit eigenem
Blute nicht zu beflecken sind. Nein / nein / sagte Erato / lasset uns unserer
Schwachheit derogestalt nicht Pflaumen streichen. So wenig ohne Bluten der Kopf
von dem Halse geschnitten werden kann / so wenig soll ohne derogleichen Strom
eine Ehe-Frau sich von ihrem Haupte trennen lassen. Die Natur selbst weiset uns
in ihren Geschöpfen die Fussstapfen / in welche wir bei solcher Begebung treten
sollen; wenn sie den weiblichen Palmbaum gleichsam durch eine unheilbare
Traurigkeit verdorren läst; wenn man ihm den männlichen von der Seite gerissen.
Ja / versetzte Tussnelda / dieses aber geschihet nicht durch eine
augenblickliche und gewaltsame Verfallung / sondern nach und nach / und
gleichsam unempfindlich. Ich gebe auch nach: dass ein Weib die Helffte ihres
Hertzens / nämlich das Behältnis der Freude mit auf ihres Ehemanns Holtzstosse
verbrennen / dieses Teil aber / darinnen die Hertzhaftigkeit stecket / der Welt
zum Beispiele / und die Vernunft zu ihres Hauses Bestem unversehrt behalten
soll. Sie mag in ihrem Wittiben Stande sich wohl mit ihrer Traurigkeit / nicht
aber mit ihrer Schwäche bloss geben. Sie kann wohl ihre Gedancken / doch darff sie
nicht ihren Leib mit dem Schatten ihres verblichenen Ehmanns vermählen. Sie muss
sein Bildnis in ihrem Gedächtnis / seine Asche zu ihrem Heiligtum aufheben;
aber nicht die Versorgung ihrer Kinder in Wind / und ihrem Geschlechte auf
einmal zwei Wunden schlagen. Wenn der Monde durch Finsternüsse von seiner Sonne
geschieden wird; verlieret er zwar sein Licht und die Anmut / nicht aber seinen
Lauff /noch seine Würckung. Wie schwartz und traurig er scheinet / verirrt er
sich doch nicht aus seinem Circkel und er vergisst nicht mit der Zeit auch ein
helles Gesicht anzunehmen. Was ist aber bei Entfallung ihres Ehmannes ein Weib
in ihren vier Pfälen anders / als was der Mond in Abwesenheit der Sonne in dem
grossen Hause der Welt? Diesemnach muss sich jene sowohl als dieser dem gemeinen
Wesen zum Besten tätig erzeigen / und ohne Entfallung der Hertzhaftigkeit statt
ihres Ehmanns an die lincke treten. Denn die Schwachheit unsers Geschlechtes
entschuldigt uns so wenig / als die Blässe das so nutzbare Nacht-Licht. Die
Turtel-Taube seufzet und girret ja wohl über dem Verlust ihres Buhlen / aber sie
verläst weder ihr Nest / noch vergisst sie die Erziehung ihrer Jungen; und die
verwittibte Adlerin zeucht nichts minder auf die Jagt /und wider die Schlangen
in Krieg aus. Also muss sicher der Schmertz ihrer Vernunft / die Liebe aber der
mütterlichen Erbarmnis aus dem Wege treten. Und da eine Frau ja von einem solche
Streiche des Unglücks eine Schramme behalten soll / muss selbte doch keine Lähmde
des Gemütes nach sich ziehen. Die Königin Erato wollte sich noch nicht geben /
sondern setzte Tussnelden entgegen: Es wäre die gröste Hertzhaftigkeit / keine
Kleinmut / den Tod umbarmen / wenn er einem gleich den Rücken kehrte. Die
Versorgung der Kinder wäre für die Fruchtbaren /oder vielmehr kleinmütigen
Mütter ein scheinbarer Fürwand; aber im Wercke ein Misstrauen zu den gütigen
Göttern; gleich als wenn diese / die die Welt versorgte / verwäyseter Kinder
Vater zu sein / allzu ohnmächtig wären. Diese hätten der hertzhaften
Entschlüssung der tapferen Porcia selbst die Hand geboten. Denn als ihre
kleinmütigen Freunde ihr alle Messer aus den Händen gerissen / die Armbänder
abgestreifft / und die Haare abgeschnitten / dass sie selbte nicht zu einem
Stricke gebrauchen / und ihrem erblassten Brutus sich vergesellschaften könnte;
hätten ihr die Götter von ihrem Opfer-Tische glüende Kohlen zugelangt / so wohl
ihrem Leben ein Ende / als ihrer Liebe ein Vergnügen zu schaffen. Warlich /
versetzte Tussnelda / ich halte für ruhmwürdiger / wenn eine Frau ihr Hertze mit
ihres Ehemanns in einen Todten-Topf einschleust; als wenn sie mit seiner ihre
Asche vermenget. In meinen Augen ist die Carische Königin Artemisia viel grösser
als die ungeduldige Porcia / welche dem Tode zu Hohne sich von ihrem schon
todten Mausolus nicht trennen liess / in dem sie ihrer beider Bild aus einem Agat
gemacht / in ein Wunderwerck der Welt / seine Asche in den Tempel ihres eigenen
Leibes / sein Gedächtnis in das Heiligtum ihres steten Andenckens versetzte /
und seinem niemals aus ihrem Gesichte verschwindenden Schatten ihr von
unausleschlicher Liebe loderndes Hertze nicht etwan zu einem bald verrauchenden
Irr-Lichte /oder einer in wenig Stunden vertrieffenden Begräbnis-Fackel /
sondern zu einem viel Jahre mit gleichem Lichte scheinenden Gestirne anzündete;
ja ihren eigenen Leib zu seinem lebendigen Begräbnüsse einweihte. Wiewohl ich
nicht weiss: Ob man Artemisien nicht jene Marsingische edle Jungfrau fürziehen
soll /welche aus der Asche ihres erblichenen Bräutigams eine Sand-Uhr machte /
nach welcher sie ihre Lebens-Zeit abmass / und nach seiner Bewegligkeit die Unruh
ihres Hertzens richtete / oder auch mit ihren tränenden Augen die
Geschwindigkeit des auslauffenden Aschen-Sandes zu übereilen sich mühete.
    Alle Anwesenden gaben Tussnelden Beifall / und nachdem Erato sich überstimt
sehende / nur die Achseln einziehen musste; fügte Zeno bei: dass auch bei denen
Indianern die Mütter vieler Kinder sich des Holtz-Stosses unnachteilig
entzügen; und erzehlte ferner: dass der Indianische Gesandte mit seinem Volcke
und ihm der berühmten Handels-Stadt Ganges zu Schiffe gegangen / und mit gutem
Winde an der Desarrenischen und Paralischen Küste bei den Städten Sopatum und
Poduca Sudwerts so lange gesegelt hätten / biss sie die Insel Taprobana / welche
wegen ihrer häuffigen Zimmet- und anderer Gewürtz-Wälder einen annehmlichen
Geruch etliche Meilen weit in die See gegeben / erreicht / und daselbst in der
Stadt Cydara sich zu erfrischen ausgestiegen wären. Ich muss gestehen / fuhr Zeno
fort / dass ich dieses Eyland für den Lustgarten und die Schatz-Kammer der Welt
/und für den edelsten Kreis des Erdbodems halte. Die Wälder versorgen fast alle
Länder mit Zimmet / derer Bäume desto köstlichere Rinde tragen / ie öffter
selbte abgeschelet wird. Hier ist das rechte Vaterland aller Elefanten / welche
an Grösse allen andern vorgehen. Die Berge stecken voller Gold / Rubine /
Smaragden und Saphire. In dieser Insel ist auch der höchste Berg Indiens / auf
dessen Gipfel in einen Fels ein überaus grosser Fussstapfen eingetreten ist / den
die Einwohner / wie die Griechen Delphis / für das Mittel des Erdbodems halten /
und nebst einem Elefanten-Kopfe / welcher ihnen Weissheit verleihen soll /
Göttlich verehren / auch ihm daselbst einen Tempel und Altar aufgebauet haben /
auf welchem ein vollkommener Rubin ohne den geringsten Flecken einer Hand breit
lang / drei Finger dicke zu sehen ist / und des Nachts als ein Licht scheinet.
Von dieser Insel erzehlte mir der Gesandte Masulipat / dass es anfänglich das
einige Reich König Pirimals gewest / und nach Abdanckung seines Bruders auf ihn
verfallen wäre / weil in Indien nichts minder als bei den Arabern die Brüder
nicht allein den Söhnen in der Reichsfolge / ja auch den Töchtern in gemeiner
Erbschaft vorgiengen / sondern auf der Insel Taprobana auch ein altes Herkommen
wäre / dass die Könige / so bald sie Erben bekämen /Zepter und Krone niederlegen
müsten / um das Reich nichterblich zu machen. Hiervon aber wäre das sonst die
freie Wahl habende Volck bei itzigem Könige Pirimal abgewichen; indem sie ihn
nun nach etlicher Jahre Vererbung entweder aus Liebe seiner Güte und Tapfferkeit
/ oder aus Furcht seiner so weit ergrösserten Macht / ohne Wiederrede behalten.
Seine Tugenden und hingegen die Laster derer Könige / welche über das vielfältig
zerteilte Indien geherrschet / hätten ihm auch das so grosse Reich erworben; in
dem die Völcker meist ihre vorige aus Bartscherern und anderm Pöfel auf den Stul
erhobene / und desshalben so viel mehr unerträgliche Fürsten verstossen / und
sich dem so milden Pirimal freiwillig unterworffen; also / dass er nicht nur die
mächtigen Reiche der Gangariden und Prasier zwischen dem Ost-Meere und Ganges /
wider derer König Agrammes dem grossen Alexander sein Heer nicht hätte folgen
wollen / sondern auch alle Länder / zwischen dem Ganges und Indus beherrschete /
und derogestalt sechs hundert Königen zu gebieten gehabt hätte. Diss aber / was
er über dem Flusse Caor / Cosmin und Martaban besässe / hätte er als ein von
Indien durch den König Hiaouv abgerissenes Anteil Indiens denen Serern
/ingleichen das zwischen dem Flusse Arabs / Etymandrus / und Indus gelegene
Königreich Gedrosia den Parten durch die Waffen abgenommen. Als er nun auch von
den Scyten das eroberte Land Paropamisis und Arachosien wieder zu suchen
vermeint /wäre er in diesen unglückseligen Krieg verfallen / zu einer
nachdencklichen Erinnerung / dass das Rad des Glückes am allerheftigsten
lossschlägt / wenn man vermeint es am allerfestesten angenagelt zu haben; und
dass dieser allgemeine Abgott der Sterblichen auch dieselbige Hand mit seinem
Feuer verletzet / die ihm gleich den Weirauch auf sein Altar streuet; ja mit
seinem überrennenden Wagen zerqvetschet / die für ihm täglich zu Fusse fallen /
oder auff ihn alle ihre Hoffnung anckern. Jedoch hätte König Pirimal sich seines
jetzt unglücklichen Krieges halber weder über seine Diener / noch über die Götter
zu beschweren. Sintemal jene ihm iederzeit mit den streitbaren Scyten zu
kriegen beweglich widerraten; diese ihn auch / als er in das Paropamisische
Gebürge einbrechen wollen / deutlich genung gewarniget hätten. Denn als er an
dem Flusse Hyphanis bei denen daselbst vom grossen Alexander aufgerichteten
steinernen Altären geopffert hätte; wären neun den Scyten heilige Nacht-Eulen /
aber der Indianer verhaste Unglücks-Vögel von dem Gebürge hergeflogen kommen /
hätten sich auff die Spitzen der Altäre gesetzt / und nicht allein gegen den
König Pirimal ein hessliches Geschrei angehoben / sondern auch ihren Kot in
seine Opffer-Feuer fallen lassen. Er Masulipat selbst hätte noch den König
erinnert / dass er an diesem merckwürdigen Orte nach dem Beispiele des grossen
Alexanders /wie auch des Bacchus / des Hercules / der Semiramis / und des Cyrus
seinen Siegen ein Gräntzmal / seiner Grossmütigkeit ein Maass ausstecken möchte.
Alleine Pirimal hätte ihm geantwortet: wenn er Alexanders Vorbild sollte seine
Richtschnur sein lassen / müste er / wie jener bei Betretung Asiens / hier zwölf
Altäre /als den Anfang seiner Siege / und an dem Gestade des Scytischen
Nord-Meeres sein Ziel mit zwölf andern steinernen Säulen bezeichnen. Sintemal er
noch viel zu erobern hätte / was seiner Indianischen Vorfahren gewest wäre. Also
deutete der Himmel zwar allezeit künftige Unfälle an / aber das Verhängnis
verstockte die Gemüter derer zum Unglück versehenen Menschen / dass sie entweder
nichts sähen / oder nichts gläubten.
    Wie nun wir auf Taprobana nicht so wohl ausgeruhet / als in hundert
Lustgärten unsere Lüsternheit mit tausenderlei Wollust gesättigt hatten / auch
der glückselige Tag / da der Monde zum ersten herfür kommt / anbrach / machten
wir uns alle zur Reise fertig; der Gesandte Masulipat aber ging mit den Seinigen
baarfüssig / und mit der rechten Hand zuvor in ein unter dem hohen Berge
liegendes / und dem Abgotte Annemonta / oder dem Winde gewiedmetes Heiligtum /
um eine glückliche Schiffart zu erbitten. Welche Verehrung / wie sie mir an
sich so befremdet nicht fürkam / weil auch die Phoenicier und Augustus in
Gallien dem Winde einen Tempel / die von Aten auff Befehl des Delphischen
Apollo beim Anzuge Xerxens ein Altar gebauet; Also wusste ich nicht zu begreiffen
/ dass der Abgott unter der Gestalt eines in Gold eingefasten Affen-Zahnes
verehret ward; ungeachtet die Egyptier / die Pittecusier und Araber ihren Anubis
und Mercur wie einen Affen abbilden und bedienen. Wir segelten aus der Stadt
Cydara mit einem beständigen Ost-Winde unter dem Eylande Leuce bei der
Sud-Spitze Indiens / und den Sesecrienischen Inseln vorbei / und wiewohl ich
durch meine Serische Magnet-Nadel dem Schiffer ein gerader Wegweiser sein wollte
/ traute er doch nicht / sondern hielt sich an die Ufer bei Nelcynda / Tyndis /
Tirannobas /Cammoni / Herone und Acabaris. Massen wir denn auch in dem
Baracischen Seebuseme auff dem Eylande Cilluta / dem Einflusse des Indus gegen
über / um frische Lufft zu schöpffen ausstiegen / hierauff an der Gedrosischen
Küste unter den Eylanden Crocala / Bibracte / Carmine / biss an die der Sonne und
dem Serapis gewiedmete Insel Nosola fortsegelten / in willens in den Persischen
Seebusem einzulauffen. Ein heftiger Nord-Nord-Ost-Wind aber trieb uns wider
Willen auff die Arabische Küste gegen die Zenobisschen Eylande hinauff. Die
annehmliche Unterredung mit dem Masulipat verkürtzte mir nichts minder den Weg
als die Tage / und Zarmar / ein mit ihm reisender Brahman gewan mich nach
unterschiedener Tage Unterredungen so lieb / dass / ob diesen Indianischen Weisen
zwar in ihrem uhralten Gesetzbuche die Geheimnisse ihres Glaubens und Weissheit /
nichts minder als bei den Griechen den Elevsinischen Gottesdienst / andern
Indianischen Stämmen / noch mehr aber Fremden zu entdecken verboten war / ich
täglich von ihm etwas zu lernen bekam. Rhemetalces fing an: Es ist diss fast
allen Völckern gemein / dass ihre Priester die Heimligkeiten ihres Glaubens und
Gottesdienstes so verborgen halten. Die Egyptier hätten in diesem Absehn von
ihrer Isis gerühmt / dass kein Sterblicher sich iemahls unterstanden hätte ihr
den Schleier abzuziehen. Sie hätten in alle ihre und des Serapis Tempel das Bild
des den Mund mit der Hand bedeckenden Harpocrates gesetzt / zur Erinnerung /dass
hier alles verschwiegen sein sollte. Die Juden hätten mit tausend Flüchen den
Ptolomeus überschüttet /dass er ihr Gesetzbuch Griechisch übersetzen lassen. Der
Elevsinische Gottesdienst dörffte in Griechenland bei Lebens-Straffe nicht
entdecket werden. Des Pytagoras fünffjähriges Stillschweigen / und sein Gebot /
dass niemand an seinem Finger einen Ring tragen solle / in welchen Gottes Bild
oder Nahmen gegraben wäre / zielete nirgends anders hin / als auff die Verhölung
des Gottesdienstes. Zu Aten würde auff einem gewissen Altare dem verborgenen
Gotte geopffert. Die Scyten bildeten zu dem Ende ihren Anacharsis derogestalt /
dass er mit der lincken Hand seine Geburts-Glieder bedeckte / mit der rechten ihm
den Mund zuhielte. Und vom Mercur sagte man / dass er eine stumme Göttin
geheiratet hätte. Hertzog Herrmann fing an: Ich muss unsere Druyden auch hierzu
rechnen / welche die sich in ihre Gemeinschaft begebende Edelknaben ganzer
zwantzig Jahr lang in geheim unterrichten; auch ihre Geheimnisse gar nicht
aufschreiben / ihre Lehrlinge mit teuren Eyden fässeln / dass sie nichts von
ihren hohen Lehren / insonderheit aber dem Pöfel nicht eröffnen dörffen; auser
diss / was zu der Tapfferkeit zu wissen nötig ist /nehmlich / dass die Seelen
unsterblich sind. Massen denn die Deutschen durchgehends für heiliger halten
/Göttliche Geheimnisse gläuben / als derselben Wissenschaft ergrübeln wollen.
Eben diss / sagte Zeno /nehmen auch die Egyptier / Seren und Indianer in acht;
welche letztern für die Gelehrten eine ganz absondere Schreibens-Art haben /
die ersten aber alle Weissheit unter tunckele Sinnenbilder verstecken / für die
Türen ihrer Tempel einen Sphynx setzen / beide aber sich sonderlich in acht
nehmen ihren Weibern nichts hiervon zu vertrauen. Wesswegen ich mich selbst noch
verwundere / dass dieser Weise mit mir Fremden so verträulich ward. Der Gesandte
Masulipat entdeckte mir anfangs / als ich mich über die Einsamkeit die Kleidung
und Sitten dieses Weisen wunderte / insonderheit / dass er weder einiges Fleisch
ass /noch den Königlichen Gesandten seiner Taffel würdigte; Es hätten diese
Weltweisen ihren Nahmen vom Brahma / den unser Plato das Wort des einigen Gottes
nennte / welcher aus einer wässrichten Blume / die dem auff dem Wasser mit der
Zehe im Munde spielenden einigen Gotte aus dem Nabel gewachsen sein sollte /
entsprossen wäre / und durch den so wohl als durch den Geist und die Seele der
Welt Gott Himmel /Erde und Meer erschaffen hätte. Der erste Brahman wäre gewest
Kassiopa / den Gott durch Brahma nicht vermittelst einer Frauen / sondern nach
seinem Willen aus Erde erschaffen. Dieser Kassiopa hätte mit seinem frommen Weibe
Diti die Brahminen gezeuget / welche aus zweien von ihr gelegten Eyern / wie die
Kinder der Leda und die Syrische Göttin Atargatis wären ausgebrütet worden. Sie
hätten anfangs ihren Auffentalt zwischen dem Phrat / Tiger und in Syrien biss
auff Abram gehabt; hernach aber wären seine und der Chettura Kinder in Magulaba
ein Teil Arabiens /und so fort in Indien kommen. Sie hätten Wissenschaft aller
Geheimnisse im Himmel und der Hölle /und desshalben die Sorge für die Seelen /
und die Verpflegung der Todten. Sie wären als das angenehmste Geschlechte Gottes
von aller Arbeit / Auflage und Dienstbarkeit befreit; Hingegen müsten alle
andere Geschlechte sie versorgen / und den dritten Teil der Einkünfte vom
Lande ihnen liefern. Ja auch die Edlen wären begierig ihnen zu dienen / und für
sie das Leben zu lassen / weil Gott jenes für einen ihm selbst geleisteten
Dienst annehme; dieses aber sie nicht /wenn die Sonne Sudwärts laufft / da
nehmlich die Sterbenden nicht in den freudigen Ort Surgam kommen könten /
sterben liesse / sondern sie unzweiffelbar in solch Paradis nach dem Tode
versetzte. Die Könige erwiesen selbst ihnen demütige Ehrerbietung / welche
Zepter und Krone zu tragen ihrem Geschlechte allzu verächtlich hielten / als
welche alleine aus dem Haupte des Brahma entsprossen wären; dahingegen die Edlen
und andere nur aus seinen andern Gliedern den Uhrsprung hätten. Wiewol sie
gleichwol dem gemeinen Wesen zum Besten ihre Gesandten und Räte zu sein nicht
verschmäheten. Kein Richter hätte Macht über ihr Haupt den Stab zu brechen /
wenn ihre Verbrechen gleich vielfältig den Todt verschuldet hätten. Hingegen
wäre es eine der fünf grösten Sünden einen Brahman tödten / und der Todschläger
müste mit entblöstem Haupte / ungewaschenen Gliedern / und zerrissenen Kleidern
zwölf Jahr in des Ermordeten Hirnschale Allmosen samlen /auch alles gebettelte
daraus essen und trincken. Welche Beschreibung mir genungsam zu verstehen gab
/dass diese Leute in Indien höher / als bei den Egyptiern die Priester / bei den
Persern die Weisen / bei den Galliern die Druyden / bei den Spaniern die
Turditanen am Brete wären. Diesemnach unterliess ich nicht durch tieffe
Ehrerbietung seine Gewogenheit zu gewinnen / und so wohl durch Erzehlung unserer
Weissheits-Lehren / als durch Verwunderung über ihrer tiefsinnigen Geheimnisse
ihm ein und anders heraus zu locken. Meine erste Sorgfalt liess ich über seiner
Kleidung und Aufzuge aus / und erforschte: warum sie auch bei rauhem Winde
nichts als die Geburts-Glieder mit Leinwand verdeckten? Warum sie ein von dreien
gezwirneten Schnüren zusammen gefügtes Band über die lincke Schulter gegen der
rechten Seiten unter dem rechten Arme trügen / und niemals ablegten? Der Brahman
Zarman lächelte / und fing an: Mein Sohn / warum binden die Priester des
Jupiters zu Rom / welche nicht mit unbedecktem Haupte gehen dörffen / ihnen
einen Fadem um das Haupt / und bleiben zulässlich unbedeckt? Und warum hencken
die Richter in Egypten einen Vogel an Hals? Warum tragen die Priester eine Mütze
von dünner Leinwand auf dem Haupte? Die auf dem Eylande Madagascar an denen zwei
vörderstern Fingern lange Nägel wie Vogelklauen? Wie ich nun ihm hierüber keinen
gewissen Bescheid zu geben wusste / fuhr er fort: Gott / dessen tägliche Priester
wir sind / wollen von uns Nackten die Opffer empfangen / zur Anzeigung / dass
unsere Andacht keine Hülle irrdischen Beisatzes haben / sondern die reine Seele
sich ohne anhangenden Leim der Erde / oder ohne den Firnüss der Heuchelei zu Gott
schwingen solle. Daher einige unserer Brüder aus Irrtum keinen Faden an ihrem
Leibe leiden. Aber wer wollte glauben / dass Gott eine solche Blösse beliebete /
welche eine Decke der Uppigkeit / und eine Ursache der Aergernüss sein kann.
Unsere Hülle ist wie der Egyptischen Priester nicht aus Wolle / sondern aus
Leinwand bereitet. Denn jener Uberfluss der Tiere stehet der Priester
Reinligkeit nicht an; wohl aber der Flachs / der mit seiner blauen Blume die
Farbe des Himmels / mit seinem aufwärts steigenden Stängel aber die
Aufschwingung der Seele von irrdischem Staube fürbildet. Jedoch ist diese meine
Hülle aus einer ganz andern vom Feuer unversehrlichen Leinwand bereitet /
welche von ihren Flecken nicht durch Wasser / sondern durchs Feuer gesaubert
wird. Denn dessen Gebrauch ziehen die Heiligen allezeit dem Wasser für; nicht
zwar / dass wir mit denen albern Persern und Chaldeern das Feuer für einen Gott
halten; Denn weder dieser Völcker Weisen / noch ihr Lehrmeister Zoroaster / der
in ihre Tempel /Paläste und Hölen das Feuer zum ersten eingeführet /hat diesen
Aberglauben gehabt / sondern solches allein als ein Ebenbild des alles
verzehrenden Gottes andächtig betrachtet / und daher eingeführet / dass in den
Opffern des Horus von Pfirschken / in des Osiris vom Lorberbaume / in der Isis
von Wermut das Holtz verbrennet / und in den heiligen Oertern viel Ampeln
angezündet werden mussten; wiewol Gott /der das Licht selber ist / dieser Lichter
gar nicht bedarf. Dieses Absehen / und dass die Seele sich noch flüchtiger / als
das mehr unreine Feuer zu Betrachtung Gottes / der sich einem unserer Heiligen
in einem Pusche in Gestalt des Feuers offenbaret / empor heben solle /
veranlasst mich mit dieser feurigen Leinwand etliche Glieder zu verhüllen / und
meinen Leib zu Erduldung gleichmässiger Flammen geschickt zu machen. Das
dreigezwirnte Band aber / welches wir selbst ohne Spinnrad aus freier Hand
bereiten / und wenn selbtes zerschleist / ehe wir einige Speise zu uns nehmen /
ergäntzen / jährlich auch im fünften Monate verneuern müssen / ist nicht nur
unsers Geschlechtes eigentümliches Kennzeichen / ohne welches niemand für einen
Brahman erkennet werden darf / und dass wir schon den zwölften Tag unsers Lebens
bei einem heiligen Opffer-Feuer anlegen / so bald uns die Eltern einen Nahmen
geben / und zum Merckmale unserer Gott ewig-schuldigen Dienstbarkeit die Ohren
durchbohren lassen. Warum aber ist dir / mein Sohn / nicht eben so wohl seltzam /
dass ich wider meine Landes-Art meine Haare biss auf einen auf dem Wirbel
behaltenen Püschel abgeschnitten; Zumahl die Abschneidung der Haare eine der
schimpflichsten Straffen der Ubeltäter ist? Oder auch / dass ich meine Brust
täglich mit Küh-Kot beflecke / und darauf gewisse Ringe zeichne? Wie ich nun /
fuhr Zeno fort / um die Ursache dieser Geheimnisse demütige Nachforschung tat;
verfolgte Zarmar seine Erklärung: die Abschneidung der Haare habe ich durch ein
Gelübde in dem Tempel zu Tripeti fürgenommen. Denn nach dem ich in mir die Liebe
gegen Gott allzu kaltsinnig oder vielmehr erstorben verspüret / hat mich
bedüncket / ich hätte über dem Tode meiner sündigen Seele mehr Ursache / als
über das Absterben eines Freundes diese denen Egyptiern / Assyriern und
Indianern gewöhnliche Klagens-Art anzunehmen / oder mich dessen zu entblössen /
was die / derer Leib nur erbleichen soll / ihnen abscheren lassen / und mich
selbst gegen Gott für einen Ubeltäter zu erklären; als von ihm ein strenges
Verdammungs-Urtel zu erwarten. Diese von geäschertem Küh-Kot auf meinen
Brüsten gemachte Ringe / welche insgemein für Schilde wider den höllischen
Richter gehalten werden / lasse dich nicht als aber gläubische Zaubereien
ärgern. Denn ob wohl unser Hiarchas und Tespion / so gut als Budda bei den
Babyloniern / Hermes bei den Egyptiern / Zoroaster bei den Persen / Zamolxes bei
den Traciern /Abbaris bei den Nord-Völckern nicht nur durch ihre kräfftige
Zeichen Geister beruffen / grausamen Tieren den Rachen zuschlüssen /
Todten-Köpffe redend machen / sondern auch durch natürliche Krafft höltzernen
Geflügel den Gesang und Flug / küpffernen Schlangen das Zischen und die Bewegung
geben / aus Asche in wenig Zeit frische Blumen und Kräuter zeugen / wie die
Psyllen die Schlangen eines ganzen Landes auff einen Hauffen zusammen bringen /
und wie Orpheus mit ihrem Gesange das Ungewitter stillen können; so haben doch
diese Merckmale viel ein heiliger Absehen. Wie die Egyptier durch eine ihren
eigenen Schwantz anbeissende Schlange die stete Wiederkehr der Zeit fürstellen;
also erinnern uns unsere Zirckel des einigen Wesens / welches weder Anfang noch
Ende hat / nehmlich des ewigen Gottes. Denn dieser allein ist der unbegreifliche
Kreis / dessen Mittelpunct allentalben / dessen Umschrenckung nirgends ist /
welcher in allen Dingen ist / ohne dass er darinnen beschlossen sei / und auser
aller Dinge /ohne ausgeschlossen zu sein. Er ist höher als der Himmel / tieffer
als die Hölle / ausgestreckter denn die Erde / und ausgegossener als das Meer.
Wie alle Zahlen in der Eines / alle Striche im Mittelpuncte begriffen sind /
also befinden sich alle Sachen in ihm /welcher alles in allem ist. Welcher mit
nichts / als mit unserm Verstande erblickt / keinesweges aber von der Vernunft
/ sondern nur mit unser Andacht umarmet werden kann / iedoch derogestalt / dass
keine Weite vieler Welten seine unmässbare Grösse / keine Zeit seine Ewigkeit /
kein Geist seine Weissheit / keine Tugend seine Güte / kein Werck seine Macht nur
mit Gedancken begreiffen könne. Dass wir uns aber mit Kot und Asche bezeichnen /
haben wir sterbliche Menschen / die wir im Leben Kot / nach dem Tode Asche sind
/ erhebliche Ursache. Jedoch kommet dieses mit Fleiss von einem heiligen Tiere /
um uns zu erinnern / dass dem grossen Gotte nichts / was zu seinem Dienste
andächtig gewiedmet wird / zu verächtlich sei / und dass wir das irrdene Gefässe
unsers zerbrechlichen Leibes mit einem frommen Leben einbalsamen sollen. Zeno
berichtete hierauf; Er habe den Brahman gefragt: warum sie denn die Kühe für so
heilige Tiere hielten? indem er ihre Bilder nicht nur in ihren Tempeln häuffig
gefunden / sondern auch gehört / dass ein Brahman ehe sterben / ja lieber das
Fleisch seiner Eltern / als von einer Kuh essen würde. Zwar hätten die
Atenienser und Römer für Zeiten bei Lebens-Straffe ein Kind zu schlachten
verboten; ja jene hätten sie nicht einst ihren Göttern zu Opffern gegönnet; aber
diss wäre nicht wegen ihrer eingebildeten Heiligkeit / sondern ihrer Nutzbarkeit
halber geschehen / weil sie nicht alleine der Ackers-Leute Arbeits-Gefärten
wären / sondern auch mit ihrem Miste den Bodem tingeten / und die Küh ihre Milch
den Sterblichen gleichsam zur ersten Speise gegeben hätten. Worauf aber Zarmar
versetzt: Warum von den Lybiern die Böcke / von den Völckern in der Atlantischen
Insel die Schlangen / von den Egyptiern Zwiebeln / Katzen und eben die Ochsen so
hoch verehret würden? Zwar billigte er nicht den Aberglauben des unverständigen
Pöfels / welcher das Vorbild mit dem geheimen Verstande vermischten / und wenn
sie die Heiligkeit in das Fell und die Knochen dieser Tiere einsperreten / die
Spreu für den Weitzen erkieseten /und daher auch dieselben / welche sich zu
ihres Geschlechtes Glauben bekenneten / aus einer allzu tummen Andacht ihre
Speisen sechs Monate mit Kühmiste vermischten. Aber er sollte die Brahminen / von
welchen die Egyptier allererst ihren Gottesdienst /wiewol mit nicht geringer
Verfälschung bekommen /eben so wenig für so alber ansehen / dass sie eine Kuh für
eine Göttin / oder einen Ochsen / wormit bei den Indianern Basira / bei den
Egyptiern Serapis / bei den Juden Joseph fürgestellt würde / für einen Gott
hielten / als andere Völcker / welche noch verächtlichere Tiere darfür
verehret. Unter diesen geringen Schalen wäre ein köstlicher Kern verborgen;
Nicht zwar / dass nach dem Aberglauben des Pöfels eine Kuh mit ihren Hörnern die
Welt-Kugel unterstützte /sondern mit diesem Tiere hätten so wohl ihre Vorfahren
/ als andere Völcker die Fruchtbarkeit der Natur abgebildet; also / dass wie ihm
zu Memphis ein Priester erzählt / auch die Römer die Vorsicht des Korn-Vogts
Minucius / die Egyptier das Grab ihres Serapis mit dem Bilde eines vergüldeten
Ochsen beschencket hätten. Und dem Egyptischen Osiris wäre von Gott in einem
Traume durch sieben magere und fette Küh der Mangel und Uberfluss künftiger
Jahre entdecket worden. Warum sollten sie nicht das Bild des göttlichen Segens in
ihre Heiligtümer setzen / nach dem es die Vorwelt nicht ohne Nachdencken unter
die zwölf himmlischen Zeichen gestellet? Gewiss / dieses Geheimnis / warum die
Egyptier allein einen roten Ochsen opffern / warum die Juden allein mit der
Asche einer roten Kuh / die durch Anrührung eines Todten sich befleckenden / zu
ihrer Reinigung besprengen / wäre durch kein Nachsinnen zu ergründen; es würde
aber dessen Auslegung in weniger Zeit kund werden. Dannenhero müste ein Weiser
aus dem kalten Kieselsteine eines rauhen Vorbildes das Feuer eines heilsamen
Verstandes herfür bringen. Sintemahl bei ihnen und andern Völckern der blinden
Vernunft noch wohl ärgerlicher zu sein schiene / dass die Egyptier und Römer an
dem Feste des Osiris und Bacchus das männliche / die Syracusier an ihrem
Tesmophorischen Feier das aus Honig und Gesäme gefertigte weibliche
Geburts-Glied / wir beides vereinbart in Tempel setzen / zur Schaue tragen und
verehren; da man doch hierdurch teils die zeugende / teils die empfangende
Krafft der fruchtbaren Natur andächtig fürbildete. Am allerwenigsten aber wäre
sich zu verwundern / dass sie sich so sehr für Speisung des Rindfleisches
enteuserten / welches so vielen Völckern ein göttliches Vorbild gegeben hätte;
nach dem auch die Juden lieber stürben / als von Schweinen nur wegen ihrer
Unreinigkeit speiseten / Sostrates und andere hätten ihr Lebetage sich alles
Fleisches entalten /und mit Milch vergnüget / weil sie gesehen / dass weder das
Fleisch zur Nahrung dienlich wäre / noch die Natur uns mit einigen zum
Fleisch-Essen geschickten Werckzeugen geschaffen hätte. Zeno berichtete hierauf:
Er hätte bei dieser Gelegenheit dem Brahman einen Einwurff getan / dass sie aber
auch keines andern Tieres Fleisch zu essen pflegten / ob diese denn alle
göttliche Bilder wären? So könnte er auch nicht begreiffen / warum die Brahminen
des Tages nur einmal / und zwar mit keinem Menschen /ja so gar mit ihren eigenen
Ehweibern / die eines andern Geschlechts wären / nicht speiseten / noch ihre
Gefässe brauchten / oder doch im Notfalle das Wasser daraus in ihren Mund ohne
Berührung der Lippen schütteten / und so gar den König selbst ihrem Essen nicht
zuschauen liessen. Worauf ihm Zarmar geantwortet hätte: Wolte Gott! unsere Natur
vertrüge / dass wir gar nicht essen dörfften / wormit der Leib mit der Zeit die
Seele nicht wegen der ihm durch Ubermass angefügten Feindschaft verklagen
dörffte / hingegen man Gott täglich mit Fasten dienen könnte. Denn wie Gott der
Trunckenheit und Schwelgerei todt-feind ist / also dass / vermöge eines alten
Gesetzes / ein iedes Weib bei uns einen trunckenen König nicht allein
unsträflich tödtet / sondern auch dem folgenden Könige zur Belohnung vermählet
wird; also ist Gott ein nüchterner Mund / und ein andächtiges Hertze das
annehmlichste Heiligtum. Welches auch euer Empedocles verstanden / welcher
allezeit zu fasten riet / so oft ein Mensch was übels getan hatte / oder in
Nöten steckte. Ja die bei euch das Feier der reichen Ceres begehen / müssen ihr
für ihren Uberfluss mit Fasten dienen. Zu dem hat Gott dem allerersten Menschen
ein Gesetze gegeben / dass er sich des Fleisches entalten / und nur von
Feldfrüchten leben sollte. Unsere Einsamkeit aber rühret aus keiner Hoffart her
/sondern es dienet uns zu steter Erinnerung / dass die /welche allein Gott zu
dienen gewiedmet sein / nicht viel Gemeinschaft mit Weltgesinnten haben sollen.
Denn die Gemüter der Sterblichen bleiben leichter an irrdischer Wollust / als
die Vogel an der Leimrute kleben. Die Mücke fleucht in das Feuer / ob sie
gleich darin eingeäschert wird / und der Fisch greiffet nach der Angel / ob
gleich nur ein Stücke Aas daran klebt /und es ihm das Leben kostet. Und warum
halten auch bei euch unterschiedene Völcker die für unrein / die nur eine Leiche
anrühren? Warum dörffen die Priester des Jupiters zu Rom die Bohnen / weil man
sie zu Todten-Mahlzeiten und Leichenbestattungen gebrauchte / weder anrühren
noch nennen? Glaube aber / dass niemand mehr todt sei / als in dem die Begierde
Gott unaufhörlich zu dienen erkaltet ist. Dannenhero müssen unsere sündigen
Pereaes ihre Brunnen und Häuser mit Todtenbeinen bezeichnen; wormit selbte
iederman fliehe / und niemand sich auch nur durch ihr Wasser / oder den Schatten
ihres Daches verunreinige. Und zu Memphis habe ich selbst wahrgenommen /dass die
/ welche mit Schweinen umgehen / weder die Tempel / noch die Wohnungen der
Priester betreten dörffen. Uberdiss verträgt auch unser bei der Mahlzeit
gewöhnlicher Dienst so wenig / als die Kost keine Gemeinschaft der Unwissenden.
Wir selbst müssen uns mit Isop und Springwasser reinigen / unsere Stirne zur
Erinnerung der Sterbligkeit mit Todten-Asche bezeichnen / unsern Leib waschen /
unsere Glieder mit Weirauch beräuchern / den Mund ausspülen / ein sauberes Kleid
anlegen / unsere Gebete verrichten /einander rechtfertigen / wie viel ieder
selbigen Tag in Erkenntnis Gottes und heiligem Wandel zugenommen habe; die
Nachlässigen aber von dem Tische hinweg und zur Türe hinaus stossen / ja die
Speisen mit geriebenem Holtze bitter machen / oder uns auch gar mit diesem
Wasser und Holtze vergnügen; worfür die Zärtlinge dieser Welt / denen auch oft
für den niedlichsten Speisen eckelt / eine Abscheu oder Verdruss haben würden.
Hieraus kanst du / mein Sohn / nun selbst unschwer ermessen: warum wir uns des
Fleisches / als der Würtze menschlicher Begierden / enteusern; ja auch die /
welche den Himmel ihnen ohne Umweg zu erlangen gedencken / entschlagen sich
eines uns sonst gewöhnlichen Feiers / auf welchem ein Vieh erstecket / und auff
dem Feuer geopffert wird / weil die Opffernden das Hertze davon zu zerteilen
und zu essen pflegen. Zeno fuhre fort / und vermeldete / dass Zarmar wegen des
Fleisch-essens ihm nur einen blauen Dunst für die Augen zu machen gemeinet;
daher er ihm entgegen gesetzt: weil er glaubte / dass die Opffernden sich so wohl
/ als bei ihnen die Priester bei den Opffern der Hecate alles Essens entalten
könten / und wahr genommen hätte / dass die Indianer das Leben der Tiere mit
Geld erkaufften / zu ihrem Unterhalt heilige Stifftungen machten / und auch
denen verächtlichsten / oder sie verletzenden Tieren noch liebkoseten / die
verstorbenen Rinder prächtig beerdigten; mutmaste er / es müsse eine andere
geheime Ursache hierunter verborgen sein. Zarmar aber begegnete mir: Jeder
Gottesdienst hätte seine besondere Eigenschaft / und auff ihrem Feste müste das
Hertze des Tieres gessen werden. Was aber dörffte ich über ihrer Speise so
sorgfältig sein; stünde doch zu Aten in dem Elevsinischen Tempel unter den
Gesetzen des Triptolemus in Ertzt eingegraben: Man solle nicht Fleisch essen.
Kein Egyptier / auser die von Lycopolis / esse von einem Schaffe / ihre Priester
zu heiligen Zeiten von keinem Tiere / ja so gar nicht Eyer und Milch / weil
diese ihr Blut / jene ihr Fleisch wären; die Priester des Jupiters zu Rom von
keiner Ziege / die Britannier von keinem Hasen / Huhne oder Ganss. Und zur Zeit
des weisen Ptolomeus habe ein Egyptier über seine eigene Mittel vom Könige
funfzehn Talent Silber geborgt / und auf das Begräbnis-Gepränge seiner für Alter
gestorbenen Kuh zu Memphis verwendet. Zeno berichtete: Er hätte sich hiermit
noch nicht abweisen lassen wollen / sondern um ihm recht auf den Puls zu fühlen
/ dem Brahman Einhalt getan: warum aber die heiligsten unter ihnen wegen der
auch denen Kräutern eingepflantzten Seele ihnen ein Gewissen machten / ein Kraut
mit seiner ganzen Wurtzel oder Stengel auszureissen / sondern nur zu ihrem
unentbehrlichem Unterhalt die eusersten Blätter abbrächen? Er sollte ihm daher
nur frei heraus sagen: Ob sie nicht / wie Pytagoras / die Wanderschaft der
Seelen in Tiere und Kräuter glaubten / welcher daher lieber in die Hände seiner
Mörder verfallen / als in die wachsenden Bohnen sich verstecken / und die
darinnen ruhenden Seelen hätte beunruhigen wollen? Welches er darum so viel
leichter glauben müste / weil die Griechen darfür hielten / dass die Indianer
ihren Pytagoras als einen grossen Heiligen / unter dem Nahmen des Brahma / mit
dreien Antlitzen und sechs Armen abbildeten / ja anbeteten; Uber diss ihm der
Buddas von Muziris gesagt hätte: Sie hielten mit unserm Parmenides / Empedocles
und Democritus / insonderheit mit dem Pytagoras darfür / dass dem Wesen nach nur
eine eintzige Seele in der Welt wäre / und nichts minder die Steine / Kräuter
und Tiere / als den Menschen begeisterte / auch als ein kräfftiges Band diese
Glieder der Natur miteinander verknüpfte. Hingegen bestünde eines ieden
beseelten Wesens Fürtreffligkeit in dem Leibe / als dem Werckzeuge / wordurch
die Seele herrlichere oder geringere Kräfften auslassen könnte. Dass nun die
Kräuter nicht lauffen / die Tiere nicht reden könten / die Steine nicht fühlten
/ geschehe aus blossem Gebrechen des darzu benötigten Werckzeugs. Sintemal die
mit einer vernünftigen Seele unstrittig begabten kleinen Kinder aus eben dieser
Uhrsache ihre Sprache und Vernunft nicht gebrauchen könten. Welche Einbildung
den Crates von Tebe so weit verleitet hätte / dass er keine Seele gegläubt /
sondern alle der Seele sonst zugeeignete Würckungen den natürlichen Kräfften des
blossen Leibes zugeeignet. Zarmar / sagte Zeno / veränderte über diesem Vortrage
etliche mal sein Gesichte / und fuhr endlich mit ziemlicher Entrüstung heraus:
Es mischen diese letztere die dreierlei Seelen mit so grossem Irrtum unter
einander / als die / welche tichten: dass die erste Sprache in der Welt so wohl
dem Vieh als den Menschen gemein gewest wäre / und dass an gewissen heiligen
Oertern fremde Vieh auch selig würde; oder dass die Flüsse für Zeiten in
menschlicher Gestalt herumb gegangen wären; und die den Leib zu einem blossen
Kercker und Klotze / in welchen die Seelen ihrer Sünden wegen verdammet würden /
und kein wesentliches Anteil des Menschen wäre; ja zu einem kalten Grabe machen
/ darinnen diese Geister /welche entweder von Ewigkeit her ihr Wesen gehabt /und
aus Gott / wie das Licht aus der Sonnen sonder des Ursprungs Verminderung
entsprossen wären /oder doch mit der Welt erschaffen worden / erfrieren und
erstarren müsten. Denn / da Gott die Seelen nur zu ihrer Marter in die Leiber
einsperrete; würde die Natur nicht alle ihre Kunst zu so schöner Bildung eines
grausamen Gefängnüsses anwenden. Es würde ohne grosse Ungerechtigkeit keine
hessliche Seele in wohlgestalten Gliedern wohnen; noch auch die verächtliche
Asche unserer Leiber von Gott mit der Zeit gewürdiget werden / dass sie wieder zu
einem viel verklärtern Leibe werden / und in unaussprechlicher Freude mit ihrer
durch den Tod abgesonderten Seele ewig vereinigt bleiben sollte. Welch Geheimnis
aber den Augen euerer eitelen Weltweisen gäntzlich verborgen ist. Die Egyptier
hingegen habe einen Blick von diesem Lichte ersehen / und die Leichen so
fleissig mit Phenicischem Weine gewaschen / mit Myrrhen / Aloe und köstliche
Hartzte eingebalsamet; dass die Seele mit der Zeitdarein / als in eine
unversehrte und ihr anständige Wohnung wieder einkehre könnte. Wormit dir aber /
mein Sohn / unser Glaube nicht so unglaublich fürkomme; will ich dir zeigen / dass
das Feuer den Dingen seine innerliche Eigenschaften nicht benehme / sondern
selbte mit ihrer Saamens-Krafft in der Asche übrig bleibe. Hiermit nahm er ein
an Blättern und Wurtzeln so dürres Kraut: dass man es mit den Fingern in Staub
zerreiben konnte / setzte es in ein Glas voll kräfftigen Wassers / welches /
seinem Berichte nach / aus gewisse Berg-Gewässern gezoge war. Es waren aber kaum
drei Stunden verstrichen; als aus der Bein-dürren Wurtzel ein frisches Kraut zu
meiner höchsten Erstaunung herfür grünete. Uber diss nahm er ein ander ganz
frisches Kraut / welches er zu seiner Speise mitgenommen hatte / zerschnitt
selbtes zu Staube / verbreñete es zu Asche / und säete es in ein mit frischer
Erde gefülltes Gefässe; mit der Versicherung; dass eben selbiges Kraut in wenig
Tagen wieder herfür wachsen würde. Als es sich auch hernach wahrhaftig
ereignete. Urteile nun / sagte Zarmar / ob es dem allmächtigen Gotte schwerer
sein werde / die Asche unsers Leibes in einen frischen Leib zu verwandeln / als
dem ohnmächtigen Menschen ein Kraut aus seinem Staube / oder einem Seidenwurme
sich aus seinem Grabe lebendig heraus zu wickeln. Brenne / verbrenne / wandele
Gold / Quecksilber und ander Ertzt / in Geträncke / Wasser / Oel und Staub;
glaube aber: dass du ihre Eigenschaft nicht verwandelt / weniger getödtet hast.
Denn sie verstecket sich nur für dem verzehrenden Feuer in ein ander und
sicheres Kleid; und wenn du deinen künstlichen Beisatz wegnimmest / wirst du den
Kern des ersten Wesens unversehrt finden. meint ihr aber: dass nach dem
Pytagoras mit seinen Träumen euch verdüstert / er uns derogestalt verblendet
habe: dass wir ihn als einen vorsetzlichen Verleiter oder unwissenden Verleiteten
für den Göttlichen Brahma den wahrhaften Mitler zwischen Gott und den Menschen
erkennen sollten? Ich erschrecke für dieser Lästerung: dass Brahma / von welchem
die Welt / keines weges aber nach der Meinung eueres Aristoteles von andern
Ursachen / noch / nach dem Stoischen Irrtume / von einem blinden Not-Loosse
oder Verhängnisse / noch von dem Einflusse der Sternen / in Ordnung gehalten
/und an statt des Göttlichen Wesens / welches nicht /wie euer Epicurus schwermet
/ so wohl seine als irrdische Sachen unachtsam ausser Augen setzt / beherrschet
wird / der sonder den Zwang der Geburts-Sternen allen Menschen ihr Glück und
Unglück abmisst /auch ihnen ihr Lebens-Ziel stecket / der durch seinen Geist /
welchen euer Plato die Seele der Welt heisst /der ganzen Natur ihre Nahrung
gibet / etliche Vögel mit einem Tropfen Wasser / die Schlangen mit dem Winde /
die Schnecken mit Tau / etliche Tiere mit Feuer / andere mit der Lufft
sättigt; dass / sag ich / der grosse Brahma / das Wort / oder wie Plato
nachdencklich redet / der Sohn Gottes mit einem aberwitzigen Weltweisen
vermenget werden will; denn wie zwar die Egyptier alle ihre Weissheit von unsern
Vor-Eltern erlernet; aber mit grossem Undancke ihre Lehrer nicht nur
verschwiegen / sondern die Lehre selbst verfälschet / und unter einem
ertichteten Altertume ihnen selbst den Ursprung zugeeignet haben / vorgebende /
dass unter ihrer Zeit die Sternen zum vierdten mal ihren Lauff vollbracht hätten
/ welches nach eures Plato Rechnung über hundert vier und viertzig tausend Jahr
beträgt / dass die Sternen-Kunst bei ihnen schon über hundert tausend Jahre
bekandt gewest /und ihr Reich siebentzig tausend Jahre von Königen beherrschet
worden wäre / dass Zoroaster sechs tausend Jahr für dem Plato gelebet hätte; also
hat Pytagoras von dem Canupheischen Priester / seinem Lehrmeister / viel
falschen Tand für gute Wahre erkaufft /oder das noch aus Egypten / oder vielmehr
aus dem Gesetz-Buche der Jude / so wohl von ihm als vorher von dem Pytagoras und
Aristobul geschöpfte reine Brunn-Wasser der Weissheit in den Sümpfen der
Griechischen Weltweisen verfälschet / weil er in natürliche Dingen den
Heraclitus / in Sitten- und Herrschafts-Lehren den Socrates / in Schluss-Reden
den Pytagoras zu seinem Leiter erkieset; also teils sich /teils seine ohne
diss eitele Griechen / die auch ihr Aten neun tausend Jahr für dem Solon gebaut
zu sein tichten / darmit hinters Licht geführet hat. Eben diese Flecken kleben
dem Pytagoras an / welchen die Egyptier zwar am Fleische mit einem steinernen
Messer / aber nicht in Irrtümern mit der Schere vollkommener Wahrheit
beschnidten / oder doch der abergläubige Morgi des Cretensischen Jupiters
Priester / welchen er in schwartze Wolle gekleidet / dreimal neun Tage in der
Ideischen Höle bei dem Bilde des Jupiters gehöret / wieder verunreiniget / und
den Pytagoras betört hat: dass er sich von ihm am Tage mit Ceraunischem Steine
am Meere reinigen / des Nachts bei flüssendem Wasser mit einem schwartzen
Lamb-Felle krönen / und dardurch dem daselbst vergrabenen Zan oder Jupiter
einweihen lassen. Dieser Pytagoras hat die unschätzbare Perle / nämlich die
Lehre von der Seelen Unsterbligkeit in eine stinckende Auster-Schale versteckt;
da er aus der Seele eine vierfache sich selbst bewegende Zahl gemacht / die
Lufft mit viel tausend umschwermende Seelen angefüllet / die Vielheit der Götter
gelehret / und sie in Zahlen verwandelt; am allermeiste aber mit den albern
Egyptiern die Welt mit der Wanderung der Seelen in andere menschliche und
viehische Leiber betört hat; vorgebende: dass nachde die Seele sich einmal aus
dem Gestirne in einen irrdischen Leib herab gelassen hätte /müste sie durch
allerhand andere Leiber herum wandern / biss sie nach 3000. Jahre / oder dem
grosse Welt-Jahre / wieder in ihren ersten Leib und vorigen Circkel komme /
endlich aber nach einer sehr langen Zeit sich mit ihren Flügeln wieder zu ihrem
Gestirne empor schwinge. Diese Wanderschaft geschehe aber nach der
Beschaffenheit des guten und bösen Verhaltens / also: dass die Fromen entweder in
eine andere menschliche / oder in heiliger Tiere / die Böse aber in unreiner
Tiere Leiber sich verfügten. Also rühmte sich Pytagoras: Seine Seele wäre
anfänglich in einem Pfauen gewest / hernach in Euphorbus / von dar in Homerus /
und so fort Pyrrhus / Eleus / endlich in seinen damaligen Leib gefahren;
weswegen er auch zu Delphis noch eigentlich seinen dahin gewiedmeten Schild
erkennet hätte; und sich erinnerte: wie er in der Hölle den an eine ertztene
Säule angefesselten Hesiodus / und des Homerus an einen Baum gehenckte und mit
Schlangen umgebene Seele gesehen. Gleicher gestalt wäre die Seele des Orpheus in
einen Schwan /des Tamyras in eine Lerche / des Telamonischen Ajax in einen
Löwen (in welcher Gestalt auch einst König Amasis soll erkennet worden sein)
Agamemnons in einen Adler gediegen. Der Weltweisen ihre kämen in Bienen / der
Redner in Nachtigaln / umb sich auch nach dem Tode an der Anmut und Süssigkeit
zu sättigen. Welche aber nur dem Göttlichen Erkäntnüsse obgelegen / würden
unmittelbar zu Engeln. Auch wäre diese Umbirrung ihnen keine Straffe / sondern
eine Ehre und Vergnügung; nachdem die heiligen Seelen auch in der wilden Tiere
Leibern ihrem Vaterlande wohltäten / die Erd-Kugel umbreiseten /und das Tun
der Menschen beobachteten / ja die Götter selbst in heilige Tiere sich zu
verfügen nicht scheueten. Hingegen würden die Zornigen in Schlangen / die
Geitzigen in Wölffe / die Betrüger in Füchse / die Hoffärtigen in Pfauen / die
Neidischen in Hunde / die Unzüchtigen in Schweine / die grausamen in Crocodile /
die Faulen in Esel / die Rauber in Raub-Vögel / einige Seelen auch wohl gar /
nach der Lehre des Empedocles / in Bäume und Pflantzen verdammet. Ob nun wohl
die Egyptischen Priester eben dieses den albern Pöfel und die leichtglaubigen
Ausländer überredet / also dass dieser Irrtum nicht nur ganz Morgenland
eingenommen / auch unsere Einfältigen die glückseligsten Seelen in Küh-Häuten
eingeschlossen zu sein vermeinen / sondern auch vom Zamolxis zu den Geten / von
den Druyden in Gallien / und auch in Deutschland gebracht worden; so haben doch
die Priester ihnen etwas mit Fleiss weiss gemacht / was sie selbst nicht geglaubt
/ auch von unsern Vorfahren nicht gelernet; oder sie selbst haben die Lehre des
Hermes und Zoroasters als unserer Schüler übel verstanden; oder nachdem sie die
Unsterbligkeit der Seelen / und dass die Frommen nach dem Tode ergetzt /die Bösen
gepeinigt werden sollten / gestehen müssen / nicht gewüsst / was sie denen Seelen
für einen Aufentalt zueignen / oder einem Geiste für äuserlichen Zwang antun
sollten; diss / was wir verblümter Weise geredet / und die Griechen zum Teil
selbst unter der Zauber-Rute Circens und der Ulyssischen Geferten fürgebildet /
wie nehmlich der Mensch durch seine unvernünftige Begierden / durch
Unterdrückung der Vernunft / von dem Kitzel äuserlichen Sinnen sich selbst zum
Viehe mache / wesentlich angenommen /und die Spreu für den Weitzen erkieset /
wiewohl auch einige unter ihnen nur die Wanderung der Seelen in andere Menschen
/ nicht aber in das Vieh nachgegeben haben. Da sie sich doch leicht hätten
bescheiden können: dass die Seele als ein Geist in und von sich selbst den
Ursprung ihrer Bewegung und Würckung habe / und des Leibes als eines
unentbehrlichen Werkzeuges keinesweges bedürffe. Welch Erkenntnis auch die
Stoischen Weltweisen zu glauben bewogen: dass die tugendhaften Seelen umb den
Monden sich an Beschauung der himlischen Dinge erlustigten / die Lasterhaften
aber umb die Erde / oder gar umb die düsteren Gräber so lange / biss sie nach und
nach von ihren irrdischen Begierden gesaubert würden / herumb schwermeten; ja
Pytagoras selbst hat geglaubt: dass die allerärgsten Seelen in uneingefleischte
Teuffel verwandelt würden. Ich gestehe übrigens gerne: dass bei uns eben so wohl
das gemeine Volck viel Schatten für das Licht erwische / und ihre Andacht eben
so wohl als in Griechenland und Egypten mit Wahn vermischet sei. Alleine es ist
besser selbten bei irrigem Gottes-Dienste unter der Furcht für dem gerechten
Gotte / und dem Gehorsam seiner Obrigkeit zu halten / als selbten ohne einige
Gottes-Furcht in allerlei Laster ohne Scheu rennen zu lassen. Uber diss ist Gott
ein so verborgenes Wesen / dass ie mehr wir selbtes zu ergründen uns bemühen / ie
mehr unsere Gemüts-Augen / wie derer / welche in die Sonne sehen / von
übermässigem Lichte verdüstert werden. Denn ob wohl Gott sein Wesen und Würcken
auch durch den verächtlichsten Käfer / durch den niedrigsten Isop erhärtet / und
also des Protagoras und Diagoras Nachfolger / welche nicht gläuben: dass ein Gott
sei / für Unmenschen zu halten sind; so sind doch seine Eigenschaften so
verborgen: dass die Welt noch keinen ihm anständigen Nahmen zu finden gewüst / ob
man auch schon mit unsern tausend Nahmen seine Allmacht und Güte nicht
aussprechen kann. Gottes Weissheit / Macht / Gerechtigkeit sind nur Worte und
Erfindungen unserer Einfalt; diss aber / was wir darmit meinen / ist seine
Gotteit selbst / welche ein einfaches Wesen hat / und keine Zusammensetzung
einiger Zahlen oder Tugenden verträget. Dannenher auch die Weisen dem
unbekandten Gotte Tempel und Altar aufzurichten veranlasst worden. Verbirget
doch der gestirnte Himmel mehr als die Helfte seiner Lichter / für unsern Augen;
ja die Kräfften der Kräuter / die wir mit Füssen treten / vermögen wir durch
unser Nachsinnen nicht zu erforschen. Wie viel weniger werden wir das Meer der
so tieffen Gotteit erschöpfen. Wohin denn auch / der Griechen Bericht nach /
des Saturnus Gesetze / dass man bei schwerer Straffe die Götter nicht nackt sehen
sollte / und das Gedichte: samb der die Diana nackt sehende Actäon von Hunden
zerrissen /der die badende Minerva ins Gesicht bekommende Tiresias blind worden
wäre / ihr Absehen hat. Also /dass nach dem die Weisen hier auch im blinden
tappen müssen / einigerlei Weise zu entschuldigen ist: dass die Griechrn alle
Geheimnisse unter Gedichte verstecket / und den Pöfel durch solchen Aberglauben
im Zaume gehalten haben. Massen ohne diss Gott durch Unwissenheit am meisten
erkennet; und mehr durch demütiges Gebet / als durch spitzige Nachforschung
verehret wird. Und wie das grosse Auge der Welt seinen Glantz auch den
Neben-Sonnen mitteilet; also missgönnet auch Gott nicht die Ehre seinem Schatten
/den blöde Augen für ihn als das selbstständige Licht erkiesen.
    Mit diesen und andern tieffsinnigen Gesprächen /sagte Zeno / verkürtzten wir
unsern Weg und die Zeit / wiewohl mir die Beisorge: Ich möchte durch allzu
grossen Vorwitz diesen weisen Mann gar aus der Wiege werffen / verbot / ein und
anders Bedencken wider seine Lehren aufzuwerffen; und insonderheit zu erhärten /
dass weil Gott seine Ehre keinem andern geben wollte / sondern er darumb
gerechtest eiferte; der Einfalt so wenig ein falscher Gottesdienst / als einer
armen Mutter für ihr Kind ein Wechselbalg unterzustecken; und ein Gottesdienst
ohne Warheit und Weissheit für ein Gespenste / einen Schatten / einen blauen
Dunst und verführisches Irrlicht zu halten sei; Ja dass der / welcher für ein
göttliches Wesen nur eine neblichte Wolcke umarmet / mit dem Ixion nichts als
Missgeburten zeuge / sich aber selbst in den Abgrund abstürtze. Denn wie einen
Affen nichts garstiger und lächerlicher macht / als dass er sich den Menschen
gleichen will; also ist der Aberglaube nur eine abscheuliche und verwerffliche
Nachäffung des wahren Gottesdienstes.
    Wir schifften / fuhr Zeno fort zu erzählen / unter halbem Sturmwinde nur mit
einem Segel / wiewohl ziemlich schnelle fort; weil der Wind aber in unserm
Segelwercke ein und anders zerbrochen hatte / stiegen wir teils solches wieder
anzurichten / teils uns zu erfrischen auff dem fruchtbaren Eylande Dioscorida
unter Arabien aus / welches die halbe Welt mit Aloe versorget. So bald wir von
dem Schiffe traten / fiel Zarmar gegen Morgen auff sein Antlitz in den Staub der
Erde / rührte kein Glied / ausser seiner Zunge /mit welcher er unglaublich
geschwinde / seinem Glauben nach / tausend Zunahmen Gottes aussprach / den Bodem
aber mit unzehlbaren Träne netzte. So bald auch die Sternen auffgingen / machte
er ein Feuer von Aloe-Holtze / trat hernach mit einem blossen Fusse nach dem
andern in den fast glüenden Sand und heisse Asche / ohne das geringste Zeichen
einiger Empfindligkeit; betrachtete lange Zeit eine ganz feurige Kugel / und
die übrige Nacht sah er einen grossen weissen Stern mit unverwendeten Augen an
/ biss selbter unter den Abends-Zirckel absanck. Wie nun Zarmar des andern Tages
in dem Garten des Königs Eleazes / welchem dieses Eyland und das Weirauch
bringende Teil Arabiens zustehet / seine die Nacht über gepflogene Andacht
auszulegen gebeten ward; antwortete er: meint ihr denn / dass die Woltaten
Gottes / indem er uns Wind und Wellen zu Liebe in Fesseln gehalten /nicht alle
unsere Demut und Dancksagung übersteige? Schätzet ihr Gott nicht für so hoch /
dass wir / die wir Asche sind / und zu Staube werden / also nicht einst recht den
Nahmen ehrlicher Erde verdienen / uns für ihm nicht in den niedrigsten Staub zu
verscharren schuldig sind? meint ihr / dass tausend Lobsprüche seiner
Herrligkeit ein mehrers beisetzen / als wenn man einen Löffel voll Wasser ins
Meer geust? Solten unsere verzärtelte Glieder nicht einen wenigen Schmertzen des
Feuers vertragen / um in der Andacht gegen dem Schöpffer unserer Seelen / dem
wir unser brennendes Hertz täglich auffzuopffern schuldig sind /nicht schläffrig
zu werden? Wisset ihr nicht / dass wenn das Meer keinen Dampff mehr über sich
werffen / und die Sternen darmit träncken wird / selbte eingeäschert herab
fallen sollen? Warlich / werden keine Seuffzer und Tränen der sündigen Menschen
den brennenden Zorn Gottes abkühlen / so wird er die Welt wie ein Schmeltz-Ofen
die Spreu verzehren. Wie aber hingegen ein Gärtner sich über die bei ihrer
Beschneidung weinenden Reben als einem Zeichen der Fruchtbarkeit erfreuet; Also
sind Gott die Tränen eine Anzeigung der reichen Seelen-Erndte. Das Gebet hat
nur die Eigenschaft des Weirauchs / weil es Gott einen süssen Geruch abgibt /
und den Gestanck unser garstigen Sünden vertreibet; die Tränen aber haben eine
Krafft des Zwanges in sich / welche seinen gerechten Zorn fässelt / und sein
mitleidentlich Hertze presset / dass er unser barmhertziger Erbarmer sein muss. Da
man nun aber Gott aus Betrachtung aller Dinge erkennen soll; warum soll mir
nicht eine Kugel / als das vollkomenste unter denen begreifflichen Dingen / das
Muster der Welt / und das Vorbild der alles begreiffenden Gotteit zu einem
Nachsinnen dienen? Warum soll meine Finsternis nicht aus dem Feuer ihr ein Licht
anzünden / welches dem Himmel am ähnlichsten / keiner Fäulnis unterworffen / der
Urprung alles Glantzes ist; welches die todte Erde beseelet / zu allen Geburten
der Tiere und Pflantzen behülfflich sein muss / die stärckste Würckungs-Krafft
in sich hat / und als das aller fruchtbarste Wesen sich aus sich selbst zeuget /
und daher von eurem Heraclitus die Natur für nichts anders / als für ein
würckendes Feuer gehalten worden ist; ja welches die nachdrücklichste Tugend zu
reinigen hat; also / dass so viel Völcker solches als einen Gott angebetet / alle
es zu ihren Opffern nehmen / die feurigen Tiere für die edelsten halten / und
nicht wenig darum ihre Leichen verbrennen: wormit die Glut dieselben Flecken
vollends vertilge / welche durch kein Weihwasser haben köñen abgewaschen werden.
Am allermeisten aber haben wir unsere Augen und Gemüter an die Sternen zu
nageln; Deñ geben sie gleich nicht nach vieler Meinung lebhafte und beseelte
Schutz-Engel der Menschen und Tiere ab / so sind sie doch die hellesten Spiegel
der göttlichen Weissheit und Allmacht. Zeugen selbte aus sich neue Sternen / wie
vielmehr gebieret ihre Betrachtung Kinder Gottes; ja sie sind nicht so wohl
Lichter des Tages und der Nacht / als Wegweiser zu Gott dem unerschaffenem
Lichte.
    Zwischen diesen Gesprächen vergass Zarmar als ein erfahrner Gärtner nicht /
uns die Eigenschaften der seltzamsten Gewächse / insonderheit aber der
unterschiedenen Aloe zu zeigen und auszulegen. Unter diesen allen war die
köstliche Holtz-Aloe / wormit die Morgenländischen Könige ihre Kleider und
Bettgewand einbisamen; welcher annehmlicher Geruch so durchdringend war / dass
einige unserer Leute genötiget wurden aus dem Garten zu weichen. Es ist / sagte
Rhemetalces / diss ein unfehlbarer Beweis eines sehr durchdringenden Geruchs;
weil der Mensch / als welcher seiner Grösse nach das meiste und feuchteste
Gehirne haben soll / unter allen Tieren den schwächsten Geruch hat; hingegen
wie andere in andern Sinnen; also die Raben und Geier den Menschen hierinnen
vielfältig übertreffen. Massen / denn alle diese Vögel von Aten / und aus dem
Peloponesus nach der Pharsalischen Niederlage der Meden von den stinckenden
Leichen / und ein Habicht von einem Aasse aus der Damaskischen Gegend biss nach
Babylon gelockt worden. Zeno begegnete ihm / es wäre diss allerdings wahr; iedoch
gäbe es auch Tiere / welche viel weniger rüchen / als die Menschen insgemein.
Unter diese wäre fürnehmlich der Löwe zu rechnen; welcher wegen mangelnden
Geruchs die Syrische Katze / als seine Wegweiserin mit auff die Jagt nähme / und
den Raub mit ihr teilte. Hingegen hätten viel Menschen ein sehr scharffen
Geruch / besonders die stumpffen Gesichts wären. Jubil setzte bei: Auch die
Albern sollten eine dünnschälichte Nase / scharffsinnige Leute aber einen
schlechten Geruch haben. Dessen Beispiel man an dem überaus klugen Könige Hippon
in Britannien hätte / welcher weder Zibet noch Bibergeil /weder Ambra noch
Hüttenrauch zu unterscheiden gewüst. Rhemetalces antwortete: Ich sollte vielmehr
das Widerspiel glauben / weil nach der Lehre des Heraclitus die den Geruch
dämpffende Feuchtigkeit auch den Kräfften der Vernunft soll Abbruch tun. So
hätte auch der scharffsinnige Phereides einen so herrlichen Werckzeug des
Geruches / er bestehe nun gleich an einem Beine / oder an einem Fleische / oder
an einer gewissen Spann-Ader / gehabt / dass er aus Anrüchung der Erde ein
Erdbeben gewahrsagt. Nichts minder hätte Democritus bei der Unterredung mit dem
Hippocrates durch seinen Geruch die ihnen gebrachte Milch zu unterscheiden
gewüst / dass sie von einer schwartzen Ziege wäre. Der Hirte Agation aber hätte
so gar in der Milch unterscheiden können: ob sie ein Weib oder Mann gemolcken?
Unter welchen die zwei ersten nicht nur für scharffrüchende / sondern auch für
tieffsinnige Weisen gelten könten. Flavius setzte bei: Er erinnerte sich / dass
König Juba in Africa bei seinem Heere Kundschafter gehabt / die das fette und
sandichte Land auff etliche Meilen ausspüren müssen. Salonine sagte: Wo die
Trockenheit eine Schärffung des Geruchs / wie die Feuchtigkeit des Geschmacks
ist / müssen die verbrennten Mohren notwendig am besten rüchen. In alle wege /
antwortete Zeno. Dahero wäre der starcke Mosch denen heissen Babyloniern ein
rechtes Gift / und den Arabern stiege der Balsam / wie uns die geriebene
Brunnkresse oder Senff in die Nase. Die schwefflichten Katzen aber würden von
starckem Rauchwercke gar rasend. Der Geruch der Rosen tödtete die Käfer / die
Salben- und Narden-Wasser die Geier. Rhemetalces fiel ein: die bei dem Ursprunge
des Ganges wohnenden Völcker müsten bei ihrem scharffen Geruche noch etwas gar
besonders haben; wo sie anders nur von süssem Geruche der Blumen lebten / von
widrigem aber stürben. Zeno versetzte: Ich bin bei dem Brunnen des in Scyten
entspringenden Ganges wohl gewest / habe aber das minste davon gehöret. Dahero
dieser eingezogene Bericht zweiffels frei so wenig wahr ist / als dass der Würmer
und Fliegen fressende Camelion nur von der Lufft oder denen eingebiesamten
Soñen-Stralen leben solle. Wiewohl ich nicht läugne / dass wohlrüchende Sachen
die Geister erqvicken / und das Gehirne stärcken; den Magen aber zu vergnügen
sind sie wohl allzu dünne und zu flüchtig. Wesswegen auch die kräfftigsten
Balsame in den Speisen sehr ungesund sein sollen; wiewohl jetzt den lüsternen
Mäulern keine schmecken wollen / wo die Nase sich nicht so sehr mit Bisam / als
der Magen mit Würtzen sättigt. Salonine warff ein: Sie könnte keine Ursache
ergründen /warum die wohlrüchenden Speisen ungesund sein sollten / da die dem
Menschen zur Speise und Artznei geschaffene Kräuter / Pomerantzen und
Granat-Aepffel so herrlich rüchen; ja die Bienen / welche in so vielen Dingen
der Menschen Lehrmeister wären / von eitel wohlrüchenden Blumen und
Blüten-Geistern lebten. Es ist wohl wahr / antwortete Zeno; aber unser Weirauch
/ Ambra und Mosch ist ihnen ganz zuwider / ja wenn eine Biene derogleichen
Geruch an sich gezogen / wird sie von den andern gleich / als wenn sie sich
durch ein Laster verunreinigt hätte / gestrafft. Vielleicht / sagte Flavius /
geschiehet dieses nur darum / weil dieser kräfftige Geruch den schwächern der
Blumen zu sehr dämpffet und ersteckt / daraus sie doch ihre Nahrung saugen
müssen. Sintemal auch das Pantertier / welches durch seinen starcken Geruch
allerhand andere Tiere an sich locket / in Gegenwart des Menschen diese Krafft
einbüsset. Denn ich traue denen edlen Bienen nicht zu / dass sie schlechter Dings
für so köstlichen Geschöpffen der Natur einen Eckel; hingegen einen Zug zum
Gestancke / wie jener Verres haben sollten; welcher den dem Apronius aus seinem
Leibe und Munde auffdampffenden Stanck für Süssigkeit hielt / wormit er doch
sonst Menschen und Vieh verjagte. Die holdselige Fürstin Ismene brach ein: Sie
wüste wohl / dass noch mehr Menschen lieber Knobloch / als Syrischen Baum-Balsam
rüchen; sie hielte diss aber für eine Eigenschaft unreiner Seelen /oder zum
minsten ungesunder Menschen. Denn der Gestanck wäre eine Anzeigung eines Aasses /
oder zum minsten einer Fäulnis / der gute Geruch aber eine Lebhaftigkeit. Der
Himmel eröffnete seinen Zorn durch den Schwefel-Gestanck des Blitzes; und / der
Griechen Bericht nach / hätte Venus die Weiber auf Stalimene und Lemnos mit
nichts ärgerm / als dass sie nach einem Bocke gestuncken / zu straffen gewüst.
Welche Straffe so viel härter wäre / weil die also rüchenden Menschen von dem
Gebrauche wohlrüchender Dinge nur noch ärger stincken. Hingegen müsten alle
Länder den Arabern ihren Weirauch und Aloe zu ihrer Andacht abkauffen / und Gott
darmit einen süssen Geruch anzünden. Die Fürstin Tussnelda versetzte: wir müssen
Arabien / und der vom Zeno gerühmten Dioscorida ihrer Würtzen und Aloe halber
den Vorzug geben / und glauben / dass selbte so wohl als Mosch und Zibet nur
Kinder des heissen Himmels sind; ich weiss aber nicht / ob nicht Deutschlands
Blumen so einen kräfftigen Geruch / als die Morgen- oder Sudländischen haben.
Zum minsten bin ich glaubhaft berichtet worden / dass in dem doch so warmen
Egypten Kräuter und Blum-Werck den unsrigen am Geruche nicht das Wasser reichen.
Auch habe ich von unsern Blumen eine grössere Würckung gesehen / als Zeno von
der Arabischen Aloe zu erzählen gewüst; nehmlich / dass einige von dem Geruche
ihrer hundert-blätterichten Dorn-Rosen ohnmächtig worden sind. Rhemetalces
begegnete ihr mit einer höfflichen Ehrerbietung; Er wäre zu wenig dem
fruchtbaren Deutschlande seine Köstligkeiten abzusprechen; auch wollte er nicht
behaupten / dass diese Rosen nur fremde in diese Nordländer versetzte Gewächse
wären; aber er müste nur gestehen / dass alle Blumen in Asien stärcker / als in
seinem doch vielmehr Sudlichen Tracien / oder auch in Griechenland rüchen. Wie
viel die Hitze den Geruch erhöhete / würde man auch in Deutschland wahrnehmen;
wo im heissesten Somer am Mittage und beim Sonnenschein iede Blume einen
stärckern Geruch von sich gäbe / als im Herbste / des Abends oder beim
Regenwetter. Wie dem aber wäre / schriebe er die seltzame Würckung nicht so wohl
der natürlichen Krafft des Rosen-Geruchs / als einer angebohrnen Entsetzung
gewisser Menschen zu; indem auch die annehmlichsten Dinge denen Kindern widrig
wären / worfür eine schwangere Mutter Eckel bekäme. Hertzog Herrmann bestetigte
es / und meldete: Die gesündesten Gewächse würden so denn zu Giffte / also / dass
ein Narsingischer Priester vom Geruche der Rosen getödtet worden wäre. Eine
Britañische Jungfrau hätte von heimlicher Aufbindung dieser heilsamen Blume
Blattern bekommen; Und er keñte einen streitbaren Kriegsheld / den er mit einem
Püschel gesunder Raute ehe / als mit hundert blancken Sebeln in die Flucht
bringen könnte. Ich bin / sagte Zeno / eben dieser Meinung; aber viel rührt auch
von der eignen Krafft des Geruchs her. Wie viel Menschen werden wegen ihrer
Schwäche des Hauptes bei Persepolis von den vielen Rosen / in Spanien von dem
häuffigen Rosmarin / in Taprobana von der Menge des Gewürtzes mit Hauptweh
geplaget? Und in Warheit diese Holtz-Aloe geht allen Sabeischen wohlrüchenden
Gewächsen für; Dahero ihr Wesen auch in Oel / als woriñen der Geruch am
beständigsten tauret / eingetan / und in die fernesten Länder verschickt wird.
Am allerschätzbarste aber hielt Zarmar die Kraft der Aloe die Leichen für Fäule
und Würmern / derer Zahn sonst so gar der Felsen / der Corallen und Jaspisse
nicht verschonet / zu bewahren. Bei welchem Berichte er uns seuffzende ermahnte
nicht allein nachzudencken: Ob Gottes Hand unsere Leiber für gäntzlicher
Zernichtigung in der Asche / in Flammen / Wellen /und in dem Magen der
gefrässigen Tiere zu erhalten mächtig sein könnte; sondern auch zu glauben / dass
der Mensch nichts minder aus seinem andern Begräbnisse in den Staub der Erde /
als aus dem ersten Sarge / nehmlich der Mütterlichen Schoss / lebendig herfür
brechen würde. Nebst diesem sahen wir auch eine überaus grosse Menge dörnrichter
Aloen; derer etliche in unserer Anwesenheit etliche Schuch hohe Stängel
ausstiessen / ihrer viel aber auff zwölff Ellen hohen Stengeln mit etlichen
tausend rotgelben Blumen prangeten. Sehet hier / sagte Zarmar / ein rechtes
Bild der Eitelkeit / indem beide in ihrem höchsten Glantze verwelcken. Denn
diese Blumen-Mutter wird wahrhafter / als die Natter von ihren Kindern bei der
Geburt getödtet. Oder / weil diese schöne Blumen so bald abfallen / mag ihre
Mutter für Hertzeleid nicht länger im Leben bleiben.
    Nach dreier Tage Erfrischung setzten wir unsere Reise fort / und segelten
endlich recht in den Mund des roten Meeres / kamen auch nach etlichen Tagen in
den Gebanitischen Seehaven Ocila / in Meinung /dass der Arabische König Sabos /
dessen Vater / dem Käyser Augustus zu Liebe / auff seines Syrischen Landpflegers
Qvintus Didius Anstifftung die von der Cleopatra im roten Meer gebaute Schiffe
hatte verbrennen lassen / mit den Römern in gutem Vernehmen stünde. Wir erfuhren
aber von einem Perlen-Fischer / der von dem Eylande Delacca zurücke kam /zu
unserm Glücke bei Zeiten / dass Sabos mit den Römern wegen der Gräntzen / und
weil Augustus dem Jamblichus sein väterliches Reich wider den Sabos in Arabien
zugesprochen hatte / in offentliche Feindschaft verfallen / und Elius Largus
zwar mit einem mächtigen Heere tieff in Arabien eingebrochen wäre. Allein
nachdem die Araber sie mit Fleiss so tieff in ihre sandichte Wüsteneien / biss an
die Stadt Atlula gelocket / und allentalben die Brunnen verdecket /wäre das
gröste Teil des Heeres für Durst und an Hauptweh umkommen; Die übrigen hätte
König Sabos umringt und erschlagen / also / dass kaum ein Bote dieser Niderlage
zurück komen wäre. Diesem nach wir uns für Kauffleute von Oaracta / welches dem
mit den Arabern verbundenem Könige der Parten gehorsamt / ausgaben / und nach
nur geschöpfftem frischen Wasser unsern Lauff durch die Abalitische See-Enge in
den innersten Busem des roten Meeres richteten. Wir segelten zwantzig Tage ohne
einige denckwürdige Begebenheit / ausser dass ich bei dem Gold-reichen Eylande
Catacaumene ein unserm Schiffe sich näherndes See-Weib / welches beinahe die
Grösse eines Kamels / einen Ochsen-Kopff / einen Fisch-Schwantz / vollkommene
Brüste und Armen /an statt der Finger aber rechte Endten-Füsse hatte /mit
etlichen Pfeilen zu grossem Wehklagen meiner Gefärten erlegte; welche
vielleicht solche Missgeburt für eine Wohnstatt einer grossen Seele hielten. Der
Feldherr brach hier ein: bei solcher Beschaffenheit hat unser deutsches Meer
schönere Tritones und Sirenen / als das rote. Denn ich habe bei meinem Vetter
dem Hertzoge in Codanonia ein paar der vollkommensten Meer-Wunder halb Fisch und
halb Mensch gesehen; derer Oberteile nichts als die Sprache mangelte / nur dass
/ wenn man sie gar nahe sah / die Haut mit weissen zarten Schupen belegt war.
Ihr Schwantz aber war in 2. Teile geteilet. Diese hat er an dem Cimbrischen
Ufer gefangen / und verwahret sie in einem annehmlichen Weiher. Rhemetalces
verwunderte sich mit Vermeldung: Er hätte zeiter die Sirenen für blosse
Gedichte / oder Gespenste gehalten; und möchte er wohl wissen: Ob dieses eine
gewisse Art der Fische oder nur Missgeburten der Natur wären / oder aus
Vermischung zweierlei Tiere den Ursprung hätten. Hertzog Herrmann versetzte:
das letztere wäre seines Bedünckens unmöglich. Denn ob zwar die Vorwelt uns
bereden wollte / dass die Hippo-Centauren von den Centaurischen Völckern / und den
Magnesischen Stutten herkämen; dass Pindarus ein von einem Hirten und einem
Mutter-Pferde entsprossenes Kind gehabt; Cratis mit einer Ziege eine Tochter;
ein ander Schäffer darmit den Sylvan; ein Esel ein ander schönes Mägdchen
Onoscelis geboren hätte /ja die Cimbrischen Fürsten sich rühmten / dass ihres
Geschlechtes erste Stam-Frau von einem Bären geschwängert worden wäre: ein
Adelich Geschlechte in Spanien einen Wassermann zu seinem Anherrn machte / ein
ganzes Volck in Indien an dem Flusse Kinxa von einer durch Schiffbruch an den
Seestrand geworffener Jungfrau / die ein Hund beschlaffen hätte / entsprossen
sein wollte; so schiene ihm doch dieses alles unglaublich zu sein / und hielten
die bewehrtesten Naturkündiger darfür / dass aus Menschen und Vieh durch
ordentlichen Lauff der Natur kein Tier / am wenigsten aber ein Mensch gezeuget
werden könne. Daher die Sirenen ungezweiffelt so wohl als die Satyren (da es
anders derer iemahls wahrhaftig gegeben) oder auch als die Affen für eine
besondere Art der Tiere zu halten wären. Denn wie in dem Meere Fische zu finden
/ die von ihrer Aehnligkeit den Nahmen des Monden und der Sternen bekämen / die
mit ihrem Fluge den Vogeln sich gleichten / andere den Titel der Nessel und
anderer Kräuter führten; in dem Meere Bäume und Stauden so wohl als auff der
Erde wüchsen; viel See-Tiere den Löwen / Kühen / Pferden / Kälbern und Wölffen
/ ja auch die Affen und andere Tiere dem Menschen sehr nahe kämen; also wäre so
vielmehr wundernswert / dass diese Meerwunder auch uns Menschen im Ober-Leibe so
ähnlich schienen. Man hätte derer in Griechen-Land / Welschland / Africa und an
vielen andern Orten gesehen. Ja bei den Batavern wäre für drittehalb hundert
Jahren eine gefüssete Sirene / welche so gar am Rocken spinnen lernen / und ein
Meer-Mann ohne Schwantz in dem Cimbrischen Meere für funffzig Jahren mit einem
Seile gefangen worden. Zeno beteuerte / dass er in Indien derogleichen für die
gewisseste Wahrheit gehöret hätte; und in Griechenland wüste man auch viel von
Sirenen / welche im Unterleibe Vögel abbildeten / zu sagen. Hiermit erzehlte er
ferner / dass sie nach einer dreissig tägichten Schiffart an der eussersten
Spitze des roten Meeres in den Hafen der Stadt Arsinoe eingelauffen wären /
welche Stadt zwar Landwärts in einem unfruchtbaren Sand-Meere läge / aber wegen
seines Handels mit den Schätzen der Morgenländer gleichsam angefüllet wäre. Dar
hätte sie der Käyserliche Stadtalter ansehnlich bewillkommt / und auff einer
Menge Kamelen nach Heliopolis führen lassen /allwo Cornelius Gallus nebst die
zwölff ersten berühmten Sonnen-Spitzen / die Könige Manufftar /Sotis /
Psammetich und Sesostris der Sonnen zu Ehren auffgerichtet / und mit vielen in
ihren mit vielfärbichten Tropffen gleichsam besprenckeltem Tebaischen Marmel
gegrabenen Sinnbildern ausgezieret hatten / auch zu grossem Wunder von dem
wütenden Cambyses nicht zerschmettert waren / eine gleichmässige ihm hatte
auffsetzen / ja in die glatte Sonnen-Spitze die Manfenkur des Sesostris Sohn
auffgetürmet / sein Bildnis hauen / und in den Fuss schreiben lassen:
Egypten lerne nun viel grossre Spitzen bauen /
Als diese / welche solln der Sonnen Finger sein;
Du hast auff Erden jetzt mehr Sonnen anzuschauen /
Fur welchen diese kaum geringe Zehen sein.
Lässt Cåsars Bild sich auch gleich in Porphir noch hauen
So heischt des Gallus Ruhm doch einen edlern Stein.
Denn ist August dein Furst / weil er dich uberwunden /
So hast am Gallus du erst einen Vater funden.
    Hertzog Herrmann fing hierüber lachende an: Es wäre sich über die Pracht
dieser grossen Steine / welche / wie er selbst zu Alexandria gesehen /meist mit
viererlei Feuer / Lufft / Wasser und Erde gleichsam abgebildeten Flecken
bestreuet / und destalben der in diesen vier Uhrwesen kräfftig würckenden Sonne
gewiedmet wären; nichts minder auch über die künstliche Fortbringung / da man
nehmlich aus dem Nile absonderliche Wasserfarten biss zu dem Tebaischen Gebürge
gegraben / und Anfangs mit Steinen zweifach beladene Schiffe unter die mit
beiden Ecken am Ufer aufliegende Spitzen geführet / hernach durch die
Erleichterten auffgehoben / und an den bestimmten Ort gebracht hat; am
allermeisten aber über die vermessene Uberschrifft des hochmütigen Gallus zu
verwundern. Dannenhero diese neblichte Neben-Sonne / welche so gar ihren Fürsten
überscheinen wollen / wohlverdient so geschwinde verschwunden /und zu
Tränen-Wasser worden wäre. Aber warum hat Augustus nicht auch das Gedächtnis
dieses hoffärtigen Knechtes vertilget? Zeno antwortete: Es hätte diss ihn
ebenfals befremdet; der Egyptische Landvogt Cajus Petronius aber hätte ihm
gemeldet / dass der Käyser ihm / als er dieses austilgen wollen / zugeschrieben
hätte: Gallus wäre nicht wegen seiner aberwitzigen Eitelkeit / welche das
Gelächter des Volckes / die Erbarmung und nicht die Rache des Fürsten verdiente
/ sondern wegen anderer Laster bei ihm in Ungnade verfallen. Des Gallus
blödsinnige Uberschrifft würde folgenden Landvögten zur Warnigung dienen /sich
für seinen Verbrechen zu hüten / und an seinem Untergange zu spiegeln. Ein Fürst
wäre das Haupt /dieses aber missgönnte den andern Gliedern nichts. Der Fürsten
Fürbild sollten sein die Egyptischen Spitz-Türme / denn wie diese am Mittage
wegen ihrer Breite keinen Schatten von sich würffen / also sollten jene aller
Beneidung sich enteusern. Daher dieselben für so töricht als Gallus zu achten
wären /welche ihren Dienern missgönten / dass sie besser tantzten / oder auff der
Laute schlügen / als sie. Ein Fürst sollte mit niemanden in nichts / in dem aber
mit der ganzen Welt eifern / da iemand sich ihm an Tugend und Güte vorzücken
wollte. Hingegen aber sollten sich hochmütige Diener an dem von denen Egyptiern
verlassenen / und bei hervorbrechender Ungnade des Käysers verhöneten Gallus
spiegeln / der ihm doch jene durch grosse Wohltaten zu seinen Schuldnern
gemacht zu haben vermeinte; und sich erinnern: dass Fürsten Sonnen / Diener nur
Sonnen-Uhren wären /welche kein Mensch mehr einigen Anblicks würdigte / wenn die
Sonne und die Huld des Fürsten sie nicht mehr beschiene.
    Dieser Petronius / sagte Zeno / liess uns von Heliopolis nach Aphroditopolis
/ und von dar auff dem rechten Arme des Nilus hinab / auff dem lincken aber
wieder hinauff / und durch die Arsinoitische Gegend /auff dem gemachten grossen
Wasser-Graben in die herrliche Krocodil-Stadt führen / und daselbst unter andern
Seltzamkeiten den sehr grossen See weisen /welchen König Meris funffzig Ellen
tieff in Sand graben / mit Marmel am Boden und Rande besetzen lassen: dass bei
hoch angeschwollenem Nil das Wasser sechs Monat hinein / bei abfallendem Strome
aber sechs Monat heraus lauffen / und das dürstende Egypten befeuchten könne. In
der Mitte stehen zwei Marmel-Spitzen / welche funffzig Ellen über das Wasser
noch in die Lufft ragen / an der einen war der Fluss Nil / an der andern König
Meris auff einem Stule sitzende / und einen Wasser-Krug ausgiessende / gebildet.
Auff des Nilus Wasser-Kruge stehen die gestirnten Zwillinge und die fünff
folgenden himmlischen Zeichen; Auff des Meris aber der Schütz / und die fünff
übrigen. Denn in jenen Zeichen ist der Nil auffgeschwellet / teils von denen
häuffigen Regen in Mohrenland / wo er in dem Lande Sakela auff der Fläche eines
mit Wasser ganz angefüllten Berges seine zwei Augen oder Brunnen hat / und
durch vielerlei Schlangen-Wege durch erschreckliche Stein-Klüffte in Egypten
abstürtzet; teils weil also denn / wenn die Sonne fast am höchsten steht / ein
Tau fällt / welcher das Wasser und den Schlamm durch Beseelung seines von der
Sonnen-Hitze erwärmeten / und zu der Fruchtbarkeit alleine dienenden Saltzes und
Salpeters schwängert / und beides jährend macht. Wesswegen sich nicht allein das
Nil-Wasser vier oder fünff Tage für seinem Wachstume wie der junge Wein in
Fässern trübet / sondern auch die aus dem Bodeme geraffte Erde bei solcher
Auffschwellung schwerer wird; also / dass man nach solcher Schwerde die
bevorstehende Vergrösserung des Flusses urteilen kann. Welches Saltz im
Frühlinge ebenfals der jährenden Erde gleichsam ihre Schweiss-Löcher öffnet; nach
seiner Verflügung aber sich den Schlamm wieder setzen läst / also / dass in viel
tausend Jahren die Ufer sich von selbtem nichts erhöhet / und die Alten nur
geträumt haben / wenn sie gegläubet / dass das untere Egypten aus dem herunter
geschweiffeten Lette zusammen gespielet / für Zeiten aber See gewest wäre. Die
Tingung dieses Nil-Wassers ist so gut und übermässig /dass die Egyptier zu
Dämpffung des übermässigen Salpeters / und daher rührender Fettigkeit bei Säung
der Melonen und Gurcken die Aecker zuweilen besänden / und zu derer Vermagerung
so viel Müh als andere zur Tingung anwenden müssen. An dem Henckel des
Alabasternen Kruges / den Moeris ausgoss / war das Bild Egyptens und folgendes zu
lesen:
Hertz-Ader des Osir / der Isis hold Gemahl /
Des Paradisses Arm / der Gotter milde Zehren /
Ihr Saamen / ihr Geschenck / und ihr Genaden-Strahl /
Du reicher Himmels-Brunn / du Vater fetter Aehren /
Du Geist der Unter-Welt / du fruchtbar-reicher Nil /
Gantz Africa kann dich nicht nach Verdienst verehren /
Kein Tempel ist zu gross / kein Opffer dir zu viel /
Doch jetzt scheint dir nur halb mein Weirauch zugehoren.
Dem Moeris streut die linck' / und dir die rechte Hand;
Denn ein halb Jahr netzt er / das andre du mein Land.
    Auff dem Rückwege sahen wir an dem aus diesem See gehenden Wassergraben das
wunderwürdige Irr-Gebäue / welches König Moeris zu seinem Begräbnisse angefangen
/ andere zehn Könige vollführet /und Psammetich ausgebauet hat; dessen Wunder
alle Kräffte menschlichen Verstandes und Macht erschöpffen / und allen Glauben
übertreffen; gegen welches das Nachgemächte des Dedalus auff dem Eylande Lemnos
nicht sein hunderstes Teil ausmacht. Als sich uns das Tor öffnete / erbebte
alles von einem grausamen Donnerschlage. Es ist geteilt nach den zwölff
Egyptischen Landschaften in zwölff Höfe /kein Egyptischer Gott ist / der
darinnen nicht seinen Tempel habe / welche von eitel Marmelnen Seulen
unterstützt sind / und in ihnen eine grosse Menge wohl vierzig Ellen hoher
Spitz-Türme haben. Ausser diesem ist eine grosse Menge Lustgänge / und Gemächer
/ wohl neunzig Staffeln hoch zu sehen / welche von Seulen aus Porphir getragen
werden; zwischen denen der Könige uñ Götter Bilder in viehischer Gestalt / aber
aus köstlichem Ertzte und seltzamen Steinen auffgerichtet sind. Dieser Gemächer
werden vierdtehalb tausend gezehlet / derer iegliche Seite so wohl als die
Bedachung von einem ganzen Marmelsteine bestehet. Die untersten sind
Behältnisse der Königlichen Leichen / und der heiligen Krokodile /die nicht wie
die obersten Fremdankommenden gezeuget werden / aus derer irrsamen Umschweiffen
sich Dedalus selbst nicht auszuwickeln gewüst hat. Diss /was ich für das
köstlichste hierinnen gehalten / ist die neun Ellenbogen hohe Seule des Serapis
aus einem einigen Smaragde / welcher die gleichmässige Keule in dem Tempel des
Hercules zu Tyrus weit übertrifft /und das Bild der Isis aus derogleichem Steine
vier Ellen hoch / welchen Stein ein König von Babylon dahin verehret hat. Jedes
Bild hatte zwar seine Beischrift / aber aus mir unlesslichen Ziffern / darein
allerhand Tiere eingemischt waren. Uber dem aus Ertzt gegossenem Tore stand
ein Paradis-Vogel von allerhand Edelgesteinen recht lebhaft zusamen gesetzt /
welcher ihrem / wiewol von mir in Indien irrig befundenen Glauben nach / keine
Füsse haben / also niemahls ruhen / nichts essen / no comma? schlaffen /und
iederzeit in der Höhe herum schweben soll. Diesen brauchen die Egyptier
desshalben zu einem Sinnbilde eines Fürsten / weil er niemahls ruhen / seiner
Untertanen Güter nicht verzehren / aber wohl stets für sie sorgfältig wachen
soll. Hier aber war in gemeiner Egyptischer Sprache darunter zu lesen:
Wie irr't ihr Sterblichen / die ihr den Irrbau seht
Fur einen Irrgang an / der euch nur soll verfuhren.
Ein gleicher Fuss-Pfad scheint dem Blinden auch verdreht;
Ein Weiser aber kann die Spur hier nicht verlieren.
Wenn euer Vorwitz sucht in Sternen Gluck und Leid /
Muss euch die Sonne selbst ein schädlich Irr-Licht werden.
Und euer Wahnwitz geht den Pfad der Eitelkeit /
Wenn ihr hier's Paradis / den Himmel sucht auf Erden.
Des Menschen Lebens-Lauff gleicht einer Irre-Bahn /
Aus Einfalt irrt ein Kind / ein Weiser durch Begierde /
Des Alters Irr-Weg ist ein falsch-gesetzter Wahn /
Des Geitzes schimmernd Ertzt / der Geilheit fremde Zierde.
Jedwedes Laster fehlt / und fällt vom Mittel ab /
Sucht einen Abweg ihm zum eigenen Verderben.
Ja nicht der hundertste weiss seinen Weg ins Grab /
Er kennt ja wohl die Not / doch nicht die Art zu sterben.
Wer aber durch den Bau vernunftig irre geht /
Wird seines Heiles Weg / der Wahrheit Richtschnur finden.
Denn unser todter Geist wird lebhaft und erhoht
Zu Gott erst / wenn er siht sein scheinbar Nichts verschwinden.
Die Leichen lehren euch: Der Leib sei Mad' und Aass /
Wenn sich die Seele schwingt in ihres Schopfers Hånde.
Der Tempel zeigt: Gott sei ein Circkel ohne Maass /
Ein Brunn-Quell ohne Grund / ein Wesen sonder Ende.
Wie irr'n die Albern doch / die iedes heil'ge Tier /
Maus / Ochsen / Ziege / Kalb / Fisch / Katze / Kåfer / Drachen /
Wolff / Affen / Zwiebeln / Lauch / Hund / Habicht / Wespe / Stier /
Frosch / Schlange / Crocodil zu rechten Gottern machen!
Zwar Gottes Finger låst in iedem sich wohl sehn /
Und seiner Allmacht Glantz durch diesen Schatten mahlen.
Denn Gottes Auge pflegt nichts kleines zu verschmåhn /
Doch ist sein Wesen weit entfernt von diesen Schalen.
Wer hier nicht irren soll / die Bilder-Schrifft verstehn /
Muss einem Vogel sich des Paradises gleichen /
Nicht kriechen auf der Erd / auf lahmen Fussen gehn /
Der Trågheit faulen Schlaf ihm aus den Augen streichen /
Nach irrd'scher Speise nicht der Wollust lustern sein /
Nicht unter Eulen ruhn / sich uber Wolcken schwingen /
Gott schlussen in die Seel / und nicht in Marmel ein /
Nicht Weirauch / sondern's Hertz ihm zum Geschencke bringen.
    Die Egyptier selbst halten dieses Gebäue ietzt noch für das köstlichste /
nach dem Cambyses das Begräbnis des Königs Osymandyas gröstenteils eingeäschert
/ sein aus einem Steine gehauenes hundert und acht und sechzig Schuch hohes Bild
zerschmettert /und den unschätzbaren güldenen Circkel umb das Grab / welcher
nach der Zahl der Tage drei hundert fünf und sechzig Ellen im Umbkreisse hatte /
und aller Gestirne Lauff andeutete / mit sich weggeführet hat.
    Von dar leitete uns der Nil-Strom ab nach Memphis und besahen wir in der
Nähe die allen Grabe-Spitzen / welche wegen ihrer Kostbarkeit / und beständigen
Altertums / danemlich in etliche 1000. Jahre sie an der Nord-Seite der Regen /
und die Luft an denen hervorgehenden Ecken der zusammen gefügten Marmel-Felsen
nur ein wenig belecken können /mit gutem Rechte unter die Wunder der Welt
gezehlet werden. Wir stiegen auswerts auf denen zwei hundert und acht vier Füsse
hohen Staffeln / biss auf die zugespitzt Fläche des grösten unter diesen
künstlichen Marmel-Bergen; von dar niemand als ich mit seinen Pfeilen über den
ersten Fuss reichen konnte. Unser Vorwitz trieb uns auch diese Grab-Säule inwendig
zu beschauen / da wir denn durch unterschiedene niedrig-gewölbte Stiegen endlich
zu einem leren Grabe kamen / in welchem des uns anweisenden Priesters Berichte
nach / für tausend Jahren ein Wüterich ein köstlich Smaragden-Geschirre / nebst
einer ziemlichen Menge güldener Müntzen gefunden haben soll; derer Menge gleich
die Unkosten betrage / die er auf die Durchbrechung der zwantzig Ellen dicken
Mauer / oder des /nach etlicher Meinung / daselbst gewachsenen und nur äuserlich
zugespitzten Felsens verwendet hatte. Diese Grab-Stelle aber wäre zwar dem
Könige Chemmis / der diesen Bau in zwantzig Jahren mit dreihundert und sechzig
tausend Menschen vollführet / zugeeignet; er sei aber darein nicht geleget
worden; weil er durch Abmergelung seiner Untertanen unversöhnlichen Hass auf
sich geladen / und also für ihrer Rache unter so vielen Felsen nicht sicher zu
bleiben besorget. Der Priester hatte diesen Bericht uns kaum erstattet / als ein
Indianischer Edelmann sich nach aller Länge in das Grab streckete / und anfing:
So will denn ich dieses Grab seines Zweckes / mich aber durch ein so herrliches
Grab eines unsterblichen Gedächtnüsses fähig machen. Und hiermit stiess er einen
Dolch ihm so tief ins Hertze: dass er mit seinem hoch empor spritzenden Blute
Augenblicks seine Seele ausbliess. Wie sehr wir nun erschracken / so sehr eiferte
sich der Priester hierüber; also / dass er für Ungedult heraus brach: Leichen
eigneten wohl den Gräbern; Gräber aber nicht unwürdigen Todten Ruhm und Würde
zu. Welchen ich aber zu besänftigen bemühte / und endlich lächelnde beisetzte:
Die von dem köstlichen Agsteine umbronnenen Nattern und Flügen würden gleichwohl
von Königen wert geschätzt nur ihres prächtigen Grabes willen / welches an
Herrligkeit alle Egyptische Grabes-Spitzen weit übertreffe. Inzwischen wollte
doch niemand diese Leiche anrühren; welche hernach auf des Gesandten Unkosten /
nach Egyptischer Art / weil keine Seelen die verfauleten Leiber mehr sollen
beiwohnen können / eingebalsamt ward / indem der Land-Vogt es allererst an den
Käyser gelangen liess: Ob diese Leiche alldar zu lassen /oder wegzunehmen wäre.
    Hierauf besahen wir die andere vom Könige Cephren gebaute / auch zwar eben
so hohe aber nicht so dicke / auch ganz glatte / und endlich die dritte vom
Könige Mycerin aufgeführte Grabe-Spitze. Diese giebet zwar an Grösse den erstern
ein merckliches nach; aber die Bau-Kunst und die weissen Marmel-Steine daran
sind viel köstlicher. Denn an der Nord-Seite stehet König Mycerins Nahme / und
dass die Bau-Leute darbei nur an Knobloch und Oel sechs hundert Talent Silber
verzehret hätten / eingegraben. Die andern kleinern Grabe-Spitzen zu beschauen
verhinderte uns die anbrechende Nacht / also betrachteten wir zum Beschlusse nur
den ungeheuren aus einem Marmel-Felsen gehauene Sphinx / dessen Kopf allein
hundert drei und vierzig Füsse lang / und vom Bauche biss zur Scheitel zwei und
sechzig hoch ist. Der Leib bildete einen Löwen / das Haupt eine Jungfrau ab;
weil in diesen zweien himlischen Zeichen der Nil am höchsten anschwillt / umb
hierdurch Egyptens Fruchtbarkeit fürzustellen. Wie wir uns nun in denen aus
eitel ganzen Marmel-Steinen gehauenen Wohnungen der Priester / daselbst zu
übernachten / verfügten / fanden wir eine Anzahl eingebalsamter / und auf des
Largus Befehl dem Indischen Gesandten zu Liebe ausgegrabener Leichen oder Mumien
/ welche alle unter der Zunge eine güldene Müntze / etliche auch am Halse zum
Kenn-Zeichen ihrer gehabten Würde güldene Vögel / oder andere Tiere hengen
hatten. Wiewohl nun meine Geferten nach ihrer Beschauung und eingenommenem
Nachtmahle sich zur Ruhe verfügten / trieb mich doch die Begierde denen
Egyptischen Eitelkeiten meine Verachtung einzupregen / und daher erkauffte ich
etliche der Mumien-Gräber / dass sie selbige Nacht bei brennenden Fackeln mit
ihren Pfrimern nach Anleitung meiner Kohlen-Schrifft in einen glatten Stein der
grösten Grabe-Spitze folgende Reimen eingruben:
Ihr Tor'chten / die ihr meint durch Balsam / Hartzt und Stein
Den todten Leib für Zeit und Maden zu beschützen /
Die ihr die Ewigkeit sucht in den Grabe-Spitzen /
Glaubt: Balsam / Hartzt verraucht / und Mauern fallen ein.
Ja Sotis hat vielleicht långst Salbe mussen sein /
Und ein schlecht Sclave wird nach Cephrens Fleische schwitzen.
Wird Lufft und Regen auch nicht diese Turm' abnutzen;
So wird man Asch' und Saltz vielleicht noch auf sie streun.
Den Seelen ist allein die Ewigkeit verwand /
Die Tugend ist hierzu ein Balsam / der nicht schwindet /
Ein Ehren-Mahl / das Zeit und Sterben uberwindet /
Wenn Mumien zerfall'n / Palläste werden Sand.
Ja wenn die Sternen selbst schon eingeåschert werden;
So lebt ihr Geist bei Gott / ihr Nachruhm auf der Erden.
    Hertzog Herrmann brach allhier ein: Es wären diese Egyptische Grabe-Spitzen
wohl Wercke von grosser Kunst und Kostbarkeit / aber von keinem Nutzen. Sie
wären Beweisstümer reicher und ehrsüchtiger / aber nicht guttätiger Fürsten.
Sie hätten der Zeit einen Rang abgerennt / und der Eitelkeit eine Scham-Röte
abgejaget; aber ihren Uhrhebern ein Brandmahl eingebrennt; welches ihre
unbarmhertzige Unterdrückung des unter Schweiss und Last Atemlosen Volckes denen
unnützen Marmel-Bergen an die Stirne schreibet: dass sie alle Anschauer daran
sonder Erkiesung einigen Buchstabens lesen könten. Diesemnach er des Königs
Meris fruchtbaren See-Bau aller anderer Egyptischen Könige Wercken /
insonderheit aber diesen spitzigen Bergen weit fürzüge; welche niemanden als den
Leichen / oder dem Aberglauben zu statten kommen könten; wenn er selbte entweder
für Staffeln den Menschen in Himmel / oder den ohnmächtigen Göttern vom Himmel
auf die Erde halten wollte. Es stünde zwar Fürsten nicht die Art des Scipio
Emilius an / welcher sein Lebtage nichts gebauet /sondern vielmehr diss / dass sie
die Bau-Kunst unterhielten / und durch ansehliche Gebäue der Nachwelt ihr
Gedächtnis liessen; wenn aber daran nicht der gemeine Nutz zum Grund-Steine
gelegt; sondern nur umb auf die Spitze das Fahn eitelen Ruhmes zustecken / Sand
und Kalck mit Schweisse der verschmachtenden Untertanen eingemacht; und die
Werck-Stücke mit abgepresstem Vermögen oder anderem Blute der Bürger zusammen
gekittet würden / verwandelte sich das gesuchte Lob in Fluch / und das
Gedächtnis in Abscheu; oder das gelindeste Urtel der Nachwelt bezeichnete
solche mühsame Riesen-Wercke mit dem Titul einer kostbaren Torheit. Noch einen
ärgern Nahmen aber verdiente die nur zur Verschwendung angezielte Bau-Sucht
derer / die umb ihr Vermögen nur wegzuwerffe / oder die Nachbarn zum Raube
anzureitzen nach dem Beispiele der Meden das Ecbatanische Schloss mit ganz
güldenen Zügeln deckten / oder mit dem Memnon in der Festung zu Susa das Gold an
statt des Eisens zu Klammern in die Steine brauchten. Jene hätten zwar diesen
scheinbaren Vorwand: dass sie durch tägliche Bemühung ihre arbeitsame Untertanen
von den Wollüsten abzügen /oder die überwundenen streitbaren Feinde durch
Anleitung zu Erbauung kostbarer Schau-Plätze / Lustäuser / Gärte / und warmer
Bäder weibisch machten; alleine es mangelte niemals einem klugen Fürsten an
Gelegenheit was nutzbares zu bauen; welches so denn ein herrlicher Ansehen hätte
/ als die Gefängnisse der wollüstigen Sardanapale mit den silbernen Gegittern
und Berg-Crystallenen Fenstern. Daher gereichete es dem grossen Alexander zu
keinem kleinem Ruhme: dass er den Baumeister verlacht und abgewiesen; welcher
sich erbot / aus dem Berge Atos sein Bild zu fertigen. Und jener Arabische
König / welcher auf zwölf Tagereisen weit in dreien absondern aus Leder
gemachten Geleiten das Wasser aus dem Flusse Coris führte / und sein dürstendes
Reich darmit tränckte / ist nicht unbillich dem sorgfältigen Meris an die Seite
zu setzen. Unter den Römischen Bau-Leuten aber schiene Agrippa mit seinen
nützlichen Wasserleitungen /und dem herrlichen Tempel am vernünftigsten Nutz und
Ansehn mit einander vermählt zu haben. Denn er wäre keines weges der Meinung:
dass der Mensch in Wohnungen nicht von den Tieren / und seine Häuser nicht von
einsamen Hölen oder düsternen Gräbern unterschieden sein sollten. Es wäre so
wenig dem Gesetze der Natur zuwider: dass man nicht mehr unter einem
überhängenden Felsen sich für Schnee und Regen deckte / nicht mehr in hohlen
Bäumen schlieffe / nicht in geringen Laubhütten wohnte; als dass man etwas anders
/ als Eicheln und Wasser zu seinem Unterhalte gebrauchte. Die Not hätte die
Vernunft geschärffet / dass sie die Axt und den Hammer erfunden /und Häuser zu
bauen gelehrt. Ja die Natur hätte die Vögel und Bienen dem Menschen gleichsam
hierinnen zu Lehrmeistern fürgestellet / in dem jene ihre Nester nach der
allerbequemsten Gemächligkeit; diese nach der allerfürtrefflichste Bau-Kunst
ihre wächserne Zimmer zubereiteten. Zu was Ende hätte diese weise und nichts
umbsonst schaffende Mutter so viel Ertzt /Marmel / und Alabaster in den
Gebürgen; so schönes und vielfärbichtes Holtz in den Wäldern wachsen lassen?
warumb hätte sie so viel Steine gleichsam mit einem künstlichen Pinsel gemahlet?
was wäre nicht für Ordnung in den Schnecken-Häusern / für Glantz in den
Perlen-Muscheln; für Abteilung in den Spinnweben / für Herrligkeit in den
Zelten der Seiden-Würmer zu sehen? Wie viel mehr sollten nun auch Fürsten ihrem
Ansehn anständige Häuser haben. Gott hätte sein Zelt in dem allerschönsten
Gestirne / nämlich in der Sonne aufgeschlagen; warumb sollten denn seine
Stadtalter auf der Welt sich in Schacht / oder düsterne Winckel verstecken?
Zumal da die Vollkommenheit eines Fürstlichen Schlosses nicht so wohl an
Kostbarkeit des Zeuges / als an bequemer Einteilung des Raumes läge; die
Ordnung aber mehr zu Erspar-als zu Vergrösserung der Unkosten diente; und wenn
die Notdurft aus rechten Orten / nicht zur Unzeit herbei geschafft / selbte
auch bald anfangs an gesunde und feste Stellen gesetzt / nicht flüchtig überhin
gemacht; sondern auf beständigen Fuss gegründet würden / die Tauerhaftigkeit alle
Ausgaben reichlich erstattete.
    Wie wir auf den folgenden Morgen nach Babylon am rechten Arme des Nils
ankamen / berichtete uns Petronius: dass der Käyser nach Besichtigung Asiens auf
dem Eylande Samos wäre / daselbst aber nicht lange verbleiben würde. Daher ging
der Indianische Gesandte alsofort zu Schiffe / fuhr mit uns bei den Städten
Busiris / Bubastus und Phacusa vorbei / und auf dem Pelusischen Strome hinab in
das mittelländische Meer mit einem erwüntschten Sudwind. Wir kamen auf dem
Eylande Samos und zwar in der Stadt Marmacus glücklich an / fanden auch zwar den
Käyser / der aber noch selbigen Tag nach Aten segelte /und uns ihm zu folgen
erinnern liess. Weil nun Zarmar vernahm: dass diese Stadt des Pytagoras und
seines Knechtes Zamolxis / wie auch der Samischen Sybille Vaterland wäre / lag
er dem Gesandten an / ein paar Tage daselbst zu verharren. Wir liessen uns durch
einen lustigen Wald von eitel Oelbäumen zu dem berühmten Tempel der Ceres leiten
/ worinnen der Käyser für etlichen Tagen selbst geopfert hatte. Ich erinnerte
mich auf der Schwelle der Lehre des Pytagoras: dass in Heiligtümern auch die
Seelen der härtesten Menschen gerühret würden; daher ich entweder durch diss
Andencken / oder durch die Eigenschaft dieses Heiligtums eine besondere
Andacht in mir empfand. Der Tempel war recht viereckicht aus weissem Marmel
gebaut. In der Mitte stand auf einem Altare ein Vier-Eck aus dichtem Golde /
wormit Pytagoras eine einige Gotteit bezeichnet; und die vierdte Zahl zur
höchsten Beteuerung der Wahrheit gebraucht hat. Der einigen Pforte gegen über
stand auf einem marmelnen Altare ein ertztenes Bild / welches auf einer Seite
die Ceres / auf der andern den Pytagoras ausdrückte. Dieses zweifache Bild
hielt in seinen Händen einen umb selbtes herumb gehenden güldenen Circkel / in
welchen eingeetzet war; auf der Seite der Ceres: Gott speiset durch Gewächse den
Leib. Auf des Pytagoras Seite: Durch Weissheit die Seele. An dem Fusse war auf
des Pytagoras Seite zu lesen: Pytagoras der erste wahrhafte Weise; weil seine
Demut der Fuss aller Tugenden sich dieses Tituls entäusert /und sich mit dem
eines Weissheit-Lebhabers vergnüget / hat durch seine Geburt nichts minder diss
Tal /als Jupiter durch seine de Berg Ida berühmt gemacht. Was die Juden von
Gott / die Phönicier von Zahlen /Egypten von der Natur / Babylon vom Himmel
/Creta und Sparta von vernünftigen Gesetzen / Pherecydes von der Weissheit
gewüsst; was alle an guten Sitten gehabt / war in ihm in einem kurtzen Begriffe
beisammen. Er war beschnidten in seiner Vorhaut /aber mehr in Begierden; mehr
ein Erfinderer der Messkunst / als ihr Verbesserer. Gleichwohl aber eignete er
alles nicht ihm / sondern der Eingebung des ersten Ursprungs zu; und opferte für
ein ausgedachtes Mässwerck den Musen hundert; und ein ander mal einen von Mehl
gebackenen Ochsen. Das kleine Griechenland hat ihm sein Gewichte / das grosse
seine Mässigkeit / die Welt ihre Wissenschaft von dem Lauffe des Morgen- und
Abend-Sternes / von der Unbewegligkeit und Runde der Erdkugel zu dancken. Er gab
die erste Nachricht von den Menschen / die uns die Füsse kehren / und kehrte
seine Gegen-Laster und Irrtümer. Er jagte die Wollust aus Croton / und verlieh
der Weissheit daselbst das Bürgerrecht. Die Männer lerneten sich von ihm
weibischer Lüsternheit schämen; die Weiber aber nahmen männliche Tugenden an /
dass sie diesen mehr ihre Hertzen / als ihre Kleinodter der Juno wiedmeten.
Gleichwol aber hätte seine Weissheit nichts raues an sich; Denn das Mittel
/wordurch er einen Zornigen besänftete / einen Neidischen begütigte / einen
Verzweiffelten tröstete / einen Verliebten befreite / und die heftigsten
Gemüts-Regungen niederschlug / war eben diss / wormit er seine Lehrlinge
einschläffte / ihnen annehmliche Träume verursachte / nehmlich die süsseste
Singe-Kunst / die er aus dem Behältnüsse der einträchtig mit einander
einstimmenden Gestirne auf die Erden herab geholet hat. Denn seine Sinnen
drangen biss in Himel / seine Augen biss in die Tieffe des Meeres / und durch die
Eingeweide der Erde. Daher liess er einen im Monden lesen / was er in einen holen
Spiegel schrieb / sagte die Erdbeben / das Ungewitter und die gifftigen Seuchen
vorher. Die Natur unterwarf sich selbst seiner Botmässigkeit / in dem er den
Flug der Adler in der Luft / und den Grimm der wütenden Tiger und Panter in
Wüsteneien zu hemmen wusste. Er hatte ein Bein aus Golde / das andere aus
Helffenbein; denn ein so herrliches Ebenbild Gottes konnte nicht auff geringer
Säulen stehen / und der Geist des diesen Tempel benetzenden Flusses Nessus
grüste ihn ehrerbietig /als er durch ihn watete / und eignete ihm viel
zeitlicher / als die Nachwelt / und die Uhrheber dieses Heiligtums den Nahmen
eines Gottes zu. Er selbst bestätigte seine Göttligkeit nicht nur durch tausend
Heilige / sondern auch durch Wunderwercke. Denn er erschien in einer Stunde zu
Metapont in Italien / und zu Tauromin in Sicilien; Er lebte zu Metapont in dem
Heiligtum der Musen viertzig Tage ohne Speise und Tranck / und sein ganzes
Leben hatte an ihm wenig menschliches. Die Mässigung seines Gemütes liess ihn
niemals weinen / auch niemals lachen. Sintemal beides eine Ubergiessung derer
uns von der Tugend ausgesteckten Ufer ist. Er hat sein Tage kein unnützes Wort
aus seinem Munde gelassen / und sein Stillschweigen hat der Beredsamkeit aller
andern Weisen den Vorteil abgerennt. Denn alle seine Reden waren göttliche
Lehren / iedwedes Wort war ein Talent schwer / und die Sparsamkeit seiner Zunge
ward ausgegleicht durch Verschwendung unzehlbarer guten Wercke. Sintemal seine
Weissheit nicht ein unfruchtbares Nachdencken / sondern das gemeine Heil zum
Absehn; nicht die Einsamkeit einer verborgenen Stein-Klufft / sondern das
Rathauss und den Richterstuhl zum Sitze hatte. Denn die Gerechtigkeit ist das
Saltz des Lebens / und einem Volcke klug und treulich vorstehen eine
unverfälschte Weltweissheit / ja ein heiliger Gottesdienst. Niemand war
andächtiger gegen Gott / als er; aber er verbot von ihm etwas absonderes zu
bitten. Denn diss wäre so viel / als Gott die Unwissenheit unser Dürfftigkeit /
oder den Willen seiner Erbarmnis absprechen. Er war ein Todfeind der Lügen / und
sein höchster Schatz die Warheit / durch welche der Mensch sich Gott am
ähnlichsten machen könnte /als dessen Leib Licht / dessen Seele die Warheit wäre.
Die Welt hat niemals einen grössern Verlust gelitten als in ihm; und dennoch hat
er ihr so viel Weissheit hinterlassen / dass die Nachwelt keinen für reich an
Weissheit hält / der sich nicht mit seinem Stückwercke beteilet hat.
    Wir lasen diese Taffel / sagte Zeno / nicht allein etliche mal / sondern ich
zeichnete sie auch eilfertig in meine Schreibe-Taffel ab / ohne dass der uns
anweisende Priester einiges Wort hierzu redete; also durch sein Stillschweigen
zu verstehen gab / dass er ein Nachfolger des Pytagoras wäre. Gleichwol aber
fragte ich ihn hierum / und ob in Samos / oder sonst irgendswo noch Schulen
dieses grossen Weisen gefunden würden? Der Priester beantwortete mich mit diesen
Worten: Er und alle Priester in Samos pflichteten den Lehren des Pytagoras bei.
Denn ob zwar durch die Verräterei des boshaften Eylon / welchen selbiger Weise
seiner verträulichen Gemeinschaft nicht würdigen wollen / drei hundert der
fürnehmsten Pytagorischen Weltweisen in der Stadt Croton verrätrisch
verbrennet / Pytagoras auch selbst ermordet /und seine Nachfolger durch ganz
Italien von selbigem lasterhaften Schwarme euserst verfolget worden; so wäre
doch / als solcher Sturm überhin gewest /seine Weissheit von Euritus und
Philolaus wieder in Schwung gebracht / sein Haus zu Croton ihm zu einem Tempel
eingeweiht / und seine Lehren biss ins zehnde Glied fortgepflantzet worden. Auf
dem Eylande Samos aber tauerten sie noch / ungeachtet ihre Schwerde viel von der
Nachfolge abgeschreckt hätte; in dem Pytagoras alle Geheimnisse durch Zahlen
und in Dorischer Sprache gelehret; Plato und Aristoteles auch / welche sich mit
seinen Federn geschmückt / durch Antichtung allerhand törichter Meinungen ihn
iederman verhast gemacht / und hierdurch den Brunn verstopfft / aus welchem sie
das edle Wasser ihrer Weissheit geschöpft hätten. Uber diss hätte des Pytagoras
Weissheit unter dem Nigidius Figulus wieder herfür zu käumen angefangen / und mit
dem Käyser wäre allererst Publius Sextius / Sotion und andere abgesegelt /
welche bei ihnen die Weissheit gelernet /und in des Pytagoras Heiligtum die
Weihe angenommen hätten. Ich forschte ferner: Ob sie ihre Weissheit noch
öffentlich / und auch Fremde lehrten? Welches der Priester verjahte / und
meldete / dass sie ohne die noch in den fünf Jahren des Stillschweigens
begriffene Lehrlinge drei hundert Zuhörer aus Griechenland / Syrien / Egypten /
Deutschland und Scyten hätten. Ich erkundigte mich ferner: Ob sie noch die
strenge Lebens-Art behielten / dass sie nichts / was gelebt hätte / speiseten?
Der Priester versetzte: Pytagoras hätte auser dem Kind- und Schaff-Fleische /
den Fischen und Bohnen alles andere ohne Unterscheid gessen; diesem folgten sie
nach / und wüsten sie auser dem von keiner Strengigkeit; es wäre denn / dass man
die Mutter der Freiheit und Vergnügung nehmlich die Tugend zu einem strengen
Halsherrn machen wollte. Endlich fragte ich: wer denn eigentlich des Pytagoras
Vater gewest / nach dem so viel unterschiedene Meinungen hiervon wären? Der
Priester antwortete: Demarat / ein reicher Phoenicischer Kauffmann / Vesiar ein
Jude / Mnesarchus ein Siegelstecher / Tirrhenus und Marmacus hätten sich wohl
alle / weil ein ieder eines grossen Flusses Uhrsprung sein wollte / für seinen
Vater gerühmet; ja man wüste so gar seines Vatern Vater Hippasus / und den
Grossvater Eutyphron /wie nichts minder seinen Bruder Eurynomus und seines Vatern
Bruder Zoilus zu nennen / welcher ihn auch dem Syrischen Weltweisen Pherecydes
zum Unterricht untergeben / und ihm drei silberne Schalen die Egyptischen
Priester damit zu gewinnen geschenckt hätte. Er wäre aber sicher des Mercur
eigner Sohn gewest / welcher ihn mit einem solchen Gedächtnis versehen / dass
er sein Lebtage nichts vergessen / was er gehöret oder gelesen. Nach dem
Pherecydes hätte er auf diesem Eylande den Hermodamas zum Lehrer gehabt. Hierauf
hätte ihn der Samische Fürst Polycrates mit einer fürtreflichen Vorschrifft zum
Könige Amasis in Egypten geschickt / dieser aber ihn daselbst durch die Priester
und zu Babylon durch die Weisen in den geheimsten Dingen unterrichten lassen /
hernach hätte er mit dem Epimenides viel Jahr auf der Insel Creta in der
Ideischen Höle gestecket und der Weltweissheit nachgedacht; endlich durch
Griechenland seinen Weg in Italien genommen / und daselbst sich zu einem so
grossen Lichte der Welt gemacht. Ich danckte dem Priester für so guten
Unterricht / streute nach dieses Ortes Gewohnheit dem Pytagoras zu Ehren eine
Handvoll rotes Saltz in das Feuer / und hiermit nahmen wir von dem Priester
Abschied / ohne dass Zarmar ein einiges Wort in unser Gespräche mischte / und
also den grösten Liebhaber des Stillschweigens mit einem solchen Stillschweigen
verehrten / dass es ihm auch kein stummer Fisch hätte können zuvor tun.
    Folgenden Tag giengen wir mit einem beqvemen Ostwinde wieder zu Segel /
lieffen zwischen denen fast unzehlbaren Eylanden des Griechischen Meeres
glücklich fort / und kamen den siebenden Tag des Abends an dem von vielen
Marmel-Säulen berühmten Vorgebürge des Attischen Landes Sunion an. Weil wir den
auf der Insel Paris die wunderwürdigen Marmel-Brüche beschauenden Käyser
überfahren hatten /stiegen wir ans Land / und beschauten den auf einem hohen
Felsen liegenden Wunder-Tempel der Pallas. Unter allen aber war diss das
merckwürdigste / dass wir auf den Zinnen dieses Tempels nicht nur das Schloss zu
Aten / sondern auch das auf einem Turn des vom Lycophron gebauten Zeughauses
gesetzte Bild der Minerva sahen / ja dessen gläntzenden Helm und Spiss deutlich
erkiesen; also dessen Grösse kaum begreiffen konten / da diese Entfernung sieben
und dreissig tausend Schritte beträgt. Die Begierde dieser erblickten Stadt /
welche an Altertum Rom 800. Jahr übertrifft / und mit Rechte die Mutter der
Künste / ein Sitz der Weissheit / ein Schauplatz der Tapfferkeit /und der
Augapffel Griechenlands genennt wird / verstattete uns nicht hier lange zu
rasten. Also giengen wir gegen Abende zu Schiffe / und kamen folgenden Morgen
für dem Munychischen Seehafen / bei welchem der Fluss Ilissus ins Meer fällt /
und ein köstlicher Tempel der Diana stehet / an. Weil aber dieser Hafen von den
Käyserlichen Schiffen gedruckt voll war / und wir wegen des Gedränges selbigen
Tag durch den engen Mund des Pyreischen Hafens einzukommen nicht getrauten /
segelten wir auf das Eyland Salimis / als das alte Königreich des Ajax / und des
Euripides Vaterland; Darinnen wir etliche alte Gedächtnis / und die 100. Hölen
besahen / darinnen er etliche seiner Schauspiele geschrieben hat. Von einem
Felsen konten wir abermals mit grosser Vergnügung die Schlösser zu Megara / und
den im Meere liegenden Steinfels Ceras erkiesen / darauf Xerxes einen silbernen
Königs-Stul gesetzt / und der See-Schlacht zwischen den Persen und Griechen
zugesehen hatte. Folgenden Tages fuhren wir zwischen denen zweien Felsen /
darauf an so viel Marmel-Säulen eine ihn schlüssende Kette henckt / und ein weiss
marmelner Löwe gleichsam Wache hält / in den Pyreischen Hafen ein. Weil dieser
nun 400. Schiffe beherbergen kann / machte derselben Anzahl uns kein Gedränge
/der Anblick aber so vieler vom grimmigen Sylla eingeäscherter Gebäue
verursachte mich des Sylla Raserei zu verfluchen / welcher nicht nur wider die
grausamen Steine / sondern auch wider die leutseligen Götter seine Rache
ausgeübt / und daselbst Jupiters /Minervens und der Venus Tempel / den
Schauplatz des Bacchus / das unvergleichliche Zeughauss des Philon / den
Richterstul Phreattys / den prächtigen Hippodamischen Platz / und den
unschätzbaren Bücher-Saal des Apollicon / woriñen fast aller alten Griechische
Weltweisen unvergleichliche Schriften verrauchet / durchs Feuer zernichtet
hatte. Gleichwol aber verhöhnte den Sylla gleichsam der noch stehende
viereckichte / und mit Alaun überfirnste Turm / den er bei währender Belägerug
durch keine Kunst-Feuer anzünden konnte. Weil wir so herrlicher Dinge Grauss und
Asche auch verehrens würdig hielten; betrachteten wir die zerdrümmerten
Marmel-Mauern / die zerstückten Porphyr-Säulen mit Seufzen. Von dar wurden wir
von zweien der so genennten Archonten /oder Atenischen Ratsherren in
dieselbige Stadt eingeholet; darinnen die Weissheit / der Gottesdienst /das
Getreide / die Gesetze entsprossen. Wir fuhren zwischen der zweifachen im
Peloponnesischen Kriege gebauten / und vom Sylla gleichfals sehr beschädigten
Mauer / und lernten / dass die viereckichten mit Eisen zusammen geklammerten
Marmelsteine wider die Steine und der Menschen Raserei eine zu schwache
Befestigung abgäbe. Unterweges sahen wir des Teseus Tempel / das Grab Menanders
und des Euripides nur überhin. Als man uns aber zwischen vielen Oelbäumen nebst
einem Brunnen das Heiligtum des Socrates zeigte / konnte sich Zarmar nicht
entalten vom Wagen abzusteigen. Wir folgten ihm teils aus Antrieb seines
Beispiels / teils aus eigner Ehrerbietung gegen diesem Halb-Gotte. In der Mitte
des rundten Heiligtums stand auf einem schwartz-marmelnen Fusse Socratens Bild
aus Egyptischem Porphyr gemacht / mit dem Gift-Kelche in der Hand. In den Fuss
war mit weissen Buchstaben sehr künstlich eingelassen:
Hier liegt der weiseste der Sterblichen begraben /
Der grosse Socrates. Diss glaubt ganz Griechenland /
Streut Blumen auff sein Grab / und Weirauch in den Brand /
Weil ein solch Zeugnuss ihm die Gotter selber gaben.
Gott / den die Griechen nie vorhin erkennet haben /
Den kein Verstand begreifft / war ihm allein bekand.
Denn ihm war ein gut Geist vom Himmel zugesand /
Im Leben ihn zu lehr'n / im Sterben ihn zu laben.
Aten / das ihn bracht' um / beseelt nun seinen Ruhm /
Vergottert seinen Geist durch dieses Heiligtum /
Verdammt den Urtels-Spruch / der ihn zwang zu erblassen;
Und machet sich hierdurch von Schmach und Unrecht frei.
Denn wer will nicht gestehn / dass irren menschlich sei
Was uber-menschliches den alten Irrtum hassen?
Der weise Zarmar küste vielfältig mal Socratens Bild / nennte ihn den Heiligsten
unter den Griechen / als welcher zwar als ein Gottes-Verleugner wäre verdammt
worden / mit seinem Tode aber die Warheit des einigen Gottes besiegelt / und
darmit keinen irrdischen Krantz verdienet hätte. Der Indische Botschafter und
ich rupften neben dem Brunnen etliche Handvoll Narcissen und Hiacynten ab / und
streuten sie diesem unvergleichlichen Weltweisen auffs Grab. Hierauf kamen wir
endlich durch die Pyreische Pforte in Aten / und wurden auf der fürnehmsten
Ceramischen Strasse neben dem Grabe des Leos in ein prächtiges Haus eingelegt /
welcher wegen seiner fürs gemeine Heil geopfferter Töchter ein in der Stadt
sonst ungewöhnliches Grabmahl verdienet hatte.
    Den andern Tag darnach hielt der im Phalerischen Hafen ausgestiegene Käyser
in die Stadt seinen Einzug /nach dem er sich vorher auf dem Lande mit Jagten
erlustigt hatte. Es leidet es die Zeit nicht das grosse Gepränge zu beschreiben
/ wormit diese zwei hundert Stadien im Umkreiss habende Stadt den Käyser annahm.
Denn das Bild der Minerva / welches soll vom Himmel gefallen sein / und sich
dazumal / als Augustus dieser dem Antonius geneigten Stadt das Eyland Aegina und
Eretrea genommen / von der Sonnen Aufgange gegen Niedergang gewendet / und Blut
ausgespien hatte / sollte sich jetzt wieder von Ost gegen West gekehret / und der
darfür hangende güldene Leuchter des Callimachus / der gerade so viel Oel in
sich läst / als er zum jährlichen Brennen bedarf / und drei Tage vorher sollte
ausgebrennet sein / über seine Zeit seinen unverzehrlichen Zunder und Feuer
behalten haben / ob man schon aus dem durch das Gewölbe des Tempels gehende
messene Röhr keinen Rauch mehr ausdampffen gesehn hätte. Uberdiss ereignete sich
dieses Wunder / oder die Heuchelei hatte es erfunden / dass der auf dem
Tritonischen Berge befindliche und stets saltzichtes See-Wasser in sich habende
Brunn mit süssem Wasser angefüllt war; gleich als wenn Augustens Gegenwart die
geheimen Meer-Adern zu verstopffen / und süsse zu eröfnen / oder aber alle
Bitterkeit zu verzuckern mächtig wäre. Diesemnach hatten sie in Hoffnung grosser
Käyserlichen Gnade für der zum Einzuge erkieseten Stadt-Pforte Dipylon des
Augustus und der Livia Bild / jenes in Gestalt des Saturn / dieses der Astrea
auffgerichtet /und mit Golde darüber geschrieben: Die zwei Fürsteher der
güldenen Zeit. Für dem nicht ferne vom Tore stehenden Tempel des Teseus stand
abermals das Bild des Käysers in Gestalt des den Minotaurus tödtenden Teseus /
mit der Uberschrifft: Der nur denen Ungeheuern schreckliche Käyser. Darneben
stand Liviens Bildnis in Gestalt der Ariadne mit dem güldenen Fademe / mit der
Beischrift: Die kluge Verrichterin aller Verwirrungen. Nicht weit davon stand
des Käysers Bild noch einmal / welches in der ausgestreckten Hand einen Hut / zu
den Füssen eine zerbrochene Kette hatte / mit dem Beisatze: Der Uhrheher der
Freiheit. Liviens Bild stand gegen über in Gestalt der Ceres / welche aus einem
Gefässe Mehl schüttete / mit der Uberschrifft: Die gütige Versorgerin der Armen.
Denn in diesen nach dem Maratonischen Siege gebauten Tempel nahmen die von
ihren Herren übel gehaltene Leibeigenen ihre Zuflucht / und man teilte darinnen
den Armen Mehl aus. Auff der andern Seite war für die aus Marmel vom Könige
Ptolemeus gebaute Schule das überaus köstliche Bild des Mercur gesetzt / welcher
dem August gleichsam seinen Schlangen-Stab reichte / daran ein Zettel mit dieser
goldenen Schrifft hing: Dem würdigern Mercur unser Zeit. Auf einer Seite stand
die allhier denen freien Künsten obliegende Römische / auf der andern die
Griechische und andere fremde Jugend über zehn tausend starck / welche sich für
Augusten und Livien neigten / und ihm als einem Vater / ihr als einer Amme der
freien Künste zurufften. Wie nun der Einzug durch die Ceramische Strasse
fortruckte; also waren für das überaus köstliche Panteon / oder den Tempel
aller Götter zwar die Bilder der zwölf Götter aufgerichtet / des Jupiters und
der Juno aber weggenommen / und an derer Stelle Augustens und Liviens aus Gold /
da die andern nur aus Ertzt waren / hingestellt. Uber ihnen stand eine herrliche
Ehren-Pforte mit der Uberschrifft:
Dergleichen Gotteit / solcher Zeit /
Heischt Ertzt von mehrer Köstligkeit.
Auf dem Ceramischen grossen Platze für dem Tempel des Vulcan / welchem Erfinder
des Feuers Aten die ersten Fackeln gewiedmet hat / reichte ein Ertztenes Bild
dieses Gottes dem Käyser eine brennende Fackel aus weissem Wachse zu; darumb war
mit Golde geschrieben:
Nim grosser Kåyser hin die mir geweihte Kertze;
Weil deine Glut uns gibt viel nutzlichern Gebrauch.
Denn dein von heisser Gunst entzundet Vater-Hertze
Hegt Liebe sonder Falsch / und Feuer ohne Rauch.
Hierauf wendete sich der Zug aus der Ceramischen Strasse auf die lincke Seite
bei dem Spatzier-Gange des Zeno / und der ihm folgenden Stoischen Weisen vorbei.
Weil nun in selbtem die grossen Verrichtungen der alten Helden von denen
fürtrefflichsten Mahlern abgebildet waren / und insonderheit Polignotus seine
Meisterstücke dahin gewiedmet hatte; waren daselbst auch die fürnehmsten
Geschichte des Käysers abgemahlt / und zwar dergestalt abgemahlt / dass in ieder
Taffel August eine der Gemüts-Regungen überwand. Weil diese Weisen solche gar
vertilget wissen wollen / und daher alle andere Weissheit für weibisch schelten /
ihre eigene aber nur für männlich achten. Diese Strasse leitete den Einzug für
den vom Cyrrhestes aus Marmel gebauten achteckichten Turm / auf dessen ieder
Seite ein daselbster wehender Wind eingeetzt war. Die Ostwinde hatten ein
feuriges / die Sudwinde ein irrdenes / die Westwinde ein lufftiges / die
Nordwinde ein wässrichtes Drei-Eck zu ihrem Merckmale. Der auf der Spitze dieses
Turmes stehende / und sich mit iedem Winde herum drehende Triton / wendete sich
/ und weiste mit seiner Rute gegen das auff der Strasse in Gestalt des Eolus
aufgerichtete Bild des Käysers / welches ein Meerschwein zu seinen Füssen hatte;
zweiffelsfrei darum / weil die Haut von diesem Fische einem die Macht diesen
oder jenen Wind wehen zulassen / zueignen soll. Am Fusse war eingeetzt:
August und fromme Fursten sind
Die Meister über Stern und Wind.
Zu Ende dieser Strasse wendete sich der Zug abermals auff die rechte Hand für
einem Tempel des Jupiters fürbei. Darfür August in Gestalt des Ammonischen
Jupiters / Livia in Gestalt Amalteens fürgestellet ward. Jener sprützte aus
seinen Widder-Hörnern Wein und Oel / diese aus ihren Ziegen-Hörnern Milch und
Honig in vier unterschiedene Marmel-Kessel /daraus ieder nach Belieben schöpffen
mochte. Auf dem Fusse war in Marmel gegraben:
Des Uberflusses altes Horn
Ist Armut gegen's Kåysers Gaben.
Wein / Oel / Milch / Honig / Reiss und Korn
Ist's minste / was wir von ihm haben.
Für der Höle des wahrsagenden Apollo stand ein güldener Drei-Fuss / auff welchem
die Pytische Priesterin dem vorbei fahrenden Käyser zurief:
Beseele / Käyser / meinen Fuss /
Nach dem Apollo schweigen muss.
Für dem Tempel des Lycischen Apollo und der Schule des Aristoteles stand das
Bild des Käysers in Gestalt des auff einer Leier spielenden Apollo:
Wenn dieser Phobus stimmt die Saiten / stimmt die Welt
Annehmlich uberein / und was sie in sich hålt.
Darbei neigten sich zwei tausend der Weltweissheit beflissene Jünglinge gegen den
Käyser und Livien. Nahe darbei kämpfften hundert paar Fechter und Ringer mit
einander / und für die Bürger zu Aten waren unter dem seiner wunderwürdigen
Grösse halber berühmten Massholderbaume / und um den köstlichen Brunn Diocharis
drei hundert Taffeln gedecket; ob es zwar damals nicht eben einen Tag traf / da
man in diesem Lust-Walde Peripatus öffentlich zu speisen pflegte. Bei der
Vorburg / welche in dem sparsamen Altertume über 2000. Talent gekostet hatte /
empfingen den Käyser und Livien die fünf hundert Areopagiten / welche nahe
darbei das höchste Richter-Ampt in Aten / und zwar um desto weniger gestört zu
werden / nur des Nachts verwalteten. Diese Areopagiten legen in Aten alleine
ihr Ampt nicht ab / da alle andere Richter es jährlich verwechseln. Ihr
Richterstul ist als der fürnehmste mit dem ersten Buchstaben bezeichnet. Sie
führen ihren Nahmen vom Mars / weil sie über ihn zum Richter erkieset worden /
als er einen Sohn des Neptun erschlagen. Nichts weniger sind sie wegen ihres
über Oresten / welcher seine Mutter Clytemnestra umbracht / über den Cephalus
wegen seines getödteten Ehweibes Procris / und den Dedalus wegen des
erschlagenen Talus gefällten Urtels berühmt. Für dem ansehnlichsten Tore unter
den neunen / die in die Cecropsburg durch die Mauer Cimonia giengen /war
zwischen dem aus Ertzt gegossenen Medusen-Haupte / und dem Schilde Aegys ein
kostbarer Siegesbogen; auf der einen Seite stand Neptun / und rühmte gegen dem
Jupiter den der Stadt Aten verliehenen Seehafen / auf der andern Seite striech
Minerva ihren der Stadt zum besten erfundenen Oelbaum heraus; iedes Teil wollte
das Recht die Stadt nach seinem Nahmen zu nennen behaupten. In der Mitte aber
zeigte sich Augustus / dessen Haupt mit einem Oel-Krantze / die Hand mit einem
güldenen Apffel gezieret war. Jupiter sprach über die Streitenden folgendes
Urtel aus:
Der Nahm: Augustus-Stadt gebuhrt alleine dir;
Denn Gold und Friede geht so Oel / als Wasser fur.
    Für dem vom Pericles an statt des von den Persen eingeäscherten Alten /
durch die berühmten Baumeister Ictinus und Callicratus nach Dorischer Baukunst
aus Marmel aufgeführtem Minerven-Tempel hatten sie das Bild der Livia in Gestalt
der Minerva aufgesetzet; nur / dass sie an statt der Nacht-Eule einen Phenix auf
der Hand sitzen hatte. Unten war in Ertzt eingeetzt:
Nim nicht fur ubel auf / du Pallas unser Stadt /
Dass man nicht Eulen dir allhier gewiedmet hat;
Die Eule bringt nur Leid /
Du aber güldne Zeit;
Wer aber uns beschenckt mit solchen edlen Gaben /
Muss mehr als Pallas sein / und einen Phenix haben.
    Der Käyser und Livia stiegen allhier vom Wagen /und verfügten sich aus
wahrer oder angemaster Andacht in Tempel; darinnen bei dem über die Zeit
wundersam brennenden Leuchter des Callimachus ein Altar aufgerichtet / auf
solchem des Käysers Bild /wie die Sonne ausgeschmücket; für diesem aber ein
geringes Feuer zu sehen / und an dem Fusse des Opffer-Tisches zu lesen war:
Wie wird man dir / August / ein Opffer abgewehren?
Die Glut verliert für dir des Feuers Eigenschaft.
Doch nein! Es ist die Art der Sonnen / Oel und Safft
In Båumen zu vermehrn / nicht aber zu verzehren.
So sorge nun Aten für dein schlecht Opffer nicht;
Was Sclaven oft verschmåhn / das hebt die Sonn' an's Licht.
Hinter dem sich umkehrenden Bilde der Minerva /welch Wunderwerck Phidias aus
Gold und Helffenbein gemacht hatte / stand Livia abermals wie die Pallas
gebildet; nur / dass sie zugleich einen Reben- und Oel-Krantz auff hatte / und
bei ihren Füssen auf einem Weinstocke zugleich Reben- und Oel-Zweige /welche
beide am ersten zu Aten sollen gepflantzt worden sein / mit Früchten wuchsen.
An dem Fusse war in Marmel gegraben:
Warum kehrt Pallas weg von Livien's Gesichte /
Uns aber wieder zu? Diss / weil des Gluckes Schein
Aten lacht wieder an; und jenes / weil sie Wein
Und Oel beisammen sieht / sonst zweier Götter Früchte.
Was sie nun schamrot macht / das heist uns danckbar sein /
Und Livien das Hertz / Minerven's Antlitz weih'n.
Aus diesem Tempel verfügten sich beide in den andern der Poliadischen Minerva /
des Schutz-Gottes Jupiters / des Neptun / der Venus / den Phedra um sich der
gegen den Hippolitus entzündeten Liebe zu befreien gebaut hatte / der Aglaura
und des Sieges; da denn August als oberster Priester / weil in allen auf dem
Tritonischen Felsen liegenden Tempeln / wie auch auff dem unter freiem Himmel
stehenden Altare der Freundschaft / der Schamhaftigkeit und Vergessenheit
geopffert ward / in iegliches Feuer eine Handvoll Weirauch streute; hernach sich
auff die vorragende Spitze des Felsen setzte / darauf Silenus ihm seinen Sitz
erkieset haben soll / als er mit dem Bacchus diesen heiligen Ort besuchet.
Inzwischen leiteten die Priester den Käyser zu dem für ein grosses Heiligtum
gehaltenen Oelbaume / welcher damals soll hervor geschossen sein / als Neptun
und Minerva um das an Aten habende Vorrecht gestritten. Livia verfügte sich
auch in das Haus / worinnen der Minerva Priesterinnen ihren Auffentalt haben /
und ass daselbst mit ihnen dicke Milch aus dem Eylande Salamis /auser welcher sie
keine sonst essen dorfften. Allentalben empfiengen August und Livia fast
göttliche Ehrenbezeugungen; wordurch Aten aber so viel zu wege brachte / dass
den Morgen darauf August dieser Stadt auf Liviens Vorbitte alles wieder gab /
was er ihr vorher darum entzogen hatte / dass sie dem Antonius so sehr waren
zugetan gewest. Denn weil die Weiber insgemein am herrschsüchtigsten sind /
geben sie denen Liebkosenden am liebsten Gehöre; sintemal doch der Heuchelei das
denen Herrschenden angenehme Laster der Dienstbarkeit im Busen steckt. Folgenden
Tag wurden alle Tempel in Aten / und darunter auch der des Bacchus / welchen
man doch nur des Jahres einmal öffnete / aufgesperrt / und in iedem sein gröstes
Feier gehalten / gleich als wenn alle auf diesen Tag eingefallen wären. In dem
Tempel des Olympischen Jupiters / welcher ein Achtteil einer Meilweges im
Umkreisse hat / und zwar seiner Grösse halber in sechs hundert Jahren nicht hat
ausgebauet werden können / aber wegen seiner unschätzbaren Bilder /und des an
Gold und Helffenbein verhandenen Uberflusses ein rechtes Wunder der Welt ist /
wurden hundert Ochsen / in dem Heiligtum der Agroterischen Diana fünf hundert
Böcke geopffert / welches sonst nur an dem Tage der erhaltenen Maratonischen
Schlacht geschiehet. In einem vom Egeus gebauten Tempel der himmlischen Venus /
darinnen ihr vom Phidias gemachtes Wunderbild stand / schlachtete man hundert
Pfauen / im andern fünf hundert Tauben / und zehn tausend Sperlinge / im Tempel
des Esculapius zwei hundert Hähne / in dem des Mars hundert Hunde / in dem
Heiligtum des Saturn und der Rhea drei Scytische Knaben. In dem herrlichen
Triclinion / darinnen auf einer Seite ein Gastmahl der Götter /auf der andern
Seite der alten Griechen in weissem Marmel aufs künstlichste erhöhet ist / ward
allen Fremdlingen eine offene Taffel gedeckt; in dem auff einem Eyrundten Hügel
nach gleicher Art erbautem Schauplatze / welchen niemand ohne Verwunderung
iemals gesehen hat / wurden allerhand Rennen gehalten. Im Spatzier-Saale des
Elevterischen Jupiters waren alle denen Persen für Alters abgenommene Waffen
auffgehenckt / welche Sylla nicht mit nach Rom geführet hatte. Im Spatzier-Gange
des Attalus hegte man allerhand Spiele / im Traconischen teilte man iederman
Mehl aus. In dem Schauplatze Odeon /welches Ariston für der Syllanischen
Belägerung eingerissen / Ariobarzanes König in Cappadocien aber auf eigene
Kosten wieder erbaut hatte / kämpfften die berühmtesten Sänger und
Saiten-Spieler mit einander um den Preis. Im grossen Schauplatze des Bacchus /
welcher der erste in der Welt gewesen sein soll / wurden die auserlesensten
Lustspiele des Aristophanes /des Alepis und Cleodemus / welche letztern zwei für
Freuden wegen erlangten Preisses ihrer fürgestellten Schauspiele gestorben /
gesungen. Der Schall der Redend- und Singenden betörte aller Zuhörer Ohren /und
die Lufft aller Zuschauer Nasen. Denn in etlichen Hölen des Schauplatzes waren
in wohl abgemessener Ferne ertztene Gefässe gesetzt / welche den darein fallenden
Schall annehmlich verstärckten. Und die oben auf den Zinnen des Schauplatzes
stehenden Alabaster-Bilder des Menanders / welcher hundert und fünf /Euripidens
/ der funftzig Schauspiele geschrieben /und vieler anderer berühmten Tichter
bisamten durch einen aus kleinen Silber-Röhren gesprjetzten Tau den ganzen
Schauplatz ein. Bei der Itonischen Pforte neben dem von den Amazonen gebauten
Tempel / wo Teseus mit ihnen geschlagen hatte / ward auf Amazonische Art ein
Kampf / bei dem Tempel des Vulcan und der blauäugichten Minerva / wo man die
junge Mannschaft zum Kriege musterte / ein Fackel-Rennen gehalten. Auf dem
Prytaneon oder dem Rathause waren die Bilder des Pericles / des Miltiades / des
Cimon und anderer Helden mit Lorber-Kräntzen geschmückt / das darauf verwahrte
ewige Feuer / und Solons Gesetze öffentlich zur Schaue gestellt. Auf dem Marckte
für dem Altare der Barmhertzigkeit ward allen / die das Leben verwürgt hatten /
Gnade angekündigt. Unter dem Kräuter-reichen Berge Pentelicus hatte man das
frische und wohlschmeckende Wasser des Brunnen Brysis / durch verborgene Röhren
weggeleitet / und floss daraus Oel / wie aus dem Ceramischen Quelle; bei dem
Altare der zwölff Götter Wein / und aus denen vom Pisistratus gestifteten neun
Marmel-Röhren des berühmten Brunnes Callirhöe Milch. Nichts weniger raan aus dem
neben des Esculapius Tempel befindlichem Brunnen Hallirrhotius Honig / welcher
sonst mit dem Phalerischen See-Busen durch eine unterirrdische Ader sich
vermengen / und die in Brunn geworffene Sachen daselbst ausschütten soll. Gegen
den Abend selbigen Tages versamlete sich gleichsam ganz Aten an dem Flusse
Iphissus bei dem Tempel der Ceres. Denn August und Livia kamen mit grossem
Gepränge dahin / diese zwar sich in den kleinen Elevsinischen Geheimnüssen der
Proserpina einweihen zu lassen; jener aber daselbst seinen bei der ersten
Einweihung empfangenen seidenen Rock / den die Eingeweihten / biss er
zerschlissen / nicht ausziehen dörffen / abzulegen. Ihnen kamen vierzehn
Priesterliche Jungfrauen biss an den Fluss entgegen; derer sieben einen mit Blumen
/ die andern sieben einen mit Weitzen-Aeren bedeckten Korb trugen. Nach dem der
Käyser und Livia in Tempel kamen / ward er feste zugeschlossen; weil niemand
ungeweihtes dem Feier beiwohnen darff. Dieses währete biss umb Mitternacht. Da
denn allererst der Käyser aus diesem Tempel / darinnen Livia zurück blieb /
durch die Hyerische Strasse mit noch grösserem Gepränge zwischen mehr als 20000.
Fackeln seinen Zug zum Elevsinion oder dem Tempel der Elevsinischen Ceres hielt
/ dariñen ihr vom Praxiteles gemachtes unvergleichliche Bild zu sehen war. Für
dem Käyser trug der oberste Prieste das Bild des Schöpfers / der Fackelträger
der Sonne / der Altar-Aufschauer des Monden / der heilige Herold des Mercur. Die
Melissischen Priesterinnen trugen in einem verborgenen Kästlein das verborgene
Heiligtum des weiblichen Geschlechtes. In diesem Tempel liess sich der Käyser zu
dem grossen Geheimnisse der Ceres einweihen. Denn ob zwar vermöge eines alten
Gesetzes / kein Fremder dieser Weihe fähig war / und daher dem Hercules zu Liebe
die kleinere Weihe gestiftet ward / hatte doch der Rat zu Aten den Käyser für
einen Eingebohrnen / ja für den Vater ihrer Stadt erkläret; wie uns dieses ein
dem Gesandten zugegebener Priester auslegte / und auf unsere Nachfrage ferner
unterrichtete: Diese Einweihung wäre einerlei mit der Egyptischen der Isis.
Diese hätte Orpheus so wohl /als die Weihe des Bacchus / welche mit der des
Osiris überein käme / aus Egypten in Griechenland gebracht. Bei der
Elevsinischen Weihe würden alle diesem Gottes-Dienste beiwohnende / insonderheit
aber die Neulinge gebadet / ja auch die Bilder der Götter gewaschen / und die
Strassen / wordurch sie ihren Umbgang hielten / mit Weih-Wasser besprenget. Auch
dörffte in Aten kein ander Wasser als aus dem geweihten Flusse Iphissus hierzu
genommen werden. Hierdurch würden alle begangene Laster getilget. Daher hätte
sich selbst Apollo / wegen eines begangenen Todschlages / vom Carmanor; Hercules
nach erschlagenen Centauren / vom Orpheus; und als er den Cerberus aus der Höle
holen wollen / vom Musäus; Teseus nach unterschiedenen Todschlägen / von
Phytaliden; und Bellerophon vom Pratus der Argiver Könige der Ceres einweihen
lassen. Die aber dieser Göttin sich vollkommen wiedmeten / würden durch ein
Hemde der Ceres von oben an durchgesteckt /gleich als wenn sie von dieser Göttin
gleichsam wiedergebohren würden. Auf welche Art auch Juno den Hercules an
Kindesstatt angenommen hätte. Sie müsten über diss gewisse Zeit fasten / und
insonderheit sich Brodt und Weines / am meisten aber des Beischlafs entalten /
und ihre Geburts-Glieder dieser Mässigkeit halber mit Saffte vom Zieger-Kraute
netzen. Massen der Ceres Priester durch einen solchen Tranck sich gar zu
entmannen verbunden wären. Diese Einweihung hätte die Krafft die Seelen
gleichsam von den Hefen irrdischer Dinge abzuspülen / die Geister zum Nachsinnen
in Göttlichen Sachen zu erhöhen. Sie kriegten einen Zug zu einem gerechtern
Leben / und hätten deswegen in allen Gefährligkeiten die Götter zu ihren
Beiständen. Nach dem Tode wohnten die Eingeweihten / wenn sich andere im
Schlamme sieleten / im Finstern herumb schwermeten / bei den Göttern / und
hätten ihre absondere Sonne und Gestirne stets in Augen / das Gemüte aber
voller Freuden. Diesemnach hätten die berühmsten Helden Jason / Castor / Pollux
/ Hercules / Orpheus / König Philipp in Macedonien / und nunmehr auch August
sich zu Aten einsegnen lassen. In Samotracien wären auch zwei solche alte
Heiligtümer; da man nämlich denen Cabirischen und Curetischen Göttern
eingeweiht würde. Von dar wären sie vom Corybas Jasions und der Cybele Sohne in
Phrygien / und endlich unter dem Nahmen des Cybelischen Gottesdienstes nach Rom
gebracht worden.
    Nach dreien Tagen ward der Indianische Gesandte in die Cecropsburg zum
Käyser mit grossem Gepränge abgeholet. So bald der weise Zarmar an der überaus
prächtigen Stirne des Minervischen Tempels die güldene Uberschrifft: Dem
unbekandten Gotte / erblickte / fiel er auf sein Antlitz in Staub darnieder /und
brachte bei nahe eine Stunde in seiner gewohnten Andacht zu. Die Priester der
Minerva sahen Zarmarn mit Verwunderung zu / wussten uns aber diese alte
Uberschrifft nicht recht zu erklären; ausser: dass selbte vermutlich von einem
zu Phalera in Elis befindlichen Altare genommen wäre / darein Epimenides zu
Solons Zeiten eben diss geschrieben hätte. Jedoch wäre die Zeit der Wahrsagung
gleich vorbei / da dieser unbekandte Gott sollte offenbart werden. Weil nun der
Gesandte ohne Zarmarn seinen Dolmetscher nicht in die Königliche Burg fortrücken
wollte / zeigten ihm inzwischen die Priester des Praxiteles Diana / die vom
weisen Socrates gebildeten Gratien / des Dedalus /Cleetas / Endeus und Calamis
unvergleichliche Arbeit in Bildern / Säulen und der Bau-Kunst / wie nichts
weniger viel unschätzbare Gemählde des Micon / des Parrhasius / und Timenettus.
Mecenas empfing ihn in dem letzten Vor-Gemache / und führte ihn zur Verhör in
das Käyserliche Gemach. Für dem Gesandten trugen acht nackte Indianer die an
köstlichen Edel-Gesteinen / Perlen und Ambra bestehende Geschencke vorher.
Hierbei lieff ein Jüngling ohne Achseln und Armen / welcher mit den Füssen den
Bogen spannen /Pfeile abschüssen / und alle sonst den Händen obliegende Arbeit
geschicklich verrichtete. Von denen andern Geschencken / welche an vielen vorher
in Griechenland noch nie gesehenen Tigern / an zehn Ellen langen Schlangen /
dreiellichten Schnecken / an einem Rebhune / welches grösser als ein Geier war
/bestanden / ward dem Käyser ein Verzeichnüss nebst einem Grichischen Schreiben
vom Könige Pirimal eingehändigt. Der Käyser nahm den Botschafter mit
angebohrner Freundligkeit an / hörte ihn mit Gedult /beantwortete ihn / nach dem
der vorhin lange Zeit in Egypten und Griechenland gereisete Brahman Zarmar des
Indianers Sprache Griechisch erkläret hatte / mit sonderbarer Anmut / fragte
umb den Wohlstand seines Bruders des Königs Pirimal / und verwies ihn völlig an
den Mecenas / der mit ihm handeln und einen gewissen Schluss machen würde. Nach
geendigter Verhör führte Mecenas ihn und uns auff Käyserliche Verordnung zu
einem herrlichen Gastmahle / welches in einem köstlichen Spatzier-Saale des vom
Lycurgus erbauten Zeughauses bereitet war; bei welchem sich für Zeiten Egeus
herab gestürtzet hatte / als er das den Teseus nach Creta überführende Schiff
mit schwartzen Segeln zurück kommen sah / und ihm einbildete: er wäre vom
Minotaurus aufgerieben worden. In diesem Gastmahle vergnügte uns nicht so wohl
die Pracht aller seltzamen von vielen Enden des Römischen Reiches und denen
entlegensten Eylanden zusammen verschriebener Speisen und Geträncke / als das
Aussehen auf das mit Inseln gleichsam besäete Meer / und die uns von daher
anwehenden Lüffte; am meisten aber die unvergleichliche Annehmligkeit des
Mecenas. Und kann ich in Wahrheit sagen: dass auf des Mecenas Taffel Samos seine
Pfauen / Phrygien die Haselhüner / Tarpessus die Murenen / Pessinunt seine Zante
/ Tarent seine Austern / Cilicien seine Scarus /Colchis seine Fasanen gezinset
hatten. Seine Freundligkeit aber war die edelste Würtze dieser Speisen /oder
vielmehr das beste Gerichte. Denn darmit übertraff er alle Demut derer / die
ihn gleichsam für Verwunderung anbeteten; die Redligkeit aber sah ihm aus den
Augen / und überredete also fort einen ieden: dass diese Anmut keine Larve eines
falschen Hertzens / noch seine Beredsamkeit eine Schmincke betrüglicher
Anschläge wäre. Ich hatte ihn zwar vorhin vor den redlichsten Mann in der Welt /
ja für ein Meister-Stücke der Natur und der Kunst rühmen hören; aber ich
erkennte ihn allererst für ein Wunderwerck /als ich an ihm alle Annehmligkeiten
des Hofes / keines aber seiner Laster fand. Zumal da er so viel Jahre auf dieser
gefährlichen Höhe gestanden / und bei so vielfältiger Abwechselung des Glückes
ganz unverändert geblieben war. Er hatte niemals eine andere Flacke
aufgestecket / als die er zum ersten bei seinem Eintritte in die Burg geführet;
und der Hof / welcher sonst auch die Heiligen verführet / vermochte biss auf
diesen Tag ihn mit seinen Kohlen nicht zu berämen. Er konnte in seiner gelehrten
Einsamkeit / und bei seiner Musen-Gesellschaft wohl des Hofes / aber der Hof
nicht seiner entbehren. Dieser sehnete sich nach seinen Lust-Gärten / der Käyser
ward lüstern nach seinem Vorwerge; und alle diese nahmen daselbst seine
unschuldige Sitten an / und legten so wohl ihre Laster als Sorgen ab; aber
Mecenas blieb bei Hofe was er in seinen vier Pfälen war. Denn sein Gemüte war
so feste gesetzet: dass es die Verdriesslichkeiten so wenig herbe; als so viel
Flüsse das saltzichte Meer süsse machen kunten. Verleumbdung und Heuchelei waren
bei ihm unbekandte Ungeheuer. Denn seine Zunge machte niemand weisses schwartz /
und seine Geberden nichts schwartzes an ihm selbst weiss; sondern seine
Redligkeit bemühte sich vielmehr mit Fleisse äuserlich zu zeugen / was er
inwendig war. Seine Geburts-Art schien von solcher Güte zu sein: dass wenn er
gleich seinen Gemüts-Bewegungen den freien Zügel liess / selbte doch nirgendshin
als auf das Mittel der Tugend verfielen. Er beging niemals keinen Fehler / weder
aus Schwachheit noch aus Vorsatz. Seine Aufrichtigkeit liess ihn niemanden /
seine Vorsicht aber sich nicht betrügen. Sein Verstand übersah alsbald seine
Tieffen oder Dinge; seine Geschickligkeit fädmete die Geschäffte mit einer
besondern Art ein. Jenes Licht ist das Auge / dieser Handgriff aber der
Werckzeug eines grossen Staats-Klugen. Sein einiges Absehen war dem Käyser das
rechte Mass in Entschlüssungen; dem Volcke aber den Ruhm des Gehorsams
einzuloben. Und in Wahrheit / dem Augustus ward nirgends ein Tempel gebauet /
den Mecenas nicht vorher in denen Hertzen der Untertanen in Grund gelegt hatte.
Er hatte bei Hofe keinen Dienst /wormit er die Freiheit iedermann zu dienen
nicht verlieren möchte. In Rom wollte er weder das Burgermeister-Ampt / noch
anderwerts einige Land-Vogtei übernehmen; denn er sagte: Die Höhe verursachte an
sich selbst einem den Schwindel; alleine im Wercke war er der Stadt und des
Reiches Vormund; und weil er durch seine Wohltaten iedermann gewan / ja den
Neid selber schamrot und ihm geneigt machte / verdiente er: dass das Volck ihn
seinen Vater / der Rat seinen Leitstern / der Käyser seinen Freund und Bruder
hiess. Seine Treue war der erste Priester / der den noch lebenden Käyser
vergötterte. Denn ob zwar der unermüdliche Agrippa wegen seiner vielen Siege und
grossen Krieges-Dienste beim Augustus hoch am Brete war; wie denn Mecenas dem
Käyser selbst riet: Er müste Agrippen entweder tödten / oder zu seinem Eydame
machen; so hatte der Käyser doch den Mecenas mehr im Hertzen; jenen schätzte /
diesen aber liebte er mehr; als welchem einiger Mensch in der Welt nicht
vermochte gram zu sein. Denn die Wollüstigen fanden bei ihm ihre Ergetzligkeit /
die Tugendhaften ihre Vergnügung. Welchen er des gemeinen Bestens wegen etwas
abschlagen musste / die beschenckte er mit dem Seinigen; oder er wusste auch sein
Nein derogestalt zu übergülden / dass er darmit mehr Gemüter gewaan / als andere
mit ihrer Verschwendung. Ja seine Worte waren bei iedermann so wichtig / dass er
darmit hätte alle seine Schulden bezahlen können. Agrippa riet dem Käyser / was
zu seiner Herrschaft nützlich / Mecenas aber / was ruhmwürdig war. Jener
demütigte seine Feinde / dieser beschirmte die Unschuld. Jener machte / dass
Augustus aus den Schlachten niemals ohne Sieg zurücke kam; dieser aber: dass er
vom Richter-Stule allezeit ohne Blut aufstund. Agrippa hatte Teil an des
Käysers Armen / Mecenas aber an seinem Hertzen. Mit einem Worte; Augustus hatte
eine Botmässigkeit über die Welt / Mecenas aber über den Käyser. Dieser war ein
Schoss-Kind des Glückes / Mecenas der Tugend / des Glückes und des Käysers.
    Ob nun wohl gegen den Abend Mecenas den Gesandten und uns von sich liess; so
behielten wir ihn doch in unserm Gedächtnis. Masulipat hatte sich in ihn
derogestalt verliebet: dass er die halbe Nacht sich mit mir seinetalben
unterredete. Des Morgens war die Sonne so früh nicht in unserm Hause / als die
köstlichsten Erfrischungen / wormit Mecenas uns beschenckte. Gegen den Mittag
suchte er uns selbst heim / und nötigte uns in eines seiner unter dem Berge
Corydalus am Meere gelegenen Lust-Häuser zur Taffel. Bei welchem Marcus Antonius
von eitel köstlichem Laube die Höle des Bacchus aufgebauet /den Bodem biss an die
Knie mit eitel hundertblättrichten Rosen überschüttet / und unter der Gestalt
des Bacchus ganz Aten überflüssig bewirtet hatte. Die Natur hielt am selbigem
Orte einen Begriff ihrer Wunderwercke / nehmlich wohlrüchende Wälder /fruchtbare
Gärte / lustige Steinklippen / erfrischende Hölen / warme Bäder / rauschende
Bäche / gesunde Brunnen in einem Kreis versammelt; die Kunst aber mühte sich mit
Einpfropffung allerhand ausländischer Gewächse / zierlicher Einteilung des
Baumwercks und Blumenstücke / mit Bereitung seltzamer Felsen und Klüffte / von
den höchsten Gipfeln abstürtzender Wasser / spielender Wasser-Künste der Natur
ihrer Mutter einen Rang abzurennen. Das Lustaus war aus weissem Marmel gebaut /
die Decken waren mit Helffenbein übertäffelt / die Fenster aus Berg-Kristallen
/die Tische aus flasernem Zitron- und Zeder-Holtze /welche meist gleichsam mit
Augen eines Pfauen-Schwantzes beworffen waren. Die Bödeme waren mit Assyrischen /
die Wände mit Serischen Teppichten /oder Persischen Goldstücken bekleidet /
welche noch darzu von Perlen starrten / und mit Edelgesteinen flammeten. Wiewol
nun diese mehr als Königliche Pracht aller Augen gleichsam verblendete / so
hatte doch Mecenas in diesem seinem Eigentume alles Ansehen seiner Würde / und
alles Gepränge des Hofes von sich weggeleget; uñ dahero schiene die Wollust hier
so wenig schädlich / als die Schlangen auff Cypern gifftig zu sein. Seine
Höffligkeit machten seine unüberfirnste Gemüts-Gaben desto scheinbarer / also /
dass wir bei Hofe nur die Helffte des Mecenas / in dieser Einsamkeit aber seine
ganze Vollkommenheit gesehen zu haben uns bedüncken liessen. Denn seine vorige
Freundligkeit verwandelte er nunmehr in eine offenhertzige Verträuligkeit. Er
hatte von den Grossen des Hofes keinen bei sich / ob schon seine Taffel täglich
iedermann offen stand; indem er mit dem Epicur eine einsame Mahlzeit für eine
Zerfleischung roher Tiere / und eine Lebens-Art der Löwen und Wölffe hielt.
Gleichwol wäre seine Taffel dissmal auch für den Käyser selbst nicht zu geringe
gewest /so wohl wegen der kostbaren Zubereitung / als wegen Seltzamkeit der
Gerichte; unter welchen aber zu unserer Verwunderung ein Viertel von einem
jungen Esel befindlich war; welches Mecenas seinen Gästen allezeit fürzusetzen
soll gewohnt gewesen sein. Maro uñ Horatz waren wie sonst täglich / also auch
dissmal seine Gäste; wormit er durch Anleitung ihrer Getichte auch bei
annehmlichem Zeitvertreib unvermerckt zu der Liebe der Tugend und Weissheit
auffgemuntert würde. Aller dieser meiste Unterredungen waren eitel Lobopffer des
Käysers; oder Lehren / wie man durch Tugend ein Leben bei der Nachwelt erhalten
sollte. Unter dieser Verträuligkeit nahm ich wahr / wie Mecenas ihm selbst ein
Stücke von dem Esel-Viertel abschnitt / und bei dessen begieriger Verzehrung
aller andern Köstligkeiten vergass. Diesemnach ich von dem Vorschneider selbst
ein Teil von diesem neuen Gerichte verlangte; welches mir / ich weiss nicht ob
aus einem Zuge gegen dem Mecenas / oder seiner Gütigkeit halber überaus wohl
schmeckte; und daher anfing: Ich wünschte mir nun auch auf eine kurtze Zeit
einen Kranchs oder Kamel-Hals mit dem Philoxenus; oder dass ich wie Pityllus
meine Zunge in ein Futter eingeschlossen gehabt hätte / um diese Süssigkeit so
viel eigentlicher zu schmecken. Mecenas veranlaste den Indianischen Gesandten
hiervon auch etwas zu geniessen; aber er war hierzu nicht zu bereden; weswegen
ich ihn schertzweise entschuldigte: In Indien ässe man keine Hasen / daher müste
der Gesandte auch der Aehnligkeit halber sich der Esel entalten. Horatius
begegnete mir: weñ des Römischen Frauenzimmers Glaube wahr wäre: dass das
Hasenfleisch schön machte / müste es in Indien Mangel an schönem Frauenzimer
geben. Der Gesandte antwortete mit einem gleichmässigen Schertze: die Indianer
wüsten zwar die Eigenschaft beiderlei Fleisches; alleine wie die Einwohner der
Atlantischen Eylande kein Schwein / aus Beisorge / sie möchten kleine Augen
bekomen /wie auch keine Schildkröte ässen / aus Furcht nicht so schlammig zu
werden; also entielten sich die Indianer der Hasen und Esel / um von ihren
langen Ohren befreit zu bleiben. Uber diesem Schertz-Gespräche ward eine
Schüssel voll Phasan- und Pfauen-Gehirne auf den Tisch gesetzt / daher Maro
anfing: Er merckte wohl / dass sie zu Aten wären / wo man kein Gehirne ässe /
weil man dessen so einen grossen Uberfluss auffzutragen hätte; iedoch wüste er
nicht / ob nicht etwan ein Artzt oder ein Nachfolger des Pytagoras gegenwärtig
wäre / indem die ersten das Gehirne für eine ungesunde / die letzten für eine
unreine Speise hielten. Mecenas wollte seine Tracht verteidigen / und versetzte:
wenn diss wäre / warum nennte man deñ die Skarus-Lebern und andere niedliche
Gerichte des Jupiters Gehirne? Es sollten aber seine Gäste sich ja der Frehyeit
diss zu erwählen / was ihnen schmeckte / gebrauchen. Denn über den Geschmack
hätte man keinen Richter / und es wäre nichts mehr als die Speise dem
Aberglauben unterworffen. Die Römer entielten sich weisser Hähne / der Köpffe
und Geburts-Glieder von den Tieren / der Eyer / der Bohnen / des Viehes
/welches keinen Schwantz hätte / aller vom Tische gefallenen Speisen / und
niemand wüste eine Ursache zu sagen. Andere wollten von Hasen / Barben / und
Maulbeer-Bäumen nicht essen / weil sie ihren Monatlichen Fluss haben sollten. Ich
/ sagte Zeno / bestätigte es mit beigesetzter Nachricht / dass wider die
Gewonheit der Juden die Einwohner des Eylandes Madagascar die von den
Schildkröten gemästeten Färcklein für das köstlichste / und andere Indianer für
das gesündeste Gerichte hielten. Die Scyten hingegen entielten sich alles
Getreides und Gegräupes als einer Nahrung für das Vieh / das Fleisch aber
alleine für den Unterhalt der Menschen. Endlich mangelte es nicht an so wilden
Leuten / welche rohe Därmer / klein geschnittene Haare in Honig / und das
Bären-Unschlit / ja die Menschen selbst verzehreten / und von diesen die Brüste
oder die Füsse / wie von den Bären die Klauen / ihren Obersten als Leckerbisslein
fürlegten. Für welchem allem andere Leute ein Grauen und Abscheu hätten.
Pytagoras hätte alle Fische verboten; Apicius hingegen hätte die Sardellen
allen Speisen in der Welt fürgezogen / und sie dem Bitynischen Könige Nicomedes
in denen sonst so verachteten Rüben aufftrage lassen. Bei den Colchiern hätte
die Schulter / bei den Galliern das dicke Bein võ den Tieren den Vorzug; denen
sonst schwerlich iemand einstimte. Als wir gleich am besten hiervon redeten /
trat der Käyser unversehens in das Zimmer / welcher nur nebst Livien und der
schönen Terentien / als des Mecenas Ehefrauen auff einem Nachen sich an dem
Meerstrande in diesen Garten hatte führen lassen. Als wir nun alle über dieser
unversehenen Ankunft aufffuhren / ermahnte uns Augustus unsere Reie und
Gespräche nicht zu verrücken. Denn es käme nicht der Käyser / sondern nur
Octavius zu ihnen. Dieser Erinnerung beqvemten sich alsofort Mecenas / Maro /
und Horatz / welchen des Käysers Art schon kundig war / und endlich auch wir
Fremdlinge nach ihrem Beispiele. In Warheit /Augustus hatte mit seiner
Reichs-Last allen Schein eines so grossen Welt-Beherrschers derogestalt auff die
Seite gelegt / dass ich ihn selbst ehe für einen Bürger / als für einen so
grossen Fürsten angesehen hätte / und ich mich jetzt so viel weniger wundere /
wie die freien Römer sich einem so freundlichen Fürsten so leicht dienstbar
gemacht haben. Weil der Käyser aber gleichwohl vermerckte / dass seine
Anwesenheit unserer Freiheit einigen Eintrag tät / indem doch Fürsten und
Gestirne sich niemahls ihres Glantzes gar enteussern können; wollte er uns in
unserer Lust nicht länger stören / sondern nahm nach unterschiedenen
Schertz-Gesprächen von uns mit seinem Frauenzimmer Abschied; Livia aber sagte
schertzende zum Mecenas / dass ihre Vermählung mit Terentien allererst zu Rom
sich endigte / und sie also ihm seine Beischläfferin noch nicht zurücke lassen
könnte. Welches sie meines Bedünckens mehr uns fremden zum Anhören redete / den
erschollenen Verdacht vom Käyser abzulehnen / dass er mit Terentien heimlich
zuhielte. Wiewohl zu sagen Weltkündig ist / dass Livia anfangs mit Terentien
geeifert / und der Schönheit halber sich gezancket habe / biss sie hernach nicht
alleine mit mehrer Klugheit zu dieser geheimen Buhlschaft ein Auge zugedrückt /
sondern auch andere Frauenzimmer dem Käyser an ihre Stelle ins Bette gelegt /
und durch diese verstattete Freiheit den Käyser ihr auffs festeste verknüpfft
hat. Hierbei aber konnte ich dem Mecenas nichts weniger als einen Unwillen oder
Eyversucht anmercken / von welchem man mir vorher erzählt hatte / dass er mit
Terentien desshalben in täglichem Gezäncke lebte / mehrmahls gewünscht haben
sollte Terentia / nicht Mecenas zu sein; und dass die Römer deswegen von ihm
schertzweise sagten: Er hätte zwar nur eine Ehfrau / aber sie mehr als tausend
mahl geheiratet. Wie wir nun den Käyser biss an den Meer-Strand begleitet hatten
/ führte uns Mecenas durch einen langen Gang / der auff ieder Seite mit hohen
Palmbäumen besetzt / auff der einen Hand mit dem saltzichten Meere / auff der
andern mit einem süssen Weiher / in welchem die Feuerroten Fische wie fallende
Sternen schimmerten / angefrischet war /in einen prächtigen Saal voller
herrlichen Seulen und Ertzt-Bilder. Wir betrachteten sie alle / so viel es die
Zeit vertrug / und Mecenas nötigte uns zu urteilen /welches ieder für das
beste Stücke hielte. Der Gesandte erwehlte die Andromeda aus schwartzem Marmel /
vielleicht wegen Aehnligkeit seiner Farbe / ich das Bild der Verzweiffelung aus
Corintischem Ertzte / weil diese Unholdin wegen meiner verlohrnen Erato ohne
diss meine tägliche Gefertin war / Zarmar aber das Bildnis des Todes aus
Helffenbeine. Hierauff wiese Mecenas auff das Bild der Gemüts-Ruh / aus
Alabaster / meldende: dieses aber gebe ich nicht für alle Bilder und
Edelgesteine der ganzen Welt. Ich gestehe es / sagte Zarmar / dass die
Gemüts-Ruh oder ein gutes Gewissen der gröste Schatz der Welt sei /ich aber
halte einen seligen Tod noch weit höher; denn jene ist zwar das Paradis des
Zeitlichen / dieser aber die Pforte zu der unvergänglichen Glückseligkeit. Ich
höre wohl / sagte Mecenas / Zarmar sei kein Schüler des Dicearchus und Epicurus
/ welche gläubten / dass die Seelen mit dem Leibe vergehen / sondern vielmehr der
Meinung / welche Pherecydes zu erst in Griechenland gelehret / Tales /
Pytagoras / Plato /und Socrates aber bekräfftigt haben / dass der Tod nur eine
Veränderung / aber keine Verderbung der Seelen sei. Oder pflichtet er dem Cebes
/ Zeno / und denen Stoischen Weltweisen bei / dass die Seele allererst mit
Einäscherung der Welt verschwinden / oder mit Gott ihrem Ursprunge wieder würde
vereinbaret werden? Zarmar antwortete: Er wäre derer keinem zugetan. Die
erstern wären nicht für Menschen / sondern für Vieh zu halten; ja nicht wert /
dass ihnen Gott eine unsterbliche Seele eingeflöst / wenn selbte ihnen nicht zur
ewigen Pein dienete. Denn haben sie nie mit Augen gesehen / wie es den Frommen
in der Welt so übel / die Boshaften aber auff Rosen gehen? Wäre diss nun nicht
der Gerechtigkeit Gottes zuwider / da in dem andern Leben die Seelen der Frommen
nicht sollten erqvicket / der Lasterhaften gepeiniget werden? Haben sie nie
wahrgenommen / dass die Seele ein eigenbewegliches Wesen und ein Geist / der Leib
aber nur von verwesslichem Talck zusammen gekleibet sei? Solte nun jener
herrliche Kern mit dieser leichten Spreu zernichtet werden? Was sage ich aber
zernichten? Auch der Leib kann durch keine Kunst / durch keine Gewalt zernichtet;
sondern nur in was anders verwandelt werden. Sintemal eines Wesens Verterbung
eines andern Geburt ist. Wie mögen diese Blinden die himmlische Seele der
Zernichtung unterwerffen? haben sie nie beobachtet: dass ihre eigene Seele das
vergangene gedencke / das Gegenwärtige verstehe / und eine freie Herrschaft
über den Leib als seinen Dienstboten ausübe / und seine viehische Regungen
unterdrücke? Wer wollte nun glauben / dass diese Gebieterin der vergangenen /
gegenwärtigen / und künftigen Zeit eines Augenblicks Einäscherung unterworffen
sei? dass diese gewaltige Frau aus ihres Knechtes Munde den lebenden Atem
ausblasen solle? Haben sie mit ihrer Seele nie begriffen / was in die Sinnen des
Leibes nicht fallen kann; hat sie nie gebillicht / was dem Auge unglaublich
scheinet; Als dass der kleineste Stern grösser als der Erdbodem; hat sie die
Wollust nie verfluchet / derer Kützel doch dem Leibe so wohl tut? Wie mag ihnen
denn ihre Zertrennung bei der Erblassung des Leibes so unmöglich scheinen? Die
letztern Weltweisen aber sind wenig besser; weil sie die Seele einem irrdischen
Leibe wie den Leib einem umbmässlichen Orte anbinden / und selbte gleichsam nur
für eine Bewegung / oder für ein Gewichte des Leibes halten / welches ihn als
eine Uhr fort treibe; ja wohl gar uns bereden wollen: dass das Wasser das feurige
Wesen der Seele ersäuffen / oder eine grosse Last selbte wie einen Rauch
zerteilen könne. Da sie selbst doch gestehen: ihr Ursprung rühre von Gott / wie
der Tag von der Sonnen her /und dahero sei sie nichts minder als Gott / der
nichts leibliches an sich hat / für ein von der Glieder irrdischen Hütten
absonderliches Wesen zu halten / welches ohne den Werckzeug des Leibes in und
von sich selbst genugsame Krafft zu würcken habe. Die mitlern haben durch
erblickte Ewigkeit der Seelen zwar ein grosses / iedoch lange noch nicht
vollkommenes Licht der Warheit erkieset. Mecenas hörte ihm begierig zu / und
fing nach einem langen Nachdencken an: Ich bin zwar auch der Meinung: dass die
Seele durch den Tod sich aus ihrem Kercker des Leibes in vergnüglichere Freiheit
entreisse; Aber warum soll ich nicht die Ruhe des Gemütes / die eingebohrne
Tochter der Unschuld / die warhafte Gebärerin künftiger Ergetzung / als den
Lebens-Balsam des gegenwärtigen Lebens dem Tode fürziehen? Ist dieser nicht nur
der Scherge / der uns die Fessel los macht; jene aber die Befehlhaberin Gottes /
welche unsere Erlösung anordnet? ja der Vorschmack des Himmels / wie ein böses
Gewissen der Hölle? Denn wie dieses allezeit die Furcht der Straffe in seinem
Busem trägt; also schmecket die ihr bewusste Unschuld schon die Freude ihrer
Vergeltung. Zarmar versetzte: Ich gebe allem diesem Beifall; ja ich weiss: dass
ein lasterhaftes Leben nicht so wohl ein Leben / als ein Trauren sei. Der Geist
/ der es beseelet / ist eine blosse Einbildung; diese aber schon sein Hencker
und seine Folterbanck. Die Furcht verfolget einen Boshaften ärger / als der
Schatten den Leib. Seine Lust-Häuser /könten sie gleich schöner / als dieses
sein / sind seine Kercker / welche der ganzen Welt / nur ihm nicht gefallen.
Von seinen Blumen-Beeten genüssen andere die Rosen / er nur die Dornen. Da auch
diese gleich zuweilen eine unvorsichtige Hand verwunden / so durchstechen sie
aber ihm seine Seele. Seine bangsamen Seuffzer verjagen den kräfftigen Geruch /
wormit die Blüten der Granat-Aepffel / und die Jasminen die Lufft einbalsamen.
Das Rauschen seiner Springbrunnen schreiet ihm in die Ohren: dass alle seine
Eitelkeiten wie das Wasser zerrinnen / seine Marter aber unvergänglich sein
werde. Der für Augen schwebende Verlust macht ihm sein Reichtum zur Uberlast /
und auf das Altar / welches die Heuchler seiner Würde anzünden / liefert er sein
Hertze selbst zu einem brennenden Opffer. Ja wer an der Hollenpein zweiffelt
/frage ein böses Gewissen / so wird er vernehmen /dass es Hencker und Foltern /
die man nicht sehe / und ein Leben gäbe / welches ärger als der Tod ist.
Herentgegen / weil ein ruhiges Gemüte unaufhörlich auf Gott / wie die
Magnet-Nadel nach dem Angelsterne zielet / muss selbtes in einem Meer voll
Ergetzligkeiten schwimmen; auch nichts anders / als diss / die unvermeidliche
Not zu sterben verzuckern; ja seine bitterste Galle zwischen glüenden Zangen
annehmlich machen: also dass / wie schwartz und grausam er denen Lasterhaften
fürkommt / er dennoch von jenen als ein liebreicher Bräutigam umarmet wird. Aus
welchem Nachdencken der Meister dieses Todtenbildes vielleicht das annehmliche
Helffenbein zu einem sonst so abscheulichen Gespenste erkieset hat. Alleine es
ist nicht möglich / dass ein Mensch entweder aus einem tieffen Schlaffe der
Unachtsamkeit / oder aus einer falschen Eigenliebe ihm eine Gewissens-Ruh mache
/und bei seiner gefährlichsten Kranckheit gleichwol keine Schmertzen empfinde?
Pflegen nicht die / welche aus ihren Lastern ein Handwerck gemacht / alle
Stachel des Gewissens zu verlieren; ja sich über ihrer begangenen Bosheit noch
zu kitzeln? Oder schweben wir elende Menschen nicht allhier auf so glattem Eise
/ dass wer heute stehet / morgen zu Bodem fällt? Einen Ringer aber krönet nicht
der gute Anfang / sondern ein herrliches Ende; Einen Menschen nicht seine eigene
Beruhigung / sondern ein seliger Tod. Mecenas begegnete ihm: Ich verteidige ein
gutes Gewissen /welches keine andere / als einen tugendhaften Wandel zur Mutter
hat; nicht die Schlaffsucht derer / die in dem Schlamme der Sünden ohne einige
Empfindligkeit stecken. Dahero müssen diese Mahblumen nicht mit wohlrüchenden
Rosen vermengt werden. Ich kenne auch zwar nicht die menschlichen Schwachheiten;
Aber die Absetzung von einem guten Absehen klebet nur fahselnden Buhlern / oder
Gleissnern an. Denn in der Tugend steckt eine kräfftige Anmut /dass wer sie nur
einen Augenblick wahrhaftig lieb gewonnen hat / selbte sie sein Lebetage nicht
hassen kann. Vollkommentlich aber kann niemand was lieben /der es nicht vorher
eigentlich erkennen lernen. Die Tugend aber erkennen ist eine Verbündnüss mit
Gott /ein Ancker der Seligkeit / ein Geschmack über alle Süssigkeiten der Wollust
/ und alle Bitterkeiten des Lebens. Diesemnach der weise Epicur zu sagen
gepflegt hat: Ein Weiser würde nicht des Lebens überdrüssig / und verlangte nicht
zu sterben / wenn man ihm schon beide Augen ausstäche. Und er würde allezeit den
Göttern für Erhaltung des Lebens danckbar sein / wenn sie ihn schon nach so
vielen Liebkosungen lähmeten / verstellten / zum Krievel werden und am Kreutze
stehen liessen. Zarmar begegnete ihm: Er wäre wohl selbst kein Weichling / noch
auch ihr Verteidiger / sondern er hielte es für die gröste Tugend in einem
presshaften Leibe einen freudigen Geist behalten. Alleine diss wäre eine allzu
strenge Grausamkeit gegen sich selbst / aus Hass gegen dem Tode / erbärmlich zu
leben wünschen; wiewol diss nicht ein Leben / sondern eine Tauerung der Pein / ja
vielmehr ein langsames Sterben wäre. Es schiene eine schnöde Bettelung der
Furcht zu sein / wenn man lieber die Seele gleichsam Tropffen- oder Stückweise /
und durch eine langsame Schwindsucht / als auf einmal behertzt auszublasen
wünschte. Er hielte die Notwendigkeit zu sterben eben so wohl für eine Woltat
der Natur / als ein Gefangener einem zu dancken Ursach hätte / der ihm die
Fessel aufflösete. Dannenhero müste man sich der Begierde zu leben enteusern /
weil es doch insgemein befleckt oder beschwert wäre; den Tod aber am wenigsten
fürchten. Denn es wäre doch wenig daran gelegen / wenn man diss überstünde / was
man endlich einmal überstehen müste. Es hätte nichts auf sich / wie lange; wohl
aber / ob man wohl lebte. Ja vielmal bestünde die Güte des Lebens darinnen / dass
es kurtz wäre. Mecenas antwortete: Es wäre wohl eine Torheit zu leben / um vom
Schmertze gefoltert zu werden / aber eine grössere Zagheit / des Schmertzens
halber zu sterben. Denn wer um dieses Henckers sich zu entschlagen ihm das Leben
verkürtzte / oder sich nur nach dem Tode sehnete / stürbe nicht / sondern würde
als ein Zärtling von Kleinmut überwunden. Es wäre eine grosse Vergnügung lange
mit sich selbst umgehen / wenn man anders sich durch Tugend würdig gemacht hätte
sein zu genüssen. Und daher dörften nur die Lasterhaften für einem ängstigen
Alter Eckel haben / und eine stinckende Leiche zu werden wünschen. So lange aber
euserliche Ungemach / und der kränckliche Leib das Gemüte nicht entkräfftet
/und einem nicht nur die Seele / sondern das Leben übrig bliebe / sollte ein
Weiser das Tagelicht erfreuet anblicken / und nach der Abendröte des Todes
keinen Seufzer schicken. Ich / sagte Zeno / fiel hier ein /weil der Abend
einbrach / und ich wahrnahm / dass Mecenas vom Käyser einen Zettel bekam. Beide
Meinungen kämen einander so nahe / dass sie schwerlich mehr unterschieden werden
könten. Und ich hielte darfür / dass wenn Mecenas die Ruhe seines Gemütes lange
mit dem Leben behalten / Zarmar aber nach seiner verlangten Art sterben würde;
beide von dem allgemeinen Zwecke des höchsten Gutes nicht entfernet sein könten.
    Also nahmen wir mit gröster Vergnügung vom Mecenas Abschied / fanden aber in
unserm Hause zu höchster Verwirrung die drei kostlichen Stücke / welche wir
gegen dem Mecenas / als die schätzbarsten /gerühmet / schon als sein Geschencke
für uns stehen. Diesemnach wurden wir schlüssig auf den Morgen uns in den Garten
des Mecenas zu verfügen / und an die ledige Stellen etliche Seltzamkeiten / die
wir aus Morgenland mit gebracht / zu versetzen. Wir fanden aber die Lücken schon
durch drei köstliche Bilder / nämlich einen Kopf Hannibals aus Berg Crystallen /
einen Liebes-Gott aus Magnet- und eine Helena aus Agsteine ersetzt / und den
Maro darbei / um selbten eine anständige Uberschrifft beizusetzen. Wie wir nun
dieses verstunden / gab ich dem Maro zu verstehen / dass wir die Freigebigkeit
des Mecenas durch geringe Erkäntnüsse zu begegnen vermeint hätten; wir sähen
aber wohl / dass unserm guten Willen schon eine sinnreichere Hand zuvor kommen
wäre. Denn meines Bedünckens hätte der Bildhauer zu dem Kopfe des Glück-und
unglückseligen Hannibals nichts geschickters als zerbrechliches Glas / zu der
Liebe / welche den rauhesten Stahl an sich zeucht / nichts bessers als diesen
Stein / und zu Helenen / welche Griechenland und Asien angezündet / und so viel
tausend Augen-Tränen ausgeprest / nichts beqvemers / als den brennenden und aus
denen Tränen der Sonnen-Töchter zusammen geronnenen Agstein nehmen können.
Jedoch hofften wir / es würde Mecenas unser geringes Opffer der Danckbarkeit /
oder vielmehr ein verächtliches Gedächtnis-Mahl nicht verschmähen. Hiermit liess
der Gesandte ihm ein breites Becken aus Agat / darinnen von Natur ein grünlicher
Frosch gewachsen war /reichen / und legte des Hannibals Haupt darein. Dem Cupido
hieng er einen mit Diamanten versetzten Köcher um / mit Andeutung: weil der
Magnet bei Diamanten seine Krafft verlieren sollte / wollte er durch diesen
Beisatz auch die Hefftigkeit der Liebe etwas mässigen. Ich hatte in Egypten das
Bild des Paris erkaufft / welches Euphranor aus Tebaischem Steine so künstlich
gehauen hatte / dass es ihn zugleich als einen Richter der drei Göttinnen / als
einen Liebhaber Helenens / und einen Erleger des Achilles fürstellte. Dieses
liess ich nebst die Agsteinerne Helena setzen /als welche fürlängst Liebe und
Verhängnis zusammen vermählet hätte. Maro verwunderte sich über unsere so wohl
eintreffende Geschencke / konnte sich auch kaum bereden lassen / dass wir von
diesen neuen Bildern des Mecenas keinen Wind kriegt haben sollten /sondern diese
Einstimmung aus blossem Zufalle herrühren sollte. Nebst diesem meldete er / weil
er in diesem Garten nichts zu befehlen hätte / könnte er uns unsern Geschencken
zwar nicht den Raum verschrencken / iedoch zweiffelte er / dass Mecenas sich
würde überwinden können selbte anzunehmen. Deñ wir möchten glauben / dass es
gefährlich wäre / bei ihm etwas zu loben / dass man es nicht selbige Stunde noch
in sein Haus bekäme. Ja wie gross gleich die Freigebigkeit des Käysers gegen den
Mecenas wäre /so verwendete doch Mecenas diss und ein mehrers zu nichts anderm /
als dem Augustus hierdurch die Gemüter tapfferer Leute zu erkauffen; also / dass
der Käyser mit seinen Geschencken mehr ein Kauffmann /Mecenas aber mehr des
Käysers guter Hausshalter /als sein Schosskind zu sein schiene. Hierentgegen
vermöchten ihm ganze Länder / denen er gleich die Freiheit von allen
Schatzungen erbeten / nicht ein Crystallen Gefäss einzunötigen; weil er teils
die Verbindligkeit der Gemüter aller Welt Schätzen vorziehe / teils seine
Woltaten nicht mit dem Schatten des geringsten Eigennutzes verdüstern wollte.
Niemals aber hätte ihn der Käyser selbst bewegen können / einiges Ampt oder Ding
/ das ein Verdamter besessen /und zu der Käyserlichen Schatzkammer eingezogen
worden / anzunehmen / gleich als wenn des vorigen Besitzers Laster hiermit auch
auf ihn verfielen. Maro hatte diss letzte Wort noch im Munde / als Mecenas selbst
in den Saal trat / und nach unserer freundlichsten Bewillkommung auf des Maro
Winck unserer Gegengeschencke gewahr ward. Worauf er denn alsofort sich als
beschämt zu sein beklagte / dass wir durch unsere übermässige Vergeltung ihm nicht
allein sein Unvermögen uns nach Verdienst zu beschencken / für Augen stellten /
sondern auch / da wir uns nicht erbitten liessen ihn dieser allzu schätzbaren
Gaben zu überheben / ihm ein Verbrechen wider sein Ampt aufnötigten.
Gegenwärtige an den Ecken der Blumenstücke stehende Bilder erinnerten ihn seiner
Schuldigkeit / dass eines Fürsten Diener zwar Augen / um die Früchte seines
Herren zu bewachen / nicht aber Hånde selbte abzubrechen haben sollte. Die
anfängliche Uberwündung anfangs was von einem guten Freunde anzunehmen / ziehe
leicht eine Begierde nach sich auch diss / wormit die Bosheit den redlichsten
Richter zu bestechen versuchet / nicht zu verschmähen. Denn der Geitz und das
Feuer wachse von dem /wormit sich beides sättigen sollte. Alleine solche Diener /
wenn sie sich mit dem Raube des Volckes über alle Maass überleget / würden
hernach nicht unbillich als Schwämme von ihren Fürsten ausgedrückt / oder sie
würden auch ein fettes Schlacht-Opffer des ausgesogenen Pöfels / und erführen
mit ihrem Untergange zu spät / dass sie wie die Holtzwürmer ihnen zwar in grosse
Bäume ehre Wohnungen gebauet hätten / mit dem ausgefressenen Stamme aber endlich
zu Grunde giengen. Am ärgsten aber wäre / dass solche unersättliche Leute mit
ihrem Laster noch den unschuldigen Fürsten besudelten / in dem das Volck selbten
entweder für unachtsam / der seiner Diener Schalckheiten übersehe / oder für
eben so bosshaft hielte / der an solchem Raube teil hätte. Wir hingegen baten:
unsere Geringigkeiten nicht durch den Nahmen einer Vergeltung noch mehr zu
vergeringern. Denn / ob wir wohl durch seine Woltaten uns von Natur hierzu
verbindlich erkennten / so überstiegen sie doch das Maass unserer Kräfften.
Uberdiss hielten wir darfür / dass die Danckbarkeit alleine mit dem Hertzen / die
Zahlung aber durch Liefferung eines gleichgiltigen Dinges geschehe. Mecenas
sollte erwegen / dass die Gesetze der Freundschaft nicht nach der Richtschnur des
Eigennutzes abzumåssen wären / und bei so gestalten Sachen hätten sie auch des
Mecenas so ansehnliche Gaben zurück senden sollen. Von iederman Geschencke
annehmen wäre Geitz / von vielen eine Niedrigkeit des Gemütes / von niemanden
eine Grausamkeit. Unser Absehen wäre allein die Ehre zu haben /dass unsere
Scherben an dem Orte stehen dörfften /wohin der Käyser etwas zu setzen für ein
Glück schätzte / und wohin alle Völcker ihre Seltzamkeiten /als einen der Tugend
schuldigen Zinss zu lieffern verbunden wären. Ja da er dem wenigen den Raum nicht
erlaubte / liesse seine Höfligkeit es zwar für keine Verachtung ausdeuten;
allein es würde zu Aten nebst seiner Woltat / unser Undanck ruchbar werden.
Niemand aber sollte aus dem Ehre suchen / was zu eines andern Verkleinerung
gereichte. Mecenas zohe die Achseln ein / und vermeldete: Es wäre zwar einer
Verwerffung des Geschenckes nicht unehnlich / wenn selbtem ein grösseres auf der
Fersen zurück folgte; alleine er müste nur der Ubermasse unser Höfligkeit sich
unterwerffen / und bei seiner Schamröte trösten / dass gute Gemüter zwar
Woltaten nicht vergessen könten / wohl aber zuweilen darfür müsten Schuldner
bleiben. Die Erkenntnis der Schuld aber wäre schon ein Teil der Vergeltung /
vielmal auch einer Vergeltung fürzuziehen. Hiermit kam Mecenas zu genauer
Betrachtung unserer Geschencke / welche er über ihren Wert nicht genung zu
schätzen wusste. Als er aber in dem Agatenen Becken den grünlichten Frosch
erblickte / vermochte er seine Gemüts-Regungen nicht mehr im Schrancken zu
halten / brach dannenhero heraus: Ihr Götter! hättet ihr unter irrdischen Dingen
mir selbst wohl ein annehmlicher Geschencke zu liefern vermocht? Oder habt ihr
nichts minder den Pinsel der Natur / als das Gemüte des Masulipats gereget /
dass sie dieses beliebte Bild in die Adern dieses edlen Steines eingepreget? Wie
wir nun einander ansehende uns bekümmerten / was den Mecenas eigentlich zu
dieser Regung verursacht /wiese er uns an seiner Hand den Petschir-Ring / in
welchem auf einen vielfärbichten grossen Opal ein Frosch gegraben war. Sehet /
fing er an / hier den Stein / wessentwegen Marcus Antonius den Nonius von Rom
verjaget / und welchen zu erhalten Nonius lieber sein Vaterland verlassen
wollen. Diesen aber hat Nonius hernach für grosse Woltaten dem Käyser
freiwillig / der Käyser aber mir geschencket / und weil ich mir zum ewigen Wapen
meines Geschlechtes einen Frosch erwehlet / solchen darein graben lassen. Wie
hoch ich diesen zeiter geschätzet / kann Maro zeugen; also lasse ich sie
allerseits urteilen / wie viel höher ich dieses mein von der Natur selbst
gemahltes Wapen zu schätzen habe. Mit diesen annehmlichen Abwechselungen
brachten wir schier biss an Mittag zu / als Mecenas zum Käyser beruffen ward.
Maro erzehlte uns hierauf / dass als Augustus den Sphinx / als sein mütterliches
Wapen / mit dem Bilde des grossen Alexanders verwechselt / hätte Agrippa / wie
für Zeiten Agamemnon / einen Löwen-Kopf / Mecenas aber einen Frosch erkieset.
Dieser habe seine Erfindung von den Egyptiern / welche mit dem Frosche auf einer
Wasserblume die menschliche Unvollkommenheit fürbilden / entlehnet / und zu
seiner Erinnerung ihm dieses verächtliche Tier fürgestellet / dass / wie ein
Frosch mit seinem Vorderteile aus dem todten Schlamme sich zu reissen bemühet /
wenn gleich sein unbeseelter Hinterleib noch Erde ist; also die Seele des
Menschen nicht in dem Kote irrdischer Dinge /oder unter der Bürde seines
beschwerlichen Leibes verstarren / sondern sich zu Gott empor zu schwingen
bemühen sollte. Maro weiste uns hierauf in einem Lustause allerhand von Fröschen
genommene Sinnenbilder. Uber einem von der Erde ins Wasser springenden war
geschrieben: Allentalben; um anzuzeigen / des Frosches Geschickligkeit im
Wasser und auf der trockenen Erde zu leben / wäre eine Anweisung /dass ein
vernünftiger Mensch in Glück und Unglücke einerlei Gesichte behalten sollte;
Darneben hatte ein-gegen einer den Rachen aufsperrenden Schlange hüpffender
Frosch ein Stöcklein qver über im Maule / mit der Uberschrifft: Mit Vernunft /
nicht durch Stärcke; Zur Anweisung / dass man durch Fleiss und Klugheit seiner
Schwäche zu Hülffe kommen sollte. Ferner hatte ein auf dem Rücken mit Bienen
besessener Frosch diese Uberschrifft: Gegen das empfindlichste unempfindlich;
wordurch angezielet war / dass wie die Frösche die schärffsten Stiche der
feindlichen Bienen nicht fühlten; also sollte ein Tugendhafter sich die
Verfolgungen des Glücks / und die Anstechungen der Verleumder nichts anfechten
lassen. Auff einer andern Taffel lag ein auffgeschnittener Frosch / mit zweien
heraus hangenden Lebern auf einem Altare. Darüber war zu lesen: Solch Glücke in
der Verächtligkeit; Um anzudeuten / dass wie die Frösche zwar geringe Tiere
wären / und doch zwei Lebern hätten; also die Demut eine Mutter des Glückes
wäre. Sintemal bei den Opfferungen für das schlimmste Zeichen gehalten ward /
wenn das dazu bestimmte Vieh keine Leber / für das glückseligste aber / wenn es
zwei Lebern hatte. Jenes befand sich also / als Marcellus vom Annibal erschlagen
ward; dieses aber begegnete dem August zu Spolet. Deswegen ihm auch der Priester
auf selbiges Jahr die Erlangung einer zweifachen Herrschaft ankündigte / wohin
dieses Sinnbild vielleicht auch zielen mochte. Ferner war auf einem
Kupffer-Blatte ein- an einer Angel ins Wasser gehenckte Frosch gemahlet / an
welchen sich zwei Purpur-Muscheln hingen / sonder einige Beischrift. Maro
erzehlte / der Käyser hätte diss Gemählde dem Mecenas gegeben / und / so viel er
urteilen könnte / ihm darmit zu verstehen geben wollen / dass wie die
Purpur-Schnecken eine sonderbare Neigung hätten sich mit Fröschen zu speisen;
also hätte auch er und Livia am Mecenas eine sonderbare Vergnügung. Viel andere
daselbst befindliche Sinnbilder / sagte Zeno / möchte er nicht erzählen / auser
noch eines / wie nehmlich ein gegen der Sonne aufgestellter Frosch sein Maul in
den Schlamm steckte / mit beigesetzten Worten: Eine stillschweigende Verehrung;
welches lehren sollte /dass wie die des Nachts lauten Frosche gegen dem Tage
verstumten; also sollte ein vernünftiger Staats-Diener seinem Fürsten nie
widersprechen. Hertzog Herrmann fing an: Er hätte den Mecenas gekennt /und er
würde nicht nur seiner Gewogenheit / sondern auch seiner Tugenden halber sein
Gedächtnis allezeit hoch halten. Allein er hätte dem Mecenas gewünscht /dass
selbter noch zweierlei Anmerckungen von denen so beliebten Fröschen genommen
hätte; von welchen man glaubte / dass wenn man einem lebenden Frosche die Zunge
ausrisse / ihn fortschwimmen liesse / und sie einem schlaffenden Weibe aufs
Hertze legte / sie alle ihre Heimligkeiten / darum sie gefraget würde
/eröffnete. Weñ man aber mit einem Schilffe einen Frosch zum Geburts-Gliede
hinein / und zum Maule heraus stäche / dieses aber hernach in ihr Monats-Geblüte
steckte / kriegte sie für Ehbruche eine Abscheu. Hätte nun diss letztere Mecenas
getan / würde ihm seine Terentia keinen so bösen Nahmen / und ihm keinen Spott
zugezogen haben. Hätte er auch Terentien / und sie nicht ihm die Heimligkeit
seines Herrschens heraus gelockt / so hätte er nie vom Käyser wegen ihr
entdeckter Murenischen Verschwerung gescholten werden dörffen. Zeno antwortete:
Es ist diss sehr klüglich erinnert / und ich weiss / wenn Mecenas noch lebte / und
es selbst hörete / würde er für so aufrichtige Lehren danckbar sein / und sie
seinen Sinnebildern noch beisetzen. Nach derselben Betrachtung /führte er uns
bei der sich vergrössernden Mittags-Hitze in eine mit vielen künstlichen
Springwassern erfrischete Höle / darinnen wir wieder unser Vermuten die Taffel
aufs köstlichste zugerichtet antraffen. Weil nun Mecenas sich selbst nicht vom
Käyser entbrechen konnte / kamen auff sein Ersuchen Cneus Calpurnius Piso / der
für Jahren schon Bürgermeister gewest war / Licinius Nerva Silanus / und Marcus
Furius / alle Römische Ratsherren /uns die Zeit zu verkürtzen. Etliche folgende
Wochen brachte Mecenas mit dem Gesandten meistenteils in geheimen Handlungen
/ich aber teils in Beschauung der denckwürdigen Sachen zu Aten / teils auch
mit Ergetzligkeiten auf dem Lande / und mit Durchlesung des vom Mecenas
scharfsinnig beschriebenen Prometeus zu; welch Buch mir Maro in Vertrauen
geliehen / und mich dadurch nicht wenig vergnügt hatte. Sintemal er anfangs
darinnen die Geschichte des Prometeus / wie er einen Erfinder der
Sternen-Bildhauer- und anderer Künste /ein Artzt / einen Ertzt- und
Kräuter-Verständigen /einen Wahrsager abgegeben; hernach ihn als ein herrliches
Fürbild des Käysers August / und dessen ganze Herrschaft in Sinnbildern
beschrieben hatte. Käyser Julius war in der Gestalt des Japetus / als sein Vater
/ und das Bild der Temis / als seine Mutter /Antonius in der Gestalt des
vermessenen Epimetus fürgestellet / welcher aus Cleopatrens Wollust-Gefässen /
wie aus der Schachtel Pandorens alles Böse heraus fliegen liess. Insonderheit war
nachdencklich zu sehen / wie der Käyser als der andere Prometeus das tönerne
Bild der Stadt Rom von Stück zu Stück in Marmel verwandelte / und die herum in
einem Kreisse abgebildeten Völcker der Welt allerhand kostbare Edelgesteine /
Perlen / Gold / Ertzt und andere Schätze zu Auszierung dieses Bildes zulangeten;
weil er derogestalt sein Vaterland verbessert zu haben sich rühmte; an einem
andern Orte / wie er diesem Römischen Bilde die Hertzhaftigkeit der Löwen / die
Scharfsichtigkeit der Adler / die Klugheit der Schlangen / die Frömmigkeit der
Störche durch Einhauchung dieser Tiere einflöste / und dardurch den ersten
Prometeus weit übertreffe / als welcher seines mit der Furcht der Hasen / der
Arglist der Füchse / der Maulwürffe Blindheit / mit der Hoffart der Pfauen / und
der Grausamkeit der Tyger ausgerüstet hätte. Ferner war der Käyser abgebildet /
wie ihm Minerva biss an den Wagen der Sonnen empor half / daran er die Fackel der
Weissheit anzündete / und dieses edle Feuer nach Rom brachte. Der Adler / welcher
dem Prometeus auf dem Gebürge Paropamisus die Leber frass / war auf die Römische
Herrschaft ausgedeutet / welche August ihrer Beschwerligkeit halber
niederzulegen oft entschlossen war; gleichwohl aber auff des Mecenas Einraten
dem gemeinen Wesen zum besten /diese Sorge täglich an ihm nagen liess.
    Nach dem nun Masulipat mit dem Mecenas zum Schlusse kommen war / kam
folgenden Tages Mecenas sehr früh zu uns / und führte uns in Aten herum /unter
dem Vorwand die Seltzamkeiten dieser berühmten Stadt zu zeigen. Wir fuhren durch
die heilige Pforte / und traten zu erst im Anaceon / oder dem beruhmten Tempel
des Castor und Pollux ab / darinnen Pisistratus die Bürgerschaft versamlete /
als er sie zu entwaffnen vor hatte. Neben dem Tempel ist der Marckt leibeigener
Knechte. Von dar fuhren wir über eine Höhe in den lustigen Garten des weisen
Melantius /darinnen des berühmten Redners Lycurgus Grab / und ein Marmel-Bild
des wider den Riesen Polybotes kämpffenden Neptunus würdig zu sehen war. Hernach
betrachteten wir den Spatzier-Gang und den Ubungs-Platz des Mercur / wie auch
den Tempel des Bacchus / wo vorher des Polytion Haus gestanden hatte / darinnen
die Elevsinischen Geheimnisse vom Alcibiades waren entweihet worden. Wir fuhren
hierauf zu dem Grabe des Deucalion / und dem Graben / worinnen das letztere
Wasser der Sündflut versuncken sein soll. Nach diesem betrachteten wir den
Tempel des Saturn und der Rhea; fürnehmlich aber den des Olympischen Jupiters /
welcher als der gröste Tempel der Welt die Grösse dieses Gottes abbilden soll.
Hierauff leitete uns Mecenas durch die Egeische Pforte in das prächtige Haus und
die Gärte des Egeus / darinnen das vom Phidias gemachte Bild der Venus alle
andere Kostbarkeiten übertraf. Weil es nun bereit über den Mittag war / liessen
wir auf der rechten Hand den Tempel der himmlischen Venus / Isocratens Grab /der
Cynischen Weltweisen Schule liegen / und besahen allein in der Eyl den Tempel
des Hercules / und sein Bild / des Gelades Meisterstücke / den Phidias zum
Lehrmeister gehabt. Die Huren-Kinder wurden allhier geübt / und verehrten den
nicht besser gebohrnen Hercules. Hierauff liess Mecenas in vollen Bügen auff
einen dem Tritonischen Fels gegen über liegenden Hügel rennen / auf welchem für
Zeiten Museus seine Gedichte abgelesen / die Atenienser / als Teseus mit den
Amazonen stritt / ihr Läger geschlagen /und endlich die Macedonier um Aten im
Zaume zu halten / eine Festung gebaut hatten / woraus sie aber hernach vom
Olympiodor getrieben wurden. Allhier traffen wir unter dem Schatten der Oelbäume
eine prächtig-bereitete Taffel an; worbei nach den auserlesensten Saiten-Spielen
des Museus Gedichte abgesungen / und zwar die Orte / wo eines oder das andere
geschehen sein sollte / von dieser das Auge weit über Land und Meer tragenden
Höhe durch den Maro gewiesen wurden. Gegen Abend führte uns Mecenas in den
Tempel des Bacchus / darinnen täglich vierzehn Priesterinnen den Gottesdienst
verrichteten. Wir lasen an einer in der Mitte stehenden Marmel-Säule die alten
Heirats-Gesetze der Ateniensischen Könige /welche nur eine in Aten gebohrne
und auferzogene Jungfrau heiraten dorfften. Von dar fuhren wir in den
Schauplatz des Bacchus / in den Spatzier-Saal des Eumenicus / in den Tempel der
Proserpina / der Lucina / und den überaus prächtigen der güldenen Dreifüsse /
darinnen wir den unvergleichlichen Satyrus / welchen Praxiteles nebst dem der
Phryne geschenckten Cupido für sein Meisterstücke hielt / und daher dem Bacchus
wiedmete / nicht genung betrachten konten. Endlich als es schon dämmerte / kamen
wir in den Tempel des Serapis. Unterweges erzehlte uns Mecenas / dass Augustus
zum Gedächtnis und zu Dancksagung für die ihm in Egypten wider Cleopatren /
und die Mohren-Königin Candace erhaltenen Siege daselbst ein marmeln Altar hätte
aufsetzen lassen / welches selbigen Abend der Isis eingeweiht werden sollte. Der
Tempel war hin und her mit einer Ampel ein wenig erleuchtet. Wie viel Volck
gleich darinnen sich befand / spürte man doch ein allgemeines Stillschweigen.
Kurtz nach unser Ankunft ward ein Alabasternes Bild der Isis auf einem güldenen
Wagen mit zwei zahmen Löwen in den Tempel bracht / welchem Augustus / Livia und
Terentia auf dem Fusse folgten; die denn auch nebenst den Priestern selbst mit
Hand anlegten / solches auf das Altar zu heben. Das Bild stellte ein
Frauenzimmer für. Das Haupt krönten drei über einander gesetzte Türme; das Haar
war wellicht ausgebreitet / mit Korn-Aehren untermenget / und mit einem Schleier
bedeckt; Uber den Schläffen ragten zwei gekrümte Schlangen herfür; am Halse
stand das Zeichen des Krebses und Steinbocks / darunter aber Hercules mit einem
Palmzweige / und Apollo mit einem Lorber-Krantze. Die Armen waren mit vier Löwen
besetzt und ausgestreckt. In der rechten Hand hatte sie eine Leier / in der
lincken einen Wasser-Eymer / daran die gleichergestalt zu Sais in Egypten
befindliche Uberschrifft zu lesen war: Ich bin alles / was gewest ist / und sein
wird. Kein Sterblicher hat meinen Schleier noch auffgedeckt. Meine erste Frucht
/ die ich gezeuget / ist die Sonne. Und alles diss war mit einem Krantze aus
Früchten und Blumen umfangen. Die Brust und der Leib bis an Nabel strotzte von
eitel Brüsten / und ihr Gürtel war mit dem halben Monden und vielen Sternen
besetzt. Der Unter-Leib biss über die Knichel steckte in einem engen Kessel; An
dem Oberteile auf der einen Seite Diana / auf der andern Ceres; zwischen diesen
drei gehörnte Hirschköpffe / und zwei Bienen eingeetzet waren. Im mitlern Teile
ragten auf der Seite zwei Drachen / im untersten zwei Löwen herfür / zwischen
beiden aber waren drei Ochsen-Köpffe zu schauen. Die Beine um die Knichel deckte
ein zartes Hemde / die Füsse aber waren bloss / der eine stand auf der Erde / der
ander auff Wasser. In das Altar war eingegraben: Der einigen Isis / welche alles
ist. Wie dieses Bild nun feste gesetzt war /brachte man ein Meerkalb / und eine
Gans herbei /welche ein Egyptischer Priester Choeremon / den der Käyser von
Memphis her zu diesem neuen Gottesdienste bestellt hatte / schlachtete / und
aufopfferte. Bei diesem Beginnen zohe mich Zarmar der Brahman auf die Seite /
und sagte mir in ein Ohr: Lasset uns dieses besudelten Gottesdienstes / oder
vielmehr dieser unzüchtigen Gottes-Spötter entbrechen! Ich versetzte / dass diss
ohne Aergernüss des Volckes / und ohne Beleidigung so wohl des Käysers / als des
Mecenas nicht geschehen könnte. Gott straffte auch die Versehrer eines irrigen
Gottesdienstes / als welcher besser / als keiner wäre. Zu dem hielte ich dieses
Heiligtum für eine Verehrung der Ceres oder Cybelens /welche er von Kind auff
verehret / die Vorwelt aber damit die göttliche Erhaltung der ganzen Welt /
oder die Natur fürgebildet hätten. Die Türme bedeuteten die Schlösser der
Gestirne / das Haar ihr Licht / der Schleier ihre verborgene Würckung / die
Aehren /Blumen und Früchte die Fruchtbarkeit / die Schlangen den veränderlichen
Lauff des Monden / der Krebs und Steinbock die zwei eusersten Ziele der Sonnen;
Hercules und Apollo die Schutz-Götter dieser zwei Ende / die Löwen die Stärcke
der Natur / die Leier ihre Eintracht / der Wasser-Eymer den Regen / die Brüste
vielerlei Art der Ernährung / der Gürtel die rundte Bewegung des Gestirnes /
Diana die Wälder und Gärte / Ceres die Land-Früchte / die Hirschgeweihe die
Sonnenstralen / die Drachen Gottes scharfsichtige Wachsamkeit / die Ochsen den
Ackerbau / die Löwen den Bestand / das Hemde ihre Bekleidung / die nackten Füsse
die Geschwindigkeit / die Bienen die Ordnung der göttlichen Vorsorge. Ich
verstehe diss alles wohl / antwortete mir Zarmar. Aber siehest du nicht /dass
Augustus seine unzüchtige Liebe unter diesem Gottesdienste verblüme / und nach
dem Beispiele des Lasterhaften Jupiters / welcher seine Kebsweiber unter die
Gestirne versetzt haben soll / seine Ehbrecherin auff Altäre hebet / und aus
einer geilen Venus eine heilige Isis macht. Ich trat hierauf etliche Schritte
näher zum Altar / und als ich bald die Isis / bald die Terentia genau betrachtet
hatte / ward ich gewahr /dass beide einander / wie ein Ey dem andern ähnlich
waren. Ich wandte mich hierauf wieder zum Zarmar /meldende: Ich sehe nunmehr die
Ursache deines Unwillens; Ob ich nun wohl weder die Geilheit Augustens / noch
die Verhängung der blinden Livia entschuldige; so lasst uns doch lieber diese
Laster verdecken / als durch ihre Eröffnung so viel tausend Einfältige ärgern.
Bildnüsse sind ohne diss keine Abdrückungen der nichts leibliches an sich
habenden Götter /sondern nur ein Schatten ihrer Eigenschaften; welche
Prometeus erfunden / die Perser allemal verdammet /und aus gleichmässigem
Aergernüsse Diagoras Melius des Hercules Säule auf einem Holtz-Stosse verbrennet
haben soll. Denn da man nicht einst die menschliche Seele mit Ertzt und Stein
abzubilden vermag / wie viel weniger lässet sich Gott / der über die Seele / ja
über die Natur ist / derogestalt nachpregen. Daher haben die Griechen von den
Phöniciern die Bilder ziemlich langsam bekommen / und Rom hat hundert und
sechtzig Jahr ihre Götter ohn einiges Bild verehret. Ja Zenon verdamte die /
welche ausserhalb ihres Hertzens / Gott zu seiner Wohnung einigen Tempel bauten
/ als welche ebenfalls von Anfang aus Grabe-Städten ihren Ursprung erhalten. Lass
uns daher diesen Alabaster-Stein nicht als ein Ebenbild /sondern als ein blosses
Denckmal der Isis anschauen. Haben doch die Götter nicht nur in Egypten
Gestalten wilder Tiere / sondern bei den Brahmannen selbst habe ich das Bild
Gottlicher Weissheit mit einem Elefanten-Kopfe angetroffen. Die Götter sehen ohne
diss nicht die Herrligkeit ihrer Götzen / sondern die Andacht der Betenden an.
Wie viel derer haben bei der Anadyomenischen und bei der Gnidischen Venus Hülffe
gefunden; da doch der ersten Bild Apelles nach sein und des grossen Alexanders
Buhlschaft Pancasta gemahlet / die andern aber Praxiteles nach der üppigen
Phryne / wie selbte an dem Elevsinischen Feier sich für dem versamleten
Griechenlande entblössete /gebildet hat. Die Stadt Tyrus soll denselben
Jahrs-Tag an grossen Alexander über gegangen sein / als die Cartaginenser das
grosse ertztene Bild des Apollo zu Gala aus dem Tempel geraubet / und nach Tyrus
geschickt / die Tyrier aber / als wenn es für den Feind kämpfte / schimpflich
verspeiet; ungeachtet selbtes nach dem Ebenbilde des grossen Wüterichs Phalaris
in Sicilien soll gegossen worden sein. Mit dieser Einredung hielt ich den
unwilligen Zarmar so lange auf /biss das Opfer sich endigte / und wir also aus
dem Tempel zu kommen Gelegenheit bekamen. Gleichwohl blieb Zarmar voller
Unwillen / also; dass er heraus brach: Er wüntschte und hoffte von der Gottlosen
Terentia ein eben so erbärmliches Ende zu erfahren /als der Spötterin Pharsalia
begegnet / welche sich zwar nicht gescheuet die von de Philomelus aus einem
Tempel geraubte und ihr als seiner Buhlschaft geschenckte güldene Krone der
Daphne zu tragen / welche die Lampsacer hinein gewiedmet hätten; aber hernach
von denen darüber unsinnig werdenden Priestern zerrissen worden wäre. Terentia
aber wäre ungleich straffbarer / welche nicht nur einen heilige Krantz stehle /
sondern sich selbst zu einer Gotteit machte.
    Beim Abschiede für dem Tempel ersuchte uns Mecenas / wir möchten folgenden
Tag ihm in Beschauung der Stadt ferner vergnügliche Gesellschaft leisten.
Diesem zu folge machten wir uns umb dem höflichen Mecenas vorzukommen mit dem
Tage auf. Er begegnete uns aber schon an der Ecke / wo man gegen dem
Richter-Stule des Polemarchus fährt / von welchem so genennten dritten
Rats-Herren vor Zeiten die Atenischen Kriege geführt / und der Ausländer
Strittigkeiten gerichtet wurden. Nach einer freundlichen Beschwerde: dass wir ihm
die Ehre uns abzuholen nicht gegönnet hätten / führte er uns alsbald nahe darbei
in den Tempel des Lycus / welcher Pandions Sohn gewest war / und darinnen ein
Marmel-Bild in Gestalt eines Wolffes hatte. Wie wir uns hierüber verwunderten /
fing der die Wanderung menschlicher Seelen in Tiere festiglich glaubende
Masulapat an: Lycus hat zu Aten mehr als einen Tempel verdienet /wenn er nur
die Helfte Wolff gewest / und die andere Helfte Mensch blieben ist. Denn der
soll noch geboren werden / der nicht was viehisches an sich hat. Die meisten
Menschen aber verwandeln sich nicht nur in wilde Tiere / sondern bemühen sich
auch noch Wölffe und Bären an Grausamkeit zu übertreffen. Wir haben nahe hierbei
/ sagte Mecenas / dessen ein klares Beispiel; führte uns also zu dem Grabe des
Königs Nisus / welchem seine Tochter Scylla das mit seinem Reiche verlobte Haar
abgeschnitten hat / wormit sie die Herrschaft ihrem liebgewonnenen Minos
zuschantzte. Hierauf führte er uns über den Agorischen Platz / da das Volck umb
einen in der Mitte stehenden / und mit dicken Leinen umbspannten Richter-
versamlet wird / für welchem Demostenes und andere grosse Redner ihre gelehrte
Beredsamkeit unzehlbare mal geprüfet haben. Daselbst traten wir in den Tempel
der Musen ab / darein Mecenas das vom Fulvius aus Ambracia nach Rom gebrachte
Marmel-Bild der Musen verehrt hatte. Als wir diesen Tempel /und die vom
Anaximander daran gemachte künstliche Sonnen-Uhr genung betrachtet / und darbei
Cimons und Elpinicens Haus besehen hatten / fuhren wir durch die drei so
genennten Teile der Stadt Colytos /darinnen nicht nur Plato geboren ist /
sondern die Kinder auch schöner sein / und ehe als anderwerts in Aten reden
lernen sollen / wie auch durch Melite und Kolonos gerade durch / und stiegen
allererst bei dem Brunnen Paropis ab / besahen daselbst die gleichsam an
einander rührenden Tempel der Eumeniden / der Minerva / des Prometeus / der
Venus / wie auch die Ehrenmaale des Teseus / des Oedipus / des Pyritous und
Adrastus; welche aber von den Spartanern übel zugerichtet waren. Das Grab des
Plato war allein entweder wegen Ansehen dieses Göttlichen Mannes /oder wegen
Einfalt des Werckes unversehrt blieben. Gleich als wenn die Menschen so wohl als
die Zeit dieser nicht so sehr als dem Gepränge aufsätzig wären. Denn es war
allein auf einer Porphyrenen Taffel folgendes zu lesen:
Den eine Jungfrau hat geboren ohne Mann /
Aus dessen Lippen sich die Honig-Biene speisste /
Der Weissheit ihm zu hohl'n an Nil und Jordan reisste /
Dadurch er Griechenland die Augen aufgetan /
Dass es die Tugend kennt / zu Gotte klimmen kann.
Weil er das Flugelwerck der Seelen unserm Geiste /
Und der Unsterbligkeit Geheimnis allen weiste;
Von dem Gesetz und Licht zwei Volcker namen an;
Der Halb-Gott / der so weit stieg uber alle Grichen /
Als die geh'n Barbarn fur / der ist allhier verblichen.
Doch Plato nicht / nur diss / was er fur Hulsen / Schaum
Und Kot des Menschen hielt / liegt unter diesem Steine /
Das abgezehrte Fleisch / die faulenden Gebeine.
Denn ein solch himmlisch Geist hat nicht im Grabe raum.
    Wir bestreuten diesen Grabe-Stein über und über mit Blumen / Zarmar aber
küsste ihn vielmal und beteuerte: dass unter den Grichen nach Socraten keiner so
hoch als Plato wäre erleuchtet gewest. Von dar begaben wir uns zu der Academia
oder der Schule des Plato. Die Gebäue hatten noch ihren alten Glantz. Denn / als
gleich die Spartaner umb diese Gegend das meiste verwüsteten / schonten sie doch
dieser Schule /weil ein Bürger zu Aten Academus / von dem sie den Nahmen hat /
dem Castor und Pollux in geheim entdeckt hatte / wo die vom Teseus aus Sparta
entführte Helena versteckt war. Die alten vom Cimon gepflantzten Lustwälder aber
waren noch nicht in dem ersten Ansehn; indem Sylla die grossen Stämme zu
Sturm-Böcken / Sturm-Leitern / und anderm Werckzeuge des Krieges verbraucht
hatte. Unterdessen wendete nicht nur August / sondern auch Mecenas ein ergebiges
darauf / alles wieder in guten Stand zu bringen. Massen denn auch die alten
Helden Harmodius /Aristogiton / Pericles / Trasibulus und 100. andere /welche
in dieser Vorstadt / oder vielmehr umb den Wohn-Platz der verewigenden Weissheit
begraben zu werden für Ehre schätzten / diesen zwei Wohltätern zu dancken
haben: dass ihre versehrte Gedächtnis-Maale wieder ergäntzt / die Verfallenen
aufgerichtet /die Verlohrnen verneuert worden. Daher diese Gegend schier einem
steinerne Walde voll Marmel-Säulen und Bilder gleichet; also: dass der / welcher
der alten Atenienser grosse Taten zu wissen verlangt / nur allhier die
herrlichen Grab-Schriften lesen darff. Unter diesen lassen sich für andern neben
einem kleinen Tempel des befreienden Bacchus / und einem der Calistischen Diana
in einem marmelnen Umbkreiss des Teseus / Oedipus und Piritous Grabmale wohl
sehen. Welche alle aber an Pracht nicht ferne davon gegen dem Berge Pentelicus
die Ehren-Pforte übertrifft / die Konig Antigonus dem weisen Zenon neben seine
daselbst gehabte Schule über seiner Grufft hat aufrichten lassen / daran war
mehr nicht geschrieben /als:
Die Weissheit war vorhin ein Weib /
Hier aber ruhet dessen Leib /
Der sie zum Manne hat gemacht /
Vom Kriechen auf die Beine bracht.
Auf der andern Seite gegen des Teseus Tempel ward auch das Grab des Artztes
Toxaris / als ein für das Feber helffendes Genesungs-Mittel verehret. Der
marmelne Lehr-Saal des Plato war mit den Altären der Musen / der Minerva / des
Vulcan / des Neptun und Prometeus / wie auch der Liebe gleichsam ganz umgeben;
welches letztere alldar ihr ältestes Heiligtum ist / darauf der dem Pisistratus
so beliebte Knabe Charmus ihr zum ersten geopfert hat. Als wir ausserhalb dem
mit Fleiss verschlossenen Saale der Weissheit diese merckwürdige Gegend / und ich
zwar nicht ohne innerliche Regung und geheime Ehrerbietung gegen die mir
gleichsam für den Augen schwebenden Todten betrachtet hatten / führte uns
Mecenas nebst zweien der fürnehmsten Weltweisen unter den Berg Pentelicus zu dem
Brunnen Brysis und einer daselbst abermals nach seiner Art bereiteten Taffel /
welche uns von denen tieffsinnigen Gesprächen des Zarmars und dieser zweier
Platonischen Weltweisen noch mehr versüsset ward. Diese erzehlten unter andern
von dem bei der Academia stehenden Altare des Cupido: dass aus solchem Socrates
im Traume einen jungen Schwan in seine Schoss fliegen / hernach sich gegen den
Himmel schwingen gesehen hätte / durch dessen Gesang Götter und Menschen wären
bezaubert worden; welchen Traum er alsofort auf seinen Schüler Plato
ausgedeutet; den ihm selbigen Tag Aristo in die Lehre gebracht hatte. Daselbst
entdeckte er uns; wie der Käyser folgenden Morgen den mit nach Aten gebrachten
Priester Cheremon in der Schule der Platonischen Weltweisen einführen wollte:
also hätte er ihm befohlen auch den Brahmann Zarmar hierzu einzuladen. So wenig
uns nun anständig war diese Gnade des Käysers auszuschlagen / so sehr reizte
uns die Begierde / uns unter die Versamlung der weisen Griechen einzufinden.
    Früh schickte der Käyser dem Zarmar ein Kleid von köstlicher Leinwand /
einen helffenbeinernen Stab / und einen güldenen Stuhl / darauf er in die
Versamlung getragen ward. Mecenas folgte kurtz hierauf / und führte auf seinem
Wagen den Gesandten Masulipat / und mich in den nunmehr eröfneten Weissheits-Saal
der Academia; gegen Morgen stand darinnen ein Altar der Liebe / hinter diesem
das Bild des Pytagoras / des Pherecides / und des Göttlichen Plato. Für diesen
aber sassen alle Platonische Weltweisen mit breiten Achseln / zu welchen sich
auch Cheremon gesetzt hatte. Gegen Mittag stand ein Altar der Göttlichen
Versehung; als welcher die Stoischen Weltweisen das meiste zuschreiben. Darneben
stand das Bild des Zeno aus Cypern / wie auch ein Altar und eine güldene Krone;
welches beides die Stadt Aten ihm gewiedmet hatten; wie auch die Tor-Schlüssel
/ die sie bei zweifelhaften Zeiten ihm anvertraute. Nach ihm war der
spitzfindige Chrysippus zu sehen; an der Ecke Crates / Antistenes und Diogenes
mit seinem Fasse. Für ihnen sassen die grossbärtichten Weltweisen ihre
Nachfolger. Gegen Mittag stand das Altar /welches die Stadt Stagira dem
Aristoteles zu Ehren aufrichten lassen; darneben sein Bildnis aus Corintischem
Ertzte / die sein Schüler Teophrastus ihm zu giessen in seinem letzten Willen
verordnet / und auf selbtem der güldene Krantz / wormit ihn der grosse Alexander
verehret hatte. Weiter hin sah man den Teophrastus. Für ihnen sassen die ihnen
anhängigen Weltweisen / die an der Anzahl alle andere übertraffen. Nordwerts
stand ein Altar der Wollust / welches Idomeneus aufgerichtet / darneben des
Epicurus Bild /welches Teodorus gemahlet hat / und von seinen Nachfolgern an
seinem Geburts-Tage jährlich verehret / auch so wohl durch ihre Schlaf-Gemächer
/ als die Gärte / die er unterhalb der Stadt Aten zum ersten angegeben / mit
allerhand Freuden-Zeichen herumb getragen wird. Neben dem Epicurus stand
Aristippus und Laertius; für ihnen sassen die wohl aufgeputzten Epicurischen
Weltweisen / mit freundlichen Gesichten und frölichen Geberden. Zarmar aber sass
alleine bei dem an einer Ecke stehenden Bilde des Socrates; welches die ihn zu
unrecht verdammende / hernach aber aus allzu später Reue vergötternde Stadt
Aten ihm aus Ertzte durch den Lysippus hatten aufrichten lassen. Der Käyser
fragte Zarmarn: Warumb er sich zu keiner gewissen Schule derer hernach
vollkommener gewordenen Weltweisen / und insonderheit zu den Platonischen /
welche zum teil vom Socrates ihre Lehre hätten / schlüge? Zarmar antwortete dem
Käyser: Seines Bedünckens wäre nach dem Socrates die Weltweissheit wohl spitziger
/ aber auch ärger worden. Der Rat zu Aten hätte ihn zwar dem Pytagoras nach /
ihr eigener Gott Apollo aber allen klugen Leuten vorgesetzt. Seine Lehren von
Gott wären so weise: dass man nicht unbillich von ihm rühmte: Er hätte seine
Weissheit vom Himmel bekommen. Sein Leben wäre nichts minder so gut gewest: dass
aller weisen Leute Fürnehmen billich sein Nach-Gemählde sein sollte. Gott
würdigte ihn durch einen guten Geist stets zur Tugend zu leiten; wo man anders
nicht die Klugheit für Socratens und aller Weisen Leitstern halten soll. Uber
diss träffen die Indianischen Weisen auch sonderlich in dem mit dem Socrates
überein: dass ihnen verleumdische Aristophanes antichteten; sie beteten nur Nebel
und Wolcken an; da sie doch den allein ewigen Gott verehreten / ausser dem aber
nichts ewig / nichts Anbetens würdig schätzten. Anitus und Melitus hätten ihn
zwar als einen / der keinen Gott gläubte / angeklagt; da er doch in Aten nur
alleine ein Verehrer des wahren / seine Ankläger und Richter aber desselbten
Verächter gewest wären / da sie drei hundert Jupiter / drei und viertzig
Hercules / und dreissig tausend andere Götter angebetet hätten. Man hätte sein
Haus mit seinem Haushalter Chörephon verbrennt; da jenes doch der heiligste
Tempel in Aten / dieser nach dem Socrates das würdigste in Griechenland gewest
wäre. Jedoch wäre sich hierüber nicht zu verwundern. Denn man finde eine
ungemeine Tugend so wenig ohne Missgunst / als eine Lerche ohne Püschel auf dem
Kopfe. Alleine er hätte keine vollkommenere Verteidigung seiner Unschuld ihm
selbst wüntschen könne / als dass seine eigene Verurteiler den einen Ankläger
verwiesen / den andern zum Tode verdammet; und Aten mit Aufrichtung einer
güldenen Säule zu seinem Gedächtnis /Socraten verewigt / und ihre Schuld
bereuet hätten. Hierüber erhob sich ein allgemeines Gemürmel unter allen
versamleten Weltweisen; ja wenn des Käysers Anwesenheit nicht Zarmarn beschirmet
hätte / besorge ich: man hätte ihn als einen Abergläubigen in des Socrates
Kercker und zu seinem Gift-Trancke verdammet. Cheremon / welcher in dieser
Zusammenkunft der Isis eingeführten Gottes-Dienst rechtfertigen sollte / stand
hiermit auf; und an statt seines fürgesetzten Zweckes schärffte er seine Zunge
wider Zarmarn / durch dessen Widerlegung er sich für allen Weisen ganz
Griechenlands meinte sehen zu lassen. Diesemnach fing er mit einer hochtrabenden
Stimme an: Ich halte nicht nötig die der ganzen Welt kündige Gotteit der
grossen Isis / der Tochter des Saturnus / die den mächtigen Osiris zum Ehmanne /
Bruder /und Sohne gehabt / auszuführen. Sie ist es / welche die Menschen mit
Getreide / Artzneien und Gesetzen am ersten beseliget / und der Welt zum besten
die Glieder des vom Tiphon zerrissenen Osiris mit höchster Sorgfalt zusammen
gesucht hat. Sie ist es / welcher Krafft in den Stralen des glüenden
Hunds-Sternes zu prüfen ist. Wessentwegen die weisen Egyptier die ältesten aller
Völcker / unter welcher Herrschaft die Sonne viermal ihren grossen Lauff
verändert hat /und zwei unterschiedene mal im Abende aufgegangen ist / bei die
zwei Götter-Bilder des Osiris und Isis allezeit die Seule des Horus gesetzet;
welcher mit dem Finger auf dem Munde gewarniget: dass niemand diese Götter
Menschen nennen sollte. Dieser Unwissende aber unterfängt sich durch Fürbildung
eines einigen Gottes / nicht nur die unvergleichliche Isis / sondern so viel
Götter Griechenlands von ihrem Trone zu stürtzen; und ausser seinem Gotte allen
andern / ja der Welt / worüber Isis die Gebieterin ist / die Ewigkeit
abzusprechen. Meinest du wohl: dass eine so weitläufftige Aufsicht / als Himmel /
Erde / Meer / und so viel tausenderlei Arten Tiere bedürffen / von einem Gotte
möglich zu bestreiten sind? Gläubest du? dass dem höchsten Gotte sich aller
geringen Händel anzumassen anständig sei; welches auch ein mittelmässiger
Haus-Vater ihm zu verächtlich schätzt? Benimst du deinem Gotte alle
Fruchtbarkeit seines gleichen zu zeugen; welche denen auf dem Bauche kriechenden
Tieren doch nicht mangelt? Oder benimst du ihm die den Göttern sonst gemeine
Art des männ- und weiblichen Geschlechtes? Entzeuchst du der aufrichtigen
Vorwelt allen Glauben / derer Augen sich mehr als eine Gotteit offenbaret hat /
derer Vielheit aus dem Unterscheide widerwertiger Würckungen erhellet /und derer
Eigenschaften sie mit so viel hundert Nahmen offenbaret? da du aber Gott selbst
für ewig hältst / mit was für Vernunft entzeuchst du die Ewigkeit der Welt /
welche ein Schatten ist des ewigen Lichtes; ein sichtbares Bild des
unsichtbaren? Ausser welcher Gott vorher in nichts hätte würcken können? Was für
ein Talg soll denn für der Welt gewesen sein / aus welchem sie ihren Ursprung
gewonnen? Oder was eignest du ihr für ein anständiges Alter zu / nach dem der
einige Vogel Fenix sieben tausend Jahr lebet? Wie oder gläubest du: dass eine
Welt aus der andern /wie der Fenix aus seiner eigenen Asche entspringe? Zarmar
hörete den hitzigen Cheremon ohne einige Gemüts-Bewegung aus / und antwortete:
Mein lieber Cheremon / der allein ewige Gott erleuchte dich: dass du deine
heilige Isis / welcher Priester du sein wilst /besser / und nach dem Verstande
deiner klügern Vorfahren erkennen lernest; welche unter ihrem Nahmen keine
absondere / sondern meiner einigen Gotteit Weissheit und Versehung verehret
haben. Sihest du die alten Griechen aber für so alber an: dass sie so viel Götter
gegläubt / als sie des einigen Gottes Würckungen Nahmen gegeben; welcher / ob er
zwar keinen eigenen Nahmen hat / und deshalben allhier zu Aten auch auf dem
Altare des unbekandten Gottes am heiligsten angebetet wird / doch mit tausend
Zungen nicht ausgesprochen werden kann. Betrachte selbst nur etwas tieffsinniger
das Bild und die Eigenschaften der Isis; so wirstu handgreifflich wahrnehmen:
dass deine Isis wegen ihrer Weissheit der Griechen Minerva / wegen Fruchtbarkeit /
die Venus / wegen ihrer Herrschaft in der Lufft / die Juno / wegen ihrer
unterirrdischen Kräfte / Proserpina / wegen Erfindung des Weitzens / Ceres /
wegen ihrer Waldsorge / Diana /wegen Beseelung der Erde / Rhea / wegen ihrer
himmlischen Würckung Cyntia; dieses alles aber nur eine Isis sei. Frage Römer
und Griechen / warum sie bei Anruffung ihres Jupiters das Haupt / der Minerva
die Augen / der Juno die Armen / des Neptun die Brust / anrühren? Ob ihre
Andacht nicht dadurch auf ein einiges Göttliches Wesen / wie ihr Finger auff
einen einigen Leib ziele? Hastu von dem Lehrmeister des Plato Sechnuphim nicht
gelernet: dass wie der Zirckel nur einen Mittelpunct / also der Kreis der ganzen
Welt nur ein einiges Göttliches Wesen habe /welches aber alle Teile bewohne und
beseele? Frage deine Platonische Weisen: Ob die Vielheit der Götter nicht nur
ein Glaube des Pöfels / Gottes Einigkeit aber ein Geheimnis der Weisen sei? Ob
nicht Plato nur aus Furcht für dem Volcke mehrern Göttern geopfert / wormit er
nicht selbst / wie Socrates / ein Opffer ihrer Grausamkeit würde. So gehe zu
deinen Landsleuten nach Tebe und frage: Ob sie nicht allein den Gott Kneph /
welchen wir Wistnou und Esswara / die Römer Jupiter neñen / für einen Gott ohne
Ursprung und Ende anbete. Wiewol auch diese Nahmen nicht seinem Wesen / sondern
nur unser Schwachheit gemäss sind; und dass wie ein Mensch nach unterschiedenen
Absehen drei und mehrerlei Personen fürstellet; also das an sich selbst einige
Göttliche Wesen nach dem Unterscheide seiner Hülffe und Würckungen vielerlei
Götter; und daher von den Unwissenden auch so viel Nahmen bekommen habe. Lasse
dich nur berichten: dass / als der kluge Euripides die Soñe den grossen
Allmosen-Meister Gottes nicht für einen Gott erkennet / sondern einen güldenen
Erdschollen genennet / er vom Pericles kaum aus den Händen des Pöfels errettet
worden. Frage die Griechen: Ob nicht ihre Hermesianax öffentlich gelehrt: dass
Pluto / Proserpina / Ceres / Venus / Cupido / Triton / Nercus / Tetis / Neptun
/ Mercur / Vulcan / Pan und Apollo alles ein Gott sei? Pytagoras und Socrates
hat zwar mehr dienstbare Geister Gottes als Mitteldinge zwischen ihm und den
Menschen / welche diesen die Göttliche Gaben / jenem die Menschliche Seuffzer
zubrächten /aber nur einen wahren Gott geglaubt. Ja mein lieber Cheremon / lasse
nur das Licht der Natur dir hierinnen den Weg zeigen: Hältestu nicht Gott für
das vollkommenste Wesen aller Dinge? Kan aber die Vollkommenheit also zerstücket
sein? Raubstu nicht Gott seine Eigenschaft der Vollkommenheit / wenn du selbte
nicht der ganzen Welt Herrschaft gewachsen zu sein gläubest / und dardurch der
Vollkommenheit Mängel ausstellest; wenn du ihm unnötige Gehülffen beisetzest?
Warum setzestu dem sichtbaren Spiegel Gottes der Sonne / nicht eine andere an
die Seite? Meinestu deinem Schiffe besser zu raten / wenn du ihm noch ein
Steuerruder ansetzen wirst? Wilstu Gott / welchen die Egyptier einen
unbegreifflichen Zirckel heissen / seiner Unbegreiffligkeit berauben; wenn du
seine Macht in so viel zerteilest / da doch die Unbegreiffligkeit alles
begreiffet / nichts ausschleust /und also nichts unbegreiffliches neben sich
vertragen kann. Lasse dir aber auch nicht träumen / dass der Schöpffer der Welt /
der in sich aller Dinge Bilder wie in einem Spiegel behält / zu seiner Auffsicht
einige Mühe bedürffe. Dessen blosser Wille genug zum Saamen aller Geschöpffe
gewest; darff auch nichts beschwerlichers zu ihrer Leitung. Hüte dich auch so
wohl in seiner väterlichen Fürsorge / als in denen irrdischen Dingen gewisse
Staffeln zu machen. Gott ist der Mittelpunct; alle Dinge machen um ihn einen
Zirckel / und stehet eines so weit als das andere von ihm entfernet. Sterne sind
so wohl als der Erdbodem sein Fussschemel; und du / der du dich in seinen Augen
vielleicht dünckest Gold zu sein / bist vielleicht geringer / als zerbrechlicher
Ton. Alles ist Asche für seinem unverzehrlichen Feuer; eine Asche aber düncket
sich vergeblich köstlicher / als die andere zu sein. Denn der köstlichsten Dinge
Wert verraucht mit der Flamme. Eingeäscherte Seide und Purpur ist von
verbreñtem Stroh und Bettlers-Mänteln nicht zu unterscheiden. Was hebstu aber
deine Maulwurffs-Augen zu der unerforschlichen Fruchtbarkeit Gottes herfür?
Hättestu ein Teil von dem Schatten /den Plato aus diesem Lichte von der ewigen
Zeugung des allergöttlichsten Wortes / das die Welt erschaffen / das den Lauff
der Sterne ordnet / und des auf dem Wasser schwebenden Geistes / oder der Seelen
der Welt / erwischet; du würdest keine so düsterne Meinungen hegen. Warlich dein
Plato / welchen Griechenland nicht ohne Ursach seiner Tiefsinnigkeit halber für
den Adler / und wegen der Beredsamkeit für den Schwan seiner Weltweisen hält /
hat hierüber viel heilsamere Gedancken gehabt. Erforsche vorher genauer / wohin
seine Zahlen und seine Abmässungen eigentlich gezielet. Erinnere dich: dass die
Uberschrifft seiner Schule iederman den Eingang verbot / der nicht vollkommen
die check- und Rechen-Kunst verstand. Was unterstehestu dich deñ von der
Eigenschaft der Gotteit zu reden; da du noch in der Zahl nicht gegründet bist
/ und nicht weist: dass wie die Eines die Wurtzel aller Zahlen / also der einige
Gott der Uhrsprung aller andern Dinge sei? Zeuch den Parmenides deines Plato zu
rate / dass er dich unterweise: der einige Gott sei allein etwas / was warhaftig
und wesentlich sei; alles andere habe nur eine von diesem einigen Wesen
herrührende Tauerung. Alles vergangene / alles künftige sei nichts / Gott
allein aber von Ewigkeit zu Ewigkeit / ein gegenwärtiges / kein gewesenes / auch
kein künftiges Wesen; sondern ein Ende des vergangenen / und ein Anfang des
künftigen. Denn durch ihn verleschet alles / und von ihm entspringet alles.
Lasse dich darum / o du elender Mensch! nicht gelüsten / in höhere Geheimnisse
zu blicken. Ist dir unbegreifflich: dass der einige und unsichtbare Gott sich
unserm blöden Gesichte nicht in vielerlei Gestalten zeigen könne? Hastu aus dem
Kanuphim nicht gelernet / in wie vielerlei Tiere eure Götter sich verkleidet?
Wie Osiris und Isis bald als ein Löwe / bald als ein Hund / bald als eine Katze
/bald als ein Habicht sich den Sterblichen gezeigt /und ihnen ihre Wohltaten
mitgeteilet haben? Soll eure Isis sich nicht in einen Fisch verstellet haben?
Unsere Weisen halten sicher diss für die erste Erscheinung des ewigen Wistnou.
Haben deine Egyptier nicht die Schildkröten in die Zahl der Götter gerechnet?
Dieses ist bei uns seine andere Erscheinung; und auff ihrem Schilde ruhet die
Last der ganzen Welt sicherer / als auff den Achseln des Atlas. Ich übergehe
mit Fleiss unsere übrige Erleuchtung. Denn ein Blinder sieht bei tausend Fackeln
so wenig / als bei keiner. Ein Tropffen Tau / der zu beqvemer Zeit in eine
Muschel fällt / wird zur Perle; fällt er aber auff ein glüendes Eisen /
verraucht er ohne Nutz. Nichts anders ist es mit dem Balsame heilsamer Lehre.
Denn da du nicht begreiffen kanst die Eigenschaften der Welt / wie soll dein
Verstand ihren Schöpffer erreichen? Wie aber bistu deinen eigenen Lehrern so
abtrünnig worden? Welche die Welt aus nichts durch das Wort Gottes geschaffen zu
sein gläuben. Hastu das Ey der Welt / in welchem der Himmel die Schale / der
Totter die Erdkugel abbildet / in den Egyptischen Spitz-Seulen nirgends aus dem
Munde eurer Gotteit hervor schüssen sehen? Frage den Plato und Zenon: Ob jener
nicht Gott / als den Schöpffer aller Dinge / ausser sich verehret / und der
Tauerung der Welt ein gewiss Ziel steckt; dieser aber ihre Geburt dem
Sonnen-Staube zueigne? Betrachte ihr verterbliches Wesen / und dass wir Sternen
geboren werden / und wieder ersterben sehen. Ist es aber wohl möglich: dass
etwas verterbliches von Ewigkeit her sei / und in Ewigkeit tauere? Unterstehestu
dich aber Gott einem Drechssler zu vergleichen; der ohne Bein oder Holtz nichts
verfertigen kann? O du alberer Mensch! Siehe die elende Spinne /den ohnmächtigen
Seiden-Wurm an; wie jene ihr Netze / dieses sein Gewebe aus sich selber spinnet.
Du aber wilst den / der alles in sich begreiffet / diesen geringen Würmern
nachsetzen / und den / der ohne Anfang ist / nach dem Masse der Zeit messen / und
die Wercke dessen / für dem tausend Jahre keinen Augenblick machen; durch deine
Getichte in Zweiffel ziehen; ja wohl dem / der mit einem Ateme zehn solche
Welten erschaffen kann / und derer Vielheit nicht nur die Indianischen Weisen /
sondern auch Epicurus und Metrodorus geglaubet / die Hände binden? Wormit du
aber an der Warheit meiner Lehre so viel weniger zu zweiffeln hast; so will ich
selbte morgen für dem Altare des dir unbekandten Gottes mit einem solchen
beweglichen Grunde bestetigen: dass du mir nicht einmal wirst widersprechen
können; Euch aber allen teils ein Beispiel der Nachfolge lassen / teils ein
Geheimnis eröffnen / an welchem unser und der Welt Wohlfart henget. Jederman
hörte dem Zarmar / den man anfangs für einen Barbarn gehalten / nunmehro aber so
wohl in der Griechen als Egyptier Weissheit genugsam erfahren zu sein befand /
mit Vergnügung zu; Jedoch waren aller Augen und Ohren auff den Cheremon
gewendet; was dieser Zarmarn entgegen setzen würde. Nachdem er aber gäntzlich
verstummte; machte er sich allen Anwesenden zum Gelächter / und dieser
Versammlung ein Ende. Zarmar hingegen nahm mit grossem Ansehen seinen Abschied;
iedoch verlohr er sich in dem Gedränge des Volckes aus unsern Augen: dass wir ihn
biss an den Morgen auff dem bestimmten Platze für dem Heiligtum des unbekandten
Gottes nicht zu Gesichte bekamen. Gantz Aten drang sich mit anbrechendem Tage
dahin; und als Masulipat / Mecenas / und ich dahin aus Begierde eine sonderbare
Neuigkeit zu vernehmen ankamen /fanden wir ihn in seiner Indianischen Tracht für
dem Altare / auff welchem kein Bild / sondern allein ein Dreieck / und dariñen
die Worte: Dem unbekanten Gotte / in Stein eingegraben zu sehen war / auff dem
Antlitze im Staube ligen. Wie er nun seine Andacht vollendet; richtete er sich
mit freudigem Antlitze empor / und stieg auff einen nah darbei auffgetürmten
Holtzhauffen. Auff diesem sah er sich eine gute Weile um / biss er unter der
grossen Menge Volckes den Käyser / und uns auff einer Seiten an etlichen
Fenstern erblickte. Hiermit fing er mit erhobener Stimme an:
    Es ist heute gleich neun mahl neun Jahre / da mich der einige und ewige Gott
in diese vergängliche Welt hat lassen geboren werden. Die es Ziel des Alters
halten viel Weisen für das vollkommenste des menschlichen Lebens; welche aus der
siebenden Zahl dem Leibe / aus der neundten dem Gemüte sonderbare Geheimnisse
ausrechnen. Aller Völcker Weltweisen / die damahls in Griechenland waren / haben
euren Plato für göttlich gehalten / und ihm Opffer geschlachtet / weil er in
eben dem Geburtstage seines ein und achzigsten Jahres die Hülsen seines
sterblichen Leibes abgelegt. Eratostenes / und Xenocrates haben in eben diesem
Jahre zu erblassen das Glück gehabt. Dionysius Heracleotes wollte durch Hunger
/Diogenes durch rauhe Speisen um diese Zeit Gotte den Tod abzwingen. Ich werde
zwar auff diesem Holtzstosse meinen geäscherten Leib der Erde / meine Seele
ihrem Schöpffer wieder zuwenden. Glaubet aber: dass ich zu dieser Entschlüssung
weder aus Aberglauben / noch aus Verdruss zu leben gebracht werde. Die verlebten
oder erkranckten Heruler sollen eine Gewonheit / die über sechzig Jahr alten
Einwohner des Eylandes Chio ein Gesetze haben / durch den Tod ihrem kindischen
Leben vorzukommen. Die Massilier heben in einem Tempel Gift für dieselben auf
/welche zu sterben rechtmässige Ursachen anzeigen. In meinem Vaterlande Taprobana
ist es einem gewissen Volcke aufferlegt: dass sie nach dem siebzigsten Jahre
zwischen tödtenden Kräutern einschlaffen müssen. Die Getischen Weltweisen halten
es für ein Teil ihrer Weissheit / wenn sie zu leben müde sind / mit gekräntztem
Haupte und lachendem Munde von abschüssigen Klippen sich in das Meer stürtzen.
Ich weiss auch wohl: dass die Stoischen Weltweisen für gut halten / die Seele aus
einem abgemergelten Leibe gleichsam als aus einem verfaulten / und den Einfall
dräuenden Hause zu reissen; und für rühmlicher Abschied nehmen / als aus diesem
morschen Gebäue gestossen werden. Allein haben wir das Haus unsers Leibes
gebauet / welches wir einbrechen wollen? Oder gehöret es nicht vielmehr Gott
eigentlich zu /und hat uns die Natur nicht nur Mietungs-weise darein gesetzt? So
müssen wir es ja auch ihm unversehrt wieder abtreten; wenn die bestimmte Zeit
verflossen ist. Darum halte ich es mit eurem Epicurus nicht nur für lächerrlich /
aus Uberdruss des Lebens dem Tode entgegen rennen / sondern für eine zaghafte
Schwachheit aus Ungedult einiger Schmertzen ihm den Tod antun. Also sterben ist
nicht die Schmertzen überwinden / sondern von selbten überwunden werden. Beides
ist der Weichlinge Eigenschaft: Ohne Not sterben / und sich für dem Tode
entsetzen. Daher verdiente solch Selbst-Mord den Nahmen einer Viehischen Tat /
wenn das Vieh hierinnen nicht klüger als die Menschen wäre. Bruder- und
Vater-Mord ist gegen dem ein so viel grausamer Laster / als wir uns selbst über
Vater und Bruder lieb zu haben schuldig sind. Dieses entschuldigt auch nicht die
Schmach eines andern für Augen schwebenden Todes. Denn es ist besser dem Hencker
den Nacken darstrecken / als unsere Hand mit einem Mord-Eisen ausrüsten. Wir
sollen dem Verhängnisse gerade ins Gesichte sehen /und behertzigen: dass es die
höchste Unvernunft sei /darum sterben, dass man nicht sterbe. Ja wir verdammen
so gar / die aus Begierde der Seligkeit ihnen das Leben nehmen. Denn Gott hat /
nach euers Plato Meinung / uns Menschen in die Welt dem Verhängnisse zur
Verwahrung gegeben / welcher wir uns eigenmächtig zu entbrechen nicht befugt
sind. Wir sind nach unser Willkühr nicht geboren worden; wie viel weniger
können wir also sterben; und die Wohnstatt unsers Leibes ausleeren / die uns
Gott zu verwahren anvertrauet hat. Daher ich die Sitten derselben Völcker lobe /
die die Selbst-Mörder entweder gar nicht /oder die Hand / die den verzweiffelten
Streich verübet / als ein feindliches Glied des andern Leibes absonderlich
beerdigen / oder die Selbst-Mörder gar keines Grabes würdigen. Deñ weil sie
durch diss Laster dem Willen des ewigen Vaters widerstreben / sind sie nicht
wert: dass sie die Mutter / nehmlich die Erde in ihre Schoss auffnehme. Am
allerwenigsten aber habe ich zu sterben Ursach. Deñ mein Alter ist noch ohne
Schwachheit / mein Leib ohne Gebrechen / mein Gewissen ohne Ragung. Ein
unbesudeltes Leben aber hat so wenig als ein abgeläuterter Wein in der Neige
Hefen. Alleine ich kriege einen besondern Boten von Gott / der mich aus diesem
Leben ruffet. Denn wie kann einer glückseliger sterben; als der mit seinem Tode
die Warheit versiegelt / dessen Todten-Fackeln andern ein Licht ihres Lebens
abgeben? Mag ein Kriegsknecht für Erhaltung seines Vaterlands oder Fürsten /
oder auch nur seines Befehlhabers sein Leben in die Schantze setzen? Mag einer
für eines andern Freiheit sein Leben zur Geissel verpfänden? Warum soll ich
nicht so viel Seelen aus der Finsternis zu reissen den übrigen kurtzen Faden
meines Lebens abschneiden: dass er ihnen ein Wegweiser aus so verderblichem
Irr-Garten sei? Cheremon / Cheremon /hastu auff die Vielheit deiner Götter /
auff die Ewigkeit der Welt ein solches Vertrauen / dass du deine Meinung mit der
Tinte deines versprjetzten Blutes /oder mit den Kohlen dieses Holtzstosses
auffzeichnen wilst? Ist dir dein Leben nicht zu lieb / durch dessen Verachtung
die Irrenden zur Warheit zu leiten? Hoffestu für so heilige Entschlüssung von
deinen Göttern nicht einen unverwelckenden Siegs-Krantz zu bekommen? Missgönnestu
mir nicht die Ehre: dass ich durch diese Flamen die Eitelkeit deiner / und die
Weissheit meiner Lehre erhärte? Hierüber schwieg Zarmar eine gute Weile stille /
und sah mit starren Augen den nicht ferne vom Holtzstoss stehenden Cheremon an;
welcher aber sein Antlitz beschämet zu Bodem schlug. Worauff Zarmar fort fuhr:
Ich erfreue mich /liebster Cheremon / dass du deinen Irrtum erkennest. Es ist
menschlich / irren; aber Viehisch / seinem Irrtume hartnäckicht nachhängen.
Hingegen nichts seliger / als Gott zu Dienste und der Warheit zu steuer sterben.
Warlich / Cheremon / ein tugendhaftes Leben und ein solcher Todt ist der Zweck
eures Hierocles /und die Bahn zur Vergötterung. Diese / Cheremon /ist noch weit
über der gestirnten Milchstrasse / über dem Zirckel des Monden und der Sonnen;
wo Egyptens und Griechenlands Weisen ihrer Vorgänger Seelen zu finden vermeinen.
Aber ach! was unterwindet sich meine Blindheit den Griechen für ein Licht
auffzustecken! Ich sehe die siebende Erscheinung Gottes unter dem grossen Ramma
und Kristna für Augen /und allen Völckern ein Licht auffgehen; für welchem unser
Verstand Finsternis / unsere Weissheit Torheit sein / der aber allhier als
unbekannt verehrte Gott offenbahr werden wird. Nehmet zum Beweise dieser Warheit
nicht meine todten Worte / sondern die völlige Verstummung eurer
Wahrsager-Geister an. Deñ von dieser Stunde an wird in der Welt keiner mehr
reden / die gleich noch in ungebundener Rede gleichsam nur noch gelallet haben.
Es wird keiner auch hinfort / wie der zur Zeit des Xerxes seine Antwort
einziehende Branchidische Apollo / zu Alexanders Zeit wieder zu reden anfangen.
Denn der Mund / und das ewige Wort Gottes bindet ihnen seine Zunge. Diesemnach
last euch nicht bereden: dass die Geister durch einen übrigen Regen ersäufft /
durch heftigen Donner ertäubt / durch Erdbeben verjagt / durch Pesten getödtet
/durch Auffdampffungen der Erde verstopft / durch Verrückung der Gestirne
entkräfftet / durch Verachtung erzürnet / oder ihre Priester bestochen sind. Sie
verschwinden für dem neuen Lichte der Völcker / wie die Sternen für der
auffgehenden Sonne. Mit diesen Worten griff er gleichsam ganz von allem
Irrdischen entzückt nach der hinter ihm liegenden Fackel / fuhr damit unter sich
in den mit vielem Hartzt angefüllten Holtzstoss / goss hierauff einen Krug voll
köstlichen Oels und Balsams über sein Haupt / worvon alles in einem Augenblicke
in die Flamme geriet / die den nichts minder hertzhaft als weisen Zarmar in
den Augen so vieler tausend sich verwundernden Zuschauer zu Aschen verbrennte.
Alles Volck preisete ihn nicht nur als einen Weisen / sondern als einen Heiligen
/ de Käyser liess die Asche fleissig in ein Gefässe von Porphir zusammen lesen /
als ein besonderes Heiligtum in dem Tempel der Ceres verwahren und darbei in
einen Marmel graben: Hier ist verwahrt die Asche des Indischen Priesters Zarmar
von Bargosa / der nach seiner Landes-Art zu Bestetigung der Warheit sich selbst
lebendig verbrennet.
    Ich geriet hierüber in die Liebe der Einsamkeit /und baute diesem grossen
Weltweisen täglich in meinem Gemüte ein neues Ehrenmahl. Ich betrachtete: wie
ein Weiser so wohl in seinem Absterben / als die Sonne / wenn sie zu Golde geht
/ seinen Glantz behalte. Wie ein tugendhaftes Leben einem frölichen Tode so
annehmlich zu Grabe leuchte. Absonderlich aber dachte ich dem Geheimnisse nach /
welches der sterbende Zarmar bei seinem Tode / ich weiss nicht /ob entdeckte oder
verhölete. Ich seuffzete nach dem Erkäntnisse derselben Warheit / welche er mit
seinem Tode bestetigte. Ich verehrte selbte / wiewohl voller Unwissenheit / als
eine Gotteit. Denn mich bedünckte; dass ich nunmehr erst ein wenig Licht über
des Pytagoras Lehre bekommen; welche dem grossen Oromasdes / oder dem
allmächtigen Gotte das Licht zu einem Leibe / und die Warheit zur Seele
zueignet; Und dass ich einen Blick in des Plato Meinung getan / der der Warheit
ihre Wohnstatt nicht in dieser irrdischen / sondern in einer andern Welt
einräumet; oder so viel sagen will: dass sie wesentlich nur in GOtt / ihr
Schatten aber nur bei Menschen gefunden werde. Sintemal doch auch der weisesten
Leute vernünftigste Schlüsse nur einen Schein der Warheit haben. Je länger ich
aber hierüber nachsann; iemehr musste ich dem Democritus beipflichten: dass die
Findung der Warheit in einem tieffen Brunnen / nehmlich der menschlichen
Blödigkeit verborgen läge; und dass derselben Offenbahrung von GOtt dem höchsten
Wesen zu erbitten / und mit der Zeit zu erwarten wäre. In welchem Absehen
vielleicht die Alten dem höchsten Irr-Sterne dem Saturn als dem Schutz-Geiste
der Warheit eitel Köpffe geopffert haben.
    Nach etlichen Wochen ward Masulipat vom Käyser mit guter Verrichtung
abgefertigt / welcher sich denn auch nach Rom erhob. Ich aber blieb nach
allerseits genommenem Abschiede / ungeachtet mich Zarmar in Indien / Mecenas
nach Rom mit Masulipat bewegen wollte / zu Aten / und machte mit denen
berühmtesten Weltweisen Kundschaft. Denn es hatte die Gemeinschaft und der Tod
dieses Indischen Weltweisen mir gleichsam alle Lust zu irrdischen Dingen
vergället. Von dar durchreisete ich ganz Griechenland / und suchte meine
Vergnügung in der Weltweissheit. Aber das stete Andencken meiner Erato war mir
eine stete Unruhe des Lebens / und ein Fürbild meiner Träume. Endlich
verwickelte mich das Verhängnis mit meinem Unwillen in den Dalmatischen / und
folgends in den deutschen Krieg. Aber der erfreute Ausgang hat mich auch in
meinem Unglücke und in meiner Gefängnis unterwiesen: dass der Mässstab unsers
Verstandes /wenn er unsern künftigen Wohlstand abzirckeln will /ein krummes
Richtscheit / und das Licht unserer Seele / wenn sie in die Sonne des
Verhängnisses sehen will / eine schwartze Finsternis sei. Ich lache der Menschen
/ die einen glückseligen Streich für eine Frucht ihrer Klugheit rühmen; da doch
alles unser Beginnen sich nur mit dem ersten Bewegungs-Zirckel der Göttlichen
Versehung herum drehet. Wir können ja wohl die Segel ausspannen / aber nicht den
Wind machen; der uns bei allen Klippen rorbei in den verlangten Hafen führet.
Jene muss so wohl uns vom Strande treiben / als einen Leitstern abgeben. Und also
ist wohl der An- nicht aber der Ausschlag unter der Menschen Botmässigkeit.
Hingegen wenn uns das Verhängnis schon über Stock und Stein führet / müssen wir
nicht verzweiffeln; sondern nur die Augen zudrücken / und uns trösten: dass wir
in den Armen einer solchen Wegweiserin sind / welcher nicht ein Tritt misslingen
kann. Hiermit beschloss Fürst Zeno seine Erzehlung / und so wohl die Müdigkeit als
der schon späte Abend beruffte sie allerseits zu der nötigen Nacht-Ruh.
                            Ende des fünften Buchs.
 
                           Inhalt des Sechsten Buches
Dem Hertzog Arpus und Fürsten Cattumer wird die Ankunft ihrer beiden
Gemahlinnen Erdmut als der Fürstin Tussnelde nahen Bluts-Freundin / und Rhamis
durch einen Cattischen Edelmann kund gemacht; der ganze Hoff aber darüber in
ungemeine Freude versetzet / Fürst Adgandester wird inzwischen durch den
beschäfftigten Feldherrn befehliget diese übrige fremden Gäste auffs
annehmlichste zu unterhalten. Welcher ihnen alle Zubereitungen des
bevorstehenden Beilagers zeigt / und nach dem sie auff der Rennbahn sich zur
Gnüge belustiget / verfügen sie sich in den Lust-Garten / allwo sie sich mit der
alldar gefundenen Königin Erato / Saloninen und übrigem von der Fürstin
Tussnelde zurück gelassenen Frauenzimmer auffs freundlichste besprechen. Der
Königin Erato sonderbare Begierde die beiden Cattischen Hertzoginnen bald zu
umarmen; wie nicht weniger die Liebes-Beschaffenheit zwischen dem Feldherrn und
der Fürstin Tussnelde / und die von ihrem Vater dem Segestes darüber
geschöpffte Gramschaft vom Fürsten Adgandester als einem Schoos-Kinde und
Gefärtin aller Heimligkeiten des Hertzog Herrmanns zu vernehmen / Fürst
Adgandester stillet dies Verlangen /wohlwissende: dass der Vertrauligkeit
zwischen Tussnelden und der Königin Erato ohne dem nichts verborgen bleiben /
und jener reine Liebe allen Liebhabern wohl ein Licht / niemanden aber ausser
dem Segestes ein Ärgernis abgeben könnte. Rhemetalces vergnüget sich über
dieser Entschlüssung / und ersuchet mit Guteissen der Königin Erato dem
Adgandester die deutschen Geschichte und des Feld-Herrns Helden-Taten zu
erzählen. Adgandester beziehet sich dissfals zwar aus gewohnter Höffligkeit auff
den mehr erfahrnen anwesenden Malovend / und den ihm vielleicht anklebenden
Argwohn / weil die Warheit der Kern und die Seele eines Geschichtschreibers sein
müste; läst endlich doch nach allen ihm abgeschnittenen Ausflüchten in einem
umschlossenen Creisse sich darzu bewegen. Es habe mit den Ländern in der Welt und
dem Meere oder Wolcken einerlei Beschaffenheit aus angeführten hochwichtigen
Vernunfts-Gründen. Der Egyptier und Scyten närrische Einbildung / der alten
Deutschen hingegen viel vernünftigeres Urteil vom Ursprung des Menschen. Der
kalten Nordländer Fruchtbarkeit gegen die heissen Sudländer / die ersten auch
dannenhero nicht unrecht die Scheide aller Völcker genennet. Die entstandene
Unähnligkeit der Völcker und Kriege der Deutschen. Dieser Lüsternheit nach den
Früchten Welschlands durch keine Stein-Klippen / noch die aufsichtigen Tuscier
und Tauriner aufzuhalten. Ihr Leben unter allen Völckern das tugendhafte / ihr
Kriegen das ernstafteste. Ihre Erweiterung zwischen den Flüssen Ticin und
Addua. Die vom Bellovesus nach der deutschen Art gebauete Stadt Meiland. Sein
Nachfolger Elitoro der Alemänner Hertzog / von dessen Tapfferkeit der Nahme
Cenomänner herkommen. Dessen Kriege und erbaute Städte die Tuscier aus ihrem
Lande in die steilen Klippen des Obinischen Sees getrieben. Flüsse und Länder wie
lange sie beide ihr Ansehen behalten. Hertzog Medons Sieg wider Welschland /
sein allda dem Kriegs-Gotte mehr zum Schein als aus Andacht gebauete Tempel.
Sein Volck die Saalier oder Saal-Länder ihrer Einträchtigkeit halber die
Libitier / er ein Bundsgenoss der Römer genennet. Der zwischen dem Hercynischen
Gebürge allzu enge eingeschrenckten Bojen Ausbreitung biss über den Po. Hertzog
Lingo wegen seiner Länge Licinius genennet / seine / durch ein sonderbares mit
des Tuisco Haupt gebildetes Feldzeichen / ausgeübte Krieges-List. Der Deutschen
ungemeines Fechten / erhaltener Sieg / der Feinde Flucht biss an den Fluss
Gabellus und Berg Sicinima; Gewisser Römer rühmliche Nachfolge. Des Lingo
ebenmahlig am Fluss Scultenna wider die Umbrier aus einem unvermuteten
Donnerschlag zu seinem Vorteil gedeuteter Sieg und dessen gläublicher Erfolg.
Der Deutschen und Gallier Zustand in Welschland /dieser ihr Einbruch über den
Rhein / der Deutschen Gesandtschaft an der Gallier König Catmund / dessen
Hochmut und darauf erfolgter Friedensbruch und Uberfall der um die Brunnen der
Donau wohnenden Celten. Des um Hülffe angeruffenen Hertzogs der Semnoner oder
edelsten Schwaben Brennus verrichteter Gottesdienst bei ihrem zwischen der Oder
und dem Bober habenden Heiligtum. Dessen Hochhaltung / sonderbare
Beschaffenheit und Opffer / des Celtischen Abgesandtens dabei geschehene
Begnädig- und Abfertigung. Des Brennus und seines Brudern Basan Einfall in
Gallien. Der durch der Massilier Sitten und Wollüste verzärtelten Gallier Flucht
/ Hatumands und seines frischen Heeres fernere Niederlage / sein teuer
erkauffter Friede / des Brennus und der Celten Ausbeute Ehrsucht und Begierde
mehr zu gewinnen. Sein und seiner Schwaben beschwerlich doch glückliche Zug über
die Alpen biss an das am Adriatischen Meer liegende Gebiete der Veneter und über
den Po an das Apeninische Gebürge. Der in einem vorteilhaften Orte noch
wohnenden Umbrier vergeblicher Widerstand und durch betriegerische Wahrsagerei
aufgerichtete Tempel-Bau von des Brennus Tapfferkeit und dem Verhängnisse
zerstöret. Turnus der Hertzog der Umbrier fällt als ein Stern vor der blitzenden
Sonne dem Brennus zu Bodem / Sold und Liebe aber kämpffet im Soldaten um das
Vorrecht. Tugend in Feinden zu loben / und einem grossen Sieger zu Teil werden
dem besiegten bester Trost. Des Brennus am Meerstrande bei dem Misus-Flusse zum
Gedächtnis erbaute Stadt Semnogallien; Ingleichen seine durch Gerechtigkeit und
Ansehen in Welschland befestigte Herrschaft. Klage wider die Stadt Clusium.
Ihre verächtliche Antwort / neue Eydsgenossenschaft und feindlicher Aufstand.
Klugheit hencket ihre Schilde lieber in der Feinde Zäune / als dass sie die
feindlichen in den ihrigen sieht. Der Semnoner Niederlage zum Schimpf
aufgerichteter Steinhauffen das Begräbnis der Gallier genennet. Des Brennus
Kriegs Behendigkeit / und Zug über die höchsten Berge nebst der schleinigen
Eroberung Aretium / eignet ihm bei den Clusiern Flügel zu. Zur Unzeit eine
Schlacht lieffern die schlimste Torheit eines Vermessenen / ohne Schwerdstreich
aber überwinden / ein Meisterstück der Klugen. Der Semnoner durch Einnehmung der
Städte Croton und Cortona zweifacher Sieg. Lars Niederlage und Tod. Aruntes
gerechte Rache lehret das Vaterland hoch und heilig halten. Die Belägerten in
der Hetrurier Haupt-Stadt Clusium versuchen den Brennus durch Liefferung des
schuldigen Lucumars zu besänftigen / seine Verweigerung bringt sie nebst einem
darzu kommenden Vogelgeschrei zu verzweiffelter Gegenwehr. Aberglauben
bemeistert viel Völcker. Der Clusier bei den Römern mit allerhand angeführten
Bewegungs-Gründen gesuchte Hülffe. Dieser Gesandschaft an den Brennus; dessen
bescheidentliche Antwort gegen der hitzigen Fabier Anmuten und Rechtfertigung /
der Gesandten vergessenes Völcker-Recht / und die deswegen zu Rom geführte
Beschwerführung. Das dem Brennus zu einer Friedens-Bedingung angetragene Geld
als eine den Deutschen verächtliche Wahre ausgeschlagen / die Belägerung Clusium
aufgehoben / und der Zug des ganzen Krieges-Heeres auf Rom gerichtet / die
Römischen Legionen aufs Haupt geschlagen / von der abgeschnittenen Feinde
Köpffen vor Rom ein Turm erbauet / die Stadt selbst eingenommen / und biss aufs
Capitolium wegen eines eifersichtigen Greisens über Antastung seines Barts /
als eines unberührlichen Heiligtums vieler Völcker / zu Staub und Asche worden.
Des Brennus mit dem Sulpitius getroffener Friede; der Hetrurier mit Hülffe der
Veneter neuer Anfall; die Eroberung Sossina und Belägerung der Stadt Croton;
Frauen-Geschmeide zu Aufbringung des versprochenen Lösegeldes nicht zulänglich;
der Römer Hinterlist. Des Brennischen Gesandtens scharffer Wortwechsel mit dem
Römischen Feldherrn Camillus / sein und des Fürsten. Bei so tapffere Gegenwehr;
des letztern Heldenmütiger Tod / jenes listige und vorteilhafte Zurückziehung
über die Tiber biss an des Brennus Lager / die Stadt Croton von der Belägerung
der Clusier erlöset und die Römer zu einem neuen Frieden gezwungen. Des Brennus
biss in Sicilien / Africa und Grichenland sich ausbreitende Siege. Sein und des
Königs in Sicilien Dionysius hoher Ruhm beider in der Stadt Corint auf dem
Rathausse aufgerichtete ertztene Bilder. Brennus als ein ander Hercules von
allen deutschen Fursten benachfolget / Hertzog Antenor bekommt wegen seiner
Rittermässigen Tugenden König Belins Tochter Cambratur zur Ausbeute. Der Catten
Hertzog Batto nebst seinem Sohne treten dem Vetter das Erbteil ab in Hoffnung
ein anders durch den Degen zugewinnen. Beider Einfall über den Rhein / ihr Sieg
wider die Gallier; die Eroberung des zwischen dem Rhein und Meer gelegenen
Eylandes; ihr angenommener Nahme und erbaute Stadt Nimmegen. Der von den
Allemännern über dem Pyreneischen Gebürge zwischen dem Fluss Durias und Sucra neu
gegründetes Reich. Die Deutschen wegen ihrer Tapfferkeit und Treue bei frembden
Völckern zu Kriegs-Obristen / und Leibwache angenommen. Brennus Tod und seines
Sohnes Ludwigs rühmliche Nachfolge; Sein denen bekriegten Veliterern wider die
Römer glücklicher Beistand. Der Römer vorteilhafte Zurückziehung; ihres
Kriegs-Ob. Furius Vorwand seiner verweigerten Schlacht. Seiner Taten ungleicher
Bericht bei den Geschichtschreibern. Dieser angewohnte Heuchelei mit
Unterdruckung der Warheit. Wenn und wie diese zu entschuldigen / auch aus
verlohrnen Schlachten vorteilhafte Siege zu machen? Hertzog Adolphs mit denen
von seinem Bruder Hertzog Ludwigen anvertrauten Deutschen Annäherung bei Rom.
Des Röm. Feldherrn Qvintius Pennus entgegen gesetztes Lager / und einiger
Römischer Edelleute unglück- und schimpflicher Zweikampff. Der Deutschen
Zurückkehr gegen die Stadt Tibur biss über den Fluss Livis wider die die Hernicier
bekriegenden Campanier. Dieser Verlust /der Städte Allisa / Telesia / Calatia
und anderer Ubergabe. Des Bürgermeisters Petilius Libo und Fabius Ambustus neuer
Anfall / welche Hertzog Adolph biss in Rom verfolget / und sich an die
Collinische Pforten der Stadt setzet. Daraus entstandener grosser Schrecken nebst
des neuen Feld-Obristen Servilius Ahala und Titus Qvintius verlohrner Schlacht
und Niederlage. Hertzog Adolphs Aufbruch aufwerts der Tiber gegen die Tiburtiner
beängstigenden Bürgermeister Petelius / dieses flücht- und lächerliches
Sieges-Gepränge zu Rom. Der Römer erneuertes Bindniss mit den Lateinern und
Betrügung der Tarqvinier. Der Deutschen, als aller damahligen bedrängten
Zuflucht /fruchtbare Hülffe. Des Römischen Feldherrn Cajus Sulpitius Schimpff /
sein abgenötigtes zweiffelhaftiges Treffen und Siegs-Gepränge zu Rom. Des
Fabius durch den Ritter Sultz erlittene Niederlage / beider Völcker Verhöhn- und
grausame Abschlachtung vieler gefangenen Edelleute. Der deutschen Priester List
wider den Popilius Lenas. Der Deutschen und Tarqvinier Uneinigkeit über
erlangter Beute. Popilius Lenas auf dem kalten Berge vorteilhafte
Verschantzung. Eines deutschen Ritters fast übernatürliche doch blutige
Bestürmung erwirbt ihm einen neuen Ehren-Nahmen. Die Besiegung der Grichischen
Seeräuber und Gewinnung der Lateiner zu grossem Nachteil der Römer. Der
Bürgermeister Camillus erkieset zu seiner Sicherheit die Pomptinischen Gesümpfe.
Ein auf dem beide Läger von einander scheidenden Flusse Amasen an einem alten
Weibe sich ereignetes seltzames Begebnüss / ihre Anrede / an den Deutschen
insonderheit an dem wider den Marcus Valerius im Zweikampf fechtenden Udalrich
ausgeübte Zauberei nebst dergleichen mehrern Befolgungen. Aberglaube die
hesslichste Larve der Vernunft. Die Römer und Deutschen / nach dem sie
überflüssig gegen einander ihre Kräffte gemessen / müssen beiderseits eine
Verblasung suchen. Dem streitbaren Hertzog Ludwig folgt der friedliebende
Alarich. Ein neuer Schwarm der um den Berg Abuoba und den Brunnen der Donau
wohnenden Allemänner unter dem Hertzoge Arnolff ziehet ihm durch seine
allzuweite Ausbreitung den am Strome Tyros wohnenden Sarmatischen König nebst
fremder Hülffe auf den Hals. Der Deutschen und des Macedonischen König Philipps
verneuerte Bundsgenossenschaft. Seines Sohnes und Nachfolgers des grossen
Alexanders Siege den Deutschen verdächtig. Derer an ihn abgefertigte
Gesandschaft. Alexanders aus ihrer Hertzhaftigkeit geschöpfftes sonderbare
Vergnügen / mit ihnen gemachtes Bündnis / und gesetzte Gräntz-Maale. Deren vom
Tracischen Stadtalter Zopyrion aus Ehrsucht wider die Goten und Deutschen
vorgenommene Erweiterung ihm Spott und Todt zu wege bringt. Der Deutschen
abermalige Gesandschaft nach Babylon zum Alexander / ihr vor andern hohes
Ansehen / Treue und Tapfferkeit nebst der schönen und ansehnlichen Leibesgestalt
vom Alexander gepriesen. Schönheit die geheimste Zauberei der Gemüter Fürsten
und Gesandten anständig; die Hässlichkeit dagegen ein unabtrennlicher Vorbote der
Verachtung. Weisse Farbe den Nordländern eigentümlich. Der Gesandten angeführtes
Vorzugs-Recht von des Alexanders Ausspruch und der Deutschen eigene Klugheit und
Tapfferkeit behauptet. Alexanders und seines Sohnes Hercules Meichelmorderischer
Tod von den Deutschen beklaget / der gefangene Lysimachus auf des Meineidigen
Cassanders Tod ohne Entgeld lossgegeben. Der Deutschen Glücks-Sonne geht in
Griechenland auf / in Welschland unter. Der Semnoner eingeschläffte Tapfferkeit.
Zwietracht eine Besiegerin der streitbarsten Völcker. Neuer Krieg zwischen den
Samnitern / Campaniern und Marsien. Der wider die Samniter zu Hülffe geruffenen
Römer Friedens-Bruch. Hertzog Siegfrids vergebliche Abmahnung; sein und seines
Schwagers Pontius entgegen gestellte Krieges-List; der Röm. Bürgermeister
Veturius und Postumius erlittener Schimpff; der deswegen erzürnten Römer Rache.
Neues Bündnis der Semnoner /Samniter und Hetrurier. Die zu Rom deswegen
vorgenommene Musterung und erkieste Heerführer; Scipio vom Hertzog Clodomar
zwischen denen vorteilhaftesten Felssen und Klippen aufgesucht / und aufs Haupt
geschlagen. Nichts ist der Tugend unüberwindlich. Der Semnoner Gebiete von
beiden Bürgermeistern Decius und Fabius befallen; Ihr mit dem Clodomar
zweiffelhaftes und blutiges Treffen; glücklicher Wagen Kampf; der vielen
Bundsgenossen / als vieler Köpffe / entstehendes Unheil. Bosheit und Zauberei
soll den Römern zum Sieg dienen / wird von dem neuen deutschen Hertzoge
Wittekind stattlich gerochen. Dessen scharffes Aufbot unter dem Verlust Sporn
und Degens. Davon der Ort nachgehends seinen Nahmen bekommen. Fabius schlüsset
Friede und ziehet nach Rom zum Siegs-Gepränge. Die geschlagenen Samniter
bemächtigen sich durch Hülffe Hertzog Britomars und seiner Semnoner des
Römischen Lagers. Des Bürgermeisters Atilius Verlust und Niederlage bei der
Stadt Lucuria; seine Verstärckung; dem Jupiter getanes Gelübde und darauf
geendetes Kriegs-Spiel. Des Bürgermeisters Papirius neuer Uberfall; des
Semnonischen Fürsten Cajus Pontius Herennius scharffes Aufbot nach Sirpium;
Seiner Kriegsleute vor einem blutigen Altare geschehene eidlichr
Zusamenverschwerung; Ihre Bemächtigung der Stadt Aqvilonia. Der beeden
Bürgermeister Corvillius und Papirius Kriegs-List mit einer grossen Niederlage
vergolten. Des jüngern Fabius Versehen vom Vater gerechtfertiget / seine
Entschuldigung zu Rom und verzweiffelter Streich gegen dem Fürst Pontius /
dessen Gefangenschaft und schimpflicher Tod. Des Rats zu Samnium Kleinmut und
Abschwerung aller fremden Bündnisse. Der darüber klagenden Semnoner schlechte
Verhör. Der Deutschen Beistand und Belägerung der Stadt Aretium. Des Junius
Gesandschaft an den deutschen Hertzog Britomar; Seine Bedräuung und darauf
empfundene Rache. Der Gesandschaft Würde heilig / und das dabei stehende
Völcker-Recht unverletzlich. Britomar deswegen vom Bürgermeister Dolabella
rachgirig angefallen / gefangen / erbärmlich gehandelt / und ganz Umbrien
grausamlich verheeret. Hartmanns ergrimmte Bruder-Rache an der mit Sturm
eroberten Stadt Arctium ausgeübet. Seine glückliche Kriegs List wider den zum
Entsatz kommenden Coecilius und davon entsprungener Nahme Anhalt. Die edle
Freiheit und das Joch der Römischen Dienstbarkeit vereinbart aller deutschen
Fürsten Gemüter die Waffen wider Rom / als ein ihnen leicht angehendes Werck zu
ergreiffen; Rom dagegen und die herrschenden Bürgermeister den ihrigen zu
Besiegung der Deutschen der Römer Gewalt als einen Schrecken der ganzen Welt
vorstellend. Anhalt läst der gefangenen Römer Köpffe ins Römische Lager
schleudern / verursacht dardurch grosses Schrecken. Beider Läger hitziges
Treffen. Die Römer vom Dolabella verstärcket; Anhalt nach euserster Gegenwehr
durch den Vadimonischen See sich zu retten genötiget. Glücks und Sonnenrads
Gleichstimmigkeit. Des deutschen Fürstens in Pannonien Cambaules herrlicher Sieg
und Beute in Mysien und Tracien. Des grossen Belgius Schrecken bei den
Nachbarn. Der Königin in Pontus und Tracien Arsinoe an ihn abgefertigte
Gesandschaft / ihr in Gestalt der Dianen zugleich mitkommend herrliches
Bildnis. Des Königs daraus geschöpffte Liebe und Heirats-Entschlüssung.
Ptolomeus verschmitzte Ablehnung seines eigenen Vorteils wegen. Sein im Tempel
des Jupiters getanes Gelübde und Liebkosungen gegen Arsinoen zu Cassandrea.
Beider prächtiges Beilager in der Stadt Epidamus; des jüngern Ptolomeus Flucht
zum Könige Belgius. Arsinoens und ihrer beiden jüngsten Söhne erbärmlicher
Zustand zu Cassandrea ihrer eigenen Stadt. Des Königs Belgius Gesandschaft zu
diesem Wüterich; seine hochmütige Antwort und fruchtlose Abfertigung / aber
bald darauf von der verkleideten Arsinoe empfundene rechtmässige Rache. Arsinoens
und ihres Sohnes Ptolomeus Zusammenkunft und hertzliches Umarmen. Des Belgius
und Königin Arsinoe Heirat; des Wüterichs Ptolomeus Entauptung /und
beschimpfter Kopf in Macedonien. Der sich widersetzenden Macedonischen Fürsten
Meleagers und Antipaters Niederlage; dagegen des jüngern Ptolomeus Erhöhung zum
väterlichen Tron. Der unedle und von einem Ackersmanne gezeugte Sostenes
erlangt durch seine Tapfferkeit den Nahmen eines Königs in Macedonien. Mässigung
der Ehre die gröste Königs-Würde. Sein tapfferes aber unglückliches Fechten
wider den dem Belgius zu Hülffe kommenden Brennus den Tectosager Herzog. Der
Deutschen dardurch mercklich vergrösserte Siege. Des Brennus und eines bei sich
habenden Ritters besondere List zu Durchschwemmung des Stromes Sperchius.
Brennus bestürmet Termophylen. Unterschiedener deutschen Ritter dabei erwiesene
Heldentaten und davon überkommene Nahmen und Wappen. Der Grichische Feldherr
Calippus vom deutschen Fürsten Acichor eigenhändig erlegt. Die Deutschen von der
Atenienser Schiff-Flotte mit Pfeilen als mit Hagel überschüttet. Brennus biss
hertzhafte Anführung seiner Tectosager biss an den auf einer hohen Klippe
liegenden Tempel der Minerva. Der Fürsten Orestes und Combut Zug wider die
Etolier / endlich des Brennus selbst durch der Heracleer Wegweisung über den
Berg Oeta / und mit gefährlicher Verwundung des tapffern Calippus biss an Aten.
Falsches Gedichte vom Brennus wegen Beraubung des Delphischen Tempels.
Aberglauben setzet sein Volck in Furcht und Schrecken. Sonn- und
Monden-Finsternüsse darzu behülfflich. Brennus Tod und die hierauf erfolgte
Unruhe. Cammontors des Belgius Sohns in Asia und Europa Siege und Heldentaten.
Des Brennus Söhne und ihre ungleiche Erbteile. Verräterei wider des Brennus
Sohn den König Hunn durch des grösten Verräters Gemahlin entdeckt und
gestrafft. Kampff zwischen des Vaterlands und der ehelichen Liebe / Tugenden und
Lastern. Tessalors des Scordisker Fürstens Flucht zum Antigonus. Des König
Hunns Gesandschaft an dessen Hoff und erfolgter Betrug. Der beiden deutschen
Hertzoge Leonar und Lutar herrlicher Sieg zu Wasser und Lande. Der sichern
Tectosager Niederlage durch Antigonus Schiff Flotte. Königs Pyrrhus Ankunft aus
Sicilien. Sein und seines Sohnes des streitbaren Ptolomeus Sieg wider den
Antigonus. Verkehrtes Krieges-Spiel. Des Pyrrhus und Ptolomeus Tod /des zweiten
Sohnes Selenus Gefangenschaft und Loslassung. Antigonus Undanck gegen die
Deutschen; dieser Hertzhaftigkeit und blutiger Kampf. Alexander von des
Antigonus Sohne Demetrius des Königreichs Macedonien entsetzet; von den
Scordiskischen Deutschen aber bald wiederum eingesetzet. Der Deutschen Siege in
Grichenland. Beider Fürsten Leonars und Lutars Ehren-Nahmen in Asien und
Entsatz der vom Zipetes von wegen der Deutschen irrig benennten Galater
bedrängten Prusaburg. Dessen Tod / und zerteiltes / nachgehends Galatien
benahmtes Reich. Blutiger Krieg zwischen Antiochus Sohne und Nachfolger Seleucus
mit dem Könige Ptolomeus in Egypten von wegen jenes Stief-Mutter dessen
Schwester vorgenommenen Hinrichtung. Antiochus Sieg vermittels der deutschen
Hülffe wider den Seleucus und Krönung auf der Wallstat. Sein den Deutschen
verweigerter Sold / und daher erlittene Niederlage. Des Zela Fürstens in
Bytinien schändliche List wider den Fürsten Lutar beraubet ihn seiner
Herrschaft und seines Lebens. Phileterus eines gemeinen Mannes Sohn wirfft sich
zum Könige in Pergamus auf. Sein genommener Vorteil aus anderer Blutstürtzung /
und glücklicher Anfall des Siegers Antiochus. Ptolomeus in Egypten rufft die
Deutschen wider den ihn bekriegenden Cyrennischen König Megas zu Hülffe.
Entstandenes Misstrauen unter ihnen. Argwohn und Ehrsucht die betrüglichsten
Wegweiser. Der Römer Wachstum gegen der ausländischen Nachbarn Macht /
insonderheit die Stadt Cartago. Andacht aller Kriege Firnis. Berg Etna wegen
seiner Höhe die Seule des Himmels genennet. Der Stadt Rom und Cartagens
Untergang durch eine silberne Schaale bedeutet. Aberglauben der Betrug Larve.
Cartagens blutiger Krieg durch des Berges Etna heftig speiendes Feuer und
Erdbeben bedeutet. Der berühmten Deutschen angeflehete Hülffe. Selzamkeiten der
Sicilianischen Stadt Agrigent. Des Hanno unglückliche Opfferung / und anderer
ihm von den Göttern bezeigter Unwille. Der Deutschen in der grausamen Belägerung
Agrigent bezeigte Tapferkeit vom Feldherrn Hanno schlecht belohnet. Ungemeiner
grosser Drache in Africa vom Bürgermeister Atilius Regulus erleget; dessen vom
neuen deutschen Feldherrn Xantippus erlittene Niederlage. Des Uberwinders Sieg
zu Cartago; jenes aus Unmut und Betrübnüss erfolgter Tod. Seines Eheweibes
unrechtmässige Rache. Wohltaten wie sie beschaffen sein sollen /und was vor
Danck ihnen gebühre? Xantippus von den undanckbaren Cartaginensern ins Meer
gestürtzet / bald darauf gerochen. Der Deutschen Treu bei Belägerung der wegen
der Cumanischen Sibylle Grabe berühmten Stadt Lilybeum. Der Sibylle Weissagung
verlieret ihren Glauben bei den Innwohnern. Ihre Kleinmut. Zweier behertzten
Ritter Aufrichtigkeit und Rache gegen die Verräter der Stadt. Strabo ein
scharffsichtiger Marckmann versichert die Kleinmütigen ankommender Hülffe;
Himilco dagegen zündet durch Erfindung eines Semnonischen Edelmanns der Römer
erhöhete Türne an. Jener herrliche Belohnung und erlangte Sieges-Kräntze. Die
ziemlich ins Gedränge gebrachten Römer bekommen durch den goldenen Widder
Dädalus und veränderten Taubenflug wiederum ein Hertze / zernichten der
Cartaginenser Schiff-Flotte / und überkommen durch einen Frieden-Schluss das
fruchtbare Sicilien zur Ausbeute. Fürst Narvans jüngste Söhne überlassen dem
ältesten das Recht der Erstgeburt / und suchen ihnen andere ihrer Tugend
anständige Ländereien. Agtsteins Wachstum / Eigenschaft und Würckung.
Saturnischer Abgott und Menschen-Opfferung an Bomilcars Sohne Imilio / des von
der leiblichen Mutter listiger Weise untergesteckten Printz Narvas ungeachtet /
verübet. Cartagens von Tag zu Tag sich vergrösserndes Elend. Agatocles
verwechselt seine Krone mit einer Priester-Mütze / bringt dardurch das wütende
Volck zum Gehorsam / und seine Herrschaft zu neuer Ruhe. Bomilcars
unglücklicher Ausschlag wegen seines aufgeopfferten Sohnes und angemasten
Herrschaft. Blosser Argwohn der angemasten hohen Gewalt ziehet den Tod nach
sich. Des Königs Aphelles und Agatocles grosse Vertrauligkeit bei Cartago.
Herrschenssucht verleitet diesen gegen jenen zum Meuchelmord / und Verwüstung
aller seiner Länder. Fürst Narvas widersetzet sich dem hochmütigen Agatocles /
erobert den Cartaginensern viel verlohrne Städte wieder / wird endlich von den
Numidiern und Mohren gefangen und zu Meroe zum Schlacht-Opffer denen göttlich
verehreten Affen verurteilet. Seine unglückliche Flucht; doch endliche
Erhaltung durch Hülffe der Königl. Tochter Andraste / und der Affen selbst
eigene Aufreibung. Seine von der Stadt Cartago inzwischen erbetene Freiheit;
der Affen-Priester darüber entstandener Grimm und Verwegenheit gegen ihren König
Ergamenes; ihre rechtmässige Abschlachtung; Eingeführtes neues Priestertum und
Gottesdienst. Königs Ergamenes Elephanten-Jagt. Des Königs und der Königlichen
Princessin. Andrasle vom Fürsten Narvas Errettung aus ihrer augenscheinlichen
Lebens-Gefahr / und den geilen Priester-Händen /wordurch er hohe Würden und die
Liebe der Andraste ihm erwirbet / beider Vermählung unter eitel Frolocken. Fürst
Narvas mit Adrasten gezeugte drei Söhne. Des jüngern Fürsten Narvas hurtige
Jugend; seine und Autaritus Eifersucht um der Sophonisben Liebe. Autaritus
Erbitterung und Wüten wider seinen Nebenbuhler den Gescon und viel edle
Cartaginenser. Fürst Narvas erhält die Sophonisbe zur Ausbeute. Sein /
Hannibals und Amilcars Sieg wider den Matos / Spendius und den von Liebe und
Rache brennenden Autaritus. Beider Feinde gegen einander ausgeübte unmenschliche
Grausamkeit. Des Hanno erbärmliche Abschlachtung. Des Narvas Vermählung mit
Sophonisben / und dessen Unbestand. Der Römer Hochmut gegen ihre Nachbarn / und
Furcht vor den Deutschen aus der Sibyllinischen Propheceiung entstanden. Der
unter den Deutschen um Sold fechtenden Gäsaten Kriegs-Art. Unterschiedener
vornehmer Deutschen wie auch des Heerführers Concoletans Niederlage. König
Aneroests hertzhafter Tod zum Beispiel: wie weit der Vermessenheit das
Göttliche Verhängnis die Gelübde verstatte. Wunderzeichen den Römern
erschrecklich / wie weit solche zu fürchten und ihnen zu glauben. Der Deutschen
erschreckliche Gestalt und verachteter Zierat als ein denen Kriegsleuten
gefährliches Kennzeichen vor dem Feinde. Der Römische Marcellus lehnet des
deutschen Fürsten Viridomar Zweikampf mit List ab / welchen statt seiner Klodomir
ein Sicambrischer junger Fürst mit grossem Vorteil und seines Gegeners blutigem
Untergange verfolget. Das allgemeine Heil auf die Spitze eines einzigen Degens
zu setzen / nicht minder verargen / als verdammlich. Der Deutschen Glücksstern
in Welschland untergehend. Cartagens Macht und Grösse mit der Römer bald in
gleicher bald ungleicher Waage stehend. Amilcars und seiner Gemahlin der Arimene
Todfeindschaft wider die Römer; Beider Geschlecht verschworner Hass wider diese
ihre Feinde. Asdrubals hinterlistige Hinrichtung. Der junge Annibal zum Haupte
der Stadt Cartago / allen aber zum Beispiel gesetzet: dass das Alter nicht die
Messschnure der Klugheit; ingleichen: dass das Tun eines Klugen und Toren nicht
so wohl aus seinem Wesen / als aus der Zeit und Unzeit zu unterscheiden sei.
Hannibals Grossmütigkeit wider die pochenden Römer / und Beweisstum: dass die
Dräuungen im Kriege nur Blitze ohne Donnerkeule. Der Stadt Sagunt vom Amilcar
erlittene harte Belägerung und der Iñwohner Verzweiffelung. Der Römischen
Gesandten Hochmut vor dem Rat zu Cartago; dieser grossmütige Antwort von der
Deutschen Hülffe unterstützet. Der Römer Niederlage. Annibals schwerer Zug über
die Alpen; dessen Penninischer Gipffel die Seule der Sonnen genennet; Sein dem
Jupiter darauf getanes Gelübde. Albert ein bei den Römern gefangener Deutscher
Fürst macht im Römischen Lager einen Aufstand / geht zum Annibal über und wird
herrlich empfangen. Der Römer grosse Niederlage zwischen den Flüssen Mela / Po
und Atesis unter dem unvorsichtigen Bürgermeister und Heerführer Tiberius
/wordurch dieser in höchste Verachtung; die Stadt Rom aber in gröstes Schrecken
geraten. Des Bürgermeisters Flavius grosse Niederlage mit einem Erdbeben
begleitet. Die Römer verliehren durch des Annibals sonderbare Kriegs-List viel
Ratsherren und Adler. Annibal wird seinem Glück misstraulich. Die Römer aber
durch der Deutschen und Africaner Zwietracht wieder ermuntert; bald wieder aufs
schärffste angefallen und aus ihres Heerführers Postumius abgeschlagenem Haupt
oder Hirn-Schädel ein Trinck-Geschirr gefertiget / und als ein grosses Heiligtum
aufgehoben. König Philipps in Macedonien mit dem Annibal getroffene Bündnis und
Gesandschaft. Wollust die Verderbnis der grösten Kriegs-Helden. Agatoclia
bezaubernde Liebe bringt ihren Buhlen den König Ptolomeus Philopater ums Leben;
Annibaln in Hass und nicht viel geringere Gefahr. Liebes-Streit zwischen dem
Vater und Vaterlande sich an Porelle ereignet. Verkehrter Glücks-Haafen / daraus
der Argwohn eitel Missgeburten gebieret. Annibals angestellter herrlicher Aufzug
und sündhafte Garten-Lust traurig geendigt / und wie Unschuld selbst mit Rache
und Tod an der frommen Chlotildis von den Lastern befallen; also diese letztere
mit Ach und Weh an der Schlangenbrut Agatoclia belohnet; selbst Annibals Glück
und das gemeine Heil dardurch zu Grabe gehen. Gertrudis / Erdmunds des
Neretischen Hertzogs Tochter gefangen / als ein Wunder der Schönheit zum Scipio
gebracht von diesem ihrem Bräutigam unverletzt wieder ausgehändigt. Annibals
Tränen über seines entaupteten Bruders Asdrubals Haupt / über dessen und der
Stadt Cartago Verhängnis. Dessen unveränderlich und unerforschliches Wesen.
König Syphar tritt von den Cartaginensern zu den Römern /wird von Masanissa
geschlagen. Masanissens Schwester-Sohn Massiva / seine Tapfferkeit in den ersten
Jahren / seine Gefangenschaft und Lossgebung vom Scipio. Kunststück ihm seine
Feinde zu verbinden. Königs Gada Nachfolger samt seinen Brüdern vom
herrschenssichtigen Fürst Mezetul erwürget. Masanissa mit jenes höchstem Verdruss
von den Reichs-Ständen zum Könige erkläret. Masanissens scheiterndes Glück und
Leben an dem mächtigen Syphax und an einem wütendem Strohme; seine wunderbahre
Erlösung und freudige Bewillkommung in seinem Königreich. Königs Syphax und
Sophonisbens Gefangenschaft in der Haupt-Stadt Cyrta. Cartagens grosse Gefahr.
Des Scipio und Hannibals zweiffelhafte Schlacht und daraus entstandener Friede
zwischen dem eifersichtigen Rom und Cartago. Den Deutschen wird zugeeignet: dass
Annibal Italiens / Scipio Hispaniens / Masanissa Africens Meister worden; das
Haupt aber habe unter allen Gliedern den Vorzug. Die Römer verlieren bei ihrem
Notstande weder Witz noch Hertz. Cartagens Undanck gegen Hannibaln den grösten
Helden der Welt gereichet ihr zu eigenem Verderb. Tapfferkeit und Wissenschaft
schicken sich wohl unter einen Helm. Annibals und Scipio schlaue Kriegs-Räncke;
beider Tugenden und Fehler / Missgunst und Verfolgung. Hannibal ein besser
Kriegsmann als Scipio / Scipio ein besser Bürger als Hannibal. Adgandester
vollführet seine unterlassene Rede /bewundert bei der Römer sich numehr selbst
überwachsenem Glücke das alle menschliche Ratschläge bemeisternde Verhängnis.
Die Römer ziehen ihre sieghafte Waffen wider den mit dem Annibal im Bündnis
stehenden König Philipp in Macedonien. Die Eroberung Tebe / Eubäa und Sparta
durch ein vorhergehendes Sieges-Zeichen bedeutet. Amilcar nebst vielen deutschen
Fürsten stirbet vor die edle Freiheit / denen übrigen ziehet die vor Augen
schwebende Dienstbarkeit / unter dem Corolan / seinem Bruder Ehrenfried dem
Bojischen Fürsten Dorulach /ziemlich glücklich den Harnisch an / biss endlich
Cartago sich selbst ohne Not zu der Römer Füssen leget / und den blutigen
Krieg dem Annibal aufbürdet. Königs Antiochus Zärtligkeit und Zagheit bei seinen
grossen Kräfften sich mit dem Annibal gegen die Römer zu setzen. Die Römer suchen
bei dem Antiochus den Annibal verdächtig zu machen. Hartes Gefechte der Römer
mit den Deutschen / Hertzog Ehrenfrieds und Darulachs dabei bezeigte
Tapfferkeit; Jener grosse Niederlage. Die Deutschen von Micipsa des Masanissa Sohn
schändlich hintergangen / worüber Fürst Bojorich für Kummer gestorben / Darulach
aber in Deutschland beruffen wird. Königs Antiochus weibisches Gemüte; Seines
Heeres Flucht und grosse Niederlage; sein schimpflicher Friede; der Römer Sieg
und herrliche Beute / Scipio prächtiges Siegs-Gepränge zu Rom. Der Deutschen
verwirrter Zustand und Notzwang vom König Philipp in Macedonien in der
belägerten Stadt Abydas. Ihre Widererholung und erhaltene See-Schlacht auf
Seiten des Königs Perusias entgegen den Eumenes durch wunderbare in die
Pergamenischen Schiffe geworffenen Schlangen-Tõpffe nebst Eroberung der
Haupt-Stadt Pergamus und des goldenen Bildes Esculapius. Der Deutschen Ansehen
in Syrien verursachet: dass der grosse Antiochus sie zu seiner Leibwache und ihrem
Könige Mendis seine Tochter Arsinoe zur Braut anträget. Hannibals Siege
verursachen zu Rom abermaliges grosses Schrecken. Antiochus den Macedoniern
bezeigter Liebes Dienst vom König Philipp als ein Zanckeisen und Friedensbruch
angenommen. Antigonus verfällt in seine vorige Furcht / Wollüste / schimpfliche
Verheiratung und erkaufften knechtischen Friede; die von aller Hülffe
entblösten deutschen in Krieg und eigene Zwietracht. Ihre Grossmütigkeit im
Unglück. Des Mannlius Ehrsucht. Ihre unverrückte Treu und Glauben in Erfüllung
des versprochenen Lösegeldes. Aufrichtigkeit der alten Deutschen Eigentum /
vieler anderer Völcker insonderheit der Grösten auf der Welt Gauckelspiel / und
die Versprechnüsse zu erfüllen eine knechtische Dienstbarkeit. Neues Verbindnüss
wider die Römer teils durch Furcht / teils durch Geschencke der Bundsgenossen
zerrissen. Der tapffere Hannibal muss der Treulosigkeit zum Schlacht-Opffer
werden. Der Römer hieraus entstehender Hochmut durch die Aqvaner / Alemänner /
den zur Macedonischen Cron kommenden König Perses / und die wieder auf Rache
sinnende Cartaginenser gedemütigt. Perses Zagheit von der deutschen Fürsten
Carsignat und Gözonor Tapfferkeit abgeholffen. Carsignats heftige Verwundung.
Der Deutschen grõster Sieg / und der Römer gäntzliche Aufreibung durch den
Meuchelmörderischen Evander verhindert. Hertzog Götzonors daraus geschöpfte
Ungedult. Des Römischen Rats Geschencke an den deutschen König Cincibil. Jener
Grausamkeit in Grichenland und bald darauf von der Stadt Uscana erlittene
Niederlage. König Gentius nimmt die Römischen Gesandten mehr als Kundschafter
denn Botschafter in Verhaft / worunter Pompejus der Römer Unergründligkeit
mit der Feuer-Prüfung bestätiget. König Perses von den Römern überfallen / seine
schändliche Flucht nach Pella / endlich nach Samotracien in Tempel zum
Heiligtum der Venus und Phaetons / derer Freiheit er als ein Meuchelmörder
unwürdig geschätzet / und nebst seinen Söhnen nach Rom zum Siegs-Gepränge
geführet wird. Königs Gentius nicht ungleiches Trauerspiel wegen seines / durch
Anhaltung der Römischen Gesandten / und herrschenssichtige Hinrichtung seines
Bruders / verletzten Völcker- und Bruder-Rechts. Keine menschliche Vernunft kann
dem Verhängnisse in die Speichen treten / noch einigen Riegel vorschieben. Rom
fast von aller Welt angebetet / die Deutschen allein vor ein freies Volck
erkennet / und in Friedens-Bund genommen. Des Königs Eumenes Eifersucht / Unruhe
und Tod / dessen Nachfolger sein Bruder Attalus. Sein Krieg mit dem Prusias und
Deutschen. Prusias wegen Plünderung der beiden Tempel Apollo und Diane von
seinen Bundsgenossen verlassen / und wegen seines vorhabenden Kinder-Mords von
seinem Sohne Nicomedes zu Nicomedien in Jupiters Tempel nicht ohne Göttliche
Rache ermordet. In Syrien wird nach des alten Antiochus Tode sein Sohn Antiochus
durch den Demetrius verdrungen / der untergesteckte falsche Alexander verjaget /
und der junge Demetrius von den deutschen Fürsten auf den väterlichen Tron
gesetzet. Die in Ligurien zeiter still gelegene Deutschen wachen wider die
Römer auf / halten ihnen auch so lange die Waage / biss sie in voriger Freiheit
gelassen / nachgehends aber durch die Wollüste Welschlands und der Römer listige
Räncke eingeschläffert werden. Rom stifftet nicht nur aufs neue den König
Masanissa wider Cartago zum Krieg an / sondern beschwehret auch in voller
Rats-Versammlung dieser Neben-Sonne gäntzlichen Untergang. Cartago mit allen
ersinnlichen Friedens-Vorschlägen abgewiesen / belägert / durch der deutschen
Tapfferkeit in verzweiffelte Gegenwehr gebracht /endlich aber doch vom Scipio
erobert / und zum andern Troja gemacht. Asdrubals Ehfrau übet wegen ihres
knechtischen Gemahls grausame Verwegenheit aus; die noch lodernde Asche aber
dieser mächtigen Stadt wahrsaget Rom den gleichmässigen Untergang /an dessen
Tugend sie sich zeiter / wie ein Wetz- oder Feuerstein an dem andern / geübet.
Der Römer lasterhafte Blindheit in schändlicher Einäscherung der schönen Stadt
Corint. Neuer Anfall der Deutschen mit Aufsuchung der Sibyllinischen Bücher.
Viriat eines deutschen Fürsten Olonichs Sohn von den Römern / als ein Kind
verfolgt / auf den steilesten Klippen von Gemssen gesäuget / endlich von einem
Hirten gleich dem Cyrus erzogen. Seine hurtige Jugend verwandelt seinen
Hirtenstab wider die Römer in einen blutigen Degen; Sein herrlicher Sieg und
Ansehen bei den Celten. Er wird der Lusitanier Obrister / schläget die Römer
abermal aufs Haupt / und richtet auf dem Gipfel des Venus-Gebürges ein von der
Römer herrlichen Beute bestehendes Sieges-Zeichen auf. Seine Ankunft und
Opfferung; Sein an Tag kommendes Herkommen und Geschlecht nebst der würcklichen
Besteigung des väterlichen Stuhls. Seine Verheiratung an Algarbe eines
Celtischen Fürsten Tochter /mit Verweigerung aller übrigen Pracht. Neues Treffen
mit den Römern und dabei bezeigte Kriegs-List. Die zum Friede gezwungene Römer
werden Eydbrüchig und muten den Lusitaniern ungewohnte Dienstbarkeit zu /
verhetzen zwei seiner Landsleute zum Meuchelmord des tapffern Viriats. Dieser
der Hispanier Romulus genennet. Seine Gemahlin Algarbe behauptet durch ihre und
der übrigen Celtischen Weiber ungemeine Tapfferkeit die von den Römern
beängstigte Stadt Numantia. Zweier Numidier Liebe gegen sie /beider Entschied /
die Römer werden gezwungen der Stadt Numantia ewige Freiheit zu beschweren /
werden aber bald Eydbrüchig. Ihre Kriegs- und Ehrsucht über die Alpen zu gehen.
Des Arverner Königs Luens Reichtum und Uberfluss ihre mehrere Zulockung. Sein
Sohn Bituit wirfft sich zwischen den hochmütigen Römern und Allobrogen zum
Schieds-Richter /auf deren Verweigerung zu ihrem Feinde auf. Der Römer am Rhodan
aufgerichtete Sieges- und Ehren-Maale. Der Sarunter Furcht und Verzweiffelung
vor der Römischen Dienstbarkeit / worunter sich auch die Chemnoner neigen / die
Deutschen aber einen gewaltigen Riegel vorschieben. Die Uberschwemmung des
Cimbrischen und Tritonischen festen Landes verursachet die Innwohner
insonderheit die ohne dem ziemlich gedrange wohnende Deutschen ihnen einen
andern Sitz zu suchen mit Verdruss und Furcht der Römer. Dieser vom Hertzoge
Bojorich und Brinno erlittene Niederlage. König Teutobach erkennet die
Celtiberier für alte deutsche Landsleute und würdig aus der Römer Dienstbarkeit
zu erlösen. König Teutobachs Gesandschaft zu Rom mit scheinbaren und leeren
Worten abgespeiset / an den Römern schimpflich gerochen. Des Römischen Cassius
Kopf von Langerta des Cimbrischen Hertzogs Tochter abgehauen / und zu Bojorichs
Füssen geworffen. Die Götter straffen an den Römern den Raub des Apollinischen
Tempels zu Telosa. Jugurta vom Mauritanischen Könige den Römern in Band und
Eisen gelieffert. Der Römischen Feldherren Zwietracht dienet den Deutschen zu
grossem Vorteil. Einem Cimbrischen Ritter verbessert seine Tapferkeit das
Wappen; dahingegen unrechtmässigem Verhalten der Verlust der Ehre und des Adels
folget. Die Deutschen sehen ihr Gelübde an der Römer Beute erfüllet / und
Bojorich richtet den Römern zum Schimpf über die Erschlagene ein Grabmaal auf.
Scaurus Hochmut mit dem Leben bestrafft. Marius opffert auf Eingeben einer
Syrischen Wahrsagerin in Hoffnung künftigen Sieges seine Tochter Calphurnien;
dieser ihre Standhaftigkeit und rühmliches Grabmaal. Der Deutschen zugemuteter
Zweikampf vom Marius mit klügster Bescheidenheit abgelehnet. Des Marius List
vermittels zweier von der Wahrsagerin lossgelassener Geier. Der Deutschen Weiber
Hertzhaftigkeit gegen die Römer am Flusse Canus. Die Deutschen fechten vor ihre
Freiheit; Die Römer aus Begierde des Sieges verzweiffelt / worüber die Heldin
Landgerta ihr Leben einbüsset / König Teutobach aber nach ausgerichteten
Riesen-Taten und vielen empfangenen Wunden halb tod vom Feinde aufgehoben wird.
Der Deutschen Niederlage und aufgetürmte Todten-Knochen machen den Marius zum
fünften mahl Bürgermeister. Grosse Anstalt in Rom zu seinem Siegs-Gepränge. Die
aller Arbeit gewohnte Deutschen werden durch der Veneter fruchtbares Land in
Wollust / nach Art der wachsamsten Helden nach einem grossen Wercke in
Schlafsucht /wie das Meer nach heftigem Sturme in eine Windstille gesetzet.
Bojorichs Gesandten durch König Teutobachs unvermutete Gefangenschaft höchst
bestürtzt. Seine Anforderung zum Kampff und darauff erfolgte Schlacht. Das mit
allen Elementen vor die Römer kämpffende Verhängnis kann die Deutschen kaum
überwinden. Cesorichs Gefangenschaft; des sieghaft sterbenden Bojorichs vom
Marius erlangter Ehren-Ruhm; der Königin Hatta und vielen andern Fürstlichen
Frauen den wüttenden Römern entgegen gesetzter grossmütiger Tod und davon
erlangte Ehren-Maale. Des Marius über diesem Sieg zu Rom erlangter Ehren-Tittel
und Triumph / König Teutobachs aber dabei erlittener Schimpf. Catulus des
Römischen Feld-Herrns mit seinem Nahmen bezeichnete und den Deutschen den
grösten Schaden getane Pfeile. Des Marius auf dem Berge Vogesus vom Römischen
Rat aufgerichtete Siegs-Tempel / nebst seiner alldar geopfferten Tochter
Calphurnia mit eitel sinnreichen Uberschrifften befindlichem Bildnis. Hertzog
Merodachs gleichmässige Rache in Aufopfferung der Römer. Die Einäscherung des
Glücks-Vogels Phönix Rom nachdencklich. Das in Wollüste verfallene Rom; Ihr
Undanck gegen die Marsen und Sermiter bringt beide wider sich selbst in
Harnisch. Des Fürstens der Marser Silo List und Sieg gegen den unvorsichtigen
Cepio. Der Römer verfallenes Ansehen in Asien / und der Saluvier Aufstand in
Gallien durch den Marius gestillet. Seine abgelegte Feld-Herrschaft. Der
tapffern Judacils eigenmächtige Verbrennung und dessen Ursache. Des Sylla
Opfferung und dabei sich ereigneter Zufall machet die Römer gross-das Pelginische
Heer aber kleinmütig. Rom wird genötiget den Deutschen in Italien das längst
verfochtene Bürger-Recht zu geben / sich aber selbst durch des Sylla und Marius
bürgerlichen Krieg in eigenem Blute zu sehen. Wunderbares Begebnüss zwischen dem
zum Tode verdammten Marius und einem Marsingischen Ritter. Des erstern wieder
erlangte Würde und darinnen rühmlich erfolgter Tod. Des grossen Pontischen Königs
Mitridatens Geburt durch einen Schwantz-Stern bedeutet; seine Tugend und
Grossmütigkeit denen benachbarten Völckern bedencklich / dem Bedrängten
erfreulich. Des deutschen Hertzog Herrmanns am Flusse Psychrus nach seinem Nahmen
gebaute Stadt Hermanassa. Mitridatens unzehlbare Eroberungen und Uberwindung
des Chersomesischen Königs Scilurus nebst seinen achzig Söhnen. Seine grosse
Kriegs und Seemacht. Die unter dem andächtigen Vorwand der Heiligtümer erbaute
Festungen den Nachbarn ein Kapzaum. Des Marius dem Mitridates gegebene
Staats-Lehre. Die klugen Deutschen entziehen sich dem Schatten dieses allzu gross
wachsenden Riesens / und gehen mit den Römern einen Bund ein. Der junge König
Ariarates unter dem Vorwand der Freundschaft vom Mitridates eigenhändig
entleibet /und sein Sohn unter jenes Nahmen vorgestellt. Nicomedes List durch
eine dergleichen verraten. Die Cappadocier mehr des Gehorsams als der
Herrschaft fähig. Der Deutschen gutes Verständnis mit den Römern dem
Mitridates ein Dorn in Augen; Seine Begierde sie von ihnen abzuziehen; Seine
Klage zu Rom wider den König Nicomed und Eroberung des Königreichs Cappadocien.
Des erstern Niederlage und der Römer zugeschickte Hülffe. Mitridatens Sieg und
Freigebigkeit gegen seine gefangene Feinde bahnet den übrigen zur freiwilligen
Ergebung / den seinigen aber seine hertzhafte Ermahnung den Weg nach Rom als
eine Wölffin aller Völcker. Dem Uberwinder Mitridates leget des Milesischen
Philipemanes Tochter Minoma durch ihre Schönheit die Liebes-Fässel an. Der
Aberglaube tritt seinem Glücke in Weg und ziehet ihn von der Stadt Rhodis und
Patana / des Pergamus Wollüste und der Minoma Liebkosungen aber die
Hülffs-Völcker von ihm ab. Des tapffern Archelaus und eines deutschen Ritters in
dem Eylande Delos / so die Griechen der Götter Vaterland nennen /heldenmässige
Verrichtungen vom Glücks-Kinde Sylla unterbrochen. Dessen denckwürdige
Belägerung der Stadt Aten / und Festung Pyrennium nebst beider Eroberung und
Blutstürtzung. Seine Schlacht und Sieg wider den Archelaus; dessen falsche
Verläumdung über die deutsche Fürsten. Mitridatens schändlicher Undanck und
Grausamkeit gegen sie zu Pergamus ausgeübet. Des noch erretteten Dejotars Rache
am Archelaus und Mitridates. Sylla trägt einen Leuen und Fuchs im Hertzen Rom
und allem Volcke zum Schrecken. Seine über die Römer bekommene Gewalt.
Mitridates bemühet sich die Deutschen wieder auff seine Seite zu bringen /
tödtet seinen Sohn aus einem falschen herrschenssüchtigen Wahn. Der grosse Sylla
beiget sich vor der am Pompejus neu aufgehenden Sonnen / und leget nunmehr seine
mit viel Schweiss und Gefahr geraubte Würde mit seinem Leben nieder. Sein
herrliches Begräbnis und Grabschrifften. Grausamer Krieg des vom Sylla
verbannten Sertorius mit Zuziehung eines grossen Teils des Römisch- und
Deutschen Adels. Sein neu auffgerichteter Rat und Leibwache. Seine herrliche
Taten und Rache wider die Stadt Lauran. Pompejus von den Deutschen
ausgestandene Gefahr / und der nach der Meuchelmörderischen Hinrichtung des
Sertorius aufgerichtete Vertrag / ingleichen der unter des deutschen Fürsten
Dejotars Anführung dem Mitridates getane Abbruch. Pompejus seltzames
Krieges-Spiel / seine Flucht / der seinigen Verzweiffelung und seines Sohnes
Machars Verhängnis. Mitridates als ein Stief-Kind des Glücks von seinem eigenen
Gemahl der Stratonice verkaufft und verraten. Seine Leiche von seinem
leiblichen Sohne Pharmaces dem Pompejus zugesendet. Sein herrliches Begräbnis /
Grabstätt und prächtige Uberschrifft. Pompejens nach Rom gebrachte kostbare
Beute und Siegs-Gepränge. Der Römer daraus erwachsener Ubermut und Grausamkeit
gegen ihre gefangene Ausländer. Dieser ihre hertzhafte Entschlüssung und vor
die Freiheit aufgerichtete Kriegs-Fahnen / zu deren Haupt und Heerführer
Spartacus ein deutscher Ritter aus vorhergehender Wahrsagerei gewehlet wird.
Seine Tapfferkeit und Sieg wider die ihn aufsuchende Römer mit sein und seiner
Feinde Blut besiegelt. Der Deutschen verneuerte Treue durch keine Verhetzung und
Versprechnüss von Rom abwendig zu machen. Der Römer dagegen schlechte Vergeltung
und Undanckbarkeit bringt sie wieder in Harnisch / und machet ihren Hertzog
Catugnat mehrmals wider sie sieghaft / letzt aber dem wanckelbaren
Kriegs-Spiele unterwürffig. Diese des Malovends Erzehlung heisset die natürlich
untergehende Tages- und die dem Hertzog Herrmann an Tussneldens Hochzeit-Feier
aufgehende Liebes-Sonne endigen / und die fernere Erzehlung der Deutschen und
Römer insonderheit des Käysers Julius und seines Nachfolgers Augustus
aufskünftige verschieben.
 
                               Das Sechste Buch.
Die Sterne stunden noch am Himel / und der ganze Hof lag noch zur Ruh / als ein
Cattischer Edelmann dem Hertzog Arpus und Fürsten Catumer zu wissen machte: dass
beider Gemahlinnen Erdmut und Rhamis nur drei Meilen von dannen auf einem
Lustause des Feldherrn ankommen wären; derer erstere / als der Fürstin
Tussnelda nahe Bluts-Freundin / bei dieser Vermählung die Mutter-Stelle
vertreten sollte. Diese Post erweckte anfangs diese zwei Cattische Fürsten;
Hernach aber / als Fürst Adgandester hiervon Nachricht kriegte / und dem
Feldherren beibrachte / alle Grossen. Denn iederman war über dieser Ankunft
erfreuet. Also ward von allen Deutschen Fürsten Befehl erteilet fertig zu
machen / diese annehmliche Gäste zu bewillkommen. Der Feldherr alleine blieb
zurück /und verschloss sich wegen wichtiger Schreiben in sein Zimmer / befahl
aber dem Fürsten Adgandester: dass er bei fast einsamen Hoffe die fremden Fürsten
inzwischen annehmlich unterhalten sollte. Wie nun das hertzogliche Schloss
derogestalt von allen Häuptern gleichsam ausgeleeret ward / führte Adgandester
die fremden Gefangenen / oder vielmehr annehmlichen Gäste / auf die neue
Rennebahn / und zeigte ihnen alle Anstalten / die der Feldherr zu herrlicher
Begehung seines Beilagers angeordnet hatte. Nachdem sie auch mit unterschiedenen
Rennen sich erlustigt / verfügten sie sich in den Lustgarten; da sie die Königin
Erato mit Saloninen und etlichem andern Frauenzimmer /welches die Fürstin
Tussnelda zurück gelassen hatte /antraffen; und nach gegen sie bezeugter tieffer
Ehrerbietung erkundigten; mit was für Annehmligkeit sie einander in dieser
Einsamkeit unterhielten. Die holdselige Erato berichtete hierauf: dass sie ihr
die Ankunft und Beschaffenheit der beiden Cattischen Hertzoginnen; denen der
ganze Hoff entgegen gezogen wäre / hätte erzählen lassen; und von ihnen so viel
gutes vernommen: dass sie eine grosse Begierde hätte sie nur bald zu umarmen /
und sich um ihre Gewogenheit zu bewerben. Ihr Vorwitz hätte sie auch ferner
getrieben den Uhrsprung der Liebe zwischen dem Feldherren und der auserwehlten
Fürstin Tussnelda /wie nichts minder der von ihrem Vater hierüber geschöpfften
Gramschaft zu erforschen. Worvon ihr die anwesende Nassauin zwar ein Teil zu
eröfnen Vertröstung / hiernebst aber diese Anweisung getan hätte: dass sie alle
Umstände von niemanden besser /als dem Fürsten Adgandester / welchem Hertzog
Herrmann iederzeit sein Hertze mit allen Heimligkeiten vertraut hätte / ja ein
treuer Gefärte seines Glücks gewest wäre / vernehmen könnte. Aber sie trüge
nicht unbilliches Bedencken ihm nicht nur eine so beschwerliche Bemühung /
sondern auch die Eröffnung derselben Heimligkeiten anzumuten; welche die
Liebhaber insgemein verborgen wissen wollten; weil sie davon den Aberglauben
hätten: dass wie die Sonne den Glantz den Sternen / also die Wissenschaft den
Zucker der Liebe benehme. Jedoch könnte sie ihn wohl versichern: dass die
holdselige Tussnelda ihr selbst nichts hiervon zu verschweigen Vertröstung
getan hätte. Adgandester bezeugte gegen die Königin ein absonderes Verlangen
ihr zu gehorsamen / und trüge er selbte zu eröffnen kein Bedencken. Sintemal er
wohl wüste: dass er hierdurch nichts / was sein Herr und Tussnelde für ihnen
verschwiegen haben wollte / entdeckte. Nicht zwar / weil ihnen vieler Eitelkeit
anklebte / welche ihre Liebe für unvollkommen / oder nicht für genung
eingezuckert hielten / wenn nicht auch andere darvon wüsten; und gleichsam an
ihrer Ergetzligkeit teil hätten; sondern vielmehr / weil beider Liebes-Fackeln
alles Rauches befreit wären; also: dass sie allen andern Liebhabern wohl ein
Licht /niemanden aber kein Aergernüss abgeben könten. Und irrete ihn nichts: dass
Segestes selbst diese reine Glut nicht nur auszuleschen / sondern auch zu
schwärtzen sich auf alle Weise bemühete. Denn wie die von der Erden
aufsteigenden Dünste es die Sonne zu beflecken nicht endeten / gleichwol aber
durch ihre Zerrinnung der angefeuchteten Erde wider ihr Absehn Nutzen schafften;
Also benähme die Verleumdung denen Stralen der Tugend nicht den geringsten
Funcken; ja sie verursachte mit ihrem Schatten vielmehr: dass sie desto heller
leuchtete / und ihren Lauf mit so viel mehr Ehre vollendete. Hertzog Rhemetalces
fiel ein: Er wollte wohl nicht gerne der Königin Verlangen /und ihrem aus Anhörung
einer so merckwürdigen Liebes-Geschichte bereit durch den Vorschmack der
Hoffnung geschöpfften Vergnügen den minsten Abbruch tun; weil er aber bereit
diese Nachricht hiervon hätte: dass die Erzehlung in andere wichtige Reichs- und
Kriegs-Begebenheiten Deutschlands einfallen würde; stellte er zu der Königin
Entschlüssung: Ob nicht Fürst Adgandester zu vermögen wäre / ihnen vom
Uhrsprunge an der Deutschen Geschichte / und insonderheit die mit denen Römern
und Griechen gehabte Vermengungen vorher entwerffen / und dardurch des Feldherrn
Herrmanns Taten ein Licht geben wollte. Erato versetzte: sie wäre für diese gute
Erinnerung dem Fürsten Rhemetalces hoch verbunden / noch höher aber würde sie es
gegen den Fürsten Adgandester sein; wenn er sie alle mit einer hochverlangten
Nachricht zu beglückseligen erbittlich sein möchte. Adgandester antwortete: Er
wäre so begierig als schuldig hierinnen zu gehorsamen; Sein einiges Bedencken
wäre nur: dass seine Erzehlung einer so lieblichen Gesellschaft mehr Eckel als
Anmut verursachen / er auch in einigen Umständen / die dem Fürsten Malovend
zweiffelsfrei besser kundig wären /irren / und also seine übrige Berichte
verdächtig machen dörffte. Alle Anwesende nahmen seine Erklärung für bekandt auf
/ und versicherten ihn ihrer hohen Vergnügung; da er ihnen von Grund aus und
umständlich alles fürtragen würde; weil dieser ihnen freigelassene Tag durch
keine bessere Lust zu verkürtzen wäre / ihnen auch diese Gelegenheit nicht so
bald wieder kommen möchte. Adgandester erinnerte hierauf: Man möchte seine
Erzehlung desshalben nicht bald als unwahrhaft verdammen; wenn selbte nicht in
allem mit den Römischen Geschichtschreibern / welche ihrem Volcke bissweilen zu
sehr geheuchelt /übereinstimmete. Die aufrichtige Entdeckung der Deutschen
Fehler und Niederlagen würden hoffentlich ihm auch im übrigen desto mehr Glauben
erwerben. Zeno begegnete ihm: Er möchte desshalben den minsten Kummer haben; weil
nicht nur die Deutschen /sondern auch die Griechen und andere Völcker hierüber
eine gleichmässige Klage führten / und ein überaus grosser Unterscheid zu lesen
wäre / von dem /was die Römer und Fremde von ihren Africanischen und Partischen
Kriegen aufgezeichnet hätten. Da doch die Warheit der Kern und die Seele eines
Geschichtschreibers / die Heuchelei aber ein vergänglicher Firnüss wäre / welchen
die Zeit nichts minder von scheltbaren Taten / als das Alter die Schmincke von
runtzlichten Wangen abwischte. Fürst Malovend setzte auch diese absondere
Vertröstung bei: dass er mit seinen Erinnerungen ihm auf den unverhofften
Notfall nicht entfallen wollte; weil er zumal dem Fürsten Zeno und Rhemetalces
noch in der Schuld wäre / die Begebenheiten der beiden Feldherren Aembrichs und
Segimers zu erzählen. Adgandestern waren hiermit alle ohne diss nur von seiner
Höfligkeit eingeworffene Ausflüchte abgeschnitten; dahero er denn / nach dem die
Königin Erato / Saloninc nebst dem andern Frauenzimmer / Fürst Zeno und
Rhemetalces sich in einem anmutigen Gesträuche in einen Kreis niedergelassen
hatte; folgende Erzehlung anfing.
    Es hat mit den Ländern in der Welt und dem Meere / oder denen Wolcken
einerlei Beschaffenheit. Die Flüsse / die das Meer in sich verschlinget / giebet
es durch geheime Wasser-Röhren aus den Gebürgen wieder von sich; die
schwämmichten Wolcken drücken ihre Feuchtigkeit wieder auf den Erdbodem aus
/woher sie empor gedampfft waren. Und die vor anderwärts her bevölckerten Länder
überströmen und besämen hernach andere. Denn ob zwar insgemein geglaubet wird /
dass Menschen und Tiere von Anfang nicht anders als die Piltze / oder die
Egyptischen Mäuse aus dem Erdbodem / und zwar anfangs nicht in solcher
Vollkommenheit / sondern hesslich und gebrechlich gewachsen wären; Wesswegen die
Egyptier aus ihres Landes annehmlicher Fruchtbarkeit / die Scyten aber aus der
Höhe ihrer Gebürge zu behaupten vermeint: dass die ersten Menschen bei ihnen aus
dem fetten Leime gewachsen / oder doch von denen im Nil schwimmenden
Wasser-Leuten gezeuget worden wären; so ist doch bei uns Deutschen eine
beständige von unsern Ahnen herrührende Sage: dass Gott in Asien nur einen Mann /
nämlich den Tuisto und ein Weib Herta aus einem Erdschollen erschaffen habe.
Dessen Sohn wäre Mann / sein Enckel Ascenas gewest; welcher aus Phrygien über
die Meer-Enge und den Ister-Strom zum ersten Deutschland besessen /und durch
seiner dreien Söhne Jugävon / Hermion und Istevon Nachkommen derogestalt
erfüllet hätte: dass sie hernach viel andere Länder zu besetzen genungsamen
Uberschuss gehabt. Sintemal die Natur die kalten Nordländer für dem heissen
Sud-Striche mit mehrer Fruchtbarkeit beschencket / also: dass Mitternacht die
Scheide der Völcker genennet zu werden verdienet hat. Unter diesen Deutschen
Propfreisern sind die ersten gewesen die Gallier; welcher Sprache noch ein
Kennzeichen ist: dass so wohl sie als das Volck selbst von uns / nicht aber von
Galaten / dem geträumten Sohne des Hercules entsprossen. Ja von den alten
Griechen und Römern alles / was zwischen dem Pyreneischen Gebürge biss an das
schwartze Meer und die Ost-See lieget / mit dem Nahmen Galliens belegt / und
also die Deutschen insgemein für Gallier gehalten / diese aber zu Nachbarn der
Scyten gemacht worden; da doch der Rhein die eigentliche Gräntze der Gallier
und Deutschen ist. Wiewol nicht zu leugnen: dass anfangs auch ein Teil von des
Javans Nachkommen aus denen Egeischen Eylanden /und hernach die für dem
Persischen Joche sich flüchtenden Phocäer / nach dem sie vorher mit dem
Römischen Könige Tarqvinius ein Bündnis gemacht / an dem Rhodan niedergelassen
hätten. Und eben diese Vermischung ist hernach die Ursache der zwischen diesen
beiden verschwisterten Völckern itzigen so merckwürdigen Unähnligkeit und vieler
andern Verenderungen gewest. Es ist bekandt: dass die Einwohner der Nordlande /
ungeachtet sie sich mit einem Weibe vergnügen / viel fruchtbarer als die des
heissen Sudstrichs sind. Aus dieser Ursache ward Deutschland / Sarmatien und
Gallien seinen Völckern endlich zu klein / und daher entstanden zwischen denen
Deutschen / und denen nicht minder fruchtbaren Sarmatern der Gräntzen halber die
ersten Kriege; Wiewol diese zwei streitbare Völcker sich auch mehrmals mit
einander vereinbarten / und der übrigen Welt gegen einander ein Schrecken
einjagten. Insonderheit kam Galates / der Deutschen König / zur Zeit des zu
Troja herschenden Ilus / seiner Macht und Tapfferkeit wegen in grosses Ansehen;
und was die aus Deutschland entsprossenen Amazonen in Asien und Africa für
Wunder getan / ist ohne diss Weltkündig. Weil nun die sich in Gallien
vermehrenden Völcker wegen der ihnen im Wege stehenden zweien Meere und Gebürge
nicht so wohl ausbreiten konten / wurden die aus Deutschland in Gallien
gekommenen / und ziemlich ins Gedrange gebrachten Bojen unter dem Gebiete des
Königs der Bituriger Ambigat genötigt / die Deutschen anzuflehen: sie möchten
ihnen ein Stücke Landes in ihrem alten Vaterlande einräumen. Worauf sich ihrer
viel tausend unter dem Heerführer Sigovesus /des Königs Schwester Sohne / in dem
ihnen angewiesenen Hercynischen Walde an dem Muldau-Strome niederliessen / auch
alldar blieben sind / biss sie unlängst der Marckmänner König Marobod über die
Donau vertrieben hat. Weil aber die Bojen nicht alle in dem volckreichen
Deutschlande raum hatten / traf des Sigovesus Bruder / den Bellovesus / das Los
/über denen Himmel-hohen Alpen / welches für ihm kein Mensch als Hercules
überstiegen haben sollte /eine Wohnstadt zu suchen. Zu den Bojen schlugen sich
viel tausend Schwaben und Alemänner; iedoch schiene der ganzen Welt Macht nicht
genung zu sein / durch die Mauern Italiens / nämlich die so steilen und von der
Natur mit unvergänglichem Schnee verwahrten Gebürge einen Weg zu brechen. Sie
versuchten an vielen Orten / aber vergebens. Endlich fand sich zum Bellovess ein
Helvitischer Schmied / welcher gleich aus Italien kam / und getrocknete Feigen /
frische Weintrauben / Oel / und andere denen Deutschen unbekandte und für ein
Meer-Wunder gehaltene Früchte mit brachte / und darmit den Bojen und Deutschen
die Zähne sehr wässricht machte. Die Lüsternheit nach so süsser Kost / und nach
einem so glücklichen Lande schloss ihnen die Alpen auf; ungeachtet sonst der vom
Elico gewiesene Fusssteig für ein so grosses Volck viel zu enge oder zu
beschwerlich gewest wäre. Also fanden sie durch die Taurinischen Steinklüffte
den Eingang gleichsam in eine neue Welt; und zwar zu der Zeit: als Tarqvinius
Priscus zu Rom herrschte / und die Phocäer gleich sich an dem Rhodan
niederliessen. Die Tuscier kamen ihnen zwar an der Cicinischen Bach mit
volckreicher Heeres-Krafft entgegen; alleine der Deutschen erster Anblick
streute ihren Vortrab von sammen; und die damals den Vorzug habenden Allemänner
traffen auf in den lincken Flügel gestellten Vieberer und Lepontier mit solcher
Gewalt: dass sie im ersten Ansatze alsbald verwirret / und kurtz hierauff in
völlige Flucht gejagt wurden. Die Tuscier und Tauriner erwarteten nicht einst
der andringenden Celten / Helvetier und Marckmänner; und kamen in wenig Stunden
über zwantzig tausend Feinde meist im Wasser und in Abstürtzung über die
Steinklippen um. Denn wenn in einer Schlacht-Ordnung nur ein Fadem zerreist /
geht unschwer ihr ganzes Gewebe auf; und das Schrecken macht die Flüchtigen so
alber oder so blind: dass sie /umb einem verzweiffelten Tode zu entrinnen / dem
Gewissen selbst spornstreichs in die Armen rennen. Mit dieser einigen Schlacht
war es auch gleichsam ausgemacht. Denn als die Besiegten erfuhren: dass die
Deutschen im Kämpffen ärger / als wütende Tiere /im Leben aber tugendhafter
und gerechter als andere Völcker waren / räumten sie ihnen zwischen dem Flusse
Ticin und Addua ein Stücke Landes ein / und Bellovesus baute zu seinem Sitze die
Stadt Meiland; wiewol nach deutscher Art ohne einige Befestigung. Wie nun eines
Vorgehers Fussstapfen richtige Wegweiser / und anderer Glückseligkeiten
annehmliche Lock-Bären sind; Also folgte nach 76. Jahren ein abgefundener
Hertzog der Allemänner Elitoro mit seinen übrigen Landsleuten dem Bellovesus auf
der Spure nach / welche zwischen denen Cottischen Alpen durch ihre Verwegenheit
ihnen einen Weg bähneten; und weil Elitoro im Gefechte ihnen allezeit zurief:
Fechtet ihr kühnen Männer / den Nahmen Cenomånner erwarben. Diese setzten mit
des noch lebenden Bellovesus geheimer Einwilligung über die Ströme Ticin /
Lamber und Addua / und bemächtigten sich nach wenigem Wiederstande zwischen den
Flüssen Humatia / Ollius / Cleusis und Mincius biss an dem Po des ganzen
Landstriches; und bauten daselbst die Städte Brixia /Beromum und Bedriach. Die
alten Einwohner die Tuscier wurden durch die Deutschen derogestalt verdrungen;
und mussten sie ihr fettes Land nur mit dem Rücken ansehen / und Feuer und Herd
zwischen denen steilesten Gebürgen oberhalb dem Sebinischen See um den Uhrsprung
des Flusses Zen / Atesis und Ollius aufschlagen / da sie von ihrem Führer
Rhetus die Rhetier genennt wurden / und nach und nach aus einer halb gebrochenen
Sprache alle Arten ihres Vaterlandes verlernten. Weil nun auch der tiefste Fluss
nur so lange sein Ansehn behält / biss man einmal einen Furt dardurch gefunden;
und ein zwei mal überstiegener Zaun zum gemeinen Fusssteige wird; nahm Hertzog
Medon / von welchem der fromme Metellus sein Sprichwort entlehnet: Wenn er
wüste: dass sein Hemde seine Anschläge wüste / wollte er es verbrennen; mit
zwantzig tausend Deutschen von dem Saal-Strome her / durch denselbigen Weg
seinen Zug in Italien. Er stellte sich anfangs / als wenn er über den kleinern
Fluss Duria gegen die Brunnen des Po einbrechen wollte; liess auch gegen selbigem
Landstriche den Ritter Eberstein mit seiner Reuterei allentalben Lermen machen;
wesswegeñ die Feinde fast alle ihre Macht an selbigen Strom legten. Uber welche
er oberhalb der Stadt Ocelum einen herrlichen Sieg wider die viel stärckeren
Feinde erhielt / und mehr zum Scheine als aus Andacht / hernach dem Kriegs-Gotte
daselbst einen Tempel baute. Medon aber wendete sich mit seiner rechten
Heeres-Krafft gegen dem Flusse Orgus / und dem grösseren Duria / und behauptete
nach etlichen wenigen Treffen seine Herrschaft von dem Uhrsprunge des Flusses
Arcus und Durentia biss an den Strom Sessites. Sein Volck / welches anfangs von
ihrem väterlichen Flusse die Salier oder Saal-Länder genennet ward / erwarb von
ihrer Eintracht und gegen einander bezeigten Liebe den Nahmen der Liebitier;
sein zwölfter Nachkomme Cottius pregte selbigem Gebürge seinen Nahmen ein /
erweiterte seine Herrschaft / und erwarb nichts minder in Italien ein grosses
Ansehen und den Titel eines Königes / als bei den Römern eines Bundgenossen.
Unterdessen ward das zwischen dem Krantze der Hercynischen Gebürge begriffene
Land den fruchtbaren Bojen / und der Strich zwischen der Weichsel und Oder denen
Logionen und Lygiern auch zuklein /daher erhob sich beider Völcker Uberschuss
unter dem Lingo und setzte über den Rhein / erlangte bei den Helvetiern aus
Freundschaft / bei den Rhetiern aus Furcht freien Durchzug / kam also über die
Penninischen Alpen in Italien; Und weil die lincke Seite an dem Po schon mit
Deutschen angefüllet war / setzte er nach Erbauung der Stadt Laus an dem Flusse
Lamber durch ihrer Landsleute Vorschub bei dem Einflusse des Mincius mit den
Flössen über den Po. Die Hetrurier und Umbrier hielten zwar das Ufer mit viel
tausenden besetzet. Hertzog Lingo aber / welchen die Italiäner seiner Länge
halber einen Storch oder Liconius hiessen / warf bei dem zweifelhaften
Gefechte das Kriegs-Zeichen / darauf des Tuisco Haupt gebildet / und als ein
heiliges Glücks-Bild aus einem Hercynischen Heine an der Moldau mit genommen war
/ auf das feindliche Ufer mitten unter die Umbrier. Die Deutschen / welche
tausend mal lieber ihr Leben / als diss Heiligtum zu verlieren gemeinet waren /
fingen hierüber nicht mehr als Menschen /sondern als wütende Bären an zu
fechten; also: dass die Feinde sie anfangs am Lande mussten lassen festen Fuss
setzen / hernach gar das Feld råumen. Die Fluchtigen wurden biss an den Berg
Sicimina / und an den Fluss Gabellus verfolgt. Welches kurtz hernach Servius
Tullius in ihrer Schlacht gegen die Sabiner /Furius Agrippa / als er wider die
Hernicher / und Qvintus-Capitolinus / als er wider die Phalisker kämpfte / ihm
glücklich nachtäten. Nach dem die Bojen sich zwischen dem Flusse Tarius / Nicia
und Gabellus feste gesetzt hatten; und ihnen noch wohl 10000. ihrer Landsleute
nachkamen / rückten sie ferner. Die Umbrier begegneten ihnen abermals an dem
Flusse Scultenna. Wie nun Hertzog Lingo seine Bojen und Logionen in die
Schlacht-Ordnung gestellt hatten / schlug der Donner nahe für ihm in eine über
dem Strome stehende Eiche. Welches die Umbrier nicht wenig erschreckte / Lingo
aber deutete diesen Zufall für ein gewisses Zeichen des Sieges aus; redete
hiermit sein Volck an: Sehet ihr wohl: dass der Himmel uns selbst den Weg weiset /
und wider unsere Feinde zu kämpfen den Anfang macht. Worauf denn nicht nur seine
Reuterei behertzt durch das Wasser setzte; sondern das Fussvolck schwã mit
entblösten Waffen durch den Strom; und es währete keine Stunde / waren die
Umbrier in der Flucht / ihr Hertzog gefangen; Das Ende der Verfolg- und
Niedermachung aber endigte sich allererst auff die sinckende Nacht / und an dem
Flusse Rhenus. Rhemetalces brach allhier ein / und fing an: Es ist ein
Meisterstücke / wenn ein Heerführer solche Zufälle zu seinem Vorteil brauchen
kann; und erinnere ich mich: dass Chairias / als für seiner zum Treffen fertigen
Schiff-Flotte der Blitz gleichfals niederschlug / er auff des Lingo Art ebener
massen sein Kriegsvolck anfrischte. Und Epaminondas / als des Nachts eine
brennende Fackel mitten in sein Heer fiel; fing zu selbten an: Freuet euch / die
Götter stecken uns selbst Lichter auf. Ja / sagte Zeno / dieses aber ist noch
ruhmlicher / wenn ein scharfsinniger Feldherr aus Unglücks-Zeichen zu seinem
Besten verdrehen kann; wie eben dieser Epaminondas; welcher /als der Wind von
einer aufgesteckten Lantze seine Hauptbinde in eines Spartaners Grab wehete /
und hierdurch seine Tebaner heftig erschreckt wurden /darüber diese Auslegung
machte: Fürchtet euch nicht / den Spartanern hengt der Untergang zu. Denn die
Zierden der Gräber sind Leichen. Und als ein ander mahl der Stul unter ihm
zerbrach / sprang er freudig auf / und sagte zu seinen solches übel-deutenden
Kriegesleuten: Auf / auf! denn ich sehe / wir sollen nicht stille sitzen. Nicht
unglücklicher deuteten Scipio / und Käyser Julius ihre Fälle vom Schiffe auff
die Erde aus; als jener anfing: Gott lob! ich erdrücke Africa; und dieser: Ich
umfasse die Erde unsere gütige Mutter. Adgandester setzte bei: dass ein
Celtischer Feld-Oberster bei einem sich in der Schlacht ereignenden Erdbeben
sein erstarrendes Kriegsvolck mit diesen Worten: Nun die Erde für uns bebet /
wie mögen die Feinde gegen uns stehen / auffmunterte; und der Feldherr Marcomir
erhielt sein Heer / als gleich der rechte Flügel in die Flucht geriet / mit
dieser Zusprache: Ich sehe wohl: dass wie im Menschen /also auch in meinem Heere
das Hertze nur in der lincken Seite sei / im Stande / und darmit den Sieg. Unser
Hertzog Lingo aber schlug die Umbrier zum dritten mal bei dem Flusse Vatrenus /
und erweiterte zwischen dem Po und Apennin sein Gebiete vom Flusse Tarus an /
biss an den Rubicon. Dieses war der Deutschen und Gallier Zustand in Italien /
biss nahe in die zwei hundert Jahr / nach des Bellovesus erstem Einbruche.
Unterdessen aber liessen sich die nunmehr halb entfremdeten Gallier mehrmals
gelüsten ohne der Deutschen Einwilligung ihr übriges Volck / welches ihre
Gräntzen nicht mehr zu beherbergen vermochte /über den Rhein zu setzen; auch wohl
oft sonder einige Not aus blosser Leichtsinnigkeit allerhand Raub zu holen.
Die Deutschen begegneten den Galliern anfangs mit Glimpf / und vergnügten sich
an wieder-Ahnehmung des Raubes / oder liessen auch die Gallier unversehrt über
den Rhein und die Gräntze zurück führen. Hierbei vermahneten sie die Häupter der
Gallier: sie möchten die ihrigen im Zaume halten; auser dem würden sie Gewalt
mit Gewalt ablehnen / und gegen die der alten Verwandschaft vergessen / welche
vorher den gemeinen Frieden / und das Völcker-Recht verletzten. Der Gallier
König Katumand entbot den Deutschen hochmütige Antwort: der Furchtsamen
Eigenschaft wäre sich mit dem Seinen vergnügen / streitbare Völcker und
grossmütige Könige pflegten um fremdes Gut zu kämpffen. Zu dem könten die
Deutschen den Galliern nicht übel auslegen / was sie unter einander selbst
ausübten. Es wäre unlaugbar: dass die Deutschen wilde Tiere zu jagen / und
schwächere Menschen / welche gleichsam zum Gehorsam geboren wären / zu rauben /
oder ihm untertänig zu machen für ein gleichmässiges Recht / ja einen andern /
der nicht ein Glied seines Gebietes /oder mit ihnen im Bündnisse wäre / zu
tödten für einen Helden-Ruhm / die um sein Land aber rings herum gemachte
Wüstenei für eine lobwürdige Befestigung der Gräntzen hielten. Diese Gewohnheit
wäre nichts minder bei den alten Griechen und Hispaniern im Schwange gegangen /
und derogleichen Einfall wäre sonst der mehr als brüderlich-verträglichen
Triballier tägliches Handwerck. Die Rhetier rechtfertigten durch dieses
Völcker-Recht ihre mehrmals in Italien verübte Raubereien. Krieg wäre so wohl der
Menschen als derer ohn Unterlass gegen einander kriegender Fische erster und
natürlicher Zustand; die Furcht /nicht aber die gegen einander tragende Liebe
und Verwandschaft die Ursache derer Gemeinschaften und Bündnisse. Wenn auch
schon benachbarte und unverbundene Völcker einander nicht stets in Haaren lägen
/ wäre diss für keine angebohrne oder ihrer menschlichen Art gemässe Eintracht /
sondern nur für einen aus verwechselter Furcht entspringenden Stillestand zu
halten; indem einen nur entweder seine Schwachheit und heimliche Wunden / oder
des Nachbarn Kräffte oder Bündnisse vom Angriffe zurücke hielten. Deshalben
hätte die Natur den Menschen nicht allein gleicherlei Waffen gegeben / und ins
gemein des einen Schwäche in Gliedern mit der Geschickligkeit zu seiner nötigen
Beschirmung ersetzt / sondern auch die Ehre einen andern in etwas zu übertreffen
/oder ihm zu gebieten / als einen rechten Zanck-Apfel in der Welt aufgeworffen.
Des einen Vorzug aber ziehe nach sich des andern Verachtung / und also eine
rechtmässige Ursache der Beleidigung. So strebte des Menschen Gemüte auch von
Natur nach dem besten / und also nach einerlei Dinge; welches aber selten
teilbar wäre / also ein unvermeidliches Zanck-Eisen abgeben müste. Die mehr
tapferen als Rachbegierigen Deutschen kamen ungerne daran: dass sie mit ihren
Bluts-Verwandten brechen; und durch eigene Schwächung der aufachtsamen Nachtbarn
Uberfall ihnen auf den Hals ziehen sollten. Diesemnach schickten sie drei ihres
Alters / Heiligkeit / und Beredsamkeit halber in grossem Ansehn sich befindende
Priester an den König Catumand / welche ihn von Verübung mehrer Feindseligkeit
abwendig machen sollten: diese hielten ihm bescheidentlich ein: Unzeitige
Begierde frembden Gutes ziehe meist nach sich den Verlust des eigenen. Der
Gallier ungerechtes Recht vermöchte zwar nicht ihre / aber wohl die Waffen der
Deutschen wider sie zu rechtfertigen. Treffe ihre Beschuldigung einen oder den
andern / so hätten doch die meisten und vernünftigsten Deutschen ohne Begierde
fremden Reichtums / ohne blinde Rachgier oder eitele Ehrsucht durch
Gerechtigkeit in ihrem Ansehn zu bleiben getrachtet; ihre Grossmütigkeit mit
Ruhme besänftiget / keinen unnötigen Krieg angehoben / und den Nachbarn
vorsetzlich keinen Schaden getan. Hingegen hielten sie für das einige Merckmal
der Tugend und Stärcke / ihre Ober-Herrschaft durch kein Unrecht befestigen;
den Beleidigern alsofort die Spitze bitten /und bei seiner Ruhe gleichwohl für
einen nur schlafenden Löwen gehalten werden. Wir Menschen wären alle eines
Vaters Kinder / und also das ganze menschliche Geschlechte einander mit
Blut-Freundschaft verknüpft. Die wilden Tiere kämpften nicht leichtlich wider
ihr eigenes Geschlechte. Die den Menschen verliehene Gleichheit der Kräfften
riete ihnen die Beleidigung vernünftig ab; daher wäre derer Friede / welche mit
einander noch nicht die Kräfften gemessen hätte / und also gleicher Stärcke zu
sein schienen / der beständigste; die Eintracht aber in alle Wege der natürliche
Zustand der Menschen; und der gesunden Vernunft nichts ähnlicher: als niemanden
beleidigen / iedermann bei dem Geniesse des Seinigen lassen; und was er ihm
nicht getan wissen will /an andern nicht ausüben. Ehrsucht / Geitz / und
Misstrauen als Ursachen des Krieges wären keine Eigenschaft aller / sondern eine
Miss-Geburt vieler menschlichen Gemüter; welche die Vernunft / die den Mensche
von dem Vieh unterscheidete / in der ersten Blüte / als schädlich und
unanständig / tödte sollte. Zu dem könten dardurch wohl etliche / nicht aber das
ganze Geschlechte beleidigt werden. Herentgege empfinde ieder Mensch in der
sichersten Einsamkeit /wo er das minste nicht zu fürchte hätte / gleichwohl eine
Begierde nach seines gleichen. Diese Zuneigung würde noch mehr gereitzet von der
allgemeinen Dürftigkeit; und hätte die Natur nicht aus Missgunst / sondern um uns
durch Woltate aneinander zu verknüpfen / den Menschen ohne Zähne der
Wald-Schweine /ohne Klauen der Panter / ohne Schnautze der Elefanten / ohne
Harnisch der Crocodile / schwach und nackt geschaffen. Seine Waffen wären
Vernunft und Gemeinschaft. Diese verliehe ihm die Herrschaft über alle
Tiere; diese tue ihm in Kranckheiten nötige Handreichung / diese sei sein
Gehülffe im Alter; sein Trost bei empfindlichsten Schmertzen. Also könne der
Mensch sich selbst nicht / sondern zugleich auch andere lieben. Welcher Vater
ziehet den Nutzen der Kinder nicht seinem eigenen für? Welche Mutter fürchte
ihren Untergang / umb ihr Kind zu erhalten? Uber diss hätte wegen anderer / nicht
seiner selbst halben die Natur dem Mensche eine Sprache / und die
Geschickligkeit einen andern zu unterweisen verliehe. Das Vieh ergötzte sich in
Einöden / Hölen und Raub; der Mensch aber genisse die Süssigkeit seines Gutes
erst in der Mitteilung / und vergässe seines Unglücks unter der Gesellschaft
und hülfbarer Beispringung. Ja da Ertzt nud Steine / Kräuter und Bäume aus einer
verborgenen Zuneigung sich mit einander verknüpften / lieffe der Vernunft
zuwider: dass nicht auch diese /sondern vielmehr widrige Furcht der Ursprung
menschlicher Gemeinschaft sein sollte. Also sollten sie sich des allgemeinen
Völcker-Rechts bescheiden /sich ihres gemeinen Ursprungs erinnern / und
versichert leben: dass es den Deutschen weder an Hertze noch Kräfften fehle
Gewalt mit Gewalt abzulehnen /und durch die Waffen den Frieden zu befestigen /
zu dem die Gallier nicht durch vernünftiges Einreden sich verstehen wollten.
Alleine die Gallier gaben nicht nur ein Lachen drein / sondern Katumand / nach
dem er mit den Massiliern Friede und Bündnis gemacht /brach mit einem starcken
Heere bei denen umb die Brunnen der Donau wohnenden Celten ein / derer Hertzoge
des Semnoner Hertzogs Brennus Schwester zur Ehe hatte; und tät mit Raub und
Brand unsäglichen Schaden. Diese Celten machten es dem damals seiner Tapferkeit
wegen berühmten Hertzoge der Semnoner Brennus zu wissen. Dieses Volck ist das
älteste und edelste unter den Schwaben / und ist von der Elbe an Ostwerts an der
Spreu / der Oder und Warte über hundert Dorfschaften eingeteilet. Wie die
Gesandten beim Brennus ankamen / verfügte er sich alsbald mit den fürnehmsten
Semnonern in den zwischen der Oder und dem Bober ihrem Gotte geweihete / und bei
ihren Vor-Eltern vieler Wahrsagungen wegen hoch verehrten Wald. Alle trugen an
Füss- und Beinen Fessel; umb anzudeuten: dass an diesem heiligen Orte / als dem
Uhrsprunge ihrer Macht / niemand als Gott herrschete / für welchem sie alle
Knechte und Sclaven / ausser dem aber keinem Mensche in der Welt unterworffen
wären. Weñ auch in diesem Walde ungefehr iemand zu Bode fällt / darff er weder
selbst aufstehen / noch iemand anders ihm aufhelffen / sondern er muss / gleich
als er allhier Gott in seine Hände gefallen wäre / umbkommen. Brennus liess
allhier alsofort einen Gefangenen zum Opfer abschlachten; und nachdem der
Priester grosses Glück zu seinem Fürnehmen ankündigte / grieff er auf sein Haupt
/ welches mit einem von empor gesteckten Pfeilen gemachten Krantze umbgeben war
/ zoh einen daraus / und gab selbten dem Gesandten zum Wahrzeichen und
Versicherung: dass er mit seinen Semnonern ihnen unverlängt zu Hülffe kommen
wollte. Brennus übergab seinem Sohne die Herrschaft / und zohe mit seinem Bruder
Basan und zweimal hundert tausend Schwaben in Gallien. König Katumand begnete
ihnen mit einem mächtigen Heere / welches aber im ersten Treffen sonder grosse
Müh in die Flucht geschlagen ward. Denn die Gallier waren durch die Wollüste und
Sitten der Massilier sehr verzärtelt / und also ihre erste Tapferkeit nicht
wenig vergeringert worden. Katumand aber brachte in Eil durch Hülffe der
Massilier / und des Bisuntschen Königs Sigirin ein frisches Heer auf; welches
die Semnoner abermals aufs Haupt erlegten /und die Gallier und Massilier
nötigte ihnen den Frieden teuer abzukauffen; auch dem Brennus die Stadt
Agendicum mit ihrem Gebiete / denen Zelten aber zwischen dem Rhodan und dem
Pyreneischen Gebürge einen Kreis Landes einzuräumen. Dahingegen setzte sich ein
Teil der Semnoner umb den Berg Abnoba an der Celten statt unter dem Nahmen der
Marckmänner nieder. Denn der Bisuntische König Sigwin musste seine Tochter dem
Hertzog Brennus vermählen / und ihm die Stadt Aventicum mit dem Landstriche
zwischen dem Flusse Arola und Urbe zum Heirats-Gute abtreten. Des Brennus
Ehrsucht ward durch die wider die Gallier und Massilier erhaltene Siege so wenig
als das Feuer durch grosse Klufften Holtz ersättiget. Sein voriger Gewinn war
nur ein Zunder der Begierde mehr zu gewinnen; und weil in Deutschland alle
Lieder des Bellovesus / des Elitoco / des Medon und Lingo Helden-Taten eben so
/ wie des Tuisco und des Hercules heraus strichen / hielte er sich unwert den
Fürsten-Nahmen zu führen / und seine Schwaben nicht wert: dass sie Deutschen
hiessen; wenn sie nicht auch über die Alpen stiegen. Welches dazumal in
Deutschland eben so hoch; als bei den Griechen / wenn sie nach Colchis segelten
/ geachtet ward. Ja es war ihm verächtlich in anderer Fussstapfen zu treten / und
daher suchte er ihm mit drei hundert tausend Schwaben einen neuen Weg / setzte
über die Donau / ging durch das nunmehr auch mit Deutschen besämete Norich / und
über den Berg Alpius; von dem er an dem Strome Plavis herab / folgends durch das
Gebiete der von Troja an das Adriatische Meer gekommenen Veneter über den Po
fortging; und weil er es bei seinen Landesleuten nicht gedrange machen wollte /
am allerersten das Apenninische Gebürge überstieg. Die allhier ohne diss ins
Gedränge gebrachten Umbrier / welche nunmehr nicht mehr Land / sondern alleine
diesen letzten Winckel ihres vorhin weiten Gebietes nebst der Freiheit und dem
Leben zu verlieren hatten; boten mit ihrer eusersten Macht ihm an dem Flusse
Pisaurus die Stirne / gelobten auch dem Glücke an dem Adriatischen Meer auf
Einraten ihrer Wahrsager einen Tempel. Alleine die Tapferkeit überwieget aller
Örter Vorteil / und das Verhängnis den Aberglauben. Die Semnoner setzten im
ersten Anfalle an dreien Orten über den Fluss / und zwangen die Semnoner zu
weichen. Turnus / der Umbrier Hertzog / hielt zwar anfangs am Rücken seines
Heeres / und dräute den als seinen Feind zu empfangen / welcher ihm das Antlitz
/ und dem Feinde den Rücken kehren würde. Aber die Not zwang ihn bei Zeite für
seinem wanckenden Heer sich an die Spitze zu stellen. Er selbst ergrieff einen
seiner Fähnriche /als er gegen die Deutschen fortzurücken stutzte / bei dem Arme
/ und führte ihn an; einen flüchtigen Kriegs-Obersten erstach er mit eigner
Hand. Und weil alle Umbrier für dem blossen Anblicke des wie der Blitz alles zu
Bodem schlagenden Brennus zurücke wiechen / begegnete er ihm mit dem Kerne
seines Adels / mit einer Ruhmswürdigen Hertzhaftigkeit. Allein es giebet unter
den Gestirnen sechserlei / unter den Helden aber noch mehr unterschiedene
Grössen. Jeder Stern hat seine Vollkommenheit; gegen der Sonnen aber zeigen sie
durch Verschwindung ihre Gebrechen. Nicht anders ereignete sich zwischen dem
Brennus und Turnus / indem diesem von jenem nach einem merckwürdigen Kampfe das
Licht ausgelescht ward. Mit diesem Streiche wurden dem Umbrischen Heere zugleich
alle Spann-Adern verschnitten. Denn die hurtigsten hielten noch die Flucht für
das euserste Merckmal ihrer Treue; die meisten aber / und insonderheit die umb
Sold geworbenen / warffen die Waffen weg / und fielen dem Sieger zu Fusse / und
boten ihm als einem glücklichen Uberwinder ihre Dienste an. Sintemal die /
welche nicht aus Liebe des Vaterlandes / noch aus einem Eifer für den Wohlstand
ihres Herren / und aus Begierde der Ehre fechten / sich nicht bekümmern / wem
sie dienen / sondern nur für was. Es ist nicht ohne / fing Zeno an: dass
geworbene und umb Sold dienende Kriegsleute ins gemein mehr auf ihren Gewinn /
als auf ihren Ruhm / und des Volckes Heil ihr Absehn haben / und bei
umbschlagendem Glücke den Mantel nach dem Winde hängen; aber sie lassen sich
hingegen leichter im Zaum halten; und können durch lange Ubung besser
ausgewürckt werden / als die des Zwanges ungewohnte / und selten beständig
dienende Freiwillige / oder die / welche meist wechselsweise von den Ländern als
ein Aussschuss in Krieg geschickt werden. Adgandester versetzte: Kein Kriegs-Zwang
/ keine Waffen-Ubung trägt so viel zum Siege / als die Liebe des Vaterlandes
bei; welche ich bei denen / die aus dem Kriege eine Handlung machten / und mit
ihrem Gefechte wucherten / nicht antreffe. Daher / wenn einige Zufälle / oder
auch das Unvermögen der durch den Krieg ausgesogenen Länder verhinderte: dass
geworbenem Kriegs-Volcke der Sold nicht auf die Stunde bezahlt würde /lassen sie
aus Trägheit anfangs die Hände sincken; hernach geraten sie ins Luder; und wenn
man ihrer Trägheit und Mutwillen nicht durch die Finger sihet / machen sie gar
einen Aufstand / legen die Hand an ihre Befehlhaber / plündern ihre Länder / die
sie beschützen sollen / und verkauffen dem Feinde sich und ihre anvertrauten
Festungen. Durch welchen Fehler Cartago in grössere Gefahr eines gäntzlichen
Untergangs geriet / als es in dem Römischen Kriege kurtz vorher gewest war. Ich
bin / versetzte Zeno / eben der Meinung; wenn Fürst Adgandester die Werbung der
Ausländer verwirfft / welche freilich wohl mehr selbst zu fürchten sind / als
sich auf sie zu verlassen ist. Insonderheit stehet ein Reich schon auf dem
Fallbrete /wenn man eitel oder grösten teils fremdes Kriegs-Volck auf den
Beinen hat / und mit dem Schweiss und Blute eigener Untertanen besolden soll.
Alleine man muss Bürger und Eingebohrne werben / und also ein Heer mit der Liebe
des Vaterlandes / und mit der Schärffe der Kriegs-Gesetze vereinbaren; Ausländer
aber nur in solcher Anzahl / welcher man zum minsten dreifach überlegen ist /
zur Unterspickung in Dienste ziehen. Wenn ein Fürst dieses wahrnimt /wird es ihm
niemals an geübtem und treuem Kriegs-Volcke / auch nie an willigem Beitrage der
Kriegs-Kosten fehlen; dahingegen es schläfrig hergehet /wenn ein Kriegs-Mann
sich selbst verpflegen / oder ein Land seinen durchs blinde Los oder
unvernünftige Wahl in Krieg geschickten Ausschuss besolden soll. Das Heer sihet
so denn mehr auf das Volck / als den Fürsten; und hat dieser so wenig Ansehn /
als Vermögen grosse Streiche zu tun. Daher die Römer die ersten vierdtehalb
hundert Jahr / als die Bürger ohne Sold kriegten / kaum etlicher geringen
Land-Städte sich bemächtigten; nach dem sie aber bei Anxur dem Fuss-Volcke / und
im Vejentischen Kriege der Reiterei einen wiewohl geringen Sold an schlechtem
Kupfer-Gelde reichten / spielten sie in der Helfte so vieler Zeit in dreien
Teilen der Welt des Meisters. Adgandester antwortete: Ich stelle dahin: Ob der
Kriegs-Sold des Römischen Wachstum / oder nicht vielmehr die erste Schwäche der
Römischen Kindschaft / und die Schwerigkeit alles Anfangs die Hindernis
zeitlichern Aufnehmens gewesen sei. Ich glaube auch wohl: dass die Besoldung des
Kriegsvolcks dem Kriegs-Haupte mehr Gewalt zueigne; aber hiermit geht auch die
Freiheit auf Steltzen. Denn es ist kein sicherer Mittel einem Volcke das Seil an
die Hörner zu legen / als den Adel von der Notwendigkeit in Krieg zu ziehen
enteben / und die Bürger mit geworbenen Kriegsleuten beschirmen. Weswegen die
alten Deutschen / Sarmater und Scyten niemals zu bereden gewest wären / zu
Hause zu sitzen / und die Gemächligkeit süsser Ruhe der Beschwerligkeit des
Kriegs fürzuziehen; oder vielmehr ihre güldne Freiheit um den faulen Schlamm
eines stinckenden Müssiggangs zu verkauffen. Welchen Griffs sich Käyser Julius
meisterlich zu gebrauchen gewüst / als er für dem ihm bereit im Kopffe
steckenden Bürger-Kriege den Kriegs-Sold um des Heeres Gewogenheit zu gewinnen /
noch einmal so hoch gesetzt. Und August hätte es ihm ebenfals nachgetan.
Gleichwohl aber wäre das hierdurch verwähnte Römische Kriegs-Volck darmit nicht
vergnügt / sondern es hätte schon mehrmals durch Auffstand des Soldes
Vergrösserung gesucht. Uber biss hieraus erwachsende Ubel wäre der Kriegs-Sold
nicht nur ins gemein auch den vermögensten Ländern unerschwinglich / welche mit
Herbeischaffung des Kriegs-Gerätes und der Lebensmittel genug zu schaffen
hätten; sondern er wäre auch der Verkürtzung der Zahlmeister / der Verschwendung
der Kriegs-Obersten / und andern so vielen Unterschlieffen unterworffen: dass die
scharffsichtigste Auffsicht der redlichsten Befehlhaber selbten zu steuren viel
zu unvermögend wäre. Das allerärgste aber wäre: dass so denn unter denen Fahnen
unzehlbare blinde Lücken blieben / und dem Feldherrn tausend nie in der Welt
geweste Undinge / oder die Nahmen der längst Verstorbenen für Kriegsleute
verkaufft /derselben Sold in fremde Beutel gestrichen / und durch diese Blendung
die Fürsten eines auff den Rollen starcken / im Felde aber schwachen Heeres zu
unvernünftigen und höchstschädlichen Entschlüssungen verleitet würden. Welcher
Betrug hingegen mit Benehmung der Gelegenheit von dem Solde schnöden Gewinn zu
machen hinfiele / und also viel heilsamer wäre: weñ ein Kriegs-Heer nur mit
auskommentlichen Lebensmitteln Kleidern und Waffen versorgt; die tapffern aber
wegen ihrer Verdienste ansehnlich belohnet; und derogestalt nichts minder die
feigen von den Hertzhaften unterschieden / als die tugendhaften durch anderer
Hervorzückung zu Nachtuung gleichmässiger Heldentaten angerejetzt werden. Diese
Eyversucht ist der beste Sporn zu grossen Verrichtungen / und die Ehre der
würdigste Sold der Kriegs-Leute; unter denen die Edelsten so begierig nach einem
Krantze von eichenem Laube oder Lorber-Zweigen gestrebt haben: dass sie auch
vergessen die zu ihrem Begräbnisse nötige Unkosten zu hinterlegen. Auff diese
Art zahlete auch der grossmütige Brennus sein siegendes Kriegs-Volck aus / durch
welches er ihm nach obiger Niederlage mit weniger Müh nicht nur das Land vom
Flusse Utis biss an den Strom Aesis /sondern auch die Umbrier unterwürffig
machte; welche einem so grossen Helden zu gehorsamen ehe für Glück als Verlust
hielten. Also ist auch in Feinden die Tugend ein Magnet der Gewogenheit / und
eine Bezauberung der Seelen. Brennus baute zum Gedächtnisse an dem Meer-Strand
bei dem Einflusse des Misus-Stroms / eine Stadt / und nennte sie nach seinem
Volcke Semnogallien; befestigte seine neue Herrschaft mit Gerechtigkeit / und
erlangte in Italien für allen andern Häuptern das gröste Ansehen. Dieses
veranlaste einen Hetrurischen Edelmann aus der Stadt Clusium / Aruntes: dass er
zum Brennus kam / und so wohl wider den Rat wegen versagten Rechtes / als wider
seinen Pflege-Sohn Lucumon / der sein Ehebette besudelt hatte / Rache und Hülffe
foderte. Brennus ärgerte sich nach seiner deutschen Art so wohl über ein-als dem
andern Laster; als bei welchem die Straffe der versehrten Keuschheit auf der
Fersen folget /und unnachlässlich ist; und niemand wie die zu Clusium / aus dem
Ehebruche ein Gelächter macht. Gleichwohl aber schickte er nach Clusium / und
verlangte den Lucumar entweder nach aller Völcker Rechten zu straffen / oder ihn
ihm ausfolgen zu lassen. Weil aber niemand daselbst im Rate sass / der nicht mit
dem Ubeltäter befreundet oder geschwägert war; wiesen sie die Botschaft mit
verächtlicher Antwort ab: dass sie nicht wüsten / wer den Brennus zu ihrem
Ober-Richter bestellt hätte. Sie klagten auch alsofort denen andern eilf mit
ihnen in einer Eyd-Genossenschaft stehenden Hetrurischen Städten: dass Brennus
sich mit Gewalt an sie riebe / und nur Gelegenheit auch die Hetrurier unter sein
Joch zu bringen suchte; also möchten sie bei Zeiten nicht nur auff ihre
allgemeine Beschirmung vorsinnen; sondern auch ihre Waffen vereinbaren um diese
Räuber wieder über die Alpen zu jagen. Sintemal es doch nichts minder besser als
rühmlicher wäre / sein Pferd an seines Feindes Zaum binden. Und der / welcher
des Feindes zu Hause wartete / bekennte schon: dass er ihm nicht gewachsen /auch
nichts zu gewinnen / sondern nur nicht zu verspielen gesinnt wäre. Hiermit zohen
die Hetrurier unter dem Fürsten Lars zu Clusium (als welche unter denen zwölff
verbundenen Städten damals gleich die Reie der Ober-Herrschaft traff) in Eil
ihre Macht zusammen / und besetzten gegen Umbrien auff dem Apennin nicht nur
alle Eingänge; sondern überfielen auch unterhalb des Aesischen Brunnen drei
hundert die Gräntze bewachende Semnoner; richteten an dem Orte der Niederlage
einen Steinhauffen auf / und nennten ihn das Begräbnis der Gallier. Brennus
schickte ein Teil seines Heeres daselbstin; teils der Hetrurier Einbruch zu
steuern / teils sich anzustellen / als ob die Semnoner gegen Helvillum
einbrechen wollten. Er hingegen liess in Umbrien ein Auffbot an den Fluss Metaurus
ausruffen / auff welches alle streitbare Mannschaft bei Verlust des Lebens zu
erscheinen verbunden ist; so gar: dass auch die zuletzt oder zu spät sich
stellenden in aller Angesichte durch allerhand Pein auffgeopffert werden. Aus
diesen machte Brennus einen starcken Ausschuss / wendete sich mit der grösten
Macht gegen dem Ursprunge des Arnus / allwo ihm Aruntes einen Weg über den
Apennin zeigte / durch welchen er bei Aretium so unverhofft ankam: dass als die
Clusier hiervon Zeitung kriegten / sie hierüber lachten / und fragten: Ob die
Semnoner sich in Kranche / wie die Ripheischen Völcker in Wölffe verwandeln /
und über die Berge flugen könten. Der Glaube aber kam ihnen zeitlich in die
Hand. Denn sie erfuhren wenig Stunden darnach: dass Aretium mit Sturm
übergegangen / und alle Einwohner durch die Schärffe der Deutschen Schwerdter
gefallen wären. Lars verliess hierüber die Engen des Apennin / und eilte über
Hals und Kopff seinem brennenden Vaterlande zu. Er traff auff den gerade gegen
Clusium anziehenden Brennus bei Cortona. Der bereit empfundene Verlust reizte
ihn zu einer geschwinden Rache / und er meinte: weil das Amt eines Kriegs-Mannes
schlagen wäre; müste nicht schlagen ein Merckmal eines Feigen sein. Da doch zur
Unzeit eine Schlacht liefern / die schlimmste Torheit eines Vermessenen; und
ohne Schwerdtstreich überwinden ein Meisterstücke der Klugen ist. Weil nun
Brennus dem Lars an Kriegs-Wissenschaft die Semnoner den Hetruriern an
Tapfferkeit überlegen / jene auch noch ausgeruhet / diese müde waren / und einen
vorteilhaften Ort mit dem Winde bereit eingenommen hatten / war es den
Deutschen unschwer sich des Sieges zu bemeistern. Mit denen flüchtigen
Hetruriern drangen die Uberwinder mit in die von den Lydiern erbaute Stadt
Croton oder Cortona / und erlangten derogestalt in einem Tage einen zweifachen
Sieg. Lars zahlte selbst seine Ubereilung mit Einbüssung seines Lebens; Aruntes
aber ward von seinen eingeholeten Deutschen im Gedränge durch die Pferde
zertreten. O eine gerechte Straffe der Götter! fing Zeno an überlaut zu ruffen /
dass der / welcher sein Vaterland durch fremde Macht in Kloss treten wollen; ehe
er diese grausame Freude erlebt / selbst so schändlich in Kot gedrückt worden!
Rhemetalces fiel ein: hat denn nicht Aruntes eine billiche Ursache sich an dem
undanckbaren Lucumar / und seinem ungerechten Vaterlande zu rächen gehabt? Hat
nicht Lucumar ein Laster begangen / dessen Flecken durch keine andere Seiffe als
durch Blut abzuwaschen sind? Haben nicht die Clusier durch ihr Unrecht das Recht
der Völcker verletzt; und sich dem beleidigten Aruntes zu einem Stieff-Vater
gemacht? Es ist beides wahr / versetzte Zeno. Aber hat sich ganz Clusium am
Aruntes versündigt? Ist er versichert gewest: dass keine Seele seine Beleidigung
unbillige? Sollen die nun leiden / die ihm im Hertzen recht gaben / und seine
Richter verdammten? Wenn aber auch schon eine ganze Stadt verbricht; ist doch
nicht ein ieglicher zu straffen. Am wenigsten aber ist ein beleidigter Bürger
berechtigt sein Unrecht gegen sein Vaterland zu rächen. Man muss wie
wohlgeartete Kinder auch die unverdienten Streiche der Eltern verschmertzen.
Denn die Liebe gegen das Vaterland soll reichlicher abgemässen werden / als die
gegen die Brüder / oder gegen die Eltern; und der gegen die Götter am nechsten
komen. Sintemal wir wohl ohne unsere Blutsfreunde / nicht aber nach
untergehendem Vaterlande bestehen können. Diesemnach der von Rom verwiesene
Camillus nicht rühmlicher sein undanckbares Vaterland beschämen konnte /als da er
es von den Galliern errettete. Und der ins Elend gejagte Temistocles übte
zugleich gegen sein Vaterland eine Wohltat und Rache aus / da er sich um nicht
wider selbtes den Persen zu dienen durch geopffertes Ochsen-Blut tödtete; indem
er durch sich selbst Aten zwar eines grossen Feindes / aber auch eines
unvergleichlichen Sohnes beraubte. Cimon vergalt die ihm und seinem
wohlverdienten aber im Kercker erstickten Vater angehenckten Fessel mit
unvergeltbaren Wohltaten. Als auch gleich der unschätzbare Hannibal sein
vergessliches Cartago mit dem Rücken anzusehen gezwungen ward / hieng und neigte
er ihm doch biss in seinen Tod das Hertze zu / und bemühete sich die ganze Welt
wider Rom in Harnisch / und durch dessen Fall sein Vaterland wieder empor zu
bringen. Wenn man aber auch gar sich zu überwinden entweder nicht vermögen /
oder zu rächen allzu grosse Ursache hat; soll unsere Empfindligkeit nicht zu des
Vaterlandes Verderb / sondern nur zu seinem Erkäntnisse angesehen sein. Auf diese
Art rächte Scipio sonder Schaden sich an Rom; als er seine Todten-Asche lieber
den geringen Lintern / als dem Haupte der Welt gönnte / und zu einem ewigen
Verweis auf sein Grab schreiben liess: Undanckbares Vaterland! Es ist dir nicht
so gut worden meine Gebeine zu besitzen. Diese Rache erfolgte erst nach seinem
Tode / als er dieser Stadt nicht mehr wohlzutun mächtig war. Gleichwohl aber
war diese sanftmütige Rache nachdrücklicher / als des Coriolans / der sein
Vaterland für Furcht gleichsam in ein Bocks-Horn jagte. Er entzoh Rom nichts /
als seine Asche / sie zu erinnern: dass sie selbst nicht zu Asche worden; und dass
der Römischen Bürger Augen der Glückseligkeit nicht würdig wären / seine
Todten-Asche mit ihren Tränen anzufeuchten. Gleichwol aber stachen dieser
Grabeschrifft wenige Buchstaben tieffer in der Römer Hertzen / als keine Spiesse
einiger Verräter zu tun vermocht hätten; und er vergrösserte sich durch
Verachtung seiner Schmach mehr; als da er Rom zur Frauen / und Africa zu einer
ihrer Mägde machte. Brennus zohe nach erobertem Siege mit dem grösten Teile des
Heeres gerade nach Clusium / um sich des Hauptes der Hetrurier im ersten
Schrecken zu bemächtigen / nach welchem so denn die andern Glieder sich
gleichsam von sich selbst legen müsten; das andere Teil aber setzte über den
Clusischen See / eroberte Beturgia / und einen grossen zwischen dem Flusse Umbro
gelegenen Landstrich. Die Belägerten meinten den Brennus nunmehr durch Lieferung
des schuldigen Lucumar zu besänftigen; liessen ihn daher durch eine
Gesandtschaft gebunden ihm einhändigen; und um Friede Ansuchung tun. Brennus
wäre beinahe damit vergnügt gewest / wenn nicht der über seinem Laster
vernommene Lucumar fürgeschützt hätte: dass er durch seinen Ehebruch nichts wider
die Sitten der Hetrurier und anderer Tyrrhener gehandelt hätte /bei welchen ihre
Kinder von der Wiegen an aufs zärtlichste erzogen und zur Geilheit abgerichtet /
auch die welche in der Wollust am sinnreichsten und vermögend wären / für die
Edelsten verehret würden. Sie liessen sich bei Tische nichts anders als von
nackten Dirnen bedienen; alle Weiber wären gemein; und die /welche man gleich
für Ehweiber erkiesete / möchten andere Männer in der ersten Anwesenheit ohne
Scheu zulassen. Den Beischlaff verrichteten sie offentlich in aller Augen / und
hielten ihnen noch Seitenspiele darzu. Daher auch die Kinder wegen Ungewissheit
ihrer Väter gemein wären / und aus den Einkünften des gemeinen Wesens erzogen
würden. Nur der Adel und Pöfel wären hierinnen unterschieden; weil jener nur mit
diesem sich zu vermischen für Laster hielte. Daher weder der gramhafte Aruntes
wider ihn so eifersüchtig zu sein / noch die nicht reineren Clusier ihn zur
Straffe auszulieffern Ursach gehabt hätten. Brennus hörte diese abscheuliche
Lebens-Art nicht ohne Entsetzung an / fragte daher die Clusischen Gesandten: Ob
sich alles erzehlter massen verhielte. Diese meinten ihre Unart zwar zu
vermänteln / unter dem Vorwande: dass für Alters es zwar also gewest /und diese
Lebens-Art mit vom Fürsten Tyrrhenus /oder Tarchon nach Croton aus Lydien /
woher die Hetrurier entsprossen / gebracht worden wäre / nunmehr aber die Sitten
sich um ein merckliches gebessert hätten; und würde nur noch nach eingeführtem
Spartanischen Gesetze / denen heiratenden Alten auffgelegt: dass sie zu
Bedienung ihrer jungen Frauen einen hurtigen Jüngling unterhalten / und ihre
Kinder für die eigenen annehmen müsten. Brennus ward über so ärgerlichen
Gesetzen und Sitten auffs heftigste entrüstet; Befahl also: dass die Gesandten
selbigen Augenblick sich aus dem Lager in die Stadt zurück ziehen sollten. Denn
er wäre nicht gemeint für eines ganzen Volckes so abscheuliche Bosheit den
einigen Lucumar Gott zu einem Versöhn-Opffer abzuschlachten; sondern die
Missetäter alle zu straffen. Der Clusier Schrecken ward durch diese Bedräuung
in eine Verzweiffelung verwandelt; also: dass sie sich biss auf den letzten
Blutstropffen zu wehren entschlossen; sonderlich da die andern Hetrurischen zehn
Städte sie des Entsatzes in geheim versicherten / und die Obersten der Stadt
/derer keiner allhier so wenig als zu Sparta ohne die Wissenschaft aus dem
Vogel-Geschrei zu wahrsagen in Rat kommen konnte / das Volck versicherten: dass
Clusium nicht eingenommen / Rom aber für sie ein Söhnopffer werden würde;
sintemal ein Falcke / welcher einer Taube / die Clusium und die Lydier zu ihrem
Zeichen führten / nacheilte / selbte fahren liess /und sich über einen ihm in
Wurff kommenden Adler machte / und selbten zerfleischte. Rhemetalces fing an: Es
hat diese Weissagung / so viel ich weiss / auch hernach eingetroffen / und ist
die Begebenheit derselben nicht unähnlich / da aus des Brutus des Käysers und
Antonius zweien gegeneinander stehenden Lägern zwei Adler gegen einander empor
flogen; und der auff des Brutus Seite verspielende auch des Brutus Niederlage
andeutete. Erato brach ein: Sie wäre wohl des Geschlechts / welches man insgemein
des Aberglaubens beschuldigte; aber es wäre ihr die Art aus der Vogel
unvernünftigem Beginnen künftige Zufälle vorzusehen allezeit sehr verdächtig
fürkommen. Denn woher sollten die Vogel für andern Tieren / insonderheit aber
für den Menschen / welche Gott mit der Vernunft als einem Funcken seines
Lichtes beteilt / ein Vorrecht haben? Malovend antwortete: Es ist diss nichts
unglaubliches; weil die Natur auch in vielen andern Dingen / als in Schärffe der
eusserlichen Sinnen / und in Länge des Lebens denen Tieren für dem Menschen
einen Vorteil gegönnet. Insonderheit aber scheinen die Vögel eine Eigenschaft
zu haben: dass ihre Augen eben so wohl für uns in Göttliche Versehung als die
Adler in die Sonne einen Blick tun können. Die Fincke kündigt uns das Winter- /
die Schwalbe den Frühling / der Kuckuck den Sommer / die Schnepffe den Herbst /
der Hahn mit seinem oft und zur Unzeit geschehenem Krähen den Regen / der
Sperling mit seinem Morgengeschrei Ungewitter / die hoch aber stille flügenden
Kranche heimlich Wetter / die gleichsam bellenden Raben Wind / die im Sande sich
baden den Reiger / und die schnatterden Gänse Platzregen an. Zeno warff ein: diss
wären alles natürliche Dinge / welche aus Veränderung der Lufft / aus
Auffschwellung des Wassers /und Auffdampffung der Dünste nicht nur von den
Tieren / sondern auch von einfältigen Ackersleuten durch die Erfahrung
wahrgenommen werden könten. Künftige ungewisse Zufälle aber vorsehen / wo weder
Sinnen noch Scharffsinnigkeit einigen Einfluss oder Ursache ergründen kann / ist
was göttliches. Daher auch er auff der Vogel Flug / Geschrei oder Speise einiges
Absehen zu setzen für gefährlich / oder auch gar für eiteln Aberglauben hielte.
Rhemetalces begegnete ihm: wie kommts denn: dass so viel nachdenckliche
Anzeigungen der Vögel so genau eingetroffen? Ist es ungefehr geschehen: dass der
Rabe auff des Cicero Vorwerge bei Cajeta den eifernen Weiser an der Uhr
fortrückte / an dem Saume seines Rockes nagte / da er bald darauff ermordet
ward? Deutete nicht ein auff dem Dache sitzender Adler durch allerhand
Gebehrdung desselbigen nahen Einfall an? Suchten nicht drei Raben durch
Abwerffung eines Dach-Ziegels den Tiberius von Besuchung des Capitolium abwendig
zu machen; auff dem er vom Priester Scipio Nasica erschlagen ward? Kündigten
nicht die aus dem Gebauer zu gehen sich weigernden Hüner dem Junius den Verlust
seiner Schiffleute an? Zwangen nicht zwei Raben durch ihre gewaltsame
Widersetzung den Priester Metellus zu Hause zu bleiben: dass er aus dem kurtz
darauff brennenden Tempel der Vesta das Bild der Pallas rettete? Zeno versetzte:
Es kann wohl sein: dass zuweilen ein- und andere Mutmassungen hierinnen
eintreffen. Aber lassen sich wohl dieselben / welche fehl geschlagen haben /
zehlen? Wie viel haben solche Zeichen verächtlich in Wind geschlagen /
gleichwohl aber ihr Fürnehmen glücklich ausgeführt? Käyser Julius verlachte alle
solche Andeutungen / welche ihm den Zug wider den Scipio und Juba / wie auch die
Fart in Asien widerrieten; gleichwohl aber war er niemals glücklicher als
selbige mahl. Und der grosse Alexander liess sich Aristanders Unglücks-Zeichen
von der glücklichen Erlegung der Scyten nichts irre machen. Am allerklügsten
aber halff der beim grossen Alexander befindliche Jude Mosomachus dem auff dem
Zuge nach Babylon stutzenden Heere fort / als er den stille sitzenden Vogel /
mit welchem / der Wahrsager Gesetze nach / es auch unbeweglich bleiben sollte /
mit einem Pfeile vom Baume schoss / und den erzürnten Wahrsagern einhielt: Sie
sollten doch nicht gläuben: dass der Vogel / welcher nicht sein eigenes Unglück
vorgesehen hätte / fremdes hätte wissen köñen. Was kann hierunter nicht für
Betrug fürgehen; und hat nicht jener Cartaginenser sich durch abgerichtete
Vögel gar für einen Gott ausruffen lassen? Ja wie soll diss auff was beständiges
zu gründen sein / das so gar widrig ausgedeutet wird? Die Hetrurier geben bei
dem Vogel-Fluge auff Ost / die Römer auff West / die Deutschen auff den Nord
acht. Die Eule ist den Ateniensern ein Glücks- den Römern ein Unglücks-Vogel;
und sie sollte ihre Niederlage bei Numantia angekündigt haben. Die auff des Hiero
Spiess sitzende Nacht-Eule soll ihm die Königliche Würde angedeutet; und des
Agatacles Heer als ein Siegs-Zeichen auffgemuntert /hingegen aber / als sie
sich auff des Pyrrhus Lantze gesetzet / ihm den Tod bedeutet haben. Diesemnach
sich Cato wunderte: dass die Wahrsager / welche auff die Vögel acht hätten /
nicht selbst über ihre Eitelkeiten oder Betrügereien lachen müsten. Und Hannibal
verwies es dem Könige Prusias ins Antlitz: dass er einem Stücke Kalbfleische /
und einer unvernünftigen Eule mehr / als einem erfahrnen Feldhauptmanne Glauben
beimass. Hingegen wurden Mamertius und Amilcar von den Vogeln und denen / welche
ihre Sprache zu verstehen / und aus fremdem Gehirne mehr als aus eigenem zu
verstehen meinten / heftig betrogen; indem jener zwar ins feindliche Läger /
dieser in Siracusa / beide aber als Gefangene darein kamen. Der Missbrauch eines
Dinges / antwortete Adgandester / macht die Sache und den rechten Gebrauch nicht
alsofort verwerfflich. Der Unterscheid in Auslegungen solcher Zeichen hat auch
nichts zu bedeuten. Sintemal die Vögel nicht aus ihrer eigenen Wahl die Menschen
leiten / auch nicht des albern Pöfels Meinung nach / ihres hohen Fluges halber
die göttlichen Ratschlüsse ausforschen; sondern Gott leitet die Vogel: dass sie
nach der Auslegung ein oder andern Volckes ihren Flug oder ihr Geschrei zur
Nachricht künftiger Begebnisse einrichten. Sind also die Vögel auff eben die
Art / als die Träume / oder die Wahrsager-Bilder / wie auch die weissagenden
Tauben zu Dodona Werckzeuge göttlicher Offenbarungen. Dieser hätte sich das
tieffste Altertum / und fast alle Völcker der Welt / Deucaleon auch schon in
der grossen Wasser-Ergiessung einer Taube und eines Rabens bedienet. Wiewohl
auch die Deutschen abergläubischen Dingen sehr unhold sind; so haben sie doch
nichts minder die Wahrsagung der Vögel von undencklicher Zeit hoch gehalten /
und in dieser Weissheit sich geübet. Und ob unsere weisen Frauen zwar auch aus
dem Geräusche des Wassers künftig Ding zu sagen wissen; verdient doch jene
Weissagung grössern Glauben / und weicht keiner andern / als die / welche aus
dem Wiegern und der Bewegung der weissen heiligen Pferde angemerckt wird. Zeno
begegnete ihm: Es befremdet mich: dass die in Glaubens-Sachen sonst so mässigen
Deutschen hierinnen so leichtgläubig sind; indem doch darbei so wenig Gewissheit
zu finden und kein Altertum die Irrtümer zur Warheit macht. Ich widerspreche
zwar nicht: dass die Götter nicht offtmahls den Menschen künftige Dinge zu ihrer
Warnigung offenbaren; aber den Vorwitz von sich selbst in die Geheimnisse des
ewigen Verhängnisses zu sehen / weiss ich wohl nicht zu billichen. Denn die
Wissenschaft künftiger Begebnisse ist ein Vorrecht der Götter. Und unser
Polemon hat durch sein trauriges Ende diese Vermessenheit augenscheinlich
gebüsst / der Welt aber ein Beispiel gelassen: dass die / welche hierinnen
Luchs-Augen zu haben vermeinen / weniger als die Maulwürffe sehen. Adgandester
fing hierauf mit einer lächelnden Bescheidenheit an: Gleichwohl aber traff der
Hetrurischen Wahrsager Andeutung ein. Denn die belägerten Clusier / welche
furtreffliche Künstler und Baumeister waren / also: dass sie die Römer darmit
versorgten /hielten die Semnoner mit Fallbrücken / grossen Schlendern / und
insonderheit mit unglaublich geschwinder Ausbesserung der zerschelleten Mauren
so lange auff: biss die Hetrurischen Bundsgenossen bei der Stadt Herbon eine
ansehnliche Macht wieder zusammen zohen. Inzwischen war die Gesandtschaft der
Stadt Clusium auch zu Rom ankomen / welche um Hülffe bewegliche Ansuchung tat /
und für sich anführte: Ob sie schon mit einander nicht in Bündnisse ständen /
hätten sie sich doch mit den Römern iederzeit in Freundschaft zu leben
beflissen; also: dass sie auch den Vejentern ihren Bluts-Verwandten nicht wieder
sie beistehen wollen; in welchen Fällen auch unverbundenen Freunden wider
ungerechte Gewalt bei zustehen das Recht der Völcker erlaubte / weñ schon die
Hülffe nicht ausdrücklich wäre versprochen worden. Uberdiss hätten die Römer aus
selbsteigener Staats-Klugheit Ursache / dem Wachstume dieser wilden Völcker /
welche gleichsam zu Ausrottung des menschlichen Geschlechtes geboren zu sein
schienen / und den Massiliern als Römischen Bundgenossen so grosses Leid angetan
hätten / bei zeite zu begegnen. Denn es stünde nicht nur die Stadt Clusium
/sondern ganz Hetrurien in Gefahr; welchem die Stadt Romihren Gottesdienst /
ihre Künste / und den fürtrefflichen König Tarqvinius zu dancken hätte. Die
Römer schlugen der Stadt Clusium die gebetene Hülffe zwar ab / weil die Semnoner
sie noch mit nichts beleidigt / mit den Massiliern Friede gemacht hatten /und des
Nachbars blosse Vergrösserung keine genugsame Ursache wäre selbten zu bekriegen;
iedoch schickten sie des Marcus Fabius Ambustus drei Söhne in Botschaft an den
Brennus um selbten zu bewegen: dass er von Bekriegung der Clusier / welche ihres
Wissens die Semnonier nicht beleidiget hätten /abstehen möchten. Brennus empfing
in dem prächtigen Irrgarten / welchen König Porsena an dem See bei Clusium zu
seinem Begräbnis-Mahle aus eitel viereckichten Marmelsteinen gebaut / und mit
Wunderholen Seulen besetzt hatte / die Römischen Gesandten auffs höfflichste /
hörete sie mit Gedult an /und antwortete ihnen: die Römer wären ihm zwar ein
unbekandter Nahme / iedoch hielte er sie für tapffere Leute / weil die Clusier
in ihrer höchsten Not auff ihren Beistand so grosses Vertrauen gesetzt / und
sie nicht alsbald aus blindem Eifer die Waffen ergriffen /sondern vernünftiger
ihren Freunden durch diese Gesandschaft an der Hand gestanden hätten. In
Ansehung solcher Vermittelung wollte er den Clusiern /welche wieder die Semnoner
nicht nur den Massiliern /sondern auch den Umbriern Hülffe geleistet / auch sie
zum ersten beleidigt hätten / den Frieden gönnen / mit dem Bedinge: dass die biss
an den Fluss Umbro / und denen neuen Säulen gelegene Aecker / welche sie ihren
Feinden durch Kriegsrecht abgewoñen / ihnen verbleiben müste. Stünde diss aber
den Clusiern nicht an / wollte er in Anwesenheit der Gesandten / mit seinen
Feinden schlagen / wormit sie zu Rom berichten könten / wie weit die Semnoner
andere Sterblichen an Tapfferkeit übertreffen. Die allzu hitzigen Fabier
versetzten mit ziemlichen Ungeberden: Was die Semnoner in Hetrurien zu schaffen
hätten? Woher sie ihnen fremde Aecker zueignen könten? Ob sie nicht sich mit den
Massiliern und Umbriern verglichen? Ob unter dem Frieden nicht auch die
Bunds-Genossen stillschweigend eingeschlossen wären? Wer dem Brennus einen
Gerichts-Zwang über den Lucumar und andere Bürger zu Clusium verliehen? Brennus
lachte nur über der Unbescheidenheit dieser Gesandten / und schlug auff sein
Degen-Gefässe / sagende: In dieser Scheide stecket meine Berechtsamkeit; und die
ganze Welt ist streitbarer Helden Eigentum.
    Folgenden Tag näherte sich das zu Pallia versamlete Hetrurische Heer /
welchem Brennus mit seinen Belägerern hertzhaft die Stirne bot. Die Fabier aber
liessen sich wider die Würde ihres tragenden Amts /wider aller Völcker Recht /
das allen Gesandten alle Feindseligkeiten wider den / zu dem sie geschickt sind
/ auszuüben verbeut / zu Heerführern der Clusier brauchen; ja einer unter ihnen
hatte das Glücke einen Obersten der Semnoner / Brand geneñt / als dieser dem
Feinde die Haupt-Fahne auszureissen bemüht war / mit einer Lantze zu durchrennen
/ und ihn seiner Waffen zu berauben; worüber dieser Römer von Semnonern auch
erkeñet ward; indem ein Semnonischer Edelmann herzu rennte / und den Fabius
nicht allein den Raub im Stiche zu lassen zwang / sondern ihm auch seine
Streitaxt auswand. Wesswegen ihm Brennus wegen eines darauff gemahlten goldenen
Ochsens den Nahmen Gold-Axt / und den Ochsen zu seinem Krieges-Zeichen gab. So
bald nun die Clusier sich teils in die Stadt / teils auff die Schiffe in den
Clusischen See geflüchtet hatten / schickte Hertzog Brennus eine Botschaft nach
Rom / durch welche er ihm die Fabier / als Verletzer des Völcker-Rechts /
auszufolgen verlangte. Ob nun wohl der Römische Rat ihr Beginnen weder loben
noch entschuldigen konnte / so brachte es doch das Geschlechte der Fabier durch
ihr Ansehen und Reichtum bei dem Volcke so weit: dass der Rat dem Brennus nicht
allein kein Recht verhalff / sondern die Semnoner mit einem Stücke Geldes
befriedigen wollte; welches die Gesandten als eine bei den Deutschen verächtliche
Wahre anzunehmen weigerten; als bei denen es ungewöhnlich wäre / die gerechte
Rache um unnützes Ertzt zu verkauffen. Ja der Römische Pöfel / welcher insgemein
die hitzigsten Entschlüssungen für die klügsten / und Wagehälfe für die grösten
Helden hält / erklärte die Friedbrecher auf folgendes Jahr gar zu
Kriegsobersten. Also verblendet das Glücke die Gemüter der Menschen / wenn es
iemanden seinem bestimmten Untergange nicht will entkommen lassen. Die hierüber
nicht unbillich verbitterten Semnoner hoben auf diese Zeitung alsbald die
Belägerung der Stadt Clusium auff / und nachdem sie vorher des Porsena
prächtiges Grabmal eingeäschert /zohen sie den geraden Weg auff Rom zu / setzten
aber unvermerckt unter dem Berge Soracte über die Tiber. Den dritten Tag / als
inzwischen das ganze flüchtige Latium mit Schrecken der Stad zueilte / uñ von
der Feinde Ankunft Nachricht brachte / welche die Götter durch den Marcus
Cöditius zwar vorher geweissagt /die Römer aber verächtlich in Wind geschlagen
hatten / begegneten die Fabier / Sulpitius Longus / Qvintus Servilius und andere
mit dem Römischen Heere bei dem Flusse Allia den Semnonern. Jene stellten ihre
Legionen mitten in die Fläche / die Hülffs-Völcker aber an beiden Seiten auff
erhobene Hügel. Der Kriegsverständige Brennus trieb zum ersten mit seiner
deutschen Reuterei / welche in der ganzen Welt damals schon / wie das Spanische
Fuss-Volck / für andern berühmt war / den Feind von den Hügeln / wormit sie bei
dem Treffen ihm nicht konten in die Seiten fallen; welche aber bald die Fersen
kehrten. Hirmit fielen die Semnoner in die Römischen Legionen auff allen Seiten
ein; allein weder Führer noch Kriegsknechte vermochten die blossen Gesichter der
ergrimmten Semnoner vertragen; ergriffen also ohne einige Gegenwehre eine so
blinde Flucht: dass sie ihren eigenen Hinterhalt über Hauffen rennten / ja dass
das gröste Teil verzweiffelt durch die Tiber schwemte /und in die feindliche
Stadt der Vejentier sich zu begeben nicht scheuete. Der ganze lincke Flügel
warff für Schrecken die Waffen weg / und stürtzte sich in den Tiber-Strom; also:
dass die Semnoner anfangs nicht wissende: Ob die Römer aus Zagheit oder einer
Kriegslist so schimpfflich wichen / sie zu verfolgen Bedencken trugen / hernach
aber die ereileten Flüchtigen nur zu schlachten hatten / und von dem Heere nicht
ein Bote nach Rom kam. Die Semnoner schnitten den Todten dreissig tausend Köpffe
ab / hingen sie an die Mänen ihrer Pferde / und bauten hernach für der Stadt Rom
einen abscheulichen Turm darvon. Folgenden Morgen kamen sie mit dem Vordrab für
Rom / funden selbte zwar offen / uñ unverwachet /scheueten aber aus Beisorge
eines verborgene Hinterhals sich derselben zu bemächtige. Wie nun aber die
ganze Macht dar ankã / sie auch sich nirgendswo das minste rühren hörten /
drangen sie durch die Collinische Pforte mit grossem Geschrei in die Stadt;
fanden aber allentalben eine wüste Einsamkeit / in dem sich alle Weiber und
Kinder des Nachts vorher an andere Orte / die streitbare Mannschaft aber unter
dem Manlius aufs Capitolium geflüchtet hatten. In den innersten Gemächern
alleine fanden sie die alten verlebten Greisse / welche sich den obersten
Priester Marcus Fabius für das gemeine Heil den Göttern hatten zu Versöhn-Opfern
einweihen lassen / auf helffenbeinernen Stülen ganz unbeweglich sitzen; welche
die Semnoner anfangs für Gespenster ansahen / hernach aber als Marcus Papirius
einen Deutschen / der ihm seinen langen Bart streichelte / den helffenbeinernen
Stab auf den Kopf schlug / in Stücken zerhieben. Hat Papirius / fing Rhemetalces
an / die Anrührung seines Bartes für eine unerträgliche Beschimpfung angenommen?
Oder hat er der Deutschen Zorn durch seinen Eifer mit Fleiss erregen wollen:
wormit ihr Vorhaben für das Vaterland sich aufzuopfern nicht zernichtet würde?
Es mag eines und das andere wohl die Ursache gewesen sein / sagte Adgandester.
Sintemal der / welcher sich schon einmal also zu sterben verlobt hatte / wenn er
nicht starb / keinen Gottes-Dienst mehr abwarten dorffte. Andern teils wurden
die Haare / und insonderheit der Bart nicht nur bei den Römern und Lacedemoniern
/ sondern auch bei fast allen Völckern in Ehren / und dessen Betastung so wohl /
als derselbten Abscherung für eine Beschimpfung gehalten. Weswegen auch bei den
Rhodiern ein Gesetze die Abscherung des Bartes und der Haare verbot; und
insonderheit die Weltweisen mit langen Bärten prangten; ja auch die alten
Bildnüsse der Götter mit langen Bärten gezieret sind; und Jupiter von denen
Tichtern / wie er bei seinem unversehrlichen Barte schwere / mehrmals
eingeführet wird. Daher / und weil der Bart für eine Zierde der Männer und
Götter gehalten wird / ungeachtet er sonst wenig nütze ist / bei den Griechen
und Römern die bärtichte Glücks-Göttin umb das Wachstum der Haare angeruffen
wird. Hingegen werden die Leibeigenen / und die Ruder-Knechte auch noch ietzt
gleichsam zur Schmach glatt beschoren / gleichsam als wenn diese Leute nicht in
das Geschlechte der Männer / sondern der glatten Weiber und der Verschnittenen
zu rechnen wären. Zeno fiel ein: Von diesen alten Sitten aber scheinen die
Griechen / Römer /insonderheit auch die Deutschen / ja bei nahe alle Völcker
grossen teils abgewichen zu sein / welche die Bärte abscheren lassen / und
derselben Hegung entweder für ein Kennzeichen der Verdamten / oder der euserst
Betrübten brauchen. Also haben die Catineer in Sicilien durch Gesandten / welche
zu Bezeigung ihres Notstandes ihnen die Bärte derogestalt verwildern lassen /
zu Aten Hülffe gesucht. Und der blutgierige Attalus gab auf solche Weise seine
Bestürtzung über seiner Mord-Taten zu erkenne. Käyser Julius liess nach der
Titurianischen Niederlage ihm Bart und Haare lange wachsen; und des Flavius
Berichte nach hat August nach des Varus Erlegung ihm kein Schermesser wollen
ansetzen lassen. Ja in Griechenland lassen ihnen nach dem uhralten Beispiele des
Teseus die Jünglinge ihre ersten Bart-Haare abnehmen / und wiedmen selbte an
ihrem Geburts-Tage zu Delphis dem Apollo. Zu Troetzen / und in andern Orten
Griechenlands opfern die Bräute ihre abgeschnittenen Haare dem Hippolitus. In
Sicyonien soll das Bild der Gesundheit kaum für daran gehenckten Haaren zu sehen
sein. Zu Rom habe ich gesehen: dass nicht nur die edlen Jünglinge / sondern auch
ältere /ihre in Gold und Edelgesteine verwahrte Haare für des ganzen Leibes
Wohlstand dem Capitolinischen Jupiter geweihet haben. Ich erinnere mich auch
allhier gehört zu haben: dass kein Catte für Erlegung eines Feindes sich nicht
dörffe bescheren lassen. Es ist nicht ohne / versetzte Adgandester: dass bei
vielen Völckern andere Gewohnheiten aufkommen; iedoch bleibet die gäntzliche
Abnehmung der Haare allentalben ein Schandmaal. Und werde bei uns Deutsche
denen Ehebrecherinnen die Haare zum höchsten Schimpf ganz abgeschnitte. Ausser
dem pflegen wir Deutschen zwar aus eben der Ursache / als es der grosse
Alexander bei seinem Heere einführte / den untersten Bart abzuschneiden / wormit
er beim Gefechte denen Kriegsleuten keine Hinderung / denen Feinden aber einen
Vorteil selben zu fassen abgebe. Uber diss tragen wir Deutschen einen starcken
Knebel-Bart /und lange kräusslichte Haare / welche wir aber nur in Schlachten
über dem Haupte in einen Knoten zusammen knipfen / wormit sie uns nicht für die
Augen flügen / und wir den Feinde desto schrecklicher aussehen. Malovend brach
hierüber ein: Es ist allerdings wahr / dass alle Völcker die Antastung der Haare
und Bärte für eine Beschimpfung halten; ich glaube aber: dass der deutsche des
Papirius Bart mehr aus Vorwitz / und umb zu erfahren: Ob die unbeweglichen Alten
lebten / als selbten zu spotten angerühret habe. Hätte also Papirius wohl nicht
Ursache gehabt ein zweideutig Ding so übel aufzunehmen / und durch unzeitigen
Eifer die Sieger zu verbittern. Zumal dass die Betastung dess Bartes oft als eine
Liebkosung gebraucht wird. Und hätte er sich erinnern sollen: dass Castor und
Pollux den Enobarbus eben so gestreichelt / und ihm seinen schwartzen Bart
gerötet haben.
    Adgandester fiel ein: Man kann solche Sachen hin und wieder verwerffen;
unterdessen geriet Rom hierüber wider des Hertzogen Brennus Verbot aus
vermutlicher Rache in Brand / und in die Asche. Die Semnoner belägerten das
Capitolium / und durchstreifften das Land biss an den Fluss Vulturus. Jenes würden
sie unschwer erobert haben / wenn nicht die Semnoner des Lucius Albinus Frau und
Tochter /welche auf seinen Befehl vom Wagen absteigen / und selbten denen sich
baarfüssigflüchtenden Vestalischen Jungfrauen einräumen müssen / gefangen
bekommen hätten. Denn Hertzog Brennus verliebte sich so sehr in die letztere:
dass er ihr zu Liebe das Capitolium nicht zu stürmen / und also ihre
Bluts-Verwandten zu tödten / sondern nur durch Abschneidung der Lebens-Mittel
zur Ubergabe zu nötigen angelobte. Welches er so treulich hielt: dass als
einsmals in der Nacht die Semnoner stillschweigend schon biss auf die Mauren
gestiegen / die schlafenden Römer aber viel zu spät von dem Geschnater der Gänse
erweckt waren / Brennus die Ubersteigung zu verfolgen verbot. Inzwischen brachte
er gleichwohl die Römer durch Hungers-Not und sein mit dem Könige Dionysius aus
Sicilien gemachtes Bündnis / der damals gleich mit den Locrensern in Italien
Krieg führte / so weit: dass sie die Aufhebung der Belägerung / und die
Einräumung der eingeäscherten Stadt mit tausend Pfund Goldes abzukauffen
willigten. Brennus verliess sich auf den mit dem Sulpitius abgehandelten Frieden;
zohe also mit dem grösten Teile seines Heeres zurück. Denn die Hetrurier hatten
mit vielem Golde und noch grössern Vertröstungen die Veneter beredet: dass sie
denen Semnonern ins Land gefallen waren / auch bereit an dem Flusse Sapis /
Sassina erobert hatten. Gleicher gestalt belägerten die Hetrurier ihre verlohrne
Stadt Croton / und dräuten zugleich einen Einfall gegen Sestin. Inzwischen blieb
der oberste Eisenberg zu Rom /und wartete auf die versprochenen tausend Pfund
Goldes / welches die damals arme Stadt / ungeachtet das Frauenzimmer alle ihr
güldenes Geschmeide beitrug /ohne Angreiffung der Heiligtümer nicht zuwege
bringen konnte. Dahero sie anfangs die Deutschen im Gewichte zu bevorteiln
trachteten / hernach aber /als Eisenberg dieses inne ward / sie bedreuten: dass
wo sie sich nicht darmit vergnügten / ihnen an statt des Goldes geschlieffenes
Eisen zuwiegen wollten. Eisenberg lachte hierzu / legte seinen Degen auf die Wage
/ sie sollten so viel Goldes ihm noch zur Zugabe herbei schaffen. Uber dieser
Wortwechselung trat der von Rom verwiesene / aber nunmehr mit einem ziemlichen
von Veje und Ardea zusammen gelesenen Heere beruffene Camillus mit hundert
geharnschten Männern in den Saal / und befahl das Gold auf die Seite zu
schaffen; weil sein Vaterland mit Stahle /nicht mit Golde zu lösen wäre. Die
zwantzig daselbst befindlichen Deutschen schützten den getroffenen Vertrag für.
Aber Camillus versetzte: Er wäre erwehlter Römischer Feldherr / und ohne ihn
hätte weder Manlius / noch Sulpitius was nachteiliges eingehen können. Also
wäre er der Semnoner Feind / und daher sollten sie sich nur zur Gegenwehr fertig
machen. Eisenberg drang mit den Seinen sich hierauff eilends zur andern Pforte
hinaus; und machte Lermen. Ehe er aber sein Kriegs-Volck zusammen bringen konnte
/ fielen die Vejer / Ardeater / und Römer durch 3. Pforte in die Stadt / Manlius
auch aus dem Capitolium; gleichwohl aber wehrten die nicht das vierdte Teil so
starcken Semnoner sich als umbstrickte Löwen / und schlugen sich durch zwei
Tore durch. Bei dem achten Meilen-Steine von der Stadt begegnete ihnen eine
neue zusammen gezogene Macht / und Camillus lag ihnen ebenfalls in den Eisen;
also: dass sie fast allentalben von Feinden umbringet wurden. Eisenberg aber
munterte seine Semnoner so wohl mit seinem Arme / als mit seiner Zunge zu einer
behertzten Gegenwehr auf; und befahl: dass sie sich nach und nach an den nicht
weit entfernten Fluss-Anio / und unter das darbei stehende Dorff ziehen sollten.
Das Beispiel ihres Obersten / und die euserste Not / welche der mächtigste
Werckzeug des Sieges ist / zwang denen wenigen Deutschen ungemeine Helden-Taten
ab. Insonderheit übte Briso ein junger Semnonischer Fürst gegen die Römer
Wunderwercke aus. Weil er aber keinen Fussbreit Erde weichen wollte / ward er von
den Feinden umbringet / und nach unglaublicher Gegenwehre und vielen empfangenen
Wunden endlich vom Manlius getödtet. So bald aber Eisenberg das verlangte Ziel
erreichte / liess er das erlangte Dorff an allen Ecken anzünden; und nach dem er
bei nahe tausend Mann verloren / gleichwohl aber auch die Römer nicht Seide
darbei gesponnen hatten / setzte und schwemmte er unter dem Dampf und Rauche
über den Strom / warff die Brücke hinter sich ab / dass der Feind ihn nicht
weiter verfolgen konnte. Von dar kam er so unverhofft nach Fidene: dass er die
Pforten offen fand. Dieses zündete er an / ging nach etlicher Stunden
Erfrischung daselbst über die Tiber / und kam /ohne dass sich einiger Feind an
ihn ferner wagen wollte / in Hetrurien; allwo Brennus bereit die Clusier von
Belägerung der Stadt Croton abgetrieben / und seinen Sohn gegen die Veneter
voran geschickt hatte. So bald er nun durch das Geschrei von der Römer
Friedens-Bruche gehört hatte; wendete er seine Deichsel wieder gegen Rom /
begegnete also seinem von Rom kommenden Volcke bei dem so genanten Königs-Bade.
Brennus ward über der Römer Betruge aufs eifrigste verbittert; verheerete daher
biss nach Nepete alles mit Feuer und Schwerdt. Und das Geschrei brachte nach Rom
ein solches Schrecken: dass Camillus sich vergebens bemüht hätte die nach Veje
allbereit bestimmte Flucht des ganzen Römischen Volckes zu hintertreiben; wenn
nicht die Römischen Gesandten zu Nepete ihn durch Entgegenbringung der tausend
Pfund Goldes / welche inzwischen die umb die Römische Verwüstung im Trauren
gehenden Massilier als treue Bundsgenossen nach Rom geschickt hatten / und
Entschuldigung ihrer aus Missverstande entsprungenen Tätligkeiten besänftiget /
oder vielmehr andere geheime Ursachen zu Beliebung eines neuen Friedes bewegt
hätten. Denn weil er die Hetrurier und Veneter noch hinter sich als einen
beschwerlichen Dorn im Fusse hatte / die über dem Po wohnenden Deutschen auch
mit einander in Krieg gerieten / und die vertriebenen Rhetier auch denen Bojen
eingefallen waren / hielt er nicht ratsam mit so vielen Feinden auf einmal sich
in beständigen Krieg zu vertieffen; als in welchen Fällen man nicht stets hinter
sich sehen kann; und der Schild der Klugheit die feindlichen Streiche sicherer /
als ein gewaffneter Arm ablehnet. Uber dis hatten es die Römer durch ein neues
mit den Massiliern aufgerichtetes Bündnis / krafft dessen alle Massilier das
Römische Bürger-Recht / die Zoll-Freiheit / und ihren Gesandten ein Sitz im
Römischen Rache verliehen ward / so weit gebracht: dass sie mit andern gegen die
Deutschen ergrimten Galliern / weil Hertzog Marcomir biss an die Maass die
deutsche Herrschaft erweitert hatte / des Brennus zu Aventicum zum Hertzoge der
Semnoner eingesetzten Bruder bekriegten; welchen Brennus nicht hülff-los lassen
konnte; daher er zehn tausend Deutschen ihm über die Alpen zuschickte; und
hierdurch die Feinde zum Frieden zwang. Als Brennus derogestalt auf beiden
Seiten der Alpen sieghaft war / flog auch seiner Semnoner Ruhm in Sicilien /
Africa und Griechenland. Denn es hatte König Dionysius in Sicilien mit dem
Hertzoge Brennus ein Bündnis gemacht / und von ihm zwölf tausend deutsche
Hülfs-Völcker bekommen. Denn er eroberte durch ihre Tapferkeit die von den
Cartaginensern erbaute See-Stadt bei dem Lilybeischen Vorgebürge Motya; zwang
den Imilco; dass er / umb freien Abzug aus Sicilien bitten musste. Ja bemächtigte
durch sie sich in Italien des grossen Griechenlands. Fünff tausend dieser
Semnoner schickte Dionysius auch der von den Beotiern belägerten Stadt Corint
zu Hülffe / welche des Nachts in aller Stille in den Lecheischen Hafen
einlieffen; und bald daraus in einem Ausfalle das ganze Beotische Läger gegen
dem Tempel des Priapus aufschluge; also den Feind die ganze Belägerung
aufzuheben nötigten. Weswegen die Stadt Corint dem Brennus und Dionysius zwei
ertztene Bilder auf dem Rathause aufrichteten. Die Corinter und Cartaginenser
beehrten den Brennus auch hernach mit Gesandschaften / und bewarben sich so
wohl / als die Nachbarn in Italien umb seine Freundschaft. Als nun derogestalt
in Griechenland und Deutschland des Brennus Taten nicht anders als des Hercules
gesungen wurden; hielten es alle andere Deutschen darfür: dass ihnen / wenn sie
es ihm nicht nachtäten / so viel Schande / als ihm Ruhm zuwüchse. Daher fast
alle deutsche Völcker damals zu schwermen anfingen. Hertzog Antenor segelte mit
etlichen 1000. Deutschen in Britannien; hielt sich daselbst so tapfer: dass ihm
König Belin seine Tochter Cambra vermählte; von welcher seine Völcker noch ietzt
die Sicambrer genennet werden. Dene Catte war ohne diss ihr bergicht und
unfruchtbares Land zu enge / also: dass sie selbst einander in die Haare
gerieten. Endlich entschloss sich Fürst Batto und sein Sohn Hess ihrem Vetter ihr
Erbteil abzutreten / und wie Brennus eines mit dem Degen zu erwerben. Diese
beide Hertzoge zohen mit 30000. Catten den Rhein hinab /schlugen die Gallier /
und bemächtigten sich des zwischen denen zwei Armen des Rheines und dem Meere
liegende Eylandes / nennten sich auch nach ihre Fürsten die Bataver / welcher
die Stadt Nimegen erbaute. Batanat machte sich ebenfalls mit 100000. an dem
Oder-Strome gelegenen Osen und Marsingern auf /setzte über die Donau / und
eroberte zwischen diesem Flusse und der Sau ein grosses Gebiete. Die noch in
Deutschland und Gallien gebliebenen von denen Allemännern aber gedrückten Celten
giengen so gar über das Pyreneische Gebürge / und gründeten um den Fluss Durias
und Sucra ein neues Reich der Celtiberier. Alle in Griechenland kriegende
Völcker mühten sich einige Deutschen zu ihren Kriegs-Obersten /und die Könige
sie zu ihrer Leibwache zu bekommen /und insonderheit nach etlicher Zeit König
Philip in Macedonien. Inzwischen aber starb Brennus / und liess seine Herrschaft
seinem Sohne Ludwig; sein Gedächtnis aber der Nachwelt zu einem Beispiele der
Tapfferkeit. Hertzog Ludwig war seines Vaters Ebenbild nichts minder an Gestalt
als an Gemüte. Daher nam die von den Römern bekriegte Stadt Velitre zu ihm
Zuflucht; und beklagten sich / dass Rom die minste Ursache einiger Feindseligkeit
gegen sie hätte /sondern aus blosser Herschenssucht sich als eine Wölffin alle
andere Städte in Italien als Schaffe zu verschlingen berechtigt hielte. Weil nun
die Römer die Velitrer aus dem Felde schlugen und ihre Stadt belägerten / es
also nicht Zeit war mit der Feder / sondern mit dem Degen zu fechten; machte er
sich mit 40000. Semnonern auf / und rückte so eilfertig fort: dass die Römer von
ihrem Anzuge nicht ehe Kundschaft kriegten: als biss sie zu Crustumerium über
die Tiber gesetzt hatten. Sie erklärten hierauf den Marcus Furius zu ihrem
Feldherrn / schrieben an alle ihre Bundgenossen um Hülffe / niemand aber wagte
sich in diss Spiel zu mischen / aus Beisorge: dass sodenn die Deutschen die
Kriegs-Last ihnen selbst auff den Hals weltzen würden. Wie nun Hertzog Ludwig
bei Collatia über den Fluss Anio ging / und biss nach Alba kam; hoben die Römer
die Belägerung für Velitre über Hals und Kopff auf / setzten sich darmit an
einen vorteilhaftigen Ort; aus welchem sie durch keine Ausforderung der
Semnoner zu locken waren; unter dem Vorwande: dass das Bild des weiblichen
Glückes an dem Wasser Crabra bei Rom nunmehr zum dritten mal geredet / und ihnen
zu schlagen verboten hätte. Rhemetalces fiel ein: Er hätte ja in den Römischen
Geschichtschreibern gelesen: dass Marcus Furius die Semnoner damals bei Alba aufs
Haupt geschlagen; deswegen zu Rom ein Siegs-Gepränge erlangt / und der Deutschen
wenige Uberbleibung sich in Apulien geflüchtet hätte. Adgandester antwortete:
Die Griechischen Geschichtschreiber redeten hierinnen den Deutschen ihr Wort;
und wäre aus diesem unverdächtigen Zeugnüsse zu urteiln: wie viel in andern
Fällen der Römer Grosssprechen Glauben verdiente. Und zweiffelte er nicht:
Rhemetalces würde diss / was er erwähnte / aus dem Livius haben / welchen Käyser
Augustus selbst wegen gesparter Warheit / und dass er allzu sehr Pompejisch wäre
/ beschuldigte; wie man hingegen den Dion für allzu gut Käyserlich / den Fabius
für zu gut Römisch / den Philinus für allzu Cartaginensisch hielte. Es ist diss
/ sagte Zeno / der gröste Schandfleck eines Geschichtschreibers / welcher / wie
köstlich er sonst ist / hierdurch alleine die Würde gelesen zu werden einbist;
und nicht unbillich einem Tiere vergliechen wird / dem man die Augen
ausgestochen hat. Daher auch die sonst so ruhmswürdige Liebe des Vaterlandes
alleine in einem Geschichtschreiber verwerflich ist. Rhemetalces versetzte: Es
ist freilich wohl wahr; ich glaube aber: dass es so wenig Geschichtschreiber ohne
Heuchelei / als Menschen ohne Maale gebe. Woltat und Beleidigung zeucht uns
gleichsam unempfindlich zu ungleichem Urteil; wie der Strom des Hellesponts
auch bei der Windstille die Schiffe gegen das Griechische Meer. Daher Callias
von Syracuse sich nicht mässigen konnte / alles Tun des ihn beschenckenden
Agatocles zu rechtfertigen / der von ihm aus Sicilien verwiesene Timeus aber
alles zu verdammen. Ja nach dem Berichte des Asinius Pollio / hatte Käyser
Julius in seinen Schrifften selbst so wenig Warheit gefunden: dass er selbte zu
verbessern durch Schamröte bewogen / durch seinen Tod aber verhindert worden.
Zugeschweigen dass einige nach der Art des Zevxes / welcher alle Menschen grösser
machte / als sie wahrhaftig waren / auch ihre Geschichte derogestalt
vergrössern / gleich als wenn die Warheit ein zu schlechter Firns der Schrifften
/ und diese ohne Erzehlung ungemeiner Wunderwercke nicht lesens-würdig wären.
Adgandester nahm das Wort von ihm / und sagte: Die denen Schlachten oder andern
Staats-Händeln selten beiwohnenden Geschichtschreiber sind noch ehe zu
entschuldigen; als welchen selbst zuweilen entweder das unwahrhafte Geschrei /
oder der Irrtum eines anbindet. Viel schädlicher aber ist es / wenn ein
Feldherr oder Volck entweder nichts ausrichtet; und gleichwol nach Römischer
Gewohnheit grosse Siegs-Gepränge hält; oder gar seinen Verlust für einen grossen
Gewinn in der Welt ausruffen läst. Zeno versetzte: Es erforderte es vielmal die
euserste Not aus einem Schatten einen Riesen machen; und es wäre die gröste
Klugheit seine Wunden mit den Pflastern des Eigenruhms nicht minder verhölen /
als heilen. Denn welche Freundschaft hielte bei verkehrtem Glücke die Farbe?
Das Elend züge denen Bundgenossen die Treue / wie die Sonne hohe Farben aus; und
kein Eydschwur / keine Bluts-Freundschaft / keine genossene Woltat verhinderte:
dass man nicht sich fremder Gefahr entzüge; ja denen Bedrängten selbst
Spinnenfeind würde; und wormit es nicht schiene: als wenn man es iemals mit
ihnen gehalten / sie selbst vollends ins Verderben stürtzen hülffe. Also wäre
das Unglück des grossen Pompejus Hencker / Achillas aber nur sein Scherge
gewest. Bacchus wäre dem Jugurta erst / als ihm das Glücke den Rücken gekehret
/ feind worden; und König Prusias hätte nicht ehe seine Larve gegen den Hannibal
vom Gesichte gezogen; als biss jene Närrin sie vorher abgenommen. Adgandester
begegnete ihm: In zweifelhaften Begebnüssen wäre es freilich eine Klugheit
seinen schlechten Zustand so viel möglich beschönen; aber wider die kundbare
Warheit Falschheiten aussprengen sehr unverschämt. Gleichwol aber hätten die
Römer diss unzehlbare mal getan; und hätten ihre überwundenen Heerführer oft /
ja Marcus Furius und Petilius ieder Siegs-Gepränge gehalten / ohne dass einer
iemals einen Feind geschlagen. Welches der mit denen Galliern verbundenen Stadt
Tibur nicht unbillich so lächerrlich vorkam; dass sie nach Rom schickten / und den
über sie siegprangenden Petilius fragen liessen: Ob er mit ihren Mücken / oder
mit ihrer Verstorbenen Geistern geschlagen hätte? Denn 9. Jahr nach der Zeit /
da Hertzog Ludwig Velitre entsetzt / und aus dem Römischen Gebiete grossen Raub
in Umbrien zurück gebracht hatte /überfielen die Römer die Hernicier / und
folgendes Jahr das Gebiete der über fünftehalb hundert Jahr älteren Stadt Tibur.
Weil nun die Semnoner zu Rom vergebens ihre von beiden Völckern gesuchte
Vermittelung fürschlugen / schickte Hertzog Ludwig seinem Bruder Adolph dreissig
tausend Deutsche beiden zu Hülffe / welche biss an den dritten Meilenstein an Rom
anrückten / und also die Römer / welche die Stadt Ferentin erobert / der
Hernicier Gebiete zu verlassen / und ihrem eigenen Feuer zuzulauffen nötigten.
Hertzog Adolph ging / um die Stadt Tybur zu bedecken / zu Antenna über die
Tiber / und setzte sich an dem Flusse Anio auf der Saltzstrasse dem neuerwehlten
Römischen Feldherrn Qvintius Pennus recht gegen über. Die Römer mühten sich
durch vielfältige Anfälle die daselbst zwischen beiden Lägern über den Fluss Anio
gebaute Brücke zu gewinnen / wurden aber allemal mit grossem Verluste zurück
geschlagen; also: dass Qvintius durch keine Dräuung oder Versprechen sie zu
fernerm Angriffe bewegen konnte; also genötiget ward die eusersten Kräffter aus
Rom an sich zu ziehen / und die junge Mannschaft mit einem schärffern Eyde zu
verfassen. Die Semnoner kamen hierauf nach und nach einzel-weise auf die Brücke
/tummelten sich daselbst und forderten die Römischen Edelleute zum Zweikampf
aus. Nach vielem Ruffen erschien endlich gegen einem Deutschen Edelmanne
Gergelase der junge Licinius; welcher aber / als der Deutsche auf ihn an drang /
imer wie ein Krebs zurücke wich / und endlich die Flucht nahm / weswegen ihm
jener hernach zum Gedächtnis einen Krebs auf den Schild mahlen liess. Diese
Scharte auszuwetzen stellte sich des Bürgermeister Sulpitius Sohn wider Morien
einen Deutschen Edelmann ein; nach einem kurtzen Gefechte aber versetzte Morien
dem Sulpitius einen tödtlichen Streich in Hals / dass er zu Bodem fiel. Morien
nahm ihm nichts / als seinen Schild mit einem güldenen Sterne; Hingegen
beschenckte ihn Hertzog Adolf mit einem köstlichen Schilde / darauf er die
Saltz-Brücke und einen güldenen Stern pregen liess. Eben so unglücklich ging es
dreien folgenden Römern / welche gegen so viel Semnonern zu fechten sich
erkühnten. Als nun diese keinen Römer durch die schimpflichste Ausforderung zum
Kampffe mehr bewegen konten / kam endlich ein unbekandter Deutscher Jüngling in
einem blau-gelben seidenen Rocke auf die Brücke; mit blossem Haupte und nur mit
einem Degen und schmalem Schilde gerüstet. Dieser ruffte den Römern zu: Es sollte
doch der tapfferste unter ihnen / wo anders einer noch ein Hertz im Leibe hätte
/ mit einem ungewaffneten / oder wenn die Römer ja alle zu Weibern werden / mit
einem Deutschen Weibe sich schlagen. Worauf denn Qvintius aus dem Römischen Adel
mit Not den Titus Manlius mit der Erinnerung: dass sein Geschlechte vom
Verhängnisse den Semnonern zu widerstehen erkieset wäre / noch beredete: dass er
aufs sorgfältigste mit einem grossen Schilde / einem Spanischen Degen /und unter
dem Rocke mit einem Pantzer-Hemde ausgerüstet / gegen den Deutschen sich
stellte. Das Gefechte beginnte beiderseits mit einer freudigen Tapfferkeit;
iedoch erlangte der Deutsche den Vorteil: dass er dem Manlius drei heftige
Streiche anbrachte /welche aber wegen des verborgenen Pantzers nicht
durchgiengen. Diese über diesen Betrug erwachsende Verdrüssligkeit verleitete den
Deutschen: dass er dem Manlius einlief / selbten faste und zu Bodem warf. In
diesem Ringen aber stiess Manlius dem Deutschen einen verborgenen Dolch beim
Nabel in den Leib; worvon er mit häuffiger Blutstürtzung zu Bodem fiel. Manlius
sprang hierüber auf / riess dem Deutschen sein güldenes Halsband ab / henckte es
ihm um / und kehrte darmit eilfertig ins Römische Läger; welches hierüber / als
einer gewonnenen Schlacht / ein grosses Freuden geschrei erregte / und den
Manlius mit dem Zunahmen Torqvatus beehrte. Hertzog Arnold liess den Deutschen
alsbald von der Brücke abholen / befanden aber; dass selbte eines Semnonischen
Edelmanns Tochter war; Daher sie die Römer mit ihrem Siege nur verhöhnten / und
noch selbigen Tag Lochau ein Edelmann / biss an den Wall des Römischen Lägers
ritt / und dreien auff seine Ausforderung sich gestellenden Römern die Köpffe
abhieb; welche er hernach zum Gedächtnis auff seinen Schild mahlen liess. Nach
dem nun beide Heere zwantzig Tage gegen einander / iedoch das Römische wegen der
im Rücken habenden Stadt in mercklichem Vorteil gelegen hatte / diss aber zu
keiner Schlacht zu bringen war / denen Deutschen aber die Lebensmittel abgiengen
/ zündete Hertzog Adolf sein Läger an / zohe sich gegen der Stadt Tibur; und
weil die Campanier auff Anstifftung der Römer die Hernicier mit offtern
Einfällen bedrängten / rückte er an dem Flusse Anio biss zu seinem Brunnen fort.
Hierauff ging er bei Sora über den Fluss Livis / überfiel bei der Stadt Arpin
die Campanier und schlug selbte mit seiner blossen Reuterei aus dem Felde. Die
Stadt Atina sperrte ihm selbst die Tore auf; die in dem fruchtbaren Oel-Lande
aber gelegene Stadt Venafrum eroberte er mit Sturme / und zwar durch die
Reuterei; welche / als an beiden Seiten das Fussvolck anfiel / auff dem die Stadt
zerteilenden Flusse Vulturnus unvermerckt darein schwemmte / die Gatter zerhieb
/ alles was in Waffen war erlegte / und die Pforten dem Fussvolk eröffnete.
Allisa / Telesia und Calatia begaben sich hierauf in der Deutschen Schutz /
richtete also Adolph hier eine neue Herrschaft auf. Diesemnach rückte der
Bürgermeister Petilius Libo / um den Campaniern Lufft zu machen / für die Stadt
Tibur / Fabius Ambustus aber fiel denen Herniciern ein. Hertzog Adolph aber
trieb mit dem blossen Nahmen seiner Ankunft den Fabius aus dem Hernicischen
Gebiete / trieb ihn von Preneste weg / verwüstete in den Gegenden um Lavicum /
Tusculum und Alba alles / was den Römern anhing; und jagte endlich den Fabius in
Rom /und setzte sich eines Bogenschusses weit von der Collinischen Pforte. Es
bebeten die sieben Berge über dem Heulen und Angstgeschrei des eine neue
Eroberung besorgenden Volckes. Der Rat machte den Servilius Ahala zu einem
neuen Feldherren / und was nur Waffen tragen konnte / musste sich in die
Kriegs-Rollen schreiben lassen. Titus Qvintius führte die Reuterei zu erst
hinaus / welchem Hertzog Arnold Platz zum Treffen machte. Die Schlacht beginnte
erst gegen den Abend / wormit die Römer bei widrigem Glücke ohne allzu grosse
Unehre sich zurück weichen könten. Aber die Sonne ging noch nicht zu Golde /
als das Römische Heer schon zertrennet / und biss an die Stadtmauer gejagt ward.
Die Römischen Weiber /alten Greise und Kinder / standen zwar auf den Türmen /
rufften den ihrigen aufs beweglichste zu; sie möchten sich als Männer halten /
und ihr Vaterland retten; durch die Collinische und Viminalische Pforte kriegten
sie auch eine starcke Hülffe von frischem Volcke; ja die Römischen Weiber selbst
wurden zu Besetzung der Mauern gebracht / aber es war alles umsonst; und musste
Servilius nur das völlige Feld räumen / und sich in die Stadt nach überaus
grossem Verluste retten. Weil nun in dreien Tagen sich kein Römer für denen
geschlossenen Toren mehr sehen liess / Arnold aber weder Volck genung / noch
Sturmzeug die Stadt Rom anzugreiffen bei der Hand hatte /und die Tiburtiner
wider den Petelius bewegliche Hülffe suchten; eilte er an der Tiber hinauf. Sein
Vortrab kam mit dem Bürgermeister zwischen Nomentum und Tibur zu schlagen; die
Nacht aber scheidete sie von sammen; in welcher Petelius zu Noment über die
Tiber ging / das Deutsche Heer nicht erwarten wollte / sondern nach Rom kehrte /
gleichwol aber daselbst zwei lächerliche Siegs-Gepränge hielt. Folgendes Jahr
verneuerten die Römer ihr altes Bündnis mit den Lateinern / zohen also viel
tausend Kriegsleute an sich / griffen hierauf die Tarqvinier mit Krieg an; aber
Hertzog Adolf kam ihnen mit seinen Deutschen / die damals aller Bedrängten
Zuflucht waren / zeitlich zu Hülffe; und brachen bei Preneste und der Stadt
Pedum ein. Die Römer machten aus beider Bürgermeister Heere eines / und den
Cajus Sulpitius zum Feldherrn. Dieser aber verschantzte sich an einem festen
Orte / und war weder durch der Deutschen schimpfliche Ausforderung / noch durch
seines eigenen Volckes Schmachreden zu einigem Treffen zu bewegen / sondern er
verbot vielmehr bei Lebens Straffe / wenn einer ohne Befehl kämpffen würde. Als
er endlich sich ohne euserste Verkleinerung nicht länger entalten konnte / und
ein grosses Teil des Deutschen Heeres sich Rom näherte / und ihr Gebiete mit
Feuer und Schwerd verwüstete / versteckte er des Nachts allen mit Waffen
ausgerüsteten Tross nebst hundert Reutern in ein Gepüsche auf einem
Tusculanischen Hügel / und stellte des Morgens sein Heer für dem Lager in
Schlacht-Ordnung. Die Deutschen waren so begierig zum Fechten: dass sie die Römer
ehe anfielen / ehe Hertzog Arnold seine Schlacht-Ordnung gemacht / oder das
Zeichen gegeben hatte. Sie brachten auch den rechten Flügel / darinnen doch der
Feldherr selbst fochte / und das Ampt eines tapffern Kriegs-Mannes verwaltete /
zum weichen in Verwirrung. Der lincke Flügel aber hielt mit dem Marcus Valerius
den Semnonern die Wage; iedoch musste der notleidende Sulpitius seinem Tross ein
Zeichen geben: dass selbter auf der Seite gegen die Deutschen herfür brach. Durch
welche Bländung denn die Deutschen stutzig gemacht wurden. Weil nun sich der
Wind zugleich wendete /und den Deutschen den Staub recht in die Augen wehete /
zohe Hertzog Arnold sein Heer mit einer so klugen Art zwischen die Berge: dass
der Verlust beider streitbaren Teile gleiche war; ungeachtet die Römer dem
Sulpitius ihrer Meinung nach ein wahrhaftes /nicht aber wie vormals andern
falsch ertichtete Siegs-Gepränge erlaubten. Hingegen gewan Ritter Sultz /welcher
mit 10000. Semnonern denen Tarqviniern beistand / dem Fabius einen herrlichen
Sieg ab / welche / weil die Römer vorher etliche Gefangene dem Mars geopffert
hatten / 307. gefangene Römische Edelleute ebenfals abschlachteten. Diesen
Verlust einzubringen ward das Jahr hernach der Bürgermeister Popilius Lenas
wider die Tarqvinier und Deutschen geschickt; welcher aber mit einer schweren
Niederlage abgefertigt war; worzu die Deutschen Priester nicht wenig halffen /
welche für dem Tarqvinischen rechten Flügel mit brennenden und mit Schlangen
umwundenen Fackeln vorher lieffen / und die über diesem neuen Aufzuge
bestürtzten Römer verwirrten / denen Tarqviniern aber ein Hertze machten. Es
wurden aber die Deutschen mit denen Tarqviniern wegen der Beute uneines;
weswegen jene ihre Hülffs-Völcker nach Hause berufften / diese also
unterschiedene mal grossen Schiffbruch liedten. Weil die Römer aber aufs neue
die Tiburtiner überfielen / schickte Hertzog Ludwig / Erdmann / sein Schosskind
einen jungen Semnonischen Ritter / wieder mit einem frischen Kriegs-Heere ins
Latium; gegen welchen der Bürgermeister Popilius Lenas mit einem starcken Heere
aufzoh; weil er aber den Deutschen sich gleichwol nicht gewachsen zu sein / oder
die Langsamkeit einem Feldherren anständiger als die Vermessenheit hielt / sich
auff dem kalten Berge verschantzte. Dem jungen und hitzigen Erdmann ward die
Zeit zu lang / und die Gedult zu kurtz den Feind an einem gelegnern Orte
anzugreiffen / daher entschloss er wider die Einratung / welche entweder von Art
oder Alter zum Verzuge geneigt waren / den Berg und das befestigte Läger zu
stürmen; und zwar unter diesem Vorwand: dass der Feind sich nur auff seinen Wall
/ er sich aber auf die Hertzen seiner Deutschen verliesse / welche lieber
stürben / als etwas unüberwindlich hielten. Zudem wären sie so fruchtbar: dass
ihrem Hertzoge alle Nacht ein Heer gezeugt würde. Er selbst führte anfangs den
Sturm an; und ob die Deutschen gleich aus dem Atem kamen /ehe sie des Berges
Höhe erstiegen / oben auch noch zweifache Graben und Wälle für sich hatten / und
es augenscheinliche Unmögligkeit war das Lager einzunehmen / stürmte er doch mit
stets abgelösten Völckern Tag und Nacht durch; eroberte auch zwar den eusersten
Wall / und warf dem Bürgermeister einen Spiess durch die lincke Achsel; also: dass
das Römische Lager nunmehr in Gefahr stand; aber das Blat wendete sich
unverhofft / indem Erdmann mit einem Steine so harte am Kopffe verwundet war:
dass er für todt zu Bodem fiel. Worauf die andern Kriegs-Obersten nicht für
verantwortlich hielten dieses so vermessene Werck zu verfolgen; sondern von
Sturme abblasen liessen; ihr Läger ansteckten / und sich nach Alba zohen /
sondern dass sich die Römer sie zu verfolgen wagten. Erdmann kam den dritten Tag
erst wieder zu sich selbst; und als die Obersten sich über dem allzu hitzigen
Fürnehmen beklagten / nur die Achseln einzoh / und antwortete: Es war wohl eine
harte Ecke. Worvon er hernach den Zunahmen Harteck bekam; iedoch diese Scharte
hernach durch einen herrlichen Sieg gegen die Griechischen See-Räuber / welche
bei Laurentum / wo vor Zeiten Eneas ausgestiegen war /aussetzten und das Land
verheereten. Sintemal er diese nicht nur mit grossem Verlust in die Schiffe
jagte / sondern auch die Lateiner dadurch gewan: dass sie den Römern aufs neue
den Bund aufkündigten. Hierüber ward Rom so bestürtzt: dass sie ein Heer von zehn
Legionen / iede zu fünftehalb tausend Mann aufrichteten; mit dessen gröstem
Teile der Bürgermeister Camillus gegen die Deutschen in das Pomptinische
Gebiete aufzoh; welcher aber durch Langsamkeit die zum kämpffen eifrige
Deutschen gleichfals abmatten und durch Verdrüssligkeit zu einem unvernünftigen
Treffen verleiten wollte; also sich allezeit / wann der Feind auf ihn drang /
zwischen die Pomptinischen Sümpffe versteckte. Der Fluss Amasen scheidete beide
Läger von einander / über diesen kam um Mitternacht ein altes Weib auff einem
Hunde mit einem Krantze von Eisen-Kraute auf dem Haupte / und mit einer
brennenden Fackel in der Hand geschwommen; machte mit selbter einen Kreis in die
Hand; und nach vielen gemahlten Zeichen und seltzamen Gebehrden fing sie gegen
das Deutsche Läger mit heiserer Stimme aus allen Kräfften zu rüffen: Ist irgends
ein Gott /eine Göttin / oder Geist / der die Deutschen beschützet / so verehre
und bitte ich euch: verlasset der Deutschen Land / Städte und Läger. Jaget ihnen
Schrecken / Zagheit und Vergessenheit ein. Kommt nach Rom; erwehlet unsere
Heiligtümer / und stehet unserm Heere für; so geloben wir euch Tempel zu bauen
/Opffer zu liefern und Spiele zu halten. Die Deutsche Wache ward hierüber
verbittert / schossen daher mit Pfeilen auff sie / welche aber alle für dem
Kreisse niederfielen. Sie liess sich auch in ihrer Gauckelei nicht hindern /
sondern machte einen Hauffen wächserne Bilder und zerschmeltzte sie in der
Fackel; zuletzt steckte sie einen Stab in die Erde in einen Ameiss-Hauffen / an
welchem die Ameissen hinauf auf lieffen; an der Spitze sich in Raben
verwandelten / und davon flohen. Hierauf fing sie so ein jämmerliches Geheule
an: dass den Deutschen die Haare zu Berge stunden /und sprang in den Fluss / über
welchen diese Zauberin ihr Höllen-Hund an dem Römischen Ufer aussetzte. Zeno
fing an: Es ist diss eine Zauber-Art / wie sie in Pannonien aus den Ameissen
Staare machen /und ihrem Nachbar in die Weinberge die Trauben abzufressen
schicken sollen. Aber ich glaube / dass diss alles abergläubische Bländungen sind.
Adgandester versetzte: Der Deutsche Heerführer Leuchtenberg war in eben dieser
Meinung; daher er die Deutschen / welche zu Abwendung dieser Zauberei drei mal
in die Schoss den Speichel ausspien / verlachte / die in seinem Heere
befindlichen Tiburtiner aber / die dem Neptun und der Nemesis opffern / oder in
dem Läger des Priapus Bildnis auffrichten wollten /wie nichts minder denen
Kiegsleuten viel mit Raute / Knaben-und Faselwurtz gefüllte Knispel an Hals zu
hencken mitteilten / auch ihm das Läger zu verrücken rieten / mit hartem
Verweis abfertigte; alleine der Ausgang wiess gleichwol: dass das göttliche
Verhängnis doch der Zauberei zuweilen etwas enträume; und dass die schwartzen
Raben den Deutschen so viel Böses / als die weissen denen Beotiern in Tessalien
Gutes bedeuteten. Denn Udalrich ein deutscher Edelmann setzte über den Fluss /
und forderte den hertzhaftesten der Römer zum Zweikampffe aus. Die Römischen
Wahrsager brachten es bei dem Camillus wider vorige Gewohnheit der Römer /
welche sonst schwer hierzu kamen; in dem ein ganzes Heer meist aus solchen
Gefechten den Ausschlag des ganzen Krieges urteilte / durch grosse
Vertröstungen dahin: dass einem Kriegs-Obersten Marcus Valerius mit dem Deutschen
zu kämpffen erlaubt ward. Wie der Streit nun angehen sollte / kam über das
Deutsche Läger ein Rabe von ungemeiner Grösse mit grausamen Geschrei geflogen
/setzte sich dem Valerius auff den Helm / und beim Anbinden flohe er dem
Udalrich ins Gesichte / hackte und kratzte ihm die Augen aus; also dass Valerius
bei dieser seiner Bländung ihm leicht etliche tödtliche Stiche beibringen konnte.
Die Deutschen schmertzte dieser zauberische Betrug / und die Bezauberung des
Todten so sehr: dass die Vorwache ohne Verlaub durch den Fluss schwemmte und den
Valerius mit seinen Gefärten verfolgte / unter denen waren zwei Hermundurische
Edelleute; welche dem Valerius nicht nur die abgenommenen Waffen abjagten /
sondern ihm auch den Helm von dem Kopffe schlugen / und eroberten; weswegen der
eine hernach den Zunahmen Rabe / und einen mit einem Raben ausgeputzten Helm /
der andere Rabenstein mit einem Raben im Schilde führte. Uber diesem Gefechte
aber drangen aus beiden Lägern so viel Kriegsleute nach und nach herzu: dass
beide Feldherren endlich um nicht ihre bereit kämpffenden Leute im Stiche zu
lassen / gezwungen wurden mit vollen Kräfften los zu gehen. Camillus munterte
die Seinigen darmit auf: dass der dem Valerius zu Hülffe gekommene Rabe den
Römern zur rechten / den Deutschen zur lincken Hand geflogen wäre; also jenen
den Sieg / diesen den Untergang angekündigt hätte. Diesem ihrem Glücks-Vogel und
Wegweiser sollten sie nur behertzt nachfolgen. Die Götter schickten den Menschen
mehrmals Tiere zu Gehülffen und zu Leitern. Also hätten die Tauben den
Chalcidensern über das Meer an den Ort / wo sie hernach Cuma hingebaut / eine
Schlange der Antinoe nach Mantinea / eine Kuh dem Cadmus nach Tebe /ein Widder
dem Bacchus in Africa den Weg gewiesen. Leuchtenberg hingegen redete diss den
Deutschen aus; und meldete: dass der Aberglaube die hesslichste Larve der
Vernunft / und eine Ohnmacht des Gemütes wäre. Jedoch hatten die Deutschen /
welche durch den Fluss Amasen teils schwimmen / teils waten / und in dem Wasser
biss an die Achsel stehende gegen die an dem festen und meist hohem Ufer
fechtenden Römer kämpffen mussten / einen schweren Stand. Nichts desto weniger
setzten sie endlich festen Fuss / und erfolgte beiderseits eine grausame
Blutstürtzung so lange / biss die wieder Gewohnheit stockfinstere Nacht die gegen
einander rasende Feinde von einander sonderte / und ieden in sein Läger zu
kehren zwang; also: dass sich kein Teil mit Warheit eines Sieges rühmen konnte /
beide aber wohl den verlohrnen Kern ihres Volckes zu betrauren / und nur die
höllischen Geister über ihrer Mordstifftung sich zu erfreuen hatten. Camillus
zohe hierauff nach Rom / die Deutschen aber erfrischten sich in Apulien; und
machte diese geschehene Prüfung beiderseitiger Kräfften zwischen ihnen einen
stillschweigenden Stillestand; welchen die Römer hernach mit vielen Geschencken
und Liebkosungen unterhielten; wormit sie bei dieser Einschläffung die Samniter
und Lateiner unter ihre Botmässigkeit bringen konten. Diese Ruhe unterhielte von
seiten der Deutschen auch teils die zwischen denen Semnonern / Bojen und andern
über die Alpen gestiegenen Völckern erwachsende Unruh /teils dass den
streitbaren Hertzog Ludwig der friedliebende Alarich folgte / welcher mehr mit
guten Gesetzen seine Herrschaft zu befestigen / als sie mit dem Degen zu
erweitern trachtete. Also endern auch die Völcker / wie die Gewächse unter einem
andern Himmel ihre erste Eigenschaften.
    Unterdessen bewegte sich ein neuer Schwarm der um den Berg Abnoba und den
Brunnen der Donau wohnenden Allemänner unter dem Hertzoge Arnolff; ging nach
dem Beispiele der Marsinger und Osier in Pannonien / und breiteten sich von dar
biss an den innersten Seebusem des Adriatischen und Illyrischen Meeres / die
Marsinger und Osier aber biss über den Fluss Marisus aus; also: dass der um den
Strom Tyras wohnende Sarmatische König Atea wider sie den Macedonischen König
Philip zu Hülffe beruffte. Die Deutschen erinnerten sich ihrer alten mit den
Sarmatern gepflogenen Freundschaft und Bündnisse. Sintemahl schon zur Zeit des
zu Troja herschenden Ilus der Deutsche König Galates und Gotard mit der
Sarmater Könige Lautim wider den Darius Histaspides zusammen gekrieget / und
diesen / weil er sich die überschickte Maus / Frosch und Pfeile nicht zurücke
halten liess / mit Verlust 90000. streitbarer Männer wieder über den Ister
getrieben / hernach aber nach getroffenem Frieden dem Xerxes unter seinem Bruder
Ariomard wider die Griechen gedienet hatten. Daher sie denn auch dissmal den
Sarmatern wider den herrschsüchtigen Philip beizuspringen für recht und rühmlich
hielten; welcher nach aufgehobener Belägerung der Stadt Byzanz von dem Könige
Atea unter dem heiligen Scheine: dass er an dem Ister dem Hercules eine gelobte
Säule aufrichten wollte / über diesen Strom zu setzen / Erlaubnis bekam / die
einfältigen Sarmater aber überfiel / und grosse Beute machte. Bei Ankunft der
Deutschen aber musste Philip nur weichen / und seiner vorangeschickten Beute nach
ziemlichem Verluste folgen; ja als die Deutschen sich mit denen Triballen
vereinbarten / ihnen die Beute gar im Stiche lassen / und nach empfangener
gefährlichen Wunde die Flucht ergreiffen. Weil nun dieser der Deutschen
Tapfferkeit genungsam geprüfet hatte /hielt erster ratsamex sie zu Gehülffen in
sein Schiff zu nehmen / als es an diesen Klippen zu zerstossen. Daher er denn
ihrer sich in dem Kriege wider Aten fruchtbarlich bediente / und derer
insonderheit damals / als er zu Corint von ganz Griechenland zum Feldherrn
wider die Persen erkieset ward / 10000. in Bestallung nahm. Nach dem aber Philip
hierüber getödtet war / und sein Sohn der grosse Alexander nicht nur die
Tracier / Illyrier / Triballer und Peonier überwand; sondern auch über den
Ister setzte / und wider den Syrmus den König der Geten / welche vorzeiten
Hertzog Berich und Philomar aus dem mitternächtigen Deutschlande an den Ister
und Tibiscus geführet haben sollen / zohen die Deutschen die Hand ab / und
sperrten die Augen gegen diesen Siegen weit auf; schickten also die Allemänner /
Marsinger und Osier Gesandten an Alexander / welche ihn von Bekriegung ihrer
Verwandten und Bundsgenossen der Geten abmahnten / ihm auch rund heraus
andeuteten: dass sie seine Herrschaft sich über den Ister und die Sau zu
erweitern gar nicht enträumen könten. Alexander verwunderte sich nichts minder
über ihrer Freiheit der Gemüter / als über den Kräfften ihrer Leiber; fragte
daher die Gesandten für was sich die Deutschen am meisten fürchteten? An statt
der verhofften Erklärung: dass sie die Macedonische Macht anziehen würden
/kriegte er von ihnen zur Antwort: In den Hertzen der Deutschen hätte keine
Furcht raum. Solten sie aber ja für etwas Sorge tragen / könnte es nichts anders
sein /als dass der Himmel ihnen auf den Hals fiele. Sonst aber unterhielten sie
mit hertzhaften Leuten gerne Freundschaft. So will denn auch ich / versetzte
Alexander / solche mit euch befestigen / euch zu Liebe noch heute des Syrmus
Gebiete räumen / und zwischen uns den Ister das Gräntzmahl bleiben lassen.
Hierdurch erhielt er: dass nicht allein die vorigen Deutschen unter seinem Heere
blieben / uñ denen Illyrischen Königen Clitus und Glaucias wider ihn keinen
Beistand leisteten / sondern auch etliche tausend sich unter ihm in den
Persischen Krieg bestellen liessen /welche ein nicht geringer Werzeug seiner
unglaublichen Siege waren. Wie nun Alexander als ein Blitz ganz Persien unter
seine Füsse gelegt hatte / kützelte die Ehrsucht auch seinen in Pontus und in
Tracien hinterlassenen Stadtalter Zapyrion: dass er mit dreissig tausend
Macedoniern und Traciern / nebst einer grossen Menge Mösischer Hülffs-Völcker
über den Ister setzte / und also auch gegen Nord das Macedonische Reich zu
erweitern trachtete. Aber Zapyrion erfuhr zeitlich wie wahr der Epirische König
Alexander geurteilet: dass in Europa Mäñer / in Asien Weiber wohnten. Sintemal
die Geten und Deutschen ihn mit seinem Heere umringten und erschlugen: dass nicht
einer davon die Zeitung über den Ister brachte. Nachdem aber Alexander die Welt
biss an den Ganges bemeistert hatte / und alle Völcker entweder aus Furcht oder
aus Heuchelei ihn mit Gesandschaften ehrten /hielte auch die Deutschen / mit
welchen der Landvogt in Macedonien Antipater inzwischen Friede gemacht hatte /
es ihnen anständig zu sein / durch eine Botschaft ihr altes Bündnis zu
verneuern. Die deutschen Gesandten / nehmlich der Ritter Rosenberg und Sternberg
zohen biss nach Babylon / allwo der aus Indien siegprangend zurückkommende
Alexander aller Völcker Botschafter seiner zu warten befohlen hatte.
Ungeachtet nun die Chaldeer ihn die Stadt Babylon /wie andere Wahrsager dem
Epirischen Alexander den Fluss Acheron / als das Ziel seines Lebens zu meiden
/beweglich warnigten / hielte er doch das einige grosse Babylon seiner Grösse uñ
dem Gepränge so viel Botschafter zu empfange gemäss zu sein / zohe also /
ungeachtet er schon über den Phrat komen war / auf des weisen Anacharchus
Einraten nach Babylon zurücke. In dieser Stadt oder vielmehr kleinen Welt waren
von mehr als fünff hundert gekrönten Häuptern Botschafter verhanden; welche bei
verlauteter Ankunft des grossen Alexanders sich mit unbeschreiblichem Pracht /
insonderheit die Indianischen und Africanischen mit unschätzbaren Perlen und
Edelgesteinen sich ausgeputzt / und mit Beiführung unzehlbarer Elephanten /
Nasenhorn-Tiere / Kamelen und Mauleseln ausgerüstet hatten. Sie eilten meist
für der Zeit aus Babylon / und wollte ein ieder den Vorzug haben. Der Deutschen
Auffzug war mehr männlich / als wollüstig / iedoch auch nicht hesslich. Die fast
alle andere überragende Länge / die wohl abgeteilten Glieder /die weissen
Antlitzer / und Haarlocken der zweien deutschen Botschafter und ihrer hundert
Edelleute aber nahm allen andern gefirnsten Zierrachen bei weitem den Preis weg
/ also: dass sie aller Zuschauer Augen an sich zohen / welche gleichsam wie Mauem
die Strassen der Stadt und der Felder besetzten. Es ist wahr / fing die Königin
Erato an: die weisse ist die vollkomenste unter den Farben / und daher die
Deutschen auch die schönsten unter alle Völckern. Daher würde ich mich zu
Babylon nicht sehr nach den schwartzen Indianern und Afrikanern / noch auch nach
den gelben Asiatern umgesehen haben. Die Fürstin Ismene versetzte: Sie sehe wohl:
dass die Königin noch nicht mit ihnen zu schertzen / und ihnen den Ruhm der
schwartzen Farbe abzunötigen vergessen könnte. Die Natur antwortete Erato / wäre
die Rednerin für sie / welche nur weisse Perlen / lichte Sternen / ja nichts
merckwürdiges schwartzes geschaffen hätte. Je mehr auch ein Leib lichtes an sich
hätte / ie mehr wäre sein Wesen von Unsauberkeit gereiniget / welche der Anfang
der Finsternis / diese aber eine Vertilgung der Schönheit / oder die Hässlichkeit
selbst wäre. Die weisse Farbe wäre nichts anders als ein Glantz des reinen
Geblütes und des Geistes / und das Licht nichts anders als eine tätige Weisse.
Ja die Götter selbst könten nicht schwartz sein; und daher könten die welche die
Farbe der Perlen oder Sternen und des heiteren Himmels an sich hätten / sich mit
gutem Fug rühmen: dass sie den Göttern ähnlicher als schwartze Leute wären.
Tussnelde war bereit geschickt der Königin zu begegnen; als Zeno ihr mit Fleiss
vorkam und sagte: Die Schönheit stünde zwar allen Menschen wohl an / aber
niemanden besser als Fürsten und Gesandten; als welche durch ihre geheime
Zauberei die Gemüter der Menschen zu gewinnen am meisten vonnöten hätten.
Daher die Serer / welche aus der Schönheit gleichsam einen Abgott machen / noch
auch die Völcker / die den Schönsten zum Könige erwählen / so wenig als die
Spartaner für Toren zu halten wären / welche ihren König Archidamus verhöneten
/ weil er ihm eine Zwergin heiratete. Und die Hispanier hätten kein
verwerffliches Gesetze; dass ihre Könige schöne Gemahlinnen ehlichen sollten. Die
ansehnliche Gestalt des Marius / und die Anmut des Käysers Augustus hätte
zweien sie zu tödten schon im Wercke begriffenen Mördern Arm und Streich zurücke
gezogen. Hingegen wäre die Verachtung der unabtrennliche Nachfolger der
Hässlichkeit; und wäre einsmahls ein nur mit einem Auge sehender Gesandter bei
Hofe gefragt worden: Ob er von denen einäugichten Cyclopen geschickt wäre? Und
der sonst zum Schertz ungeneigte Cato hätte von denen Bitynischen abgefertigten
Gesandten / derer einer den Schwindel / der ander die Gicht / der dritte wenig
Witz gehabt / geurteilt: dass die Römische Botschaft weder Haupt / noch Füsse
noch Hertz hätte. Wiewohl auch der Agrigentische Gesandte Gellias / als die
Centuripiner ihn als ein Ungeheuer zu hören nicht würdigten; ihnen spitzfinnig
begegnete: dass seine Oberen zu schönen schöne / zu hesslichen hessliche Gesandten
schickten; so vergnügte er zwar durch diese Rache seine Empfindligkeit / aber
nicht in der Verrichtung seine Bürger.
    Adgandester verfiel in seine Erzehlung / und sagte von seinen deutschen
Botschaftern: Ihre Verrichtung hätte ihrer Gestalt nichts zuvorgegeben. Denn
als alle Gesandten an den Fluss Phrat kamen / über welchem Alexander in tausend
von Golde schimmernden Zelten / so wohl der Botschaften / als anderer zu
seinem Einzuge verordneten Anstalten erwarte; wollte keiner dem andern weichen;
indem die Scyten ihr Altertum / die Serer ihre Macht / die Cartaginenser ihre
Reichtümer / die Indianer ihre Bündnisse / die Epirischen ihre Anverwandniss /
die Sarmater ihre Tapfferkeit / andere was anders vorschützten; also: dass es
beinahe zu den Waffen kommen wäre / wenn nicht Perdiccas darzu kommen / und
denen Botschaften ihre Reihe angedeutet hätte. Weil nun die Deutschen
vernahmen: dass die Serer die ersten / die Indianer die andern / die Scyten die
dritten / die Deutschen die vierdten sein sollten; und die verhandenen Schiffe
zur Uberfart der Serer bestellt wurden; fing der Ritter Rosenberg an: es ist
niemand an Treue und Tapfferkeit über die Deutschen; und sie wissen von keinem
Vorzuge / als den man ihnen mit dem Degen macht. Hiermit sprengte er
Spornstreichs in den Strom / ihm folgte Ritter Sternberg und alle ihre
Edelleute; welche zu vieler tausend Menschen höchsten Verwunderung alle
glückselig durchschwemmeten / und also allen Gesandten den Ruhm ablieffen; von
dem solches anschauenden Alexander auch überaus geneigt empfangen / und hernach
bei dem Einzüge unmittelbar für ihm zu reiten gewürdigt wurden. Die Sarmater
folgten dem Beispiele der Deutschen /und jener die Scyten; so denn folgten
allererst der andern Völker Gesandten auff den Schiffen nach. Rhemetalces brach
ein: dieser Deutschen Entschlüssung überstiege allen Ruhm. Sintemahl es gewiss in
solchen Fällen / da man einem Gesandten / und seinem durch ihn vorgebildeten
Fürsten etwas verkleinerliches zumutete / Witz und Tapfferkeit erforderte /
seinem Fürsten nichts vergeben / und gleichwohl den / zu dem man geschickt würde
/ nicht beleidigen. Denn der Vorzug ist ein Augapffel der Fürsten; welchen sie
mit grösserer Empfindligkeit berühren / als ihnen sonst grossen Schaden zufügen
lassen. Daher hätte Arsaces seinen Gesandten Orobazes entaupten lassen / weil
er dem Sylla gewichen / und der Rat zu Aten den Derogoras harte gestrafft /
weil er den Persischen König wider ihre alte Art verehret. Es wäre zwar eine
gemeine Art sich der Zusammenkünfte zu enteussern / wo man in Gefahr stünde
nicht seine gebührende Ehre zu genüssen; zuweilen würde auch die Oberstelle
durch Gewalt behauptet; und wären wohl ehe der Britannier und Gallier Gesandten
von ihren eingenommenen Stühlen gestossen worden; aber jenes hielte schon selbst
ein eigenes Misstrauen / und ein halbes Nachgeben in sich; und diss wäre nicht nur
eine Versehrung der Höffligkeit / sondern auch oft ein Zunder schrecklicher
Kriege. Zuweilen pfleget man sich auch wohl dem ungewissen Loosse zu
unterwerffen; nach welchem Antonius / August / Lepidus und Pompejus nach
Abredung ihres Bündnüsses ihre Stellen nahmen; oder man erkieset zum Sitz runde
Taffeln / misset gegen einander die Tritte ab / redet zusammen einander
begeggnende; sucht den andern / wenn er zu Bette liegt / heim; gibt stehende
Verhör: dass auch der andere nicht sitzen dörffe. Allein biss alles sind Künste
nichts zu vergeben / aber auch nichts zu gewinnen. Daher denn die Römischen
Gesandten in dem Etolischen Reichs-Tage viel klüger taten: dass als sie für dem
Macedonischen Gesandten nicht zur Verhör kommen konten / sie auch denen
geringern Ateniensern freiwillig den Vorzug liessen; und dardurch den Vorteil
der vorhergehenden Gründe zu wiederlegen erlangten; und doch vorschützten: dass
bei den Römern der / welcher zuletzt ginge und redete / der Vornehmste wäre. Des
Königs Perseus verschmitzter Diener Philip machte durch einen annehmlichen
Schertz: dass Perseus ohne Verkleinerung zu dem Römischen Bürgermeister
Qvintilius als einem Aelteren über die Bach zur Unterredung kommen konnte. Eben
so verschmitzt machte es der Tebanische Gesandte Ismenias; welchem der
Persische König ohne Beugung seines Hauptes zur Erde keine Verhör geben wollte;
da er beim Eintritte mit Fleiss seinen Ring fallen liess / und ihm also Ursache
den Ring auffzuheben machte / gleichwohl aber den Verhörgeber vergnügte. Ein
Persischer Botschafter aber / welcher durch eine mit Fleiss erniedrigte Pforte
zu dem Indianischen Könige eingeleitet ward / erhielt rückwerts hineingehende
das Ansehen seines mächtigen Herrschers. Und des Deutschen Feldherrn Marcomirs
Botschafter / als der Scytische König ihm in dem Verhör-Saale keinen
Sitz-Teppicht aufbreiten lassen / machte aus seinem Mantel einen Sitz / und aus
der Not eine Tugend.
    Adgandester fuhre fort: Es wäre darbei nicht blieben / sondern als die
Botschafter hernach bei dem Einzuge Alexanders abermals mit einander zwistig
wurden / und insonderheit die sich eindringenden Serer und Indianer verlauten
liessen: Sie wollten die wenigen Deutschen in Stücken hauen; zohen dich
augenblicks von Leder / und der Gesandte Rosenberg sagte ihnen unter Augen: Sie
wüsten vielleicht nicht: dass der in dem Amasischen Gebürge wachsende Stahl zwar
der schönste / und am Glantze bei nahe dem Golde und Silber gleich / der Hercyn-
und Abrobische aber in Deutschland der schärffste wäre / und der Deutschen
Brüste die Härtigkeit der Ambosse / ihre Streit-Hämmer aber die Eigenschaft der
alles zermalmenden Mühl-Steine hätten. Also wären sie fertig ihre Klingen
gegeneinander zu versuchen. Aber Alexander lies diss Unvernehmen unterbrechen /
und verfügen: dass der Vorzug im Einzuge nach der Ordnung der geschehene
Empfangungen eingerichtet werden sollte. Zeno bezeugte ein sonderbares Vergnügen
über der Deutschen so fertiger Entschlüssung / und so stachlichter Antwort; als
durch welche er seinem hochmütigen Gegenteil so gut / ibo nicht besser
begegnet wäre / als der Partische Gesandte Vagises dem Crassus / da dieser
jenen zu Selevcia zu beantworten bescheidete / jener aber mit Lachen ihm den
Hand-Teller wiess / und versetzte: Es würden auff selbtem ehe Haare wachsen / als
seine Augen Selevcia sehen. Und als der Taurominische Fürst Andromachus / für
welchem der Cartaginensische Gesandte die Hand umdrehete / und andeutete: Würde
er nicht aus ihrem Gewässer die Corintische Schiffs-Flotte abziehen /wollten sie
Tauromin / wie er seine Hand zu oberste zu unterste drehen; worauff Andromachus
mit der Hand gleiche Geberdung machte und dem Gesandten sagte: Er sollte bei
Sonnen-Schein von dar weg / oder er wollte es seinem Schiffe auff diese Art
mitspielen. Adgandester kam wieder in seine Erzehlung / und meldete: dass die
Deutschen beim Alexander von Tage zu Tage immer in grösser Ansehen kommen; und
die ersten gewest wären / mit welchen er das Bündnis verneuert hätte. Sie
hingegen gewannen Alexandern so lieb: dass sie seinen kurtz darauf folgenden Tod
zwar nicht so weibisch / als die Persen beweineten / aber sein Gedächtnis
werter / als seine Macedonier hielten. Denn diese konten den meineidigen
Cassander / welcher Alexandern bei Aufffrischung seines Tranckes alles ausser
Pferde-Huff zerbeitzendes Gift einschenckte / und seines wohltätigen Königs
ganzes Geschlechte ausrottete / zu ihrem Könige; jene aber nicht wohl zu ihrem
Nachbar leiden. Dahero sie mit einem Kriegs-Heere über die Donau setzten / um
des Alexanders Sohn Hercules mit Hülffe des Polyperchon auff den Macedonischen
Stul zu erheben. Westwegen auch Cassander sein eigen Feuer zu leschen gezwungen
/ und zu folge des mit dem Ptolomeus in Egypten und Lysimachus in Tracien
getroffenen Bündnisses wider den Antigonus auffzuziehen verhindert ward. Hätte
auch Polyperchon sich nicht vom Cassander bestechen / und den Hercules
Meuchelmörderisch hinrichten lassen; würde Cassandern seine Krone auff dem
Häupte gewaltig gewackelt haben. Gleichwohl aber war er den Deutschen und der
mit ihnen verbundenen Könige der Sarmater Dromichetes nicht gewachsen; sondern
es musste ihm Lysimachus mit allen seinen Kräfften zu Hülffe kommen /welcher aber
auffs Haupt geschlagen / selbst gefangen / aber / als die Deutschen nur des
Cassanders Tod vernahmen / von ihnen seiner Tapfferkeit halber ohne Löse-Geld
grossmütig freigegeben ward.
    Also beginnte in Griechenland den Deutschen ihr Glücks-Stern auff- in
Italien aber / weil das Verhängnis Rom nunmehr empor zu heben anfing / allgemach
nieder zu gehen. Denn es kriegten die Semnoner etliche friedliebende Fürsten zu
ihren Herrschern / welche zwar anfangs von ihrem kriegerischen Volcke denen von
Rom bedrängten Völckern zu stehen gleichsam gezwungen wurden; Hernach aber nam
das Volck auch die Art ihrer Fürsten an / die der süssen Ruh gewohnten / und
sich die Liebkosungen der Römer einschläffen liessen / und als sie die tapfferen
Samniter verschlungen / nichts minder blinde Zuschauer ihres eigenen / als
unbarmhertzige fremden Unterganges abgaben. Jedoch gaben die Semnoner /wie die
ausleschenden alten Lichter in den eröffneten Grabe-Hölen noch einen Glantz
ihrer Tapferkeit von sich; und fielen wie die durch ihren Fall viel Stauden
zerschmetternden Eich-Bäume. Wie aber diese von innen zum ersten faulen / oder
von Würmern gefressen werde; also begiñte auch der Deutschen Unglück von ihrer
eigenen Zwytracht / als welche sich allein eine Besigerin streitbarer Völcker zu
rühmen hat. Der Anfang aber hierzu war: dass / als Siegfried der Semnoner
Herrschaft antrat / ein neuer Schwarm Völcker / welches grösten teils die von
den Bructerern vertriebenen Marsen waren / in Italien eindrang; worüber die umb
den Po wohnenden Gallier aus Beisorge: sie würden von Deutschen endlich gar
verdrungen werden / nicht wenig Eifersucht schöpften / und mit den Römern ins
geheim Verständnis machten. Gleichwohl aber vermittelte es Hertzog Siegfried:
dass die Marsen sich mit verlaubtem freien Durchzuge der Bojen und Gallier
vergnügten. Also kamen diese in Hetrurien / und von dar rückten sie über die
Tiber. Weil auch die Römer sonst alle Hände voll zu tun hatten / mussten sie
geschehen lassen: dass sie umb den Fucinischen See in dem Apenninischen Gebürge
ein Glücke Landes einnahmen. Gantz Hetruriens Raub ward fast ihnen zur Beute;
aber so wohl die Gallier als Semnoner schöpften hieraus Neid und Misstrauen;
iedoch blieb der Zunder der Missgunst und Feindschaft noch unter der Asche
glimmend. Wenige Zeit darnach ward Herennius der Samniter Fürst / dessen Tochter
Siegfried geheiratet hatte / mit den Campaniern und Marsen uneines. Die
Campanier aber erkaufften mit grossem Gelde die Römer: dass sie mit den Samnitern
ohne einige Ursache den Frieden brachen. Wiewohl nun Siegfried sich ins Mittel
schlug /und den Römern einhielt: dass es nicht allein verkleinerlich wäre aus dem
Kriege ein Gewerbe zu machen / sondern auch ihr Friedens-Bruch wider die gemeine
Ruh Italiens lieffe / sich auch erbot die Samniter mit den Campaniern und
Marsen zu vereinbarn; verfing doch bei denen Römern / welche wider die Samniter
für längst Gelegenheit zu kriegen gesucht / dieses alles das minste. Diesemnach
führte Pontius des Fürsten Herennius Sohn die Samniter; Siegfried aber wege
verächtlich ausgeschlagener Vermittelung seine Semnoner den Römischen
Bürgermeistern Veturius und Postumius / welche mit dem Römischen Heere bei der
Stadt Calatia ihr Läger geschlagen hatten /biss zu der Stadt Caudium entgegen /
und besetzten daselbst aufs heimlichste die zwei Engen des Caudinischen
Gebürges. Von dar verteilten sie zehn in Pferde-Hirten verkleidete
Kriegs-Knechte / welche denen Römischen Streiff-Rotten einmütig berichteten:
dass der Feind zwischen den Flüssen Cerbalus und Frento die Stadt Luceria in
Apulie starck belägerte. Die Römer setzten noch selbige Nacht über den Fluss
Vulturnus / und eilten den geraden Weg gegen Luceria mit ihrem ganzen Heere
unvorsichtig in das erstere Tor in das Caudinische Gebürge / dessen Ausgang sie
aber mit Bäumen verhauen / mit abgeweltzten Stein-Felsen verschlossen / und als
sie wieder zurück kehren wollten / den ersten Eingang von den Semnonern starck
besetzt / und schon auch grösten teils verhauen fand. Nach dem sie nun aus
diesem Gefängnisse durch keine Gewalt weder hinter sich noch vor sich konten /
musste das ganze Römische Heer auf Befehl des Pontius / wiewohl Siegfried und
Herennius sie ohne solchen Schimpf los zu lassen / oder gar zu tödten riet /
die Waffen und Kleider niederlegen / und nach der Ordnung ihrer Würde /also die
Bürgermeister zum ersten halbnackt unter einem Joche durchgehen / und einen
Frieden belieben / wie es ihnen fürgeschrieben ward. Alleine wie die Römer das
ihnen geschenckte Leben für keine Wohltat / den angetanen Schimpf für eine
Ursache der Todfeindschaft annahmen / also wollte der Römische Rat den
gemachten Frieden nicht genehm haben; sondern die Bürgermeister wurden zurück
geschickt /die sechs hundert zur Geissel gelassene Römische Edelleute in Wind
geschlagen / unter dem Papirius ein neues Heer / und darunter die durchs Joch
gegangenen als verzweifelte und rasende Leute wider die Samniter angeführet;
welche / weil sie der Semnoner Hülffe nicht erwarten wollten / geschlagen /
Pontius und andere Gefangene aus gleichmässiger Rache ebenfalls durchs Joch
getrieben wurden. Diese Unbilligkeit / und des Fabius Maximus durch den
Ciminischen Wald in Hetrurien gemachte Einfall nebst Abziehung der Stadt Aretium
von dem gemeinen Bündnisse stiftete zwischen den Semnonern / Samnitern /und
Hetruriern ein neues Bündnis; und die Belägerung der Stadt Aretium. Ob nun wohl
die Römer solche entsetzen wollten / wurden sie doch aufs Haupt /und der
Burgermeister Lucius zugleich mit erschlagen. Dieser Steg aber ward den
Samnitern kurtz darauf durch etliche Niederlagen / welche sie von dem
Bürgermeister Volumnius und Appius erlitten /mercklich vergället. Weswegen der
Samnitische Fürst Gellius Egnatius abermals zu den Hetruriern und Semnonern
seine Zuflucht nahm; jenen die Helden-Taten des Porsena / diesen des Brennus /
beiden die Gefahr unter das Römische Joch zu fallen beweglich einhielt. Weil nun
die zwischen Stahl und Waffen gebohrnen Semnoner die Hetrurier selbst
aufmunterten /brachten sie diese / wie auch die über dem Flusse Aesis wohnenden
Umbrier wider die Römer in Harnisch. Zu Rom ward nicht nur alle streitbare
Jugend und Mannschaft / sondern auch die verlebten Alten gemustert; die zwei
Bürgermeister Quintus Fabius /Publius Decius / wie auch der Stadt-Vogt Appius
Claudius und Lucius Volumnius zu Heerführern erkieset. Ehe diese aber Hetrurien
erreichten / kam Hertzog Clodomar mit seinen Semnonern dem Scipio bei Clusium
auf den Fluss / und jagte ihm ein solch Schrecken ein: dass er sich im befestigten
Läger nicht sicher schätzte / sondern in der Nacht auf einen zwischen der Stadt
und dem Läger liegenden Berg zoh. Weil aber die Deutschen ihnen und der Tugend
keinen Weg unwegbar zu sein hielten / grieffen sie die Römer an dem flächesten
Teile des Berges behertzt an / und hielt von Seiten der Römer der vorteilhafte
Ort / von Seiten der Deutschen die Begierde zu siegen die Schlacht so lange in
gleicher Wage; biss der Ritter Kyburg mit 500. Semnonern auf der einen Seiten
/und der Ritter Homberg mit so vielen recht in Rücken über die steilen Felsen
empor gestiegen waren; und die Römer daselbst ganz unvermutet anfielen. Scipio
tät zwar das äuserste; aber der Nachdruck der Semnoner verwirrete alle gute
Anstalt / und hiermit auch sein Heer / welches / weil selbtem auf dem Berge alle
Flucht abgeschnitten ward / eine solche Niederlage erlitt: dass kein Römer die
Botschaft hiervon bringen konnte. Unterdessen eilten die zwei Bürgermeister
Decius und Fabius in Umbrien / und brachen in der Semnoner eigenes Gebiete ein /
wormit diese ihr eigen Feuer zu leschen genötigt / und die Römer nicht gar aus
Hetrurien zu treiben verhindert würden. Die Semnoner rückten mit einem Teile
der Samniter alsofort über den Berg Apennin; und boten den Römern bei der Stadt
Sentin die Stirne / trieben auch alle ihnen begegnende Hauffen mit grossem
Verlust in das am Flusse Aesis geschlagene Läger; darinnen sie sich zwei Tage
wegen widriger Wahrsagungen feste eingeschlossen hielten. Den dritten Tag aber
stellten sie mit der ersten Tagung beide Heere gegen einander in
Schlacht-Ordnung; zwischen welcher ein Wolf und eine Hindin in vollen Bügen
gerennt kam. Die Römer machten dem Wolfe als einem bei ihnen heiligen Tiere
durch alle geschlossene Glieder Platz /die Samniter aber erlegten zu grossem
Unwillen des Fürsten Clodomar die Hindin mit Pfeilen; welcher es nicht minder
für ein Böses / wie Fabius für ein gutes Zeichen auslegte. Clodomar traf mit
seinem rechten Flügel der Semnoner auf den Decius / Egnatius mit seinen
Samnitern auf den Fabius. Den ganzen Tag biss an den sinckenden Abend ward
beiderseits mit einer solchen Hartnäckigkeit gefochten: dass keiner dem andern
einen Fuss breit Erde abgewan. Wenn nun die Hetrurier und Umbrier dem Verlass nach
gefolgt /und den Feind oder sein Läger im Rucken angegriffen hätten / wären die
Römer sonder Zweifel aufs Haupt erlegt worden. Aber es ging allhier wie
insgemein im Kriege vieler Bundsgenossen; da so viel Köpfe so viel Absehen das
allgemeine Glücke hindern; indem Bündnisse nur einerlei Zweck / wie ein Kreis
einen Mittel-Punct haben müssen; wenn selbte nicht sollen verterbt und
verfälscht werden. Die Hetrurier und Umbrier hielten ihnen für tulicher: dass
die Semnoner und Samniter mit ihren Klauen alleine in die heisse Asche greiffen
/ und die Aepfel des Sieges und Friedens daraus ziehen sollten. Aber ihre
absondere Schonung war aller Untergang; und da sie unschwer alle zusammen hätten
siegen können / machte ihre schlimme Klugheit: dass ein ieder überwunden ward.
Denn der verzweifelte Decius hatte ein Gelübde getan daselbst zu siegen / oder
begraben zu sein. Daher redete er dem Kern des Römischen Adels beweglich zu: dass
sie ihre äuserste Kräffte vollends daran setzen / und behertzigen sollten: dass
nach dem Reitze der Natur es zwar süsse zu leben / aber nach dem Urteil der
Vernunft viel süsser wäre fürs Vaterland zu sterben. Mit diesen traff er
gleichsam unsinnig auf den die deutsche Reiterei führenden Ritter Mannsfeld /
welcher bereit acht Kriegs-Fahnen den Römern abgenommen hatte; nötigte ihn auch
zweimal sich an das deutsche Fussvolck zu setzen. Hertzog Klodomar machte hiermit
zwischen dem Fuss-Volcke eine Strasse; durch welche der Ritter Falckenstein
hundert zweirädrichte Sichel-Wagen anführte / auf welchen eitel Semnonische
Edelleute ihre Wurff-Spiesse gleichsam wie Donner-Keile auf die Römer
ausschütteten / oder sie zu Bodem rennten. Das blosse Geschwirre der eisernen
Räder jagte vielen ein Schrecken ein / insonderheit brachte es die Pferde in
Verwirrung. Nach der Flucht der Reiterei ward auch die fünfte und sechste Legion
zertrennet / und was nur die Vermessenheit hatte über Hauffen gerissen /
zerquetschet und gerädert. Die deutsche Reiterei und das Fuss-Volck säumte nun
auch nicht den Römern auf den Hals zu dringen / und auf die Fersen zu treten;
also: dass der ganze lincke Flügel der bebenden Römer in offene Flucht gedieg.
Decius schäumte für Zorn gegen seine Flüchtige / und für Rache gegen die
Deutschen. Jene fragte er: Für was sie fliehen? Ob sie in denen vom Romulus nach
dem Raube des Sabinischen Frauenzimmers angestellten Spielen keinen Wagen-Kampf
gesehen hätten / welcher mehr Geräusche / als Wercks hätte? Ob sie weicher / als
die weibischen Asier wären / welche bei der Stadt Elis mit dieser Kurtzweil noch
des Oenomaus / als des Erfinders Gedächtnis jährlich feierten? Als aber alles
diss nicht helffen wollte / rieff er mit aufgehobenen Händen seinem Vater Decius /
der bei Veseris sich auch für sein Heer geopfert hatte. Hierauf befahl er dem
Priester Livius: weil er sich der Erde und der verstorbenen Geistern
abschlachten /und das feindliche Heer zu verfluchten entschlossen hätte / sollte
er ihm die grausame Entsegnung vorsprechen. Nach dem diss verbracht / verhüllte
er sein Haupt / und rennte Spornstreichs unter die Deutschen / welche ihn denn
Augenblicks / ehe Klodomar es verbieten konnte / mit unzehlbaren Wunden tödteten.
Es ist Wunder zu sagen / und schier unglaublich zu hören: dass den Augenblick /
als Decius fiel / den Semnonern aller Mut / und de Römern alle Furcht entfiel;
sonderlich: da der Priester Livius sich umbwendete / und rieff: Die Römer haben
gesiegt / der Feind ist der Erde und den höllischen Geistern gewiedmet. Die
Seele des Decius ruffet ihnen schon ihm zu folgen; kehret umb / und schlachtet
die schon Erstarrenden ab. Hiermit wendeten sich die Romer / die Semnoner
liessen Hertz und Hände sincken / ausser dass sie von Schilden gleichsam eine
Brustwehre für sich machten. Klodomar selbst stand als verrückt oder bezaubert;
und liess sich ohne Gegenwehre vom Cajus Junius erschlagen. Der Semnoner
Brustwehre ward auch bald durchbrochen / und weil sie zu fliehen ungewohnt waren
/ wurden sie gleicher Weise erlegt. Fabius / welcher inzwischen dem siegenden
Jupiter ein Heiligtum gelobt hatte / ward nunmehr durch Eifersucht auch
gleichsam zu siegen / und die nichts minder bestürtzten als müden Samniter zu
weichen genötiget / zumal da ihr Fürst Egnatius an der Spitze hertzhaft
fechtende erschossen ward. Als nun die Samniter das Feld geräumt / die Römer das
Läger erobert hatten; ermunterte Manssfeld / Falckenstein /Werdeberg / Metsch /
und andere noch übrige Kriegs-Obersten die Deutschen: dass sie nicht wie todte
Stöcke sich aufreiben / sondern weil es zu stehen mehr nicht ratsam wäre / sich
gegen das Gebürge und den Ursprung des Flusses Metaurus zurück ziehen sollten.
Welches so viel leichter geschah / weil die Römer kaum mehr atmen / und ihrer
wenig einen Leib ohne Wunden zeigen konten. Falckenstein ward wegen seines
tapferen Wagen-Gefechtes mit einem zweirädrichten Schilde / Mannsfeld mit acht /
und Knessbeck mit fünf Fahnen beschenckt. Zehn tausend Deutsche /und fünfzehn
tausend Samniter blieben todt auf der Wallstatt liegen / acht tausend Samniter
und Umbrier wurden gefangen; hingegen waren in des Decius Flügel sieben tausend
/ und in des Fabius zwölf hundert Römische Bürger / und sonst über zwölf tausend
Campaner und Lateiner todt. Ungeachtet nun wenig Tage darnach Cneus Fulvius die
Perusiner und Clusier schlug / die Samniter auch aufs neue von Pelignern
beschädiget wurden / traute doch Fabius bei den Deutschen nicht weiter
einzubrechen; weil ihr neuer Hertzog Wittekind an dem Flusse Metaur auf einem
Berge eine Fackel und eine blosse Sebel aufstecke /und in seinem Gebiete
ausruffen liess: Dass wer in fünf Tagen sich daselbst nicht gerüstet stellte /
sollte das Recht Degen und Sporne zu tragen verloren haben; worvon hernach
dieser Ort zum Degen genennet ward. Wormit nun Fabius die Deutschen nicht aufs
neue schwürig machte / ging er mit ihnen einen Frieden ein; worinnen sie aber
deutlich ausdungen: dass wenn der Krieg gegen die Samniter noch länger tauern
sollte / sie ihnen / als alten Bunds-Genossen unbeschadet des Friedens mit zehn
tausend Mann beistehen möchten. Hierauf zohe Fabius mit seinem Heere nach Rom /
und hielt dar sein Siegs-Gepränge. Weil aber Appius Claudius und Volumnius in
einer Schlacht sechszehn tausend Samniter erschlug / und Atilius Regulus mit
einem starcken Heere aufs neue gegen Samnium anzoh / welches ohne fremde Hülffe
nunmehr verloren zu sein schien / schickte Hertzog Britomar den Grafen
Eichelberg mit zehn tausend Semnonern den Semnonern zu / welche an der Gräntze
ihr Läger harte an das Römische schlugen. Weil nun den dritten Tag ein sehr
dicker Nebel fiel / stürmte der Samnitische Kriegs-Oberste Gellius an einer /
Eichelberg an der andern Seite das Römische Läger. Dieser drang auch zu der
einen Pforte hinein / bemächtigte sich der Kriegs-Gelder / tödtete den
Zahlmeister Opimius Pansa / und erregte im ganzen Läger kein geringes
Schrecken. Wenn auch der dritte Samnitische Kriegs-Oberste nicht in einen Sumpf
gediegen / und der Nebel nicht verschwunden wäre / hätte Atilius eine völlige
Niederlage erlitten; so aber musste Eichelberg der auf ihn dringenden ganzen
Macht und in das Samnitische Läger weichen. Die Römer durfften sich gleichwohl
nicht rücken / sondern mussten im Läger als in eine Gefängnisse leben; weil die
geschwinden Semnoner alle auf Fütterung ausreitende Römer erschlugen / und ihnen
den Vorrat abnahmen. Dahero der Bürgermeister Lucius Postumius ihnen mit einem
neuen Heere und frischen Lebens-Mitteln zu Hülffe eilen musste. Weil nun die
Samniter alldar alles aufgezehret hatten / zündeten sie ihr Läger an / und zohen
sich an einen bequemen Ort zurücke. Die Deutschen aber / weil der Bürgermeister
Attilius dahin rückte / eilten in Apulien zu denen die alte vom Diomedes erbaute
Stadt Luceria belägernden Samnitern. Daselbst kam es zu einer hitzigen Schlacht
/ darinnen die Römer von den hertzhaften Deutschen und erhitzen Samnitern
geschlagen / und mit Verlust sieben tausend Mann in ihr Läger getrieben wurden;
in welchem die Römer wie ein Aspen-Laub bebten / und aus selbtem sonder Zweifel
geflohen wären / wenn die Samniter nur dem tapfern Eichelberg gefolgt / und in
der Nacht das Läger gestürmt hätten. Weil aber diese den Römern Lufft liessen /
sprach Attilius ihnen wieder ein Hertze zu / und sie wurden auf den Morgen mit
frischen Völckern verstärckt; also: dass sie folgenden Tag den Samnitern aufs
neue die Spitze boten. Ob sie nun zwar anfangs wieder zum weichen und ins
Gedrange gebracht wurden; also: dass Attilius sich an die Pforte des Lägers mit
blossem Degen stellen / und die Eindringenden zurücke treiben / auch dem
stehenden Jupiter einen Tempel geloben musste; so verkehrte sich doch nach
solchem Gelübde abermal das Spiel /also: dass die Samniter mit ziemlichem
Verluste zurücke weichen mussten; gleich als wenn die Feinde der Römer nicht so
wohl mit Menschen als Göttern zu fechten hätten. Nachdem auch folgendes Jahr die
Samniter vernahmen: dass der Bürgermeister Papirius noch mit einem mächtigern
Heere sie auszurotten in Samnium einbrechen sollte; beschrieb ihr Fürst Cajus
Pontius Herennius alle über achtzehn und unter sechzig Jahren sich befindende
Mannschaft nach Sirpium / mit der Bedräuung: dass der aussenbleibenden Köpfe dem
Jupiter geopfert werden sollte. Also kamen viertzig tausend Kriegsleute zusammen
/ aus diesen wurden sechzehn tausend ausgelesen / und mit leinen Kitteln
angetan / nach allerhand schrecklichen Opfern von dem Priester Ovius Paccius
eingeweiht / und für einem blutigen Altare endlich zu beteuern gezwungen: dass
er aus der Schlacht nicht fliehen / sondern die Flüchtigen selbst tödten / und
ein ieder einen absondern Mann aus dem Feinde zu erlegen erkiesen wollte. Mit
diesen rückten sie in der Hirpiner Landschaft / und bemächtigten sich der Stadt
Aquilonia. Beide Bürgermeister Carvillius und Papirius zohen mit zwei starcke
Heeren dahin; jener belägerte Cominium / dieser lieferte bei Aquilonia den
Samnitern eine Schlacht; welche er wegen unvergleichlicher Gegenwehre der
Semnoner sonder Zweifel verloren hätte; wenn nicht Papirius in der grösten
Hitze des Treffens die Samniter durch eine sonderbare Kriegs-List in die Flucht
bracht hätte / in dem Spurius Nautius mit etlichen hundert Reitern und dem Tross
auf der Seite / unter dem Scheine / als wenn es das andere unter Cominium
stehende Heer wäre / einfiel. Worüber der Samniter dreissig tausend / und
darunter der biss auf den letzten Mann fechtende / und der Samniter Flucht zu
hemmen bemühte Eichelberg mit vier tausend Semnonern erschlagen wurden. Pontius
mit seinen Samnitern / und Graf Habspurg mit seinen übrigen Deutschen rächte
sich zwar an dem jungen Fabius / und gewan selbtem einen so herrlichen Sieg ab:
dass der Bürgermeister Fabius nach Rom seiner Unvorsichtigkeit halber gefordert
ward / und er ein schimpfliches Urteil zu erwarte gehabt hätte / wenn nicht
sein Vater durch angezogene Verdienste seines Geschlechtes / und sein
Versprechen selbst wider die Samniter in Krieg zu ziehe den Rat versöhnet / und
das Volk besänftigt hätte. Sie brachten auch zwar beide Fabier noch einmal in
die gröste Verwirrung /und Pontius hatte den jungen Fabius schon ganz
umbzüngelt; aber der verzweifelte Vater tat ein Werck über seine Kräfften /
sprengte den Fürsten Pontius an / verwundete ihm und errettete nicht allein
seinen Sohn / sondern nahm den Pontius auch selbst gefangen; der streitbare
Habspurg fochte zwar noch etliche Stunden als ein Löw / und zehlte man ihm so
viel Wunden als Streiche nach / endlich aber fiel er auf das Bette der Ehren /
und hiermit das ganze Hertze des noch kämpfenden Heeres; welches in die Flucht
/ Pontius aber zu Rom unter das Beil des Scharffrichters; der Rat zu Samnium
durch die glücklichen Waffen des massigen Curius in solche Kleinmut geriet:
dass er zu Rom Friede bat / und auf schwere Bedingungen erhielt / unter denen
war: dass sie alle Fremde / insonderheit der Semnoner Bündnis abschweren mussten.
Diese konten ihnen hieraus leicht an den Fingern ausrechen: dass dieser Vergleich
auf ihren Untergang gemüntzt wäre; insonderheit / da die Römer vorher auch der
Deutschen Bunds-Genossen in Hetrurien / nämlich die Vulsinier / die Städte
Perusia und Aretium von ihnen abtrünnig gemacht / und in ihren Schutz genommen
hatten. Diesemnach beschwerten sich die Semnoner gegen die Römer / als sie aber
schlechte Antwort erhielten /rückten die Deutschen für Aretium. Die angefleheten
Römer schickten den Cöcilius Metellus mit einem Heere der belägerten Stadt zu
Hülffe; weil sie aber ungerne mit den Deutschen zerfielen / den Junius in
Gesandschaft vorher an den Hertzog Britomar. Dieser nahm die Absendung des
Junius / als der seinen Vater Klodomarn erschlagen hatte / alsbald übel und für
eine Kriegs-Ankündigung auf. Gleichwohl aber überwand er sich: dass er ihn hörte.
Weil aber Junius von den Semnonern verächtlich redete / Britomarn einen
Eydbrüchigen schalt; und ihn zwingen wollte: dass er / ehe er von seinem Stule
aufstand / sich erklären sollte: Ob er die Belagerung der Stadt Aretium mit
Erstattung alles Schadens aufheben wollte; ja ihm in die Augen sagte: dass er den
Degen an der Seite führte / wormit er seinem Vater Klodomarn das Licht
ausgelescht hätte / solcher auch nicht stumpfer als für siebzehn Jahren wäre;
entrüstete sich Britomar so sehr: dass er das Römische Bündnis für des Junius
Augen in tausend Stücke zerriess / und ihn wegzuführen befahl. Die Leibwache aber
ward über den Juius so verbittert: dass sie ihn in ebe so kleine Stücke
zerkerbte? Zeno brach ein: Diese Verletzung des Römischen Gesandten ist gewiss
ein Vortrab eines unglücklichen Kriegs gewest; nach dem nicht nur das Recht der
Völcker / sondern die Götter selbst hierdurch verletzt und zur Rache bewegt
würden. Malovend antwortete: Ich will dieser Tat nicht das Wort reden / welche
freilich ein böser Ausschlag verdamt hat. Aber es ist auf der Römer Seiten auch
grosse Unvernunft / wo nicht eine vorsetzliche Beleidigung gewest: dass sie nicht
nur einen so trotzigen / sondern auch wegen seiner Tat so verhassten Gesandten
abgeschickt. Sintemal dieser Ampt ist auch die herbsten Befehl durch eine
freundliche Bescheidenheit zu verzuckern. Eines verhassten Botschafters Anmut
aber ist vedriesslich / die vernünftigsten Liebkosungen werden in seinem Munde
zur Galle / die höchste Billigkeit seines Vortrages scheinet eine unrechtmässige
Forderung zu sein; und daher nicht wegen ihr selbst / sondern nur seinetalben
verworffen; hingegen das verworffene / so bald es nur aus einem andern Munde
fleust / nicht anders / als wenn es wie die durch die Ertzt-Adern gequollenen
Brunnen einen ganz andern Geschmack und Kräffte an sich gezogen hätte / mit
beiden Händen angenommen. Rhemetalces billigte diss und setzte bei: Die Römer
hätten sich selbst erinnern sollen; wie das wegen der verlebten Virginia auf den
Aventinischen Berg entwichene Volck des Valerius und Horatius Vortrag so
begierig angenommen / vorher aber den unangenehmen Julius / Sulpitius und
Tarpejus mit ihren vorteilhaftigern Vorschlägen nicht einst zu hören gewürdigt
hätten. Die Gewogenheit rennte hierinnen der Beredsamkeit / und ein gutes
Ansehen dem sonst so angenehmen Nutzen den Vorteil ab. Daher die Spartaner
einmal einen sehr heilsamen / aber von einem lasterhaften Menschen gegebenen
Rat so lange verwarffen / biss ihn einer aus dem Rate fürtrug. Und der
stammelnde Menenius Agrippa stillte mit wenig halb verbrochenen Worten den
Aufstand des Römischen Volckes auf dem heiligen Berge. Insonderheit aber legt
die Verwandnüss / oder die mit dem Gesandten gepflogene Gemeinschaft seinem
Gesuch ein grosses Gewichte bei. Daher richtete der Redner Archelaus bei dem die
Stadt Rhodis belägernden Cassius / welchen er Griechisch gelehrt hatte / so viel
aus. Die geraubte Sabinerin Hersilia leschte mit wenig Tränen die des
Weiber-Raubes halber zwischen den Römern und Sabinern unausleschliche
Kriegs-Flame. Etliche Seufzer der Mutter Veturia und des Ehweibs Volumnia
trieben den grimmigen Coriolan von der Belägerung der Stadt Rom ab. Und die
Stadt Cartago wusste keinen geschicktern Friedens-Werber als den gefangenen
Regulus nach Rom zu senden.
    Adgandester fuhr fort: Es wäre freilich so wohl auf der Römer als Semnoner
Seiten gefehlt worden; wiewohl einige dem Hertzoge Britomarn rieten: dass er die
/ welche ohne seinen Befehl den Junius umbgebracht hatten / den Römern zur
Bestraffung ausliefern / und dardurch nichts minder ungleiche Nachrede / als die
Rechtfertigung des Römischen Frieden-Bruchs ablehnen sollte. Weil aber böse
Ratschläge so selten zurücke gehen / als Unkraut vertirbt; drang derselben
Meinung / die des Junius Erlegung billigten / und die Auslieferung widerrieten
/ darmit fürnemlich durch: dass die Römer auch die Fabier / welche bei Clusium
die Deutschen verletzt / ebenfalls nicht hätten ausliefern wollen. Diesemnach
liess der Bürgermeister Dolabella Hetrurien Hetrurien sein / und eilte mit einem
zweifachen Heere aber tausendfacher Rachgier durch das Sabin- und Picenische
Gebiete in die Semnonische Landschaft. Der verwegne Britomar raffte von seinen
Semnonern / derer Kern Aretium belägerte /mehr eine Menge Land- als Kriegs-Volck
zusammen; und lieferte / ungeachtet es ihm seine alte Kriegs-Obersten
widerrieten / bei der Stadt Atidium dem zwei- oder dreimal stärckern Dolabella
eine Schlacht. Anfangs standen die ersten Glieder der wehrhaften Semnoner wohl
als Mauren / Britomar wiess auch durch seine Tapferkeit: dass es seinem Leibe
weniger am Hertze / als seinem Kopfe an Klugheit mangelte. Nach dem aber die
ungeübte Bauers-Leute zum Treffen kame / brachten sie die Römer alsbald in
Verwirrung und in die Flucht; Britomar und sein Adel ward vom Feind umbringet /
dieser meist geschlagen / jener aber gefangen; auch alle Tage als ein Knecht
geprügelt / und wie ein Ubeltäter gepeinigt; gleichwohl aber ihm alle Mittel zu
sterben abgeschnitten / welche Freiheit doch dem Vieh unverwehret ist; und diss
zwar; weil die Rache sich an seinem Leiden / und der Ehrgeitz an seiner
Einführung nach Rom im Siegs-Gepränge zu vergnügen vorhatte. Dolabella
durchstreiffte hierauf ganz Umbrien; das ganze Land rauchte von denen
eingeäscherten Städten und Dörffern; noch abscheulicher aber von dem versprjetzte
Blute. Denn alles was vierzehn Jahr alt war / fiel durch die Klingen der
wütenden Römer; Weiber und Kinder wurden nackt wie das Vieh in Heerden
fortgetrieben / und allentalben unmenschliche Grausamkeit ausgeübt. Denn
Dolabella mühte sich so gar alle Fussstapfen: dass jemals Menschen alldort gewohnt
hätten / zu vertilgen / umb seinen Nahmen durch Verwüstung unsterblich zu
machen. Weil aber das Glücke mit den Orten ins gemein sein Gesichte verwandelt;
lief es bei Aretium viel anders ab. Denn Lucius Cöcilius wollte selbige Stadt mit
Gewalt entsetzen. Hertzog Britomars Bruder Hartmann hörte seines Volckes
Niederlage und die Verheerung des Landes zwar /aber die Rache / welche andere
Gemüts-Regunge /wie die Koloquinten alle andere Kräuter todtet / erlaubte ihm
nicht dem Vaterlande zuzulauffen; sondern reizte ihn und sein Volck / welches
er an Bestürmung der Stadt Aretium anzuhalten beweglich ermahnte /vorher seinen
Eifer anderer Blute zu kühlen / welche durch ihre Hartneckigkeit den Semnonern
so grosses Unglück auf den Hals gezogen hatte. Weil er nun vernahm: dass Cöcilius
schon mit dem Entsatz zu Perusia ankommen war / stellte er alsbald ein Teil
seines Heeres in Ordnung / und machte den ganzen Tag bald dar bald dort durch
falsche Stürme Lermen in der Stadt. Auf die Nacht aber grieff er mit seinem wohl
ausgeruhten Volcke das den Tag über abgemattete Aretium an fünf Orten mit allem
Ernst an; eroberte sie mit Sturm; und er konnte die erhebten Semnoner nicht
erhalten: dass sie nicht nur alles was Waffen trug /sondern auch sich in die
Tempel flüchtete / mit denen opfernden Priestern für denen Altären niederhieben
/gleichsam mit diesem Blut den Geist des inzwischen zu Rom erwürgten Britomars
zu versöhnen. Daher der Krieg wohl recht ein Kind des Göttlichen Zornes /weil
man darinnen oft aus Not und wider Willen sündigt / die Unsinnigkeit aber eine
Tochter / und die Blindheit eine Schwester der Rache; also nicht allein
unerbittlich ist / sondern sie sinnet auch nicht nach /wen sie zu Bodem rennt.
Wenn sie ein Mensch beleidiget / müssen es tausend andere / ja die Unschuld
selbst und die Heiligtümer der Götter entgelten. Gleichwohl aber war die List
allhier noch eine Gefärtin der Rachgier. Denn Hertzog Hartmann verbot bei
Leibes-Straffe: dass kein Mensch ohne seine absondere Zulassung ausser der
Pforten des befestigten Lägers kommen dorffte; wormit die Römer nichts die
Eroberung der Stadt vernehmen möchten. Wie Cöcilius auch mit seinem Heere nahe
an das Lager ankam / machte er allerhand blinde Stürme / und Ausfälle aus der
Stadt / gleich als wenn sie sich noch wohl hielte; schickte auch durch falsche
Kundschafter ertichtete Briefe dem Cöcilius zu; lockte hingegen auch andere von
ihm heraus / und dardurch verleitete er ihn: dass er in Hoffnung eines
abgeredeten Ausfalls das Lager an dem allerfestesten Orte stürmte; und sich in
etliche rechte Falken locken liess; und / ungeachtet daselbst die Römer gleichsam
wider die Unmögligkeit stritten / dennoch durch das gegen der Stadt von dem Tross
mit Fleiss erregte Waffen-Getöne zu hartnäckichter Verfolgung des törichten
Sturmes verleiten liess. Als dieser Sturm sechs Stunden mit grossem Verlust der
Stürmenden gewehret; kam Hertzog Hartmann / welcher sich auf der andern Seite
des Lägers mit dem Kerne seines Heeres heraus gezogen hatte /über die gegen
Tifernum liegenden Hügel in voller Schlacht-Ordnung heran gerückt. Die Reiterei
liess er vorwerts das ganze Fuss-Volck / welches er ohne diss auf Hetrurische Art
angekleidet und ausgerüstet hatte / bedecken / und durch selbte einen heftigen
Staub erregen / wormit Cöcilius nicht die Grösse der Macht /und was es für Volck
wäre / erkiesen konnte. Cöcilius erschrack hierüber nicht wenig; Jedoch weil ein
Feldhauptmann nichts mehr fürchten soll / als dass es nicht scheine / samb er was
fürchtete / sprach er den seinen ein Hertz zu / und bot mit einem Teile der
umgewendeten Deutschen / welche er für Hetrurier ansah /denen sich nähernden
die Stirne. Als er aber sich die Reuterei gegen ihn in zwei Hörner austeilen /
und das geschlossene Kriegs-Volck andringen sah / liess er vom Sturme abblasen.
Dieses geschahe nicht ohne grosse Unordnung und so bald: dass die Deutschen denen
weichenden Römern aus zweien Pforten und gar über den Wall des Lägers in die
Hacken gingen; und sie also an zweien Orten mehr aus Verzweiffelung / weil sie
wegen des hinter sich habenden Arnus-Stroms und Clusinischen Sees nirgendshin
weichen konten; als aus Hertzhaftigkeit fochten. Hierzu kam noch das dritte Ubel
/ indem Segger / Botmar / Sursee / Grotov / Weisslav / und andere Deutsche
Edelleute / die hernach eitel Schiffe auff ihren Schilden führten / auff
funftzig Schiffen von der Stadt Aretium teils als Römer / teils als Samniter
gekleidet auff dem Clusinischen See herab fuhren / den Römern recht in Rücken
kamen / und mit Pfeilen / Steinen /Wurffspiessen unauffhörlich auff sie hagelten.
Derogstalt ging es recht an ein metzgen; und weil die Deutschen keinen Römer
gefangen nehmen wollten / sondern in der Tat ihr Losungs-Wort: Schlag todt /
aufs strengeste ausübten / stachen viel edle Römer einander selbst todt / gleich
als wenn der Freunde Klingen nicht so weh als der Feinde täten / oder es
tröstlicher wäre von jenen als diesen sterben. Cöcilius zohe den noch übrigen
Kern der ältesten Kriegsleute an sich /und meinte mit der Haupt-Fahne gegen
Croton sich durch die eingebildete Hetrurier / denen er seine Kriegs-Gelder und
bei sich habende Kostbarkeiten zur Beute fürstreuen liess / durchzuschlagen.
Aber der allentalben als ein wüttender Bär um sich reissende Hartmann war ihm
bald selbst in Eisen / und rieff ihm mehrmals nach: Halt an / halt an! kam auch
endlich selbst an ihn / und schlug ihn mit seiner Streit-Axt vom Pferde / von
denen er bald zertreten /und die Haupt-Fahne vom Ritter Zorn erobert ward.
Hiermit war es nun auch fast umb das ganze Heer getan / worvon wenig durch
Hülffe der finstern Nacht und durch ihr Schwimmen über den Arnus davon kamen.
Dreizehn tausend Römer wurden ohne die Ertrunckenen / und die erschlagenen
Hülffsvölcker /und darunter sieben Kriegs-Obersten / zweihundert Hauptleute auff
der Wahlstadt gezehlet / und ihre Köpffe rings um den Clusinischen See auff
Pfähle gesteckt. Rom zitterte auffs neue über dieser Zeitung /sonderlich da sie
hörten: dass Hertzog Hartmann /welchem man nunmehr den Zunahmen Anhalt gab
/seinen Zug gerade nach Rom einrichtete. Denn dieser hielt seinen Deutschen ein:
Die Römer hätten eine ganz widrige Art / als der vom Hercules erlegte Riese
Antius; ausserhalb ihrer Stadt wären sie mehr als Männer / in ihrem Neste aber
weniger als Weiber. Daher hätten die Deutschen sehr geirret: dass sie nur die
eussersten Glieder dieser Raubvögel bezwickt /nicht aber ihnen aus Hertz
gegangen wären. Denen Schlangen wenn sie sterben sollten / müste man den Kopff
zerqvetschen. Der nicht weniger kluge als hertzhafte Brennus hätte hierinnen
das Eis gebrochen / und ihnen den Weg gewiesen. Diesem sollten sie nachfolgen /
er wollte ihr unerschrockner Vorgänger sein. An eben diesem See hätte Brennus
eine Ursache gefunden / und den Schluss gemacht / Rom zu zerstören. Beides treffe
auch jetzt ein / die Ursachen aber wären viel glösser / als damals. Denn zu
selbiger Zeit hätten die Fabier etwan drei Semnoner getödtet; jetzt hätte
Dolabella ihr Land / und beinahe ihre ganze Völckerschaft vertilget. Der
Deutschen itziger Sieg aber wäre herrlicher / als alle vorige; und daher ein
gewisser Werckzeug vieler folgenden. Ja die Not zwinge sie einen neuen Sitz zu
suchen; weil ihr Umbrien wohl einem feurigen Steinhauffen / aber keinem Lande
mehr ähnlich sehe. Sie selbst würden in wenig Jahren vollends verloschen sein /
wenn sie nicht ihre nach Rom geschleppten Weiber und Kinder wieder holeten / für
welche auch wilde Tiere lieber ihr Leben / als sie im Stiche liessen. Hierbei
liess es Hertzog Anhalt nicht; sondern er schickte an die Bojen /Hetrurier /
Samniter / Lucaner und Brutier Gesandten; und ermahnte sie wider den in Italien
um sich fressenden Krebs / nehmlich die Herrschsucht der Römer mit gesamter Hand
Eisen und Brand zu brauchen / und die selten zweimahl kommende Gelegenheit sie
mit Strumpff und Stiel auszurotten nicht aus Händen zu lassen. Ehe er nun noch
von diesen die hernach erfolgten guten Vertröstungen bekam / setzte er seinen
Zug fort / weil er einem erschrockenen Feinde keine Lufft zu lassen für ratsam
/ und die Geschwindigkeit für die Amme der Glückseligkeit im Kriege hielt. Die
Römer hingegen boten in ihrem ganzen Gebiete Mann für Mann auff / liessen
allentalben die Wälder verhauen / die Brücken abwerffen / die hohlen Wege
verfüllen / die Lebensmittel verbrennen / und den in Umbrien seng- und
brennenden Dolabella zurücke ruffen. Zu allem Unglücke machten die heftigen
Regen die Wege bei nahe unwegbar / die Tiber und Clanis ergossen sich so sehr:
dass die Semnoner zehn Tage auff den Perusischen Bergen Hungerune Not leiden
mussten. So bald aber das Wasser nur ein wenig gefallen war / setzte er über den
Fluss / und rückte durch das feindliche Gebiete und viel ihm in Weg gelegte
Hindernisse gerade gegen Rom zu. Bei Polimartium begegnete den Deutschen der
Bürgermeister Domitius / mit welchem es / weil der deutsche Vorzug aus
allzuheftiger Hitze sich zu sehr vertieffte / wider Hertzog Anhalts Willen zur
Schlacht kam. Ungeachtet nun die Semnoner vom Reisen und vielem Ungemache sehr
abgemattet waren / fochten sie doch gegen die ausgeruhten und viel stänkern
Römer biss in den sinckenden Abend so hertzhaft: dass sich kein Teil einigen
Vorteils zu rühmen hatte. Von beiden Seiten wurden etliche hundert gefangen;
welche Anhalt aber auff des Domitius Verlangen nicht austauschen wollte;
westwegen die Deutschen durch eigens Auffreibung den Todt für der Dienstbarkeit
erkiesten / Anhalt aber der gefangenen Römer abgeschlagene Köpffe auff Lantzen
stecken / und ins Römische Läger schleudern liess. Dieses erregte darinnen ein
solches Schrecken: dass Domitius sich biss an den Vadimonischen See zurücke zoh.
Hertzog Anhalt hingegen erhielt unter dem Ritter Freiberg fünff tausend Bojen /
und acht tausend Hetrurier zu Hülffe; mit welchen er die Römer verfolgte / und
den Domitius zwang an dem Vadimonischen See Stand zu halten. Nach
fünff-stündiger Schlacht kam das Römische Heer in Verwirrung / und schien schon
alles verloren zu sein; als Dolabella mit seinem mächtigen Heere zu diesem
Treffen kam /und anfangs mit der voranhauenden Reutere des Domitius Heer von
offenbarer Flucht errettete / hernach aber mit den Legionen der Semnoner rechten
Flügel angriff; und nach zweier Stunden tapfferer Gegenwehr zertrennte. Der
lincke musste hierüber seinen über die Römer habenden Vorteil vergessen / und
dem rechten zu Hülffe kommen. Worbei Hertzog Anhalt unglaubliche Heldentaten
ausübte. Weil es aber augenscheinliche Unmögligkeit war zweien / und darunter
einem frischen Heere gewachsen zu sein; zumal die Hetrurier die Flucht nahmen /
vom rechten Flügel auch wenig mehr übrig / er selbst auch schon ganz umringt
war / sprengte er zum ersten in den Vadimonischen See; welchem bei nahe noch
tausend Semnoner folgten; und / weil ihm kein Römer durch zu schwemmen getraute
/ in der Nacht nach Polimartium entkamen. Hertzog Anhalt war daselbst voller
Ungedult / und hätte nach eingebüstem Heere sich selbst auffgerieben; wenn nicht
so wohl Semnoner / Bojen und Hetrurier / derer sich daselbst noch ungefehr
sieben tausend zusammen rafften / ihn mit Tränen von einer so kleinmütigen
Entschlüssung zurück gehalten hätten. Er wich daher biss an den Fluss Metaurus
zurück / verstärckte sich daselbst mit etlichen tausenden; Und weil die Römer
seiner Vorfahren Fürstlichen Sitz Senogallien mit Römischen Einwohnern zu
volcken vorhatten; wollte er dasselbte verhindern; aber der Bürgemeister Emilius
Papus zwang ihn mit einem vierfach stänckern Heere zurücke zu weichen.
Gleichwohl brachte er es durch seine Tapfferkeit noch dahin: dass die Römer ihm
und seinen wenigen Uberbleibungen die Gegend zwischen dem Flusse Rubico und Utis
liessen; ganz Umbrien und Hetrurien aber mit deutlichem Beistande des
unerbittlichen Verhängnisses ihnen untertänig machten. Unterdessen behielt doch
Hertzog Anhalt in diesem engen Kreisse sein völliges Ansehen / zu einem
merckwürdigen Beispiele: dass die Tugend so wenig als die Natur ihre
Vollkommenheit an Riesen Geschöpffe gebunden habe; sondern ein grosser Fürst
sich so wohl in einem kleinen Gebiete; als die köstliche Balsam-Staude in einem
engen Gefässe sehen lassen könne.
    Es ist aber das Rad des Glückes eben so wohl dem Lauffen / als das der Sonne
unterworffen. Beide geben niemahls unter: dass sie nicht zugleich an einem Orte
auffgehen. Insonderheit traff es diese Zeiten bei denen Deutschen ein. Denn als
ihr Glücks-Stern in Italien so sehr verdüstert ward / klärte er sich anderwerts
so viel heller aus. Ich will nicht die Siege der Sicambrischen Fürsten Diocles
und Basan wider die Goten / und die Erweiterung seiner Herrschaft über den
Rhein erwähnen; weil beider Vorteil wider Deutsche erhalten ward / und die
Bemeisterung seiner eigenen Landsleute mehr für Verlust / als Gewin zu halten
ist. Der erste deutsche Fürstin Pannonien / welcher die benachbarten Völcker in
Furcht und Schrecken versetzte / war Cambaules. Denn dieser drang durch Mysien
biss in Tracien / und brachte ein unglaubliches Reichtum an Beute zurück.
Nachdem aber Hertzog Belgius mit zweimal hundert tausend Marsingern / Lygiern /
Gotonen und Herulen verstärckt ward / jagte er durch diese streitbare Völcker
/und seine Tapfferkeit allen benachtbarten Königen ein solches Schrecken ein:
dass auch die / denen er gleich keine Gewalt andreutete / den Frieden mit grossem
Gelde von ihm erkaufften. Unter andern Gesandschaften kam auch eine von der
Königin in Pontus und Tracien Arsinoe / des grossen Lysimachus Wittib / der dem
weisen vom grossen Alexander unschuldig verstimmelten Callistenes durch
gereichtes Gift von seinem erbärmlichen Leben geholffen / und den Löwen /
welchem er auff Alexanders Befehl vorgeworffen ward / zerrissen / den Pyrrhus
auch aus Macedonien getrieben hatte / nachmahls aber vom Selevcus in einer
Schlacht erschlagen worden war. Unter den Geschencken war ein grosser
Carniolstein / aus welchem der fürtreffliche Bildhauer und Baumeister Sostratus
Gnidius / der den Egyptischen Pharos gebauet / dem Lysimachus in Gestalt der
Diana Arsinoen gehauen hatte. Dieses Bild veranlaste den König Belgius zu
fragen: Ob er trauen dörffte: dass Arsinoe in diesem Steine ohne Heuchelei
abgebildet / und nach dem Leben getroffen wäre. Wie ihn nun die Gesandten dessen
versicherten / liess er sie mit herrlichen Geschencken von sich; und alsbald so
wohl bei Arsinoen selbst / als beim Könige Ptolemeus in Macedonien ihren Bruder
um sie zu werben. Ptolemeus fertigte die Botschaft geschwinde / und mit
Bezeugung grosser Gewogenheit von sich; schrieb aber dem König Belgius: Wie sehr
er Arsinoen ihm gönnte /und mit einem so mächtigen Könige in Verwandniss zu komen
verlangte; so müste er doch aus auffrichtigem Gemüte ihm diese Heirat
wiederraten. Denn ob sie wohl seine Schwester / und ihrer Schönheit halber ein
Meisterstücke der Natur wäre; bliebe doch ihre Seele ein Begriff aller Laster /
und ein Ebenbild der höllischen Unholden. Sintemal sie nicht nur die meisten aus
den funffzehn Kindern des Lysimachus /und darunter ihren Stieff-Sohn Agatocles
/ der in so vielen Kriegen seine Tapfferkeit erwiesen hatte / und vom Lysimachus
zum Reichs-Erben bestimmt war /sondern auch ihren Ehherrn selbst durch Gift
getödtet hätte. Arsinoen aber schrieb er in geheim: Sie möchte dem Belgius /
welcher einem Räuber ähnlicher als einem Fürsten wäre / und dessen Volck von
keinen Gesetzen wüste / sich nicht vermählen / und dardurch so wohl ihr Reich
als ihre Kinder / darum es ihm allein zu tun wäre / nicht in augenscheinliche
Gefahr setzen / noch auch ihr den Hass aller wohlgesitteten Völcker / welche für
den rauhen Deutschen eine Abscheu hätten / auff den Hals ziehen. Wiewol auch nun
Arsinoe mit ihrem Bruder eine zeitlang Krieg geführt hatte / ihr auch sein
herrschsüchtiges Gemüte nicht unbekaut war / nahm sie doch ihres Bruders
Ratschlag als wohlgemeint danckbar auff / und versprach dem Belgius die Eh
abzuschlagen / wenn sie nur ein Mittel wüste sich gegen einem so mächtigen
Feinde in Sicherheit zu setzen. Ptolemeus schickte alsofort eine prächtige
Botschaft an sie zurücke / welche ihr seine Macht / nachdem er den Antigonus
aus Macedonien vertrieben / durch Verheiratung seiner Tochter Antigone aber den
mächtigen König Pyrrhus in Epirus ihm verknüpfft hätte / noch vielmehr aber
seine zu ihr tragende Liebe scheinbar heraus striech / und also ihre
Bluts-Freundschaft noch durch ein engeres Band der Ehe zu befestigen antrug.
Arsinoe ward über dieser Werbung noch mehr bekümmert / und zweifelhaft;
sonderlich da ihr ältester Sohn Ptolemeus ihr fürbildete; wie durch diese Eh nur
seiner Brüder Untergang / als gegen welche Ptolemeus schon einmal den Degen
gezuckt hätte / gesucht würde. Den Gesandten aber hielt er selbst ein: dass ihren
Oheim die angebohrne Schande und die Abscheu wohlgesitter Völcker / für so naher
Vermählung seiner vollbürtigen Schwester Eh zurück halten sollte. Alle Heiraten
zwischen dem Geschwister hätten einen kläglichen Ausgang gewonnen; Tyestes und
Macareus / die mit ihnen heimlich zugehalten / währen durch eigenhändigen Tod
umkomen. Der Gesandte aber redete Arsinoen ein: Ptolomeus wollte mit ihren Söhnen
sein eigenes Reich teilen; gegen welche er zeiter zwar gekriegt / keinesweges
aber sie ihres väterlichen Reichs zu berauben / sondern nur die Ehre zu erlangen
getrachtet hätte: dass sie es von seinen Händen empfingen / und ihm destbalben so
viel mehr verbunden würden. Dieses alles wäre Ptolomeus im Angesichte der
väterlichen Götter mit einem kräfftigen Eyde zu erhärten erbötig. Wider des
jungen Ptolomeus Bedencken setzte er: der Geschwister Vermählung wäre der Natur
nicht zuwider; die etlicher Menschen hierüber gefaste Abscheu wäre eine von
Kindauff eingeflöste Einbildung; und weil selbte durch die Gewonheit insgemein
bestätigt würde / hätte sie sich in ein angebohrnes Gesetze verkleidet. Nicht
nur die berühmtesten Helden / sondern ihre eigene Götter hätten ihre Schwestern
geehlicht / Saturnus die Opis / Neptun die Tetys / Jupiter die Juno; Artemisia
wäre des Mausolus / Mecasiptolema des Archetolis Schwester und Eh-Weib gewest.
Cimon hätte also geheiratet; Solons Gesetze hätten es zu Aten verstattet / die
Egyptischen aber wegen glücklicher Heirat des Osiris und der Isis / wie auch
die Carischen / nach dem Beispiele des Hidrieus solches gar geboten. Der junge
Ptolemeus begegnete nun zwar dem Gesandten: Die angezogenen Gesetze und
Einwendungen hätten alleine ihr Absehn auf halbbürtiges Geschwister / das
zweierlei Mütter hätte; welches auf Arsinoen nicht zu ziehen wäre. Der Gesandte
aber lachte hierüber / fragende: Ob der Vater zu Zeugung eines Kindes nicht ein
mehrers beitrüge als die Mutter / derer Zutat wohl arbeitsamer / nicht aber
edler wäre. Ob nicht der meisten Völcker Recht desshalben die Kinder der Gewalt
der Väter / nicht aber der Mütter unterwürffe? Ob desshalben die klugen Spartaner
wegen eines Vaters /nicht aber einer Mutter Kindern die Heiraten verboten
hätten? Ob Ptolomeus nun nicht die Verweigerung dessen / was dem gemeinen Pöfel
frei gelassen / für eine Verachtung aufzunehmen haben würde? Dieser letzte
Donnerschlag bewegte die nicht so sehr wegen ihrer selbst / als ihrer Kinder
halber ängstige Arsinoe: dass sie ihren getreuen Chodion in Macedonien zu
Abnehmung des angebotenen Eydes abschickte / in Meinung: dass ihre Eh ihre Kinder
sie mehr als die Waffen für dem Grimme eines so mächtigen Feindes beschirmen
würde. Ptolomeus umfaste in dem Tempel des Jupiters / welchen die Macedonier für
den heiligsten und ältesten hielten / die Hörner des Altares / und das Bildnis
Jupiters / schwur also mit unverändertem Gesichte: Er suchte die Heirat seiner
Schwester von treuem Hertzen; Er wolle sie nebst sich auf den Reichs-Stul setzen
/ keine aber nebst ihr in sein Ehbette / auch niemanden anders als ihre Kinder
zum Macedonischen Zepter erheben. Er kam hierauf selbst mit nur etlichen
Edelleuten nach Cassandrea / und betörte Arsinoen mehr mit seinem Liebkosen /
als vorher mit seinem Meineide; führte sie also in seine Stadt Epidamus / allwo
das Beilager mit grossen Freuden und unbeschreiblicher Pracht vollzogen / ja
Arsinoen die Krone Macedoniens aufgesetzt ward. Allein alles diss / was Arsinoens
Hertze als ein Magnetstein an sich zoh / enteuserte als eine Beschwerung des
jungen Ptolomeus Gemüte von seinem neuen Stiefvater. Daher er sich auch bei
Zeiten aus dem Staube machte / und zu dem über dieser Heirat schäumenden Könige
Belgius in Sicherheit verfügte. Die einfältige Arsinoe / welche das gefährliche
Wetterleuchten für die angenehme Morgenröte ansah /meinte sie hätte mit der
Krone nun auch vom Donner unversehrliche Lorbern auf ihr Haupt gesetzt; und es
könnte kein Gift eines falschen Hertzen mit einer so heissen Liebe behisamt
werden; also wollte sie die ihr zu Epidamus wiederfahrne Anbetung zu Cassandrea
mit einem gleichwichtigen Opffer abschulden. Sie reisete daher vorher / liess
alle Strassen mit Persischen Tapeten / die Königliche Burg mit Edelgesteinen /
die Türme mit Freuden-Feuern / die Altäre mit brennendem Weirauch erhellen /
schickte auch ihren sechzehn jährigen Sohn Lysimachns / und den zwölf jährichten
Philip mit Myrten gekrönet dem eingeladenen Ptolomeus entgegen. Allein der
Untergang greifft insgemein schon nach uns / wenn leichtgläubige Sicherheit so
wohl Furcht als Fürsicht aus dem Hertzen gejagt hat. Welcher zwar sie auffs
freundliche umarmte / und mit vielem Küssen betörete; so bald er aber in
Cassandrea kam / Stadt und Burg mit seinem Kriegsvolcke besetzte / der Arsinoe
Kinder aber tödten hiess. Diese flüchteten sich in ihrer Mutter Zimmer und Schoss
/ aber sie vermochte weder mit Entblössung ihrer Brüste / noch auch mit
Fürwerffung ihrer Armen und Glieder den unmenschlichen Ptolomeus von so
grausamem Morde ihrer Kinder abhalten. Ja ihr selbst ward nicht erlaubet sie zu
begraben / sondern sie ward mit zerrissenen Kleidern / zerstreuten Haaren aus
der Stadt gestossen / und mit zweien Knechten in Samotracien ins Elend verjagt;
welches durch nichts mehr vergället ward / als dass sie mit ihren Kindern nicht
sterben konnte. Als Ptolomeus allhier so abscheulich wütete / fiel der erzürnte
Belgius mit einem mächtigen Heere in Macedonien ein; iedoch schickte er eine
neue Botschaft an den Ptolomeus / die ihm andeutete: dass er zwar sein eigen
Unrecht gegen Erstattung verursachter Kriegs-Kosten vergessen wollte; die an der
Arsinoen Hause verübte Grausamkeit aber anders nicht / als durch Abtretung der
Stadt Cassandrea und des väterlichen Reiches an den sich zu ihm geflüchteten
Ptolomeus / beigelegt werden könnte. Allein / er bildete ihm ein: es wäre nicht
schwerer einen grossen Krieg / als grausame Laster zu endigen; daher wiess er
diese Gesandschaft schimpflich und mit dieser Antwort ab: Er könnte mit dem
Belgius keinen Frieden schlüssen / als biss zwölf Deutsche Fürsten ihm zur
Versicherung / und alle ihre Waffen ausgeliefert würden. Ja die ihn zu stürtzen
beschlüssende Rache Gottes betörte ihn so gar: dass er die von den Dardanern ihm
angebotene zwantzig tausend Hülffs-Völcker verächtlich ausschlug / vorwendende:
dass seine Kriegsleute der Macedonier Söhne wären / die unter dem grossen
Alexander die ganze Welt überwältigt hätten. König Belgius / und der junge
Ptolomeus / konten sich über des Ptolomeus hochmütiger Antwort nicht genungsam
verwundern / und sich des Lachens entalten; drangen daher. Mit ihrem
Kriegs-Heer über das Skandische Gebürge und den Fluss Axius in das Hertze /
Macedoniens; und nach dem Ptolomeus mit allen / einen Kräfften ihnen bei der
Stadt Aedessa eine Schlacht lieferte / wurden die Macedonier / entweder weil es
ihnen des Ptolomeus auch zu ihres Reichs Auffnehmen gereichende Laster zu
verfechten kein Ernst war / oder weil so denn / wenn das Verhängnis die Hand
abzeucht / die Hertzhaftigsten ihre Tugend verlernen / in weniger Zeit
zertrennet / und aus dem Felde geschlagen. Unter den Verwundeten ward Ptolomeus
selbst / und ein mit Macedonischen Waffen angetaner Kriegs-Knecht gefunden /der
dem halb todten Könige auf dem Halse lag / und mit seinem Degen ihm schon sieben
Wunden versetzt hatte. Wie nun König Belgius diesen weg zu reissen /und den
Ptolomeus aufzurichten befahl / gab Arsinoe durch Abziehung ihres Helmes sich zu
erkennen /welche ihr anwesender Sohn Ptolomeus alsobald tränende umhalsete /
Belgius nach grosser Verwunderung aufs freundlichste bewillkommte; Sie aber
erzehlte: dass sie um gegen ihrem Todfeinde verdiente Rache auszuüben / bei
vernommenem Kriege sich in einen Kriegsknecht verkleidet / unter der Macedonier
Heer den Tag für der Schlacht sich vermenget / und durch die unvergleichliche
Tapfferkeit der Deutschen /als sie den Ptolomeus in der Flucht vom Pferde
gerennet / ihren Vorsatz glückselig auszuüben Gelegenheit gefunden hätte.
Ptolomeus öffnete über dieser Erzehlung seine schon halb gebrochene Augen / und
sah mit einem tieffen Seufzer seine siegende Arsinoe an. Belgius redete ihn
hierüber mit ernster Gebehrdung an: Dieses ist noch nicht genung dir deinen Tod
zu verbittern / sondern wisse: dass in dreien Tagen Belgius mit Arsinoen auff
deiner Königlichen Burg sein Hochzeit-Feier halten wird. Ptolomeus seufzete
hierauff / noch mehr aber / als noch selbigen Tag sich Aedessa; und den dritten
die Stadt Pella ergab / und er mit schälen Augen / und vergifftetem Hertzen so
wohl den Macedonischen Stul / als das Bette Arsinoens vom Belgius betreten sah.
Ptolomeus lief mit dem Kopffe wieder eine marmelne Säule; worauf Belgius um ihn
eines so mühsamen Todes zu überheben / ihm das Haupt abschlagen / und auff eine
Lantze stecken liess / welches hernach zum Schrecken der Feinde durch ganz
Macedonien herum geführet ward. Mit diesem Schlüssel oder vielmehr mit dem
Schrecken seiner blutigen Sebel eröffnete ihm Belgius viel Städte / und
erschütterte ganz Griechenland. Die zwei Macedonischen Fürsten Meleager und
Antipater unterstunden sich zwar die Macedonier vom Wehklagen und Verfluchung
des lasterhaften Ptolomeus zur Gegenwehr anzuleiten / aber jener verlohr nach
sechzig /dieser nach fünf und vierzig Tagen mit seiner zerstreueten Macht die
Königliche Würde; welche hingegen der junge Ptolomeus durch der Deutschen Hülffe
/und der Tracier Auffstand gegen die Macedonischen Landvögte wieder erlangte.
Endlich brachte der unedle Sostenes / welcher eines Ackermannes Sohn / und
durch seine Tapfferkeit ein Oberster über zweitausend Kriegsknechte worden war /
das Macedonische Wesen ein wenig in Stand / sintemal die von dem Marsingischen
Fürsten Ceretrius vorher gedemütigten Geten und Triballen den Deutschen nach
seinem frühzeitigen Absterben hinterrücks eingefallen waren / und also König
Belgius seine Macht zurücke ziehen musste. Sostenes ward derogestalt zwar für
den König in Macedonien ausgeruffen / wiewol er nach dem Beispiele des grossen
Philippus nur den Nahmen eines Feldherren annahm; Alleine es kam Brennus der von
dem Necker aus dem Schwatzwalde in Pannonien gezogener Tectosager Hertzog /
welcher sich inzwischen zum Meister in Illyris biss an den Fluss Drilon gemacht
hatte / auff bewegliches zuschreiben des König Belgius mit einem frischen Heere
in Macedonien / zu welchem Belgius noch dreissig tausend an der Ost-See um die
Weichsel / um die Agstein-Inseln wohnende Herulier und Skirer unter dem Fürsten
Acichor stossen. Sostenes begegnete zwar dem Brennus bei Heraclea an dem Flusse
Erichton / und versuchte alles / was einem tapfferen Heerführer möglich war;
insonderheit sprengte er aus: dass Brennus von ihm erlegt wäre / wormit er denen
Macedoniern einen Mut / viel Deutschen auch irre machte; alleine der feurige
Brennus liess sich um diesen schädlichen Irrtum zu wiederlegen / bald als ein
Blitz an der Spitze sehen /und band mit dem auch unerschreckenen / und für ein
ganzes Königreich fechtenden Sostenes tapffer an. Dieser aber hatte mehr
Hertze denn Glücke. Denn er ward vom Brennus aus dem Sattel gehoben / von
Pferden ertreten / das durch Verlust seines Hauptes verstimmelte Heer in die
Flucht / und nicht allein das von den Deutschen überschwemte Macedonien grossen
Teils erobert / sondern auch des Brennus Siegs-Fahnen biss an den Berg Cyteron
/ und die Corintische Land-Enge ausgebreitet. Denn weil die Griechen dem
Sostenes Hülfsvölcker zugeschickt / die Deutschen aber schon gute Zeit die
berühmten Herrligkeiten Griechenlands im Kopffe hatten / beschloss Brennus mit
dem Fürsten Acichor Griechenland zu bekriegen. Das Geschrei hiervon erschütterte
diss mehr / als für Zeiten Xerxes mit seinen unzehlbaren Persen; daher auch der
Griechen Zurüstung nunmehr zwei mal so gross war. Ja alle benachbarte Könige
schickten ihnen Hülfsvölcker / insonderheit Antiochus aus Asien den Telesarchus
/ und der inzwischen nach dem Sostenes in Macedonien auffkommende König
Antigonus den Aristodemus. Der oberste Feldherr war der Stadt Aten
Kriegs-Hauptmann Callippus. Gleichwol aber hielten sich alle Kräfften
Griechenlands zu schwach den Deutschen in freiem Felde zu begegnen. Anfangs
setzten sich zwar die Griechen an den Fluss Peneus in Tessalien; als aber ein
schwacher Vortrab von tausend leichte berittenen Lygiern unter dem Berge Olympus
bei Larissa durchschwemte / hoben die Griechen über Hals und Kopff ihr Läger auf
/giengen über den Fluss Sperchius und warffen hinter sich alle Brücken ab. Also
eroberte Brennus die Länder Magnesia / Tessalien und Phtiotis ohne einige
Schwerdstreich. An dem Strome Sperchius aber hemmte sich etlicher massen der
Lauf seines Sieges. Denn dieser floss nicht allein mit grossem Ungestümme vom
Berge Pindus herab / und hatte allentalben hohe felsichte Ufer; sondern war
noch darzu vom Regen sehr angelauffen / und von den Griechen besetzt. Der nichts
minder schlaue als kühne Brennus lass darum zehn tausend der längsten Deutschen
aus seinem ganzen Heere aus / und schickte sie unter dem den Nahmen mit der
Tat habenden Ritter Unverzagt in aller Stille biss unterhalb Tebe den Strom
hinab /welcher daselbst wegen seiner Ausbreitung einem stehenden See ähnlicher
als einem Flusse ist. Unverzagt musste um nicht entdeckt zu werden bei finsterer
Nacht / und zwar entweder biss in den Hals watende /oder schwimmende übersetzen;
worzu ihm denn ein treuer Hund / welchen er hernach auch auf seinen Schild
mahlen liess / zu einem guten Wegweiser / und vielen Deutschen ihre Schilde zu
Kahnen dienen. Cephissodor der Beotier Heerführer hatte in selbiger Gegend
seinen Stand; Er konnte aber der Deutschen Antlitzer / weniger ihre Schwerdter
vertragen; flüchtete sich also auf den Berg Oepta / wiewol fünf hundert
übereilte Beotier im Stiche blieben. Critobul der Phocenser / Midias der Locrer
/ und Polyarchus der Etolier Feld-Hauptleute giengen ebenfals durch / und
setzten sich an die Termopylische Berg-Enge an den Maliakischen See-Busem. So
bald die Phtiotier die Brücke über den Fluss Sperchius wieder gelegt hatten /
ging Brennus mit seinem ganzen Heere über / und wormit er den Griechen so viel
eher aus Hertz käme /wollte er sich mit Belägerung der wolbesetzten Stadt
Heraclea nicht aufhalten. Ungeachtet nun die Eroberung der Termopylen mehr als
ein menschliches Werck zu sein schien; und die Deutschen selbst selbige
Unmögligkeit wiederrieten; sagte doch Brennus: hätten die Griechen das Meer und
die Felsen / so hätten die Deutschen ihr kühnes Hertz zur Mauer; liess also
folgenden Tag mit aufgehender Sonne daselbst zu Sturme lauffen. Keine Reuterei
war in diesen felsichten und noch darzu wegen vieler Qvelle schlüpfrichten Orte
zu brauchen. Den ersten Angrief tät Ritter Sultz mit unglaublicher Tapfferkeit
/ eroberte auch gegen den Obersten der Megarensen Megareus die erste Höhe des
Gebürges. Ihn entsetzte der Ritter Schlick / und bekam den Felsen ein / auff
welchem eine Ertztene Säule des Hercules stand; die er auch hernach in seinem
Schilde führte. Auff der dritten Höhe bemeisterte Ritter Schwartzenberg zwei
feste Türme / und trieb den Lysander mit seinen Beotiern daraus. Die oberste
Spitze dieses Berges behauptete zwar der Ritter Hohenlohe; er ward aber in die
Brust tödtlich verwundet; gleichwol aber riess er den Pfeil grimmig aus seiner
Wunde / und erschoss mit selbtem noch der Beotier Obersten Tearidas. Die den
Berg hinab gehenden Versetzungen verlieffen die Griechen ohne Gegenwehr / und
wurden die Deutschen des an dem Meere liegenden engen Tales Meister. Wie nun
Fürst Acichor den andern Berg zu bestürmen anfing /welchen der Griechische
Feldherr Callippus selbst nebst dem Midias / Diogenes / Lacrates / und dem
tapfferen Cydias verteidigten / dieser letzte auch vom Acichor eigenhändig
erlegt ward; kam der Atenienser Schiff-Flotte herfür / und überschüttete von der
Seite die Deutschen mit ihren Pfeilen wie mit einem Hagel; also: dass nach dem
sie diesen Sturm zwei Stunden ausgestanden / und gleichwol dem Callippus genung
zu schaffen gemacht / sie um auf den ersten Berg zurücke weichen mussten. Brennus
wütete für Unmut: dass er daselbst nicht durchbrechen konnte; daher liess er den
Fürsten Acichor alldar die Griechen unaufhörlich mit blinden Lermen beunruhigen;
Er selbst aber zohe mit dem grösten Teile seines Heeres sich unter dem Berge
Oeta westwerts hin; und versuchte durch die Truchinische Berg-Enge; wo nur zwei
Menschen neben einander gehen können /durchzukommen. Er selbst war nicht zu
erhalten: dass er nicht seine Tectosager anführte. Er erlegte mit seiner eignen
Hand zwar auch den Obersten Telesarchus / und drang biss zu dem auf einer hohen
Klippe liegenden Tempel der Minerve durch; aber die Klippen waren daselbst
Türme hoch: dass nur Brennus an ihnen den Kopf zu zerbrechen vernünftig
unterlassen musste. Weil aber unter allen Griechen die Etolier den Deutschen am
hartnäckigsten begegneten / schickte Brennus die Fürsten Orester und Combut mit
40000. Mann über den Fluss Sperchius / welche durch Tessalien über den Berg
Callidromus in Etolien einbrachen; alles mit Feuer und Schwerd verheerten / und
hierdurch die Etolier zu Beschirmung ihres Eigentums von Termopylen wegzohen;
welche aber nebst ihren Gehülffen den Patrensen nur in den Gebürgen sich
aufhalten / und nach etlichen Treffen / und verbrennter Stadt Callium mit
reicher Beute mussten abziehen lassen. Unterdessen weil die Heracleer und
Aeniater der Deutschen Last überdrüssig waren / weiseten sie nicht zwar aus Hass
gegen die Griechen / sondern um sich zu entbürden dem Hertzog Brennus selbst
einen leichten Weg über den Berg Oeta / auf welchem für Zeiten der Mede Hydarnes
den Leonides überfallen / und Ephialtes die Persen in Phocis geleitet hatte. Die
Phocenser hatten diesen Eingang zwar auch besetzt; aber der zu selbiger Zeit
fallende Nebel verbarg die Deutschen so lange: dass die Griechen dieser nicht ehe
/ als biss sie ganz umringt waren / gewahr wurden. Daher wurden sie fast alle
erschlagen oder gefangen; und brachten wenig entflohene dem Callippus von der
Ankunft der Deutschen die traurige Zeitung. Callippus wendete sich zwar gegen
den Brennus / aber nach einem zweistündigem Gefechte ging bei den Griechen
alles über einen Hauffen /sonderlich / da der tapfere Callippus gefährlich
verwundet ward. Daher flüchtete sich alles / was noch den Deutschen Schwerdtern
entran / auf die Ateniensischen Schiffe; von denen aber eine ziemliche Anzahl
überladen ward / und in dem Schlamme stecken blieb; also von denen ins Meer
watenden Deutschen noch erobert wurden. Fürst Acichor rückte hiermit
unverhindert durch die Termopylen; ganz Phocis und Achaien selbst biss an Aten
musste sich dem Brennus ergeben und für ihm demütigen. Der ganze Peloponnesus
aber die Corintische Land-Enge besetzen /das Cyterische Gebürge verhauen / und
die holen Wege mit abgestürtzten Klippen verriegeln / um der Deutschen Einfall
zu verhindern. Mir ist hierbei das Gedichte nicht unbekandt; als wenn Brennus
kein geringerer Gottes-Spötter wie Dionysius gewest wäre; welcher bei Beraubung
der Tempel fürgegeben: dass der güldene Mantel dem Apollo im Sommer zu schwer /
im Winter zu kalt wäre; und die gütigen Götter ihme selbst ihre güldene Kräntze
zulangten / und dass selbter den Delphischen Tempel auf dem Berge Parnassus /
darinnen ein aus einer unterirrdischen Höle aufsteigender Wind die Priester zum
Wahrsagen begeistern soll / seines dahin gewiedmeten Reichtums zu berauben vor
gehabt hätte / vom Erdbeben und anderm Unglück aber / nach dem er ihm vorher
einen Dolch ins Hertz gestossen / samt seinem ganzen Heer aufgerieben / und
kein einiger Mensch errettet worden wäre. Alleine dieses Gedichte werden nicht
allein nachfolgende Taten des Brennus wiederlegen; sondern es wiedersprechen
ihnen die Geschichtschreiber selbst / da sie teils bekennen müssen: Es wäre
dieser Tempel im heiligen Kriege von den Phocensern lange vorher aller Schätze
beraubt worden / teils für gegeben: Es hätten die unter denen Tectosagern
vermischte Tolistobogier die Schätze wirklich erobert und zum teil in ihr
Heiligtum nach Tolosa geliefert / zum teil daselbst in einen See geworffen /
welches hernach der Römische Heerführer Cöpio zu seinem grossen Unglücke heraus
gefischet hätte. Es rühret aber dieses falsche Geschrei daher: Hertzog Brennus
schickte einen aus dichtem Golde gemachten Spiess / derogleichen die Tectosager
nach der ältesten Völcker Art für ein göttliches Bild verehrten / in den
Delphischen Tempel zu einem Geschencke. Die aberwitzigen Priester aber / welche
dieses Kriegrische Gewehre für eine Andeutung des Krieges hielten; da doch die
Säulen des Apollo selbst Lantzen und Pfeile führen / weigerten sich nicht
alleine selbte anzunehmen / unter dem Vorwand: dass Gold und andere unnütze
Schätze der Tempel nur Anlass zu ihrer Entweihung und zum Kirchen-Raube gebe /
wie sie es schon vom Philomelus / und andere reiche Tempel Griechenlands vom
Philippus / des Belus oder Didymeischen Jupiters vom Antiochus und die
Egyptischen Heiligtümer vom Cämbyses erfahren hätten; sondern sie liessen auch
einem so mächtigen Fürsten höchst unzeitig entbieten: dass ihr Gott am Geschencke
geraubter Güter kein Gefallen hätte. Welches den Brennus derogestalt
verbitterte: dass er über die Priester Rache auszuüben mit seinem Heere dem
Tempel sich näherte. Es traf sich aber ungefähr: dass als selbtes den Tempel im
Gesichte hatte / die Sonne sich verfinsterte; welches / wie iederzeit dem
unwissenden Pöfel / also auch dissmal den Tectosagern nicht ein geringes
Schrecken einjagte; die Delphischen Priesterinnen aber zum Aberglauben
meisterlich zu gebrauchen wussten; in dem sie gleichsam als verzückt mit
zerstreuten Haaren und mit Schlangen in Händen / unter das zu Beschirmung des
Tempels versammlete Volck lieffen / vorgebende: Sie hätten den Apollo in Gestalt
eines schönen Jünglings mit zwei gewaffneten Jungfrauen / welches Diana und
Minerva sein müste / vom Himmel in den Tempel absteigen gesehen; sie hätten
gehört das Schwirren der Waffen und der gespanneten Bogen; die Geister des
längst verstorbenen Pyrrhus Hyperochus und Laodocus wären ihre Vorgänger; also
möchten sie nicht die Gelegenheit versäumen mit denen vorgehenden Göttern die
vom Schrecken schon halb tobte Feinde anzufallen. Für diesen wütenden Leuten
wäre der angefallene Vortrab aus einer aber gläubisschen Bestürtzung zurück
gewichen / und von selbtem an statt des Fechtens mit seinen Waffen um der
verfinsterten Sonne zu helffen / ein grosses Getöne gemacht worden. Rhemetalces
fing an: Es ist nichts im gemeines: dass die tapffersten Leute durch ein solch
unversehenes Schauspiel erschreckt / oder durch eine aberglaubische Andacht in
die Flucht bracht worden. Also zerstreuten die Valisker und Tarqvinier / wie
auch die Vejenter und Fidenater zwei mal das Römische Heer durch eine Menge als
Priester angekleideter Kriegsleute /welche mit Schlangen und Fackeln in Händen
sie gleichsam rasende anfielen. Adgandester versetzte: Brennus aber liess sich
diese Larven nicht schrecken; sondern sprach seinem fortzurücken sich weigerndem
Heere / welches ihr Fürnehmen für ein Gott widriges Erkühnen gehalten / und ihm
selbst den Untergang wahrgesagt / durch seine mit sich geführte Priester /welche
hierinnen beim Pöfel vermögender als Obrigkeiten sind / vernünftig zu / und
versicherte es: dass diese aus natürlichen Ursachen entstandene Finsternis in
einer Stunde überhin sein würde. Worauf er denn auch bei der darauf folgenden
schönen Ausklärung des Himmels / welche die Sonnen-Finsternüsse wie der Wind die
Monden-Finsternüsse insgemein zu begleiten pflegt / die ihm entgegen rasenden
Hauffen unschwer zerstreuete / etliche schuldig befundene Priesterinnen tödtete
/ die andern aber beschenckte /in dem Tempel seine Andacht verrichtete / ja zwei
in seinem Heere befindliche Fürsten aus Tessalien /welche ein Marmelnes
Siegsbild aus dem Delphischen in einen Tessalischen Tempel gebracht hatte
/straffte / und an seinen ersten Ort setzen liess. Ob auch wohl die Phocenser
hernach aus einem blinden Eyver und Aberglauben dem Brennus unter der Stadt
Ambrysus einfielen; wurden sie doch mit blutigen Köpffen abgewiesen / und ihr
Heerführer Aleximachus selbst getödtet. Fürst Zeno brach hier ein: Es wunderte
ihn nunmehr weder die Aussprengung von des Brennus erdichtetem Untergange / noch
auch des Deutschen Heeres Schrecken über der Sonnenfinsternüss; Nach dem auch die
Affen und andere wilde Tiere sich darüber entsetzten / und vielen tapfern
Kriegsleuten mehrmals das Schwerd aus den Händen gefallen wäre. Also wäre des
grossen Alexanders Heer an dem Flusse Tigris bei der Mondenfinsternüss fast
verzweiffelt / hätte auch um keinen Fuss breit wider der Götter Willen
fortzusetzen einen Aufstand gemacht; welchen Alexander selbst zu stillen nicht
getraut /sondern die Bestürtzten durch die Egyptischen Warsager beredet hätte:
dass der Monde der Perser Sonne wäre / und seine Verfinsterung ihnen allezeit
Unglück bedeutete. Niccas hätte bei ereigneter Finsternis mit seiner
Schiffflotte aus dem Hafen in die See zu lauffen sich nicht erkühnet / und
dardurch der Stadt Aten unsäglichen Schaden zugefüget. König Archelaus in
Macedonien hätte für Furcht die Burg verschlossen /und zum Zeichen seiner
Bestürtzung seinem Sohne die Haare abscheren lassen. Der vorhin nie erschrockene
Hannibal hätte sich für seiner mit dem Scipio zuletzt gehaltenen Schlacht über
Verfinsterung der Sonnen so sehr; als König Perseus / da er gegen die Römer
schlagen sollte / über der Mondenfinsterniss entsetzt. Welches alles daher
geflossen: dass nicht nur der Pöfel / welchem man die Ursachen der Finsternüsse
mit Fleiss verschweiget / sondern auch die Weltweisen iederzeit sehr seltzame
Meinungen hiervon geführet haben. Anaximander meinte / der Sonnen und dem Monden
würde bei ihrer Verfinsterung das Loch verstopft / woraus sie ihr Feuer und
Licht ausschütteten; Heracletus: Es kehrten sich ihre nur auf einer Seiten
leuchtende Kugeln um; Xenophanes: Es gebe viel Sonnen / welche nach und nach
verleschten; biss Tales endlich die Warheit gelehrt: dass der zwischen die Sonne
und die Erdkugel tretende Monde der Sonnen /die Erde aber mit ihrem Schatten des
Monden Finsternis verursache. Die sonst genungsam gescheuten Brahmänner glaubten
aber noch viel törichter: Sonn und Monde würden von zweien Schlangen gefressen;
die Serer: diese zwei Gestirne verlieren ihren Schein aus Furcht für einem Hunde
und Drachen / der sie zu verschlingen dräute; andere Indianer: sie würden von
dem gestirnten Drachen gebissen. Rhemetalces fing an: Diese Wissenschaft ist
vielen eine Handhabe ihres Glückes / wie der ersten abergläubiger Unverstand
eine Ursache ihres Verderbens gewest. Denn der in Africa segelnde Agatocles
machte durch Auslegung der damals sich ereignenden Sonnenfinsternüss seinem
Kriegsvolcke ein grosses Hertz; in dem er ihre böse Bedeutung artlich auf die /
wider welche er zog /abweltzte. Und der die natürliche Ursache des verfinsterten
Monden anzeigende Sulpitius Gallus half der Bestürtzung des Römischen Heeres ab.
Unterschiedene Heerführer haben hierdurch ihr auffrührisches Kriegsvolck
besänftiget. Niemand / sagte Adgandester / hat sich der Vorsehung der
Finsternüsse nützlicher / als Hanno gebraucht / welcher in dem Atlantischen
Eylande mit seinem ganzen Heere hätte erhungern müssen; weñ er nicht die wilden
Einwohner daselbst mit einem in wenig Stunden bevorstehenden Finsternüsse
erschreckt / und sie zu Lieferung reichlicher Lebensmittel bewegt hätte.
Sintemal diese einfältigen Wilden so denn das Ende der Welt besorgen und darfür
halten: die Gestirne würden von einem höllischen Geiste verschlungen; oder Sonn
und Monde wären auf die Menschen ergrimet; oder auch: sie würden von bösen
Leuten bezaubert; dahero sie insgemein mit klingendem Ertzte / Kieselsteinen und
andern Dingen ein Geräusche machten / etliche auch ihre Wangen zerkratzten / und
ihre Haare ausraufften. Die Deutschen pflegten sich auch dergleichen Getönes
aber mehr aus angenomener Gewohnheit von andern Völckern / als aus Aberglauben
zu gebrauche. Ob nun wohl freilich die Finsternüsse der zwei grossen Welt-Lichter
so wohl ihre ordentliche Ursachen als ehre Gesetze Zeit haben; so ist desshalben
es der göttlichen Versehung unverschrenckt: dass sie hierdurch grosse Enderungen
/ und insonderheit die Verdüsterung grosser Welt-Lichter / wie der Schatten an
den Sonnen-Uhren die Stunden andeute. Massen denn wenige Zeit hernach so wohl
Brennus als Belgius ihrem Leben und Siegen ein Ende machten. Bei diesen
Todesfällen ereigneten sich unter den Deutschen Fürsten allerhand Zwytrachten;
welche die grösten Reiche auch biss zu der eusersten Ohnmacht zu entkräfften
mächtig sind. Bei welcher Unruh Antigonus sich wider ganz Macedoniens
bemächtigte. Gleichwol aber behauptete des Belgius Sohn Commontor nebst dem
halben Pannonien ein Stücke von Dacien / Mysien und Tracien / zwischen dem
schwartzen Meere und dem Flusse Atyras / nach dem er vorher die Geten und
Treballen in etlichen Schlachten aufs Haupt erleget hatte. Dieser Fürst erlangte
durch seine Helden-Taten in Europa und Asien einen so starcken Nahmen: dass alle
ferne Könige an seinen neuen Reichs-Sitz die Stadt Tube schickten / und den
Hertzog Commontor um Hülffe und Bündnis ersuchten. Denen Byzantiern nahm er nach
etlichen Treffen ihre fetten Aecker / und brachte sie derogestalt ins Gedrange:
dass sie ihm und seinen Nachkommen jährlich 80. Talent zum Geschencke senden
mussten. Unter diesem ehrlichen Nahmen verhüllen die schwächern Herrschaften die
schimpflichen Schatzungen. In diesem Zustande blieb es / biss Fürst Cavar von den
Traciern überwunden ward. Brennus verliess unterschiedene Söhne / und zwar
seinem Sohne Hunn Pannonien / den andern beiden Leonor und Lutar nebst einer
schlechten Abstattung seine zwei beste Sebeln /mit der Erinnerung: dass diese /
die Tugend und das Glücke schon mächtig genung wären / sie mit einem Erbteile
etlicher Reiche zu versehen. König Hunn aber eignete seines Vaters
Feld-Hauptmanne Tessalor ein Hertzogtum zwischen dem Ister und der Sau zu /
welcher die ihm untergebenen Völcker nach seinem Vater die Scordissker nennte.
Dieser liess anfangs zwar in seinem Reiche ihm nichts mehr / als den Ruhm seiner
Gelindigkeit angelegen sein; nach dem er aber durch allerhand Künste die
Gemüter seiner Untertanen und die Gewogenheit der Nachbarn gewonnen hatte /
verleitete ihn die einmal gekostete Süssigkeit der Herrschaft so weit: dass er so
gar auff den Pannonischen Zepter ein Auge warf / unterschiedene Pannonische
Fürsten / welche der Deutschen Herrschaft überdrüssig und der Neuigkeit begierig
waren /auf seine Seite / die Geten und Triballen aber wider die Deutschen in ein
Bündnis brachte. Nach dem diesen verschwornen nun unterschiedene Anschläge den
König Hunn durch Gift hinzurichten fehl schlugen /beschlossen sie ihn auf der
Jagt / welche Sinadat einer seiner geheimsten Räte anstellte / aufzureiben.
Hunn war schon auf dem Wege / als ein Deutsches Weib sich qver über einen engen
Weg legte / wordurch der König reiten sollte / und mit aufgehobenen Händen bat /
er möchte keinen Schritt ferner reiten / ihm auch von des Sinadats eigenem Weibe
ein verschlossen Schreiben einhändigte / welches das Geheimnis der Verräterei
umständlich entdeckte; von welchem sie ihren Ehmann abwendig zu machen nicht
vermocht hätte. Hunn entsetzte sich über iedem Worte / weil er die /denen er die
gröste Treue zu- und das Hefft seines Reiches anvertraut hatte / unter dem
Verzeichnüsse der schlimmsten Verräter fand. Also kehrte er stillschweigend
zurücke / liess ihre Schrifften durchsuchen / und / nachdem er darinnen
augenscheinlichen Beweis fand / selbte an statt des Wildes auf der angestellen
Jagt fangen / und denen zwei fürnehmsten Rädelsführern Sinadat und Irenitz die
Köpffe abschlagen. Ihr Götter! fing die Königin Erato an zu ruffen /mit was für
Empfindligkeit ist dieser Schlag nicht des Sinadats Weibe durchs Hertz gegangen?
Hat sie einen Augenblick den Tod ihres Ehmanns überlebt / dem sie eh als der
Hencker das Messer an die Gurgel gesetzt? Oder haben die / welche ihre Ehmänner
aufrichtiger liess gewonnen / nicht sie als eine Unholdin / die den Eyd der Treue
/ und das heilige Band der Ehe zerrissen / verfluchet? Fürst Rhemetalces
lächelte / und bat / sie möchte diese Ruhms-würdige Heldin / welcher Pannonien
einen Ehren-Krantz schuldig blieben wäre / nicht unverhörter Sache durch ein so
strenges Urteil verdammen. Denn ob zwar die Liebe eines Ehweibes alle andere
übertreffen sollte / wäre selbte doch dem check-Stabe der Vernunft unterworffen
/ohne welchen alle Tugenden zu Lastern würden. Sie könnte ihr Hertz zwar mit
keinem Nebenbuhler teilen / aber sie wäre nicht befugt es ihrem Vaterlande zu
entziehen; welches über uns mehr Gewalt hätte / als Väter über ihre Kinder / und
Männer über ihre Weiber. Der Ehleute Liebe wäre angenommen / des Vaterlands aber
angebohren. Ja auch die angebohrne müste des Vaterlands Liebe aus dem Wege
treten. Daher hätte Agesilaus zu unsterblichem Nachruhme seinen Sohn Pausanias
der Spartaner Fürsten / weil er sein Vaterland dem Xerxes für 500. Talent
verraten wollen / durch Hunger getödtet / seine Mutter aber die Leiche
unbegraben weggeworffen. Brutus und Cassius hätten diese Zärtligkeit ihnen aus
dem Gemüte geschlagen / als sie beide ihre wider das Vaterland aufgestandene
Söhne zum Tode verurteilet; und Fulvius / als er seines Sohnes Kopf springen
sah / gesagt: Er hätte ihn nicht dem Catilina wider das Vaterland / sondern dem
Vaterlande wider Catilinen gezeuget. Das Vaterland könnte wohl bestehen / wenn
ein Geschlechte zu Grunde ginge / dieses aber nicht /wenn jenes fiele. Da nun
ihrer so viel ihre selbsteigene Liebe des Vaterlands nachgesetzt / und dessen
Wohlstand mit ihren Leichen unterstützet hätten / wie wäre des Sinadats Ehfrau
ohne sich der Verräterei selbst teilhaft zu machen ihres verräterischen
Ehmanns zu schonen / und das gemeine Heil in Grund zu stürtzen berechtigt
gewesen? Sintemal ja die Eh ein Verbündnüss der Hertzen / nicht aber der Laster
sein sollte. Erato begegnete dem Rhemetalces: Sie gebe gerne nach: dass ein Weib
ihren Ehmann von bösen Entschlüssungen abzuleiten bemüht sein; aber ihn doch
nicht selbst angeben sollte. So wenig einer sich selbst anzuklagen schuldig wäre
/ so wenig läge es seiner unzertreñlichen Gefärtin in allem Unglück und
zweifelhaften Fällen ob. Calliroe / welche ihres Vaters Lycus abscheuliche
Menschen-Opferung ihrem Liebhaber Diomedes entdecket / hätte sich hernach mit
einem Stricke erhencket; Bysatia die eben dis von dem Massyler Könige dem
Crassus offenbart / ihr die Kehle abschneiden müssen. Also würde sie sich
nimmermehr überwinden / aus Liebe des Vaterlandes dem Ehmanne treuloss zu werden
/ welchen der meisten Völcker Recht über ihre Weiber die Gewalt des Lebens und
des Todes zueignet. Adgandester ward ersucht / hierüber den Ausschlag zu geben /
aber er lehnte sein begehrtes Urteil mit allerhand Unterscheidungen der
Umbstände ab; wollte des Sinidats Ehweib weder gäntzlich verteidige noch
verdamme; vorwendende: Es gebe solche Taten; welche nach der Eigenschaft der
auf dem Lande und im Wasser lebender Tiere gewisser massen zu den Tugenden und
Lastern gerechnet werden könten. Jedoch / sagte er /fragte König Hunn nach der
Zeit wenig nach ihr; sie selbst brachte ihr übriges Leben mit Einsamkeit hin
/ihren Kindern aber nur die Ungenossenheit der nichts minder fallenden Straffen
zuwege. Der Skordisker Fürst Tessalor flüchtete sich zum Antigonus / und
erhärtete durch sein Beispiel: dass ein beleidigter Freund mehr als tausend
Feinde Unheil stiften könten. Denn nach dem alle Deutschen alle innerliche Unruh
gestifftet / die Geten und Treballen gezähmt hatten /wurden sie / und
insonderheit Leonor und Lutar lüstern / das verlohrne Macedonien wieder zu
erobern. Der König Hunn schickte deshalben zum Antigonus eine Botschaft / oder
vielmehr Kundschaffer die Beschaffenheit Macedoniens auszuspüren; welche
Antigonus aufs kostbarste unterhielt / und ihnen seine grosse Gold- und
Silber-Klumpen / als die Spann-Adern der Kriege / nebst den Elefanten zeigte.
Dis aber /was die Deutschen vom besorglichen Kriege abschrecken sollte / reizte
sie nur mehr zur reichen Beute an; zumal die Gesandten berichteten: dass das
Macedonische Läger gar nicht befestigt / fahrlässig bewacht würde; das Eisen
liesse man daselbst verrostern; gleich als wenn sie durch ihren Uberfluss des
Goldes schon genungsam sicher wären. Diesemnach setzten beide Hertzoge Leonor
und Lutar in möglichster Eil über den Fluss Strymon / und eilten dem oberhalb
Heraclea geschlagenen Läger zu. Antigonus aber traute nicht der Deutschen
Ankunft zu erwarten / sondern liess das volle Läger stehen / und flohe mit
seinem Heere in das Bertiskische Gebürge / teils in die See-Stadt Aretusa /
umb die in dem Strymonischen See-Busem liegende Kriegs-Flotte zu verstärken.
Weil nun dazumal in Griechenland die bereit für hundert Jahren geschehene
Phaennische Weissagung in grossem Ruffe war: dass die Deutschen in Asien ein
mächtiges Reich aufrichten würden; zohen Leonor und Lutar gerade dem Meere zu /
überfielen auch die bei Aretusa liegende Schiffe wie ein Blitz. Als aber die
Deutschen ihnen von keinem Feinde was mehr träumen liessen / sondern nur in den
Schiffen Beute machten; kam die bei Stagira liegende Schiff-Flotte des Antigonus
mit vollem Segel angelauffen / und erlegte in den Schiffe beinahe 3000.
Tectosager. Nichts desto weniger behaupteten sie etliche 20. Schiffe / mit
welchen sie lange auf dem Aegeischen Meere herumb kreutzten / biss sie von denen
eroberten Schiffen eine starcke Kriegs-Flotte zusammen brachten; und bald dar
bald dort in Asien reiche Beute holeten; insonderheit aber die Attalischen
Länder sehr ängstigten. Inzwischen kam König Pyrrhus / nach dem er gute Zeit mit
allerhand Zufällen in Italien und Sicilien Krieg geführet hatte / unverhofft in
seinem Königreiche Epirus an / zohe zehn tausend deutsche Hülffs-Völcker von
denen Skordiskern an sich; und weil ihm Antigonus seiner Vertröstung zuwider
kein Volck in Italien zu Hülffe geschickt hatte / fiel er in Macedonien ein.
Antigonus ward hierdurch gezwungen mit den Deutschen Friede zu machen / und dem
Fürsten Leonor und Lutar jährlich hundert Talent zu versprechen; worgegen sie
ihm mit fünf tausend Tectosagern beistunden. Beider Könige Heere traffen an dem
Flusse Aliacmon unter dem Berge Citarius auf einander; und täten die unter dem
Ritter Eberstein auf die Spitze gestellten Deutschen denen Epiroten grossen
Abbruch. Als aber König Pyrrhus seine Deutschen auch herfür rücken liess; liessen
die dem Antigonus ohne diss nicht allzu geneigte Deutschen ihre Hände sincken;
welche sie nicht in ihrer Landsleute Blut waschen wollten. Hiermit gerieten die
Macedonier in Unordnung / und in die Flucht; und es wäre Antigonus / dessen
ganzes Heer biss aufs Haupt erlegt ward / selbst nicht entronnen / wenn nicht
die Deutschen noch so ehrlich an ihm gehandelt / und ihn / wiewol mit Verlust
etlicher hundert tapfern Kriegsleute nach Tessalonich gebracht hätten. Wiewohl
nun Antigonus daselbst mit vielem Golde die Deutschen erkauffte: dass sie /
iedoch mit der ausdrücklichen Bedingung nicht wider die Deutschen zu kämpfen /
denen Epiroten bei Apollonia noch einmal die Spitze boten; so erhielt doch des
Pyrrhus streitbarer Sohn Ptolomeus wider den Antigonus einen so grossen Sieg:
dass er nebst sechs Pferden mit genauer Not entkam / und sich von Argos
flüchtete. Gantz Macedonien und Tessalien ergab sich hierauf dem Pyrrhus; weil
er aber so wohl der erlegten Deutschen eroberte Schilde in den Itonischen
Pallas-Tempel; wie die Macedonischen in des Dodoneischen Jupiters Heiligtum den
Deutschen gleichsam zur Verkleinerung aufhencken liess; zohen des Pyrrhus
deutsche Hülffs-Völcker wieder in Pannonien. Worauf denn sein Sohn Ptolomeus in
der Stadt Sparta von Weibern erlegt / Pyrrhus selbst aber bei Stürmung der Stadt
Argos mit einem Steine erworffen / iedoch sein gefangener Sohn Helenus vom
Antigonus frei / und in sein Königreich Epirus gelassen ward. Also machte sich
Antigonus durch Beistand der Deutschen nicht nur zum Herren in Macedonien /
sondern auch über ein Teil des Peloponnesus. Weil aber Antigonus über dem
Uberflusse so vielen Glückes hochmütig ward / und den Deutschen ihren
versprochenen Sold hinterhielt; fielen sie acht tausend starck in Pierien ein.
Antigonus / welcher diesen Feind mehr als keinen andern fürchtete / liess den
Spartanern und dem Ptolomeus / mit welchen er damals kriegte / gerne Lufft / und
eilte mit allen seinen Kräfften wider die Deutschen / schnitt auch ihnen
zwischen dem Flusse Aliacmon und Pharibus den Rück-Weg zur See ab. Weil sie nun
gegen einer so grossen Macht ihren Untergang für Augen sahen /ihre bei sich
habende Weiber und Kinder nicht in die Dienstbarkeit fallen lassen wollten /
rieben sie sich nach vielen Tränen und Küssen durch ihre eigene Schwerdter auf;
fielen hierauf mit blutigen Fäusten die Macedonier so verzweifelt an: dass wenn
diese ihnen nicht zehnmal an der Zahl überlegen gewest wären; sie schwerlich
ihren Sturm ausgestanden hätten. So aber wurden die Deutschen / derer keiner
gefangen sein wollte / biss auf wenige sich in das Citarische Gebürge und von dar
in Epirus entkommende /iedoch nicht ungerochen erschlagen; weil der Macedonier
über zwölff tausend auf der Wallstadt blieben. Die geflüchteten frischten
Alexandern den König in Epirus an / so wohl seines Vaters Pyrrhus Tod / als ihr
Unrecht am Antigonus zu rächen; welcher denn mit der Deutschen Zutat den
Antigonus nicht nur Macedoniens / sondern auch des Lebens beraubte. Bald aber
drauf wendete sich mit der Deutsche hin und wieder fallenden Hülffe das Blat des
Glückes /gleich als wenn es mit ihnen im Bündnisse stünde. Denn durch sie
vertrieb des Antigonus Sohn Demetrius ein minderjähriges Knabe Alexandern aus
Macedonien und Epirus zu den Acarnanen; die Skordiskischen Deutschen aber
setzten ihn bald wieder in sein väterlich Königreich ein.
    Unterdessen als ein kleines Teil der Deutschen in Griechenland Kronen nach
Belieben nahm und aufsetzte; bestimmte das Verhängnis solche in Asien denen
tapfern Fürsten Leonor und Lutar aufzusetzen; welche man daselbst recht der
Hochmütigen Schrecken / der Bedrängten Zuflucht nennen konnte. Sie hatten sich
an dem Ascanischen Flusse und See feste gesetzt / als der König in Bitynien
Nicomedes / dessen Gross-Vater wider des grossen Alexanders Feldhauptmann
Calantes der Bitynier Freiheit so herrlich beschirmet hatte / von seinen
aufrührischen Untertanen und seinem Bruder Zipetes auf des Königs in Syrien
Antigonus Anstiftung sehr bedrängt / und in der Burg zu Prusa belägert; also die
Deutschen umb Hülffe anzuruffen genötigt ward. Hertzog Leonor und Lutar waren
mit ihrem Heere zeitlicher in dem Gesichte der Belägerer / als sie es ihnen
träumen liessen; weil sie den Fluss Sagar gegen sie starck besetzt hatten. Wie
die Deutschen aber diese Besatzung im ersten Angriffe auf die Flucht bracht
hatten / also hoben die Bitynier auch über Hals und Kopf die Belägerung auf;
welchen aber Hertzog Lutar in die Eisen ging / sie biss aufs Haupt schlug / und
sechs tausend gefangen nahm; aus denen Nicomedes die Rädelsführer auslass /und
ihre Köpfe auf die Prusischen Mauern stecken liess. Sein Bruder Zipetes entran
mit genauer Not übers Meer in Macedonie; welche die Byzantier zwar hernach zu
ihrem Heerführer wider seine Bruder-Sohn den König Prusias beruffte / aber ihn
ehe von seiner Kranckheit erbleichen / als seinen Degen wider sein Blut und
Vaterland zücken sahen. Dem Fürsten Leonor und Lutar aber Paphlagonien und die
zwischen dem Flusse Partenius und Halys gelegene Helfte seines Gebietes
einräumte; darinnen die Tectosager die Stadt Pessinus / die Trogimer Ancyra /
die Tolistobogier Tobia erbauten / und dardurch sich nichts minder als gute
Wirte als streitbare Helden bezeugten. Dieses neue Reich bekam den Nahmen
Galatiens / weil die Deutschen in Asien Galater / wie in Griechenland Gallier
irrig genennt wurden. Alle Könige in Asien bewarben sich umb ihre Freundschaft
/ gründeten ihre Hoheit auf ihre Achseln / und die Völcker legten ihre
Freiheiten in ihre Armen. Kurtz nach gegründetem Galatischen Reiche entstand
nach des Königs in Syrien Antiochus Tode zwische seine Sohne und Nachfolger
Seleucus / und dem Könige Ptolomeus in Egypte ein blutiger Krieg / weil jener
seine Stiefmutter Berenice des Ptolomeus Schwester mit ihrem Sohne auf Anstiften
seiner rechten Mutter Laodice getödtet hatte. Als nun wegen seiner Grausamkeit
viel Städte von ihm abfielen / er durch Schiffbruch und eine verlorne Schlacht
2. schwere Niederlagen erlitte /ruffte er seinen Bruder Antiochus Hierax zu
Hülffe; und nach dem das Verhängnuss sich entweder an ihm ausgerächet / oder das
Unglück ermüdet hatte / also sein ihm vorher gehässiges Volck aus Mitleiden
geneigt zu werden anfing / zwang er dem Ptolomeus den Frieden ab. Weil aber
Selevcus dem Antiochus das Teil Asiens / das zwischen dem Taurischen Gebürge
lieget / und er ihm versprochen hatte / nicht abtreten wollte / zohe dieser mit
grossen Vertröstungen die Deutschen oder Galater an sich; durch derer Tapferkeit
er seinen Bruder Selevcus aufs Haupt erlegte /also: dass er selbst kaum mit
hundert Pferden sich durch einen Fluss rettete; Antiochus sich aber auf der
Wallstatt krönen liess. Wie aber Antiochus den Deutschen den versprochenen Sold
zu reichen weigerte /schlugen sie sein Heer / tödteten seinen Feldhauptmann
Patroclus / umbringten ihn selbst in seinem Gezelt / und nötigten ihn solchen
zweifach zu bezahlen. Unterdessen kam das Königreich Bitynien vom Nicomedes auf
den Fürsten Zela / bei welchem die alten Wohltaten der Deutschen schon ihren
Geruch verloren hatten. Daher er das Königreich Galatien nicht mehr als ein
Kauff-Geld des erhaltenen Bityniens / sondern als einen Verlust seiner Krone
missgünstig ansah. Gleichwohl aber hatte er weder Hertze noch Kräfften mit den
Deutschen anzubinden; liess also den Hertzog Lutar unter dem Scheine das
väterliche Bündnis zu verneuern auf die Gräntze einladen. Ihre Zusammenkunft
geschahe auf einer in dem Flusse Sagar liegenden Eylande; ieder hatte nur
hundert Edelleute bei sich. König Zela liess nichts an Pracht und herrlicher
Bewillkommung mangeln. Ehe man sich aber zur Taffel setzte / trug man ein
Geträncke herumb; darunter diss / was man dem Fürsten Lutar brachte / mit dem
ärgsten Gifte angemachet war. Dieser aber hatte wegen schon einmal empfangenen
Giftes die Gewohnheit: dass sein Mund-Schencke alles vorher übertrincken musste.
Wie nun diese Vorsicht auch dissmal beobachtet ward; fiel er Augenblicks
steintodt zu Bodem. Eben diss begegnete einem andern daraus trinckenden
Deutschen. Daher denn auf des Fürsten Lutars Winck die übrigen ihre Sebeln
blösten / und den König Zela mit fast allen anwesenden Bityniern in Stücke
hieben. Sein Bruder Prusias war froh über der an ihn verfallenden Herrschaft
/verdammte des Zela Arglist / und machte so wohl mit dem Fürsten Lutar / als
dem in Tracien gebietenden Cavar Freundschaft; welcher ihm die Byzantier so
enge: dass sie nicht vor die Stadt-Pforten durfften /einsperren / und hernach
einen vorteilhaften Frieden machen halff. Ein viel grösser Ungewitter aber
zohe aus dem Attalischen Mysien auff. Denn Phileterus eines gemeinen Mannes und
einer Pfeifferin Sohn hatte sich aus einem Stadtalter zum Könige zu Pergamus
auffgeworffen / und seine Herrschaft seines Bruders Sohne Eumenes hinterlassen.
Dieser sah denen zwischen dem Selevcus / Antiochus und Deutschen entstandenen
Blutstürtzungen mit grosser Vergnügung zu / und zehlte alle ihre Niederlagen
unter seinen Gewinn. Wie er nun meinte: dass sich die Syrier und Deutschen genug
abgemergelt hätten; und insonderheit diese so wohl in dem mit dem Selevcus als
Antigonus gehaltenen Schlacht viel erlitten hatten; griff Evmenes den Sieger
Antiochus / und die von ihren Wunden noch nie genesenen Deutschen bei Sardes mit
einer grossen Macht an; und spielte in dem nach Syrien gehörigen und gleichsam
keinen Besitzer habenden Asien allentalben den Meister. Gleichwohl aber
behielten die Deutschen ihre neue Reichs-Gräntzen unversehret; ob schon sonst
die noch nicht feste- Herrschaften leicht zerfallen. Ja Ptolomeus in Egypten /
wider welchen der Cyrennische König Magas auffstand / und mit einem Heere in
Egypten einzubrechen vorhatte / bat vom Hertzog Lutar vier tausend Deutsche zu
Beschirmung seiner Gräntzen aus. Welche seinem Vorzuge einen gewaltigen Streich
versetzten; und weil überdiss die Marmariden von hinten zu in Cyrene einfielen /
verursachten: dass Magas unverrichteter Sachen von Egypten abzoh. Weil nun dieser
tapfferen Leute Wohltaten grösser waren / als sie Ptolomeus zu bezahlen hatte /
konten sie anders nicht als mit Undanck vergolten werden. Die Erkentnüss seiner
Schuld gebahr in ihm Hass / dieser aber vermählte sich gleichsam zu seiner
Rechtfertigung mit einem wiewohl der Warheit gar nicht ähnlichem Verdachte /
samb die Deutschen oder Galater sich Egyptens zu bemächtigen im Schilde führten.
Weil nun keine betrüglichere Wegweiser als Argwohn und Ehrsucht sind / setzte er
sie auff der Mareotischen See zu Schiffe / und führte sie auff dem Flusse Lycus
über den Märischen See den Nil hinauff; liess sie auff einem oberhalb Tamiat
liegenden wüsten Eylande aussteigen / die Schiffe des Nachts heimlich abstossen
/ und erhungern. Welches aber die Deutschen in Asien nicht ungerochen liessen /
sondern den König in Syrien dem Ptolomeus auf den Hals hetzten / und mit
Beisetzung ihrer Waffen ihm alle seine Ehrsuchts- verrückten.
    Der in Asien auffkommende Nahme / und der sich ausbreitende Ruhm der
Deutschen diente denen Semnonern und andern in Italien zu einem Vorwand ihre
Hände in die Schoss zu legen / und dem sich mit Gewalt auff der Römer Seite
schlagenden Glücke zuzuschauen. Denn ungeachtet sie ihnen die Rechnung leicht
machen konten: dass durch eintzelen Krieg alle überwunden / und die grosse Last
der sieben sich alle Tage vergrössernden Berge sie mit der Zeit auch
überschütten würde; so hatten sie doch schon mit Schaden erfahren: dass das
Verhängnis denen selbst auff die Zeen trete / welche das Römische Wachstum zu
hindern sich erkühnten; und dahero hielten sie für Klugheit Zeit zu gewinnen /
und das ihm zuhengende Verterben noch auffzuschieben. Nach dem nun Hetrurien und
Samnis gedemütigt / Pyrrhus aus Italien vertrieben / Rhegium erobert war / und
sich nichts mehr wider die Römer rührte; fingen sie an gegen ausländischer
Nachbarn Macht eiffersüchtig zu werden; sonderlich aber stach sie die Stadt
Cartago in die Augen; welcher Macht sie rings um sich her / und insonderheit in
dem benachbarten Sicilien anwachsen sahen. Weil nun Andacht fast aller Kriege
Firnis sein muss / schickten sie in dem dem Vulcanus zugeigneten Herbst-Monate
einen ihrer Priester mit einer grossen Platte Gold / darauff die Stadt Rom
gepreget war /auff den Berg Etna / welcher seiner Höhe wegen die Seule des
Himmels genennet wird. So bald sie der Priester in seinen feurigen Kessel warff
/ ward sie augenblicks verschlungen. In des Vulcanus Tempel aber liessen sie
einen güldenen Amboss lieffern / da denn die Hunde den abgeschickten Priester
liebkosende bewillkommten / und alle seine Fussstapfen leckten. Weil beides nun
für gewisse Zeichen künftigen Glücks in Sicilien angenommen ward / fertigten
sie den Bürgermeister Appius ab / der belägerten Stadt Messana zu Hülffe. Die
Cartaginenser wurden nicht alleine die Belägerung auffzuheben gezwungen /
sondern der König zu Syracuse Hiero schlug sich auch zu den Römern; weil der
grosse Brunn Aretusa / der auff dem an Syracusa liegenden Eylande Ortygia aus
einem Steinfelsen entspringet / eine silberne Schale auffgestossen hatte / auff
der gepreget war / wie ein Wolff ein Pferd zerfleischte / welches die Priester
in dem darbei stehenden Tempel der Alpheischen Diana dahin auslegten: dass Rom
die Stadt Cartago zerstören würde / und also den Hiero sich der Unglückseligen
zu entschlagen / und an der Römer Glücks-Bild zu lehnen verursachte. Wiewohl
dieses eben so wohl für einen Betrug der Priester gehalten ward; als dieses: dass
eine in Arcadien zu Olympia in Fluss Alpheus geworffene Schale / wie auch die
Merckmahle von denen daselbst geschlachteten Opffer-Tieren aus diesem Brunnen
sollten hervor komen / ja vom Delphischen Apollo selbst dem Archias geraten
worden sein: dass er da / wo der unter dem Meere unvevmischt durch dringende
Alpheus sich mit dem Brunnen Aretusa vermählte / seine angezielte Stadt
/nehmlich Syracusen erbauen sollte. Wie nun die Cartaginenser derogestalt einen
schweren Krieg / dessen Grausamkeit der Berg Etna mit Ausstossung ungewöhnlicher
Hartzt und Schwefel-Bäche / mit Abstürtzung zerschmoltzener Stein-Klippen in das
vom unterirrdischen Feuer siedende Meer / und das ganze Eyland durch grausame
Erdbeben ankündigte /für Augen sahen / hingegen der Deutschen Tapfferkeit nicht
nur in der ganzen Welt beruffen war / sondern die Semnoner / welche Brennus dem
Könige Dionysius zugeschickt hatte / in denen Sicilischen Kriegen /und die
Celten in den Spanischen ihre Tugend genugsam hatten sehen lassen / beschlossen
sie so viel Semnoner / Celten oder andere Deutschen / als ihrer möglich
auffzubringen wären / in ihre Kriegs-Dienste zu ziehen. Weil nun die zwei Könige
der Alemannier Concoletan und Aneroest ihrem zwischen dem Rhein /Mein und der
Donau liegendes Gebiete alle denen Helvetiern zustehende Landschaften zwischen
den Alpen und dem Gebürge Jura beigesetzt / die Insubrer und Ligurier aber /
welche mit den Massiliern der Römer Bunds-Genossen in Krieg verfallen waren /
ihnen die Städte Antipolis und Nicea abgenommen /und Britomarn der Catten
Hertzog wegen seiner Tapfferkeit zu ihrem Könige erwehlet hatten; schickten sie
an diese Könige eine Gesandtschaft; und brachten eine ansehnliche Hülffe von
Alemännern / Insubrern und Liguriern zuwege / die sie auff dem Rhodan herab /
von dar in Sardinien / und endlich in Sicilien nach Agrigent führten; welche
Stadt nicht allein ihrer Festung halber / sondern auch wegen allerhand
natürlichen Seltzamkeiten berühmt ist / insonderheit wegen des Saltzes / das
beim Feuer zerfleust / beim Wasser wie anders von der Flamme zerplatzet / wegen
des Brunnen / aus welchem alle / insonderheit aber das fünfte Jahr eine grosse
Menge Erde hervor qvillet /und dass daselbst aus einem Felsen des Sommers Wasser
/ des Winters Feuer springet; ja ein kaum eines Schildes grosser Pful / wenn
Badende hineinspringen / sich so weit ausdehnet: dass ihrer wohl funfzig darinnen
Raum haben / und so wenig Menschen als Holtz untersincken läst. Nach dem auch
die Cartaginenser durch ihre Schiffart mit den Friesern /Chauzen / und Cimbern
vertrauliche Freundschaft gemacht / ja den aus Indien vom Sandrcot verjagten
/bei dem Ptolomeus Lagida in Egypten / und dem Lysimachus in Tracien unter zu
kommen vergebens suchenden Friso / Bruno und Sax mit ihren Schiffen biss an die
Weser übergeführet hatten / brachten sie daselbst gleicher Gestalt eine
ansehnliche Menge Hülffs-Völcker auff; welche dem überaus bekümmerten Hanno zu
Heraclea / wohl zu statten kamen. Denn dieser war halb verzweiffelt; weil wider
des Orts Gewonheit seine auff dem Vulcanischen Hügel über Reben-Holtz gelegte
Opffer sich von sich selbst entzünden wollten; ja in dem berühmten Oel-Brunnen
bei dem Blumen-reichen Berge Gonius das Oel versieg /als es Hanno nach
empfangener Weihung zu seinem Gottesdienste schöpffen wollte / und also die
Götter ihm ihren Unwillen genugsam zu verstehen gaben /welchen er auch in der
Tat verspürte / indem der die Stadt Agrigent belägernde Postumius und Manlius
seinen Entsatz mit grossem Verlust zurücke schlug. Ihre erste Tapfferkeit
erwiesen die Deutschen in der grausamen Belägerung der Stadt Agrigent / indem
diese nicht nur durch ihre Tapfferkeit / sondern auch durch ihre Mässigkeit den
Mohren und Siciliern ein Beispiel die fast unmenschliche Hungers-Not
auszutauern abgaben; auch zuletzt den in Agrigent beschlossenen Hannibal des
Nachts mitten durch das Römische Läger mit dem Degen in der Hand glücklich
durchbrachten; nachdem die Römer über dreissig tausend Mann für dieser Stadt
hatten sitzen lassen. Jedoch wurden ihnen ihre treue Dienste schlecht belohnt.
Denn als sie ihren so lang entbehrten Kriegs-Sold forderten / vertröstete sie
der Feldherr Hanno: dass er ihnen folgende Nacht der ganzen Stadt Entella reiche
Beute zu ihrer Belohnung lieffern wollte; schickte sie auch gerade darauff zu.
Inzwischen hatte Hanno durch einen Uberläuffer den Bürgermeister Ottacilius
benachrichtiget: dass die Cartaginenser in der Stadt Etellan Verständnis hätte /
und selbige Nacht sie überfallen würden. Daher wartete Ottacilius mit seinem
halben Heere jenen auff den Dienst; umringte sie auff allen Seiten; und erlegte
vier tausend tapffere Deutschen / derer keiner von einiger Ergebung hören wollte;
noch seine Haut ungerochen verkauffte. Jedoch blieb dieser dreissig tausend Römer
schändliche Undanck des Hanno verdrückt / und kamen sechs tausend frische
Deutschen unter den Heruler Fürsten Avtarit den Cartaginensern zu Hülffe;
welche unter dem Boodes / als er dem Cnäus Cornelius mit der Römischen
Schiffs-Flotte in dem Hafen zu Lipara beschloss / alles gefangen nahm; und unter
Amilcarn / als er zwischen der Stadt Paropos und denen Himerischen warmen
Brunnen vier tausend Römer erlegte. Als auch Atilius Regulus in Africa aussetzte
/ nach erlegtem abscheulichen Drachen / (dessen hundert und zwantzig Füsse lange
Haut hernach zu Rom in des Saturnus Tempel gehenckt ward) und nach eroberter
Stadt Clupea Adin belägerte / die Cartaginenser aber in de Gebürgen mit ihren
Elephanten und Reuterei gar nichts ausrichten konten / und die ganze Last der
Römer den Deutschen Hülffsvölckern auff dem Halse lag / übten diese unglaubliche
Helden-Taten aus /und trieben die erste Legion mit grossem Verlust zurücke.
Weil sie aber die Africaner allein im Stiche liessen / litten sie ziemlichen
Verlust; also: dass sie unter damaligen Heerführern dem Asdrubal / Bostar und
Amilcar / nach dem vorher Annibal wegen übel geführten Krieges gekreutziget
worden war / länger zu fechten sich weigerten. Dieses verursachte: dass Xantippus
/ der aus Griechenland mit frischen gewordenen Hülffs-Völckern von Celten und
Spartanern ankam / zum Feldherrn erwehlet ward / welcher denn auch durch seine
vorteilhaftige Schlacht-Ordnung und der deutschen Tapfferkeit / die an den
Spitzen beider Flügel wie Löwen fochten / und auff der Seite die Römischen
Hauffen durchbrachen / biss auff wenige sich nach Clupea flüchtende erlegte / und
die / welche nicht in der Flucht von Elephanten und Pferden zertreten wurden /
mit dem Bürgermeister Attilius Regulus nach Cartago zum Siegs-Gepränge führte;
und also wahr machte: dass auch mit Löwen / wenn selbte einen Hasen zum Führer
haben / nichts ruhmwürdiges auszurichten / ein kluger Kopff aber viel tausend
Händen überlegen sei. Diese Schlacht jagte den Römern ein solch Schrecken ein:
dass sie etliche Jahre sich allezeit nur an bergichten Orten setzen / und mit
diesem Feinde nicht in falschem Felde treffen wollten /biss Assdrubal bei Panormus
vom Cöcilius die grosse Niederlage erlidt / und alle seine Elefanten einbüste.
Attilius starb hierauff zu Cartago für Betrübnis /nicht aber durch der Feinde
Grausamkeit / wie des Attilius ergrimtes Ehweib zu Rom fälschlich aussprengte /
um ihre unmenschliche Rache / da sie nehmlich den zu ihrer Verwahrung
anvertrauten gefangenen Bastar durch Hunger getödtet / Amilcar auch schon das
letzte auff der Mühle hatte; der aber durch des Römischen Rats Vorsorge noch
kümmerlich erhalten ward / mit etwas beschönigen möchte. Höret aber /wie der
Undanck nicht alleine einen ausgepressten Granat-Apffel auf den Mist wirft / ein
satter Mund dem süssesten Qvell den Rücken kehrt; sondern wie nichts
gefährlicher sei / als einen durch grössere Woltaten ihm verknüpffen / als
selbtem zu vergelten /entweder sein Vermögen oder seine Gemütsart erlaubet.
Jener Mangel machet einen anfangs schamrot /hernach verrauchet das Gedächtnis
durch Vergessenheit. Dieses aber sauget aus einer so köstlichen Frucht das
ärgste Gift / wordurch er seinem Wohltäter vom Leben hilfft / wormit ieder
seiner Anblicke ihm nicht seine Undanckbarkeit stets auffrücke. Bei welcher
Beschaffenheit es sich niemanden sicherer Woltaten erzeigen läst; als dem / der
ihren Wert gar nicht zu schätzen weiss / und gegen einem Pfund Ambra ein Lot
Saffran zurücke wiegt. Die boshaften / aber auch zugleich blinden Cartaginenser
wurden nicht allein durch diesen glückseligen Streich so hochmütig / als wenn
sie mit diesem Heere allen Römern das Licht ausgelescht / oder die Mohren so
viel schon in der Kriegs-Kunst begriffen hätten: dass sie des Xantippus gar wohl
entbehren könten; denen abgesetzten Heerführern aber schien es nicht allein
verkleinerlich zu sein: dass der Cartaginensische Adel / und der uhralten
Barcken-Stam einem Spartanischen Bürger nachgehen / oder gehorsamen / dieser
herrliche Sieg ein Werck eines unedlen Spartaners sein sollte; sondern es wäre
auch eine grosse Unvernunft einem Ausländer das Hefft der Dinge zu vertrauen;
dem alle fremde Hülffs-Völcker auff einen Winck zu Gebote stünden / und den ihr
eigner Pöfel als einen Abgott verehrte. Dahero stellte sich die Cartaginenser
an /als wenn sie mit den Römern einen Frieden schlüssen wollten / beschenckten
den Xantippus und etliche mit sich gebrachte Kriegs-Häupter ansehnlich / gaben
selbten sie in Griechenland über zu führen 10. Kriegs-Schiffe zu / den Mohren
aber Befehl: dass sie auff der hohen See den Xantippus mit den seinigen ins
Wasser stürtzten; hernach tichtende: dass sein Schiff auff einem Steinfelsen
zerborsten wäre. Die Deutschen und andere Hülffs-Völcker wurden hierüber
unwillig / und Cartago büste alsbald durch den Verlust der See-Schlacht bei dem
Hermetischen Vorgebürge seine Torheit und Bosheit / ja es wäre schon damals um
Cartago geschehen gewest / wenn der Schiffbruch den unvorsichtigen Römern nicht
zweihundert und drei- und siebzig Schiffe mit allem Volck und Vorrate
verschlungen / auch nicht nach eroberter Stadt Panormus ihre Flotte bei der
kleinern Syrte auff den Grund kommen / und in der Sicilischen Meerenge ihnen
abermals durch Vermarlosung andertalb hundert Schiffe zu Grunde gegangen wären.
Der Alemänner / Friesen / Chauzen / Semnoner und Celten Treue und Tapferkeit
ward doch endlich bei der berühmten Belägerung der von dem Grabe der Cumanische
Sibylle berühmten Stadt Lilybeum wieder aus Licht gebracht. Denn ob wohl die
Sibylla dieser feste Stadt wahrgesagt hatte: dass so lange sie ihre Asche
unversehrt auff heben würden / kein Feind mit Gewalt sie übermeistern würde; so
wurde doch dieser Glauben nach und nach sehr vermindert / und in Kleinmut
verwandelt / als etliche Griechen nach langer Gegenwehr und vielem versprjetztem
Blute alle Hülffs-Völcker zu den Römern aus der Festung über zu gehen beredet
hatten / sie auch schon im Läger mit dem Bürgermeister die Bedingungen
abhandelten. Allein es war Alexon / ein in Achaien gebohrner Celtischer / und
Delmenhorst ein Chauzischer Ritter so redlich: dass sie dem Himilcon solches
nicht allein eröffneten / sondern auch nebst dem bei den Deutschen sehr
beliebten jungen Hannibal die wanckenden Kriegsvölcker durch grosse
Vertröstungen in beständiger Treue erhielten / ja sie zu Niedersebelung derer
vom Feinde zurückkommenden Verräter bewegten. Uberdiss war unter den
Hülffs-Völckern Strabo ein streitbarer und scharffsichtiger Marckmann / dessen
Gesichte von einer Höhe der Stadt Lilybeum biss an das Hermetische Vorgebürge in
Africa trug; und denen Kleinmütigen andeutete: dass er aus selbigem Hafen 50.
Schiffe auslauffen sehen. Massen denn auch den dritten Tag der hernach so grosse
Annibal Amilcars Sohn mit so viel Schiffen im Angesichte der für dem Hafen
liegenden feindlichen Schiffs-Flotte darein glücklich einlieff. Wiewol nun der
Ausfall auff des Feindes Belägerungs-Wercke von den Römern behertzt abgetrieben
/ und Annibal schon nach Depanum dem Adherbal zu Hülffe gezoge; ja die Römer den
Hafen zu versencken bemühet / und mit ihren Sturm-Türmen den Belägerten biss ans
Hertz kommen waren; nahm doch ein Semnonischer Edelmann die Zeit wahr / da von
der Stadt ab gegen das feindliche Läger ein gewaltiger Sturmwind bliess / und gab
dem Himilco eine Erfindung an die Hand des Feindes Gebäue einzuäschern. Himilco
vertraute die Ausführung dem Erfinder und denen Deutschen / die er ihm selbst
auslass; welche denn umb Mitternacht sich an Stricken über die Mauern liessen /
über die Graben schwammen / und ehe der Feind ihrer inne ward / ihre die Mauer
weit überhöhenden Türme an dreien Orten in Brand brachten. Die von dem Winde
auffgeblasene Flamme nahm in einem Augenblicke derogestalt überhand: dass alles
Leschen vergebene Arbeit /und diese Gebäue etlicher tausend Römer Holtzstösse
und Todtenbahren waren. Himilco tat hierauff einen Ausfall / da denn der Wind
nicht allein Feuer und Rauch / sondern auch die feindlichen Pfeile den Römern
mit Gewalt in die Augen trieb / und so viel Schaden tat: dass denen Belägerern
alle Hoffnung der Eroberung entfiel / und von Rom zehn tausend frische Römer in
Sicilien mussten geschickt werden. Der Angeber dieses Brandes erlangte einen
köstlichen Siegs-Krantz / und andere kostbare Geschencke; zwei Friesische
Edelleute aber / welche den durch Abstürtzung eines abbrennenden Turmes rings
herum mit glüenden Bränden umschütteten Himilco aus dem Feuer und
augenscheinlicher Lebens-Gefahr retteten / eben zwei solche Seulen in dem
Lilybeischen Tempel der Ceres / wie sie denen 2. frommen Jünglingen Anapius und
Amphinamus in dem Cartaneischen Felde auff gerichtet sahen / die Vater und
Mutter aus dem feurigen Hartzte des Berges Etna getragen haben. Als die Friesen
nun auch in der Seeschlacht bei Drepanum unterm Adherbal sich so tapffer hielten
/ dass drei und neunzig Römische Schiffe erobert wurden / und Publius mit dreissig
Schiffen zur Not entrann / auch eben diese unter dem Cartalon die für Lilybeum
liegende Römische Schiff-Flotte anzündeten / den Bürgermeister Junius aber bei
dem Pachinischen Vorgebürge an Strand jagten / und zwei Römische von einander
getrennte Kriegs-Flotten / dem Winde und Wellen auffopfferten / ward hinfort
sonder der Deutschen Zutat kein wichtiger Anschlag mehr fürgenomen. Welche denn
auch dem kühnen Hamilcar Barca an die Hand gaben: dass der zwischen der Stadt
Panormus und Hyccara der Lais Vaterlande dem Berge Ercta an einem festen und
fruchtbaren Orte / wovon er mit Schiffen die Italiänischen Küsten täglich
unsicher machen konnte / zu grossem Abbruch sein Läger schlug /die Römer in
grosse Hungers-Not brachte / welche der Erycinischen Venus Tempel eingenomen
hatten /den Aeneas auff dem Gipfel des Berges Eryx gebaut /und darein seinen
Vater Anchises nebst der Venus Sohn Eryx begraben hat. Die Römer kamen hierdurch
derogestalt ins Gedrange: dass sie dieses Heiligtum /und vielleicht ganz
Sicilien verlassen hätten / wenn nicht der wunder würdige güldene Wider / de
Dädalus der Venus gegossen / sich Landwerts umgekehrt / und derogestalt die
Römer daselbst noch zu bleiben erinnert / hingegen die Tauben / welche von der
dar in Gestalt einer roten Taube vorflügenden Venus jährlich nach Africa
nachflügen sollen / ihren Flug gegen Italien verändert / und gleichsam gegen
dieses ihre Gunst / gegen jenes ihre Abneigung angedeutet hätten. Das Blat
wendete sich auch etliche Tage hernach; indem etliche tausend unter dem Hertzog
Narvas streitende / von den Mohren aber übel gehaltene Deutschen zu den Römern
übergegangen wären / wodurch denn die Römer nicht alleine aus diesem Gedrange
errettet / sondern auch der Abgang dieser tapfferen Leute kurtz hierauff in der
Seeschlacht bei Drexana zwischen dem Hanno und Lutetius mercklich gemisset / den
Cartaginensern funffzig Schiffe in Grund gebohrt / siebenzig mit zehntausend
Mann gefangen wurden; und Cartago derogestalt durch den an Klugheit und
Tapfferkeit keinem nachgebenden Feldherrn Hamilcar mit den Römern einen Frieden
schlüssen /das fruchtbare Sicilien aber im Stiche lassen musste.
    Kurtz erwähnter Fürst Narvas war ein Enckel des Bructerer Hertzogs Narvas /
dessen zwei jüngere Söhne teils wegen ihres Brudern Erstgeburt / teils wegen
ihres allzu volckreichen Vaterlandes mit seinem Teile Volckes ein fremdes Land
zu suchen gezwungen wurden. Der eine Sohn Bagan liess sich in Gallien zwischen
der Schelde und Maass an dem Flusse Sabis nieder; von welchem die Stadt Bagenheim
/von dessen Vater aber das Volk den Nahmen der Närvier hat. Der andere Sohn
Estion verdrang ein Teil der Veneter / und bemeisterte sich des Seestrandes an
dem Venedischen Seebusem von dem Flusse Chronus und Rubo an biss an den Strom
Turnutum; an welchem er nach seines Vatern Nahmen die Stadt Narva erbaute. Nach
seinem Tode nötigte der älteste Sohn Hirus seinen jüngern sechzehnjährigen
Bruder Narvas sein Vaterland zu räumen. Dieser junge Held hielt es ihm
anständiger zu sein / bei den Fremden durch Tugend ein Lorberreiss zu verdienen /
als seinem Bruder durch Trägheit Uberlast / und seiner Vor-Eltern Reichs-Apffel
zum Zanck-Apffel zu machen; dahero segelte er mit etlichen Cartaginensischen
Kauffschiffen / welche auff dem Eylande Glassaria Agstein / den das Meer häuffig
an diese Ufer anspielet / einkaufften / nach Cartago. Die Königin Erato fuhr
hierüber heraus: was höre ich? Ist Deutschland das rechte Vaterland des edlen
Agtsteines? und wird der häuffig im Meerstrande gefunden; welcher in Morgenland
den Edelgesteinen vorgezogen wird / zu Rom und in Asien nicht nur ein herrlicher
Schmuck / sondern auch eine köstliche Artznei für das Anlauffen der Mandeln und
andere Flüsse; ja weil er Stroh an sich zeucht /eben so wohl / als der Magnet
ein Wunder der Natur ist? Die Nassauin antwortete: der reine und wohlrüchende
Agstein würde nirgends als bei den Gotonen und Estiern an der Ost-See um die
Weichsel und den Fluss Rodan gefunden; welchen letztern die Griechen aus Irrtum
oder vielleicht desshalben Eridan hiessen; weil ihren Getichten nach die für den
vom Himel gestürtzten Tränen der Sonnen-Töchter in Agstein sollten verwandelt
werden. Salonine fing an: Es ist diss Getichte nicht so ungeschickt. Sintemal es
zweifelsfrei den Ursprung und die Köstligkeit des Agsteins auszudrücken erfunden
/ und er hierdurch bei weitem dem Weirauche / welcher aus des in eine Staude
verwandelten Jünglings Libanus Tränen entsprossen sein soll / fürgezogen
worden. Erato versetzte: Es ist freilich diss Getichte geschickter / als des
Sophocles und Demonstratus törichte Meinungen; in dem jener den Agstein für der
Indianischen Hennen Zähren hält /dieser aber gläubt; dass er aus dem Harne der
Luchse entspringe. Sonst aber ist der Agstein in meinen Augen so schön: dass die
ihn gebährenden Bäume von den Deutschen mit Rechte den Arabischen Weirauch-und
Myrrhen-Bäumen / uñ denen Syrischen Balsam-Stauden entgegen gesetzet werden
können. Daher in Asien ein Stücke Agstein / darinnen eine Heidechse von der
Natur begraben worden war / für etliche Talent / und zu Rom ein kleiner
Agsteinerner Cupido teuerer / als schwerlich ein lebender Mensch wäre zu
verkauffen gewest / meinem Bedüncken nach nicht zu teuer verkaufft worden. Wie
nun die Gräffin von Nassau lächelte / fragte die Königin Erato: Ob sie die Liebe
aus Agstein wohl oder übel gebildet zu sein glaubte? Ihrer Einbildung nach hätten
beide mit einander eine vielfache Aehnligkeit; indem beide zum brennen geschickt
wären / und einen Magnetischen Zug an sich hätten. Die Gräfin entschuldigte
sich: dass sie daran nicht gedacht / sondern nur teils sich über der übermässigen
Kostbarkeit des Agsteins verwundert hätte / welcher bei den Gotonen so gemein
wäre: dass sie ihn zum Räuchern und zu den Opffern an statt des Weirauchs / ja
zur Kitte brauchten / auch der Estier Hertzog der Fürstin Tussnelde unlängst ein
Stücke dreizehn Pfund schwer geschenckt hätte; teils aus der Königin Rede eine
Billigung des gemeinen Irrtums zu spüren gewest wäre / samb du Agstein ebe diss
an gewissen Bäumen / was das Hartzt an den Kiefern und Tannen / und das Gummi an
den Kirschbäumen wäre. Verhält sichs denn nicht also? versetzte die Königin: dass
der fette von gewissen Bäumen ins Meer trieffende Schweiss von dem Meersaltze
durchbeitzet und gereinigt / von den Sonnen-Stralen aber gleichsam zu einem
durchsichtigen Ertzte gehärtet / und von den Fischern entweder an dem von der
See bespielten Strande auffgelesen / oder aber aus gewissen Gräben / darein es
das Meer auswirfft / gefischet werde? Die Nassauische Gräfin antwortete: Es wird
zwar der Agstein auff solche Arten gesammlet; er ist aber weder der Safft noch
das Hartzt / weniger die Frucht eines Baumes / sondern eine Fettigkeit der
schwefflichten Erde / welche die Kälte und das Saltz des Meer-Wassers wie der
Frost die Berg-Kristallen versteinert; und daher auch diss auff denen zweien
länglichten an der Ost-See in der Estier Gebiete liegenden Eylanden mehrmahls
herrliche Marck aus seiner Mutter der Erde gegraben wird. Zeno fügte bei:
derogestalt wird nunmehr der zeiter verworffene Bericht des Philemons
gerechtfertiget: dass der Agstein auch wie Ertzt aus der Erden komme. Allerdings
/sagte die Nassauin; aber der gegrabene gleicht dem nicht / den das Meer-Wasser
und die Sonnen-Stralen geleutert haben. Zeno nam das Wort von ihr und meldete:
Es muss das Meer-Wasser eine wunderwürdige Krafft haben / ungeachtet es sonst /
seiner Fruchtbarkeit unbeschadet / so verächtlich gehalten wird. Denn sein Saltz
und seine Bewegung bereitet auff gleiche Weise den seines Geruchs halber
unvergleichlichen Ambra / welcher / wie ich in Indien selbst wahrgenommen /
nichts / als ein von dortigen Fliegen oder Bienen in denen am Meer liegende
Steinklüften zusamengetragenes / hernach herunter gefallenes uñ von den
Meereswellen ausgearbeitetes Wachs und Honig eben so wenig aber der meisten
Meinung nach / als der Agstein eine Baum-Frucht / viel minder Schaum der
Meerschweine / oder eine von dem Meere ausgearbeitete Fettigkeit der Erde / noch
Mist / gewisser nur köstliche Würtze essender Vögel ist. Vielleicht aber fiel
Salonine ein / bat der Agstein in Gallien Hispanien / Britannien und Mohrenland
einen andern Ursprung. Die Gräfin versetzte: diese Länder haben zwar etwas / das
dem Agsteine gleicht / keines weges aber den rechten ausgeklärten Agstein /
welcher nirgends in der Welt als in dem deutschen Gebiete der Gotonen und
Estier gefunden / daselbst seiner Durchsichtigkeit halber Glas genennt / von dar
nach Carmut / und folgends in Italien / Griechenland und Asien gebracht wird.
Seinen ersten Wert aber haben ihm die Cartaginenser gegeben / welche ihn mit
ihren Schiffen in Africa brachten; woraus vielleicht der Ruff kommen: dass in
Mohrenland an dem Orte /wo Phaeton umkommen / des Ammons Wahrsagung und das
Wachstum des Agsteins zu finden sei. Adgandester bestetigte diss / und fuhr in
seiner Erzehlung derogestalt fort: Als Narvas auff eben solchen Schiffen nach
Cartago gebracht ward / führte gleich diese Stadt mit dem Könige Agatocles dem
berühmten Töpffer-Sohne / von welchem / als er noch in Mutter-Leibe war / Apollo
wahrgesagt hatte: dass er in Sicilien und Africa gross Elend stifften würde /
Krieg. Dieser war zwar mit genauer Not aus der belägerten Stadt Syracuse
entronnen / und mit einem Teile seines Heeres in Africa kommen / hatte die
Städte Magna und Tunis unversehens eingenommen / und eingeäschert; und Hanno war
mit etlichen tausenden teils durch Agatocles List / indem er bei währender
Schlacht eine Menge Nacht-Eulen / als ein Siegs-Zeichen der Griechen flügen
lassen / teils durch des andern Feldherrn Bomilcars verräterisches Weichen
erschlagen / viel Städte und Festungen in Africa erobert; ja auch ihr Heer /
welches Syracusa belägerte /von Antandern des Agatocles Brudern unversehens
aufgeschlagen / und der Feldherr Amilcar / des Giscons Sohn / lebendig gefangen
/ hernach zu tode gepeinigt worden. In diesem Gedränge war Cartago /als das
Schiff / auff welchem der junge Fürst Narvas war / in den Hafen lieff; welchen
aber die Meineidischen Kauffleute unterweges als einen Gefangenen gebunden
hatten / und aus Begierde eines schnöden Gewiñes des Bomilcars Gemahlin für
einen Knecht verkaufften / um selbten für die Wolfart ihres noch nicht in die
Stadt zurücke gekommenen Ehherrns dem Saturnus auffzuopffern; dessen ertztenes
Bild mit zweien Antlitzern / unter sich gestreckten Armen die ihm darauff
gelegten Menschen unter sich in einen glüenden Schmeltzofen abstürtzet; und also
hier von diesem grausame Abgotte / mit welchem doch die Vorwelt nur die sich
selbst verzehrende Zeit fürgestellet hat / in Warheit abgebildet ward: dass er
seine Kinder fresse. Folgenden Tag aber rückte Agatocles mit seinen beiden
Söhnen Archagatus und Heraclidas gar für Cartago; und ein Grieche ritt mit dem
blutigen Kopfe Amilcars biss unter den Wall den Feinden selbten recht eigentlich
zu zeigen / welches die Behertzten auf die Mauern die Kleinmütigen aber in die
Tempel trieb / von ihren Göttern Hülffe zu bitten. Die blutdürstigen Priester
der Saturnus und Hercules aberschrieben die Ursache alles Elendes der
kaltsiñigen Andacht zu / indem sie ihrem Hercules nach Tyrus in vielen Jahren
keine Zehnden geschickt / dem Saturnus aber keine Kinder / oder doch nur
ungeartete uñ Fremdlinge geopfert hatte. Weil nun erschrockene Gemüter leichte
zum Aberglauben bewegt werden /füllten die Frauen mit ihren güldenen Geschmeiden
/Perlen / und Edelsteinernen Ohrgehencken ein ziemlich Schiff voll / und
schickten es noch selbigen Tag nach Tyrus. Drei hundert edle Geschlechter
brachten freiwillig so viel ihrer Söhne in den Tempel des Esculapius zum
Saturnus-Opfer. Der Pöfel aber / welcher beim Unglücke zugleich verzagt und
grausam wird / war noch grausamer / als dieser Mord-Geist. Denn er nötigte noch
zwei hundert edle Häuser; und unter selbten auch Bomilcars eines ihrer Kinder
zum Opfer herzugeben. Wiewohl nun Bomilcar nur einen einigen Sohn hatte / musste
er doch in einen sauren Apfel beissen / und lieber seinen Sohn als den Schein
des Vaterlandes missen. Aber seine Gemahlin Hipsicratea konnte es nicht übers
Hertze bringen sich eines so unschätzbaren Pfandes zu berauben. Daher nahm sie
den gekaufften Fürsten Narvas / schnitt ihm seine schneeweisse Haare ab / und
erstattete selbte durch falsche schwartz-gekräuselte; schmierte sein Antlitz und
ganze Leib mit allerhand färbende Kräutern und Sesam-Oel ein: dass ihn nunmehr
die braunen Africaner / nicht aber die weissen Estioner für ihr Lands-Kind
annehmen konten. Welches der dienstbare Narvas / dem Hipsicratea hiebei auf alle
ersinnliche Weise liebkosete / auch ihn anders nicht als ihren Sohn nennte /
desto williger vertrug; weil er ihm nicht träumen liess: dass man ihn zu einer so
abscheulichen Abschlachtung mästete. Wie nun die bestimmte Zeit erschien / fuhren
die Mütter auf köstlichen von Maul-Tieren gezogenen Sieges-Wagen mit ihren in
ascherfärbichten Silber-Stücke gekleideten / und mit Cypressen / welche mit
Quicken / Jaspissen und Topassen umbwunden waren / gekräntzten Söhnen gegen
Mitternacht in den von allerhand Paucken und Saiten-Spielen bebenden Tempel /
und also auch Hipsieratea mit ihrem aufgeputzten Narvas / den sie überredete:
dass sie in dem Heiligtum die Banden seiner Dienstbarkeit auflösen / und
wahrmachen wollte: dass er an ihr eine natürliche Mutter überkommen hätte. Das
Kinder-Opfer gewan nicht nur im Angesichte des grossen Rates / sondern ihrer
selbsteigener Väter den Anfang / und die Mütter mussten mit lachendem Munde ihre
Söhne selbst dem fressenden Saturnus auf die Armen legen / oder vielmehr ihr
Mutter-Hertze in einen giftigen Höllen-Pful verwandeln / und ihre Hände den
Werckzeug der unempfindlichsten Hencker übertreffen. Der behertzte Fürst Narvas
wusste anfangs nicht / was mit so viel edlen Knaben gespickt ward / ob er schon
von ferne beim Abfall eines oder des andern einen feurigen Strahl aufschiessen
sah /biss ihm die bei etlichen Kindern aus den Augen rinnende Tränen die Sache
verdächtig machten. Es waren ihrer wohl schon 200. von dem zerschmoltzenen Blei
verschlungen; als die Reie an ihn kam / und die Opfer-Knechte ihn binden / und
Hipsicrateen in die Hände liefern wollten. Er erblickte aber den feurigen Pful /
sprang also zurücke / und als die Opfer-Knechte ihn gleichwohl antasten wollten
/zohe er einem edlen Cartaginenser die Sebel aus der Scheide / und stellte sich
zur Gegenwehr. Hipsicratea ward hierüber überaus verwirret / und das zuschauende
Volck wendete nunmehr die Augen auf Bomilcarn / was selbter bei Entweihung
dieses Opfers gegen seinem widerspenstigen Sohne entschlüssen würde. Denn ihm
lag nunmehr vermöge der väterlichen Gesetze ob / selbst an sein Kind Hand
anzulegen. Bomilcar / welcher selbst nicht anders wusste / als Narvas wäre sein
rechter Sohn / stand hierauf von dem Altare des Esculapius / für welchem er
kniete / auf / umb dem Gottes-Dienst sein Recht zu tun; und das Getöne
verwandelte sich auf gegebenes Zeichen in ein tieffes Stillschweigen. Wie nun
Bomilcar den Fürsten Narvas anredete: Mein Sohn / wilst du dem Willen der Götter
und deiner Eltern widerstreben? Wilst du dein Vaterland lieber / als deinen
ohnmächtigen Leib eingeäschert wissen? Narvas versetzte: Verräterei hat mich
zwar zu deinem Knechte / nicht aber zu deinem Sohne gemacht; und meine eigene
Sprache zeigt: dass ich Cartago für mein Vaterland nicht; zu rühmen habe.
Hiermit riess er die falschen Haare vom Kopfe / streiffte den güldenen Rock von
der lincken Schulter ab / und zeigte unter dem Arme einen Fleck der weissen Haut
/ zum Kennzeichen: dass sein Leib nur wäre angefärbt worden. Bomilcar verstumte /
und sah nur die gleichsam in einen Stein verwandelte Hipsicratea an. Das Volck
aber ward gegen Bomilcarn und seine Gemahlin überaus erbittert /rannten zum
Teil in seinen Pallast / und schleppten seinen Sohn Imilco in Tempel; welchen
die unglückselige Mutter nunmehr nicht so wohl fürs Vaterland /als für den Vater
und sich selbst aufopfern musste / da sie nicht von den Klauen des erbosten
Pöfels wollten zerfleischet werden. Das Opfer ward hierauf vollendet / Fürst
Narvas aber auf Befehl des Rates im Tempel verwahret; welcher / als er auf den
Morgen sich für dem Rate rechtfertigte / und durch Einziehung seiner Verkäuffer
sein Zustand entdecket war / nicht allein auf freien Fuss / sondern auch in der
Stadt Krieges- kam. In die Stadt kamen hingegen täglich schlimmere Zeitungen /
wie nämlich Agatocles die Neustadt und Adryneet / ja wohl zwei hundert Städte
erobert / mit dem Numidier Könige Elymas wider Cartago / welche zeiter ganz
Africa gedrückt und sich also verhasst gemacht hatte / in ein Bündnis getreten /
auch mit einem Teile des Heeres biss in das innere Libyen gedrungen wäre.
Wiewohl nun hierauf den Cartaginensern sich ein Sonnen-Blick zeigte /indem
Agatoclens Heer / weil sein Sohn Archagatus einen tapferen und beliebten
Kriegs-Obersten Lyciscus / der ihn ungebührlichen Zuhaltens mit seiner
Stiefmutter Alcia beschuldigte / ermordet hatte /eine Aufstand machte / und den
König / weil er seinen Sohn zur Straffe aushändigen wollte / in der Feinde Hände
zu liefern vor hatte / so verwandelte sich doch selbter bald wieder in eine
Donner-Wolcke. Denn /als Agatocles für dem ganzen Heere den Purpur ablegte /
die Priester-Mütze / welche er an statt einer Königlichen Krone zu tragen
gewohnt war / zu ihren Füssen warf / eines gemeine Kriegs-Knechtes Kleid anzoh /
und durch selbständige Hinrichtung seiner Gefängnis fürkomen wollte / liess das
vorhin wütende Volck durch den Aufruhr / wie das stürmende Meer in dem weichen
Sande von seinem Brausen ab / und nötigte ihn / sich der Königlichen Würden
wieder anzumassen / verdiente also von ihne aufs neue wieder gefürchtet zu
werden / weil er für ihrem Dräuen und dem Tode selbst keine Furcht hatte.
Rhemetalces fiel hier ein: Es wäre bei äuserster Gefahr kein besserer Rat als
die Verwegenheit / sonderlich bei dem gemeinen Volcke / welches für allen
Mittel-Dingen ein Grauen hat / und von dem äusersten Ende frecher Grausamkeit
bei einer unvermuteten Entschlüssung zu der Erbarmnis und Dienstbarkeit
verfällt / gleich als wenn die Schamröte über ihr Verbrechen anders nicht als
durch übermässige Demut vertilget werden könnte. Und daher habe auch einer
seiner Vorfahren Antigonus König in Macedonien durch ebenmässige Wegwerffung der
ihn vom Volcke angefochtenen Krone nicht nur selbte / sondern auch die
Bestraffung der Aufwiegler erhalten. Ja / sagte Adgandester / und Agatoclens
Heer bemühete sich von Stund an durch Tapferkeit ihre Scharte auszuwetzen.
Massen sie denn die Cartaginenser / welche aus Sicilien mit etwas waren
verstärckt worden / und den König Elymas durch Geschencke und Vertröstungen
wieder auf ihre Seite brachten / aus dem Felde biss in das Läger unter die Stadt
trieben / den König Elymas aber mit einem seiner Söhne und ansehlichem Heer
erschlugen. An diesen Unglücken war es noch nicht genung; denn sie hengen meist
wie die Ketten-Glieder an einander. Es kam in die Stadt Zeitung: dass Aphellas /
der ein gewesener Kriegs-Oberster des grossen Alexanders gewest war / und
anfangs das Königreich Cyrene dem Tyrannen Timbro aus den Händen gewunden / dem
Könige Ptolomeus untertänig / hernach aber sich aus einem Unter-Könige zu einem
eigenmächtigen Herren gemacht / mit den Ateniensern sich verbunden / von dar
eine Enckelin des berühmten Miltiades Eutydica geheiratet hatte / mit einem
mächtigen Heere von Cyrenern und Griechen durch Marmarica dem Agatocles zu
Hülffe im Anzuge wäre. Weswegen von Cartago ein ziemliches Heer gegen der Stadt
Leptis so wohl dem Aphellas fürzubeugen / als die Abtrünnigen Numidier wieder an
sich zu ziehen abgeschickt war. Bei dieser Gelegenheit entschloss sich Bomilcar
eines gefährlichen Vornehmens / als welcher nicht allein lange Zeit sich zum
Ober-Herren der Stadt Cartago zu machen im Schilde geführt / sondern auch die
abgezwungene Opferung seines einigen Sohnes zu rächen beschlossen hatte; er
hatte fünf hundert Bürger /und zwar meistenteils die / derer Kinder auch wider
Willen waren geopfert worden / wie auch tausend geworbene Kriegsleute auf seine
Seite bracht / mit diesen nahm er früh morgens den grossen Marckt ein /erklärte
sich daselbst für einen König / liess hierauf alle auf den Strassen ungewaffnet
befindliche Bürger niederhauen. Wie nun aber die Stadt verstand: dass kein
ausländischer Feind / sondern Bomilcar derogestalt wütete / grieffen die Bürger
/ und zwar der dem Hause des Bomilcars / gehässige Fürst Narvas am ersten zun
Waffen / führte auch selbte so behertzt an: dass diese Aufrührer zerstreuet / und
Bomilcar / welchen Narvas selbst mit einem Spiesse in die Seite verletzte /
lebendig gefangen ward. Folgenden Tag ward Bomilcar auf dem Marckte / als dem
Schau-Platze seiner Würden und Verbrechens an ein Creutze genagelt / welches er
behertzt erduldete / und der Zuschauenden Menge beweglich zuredete: dass ihn die
Grausamkeit ihrer blutigen Opfer und ihr Undanck gegen wohlverdiente Helden zu
solcher Entschlüssung gebracht hätte; indeme er wahrgenommen: dass nach dem sie
ihn seines einigen Sohnes beraubet / es ihm nicht besser gehen würde / als dem
Hanno / welche sie aus blossem Argwohn angemasster Oberherrschaft getödtet; oder
dem unschuldig vertriebene Gisgo /und denen zweien Amilcarn / derer einem sie
verläumderisch beigemessen: dass er mit dem Agatocles unter dem Hute spielte;
den andern gleichsam aber gezwungen hätten: dass er bei vernommener Flucht seiner
Völcker sich selbst in sein eigenes Opfer-Feuer lebendig gestürtzet. Ob sie ihn
nun hernach vergöttert /wäre doch biss ein merckwürdiges Beispiel: dass sie die
Güte einer Sache allererst nach ihrem Verluste schätzten; der Tugend aber im
Leben Spinnen-feind wären. Wie aber diss alles bei vergällten Gemütern wenig
Mitleiden schaffte; also kam der noch junge Fürst Narvas in grosses Ansehen
seiner Tapferkeit halber. Inzwischen war König Aphellas den Cartaginensern
schon zuvor / und in Agatocles Läger ankommen / daselbst zwischen beiden grosse
Verträuligkeit gemacht / und des Agatocles Sohn Heraclidas vom Aphellas zum
Sohne angenommen worden. Weil aber dessen sein Absehn und Bündnis dahin ging:
dass Agatocles sich mit Sicilien und einem Stücke Italiens vergnügen / ganz
Africa aber des Aphellas Beute sein sollte; überredete zu gelegener Zeit / als
das Cyrenische Heer teils auf der Fütterung aussen /teils in der Ruhe war /
Agatocles sein Heer: dass Aphellas ihm mit Gift nachgestellet hätte; worauf die
Cyrener alsofort überfallen / Aphellas getödtet / die meisten aber sich unter
die Sicilier unterzustellen gezwungen wurden. Mit diesem vereinbarten Heere
rückte er für Utica / und nahm selbtes stürmender Hand ein; weil die Belägerten
ihre an die Spitzen gestelllen Mit-Bürger und Bluts-Freunde / die Agatocles
vorher gefangen bekommen hatte / zu beleidigen eine lange Zeit anstunden / also
durch eine unzeitige Barmhertzigkeit die ganze Stadt ins Verterben stürtzten.
Hierauf ergabe sich des Agatocles Sohne Archagatus / und seinem Feldhauptmanne
Eumachus die grosse Stadt Tocas / Phellnia / Moschala / die Pferde-Burg / und
Acris mit einem grossen Teile Numidier und Asphodeloder. Und es wäre alles
vollends von den Siciliern überschwemmet worden / wenn nicht Fürst Narvas /
welcher inzwischen in die Stadt Miltine mit einem Teile Celten zur Besatzung
war gelegt worden / den hochmütigen Feind mit überaus grossem Verlust
abgetrieben hätte. Dieser glückliche Streich / und achtzehn aus Hetrurien mit
Semnonischen und Bojischen Hülffs-Völckern ankommende Schiffe versetzte ganz
Africa in einen andern Zustand / und ermunterte die Cartaginenser: dass sie mit
dreien Heeren gegen ihre Feinde aufzohen. Darunter das mitlere unter dem Hanno
den Sicilischen Feldhauptmann Eschrion erlegte; das äuserste aber führte Imilco
gegen Numidien. Wie nun Eumachus gegen selbtes anzoh / riet der darzu kommende
Fürst Narvas / er sollte die Helffte jenes Heeres unter ihm zum Hinterhalte
lassen / und bei Zeite sich anstellen / als wenn er die Flucht nehme. Als nun
hierauf Eumachus den mit Fleiss weichenden Imilco unvorsichtig verfolgte /fiel
Fürst Narvas mit der andern Helfte des Heeres dem Feinde in den Rücke / und
machte eine so grosse Niederlage: dass von drei und zwantzig tausend Mann
Fuss-Volck mehr nicht als dreissig / und von acht hundert Reitern nur viertzig
davon kamen. Mit dem dritten Heere schnitt Artabas dem Feinde an der Seite gegen
das Meer alle Zufuhr ab. Endlich als in dem Mohrischen Lager bei ihrem Opfer ein
heftiger Brand entstand / und viel Cartaginenser verzehrte / kam des Nachts in
der Sicilier Läger ein unvermutetes Schrecken: dass sie alle die Flucht
ergriffen / und hierüber wohl viertzig tausend Mann einbüssten. Welches den
Agatocles so verzweifelt machte: dass er heimlich entwiech / und seine Söhne im
Stiche liess / welche das Kriegs-Volck ermordete / den Cartaginensern alle
eroberte Städte verkauffte / und sich selbst grossen Teils in ihre Dienste
begab. Fürst Narvas aber geriet inzwischen in einen kläglichen Zufall; denn als
er nach erobertem Siege wider den Eumachus dem noch feindlichen Könige der
Numidier und Mohren Ergamenes einfiel / dieser aber mit Fleiss den Narvas biss in
die innersten Sand-Wüsteneien verleitet hatte / besetzten die Mohren alle Pässe;
also: dass die Cartaginenser / welche schon die Helffte teils vom Durste /
teils von Schlangen verloren hatten / dem zehnmal stärckern Heere des
Ergamenes nur die Stirne bitten mussten. Die Verzweifelung zwang ihnen
ungläubliche Helden-Taten ab / und fügte den Mohren nicht geringen Schaden zu /
indem keiner ungerochen starb; endlich aber ward die Menge doch ihr Meister
/Fürst Narvas nach zwantzig empfangenen Wunden gefangen / und mit etlichen
wenigen Semnonern und Celten nach Cirta gefangen bracht / endlich gar nach
Meroe geführt. Zu ihrem grösten Unglücke hatten diese in der Schlacht zwei Affen
umbbracht / welchen die Numidier und Pitecusier / so wie die Egyptier den
Hunden Göttliche Ehre erweisen / und sie als ihre Helffer in alle Schlachten mit
nehmen; die aber / welche sich an ihnen vergreiffen / unnachlässlich am Leben
straffen. Die Gefangenen wurden von den Numidiern und Mohren zwar wohl gepflegt
/ aber zu ihrem Tode; welcher ihnen denn auch angesagt ward. Zu welchem Ende sie
den Tag vorher der Gewohnheit nach an die Stadt von beiden Seiten berührenden
Nil-Strom geführet wurden / sie daselbst abzuwaschen. Narvas / welchem der
Kerckermeister in geheim aus Erbarmnis vertraut hatte: dass sie auff den Morgen
sollten von grimmigen Affen / welchen man die Gefangenen zu opffern pflegte /
zerrissen werden / nahm die Gelegenheit in acht / und entschwam seinen Hütern
über den wohl eine halbe Meile breiten Fluss. Ob nun wohl iederman verzweiffelte:
dass er es das andere Ufer zu erreichen schaffen würde / so entkam er doch aus
dem Wasser und durch einen blossen Zufall in den an dem Ufer liegenden
Königlichen Garten; als die Königin Elisa ihre Tochter Andraste / und ihr Sohn
der junge Fürst Syphax gleich daselbst frische Abendlufft schöpffte. Sie hatten
dem schwimmenden Narvas lange von ferne zugesehen / als sie einen so
schneeweissen Wassermann aus dem Flusse steigen sahen; welcher aber für
Müdigkeit so viel Kräfften nicht hatte ihre Frage / wo er dahin käme / zu
beantworten; biss König Ergamenes selbst auch darzu kam / und Fürst Narvas für
einen Gefangenen erkennt / also auf inständiges Anhalten eines blutbegierigen
Affen-Priesters wieder gefangen in die Stadt geführet / und auf den Morgen in
den grausamen Mord-Tempel zum Opffer geführet ward. Im hingehen drückte ein
Numidier ihm eine kleine Schachtel in die Hand; welche Narvas bei der ihm
verstatteten Entkleidung eröffnete; und darinnen nebst etlichen eingebisamten
Kugeln dieses zu lesen fand: Die / welche an unschuldiger Aufopfferung einer
liebens-würdigen Schönheit ein grosses Missfallen hat / übersendet dir ein
sicheres Mittel aller Affen Zähne und Klauen stumpff zu machen. Narvas wusste
nicht / ob er dieser Nachricht Glauben zustellen / oder dieses ihm gleichsam vom
Himmel gefallenen Mittels sich bedienen sollte. Wie nun aber er in den Schauplatz
/ welchen der ganze Königliche Hoff / und eine unglaubliche Menge Volck
anfüllte / gebracht / die hungrigen Affen auch /welche mit ihren Gebehrden ihre
Blutbegierde genungsam entdeckten / aus ihren gegitterten Kefichten gebracht
waren / und sie also grimmig auf ihn zurennten / schüttete Narvas unvermerckt
die Kugeln an Erdboden; nach welchen die Affen Augenblicks schnapten / hierüber
aber einander so grimmig in die Haare fielen: dass derer etliche zwantzig todt
auff dem Pflaster liegen blieben / die übrigen aber so verwundet und abgemattet
waren: dass Narvas zu grosser Verwunderung des Volckes / und Verbitterung der
Abgöttischen Priester unversehret blieb. Die Tunckelheit des Ortes hatte diese
Zanckkugeln aller Zuschauer Augen verborgen; und also urteilte nicht nur das
Volck / sondern der König selbst: dass die Götter an dem Tode dieses schon
zweimal wundersam erretteten Menschen ein Missfallen haben müsten; daher wollte er
den Priestern kein Gehöre mehr geben; welche unter dem Scheine der Andacht seine
Hinrihtung so eifrig suchten. Dieser Verhindernüss legten die nach und nach
einlauffenden Zeitungen ein gross Gewichte bei: dass Cartago nicht nur wieder
allein Meister in Africa worden / sondern des Agatocles Feldhauptmann
Pasiphilus in Sicilien wider ihn aufgestanden wäre / und zum Dinocrates zum
Haupte derer von Syracuse vertriebenen Bürger sich geschlagen hätte. Endlich
hielt den Ergamenes von aller grausamen Entschlüssung eine Botschaft der Stadt
Cartago zurücke / welche dem Fürsten Narvas und etlichen noch übrigen
Gefangenen und völlige Freiheit erbat / und das alte Bündnis mit Cartago wieder
befestigte. Die Affen-Priester wurden hierüber so erbittert: dass sie dem Könige
durch einen schlechten Boten anbefehlen liessen: Er sollte sich alsofort
selbständig hinrichten. Denn diese Gewalt zu befehlen hatten von Alters her die
Mohrischen Priester über ihre Könige. Ergamenes aber ergrimmte über dieser
Vermessenheit so sehr: dass er den unverschämten Boten durchstach / mit
gewaffneter Hand zu dem ganz güldenen Tempel eilete / alle Priester tödtete /
sich zum obersten Priester erklärte und einen ganz neuen / der Königlichen
Herrschaft besser anständigen Gottesdienst aufrichtete. König Ergamenes führte
hierauf die Gesandten und den Fürsten Narvas auf eine Elefante-Jagt / in eine
mit eitel Oel- und Myrten-Bäume bewachsene Wildnüs gegen dem Flusse Nubia / auf
welcher Fürst Narvas das Glücke hatte / nicht allein einem Elefanten /der den
König nach empfangener Wunde mit samt dem Pferde zu Bodem rennte / unter dem
Schwantze einen Wurfspiess in Leib zu jagen / sondern auch einer Schlange Minia /
welche auch einen Hirsch zu tödten und zu verschlingen mächtig ist / auch dissmal
die mit ihrem Pferde bei Verfolgung eines Elefanten in einen Graben stürtzende
Fürstin Adraste schon umwunden hatte / den Kopf abhieb / also beide aus
augenscheinlicher Todes-Gefahr errettete. Bei welchem Zufalle Adraste dem
Fürsten Narvas eröfnete: dass sie ihm aus Erbarmnis die von Pantertieren
ausgezogene Bisam-Kugeln / welche nicht nur die Affen durch ihren annehmlichen
Geruch betörten / sondern auch die Schlangen tödteten / heimlich hätte
zuschieben lassen; Fürst Narvas hingegen ihr seine inbrünstige Liebe / welche
ihn bei ihrem ersten Anblicke eingenommen / bei jetzt vernommener Errettung aber
ihn völlig bezaubert hätte / eröfnete. Adraste wusste ihre Liebe durch ihre
Mutter Elisa auch so klüglich einzurichten: dass Ergamenes selbst seine Tochter
Adraste dem Fürsten Narvas nebst dem Königreiche Massesyler anbot. Die Priester
der Stadt Mulucha aber / welche daselbst / wie zu Argib / den Erretter der
Andromeda Perseus göttlich verehren / schickten nach vernommener behertzter
Erlösung Adrastens alsbald an den Fürsten Narvas / und erklärten ihn bei
Uberreichung einer güldenen Mütze / eines helffenbeinernen Stabes / und eines
ertztenen Schildes / worauf die an den Felsen bei Joppe gebundene Andromeda /
und der ihr zu Hülffe kommende Perseus künstlich geetzet war / zu einem Priester
des Perseus und Andromedens. Wiewol nun diese unvermutete Würde dem Fürsten
Narvas anzunehmen ziemlich bedencklich war / so dorffte er doch in dem Lande /
wo er nunmehr den Grundstein seines Glückes zu legen vermeinte / diss / was bei
iederman in so grossem Ansehen war / nicht verächtlich wegwerffen. Inzwischen
kam der ganze Hof nach der Stadt Nigira / (welche an dem See / wo der achzehn
Meilweges unter der Erden gekrochene Fluss Nigir wieder hervor kommt /gelegen ist
/) allwo das Hochzeit-Feier mit grosser Pracht und Frolocken des Volckes
vollzogen ward. Wie nun aber Fürst Narvas seiner Braut in dem zum Beilager
bestimmten Zimmer mit höchstem Verlangen erwartete / sagte ihm einer seiner
Vertrauten: dass die Priester sie für etlicher Zeit in den Tempel der Derceto
abgeholet hätten; weil alle / und so gar die Königlichen Bräute daselbst ihre
Jungfrauschaft denen Priestern aus einer besondern Andacht aufopffern müssen.
Narvas ward über dieser törichten Zeitung halb rasend / er grief daher sein
Schwerd / und rennte mit seinem einigen Ansäger durch die stockfinstern Gassen
dem Tempel zu; allwo er die in Tränen schwimmende und aus einer Ohnmacht in die
ander fallende Adraste unter den Armen der geilen Priester antraf; welche sie zu
entkleiden / und hernach in das daselbst bereitete heilige Bette zu legen bemüht
waren. Diese Weichlinge wurden des Fürsten ehe nicht gewahr /biss er dem einen
die vorwitzige Hand abgehauen / des andern Brust durch und durch gestochen
hatte. Dieser Anblick zerstreute in einem Augenblicke die Priester; und
verstattete dem für Eifersucht schäumenden Bräutigam seine halb verzweiffelte
Adraste durch den Garten der Burg unvermerckt in sein Gemach zu bringen. Er
hatte aber kaum etliche mal seine wieder zu sich kommende Braut umarmet / als
sich für der Burg anfangs ein Geräusche / hernach ein ie länger ie mehr
wachsendes Getümmel des Volckes mit unzehlbaren Windlichtern spüren liess. Kurtz
hierauf kam König Ergamenes und die Königin Elisa ganz erblast ins Zimmer /
berichteten den Aufruhr des Volckes; und dass sie wegen Beleidigung der Priester
und der alten Sitten in höchster Lebensgefahr schwebten. Nach langer
Beratschlagung und einlauffendem Berichte: dass der rasende Pöfel schon das eine
Tor des Hofes aufgewogen / und man also keine Ausflucht mehr zu finden hätte /
setzte Narvas die zu Tirmida bekommene güldene Mütze auff / nahm den
Helffenbeinernen Stab in die rechte / den Schild der Andromeda in die lincke
Hand; gürtete aber sein Schwerd unter seinen Purpur-Mantel / und trat in
Begleitung wohl 100. Wachsfackeln an der innersten Pforte dem Volcke entgegen.
Diese unverhoffte Begegnung hemmete den ersten Sturm des Volckes; als er aber
ihnen noch ferner einhielt / durch was Verdienste er die Würde des Priestertums
erworben; mit was Unrechte ihm derogestalt die Priester seine Braut entführet;
mit was Aergernüsse sie ihre Geilheit unter dem Scheine der Andacht bekleideten
/ und die Blüten der Jungfrauschaften denen keuschesten Seelen wegraubten /
verwandelte das leicht bewegliche Volck nicht alleine ihre Raserei in jauchzende
Glückwünsche / sondern sie brachten es auch dahin: dass denen unzüchtigen
Priestern dieses schandbare Vorrecht durch ein Reichs-Gesetze abgeschafft ward.
Fürst Narvas aber lebte in höchster Vergnügung mit seiner tugendhaften Gemahlin
/ übte wider den feindlichen schwartzen König grosse Heldentaten aus /
erweiterte sein Massesylisches Königreich durch kluge Krieges- und
Friedens-Künste / zeugte mit Adrasten drei tapffere Söhne /Narvas / Gala /
Desalces / und erfüllte ganz Africa mit seinem Ruhme.
    Dieser junge Fürst Narvas begab sich im siebzehnden Jahre seines Alters in
der Stadt Cartago Kriegsdienste; brachte sich auch durch seine Tapfferkeit nach
kurtzer Zeit in solches Ansehen: dass er in Sicilien zum Obersten über die
Numidischen Hülffsvölcker gemacht ward. Es ereignete sich aber: dass als der
kühne und verschmitzte Amilcar Barca seine wunderschöne Tochter Sophonisbe nach
Lilybeum mit überbrachte / und Autaritus der Celten Heerführer sich zugleich in
sie verliebten / und ieder durch seine behertzte Herfürzückung beim Amilcar sich
in Ansehen / bei Sophonisben in Gewogenheit zu setzen trachtete. Amilcar gab
beiden ein geneigtes Auge / teils weil ieder dieser Liebhaber sein Eydam zu
sein verdienten / teils dass er sie anrejetzte durch heldenmässige Taten einander
das Vorteil abzurennen. Gleichwol schien endlich Fürst Narvas bei Sophonisben
/Fürst Autaritus beim Amilcar den besten Stein im Brete zu haben. Hierüber
machte Rom und Cartago mit einander Friede / und Amilcar / dessen Macht und
Glücke ohne diss viel in die Augen gestochen hatte /legte seinen Stab nieder /
und zohe mit Sophonisben nach Hause. Der Rat zu Cartago beschloss zwar klüglich
bei so verdächtigem Frieden kein geworbenes Kriegsvolck abzudancken / noch durch
Ersparung der Verpflegungs-Kosten die allgemeine Sicherheit in Gefahr zu setzen;
Weil aber der Stadtalter zu Lylibeum Gescon vernünftig überlegte; wie
gefährlich es sei fremde Völcker zu Hülffe zu ruffen / indem noch in frischem
Andencken war / wie die Carier vom Cyrus / Rhegium und Messana neulich von
Römern /Griechenland von Philippen unter das Joch gespannet worden; ja dass
fremde Kriegsvölcker entweder stets wider den Feind geführet / oder ihre
Kräfften und Laster wie die schwermenden Bienen durch den Rauch zerteilt
werden müssen; so schickte Gescon sie auff einzelen Schiffen nach und nach in
Africa. Allhier aber fing Amilcar so wohl den Narvas als Autaritus über Achsel
anzusehen; teils weil der Barckische Stamm / so sich noch von der Königin Dido
herrechnete / aller andern Geschlechter zu Cartago / vielmehr aber fremder sich
zu gut achtete; teils weil sich Gescon selbst Sophonisben zu heiraten
anmeldete. Fürst Narvas erfuhr inzwischen nicht nur von der ihm geneigten
Sophonisbe die Ursache solcher Veränderung; sondern auch: dass Amilcar an dem
Adel des Fürsten Narvas und Autaritius gezweiffelt hatte. Dieses bewegte ihn dem
Amilcar seine Vertröstungen der Heirat wegen schrifftlich einzuhalten / auch
ihn zu versichern: dass er sein Fürstliches Geschlechte von solchem Alter / als
der Barkische Stamm immermehr hätte / ausführen könnte. Allein er begehrte sich
mit den verrosterten Schilden seiner Vorfahren nicht zu behelffen / weil Amilcar
in Sicilien selbst gesehen: wie viel er ihrer selbst den Feinden abgerissen
hätte. Vermeinten die Mohren seine Neuigkeit verächtlich zu halten / so müste er
derselben Zagheit verlachen /derer Eltern sich selbst solcher Kinder schämen /
ihn aber zu ihrem Sohne wünschen würden / wenn sie aus ihren Gräbern aufstünden.
Also möchte er sein Ansuchen nicht verschmähen. Hätte er das Glücke des grossen
Amilcars Tochter zu heiraten / so würde Amilcar sich des unvergleichlichen
Tuisco und des mächtigen Hiempsals Enckel zum Eydame zu haben sich nicht schämen
dörffen. Autaritus versuchte gleichfals sein Heil aufs beste; aber die
Freundschaft des Gescon überwog sie endlich: dass Sophonisbe zu höchster
Verbitterung beider Fürsten jenem versagt / durch solchen Verlust aber des
Fürsten Nervas und Autaritus durch die Eifersucht eine zeitlang zertrennte
Vertrauligkeit wieder ergäntzet ward. Dieses geschah /als der Rat zu Cartago
aus Mangel Geldes zur Bezahlung alle fremde Hülfsvölcker mit Sack und Pack
höchst unvernünftig in der Stadt Sicca sich zusammen ziehen / daselbst eine
zeitlang schädlicher Ruhe genüssen liess; welche anfangs in Mutwillen / hernach
in Verwegenheit den rückständigen Sold mit Ungestüm zu suchen sich verwandelte.
Jedoch bildete der Rat ihm nichts weniger ein / als dass so viel durch Sprachen
und Sitten von einander unterschiedene Völcker so bald wieder Cartago unter
einen Hut gebracht werden könten / daher meinten sie durch den Hanno ihnen die
Helffte ihres sauer verdienten Lohnes und den Wert der eingebissten Pferde
abzudingen. Welch Anmuten aber ihnen so beschwerlich nicht fiel / als dass sie
diese Unterhandlung durch keinen Feldherren / der in Sicilien ihre Kriegs-Taten
gesehen hatte / bewerckstelliget ward; daher setzten sie sich mit 20000. Mann zu
grossem Schrecken der Stadt Cartago für Tunis; fluchten insonderheit auf
Amilcarn / als welcher um sich seiner beteurlichen Versprechungen güldener
Berge los zu machen sein Ampt abgelegt / und die zwei tapffern Fürsten Narvas
und Autaritus / derer Tugend die Herrschaft der ganzen Welt verdiente / durch
Versagung seiner Tochter beschimpft hätte. Nach dem aber Gescon in Sicilien bei
dem Kriegsvolcke sehr angenehm gewest war /schickte der Rat von Cartago ihn
diese Völcker zu bestillen; Als inzwischen sie dem Fürsten Narvas und Autaritus
die Ober-Gewalt über sich aufgetragen /und bei dieser ihrer Verweigerung einen
Africanischen Edelmann Matos und einen Campanier von Geburt Spendius zu ihren
Häuptern erwehlt hatten. Gescon mühte sich zwar auf alle weise sie zu
besänftigen; wie sie aber um Bezahlung des rückständigen Getreides anhielten /
und Gescon aus unzeitiger Ubereilung solche bei ihrem Matos zu suchen nicht
allein sie anverwiess / sondern auch einen frechen Balearier mit seinem Degen
verwundete; fielen die nechsten den Gescon an / welcher unzweiffelbar von der
ergrimmten Menge wäre erwürgt worden / wenn nicht Fürst Narvas seinen
Nebenbuhler zu beschirmen sich unterwunden hätte. Gleichwol konnte er nicht
verwehren: dass er in Banden geschlossen und ins Gefängnis gelegt ward; und
Matos durch Botschaften fast alle Völcker zum Aufstande wider die
Cartaginenser / als die Feinde der allgemeinen Freiheit bewegte. Sintemal diese
mit so viel Unrecht zeiter beleidigten Völcker kaum so geschwinde die Post
hiervon bekamen /als sie die Cartaginensischen Gewaltaber und Zöllner tödteten
/ den Hülffsvölckern ihren völligen Rückstand zahlten / grosses Geld zu
Fortsetzung des Krieges fürschussen / und selbst mit 70000. Mann ins
Feldrückten. Hiermit kamen Utica und Hippacrita in euserste Gefahr; sie
beschlossen auch die in einem halben Eylande zwischen dem Meere und einem See
liegende Stadt Cartago / und erlegten den Hanno nach angestellter Flucht mit
vielen Elefanten und fast den letzten Kräfften der so mächtigen Stadt in zweien
Schlachten. Welches verursachte: dass Amilcar wieder zum Kriegshaupte erwehlet
ward; welchem Fürst Autaritus durch einen Gefangenen anbot / mit seinen Celten
und Semnonern von den Abtrinnigen ab- und zu ihm zu treten; da er ihm
Sophonisben vermählen wollte; weil er an diesem Aufstande kein Gefallen trüge /
auch seine Sebel noch nie wieder Cartago gezückt hätte. Hiernebst schickte er
zugleich mit eine schrifftliche Verzicht des gefangenen Gescons / welcher um
seine Freiheit zu erlangen gerne seine Buhlschaft vergessen wollte. Weil aber
Amilcar so wohl von Römern als dem Könige Hiero zu Syracusa eine ansehnliche
Hülffe bekam / schlug er dieses verächtlich in Wind; welches den Fürsten
Autaritus so sehr bitterte: dass er endlich in das lange Zeit hinterhaltene
Verlangen des Spendius / nehmlich in den Todt des Gescons willigte; welchem wie
auch siebtzig andern Edlen Cartaginensern die Hände abgehackt / die Beine
zerbrochen / und sie noch lebend in die Erde geschorren wurden; mit gemachtem
Schlusse: dass es hinfort allen Gefangenen nicht besser ergehen sollte. Also
verwandelt heftige Liebe seine Anmuts-Blicke in grausame Basilisken-Augen; Und
die Geschwüre der Gemüter sind viel schädlicher / als die Gifftdrüsen der
Leiber. Ja Autaritus und Spendius bewegten die zur Besatzung Sardiniens
gelassene Libyer und Hispanier so weit: dass sie den Stadtalter Bostar mit allen
Cartaginensern todt schlugen / den mit neuer Hülffe ankommenden Hanno aber
kreutzigten; und also dieses ganze Eyland ihrer Gewalt entriessen. Für dieser
Grausamkeit aber hatte Fürst Narvas eine solche Abscheu: dass er um Mitternacht
mit seinen Numidiern heimlich aus dem Läger wich / und am tagenden Morgen für
Amilcars Lager kam; seine Waffen freiwillig von sich gab / und als man ihn auf
sein Begehren zum Amilcar führte / ihn folgenden Inhalts anredete: Seine Liebe
gegen der unvergleichlichen Sophonisbe / die Woltaten der Stadt Cartago gegen
seinem Vater hätten ihn zeiter zurücke gehalten den Degen zu zucken / wider die
Stadt / welche die Beherrscherin seiner Seele zum Vaterlande / sein Vater aber
zu seiner ersten Aufnehmerin gehabt; wiewol er darfür hielte: dass der Rat durch
angefügtes Unrecht so viel tapffere Kriegsleute wider sich in Harnisch bracht
hätte. Nach dem aber Spendius durch unmenschliche Grausamkeit das Recht der
Völcker verletzt / und des feindlichen Heeres Sache böse gemacht / triebe ihn
sein Gewissen und der Reitz der Tugend unter einem so behertzten Feldherren die
Waffen für Cartago zu führen. Weder der Tod des unglückseligen Gescons / noch
sein Verdienst machten ihm einige Hoffnung zur Besitzung der unschätzbaren
Sofonisbe; weniger hielte er ihm für anständig ihre Heirat durch ihres
Vaterlandes Notstand und durch bedungene Hülffe auszuwürcken. Er hätte nunmehr
sein Gemüte derogestalt beruhigt: dass sein Verlangen mit dem Verhängnisse in
völliger Eintracht lebte / seinen Vorsatz aber dahin gerichtet: dass Cartago
zwischen ihm und einem eingebohrnen Bürger / Amilcar aber zwischen dem Fürsten
Narvas und einem würcklichen Eydame keinen Unterscheid finden würden. Wie der
Sternseher Rechnung eintreffe / sie setzten gleich die Bewegung der Sonne und
die Unbewegligkeit der Erde / oder die Unbewegligkeit der Sonne und die
Herumdrehung der Erde zu ihrem Grunde; also wäre es einem vernünftigen einerlei
Glückseligkeit: Ob er alles haben könnte / was er verlangte; oder nichts
verlangte / was er nicht haben könnte. Daher wären mit ihm alle Klugen glückselig
/ weil sie nichts unmögliches suchten; alle Unvernünftige aber unglücklich
/weil sie alle fremde Güter in die Augen stächen. Amilcars Gemüte ward durch
solche Freimütigkeit dieses Fürsten / und die der Stadt Cartago zuwachsende
Hülffe bei dieser ersten Umarmung bewogen /demselben nun nicht mehr seine
Tochter vorzuhalten /oder sich selbst und sein ganzes Glücke einer fremden
Stadt zuzueignen / sondern selbte vielmehr dem Fürsten Narvas durch einen
teuren Eyd zu versprechen. Welche Entschlüssung eine unmässige Freude in beider
fürlängst verliebter Hertzen / und die demütigste Ehrenbezeugung gegen Amilcarn
verursachte. Denn es können auch die beständigste Seelen eine unvermutete
Freude so wenig in ihrem Hertzen /als die tiefsten Bette der Ströme einen
plötzlichen Wolckenbruch in ihren Ufern beschlüssen. Wie nun Amilcar seine erste
Krieges-Klugheit darinnen erwies: dass er an dem Einflusse des Flusses Macar ins
Meer wahrnahm / wie selbter zu gewisser Tages-Zeit gleichsam ganz versändet war
/ und daher über diesen Sand und das Schilf sein ganzes Heer zu höchster
Bestürtzung des Matos übersetzte / als welcher den Strom und das Gebürge
allentalben starck besetzt hielt / ja dem Spendius bei der verschantzten Brücke
in Rücken ging / sechs tausend Mann erlegte / zwei tausend gefangen nahm / die
vom Matos neugebaute / und mehr andere verlohrne Städte wieder eroberte; also
besiegelte Fürst Narvas seine Treue mit klugem Rate und unglaublicher
Tapfferkeit / als Amilcarn die Africaner vor- die Numidier hinterwärts /
Spendius aber auf der Seite umsetzte. Denn er machte mit seinen Edlen Numidiern
Amilcarn einen solchen Mut: dass er mit seinen wohl zweifach stärckern Feinden
eine Schlacht wagte / in welcher ihrer 10000. auf der Wallstatt blieben / 4000.
gefangen / Autaritus von Amilcarn / Spendius vom Narvas gefährlich verwundet
wurden. Alleine dieses herrlichen Sieges Furcht verderbte die zwischen Amilcarn
und dem neidischen Hanno sich entspinnende Zwytracht / die Missgeburt der
ruhmwürdigsten Taten / und die Stiefmutter des geneigten Glückes. Denn Matos
und Spendius erholeten sich nicht alleine bei dieser Windstille / sondern der
von Liebe und Rache brennende Fürst Autaritus brachte durch seine durchdringende
Annehmligkeit die zwei vorhin getreuesten Städte Utica und Hippacrita zum
Abfall; ja Cartago ward vom Matos Spendius / und denen Africanern / welche der
König des innern Libyens Zarxas aufs neue zu Hülffe bracht hatte / belägert. Als
aber Hanno zurück geruffen / und Hannibal Amilcarn zugegeben ward / wandte sich
das Glücke abermals. Denn Fürst Narvas schnitt mit seiner Reuterei den
Belägerten alle Zufuhr ab / also: dass sie selbst mehr für belägert zu achten
waren / und die Gefangenen und Knechte selbst für Hunger aufffrassen / und
endlich sich Autaritus / Zarxas und Spendius bei der Stadt Prion Amilcarn mit
Bedingung: dass er zehn Rädelsführer nach Belieben straffen / alle andere aber
mit schlechten Kitteln fortschicken möchte / ergeben mussten. Weil aber das
feindliche Heer /welches von dieser Behandlung nichts wusste / zu den Waffen
grief / die noch übrigen wenigen Semnoner und Celten auch die Gefängnis ihres
Fürsten Autaritus nicht erdulten konten / grieffen sie zur Unzeit nach den
Waffen; ihrer aber ward wohl 40000. teils von den Elefanten und Pferden
zertreten / teils durch die Schärffe der Sebeln in die Pfanne gehackt. Amilcar
/Narvas und Hannibal rückten hierauf für Tunis; und weil diese Stadt sich nicht
ergeben wollte / liess Amilcar / wie beweglich sich gleich Narvas hierwieder
lehnte / den Fürsten Autaritus und Spendius unter der Stadtmauer an hohe Kreutze
anpflöcken. Dieses traurige Schauspiel rechnete der belägerte Matos in einem
unversehnem Ausfalle in des unachtsamen Hannibals Läger mit etlicher tausend
Cartaginenser Hinrichtung; ja er liess den gefangenen Hannibal selbst an die
Stelle des abgenommenen Spendius anhefften / und 30. der Edelsten Feinde dem
Autaritus zu einem Versöhnungs-Opffer durch hunderterlei Qval abschlachte.
Gleichsam als wenn es beiden Kriegenden nicht so wohl um den Sieg / als den
Vorzug in der Grausamkeit zu tun wäre. Hanno kam hierauf aus der abermals
bebenden Stadt Cartago mit 30. Ratsherren ins Läger / welche durch des Fürsten
Narvas Vermittelung den Hanno mit Amilcarn aussöhnte. Der verzweiffelte Matos
forderte mit seinen letzten Kräfften Amilcarn endlich zu einer Schlacht aus /
darinnen er aber den Kürtzern zog / selbst gefangen nach Cartago zum
Siegs-Gepränge geführet / daselbst mit glüenden Zangen zerrissen / Sophonisbe
und Narvas mit höchstem Frolocken vermählet / und durch Unterwerffung Afrikens
dieser Krieg geendiget ward / zu einem unvergesslichen Denckmale: dass
einheimische Kriege nicht nur die schädlichsten / sondern auch die grausamsten
sind.
    Wie aber die irrdische Glückseligkeit an Zerbrechligkeit dem Glase / an
Veränderung der Lufft überlegen ist; also genass Fürst Narvas wenige Jahre seiner
süssen Eh / und nach seinem verstorbenen Vater der königlichen Herrschaft. Ob
nun wohl er einen dreijährigen Sohn Lacumarn nach sich verliess; so verfiel doch
nach den Africanischen Reichs-Gesetzen das Reich auff des Narvas ältesten Bruder
Gala.
    Als dieses derogestalt in Africa erfolgte / gerieten hingegen die Deutschen
in Italien ie länger ie mehr ins Gedränge. Denn das Glücke gleichet sich mit
seinen Umwechselungen dem wütenden Meere; welches an einem Orte neue Eylande
gebieret / am andern aber so viel den Ufern abspielet. Oder das von so vielen
Siegen aufgeblasene Rom wollte nunmehr als ein grosses Meer alle Länder
überschwemmen / und alle Nachbarn in seinen Rachen verschlingen. Massen die
Römer nicht alleine wider die Ligurier und Insubrier eine Kriegs-Ursache vom
Zaune brachen / sondern auch Publius Valerius eigenmächtig / und ohne einige
Kriegs-Ankündigung die Semnoner überfiel / aber von ihnen derogestalt empfangen
ward: dass er vierdtehalbtausend Römer an dem Flusse Sapis sitzen liess. Und ob er
zwar hernach mehr aus einer blinden Verzweiffelung als aus einer vorsichtigen
Tapfferkeit den Semnonern einen Abbruch tat; hielt der Römische Rat doch des
Valerius Vorteil so geringe: dass ihm das verlangte Siegsgepränge verweigert
ward. Viel glücklicher überfiel Grachchus ohne die geringste Ursache / und unter
erdichtetem Vorwand: dass etliche Römische Handelsleute wären beraubet / und ins
Meer geworffen worden / die unschuldigen Ligurier /und die durch innerliche
Unruh entkräftete Cartaginensische Besatzung auf den Eylanden Sardinien und
Corsica. Denn nach dem sie auf diesen unglaublichen Raub gemacht hatten /
Cartago aber die abtrinnigen Sardinier zum Gehorsam bringen wollte / nahmen sich
die Römer der Aufrührer an / und zwangen diese ohnmächtige Stadt ihnen den
Frieden durch Abtretung Sardiniens und zwölff hundert Talent abzukauffen; denen
Semnonern / Celten und Bojen aber befahlen sie ganz Italien zu räumen. Weil nun
die Semnoner Italien nicht räumen wollten / sondern mit den Bojen und Liguriern
wider den allgemeinen Feind sich verbanden; zohen die Bürgermeister Lucius
Cornelius und Qvintus Fulvius mit zweien vereinbarten Heeren ins Feld; mit derer
grossen Macht die Deutschen zu schlagen nicht trauten / sondern sich stets in
vorteilhafte Örter zwischen Sümpffe und Gebürge setzten: dass ihnen die Römer
zwar nichts abgewinnen konten / aber müde und vedriesslich gemacht wurden. Wie
nun die Bürgermeister ihre Heere zerteilten in Meinung der Semnoner Gebiete
gäntzlich zu verheeren /und dem Feinde alle Lebensmittel abzuschneiden /oder gar
über den Po zu setzen; fiel Hertzog Ates des Nachts unversehens des Fulvius
Lager an / bemeisterte sich der einen Pforte / erlegte etliche tausend Römer /
wäre auch des ganzen Lägers Meister worden / wenn er nicht auf erhaltene
Nachricht: dass Cornelius dem Fulvius zu Hülffe eilte / mit guter Ordnung sich
zurücke gezogen hätte. Nach dem ihm auch König Galatus mit 12000. Bojen / und
20000. Allemäñern aus Deutschland zu Hülffe kamen / räumten beide Bürgermeister
der Deutschen noch übriges Gebiete / und wiechen in Hetrurien. Ungeachtet nun
der Bürgermeister Lentulus ihre Bundsgenossen die Ligurier schlug; schickten
doch Hertzog Ates und Galatus zu dem Cornelius und Fulvius / und liessen mit
grosser Bedräuung die Wieder-Abtretung des Ariminischen Gebietes als ihres alten
Eigentums fordern. Weil diese nun den Deutschen nicht gewachsen waren /
verwiesen sie sie mit guten Vertröstungen an den Römischen Rat; und machten mit
ihnen einen Stillestand. Bei dieser Gelegenheit streuten die Römer unter die
Semnoner und Bojen allerhand Saamen des Misstrauens / beredeten die Bojen: dass
die Alemänner von Semnonern nicht so wohl wider die Römer / als der Bojen
fruchtbares Land einzunehmen beruffen hätten. Hieraus entstand ein grausamer
Aufruhr; und /weil König Galatus und Ates diese Zwytracht zu stillen / und den
ihrigen den Verdacht auszureden bemüht waren / wurden sie beide als Verräter
von ihrem eigenen Volcke erwürget. Alle drei Völcker kamen hierüber einander in
die Haare / schnitten also den Römern zum besten ihnen mit ihrem eigenen Messer
die Spann-Adern selbst entzwei. Die undanckbar belohnten Alemänner zohen wieder
nach Hause; die Semnoner mussten Arimin / und die Bojen alles / was sie über dem
Po hatten / fahren / und beide die Ligurier den Römern zur Beute lassen. Dieses
Friedens genossen die Deutschen etliche Jahr /weil die Römer mit denen Liguriern
/ Sardern und Lorfen / denen ihr Joch unerträglich war / alle Hände voll zu tun
hatten. Nach dem diese aber ziemlich gedemütigt waren; rieben sich die Römer
aufs neue wider die Deutschen. Der Zunftmeister Flaminius /wormit er sie zur
Ungedult bewegte / zwang dem Rate ein Gesetze ab: dass die Picenischen und
Semnonischen Aecker nach Anzahl der Köpffe unter das Römische Volck verteilt
werden sollte. Als die Deutschen diss verschmertzten; führten die Bürgermeister
Emilius und Junius ihr wider die Ligurier bestimmtes Heer in einem ungeschickten
Umwege mitten durch das noch übrige Gebiete der Semnoner. Der Rat zu Rom verbot
keinem Deutschen einiges Gold oder Silber zukommen zu lassen; weil sie dessen
für verkauffte Leibeigene sehr viel zu bevorstehendem Kriege wider die Römer
versammelt hätten; und im Schilde führten Rom aufs neue zu überfallen / wenn das
Römische Heer in Ligurien sich verwickelt haben würde. Die Deutschen mussten für
so viel Unrecht nicht nur die Augen zudrücken / sondern noch durch Anbietung
ihrer Dienste die Gnade der Römer unterhalten; Gleichwol aber kochte das Geblüte
in ihren Hertzen eitel Galle; und suchten sie unter der Hand über den Alpen in
Deutschland neue Hülffe. Weil aber die Römer gleichwol hiervon Wind kriegten
/oder zum minsten Argwohn schöpfften; trauten sie nicht mit denen in Hispanien
sich überaus vergrössernden Cartaginensern / wie sehr es ihnen gleich darum zu
tun war / nicht zubrechen / sondern vergnügten sich mit dem Vortrage: dass die
Cartaginenser nicht über den Fluss Iber schreiten / und Sagunt in Freiheit
lassen sollten. Unterdessen verlautete in Rom: Es stünde in den Sibyllinischen
Büchern: dass um selbige Zeit die Deutschen und Griechen Rom einnehmen würden;
worvon alldar ein solches Schrecken entstand: dass der Rat in Griechenland zu
den Etoliern / Acheern / nach Corint und Aten Botschaften schickten / und
mit ihnen Freundschaft machten; dem Pöfels Aberglauben aber abzuhelffen zwei
Deutsche und zwei Grichen zu Rom auff dem Ochsen-Marckte lebendig vergraben
liess; gleich als wenn hierdurch die Sibyllinische Wahrsagung erfüllt wäre. Nach
dem aber der streitbaren Deutschen so nahe Macht der schon in fremde Länder
ausgestreckten und nach Eigenschaft des Feuers stets nach mehrerm Zunder
dürstenden Herrschsucht der Römer allein im Wege stand / beschlossen sie ihr
eusserstes zu tun / um diesen beschwerlichen Dorn aus dem Fusse zu ziehen.
Dieses zu vollziehen machten sie einen Uberschlag ihrer Kriegs-Macht / und
befanden: dass sie mit ihren in Waffen stehenden Hülffs-Völckern über 700000.
streibare Fussknechte / und 70000. Reuter auff den Beinen hatten. Sie richteten
überdiss mit den Venetern und Cenomannen ein Bündnis auff /welche den Römern zu
Liebe 20000. Mann auff den Fuss stellten / und auff erfolgten Friedens-Bruch den
Bojen einzuhalten fertig stunden. alles dessen unbeschadet / rüsteten die
Deutschen sich zum Kriege. Wie nun auff ihr bewegliches Ansuchen der Alemänner
König Aneroest / der Catten Hertzog Concoletan mit grosser Macht über die Alpen
kamen / und der Insubrer Fürst Britomar mit den Bojen sich vereinbarte / hielten
die Deutschen es nunmehr ratsam zu sein /der Römer nicht zu erwarten / sondern
ihre Pferde an einem fremden Zaum zu binden. Die Bojen blieben unter ihrem
Fürsten Gondomar gegen die Veneter und Cenomänner zu Beschirmung ihres Landes
stehen; Aneroest / Concoletan / und Britomar aber drangen mit funffzig tausend
Mann zu Fusse / und zwantzig tausenden zu Rosse in Hetrurien. Weil aber kein
Römer Stand hielt / rückten sie biss nach Clusium; allwo sie Nachricht bekamen:
dass ein Römisches Heer ihnen auf dem Fusse folgte. Dahero dreheten die Deutschen
alsofort ihre Deichsel um / und kriegten beide Heere einander mit der Sonnen
Untergange ins Gesichte. Des Nachts aber zündeten die Deutschen ihr Läger an /
und wiech Aneroest mit dem Fussvolk mit Fleiss zurücke. Wie die Römer nun auff
den Morgen nur die feindliche Reuterei für sich / und zwar gleicher Gestalt
weichen sahen / meinten sie: die Deutschen trauten sich nicht mit ihnen zu
schlagen; also zohen sie ihnen über die neuen Seulen / und Beturgia / ja gar
über den Fluss Arnus nach. Wie sie aber den Feind in völliger Flucht zu sein
vermeinten / trafen sie bei der Stadt Fesula ganz unvermutet auff das vom
Aneroest in völlige Schlacht-Ordnung gestellete Fussvolck / und ein Teil der
Reuterei / welche der Sohn Aneroests führte. Der Strom auff einer / das Gebürge
auff der andern / und Aneroest auff der dritten Seite schnitten den Römern alle
Ausflucht ab /und also wurden sie gezwungen sich aus dem Steigereiffen einer
Schlacht zu entschlüssen. Allein das schreckliche Ansehen dieser grimigen Feinde
/ welche kolschwartze Schilde / gemahlte Leiber hatten / und mit ihrem blossen
Schatten schon den Todt oder die Hölle vorbildeten / wie auch die schon
anbrechende Nacht / überwunden erstlich der Römer Augen; ihr erster Angriff
trennte ihre Glieder / und der von hinten zu mit der meisten Reuterei
einfallende König Concoletan brachte sie in höchste Verwirr- und Blutstürtzung.
Denn der Flucht waren alle Wege verrennet. Sechs tausend Römische Edelleute
blieben auf der Wallstatt / vier tausend wurden gefangen / der Uberrest kroch
bei der düstern Nacht gleichwohl in das Apenninische Gebürge gegen dem Tale
Mugella / und setzte sich auff einem hohen Felsen feste. Die Beute war an Gelde
/ Zierraten / Pferden / Gewehre /Wagen und anderm Geräte so gross: dass darmit
das ganze Deutsche Heer belastet ward. Wiewohl nun dieses die Römer auff dem
Gebürge besetzte / so kriegten diese doch alsbald Lufft / weil der gegen die
absonderlich einfallenden Semnoner geschickte Bürgermeister Lucius Emilius von
Ariminum mit einem frischen Heere gegen die nach Rom ihren Zug richtende
Deutschen angezogen kam. Nachdem König Aneroest aber ihn zu keiner Schlacht
bringen konnte; die schwere Beute ihnen auch überaus hinderlich war / hielt er
für ratsam selbte über dem Po bei ihren Bunds-Genossen einzulegen / und hernach
dem Feinde mit leichten Händen wieder die Stirne zu bieten. Wormit aber diese
Entschlüssung so viel weniger einer Flucht ehnlich sehe / und so viel sicherer
bewerckstelliget würde / setzten die Deutschen über den Fluss Arnus / und
richteten ihren Zug gerade gegen Rom. Wie sie aber den Fluss Umbro erreichten /
zohen sie an selbtem gegen das Meer hinunter / in Meinung an dessen Gestade sich
zurücke zu ziehen. Lucius folgte gleichwohl dem Feinde auff der Fersen nach /
biss an das Telamonische Vorgebürge / allwo die Deutschen den Weg von einem neuen
Krieges-Heere / welches der andere Bürgermeister Cajus Atilius aus Sardinien
nach Pisa übergeschifft hatte / auff einem vorteilhaftigen Hügel besetzt
fanden / und also unvermutet zwischen Tür und Angel verfielen. Die Deutschen
Heerführer gerieten hierüber gleichwohl in keine Zagheit / als welche der
klugen Rat /und des Pöfels Unvernunft durch einander vermischt / und also der
ärgste Feind eines Kriegs-Heeres ist /sondern sie machten aus der Not eine
Tugend / führten ihre Beute auff einen sichern Hügel / und stellten ihr Heer mit
zweien Stirnen in Schlacht-Ordnung /also: dass Concoletan mit seiner dem Cajus /
Aneroest mit seiner gegen dem Emilius zu stehen kam; die Rücken aber hinten an
einander stiessen / und also kein Heer / sondern das andere gegen den Feind
anzutreiben weichen konnte. Mit den Wagen aber umsegelten sie die Spitzen oder
Hörner ihrer Heere: dass die Römer auff der Seite nicht einbrechen konten. Diese
ob sie zwar zweimahl stärcker waren als die Deutschen / grieffen sie selbte
gleichwohl nicht ohne geringen Zweiffel am Siege an. Insonderheit war ihnen
schrecklich anzusehen: dass die Gösaten / welche unter denen Deutschen für ein
gewisses Geld Kriegs-Dienste leisteten / alle nackend fochten / umb von denen
hinn und wieder stehenden Hecken und Gestrittig durch ihre abhenckende Kleider
nicht verhindert zu werden. Ja in den ersten Gliedern stand keiner / der nicht
güldene Ketten und Armbänder umgewunden hatte; und ihre Tapfferkeit war so gross:
dass die Römer Faust für Faust gegen sie zu fechten sich weigerten / sondern nur
von der Höhe die Bogen-Schützen sie mit Pfeilen überschütten liessen. Wordurch
ihrer denn sehr viel verwundet wurden / weil ihre Schilde sie allentalben zu
verdecken nicht zulangten; also: dass sie halb rasende den Berg hinauff renneten
/und ihren für Augen schwebenden Tod durch Niedersebelung vieler Schützen
rochen. Wo aber die Deutschen auff der Fläche Mann für Mann fechten konten
/standen sie wie die Mauern; ungeachtet die Römer ihrer breiten Schilde und zum
Stoss und Hau geschickter Degen halber für den Deutschen / die mit ihren
Schwerdtern nur hauen konten / einen grossen Vorteil hatten. Ja König
Concoletan machte mit seiner Leibwache von dreihundert Cattischen Edelleuten
durch den Blitz ihrer Spiesse und Schwerdter einen Weg biss an den Römischen
Adler; den der Graff zu Wirtenberg von der Stange riss / und zu Bodem warff. Wie
nun der Bürgermeister Cajus diesem Hauffen entgegen drang / durchrennte ihn
König Concoletan mit seiner Lantze; welchem der Graff Mansfeld vollends den
Kopff abhieb / selbten auff eine Lantze spiesste / und zum Schrecken der auff der
andern Seite kämpffenden Römer Aneroesten zubrachte. Weil aber die Römer beim
Verlust dieses Adlers und Bürgermeisters eine ganz frische Legion an selbigem
Ort anführten / und Concoletan nicht zurücke weichen wollte / ward er
allentalben umringet / und vom Lutatius Catulus / der dem Kriege wider Cartago
ein Ende gemacht hatte / ihm das Pferd erlegt; welchen aber der Graff von
Hochberg zu Bodem rennte / und seinem Könige auff des Catulus Pferd halff.
Allein nachdem Wirtemberg / Durlach / Eichelberg / Kyburg / Hochberg /
Fürstenberg / Doghenburg / Lentzburg /Grimmenstein / Utzingen / und fast alle
des Alemannischen Adels nach unvergleichlicher Gegenwehr erlegt waren /
Concoletan auch nach etlichen zwantzig empfangenen Wunden zu Bodem fiel / ward
er endlich gefangen. Aneroest tat auff der andern Seite zwar das beste / und
rächete durch des gewesenen Bürgermeisters Fulvius Flaccus Tod die von ihm
vorher untergedrückten Ligurier. Alleine nach dem Concoletan gefangen / und sein
Heer fast / wie es gestanden / gliederweise nach einander erlegt war / also drei
Römische Heere auff Aneroesten stiessen / raffte er seine eusserste Kräfften
zusammen / schlug sich mit etwan drei tausend Pferden durch / und kam mit Hülffe
der Nacht biss an den Fluss Umbro. Nachdem er aber über selbten so wohl wegen
auffgeschwellten Wassers / als dass die Einwohner der Stadt Ruselle selbten mit
Volcke starck besetzt hatten / nicht schwemmen konnte / ihm auch Nachricht zukam:
dass Concoletan nicht todt / sondern gefangen / ihm auch die ganze Römische
Reuterei schon im Rücken wäre / munterte er seinen Uberrest zu hertzhaftem
Sterben auff; er wäre bereit sich für sie selbst auffzuopffern /nachdem die
Götter ihn seines Gelübdes: krafft dessen er seinen Harnisch ehe nicht / als biss
ers Capitolium erobert hätte / aufflösen wollen / zu gewehren nicht für gut
befunden hätten. Ein behertzter Tod hätte nicht die Helffte der Bitterkeit in
sich; die einer einen Augenblick im schimpfflichen Siegs-Gepränge empfinde.
Hiermit rennte er spornstreichs voran mitten unter die Römer. Diese aber
mutmassende: dass es König Aneroest wäre / wollten ihn nicht beleidigen / sondern
lebendig fangen. Nachdem er aber etliche Feinde durchstochen / fällten sie ihm
das Pferd; gleichwohl wehrte er sich mit dem Degen in der Faust / biss selbter
mitten entzwei sprang; wormit er aber nicht lebendig in der Römer Hände käme /
schnitt er ihm mit dem übrigen Stürtzel die Gurgel ab / und bliess also mit der
Feindschaft gegen sie seine Seele aus. Die übrigen Deutschen folgten dem
Beispiele ihres Königes / und bezeugten durch Erleg- und Verwundung vieler
Römer: dass ein verzweiffelter Feind mit zweien Schwerdtern fechte / und mit
seiner Leiche meist drei andere zu Bodem drücke. Denn ob wohl viertzig tausend
todt blieben / zehn tausend gefangen wurden / missten die Römer doch über sechzig
tausend Mann; und kein Deutscher ward so wenig /als ihr halb todter König
Concoletan und Britomar vom Bürgermeister in Rom zum Siegs-Gepränge geführet /
aus der Beute aber Jupitern ein güldenes Siegs-Zeichen geweihet / welches
Aneroest von den Römischen seinem Kriegs-Gotte gelobet hatte. Rhemetalces fing
hierüber an den Unfall zweier so behertzter Fürsten zu beklagen / auch zu
billichen: dass ein Kriegender aus Andacht den Göttern zur Danckbarkeit gewisse
Gelübde tue. Alleine wenn man aus Vermessenheit auff seine eigene Kräffte dem
unauffhaltbaren Rade der göttlichen Versehung gleichsam in die Speichen fällt;
und ehe diss oder jenes mit unsern schwachen Armen ausgerichtet sei / seine Haare
/ wie Semiramis / nicht auffflechten / oder sie / wie die Catten / für Erlegung
des Feindes nicht abscheeren lassen / wie Amilcar auff eine gewisse Zeit in
belägerten Städten speisen / oder für ihrer Eroberung kein weisses Hemde anlegen
will / und seinen eigenen Kopff zum Verlust durch Gelübde verknüpfft; verwirret
Gott nicht unbillich der Klugen Ratschläge / und entkräfftet die Stärcke der
Riesen. Uberdiss überlegen die /welchen kein Anschlag krebsgängig werden soll /
gar nicht: dass es selbst ihr eusserstes Unglück wäre /wenn die Götter die
törichten Begierden der Menschen allezeit mit gewünschtem Ausschlage
beseligten. Denn grosses Glücke scheinet uns zwar wie die Schwantz-Sternen
herrlich in die Augen; aber sie ziehen nach sich ihre geschwinde Einäscherung
und anderer Finsternis. Es ist wahr / sagte Adgandester; und hat nicht nur König
Aneroest / sondern nach ihm viel andere einen grossen Schiffbruch ihrer
allzuverheuchelten Hoffnung gelitten / welche insgemein alle Früchte einerndet /
ehe sie reiff werden / und sie daher auch ehe verfaulen / als essbar werden
sieht; für etlicher Zeit Marcus Crassus im Partischen / Democritus im
Etolischen / und Antonius im Cretischen Kriege ein schimpffliches Beispiel
abgegeben. Derer erster dem Qvintius an der Tyber / wenn er daselbst sein Lager
auffschlagen würde / der andere den Parten / erst in der Stadt Selevcia
antworten wollte /beide aber selbst gefangen oder erschlagen wurgen /der dritte
mehr Ketten als Waffen in seinen Schiffen mit führte / aber solche schimpfflich
einbüste; und die auff fremder Armen und Beine geschmiedete Fessel seinen Römern
musste am Halse hencken sehen. Wenn aber solch Gelübde nur eine Erinnerung
tugendhafter Entschlüssung / nicht aber die Unterdrückung der Unschuld zu ihrem
Zwecke hat / ist solcher Reitz sonder Zweifel so wenig / als eine Spiessgerte in
der Hand eines vernünftigen Reuters zu tadeln.
    Alleine die Vielheit dessen / was mir noch zu erzählen oblieget / nötiget
mich hier abzubrechen / und noch zu erwähnen: dass Emilius mit seinem Heere in
der Bojen Gebiete einfiel / zwischen dem Rhein und dem Flusse Scultenna reiche
Beute machte / und die gefangenen Deutschen in voller Rüstung zu Rom im
Siegs-Gepränge auffs Capitol führte; wormit sie ihres getanen Gelübdes sich
entschütten möchten / weil sie geschworen haben sollten nicht eher als im
Capitolium ihren Gürtel auffzulösen. Die Furcht der Römer für den Deutschen war
durch diesen glücklichen Streich zwar abgetan / die Begierde der Rache aber nur
vermehret. Daher fielen die Bürgermeister Manlius und Torqvatus auffs neue bei
den Bojen ein; und weil bereit der Kern ihres Volckes von Römern und Cenomannen
erlegt war / die andern Deutschen auch durch eigene Zwytracht ihnen beizustehen
verhindert wurden; unterwarffen sich die Bojen zwischen den Flüssen Gabellus und
Idex biss an den Po der Römischen Botmässigkeit. Die Römer waren zwar auch im
Wercke über den Po zu setzen / und die Insubrier zu demütigen / sie konten es
aber dissmahl wegen starcker Gegenwehr und Ungewitter nicht schaffen. Dieser
vergebene Versuch war folgenden Bürgermeistern / nehmlich dem Cajus Flaminius
und Furius Philus der heftigste Reitz die Ehre zu erlangen: dass sie die ersten
Römer wären / welche die Siegs-Fahnen auff dem lincken Ufer des Po auffsteckten.
Sie versuchten zwar alle Mittel und Kriegs-List über diesen Strom zu kommen;
aber die nichts minder vorsichtigen / als streitbaren Deutschen hielten mit
ihrer Gegenwehr die Römer drei Tage auf; biss sie endlich ein Teil ihres Heeres
weit den Strom hinab schickten / und wo der Fluss Padusa oder der Messanische
Graben von den andern Strömen des Po sich absondert; ehe die Deutschen daselbst
sich in völlige Verfassung stellen konten / durchdrangen; worüber aber
gleichwohl über zehntausend Römer umbkamen; die Stadt Rom auch so bekümmert
ward: dass nachdem es im Picenischen Blut geregnet / in Hetrurien der Himmel
gebrennet /zu Arimin 3. Monden gesehen / und der Rhodische Colossus durch
Erdbeben umgestürtzt worden war /sie alle Wunderzeichen für sich zum ärgsten
ausdeutete / und der Rat den Bürgermeistern mitgab mit den Insubriern einen
Stillestand zu machen; krafft dessen sie auch ihr Gebiete räumten. Wie aber die
Alberen alles ungemeine für Wunderzeichen leicht annehmen; die eitele Furcht
auch mehrmals eine Betrügerin der Augen und Ohren ist; die Boshaften durch sie
in ungemeine Zagheit versetzt werden; also macht derselben offtere Begebnüss sie
entweder ungewiss / oder verächtlich; die Ehr- und Herrsch-Sucht aber ein
Gelächter; oder eine Erfindung der Staats-Klugheit; die Missgunst ein ihr
dienendes Gespenste daraus. Welches letztere auch der Bürgermeister Furius den
Flaminius dissmal beredete / und ihn versicherte: dass ihne aus blossem Neid in de
Zügel ihrer Siege wider die Deutsche gefalle würde. Wie der Tebanische Rat
seine Bürger die Schlacht bei Luctres zu wagen dardurch beredet: dass des
Hercules Waffen sich aus seinem Tempel verloren hätten; also müsten dem
Römischen Rate / so oft es ihnen gefiele / die Ochsen reden / die Maul-Tiere
gebären / Menschen und Tiere ihr Geschlechte verwandeln / die Bilder der Götter
weinen / die Säulen Blut schwitzen / die Sternen sich vermehren oder verfinstern
/ der Himmel brennen oder Schlachten fürstellen. Hierdurch brachte es Furius so
weit: dass Flaminius mit ihm und denen von Cenomännern und Bojen erkaufften
Hülffs-Völckern den Stillstand brachen / und über den Fluss Clusius den Deutschen
einfielen / und alles mit Feuer und Schwerdt verwüsteten. Die Insubrier wurden
hierdurch aufs heftigste verbittert / lieffen in den Tempel Minervens / darein
sie den mit den Römern gemachten Vergleich verwahrt hatten; nahmen drei ihrer
güldenen sonst für unbeweglich gerühmten Bilder daraus / zohen mit diesen / und
funfzig tausend Kriegsleuten den Römern unter die Augen. Beide Heere standen
schon in Schlacht-Ordnung gegen einander / als vom Römischen Rate Briefe
ankamen; welche zwar den Bürgermeistern alle Feindseligkeit verboten / aber auf
des Flaminius Einraten für der Schlacht nicht eröffnet werden wollten. Wiewohl
sie auch den Bojen und Cenomannen nicht trauten / und sie durch den Fluss Clusius
von sich absonderten; so war doch des Flaminius Schluss entweder zu siegen / oder
alles einzubüssen; weswegen er auch sein Heer mit dem Rücken harte an das hohe
Ufer des Flusses stellte; also: dass es entweder als eine Mauer stehen / oder mit
dem geringsten Weichen in Strom stürtzen musste. Gleichwohl fiel nach einem sehr
blutigen Treffen aus Schickung des auf der Römer Seite sich schlagenden
Verhängnisses / und durch ihre vorteilhaftere Waffen der Sieg den Römern zu.
Und blieben neun tausend Deutsche auf der Wallstadt. Worauf Flaminius allererst
die Briefe lass / sich über des Rates Missgunst beschwerte / und nach Rom
schrieb: Sie möchten aus seinem Tun die Eitelkeiten der Wahrsagungen verachten
lernen / und aufhöre abergläubig zu sein. Er verwüstete zwar auch hierauf das
platte Land / nahm eine ihrer besten Städte ein; weil aber Furius nicht länger
wieder den Rat ihm beifällig sein wollte /kehrte er mit ihm nach Rom / hielt auf
des Pöfels Verlangen ein Siegs-Gepränge / und richtete aus der Deutschen Raube
und insonderheit ihren güldenen Waffen und Ketten / die sie in den Schlachten an
den Hals zu hencken gewohnt sind / dem Kriegs-Gotte so / wie sie es dem Ihrigen
gelobt hatten / ein Kriegs-Zeichen auf.
    Zeno fing an: So sind die Deutschen in Italien von denen disseits der Alpen
mercklich zu unterscheiden gewest; in dem meine Augen und Glieder erfahren: dass
diese mehr auf scharffe / als gläntzende Waffen bedacht sind. Insonderheit habe
ich unter dem Hertzoge Jubil etliche Geschwader Reiter gesehen; welche nicht nur
an Gestalt / sondern auch in Grimme den kohlschwartzen höllischen Geistern
ähnlich waren. Adgandester antwortete lächelnde: Es wären diss die starcken Arier
/ ein Teil derer zwischen der Oder und Warte angesessenen Lygier; welche ihre
Schilde und Glieder schwärtzten; die finstersten Nächte auch am liebsten zu
ihrem Kampfe erkieseten / und gleichsam mit ihrem Schatten die Feinde jagten.
Die übrigen Deutschen / bei welchen zumal ausländische Zierrate noch nicht so
gemein worde wäre / wären freilich wohl auch gewohnt in Luchs-Wolff- und
Bären-Häuten mit Püffel-Hörnern mehr grausam / als prächtig auf den Kampf-Platz
zu erscheinen; iedoch verwürffen die Fürsten und der Adel nicht eben alle
Kriegrische Aufputzung. Sintemal sie umb dem andern Volcke ein gutes Beispiel zu
geben lieber wollten durch ihren Glantz kentlich und in Gefahr / als verborgen
und sicher sein. Rhemetalces hob an: Es ist diss ein rühmliches Absehn; welches
mir mein sonst deshalben habendes Bedencken benimt: dass viel Fürsten an ihren
mit güldenen Blumen bestreuten Waffen; an ihren aufgetürmten Feder-Püschen
erkennt /und vom Feinde für andern getroffen; etliche auch durch dieses eitelen
Uberflusses Beschwerde an der Gegenwehre gehindert / und in Not versetzt
worden. Zeno fiel ihm bei; und lobte darumb nichts minder den Deutschen
Feldherrn Herrmann / welcher in der Schlacht an seinen Waffen stets auch in die
Ferne wäre zu erkennen gewest; als den Griechischen Heerführer Philopömen / und
den Käyser Julius; die ihre Kriegsleute zur Schlacht / wie zum Tantz-Bodem und
Hochzeit Feier aufgeputzt hätten. Adgandester setzte bei: Der berühmte Hertzog
Viridomar / mit dem die Insubrier gestanden und gefallen wären / hätte auch
durch den Glantz seiner Waffen zwar seinen Tod beschleunigt; aber auch seine
Helden-Taten sichtbar gemacht. Denn als die Römer denen abgemergelten
Insubriern so gar Gesätze des Friedens fürzuschreiben / und sie ohne Uberwindung
in Gehorsam zu nehmen weigerten; berufften sie erwähnten Viridomar einen jungen
Fürsten der Hermundurer zu ihrem Hertzoge /und überkamen mit ihm eine ergebige
Hülffe. Dieser empfing die Römer an dem Flusse Addua / durch welchen sie setzen
wollten; derogestalt: dass sie das dritte Teil ihres Heeres mit allem
Kriegs-Geräte im Stiche lassen musste. Ob sie nun zwar über Hals und Kopf gegen
der Cenomänner Gräntze absackte / so überfiel sie doch bei Schlagung ihres
Lägers der wachsame Viridomar noch einmal; erlegte sie biss aufs Haupt; also: dass
die zwei Bürgermeister mit Not über den Bach Clusius entranen; und weil sie
besorgten: dass die Deutschen wiederumb biss an das hierüber zitternde Rom
fortrücken würden; machten sie mit Viridomarn einen Frieden / krafft dessen
denen Insubriern auf beiden Seiten des Po biss an die Stadt Acerre alles
eigentümlich verbleiben sollte. Der hochmütige Marcus Marcellus aber brachte
durch seinen Anhang zuwege: dass Manlius und Flaminius auf Angeben der von ihm
bestochener Wahrsager /wie auch bald darauf Scipio Nasica und Cajus Martius des
Bürgermeister-Amptes / wie nichts minder Cornelius Cetegus und Quintus
Sulpitius / weil sie hierzu nicht allerdings stimten / der Priester-Würde /unter
dem Schein: jener hätte die Opfer nicht recht dargereicht / dieser aber die
Insel vom Haupte fallen lassen / entsetzt ward; sondern er brach auch / als er
Bürgermeister war / den Frieden / weil untüchtige Heerführer nichts
verbündliches hätten schlüssen könten. Hiermit samlete er alle Römische Kräfften
zusammen / schickte den andern von ihm selbst erkieseten Bürgermeister Cneus
Cornelius mit einem starcken Heere die Stadt Acerra zu belägern; er aber fiel
ohne einige Kriegs-Ankündigung mit einem noch stärckern Heere in ihr flaches
Land ein / und mühte sich diesen fruchtbaren Garten Italiens in eine Wüstenei zu
verwandeln. Die sich dieses Uberfalls am wenigsten versehenden Insubrier
schickten dem Marcellus entgegen / und erboten sich zu aller Billigkeit / da sie
die Römer in etwas unwissende beleidigt hätten; aber er würdigte die Gesandten
nicht anzuhören. Wie nun Viridomar von seinen verwandten Fürsten etliche tausend
an dem Rhein und Rhodan angesessene Marckmänner / Rauracher / und Helvetier /
welche ihrer langen Spiesse halber in Gallien Gesaten / in Deutschland
Lands-Knechte genennet wurden / zu Hülffe bekommen hatte / er aber gleichwohl
wegen allentalben starck verwahrter Zugänge die Stadt Acerra nicht entsetzen
konnte / rückte er für die Römische Stadt Clastidium / umb den Feind von Acerra
abzuziehen. Marcellus folgte ihm mit seiner ganzen Macht alsofort nach; und
liess Viridomarn verächtlich zuentbitte: dass er seine Waffen / die er ihm
abnehmen würde / schon dem Feretrischen Jupiter gewiedmet hätte. Viridomar
antwortete: Er hätte des Marcellus Harnisch und Schwerdt schon dem Vulcan gelobt
/oder vielmehr zum Feuer verdamt; weil die Deutschen niemals diesen Abgott
verehrt haben. Da nun Marcellus so behertzt fechten / als Grosssprechen könnte
/wollten sie mit einander im Angesicht beider Heere umb diesen Siegs-Preis
alleine spielen. Weil dem Marcellus seine Eltern vielleicht würden verschwiegen
haben; wie vielen Römischen Heerführern die Deutschen ihre Köpfe abgeschnitten
hätten / wollte er derer ihm etliche zeigen; befahl auch alsofort etliche mit
Ceder-Oel eingebalsamte hervor zu bringen. Hierauf sprengte König Viridomar /
welcher nach der Deutschen und Gallier Gewohnheit des Zweikampfs begierig war /
einen ziemlichen fernen Fleck für seinem Heere herfür; gegen welchen Marcellus
sich auch zwar hervor zückte. Wie er aber den so wohl von seiner Leibes-Gestalt
/ als denen Gold-schimmernden Waffen ansehlichen Viridomar gegen sich mit
angelegter Lantze in vollen Bügen ankommen sah / und die Insubrer zugleich ein
Feld-Geschrei erhoben; drehte Marcellus sein Pferd um / und rennte mit
verhangenem Zügel seinem Heere zu; vorwendende: dass er durch solche Umbdrehung
nur der Sonnen eine andächtige Ehrerbietung erwiesen hätte. Es war aber unter
den Cenomännern / welche denen Römern dissmal Beistand leisteten / Klodomir / ein
junger Sicambrischer Fürst / Hertzog Basans Sohn / dessen Schwester der
Cenomänner Könige vermählet war / und diese Hülffs-Völcker führte. Dieser lag
dem Marcellus so lange an: biss er ihm den Zwei-Kampf gegen Viridomarn erlaubte;
darzu Klodomirn Marcellus umb seine eigene Scharte auszuwetzen in seinem Gezelte
seine eigene Waffen anziehen liess. Klodomir und Viridomar fielen hierauf
einander wie zwei Löwen an; und nachdem sich beide biss auf den äusersten Atem
miteinander ohne einigen Vorschein des Sieges oder Verlustes abgemergelt /
strauchelte Viridomars Pferd / wei es in ein Gleiss trat; worauf denn Klodomir
als ein geschwinder Falcke zufuhr / und mit seiner Lantze Viridomarn durch die
Fuge des Harnisches in die Brust verletzte; und eh er sein Pferd wieder zu
Stande bringen konnte / ihm noch zwei tödtliche Stiche mit dem Degen versetzte;
worvon er vollends todt zur Erden fiel. Die Insubrer / oder vielmehr die Gesaten
wollten den Tod ihres Königes rächen; fielen daher die Römer zwar behertzt an;
aber der Mangel eines Hauptes / ohne welches das tapferste Heer für einen
Bien-Schwarm ohne König zu achten ist; und der Missverstand unter denen
Krieges-Obersten spielte den Römern / wiewohl nicht ohne viel Schweiss und Blut /
den Sieg / wie auch die Stadt Acerra und Meiland in die Hände; nach dem
insonderheit bei dene Gesaten nicht nur mit dem Könige Viridomarn die
Gewogenheit zu den Insubrern erkaltete / sondern sie auch diese beschuldigten:
dass sie in der Schlacht sich nicht tapfer genung gehalten hätten; also über das
Gebürge wieder zurück an den Rhodan und den Rhein kehreten; nach dem sie
gleichwohl vorher ein Teil des Römischen Heeres erlegt / und in die Flucht
bracht hatten. Inzwischen trug Marcellus den unverdienten Ruhm darvon: dass er
selbständig Viridomarn erlegt hatte; da doch dieser deutsche Held von niemanden
/ als einem Deutschen überwunden werden konnte. Viridomars güldene Waffen wurden
auf einem eichenen Stocke für dem Marcellus zu Rom hergeführet / und
ausgeruffen: Er wäre nach dem Romulus und Cornelius Cossus / derer erster den
König Acron / der ander den Volumnius getödtet / der dritte / welcher dem
feindlichen Heerführer selbst Leben und Waffen abgenommen hätte. Die
Insubrischen Fürsten verloren mit ihrem deutschen Könige und den Gesaten so
wohl Hertze als Freiheit; die Römer aber schätzten diesen Gewinn so gross: dass
sie dem Delphischen Apollo eine Schale aus dichtem Golde hundert Pfund schwer
zuschickten. Zeno fiel ein: Dieses Beispiel dienet allen Kriegs-Häuptern zu
einer Warnigung: dass der Zwei-Kampf mehr ein Handwerck der vermessenen Jugend /
als eine Verrichtung einer vorsichtigen Tapferkeit; an Fürsten aber ein Wahnwitz
/ und ein Untergang der Reiche sei. Denn ob zwar Pittacus einer aus den sieben
Weisen / und der Oberherr zu Mytilene bei zweifelhaftem Kriegs-Ausschlage mit
dem Fürsten Phrynon / welchen er mit einem Netze bestrickte und tödtete / auf
diese Art sich glücklich auswickelte; die drei für das Römische Volck fechtende
Horatier ihrem Vaterlande die Herrschaft über die Stadt Alba erwarben; so hat
doch der mit seinem Bruder Artaxerxes anbindende Cyrus durch seine Hitze das
ganze Spiel verloren; ungeachtet die ihm beistehenden Griechen auf ihrer Seite
den Sieg erhielten. Ja die verspielten Schlachten sind nicht zu erzählen /
welche nur darumb verloren worden / weil ihre Häupter oder vielmehr die Hertzen
der Kriegsheere durch unvorsichtige Kühnheit zu zeitlich gefallen. Daher ich
fast anstehe: Ob jener Ateniensische Feldhauptmann nicht mehr Ruhms als
Scheltens wert sei; welcher einem sich mit seinen empfangenen Wunden
aufblasenden Heerführer einhielt: Er hätte nie keinen ärgern Fehler / als durch
unzeitige Näherung einer belägerten Stadt begangen / da ihm ein Pfeil für seine
Füsse gefallen wäre. Hingegen würde am Scipio hochgeschätzt: dass er bei
Belägerung der Stadt Cartago allezeit drei grosse Schilde ihn für allem Geschoss
zu bedecken hätte vortragen lassen; und der so kühne Hannibal hätte nicht nur
sein Leben sorgfältig gesparet; sondern auch dem von ihm überwundenen
Bürgermeister Marcellus diese schlechte Grab-Schrifft gemacht: dass er als ein
tapferer Kriegsmann / aber als ein unvernünftiger Feldherr geblieben wäre.
Wiewohl Hannibal bei Belägerung der hartnäckichten Stadt Sagunt und bei Placentz
seiner und dieser Klugheit selbst vergass; als er dort auf der Sturmleiter / hier
bei Uberrumpelung einer Festung verwundet / und beide mal sein ganzes Heer in
bestürtzte Verwirrung gesetzt ward. Des grossen Alexanders Kriegsheer / für
welchem vorher die ganze Welt gebebet hatte / ward nach seine Tode zu einem
gebländeten Cyclopen / und bewährte dardurch: dass ein Feldherr seines Heeres
Auge und Leitstern; also sein Leben ohne äuserste Not nicht in die Schantze
/und als ein Spielball dem blinden Glücke aufzusetzen sei. Es ist wahr / sagte
Adgandester; und ward in der Schlacht bei Cannas vom Römische Rate dem
Bürgermeister Varron nicht aus Heuchelei / sondern mit gutem Rechte gedanckt:
dass er sich zu rechter Zeit aus dem Staube gemacht / und an Erhaltung des
Vaterlandes nicht verzweifelt hatte. Und der flüchtige Antigonus entschuldigte
seine Flucht durch diesen Schertz gar scharffsinnig: Er wäre nur umbgekehrt /umb
sich des zurück gelassenen Heiles zu versichern. Noch klüger aber haben etliche
Fürsten gehandelt; welche nach dem Vorbilde des gegen Viridomarn kriegenden
Marcellus / umb durch ihre vermeinte Gegenwart ihr Heer zu beseelen; und
gleichwohl sich und das ganze Reich ausser Gefahr zu halten / einem andern
treuen und tapfern Kriegs-Obersten / welcher fürs Vaterland sein Blut zu
versprützen / und im Wercke die Stelle eines Vaters und Fürsten zu vertreten für
Ehre geschätzt / ihre Waffen angelegt / und durch einen heilsamen Betrug
niemanden als dem Feinde geschadet haben. Alleine wo ein Fürst eines solchen
Dieners nicht vergewissert ist / und umb seine ganze Krone gespielet wird / muss
er nur auch selbst / ein ander Feldherr aber / so oft ein Hauptwerck unter der
Hand / und sein Volck in zweifelhafter Furcht ist /sein eigen Leben aufsetzen /
und wie Hannibal zuletzt in Africa / da er mit dem Scipio und Masinissa Mann für
Mann zu fechten kam; wie Scipio / als er an Illiturgis selbst die Sturmleiter
anlegte; wie Käyser Julius in den Pharsalischen / August in der Philippischen
Schlacht; in der er wegen seiner Kranckheit sich doch auf der Sänfte herumb
tragen liess; und unser Hertzog Herrmann letztin allentalben an der Spitze
fechten /sich getröstende: dass Fürsten auch Fürstliche Schutz-Geister haben; und
dass für unerschrockenen Helden sich entweder das Unglücke selbst entsetze /
Pfeil und Kugeln sie zu verletze schämen / ja das Verhängnis sie mit Gewalt dem
Tode aus dem Rache reisse / wie der in der Mallier Stadt sich halb verzweifelt
stürtzende Alexander ein herrliches Beispiel abgibt; oder: dass wenn ihre
heldemässige Entschlüssung auch gleich misslinget / sie dennoch von viel
tausenden beklagt / von niemanden aber / der die Güte des An- und Ausschlags zu
unterscheiden weiss / getadelt werden. Unter diese war nun auch der hertzhafte
Viridomar zu rechen; mit welchem der Deutschen und der Gallier Glücks-Stern in
Italien gleichsam gar verschwand; die Römer aber dessen völlige Meister wurden.
Die Bojen / Insubrier / und übrige Deutschen gewohnten auch nach und nach den
Römern zu gehorsamen. Sintemal die Not der nachdrücklichste Lehrmeister ist;
und die Erhaltung seines Vermögens den Verlust der Freiheit gleichsam
unempfindlich macht. Nachdem aber die Römer der Deutschen eigentümliche Güter
/als den Aug-Apfel des gemeinen Volckes antasteten /nämlich nach Placentz und
Cremona mit etlichen tausend Römischen Einwohnern bevolckten; und also die alten
Besitzer von ihren Häusern und Aeckern verdrangen; fühlten sie allererst ihre
Dienstbarkeit; ihr Geblüte fing hierüber an ihnen in den Adern zu jähren / ihr
Hertze nach der alten Freiheit zu lächsen / und ihre Augen sich nach einem
Helffer umbzusehe. Hiezu ereignete sich durch ein von Mittag über Rom
aufziehendes Gewitter Gelegenheit. Denn Cartago hatte bei dem gemachten Frieden
den Römern zwar das fette Sicilien / niemals aber den Vorsatz sich desselbten
bei ereigneter Gelegenheit wieder zu bemächtigen / abgetreten. Es war dieser
herrschsüchtigen Stadt unentfallen / was Rom vormals für ein klein Licht gegen
ihr gewest wäre / als sie in dem mit dem Junius Brutus / und Marcus Horatius /
beiden Bürgermeistern gemachten erstern Bündnisse / die Römer derogestalt
einschränckten: dass sie über das bei Cartago liegende schöne Vorgebürge nicht
schiffen / oder wenn sie durch Ungewitter weiter getrieben würden / daselbst
kein Gewerb treiben / auch den fünften Tag zurück segeln mussten. Welches Verbot
Cartago auch hernach auf Mastia und Tarsesium erstreckten; ja denen Römern in
ganz Africa und Sardinien alle Handlung untersagten. Alles dieses aber ward
durch den Sicilischen Frieden verloren / und so gar ganz Sicilien; in welches
vorher die Römer mit genauer Not anlenden durfften. Der tapfere Amilcar trug
den Römern damals zwar mit einem beliebten Gesichte aus Not die Ablegung der
Waffen an; aber sein für Ungedult schäumedes Hertze legte den Harnisch niemals
ab / und sein Gemüte saan Tag und Nacht auf fügliche Rache. Aber der inerliche
Krieg mit den Hülffs-Völckern hielt nichts minder seine Meinung verdeckt / als
die Schwerdter in der Scheide. Zu dem verhielt die Aufbrechung dieser nur von
aussen zugewachsenen / inwendig aber nie zugeheilten Wunde das von den Römern
vernünftig gebrauchte Kühl-Pflaster / da sie nämlich der Stadt Cartago wider
den Matos und Spendius etwas Hülffe schickten. Als aber die Römer hernach ohne
einige gegebene Ursache ihnen Sardinien abdrückten / und noch darzu eine
jährliche Schatzung von zwölff hundert Talenten aufbürdeten; wollte zu Cartago
und bei Amilcarn die Ungedult ausreissen; alleine die Klugheit hiess sie ihrer
durch den letzten Krieg entkräffteten Stadt geringe / hingegen der Römer
vergrösserte Macht gegen einander auf die Wage legen; und also lieber zu ihrem
empfangenen Unrechte ein Auge zudrücken / als durch unzeitige Rache zu Grunde
gehen. Der Staats-verständige Amilcar riet dannenher: dass Cartago /ehe es mit
den Römern wieder anbinde / die Numidier / als gleichsam im Busem sitzende
Feinde demütige / und sich in Hispanien vor gross machen sollte. Welches beides
er mit grosser Tapferkeit ausrichtete; aus Hispanien ein grosses
Reichtumeroberter Beute nach Cartago schickte / dardurch alle von ihm
abgeneigten Gemüter gewan / und seinem Vaterlande die Hoffnung der Begierde
ganz Hispanien zu bemeistern einpflantzte. Diesen Zweck zu erlangen war überaus
vorträglich: dass Amilcar noch in Sicilien des Celtiberischen Königs Salonichs
Tochter die schöne Arimene geheiratet / und mit selbter zum unschätzbaren
Braut-Schatze der Celtiberier Zuneigung gegen Cartago / und den Hass wider die
Römer bekommen hatte; als welche biss auf den letzten Atem gleichsam in
unverrückter Treue für jene wider diese verharreten; und den Lauff des Römischen
Glücks-Rades lange Zeit hemmeten. Die Stadt Sagunt und andere Griechen / welche
in Hispanien festen Fuss gesetzt hatten / nahmen bei Vergrösserung dieser neuen
Macht zwar nach Rom ihre Zuflucht / und vertrauten sich ihrem Schutze; aber die
damals anderwerts von den Deutschen fort für fort beunruhigten Römer mussten den
sieghaften Waffen Amilcars nur den Lauff lassen; welchen nicht allein die Liebe
seines Vaterlandes und angebohrne Tugend / sondern auch seine aus deutschem
Geblüte entsprossene und daher den Römern von der ersten Mutter-Milch abholde
Gemahlin /die behertzte Arimene unaufhörlich wider diese allgemeine Feinde
anrejetzte. Diese hatte Amilcarn fünf Kinder geboren / Elissen / Hermegilden /
Annibaln /Assdrubaln / und den Mago. Hermegilde ward dem zu Cartago
hochangesehenen Asdrubal / derer Tochter Sophonisbe nachmals den Numidischen
König Syphax zur Eh nahm / Elissa dem grossen Hanno vermählet / welcher beider
Tochter Dido hernach dem Massesyler Könige Desalces heiratete. Wie nun die
Vermählung geschehen sollte / führte Arimene ihre Tochter Hermegildis für das
Altar der gewaffneten Venus / oder Derceto; und nötigte sie in Anwesenheit
Amilcars ihr eidlich zu versprechen: sie wollte ihrem Könige Asdrubaln Tag und
Nacht in Ohren liegen Cartago wider die Römer in Waffen zu bringe. Amilcar war
über diese Verbitterung gegen seine Tod-Feinde nichts minder beschämet / als
erfreuet /und daher ergrieff er den damals nur 9. jährigen Annibal bei der Hand
/ führte ihn für das Altar des rächende Jupiters / um ihm bei seine Opfern die
benötigte Handreichung zu tun. Nach vollbrachtem Gottes- umbhalsete und küsste
er seinen Sohn / fragende: Ob er wohl Lust hätte mit ihm in Krieg nach Hispanien
abzusegeln? Wie ein von dem mütterlichen Geblüte noch nasser Löwe schon seine
Klauen zeigt; ja Helden-Kinder in der Wiege Schlangen zu zerreissen begierig
sind; also brach beim noch so zarten Hannibal mit seinen Freuden-Tränen schon
das Feuer seines Gemütes für. Er umbarmte die Knie seines Vaters / und küssete
den Staub seiner Fussstapfen / mit Bitte: Er möchte ihn ja nicht zurück lasse.
Amilcar küsste Annibaln mit noch mehrer Brünstigkeit / nahm seine rechte Hand /
legte selbte auf das Bild Jupiters / sprach ihm einen Eyd für / in welchem
Annibal der Römer Tod-Feind zu sterben angeloben musste. Diesen sprach er nicht
nur mit tausend Freuden nach; sondern er war in Hispanien die neun Jahr über ein
unabtrennlicher Geferte in den Kriegs-Zelten seines sieghaften Vaters / der
durch seine Taten den ersten Stein zu einem neuen Reiche legte / und seinen
Nachfolgern den Weg zu noch grössern Wercken bähnte. Auf der einen Seite des
Flusses Iberus war alleine der tapfere und mächtige König Orisso noch übrig /
der sein Haupt für Amilcarn nicht beugte. Daher kamen beide mit einander zum
Haupt-Treffen. Wie nun die Iberier überaus hartnäckicht fochten /drang Amilcar
aus Ungedult mit einer wunderwürdigen Kühnheit auf das Haupt der Feinde zu /
durchrennte den König Orisso; verfiel aber in solchem Gedränge mit seinem Pferde
in einen Sumpf / und musste darinnen mit seinem Leben auch die unersättliche
Begierde der Ehren ausblasen. Der achzehnjährige Hannibal aber liess sich weder
die Anzahl der Feinde /noch seines Vaters Tod irre machen; sondern gewan durch
seine Tapferkeit die Schlacht. Asdrubal / der bisher über die Kriegs-Flotte
bestellt war / kam in Amilcars Stelle; welches bei Annibaln schon etlicher
massen Schälsucht erweckte. Also düncket ein ruhmsüchtiger Geist niemals einen
zu kurtzen Degen / und zu wenig Jahre zu haben / wenn er grosse Unterfangungen
im Schilde führt. Asdrubal stand seinem hohen Ampte mit grossem Fleisse und
Klugheit acht Jahr für / erweiterte der Cartaginenser Gräntzen sehr weit /und
zwar nicht so wohl durch die Waffen / als seine Leutseligkeit / wormit er der
meisten Hispanischen Fürsten Gemüter an sich zoh. Denn es lassen sich durch
keine Wünschel-Rute so wohl die heimlichen Ertzt-Adern erforschen / als
menschliche Hertzen durch den Trieb der Freundschaft; und keine Zauber-Gärte
kann so wohl die Gespenster / als Freundligkeit und Wohltun die Gemüter an sich
ziehen. Er erbaute die mächtige und überaus wohlgelegene Stadt Neu-Cartago;
welche die Römer sehr ins Gesichte stach /und sie gleichsam aus einem tieffen
Schlafe gegen Cartago aufweckte. Alldieweil sie sich aber noch nicht völlig aus
dem Illyrischen Kriege mit der Königin Teuta ausgewickelt / auch von denen
Deutschen und Celten einen neuen Anfall zu gewarten hatten /machten sie zwar
einen grossen Ruff / als auf dessen Gewichte die Kriege offtmals mehr als auf
der Schwerde der Waffen bestehen: dass von Ostia und Cajeta ein mächtiges Heer
nach Hispanien überfahren sollte; ihr gröstes Absehn aber hatten sie auf ihre an
Asdrubaln mit vielen Geschencken abgehende Gesandschaft. Wiewohl nun die in
Italien noch sesshaften Deutschen / König Aneroest und Viridomar Asdrubaln durch
vertrösteten Beistand beweglich in Ohren lagen / nunmehr die Waffen wider Rom
und Sagunt zu ergreiffen; liess er sich doch die Römische Kriegs-Rüstung entweder
schrecken / oder ihre Geschencke blenden: dass er ohne des Rats zu Cartago
Vorbewust / und zum Nachteil des Vaterlands den Römern durch ein neues Bündnis
versprach über den Fluss Iberus seine Botmässigkeit nicht zu erstrecken. Diese
Zeitung kam kaum so geschwinde nach Rom /als die Römer ihre völlige Macht gegen
die Deutschen an- und über dem Po fortrücken liessen. Durch welche Kleinmut /
und einen dem Asdrubal begegnenden Unfall; da er nämlich einen der Gesandten auf
der Jagt mit einem Pfeile tödtlich iedoch zufällig verwundete /ein in der
Deutschen Gesandschaft sich befindender Edelmann derogestalt erbittert ward:
dass er sich umb seine Rache auszuüben in Asdrubals Leibwache bestellen liess; als
aber in wenigen Tagen des Nachts die Reie der Schildwache für seinem Hause an
ihn kam /er sich unvermerckt in das Schlaf-Gemach spielte /und ihm den Degen
durchs Hertze stach. Kurtz vorher war zu allem Glücke Annibal wieder bei dem
Kriegesheere in Hispanien ankommen / welcher eine Zeitlang in Gallien sich
umbgesehen / auch mit den vermessenen Galliern wider König Klodomirn über den
Rhein gesetzt; bei damaliger Niederlage anfangs zwar seine Freiheit verloren /
hernach aber durch seine vielfach erwiesene Kriegs-Wissenschaft Klodomirs
wunder-schöne Tochter Chlotildis erworben hatte. Das Kriegsheer erklärte den
wiewohl sehr jungen doch hertzhaften Annibal in Hispanien alsofort zum Haupte /
der Rat zu Cartago bestätigte ihm seine Würde; und der Ausschlag wiess: dass das
Alter so wenig die check-Schnure der Klugheit / als ein Riesen-Geschöpfe das
eigentliche Wohn-Haus der Tugend sei. Weil nun Volck und Pöfel viel Augen hat
neuer Häupter Fehler zu übersehen / und viel Zungen ihn zu lästern; entschloss er
sich mit einem herrlichen Anfange ihm ein Ansehen zu machen. Denn ein ungleicher
Ruff findet den besten Glauben / und es ist leichter selbtem durch etwas
rühmliches vorzukommen / als desselbten einmalige Flecken durch viel
tugendhaftes Beginnen zu tilgen. Weil nun auch die allergeräumsten
Umbschrenckungen beschwerlich sind; Hannibals Gemüte aber einen grössern
Umbschweiff als die Welt hatte; war ihm der letzte Römische Vertrag ein
unerträgliches Fessel; daher beschloss er bei numehr erholten Kräfften die Stadt
Cartago lieber frei und todt / als gebunden zu sein / und seines Vaterlandes
Herrschaft über den Fluss Iberus zu erweitern. Zumal seine für Rache glüende
Gemahlin Chlotildis /welcher Bruder Concoletan von Römern erschlagen worden ward
/ Annibaln Tag und Nacht in Ohren lag mit den Römern zu brechen / sie ihm auch
von unterschiedenen Deutschen Fürsten schrifftliche Versicherung ihres
Beistandes fürzeigte. Weil nun diss ohne mit den Römern wieder ins Handgemenge zu
kommen nicht geschehen konnte; hierzu aber das gemeine Volck zu Cartago nicht
Lust hatte; ja der Adel die gröste Gewalt des zur Kriegs-Zeit am meisten
überwiegenden Barkischen Geschlechtes mit schälen Augen ansah / stand er an /
diesen Vorschlag selbst aufzuwerffen. Denn ein Kluger soll so viel möglich sich
hüten / nicht allein andern zu widersprechen / als welches eine Verdammung ihres
Urteils ist; sondern auch / dass er nichts vorschlage / welches andere
besorglich widersprechen werden. Sintemal dieses gleichsam heist wider den Strom
schwimmen; und nichts minder zu eigener Gefahr / als zu Verminderung des
Ansehens gereichet. Also muss ein Kluger oft mit seiner Erklärung zurück halten
/ und wenn er es gleich mit den wenigern hält / doch mit den meisten reden. Uber
diss erinnerte ihn der gemeine Lauff menschlicher Dinge: dass selten der Ausschlag
das Ziel der alles erleichternden Einbildung erreichet /dieser ihr Urteil
hingegen auch das schwerste Fürhaben nach der check-Rute des Verlangens
urteilt; und die Grösse der Römischen Macht aber: dass er mit nicht allzu
übermässiger Hoffnung diss wichtige Werck unterfangen sollte. Zumal ihm Amilcar
noch diese heilsame Lehre hinterlassen hatte: mit den Römern nicht ehe zu
brechen / biss er ganz Hispaniens Meister worden wäre. Diesemnach stifftete er
durch die dritte und vierdte Hand an: dass seine untergebene viel von der
Begierde der Deutschen gegen die in Illyricum abgematteten und bei selbigen
Völckern verhassten Römer auffzuziehen / von Beschwerde der Sardinier über das
Römische Joch und die Grausamkeit des Manlius / von deren rechtmässigen Ursachen
wider die Römer zu kriegen / von der erwünschten Gelegenheit sich der nicht so
wohl unerträg- als schimpfflichen Schatzung zu befreien. Welches alles so wohl
dem Adel / als Pöfel lieblich in Ohren klang. Annibal bestärckte inzwischen
diese scheinbare Ursachen mit männlichen Taten. Denn er nahm die reiche Stadt
Altea stürmender Hand ein; worfür Chlotildis das Kriegs-Volck auff einer Seite
selbst behertzt anführte. Das ganze Volck der Olcader ergab sich hiermit unter
Cartago. Hierauff bemächtigte er sich der Stadt Salmantica mit List / der
grossen Stadt Arbucala mit Gewalt / uñ folgends des ganzen Vacceischen
Landstrichs. Hundert tausend der mächtigen und so wohl vierfach stärckern
Carpetaner erlegte er / als sie gegen ihn durch den Fluss Tagus durchsetzten /
auffs Haupt; machte sie auch kurtz hierauff ihm gar untertänig. Und derogestalt
war nichts mehr übrig / als die von Zazyntiern erbaute / in der Gräntze der
Iberier und Celtiberier tausend Schritte vom Meere liegende / und mit den Römern
verbundene reiche Stadt Saguntus im Tarraconensischen Hispanien; welche wegen
für Augen schwebender Gefahr Post über Post nach Rom um Hülffe schickte.
Hannibal / nach dem er so glücklich seinen Zweck und hiermit so grosses Ansehen
zu Cartago erlangt / und seines Bedünckens den die Tugend sonst unterdrückenden
Nebel des Neides überstiegen hatte / meinte nunmehr es Zeit zu sein: dass er sein
Vorhaben zu Cartago auff den Teppicht würffe / ehe das Gedächtnis seiner Siege
und zugleich derselben Wert veralterte. Denn wie die Wercke eines Klugen und
Toren nicht so wohl in ihrem Wesen / als dass jene zur rechten / diese zur
Unzeit geschehen / unterschieden sind; also ist es ein grosser Vorteil sich
seiner Neuigkeit bedienen. Sintemal ein heutiges Lot unserer Taten einen
jährichten Centner grosser Verdienste überwieget. Wie er nun so wohl die
Gemüter des Volcks gewonnen / als selbtem den Eckel für dem Kriege durch die
reichen Beuten verzuckert hatte; schrieb er alle ersinnliche Ursachen: warum
Cartago den Römern nunmehr auff den Hals gehen / oder nur Sagunt antasten
sollten; wormit Rom für sich selbst los schlagen würde; als welches ohne diss die
Hispanier heimlich zum Aufstand verhetzte. Dieser Meinung auch einen grössern
Nachdruck zu geben / reisete seine Gemahlin Chlotildis mit vielen Nachrichten /
und ihr Vetter Magilus der Bojen Hertzog um sein und seiner benachbarten Völcker
Gemüter dem Rate so viel kräfftiger zu eröffnen selbst nach Cartago; daselbst
bearbeitete sich auch des Königs Demetrius Pharius aus Macedonien Gesandter / um
ein Bündnis wider die Römer; welche er über dem Flusse Lissus anzutasten
versprach. Amilcar war kaum drei Tage zu Cartago in seiner Winterrast; da auff
einen Tag Chlotildis und Magilus mit freier Gewalt für Annibaln zurücke kam; wie
auch eine Römische Botschaft mit Verwarnigung / weder Sagunt anzutasten / noch
über den Iberus zu setzen /bei ihm sich einfanden. Hannibal gab dieser
Botschaft auff Chlotildens Einredung zur Antwort: dass die Dräuungen im Kriege
nur schädliche Warnigungen wären / als wie Blitz und Knall zugleich kommen
müste; Gleichwohl beschwerte er sich über die Römer: dass sie zu Sagunt etliche
den Cartaginensern verwandte Adeliche Geschlechter durch schimpfflichen Tod
hingerichtet; die Saguntiner aber in ihrem Gebiete die Torboleter beraubet /
auch wider dieser noch anwesenden Beschwerführung seine billiche Vermittelung
verächtlich ausgeschlagen hätten. Nach zweien Monaten schied die Botschaft von
ihm nach Cartago / daselbst gewisse Enschlüssung zu holen. Amilcar aber / der
mit Sagunt den Römern alle Gelegenheit in Hispanien festen Fuss zu setzen
abschneiden wollte / kam mit seiner Macht unversehens für Sagunt an; beschloss
selbte rings um mit einem Walle /daran Annibal und Chlotildis selbst als gemeine
Kriegs-Knechte Hand anlegten / bei ieder Gefahr sich in die Spitze stellten; und
nach acht Monatlicher Belägerung die nunmehr verzweiffelten Saguntiner / als sie
sich von den kleinmütigen Römern verlassen /alle eusserste Beschirmung aber
verspielet sahen /dahin brachten: dass sie alles Gold und Silber auff dem Marckte
mit Ertzt und Blei unter einander verschmeltzten; hierauff des Nachts einen
Ausfall täten / alle aber biss auff den letzten Mann erschlagen wurden / ihre
Weiber sich teils erheuckten / teils von der Mauer stürtzten; ausser welche
durch Vorbitte Chlotildens erhalten blieben. Also war Saguntus nicht so wohl die
Ursache / als der Anfang des Krieges. Wie aber diese Eroberung den Römern bei
ihren Bunds-Genossen übele Nachrede verursachte / beschlossen sie alsobald und
ohne Beratschlagung den Krieg; und dass der Bürgermeister Tiberius mit
Kriegs-Macht Cartago selbst belägern / der ander aber wider Annibaln auffziehen
sollte. Weil sie aber mit dem Demetrius in Illyricum noch genung zu schaffen
hatten / schickten sie ihren Schluss biss zu völliger Ausrüstung zu verblümen /
eine Botschaft nach Cartago / unter dem Schein die Zwistigkeiten zu
vergleichen. Diese beschwerte sich: dass Hannibal wider das mit Asdrubaln
gemachte Abkommen über den Iber gesetzt / und Sagunt ihre Bunds-Genossen
ausgerottet hätte. Daher im Fall der Rat sich nicht solchen Frieden-Bruchs
teilhaftig machen wollte /müste er Hannibaln und alle seine Ratgeber zu der
Römer Bestraffung aushändigen. Der Rat versetzte: Ob wohl die Römer schon durch
Abdringung Sardiniens und Abheischung einer jährlichen Schatzung den
Lilybeischen Frieden gebrochen hätten / wollten sie doch solch Unrecht vergessen
/ und den Frieden unterhalten. Die Saguntiner aber hätten durch Uberfall der
Torboleter sich an den Hannibal gerieben / und ihren Untergang verursacht. Zu
dem wären diese bei oberwähntem Frieden der Römer Bunds-Genossen noch nie
gewest; sondern nur um der Stadt Cartago einen Dorn in die Augen zu setzen /
hernach in ihren Schutz gezogen worden. Endlich wüsten sie von neuem Bündnisse
Asdrubals nichts / der den Rat ohne ihre Einwilligung zu nichts kräfftig
verbinden können. Aus welchem Grunde die Römer vorher den zwischen Cartago und
dem Römischen Bürgermeister Luctatius in Sicilien gemachten Frieden verworffen /
ihnen aber schwere Bedingungen auffgehalset hätten. Was aber Asdrubal für sich
geschlossen / wäre mit seinem Tode erloschen. Der Römische Gesandte / an statt:
dass er dem Rate noch hätte einhalten können: die Sardinische Sache wäre durch
Erlegung der Schatzungen in der Tat beliebt / der Friede vom Luctatius auff
Genehmhabung des Römischen Rats / Asdrubals aber ohne Bedingung geschlossen /
und darinnen alle / also auch die künftigen Bundgenossen begriffen worden /
öffnete den Rock auff der Schoss; fuhr hitzig und entrüstet heraus: Wir sind
hieher nicht zum Wortgezäncke erschienen; sondern wir fordern Annibaln und
andere Friedbrüchige. Hier stecket Krieg und Friede; was ihr auslesen werdet /
will ich heraus geben. Der König oder Oberste im Rat versetzte: Cartagens
Würde erfordert diss anzunehmen /was ihr heraus ziehen wollt. Hierauff zohe der
elteste Gesandte ein blanckes Schwerd herfür / mit dem Beisatze: Diss ist es /
was uns anstehet. Der Rat rieff hierauff einhellig: wir nehmen es an / weil es
euch gut dünckt. Wormit die / derer Gemüter viel Jahr vorher getrennt waren /
gleichsam für Zorn schäumende vonsammen schieden. Wie nun nach zerrissenem
Bündnisse Hannibal freie Hand bekam ganz Hispanien ihm in weniger Zeit teils
durch Gewalt / teils durch Dräuung / teils Verheissungen zu unterwerffen / und
an Römern sein Heil zu versuchen / liess Hertzog Magilus nicht ab ihn durch
Herausstreichung der fruchtbaren Länder / streitbaren / und den Römern gehässiger
Völcker am Po zum Einfalle in Italien durch Gallien zu bereden. So kam eben zu
rechter Zeit Matalus und Dietrich zwei Bojische Fürsten / als Gesandten /von den
um die Alpen wohnenden Deutschen an /welche dem Annibal selbiger Völcker
bereitete Hülffe anboten; andern Kriegs-Häuptern aber den Traum benahmen; als
wenn über solch Alpen-Gebürge noch kein ander Kriegs-Heer als für Zeiten des
Hercules zu steigen vermocht hätte. Da doch die Gallier und Deutschen mit Weib
und Kindern so vielmahl selbtes durchreiset hätten. Ja sie selbst wären über diss
Schnee-Gebürge nicht geflogen / sondern jetzt gleich über selbtes / und zwar zur
Winters-Zeit kommen /wollten also ihre selbsteigne Wegweiser sein. Der kühne
Hannibal wollte diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen; sondern handelte
mit ihnen ein gewisses Bündnis ab; in welchem unter andern merckwürdig versehen
war: Es sollten die Deutschen den Cartaginensern: dass sie Kriegs-Obersten /
diese aber jenen / dass sie Weiber zu Richtern und Ratgebern hätten / nicht
fürrücken. Diesemnach hielt Hannibal fürs ratsamste den Feind im Hertzen
anzugreiffen; schickte also unverzüglich das Hispaniens gewohnte Kriegs-Volck in
Africa; das Africanische aber verlegte er in Hispanien zur Versicherung / allwo
er seinen Bruder Asdrubal zum Kriegs-Haupte bestellte / und ihm wider der Römer
besorglichen Einfall heilsame Lehren gab. Nach so guter Anstalt zohe er im
ersten Frühlinge mit neuntzig tausend Mann zu Fusse / und zwölff tausend Reutern
über den Iber / brachte alle biss an das Pyreneische Gebürge durch das
Aqvitanische Narbonische Gallien mit funffzig tausend zu Fuss / und fünftehalb
tausenden zu Rosse alles alten abgehärteten Kriegs-Leuten. Die auff Römische
Seite hengenden Gallier gewan er mit Schrecken / die andern mit Geschencken und
Vertröstung: Er käme dahin nicht als ein Feind / sondern Gast /wollte auch den
Degen nicht eher / als in Italien zücken. Hertzog Magilus aber reisete eilfertig
voran; und versicherte die Insubrier / Bojen / und andere Deutschen der
anziehenden Hülffe; welche / weil zumahl die Römer am Po durch Auffricht- und
Besetzung der neuen Stadt Placenz diesen freien Völckern ein Gebiss ins Maul
legten / Annibals nicht erwarten konten /sondern die Waffen ergriffen; aus denen
abgenommenen und denen Römischen Bürgern verteilten Aeckern die neuen
gewaltsamen Besitzer vertrieben / den Lutatius / Servilius / Annius und andere
dahin geschickte Feld-Mässer in Mutina belägerten / und als sie heimlich daraus
sich flüchten wollten / erlegten. Manlius eilte mit einem starcken Heere herzu
die Stadt zu entsetzen; Magilus aber zohe selbtem entgegen / versteckte sein
Heer in einen Wald / und überfiel die daselbst nichts minder als einen Feind
besorgenden Römer mit so grossem Vorteil: dass wenig von dem ganzen Heere auffs
Gebürge entrannen. Ob nun wohl Manlius mit frischen Völckern ihm begegnete / so
schlugen ihn die Deutschen doch abermals mit grossem Verlust in die Flucht;
eroberten sechs Fahnen / und belägerten in der Stadt Tannetum die ganze vierdte
Legion / und die Römisch gesinnten Brixianischen Gallier; biss Lucius Atilius mit
seiner Legion und viel Galliern an- / die Deutschen aber mit grosser Beute sich
zurück zohen. Weil nun aber die Massilier den Römern Annibals Siege in Hispanien
zu wissen machten; schiffte der Bürgermeister Publius Scipio mit einem
ansehlichen Heere von Pisa ab an dem Ligustischen Meer-Strande biss nach Massilien
/ in Meinung biss in Hispanien zu segeln. Er erfuhr aber daselbst mit Erstaunung:
Annibal habe nicht nur das Pyreneische Gebürge hinter sich gelegt / auch die ihm
widerstehenden Narbonischen Gallier zerstreuet /sondern sei auch schon begriffen
über den Rhodan zu setzen. Sintemal die zwei deutschen Fürsten Matalus und
Dietrich die auff der West-Seite des Rhodans wohnenden Ardves / wie auch die
Deutschen an dem Fluss Araris schon vermocht hatten: dass sie Hannibaln eine
grosse Menge Nachen zu Fertigung einer Schiffbrücke den Strom herab brachten.
Die Kriegsvölcker höleten auch unzehlich viel Bäume zu Nachen aus. Die
Volcaischen Gallier alleine zohen sich mit allen ihrigen auff die Ost-Seite des
Flusses / und boten mit der Massilier Hülffe Annibaln an dem Strande die Stirne.
Dahero führte Fürst Dietrich ein Teil des Heeres unter dem jungen Hanno
Bomilcars Sohne unvermerckt eine Tagereise am Rhodan hinauff; allwo der Rhodan
in sich ein kleines Eyland macht. Daselbst machten sie des Nachtes in dem
anliegenden Walde eine Menge Flössen zusammen / kamen also unverhindert über den
Fluss; hiermit rückten sie auff der Ost-Seite Stromwerts wieder ab / berichteten
ihre Uberkunft und Anzug Annibaln; welcher denn alle Schiffe mit Volck besetzte
/ und darmit überzukommen versuchte. Als nun die Massilier und Gallier dieses zu
verwehren eusserst arbeiteten; fiel Hertzog Dietrich mit neuen deutschen
Hülffs-Völckern und Hanno mit seinen Mohren ihrem Feinde in Rücken; erlegten
derer viel tausend; also kam Hannibal mit einem grossen Siege über den Rhodan.
Wiewohl er mit Ubersetzung der das Wasser überaus fliehenden Elephanten / denen
er eine Schiffbrücke bauen / und selbte mit Rasen besetzen musste / unglaubliche
Mühe anwendete; derer etliche zwar auch bei Losstrennung eines an die am obersten
Ufer stehenden Bäume angebundenen Schiffes in Fluss stürtzten / aber mit empor
gereckten Schnautzen doch herdurch wateten. Allhier kam der tapffere Magilus mit
Bericht seiner Siege und zum Wegweiser wieder bei Annibaln; Publius Scipio aber
mit seinem Heere am Rhodan wiewohl zu spat an / weil Annibal schon drei Tage
vorher am Rhodan hinauff / über den durch der Vecontier Land flüssenden
gefährlichen Strom Druentia gediegen war. Das vierdte Nachtlager schlug Annibal
in der Tricassnier Gebiete am Flusse Isara auff; Allwo zwei Allobrogische Fürsten
über ihrem zwischen dem Rhodan und Isar in Gestalt eines Eylandes liegenden
Erbteile mit einander zwistig waren / Annibaln aber ihren Streit zu entscheiden
untergaben. Annibal sprach wider Bertolden für den Brancus / als welcher auch
für sich das Recht der Erstgeburt hatte / und Annibaln an Volck und nötigem
Vorrate allen möglichen Vorschub zur Reise tat. Allhier stiessen zu Annibaln
etliche tausend Alemänner und Nemeter unter dem Fürsten Hulderich der Chlotildis
jüngsten Bruder; Fürst Bertold aber nahm seine Zuflucht zu denen benachbarten
Fürsten der Centroner und Veragrer / brachte auch durch seine klägliche
Beschwerden es so weit: dass diese Völcker in aller Eil alle Lücken der Alpen
gegen Annibaln besetzten / der zwischen dem Rhodan und dem Isar seinen Weg
unsäumbar verfolgte. Bertold aber war allzuhitzig / liess sich mit seinen im
Vorteil stehenden Völckern für der Zeit sehen; da er hingegen bei derselben
Verdeckung Annibals Heer in den tieffen Tälern mit schlechter Müh sonder einige
Gefahr durch Abweltzung der Steine hätte ausrotten können. Hingegen kundschafte
Fürst Hulderich von etlichen Galliern aus: dass sie des Nachts diese Berg-Engen
unbesetzt liessen / und sich teils nach Axima / teils nach Novimagum zurück
zügen. Annibal brach hierauf in höchster Eil des Nachts aus seinem Läger auff /
bemächtigte sich dieser felsenen Pforten /und führte das ganze Heer Berg auf.
Am Morgen fielen die Gallier und Allobroger Annibaln grimmig an /täten ihm aber
nicht so viel Schaden / als das abschüssige und enge Gebürge; von welchem ihrer
viel und insonderheit Pferde und andere Tiere mit grosser Menge abstürtzten.
Endlich aber ward Fürst Bertold vom Hertzoge Magilus von einem Pfeile tödtlich
verwundet / und nicht alleine der Feind verjaget / sondern auch die Stadt Axima
mit grossem Vorrate erobert / allwo er drei Tage sein abgemattetes Heer
erfrischte; die benachbarten Gallier aber derogestalt erschreckte: dass sie von
allen Orten mit Oelzweigen ihm entgegen kamen / um seine Freundschaft baten
/und alles nötige reichlich zuführten. Zwei Tage reisete Annibal derogestalt
friedlich durch das Centronische biss in das Veragrische Gebiete / da ihn denn in
einem tieffen um und um mit steilen Klippen umgebenen Tale die missträulichen
Gallier abermals anfielen; also: dass es hier um sein ganzes Heer getan gewest
wäre / wenn der schlaue Annibal aus einem vernünftigen Misstrauen nicht die
Elefanten und alles Kriegs-Geräte mit der Reuterei allezeit zu voran geschickt
/ den Kern des Fussvolckes / und insonderheit die der Felsen gewohnte Deutschen
aber im Rücken behalten hätte. Gleichwol war es ein hartes Treffen /und musste
nach des ganzen Tages Gefechte Annibal auf einem kahlen Berge übernachten; er
erreichte auch allererst folgende Nacht seinen Vortrab. Folgenden Tag machten
die Gallier zwar hin und wieder Lermen / aber ohne Nachdruck. Denn so bald sie
die ihnen ganz fremden Elefanten ersahn / trieb sie die Furcht zurücke. Den
neundten Tag erreichte Annibal den längst gewünschten höchsten Penninischen
Gipffel /von welchem man gegen West Gallien / gegen Sud-Ost aber das lustige
Italien übersehen kann. Diesen Berg verehren die Gallier nichts minder / als die
Syrier den Carmelus; nennen ihn auch die Säule der Sonne. Auf dem Gipffel stehet
der Verager Gott Pennus in Risen-Grösse in Marmel ausgehauen. Auf selbtem
entspringt der Fluss Dranse / und noch ein ander /jener laufft gegen Mitternacht
in den Lemannischen See / dieser gegen Sud-Ost in den Strom Duria; welcher
Annibaln gleichsam einen Wegweiser biss an den Fluss Po abgab. Weil nun Annibaln
das Wetter fugte /lag er zwei Tage auf dieser Höhe stille; nicht so wohl: dass
sein Heer daselbst ausruhte; als dass er ihm die Zähne nach denen Herrligkeiten
des im Gesichte liegenden Italiens wässricht machte. Nach dem Andacht und
Gottesdienst auch das festeste Band der Gesetze /der sicherste Kapzaum des
Volckes ist / vergass Hannibal nicht auf diesem alle andere Berge überragenden
und desshalben so viel heiligern Berge dem Jupiter /dem alle Gipffel gewiedmet
sind / zu opffern; setzte auch dem Pennus das Bild des Ammonischen Jupiters
gegen über. Auff der Seiten aber grub er in einen Steinfelss: Annibal der
Cartaginenser Feldherr / welcher am allerersten mit einem Heere über diese Höhe
in Italien gedrungen / leget dem Jupiter und dem Schutz-Gotte dieses Gebürges
ein heiliges Gelübde ab: dass / da sie ihn die beschworne Zerstörung der Stadt
Rom bewerckstelligen lassen / er auff die Spitze dieses Berges einen grössern
Tempel / als in Rom keiner ist / bauen / und den Capitolinischen Jupiter drein
setzen wolle. Ob nun wohl auch Annibal beim Aufbruche seinem Heere die nicht mehr
allzu ferne Gegend der Stadt Rom / als welcher Stadt Mauern sie so wohl / als
Italiens mit diesen Bergen überstiegen /ungefähr anwiess; so grausete doch allen
für dem gähen und engen Abwege; zumal der die Nacht vorher häuffig-gefallene
Schnee Berge und Täler ausgegleicht hatte; also: dass viel nur einmal
fehltretende Menschen oder Tiere von den Abgründen verschlungen wurden / und
nicht einst eine Spure zu anderer Verwarnigung hinter sich verliessen. Die
gewohnte Müh des abgehärteten Heeres überwand gleichwol alle Beschwernüsse /
ungeachtet die wegen gewohnten Schnee und Eises an die Spitze gestellten
Deutschen Fuss für Fuss mit Schauffeln sich durchscharren mussten. Endlich aber
gerieten auch die Hertzhaftigsten in Verzweiffelung / weil die Natur ihnen
selbst einen Rigel vorgeschoben / und tausend Schuch hoch einen Fels von dem
Wege abgespalten hatte; also: dass über diese Tieffe zu kommen nicht Füsse /
sondern Flügel von nöten schienen. Der hierüber zwar ängstige / aber sich doch
euserlich unerschrocken gebehrdende Annibal suchte anfangs zwar einen Umweg über
ein von viel-jährigem Schnee angefülltes Tal; aber die schweren Tiere und
Menschen traten durch den neuen oben nur gefrornen Schnee bald durch /und
versancken in den unterhalb wässrichten Sumpf; also: dass nach ziemlichem Verlust
Annibal selbst fast nicht wusste / wo er sich hinwenden sollte. Gleichwohl liess er
seinen Kummer nicht mercken; entschloss sich also die Unmögligkeit selbst zu
überwinden / und über die abschüssige Höhe ihm einen Weg zu bähnen; wohl wissende:
dass auch eine verzweiffelte Ausrichtung besser / als eine nichts entschlüssende
Sorgfalt sei. Zumal Elefanten und andere Tiere auf diesen rauen Klippen schon
halb verhungert waren. Diesemnach liess er alle in der nähe stehende Bäume
abhauen / Schnee und Erde herzu schleppen / auff Anleitung der Deutschen die
Klippen mit Feuer und Eisen zersprengen / alles diss aber von der Höhe hinab
stürtzen / und also einen Weg ausgleichen: dass er den vierdten Tag erstlich das
Vieh / hernach die Menschen herunter führen konnte / und nach dreitägiger Ruhe
endlich im fünften Monat der Reise die erwünschte Fläche Italiens erreichte /
und nach hinterlegtem Salassischem Gebiete zwischen den fruchtbaren Flüssen Duria
und Sessites bei denen ihn mit Freuden bewillkommenden Libiciern an Kräfften sich
erholete; sintemal er nach Verlust der Helffte seiner eigenen Völcker mehr nicht
als zwantzig tausend zu Fusse / und sechs tausend Reuter allhier übrig hatte /
aber alsbald mit zehn tausend auserlesenen Deutschen verstärckt ward; welche aus
Helvetien über das Adulische Gebürge / und so fort auf dem Flusse Ticin und über
den Verbanischen See vermöge des mit Annibaln gemachten Bündnüsses dahin an- und
ihm wohl zu statten kamen. Denn weil die Römer den Atilius mit einer starcken
Macht dem Manlius wider die Bojen und Deutschen am Po zu Hülffe geschickt hatten
/ die mit denen Insubrern kriegende Tauriner auch die Römische Seite hielten
/und Cneus Scipio mit einem noch mächtigern Heere im Abzuge war; scheuten sich
diese mehrmals gewitzigten Völcker / ehe sie von Hannibaln was merckwürdiges
sähen / sich öffentlich zu ihm zu schlagen. Weil die Tauriner aber sich für
Feind erklärten; fiel ihnen Hannibal als ein Blitz über den Hals / belägerte
ihre am Po und dem obern Flusse Duria gelegene Hauptstadt; eroberte selbte auch
den dritten Tag stürmender Hand. Welches nicht allein ihm den Zufall der
Insubrer / sondern selbiger ganzer Gegend erwarb /auch verursachte: dass die
Römer den nach Africa befehlichten Bürgermeister Tiberius vom Lilybeischen
Vorgebürge zurück forderten. Wie nun aber Annibal am Po herab zoh / ward ihm
angesagt: dass der von Massilien zurück schiffende Publius Cornelius Scipio mit
seinem Heere bereit oberhalb Placentz über den Po gesetzt hätte / und über den
Fluss Ticin eine Brücke schlüge. Wenig Tage hernach begegneten beider Heere
Vortrab einander harte am Po; da aber die Römer von Annibals Reuterei bald
zertrennet / von den Numidiern umgeben / und meistenteils erlegt wurden. Fürst
Magilus verwundete den Bürgermeister selbst / hätte ihm auch gar den Rest
gegeben / wenn ihn nicht sein Sohn ein tapfferer Jüngling von siebzehn Jahren /
der hernach der Africanische Scipio genennet ward / bei aller andern Römer
Zagheit beschirmet / und ihm sich der Gefahr zu entziehen Lufft gemacht hätte.
Publius musste derogestalt nicht nur den Fluss Ticin verlassen / sondern auch über
den Po zurücke weichen. Hannibal aber lag dem Feinde fort für fort in Eisen /
bekam sechs hundert bei der abgebrochenen Brücke gelassenen Römer gefangen / und
nunmehr die um den Po wohnende Deutschen Völcker Hauffenweise zu sich; ging
darmit auf einer Schiffbrücke über selbten Fluss biss für das Römische Lager bei
Placentz. Nach dem Annibal auch den Publius vergebens zur Schlacht ausgefordert
hatte; redete im Römischen Lager Albert ein Deutscher Fürst / welcher von den
Römern unters Joch gebracht / und ihnen zu dienen gezwungen war / seine
unterhabende Völcker auf: dass sie durch ihre Tapfferkeit sich wieder in Freiheit
setzen sollten. Diese überfielen des Nachts die neben ihnen liegenden Römer in
ihren Zelten / schnitten wohl vier tausenden die Köpffe ab / brachen / ehe
Publius wider diesen Anfall genungsame Anstalt machte / durch ein Tor aus dem
Läger / und kamen des Morgens / als zugleich die Bojen mit denen voriges Jahr
gefangenen Römern sich einfanden / zu Hannibaln / welcher alle mit schätzbaren
Köstligkeiten beschenckte; und teils seine Freigebigkeit auszubreiten wieder
von sich nach Hause liess. Publius Scipio ward durch den Abfall der Bojen und
anderer Deutschen euserst erschreckt; daher brach er des Nachts stillschweigend
auff / setzte über den Bach Trebia / und verschantzte sich auff einem darbei
liegenden vorteilhaften Hügel. Die Numidische Reuterei aber ereilte den
Römischen Nachzug / und hieb alles zu Bodem. Annibal schlug nahe darbei sein
Läger auf / kauffte vom Römischen Hauptmanne Brundusin ihr Kornhauss die Stadt
Clastidium; also: dass er durch diese Verräterei und derer Deutschen Zufuhre im
feindlichen Lande mehr Vorrat als die Römer hatten. Inzwischen stiess Tiberius
Sempronius mit seinem mächtigen Heere zum Scipio; welcher durch etliche
Scharmützel so hochmütig ward: dass ihn der noch von seiner Wunde bettlägrige
Scipio die Liefferung einer Schlacht nicht erwehren konnte / welche Hannibal /
weil die Römischen Krieges-Leute noch ungeübet / die Deutschen aber noch in der
ersten Hitze waren / und durch eine grosse Tat in Italien den Grund des Krieges
zulegen für nötig hielt / auffs sehnlichste verlangte. Sintemal die Sternseher
nicht so genau aus dene bei der Geburt scheinenden Sternen /als Kriegsleute aus
dem ersten Gefechte eines Feldherren den künftigen Glücks-Lauff wahrsagende
urteilen. Hierinnen nun keinen Fehltritt zu tun / raffte er alle seine
Kriegs-Künste zusammen / und versteckte auff der zwischen beiden Lägern
befindlichen Fläche seinen Bruder Mago mit tausend auserlesenen Reutern / und
den Fürsten Dietrich mit tausend Deutschen Fussknechten zwischen die ziemlich
tieffen Ufer einer daselbst rinnenden mit hohem Schilf und Senden bewachsenen
Bach; liess auch des Nachts das ganze Heer erqvicken / und zur Schlacht sich
rüsten; mit dem ersten Morgen aber 2000. Numidier biss unter den Römischen Wall
streiffen. Tiberius hingege mit seiner Reuterei und 6000. Bogenschützen alsbald
auf sie einen Ausfall tun / auch die mit Fleiss fliehenden durch den des Nachts
vom zerschmoltzene Schnee und gefallenem Regen angeschwollenen Strom Trebia
verfolgen / ob ihnen schon das Wasser biss an die Brust ging. Añibal wollte diese
erwünschte Gelegenheit / welche nach einmal gekehrtem Rücken niemanden leicht
wieder das Antlitz zukehrt / nicht aus Händen lassen / schickte daher den
Numidiern die Balearischen Schützen / und der Bojen leichte Reuterei 8000. Mann
starck alsbald zu Hülffe. Weil diese sich an den Feind hiengen / führte er 6000.
Africaner /6000. Hispanier / 4000. Alemänner / 2000. Catten /und 2000. allerhand
andere Deutschen / alles auserlesenes Fussvolck aus dem Läger / und stellte sie
in einer Reihe in Schlacht-Ordnung / auf iede Seite 5000. Reuter / meist
Hispanier / Africaner und Deutschen; derer rechten Flügel Fürst Magilus / den
andern Matalus führte; Er aber selbst und seine gewaffnete Chlotildes
beobachteten die Mitte. Tiberius hätte auf des Scipio ungedultiges Zureden sein
hungriges Volck zwar gerne zurück gezogen / aber er hatte sich zu tief
eingelassen; also / da er seine acht biss 10000. Mann nicht mutwillig in die
Schantze setzen wollte; weil die Bach und die Geschwindigkeit der Numidier keine
vernünftige Zurückweichung verstattete / musste er mit dem übrigen Heere nur
auch aus dem Läger rücken; welches in 36000. Fuss-Knechten / und 4000. Mann
Reuterei bestand; unter welchen 20000. Hülffs-Völcker / und zwar meist zwischen
denen Flüssen Mae / Po und Atesis wohnende / und fast alleine nur noch den
Römern treuverbliebene Cenomänner waren. Diese Macht war wo an der Zahl stärcker
/als Annibals. Aber seinen Führer Tiberius machte sein erste Versehen schon
kleinmütig / und diss: dass er wider Willen schlagen musste / verdammte alles /was
er oder die Seinigen hernach gleich gutes ausrichteten. Uber diss liess sich der
Anfang der Schlacht bald zum ärgsten an. Denn das Fussvolck beider Heere war noch
nicht völlig an einander / als die Römische Reuterei in schimpfliche Flucht
geriet. Als diese Magilus verfolgte / brach Fürst Matalus mit den Elefanten in
die schwere Rüstung der Römer zur Seiten ein. Endlich fiel Mago mit seinen
versteckten Reutern /und Fürst Dietrich mit seinem Fussvolck den Römern in
Rücken; worvon das ganze Römische Heer auf einmal verwirret / zertrennet / von
Elefanten und Pferden zertreten / die flüchtigen in den Strom Trebia getrieben /
und ersäufft wurden; also von 50000. Mann nicht der fünfte Teil nach Placentz
ertran. Hingegen war auf Annibals Seite der Verlust geringe; und hatten die
Deutschen und Bojen in diesem frostigen Treffen diemeiste Hitze ausgestanden;
insonderheit aber weil sie 10000. gegen Placentz durchbrechende Römer mit
euserster Gewalt aufhalten wollten / durch ihr Blut fast alleine den herrlicher
Sieg erkaufft; welchen der unvorsichtige Tiberius vergebens zu verblümen suchte
/ da er den Römischen Rat wissen liess: der Wirter hätte ihm den Sieg aus den
Händen gebunden. Alleine die darauf erfolgende Eroberung des Römischen Lagers /
der Abfall ganzer Völcker / die Umschlüssung der entflohenen Römer / welchen
aller Vorrat mit genauer Not vom Adriatischen Meere auf dem Po zu Schiffe
musste gebracht werden / verriet alsbald die Warheit der Sache / und erregte zu
Rom ein so grosses Schrecken: als wenn Annibal schon für den Pforten wäre.
Annibal hingegen liess alle gefangene Italer los / vorgebende: dass er nur wider
die Römer zu kriegen / denen von ihnen unters Joch gespanneten Völckern aber die
Freiheit wieder zu geben in Italien kommen wäre. Hierauf zerstreute Fürst
Matalus mit 4000. Deutschen / und 500. Numidiern / 35000. auf der Römer Seiten
stehende Anamaner / eroberte die Festung Vicumnia; Annibal aber hielt nicht für
tulich die Deutschen und Gallier / als die Werckzeuge seines Sieges mit langer
Winter-Verpflegung zu bebürden; weil die Last der Bundsgenossen beschwerlicher /
als des Feindes; also mehrmals eine Ursache schädlicher Trennung ist. Daher
belegte er nur die Tauriner / und die / welche ihm die Spitze geboten hatten /
und zohe im ersten Frühlings-Anfange / entweder weil er von Natur zu
beschwerlicher Mühsamkeit geneigt / oder hierdurch sein Kriegsvolck für der
Verzärtelung zu bewahren gemeint war /den zwar kürtzesten und daher von Römern
am wenigsten besetzten / an sich selbst aber schlimsten Weg über das
Apenninische Gebürge / und hernach durch eitel vom über giessenden Flusse Arnus
gemachte Pfützen und Sümpffe in Hetrurien; in welcher das Heer ganzer vier Tage
warten musste; worvon vielen Pferden das Horn von Füssen fiel / Annibal aber
selbst vom Winde und Platz-Regen ums Gesichte eines Auges kam; ja er den
Galliern misstrauende durch Verwechselung der Kleider und fremd-angenommener
Haare sich mehrmals verstellte. Inzwischen hatte der Bürgermeister Flaminius ein
neu mächtiges Heer versamlet / ihm auch der König in Sicilien Hiero eine
ansehnliche Hülffe zugeschickt. Mit diesem rückte er biss an Aretium; hatte auch
noch den andern Bürgermeister Servilius mit einer grossen Macht zu erwarten.
Annibal spürte alsbald des Flaminius Hochmut aus; der aus allzu gewiss
eingebildetem Siege eine grosse Menge Ketten und Fessel die Feinde in Eisen zu
schlagen mit sich führte; daher brach er aus der Fesulanischen Gegend auf
/durchstreiffte mit Raub und Brand das Land / zohe bei des Flaminius Läger
vorbei / und zwischen der Stadt Cortona und dem Trasimenischen See gerade auf
Rom zu. Flaminius schäumte für Zorn: dass ihn Annibal so verächtlich am Rücken
gelassen hatte; daher verfolgte er Annibaln blind und unvorsichtig biss an den
See; welcher dieses vernehmende des Nachts am Trasimenischen See alle Hügel mit
Deutschen besetzte; Er selbst aber mit den Mohren und Hispaniern an dem
innersten Hügel sich in Schlacht-Ordnung stellte. Wie nun Flaminius des Morgens
/ungeachtet des dichten Nebels das gröste Teil seines Heeres in das rings um
besetzte Tal fortrücken liess /bot Annibal ihnen unversehens die Stirne. Als sie
nun in diesem Gedränge sich vorwärts in Schlacht-Ordnung zu stellen bemüht waren
/ fielen die Fürsten Magilus / Dietrich und Matalus auf dreien Seiten mit ihren
streitbaren Deutschen wie der Hagel über die Römer; also: dass die rings
umgebenen Römer bei so dickem Nebel nicht wussten: ob die Feinde aus den Wolcken
ihnen über den Hals kämen. Die Römer wurden im ersten Angrieffe in Unordnung
bracht; viel konten wegen des Gedränges nicht einst die Schwerdter zücken /
keiner aber einige Lantze brauchen. Ein Deutscher Ritter Ducario / welcher
tausend Insubrer führte / erkennte den Flaminius; und weil er seine Schwester
ihm in vorigem Kriege weggeführet hatte /drang aus absonderer Rache gegen ihm
durch die ihren Bürgermeister vergebens verfechtenden Römer wie ein Blitz durch
/ rennte seinen Waffenträger zu Bodem / den Flaminius aber mit der Lantze durch
und durch; hernach hieb er ihm nach Verdienst den Kopff ab; weil er das Haupt
eines so tapffern Heeres zu sein unwürdig war. Funfzehn tausend Römer / welche
weder ihre Kriegs-Gesetze / noch die Beschaffenheit des Ortes fliehen liess /
wurden in Stücken gehauen oder zertreten. Mago und Maharbal traffen inzwischen
auff das zwischen dem See und den Bergen fortziehende Römische Heer mit einem
solchen Ungestüm: dass die meisten ihr Heil in dem Wasser suchten / aber entweder
von Schwerde der Waffen in Grund gerissen / oder von der Reuterei zu Bodem
gerennt wurden. Viel kamen durch eigenhändigen Tod der Grausamkeit ihrer Feinde
für. Am merckwürdigsten aber war: dass die Hitze der Sieger / und das Schrecken
der Uberwundenen allen die Wahrnehmung des sich bei währender Schlacht
zutragenden Erdbebens entzoh / welches doch Städte über einen Hauffen warf /
ganze Flüsse verleitete / und Berge abstürtzte. Rhemetalces fiel ein: Ich
wundere mich nicht: dass Furcht und Schrecken die Besiegten so unempfindlich
gemacht habe; weil ich weiss: dass diese henckerische Gemüts-Regung etlichen in
einer Nacht graue Haare heraus getrieben / ja blutigen Schweiss ausgeprest /oder
auch viel gar auf der Stelle getödtet habe. Dass aber die Uberwünder / welche die
Vernunft besser zu rate halten könten / so wenig gefühlt haben sollten /wäre
was gar ungemeines. Malovend antwortete: diss ist nichts seltzamers / als jenes.
Denn die Tapfferkeit ist kein so heftiges Feuer / welches so wenig fühlet /so
sehr es von andern gefühlet wird. Sie sieht nichts über ihrem Haupte / alles
aber erschüttert sich unter ihren Füssen. Es ist wahr / sagte Adgandester. Und
daher antwortete jener Feldhauptmann Hertzog Marcomirs einem Fragenden: Ob bei
währender Schlacht die Sonne / wie bei Zeugung des Hercules der Monde am Himmel
stille gestanden hätte? gar recht: Er hätte auf der Erde so viel zu schaffen
gehabt: dass er nicht Zeit gehabt sich nach Wunderzeichen umzusehen. Alleine in
der Trasimenischen Schlacht waren die Schwerdter der Africaner und Deutschen
bei den bestürtzten Römern empfindlicher / als das Erdbeben. Denn ihrer 6000.
flüchteten sich darfür / erreichten auch zwar die Höhe der Berge / und endlich
nach dem sie bei fallendem Nebel die Abschlachtung des ganzen Heeres wahrnahmen
einen gegen Tifernum zuliegenden Flecken; Alleine dieser ward vom Fürsten
Magilus und Maharbal bald umrennet / und die Flüchtigen sich auff Gnade und
Ungnade zu ergeben gezwungen. Aus 20000. Gefangenen liess Annibal alle Lateiner
frei in ihr Vaterland ziehen / die Römer aber wurden unter die Sieger
verteilt. Annibal hatte in allem nur 1500. Mann verloren / meist Gallier und
Deutschen; darunter dreissig hertzhafte Edelleute / insonderheit aber Fronssberg
/ Reinach / Polheim / Arberg / Froburg / Heusenstein / Mettburg / Eyzing /Malzan
/ Windeck / Pogrel und Greiffenberg ihrer Heldentaten halber berühmt waren /
die Annibal desshalben auff so viel Hügeln beerdigen / und iedem ein Grabmal aus
Marmel auffrichten liess. Des Flaminius Leib wollte er gleichfals begraben / aber
weil die Deutschen ihrer Gewohnheit nach etlich tausenden die Köpffe abgehauen
hatten / war er nicht zu erkennen. Darbei Annibal denen / die seine Leiche
vergebens suchten; nachdencklich dieses Merckmal andeutete: Sie würden nicht
irren / wenn sie einen von Windsucht aufgeschwellten Leichnam unter den Todten
anträffen. Dieser herrliche Sieg war kaum vorbei / als ein Deutscher am Flusse
Sapis begüterter Ritter Losenstein Annibaln spornstreichs die Post brachte: dass
der in Umbria an dem Flusse Ariminus stehende Bürgermeister Cneus Servilius von
seinem Heere 4000. auserlesene Reuter dem Flaminius zu Hülffe schickte. Maharbal
zohe mit seinen Numidiern / Fürst Dietrich mit der Deutschen Reuterei diesen
alsofort entgegen /umringten sie unversehens bei dem Brunnen des Flusses
Metaurus / erlegten anfangs die Helffte / hernach zwangen sie die übrigen
geflüchteten auf den Berg / unter welchem die Tiber entspringt: dass sie sich mit
ihrem Führer Centronius ergeben mussten. Annibal liess hierauf sein Heer
allentalben freie Beute machen / setzte bei Vettona über die Tiber /bei Spolet
fürbei und an dem Flusse Nar unter dem Berge Fiscellus in die Picenische der
Prätutier / Marruciner / Peligner und Ferentaner Landschaft / darinnen so viel
Raub zusamen gebracht ward: dass selbten das sich täglich von Deutschen und
Galliern vergrössernde Heer kaum schleppen konnte. So gross das Schrecken nun zu
Rom wer / und daher Servilius mit seinem Lager nur zu Besetzung der Stadt Rom
eilte /so weit breitete Annibal seine siegreiche Waffen aus /drang in Apulien /
und verheerte die Daunier / Peuceter und Mesapier biss an das euserste
Sallentinische Vorgebürge. Wie er aber vernahm: dass zu Rom Qvintus Fabius
Maximus zum obersten und vollmächtigen Kriegs-Haupte / Marcus Minucius zum
obersten Befehlhaber über die Reuterei gemacht war /beide auch mit des Servilius
Kriegs-Heere und vier neuen Legionen bei den Dauniern gegen ihn ankamen; zohe er
ihnen entgegen / und stellte bei der Stadt Aece an dem Flusse Cerbalus sein Heer
in voller Schlacht-Ordnung für das Römische Lager dem Fabius unter Augen. Weil
aber der lauschende Fabius zu keinem Treffen zu bewegen war / noch auch / als
Fürst Magilus / Dietrich und Matalus ihn zum Zweikampfe ausforderten / er einige
Entrüstung von sich spüren liess; also: dass ihn nicht allein der gemeine Mann /
sondern auch der hitzige Minucius als einen Zaghaften verachtete / rückte er
über den Apennin in das fette und unerschöpfliche Samnium / nahm Benevent und
Venusia ein / und drang endlich über die Berg-Enge Eribanus in Campanien /
nehmlich in den rechten Lustgarten und in die Schmaltzgrube nicht nur Italiens /
sondern der ganzen Welt / biss an den Fluss Vulturnus in das Falernische Gebiete.
Wiewol auch Fabius allezeit eine Tagereise weit ihm auf der Seite über den Berg
Massicus nachfolgte / so liess sich Annibal doch an Durchstreiffung ganz
Campaniens nicht hindern. Fabius meinte zwar hierauf durch Besätzung der
Eribanischen Berg-Enge / wordurch der in dem Casallinischen Tale stehende
Annibal mit seiner reichen Beute aus dem nunmehr eingeäscherten also zum
Winterlager undienlichen Campanien den Rückweg zu nehmen anzielte / Annibaln ins
Gedrange zu bringe. Dieser aber liess bei Anbrechung der Nacht Asdrubaln 2000.
Ochsen gegen den Berg Callicula antreiben / und alsdenn die an iedes Horn
gebundene Fackeln oder dürres Rebenholtz anzünden. Wie nun diese Ochsen an dem
Gebürge hinauf steigen / und von ferne viel tausend hin und wieder lauffender
Menschen fürbildeten; verliessen die zaghaften Römer die besetzte Berg-Enge /
teils aus Furcht umringt zu werden / teils in Meinung dem über den Berg
steigenden Feinde zu begegnen / und liessen nicht nur durch selbte Annibals
ganzes Heer entwischen / sondern die Hispanier erschlugen auch auff den Morgen
tausend Römer. Annibal stellte sich hierauff / als wenn er durch Samnium nach
Rom wollte / ging aber durch die Pelignische Landschaft wieder in Apulien /nahm
die Stadt Gerion ein / befestigte darbei sein Läger / und verlegte zwei Drittel
seines Heeres von dem Flusse Aufidus an biss an den Strom Freuto. Fabius hingegen
reisete aus gewisser Andacht nach Rom / übergab das an dem Flusse Tifernus
eingelegte Heer dem Minucius; welcher nach etlichen glücklichen auff die
streiffenden Mohren getanen Streichen Annibaln im Lager gar zu belagern sich
erkühnte; von sich aber ruhmrätig nach Rom schrieb: Ein kluger Feldherr
/welcher die Vernunft im Kopffe hätte / führte das Glücke zugleich in den
Händen / und trete alle widrige Zufälle unter die Füsse. Annibal zohe sich
endlich gar unter die Mauern der angefüllten Stadt Geryon; Die hierüber allzu
früh frolockenden Römer aber machten den Minutius zum andern gevollmächtigten
Feldherrn / als mit welchem der zurück kommende Fabius das Heer teilen musste.
Annibal nahm hierüber zu seinem Vorteil die Zwistigkeit der Römischen Feldherrn
/ und die Vermessenheit des Minutius wahr / versteckte daher des Nachts
Maharbaln mit 500. Reutern / den Mago und Fürsten Matalus mit 5000. Deutschem
und Hispanischem Fussvolk in zwei und drei hunderten hinter die zwischen beiden
Lägern aufschüssende Hügel; früh aber liess er Asdrubaln mit etlich tausend
Galliern und Africanern eine sichtbare Höhe des Berges einnehmen. Minutius liess
alsbald die leichten Reuter und unlängst darnach den schweren Reisigen Zeug auff
den Feind los gehen / er selbst folgte auch mit den Legionen nach. Hingegen
schickte Annibal Asdrubaln die Numidier zu Hülffe; als aber beide Teile hitzig
auf einander traffen / fiel Mago / Maharbal und Matalus den Römern in Rücken und
in die Seiten / brachten also das ganze Heer des Minutius in Verwirrung. Wäre
nun der verachtete Fabius dem vermessenen Minutius nicht zum Entsatze kommen /
so würde es abermals um das ganze Römische Heer getan gewest sein; wiewol
Minutius ohne diss über 6000. Mann im Stiche liess. Daher er sich und sein ganzes
Heer freiwillig dem Fabius unterwarf / und mit allgemeinem Schaden lernte: dass
im Kriege öffter durch Ubereilung / als durch Langsamkeit gefehlt werde. Nach
Auswinterung des Heeres /da inzwischen die Römer unter den neuen Bürgermeistern
Lucius Emilius / und Cajus Terentius / wie auch dem Cneus Servilius ohne die
Hülffsvölcker acht Legionen zusammen gezogen hatten / überrumpelte Magilus das
Schloss zu Canna an dem Flusse Aufidus / in welches die Römer aus der Stadt
Canusium allen Vorrat geführt hatten. Weil nun derogestalt der Römer
Bundgenossen vom Feinde gäntzlich ausgesogen /und nunmehr durch so langsamen
Krieg zu wancken veranlast wurden / schickte der Rat beide Bürgermeister ins
Feld / mit Befehl zu schlagen. Emilius und Terentius / welche einen Tag um den
andern Befehl erteilten / zwisteten sich aber alsbald / weil jener im flachen
Felde mit dem Feinde nicht treffen wollte; dieser aber an seinem Tage das Heer
harte für des Feindes Läger führte / und mit selbtem ein ziemlich glückliches
Gefechte hielt. Weil nun Emilius folgenden Tag / wie gerne er gewolt / sein Heer
nicht zurücke ziehen konnte / verschantzte er sein Läger nicht weit vom Flusse
Aufidus. Annibal hingegen wollte sich der für seine Reuterei so vorteilhaften
Fläche in alle wege bedienen / stellte am Strome sein des Nachts wohl gewartetes
Heer in Schlacht-Ordnung. Als aber die Römer in ihrem Lager blieben / liess er
durch die schnellen Numidier die wasserholenden Römer unaufhörlich anfallen.
Terentius / welchen die Begierde zu schlagen / oder vielmehr das Verhängnis zu
verspielen wie eine Natter im Busen nagte / führte folgenden Tag mit dem ersten
Lichte sein Heer / welches in 80000. Mann Fussvolck / und 6000. Reutern bestand
/aus beiden Römischen Lägern / stellte selbtes recht gegen Sud in
Schlacht-Ordnung / die Römische Reuterei setzte er unterm Emilius am Flusse
Aufidus in rechten / die Hülffsvölcker unter sich selbst in lincken Flügel;
Marcus und Cneus die gewesten Bürgermeister führten in der Mitte das Fussvolck.
Der freudige Hannibal hingegen stellte unter dem Fürsten Magilus und Asdrubal
die Spanische / Deutsche und der Gallier Reuterei im lincken Flügel / und ihnen
an die Seite die Mohren. Im rechten Flügel führte Hanno und Maharbal die
Numidier. In der Mitte stellte er das Deutsche und Hispanische Fussvolck unter
dem Mago und Matalus in eine Spitze / die Africaner aber hinter denselbten
führte er Dietrich / und die hertzhafte Chlotildis in einer dienlichen Breite;
welche alle nunmehr mit Römischen Waffen versehn waren; wiewol gleichwol eine
ziemliche Menge Deutschen und Gallier ganz nackt fochten. Im lincken Flügel
stritt die Reuterei mit unverwendeten Pferden unablässlich Mann für Mann gegen
einander; ja auch denen die Pferde erlegt wurden / standen wie Mauern / und
fochten aufs grausamste zu Fusse; also: dass nach dem die Deutschen und Hispanier
die Oberhand erhielten / von den Römern schier nicht ein Reuter entran. Das
Römische Fussvolck hingegen drang nach einer tapfern Gegenwehr und weil so wohl
Fürst Matalus heftig verwundet ward / zwischen die zugespitzt Schlacht-Ordnung
durch das Deutsche und Hispanische Fussvolck. Alleine sie verfielen hier
allererst auf Hannibals / Dietrichs und Chlotildens vorteilhaftig gestelltes
Kern-Volck; also: dass als die Deutschen und Hispanier sich in der Mitte zwar
trennten / auf den Seiten aber wieder zusammen schlossen / die Römer vorwerts
von frischem Volcke und auf beiden Seiten von Deutschen und Hispaniern aufs neue
angegriffen wurden. Emilius war aus der geschlagenen Reiterei des rechten
Flügels gleichwohl entronnen / und weil nunmehr alles sein Heil auf den Legionen
bestand / sprengte er mit seinem Pferde dahin gegen Annibaln / welche als zwei
ergrimte Löwen gegen einander fochten und die Ihrigen anführten. Inzwischen war
die deutsche Reiterei vom lincken Flügel den Numidiern im rechten zu Hülffe
kommen / derer anfangs fünf hundert zu den Römern übergelauffen waren / und ihre
Schilde /Spiesse und Bogen zu der Römer Füsse geworffen /hernach aber in dem
hitzigsten Treffen ihre unter dem Rücken verborgene Degen herfür gezogen / und
zu grossem Schrecken der Römer Rücken angefallen hatten; hierüber geriet
Terentius mit seiner Reiterei in die Flucht; welchen Asdrubal die Numidier
alleine verfolgen liess. Er aber und Fürst Magilus fielen mit dem schweren
reisigen Zeuge den Römischen Legionen in Rücken / und rennten die Behertztesten
zu Bodem. Uber diss stach die Sonne die Römer nicht nur ins Gesichte / sondern
der sich vom Vulturnischen Gebürge und Flusse zu erheben gewohnte Wind jagte
ihnen auch allen Staub in die Augen; welches der schlaue Annibal alles vorher
gesehen hatte / und diesen Tag wahr machte: dass vorsichtige Erkiesung des
Kampf-Platzes eines Feldhauptmanns Meister-Stücke sei. Ob nun zwar die Römer
derogestalt rings umb von den Feinden umschlossen waren / taten doch sie durch
tapfere Gegenwehre das äuserste; alleine: nach dem Asdrubal den in Illyricum so
sieghaften Bürgermeister Emilius mit einem Spiesse durchbohrte / Magilus den
Marcus / und die kühne Chlotildis dem vorher von einem Hispanischen Edelmanne
aus dem Sattel gehobenen Cneus den Kopf zerspaltete; wurden die Römer
derogestalt verwirret: dass sie weder Freund noch Feind mehr unterscheideten /
und also viel einander selbst verletzten / sie auch selbst ihren auf einem
Steine in Ohnmacht liegenden Bürgermeister vollends ertraten; die meisten aber
wie wildes Vieh abgeschlachtet wurden. Terentius Varro entkam mit nicht mehr als
siebzig Römischen Reitern in die Stadt Venusia / 300. andere nach Herdonia und
Aquilonia / und etwan 3000. Fuss-Knechte verlieffen sich ins Gebürge; welche
Cartalo mit seinen Numidiern aber auch nach und nach aufsuchten und
hinrichteten. 10000. Mann / welche Lucius Emilius in seinem Läger mit Fleiss zu
Anfallung des feindliche Lägers zurück gelassen hatte / wurden gefangen; siebzig
tausend aber erschlagen. Unter den Todten waren achzig Ratsherren / und viel
andere Würden bekleidende Leute; als Cajus Minutius / Numatius / Lucius Attilius
/ Furius Bibaculus / wie auch ein und zwantzig Kriegs-Obersten; ja zu Rom war
kein Adelich Geschlechte / das nicht etliche gebliebene Anverwandten zu
betrauren hatte. Auf Annibals Seiten blieben funfzehn hundert Mohren und
Hispanier / zwei tausend Gallier / 2000. Deutsche / und darunter starb der
hertzhafte Fürst Matalus an seinen Wunden; welcher gleichwol noch die Freude des
Sieges erlebte / welches die annehmlichste Verzuckerung eines Helden-Todes ist;
und zu Salapia ein herrliches Begräbnis-Mal erlangte. Magilus riet nach so
grossem Siege Annibaln: Er sollte unverwendten Fusses mit dem ganzen Heere nach
Rom eilen / und der Botschaft von so grosser Niederlage zuvor kommen / welchem
Maharbal beifiel; mit Versicherung: dass er den fünften Tag im Capitolinischen
Schloss Taffel halten würde. Alleine Annibaln verbländete entweder das
Verhängnis / welches der Stadt Rom die Oberherrschaft der Welt bestimmet hatte;
oder eine der Stadt Cartago abgeneigte Gotteit: dass er beiden antwortete:
Diese Hoffnung wäre grösser / als sie ihm ein Kluger einbilden könnte. Da doch
Rom in solches Schrecken verfiel: dass Cöcilius Metellus / und Furius Philus
öffentlich riete / die Stadt zu verlassen / und aus Italie zu fliehe; also: dass
der junge Scipio diesen bösen Vorsatz mit dem Degen in der Faust zu
hintertreiben not; hingegen es das Ansehen hatte: als wenn Annibal dem Siege
seine Flügel abgeknipft / das flüchtige Glück angeknipft / und in dessen Rade
des Viereck seines Kreisses gefunden hätte. Also benimt die Göttliche Weissheit /
umb ihren bestimmten Zweck zu erreichen /den Ohren das Gehöre / den Augen das
Gesichte / und der Klugheit die gestunde Vernunft: dass sie auch denen treulich
warnenden keinen Glauben geben; und was sie mit Händen greiffen nicht umbfassen
wollen. Fürst Magilus ward hierüber so unwillig: dass er die Worte ausstiess: So
sehe ich wohl: dass Annibal wohl siegen / des Sieges aber nicht gebrauchen könne.
Annibal gab inzwischen seinem Heere alle Beute frei /und liess die Leichname in
den Fluss Aufidus / und in die Bach Vergellus werffen; welche ihrer Menge halber
eine rechte Brücke darüber machten; denen Edlen aber liess er alle goldene Ringe
von Fingern ziehen /und schickte nebst denen eroberten acht Adlern derer drei
ganze Mass voll zum Zeugnüsse feines Sieges nach Cartago. Worüber die deutschen
Fürsten / welche an diesen Ehren-Gedächtnüssen auch Teil zu haben vermeinten /
mit Annibaln abermals in Zwytracht verfielen; und Hertzog Dietrich ihm unter
Augen sagte: Die Deutschen hätten die drei grossen Siege mit ihrem Blute
erworben; sie sähen aber wohl: dass die Mohren ihnen den Ruhm allein zueigneten.
Also wurden die Gemüter der Deutschen und Africaner nach und nach zertrennet /
und hiermit der beste Grund-Stein des bisherigen Glückes los gebrochen. Denn in
Wahrheit die Götter hätten den Römern keine bessere Hülffe als die Zwytracht
ihrer Feinde zuschicken können. Sintemal es dissmal menschlicher Vernunft nach
umb Rom getan war; denn als die Kwaden / Osen / Marsinger / und Burier an den
Flüssen Marus / Guttalus / oder der Oder den glücklichen Lauff der Waffen ihrer
Landsleute in Italien vernahmen / machten ihre Hertzoge einen Ausschuss junger
Mannschaft zusammen / ihr Heil auch ausser Landes zu suchen; zumal diesen
Völckern die Reise-Begierde ohne diss von Natur angebohren ist. Diese setzten bei
Carmuntum über die Donau / zohen durchs Noricum über die Rhetischen Alpen in
Italien. Sie standen bereit an dem Flusse Atesis bei Verruccia / als die Bojen
ihnen entgegen schickten / und sie ihnen zu Hülffe rufften / weil die Römer /
als der Bojen Hertzog mit dem Kerne ihres Volckes beim Annibal in Apulien stünde
/ ihr und der Nachbarn Länder ganz entblösset stünden / den Stadt-Vogt Lucius
Postumius Albinus mit zwei Legionen und 12000. Campanischen und Sicilischen
Hülffs-Völckern wider sie abgeschickt hätten / dieses Heer auch bereit durchs
Mugellische Tal über den Apennin züge. Briegant der Deutschen Hertzog eilte aus
Begierde mit den Römern anzubinden am Flusse Atesis herunter / setzte bei
Verona und Hostilia über die Ströme / und vereinbarte bei Mutina mit sechs
tausend Bojen seine zwantzig tausend Kriegsleute. Inzwischen näherte sich
Postumius; Hertzog Brigant aber / als er ihm die Gelegenheit der Örter /
worauf die Römer ihren Zug richteten / teils beschreiben / teils anweisen liess
/ und er daraus wahrnahm: dass der zwischen dem Flusse Gabellus und Scultena
abkommende und sich keines Widerstands besorgende Feind durch den Littannischen
Wald ziehen musste; besetzte vorwerts hinten und am Ende den Wald / iedoch auf
der Seiten derer beiden dardurch gehenden Strassen / liess an demselben die Bäume
so weit: dass sie mit genauer Not stehen blieben / und durch geringen Anstoss
umbgefället werden konten / absägen / und selbte mit verborgenen Seilen
umschlingen. Postumius / dem noch kein gewaffneter Mann begegnet / alles mit
Schrecken erfüllet hatte / liess ihm von einigem Feinde nichts träumen / rückte
also mit allen fünf und zwantzig tausend Mann in den Litannischen Wald. Der
Nachzug aber war kaum tausend Schritte hinein kommen / als hinter ihnen die von
den Deutschen gezogenen Bäume / nicht anders / als wenn selbte der Blitz oder
ein Sturm-Wind niederschlüge / niederfielen /und also ihnen den Weg zur Rückkehr
abschnitten. Nicht anders wurden auch für dem Römischen Vortrab die Bäume
gefället; also: dass selbter nicht wissend / durch was für Zauberei solches
geschehe / anhalten mussten. Aber als die Römer hierüber einander erstaunet
ansahen / kam das Gewitter in der Mitten über sie selbst; indem die
niedergerissenen Bäume ihrer wohl zwei tausend erbärmlich zerschmetterten /ehe
sie gewahr wurden: dass die Bäume abgesägt / und von so nahen Feinden über sie
gefället würden. Es war schrecklich anzuschauen; indem / wo sie auf der Seite
auf die Feinde los gehen wollten / sie nur selbst in ihren Tod renneten / und in
wenigen Stunden das ganze Römische Heer biss auf etwan zwölf hundert /die sich
teils in Wald noch verlieffen / oder unter die bereit verfallenen Bäume
verkrochen / erschlagen und zerquetscht wurden. Die halblebenden aber / welchen
nur etwan Arm oder Bein zerbrochen waren / den wiederschallenden Wald mit
ängstigem Klag- die Deutschen aber mit gewohntem Kriegs-Geschrei erfüllten.
Alleine auch die / derer die unempfindlichen Bäume verschont hatten / wurden von
denen rings umb den Wald auf die Wache gestellten Bojen erlegt / und die noch
lebenden unter den Bäumen herfür gesucht; und weil die Deutschen auch am Rücken
die Brücke über den Fluss Gabellus eingenommen und besetzt hatten /den Römern
allentalben die Flucht abgeschnitten; also: dass nicht zehn Mann entrunnen / von
denen Deutschen aber mehr nicht als zehn todt blieben /welche aber nicht die
Römer / sondern weil sie allzubegierig in die Bäume gerissen / ebenfalls die
Bäume erschlagen hatten. Unter den Todten suchten die Bojen mit Fleiss den
Postumius herfür; diesem schnitten sie den Kopf ab / lösten das Fleisch darvon
ab; und nach dem sie den Hirnschädel aufs sauberste ausgekocht hatten / fassten
sie selbten in Gold / und schickten selbten als ein grosses Heiligtum in
Deutschland ist der Bojen heiligsten Tempel; welchen König Sigovesus auf dem
Sudetischen Gebürge / welches der Bojen alten Landsitz von Marsingern
unterscheidet / an dem Neiss-Strome auf einen Berg gebauet hatte / und dahin auch
die in Italien wohnenden Bojen aus Andacht oft ihre Wallfarten verrichteten.
Diesen Köpf brauchten die Priester hernach nicht alleine zu einem
Trinck-Geschirre / sondern auch zu einem Opfer-Gefässe. Die Deutschen aber
erlangten hierdurch eine überaus reiche Beute; da hingegen dieser Unfal bei dem
nun fast gar verzweifelnden Rom ein neuer Donner-Schlag war.
    Wiewohl nun Annibal darinnen sehr anstiess: dass er das Hauptwerck / nämlich
die Zerstörung der nunmehr ohnmächtigen und unbewaffneten Stadt Rom /allwo aus
Not wider das alte Herkommen acht tausend furchtsame Knechte zu Besetzung der
Mauern gewaffnet wurden / unterliess; so zohe doch sein Sieg die freiwillige
Untergebung des grossen Griechenlandes / Campaniens / und fast ganz Italiens
nach sich. Der mächtige König Philippus in Macedonien schickte seinen Gesandten
Xenophanes zu Hannibaln in Italien / schloss mit ihm ein Bündnis; krafft dessen
er mit 200. Kriegs-Schiffen / und einem Heere zu Lande ihm Rom und Italien /
Annibal hingegen dem Philippus Griechenland übermeistern helffen sollte. Hierzu
kam noch diss: dass als Hiero der Römer geschworner Feind starb / sein Sohn Gelo /
und nach dessen Tode sein Enckel Hieronymus sich zu den Cartaginensern schlug.
Hertzog Rhemetalces fiel hier ein: Es wäre der Wind die Richtschnure der
Schiffleute das Glücke der Fürsten / nach dem sie ihre Segel umbschwenckten.
Annibaln aber / als einem weltberühmten Feldherrn traute er den ihm
zugeschriebenen Kriegs-Fehler nicht zu / noch weniger wollte er der Göttlichen
Versehung eine solche Verbländ- oder Betörung zueignen; sondern glaubte
vielmehr: Er hätte / wie ins gemein die Kriegs-Häupter / weder durch Einratung
des Friedens / noch durch desselbten völlige Ausmachung das Heft nicht gerne aus
den Händen geben wollen. Denn Amilcar hatte nicht so wohl mit den Römern Friede
gemacht / als nur auf eine Zeitlang die Waffen niedergelegt. Annibal aber / der
aus Begierde des Krieges die Eintracht der Stadt Rom und Cartago zerstöret
/konnte aus Liebe des Friedens nicht auf das Ende des Krieges sinnen. Zumal der
Adel bei Friedens- nicht so hoch als bei Krieges-Zeiten gesehen / noch sich
durch grosse Verdienste hoch ans Bret zu heben; sondern vielmehr selbten zu
drücken Gelegenheit verhanden ist; ja der Friede denen tapferen und feigen
einerlei Ehren-Stellen einräumet. Zu geschweigen: dass die Ritterschaft durch
den Krieg alleine / wenn selbter schon mit Raub und allen Lastern ausgeübt
worden /empor zu kommen für rühmlich; durch Friedens-Dienste aber / ob gleich
selbte vom Vaterland zehn Kriege und tausenderlei Unglück abgewendet / geadelt
zu werden für verächtlich hielte. Daher auch die tapfersten Leute / welche dem
Kriege den Anfang zu machen am geschicksten wären / den Frieden am längsamsten
rieten. Aus diesem Absehn hätte seines Bedünckens Annibal Rom nicht nur
unangetastet gelassen / sondern auch der Barchinische Adel zu Cartago des Hanno
wohlgemeinte Anschläge hintertrieben.
    Adgandester antwortete: Wer will in solchen Fällen die Schlüssel zu denen mit
Fleiss versteckten Hertzen der Menschen finden? insonderheit aber zu Hannibals;
welcher zwar in seinen Anschlägen den Kopf voller Gehirne / in seinem Tun den
Blitz in der Hand / aber in Geheimnisse keine Zunge im Munde hatte. Daher weiss
ich kein über ihn gefälltes Urteil zu schelten / auch keinem beizufallen. Gewiss
aber ist: dass übermässiges Glücke eine zaubrische Verwandlungs-Rute gröster
Klugheit sei; gleichwohl aber viel vernünftige Entschlüssungen von dene / die in
derselben Grund nicht sehen / und die entgegen stehenden Hindernüsse nicht
wissen / als tum verdammet werden. Zumal allen Ratschlägen ein Wert nicht nach
ihrer innerlichen Güte / sondern nach dem Ausschlage beigelegt wird; wie das
Geld / nicht nach Schrott und Korn; sondern nach der gemeinen Würdigung gültig
ist. Diss aber kann nicht verneint werden: dass Annibal und sein Heer / welches in
den rauhen Alpen bestanden / in dem fetten Campanien vertorben; und dass den
Römern nicht so sehr Canna / als den Mohren dieser Lustgarten schädlich gewesen
sei. Denn diss / was in brennenden Nesseln frisch bleibet /verwelcket in weichen
Rosen-Blättern. Annibal selbst versanck nach dem nunmehr fast ganz eroberten
Italien in Sicherheit und Wollüste. Die Tage brachte er zu Capua in Lust-Gärten
/ die Nächte mit geilen Weibern zu. Welche herrliche Stadt wegen ihrer
fruchtbaren und lustigen Gegend dem bergichten Rom weit herfür zu ziehen war /
an Grösse und Reichtum selbtem wenig enträumte / übrigens mit Corint und
Cartago umb den Vorzug kämpfte; und weil sie Annibal zum Haupte Italiens zu
machen vertröstet hatte / freiwillig in seine Hände verfallen war. Weswegen die
schlauen Römer eine grosse Anzahl der schönsten Dirnen mit Fleiss nach Capua
schickte / um Annibaln und die andern Kriegs-Obersten / welche ins gemein auch
die verterbten Sitten ihres Hauptes anzunehmen für Tugend halten / durch ihre
Gift einzunehmen. Sintemahl sie gar zu wohl wussten: dass die Tapfferkeit /wie der
Stahl dem Eisen widerstünde / aber von Wollust und linder Feuchtigkeit rostig
würde; und dass viel unüberwindliche Helden ihren im Felde erworbenen Ruhm im
Zimmer eingebüst hätten; unterschiedene mächtige Herrscher Leibeigne im
Frauenzimmer / Uberwinder der Ungeheuer / Seidenstücker worden wären; und die /
welche vorher grossen Völckern ihre Freiheit erhalten oder erworben / sich geile
Mägde wie Sclaven bescheeren lassen. Unter andern hatte sich Agatoclea / das
berühmte Kebsweib des Königs Ptolomeus Philopator in Egypten nach Rom geflüchtet
/ welche selbten König ganz bezaubert / ihn zu Ermordung seiner Schwester und
Gemahlin Eurydice verleitet / endlich aber den Ptolomeus ins eusserste Verderben
/ indem er von seinem eigenen Volcke erdrückt ward / gestürtzt hatte. Diese war
zwar mit ihrem Bruder fingernackt dem rasenden Volcke zum Opffer geliefert /
aber auff des jungen Königs Befehl /den sie gesäugt hatte / und durch Arglist
eines in sie verliebten Edelmannes aus des Volckes und Todes Klauen errettet
worden / und entronnen. Wie aber die Egyptische Gesandschaft / welche die Römer
um des jungen Ptolomeus Epiphanes Vormündschafts-Verwaltung anlangte / von
Agatocleen Nachricht bekamen / und bei dem Römischen Rate ihres Lasters /und
wie sie aus den Königlichen Kebsweibern dem verdienten Stricke entkommen wäre /
entdeckten /musste sie bei Sonnenschein aus der Stadt. Diese Zauberin kam zu
allem Unglücke nach Capua / und ward in weniger Zeit Hannibals so sehr / als
vorhin Ptolomäus mächtig. Alle Gewalt bestand in ihren Händen /sie vergab alle
Kriegs-Aemter / und kein Verdienst war so gross etwas zu erlangen / wenn man
nicht bei ihr einen Stein im Brete hatte. Dieses kränckte die Kriegs-Häupter so
sehr; als Chlotildis hierüber eifersüchtig war. Uberdiss gab Agatoclea Hannibaln
eine Kuplerin ab / verführte die edelsten Weiber in Capua / und brachte sie
durch Geschencke oder wohl zauberische Künste zu Annibals Willen. Unter diesen
waren fürnehmlich zwei Weiber Servilia und Polinice / welche für die zwei
schönsten in Italien gehalten wurden. Jene war des Perolla Ehweib / dessen Vater
Pacuvius Calavius mit seinem Anhange die Stadt Capua Annibaln übergeben hatte;
diese des Magius Decius / welche beide in der Schlacht bei Canna wider die
Mohren tapffer gefochten hatten / und unter den Leichen halb todt herfürgezogen
und von Annibaln in Fedis ihr Vaterland gelassen wurden waren. Diese beide
verfluchten in ihren Hertzen der Campaner / und insonderheit des Calavius Untreu
gegen die Römer; als aber die eifersüchtige Chlotildis beiden noch darzu anfangs
verblümt zu verstehen gab: sie möchten auff die Spur ihrer Ehweiber achtung
geben; hernach sie durch eine geheime Türe in einen Lustgang des Gartens führte
/ daraus sie in eine Höle sehen konten / wie Annibal in einer grossen
Marmelsteinernen Muschel / welche das Qvell eines warmen Brunnen in sich faste /
mit Agatocleen / Servilien und Polinicen badete / wurden sie für Rache beinahe
wütend; und wenn Chlotildis sie nicht zurücke gehalten / hätten sie Annibals in
dieser geilen Weiber Blut mit den Chrystallen dieses edlen Brunnen vermischet.
Gleichwohl aber blieb dieser Dorn dem Porella und Magius im Fusse. Daher Magilus
mit denen gut Römisch-gesinnten Rat hielt / wie sie Annibaln und die Besatzung
in Capua überfallen /und die in Bauern verkleideten Römer durch Eröfnung einer
gewissen Pforte einlassen möchten. Zu allem Unglück ward das Antwort-Schreiben
des Marcellus an den Magilus auffgefangen / und Annibaln zugebracht. Dieser
verfügte sich also fort in den Tempel / wo der Capuanische Rat versammelt war /
forderte von ihnen über des Magilus Verbrechen zu erkennen / und ihn zu
bestraffen. Magilus erschien / und bekandte freiwillig: dass er seinem Vaterlande
die unter dem Römischen Schirme genossene Freiheit wiederzugeben; an Annibaln
aber die Befleckung seines Ehebettes zu rächen noch entschlossen wäre. Annibal
schäumete für Grim; befohl also unerwartet des Urtels dem Magilus Ketten
anzulegen / ihn ins Läger zu schleppen / und zu einer grausamen / den Campaniern
aber nicht so in die Augen fallenden Straffe nach Cartago zu schicken; Sintemal
es gefährliche Unvernunft ist / Halsgerichte in derselben Augen ausüben / die
entweder Teil an des leidenden Schuld haben; oder da auch das blosse Mittleiden
ihre Sache besser / und das Volck rachgierig machen kann. Das Meer aber hatte
Mitleiden mit des Magilus Unschuld /trieb also das Schiff durch Ungewitter nach
Cyrene; allwo Magilus sich zu der am Hafen stehenden Schutz-Seule des Ptolomeus
flüchtete / von dar er nach Alexandrien gebracht / und nach verhörter Sache auff
freien Fuss gestellet / gegen Annibaln aber ein unversöhnlicher Feind von der
Kette lossgelassen ward. Wie nun bei solcher Ubereilung Annibals des Magilus
Mitverschwornen verschwiegen blieben /oder Annibal selbst für ratsamer hielt /
die Menge der Schuldigen nicht zu wissen; also hielt Perolla den festen Fürsatz
Annibaln das Licht auszuleschen. Wie nun sein Vater Calavius / Jubellius und
Taurea die fürnehmsten Herren in Campanien / und Porella einst bei Annibaln in
einem Lustause speiseten / und vom Mittage an biss zur Sonnen Untergange sich
auff allerhand Art erlustigt hatten; Calavius aber in einen Lustgang sich
absonderte / folgte ihm Porella / und fing an: Vater / ich weiss einen Anschlag
die Scharte unsers Abfalls von Rom nicht allein auszuwetzen / sondern auch
Campanien in höchstes Ansehen zu bringen. Calavius fragte: was es denn wäre?
Porella hob den Mantel auff / zeigte dem Vater ein blosses Schwerd / und sagte:
Itzt gleich will ich durch Annibals Blut das neue Bündnis mit Rom versiegeln.
Dir Vater / habe ichs allein sagen wollen / wormit du dich könnest auff die
Seite machen / da du nicht einen Zuschauer einer so heilsamen Tat abgeben
wilst. Calavius fiel dem Sohne mit vielen Tränen um den Hals /und beschwur ihn
bei seiner kindlichen Pflicht den dem Hannibal für so kurtzer Zeit geschwornen
Eyd nicht zu brechen; Annibals Wohltat durch so grausamen Undanck nicht zu
vergelten / im Antlitze des Vaters keinen Meuchelmord zu beginnen / noch selbst
mutwillig in so vieler gewaffneter Schwerdter zu rennen. Ja wenn auch niemand
Annibals Leib beschirmete / würde er seine eigene Brust ihm zum Schilde
fürwerffen; wiewohl Annibals blosser Anblick mächtig wäre einem das gezückte
Eisen aus der Hand zu winden; für dessen Antlitze so viel geharnischte Legionen
erzittert hätten; für dessen Dräuen das grosse Rom bebete. Porella erseuffzete
hierüber etlichmahl / und fing an: Ihr Götter! wem bin ich mehr verbunden / dem
Vater / oder dem Vaterlande? Soll ich das mir angetane Unrecht verschmertzen /
um den Vater nicht in Gefahr zu setzen? Hierauff warff er sein Schwerdt über die
Garten-Mauer / und fügte sich mit dem Vater an die Taffel; auff welche Annibal
einen Glücks-Topff hatte bringen lassen; aus welchem ein ieder für sich einen
Zettel zu dem auff folgenden Tag bestimmten Göttermahle heben musste. Annibal
zohe heraus den Mars / Munius Jupitern / Celer den Saturn / Cartalo ward Apollo
/ Jubellius Pan / Taurea Bacchus /Calavius Neptun / Stenius Pluto / Barcellon
ein Hispanischer Fürst Mercur / und Porella Vulcan. Die hierzu beruffene
Agatoclia musste für das ihr vom Annibal auffgezeichnete Frauenzimmer greiffen.
Sie selbst ward Juno / des Porella Schwester / in welche Barcellon verliebt war
/ Ceres / Polinice Diana / Servilia Venus / des Jubellus Frau Tetys / des
Taurea zwei Töchter Cybele und Pallas / des Stenius Frau Flora / des Munius Frau
das Glücke / Aglaja eine edle Frau von Neapolis ward Nemesis. Porella konnte die
ganze Nacht für Ungedult nicht schlaffen; insonderheit frass ihm sein Hertze:
dass das Los ihn zum Vulcan / seine Frau zur Venus / und Annibaln zum Mars
erkieset hatte. Denn weil der Argwohn lauter Missgeburten gebieret / kam ihm
unauffhörlich für: als wenn entweder Annibal durch ein unbegreiffliches
Kunststücke das Los zu seiner Beschimpffung derogestalt eingerichtet hätte /
oder sich das Verhängnis selbst über seinem Unglücke kützelte. Gleichwohl fand
er sich folgenden Tag der Abrede gemäss mit dreien Cyclopen / welche er aus
seinen treuesten Knechten nahm / und auff den Fall guter Bedienung ihnen die
Freiheit versprach / in dem bestimmten Lustgarten ein /der zwischen denen zwei
grossen Märckten Albana und Seplasia gelegen war / auff derer ersterm nichts als
Perlen / Edelgesteine und Purpur / auff dem andern eitel köstlicher Balsam und
andere wohlrüchende Wasser verkaufft wurden. Die Pracht ihrer Ausputzung / und
die kostbare Zubereitung ist unbeschreiblich. Aller Welt seltzame Speisen /
aller Meere Perlen / aller Gebürge Edelgesteine / ganz Morgenlands Balsame
schienen in diesen Garten zusammen geronnen sein. Alle andere aber übertraf
Agatoclia / welche die Göttin des Reichtums und eine Himmels-Königs
selbstständig abbildete. Dieser hielt die Wage Servilia / an welcher Leibe
nichts verborgen war / als was Perlen und Diamanten verdeckten. Denn ihr von
seidenem Flor gewürcktes Kleid war dünner als Spinnenweben / und durchsichtiger
als Glas. Sie bedienten nebst drei finger-nackten Gratien sechs schnee-weisse
und sechs Mohren-Knaben / alle wie Liebes-Götter ausgerüstet. Annibal aber hatte
einen über und über von stammenden Rubinen schimmernden Rock an. Diese
irrdischen Götter wurden unauffhörlich von denen aus den künstlich bereiteten
Wolcken mit wohl rüchendem Narden- und Bisam-Wasser betauet; die edelsten Weine
Campaniens von Creta und Alba wurden wie gemein Wasser eingeschluckt. Die
Speisen dampfften nichts als Zibet und Ambra von sich aus einem silbernen
Spring-Brunnen sprützte eitel Zimmetwasser und Syrischer Balsam aus. Wie nun
nichts / was ein Sardanapal zu Ausübung seiner Uppigkeiten hätte aussinnen
können / abgieng; also vergassen Wirt und Gäste nichts / ihre angenommene
Person meisterlich zu spielen. Nach vollbrachter Mahlzeit brachten 12. geile
Satyren einen künstlichen Tantz; worzu ihnen zwölff nackte Wasser-Göttiñen mit
weisswächsernen Windlichtern leuchteten / zwölff in grünen Damast gekleidete
Schäfferiñen aber sie mit ihren Seitenspielen bedieneten. Diesen folgte im
Reigen der von Wein und Brunst erhitzte Annibal; und nach seinem Beispiele musste
ieder Gott seine ihm zugeeignete Göttin erkiesen; also kam Annibal als Mars mit
Servilien / der wollüstige Campaner Taurea mit der Ceres des Perolla Schwester /
Stenius mit Agatoclien allerhand geile Begebnisse / und die unzüchtigsten
Getichte der verliebten Götter zu tantzen. So viel Müh und Kunst wendet man an
die Laster; und so sauer läst man sichs werden: dass man mit Geschicke und guter
Ordnung sündige. Diese alle liessen durch ihre unkeusche Gebehrdungen genugsam
blicken: dass sie keinen Funcken Tugend im Hertzen / keine Schamröte im Gesichte
und keine Scheu für andern Anwesenden hatten; also: dass die Fürstin Chlotildis
/Magilus / und Dietrich sich hochvernünftig dieser Versammlung entschlagen
hatten. Sintemal Laster gifftiger als Basilissken sind. Denn diese tödten nur
durch ihre Blicke; jene aber / wenn man selbten nur die Augen gönnet. Perolla
und Barcellon kochten inzwischen im Hertzen eitel Galle; dieser gegen den Taurea
/ weil er seiner Buhlschaft mehrmals die Brüste betastete; jener gegen Annibaln
/ der mit Servilien nicht viel anders umgieng / als ein Ehbrecher mit einer
gemeinen Dirne im Hurenhause. Denn die unkeusche Liebe ist nicht nur / weil sie
anfangs oft eine hessliche Eule für einen Paradiesvogel erkieset / sondern auch
/ weil sie ihr einbildet: dass andere Leute ihre offenbare Laster nicht sehen /
für blind zu schelten. Aber die hundertäugichte Eiversucht machte Porellen und
den Barcellon allzu scharfsichtig. Denn wie Barcellon dem Taurea seine eiserne
Rute / welche er als Mercur führte / durch den Leib trieb / also stiess Porella
in eben selbigem Augenblicke / gleich als hätten sie es mit einander abgeredet /
Servilien einen Dolch in die Brüste; dass beide todt zur Erden fielen. Porella
war auch schon in vollem Stoffe Annibaln eines zu versetzen / sein Vater
Pacuvius Calavius aber verrückte ihm den Stich. Hierüber fielen alle anwesende
Africaner den Porella an; Ob nun wohl ihm seine drei Cyclopen zu Hülffe kamen /
und etliche Mohren verletzeten / wurden sie doch von der Menge bald erschlagen /
und nicht nur Porella / sondern auch der zwar hieran / aber nicht an Verratung
der Stadt Capua unschuldige Calavius mit mehr als hundert Stichen ermordet. Also
sind die Strafen der göttlichen Rache allezeit gerecht / wenn selbte schon für
menschlichen Augen die Unschuld zu treffen scheinen. Weil alles Annibaln zulieff
/ hatte Barcellon inzwischen Zeit sich bei der finstern Nacht aus dem nunmehr so
traurigen Lustgarten zu spielen / und ins Läger zu seinen untergebenen
Hispaniern zu fliehen; weil doch Hannibal sein Beginnen für ein mit dem Porella
abgeredetes Werck auffnehmen; die Verstörung seiner Lust / und den Mord des bei
ihm hoch am Brete sitzenden Taurea mit grausamen Strafen rächen würde. Die
ganze Versammlung kam hierüber in Bestürtzung / die ganze Stadt in Unruh /
also: dass Annibal alle Kreutz-Gassen mit Kriegsvolcke besetzen musste. Wie die
Mohren nun die Leichen aus dem Garten schlepten / und also ihre Kleider
durchsuchten /fand einer zu allem Unglücke beim Porella einen Zettel mit diesen
Worten: Bistu denn mit sehenden Augen blind; dass du deiner Ehebrecherin so viel
Luft zu ihren Lastern läst? Meinestu nicht: dass es die Götter für keine
geringere Sünde aufnehmen / Laster verhängen / als selbte begehen. Oder hastu
kein Manns-Hertze in dir / eines so unreinen Brandes Licht auszuleschen? Der
Mohr lieff mit dieser Handschrifft / welche er weder zu lesen noch zu erkennen
wusste / alsbald zu Agatocleen; als durch welche alles zu gehen pflegte / was zu
Annibaln kommen sollte. Diese erkennte sie beim ersten Anblicke für der Fürstin
Chlotildis eigene Hand; daher ging sie unverwandten Fusses zu Annibal; verhetzte
ihn wider die ihr mehr als Spinnen verhaste Chlotildis / als welche nicht nur
die Mordstiffterin des geschehenen Trauer-Falls wäre /sondern auch den Porella
zu Hinrichtung Annibals ihres eigenen Ehgemahls angefrischt hätte. Annibal wollte
alsbald mit dem Degen in der Faust in Chlotildens Zimmer eilen / und sie in
ihrem Bette seiner Rache auffopffern. Agatoclea aber hielt ihm die Gefahr / den
Hass / den er ihm bei allen Deutschen zuziehen / und die übele Nachrede bei der
ganzen Welt / welche von seiner Gemahlin schwerlich eine so grausame Missetat
glauben würden / beweglich ein; und dass nichts alberers wäre / als eine plumpe
Rache / welche alle Augen sehen / und dem Rächer selbst Schaden täte. Sie
versicherte ihn: dass Chlotildis den folgenden Untergang der Sonnen nicht erleben
/ die Scharffsichtigsten aber des Todes Ursache nicht ergründen sollten. Hiermit
gingen sie zwar zur Ruhe; wiewohl ihrer wenigen der Schlaff in die Augen kam.
Auf den Morgen gab Agatoclia achtung / als der Chlotildis Cammer-Jungfrau der
Gewohnheit nach aus dem Springbrunnen frisches Wasser zu Begiessung der
Jesminsträuche hohlete; welche Chlotildis für dem Fenster ihres Zimmers stehen
hatte. Dieser begegnete Agatoclia auff der Stiege / nahm ihr den Krug aus den
Händen / vorwendende: dass sie wegen Durstes gleich selbst sich zum Springbrunnen
hätte verfügen wollen. Unter diesem Gespräche schüttete sie / als die Trägerin
nur einen Blick auf die Seite tät / das heftigste Gift in den Krug; diese
aber darauf es auf die Jesminen. Kurtz hierauf besuchte Fürst Magilus und
Dietrich Chlotilden in ihrem Zimmer; welche über des vorigen Tages Trauerfällen
überaus bekümmert waren. Chlotildis legte nach etlichen Unterredungen sich an
ihr Fenster / und brach etliche Zweige von Jesminen ab / in willens selbte
beiden Fürsten zu reichen. Sie hatte aber kaum den Geruch dieser Blumen recht
empfunden / als sie im Augenblicke stein todt zur Erden sanck. Alle Reib- und
Kühlungen waren vergebens; die Fürstin und der ganze Hof derogestalt
erschreckt: dass sich fast niemand wagte den Mund aufzutun / sondern nur eines
dem andern mit stummen Gebehrden das gemeine Leid klagte. Niemand war zwar: der
nicht Agatoclien in Verdacht zohe; aber weil weder diese noch iemand von ihr in
etlichen Tagen ihr Zimmer betreten / Chlotildis auch seit des vorhergehenden
Tages weder Speise noch Tranck zu sich genommen hatte / war wider Agatoclien
der geringste Grund eines billichen Argwohns aufzufinden; auser: dass so wohl bei
ihr als bei Annibaln eine grosse Schwermütigkeit zu spüren war. Denn die
Erinnerung lieset in den Gewissen der Boshaften ohne einige Schrifft ihre
eigene Laster / sie redet davon ohne Stimme / und sie peitschet sie biss aufs
Blut ohne Rute. Ihr eigen bangsames Antlitz ist wie der Zeiger an den Uhren ein
Verräter der inwendigen Unruh: dass die Angst ihnen die Ruh aus dem Hertzen /
den Schlaff aus den Augen reisse / die Furcht ihren Geist und die Vernunft
verwirre / die Reue Marck und Bein aussauge / und die Verzweiffelung ihnen Atem
und Sprache verhalte. Nach zweien gleichsam in einer Höle hinterlegten Tagen /
eröfnete Annibal der Chlotildis Schreibetisch; und sand in selbtem zu seiner
höchsten Erstaunung folgendes an Chlotilden abgelassenes Schreiben: Ich flehe
die Götter unaufhörlich an um Dämpffung meiner auffschwellenden
Gemüts-Bewegungen / seit ich Annibaln mit meinem Ehbrechrischen Ehweibe in der
Höle baden gesehen: dass ich ihrem Befehle gehorsamen könne / Annibaln das mir
zugefügte Unrecht zu verzeihen. Denn wiewol seine Beleidigung einem edlen
Gemüte fast unverschmertzlich fällt; so will ich doch lieber eine unauffhörliche
Seelen-Marter erdulden / als von einer so tugendhaften Fürstin beschuldigt
werden: dass ich mit ihres Ehmannes geringster Wunde das Mittel ihres Hertzen
durchbohrete. Ich werde meine Rache nur mit dem Blute meiner Ehbrecherin
abkühlen; wormit ich Annibaln so viel leichter vergeben könne; und derogestalt
von ihrem strengen Urtel: dass ich ihren und Annibals Hof nicht mehr betreten
solle / losszusprechen sein. Wie nun diese Zeilen nicht nur Chlotildens Unschuld
/ sondern auch ihre für Annibals Wolstand gepflogene Fürsorge augenscheinlich
ans Licht stellten; also war iedes Wort eine glüende Zange / welche des
grausamen Annibals sich selbst verdammendes Gewissen zerfleischte. Bald war er
entschlossen sich selbst / bald die Mordstiffterin Agatoclia eigenhändig
hinzurichten. Er warf sich auf sein Bette / mit Befehl: dass ihn kein Mensch auch
wegen der wichtigsten Angelegenheit beunruhigen sollte; Gleich als wenn sein
Gemüte nicht mehr / als das bei gröstem Ungewitter stürmende Meer unlustig
gewest wäre. Diese Seelen-Marter zwischen tausend zweifelhaften
Entschlüssungen trieb er den ganzen Tag / und die Nachtdurch. Folgenden Morgen
rief er und befahl beide Fürsten Magilus und Dietrich zu ruffen; ihm aber ward
zur Antwort: dass beide Fürsten schon vorhergehenden Tag nach angemerckten
Gifftzeichen an Chlotildens Leiche mit allen Deutschen zu Pferde gesessen / und
aus Capua fort geritten wären; vorgebende: dass sie sich eines so vergifteten
Hofes zu enteusern wichtige Ursache hätten.
    Demnach nun Annibal bereit bei sich entschlossen hatte / Agatoclien ins
geheim abzutun / aus dieser Begebenheit aber leicht mutmassen konnte: dass der
Verdacht des Gifftes auf ihn fiele; entschloss er durch öffentliche Bestraffung
Agatocliens sich für aller Welt rein zu brennen. Daher liess er Agatoclien in
Kercker werffen / und über der Vergifftung Chlotildens anfangs in der Güte; als
sie aber leugnete / und inzwischen ein Edelknabe vom Anrühren des Jesmins
gleichfals getödtet / also die Ursache des Todes erkundiget / von der
Kammer-Jungfrau die Begebenheit mit dem Wasserkruge entdecket worden war /
scharf befragen. Die Marter drückte endlich ihr das Bekenntnis der Warheit aus;
sie schützte aber zu ihrer Entschuldigung für: dass sie es Annibaln vorher
entdeckt /und Chlotilden mit seiner Genehmhabung vergifftet hätte. Die Richter
fragten nach dem Beweise ihres Einwands. Agatoclia bezohe sich auf Chlotildens
Schreiben / welches ein gewisser Mohr in des Perolla Kleidern gefunden und ihr
gebracht / sie aber Annibaln eingehändigt hätte. Annibal / welchem zu Behauptung
seiner Herrschaft in Italien an Verführung seiner Unschuld viel gelegen war /
widersprach Agatocliens Fürwand als eine grausame Verläumdung / schickte auch
an statt des erstern / der Chlotildis letzteres Schreiben den Richtern; um
dardurch zu bescheinigen: dass er Chlotilden desshalben mehr zu lieben / als ihren
Mord zu willigen Ursache gehabt hätte. Diese fällten daher Agatoclien / welche
zu Alexandria dem Pfal entronnen war / ein verdientes Urtel / krafft dessen sie
rückwärts auf einen räudichten Esel gesetzt / an den Ecken der Stadt mit
glüenden Zangen gezwickt / hernach mit vier Pferden zerrissen /verbrennt / und
die Asche in den Fluss Vulturnus gestreut ward. Also entrinnen die Lasterhaften
zwar zuweilen aus der Hand des weltlichen Richters / niemals aber der göttlichen
Rache; welche / wenn sie einem Boshaften mit langsamen Bleifüssen nacheilet /
ihn auch mit einer desto schwerern Hand zu Bodem drückt.
    Das grausamste an dieser zwar verdienten Straffe war: dass Annibal nicht nur
diesem Trauerspiele zusah / sondern auch selbst mit einer Gerte das eine nicht
anziehende Pferd aufmunterte um denselben Leib zu zerfleischen / den er so viel
mal inbrünstig umarmt hatte. Die Königin Erato fing hierüber laut an zu ruffen:
O des merckwürdigen Beispiels! dass eine viehische Liebe nichts als Minotauren
gebähre; und ihr Englisches Antlitz sich mit einem Schlangen-Schwantze endige.
Freilich wohl / sagte Tusnelde. Denn wie das Mittel der Tugend Eigenschaft ist;
also haben die Laster nur in dem eusersten ihren Auffentalt. Jene richtet ihr
Tun nach / diese wider die Gesetze der Natur ein; welche zwischen Kälte und
Hitze / zwischen Sturm und Meerstille / zwischen Tag und Nacht ein gewisses
Mittel beobachtet. Sintemal die Sonne aus den Fischen in Löwen / vom Mittage in
Mitternacht keinen gähen Sprung tut; sondern zwischen Winter und Sommer den
lauen Frühling und kühlen Herbst; zwischen Licht und Finsternis eine annehmliche
Dämmerung einrückt. Die geile Brunst hingegen verkehrt sich im Augenblicke in
bittersten Hass; und sprüet in einem Ateme Liebkosen / Gift und Galle heraus.
Sie hat zwar die Art des hartnäckichten Epheu / welcher alles umarmet / was er
nur erreichet; Aber ihre Tauerung ist vergänglicher als der Mertz-Schnee / der
insgemein eh / als er die Erde erreicht / zu Wasser wird. Sie raset grimmiger
als loderndes Pech und brennender Schwefel; hält eingeäscherte Länder für ihre
kostbare Siegszeichen / und das geronnene Blut erwürgter Völcker für süsse
Opffer. Ihr grauset für ihren eigenen Flammen / die sie für reiner hält als die
Sternen sind; weil sie nunmehr einem gifftigen Nebel gleichen. Die neue Glut
des Zornes schwärtzet sie mit stinckendem Rauche / und erstäckt sie; welche
vorher ihre Seufzer aufzublasen /und ihre Augen mit dem Saltze bitterer Tränen
zu erfrischen ängstig bemüht waren. Wenn sie aber auch ihr unreines Feuer
unkeuscher Brunst immer für schön ansieht; so ersteckt doch ihr Hütten-Rauch
alles Licht der Seele / damit sie nicht die Pforte der Tugend finde / noch
Geblüte und Freundschaft unterscheide. Denn ihre Schande und Mord-Lust sind
Eltern und Feinde eines / und der Bruder-Mord nicht schwärtzer als der
unschuldige Todschlag des Wildes. Ja ihrer schnöden Lust und unsinnigen Rache
ist nicht zu viel mit eigener Hand sein Geschlechte auszurotten / und mit seinen
Nachkommen die Hoffnung seines andern Lebens zu erstecken. Ihre Freude ist /
wenn sie andern viel Todte zu beweinen / und viel Brände zu leschen läst.
Sonderlich aber verlernt sie alle menschliche Empfindnüsse gegen der / welche
sie vorher für ihren Abgott anbetete. Sie wandelt sich gegen der in einen
Wüterich / welcher Leibeigner sie vor war; und die vorhin so beliebten Haare in
Stricke; um darmit ihren Kerckermeister zu erwürgen. Die Rache reitzet sie ein
Hencker derselben Gotteit zu werden / welcher Priester er vor war; und der sie
vorher ihr Hertz an statt des Weirauchs anzündete / wünscht er in ihrem eigenen
Tempel einzuäschern; weil er sie für seinen Glücksstern / jetzt für die erste
Bewegung seines Ubels hält. Ihre wenige Funcken der Vernunft / die sie nicht
gar vertilgen kann / braucht sie nur zu einem Irrlichte und Wegweiser in die
Sümpffe der Wollust / und zum Werckzeuge ihren Lastern einen Glantz zu geben.
Ich höre wohl: brach Salonine ein / wem die Königin durch diss schöne Gemählde so
hesslich einzubilden bemüht ist. Aber sie muss an ihrem frechen Liebhaber seine
Pein und schimpflichen Untergang auch zu entwerffen nicht vergessen. Es ist wahr
/ versetzte die Königin. Der Apffel der Wollust ist allezeit wurmstichig; und
die Stiche des Gewissens versaltzen ihre allersüsseste Kützelung. Wenn aber
diese ihrer Vergängligkeit nach endlich verschwindet / überfällt sie eine so
grausame Abscheu ihrer Laster: dass wenn der erzürnte Himmel iemanden anders für
seinen Scharfrichter zu gut hält / ein so toller Liebhaber an ihm selbst zum
Hencker wird; und also das schrecklichste Laster wider sich selbst ausübt.
    Adgandester hob ab: So unglückselig war auch leider der sterbende Hannibal.
Inzwischen aber war seine Brunst auch das Fallbret seiner Siege / und hatte er
nach Chlotildens Tode mehr wenig Stern oder Glücke. Denn als das lustige Capua
ein Schauplatz so vieler Trauerspiele ward; kam Annibaln zu voriger Unlust noch
die betrübte Zeitung zu: dass Barcellon mit tausend Hispanischen Reutern zu den
Römern übergegangen / die Fürsten Magilus und Dietrich aber alle Bojen und
Deutschen aus dem Läger an sich gezogen / und ihren Weg nach Hause genommen
hätten. Mit derer Abzuge der Cartaginenser Macht nicht allein eine grosse
Verminderung / sondern auch Annibals Siege einen gewaltsamen Stoss bekamen. Denn
die Römer borgten nach der Cannischen Niederlage in Mangel der Waffen selbte aus
den Tempeln; und weil das Unglück sie zwang aus der Not eine Tugend zu machen /
nahmen sie / nach dem Beispiele der Spartaner / als der Atenienser Feldherr und
lahme Tichter Tyrteus sie drei mal aufs Haupt geschlagen hatte /und Agatoclens
/ als die Mohren ihn so sehr in Sicilien bedrängten / acht tausend Knechte zu
freien Kriegs-Leuten an. Das Römische Frauenzimmer riss ihren Schmuck vom Halse /
die Edlen ihrer Vor-Eltern Gedächtnis aus ihren Zimmern / und warffen sie zu
Kriegs-Kosten in Schmeltzofen. Insonderheit aber brauchten sie sich des zwischen
Annibaln und den Deutschen entstandenen Missverständnüsses; Und / ob sie zwar
vorher ohne Frucht den Stadtvogt Lucius Postumius zu den Deutschen und Galliern
geschickt hatten; so liessen sie doch eine kostbare Gesandschaft an Magilus /
Dietrich / Briegant und andere Deutsche Fürsten abgehen; welche ihnen der Römer
Bündnis mit der Versicherung antrug: dass die Römer ohne der Deutschen und
Gallier Einwilligung über den Fluss Po nicht sätzen / sondern auch / was sie noch
disseits besessen / ihnen ewig und eigentümlich verbleiben sollte. Diese Fürsten
/ und insonderheit den Hertzog Briegant / welcher nun mit 20000. Qvaden /
Marsingern und Osen in Hetrurien einzubrechen fertig stand / beschenckten sie
Königlich. Allen aber stellten sie der Mohren Laster und Ubermut für Augen /
wie sie unter dem Schein der Italien gebrachten Freiheit / alle freiwillig auf
ihre Seite gefallene Völcker / und insonderheit die Campaner unter die Füsse
getreten / der Deutschen und Gallier Landschaften verheeret / und nach dem sie
mit den Macedoniern und Syrern sich verknüpfft / durch Verachtung und böse
Taten den gerechten Hass ihrer treusten Bundgenossen ihnen auf den Hals gezogen
hätten. Diese Botschaft ging so glücklich ab: dass alle Deutschen und Bojen /
auser wenig Galliern / welche noch auf der Africaner Seite blieben / den Degen
einsteckten / und auff keiner Seite zu stehen sich verbündlich machten. Hierauf
erfolgte: dass Titus Manlius in Sardinien die Mohren schlug / den Mago und Hanno
gefangen nahm / Claudius Marcellus Annibals Heer von Belägerung der Stadt Nola
mit grossem Verlust abtrieb / Titus Sempronius mit seinen gewaffneten Knechten
die Mohren und den Hanno bei Benevent in die Flucht brachte / Claudius Marcellus
mit Eroberung der fast unüberwündlichen Stadt Syracusa das fast ganz
abgefallene Sicilien zum Gehorsam brachte / nach dem sich der neue König
daselbst Hieronymus vom Annibal durch seine zwei schlaue Gesandten Hippocrates
und Epicydes unter dem Scheine: dass er des Nereis der Pyrrhischen Tochter Sohn
wäre / und zum ganzen Sicilien Recht hätte / bereden lassen auf der
Cartaginenser Seite zu fallen / mit dem Bedinge: dass Sicilien nach
ausgetriebenen Römern halb ihm / und halb der Stadt Cartago zugehören /und der
Fluss Himera ihre Gräntze machen sollte. Ferner überfiel Valerius bei der Stadt
Apollonia des Nachts den König Philip / und trieb ihn in sein Macedonien
zurücke; Er demütigte die Acarnanes / machte mit denen Eloliern ein Bündnis.
Publius und Cneus Scipio nahmen fast ganz Hispanien ein; weil Asdrubal wider
den Numidischen König Syphax / der wider Cartago mit einem mächtigen Heere
anzog / in Africa beruffen ward. Und ob wohl Cartago nach gemachtem Frieden mit
dem Syphax / beide Asdrubal und den Mago mit 30000. Mann und 30. Elefanten in
Hispanien schickten / Publius Scipio auch von Asdrubals Reuterei erschlagen /
Cneus auf einem Turme verbrennet ward / ja Marcellus und Claudius fast alles
biss an das Pyreneische Gebürge verspielten / die mächtige Stadt Tarent durch
Verräterei des Jägers Philemenes / und Tapfferkeit zweier tausend noch zurück
gebliebener Deutschen und Gallier an Annibaln übergieng / so setzte doch der
junge Cornelius Scipio alles in bessern Stand; eroberte die mächtige Stadt
Neu-Cartago den ersten Tag seiner Belägerung durch Sturm / darinnen sich Mago
mit 10000. Mann ihm ergeben musste; schlug Asdrubaln / zwang viel Städte zur
Ubergabe / die Stadt Astapa aber zu ihrer eigenhändigen Einäscherung / zog durch
seine Freundligkeit und Keuschheit ein grosses Teil Hispaniens / und
insonderheit das gröste Teil der streitbaren Celtiberier durch Gewinnung ihres
Fürsten Allucius an sich. Denn seine Braut Gertrudis Erdmunds des Nevetischen
Hertzogs Tochter / welche mit ihrer Schönheit aller Anschauer Hertzen verwundete
/ war über die Cottischen Alpen in Ligurien kommen / und von dar nach
Neu-Cartago übergeschifft; also gefangen und als ein Wunderwerck der Natur zum
Scipio gebracht worden. Dieser aber / wie sehr er durch den ersten Augenblick in
sie verliebt ward / liess sie dem Fürsten Allucius unversehrt ausfolgen / und
schenckte die für sie zum Lösegelde gebrachte Gaben dem Bräutigam zum
Heirat-Gute. Tarent kam inzwischen auch in Römische Gewalt. Qvintus Fulvius und
Appius Claudius übermeisterten den Hanno / und eroberten nach mehrmals vergebens
versuchter Entsätzung durch eine hartnäckichte Belägerung die Stadt Capua
nunmehr Annibals anders Vaterland / und darinnen die zwei Krieges-Obersten Anno
und Bostar. Ob auch wohl Annibal um seinen Feind von solcher Belägerung
abzuziehen / für die fast aller Mannschaft entblöste Stadt Rom an den Fluss
Anien rückte; solche auch für seiner Macht bebte / die Mauern mit Weibern /
welche vorher mit ihren abgeflochtenen Haaren das Pflaster der Gotteshäuser
abgesaubert hatten / besetzte; ja Annibal des Nachts mit dreien ihn biss an die
Pforten begleitenden Wahrschauern / und 3000. im Rücken habenden Reutern das
inwendige Wehklagen selbst hörete; so traute er sich doch nicht Rom mit Gewalt
anzugreiffen; sonderlich / da nicht allein Claudius Flaccus mit einem Teile des
für Capua liegenden Heeres ihm stets auff der Fersen folgte / sondern auch die
ungemeinen Platzregen und Sturmwinde / die nicht so wohl vom Himmel / als den
Römischen Mauern ihren Uhrsprung zu haben schienen /Annibaln von Rom ab- und /
nach dem er des Flaccus Läger vergebens durch Arglist zu überfallen sich bemüht
hatte / in Lucanien vertrieben. Ungeachtet ihm auch das Glücke hernach etliche
holde Blicke gab / in dem er den Bürgermeister Fulvius mit 8000. Römern erschlug
/ den Claudius Marcellus einmal aus dem Felde jagte / hernach ihn gar tödtete /
den Qvintius Crispinus aber in die Flucht brachte / so kehrte diese
wanckelmütige Buhlerin doch denen Mohren bald wieder den Rücken. Denn ob wohl
Asdrubal des Hannibals Bruder mit einem mächtigen Heere aus Hispanien durch das
Aqvitanische Gallien der Arverner Gebiete / der Allobroger Eyland bei der Stadt
Mantala über den Fluss Isara setzte / an dem Flusse Arcus hinauf / und über den
Berg Cinisius / auf die Stadt Segusio / und bei der Tauriner Hauptstadt mit
besserem Glücke als Annibal in Italien kam / und mit denen ihm zufallenden und
zu allem Vorschube nunmehr willigen Liguriern sein 56000. Mann starckes Heer biss
auf 70000. vergrösserte; auch / ungeachtet des ihm entgegen stehenden
Bürgermeisters Marcus Livius die Stadt Placentz belägerte; so zohe doch der im
Brutischen Gebiete gegen Annibaln liegende Bürgermeister Claudius Nero mit einem
Teile seines Heeres so heimlich: dass es der ihm auf dem Halse liegende Annibal
nicht einst erfuhr / aus dem Läger / stiess bei dem Flusse Sena in Umbrien zu dem
Livius gleichfals unvermerckt / und nötigte Asdrubaln zur Schlacht /in welcher
er zwar das Ampt eines klugen und unverzagten Feldherren rühmlich verwaltete;
aber weil die Gallier und Arverner für Müdigkeit kaum die Waffen tragen kunten /
von der grossen Römischen Macht /darunter nunmehr auch 8000. wolversuchte
Deutschen und Hispanier / und etliche hundert Numidische waren / übermannet /
und weil er sterben oder siegen wollte / also bei Zertrennung seines Heeres gegen
dem Nero wie ein Blitz in die Römischen Hauffen sprengte / nach dem er wohl zehn
edle Römer eigenhändig erlegt hatte / von Volckensdorff / einem Alemannischen
Ritter / der hernach den zu Pferde sitzenden Asdrubal in seinen Schild machen
liess / durchstochen ward. Mit ihm fielen über 50000. Africaner und Gallier /
auff Römischer Seite 8000. Uber diss wurden fünftehalb tausend von den Siegern
gefangen / Asdrubaln das Haupt abgeschlagen / und / als Nero wieder in sein
altes Läger kam / selbtes Annibaln für den Wall geworffen / und durch zwei
lossgelassene Mohren ihm die grosse Niederlage zu wissen gemacht. Worüber Annibal
seines Brudern Haupt mit Tränen netzte /und seufzende ruffte: Ich sehe leider!
den weder durch Witz noch Tapfferkeit ablehnlichen Untergang der unglücklichen
Stadt Cartago für Augen. Ich sehe leider! wohl das aufziehende Gewitter / aber
den Unglücks-Streich weiss ich nicht zu verhüten. So wenig dient künftiger Dinge
Wissenschaft zur Glückseligkeit; ob schon solche der Kern der Klugheit ist.
Zwar dieser Ohnmacht ist der stärckste Grundstein: dass Götter sind; welche ein
Volck beschirmen / das andere verfolgen. Aber diss ist mir noch verborgen: Ob sie
selbst an eine Notwendigkeit des Verhängnisses angebunden / oder unerbittlich
sind. Denn sonst würden ja auch der Africaner Opffer und Andacht etwas fruchten;
welche gleichsam in einem Tage früh den Glücksstern über ihrem Wirbel; des
Abends unter ihrer Fusssole / ihre Tugend auch von der Römischen Ehrsucht zu
Bodem getreten sehen. Ich habe zeiter nicht geglaubt: dass Klugheit als ein
unnützes Ding zu verwerffen / Tapfferkeit als ein unglückliches nur zu beweinen
/ beide also schlechte Zwergdinge sind; wenn sie nicht dem Glücke auf der Achsel
stehen. Wie viel glücklicher aber sind die / welche nie so hoch gestiegen / als
die von dieser wanckelmütigen wie ich zu Bodem gestürtzt / und mit Füssen
getreten werden. Hannibal verfiel hierauf in eine so grosse Schwermut: dass er
schier aller Kriegs-Sorgen vergass; und ihn Reichhold ein Cattischer Fürst /
welcher nur noch beim Hannibal stand hielt / aus seiner tieffen Bekümmernis
aufrichten / und ihm einhalten musste: Es wäre keine Schande / wenn einem das
Glücke / aber wohl / wenn man der Tugend den Rücken kehrte / diese wäre ihr
eigener Lohn / nicht der ungewisse Ausschlag. Wenn Gott alle unsere
verschmitzten. Ratschläge geraten liesse / würden wir uns selbst zu Göttern
machen; wenn uns aber alle fehl schlügen; würde man glauben: dass entweder alles
ungefähr geschehe / oder das Verhängnis mit Vernunft und Tugend eine
Todfeindschaft hegte. So aber geriete eines / das andere schlüge fehl; wormit
man lernte: dass ein Wesen auser uns sei; in welchem alles ist. Diesem sollte er
den Lauf des Krieges heimstellen. Denn dieser handelte niemals und nirgends
unrecht; sintemal er aller Sterblichen Leben seiner Güte und Bosheit nach auf
die Wagschale legte; auch niemals unvorsichtig. Denn Gotte wäre nichts
verschlossen. Er wohnte in den Seelen der Menschen / und prüfete ihre Gedancken.
Nebst dem sollte er das zeiter rühmlich bewegte Steuer-Ruder nicht aus der Hand
lassen. Denn Gott verkauffte um Müh und Fleiss seinen Segen; Er stünde nicht
Weibern / sondern den Tapfferen bei; und fiele der Sieg wie die weisse Henne mit
dem Oelzweige der wachenden und unerschrockenen Livie nicht den Müssigen in die
Schoss. Also müste man ihm in Unfällen selbst eine Hülffe geben / nicht aber
durch eigene Verzweiffelung seine Schwäche zeigen; oder sich dem Unglücke zum
Fusshader machen: dass es mit uns das Garaus spiele. In grossen Nöten wäre kein
besser Gefärte / und kein bewehrter Beistand / als ein gut Hertze / dieses
verminderte das Ubel / es käme der Schwachheit zu Hülffe / also dass man aus
allem Gedränge darvon käme / und so gar die ungütigen Sterne bemeisterte. Aber
Annibal misstraute nunmehr nicht weniger ihm selbst / als den Göttern; wich also
in die euserste Spitze Italiens /nämlich in die Landschaft der Brutier zurücke.
Mago machte zwar mit den Liguriern ein neu Bündnis wider die Römer / und
eroberte Genua; Hingegen bemächtigten diese sich fast ganz Hispaniens /
erlegten den von Rom wieder abgetretenen Judibilis und Mandonius. Alles diss
waren noch erträgliche Wunden für Cartago / weil sie nur die eusersten Glieder
traffen. Nunmehr aber griff das Verhängnis dieser grossen Herscherin ins Hertze;
und die im westlichen Hispanien aufgegangene Glücks-Sonne der Römer kam in dem
Mittagichten Africa ihnen auch am höchsten; und zwar anfangs durch des
Numidischen Königs Syphax / hernach durch des Massasylischen Königs Masanissa
Zufall und Beistand. Denn die zwei Geschwister Kinder Syphax und Gala bekamen
mit einander einen Gräntz-Stritt; diesen gaben sie dem Rate zu Cartago zur
Entscheidung heim / welcher aus grosser Unbedachtsamkeit der ihm aus diesem
Richter-Ampte erwachsenden Gefahr entweder wegen Gerechtigkeit der Sache / oder
zur Danckbarkeit für die von seinem Vater und Bruder Narvas geleisteten treuen
Dienste für den König Gala sprach. Dieser Ausschlag verbitterte den Syphax so
sehr: dass er wider diese mit den Römern in Krieg eingeflochtene Stadt die Waffen
ergrief / und mit denen an ihn aus Hispanien überschiffenden Römischen Gesandten
ein Bündnis schloss /von ihnen den Kriegs-Obersten Qvintus Staborius /der die
Numidier in denen vorhin ungewohnten Kriegs-Ubungen unterrichtete / zu sich
bekam; Hingegen durch seine Botschaft in Hispanien alle den Cartaginensern
dienende Numidier nach Hause beruffte /und wider Cartago einen herrlichen Sieg
erhielt. Die schuldige Danckbarkeit / und der Cartaginenser bewegliche
Einredung: dass Syphax ein geschworner Feind des Deutschen / und also fremden
Narvasischen Hauses wäre / auch allem Vermuten nach den jungen Narvas des Gala
Bruder mit Gift hingerichtet / und ein Auge auf das Massasylische Königreich /
als ein altes Anteil Numidiens hätte / brachten den König Gala unschwer dahin:
dass er seinen siebzehn jährigen Sohn Masanissa mit einem mächtigen Heere wider
den Syphax schickte / welcher mit Hülffe der zu ihm stossenden Cartaginenser
den Syphax mit Verlust 30000. Numidier aus dem Felde schlug. Syphax flohe biss an
die Gaditanische Meer-Enge zu denen ihm untertänigen Maurusiern / verstärckte
sich daselbst mit Mohren und denen nunmehr auf Römische Seite getretenen
Celtiberiern. Masanissa aber hielt mit seinen eigenen Kräfften dem Syphax
derogestalt die Wage: dass er schon an dem Römischen Bunde zu wancken anfing. Der
Römische Rat aber schickte den Lucius Genutius / Publius Petellius und Popilius
mit einem Purpernen Rock und Mantel / einem helffenbeinernen Stuhle / einer
güldenen Schale von fünf Pfunden zu ihm / und erhielt durch Vertröstung gewisser
Hülffe den Syphax noch auf seiner Seite. Hingegen blieb Masanissa nicht allein
in Waffen wider den Syphax /sondern er zohe auch mit 10000. Reutern in Hispanien
Asdrubaln zu Hülffe. Er hatte bei sich im Läger seiner Schwester Sohn Massiva
einen Knaben von 14. Jahren. Dieser hatte aus einer rühmlichen Ehrsucht ohne
Massanissens Vorbewust nicht alleine in Hispanien übergesetzt / sondern auch in
dem Treffen zwischen Asdrubaln / und dem jungen Scipio die Waffen ergrieffen /
der aber nach tapfferem Gefechte in der Flucht der Mohren mit dem Pferde
gestürtzt / und also gefangen ward. Scipio / als er seinen Uhrsprung und Zufall
vernommen / beschenckte ihn mit einem goldenen Ringe / vergüldeten Waffen /
köstlichen Kleidern / einem schönen Pferde / und schickte ihn mit sicherer
Begleitung dem Masanissa in sein Zelt. Diese Grossmütigkeit gebahr bei
Masanissen eine unvermerckte Zuneigung gegen den Römern. Also weiss ein Kluger
ihm seine Feinde mehr / als ein Unvernünftiger seine Bundsgenossen nütze zu
machen. Hingegen beobachteten die Römer nicht: dass Freunde haben / unser halbes
Wesen sei; und dass die / welche der Mund mit guten Worten gewonnen / das Hertze
mit redlichem Beginnen zu erhalten habe. Denn sie suchten nur ihren Eigennutz;
und liessen den Syphax in Africa alleine baden. Welches zwar ein gemeiner
Streich der Bundgenossen / aber auch die Ursache ihrer Trennungen ist. Also
machte auch der dieses wahrnehmende Syphax mit Cartago Friede und Bündnüs.
Welcher Botschaft es dahin vermittelte: dass König Gala alles dis / was er und
sein Sohn Masanissa eingenommen hatten / dem Syphax / wiewol nicht ohne Unwillen
erstatten musste. Wordurch Cartago eben so wohl verstiess; Sintemal sie zwar einen
laulichten Freund am Syphax erwarb / behielt aber einen der ihm ihre Wolfart
mit Ernst angelegen sein liess / wo nicht alsbald in Waffen / doch im Gemüte am
Gala verlohr. Dieses spürte der schlaue Scipio aus; schickte daher den Loelius
nach Cirta zum Syphax / welcher ihn durch reiche Geschencke auf guten Weg /
iedoch / weil er sich mit iemand anderm als dem Römischen Feldhauptmann einen
Bund zu schlüssen / viel zu hoch deuchtete / zu keinem völligen Schlusse
brachte. Scipio und Lölius setzten sich auf zwei Kriegs-Schiffe /und fuhren mit
so grosser Verwegenheit als Gefahr nach Cirta / weil sie kaum etliche
Augenblicke für Asdrubaln / der auf der andern Seite mit fünff Kriegs-Schiffen
eben dahin segelte / in Hafen einlief. Syphax bewillkommte beide Kriegs-Häupter
mit gleicher Ehre; brachte es auch so weit: dass Scipio und Asdrubal nicht allein
an einer Taffel mit ihm speiseten /sondern auch in einem Bette lagen; Hingegen
Scipio mit seiner gleichsam aller Menschen Gemüter bezaubernden Freindligkeit
so weit: dass der die neue Woltat / aber nicht die alte Beleidigung vergessende
Syphax Asdrubaln mit leeren Worten speisete / mit dem Scipio aber ein Bündnis
machte / und selbtem / wenn er in Africa aussetzen würde / mächtigen Beistand
versprach. Gleichwol aber ward so wohl auff einals der andern Seite das Spiel
durch neue Zufälle verrückt. Denn als Masanissa noch in Hispanien für Cartago
Krieg führte / starb sein Vater König Gala; diesem folgte im Reiche sein Bruder
Desalces / des Deutschen Fürsten Narvas jüngster Sohn. Er starb aber kurtz
hierauf; und kam sein ältester Sohn Capusa zur Krone. Es war aber in selbigem
Reiche ein ziemlich mächtiger Fürst Mezetul / des Königs Ergamenes Tochter Sohn
/ welcher dem gegenwärtigen Königlichen Geschlechte Spinnen-feind war. Dieser
mahlte dem Adel die Schande: dass ein Ausländer mit seinen Kindern über die Edlen
Numidier herrschen sollte /dem Pöfel aber die bisher ertragene Kriegs-Beschwerden
für; brachte es auch so weit: dass das Reich sich spaltete. Das aber für den
Fürsten Capusa stehende schwächere Teil ward mit samt ihm und den andern Söhnen
des Königs Desalces erwürget. Wiewol er nun mehrmals sich verlauten liess: dass er
/ als Königs Ergamenes Enckel / der nechste Stul-Erbe wäre; so gaben diesem
Ausspruche doch die Reichs-Stände schlechtes Gehöre / sondern sie zielten auf
den seiner Tapfferkeit halber so berühmten Masanissa. Mezetul erschrack hierüber
nicht wenig; daher suchte er in Wahrnehmung: dass er es schwerlich schaffen würde
/sich selbst zum Könige zu machen / durch eine andere Arglist das Hefft in die
Hände zu kriegen; schlug sich also auf die Seite des funffzehn-jährigen Fürsten
Lacumaces / und weil dieser des Fürsten Narvas / als ältesten Bruders Sohn war /
behauptete er: dass er Masanissen / als des jüngern Bruders Gala Sohne / von
Rechtswegen fürzuziehen wäre. Uber diss vermählte er ihm zu Unterstützung seines
Reiches des Königes Desalces Wittib / Amilcars Tochter und Annibals Schwester
Dido / verband sich mit seinem Schwager Syphax aufs festeste. Masanissa / als er
seines Vettern Desalces und Capusa Tod vernahm / setzte aus Hispanien in
Mauritanien über; und bat bei desselbten Könige Bochar 4000. Mann zu Einnehmung
des väterlichen Königreichs aus. An der Gräntze bewillkommten ihn alsofort
fünffhundert edle Numidier /durch derer Hülffe er bei der Stadt Tapsus den
Fürsten Lacumacen in die Flucht trieb / sich der Stadt bemächtigte / und im
Königreiche einen ziemlichen Beifall überkam. Ob nun wohl Lacumaces vom Syphax
ohne die Reuterei funffzehn tausend Fussknechte / Mezetul zehntausend Reuter
wider Massanissen ins Feld führte; überwog doch dessen Krieges-Wissenschaft in
der Schlacht die Menge; also: dass Lacumaces und Mezetul mit wenigen Geferten
nach Cartago entkamen. Wiewohl nun Masanissa seines Königreichs Meister ward /
so sah er doch aus des mächtigen Königs Syphax Zorn-Wolcken ein grausames
Gewitter über ihn auffziehen. Daher schrieb er seinem Vetter Lacumaces auffs
freundlichste zu / trug ihm an die Nachfolge im Reiche / und dass er ihn wie
König Gala seinen Bruder Desalces unterhalten; dem Mezetul aber alle Erb-Güter
einräumen wollte. Beide waren damals aus Königs Syphax Hofe / und hätten sie
diese Anerbietung nicht allein angenommen / sondern auch Syphax geschehen
lassen: dass Masanissa der Masesyler König bliebe; wenn nicht Asdrubal ihm
eingehalten: wie viel ihm und der Stadt Cartago daran gelegen wäre diesen
streitbaren und Römisch gesinneten Fürsten bei seiner noch nicht befestigten
Macht als ein schädliches Feuer bei erster Entglimmung zu dämpffen. Der ohne diss
herrschsüchtige Syphax war wieder einen schwächern König leicht auffzubringen;
rückte daher mit seinem Heere in dasselbige Stücke Landes / welches der Rat zu
Cartago vormahls zwar dem Gala zuerkennet hatte / nunmehr aber unter dem
Scheine neu auffgefundener Urkunden dem Syphax zueignete / und als Masanissa
sich wider das Urtel der von ihm nie beliebter Richter und die Gewalttat des
Syphax beschwerte / in das Hertze des Masesylischen Reichs; schlug auch den ihm
begegnenden Masanissa aus dem Felde; also: dass er mit Not auff das Balbische
Gebürge entran / Syphax aber nicht Lacumacen / sondern ihm selbst das Reich
zueignete. Masanissa streiffte von selbtem Gebürge nicht nur in Numidien /
sondern auch in der Stadt Cartago Gebiete / und verkauffte die Beute am
Meer-Strande denen anländenden Handels-Leuten. Syphax hingegen schickte seinen
Feldhauptmann Bochar mit viertausend Mann diesen Räuber auszuspüren; welcher
Masanissen derogestalt in die Enge brachte: dass er mit wenigen auff den Gipffel
des Berges weichen / endlich aber aus Mangel der Lebensmittel mit seinen übrigen
siebenhundert Mann in ein Tal abkommen musste. Bochar aber lag ihm alsbald in
Eisen; er schlug biss auff vier Reuter und den gefährlich verwundeten Masanissa
alle; welche in einen strengen Fluss abstürtzten; von denen ihrer zwei alsbald
vom Flusse verschlungen / Masanissa aber vom Strome aus der Numidier Augen
gerissen / gleichwohl endlich mit seinen zwei Geferten ans Ufer getrieben ward;
da er denn / den nunmehr Bochar und Syphax unfehlbar für todt hielt / seine
Wunden ihm in einer Höle mit Kräutern ausheilete. Hierauff wagte er sich wieder
in sein Reich; bekam auff der Gräntze mehr nicht als vierzig Reuter / kurtz
hierauff aber sechs tausend Mann; welche ihn als einen vom Himmel gefallenen mit
unglaublichem Frolocken bewillkommten /zu sich / nahm das gröste Teil seines
Königreichs ein / und verheerte noch darzu seiner Feinde Länder. Syphax kam
alsbald mit zwei mächtigen Heeren gegen ihm ab; derer eines er selbst vorwerts /
das andere aber sein ältester Sohn Vermina anführte; und durch diese Ubermannung
Masanissens ganze Macht in Stücken hieb; also: dass er kaum mit siebenzig
Pferden zu der kleinern Syrte / und von darzu den Garamanten entran. So bald
aber Lälius in Africa kam /fand Masanissa mit zwei hundert Numidischen
Edelleuten sich zu ihm / schlug auch den andern Tag mit sonderbarem Glücke
etliche hundert Cartaginenser in die Flucht. Scipio kam kurtz hernach auch an /
bewillkomte Masanissen / belägerte Utica; und als Amilcars Sohn Hanno bei der
Stadt Salera sich gegen die Römer setzte / schlug Masanissa ihn mit drei tausend
Reutern todt / unter denen zwei hundert Cartaginensische Edelleute waren. Der
jüngere Asdrubal zohe hierauff zwar mit drei und dreissig / Syphax mit funffzig
tausend Mann auff / nötigten auch den Scipio die Belägerung auffzuheben. Aber
nach dem Masanissa mehr als zwanzig tausend ihm zufallende Masesyler und
Numidier an sich zoch / schlug Scipio / oder vielmehr Masanissa Asdrubaln und
den König Syphax /wiewohl wegen der streitbaren Celtiberier unglaublicher
Gegenwehr nicht ohne selbst eigenen grossen Verlust / etliche mahl aus dem Felde
/ eroberte zwei /iedoch unter dem Schein angezielter Friedens-Handlung arglistig
angezündete Läger. Ja Masanissa nahm den Syphax gar gefangen / nötigte
Sophonisben zur Ubergabe der Hauptstadt Cyrta. Endlich belägerte Scipio die
Stadt Cartago / und zwang den Rat nicht nur den Mago aus Ligurien / welcher
kurtz vorher in einer blutigen Schlacht wider den Qvintilius Varus /und Marcus
Cornelius tödtlich verwundet worden war / und auff der Rückreise starb / sondern
auch den neunzehn Jahr in Italien siegenden Annibal nach Hause zu ruffen;
welcher so lange Zeit mit seinem Heere niemahls das Feld geräumt / nicht ohne
Wunderwerck so vielerlei Völcker / aus welchem sein Kriegsvolck bestand / in
unverruckter Eintracht erhalten hatte / und daher nicht unbillich bei Empfahung
dieses Befehls für Ungedult mit den Zähnen knirschte; gleichwohl aber dem Brande
seines Vaterlandes zulauffen musste. In Africa mühte er sich durch persönliche
Unterredung mit dem Scipio / selbtem einen nützlichen Frieden durch Vorstellung
des in Schlachten am meisten wanckelbaren Glückes zu erwerben. Aber der
Ehrsüchtige Scipio wollte vorher den Ruhm haben den Besieger seines Vaters und
den berühmsten Kriegs-Held der Welt zu überwinden. Massen denn beide ihre Heere
/ zu welchem Annibal den Numidischen Fürsten Tycheus mit zwei tausend
ausserlesenen Pferden bekam / so klüglich in Schlachtordnung stellten / und so
ritterlich gegen einander fochten: dass Annibal weder dem Scipio / noch Scipio
Annibaln den geringsten Fehler auszustellen wusste. Alleine bei gleicher Tugend
gab gleichwohl die grössere Macht der Römer / der grosse Beistand Masanisses /
und das auff ihre Seite henckende Glücke für den Scipio den Ausschlag; indem
zwanzig tausend Mohren erschlagen / fast auch so viel gefangen wurden / Annibal
auch mit genauer Not nach Adrumet und so fort nach Cartago entrann. Scipio
meinte nunmehr seiner Ehren ein Genügen getan; und mit diesem Siege einen
Grundstein zu Eroberung der Welt gelegt zu haben; scheuete auch die Belägerung
einer so mächtigen Stadt / am meisten aber die Ankunft eines Nachfolgers /
welcher ihm so denn den Preis des geendigten Krieges entzüge. Diesemnach gab er
dem vom Verhängnisse augenscheinlich gedrückten Cartago nach überwundenem / und
nunmehr so sehr nach der Ruhe selbst seuffzendem Annibal einen Frieden / den er
denen noch so starck gewaffneten kurtz vorher versagt hatte. Also trennte die
gifftige Anspinnerin dieses Krieges / nehmlich die Missgunst / auch sein so
schädliches Gewebe entzwei; und ward dissmahl zu einer wohltätigen
Friedensstiffterin. Der sonst so kriegerische Hannibal bewehrte die
Notwendigkeit der Ruh durch eine kühne aber redliche Vermessenheit / in dem er
den Kriegratenden Gisco von seinem Rats-Stule zwar wider die Gesetze einer
freien Stadt / iedoch aus einem wohlgemeinten Eiver herab zoh. Mit diesem
Frieden blieben eine ziemliche Zeit die Waffen zwischen den Deutschen / Galliern
und Römern aufgehenckt; Massen denn die Deutschen damals auch unter dem Fürsten
Marcomir die Weltweissheit / Tichter und andere Künste in Schwung brachten.
    Fürst Zeno / als er ohne diss warnahm: dass Adgandester ermüdet / und in dem
nechsten Zimmer des Lustauses zur Mittags-Mahlzeit zubereitet ward; fiel ihm
ein: Ich vernehme hieraus genugsam: dass weder die Mohren die Wundertaten
Annibals in Italien; noch auch Scipio die Demütigung der Stadt Cartago den
Römern / sondern beide gröstenteils ihre Siege der streitbaren Deutschen Tugend
zuzuschreiben haben. Adgandester antwortete: Ob ich zwar für meine Landsleute
ein verdächtiger Zeuge zu sein scheine / die Römischen Geschichtschreiber auch
so wohl unser / als ander Ausländer Heldentaten mit Fleiss verdrücken; so ist es
doch die lautere Warheit: dass sonder der Deutschen Hülffe weder Annibal mit
seiner Hand voll Volcke Italiens /noch Scipio ohne den Beistand der von uns
entsprossener Celtiberier Hispaniens / weniger aber ohne den aus deutschem
Geblüte kommenden Masanissa Africens Meister worden wäre. Worinnen die
Grichischen Geschichtschreiber den Römern die Warheit zimlich unter die Augen
sagen; wiewol sie alle ausser Italien wohnenden Nordvölcker irrig unter dem
Nahmen der Gallier auffführen / und wie die Gräntzen / also auch die Taten der
Deutschen mit unter der Celten Nahmen verdecken. Hertzog Rhemetalces antwortete:
Es ist ein allgemeiner Brauch der Völcker: dass dasselbte / welches die Oberhand
hat / ihme den Verdienst aller seiner Gehülffen zueigne. Es ist nichts seltzames
fremdes Wasser auff seine Mühle leiten / und anderer Schweiss zur Farbe seiner
Siegs-Fahnen brauchen. Dahero / wie vieler tugendhafter Würde vom Neide
vergället / oder von dem Staube der Vergessenheit vergraben wird; also ist der
Nachruhm oft mehr ein Geschencke des Glückes / als der Tugend / und er kehret
einem Lasterhaften so bald das Antlitz / als einem tapffern die Fersen.
Gleichwol aber wird ein grosses Werck dem nicht unbillich zugeschrieben /der
selbtes angegeben / und andern die Hand geführet. Das Haupt behält in allen
Anstalten den Vorzug; ob schon der Werckzeug der Armen und anderer Glieder das
meiste bei der Sache zu tun scheinet. Ein grösserer Strom beraubet hundert
andere einfallende Flüsse ihrer Nahmen / ob sein eigen Wasser gleich kaum das
hunderste Teil austrägt. Ein Feldherr hat mehrmals nicht den Degen gezuckt;
gleichwohl wird ihm nicht unbilliger nachgerühmet: dass er den Feind aus dem
Felde geschlagen; als einem Steuermanne: dass er das Schiff in den gewünschten
Hafen bringe. Dannenhero der tapfferen Deutschen Beistand dem Ruhme des klugen
Annibals und der Römischen Feldherrn nicht allen Ruhm entziehen kann. Adgandester
versetzte: Es sei diss seine Meinung niemahls gewest; aber doch hätten ihre
Geschichtschreiber der Deutschen nicht so gar vergessen / sondern sich des
nachdencklichen Getichtes ihres Menannius erinnern sollen; wie übel es denen
edlern Gliedern dess menschlichen Leibes bekommen sei / als sie den in ihren
Augen so verächtlichen Bauch allzu verkleinerlich gehalten. Das Haupt hätte
billich den Vorzug; aber die Armen verdiente auch ihr Lob. Die Sonne verdüsterte
zwar mit ihrem Glantze die andern Gestirne; sie leschte ihnen aber nicht gar das
Licht aus; ja sie teilte stets mit ihnen den Himmel / und vergnügte sich mit
der Helffte seines Umkreisses; wormit nicht nur der Monde / sondern auch die
kleinesten Sternen sich der halben Erde können sehen lassen. Zeno setzte nach:
es ist wahr: dass die Tugend der Römer niemals höher kommen sei / als in diesem
Römischen Kriege / ungeachtet hernach ihr Glücke allererst zum Riesen worden.
Vorher war ihre Tugend allzurau / hernach ihre Grösse zu übermässig; damals aber
ihre Verdienste unschätzbar. Ohne den Brutus würde Rom vielleicht niemahls frei;
und ohne den Camillus ein Steinhauffen oder eine Magd der Gallier worden sein;
dissmahl aber nahm nicht nur ein oder ander Bürger /sondern ganz Rom wider die
Mohren seiner Pflicht wahr. Nach der grossen Niederlage bei Canna entfiel dem
Rate nicht seine Klugheit / keinem Römer das Hertze / ja der Pöfel vergass
seiner Schwachheiten; und kein Mensch hatte einige nicht dem gemeinen Heile
nützliche Gedancken. Das Frauenzimmer wiedmete selbtem ihren Schmuck / der Geitz
verschwendete zu der gemeinen Wolfahrt seine Schätze; die am wenigsten Vermögen
hinter sich behielten / schätzten sich am reichsten zu sein. Die Jünglinge
erteilten so kluge Ratschläge / als graue Häupter. Die frevgelassenen Knechte
verfochten mit einem edlen Helden-Geiste die sämtliche Freiheit. Fürnehmlich
aber übersteiget der Römer getroste Hertzhaftigkeit allen Ruhm: dass als Rom
selbst in vieler tausend Augen verloren zu sein schien / sie doch in Sicilien
und Spanien Hülfs-Völcker / der Stadt Neapolis aber ihr angebotenes Volck und
Geld zurücke schickte / und nur das Getreide von ihrem Geschencke behielt.
Sintemal dieses edle Volck auch in der grösten Not nicht seine Schwäche blicken
lassen wollte; weil niemand gerne sich an einen zerbrochenen Stab lehnet; und das
Glücke selbst zuweilen lüstern ist einen an den rohen Ort zu stechen / wo es am
wehesten tut. Uberdiss trug Rom die Stirne schon so hoch: dass es für ehrlicher
hielt / gar zu Grunde zu gehen / als eines Nagels weit von seiner Hoheit zu
verfallen / und für einerlei Unglück nicht mehr anderer Völcker Herr /oder gar
nicht mehr sein. Es ist nicht ohne / fing Adgandester an: dass die Römer damals
nichts versehen /was Tugend und Klugheit zu Erhaltung eines Reichs beizutragen
vermag. Meines Erachtens aber würde alles verlohrne Arbeit gewest sein; wenn
Cartago nicht selbst aus Unvernunft sein Glücke mit Füssen von sich gestossen
hätte. Unter denen die fürnehmste war: dass Hanno dem siegenden Annibal grämer
als den feindlichen Römern war; und dass er lieber Cartago eingeäschert / als
seinen Feldherrn sieghaft zurücke kommen gesehen hätte; nur dass seine den Krieg
widerratende Meinung nicht getadelt werden könnte. Da hingegen die Römer den aus
der Cannischen Niederlage entflohenen Bürgermeister viel klüger Danck sagten /
dass er nicht gar an der Erhaltung Roms verzweiffelt hätte. Annibals ganz
Italien erschütternde Siege wurden zu Cartago entweder nicht geglaubt /wenn er
zumal sein Heer mit Volck und Gelde zu verstärcken bat; oder man schalt ihn gar
für einen eigennützigen Räuber der feindlichen Beute; und unterbrach alle seine
klugen Anstalten / gleich als wenn er nicht der Mohren Feldherr / sondern der
Römer Bundsgenosse wäre. Nichts destoweniger überwand Annibal so wohl die
einheimischen als fremden Feinde / und verdiente den unzweiffelbaren Nachruhm:
dass er der gröste Kriegsmann gewest sei / den iemahls die Erde getragen hat.
    Es ist nicht ohne / sagte Zeno: dass Hannibal einer der grösten Helden der
Welt gewesen sei. Alleine wie die Natur daselbst / wo das Meer am grausamsten
stürmet / denen Ländern zum besten ihm die höchsten Steinfelsen gleichsam als
Riegel vorgeschoben hat; also setzet die göttliche Versehung insgemein auch
einem grossen Helden einen andern entgegen / welcher selbtem die Stange biete /
und die Herrschaften der Welt in gleicher Wage halte. Hector und Achilles;
Sylla und Marius; Pompejus und Julius; Anton und August hatte der Himmel
gleichsam ausserlesen: dass sie ihre Kräfften an einander eichten sollten. Und dem
Annibal war der unvergleichliche Scipio gleichsam wie ein Angelstern dem andern
entgegen gesetzt. Sie waren in vielen Dingen einander zu vergleichen. Annibal
war aus dem edlen Stamme Barcha / Scipio aus dem der Cornelier. Jener kam als
ein neunjähriges Kind ins Lager / und schwur der Römer Feind zu sterben; ward im
fünf und zwantzigsten Jahre seines Alters oberster Feldherr; dieser erhielt im
siebzehnden Jahre in der Schlacht bei Ticin seinem verwundeten Vater das Leben;
zwang hernach die Römer / welche aus Italien zu fliehen für hatten / mit blossem
Degen zu schweren: dass sie nimmermehr ihr Vaterland verlassen wollten; und nahm /
als er 24. Jahr alt war / als Feldherr Spanien zu beschützen auf sich. Beide
lagen auch in dem Läger gelehrten Dingen ob; Hannibal hatte den Philenius und
Sosilus / Scipio den Ennius bei sich. Beide waren beflissen ihrem Feinde nicht
nur durch unverzagte Tapferkeit / sondern auch durch schlaue Kriegs-Räncke
Abbruch zu tun / und nichts minder mit Klugheit als Waffen zu kämpfen. Hannibal
wusste des hitzigen Sempronius Gemüte so listig aufzureitzen: dass er wider die
Vernunft die Schlacht bei Trebia wagte und verspielte. Des hoffärtigen Flaminius
Gemüte reizte er durch Einäscherung des Landes so ferne: dass er aus Ungedult
wider seinen Willen schlug / und Heer und Leben einbüsste. Den fürsichtigen
Fabius machte er durch Verschonung seiner Land-Güter den Römern verdächtig; dem
verwegenen Minutius verhing er einen kleinen Sieg / wormit seine Eitelkeit ihn
in den Verlust einer Haupt-Schlacht stürtzte. Denen geitzigen Cretensern / zu
denen er sich und sein Vermögen geflüchtet hatte /spielte er es meisterlich aus
ihren räuberischen Händen; in dem er viel mit Blei gefüllte Fässer im Spunde mit
Golde bedeckt / und als seinen Schatz in der Diane Tempel verwahret / das Gold
aber in die holen Ertzt-Bilder verstecket und weggeführet. Den viel stärckern
König Eumenes jagte er mit in Töpfe verschlossenen Schlangen aus der See. Nichts
weniger schlau war Scipio; als er die Römer glauben liess: dass er im
Capitolinischen Tempel von den Göttern geheime Offenbarungen empfangen / und den
Apollo zum Vater hätte; als er bei Belägerung der neuen Stadt Cartago in
Spanien bei sich ereignenden Eppe sein Kriegs-Volck beredete: dass Neptun selbst
wider die Feinde stritte. Als er Kriegsverständige in Knechte der Römischen
Gesandten verkleidete / und des Syphax Läger ausforschte / auch hernach
anzündete. Beide Helden sind auch von dem Neide und Undancke der Ihrigen mehr /
als von der Gramschaft ihrer Feinde verfolgt worden. Sintemal Hanno Hannibaln
durch seine Vergällung nicht nur Hülff-los machte; sondern seine eigene Numidier
trachteten ihn nach verlohrner Schlacht bei Zama zu tödten. Der Rat zu Cartago
schämte sich nicht zu entschlüssen / den in die Hände der Römischen Botschaft
zu liefern / dessen Vermögen einzuziehen / und sein Haus abzubrechen / welcher
sein Blut so viel mal für ihre Freiheit aufgesetzt hatte. Antiochus und Prusias
meinten nicht viel anders seine Wohltaten zu belohnen; also: dass er durch seine
eigene Vergiftung seiner eigenen Gefangenschaft vorzuziehen gezwungen ward.
Eben so war dem Scipio Fabius über Achsel; man mass ihm des Pleminius wider die
Locrenser verübte Grausamkeit zu; der Rat durchgrübelte alle sein Beginnen /als
eines verdächtigen Ubeltäters. Er verfiel in den Hass des ganzen Volckes; weil
er in dem Schauplatze die Gestüle der Ratsherren absonderlich setzen liess. Und
der / welchen man vorher für den Fürsten des Rats erklärt hatte / ward auf
Anstiften des Cato an eben dem Tage / da er etliche Jahr vorher Cartago besiegt
hatte / verklagt: dass er sich vom Könige Antiochus mit Geld hätte besteche
lassen. Wiewohl Scipio darinnen noch glücklicher / als Hannibal war: dass / als
er aus Verachtung dieser Anklage aufs Capitolium ging / von seinem Feinde
Tiberius Gracchus seine Unschuld verteidigt ward. Ob ihm auch wohl Rom keine
Notwendigkeit zu sterben aufbürdete; zwang ihn doch Missgunst und Verläumdung
seines Vaterlandes / ohne welchen es zum andern mal wäre erobert worden / sich
in einen geringen Winckel bei Linternum zu verkriechen / und daselbst den Acker
zu graben. Weil aber Scipio entweder der Römischen Freiheit / oder diese dem
Scipio nachteilig war / und entweder er oder sie von Rom entfernet sein musste
/bezeugte er mehr Grossmütigkeit durch Verlassung /als durch Beschirmung seines
Vaterlandes; wiewohler durch eine auf seinen Grabe-Stein eingehauene selbtes mit
Beerdigung seiner Gebeine zu beehren verbot. Beide Helden aber waren darinnen
glückselig: dass sie auch in ihrem Elende hochgeschätzt; und zwar Annibal vom
Scipio selbst für der Schlacht bei Zama / und hernach zu Ephesus umbarmet / von
den Römern gefürchtet / Scipio von den See-Räubern als ein Halb-Gott angebetet /
von fremden Völckern bejammert ward; dass beider Vaterland ihre Asche hernach mit
Tränen benetzte / ihr Gedächtnis mit Ehren-Säulen beehrte / und ihr Geist
mehrmals mit viel-tausend Seufzern zurück gewüntscht / ja von den Römern
geglaubt ward: dass ein Drache des Scipio Geist in einer Höle unter seinem
Linturnischen Vorwerge bewachte. In so vielen waren diese zwei Helden einander
ähnlich. Gleichwohl aber düncket mich: dass dem Scipio aus vielen erheblichen
Gründen die Ober-Stelle gebühre. Adgandester versetzte: Diese aber hat Scipio zu
Ephesus dem Annibal selbst enträumet. Zeno antwortete: Eben damals hat Scipio
mit seiner Höfligkeit Annibaln überwunden / wie er ihm sonst mit seiner
annehmliche Gestalt und Sanftmut überlegen war. Jene war so anlockend: dass
niemand / der ihn ansah / sein Gesichte sättigen konnte. Mit dieser glimpf- und
gütigen Bezeugung überwand Scipio fast mehr Feinde / als Hannibal mit seinen
Waffen. Die Freilassung der in Neu-Cartago überkommener Geissel / die
Aufnehmung des abtrünnigen Mandonius und Indibilis machte ihm halb Spanien
unterhänig. Die Ubergebung seiner gefangenen Braut verknüpfte mit dem Lucejus
ihm die Celtiberier. Die Loslassung der dem Asdrubal abgeschlagener Spanier
machte: dass sie den Scipio für ihren König ausrufften. Für den wiedergegebenen
Knaben Massiva ward König Masanissa der Römer getreuster Bunds-Genosse / und
hertzhaftester Beistand. Durch seine guten Worte zohe er den zweifelhaften König
der Bitynier auf der Römer Seite. Adgandester versetzte: Es wäre nicht ohne:
dass Scipio an Gestalt und Freundligkeit Annibaln übertroffen hätte. Beides aber
rührte von dem ganz unterschiedenen Land-Striche ihrer Geburts-Stadt her.
Wiewohl denen Mohren / welche die Schwärtze für eine Zierrat / und die
Ernstaftigkeit für eine Tugend hielten /den Scipio vielleicht weit hinter
Annibal gesetzt habe. Gleichwohl aber hätte Annibal auch nicht allemal sauer
gesehen / sondern / wenn er es ihm vorträglich zu sein befunden / hätte sein
kluges Absehen iederzeit die ihm angebohrne Neigungen verdrücket; und er
insonderheit gegen die Römischen Bunds-Genossen so viel Glimpf und Güte; als
gegen die Römer selbst Grausamkeit gebrauchet; hierinnen auch viel klüger /als
Pyrrhus gebahret; der denen gefangenen Römern liebkosete / ihre Bunds-Genossen
mit Schwerdt und Feuer verfolgte. Nichts minder hätte Annibal des in der
Schlacht erlegten Marcellus Leiche aufs beste schmücken / und verbrennen / seine
Gebeine in einen silbernen Topf schlüssen / mit einer güldenen Krone beehren /
und seinem Sohne zuschicken lassen. Dass aber er gegen die Seinigen sich zuweilen
einer Strengigkeit gebraucht / hätte ihm sein eigner Zustand abgenötigt; weil
er meist allerhand fremde Völcker in seinem Kriegs-Heere geführet; selbte ohne
Geld und Vorrat in feindlichem Lande im Gehorsam halten müssen; wiewohl alle
diese mehr aus Ehrerbietigkeit /als Furcht ihre Pflicht gegen ihm niemals
versehret hätten. Wegen welcher Ursache seine Siege aller andern Helden
vorgezogen zu werden verdienten. Sintemal Alexander mit eitel Griechen / welche
der Persen Tod-Feinde / und meist seine Untertanen waren / und mit des Darius
unschwer eroberten Schätzen; Scipio und Käyser Julius mit eitel Römern und
Feinden der Stadt Cartago; Annibal aber mit eitel geworbenen und übel
besoldeten Ausländern Krieg geführet. Mit einem Worte: Annibal hätte die
Arbeitsamkeit / die Gedult / die Hertzhaftigkeit / die Wissenschaft und alle
Tugenden eines Feldherren gleichsam in Ubermasse gehabt. Sein Feldzug aus
Spanien; wo es umb Cartago misslich und zweifelhaft stand; durch das feindliche
Gallien / da er alle Tage mit neuen Völckern schlagen müssen; über das unwegbare
Alpen-Gebürge / da die Natur und der Himmel gleichsam selbst wider ihn zu Felde
lag; in Italien / da er weder Vorrat / Hülffe / noch Sicherheit der Rückkehrung
zu hoffen hatte / übersteiget schier den Glauben der Nach-Welt. Wiewohl / wenn
man Annibals allentalben geprüfete Fähigkeit beobachtet / muss man sich mehr
über Annibaln / als seinen Zug verwundern /und diesen noch für etwas wenigers /
als ein Werck dieses Helden ansehen. Der Verlust seines Auges / die Begegnung
fast unzehlbarer Heere waren viel zu ohnmächtig den Lauff seiner Siege von einem
Ende Italiens bis zum andern zu hemmen. Ja so lange er in diesem Lande gewest /
hat niemand in Schlachten ihm die Wage halten / und nach der Cannischen
Niederlage kein Römisches Heer sich gegen ihm in freiem Felde lagern können.
Zeno begegnete Adgandestern: Scipio hätte in allem dem Annibaln kein Haar breit
gewichen; weil er neu Cartago in einem Tage belägert und erobert / in vier
Jahren das etliche mal grössere Spanien bemeistert / darinnen vier
Cartaginensische Heere und Feldherrn erschlagen / den mächtigen König Syphax /
und endlich den Italien zu verlassen gezwungenen Annibal selbst überwunden. Da
hingegen Hannibal schier die geringste sich rechtschaffen währende Stadt zu
bemeistern / der Siege zwar durch Wollüste zu genüsse / ebe so wenig aber /als
Pompejus / derselben durch ihre Verfolgung sich zu gebrauchen / am wenigsten /
wie Alexander / Scipio und Julius / ein Werck völlig auszumachen gewüst hätte.
Welche letztere alle ihre Taten / so lange noch etwas zu tun übrig war / für
ungetan hielten. Also wäre Annibal zwar andern Kriegsleuten Fehler aufzubinden
/ sich aber von selbten zu befreien nicht fähig gewest. Wie hitzig er sonst
seinen Feind anzugreiffen / auch ihn über Hals und Kopf zu verfolgen gewüst; so
unzeitig hätte er nach dem Cannischen Siege ihm unnötige Schwerigkeiten mehr
aus eingebildeten Hindernüssen / als aus Wichtigkeit des Werckes gemacht / durch
eine falsche Vorsichtigkeit die Eroberung der Stadt Rom und die Stunde
versäumet; darinnen er den ganzen Krieg aus / dem Römischen Reiche ein Ende /
und Cartago zum Haupte der Welt machen können; indem entweder sein Verstand
nicht so weit sehend / oder sein Gemüte ein so grosses Glücke zu begreiffen zu
engbrüstig / der Römer beraaseter Ruhm und Macht ihm gar zu gross / ihr
erschlagenes Heer in seinen Gedancken noch lebend /und der schon überwundenen
Kriegsleute Gespenster ihm ein blindes Schrecken gewest wäre. Also hätte er ehe
seinen Mühseligkeiten / als dem Kriege ein Ende zu machen gedacht; und endlich /
nachdem er nur einmal die vorhin unbekandte Wollüste geschmecket /von selbten
sich bezaubern und stürtzen lassen. Adgandester setzte dem Fürsten Zeno abermals
entgegen: Für den Scipio hätte augenscheinlich mehr das Glücke / für Annibaln
aber die Tugend gestritten. Von jenem wäre zwar bei Zama der Mohren viel
geringeres Heer / aber nicht Annibal überwunden worden. Denn an eben selbigem
Tage hätte dieser durch kluge Stellung seines Heeres / durch hertzhafte
Gegenwehre sich selbst und alle KriegesKünste überstieg. Scipio wäre über
Annibals Anstalten selbst erstaunet; und bei seinem herrlichen Siege hätte den
überwundenen Annibal seiner grossen Fähigkeit halber beneidet / der flüchtige
Annibal aber ihm noch eingebildet: dass er es dem Uberwinder zuvor getan hätte.
Dieser wäre nicht ein Meister im Felde gewest; sondern: dass er auch Städte
einzunehmen gewüst; gebe ihm die Asche der hartnäckichten Stadt Sagunt ein
Zeugnis. Dass er aber von Spolet und noch einer kleinern Stadt abgezogen / hätte
vom Mangel des Fuss-Volckes / des Geldes und des Sturmzeuges hergerühret. Welches
nebst dem / dass er eine Stadt am Meere / umb auf allen Fall Hülffs-Völcker an
sich zu ziehen nötiger gehalten / ihn vermutlich an der Stadt Rom Belägerung
gehindert hätte. Wiewohl nichts seltzamers wäre: dass nach dem das Verhängnis
allen Menschen ein Ziel gesteckt hätte / sich in den grösten Helden Gedult /
Hertzhaftigkeit und Beständigkeit erschöpfte; und also Annibal / weil er allzu
viel überstanden / nichts mehr auszustehen vermocht; sein vorhin allzu kühner
Geist mit übriger Beisorge sich abzukühlen genötigt gewest wäre / und der im
Unglücke unüberwindliche Held mit dem liebkosenden Glücke zu buhlen nicht
verstanden hätte. Zwar wäre er zu Capua in die Wollüste mehr als ein Weiser
eingesuncken; welcher selbte nicht weiter / als zu seiner Erholung gebrauchen
soll. Aberes schiene eine gemeine Art der ernstaften Leute zu sein: dass sie
sich zwar langsam / aber so viel heftiger von ihren Süssigkeiten einnehmen
liessen. Denn das Stroh finge zwar augenbliclich Feuer / das Eisen aber würde
langsam glüend; hingegen verschwinde jenes auch bald /dieses aber tauerte so
viel länger. Zu dem hatte Annibal / als die Not wieder wäre an Mann kommen /
genungsam erwiesen: dass er der alte Annibal wäre; und ob wohl freilich sein Heer
von der Wollust allzu sehr verzärtelt worden; so hätten doch nur die Not und
die Beruffung der Stadt Cartago / nicht aber die Gewalt der Römer ihn aus dem
Hertzen Italiens zu reissen vermocht. Adgandester hätte noch weiter seinem
Annibal das Wort geredet / wenn nicht Hertzog Herrmann / welcher an dem Eingange
ihnen eine Weile zugehöret hatte / hinein getreten wäre / und durch seinen
Ausspruch diesem feindlichen Zwiste derogestalt ein Ende gemacht hätte: dass
Annibal ein grösserer Krieges-Mann als Scipio gewesen sein würde; wenn es
möglich gewest wäre grösser zu sein als Scipio. Dieser aber wäre ein besser
Bürger gewest / als Annibal.
    Weil nun in dem Saale selbigen Lustauses die Taffel mit Speisen bereit
besetzt war / führte der Feldherr die Königin Erato / und ihnen folgten alle
Anwesenden zu der Mittags-Mahlzeit / welche mit eitel lustigen Schertz-Reden
verkürtzt ward; wiewohl die begierigen Zuhörer selbter ohne diss abbrachen; und
Adgandestern / welcher mit fernerer Erzehlung ihnen den übrigen Tag beschwerlich
zu fallen Bedencken trug /durch ihre Höfligkeit die Verfolgung seiner
Geschicht-Beschreibung abnötigten.
    Adgandester erseufzete / und hob an: Ihr zwinget mich nunmehr unserer
Deutschen grosse Wunden zu entdecken / welche ich als ein treuer Sohn schuldig
zu verhüllen wäre! Jedoch haben diese nicht nur uns /sondern die halbe Welt
getroffen. Denn nach besiegtem Cartago schämte sich nun niemand mehr von den
Römern überwunden zu werden. Ich missgönne diesem Volcke nicht ihren Ruhm der
Tapferkeit; aber sie selbst wagen sich nicht so viel Siege ihrer Tugend
zuzueignen; wenn sie entängen: dass sie das Glücke wie ein Platz-Regen / oder
eine Berg-Bach überschüttet habe. O Anbetens würdiges Verhängnis! wie töricht
opfern die Sterblichen der Tugend und dem Glücke! Deine unerforschliche Weissheit
teilt alleine Siegs-Kräntze aus / und gebieret Schoss-Kinder des Glückes. Wie
vielmal hast du denen / welchen die Natur einen Riegel vorgeschoben / wo
menschliche Klugheit nirgends aus gewüsst / ein Licht angesteckt /und einen Weg
über Meer und durch Felsen gewiesen! Wie oft bist du dem / der aus der Wiege
der Morgen-Röte biss zum Sarche der Sonnen in einem Atem zu rennen vermeint /
beim ersten Ansprunge in Zügel gefallen; und hast die Vermessenheit menschlicher
Ratschlüsse mit einem grausamen Untergange bestrafft! Wir elende Menschen
können ja wohl den ersten Abriess eines Gebäues entwerffen; nimmermehr aber
selbtes ausbauen; wenn die Göttliche Versehung nicht den ersten Grund-Stein
legt. Diese ist die Sonne / welche die Irrwische der alberen Vernunft
zernichtet; diese ist der Wegweiser zu Lande / und sie sitzet beim Steuer-Ruder
auf dem bittern Meere dieser Welt / umb uns entweder in die Strudel des
Verderbens zu stürtzen / oder bei den Schiffbruchs-Klippen des Untergangs vorbei
zu führen. Diese ist die oberste Gebieterin / welcher Gesetzen wir unterworffen;
in welcher Gebiete wir eingeschränckt sind; welche der halben Welt Kräfften dem
einigen Rom unterworffen hat.
    Der Fortgang der Römischen Siege geschahe wider die Macedonier; welch Volck
sich vorher der Herrschaft des Erdbodems angemasst; dessen König Philipp aber
sich mit Annibaln verknipft hatte. Ja das Verhängnis spielte den Römern nicht
nur eine scheinbare Ursache des Krieges / nämlich den Schirm der bedrängten
Stadt Aten in die Hand; sondern es kündigte ihnen auch durch ein auf dem
obersten Kriegs-Schiffe wachsendes Lorber-Reiss den ungezweifelten Sieg an. Ja
nicht nur Philip / sondern Tebe / Euböa und Sparta wurden bezwungen. Dieses
Glücke konten die zwei hertzhaften Helden Annibal und Amilcar / denen ihres
Vaterlandes Unterdrückung durchs Hertze ging / ohne schäle Augen nicht ansehen;
weil sie aber weder eigene Kräfften was hauptsächliches zu unterfangen hatten /
noch auch Cartago aufs neue in Gefahr setzen wollten; ging Amilcar zu den
Deutschen / Annibal zum mächtigen Könige Antiochus über. Jener brachte die
nunmehr unter dem Joche der hochmütigen Römer schwitzenden Insubrier / Bojen /
Cenomänner / und Ligurier dahin: dass als Cajus Appius mit gewaffneter Hand in
das Gebiete der Bojen einfiel / und ihre Land-Früchte gewaltsam abmeihete / sie
ihn mit sieben tausend Römern erschlugen / die übrigen mit dem Bürgermeister
Elius nach Rom jagten / und sie sich / in Hoffnung: Es würde Antiochus den
Römern biss ins Hertze kommen / mit einander in Bündnis einliessen / und den
Römern den Gehorsam aufkündigten / die Römische Stadt Placentz mit Sturm
einnahmen / selbte einäscherten / und mit viertzig tausend Mann Cremona
belägerten; also: dass der Bürgermeister Aurelius und der Landvogt Lucius Furius
mit einem mächtigen Heere zum Entsatz eilen mussten. Ob nun zwar die Deutschen
allhier übermannet / Amilcar getödtet /und sie über den Po zurücke zu weichen
genötigt wurden; so unterhielten doch die deutschen Fürsten und der junge
Amilcar selbige Völcker noch in den Waffen; wormit sie ihre Freiheit biss auf den
letzten Bluts-Tropfen zu verteidigen entschlossen waren. Aber weil der
furchtsame Antiochus Annibals klugen Ratschlägen langsames Gehöre gab / zohen
alsbald beide Bürgermeister mit mächtiger Heeres-Krafft gegen die Deutschen und
Gallier auf. Quintus Minutius fiel bei den Liguriern ein / eroberte die Städte
Clastidium und Libubium; hierauf rückte er gegen die Bojen; der andere
Bürgermeister Cornelius gegen die am Flusse Mincius stehenden Insubrier und
Cenomänner: dass selbte bei erfolgender Schlacht von den Deutschen nicht nur ab;
sondern / weil sie zum Hinterhalte gestellt waren / ihnen gar in Rücken fielen
/und also den sonst zweifelhaften Sieg durch ihren Meineid den Römern
zuschantzten / in welchem drei deutsche Fürsten und der junge Amilcar / als vier
Löwen fechtende umbkamen. Diese Niederlage schreckte die Bojen: dass sie mit dem
Minutius / dem sie doch bereit grossen Abbruch getan hatten / nicht zu schlagen
getrauten / sondern diese Völcker mit den Römern / so gut sie konten / sich
verglichen. Nachdem aber die Römer die Deutschen wie Knechte hielten /
vorgebende: dass vermöge ihrer Sitten sie dieselben / welche sich auf Treu und
Glauben ihnen ergeben / in Band und Eisen zu schlagen / über ihr Leben und Güter
zugebieten berechtiget wären / insonderheit auch der gefange gewesene / und gege
gleichwiegendes Silber ausgelösete Fürst Corolam seinen Bojen und Insubriern
erzehlte: wie er in dem Siegs-Gepränge vom Cornelius Cetegus mit Füssen
getreten; die edelsten Deutschen an einander gekoppelt für seinem Wagen wie eine
Heerde Vieh hergetrieben / in den Kerckern halb von Hunger / halb von Gestanck
getödtet worden wären / endlich sie von ihren alten Landsleuten den Celtiberiern
aus Hispanien Nachricht bekamen: dass sie wegen ebenmässiger Dienstbarkeit den
Sempronius Tuditanus mit seinem ganzen Heere erschlagen hätten; zwang die
äuserste Ungedult die Deutschen abermals den Harnisch anzulegen. Der erste
Streich gelückte dem Fürsten Corolam auch: dass er den Sempronius Gracchus /
Junius Sylvanus / Ogulnius und Publius Claudius mit drei tausend Römern
aufopferte. Marcellus geriet hierauf bei der Stadt Comum mit ihm in ein
Haupt-Treffen; wiewohl nun Corolam die ersten Hauffen zertrennte / der Sieg auch
einen halben Tag auf gleicher Wag-Schale lag / so schlug selbter doch endlich
auf der Römer Seite / weil Corolam wegen empfangener gefährlicher Wunde sich aus
der Schlacht begeben musste. Sein Bruder Ehrenfried begegnete inzwischen dem
andern Bürgermeister Furius Purpureo bei dem Schloss Mutilum so hertzhaft: dass
er die Flucht nehmen / und sich zum Marcell fügen musste. Beide Bürgermeister
fielen hierauf bei den Liguriern ein; Fürst Ehrenfried aber folgte mit seinem
wiewohl viel schwächern Lager ihnen stets an der Seiten / und tät den Römern
mercklichen Abbruch; gleichwohl aber zohe zuletzt ein Teil seines mit allzu
vieler Beute überladenen Heeres den kürtzern; also: dass er sich in die Bojischen
Gräntzen zurück ziehen musste. Furius folgte ihm zwar mit dem ganzen Heere /
aber die Bojen besetzten ihre Gräntzen so wohl: dass er in Insubrien zurück
bleibe musste. Wie nun diese über die Raubereien der Römer beweglich klagten /
und die Bojen umb Hülffe anfleheten / schickten sie einen jungen Hertzog der
Nemeter Dorulach / der beiden Bojischen Fürsten Schwester Sohn mit zehn tausend
Pferden den Insubriern zu Hülffe; aber weil die bedrängten Insubrier mit ihrem
Fuss-Volcke nicht zu ihm stossen konten / weil Valerius Flaccus mit einem
mächtigen Heere ihm stets die Stirne bot; musste er nach ziemlichem Verluste nur
umbkehren; zumal er Nachricht kriegte: dass der Bürgermeister Titus Sempronius
mit einem frischen Heere schon an den Bojischen Gräntzen stünde; welchem Fürst
Bojorich zwar entgegen geschickt; aber allem Ansehen nach nicht gewachsen wäre.
Inzwischen hatte Bojorich und Sempronius beide Läger harte gegen einander
geschlagen; und erwartete dieser den andern Bürgermeister / jener aber den
Fürsten Dorulach mit mehr Volcke; gleichwohl aber entschloss sich Bojorich / aus
Beisorge: es möchte der Eifer seines Volckes lau werden / Flaccus auch endlich
an einer andern Seite einbrechen / zwei Tage nach einander sein Heer in
Schlacht-Ordnung zu stellen. Als aber die Römer in ihrem Lager unbeweglich
blieben /führte er sein Volck biss unter den Wall / und zu Bestürmung des Lägers
an. Sempronius wollte diesen Spott nicht vertragen / öffnete also zwei Pforten /
und drang mit zweien Legionen heraus. Die Deutschen aber standen gegen sie wie
Mauern / und verhinderten durch ihre männliche Gegenwehr: dass die Römer nicht
aus dem Lager zu kommen vermochten; ob schon Quintus Victorius und Cajus Arinius
den Fähnrichen die Römischen Kriegs-Fahnen aus den Händen riessen / selbte unter
die Feinde warffen / umb das Kriegs-Volck zu derselben Wiedereroberung
aufzufrischen und vorwerts durchzudringen. Aber diese verwegene / wiewohl
vormals glücklich ausgeübte Kriegs-List wollte dissmal nicht gelingen. Denn
Bojorich fochte an der Spitze wie ein Löwe mit unverwendetem Fusse; und mühte
sich nicht allein seinen Deutschen ein Beispiel hertzhafter Gegenwehr zu geben;
sondern gar in das Läger zu dringen. Dieser blutige Kampf hatte schon einen
halben Tag gewähret / als Hertzog Dorulach mit seiner Hülffe ankam. Weil aber
teils das Gedränge der Streitenden / teils die holen Wege ihn verhinderten auf
diesen beiden Seiten an Feind zu kommen / fügte er mit seiner Reiterei und
wenigem Fuss-Volcke sich zur dritten Pforte / sprang vom Pferde / tät den ersten
Hau ins Tor; und ungeachtet es gleichsam Pfeile auf ihn regnete / liess er doch
mit seinen Nemetern / die er stets zur Leibwache umb sich hatte / nicht ab / biss
er ins Läger gebrochen war. Die drei Kriegs-Obersten Lucius Postumius /Marcus
Atinius und Titus Sempronius boten ihm zwar hertzhaft die Spitze; aber die
ersten zwei erlegte er mit eigner Hand / den letztern ein Nemetischer Edelmann
Solms / und blieben mehr als fünfhundert Römer bei diesem Tore todt; ja
Dorulach ward Meister des Lägers. Sehet aber / was für ein Zufall den Deutschen
die Vollkommenheit eines herrlichen Sieges zernichtete! Es liess ein Teil
Römischer Reiterei / das für das Läger allerhand Notdurfft einzuholen
ausgeschickt war / sich auf der nechsten Höhe sehen /ratschlagende: Ob es bei
vermerckter Verwirrung im Römischen Läger fortrücken sollte. Der Bürgermeister
aber gebrauchte sich dieser schlechten Hülffe durch Kriegs-List zu einem grossen
Vorteil; kleidete alsbald etliche Marsen nach deutscher Art aus; welche zu den
Deutschen überlieffen / und dem Fürsten Bojorich fälschlich entdeckten: dass der
ander Römische Bürgermeister / dessen Vortrab schon auf der Höhe stünde / mit
zwantzig tausend Mann keine Meil weges weit mehr entfernet wäre. Dieser
scheinbare Betrug verleitete den Bojorich: dass er dem Fürsten Dorulach das
Römische Läger zu verlassen / dem ganzen Heere aber sich mit geschlossenen
Hauffen wieder in das deutsche Läger zu ziehen anbefahl. Hertzog Dorulach
schäumte für Zorn hierüber; sonderlich: da die ausgeschickte Kundschaft
entdeckte; wie so leicht sie sich die schlauen Römer hätten hinters Licht führen
lassen. Diese hingegen wurden so hochmütig: dass sie folgenden Tag durch
Stürmung des deutschen Lägers den vorhergehenden Schimpf abzuleschen vermeinten.
Bojorich aber fiel zu einer /Hertzog Dorulach zur andern Pforte heraus / und
griffen die Römer mit so grosser Tapferkeit an: dass ihrer fünf tausend auf dem
Platze blieben / und sie sich anfangs mit genauer Not ins Läger / hernach gar
biss nach Placentz zurücke ziehen mussten. Scipio vermeinte mit einem absondern
Heere zwar bald bei den Bojen / bald bei den Liguriern einzubrechen; aber er
musste nur / wegen Wachsamkeit des Fürsten Ehrenfrieds / allentalben
unverrichteter Sache zurück weichen. Inzwischen berichteten die furchtsamen
Cartaginenser / welche hierdurch die ihnen vom Masanissa abgedrungene Stadt
Leptis / und die darzu gehörige Landschaft wieder zu erlangen vermeinten / nach
Rom: dass der von ihnen flüchtige Annibal / auf den sie vorher auch die Schuld
des andern Punischen Krieges beim Scipio und zu Rom gelegt hatten / wie auch
Toas der Etolier Fürst den Antiochus zum Kriege wider Rom aufgewickelt / er
auch durch de Aristo vom Tyrus Cartago einzuflechte sich bemühet hätte. So
knechtisch war Cartago durchs Unglück worden; Annibal aber hätte es für ein
Glücke zu achten gehabt / wenn seine Wohltaten verraucht / nicht aber so
undanckbar belohnt worden wären. Alleine diese waren von derselben Art / derer
Eigenschaft es ist aus sich selbst Hass und Undanck zu hecken; nämlich: Sie waren
von solchem Gewichte: dass Cartago ihr keine Hoffnung machen konnte weder sie zu
vergelten / noch ihre Fehler / da sie Annibaln mutwillig im Stiche liessen /
auszuleschen. / Denn weil der Mensch ihm verkleinerlich hält Wohltaten zu
empfangen /und dardurch seine Schwäche sehen zu lassen / als selbst wohlzutun;
nimmt ein freies Gemüte niemals gerne fremde Hülffe an; wird schamrot über der
empfangenen; müht sich selbst zweifach zu vergelten; wenn es diss aber nicht
vermag / verwandelt die hierüber geschöpfte Verdrüssligkeit solch zartes
Erkenntnis in bittern Hass und Verfolgung / wie wenige Säure die füsseste Milch in
Matten und Molcken. Antiochus regte sich hierauf zwar / als wenn er die Römer
bekriegen wollte: aber seine grosse Kräfften machten mehr Geschrei als Werckes.
Er weigerte Annibaln ein Teil des Heeres umb in Italien einzufallen / und mit
den Deutschen sich zu vereinbaren; da doch die Wahl kluger Heerführer für die
Beselung eines Krieges zu achten / weil diese sonder Zweifel ihr Hertz sind. Der
eitele Antiochus vergnügte sich an dem Griechischen Gestade seine von Gold und
Purpur schimmernde Zelten über kühle Bäche aufzuspannen; die mit edelstem Weine
schäumende Crystall-Gläser zu tausenderlei Uppigkeiten seinem mächtigem Heere
gleichsam die Spann-Adern zu verschneiden. Gleichwohl waren hierüber die Römer
nicht wenig bekümmert; zumal auch Fürst Nabis zu Sparta / und die Acheer sich
gegen Rom Feind erklärten; insonderheit aber die Deutschen mit viertzig tausend
Mann biss nach Pisa fortrückten. Daher sie den Africanischen Scipio nicht nur zum
Antiochus ihn vom Kriege abzuhalten / als nach Ephesus zum Annibal / dessen
Klauen sie schon mehr als zu viel empfunden hatten / ihm entweder die
eingebildete Tod-Feindschaft der Römer gegen ihn auszureden / oder zum minsten
ihn beim Antiochus zu verdächtigen / abschickten. Alleine er richtete ausser dem
letztern Absehen wenig aus; hingegen sperreten die Fürsten Corolam und Bojorich
den Bürgermeister Minutius mit dem ganzen wider sie aufgeführten Heere zu Pisa
ein; und weil er zu keinem Treffen zu bringen war / holeten sie reiche Beute
durch ganz Hetrurien. Der Bürgermeister Cornelius Merula holete mit seinem
Heere zwar einen Raub aus der Bojen Gebiete; aber Hertzog Ehrenfried und
Dorulach schnitten ihm bei Mutina den Weg ab / und nötigten ihn zu einer
blutigen Schlacht. Es war in vielen Jahren nicht grimmiger als allhier gefochten
worden. Fürst Dorulach brachte den lincken Flügel der Römer / welchen Titus
Sempronius vorigen Jahres Bürgermeister führte / bald anfangs in Verwirrung;
aber Marcus Marcellus entsetzte ihn mit einer ganze Legion. Livius Salinator
brachmit seiner Reiterei zwar durch die ersten Hauffen des deutschen rechten
Flügels / aber Fürst Ehrenfried ergäntzte mit seiner Vorsicht und Tapferkeit
alsbald die Lücken. Die Schlacht tauerte biss in die sinckende Nacht; da denn
Finsternis und Müdigkeit beide wiewohl sich des Sieges rühmende Teile zwang /
ihrer Blutstürtzung ein Ende zu machen; wiewol Dorulach mit seinen zwei grossen
auf dem Helme stehenden Hörnern sich auch im düstern sichtbar / durch die
Schärffe seines Schwerdtes empfindlich machte / und die Wallstatt behauptete;
hernach aber beim Lichten schwerer als vorher zu erkennen war; weil er
allentalben von Blute troff / gleich als er sich darinnen gebadet hätte. Auf
deutscher Seite blieb des Dorulachs Bruder Budoris / auf Römischer / die
Kriegs-Obersten Marrus Genutius und Marcus Martius / drei und zwantzig
Hauptleute / fünf tausend Römer / und zweimal so viel Hülffs-Völcker. Kurtz
hierauff traff auch Minutius mit dem Fürsten Corolam; als Hertzog Bojorich mit
einem Teile des Heeres gegen dem Flusse Auser die Ligurische Gräntze für der
Römer Einfall beobachtete. Diese Gelegenheit und der Mangel an Lebensmitteln
zwang den Minutius: dass er wiewohl mit ziemlichem Verlust durch die Bojen
durchschlagen /und über den Fluss Cöcina zurück weichen musste. Welches alles zu
Rom schlechtes Vergnügen gab /weil sie gemeinet durch diese zwei mächtige Heere
alle Bojen auszurotten; wiewol Marcus Fulvius in Hispanien diese Scharte
mercklich ausgewetzt hatte; weil von ihm die Celtiberier geschlagen / und ihr
König Hilerm gefangen worden war. Folgendes Früh-Jahr zohen die Bürgemeister
Lucius Qvintius / und Domitius Enobarbus mit zwei mächtigen Heeren wider die
Bojen und Ligurier auff. Aber sie gerieten in eusserste Not und Gefahr. Denn
Fürst Dorulach überfiel die Römische Reuterei bei Tursena / und schlug sie aus
dem Felde. Corolam und Bojorich aber stürmten gar das Römische Läger an dem
Flusse Ausser; dessen schnelle Ergiessung alleine die Eroberung verhinderte.
Gleichwohl aber traute Qvintius nicht den andern Sturm der ergrimmten Deutschen
zu erwarten; liess also allen Vorrat im Stiche / und machte sich des Nachts
stillschweigend über ein Teil des Gebürges. Nachdem aber ein Uberläuffer
solches verkundschafte / schwemmte Fürst Dorulach mit einem Teile der Reuterei
/ und einer Anzahl hinten auff die Pferde gesetzten Fussvolcks durch den Fluss
Auser / dessen Wasser sich ehe in der Mitten empor wöllet / ehe er sein Ufer
übergeust; kam also den Römern nicht allein zuvor / sondern verhieb und besetzte
auch den Ausgang des Forstes / durch welches Qvintius unvermeidlich ziehen
musste. Hertzog Corolam liess ein Teil seines Volckes zu Bewahrung des
verlassenen Römischen Lägers / folgte den Römern auff der Ferse nach und
besetzte den Eingang des Waldes. Fürst Bojorich beobachtete die Seiten und
Fuss-Steige. Also waren die Römer im Sacke; und menschlichem Ansehen nach /
mussten sie entweder erhungern oder sich ergeben. Qvintius selbst wusste mehr
weder Hülffe noch Rat / und wollte ihm schon selbst verzweiffelnde das Schwerd
in Bauch stossen; als Masanissens Sohn Micipsa / welcher mit acht hundert
Numidiern den Römern allhier Beistand leistete / ihm das Schwerd aus den Händen
wand / die Torheit der das Laster des Bruder- und Vater-Mords übertreffenden
eigenen Entleibung für Augen stellte /und ihm aus dieser Fallgrube zu gelangen
Hoffnung machte. Micipsa erwehlte hierauff einen gemeinen ihm nicht unehnlichen
Numidier / zohe ihm seine von Gold und Edelgesteinen schimmernde Kleider und
Rüstung an; gab ihm etliche der treuesten Numidier zu seiner Bedienung zu / und
beredete ihn durch grosse Verheissungen: dass er unter seinem Nahmen folgende
Nacht zu den Deutschen übergehen / und den freien Abzug / oder nur zum minsten
eine erträgliche Gefängnis biss zu ihrer Auslösung erbitten sollte. Dieser
Numidier wusste diesen Betrug meisterlich zu spielen / liess zwei seiner Gesellen
zu der eussersten Wache der Deutschen kriechen / und seine Ankunft berichten.
Fürst Bojorich hörte diese zwei Uberläuffer vergnügt an / schickte auch alsofort
den einen zurück / mit Vermeldung: dass / weil die Deutschen nur der Römer /
nicht der Numidier / und insonderheit des aus deutschem Geblüte entsprossenen
Masanissa Feinde wären / sollte Micipsa nicht nur gerne gesehen /sondern auch
Fürstlich gehalten werden. Kurtz hierauff fand sich der falsche Micipsa ein /
mit Bericht: dass seine Numidier / so bald sie sich nur würden wegspielen können
/ insgesamt nachfolgen / und zwar zu mehrer Versicherung alle ihre Waffen
wegwerffen würden. Die Sonne war kaum auffgegangen / als der Numidische Schwarm
sich gegen den eussersten Wachen der Deutschen sehen liess / sich auch anstellte:
als wenn ihre Flucht verraten wäre / und sie von Römern verfolgt würden. Wie
sie denn auch im Angesichte der deutschen Wachen ihre Sebeln und Bogen
wegwarffen / und also auff des Fürsten Bojorichs ohne diss vorher erteilten
Befehl unverhindert durchgelassen wurden. So bald sie aber zwischen diesen
Wachen und dem deutschen Läger das freie Feld bekamen / rennten sie
spornstreichs auff der Seite weg /ohne dass sie einiger Deutsche verfolgte / weil
sie mit ihrem Fürsten Micipsa ein genugsames Pfand ihrer Treue in Händen zu
haben vermeinten. Alleine sie zerteilten sich alsobald in unterschiedene
Hauffen /durchstreifften Ligurien biss an den Fluss Macra / zündeten Bondelia /
Tursena und etliche hundert unbesetzte Flecken an / hieben auch mit ihren unter
denen langen Röcken verborgenen Sebeln alles nieder. Nicht nur der Rauch und die
Flammen / sondern das Wehklagen der armen Ligurier eröffneten alsbald der
Numidier Betrug / und wollte Bojorich das ganze für Schrecken bebende Ligurien
nicht gar in die Asche legen lassen; so musste er ein grosses Teil seines Heeres
dort und darhin diesen Mordbrennern zu steuern von sich lassen. Ja weil jeder
Ligurier für sein Haus und Hoff Sorge trug; lieffen sie auch ohne des Hertzogs
Zulassung ihren eigenem Brande zu; also: dass Bojorich kaum fünff tausend Bojen
bei sich behielt. Dieses nahmen die Römer fleissig wahr; brachen daher mit ihrer
grossen Macht an dreien nicht halb besetzten Wegen durch; also: dass Bojorich mit
höchstem Unwillen sich in das Römische Läger ziehen / und das Römische Läger
seitwärts ab-nach dem Pisischen Gewässer musste entkommen lassen. Wesswegen er
denn auch im ersten Grimme den falschen Micipsa mit seinen Geferten ans Kreutze
nageln liess / wiewohl er diese Schärffe hernach selbst bereuete /und die Treue
dieser Numidier dem Unterfangen des edlen Zopyrus gleich schätzte / welcher mit
abgeschnittener Nase und Ohren zu den Babyloniern überlieff / um seinem Könige
Darius selbige Stadt in die Hände zu spielen. Nachdem aber die Römer die
Ausrottung der stets schwürigen Deutschen in Italien für den Grundstein ihrer
Wolfahrt hielten; ja sich so lange nicht recht sicher in Rom schätzten / führte
Qvintus Minutius voriges mit noch zehn tausend Mann verstärcktes Heer gegen sie
an; Bojorich und Dorulach aber zohen ihm biss unter Pisa entgegen; und kam es da
abermals zu einem hitzigen Gefechte; weil aber den Deutschen Wind und
Sonnenhitze in das Gesichte ging / beide Fürsten auch verwundet wurden / mussten
sie das Feld räumen; und weil sich die Römer noch täglich durch Hülffs-Völcker
verstärckten / also dass sie zu besorgen hatten: es dörffte ihnen der Rückweg
über den Fluss Auser abgeschnitten werden / sich aus dem Läger heimlich in
Ligurien ziehen. Wiewohl dieser Schade nun zu verschmertzen war; so war doch
dieser unschätzbar: dass Fürst Bojorich nicht nur für Kummer starb / sondern auch
Fürst Dorulach von seinen Nemetern / wegen Absterben seines Vaters Budoris / in
Deutschland zurück beruffen ward. Hingegen brach der Bürgermeister Lucius
Qvintius bei den Liguriern / Cneus Domitius bei den Bojen mit zwei mächtigen
Heeren ein. Ob nun wohl hier Fürst Corolam / welcher aber wegen vieler Wunden
mehrmahls auff dem Siech-Bette bleiben musste / dort Hertzog Ehrenfried tapffern
Widerstand tat; so überwog doch die Römische Macht und das Glücke die deutsche
Tapfferkeit; und mussten sie / nachdem der weibische König Antiochus sie lange
genug vergebens mit vertrösteter Hülffe gespeiset hatte / einen Frieden
schlüssen / alle Römische Gefangenen auslieffern / und noch etliche feste Plätze
abtreten; ja auch ein grosses Stücke Geldes bezahlen; worvon zu Rom ein
vierspänniger güldener Wagen nebst zwölff mit Golde überzogenen Schilden
gefertigt / und zum Siegs-Zeichen über die hierdurch auffs neue verbitterte
Deutschen / dem Jupiter auffgehencket wurden. Hiermit erklärete allererst
Antiochus auff bewegliches Einreden Annibals den Krieg wider die Römer; aber so
bald er nur hörte: dass der Bürgermeister Acilius Glabrio wieder ihn im Anzuge
war /flohe er. Sein Heer aber ward bei der berühmten Enge zwischen Phocis und
Tessalien ereilet / geschlagen /und seine Macht aus ganz Grichenland verjaget.
Diese glücklichen Streiche machten die Römer übermütig; also: dass sie die
Deutschen und Gallier in Italien zu vertilgen nunmehr ungezweiffelte Hoffnung
schöpfften. Minutius brach also mit einem frischen Heere in Ligurien ein. Die
Einwohner / als sie sahen /dass es nun nicht allein um ihre Freiheit / sondern um
ihr Leben zu tun wäre; verschwuren sich zusammen bei einander vollends Gutt und
Blut auffzusetzen. Die wenige Hoffnung gegen die Römische Macht länger zu
bestehen / und die Ungedult ihres Hertzogs / welcher eine bösse Entschlüssung
für besser hielt / als keine; verursachte: dass sie des Nachts des Minutius Läger
stürmeten / welches er mit der Helffte seines Heeres leicht beschirmete. Als nun
er die Ligurier überaus abgemattet sah; fiel er bei anbrechendem Tage mit
seinem ausgeruheten Volcke zu zwei Pforten heraus; aber er fand nichts
destominder männlichen Widerstand; wiewohl endlich die viel schwächern Deutschen
nach Verlust vier tausend Mann das Feld räumen / und sich in die Gebürge ziehen
mussten. Zwei Monat darnach traff der Bürgermeister Publius Cornelius Scipio mit
einem noch stärckern Heere gegen die Bojen vom Morgen biss in die sinckende
Nacht. Weil denn diese so hartnäckicht fochten: dass sie Vermöge ihres getanen
Gelübdes lieber alle sterben als fliehen wollten; blieben ihrer fünff und zwanzig
tausend todt; unter diesen alle Bojische Fürsten /und der ganze Adel; also: dass
die verlebten Alten und die unvermögenden Kinder sich schlechterdinges der
Römischen Botmässigkeit unterwarffen; auch die Helffte ihrer Aecker Römischen
Einwohnern abtreten mussten. Ob nun wohl auff Römischer Seite auch über
zehntausend Mann blieben waren / hielt doch Scipio ein prächtiges Siegs-Gepränge
/ in welchem er tausend schöne Pferde / fünff hundert bespannte Streit-Wagen /
etliche tausend Ertztene Geschirre / funffzehn hundert goldene Ketten / die die
Edlen über ihren Waffen zu tragen pflegten / zweihundert fünff und vierzig Pfund
ungeschlagenes Gold / zwei tausend drei hundert und vierzig Pfund Silber ihm für
führen liess. Bald hierauff schlug Emilius Regillus mit Hülffe der Rhodier des
Antiochus Schiff-Flotte / und mit selbter den unglücklichen Annibal aus der See;
Lucius Cornelius Scipio setzte unter allen Römern zum ersten mit Kriegs-Macht in
Asien über; und das Verhängnis strit hier ebenfals für die Römer. Denn bei
darauff folgender Schlacht fiel ein heftiger Platz-Regen; und machte die Seenen
an den Persischen Bogen / und das Leder an den Schleudern / welches der
Asiatischen Völcker beste Waffen sind / unbrauchbar. Diese grosse Niederlage /
und des Königs Eumenes Beistand zwang dem weibischen Antiochus einen
schimpfflichen Frieden ab; indem er sich alles Gebietes in Europa und in Asien
disseits des Taurischen Gebürges verzeihen / also Lycaonien / Phrygien / Mysien
/ Jonien / Lycien / Carien abtreten / fünffzehn tausend Talent den Römern /
fünff hundert nebst einer Menge Getreides dem Könige Eumenes bezahlen / den
Annibal nebst etlichen Grichischen Herren auszulieffern versprechen musste. Der
Fall eines so grossen Baumes verursachte die Zerschmetterung der an ihm
hangender Aeste / desshalben wurden des Antiochus Bundgenossen die Etolier und
Istrier ebenfalls leicht unters Joch bracht / und der letzte König Apulo
gefangen.
    Weil nun das Verhängnis in der Welt ein neues Reich auffzutürmen bestimmt
hatte; solches auch die Natur etliche Zeit hernach durch Gebehrung eines neuen
Eylandes zwischen Teramene und Terasia ankündigte; mischte sich der Deutschen
Glücke in Griechenland und Asien auch greulich durch einander. Denn nachdem sie
anfangs den König in Syrien Callinicus / hernach den sie für solchen Sieg übel
belohnenden Antiochus geschlagen hatten / versetzte der Pergamenische König
Attalus Eumenes denen noch von voriger Schlacht müden und blutigen Deutschen
einen solchen Streich: dass sie eine Zeit sich zu erholen bedurfften; sonderlich
da ihr Bundgenosse Antiochus endlich noch vom Selevcus überwunden / und zum
Könige Artamenes in Cappadocien / endlich in Egypten zu fliehen gezwungen ward.
Gleichwohl aber wollten sie dem Attalus das zwistige Asien nicht gar zur Beute
lassen; sondern nahmen sich der schwächern Völcker wider ihn an / und ergäntzten
also durch die Stücke fremden Schiffbruchs ihr zerschleudertes Reich. Inzwischen
zohe Antigonus Gonatas /der durch Wegwerffung Kron und Zepter das seinem
Mündlein geraubte Reich Macedonien behauptete /die in Griechenland gebliehenen
Deutschen mit vielen Vertröstungen an sich; und überwältigte durch sie das vor
nie eroberte Sparta. In Asien breitete Attalus seine Herrschaft noch immer aus
/ und war selbtes disseits des Taurischen Gebürges völlig unterworffen. Daher
kam Selevcus Ceraunus über diesen Berg mit einem mächtigen Heere um die seinem
Vater Selevcus Callinicus abgenommene Länder wieder einzunehmen. Dieses zwang
den Attalus mit den Deutschen ein Bündnis zu machen / und die zeiter strittige
Landschaft abzutreten. Hingegen stiess ihr Hertzog Apatur zu seinem
Feldhauptmanne Nicanor; welche an dem Flusse Melas das Syrische Heer mit samt
ihrem Könige Selevcus erschlugen. Acheus sein Blutsfreund aber brachte in so
geschwinder Eil ein mächtiger Heer auf die Beine / und rückte so unvermerckt den
Feinden auff den Hals: dass sie ehe den Anfall als die Ankunft erfuhren. Die
Pergamener nahmen schier alle / ausser Nicanor mit tausend Edelleuten die
Flucht. Hertzog Apatur stand mit seinen Deutschen Mauer-feste / und hielt einen
halben Tag die wohl zehnmahl stärckern Syrier hertzhaft auff. Nachdem aber er
mit einem Pfeile durchs Hertz getroffen / und Nicanor vom Pferde gerennt und
zertreten ward / kam alles in Verwirrung und in die Flucht. Weil Acheus aber
zwei Feinde zu haben nicht für ratsam hielt / und die im Stiche gelassenen
Deutschen ohne diss gegen die Pargoner verbittert waren / liess er alle ihre
Gefangene los / und machte mit ihnen Frieden. Hingegen verfolgte er die
Pergamener mit Feuer und Schwerdt / und brachte sie allentalben ins Gedränge.
Wesswegen die Syrer ihm ihre Krone antrugen; welche er aber grossmütig des
Selevcus Sohne als dem rechtmässigen Reichs-Erben auffsetzte. Nachdem aber Acheus
alles verlohrne in Asien wieder einnahm / ja den Attalus selbst in der Stadt
Pergamus belägerte / vermochte seine Gemüts- so grosses Glücke nicht mehr zu
verdeien /und daher eignete er ihm alles disseits dem Taurus zu / und warff sich
zum Könige auff. Antiochus in Syrien meinte diss Verlusts halber sich an dem in
Wollust schwimmenden Vater-Mörder Ptolomeus zu erholen; kauffte daher seinem
übelbelohnten Stadtalter Teodotus die Städte Selevcia und Ptolomais ab /
rüstete sich auch gar in Egypten einzubrechen. Ptolomeus aber zog aus
Griechenland und Galatien 20000. Deutsche an sich; schlug darmit bei der Stadt
Raphia in Syrien den viel stärckern Antiochus aus dem Felde /und zwang ihm den
Frieden mit Abtretung alles verlohrnen ab. Unterdessen ruffte Attalus die in
Tracien wohnenden Deutschen über den Hellespont wider den Archeus zu Hülffe /
und eroberte durch sie Smyrna /Phocea / Colophon und Mysien. Wie sie aber über
den Fluss Lycus / das Pelecantische Gebürge biss an den Strom Megistus ihren Sieg
ausbreiteten / wurden sie durch eine Finsternis erschrecket weiter zu gehen.
Daher sie Attalus zurücke liess / und ihnen am Hellespont eine Landschaft
einräumte. Weil sie aber hernach als Leibeigene gedrückt wurden; warffen sie des
Attalus Joch von sich ab / und belägerten Ilium. Die Phrygier aber trieben sie
unter dem Fürsten Temista von Ilium und aus ganz Troas aus. Die Deutschen
setzten hierauf in der Abidenischen Landschaft festen Fuss / und eroberten die
Stadt Arisba. Es war aber ihnen König Prusias mit einem frischen Heere bald auff
den Dache; welcher nach einem blutigen Gefechte / darinnen alle Männer mit dem
Degen in der Hand fielen / auch durch Niederhauung ihrer Weiber und Kinder /
auser denen / welche in der Stadt Abydus sich als Bürger niedergelassen hatten /
sie mit Strumpf und Stiel ausrottete. Nicht viel glücklicher waren die Deutschen
in Abydus; sintemal sie vom Könige Philip in Macedonien / weil sie seine
Gesandten nicht in die Stadt lassen wollten / belägert / und um nicht in des
grimmigen Siegers Hände zu fallen /sich und die ihrigen wie die Saguntiner
selbst aufzureiben genötigt wurden; welcher aber kurtz hernach an den Römern
und den Grichischen Bundgenossen um 4000. Pfund Goldes gestrafft / seinen Sohn
Demetrius nach Rom zur Geissel zu schicken / und die eroberte Griechische Städte
in Freiheit zu setzen gezwungen ward. Sintemal seine vorhin gebrauchten
Werckzeuge vieler Siege die Tracischen Deutschen von ihm absatzten. In Galatien
aber behielten die Deutschen noch so wohl ihr Ansehn als Kräffte unversehret;
also: dass zwischen dem Pergamenischen Könige Attalus / und dem Bitynischen
Prusias sie gleichsam die Zunge in der Wagschale waren: dass /wo sie / also auch
ihr Glücke hinhieng. Daher sie und die Rhodier bei Chius auch dem flüchtigen
Attalus /hernach aber / als sie auf Annibals Beredung sich zu dem Prusias
schlugen / wider des Attalus Nachfolger Eumenes mit ihm eine herrliche
See-Schlacht / und zwar durch viel in die Pergamenischen Schiffe geworffene
Schlangen-Töpffe erhielten; hernach auch seinen Bruder den dritten Attalus aufs
Haupt erlegten / die Hauptstadt Pergamus einnahmen / und das angebetete güldene
Bild des Esculapius zur Beute bekamen / und dem Prusias verkaufften. Eben so
hoch waren sie mittler Zeit beim grossen Antiochus in Syrien gesehen; also: dass
er 500. Deutsche Edelleute zu seiner Leibwache erkiesete / ihrem Könige Mendis
eine jährliche Schatzung zahlte / ja seine Tochter Arsinoe / als sie der
Pergamenische König Eumenes aus Furcht für den Römern / nicht wie Ptolomeus in
Egypten Cleopatren / und Ariarates in Cappadocien /die Antiochus annehmen wollte
/ ihm vermählte. Als dieser nun dem Annibal beistimmte / sich denen in
Griechenland bereit zu Acro-Corint / Chalcis und Demetrias eingenisteten / und
durch den Attalus und Eumenes in Asien einspielenden Römern bei zeite die Stirne
zu bieten; setzte Antiochus mit dem Mendis und Annibaln über den Hellespont /
nahm viel Städte in Tracien ein / verband sich mit Byzantz. Ob nun wohl hierauf
der Krieg durch die Römische Botschaft eine weile aufgeschoben / und durch den
Africanischen Scipio Annibal beim Antiochus verdächtig gemacht ward; so trieb
doch Nicanor und Amynander der zwischen Acarnanien und Etolien wohnenden
Deutschen oder Atamaner König / wie auch der Etolier Fürst Democritus mit
seinen Kriegs-begierigen Deutschen das Werck so weit: dass Antiochus endlich mit
10000. Mann meist Deutschen in dem Eylande Euboa ausstieg / darauf Annibal
Chalcis / Mendis alle übrige Plätze einnahm. Diss erregte zu Rom ein ungemeines
Schrecken / weil der Rat besorgte: dass nach Annibals und Nicanors Gutachten des
Antiochus Asiatisches Heer in Italien anlenden würde; Wesswegen zu Tarent ein
grosses Heer zusammen zog / und die Schiffs-Flotte selbige Küste bedeckte.
Annibal spielte es inzwischen auch so künstlich: dass der Macedonische König
Philip aus alter gegen die Römer tragenden Gramschaft mit dem Antiochus seine
Waffen zu vereinbaren fertig stand. Alleine das unerforschliche Verhängnis /
welches die Hand allentalben mit im Spiel hat / schickte es so seltsam: dass diss
/ welches Philip vom Antiochus für einen Liebes-Dienst aufzunehmen Ursache hatte
/ zu einem Zanck-Eisen ward. Denn als dieser die von Römern bei Cyno-Cephala
erschlagenen Macedonier begraben liess / deutete jener es für einen schimpflichen
Verweis aus: dass er der Seinigen Beerdigung vernachlässigt hätte; schlug sich
also wider ihn zu den Römern. Appius Claudius kam nur mit 2000. Mann in
Tessalien; diese aber erschreckten den weibischen Antiochus so sehr: dass weder
Annibal noch Nicanor ihn von Verlassung der belägerten Stadt Larissa abwendig
machen konnte. Weil er nun gar nach Chalcis floh / und daselbst eine gemeine
Dirne Eubia heuratete / sein Heer in allen Wollüsten ersauffen liess /auff den
Frühling aus Acarnanien nur für dem Ruffe: dass die Römer über das Jonische Meer
setzten / drehte Mendis mit seinen Deutschen die Deichsel in Asien / um an der
vorgesehenen Schande des Antiochus kein Teil zu haben; welcher bald darauff von
dem Manius Acilius in der so vorteilhaftigen Termopylischen Enge geschlagen /
und in Chersonesus zu fliehen gezwungen ward. Nach dem aber auch sich Prusias
und die Rhodier zu den Römern schlugen / Diophanes des Antiochus Sohn / Selevcus
von Pergamus abtrieb /verliess Antiochus auch den Chersonesus und die Stadt
Lysimachia mit unglaublichem Vorrate. Wie nun die Deutschen der Römer Einbruch
in Asien vernommen / stiessen sie um die allgemeine Freiheit zu verteidigen aus
Not bei dem Berge Sipylus in Lydien zu dem flüchtigen Antiochus; und bewegten
ihn: dass er in den Tyatirenischen Feldern mit seiner zusammen gezohenen Macht
der bei Sardis stehenden Römer wartete. Hier kam es zu der berühmten Schlacht /
welche die Herrschaft Asiens entschied. Mendis fochte mit 5000. gepantzerten
Deutschen in dem Hertzen des Syrischen Heeres neben der Königlichen Phalanx; die
andern Deutschen standen unter dem Selevcus nebst den Cappadociern im lincken
Flügel; Antiochus selbst führte den rechten. Seinerseits aber war diss das erste
Unglück: dass König Evmenes durch anbefohlne Erlegung der Pferde die Syrischen
Streitwagen verwirrete / und mit selbten die auf Kamelen fechtende Araber in
Unordnung brachte. Die ganze feindliche Reutereitraf hierauff gegen die wie
Löwen fechtende Deutschen / welche auch / weil sie von den Syriern nicht
entsetzt ward / und die allzu enge gestellte Macedonische Phalanx sich kaum
rühren konnte / fast alle ritterlich auf dem Platze blieben. Worauf der lincke
Flügel in öffentliche Flucht geriet; die Phalanx aber nebst dem Deutschen
Fussvolk von Römern umringt ward / gleichwol aber nicht zertrennet werden konnte
/ biss ihre in die Mitte genommene eigene Elefanten sie zerteilten / und
Domitius disseits völliger Sieger ward. Hingegen aber durchbrach König Antiochus
die Römischen Legionen / und drang biss an ihr Läger; ward aber von dem übrigen
siegenden Heere / und insonderheit dem mit seiner Reuterei ihm begegnenden
Attalus nach vernommener Niederlage des lincken Flügels nach Sardes zu weichen
gezwungen; Von dar er sich nach Apamea /dahin auch sein Sohn Selevcus durch
Hülffe seiner Deutschen Leibwache entronnen war / und endlich in Syrien
flüchtete / einen schimpflichen Frieden um 2000. Talent kauffte / ganz Asien
biss an das Calycadnische und Sarpedonische Vorgebürge den Römern abtrat / seine
Bundsgenossen aber die Deutschen und den Cappadocier König Ariarates liederlich
im Stiche liess. Dahingegen der Bürgermeister Domitius den Rhodiern / Lycien und
Carien / dem Evmenes fast alles eroberte in Asien abtraten. Ariarates kaufte
ihm noch mit Gelde Ruh; den Deutschen aber kündigte Cneus Manlius alsbald mit
tätlicher Feindseligkeit einen unversöhnlichen Krieg an. Die wahrhafte Ursache
war: dass die Römer keine sichere Besitzung des eroberten Asiens ihnen
einbildeten; so lange dieses streitbare Volck nicht auch gezämet wäre; und der
Bitynischen Könige eingewurtzelter Hass wider diese Ausländer trieb den Eumenes:
dass er die Römer gegen sie auffs eifrigste verhetzte. Hierzu kam noch die
Zwytracht des Deutschen Königes Orgiagon / und Epossognat; welcher allezeit auf
Eumenes Seite gehincket / auch bei erster Ankunft der Römer in Asien / mit
ihnen ein Bündnis aufgerichtet hatte / durch dessen Wegweis- und Anleitung
Manlius denen Deutschen so viel leichter einen glücklichen Streich anzubringen
hoffte. Also zohe Manlius mit dem ganzen Römischen Heere / zu welchem noch des
Eumenes Attalus und Ateneus mit etlichen tausenden stiessen / durch Asien;
unterwarf ihm die Alabander /Gorditicher / den geitzigen Fürsten Moageten / ja
ganz Pamphilien und Carien. Endlich kam er in die Gräntzen der Tolistobogier /
welche nebst den Tectosagern und Trocmiern die drei fürnehmsten Völcker der
Deutschen und Semnoner sind. Epossognat bereuete zwar nunmehr / aber zu spät:
dass er seinen Landesleuten und Bluts-Freunden solche Gefahr auf den Hals ziehen
helffen; und also bemühte er sich auch auf einer Seite die Römer zu
besänftigen: weil der Deutschen einem alten Bundsgenossen aus Pflicht
geleistete Beistand keine solche Feindschaft verdiente / zumal wenn man sich
mit dem / welchem man Hülffe geschickt / schon verglichen hätte; Andern Teils
wollte er die Deutschen bereden / sich unter den Schirm der Römer zu begeben /
oder wenigstens eine jährliche Schatzung zu willigen. Aber jenes Absehen
verrückte die Ehrsucht des Manlius / dieses die Grossmütigkeit der Deutschen;
welche Schatzung zu nehmen / niemanden aber zu geben / weniger ihrer Freiheit
ein solch Brandmal einzubrennen gewohnt waren. Daher fielen die Tolistobogier
dem Manlius bei der Festung Kuball zum ersten ein; erlegten alle Vorwachen / und
zohen sich über den fischreichen Fluss Sangar zurücke. Wie nun aber die Römer
über eine Schiffbrücke mit aller Macht folgten / die drei Könige der Deutschen /
nehmlich Orgiago / Combolomar und Gaulot wegen der Beschirmungs-Art sich nicht
mit einander vergleichen kunten; Nahm Orgiago mit den Tolistobogiern den Berg
Olympus / Combolomar mit denen Tectosagern den Berg Magana ein; Gaulot aber
blieb mit den geschwinden Trocmiern zu Felde /mit Vertröstung / denen / die die
Römer auff den Gebürgen angreiffen würden / beizuspringen. Aber der Unstern der
Deutschen gab diesem Ratschlusse einen betrübten Ausgang. Denn weil die Römer
viel Cretensische und Triballische Bogenschützen bei sich / die Römer auch
selbst vielerlei Art Waffen hatten / wormit sie die darmit nicht so wohl
versehenen und ohne diss meist nackend fechtende Deutschen verwundeten / brachen
sie an dem einen Orte mit Gewalt durch / nach dem Attalus an zweien andern
Seiten durch etliche dieses Gebürges kundige Pergamenische Schützen über die
Steinklippen geleitet ward; und also die Tolostobogier ihre Macht an viele Orte
zerteilen mussten. Also ward das Gebürge mit grosser Beute erobert / und blieben
biss an 10000. streitbare Männer; welche aber grösten Teils sich von den Klippen
herab stürtzten / um der Schande der Dienstbarkeit zu entfliehen. Die wenigen
aber / die in der Feinde Hände fielen / bissen für Ungedult mit den Zähnen in
die sie schlüssenden Ketten / reckten ihre Gurgeln begierig den Stricken und
Schwerdtern dar /und fleheten ihre Wächter um ihre Hinrichtung mit Tränen an.
Gleichwol schlug sich König Orgiago mit etwan 7000. Mann durch; Alleine seine
Gemahlin Chiomara ward mit noch wohl 40000. Weib und Kindern gefangen. Diese /
als Manlius wider die Tectosager fortrückte / ward in der Stadt Ancyra einem
Hauptmanne Helvius zu verwachen anvertrauet; welcher ihrer unvergleichlichen
Schönheit halber in so tolle Brunst verfiel: dass / als er durch keine
Liebkos-und Vertröstungen ihre keusche Seele zu seinem geilen Willen bewegen
konnte / sie in Fessel schloss / und mit Gewalt notzüchtigte. Uber diss verleitete
ihn der Geitz: dass er ihr gegen ein Attisch Talent Goldes heimlich aus dem
Gefängnis zu helffen mit ihr eines /auch einer ihrer Knechte von ihrem Ehherren
das Lösegeld abzuholen abgeschickt ward. Dieser kam mit einem Gefärten / und
dem Golde auf bestimmte Zeit; Helvius und seiner Kriegsknechte einer an dem
Flusse Hylas an. Die Königin Chiomara befahl in ihrer Sprache alsbald ihren
Knechten: dass sie / wenn Helvius das Gold abwägen würde / ihn durchstechen
sollten. Welches glücklich vollzogen / dem andern Römer aber gleichwol das
Lösegeld gefolgt / und die Ursache solcher Rache zu verstehen gegeben ward.
Chiomara ergrif hierauff selbst die Sebel / hieb dem Helvius den Kopf ab; hüllte
ihn in ihr Kleid; und legte ihn hernach zu den Füssen ihres Königes; welchem sie
mit Tränen ihre Verunehrung eröffnete; welche sie mit nichts als des Schänders
Blute abzuwischen gewüst hätte. O der unvergleichlichen Heldin! fing die Königin
Erato an; in welcher Keuschheit / Grossmütigkeit und Redlichkeit mit einander um
den Siegs-Krantz streiten. Verkriecht euch ihr Römer mit euer Lucretien; und
lasset sie als eine beschämte Dienerin dieser Deutschen Fürstin den Schirm
nachtragen. Jener verzagte Seele willigte aus Furcht des doch hernach erwehlten
Todes in des Tarqvinius Verunehrung; bei der Chiomara aber leiden des Helvius
Schand-Tat nur die in Stahl / und Eisen sich nicht zu rühren mächtige Glieder.
Ihre feurige Augen / ihre sprüende Zunge / ihre knirschende Zähne / ihr sich
windender Leib / dünckt mich / geben noch ihre Abscheu für dem unmenschlichen
Laster zu verstehen. Lucretie schämt sich ihres Fehlers; ja sie läst sich die
Schande so gar in eine unvernünftige Verzweiffelung stürtzen: dass sie das
Laster nicht an dessen Uhrheber / sondern an ihr selbst strafft; und ihre
Schamröte mit ihrem eigenen Blute abwäscht. Wie viel hertzhafter aber rächet
Chiomara an dem Ehrenschänder Helvius ihr Unrecht. Der Himmel verleihet ihr über
ihn einen so herrlichen Sieg: dass sie seine stinckende Leiche zu ihres
beleidigten Ehmanns Füssen legen; und seine Schandflecken zum Wahrzeichen ihrer
unbesudelten Keuschheit angewehren kann. Lucretie zwinget ihren Ehmann und Vater
durch einen Eyd ihre Beschimpffung an denen Tarqviniern / und also auch an denen
zu rächen: die an solcher Tat keine Schuld hatten. Die aufrichtige Chiomara
aber hält auch ihren Feinden Treu und Glauben; und zählet das dem Rotzüchtiger
zum Lösegelde versprochene Gold auch in ihrer Freiheit aus. Es ist wahr /
versetzte Zeno: dass Chiomara ein Beispiel sei / das nicht seines gleichen habe.
Wie hochschätzbar nun ihre Keuschheit und Hertzhaftigkeit ist; so dünckt mich
doch: dass ihr letzteres Beginnen das aller merckwürdigste / und eine rechte
Fürstliche Tugend sei. Sintemal Treu und Glauben das heiligste Gut des
menschlichen Geschlechtes; ein Ancker des gemeinen Wesens / ein Band aller
Völcker / ein Ehren-Krantz der Fürsten / eine Schwester der Gerechtigkeit / und
eine in den Seelen ingeheim wohnende Gotteit ist. Wesswegen die Römer billich
ihr Bild harte neben den Capitolinischen Jupiter gesetzt haben; weil sie so wohl
als er ein Schutz-Gott der Sterblichen ist; ohne welche keine Gemeinschaft
unter den Menschen bestehen / und keine Zwytracht geschlichtet werden kann. Die
Königin Erato brach ein: Ob ich wohl meines Geschlechtes halber ihrer Keuschheit
das Wort reden sollte; bezwingen mich doch die Umstände des Fürstin Zeno Urtel
beizupflichten. Sintemal niemand der Fürsten Chiomara übel ausgedeutet haben
würde; wenn sie gleich bei ihrer erlangten Freiheit das ihr in Band und Eisen zu
versprechen abgezwungene Lösegeld hinterhalten hätte. Die Fürstin Ismene setzte
ihr entgegen: Ich bin ganz widriger Meinung; und halte mit meinen Landesleuten
darfür: dass man auch untreuen Leuten / und diss / was man aus euserster Furcht
versprochen / zu halten schuldig sei. Sintemal ein gezwungener Willen dennoch
eine Verwilligung / und das versprochene beschwerliche in Ansehung des
überhobenen grössern Ubels nichts minder als die Auswerffung der Waaren ins Meer
gegen dem Verluste des Lebens und Schiffes etwas gutes und verlangliches ist.
Rhemetalces nahm sich der Königin an: Er bescheidete sich wohl: dass diss / was in
öffentlichem Kriege ein Feind den andern verspräche / das Völcker Recht heilig
gehalten wissen wollte; und zwar auch gegen den / der schon einmal Bund- und
eidbrüchig worden wäre. Helvius aber wäre in seinem Tun nur für einen Räuber
und Mörder zu halten / derogleichen Leute des allgemeinen Völcker-Rechts nicht
fähig wären. Malovend fiel Ismenen zu: Ich weiss wohl: dass dieser Fürwand eines
der Schliplöcher sei; dardurch eine aus den Schlingen ihrer Angelöbnüsse sich
scheinbar zu reissen gedencken. Alleine wenn solche Leute keines Rechtes
genüssen sollten / würde an eines Räubers Ehweibe kein Ehbruch / und an seinem
rechtmässigen Gute kein Diebstal begangen werden können. Rhemetalces fiel ein:
Eben so wenig / als an ihm selbst ein straffbarer Todschlag. Sintemal ich dem
vielmehr Ehre und Vermögen zu nehmen berechtiget bin / über dessen Leben ich
Gewalt habe. Malovend antwortete: Es ist diss ein zu strenger und gefährlicher
Schluss. Denn ob zwar zwischen einem offentlichen Feinde / und einem Räuber ein
grosser Unterscheid / auch zweierlei Recht ist; so hat doch dieser nicht so
gleich den Menschen ausgezogen / noch sich aller in der Natur gegründeten Rechte
verlustig gemacht. Das Völcker-Recht eignet den Herren über ihre Leibeigene das
Recht des Lebens und Todes zu. Gleichwol aber war keiner / der nicht denen in
den Pasikischen Tempel geflohenen Knechten sein Wort hielt. Hingegen straffte
die göttliche Rache sichtbarer der Spartaner an denen Tenarensischen Leibeigenen
wider ihren Vergleich verübte Mordtat. Soll ich einem Räuber sein mir
anvertrautes Gut wieder zustellen? Soll ich einem Mörder / der mir den rechten
Weg weist / den versprochenen Lohn nicht geben? In alle wege / meine ich. Denn
er höret gegen mir auf ein Ubeltäter zu sein. Und das unrechte Besitztum eines
andern eignet mir nicht bald eine Berechtsamkeit ihm solches zu entfremden zu.
Rhemetalces versetzte: Hier aber hat Helvius / der mit Gewalt der Chiomara
Versprechen erzwungen / das Lösegeld abgeheischen. Ja / sagte Malovend / aber
auch gegen eben diese sind wir es zu halten schuldig; weil es in unserm Willen
und Vermögen gestanden solches zuzusagen. Denn ob wohl die Obrigkeit einen
solchen Gewalttäter zu straffen / ihm auch das erzwungene wieder abzunehmen
Recht hat; so kann doch der Versprecher selbst seine anfängliche Beschaffenheit
nicht ändern / und sich wider den / mit dem er das Versprechen vollzogen / zum
Richter machen. Daher nicht allein Lucullus dem Führer der Flüchtlinge
Apollonius sein Wort gehalten; und Augustus dem sich selbst gestellenden Räuber
Crocotas den auff seinen Kopff gesetzten Lohn bezahlet; sondern auch der
Römische Rat gar des Pompejus mit den See- und des Julius mit den Pyreneischen
Berg-Räubern gemachten Vergleich genehm gehabt hat. Rhemetalces begegnete ihm:
Aber Helvius hat die Versprechung des Goldes von der Chiomara durch angedräute
Unzucht erzwungen. Soll nun das bindig sein / was aus einer Gewalt herrühret /
welche das Recht der Natur und der Völcker verdammet? Malovend antwortete: Wenn
was so verdammliches verheissen würde / wäre es unkräfftig und zu halten
scheltbar. Je verdammlicher aber diss ist / was durch das Versprechen verhütet
wird; je mehr ist man wegen so einer wichtigen Bewegungs-Ursache das Verheissene
zu halten schuldig. Wiewol die Deutschen auch das Versprochene / was gleich an
sich selbst scheltbar ist / nicht inne zu halten für Schande achten / und daher
/ wenn sie ihre aufgesetzte Freiheit verspielen / sich ohne geringe Weigerung
dem Gewinner leibeigen geben. Ja unter uns ist auch der Pöfel so geartet: dass er
lieber einen Zentner an seinem Vermögen / als ein Lot an seinen Worten
einbüssen will; weil diese ein Vorbild des Gemütes sind; und wenn jene
leichtsinnig sind / dieses liederlich sein muss. Wiewol diese Aufrichtigkeit uns
Deutschen in denen mit den verschlagenen Römern geführten Kriegen sehr schädlich
gewest; in dem wir gar zu genau Wort gehalten / und ihren zweideutigen Reden zu
viel getraut haben. Wiewol es rühmlicher ist / durch Redligkeit Schaden leiden /
als durch Unwahrheit Schaden tun. Zeno fing hierüber laut an zu ruffen: Nun
erfahre ich: dass kein Volck an Treu und Glauben über die Deutschen sei; und dass
in andern Ländern nur dieser Tugend Schatten / hier aber ihr Wesen und Uberfluss
zu finden sei! Ja / sagte Malovend: dieses reichen Besitz tums haben wir uns zu
rühmen; insonderheit aber ist sie eine so nötige Eigenschaft des Adels und der
Fürsten: dass wer darwider handelt seiner Würde verlustig wird; vorher aber weder
Fürst noch Edler etwas mit einem Eyde beteuern darf. Wesswegen unser Hertzog
Marcomir nicht nur nichts höher / als: so wahr er ein ehrlicher Mann wäre / zu
beteuern / und dass er diss wäre / für seinen höchsten Ruhm zu schätzen / ja zu
sagen pflegte: diss wäre mehr als Käyser sein. Zeno fiel ein: Diese
Eydes-Freiheit haben zu Rom nur die Vestalischen Jungfrauen / und Jupiters
Priester. Und Xenocrates hatte sie seiner Redligkeit halber in Griechenland für
allen Richter-Stülen. Wolte Gott aber / dass alle Menschen oder doch nur zum
wenigsten Fürsten solcher zu genüssen würdig wären! welcher aber leider!
insgemein Treu und Glauben halten nur für eine Tugend der Kauff-Leute / für
einen Fehler der Staats-Klugen /und für Gebrechen der Fürsten; die teuersten
Eyde für Spielbeine halten / die Albern damit zu betrügen. Rhemetalces nahm das
Wort von ihm: Ich gebe gerne nach: dass da ein Mensch / so viel mehr Fürsten als
Gottes Bilder auff Erden die Warheit lieben sollen. Wesswegen Marcus Antonius ihm
den Titel des Wahrhaftigstens als den fürnehmsten unter allen zueignete.
Alleine seinem Bedüncken nach wäre die Welt nunmehr auff so viel Fallstricke
abgerichtet: dass ein Fürst mit seinen Worten leicht könnte gefangen werden. Solte
er in solchen Fällen nicht auch eine verschmitzte Ausflucht zu suchen / und List
mit List zu vernichten befugt sein? Solte er seinen Feind nicht mit Worten in
einen Irrtum verleiten mögen / den er zu tödten Recht hat! Warlich / wer in
Staats-Sachen gar zu gerade zugehet / wird dem gemeinen Wesen viel Unheil
verursachen / und sich zum Gelächter der Bosheit machen. Und dünckt mich: dass
die / welche mit gar zu grossem Eyver hierinnen verfahren / eben so sehr
verstossen / als der Bildhauer Demetrius; welcher seine Säulen gar zu ähnlich
nach dem Leben machte /hierdurch aber alle Annehmligkeit verderbte. So edel die
Warheit an ihr selbst gleich ist / so läst doch weder die eigene noch die
gemeine Wolfart / (welche erstere der Natur / die andere das höchste
bürgerliche Gesetze ist) allezeit zu mit der Warheit zur Türe nein fallen. Sie
tut mehrmals grössern Schaden / als eine zwar gute / aber zur Unzeit gebrauchte
Artznei. Denn sie ist eine unter denen drei guten Müttern /welche so ungeratene
Kinder zur Welt bringen; nämlich: sie gebiehret Hass / wie die Verträuligkeit
Verachtung / und der Friede Unachtsamkeit. Malovend antwortete: Ein kluger Fürst
ist wohl nicht schuldig alles zu sagen / was er im Schilde führt; Aber nichts
soll er sagen oder versprechen / was nicht wahr / oder er zu halten willens ist.
Durch seine Verschwiegenheit mögen sich andere / er aber niemanden durch seine
Worte betrügen; noch er seiner Unwahrheit durch eine spitzfinnige Auslegung eine
Farbe der Wahrheit anstreichen. Diese haben die Alten mit einem weissen Schleier
abgebildet; weil sie keine Larve verträgt. Daher auch diss / was ohne langen
Bedacht unvermutet versprochen wird / nicht zurück gezogen werden kann. Daher
Agamemnon das unbedachtsame Gelübde seine Tochter Iphigenia zu opffern nicht
wiederruffen wollte; und Cydippe ward von dem Wahrsagungs-Geiste verurteilt diss
zu halten / was Acontius auf eine Qvitte geschrieben / und sie unvorsichtig
nachgelesen hatte. Rhemetalces antwortete: Ich kann mich schwer bereden lassen:
dass / wo kein rechter Vorbedacht und Vorsatz sich zu verbinden gewest /man so
unauflösslich verknipft sei; und dass das Gesetze sein Wort zu halten keinen
Absatz leide. Ja ich glaube vielmehr: dass desselben Zurückziehung offtmals eine
zulässliche Klugheit / zuweilen auch ruhmswürdig sei. Solte jener Fürst wohl
getadelt werden können / der bei Belägerung einer sich hartnäckicht wehrenden
Stadt auch biss auff die Hunde Rache auszuüben schwur / hernach aber nur diese
tödten / die Menschen aber leben liess? Malovend begegnete ihm: Wenn ein Gelübde
und Versprechen auf was an sich selbst böses zielet / und sich derogestalt
selbst zum Laster macht / bleibt solches so billich als eine Unmögligkeit
zurücke; wie hingegen man nach dem Beispiele der ihre Bitterkeiten vergüldender
Aertzte durch eine nützliche Unwarheit einem andern wohl helffen mag. Denn diese
ist alsdenn so wenig für eine Lüge / als des Junius Brutus mit Gold erfüllter
Stab für geringes Holtz / und seine dem Vaterlande zu Liebe angenommene
Blödsinnigkeit für Betrügerei zu halten. Auser dem wissen wir Deutschen von
keinem zulässlichen Absatze; und verdammen fürnehmlich auch die scheinbarsten
Ausflüchte / wenn es der / mit dem wir handeln / anders verstanden und
angenommen hat. Daher darf sich bei uns der friedbrüchige Amasis nicht rühmen:
dass er seinen Eyd gehalten /dardurch er geschworen mit den Barseern so lange
ruhig zu leben / so lange die Erde / darauf sie stünden / unbeweglich sein würde
/ ungeachtet er selbten Platz hernach untergraben liess / dass sie unter sich
fallen musste. Eben so unverantwortlich führten die Locrenser die Sicilier
hinters Licht; da sie in ihre Schuh Erde / und über ihre Achseln unter die
Kleider Zwiebel-Häupter versteckten / und schwuren ihre Freunde zu bleiben / so
lange sie die Erde unter ihren Füssen /und die Köpffe auf den Achseln haben
würden. Und der Cyrenische Aristotoles meinte sich seines der Lais getanen
Angelöbnüsses liederlicher / als sie selbst war / los zu machen; da er an statt
ihrer ihr Bündnis mit in ihr Vaterland nahm. Massen denn / wenn solche
Auslegungen gültig wären / unschwer alle Versprechungen ersitzen bleiben würden
/ wie des Palantus in Rhodis Schiffe; welche ihm Iphiclus bei Ubergabe seiner
Festung zu seiner Abreise zwar ihrem getroffenen Vergleiche nachgab / aber Seile
/ Segel und Steuer-Ruder vorher davon nehmen liess. Adgandester / welcher
inzwischen Atem geschöpft hatte / brach hier ein / und meldete: dass Qvintus
Fabius Labeo es dem Antiochus nicht besser mitgespielt hätte / da er wider ihr
Abkommen: dass dieser die Helffte seiner Schiffe behalten sollte / sie sämtlich
mitten entzwei hauen liess / darmit er ihn um alle brächte. Noch betrüglicher
liessen die Römer den schlaffenden König Perseus / dem sie das Leben zugesagt
hatten / erwürgen / unter dem törichten Vorwand: dass der Schlaff des Todes
Bruder / und ein schlaffender nicht lebend wäre. Und auf diese Art haben diese
arglistige Leute /welche nur in kleinen Dingen Treu und Glauben halten: dass sie
ihnen den Weg bähnen / andere Völcker über den Stock zu stossen / wenn es ihnen
für die Müh lohnet / die leichtgläubigen Deutschen unzehlich mal bevorteilt.
Massen sie sonderlich etliche solche Streiche in Galatien gegen die
Tolostobogier glücklich anbrachten. Nachdem diese nun derogestalt ziemlich den
kürtzern gezogen hatten / traffen etliche Hauffen der Römer auff die Tockmier
mit abwechselndem Glücke; endlich aber erlitten die Tectosager an dem Berge
Magana eine harte Niederlage; also: dass sie auf bewegliches Wehklagen ihrer
Weiber mit den Römern einen wiewol noch erträglichen Frieden zu schlüssen
gezwungen wurden; krafft dessen sie nur ein gegen Capadocien liegendes Teil
Galatiens im Stiche lassen / und ihre Gräntzen nicht gewafnet zu überschreiten
Macht hatten.
    Diss denen Galatern zugefügte Unrecht / und die denen zwischen der Donau und
der Sau niedergelassenen Deutschen nach Bedrängung Griechenlands immer näher
kommende Gefahr / da zumal Acilius den Atamantischen König Aminander verjagte
/seine Deutschen der Botmässigkeit des Macedonischen Königs Philip unterwarf /
Cato die Etolier demütigte / verursachte diese Freiheits-liebende Völcker: dass
sie den König im Pontus Pharnaces den Grossvater des grossen Mitridates / wie
auch den König in Armenien Artaxias / und der Sarmater König Galatus / der vom
Antiochus aber flüchtige Annibal den Bitynischen König Prusias / den von Römern
so gross gemachten Eumenes auff den Hals hetzten. Des Artaxias Feldhauptmann fiel
in Capadocien / Galatus in Griechenland / Leocritus des Pharnaces Heerführer in
das verlohrne Galatien / Pharnaces in Paphlagonien / die Deutschen Fürsten
Carsignat und Gözotar teils in Phrygien / teils in Capadocien / Prusias in
Mysien ein. Dieser verlohr zwar zu Lande eine Schlacht; solches aber rächete der
aus Creta zum Prusias fliehende Annibal bald darauff durch einen herrlichen Sieg
zur See. Die Sarmater spielten in Griechenland den Meister; in Paphlagonien nahm
Pharnaces die Festung Tejum ein / und führte grosse Beute und viel tausend
Gefangene heim; Aus Capadocien ward Ariarates gar vertrieben und der Königliche
Schatz erobert. Die Lycier lehnten sich auch wider Rom und die Rhodier auf.
Nichts desto weniger liess sich Prusias das Dräuen der Römischen Gesandten
schrecken: dass er nicht nur von Bundsgenossen absetzte / sondern auch Annibaln
ausliefern wollte /also ihn sich selbst zu vergifften nötigte / und wie ein
Leibeigener in Gestalt eines beschornen Knechtes der Botschaft entgegen zoh.
Dem Prusias folgte der Sarmater König Gatalus / nach dem ihnen die Römer
kostbare Geschencke schickten / Philippus in Macedonien für Unmut wegen seines
unschuldig getödteten Sohnes Demetrius starb / und sein Nachfolger Perseus ihnen
die Dardaner auf bei Hals betzte. Weil nun die Römer ihre in Griechenland gegen
den ihnen verdächtigen Philip habende Waffen alle in Asien übersetzten / machte
Pharnaces und Mitridates Friede / gaben alles eroberte aus Furcht wieder / und
musste jener noch neuntzig / dieser dreihundert Talent bezahlen / beide auch des
mit den Deutschen gemachten Bündnüsses sich entäusern. Die Deutschen Fürsten
Carsignat und Gözotor aber konten als unversöhnliche Feinde keinen Frieden
erlangen. Daher sie sich so lange tapfer wehreten / biss der vom Perseus wieder
Rom erhobene Krieg ihnen ein wenig Lufft wachte. In Ligurien machten zwar die
Deutschen mit offtern Streiff-Rotten die Römer fort für fort müde /und zohen
sich bei andringender Macht hierauf in ihre verhauene Gebürge: dass es also eine
gute Zeit zu keinem Haupt-Treffen kam. Endlich aber mergelte doch der
Bürgermeister Cajus Flaminius die Britinaten derogestalt ab: dass sie ihm die
Waffen aushändigen mussten; wiewohl sie / so bald sie nur Lufft kriegten / auf
das Auginische Gebürge entkamen. Jedoch drang ihnen Flaminius über den Apennin
nach / und zwang sie zur Ubergabe alles Ihrigen. Hierauf grief er die zwischen
dem Flusse Arnus und dem Vor-Gebürge wohnenden Apuaner an / und nötigte ihnen
einen Frieden und Versprechen ab: dass sie in die Bononische und Pisische
Landschaft nicht mehr streiffen wollten. Der Bürgermeister Emilius aber setzte
gar über den Fluss Macra / brennte daselbst an den Bächen Labonia und Sturla
alles aus / hernach lockte er die auf den Schweinberg und das Gebürge Ballista
geflüchteten Deutschen und Gallier herab / erschlug derer etliche tausend / und
brachte sie hernach gleichfalls zum Gehorsam. Marcus Furius aber nahm denen
stets in unverrückter Treue auf Römischer Seite gestandenen Cenomännern zwischen
dem Flusse Atesis und Mincius / als sie ihnen keine Feindseligkeit träumen
liessen / alle Waffen ab. Nach dem nun die in den Gebürgen gebliebenen Ligurier
sich nicht gutwillig unters Joch einfinden wollte / ward Quintus Martius mit eine
neuen Heere wider die Apuaner abgefertigt. Diese lockten ihn mit allem Fleiss in
ihre innerste Behältnüsse; und als sie die Römer in ein brüchiges Tal verleitet
hatten / fielen sie sie vor und hinterwerts an / erschlugen vier tausend Römer /
sechs tausend Lateiner / nahmen jenen einen Adler und drei andere / diesen eilf
Fahnen / und eine unzehlbare Menge Waffen ab; also: dass wenig durch die Wälder
in Hetrurien entkamen. Welcher Sieg denen Alemännern aufs neue Anlass gab: dass
sie über die Tridentinischen Alpen stiegen / zwischen den Flüssen Liquentia /
Sontius und dem Adriatischen Meere festen Fuss setzten; und etliche Städte an den
Flüssen Tilavemptus / Alsa und Natiso bauten. Unterdessen lächelten den König
Perses in Macedonien seiner Vorfahren Taten auf sich und auch durch Krieg in
der Welt ansehlich zu machen. Des die Römer zu bekriegen im Schilde führenden
Philippus versammlete Kriegs-Vorrat / der unter dem Römischen Joche
schmachtenden Griechen Ungedult / der Stadt Cartago / welche seiner Botschaft
des Nachts Verhör gaben / in geheim kochender Groll / und seine auf die gegen
Rom verbitterte Deutschen gesetzte Hoffnung waren alles gewaltiger Zunder zu
diesem Feuer. Diesemnach verband er sich mit dem deutschen Fürsten Gözonor in
Galatien / und mit dem Könige der Odrysen Cotys in Tracien; durch derer Hülffe
er den mit den Römern verknüpften Tracischen König Abrypolis aus seinem Lande
vertrieb / den eben so gesinnten Illyrischen König Aretas gar erlegte; den König
Prusias dahin brachte: dass er den Römern keine Hülffe zu leisten versprach; die
Beotier ihm verband. Mit einem Worte: Perses hatte Bunds-Genossen / Mittel /
Ansehn und Volck genung; nämlich: neun und dreissig tausend FussKnechte / und
drei tausend Reiter auf den Beinen; also: dass er sich spielende ganz
Griechenlands Meister hätte machen können. Sintemal keine Römische Macht bei der
Hand / Egypten in einen Krieg mit dem Antiochus in Syrien eingeflochten /Eumenes
zwar gegen den Perses / der ihn zu Delphis wollen ermorden lassen / verbittert /
aber die Römische Macht zu vergrössern nicht gemeinet / Masanissa in Numidien /
weil er Cartago siebzig abgenommene Städte wieder geben musste / den Römern
nicht mehr so geneigt war. Aber Perses versäumte die Gelegenheit und den
Ansprung / verspielte die Zeit und Kriegs-Kosten; liess sich auch den Gesandten
Martius teils durch Dräuen erschrecken / teils durch gemachte
Friedens-Hoffnung ums Licht führen; biss die Römer die Haupt-Stadt in Tessalien
einnahmen / der Bürgermeister Licinius mit einem mächtigen Heere /und der
Stadt-Vogt Lucretius mit einer Kriegs-Flotte in Griechenland einbrach. Der
schläfrige Perses hätte ihm die Römer biss in Macedonien auf den Hals kommen
lassen; wenn nicht König Cotys mit tausend Tracischen / Hertzog Gözonor mit
tausend Edelleuten über die unter dem Feldhauptmanne Ascleopiadiot voran
geschickte zwei tausend Deutsche zu Pella ankommen wären / und den Perses den
Römern entgegen zu ziehen ermahnet hätten; weil im Kriege der Angriff ein
Zeichen eines hertzhaften Vertrauens / und sein Pferd an einen fremden Zaum
binden kein geringer Vorteil wäre. Perses rückte also gegen Tessalien fort;
Hertzog Gözonor selbst führte den Vortrab /und rückte über den Fluss Aliacmon /
nahm die Städte Azor / Pytoum / Doliche und Pertebe mit Schrecken /Creta durch
Gewalt / Myle mit Sturm ein. Hierauf setzte sich Perses mit seinem ganzen Heere
bei der Stadt Sycurium unter dem Berge Ossa an dem Eingange des Tempischen
Tales / und durchstreiffte das ganze flache Tessalien mit der Deutschen und
Tracischen Reiterei. Licinius hingegen konnte sich mit Not durch Epirus und das
bergichte Atumarien durcharbeiten; erreichte aber endlich den Fluss Peneus;
stiess daselbst zu dem Tessalischen Fürsten Hippias; und ob wohl Evmenes /
Attalus und Phileterus die drei Pergamenischen Brüder und der Deutschen Galater
Fürst Carsignot mit 7000. zu ihm stiessen / wagte er sichdoch nicht dem Perseus
unter die Augen zu ziehen / sondern setzte sich unter die Stadt Larissa / und
verschantzte sein Läger an dem Flusse Peneus. Ob nun wohl Perses der Pherer
Gebiete täglich mit Raub und Brand beschädigte; lagen die Römer doch stille /biss
Perses mit einem Teile seines Heeres biss ins Gesichte des Lägers rückte /
Gözonor aber und Cotys mit fünf hundert Deutschen und Odrysischen Reitern unter
den Wall kamen / und die Römer ausforderten. Der Deutsche Fürst Carsignat hatte
mit seinem Vetter Gözonor mit Fleiss abgeredet: dass einer dem Perses /der ander
den Römern beistehen sollte / um durch ein oder des andern Teiles Verlust die
deutsche Herrschaft zu unterstützen. Dieser und Attalus konten den Schimpf
nicht verschmertzen / rückten also mit ihrer Reiterei heraus / und gerieten mit
einander in ein hitziges Gefechte; darinnen aber Hertzog Carsignat selbst von
einem deutschen Ritter tödtlich / und Attalus vom Fürsten Gözonor verwundet
ward. Nach fast gleichem Verluste trennte sie die Nacht. Nach etlichen Tagen
stellten beide Teile endlich ihre Heere gegen einander in Schlacht-Ordnung. Der
König Cotys grief mit seinem rechten Horne die Römische / Perses und Gözonor
aber die Griechische und Asiatische Reiterei an. Ob nun wohl des Carsignats zwei
hundert deutsche Reiter ihr bestes taten / so brach doch Gözonor mit seinen
mehrern Deutschen durch. Die Etolier gerieten für ihrem Geschrei in die Flucht.
Evmenes nahm zwar sein Volck ein / und brachte die Flüchtigen wieder zu Stande;
es tauerte aber nicht lange /sonderlich als Cotys auch die Römische Reiterei
zertrennete. König Perses drang zugleich mitten in die Römische
Schlacht-Ordnung; und Bereus sein Feldhauptmann trennte mit der Phalanx die eine
Legion: dass auf Römischer Seiten nun alles verspielet zu sein schien. Zu allem
Unglücke kam Evander aus Creta /welchen Perses nach Delphis den Evmenes zu
ermorden geschickt hatte; machte dem Perses den Ausgang der Schlacht zweifelhaft
/ er sollte durch Heftigkeit die Römer nicht unversöhnlich machen; und erhielt:
dass der Perses abblasen / die Krieges-Fahnen umbdrehen /und durch einen
betrügerischen Meuchel-Mörder ihm den in den Händen habenden völligen Sieg
auswinden liess. Hertzog Gözonor aber hatte kein Gehöre / sondern verfolgte die
feindliche Reiterei biss in den Fluss Peneus; allwo er bei überkommendem Befehle
des Perses den blutigen Degen ins Wasser warff / und für Ungedult anfing: Wenn
wir Weiber sein müssen /sind uns die Waffen nichts nütze. Gleichwohl blieben auf
Römischer Seiten zweitausend Fuss-Knechte /zwei hundert Reiter; auf Macedonischer
Seiten zusammen kaum sechzig. In dem Römischen Läger zitterte alles für
Schrecke; also: dass der Bürgermeister es des Nachtsin aller Stille über den Fluss
versetze musste. Wiewol nun Perses hernach seinen ihm vom Fürsten Gözonor
eingehaltenen Fehler erkennte / und auf die Höhe Mopselus zwischen der Stadt
Larissa und dem Tempischen Tale rückte; so wiechen doch die Römer noch an einen
sichern Ort zurücke; hätten auch Zweifels-frei Tessalien gar verlassen; wenn
nicht Misagenes Königs Masanissa Sohn mit tausend Reitern / tausend Fuss-Knechten
und zwei und zwantzig Elefanten ankommen / und dem Römischen Heere ein Hertze
gemacht hätte. Wie diese sich aber unterstunden in den Phalanneischen Feldern
das Getreide abzumeien; kam König Cotys und Gözonor ihnen mit tausend Traciern
/ so viel Deutschen / und Cretensern als ein Blitz auf den Hals / nahm tausend
Wagen / und sechs hundert Kriegsleute gefangen; und der darzu kommende Perses
umbsätzte den Obersten Lucius Pomponius mit acht hundert Römern auf einem Hügel.
Wie nun Licinius / Evmenes / Attalus und Misagenes nur ihr Läger besetzt liessen
/ und mit dem ganzen Heere diese entsätzten; kam es zu einem blutigen Treffen;
in dem auf Macedonischer Seite drei hundert Fuss-Knechte / und Antimachus mit
vier und zwantzig Rittern aus dem heiligen Geschwader erlegt wurden. Welches den
Perses so kleinmütig machte: dass er das Gebürge besätzte / und wider Gözonors
Rat in Macedonien wiech. Daselbst kriegte Cotys Zeitung: dass Atlesbius ein
Tracischer Fürst / und Corragus des Evmenes Stattalter ihm eingefallen und die
Landschaft Marene eingenommen hätten. Daher Cotys umb das Seinige zu beschützen
/ Gözonor aber aus Verdruss über des Perses Zagheit / nach Hause kehrten. Weil
der Winter den Römern den bergichten Eingang verhinderte / nahm der
Bürgermeister etliche Städte in Illyricum ein; und Cajus Cassius unterstand sich
durch dieses lange Land mit einem Heere in Macedonien einzubrechen. Weil aber er
die Histrier /Kärnter und andere Deutschen an dem Carvankischen Gebürge für ihre
Guttaten als Feinde handelte; begegnete ihm König Cincibil mit einer
sohertzhafte Gegenwehr: dass Cassius nach erlittenem grossem Verluste zurücke
weichen / und einen andern Weg in Macedonien erkiesen musste. Cincibil beschwerte
sich über so unrechte Gewalt bei dem Rate zu Rom / und forderte eine Erklärung:
Ob er die Römer hinfort für Feinde oder Freunde halten sollte. Der Rat
entschuldigte alles / als ein ohne ihren Willen erkühntes Beginnen / dräuten den
Cassius zu straffen / schickten den Cajus Lelius und Emilius Lepidus zum Könige
Cincibil und seinen Bruder mit 2. fünf Pfund Goldes schweren Ketten / mit viel
kostbarem Silber-Geschirre / 2. aufs prächtigste ausgeputzten Pferden / güldenen
Waffen und herrlichen Kleidern / umb diese streitbare Völcker nicht wider sich
in Harnisch zu jagen. Der Römer in Illyris und Griechenland verübte Grausamkeit
verursachte: dass als die Stadt Uscana des Appius Claudius Ankunft mit 8000.
Kriegsleuten an dem Lycheidische See auf der Macedonischen Gräntze vernahm / sie
die benachbarten Scordiskischen Deutschen umb Beschirmung ersuchten / und 4000.
Mann zur Besatzung erhielten. Claudius der hiervon nichts wusste / eilte dahin /
in Meinung sie des Nachts unversehens zu überfallen. Wie die Römer aber nur
einen Bogen-Schuss von der ihrer Einbildung nach eingeschlafenen Stadt waren;
erhob sich auf den Mauern von Geschrei der Weiber / vom Schwirren des Ertzts ein
jämmerliches Getümmel. Die Deutschen fielen durch 2. Tore auf die so wohl müden
als sicheren Römer heraus; brachten sie auch alsofort in Unordnung und in die
Flucht; also: dass Appius nicht für voll 2000. zurück nach Lychindus brachte /
die übrigen alle erschlagen oder gefangen / alle an Rom hängende Städte aber
hierdurch in Schrecken gesetzt /und die Römer ihre Macht in Griechenland zu
verstärcken genötigt wurden. Dessen ungeachtet setzte Cephalus der Fürst in
Epirus von Rom ab; Cotys eroberte mit Hülffe der Deutschen / und sonderlich
Hertzog Gözonors alles verlohrne in Tracien / machte daselbst mit seinen
Feinden einen vorteilhaften Frieden. Dem Perses kam gleichsam die alte
Macedonische Tugend wieder in sein Hertze; sintemal er mit dem durch den König
Cotys wieder versöhnten Fürsten Gözonor die Dardaner überwand; die von den
Illyriern den Römern verkauffte Stadt Uscana zur Ubergabe zwang / und darinnen
allein viertausend Römer gefangen bekam / und die fast unüberwindliche Festung
Oeneum mit Sturm eroberte. Hierauf schickte Perses anfangs den Illyrier
Pleuratus / hernach auch nebst ihm den Glaucias über das Skordische Gebürge nach
Lissus an den König Gentius umb ihn zu einem Bündnisse wider die Römer zu
bewegen / welcher denn auch hiezu gute Neigung zeigte; wenn ihm vom Perses mit
nötigen Kriegs-Mitteln unter die Armen gegriffen würde. Aber der Geitz oder das
Verhängnis band dem Perses die Hände: dass er einen so streitbaren Bunds-Genossen
zu erlangen in Wind schlug. Hingegen aber liessen sich die Römer nichts gutes
träumen; sonderlich da Lucius Cölius mit grossem Verlust und Schimpfe von der
Stadt Uscana abgeschlagen ward; und die Rhodischen Gesandten zu Rom dem Rate
mit nachdencklichen Dräuungen einen Frieden mit dem Perses zu machen aufdringen
wollten. Bei diesen und andern aufziehenden trüben Wolcken / und da der Bastarnen
König mit dem Hertzog Gözonor sich verknüpfte / fertigten sie von Rom den Aulus
Postumius / Marcus Perpenna / Lucius Petillius und Marcus Pompejus ab. Der erste
sollte die Dardaner wider den Perses aufhetzen / der andere die Bastarner und
Dacier in Ruh erhalten / der dritte die Dalmatier und Tracier gegen ihre Feinde
erregen /der vierdte des Königs Gentius Fürhaben ausforschen. Pompejus brachte
den Perpenna und Petilius ohne einige vorher erlangte Geleits-Briefe nach Scodra
an den Königlichen Hof. Weil nun der Römische Rat vorher auf der Isseer
Vergällung des Gentius Botschaft / sonder erteilte Verhör schimpflich
abgewiesen hatte / und Gentius erfuhr: dass Pompejus mehr als ein Kundschafter
denn ein Botschafter dahin kam /liess er den Perpenna und Petilius in Hafft
nehmen; den Pompejus aber fragte er bei der Verhör: Zu was Ende und wohin
Perpenna und Petilius verschickt wären; weil er selbst aus Rom für ihren
gefährlichen Ratschlägen wäre gewarnigt worden. Pompejus trat auf diese
Befragung zu dem neben des Königs Stule gesetzten Tische / hielt seinen Finger
in eine der daselbst brennenden Wachsfackeln so lange / biss er gäntzlich
versehrt war. Hernach antwortete er: Die Römer sind gewohnt sich ehe
einzuäschern / als ihre Geheimnisse zu verraten. Gentius ward hierüber
bestürtzt / schickte den Pompejus auf seine Reichs-Gräntze / und liess den
Römischen Rat wissen: Er behielte die zwei andern als Stiffter gefährlicher
Anschläge bei sich / biss er der Römischen Freundschaft versichert / und ihm
wegen Beschimpffung seiner Gesandtschaft Vergnügung verschafft würde. Die Römer
verstellten eine Weile ihre hierüber geschöpffte Empfindlichkeit; schickten aber
den Qvintus Martius mit neuen Völckern in Tessalien; welcher durch einen fast
unwegbaren Weg des von dem Hippias mit zwölff tausend Kriegs-Leuten verwahrten
Volustan-und Capatischen Gebürges mit unglaublicher Müh einbrach / und bei
Libetrum dem Könige Perses unvermutet auff den Hals kam: dass er weder Rat
noch Hülffe wissende / bald dar bald dortin floh / aus der festen Stadt Dion
alle güldene Bilder wegführen liess /und dem Feinde alle Pässe / insonderheit den
gar engen unter dem Berge Olympus an dem Strome Baphyrus gegen der Stadt Dion
öffnete / und nach Pydna floh; seine Schiff-Flotte zu Tessalonich aus
schändlicher Furcht anzünden und seine übel aufgehobene Schätze zu Pella ins
Meer werffen / iedoch solche hernach wieder heraus fischen liess. Martius segelte
hierauff mit der Römischen Kriegs-Flotte von Heracle ab / setzte bei
Tessalonich / Ania / Antigonea und Pallene aus / verwüstete das Land / und
belägerte die mächtige Stadt Cassandrea; hätte sie auch erobert /wenn sich nicht
auff zehn Schiffen tausend ausserlesene deutsche Kriegsleute des Nachts darein
gespielet /und durch ihre blosse Ankunft die Römer abzuziehen verursacht
hätten. Der Römische Bürgermeister belägerte inzwischen Melibea / und Martius
machte sich auch an die Stadt Demetrias. Weil aber die Römer bei ihrem Glücke
hochmütig / und dem Könige Eumenes ihre tägliche wachsende Kräfften verdächtig
wurden / brachte es Perses oder vielmehr Gözonor durch den Cydas und Antimachus
so weit: dass er mit seinen Hülffs-Völckern sich von den Römern absonderte / und
in Asien kehrte; ja sich nicht erbittten lassen wollte seine in Bestallung
habende fünff hundert deutschen Reuter den Römern zu hinterlassen. Diese
Veränderung und so wohl des Königs Prusias als der Rhodier für den Perses auffs
neue getane Friedens-Werbung brachte die Römer zu glimpfflicher Anstalt; und
dass sie den deutschen Fürsten bessere Worte gaben; unter denen sie den gegen die
Bastarnen gräntzenden Hertzog Balanos durch Uberschickung einer güldenen Kette
von zwei-einer güldenen Schale von vier Pfunden / eines ausgeputzten Pferdes /
und köstlicher Waffen gewanen: dass er die Bastarnen von der dem Perses
versprochenen Hülffsleistung abhielt. Nachdem auch Perses durch erlangte neue
Hülffe der Deutschen sich wieder erholete / und in Pierien an dem Flusse Enipeus
die Römer lange Zeit auffhielt / ja ihnen fast alle Lebensmittel abschniet;
liessen sie durch den Cneus Servilius über dem Po sechs hundert deutsche Reuter
werben / welche mit dem Bürgermeister Emilius Paulus und einer ansehnlichen
Macht in Griechenland übersätzten. Der ängstige Perses schickte auch seinen
getreuesten Pantaucus an König Gentius / und dieser den Olympius an Perses;
durch welche nicht nur zwischen ihnen ein gemeiner Schirm-Bund geschlossen ward
/ sondern sie sendeten auch ins geheim zu den Rhodiern und dem Könige Eumenes
sie auff ihre Seite zu bringen; welches auch erfolgt wäre: wenn nicht des
Eumenes Geitz abermals das Spiel verderbet / und er die versprochenen
Hülffs-Gelder nicht anderwerts / als in seinen Samotracischen Tempel hätte
niederlegen wollen. Diese Wurtzel alles bösen / und die Gift der gemeinen
Wohlfahrt tat auch noch grössern Schaden. Denn es hatte Perses durch eine
Botschaft den König der Qvaden Clondich beredet: dass er mit einer ansehnlichen
Macht von zehn tausend Reutern und so viel Fussvolk über den Ister und die Sau
gesätzt war / und bei der Stadt Desudaba unter dem Orbitaischen Gebürge von dem
Perses den versprochenen Sold und die Geissel erwartete. Perses eilte zwar von
dem Flusse Enipeus an den Strohm Axius biss zu der von den Deutschen gebauten.
Stadt Alemana dem Könige Clondich entgegen / sendete auch ihm und den
Heerführern etliche Pferde und Zieraten durch den Antigonus zum Geschencke; mit
Vertröstung einer mehrern Freigebigkeit / die Perses zu Bylazor bei ihrer
Zusammenkunft würde spüren lassen. Alleine Clondich wollte wegen bewusster
Kargheit des Perses für erlangter Zahl- und Versicherung nicht weiter rücken;
und der törichte Perses kriegte über einer so grossen deutschen Macht selbst
Argwohn; oder verhüllte auffs wenigste seinen Geitz mit einer eben so schlimmen
Furcht; liess also dem Clondich melden: dass er mehr nicht als fünff tausend
Hülffs-Völcker brauchte. Wie nun auch auff Clondichs Nachforschung für so viel
kein Geld verhanden war / kehrete er mit seiner Macht / welche die Römer aus
Griechenland zu vertreiben mächtig gewest wäre / wieder an den Ister. Nichts
bessers spielte er es dem Gentius mit; indem er ihm dreihundert Talent zurücke
hielt; weil er ihn durch Anhaltung der Römischen Gesandten schon tieff genung in
Krieg eingewickelt zu sein vermeinte. Der Asiatischen Deutschen Beistand büste
er auch vollends durch diese Grausamkeit ein. Evmenes schickte um nicht gar von
den Römern abzusetzen tausend deutsche Reuter auff fünff und dreissig unbewehrten
Schiffen dem Attalus zu. Diese gerieten zwischen dem Eylande Chios und Erytra
unversehens unter der Macedonischen Schiffs-Flotte / welche die schlechten.
Plätten teils zur Ubergabe zwangen; teils an Strand trieben / und die dem
Wasser entkommenden auff dem Lande vollends erschlugen. Diese an ihren
Bluts-Freunden verübte Blut-Begierde machte: dass Hertzog Götzonor mit seinen
Deutschen wieder in Asien kehrte; und Perses an dem Flusse Enipeus vom Emilius
Paulus auffs Haupt erlegt / zwantzig tausend Macedonier erschlagen / fünff
tausend flüchtige unter Weges /und sechs tausend nach Pydna entkommene gefangen
wurden. Perses kam kaum mit drei Geferten in die Haupt-Stadt Pella. Allein ein
Verzagter schätzt sich auch nicht in der Schoss des Jupiters / weniger in einer
Festung sicher. Daher spielte sich Perses noch selbige Nacht aus Pella / und
flohe nach Amphipolis / von dar mit zwei tausend nur für die Feinde ersparten
Talenten in das Eyland Samotracien. Denn des Perses schändliche Flucht war dem
Emilius ein Schlüssel zu den Städten Beroe / Tessalonich / Pella / Pydna
/Meliboe / Amphipolis und ganz Macedonien. Zu Pella fand er noch die dem
Gentius hinterhaltene dreihundert Talent. Cneus Octavius segelte auch gerade
nach Samotracien / und begehrte des Perses und seines Sohnes Ausfolgung. Beide
aber umarmten die vom Cephissodor gefertigte und alldar hochheilig verehrte
Bilder der Venus und des Phaetons. Weil nun dieser Ort die unversehrlichste
Frei-Stadt war; hielt Attilius dem Samotracischen Fürsten Teondas ein: dass
Perses wegen seines an dem Könige Eumenes in dem Delphischen Heiligtum
fürgehabten Meuchel-Mordes keiner Göttlichen Beschirmung fähig wäre. Teondas
versprach hierüber Recht zu hegen; und Perses musste seinen gebrauchten Werckzeug
Evandern holen lassen. Evander gestand sein Fürhaben; und weil Perses von ihm
als Anstiffter verraten zu werden besorgte / liess er ihn tödten. Also entweihte
Perses zum andern mahl das Heiligtum mit Blute. Wiewohl er nun den Teondas
bestach: dass er sagte: Evander hätte sich selbst getödtet; so verdammte doch den
Perses schon sein Gewissen. Daher redete er mit einem Cretischen Kauffmanne
Oroandes ab: dass er ihn nach Tracien zum Cotys flüchten sollte; liess auch einen
ziemlichen Schatz in sein Schiff bringen. Wie aber Perses des Nachts aus dem
Tempel in Demtrischen Hafen kam; war Oroandes schon nach Creta entflohen. Perses
versteckte sich hierauff zwar am Ufer / hernach in einen finstern Winckel des
Tempels; endlich aber ergab er sich und seinen Sohn Antiochus dem Octavius; und
Emilius führte hernach den Perses mit dreien Söhnen / wie auch des Königs Cotys
gefangenen Sohn Bitis zu Rom im Siegs-Gepränge ein. Anitius spielte eben dieses
Trauer-Spiel mit dem Könige Gentius / welchem zu seiner Entschuldigung nichts
halff: dass Alexander die Tebisschen und Spartanischen Gesandten an Darius; die
Römer des Königs Philips Gesandten an Annibal; die Sicilier der Stadt Syracusa;
die Argiver der Atenienser; die Epiroter der Etolier an verdächtige Örter
gehende Botschaften angehalten / und also er das Völcker-Recht weder verletzt /
noch einige andere Ursache zum Kriege gegeben hätte; zumahl / da diesen König
auch Lucius Duronius beschuldigte: dass er auff dem Adriatischen Meere
See-Rauberei verübte; und zu Corcyra viel Römische Bürger in Band und Eisen
hielte. Der Anfang des Krieges geschahe zur See; indem Anitius viel Illyrische
Schiffe eroberte; und ungeachtet Gentius an Klugheit in der Kriegs-Anstalt / an
Tapfferkeit in den Schlachten nichts erwinden liess; wurden doch alle seine
Anschläge krebsgängig; und schien es: dass die göttliche Rache selbst wider ihn
mit zu Felde läge. Sintemahl er seinen vollbürtigen Bruder Plator nur um desto
sicherer zu herrschen; oder aus Unwillen: dass er des Dardanischen Fürsten Honun
Tochter Etuta heiraten wollte / durch Gift hingerichtet hatte. Die Schlachten
wurden verspielet. Die zwischen den Flüssen Clausula und Barbana liegende feste
Haupt-Stadt Scodra erobert. Die alten Illyrier fielen von ihm ab; und Gentius in
Hoffnung sein Land wieder zu bekommen verleitet: dass er nach vergebens
erwarteter Hülffe von seinem Bruder Karavant aus der Sicherheit des Labeatischen
Sees sich auff Gnade und Höffligkeit in der Römer Hände gab; allwo ihn Anitius
zwar höfflich empfing / ihm seine Gemahlin Leva / seine Söhne Skerdilet und
Pleurat / wie auch den Bruder Karavant an seine Tafel setzte; beim Aufstehen
aber ihm den Degen abheischen / und alle gefangen nehmen liess; von dar er und
seine Söhne nach Rom zum Siegsgepränge geführt; kurtz hierauff vom Emilius
Paulus siebenzig Illyrische Städte / die sich gutwillig ergeben / auch bereit
die Plünderung mit vielem Gold und Silber abgekaufft hatten / auff einen Tag mit
Raub und Brand verzehret wurden. Ob nun zwar die abtrinnigen Ardieer und
Palarier dieses Unrecht zu rächen vermeinten; die Japoder und Segestaner auch
auff Freilassung des Königs Gentius drangen; wurden doch jene vom Fulvius
Flaccus / diese vom Sempronius und Tiberius Pandusius nach etlichen Schlachten
übermannet. Wiewohl auch die Dalmatier ihre Freiheit anfangs wider den sie
ebenfalls anfallenden Marcus Figulus hertzhaft verteidigten / und ein Teil
seines Heeres biss über den Fluss Naro zurück trieben; so schlug doch das Glücke
bald umb. Denn er jagte sie bei der Stadt Delmin in die Flucht; und nötigte
diese fast unüberwindliche Festung durch Einwerffung brennender Pech- und
Schwefel-Fackeln sich zu ergeben. Popilius schreckte mit seinen rauhen Worten
die Rhodier: dass sie alle / welche iemahls wider Rom etwas getan / oder
geraten / zum Tode verdammten; und den König in Syrien Antiochus mit einem um
ihn mit Staub gestrichenen Kreisse: dass er dem Ptolomeus alles / was er in
Egypten erobert hatte / wieder vergeben musste. Epirus / ganz Griechenland und
Illyricum strich für den Römern seine Segel; die Könige aus Africa / Asien und
Europa stritten mit einander sich durch Glückwünschungen und andere Heucheleien
bei den Römern einzulieben. Ja Prusias und sein Sohn Nicomedes schämten sich
nicht die Schwelle des Römischen Rathauses zu küssen / den Rat ihre
Erhaltungs-Götter / sich aber ihre Freigelassene zu nennen. Welche seltzame
Fälle allzu deutlich erhärten: dass das ewige Gesetze der Gotteit von aller
Ewigkeit her allen Dingen einen gewissen und unveränderlichen Lauff besti&et
habe; also weder die menschlichen Geschichte ungefähr / sondern vielmehr aus
verborgenen Ursachen sich zutragen / noch iemand das Rad des Verhängnisses auff
die Seite abwenden könne / wenn die Vernunft es schon von ferne ersiehet / und
die Tugend beide Armen vorwirfft. Insgemein aber verblendet diese Notwendigkeit
auch die sonst von Torheit entfernte Gemüter: dass sie weder ihren Ratschlägen
genugsam nachdencken / oder bevorstehender Gefahr nicht klüglich vorbeugen.
    Ungeachtet nun derogestalt die halbe Welt nicht nur die Römische Macht
anbetete / sondern auch für dem Eumenes und Prusias / als den Werckzeugen so
ferner Dienstbarkeit die Achseln einzoh; so liessen sich doch die Deutschen in
Galatien zu nichts knechtischem Verleiten. Sie schickten keine Botschaft nach
Rom; und als ihnen Prusias ein Stücke Landes abstreiten wollte / welches des
Syrischen Königs Autiochus gewesen / und von den Römern ihm sollte geschenckt
worden sein; liessen sie dem Prusias zu entbieten; der Degen wäre bei den
Deutschen das Grabscheit / wenn man ihnen etwas von ihrem Eigentume abgräntzen
wollte. Ob auch schon Prusias hernach zu Rom von dem Rate solch Land als eine
Vergeltung für seine treue Verdienste verlangte; ward er doch durch diese
Antwort abgewiesen: Wenn das Land der Deutschen wäre / müste er nicht übel
auffnehmen: dass der Rat sie mit Weggebung fremden Gutes nicht beleidigen / und
dem Eigentums-Herren Unrecht tun könnte. Mit dem Könige Evmenes aber banden die
Deutschen gar an. Denn Hertzog Solovet / des in Tessalien gebliebenen Fürsten
Carsignat Sohn / welcher aus einer besondern Staats-Klugheit stets auff der
Römer Seite gestanden hatte / beschuldigte den Evmenes: dass er die ihm
geschickten tausend Deutschen Reuter mit Fleiss der Macedonischen Schiffs-Flotte
in die Hände geschickt hätte; und Hertzog Gözonor goss bei verneuertem Bündnisse
mit dem Solovet mehr Oel ins Feuer; also: dass sie mit gesammleter Macht in sein
Gebiete einfielen / auch ihm etliche harte Streiche versätzten. Welche dem zu
Rom sich befindenden Attalus so tieff zu Gemüte stiegen: dass er bei dem Rate
die Helffte seines brüderlichen Reichs für seine Verdienste auszubitten
unterliess /indem er wohl sah: dass seine und des Evmenes Zwytracht die Deutschen
gar zu Meistern über das Pergamenische Reich machen würde. Also suchte er nur
bei den Römern wider diese heftigen Feinde Hülffe; welche aber nur Gesandten
zur Vermittelung eines Friedens dahin schickten. Diese brachten es zwar so weit:
dass die Deutschen / weil der Winter ohne diss für der Tür war / einen
drei-monatlichen Stillestand willigten; mit dem ersten Früh-Jahre aber fielen
sie über den Berg Didymus wieder ein / und eroberten die Stadt Siniada. Publius
Licinius eilte mit dem Attalus dahin / weil inzwischen Evmenes bei Sardes an dem
Flusse Pactol sein Heer zusammen zoh. Licinius bat und dreute nicht ferner zu
rücken; die beiden deutschen Fürsten aber gaben ihm nur lachende zur Antwort:
Sie wären der Römer gute Freunde /aber kein Antiochus; welcher sich wie eine
Schlange in einem Kreisse bezaubern / und mit Dräu-Worten ihm einen schädlichen
Frieden abpochen liesse. Licinius musste also unverrichteter Sachen zurücke
ziehen; und weil die Deutschen allentalben den Meister spielten / reisete
Eumenes selbst nach Italien um Hülffe zu bitten. Weil aber er im Verdacht war:
dass er mit dem Perses unter dem Hute gespielt hätte /machte der Rat nicht nur
ein Gesetze: dass kein König nach Rom kommen sollte; sondern schickten ihm auch
entgegen / und liessen fragen: Was er verlangte; hätte er aber nichts
anzubringen / möchte er nur alsofort umkehren. Diss verdross den Eumenes so sehr:
dass er umkehrte und antwortete: Er wäre bettelns halber nicht kommen; sondern
nur zu fragen: Ob diss der Danck für so viel Dienste wäre: dass die Römer ihm den
ihrentalben ihm zugezogenen Deutschen Krieg allein auf dem Halse / und die
edelsten Pergamener / welche in Macedonien für sie die Waffen geführet / vom
grausamen Solovet unmenschlich aufopffern liessen. Kurtz nach ihm kam von den
Deutschen eine Gesandschaft nach Rom / welche den Rat ihrer Freundschaft
versicherte / und die Ursachen ihres Krieges wider den Eumenes ausführte; auch
erhielt: dass sie für ein freies Volck und Römische Bundgenossen erklärt wurden.
Der von Furcht und Zorn unruhige Eumenes zohe nach Hause / verband sich mit dem
Antiochus in Syrien / und begegnete nicht allein den Deutschen / sondern fiel
auch dem Prusias in Bitynien ein. Weswegen dieser den Pyton nach Rom schickte
/ und diesen Uberfall nur seinem mit den Römern habenden Bündnisse zuschrieb. An
statt der verhofften Hülffe aber gab der Rat nur zur Antwort: Er sollte mit den
Deutschen pflügen / die wären zweien Eumenen gewachsen. Prusias folgte diesem
Rate; und verband sich mit denen Fürsten Gözonor und Solovet in Galatien /
heiratete auch des in Tracien wohnenden Deutschen Königes Diegyl Tochter; mit
denen er gegen den Eumenes mit umwechselndem Siege und Verlust Krieg führte.
Weil aber Prusias diesen noch immer zu Rom verdächtigte / der Rat auch den
Tiberius Grachus um so wohl des Antiochus / als Eumenes heimliches Beginnen
auszugrübeln; schickte dieser seine Brüder Attalus und Ateneus nach Rom / ihn
von allen Verläumdungen weiss zu brennen. Gleichwol aber konten sie sich so rein
nicht waschen: dass nicht Cajus Sulpitius / als ein Kundschafter aufs neue dahin
geschickt ward. Inzwischen starb Eumenes; und liess seinen den Römern beliebtern
Bruder Attalus zum Erben. Jedoch machten die Deutschen und Prusias dem Kriege
kein Ende; sondern schlugen den Attalus aus dem Felde / und bemeisterten fast
die Helffte seines Reiches. Attalus klagte durch den Andronicus und hernach
seinen Bruder Ateneus es zwar zu Rom; Aber des Prusias Gesandter Antiphilus und
sein Sohn Nicomedes lehnten alles durch fürgeschütte Gegenwehr ab; biss die dahin
geschickten Apulejus und Petronius ein anders berichteten. Daher der Rat den
Prusias durch eine Gesandschaft zur Ruh ermahnten. Lucius Hortensius kehrte
zwar allen Fleiss an sie zu vergleichen; aber die Deutschen rieten dem Prusias
seinen Vorteil nicht aus den Händen zu geben. Nach dem sich auch die Handlung
zerschlagen / und Prusias den Deutschen kaum aus den Händen entwischte; rückten
sie für die Hauptstadt Pergamus / und belägerten darinnen den Attalus. Weil die
Stadt aber allzu wohl besetzt war / plünderte Prusias in der Vorstadt des
Esculapius / bei Hiera der Diane / und bei Temnos des Apollo Tempel. Wesswegen
sich die Deutschen vom Prusias trennten; Attalus hingegen kriegte vom
Cappadocischen und Pontischen Könige Hülffe; Die Römer kündigten dem Prusias
auch den Bund auf; hetzten ihm die Rhodier und Cyzizener auff den Hals; auf
derer Schiffen er in Bitynien einfiel / und den Prusias nicht wenig ins
Gedrange brachte. Die Römischen und Deutschen Gesandten aber vermittelten bald
einen Frieden. Dieser vertiefte den Prusias in allerlei Laster; also: dass er
auch seinen Kindern anderer Eh zu Liebe seinen zu Rom sich befindenden Sohn
Nicomedes zu ermorden beschloss / wo er nicht vom Rate die Erlassung der dem
Prusias versprochenen fünf hundert Talent erhielte. Der hierzu bestellte Menas
aber entdeckte es nicht allein dem Nicomedes; sondern brachte auch ein Teil des
Bitynischen Kriegsvolckes aufseine Seite. Attalus nahm den Nicomedes mit
Freuden auf / und brach mit ihm in Bichynien ein; dessen Stände häuffig zum
Nicomedes fielen. Prusias suchte vergebens zu Rom Hülffe; in das Niceische
Schloss nahm er 500. Tracische Deutsche von seinem Schwehervater Diegyl ein.
Endlich flohe er nach Nicomedien; und als die Bürger die Stadt aufgaben / in
Jupiters Tempel; darinnen ihn aber sein Sohn Nicomedes ermorden / und das Altar
mit väterlichem Blute besprützen liess. Attalus kriegte inzwischen den dem
Prusias zu Hülffe kommenden König Diegyl gefangen; liess ihn aber auf Hertzog
Solovets Vorbitte wieder los. Also erhielten die Deutschen unter so viel
Veränderungen gleichwol ihren Stand und Ansehen; und insonderheit bei denen in
Syrien. Denn ob zwar nach des Antiochus Tode der sich von Rom wegspielende / und
wieder den jungen Antiochus das Reich behauptende Demetrius / welcher den jungen
König Ariarates wegen verschmähter Heiratung seiner Schwester aus Cappadocien
vertrieb / und den von seiner Mutter untergesteckten Orophernes einsetzte / von
dem Könige Ptolemeus /Attalus und Ariarates aus Syrien vertrieben / und ein
gemeiner Jüngling unter dem Nahmen Alexanders eines Antiochischen Sohnes
eingesetzt; ja auch Demetrius durch Hülffe der Juden vom Alexander erschlagen
ward; so erbarmten sich doch die Deutschen Fürsten des von dem Demetrius nach
Gnidus zur Sicherheit geschickten und in Creta bei dem Fürsten Lastenes sich
aufhaltenden Sohnes Demetrius; und setzten ihn nach Verjagung des üppigen
Alexanders / mit Hülffe des Ptolomeus Philometors in Syrien auff den väterlichen
Tron.
    Bei diesem Wachstume der Deutschen in Asien /mühten sich auch die in
Italien nach der von den Bojen erlittenen grossen Niederlage ihr Haupt wieder
empor zu heben. Massen die Ligurier den in Hispanien ziehenden Stadt-Vogt Bebius
angrieffen / sein Volck erlegten / ihn biss in Massilien jagten / da er den
dritten Tag von den empfangenen Wunden starb; ja sie machten sich so breit: dass
der Römische Rat beiden Bürgermeistern auftrug die Deutschen zu stillen. Sie
gaben ihnen aber genung zu schaffen / biss Flaminius die Friniatischen / Emilius
die Apuanischen Ligurier endlich überwältigte / und ihnen die Waffen abnahm.
Marcus Furius überfiel hierauf auch die sich keines Krieges versehenden
Cenomannen /und entwaffnete sie; der Rat aber gebot ihm einen Stillestand; und
Emilius gab ihnen alles abgenommene wieder. Als die Römer nun alle Deutschen in
Ligurien für todte Leute hielten / krochen die Apuanischen wieder hinter ihren
Klippen und aus ihren Hölen herfür / und streifften biss nach Bononien. Qvintus
Martius zohe mit einem Heere gegen sie; welche / als sie ihn durch stetes
weichen in die ängsten Täler zwischen die höchsten Klippen gelockt hatten / ihn
rings umher anfielen / 4000. Römer erschlugen / von der andern Legion drei-von
den Lateinern eilf Fahnen eroberten; und sie nicht ehe zu verfolgen / als die
Römer zu fliehen aufhöreten.
    So viel Empörungen der Deutschen aber waren kein Werck einer
Leichtsinnigkeit; sondern eitel Rachen angetanen grausamen Unrechts. Sintemal
die nunmehr in Wollüsten ersoffenen und daher auch so viel grimmigern Römer
andere Völcker mehr für Vieh als Menschen hielten. Massen denn selbige Zeit
Qvintius Flaminius aus dem Rate gestossen ward /weil er am Po einen zu ihm
abgeschickten Bojischen Ritter einem missbrauchten Schandbuben / und zu Placentz
einen edlen Ligurier seiner Hure zu Liebe und zur Ergetzligkeit ermorden lassen
/ und Tisch und Bette mit so unschuldigem Blute besprützt hatte. Zu eben dieser
Zeit kam aus Deutschland ein neuer Schwarm derer an der Donau wohnenden Völcker
über die Alpen / liess sich am Adriatischen Meere um die Flüsse Turrus und
Tilavent nieder. Wider diese ward Lucius Julius geschickt sie daselbst
wegzutreiben. Weil sie aber übel / oder gar nicht bewehret waren / machten sie
mit den Römern einen Vergleich /und zohen mit ihrem Geräte wieder über die
Alpen /und setzten sich um den Fluss Anisus. Folgendes Jahr zohen abermals beide
Bürgermeister in Ligurien; da sich denn 2000. dem Marcellus gutwillig ergaben;
die andern aber versteckten sich in ihre Gebürge und Festungen: dass ihnen die
Römer nicht beikommen konten / sondern ihr Heer von einander lassen; solches
aber bald wieder zusammen ziehen / und auff alle Fälle fertig halten mussten;
Weil ein Geschrei kam: dass in Deutschland viel tausend junger Mannschaft sich
zusammen züge / und irgends wo in Italien einbrechen wollte. Die Ligurier machten
auch die See unsicher / und taten den Massiliern nicht geringen Schaden; mussten
also die Römer eine Schiff-Flotte in das Ligustische Meer schicken. Das
nechstfolgende Frühjahr zohe der sonst allentalben so sieghafte Emilius Paulus
wider die Inguanischen Ligurier auf. Weil er aber von keinem andern Vergleiche /
als dass sie sich auf Gnade und Ungnade ergeben sollten / hören wollte; stürmten
und belägerten sie das Römische Läger; Alleine sie erlitten von denen wegen
aussenbleibender Hülffe fast verzweiffelt ausfallenden Römern eine schwere
Niederlage; indem 15000. erschlagen / drittehalb tausend gefangen wurden; zur
vernünftigen Warnigung: dass eines verzweiffelten Feindes Degen drei anderen
besiehe. Die Inguaner ergaben sich hierauff ohne Schwerdschlag. Wiewol nun diese
abgemergelten Völcker ganz ruhig sassen / wollten doch Publius Cornelius / und
Marcus Böbius / weil sie in ihrem Bürgermeister-Ampte nichts denckwürdiges
verrichtet hatten / an ihnen den Mut kühlen / und Ehre einlegen; Also
durchforschten sie mit zweien mächtigen Heeren das ganze Anidische Gebürge
/zwangen sie alle auff die Flächen zu verfügen; und waren weder Geschencke noch
Tränen so mächtig die Römer zu bewegen: dass sie in ihren Geburts-Städten
ersterben / und ihre Gebeine in den Grabestätten ihrer Vor-Eltern ruhen möchten;
sondern es wurden ihrer 40000. in Samnium fortgeschleppet. Weil nun beide sich
hierdurch zu Rom so sehr verdient hatten; dass ihnen / die doch gegen keinem
Feinde einigen Degen gezückt / ein Siegs-Gepränge erlaubt ward / machte sich
Postumius über den Schweissberg / und das Gebürge Balista; zwang diese armen
Leute durch Abschneidung aller Lebens-Mittel zur Ubergabe; nahm ihnen alles
Gewehre / und liess ihnen mit genauer Not so viel Eisen übrig / als sie zu
Pflugscharen und dem Ackerbau dorfften. Fulvius kroch an dem Flusse Maora in den
Hölen / noch 7000. Apuaner aus / welche ihren Landesleuten in Samnium folgen
mussten. Cajus Claudius beraubte hierauf aus blosser Vermutung des Krieges die
Epanterier / und siegte über den Istrier König Epulo und diese Ligurier; welche
aber für Ungedult nicht alleine ins Mutinensische Gebiete einfielen / und es mit
Schwerd und Feuer verheerten / sondern auch diese Stadt selbst eroberten.
Alleine Claudius rückte mit einem noch stärckern Heere für Mutina / eroberte es
mit Sturm; in welchem 10000. Römer / und 8000. Ligurier blieben; schlug hierauff
sie beim Flusse Skulteña / trieb sie vom Berge Letus und Balista. Worauf
Claudius hochmütig nach Rom schrieb: Seine Tugend und Glücke hätte nunmehr zu
wege gebracht: dass Rom disseits der Alpen keinen Feind mehr hätte. Gleichwol
aber reckten diese Untergedrückten aus Liebe der Freiheit bald wieder ihre
Hörner empor / erschlugen den Bürgermeister Petilius mit etlichen tausend
Römern. Der Bürgermeister Popilius wollte diese Schande an denen allezeit
Römisch-gesinnten Statellatisten Liguriern rächen / und geriet bei der Stadt
Caristum mit ihnen in eine blutige Schlacht; also: dass er sich zwar des Sieges /
aber schlechten Vortels zu rühmen hatte; Wie denn auch der Römische Rat dieses
Unrecht ihres Bürgers verdammten / und die Ligurier in ihre Freiheit zu setzen
befahl. Aber bei Verwechselung der Aempter blieb es nach; iedoch empfand es das
Römische Volck so sehr: dass es in dem Heiligtum Bellonens den Bürgermeister
Popilius schimpflich fragte: Warum er die durch seines Bruders Betrug
untergedrückte Deutschen in Ligurien nicht wieder in Freiheit gesetzt hätte?
Welche Mässigung denn hernach die Ligurier und Deutsche ziemlich beruhigte; biss
die wegen des eroberten Macedoniens des durch eigene Zwytracht entkräffteten
Syriens und zur Dienstbarkeit geneigtens hoffärtigen Römer in Ligurien den Krieg
ohne einige andere Ursache / als aus Begierde sich durch viel Siege berühmt zu
machen den Krieg erneuerten; und die Bürgermeister wegen etlicher
vorteilhaften Treffen nebst dem Publius Scipio / welcher mit der Stadt Delmin
ganz Dalmatien zum Gehorsam gebracht hatte / ein Siegs-Gepränge hielten. Weil
die Deutschen nun von den Massiliern der Römer geschwornen Gefärten lange Zeit
Uberlast /und beim Kriege Abbruch gelitten hatten / fielen sie in Gallien in ihr
Gebiete ein; eroberten die Seestadt Nica / setzten über den Fluss Varus / und
belagerten Antipolis. Wie nun die Massilier zu Rom hierüber klagten / reisten
alsofort Flaminius / Popillius Lenas und Pupius dahin / stiegen zu Egitica /
welche Stadt den Oxybisschen Liguriern gehöret / aus; und befahlen ihnen die
Belägerung aufzuheben. Die Ligurier hingegen befahlen den Römern ihre Gräntze zu
räumen; und als sie von Dräuen und Scheltworten nicht abliessen / trieben sie
sie mit Gewalt in die Schiffe / und verwundeten den Flaminius. Hierauf folgte
alsbald der Bürgermeister Qvintus Opinius mit einem mächtigen Heere; drang über
alle Gebürge biss an den Strom Acro / nahm die Stadt Egitra ein / und schickte
die Fürnehmsten in Band und Eisen nach Rom. Dieses verbitterte die Oxybier: dass
sie unerwartet der ihnen zu Hülffe anziehenden Deciaten die wohl viermal
stärckern Römer aus blinder Rachgier / aber mit grossem Verlust anfielen. Die
Deciaten kamen zwar noch zum Treffen / und stritten mit grosser Hertzhaftigkeit
wider den allgemeinen Feind; der ihnen aber überlegen war / ihnen ein Stück
Landes abnahm / und den Massiliern gewisse Geissel zu geben aufbürdete. Folgendes
Jahr kriegte der Bürgermeister Titus Annius abermals mit den Galliern über dem
Po. Und durch diese unauffhörliche Bedrängung wurden alle Kräffte der Deutschen
in Italien / wie die Schliefsteine von dem Eisen unempfindlich verzehret: dass
sie nur ihre Achseln / wie andere entferntere Völcker unter ihr Joch beugen
mussten. Jedoch waren nicht so wohl der Römer Waffen als ihre Arglist / und der
Deutschen selbsteigene Veränderung die fürnehmste Ursache ihrer scheiternden
Freiheit. Sintemal jene bald diesen / bald einen andern Deutschen Fürsten durch
einen vergüldeten Schild / ein zugerittenes Pferd / einen mit falschen
Edelgesteinen versetzten Degen / oder durch eine gemahlte Lantze betörten; den
Kern ihrer streitbaren Jugend zu Uberwindung anderer Völcker oder der Deutschen
selbst an sich zohen / und durch öfftere Botschaften die Beschaffenheit ihrer
Länder auskundschaften; die Deutschen aber nach Eigenschaft der versetzten
Pflantzen unter dem viel sanftern Himmel Italiens gleichsam ihre erste
Geburts-Art vergessen; und den Safft vieler in dem rauern Deutschlande
unbekandten Wollüste an sich gezogen hatten. Weil aber die Celtiberier in
Hispanien noch nicht so lange von ihrem Vaterlande entfernet waren; tauerte ihre
Hertzhaftigkeit noch immer; und machten sie den Römern nach denen aus Hispanien
vertriebenen Cartaginensern doch unaufhörlich zu schaffen; und die Kriege so
sauer: dass es Marcus Marcellus daselbst nicht mehr auszustehen getraute / und
die junge Mannschaft zu Rom für Schrecken sich nicht mehr gegen die streitbaren
Celtiberier wollte brauchen lassen. Dahero sie auch der Rat für freie Völcker zu
erkennen / ihnen ihre eigene Gesetze zu lassen / auch sie für Freunde und
Bunds-Genossen anzunehmen gezwungen ward.
    Bei solcher Beschaffenheit brachen die Römer eine Ursache vom Zaune die
Stadt Cartago als den grösten Dorn in ihren Augen auffs neue zu bekämpffen;
weil anfangs Königs Syphax Enckel Archobarzanes Masanissen beunruhigte / und
hernach dessen sein Sohn Gulussa angab: dass Cartago nicht so wohl wider ihn als
wider die Römer selbst eine Kriegs-Flotte ausrüsteten; also: dass Scipio Nasica
selbst diesen unrechtmässigen Krieg beweglich wiederriet. Inzwischen verfiel
Cartago mit Masanissen in Krieg; weil er ihre Stadt Oroscopa belägerte. Seine
Heerführer Anasis und Juba giengen auch mit 6000. Numidiern zu Asdrubaln über;
welcher Masanissen anfangs ziemlichen Abbruch tat / hernach aber in Anwesenheit
des von einem Berge zuschauenden Scipio Emilianus in einer blutigen Schlacht
geschlagen / auff einem Berge belagert / und den schimpflichsten Vergleich
einzugehen gezwungen ward. Worbei denn die Römer Masanissen anzureitzen nicht
vergassen: dass er sich seines Glückes gebrauchen sollte. Ungeachtet nun Cartago
durch zwei Botschaften sich für den Römern demütigte / Asdrubaln in Elend
vertrieb / so kriegten sie doch keine andere Antwort; als: sie sollten Rom
Vergnügung geben; darüber aber / was hierunter gemeint würde / konten sie keine
Auslegung erbitten. Insonderheit drang Porcius Cato mit heftigster Ungestüm
auff den Krieg; und ruffte wohl tausendmal auf dem Rathause: Cartago werde
vertilget! zeigte zugleich eine frische Feige / welche allererst für drei Tagen
zu Cartago überbracht worden war; nötigte also gleichsam dem Römischen Rate
wider den Nasica ab: dass ihre Einäscherung beschlossen / und das von Cartago
abfallende Utica begierig angenommen ward. Wiewol sich nun Cartago durch
anerbotene freiwillige Ergebung das ihnen aufgebürdete Vorhaben der
Feindseligkeit genungsam ablehnte / sie auch dem Römischen Befehle nach für
Abschiffung der zum Kriege befehlichter Bürgermeister 300. edle Geissel nach
Lilybeum lieferten; so schifften doch die Bürgermeister nach Utica / und zwangen
die Cartaginenser: dass ob sie schon Asdrubal bekriegte / sie doch ihre Schiffe
verbrennen / und alle Waffen aushändigen mussten / welche zu Bewaffnung ganz
Africens genung gewest wären. Als sie diss wirklich vollbracht / fällte Lucius
Martius noch dieses harte Urtel über sie: Sie sollten ihre Stadt abbrechen / und
vom Meere weg eine andere bauen. Welches die Gesandten in eine Raserei / nach
vergebener flehentlicher Bitte aber dieses edle Volck in Verzweiffelung /und in
grausame Wütung wider die / welche zu Ausliefferung der Geissel und Waffen
geraten hatten /endlich in die Waffen / worzu die Frauen ihre Geschmeide
verschmeltzten / ihre Haare abschnitten /brachte; welches auch eine lange Zeit
männlich und wider alle menschliche Vernunft die Belägerung austauerte / in
welcher 500. in Sold genommene / und 300. aus der Dienstbarkeit freigelassette
Deutschen in Ausfällen / Zernichtung der Sturmböcke und anderer Gegenwehr
gleichsam Wunderwercke ausübten / und denen schier ihrer Vernunft beraubten
Cartaginensern zu Wegweisern dienten. Massen denn auch durch des verachteten
Masanissa Absetzung / und des wieder versöhnten Asdrubals Näherung das Römische
Heer in grosse Not geriet / und die Belägerung hätte aufheben müssen / wenn
nicht Publius Scipio /dessen Geschlechte gleichsam vom Verhängnisse zum
Untergange der so mächtigen / und sieben mal hundert tausend Einwohner
beherbergenden Stadt Cartago versehen war / darfür kommen wäre. Denn Asdrubal /
welcher mit 20000. Africanern / und 2000. vom Andriseus aus Macedonien
empfangenen Deutschen die Belägerer mit täglichem Lermen und Abschneidung der
Lebensmittel ängstigte / begegnet nach Masanissens Tode seinem Sohne mit
ansehnlicher Numidischen Reuterei so er an sich gezogen /und nach ihm
aufgetragenem Bürgermeister-Ampte anfangs das Teil Megara erobert / hernach den
Seehafen verstopfft / den neuerbauten Hafen und das Teil der Stadt Coton /
endlich auch nach sechstägichter Stürmung das Schloss Byrsa eingenommen hätte.
Der Esculapische Tempel war allein noch übrig; darinnen sich Asdrubal zwar eine
zeitlang wehrete / aber endlich doch kleinmütig ergab. Die aus Deutschem
Geblüte allein ersprossene Ehfrau des Asdrubals konnte sich so wenig / als vorher
Sophonisbe überwünden in der Römer Dienstbarkeit zu fallen. Dahero / nach dem
sie ihrem zu des Scipio Füssen sitzenden Ehmanne von dem Esculapischen Tempel
heftig verwiesen hatte / schlachtete sie seine zwei Söhne / und stürtzte sie
mit sich nach dem Beispiele der Königin Dido in die unter ihr rasenden Flammen.
Scipio selbst konnte sich nicht entalten mit seinen Tränen die nich
siebentägichten Flammen glüenden Brände dieser sieben hundert Jahr / (welches
schier das längste Ziel langer und grosser Reiche zu sein pflegt) geblüheten /
und nun in der Asche liegenden Stadt auszuleschen. Und wie Nasica vorher die
gäntzliche Vertilgung beweglichst wiederraten hatte: wormit Rom aus Scheue
dieser mächtigen Nachbarin nicht in sichere Wollust verfiele; also wahrsagte
nunmehr Scipio in Erwähnung des Trojanischen Brandes auch der Stadt Rom ihren
Untergang.
    Hertzog Zeno fing hierüber an: ihn bedeuchtete: es habe Nasica nicht alleine
klüglich geraten Cartago stehen zu lassen / sondern auch Scipio über ihrer
Einäscherung billich geweinet; wo anders die Tränen nicht wie in dem
mittägichten Teile des Atlantischen Eylandes / ein Merckmal der Freude / oder
ein Firnis der rachgierigen Vergnügung beim Käyser Julius gewest / als dieser des
Pompejus blutigen Kopf in die Hände bekam. Denn in Warheit nicht nur eintzele
Personen werden durch des Nachbars Tugend aufgemuntert / oder vielmehr durch
eine Scheue für anderer Aufsicht von Lastern zurück gehalten; wie an dem
Römischen Adel / so lange als der verjagte Tarqvinius noch lebte / anzumercken
war / in dem dieser nach seinem Tode bald das Volck zu drücken anfing; sondern
es bleiben auch ganze Völcker nur so lange tugendhaft und streitbar; so lange
die benachbarte Tugend sie im Zaum hält. Die Feuersteine geben nur so denn Feuer
von sich / wenn man einen andern schlägt. Daher hielt es der kluge Cleomenes für
ratsam die überwundenen Argiver nicht gar auszurotten; wormit ihre Jugend noch
iemanden behielte / an dem sie ihre Tapfferkeit ausübten. Hingegen verfiel mit
dem Tebanischen Fürsten Epaminondas nicht nur seiner Landesleute / sondern auch
seiner Feinde der Atenienser Tapfferkeit. Hertzog Herrmann hat mir selbst
bekennet: dass der zwischen den Cherusskern und Catten strittige Vorzug ein
Wetzstein beiderseitiger Tapfferkeit gewesen sei. Ja ich glaube: dass / wie nach
eingeäschertem Cartago / nach überwundenem Asien Rom zwar in seinem Leibe mehr
Fleisch / aber nicht stärckere Spann-Adern bekommen habe; also es durch seine
eigene Laster verfaulet wäre; wenn nicht die rauen Winde / welche ihnen zeiter
aus der kalten Mitternacht in die Augen gegangen sind / selbtes noch erhalten
hätten. So konnte ihm auch Scipio leicht die Rechnung machen: dass die gerühmte
Ewigkeit der Stadt Rom ein Traum der Uhrheber wäre / und grosses Glücke wegen
seiner schweren Last nicht lange Zeit auf einem Beine stehen könnte. Dahero
sprachen die Scyten beim grossen Alexander dieser Abgöttin gar alle Beine ab;
als welche nur Hände und Federn an sich hätte; welche letztere sie mit den
erstern keinmal ergreiffen liesse / wormit sie iederzeit die Freiheit behielte
ihren Flug anderwärts hin zu nehmen. Uber diss behertzigte Scipio / mit was
Unrecht Rom diss Kriegs-Feuer durch die halbe Welt ausgestreuet hatte; und dass
die göttliche Rache insgemein den in dem glüenden Ochsen brate / der solchen für
andern gegossen hat. Insonderheit aber ungerechtem Gute wie des Adlers von dem
Opffer-Tische gestohlnen Fleische eine glüende Kohle anhencke / welche hernach
des Raubers ganzes Nest in Brand steckt.
    Adgandester fuhr hierauf wieder fort: Er wüste nicht: ob Scipio / als der
selbsteigene Werckzeug so unrechter Grausamkeit oder einiger anderer Römer
damals mehr in seinem Gemüte eine so zarte Empfindligkeit gefühlet hätte; weil
sie hierauff gleichsam stockblind in den Pful der ärgsten Laster gerennt / und
nach zerstörtem Cartago dem Meere vollends das andere Auge / nämlich die schöne
Stadt Corint / und zwar ehe / als sie unter die Zahl der Feinde gerechnet
worden / ausgestochen; ja bei spielendem Freuden-Getöne dieses Wunder der
Städte angezündet / und die Steine in kostbaren Staub verwandelt. Worbei aber
mehr der Römer Unverstand als ihre Grausamkeit zu bejammern war. Sintemal sie
die edelsten Marmel-Säulen aus Kurtzweil / oder um etwan ein darein zur
Befestigung eingelassenes Stücke Ertzt zu bekommen zerschmetterten; Die
Ertztenen Bilder zerschmeltzten / und unter andern den vom Aristides gemahlten
Bacchus zu einem Spielbrete brauchten /für welchen König Attalus hernach 6000.
Silbergroschen bot / Mummius aber selbten zu Rom in der Ceres Tempel setzte. Wie
nun ein schon einmal beflecktes Kleid nicht mehr in Acht genommen wird; Also
hielt es Rom nach einmal an Cartago so offenbar verübten Ungerechtigkeit nicht
mehr für Schande sich täglich mit neuen Lastern zu besudeln / und durch ihre
Macht der Bosheit das Ansehn und die Zulässligkeit der Tugend zu geben. Denn eben
so betrüglich verfuhr der Ehrsüchtige Bürgermeister Appius Claudius wider die
Salassier / welche sich von der Saale unter die Göröjischen Alpen in ein Tal an
dem Flusse Duria niedergelassen hatten. Dieser ward vom Rate geschickt sie mit
ihren Nachbarn zu vergleichen; welche sich beschwerten: dass die Salassier ihnen
den Strom Duria verbauten / und zum Nutzen ihrer Goldbergwercke anderwärts hin
verleiteten; also sie ihre unterhalb habende Wiesen und Aecker nicht bewässern
konten. An statt dessen aber fiel Appius bei den Salassiern mit Kriegs-Macht ein /
und verheerete alles mit Feuer uñ Schwerd. Diese ware nichts minder hertzhaft
als unschuldig; grieffen also den Appius an / und erschlugen 5000. von seinem
Heere. Der Rat zu Rom hörte zwar des Appius Unrecht und Unglück; aber sie
trachteten nicht jenes zu verbessern / sondern diss nur zu rächen. Jedoch waren
sie darüber so bekümmert: dass sie die Sibyllinischen Bücher aufschlugen / und
belernt wurden: dass sie allezeit / wenn sie mit den Deutschen kriegen wollten /
auff derselben Gräntzen ihren Göttern opffern sollten. Hierauf grieffen die Römer
die Salassier auffs neue an; und weil dieser ein Mann gegen zehn fechten musste /
wurden sie geschlagen / 5000. erlegt / und den Römern das flache Land nebst den
Goldgruben abzutreten gezwungen. Gleichwol aber schätzten die Römer den Appius
keines Siegs-Gepränges würdig. Und als er sich dessen eigenmächtig anmaste /
hätten sie ihn mit Gewalt vom Wagen gezogen / wenn nicht seine Tochter als eine
Vestalische Jungfrau ihn beschirmet hätte. Noch viel ärger spielten es die Römer
dem unvergleichlichen Helden Viriat mit; dessen Deutscher Uhrsprung und Taten
nicht nur allhier / sondern in der ganzen Welt erwehnt zu werden würdig sind.
Es ist bekandt: dass mit denen Cartaginensischen Kauffleuten viel Deutsche in
Hispanien übergesetzt sind; Und nicht nur an dem eusersten Westlichen Land-Ende
/ sondern auch an dem Flusse Anas unter dem Gebürge der Venus einen ziemlichen
Strich unter dem alten deutschen Nahmen der Celten bewohnt haben. Diese waren
geschworne Feinde der Cartaginenser; und der Werckzeug ihrer meisten Siege in
Hispanien. Daher sie auch nach dem andern Punischen Kriege /da Cartago
Hispanien im Stiche lassen musste / keine Gelegenheit versäumten den Römern
Abbruch zu tun. Unter diesen war ein Fürst der Celten am Flusse Anas Olonich /
welcher dem Macedonischen Könige Perses zu liebe auf heimliche Anstifftung der
Cartaginenser die Waffen wider die Römer ergrief; aber von ihrer Macht
überdrückt / und nach hertzhafter Gegenwehr in einer Schlacht getödtet ward.
Sein Grossvater ein Sidinischer Fürst an dem Jader oder Oder-Strome war mit
etlich tausend Deutschen übers Meer dahin kommen / und hatte selbiges Gebiete
von Cartago zum Geschencke bekommen. Weil nun die Römer allen Celten die Hände
abschnitten / ja Weiber und Kinder tödteten / flohe Olonichs Wittib mit ihrem
halbjährigen Kinde Viriat / welchen Nahmen ihm Olonich nach der Sidinischen
Fürsten Hauptstadt in Deutschland gegeben / in das Gebürge der Venus. Die Römer
aber verfolgten sie auch in diesen Klippen; also: dass diese edle Fürstin
entweder unversehens /oder auch vorsätzlich / um nicht in der Römer Hände zu
fallen von einem Felsen abstürzte. Aller andern Flucht verursachte: dass dieses
Kind im Gebürge liegen blieb; iedoch / weil es der menschlichen Vorsorge
entbehren musste / von den Gemsen gesäuget ward. Sechs Monat genass es aus
sonderbarer Versehung Gottes dieser unartigen Mutter-Milch / ehe ein in das
Gebürge hütender und einer geschossenen Gemse nachklettender Ziegen-Hirte das
Kind fand / solches in seine Hütte trug / und als sein eignes auferzoh. Diese
Wildnüss aber konnte so wenig die hohe Ankunft dieses Fürsten / als des grossen
Cyrus verbergen. Er ward der schönste und geschickteste unter den Hirten-Knaben;
und keiner war so Ehrsüchtig: dass er nicht diesem verborgenen Fürsten den Vorzug
enträumte / und ihn für seinen Führer erkennte. Ermachte ihm und seinen
Gefärten selbst Bogen und Pfeile /und leitete sie mehr zu Verfolgung des Wildes
/ als zu Hütung ihres Viehes an. Die Alten fragten ihn mehrmals als einen Knaben
noch um Rat / und die Zwistigen nahmen ihn für ihren Richter an. Hierdurch
machte er ihm in der Blüte seiner Jugend ein Ansehn eines Alten; und durch
Freigebigkeit verknipffte er ihm aller Gemüter. Denn wenn er auff die Gemsen
oder ander Wild ausgieng / behielt er von seinem Geschossenen das geringste /
und teilte das übrige unter die Gefärten aus / die gleich nichts getroffen
hatten. In diesem Stande blieb er / biss Marcellus den Celtiberiern die Stadt
Ocelis und Nertobriga / Marcus Atilius aber denen Lusitaniern die Stadt Oxtraze
und etliche Vettonische Städte abdrang. Weil nun die Römer das Land mit Rauben
durchstreifften / und also auch dem Celtischen Gebürge sich näherten / machte
sich Viriat mit den andern Hirten an etliche dieser Räuber / und eroberte nach
ihrer Erlegung / zu seiner höchsten Vergnügung / ihre Waffen / und hiermit fing
der in seine Hertzen verborgene Zunder der Tapferkeit Feuer: dass er nach einmal
in die Hand bekommenem Degen den Hirten-Stab wieder anzurühren für
unausleschliche Schande hielt. Hierzu kam die allgemeine Verbitterung der
Hispanier über den Lucullus / welcher mit der am Flusse Tagus gelegenen Stadt
Cauca einen Frieden machte; hernach sich und sein Volck betrüglich hinein
spielete; alle Mannschaft über vierzehn Jahr meineidig erwürgte / Weiber und
Kinder aber verkauffte. Wie nun Lucullus die Stadt Intercatia belägerte / und
Sergius Galba in Lusitanien einbrach; gab sich Viriat nicht nur selbst in Krieg
/ sondern redete auch zwei hundert junge Hirten auf nebst ihm wider so falsche
Feinde die Waffen zu ergreiffen. Das Heer der Lusitanier ward vom Galba in die
Flucht bracht. Wie aber Viriat mit seinen Gefärten auf einem Hügel wahrnahm /
wie sparsam und langsam die müden Römer sie verfolgten / fasste er ihm einen
frischen Mut einem feindlichen Hauffen die Stirne zu bieten. Wie dieser nun
wegen ermangelnden Nachdrucks zurücke wiech; nahmen anfangs die Celten /hernach
auch die Lusitanier von diesen Hirten ein Beispiel sich zu wenden. Worüber die
zerstreuten Römer in Schrecken und Flucht gerieten / ja aufs Haupt geschlagen
wurden; also: dass ihrer 7000. todt auf dem Platze liegen blieben / und Galba mit
der Reiterei kümmerlich nach Carmelis entraan / und sich gar nach Conistorgis
zurück ziehen musste. Die Stadt Pallantia ward hierdurch auch aufgefrischt: dass
sie den Lucullus tapfer zurück schlug; Viriat aber mit einem Pferde / einer
güldenen Kette / und einem köstlichen Schwerdte beschenckt / auch zum Hauptmann
über fünf hundert Celten gemacht. Dem Galba tat dieser Streich in der Seele
weh; daher schämte er sich nicht aus Misstrauen zu seiner Tapferkeit sich des
Betruges zur Rache zu bedienen; liess derhalben den Lusitaniern einen Vergleich
antragen; sintemal er selbst wohl wüste: dass sie mehr ihr Misswachs an Oele /Wein
und Weitzen / an Ablieferung ihres Zinses gehindert; als sie aus Untreu die
Waffen ergriffen hätten. Der Vertrag ward auf leidliche Bedingungen gemacht; und
die Lusitanier stellten sich zu Beschwerung des neuen Bundes beim Galba ein;
welcher sie mit Römischem Kriegsvolcke umbsetzte / und nach gutwillig
niedergelegten Waffen ihrer 10000. erbärmlich niederhauen liess. Zu allem Glücke
kriegten die auf den folgenden Tag verschriebenen Celten / als sie gleich in das
Römische Läger einziehen sollten / durch einen Entronnenen / Wind von der
verräterischen Blutstürtzung. Daher Viriat sein Pferd zum ersten umbwendete /
und nicht nur den Celten ein Wegweiser zu ihrer Erhaltung war / sondern auch die
ihm nachsetzenden Römer mit blutigen Köpfen / und in weniger Anzahl zurück
schickte. Weil nun Galba auf dem flachen Lande teils mit Ermordung / teils mit
Verkauffung der Gefangenen gleichsam seine Kräfften prüfete: Ob sie in Geitz
oder Grausamkeit am höchsten kommen könten; verhieb sich Viriat im Gebürge /
und tät durch öftere Ausfälle den Römern merckliche Abbruch. Sein Ruhm wuchs
hierüber durch ganz Hispanien; die Not aber / und seine in Austeilung der
Beute erzeigte Freigebigkeit vergrösserte seinen Hauffen so sehr: dass er / nach
dem die gröste Macht der Römer wider Cartago in Africa übergesetzt war / sich
mit fünf tausend Kriegsleuten herfür machte / und in das den Römern
beiflichtende Turdetanien einfiel / und biss an den Fluss Betis mit Flucht und
Schrecken alles erfüllte. Cajus Vetilius sa&lete zwar wider ihn ein starckes
Heer; und die bekümmerten Lusitanier stunden schon auf dem Schlusse sich dem
Vetilius zu untergeben; als Viriat durch Aufmutzung vieler Römischen Meineide
die Handlung abbrach / und sich mit denen Gesandten nach Tribola flüchtete;
hernach die Römer durch dort und dar gedräute Einfälle und geschwinde
Zurückziehungen matt und müde machte. Vetilius ward hierüber vedriesslich; und
dardurch verleitet: dass er in Meinung diesen verwegenen Hirten mit Strumpf und
Stiel auszurotten / sich in einen sumpfichten Wald nachzusetzen verleiten liess;
darinnen ihn die versteckten Celten auf allen Seiten angriffen / und mit seinem
in dem Schlamme sich kaum zu rühren vermögenden Heere erschlugen. Die sechs
tausend nach Tartessus entkommenden Römer wurden zwar mit fünf tausend frischen
Völckern verstärckt / und gegen dem Viriat geführt; aber von ihm derogestalt
bewillko&t: dass kein Bote übrig blieb ihre Niederlage zu berichten. Diese
herrliche Siege machten: dass ganz Lusitanien ihn für ihren Hertzog erklärten /
und ihre Kriegs-Fahnen seiner Botmässigkeit untergaben. Viriat / umb mit
dieser neuen Würde auch seinen Ruhm zu vergrössern / und durch seine Regung auch
die Celtiberier zu beseelen / wendete sich von dem Gaditanischen Meere gegen dem
Tagus; trieb alle Römer aus Carpetanien / und bereicherte sein Kriegs-Volck mit
vieler Beute. Cajus Plautius eilte mit vierzehn tausend Römern ohne die
Hülffs-Völcker dahin / umb das schon wanckende Tarraconensische Hispanien im
Gehorsam zu erhalten. Der schlaue Viriat eilte über Hals und Kopf aus
Carpetanien / umb durch seine angenommene Furcht die Römer in Vermessenheit zu
setzen. Plautius meinte / der Sieg würde ihm mit denen entrinnenden Lusitaniern
entflügen; daher schickte er vier tausend Mann eilfertig nach; welche sich an
den Feind hängen / und ihn biss zu seiner Nachfolge aufhalten sollten. Viriat
aber wendete sich bei Libora; umbringete und erschlug sie: dass kaum hundert
Römer entraanen. Gleichwohl aller wiech Viriat noch immer zurücke / welchem
Plautius aus Begierde der Rache über den Tagus folgte / und unter dem Gebürge
der Venus sein Läger schlug. Diese diss Gebürge bedeckende Oel- und
Friedens-Bäume aber verwandelten sich dem Viriat in Lorbern / dem Plautius in
Cypressen. Denn dieser ward von jenem aufs Haupt geschlagen; welcher / weil die
Römer mit wenigen kaum darvon kamen / ihr Gebiete weit und breit unter Schatzung
setzte; und die über einem Opfer beschäftigte Stadt Segebrige durch schnellen
Uberfall eroberte. Nicht besser machte er es dem Cajus Nigidius / und dem
einhändichten Stad-Vogte Claudius; derer erstern mit Strumpf und Stiel auf
einmal vertilgte; in dem wider den andern fürhabenden Zuge aber geriet er
fürhabender Ausspürung des Feindes mit drei hundert Celten unter tausend
Römische Reiter; iedoch hielt er sich mit den Seinen so ritterlich: dass er nur
siebzig einbüsste; die Römer aber nach Verlust drei hundert und zwantzig Mann die
schimpflichste Flucht nahmen. Das allermerckwürdigste aber war: dass ein in dem
Gepüsche von sieben Römern überfallener Ritter Gussmann selbigen die Stange bot;
und nach dem er des ersten Pferd mit der Lantze erlegt /dem andern den Kopf mit
dem Schwerdte zerspalten /die übrigen in die Flucht brachte. Diss aber war nur
ein Vorspiel der dem Claudius bald darauf begegnenden völligen Niederlage.
Welchen Sieg er so hoch hielt: dass er auf dem höchsten Gipfel des mehrmals
erwähnten Venus-Gebürges ein marmelnes Sieges-Zeichen ausrichtete / der erlegten
Römischen Feldherren Waffen und Purpur-Röcke daran hing; und den Göttern
daselbst sieben Tage nach einander auf Hispanische Art eitel rechte denen Römern
abgehauene Hände opferte. Wie nun Viriat daselbst in voller Andacht für dem
Altare lag; trat aus dem grossen Hauffen des daselbst versa&leten Volckes
eine edle ganz schwartz gekleidete Frau herfür; welche / nach dem sie den
Hertzog Viriat eine gute Weile mit starren Augen betrachtet hatte / drei
Handvolln rotes Saltz in das heilige Feuer warff / und laut zu ruffen anfing: O
ihr Götter! eröfnet mir meine Auge: dass ich dis /was ich mir festiglich einbilde
/ recht erkennen möge! Hierauf redete sie den Viriat getrost an: Wo mich das
Verhängnis nicht selbst verblendet / bist du nicht Indibil und ein Hirten-Kind;
(also hatte man ihn zeiter geheissen) sondern Viriat des tapfern Celtischen
Fürsten Olonich Sohn. Denn du sihest ihm so gleich /als wenn du ihm aus den
Augen geschnitten wärest; und das kleine Feuer-Mal in dem rechten Schlafe
/welches ich genau wahrgenommen / als ich dich gesäuget / ist mir ein gewisses
Merckmal. Wormit aber weder du noch iemand anders an dieser Wahrheit zweifeln
darffst / so entblösse deine rechte Brust; damit man auf selbter das Merckmal
der Sidinischen Fürsten / nämlich die eigentliche Bären-Tatze erkenne. Viriat
empfand sich zu seiner grossen Vergnügung überwiesen / und aus einem Hirten in
einen gebohrnen Fürsten verwandelt. Daher riess er seinen Rock auf / und zeigte
allem Volcke das angedeutete Bären-Zeichen. Bald darauf ward auch Viriats
vermeinter Vater ein alter Ziegen-Hirte aus einer Hütte herbei geholet; welcher
bekannte: dass er für ein und zwantzig Jahren nach dem Einfalle der Römer und des
Fürsten Olonichs Erlegung ihn als ein Kind im Gebürge gefunden habe. Alles Volck
fing hierüber ein so grosses Freuden-Geschrei an: dass das Gebürge erbebte / und
die tieffen Stein-Klüffte durch ihren Wieder-Schall gleichsam auch ihr Jauchzen
beisetzten. Gantz Lusitanien liess ihn hierauf für ihren Fürsten und Ober- Haupt
ausruffen; welchen die Tapferkeit vorher schon zu ihrem Feldherrn gemacht hatte.
Er aber selbst änderte mit seinem Stande das mindeste seiner Sitten; sondern er
ging mit seinen Kriegsleuten wie mit seinen Brüdern umb; liess ihnen alle Beute
/und vergnügte sich mit der Ehre. Sein Schild war ins gemein seine Taffel;
welche meist nur mit Brodt und Wasser angerichtet ward. Er schlief niemals
ungewaffnet / noch über fünf Stunden. Wollüste waren ihm so fremde / als
Hispanien die Crocodile; also: dass er auch sich zu verheiraten schwerlich zu
bereden war. Mit einem Worte: Er zeigte sich in allem ein ausbündiger Fürst zu
sein / wenn er es schon nie wäre geboren gewest. Der Rat zu Rom ward über
dieser neuen Zeitung noch mehr bekümmert / schickte daher den Bürgermeister
Quintus Fabius Emilianus mit siebzehn tausend frischen Völckern in das Betische
Hispanien. Die Uberbleibung der vormals geschlagenen Heere aber machte durch
Herausstreichung des unüberwindlichen Viriats die Römer so bestürtzt: dass sie
Fabius nicht über den Fluss Betis zu führen getraute; sondern sie bei der Stadt
Orsona durch Kriegs-Ubungen vor abzuhärten / auch selbst in dem Eylande Gades
dem Hercules auf Celtische Art zu opfern für nötig hielt. Unterdess aber setzte
Viriat selbst über den Fluss Betis; nahm den Römern vier hundert nach Holtz
fahrende Wagen mit fünf hundert Reitern weg; und als des Viriats Befehlhaber
ihn verfolgte / schlug er sein Heer aus dem Felde /und eroberte eine unsägliche
Beute. Ob nun wohl Fabius zurück eilte und verstärckt ward / traute er doch
nicht mit dem Viriat zu schlagen. Nach dem die Römer mit ihrem Schaden des
Viriats Kriegs-Streiche endlich lernten / erlangte Fabius zwar in etlichen
Scharmützeln einigen Vorteil; alleine er wetzte bald diese Schart an dem ihm
gleichsam zum Glücks-Steine erkieseten Gebürge der Venus durch Uberwindung des
Quintius / und Eroberung der Stadt Ituca aus. Hierdurch brachte er nicht allein
die streitbaren Arvacker / Titter und Beller umb den Strom Suero auf seine
Seite; sondern auch die Stadt Numantja dahin: dass sie gegen die ungerechten
Römer grossmütig die Waffen zückten / welche sie als Sclaven niederlege sollten;
weil sie von den Römern verjagten Segulenser beherbergten / und für sie eine
Vorbitte einlegten. Weil nun Metellus gegen diese zu Felde lag / durchstreiffte
Viriat das Land Bastetanien biss an den Berg Orospeda. Seine beste Beute aber
war Algarbe eines Celtiberischen Fürsten Tochter / welche er in dem
Orospedischen Tempel der Minerve zu Gesichte bekam / und wider seinen ersten
Vorsatz gleichsam aus einem Göttlichen Eingeben heiratete. Die Hochzeit war
zwar mit grossem Gepränge angestellt; die Taffel mit köstlichen Speisen bedeckt;
aber er war nicht zu bereden sich daran zu setzen / am wenigsten aber nach
selbiger Landes-Art aus wohlrüchenden Wassern zu waschen; sondern er aass nur
stehende ein Stücke Brodt und Fleisch; alles andere überliess er seinen
Gefärten. Die kostbaren Tapezereien strich er im Zimmer und Bette mit seiner
nie aus der Hand gelegten Lantze weg / mit Vermelden: dass diese allein eines
Fürsten Zierrat wäre. Nach weniger Stunden Verlauff / als nur die Priesterliche
Einsegnung geschehen war / nahm er ohne Ubernachtung seine Braut / setzte sie
auf ein Tiegerfleckichtes Pferd / und ritt mit ihr seinem Heere und dem Gebürge
zu. Der Bürgermeister Quintus Fabius Servilianus kam gleich damals mit zwantzig
tausend Mann von Rom dahin / umb gegen den Viriat sein Heil zu versuchen.
Ungeachtet er nun nur sechs tausend Mann starck war / verbeugte er doch dem
gegen Ituca eilenden Fabius den Weg; und vertraute seiner der Waffen längst
gewohnten Gemahlin Algarbe die Helfte seines Heeres; welche umb den Römern mit
einem ungewöhnlichen Aufzuge zu begegnen / alle ihre Kriegsleute wie Weiber
bekleiden / ihre Haar-Zöpfe aufflechten / und die Locken über Antlitz und
Achseln abhencken liess. Hierauf traff sie und Viriat auf der andern Seite mit
einem so abscheulichen Geschrei gegen die Römer: dass diese erstarreten / gleich
als wenn sie von höllischen Unholden angefallen würden. Fabius hatte alle Hände
voll zu tun sein dort und dar verwirrtes und weichendes Heer auffzurichten /
und so lange im Stande zu behalten / biss die Nacht sie / wiewohl mit grossem
Verlust der Römer / scheidete. Fabius als er folgenden Tag von einem Gefangenen
die Schwäche des Viriats / und dass sein Heer für einem Weibe erzittert wäre /
vernahm / hätte sich für Verdruss in die Finger beissen mögen; gleichwohl aber
wagte er sich nicht noch einmal an den Feind / biss er vom Könige Micipsa zehn
tausend Africaner und zehn Elefanten bekam. Hierauf band er mit dem sich
verstärckenden Viriat abermals an; welcher Fuss für Fuss zurücke wiech / biss er
den Fabius an einen Pusch brachte / aus welchem sein Hinterhalt den Römern in
die Seite ging / sie trennte / drei tausend Römer / vier tausend Africaner und
Hispanier erlegte / alle Elefanten eroberte / und den Fabius über Hals und Kopf
ins alte Läger trieb; welches auch zugleich eingenommen worden wäre / wenn nicht
Cajus Fannius es noch hertzhaft verfochten hätte. Unterdessen setzte Quintus
Metellus den Celtiberiern heftig zu / schlug mit Bedräuung: dass er alle ohne
Sieg zurück kommende Römer als Feinde tödten wollte / die Arvacker / und
belägerte die Stadt Nertobriga an dem Flusse Salo. Weil aber die Belägerten des
zu den Römern übergegangenen Rhetogenes Kinder in dem Sturm-Loche an die Spitze
stellten; liess Fabius / ungeachtet der grimmige Vater ihn ermahnte über seiner
Kinder Leichen den Sieg zu verfolgen / vom Sturme abblasen; und ala er des
Viriats Anzug vernahm / hob er die Belägerung gar auf. Folgendes Jahr hatte
zwar Fabius das Glücke denen Lusitanischen Obersten Curius und Apulejus die
Städte Escadia / Gemella und Obulcula abzudringen; aber Viriat hemmete alsbald
sein Glücks-Rad / und trieb ihn von der Stadt Baccia weg. Quintus Pompejus kam
mit zwei und dreissig tausend alten Kriegsleuten in Celtiberien / und erregte
daselbst so grosses Schrecken: dass die zwei mächtigen Städte Numantia und Termes
an dem Flusse Durius schon auff dem Sprunge gestanden sich den Römern zu
unterwerffen. Aber der als ein Blitz dahin eilende Viriat verdrehete das schon
bei nahe verlohrne Spiel; in dem er die ihnen anbefohlne Ausfolgung der Waffen
für ein ärger Brandmahl auslegte; als wenn ihnen die Hände abgehackt würden.
Eines hertzhaften Helden Geist ist so wohl fähig hundert tausend Menschen zu
beseelen / als ein Funcken ganze Länder anzuzünden. Daher machte Viriats
Auffmunterung: dass Pompejus beide Belägerungen der Städte Numantia und Termes
nach eingebüstem vielem Volcke schimpfflich auffheben / in Seditanien zurücke
weichen / und seine Rache an dem Räuber Tangin /und an den furchtsamen Lancinern
ausüben musste. Fabius Servilian belägerte inzwischen die Stadt Erisane; Viriat
aber spielte sich des Nachts hinein / tät früh auf die Römer einen glücklichen
Ausfall und schlug nicht allein sie dar weg / sondern brachte sie auch im
Gebürge derogestalt ins Gedränge: dass Fabius mit dem Fürsten Viriat einen
Frieden schlüssen /und alles gewonnene Land ihm lassen musste. Durch diss Mittel
entrann Fabius und das umzüngelte Römische Heer aus Viriats Händen; aber der
Römische Rat / dessen Ehrsucht nunmehr weder Eyde noch Bündnisse weiter zu
halten gewohnt war / als sie ihm Nutzen brachten; erklärte insgeheim diesen
schimpfflichen Frieden für ungültig; und schickte den Bürgermeister Cöpio in das
Betische Hispanien; welcher den sich ehe des Himmel-Falls als eines
Frieden-Bruchs sich versehenden Viriat in der Stadt Arsa zu überfallen
vermeinte. Aber Viriat entwischte ihnen unter den Händen in Carpetanien; und
weil er da so geschwinde sein Kriegs-Volck nicht zusammen ziehen konnte / über
den Fluss Tajus. Weil nun Cöpio ihm auff dem Fusse folgte / und so wohl den
Vettonern als Galliern grossen Brandschaden zufügte / machte Viriat mit dem
Cöpio einen neuen Frieden / trat ihm etliche Plätze ab / und händigte ihm viel
Uberläuffer aus. Als diss geschehen / brachte Cöpio ein unerträgliches
Friedens-Gesetze auffs neue auff die Bahn; nehmlich: die Lusitanier sollten alle
ihre Waffen aushändigen. Viriat verlachte diese kaum Weibern anmutliche
Bedingung; verfluchte der Römer Betrug und seine Leichtgläubigkeit / rüstete
also sich auffs neue wider den Cöpio zum Kriege / und fügte durch Abzwackung der
nach Holtz und Lebensmitteln ausgeschickten Reuterei grossen Abbruch zu; worüber
die Römer so erbittert wurden: dass sie den friedbrüchigen Bürgermeister selbst
in seinem Zelte verbrennt hätten; weñ er nicht durch die Flucht sich aus dem
Staube gemacht hätte. Diese Gefahr und das Misstrauen am Viriat zum Ritter zu
werden / verleitete den Cöpio zu neuer Arglist / und einem Friedens-Vorschlage.
Unter denen Gesandten des Fürsten Viriats waren zwei Lusitanier Ditalco und
Minurus. Diese gewann er durch Versprechung der Lusitanischen Ober-Herrschaft
und anderer güldenen Berge: dass sie ihren Fürsten zu tödten gelobten; welches
sie auch die dritte Nacht / als der den Tag vorher in einem glücklichen Treffen
ermüdete Viriat in voller Rüstung in seinem Zelte sich auff die Erde gestreckt
hatte; Meuchelmörderisch ausübten / und diesem unvergleichlichen Helden die
Kehle abstachen / welcher so wohl wegen seiner Aufferziehung und Tapfferkeit
selbst von den Römern mit Rechte der Hispanier Romulus genennt /und von den
Nachkommen für eine Säule des Vaterlandes verehret war / mit welchem Hispanien
gestanden und gefallen ist. Massen denn der ihm nachfolgende Fürst Tautan Sagunt
vergebens belägerte / an dem Flusse Betis vom Cöpio so sehr geänstiget ward: dass
er sich und sein Heer den Römern ergab; aus welchem aber Viriats Gemahlin
Algarbe mit fünffhundert Celten nach Numantia entran; und mit ihr gleichsam des
entleibten Viriats Geist zum Schutz-Gotte dahin brachte. Sintemal diese Stadt
den Pompejus zum andern mahl von der Belägerung abtrieb / und ihn zu einen
Frieden zwang; welchen die Römer aber wieder brachen; Jedoch als Popilius
Numantia zum dritten mahl belägerte / mit Einbüssung ihres ganzen Heeres den
Friedens-Bruch büsseten. Cajus Mancinius belägerte hernach Numantia zum vierdten
mahl; die Numantier aber / und insonderheit die dahin geflüchteten streitbaren
Weiber der Celten / mit welchen die Fürstin Algarbe aber / welche kurtz vorher
dem Bürgermeister Decius Brutus an dem Flusse Durius lange unglaublichen
Widerstand getan hatten / taten in Ausfällen so grossen Schaden / und jagten
den Römern solche Furcht ein: dass sie mehr weder das schreckliche Geschrei /
noch die feurige Augen der Numantier vertragen konten / sondern Mantius des
Nachts stille abziehen und das Läger verlassen musste. Die Fürstin Algarbe zohe
durch ihre Tapferkeit zweier Numantischen Fürsten Augen auf sich: dass sie beide
um ihre Liebe in Zwist gerieten. Sie aber entscheidete sie derogestalt: dass der
/ welcher ihr die erste rechte Hand eines edlen Römers zur Morgengabe lieffern
würde / ihr Bräutigam sein sollte. Beide liessen sich noch selbige Nacht über den
Wall / funden aber die Lauffgraben / das Feld und endlich das ganze Römische
Läger leer. Die von ihnen zurück gebrachte Nachricht munterte alsbald vier
tausend Numantier / und darunter viel männliche Weiber auff / den Römern zu
folgen. Die Nacht / die Geschwindigkeit / und die Kundschaft der Örter halff
den Numantiern: dass sie das ganze Römische Heer in den Engen des Caunischen
Gebürges umsetzten / und zwantzig tausend Römische Bürger / und zehn tausend
andere Kriegs-Leute für dem fünften Teile der Numantier die Waffen nieder zu
legen. Als aber Mancinus / Tiberius Gracchus und die andern Römischen Häupter
einen Frieden und darinnen der Stadt Numantia ewige Freiheit beschworen hatten /
gaben sie ihnen die Waffen und ein Teil der im Läger eroberten Beute wieder.
Als Numantia derogestalt in Ruhe war / Brutus aber in Lusitanien biss an das
grosse Meer kam / über den Fluss der Vergessenheit uñ den Strom Minius sätzte /
eilte die grossmütige Fürstin Algarbe denen Bracarischen Völckern zu Hülffe; aus
denen streitbaren Weibern sie ein absonderlich Heer zusammen zoh / und des
Brutus Waffen behertzt / ja verzweiffelt die Spitze bot. Sintemahl die
gefangenen Weiber / um der Diestbarkeit zu entkommen / sich und ihre Kinder
selbst hinrichteten / und den Tod für die edelste Art der Freilassung rühmten.
Wie aber Brutus in einer Schlacht funftig tausend Lusitanier durch eine
besondere List erlegte / ward sie gezwungen mit ihren Weibern in die Stadt
Pallantia zu weichen / daraus sie bei der vom Marcus Emilius vorgenommenen
Belägerung ihre Anwesenheit durch unzehlbare Helden-Taten bekand machte / und
bei des Emilius Abzuge eins der fürnehmsten Werckzeuge war / welche den Römern
einen nicht geringern Streich als die Numantiner versetzten. Jessen ungeachtet
erklärte der Römische Rat den Numantischen Frieden für nichtig / schickten den
Mancius nach Numantia; welche Stadt ihn aber als eines betrügerischen Friedens
allzuunwürdiges Opffer anzunehmen verschmeheten. Wie nun Qvintus Piso in
Hispanien ebenfals nichts ausrichtete / ward endlich Publius Scipio zum
Bürgermeister und Hispanischen Feldherrn erkieset; gleich als wenn er und sein
Geschlechte nur zu Zerstörung mächtiger Städte vom Verhängnisse gewürdigt wäre.
Er kam in Hispanien / ergäntzte die verfallne Kriegs-Zucht / vertrieb die
Warsager /schaffte alle dahin zielende Opffer ab / rückte an Numantia /
verwüstete alles um die Stadt herum / zohe des Masanissa Enckel Jugurta mit
zwölff Elephanten und vielen Hülffs-Völckern an sich: dass er sechzig tausend
streitbare Kriegs-Leute zusammen brachte /schniet den Numantiern alle Zufuhre ab
/ enteusserte sich mit denen ihn ausfordernden Feinden zu schlagen / führte
einen starcken Wall und tieffen Graben um die Stadt herum / verhinderte durch
stachlichte Balcken die Schiffart auff dem Flusse Durius / und alle Ausfälle;
nötigte also diese mit Gewalt unüberwindliche Stadt durch grausamen Hunger beim
Scipio durch den Fürsten Abarus zu bitten: Er möchte ihre Ergebung entweder auff
hertzhaften Leuten anständige Bedingungen annehmen / oder sie streitende
sterben sehen. Weil aber Scipio nur auff Gnade und Ungnade sie verlangte /
stürmten sie verzweiffelt den Römischen Wall / erhielten sich hernach noch eine
Weile vom Grase / Mäusen und Menschen-Fleische. Endlich vermahnte die Fürstin
Algarbe und ihr ander Ehmann Rhetogenes die Numantier durch tapfferen Zweikampff
ihrem Leben und Qvaal selbst abzuhelffen. Massen zuletzt beide sich auch selbst
in die Flamme ihrer angezündeten Burg stürtzen; durch welche ganz Numantia
derogestalt eingeäschert ward: dass nicht eine lebendige Seele / nicht ein Stücke
Gutes / was nach Rom zu bringen verdient hätte / in der Römer Hände geriet.
Also hatte sich das Kriegsvolck über keiner Beute zu freuen; der grosse Scipio
aber sich nichts bessers zu rühmen: dann dass er über den Nahmen der Stadt
Numantia ein Siegs-Gepränge gehalten hätte.
    Gleichwol aber ward durch Vertilgung dieser Stadt das zwei hundert Jahr
bekriegte Hispanien gedemütigt; die achzig Jahr bestrittenen Ligurier rührten
sich nicht mehr. Die in Macedonien einfallenden Skordistischen Deutschen wurden
bestillet. Der den Römern des Attalus Erbschaft strittig machende Aristonicus
vom Perpenna gefangen und erwürget; und dem Kriege der auffrührischen Knechte in
Sicilien auch ein Ende gemacht.
    Weil nun das in sich selbst schon zwistige Rom so wenig als ein grosser Leib
die Ruhe länger vertragen konnte; ward es lüstern die Zwirbelwinde seiner
Ehrsucht über den lufftigen Alpen auszuwehen. Hierzu gab ihnen eine erwünschte
Gelegenheit die Klage der mit den Römern von Alters her verbundener Massilier
über die an dem Rhodan wohnenden Saluvier an die Hand; welche sie mit beiden
Händen ergriffen / und ihren Bürgermeister Marcus Fulvius / um nur dieses
unruhigen Kopffes in der Stadt los zu werden / wieder sie mit Heereskrafft
schickten. Ob er nun wohl wieder die Saluvier wenig ausgerichtet / sondern nur
etliche Rotten ihm einfallender Ligurier und Vecontier vertrieben hatte; so ward
ihm doch / weil er zum ersten die Alpen überstiegen / auff künftig gutes Glück
ein Siegs-Gepränge verwilligt. Diesen Anfang konten die Römer ohne Schande nicht
ersitzen lassen; und sie erlangten hierzu noch mehr Anlass durch die zwischen den
Deutschen und Galliern erwachsene Kriege; indem gleich zu selbiger Zeit die
Sicambrer wider die Svessioner zu Felde lagen / und den Tod des von ihnen
erschlagenen Fürsten Clodius zu rächen suchten; des Cattischen Königs Sohn
Bateph aber wegen innerlicher Unruhe mit einem mächtigen Heere sich des Eylandes
zwischen denen zwei Ausflüssen des Rheins bemächtigte / die alten Gallier daraus
vertrieb / und sich mit denen Menapiern beschwägerte. Die an dem Ursprunge der
Flüsse Vigenna und Elaver wohnenden Arverner / drückten die zwischen der Ligeris
und Arar wohnenden Heduer auch so sehr: dass sie mit den Römern ein Bündnis
machten. Die Heduer machten hierbei den Römern die Zähne nach der Arverner
Reichtümern wässrig; von dessen letzt verstorbenem Könige Luer sie erzehlten:
dass er mehrmahls übers Feld zu fahren / und dem Volcke Hauffenweise Gold- und
Silberne Müntze ausgestreut / ja einen funffzehn hundert Schritte im Umkreiss
habenden Teich mit köstlichem Geträncke erfüllet / und unzehlbare Gerüchte zum
Genuss der Arverner viel Tage nach einander auffgesetzt hätte. Dieser Uberfluss
und die innerliche Unruh der Gallier war den hungrigen / oder vielmehr
unersättlichen Römern ein heftiger Reitz sich ihrer zu bemächtigen; wiewohl
ihnen auch nicht wenig bedencklich war: dass die Arverner alleine über zwei
hundert tausend Männer sollten in Krieg ausführen können. Aber Geitz und Ehrsucht
tilgte bald diss Bedencken. Also rieben sie sich auffs neue an Teutobaln der
Salyer König / dessen Gebiete an dem Flusse Druentia und Canus sich in die Alpen
erstreckte / und zwischen den Massiliern und Liguriern gelegen war. Cajus Sextius
und die Massilier kamen ihm so unvermutet mit zwei mächtigen Heeren auff den
Hals; dass er mit Not zehn tausend Mann zusa&en bringen konnte. Mit diesen
musste er gegen seine Feinde ehe treffen / ehe er die Ursache des Krieges erfuhr;
welche hernach eine Beleidigung der Massilier sein sollte. Wiewohl der Stärckere
für eine neue Beleidigung annimmt / wenn man nach dem Rechte seiner
Feindseligkeit fragt. Gleich als wenn die Riesen von der Natur schon das
Erlaubnis erhalten hätten mit den Zwergen ihre Kurtzweil zu haben / und
Schwächere zu unterdrücken. Wie tapffer nun zwar die Salyer und Sentier ihren
Feinden begegneten / musste doch endlich Teutobal / welcher noch darzu von seinem
Vetter Crantor verkaufft und verraten ward / das Feld und sein Reich / in
welchem Sextius an dem Flusse Canus eine neue Stadt baute / selbte von denen
annehmlichen kalten und warmen Brunnen die Sextischen Wasser hiess / und mit
eitel Römern besetzte / räumen / und zu seinem Schwähersohne Hulderich der
Allobroger Könige fliehen. Dass Huldrich den König Teutobal auffnahm /war dem
Cneus Domitius dem rotbärtigen / welchem Citinius Crassus einen eisernen Mund /
und ein eisernes Hertz zueignete / eine genugsame Ursache die Allobroger zu
überziehen; diss aber nur ein Vorwand: dass die Allobroger über den Fluss Arar
gesetzt / und zwischen der Ligeris und Arar bei den Heduern einen Raub geholet
hätten. Wie nun aber Hulderich der Römer Anzug wider sich vernahm; rückte er mit
dem Könige Teutobal biss in die Gräntze Italiens / nehmlich an den Fluss Varus dem
Domitius entgegen. Domitius mühte sich über den Strom zu setzen / Hulderich aber
solches zu verhindern; worüber die Römer denn etliche mahl den kürtzern zohen.
Nachdem aber die von den Römern zuvor überwältigten Deceaten und Nerusier dem
Domitius allen Vorschub täten /kam er endlich bei Glanate über / und also es
beiderseits zu einer so heftigen Schlacht: dass der Fluss von dem Blute der
Erschlagenen angerötet ward. Und weil weder ein noch ander Teil weichen wollte
/ die finstere Nacht beide trennen musste. Jedes rühmte sich des Sieges. Weil
aber Domitius in Ligurien / Hulderich in sein Reich zurücke wich / war die
Rechnung leicht zu machen: dass weder einer noch der ander Seide gesponnen hatte.
Der Arverner König Bituit Luers Sohn schickte zwar eine Gesandschaft an den
Domitius; welcher sich zwischen den Römern / Allobrogen und Salyern zu einem
Mitler anbot. Diese war teils wegen ihrer an Huneen bestehenden Leib-Wache /
teils wegen eines bei sich habenden weisen Bardens zwar mit Verwunderung
angenommen / aber mit schlechter Verrichtung abgefertigt. Denn Rom hielt es
nunmehr nicht nur ihres Ortes für Schande /sondern andern teils für die höchste
Beleidigung /wenn ein angetastetes Volck nicht alsbald die Waffen niederlegte.
Daher setzte der Bürgermeister Qvintus Fabius Maximus zu Egitna im Hafen ein
mächtiges Heer aus / und zohe durch der Adunicater / Sentier und Vecontier
Gebiete recht gegen die Allobroger. Domitius folgte auf der rechten / die
Massilier auf der lincken Seiten mit einem mächtigen Heere. Dieses letztere aber
überfiel Bituit der mächtige König der Arverner bei der Stadt Arausio; und
erlegte selbtes derogestalt: dass denen Massiliern und dem Fabius kaum die
Zeitung solcher Niederlage zukam. Fabius eilte daher desto mehr gegen dem Flusse
Isara / umb zu verhindern: dass die Arverner nicht zu den Allobrogen stossen
könten. König Hulderich stand mit seinem Lager bei der Stadt / wo die Vecontier
ihre Göttin in einem prächtigen Tempel verehren. Wie er aber vernahm: dass Fabius
und Domitius mit zweien Heeren gegen ihm im Anzug wären / besorgte er: Es möchte
ihm eines in Rücken kommen / und ihn von seinem Reiche abschneiden. Doch
schickte er den König Teutobal mit einem Teile seines Heeres dem Domitius biss
an den See / aus welchem der Fluss Sulgas entspringt / entgegen. Aber Teutobal
war zum andern mal unglückselig gegen den Domitius. Denn sie traffen zwar
gegeneinander fast mit gleichem Verlust des Volckes; aber die Allobroger mussten
das Feld räumen. Domitius selbst ward heftig verwundet; aber Teutobal gar
erschlagen. Bei solcher Beschaffenheit wiech König Hulderich biss an seine Stadt
Cularo an den Iser-Strom zurücke; allwo ein Fürst der Tribocer ihm mit etlichen
tausend Deutschen zu Hülffe kam. Fabius und Domitius stiessen bei der Stadt
Drachenbach zusammen; und es kam daselbst abermals zu einer blutigen Schlacht.
König Hulderich / welcher mit seinem rechten Flügel auf des Domitius lincken
traff / brachte selbten / hingegen Fabius mit seinem rechten des Tribocischen
Fürsten Siegfrieds lincken Flügel in die Flucht; weil allhier etliche dreissig
getürmte Elefanten durch die Deutschen brachen; welche derogleichen Tiere
vorher nie gesehen hatten /und daher so viel mehr Schrecken machten. Der Abend /
welcher in einem engen Umkreisse zwantzig tausend Todte zu beerdigen bekam /
beschloss abermals auf beiden Seiten die Verfolgung des Feindes; und lernten die
Römer aufs neue die Tapferkeit der Deutschen / und dass ins gemein die Gemüter
der Menschen der Beschaffenheit ihres Himmels und Bodems nacharten / erkennen.
Inzwischen hausete König Bituit in der Marsilier Gebiete nach Gefallen
/zerstörte die Sextischen Gewässer / eroberte den herrlichen See-Hafen Telo
Martius; er ward aber vom Könige Hulderich durch inständigste Schreiben
genötiget / ihm zu Hülffe zu kommen; zumal schon ein frisches Römisches Heer zu
Segusium über den Fluss Duria gegangen war / und bei Ocelum sich gegen ein Teil
seines Heeres gelagert hatte. Weil nun Fabius /ungeachtet diese letztere Macht
zu ihm stiess / doch über die Iser nicht einbrechen konnte / nahm er ihm für über
den Rhodan zu setzen / und mit Hülffe der Heduer in die Landschaft der Arverner
einzubrechen. Aber König Hulderich und Bituit / welche bei der Zusammenflüssung
des Rhodans und Isar sich gleichfalls vereinbarten / verbeugten der ganzen
Römischen Macht den Weg / und kamen unter dem Berge Cemmenus in eine so blutige
Schlacht / als bei Menschen Gedencken nicht geschehen war. Nach zwölfstündigem
Gefechte / darinnen abermals die Elefanten zu dem Römischen Siege die Bahn
brachen / war dieses der traurige Ausschlag: dass zehn tausend Römer /und
dreissig tausend ihrer Hülffs-Völcker; hingegen König Hulderich mit zwölf
tausend Allobrogern todt blieben; König Bituit aber wohl hundert tausend
Arverner verlohr; welche meist wegen einbrechender Brücke in dem Rhodan
ersoffen; wiewohl die Römischen Geschicht-Schreiber die Zahl der erlegten Feinde
auf hundert funfzig tausend erstrecken; ja sich zu tichten nicht schämen: dass
auf ihrer Seite mehr nicht als funfzehn Kriegesleute blieben wären. Fabius
erwarb hierdurch ein Siegs-Gepränge / und den Zunahmen des Allobrogers; welches
dem Domitius so sehr verdross: dass er durch ein knechtisches Laster / als der den
Tempel der Diane anzündende Herostratus / sein Gedächtnis zu verewigen sich
entschloss. Denn er machte mit dem Arverner Könige Bituit einen Frieden; und
verleitete selbten unter dem Scheine verträulicher Freundschaft: dass er mit
seinem Sohne Congentiat ihn zu Valentia besuchte. Nach dem er ihn etliche Tage
herrlich unterhalten / mühte er sich den König zu bereden: Er sollte nach Rom
ziehen. Als aber Bituit diss höflich entschuldigte / nahm Domitius ihn und seinen
Sohn verräterisch gefangen / schickte beide zu Schiffe nach Ostia / von dar sie
hernach auf ihren silbernen Streit-Wagen mit ihren vielfärbichten Rüstungen in
die Stadt Rom vom Domitius zum Siegs-Gepränge geführt / und Bituit zu Alba
gefänglich gehalten / der nach Römischen Sitten erzogene Congentiat aber nach
guter Zeit wieder aus einer besondern Staats-Klugheit in sein Königreich
eingesätzt ward.
    Also hatte König Hulderich mit seinen Allobrogern ihren Tod für ein Glücke
zu halten; nicht nur / weil von ihnen diss / was sie dem Vaterlande und der Natur
schuldig waren / abgegolten / sondern auch weder der Untergang ihres Reiches /
noch die Schmach der Dienstbarkeit erlebet ward. Wiewohl nun Hertzog Siegfried
in der Allobroger Haupt-Stadt Ebrodun an dem Rhodan sich mit seinen wenigen
Deutschen setzte / ward er doch von den Römern / Massiliern und Heduern
derogestalt bedränget: dass er not hatte seine und etlicher edlen Allobroger
Uberbleibung über den Rhodan zu bringen. Also ward das ganze Gebiete der
Allobroger zwischen der Iser und dem Rhodan ins Römische Joch gespannet. Die
Römer selbst schätzten diesen Gewinn so wichtig: dass / ob sie wohl zeiter ausser
der zu Rom in den Tempeln geschehenen Aufhengung der eroberten Waffen keinen
überwundenen Feind verächtlich gehalten / und aus seinem Verluste
Gedächtnis-Maale gestiftet hatten; sie auf denen Sieges-Städten aus Marmel und
Alabaster hohe Türme und prächtige Siegsbogen aufbaueten / und die gewonnenen
Waffen daran heftete; Domitius auch nicht nur auf der Wallstadt ihm ein
grosssprecherisch Ehren-Maal aus Marmel / dem Mars und Hercules zwei Tempel
aufrichtete / sondern zwischen dem ihn als einen Sieger mit grossem Geschrei
begleitenden Kriegs-Volcke auf einem Elefanten das ganze Land durchreisete.
Diesen Sieg begleitete die Unterdrückung der Stöner und Sarnuter; welche unter
dem Berge Adula / aus welchem die vier Haupt-Ströme / der Rhein / der Rhodan /
der Ticin und Arula entspringen / wohnen; von dem unter Antonach in den Rhein
fallenden Saar-Flusse dahin gezogen; durch die Römer aber darumb bekriegt waren:
dass sie ihnen wider die Allobroger nicht genungsamen Vorschub getan hatten.
Weil nun der Römische Bürgermeister Qvintus Martius die in der ersten Schlacht
Gefangenen so strenge hielt / richteten sie sich selbst durch Entäuserung des
Speisen dahin; die übrigen Sarnuter aber sebelten selbst ihre Weiber und Kinder
darnider /stürtzten sich hierauf selbst ins Feuer umb der Römische Dienstbarkeit
vorzukommen; welche nunmehr durch Erbauung einer neuen und mit eitel Römischem
Volcke besetzten Stadt / wo der Fluss Arauraris ins Meer fleust / Gallien ein
rechtes Hals-Eisen anlegten. Gleicher gestalt überfielen die Römer diean dem
Sau-Strom von einem deutschen Fürsten Segestes gebaute Stadt Segeste sonder
Ankündigung des Krieges; und aus keiner andern Ursache / als: weil diese Stadt
vermögend / und zu Unterdruckung der Pannonier fürtrefflich gelegen war. Und in
Dalmatien fing Cöcilius nur darumb einen Krieg an; wormit er nicht müssig sässe
/ und nicht ohne Siegs-Gepränge sterben dörffte. Marcus Emilius Scaurus nötigte
sich gleicher gestalt zu denen in den Alpen wohnenden Karnen und Gantiskern /
und fuhr über ihrer Fürsten Leichen ins Capitolium. Die Gallier sahen dem
Untergange ihrer Nachbarn mit blinden Augen und ohne Nachdencken: dass die sich
nähernde Flamme auch ihre Häuser auffressen würde / zu; und hatten alleine das
Auge auf die ihnen nunmehr allzu schrecklichen Deutschen /welche / nach dem der
Sicambrische Hertzog Klodomir an der Maass über hundert tausend Gallier
erschlagen / ein grosses Teil des Belgischen Galliens in Besitz nahmen. So
vieler Römischen Siege Freude ward alleine vergället durch die niedergesessenen
Skordiskischen Deutschen. Diese Uberbleibungen des Brennus waren noch die
einigen Schutz-Säulen der von den Römern bedrängten Völcker; und nahmen so wohl
die Karner als Dalmatier zu ihnen Zuflucht; mit denen sie die Römer durch
öfftere Einfälle in Macedonien / Tessalien und Illyrien beunruhigten. Die Römer
hatten wohl Bedencken mit diesem streitbaren Volcke sich zu verwickeln;
sonderlich / weil die Nachbarn gleichsam unmenschliche Grausamkeiten von ihnen
erzehlten: dass sie die Gefangenen mit Feuer und Rauche ermordeten / aus ihren
Hirn-Schädeln Blut trincken / und die unzeitigen Früchte aus Mutter-Leibe zu
schneiden für Kurtzweil hielte. Gleichwohl zohe der Bürgermeister Cajus Portius
Cato wider sie; liess sich aber durch diese in das güldene Gebürge aus
angenommener Furcht zurück weichende Deutschen derogestalt in die verhauenen
Wälder und Klippen verleiten: dass beinahe sein ganzes Heer erschlagen ward.
Gantz Griechenland und alle Länder standen hiermit den Deutschen biss an das
Adriatische Meer zum Raube offen; darein sie ihre Pfeile aus Verdruss abschossen;
nach dem es die Natur zum Aufentalt ihrer Siege ihnen in Weg gesetzt hatte. Die
Römer sorgten allein ihre festen Städte zu bewahren; wiewohl sie in Macedonien
unter dem Bertiskischen Gebürge mit Hinwegtreibung des Viehes den Lucullus aus
der Stadt Heraclea lockten / hernach ihm den Rückweg abschnitten / ihn mit acht
hundert Römern erlegten und die Stadt eroberten. Jedoch hielten sie sich wenige
Zeit hernach wieder in ihren Gräntzen / weil folgendes Jahr der Bürgermeister
Livius Drusus / und abermals Titus Didius / wie nichts minder Marcus Drusus
ihnen einen schweren Gegenstreich versetzte. Zu eben selbiger Zeit aber schienen
die Deutschen der allgemeinen Herrschaft der Römer / welche in dreien Teilen
der Welt Meister spielte /einen Riegel fürzuschieben.
    Es liegt von hier gegen Mitternacht ein halbes Eyland / welches mit etlichen
andern neuen Eylanden die Cimbern und Teutoner bewohnen / und wordurch die Ost-
und West-See von einander unterschieden werden. Wie der Weltweise Hipparchus
einen ganz neuen Stern an dem Himmel wahrnahm / und daraus den Römern die
völlige Unterdrückung des Griechischen Reiches wahrsagte / schwellete sich das
Meer durch einen grausamen Sturm; und weil der Gestirne Würckungen in dem Meere
am sichtbarsten sind / vermutlich durch eine besondere Regung des neuen Sternes
derogestalt empor: dass der Cimbrer und Teutoner festes Land grossenteils
überschwemmet / und in unterschiedene Eylande zergliedert wurden. Diese enge
Einschrenckung oder auch die Ruhms-Begierde dieser streitbaren und überaus
fruchtbaren Völcker /welche schon lange Zeit vorher nicht nur biss zu der
Meotischen Pfütze / sondern biss in Lydien zum Crösus gedrungen waren /
veranlasste sie: dass zwar König Juta seiner Voreltern Herrschaft behielt /
dreimal hundert tausend Mann aber zur Zeit des grossen Alexanders umb anderwerts
einen Sitz zu gewinnen / und ihren Freunden Lufft zu machen das Vaterland
verliessen. Ein Teil derselben satzten über die Oder /Weichsel und Boristenes
/ gingen an dem Flusse Gerrhus hinauf / und liessen sich in dem Taurischen
Chersonesus nieder. Nach der Zeit aber setzten sie über selbige Meer-Enge /
welche von ihnen den Nahmen des Cimmerischen Bosphorus behält; nahmen ein an
Colchis stossendes Teil Scytiens ein; bauten daselbst eine lange Mauer und
etliche Städte. Ein Teil darvon drang auch unter dem Fürsten Lygdanis in Lydien
und Ionien / nahm Sardes ein / zündete den Ephesischen Tempel an / baute am
Euxinischen Meere die Stadt Chersonesus. Endlich als sie in Cilicien eine
ziemliche Niederlage erlitten / vereinbarten sie sich mit denen in Asien
kommenden Deutschen des Brennus Nachkommen in Galatien. Die andere Helffte der
wandernden Cimbern zohe mit gutem Willen der Chautzen / Friesen und Brucierer
über den Rhein / und die Maass / vertrieben daselbst die alten Gallier / und
setzten sich zwischen der Maass / dem Flusse Sabis und der Schelde feste. Aber
diss war ein viel zu enger Raum für eine so fruchtbare Menge /und ein so
kriegerisches Volck. Daher machten sie mit den benachbarten Belgen eine richtige
Gräntzscheidung / liessen nur so viel / als zu Besetzung selbiger Landschaft
Volckes von nöten war /unter dem Nahmen der Aduatischer hinter sich / und
etliche aus Italien von den Römern vertriebene Deutschen sich bereden: dass sie
mit gesamletem Hauffen über die Alpen in das glückselige Italien einzubrechen
beschlossen. Hiermit teilten sie sich in zwei grosse Heere; das eine führte
Hertzog Bojorich an dem Rheine hinauf biss zu den Trebozen / zohe unter Weges
noch viel Catten und Nemeter an sich; hernach setzte er über den Rhein / und
folgends über die Dohnau in Noricum. Weil er aber vernahm: dass die Alpen
allentalben von denen hierüber erzitternden Römern starck besetzt waren / kam
er biss in Illyricum / umb durch Anleitung der Skordiskischen Deutschen so viel
leichter durchzubrechen. Das andere Heer führte Hertzog Teutobach durch die
Länge des Lugdunensischen Galliens gegen dem Rhodan zu; welcher aber an dem
Flusse Matrona und der Seene / insonderheit aber bei denen Heduern allerhand
Widerstand fand; und daher so geschwinde als Hertzog Bojorich nicht fortrücken
konnte. Aber Teutobach zählte seine Siege wider die Gallier / nach seinen
Tage-Reisen; jagte ihnen auch ein solches Schrecken ein: dass sie den Cimbern
alle Wege öffneten; oder / wenn sie sich schon einmal in Festungen zur Gegenwehr
gesetzt hatten / aus Verzweifelung alles äuserste erduldeten / ja sich mit derer
zum Kriege untauglicher Menschen abgeschlachteten Leibern speiseten / ehe sie
sich gutwillig ergaben. Dem Hertzoge Bojorich liess Papirius Carbo ins Norich
zuentbitten: Er sollte die Noricher als befreundete Nachbarn der Römer
unbelästigt lassen. Bojorich antwortete: Er hätte sich so genau umb die
Bündnisse der ihm unbekandten Völcker über der Donau nicht bekümmert; sondern
die Not ihn aus der äusersten Mitternacht gezwungen ihm irgendswo einen Sitz zu
suchen. Dieser von allen Völckern zeiter durch ihr Tun bestätigtes Gesetze
lehrte ihn: dass alle Dinge der Mächtigen / nichts aber desselbten Eigentum wäre
/ der es nicht mit den Waffen zu behaupten wüste. Massen / seines Wissens / die
Römer aus keinem bessern Rechte zu so grossen Herrschern worden wären. Ob er nun
zwar sich für keinem Menschen /und keines Volckes Waffen fürchtete; so schätzte
er doch der so berühmten Römer Freundschaft höher als den über die Noricher
erlangten Vorteil; wollte also in der weiten Welt ihm einen Raum aussuchen; weil
die Natur ihm einen unter dem Himmel zu geben schuldig / sein Degen auch
einzunehmen mächtig wäre. Daher hoffte er: dass die Römer sich in keine mit einem
andern Volcke angesponnene Händel mischen würden. Hiermit wendete sich König
Bojorich gegen das Gebiete der Taurisker und Karner; lagerte sich auch an dem
Flusse Tilavemptus bei der Stadt Noreja. Der durch einen viel kürtzern Weg dem
Bojorich zuvor gekommene Carbo meinte die Deutschen des Nachts im Schlaffe zu
überfallen. Diese aber niemahls entkleidet schlaffende Völcker griffen behertzt
zu ihren no comma? von der Seite kommenden Waffen; trieben die Römer mit
unglaublicher Hertzhaftigkeit zurücke / erschlugen zwantzig tausend Römer /
also: dass Carbo mit wenigen entraan und sich nach Ravenna flüchtete. Ja es wäre
von ihm kein Bein entronnen /wenn nicht ein heftiger Platzregen die Deutsche an
Verfolgung des Feindes gehindert hätte. Carbo zohe zwar aus denen umliegenden
Landschaften alle Römische Kräfften zusammen / aus Begierde durch Rache seinen
Schimpf abzuwischen / und durch einen Sieg seinen unrechtmässigen Krieg zu
rechtfertigen. Beide Heere kamen in Rhetien an dem Flusse Plavis gegeneinander
zu stehen. Dem bei Erblickung dieser sauersehenden Feinde schwindelnden Carbo
fiel alsofort der Mut; daher hätte er sich gerne durch einen Vergleich los
gewunden; liess also fragen: Was der Deutschen Begehren wäre? Bojorich / und ein
zu ihm gestossener Hertzog der Qvaden Brinno liessen dem Carbo wissen: Sie kämen
alle von den Römern ihren deutschen Vor-Eltern abgenommene Aecker wieder in
Besitz zu nehmen. Auff diesen weit aussehenden Vortrag liessen Carbo und Silan
den Deutschen entbieten: Rom hätte vor sie wohl geschliffene Schwerdter / aber
keinen Fuss breit Erde. Ehe sie nun mit einander anbunden / fragte Bojorich seine
mit sich genommene Wahrsagerinnen um den Ausschlag der Schlacht. Diese waren
alte greisse / in weisse Leinwand gekleidet / mit breiten eisernen Spangen
umgürtete baarfüssige Weiber / welche über einem grossen Ertztenen Kessel etliche
Gefangenen abschlachteten / teils auch aus denen Eingeweiden ihrer Feinde
künftige Begebenheiten erkundigten / und bei währender Schlacht auff über die
Wagen ausgespanneten Fellen ein gross Getöne machten. Weil sie ihm nun alle
einmütig gewissen Sieg versprachen / setzte er freudig über den Fluss Plavis;
ungeachtet er vernahm: dass noch den Tag vorher dem Carbo vom Po zwei ganze
Legionen zukommen waren. Beide Heere kamen an der Burg mit grossem Ungestümme
gegen einander zu treffen. Aber die Römer vermochten kaum zwei Stunden denen
weder durch Zärtligkeit ihres rauhe Vaterlandes / noch durch angewöhnte Wollüste
verunarteten Deutschen die Wage zu halten. Denn in dieser Zeit zerschniet die
Schärffe ihrer Schwerdter alle Schlachtordnungen. Alle Hauffen wurden zertrennt;
der fast verzweiffelt fechtende Carbo vom Qvaden Hertzoge selbst tödtlich
verwundet / zwei Haupt-Fahnen erobert / und dreissig tausend Römische
Kriegsvölcker erschlagen. Rom bebte hierüber nicht viel weniger als vorhin für
Hannibaln. Jedoch begieng Bojorich eben des Hannibals Fehler / indem er nicht
geraden Weges nach Rom / sondern gegen Helvetien und Gallien aus einem
unergründlichen Absehen fortrückte / und sich daselbst um eine beständige
Wohnung umsah.
    Inzwischen hausete König Teutobach in Gallien nach seinem Belieben; und nach
dem ihm die Gallier den Weg über die von den Römern starck besetzten Alpen so
schwer machten; als in welchen Annibal mehr als die Helffte seines Heeres
verloren hätte; gleichwohl aber ihn durch grosse Gaben beredeten Gallien zu
räumen / setzte er bei Nemossus über den Ligerstrom / und zohe teils durch das
Aqvitanische /teils durch das Narbonische Gebiete biss an das Pyreneische
Gebürge. Es schickten aber die Celtiberier zwei ihrer Fürsten an Teutobach;
welche ihm einhielten: dass sie von Ursprung ebenfalls Deutsche wären /also sich
von ihren Landesleuten keines feindlichen Einbruchs versehen. Sie hätten eine
allgemeinen gewaltigen Feind / mit dem sie schon andertalb hundert Jahr Krieg
geführet. Zuletzt aber wären sie vom Cato Censorius etliche mahl geschlagen /
vom Gracchus ihnen wohl andertalb hundert Städte eingeäschert /und des itzigen
Celtiberischen Königs Salonticus verräterisch erschlagen worden; für dessen
silberner ihm von den Göttern aus dem Himmel geworffener Lantze die Römer
hundert mahl vorher gebebt hätten. Diesemnach möchte König Teutobach lieber in
Italien seine Bluts-Freunde aus der Dienstbarkeit erlösen /die ihnen geraubten
Länder einehmen; als sie mit ungerechtem Einfall / welches die Götter so wohl
mit Donner und Blitz / als sie mit ihren Degen verwehren würden / bekräncke. Sie
wollte inzwischen mit denen Lusitaniern den Römern in Hispanien genug zu schaffen
machen; und dem in Africa wider Rom aufgestandenen Jugurta möglichst an der
Hand stehen. Sintemal zwar Jugurta den Calpurnius Bestia mit Gelde bestochen:
dass er unverrichteter Sachen abgezogen; den Aulus Postumius Albinus durch
blosses Schrecken verjaget / sein Läger erobert / ihm auch einen schimpflichen
Frieden abgezwungen hätte; es wäre aber dieser vom Römischen Rate gebrochen /
und Cöcilius Metellus mit einem neuen Heere in Numidien geschickt worden. Dieser
Vortrag und Erbieten bewegte die Deutschen ihren Fuss zurücke zu setzen /und
durch das Narbonische Gallien in der Massilier Gebiete einzufallen. Diese hielten
dem Teutobach ein: dass ehe er wider die Römer sich feindlich erklärte; möchte er
vorher seinen Anspruch ihnen eroffnen. Daher er den auff einem Massilischen
Schiffe Gesandten nach Rom schickte / und eben diss / was König Bojorich verlangt
hatte / von den Römern forderte /auch auff solchen Fall den Römern wider
Jugurten Beistand versprach. Der Rat / welcher wohl wusste: dass die Römer mit
den Deutschen nicht Ruhms-sondern ihrer Wohlfahrt halber zu fechten hätten /
erwies den Gesandten grosse Ehre / zeigte ihnen alle denckwürdige Sachen der
Stadt / und unter andern die unschätzbaren Bilder und Gemälde / welche
Mu&ius aus der eingeäscherten Stadt Corint nach Rom bracht hatte; unter
welchen ein auff einen alten Stab sich lehnender Hirte überaus hochgehalten
ward. Wie nun der eine Gesandte gefragt ward: was für einen Preis er diesem
Bilde zueignete? gab er zur Antwort: Er möchte auch ihn lebendig nicht umsonst
haben. Denn denen Cimbern wäre nur mit frischer Mannschaft /welche ihre
Schwerdter zu brauchen wüsten / und sich auf die Leichen ihrer Feinde lehnete /
gedienet. Wie sie nun die Gesandten lange / und biss Marcus Junius Silanus über
die Alpen mit einem mächtigen Heere kommen / und zu den Massiliern und Heduern
gestossen war / durch allerhand Vertröstungen auffgehalten hatten / liessen sie
sie mit leeren Händen von sich; meldende: Es wäre wider die Hoheit und Gewonheit
der Römer: dass sie sich ihre Feinde einiges Land abtrotzen lassen sollten; da
Italien ihnen selbst zu enge wäre / und sie mit so viel Aecker-Gesetzen kaum die
Landleute in Ruh und in ihren Gräntzen erhalten könten. Zu dem wären sie alle
ihren Feinde für sich selbst übrig genung gewachsen. Hiermit kam es zwischen
beiden Teilen zur Schlacht; aber die an die Spitze gestellten Massilier und
Heduer / welche nicht einst die gri&igen Gesichter der Deutschen vertragen
konten / kamen mit dem ersten Angriffe in die Flucht /und verursachten unter den
Lateinern eine Unordnung. Die Römischen drei Legionen hielten ein paar Stunden;
biss Enano / ein Hertzog der zwischen der Elbe und der Edora wohnenden Sachsen
mit seiner Reuterei auff der einen / und Holstein / ein Hertzog der Angeln
zwischen dem Flusse Chalusus und der Varne / auff der andern Seite durchbrach.
Alles Fussvolck ward zerhauen oder zertreten; die Römischen Fahnen mit welchem
Tockenwercke die Deutschen damahls einiges Gepränge zu machen sich schämeten /
zerbrochen / der Bürgermeister Silan selbst von Rantzauen einem Cimbrischen
Ritter durchstochen. Das über dieser Niederlage abermals sich erschütternde Rom
schöpffte zwar einiger massen einen Trost durch einlauffende Zeitung: dass Marcus
Minutius in Tracien an dem Flusse Hebrus die Skordiskischen Deutschen / die
Triballen und Dacier durch eine besondere Kriegs-List geschlagen hätte; da er
nehmlich bei währender Schlacht seinen Bruder mit wenig Kriegs-Volcke / aber
vielen Drommelschlägern und Pfeiffern das Gebürge übersteigen / dem Feinde in
Rücken fallen / und sie derogestalt irre machen lassen. Alleine zwei hernach
kommende hinckende Boten vergällten alsofort diesen Trost. Sintemahl die
Scordisker die sie unvorsichtig verfolgenden Römer wieder geschlagen / über den
zugefrornen Strom Hebrus zurück getrieben; und weil das Eis gebrochen /etliche
tausend darinnen ersäufft hatten. König Bojorich aber hatte nach seinem Siege
sich in zwei Teile geteilet; das eine ging unter dem Qvadischen Hertzog Brinno
und dem Marckmännischen Fürsten Schless an dem Flusse Plavis hinab in das Gebiete
der Veneter; er aber selbst machte sich auff Bitte der Tugurnier und Ambroner /
welche über dem Brigantinischen See zwischen dem Rheine und dem Flusse Arola aus
Deutschland sich gesetzt hatten / über den Fluss Atagis / und die grausamsten
Gebürge um die Allobroger des Römischen Joches zu entbürden. Unterdessen hatte
der Tigurnier Hertzog Divico biss an den Einfluss des Rhodans ins Meer alle
Römische Besatzungen auffgeschlagen; daher der Bürgermeister Lucius Cassius mit
einem frischen Heere dahin eilte. Hertzog Divico wiech mit seinen Tugurniern und
Ambronen so lange hinauff / biss er ihn an die Allobrogische Gräntze brachte /
und sich unvermerckt mit dem Könige Bojorich und denen Tugenen unter dem Könige
Bolus vereinbarte. Wie nun Devico aus angestellter Müdigkeit seines Volckes
stand hielt; stellte Cassius das Römische Heer gegen ihn in Schlacht-Ordnung. Sie
hatten aber kaum die Schlacht angehoben; als sich auff einer Seite das
Cimbrische / auf der andern das Teutobogische Heer seien liess. Dieser blosse
Anblick benahm den Römern den Mut und die Gegenwehr; also: dass sie durch
offenbahre Flucht in ihr bei der Stadt Umbennum verschantztes Läger zu entkommen
sich entschlossen. Aber der wenigste Teil hatte diss Glücke. Denn der
Bürgermeister Cassius / und sein Stadtalter Lucius Calphurnius Piso wurden mit
zwei und dreissig tausend streitenden erschlagen. Unter denen kriegenden Cimbern
war Langerta Hertzog Waldemars zu Laviburg streitbare Tochter; welche im Treffen
das Glück gehabt / dem Cassius den Kopff abzuhauen / solchen auff eine Lantze zu
spiessen / und zu Bojorichs Füssen zu legen. Cajus Popilius war zwar mit zehn
taustnd Mann ins Läger entkommen; aber auff allen Seiten besetzt / und gezwungen
/ sich auff Gnade und Ungnade zu ergeben / und mit seinem ganzen Heere unter
dem Joche dreier über einander gesteckten Lantzen durchzugehen / auch allen
Vorrat einzuhändigen. Bojorich liess gleichwohl mit den höchsten Kriegs-Häuptern
den Popilius los; welcher aber auff Anhalten des Zunftmeisters Cölius verwiesen
ward. Die Gefangenen wurden teils in Deutschland zum Zeichen der Siege
geschickt / teils in Gallien verkauft; und spielten die Deutschen in denen von
den Römern eroberten Gebürgen allentalben den Meister; verursachten auch zu Rom
ein solches Schrecken: als weñ die Deutschen mit einem neuen Brennus schon für
den Stadtpforten wären. Die an dem Flusse Garomna gelegene Stadt Tolosa / darein
sich die Römer arglistig gespielt hatten / sah sich bei dieser Begebnis wieder
nach ihrer Freiheit um; schickte an König Teutobach um Hülffe / und erlegte mit
dieser die ganze Römische Besatzung. Welch Leid gleichwohl durch die Zeitung
gelindert ward: dass Cajus Marius den König in Numidien Jugurta / und den
Mauritanischen König Bochus auffs Haupt geschlagen / die dem Hercules zu Ehren
fast mitten in Africa gelegene / von Sand-Wüsteneien und Drachen gleichsam
bewahrte Stadt Capsa / und die auff einem hohen Steinfelsen fast unüberwindlich
geachtete Festung Mulucha durch Verwegenheit eines Liguriers erobert / der
Bürgermeister Servilius Cöpio aber durch heimliche Verständnis in Gallien die
Stadt Tolosa wieder eingenommen / und aus des Apollo Tempel tausend Pfund Goldes
und hundert und zehn tausend Pfund Silber / als einen von Delphis dahin
gebrachten Schatz erobert hätte. Wiewohl dieses heilige Reichtum hernach alle /
die an diesem Schatze Teil hatten / in Untergang stürtzte; zu einem
merckwürdigen Beispiele: dass geraubte Güter / wenn selbte gleich in vom Feuer
unverzehrlichem Golde bestehen / so wohl die schädliche Würckung / als die
Flüchtigkeit des Qvecksilbers an sich haben. Die allergröste Vergnügung aber
schöpffte Rom / als es erfuhr: dass der Mauritanische König Bochus seinen eignen
Eydam Jugurta arglistig in Band und Eisen geschlagen / und dem Lucius Cornelius
Sylla überantwortet hatte. Hingegen ward ihnen diese Freude bald wieder
versaltzen durch die Niederlage des Manlius; welcher die Deutschen aus dem
Gebiete der Veneter vertreiben wollte / aber von dem Hertzoge Brinno und Schless
an dem Flusse Maduacus auffs Haupt erleget ward; also: dass er selbst mit Not
kaum entraan. Diesemnach wollten die Römer den Krieg wider so mächtige Feinde
nicht mehr einem Feldherrn vertrauen; sondern schickten zum Servilius Cöpio noch
den Cneus Mallius mit einem Heere in Gallien. Aber diese zwei von Ehrsucht
harten Steine waren nicht fähig was gutes abzumahlen. Ihr täglicher Zwist
brachte sie endlich zu diesem schädlichen Vertrage: dass sie ihre Kriegs-Heere
absonderten / den Rhodan zu ihrem Gräntz-Mahle erkieseten / die Gallier durch
ihre Grausamkeit ihnen auffsätzig / die Deutschen aber selbte durch Glimpff und
Gerechtigkeit ihnen geneigt machten. Uber diss bezeigten diese eine absondere
Gottesfurcht und Andacht; und täten alle ihre Fürsten ein Gelübde: dass alle
Gefangene und Beute heilig sein sollte. Bojorich versetzte den ersten Streich des
Bürgermeister Mallius Sladtaltern / nämlich dem Aurelius Scaurus; erschlug
sechs tausend Römer / und kriegte ihn selbst lebendig gefangen. Mallius beruffte
den Cöpio hierauff zur Hülffe; kriegte aber zur Antwort: ein ieder hätte sein
ihm vertrautes Land zu beschirmen. Gleichwohl aber setzte Cöpio bald darauff an
die lincke Seite des Rhodans über; iedoch mehr in Meinung dem Bürgermeister den
Ruhm des Sieges wegzufischen / als ihm beizustehen. Daher er auch zwischen den
Mallius und die Cimbern sein Läger schlug. Bojorich / welcher den entfernten
Teutobach nicht so bald an sich ziehen konnte / ward über die Vereinbarung beider
Römischen Heere bekümmert; schlug also durch eine Botschaft einen Frieden für.
Weil aber diese nur mit dem Bürgermeister zu handeln befehlicht war / grief sie
Cöpio mit heftigsten Schmeh-Worten an / und fehlte wenig: dass die Cimbrischen
Gesandten nicht in Cöpions Läger ermordet wurden. Dieser vereinbarte hierauff
zwar mit dem Mallius sein Läger / aber gar nicht seine Meinungen; also: dass die
Deutschen sich ihrer täglich mehrenden Zwytracht zu gebrauchen / und nunmehro zu
treffen schlüssig wurden. Bojorich stellte noch für auffgehender Sonne seine
Deutschen in Schlacht-Ordnung; Mallius und Cöpio hingegen zanckten sich noch
über Stellung der ihrigen; als Hertzog Schless schon mit seiner Reuterei
einbrach. Wie nun das Glücke einem Feinde keinen grössern Vorteil als die
Zwytracht der Kriegs-Obersten zuschantzen kann; also kaum die Deutschen an ihrer
guten Verständnis einen ansehlichen Vorteil / an ihrer wohl geschlossenen
Stellung einen guten Vorsprung; und da dem Könige Bojorich weder an Vorsicht
noch Tapfferkeit was abgieng / gewonnen Spiel. Sein von ihm selbst geführter
rechter Flügel traff auff den Kirchen-Räuber Cöpio; welchen sein eigen Gewissen
schon verklagt / und die göttliche Rache zum Untergange verderbt hatte. Daher in
einer Stunde sein lincker Flügel zertrennt / in die Flucht bracht / und über
Hals und Kopff an Rhodan gejagt ward; da sie entweder von der Schärfe der
deutschen Schwerdter / oder von dem reissenden Strome auffgefressen wurden.
Cöpio entkam selbst dritte auf einem kleinen Nachen über den Rhodan; der
tapffere Qvintus Sertorius aber schwamm nach verlohrnem Pferde in voller Rüstung
darüber / und brachte alleine seinen Schild aus der Schlacht. Bojorich sah ihm
verwundernd nach; und verbot einige Pfeile auff ihn abzuschiessen. Ein Teil
dieses Flügels flüchtete sich zwar in des Cöpio Läger; aber ein sie auff dem
Fusse verfolgender und vom Ritter Osten männlich angeführter Cimbrischer Hauffen
drang zum Tore mit hinnein; welchem ihr Führer immer zurieff: Eines
hertzhaften Degen wäre ein alle Schlösser auffmachender Schlüssel. Daher ihn
auch König Bojorich hernach mit einem güldenen Schilde beschenckte /worauff ein
Schlüssel geetzet war. Ein anderer Hauffen der Cimbrer bemächtigte sich des
Walles / ehe selbter noch recht besetzt werden konnte / und hieben das andere
Tor auff; wordurch die deutsche Reuterei einbrach / und alles / was sich noch
entgegen zu stellen vermeinte / über einen Hauffen rennte. Die ersten Eroberer
dieses Walles waren Kwal und Brockdorff zwei Cimbrische Edelleute; und in der
Schlacht eroberte Alefeld das erste / Bockwald das andere / und Powisch das
dritte Römische Kriegs-Zeichen. Gegen den Bürgermeister Mallius traff Brinno der
Qvaden Hertzog mit dem lincken Flügel / und einem erschrecklichen Geschrei. Den
ersten Angriff täten fünff hundert mit kohlschwartzen Rüstungen versehene
Arier; welche sich für den Hertzog Brinno zum Tode verlobet hatten. Diese
drangen sich zwischen beide Römische Flügel ein; und verhinderten: dass einer den
andern nicht entsetzen konnte; wiewol ieder alsbald mit sich selbst genug zu
schaffen kriegte. Die Römischen Reuter schienen gegen die dem Winde gleichsam
zuvorkommende Deutschen nur Fussknechte zu sein; und also entblösten sie bei
zeite die Legionen. Mallius tat zwar bei diesen das eusserste /sie im Stande zu
erhalten; und erstach einen / der ihm von der Flucht des Cöpio Post brachte /
wormit es nicht auch sein Kriegs-Volck von ihm vernehme und verzagt würde; aber
wie war es möglich den Deutschen in die länge zu widerstehen; welche unter
einander ein Gesetze gemacht hatten: dass wer einen Fussbreit Erde aus Zagheit
zurück setzen würde / seiner Ehre und Adels verlustig sein sollte. Daher wurden
durch der Cimbern nichts minder kluge / als hartnäckichten Angriffe die
Römischen Glieder durchbrochen; und Mallius selbst vom Ritter Oldenburg
durchrennet. Des Bürgermeisters Fall war das Los einer allgemeinen Flucht;
welche ein Teil ebenfalls in die Wirbel des Rhodans / das andere ins Läger
trieb; welches aber noch selbige Nacht gestürmet und erobert ward. Ein Teil
meinte sich in die Gebürge zu verkriechen; abepdie Eingänge waren von den
Tigurinern besetzt; und also fielen die Flüchtigen aus dem Regen in die Trauffe.
Drei Tage und Nächte währte das Würgen und Schlachten; indem die Römer aus allen
Hölen und Püschen auffs fleissigste herfür gesucht; und zu Folge des getanen
Gelübdes alle Gefangenen mit Stricken an die Bäume gehenckt; von der
unbeschreiblichen grossen Beute / die köstlichsten Kleider zerschnitten und in
Kot getreten / alles Gold in Rhodan geworffen / Harnische und Schilde
zerbrochen /die schönsten Hispan- und Mauritanischen Pferde in Sümpffen
ersteckt; ja zwei Gallier / derer einer des Bürgermeisters Purpur-Mantel / der
andere einen Knispel güldener Müntze zu verstecken vermeinte / mit auffgehenckt
wurden. Von beiden Römischen Heeren entkamen nicht mehr / als zehn Menschen; und
wurden auf der Deutschen Seite dreizehn hundert / auff Römischer achzig tausend
Todte / ohne den in vierzig tausend Menschen bestehenden und meist
auffgehenckten Römischen Tross gezehlet. Nachdem alle Beute zernichtet / die
gebliebenen Deutschen herrlich begraben / und von den Cimbern ein grosses
Siegs-Feier mit vielen Opffern verrichtet ward / liess Bojorich alle Leichen auff
einen Hauffen über einander schleppen /und diesen Berg voll Menschen mit Erde
beschütten; darauff aber in eine Marmelne Säule eingraben: Hier ist das
Begräbnüs achzig tausend Römer; von welchen König Bojorich ihrer zehn entkommen
liess / umb nach Rom die Zeitung zu bringen: dass sie nicht der Blitz / sondern
die Cimbern erschlagen hätten.
    Dieser herrliche Sieg machte die Deutschen nicht schläffrig / sondern
vielmehr nach Römischem Blute und Ruhme durstiger. Daher beschloss König Bojorich
im Kriegs-Rate / nunmehr geraden Weges über die Alpen und nach Rom zu rücken.
Befahl auch den gefangenen Aurelius Scaurus zu hohlen; und ermahnte ihn gegen
diese Wohltat des ihm gelassenen Lebens den leichtesten Weg in Italien zu
entdecken. Scaurus antwortete hierauff: wenn er nicht diss einzuraten gedächte /
was so wohl seinem Vaterlande / als den streitbaren Cimbern vorträglich wäre;
wollte er lieber die Warheit verschweigen / wenn er schon wie Marcus Regulus zu
Cartago am Creutze stehen sollte. König Bojorich hätte durch bisherige Siege so
viel Ruhm an den Römern erjagt / als kein Mensch für ihm. Wenn er aber in
Italien einbräche / würde die Nachwelt sein Tun mehr für keine Tugend rühmen;
sondern als eine Verwegenheit schelten. Denn seine Einbildung wäre ein
betrüglicher Irrtum: dass der Kern der Römer umkommen wäre. Ihr Tun verriete
die Uberwundenen: dass sie die geringste Spreu gewest / und kaum den Nahmen der
Römer verdienet hätten. Die besten Kräfften stecken in Rom / wie das Leben im
Hertzen. Insonderheit hätten die Römer diese Eigenschaft: dass bei wachsender
Not ihnen der Mut / und bei abnehmenden Kräfften ihre Tapfferkeit wüchse.
Welches Pyrrhus und Hannibal zwar so wenig / als jetzt Bojorich geglaubt /
endlich aber mit Schaden erfahren hätte. Daher täten die Cimbern klüger und
rühmlicher: wenn sie diss / was jene zu langsam / vorher sähen. Widrigen Falls
würde man sie für übersichtiger als jene halten / weil Rom damahls nicht viel
mehr / als eine Zwergin gewest / nunmehr aber durch Eroberung so vieler Länder
zu einer unüberwindlichen Riesin ausgewachsen; ja vom Verhängnisse diese Stadt
zum Haupte der Welt erkieset wäre / an der alle Feinde ihre Hörner und Köpffe
zerstossen müsten. Uber diesem für einen Gefangenen allzu hochmütigen
Grosssprechen überlieff dem hertzhaften Bojorich die Galle: dass er des Scaurus
unzeitige Wahrsagung mit einem tödtlichen Streiche bestraffte. Gleichwohl starb
Scaurus rühmlicher / als es dem furchtsamen Cöpio ging; welchem zu Rom seine
Güter / und sein Amt genommen wurden / welches nach dem hoffärtigen Tarqvinius
niemanden noch begegnet war. Den sechsten Weinmonats-Tag /an welchem die Cimbern
gesiegt / schrieb man als unglückselig mit schwartzer Farbe zum ewigen
Gedächtnisse ins Jahr-Buch / und machte ausser der Zeit den in Africa noch
abwesenden Marius zum Bürgermeister; welcher aber bald hierauff nach Rom kam
/den König Jugurta nebst seinen zwei Söhnen im Siegs-Gepränge einführte / und
in dem Tullianischen Gefängnisse unter der Erde / und zwar mit einer
erbärmlichen Begierde zu leben verschmachten liess. Das Römische Volck empfing
ihn mit unbeschreiblichen Frolocken / nennte ihn die Zierde seiner Zeit /und den
Wiederbringer der durch den Adel verfallener Tugend. Massen sie ihm denn auch
bald darnach die Botmässigkeit über Gallien / die Wahl der Kriegs-Heere
übergaben / ihn auff folgendes Jahr schon wieder zum Bürgermeister erklärten;
und zwar mit diesem den Edlen verkleinerlichen Beisatze: dass die Tugend die Art
des ie länger ie schöner gläntzenden Marmels / der Adel aber des mit der Zeit
veralternden Helfenbein und Agsteins an sich habe; also die frische Tugend des
unedelgebohrnen Marius an die Lücke des verwegenen Sylanus / des verzagten Cöpio
/ der geilen Fabier / der auffgeblasenen Appier / und anderer durch Wollüste
absetzender Geschlechte treten /und man diesen das übrige Reichtum / als nur zu
Lastern dienende Schwung-Federn ausrauffen müste.
    Bojorich liess hierauff zwar auff der seinigen Gutachten an den König
Teutobach muten: dass er über den Rhodan / und mit ihm in Italien fortrücken
möchte. Dieser versprach auch solches; kam aber selbtem langsam nach; weil er
sich seine unzeitige Empfindligkeit / oder vielmehr die Begierde mit eigener
Hand etwas denckwürdiges auszurichten über das Pyreneische Gebürge zu ziehen
verleiten liess. Die Ursache /oder doch der Vorwand war: dass die Celtiberier ihn
geäffet hätten / und ihrem Versprechen gegen die Römer auffzustehen nicht
nachkommen wären. Er drang auch zwar biss an den Fluss Iberus / und eroberten viel
Plätze; aber die mit dem Römische Stadt-Vogte Fulvius vereinbarten Celtiberier
wiesen ihnen: dass sie nicht wie die weichen Gallier von der streitbaren Art
ihrer Deutschen Voreltern gewiechen / noch aus dem Geschirre geschlagen wären.
Daher musste Ulfo nach etlichem Verlust wieder in Gallien weichen. Gleichwol liess
er den Lusitaniern etliche Hülffs-Völcker; mit derer Beistand sie den Römern
einen empfindlichen Streich versetzten. König Teutobach wendete sich hierauff
wohl von dem Pyreneischen Gebürge gegen den Rhodan / in willens mit ihm in
Italien zu dringen; jagte fast alle Römer aus dem Narbonischen Gallien / und
setzte darinnen Kopiln zum Könige ein. Bojorich stand auch schon unter dem
höchsten Berge der Penninischen Alpen / die Sonnen-Säule genant /und Teutobach
bei Secuster an dem Flusse Druentia; es lieff aber unvermutet die Zeitung ein:
dass Lucius Sylla vom Marius / welcher inzwischen zum Kriege sich eiffrigst
rüstete / mit einem Heere voran nach Narbo geschickt; dieser aber mit Hülffe des
Gallischen Fürsten Egritomar / welcher hernach den Junius Silanus als einen
Urheber alles von den Cimbern entsponnenen Unheils angab / der Tectosagischen
Gallier König Kopill geschlagen und gefangen bekommen hätte. Daher Teutobach
nicht für ratsam hielt fort zu rücken / und einen solchen Feind im Rücken zu
lassen. Dem Könige Bojorich ward nichts minder von den Marsen ein Stein in den
Weg geworffen. Denn dieses zwischen dem Rheine und der Isel wohnende Volck ward
auff einer Seite von den Sicambern / auff der andern von den Bructerern so enge
eingesperret: dass sie ihr Vaterland nicht beherbergen konnte. Daher setzte die
Helffte ihren Fuss in das fruchtbare Gallien fort / zohe an der Mosel hinauff /
an der Arar aber hinunter / machte mit dem Könige Bojorich ein Bündnis / und
schlug sich teils zu den Cimbern / teils liess es sich zwischen der Arar und
Liger nieder. Nachdem aber der schlaue Sylla den Kopill erlegt /und im
Narbonischen Gallien eine halbe Wüstenei gemacht hatte / trug er denen von den
Ambarren und Vadikossiern beunruhigten Marsen durch die Heduer ein Stücke Landes
an; da sie mit den Römern das von den Heduern vorher beliebte Bündnis eingehen
wollten. Die Marsen nahmen diss Anerbieten nicht nur mit beiden Händen an; sondern
rufften auch ihre zum Bojorich gestossene / von den mehrern Cimbern aber
geringschätzig gehaltene Landsleute zurücke; welche mit den Römern freudig ihre
Waffen vermengten; also: dass Bojorich gleichsam zwischen Tür und Angel / wie
nichts minder in Zweiffel geriet: Ob sie in Italien fortrücken / oder hinter
sich ihnen vorher in Gallien diesen gefährlichen Dorn aus dem Fusse ziehen
sollten. Uber diesen Verwickelungen verspielten sie zwei ganzer Jahre; welche
Marius ebenfals mit blosser Kriegs-Rüstung zubrachte; wiewohl diese einen neuen
Krieg in Sicilien anzündete. Denn als der Bitynische König Nicomedes sich von
Zuschickung der verlangten Hülffs-Völcker damit entschuldigte: dass die Römischen
Zöllner gar zu viel Leute in Dienstbarkeit verschlept hätten; befahl der
Römische Rat: dass im ganzen Römischen Gebiete alle frei gebohrne Leute derer
mit ihnen verbundener Völcker lossgelassen werden sollten. Als nun einige Knechte
frei gegeben wurden / empörten sich die andern; wehlten den Salvius und Atenio
zu Königen / bauten zu Triocola einen Königlichen Sitz; und machten ihrer mehr
als dreissig oder vierzig tausend den Römern / und denen ihnen unter dem Fürsten
Gomon aus Mauritanien zukommenden Hülffs-Völckern genug zu schaffen. Denn ob
wohl Lucullus ihrer zwantzig tausend erschlug; liessen sie doch weder Mut noch
Waffen sincken. Hispanien mussten die Römer fast gar vergessen / und den Gehorsam
gleichsam in die Willkühr selbiger Völcker stellen. Wiewohl Piso nun in
Macedonien gegen die Deutschen und Tracier glücklich fochte; und ihnen biss über
Rhodope nachsetzte; Marius auch mit zweien Heeren unter den Alpen stand; so
wagte er sich doch auch im dritten Jahre seines Bürgermeister-Amtes nicht die
Cimbern anzugreiffen; sondern vergnügte sich als mit einem auskommentlichen
Gewinne: dass sie ihn und Italien unangetastet liessen. Zu dessen Merckmahle er
auch jetzt allererst seinen eisernen Ring vom Finger nahm / und einen güldenen
ansteckte. Nach dem Bojorich und Teutobach nun inzwischen ein- und andere
Hindernisse aus dem Wege geräumt / und etliche Pässe wohl besetzt hatten; zohen
sie auffs neue den Alpen zu; Teutobach zwar an dem Meere gegen Ligurien;
Bojorich aber mehr Nordwerts. Auff dessen von den Massiliern schleunigst getane
Nachricht ward Marius zum vierdten mahl / und neben ihm Luctatius Catulus
Bürgermeister. Beide führten zwei mächtige Heere und fast aller bekandten
Völcker Hülffen mit sich; und war die Abrede: dass Catulus die Alpen bewahren /
Marius aber selbst in Gallien die Deutschen angreiffen sollte. Dieser musterte in
seinem Heere alle andere zu Kriegs-Zeichen gebrauchte Tiere aus / und behielt
alleine die Adler. Die Nacht für dem Abzuge träumte dem Marius: wie ihm die
Göttin der Siege auff dem Berge Vesulus einen Lorber-Krantz reichte; iedoch
hätte er ihr vorher sein Hertz auffopffern müssen. Diesen Traum eröffnete er
alsbald einer Syrischen Wahrsagerin Marta; welche er auff einer köstlichen
Sänfte allentalben hin mit sich führte; und nach ihrem Rate seinen
Gottesdienst und anderes Fürnehmen einrichtete. Diese versprach ihm den Sieg
wider die Deutschen / wenn er seine einige Tochter Calphurnia / welche sein
anderes Hertz wäre / aufopferte. Marius entschloss sich alsofort sein Blut zum
Lösegeld für sein Vaterland hinzugeben; nahm also wider der Römer Gewohnheit zu
aller Verwunderung Calphurnien mit sich zu Felde. Wie er nun unter die
Meer-Alpen kam / liess er sein Heer übergehen / er aber stieg nebst Calphurnien /
der Marta / einem Priester / und wenigen edlen Römern auf die Spitze des Berges
Vesulus; richtete daselbst von zusammen gelesenen Steinen einen Altar auf /
liest selbtes dem siegenden Jupiter weihen. Hierauf deutete er seiner sich ehe
des Himmelfalls versehenden Tochter an: dass sie das für ihr Vaterland auf dieses
Altar besti&the Opfer wäre; also sollte sie sich nicht mit vergebenen Tränen
bemühen; seinen so wenig als des Verhängnisses unerbittlichen Schluss zu
hinterziehen / noch den Zorn der Götter auf sich zu laden; sondern vielmehr
durch hertzhafte Gedult sich als eine nicht missgeratene Tochter des Marius
bezeugen. Calphurnia fiel dem Vater zu Fusse / umbarmte seine Knie /küsste seine
Hand / und erklärte sich den Streich des Priesters mit unverwendeten Augen / und
unverzagtem Hertzen zu erwarten; weil ihr kein grösseres Glück begegnen könnte;
als dass sie ein den Göttern gefälliges Opfer / ein Lösegeld ihres Vaterlandes;
ihre Handvoll Blut aber ein Brunn sein sollte: aus welchem ein ganzes rotes
Meer / welches aus so viel rauer Völcker Adern abströme würde / sein sollte.
Marius küsste sie hierauf; und befahl dem hierüber erstaunenden Priester sein
Ampt zu verrichten. Ob er nun zwar anfangs bei sich anstand ein so grimmiges
Menschen-Opfer zu vollziehen; sagte doch Marta: Es wäre der Wille der Götter;
und Marius gab ihm einen so nachdrücklichen Blick: dass er mehr aus Furcht als
Andacht das Schlacht-Messer ergrieff / und der auf das Altar gelegten Calphurnia
die Gurgel abschnitt; hernach ihre Brust eröffnete / und die Eingeweide alle gut
befand; woraus Marta ihre vorige Wahrsagung nochmals bekräfftigte. Der
entseelte Leib / (dessen ausgeschnittenes und eingebalsamtes Hertze der Priester
nach Rom führte / und dem Tarentinischen Sieges-Bilde in einer güldenen
Schachtel wiedmete /) ward aus dem Brunnen des daselbst entspringenden Po
abgewaschen / auf einen inzwischen aufgerichteten / und mit allerhand Arabischem
Rauchwercke angefüllten Holtz-Stoss geleget und verbrennet. Der hierüber mehr als
der eigene Vater bestürtzte Priester meinte sein grausames Opfer durch ein
Gedächtnis-Mal zu entschuldigen; kratzte also in dem an statt eines Altars
gebrauchten Stein-Fels der die Iphigenia weit beschämenden Calphurnia zu Ehren
diese Grab-Schrifft ein:
Liegt hier Calphurnia des Marius sein Kind?
Nein. Denn er selber schnitt ihr ja die Gurgel ab /
Als er zum Schlachten sie dem Priester übergab.
Kein Vater aber ist / der Todes-Netze spinnt /
Auf eignes Fleisch und Blut. Jedennoch aber rinnt
Aus seinen Augen Saltz der Tränen auf ihr Grab.
Diss ist der Eltern Sold. Wer aber will ein Stab
Des Vaterlandes sein; schlägt Kinder-Blut in Wind.
Diss opfert Marius als seiner Liebe Pfand
Für das gemeine Heil mit seiner eignen Hand
Der ewigen Stadt Rom. Die Tochter aber rennt
Den Preis ihm ab / wenn sie so willig sich verbrennt /
Und zeugt: Ihr Vater sei zwar durch so harte Tat
Ein Sohn; doch sie als Kind die Mutter ihrer Stadt.
    Hierauf eilte Marius seinem teils auf der See /teils zu Lande voran
gegangenem Heere nach. Und weil die Deutschen ins gesa&t sich weit gegen
Mitternacht gewendet hatten / Teutobach durch die Cottischen / Bolus der
Helvetier Hertzog durch die Norichischen / Bojorich durch die Vindelicher Alpen
einzubrechen / und an dem ihm schon bekandten Flusse Atesis herunter zu gehen
willens war / kam Marius ohne alle Hindernis am Strande des Meeres an den
Rhodan. Seine erste Sorge war bei noch entferntem Feinde die Krieges-Zucht
wieder zu ergäntzen / das durch Müssiggang und Wollüste verzärtelte Volck durch
tägliche Arbeitund KriegesUbungen abzuhärten; dem Feinde aber am Rücken die
Lebens-Mittel abzuschneiden; und durch angenommene Langsamkeit entweder die
wachsamen Deutschen einzuschläfen / oder wenigstens die hitzige Heftigkeit der
feurigen Nord-Völcker abzukühlen. Wormit aber seinem Heere nichts gebräche;
blieb er an dem Meere stehen umb der Zufuhr zur See zu genüssen; liess auch /
weil der Mund des Rhodans sich mercklich verschlemmet hatte / von dem Tempel der
Ephesischen Diana gegen dem Astromelischen See einen zur Schiffart dienlichen
Graben aus dem Rhodan in das Meer führen /umb dardurch nicht allein seine
mühsame Kriegsleute von den trägen zu unterscheiden / sondern auch ihnen ins
gemein mehr Kräfften beizusetzen. Weil die Deutschen aber sich in ihrem Zuge
wenig irre machen liessen / zohe Marius endlich an dem Rhodan hinauf /und
verschantzte sich daselbst / wo die Iser hinein fällt. Hierdurch machte er den
König Teutobach stutzig; und verursachte: dass er an dem Flusse Varus umbkehrte /
in dem Gebiete der Allobroger die Tuguriner und Ambronen mit ihrem Könige Bolus
all sich zoh / und sein Läger dem Marius gegen über schlug. Wie sich Marius aber
nicht rückte / stellte er etliche mal unter dem Walle des Römischen Lägers sein
Heer in Schlacht-Ordnung; und liess dem Marius sagen: Dafern die Römer das Hertze
hätten / den Deutschen das blaue in Augen zu sehen; stünde er dar fertig mit
ihnen anzubinden. Marius liess ihm hingegen zur Antwort wissen: Die Römer
lieferten Schlachten / wenn es ihnen / nicht aber dem Feinde anständig wäre.
Hierauf forderte König Bolus den Marius zum Zwei-Kampfe aus. Dieser aber
versetzte: Wenn et seinem Leben so gram wäre / und es nicht besser anzuwehren
wüste / könnte er selbtem ohne wenigere Müh durch einen Strick abhelffen. Er wäre
ein Feldherr / kein Fechter; meinte nun Bolus mit einem dieser Art sich zu
schlagen / wollte er gegen ihn einen schicken / der schon zwantzig andere Fechter
erwürgt hätte. Und da ihn Bolus bemeisterte / so denn nachdencken: Ob für die
Stadt Rom ratsam wäre / dass ihr Bürgermeister mit einem frechen Jünglinge
anbinde. Wie nun die Deutschen hierüber so verwegen wurden: dass sie einzelich
unter den Wall des Lagers renneten / und mit spöttische Worte die Römer zum
Kampf ausforderten; also murreten diese für Ungedult: dass Marius zwar auf dem
Walle ihne die Deutschen und ihre Art zu streiten zeigte / keinen aber aus dem
Lager einen Fuss setzen liess. Sie hielten ihm nicht ohne Vermessenheit ein: dass
ein Feldherr durch Verbittung des Angriffs sein Heer selbst verzagt / seinen
furchtsamsten Feind aber hertzhaft machte. Alleine Marius / der diese Begierde
ihm wohlgefallen liess / schützte für: Es wäre vorteilhaftiger mit einem
vermässenen als furchtsamen Feinde zu tun haben. Eines Feldherren Ampt wäre die
Zeit zum Streite erkiesen / der Kriegsleute / nichts minder gehorsam als tapfer
zu sein. Die weise Marta riete noch nicht zum schlagen; durch welcher Mund die
Götter schon selbst ihnen den Weg und die Zeit ihren hochmütigen Feind zu
dämpfen zeigen würden. Ja ungeachtet Marius von Rom Erinnerung zu schlagen
kriegte; weil man in Umbria in den Wolcken zwei feurige Heere fechten / und das
fremde herab stürtzen gesehen; die Göttin Cybele auch ihrem Priester Batabates
den unzweifelbaren Sieg angekündigt hätte; so liess er sich doch nichts irren;
sondern verleitete die Deutschen durch angestellte Zagheit: dass sie das überaus
starck befestigte Läger mit Gewalt stürmeten; aber durch den Hagel der
abgestossenen Römischen Pfeile zurück getrieben wurden / und etliche tausend in
den Greben ihr Begräbnis funden. König Teutobach entschloss hierauf den Marius in
seinem Neste zu lassen; und in das Hertze Italiens zu dringen; führte also
ganzer 6. Tage lang harte unter dem Römischen Lager sein Heer gegen die Alpen
zu; welches fort für fort denen Römern zuruffte: Was sie ihren Weibern und
Kindern zu Rom von ihnen für Zeitung bringen sollte? Marius /welcher keines weges
mehr ratsam befand dem Feinde zuzusehen / liess / als die Deutschen vorbei waren
/zwei von der Zauberin Marta abgerichtete Geier mit messenen Halsbändern des
Nachts aus ihrer Verwahrung / welche mit dem Anfange der Sonnen zu grossem
Frolocken des Heeres sich über dem Läger herumb schwungen / hernach dem
deutschen Heere nachzohen. Marius liess alsofort die Tore des Lägers öffnen /
und frischte sein ausziehendes Heer zur Tapferkeit an; meldende: Sie sollten nun
ihr bestes tun; nach dem ihnen die Götter durch diese zwei Glücks-Vögel /
welche ihm auch schon in Africa etliche Siege angezeigt hätten / den Weg wiesen.
Er erreichte noch selbigen Tag den aus eitel Ambronen bestehenden Nachtrab der
Deutschen; und erlegte derselben an einem Furte über tausend. Weil nun der
erste Ausschlag entweder Zuversicht oder Furcht gebieret /diente dieser Vorteil
den Römern zu einer mercklichen Hülffe künftigen Sieges. Wie das deutsche Heer
nun an die Sextischen Wasser und also nahe unter die Alpen kam; über welche
König Teutobach sich durchzuarbeiten nicht für ratsam hielt / da das Römische
Heer ihm in den Eisen / der Bürgermeister Catulus aber im Wege lag; also musste
er daselbst stand halten; und an diesem lustigen Orte sein Läger schagen. Marius
hingegen lagerte sich ein gutes Stücke von dem Flusse Canus weg auf ein dürres
Feld. Wie nun sein Kriegsvolck über Wasser klagte / wiess er ihnen den von den
Deutschen besetzten Strom; meldende: Seid ihr nicht Männer; dort holet euch
Wasser. Wordurch er nicht nur die Krieges-Knechte / sondern so gar den Tross zum
Gefechte angewehnete. Hierauf wollten die auf der Römer Seite stehenden Ligurier
/denen Marius einhielt: dass der Deutschen Einfall ihr Land am ersten treffen
würde / sich für andern sehen lassen; setzten daher mit acht tausend Mann auf
zehn tausend Ambronen an; welche ausserhalb des deutschen Lägers an dem Flusse
Canus standen / und den Römern das Wasser abschnitten. Aber Hertzog Harald
begegnete ihnen mit so tapferer Gegenwehr: dass etliche tausend Ligurier das
Wasser-Trincken vergassen / und Blut lassen mussten; also / dass Marius seinen
Sohn mit einer ganzen Legion denen notleidenden Liguriern zu Hülffe schicken
musste. Da denn endlich nach einem blutigen Treffen / wordurch nicht allein der
Fluss angerötet / sondern auch eine breite Brücke von todten Leichen darüber
gemacht ward /sich gegen das deutsche Läger zurück ziehen mussten. Wie die Römer
sie aber verfolgten / fielen der weichenden Deutschen mit Aexten und Schwerdtern
gewaffnete Weiber aus einer Wagenburg mit unglaublichem Geschrei den Römern in
Rücken / und tasteten selbte wie rasende Unholdinnen so verzweifelt an: dass nach
dem die Deutschen sich aufs neue gegen sie setzten / und ein neues Heer sich aus
dem deutschen Lager hervor tät / die Römer wieder über den Strom weichen / und
diesen streitbaren Weibern / welche gleichsam ohne Empfindligkeit den Römern in
ihre Schwerdter grieffen / und mit blutende Fäuste ihnen die Waffen auswunden /
viel Krieges-Zeug und Todte hinterlassen mussten. Folgende Nacht hielten die
Weiber / derer Männer den Tag vorher geblieben waren /rings umb das noch nicht
gar verschantzte Römische Läger ein so jämmerliches Mord-Geschrei: dass nicht nur
dem Römischen Kriegsvolck die Haare zu Berge stunden / und sie für Schrecken die
ganze Nacht nicht ruhen konten / sondern auch Marius / als er fort für fort ein
grosses Geräusche der Waffen / und die Barden darzu ihre Heldenlieder / (welche
sie sonst für den Schlachten zu singen pflegen) mit untermischen hörte / selbst
in Sorge stand: es würde sein noch schlecht verwahrtes Läger gestürmt werden. Zu
seinem Glück aber fiel bei den Deutschen ein Feiertag der Göttin Herta ein; den
sie in ihrem Läger ruhig ausser mit dem erzehlten Getöne begingen. Bei dieser
Gelegenheit; und weil dem Marius aus dem Narbonischen Gallien sechs tausend
Marsen zu Hülffe kamen / liess er den Marcus Claudius Marcellus mit der Helffte
der Marsen / drei tausend auserlesenen auf deutsche Art gekleideten Römern /
nebst einer grossen Menge gewaffneten Trosses eine püschichte Höhe Seitenwerts
gegen das deutsche Läger einnehmen; mit Befehl: dass er bei der nunmehr
entschlossenen Schlacht trachten sollte dem Feinde in Rücken zu kommen. Auf den
Morgen führten beide Teile ihre Kriegsheere aus dem Läger. Die Deutschen aber
waren so hitzig: dass sie die Römer in der zur Schlacht bequemen Fläche nicht
erwarten wollten; sondern den von einem Berge abkommenden Feind bergaufwerts
fechtende angrieffen. Wiewohl nun die Beschaffenheit des Ortes den Römern sehr
vorteilhaftig / den Deutschen nachteilig war; so standen sie doch wie Felsen;
und fochten drei Stunden lang / ehe sie die Römer auf die Fläche kommen liessen.
Beiderseits Kriegs-Häupter täten nicht allein das äuserste / und ergäntzten mit
ihrer klugen Anstalt alle Lücken; ja auch die im Hinterhalt stehenden Weiber
kamen ihren Männern mit Zuruff und eigner Tapferkeit zu Hülffe /wo sie irgends
Not leiden wollten. Als aber Marcellus den Deutschen mit seinen verkleideten
Römern und Marsen in Rücken fiel; wurden sie überaus verwirret; in dem sie nicht
wussten: durch was für Verräterei ihnen ihre Landsleute zu Feinden worden / oder
/ ob sie ihnen vom Himmel auf den Hals gefallen wären. Die Tugenen lidten
hierbei unter dem Könige Bolus die gröste Not; und begonte der lincke Flügel in
nicht geringe Unordnung zu kommen. Aber König Teutobach / welcher nebst seinen
drei hundert zur Leibwache habenden Riesen über alle andere Streitenden mit dem
Kopfe fürragte / drang dahin / rennte den Marcellus selbst zu Bodem / und
brachte die Seinigen / welche endlich die Römische Verkleidung wahrnahmen /
wieder zu Stande. Inzwischen aber hatte Marius im rechten Flügel wider den
Hertzog Harald einen mächtigen Einbruch getan; also: dass Teutobach dort
abermals fürbeugen musste. Wiewohl nun die Deutschen / insonderheit welche
fingernackt fochten / die ungewohnte Hitze selbigen Tages mehr als die Waffen
der Feinde abmattete / zum Teil kaum mehr lechsen konten / ja für Schweiss und
Staube kaum mehr Menschen ähnlich waren; hielten sie doch biss zur Sonnen
Untergange aus. Da denn Teutobach / sonderlich als König Bolus heftig verwundet
/ Fürst Harald aber getödtet ward / den Seinigen ins Läger zu weichen ein
Zeichen gab. Marius blieb zwar zum Zeichen des Sieges etliche Stunden auf der
Wallstatt stehen; hernach aber führte er das gröste Teil seines Volckes ins
Läger / und liess alle aufs beste sich erfrischen. Mit etlichen einander
ablösenden Hauffen aber machte er durch vieles Geräusche und Geschrei die ganze
Nacht Lermen; also: dass die im Läger stehenden und einen Sturm besorgenden
Deutschen durch stetes Wachen vollends abgemattet wurden. Dessen ungeachtet
führte König Teutobach / als er bei angehendem Tage die Römer sich wieder zu
einer neuen Schlacht stellen sah / und über diss die Lebens-Mittel gebrechen
wollten / sein Heer aus dem Lager. Es ist über menschlichen Glauben: mit was für
Heftigkeit die Deutschen allhier für ihr Leben und Freiheit / die Römer für den
ihnen eingebildeten Sieg gefochten. Die Krieggs-Schaaren stiessen an einander
wie Felsen; und gleichwohl hatte biss an den hohen Mittag kein Teil dem andern
einigen Vorteil / oder nur einen Fuss breit Erde abgewonnen. Insonderheit aber
trat und schlug König Teutobach mit seiner Riesen-Wache alles was ihm begegnete
/ zu Bodem; und es blieben diesen halben Tag etliche dreissig Römer von des
Teutobachs eigener Faust. Am Mittage aber kam die Sonne den Römern abermals zu
Hülffe; und die grosse Hitze /derer die Nord-Völcker nicht gewohnet / stritt mit
grossem Vorteil wider die Deutschen; derer Leiber im Schweiss gleichsam wie der
Schnee zerschmoltze. Daher fing ihr lincker Flügel / gegen welchen Marius die
Seinigen mit blossem Degen antrieb / zu wancken. Alleine die ihm zu Hülffe
kommenden deutschen Weiber brachten ihn wieder zu Stande; welche die Fürstin
Landgerta als eine ergri&the Löwin anführte /einem Römischen Hauptmanne zu
erst die Hand mit sa&t dem Degen abhieb / und die Kräffte ihres Geschlechtes
übersteigende Helden-Taten ausübte; also: dass die Schlacht noch wohl eine gute
Stunde auf gleicher Wage lag; biss der junge Marius / den hernach der König in
Numidien Hiempsal bei sich in so grossem Wert hielt / Landgerten einen
verwegenen Stoss beibrachte; worvon sie ihre edle Seele mit dem Blute
ausströmete; aber mit dieser Helden-Dinte auch in den verwesslichen Staub ihren
unsterblichen Nahmen aufzeichnete. Der Deutschen Hertzeleid über dieser Fürstin
Tode war so heftig: dass sie an statt der Rache in Kleinmut verfielen. Denn
gemeiner Schmertz ist ein Wetz-Stein / übermässiger aber ein Feind der Tugend.
Also begonte der lincke Flügel aufs neue zu weichen. Und weil König Teutobach
/der bereit aufs sechste Pferd kommen war / bei dem rechten mehr als zu viel
gegen den eingebrochenen Marcellus zu tun hatte / war ihm unmöglich dem lincken
zu Hülffe zu kommen. Wie aber auch in der Mitten die Schlacht-Ordnung brechen
wollte / entschloss er sich durch eine verzweifelte Erkühnung der Gefahr zu
raten; ermahnte also seine Riesen / und zwei hundert umb ihn streitende
Edelleute: sie sollten ihm behertzt folgen; und hiermit drang er wie ein Blitz
der Römischen Haupt-Fahne zu. Alles was sich widersetzte /ward zu Bodem getreten
/ oder erlegt; und brachte es der nunmehr gleichsam wütende Teutobach so weit:
dass ein Alemannischer Ritter Fürstenberg den Römischen Haupt-Adler dem Fähnriche
aus den Händen riess / ihn zerbrach und zu Bodem warff. Wie grosse Verbitterung
dieser Schimpf bei den Römern erweckte; also liess Marius nur ein Teil gegen den
schon ganz zertrenneten lincken Flügel der Deutschen fechten; er aber kam mit
dem noch frischesten Volcke auf einer / und Cneus Domitius auf der andern Seite
mit einer ausgeruheten und zum Hinterhalte gelassenen Legion gegen den Teutobach
an; welcher gleichwohl mit seinem Adel und Riesen wie ein Fels gegen die
heftigsten Wellen aushielt. Endlich aber / nach dem auch der härteste
Marmel-Stein durch weiche Regen-Tropfen abgenützet wird; musste er einen neuen
Schluss fassen / sich gegen sein Heer durchzuschlagen; welches beiderseits viel
Blut / und den König Teutobach abermals drei Pferde und wohl die Helfte seiner
Leibwache kostete. Gleichwohl erreichte er sein nunmehr aller Orten weichendes
Heer; welchem er so viel möglich Anleitung gab: gegen Mitternacht in das Gebürge
sich zu ziehen / umb von dar über den Strom Druentia in das Vulgentische Gebiete
zu entkommen. Wormit er auch den Seinen so viel mehr Lufft machte; bot er in
dem nechsten Forste den Römern bei schon spätem Abende noch einmal die Spitze;
und die Liebe seines Volckes war bei ihm so gross: dass er sich als ihre
Schutz-Säule hier lieber wollte zermalmen / als ihre Beschirmung fahren lassen.
Daher er biss umb Mitternacht an einem Furte Stand hielt; endlich aber umbringet
/ übermannet /und alle bei ihm stehende erschlagen wurden. Er selbst ward so
verwundet: dass er biss auf den Morgen unter den Todten lag; welchen aber Marius
so denn aufheben / bei verspürtem Atemholen erfrischen /und die Wunden zu
grossem Vergnügen dieses grossmütigen Königes heilen liess; dem sein Leben ein
täglicher Tod war; weil selbtes nicht mehr zum Teil seines Volckes / sondern
zum Schauspiele seiner Feinde dienen sollte. Gleichwohl halff seine Tapferkeit so
viel: dass über zwantzig tausend Teutoner und Ambroner über den Fluss Druentia
entkamen / und sich mit denen zu Besetzung des Allobrogischen Gebürges
gelassenen Tugurinern stiessen; also: dass ungeachtet der Deutschen beide Tage
sechzig tausend blieben /auch zwantzig tausend gefangen wurden / (welche
wahrhafte Zahl aber die Römer etliche mal vergrössern) Marius sie zu verfolgen
Bedencken trug; vorwendende: Es wäre Ehre genung: dass der Kern der Deutschen
erlegt wäre; die übrigen die Flucht im Hertzen und die Wunden auf dem Rücken mit
sich führten. Sintemal jene ihr Leben nicht umbsonst verkaufft / und die Römer
gleichfalls über viertzig tausend verloren / Marius / und alle Kriegs-Obersten
genungsame Wunden an sich zu verbinden hatten; der Römische Rat auch auf des
Quintus Metellus Einraten den Verlust so vieler Bürger durch ein den Ehstand
aufnötigendes Gesetze zu ersetzen schlüssen musste. Marius liess von den
feindlichen Leichen und Waffen zwei grosse Berge zusammen tragen / auf einen
Holtz-Stoss zwölff der schönsten deutschen Jungfrauen setzen / und im Angesichte
des ganzen mit Lorbern bekräntzten Heeres von dem Priester zum Gedächtnis
seiner geopferten Calphurnia lebendig verbrennen. In welche Flamme sich noch
viel andere deutsche Frauen freiwillig stürtzten; die in der Schlacht gefangen
worden waren; umb mit der Keuschheit auch ihre Freiheit durch den Tod zu
erkauffen. Den Bergvoll Leichen aber verschleppten die Massilier; brauchten der
Deutschen Fleisch und Blut zu Tingung der Aecker / ihre Gebeine aber zu
Umbzäunung der Wein-Berge. Marius ward dieses Sieges halber / wordurch gleichsam
schon auch die Cimbern und Helvetier überwunden zu sein schienen / mit
unzehlbaren Glückwüntschen überschüttet; zu Rom abwesende das fünfte mal zum
Bürgermeister erwehlet / und zu seinem Siegs-Gepränge ungemeine Anstalt gemacht.
    Alleine diese Freude und Siegs-Gepränge verstörte bald darauf der Ruff von
König Bojorichs Anzuge. Quintus Catulus hatte zwar alle Pässe des
Tridentinischen Gebürges besetzt und verschanzt. Bojorich aber / nach dem er
sich mit dem Hertzoge der Angeln Cesorich / dem Longobardischen Hertzoge
Claudicus /und der Variner Fürsten Lucius verstärckt / arbeitete sich mitten im
Winter durch Schnee und Eis über den höchsten Gipfel der Tridentinischen Alpen
zu aller Menschen Verwunderung durch; ob wohl die Cimbern wegen der abschüssigen
und von dem Eise Spiegel-glatten Berge mehrmals sich herunter kugeln /oder auf
ihren grossen Schilden wie auf Schlitten herunter rennen mussten. Quintus
Lutatius Catulus entsetzte sich über diesem Einbruche eines gleichsam über die
Berge geflogenen Feindes derogestalt: dass er über Hals und Kopf biss nach Verruca
zurücke wiech /und sich auf einem Berge verschantzte. Aber die Furcht trieb ihn
/ ehe er einen Deutschen zu Gesichte bekam / bei nur verlautendem Anzuge biss
über den Fluss Atesis nach Verona / allwo sie das Ufer dieses Flusses als eine
rechte Festung mit einem Walle belegten. Dessen ungeachtet hielt König Bojorich
zu grossem Schrecken des Feindes / ihn / wo er am sichersten zu sein meinte /
anzugreiffen. Daher lass er die grösten Kriegs-Knechte aus seinem Läger zusammen
/ liess selbte in den Fluss waten / mit Befehl die Gewalt des Stromes denen
unterhalb fechtenden Deutschen aufzuhalten. Welch Beginnen zu Rom ein Geschrei
machte: Die Cimbern wären so tu&kühn; dass die Flüsse mit ihren Schwerdtern wie
Xerxes das Meer mit Ruten schlügen; und gleich als wenn auch das Wasser eine
Fühle hätte / solchen zu verwunden meinten. Da doch nach ihrer Erfindung
Pompejus hernach sein Heer durch den Fluss Cyrus / Käyser Julius sein Volck durch
den Rubico führte. Als diss aber wegen Heftigkeit des von dem zergangenen Schnee
angelauffenen Flusses nicht anging; liess er eine Menge Bäume abhauen / ober mit
sa&t den Wurtzeln ausreissen / und ungeachtet der feindlichen Pfeile quer
über den Strom einwerffe; oder sie von oberhalb herunter schwemmen; die sich
hernach an den untersten Quer-Bäumen hemmeten; und also sonder fernere Müh den
Deutschen eine feste Sturmbrücke baute. Als nun die Römer sich die Deutschen zum
Sturm fertig machen sahen / geriete sie in ein solches Schrecken: dass Catulus
weder mit Worten noch mit blossem Degen sie von der Flucht zurücke halten konnte;
gleich als ob ihnen aus dem Siege kein Ruhm / aus der Flucht kein Laster
zuwüchse. Wie nun ben de Römern kein halte mehr war; liess Catulus selbst den
Adler aushebe; rennten darmit spornstreichs voran; umb die Schmach lieber auf
sich / als auf das Römische Heer zu ziehen; wormit diss mehr ihrem Feldherrn zu
folgen / als für dem Feinde zu fliehen scheinen sollte. Wie denn auch die Zagheit
der Flüchtigen eine ganze ihnen zu Hülffe eilende Legion eilends mit zurück
über den Fluss Mincius und Clusius biss nach Badriacum riess. Ja ein Teil setzte
bei Hostilia gar über den Po / und kam biss an Rom an; also: dass Marcus Scaurus
seinem auch entflohenen Sohne sein Antlitz verbieten; und dass er seinen Gebeinen
mit Freuden entkomme wollte / ankündigen liess; hierdurch auch denselben dahin
brachte: dass er sein Schwerdt hertzhafter wider sich selbst als den Feind
gebrauchte. Nichts desto weniger blieb die fünfte Legion mit zwei tausend
Balearischen Schützen unter dem Didius zu Beschirmung des Ufers unverrückt
stehen; aber die Menge und Tapferkeit der Deutsche übermañeten sie in weniger
Zeit; und wurde 8000. Römer und Hülffs-Völcker gefange. Die andere absonderlich
verschantzte Legion aber brachte Cneus Petrejus ein Hauptmann / wiewohl nicht
ohne grosse Verwegenheit und Verlust davon; indem er den sich durch einen
Ausfall zu retten weigernden Obersten eigenhändig erstach / sich durchs
Cimbrische Läger des Nachts durchschlug / und deshalben von dem Kriegs-Volcke
mit einem Belägerungs-Krantze beschenckt ward. König Bojorich aber hatte an
ihrer hertzhaften Gegenwehr ein solches Gefallen: dass ob wohl bei den Römern und
den meisten Völckern kein Gesetze der Gefangenen schonen / noch ihre Straffen
auf gewisse Art einschräncken heist / er alle ohne Entgeld frei liess /nach dem
sie vorher nach der Cimbrer Gewohnheit über einen ertztenen Ochsen geschworen
hatten: dass sie ihre Lebetage wider die Deutschen keinen Degen zücken wollten.
Bojorich verfolgte hierauf den Catulus / welcher inzwischen über den Fluss Mela /
Humantia und Addua gediegen war / mit einer so unglaublichen Geschwindigkeit:
dass die Deutschen in einem Tage mit dem Catulus über diesen letzten Strom kamen.
Dieser sah hierdurch nicht ohne Bekümmernis ihm den fürgenommenen Weg zu den
Insubriern abgeschnitten; über den Po aber zu setzen und den Feind ihm in das
Hertz Italiens nachzuziehen hielt er nicht für ratsam. Sintemal Rom sicherlich
dissmal nicht in viel geringere Gefahr / als zur Zeit des Brennus verfallen sein
würde: wenn König Bojorich nicht des Deutschen Nachzugs ohne Not erwartet /
sein vorhin unter freiem Himmel zu schlafen / rohes Fleisch zu essen / in Flüsse
Schweiss und Staub abzuwaschen gewohntes Kriegsvolck nicht in dem fruchtbaren
Gebiete der Veneter durch die weichen Lager-Städte / wohlrüchende Zimmer /
niedliche Speisen / warmen Bäder die vorhin unversehrlichen Kräffte eingebüsst;
sondern den flüchtigen Catulus hätte sein lassen / und geraden Weges auf Rom
zugerückt wäre. Wie aber Bojorich dem Catulus allzu geschwind über den Hals kam
/ zwang ihn die Not mit dem ganzen Heere wieder über den Strom Addua zurücken;
allwo Hertzog Lucius nur noch mit 10000. Mann stand. Beide stellten sich auch
wohl / als wenn sie daselbst auf einem Berge ihr Lager befestigen wollten;
liessen aber weder absatteln / noch das Kriegs-Geräte absacken. Wie nun
Bojorich hierdurch verführet ward / und folgenden Tages sein Heer gleichfalls
zurücke gehen liess / ging Catulus des Nachts in aller Stille über des Aureolus
Brücke / und kam nach Mogruntiacum an den Fluss Lamber; ehe die müden Deutschen
des Aufbruchs inne wurden. Bejorich ward hierüber unwillig: dass der Feind
nirgends stand halten wollte; liess also den Hertzog Cesorich und Claudicus
selbten verfolgen; er aber schlug oberhalb Placentz eine Brücke über den Po /
und streiffte biss an das Apenninische Gebürge gegen Hetrurien; ja der
Sicambrische Fürst Merodach kam biss unter die Stadt-Mauer zu Ravenna. Also
verfiel dieser sonst kluge Fürst durch einen geheimen Trieb des Verhängnisses in
die Fehler des Annibals; welcher hernach zu langsam beklagt: dass er nach der
Cannischen Schlacht nicht Rom gestürmt hatte.
    Allein es überfällt zuweilen auch die wachsamsten Kriegs-Helden nach einem
grossen Wercke eine Schlafsucht / wie das Meer nach heftigem Sturme eine
Windstille. Entweder / weil sie die Geschwindigkeit für eine Ubereilung der
Unvorsichtigen; die Langsamkeit aber für eine Schwester der Klugheit / und eine
Gefertin der Glückseligkeit halte; oder: weil sie die überstandene Gefahr und
die noch übrige Schwerigkeiten durchs Vergrösserüngs- ihr Vermögen durchs
Verkleinerungs-Glas ansehen; und den Sieg mehr für einen Zuwurff des Glückes;
als desselbte Ausmachung für ein mögliches Werck ihrer Tugend halte; und am
füglichste denen Vögeln zu vergleiche sind: welche wohl Eyer lege / aber sie
nicht ausbrütten. Nach welcher Art auch der Ateniensische Feldherr Nicias in
Sicilien / und der Spartaner Brasidas durch seine Langsamkeit den Sieg aus den
Händen verspielte /und sein Tun eine unzeitige Frucht bleiben; hingegen aber
Käyser Julius nichts unausgemacht liess. Gleich als wenn nichts getan wäre /
wenn noch was zu tun übrig bliebe. Also war auch Hermocrates mit seinem
Vaterlande nicht vergnügt: dass die von Aten die Belägerung der Stadt Syracusa
aufheben mussten; sondern er liess nicht nach / biss er sie aus ganz Sicilien
verjagt / und dem ganzen Kriege ein Loch gemacht hatte. Wie nun der einmal ins
stecken kommende Fortgang der Waffen den Siegenden selbst den Glauben ihrer
Oberhand zweifelhaft; den Feinden aber Lufft / und den Furchtsamsten ein Hertze
macht; also kam auch das über Bojorichs Einbruche bebende Rom / als die Cimbern
nicht gleich den Apennin überstiegen / wieder zu sich; und zu dieser heilsamen
Entschlüssung: dass sie den Marius sein Sieges-Gepränge verschieben / und mit
einem mächtigen Heere sich gegen den Bojorich aufmachen liessen; von dem ihm im
Mogellischen Tale eine Gesandschaft begegnete / welche den Römern gegen
Einräumung eines auskommentlichen Erdreichs für sein und König Teutobachs Volck
Frieden antrug. Marius lächelte über dem Vortrage der Deutschen; und antwortete
ihnen: Die Römer hätte für sie nichts übrig; für den Teutobach und ihre Brüder
aber möchten sie ausser Sorgen stehen. Denn diese hätten schon Erde genung;
würden selbte auch immer behalten. Wie er nun zugleich den Teutobach und etliche
andere gefangene Fürsten ins Zelt führen liess; erstauneten die von solcher
Niederlage nichts wissenden Gesandten so sehr: dass sie ohne fernere
Wortwechselung zurück ins Läger kehrten / und dem Könige Bojorich hiervon die
traurige Zeitung brachten. Bojorich schäumte hierüber für Zorne; frischte sein
Kriegsheer zu gerechter Rache ihrer erwürgten Brüder auf; rückte dem Marius /
welcher nun über das Apenninische Gebürge kommen war / entgegen / und forderte
ihn zur Schlacht aus; mit der Andeutung: Es wäre der Deutsche Art / ohne Verzug
umb die Oberhand zu kämpfen; nicht aber zum Vorteil der Kriegs-Obersten / zum
Verterb des unschuldigen Landmannes den Krieg zu schleppen / die gemeinen
Schatz-Kammern zu erschöpfen / und so denn allererst / wenn beide Teile mit
ihrer Grausamkeit müde / die Länder aber Wüsteneien worden /einen kläglichen
Frieden zu machen. Aber Marius hatte für / die hurtigen Deutschen müde / und
seine Hitze durch Verzug laulicht zu machen; wie auch den Feind wieder über den
Po zu locken / und des Catulus Heer an sich zu ziehen; ungeachtet den
Ehrsüchtigen Marius nicht wenig biss: dass der von ihm sich zum Catulus schlagende
Sulla etliche aus den Alpen einfallende Völcker glücklich schlug / und des
Catulus Heer mit so auskommentlichen Lebensmitteln versorgte / welche auch dem
notleidenden Marius aushelffen konten. Sintemal Ehrgeitz fremde Woltat als
einen Vorruck seiner Dürfftigkeit hasset; und daher sie mit mehrer Gramschaft /
als Rache die Beleidigung verfolget. Dem Bojorich liess er auf seine Forderung
entbieten: Es wäre der Römer Brauch nicht sich feindlichen Rates zu bedienen;
sondern er würde nach seinem Gutbedüncken schlagen. Hiermit lenckte er
Nordwestwerts gegen den Po ab; lagerte sich allezeit so vorteilhaftig: dass ihm
die Deutschen nicht beikommen konten; ging bei Dertona über; und weil er sich
stellte: als wollte er den Cesorich und Claudicus zwischen beide Römische Heer
einschlüssen; folgte ihm Bojorich über den Po; und nachdem beide Römische und
beide deutsche Heere zusammen gestossen waren / bot Bojorich noch einmal dem
Marius den Kampff an; welches er auff den dritten Tag /und zwar auff dem grossen
Raudischen Felde zwischen den Bächen Novaria und Sessites nicht ferne von Vercell
beliebte. Weil er aber folgenden Tag Wind- und neblicht befand; liess er in aller
Eil das Römische Heer sich erqvicken / zur Schlacht sich anschicken / und mit
anbrechendem Tage auff das bestimmte Feld rücken; allwo er sein Heer Sudostwerts
in Schlacht-Ordnung stellte; also: dass wenn die Sonne den Nebel unterdrücken
würde / selbte den Deutschen recht ins Gesichte schiene / und sie zugleich der
Wiederschein von den gläntzenden Schilden blendete / ja der Wind ihnen auch den
Staub unter die Augen wehete. Hierauf liess er dem Streitbegierigen Bojorich
wissen: Er wartete sein auff dem bestimmten Felde; also verlangte er zu
vernehmen: ob er so tapffer fechten als grosssprechen könnte? Die Deutschen / ob
sie wohl weder ihrer Pferde recht gepflegt hatten / hielten für ärgsten Schimpff
auf solche Ausfoderung sich nicht zu stellen; sonderlich: da der bei ihnen als
ein Gallischer Uberläuffer sich einfindende Qvintus Sertorius sie hierzu
verleitete / und dem Marius alle ausgefischte Anschläge der Deutschen
verkundschaftete. Daher führten sie über einen beschwerlichen Berg ihr Heer
dahin. Ehe nun Bojorich seine Schlacht-Ordnung reckt gemacht hatte; stiessen die
Deutschen schon bei dem dicken Nebel auff die wider ihre Einbildung nahen Römer;
allwo Marius den rechten / Sylla den lincken Flügel führte; Catulus mit seinem
Volcke in der Mitten / iedoch mercklich zurücke stand. Denn Marius hatte mit
Fleiss die Schlacht-Ordnung so sehr eingebogen / und die aus seinen Legionen
bestehenden Flügel so weit herfür gerückt; weil er entweder diesen wegen schon
wider den Teutobach befochtenen Sieges mehr trauete; oder weil er den Ruhm der
Uberwindung ihm und den seinigen allein zuziehen wollte. Sintemahl diese
Auslegung des Marius Ehrsucht / jene seine Kriegs-Erfahrung an Tag gibt. Wie
denn seine Anstalt bald anfangs machte: dass Hertzog Claudicus eine gute Zeit die
erste Hitze der Römer allein aushalten musste / biss das völlige Deutsche Heer
überkam / und in richtige Ordnung gebracht ward. Bojorich kam gegen den Marius /
Cesorich gegen den Sylla / Hertzog Lucius und Claudicus gegen den Catulus und
Marcellus zu fechten. Bojorichs Helm hatte nur einen / sein Schild drei Löwen;
Cesorichs Helm einen Greiff / sein Schild einen Ochsen-Kopff mit einem eisernen
Rincken; des Claudicus Helm einen Drachen / der Schild ein auffgelehntes Pferd;
des Lucius Helm einen weissen Adler / der Schild einen Goldgekrönten Löwen mit
einem güldenen Halsbande auff sich / die Ritters-Leute auch ins gesamt hatten
sich mit Löwen-Bär- Luchs- und Wolffs-Häuten umhangen / und ihre geflügelten
Helme mit grimmiger Tiere Rachen aussgeputzt; die Leiber mit Panzern / die
lincken Armen mit weiss-gläntzenden Schilden / die Hände mit Lantzen / grossen
Schwerdtern / und zweifach hauenden Aexten ausgerüstet. Das deutsche Fussvolck
war drei tausend sieben hundert und funffzig Schritte breit / und zwar
viereckicht gestellt. Die Helffte der in funffzehn tausend Mann bestehenden
Reuterei / welche bei denen Römern in höchstem Ansehen war / und derselben zum
Gedächtnisse auch nach erlangtem Siege die Stadt Eporedia erbauet ward / führte
Bojorich höchst klüglich nicht gerade auf die Stirne der Römer / sondern
rechtwerts / die andere Helffte Cesorich linckwerts ab; um das Römische Heer
gleichsam zu umschlüssen /und in die Mitte zu bekommen. Der schlaue Marius aber
merckte bald diese Kriegs-List; daher ruffte er den gerade vorwärts dringenden
zu: der Feind fliehe; sie sollten ihm also auff der Fersen folgen. Besser aber
glückte es dem Cesorich; welcher den Sylla zwischen sich / und das deutsche
Fussvolck bekam; und so heftig zusetzte: dass wenn ihm nicht die Numidische
Reuterei mit zwölff Elefanten zu Hülffe kommen wäre; welche in der deutschen
Reuterei nicht wenige Unordnung verursachten; wäre das Spiel zweiffelsfrei ganz
verkehrt ausgeschlagen. Deñ ob wohl der verschmitzte Bojorich aus
zusammengeneheten Ochsenhäuten derogleichen ungeheure Tiere hatte nachbilden /
selbige durch darunter versteckte Kamele bewegen / und durch ihre Führer gegen
die Reuterei anführen lassen / wormit die Pferde ihrer gewohnten; so übertraff
doch diese Warheit jene Nachaffung; und insonderheit war der starcke Geruch der
Elefanten den Pferden zu wider / und machten sie unbändig. Gleichwohl meinten
diesem Ubel zwei Brüder und deutsche Ritter zu begegnen; welche von ihren
Voreltern schon wegen einer tapffern Hülffs-leistung den Nahmen Helffenstein
überkommen / und in dem Jugurtischen Kriege gedienet hatten. Diese sprangen bei
dieser Gefahr von Pferden / ergriffen zwei daselbst ungefähr liegende Wipffel
von abgehauenen Baumen / bländeten damit die ersten zwei Elephanten / und hieb
der ältere dem einen die Schnautze ab; also: dass er alsofort umkehrte / unter
den Römern selbst Trennung machte. Der jüngere Helffenstein stach dem andern
sein Schwerd unter dem Schwantze biss ans Hefft hinein: dass er mit seinem Turme
über einen Hauffen stürtzte. Dieser Beispiele folgten zwei Norichische Ritter
Dietrichstein und Wagensberg; welche mit vorwerts / nach Art der Wein-Messer
oder Sicheln gekrümmten Degen oder halben Sicheln zwei andern Elefanten die
Schnautzen abhackten; derer einer aber von dem ergrimmten Tiere zertreten ward.
Hierüber /und nachdem etliche Elefanten-Leiter mit Pfeilen erlegt wurden / kamen
diese Tiere in Verwirrung / die deutsche Reuterei aber wieder in ihre Glieder;
das Fussvolck auch beiderseits an einander; also: dass diese zwei / oder vielmehr
vier mächtige Heere anfangs ein Rauschen des brausenden Meeres / hernach aber
ein Getöne etlicher hundert Schmieden und Eisen-Hämmer fürbildeten. Zwei
Stunden währete die Schlacht: da die streitenden Hauffen für Nebel und Staube
einander kaum erkiesen / auch ein Flügel / was in dem andern fürgieng /
schwerlich erfahren konten. Hernach aber drückte die Sonne zu grossem Vorteil
der Römer den Nebel gleichsam in einem Augenblicke unter sich / und eröffnete
beiden Völckern ein jämmerliches Schauspiel; weil ihnen beiderseits soviel
tausend blutige Leichen von Menschen und Tieren ins Gesichte fiel; und also die
Rachgier in ihren ohne diss verbitterten Gemütern vergrösserte. Bojorich
unterliess nichts / was ein kluger Feldherr / und ein hertzhafter Held ausüben
kann; und Marius bezeigte sich als ein Wunder in der Kriegs-Wissenschaft. Drei
Stunden lang blieben beide Schlacht-Ordnungen noch unverrückt; ungeachtet der
Wind mit erregtem Staube / und zugleich die Sonne die Deutschen eine gute Zeit
blendete. Denn Bojorich liess den Hertzog Cesorich wissen: dass er mit dem lincken
Flügel und dem mittelsten Heere etwas gegen Westen weichen wollte / um halben
Wind und Sonne zu gewinnen. Daher sollte er mit dem rechten Flügel feste stehen
bleiben; welcher Anschlag auch glückte; und würden die Römer wie die Sonne /
welche die der Hitze ungewohnten Cimbern heftig plagte / den Staub ins Gesichte
bekommen haben: wenn nicht der Wind sich /gleich als wenn selbter unter der
Botmässigkeit der Römer / und das Glücke ihr angebohrnes Erbgut wäre / sich
abermals gewendet / und aus Ost so starck zu wüten angehoben hätte: dass die
Deutschen fast kein Auge aufftun konten; sondern gleichsam blinde Fechter
abgeben mussten.
    Ob nun wohl der Staub der deutschen Helden Augen verdüsterte / versehrte er
doch nicht ihre Hertzen. Bojorich durchstach einen Römischen Obersten Lucius
Drusus; welchen er wegen seiner güldenen Rüstung für den Marius ansah / Hertzog
Merodach verwundete den Catulus; und der verzweiffelte Fürst Lucius riss einen
Römischen Adler zu Bodem; ward aber zu grossem Unglück erstochen. Aber welche
Grossmütigkeit mag gegen dem donnernden Verhängnisse bestehen? Welche
Riesen-Armen sind dem Winde gewachsen; welcher auch hundertjährige Eichen mit
ihren Wurtzeln ausreisset. Wer kann denen Pfeilen fürbeugen / die der Himmel
selbst von seinen Bogen abscheust / und uns ins Hertze richtet? Wer will die
Augen des Leibes und des Gemütes gegen die uns selbst bländende Gotteit
aufftun? Daher stürtzte Hertzog Cesorich ohne seine Verwahrlosung mit dem
Pferde in einen Graben / und ward gefangen. Sylla erlegte mit eigener Faust
seinen Bruder Uffo / einen zwar hertzhaften Fürsten; von welchem aber noch die
besten Früchte zu hoffen waren. König Bojorich /welcher ihm vorgesätzt hatte zu
sterben / oder den Wind noch einmal zu gewinnen / drang durch drei Römische
Hauffen wie ein Blitz / und erlegte selbigen Tag eigenhändig zwei und dreissig
Feinde; aber er ward doch endlich durch eben so viel Wunden erleget. Worbei
Marius das Glücke hatte: dass er ihm die letzte / und hiermit auch selbten vom
Pferde setzte; welchem aber dieser Römische Feldherr nachrühmte: Bojorich hätte
wie ein Löw gefochten / und seine Haut teuer verkaufft. Bei Entfallung dieser
drei fürnehmer Häupter mussten die von dem dürren Winde / und der unerträglichen
Hitze der damahls im Löwen brennenden Sonne fast verschmachtenden und
zerschmeltzenden Deutschen nicht so wohl der Tugend der Römer / als dem Winde /
der Sonne und dem Verhängnisse aus dem Wege treten / und so gut sie konten sich
in ihr Läger ziehen. Ein Teil derselben flüchtete sich auch in eine Wagenburg;
in welche die Königin Hatta / des Fennischen Königs Tochter / die Fürstin
Leutgarde / Kumissa / Adela / und etliche tausend edle Frauen und Jungfrauen ohne
die gemeinen sich unter einem rauhen Berge engeschlossen hatten. An diese
setzten zwei Römische Legionen mit etlich tausend Balearischen Schützen an; weil
Marius in einem Tage dem Cimbrischen Kriege ein Ende machen wollte / sie wurden
aber nicht so wohl von der wenigen Mannschaft / als denen behertzten Weibern /
und zugleich denen starcken Hunden dreimal zurück getrieben. Als aber Marius
endlich durch Pech / Hartzt und Schwefel die Wagenburg in Brand brachte / und
sie sich verloren sahen; schickte die Königin Hatta an Marius / und erklärte
sich: dass / da er ihre Keuschheit zur Entweihung beschirmen; sie auch zu Rom in
dem Heiligtum der Vestalischen Jungfrauen bewahren wollte; wären sie erbötig
sich zu ergeben / und sich allen Vestalischen Gesetzen zu unterwerffen. Denn das
deutsche Frauenzimmer setzte die Freiheit dem Leben / die Keuschheit aber beiden
für; welche / wie sie hörten / zu Rom unter dem Nahmen der Vesta göttlich
verehret würde. Ohne dieser Verunehrung könnte er ihrem an dem Kriege keine
Schuld habendem Geschlechte ihre Bitte nicht abschlagen; welches er ohnediss nach
überwundenen Männern ohne Schimpff nicht bekriegen könnte. Zumal er ohne diss sich
nur ihrer Leiber bemächtigen könnte. Denn diese wären nur in ihrer eigenen Gewalt
/ und ihrer Tugend kein Vorteil abzujagen. Derogestalt wäre es ein weniges /
was er ihnen liesse; wenn er ihnen aber nichts gebe; würde ihm auch von ihnen
nichts zu statten kommen. Aber der rauhe Marius antwortete ihnen: dieses
Heiligtum wäre für so wilde Weiber nicht gewiedmet. Dieses verursachte; dass sie
im Angesichte der Römer ihre zarten Kinder an die Felsen und Wagen schmetterten;
dieselben auch / welche nicht zum fechten geschickt waren / sich an die Bäume
auffhingen / und hierzu an statt der Stricke ihre abgeschnittene Haare
brauchten. Unter andern war eine edle Frau / welche ihre zwei kleinen Söhne an
ihre Füsse / und sich mit ihnen an eine Deichsel hing; vorgebende: dass nichts /
waran ihre Kinder hencken sollten / als diss / worvon sie ihr Leben bekommen /
würdig wäre. Die übrigen Frauen aber fielen die Römer wie wütende Tiere an; und
geselleten ihren abscheidenden Geistern noch nicht wenig feindliche zu; halffen
auch hierdurch: dass Hertzog Merodach / weil Claudicus in der Flucht ebenfalls
gefangen ward / mit noch dreissig tausend Mann in die Lepontischen und
Penninischen Alpen entrann. Der Deutschen waren siebzig tausend erschlagen /
dreissig tausend gefangen. Auff Römischer Seite blieben etliche dreissig tausend;
also sich über die Römischen Geschichtschreiber zu verwundern; die sich nicht
schämen die deutsche Niederlage noch zweimal grösser zu machen; hingegen zu
tichten: dass der Römer nicht vor voll dreihundert erlegt worden wären; da doch
ihrer mehr als zweitausend von Weibern erschlagen worden. Die Königin Hatta
stach ihr selbst /weil die Römischen Befehlhaber sie nicht zu tödten /sondern
gefangen zu nehmen verordneten / ihr eigenes Schwerd in die Brüste. Ihr Leib
ward hernach von denen gefangenen Barden mit Erlaubnis des Marius in eine nahe
dabei befindliche Höle begraben; und zu ihrem Gedächtnisse in einen Felsen
eingehauen:
Als Hatta sich erstach / rieff sie: Schwerd / Leiche Seele /
Seid Zeugen meiner Scham / beim Feinde / Mann und Gott.
So preist nun / nicht beweint dieselbe / welcher Todt
Hat Zeugnis auff der Welt / im Himmel / in der Höle.
    Zu Rom war über diesem Siege / von dem die Römer hernach abergläubisch
getichtet haben: dass selbten eben selbigen Tag zwei mit Lorbern gekräntzte
Jünglinge bei dem Heiligtum des Castors und Pollux zu Rom verkündiget hätten /
so grosse Freude: dass das Volck nicht nur den Göttern /sondern auch dem Marius
opfferten; ja bei ankommender Zeitung kein Bürger in Rom war / der ihn nicht
unter die Zahl der Götter rechnete. Der Rat musste ihn aufs neue zum
Bürgermeister bestätigen; sein Geschlechte / weil er eines Tagelöhners Sohn war
/ unter die Edelsten zehlen; ihn nach dem Romulus und Camillus den dritten Vater
der Stadt Rom nennen / und ein zweifaches Siegs-Gepränge ihm zueignen; wiewol er
sich an einem / darzu er auch den Catulus zum Geferten nahm / vergnügte; und
dadurch etlicher massen die Verdüsterung des Catulus entschuldigte / dessen Heer
ein und dreissig / des Marius aber nur zwei deutsche Kriegs-Fahnen erobert
hatten. Uber diss weiseten des Catulus Kriegs-Leute den Gesandten von Parma auf
der Wallstatt: Dass fast alle Todten mit ihren Schuss- und Wurff-Pfeilen erleget
waren; als welche sie mit des Catulus ihres Feld-Herrn Nahmen vorher bezeichnet
hatten. Gleichwol aber schien es nicht wenig hochmütig zu sein: dass Marius nach
dem Beispiele des über Indien siegprangenden Bachus bei seinem Einzuge in Rom
eine Kanne in der Hand führete; und den zehn Füsse hohen / und sich unter seiner
Rüstung bückenden König Teutobach mit güldenen Fesseln für seinem Wagen
herjagte. Hingegen baute er der Ehre und Tugend nur aus gemeinen Steinen und
auff bäuerische Art /gleichsam der Bau-Kunst und den edlen Steinen /oder
vielmehr dardurch gemeinten alten Geschlechten zu Hohne; Catulus aus Marmel /
aber ohne mindere Ehrsucht dem Glücke einen Tempel; gleich als ob diss mehr / als
ihre Tapferkeit die Uhrheberin dieses Sieges wäre. Wiewol sonst iederman
insgemein die glücklichen Streiche seinem Witze / die unglücklichen dem
Verhängnisse zuschreibt; und daher die siegenden Feld-Herren stets für klug
gepriesen werden; Die verspielenden aber durch tausend Zeugen nimmermehr
ablehnen können / dass sie nicht was versehen hätten. Wormit nun der Adel sich
bei dem glücklichen Marius so viel mehr einliebte / liess der Römische Rat auff
den Berg Vogesus / und zwar auff den Fels / darauff Calphurnia geopffert worden
war / einen Ey-rundten Siegs-Tempel bauen; in dessen Mitte das Bild des
Cimbrischen Sieges aus Corintischem Ertzt auf einem marmelnen Fuss stand / unter
welchem der Brunn des Flusses Po herfür qvall. Auff der Abend-Seite des Tempels
stand das Bild seiner Tochter Calphurnia aus Alabaster / auf einem ertztenen
Begräbnis-Maale; daran auswendig ihre Auffopfferung geetzt / inwendig aber in
einem güldenen Geschirre ihre Todten-Asche verwahrt war. Auff der Seite war im
Ertzte zu lesen:
Nach dem Calphurnia besiegt die Wollust hat /
Der reinen Jungfrauschaft den keuschen Geist geweiht;
Tilgt sie die Eigen-Lieb und weib'sche Zärtligkeit /
Sie hemmt der Cimbern Sieg / der Römer Unglücks-Rad
Zertrennt der Feinde Macht und den Verhängnis-Drat /
Bemeistert endlich auch Vergessenheit und Zeit /
Wenn sie fürs Vaterland ihr Blut zum Opffer leiht
Dass ihr gutwillig Tod umwende Krieg und Blat.
Mässt / Sterblichen / ihr Tun nach ihrem Grabe nicht /
Die Asche vom Gestirn' hat selber keinen Schein.
Sie konnte / wenn man prüfft den Schatten und ihr Licht /
Lebendig nichts nicht mehr / todt nichts nicht minders sein.
Doch ists genung: dass sie die Nachwelt nennen muss:
Die Mutter der Stadt Rom / ein Kind des Marius.
    Gegen Ost stand auff einem schwartz-marmelnen Fusse das Bild des Marius aus
weissen Marmel gehauen; in welchem der Bildhauer durch ein besonder Kunst-Stücke
eine rote Ader zu dem sein Haupt umflechtenden Lorber-Crantze gebraucht hatte.
Die drei Schlachten des Marius wider den Jugurta / die Teutoner und Cimbern /
wie auch die Auffopfferung seiner Tochter Calphurnia waren unten in
Corintisches Ertzt gegossen; in den marmelnen Fuss aber eingegraben:
Die Marmel zanckten sich / als Rom diss Bild gebot
Zu fertigen; woraus es sollte sein gepräget?
Der schwartze / weil der Held die schwartzen Mohren schläget /
Der weisse / weil er schmeist die weissen Deutschen todt /
Der rote / weil er selbst für die gemeine Not
Den Göttern / die erzürnt / der Tochter Blut fürträget.
Biss dass Minervens Spruch den Zwist hat beigeleget:
Der Fuss sei schwartz / das Bild selbst weiss / der Siegs-Krantz rot.
Nun kützele der Neid sich über diesem Bilde;
Es sei von Lorbeern reich / entblösset aller Schilde /
Rom hab' ihn nicht gezeugt / kein Anherr steh' dabei.
Die Taten zeugens ihm zu aller Römer Ruhme:
Dass er mehr als ihr Kind / des Adels Kern und Blume /
Des Kriegs-Gotts erster Sohn / Roms dritter Vater sei.
    Am allermerckwürdigsten aber war: dass die edelsten Geschlechter / welche den
Marius vorher bei dem Jugurtinischen Kriege wegen ihm auff getragener hohen
Gewalt auffs eusserste angefeindet hatten /ihm ihre erste Stimme gaben: dass er
solche Ehren-Maale durch seine Tugend verdient hätte. Also steiget diese endlich
so hoch: dass dem Neide das Gesichte vergehet; wenn er selbter nachsehen will.
Denn weil die Missgunst nichts himmlisches an sich hat; sondern als ein geringer
Dunst von der Erden / und aus niedrigen Tälern entspringet; wird selbte von
denen kräfftigen Sonnenstrahlen der Tugend bald untergedrückt. Ja wie der
Schatten der Erde mit seiner Verfinsterung nur den niedrigen Monden / nicht die
höhern Gestirne erreichet; also muss die Missgunst auch alle die unversehret
lassen: welche durch ihr Verdienst sich in so hohen Stand versetzt haben: dass
mit ihnen sich niemand vergleichen kann.
    Wie nun die Uberbleibung von des König Teutobachs Heere; welche sich in den
Alpen zu verstärcken vermeinten / auch die unglückliche Schlacht König Bojorichs
vernahmen; liessen sie die Hoffnung den Römern einiges Land abzuzwingen fahren;
kehrten sie zurücke an den Rhein / an welchem sie sechstausend Mann mit ihrem
schwersten Geräte zurücke gelassen hatten. Alldieweil aber ihnen die Deutschen
/insonderheit aber die Bojen keinen Sitz erlauben wollten; sondern man
allentalben ihnen mit Heereskrafft begegnete: nahmen sie ihren Weg an der Maass
hinunter; und setzten zwischen der Schelde und dem Flusse Sabis bei ihren
daselbst vorhin schon eingesessenen Landes-Leuten denen Adualichern festen Fuss.
Ein Teil darvon aber ward von denen Celtiberiern auffgenommen; welche hernach
den Römern in Hispanien genung zu schaffen machten. Denn sie redeten die
Lusitanier auff: dass sie wider den Cornelius Dolabella die Waffen ergriffen /
als auch sie geschlagen / und etliche hundert nach Rom gefangen geführt; und in
den Schauplatz wieder Löwen und Elefanten zu kämpffen gebracht wurden; redete
sie ein einiger darunter befindliche Deutsche auf: dass sie durch freiwilligen
Kampff einander selbst aufrieben. Nichts minder lehnten sich die Celtiberier mit
ihnen gegen die Römer auf; und überfielen sie in der Stadt Castulo. Daher die
Römer zehn Gesandten in Hispanien zu schicken genötiget wurden. Wiewol auch
Titus Didius wieder die Vacceer und Termestiner glücklich fochte; so hemten doch
diese gewaltig den Lauff seiner siegenden Waffen; und strafften die an der Stadt
Colenda verräterisch ausgeübte Mord-Lust. Nasica wütete zwar nach ihm auff
etliche Gefangene / und äscherte unterschiedene Städte ein; goss aber dardurch
nur mehr Oel ins Feuer; biss Cajus Valerius durch Erlegung wohl zwantzig tausend
Celtiberier solches auff eine zeitlang stillete. Ein Teil der Deutschen ward
auch von den Tencterern bewirtet; welches an dem Rheine unterhalb dem Flusse
Segus eine Stadt nach dem Nahmen der Teutoner baute.
    Hertzog Merodach aber zohe mit des erschlagenen Königs Bojorich über die
Penninischen Alpen entronnenen Cimbern zu ihren Landes-Leuten denen Scordiskiern
in Pannonien und Tracien; welche die Römer in verwichenen Kriegen entweder aus
Illyricum vertrieben / oder sie zum Pfluge verdamt hatten. Durch diese neue
Verstärckung aber streckten die Scordiskischen Deutschen abermals die Hörner
von sich; unterwarffen ihnen die Avtariaten / die Triballier / alle Eylande in
Ister / und erweiterten die zwei Haupt-Städte Heorta und Capedun. Ja Hertzog
Merodach / dessen Hertze von unauslöschlicher Rache gegen die Römer kochte /
nahm den Römern die Stadt Syrmium ab / schlug den Cajus Geminius auffs Haupt;
und eroberte alles / was die Deutschen zwischen der Sau und Drave verloren
hatten / verwüstete Macedonien mit Feuer und Schwerdt. Und / weil Marius unter
denen zwölff der Calphurnia geopfferten Jungfrauen auch seine Schwester mit
verbrennt / und zu Rom dem Jupiter sieben edle Deutschen geschlachtet hatte;
liess er hundert gefangenen edlen Römern über einem Kessel gleicher Gestalt die
Gurgel abschneiden; das Blut auff die Altäre giessen; aus ihren mit Gold
eingefasten Hirnschädeln aber Trinckgeschirre bereiten. Wesswegen zu Rom nicht
nur ein Ratschluss gemacht ward: dass weder einige Römer noch ihre Bundgenossen
Menschen-Blut opffern sollten; sondern es erregte auch des Geminius Niederlage
abermals grosses Schrecken; sonderlich: weil kurtz vorher der Ratsherr Manilius
angedeutet hatte: dass der zeiter gelebte Glücks-Vogel Phönix sich eingeäschert;
und darmit die Eintretung eines neuen und grossen Welt-Jahres angekündigt hätte
/ welches die merckwürdigsten Veränderungen nach sich ziehen würde.
    Die empfindlichste Wunde aber versetzten den Römern die vierzigtausend
Deutschen; welche Marius in dem mit dem Könige Teutobach und Bojorich geführten
Kriege gefangen / und hernach durch ganz Italien für Knechte verkaufft hatte.
Denn nach diesen Siegen verfiel Rom in Wollüste und Laster; gleich / als weñ ihr
glücklicher Wolstand keiner Tugend mehr benötiget wäre; oder bei dem Wechsel
des grossen Welt-Jahres die Bosheit nicht nur die Farbe / sondern auch die Güte
der Tugend überkommen hätte. Daher ermordete Malleolus seine Mutter. Der
törichte Apulejus warff sich für einen König wieder den Römischen Rat auff.
Der grausame Rabirius setzte sein vom zerstückten Leibe gerissenes Haupt auff
etlichen Gastmahlen zum Schau-Gerichte auff. Der hoffärtige Claudius führte
grausame Schauspiele und Streite wieder Elefanten; und Sylla ein Gefechte von
hundert Löwen ein. Crassus und Domitius brachten durch übermässige Zahlung der
Häuser / Trinck geschirre und Bäume / wie auch durch Betrauerung fremder Fische
nichts minder die Verschwendung / als Eitelkeit in Schwung. Am meisten aber
drückte der Ehrsüchtige Marius durch seine übrige Gewalt die Bürger. Der
redliche Metellus musste ihm aus Rom weichen. Der ehrliche Rutilius ward ins
Elend verjagt; und ihm sein Vermögen unrechtmässig abgesprochen. Der unruhige
Drusus erschöpfte dem Marius zu Liebe durch Einführung des Gracchischen Acker-
und Brodt-Gesetzes die gemeinen Einkünfte; brachte durch das versprochene /
hernach aber nicht gewehrte Römische Bürger-Recht die meisten Völcker wieder Rom
in Harnisch. Denn diese / insonderheit aber die von den Deutschen entsprungenen
Marsen / und die mit den Bojen / Liebiciern und andern Deutschen für Alters
verbundenen und befreundeten Samniter rühmten sich: dass sie durch ihr Blut die
Cimbern und Teutonen zurück getrieben / das Römische Reich so gross gemacht /
nichts anders aber zu Lohne hätten: als dass man sie verächtlicher / deñ einen
Römischen Freigelassenen hielte; welches die redlichsten uñ verständigsten
Bürger in Rom selbst als Unrecht verdammten. Pompedius Silo der Marsen Fürst /
und der für nehmste Uhrheber dieses Werckes hatte desshalben mit den
Zunftmeistern in Rom vertrauliches Verständnis; schrieb ihnen als eine heilsame
Eriñerung zu: dass die Römer niemahls über / auch nie ohne die Marsen einen
hauptsächlichen Sieg erlangt hätten; beschwerte sich zum ersten bei den Nachbarn
hierüber; uñ dass man den ihrer gerechten Sache beipflichtenden Drusus desshalben
mit einem Schusterkneip meuchelmörderisch erstoche hätte. Hiermit brachte er es
so weit: dass die Pelignische Gräntz-Stadt Corfinium zum Haupte Italiens erkläret
/ zwei gemeine Bürgermeister / zwölff Vögte / und ein grosser Rat von fünff
hundert Gliedern erwehlet ward. Dieser erklärte alsbald alle dienstbare
Deutschen auff den Fall / wenn sie einen aus den Feinden erlegt haben würden /
frei; und gewannen dardurch über zwantzig tausend streitbare / und für den
Gewinn der Freiheit begierig aufopffernde Kriegs-Leute. Das erste Merckmal ihrer
Danckbarkeit zeigten sie zu Asculum an dem Flusse Truentus. Denn als Cneus
Pompejus solche Stadt mit Gewalt stürmte / und die Einwohner sich mit Fleiss
einer verzagten Gegenwehr gebrauchten / und nur schwache alte Greise auff die
Zinnen stellten; fielen tausend Deutsche und tausend Asculaner heraus / und
jagten die Römer mit Verlust alles Sturm-Zeuges und vielen Volckes hinweg. Die
Lucaner nahmen den Sulpitius Galba gefangen; Aus dem Römischen Läger ward dem
Fürsten Selo alles verkundschaftet. Und ob wohl die Lateiner / Hetrusker und
Umbrier auff Römischer Seite blieben; Aus Asien auch Hülffs-Völcker ankamen; so
legte doch der einigen deutschen Beisatz denen Marsen und Samnitern ein solch
Gewichte bei: dass jene den Bürgermeister Rutilius Lupus / Judacilius / Afranius
und Ventidius den Pompejus Bettius Cato mit den Samnitern den Bürgermeister
Lucius Julius aus dem Felde schlugen / sie belägerten / die Stadt Venafruno und
Nola einnahmen / und den Licinius Crassus zu weichen / ja noch viel bei den
Römern stehende Völcker abzufallen nötigten. Der Bürgermeister Rutilius trennte
sich zwar vom Marius; und meinte denen ihm an dem Flusse Telonius gegen über
liegenden Marsen einen gewaltigen Streich zuversetzen. Vettius Cato aber kriegte
hiervon Nachricht; versteckte also vier tausend Deutsche in ein Tal; welche /
nach dem er vorher dem Rutilius eine zeitlang tapffer gefochten / den Römern
teils in Rücken gehen / teils die Brücke abbrachen; und den Bürgermeister mit
acht tausend Römern erschlugen; ohne die in der Flucht im Strome ersoffen. Der
Römische Rat liess hierauff zwar den Marius die Helffte seines Heeres dem Cepio
zuteilen; der Marsen Fürst Silo aber verleitete diesen unvorsichtigen Jüngling
durch Uberlieferung zweier gemeiner / aber für seine Kinder ausgegebener Knaben
/ wie auch durch vieler mit Gold und Silber überzogener Blei-Platten in sein
gestelltes Netze; darinnen Cepio mit zehntausend Römern von den Deutschen und
Marsen gleichsam als Vieh abgeschlachtet wurden; Weil die Römer wegen der sie
auff allen Seiten anfallenden Feinde ihre Waffen zu zücken weder Raum noch Zeit
hatten. Die darüber bekümmerten Römer folgten hierauf dem Beispiele ihres
Feindes; machten daher aus denen gefangenen Deutschen auch zehen tausend
Kriegs-Leute; und liessen sie nebst so viel Africanischen Reutern zu des
Bürgermeisters Lucius Julius Cäsars Legionen stossen. Hingegen putzte der
Samniter Fürst Papius den zu Venusta verwahrten Sohn des Jugurta Oxynta als
einen König aus; und verursachte: dass das Africanische Kriegs-Volck meist zu ihm
überlieff; Worauff er denn auch die Stadt Esernia eroberte. Julius wollte die vom
Papius belägerte Stadt Acerre zwar entsetzen; Marius Egnatius aber erschlug ihm
darüber dreissig tausend Römer. Jedoch rächete solches Marius und Sylla an den
Marsen; welche der erstere wegen allzugrosser Sicherheit überfiel und zertrennte
/ der andere aber in ihrer Flucht ihnen noch grössern Schaden zufügte. So bald
aber Fürst Silo nur die für Acerre gewesenen Cimbern wieder zu sich bekam; bot
er nicht allein dem Marius wieder die Stirne; sondern beschloss ihn auch in
seinem Läger / ritt unter den Wall an die Pforte / und ruffte ihm zu: dass weñ er
ein so grosser Feld-Herr wäre / sollte er heraus rücken. Welchem Marius nur
antwortete: Wenn Silo ein kluger Feld-Herr wäre / würde er ihn nichtnötigen
wider Willen zuschlagen. Durch welchen Krieg also die Römer nicht nur zu Hause
gekränckt; sondern auch fast all ihr Ansehen in Asien ausgelescht / und die
Saluvier in Gallien wider Rom auffzustehen veranlasst; iedoch diese vom Cajus
Cöcilius wieder bestillt wurden. Marius wagte zwar endlich denen Marsen und
Deutschen eine Schlacht zu lieffern; er ward aber mit Verlust in sein Läger
getrieben; Und wäre diss zugleich erobert worden: Wenn die Peligner die schon den
Wall behauptenden Deutschen nicht allein im Stiche gelassen hätten. Westwegen
Marius den Römern nicht nur ihre Zagheit mit diesen Worten verwies: Die Marsen
hätten nicht der Römer Rücken / diese aber nicht jener Antlitz vertragen können;
sondern auch bei seinem derogestalt verwaltenden Gelücke mit vorgeschützter
Unpässlichkeit abdanckte. Weil nun ie länger ie mehr Völcker in Italien von Rom
abfielen; musste der Römische Rat sein Heer mit Freigelassenen verstärcken; und
durch einen Ratschluss / welcher allen in unverrückter Treue verbliebenen das
Römische Bürger-Recht verlieh / dem ganzen Abfalle Italiens einen Riegel
vorschieben. Julius schlug hierauff zwar die Samniter / Cneus Pompejus die
Marsen / Böbius belägerte Asculum / und der solchen durch das Römische Lager zu
Hülffe hinein dringende tapffere Kriegs-Held Judacil / welchen aus den
gefangenen Cimbern die Apulier und Picentes zu ihrem Heerführer gemacht hatten /
verbrennte sich nach ausgetrunckenem Giffte in dem herrlichsten Tempel daselbst;
weil er unter den zaghaften Asculanern länger zu leben überdrüssig ward. Allein
die Bundgenossen der Lateiner / Marsen und Deutschen wurden dardurch nur mehr
verbittert als geschwächet / und die Römer gezwungen durch den Plautius und
Carbo ein neu Gesetze zu machen: dass alle zu denen mit Rom verbundenen Städten
gehörige Einwohner Italiens /die sich in sechzig Tagen anmelden würden / für
Römische Bürger angenommen werden sollten. Diss aber halff noch wenig zur Sache.
Die Skordisker und Tracier hauseten in Macedonien nach Gefallen. Die
Krieges-Zucht verfiel in den Römischen Heeren. Ihr Gebieter auff der
Kriegs-Flotte Postumius Albinus ward von gemeinen Knechten ermordet; Gleichwol
aber musste Sylla durch die Finger sehen. Jedoch erlangte er durch das ihm
gleichsam vermählte Gelücke wider die Peligner und Samniter zwei herrliche
Siege; zuderer erstern die Vermessenheit eines trunckenen Cimbers; welchen auff
seine öfftere Ausforderung ein Mohr mit einem Pfeile erschoss; und dardurch als
eine Andeutung künftiger Niederlage das ganze Pelignische Heer kleinmütig
machte. Zum andern aber der Aberglaube Ursache gab: weil / als Sylla opfferte
/unter dem Altare eine Schlange herfür kroch; welches die Römer als ein gewisses
Sieges-Zeichen zur Tapfferkeit nicht wenig auffmunterte. Hingegen aber ward der
Bürgermeister Lucius Portius / als er der Marsen und Deutschen Lager an dem
Fucinischen See stürmte / und Aulus Gabinius von Lucanern erschlagen. Und ob wohl
die Hirpnier und Samniter hin und wieder einbüssten; Asculum auch an die Römer
über ging; ging doch der unverzagte Selo mit seinen Deutschen dem Mamercus
Emilius tapffer unter die Augen / und nahm die Stadt Boviam ein. Wesswegen ihm
fast ganz Italien ein herrliches Siegs-Gepränge bereitete. Die Bundsgenossen
suchten zwar durch eine Botschaft den Pontischen König Mitridates mit in ihr
Bündnis wieder Rom zu ziehen / aber sie konten von ihm keine gewisse
Entschlüssung erhalten; Gleichwol aber legten sie zu seiner hernach gegen Rom
ausgeübten Feindschaft gleichsam den ersten Stein. Sintemahl er dem Sotimus
der Scordiskischen deutschen Könige heimlich in Ohren lag / und durch Geschencke
ihn dahin brachte: dass er die Römischen Kräffte durch unauffhörliche Einfälle in
Macedonien zerteilte. Durch dieses und die zwischen dem Sylla und Marius
erwachsende grausame Zwytracht ward Rom endlich genötiget anfangs den tapferen
Marsen / und denen mit ihnen vermischten Cimbern und Teutonern / hernach allen
Völckern Italiens das durch so vieles Blut befochtene Römische Bürger-Recht zu
geben; welches aber bald mit viel blutigen Strömen versaltzen und besudelt ward.
Denn in dem durch den Sylla und Marius entsponnenen bürgerlichen Kriege ward vom
Morden nicht ehe aufgehöret / als biss niemand fast zu erschlagen übrig war; weil
beider Ehrsucht von so vielem Blute mehr erhitzet; ihr Rachgier aber nicht
gesättiget ward. Dahero tranck Sylla das Blut der Römischen Bürgermeister aus
güldenen Geschirren; Marius aber setzte die Köpffe der Rats-Herren zu
Schau-Gerichten auff seine Tafel. Catulus verschlang glüende Kohlen; und der
Priester Merula bespritzte mit dem Saffte seiner zerkerbten Adern die Augen des
Jupiters. Mucius Scevola der hohe Priester äscherte seinen Leib über dem
Vestalischen Feuer ein; ehe sie den Grimm dieser Tiger erwarteten; welche das
Rat-Haus zu einer Schlacht-Banck / die Tempel zu Mord-Gruben / das Capitolium
zum Stein-Hauffen machten. Also: dass dieses mahl / da die Römer nicht in ihre
eigene Glieder ärger als wütende Wölffe raseten; ja die Raserei nicht auffhörte
/ als die zwei Tod-Feinde Sylla und Marius gleich in zwei feindliche Gräber /
jener nehmlich ins Feuer / dieser ins Wasser verscharret war; die Deutschen ihre
Rache gegen die Römer durch ihre gäntzliche Vertilgung unschwer hätten ausüben
können; wenn nicht die Deutschen teils mit den Galliern / teils unter sich
selbst täglich einander in Haaren gelegen / und insonderheit zwischen dem
Cheruskischen Hertzoge Aembrich / und dem Alemänner Könige Ariovist ein
grausamer Krieg entbrant wäre. Gleichwol mag ich nicht verschweigen: dass unter
beiden kriegenden Teilen der Römer / die Deutschen die Hand mit im Spiele
gehabt haben. Unter welchen ich alleine erwähnen will eines Marsingischen Ritters
Schöneich; welcher vom Marius in der mit dem Könige Teutobach gehaltenen
Schlacht gefangen / und nach der Stadt Minturne an dem Flusse Liris verkaufft
worden war. Dahin flüchtete sich auch der aus Rom vom Sylla vertriebene Marius;
welchen der Römische Rat durch offene Befehl zu tödten bei Verlust des Lebens
anschafte. Als diese Verordnung nach Minturne / wo Marius sich in einer
geringen Hütte aufhielt / ankam; war der Stadt-Rat zwischen Tür und Angel;
weil dieser dem Befehl zu wiederstreben / gleichwol aber den so hoch verdienten
Marius / der sechsmahl Bürgermeister gewest war / hinzurichten billich anstand.
Daher versprach der oberste Rats-Herr zu Minturne / der den Deutschen leibeigen
gekaufft hatte / ihm die Freiheit; da er einen vom Römischen Rate verdamten
Menschen in der ihm gezeigten Hütte ins geheim niedermachen würde. Schöneich /
der in denen Gedancken lebte: dass dieser ein frecher Ubeltäter wäre / welchen
sie anzutasten fürchteten / ging behertzt in die Hütte / und fand den Marius
schlaffend. Weil er aber sein verdecktes Antlitz vorher sehen wollte; polterte er
mit Fleiss um ihn zu erwecken. Wie nun der Schlaffende hierüber aufffuhr / und
der Ritter ihn für den grossen Marius erkennte; warff er seinen Degen zu Boden;
lieff ohne einiges Wort zurücke / und meldete seinem Herren an: Er begehrte
seine Freiheit durch den Meuchelmord eines so tapffern Heldens nicht zu
erkauffen; noch sich mit desselben Blute zu besudeln / aus dessen Augen feurige
Strahlen gegangen / und etwas mehr /als Menschliches geleuchtet hätte. Dieses
bewegte den Rat: dass sie den Marius / welchem ohne diss aus sieben in die Schoss
gefallenen jungen Adlern gewahrsagt worden war: er würde siebenmahl zu Rom
Bürgermeister sein / aus der Stadt zwischen die Minturnischen Pfützen führten /
von dar er auff einem Fischer-Kahne entkam; und in dem Abraume der
eingeäscherten Stadt Cartago den Wechsel des ungetreuen Glückes seuffzende
überlegte. Von dar er aber / als Sylla wider den Mitridates kriegte / wieder
nach Rom kam / zum siebendenmal Bürgermeister ward /in dieser Würde starb / und
die Nachwelt zweifelhaft liess: Ob er im Kriege mehr genutzt / oder im Friede
mehr geschadet habe.
    Bei diesen gefährlichen Anstössen hatten die Deutschen in Galatien zwar für
den Römern Ruh; allein es ging ihnen in der Nähe / und fast über ihrem Wirbel
am grossen Pontischen Könige Mitridates ein grausamer Schwantz-Stern auff.
Diese seine Eigenschaft ward durch einen so wohl seiner Geburt / als Herrschaft
vorleuchtenden Schwantz-Stern von dem Himmel selbst angedeutet; der wohl siebzig
Tage mit seiner feurigen Rutte der Welt gedräuet / ja das vierdte Teil des
Himmels eingenommen / und den Glantz der Sonne selbst untergedrückt haben soll.
Sein Vater Mitridates hatte den Römern wider den Aristonicus Beistand geleistet
/ und dardurch den Nahmen eines Römischen Bundgenossen / wie auch das grössere
Phrygien erworben; ward aber in der von seinem Vater Pharnaces eroberten Stadt
Sinope von den Seinigen ermordet. Dem jungen nur eilfjährige Mitridates ward
von seinen Vormünden selbst mit Gift und Schwerdt nachgetrachtet; welches ihm
die Erlernung der Kräuter-Wissenschaft die Erfindung eines kräfftigen
Gegengiffts an die Hand gab; und verursachte: dass er vier Jahr unter keinem
Dache schlieff; sondern in Wäldern und Gebürgen wohnte / also Leib und Gemüte
zur Arbeit und Tugend abhärtete. Hiernechst lernte er wohl zwei und zwantzig
Sprachen; für welche Wissenschaft ihm sein vom Flusse Halys biss an Armenien
sich erstreckendes Reich viel zu enge war. Daher er bei angetretener Herrschaft
sich zum Herren aller der Völcker zu machen lüstern ward / mit welchen er reden
konnte. Wormit er nun weder denen mächtigen Römern / noch den Asiatischen
Nachbarn keinen Argwohn wieder sich erregte / machte er mit diesen Bündnisse /
verknüpffte sich mit den Deutschen in Galatia / Tracien / und denen Bastarnen;
setzte hierauff über das Euxinische Meer in das Asiatische Sarmatien / nahm
daselbst die Stadt Gorgippia / Hierus / ja alles disseits des Berges Corax von
dem Flusse Icarusa biss an die Cimmerische Meer-Enge in einem Sommer ein. Der
Galatischen Deutschen Fürst Herrmann / welcher zum ersten festen Fuss gesetzt
hatte /baute daselbst am Munde des Flusses Psychrus nach seinem Nahmen die Stadt
Hermonassa. Folgenden Feldzug richtete er wieder den Antipater Sisis den Fürsten
in Colchis / zwang ihn auch ihm sein ganzes Gebiete abzutreten. Als er sich nun
derogestalt von seiner Pontischen Gräntze an biss an den Fluss Corax Meister
gemacht hatte; brachte er es durch den Ruhm seiner Tapfferkeit dahin: dass die in
dem Taurischen Chersonesus bei dem Partenischen Vorgebürge von denen aus der
Pontischen Stadt Heraclea überfahrenden Handels-Leuten erbaute / und von den
Scyten erweiterte Stadt Chersonesus ihn als ihren Schutzherren zu Hülffe
rufften; weil sie der Scyten Gewalt nicht mehr gewachsen war. Wie nun
dergleichen Beruff der scheinbarste Vorwand / und das sicherste Mittel ist /sich
fremder Länder zu bemächtigen. Also wusste der verschmitzte Mitridates sich auch
unter dem Scheine anderer Beschirmung sein Gebiete meisterlich zu vergrössern.
Der Chersonesische König Scilurus mit seinen 80. streitbaren Söhnen machte ihm
zwar eine Weile ziemlich zu schaffen; Aber nach dem er den Fürsten Palack auffs
Haupt geschlagen / und wohl dreissig seiner Brüder gefangen / musste nur dieses
Reich sich unter Mitridatens Botmässigkeit niedersencken. Der benachbarte
Bosphorische König Perisades hatte nicht einmal das Hertze den Degen zu zücken;
sondern erkeñte alsofort Mitridaten für seine Oberherren. Der sich aus der
Schlacht flüchtende Palack brachte zwar zu wege: dass der zwischen dem
Ripheischen Gebürge der Meotischen See / denen Flüssen Buges und Porytus
herrschende König der Roxolaner Tasius mit 50000. ausserlesenen Kriegsleuten biss
an die Land-Enge des Chersonesus einbrach /und die Stadt Taphre eroberte; so
begegnete ihnen doch Mitridatens Feld-Oberster Diaphantus mit zwantzigtausend
wolgewaffneten Mäñern / gegen welche der Roxolaner Ochsen-häutene Helme / und
von Wieten geflochtene Schilde nicht den Stich hielten / derogestalt: dass
Tansius kaum mit tausend Pferden entkam. Diophantus baute hierauff dem
Mitridates zu Ehren an den Tamyracischen Seebusem die Stadt Eupatorium; und von
solchem Buseme in der Enge eine Mauer biss an den Bycesischen See; wordurch den
Roxolanen und andern Scyten aller Einfall genungsam verwehrt ward. Mitridates
selbst segelte über die Meotische See / und nahm an dem Einflusse des Tanais die
berühmte Handels-Stadt Tanais / an der See die Städte Patarre / Azara / Tyrambe
/ Gerusa und Cimmerium ein; wordurch er gleichsam beider Meere / und des
Asiatischen Traciens Meister ward /ja gleichsam die Brodt- und Saltz-Kammer für
Grichenland und Asien in seine Hände bekam. Sintemahl alleine der Chersonesus
ihm jährlich hundert und achzig Malter Getreide und zweihundert Talent Silber
zinsete. An Schiffen und Volcke aber ward er so reich: Dass er nunmehr funffzig
tausend Reuter / und drittehalb hundert tausend Fuss-Knechte auff den Beinen /
vier hundert Kriegs-Schiffe im Wasser hatte; welche biss an die Säulen des
Hercules die Meere durchkreutzten / und viel Orte mit Hunger und Raub plagten.
Die Tauroscyten zwischen dem Flusse Pacyris und Pantycapes wurden zwar über
dieser mächtigen Nachbarschaft eiversüchtig / und banden mit dem Mitridates
an; Aber er ward derselben durch den Vorteil der Waffen und die
Kriegs-Wissenschaft seines geübten Heeres / welches Neoptolemus führte / nach
zweien Schlachten mächtig. Diese fast unerhörte Siege verstärckten seine ererbte
Macht wohl zehenfach; noch mehr aber vergrösserte sie der Ruhm von dem grossen
Mitridates bei allen Nord-Völckern. Sintemahl alle zwischen dem Borystenes und
dem Tracischen Bosphorus wohnenden Völcker mit ihm sich in Bündnis einliessen.
Dieser seiner Herrschsucht aber strich er eine scheinbare Farbe durch
angenommene Andacht an; indem er nicht nur in das eroberte Eyland Macra des
Achilles; sondern mit Zulassung seiner Bundsgenossen an dem sich mit dem
Hippanis vermählenden Boristenes der Ceres /und an des Axiaces Einflusse des
Neoptolemus Tempel erbaute; welche aber Festungen ähnlicher / als Heiligtümern
waren; Dadurch er denen benachbarten Völckern einen Kapzaum anlegte. Weil nun
sein endlicher Zweck war die Römische Macht als die bisherige
Schiffbruchs-Flotte aller Machten über einen Hauffen zu werffen; schickte er
einen Fürsten der Galatischen Deutschen in Deutschland und Gallien / machte mit
selbten ein geheimes Bündnis: dass wenn er mit den Römern brechen / und in
Griechenland einfallen würde / sie über die Alpen dringen sollten. Wie er diss
alles derogestalt auff festen Fuss gesetzt; insonderheit die streitbaren Scyten
und Deutschen unter seinen Krieges-Fahnen hatte / meinte er es nun Zeit zu sein
gegen seine Nachbarn los zu brechen. Zumahl die Könige in Syrien und Egypten
durch innerlichen Krieg und Mord sich selbst derogestalt abmergelten: dass diese
vorhin so grosse Sternen nunmehr schlechte Lichter in aller Nachbarn Augen
waren. Damit die Römer ihm auch nicht bald in die Karte sehen möchten / schickte
er eine Botschaft mit vielem Gelde nach Rom / dardurch er die meisten
Rats-Glieder bestach. Und weil Apulejus Saturninus solches merckte / die
Gesandten auch nicht höflich genung empfing; wäre er seines Kopffsverlustig
worden; wenn nicht der Pöfel ihn dem Urtel des Rats durch Dreuung entrissen
hätte. Unterdessen machte er mit dem Könige Nicomedes einen Vertrag; dass sie
Paphlagonien einnehmen und mit einander teilen wollten; welches denn auch wegen
ermangelnden Hauptes auszuüben sie wenig Müh und Zeit kostete. Biss hieher waren
die deutschen Mitridates treue Werckzeuge seiner vielen Siege gewest; als er
aber so nahe Galatien grasete /fingen sie an den grossen Schotten zu empfinden /
mit dem dieser mächtige Riese sie zu dämpffen anfing /und also ihrer Schantze
durch klugen Argwohn wahrzunehmen. Marius kam hierüber unter dem Scheine eines
der Cybele im Cimbrischen Kriege zu bauen gelobten Tempels in Asien; sein wahrer
Zweck aber war die Gemüter und Verfassungen der Asiatischen Könige
auszukundschaften. Und weil er nun im Friede sein Ansehen verwelcken sah /
daselbst Drachen-Zähne zum Wachstume eines neuen Krieges auszusäen. Dieser kam
auch nach Sinope zum Mitridates; da er denn nach genossenen vielen Ehren und
bezeugter grosser Vertrauligkeit dem Könige in ein Ohr sagte: Er müste entweder
lernen den Römern gehorsamen / oder sich mächtiger machen als sie wären.
Mitridaten war diss genung. Daher hielt er nun nicht mehr für ratsam seine
Klauen zu zeigen / und wollte vielmehr dene seine Heimligkeiten ausspürenden
Römern zuvor komen. Daher fiel er als ein Blitz in Cappodocien ein / erlegte
seiner Schwester Laodice Mann den König Ariarates / und bemächtigte sich des
ganzen Reiches. Ehe er aber diss völlig einnahm / kamen auff der Deutschen
heimliche Nachricht Römische Gesandten in Asien / welche so wohl Mitridaten als
Nicomeden alles gewonnene wieder abtreten hiessen. Nicomedes erklärte sich zu
gehorsamen; Gab aber halb Paphlagonien seinem Sohne und zugleich einen neuen
Nahmen Pylemenes. Allein Mitridates sagte: Paphlagonien wäre schon seinem Vater
zugefallen; Daher sie ihm zu spat seine Erbschaft streitig machten. So bald
auch er mit Cappadocien fertig war / fiel er mit ganzer Macht in Galatien ein;
weil die Deutschen ihre Hülffs-Völcker zu Hause geruffen / und seinem Verdachte
nach bei den Römern geklagt hatten. Die Deutschen begegneten zwar mit weniger
Macht aber mit unverzagtem Mute dem Mitridates /biss eine neue Botschaft von
Rom kam; welche ihn aus Galatien zu weichen / und denen Scyten die am
Boristenes mitler Zeit abgenommene Stadt Olbia /wie auch den Tempel der Ceres
zu räumen durch von ferne gezeigte Waffen bewegte. Die Deutschen wurden hiermit
nicht allein der Römer / sondern auch Nicomedens Bundsgenossen; und Mitridaten
so viel mehr ein Dorn in Augen. Nicomedes heiratete hierauff Laodicen
Ariaratens Wittib; Und weil er mit dieser etliche feste Schlösser bekam;
bemächtigte er sich mit Hülffe der Deutschen der Städte Saralus /Landosia und
Senatra. Aber Mitridates kam als ein Falcke dahin geflogen; eroberte das
verlohrne / und setzte des durch den Cappadocischen Uberläuffer Gordius erlegten
Königs Ariarates Sohn daselbst zum Könige ein. Nicomedes musste diesen edlen
Fürwand des Mitridates ihm belieben lassen; nach zweien Monaten aber rückte er
mit neuer Heeres-Krafft wieder in Cappadocien; weil der junge Ariarates dem
Gordius nicht das halbe Königreich abtreten wollte. Dieser aber kriegte von
Deutschen / Bityniern und Bastarnen in kurtzer Zeit so viel Hülffe: dass
Mitridates mit achzigtausenden zu Fuss / zehntausenden zu Rosse und sechs
hundert Streit-Wagen nicht zu schlagen getraute; Besonders da fünff hundert
deutsche Reuter wohl zwei tausend seines Vortrabs in die Flucht gejagt hatten.
Daher nahm er seine Zuflucht zur Arglist; und nach dem er Ariaraten unter einer
freundlichen Unterredung vom Frieden bewegt hatte /stach er ihm im Angesichte
beider Heere einen Dolch in Bauch. Dieser Fall des Hauptes nahm denen ohne diss
unter einander zwistigen Cappadociern das Hertze: dass ein Teil die Flucht er
griff / das andere zum Mitridates freiwillig übergieng. Daher die Deutschen und
Bastarnen auch ihre Schwerdter einsteckten; Und / weil ihnen Mitridates ein
grosses Stücke Geldes auszählte / wieder nach Hause kehrten. Mitridates aber
machte seinen achtjährigen Sohn zum Könige / und gab ihm den Nahmen Ariarates /
und den Gordius zum obersten Staats-Diener zu; Gleich als wenn die Annehmung
eines Cappadocischen Nahmens / und die Bestellung eines eingebohrnen Dieners
auch den Besitz selbiger Krone rechtfertigte. Wie aber nicht nur Gordius /
sondern Mitridates die Cappadocier mit Schätzungen zu sehr erschöpfte / und
wider sie als überwundene Feinde / nicht als Untertanen verfuhr / machten sie
einen allgemeinen Auffstand /berufften des ermordeten Ariarates Bruder aus
Asien zu ihrem Könige. Alleine Mitridates gewann durch eine einige Schlacht
ganz Cappadocien wieder; der entronnene König aber schöpffte daraus solchen
Unmut: dass er kurtz darnach so wohl den Geist als die Sehnsucht nach seinem
väterlichen Reiche ausbliess. Nicomedes ward hierüber Blatscheu / und bekümmert
für sein Bitynien; schickte also einen schönen Knaben mit seiner Gemahlin
Laodice nach Rom / welche daselbst diesen ihren dritten mit dem Ariarates
erzeugten Sohn ausgab / und um Einsetzung in Cappadocien anhielt. Mitridates
begegnete durch seinen Gesandten Pelopidas dieser Unwahrheit mit einer andern /
und gab seinen in Cappadocien zum Könige gemachten Sohn für ein Kind des
Ariarates aus / der den Römern wider den Aristonicus in Macedonien beigestanden
hätte. Der Rat zu Rom aber wiess beide mit ihrem Gesuch ab / und erklärte auff
der Deutschen in Galatien Gutachten so wohl die Paphlagonier / als Cappadocier
für freie Völcker. Welche letztern aber sich für die zwar an sich selbst
unschätzbare / ihnen aber / die zum Gehorsam geboren / und zum Herrschen
unfähig wären / unanständige Freiheit bedanckten / und um einen König baten /
ohne dem sie zu leben nicht getrauten. Hierauff setzten die Römer einen
Cappadocischen Fürsten Ariobarzanes durch der Deutschen König in Galatien zum
Könige ein. Mitridates musste diss geschehen lassen; und / um nicht mit Rom und
den Deutschen welchen die Römer ein Teil des grössern zwischen dem Flusse
Meander und Hermus gelegenen Phrygiens / wie auch den berühmten Saltz-See Tatta
verehrte / zur Unzeit zu brechen / ein Auge zutun. Gleichwol kochte sein Hertz
Rache; und daher vermählte er seine Tochter Cleopatra dem Armenischen Könige
Tigranes; welcher durch seine Heerführer Mitraas und Bagoas den friedsamen
Ariobarzanes über Hals und Kopff aus Cappadocien trieb; und Mitridatens Sohn
Ariarates wieder darein einsetzte. Weil nun durch unauffhörliches
Blutvergiessen der Selevkische Stamm gleichsam gar vertilget war; erwehlten die
Syrier den Tigranes zu ihrem Könige. Diese zwei Begebnüsse verursachten: dass der
Römische Rat den glücklichen Sylla in Cilicien schickte / so wohl den Tigranes /
als Mitridates zu beobachten. Weil aber die über beider Könige Verwandniss und
Macht sorgfältige Deutschen dem Sylla mit aller Macht unter die Armen zu
greiffen sich erboten / und dem Tigranes bei Zeite zu steuern in Ohren lagen /
fiel er mit wenig Römern / und meist Deutschen in Cappadocien ein / schlug den
ihm begegnenden Gordius / hernach den Bagoas mit seinen Armeniern aus dem Felde
/ und machte den nach Rom geflohenen Ariobarzanes wieder zum Könige; und war der
erste Römer / der mit seinen Waffen biss an den Fluss Euphrates drang. Der
Partische König Arsaces schickte dahin Orobazen in Botschaft zum Sylla /
machte mit den Römern Freundschaft; da denn Sylla das Glücke hatte auff einem
erhobenen Stuhle zwischen dem Könige Ariobarzanes und des mächtigsten Königs
Botschaftern zu sitzen; wiewol dieser seinen Nach-Sitz zu Hause mit dem Kopffe
gelten musste. Hierauff aber kriegten die Römer in Italien genung zu schaffen;
und Nicomedes starb mit Verlassung zweier Söhne. Der ältere Nicomedes maste sich
mit Belieben der Römer des Reichs an; der jüngste Socrates Chrestus aber flohe
zum Mitridates um Hülffe; weil sein ältester nur von der Tänzerin Nysa
gebohrner Bruder zu herrschen nicht fähig wäre. Mitridates ergriff diese
erwünschte Gelegenheit mit beiden Händen / fiel unter dem Nahmen des Socrates /
welcher die Deutschen mit vielen Geschencken ihm zu helffen / oder zum wenigsten
stille zu setzen angieng / in Bitynien / und ward dessen unter einem so
scheinbaren Vorwandte zeitlich Meister; weil die meisten Festungen dem Sohne der
Laodice Socrates die Schlüssel entgegen brachte. Weil nun Mitridates sich der
Zeit zu bedienen / und das Eisen / weil es noch glüet / zu schmieden für ratsam
hielt / brach er auf einer / und Tigranes auff der andern Seite in Cappadocien /
und vertrieben mit eben so leichter Müh den Ariobarzanes zum andern mahl daraus.
Der Römische Rat schickte den Aqvilius hierauff in Asien zum Mitridates;
welcher aber sich über viel von den Römern angetanes Unrecht und ausgesogenes
Geld beschwerte; iedoch endlich auff keinem Teile zu stehen sich erklärte.
Hierauff rückte Cassius mit wenigen Römern und Phrygiern / der Galatier König
Amyntas aber mit einer ansehnlichen deutschen Macht in Bitynien / und hierauff
in Cappadocien / setzten dort den Nicomedes / hier Ariobarzanen wieder auff den
Stul. Mitridates und Tigranes richteten aus Verdruss über der Römer Beginnen ein
Bündnis wieder sie auff / mit der Abrede: dass jener alles Land / dieser alles
bewegliche zur Beute haben sollten. Mitridates setzte auch eine grosse Menge
Volckes aus seinem volckreichen Scytien und Sarmatien über; nahm viel
Phönicische und Egyptische Schiffer und Schiff-Zimmer-Leute in Bestallung /
schickte Botschaften zu den Bastarnen / Traciern / Geten / Daciern / Sarmaten
/Deutschen / ja gar biss zu den Cimbern / und frischte selbte mit reichen
Geschencken / und Versprechung noch herrlicher Beute wider die Römer als die
allgemeinen Feinde des menschlichen Geschlechtes / und die unersättlichen Räuber
der Welt auff. Am allermeisten lag er den Deutschen in Galatien in Ohren; welche
ohne diss auff die Römer und den Nicomedes unwillig waren; weil sie für die
Eroberung Bityniens und Cappadociens ihnen mit Versprechung güldener Berge das
Maul aufgesperret / aber nichts als Wind gelieffert hatten; brachte sie auch
durch alle nur ersinnliche Mittel / insonderheit aber durch die aus Italien an
ihn geschickte Gesandtschaft der Marsen /Samniter und Lateiner / welche der
Römer Laster auffs schwärtzeste abmahlten / so wohl als die an Colchis stossende
Iberier auff seine Seite / und Tigranes die Meden in ihr gemeines Bündnis.
Zumahl diese augenscheinlich warnahmen: dass die Römischen Befehlhaber in Asien
aus Begierde zum Kriege / und Hoffnung reicher Beute sich an Mitridates mit
Gewalt rieben / ja der Römische Rat ihn / ungeachtet er stille sass / durch eine
Botschaft schimpflich bedreute / ihn mit Strumpff und Stiel auszurotten / da
er mehr einem Nachbar zu nahe kommen würde. Der junge Nicomedes ward auch durch
der Römer Verhetzung so kühn: dass er in das Pontische Reich einfiel /und biss an
die Stadt Amastris mit Raub und Mord streiffte; welches der Mitridates
ungeachtet der bei der Hand habenden Waffen mit Fleiss vertrug / und zu Rom durch
den Pelopidas sich darüber beschwerte /um seinem vorhabenden Kriege so viel mehr
Farbe der Gerechtigkeit anzustreichen. Nicomedes hingegen rechtfertigte seinen
Einfall mit dem Nahmen einer billichen Rache für angetanes Unrecht; gab für
einen Friedenbruch an: dass Mitridates den Taurischen Chersonesus besässe; weil
die Römer allen Asiatischen Königen in Europa überzusetzen verboten hatten; und
durch so viel Bündnisse nichts anders als Rom zu bekriegen anzielte. Wie nun
Pelopidas keine Ausrichtung erhielt / sondern nach zweideutiger Antwort aus dem
Rathause zu gehen genötiget ward; waffnete Mitridates auf erhaltene Nachricht
in seinem ganzen Reiche; schickte seinen Sohn Ariarates in Cappadocien und
entsetzte wie ein durchdringender Blitz den Ariobarzanes zum dritten mahl
selbigen Reiches; den Pelopidas aber und Nicandern nach Rom / zum Römischen
Feld-Herrn Maltinus / mit der Andeutung: Sie sollten ihrer gleissnerischen
Freundschaft ein Ende machen / ihm wieder Nicomeden Recht verhelffen / oder er
würde es selbst tun. Seine Hoheit litte es nicht: dass er nach ihm abgenommenen
Phrygien / welches sein Vater für die den Römern geleistete Hülffe / oder
vielmehr für viel Gold bekommen / Cappadocien / welches seinen Vor Eltern
zugestanden /endlich das durch Kriegs-Recht gewonnene Bitynien noch immer mehr
ihm auf den Fuss treten liesse. Der Geist seines tapffern Vaters Evergetes / der
ihm ein zwantzig-hundert-tausend Schritte langes Gebiete verlassen / würde ihn
beunruhigen; die von ihm bezwungenen Colchier / Scyten und Sarmater an dem
Euxinischen Meere würden ihn mit Rechte nicht länger zu ihrem Haupte erdulden /
wenn er sich zum Gauckel-Spiele eines weibischen Bityniers machen liesse. Sie
möchten also entweder mit der Rechts-Hülffe einen redlichen Frieden / oder den
Krieg erwählen / da sie nicht nur mit ihm / sondern mit Partern / Armeniern
/Traciern / Bastarnen / Scyten / Tauriskern / Deutschen und allen zwischen dem
Tanais und Ister wohnenden Völckern mehr / als sie meinten / zu tun bekommen
würden. Die Pontischen Gesandten aber wurden schimpflich abgewiesen; und
derogestalt beiderseits die eifrigste Kriegs-Rüstung für die Hand genommen.
Lucius Cassius brachte aus seinem Pergamenischen Asien / Phrygien / und des
Galatischen Fürsten Teporgis deutschen Hülffs-Völckern viertzig tausend Mañ
zusammen / und teilte sie mit dem Aqvilius und Appius Claudius. Minutius Rufus
hatte im Pamphilischen Meere eine Schiffs-Flotte bei der Hand; und Cajus
Popillius verwahrte mit einer andern den Mund der Tracischen Meer-Enge.
Nicomedes führte absonderlich sechs und funffzig tausend Kriegs-Leute ins Feld.
Mitridatens zwei tapfere Feld-Hauptleute Neoptolemus und Archelaus begegneten
ihm am Flusse Amnia mit dem an dem leichtesten Kriegs-Volcke bestehenden
Vortrabe; Mitridatens Sohn Arcatias führte darbei fünff tausend Armenische /
und Nordbert drei tausend deutsche Reuter. Dieser und Archelaus blieb in einem
Tale mit hundert Sichel-Wagen zum Hinterhalte stehen; Neoptolemus und Arcatias
aber nahmen wegen der ihnen an Menge überlegenen Bitynier eine felsichte Höhe
ein. Nach eines halben Tages vorteilhafter und tapferer Gegenwehr aber trieb
Nicomedes die Pontischen Völcker vom Berge / und in die Flucht. Alleine
Archelaus und Nordbert giengen den Bityniern so ernstlich in die Seite: dass es
sie vergieng die Flüchtigen zu verfolgen; sondern Nicomedes musste gegen diese
strengen Feinde eine neue Schlacht-Ordnung machen. Hierüber brachen die hundert
Streit-Wagen ein; welche mit denen sich an Sicheln und Rädern anhängenden
zerfleischten Menschen noch mehr Schrecken als Schaden verursachten. Neoptolemus
und Arcatias kriegten inzwischen Lufft sich wieder zu setzen; gingen auch den
Bityniern so hertzhaft in Rücken: dass Nicomedes / nach dem er unterschiedene
mahl die Lücken seines getreñten Heeres er gäntzt hatte; zuletzt aber alle
Verfassung über einen Hauffen geworffen ward / musste er nur mit wenigem Adel
seiner Leibwache die Flucht nehmen / und sein ganzes Kriegs-Volck im Stiche
lassen; worvon aber Mitridates alle Gefangenen mit Verehrung eines Zehrpfennigs
los liess / um den Anfang seines Sieges mit dem Ruhme seiner Gütigkeit desto
herrlicher zu machen. Die Römischen Heerführer wurden durch diesen Verlust / da
nicht einst der Kern des Pontischen Heeres eine viel stärckere Macht erlegt
hatte / heftig bestürtzt; sonderlich / da die Zeitung zugleich kam: dass die
Tracier und die am Ister wohnenden Völcker Macedonien verwüsteten. Der Römische
Rat erklärte hierauf den Marius zum Feld-Herrn wider Mitridaten / Sylla aber
weigerte sich ihm das Kriegs-Heer abzutreten; und rühmte sich: dass dieser Zug
ihm gehörte. Sintemal ihm die zu Rom nach Cappadocischer Art verehrte
Kriegs-Göttin im Traume den Blitz zugereicht / und beizustehen versprochen
hätte. Allein Mitridates wartete dem blutigen Bürger-Kriege dieser zweier
verbitterten Raub-Vögel nicht aus; sondern kam dem Könige Pylämenes in
Paphlagonien mit andertalb hundert tausend Mann so geschwind auf den Hals: dass
er nicht einst Zeit hatte / seine Kriegs-macht zusammen zu ziehen; sondern die
den Vortrab habenden Deutschen hatten nur genug mit Besetzung der verlassenen
oder sich ergebenden Örter zu tun. Mitridates richtete seinen Zug dergestalt
gerade gegen dem Flusse Sangar und Bitynien. Aqvilius Maltinus / und der
entroñene Nicomedes hatte sich am Scoborische Gebürge verschantzt. Weil aber ein
Sarmatischer Fürst Radzivil mit hundert seiner Reuter acht hundert ihm
begegnende Bitynische Reuter in die Flucht schlug / zwei hundert gefangen
brachte /welche Mitridates abermals mit Geschencken in ihr Vaterland schickte /
ging Nicomedes des Nachts heimlich durch / und eilte zum Lucius Cassius über den
Fluss Sangor. Als Maltinus auf den Morgen diss erfuhr; brach er ebenfalls auf mit
Vorsatze sich in das Lindynische Gebürge zu ziehen. Allein Neoptolemus
Mitridatens und Menophanes der Armenische Feldherr ereilten ihn an einer Bach /
zwangen ihn zu schlagen; und erlegten ihm zehntausend seiner besten
Kriegs-Leute. Aqvilius verliess nach erlangter Nachricht sein Läger mit allem
Vorrate zur Beute der ihm auf der Fersen folgenden Deutschen; und entkam mit
genauer Not über den Fluss Sangar / und von dar nach Pergamus. Weil nun
Mitridates abermals alle Asiatische Gefangenen mit seidenen Röcken und andern
Gaben von sich liess / ihnen die Freiheit und die Loslassung von dem Römischen
Joche versprach /gewann er in Asien mehr durch seine Leitseligkeit /denn durch
Waffen. Mehr als hundert grosse Städte schickten ihm Gesandten und die Schlüssel
zu ihren Festungen entgegen / hiessen ihn ihren Erhalter / opferten ihm wie
einem Gotte; also: dass nach vergebens gesuchter Hülffe in Phrygien Cassius nach
Apamea /Maltinus nach Rhodis / Nicomedes nach Pergamus /ja endlich gar nach Rom
sich flüchtete. Die am Munde der Tracischen Meer-Enge liegenden Schiffe giengen
teils durch / teils zum Mitridates über. Die Bitynischen Städte stritten mit
einander gleichsam um die Ehre und den Vorzug / welche sich dem grossen
Mitridates am ersten ergeben hätte. Also ward er in wenig Tagen Herrscher in
Bitynien; Und nachdem er durch Erlassung aller Schulden aller Gemüter gewoñen
/ alle Kriegs-Leute reichlich beschenckt hatte; hielt er seinem Heere für: Sie
hätten nunmehr durch ihre Siege gelernet: dass die Römer keine unüberwindliche
Götter; sondern Menschen / ja gegen Helden feige Leute wären. Pyrrhus hätte mit
5000. Macedoniern sie dreimal geschlagen. Añibal 16. Jahr sie im Hertzen
Italiens beängstiget; uñ dass er Rom nicht gewoñen / hätten nicht der Römer
Kräften; sondern seine missgünstige Landsleute verhindert. Die Deutschen hätten
Rom gar eingenomen / und verbreñt; und die nur noch übrige Spitze eines Berges
wäre durch ein Lösegeld erhalten worden. Die bei ihm stehenden Galatischen
Deutschen wären eben ihres Ursprungs; ja ihre Tapfferkeit durch die in Illyrien
/ Tracien und Asien geführte Kriege noch mehr geschärfft worden. Was hätten
ihnen nicht die Cimbern und Marsen für empfindliche Wunden geschlagen? Wenn nun
so viel streitbare Völcker den gemachten herrlichen Anfang mit ihm hertzhaft
verfolgen wollten; traute er in kurtzer Zeit sein ihm durch Beraubung so vieler
Länder / durch Verwerffung des tapffern Gordius zum Cappadocischen Könige /
durch Auffwiegelung des Tantzmeisters Nicomedes angetanes Unrecht zu rächen;
und ihre wieder alle Könige der Welt hegende Todfeindschaft auszuleschen.
Sintemahl sie alle ihnen nach der Unart ihrer gehabten Könige fürbildeten; als
welche entweder nur der Aborigener Hirten / der Sabiner Wahrsager / oder
verwiesene Corintier / ja Leibeigene der Tuscier gewest wären; und keiner
keinen ehrlichern Zunahmen als eines Hoffärtigen verdient hätten. Ihre Uhrheber
aber hätten nichts minder die Grausamkeit als die Milch aus den Wartzen einer
Wölfin gesogen; welche wilde Art das ganze Volck durch unersättlichen Blutdurst
/Geitz und Herrschsucht angenommen / oder vielmehr überstiegen hätten. Seiner
Herrschaft aber würde sich hoffentlich kein Volck zu schämen haben / weil er
vom Vater des grossen Cyrus und Darius / von der Mutter des noch grössern
Alexanders und Nicanors Enckel wäre. Das von Alexandern gar nicht oder
unglücklich berührte Scytien hätte er noch in seiner Kindschaft ihm
unterworffen. Das viel mildere Asien lächsete unter dem Römischen Joche / und
Italien selbst seuffzete gleichsam nach seiner Herrschaft. Das ganze Heer gab
mit Zusammenschlagung der Schilde und einem Feldgeschrei ihre Beipflichtung zu
verstehen. Tiborgis / der das Didymische Gebürge bewohnenden Deutschen Fürst
verliess nunmehr auch den furchtsamen Aqvilius. Mitridates aber rückte mit
gesamter Macht in das den Römern unmittelbar unterwürffige Phrygien / und schlug
zum glücklichen Zeichen sein erstes Läger an dem Orte / wo es der grosse
Alexander gehabt hatte. Das Gelücke lieh gleichsam seinem Siege die Flügel; und
die Ausbreitung seiner Herrschaft kam seiner Einbild- und Hoffnung zuvor. Er
selbst nahm Phrygien und Mysien ohne Verlust einigen Schweises oder Blutes ein.
Neoptolemus bemeisterte Carien und Lycien; Archelaus Pamphylien; der Deutschen
König Lydien und alles biss an Jonien und Ephesus. Ja als er nur die mächtige
Stadt Laodicea an dem Flusse Lycus durch einen Herold aufffordern / und auff
erfolgende Ausliefferung der Römer alle Gnade ankündigen liess; banden die
Einwohner den Römischen Stadtalter Qvintus Oppius mit allen Römern /
überliefferten sie dem Amyntas / und öffneten ihm die Stadt-Tore. In Jonien
meinte Maltinus / Manius Aqvilius in dem Eylande Lesbos Mitridaten die Stirne
zu bieten; aber beide wurden gefangen / und ihr Volck erschlagen; Oppius zwar
höflich / aber Aqvilius / als der Uhrheber des Pontischen Krieges / scharff
gehalten / anfangs an einer Kette von einem fünff Ellen langen Bastarnen hinter
dem Pferde nachgeschleppt / hernach den über ihn erzürnten Mitylenern übergeben;
Manius seines Geitzes halber täglich geprügelt / auff einem Esel herum geführet
/ und zu Pergamus ihm zerschmoltzen Gold in Hals gegossen. Hierauff ergab sich
auch bald Magnesia und Ephesus / allwo aller Römer Bilder abgestürtzt / und aus
selbten Mitridatens gegossen wurden. Stratonicea in Carien wiedersetzte sich
zwar noch dem Neoptolemus; Aber Mitridatens Ankunft jagte ihr ein solch
Schrecken ein: dass sie sich ergab; iedoch diesen grossen König bald zu ihrem
eigenen Gefangenen bekam. Denn er verliebte sich in die schöne Minoma des
Milesischen Philopemenes Tochter; welche er auch / als sie ihm nicht um
funffzehen tausend Pfund Goldes den Beischlaff verstatten wollte / gar ehlichte /
und zur Königin erklärte. Mitridates / weil er nunmehr schon die Römer für
unversöhnlich / auch sich von ihnen mehrmahls beschimpfft und beleidiget hielt;
auch auffs neue erfuhr: dass man seinem Gesandten Pelopidas zu Rom die Verhör und
den Einzug versagte / auch etliche seiner Bedienten in der Tiber ersäufft hatte
/ san auff eine ihm zugleich die wanckelmütigen Asiater versichernde Rache;
Befahl also einiger Meinung nach /auf des Rutilius eines zu Mitylene gefangenen
Römers Einraten / in ganz Asien den dreissigsten Tag alle Römer zu erschlagen.
Welches wegen der auf den einen oder andern Fall darauf gesetzten Preisse und
Straffen mit solchem Eyver vollzogen ward; dass die Trallianer diese
Abschlachtung einem Paphlagonier Teophilus verdingten und weder der Tempel der
Diane zu Ephesus / das Bild des Esculapius zu Pergamus noch das Heiligtum der
Cybele zu Pessimut von Römischem Blute unbesprjetzt blieb. Wordurch denn Asien
sich mit Rom zu versöhnen gleichsam alle Hoffnung benommen / und dem Mitridates
treu zu bleiben gefässelt wurden. Dieser rüstete sich nunmehr mächtig zur See
aus / um die in der Schiffart allen überlegene und wiederspenstige Rhodier zu
bezwingen / hierdurch aber andere entfernte Eylande so viel leichter zur
Unterwerffung zu bringen. Der Wind oder das Glück trieb ihn vielmehr auff das
benachbarte Eyland Caus; auff welchem er des Egyptischen König Alexanders Sohn
uñ einen von seiner Gross-Mutter Cleopatra dahin geflüchteten unglaublichen
Schatz /wie auch der Asiatischen Juden versammleten und nach Jerusalem zu
schicken bestimmten Reichtum /und dardurch die rechten Spann-Adern des Krieges
in seine Gewalt bekam. Hierauf griff er zwar die Stadt Rhodos zur See und zu
Lande an; ihre Geschickligkeit aber überwog seine Macht; und rühmten sie sich:
dass die Göttin Isis die nahe an ihrem Heiligtum zu Sturme lauffenden Feinde mit
Feuer und Blitz zurück getrieben hätte. Pelopidas belägerte inzwischen die in
Lycien noch übrige Stadt Patana / in welcher Apollo durch die sechs
Winter-Monate wahrsagen soll. Wie nun sein Volck zum Sturmzeuge in dem denen
Unholden gewiedmeten Heine etliche Bäume umhieben / ward es durch ein daraus
erschallendes Gelächter abgeschreckt; und als Pelopidas auff der Wahrsager Rat
ihnen eine Jungfrau opfferte; welche nach ihrer Abschlachtung nicht weniger zu
lachen anfieng. Also trat gleichsam das Verhängnis des Mitridatens Siegen in
Weg. Er selbst brachte zu Pergamus die beste Zeit mit Liebkosung der Monoma zu;
und die deutschen Fürsten / welche ihrer Taten halber sich nicht hoch genung
geschätzt achteten / zohen meist mit Unwillen nach Hause / andere waren der
Pontischen Herrschaft / und dieses hochmütigen Königes / welcher sich nunmehr
den jungen Bachus nennen liess / schon überdrüssig / und unterhielten heimliches
Verständnis mit den Römern; ja stellten ihm gar nach dem Leben. Das Verhängnis
selbst kündigte durch unterschiedene Unglücks-Zeichen dem Mitridates eine
Umwechselung seines Glücks an. Insonderheit schreckte ihn und das Volck: dass die
von den Pergamenern durch Kunst geflügelte und gleichsam vom Himmel kommende
Siegs-Göttin / welche dem einziehenden Mitridates eine Krone auffsetzen sollte /
durch Zerreissung des Drates stecken blieb /die Krone aber zu Boden und in
Stücken warff. Gleichwol aber bemächtigte der tapffere Archelaus aller
Cycladischen Eylande biss an das Peloponnesische Vorgebürge Malea / der Stadt
Chalcis / ganz Euböens und in Tessalien der See Stadt Eretria; und erschlug in
Besatzungen mehr als zwantzig tausend Römer. Daswegen seiner Heiligkeit
unbefestigte Eyland Deles / welches die Griechen der Götter Vaterland hiessen /
und darauf weder ein Weib geboren /noch einige Leiche begraben liessen / nahm
Wartenberg ein deutscher Reuter mit seinen Deutschen Hülffs-Völckern ohne
einigen Wiederstand ein. Weil nun diese nur einen unsichtbaren GOtt verehrten
/nahmen sie alle Schätze aus dem Tempel des Apollo /und trugen sie in das
Heiligtum der Göttlichen Versehung: welche aber hernach teils Metrophanes
/teils Aristion daraus raubte / und mit selbten so gar Brunnen anfüllte.
Hingegen weil sie an der Grichen Abgöttern Abscheu trugen / warffen sie alle
ihre Bilder zu Boden und machte Wartenberg mit dem grossen für des Apollo Tempel
stehendem ertztenen Drachen den Anfang; daraus er tausend Schilde giessen /und
zum Gedächtnis an selbte einen sie umflechtenden Drachen etzen liess; sie aber
hernach in Deutschland schickte. Das berühmte güldene Bild des Apollo / warff
ein Deutscher / weil es ihm nicht wie für Zeiten der Ptoische Apollo seinem
Lands-Manne Myn antworten wollte / gar ins Meer. Die hierüber sich entsetzenden
Grichen aber tichteten: dass diss Bild durchs Meer geschwommen / und im
Peloponnesus bei der Stadt Boä angelendet wäre; dahin hernach dem Epidelischen
Apollo ein Tempel gebaut ward. Der von Aten beim Mitridates befindliche
Gesandte Aristion liess sich entweder sein Glücke / oder seine Geschencke
bländen; dass er die Stadt Aten durch den tummen Pöfel auf Mitridatens Seite /
und ihre Herrschaft unter sich brachte. Archelaus machte hierauf Aten
gleichsam zu seinem Kriegs-Schloss; und bewegte daraus die Acheer / Spartaner /
Tebaner /und ganz Beotien zum Beifalle; hätte auch mehr ausgerichtet / wenn
nicht Bruttius Sura ihm die Wage gehalten hätte; und das Glücks-Kind Sylla mit
fünff Legionen Römern / und wohl noch so viel Hülfs-völckern / darunter auch drei
tausend Deutsche waren / in Grichenland ankommen wären. Dieser gewann durch
seine vorangehende Obersten Tebe und Beotien ohne Schwerdschlag wieder / er
selbst brach in Attica ein /und schlug den Feind aus dem Felde; Also: dass
Aristion sich nach Aten / Archelaus in die den Attischen Meer-Hafen bewahrende
Festung Pyräeum flüchten musste. Jene umsetzte er / um sie durch Hunger zu
zwingen; diese aber / welche Pericles mit einer aus grossen viereckichten
Steinen erbauten Mauer fast unüberwindlich gemacht hatte / belägerte er selbst /
und liess von Tebe alleine auff zehntausend Maul-Tieren Sturm-Zeug dahin
bringen. Weil aber diss noch nicht zulangte / wurden alle heilige Wälder und
Püsche abgehauen / welche den Göttern geweihet waren / oder die hohen Schulen
der alten Weltweisen ziereten. Sein Armut / in dem der zu Rom wütende Cinna uñ
Marius nur auf Abschlachtung der Bürger / nicht Erlegung der Feinde dachten /
zwang ihn alle Kirchen-Schätze zu Olympia / Epidaurus und Delphis anzugreiffen;
worbei der Aberglaube oder die Heuchelei aussprengte: dass Apollo mit einem aus
der Delphischen Höle erschallenden Lauten-Getöne seinen Raub gebilliget hätte.
Weil nun so wohl Sylla zu Bestürm- als Archelaus zu Verteidigung des Pyräeum
alle Kriegs-Künste hervor suchten / ja viel neue erfunden / viel ungeheure
Türme gegen einander erbauten / und selbte durch Kunst-Feuer anzündeten / oder
nach dem sie durch Alaun für dem Brande versichert wurden /durch Untergrabungen
über einander warffen / Archelaus auch zur See oft mit frischem Volcke / und
sonderlich tausend ausserlesenen Deutschen / welche der Galatische Fürst
Toredorich aus Galatien dahin schickte / verstärckt ward / und die Römer mit
unaufhörlichen Ausfällen beunruhigte; Hingegen zwei Attische Leibeigene in
heraus geschossenen bleiernen Kugeln alle inwendige Anstalt dem Sylla
verrieten; war diss eine so merckwürdige Belägerung / welche allen
vorhergehenden die Wage hielt / und ein Muster aller künftigen abgeben konnte.
Unterdessen ging die von Hunger auffs eusserste abgemergelte Stadt Aten /
welche aus Mangel Oels so gar der Minerva ewiges Feuer ausleschen liess / durch
einen unvermuteten Anfall bei dem unbesetzten Heptachalcum durch Sturm über /
und hielt Sylla über die abgebrochene Stadt-Mauer seinen Einzug; worbei so viel
Blut vergossen ward: dass es Strom-weise biss in die See floss. Die beim Sylla sich
aufhaltende zwei verwiesenen Midias und Calliphon verbaten mit Not diss ihr
Vaterland: dass er es nicht gar vertilgte. Endlich nahm Sylla auch nach
unglaublicher Müh und Durchbrechung sechs neuer Mauern / die Archelaus bei
währender Belägerung hinter einander aufgeführt hatte /die Festung Pyreäum
stürmender Hand ein; welche aber Archelaus bei verspielter Sache mit des Philo
berühmten Zeug-Hause anzündete / und sich mit seinem übrigen Volcke in das
befestigte Eyland Munychia zurück zoh. Mitler Zeit versetzte Munatius bei
Chalcis fürnehmlich durch Tapfferkeit der Deutschen Reuterei dem Neoptolemus
einen harten Streich; hingegen nahm Arcatias mit Hülffe des deutschen Fürsten
Dejotar und Dromichetes samt ihren teils in Galatien / teils in Tracien
wohnenden Deutschen /welche Mitridates wieder auf seine Seite gebracht hatte /
die Stadt Amphipolis / ganz Macedonien den Römern ab; ja sie drangen gar in
Epir / zündeten den Delphischen Tempel an / und zerstörten des Dodonischen
Jupiters Heiligtum. Arcatias starb hierüber; also ward Taxiles Pontischer
Feldherr / welcher die Phocische Stadt Elatea belägerte / und mit hundert
tausend Fuss-Knechten / zehntausend Reutern / neunzig Sichelwagen über den Fluss
Cephissus gegen Aten fortrückte. Sylla rückte ihm mit der meisten Römischen
Macht funffzehnhundert Deutschen / und acht tausend Grichen in Beotien entgegen;
weil ohne diss die unfruchtbaren Attischen Gebürge ihn kaum länger bewirten
konten. Beide Heere kamen nicht weit von Elatea unter dem Daulischen Gebürge
gegen einander zu stehen; iedoch musste Sylla / ob schon der den Berg Parnassus
überkletternde Hortensius zu ihm stiess / wegen weniger Reuterei sich in einer
dem / mit dem Flusse Assus sich vermengenden Cephissus nahen Fläche verschantzen /
und den von Munychia hieher zuvor gekommenen Archelaus die Städte Panopeus und
Lebadea in seinem Gesichte einnehmen lassen. Nach dem die Pontischen Völcker ihn
mehrmals zur Schlacht ausgefordert / rückte Archelaus gegen die Stadt Cheronea
zu / in willens sich nach Chalcis zu ziehen; Gabinius aber kam ihm mit einer
Legion in Cherea zuvor; Sylla folgte; und als er wahrnahm: dass Archelaus
zwischen selbigem bergichten Orte weder sein Heer ausbreiten / noch die Reuterei
brauchen könnte; stellte er nach dem Murena sein Heer gegen den Archelaus in
Schlacht-Ordnung. Als dieser nun auch darmit umgieng / fiel Ericius und Gabinius
/welchen Homolerich und Anaxidamus zwei Cheronenser einen geheimen Steig über
den Berg Turius gewiesen hatte / denen Asiatischen Völckern so unvermutet über
den Hals: dass sie daselbst 3000. sitzen liessen / und teils gegen des Archelaus
Läger /teils gegen den Römischen lincken Flügel getrieben wurden / und dort
ihre eigene Schlachtordnung zerrütteten hier aber übel empfangen wurden.
Archelaus liess zwar gegen die andringenden Römer 60. Sichel-Wagen los; weil sie
aber aus Mangel des Raubes allzulangsam fortrenneten; öffneten diese ihre
Schlacht-Ordnung / und liessen sich selbte sonder einigen Schaden verreñen;
wurden also ihre Pferde uñ Führer von dem mit den Griche im Hinterhalte
stehenden Sulpitius leicht erlegt. Fürst Dejotar bot zwar auch mit seiner
deutschen Reuterei dem Sylla eine weile die Spitze; aber die Zagheit der Asiaten
/ der Vorteil des Römischen Fuss-Volcks / und der abschüssige Streit-Platz
machte: dass ihrer viel bei solchem Gedränge über die Felsen stürtzten; und weil
sie nicht entsetzt wurden / nicht wenig Not litten; sonderlich /weil Murena
funffzehn tausend vom Archelaus freigelassene Grichische Knechte mit
Schleuderern und Bogenschützen leicht in Verwirrung brachte. Dejotar wickelte
sich mitler Zeit zwar aus dem Gedränge /und riet dem Archelaus sich in sein
vorteilhaftes Läger zu ziehen; aber er wollte lieber alles / als etwas
verlieren; streckte daher seinen rechten Flügel um einen Berg herum; damit er
die Römer gleichsam mit seinem viel stärckern Heere umschlüssen möchte. Galba
und Hortensius boten ihm wohl die Spitze; alleine Dejotar und Dromichetes
schnitten sie von dem Römischen Heere ganz ab; machten nicht allein alles
nieder; sondern verursachten auch den Sylla: dass er mit der Römischen Reuterei
selbst dahin eilen musste. Archelaus welcher das feindliche Haupt zu erdrücken
hätte bemüht sein sollen / verliess diesen Platz; und meinte bald des verlassenen
Römischen Flügels Meister zu werden. Also kam es dort wieder zu gleichem
Gefechte; und weil Murena inzwischen frische Hülffe kriegte / geriet Taxiles in
die Flucht. Die fast ganz im Stiche gelassenen Dejotar und Dromichetes kamen
nach eusserster Gegenwehre mit Not davon. Jedoch hätte noch ein grosses Teil
des Pontischen Heeres gerettet werden können / wenn nicht Archelaus für den
Flüchtigen die Pforten des Lägers verschlossen /und bei schon ganz verlohrnem
Spiele sie mehr hitzig als vernünftig mit blanckem Degen zum Fechten zurück
getrieben hätte. Endlich öffnete er zwar das Läger / aber zu spät; indem die
Römer zugleich mit eindrangen / und selbtes eroberten. Also verlohr Mitridates
diesen Tag wohl sechzig tausend Kriegs-Leute; wiewol die Römer die Zahl wohl auf
hundert tausend vergrösserten; hingegen sich nicht zu schämen tichteten: dass nur
zwölff Römer todt blieben wären; Da doch Fürst Dejotar ihrer mehr mit seiner
Hand erlegt hatte; und über zehntausend edlen Grichen Begräbnis-Male
aufgerichtet wurden. Archelaus entrann mit zehntausenden nach Chalcis; die über
des Archelaus schlimmer Anführung aber verdriesslichen Fürsten Dejotar und
Dromichetes führten ihre Deutschen durch Tessalien / und Macedonien in
Tracien; welches dem Archelaus Gelegenheit gab / durch Verleumdung der
Deutschen / samb sie ihn verlassen hätten / sein Versehen zu entschuldigen / und
auf sie Mitridatens Zorn und Galle abzuleiten. Weil nun dieser ohne diss ihnen
so wenig als denen überwundenen Asiaten traute; entbot er mit vielen
Verheissungen unter dem Scheine mit ihnen geheimen Rat zu halten / die Fürsten
Dejotar / Toredorich / und wohl noch sechzig der fürnehmsten aus dem Adel nach
Pergamus. So bald sie dahin kamen / verbot er keinen aus der Stadt zu lassen /
liess auch ihre Gemahlinnen und Kinder unter dem Scheine der Ehren dahin
erbitten. Diese Gewalt und Undanckbarkeit ging ihnen so sehr zu Hertzen: dass
sie Mitridatens Tod beschlossen; und hätte Toredorich ihn in dem Richt-Saale
hingerichtet / wenn nicht ein Grichischer Leibeigener den Anschlag verraten
hätte. Worüber der furchtsame Mitridat derogestalt verbittert ward: dass er noch
selbigen Abend alle / ausser dem durch Hülffe eines Frauen-Zimmers entkommenden
Dejotar / und zwei andern Rittern / mit ihren Frauen und Kindern entaupten /
und ihre Leichen den Hunden fürwerffen; das teils durch bisherige Kriege
geschwächte / teils ihrer Häupter entblöste Galatien aber durch schnellen
Uberfall des Eumachus einnehmen / und seiner Herrschaft unterwerffen liess.
Dejotar flohe in Tracien /und schlug sich mit seinen daselbst gelassenen
Deutschen zum Sylla; welcher deñ / als Mitridatens neuer Feld-Herr Dorylaus mit
achtzig tausend Kriegs-Leuten nach Chalcis übersetzte / und Beotien
durchstreiffte / den Römern grosse Dienste tat. Wie auch Archelaus nach seiner
See-Rauberei / und vergebens belägerter Stadt Zacyntus zum Dorylaus stiess;
ermunterte er den Sylla: dass er bei der Stadt Orchomenus im flachen Lande denen
Mitridatischen eine Schlacht zu lieffern wagte; nach dem er vorher des Nachts
auf beiden Seiten seines Heeres einen tieffen Graben geführt / an der Stirne
aber hinter denen vordersten Gliedern des Fuss-Volcks starcke Pfäle den Einbruch
der Pontischen Reuterei und der Sichel-wagen zu verhindern eingegraben hatte.
Dejotar selbst erwehlte mit seiner deutschen Reuterei hinter dem dreifach
gestellten Fuss-Volcke in einer Tieffe zu stehen. Die Pontischen Streit-Wagen
blieben zwischen den Pfälen stecken / oder trennten gar ihre eigene
Schlacht-Ordnung. Die Reuterei stutzte an dem unvermuteten Graben. Hingegen
feierten die Römer mit ihren Bogen und Schwerdtern nicht; biss Archelaus / nach
dem ein Stücke des Grabens mit Leichen gefüllet war / mit seiner Reuterei
durchbrach / und zwei Legionen zertrennte; Also: dass Sylla selbst vom Pferde
springen / und durch Zuruffung: Sie möchten ihren Feldherrn nicht so
schimpfflich im Stiche lassen / sie mit Not zu Stande bringen musste. Welches
aber wegen des darzu kommenden Dorylaus nicht lange getauert hätte; weñ nicht
die durch das ihnen Raum machende Volck herfür sprengende / und den Feinden
gleichsam vom Himmel auf den Hals fallende Reuterei vom Fürsten Dejotar beiden
Heerführern tapffer unter die Augen und in die Hacken gegangen wäre. Dejotar
durchrennte selbst des Archelaus Stieff-Sohn Diogenes / und er selbst musste
weichen. Weil nun Sylla hierdurch Lufft kriegte / die Pontische Phalanx zu
zertrennen; geriet endlich alles in die Flucht. Funffzehn tausend Asiaten
bissen ins Grass; Acht tausend wurden gefangen; Den dritten Tag darauf das vom
Archelaus besetzte Läger gestürmet / erobert /und alles nieder gemacht; also:
dass der Fluss Cephissus von den Leichen angeschwellet / der Copaische See auch von
dem Blute soll gefärbt worden sein. Der unerbittliche Sylla liess nur zwantzig
tausend aus den Sümpffen hervor gezogene ermorden; aus denen aber der drei Tage
versteckte Archelaus noch nach Chalcis entkam. Wie nun hierauf Grichenland
wieder Römisch ward / und in Asien die Stadt Ephesus den Zenobius ermordete /
welcher zu Chios zwei tausend Talent erpresst und die Einwohner als Sclaven nach
Colchos geschickt hatte; andere Städte wegen Mitridatens Grausamkeit abfielen /
viel sich ihn zu tödten verschwuren; die Deutschen auch wieder unter dem sich
über das Euxinische Meer in Galatien spielenden Dejotar Mitridatens Besatzungen
austrieben; der in Asien übersetzende Römische Feld-Herr Flavius Fimbria auch
den jungen Mitridates in Bitynien zweimahl / ja den König Mitridates selbst
aus dem Felde schlug / die Stadt Pitane / daraus Mitridates kaum durch des
Lucullus verwahrlosung entschlipte / wie auch Pergamus und Ilium / Lucullus das
Eyland Chios eroberte / und den Neoptolemus bei Tenedos aus der See trieb; liess
dieser endlich durch den Archelaus mit dem Sylla auf solche Bedingungen einen
Frieden behandeln: dass Mitridates sich Galatiens / Asiens und Paphlagoniens
enteussern / Bitynien dem Nicomedes / Cappadocien dem Ariobarzanes abtreten /
den Römern zwei tausend Talent und siebentzig gespjetzte Schiffe abtreten sollte.
Ob nun wohl Mitridates so schwere Gesetze genehm zu haben eine weile Bedencken
trug / und den Archelaus wegen Verlust zweier so mächtiger Heere verdächtig
hielt; sonderlich / weil Sylla mit ihm als ein Bruder mit dem andern umgieng /
ihn einen Römischen Freund und Bundgenossen hiess und ihm in Eubea zehntausend
Huben Ackers schenckte; so zohe doch dieser unglückliche König dem Sylla biss zur
Stadt Dardanus entgegen / und beliebte nach einer langen Unterredung den
geschlossenen Frieden. Worauff denn beide / gleich als wenn sie niemahls gegen
einander den Degen gezückt hätten / als vertraute Freunde einander umhalseten
und küssten; die Deutschen also unter dem Fürsten Dejotar / nach dem sie sich
zwischen der Römischen und Pontischen Macht seltzam durchgeschraubt hatten /
zwar wieder zur Ruh / aber nicht zu ihren alten Kräfften und Ansehen kamen.
    Sylla hingegen sass dem Fimbria auff den Hals /und zwang ihn: dass er zu
Pergamus sich in dem Tempel des Esculapius ermordete; gleich als diss Laster
verzweiffelter Zagheit eine den Heiligtümern anständige Andacht wäre. Wiewol /
wenn es einigen Schein der Tugend annehmen kann / es ihm sein Knecht zuvor tat /
der des Fimbria Leben und Schmertzen durch seinen Dolch vollends abhalff / und
hernach sein eigen Blut dessen Leiche aufopfferte; Dessen Leben er seine Dienste
so treulich gewiedmet hatte. Hierauf baute Sylla Ilium wieder auf / liess sich zu
Aten in dem Elevsinischen Heiligtum einweihen; behandelte vom Tejus Apelicon
/ das Aristoteles und anderer weisen Grichen halb vermoderte Handschrifften; und
liess den Murena mit zwei Legionen in Asien / und den Lucullus in der vergebenen
Belägerung der Stadt Mytilene zurücke. Hierauf erklärte sich der in Italien
kommende Sylla zwar: dass er sich dem Rate unterwerffen wollte / wenn alle vom
verstorbenen Cinna verjagten Bürger wieder nach Rom beruffen würden; aber der
Bürgermeister Carbo verderbte alles Spiel /und zündete den grausamen
Bürger-Krieg an; in welchem etliche tausend Deutsche abermals das Blut-Bad
mussten vergrössern helffen. Denn der Römische Rat / welcher nach des Carbo
Urtel mit einem in des Sylla Hertzen wohnenden Löwen und Fuchse zu tun hatte /
dorffte bei nahe keinem Römer recht trauen / nach dem Metellus / Cetegus /
Verres / Piso /der junge Pompejus / und der Kern des Römischen Adels dem Sylla
zufielen; Daher liess er den Junius Brutus / die Helvetier / Noricher und andere
Deutschen mit grossen Vertröstungen wieder den Sylla um Hülffe anflehen. Ein
Tribocischer Fürst brachte ihm auch in Eyl drei tausend Reuter zu / mit welchen
er dem jungen Cneus Pompejus / der gleichsam als ein neuer Glücks-Stern aufgieng
/ und mit der Uberbleibung seines väterlichen Heeres zum Sylla ritte / den Weg
verbeugen wollte. Allein des Brutischen Heeres Müdigkeit / und die gar zu
heftige Hitze des Tribocischen Fürsten / welcher zu eiffrig dem Pompejus selbst
auff den Hals drang; und weil seine Lantze auff des Pompejus Schilde zerbrach /
von ihm durchrennt ward / oder vielmehr das für den Sylla selbst fechtende
Gelücke waren Ursache: dass die Deutschen und das ganze Heer des Brutus
geschlagen ward. Worauff denn auch des Bürgermeisters Scipio Heer ihn verliess /
und zum Sylla übergieng; Pompejus aber / der kaum aus dem Picenischen
Schul-Staube gediegen war /vom Sylla prächtig bewillkommet / ein Römischer
Feld-Herr begrüsset / und am Po denen anziehenden Deutschen zu begegnen
verschickt ward. Der junge Marius zohe hierauff zwar ein frisches Heer meist von
Samnitern / Marsen und Deutschen zusammen / und grieff den Sylla bei der Stadt
Signia tapffer an; weil aber im hitzigsten Treffen sieben Römische Fahnen die
Waffen niederwarffen / und zum Sylla flohen /ward selbtes geschlagen; und entkam
Marius mit genauer Not nach Preneste. Pompejus und Metellus schlugen bald
darnach auch den Carbo / und Rom sperrte dem Sylla selbst das Tor auff. Ob nun
wohl derogestalt alles sich für dem Sylla bückte; ja der Bürgermeister Carbo
selbst aus Italien lieff / uñ dreissig tausend Mann im Stiche liess; so liess doch
allein der Samniter tapfferer Fürst Pontius Telesius und Sultz ein deutscher
Ritter mit seinen Hülffs-Völckern den Mut nicht gar sincken / sondern munterten
den zu ihnen stossenden Carnias / Damasippus und Marcius auf: dass sie zwischen
des Sylla und Pompejus Heeren durch / und gerade nach Rom rückten; und sich auf
dem Albanischen Berge im Gesichte der Stadt lägerten / und den ausfallenden
Appius Claudius mit vielem Adel erschlugen. Sylla eilte gleichfalls nach Rom /
und liefferte ihnen für der Collatonischen Pforte eine Schlacht; in welcher der
den rechten Flügel führende Marius Crassus zwar des Carinas lincken Flügel
gestellten Samnitern und Deutschen so warm: dass der schon halb verzweiffelnde
Sylla ein aus dem Delphischen Tempel geraubtes / und in einen Rubin gegrabenes
Bild des Apollo herfür zoh / und selbtes kniende um den Sieg anruffte. Hierauff
rennte er zwar auf einem weissen Pferde allentalben hin / wo die Not am grösten
war / hielt die Flüchtigen mit eigner Hand auf; und hielt da festen Fuss / wo
niemand mehr stehen konnte; so / dass Telesin einen / und Sultz den andern
Wurffspiess ihm nahe am Leibe vorbei schmiessen / aber alles war umsonst; und
konnte niemand gegen den schäumenden Sultz und Telesin stehen; welcher immer
rieff: Man müsse diese für Augen stehende Stadt als Italiens Wald ausrotten /
wenn man wollte der Wölffe los werden. Also geriet der ganze Flügel in die
Flucht; die Römer liessen an den Stadt-Toren die Fall-Gatter nieder. Dieser
Auffentalt zwang die fliehenden Römer sich wieder zu wenden; und ihre
Verzweiffelung verneuerte das Gefechte; welches biss in die sinckende Nacht
währte; also: dass beide Teile biss auff eine geringe Uberbleibung von des Sylla
Volcke einander im Finstern gleichsam blind aufrieben; und funffzig tausend
Leichen auf der Wallstatt gezehlet wurden. Darunter war Sultz / Carnias /
Damasippus / und der noch unter den Todten atmende Telesin / welchen Sylla die
Köpffe abschlagen / und sie dem den Marius in Preneste belägernden Lucretius
zubringen liess. Hierauf verfiel Sylla in so unmenschliche Grausamkeit: dass er
bei Ermordung acht tausend Ergebener nur im Rate lächelte / den Marcus Marius
nach ausgestochenen Augen / geprügeltem Rücken / tausenderlei Pein auf des
Catulus Grabe zerfleischen / durchgehends alle Samniter vertilgen / alle
vermögende in die Acht erklären liess; so /dass auch der dreizehnjährige Knabe
Cato seiner Raserei durch einen Dolch abgeholffen hätte / wenn es nicht sein
Lehrmeister Sarpedo verhindert. Nach diesem erklärten die Römer ihn zu ihrem
ewigen Feldherrn / räumten ihm auch über sich eine so unverschränckte Macht ein:
dass er Städte bauen und einäschern / Königreiche nehmen und geben / auch ohne
Rechts-weg verdammen und tödten möchte /wen er wollte. Und endlich beschloss er
mit einem prächtigen Siegs-Gepränge wegen des besiegten Mitridates; darinnen
unter so einer unsäglichen Menge Goldes und Silbers / und so viel unzehlbaren
Seltzamkeiten wohl nichts bessers zu sehen war: als dass die vom Marius
vertriebenen Bürger seinem Siegs-Wagen folgten / und den Sylla ihren Vater und
Erhalter / das Volck aber den Glückseligen ausrufften.
    Mitler Zeit wendete Mitridates allen möglichsten Fleiss an die Gemüter der
Deutschen in Galatie wieder zu gewiñen / mit derer Beistand er unschwer die beim
Römischen Kriege abgefallenen Colchier überwand / und auf ihre Bitte ihne seinen
Sohn Mitridates zum König gab. Weil sie diesem jungen Fürsten aber zu sehr
liebkosten / argwohnte er: sein Sohn wäre ihres Abfalls Uhrheber gewest; entbot
er ihn freundlich zu sich / schlug ihn in güldene Fessel / und liess ihn endlich
durch den Rauch einer vergiffteten Fackel tödten; zu einem traurigen Merckmahle:
dass Herrschsüchtige Eltern nicht nur ihr Leben aufopffern den Kindern Kronen zu
erwerben; sondern auch Kinder schlachten / um Kronen nicht zu verlieren. Bald
darauf rüstete er etliche hundert Schiffe über hundert tausend Kriegs-Leute aus
/ solche wieder die aufrührischen Bosphoraner zu führen. Weil aber Archelaus
darbei keinen Dienst bekam / flohe er zum Murena /und brachte unter dem
Vorwandte: dass Mitridatens allzugrosse Rüstung nicht wider die schwachen
Sarmater / sondern die Römer angesehen wäre / zu wege: dass der Kriegs-begierige
Murena in Cappadocien rückte / und alles / was noch Mitridatisch war / einnahm;
ja die Stadt Cumana durch Sturm eroberte. Mitridates schickte hierauf zwar drei
Grichische Weltweisen an Murena; diese aber rieten verräterisch mehr zum
Kriege als davon ab. Daher auch Sylla das ganze Land durchstreiffte / und mit
Raub und Brand so gar nicht der Heiligtümer schonte. Mitridates schickte zwar
auch eine Botschaft an den Sylla /und den Römischen Rat / welche sich über
diesen unverschuldeten Friedenbruch beschwerte; mit Bitte: Es möchten die Römer
doch unter Feinden und Bundgenossen einen Unterscheid machen; Aber Murena liess
sich nichts irren; sondern setzte über den Fluss Halys / raubte / plünderte und
kehrte mit grosser Beute durch Galatie in Phrygien. Ungeachtet auch Callidius
von Rom kam / und dem Murena einen Stillestand gebot; so kehrte er sich doch
wenig hieran /und bedrängte so wohl die Deutschen als den Mitridates. Wie nun
jene zu den Waffen griffen; wagte es endlich auch Mitridates; und jagte beider
vereinbarte Macht nicht allein den Murena über den Fluss Partenius / sondern gar
in Phrygien. Viel des Römischen Geitzes überdrüssige Völcker in Asien fielen dem
Mitridates wieder zu; und in weniger Zeit eroberte er die von den Römern
besetzte Örter in Cappadocien. Welchen Sieges halber er nach dem Beispiele der
auf des Cyrus Begräbnis-Berge bei der Stadt Pasargada opffernden Persen / von
welchen er entsprossen war / auf die Spitze des Lyndinischen Gebürges selbst
Holtz trug / und in einem auff hundert und dreissig Meilen sichtbaren Feuer dem
Kriegs-Gotte Milch / Honig und Oel opfferte. Nach diesem Verluste kriegte Murena
durch den Gabinius von Syllen auffs neue Befehl den Mitridates und die
Deutschen nicht ferner zu reitzen; zumahl den Römern die einige Stadt Mytilene
so viel zu schaffen machte: dass sie sie nicht erobern konten. Gleichwol aber
ward ihm zu Rom ein Siegs-Gepränge erlaubt. Mitridates verglich sich inzwischen
mit dem Ariobarzanes; Und damit er die Cappadocischen Festungen in seinen Händen
behalten konnte / gab er ihm eines seiner Kinder zur Geissel. Hierauf setzte er
nach Colchis über; überstieg den Caucasus / und erweiterte sein Gebiete biss an
den Fluss Cyrus. Hernach zähmete er die noch unruhigen Bosphoraner. Bei denen
zwischen dem Flusse Icarusa und Nesus unter dem Caucasus liegenden Acheern aber
büste er teils durch Arglist der Feinde / teils durch Einbrechung des Eysses
bei nahe zwei Teil seines Heeres ein. Zu Rom hatte Sylla zeiter als ein Herr
über seine Leibeigene gebahrt /den Lucretius und andere zu hoch empor wachsende
Köpffe abgeschnitten / Egypten einen König gegeben / zehntausend Knechte
freigelassen / und sie alle nach seinem Vornahmen genennet; nunmehr aber schien
ihm der aus Africa sieghaft zurückkommende Pompejus zu Kopffe zu wachsen;
welcher daselbst Hiempsaln das Reich Numidien eingeräumt hatte; weswegen ihm
Sylla ehrerbietig entgegen zoh / ihn den grossen Pompejus hiess / und ihm wieder
die Gesetze ein Siegs-Gepränge enträumte; ja / vieler Meinung nach /um von
dieser aufgehenden Sonne nicht schimpflicher verdüstert zu werden; sich selbst
in dem einsamen Schatten seines Cumanischen Vorwergs einschloss /und in einem
Augenblicke sich aller seiner Gewalt /nach dem er vorher viel Tage nach einander
dem Römischen Volcke ein kostbares Abschiedsmahl gegeben / und viertzig-jährigen
Wein aufgesetzt hatte /enteusserte. Der gröste Trieb dieser Entschlüssung aber
rührte von einem Cimbrische Priester her / welcher dem Sylla in der mit dem
Könige Bojorich gehaltenen Schlacht aus den Gefangenen zu kommen / und in seinem
Hause zeiter blieben war. Dieser hatte den Sylla zeiter teils durch Rührung
seines Gewissens wegen so viel vergossenen Blutes / und seinem Vaterlande
geraubter Freiheit / teils durch Vernichtigung der Obersten Gewalt / welche
nichts als eine edle Dienstbarkeit / und ein Kreis ohne Mittel-Punct einiger
Ruhe des Gemütes wäre / endlich so mirbe gemacht; dass er die mit so viel
Schweiss und Gefahr geraubte Würde nunmehr als einen eitelen Dunst verschmehete;
und derogestalt derselbe / welcher für erlangtem Siege nicht genung zu loben /
nach selbtem nicht sattsam zu schelten war; die Neige seines Alters klärer und
herrlicher machte als sein Mittel gewest; ja hierdurch verdiente: dass wie er
beim Leben des Todes / also in seinem Tode des Lebens würdig zu sein geschätzt
werden musste; ungeachtet er an der denen Wütterichen fast eigenen
Läuse-Kranckheit solches mit unsäglichen Schmertzen beschloss. Daher ihm auch bei
seinem prächtigen Begräbnüsse zwei tausend güldene Kronen für getragen; seine
Asche und Gebeine in die alte Königliche Grufft beigesetzt wurden. Seine Leiche
ward seinem Befehle gemäss verbrennt; da doch alle Edlen zeiter in Rom sich
hatten beerdigen lassen; vielleicht aus Beisorge: Es möchte aus gerechter Rache
seinen / wie des Marius Gebeinen gehen / die er hatte ausgraben und in den Fluss
Anien schütten lassen. Daher fand man in des Sylla Holtz-Stosse eine
Zypressen-Tafel / in welche nachfolgendes künstlich eingeschnitten war:
Der Tod der alles tilgt / der öffters Feind' als Freunde
Verscharret in ein Grab / gibt allzu schwach sich an:
Dass er den Marius nicht mit dem Sylla kann
Vereinbarn. Beider Seeln und Geister sind noch Feinde.
Ja Libitina traut sich nicht nach einer Art
Der grossen Wüttriche zwei Leichen zu begraben.
Weil die des Marius nun ist in Flut verwahrt /
Muss Syllens Holtz und Glut zu ihrem Sarche haben.
    Hierauff entspan sich in Hispanien der grausame Krieg des vom Sylla
verbannten Sertorius; in welchen gleichsam die Seele des Marius und Annibals
gefahren zu sein schien. Deñ als zu Rom durch ein Gesetze allen / die auf des
Marius Seite gestanden waren / mit samt ihren Nachkommen alle Staffeln der Ehren
verschrenckt worden / zohe er nicht allein einen grossen Römischen Adel an sich;
sondern verband sich auch mit denen Celtiberiern / und denen von König
Teutobachs Heere in Hispanien gekommenen Deutschen / welche um das Edulische
Gebürge ihren Sitz genommen hatten. Diese begegneten in den Pyreneischen
Berg-Engen dem durch das Narbonnische Gallien anziehenden Cajus Annius so
tapffer: dass drei tausend Römer daselbst ins Grass bissen. Allein Calpurnius
Lanarius ermordete den Livius verräterisch /schlug sich zum Annius / und
eröffnete ihm allentalben die Pforten; welches den Sertorius verursachte mit
drei tausend vertriebenen Römern nach neu Cartago / und in Mauritanien zu
fliehen. Nach erlittenem Schaden und Schiffbruche setzte er wieder oberhalb des
Flusses Betis aus / und traff alldar etliche aus den glückseligen und
Atlantischen Eylanden zurückkommende Schiff-Leute an. Daher er die Seinigen in
die Ruhe dieser so fruchtbaren Länder überzuschiffen bemüht war; wie sie aber
ihm zu folgen weigerten / und die Lusitanier ihn zu ihrem Heerführer berufften /
segelte er dahin / schlug sich durch des Cotta Schiffs-Flotte durch / und den
Furfidius im Betischen Hispanien aus dem Felde. Wiewol auch der erfahrne
Metellus wieder ihn geschickt ward / mergelte er ihn doch sonder Gefechte
eusserst ab / schlug den Domitius und Torius. Hirtulejus mit den Celtiberiern
und Cimbern erlegten dem aus Gallien kommenden Lucius Manilius fünff ganze
Legionen; also: dass er selbst über den Fluss Sicovis schwemmende mit Not nach
Ilerda entran. Worauf Sertorius einen Römischen Rat von dreihundert edlen
Römern / eine Leib-Wache / aber meist von fünffhundert Deutschen / und zwar nach
der aus Deutschland von den Celtiberiern in Hispanien gebrachten Gewonheit
aufrichtete: dass diese seine Gefehrten ihr Leben vor ihren Fürsten verloben
mussten. Mit denen Cilicischen See-Räubern machte er einen Bund; welche
allentalben zur See den Meister spielten. Den Metellus trieb er von der Stadt
Laccobrige Belägerung mit grossem Verlust weg; Die Charocitaner trieb er durch
hinein geweheten Staub aus ihren Höhlen. Ja seine Klugheit und Tapfferkeit
bemächtigte sich mit des Cimbrischen Fürsten Siwalds / und der Celtiberier
treuem Beistande fast ganz Hispaniens; und Sertorius hatte bereit für in
Italien einzufallen; wenn nicht Cnejus Pompejus / der in Africa den Cneus
Domitius und den Numidischen König Hiera überwunden / auch desshalben im vier und
zwantzigsten Jahre seines Alters zu Rom ein Siegs-Gepränge gehalten hatte / mit
einem mächtigen Heere über die Lepontischen Alpen durch einen neugesuchten Weg /
um es dem Annibal nachzutun /in Gallien angezogen wäre; Allwo ihm aber die
Alemänner / welche das Penninische Tal / und das Gebürge Jura bewohnten /
allerhand Hindernüsse machten / und seinen Nachtrab grossen teils zernichteten.
Pompejus kam gleichwol mit einer grossen / uñ vom Fontejus nach verstärckten
Macht das Narbonische von den Römern schon meistenteils besetzte Gallien über
das Pyreneische Gebürge in Hispanien. Er ward aber bald übel bewillkommt. Denn
als er die vom Sertorius belägerte Stadt Lauron entsetzen wollte /verlohr er
zehntausend Römer und die Stadt Lauron darzu; welche Sertorius schleiffte / und
eine ganze Römische Fahne niederhauen liess; weil aus selbter vom Servilius
einem Römischen Edelmanne bei Eroberung der Stadt eine edle deutsche Jungfrau
missbraucht worden war; ungeachtet sie ihm mit den Fingern darüber die Augen
ausgegraben hatte. Metellus versetzte hierauff zwar dem Hirtulejus und denen
Lusitaniern einen gewaltigen Streich; aber Sertorius war ein Meister sich nur
nicht alleine selbst für Fehlern zu hüten / sondern auch fremde zu verbessern.
Wie er denn durch eigenhändige Erstechung des Boten diese Niederlage für seinem
Kriegs-Volcke ganz verdrückte. Massen denn der grosse Ruff vom Sertorius den
Mitridates wieder gleichsam aus dem Schlaffe erweckte / und anrejetzte: dass er
den Tigranes in Cappadocien zu fallen beredete; darinnen er zwölff von den
Grichen bewohnte Städte verödete / und dreihundert tausend Einwohner in seine
neue Stadt Tigranocerta gefangen wegführte. Eben selbiges Jahr nahm Pompejus den
Celtiberiern die Stadt Segida / und nach Erlegung des Herennius an dem Fluss
Durius Valentia weg; daher eilte Sertorius den Deutschen zu Hülffe; und kamen
beide ganze Machten bei dem Flusse Sucroan einem zwar hellen / aber
unaufhörlichblitzenden Tage zu einer Haupt-Schlacht; in welcher Afranius des
Perpenna und der Celtiberier / Sertorius aber und Hertzog Siewald der Römer
rechten Flügel in die Flucht schlug / und Sertorius mit eigner Faust dem
Pompejus einen Spiess durch das dicke Bein jagte; Ein Deutscher zu Fusse
kämpffender Ritter Gussmann aber ihn gar vom Pferde riess; also: dass / weil die
andern Deutschen sich mit dem Gussmann um das mit Golde und Edelgesteinen reich
aufgeputztes Pferd zwisteten / Pompejus gleichsam durch ein Wunderwerck entran.
Sertorius trieb hierauf auch den Africanus mit grossem Verlust zurücke; also:
dass zehntausend Römer sitzen blieben; Er hätte auch früh dem Pompejus sein
letztes vollends versetzt; wenn nicht Metellus ihm zu Hülffe kommen wäre.
Hierauff hielt sich Sertorius alles ihm bevorstehenden Vorteils ungeachtet / in
seinem Lager ganz stille; biss seine weisse Hindin / die sich in die Wälder
verlauffen hatte / zurück kam. Da er denn / gleich / als wenn ihm die Götter
durch selbte diss / was er fürnehmen sollte / andeuteten / auszoh / und das
Römische Heer an dem Flusse Salo bei Seguntium erreichte: mit selbigem vom
Mittage biss in die Nacht schlug / und sechs tausend Römer dem Pompejus erlegte;
folgenden Tag auch des Metellus Lager stürmte / und bei nah eroberte. Weil nun
die Celtiberier und Deutschen hierinnen so tapffere Helden-Taten ausübten;
erkiesete Sertorius ihm solche zur Leib-Wache; die Deutschen aber rückten den
Römern für: dass sie bei Stürmung des Metellischen Lägers ihre Pflicht nicht
getan hätten. Welches die Römer hoch empfunden; und als sonderlich Pompejus mit
zwei frischen Legionen verstärckt ward / hauffenweise zu ihm und dem Metellus
übergiengen. Gleichwol hielt ein Teil nebenst denen Deutschen beim Sertorius
stand / entsetzte die vom Pompejus belägerte Stadt Palantia / und erlegte bei
Calaguris abermals drei tausend Römer; ja er brachte den Metellus und Pompejus
in solche Furcht: dass keiner ihm mehr Stand hielt / und so ins Gedrange: dass
jener in einen Winckel Italiens / dieser ins Narbonische Gallien sich verkrichen
musste; ja Rom selbst schon für dem ankommenden Sertorius und den strengen
Deutschen zitterte. Zu eben dieser Zeit starben Nicomedes und Appio / welche das
Römische Volck zu Erben ihrer Königreiche Bitynien und Lybien entsetzte; daher
Mitridates mit seinem im Hertzen verborgenen Kriege länger zurück zu halten /
und die Römische Macht sich vergrössern zu lassen nicht ratsam hielt. Derhalben
schickte er zwei vertriebene Römer / nämlich den Fannius und Magius durch
Italien zum Sertorius; welche / iedoch weil dieser gleichwol nichts zu Abbruch
des Römischen Reichs fürnehmen / sondern nur des grausamen Sylla Uberbleibung /
und die gewaltsamen Herrscher aus dem Sattel heben wollte / mit Not zu einem
Bündnisse bewegte /Krafft dessen Mitridates zwar Cappadocien und Bitynien
haben; das übrige Asien aber den Römern bleiben; Sertorius Mitridaten einen
Feldhauptmañ mit gewissem Volcke / dieser aber jenem drei tausend Talent und
viertzig Schiffe schicken sollte. Mitridates brach hierauf alsofort mit den
Römern / welcher alleine hundert-sechs- und funffzig tausend Hülffs-völcker von
Deutschen / Scyten / Sarmatern / Traciern / und insonderheit Bastarnen /
vierhundert grosse Schiffe /wie auch hundert und funffzig Sichelwagen zusamen
brachte. So bald nun Fannius und Magius mit dem gewesenen Ratsherrn Marcus
Varius / welchem Mitridates selbst die Oberstelle gab / in Asien ankam
/schickte er den Diophantus mit hundert tausend Mann in Cappadocien; er selbst
rückte mit andertalb hundert tausend Fuss-Knechten und zwölff tausend Reutern
durch das Timonitidische Paphlagonien und Galatien in Bitynien / und
bemächtigte sich der Stadt Heraclea. Daher beide Bürgermeister Lucullus uñ Cotta
wieder den Mitridates geschickt wurden. Alleine der ehrsüchtige Cotta / welcher
dem Lucullus den Ruhm des Sieges wegnehmen wollte / ward bei Chalcedon von denen
einigen Bastarnen und andern Deutschen auffs Haupt geschlagen; Lucullus Manlius
mit sechstehalb tausend Römern getödtet / und die Uberbleibung in Chalcedon
eingesperrt. Mitridates selbst segelte mit einem schnautzichten Schiffe die
eiserne Kette im Hafen entzwei / erschlug im See-Gefechte acht tausend Römer /
und Rhodier / zündete vier Schiffe an / und schlepte die übrigen sechzig mit
fünftalb tausend Gefangenen weg. Daher über Rom aus Asien und Hispanien zwei
schreckliche Ungewitter aufzogen. Aber das sich dieser Stadt gleichsam
verschworne Glücke zohe ihr bald zwei schädliche Dörner aus den Füssen. Denn
weil Sertorius auf der Celtiberier Beschwerde dem Perpenna beweglich verwiesen
hatte: dass er in etlichen Treffen diese streitbare Bunds-Genossen allein baden
lassen; erstach der rachgierige Perpenna den trunckenen Sertorius unversehens in
seinem Speise-Saale. Welch Meuchelmord des Perpenna / den doch Sertorius zum
Erben eingesetzt hatte / die Celtiberier und Deutschen verursachte: dass sie sich
mit dem Pompejus vertrugen / den Perpenna im Stiche liessen; der hierauf leicht
überwunden und erschlagen ward; wiewol die Römer noch genung zu tun fanden /
ehe sie die Städte Osca /Terme / Tutia / Valentia / Auxima und Caleguris; in
welcher die Belägerten aus dringender Hungers-Not ihre geschlachteten Weiber
und Kinder verspeiseten /und das übrige von ihnen einsaltzten / wieder zum
Gehorsam brachten. Der Römer ander Glücke war: dass Appius Claudius die mit den
Dardanern verbundene Skordiskischen Deutschen / welche auf Mitridatens
heimliche Verhetzung ganz Macedonien durchstreifften / und zu grossem Schrecken
der Römer / aus aller Erschlagenen Hirnschädeln Trinckgeschirre machten /
zweimahl aus dem Felde schlug / und sie biss an die Donau verfolgte; wie auch
denen mit dem Sertorius und Mitridates verbundenen Cicilischen See-Räubern
einen heftigen Streich versetzte; Publius Servilius aber ganz Cilicien eroberte
/ am ersten unter den Römern den Berg Taurus überstieg / und in dem mittagichten
Galatien dem mit dem Hertzoge Dejotar strittigen Fürsten Konnachorich die Stadt
Isara ab- und selbigen Deutschen so wohl als denen Lycaoniern eine Schatzung
aufdrang / und durch sein in Cilicien und Pamphilien verlegtes Heer dem
Mitridates alle verdächtige Gemeinschaft mit den See-Räubern abschnitt. Den
grösten Abbruch aber tat Hertzog Dejotar dem Mitridates. Denn weil dieser bei
seinem Durchzuge seine Galatische Deutschen gleichsam als Feinde gedrückt hatte
/ auch die deutschen Hülffs-Völcker allentalben zu verzweiffelten Verrichtungen
gebrauchte; und wenn er sie mit dem Feinde verwickelt hatte / mit Fleiss im
Stiche liess; gleich als wenn es ihm nützlicher wäre: dass die Deutschen von
Römern / als diese von jenen erlegt würde; kehrte der verschmitzte Dejotar bei
Zeite den Rock um; und verfügte sich / so bald er des Lucullus Ankunft zu
Pergamus vernahm / zu ihm. Er kam gleich den Abend an: als das in Gestalt eines
grossen silbernen Fasses vom Himmel fallende Feuer des Lucullus / und des Marcus
Varius mit einander schlagendes Heer bei Otrye in Phrygien von sammen getrennt
hatte. Lucullus empfing Dejotarn mit offenen Armen / dieser aber gab ihm von
Mitridatens Macht und Anschlägen heilsame Nachricht; und so bald dieser mit
seiner ganzen Macht die in dem Bebrycischen Meere ganz vertieffte / und
überaus feste Stadt Cycicus belägerte /stiess Dejotars ganze deutsche Macht zum
Lucullus. Und weil beide Mitridatens unzehlbares Heer ehe mit Hunger als
Fechten zu überwinden getrauten /rückten beide jenem an den Rücken; und spielte
es Dejotar so künstlich: dass er den Magius mit dem Lucullus versöhnte; dieser
aber Dejotarn zu Eroberung eines zwischen beiden Bebrycischen Meer-Spitzen
gelegenen Berges halff; durch dessen Befestigung und Besetzung dem Pontischen
Heere auf einmal alle Zufuhre zu Lande abgeschnitten ward. Die Stadt ward
inzwischen zu Lande und Wasser vom Mitridates auffs eusserste bedrängt und
bestürmet; Aber Pisistratus verteidigte selbte fast über menschliche Vernunft;
und zwar durch diesen den Einwohnern beigebrachten Aberglauben: dass die ihm im
Schlaffe erscheinende Proserpina versprochen hätte wieder die Pontischen
Pfeiffer einen Africanischen zu schicken. Massen denn folgenden Tag ein
heftiger Sud-Wind von Africa herstrich; und Mitridatens Sturm-Türme alle über
einen Hauffen warff. Endlich aber wäre doch die Stadt aus Verzweiffelung
übergegangen; wenn nicht ein Deutscher ihm unter die Armen Blasen gebunden / an
die Füsse Blei gehenckt / und über das Meer durch die Pontischen Schiffe in den
Cycikischen Hafen geschwommen / und durch berichtete Anwesenheit des Lucullus
und Dejotars sie zu tapfferer Gegenwehr aufgemuntert hätte. Wie nun bei
herrückender Winters-Zeit dem Mitridates auch zur See die Zufuhre entfiel /
zwang der Hunger ihn ein grosses Teil / und fast alle Reuterei seines Heeres
weg zu schicken; Alleine Dejotar war ihnen mit seiner Reuterei bald in Eisen /
und zwang sie an dem Flusse Rhyndacus Stand zu halten; Lucullus folgte mit einem
Teile des Heeres; und erschlug daselbst eine grosse Menge / funffzehntausend
Kriegs-Leute / sechs tausend Pferde / und eine unglaubliche Menge Vieh ward
gefangen. Wenig Tage darnach schlug Mamercus den Fannius und Metrophanes in
Mösien. Weil aber Eumachus Mitridatens Feld-Hauptmann im Pisidien /und bei den
Isauriern den Meister spielte; eilte Dejotar seinen Deutschen zu Hülffe / und
traff das zerstreute Heer des Eumachus unter dem Berge Didymus in voller
Sicherheit an / schlug selbtes in die Flucht /ehe es sich recht setzen konnte;
funffzehntausend mussten über die Klinge springen / und nicht weniger wurden mit
unschätzbarer Beute gefangen. Hierüber verlohr Mitridates alle Hoffnung die
Stadt Cycicus zu erobern; liess also den Hermeus und Fannius dafür / er aber
schiffte des Nachts darvon. Die zurückgelassenen wurden teils von dem
ausfallenden Pisistratus im Läger / teils vom Lucullus am Flusse Esepus und
zwar in so grosser Anzahl erschlagen: dass dieser und der Fluss Granicus sich von
ihrem Blute färbte. Also kostete diese Belägerung Mitridaten über dreihundert
tausend Menschen; sein See-Hauptmann Aristonicus ward hierauff gefangen / viel
Schiffe ihm durch Ungewitter zerschmettert / Apamea und Prusa erobert; und auf
Anleitung eines zu Troas in dem Tempel der Venus habenden Traumes / bemeisterte
Lucullus bei Tenedos vollends die feindliche Schiff-Flotte; und endlich kriegte
er nebst andern Pontischen Fürsten auch den Ratherrn Varius gefangen / welchem
er alsofort den Kopff abschlage liess. Ja weñ Poconius nicht mit dem
Samotracischen Aberglaube die Sache unzeitig versäumt hätte / wäre ihm
Mitridates mit der Stadt Nicomedia selbst in die Hände gefalle. Mitridates
flohe von dar zur See nach Hause; verlohr aber wieder durch Schiffbruch sechzig
Schiffe / und zehntausend vom Kerne seines Krieges-Volckes; gleich als wenn
Himmel / Erde und Meer sich ihn zu vertilgen verschworen hätte. Bei welcher
Menge Unglücks dieser kleine Sonnenschein hervor blickte: dass die Stadt Heraclea
diesen flüchtigen König einliess /und unter den Deutschen von den Römern aus
Isaura vertriebenen Fürsten Konnachorich mit vier tausend Mann zur Besatzung
einnahm. Mitridates aber lidt noch einmal Schiffbruch / und kam auf einem
gedungenen Raub-Schiffe selbst kaum nach Sinope. Von dar reisete er nach Anisus
/ besprach sich daselbst mit dem Könige Tigranes / endlich zu seinem über die
Bosphoraner herrschenden Sohne Machar. Den Diocles schickte er mit einem grossen
Schatze zu den Scyten um Hülffe; dieser aber flohe darmit zum Lucullus /
welcher Amisus und Eupatoria / durch den Dejotar aber Emisayra einnahm; nach dem
diese Stadt sich lange nicht allein durch Menschen / sondern auch von den Mauern
gelassene Bären und Bienen-schwärme verteidigt hatte; Gleichwol aber zoh
Mitridates bei Cabira dem Lucullus mit viertzig tausend aus Iberien / Albanien
/ und Scytien versammleten Fuss-Knechten und viertzig tausend Reutern abermals
unter Augen. Seine Reuterei schlug auch die Römische; und ward Pompejus selbst
gefangen / aber vom Könige selbst wieder Gewalt beschützet; ja er brachte den
sich für der Reuterei in die Gebürge versteckenden Römer bei nahe in so grosse
Not / als der König bei Cycicus gelitten. Allein das Blat wendete sich alsbald;
in dem nach einem geringen Verlust sein Heer aus einem blinden Schrecken in eine
solche Flucht geriet: dass dreissig tausend im Stiche blieben; er auch selbst
sich kaum durch von sich Werffung allerhand kostbarer Beuten aus den geitzigen
Händen der Römer in die Comanische Landschaft rettete. Von dar flohe er mit
zwei tausend Pferden zu seinem Eydame Tigranes in Armenien; weil dieser aber ihn
nicht einst vor sich liess / schickte den Bacchus nach Sinope um seine
Gemahlinnen / Schwestern und Kinder durch den Tod aus der Römischen
Dienstbarkeit zu retten; sie aber ersparten durch eigene Messer / Strick und
Gift ihm die Mühe. Hiermit fiel fast alles vom Mitridates ab; Amastris und
Heraclea ergaben sich ohne Zückung eines Degens; Sinope aber ward nach tapfferer
Gegenwehr ihrem Erbauer Autolycus zu Ehren für eine freie Stadt erkläret. Ja
Mitridates eigener Sohn Machar schickte dem Lucullus eine güldene Krone / und
machte mit ihm Bündnis. Denn die Kinder wollen auch keinen Unglücklichen zum
Vater haben Lucullus rückte hierauf in Armenien. Dejotar ging mit seinen
Deutschen voran; und schlug den Mitrobarzanes mit dem Vortrabe. Sextilius
belägerte Tigranocerta. Tigranes selbst begegnete dem Lucullus mit
drittalb-hundert tausend Fuss-Knechten / und funffzig tausend Reutern /
liefferte auch wieder Mitridatens Rat ihm alsofort eine Schlacht. Alleine die
Deutsche und Römische Reuterei verwirrten mit dem ersten Anfalle diese sich
selbst zu fechten verhindernde weibische Menge; also: dass die Römer hundert und
zwantzig Stadien weit nur zu schlachten hatten. Manceus in Tigranocerta
entwaffnete aus Misstrauen alle Grichen / wollte sie auch gar aufopffern; diese
unbewaffneten aber wurden der Armenier Meister / und halffen den Römern zur
Eroberung dieser reichen /und unglaublich befestigten Stadt. Mitridates und
Tigranes sammleten zwar dort und dar neue Heere /zohen aber meist allezeit den
kürtzern / und in einer harten Schlacht an dem Flusse Iris mit dem Fabius ward
Mitridates mit einem Steine auffs Knie / und mit einem Pfeile unter das Auge
verwundet; gleichwol aber von den Agarenern aus Scytien mit Schlangen-Pflastern
geheilet. So bald er geheilet war / eilte er dem Triarius gegen Sadagena
entgegen; alleine ein erschrecklicher Wirbel-Wind trennte nach einem heftigen
Gefechte beide Heere von samen. Ungeachtet nun Triarius wenig Seide gesponnen
hatte / verleitete ihn doch die Begierde dem aus Armenien sich nähernden
Lucullus den Sieg wegzunehmen: dass er folgenden Tag auffs neue mit dem
Mitridates anband. Beide Heere stunden zwar drei Stunden gleichsam in gleichem
Gewichte gegen einander; alleine Mitridates /welcher hier entweder sterben oder
siegen wollte /drang mit seinem Flügel durch / und jagte den Triarius mit allem
Fuss-Volcke in einen Sumpff / darinnen sie sich nicht bewegen konten / und also
wie das Vieh durch das Geschoss erlegt wurden. Allem Ansehen wäre kein Römer
davon kommen; wenn nicht Wittig /ein auf Römischer Seite fechtender deutscher
Hauptmann unter dem Scheine: dass er zum Mitridates gehörte / dem Könige auf der
Fersen gefolgt / und ihm einen Wurff-Spiess durch das dicke Bein gejagt hätte.
Worüber Mitridatens Gefährten ihn zwar in Stücken hieben / aber aus unzeitigen
Schrecken dem siegenden Heere ein Zeichen sich zurück zu ziehen gaben; welches
den Tod des Königes vermutete / und nicht ehe / biss der Artzt Timoteus nach
Stillung des Blutes den König hoch empor wiess / zu stillen war. Gleichwol
blieben über zwantzig tausend vom Römischen Kriegs-Heere; und unter den Todten
wurden vier und zwantzig Obersten / andertalb hundert Haupt-Leute gefunden. Ja
/ weil der Römische Rat auch dem seine Kriegs-Gewalt über die Zeit
verlängernden Lucullus das Heer ferner zu gehorsamen verbot / auch es selbst aus
Uberdruss eines so beschwerlichen Krieges grossen Teils ausriss / und die Römer
von den See-Räubern sehr beängstigt wurden; rückte Mitridates in Cappadocien /
und eroberte fast sein ganzes Reich wieder. Dem Hertzoge Dejotar lag nunmehr
die ganze Last des Krieges auff dem Halse; biss der grosse Pompejus nach
ausgerotteten See-Räubern durch Cilicien in Cappadocien kam; da denn Mitridates
nur mit der Reuterei die Feinde beunruhigte; mit dem Heere aber alles hinter
sich verheerte und verbrennte; wormit der Mangel die Verfolgung der Römer
hinderte. Alleine Pompejus gab nichts minder einen versorgenden Haus-Vater / als
einen tapffern Feld-Herrn ab. Und insonderheit führten die Deutschen aus
Galatien alles reichlich zu; waren auch nichts minder des Pompejus Vorfechter
als Wegweiser. Beide Heere gerieten nach etlichen schlechten Scharmützeln
allererst über den Eufrates / darüber Pompejus die erste Römische Brücke schlug
/ mitten in Armenien / und zwar des Nachts in ein Haupt-Treffen; in welchem sein
ganzes Heer aus einem blossen Irrtume in die Flucht geriet / und
meistenteils durch Abstürtzung über die Stein-Klippen vergieng. Mitridates kam
durch das Gebürge mit wenigen davon nach der Festung Sinorex / daraus er
sechstausend Talent nahm / darmit gegen dem Brunnen des Eufrates eilte / endlich
über diesen und den Fluss Absarus und Phasis setzte / und in der Stadt Dioscorias
allererst auf Ergäntzung des Krieges dachte. Die benachbarten Heniocher boten
ihm selbst allen Vorschub an; die grimmen Acheer /welche die Griechen ihren
Göttern zu schlachten pflegen / setzen sich ihm zwar entgegen; wurden aber bald
von ihm gedemütigt; ja sein undanckbarer Sohn Machar der Bosphoraner König zu
eigener Entleibung gezwungen. Er selbst durchreisete bei nahe ganz Scytien /
und brachte fast alle Nord-Könige /teils durch Geschencke / teils durch
Verheiratung seiner Tochter auff seine Seite; mit festem Vorsatze /mit den
Scyten und Bastarnen durch Tracien / Macedonien / und Pannonien in Italien
einzubrechen. Pompejus ward inzwischen vom Dejotar biss in Colchis / und über das
Caucasische Gebürge geführet; allwo er den Colchischen König Ortaces gefangen
bekam / mit dem Albanischen Könige Orezes / und dem Iberischen Arocus / an dem
Flusse Cyrus und Araxes / und zugleich mit denen streitbaren Amazonen zu
streiten bekam. Dejotar aber vermittelte zwischen ihnen einen Frieden; und
Stratonice Mitridaten Eh-Weib des Xipharis Mutter verriet und übergab dem
Pompejus alle in einer Höle in küpfernen Fassen verborgene Schätze. Pompejus
kehrte also zurücke in Armenien; allwo sich König Tigranes mit sechs tausend
Talenten ihm ergab / alle Römische Kriegs-Leute beschenckte / und von Eufrates
an ganz Syrien den Römern abtrat. Pompejus baute im kleinern Armenien auf die
Wallstatt des überwundenen Mitridates die Stadt Nicopolis; schlug die
Comagen-Medische und Arabische Könige / nahm Jerusalem und ganz Syrien biss in
Egypten ein / schenckte dem Ariobarzanes Cappadocien / dem Attalus Paphlagonien
/Colchis dem Aristarchus; den Archelaus machte er zum grossen Comanischen
Priester / und seinem treuen Gehülffen so grosser Siege Dejotarn / und dreien
noch wolverdienten deutschen Fürsten gab er Lycaonien und Pisidien; also: dass
die Deutschen zwar die Gräntzen / nicht aber die Hoheit ihrer Asiatischen
Herrschaft erweiterten. Sintemahl Asien nunmehr eigentlicher Römische Landvögte
/ als eigenmächtige Könige hatte. Mitridates unterdessen bildete ein rechtes
Stieff-Kind des Glückes ab. Denn die Bosphoranische Stadt Phanagoria / und
hernach der Scytische Chersonesus fiel von ihm ab; die Scyten liessen ihre
hülffbare Hand sincken; ja er musste seine Faust in seiner eigenen Kinder Blute
waschen. Diesem nach er entschloss mit seinem noch übrigen Krieges-Volcke in
Deutschland zum Könige Ariovist zu ziehen / mit dem er vorher schon durch
Botschaften Freundschaft gemacht hatte; ja nach Hannibals Beispiele die Alpen
zu übersteigen; und sich mit dem durch Gesandtschaft eben so wohl verehrten
Spartacus zu vereinbaren. Zumahl der tapffere deutsche Fürst Bituit Mitridatens
unabtreñlicher Geferte ihm den Weg zu weisen / und mehr deutsche Fürsten ihm zu
verbinden versprach. Mitridates war mit seinem Heere schon biss an den Fluss
Hippanis fortgerückt; als es über eine so ferne Reise zu seuffzen anfieng. Daher
reizte sein Sohn Pharnaces selbtes nicht alleine zum Aufstande /sondern stand
ihm gar nach dem Leben; brachte es auch durch Geschencke und Vertröstungen
dahin: dass sie den Pharnaces für ihren König ausrufften / und aus Mangel einer
bessern ihm eine papierne Krone auffsetzten. Welches diesem grossmütigen Helden
so tieff zu Hertzen ging: dass er aus Beisorge: sein Sohn möchte ihn fangen und
den Römern zuschicken / Gift tranck / nach dem seine dem Egyptischen und
Cyprischen Könige verlobte zwei Töchter Mitridatis und Nyssa vorher aus selbigem
Glase den Tod gezogen hatten. Weil aber das Gift bei ihm nichts würcken wollte;
beschwor er den getreuen Bituit: dass er durch seinen so oft hülffbaren
Helden-Degen ihm und zugleich dem Unglücke das Licht ausleschen möchte. Welches
er endlich auch / iedoch mit zitternder Hand und tränenden Augen verrichtete /
hernach mit seinen übrigen Deutschen über den Fluss Hippanis schwemmte / und in
sein Vaterland kehrte. Der ungeratene Pharnaces schickte seines Vaters Leiche
mit vielen gefangenen Römern und Grichen dem Pompejus über das Euxinische Meer
nach Sinope. Ob nun zwar die Römer über dieses Feindes Tode tausend
Freuden-Feuer anzündeten / und grosse Feier hielten /liess doch Pompejus den
Mitridates in der Königlichen Grufft kostbar begraben / ihn über die fünff für
ihm gewesenen Pontischen Könige setzen / von Marmel eine Grabe-Spitze aufrichten
/ und daran schreiben:
Den grossen Stern der Welt / den grösten Mitridat /
Der funffzig Jahr gestrahlt / deckt dieser Grabe-Stein.
Des kleinern Asiens Begrieff war ihm zu klein /
Das schwartze Meer zu schmal. Sein siegend Fuss betrat /
Was Tyras / Caucasus / Meotens Pfüss / Eufrat
Und das gefrorne Meer für Länder schlüssen ein.
Die Seulen Hercules / Cephissus / Betis / Rhein
Sind Zeugen: dass für ihm Rom oft gezittert hat.
Nicht ärgert aber euch: dass er so tieff verfiel;
Die grösten Herrscher sind der Götter Gauckel-Spiel.
Und durchs Verhängnis ist sein Glück und Reich zerronnen.
Die Sternen tilgt der Tag / Cometen werden grauss.
Legt's sein Geburts-Licht doch schon Mitridaten aus:
Dass er ein Schwantz-Stern sei; Rom aber gleicht der Sonnen.
    Pharnaces behielt zur Belohnung seiner Untreu das Bosphoranische Reich; die
Stadt Phanagoria aber ihre Freiheit. Pompejus brachte fast alle Schätze und
Seltzamkeiten ganz Asiens / unter andern alleine zwei tausend aus Onyx
geschnittene Trinckgeschirre / und so viel Edelgesteine nach Rom: dass man
dreissig Tage mit der Gewehr zubrachte. Er selbst fuhr in einem so prächtigen
Siegs-Gepränge / als niemand für ihm / auf einem mit Edelgesteinen gläntzenden
Wagen / mit des grossen Alexanders Kriegs-Rocke angetan / ein; für ihm giengen
der junge Tigranes /König Oltaces / und Aristobulus / Artaphernes /Cyrus /
Opatres / Darius / Xerxes / fünff Söhne / wie auch Osabaris und Eupatra zwei
Töchter des Mitridates; dessen aus Golde gegossenes sieben Ellen langes Bild
nebst vielen Uberschrifften der Pompejischen Siege vorgetragen ward.
    Die Ubermasse so vielen die Römer gleichsam überschneienden Glückes / war
eine Mutter des Ubermutes / und der sich täglich bei der Wärmbde nach Art der
Fliegen und Käfer mehrenden Laster / verursachte also: dass die Römer die in
Italien noch gefangen habende Gallier / Scordisker / Teutonen / Cimbern und
andere Deutschen übel und grausam hielten /sie / wenn sie etwan ein Glas
zerbrachen / zu Mästung der Murenen abschlachteten; insonderheit fingernackt des
Morgens Löwen und Bären zu zerreissen fürwarffen; nach Mittage aber sie täglich
in die Schau-Plätze einschlossen: dass sie wieder ihre Landes-Leute und
Blut-Verwandte nur dem Pöfel zur Kurtzweil um Leib und Leben fechten mussten;
welcher / wenn sie nicht geschwinde genung einander in die Schwerdter renneten /
sie mit Peitschen schlug /mit glüenden Zangen brennte / und zum Tode gleich
einem Freuden-Spiele antrieb. Daher ward endlich dieser hertzhaften Leute
Gedult in Verzweiflung verwandelt; sonderlich / als sie hörten: dass bei des
Lucullus uñ andern künftigen Siegs-Geprängen sie nun nicht mehr einzelich;
sondern hundert gegen hundert fechten sollten. Worzu denn sie bereit zu tausenden
in die untersten Gemächer des grossen Capuanischen Schau-Platzes / allwo
Lentulus dem Römischen Volcke allerhand Lustspiele zu geben entschlossen war
/eingesperret sassen. Es traff sich aber: dass Spartacus ein Skordiskischer
Deutscher aus Tracien / welcher selbst etliche Jahre den Römern wieder ihre
Feinde gedient hatte / Granicus ein Friese / Oenomaus ein Noricher / und Crixus
ein Cimbrischer Edelmann in ein Gefängnis kamen; und sich mit ihren Gefährten
verschwuren / lieber biss in Tod für ihre Freiheit / als dem Römischen Pöfel zur
Ergetzligkeit zu fechten. Hiermit erbrachen sie den Kercker / erwürgten ihre
Hüter / und entkamen ihrer siebenzig von denen Hunderten in Campanien; da sie
denn unter weges niemanden als die Römer insonderheit ihrer Waffen beraubten /
sich auf dem Berge Vesuvius feste setzten /daselbst eine grosse weisse Fahne /
in welcher auf einer Seite ein Löwe / mit einem blutigen Klauen ein eisernes
Gegitter zermalmete; mit der Uberschrifft: Wolangewehrtes Blut. Auf der andern
Seite ein Adler / der in dem Schnabel einen güldenen Apffel hatte / aus einem
Kefichte empor flohe; mit der Uberschrifft: Die güldene Freiheit / abwehen
liessen; wordurch sie in weniger Zeit über dreissig tausend unter der Römischen
Dienstbarkeit schmachtende Deutschen / und noch zwantzig tausend andere
ausländische Knechte an sich zohen / und die Landschaft Campanien unter sich
brachten; sonderlich; weil ihre vier Kriegs-Obersten für sich keinen Vorteil
suchten / sondern alle eroberte Beute gleich einteileten. Diese alle erwehlten
den Spartacus seiner Klugheit und Tapfferkeit / wie auch desshalben zu ihrem
Hertzoge: weil sich zu Rom um des Schlaffenden Haupt ein Drache wie ein Krantz
gewunden; eine edle Wahrsagerin auch ihm daher eine grosse Herrschaft
geweissagt / und ihn desshalben in seiner Dienstbarkeit geheiratet hatte.
Claudius Pulcher meinte diese verächtlichen Flüchtlinge mit schlechter Müh zu
erdrücken; sie jagten ihn aber in die schimpflichste Flucht. Welch glücklicher
Streich dem Spartacus alsbald einen grossen Zulauff der Leibeigenen zu wege
brachte. Die Römer schickten alsofort den Varinius Glaber mit zwei Legionen und
vielen Hülffs-Völckern gegen sie nicht so wohl als Feinde / als wieder Räuber;
welche den Furius mit seinem in zwei tausend Römern bestehenden Vortrab
schlugen; iedoch sich einer Flucht anmasten / und auf den Berg Vesuvius sich
wieder verbargen. Als sie aber der Stadtvogt Glaber darauf belägerte / liess sich
Granicus mit zwei tausend Deutschen an langen aus Wieten zusammen geknüpfften
Stricken des Nachts von denen steilesten Klippen herunter. Wie nun Spartacus und
die andern Heerführer nach Mitternacht vorwerts das Römische Läger /und den
sicher schlaffenden Glaber anfielen / kam ihm Granicus hinterrücks so unverhofft
/ als wenn ein Feind vom Himmel ins Läger fiele / auf den Hals; und brachte
alles / ehe sich die Römer einst recht zur Gegenwehr stellten / in die Flucht.
Spartacus erwischte auch den Stadt-Vogt schon beim Rocke; also: dass er mit
genauer Not / und Hinterlassung seines Pferdes sich nach Herculaneum auffs
Tyrrhenische Meer flüchtete; sein ganzes Heer aber dem Feinde zum Raube und
Abschlachtung im Stiche liess. Nicht besser ging es dem Publius Valerius /
welcher mit genauer Not nach Capua entran. Nach diesen Siegen /und vielen
täglich zuwachsenden Verstärckungen /teilten sie sich unter ihren Heerführern
in vier Teil; eroberten die Städte Cora / Nola / Nuceria / Metapont / der
Turier Stadt; ja Spartacus überfiel in Lucanien bei Saline den Cossimius so
unvermutet: dass er ihn bei nahe im Bade erwischt hätte. Wie er denn samt seinem
meisten Volcke gefangen / und das Lager erobert ward. Den Varinius schlug er
auch zum andern mahl / und eroberte das Pferd mit denen Bürgermeister-Beilen /
und andern Kennzeichen seiner Würde; welche Spartacus hernach für sich
gebrauchte. Dem Crixus aber / welcher in Apulien einbrach / und sich des
Seehafens Agasus bemeistern wollte / begegneten beide Römische Bürgermeister mit
einem starcken Heere unter dem Gebürge Garganus / auf dessen höchster dem
Priester Calchas gewiedmeten Spitze Crixus einen schwartzen Wieder opferte; und
als er auf desselben Felle einschlieff / träumende sah / wie ihn ein Adler auf
seinen Flügeln biss ins Gestirne führete. Weil er denn wieder die Eigenschaft
dieser Wahrsagung durch des Priesters heuchlerische Veranlassung diesen Traum
auf einen vorstehenden Sieg ausdeutete / die Deutschen und Gallier auch mit
Gewalt auf eine Schlacht drangen; entschloss er sich mit den Feinden zu schlagen;
da doch sein Kriegs-Volck nur mit schlechten ledernen oder aus zusammen
geflochtenen Rutten gemachten Schilden / und aus schlechtem Eisen der Fessel
umgeschmiedeten Degen / die Reuterei aber nur mit gemeinen Feld- und
Acker-Pferden versehen war. Gleichwol wehrte sich Crixus auffs eusserste; er
ward aber endlich mit der Helffte seines Heeres erlegt; wiewol keiner fast
ungerochen starb / sechs tausend Römer tod blieben / und wohl zweimahl so viel
verwundet wurden. Spartacus /Granicus / und Oenomaus zohen sich hierauf mit des
Crixus Uberbleibung zusammen. Und weil es ihnen an tauglicher Rüstung / ja
nunmehr an Lebens-Mitteln gebrach / sie auch leicht wahrnahmen: dass sie in
diesem engen Winckel Italiens nicht in die Länge den Schwall der grossen
Römischen Macht austauern /weniger die nunmehr der ganzen Welt zu Kopffe
wachsende Macht der Römer / an der so viel mächtige Könige die Hörner zerstossen
hätten / über einen Hauffen werffen würden; entschlossen sie sich über das
Apenninische Gebürge in Gallien / und von dar in ihr Vaterland zu eilen. Weil
diss aber wegen des ihnen auf dem Halse sitzenden Varinius nicht ohne grosse
Gefahr öffentlich zu vollziehen war; stellte er auff dem Walle seines Lägers
lauter todte Leichname an Pfälen empor; liess auch etliche Pfeiffer und
Drommelschläger nach gewöhnlicher Art darinnen die Umgänge halten; er aber zohe
um Mitternacht in solcher Stille davon: dass die Römer erst bei hellem Tage und
also allzu spat solches gewar wurden. Wiewol auch der Bürgermeister Cneus
Cornelius Lentulus in dem Mugellischen Tale ihnen vorbeugen wollte / schlugen
sie doch das Römische Heer daselbst auffs Haupt; und bei Mutina erstürmten sie
das Läger des Cajus Cassius; schlachteten auch des erlegten Crixus erblastem
Geiste zu Liebe drei hundert edle Römer ab; und noch etliche hundert andere
Gefangene wurden gezwungen bei dem Holtzstosse des Crixus auf Leib und Leben mit
einander zu fechten / oder andere Schauspiele fürzustellen. Wie nun Spartacus
sein Heer mit denen eroberten Römischen Waffen ziemlich ausgerüstet hatte /
schöpffte diss verbitterte Kriegs- mehr nach dem check-Stabe ihrer Rachgier / und
des ihnen heuchelnden Glückes / als nach Uberlegung ihrer und der Römischen
Kräfften höhere Gedancken; und musste Spartacus wegen Hartneckigkeit des Granicus
und des ganzen Heeres seine vorhin heilsame Gedancken wieder Willen ändern /
und mit hundert und zwantzig tausend Mann gerade auf Rom zu ziehen. Weil aber
beide Römische Bürgermeister mit allen eussersten Kräfften den Apenninus besetzt
hatten /lenckte er durch Umbrien in die Picenische Landschaft. Als nun jene ihm
mit gesammleter Macht folgten / verfielen sie bei Asculum an dem Flusse Truentus
in eine so heftige Schlacht: dass auf Römischer Seiten über viertzig- auf
deutscher Seiten zwantzig tausend Mann ins Grass bissen. Ja als die Bürgermeister
noch einst ihnen die Stirne boten / schlugen sie sie abermals auffs Haupt / und
Granicus selbst rennte den Cassius über einen Hauffen; wegen welchen Verlustes zu
Rom der zehnde Mann aller flüchtigen Römer zum Tode verurteilt ward. Die
überbleibenden stiess Marcus Licinius Crassus zu sechs frischen Legionen und allen
nur aufzutreiben möglichen Kräfften des Reiches / mit welchen er den mit zehn
tausend Mann bei dem Fucinischen See gelagerten Granicus umringte; welche zwar
alle Mittel der Klugheit und Tapfferkeit herfür suchte sich durchzuschlagen;
welches einem dritten Teile seines Heeres auch gelückte; er aber büste mit
denen meisten / derer keiner sich den Römern gefangen geben wollte / sein Leben
ein; welchen ihr eigener Feind das Zeugnis geben musste: dass keiner nichts
knechtisches begangen / sondern durch ihre Tapfferkeit viel Edle beschämt
hätten. Hierauf kamen beide ganze Heere in dem Harpinischen Gebiete zu einer
Haupt-Schlacht; welche mit der aufgehenden Sonnen anfieng / mit der
untergehenden sich endigte. In dieser blieb Oenomaus mit viertzig tausend Mann;
Hingegen zwantzig tausend auff Seiten der Römer. Spartacus musste sich in sein
Läger ziehen; und behielten die Römer zwar das Feld; die Knechte aber den Ruhm.
Als nun Spartacus in Samnium / und so fort in Gallien durchbrechen wollte; kam es
bei Taurasium abermals zu zwei harten Treffen; da denn Spartacus nach Verlust
zehn tausend Mann in Lucanien / weil ihn Crassus unauffhörlich verfolgte / biss an
die eusserste Ecke des Brutischen Winckels weichen / und sich an der
Rheginischen Meer-Enge verschantzen musste. Damit nun sein Kriegs-Volck aus
keiner Hoffnung der Gnade sich ergeben möchte / liess er den fürnehmsten
gefangenen Römer für dem Lager aufhencken; tät auch durch öfftere Fälle dem
Crassus mercklichen Abbruch; welcher endlich / nach dem Spartacus auf Fässern /
Nachen und Flössen in Sicilien überzusetzen sich mühte / und der aus Hispanien
zurück kommende Pompejus dem Crassus zu Hülffe ziehen sollte / das Läger mit aller
Macht stürmte und zum Teil eroberte. Gleichwol aber entkam Spartacus mit dem
grösten Teile seines Krieges-Volckes biss an die innerste Spitze des
Tarentinischen Seebysens an den Fluss Bradanus / in willens Brundusium zu
überrumpeln / und von dar übers Meer zu entkommen. Als er aber hörte: dass
daselbst Lucullus mit einem Teile seines steghaften Heeres aus Asien ankommen
/ also ihm alle Ausflucht verhauen war / machte er die Not zur Tugend /
liefferte dem Crassus die verlangte Schlacht; in welcher er / ungeachtet so
vieler empfangenen Wunden: dass seine Leiche hernach unter den Todten nicht
zuerkennen war / seine Tapfferkeit und Feindschaft wieder Rom nicht ehe / als
mit seinem letzten Lebens-Atem / als einer der edelsten Feld-Herren ausbliess;
ja alle Deutschen nicht anders als wie Schlangen / die nach zerknicktem Kopffe
sich doch noch mit dem Schwantze wehren / biss auf den letzten Blutstropffen
fochten; und den Römern den Sieg teuer genung verkaufften. Crassus liess auf der
Wallstatt eine marmelne Seule aufrichten; und liess durch seines überwundenen
Feindes Lob auch sein eigenes derostalt darein graben:
Allhier ist Spartacus der edle Knecht geblieben /
Der seiner Fessel Stahl brach als ein Löw entzwei /
Und hundert tausend sprach von ihren Halsherrn frei.
Rom zehlt die Todten kaum die er hat aufgerieben /
Durch derer Bluter ihn den Frei-Brieff selbst geschrieben.
Die güldne Freiheit legt ihm selbst diss Zeugnis bei:
Dass gar nichts knechtisches an ihm gewesen sei.
Ja Feind und Adel muss den Helden-Sclaven lieben.
War sein zerfleischter Leib gleich hier nicht zu erkennen;
So wird sein Nahme doch unendlich kennbar sein.
Rom gräbt zugleich sein Lob in dieses Siegs-Mal ein /
Das man nun erst kann Frau und Freigelass'ne nennen.
Denn hätte nicht der Todt ihn untern Fuss gebracht;
So hätt' er endlich Rom noch gar zur Magd gemacht.
    Es ist nicht müglich auszudrücken / wie die in Italien und zwischen den
Alpen übrig gebliebenen Deutschen von denen teils dieser empfangenen Wunden
halber rachgierigen / teils wegen der Mitridatischen Siege hochmütigen Römern
nach der Zeit gedrückt wurden. Weil aber kein Volck unter der Sonnen den
Deutschen an Treue überlegen ist; liessen diese in der Meinung: dass die Tugend
so wohl den Undanckbaren /als die Sonne gifftigen Tieren wohl tue / durch kein
angetanes Unrecht der Römer selbte auch nur eines Haares breit versehren;
hielten sich auch bald darauf /als ihr Untergang an einem seidenen Faden hieng /
so ehrlich: dass Rom seine Erhaltung ihnen zu dancken hatte. Denn / als unter dem
grossen Pompejus die Römischen Heere in fremden Landen wieder den Mitridates
zerstreut waren / Lucius Catilina aber mit einem grossen Teile des Römischen
Adels ihr Vaterland zu vertilgen sich verschworen / und diesen grausamen Bund
mit eines abgeschlachteten edlen Jünglings / auf den das Los gefallen war /
aufgefangenen mit Wein vermischten / und nach der Reie begierig ausgetrunckenem
Blute bestätigt; ja er nicht allein in Hetrurien ein grosses Heer versammelt /
sondern auch Lentulus zu Rom die Stadt an zwölff Orten anzuzünden / und den Rat
zu ermorden Anstalt gemacht hatten; kamen vom Hertzoge Catugnat der Allobroger /
wie auch von dem Alemannischen Herzoge Vocion Ariovistens Brudern / welcher die
Helvetier beherrschte / eine ansehliche Gesandschaft nach Rom / teils sich
über die Grausamkeit und den Geitz des Römischen Landvogts zu Vienne zu
beschweren / teils für die Allobroger als der Alemänner Bluts-Freunde eine
Erleichterung ihres Joches zu bitten. Lentulus / welcher diese Beschwerden
leicht erfuhr / liess sich alsbald den schlauen Publius Umbrenus / der in Gallien
viel Jahre Handlung getrieben hatte / und also die Gesandten gar wohl kennte / an
diese Beleidigte / und seinem Bedüncken nach leicht bewegliche Allobroger
machen; zu versuchen: Ob sie dieses streitbare / und unter dem Joche
schmachtende Volck zu des Catilina Anhange machen könnte. Umbrenus redete sie auf
dem grossen Platze / wie sie auf des Saturnus Tempel noch daselbst in den
gemeinen Schatz-Kasten der Stadt Rom gelieferten Schatzung auffs Capitolium
gehen wollten /freundlich an; erkundigte ihr Anliegen; bezeugte ein hertzliches
Mitleiden mit ihrer Bedrängung; und als sie auf seine Frage: Was sie denn für
ein Ende ihres Elendes / zu welchem der Rat taube Ohren hätte / erwarteten; ihm
antworteten: den Tod; fieng er seuffzende an: Ich aber / wenn ihr anders noch
Männer seid; wollte euch wohl ein bessers an die Hand geben. Die Gesandten
begegneten dem Umbrenus nicht anders als ihrem Schutz-Gotte; und fleheten ihn um
Eröffnung seiner vertrösteten Hülffe an. Dieser leitete sie alsofort in das nahe
darbei liegende Haus des Brutus zum Gabinius Capito; welcher das Unrecht des
Römischen Rates mit tausend Flüchen verdammte; des Marius und Sylla Rasereien /
das Wüten des Cinna / des Pompejus Hochmut scharffsinnig durchliess / und wie
der meiste Römische Adel vom Bürgermeister Cicero / und andern Neulingen; derer
Väter Kohlenbrenner / die Mütter aber Ammen abgegeben / untergedrückt; die
ehrlichen Deutschen und viel andere freie Völcker wieder aller Völcker Recht
ausgeädert / und zu Leibeigenen gemacht würden /nichts minder verfluchte / als
scheinbar erzehlte / endlich eröffnete: dass diese Unterdrückung sie sich aus
Liebe der unschätzbaren Freiheit mit dem edlen Catilina wieder den grausamen
Rat zu verknüpffen / und die Einäscherung des Raub-Nestes der Welt / des
Not-Stalles aller Völcker der blutigen Stadt Rom zu beschlüssen gezwungen
hätte. Da sie nun ihre Freiheit wieder zu erlangen / denen sie ausmergelnden
Schindern die Hälse zu brechen entschlossen wären; wollten sie ihnen darzu alle
Handreichung tun. Die Gesandten hörten den grausamen Anschlag dieser
Un-Menschen wieder ihr Vaterland / dessen Liebe die Mütterliche / ja seine
selbsteigene mit aller Welt Reichtum weichen soll / nicht ohne Erstaunung
/gleichwol aber mit angenommener Vergnügung an; danckten dem Gabinius für sein
Mitleiden und Verträuligkeit; baten aber Frist / hierzu die Gesandten Hertzog
Vocions gleichfalls zu bereden; als ohne welche sie ohne diss nichts zu schlüssen
befehlicht wären. Wie nun die Allobroger dieses des Vocions Gesandten eröffneten
/ und sie einmütig mit einer so schwartzen Verräterei der Deutschen Ruhm zu
besudeln für untulich hielten; berieffen sie alsbald ihnen zu Rom habenden
Schirms-Mann Fabius Sanga; und entdeckten durch ihn dem Cicero alles Haar-klein;
welcher ohne diss in höchstem Kummer lebte; weil Gallien und Italien vom Catilina
schon in nicht geringe Verwirrung gesetzt war. Dieser wusste seine Danckbarkeit
gegen der Deutschen Redligkeit nicht genung auszudrücken; riet auch: dass sie
ihre Beipflichtung zu solchem Bündnisse auffs beste bescheinigen und denen
Verschwornen alle ihre Geheimnisse möglichst ausholen sollten. Wie nun alle
deutsche Gesandten folgende Nacht sich bei dem Stadtvogte Lentulus einfunden /
ward von denen in grosser Menge versammleten Verschwornen beschlossen: Catilina
sollte durch das Fesulanische Gebiete eilends gegen Rom anrücken; also denn der
bevorstehende Zunft-Meister Lucius Bestia in seiner gewöhnlichen Antritts-Rede
bei dem Feier des Saturnus des besten Bürgermeisters Cicero übele Herrschaft
anklagen; folgende Nacht Statilius / Gabinius und Lucius Cassius die Stadt an
zwölff Enden anzünden / Cetegus den Cicero / und der andere Hauffen alle
Rats-Herren / derer viel doch der verschwornen leibliche Väter waren /
ermorden; und hierauf dem Catilina zurennen; die Gesandten aber eilfertig nach
Hause reisen / die ihnen fürgesetzte Befehlichshaber erwürgen /und mit ihrer
Macht zum Catilina stossen. Diese versprachen nichts an ihrem Fleisse erwinden zu
lassen; alleine müsten sie ins geheim aus der Stadt gebracht /ihnen auch dieses
Bündnis von allen Beschwornen unterschrieben und besiegelt ausgehändigt werden;
als ohne welches ihr Fürtrag bei ihren Landes-Leuten keinen Glauben verdienen
würde. Die anfangs fürsichtige Bosheit wird nach und nach vermessen und bekommet
Maulwurffs-Augen: dass sie andere Leute in ihrer Auffsicht so blind zu sein
schätzet / als sie in Ausübung gewohnter Laster ist. Diesemnach unterschrieben
die Verschwornen ohne alles Bedencken den vom Cetegus entworffenen Schluss; und
befehlichten den Vulturcius: dass er folgende Nacht die Gesandten zum Catilina
begleiten sollte; welchem Lentulus ein hierzu dienendes Schreiben einhändigte.
Die Gesandten liessen diss alles den Cicero wissen: aber auf die bestimmte Zeit
der Reise die Milvische Brücke an der Flaminischen Strasse mit Krieges-Volcke
besetzen; welches die deutschen Gesandten und den Vulturcius gefangen in Rom
brachte. Worauf Cicero die Verschwornen nach und nach ins Heiligtum der
Eintracht bringen liess / sie mit ihrer Hand und Siegel überzeugte / hernach im
Gefängnisse behielt / und also Rom von so nahem Untergange errettete. Sintemahl
die Gefangenen / wie sehr gleich Cicero für sie bat /auf des Cato Gutbefinden im
Kercker erwürget; ja viel mitverschworne Söhne von ihren Vätern nach dem
Beispiele des ihnen vorgehenden Aulus Fulvius eigenhändig getödtet / Catilina
aber mit seinem Heere biss auf den letzten Mann nach unglaublicher Gegenwehr vom
Antonius erschlagen; iedoch ihm von seinen Uberwindern nachgerühmet ward: dass /
wenn er fürs Vaterland gefallen; Niemand für ihm eines schönern Todes gestorben
wäre. Wer sollte aber Rom eine solche Undanckbarkeit zutrauen: dass sie zwar die
Gesandten mit helffenbeinernen Stülen / güldenen Stäben / und anderem
Tocken-Wercke hätten beschencken; den so treuen Allobrogern aber nicht ein Lot
ihrer unerträglichen Zentner-Last abnehmen sollen? Welches dieses hertzhafte
Volck zu einer halbverzweiffelten Entschlüssung brachte: dass sie die Römischen
Geldägeln erwürgten / in das Narbonische Gallien einfielen / und für ihre
Freiheit alles eusserste zu wagen entschlossen. Aber Cajus Pomptinius / der doch
mit den Gesandten selbst ihrer Treue halber Unterhandlung an der Milvischen
Brücke gehabt hatte; kam ihnen unter dem Scheine eines Vermitlers so geschwinde
mit einem mächtigen Heere auf den Hals; und die Heduer giengen ihnen mit aller
ihrer Macht in Rücken; also: dass sie die Allobroger auf einmal zu verschlingen
schienen. Aber Not und Tugend rennen nicht selten auch der Unmögligkeit einen
Rang ab. Dahero ihre tapffere Gegenwehr den Pomptinius nötigte / an einem
vorteilhaften Orte bei der Stadt Acunum sein Läger zu befestigen. Wie nun aber
Pomptinius vernahm: dass der Hertzog Catugnat /nach dem er die Römer nicht aus
dem Läger zu locken vermocht hatte / bei Bantiana über den Rhodan mit dem halben
Heere gesetzt hatte um ins Narbonische Gallien einzubrechen / blieb er mit
wenigem Volcke zur Besatzung im Läger / liess das ganze Heer unter dem Manlius
Lentinus des Nachts in möglichster Stille über den Rhodan gehen / uñ hinter
einem Walde den Allobrogern wegelagern. Diese aber kriegten noch selbige Nacht
durch einen Uberläuffer von allen Umständen des Anschlags Nachricht. Daher zohe
Hertzog Catugnat über Hals über Kopff sein ganzes Heer an sich / rückte darmit
recht gegen das ihm gestellte Fallbret; stifftete auch etliche leichte Reuter
an: dass sie voran gegen die Römer streifften / sich mit Fleiss fangen liessen /
und einmütig aussagten: dass Catugnat nicht selbst bei denen kaum zehntausend
Mann starcken Allobrogern wäre; sondern sie des Vocions Sohn ein noch
unerfährner kühner Jüngling führte / von den Römern auf selbiger Seite des
Rhodans das minste wüste. Catugnat teilte hierauf sein Heer in drei Teil; den
Vortrab / der auf die Römer gleichsam unvorsichtig verfallen sollte / vertraute
er dem jungen Vocion / das andere seinem Sohne; mit welchem er durch einen Umweg
den Römern in Rücken gehen sollte. Er selbst blieb mit dem Kerne seines Volckes /
und etlichen tausend Helvetiern in voller Schlacht-Ordnung stehen / um den
Römern / weñ sie den Vocion verfolgen würden / die Spitze zu bieten. Diese der
List entgegen gesetzte List schlug glücklich aus. Denn so bald die Römer den
Vocion ersahn /fielen sie vorwerts und auf beiden Seiten ihn an; welcher nach
laulichter Gegenwehr zu weichen / und endlich zu fliehen anfieng / also mit ihm
die Römer auf des Catugnats Heer verleitete. Wie nun dieser ihn so behertzt als
unvermutet unter Augen ging / des Vocions Volck aber sich zugleich gege die
durch die Verfolgung in nicht geringe Unordnung gebrachten Römer wendete; sahen
sie wohl: dass der Steller in sein eigenes Garn verfallen war. Weil es aber sich
dem in Eisen habenden Feinde zu entziehen unmöglich war /mussten sie aus der Not
eine Tugend machen / und also sich zu behertzter Gegenwehr anstellen. Eine
Stunde währete die Schlacht / ehe die Römische Reuterei zum weichen gebracht war
/ und die Allobroger die Römer zur Seite antasten konten; hiermit aber geriet
Catugnats Sohn / und der vom Mitridates aus Scytien in Deutschland angekommene
Fürst Bituit mit acht tausend Mañ den Römern in Rücken; also in weniger Zeit
diese in Unordnung; und endlich / nach dem zumahl Lentinus heftig verwundet /
und zwei Römische Adler genommen waren / in die Flucht; welche aber ihnen fast
allentalben verschrenckt / und das Römische Heer durchgehends wie Vieh
abgeschlachtet ward. Der nahe Wald und die Nacht / insonderheit aber ein
erschreckliches Hagelwetter / welches nicht drei Schritte weit vor sich sehen
liess / halff dem Lentinus mit drei oder viertausenden teils nach Acunum /
teils zu den Heduern darvon; da ohne diesen Zufall von denen dreissig tausend
Römischen Krieges-Leuten allem Ansehen nach kein Gebeine davon kommen wäre. Der
hierüber zitternde Pomptinius schätzte sich im Läger nicht sicher; brach daher
eilfertig auf / und wiech am Rhodan biss zur Stadt Vindelium zurücke. Der eine
denen Römern nicht allzuwol wollende Fürst der Heduer Convictolitan brachte bei
Erfahrung dieses herrlichen Sieges es auch dahin: dass sie unter dem Vorwand: Es
wären die Alemänner und Helvetier wieder sie im Anzuge / sich aus der Allobroger
Gebiete zurücke zohen. Nach dem aber Lucius Marius / und Sergius Galba mit zwei
neuen Heeren / wie nichts minder die Massilier /und die leichtsinnigen Heduer
den Pomptinius mit grosser Macht verstärckten / setzte er über den Rhodan /
verheerte der Allobroger Gebiete; und gewañ die eine Seite der Stadt Solonium;
nach dem sie der junge Fürst Vocion vergebens zu entsetzen versucht hatte. Die
andere Seite der Stadt aber hielt zehn Stürme aus; biss Pomptinius nach erlangter
Nachricht von des Herzogs Catugnat völligem Anzuge die Belägerung aufzuhebe /
das eingenomene Teil der Stadt Solonium aber einzuäschern nötigte. Die
Römischen Heere eilten diesemnach denen Allobrogern entgegen / die Heduer
giengen ihnen auch mit einem frischen Heere in Rücken / und zwungen den Hertzog
Catugnat durch Abschneidung aller Lebensmittel zu Lieferung einer Schlacht
wieder seine wohl dreimal stärckere Feinde. Sintemal die Zwytracht der Alemäñer
uñ Helvetier ihm alle vorige Hülfe benomen hatte. Ob nun zwar die Verbindligkeit
zu schlagen schon halb verspielt ist; so wehrte doch das Treffen von der ersten
Tagung an biss in die sinckende Nacht; endlich aber erlangten die Römer einen
wiewol blutige Sieg; dessen sie sich wenig zu erfreuen / weniger aber zu rühmen
hatten. Catugnats Sohn blieb selbst todt; Er aber und der Vocion schwamen mit
etwan hundert Edelleuten durch den Fluss Araris / und entkamen mit genauer Not
in die Stadt Genf / an den Lemanischen See und der Helvetier Gräntze. Die grosse
Niederlage und der gemeine Ruff: Es wäre der Hertzog in der Schlacht umkommen /
verursachte: dass die übrigen Allobroger die Waffen niederlegten / alle Festungen
den Römern einräumten / und Catugnat zu den Helvetiern sich flüchten musste.
Herentgegen erliedt Cajus Antonius von den Skordiskischen Deutschen in Tracien;
welche nebst denen Bastarnischen Deutschen noch immer mit des Mitridates Söhnen
wieder die Römer ihr Verständnis unterhielten / und in Macedonien Beute holeten
/ eine ansehnliche Niederlage.
    Diese Erzehlung des Fürsten Adgandesters ward nicht nur durch die zu Golde
gehende Sonne; sondern auch durch die Ankunft eines Edelmannes unterbrochen;
Der dem Fürsten Adgandester Nachricht brachte: dass wegen der beiden Cattischen
Hertzoginnen /Erdmut und Rhamis von der eilfertigen Reise empfundener
Ungemächligkeit der Einzug biss über den andern Tag verschoben; Gleichwol aber
die Gräfin von der Lippe / der Fürstin Tussnelde Hofmeisterin mit ankommen wäre
/ um von Seiten ihre die gehörige Anstalt des Beilagers zu machen. Adgandester
war hierüber erfreuet; und vermeldete alsobald: dass diese Tugendhafte Frau /
welcher kein Geheimnis von der Fürstin Tussnelde verborgen / und ein wahres
Ebenbild der selbst-ständigen Dienstfertigkeit wäre / ihn einer grossen Bürde
versprochener Erzehlung überheben würde. Malovend fiel ihm ein: So werde ich
meine Unfähigkeit auch vieler Fehler entziehen; Er aber / nach dem ich gleich
die Händel / die die Deutschen ausserhalb ihrer Gräntzen mit den Römern
eigentlich gehabt / beschlossen; die ihm Haar-klein bekanten Begebnüsse
umständlich fürzutragen wissen /wie nehmlich der für Ehrsucht in dem Gadischen
Tempel des Hercules bei dem Bilde des grossen Alexanders bittere Tränen
vergissende Julius Cäsar aus einem Traume / darinnen er seine Mutter zu
beschlaffen sich bedüncken liess / ihm die Herrschaft der Welt; und / weil sein
gespaltene Klauen habendes Pferd niemanden als ihn aufsitzen liess / Alexander
gleiche zu werden habe träumen lassen; und zu dem Ende in das Hertze Galliens /
über den Rhein in Deutschland / ja über das Meer in Britannien eingebrochen /
sein Nachfolger August auch seinen Fussstapfen nachgefolgt sei. Die Gräfin von
der Lippe aber wird ihr selbst für ein Glück achten / dieser hochansehnlichen
Versamlung durch Abmahlung der finsteren Liebes-Wolcken zwischen dem Feldherrn!
Herrmann und der Heldin Tusnelde den Sonnenschein des nahen Hochzeit-Feiers
desto annehmlicher zu machen. Bei diesen Reden kam die Gräfin selbst zur Stelle;
mit welcher sich alle Anwesenden auffs höflichste bewillkömten; und nach dem sie
ins gesamt die Abend-Tafel durch hunderterlei annehmliche Gespräche abgekürtzt
hatten / von ihr selbst die Vertröstung einer umständlichen Ausführung ihrer
Zufälle /zugleich aber diese nachdenckliche Erinnerung bekamen: dass ob wohl die
Welt selten auf die / welche in der Rennebahn der Tugend schwitzten / acht
hätten /dennoch die Sternen endlich selbst gegen dieselben ihre Augen
aufsperreten; welche nunmehr den einen Fuss auf den verlangten Zweck setzten. Sie
wisse die Freude ihres Hertzens nicht vollkommen auszuschütten: dass sie die
Tugend und Liebe des Fürsten Herrmanns / und der nichts minder hertzhaft- als
keuschen Tusnelde auff einmal mit Lorbern und Myrten herrlich gekräntzt sehe;
und wie alle ihre Neider nunmehr erkennen müsten: Es sei alberer an gerechtem
Ausschlage der göttlichen Versehung zweiffeln; als von der Sonne Zeugnis ihres
Lichtes fordern.
 
                                     Inhalt
                             Des Siebenden Buches.
Die Begierde rühmliche Taten nach zu tun / und die Beschreibung derselbten /
als eine Wegweiserin zur Tugend / was sie würcke und worzu sie den Hertzog Zeno
/ Rhemetalces / Malovend Adgandester und die übrige Gesellschaft verleite?
Malovends fernere Erzehlung. Der Gottesdienst und priesterliche Würde als der
sicherste Kappzaum der Untertanen bei dem alten Deutschen mit der Königlichen
vermählet gewesen. Jener vielfältige und nutzbare Verrichtung. Der
Brittannischen Weisen oder Druyden Lebens-Art und Ansehen der Königlichen
vorgezogen. Ihres Haupts Verehrung / Unterricht der Jugend und Eydes-Pflicht.
Ihre Sprache und Schrifft / Speise fasten und Keuschheit / ingleichen ihrer
Seckte Unterscheid. Des deutschen Frauen-Zimmers sonderbare Klugheit / Ansehen /
Wahrsagungen und Zauberei. Der Druyden Opffer / Heiligtum und Verehrung
gewisser Bäume; Ihre Lehre allzu heilig was vergängliches zu schreiben. Ihre
Leichen-Gedächtnisse und Meinung von der menschlichen Seele. Der Aberglaube und
Veränderung des Gottesdienste gefährlich / die Gemeinschaft einem Reiche
nützlich. Blinder Gehorsam ein Werck unvernünftiger Tiere / wie die Prüfungen
der Warheit ein Tun der Menschen. Unter dem Teut oder Tuisto der Schöpffer
der Welt oder Mercur angedeutet / welchen die alten Deutschen nebst dem Hercules
und vielen andern zu Schutz-Göttern erwehlet. Der Mond in besonderer Betrachtung
unter ihnen. Furcht und Einbildung die gröste Gemüts-Kranckheit. Allerhand
aberglaubische Urteile über Sonn und Mond die grösten Lichter der Welt und
derer mehrmahlige Verfinsterungen. Des ersten Druys Serapio in Deutschland mit
nachdencklichen Reimen eingegrabene Wahrsag- und Propheceiungen. Der klugen und
weltweisen Herrschaft nicht allezeit die glücklichste. Glücks-mässigung aber die
schwerste. Der Druyden anfängliche Andacht in Scheinheiligkeit / ihre von
aussen-gläntzende Tugenden in Laster / ihre vorgegebene Einigkeit in Zwytracht
verwandelt / biss solche einer der tieffsinnigsten Druyden Divitiack ans Licht
gestellet und verdammet. Seine darüber ausgestandene Verfolgung. Eine neuere
mehr auf die Vernunft gegründete Lehre verursachet unter den höchsten Häuptern
Deutschlands grosse Unruhe. Grosse Niederlage der Eubagischen Gallier auf ihres
unglücklichen Fürstens Rubonors Beilager. Der Samnitischen Weiber frevelhafter
Gottesdienst geduldet. Der Bataver und Menapier durch den Degen erworbene
Freiheit. Vier an Tugend und Tapfferkeit zu einer Zeit herrschenden Fürsten
Deutschland so schädlich / als vier Sonnen dem Himmel. Unter denen der
Cheruskische Hertzog Aembrich die Würde der Feld-Herrschaft davon trägt. Des
Hertzogs der Alemänner Ariovists kluges Urteil über solcher ausgeschlagenen
Würde. Des von seiner Herrschaft verfallenen Fürstens Orgetorichs wieder den
Ariovist unglücklicher Auffstand zum Feuer verdammet / aber vom Pöfel mit Gewalt
erlöset. Seine und seines Eydams Domnorichs und Fürsten Darico Entschlüssung vom
schlauen Julius Cäsar mit ihrem grossen Verlust hintertrieben. Des Julius und
eines Römischen Adlers von den Helvetiern ausgestandene Gefahr / und darauf
erfolgter Friede. Des Julius neue Kriegs-Flucht wieder die Deutschen und dem
Könige Ariovist getanes hochmütiges Anmuten. Dessen hertzhafte Antwort vom
Römischen Rat wieder Cäsarn selbst gebilliget. Beider Zusammenkunft und
Unterredung. Cäsar bedienet sich wieder den Ariovist teils der Leuen-Haut /
teils des Fuchsbalges / so sich endlich mit übelausschlagender Verräterei
endiget. Ariovists nebst seiner bei sich habenden Deutschen und ihres in der
Wagenburg gelassenen Frauen-Zimmers bezeigter blutiger Kampff / und einiger
Ritter dabei empfangener Geschlechts-Nahmen. Der Gefangenen Auswechselung und
Friede durch den zwischen dem Cherusker Hertzog Aembrich und der Catten Hertzoge
Arabarn entstandenen Krieg befördert. Hertzog Aembrichs vergrösserte Herrschaft
durch Besiegung der Quaden und Unterdrückung der Barden und Eubagen Deutschland
besorglich. Der Diener missbrauchte Gewalt ihrem Herrn und Untertanen
gefährlich. Des Königs Ariovists von seinen vertriebenen Vetter Arabar beim
Feld-Herrn Aembrich vergeblich eingelegte Vorbitte. Der beiden Cattischen
Fürsten Rossna und Cimbers dardurch erregter Aufstand und Anfall des
Cheruskischen Gebiets / welchem Cossibellin der Britannier Hertzog mit einem
mächtigen Heere / der Cimbern Hertzog Friadlev mit seinem Beifall folget. Seine
Stürtzung mit dem Pferd / und seine vom Donner abgeworffene Geschlechts-Seule
eine Vorsagung seiner und dessen Bundsgenossen erfolgten Unglücksfälle.
Aembrichs befestigte Macht in Deutschland. Ausser Landes geht ein der Deutschen
und Belgen Freiheit nachteiliger Comet am Cäsar wieder auf. Undanck und
Verräterei bereitet ihm bald da bald dort einen Sieges-Krantz / dem Vaterlande
aber die Fessel der Dienstbarkeit. Boduognats des Hertzogs der Belgen tapffer
verfochtene und durch erwünschete Friedens-Vorschläge behauptete Freiheit /
deren Verlust die eigenen Spaltungen als der Römer Tugend befördert. Verräterei
sein eigener Hencker am boshaften Ufo. Neuer Krieg in Deutschland über der den
Druyden eingeräumten grossen Gewalt zwischen dem Feld-Herrn Aembrich / dem
Hemunderer Hertzoge Brittan / dem Longobardischen Fürsten Siegbrand /dem Svioner
Könige und übrigen Bundsgenossen. Aembrichs und der Seinigen grosse Niederlage.
Gotors vielfältige Siege / Arabars Erholung. Cäsars hierbei in Gallien
gesuchter Vorteil; der Deutschen vernünftige Warnigung erfolget. Eines
deutschen Ritters Heldenmässige Entschlüssung beim erzürnten Cäsar vor feine
Landes-Leute ein Schlacht-Opffer zu werden. Cäsars an zweien deutschen Fürsten
vergessenes Völcker-Recht vom Römischen Rat höchst empfunden. Cäsar suchet bei
den Sicambern dreuende die Ausfolgung der geflüchteten Usipeter und Tencterer.
Sein seltzamer aber unglücklicher Brücken-Bau über die Mosel. Seine Ehr und
Kriegssucht ziehet ihn nach der Deutschen tapffern Wiederstande in das unter
bürgerlichem Kriege seuffzende Britannien. Des Feld-Herrn Aembrichs aus
sonderbarer Staats-Klugheit verworffene Hülffe der mächtigen Römer. Cäsars
ausgerüstete Kriegs-Flotte von Feind und Wellen / insonderheit von Bondicea
einer Königlichen Britannischen Jungfrau glücklich bestritten und zurück in
Gallien gejagt. Verwirrter und in voller Kriegsflame sich befindender Zustand in
Deutschland / worinnen der Gottesdienst zwar der Vorwand / das Absehen aber der
hohen Häupter die Ober-Herrschaft ist. Was Fürsten / was klugen und treuen
Dienern gelegen /und wie jene mit diesen die Bemühungen / nicht aber die Würde
teilen sollen; des Feld-Herrn Aembrichs und König Ariovists / Gotarts und
Hertzog Brittons gegen einander gestellte Kriegs-Macht; des allzuhitzigen Königs
Gotarts tödliche Verwundung dienet zur Lehre: dass ein Krieges-Haupt nicht in
der Spitze stehen / sondern wie das Hertze im Leibe zum allerletzten sterben /
und ihr Tod möglichst zu verhölen sein solle. Des Feld-Obersten Terbals
Verräterei wieder den Feld-Herrn Aembrich. Seine Straffe. Torheit zuweilen
eine Gefärtin der Klugheit. Ob der Fürsten Hoheit von keinen Gesetzen
umschräncket / und einen Ubeltäter ohne Verhör zu verdammen und entschuldigen
sei? Schlacht zwischen dem Feld-Herrn Aembrich und dem Könige Ariovist eine
Beförderung des Friedens / mit Mässigung der Druydischen Macht und Erteilung der
den Barden und Eubagen zeiter verschränckten Freiheit ihres Gottesdienst.
Vielen Fürsten Beschwerführung beim Feld-Herrn Aembrich über Cäsars
Tätligkeiten. Dessen versicherte Freundschaft. Aembrich weiss der Römer
Beleidigungen durch seine Vernunft zu mässigen / und durch seine Klugheit seinen
Sohn Segimer noch bei Leb-Zeiten wieder das sonst gewöhnliche Wahl-Recht zum
Nachfolger zu erklären. Aembrich rächet der Deutschen und Belgen Unrecht durch
Cäsars Niederlage am Rhein; ziehet sich hierauff seinem eigenen Brande zu.
Induciomar der Hertzog der Trevirer belägert den Römischen Labienus / wird aber
in einem Ausfall erschossen. Die den Feld-Herrn Aembrich nicht erwartenden
Trevirer werden durch feindliche Hinterlist an der Mosel meist erleget / die
übrigen unter das Römische Joch gebracht und vom Cingetorich beherrschet. Die
Entlegenheit bei Nachbarn der Nagel daran ihre Freundschaft hencket. Die Römer
überfallen den ganz sichern Feld-Herrn Aembrich und Cattivolck seinen Bruder
auf einem Lust-Hause; der erste kommet durch die Flucht / dieser durch seinen
erkiesten Tod dem Cäsar aus den Händen. Cäsar läst den ihm verdächtigen Fürsten
Acco nebst viel Semnonern und Carnuten zu tode prügeln / durch welche
Grausamkeit er wieder sich die Gallier und andere Bundsgenossen aufwiegelt / und
dannenher mit dem Feld-Herrn und übrigen Deutschen einen gewissen Frieden
eingehen muss / um die Gallier im Zaume und Gehorsam zu halten. Des Gallischen
Adels und der Bellowackischen Jungfrauen Heldenmässiges Gelübde gegen den Cäsar.
Dessen und alle Klugheit Kräffte werden für der himmlischen Versehung zur
Ohnmacht. Dem Cäsar stehen die Deutschen wieder die Gallier bei. Die in der
Festung Alesie ausgestandene Hungers-Not so gross: dass auch ein Mensch des
andern Speise werden und selbst die Natur der eussersten Not aus dem Wege
treten muss. Menschen-Fleisch eine unnatürliche und im Geblüt nichts als Fäulnüss
nach sich ziehende Speise / so schädlich als Gift. Die Ubergabe Alesiens
stürtzt den Vercingetorich zu Bodem / Gallien aber unter den Fussschemel der
Römer. Cäsars Grausamkeit in Ugellodun wieder den Fürsten Guturvat und übrige
Gefangene. Cäsars und Pompejus Ehrsucht sucht seinen Zunder durch bürgerliche
Kriege; der erste aber seine Siege wieder diesen in der Deutschen und ihrer
Fürsten Erdmunds und Acrumers Hülffe. Eines Bruckerisch- und Chasnarischen
Ritters ungemeine Helden-Tat und Treue mit einem herrlichen Gedächtnis-Maale
von Ertzt und Marmel verehret; Jenes in Gefangennehmung des Dejotars; dessen in
Uberdeckung des Cäsars von den feindlichen Pfeilen. Des grossen Pompejus
schimpflicher Tod; Cäsar befestigt seine Herrschaft über Rom und die halbe Welt
durch Hülffe der Deutschen / biss solche endlich der Neid und das Verhängnis
zerdrümmert. Sein zu Rom gehaltene vielerlei Siegs-Gepränge schläget die vom
Antonius ihm unter dem Bilde des gefesselten Rheins zugemutete Heuchlerische
Ehre / als einen unerträglichen Schimpff der Deutschen ab. Der Ruhstand in
Deutschland ihm selbst schädlich. Die Todfeindschaft der Catten und Cherusker
wo sie herrührend? ob von einem wiedrigen Einflusse der Gestirne oder einer
andern geheimen Würckung der Natur /oder aber von Eigen-Nutz als dem
Zanck-Apffel aller Tiere? Heuchelei bei Hofe die dienstbarste Sclavin. Der
Fürsten Fehler und Gebrechligkeiten als Tugend und Zieraten von Untertanen
nachgeäffet. Die Gemüter des weiblichen Geschlechts unergründlich /ihre
Herrschaft über die Männer unersättlich. Fürstliche Heiraten haben nicht die
Liebe / sondern des Landes Wolfart zum Zweck. Segimers Vorhaben seine
unfruchtbare Gemahlin Asblaste zu verlassen uñ Vocionen zu heiraten. Jener
Flucht und nachdencklicher Abschieds-Brieff bringt diese in höchste Raserei:
Dem Feld-Herrn Aembrich als Vatern ziehet die hieraus und aus andern
Unglücks-Fällen geschöpffte Bekümmernis den Tod zu. Seines erlauchteten Hauses
und zerritteten Reiches letzte und ruhmbare Vorsorge durch Befestigung des edlen
Friedens. Neue Kriegs-Flamme zwischen König Arabarn und den Cheruskern. Des
Kaysers Augustus mit diesen wieder die Rhetier und Vindelicher gemachtes Bündnis
/deren Weiber unmenschliche Tapfferkeit. Des Augustus Lebens-Gefahr bei
Belägerung der Stadt Mebulun; der Innwohner verzweiffelte Gegenwehr / ihr und
der ihrigen selbst eigene Einäscherung. Was eines Uberwinders Ruhm sei: Nicht
vieler Leichen und Steinhauffen Meister zu werden / sondern seinem überwundenen
Feinde vergeben / damit dieser verlohrne Hoffnung der Gnade sich nicht in
Verzweiffelung verwandele? Kaysers Augustus Sieg wieder die Pannonier und Feinde
mit den Cheruskern. Dieser samt ihrer Bundsgenossen der Quaden vom Cattischen
Heerführer Stordeston und König Arabars Sohne erlittene Niederlage. Den
Römischen Hülffs-Völckern und ihren Adlern wird aus Misstrauen der Flug über den
Rhein geweigert. Augustus zerfällt auffs neue mit dem Antonius / und also Rom
wieder Rom. Die Ubier und Usipier Hertzoge werden bei nahe der ganzen
Herrschaft entsetzet; dem Cheruskisch bebenden Hause geht am tapffern Segimer
ein neuer Glücks-Stern; dem ganzen Deutschland aber die erwüntschete
Friedens-Sonne auf. Hierbei erlangen die Barden und Eubagen ihre
Gewissens-Freiheit. Der tugendhaften Asblaste und ihres Vaters Surena am
Königlichen Hofe Orodes veränderlicher Zustand lehret: dass die Entziehung
verdienter Ehre dem beschimpffeten nur zu grösserm Ruhm gereiche; Und jener am
meuchelmörderischen Maxortes ausgeübte gerechte Rache: dass das sonst schwächere
Geschlecht das stärckere an Tugend und Waffen besiegen könne. Die verkleidete
Asblaste vor Gerichte gebracht / aber wunderbarer Weise vom Feld-Herrn Segimer
erlöset. Surena des an seiner Tochter verweigerten Richter-Amts halber
hingerichtet. Segimer wegen der enteiligten Persischen ewigen Flamme in Kercker
geworffen / zum Feuer verdammet / von Asblasten seiner Gemahlin erkennet / auff
gleiche Art errettet / endlich doch alle beide gefänglich behalten worden. Die
Liebe hat weder Gesetze noch Mess-Stab. Phraatens des Königlichen Persischen
Printzens blinde Liebe gegen die tugendhafte Asblaste. Dieser ehliche Treue und
ersonnene List bringt den Segimer aus dem Gefängnis / folgends als das Haupt
der deutschen Hülffs-Völcker unwissend der Römer / wieder die Parter in Krieg /
darinnen diese geschlagen / des Labienus Kopff zu Aten vom Antonius den Grichen
zum Schau-Essen auffgesetzet. Pacors Niederlage verlieret die eitele Einbildung:
dass das Glücks-Rad den Lauff der Sonnen / und der Sieg gewisse Örter und Zeiten
halten müsse. Das Geschlecht Rittberg woher es den Nahmen? der Frieden zwischen
dem Antonius und denen Partern bringt dem Segimer beim Römischen Rate viel
Ehren-Bezeugungen / aber desto weniger Hoffnung zu seiner noch gefangenen
Asblaste zu wege. Segimer bekommt durch eine Kriegs-List Orodens zwei
Schoss-Kinder Pharnabazes und Orossmanes zur Auslösung Asblastens gefangen /
welche letztere Phraates mit Gift hinzurichten befiehlet /von der in den
Pharnabatz verliebten Ternamenen aber durch seltzames Begebnis erlöset wird.
Phraates wirfft sich zum Könige wieder seinen Vater auff / gebraucht sich hierzu
gewisse Zauber-Künste. Grosse Laster durch grössere ausgeführet vor Tugend / die
Herrschaft ohne Wollust vor unvollkommen gehalten. Asblastens und Segimers
unverhoffte und so viel erfreulichere Zusammenkunft. Die Freiheit der beiden
Partischen Fürsten Pharnabazes und Orossmanes wird beim wütenden Phraates zum
Todten-Bret. Phraates dardurch von Freund und Feinden verhast. Deutschland wird
gleichsam durch Segimers und Asblastens Zurückkunft aus einer befallenen
Ohnmacht erwecket; alle benachbarten Völcker in Ruhstand gesetzet. Des Janus
Tempel vom Augustus zu Rom gesperret. Fürst Herrmann der Erhalter der deutschen
Freiheit von Asblaste geboren. Der Menschen eigene Taten setzen gute und böse
Sterne in den Creiss ihrer Geburts-Lichter. Augustus Begierde alle seine
Vorfahren wie an Pracht und Herrligkeit / also an Grausamkeit und Undanck gegen
seine Hülffs-Völcker die Celten und Dacier zu übertreffen. Des Feld-Herrn
Gesandten hierüber geschöpffte Empfindligkeit; Der Dacier und Bastarnen
Auffstand. Erörterte Staats-Regel: ob die Untertanen durch Uberfluss oder
überhäuffte Schatzungen im Zaum und Gehorsam zu halten? Alle zur Pracht und
Hoffart gereichende Dinge sollen mit grossen Zöllen beleget / die
unentbehrlichen Lebens-Mittel aber dem Armut zum besten davon befreit werden.
Augustus darinnen begangener Fehler. Gewisse Mittel den Fürsten bei Liebe / den
Diener bei Ehren / die Länder beim Gehorsam zu erhalten. Augustus
neu-aufgerichtetes Gewerb und Niederlage am Rhein den Deutschen nachteilig /
den Catten unerträglich. Der Handlung und Kaufmannschaft Wert und Unwert /
ob / und wie weit solche dem Adel anständig? die Römische Grausamkeit wieder die
Catten ziehet ihnen von deren Lands-Leuten einen neuen Krieg auf den Hals /
darinnen dem Römischen Marcus Vinicius der Sieg zugeschrieben / und vom Kayser
August ein Siegs-Bogen aufgerichtet wird. Staats-Klugheit der Fürsten / dem
vergänglichen Rauch und die leeren Hülsen eitler Ehre teuer zu verkauffen.
Mecenas des Augustus geheimster Staats-Rat hat an Verstand und Treue keinen
seines gleichen. Sein Urteil vom Agrippa und seinen grossen Verdiensten.
Ingviomer des Feld-Herrn Segimers Bruder nimt sich wieder die Römer und den
Heerführer Agrippa der Gallier Freiheit an. Verwirrter Zustand in Spanien wieder
Uberwinder die Römer. Ingviomer geht durch Vermittelung des Segestes / durch
Beförderung des Printzens Divitiaks zur Römischen Rats-Würde / und also zu
seinem grösten Vorteil mit dem Agrippa einen Frieden ein. Ingviomer vom
Augustus hochgehalten / seiner deutschen Leibwache vorgesetzt / letzt auch mit
herrlichen Geschencken wieder in sein von Kriegs-Flamme loderndes Deutschland
gelassen. Der Hermunderer grosser Freiheits-Eyver und Umschränckung ihrer
Hertzoglichen Gewalt. Ihres Hertzogs Brittons Vermählung mit des Königs der
Bastarnen Deldo Tochter denen Eubagen wegen ihres der Druyden zugetanen
Gottesdiensts / verhast und zum Auffstand ursachlich. Eigen-Nutz des Menschen
Augapffel. Brittons Staats-Fehler. Gemeine Wohlfart das gröste Gesetz. Hertzog
Britton wird genötiget seiner beiden Reichs-Räte Blut-Urteil zu
unterzeichnen. Königlicher Purper vor dem Anrühren / Fürstliche Hoheit vor
Gewalt und Aufruhr zu bewahren. Der Druyden Auffstand wieder die Eubagen unter
dem Hertzog Brittons. Dessen verfehltes Mittel in Begnädig- und Bestraffungen:
Marbods Zurückkunft von Rom in sein Vaterland. Seine Ankunft / Aufferziehung
und Ansehen bei den Römern / insonderheit bei dem Tiberius und des Kaysers
Tochter Julia Agrippens Ehfrau. Ihre entbrandte Liebe gegen ihn. Die Liebe eine
Schwäche der grösten Leute und die Röte ihr Verräter. Die Entdeckung eigener
ist der Schlüssel fremder Geheimnisse. Juliens / Tiberius und Marbods Glück-Spiel
in dem Aponischen Brunnen mit dem güldenen Würffel. Juliens unkeusche Liebe wird
verraten; Der unschuldige Marbod der dringenden Zeit aus dem Wege zu treten /
und Rom zu verlassen genötiget; bei denen Hermundurern und Marckmännern zum
Kriegs-Obristen wieder den Britton erkläret / auch bald hierauf wegen seines
erhaltenen Sieges vor einem Erhalter ihrer Freiheit ausgeruffen. Des
Marckmännischen Adels gröster Glantz und Hochhaltung die Geryonische Weissagung.
Facksarifs und Marbods beider Kriegs-Obristen Hertzhaftigkeit und Sieg wieder
den Britton und seine ihn verführende Gemahlin. Das Glück ist der Apffel im Auge
der Klugheit und die Hertz-Ader in der Tapfferkeit. Britton wegen seines
Argwohns von den Seinigen vollends verlassen fällt in die eusserste
Knechtschaft. Der Ehr-Geitz kann keinen über noch neben sich leiden.
Harneckigkeit ist so wenig als ein kollernd Pferd durch einen allzuharten Zaum
zu bändigen. Marbods Staats-Künste ihm das Volck und Kriegs-Heer zu verbinden.
Auffruhr das schädlichste Gift und Mord-Schlange raubet dem Britton das Leben.
Ob und wie weit gekrönte Häupter den Gesetzen und des Volcks Urteil
unterwürffig? der Cheruskische und viel andere Gesandten bemühen sich das bei
aller Welt über den Fürsten verhaste. Blut-Urteil mit allerhand Staats- und
Rechts-Gründen zu hintertreiben. Der Saamen der Verräterei unaustilglich.
Dessen Wachstum unbeständig / der die Stauden seines Glücks mit Blute tinget /
und auff Gräber pflantzet. Fürstliche Geschlechter gleichen der Keule Hercules
und dem Spisse Romulus / wie und auf was Weise? Fürstliche Kinder durch
Verzärtelung / wie die Alten durch der Höflinge Heuchelei verterbet. Ehrsucht
der Fürsten Leit-Stern zu allen Lastern /der Purpur ihr Deck-Mantel. Die
bürgerliche Herrschaft vor die Freiheit die sicherste / hat zum Angel- den
Wohlstand des Volcks. Freiheit dem Pöfel mehr schädlich als nützlich. Die
Anmassung der Gewalt über Fürsten als wahre Ebenbilder Gottes auf Erden ein Raub
des Himmels. Ein der Königlichen Hoheit an die Seite gesetzter Reichs-Rat soll
wie der Mond von der Sonnen seinen Glantz; Nicht aber von jenem die
Verfinsterung erwarten. Facksarifs Gemahlin heiliger doch vergeblicher Eyver in
Erlösung des zum Tode verdammten Brittons. Dessen hertzhafte Entschlüssung: dass
ohne Schuld gewaltsam sterben ein blosser Zufall / das Leben aber mit
schimpflichen Bedingungen erretten / ein selbst Mord der Ehre sei: der
Märckmännische Adel gedrückt / und ihnen das Recht der Erstgeburt / wie auch die
Reichs-Rats-Würde entzogen. Fürst Jubile Brittons Sohn von den Märckmännern und
Sedusiern zum Oberhaupt erwehlet. Marbods Wiederstrebung und seine sieghafte
Waffen machen ihn zum Landvogt und höchsten Kriegs-Haupte. Jubils Niederlage und
genotdrängte Flucht in der Burier Land. Marbod befestiget durch Vertilgung der
grösten im Königreiche seine Herrschaft. Fürstliche Hoheit hat das Gebiete über
alle Völcker / über die Fürsten der Vorteil. Marbods Staats-Regel ein Reich
ruhig zu beherrschen. Der Fürsten gewaffnetes Heer der beste Sach-Redner. Der
Degen das einige Messer alle Gordische Zweiffels-Knoten aufzulösen. Durch
Erweiterung der Landes- werden nicht allezeit dessen Kräffte vergrössert. Das im
Kriege vergossene Menschen-Blut eine Tinte der Ehrsucht / daraus die
Kriegs-Leute ihre Siegs-Fahnen färben. Kriegs-Leuten eine Schande durch Schweiss
erwerben / was sie durch Blut haben können. Fürsten sind sterblich / nicht aber
ihre Völcker und Reiche. Marbod wiegelt das Kriegs-Heer wieder den Reichs-Rat
auf / bemächtiget sich dadurch des Brittonischen Stuhls mit scheinbarer
Verweigerung des Königlichen Titels / und entschleust den Krieg wieder die
Bojen. Hohe Ankunft und Geblüt muss der Tugend weichen. Der Freiheit bester Sitz
nebst des Volckes gröstem Heil die einköpfichte Herrschaft. Marbods geheimes
Verständnis mit etlichen der vornehmsten Bojen; Sein glückliches Vornehmen
verjaget ihren nicht sonderlich darüber bekümmerten Hertzog Critasirn aus dem
Lande. Die Unempfindlichkeit über den Verlust so schädlich / als die übermässige
Herrschenssucht. Die Empfindligkeit dagegen das eintzige Erhaltungs-Mittel aller
Tiere. Erb- und Wahl-Königreiche nebst deren Vorzug. Marbods allzu grosser
Eyver wieder die Bojen verbländet ihm den Verstand / wie allzu grosser Glantz
die Augen. Sein mit einem Bojischen Ritter heftiger Kampff und Niederlage.
Ursprung der beiden Geschlechter Nothaft und Tannenberg. Marbods seltzames
Begebnis in einer Höle mit einem alldar gefundenen wohltätigen alten Greisse und
Einsiedler. Der Mensch das grimmigste der Tiere und seine in der Bosheit
zunehmende ausgeteilte Jahre. Abbildung der Zeit und Vergängligkeit.
Tugendhaftes Leben der sicherste Ancker und der vollkommenste Glücks-Stern /
ausser diesem alles Eitelkeit. Des Einsiedlers Lehre von der Ruhe des Gemüts
und wahren Glückseligkeit. Die Weissheit ein selbst-ständiges Wesen keines
eusserlichen Glantzes benötigt. Die Ehrsucht das unersättlichste Laster unter
allen. Die Herrschaft die beschwerlichste Dienstbarkeit. Die Freiheit des
Gemüts ein ander Himmelreich. Jeder Grundzeug der Natur ein Auffentalt
menschlicher Gebrechen. Die Ehre der Tugend Zunder / des Lebens Kleinod. Des
Leibes / des Hertzens und des Gemüts Wachstum. Die unvernünftigen Tiere den
vernünftigen an Jahren und Alter überlegen. Des Volcks Eigentum ist das
Seinige bewahren / eines Fürsten seine Herrschaft vergrössern. Das Altertum
gebieret gegen der gegenwärtigen Zeit eitel Riesen- und Wunderwercke. Die
Hertzen und Gemüter der danckbaren Nach-Welt sind vor der rühmlich verstorbenen
Asche die herrlichsten Todten-Köpffe. Unterscheid zwischen einem unsterblichen
Nach-Ruhme und einer ewigen Schande. Ein tugendhaft Leben balsamt allhier
unsern Atem / nach dem Tode die Asche ein. Ubermässige Ruhmsucht wem sie
gleiche? Schatten der Ehre fliehet die Verfolgenden / und folget den Fliehenden.
Ruhm-Sprüche ohne Verdienste Schattenwerck ohne Leib / und Grab-Schrifft auf
leeren Gräbern. Marbod nimt des Einsiedlers Lehre und Warnigung als eine
göttliche Würckung mit Tränen an / verflucht dagegen den Hoff mit seiner
heuchlerisch- und betrüglichen Ehre. Der Mensch hat in andern Fehlern Luchs-in
seinen eigenen Maulwurffs-Augen. Der selbst-Erkenntnis Nutzbarkeit. Die
viehischen Neigungen im Menschen verborgen. Seine Fehler erkennen / schon eine
halbe Vollkommenheit. Das Gewissen die Mess-Rute unsers Lebens. Die eusserlichen
Sinnen und Glieder die Abbildungen der Seele / das Haupt alleine der Sitz des
Verstandes. Ein Reich von zweien Fürsten die gröste Missgeburt. Die eintzele Zahl
zum Herrschen; Die Vielheit zu gehorsamen nur geschickt. Kluge Räte der Fürsten
Augen. Des Hertzens und der Augen genaue Verknipffung. Der rechtmässige
Ohren-Gebrauch bei Fürsten. Der Wollust ein Englisches Antlitz / aber ein
Drachen-Schwantz zugeeignet. Ein guter Nahme der beste Geruch der Gemüter und
ein tugendhafter Fürst ein Spiegel seiner Untertanen. Der Mund ein Pinsel des
Gemüts und eine Schreibe-Feder der Gedancken. Die Zunge das schädlichste und
nützlichste Glied des Haupts / der Fürsten Steuer-Ruder im Schiffe der Reiche.
Fürsten eine erhobene Glocke / der Klang ihr Verräter. Kürtze der Redner
Meisterstücke / eines Fürsten Eigentum. Der Donner die Sprache Gottes und sein
Bild auf Erden. Fürsten müssen sich die Vernunft / am meisten aber das Licht
der göttlichen Versehung leiten lassen; Alle Menschen auf dem Welt-Meer GOtt zum
Angel-Sterne / das Gewissen zur Magnet-Nadel haben. Des Einsiedlers dem Marbod
getane Offenbahrung: dass er Ariovist der Alemanner Hertzog sei. Unterschiedene
Geburts-Maale ein und anderer gekrönter Häupter. Das Abstürtzen von
König-Stühlen rühret von Lastern / wie das freiwillige Absteigen von Tugend her.
Das Glücke der Jugend Schoss-Kind / der Alten Wechselbalg. Der Einsiedler oder
vielmehr Ariovist erzählt dem Marbod seiner und anderer Fürsten Staats-Fehler /
und das mit einem vermeintlichen nächtlichen Gespenste oder seinem guten Geiste
gehaltene Gespräche. Dieser ihre Lebens-Art. Kunst recht zu leben / wohl zu
herrschen und selig zu sterben. Der Kindheit / Jugend und Alters Eigenschaften.
Das Glück eine Buhlerin der lebhaften / eine Stieff-Mutter der verlebten. Je
vollkommener der Fürst / ie mehr der Verleumdung unterworffen. Der Untertanen
Pflicht gegen die Obern. Sterbe-Kittel dem Purper vorzuziehen. Des menschlichen
Lebens Elend und Nichtigkeit. Kein Unterscheid zwischen Fürsten und
Betlers-Knochen. Prächtige Grabmähle machen nicht so wohl der Verstorbenen Taten
/ als ihre Eitelkeit berühmt. GOtt der eintzige Angel-Stern unserer Seelen-Ruhe
wie und wo er zu finden? Einsamkeit ein Vorschmack des Himmels mit einer des
Greissen Höhle überschriebenen sinnreichen Denckschrifft. Dessen und Ariovists
Vergesellschaftung. Marbods ihm bezeigte Ehrerbietigkeit und Folge zu seiner
Höle. Beider inzwischen erfolgtes Begebnis und Unterhalt. Der Mensch das
unersättlichste aller Tiere. Sonderbare Schätzbar- und Herrligkeit der
erlangten Höhle / und das darinnen dem ganzen Deutschland verborgene Reichtum.
Der Goldgruben und Aertzte Unterscheid und Eigenschaft. Missbrauch des
herrlichsten Goldes der schädlichste Hütten-Rauch. Dieser Wunder-Höhle
verborgene Qvellen / Wässer und Ströme. Im Menschen der kleinen Welt alle
Wunderwercke der grossen befindlich. Spring-Brunnen den Frauen-Brüsten zu
vergleichen. Das Meer auf gewisse Art der Ursprung der Brunnen; die Brunnen in
einer andern der Ursprung des Meeres. Das Meer der Essig der Welt genennet.
Deutschlands vielfältige Sauer-Saltz-Feuer-und andere Brunnen. Ein des Fürsten
Tuisco unverweseten Cörper in sich habendes Christallinenes Riesen-Feld das
gröste Wunder der oft angezogenen Höhle / und vornehmstes Grabmaal der ganzen
Welt. Natter findet in weichem Agtstein ihr Grab. Gräber vom Donner und Erdbeben
befreit / doch so wohl als die Leichen der Verwessligkeit unterworffen. Der
Eitelkeit Herrschaft hat so wohl unter als über der Erden ihr Gebiete / ja über
Sonn und Sterne. Dieser verspürte Verminder-Vermehr- und Vergrösserung. Alles
was nicht die Tugend zum Grunde / die Ewigkeit der Seele zum Absehen hat / ist
vergänglicher Rauch. Die Sonne der gerechten Seelen Kleid. Tuiscons Ruhm und
Grabeschrifften. Sein Schatz und Schutz-Bild Deutschlands / wie bei andern
Völckern andere. Der Eintracht Riesen-Wercke. Nichts kann dem Geitz als eine
Hand-voll kalte Erde sättigen. Hochmütige Fürsten dem Egyptischen Memnons-Bilde
gleich wie und auf was Weise? Die Erkenntnis seiner eigenen Nichtigkeit ist die
Helffte seiner Verewigung. Vergnügung der Welt sind eitel zur Schaue ausgelegte
betrügerische Waaren und Blendungen. Marbods Zurückkehr aus der Höle / Ariovists
Begleitung und dabei überfallener schneller Tod / darüber sein vertrauter Bär
sich vom Felsen stürtzet. Ariovists Beerdigung nach Art der alten Deutschen /
welche die übrigen Zieraten nur eine Beschwer der Todten gehalten. Marbod und
seine Gefärten nehmen hierauf mit Tränen Abschied / werden von einem Wald- und
Wasser-Geiste erschrecket; von einem Lufft-Geiste übel; endlich von einem fünff
hundert jährigen Wurtzel-Manne wohl empfangen. Ursache seines hohen Alters. Seine
Vergnügligkeit und Abscheu vor allen Welt-Händeln und der Menschen Bosheit. Zwei
bei der Zackenbach befindliche Warmebrunnen. Allerhand mit dem Wurtzel-Manne
über gewisser Tiere Eigenschaften und Gespenstern geführte Reden.
Riesengebürge von Gespenstern beschrien. Des Wurtzel-Manns ihnen denckwürdig
eröffnete Geheimnisse / Verehrung und Abschied. Der Deutschen insonderheit der
Marsinger Gewonheit im Heiraten nebst der Frea Feier und Straffe der Ehbrecher.
Die am Riesengebürge befindliche zwei warme Brunnen nebst denen darinnen
badenden Schönheiten / aller ersinnlichen Lust- und Liebes-Spielen / worbei die
Schäfferei das Kleinod erlanget. Der Bober-Fluss das Vaterland der Deutschen
Tichter-Kunst. Des Ritter Schaffs mit des Marsingischen Fürsten Leutolds
Tochter herrliches Beilager und dabei gehaltene Turnier- und andere Spiele
/worbei der Frembdling Marbod erkennet / verfolget /und von einem ihn
vergesellschaftenden unbekandten Ritter Vannius noch errettet wird. Marbods
unverhoffte Zurückkunft in sein Land erwecket Schrecken und Freude. Bringet die
Alemannische Fürstin Vocione durch einen ihrem Vater dem Ariovist in der Höhle
abgezogenen Ring in ein Bündnis. Marbods Sieg wieder die Meineidigen Bojen und
Königlicher Einzug in die Stadt Boviosinum. Des überwundenen Critosirs
Hertzhaftigkeit; Seiner Gemahlin höchstvernünftige Demut. König Marbods
öffentliche Krönung. Der Bojen Abschwerung und Räumung des Märckmannischen
Gebiets. Der Stadt Boviosinum Nahmen in Marbods Stadt verändert. Der Lygier und
schwartzen Arier Verfechtung ihres vermeinten Gottesdiensts wieder dein Marbod.
Hermegildis die Hertzogin der Naharvoler Grossmütigkeit in Verteidigung
Corradun. Der Gotunen Einfall; Jubils Auffentalt beim Feld-Herrn Segimer.
Marbod macht viel neue Ritters-Leute. Des Vannius Herkunft von den Königen der
Quaden; Seine Verdienste gegen den Marbod; behauptet durch dessen Hülffe seiner
Vorfahren Königreich zu Trotz und Verdruss der Cherusker und Römer. Des Drusus
Tod. Augustus Rache. Tiberius Nero statt jenes an Kindes Statt angenommen.
Ubermässig grosse Weinstöcke und Trauben am Flusse Lixus. Hertzog Arnolds Gemahlin
Gertruds Schönheit und Bekümmernis über ein von ihr geboren Mohren-Kind. Der
Schwangern Einbildung eine seltzame Malerei und Bildschnitzerei: kein Schild
der Unschuld wieder die Eiversucht bewährt. Das Band der Mutter- und
Kinder-Liebe unzertrennlich. Die Brüste von Natur nicht zu Aepffeln der Wollüste
/ sondern zu heiligen Lebens / Wunder- und Nahrungs-Brunnen erschaffen.
Unterscheid zwischen der natürlichen Mütter- und Ammen-Schaaffs und
Ziegen-Milch. Die Natur muss der Vernunft und dem göttlichen Verhängnisse
weichen. Wollust und Heuchelei des Hoffes schädliche Lock-Vögel. Kinder und
Pflantzen arten mehr nach der Beschaffenheit ihrer Pflegung / als nach dem
Einflusse der Geburts-Sternen. Gertrudens Mohren-Kind wird unter fremder
Auffsicht erzogen: dessen veränderte Farbe und tugendhaftes Wachstum / Nahme
und Erkenntnis. Dieses jungen Betonischen Fürstens Gottwalds Ansehen beim
Mersingischen Hertzoge Bolcko. Des Vaters Hertzog Arnolds Tod. Des Sohnes
Gottwalds Todes-Gefahr von Gertruden wunderbahrer Weise abgewendet / an seinen
natürlichen Merckmahlen erkennet /und zu des Reiches rechtmässigem Nachfolger
erkläret. Seiner wieder ihn verhetzten Schwester Mormeline Verheiratung an den
mächtigen Marbod. Der Deutschen unruhiger Zustand ziehet ihnen des Kaysers
Augustus Römische Waffen unter dem Heerführer Tiberius Nero auf den Hals. Des
Deutschen oder Cheruskischen Feld-Herrn Tod. Fürsten Tod selten der allgemeinen
Zerbrechligkeit / sondern ins gemein gewaltsamen Ursachen zugeschrieben. Des
Römischen Sentius Siegs-Gepränge. Dem Tiberius der Nahme eines deutschen
Feld-Herrn zugeeignet. Der Grund-Stein des Eigen-Nutzes ein Fallbret des
gemeinen. Des Tiberius sich vergrössernde Siege in Deutschland. Der Longobarder
Sitten und Gebräuche / Unerschrockenheit in Worten und Wercken. Tiberius
bedreuet den mit den Longobardern im Bündnis stehenden Marbod mit Krieg. Seine
den Römischen Gesandten getane hertzhafte Antwort und gezeigte Gegenwehr
bringt den Tiberius auff bessere und friedlichere Gedancken. Das auf den
deutschen Feld-Herrn Hertzog Hermann zu Rom vom Tiberius aufgeblasene
Kriegs-Feuer wird vom Kayser August wieder den allzumächtig werdenden Marbod
fruchtloss und zum Schimpff der Römer ausgeschüttet. Die Dalmatier und Pannonier
vom Marbod verlassen. Der Fürsten Bündnisse auf kein ander Hefft als den
Vorteil; des Pöfels Anschläge aber auf eitel Blutstürtzungen gerichtet. Aller
und ieder Völcker sonderbare Gemüts-Neigung. Marbods vorsichtige
Herrschens-Kunst. Staats-Klugheit hat alles zu ergrübeln / nicht auszuüben.
Vorbereitungen zu des Feld-Herrn Herrmanns angestellten Beilager: der
Cheruskischen Halb-Riesen und anderer dabei befindlichen Völcker; vornehmlich
aber des Feld-Herrn selbst höchst-prächtiger Ein- und Aufzug zu Deutschburg.
 
                               Das Siebende Buch.
Weil die Begierde rühmliche Taten nachzutun ein edles Gemüte nicht ruhen
läst; sondern ein todter Marmel dem Alcibiades den Schlaff / ein leichter
Schatten dem Alexander die Ruh verstöret; so empfindet selbtes nichts minder als
der hungrige Magen nach der Speise einen beweglichen Trieb sich mit anderer
Helden Beginnen zu sättigen / und selbte ihm zum Vorbilde tugendhafter
Nachartung fürzustellen. Wesswegen die Geschicht-Beschreibungen nicht nur ein
Behältnis des Altertums / ein Licht der Warheit; sondern auch eine Speise der
Seele / und eine Wegweiserin zur Tugend und Klugheit genennt zu werden
verdienet; Nach dem in Wahrheit viel grosse Helden ohne das Licht rühmlicher
Vorgänger die Rennebahn der Ehren verfehlt hätten. Denn wie die Augen sich
selbst nicht schauen; also muss der Mensch nicht aus seinem / sondern fremdem
Tun die Richtschnur kluger Entschlüssungen ziehen. Diesemnach sich nicht zu
verwundern ist: dass Hertzog Zeno / Rhemetalces /Malovend / Adgandester /
Solonine / und die Gräfin von der Lippe der Morgenröte zuvor kamen / und sich /
ihrem Verlass nach / in dem Zimmer der Königin Erato einfanden. Adgandester
ersuchte alsbald den Fürsten Malovend: dass er seiner Vertröstung nach den Fadem
der Deutschen und Römischen Geschichte abwinden / und durch seine
Geschickligkeit die Fehler seiner unannehmlichen Erzehlung verbessern möchte.
Malovend meinte sich zwar anfangs los zu würcken; vorwendende: dass Fürst
Adgandester nur desshalben sich dieser Ehre entschütten wollte; wormit er nach Art
des schönen Frauen-Zimmers / welches durch angekleibte Mahle ihre schneeweisse
Haut zeigen will /durch eines andern Mängel nur seine Vollkommenheit desto
herrlicher machen möchte. Nach dem aber Hertzog Rhemetalces und Zeno ihn seines
Versprechens erinnerten / Adgandester fürschützte: dass seine Erzehlung für den
Cheruskischen Stamm / unter dessen Schatten er so viel Gutes genossen hätte /
vielleicht in einem und dem andern verdächtig fallen dürffte; und die Gräfin von
der Lippe des Feld-Herrn und der Heldin Tusnelde Liebes-Geschichte beizusetzen
einheischig ward; schickte sich Malovend darein / und /nach dem sie sich alle in
einen Kreis niedergelassen /fieng er folgende Erzehlung an:
    Der Gottesdienst ist bei den alten Deutschen von denen Fürsten verrichtet
worden / und im Tuisco mit der Königlichen auch die Priesterliche Würde
vermählet gewest. Nach der Zeit aber hat entweder die unachtsame Sicherheit der
Herrscher / oder die Ubermass der Geschäffte den Priesterlichen Stab / den so
festen Ancker der Königlichen Hoheit in andere Hände kommen lassen; also: dass
der Feld-Herr Alemann sich zwar aber vergebens bemühte / mit der andern Hand den
hohen Priester-Stab wieder zu umfassen. Mit dieser geistlichen Würde bekamen
anfangs die Priester / welche sie Barden hiessen / und von allem Volcke für sehr
heilig geachtet wurden / zwar die Freiheit von allen bürgerlichen Beschwerden in
Gaben und Aemptern / den Vorsitz über den Adel /die Unversehrligkeit auch unter
den Feinden / und die Gewaltstrittige Rechts-Händel zu entscheiden. Ja die
Fürsten brauchten sie zu Reichs-Räten / zu Gesandten; liessen durch sie
Bündnisse behandeln /Aufrührer besänftigen / ihre Kinder in der natürlichen und
Sitten-Weissheit unterrichten; über die Laster Straffen aussetzen; Zwistigkeiten
der benachbarten Fürsten unternehmen / und das Kriegs-Volck in Schlachten zur
Tapfferkeit anfrischen. Wiewol nun diese Macht allbereit der Weltlichen grossen
Abbruch tat; so blieb sie doch noch in den Schrancken der Erträgligkeit; und /
weil sie sich mit edlen Jungfrauen verehlichen mochten / verknipften sie ihnen
hierdurch so wohl das Geblüte als die Gewogenheit des Adels; durch die Andacht
aber den Pöfel. Denn der Gottesdienst ist nicht nur der sicherste Kapzaum /
wormit Fürsten ihre Untertanen in einem Faden leiten; sondern auch die Priester
das Volck zu dienstbaren Knechten machen können.
    Es war aber in Britannien eine Art gewisser Weisen / die sich Druyden nennen
/ und aus Assyrien ihren Uhrsprung haben / aus Britannien aber / oder Calidonien
/ wo der König Fynnan selbte zum ersten unterhalten haben soll / in das
benachbarte Gallien kommen sind. Ihre Tracht ist zwar einfältig und arm / ihre
Gebährden demütig / nachdem sie baarfüssig auf fünffeckichten höltzernen Schuhen
/ und mit blossem Haupte / in einem härenen weissen Rocke / eine Tasche an der
Seite / einen gekrümten Stab in der Hand /und einen geteilten Bart biss unter
den Nabel / in welchem ein sonderlich Pfand ihrer Verschwiegenheit versteckt
sein soll / anher ziehen / allezeit die Stirne ernstaft runtzeln / die Augen
nieder zur Erde schlagen / und sich meist in Eich-Wäldern aufhalten; welches
Holtz die Griechen nur alleine zu den Bildern der Götter / die Herulen und
Goten zu Aufhenckung ihrer Leichen / die Druyden aber alleine zu Verbrennung
der Opffer / und die Zweige zum Spreng-Wasser und Zierat der Alltäre brauchen /
weil sie sich den Menschen durch das Anschauen eines einigen hohen oder alten
Baumes / ja seines blossen Schattens überzeugt zu sein achten: dass ein GOtt sei
/ und ihr Geist in der Einsamkeit am leichtesten zu GOtt entzückt würde. Alleine
ihre Gewalt übersteiget dort die Königliche. Denn nicht nur alles Volck /
sondern die Könige selbst müssen ihnen zu Gebote leben. Sintemahl diese mehr
verwechselt / und bei sich ereignendem Misswachse oder Ungewitter / gleich als
wenn er daran Schuld trüge / von den Priestern abgesetzt werden; jene aber
bleiben hingegen unverändert. Und ungeachtet die Druyden auf dem Raasen /
Fürsten auf Gold und Helffenbein sitzen / jene in holen Bäumen /diese zwischen
Seide und Perlen wohnen / dennoch ihre Knechte sein. Sie sind im Kriege von so
grossem Ansehen: dass wenn sie bei ihren Völckern zwischen zwei streitende Heere
lauffen; selbte nichts minder als bezauberte Tiere oder unbewegliche
Marmel-Bilder vom Gefechte nachlassen. Für ihren Hölen stecken sie einen grünen
Lorber-Zweig empor / in welchen auch die zum Tode verdammten Sicherheit finden.
Ja wenn dergleichen Missetäter ihnen ungefähr begegnen; sind sie aller Straffe
frei / und dürffen sie nicht allererst wie die Vestalischen Jungfrauen zu Rom
beschweren: dass sie nicht vorsätzlich dem Verdammten entgegen kommen. Sie selbst
sind weder den Zufällen des Glücks / noch der Botmässigkeit einiges Richters
unterworffen; ausser ihres einigen Oberhauptes in Britanien; welcher nicht / wie
sonst weltliche Fürsten /nur in den Gräntzen selbigen Reiches / sondern auch
über alle Druyden / die sich in die ganze Welt verteilt haben / zu gebieten
hat. Sintemahl der Versamlung nicht unverborgen ist: dass selbte nicht allein in
Gallien kommen / und in denen Carnutischen Eich- ihr gröstes Heiligtum
gestifftet haben / sondern auch in Hispanien / Asien / Africa / und nach Rom
gedrungen sind; allwo Kayser August für etlichen 20. Jahren den Römischen
Bürgern der Druyden Gottesdienst / weil sie in selbtem die Gefangenen zu opffern
eingeführt / bei Lebens-Straffe verboten hat. Wormit auch das Ansehn ihres
Oberhaupts so viel mehr unverrückt bliebe / reisenalle Druyden / teils daselbst
die Geheimnisse desto besser zu begreiffen /teils durch seine demütigste
Verehrung eine besondere Heimligkeit zu erlangen in die Stadt Cantium; allwo die
andern Druyden ihm den neunden Teil aller ihrer Einkünfte senden; und zu ihrer
ersten Einsegnung einen eichenen Stab um so viel Goldes erkauffen müssen. Das
Oberhaupt wird nicht von Königen eingesetzt / sondern von den obersten Druyden
erwehlet. Wiewohl die Wahl oft auf zwei und mehr fällt; also: dass einer zu
Cantium / der ander in dem Carnutischen Walde / der dritte zu Londen seinen Sitz
erkieset; die Druyden aber / welche doch sonst nicht mit in Krieg ziehen /
hierüber selbst gegen einander die Waffen ergreiffen. Wo diese Weisen einmal
ans Bret kommen / darff ausser ihnen niemand die Weissheit lehren; und also halten
sich allezeit eine unglaubliche Menge der geschicksten Jünglinge in ihren Hölen
auf; welche bei ihnen ganzer zwantzig Jahr in der Lehre bleiben müssen. Wiewol
sie auch keinen aus dem Pöfel / sondern alleine den fürnehmsten Adel ihrer
Weissheit würdig schätzen. Und es kann in Britannien und Gallien so wenig als in
Persien und Egypten einer zur Krone kommen / der nicht vorher ein Lehrling
dieser Weisen gewest ist. Ihre Schüler müssen einen teuren Eyd ablegen: dass sie
die Geheimnisse keinem Weltlichen entdecken / der Druyden Aufnehmen mehr als ihr
eigenes befördern / ihre Lehrmeister mehr als ihre Eltern ehren / mit ihnen
Leben und Vermögen teilen wollen. Sie sind insonderheit auch in der Grichischen
Sprache erfahren /und brauchen ihre Buchstaben in zu schreiben zulässlichen
Sachen auch in der deutschen Mutter-Sprache; ungeachtet die Deutschen noch ehe /
als selbte Cadmus in Grichenland / und Evander in Italien gebracht / die von
ihrem Tuisco erfundene eigene Schrifft gehabt; welche bei den Goten an vielen
Stein-Felsen und Leichsteinen von etlichen tausend Jahren her zu sehen ist.
Ihrer Heiligkeit geben sie einen grossen Schein durch ihre öfftere Fasten /
durch den Genuss der blossen Kräuter und Wurtzeln / durch ihr hartes Lager
entweder auf Steinen / oder rauen Häuten / und durch Gelobung ewiger Keuschheit;
wiewol sie unter ihnen gewisse Orden und Staffeln haben / derer einer strenger
als der ander ist; derer fürnehmste die Samoteer / und Semaneer sind; welche
letztern nichts als Baum-Früchte essen; alle aber ins gesamt entschlagen sich
der Ehe / ob sie schon anfangs in Britannien geheiratet hatten. Jedoch ist
keiner / der nicht seine Männligkeit hat / fähig bei ihnen einzukommen. Dahero
sie der alten Gallier / und der Göttin Rhea Priester / welche sie ihnen
ausschnitten / und die Priester Dianens die sie zerqvetschten / ingleichen auch
die Ateniensischen / welche die Geburts-Glieder durch Ziegerkraut schwächten /
verhönen; weil sie aus Misstrauen ihre Begierden zu zähmen der Natur Gewalt
antäten. Der alten Barden Gewonheit aber / welche neun Tage für dem
bevorstehenden Gottesdienste sich auch ihrer Ehweiber entielten / hielten sie
für zu geringe Bemeisterung der Begierden; trachteten also diese mit ewiger
Gelobung zu beschämen. Damit auch ihr Ehloser Stand nicht aus einer Abscheu oder
Gramschaft gegen das Frauen-Zimmer / wie bei denen Brachmanen in Indien /
herzurühren schiene /lehren sie: dass selbte ein GOtt angenehmes Geschlechte sei
/ und in sich viel Heiligkeit und Klugheit habe. Daher auf der Druyden
Veranlassung selbtes von denen Deutschen nicht allein zu Ratschlägen / sondern
auch zu Wahrsagungen / insonderheit für den Schlachten / gezogen wird; wie denn
auch durch ihr Zusprechen nicht selten grosse Schlachten gewonnen; ja desshalben
von denen Herulen / Polabern und Varinen an dem Codanischen See-Busem der
Königin Syeba / des grossen Antyrius Gemahlin; von eben selbigen und denen
Sarmatern der Oraja Hernlischen Fürsten Anara Gemahlin / und der Heldin Aurinia
herrliche Ehren-Seulen aufgerichtet / und / wiewol nicht als Göttinnen /
verehret worden. Fürnehmlich erheben die Druyden die Alironischen Weiber; welche
sich in weisse Leinwand kleiden / mit ausgebreiteten Haaren und baarfüssig gehen /
um den Leib einen grossen messenen Gürtel tragen; für den Schlachten aus dem
Geräusche und Umdrehung des Wassers künftige Zufälle andeuten; bei währendem
Treffen auf denen über die Wagen ausgespannten Ledern mit Klöppeln ein grausames
Getöne machen / hernach denen Gefangenen die Kehle abschneiden / ihr Blut in
einen ertztenen Kessel auffangen / und endlich aus ihren Eingeweiden den
Ausschlag des Krieges weissagen; zuweilen auch Geister beschweren / und selbte
denen künftiger Dinge begierigen Feld-Obersten erscheinen und wahrsagen lassen.
Sie pflegen auch in die Asche / ohne Beobachtung der Zahl / Striche zu machen /
und hernach aus der gleichbefundenen Zahl Glücke / aus der ungleichen / Unglück
anzudeuten. Sie vermischen auch keine teils weissgelassene /teils
schwartzgezeichnete Höltzer; streuen selbte auffs Altar / oder in ihre Schoss /
und lassen sie entweder einen Priester oder Knaben erkiesen zur Nachricht
künftiger Begebnüsse. Vielmehr aber gelten der Druyden selbst eigene
Wahrsagungen. Denn diese hält das Volck für unzweiffelbare Ausleger des
göttlichen Willens / Beförderer ihres Gebetes / und Ankündiger künftiger Dinge.
Es verrichtet alleine durch sie alle Opffer; iedoch ist diese Opfferung an kein
gewisses Geschlechte / wie der Ceres Opffer zu Aten an des Eumolpus / des
Hercules zu Rom an des Pinarius Geschlechte angebunden. Sie verehren keine
Bilder; ausser / in ihrem innersten Heiligtum stehet ein Bild einer gebährenden
Jungfrauen; dessen Auslegung aber von ihnen nicht zu erbitten ist; ausser: dass
sie einen zu der Persischen Weisen Auslegung verweisen: was derselben Jungfrau /
die ein Kind säuget / und in beiden Händen eine Weitzen-Aehre hält / bedeute?
oder auch nachsinnen heissen was die Sonne in der gestirnten Jungfrau würcke.
Ihre Lehren schreiben sie in keine Bücher / ungeachtet sie fremder Sprache gute
Wissenschaft haben; weil sie Rinde und Leder zum Behältnüsse ihrer Weissheit
allzu unwürdig achten; oder vielmehr ihre Geheimnisse mehr zu verbergen. Dahero
muss ihre Jugend alle in tunckele und zweideutige Reime verfaste Lehren auswendig
lernen /und täglich ihr Gedächtnis üben. Darinnen stecken die Eigenschaft des
göttlichen Wesens / die Bedeutungen der Opffer / die Beschwerungen der Geister
/die Wahrsagungen aus dem Fluge des Geflügels / aus dem Falle und Eingeweiden
der geschlachteten Menschen; welche sie mit grossen Beilen Creutz-weise über die
Rippen oder die Brust schlagen / der Lauff des Gestirnes / die Beschreibung der
Erd-Kugel / die Unsterbligkeit und Wanderschaft der menschlichen Seelen /
wiewol nicht in viehische / sondern nur menschliche Leiber. Welche letztere
Heimligkeit sie allein dem gemeinen Manne nicht verschweigen / um durch die
Versicherung: dass die Seele nicht mit dem Leibe verschwinde / sie zur
Tapfferkeit aufzufrischen. Wesswegen sie auch denen Sterbenden offtmahls Geld
einhändigen / um selbtes der abgelebten Seelen zu überbringen. Sie beten zwar
nur einen GOtt an; und bilden selbten weder in Holtz / Stein noch Ertzt / sie
wiedmen aber ihm gewisse Bäume / die keine Axt berühren / in ihre heilige Heinen
auch niemand ungebunden kommen / kein fallender wieder aufstehen darff / sondern
er muss sich mit ganzem Leibe heraus weltzen. Sie meinen: dass auf solche
heiligen Bäume kein Vogel sitzen / selbte kein Wind zerbrechen / kein Blitz
zerschmettern könne; sie auch des Nachts ohne einige wesentliche Flamme einen
Schein von sich geben. Zu gewisser Zeit ziehen sie an einem schönen Baume die
ausgebreiteten Aeste an den Stamm / und binden sie an den Wipffel / schreiben
unten den Nahmen Gottes / in einem Ast aber des Taramis / in den andern des
Belen ein / um in der göttlichen Einigkeit doch einen nähern Begrieff
tieffsinnig zu entwerffen. Uber diss verehren sie die abgelebten Seelen / welche
entweder ein heiliges Leben geführet / oder dem Vaterlande grossen Nutzen
geschafft haben. Nebst denen Menschen-Opffern / aus derer Eingeweiden / Adern
und Blute sie wahrsagen; wiewol sie zuweilen auch die Menschen nicht schlachten
/ sondern nur biss auffs Blut peitschen / schlachten sie zwei unter einen
Eich-Baum angebundene weisse Stiere; auf welchem ein weissgekleideter Priester
selbte mit einem güldenen Beile abhaut; Derer getrunckenes Blut so denn wieder
alle Unfruchtbarkeit und Gift helffen soll. Im Beten legen sie die rechte Hand
auf den Mund / und drehen sich rings herum. GOtt opffern sie bei aufgehender
Sonne; der Todten Gedächtnis feiern sie / wenn sie zu Golde geht. Sie fangen
allezeit von der Nacht anzurechnen; also: dass die Tage ein Anhang der Finsternis
sind; weil sie aller Menschen Uhrsprung von dem Gotte der Erden und Nacht
herrechnen; oder auch die Nacht ehe als der Tag gewest ist. Sie eignen den
frommen Seelen / wenn sie unterschiedene Leiber durchwandert / eine ewige
Ergetzligkeit / den boshaften teils eine zeitliche Abbüssung / teils eine
ewige Pein zu. Ihrer Uhrheber Gesetze halten sie zwar für eine Richtschnure
ihres Gottesdienstes; Sie schätzen aber die Auslegung ihres Oberhaupts für
unfehlbar und jenem gleich; ohne dessen Vorbitte die Götter niemanden erhöreten;
weil ihm die Schlüssel des Himmels und der Höllen anvertrauet wären. Sie
verwerffen die Vielheit der Götter / und die Ewigkeit der Welt; als welche von
GOtt aus nichts in sieben Tagen / wie der Mensch aus der Erde erschaffen sei.
Jedoch setzen sie zwischen Gott und den Menschen gewisse Schutz-Geister; glauben
auch: dass das Ende des Menschen ein Anfang zu künftiger Vergötterung sei. Denen
irrdischen Dingen / ja selbst denen Gestirnen eignen sie so wohl einen Anfang als
ein Ende bei; weil künftig sie vom Feuer und Wasser würden verzehret werden /
weñ sie sechs tausend Jahr gestanden. Sie halten darfür: dass die göttliche
Versehung niemanden verlasse / wer nicht vorher GOtt verläst; und wie der Mensch
böse tue aus eigner Willkühr / sonder Zwang; also habe GOtt die Macht böses zu
hindern /aber ohne Verbindligkeit. Sie schätzen alle Seelen für verflucht /
welche nicht ihrem Glauben beipflichten /und das Oel des Lebens aus dem Balsame
ihrer Weissheit schöpffen. Den auf den Eichen wachsenden Mispel halten sie für
die heiligste Pflantze der Welt / für ein Merckmahl eines von GOtt erwehlten
Baumes. Denn sie gläuben: dass der Mispel-Saame nicht von den Drosseln kommen /
sondern vom Himmel gefallen sei; dass dieses Gewächse alle Kranckheiten heile /
die Tiere fruchtbar mache / und dem Giffte wiederstehe; sonderlich / wenn
selbtes im sechsten Monden /da sie ihr Jahr anfangen / gefunden wird. Sie
verrichten ohne dieses keinen Gottesdienst / hegen auch kein Gerichte. Ob sie
auch wohl das Urtel über des ganzen Volckes Leben in ihren Händen haben /
Staffen und Belohnung nach ihrem Gutdüncken aussetzen /der Gerechtigkeit die
Tauerung eines Reiches / den Bestraffungen der Todschläger die Fruchtbarkeit des
Erdbodens zurechnen; schätzen sie doch die Ausschlüssung von ihrem Gottesdienste
für eine viel ärgere Straffe / als Galgen / Strick / Räder und Holtzstoss. Dahero
sich ihrer / als von der Erde getragen zu werden unwürdiger Leute / derer Seele
nichts minder als der Leib zum Aasse / und vom Feuer oder Wasser verzehret werden
soll / iederman entbricht / mit ihnen nicht speiset noch redet / ja sie nicht
allein aller Ehren unfähig schäzt / sondern ihnen auch nicht zu recht verhilfft
/ noch ehrlicher Beerdigung würdigt. Sie massen sich auch der Artznei oder
vielmehr Zauberei an; in dem sie das Samolische Kraut / welches den Tamarisken
ähnlich sieht / nichtern / mit der lincken Hand / sich nicht umsehende auflesen
/ und wieder Kranckheiten des Viehes austeilen; ein anders aber mit rein
gewaschenen blossen Füssen in einem weissen Kleide mit der rechten Hand ohne
Schärffe des Eisens / nach geopffertem Brod und Weine abbrechen / und darmit
vielen Kranckheiten helffen / insonderheit aber mit einem Ey eines Apffels gross
/ welches die im Sommer über einander liegende Schlangen durch ihren Speichel
und Schaum fertigen / ein Mann aber / wenn sie es mit ihrem Zischen empor blasen
/mit einem Tuche / dass es die Erde nicht berühre / auffangen / und spornstreichs
davon bringen; solches aber so denn / ob es schon in Gold eingefast wäre
/Strom-aufwerts schwimmen soll. Ferner machen sie ein fünffeckichtes Zeichen /
um darmit die Gespenster zu vertreiben. Uber diss lesen die Druyden bei Aufgehung
des Hundssterns zwischen Tag und Nacht /wenn weder Sonne noch Monde scheint /
wenn sie vorher das Erdreich mit Honig / welches auch die Römer ihren
Botschaften zu den Feinden mit gaben / benetzet / und mit Stahle einen Kreis
darum gemacht / das Eisen-Kaut mit der lincken Hand; heben es empor / trocknen
Wurtzel / Stengel und Blätter iedes abgesondert am Schatten; salben sich darmit
ein / und vermeinen alsdenn fähig zu sein allerhand Verbündnüsse zu stifften /
alle Kranckheiten zu heilen: weswegen auch Jupiter darmit seine Zimmer ausfegen
lassen / wo es herum gesprengt wird / die Gäste lustig machen / mit Weine aber
vermischt die Schlangen vertreiben soll.
    Diss sind die Sitten der Druyden; von welchen schier unglaublich ist / in wie
so weniger Zeit sie in Gallien so feste eingewurtzelt sind; entweder weder weil
dieselben / welche aus dem Aberglauben ihren Vorteil zu suchen vermeinen / der
Neuerung eines Glaubens alle Handreichung tun; oder / weil die Gemüter ja so
gar die eusserlichen Sinnen eines Volckes durch nichts leichter als durch einen
scheinbaren Gottesdienst verrückt werden. Daher die verbländeten Hispanier denen
Phöniciern mit sehenden Augen zugelassen: dass sie unter dem Schein eines dem
Hercules gewiedmeten Tempels eine Festung gebauet; Die Trojaner aber das
Geräusche der geharnischten Grichen / welche in das der Pallas gewiedmete
höltzerne Pferd gesteckt waren / nicht gehöret haben / als sie es über den Grauss
ihrer eingebrochenen Mauern mühsam in die Stadt schlepten. Mit einem Worte: der
scheinheilige Fürwand des Gottesdienstes ist die schönste Schmincke der Stirne /
und das schädlichste Gift der Seele. Ihren ersten Grund legten die Druyden so
wohl in Gallien als Deutschland / allwo man doch für heiliger hielt von Gott
etwas gewisses zu glauben / als dessen Grund zu ergrübeln / auf die Freiheit
dieser Völcker; welche nicht nur in zeitlichen / sondern auch in
Gewissens-Sachen keinem weltlichen Zwange unterworffen sein könnte. Zumahl auch
kein Erb-Fürst über seine Untertanen / kein Herr über seinen Knecht sich dieser
GOtt allein zustehenden Herrschaft anzumassen berechtigt wäre.
    Hierwieder warffen zwar einige weitsehende ein: kein Feldmässer liesse ihm
die Gründe seiner Kunst zweifelhaft machen; mit was für Fug dörffte sich denn
ein Untertan erkühnen seines Königs Gottesdienst zu verwerffen? Die Natur
pflantzte gleichsam die Liebe des väterlichen Gottesdienstes ein; desselbten
Unterschied verursachte Zwytracht des Volckes /und Aufstand gegen die Obrigkeit.
Ja ein vom Aberglauben eingenommenes Gemüte könnte der Gottesfurcht nicht hold
sein. Daher alle kluge Völcker / insonderheit die Römer die Verehrung fremder
Götter /oder auch nur der Alten auf eine neue Art sorgfältigst verhütet; nach
der Niederlage bei Canna die abergläubischen Frauen aus den Tempeln getrieben;
alle Bücher des Egyptischen und Jüdischen Gottesdienstes verbrennet hätten;
wolwissende: dass der Aberglaube niemahls ruhig sein könne; und die Veränderung
des Gottesdienstes ins gemein Aufruhr / und die Verkehrung der Herrschaft nach
sich ziehe; selbter aber schwerer als tieff-eingewurtzelte Hecken mit Schwerdt
und Feuer auszurotten wäre / ja seine Hartneckigkeit von dem versprützten Blute
nicht anders als der Anteische Riese von Berührung der Erde neue Kräfften
bekäme. Es wäre GOtt ein einiges unveränderliches Wesen. Daher müsse aus zweien
wiedrigen Verehrungen ihm eine als irrig missfallen. Die Gemeinschaft eines
Gottesdienstes wäre der festeste Leim / der die Gemüter eines Reichs zusammen
kleibete / und eine unzerbrechliche Kette / welche die Kräfften einer
Herrschaft beisammen hielte; hingegen zerspaltete der Unterscheid nicht nur die
Liebe der Landes-Leute / sondern des Vaterlandes und der Eltern. Sintemahl ein
gewissenhafter mit dem keine verträuliche Freundschaft machen kann / den er für
einen Feind und Verächter seines Gottes hält. Wesswegen einige Staatskluge die
Duldung vielerlei Gottesdienstes für einen Fallstrick derselben Fürsten gehalten
hätten / welche ihrem freien Volcke durch erregte Trennung den Kapzaum strenger
Dienstbarkeit anlegen wollen. Alleine es überwog alle diese Erinnerungen die
wiedrige Meinung: dass der Glaube freier sein sollte / als der Wille. Denn ein
gezwungener Wille wäre wohl ein Wille; aber eine gezwungene Andacht nichts
weniger als ein Gottesdienst; ja eine Gott-verhaste Heuchelei; weil er so wenig
als Menschen von gezwungenen Leuten verehret wissen will. Auf welche Heuchler und
halb-Menschen sonder Zweifel der Jüdische Gesetzgeber Moses gezielet hätte / als
er den Huren-Kindern und Verschnittenen /als derer Andacht aus keinem
hertzlichen Triebe entspringet / und derer Gebet nichts männliches in sich hat /
den Eintritt in das Heiligtum verboten. Denn ihr gleissnerischer Gottesdienst
wäre schlimmer als Zenons gäntzliche Verachtung der Götter / und als die Bosheit
des Spötters Diogenes; welcher Dianen einen Floch opfferte; weil er ein
Gottesdienst sein wollte /und doch keiner wäre; so wie die Affen und Meer-Katzen
desshalben so abscheulich und lächerrlich aussähen / weil sie Menschen ähnlich
schienen / und doch nichts menschliches an sich hätten. Daher brächten die /
welche aus Furcht für dem Scharfrichter Weirauch auffs Altar streuten / GOtt an
statt süssen Geruchs einen abscheulichen Gestanck. Ihre Frömigkeit gleichte den
Schwan-Federn / welche das schwartze Fleisch dieses Vogels versteckten /
deswegen ihn auch kein Volck iemahls seinen Göttern zu opffern gewürdigt hat.
Pytagoras / den der Fluss Caucasus seiner Weissheit halber gegrüst haben soll /
als er darüber gesetzt / hätte desshalben der Warheit des Glaubens / und der
Reinigkeit des Gottesdienstes zu untersuchen / und darüber zu streiten
freigelassen. Denn ein blinder Gehorsam wäre ein Werck unvernünftiger Tiere;
die in den tieffen Brunnen der Ungewissheit versänckte Warheit aber zu erforschen
/und die Prüfungen der Meinungen ein Tun der Menschen. Uber diss hielten einige
dafür: dass man zum Geheimnisse der Gotteit nicht durch einen Weg kommen könnte;
oder auch die unterschiedenen Meinungen endlich im Zwecke wie die
unterschiedenen Striche in dem Mittel eines Kreisses zusammen kämen. Es sei
vernünftiger der Gewissens-Freiheit etwas durch die Finger sehen / und die
Hitze etlicher Glieder verrauchen lassen / als durch allzustarcke Artzneien alle
schädliche Feuchtigkeiten des ganzen Leibes rege machen. Die Grichen und Römer
schmückten mit Persischen und Serischen Teppichten ihre Tempel aus; die
Deutschen raucherten mit dem Weirauche der Araber auf ihren Opffer-Tischen
sonder Vernnehrung ihres ganz andern Gottesdienstes. Warum sollte man denn alle
etwas anders glaubende Menschen aus unserm Lande und Heiligtümern verstossen?
Insonderheit kützelte bei den Druyden der so hoch geschätzte Adel die Ohren der
Fürsten; für welchen hingegen der Abbruch und die Umschränckung ihrer Gewalt
fürsichtig verhölet ward / mit scheinbarer Fürbildung: dass wenn das Volck durch
unterschiedene Glauben zerspaltet würde / hätte ihr Haupt gut machen / und ein
Fürst die beste Gelegenheit den Meister zu spielen. Wesswegen die Egyptischen
Könige die Geheimnisse ihres Glaubens dem Volcke mit Fleiss verborgen / und ieden
was ihn gut deuchtete zu glauben freigelassen hätten / wormit sie so viel
weniger sich wieder ihr Haupt vereinbaren könten. Endlich wüsten die Fürsten
ihren Untertanen nichts so schweres auff die Achsel zu bürden; welches sie
nicht bei Freilassung ihres Gewissens gedultig ertragen würden. Die fürnehmste
Ursache aber dieser Ratgeber war das Absehen auf ihr eigenes Aufnehmen /welches
die / so von ihres Fürsten Glücke ratschlagen / selten ausser Augen setzen. Denn
nach dem sie die Druyden von dem andächtigen Volcke mit dem Kerne der
fruchtbarsten Güter überschütten / sie als Ausleger des Göttlichen Willens in
den Rat-Stuben der Könige den Obersitz nehmen / den Pöfel selbte halb-göttlich
verehren / und ihre Geschlechter auf die höchsten Staffeln der Ehren empor
klimmen sahen /gaben die edelsten Gallier / und also hernach auch die Deutschen
/ insonderheit derer Vermögen entweder durch Unfälle / oder durch Zerteilung in
viel Kinder vermindert ward / und zu Erhaltung des Geschlechtes nicht
auskomentlich war / ihre geschicksten Söhne anfangs in ihre Lehre / hernach in
ihre Gemeinschaft /dessen drittes Gelübde ohne diss vermochte / nicht nur alle
Kräffte / sondern so gar das Leben mit Hindansetzung eigenen Geblütes für das
Aufnehmen der Druyden anzuwenden. Diese aufgehende Sonnen verdüsterten
unnachbleiblich die vorigen Sternen. Daher ob wohl die Gallier über tausend Jahr
eine andere Art Priester gehabt / und insonderheit die neun geistlichen
Jungfrauen verehret hatten / welche auf dem denen Osismischen Ufern gegen über
liegenden Eylande Sena sich aufhielten / und / ihrer Einbildung nach /Wind und
Meer an einer Schnur führten / ja wie der Proteus in allerhand Tiere verwandeln
konten; verschwand für den Druyden anfangs ihr Ansehen / hernach fast ihr
ganzes Wesen. Die alten Barden in Deutschland verloren nach und nach fast
allen Glantz ihres Priestertums / und blieb ihnen fast nichts anders übrig; als
dass sie die Taten der alten und neuen Kriegs-Helden mit ihren nachdencklichen
Reimen im Gedächtnis der Nach-Welt behielten; bei denen Schlachten mit ihren
Gesängen / welche sie gegen die für den Mund gehaltenen Schulden kräfftig heraus
stiessen / das Kriegs-Volck zur Tapfferkeit anfrischten / oder auch darmit den
künftigen Ausschlag wahrsagten. Die / denen Druyden verstattete Freiheit
sperrte zugleich andern ausländischen Gottesdiensten Tür und Tor auf;
entweder: dass selbte ganz neuerlich einschlichen / oder dem alten eine
unanständige Auslegung machten. Also ward der unter dem Teut oder Tuisto
verehrte Schöpffer und Anfänger der Welt auf den Mercur gedeutet; und ihm zu
Ehren die Abschlachtung der Menschen-Opffer eingeführt; ja von den Deutschen so
gar in Hispanien gemacht; endlich dieser Teutates oder Mercur / wie bei den
Syriern Astartes / bei den Arabern Dysares / für Deutschlands Schutz-Gott
gehalten. Der aus der Erbe geschaffene erste Mann / und die Fürstin Aurinia ward
mehr als ein Held und menschlich / wiewol minder als ein GOtt verehret. Die
Gallier brachten zu den Deutschen die Anruffung ihres Hercules / dessen Bilder /
für welchem doch als einer den Göttern unanständigen Verkleinerung die Deutschen
vorher eine Abscheu hatten / in der Hand mit einer Keule / auf der Achsel mit
einer Löwenhaut / die aus dem Munde gesteckte Zunge mit unzehlbaren güldenen
Ketten gemahlet wurden. Von denen Phöniciern ward der Egyptischen Isis
Gottesdienst durch die Schiffart zu den Friesen und Cimbern / und von dar zu
den Schwaben und Vindelichern bracht; welche gleichwol ihr Bild anzunehmen
Bedencken trugen / sondern nur zu ihrem Andencken entweder einen Tannzappen und
Korn-Aehre / derogleichen Keñzeichen in der Licatier Hauptstadt Damasia zu sehen
sind / ein leichtes Rennschiff auf einen Fichten-Baum setzten; entweder / weil
auch die Egyptier die Isis auf einem Schiffe fahrende abbilden /ihr Sichelmonde
auch einen Namen abbildet / oder zum Gedächtnis der in Deutschland geschehenen
Uberfart. Dahero auch die Deutschen des Monden Schein in allem Fürnehmen genau
beobachteten; und wie für Zeiten Agamemnon für dem Voll-Monde seine Iphigenia
nicht verehlichen wollte / nur zu selbiger Zeit zu heiraten; und wie die
Lacedemonier nicht für dem voll- also die Deutschen nicht für dem Neumonden
Schlachten zu liefern für ratsam halten. Bald darauf nistete auch die Verehrung
des Kriegs-Gottes unter dem Namen Hesus / wie nichts minder eines andern des
Hercules ein; und ward dem ersten von den Hermundurern an der Sale ein Tempel;
dem andern von den Cheruskern ein Wald an der Weser gewiedmet. Wiewol die
Deutschen alles diss / was die Grichen und andere Völcker vom Hercules rühmten
/auf ihren Aleman den Vater uñ Uhrheber der Bojen /welcher nicht nur in seinem
Schilde / sondern auch an der Hand stets einen lebendigen Löwen führte /
deuteten; und daher rühmten: dass Hercules bei ihnen nicht nur gewesen / sondern
auch entsprossen wäre. Ja dieser Kriegs-GOtt ward endlich bei den Tencterern und
Sveonen der Oberste aller Götter / also: dass da er anfangs nur mit Hund und
Wölffen / oder mit der von ihren Fremden eroberten Beute versohnt ward / sie ihm
hernach die gefangenen Menschen schlachteten. Uber diss erschossen sie die
ertapten Diebe uñ Mörder mit Pfeilen / hiengen selbte in ihren Heinen an die
Bäume / oder flochten aus Wieten grosse Riesen /steckten die Glieder
zerfleischter Menschen oder wilder Tiere darein / und verbrennten sie als
heilige Opffer. In Mangel der Missetäter aber mussten auch die Unschuldigen
loosen / und nach Art der Phönicier und Locrenser eine gewisse Zahl Jungfrauen
oder Knaben zur Schlacht-Banck liefern. Die Noricher erkieseten die Sonne unter
dem Nahmen des Belen oder Belatucad; die Celten unter dem Taramis den Jupiter
zu ihrem Schutz-Gotte. Die zwischen der Elbe und Oder an der Ost-See gelegenen
Angeln / Varnier / Eudosen / Schwardoner und Nuitoner lernten die Erde unter
dem Nahmen der Göttin Erta anbeten; welche den Menschen ihren Unterhalt
verschaffe / und wie die Ceres ein Volck nach dem andern heimsuche. Dieser
Göttin ward auf dem Rügischen Eylande ein Wald und prächtiges Heiligtum
gewiedmet. In demselben stehet ein güldener mit einem grünen Teppichte bedeckter
Wagen / auf welchem sie mit zweien weissen Kühen zu gewisser Zeit unsichtbar
herum geführt /von keinem Menschen aber / als dem einiges Gewehr / biss diese
Friedens-Göttin sich mit Anschauung der Menschen genung gesättigt hat / und
wieder in Tempel bracht ist / niemahls aber der Wagen von iemanden anders / als
dem Priester angerühret wird. Ja die Knechte / welche denen Priestern bei dieser
Umfart Handreichung getan / werden von dem darbei liegenden See / welcher
weder Fischer-Netze noch Schiffe leidet / und in dem der Wagen und der Teppicht
iedesmahl gewaschen wird / ja sich selbst die Göttin darinnen baden soll /
verschlungen. Wesswegen dieser ganze Wald von niemanden ohne innerliches
Schrecken angesehen / in einer heiligen Unwissenheit angebetet wird / dessen
Geheimnisse nur die / welche bald umkommen sollen / zu Gesichte kriegen. Die um
den Weichsel-Fluss gelegenen Gotonen und Estier haben von denen fremden
Handels-Leuten / die wegen des an selbigem Meerstrande befindlichen Agsteins
häuffig dahin reisen / die Mutter der Götter anruffen lernen; welcher Stäncke
sie entweder durch das Bild eines wilden Schweines abbilden; als welche ihre
Liebhaber auch mitten unter den Feinden wieder die schärffsten Waffen beschirmen
soll; oder auch auf das den Adonis tödtende Tier zielen. Uber diss ist bei den
Deutschen auch unter dem Nahmen des Vulcan der Sonnen und des Monden
Gottesdienst eingeschlichen; welchen sie bei ereignenden Finsternüssen mit vielem
Ertz-Getöne zu Hülffe kommen. Nicht ferne von der Elbe bei einem Saltz-Brunnen
/ bildet ein Mann / welcher vorwerts mit beiden Händen ein feuriges Rad hält /
die Sonne in der Marians-Stadt an dem Wasser Lein bei gleichmässigen
Saltz-Brunnen /ein Mann mit langen Ohren / der in den Händen einen goldenen
Monden hält; und bei denen Wenden und Rhugiern / wo der Oder-Strom sich mit dem
Meere vermählet / der Götze mit drei Antlitzen und einem halben Monden / dieses
Nacht-Gestirne ab. Der Grichen und Römer übrige Götter sind in Deutschland zwar
vom Nahmen nicht bekandt; doch scheinet dem Saturn nicht ungleich zu sein das
Bild eines alten Greisen auff dem Schloss Hartzburg beim Melibokischen Gebürge;
welcher auf einem Perssken in einem weissen Kittel baarfüssig stehet / mit einer
leinwandtenen Binde umgürtet ist / in einer Hand ein Rad / in der andern ein
Gefässe voll Rosen / Aepffel und anderer Früchte hält. Welch Sinnenbild auf die
Zeit leicht auszudeuten ist. Auf den Jupiter kann unschwer auch gezogen werden
der an der Elbe oberhalb der Stadt Statio von dem Könige Gambriv aufgerichtete
und auf einen Stul gesetzte Abgott / der in der rechten Hand ein Schwerdt / in
der lincken Hand einen Königs-Stab führet; dem auff der rechten Hand aus dem
Munde ein Donner-Keil / auff der lincken Blitz und Flamme fähret; auf dessen
Haupte ein Adler sitzet / die Füsse aber einen Drachen zertreten. In der Stadt
Mesovium ist zwar ein mit einem Myrten-Krantze gekräntztes Weib / welche auf der
Brust eine brennende Fackel /in der rechten Hand die Welt-Kugel / in der lincken
drei güldene Aepffel hält; und also die natürliche Venus / welcher noch darzu
drei Holdinnen Aepffel hinreichen / zu sehen; aber es ist diss nur eine
Ehren-Seule der holdseligen Vandala der Uhrheberin aller Amazonen. Die zwischen
der Weichsel / Warte und dem Asciburgischen Gebürge wohnenden Lygier und
Naharvaler haben von denen Colchiern und Amazonen den Gottesdienst des Castors
und Pollux erlernet; welchen sie alle Jahre zwei Elend-Tiere opffern; iedoch
selbten keine Bilder aufrichten. Die Sitones /Sviones und Fennen an der
Rubeischen eussersten Nord-Spitze beten die Sonne an / schlachten ihr und andern
Abgöttern jährlich / wenn der Tag beginnet zu zunehmen / neun und neunzig
Menschen / mit so viel Hunden und Hähnen; Sie beteuern darbei: dass sie daselbst
das Geräusche der für ihrem Wagen schäumenden Pferde des Morgens eigentlich
hören; ja auch ihr strahlendes Haupt genau erkennen können.
    Rhemetalces konnte sich allhier des Lachens nicht entalten; und fieng an: Es
lohnte für die Müh diesen Weg dahin zu tun; wenn wir anders versichert wären:
dass wir nicht stumpfere Augen / als diese Nord-Völcker hätten. Fürst Adgandester
antwortete: Er besorgte sich gleichfalls diese Reise umsonst zu tun; und hielte
dieses eben für eine tumme Einbildung des Aberglaubens; welches die schlimste
Kranckheit des Gemütes wäre; welche dem Menschen alle Sinnen verrückte / und
ihn auf einmal so wiederwärtige als unmögliche Dinge beredete. Denn da eine
blosse Furcht oft etliche Sträuche für ganze Krieges-Heere / einen Schatten
für Gespenster ansiehet; ja die Gallier wohl ehe ihnen in der Schlacht
eingebildet haben: dass aus den Augen der Römer Feuer-Strahlen führen; da die
Einwohner der Atlantischen Insel die zu Pferde sitzenden Friesen für Centauren
gehalten; da ein Miltz-süchtiger ihm aus Einbildung: dass er eine ganze Stadt
ersäuffen würde / das Wasser nicht lassen wollen / biss man ihn die Gefahr eines
grossen Brandes überredet; da Trasyllus aus Einbildung: es wären alle zu Aten
an- und ablauffende Schiffe sein Eigentum / selbte täglich bewillkommt und
gesegnet; ein ander Argiver in dem leeren Schau-Platze die schönsten Spiele zu
schauen sich bedüncken liess; da ein Traum einem die seltzamsten Ungeheuer für
zumahlen; ja die Mondsüchtigen zu Uberkletterung der höchsten Türme anzureitzen
mächtig ist. Was ist es Wunder: dass wenn der Aberglauben die Vernunft
einschläfft / wenn die Augen des Leibes und des Gemütes verblendet sind; der
nicht einst in die Sonne zugeschweigen in das unermässliche Licht der Gotteit zu
sehen vermögende Mensch ihm mehrmahls was lächerliches träumen läst. Ich will
zwar meinen Landes-Leuten nicht das Wort reden; aber ich halte den Grichen
Anaxagoras für blinder; da er die Sonne für einen Stein angesehen; wie nichts
minder die Scyten / welchen kein Mensch ausreden wird: dass sie Sonn und Monde
auf Pferden reiten / die andern Sternen aber an güldenen Ketten hencken sehen;
die aber für törichter / welche ihnen grausame oder um uns unbekümmerte Götter
einbilden / als welche ihre Aehnligkeit in Wachs / Ertzt / Bein und Marmel
ausdrücken wollen. Atanas und Agave / welche gemeinet / ihre Kinder wären
Hirsche und Löwen / sind mehr Entschuldigens wert / als des grossen Alexanders
und Scipions Mütter / welche sich von Schlangen geschwängert zu sein hielten;
Als Midas / welcher aus Aberglauben durch Ochsenblut / und der Milesische König
Aristodemus / der wegen eines an seinem Hause gewachsenen Krautes durchs
Schwerdt sich hinrichtete. Und ich weiss nicht: was ich vom Nicias und seinem
ganzen Heere urteilen soll; welches in währender Schlacht bei sich ereignendem
Monden-Finsternüsse Degen und Hände sincken / und sich ohne Gegenwehr
niedermachen liess? Hingegen trugen die Einwohner der Atlantischen Insel unsern
fast erhungerten Friesen reichliche Lebens-Mittel zu; als diese die
bevorstehende Monden-Finsternis vorsehende jenen den Untergang dräuten / und
durch Verfinsterung dieses Gestirnes hierzu den Anfang machen wollten.
    Aber ich muss / sagte Malovend / nun wieder zu unsers Vaterlandes
Gottesdienste kehren; welcher zwar durch der abergläubischen Nachbarn Träume
sehr verfälscht; iedoch derogestalt nicht vertilgt ward: dass aus den Schlacken
nicht das eingebohrne Gold herfür leuchtete. Sintemahl die Deutschen ausser den
Estiern und Hieren / die denen Schlangen Eyer und Hüner opfferten / und sie zu
beleidigen für Tod-Sünde hielten / kein Geschöpffe niemahls für GOtt den
Schöpffer angenommen. Denn der Druyden Einweihung der Bäume / des streitbaren
Bojus Andacht bei zweien Eichen an der Donau machte sie so wenig / als die
Goten ihre Berge zu Göttern / wenn sie auf ihnen /wie die Syrier auf ihrem
Berge Karmel ihrer Andacht abwarteten. Sintemahl diese so wohl / als fast alle
andere Völcker / hierdurch nur die Höhe ihrer angebeteten Gotteit andeuten
wollen. Des Tuisko / des Hercules / der Aurinia Verehrung stehet noch in den
Schrankten eines danckbaren Andenckens / und in einer heiligen Anweisung ihrem
rühmlichen Beispiele zu folgen. Die Anbetung geschiehet allein einer einigen /
ewigen / und unsichtbaren Gotteit; ob schon die Art der Anbetung und der Opffer
unterschieden ist. Unter diesen ist nunmehr die Weise der Druyden die gemeinste;
und hat ihr Glantz von etlichen hundert Jahren her allen andern verdüstert / und
selbte in die steilesten Gebürge / oder in die finstersten Hölen und Kolhütten
eingesperrt. Hierzu ist ihnen nicht wenig behülflich eine Wahrsagung / welche
der erste in Deutschland komende Druys Serapio noch ehe / als Rom vom Brennus
eingeäschert worden / im Herzinischen Walde in einem Felsen eingegraben; so in
folgenden Reimen noch nicht ferne von der Elbe zu lesen ist:
Zwar das Verhängnis hat ins Buch aus Diamant
Geschrieben: dass fur Rom der heisse Mittag schwitzen;
Dass Löw und Drache nicht soll Africa beschützen;
Dass Ost die Palmen ihm muss lieffern in die Hand.
Die Elefanten solln in Siegs-Karn sein gespannt /
Auch wird ganz West erstarr'n fur seiner Schwerdter blitzen;
Doch auf den kalten Nord wird sichs umsonst erhitzen
Und Deutschland leisten ihm behertzten Wiederstand.
Ja selbst die Tiber wird die Donau und den Rhein
Anbeten; Rom und Welt den Deutschen dienstbar sein.
Diss und nichts anders kann mit Fug der Himmel schicken /
Als dass fur Riesen nur ein Zwerg die Segel streicht;
Dass eine Wolfin zwei gestirnten Bären weicht;
Roms sieben Berge sich fur sieben Sternen bücken.
    Weil nun die Menschen diss / was sie selbst wünschen / oder ihnen einbilden /
leicht glauben; über diss nach und nach ein und anders von den Römern eintraff /
ward es gleichsam für eine Missetat gehalten /an der Druyden Meinung zu
zweiffeln. Die Fürsten liessen selbst ihre jüngsten Söhne / um den ältesten ihre
Länder unzerteilet zu lassen / Druyden werden; ja die Cimbern wehlten ihrer
zwei nämlich den Sciold und Hiarn zu ihren Königen; in Meinung: dass weil eines
Fürsten herrlichstes Vorrecht für niedrigern Leuten dariñen bestehet: dass er
mehr / als alle andere Gutes stifften kann; es würden diese kluge und heilige
Leute dem gemeinen Wesen am nützlichsten fürstehen.
    Rhemetalces brach ein: Eure Cimbern scheinen desselbten Weltweisen Meinung
gewesen zu sein /dass dasselbe Reich nur glückselig zu achten wäre /darinnen die
Weltweisen herrschten. Alleine diese Hoffnung hat nicht selten Schiffbruch
gelitten; und haben oft die gelehrtesten Fürsten die einfältigsten Fehler
begangen; oder das Glücke mühet sich zum minsten ehe diesen / als andern /
welche nicht ihre Vernunft / sondern alleine sie zu ihrer Leiterin erkiesen /
ein Bein unterzuschlagen. Unter den Griechischen Helden für Troja wäre keiner
gelehrter / aber auch niemand unglücklicher als Palamedes gewest. Er war wohl
geschickt vier neue Buchstaben zu erfinden; aber nicht sich aus der ihm vom
Ulysses fälschlich angetichteten Verräterei zu wickeln. Etliche andere haben
sich durch Betrachtung der Gestirne im Himmel so verstiegen: dass sie die Erde
aus dem Gesichte /und den Wolstand in ihrem Reiche verloren. Griechenland hat
keine grimmigere Wütteriche gehabt /als die / welche aus den sieben Weltweisen
geherrscht haben. Aten und Sparta hat allemahl geblutet oder geseuffzet; wenn
einer mit dem Mantel des Pytagoras oder des Plato auf dem Stule gesessen. Daher
Diocles der schlauste Hertzog der Sicambern seinen Sohn mehr nicht als diesen
Griechischen Spruch: der Fürsten Wille ist ihr Recht / lernen liess; und dem
Priester Teocalus / dem sein Gross-Vater fast die Helffte seiner Gewalt
eingeräumet hatte / seine Macht gäntzlich beschnitt. König Antiochus und
Lysimachus wollten die Weisen nicht einst zu Bürgern haben / jagten sie aus ihrem
Reiche / und hiessen die freien Künste ein Gift des gemeinen Wesens. Und die
Scyten über dem Rypheischen Gebürge können noch nicht gestatten: dass ihre
Untertanen mehr / als ihre unwissende Herrscher verstehen sollen. Ob ich nun
zwar das letzte nicht billiche / und wohl weiss: dass die Weissheit an ihr selbst
nichts böses hat; ja ohne ihre Hülffe schwerlich ein Reich bestehen kann; Weil
die Unwissenheit nicht nur ein Mangel des Guten / sondern wesentlich etwas
böses; und ein unverständiger Fürst ein lahmer Ober-Herr ist; für welchem der
wahrsagende Apollo die Stadt Sparta so sehr gewarniget hat; über diss die
glücklichen Fürsten Pericles / Alcibiades /Epaminondas / Numa / Philip in
Macedonien / und Kayser Julius nicht geringere Weltweisen als Helden gewesen; So
bin ich doch der beständigen Meinung: dass die / welche von Künsten und
Wissenschaften gleichsam ein Handwerck machen / oder schon ihr Leben gleichsam
der nachdenckenden Welt-Weissheit gewiedmet haben / sich zur Herrschaft nicht
schicken. Sintemahl sie daraus eine solche Süssigkeit schmecken; welche ihnen
die Sorgen für das gemeine Heil zu Wermut und Galle macht. Daher Prometeus /
Empedocles und Heraclitus ihre Fürsten-Hüte eigenbeweglich abgenommen / um in
einer Einsamkeit der Weltweissheit unverhindert abzuwarten. Zeno antwortete:
diese wolgegründete Meinung des Fürsten Rhemetalces hielte nichts mehres / als
eine Verdammung des Missbrauchs / nicht aber der Weltweissheit selbst in sich; von
welcher König Phraotes recht Fürstlich geurteilet hätte: Es wäre nichts
Königlicher als die Weissheit; ja ihre Besitzer wären noch etwas mehr als Könige.
Allein es stünde nicht die Weissheit / sondern andere wichtige Ursachen den
Geistlichen am Wege; warum man selbten die Oberherrschaft einzuräumen billich
anstehen sollte. Denn weil sie eines strengen Lebens vorher gewohnt / wollten sie
aller Untergebener Sitten und Leben nach ihrem check-Stabe richten; und daher
verfielen sie in eine gefährliche Schärffe der Herrschaft. Sie legten mit ihrem
ersten Stande niemahls die Liebe gegen denselben ab; und desshalben enträumten
sie nicht nur der Geistligkeit allzuviel; sondern vergrösserten auch noch ihre
Freiheiten und Güter; welche doch beide in einem Reiche ihr Mittelmass haben
sollten; wormit weder die Bürgerschaft Schatzung zu geben / der Adel im Kriege
zu dienen geschwächt / noch auch das Ansehen und die Gewalt des Königes durch
sie verdüstert werde / wie in Comagene sich durch die übermässige Gewalt selbigen
Priesters ereignet hat. Adgandester versetzte: Es haben diss die Cimbern nach
ihrer Wahl / aber zu langsam erfahren; ja auch uns übrigen Deutschen sind die
Druyden / wo sie gleich nie den Fürsten-Hut aufgesetzt / zu Kopffe gewachsen.
    Malovend fuhr fort: Ich weiss nicht: Ob sie mehr sich zu erhöhen / oder wir
uns mehr unter ihre Fuss-Sohlen zu kriechen bemüht gewest. Daher wir nicht so wohl
sie / als uns selbst zu schelten Ursache haben. Sintemahl der Mensch von Natur
mehr zur Herrschaft / als Dienstbarkeit geneigt; und es fast mehr als
menschlich ist / bei übermässigem Glücke lange Zeit die erste Gemüts-Mässigung
behalten. Es gehöret ein grosses Hertze darzu / welches das Gold und das Eisen
beiderlei Glücks-Fälle verdäuen soll. Denn das Hertze ist gegen das Glücke / was
der Magen gegen die Speisen. Es sei nun aber schuld daran / wer da wolle; so
verwandelte sich der Druyden erste Bescheidenheit in Herrschsucht; ihre
Genüssligkeit in Wollust / ihre anfängliche Andacht in Scheinheiligkeit; welche
auf der Welt jener den Preis abrennt /und nicht ohne Wunderwercke Himmel und
Hölle mit einander verschwistert; ja die Laster für Tugenden anwehret. Unter dem
Schein heilsamer Warnigungen versteckten sie ihre Rache; unter dem Vorwand des
Glimpfes sahen sie allen Lastern durch die Finger; mit dem Mantel des gemeinen
Heiles verhülleten sie ihren Ehrgeitz; die Gerechtigkeit musste ihren Geitz /ein
gerechter Amts-Eiver ihren Neid / die erbauende Unterredung ihre Geilheit
verdecken. Ihre Enteusserung alles Eigentums diente ihnen zur Herrschaft über
aller / ja der Könige Güter; und welche keine Hütte haben wollten / wohnten
nunmehr in eitel Fürstlichen Schlössern. Es war letzlich ihren Uhrhebern an
ihnen nichts als das Kleid ähnlich. Diese Veränderung gebahr bei vielen
tugendhaften einen heimlichen Unwillen; aber / weil sich niemand diesen bösen
Sitten des Vaterlandes zu begegnen gewachsen sah / mussten sie nur mit andern
Lastern ihre Schwachheit beseuffzen. Endlich kriegten die Druyden durch diss
/welches alle unüberwindliche Machten zu Boden wirfft / nehmlich durch eigene
Zwytracht einen gewaltigen Stoss. Denn zur Zeit des grossen Feld-Herrn Marcomirs
/ tät sich Divitiak einer der tieffsinnigen Druyden herfür; welcher in dem
Semanischen Walde zwischen der Elbe und der Weser geboren war / aber in
Britannien / Egypten / und bei den Juden ihm eine grosse Weissheit zu wege
gebracht hatte. Dessen Frömmigkeit nahm anfangs der Druyden Laster und
Missbräuche / seine Scharffsinnigkeit aber ihre Irrtümer wahr. Daher fieng er an
jene mit einem hertzhaften Eiver zu schelten / diese mit sonderbarer Klugheit
zu wiederlegen. Er straffte den Wucher der Priester; verdamte ihre übermässige
Gewalt in weltlichen Dingen; eröffnete die für dem gemeinen Volcke versteckten
Geheimnisse des Glaubens / verfluchte die Vergötterung der Menschen / zohe die
Gründe der Warheit dem Sagen der Druyden und dem Ansehen ihres Hauptes für;
Gründete den Wolstand der unsterblichen Seelen auf die einige Erbarmnis des
ewigen Schöpffers; verwarff alle abergläubische Zeichen und Tage-Wehlungen;
wiederlegte die Wanderung der Seelen aus einem Liebe in den andern; und brachte
mit einem Worte den alten Gottesdienst der Deutschen wieder ans Licht. Ob nun
wohl die hitzigen Druyden ihm mit Feuer und Schwerdt dräueten / die vernünftigen
ihn erinnerten: Er möchte die Lehre der Druyden nicht gar verwerffen / sondern
die Spreu von dem Weitzen absondern; so fuhr er doch mit einem rechten
Helden-Mute fort; brachte die auf dem Melibokischen Gebürge wohnenden Druyden
selbst / ja auch die Fürsten der Hermundurer / Alemänner und Catten auf seine
Seite. Allem Ansehen nach wäre es um die Druyden damahls gar geschehen gewest;
sonderlich / weil Divitiack seine Nachfolger zur alten Armut anverwiess / und
sich der weltlichen Herrschaft anzumassen verbot; also die Fürsten nicht nur
ihre erste Gewalt / sondern auch die unter dem Scheine der Andacht ihnen
entzogene Güter zurück bekamen. Alleine dieser scheinbare Anfang kriegte einen
gewaltigen Stoss durch den tieffsinnigen Eubages; welcher zwar in den meisten
Sachen dem Divitiak wieder die Druyden beipflichtete; aber alle Geheimnisse nach
dem allzuschwachen Mässstabe der Vernunft ausecken; alle Zufälle denen
natürlichen Ursachen zueignen; dem Menschen den freien Willen entziehen / und
selbten der Notwendigkeit des einflüssenden Gestirnes unterwerffen wollte. Also
spalteten sich die / welche dem Divitiak und Eubages anhiengen / gleicher
Gestalt / und nahmen jene den Nahmen der alten Barden an; diese aber nennten
sich alle Eubagen / oder auch Vaties. Jedes Teil erlangte gleichwol von vielen
mächtigen Fürsten in Deutschland / Gallien und Britannien eine Beipflichtung;
also: dass es fast allentalben zu bürgerlichen Kriegen ausschlug / und viel
tausend Seelen unter dem Scheine der Andacht der blutbegierigen Rache
aufgeopffert wurden. Denn so oft als der Ancker des Gottesdienstes bewegt wird;
so oft erschüttert sich das ganze Schiff eines Reiches; weil mit dem Glauben
ins gemein die Art und das Gemüte eines Volckes verändert wird. Der kluge und
gütige Marcomir pflichtete im Hertzen selbst Divitiaks Meinungen bei /
ungeachtet er aus Staats-Klugheit solches nicht öffentlich mercken lassen
dorffte. Gleichwol aber hielt er ihm wieder die Gewalt der Druyden Schutz /
brachte es auch zu einem Frieden. Aber weil die Einheimischen Zwytrachten selten
von Grund aus geheilet werden /brachen diese Wunden nach seinem Tode bei den
Celten in Gallien wieder grausamer auf; indem sein Sohn Hippon den Druyden auffs
allereifrigste beipflichtete / und nicht nur viel tausend dem Divitiak
beipflichtende Barden hinrichten; ja auch den Druys /in dessen Armen Marcomir
gestorben war / aus Verdacht gleichmässigen Glaubens verbrennen liess; zu
geschweigen: dass etliche Druyden ihn verhetzten: Er sollte seines Vaters eigene
Gebeine ausscharren / und in Asche verwandeln lassen. Nichts minder verfolgten
die Druyden in Gallien die Eubagen als Tod-Feinde; wordurch / den Römern sich
täglich daselbst zu vergrössern / Tür und Tor aufgesperret ward. Insonderheit
wurden die an dem Flusse Alduaria liegenden Heduer / bei denen Divitiak / und
hernach Eubages sich lange aufgehalten und ihren Gottesdienst eingeführt hatten
/ auf der Sudwesten Seite von den Arvernern / gegen Nord-Ost von denen an dem
Flusse Alduaria gelegenen Sequanern derogestalt beängstiget: dass sie sich unter
der Römer Schutz begeben mussten. Worzu ihnen denn die Vorschrifft des weisen
Divitiak an den grossen Redner hernach Bürgermeister Cicero / mit welchem er in
Gallien verträuliche Freundschaft gemacht hatte / sehr behülflich war; wordurch
denn die von ihren Feinden in die Enge weniger Festungen getriebene / aller
Kriegs-Macht und Aecker beraubte Heduer / welche der Alemänner König Ariovist
gezwungen hatte ihm Geisseln und jährliche Schatzung zu geben / durch die
Tapfferkeit ihres Fürsten Pferderichs und den Beistand der Römer wieder Lufft
schöpfften / ihre vorige Untertanen und Lehns-Leute die Segusianer zwischen dem
Rhodan und Arar / die Ambarren zwischen der Arar und Ligeris / und die
Brannovier wieder unter sich brachten; ja weil sie hingegen den Römern in den
Alpen gegen ihre Feinde treulich beistanden / ihre Brüder und Bundsgenossen zu
werden verdienten. Noch ärger ging es denen Eubagen im Aquitanischen Gallien.
Die Fürstin der Aquitanier Irmingardis maste sich daselbst unter ihren dreien
nach einander herrschenden Söhnen / welche nichts minder ihres Unglücks / als
ihrer Uppigkeit halber beruffen sind / der Herrschaft an; und ihre Herrschsucht
machte sie nichts minder / als ihrer Kinder Unfähigkeit auch nach ihrer
Mündigkeit zu ihrer Vormündin. Anfangs zwar schlug sie sich bald zu ihren
Druyden / bald zu den Barden und Eubagen; und liess bald dieser bald jener Wind
in die Segel ihrer Ehrsucht wehen. Endlich aber machte die Staatssucht: dass sie
mit den Druyden ein Sinn und ein Hertze ward. Daher sie alle Klugheit / alle
Laster / ja auch die Zauberei selbst zum Verderben der Barden und Eubagen zu
Hülffe nahm. Sie reisete mit dreihundert der schönsten Weiber stets das Land
durch; welcher einiges Absehen und Meisterstücke war / den Adel wie die Spinnen
die Fliegen / in ihr Gewebe der Wollust und dardurch zu Verleugnung des
Divitiakischen Gottesdienstes zu bringen. Ja dieser geschöpffet Hass verleitete
sie so weit: dass sie mit ihrem vorigen Todfeinde Hevinserich einem Fürsten der
Mediomatriker sich auffs verträulichste verknüpffte; ungeachtet dieser so wohl /
als sein ermordeter Vater das Aquitanische Reich ihm zuzuschantzen bemüht war.
Mit diesem machten sie in einem Zimmer / darinnen Hevinserich aber hernach aus
gerechter Rache Gottes wieder ermordet ward / einen festen Schluss / alle Borden
und Eubagen mit Giffte / Feuer und Schwerdt zu vertilgen. Um diss so viel
glücklicher zu vollziehen /machten sie mit den Barden und Eubagen Frieden
/verlobten dem Fürsten der Bigerrionen Rubonor ihrem Haupte in Gallien der
Irmingardis Tochter; und schlachteten sieben Tage lang viel tausend sich zum
Fürstlichen Beilager eingefundene Gallier ab. Ja die säugenden / oder in
Mutterleibe noch atmenden Kinder wurden nicht verschonet / sondern eh ermordet
/als geboren. Hevinserich führte die Meuchel-Mörder selbst eiffrig an; und war
unter seinen Getreuen einer /der sich in einer Nacht vierhundert Eubagische
Gallier zerfleischt zu haben rühmte. Die wilde Irmingardis stach selbst einigen
/ die in ihrem Schloss schlieffen / mit den Fingern die Augen aus; und weidete
die Augen an den nackten Leichen der Ermordeten / die sie Hauffen-weise für ihr
Burg-Tor brachten. Unter andern liess sie das abgeschlagene Haupt des tapffern
Krieges-Helden Cigolin einbalsamen / und schickte es dem Obersten Druys in
Britannien / zu einer vermeinten Versicherung: dass mit diesem Kopffe den Eubagen
alle Spann-Adern zerschnitten wären. Irmingardis weltzte die Schuld dieser von
der ganzen Welt / ja vielen Druyden selbst verdamten Verräterei zwar auf den
Hevinserich; um selbten schwartz zu machen /sich aber weiss zu brennen. Sie
dräuete an dem Uhrheber dieses Blut-Bades den Entseelten ein Rach-Opffer zu
lieffern / und die verbitterten Eubagen zu besänftigen. Aber sie trauten nicht
mehr auf diese Fallbrücke zu treten / sondern ergriffen zu ihrer Beschirmung die
Waffen / und machten sich bei nahe in ganz Aquitanien zum Meister; brachten
auch nach der Irmingardis und ihrer Söhne Tode den Bigerrionischen Fürsten zur
Herrschaft. Nach dem aber dieser sich endlich selbst zu den Druyden schlug /
nahm der Barden und Eubagen Macht von Tag zu Tag ab / biss sie endlich nach
vielen Verfolgungen und Blutstürtzungen in die Haupt-Stadt der Agesinaten
verschlossen daselbst mit Hülffe der Veneter die Einfahrt im Meer zwischen den
Eylanden Vilar und Antros durch eingesenckte Schiffe verstopfft / also ihnen der
Hibernier Hülffe abgeschnitten / und sie also durch unmenschlichen Hunger zur
Ubergabe gezwungen wurden. Die Druyden schafften ihnen ihren Gottesdienst mit
grosser Schärffe ab; da sie doch den Greuel denen Samnitischen Weibern erlaubten
/ welche die Eylande des Aquitanischen Meeres bewohnen / daselbst gleichsam
rasende dem Bacchus opffern / ihren Männern auf den Eylanden zu wohnen nicht
verstatten / sondern zum Beischlaffe ans feste Land überfahren; alle Jahr das
Dach ihres Tempels abbrechen / und noch selbige Nacht für der Sonnen Aufgange
wieder erbauen; worzu iedes Weib eine gewisse Last herbei schleppen muss / und
die es fallen läst / von denen andern gleichsam zum Opffer mit ihren Nägeln
zerrissen wird. Wiewohl auch hernach der grossmütige König der Svessoner
Divitiak denen Eubagen beipflichtete / und durch seine Tapfferkeit nicht nur
ganz Gallien / sondern auch ein grosses Teil Britanniens unterwarff; ward er
doch durch einen Druys Meuchelmörderisch aufgerieben; sein unwürdiger Sohn Galba
aber von seiner denen Druyden zugetanen Mutter ihnen zur Unterweisung
untergeben. Inzwischen führten auch die Bellovaker / Ambianer / und Veromanduer
wieder die Bataver und Menapier / welche aus Deutschland kommen / sich an der
Schelde / Maass und zwischen dem Rheine niedergelassen / und in dem
Megusianischen Hercules-Tempel ihren Gottesdienst eingeführet hatten / einen so
grausamen Krieg: dass in diesem mehr durch die Hände des Henckers / als durchs
Schwerdt hinfielen. Weil über den zwischen den Batavern und Galliern
eingepflantzten Hass die Gallier die Entweihung ihrer Heiligtümer / und
sonderlich obigen Tempels zu unmenschlicher Rache verhetzte; welche sie so weit
verleitete: dass sie zwei Morinischen Fürsten / nur weil sie mit den Menapiern
und Batavern einen billichen Vergleich zu treffen einrieten / und desshalben mit
ihrem Fürsten Julius Tutor / dessen Enkel gleiches Nahmens hernach auch mit dem
Civilis wieder die Römer aufstand / Brieffe gewechselt hatten / öffentlich die
Köpffe abschlagen liessen / für denen vorher etliche mahl der Gallier Feinde
erzittert waren. Wiewol die Bataver und Menapier mit Hülffe ihrer
Blutsverwandten der Tribozer und Catten / wie auch des Cheruskischen Hertzogs
Aembrichs / dessen Bruder Cattivolck sie bei ihm zu ihrem Feld-Herrn ausbaten /
mit dem Degen ihre Freiheit behaupteten; ja Aembrich es so weit brachte: dass die
in diesen Krieg mit eingeflochtenen Eburoner seinen Bruder Cattivolck zu ihrem
Hertzoge erkieseten.
    In Deutschland aber dämpfften teils die Klugheit der Feldherren und anderer
glimpfflichen Fürsten /teils die mit denen Daciern und Sarmatern geführten
Kriege das einheimische unter der Aschen glimmende Feuer zwischen den Druyden /
Barden und Eubagen. Denn wie eusserliche Kälte innerliche Wärmde beisammen hält;
also ist die auswerts sich nähernde Gefahr auch das kräfftigste Mittel die gegen
einander verbitterten Bürger zur Eintracht zu bringen.
    Als aber der deutsche Feld-Herr Malorich bei ziemlichem Friede starb /
seinen Vetter Aembrich der Cherusker Hertzog unsers Feld-Herrn Herrmanns
Gross-Vater zum Feld-Herrn fürschlug; geriet ganz Deutschland in ein grausames
Krieges-Feuer. Denn ein grosses Reich kann so wenig als ein grosser Leib lange in
Ruh bestehen; indem / wenn es eusserlich keinen Feind hat / ihm einen in sich
selbst machet. Die gröste Ursache aber war: dass auf einmal in Deutschland vier
Fürsten lebten / derer ieder würdig war / das ganze zu beherrschen; nehmlich
Aembrich der Cherusker und Quaden / Ariovist der Alemänner /Arabar der Catten
und Vangionen / und Briton der Hermundurer Hertzog. Denn wie die mehrern Sonnen
im Himmel nichts gutes bedeuten; also ziehet auch die Zusammenkunft vieler
grossmütigen Fürsten in einem Reiche tausenderlei Ungemach nach sich; in dem
zwar in einem kleinen Gefässe viel kleine Pflantzen / aber auch in dem
grössesten nicht zwei oder mehr Palmbäume und Zedern Raum haben; sondern eine
die andere verdämmet / oder durch allzustarcken Trieb das Gefässe gar
zersprenget. Bei solcher Beschaffenheit schätzte ein ieder sich den würdigsten
zum obersten Feld-Herrn Deutschlandes. Und ob wohl Hertzog Aembrich für sich das
Wort des verstorbenen Hertzog Malorichs hatte; so war dieses doch vielmehr ein
Rat / als eine Wahl / welche nicht bei dem Erblasser / sondern in der blossen
Willkühr der deutschen Fürsten bestehet. Uber diss stach diese die grosse Macht
der Cherusker / und die Nachfolge so vieler Feldherren aus diesem einigen Hause
nicht wenig in die Augen; zugeschweigen: dass Ariovist / Briton und Arabar /
welche teils denen Barden / teils den Eubagen beipflichteten / dem es mit den
Druyden haltenden Fürsten Aembrich allem Vermuten nach das Hefft in die Hände
zu geben nicht allerdings sicher hielten. Die aller gröste Hindernis aber brach
allererst herfür durch den Auffstand der Quaden; welche meist denen Barden
beipflichteten / sich aber von den Druyden gedruckt zu sein beklagten / über diss
dem Hertzoge Aembrich kein Erb-Recht über sie zu enträumen vermeinten / anfangs
sich dem benachbarten Briton / und / als dieser es aus einer Heldenmässigen
Grossmütigkeit ablehnte / dem Cattischen Fürsten Arabar sich untergaben. Arabar
verband sich mit dem Könige der Dacier Decebal / welcher von dem Flusse Cusus
biss zu denen Bastarnen alles beherrschte; Die Marsinger / Gotiner / und
Pannonier traten auf seine Seite; der Britannier König Cassibellin / und der
Cimbern König Friedlev vertrösteten ihn grosser Hülffe. Auf welchen letzten
ganz Deutschland ein grosses Absehen hatte; weil er die Kriegerische Jungfrau
der Goten und Riesin Rusila / welche mit zweien Fingern das stärckste Hufeisen
zerreissen / einen mittelmässigen Baum mit den Wurtzeln ausreissen konnte /im
Zweikampffe erlegt; den Hillevioner Hertzog Huirvill im Kriege überwunden / die
Orcadischen Eylande und die Haupt-Stadt in Hibernien Duflin durch Krieges-List
erobert; auch / als er daselbst von der Menge seiner Feinde ganz umringt war /
sich dennoch durch Auffstellung seiner vorhin erlegten Kriegs-Leute glücklich an
den Seestrand und nach Hause gezogen hatte. Für aller Menschen Augen schien
Hertzog Aembrich verloren zu sein; aber dieser Held erlangte mit Hülffe der
Ubier bei der Stadt Boviasinum einen so herrlichen Sieg: dass Arabar mit Not
entran / und sich in Gallien flüchtete. Die Dacier zwang er auch alsofort Friede
zu machen; nach dem der König der Cimbern Friedlev sein Reich wegen der Svioner
/ Sitoner und Fennen Königs Gotar seiner Macht nicht entblössen dorffte /
welcher zu einem grossen Kriege sich rüstete / niemand aber seinen Feind
erforschen konnte. Wie nun kein kräfftiger Magnet ist der Menschen Gemüter an
sich zu ziehen /als Tugend und Glücke; also ward Hertzog Aembrich ohne einiges
Wiedersprechen zum Feldherrn erkläret; ja Briton selbst vereinigte mit ihm seine
Waffen wieder seine Feinde / und Aembrich räumte der Ubier Hertzoge Dorulac ein
Teil der vom Arabar verlohrnen Landschaften ein. Die Römer aber schickten ihm
eine güldene Krone / einen Purpur-Mantel / und einen Helffenbeinernen Stul /
nennten ihn ihren Freund /Bruder und Bundgenossen.
    Der Alemänner Hertzog Ariovist schlug zwar sein ersteres Absehen diese Würde
zu erlangen aus der Acht. Zumahl er vernünftig wahrnahm: dass sie eine grosse
Uberlast / aber nur einen betrüglichen Schein eiteler Ehre an sich hätte; liess
sich noch bei offener Tafel heraus: Es würde ihm bei der Nachwelt rühmlicher
sein / wenn selbte fragen würde: aus was Ursachen er nicht / als warum er zu
solcher Hoheit gelangt wäre. Jedoch vergass er nicht unter der Hand unvermerckt
seine Vergrösserung zu beobachten. Denn /nach dem die Bojen / welche denen
Barden beipflichteten / von denen Druyden in ihrem ersten Sitze / den ihnen
anfangs Alemañ zugeeignet / hernach Segovesus auffs neue behauptet hatte / nicht
gelitten werden wollten / zohe ihrer ein ziemliches Heer teils wieder in Gallien
/ und setzen sich in der Arverner Lande um die Festung Gergovia / bauten auch an
dem Flusse Ligeris die Stadt Boja / teils über die Donau an den Lech /
vertrieben die Noricher / und nahmen den Hertzog Ariovist zu ihrem Schutz-Herrn
an. Bei dieser allgemeinen Glaubens-Strittigkeit trieb auch Divitiak der Heduer
Hertzog alle die / welche des deutschen Divitiaks und der Barden Gottesdienste
anhiengen /aus dem Lande; welche aber von ihren Glaubensgenossen denen Arvernern
und Sequanern willig aufgenommen wurden. Weil nun zwischen diesen Völckern ohne
diss eine alte Feindschaft eingewurtzelt war /verfielen sie hierüber so viel
leichter mit einander in Krieg. Die Heduer zohen alsofort die Römer an sich;
welche ohne diss bereueten: dass sie nach Uberwindung des Königs Luer und
Einsperrung des Königs Bituit in die Stadt Alba sich der Arverner nicht gar
bemächtigt hatten. Hingegen rufften die Arverner und Seqvaner / derer Fürst
Catamantales ein grosser Freund und Bundgenosse der Römer gleich starb /und
seinen Sohn Casticus zum Erben hinterliess / den berühmten Fürsten Ariovist zu
Hülffe; welcher denn in etlichen Schlachten den ganzen Adel / Ritterschaft /
und Oberen der Heduer erlegte / dieses ganze Volk auch derogestalt ins Gedränge
brachte: dass sie die noch wenig übrigen vom Adel den Sequanern zur Geissel
einhändigen / sich auf ewig ihnen untertänig geben / und mit denen Römern
nimmermehr keine Gemeinschaft zu pflegen / sich eidlich erklären mussten. Der
Fürst Divitiak aber / ob er wohl eben diss zu leisten dem Hertzoge Ariovist an die
Hand gelobte /entflohe mit seinen Kindern heimlich nach Rom. Wie nun Ariovist
verlangte: dass seinen Kriegs-Leuten /und insonderheit denen zwischen der Donau
und dem Kocher ziemlich enge eingeschrenckten Haruden / die sich in diesem
Kriege sehr tapffer gehalten hatten /das versprochene dritte Teil von der
überwundenen Heduer Aeckern / oder auch bei denen Sequanern ein austräglicher
Platz für vier und zwantzig tausend Mann eingeräumt werden möchte / brachte es
Divitiak durch seine Künste dahin: dass die Sequaner zu höchstem Undancke sich
wieder den Beschirmer ihrer Freiheit / wiewol unglücklich auflehnten. Denn er
überfiel sie wie ein Blitz bei der Stadt Amagetrobia /und erlegte sie auf einmal
biss auffs Haupt; also: dass sie sich seiner Herrschaft unterwerffen / und die
fürnehmsten ihre Kinder ihm zur Versicherung ihrer beständigen Treue einlieffern
mussten. Weil auch die Heduer sich in diesen Auffstand nicht gemischt hatten;
sprach Ariovist selbte aus einer ruhmbaren Grossmütigkeit von seiner und der
Sequaner Dienstbarkeit frei; ausser: dass sie denen bereit eingesessenen
Alemännern ihre zugeeigneten Aecker lassen mussten. Hingegen weil die alten
zwischen dem Berge Jura und dem Flusse Arola gelegenen Helvetier oder Urbigener
nicht nur vorhin denen der Helvetier gröstes Gebiete besitzenden Alemännern /
die Ariovistens Bruder den König der Noricher Vocion zu ihrem Schutz-Herrn
erkiest hatten / wiederstrebten / sondern auch ohne Ursache mit den Sequanern
die Waffen gegen den Fürsten Ariovist vereinbart hatten / grieff er die
Urbigener behertzt an / und brachte sie nach zweien Treffen dahin: dass sie ihn
für ihr Oberhaupt erkennen mussten.
    Wiewol nun die Helvetier unter dem Schirm des Fürsten Ariovists / der sich
nunmehr einen König nennen liess / in gutem Wolstande lebten / so tät es doch
dem Adel weh: dass zu denen Aemptern meist Alemänner befördert wurden. Sintemahl
ins gemein zwar fremde Gewächse / nicht aber ausländische Befehlichshaber
angenehm sind; und der Neid oder die Ungedult sodenn der Vollkommenheit selbst
Mängel auszustellen weiss. Insonderheit frass die Ehrsucht dem Fürsten Orgetorich
das Hertz aus; welchem die Tränen über die Backen lieffen / so oft er seiner
Vorfahren Bilder ansah / und darmit sich erinnerte: dass er zwar aus einem des
Herrschens gewohntem Hause geboren wäre / nunmehr aber müste gehorsamen lernen.
Gleichwol aber hielt die grosse Macht des Königs Ariovists den Degen des
Orgetorichs in der Scheide; und veranlaste ihn auff ein ander Mittel zu sinnen:
wie er das Hefft wieder in die Hand bekäme. Weil nun die Alemänner sich täglich
in Helvetien verstärckten / und es ie länger ie mehr gedränger machten / schlug
er den Fürnehmsten und Vertrautesten vom Adel für / ihnen einen neuen Sitz in
dem fruchtbaren Gallien um den Fluss Garumna einzunehmen; welches aller
Mutmassung nach Ariovist nicht hindern / sondern vielmehr befördern würde /
wormit seine Alemänner sich so viel mehr auszubreiten Lufft bekämen. Nach dem er
durch seine scheinbare Fürschläge den meisten Adel auf seine Seite gebracht
hatte; eröffnete er diesen Anschlag auch dem Casticus / welcher gleicher Gestalt
unter Ariovistens Botmässigkeit und nach der Sequanischen Herrschaft seines
Vaters seuffzete. Hierauf brachte er es auch an des Divitiaks Bruder Dumnorich /
der die höchste Würde bei den Heduern vertrat / aber aus Begierde der Freiheit
dem Ariovist nicht hold / denen Römern aber Spinnen-feind war. Der Schein der
Freiheit brachte alle drei unschwer in ein eidliches Bündnis; und die grosse
Zuversicht zu ihren Kräfften verhiess ihnen in weniger Zeit die Beherrschung des
ganzen Galliens. Dieses grosse Werck aber brach für der Zeit durch die
ungewöhnliche Zurüstung des Fürsten Orgetorich /und hernach durch etliche
Edelleute / denen ihr Vaterland zu lieb war / aus. Das Volck / welches lieber in
Sicherheit gehorsamen / als aus Hartneckigkeit sich in Gefahr und Verterben
stürtzen wollte / überfiel den sichern Orgetorich unverhofft / stellten ihn auch
in Band und Eisen für ein Gerichte; das ihn als einen Aufwiegler und Störer der
gemeinen Ruh zum Feuer verdammte. Er lag schon gebunden auf dem Holtzstosse /
der Scharffrichter hielt schon die Fackel an den Zunder / als mehr als tausend
Mann zusammen gerottetes / und dem reichen Orgetorich aus Pflicht / oder wegen
genossener Woltaten zugetanes Volck herfür brach / die Nachrichter zerstreute
/ den Holtzhauffen von sammen riess / und den Verdammten aus dem Rachen der
Flammen errettete. Dieser Frevel aber ward von der Obrigkeit durch Hülffe der
Alemannischen Besatzungen mit vielem Blute bald gerochen / und Orgetorich
derogestalt ins Gedrange bracht: dass er ihm selbst mit Giffte vom Leben halff.
Die Helvetier aber befanden in der Höle / darein er sich versteckt hatte / eine
so bewegliche Beteuerung: wie er durch sein Vorhaben drei freie Völcker in den
Glantz der alten Freiheit / sich aber keines weges auf den ihm zugedachten Stul
zu setzen angezielt hätte: dass auf des Fürsten Divico vernünftiges Einreden das
ihn vorhin zu verbrennen entschlossene Volck / welches zwischen eusserster Liebe
und Hass kein Mittel weiss /ihn nunmehr von dem Scheiter-Hauffen in Himmel erhob;
und des Orgetorichs Fürhaben auszuführen durch schärffste Eyde sich verschwor /
ja viel tausend Rauraker / und Tulinger unter dem Rhetischen Gebürge am Rheine /
wie auch fast alle um den Uhrsprung des Rhodans wohnende Latobriger / und
endlich zwei und zwantzig tausend derer wegen ihrer Menge auswandernde Bojen mit
in das Bündnis zoh; also: dass ob wohl dem Fürsten Casticus / und Dumnorich mit
denen Sequanern und Heduern zu den Helvetiern zu stossen allerhand wichtige
Hindernüsse in Weg traten / weder König Ariovist noch Hertzog Vocio diese
schwermende Völcker aufzuhalten / sondern vielmehr zu Beruhigung ihrer eroberten
Länder den Willen zu lassen schlüssig wurden. Wie sie sich nun alle mit viel
tausend Wagen / Vieh und anderm Vorrate bei den Städten Sedun und Tarnada am
Rhodan zu Ende des Merzens versammelt / und nach langer Beratung: Ob sie über
das Gebürge Jura durch der Sequaner Land /oder der denen Römern noch nicht
allerdinges holden Allobroger Gebiete / über die denen Helvetiern ohne diss
zustehende Brücke zu Genf ihren Zug nehmen wollten / den letztern Weg als den
leichsten erwehlt hatten; eilte Julius Cäsar mit einer Legion und vielen tausend
denen Römern untertänigen Narbonensischen Galliern nach Genf / brach daselbst
die Brücke ab / um denen Helvetiern den Weg zu verbeugen /unter dem Scheine
zwar: dass er diesem feindlichen Volcke / welches den Bürgermeister Lucius Cassius
durchs Joch getrieben hatte / nichts gutes zutrauen könnte / iedoch vielmehr aus
Absehen / durch Erwegung eines schweren Krieges das Römische Kriegs-Volck zu
seinen Diensten zu bekommen. Die Helvetier schickten alsbald den Fürsten Divico
zum Julius Cäsar / beschwerten sich über Abbrechung ihrer eigentümlichen Brücke
/ und baten zugleich um einen freien Durchzug in das Aquitanische Gallien / mit
Erbietung Geissel zu geben: dass denen Römischen Untertanen kein Huhn versehret
/ sondern alles ums Geld gekaufft werden sollte. Der schlaue Cäsar gab dem Divico
ziemliche Vertröstung / iedoch bat er Bedenck-Zeit auff zehen Tage / in welchen
er von dem Lemannischen See / biss an das Ende des Berges Jura einen neunzehn
tausend Schritte langen / sechzehn Füsse hohen Wall mit einem tieffen Graben und
vielen Bollwercken aufführte / hernach dem wiederkommenden und verhasstem
Gesandten Divico / als welcher der Tuguriner Heerführer bei Erlegung des Cassius
und Lucius Pisonius gewest war / abschlägliche Antwort gab / und den Helvetiern
die Spitze bot. Diese kehreten alsofort ihre Deichsel gegen die Sequaner / und
brachte es Orgetorich durch seinen Eydam Dumnorich so weit: dass diese ihnen den
Durchzug erlaubten. Wie nun die zwei und neuntzig tausend streitbare Helvetier /
welche mit Weib und Kindern sich auff dreihundert acht und sechtzig tausend
Menschen belieffen / sich langsam durch die steinerne Pforte des Berges Jura
durcharbeiteten /setzte Cäsar den Labienus über das Heer / rennte in Italien /
zohe von Aquileja bei der Stadt Ocelum an dem Flusse Duria in den Cottischen
Alpen fünff Legionen an sich / und kam mit selbten durch der mit denen
Helvetiern in guter Verträuligkeit stehender Garoceler und Centroner Gebiete /
nach etlichen mit ihnen gehaltenen Treffen / über die Grajischen Alpen in sieben
Tagen in der Vecontier und durch der Allobroger Land über den Rhodan in das
Segusianische Gebiete; als die Helvetier gleich über den langsamen Fluss Arar
eine Brücke schlugen. Wie nun etliche dem Divitiak zugetane und dem Dumnorich
wiedrige Heduer und Ambarrer / die den Helvetiern sich wiedersetzt und daher
Schaden erlitten hatten / bei Cäsarn sich beschwerten und Rache baten;
insonderheit Divitiak und Liscus schon lange Zeit Cäsarn wieder die Helvetier
und Deutschen verhetzt hatten / rückte er alsofort gegen die Helvetier / und
überfiel mit drei Legionen ihr vierdtes Teil / nehmlich die Tuguriner /welche
nur noch über die Brücke nicht kommen waren. Wiewol ihnen nun von den Römern
kein Krieg angekündigt war / und sie sich also ehe des Himmels-als eines
feindlichen Einfalls versehen hatten / also der wenigste Teil der Schlaffenden
zu den Waffen kommen konten; so starben sie doch nicht gäntzlich ungerochen; in
dem auch etliche tausend Römer auf dem Platze blieben; ein Teil der Tuguriner
noch sich über die Brücke rettete / die meisten aber im Flusse umkamen / weil
sie es ratsamer hielten / sich in diesen zu stürtzen / als in des rachgierigen
Cäsars Hände zu fallen / dessen Schwehers Grossvatern Piso dieses Volck erlegt
hatte. Nach erlangtem Siege setzte er den Divitiak und Luscus den Heduern und
Ambarren zu Häuptern für / schlug auch noch selbigen Tag eine Brücke über die
Arar. Wiewol nun die Helvetier durch den Fürsten Divico sich des listigen
Uberfalls halber beschwerten / die Unrechtmässigkeit seines Krieges / und die
Streitbarkeit der Deutschen fürhalten liessen; iedoch sich zum Frieden / und dass
sie das Römische Gebiete in Gallien nicht berühren wollten /erboten; so forderte
doch Cäsar hochmütig die Ersetzung alles denen Heduern / Ambarren und
Allobrogern zugefügten Schadens / ihre Rückkehrung und Geissel als Bürgen / für
alles diss / was sie zusagten. Daher Divico Cäsarn antwortete: die Helvetier
wären gewohnt Geissel zu bekommen / nicht zu geben; und von denen / die sie wohl
ehe überwunden / nicht als besiegte Gesetze anzunehmen; schickte also die
Gesandschaft unverrichteter Sachen zurück. Folgenden Tag liess Cäsar den
Considius mit zwei tausend Römischen und den mit den Haaren in diesen Krieg
gezogenen Fürsten Dumnorich mit drei tausend Heduern sich an der Helvetier
Nachtrab hencken; welchen aber der junge Fürst Orgetorich mit fünff hundert
Pferden so grimmig begegnete: dass nach zweier Stunden Gefechte / und nach
Verlust vier hundert Mann anfangs der unwillige Dumnorich / und hierauff
Labienus die Flucht nehmen mussten. Cäsar ward hierüber bestürtzt / verbot also
den Seinigen sich ohne Not in ferners Gefechte einzulassen; sondern ging den
Helvetiern funffzehn Tage lang immer an der Seite / und bemühete sich / die
wegen noch nicht reiffer Saaten ohne diss sparsame Lebens-Mittel und Fütterung
ihnen abzuschneiden. Weil aber auch die Heduer ihm nicht genungsam zuführten /
und Liscus den Fürsten Dumnorich beschuldigte: dass er durch seine Gemahlin des
Orgetorichs Tochter / seine Mutter eine Fürstin der Bituriger / seine Schwester
und Neffen / welche an mächtige Fürsten in Deutschland und Gallien verheiratet
wären / und dem Stieff-Bruder Divitiak die wieder erlangte Hoheit missgönneten /
verleitet würde /das ihm geneigte Volck unter dem eingebildeten Scheine
bevorstehender Dienstbarkeit von den Römern abwendig zu machen; oder auch Cäsar
wegen des unglücklichen Treffens mit den Helvetiern ihn verdächtig hielt / liess
er den Dumnorich in Verwahrung nehmen. Den sechzehenden Tag liess er den Labienus
mit zwei Legionen einen Berg / unter welchem die Helvetier sich gelagert hatten
/ einnehmen / zohe auch mit dem ganzen Heere gegen sie; aber der mit der
ganzen Reuterei vorangeschickte Considius kam spornstreichs zurücke / und
berichtete aus eingebildeter Furcht: Er hätte aus denen Wolffshäuten und
Federpüschen wahrgenommen: dass der Feind den Berg für den Labienus eingenommen
und besetzt hätte; da doch Cäsar Mittags erfuhr: dass Labienus unvermerckt den
Berg behauptet; also der durch Zagheit seiner Leibes- und Gemüts-Augen beraubte
Considius durchs Blaster gesehen; Und weil inzwischen die Helvetier fortgerückt
/ diesen Vorteit zu siegen verspielet hatte. Daher auch Cäsar die gegen dem
Flusse Ligeris absackenden Helvetier verlassen / und aus Mangel der
Lebens-Mittel sich recht und Ostwerts gegen Bibracte wenden musste. Die Helvetier
wendeten hiermit ihre Deichsel um / verfolgten die Römer / die Cäsar auf einem
zu ersteigen schweren Berge in vorteilhaftige Schlacht-Ordnung gestellt hatte.
Gleichwol brachte der junge Fürst Orgetorich der Römer und Heduer Reuterei in
die Flucht. Die fünff Römischen Legionen aber täten mehr verzweiffelte als
hertzhafte Gegenwehr; und konnte Labienus mit Forwerffung eines Römischen Adlers
Cäsarn mit genauer Not aus den Händen der ihn umringenden Bojen erretten. Die
Schlacht währete vom Morgen biss drei Stunden für Abend mit solcher
Hartnäckigkeit: dass kein Teil dem andern einen Fuss breit Erde einräumete. Nach
dem aber die Römer an einem allzuvorteilhaftigen Orte fochten / da die
Reuterei ihnen nicht bei konnte / durch der Helvetier höltzerne oder lederne
Schilde hingegen die Römischen Wurff-Spiesse meist durchdrangen / und sich
darinnen das Eisen krümmete: dass sie selbte nicht heraus ziehen / sondern die
Schilde wegwerffen und unbedeckt fechten mussten /liessen ihre Krieges-Obersten
sie sich mit Fleiss gegen einem andern Berge zurücke ziehen. Wie nun die Römer
ihnen aus eingebildeten Siege folgeten / fielen funffzehn tausend Bojen und
Tulinger ihnen in die Seite; verwundeten den Labienus; und hielten beide Heere
biss in den sinckenden Abend derogestalt einander die Wage: dass kein Teil des
Sieges; oder dass er seinen Feind ihm hätte den Rücken drehen sehen /sich rühmen
dorffte. Um Mitternacht stürmeten beide Teile einander das Läger; worüber aber
zu grossem Nachteile der Helvetier der sich allezeit unter die Feinde wagende
Orgetorich mit einem Sohne und einer streitbaren Tochter Lisanue / welche den
Tag vorher zehn Feinde erlegt hatte / gefangen ward. Weil nun Cäsar in Sorgen
stand: dass die Helvetier früh auffs neue mit ihm anbinden würden / erkauffte er
einen Gallier: dass er zu den Helvetiern überlieff / und als wenn er vom Fürsten
Dumnorich geschickt wäre /sie warnigte: dass den andern Tag zwei frische Legionen
Römer und zwantzig tausend Narbonische Gallier zum Cäsar stossen würden; der
Fluss Ligeris auch allbereit gegen sie starck besetzt wäre. Dieses bewegte die
Helvetier: dass sie ihren Zug in der Lingoner Gebiete gegen die Stadt Andomatum
an dem Brunnen des Flusses Matrona einrichteten. Weil aber die Lingonen auf
Divitiaks Beredung so / wie die Heduer /mit den Römern in Bündnis getreten waren
/ und sich für der Helvetier Unterdrückung besorgten / verhieben sie ihnen die
Wälder / besetzten alle Wege; also: dass sie nunmehr in nicht geringe
Hungers-Not verfielen; iedoch weil Cäsar mit einem verzweiffelten Feinde noch
einmal zu schlagen Bedencken trug / auch die ihm verdächtigen Alemänner und
Helvetier an einander zu hetzen vermeinte / mit ihnen einen Vergleich machte:
dass sie über den Fluss Arar durch der Rauraker Landschaft wieder ihren alten
Sitz einnehmen mochten / die Allobroger ihnen auch einen grossen Vorschub an
Getreide verschaffen mussten. Ein Teil derer / die an dem Flusse und bei der
Stadt Urba gewohnt hatten / nahmen das Vogesische Gebürge ein /machten ihnen mit
dem Schwerte einen Weg durch der Leutzer Land / und liessen sich am Rheine
nieder; Die Heduer aber baten die wegen Enge ihres Landes ausgewichenen Bojen:
dass sie sich zu ihren Landes-Leuten um Gergovia niederlassen / und wieder die
bei den Sequanern eingenisteten Deutschen auff den Notfall beistehen möchten.
    Die teils für den Deutschen / teils den Römern zitternden Aquitanischen
und Lugdunensischen-Gallier sagten durch kostbare Gesandschaften Cäsarn nicht
allein Danck: dass er sie für der Sündflut der schwermenden Helvetier errettet
hätte; sondern der durch Ehrgeitz ganz verbländete Divitiak lobte ihnen das
Römische Joch so sehr ein: dass sie aus Hass gegen den König Ariovist ihm zu Fusse
fielen; sich dem Römischen Schutze unterwarffen; und / weil sie besorgten: es
würden die rauen Deutschen sie nach und nach aus dem fetten Gallien vertreiben;
wieder sie Schutz baten; worunter denn etliche entwichene Sequaner Cäsarn durch
allerhand weibisches Wehklagen zu Mitleiden bewegten.
    Wiewol nun Cäsar den so mächtigen König Ariovist zu bekriegen weder Ursache
/ noch auch anfangs das Hertze hatte / ja auch seinem Ruhme verkleinerlich hielt
den anzutasten / dessen Freundschaft der Römische Rat durch köstliche
Geschäncke und Ehren-Titel gesucht; ja den Cäsar selbst als Bürgermeister für
einen Freund und Bundsgenossen der Römer eingezeichnet hatte; über diss der
Bürgermeister Bibulus ihm zuschrieb: dass er mit den Deutschen keinen unnützen
Krieg anfangen sollte; so vertilgte doch Cäsars Ehrsucht alle Bedencken / welche
alle Schrancken der Mögligkeit übersprenget / und die Gesetze der Mässigkeit in
Kot tritt. Gleich wie aber die Laster ihre Hässlichkeit selbst erkennen / und
daher ihnen selbst stets die Larve der Tugend fürmachen; und niemand dem
Unrechte so unverschämt beipflichtet: dass er selbtem nicht einen Mantel umgebe;
also saan Cäsar Tag und Nacht auff einen Fürwand des Krieges. Solchen zu
erlangen schickte er einen niedrigen und trotzigen Krieges-Bedienten zu diesem
mächtigen Könige / und liess ihn nicht so wohl ersuchen / als befehlichen: dass er
in das Sequanische Gebiete zu ihm kommen sollte / und daselbst denen Beschwerden
/ die die Heduer und Sequaner wieder ihn hätten / abhelffen. Ariovist liess den
geringen Gesandten nicht für sich; sondern liess Cäsarn melden: weil er sich
nicht geringer als Cäsar schätzte / liesse es weder seine Königliche Hoheit /
noch / weil er ohne ein mächtiges Heer zu reisen ihm anständig hielte / dieses
aber ohne grosse Kosten nicht geschehen könnte / die Liebe seiner Untertanen
nicht zu / einen so fernen Weg zu tun. Hätte Cäsar von ihm etwas zu begehren /
verpflichtete ihn die Gewonheit der Völcker: dass er sich zu ihm bemühete; wiewol
er nicht begreiffen könnte: was sich Cäsar seiner Untertanen der Sequaner / und
seiner Lehns-Leute der fürlängst bezwungenen Heduer anzumassen hätte. Cäsar
entbot Ariovisten alsbald hochmütig zu: Es wäre eine Antwort dem gar
unanständig / der sich um der Römer Freundschaft so embsig beworben / und von
ihnen so viel Guttat genossen hätte. Da er nun nicht als Feind wollte gehandelt
werden / sollte er über den Rhein keine Deutschen mehr in Gallien schicken / den
Heduern / als Römischen Bundgenossen / die jährliche Schatzung nachlassen /
ihnen ihre Geissel zurück senden; den Sequanern eben diss befehlen; denen
Entwichenen / und insonderheit dem Divitiak ihre Güter einräumen; und: dass er
weder ein noch andern Gallier mehr bekriegen wollte / Bürgen stellen. Ariovist
lachte zu diesem unverschämten Zumuten / und antwortete Cäsarn: Sieger pflegten
wohl Besiegten / nicht aber einer seines gleichen Gesetze fürzuschreiben. Rom
hätte über ihn so wenig / als Ariovist über Rom zu gebieten; weniger ihr blosser
Amptmann als Cäsar wäre. Dem Römischen Rat aber berichtete er Cäsars
Zunötigung /und dass er in Gallien geruffen worden; die Heduer durchs
Kriegs-Recht erobert / aus blosser Gutwilligkeit gegen einer leidlichen
Schatzung freigelassen hätte; also könnte er nicht glauben: dass Cäsar auff des
Römischen Rats Befehl ihm sein Recht abzwingen /und ihre Freundschaft
zertrennen sollte. Wolten sie aber sich an ihn reiben; müste er mit seinen
Deutschen / derer Handwerck ohne diss der Krieg wäre /und die schon vierzehn Jahr
unter freiem Himmel geschlaffen / nur Gewalt mit Gewalt ablehnen. Der Römische
Rat konnte Cäsars Beginnen nicht billichen; ja / weil kurtz hierauff nach Rom
verlautete: dass Cäsar in Ariovistens Gebiete feindlich eingefallen wäre; rieten
Bibulus / Cato / Lucius Domitius / Cicero / Rabirius und Metellus: man sollte den
unruhigen Kopff Cäsarn / welcher ohne diss nicht mit Willen des Rats / sondern
durch Unterschlieff / und das Vatinische Gesetze Galliens Verwaltung an sich
gezogen hätte /wegen unrechtmässigen Krieges Ariovisten zur Straffe lieffern.
Seine Freunde / und das Absehen auf das in seinen Händen stehende Hefft der
Kriegs-Macht milderte es so weit: dass Cäsarn allein dieser Krieg verboten ward.
Aber Cäsar hatte schon der Sequaner zwar wegen des sie fast gar umströmenden
Flusses Alduasdubis / und einer natürlichen Berg-Mauer feste / aber unbesetzte
Stadt Vesontio überrumpelt; Daher schrieb er nach Rom: das Spiel wäre schon /
wiewol anfangs durch Ariovisten / angefangen; welcher auffs neue zwantzig
tausend Haruden aus Deutschland bei der Stadt Arborosa zu höchster Gefahr der
Segusianer eingesetzt / und durch sie von den Heduern die alte Schatzung erprest
hätte. So hätten ihm auch die Trevirer Kummer-haft geklagt: dass Ariovistens
Vettern Nasua und Cimber mit hundert tausend Catten bei ihnen einzubrechen am
Rheine fertig stünden. Also würde bei längerer Nachsicht nicht nur das
Narbonische Gallien / sondern Italien selbst abermals dieser unbändigen Völcker
Raub werden.
    Inzwischen kam das Geschrei nach Vesontio: dass König Ariovist mit einem
mächtigen Heere im Anzuge wäre; die Fürsten Nasua und Cimber aber mit einem
nicht geringern den Römern auflauerten. Wie nun die Heduer und andern Gallier
der Alemänner Grösse und Streitbarkeit / derer Angesichter sie nicht einst
hätten vertragen können / heraus striechen; in dem wie der Mittag dem kalten
Saturnus / der die Menschen tieffsinnig machte / also der kalte Nord dem
feurigen Kriegs-Gotte unterworffen wäre / und durch die eusserliche Kälte die
innerliche Hitze beisammen hielte; kam die Römer eine solche Furcht an: dass die
Edlen aus allerhand Fürwand / und insonderheit / weil der Römische Rat den
Krieg wieder die Deutschen nie beliebt / Ariovist nichts verbrochen hätte / und
eines unrechten Krieges Ausschlag nichts als Verterben sein könnte / das Läger
verliessen; die aus Not oder Scham zurück bleibenden aber sich weibischer
Tränen nicht entalten konten / und ihren letzten Willen versiegelten; die
vernünftigsten ihre Zagheit mit der gefährlichen Reise / dicken Wäldern /und
Abgang der Lebens-Mittel verkleideten; ja endlich die zitternden Kriegs-Knechte
ihren Obern nicht mehr gehorsamten. Ob nun wohl Cäsar durch allerhand Schein /
und fürnehmlich: dass der Rat ihm über vier Legionen auff fünff Jahr lang die
Verwaltung anvertrauet; also wieder wen er zu kriegen für Recht und ratsam
hielte / heimgestellt / Ariovist zwar noch keine tätliche Feindschaft wieder
Rom verübt; aber / wie aus seiner verweigerten Unterredung leicht zu schlüssen
wäre / Gall und Gift im Hertzen gekocht /und durch sein Misstrauen seine
Beleidigung erkennet / ja durch sein blosses Aussenbleiben einen Römischen
Feldherrn zu sehr beschimpfft / und Rom beleidiget hätte / sein Beginnen zu
rechtfertigen; seinem Heere aber dadurch ein Hertz einzureden versuchte: dass die
von ihnen überwundenen Helvetier mehrmahls denen Alemännern obgesiegt hätten;
die Gallier aber bei der Stadt Amagetrobia von dem lange eingeschlossenen und
bei nahe zur Verzweifelung gebrachten Ariovist mehr durch Arglist als
Tapfferkeit geschlagen worden wären; seine Untertanen ihm wegen seiner
Grausamkeit gram / die Nachbarn wegen besagter Unterdrückung heimlich feind /
die Deutschen im fechten grossen teils nackt / die Römer gewaffnet wären; jene
im Grimm / diese mit Vernunft ihren Feind antasteten / und ihre grosse Leiber
zu Empfahung / der Römer geschickte Glieder aber zu Beibringung der Wunden
geschickter wären; so hörten sie ihn doch mit tauben Ohren / und gefrornem
Hertzen; also: dass er teils die / auff welche er ein so grosses Vertrauen
setzte / zu grossmütiger Entschlüssung mehr entzündete / teils die als
furchtsam ihnen nachgesetzten durch Scham zu Leistung ihrer Pflicht brächte
/sich verlauten liess: Er wollte mit der einigen zehenden Legion Ariovisten die
Stirne bieten / und entweder den Sieg erwerben / oder das Leben einbissen. Alles
dieses aber hätte nicht vermocht denen / die schon ein Hasen-Hertz im Busem
hatten / Bezeugungen der Löwen einzureden; weñ nicht der Verräter seines
Vaterlandes Divitiak mit zwölff tausend Bojen / Liseus mit so viel Heduern /
Divico mit zwantzig tausend Helvetiern / welchen die Alemänner in ihrem
Vaterlande keinen Sitz hatten einräumen wollen / Cavarin mit dreissig tausend
Leuzern / Lingonen und Semnonern Cäsarn zu Hülffe kommen wären; ja auch Divitiak
ihn versichert hätte: dass er einen der fürnehmsten Kriegs-Obersten des Königs
Ariovists durch die Liebe seiner Tochter derogestalt gefässelt hätte: dass er
wieder sie kein Glied regen / ja ihnen vielmehr selbst den Sieg in die Hände
spielen würde. So wäre auch Ariovistens eigener Bruder Adolf in die gefangene
Tochter Orgetorichs Teudelinda so sehr verliebet: dass er sie zu einem bequemen
Werckzeuge seines Sieges gebrauchen könnte. Uber diss wären ihm in diesen Ländern
/ ja in den tieffsten Wildnüssen alle Fusssteige und Löcher so bekandt: dass ihnen
leicht niemand unversehens über den Hals kommen könnte. Mit dieser versammleten
Macht rückte Cäsar /Divitiaks Wegweisung nach / Ariovisten entgegen; welcher den
siebenden Tag bei Näherung beider Heere Cäsarn wissen liess: Er wäre nun dar /
entweder durch Unterredung den Frieden zu unterhalten / oder durch den Degen den
unrechtmässigen Einfall abzulehnen. Cäsar / ob er wohl keine Eintracht / sondern
alleine den Krieg im Schilde führte / beliebte in der Mitte beider Heere auf
einem in einer Fläche liegenden Hügel eine Zusammenkunft / Ariovist nahm um
keinem dem andern an Treu und Tapfferkeit nachzusetzen / zu seiner Versicherung
zehn aus so viel ihm gehorchenden Völckern erlesene Ritter / Cäsar aber so viel
Römer / die er alle aus der zehenden Legion auslaass und zu Pferde setzte / zu
sich; er stellte aber aus Misstrauen zwei hundert Schritte hinter einen Hügel
selbige ganze Legion. Wie nun Cäsar bei der Zusammenkunft sich zwar über der
herrlichen Gestalt Ariovistens verwunderte; Gleichwol aber seinen vorigen
Anmutungen etwas abzunehmen ihm verkleinerlich hielt; hingegen König Ariovist
sich auf seine Hoheit und Recht / und dass er die ihn daselbst zum ersten mit
Kriege antastenden Gallier durchs Kriegs-Recht bezwungen / teils die ihn zum
Schutzherrn freiwillig erkiesenden sich ihm unterworffen hätten / gründete.
Dahero er seine Untertanen so wenig / als die Römer die nur unter ihren Schirm
genommenen / ihm könnte abspenstig machen lassen. Wären die Heduer der Römer
Bundsgenossen gewest; hätten sie selbte von seiner Beleidigung abhalten sollen;
und wäre ihm nicht unbekandt: dass selbiger Bund mehr in Worten als Wercken
bestanden / beide Völcker auch ihre Freundschaft vielmahl an Nagel gehenckt
hätten. Es wäre genung: dass er der Römer den Heduern heimlich geleistete Hülffe
für keinen Friedens-Bruch auffgenommen; also könnte er ohne seine Verkleinerung
mehr Unrecht nicht verschmertzen; und da Cäsar nicht sein Gebiete räumte / ihm
anders nicht als einem Feinde begegnen; mit dessen Blute er in Rom viel
Freundschaften erwerben und besiegeln würde. Welche Stadt ohne diss mehr seine
nicht bürgerliche Gewalt einzuziehen / als auf Erweiterung des Reiches
vorzusinnen hätte / und wohl verstünde: dass durch Vergrösserung ein Reich nicht
allezeit mächtiger / sondern wie ein Schiff durch übermässige Grösse unbeweglich
würde; und was man nicht umarmen könnte / schwer zu behalten wäre. Aber Cäsar
hatte hierzu taube Ohren / und verfiel in die seltzamen Gedancken: dass weil
Quintus Fabius lange für Ariovisten den Arverner und Rutener König Bituit
geschlagen hätte; wäre den Römern für ihm ein Vorrecht über Gallien zugewachsen.
Daher beide mit grösserm Eyver von sammen schieden; und der Fürwand des Friedens
sich in offenbaren Krieg erledigte. Gleichwol aber trauete Cäsar ihm nicht zu
sonder Arglist mit Ariovisten anzubinden; sondern schickte auf Einraten
Divitiaks einen Fürsten des Narbonischen Galliens Cajus Valerius Procillus /
dessen Vater Cajus Valerius Cabur wegen Verkauffung seines Vaterlandes vom Cajus
Valerius Flaccus das Römische Bürger-Recht erworben hatte / und den Marcus
Mettius / welchem an Ariovistens Hofe grosse Ehre wiederfahren / und der
gleichsam für einen vom Hause gehalten worden war / an Ariovisten ab / zwar
unter dem Vorwand einen Vertrag zu versuchen / in Wahrheit aber Siwalden durch
Divitiaks Schreiben / darinnen er ihm für Verratung seines Herren und Königes
seine Tochter zur Eh und Belohnung versprach; des Königs eigenen Bruder Adolff
aber / durch Anreitzung Teudelindens / Orgetorichs Tochter; welche um ihren
Vater aus der Dienstbarkeit zu erretten / in des geilen Julius Willen hatte
willigen müssen / zur Untreue zu verleiten. Denn nach dem die Laster wie Ketten
an einander hängen; oder ein boshafter Mensch / der einmal in Fall geraten /
sich selbst nicht mehr hemmen kann; so verlernete Teudelinde nach verlohrner
Keuschheit auch alle andere Tugenden; schrieb also dem Fürsten Adolff: Er sollte
nunmehr die Beteurung seiner unverfälschten Liebe im Wercke bezeugen; und nach
dem zeiter Ariovist der einige Verhinderer ihrer Vergnügung gewest wäre / denen
Römern den Sieg helffen zuspielen; als unter welcher Schatten sie ihrer süssen
Liebe nicht ohne Glantz der Ehre würden genüssen können. Also ist die Geilheit
eine rechte Zaubergerte der Circe / welche die Menschen in grausamste
Raub-Tiere verwandelt; und die Pforte zum Pfule aller andern Laster. Procillus
und Mettius brachten den Heerführer Siwald durch seine blinde Liebe leicht in
das Garn der Verräterei; zu dem Fürsten Adolff aber lieff ein Helvetier über /
und berichtete ihn: dass Cäsar mit der in Manns-Tracht dem Läger folgenden
Lisanue in einem Zelt schlieffe / sich in einer Sänfte tragen liesse / und beide
wie Mann und Weib zusammen lebten. Uber diss hätte er von einem Phönicischen
Kauffmann zu Massilien für zwölff tausend Sestertier zwei Schnuren Perlen
gekaufft / derer eine er der Servilia seiner heimlichen Buhlschaft nach Rom
geschickt / die andere Teudelinden verehret. Wie nun Procillus auch dem Fürsten
Adolff an Puls fühlete / und bald von Lisanuen / bald von der Gütigkeit Cäsars /
von Glückseligkeit der Römischen Bundgenossen / viel zu sagen wusste / der
schlaue Adolff aber die Hefftigkeit seiner Liebe / die Härte seines Bruders
Ariovistens gegen ihm berührte /um den Procillus desto mehr auszuholen /
überreichte er ihm ein Schreiben von Teudelinden; und nach dem dieser es ohne
einige Veränderung des Gesichtes schier durchlesen hatte / brach er
unvernünftig heraus: Cäsar wäre entschlossen ihn zum Könige über die Alemänner
zu machen; da er ihm zum Siege wieder Ariovisten verhelffen würde. Hiermit konnte
sich Adolff länger nicht entalten; sondern redete den Procillus mit
ernstafter Gebehrdung an: Verräter! ist es nicht genung: dass du und dein
Vater dein Vaterland verkaufft? giebstu noch einen Kupler des Hurenbalgs
Teudelindens ab? Meinestu: dass Cäsars Kebs-Weib einem deutschen Fürsten zur
Gemahlin wohl tauge? und trauestu dir wohl zu mich nicht nur zum Verräter
Deutschlandes / sondern auch zum Bruder-Mörder zu machen? Adolff befahl auch
alsbald den Procillus in Hafft zu nehmen / ging zum Könige / erzehlte ihm des
Procillus Anmuten / und bestärckte es durch das Schreiben Teudelindens; in
welchem sie Adolffen fürmahlete: dass sie ohne Ariovistens Untergang ihrer Liebe
nicht genüssen; mit selbtem aber er zugleich den Alemannischen Reichs-Stab in
die Hand bekommen könnte. Ariovist ward hierüber so erbittert: dass er den
Procillus und Mettius in Band und Eisen schlagen; ihre Bedienten aber in das
Römische Läger sicher bringen liess. Ob nun wohl Cäsar durch einen andern
Gesandten solches für eine Verletzung des Völcker-Rechts / welches die Gesandten
für heilig und unversehrlich hielte / auffnahm / und mit Dreuen ihre Erledigung
suchte; so antwortete doch Ariovist: das Recht seiner selbst eigenen Beschirmung
wieder Verräter und Meuchel-Mörder wäre viel älter / als die Freiheit der
Gesandten; darunter diese nicht wäre: dass sie ohne Gefahr den Untergang eines
Fürsten suchen möchten; zu welchem sie sich unter dem Schein angezielter
Friedenshandlung einspieleten. Auskundschaffer und Verräter hörten den
Augenblick / als sie wieder das natürliche Recht etwas anfiengen / auf Gesandten
zu sein. Und da das Völker-Recht erlaubte wieder die Feinde eigene Rache
auszuüben; lieffe wieder die Vernunft: dass man einem wieder die viel ärgeren
Verräter und Meuchelmörder die Gewalt Urtel und Recht zu hegen / benehmen
wollte. Ariovist brach auch noch selbigen Tag auf; und schlug sein Läger zwei
tausend Schritte unter einem Berge neben dem Flusse Alduadubis / wo er sich mit
dem Allius vereinbart; zwei tausend Schritte hinter Cäsars zwei verschantzten
Lägern; umb ihm die von denen Sequanern und Heduern zukommende Lebens-Mittel
abzuschneiden. Aus welcher Ursache / und weil seine Wahrsagerinnen ihm
wiederrieten: dass er für dem neuen Monden nach Art der Spartaner / welche nicht
für dem Voll-Monden ihr Heer ins Feld führten / mit dem Feinde nicht schlagen
wollte / er denn fünff Tage sein Heer innen hielt / nur aber täglich durch die
tapfferen Ritter Baden / Artenberg und Fryburg mit sechs tausend ausserlesenen
Reutern / und so viel hinten auff die Pferde genommenen Fuss-Knechten / welche
beim Anfall von Pferden sprungen / und zu Fusse ihren Feind antasteten; hierauff
/ wenn es nötig schien /sich wieder auff die Pferde schwungen / oder auch sich
mit einer Hand an den Mein der Pferde anhielten / und selbten gleiche lieffen /
den Römern und Galliern grossen Schaden zufügte / und daher den wegen
verhinderter Zufuhre bekümmerten Cäsar nötigte; dass er etliche Tage nach
einander sein Heer / wiewol vergebens / in Schlacht-Ordnung stellte / auch eines
seiner Läger zurücke fortrücken musste. Wie nun den siebenden Tag Cäsar gegen den
Abend sein Heer wieder in die Läger führte / fiel Hertzog Adolff / die Grafen
Habspurg / Kyburg / Ebersberg / Solms und Falckenstein mit dreissig tausend Mann
das kleinere Läger der Römer / in welcher zwei Legionen und zwantzig tausend
Gallier unter dem Divitiak waren /so grimmig an: dass nach Erlegung beider
Römischen Obersten und Verwundung Divitiaks / wenn nicht der verräterische
Siwald mit Fleiss die zehende Legion mit sechs tausend Lingonen hätte durch / und
in das bestürmte Läger kommen lassen / selbtes unzweiffelbar erobert worden
wäre. Wie aber Cäsar mit diesen mächtigen Entsatz selbst dahin kam / musste Fürst
Adolff mit seinen durch langes Stürmen abgematteten Kriegs-Leuten sich nur
zurücke ziehen / und das schon eroberte eine Tor mit grossem Unwillen
verlassen. Cäsar / welcher wohl sah: dass nichts / als eine Schlacht die Römer
aus so grosser Gefahr erretten könnte; auch besorgte: dass aus Siwalds Versehen
endlich die Verräterei gemutmast werden dörffte /führte den dritten Tag sein
Kriegs-Heer in einer dreifachen Schlacht-Ordnung biss unter das deutsche Läger;
welches den von vorigen glücklichen Streichen allzuvermessenen König Ariovist /
ungeachtet es Hertzog Adolff und andere Fürsten beweglich wiederrieten / und
die Wahrsagerinnen ihnen hierüber die Haare ausraufften / also das Kriegs-Volck
wegen angedeuteten Unglücks nicht wenig bestürtzt machten /bewegte: dass er sein
Heer zur Schlacht aus dem Läger führte. In die Mitte stellte er die Marckmänner
/ und die von dem Fichtelberge biss an die Donau wohnenden Haruder unter dem
Grafen Salm des Tongrischen Hertzog Kolengs Brudern / der Ariovistens Tochter
Klotilde zur Eh hatte; welchem / als Kriegs-Obersten / die Grafen Habspurg /
Eberstein / Sultz / Leuchtenberg und Nellenburg an der Hand stunden. In rechten
Flügel kamen zu stehen / die zwischen dem Kocher /Necker und dem Mein
angesessenen Seduscer / und acht tausend Catten / unter den Grafen Löwenberg
/Lupf / Sultzbach / Dagsberg und Zeringen; in lincken die über dem Rheine
wohnenden Tribozer / Vangionen und Nemeter / unter den Grafen Pfyrt / Briganz /
Arberg / Eichheim / Dockenburg und Rangweil. Bei iedem Hauffen waren zehn
tausend Alemänner. Den ersten führte Ariovist / und der Herudische Lehns-Fürst
Gundomar; den andern Hertzog Adolff / und ein Cattischer Fürst Erpach / dessen
Schwester Ariovist zur Eh hatte; den dritten Siwald und Dornberg / Ariovistens
Oberster Stallmeister. Hinter das Kriegs-Heer machte er eine Wagenburg / in der
alles Geräte und Frauen-Zimmer / welches mit gefaltenen Händen das Kriegs-Volck
ersuchte: Es möchte sie nicht in Römische Dienstbarkeit verfallen lassen /
verwahret / auch zugleich die Gelegenheit auszureissen verschränckt ward.
Daselbst standen noch zehn tausend Alemänner unter Ariovistens Schwester Sohne
dem Fürsten Teck / welcher den Tecktosagen zu gebieten hatte / zum Hinterhalt.
Auff der Römischen Seiten hatte hingegen Cäsar mit allem Fleisse sich gegen den
lincken Flügel und den Verräter Siwald / den Labienus Divitiak und der Lingonen
Hertzog dem Könige Ariovist /Hertzog Adolfen / den Cotta / Decimus Brutus / und
der Leutzer Fürsten entgegen gestellet / dem Publius Crassus aber die Reuterei
anvertraut. Die Schlacht fieng mit gröster Verbitterung beider Teile an / und
dauerte mit fast verzweiffelter Hartnäckigkeit drei Stunden lang / sonder ein
oder des andern Teiles Vorteil. Denn ob wohl die voran gestellten Gallier dort
und dar in Unordnung gebracht wurden; so verhinderten doch die hinter ihnen
stehenden Römer ihre Flucht / und traten mit grosser Hertzhaftigkeit in die
Lücke. Hingegen / ob wohl Siwald durch allerhand wiedrige Anordnungen die
Seinigen irre machte; so ersetzte doch Dornbergs Tapfferkeit und kluge Anstalt
seines Führers Gebrechen; oder vielmehr Bosheit. Hierauff aber brach Hertzog
Adolf mit seinem rechten Flügel gegen den Cotta und Brutus so gewaltig ein: dass
diese in gäntzliche Verwirrung gerieten. Denn ob wohl die Römer durch eine
Krieges-List diesem Fürsten ein Bein unterzuschlagen vermeinten; Da sie nehmlich
einen starcken Jüngling zu Pferde gesetzt / demselben des Fürsten Orgetorichs
Helm mit einem gekrönten See-Hunde hatten auffsetzen / in den Schild aber ein
Venus-Bild mahlen lassen / welche mit einem Fusse auff einen sich empor
windenden Drachen / mit dem andern auf eine Himmels-Kugel trat / um welches zu
lesen war: Liebe ist stärcker als Neid und Ehrsucht; Da denn ieden Wortes erster
Buchstabe mit Gold und grösser gemahlt war / dass der Lisanue Nahmen so viel
leichter ins Gesichte fallen könnte; so hatte doch bei ihm die Eyversucht gegen
Cäsarn alle Funcken der Liebe vertilget; und opfferte sein grimmiges Schwerdt
die vermeinte Lisanue seiner grimmigen Rache auff. Cotta ward vom Grafen Kalb /
Brutus vom Lützelstein verwundet; der Ritter Werdenberg / Cilien und Leuningen
eroberten drei Fahnen; ja der ganze Römische lincke Flügel ward biss an das
grosse Läger getrieben. Ariovistus hatte in der Mitte schon auch durch den
Grafen Hanau einen Römischen Adler gewonnen / und den von dem Ritter Sarwerden
verwundeten Labienus so ins Gedrange bracht: dass seine Ordnung auf allen Seiten
zu wancken anfieng. So bald Siwald dieses inne ward / befahl er: dass die Helffte
seines lincken Flügels sich des Römischen kleinern Lägers bemächtigen / und also
dem bereit flüchtigen Feinde die Entkommung über den Strom Alduasdubis
abschneiden sollte. Er gab selbst dem Pferde die Sporne / und enblöste den
ganzen lincken Flügel aller Reuterei. Und nach dem er sein Volck ohne
Wiederstand in das mit Fleiss unbesetzte Römische Läger zum Plündern gebracht /
ging er selbst mit etlich hundert Pferden zum Feinde über. Also ward der
hertzhafte Dornberg vom Cäsar umringet; uñ nachdem er nach empfangenen vielen
Wunden nebst den Rittern Rheinfeld / Rappersweil / Verlingen / Beutelsbach /
Susenberg / Nidow / Witgenstein / Sonnenberg / Veldentz und Isenburg todt blieb
/ der lincke deutsche Flügel zertrennet. Bei dieser Gelegenheit kriegte Publius
Crassus Lufft: dass er mit fünff tausend Reutern dem Cotta und Brutus zu Hülffe
kam / also den Römischen lincken Flügel nicht allein wieder zu Stande; sondern
auch / weil der verräterische Siwald unter dem Scheine ihm zubringender Hülffe
den tapffern Fürsten Adolff mit einem Wurff-Spiesse tödtete / und Erpach vom
Crassus zu Boden gerennt ward / die andern Kriegs-Obersten Dachau / Egensheim /
Zeringen / Urach / Waldburg /Klingenberg / Burgdorf / Braunfels / Leuchtenberg
und Wittelsbach nach hertzhafter Gegenwehre auch umkamen / diesen ganzen
Flügel in voller Verwirrung biss an die Wagenburg trieb. Alldieweil nun der Fürst
Teck / die Grafen Andei / Talei / Schyr /Mossbach / Rietenberg und Löwenstein
mit ihren zum Hinterhalt gelassene Alemännern dem deutschen lincken Flügel
wieder Cäsarn zu Hülffe kommen waren /und also daselbst alles bloss stand /
ergriffen Ariovistens zwei Gemahlinnen / nehmlich Hatta des Cattischen Hertzogs
Arabar / und Ermildis König Vocions Tochter / wie auch Klotilde Salms Gemahlin /
und Ariovistens seine zwei unvermählte Töchter Eunöe und Meta mit dreitausend
andern edlen Frauen die in der Wagenburg zur Verwahrung gelassenen Waffen;
fielen die dem flüchtigen rechten Flügel in den Eisen liegende Römer so
verzweiffelt an: dass sie mit Hülffe derer herzu rennenden Ritter Randeck /
Abensberg / Hitpoltstein / Schaumburg / Orlemund / und Honstein die Deutschen
wieder zum Stande brachten /und daselbst das Treffen noch zwei Stunden währte.
Endlich aber wurden beide Gemahlinnen Ariovistens durchstochen / Meta von
Pferden zertreten / Eunöe /welche für Müdigkeit den Degen nicht mehr halten
konnte / wie auch nach Verlust dreier Pferde der Hertzog Teck / Graff Hassban /
Görtz / Waltei / Simmern / Bogen / Kyrburg / Spanheim / Pfulendorff / und
Heiligenberg gefangen; und also beide Flügel zu weichen gezwungen / iedoch
Klotilde von ihrem sich fast verzweiffelt durchschlagenden Ehherrn gerettet.
Ariovist behielt nur noch seinen erste Stand / welcher mit eigener Hand zehn
Gallier / und darunter Divitiaks Sohn /wie auch fünff Römer erlegt hatte. Weil
aber er auf beiden Seiten bloss stand / und Crassus auf einer /Quintus Titurius
Sabinus auf der andern Seiten mit der Reuterei einbrachen / hierunter auch die
Grafen Werteim / Zweibrück / Lengfeld / Ror / Büburg /Julbach / Plessenburg /
Sinssheim / Schildach / Wandelburg / Dilling / Sein / Kesselberg / und Tierstein
erlegt wurden / beginnte die Schlacht-Ordnung nun auch zu zerreissen. Gleichwol
aber wollte Ariovist lieber sterben als fliehen. Worüber er mit seinen hundert
Alemännischen auff seinen Leib bestellten Grafen /welche der Graf Fürstenberg /
Hohenloh / Henneberg / und Zimbern führten / derogestalt ins Gedrange: dass er
eine halbe Stunde lang von seinem Heere ganz abgesondert fechten musste / und
vier Pferde verlohr / die ihm Nothaft / Werdenberg / Wildenstein / und
Justingen vier tapfere Ritter mit Verlust ihres Lebens darreichten; Endlich aber
brachen die Ritter Wolckenstein / und Heideck mit zwei tausend Pferden durch;
und brachten / iedoch mit Verlust der Ritter Beilstein / Ranssbergs / Schwabecks
/ Achalms / Druchburgs /Mindelheims / Weissenhorns / Bitsches / und vieler
tapfferer Helden beiderseits den König zu seinem weichenden Heere; welchem er ja
endlich auff bewegliches Zureden der Seinen die Wagenburg öffnen liess / und mit
der jetzt anbrechenden Nacht den Römern wiewol ohne offenbare Flucht / und mit
stets gekehrtem Antlitze und beharrender Gegenwehr das Feld räumte / und sich an
das Vogesische Gebürge gegen die Brunnen des Flusses Lugnon setzte; allwo er von
seinem Heere funffzig tausend Mann / ungeachtet die Römer noch dreissig darzu
setzen / misste; am meisten aber seine zwei Gemahlinnen / Töchter und Bruder
beklagte / und seinen Weg durch der Rauracker Aecker zurück über den Rhein
setzte. Wiewol ihm nun die Römische Reuterei biss an selbigen Fluss folgte;
geschahe es doch mehr zur Ruhmrätigkeit / als dass sie Ariovisten in seinem
Hertzen anzutasten entschlossen waren. Bei welchem Verfolg ein Marckmännischer
Ritter mit hundert Pferden an einem Furte tausend Römische Reuter drei Stunden
lang aufhielt / und von Ariovisten desshalben den Zunahmen Wolfartshausen; der
Ritter aber / der der Gallier fürnehmstes Kriegs-Zeichen noch davon brachte /
den Zunahmen Rotfahn bekam. Die meisten gebliebenen Deutschen waren die /
welche auf Siwalds Verleitung das Römische Läger plünderten / und unter der Last
ihrer Beute das Leben oder die Freiheit verloren; wiewol sie sich noch grossen
teils zu hunderten in einen Kreis zusammen stellten / mit ihren Schilden
gleichsam eine Mauer um sich machten / und teils dem Feinde ihr Leben teuer
verkaufften / teils auch sich zu den ihrigen durchschlugen; und also auff
Seiten der Römer und Gallier nicht weniger Todten als auf der Deutschen Seite zu
zehlen waren. Daher auch Cäsar / und weil er vernahm: dass die zwei Cattischen
Fürsten Nasua und Cimber mit hundert tausend Catten über den Rhein setzten und
denen Römern die Stirne bieten wollten / nicht alleine mitten im Sommer sein
abgemattetes Heer bei den Sequanern zur Winter-Rast einlegte / er aber am Po
zwei neue Legionen / und durch die in Gallien gewonnene Beute die Gemüter der
Römischen Bürger warb; sondern auch /weil er vom Labienus vernahm: dass die
Gallier des Römischen Jochs schon überdrüssig waren; und insonderheit die im
Belgischen Gallien wohnenden Völcker gegen so mächtige und verdächtige Nachbarn
starcke Kriegs-Rüstung anstellten / und er derogestalt mit zweien mächtigen
Feinden sich zu verwickeln nicht ratsam hielt / Ariovisten einen Frieden
antragen liess.
    Weil nun inzwischen der Cherusker Hertzog Aembrich mit der Catten Hertzoge
Arabarn in Krieg geraten war / also nicht nur Fürst Nasua und Cimber mit ihrem
Heere zurück beruffen wurden; die Ubier denen Catten auch bereit ins Land
gefallen waren; über diss Ariovist sah: dass er in den einheimischen Krieg würde
eingeflochten werden; hatte er wenig Bedencken den angebotenen Frieden mit
Cäsarn auff die Bedingung zu schlüssen: dass er alleine des Rechtes auff die
Sequaner und Heduer sich verzeihen; alles übrige / was er in Gallien biss an das
Vogesische Gebürge gehabt / behalten / und die Gefangenen gegen einander
ausgewechselt werden sollten. Alles ward auch vollzogen; ausser: dass Cäsar /
welcher alle Tage neue Buhlschaften suchte / und mit dem ersten Anblicke sich
in die gefangene Eunde verliebt hatte / sie in Italien vertuschte; welche er
hernach durch tausend Erfindungen zu seiner Liebe bewegte / endlich sie dem
Mauritanischen Könige Bogud verheiratete. Uber diss verneuerte Cäsar mit Hertzog
Aembrichen sein Bündnis / um den in Deutschland entglimmenden Bürger-Krieg so
viel mehr zur Flamme zu bringen. Denen Heduern halff er wieder zu der alten
Hoheit über die Gallier; hingegen drückte er die Sequaner / welche vorher jenen
lange Zeit die Wage gehalten / und endlich durch der Deutschen Hülffe den
Meister gespielet hatten. Ob auch wohl Fürst Tasget die an der Ligeris gelegene
Stadt Genab und die darum wohnenden Carnuter / Procillus die Caducker /
Cingetorich die Trevirer / Comius die Atrebater / Ollovico die Nitiobriger / und
mehr andere ihre Lands-Leute aus Ehrgeitz und Eigennutz zu der Römischen
Dienstbarkeit verleiteten; so wurden doch allen andern Galliern die Rhemer für
gezogen / den Heduern fast gleiche geschätzet; weil sie durch ihre drei Fürsten
den Iccius / Antebrog / und Vertiscus bald nach Ariovistens Niederlage sich auf
Treu und Glauben Cäsarn untergaben; also: dass fast alle andere Celtische und
Aquitanische Gallier / die wegen alter Feindschaft mit den Heduern keine
Gemeinschaft hatten / nunmehr sich des Schirms der Rhemer bedienten.
    Inzwischen kam zu Cäsars mercklichem Vorteil in Deutschland die
Krieg-Flamme wieder zu Schwunge. Denn ob wohl Aembrich nach überwundenem
Cattischen Hertzoge Arabar seine Feld-Hauptmannschaft über die Quaden
befestigte; so waren doch seine allzugrossen Siege die Ursache ihm grösserer
zuwachsenden Nöten. Er verliebte sich bei so wohl gelungenen Streichen in sein
Glücke: dass er weder seinem Uberwinden / noch seiner Rache ein Ziel setzte; da
doch das Glücke niemahls weniger / als bei Vermengung der Waffen die Farbe hält.
Wie nun derogestalt Hertzog Aembrich / ungeachtet des Britannischen Königs
Cassibellin / ja selbst des Hermundurischen Fürsten Brito beweglicher Vorschrifft
/ unerbittlich war Arabarn ein Teil seiner Länder wieder einzuräumen; ja er
nicht allein auf der ihm Tag und Nacht in Ohren liegender Druyden unabsetzliches
Anhalten ihnen alle vorhin gewiedmete Eichwälder bei den Catten und Vangionen
einräumete / sondern auch eben diese dem Fürsten Brito / welcher doch zu seinen
Siegen ein grosses beigetragen hatte / anspracht; die Barden und Eubagen aber
allentalben drückte und vertrieb; lud er deswegen nicht allein des halben
Deutschland Hass auf sich; sondern auch die / welche denen Druyden beipflichteten
/ und denen Catten keinen andern Fürsten ihres Geblütes fürsetzen sahen / fasten
einen Argwohn: dass Aembrich über ganz Deutschland eine unverschränckte Gewalt
zu erlangen im Schilde führte. Gleichwol aber hielt die Furcht für dem in
Deutschland und Gallien so sieghaften Uberwinder alle Schwerdter in der
Scheide; und ihre Ungedult musste sich allein mit heimlichen Seuffzern abkühlen.
Die Druyden wurden hierbei übermütig / und wüteten wieder die Barden und
Eubagen mit Schwerdt und Feuer. Die Cheruskischen Befehlhaber entsetzten nicht
nur die / welche Arabarn angehangen / ihrer Stamm-Güter; sondern sie zähleten
auch die unter die Aufrührer / derer Vermögen sie in die Augen stach. Wiewol nun
der Feld-Herr Aembrich von diesen Bedrängnüssen wenig wusste; so ward doch dem
Fürsten alle Schuld nicht anders / als der verfinsterten Sonne Misswachs und
Kranckheiten zugeschrieben. Insonderheit fiel die Beschwer wieder Terbaln einen
Marcomannischen Edelmann / welchem Hertzog Aembrich die ganze Kriegs-Macht mit
der Gewalt Krieg zu führen / Frieden und Bündnisse zu schlüssen / mit denen
Uberwundenen nach eigner Willkühr zu gebahren anvertrauet hatte. Denn dieser
mässigte sein Tun nicht nach den Schrancken eines Dieners; sondern um den ihm
anvertrauten Kreis eines Fürsten zu erfüllen drehte er alles oberste zu
unterste. Hertzog Zeno fieng an: Er hielte es für den grösten Fehler eines
Fürsten; wenn er einem Diener so Treu und Glauben-verdienet er gleich wäre / das
Hefft seiner Herrschaft / und diss / was einen zum Fürsten macht /in die Hand
gäbe. Denn / nach dem die oberste Gewalt so wenig unvermindert in zweien
Häuptern / als die Erleuchtung der Welt in zweien Sonnen bestehen könnte / machte
ein solcher Fürst sich zum Leibeigenen seines Knechtes. Dieser aber züge die
Gemüter der Untertanen an sich / versteckte für dem Fürsten alle
Reichs-Geschäffte; und brauchte sich desselbten nur als eines Schattens; welcher
seinen Glantz mehr sichtbar machte. Unter dem Scheine süsser Ruh sperrete er ihn
in den Kercker der Ziergärte ein; und kein Mensch dörffte sich erkühnen bei ihm
Verhör zu suchen / kein anderer Diener ihn einiges Irrtums zu erinnern. Fremde
Gesandten verehreten täglich die Tür-Schwelle eines so mächtigen Knechtes; und
vergässen dabei dem Königlichen Stule die geringste Ehrerbietung zu erzeigen.
Der Fürst verliebte sich selbst so unmässig in diesen unächtigen Fürsten; wie ein
geiler Ehmann in sein Kebs-Weib. Da doch dieser / ie grösser und stärcker er
wird / seine Zuneigung vom Fürsten / wie der erstarrende Eppich die Aeste von
dem Stamme / daran er sich bei seiner Schwäche gehalten / abzeucht / entweder
aus Beisorge: dass sein annahender Fall ihn nicht zu Bodem reisse; oder aus Hass:
weil er durch übermässige Woltaten sein Feind worden. Und daher ihn anfangs bei
seinem Volcke vergället; hernach wohl gar den Degen gegen ihm gezücket.
Diesemnach denn ein Fürst auch die blossen Eitelkeiten / welche ihm zugeeignet
wären / mit seinem Diener nicht gemein machen sollte. Denn der Fürsten Ehre würde
nichts minder durch gleiche Ehrerbietung der Heuchler; als das grosse Auge der
Welt durch aus lauter Dünsten bestehende Neben-Sonnen verstellet. Fürst Malovend
gab dem Zeno alsofort Beifall; und erzehlte ferner: Der Unwillen erwuchs
hierüber nicht nur bei dem gedrückten Adel / sondern auch bei dem unbesonnenen
Pöfel / welcher weder künftige Gefahr wahrnimt / noch seine Gemüts-Regungen
lange verbergen kann; also: dass solche alsofort in einen Auffstand ausschlugen.
Wiewol nun dieser ohne ein taugliches Haupt erregte Schwarm zeitlich gedämpfft
ward; so war doch dene Häuptern Deutschlands ihr Argwohn uñ Missgunst gegen den
Feldherrn Aembrich nicht zu benehmen; sonderlich: da des Königs Ariovist / des
Hermundurischen und Longobardischen Hertzogs bewegliche Bitte für ihren
vertriebenen Vetter Arabar so gar nichts fruchtete / sondern seine Länder und
Würden der Ubier Hertzoge eingeräumet wurden. Die zwei übergangenen Cattischen
Fürsten Nasua und Cimber zohen Hertzog Aembrichs Beginnen nicht für eine
Bestraffung des Fürsten Arabar / sondern für eine gäntzliche Unterdruckung des
Cattischen Hauses an / welches iederzeit mit dem Cheruskischen um das Altertum
und die Hoheit gestritten hätte. Und weil sie so viel trübe Wolcken sich gegen
den Feldherrn Aembrich zusammen ziehen sahen / wurden sie schlüssig ihnen mit dem
Degen Recht zu verhelffen / und das Cattische Haus in den alten Glantz zu
erheben. Sie hatten zeiter dem Spiele in Deutschland mehr zugesehen / als sich
eingemischt / und die unter ihren Fahnen stehenden Catten zu dem bestimmten
Einbruche in Gallien fertig gehalten. Nunmehr aber schlugen sie los / und
brachen in Hoffnung der Cherusker Macht zu zerteilen und so viel mehr Anhang zu
bekommen / an zweien Orten in des Hertzogen Aembrichs Gebiete ein. Cassibellin
der Britannier Hertzog sammlete auch ein mächtiges Heer / um selbtes an der Emse
dem Hertzoge Arabar seinem Eydame zu Dienste wieder die Cherusker auszusetzen.
Es verliebte sich aber des Königs Sohn Segonach zu Hertzog Aembrichs grossem
Glücke in seines Bruders / des Eburonischen Hertzogs / Cativulck Tochter;
welcher denn / wie wenig Zuneigung er gleich zum Fürsten Segonach trug; ihn mit
langweiligen Heirats-Bedingungen auf- und also den Einfall in Deutschland
zurück hielt; endlich aber / als Cassibellin die Wiedereinsetzung seines Eydams
Arabars bei denen Catten mit einzuschlüssen verlangte / des Fürsten
Heirats-Unterhandlung auf einmal abbrach. Weil nun derogestalt Nasua und
Cimber auf beiden Seiten bloss standen / hingegen Hertzog Aembrich den Nasua /
der Ubier Hertzog Cimbern mit grosser Krieges-Macht auff den Hals drungen;
mussten sie nach ziemlichem Verlust unverrichteter Sache zurücke weichen. König
Cassibellin in Britannien / und Friedlev /der Cimbern Hertzog / verbanden sich
hierauf zwar wieder Aembrichen auffs neue; jener / weil er durch den Cattivulck
sich und seinen Sohn geäffet zu sein klagte; dieser / weil Gotar der Svioner
König wieder die Hirren und Estier seine Kriegs-Macht übergeschifft hatte.
Alleine der Feldherr verband ihm den Hertzog der Chautzen / welche des
Cassibellins Anlendung mit tapfferer Gegenwehr verhinderten; und nach dem er
teils durch Sturm / teils durch Unerfahrenheit der Schiffs-Leute / welche mit
vielen Schiffen auf den Chauzischen Sandbäncken bei der Epp sitzen blieben /
einen grossen Schaden gelitten / unverrichteter Sache zurück segeln musste. Der
tapffere König Friedlev nahm zwar öffentlich nicht die Sache des Fürsten Arabars
auf sich; weil die meisten Fürsten Deutschlands endlich seine Verstossung
gebilliget hatten; sondern er beschwerte sich alleine: dass Aembrich Sarmatische
Hülffs-Völcker in Deutschland geführet; und ungeachtet sich wieder ihn kein
Feind sehen liesse; Arabar / Nasua und Cimber auch aus Deutschland vertrieben
wären / er dennoch seiner befreundeten Fürsten der Varinen / Angeln / Cavionen
/Chamaver und Angrivarier Länder mit schweren Besatzungen plagte; derer Treue
gegen das Cheruskische Haus keine solche Bürde / ihr Notstand aber sein
Mitleiden verdiente. Wie nun Aembrich als Feldherr ihm in Deutschland in dem /
was er zu Versicherung des Reichs angezielt meinte / nichts vorschreiben lassen
/ also die Besatzungen nicht abführen wollte / kam es zu öffentlichem Kriege.
Alleine das Verhängnis /oder die abergläubische Ausdeutung zufälliger Dinge
wahrsagte dem hertzhaften Friedlev einen traurigen Ausgang des Krieges; in dem
er mit seinem Pferde des Nachts in einen tieffen Graben stürtzte; darinnen das
Pferd um / er aber allererst nach zweien Tagen wieder zu seinem Verstande und
Sprache kam. Denn ob wohl das leichtgläubige Volck zufällige und natürliche
Begebenheiten ins gemein für nachdenckliche Zeichen annimmt; gleich als wenn
Fürsten nicht allein über den Staub des gemeinen Volckes / sondern auch über
Zufälle und Schwachheiten erhoben wären; so ist doch nicht gäntzlich zu
verwerffen: dass die göttliche Fürsorge mehrmahls die Menschen durch ungemeine
Begebenheiten für Schaden warnige / und zur Vorsicht aufmuntere. Der Ausgang
machte dieses mahl die Auslegung wahr. Denn der sonst so kluge Friedlev hatte in
diesem Kriege weder Stern noch Glücke. Die vernünftigsten Ratschläge giengen
den Krebsgang; und denen hurtigsten Entschlüssungen hieb die Natur oder ein
Zufall einen Span ein. Gleichen Unstern hatten auch die zwei Cattischen Fürsten
Nasua und Cimber; welche bei dieser Gelegenheit mit zweien neuen Heeren in
Deutschland einbrachen. Nasua ward von Terbaln einem Marckmännischen Edelmanne /
dem Aembrich seiner Kriegs-Wissenschaft halber eines seiner Krieges-Heere
anvertrauet hatte / als er über die Elbe zu den Marsingen und Osen dringen / und
von dem Könige der Dacier Decebaln Hülffe an sich ziehen wollte / geschlagen.
Wiewol er sich gleichwol wieder erholte / und biss zu denen Jazygen durchbrach /
allwo der ihm nachfolgende Terbal durch Hunger und Kranckheiten sein ganzes
Heer / Nasua aber sein Leben einbüste. Der kühne Fürst Cimber / nach dem er die
Cherusker durch öfftere Einfälle abgemattet hatte / kam auch frühzeitig durch
eine gifftige Seuche ins Grab. König Friedlev aber verfiel mit dem Feldherrn
Aembrich unter dem Semannischen Walde in eine blutige Schlacht / in welcher die
Cherusker zweimahl zum Weichen gedrungen wurden / gleichwol aber endlich durch
die Tapfferkeit ihres Fürsten den Sieg erhielten. Diesem Verluste folgte eine
neue Niederlage der bei den Lygiern eingesessenen Cimbern /welche Terbal so gar
über die Peucinischen Gräntzen verfolgte; Der Cimbrische König aber ward von
dreien mächtigen Heeren des Aembrichs in die Gräntzen seines Gebietes zwischen
den grossen und Codanischen Meere getrieben; allwo der Donner zu einem neuen
Schrecken seiner drei und zwantzig Vorfahren auffgerichtete Gedächtnis-Säulen
auf den Bodem warff und zerschmetterte. Welcher Zufall nicht wenig zu einem
Frieden zwischen den Cheruskern und Cimbern halff; durch welchen Aembrich sich
nichts minder in der Welt in grosses Ansehen; als in Deutschland seine Macht auf
festen Fuss setzte.
    Der Rauch von dieser Krieges-Flamme verdüsterte die Augen der Deutschen
derogestalt: dass sie nicht sahen / was mit denen Römern in Gallien ihnen für
eine gefährliche Nachbarschaft zuhieng; und was über ihre Lands-Leute im
Belgischen Gallien für ein Gewitter aufzoh. Denn die Belgen / welche meist alle
aus Deutschland dahin kommen waren / und die alten Gallier vertrieben hatten /
sahen wohl: dass der herrschsüchtige Cäsar nach überwundenen Galliern auch sie
antasten würde; zumahl er über vorige sechs / noch zwei Legionen in dem nunmehr
willig dienenden Gallien werben / und aus denen überwundenen Galliern die
hurtigsten Jünglinge zu Hülffs-Völckern ausmustern und unterstecken liess.
Boduognat der tapffern Nervier Hertzog am Flusse Sabis / welcher wie die Catten
und nach dem Beispiele der Locrenser / und dem Gesetze ihres Zalevcus in sein
Gebiete keinen fremden Kauffmann / weniger Wein / Gewürtze / Balsam / oder
einige zur Uppigkeit dienende Wahren kommen liess / und der mit dem deutschen
Uhrsprunge auch die Liebe der Feryheit behielt / war der erste /der nicht allein
auf allen Fall sich in Kriegs-Verfassung stellte; sondern auch den Hertzog der
Bellovaken / welche von ihren alten Bundsverwandten den Heduern sich in
Römischen Schutz zu geben beredet werden wollten / und den Hertzog Galba der
Svessoner / welche die Rhemer zu gleichmässiger Dienstbarkeit zu verleiten
vermeinten / wieder auf bessere Gedancken und zu einem gemeinen Bündnisse für die
Freiheit brachte. Diese uñ kein ander Absehen verknüpfte alle einander vormals
oft wiedrige zwischen der Maass und dem Rheine wohnenden Deutschen / nämlich die
Condruser / Eburoner / Cereser und Pämaner; wie auch die Mornier / Atrebaler /
Ambianer / Menapier / Caleter / Velocasser und Veromanduer. Denn die güldne
Freiheit ist nirgends / als in Deutschland zu Hause; bei andern Völckern reiset
sie nur durch / oder wo sie nicht gar eine Fremdlingin ist / verkleidet sich die
Dienstbarkeit nur in ihren Rock. Daher war auch niemand / der sich anderes
Absehen oder Vorteil von Beschirmung dieses herrlichen Kleinodes abhalten liess;
weil sie wohl wussten: dass selbtes nach einmal,igem Verluste so wenig als die
Jungfrauschaft wiederbringlich wäre. Diese zu ihrer Sicherheit angesehene
Vereinigung verrieten die Senoner Cäsarn / und der Rhemer zwei Fürsten Iccius
und Antebrog; machten ihm die Uberwindung der Deutschen / welche ohne diss diese
Länder mit Unrecht besässen / ganz leichte; also: dass er die blosse Beisorge
eines Uberfalls für eine erhebliche Ursache hielt die Belgen zu bekriegen.
Divitiak ging mit viertzig tausend Heduern und Galliern über die Seene / und
verheerte mit Feuer und Schwerdt der Bellovaker Gebiete. Iccius und Antebrog
fielen mit viertzig tausend Rhemern und Senonern den Svessonern ein; Cäsar aber
folgte mit acht Legionen / und hundert tausend Galliern. Hiermit grieffen die
Belgen zu denen abgenötigten Waffen / und machten der Svessoner Hertzog Galba
wegen seiner Gerechtigkeit und Klugheit zu ihrem Feldherrn. Weil nun der
Bellovaken Hertzog mit seinem Kriegs-Volcke zu dem allgemeinen Heere gestossen
war / hausete Divitiak nach Belieben; Galba aber begegnete denen zur
Dienstbarkeit nicht nur gebohrnen / sondern auch nun zu ihrem Werckzeuge
gebrauchten Galliern bei Minaticum derogestalt: dass Fürst Antebrog mit zwantzig
tausend Mann auff dem Platze blieb / zehn tausend gefangen wurden / und Iccius
mit Not sich nach Bibrach flüchtete. In dieser ward er von den Belgen belägert
/und nun fast zur Ubergabe gebracht; als inzwischen Cäsar von dem Flusse Axona
mit seinem ganzen Heere ankam / die Brücke bei Murenna durch den Titurius
Sabinus besetzte / den Belägerten aber tausend Numidische Reuter / zwei tausend
Cretensische Bogenschützen / und so viel Balearische Schleuderer zuschickte /
welche durch die Rhemischen Wegweiser um Mitternacht glücklich in Bibrach
gebracht wurden; worvon Hertzog Galba ohne diss schon gegen Cäsars Läger
abgezogen war / und nur zwölff tausend Svessoner zur Belägerung hinterlassen
hatte; Nach erlangtem Entsatz zohen die Belägerer zwar ab; iedoch verwüsteten
sie das Rhemische Gebiete um den Römern die Lebens-Mittel zu vermindern. Galba /
Boduognat / und die andern Fürsten setzten sich hierauff für Cäsars Läger /
welches er mit vielen Bollwercken / tieffen Gräben und Türmen befestigte / und
zu Lieferung einer Schlacht nicht zu bewegen war. Nach dem die Belgen auch über
den allentalben starck besetzten Fluss Axona sonder grossen Verlust nicht
durchbrechen / noch Cäsarn die von denen Galliern auff allen Seiten zugeführten
Lebens-Mittel abschneiden konten; über diss die Deutschen denen unter ihnen
vermengten Galliern / von derer heimlichen Verständnis allbereit nachdenckliche
Mutmassungen sich ereigneten / nicht trauten / und die Bellovaken Divitiaks
Einfall in ihr Land vernahmen; ward beschlossen sich zurück zu ziehen; und dem /
welcher von Cäsarn am ersten würde angetastet werden / mit schleuniger Hülffe
beizuspringen. Cäsar wagte sich nicht aus Beisorge einer Kriegs-List die Belgen
zu verfolgen; ausser: dass Pedius und Cotta mit der Reuterei ein Teil des Trosses
ereilte. Wie er aber des gäntzlichen Abzuges versichert war / und die
einfältigen Trevirer sich nicht nur vom Iccius den Römern sich zu ergeben
bereden liessen; sondern auch Cäsarn sechstausend wohl ausgerüstete Reuter zu
Hülfe schickten / rückte er über den Fluss Aesia / welchen des Galba mit
Römischen Golde bestochener Kriegs-Oberster Sambom mit zehen tausend Mann zu
beschirmen bestellt war /aber unter dem Fürwand eines erlangten Befehles
schändlich verliess / in der Svessoner Land für die Stadt Novidun / in welcher
des Galba zwei tapffere Söhne sich biss auf den letzten Bluts-Tropffen zu wehren
entschlossen; ungeachtet die Belägerten mit Verwunderung anschauten / wie die
Römer eine Menge beweglicher und die Stadt-Mauern weit überhöhender Türme
anschoben. Alleine die von Cäsarn und den Rhemern entweder bestochene oder
verzagte Kriegs-Obersten brachten den furchtsamen Pöfel dahin: dass sie nicht nur
dem Feinde die Tore öffneten / sondern auch des hertzhaften Galba zwei Söhne in
Eisen schlugen / und sich mit ihnen in die Dienstbarkeit liefferten. Gleicher
Meineid spielte auch die Haupt-Stadt der Bellovaker Bratuspantium Cäsarn in die
Hände. Denn ob schon dieser Stadt Einwohner den Divitiak mit seinen Heduern aus
dem Felde geschlagen / und ihn bei Rhotomagus über die Seene zu weichen
gezwungen hatten / wusste doch der Verräter seines Vaterlandes Torgo die
Einwohner durch seine Künste solcher Gestalt zu betören: dass sie Cäsarn
zwantzig tausend Schritte weit die Schlüssel der Stadt entgegen trugen / die
Weiber und aufgeputzten Knaben ihren Feind mit Streuung Geblümes / und entgegen
gestreckten Armen gleich als ihren Erlöser bewillkomten. Also setzet die
Heuchelei Räubern Kräntze von Lorbern / wie der Undanck ihren Woltätern von
Eiben Laube auf. Die Verräterei aber weiss die Fessel der Dienstbarkeit so zu
vergülden: dass die Betörten sie ihnen selbst als köstliche Geschmeide mit
Freuden an den Hals hängen. Auf diese Art ergaben sich auch die einfältigen
Ambianen; welche in Gallien nichts minder die Liebe der Freiheit verlernet / als
ihren deutschen Uhrsprung vergessen hatten. Die nichts minder scharffsichtigen /
als tapfferen Bellovaken aber wollten weder des knechtischen Divitiaks
Schmeichel-Worten trauen / noch dem Römischen Joche ihre Achseln unterwerffen.
Daher fiel der ganze Schwall der Römischen und Gallischen Macht ihnen auf den
Hals. Cäsar grieff sie an dem Flusse Phradis an. Weil sie nun ein viel zu
schwacher Tamm waren den reissenden Strom der ganzen Römischen Macht
aufzuhalten; hielten sie für besser das gewonnene Land als die Freiheit
einzubüssen / und daher flüchteten sie sich übers Meer in Britannien /und
zernichteten alles / was sie nicht mitnehmen kunten.
    Wiewol nun so viel Untreue und Verräterei die Belgen in höchste Verwirrung
setzten; in dem fast niemand mehr einen treuen Lands-Mañ oder Todfeind zu
unterscheiden wusste; liess doch der tapffere Boduognat weder Hertze noch Hand
sincken; dessen Vor-Eltern aus dem Fürstlichen Cattischen Geblüte auch die
Nervier aus Deutschland an den Fluss Sabis gebracht /und wieder die Unterdrückung
der Celten und Britannier mit Darsetzung ihres Blutes verteidigt hatten. Dieser
versetzte alle unwehrbare Weiber und Kinder zwischen die Sümpfe / stellte sich
mit seinen Nerviern nebst etlichen tausend Atrebatern uñ Veromanduern an den
Fluss Sabis in einen Wald; umzäunete die herum liegende Gegend mit dicke Hecken:
dass keine Reuterei ihn leicht ausspüren konnte. Wie nun Cäsar nicht weit darvon
sich lagerte / und sein Heer in Befestigung des Lagers beschäfftiget war / fiel
Hertzog Boduognat mit grosser Tapfferkeit und Geschwindigkeit an dreien Orten
seinen Feind an: dass Cäsar / ob er vor die Schlacht-Ordnung machen / oder den
Haupt-Adler aufstecken / oder das Wort geben sollte /nicht wusste / die Obersten
ihre Federn / die Haupt-Leute ihre Helme nicht auffsetzen / die Fähnriche ihre
Bären-Häute umzunehmen / die Kriegs-Knechte die Decken von Schilden abzunehmen
nicht Zeit hatten; sondern ieder nicht seinem / sondern zu dem nechsten und
besten Fahne zulauffen / und / wie es der Zufall traff / fechten musste. Die
Atrebater / welche Graf Egmont führte / hatten zwar anfangs den härtsten Stand
/und traffen auf die neundte und zehende Legion / als welche in Bereitschaft
gestanden hatten / und von Cäsarn selbst angeführt wurden. Gleicher Gestalt
machte Labienus mit der eilfften und achten Legion denen unter des Ritters
Areschott Anführung streitenden Veromanduern nicht wenig zu schaffen; also: dass
jene so gar über den Fluss / diese biss zwischen die Hecken zurück weichen mussten.
Alleine Fürst Boduognat traff wie ein Blitz auf Cäsars Vettern den Quintus
Pedius / trieb ihn und die Römische Reuterei in die Flucht; machte sich alsofort
auch an die zwölffte Legion / und der Ritter Croy an die siebende; wiewol der
erste ein Teil der Nervier denen Atrebatern / der andere denen Veromanduern zu
Hülffe schicken konnte und beide wieder zu rechtem Stande brachten. Ob nun wohl
Cäsar der nunmehr vom Hertzoge Boduognat / der ihren Führer Sextius Baculus
selbst durchstochen hatte / am meisten bedrängten zwölfften Legion selbst mit
einem Kern der zehenden zu Hülffe kam / vom Pferde sprang / einem gemeinen
Kriegs-Knechte den Schild vom Arme riess / und sich gegen den /einem Löwen
gleichfechtenden Boduognat hervor zückte; die Römer auch im Antlitze Cäsars so
verzweiffelte Gegenwehr taten: dass fast alle ihre Haupt-Leute todt blieben; so
drang doch die Tapfferkeit der Nervier durch: dass der Ritter Brederode nach
durchstochenem Fähnriche den Römischen Adler zu Boden riess; und Cäsar selbst
sich aus dem Staube machen /die zwölffte und siebende Legion auch mehr fliehen
als weichen musste. Inzwischen hatte der Ritter Horn und Hochstraten die fast
unzehlbaren Gallier in die Flucht bracht; und / nach dem die Hülffs-Völcker der
Trevirer an statt des Gefechtes ohne Schwerdstreich sich nach Hause gewendet /
stürmte und eroberte er das Läger / ungeachtet die darinnen gebliebenen zwei
Legionen / wie auch die Cretensischen und Balearischen Schützen solches eusserst
verfochten. Als nun diese sich durch zwei Pforten heraus drängten / wurden ihrer
etliche tausend von denen grimmigen Uberwindern abgeschlachtet. Gegen die
Atrebater und Veromanduer stand die Römische Schlacht-Ordnung zwar noch feste;
iedoch konten sie es in die Länge gegen die erhitzen Deutschen nicht ausstehen.
Denn wenn einer gleich fiel / trat ein ander bald in die Lücke: ja die Nervier
trugen aus denen todten Leichen Berge zusammen / wormit sie von der Höhe mit
ihren Waffen desto gewisser ihren Feind treffen konten. Wie nun die Römischen
Kriegs-Häupter sahen: dass die meisten Gallier und die Reuterei entlauffen / vier
Legionen grossen teils zernichtet waren / und es endlich um ihr ganzes Heer
getan sein würde; flehten sie den Kayser an: er möchte dissmahl dem Glücke und
denen verzweiffelten Deutschen aus dem Wege treten. Cäsarn schossen für Grimm
hierüber die Tränen aus den Augen; und er wusste nicht vernünftig zu
entschlüssen: was er heilsamlich tun sollte. Als er nun auf einer Höhe sich eine
gute Weile nach einem sichern Orte seiner Zuflucht umgesehen hatte; liess
Labienus ihn wissen: dass Cotta hinterwerts einen Weg in der Nervier wohl
befestigtes aber schlecht besetztes Läger gefunden hätte. Worauff Cäsar ihm
befahl sein eusserstes zu tun in selbtes einzubrechen. Er liess alsofort auch
die andern Adler gegen selbige Seite wenden; er aber bedeckte mit der zehenden
Legion an einem engen Orte das übrige Heer so lange / biss Labienus Meister des
feindlichen Lägers ward / die Uberbleibung der andern Legionen sich darein
gezogen hatten / und er endlich nach empfangenen dreien Wunden daselbst seine
Sicherheit fand; also nach einem so blutigen Tage iedes Teil in dem feindlichen
Läger ausruhete; keines aber selbige Nacht auf des andern Antastung / sondern
nur auf die Beerdigung ihrer Todten / und Verbindung ihrer Wunden bedacht war.
Denn auf beiden Teilen war kein hoher Kriegs-Oberster / ja auch selbst Fürst
Boduognat nicht unbeschädigt; fünff Häupter der Römischen Legionen /Egmont /
Areschot und Croy auf der Belgen Seite nebst vielen Kriegs-Obersten todt. Ob nun
zwar auf der Römer und Gallier Seiten zweimahl so viel Volck / als auf der
Belgen blieben war; so waren diese doch für sich selbst noch kaum halb so starck
/ als ihre Feinde; das eroberte Römische Läger nicht nach dem Vorteil der
Deutschen Waffen befestigt; durch Verlust ihres Lägers ihnen der Vorteil des
Flusses Sahis / und die Gelegenheit mehr Hülffs-Völcker an sich zu ziehen
abgeschnitten. Uber diss brachten die Kundschafter der Nervier noch selbige
Nacht Gefangene ein / mit Schreiben vom Fürsten der Rhemer Vertiscus: dass er
nicht allein mit zwantzig tausend Galliern / sondern auch Sergius Galba mit den
in Illyricum gelegenen Legionen von sechstausend ausserlesener Römischer
Mannschaft im Anzuge wäre. Diese Zeitung bekümmerte den Hertzog Boduognat nicht
wenig; insonderheit aber trug er Beisorge: dass selbte nicht unter seinem Heere
ruchbar würde / und sie zu einer glimpflichen Flucht veranlassete. Gleichwol
aber befahl er die im Römischen Lager eroberte beste Beute aufzupacken / und das
ganze Heer auf folgenden Tag sich so wohl zur Schlacht als zum Fortzuge fertig
zu machen. Inzwischen kriegte Cäsar ebenfalls Kundschaft: dass dreissig tausend
streitbare Aduatiker /welche ein Teil von denen in Italien einbrechenden
Cimbern waren / denen Nerviern zu Hülffe kämen. Welche Zeitung Cäsarn
derogestalt schreckte: dass er dem schon zu nächtlicher Zurückweichung
entschlossenem Boduognat einen Friedens-Vergleich anbieten liess; der auch / weil
iedem Feinde zwar seine / nicht aber seines Feindes Wunden bekandt waren / nach
kurtzer Unterredung dahin geschlossen ward: dass die Nervier / Atrebater / und
Veromanduer in ihrer Freiheit ohne einige Schatzung bleiben / hingegen sie
Cäsars andern Feinden keine Hülffe leisten sollten. Wiewol nun diese Völcker für
sich nach gegenwärtigem Zustande einen vorträglichen Frieden erlangt zu haben
schienen; so war selbter doch der gemeinen Wolfart der Belgen überaus
schädlich; und hatten die Nervier hiervon keinen andern Vorteil / als dass die
Reie der Dienstbarkeit an sie zum letzten kommen würde. Sintemahl die Römer
nicht so wohl ihre Tugend / als der Missverstand derer nicht zusammen haltender
Völcker zu Meistern des Erdbodens gemacht hat. Denn wenn auch die tapffersten
eintzelich kämpffen / werden alle nach und nach überwunden; und die beisammen
stehenden Zwerge werden auch der einzelen Riesen mächtig. Welchen Fehler die
Deutschen von dem untergedrückten Grichenlande längst hätten lernen sollen;
dessen sämtliche Städte dardurch ihre Herrschaft eingebüst; weil eine iede
herrschen wollte; indem sie nicht alleine selbst einander ein Bein
unterzuschlagen und zu Kopffe zu wachsen bemüht waren; sondern auch lachende
zusahn und die Hände in die Schoss legten; als die Macedonier und Römer bald
dieser bald einer andern die Dienstbarkeit aufhalseten; biss sie endlich alle es
ehe am Halse fühleten als sahen. Dieses Unglücke traff zum ersten die
streitbaren Aduaticher; wieder welche die ansehnlich verstärckte ganze Macht
der Römer anzoh. Die Nervier dorfften ihnen nicht helffen; die angräntzenden
Nachtbarn aber wollten nicht. Denn teils waren ihnen nicht grün /weil sie sich
mit Gewalt zwischen sie eingedrungen hatten; teils wollten sich in ihr Unglücke
nicht einwickeln / welches leichter zum Erbarmen als zum Abhelffen bewegt. Weil
es nun denen Aduatichern unmöglich schien der Römischen Macht im Felde zu
begegnen / zohen sie alle streitbare Mannschaft in ihre auf der Höhe und fast
um und um in Sümpffen liegende Haupt-Stadt Aduatuca zusammen. Denn wie es nicht
klüglich gehandelt war alle Kräfften in eine Mauer einsperren / und dem Feinde
das ganze Land zum Raube übergeben; also fand die Verräterei auch mehr denn zu
geschwinde einen Schlüssel zu dieser Festung; aus welcher von Anfang durch stete
Ausfälle den Römern und Galliern empfindlicher Abbruch getan ward. Vermund /
der Aduaticher Hertzog / hatte zwei Söhne Huglet und Uffo verlassen; von denen
der erstere die Herrschaft bekam; der andere aber des Piso / eines Fürsten im
Aquitanischen Gallien Tochter / geheiratet; und mit selbter der Druyden
Gottesdienst angenommen hatte. Durch dieses Ehrsüchtige Weib brachte Divitiak
den Fürsten Uffo unter der Versicherung: es würde Cäsar ihn seinem ältern Bruder
fürziehen / und zum Lands-Fürsten machen /dahin; dass / als der Feind auf
funffzehn tausend Schritte weit in einen mit vielen Bollwercken befestigten Wall
die Stadt einschloss / und ungeheure Sturm-Türme an die zweifache Mauer anschob
/Uffo diese Rüstungen / als Wercke der Götter / dem albern Pöfel fürstellte; und
/ ungeachtet Fürst Huglet nebst dem Adel das Volck zu standhafter Gegenwehr
ermahneten / selbtes beredete; dass sie ohne einige Bedingung die Waffen zum
Zeichen ihrer Ergebung über die Mauer warffen; und / wie sehr gleich die
Verständigern über dieser zaghaften Untreu fluchten / den Römern ein Tor
einräumten. Eine solche Krafft hat die abergläubische Einbildung: dass sie den
tapffersten Leuten nicht nur des Hertzen / sondern auch der Vernunft beraubet.
Wie nun hierauf Fürst Huglet bei Cäsarn vergebene Ansuchung tät / dass sie aus
freiwillig Ergebenen nicht zu Knechten gemacht / insonderheit aber ihnen wegen
ihrer untreuen Nachbarschaft nicht die Schutzwehren ihres Lebens und Vermögens
abgenommen werden möchten; brachte die Ungedult ihn und den zu den Waffen
gebohrnen Adel / der mit derselben Benehmung sich auch seiner Männligkeit
beraubt zu sein schätzte / in solche Verzweiffelung: dass sie des Nachts mit
einem Teile den Uffo überfielen / und mit seinem ganzen Hause zu gerechter
Rache der Verräterei erwürgten / mit dem andern die Römische Besatzung von dem
eingeräumten Tore wegschlugen / und hierauf mit hellem Hauffen und
verzweiffelter Grausamkeit das Römische Läger anfielen. Hertzog Huglet / weil er
nichts hoffen konnte / wollte doch auch an nichts verzweiffeln; und die eusserste
Not zwang dem ohne diss allem Ansehen nach verlohrnen Adel die eusserste
Tapfferkeit ab; ja die / welche bei zweiffelhaftem Ausschlage ihre Waffen aus
Furcht weggeworffen hatten / fassten aus der verzweiffelten Erkühnung ein Hertze;
weil sie doch ihre Schuld schon mit in die Straffe verwickelt hätte. Weil nun
die Finsternis alle Ordnung / der unvermutete Uberfall alle kluge Anstalt
verhinderte; war dieses Treffen mehr einer viehischen Abschlachtung / als einer
Schlacht ähnlich. Jeder erwürgte den /der ihm begegnete; weil weder der Grimm
noch das Geräusche der Waffen erlaubte selbten als einen Feind oder Freund zu
rechtfertigen. Diese blinde Raserei währte biss der Tag anbrach; da die Römer
/welche so wohl von ihren eigenen / als den feindlichen Schwertern unglaublichen
Schaden erlitten hatten /die übrigen Aduatiker leicht übermanneten und zurück in
die Stadt trieben. Nach dem nun Hertzog Huglet nebst dem Ritter Wachtendanck und
Kulenburg zu der Römer höchsten Verwunderung kaum drei Schritte von Cäsars
eigenem Zelte zwischen erlegten Feinden tod gefunden wurden / und die in der
Stadt ohne ein Oberhaupt in zwistige Meinungen verfielen /die verbitterten Römer
aber auf allen Seiten zu Sturme lieffen / erbrachen sie endlich den dritten Tag
ein Tor / und hieben alle gewaffnete zu Bodem. Die unbewehrten aber wurden alle
mit Weib und Kindern bei aufgesteckter Lantze dem / der das höchste Gebot tät /
verkaufft.
    Ob nun wohl diese Niederlage in Gallien ein solches Schrecken verursachte:
dass die an der eussersten West-Spitze am Britañischen Meere gelegenen Gallier
dem Publius Crassus Geissel einliefferten / zohen doch die Moriner / Menapier und
Bataver eine solche Kriegs-Macht an der Schelde zusammen Cäsarn den Kopff zu
bieten: dass er sich an selbte zu reiben Bedencken trug; sondern sein Heer in
Gallien hin und wieder verteilte.
    Als Cäsar derogestalt in Gallien den Meister spielte / verkehrte sich das
Spiel in Deutschland ganz und gar. Der Feldherr Aembrich meinte nun nicht alle
in alle seine Feinde gedämpft zu haben; also: dass wieder ihn niemand den Kopff
empor zu heben sich unterwünden / oder mächtig genung sein würde; sonderlich:
weil er mit den mächtigen Römern ein festes Bündnis gemacht / ja so gar seinen
sechzehnjährigen Sohn Segimer mit tausend Edelleuten ihnen im Kriege zu dienen /
oder vielmehr ihre Kriegs-Wissenschaft zu erlernen zugeschickt hatte. Weil es
nun schwerer ist / der Glückseligkeit mässig zu gebrauchen / als selbter gar
entbehren können / entschloss er sich nunmehr die Druyden in alle vorhin
besessene Eichwälder einzusetzen / und durch gewaffnete Hand solches in ganz
Deutschland zu vollstrecken. Allein wie nichtig und eitel ist die Rechnung / in
der man die Ziffern der Göttlichen Versehung aussen läst! Weil nun die Barden
und Eubagen diss für den Anfang ihrer angezielten gäntzlichen Ausrottung anzohen;
des Gottesdiensts Ancker aber niemahls gerühret werden kann: dass sie nicht das
Schiff einer ganzen Herrschaft erschüttere; machte ganz Deutschland hierzu
grosse Augen. Insonderheit beschwerte sich der um die Cherusker so wohl verdiente
Hermundurer Hertzog Bricon: dass der Feldherr Aembrich ihm hierdurch ans Hertz
grieffe. Wie er aber diesen Schluss einmal nicht abbitten konnte; sondern
Aembrich mit einem mächtigen Heere über die Saale / und Terbal mit einem andern
bei denen Varinen und Eudosen einbrach; Grieff Briton uñ Siegbrand / der
Longobarden Fürst / nicht allein zu den Waffen / sondern Gotart der Svioner
König wollte diese Gelegenheit nicht versäumen sich an Hertzog Aembrichen zu
rächen; weil dieser den Estiern wieder ihn ansehliche Hülffe geschickt / Terbal
seine Gesandten von der Friedens-Handlung mit dem Könige Friedlev abgewiesen /
ja seine Bluts-Freunde der Variner und Eudoser nichts minder / als Arabarn aus
Deutschland vertrieben hatte. Er kam also mit einem ansehnlichen Heere bei denen
Swardonen an / schlug die Cherusker aus dem der Herta gewiedmeten Eylande / und
dem ganzen Gebiete der Variner / Eudoser und Cavionen. Sintemahl sie durch
Gotarts erstern hertzhaften Anfall / oder vielmehr durch eine ihnen von Gott
eingejagte Furcht derogestalt erschreckt wurden: dass ihrer Kleinmut keine
Festung sicher zu hoffen schien. Weil nun auch König Gotart sein Kriegsvolck
ohne einige Beschwerde der Einwohner unterhielt; welche die Cherusker vorher
schier biss auffs Marck ausgemergelt hatten / gewann er die Gewogenheit des
Volckes / und damit so viel Werckzeuge seiner Siege / als Menschen. Die Fürsten
der Nuitoner und Sidiner sperrten ihm Tür und Tor auff. Wo auch gleich Terbal
und andere Kriegs-Häupter des Feldherrn einigen Wiederstand täten / ging alles
durch Sturm über; und das Verhängnis selbst bähnete durch allerhand seltzame
Zufälle Gotarn und seinem Heere unwegbare Klippen und Flüsse. Wiewol nun der
Feldherr Aembrich in der Hermundurer Gebiete fast nach eigenem Wunsche gebahrte
/ die Hertzoge der Tencterer / Sicambrer / und Usipeter /welche den Druyden
gleichfalls beipflichteten / den Cheruskern zu Hülffe kamen / und die schöne
Stadt Calegia einäscherten; so zohen doch König Ariovist mit seinen Alemännern /
die Hertzoge der Bruckerer und Longobarden nunmehr auch die Larve vom Gesichte /
und machten mit dem Könige Gotarn ein Bündnis wieder den Feldherrn Aembrich; und
die Catten streifften das ihnen vorhin angelegte Seil zugleich von den Hörnern /
und rufften den vertriebenen Fürsten Arabar wieder ein. Beide versamlete
mächtigen Heere rückten unterhalb dem Gabretischen Gebürge gegen einander. Und
ob wohl die grosse Verbitterung in Bürgerlichen Kriegen die Menschen fast in
reissende Wölffe verwandelt / so wollte doch der kluge Feldherr Aembrich /
welcher noch von dem Hertzoge der Marckmänner und Lygier mehr Volck erwartete /
sein Glücke nicht auf die Spitze einer Schlacht setzen. Hingegen setzte der
Feind sich nicht weit von dem Läger in volle Schlacht-Ordnung. König Gotart
führte den rechten / Ariovist und Hertzog Briton den lincken Flügel / der
Longobarden und Variner Fürsten waren über die Reuterei / und der Bructerer zum
Hinterhalte bestellt. Der Usipeter Hertzog nahm vier tausend Reuter um des
Feindes Stärcke und Anstalt zu erforschen / verfiel aber auf den Variner Hertzog
/ und ward alsobald derogestalt umzüngelt: dass er dem Feldherren wissen liess: Er
traute ohne viertausend neue Reuter sich nicht durch den Feind zurücke zu
schlagen. Wiewol nun der Feldherr mit Unwillen diese wiederratene Vergehung
vernahm; wollte er doch den Kern seiner Reuterei nicht im Stiche lassen; schickte
also ihm Litoperten / den Fürsten der Fosen /mit noch viertausend ausserlesenen
Reutern zu Hülffe. Diesen aber ging der Longobarben Hertzog nicht allein in
Rücken / sondern durchstach den Litpert / und ward allen acht tausend Mann alle
Mögligkeit sich zurücke zu ziehen abgeschnitten; der Feldherr aber gezwungen
nunmehr sein ganzes Heer zur Schlacht aufzuführen; welcher Zwang einem schon
den Sieg selbst halb abspricht. Er selbst traff mit seinen Cheruskern und Quaden
auff den König Ariovist und den Hertzog Briton / brachte sie auch durch seine
kluge Tapfferkeit zum weichen; Hingegen schlug König Gotart den Hertzog der
Ubier mit seinem lincken Flügel; und weil von Anfang alsbald die Cheruskische
Reuterei grossen Verlust erlitten hatte / ward der Tencterer Fürst mit der
übrigen Reuterei auch in die Flucht bracht. Inzwischen kamen die Bructerer
Ariovisten zu Hülffe wieder den streitbaren Aembrich; welcher wie ein Blitz
allentalben durchdrang. Nach dem aber die feindliche Reuterei auff beiden
Seiten ihn anfiel / und er selbst so gefährliche drei Wunden bekam: dass er sich
kaum mehr zu Pferde erhalten konnte / musste er nur das Feld / und seinem Feinde
einen herrlichen Sieg enträumen. Sintemahl allhier der Kern des Cheruskischen
und Quadischen Adels / die Fürsten der Fosen und Usipeter mit zwantzig tausend
Mann todt blieben / zehn tausend mit allem Kriegs-Geräte gefangen wurden.
Dieser Sieg war ein Werckzeug vieler andern. Denn weil die Barden und Eubagen
König Gotarten für den Schutz-Gott ihrer Freiheit hielten / täten sie ihm allen
Vorschub selbte zu befestigen. Alle Kriegs-Macht der Cherusker ward vom Hertzog
Briton aus dem Gebiete der Hermundurer vertrieben. Und weil die Bojen des
Feldherrn Seite gehalten / brach er bei ihnen ein / und eroberte ein
ansehnliches Teil mit der Haupt-Stadt Boviasinum. König Gotart ging als ein
Blitz durch ganz Deutschland / und zermalmete alles was ihm den Kopff bot. Der
Catten Hertzog Arabar hob nun auch sein Haupt wieder empor; und fiel in der
Usipeter und Tencterer Hertzogtüme; erlegte an dem Sieg-Strome den Fürsten
Lilit / eroberte alle festen Plätze / und nötigte diese zwei ansehnliche
Völcker: dass sie für dem Grimme der rauen Catten sich über den Rhein zu flüchten
schlüssig wurden. Zumahl ihnen von denen bedrängten Galliern Land und Unterhalt
angeboten ward. Weil aber die Menapier mit den Catten in Bündnis stunden / sich
also von denen überkommenden Usipeten und Tencterern nichts gutes versahn;
besetzten sie den Strom so starck: dass jene sich zwischen Tür und Angel sehende
bei entfallender Macht durch List sich zu retten vorsiñen mussten. Daher zohen
sie drei Tage-Reisen weit zurücke; gleich als wenn sie bei verzweiffelter
Uberkunft bei denen Chassuariern einbrechen wollten. So bald sie aber vernahmen:
dass die Menapier ihre Besatzung vom Rheine weg geführt hatten / kamen sie mit
unglaublicher Geschwindigkeit in einer einigen Nacht an solchen Fluss. Und weil
im Unglücke die Not kräfftiger / als menschliche Klugheit ist / kamen sie ehe
über den Strom und den Menapiern auf den Hals / als sie von ihrer Rückkehr
einige Nachricht erlangten; also: dass sie ihrer Wohnungen entsetzt / und ferner
in Gallien ihren Auffentalt zu suchen gezwungen wurden. Hingegen rückte Arabar
zu den Ubiern; welche zwar bei voriger Zeit der Catten Zinssgeber gewest / von
dem Feldherrn Aembrich aber nicht alleine hiervon befreit / sondern auch über
die Catten weit erhoben worden waren. Die Catten rügten mit Hülffe der Alemänner
allhier ihr altes Recht / und behaupteten es mit der nachdrücklichsten
Beredsamkeit / nämlich dem Degen. Weil der Feldherr Aembrich wieder den König
Gatarten alle Hände voll zu Beschützung seiner Cherusker und Quaden zu tun /
den Ubiern aber zu helffen weder Zeit noch Kräffte hatte; nahmen sie mehr
rachgierig / als vorsichtig zu einem viel gefährlichern Feinde / nämlich den
Römern Zuflucht / und baten Schutz wieder die Bedrängung der unerbittlichen
Catten. Weil denn diese mit den Römern alles Gewerbe verboten / also ihren Hass
wieder sie genungsam an Tag gegeben / die Ubier hingegen mit den Römischen
Kauff-Leuten schon lange Zeit Gewerbe getrieben hatten / Cäsarn auch zu
Ubersetzung des Römischen Heeres genungsame Schiffe anboten; hemmete nicht
Cäsars Gemüts-Mässigung / sondern nur allerhand wichtige Bedencken die
augenblickliche Ausübung ihres Begehrens. Denn er überlegte: dass das Spiel in
Gallien noch nicht ausgemacht / der Gallier Gemüter zur Wanckelmut / wie ihre
Lufft zum Winde geneigt; Die Deutschen aber das streitbarste Volck wären / mit
welchem die Römer noch gekriegt hätten. Er besorgte zugleich: dass seine
Einmischung in die deutschen Händel zwischen ihnen nur die Eintracht befördern /
und den Römern zweierlei Kriege über den Hals ziehen würde. Seine Herrschsucht
hingegen hielt ihm ein: was für unsterblichen Ruhm es ihm bringen würde; wenn er
/ als der erste Römer /seine Siegs-Fahnen über den Rhein schwingen könnte. Weil
er aber ohne der Deutschen Beistand solches für unmöglich hielt / wäre nicht
ratsam mit der Ubier Anerbieten eine so herrliche Gelegenheit aus den Händen zu
lassen. Gallien würde ohne diss von den Deutschen nicht unbeunriget bleiben / als
biss ihnen die Flügel verschnitten wären. Sintemahl die von den Usipetern und
Tencterern vom Rheine vertriebene Menapier gleichsam in seinen Augen sich auff
beiden Seiten der Maass / wo vorhin nur ein geringer Teil ihrer Landes-Leute
unter der Moriner und Bataver Schutz lebten / nunmehr festen Fuss gesetzt hätten;
die des Römischen Jochs schon überdrüssige Trevirer aber mit denen Usipetern und
Tencterern verdächtige Handlungen pflegten; ja nunmehr der Cheruskischen
Freundschaft mit entfallendem Glücke vergässen /und in der Eburoner und
Condruser Gebiete / derer Hertzog Cattivolck / des Aembrichs Bruder / mit Cäsarn
sich verglichen hatte / täglich streifften. Hierzu kam: dass Cäsar fast
schleuniger / als er ihm träumen lassen konnte / die Veneter und die Armorischen
Städte im eussersten Gallien am Britannischen Meere überwand. Daher entschloss er
dem ihn gleichsam mit der Hand leitenden Glücke zu folgen / mit sechs Legionen
wieder die Usipeter und Tencterer auffzuziehen / und sie wieder über den Rhein
zu treiben. Er war nur noch zwei Tage-Reisen weit von ihren Gräntzen entfernet;
als bei ihm eine Botschaft ankam / und fürtrug: Die Deutschen wären zwar nicht
gewohnt bei dem / der sich an sie nötigte / um Friede zu bitten / am wenigsten
aber die Usipeter und Tencterer / welche an Tapfferkeit keinem Volcke / ausser
denen Catten / was bevor gäben. Jedoch kämen sie alleine Cäsarn zu erinnern: dass
sie ihn mit nichts beleidiget / ihre Freundschaft auch den Römern mehr als der
Krieg vorträglich sein könnte. Denn es wäre kein festeres Vorgebürge / als der
benachbarten Fürsten Freundschaft; welche / wenn sie einmal zerbrochen / so
wenig als das Glas zu ergäntzen wäre / sondern allezeit Ritze des Argwohns / und
Narben des Verdachts behielte. Diese wollten sie sorgfältig unterhalten / wenn er
sie das Land ruhig bewohnen liesse / welches sie aus Not als Vertriebene ein-
und denen ihm wenig holden Menapiern abgenommen hätten. Cäsar aber gab ihnen zur
Antwort: Es hätte der / welcher seine Schwäche schon anderwerts sehen lassen /
wenig Ursache gegen andere gross zu sprechen. Zwischen den Römern und ihnen wäre
vergebens von Freundschaft zu reden / so lange sie in dem durch die Waffen
eroberten Gallien / darauff die Römer schon für längst ein beständiges Recht
erworben hätten / einen Fuss breit Erde zu behaupten vermeinten. Jedoch wollte er
sie bei denen Ubiern /welche ohne diss Hülffe wieder die Catten / ihre gemeine
Feinde / brauchten / und seinen Beistand gegen Einliefferung gewisser Geissel
suchten / verbitten: dass sie sie in ihre Gemeinschaft aufnähmen / auch ihnen
auskommentliche Aecker an dem Taunischen Gebürge zwischen dem Mayn / und dem
Siege-Flusse einräumten. Die Gesandten erboten sich diesen Vorschlag /und die
Cäsarn von fremdem Gute zu schencken nicht schwer ankommende Freigebigkeit denen
Usipetern und Teneterern fürzutragen; ersuchten ihn auch nur drei Tage stille zu
stehen. Alleine weil Cäsar allen Verzug nicht nur für einen Verlust der Zeit und
des Sieges / sondern auch für eine Gefärtin des Zweiffels und der Furcht; ja
für eine Unholdin der Tapfferkeit hielt / war keines von Cäsarn zu erbitten;
sondern er befahl noch selbige Stunde: dass Galba mit einer Legion und der halben
Reuterei etliche tausend / die über die Maass und den Demer Fluss gesetzt hatten /
zu verfolgen; er aber rückte gegen den Rhein gerade zu. Wie er nun kaum eine
halbe Tage-Reise von ihnen war /begegnete ihm vorige Botschaft; und erklärte
sich: dass beide Völcker erbötig wären zu den Ubiern zu ziehen; mit Bitte: Cäsar
möchte so lange zurück halten / biss bei den Ubiern ihr Unterkommen eingerichtet
wäre. Aber Cäsar behielt die weder durch Zwang noch Arglist auffhaltbaren
Gesandten ohne Antwort bei sich; wiewol er Vertröstung tat: dass er selbigen Tag
weiter nicht / als biss an den Urte-Strom rücken wollte. Wie nun die Usipeter und
Tencterer Nachricht kriegten: dass Galba bereit an der Maass ihre Reuterei
angetastet hätte / der Ritter Löwenstein aber / der mit acht hundert Pferden den
Strom bewachte / mit anbrechendem Tage gewahr ward: dass Crassus / Piso und
Virodich zwei Aquitanische Fürsten / welche für Verratung ihres Vaterlandes vom
Römischen Rate mit dem Nahmen Römischer Freunde beehret wurden /des Nachts mit
mehr als fünff tausend Pferden wieder Cäsars Versprechen über den Fluss gesetzt
hatten; fiel er die Römische / wiewol siebenmahl stärckere Reuterei mit einer so
grossen Hertzhaftigkeit an: dass sie selbte mit dem ersten Angriffe in
Verwirrung / nach Verwundung des Virodichs und Erlegung des Piso /in die Flucht
/ die Helffte vom Leben zum Tode brachten; die überbleibenden aber über den
Strom biss in Cäsars Läger verfolgten. Das ganze Römische Heer erzitterte über
dieser schimpflichen Niederlage; alleine des Usipetischen Fürsten Misstrauen
gegen die Römer es auszudauern / verterbte nicht allein alle Frucht des ersten
Sieges / sondern auch das ganze Spiel. Denn auch das beste Beginnen / wenn es
nicht von der Hoffnung gestärckt und genähret wird / verschmachtet wie ein
ungebohrnes Kind einer todten Mutter; und erlischt wie eine Ampel / welcher das
Oel entgehet. Und der allerhertzhafteste wird kleinmütig / wenn er ihm gewiss
einen übeln Ausschlag einbildet. Bei solcher Beschaffenheit verfiel der Usipeten
Fürst in mittelmässige / und also in die gefährlichsten Ratschläge; nehmlich /
gegen Cäsarn das Treffen durch Irrtum zu entschuldigen / und seinen Grimm durch
Zurückruffung der deutschen Reuterei zu miltern. Ihr Führer Lowenstein kam mit
Verdruss ins deutsche Läger zurücke; und beklagte: dass man ihn zwar hätte siegen
/ aber seinen Sieg nicht brauchen lassen. Als er aber durch kein Einreden die
Fürsten der Usipeter und Tencterer zu Verfolgung des Krieges bewegen konnte; trug
er aus Liebe seiner nunmehr zwischen Tür und Angel stehenden Lands-Leute sich
selbst zu einem Söhn-Opffer an; liess sich also für das gemeine Heil /als einen
Störer des gemeinen Heiles / welcher ohne seiner Obern Befehl die Gallier und
Römer angetastet hätte / binden und Cäsarn zur Rache überlieffern. Ob nun wohl
beide Fürsten sich ins Römische Läger einfunden / das ohne ihren Befehl
gehaltene Treffen beteuerlich entschuldigten / und den Ritter Löwenstein zu
ihrem Feg-Opffer übergaben; liess sie doch Cäsar wieder der Völcker Recht in Band
und Eisen schlüssen / das Läger der ganz sicheren Deutschen an dreien Orten
anfallen / und darinnen viel tausend unbewaffnete Weiber und Kinder hinrichten.
Sintemahl die Männer nach einer hin und her zwischen den Wagen geleisteten
tapfferen Gegenwehr mit Hülffe der Nacht sich meistenteils in einen nahen Wald
versteckten /selbten verhieben / und sich endlich bei dem zusammenflüssenden
Rheine und der Mosel zu denen Sicambrern flüchteten. Wiewol nun der Römische
Rat die gefährliche Beleidigung der Deutschen Gesandtschaft verdammte / Cäsarn
/ um hierdurch die erzürnten Götter zu versöhnen / verfluchte / und viel
Rats-Herren ihn den Deutschen zu eigener Bestraffung zu übergeben einrieten;
so fragte doch der gewaffnete Cäsar wenig nach den gläsernen Donner-Keilen des
zwistigen Rates; sondern um eine Ursache vom Zaune zu brechen; wormit er in
Deutschland einfallen könnte / forderte er von den Sicambern mit vielen Dreuungen
die Ausfolgung der zu ihnen entkomener Usipeter und Tencterer. Die Sicambrer
aber antworteten Cäsarn: Die Usipeter und Tencterer hätten sich nicht allein
unter ihren Schirm begeben; sondern sie wären auch ihre alte Freunde und
Bundsgenossen; also könten sie ohne Schimpff und Untreu selbte ihren Feinden
nicht auslieffern. Cäsar hätte wegen der den Römern zugetanen Heduer wieder den
König Ariovist einen Krieg angehoben; wie möchte er denn denen Sicambern
anmuten: dass sie die sich unter ihren Schutz begebenen Anverwandten
ausantworten sollten? zumahl da die Usipeter nicht mit den Römern / sondern diese
mit jenen zu erst angebunden hätten; in welchen Fällen die Gesetze der Natur /
welche unter allen Menschen eine Verwandschaft stiffteten /und die Gewonheiten
der Völcker einem ieden die Hülffs-Leistung auch mit seiner selbst eigenen
Gefahr aufbürdeten. Sie könten zwar leiden: dass die Geflüchteten sich aus ihren
Gräntzen erhieben; sie hätten auch gerne gesehen: wenn sie ihre Zuflucht
anderwertshin genommen hätten; Nach dem aber das letzte nicht zu ändern / zum
ersten aber die Bedrängten nicht zu zwingen wären / würde Cäsar ihnen nicht
aufbürden denen nunmehr die Klauen zu zeigen / welche sich mit ihren Flügeln zu
decken gesucht hätten. Cäsar sollte bei sich selbst ermässen: ob er sich einer
Botmässigkeit über dem Rheine anzumassen befugt wäre; da er der Usipeter
Niederlassung in einem Teile des von ihm noch nicht ganz bezwungenen Galliens
für eine genungsame Ursache des Krieges gehalten. Ja es heischte nicht nur die
Ehre der Deutschen / sondern auch die eigene Sicherheit: dass sie die Usipeter
und Tencterer nicht gäntzlich vertilgen liessen / weil der Sicambrer Wolstand in
dieser Völcker Erhaltung derogestalt eingeflochten wäre: dass wenn sie dieser
Verterben mit müssigen Händen zuschauten / sie zugleich mit auf ihr Fallbret
träten. Alleine der Ubier bewegliches Anhalten / und der Ehrgeitz / welcher
zwischen der Tugend und der eussersten Bosheit kein Mittel weiss / verleitete
Cäsarn: dass er sich weder in den Gräntzen Galliens / noch in den Schrancken der
Billigkeit zu halten vermochte. Dannenher liess er sein ganzes Heer in dem
Gebiete der Condruser unterhalb dem Einflusse der Mosel aber über der Siege
gegen dem Berge Rhetico aus dem Rheine drei starcke Ströme ableiten; um dem
Flusse seine Tieffe und Stärcke zu benehmen; und / weil er überzuschiffen ihm
weder anständig noch sicher hielt / eine höltzerne Brücke in zehn Tagen darüber
legen. Denn er stiess die Pfäle mit keiner Ramme ein / sondern liess derer bei
iedem Joche immer zwei und zwei auf ieder Seite neben einander / und zwar nicht
gerade hinab nach dem Bleimasse / sondern die Obersten gegen die untersten
abwerts vom Strome biss in den Grund des Flusses /legte quer über zwischen die
obersten Ende einen starcken Balcken / und verband dessen eusserste Vorgänge mit
festen Riegeln; also: dass ie mehr selbiger Balcken beschwert ward / ie fester
stunden die Pfäle im Wasser. Die Liebe der Freiheit und die gemeine Gefahr
machte in wenig Tagen einen Vergleich und ein Bündnis mit gesammter Hand den
Römern zu begegnen / zwischen denen vorhin zwistigen Catten und Sicambern.
Wormit sie aber Cäsarn verleiten / und ihm den Rhein hinter dem Rücken
abschneiden könten / wiechen sie beide sechs Meil-Weges hinter sich. Die Ubier
stiessen zwar hierauf mit ihren übrigen Kräfften zu den Römern / und Cäsar
schickte sechstausend Ubische / drei tausend Römische / vier tausend Gallische /
tausend Numidische Reuter / und fünff hundert Balearische Schützen die Catten
auszuspähen; Aber sie traffen auf Arabars Sohn / den Fürsten Catumer / welcher
vier tausend Reuter von Catten / tausend von denen Usipetern / und tausend
Sicambrer führte; und die Römische Reuterei mit solchem Grim anfiel: dass sie
nicht einst ihr Gesichte zu vertragen / weniger ihre Waffen zu erwarten wussten;
sondern durch die schimpflichste Flucht gegen dem Rhein umkehrten; und etliche
tausend im Stiche liessen. Cäsar ward über so schlimmen Anfange stutzend;
sonderlich / da die Entkommenen nicht genung die Stärcke und Tapfferkeit der
Catten zu rühmen wussten. Sintemahl die Furcht ohne diss alles vergrössert um
dardurch seine Fehler zu vermindern. Daher liess er bei verlautender Ankunft der
Deutschen / in Meinung: dass eines schwächern Heeres Abzug ohne erlittenen
Abbruch einem Feldherrn Ehre genung / ja im Wercke so viel als ein Sieg wäre /
den funffzehenden Tag nach seiner Uberkunft aufpacken / und Tag und Nacht sein
Heer zurücke über den Rhein gehen. Jedoch übereilten die Catten noch eine zur
Besetzung der Brücke gelassene Legion / nebst etlichen tausend Ubiern und
Galliern / die sie meistenteils in Stücken hieben / also sie mit vielen Strömen
Blutes die Brände ihrer vom Feinde eingeäscherter Häuser ausleschten. Ja der
Catten Uberfall geschahe so schnell: dass Cäsar Not hatte die Brücke
abzubrechen. Diese noch auf der rechten Seite des Rheins gebliebene Ubier mussten
als einheimische / und also verhastere Feinde hierauf das Bad ausgiessen / und
entweder über die Klinge springen / oder sich der Catten Herrschaft
unterwerffen. Denen aber / welche mit Cäsarn über den Rhein flohen / räumte er
in der Condruser Gebiete unter dem Flusse Abrinca gewisse Aecker ein.
    Cäsar hatte in seinen Gedancken schon ganz Deutschland überwunden; und
daher hielt er alles für Verlust / was seiner unersättlichen Ehrsucht abgieng.
Von seinem empfangenen Streiche aber er goss sich die Galle so sehr: dass er Tag
und Nacht nachsaan diese Scharte auszuwetzen / und dardurch nicht so sehr die
Freude der Deutschen / als seiner Wiedrigen in Rom zu versaltzen / oder vielmehr
Gelegenheit zu einem neuen Kriege zu suchen / wormit er vom Römischen Rate das
Hefft so vieler Legionen aus den Händen zu geben nicht genötiget würde.
Sintemahl so wohl Heerführer / als Kriegs-Leute lieber Sieg / als Friede
wünschen; weil mit dem letztern jenen das Ansehen / diesen der Sold entfällt.
Mit den Deutschen traute er es so bald nicht wieder zu wagen; weil seinem Heere
nichts minder noch das Schrecken im Hertzen als die Narben auf den Gliedern
waren. Zu seinem Fürhaben aber gaben ihm die in Britannien handelnden
Kauff-Leute durch ihren Bericht eine andere Gelegenheit an die Hand: dass die
Britannier mit einander in einem steten bürgerlichen Kriege lebten; und durch
fast angebohrne Blutstürtzungen sich überaus geschwächt; ja den Fürsten Prasutag
aus Verdacht: dass er den Venetern wieder Cäsarn mit denen dahin gesendeten
Hülffs-Völckern nicht treulich beigestanden / ermordet hätten. Diese Nachricht
erfrischte in dem Hertzen des von Cäsarn zum Fürsten der Atrebater gemachten
Comius den alten Groll / den er gegen dem Britannischen Könige Cassibelin wegen
versagter Tochter bisher getragen hatte. Seine Rachgier verkleidete sich
alsofort in eine Staat-Klugheit /welche Cäsarn den ersten Vorschlag tat in
Britannien zu segeln; durch welchen Zug ihm nicht allein grosser Ruhm / sondern
auch Rom eine nicht geringe Vergrösserung ihres Reichs / ohne sonderbare
Schwerigkeit zuwachsen würde. Also wird von Räten mehrmahls nicht allein
häussliche Gramschaft mit dem Mantel des gemeinen besten bekleidet / sondern
auch eigner Hass mit dem Glantze ihrer Treue /und rühmlicher Entschlüssungen
ihres Fürsten beschönet. Cäsarn stärckte in seinem Fürnehmen auch die
Botschaft des Feldherrn Aembrich / welcher zwar mit den Catten in schwerem
Kriege lag / dennoch die mächtigen Römer in Deutschland zu seinen Gehülffen
nicht begehrte; besorgende: dass die Deutschen nicht von dem im trüben Wasser
fischenden Cäsar / wie für Zeiten die Selevcier von Parten / die Carier vom
Cyrus / die Grichen vom Könige Philip /die Sicilier von Römern / unter dem
Scheine der Hülffe / möchten um ihre Freiheit gebracht werden / oder er ihm doch
mehr als die öffentlichen Feinde beschwerlich fallen. Zumahl wie für Alters
Aten / also neulich Rom durch nichts mehr als durch ihre willfärtige
Hülffs-Leistungen so hoch ans Bret kommen waren. Weil nun der Bundsgenossen
entfernter / und ausser seinem eignen Lande geleistete Beistand der sicherste
ist; Cassibellin aber iederzeit sich an die Catten gehenckt / und seinem Eydame
Arabarn mehrmahls Hülffe geschickt hatte / hielt der Feldherr für ratsamer /
sonder eigene Gefahr diesen Zugang den Catten abzuschneiden / und die denen
Cheruskern allezeit zugetan gewesenen Usipeten Tencterer und Sicambrer aus dem
Römischen Kriege zu wickeln / als mit selbter diesen grössern Abbruch zu tun.
Wie nun Cäsar in Gallien alle Anstalt zu einer grossen Schiff-Flotte machte /
die Catten aber hiervon Wind kriegten / warnigten sie nicht allein den König
Cassibelin /sondern stiffteten auch die Moriner und Menapier an /nach Cäsars
Uberfart den Römern in Gallien einzufallen. Cassibelin liess / so bald er
vernahm: dass Volusenus mit etlichen Kriegs-Schiffen auf der Britannischen Küsten
kreutzte / und Gelegenheit zum Anlenden suchte / den von Cäsarn zu ihm mit
grossen Freundschafts-Vertröstungen abgeschickten Comius /als einen
Kundschafter / in Verwahrung nehmen. Cäsar hatte hierauf mit dem unwilligen
Meere und dem Winde den ersten Kampff; welche von denen acht und neunzig
Schiffen bei nahe die Helffte zerstreuten / ein Teil derselben in den Abgrund
versenckten / ein Teil auch auff die Morinischen Sand-Bäncke zurücke trieben /
oder auf den Britannischen Klippen zerschmetterten. Wiewol auch Cäsar mit zwei
Legionen anfangs in den Fluss Tamesis einzulauffen vermeinte / aber Sudwerts um
das Cantische Vorgebürge getrieben ward / uñ an einem bergichten Meerstrande
anzuländen bemüht war / so rennte doch Boudicea eine Heldenmässige Jungfrau des
streitbaren Wakon Tochter und Königin selbigen Gebietes /(welche / wegen ihrer
aus Verdacht begangenen Ehbruch entaupteten Mutter ein Gelübde getan hatte
/nicht zu heiraten) eilends dahin / und schoss eine solche Menge Pfeile auf die
aussteigenden Römer: dass sie wieder zurücke in die Schiffe lauffen / und Cäsar
ausser dem Geschoss Ancker werffen musste. Des Nachts segelte er mit der Helffte
der Schiff-Flotte und fast aller Mannschaft acht Meilweges ferner gegen West /
an ein flaches Ufer; lendete auch mit den Schiffen und vielen Nachen an / aber
Boudicea eilte mit ihrer Reuterei daselbst hin; und liess ihr Fuss-Volck gegen die
zurückgelassenen und bald dar bald dort blinden Lermen machenden Schiffe stehen.
Ob nun gleich die Römer mehr als zehnmahl am Ufer festen Fuss setzten; so schlug
sie doch die grossmütige Boudicea allezeit mit grossem Verluste in den Schlam
und das Meer zurücke; also: dass derer mehr als zwei tausend darinnen erstickten
/ und fast niemand mehr auff Befehl der Krieges-Obersten ansetzen wollte. Dessen
ungeachtet wollte Cäsar hier lieber selbst umkommen / als mit Abweichung allen
vorigen Ruhm verspielen. Daher befahl er dem / der den güldenen Adler der
zehenden Legion führte: Er sollte mit selbtem aus dem Schiffe springen; oder da
er kein Hertz hätte / selbten gegen dem Ufer werffen / um zu schauen: Ob die
Römer diss heilige Merckmahl ihres ewigen Reiches den Feinden verräterisch in
Händen lassen wollten. Wie nun der Fähnrich voran / Cäsar auch selbst nachsprang
/ drang sich alles mit Gewalt aus den Schiffen; und wenn schon die Vorgänger von
Britanniern erlegt wurden / traten dennoch die nachfolgenden verzweiffelt an
ihre Stelle. Weil auch gleich zwölff mit Reuterei verschlagene Schiffe Cäsarn zu
Hülffe kamen / musste Boudicea / nach dem sie einen ganzen Tag mit acht tausend
Mann leichten Reutern die Römische Macht aufgehalten hatte / Cäsarn die
Anlendung enträumen. Ob nun wohl achtzehn andere mit Reuterei beladene Schiffe
aus Gallien Cäsarn folgten; so erregte sich doch ein neuer Sturm / und bei
damahligem Vollmonden ward die Flut so ungewöhnlich gross: dass jene Schiffe
abermals zerstreuet / die an dem Strande zu kurtz angebundenen aber entweder
eingesenckt / oder von den Wellen zerschlagen wurden. Cäsar lernte hierdurch:
dass die Hertzhaftigkeit nicht allzeit die check-Schnure unserer Siege und Glücks
wären / ward also hierüber nicht wenig bekümert / sonderlich als er vernahm: dass
Bondicea sich in der Nähe verstärckte / und auf ihn los zu gehen sich
anschickte. Gleichwol liess er Tag und Nacht an Befestigung des Lägers / und an
Ausbesserung der zerschmetterten Schiffe arbeiten. Boudicea tat inzwischen bei
Erwartung des zum Sturm nötigen Fuss-Volcks den Römern / welche auf Fütterung
ausritten /täglich grossen Abbruch / endlich stürmte sie gar das Läger. Weil
aber selbtes wegen der tieffen Gräben /grossen Bollwercke / vielen Türme / und
mangelnden Sturm-Zeuges / wie diese ihnen ganz neue Art der Befestigung
bedorffte / allzuviel Volckes zu bedörffen schien / hielt sie als eine nicht
weniger kluge Landes-Mutter / als eine grossmütige Heldin für ratsamer / den
Feind nur ins Läger einzuschliessen / und durch Abschneidung aller Lebens-Mittel
zum Abzuge zu nötigen; denn durch unersätzliche Verschwendung vielen
Menschen-Blutes den eitelen Ruhm einer verwegenen Eroberung zu erwerben. Cäsar
kriegte hierauf Nachricht: dass König Cassibelin hätte den Comius auf einem Nachen
an das Gallische Ufer führen /und daselbst aussetzen lassen; zugleich auch ein
Schreiben: Darinnen der König seine Bestraffung selbst heimstellte; weil er
durch unrechtmässige Bestechungen seine Diener verleiten / seine Geheimnisse
auskundschaften / seine Untertanen zu Aufruhre bewegen wollen; und dardurch
nicht weniger das Recht der Völcker verletzt / als sein heiliges Amt verunehret
hätte. Cäsar lachte zwar hierzu; und sagte: Botschafter wären die fürnehmsten
Kundschafter / und einen andern über den Stock stossen ihr Handwerck; gleichwol
aber brauchte er die Loslassung des Comius zu einem scheinbaren Vorwandte seiner
Bestillung. Wie nun das ungestüme Meer sich nur etlicher massen besänftigte;
ging er um Mitternacht in aller Stille zu Schiffe / und zwar mit grossem
Verlust der Schiffe und Volckes; segelte aber mit keinem andern Gewinn zurücke /
als dass die Römer Britannien gesehen hatten; und lieff teils in dem Iccischen
Hafen /teils in dem Munde des Flusses Cancius zu Lutomagus ein.
    Cäsar aber fand Gallien auch in ziemlich verwirrtem Zustande; Denn die
Moriner und Menapier waren nicht nur denen Atrebatern eingefallen; sondern der
Trevirer Hertzog Induciamor empfand auch sehr hoch: dass Cäsar ohne einige
Ursache seiner Schwester Tochter die Königin Boudicea überzogen hatte. Daher er
nicht nur mit dem Eburoner Hertzoge Cattivolck /sondern auch mit dem Feldherrn
Aembrich Rat hielt / wie sie sämtlich ihrer nahen Bluts-Freundin / wie auch
denen Galliern / welche von allen Seiten die deutschen Fürsten um Entbürdung des
Römischen Jochs anfleheten / zu Hülffe kämen. Weil aber der Feld-Herr Aembrich
noch mit denen Catten / Hermundurern und Svionen alle Hände voll zu tun hatte /
dorffte er gegen die Römer nichts hauptsächliches entschliessen.
    Inzwischen schickte Cäsar den Labienus mit zweien Legionen gegen die
Moriner; den Titurius und Cotta aber mit so vielen / und den Comius mit etlichen
tausend Galliern wieder die Menapier. Alleine beide Völcker verliessen ihre
geringe Wohnungen /brachten ihre beste Sachen in die mit vielen Sümpffen
umgebene Wälder; und fügten den Römern / welche sich unterstunden die verhauenen
Forste zu öffnen /grossen Schaden zu; also: dass sie endlich ihnen die Freiheit
lassen / und mit ihnen einen billichen Vergleich treffen mussten.
    Unterdessen stand Deutschland noch in voller Verwirrung; und nichts minder
die Hertzen voller Rachgier / als das Land voller Kriegs-Flamme. Der
Gottesdienst war zwar der Vorwand; das Absehen aber seiner Fürsten war die
Ober-Herrschaft. Das Volck ward hierüber teils mit gäntzlichem Unglauben
/teils mit Aberglauben eingenommen; welcher letzte die Seele übersüchtig macht
/ der erste aber sie gar verbländet. Die klügsten entzogen bei dieser Verwirrung
dem Vaterlande so wohl ihre Achseln / als ihre Ratschläge; wiewol diese
Entziehung so gefährlich als anderer Anmassung war. Die bürgerliche Zwytracht
hob an vielen Orten den nötigen Unterschied der Gebietenden und Gehorchenden
auf; also: dass diese sich wieder jene / wie zu Rom an dem Feier des Saturnus die
Knechte über ihre Herren der Botmässigkeit anmasten. Der Feldherr Hertzog
Aembrich selbst geriet bei vielen in so schlechtes Ansehen: dass etliche
Pannonische Ritter ihn in seinem Zimmer übertraten; und ihm die Wiederruffung
seiner wieder die Eubagen gemachten Schlüsse aufdringen wollten. Ihrer viel unter
denen Grossen umarmeten sich mit den Aemptern seiner Hoheit / wie die Grichen an
dem Plynterischen Feier mit den Bildern der Minerva und wie die wütenden
Priester des Kriegs-Gotts / welche an seinem Feier zu Rom wie tumme Leute mit
den Ancilischen Schulden herum schwärmten. Mit einem Worte: das Gewebe der
Herrschaft in Deutschland war derogestalt versitzet: dass es weder der kluge
Feldherr / noch iemand anders durch ordentliche Mittel zu vernichten fähig war.
Er erkennte sodenn allererst / wie viel er durch Lindigkeit gefehlet; da er auf
Beschwerführung der Ubier und anderer Bundsgenossen seinen Feld-Obersten Terbal
seiner Aempter entsetzt hatte; und dass ein Fürst ihm selbst ein Auge ausreisse /
wenn er einen in Treue und Klugheit lange geprüfften Diener von sich läst. Daher
er diesen verstossenen nunmehr gleichsam wieder alle Gesetze der
Staats-Klugheit; ja fast mit unverschränckter Gewalt seinem Kriegs-Heere
fürsetzen musste. Denn ob zwar dieser kluge Fürst wohl verstand: dass man seinen
Diener zum Gefährten seiner Bemühungen / nicht aber seiner Würde machen / ihn
mit seinem Schatten bedecken / nicht aber mit seinem Purpur umhüllen / am
wenigsten aber man mit seinem Diener verbindliche Bedingungen machen / ihn aller
künftigen Rechenschaft zuvor aus erlassen / und denen Untergebenen ihre
Zuflucht an den Fürsten verschrencken sollte; so war doch nicht so wohl die
Klugheit / als die Not dissmahl das Gesetze der Zeit / und eine Richtschnur
seiner Entschlüssung. Terbal besiegelte auch alsobald seine Treue mit einem
glücklichen Anfange; da er nämlich den König Ariovist / welcher bei denen
Hermundurern sein verschantztes Läger stürmte / mit grossem Verlust abtrieb.
Beide grosse Kriegs-Machten kamen hierauf nicht ferne von der Elbe abermals an
einander. Denn ob wohl der Feldherr Aembrich daselbst in Eil um sein Heer einen
zweifachen Graben aufwerffen liess; so trieb doch den König Ariovist die Rachgier
wegen vorigen Verlustes / Gotarten das Vertrauen auff sein Glücke / und die
Tapfferkeit seines so vieler Siege gewohnten Kriegs-Heeres / den Hertzog Briton
das Verlangen die feindliche Macht ausser seinen Ländern zu bringen dahin: dass
sie das Cheruskische Heer / ungeachtet des für sich habenden grossen Vorteils /
gleichsam verzweiffelt angrieffen. Zu ihrem grossen Unglücke aber ward der
allzuhitzige Fürst Gotart an dem andern Graben von einem Burischen Ritter bald
im Anfange des Treffens mit einem Pfeile tödtlich verwundet; zu einer
Verwarnigung alter Kriegs-Häupter: dass sie sich die Begierde eitelen Ruhmes
nicht zur Vermessenheit verleiten lassen /noch mit einem gemeinen
Krieges-Knechte das Ampt verwechseln / sondern vielmehr erwegen sollen: dass ein
Feldherr nichts minder in seinem Heere / als das Hertz im Leibe zum allerletzten
sterben dörffe. Es ist wohl wahr / sagte Zeno; dass ein Fürst / als die Seele
seines Reiches sich nicht in allen Träffen befinden /weniger in Schlachten sich
an die Spitze stellen solle. Wenn es aber um das Hefft der Herrschaft zu tun
ist / oder Kron und Zepter mit dem Heile und der Wolfart des Volcks auff der
Wagschale liegen / scheinet der des Sieges kaum würdig zu sein / der sich nicht
zugleich der Gefahr teilhaftig macht. Das Verlangen sein Reich zu erweitern
reizte den König Philip in Macedonien: dass er seine Vergnügung suchte / wo es
am schärffsten zugieng. Den Verlust seines Auges hielt er nach Erlegung seines
Feindes für Gewinn; und die Schrammen seiner Glieder für Ehren-Maale. Sein noch
grösserer Sohn Alexander suchte allentalben die Gefahr / wo sich sonst niemand
wollte finden lassen. Und es scheinet: dass so denn der Tod sich für denselbigen
scheue / die ihm so hertzhaft unter die Augen gehen. Wenn aber auch ja das
Verhängnis ein anders über ihn bestimmet; ist es besser: dass einer als ein Fürst
sterbe; als ein Verjagter der Welt ein Schauspiel des Unglücks abgäbe. Zumahl
auch Codrus für sein Vaterland vorsetzlich dem Tode in die Armen rennte. Es ist
nicht ohne / versetzte Malovend. Aber damahls war es Gotarten nicht um die
Herrschaft /sondern um eine fremde Würde zu tun; auch war die Not so noch
nicht an Mann kommen: dass Gotart selbst sich in die Gefahr setzte; oder auch die
Verrichtung so beschaffen: dass kein ander Kriegs-Oberster selbte hätte
übernehmen können. Jedoch verbesserte der tapffere Gotart diese Ubereilung durch
eine vernünftige Erinnerung; da er nehmlich wegen Unvermögenheit zu reden seine
Hand auf den Mund legte /und dardurch seinen Tod geheim zu halten anbefahl. Aber
die Bestürtzung seiner Leute / oder das gewäschige Geschrei verriet seinen Fall
in kurtzem durch das ganze fechtende Heer; wiewol es selbtes mehr zur Rache
reizte / als einige Kleinmut verursachte. Denn als König Ariovist mit dem
Feldherrn selbst; Hertzog Briton mit Terbaln / der die Quaden / Lygier und
Semnoner führte / nichts minder das Glücke / als die Streiche verwechselte /
erlegten die verbitterten Spionen den Chassuarier Hertzog / und brachten den ihm
untergebenen lincken Flügel in die Flucht. Gleichwol blieben die andern
Heerführer unverrückt gegen einander in blutigem Gefechte biss in die sinckende
Nacht stehen; da deñ der Feldherr seinem Feinde für den Verlust eines so
tapfferen Fürsten die Ehre eines teuer bezahlten Sieges einzuräumen gezwungen
ward. Hertzog Aembrich büste dissmahl mehr als die Helffte seines Heeres / aber
nichts von seinem Hertzen ein. Ja seine Tapfferkeit war niemahls-sichtbarer /
als wenn es ihm übel ging. Die finsteren Wolcken der Unruh erleuchteten
gleichsam seinen Verstand; und die Gefährligkeiten befestigten seine
Hertzhaftigkeit. Daher verstärckte er sein Heer nicht mehr durch neue
Kriegs-Scharen / als mit seinem mutigen Beispiele. Seinen Feinden hingegen
verschwand durch Zwytracht der Heerführer nicht allein die Frucht alles Sieges
aus den Händen; sondern ihre Kräfften vergeringerten sich auch unempfindlich /
und ohne Wahrnehmung einiger Ursache. Sintemahl der Zwist der Aertzte nicht mehr
Leichen zu Grabe schickt / als Uneinigkeit der Häupter denen mächtigen Heeren
heim hilfft / oder wenigstens ihnen ihre Spann-Adern verschneidet. Der
Hermundurer Hertzog Briton hatte schon für geraumer Zeit auf seiner
Bundsgenossen anwachsende Gewalt ein scheles Auge gehabt; welche diesen so wenig
zu seinen Gebietern als den Feldherrn Aembrich zu seinem Herrn /sondern beide zu
seines gleichen haben wollte. Uber diss empfand er: dass nach Gotarts Tode /
welcher allein eine einige Tochter in seiner Herrschaft hinterlassen hatte;
nicht ihm / sondern einem Svionischen Edelmanne Rixeston die oberste
Kriegs-Verwaltung anvertraut ward. Denn Fürsten vertragen neben sich so ungerne
niedrige Gefärten / als das Auge der Welt neblichte Neben-Sonnen. Dieser
Gelegenheit bediente sich der Feldherr Aembrich zu seinem ansehnlichen Vorteil
/ bot dem Hertzoge Briton anständige Friedens-Vorschläge an; wohl wissende: dass
seine Versöhnung ihm leicht vieler andern deutschen Fürsten Gemüter gewiñen
würde. Er hätte auch unschwer seinen Zweck erreicht; wenn nicht sein
Feldhauptmann Terbal aus Beisorge: dass der Feldherr ihn zum andern mahl seiner
Würde entsetzen / und seinen eigenen aus Persien ruhmwürdigst zurück gekommenen
Sohn Segimern darzu erheben würde / mit seinen Feinden in ein heimliches
Verständnis getreten / und seine Verräterei mit der Liebe des Vaterlandes
/welchem der Feldherr die Fessel eusserster Dienstbarkeit anzulegen im Schilde
führte / verdecket / also den auff Aembrichs Seite schon geneigten Fürsten der
Hermundurer irre gemacht hätte. Wie nun Terbal mit dem Könige Ariovist schon zum
Schlusse eines heimlichen Bündnüsses kommen war; unterstand er sich die Gemüter
der andern Cheruskischen Kriegs-Obersten teils durch Woltaten ihrem Herrn
abzustehlen; teils durch Fürstellung seiner zweiten Abdanckung gegen sich zum
Mitleiden zu bewegen; oder vielmehr ihnen fürzubilden: dass sie für ihre treue
Dienste von einem undanckbaren Fürsten keinen bessern Lohn /von dem tapffern
Könige Ariovist aber als einem / der die Tugend höher zu schätzen wüste /
zuerwarten /auf des Feldherrn Untergang aber eine bessere Herrschaft des
Vaterlandes und ihre eigene Wolfart zu ergründen hätten. Also fänget niemand an
seinen Fürsten vorsetzlich zu beleidigen: dass er hernach darmit aufhören wolle;
und weder Ehrsucht nach Rache wissen in ihrem Beginnen Maass zu halten. Terbal
wusste seinem Meineide eine solche Farbe anzustreichen: dass er nicht nur die
gemeinen Knechte / welche zwar anfangs wie das Meer unbeweglich sind / hernach
aber / wenn der Wind sie einmal erreget hat / auch /wenn dieser sich schon
leget / nicht aufhören zu schäumen; sondern auch etliche der Kriegs-Obersten
bländete. Denn / weil die Ehrsüchtigen bei verwirrtem Zustande Würden zu
erlangen ihnen einbilden /die sie ihrer Verdienste halber bei ruhigem zu
überkommen ihnen selbst nicht getrauen; die Eitelen aber sich nicht so wohl über
einem abgesehenen Preisse der auf ihre Hörner genommenen Gefahr / als über der
Gefahr sich selbst erfreuen / oder dem gegenwärtigen Gewissen das künftige
ungewisse vorziehen; so fällt es einem verschlagenen Aufwiegler nicht schwer
anfangs die boshaften / hernach die leichtsinnigen zu gewinnen / und endlich
auch die wenigen Klugen an das allgemeine Seil zu bringen. Gegen diese letztere
bediente er sich sonderlich des Vorwands: dass die eingeführte Würde der
Feldherrschaft mit der Deutschen Freiheit sich nicht allerdings vertrüge;
welche dadurch verewigt würde / wenn alle Fürsten einander die Wage hielten;
selbigen Augenblick aber Schiffbruch lidte / wenn einer auch nur eine Staffel
die andern überstiege. Gleichwol aber nahm die Treue und Klugheit etlicher
Cheruskischen Feld-Obersten Terbals Bosheit zeitlich wahr / welche dem Feldherrn
die grosse Gefahr eilends entdeckten; und sich zu Werkzeugen selbter zu begegnen
willig anerboten / inzwischen aber teils Terbals Anmutungen ausdrücklich
beipflichteten / wormit sie seine Geheimnisse nicht nur besser ausforschten /
sondern auch durch den Beitrag ihrer Ratschläge den offentlichen Abfall etwas
verzügerten; teils als wenn sie sein Absehen nicht erkieseten / sich mit Fleiss
alber anstellten. Rhemetalces fieng an: Ich werde hierdurch in meiner Meinung
bestärckt: dass die Torheit nicht allezeit eine Tochter der Unwissenheit / noch
eine Kranckheit der Seele / sondern eine Gefärtin der Klugheit sei. Sonder
allen Zweiffel antwortete Zeno. Denn wenn Brutus sich nicht mit dieser Närrin
vermählt hätte; wäre Rom unter dem Joche der Tarquinier vollends verschmachtet.
Ulysses ist niemahls verschlagener gewest / als da er sich unsinnig gestellt. Ja
ich will noch wohl mehr sagen; nehmlich: dass die Narrheit eine Erhalterin der
Welt / und eine Säug-Amme vieler tausend Menschen sei. Denn wenn der Krieg / als
der Rädelsführer aller Torheiten / nicht so viel Menschen auffrässe; unsere
Bosheit nicht den erzürnten Himmel zu Schickung der Pest / der Erdbeben und
anderer Unglücke reizte / würde die Erde kaum die Helffte der Menschen
verpflegen können. Wie viel tausend erhalten sich nicht vom Spiele / Tantze /
Gezäncke / von Bereitung des Werckzeuges unserer Wollüste; welchem allem unsere
Torheit seine Bewegung gibt. Ja das Siech-Haus dieser unheilbaren Krancken hat
einen so grossen Umschweiff / als die Erde. Daher sich nicht zu verwundern: dass
zu Rom alle Jahr das Feier des Quirinus den Narren zu gefallen gehalten ward.
Malovend fuhr fort: die alberen Kriegs-Obersten waren auch in unserer Geschichte
des Feldherrn Aembrichs klügste Ratgeber; ja seine und des Cheruskischen Hauses
Erhalter. Denn weil es in Verrätereien gefährlicher ist / als gifftigen
Fleckfebern lange über Wahl der Artznei Rat zu halten; er auch wohl wusste: wie
das Kriegsvolck an Terbaln so sehr hienge / schickte er diesen getreuen
Einfaltigen einen Befehl zu: Sie sollten mit dem Kopffe denen Auffrührern die
Adern verschneiden; und mit dem Blute des einigen Terbals die Schuld aller
Mitverschwornen ausleschen. Diese übten den Befehl nicht weniger klüglich als
hertzhaft aus. Denn als Terbal des Abends vorher seinem Anhange ein köstliches
Gast-Gebot ausgerichtet hatte / überfielen sie ihn des Nachts in seinem Gezelt;
also dass dem Heere nicht ehe sein Tod lautbar / als dem Heere der rückständige
Sold bezahlet / Terbals Schrifften undurchlesen verbrennt / und zugleich allen
angedeutet ward: Weil von Terbaln allein alles Gift des Meineides herrührte
/begehrte der Feldherr nach keinem Mitschuldigen zu fragen. Diese kluge Anstalt
schreckte die Boshaften /beruhigte die Verführten / vergnügte die Dürfftigen
/versicherte die zweiffelnden; also: dass die derogestalt linde gehandelten
Glieder nicht einmal zuckten / als gleich ihrem Haupte das kalte Eisen durch
die Gurgel fuhr; sondern vielmehr kurtz hierauf den Fürsten Segimer zu ihrem
neuen Kriegs-Haupte mit Freuden annahmen. Zeno brach ein: Ich unterstehe mich
nicht diesen glücklichen Streich des Fürsten Aembrichs zu schelten; weil ich
alle Umstände nicht weiss / derer eine einem ganzen Wercke ein ganz ander
Gesichte zueignen kann. Ich würde auch den Fürsten ihre über die Schrancken der
Gesetze erhobene Macht strittig machen / wenn ich von seinem Urtel
Rechenschaft fordern wollte / welches die Perser für eine ungereimte uñ Königen
unanständige Umschränckung auslegten; als ihr Cambyses sie fragte: Ob er seine
Schwester ehlichen möchte. Allein ich bescheide mich doch: dass die Deutschen wie
die vernünftigsten Völcker solche Fürsten haben / welche mehr für Ehre / als
Zwang halten / sich der Vernunft zu unterwerffen / und / um denen Untertanen
den Gehorsam zu erleichtern ihren Willen eigenbeweglich unter der Richtschnur
der Gesetze zu beugen; die gleich von ihrer Willkühr ihre Seele und Krafft
bekommen. Welche Gemüts-Mässigung ihrer Gewalt sicher so wenigen Abbruch tut
/als der Göttlichen Allmacht; wenn selbte ins gemein ihre Wege nach dem Lauffe
der Natur einrichtet; und der Wunderwercke sich selten / niemahls auch ausser in
den allerwichtigsten Verhängnüssen gebrauchet. Bei welcher Bewandnüss mir denn
sehr bedencklich fällt gegen einen Beschuldigten ohne Vehör und Verantwortung zu
verfahren. Denn wenn es genung ist einen begangener Laster halber anklagen / wer
wird für den Verläumdern unschuldig bleiben? Wil man einem keinen Beistand
erlauben / so kann man ihn doch nicht ohne Richter verdammen. Fürsten / ja
Wütteriche können einem Sterbenden kaum diese Barmhertzigkeit abschlagen: dass er
vorher die Ursache seines Todes erfahre / und die Gnade der Verdammung genüsse.
Gewiss / auch der gütigste Fürst wird bei einer solchen Verfahrungs-Art niemahls
seine Hände von den Flecken zu unrecht versprützten Blutes waschen; und die
ärgsten Ubeltäter die Nahmen unschuldiger Märterer zum Gewinn haben. Ein zu
strenges Urtel über einen leichten Fehler hat keinen so grossen Schein einer
Grausamkeit / als eine linde Bestraffung einer unerwiesenen Missetat. Beim
einäugichten Könige Philip war es Halsbrüchig eines Cyclopen gedencken; und beim
verschnittenen Hermias ein Beschneide-Messer nennen. Bei einem andern
kahlköpfichten Fürsten mussten die über die Klinge springen / welche einer Platte
erwähnten. Aber alle diese verfielen beim Volcke nicht in so übele Nachrede /
als Alexander / da er den durch nichts / als sein ausgepresstes Bekenntnis
überwiesenen Philotas hinrichten liess. Zumahl auch mit der Zeit die Rachgier
wieder die ärgsten Ubeltäter veraltert / und der Zorn sich eben so in Mitleiden
verwandelt; wie gegen der anfänglichen Verbitterung sich keine Unschuld
ausführen kann. Ja es verrichtet selten der Scharffrichter sein Ampt: dass nicht
das Volck das Urtel für ein zu scharffes Gerichte hält. Diesemnach ist es einem
Fürsten nit nur anständiger / sondern auch ratsamer hundert schuldige zu
verschonen / als einen unschuldigen zu tödten. Denn es hat die Straffe mehr mit
der Hölle / die Begnadigung aber mehr mit dem Himmel Verwandschaft; welcher
durch seinen Blitz zwar oft ihrer viel tausend schrecket / aber selten einen
beschädigt; also gar: dass das Altertum geglaubet: Jupiter könne zwar für sich
alleine zum Schrecken donnern; aber ohne der andern Götter Einwilligung keinen
treffenden Donner-Keil auf die Menschen herab fahren lassen. Ja die Natur selbst
scheinet aus keiner andern Ursache das Blut in den mütterlichen Brüsten in Milch
zu verwandeln / als damit die säugenden Kinder nicht dardurch zum Blutdurste
angewehnet würden. Am allerwenigsten aber stehet die Eigenschaft der Aegln
Fürsten an / welche Väter des Landes / und Säug-Ammen des Volckes sein sollen.
Ja dieselben /welche aus Verdacht ohne Urtel und Recht über ihre Diener ein so
strenges Hals-Gerichte gehegt; haben meistenteils einen verzweifelten
Untertanen zu ihrem Richter und Hencker erdulden müssen. Daher Fürst Segimer /
als einer in solcher Beratschlagung statt seiner Meinung fürbrachte: Des
Pompejus Tod war Cäsars Leben; selbigem vernünftig antwortete: Es ist wahr;
aber diss mangelt noch zur Geschichte; Des Pompejus Tod war Cäsars Untergang.
Rhemetalces begegnete ihm: Ich bin eben so wohl kein Freund der Grausamkeit; und
halte darfür: dass einem Fürsten viel Hals-Gerichte so wenig / als einem Artzte
viel Leichen rühmlich sind. Es ist ausser Zweiffel auch mehr viehisch als
menschlich einen verdammen / dessen Verteidigung man nicht gehöret hat. Denn
die Verläumdung scheuet sich nicht auch die reinste Unschuld zu schwärtzen.
Keine Blume hat so gesunde Krafft in sich; dass sie nicht der Kröte zu einer
Nahrung ihres Gifftes diene; und der Verdacht ist so wohl ein verdächtiger Zeuge
als ein schielender Richter. Alleine dieser Rechtsweg ist keine sichere Bahn in
den hohen Verbrechen wieder den Staat und die Hoheit eines Fürsten. Beide sind
unleidlicher anzurühren als die Augen / ja auch sorgfältiger zu verwahren. Den
Fischer / der den dem Alexander vom Haupte gewehten und in einen schilfichten
Sumpff neben eines alten Königes Grab geworffenen Krantz aufhob / kostete seine
Dienstbarkeit den Hals. Und Cambyses hielt einen Traum für genungsame Ursache
seinem Bruder das Licht auszuleschen. Ob ich nun zwar in die Fussstapfen dieser
scharffen Richter zu treten nicht rate; so kann ich doch den nicht tadeln / der
in den Lastern wieder den Staat das Recht von Vollziehung des Urtels anhebt /
wenn entweder derer zu viel ist / die sich wieder das gemeine Wesen verschworen
haben /und der Schlag gleichsam schon über dem Nacken schwebt / oder wo der
Verräter die Waffen in Händen hat. In diesen Fällen erlaubet das oberste
Gesetze / nehmlich das allgemeine Heil / auch wieder die Gesetze gegen einen
Verbrecher zu verfahren / und den Kopff der Schlange unversehens zu zerquetschen
/ ehe sie sticht. Also liess Alexander den bei seinem Heere allzuhoch angesehenen
Parmenio durch seinen besten Freund Polydamas abschlachten. Nicht anders halff
Dion dem gewaffneten Heraclides zu Syracusa vom Leben. Zwar es kann geschehen:
dass zuweilen die Unschuld hierdurch Not leidet. Denn die mit einer Larve der
Verläumdung verstellte Tugend sieht vielmahl dem Laster so ähnlich: dass sie auch
der scharffsichtigste nicht unterscheiden kann. Aber die gemeine Wolfart muss
diesen Schaden ersetzen. Auch die besten Aertzte lassen gesunden Gliedern zur
Ader / um das krancke Haupt zu erhalten / und dem bedrängten Hertzen Lufft zu
machen. Wenn der zehende eines seiner Pflicht vergessenden Kriegs-Volcks durchs
Los zum Tode erkieset wird / trifft es mehrmahls die tapffersten. Ja in den
Lastern wieder den Staat und die Fürsten machen die Gesetze der meisten Völcker
Kinder und Bluts-Freunde / ja auch die straffbar / welche Alters halber zu
sündigen nicht fähig sind. Alleine alle grosse Beispiele haben etwas ungerechtes
/ wie die kräfftigsten Artzneien ein wenig Gift bei sich. Diesen Schaden aber
muss die Erhaltung des Reiches und eines Fürsten ersetzen. Denn dieser ist der
Steuer-Mann / an dem das meiste gelegen ist; und der in solchen Fällen sich
eines andern Compasses in der Nacht / eines andern des Tages gebrauchen; ja bei
sich näherndem Schiffbruche auch diss / was er am liebsten hat / über Port
werffen muss. Malovend brach ein: Hertzog Aembrich kam eben so ungerne dran;
iedoch zwang ihn die Not sich des ihm nichts minder beliebten als benötigten
Terbals zu entschlagen; den er fast alleine der Feld-Hauptmannschaft gewachsen
hielt. Alleine der seinen erledigten Platz vertretende Fürst Segimer erfüllte
nichts minder sein Ampt / als den Platz; und kam so wohl des Vaters Vertrauen und
des Volckes Hoffnung / als seinen Jahren zuvor. Er setzte ihm alsbald für durch
einen rühmlichen Anfang sich bei den Seinen beliebt / bei bem Feinde ansehnlich
zu machen; wohl wissende: dass wie die Sternseher aus dem einigen Geburts-Gestirne
des menschlichen Lebens / also die Kriegs-Leute als ihres Heerführers erstem
Streiche sein ganzes künftiges Glück und Unglück wahrsagen. Weil nun durch
lange Ruhe das Kriegs-Volck nur in allerhand Schwachheiten verfällt; tägliche
Bemühung aber selbtes auff nichts böses gedencken lässt; rückte er mit seinem
Heer denen Alemännern ins Hertz / und belägerte die Stadt Alzimoen. Wie nun
Ariovist und Arabar der Catten Hertzog selbter zu Hülffe eilte / kam es daselbst
zu einer heftigen Schlacht / in welcher Segimer zwar verwundet / die Alemänner
und Catten aber auffs Haupt erlegte; der Feinde zwölff tausend erschlagen /
sechs tausend gefangen wurden. Dieser Sieg brachte den zwischen dem Feldherrn
Aembrich und dem Hertzoge der Hermundurer schon ziemliche Zeit versuchten
Frieden zu seiner Vollkommenheit /darinnen der Druyden Anforderungen ziemlich
gemässiget / den Barden und Eubagen auch die Freiheit ihres Gottesdienstes
verstattet ward; wordurch der siegende Feldherr nicht alleine das alte Ansehen
des Cheruskischen Hauses befestigte; sondern auch diss /was er aus erfahrner
Unbeständigkeit des Glückes zu tun ihm hoch nötig hielt; für eine ungemeine
Gemüts-Mässigung ausgelegt ward. Alle Klugen wussten ihn darum so wenig genungsam
zu rühmen / als die Untertanen ihm zu dancken. Sintemal ein seine unmässige
Gedancken zähmender Fürst einen unersättlichen Länderstürmer / wie ein gewandtes
Pferd einen Läuffer / und wenn es mehr dem Zügel als dem Sporne gehorsamt /
vielfältig übertrifft. In dem dieser nur entseelet und verwüstet; jener aber mit
dem güldenen Frieden bauet und lebhaft macht; welchen Phielemon so unstrittig
für das höchste Gut hielt; dass er alle als aberwitzig verlachte / welche es in
was anderm zu finden meinten.
    Hertzog Aembrich selbst meinte nun nicht alleine Deutschland guten teils in
Ruh / sondern auch seine Hoheit in alten Stand gesetzt / und seine Herrschaft
durch ihre Mittelmass genung befestigt zu haben; welche eben so wenig von
allzugrossem Wachstume /als der Leib von übermässiger Speise Kräffte bekommt;
indem beiderseits die Verdäuung / nicht die Uberfüllung vorträglich ist. Alleine
das Verhängnis gönnte diesem Fürsten nicht lange diese Erquickung /und
Deutschlande die süsse Ruh. Denn kurtz darauf benachrichtigte ihn die Königin
Boudicea: dass Cäsar in dem Iccische Seehafen bei nahe sieben hundert Schiffe
segelfertig liegen / auch zu einem grausamen Kriege aus ganz Gallien fast alle
Mannschaft aufgeboten; der Heduer Fürst Dumnorich sie aber in Vertrauen ihrer
Schantze wahrzunehmen gewarniget hätte. Gleicher Gestalt fanden sich bei dem
Feldherrn vom Fürsten Dumnorich / vom Hertzoge der Trevirer Induciomar / von den
Carnutern und andern Galliern Gesandten ein / die wehmütigst klagten: Wie sie
nicht nur selbst in der Römischen Dienstbarkeit verschmachteten; sondern nunmehr
wieder ihre eigne Blutsverwandten / die Britannier / ihre Schwerdter zücken und
schärffen sollten. Insonderheit beschwerte sich Induciomar: dass Cäsar ihm seine
Gewalt überaus geschmälert hätte / und dem abgefundtnen Fürsten Cingetorich /
welchem König Gotarts Tochter vermählet wäre; die Herrschaft über die desshalben
unwilligen Trevirer in die Hände zu spielen vorhätte. Wenige Zeit hierauf lieff
auch Nachricht ein: Wie Induciomar sich wegen des mit sechs Legionen anziehenden
Cäsars in dem Arduennischen Walde hätte verhauen; ja als er allentalben sich
umringet gesehen / endlich sich für Cäsarn demütigen / und mit dem Cingetorich
seine Gewalt teilen / auch erlauben müssen: dass Cingetorich den noch nicht
bestillten Catten wieder die Cherusker acht tausend Mann zu Hülffe geschickt;
Dieser schlimmen Zeitung folgte in wenigen Tagen diese betrübtere auf der
Fersen. Nach dem Fürst Dumnorich weder durch den Vorwand seiner Verwandnüss /
noch seiner Gelübde sich von dem Britannischen Zuge bei Cäsarn hätte los bitten
können /wäre er zwar mit seinen Heduern heimlich durchgegangen / in willens bei
dem Feldherrn Aembrich unterzukommen / alleine Cäsar hätte deswegen seine
Abfart verschoben / und ihm mit der ganzen Reuterei nachjagen / auch nach
tapfferer Gegenwehr das Leben mit der Liebe der Freiheit benehmen lassen. Der
Feldherr Aembrich meinte hierdurch zwar genungsame Ursache mit den Römern zu
brechen überkommen zu haben; iedoch weil er seiner einheimischen Feinde sich
noch nicht gar entledigt hatte / und er ohne gründliche Nachricht von der Römer
Absehen / aus blossem Verdacht wieder sie einen Krieg anzufangen dem Rechte der
Völcker nicht gemäss zu sein achtete; schickte er eine Gesandschaft an Cäsarn
seine Beschwerden ihm einzuhalten. Dieser aber versicherte den Feldherrn seiner
beständigen Freundschaft: dass er nichts wieder die Königin Boudicea /sondern
seinen selbst eigenen Feind Cassibelin / und auf Bitte des vertriebenen Fürsten
Mandubrat / dessen Vater Imanuent vom Cassibelin unschuldiger Weise wäre durchs
Beil hingerichtet worden / einen Zug in Britannien für hätte; dass er sich des
Cingetorichs Fürhaben nicht anmaste; dass Dumnorich durch Antrieb seines Ehweibes
des Orgetorichs Tochter viel Verräterei wieder die Römer angesponnen / sein
Bruder Divitiak ihm auch selbst schon etliche mahl den Hals abgesprochen / ja er
wieder Cäsars Willen im Scharmützel das Leben eingebüsst hätte. Nicht so wohl die
Erhebligkeit dieses Vorwands / als die noch innerliche Unruh hielt Hertzog
Aembrichs Schwerdt in der Scheide; und er für eine unvergebliche Sünde wieder
die Herrschens-Kunst / wenn auch der mächtigste Fürst ohne Not mit zweien
Feinden zugleich anbindet. Welchen Fehler die vermessene Stadt Aten allzuteuer
bezahlte; in dem sie in Sicilien einzufallen sich wagte / da sie doch in den
Pelopoñesischen Krieg eingewickelt war. Es reizte ihn zwar sein Hertze an den
Römern die Beleidigung zu rächen; seine Vernunft aber sagte ihm: dass
empfangenes Unrecht der Beleidigten Untergang sei / wenn sie den Eyver für ihre
Ehre nicht mit der Klugheit vereinbaren; das schon vergangene Ubel rächen wollen
/ sich aber in neues Elend stürtzen / und aus einem Fehler / den sie verbessern
wollen / tausend machen. Nebst dem überlegte er: dass Fürst Dumnorich nicht
wiederlebendig gemacht werden könnte. Denn wer unwiederbringliche Sachen wieder
in ersten Stand zu setzen meint  / misst ihm mehr Gewalt zu / als GOtt hat; und
verspielet Müh und Kosten darüber mit Schaden / was keiner Glückseligkeit mehr
als der Vergessenheit fähig ist. Bei dieser Entschlüssung brachte er nicht
alleine fast ganz Deutschland auff seine Seite; sondern die Fürsten erklärten
auch auf seinen Todesfall den tapfferen Segimer zu seinem Nachfolger; ungeachtet
sonst freien Völckern nichts ungewöhnlicher / oder dem Wahl-Rechte abbrüchiger
ist; als bei Lebzeiten ihres erwehlten Hauptes sich schon einem künftigen
unterwerffen; sonderlich wenn dieser jenem mit Geblüte zugetan ist / oder viel
Herrscher aus einem Hause genommen werden.
    Als aber Cäsar nach Verlust vieler Schiffe und Volcks sonder andere Frucht /
als dass er den verjagten Mandubrat denen Trinobanten wieder zum Fürsten
eingesetzt hatte / in Gallien zurück kam; legte er den Quintus Cicero den
Nerviern / den Fabius den Morinern / den Labienus den Trevirern mit einer / den
Sabinus und Cotta den Eburonen mit zwei Legionen auf den Hals. Wie nun der
Feldherr Aembrich Cäsarn auf Anhalten seines Bruders Cattivolck und des Fürsten
Induciomar vergebens um Entlastung seiner Freunde anflehete / die Carnuter /
welche den ihnen von Cäsarn auffgedrungenen Fürsten Tassget erschlagen / die
Senones / welche gleichfalls den Cavarin aus dem Lande gejagt / und andere
Gallier den Feldherrn Aembrich um Errettung von den grausamen Römern /welche
doch auch schon Deutschland zu überziehen im Schilde führten / anfleheten; ging
er endlich mit zwantzig tausend Mann über den Rhein / zohe seinen Bruder
Cattivolck an sich; und nach dem dieser den Sabinus und Cotta durch List aus der
Festung Antuatuca und dem Läger gelocket / erlegten die Deutschen beide Legionen
mit ihren Häuptern; also: dass mit genauer Not zwei Kriegs-Knechte durch die
Wälder entkamen / und dem Labienus die traurige Zeitung brachten. So tapffer und
klug rächete Hertzog Aembrich der Deutschen und Belgen Unrecht; welches auch die
edelsten Gemüter aus Hoffnung künftiger Vergeltung verschmertzen. Denn es ist
so wohl ein Streich der Klugheit die Empfindligkeit nicht mercken / als eine
Zagheit sie verrauchen lassen. Wie es am schlimmsten ist / die Beschimpffung
vergessen; also ist nichts künstlichers / als sie vergessen zu haben scheinen
lassen. Cäsarn schmertzte dieser Streich mehr / als sein Verlust. Denen
Atuatikern und Nerviern aber wuchs durch Aembrichs Sieg so weit das Hertze: dass
sie den Cicero in seinem Läger belägerten; in Meinung: dass Induciomar mit den
Trevirern den Labienus / und die Armorischen Städte den Roscius / der Abrede
nach / angreiffen würden. Aembrich und Cattivulck führten selbst die Deutschen
hertzhaft an / liessen die Gräber mit Reiss-Holtze füllen / die auf Römische Art
gefertigten Sturm-Türme anschieben; aber die verzweiffelte Gegenwehr der Römer
schlug zwei heftige Stürme ab. Dahero sie bei erlangter Nachricht: dass Cäsar
bereit unterschiedene Legionen zusammen ziehe / sich entschlossen ihr Läger
gleichfalls zu umschantzen. Den siebenden Tag liess der Feld-Herr bei
entstehendem starcken Winde eine grosse Menge tönerne Kugeln glüend machen /und
selbte aus den Schleudern in das Römische Läger werffen / welches die mit Stroh-
und Schilff-Schoben bedeckten Häuser leicht in Brand brachte. Der Feldherr
führte hierauf zwar den dritten Sturm / und fiel an vier Orten das Römische
Läger auffs grimmigste an. Allein weil kein Römer dem Feuer zulieff; sondern
ieder mit unverwendetem Gesichte auff dem Walle gegen die stürmenden stehen
blieb / die Sturm-Türme auch durch brennende Pech-Kräntze in die Glut gerieten
/ zwei Sturm-Brücken zerbrachen / Cicero auch das ohne diss überaus feste Läger
mit vielen vorteilhaften Abschnitten versehen hatte / mussten nach
sechsstündigen Sturme die Deutschen doch wieder ablassen / ungeachtet die
Cherusker und Nervier an zweien Orten über den Wall kommen waren; allwo zwei
Römische Hauptleute Varenus und Pulfio / welche ihre noch von den Eltern ererbte
Feindschaft nicht allein in eine ruhmwürdige Eyversucht / wie einer den andern
durch ritterliche Heldentaten verkleinern möchte / verwandelten; sondern auch
ieder dem andern diesen Tag das Leben erhielt; und derogestalt aus
hartnäckichten Feinden zu vertrauten Freunden wurden; um nur nicht dem
Vaterlande zu Schaden böse Kriegs-Leute abzugeben. Welche vernünftige
Gemütsmässigung auch des Temistocles Versöhnung mit Aristiden / noch den
Emilius Lepidus / und den Livius Salinator nimmermehr vergessen lassen /die
jener gegen den Fulvius Flaccus / dieser gegen den Nero ausübte / als die
Gemeinschaft eines Amptes sie zusammen verband. Denn ob zwar die langsame
Ablegung einer gefasten Gramschaft eines gerechten Zornes Kennzeichen sein
soll; so ist doch die geschwinde ein Merckmahl eines grossmütigen Hertzens / und
eines redlichen Bürgers. Die Deutschen mussten zwar dissmahl dieser beider Römer
Tugenden weichen; gleichwol aber waren der Römer so viel blieben / und die
übrigen derogestalt abgemattet: dass nicht der zehende Mann ohne Wunden war / und
sie sich folgenden Morgen ergeben hätten; wenn nicht eine Schildwache an einem
Turme zwei eingeschossene Pfeile mit zweien daran gebundenen Briefen
wahrgenommen / dieser aber durch Cäsars eigene Handschrifft dem Cicero teils in
Grichischer Sprache / teils mit Ziffer-Buchstaben / welche Tullius Tiro des
Cicero Freigelassener unlängst erfunden hatte /seine Ankunft zu wissen gemacht
hätte. Welche Nachricht Cäsar deñ noch selbigen Abend mit Anzündung vieler Feuer
/ und durch ein abermahliges Schreiben / das ein Gallier Vertico durchbringen
liess /bekräfftigte. Der Feldherr Aembrich rückte Cäsarn alsofort entgegen / und
schlug ein Teil seiner Reuterei aus dem Felde. Dahero er den Deutschen eine
Schlacht zu liefern sich nicht wagte; sondern in einem vorteilhaften Orte
verschantzte. Ob nun wohl die Deutschen das Römische Läger fort für fort
beunruhigten / durch die Sümpfe biss an den Wall etliche Wege machten / die
ausfallenden auch etliche mahl zurück trieben / und daher die Deutschen selbtes
in Cäsars Augen zu erobern Hoffnung hatten; so störte doch eine Menge böser
Zeitungen / oder vielmehr das Verhängnis alle gute Anstalt. Denn Cingetorich
hatte sich seinen Schweher Induciomar wegen des angezielten Krieges bei denen
Trevirern wiedersetzt; die andern Gallier aus Zagheit und Furcht für Cäsarn ihre
versamleten Kriegsvölcker wieder von samen gelassen / die Semnoner durch
Vermittelung der Heduer die Carnuter durch die Rhemer sich mit Cäsarn auffs neue
verglichen / die sich wieder erholenden Catten und Alemäñer aber die mächtige
Festung Utunte am Rhein / nach dem sie etliche mahl die zum Entsatz kommenden
Cherusker und Quaden abgeschlagen /erobert / diese auch durch Hunger und Pest
bei den Eudosen und Swardonen bei nahe dreissig tausend Mañ eingebüst. Weil nun
der Feldherr Aembrich wohl sah: dass im Kriege die Armen vieler Bundsgenossen
mehr zur Verwickelung / als zum Siege dienten; und ihr Tun wie die Striche /
welche gleich auf einen Mittelpunct zielten / ins gemein durch und wider
einander gienge; hielt er den Galliern und seiner Ehre genung getan zu haben /
nun aber für nötig dem Brande seines eigenen Feuers zueilen. Daher verliess er
beide Römische Läger / und überwältigte bei seiner Rückkehr die bei
Zusamenfliessung des Rheines und der Mosel auf einen hohen Fels gelegte Festung
der Catten. Cäsar aber ward froh: dass er so wohl sich erhalten / als den Cicero
befreit hatte. Weil aber fast alle Gemüter der Gallier gleichsam wider Rom im
Jähren waren / traute er sich nicht die Nervier und Atuaticker zu verfolgen oder
mehr zu verbittern / sondern blieb den Winter über bei der Festung Samarabrück
stehen; iedoch war sein eines Auge stets gegen Deutschland wachsamer / als das
andere über Gallien.
    Induciomar hob inzwischen zwar seinen Römisch- Eydam Cingetorich auf einem
allgemeinen Landtage / da alle mannbare Mañschaft erscheinen muss / und der
Letzte als ein Opffer abgeschlachtet wird / aus dem Sattel / nötigte ihn zum
Labienus zu fliehen; zohe auch ein Teil der Nervier und Atuaticker an sich /
und beunruhigte des Labienus Läger; er ward aber in einem Ausfalle erschossen /
und sein Haupt ins Römische Läger bracht. Gleichwol liessen die Trevirer den Mut
nicht fallen / sondern bewegten mit Geld und grossen Verheissungen den Herzog
Aembrich zu abermaligem Beistande. Hingegen bekam Cäsar aus Italien drei neue
Legionen; also: dass er derer nunmehr zehn in Gallien hatte. Uber diss stiessen
nach gemachtem Bündnisse zu Cäsarn sechs tausend Catten und Alemäñer / ja Cavarin
und Comius führten unter ihm noch dreissig tausend Gallische Reuter. Dahero
schickte er zwei Legionen und den Cavarin dem Labienus wider die Trevirer zum
Entsatz; Er und Comius aber brachen mit fünf Legionen unversehens bei denen
Menapiern / mit derer etlichen Comius heimliche Verständnis hatte / ein / und
nötigte sie zu einem Vertrage / Krafft dessen sie versprochen den Comius für
einen Stadtalter des Römischen Rates zu erkennen / und dessen Feinden nicht
beizustehen. Inzwischen verleitete Labienus die Trevirer durch angenomene
Flucht: dass sie unerwartet des im Anzuge begriffenen Feldherrn Aembrichs über
die Mosel schwemmeten; welche aber Labienus / als die Helfte überkomen war / aus
einem Walde überfiel / und alles / was nicht in Eil zurücke schwam / erlegte.
Welch unvernünftig Beginnen den Feldherrn so verdriesslich machte: dass er wieder
über den Rhein zurück kehrte. Dahero der sieghafte Cäsar die Trevirer nicht
allein leicht zum Gehorsam brachte / und ihnen den Cingetorich fürsetzte;
sondern / weil die Uhier ihm auch allen Vorschub versprachen / schlug er dreissig
tausend Schritte oberhalb der ersten eine neue Brücke über den Rhein. Weil aber
diese Uberkunft denen Catten überaus verdächtig war; Zumahl da nach Absterben
des Fürsten Winemars sein Kriegs-Volck Cäsarn die mächtige Festung Utente
verkaufft hatte; zohe Hertzog Arabar in dem Bacenischen Walde eine grosse Macht
zusammen / und liess Cäsarn wissen: dass ihre Freundschaft länger nicht bestehen
könnte; da er über dem Rhein festen Fuss zu setzen vermeinte. Sintemahl er selbst
wohl wüste: dass vieler Völcker Freundschaft / und also auch ihre /keinen andern
Nagel hätte / der sie hielte / als die Entlegenheit. Daher müste sie durch die
Näherung notwendig zerrissen werden. Diese unvermutete Zuentbietung; der
besorgliche Abgang der Lebens-Mittel /und die Nachricht: dass Hertzog Aembrich
mit etlichen tausend Deutschen bei seinem Bruder Cattivolck an der Maass ankommen
wäre / nötigte Cäsarn zurück über den Rhein zu kehren / die Brücke grossen
teils abzubrechen / und durch den Arduennischen Wald gegen Hertzog Aembrichen
aufzuziehen. Nach zweien Tage-Reisen kriegte Cäsar vom Cingetorich Nachricht:
dass Hertzog Aembrich und Cattivolck nichts wissende von der Römer Annäherung
sich im Arduennischen Walde fast ganz einsam auf einem Lust-Hause aufhielten /
und daselbst den Fürsten der Arverner Vercingetorich / dessen Vater Celtillus
fast über ganz Gallien Feldherr gewest /aber wegen angemaster allzugrossen
Gewalt entauptet worden war / um zwischen ihm und seiner Tochter eine Heirat
zu stifften / wie auch den Fürsten der Semnoner Acco erwarteten / um ein
gemeines Bündnis wieder die Römer zu treffen. Dieses hatte ihm ein vertrauter
Gallier durch einen eigenen Reuter zu wissen gemacht. Cäsar lass alsbald tausend
der berittesten aus den Römern und Ubiern aus / liess sie aber sich so wohl auff
deutsche Art kleiden / als rüsten / und schickte sie unter dem Minucius Bibulus
diese sicheren Feinde zu überfallen. Dieser hatte das Glücke die andere Nacht
unvermerckt an diss Lustauss zu kommen / und / ehe es iemand gewahr ward / rings
um zu besetzen. Aembrich war nach den Hunden der einbrechenden Römer am ersten
innen. Daher weckte er den Cattivolck / ruffte seinen Edelleuten auf / und
sprang dem Tore zu der Gewalt zu begegnen. Weil aber nicht dreissig gewaffnete
Leute auf dem Lust-Hause waren / der grosse Lermen hingegen die Menge / die
Sprache die Römer bei Zeite verriet / baten ihn die Seinigen sich durch den
Garten über einen engen Tamm zu flüchten; welches er / wiewol schwerlich
/willigte; sonderlich weil er seinen krancken und bettlägerichten Bruder im
Stiche lassen sollte. Wie er nun kein ander Mittel sah / machte er sich mit
zweien Rittern nach genommenem kläglichen Abschiede von seinem Bruder / der sich
um nicht lebendig in die Hände der Römer zu kommen mit Eibensaffte hinrichtete /
und als seine getreue Cherusker inzwischen die Römer an der Pforten hertzhaft
aufhielten / glücklich darvon / und durch den Wald an die Schelde zu denen noch
nicht den Römern unterworffenen Menapiern /dahin sich die meisten Cherusker und
Eburoner bei erschallendem Anzuge Cäsars gleichfalls flüchteten. Wie nun Cäsar
alle gefangene Eburoner niederhauen liess / und ihr ganzes Gebiete denen
angräntzenden Völckern zur freien Beute erklärte / wagte sich gleichwol Aembrich
mit etlichen tausend Reutern denen Römern bald dar bald dort einzufallen / und
ihnen nicht geringen Abbruch zu tun. Zuletzt kriegte er auch zwei tausend auf
den Raub über den Rhein gegangene Sicambrer an sich; mit welchen er durch die
Wälder unvermerckt biss an die von Römern besetzte Stadt Atuatuca kam / daselbst
herum in der Vorstadt etliche hundert Römer erlegte / viel Römische Kauff-Leute
mit reichen Beuten gefangen bekam / ja biss in die Festung drang / welche er auch
behauptet hätte / wenn nicht Cäsar mit fünff Legionen herbei gerückt wäre.
Worauf sich also Hertzog Aembrich mit seinen übrigen Cheruskern / Eburonen und
Sicambrern zurück über den Rhein zoh; und nach dem die feigen Gallier bereit
etliche mal die ihnen zu Hülffe geruffenen Deutschen alleine baden lassen / mit
dem Vorsatze ihrentwegen keinen Degen mehr zu zücken /dem unglückseligen Gallien
mit Unwillen den Rücken kehrte; welches Cäsar nunmehr viel härter als vorher
drücken; den ihm verdächtigen Fürsten Acco auch mit vielen edlen Semnonern und
Carunten zu tode prügeln und hernach ihre Köpfe auf die Türme stecken liess.
Zumal die Catten und Alemänner nicht nur abermals durch unterschiedene Siege das
Haupt über die Cherusker empor hoben / also der Feldherr alleine auff sich und
seiner Deutschen Bundsgenossen Erhaltung bedacht sein musste; sondern auch mit
Cäsarn ihr Bündnis verneuerten / und ihm auf den Notfall mit etlichen tausend
Reutern wieder die abtrinnigen Gallier beizuspringen; hingegen aber die Römer
nicht über den Rhein zu setzen / noch den Batavern / Menapiern / und denen
andern aus deutschem Geblüte entsprossenen und mit den deutschen verbundenen
Völckern einig Leid zu tun versprachen. Nach dem auch Vercingetorich nach des
Feldherrn Rückkehr die Heirat mit seiner Tochter abbrach / und sich mit des
Comius Schwester vermählte; brachte der um die Römer so hoch verdiente Fürst
Segimer zwischen Cäsarn und seinem Vater einen Vergleich zu wege. Hingegen riss
Cäsar durch seine am Fürsten Acco verübte Grausamkeit das Band der Liebe in
aller Gallier Hertzen entzwei; also: dass fast ganz Gallien / und darunter
selbst die Heduer / Allobroger / Comius und andere den Römern vorhin zugetane
auf einmal abfielen /den Vercingetorich zu ihrem Feldherrn erwehlten /und
nunmehr ihr eusserstes für die verlohrne Freiheit taten; zu einer Erinnerung:
dass Reiche zwar mit der Spitze der Waffen gewonnen / nicht aber mit der Schärffe
erhalten werden. Alleine entweder die Unvorsichtigkeit der Gallier / oder ein
über sie würckender Unstern machte: dass alle ihre Anschläge wie unzeitige
Früchte in ihrer Geburt verschmachteten / alle tapffere Entschlüssungen
krebsgängig giengen; und ihrer viel Edle / wie Acco / in Cäsars Blut-Gerichte
/ganz Gallien auch in die eusserste Knechtschaft verfiel. Worbei nicht zu
leugnen ist: dass die Deutschen entweder aus allzugrossem Vertrauen auf ihre
Kräfften; oder aus dem Triebe des Verhängnisses zu ihrem selbsteigenen Schaden
nicht wenig Zunder zu dem Holtzstosse / worauf der Gallier Freiheit eingeäschert
ward / getragen haben. Denn als Vercingetorich die vom Cäsar belägerte Stadt der
Bituriger Noviodun entsetzte / ward die Römische Reuterei von Galliern völlig in
die Flucht geschlagen; ja wenn damahls nicht der Chassuarier Fürst Erdmund / des
Segestes Vater mit vierhundert deutschen Edelleuten die Gallier gehemmt hätte /
welche jener Anfall niemahls auszustehen getrauen / wäre / allem Ansehen nach /
das ganze Römische Läger / als in welches ohne diss die Gallier an zwei Orten
einbrachen / aufgeschlagen worden. Nichts minder hätte Cäsar wegen Hungersnot
die Belägerung der schönsten Stadt Avaricum aufheben müssen; wenn er nicht von
der deutschen Reuterei mit Vorrat wäre versorgt worden / weil Vercingetorich in
der Nähe alles verbrennt und verheeret hatte. Eben so trieb Acrumer des
Cattischen Hertzog Arpus Gross-Vater mit fünff hundert Catten bei die Belägerung
der Stadt Gergo via / die Gallier aus dem Römischen Läger / woriñen Cäsar nur
mit zwei Legionen den Fabius gelassen hatte; Als auch kurtz hierauf den Römern
ein Haupt-Sturm ab- und in selbtem sechs und viertzig Hauptleute erschlagen
wurden / Vercingetorich aber das Läger zugleich anfiel / musste auf einer Seite
Cäsar mit der zehnden Legion / auf der andern Erdmund und Acrumer mit ihren
Deutschen das beste tun; namen hierauf die Heduer den Römern Bibracte und
Noviodun weg; Camulogen samlete an der Seene ein mächtig Heer wider sie / die
streitbaren Bellovacker brachten den Labienus zum weichen / die Trevirer /
welche an Streitbarkeit allen Galliern überlegen sein wollen / rückten mit
dreissig tausend Mann zum Vercingetorich nach Bibracte; und also schien die
Römische Botmässigkeit in Gallien auf Trübsande und zerbrechlichem Grund-Eisse zu
stehen. Allein ich weiss nicht: ob das Verhängnis oder das Ungelücke die
Deutschen verblendet hatte. Denn dieses macht auch die Klügsten unbedachtsam;
und der Verlierende krieget eben so schlim / als ein einbissender Spieler. Für
eine so schädliche Entschlüssung halte ich: dass der Catten Hertzog Arabar den
Trevirern einfiel / und sie zwang ihrem eigenen Ungelücke zuzulauffen. Deñ
hierdurch ward den Römern Luft /der Gallier Bund aber schwach gemacht. Jedennoch
war Cäsarn nicht wenig kummerhaft: dass die Allobroger durch starcke Besätzung
des Rhodans ihm alle Gemeinschaft mit Italien abschnitten; und als er zu denen
zweifelhaften Sequanern fortrückte / den Vercingetorich mit einem mächtigen
Heere in Rücken bekam / dessen Reiterei allezeit der Römischen überlegen waren.
Diese Not machte Cäsarn die Larve eines grossen Freundes der Deutschen für. Er
beehrte sie mit einer ansehlichen Gesandschaft / mit Ubersendung vieler
köstlichen Geschencke / und bot sich zum Mittler ihrer Zwistigkeiten an. Die
redlichen Deutschen hätten sich für einem versöhnten und so herschsüchtigen
Feinde hüten und gedencken sollen: dass übrige Weisse und Röte nicht eines
natürlichen sondern geschminckten Antlitzes / allzugrosses Liebkosen aber eines
falschen Hertzens Farbe sei. So aber liessen sie sich nicht allein bereden: dass
Cäsar es gar aufrichtig meinte; sondern meinten auch ihrer Schuldigkeit zu sein
/ nach gegen einander geprüfeten Kräften und beigelegtem Unvernehmen ihn nicht
hülfloss zu lassen. Diesemnach schickten ihm die Alemänner Catten / und Ubier
sechs tausend leichte Reiter zu; welche bald zu Pferde / bald zu Fusse kämpften.
Diesen hatte Cäsar dissmal sonder Zweiffel seine Erhaltung zu dancken. Deñ der
ganze Adel der Gallier gelobte dem Vercingetorich durch einen teuren Eid an:
sie wollten ihren Kindern / Eltern und Ehweibern nicht wieder ins Gesichte komen
/ sie hätten sich denn zweimal durch die Feinde geschlagen; ja unter ihnen war
eine Anzahl Bellovakischer edler Jungfrauen / welche ihre deutschen Mütter mit
der Bedreuung in diesen Zug geschickt: dass / welche nicht eines erlegten Feindes
Kopf zurücke brächten / nimmermehr sollten vermählet werden. O des Heldenmässigen
Gelübdes! fieng die Königin Erato an zu ruffen. Bei welchem ich nicht weiss: Ob
die Töchter oder die Mütter eines grössern Ruhmes wehrt sind. Diese / weil sie
ihrer Töchter edle Geburt und ihre häussliche Tugenden nur für die Helfte eines
Frauenzimmers / die Tapferkeit aber für ihr bestes Teil achten; und weil sie
durch die Hertzhaftigkeit ihrer Töchter gleichsam den Fehler der Natur zu
verbessern gedencken: dass sie dem Vaterlande nichts männliches geboren. Jene
aber; weil sie sich nicht ehe einem Manne zu vermählen würdig schätze /als biss
sie mit der Tugend Verlobung gehalten; auch einen andern Braut-Krantz als von
erfochtenen Lorbern aufsetzen / und ihren Bräutigamen eine recht blutige
Jungfrauschaft liefern wollen! Malovend versetzte: Ich würde der Tugend ihren
Preis strittig machen / welches ihre ärgsten Feinde noch nie getan; wenn ich
diesem Gelübde einen Mängel ausstellte. Aber ach! dass es nicht so wohl in unser
Macht stehet /glücklich / wie hertzhaft sein. Wiewol auch diss weder in unser
Botmässigkeit zu bestehen / noch eine Eigenschaft der Natur zu sein scheinet.
Denn diese ist ihr allezeit ähnlich. Daher würde der / der einmal hertzhaft
gewest / es imer / wie das Feuer allemal heiss sein müssen. So aber sehen wir
auch die manchmal für einem Schatten / oder einer Maus zittern; für welchen
ehmals Mauern und Heerschaaren gebebt haben. Daher ist es GOtt / der den
Menschen das Hertze giebet und nimt; und das Verhängnis bindet zwar alles an
sein Gesetze; es kann aber nicht vertragen: dass wir selbtes an unsers / noch den
Sieg an menschliche Gelübde binden sollen. Ja Kräfte und Klugheit zusamen werden
für der ewigen Versehung zur Ohnmacht und Fehlern. Vercingetorich teilte seine
Reiterei in drei Teil; den ersten führte Cotus /den andern Cavaril / zwei
Fürsten der Heduer / den dritten Eporedorich. Diese griffen den an dem Flusse
Alduaria sich endlich setzenden Cäsar so hertzhaft an: dass die Römische Reiterei
nicht alleine zwischen die Legionen weichen musste / sondern auch diese bereit
Not lidten; weil die Gallier sie auf allen Seiten anreñeten / mit Pfeilen und
Wurfspiessen überschütteten / und denen annahenden Römern / welche mit ihnen zum
Schwerd-Gefechte komen wollten / wieder auswichen. Vercingetorich stand
inzwischen mit seinem Fussvolk an einem festen Orte stille / in Meinung nach
der Römer gäntzlicher Abmüdung so denn allererst mit desto kräftigerm Nachdrucke
einzubrechen. Die Not war nun recht an Mann komen / als auf einem Berge sich
ein neues Heer Reiterei sehen liess; welches anfangs die Römer wegen ihrer langen
Spiesse gleichfals für feindliche Gallier ansahen / und darüber bei nahe in
Verzweiflung gerieten. Alle Glieder wanckten schon im Römischen Heere / und
Cäsar hatte alle Hände voll zu tun sie in Ordnung zu halten. Sie erkennten sie
aber bald darauf mit desto grössern Freuden für deutsche Hülfs-Völcker; welche
zwar wegen angenommener Gefahr die ganze Nacht und den halben Tag ohne
Fütterung geritten waren; dennoch auf die Gallische Reiterei mit eingelegten
Lantzen los giengen. Der Ritter Sultz führte den Vortrab / und traf auf den
Fürsten Cotus so glücklich: dass er ihn aus dem Sattel hob / und vom Ritter
Waldburg gefangen ward. Ein abgefundener Fürst der Catten Palland band mit dem
Fürsten Cavarill an / und machte der Römischen Reiterei Luft sich wieder an den
Feind zu hencken. Reifferschied / und Westerburg aber zwei erfahrne
Kriegs-Obersten der Ubier hatten das Gelücke den Fürsten Eporedorich von einem
hohen Felsen / worvon er die Römer mit Pfeilen als wie mit einem Hagel
überschüttete / und beängstigte zu treiben; und hierdurch das ganze
Kriegs-Spiel zu verrücken. Denn ob zwar Eporedorich und Cavaril das euserste
taten / Teutomat der Hertzog der Nitiobriger / und Comius der Atrebater / auch
den Galliern mit dem Hinterhalt der Reiterei zu Hülffe kamen; Insonderheit aber
die Bellovakische Fürstin Hadmudis mit ihren gewafneten Jungfrauen / welche aus
ihren Augen hier so viel Grim / als sonst Liebe ausliessen / durch ihre männliche
Taten den Deutschen und Römern gute Zeit den Sieg / und die Flucht der Gallier
aufhielten / wurden sie doch endlich / wiewol nicht ungerochen / übermannet;
also: dass nach dem Cavaril vom Ritter Tautenberg und Eporedorich vom Ritter
Brandenstein gefangen ward; die Gallier mit Verlust mehr als sechs tausend der
besten Reiterei die Flucht nehmen / und nebst dem Vercingetorich anfangs in ihr
Läger / hernach gar an den Arar-Strom unter die Haupt-Festung Alesia / die auf
einem hohen Felsen vom Flusse Armaneon auf beiden Seiten umgeben wird / weichen
mussten. Wie nun Cäsar nach an sich gezogenen zwei Legionen hierauf mit dem
ganzen Heere folgte / und die Stadt Alesia / ungeachtet des unter der Stadt
verschantzten Vercingetorichs / zu belägern entschloss / hielten die Deutschen
nicht allein die ganze Macht der Gallier auf: dass die Römer sich ringsherum
verschantzen konten; sondern als Vercingetorich auch mit seiner ganzen Reiterei
die Römischen Arbeiter überfiel / und abermals ihre Wachten in die Flucht trieb;
begegneten ihm die Deutschen abermals so harte: dass ihrer zweitausend ins Grass
bissen; verfolgten sie biss unter den Wall und an die Pforten des Gallischen
Lägers; schnitten selbtem auch durch tägliches Streiffen alle Zufuhr ab; also
dass Vercingetorich gezwungen ward unterm Comius alle Reiterei des Nachts zu
Einholung mehrer Hülffe von sich zu lassen / sich aber mit allem Fussvolk in
Alesia einzuschliessen. Die Gallier kamen mit ihren eusersten Kräften über
zweimal hundert tausend Mann starck zwar unter dem Comius / Viriomar /
Vergasilan ihren obersten Kriegs-Häuptern der in euserste Hungers-Not von
Cäsarn gebrachten Festung Alesia zum Entsatz / und verschantzten sich nur
fünffhundert Schritte vom Römischen Läger. Gleichwol aber war es keine
Mögligkeit durch zu brechen. Inzwischen nam der Hunger / welchen allein die
sonst alles zernichtende Zeit vergrössert / in Alesia so sehr überhand: dass
denen meisten Kriegs-Leuten schon davon die Schenckel zerschwalen / und daher
der darinnen befindliche Critognat / ein Fürst der Arverner / alle alte und zum
Kriege untüchtige Leute zu der streitbaren Speise abzutun unmenschlicher Weise
einriet. Rhemetalces fiel ein: Es wäre freilich wohl mehr als viehisch zur
Wollust Menschen-Fleisch verspeisen; weil wenig auch der grimmigsten Tiere auf
ihr eigen Geschlechte wüteten. Dahingegen unter den Scyten und etlichen andern
Völckern so abscheuliche Leute gefunden würden / welche Menschen-Fleisch zu
feilem Kauffe auslegten / und auf ihre Gast-Maale die Gefangenen mästeten.
Wiewol auch diese noch gegen dem Pollio zu Rom für heilige Leute zu achten wären
/ der seine Murenen in Hältern mit Menschen-Fleisch mästete / und in des Keisers
Augustus Anwesenheit seinen ein Glas zerbrechenden Leibeigenen zu ihrer Speise
zerstücken hiess. Alleine die euserste Not ist das oberste Gesetze / welchem
alle andere Satzungen der Völcker ja der Natur unterworffen sind; welchem die
Menschen nur blinden Gehorsam leisten müssen /ja die Götter es selbst nicht
versehren können. Diesemnach in der eussersten Hungers-Not Menschen zu
schlachten und zu essen für keine unmenschliche Grausamkeit mit Rechte
gescholten werden könnte. Denn GOtt liesse alles zu / was nötig / und das Recht /
was unvermeidlich wäre; nach der einem Priester des Hercules von der Pytia
eröfneten Wahrsagung. Die erwähnte Not hiebe alles andere Recht auf / sie
benehme andern ihr Eigentum / und erlaubte fremdes Gut beim Ungewitter ins Meer
zu werffen / beim Brande des Nachbars Haus einzureissen / ja sie rechtfertigte
den Diebstal; die Götter vertrügen den Kirchen-Raub / und die Entweihung ihrer
Heiligtümer. Daher ganz Grichenland der Stadt Aten wider die Tebaner recht
gab / die sie schmäheten / weil sie das heilige Wasser in dem Delphischen Tempel
zu ihrer Notdurft / ja so gar zum Handwasser verbraucht hatten. Denn wenn die
Götter iemanden eine Notwendigkeit aufbürden; bezeuget der / welcher sich ihr
ohne Wiederspenstigkeit unterwirfft: dass er mit den Göttern nicht Krieg führen /
noch durch gezwungenes Tun von der Bahn eines Weisen absetzen wolle; welcher
zuweilen der Zeit / allemal der Not aus dem Wege tritt / und mit dem willig zu
frieden ist / worzu sie ihn doch zwingen würde. Die / welche das Loos /oder eine
vernünftige Wahl zur Speise anderer bestimmet / haben sich auch so viel weniger
über Unrecht zu beklagen; weil der Hunger sie ohne diss schmertzhafter aufreiben
würde; und die wenigere Gesellschaft im Sterben den Tod ihnen nicht schwerer
macht / ihre zeitlichere Abschlachtung aber vielen andern das Leben; ja das
Vaterland im Stande erhält. Da es nun nicht allein zulässlich / sondern rühmlich
ist diesen zu Liebe sein Blut in Schlachten verspritzen /dem Codrus mit Fleiss in
die feindlichen Spisse zu rennen / dem Temistocles durch getrunckenes
Ochsen-Blut sich hinzurichten / den Philenen sich lebendig in Sand zu
verscharren / dem Curtius sich in die gifftige Klufft zu stürtzen / den Deciern
sich dem Tode zu verloben / warum soll es bedencklich sein fürs Vaterland seiner
Freunde Speise zu werden? Da die Eltern bei so viel Völckern ihre Kinder den
Göttern fürs gemeine Heil aufopffern; da ein Feldherr seine Kriegs-Leute an
einen Ort zu befehlichen Recht hat / wo der Tod seiner mit offenem Rachen
wartet; da es rühmlicher ist sich mit der anvertrauten Festung durch die Glut in
die Lufft schicken / sein Schiff in Grund bohren / als dem Feinde übergeben;
warum soll es unrecht heissen auch die Wiedrigen zur Erhaltung mehrer und
nützlicher Bürger abzuschlachten? Ist es denn vorteilhaftiger des Feuers / der
Fäule / und der stinckenden Würmer / vielmahl auch der Fische Speise werden; als
seiner hungernden Landes-Leute oder Blutsverwandten? Geben sich doch die
Reb-Hüner den Habichten willig zur Sättigung hin / dass nur ihre Jungen
entrinnen; warum sollen die unnützeren Menschen fürs Vaterland verspeiset zu
werden Abscheu tragen? Dem Harpagus schmeckte an des grausamen Astyages Taffel
das gebratene Fleisch seines eigenen Sohnes gut; warum soll uns in eusserster
Not / die uns oft Hunde / Katzen / Mäuse / Grass / Mist / und abscheulichere
Dinge einnötiget / für anderer Menschen Fleische grauen? Welches die Natur für
andern zur Nahrung dienlich gemacht hat. Sintemahl doch diese unsere Mutter eben
so begierig für Erhaltung des Leibes Unterhalt / als das Feuer Zunder verlanget;
und uns zwar die Liebe unsers gleichen eingepflantzt /aber auch ein Gesetze
gegeben hat uns in gleicher Not mehr / als andere zu lieben / und wie sie
durchgehends aus eines Dinges Verterb das andere gebieret / also auch mit
anderer Untergang uns durch anderer Menschen Verterben darfür zu bewahren
geboten hat. Die Gesetze erlauben den Eltern in so grossem Mangel ihre Kinder zu
verkauffen / und der Willkühr fremder Grausamkeit heimzugeben. Haben denn nun
diese durch gekaufftes Recht bessere Gewalt / als wir über sie? Ich finde
nirgends: dass einige ihr Kind essende Eltern haben müssen für Recht stehen;
zweiffelsfrei darum: weil der Hunger alles Ansehen der Natur wegnimmt / keines
Schreckens achtet / die Empfindligkeit der zärtesten Mütter tödtet; dass sie nach
dessen Blute lüstern wird / was sie mit ihrem gesäugt hat; ihre Frucht mit ihren
Zähnen zerfleischet /die sie mit ihren Armen und Hertzen umfangen / und in ihren
Magen vergräbt / was in ihren Eingeweiden lebendig ward. Daher die tapfferen
Saguntiner ihnen das geringste Bedencken gemacht / so wohl lebende Menschen zu
schlachten / als Leichen zu essen / um der Treue ihrer Bundsgenossen keinen
Abbruch / und für Erhaltung ihres Vaterlandes alles eusserste zu tun. Malovend
versetzte: Ich weiss wohl: dass diese letzte Schuldigkeit allen andern das
Vor-Recht nehme / und die Liebe unsers Blutes / ja das Recht unser Leben zu
erhalten uns benehme. Daher mag ich nicht hartnäckicht die Verspeisung der wohl
mehrmahls liederlicher verschwendeten Menschen nicht gäntzlich wiedersprechen.
Gleichwol aber nicht ohne erhebliche Bedingungen / wenn nehmlich die eusserste
Not alle andere Erhaltungs-Mittel abstrickt; und einige Hoffnung der Erhaltung
aus so grausamen Beginnen herfür blicket; wie es sich in etlichen Schiffarten
verirrten / oder Schiffbruch-leidenden begegnet ist. Wenn aber an unser
Erhaltung das Heil des Vaterlandes nicht gäntzlich hänget; sondern man mit dem
Feinde auff leidentliche Bedingungen abkommen kann / oder wenn so grausame
Verfahrung nur eine Fristung /nicht eine Abwendung des Unterganges verheisset;
halte ich selbte weder für vernünftig / noch für verantwortlich. Zumahl da der
bewehrten Aertzte Meinung nach / das Menschen-Fleisch eine schädliche Nahrung
gibt / und das ganze Geblüte anzündet /hernach faulend macht. Massen diese
Kranckheit bei denen Menschenfressenden Völckern sehr gemein ist; ja einsmahls
ein ganzes Heer der Gallier darmit angesteckt worden / welchem boshafte
Kauff-Leute gedörrtes Fleisch erschlagener Mohren für Stockfisch verkaufften. Ja
in den Atlantischen Eylanden wird das schädlichste Gift aus Menschen-Fett und
Blute bereitet. Wenn es aber auch an sich selbst nicht so schädlich wäre / ist
doch dessen Gebrauch selten iemand viel zu statten kommen. Massen denn die zu
Sagunt und Astapa eben so wenig / als die Gallier in Alesia /nach ihren so
blutigen Mahlzeiten weder sich noch ihr Vaterland / sondern alleine diss
erhalten: dass sie der Flammen und des Todes Speise / oder ein Opffer ihrer gegen
einander mehr / als viehisch ausgeübten Grausamkeit worden. Denn es scheinet:
dass das Glücke denen sein Antlitz nicht zuwenden könne / welche der Natur
verzweiffelt Gewalt antun. Daher ich auch in dem Falle / da sich die
Verspeisung der Menschen rechtfertigen läst / mir lieber die Speise / als der
Gast zu sein erwählen würde. In Alesia hielt des Fürsten Critognat blutiger
Vorschlag nicht lange den Stich /sondern die Not verbitterte sich gleichsam
ihnen alle Hülffe / und was der letzte Spar-Pfennig der Elenden ist / die
Hoffnung abzustricken. Vercingetorich trieb zwar durch seine leichte Reuter und
darunter vermischte Bogenschützen die zu Bedeckung des Lägers auff einer
vorteilhaftigen Höhe stehende Römische Reuterei ab; alleine die deutschen
Hülffs-Völcker schlugen mit einer unglaublichen Tapfferkeit / zu selbst eigener
Verwunderung der Römer / die Gallier wieder herunter. Auch können die Romer
nicht genung ihre Tugend heraus streichen / die sie in denen drei Hauptstürmen
gegen die Gallier erwiesen. Insonderheit aber im letzten / als Vercingetorich
und Critognat mit sechzig tausend Mann ausfielen / und Viriomar an zweien Orten
das Römische Läger stürmeten; ja Vergasulaun auff der Nordseite von einem hohen
Berge in das niedrige Läger durch den Wall schon eingebrochen / Labienus
verwundet / und alles voller Schrecken war; wusste Cäsar ihm keinen Rat /als dass
er mit der Deutschen Reuterei auf der einen Seiten einen Ausfall tät; welche
dem Vergasulaun in Rücken ging; da denn der Ritter Blanckenberg dem Fürsten der
Lemovicher den Kopff zerspaltete / der Ritter Beuchlingen aber den Hertzog
Vergasulaun selbst gefangen bekam. Wordurch nicht allein die Römer aus
eusserster Gefahr errettet / die Gallier Alesia zu verlassen / Vercingetorich
aber den Belägerten einzuraten gezwungen ward: dass sie ihn todt oder lebendig
Cäsarn einliefern / und darmit seinen Grimm besänftigen sollten. Wie nun dieser
Angrieff als des sterbenden Galliens letzter Biss / Cäsars eigenem Bekäntnüsse
nach / der gefährlichste war; also war die Ubergabe Alesiens der letzte Schlag /
welcher den Vercingetorich zu Bodem / und Gallien unter den Fussschemel der Römer
stürtzte. Denn ob wohl Comius / und Correus mit den Bellovaken die Deutschen um
Hülffe inständigst anfleheten / und ihr Heil zum letzten mahl versuchen wollten /
so brachten sie doch mehr nicht / als fünff hundert Sicambrer und Chauzen auff;
welche die mit dem Cäsar wieder sie auffziehenden Rhemer in die Flucht brachten
/ und ihren Fürsten Vertisch todt schlugen. Alleine Cäsar setzte diesen
Deutschen alsbald ihre eigene Lands-Leute in grösserer Menge entgegen; welche
jene ohne sonderbahre Müh in der Gallier Läger trieben / und hernach in
unterschiedenen Treffen den Galliern grossen Abbruch täten / ja endlich den
Fürsten Correus in Deutschland zu fliehen nötigten; welchem Fürst Comius
gleichfalls folgte / nach dem sich Volusenus ihn meuchelmörderisch hinzurichten
vergebens bemüht hatte. Als auch Caninius die Festung Uxellodun belägerte /die
Fürsten Drapes und Luterius aber in selbte einen grossen Vorrat zu bringen
bemüht waren / schlug die deutsche Reuterei diesem nicht allein alle Wagen ab
/sondern eroberte auch das Läger der Gallier / und kriegte der Ritter Waldenburg
den Drapes selbst gefangen; welcher sich hernach durch Abbruch der Speisen
selbst entseelte; als er vernahm: dass Cäsar den Carnutischen Fürsten Guturvat
hatte zu tode prügeln /allen Gefangenen in Uxellodun aber die Hände abhauen
lassen; wormit zugleich allen Galliern der Degen /oder vielmehr gar das Hertze
entfiel.
    Gallien war derogestalt wohl überwältigt / aber Cäsars Hertze nicht
gesättigt. Denn die Herrschsucht ist geartet wie das Feuer / das von seinem
Zunder nur mehr hungrig wird. Sie ist weder mit sich noch mit andern vergnügt;
und hält selbst die Zeit für ihren Feind / weil sie sich zwischen seine Begierde
und den Besitz verlangter Dinge eindringet / und zwischen beiden eine Entfernung
macht. Die Wehen ihrer Sehnsucht lassen niemahls nach. Denn ihre Missgeburten
lassen immer Affter-Bürden der ohnmächtigen Ehrsucht hinter sich. Weil nun Cäsar
nach überwundenem Gallien keinen Oberherren / der grosse Pompejus nach
untergedrücktem Asien aber nicht mehr seines gleichen vertragen konnte / suchte
das nunmehr allzugrosse Rom aus Mangel eines ausländischen Feindes ihm einen in
sich selbst. Ein Ehrsüchtiger hält diss schon für einen Raub / wenn er nicht
bekomt / was seine Hoffnung seinen Verdiensten zugesagt hat. Daher war es Cäsarn
zu Anspinnung des bürgerlichen Krieges schon genung: da der Rat ihm die
Bürgermeister-Würde versagte / und nach geendigtem Kriege die Waffen
niederzulegen ermahnte; gleich als wenn diese im Kriege wieder die Feinde / im
Friede wieder die Bürger zu brauchen wären: dass sie niemahls verrosteten. Beide
Uhrheber des grausamen Bürger-Krieges Cäsar und Pompejus meinten solchen allzu
kaltsinnig anzufangen / wenn sie nicht die hertzhaftesten Ausländer mit ins
Spiel wickelten. Diesemnach nahm Cäsar alle in Gallien geprüffte Deutsche
Kriegs-Völcker mit in Italien; Pompejus aber zohe desshalben Dejotarn mit seinen
in Asien eingesessenen Deutschen an sich. Dieser allem Ansehen nach nicht so wohl
aus Kurtzweil des Glückes / welches durch unterschiedene Unfälle Cäsars Siege so
viel herrlicher machen wollte / als Dejotarn zu Liebe er aus dem besetzten
Brundusischen See-Hafen mit genauer Not auf einem lecken Nachen entkam / durch
dessen Hülffe er seine Sachen wieder zu Stande brachte / dem Dolabella und
Antonius grossen Abbruch tat / in Epirus Cäsarn friedsame Gedancken abnötigte
/ und ihn mit grossem Verlust von der Stadt Dyrrhachium abschlug. Hingegen
halffen die Deutschen bei Eroberung der Stadt Massilien / bei Uberwindung des
Petrejus und Afranius in Hispanien / nicht wenig zu Cäsars Siegen; weswegen auch
in dem Cäsarn auf dem Pyreneischen Gebürge aufgerichteten Siegs-Mahle auf der
einen Seite des Cattischen Fürsten Acrumers Nahme mit in Marmel eingegraben
ward. Den Gewinn aber der Pharsalischen Schlacht / da nicht nur der Stadt Rom
und der beiden unersättlichen Kriegs-Häupter /sondern gleichsam der Welt und des
menschlichen Geschlechtes Verhängnis auf der Wag-Schale lag /hat Cäsar niemanden
/ als denen dreitausend deutschen Reutern unter denen Fürsten Erdmund und
Acrumern ohne Wiederrede zu dancken. Denn nach dem Pompejus fast zweifach
stärcker / als Cäsar war / insonderheit aber dreimal mehr Reuterei hatte /
wormit er Cäsars Kriegs-Volck auf allen Seiten anfiel /mit solcher auch den
rechten Flügel / in welchem Cäsar wieder den Pompejus stand / fast ganz
umringte; mussten die Deutschen das beste tun / welche nicht nur mit solcher
Geschwindigkeit an allen Orten Cäsarn zu Hülffe kamen; dass alle andere Reuterei
gegen jenen langsame Fuss-Knechte zu sein schienen; sondern wenn der Feind meinte
/ er stritte mit einem Reuter / sprangen die Deutschen in einem Augenblicke von
Pferden / und durchstachen die feindlichen über sich: dass sie mit ihren
Auffsitzern zu Bodem stürtzten; oder sie zielten mit ihren Lantzen recht in die
Augen ihrer zärtlichen Feinde; welchen also durch eine geringe Verwundung das
Gesichte verbländet /und der Mut länger in der Schlacht zu bleiben benommen
ward. Daher die Reuterei des lincken Flügels / nach dem Fürst Erdmund den
Tracischen König Sadal über einen Hauffen gerennt / der Alemännische Ritter
Zimmern aber den Cilicischen König Tarcondimot nach heftiger Verwundung
gefangen bekommen hatte / zum ersten in die Flucht bekam. Wiewol nun des
Pompejus rechter Flügel wieder den Antonius eine gute Stunde länger Stand hielt;
sonderlich weil König Dejotar als ein Löwe mit seiner Reuterei allentalben für
den Riss stand; so hatte doch der Ritter Leininge anfangs das Glücke ihm durch
Verwundung den rechten Arm unbrauchbar zu machen; Endlich drang Königstein / ein
Bructerischer Ritter / welcher bei angehender Schlacht Cäsarn des Sieges / und
dass er ihm / er stürbe gleich / oder bliebe lebendig / zu dancken Ursache haben
würde / gleich einem wütenden Menschen durch seine Leib-Wache durch / riss ihn
mit Gewalt vom Pferde / und kniete ihm auff den Hals. Worüber Königstein zwar
mit vielen Wunden getödtet / Dejotar aber gefangen / und daher jenem von Cäsarn
auff der Wallstatt ein köstliches Gedächtnis-Mahl von Ertzt und Marmel
auffgerichtet ward. Für diesen Schatten wurden die Deutschen lüstern nicht nur
ihr Blut zu verschwenden /sondern auch durch Uberwindung anderer sich selbst
Cäsarn überwunden zu geben. Mit Dejotars / und des Marcus Brutus Gefängnisse /
welchen Ritter Salm in seine Hände bekam / entfiel allen Streitenden das Hertze;
ja weil Cäsar allentalben nicht so wohl aus Erbarmnis / als seine Feinde zu
trennen ruffen liess: Schonet der Bürger; und alle Macht aber auf die Asiatischen
Hülffs-Völcker andrang / liessen die Römer /die zeiter mehr für ihr Leben / als
des Pompejus Sieg gefochten hatten / nunmehr die Hände / wie vorher den Mut
sincken. Hierdurch ward nicht allein die Schlacht / sondern auch das Läger
gewonnen; Pompejus aber / der hier durch keines Edlen Klinge fallen wollte / in
Egypten zu fliehen genötiget / wormit er seine Gurgel einem entwandten Knechte
/ und dem Messer eines verzagten Uberläuffers darreckte. Uber dieses ist des
Chassuarischen Ritters Tapfferkeit und Treue unsterblich; dessen Nachkommen
hernach den Nahmen Steinfurt bekommen; weil er Cäsarn / als Ptolomeus zu
Alexandria ihn mit grosser Macht in das Meer trieb / nicht nur wegen seiner
Schwimmens-Kunst unterstützte / und durch die verborgenen Steinklippen zu denen
Römischen Schiffen gleichsam einen Furt fand; sondern auch mit Fleiss sich in
seinen Purpur-Mantel hüllete; wormit die feindlichen Pfeile nicht Cäsarn /
sondern ihn selbst treffen möchten. Wie er denn auch zwar dardurch seine Grufft
in den Wellen / aber auch hernach ein Ehren-Mahl an dem Egyptischen Seestrande /
und die Unsterbligkeit seines Ruhmes bei der Nach-Welt bekommen hat. Alleine
hatten die Deutschen Cäsarn bei Pharsalus den Sieg / bei Alexandria das Leben
erhalten; so halffen sie bei Munda in der gefährlichsten Schlacht mit den jungen
Pompejen / da Cäsarn sein Glücke selbst nunmehr verdächtig fürkam / und ihm eine
traurige Abwechselung ahnete / seiner eignen Verzweifelung ab. Denn Cäsar ward
daselbst gleichsam selbst zum Steine / als beide Heere mitten in dem hizigsten
Todschlagen / da iedem schier der Jäscht für dem Munde stand / in einem
Augenblicke als todte und stumme Bilder gegen einander erstarrten / und die
schon halben Streiche zurücke hielten. Ob er sich nun zwar und sein Heer wieder
ermunterte / und beiderseits der aus Göttlicher Regung erwachsene Stillestand
sich wieder in Würgen verwandelte / hielten doch Cäsars älteste Krieges-Leute
wieder die verzweiffelten Pompejen mehr aus Schande als Tugend Stand. Der Kern
seines Heeres die zehende Legion kam zum weichen / ungeachtet der gleichsam
rasende Cäsar Augen / Hände und Stimme sie auffzuhalten brauchte. Daher er ihm
selbst den Degen an die Brust setzte / wormit er nicht dem grossen Pompejus im
Tode gleich würde / dem er an Macht schon zu vor kommen war. Aber nicht so wohl
ein Römer / der ihm den Degen ausriess; als Sarganss / ein Alemännischer
Kriegs-Oberster / der mit zwei tausend Mann in das Pompejische Läger einfiel /
lehnte von Cäsarn nichts minder die Schande der Zagheit / als seine und seines
Heeres Niederlage ab. Denn als Labienus dem Läger drittehalb tausend Mann zu
Hülffe eilen liess / legte Hertzog Acrumer es der Römischen Reuterei für eine
Flucht des Feindes aus; waren also die Deutschen die Ursache eines herrlichen
Sieges. Ja weil eine ziemliche Anzahl der deutschen Ritterschaft todt blieben /
nagelten sie bei Belägerung der Stadt Munda aus Verbitterung ihrer Feinde
Leichen mit Spiessen zusammen; machten davon um die Stadt für sich eine
Brustwehre / und bauten durch so viel Siege Cäsarn einen herrschaftlichen Stul
in Rom über die halbe Welt / wiewol zugleich ein Ziel des Neides / und eine
abschüssige Stiege zu seiner Grufft.
    Als die Römer derogestalt mit ihren Waffen ihre eigene Eingeweide
zerfleischten; Dachte kein Römer mehr den Deutschen einigen Abbruch zu tun.
Cäsar hielt zwar zu Rom auf einmal fünfferlei Siegs-Gepränge. In dem über
Gallien liess er alle eroberte Städte und Siegs Bilder aus Citronat-Holtze; über
das Pontische Reich / alle aus dem roten Egyptischen Acantus-Holtze / über
Egypten aus Meer-Schnecken / über Africa aus Helffenbein / über Hispanien aus
gedrieseltem Silber fürtragen. Er vertrug auch: dass der Römische Rat seine
Seule zwischen die Bilder der sieben Römischen Könige setzte; ja ein Teil
dessen ihm die Gewalt aller Römischen Frauen nach Belieben sie zu bedienen
zueignete. Als aber der heuchelnde Antonius nebst einem Königlichen Krantze und
Stabe ihm aus dichtem Golde das Bild des gefesselten Rheines fürstellte / und
Cäsarn bereden wollte jene Königliche Zeichen nicht allein zu tragen / sondern
auch dieses mit auffzutürmen / schlug Cäsar beides ab / vorwendende: dass das
erste ihm zu wenig / das letztere zu viel wäre. Denn er wollte mit keinem
Getichte die Warheit der übrigen Siege verdächtig /noch die Deutschen unwillig
machen; sondern er riet den Römern vielmehr: dass sie mit diesem
unüberwindlichen Volcke lieber gute Verträuligkeit pflegen; als durch
vergebliche Antastung ihre Schwäche verraten sollten. Wiewol auch seine
vertrauteste ihm in Ohren lagen: dass er die Bürgerliche Ruh in Rom nicht besser
/ als durch eusserlichen Krieg / erhalten /und durch öffters Aderlassen das
Haupt für allen beschwerlichen Dünsten verwahren könnte; war er doch nicht zu
bereden durch Krieg wieder die Deutschen seinen Ruhm noch einmal in Gefahr zu
setzen; sondern als er ermordet ward / beratschlagte er sich gleich / wie er
den Parten und Geten eines versetzen möchte.
    Derogestalt hatten die Deutschen nunmehr wohl die Hand in den Römischen / die
Römer aber nicht in den Deutschen Händen. Alleine wie die Sommer-Wärmde die
gifftigen Feuchtigkeiten in die Lufft empor zeucht; welche die Kälte des Winters
in der Erde verschlossen hielt; als öffnete die verschwundene Gefahr für den
Römern in Deutschland die alten Regungen der Herrsch- und Eyversucht. Die Catten
waren den Cheruskern niemahls auffsetziger gewest / als jetzt; da ihr Glück und
Ansehen gleichsam wieder sichtbarlich zunahm. Denn der Neid hat die Eigenschaft
der nur den vollen Mohnden anbellenden Hunde; und ist ein Gift / welches nicht
wircket / wo es keine Wärmde findet. Denn ob zwar einige die Todfeindschaft der
Catten und Cherusker / wie auch etlicher andern Völcker einem wiedrigen Einflusse
der Gestirne / oder einer andern geheimen Würckung der Natur zueignen; auch
etliche gar getichtet haben: dass beider Blut in einem Becken sich wie der Rhodan
in dem Lemannischen See nicht mit einander vermischten; daher auch selbte mit
der Mutter-Milch gleichsam denen Kindern eingeflösset würden; so ist doch der
Warheit vielmehr gemässer: dass die Ober-Herrschaft in Deutschland der
Cheruskisch- und Cattischen Häuser Zanck-Eisen /und die Uberschlagung der Zunge
in der Wage Deutschlandes stets der Uhrsprung eines neuen Krieges / wie für
Zeiten zwischen den Grichen und Persen / Asien / zwischen Rom und Cartago das
Mittelländische Meer mit seinen Eylanden der Zanck-Apffel gewest wäre. Dieser
Eigen-Nutz wäre das Geheimnis / das die Naturkündiger nicht zu nennen wüsten;
und das nicht nur die Menschen / sondern auch Tiere und Gewächse gegen einander
zwistig machte. Die Feindschaft zwischen der Eiche und dem Oel-Baume / zwischen
Kohl und dem Weinstocke / zwischen Rosen und Knoblauch / rühret aus nichts
anderm her / als dass eines dem andern die Nahrung raubt. Der Adler und Drache
führen einen ewigen Krieg der Schlangen halber mit einander / die beide zu ihrer
Speise / wie die Catten und Cherusker die Deutsche Herrschaft allein haben
wollen. Weil aber weder ein noch das andere Haus wegen der andern Deutschen
Fürsten Eyversucht ihm nach diesem Bissen die Zähne darff lassen wässericht
werden; ist inzwischen die Feldherrschaft die Braut / darum beide tantzen. Denn
ob selbte zwar mehr Schatten der Ehre / als wesentliche Macht an sich hat; so
ist doch die Ehrsucht nach einem Lorber-Blate oft lüsterner / als nach einem
Granat-Apffel; und der Adler um die Herrschaft der Lufft alleine zu behaupten /
verfolget den ohnmächtigen Schnee-König nur seines ihm verdächtigen Nahmens
halber biss auff den Tod. Daher rückten die Catten dem Cheruskischen Hause auff:
dass selbtes nicht so wohl durch Tapfferkeit / als durch vorteilhaftige
Heiraten sich vergrössert / und in Deutschland so viel Leut und Länder unter
sich gebracht hätte; dessen ungeachtet verschmäheten nunmehr von geraumer Zeit
her die Cheruskischen Fürsten andere ältere Geschlechter / und vermählten sich
entweder nur mit ihren Blutsverwandten / oder ganz fremden Weibern. Segimer
hätte so gar eines Partischen Leibeigenen des Surena Tochter geheiratet; da
doch voriger Zeit die deutschen Fürsten auch selbst denen Persischen Königen
ihre Kinder versagt hätten. Uber diss stellten sie Asblasten / Segimers Gemahlin
eine übrige Zärtligkeit zum Mangel aus / wordurch der Morgenländer weichliche
Sitten und Lebens-Art in Deutschland unvermerckt eingeschleppt / und der alten
Tugend / welche unter Schweiss und Staub einen sicheren Auffentalt hätte / als
Balsam und Seide / nicht geringer Abbruch getan würde. Daher hätte der grosse
Alexander auffs schärffste verboten einige Asiatische Weiber / oder nur die mit
ihnen erzeugten Kinder mit in Macedonien zu nehmen; um durch sie nicht die
väterlichen Sitten anzustecken. Unvergleichlichern grössern Schaden aber täte
eine solche Fürstin; welche nicht nur über das Volck / sondern über den Fürsten
selbst zu herrschen gewohnt wäre. Andere Menschen könten zwar Verräter der
Könige sein / ihre Gemahlinnen aber verleiteten sie ins gemein: dass sie
Verräter ihrer selbst würden; und die / welche ihnen nach Leben und Reiche
stünden / rechtfertigten und belohnten. Da nun Fürsten selbst der Weiber Sclaven
würden; und sie ihnen in Abgötter verwandelten; wer wollte zweiffeln: dass nicht
auch das Volck nach dem Beispiele der Tebaner / die des Königs Demetrius
Beischläfferin Lana zu Sicyon der Lamischen Venus Tempel einweihten / sie für
ihre Herrscherin verehren / und für ihres Lebens Richtschnur annehmen sollte? Die
Heuchelei wäre bei Hofe eine so dienstbare Sclavin: dass sie die Fehler der
Fürsten für Tugenden / und die Gebrechligkeiten für Zierden anbetete; mit dem
Clisophus / dem einäugichten und hinckenden Philip zu Liebe / ihr das eine Auge
verbinde / und hinckte; ja mit selbtem das Maul rimpffte; mit dem Chirisophus
dem Könige Dionysius sonder bewusste Ursache lachte /seinen eingeschluckten
Speichel für süsser als Honig preiste / und mit dem Antlitze selbten auffienge;
mit andern Tellerleckern dem Hiero zu gleichen sich bei der Tafel übersichtig
stellte; mit andern dem grossen Alexander zu gleichen den Kopff auf die Seite
hienge; ja mit dem Cambalus dem Selevcus / oder auch gar einem solchen
Hofeschrantzen zu Liebe sich verschneiden liesse; und um eine Hand voll schnöder
Gunst zu erhalten begierig die Männligkeit einbüste. Man hätte für weniger Zeit
in der Nachbarschaft wahrgenommen / wie nach zweier Fürsten Beispiele ihnen
ganze Länder ihre Köpffe kahl geschoren /derer einer wegen Hauptweh / der ander
wegen empfangener Wunde die Haare abscheren lassen. Ein vertorbener Hut-Krämer
hätte sich durch Bestechung eines Höflings wieder in Stand gesetzt; der seinen
König beredet einen von seinen veralterten Hüten zu tragen; weil er die übrigen
in einem Tage um zehnfach Geld anwehren können. Noch viel anfälliger aber wären
die Laster der Fürsten. Denn iederman meinte so denn durch ihre Nachtuung ans
Bret / und in die Gnade seines Herrn zu kommen. Die zaghaftesten der Sünden
würden so denn behertzt. Und mit einem Worte / das Ubel fiele aus dem Haupte auf
die Lunge eines ganzen Volckes / und daher müste daraus eine tödtliche
Verzehrung folgen. Jedoch wäre diss noch alles Kinderspiel gegen dem / wie eine
wollüstige Fürstin das ganze weibliche Geschlechte / ja das ganze Reich
gleichsam im Augenblicke an ihr Seil bringen / oder vielmehr bezaubern könnte.
Keine edle Frau in einem Lande wird für gescheut gehalten / welche nicht eine
Aeffin ihrer Königin ist. Denn alle lassen gedultiger ihren guten Sitten und
Tugenden auf den Fuss / als jene Carische Weiber beim Artabazes auf den Rücken
treten / welche dem auf die Wagen steigenden Frauen-Zimmer bei Hofe zum
Fuss-Schemmel dienten. Eine fremde Königin hätte unlängst das benachbarte
Sarmatien aller seiner Schätze beraubt /den König wie einen Zeidel-Bär an der
Kette geführet / allen Reichs-Räten güldene Ringe durch die Nase gezogen / die
alten Gesätze und Sitten in ihre Landes-Art verkehret; und es wäre um der
Sarmater so beruffene Freiheit getan gewest; wenn der mitleidende Tod nicht mit
dem Fademe ihres Lebens zugleich das Seil ihrer Dienstbarkeit entzwei
geschnitten hätte. Nichts bessers hätte sich Deutschland von Segimers Gemahlin
zu versehen / in welcher Vaterlande die Dienstbarkeit eine Tugend / ihr
Geschlechte niemahls zu herrschen gewohnet / derer aus Königlichem Uhrsprunge
zur Herrschaft gelangender Leute Eigenschaft aber wäre / in der Botmässigkeit
keine Maass halten / und ihrer Hoffart kein Ziel stecken. Auch müste man sich
nicht Asblastens angenommene Tugenden irre machen lassen. Denn die Laster wären
niemahls gefährlicher / als in diesem Kleide; und wie es schwer wäre der Männer
Gemüter zu ergründen; also hielte er es für Unmögligkeit die weiblichen
ausnehmen. Dieser schlaue und scheinbare Vorwand schaffte nicht nur eine grosse
Verbitterung bei den alten Feinden der Cherusker / sondern auch eine nicht
geringe Abneigung bei ihren Bunds genossen; zumahl der Hermundurer Hertzog
Briton seine Tochter an Segimern zu vermählen vergebens sich verspjetzt /der
Catten Hertzog Arabar aber die Heirat mit der Alemännischen Fürstin Vocione als
ein dienliches Band des allgemeinen Frieden in Deutschland vorgeschlagen hatte.
Ja in denen Cheruskischen Ohren selbst gewan dieser Vorschlag einen so süssen
Klang: dass sie dem Fürsten Segimer anmuteten / entweder die ohne diss
unfruchtbare Asblaste gar zu verstossen /oder / Vermöge der denen Fürsten in
Deutschland vor Alters her zukommender Freiheit noch eine Gemahlin zu erkiesen.
Hertzog Segimer nahm diese Meinung übel auff; sah die sich hiervon nur etwas
aufzuwerffen erkühnenden sauer an; und hielt ihnen ein: Fürsten hätten wohl Macht
ihren Untertanen / ob und wen sie heiraten sollten / Gesetze vorzuschreiben /
damit nicht des Vaterlandes Güter in die Fremde kämen /oder verdächtige
Ausländer einnisteten; diese aber könten die Ehen der Fürsten eben so wenig ohne
Unvernunft / als die Sternseher die Vereinbarungen der Gestirne tadeln.
Gleichwol verbarg er dieses Unvergnügen des Volkes für seiner so hertzlich
geliebten Asblasten auffs möglichste: Alleine es ist kein Ritz so enge / durch
welchen nicht die Heuchelei den Fürsten die verborgensten Heimligkeiten
zustecken könne. Wiewol allhier das Mitleiden einer an dem Cheruskischen Hofe
lebender Dulgibinischen Fürstin diese bekümerte Zeitung Asblasten am ersten
zubrachte / wormit sie durch ihre Klugheit dieser Gefahr so viel leichter / und
ehe das Ubel mehr Wurzel faste / vorbeugen könnte. Als nun ein und andere
Frauen-Zimmer nach und nach eben diss erwähnten / Hertzog Segimer aber hiervon
gegen sie das geringste nicht mercken liess; verfiel ihr heimlicher Kummer in
einen empfindlichen Argwohn: dass er unter der Hand mit der nicht nur schönen /
sondern auch überaus reichen und verständigen Fürstin Vocione eine Heirat
abhandeln liesse / und dass man ihr erst nach geschlossener und
unhintertreiblicher Sache hiervon Meldung tun / um ihr auff einen Schlag alle
Wiedersprechung abzuschneiden. Es ist noch zur Zeit ungewiss: ob die übermässige
Begierde Asblastens ihren Eh-Herrn auch mit ihrer eussersten Seelen-Kränckung zu
vergnügen /oder die unrechte Tochter der Liebe / nämlich die Eyversucht sie eine
seltzame Entschlüssung zu fassen bewegt habe. Denn als Segimer von dem Feldherrn
seinem Vater mit etlichen tausend Edelleuten gegen die Alemannische Gräntzen
wieder den besorgten Einbruch geschickt ward / bildete ihr Asblaste ein: es wäre
unter diesen Schalen viel ein ander Kern / nehmlich die gäntzliche Vollziehung
einer neuen Heirat mit Vocionen verborgen. Daher machte sie sich in männlicher
Tracht mit zweien ihrer getreuesten und lebhaftesten aus Parten gebrachten
Jungfrauen heimlich aus dem Staube. Der Feldherr Aembrich liess ihr vergebens
auff allen Strassen nachsetzen / weil eine ihrer Jungfrauen unter vor gewendeter
Unpässlichkeit ihre Entrinnung drei Tage verhölete; der zurückkommende Segimer
aber / welcher etliche Bojische Örter wieder erobert / und den Alemannischen
Aufzug durch blosse Kriegs-Listen vernichtet hatte /fand an statt eines
Siegs-Gepränges diese traurige Zeilen in seinem geheimsten Schrancken:
    Die den Tod für die gröste Würckung der Liebe halten / haben entweder ihre
edelste Kraft nicht ergründet / oder ihr grosse Unvollkommenheit zugeeignet; wo
nicht gar ein Irrlicht für einen Stern erkieset. Es ist leichter / und darff nur
einen behertzten Schnitt / oder die Pein eines Augenblicks für den geliebten
sein Blut abzöpffen; die Ausstehung aber vieler der Seele zusetzenden
Gemüts-Regungen ist etwas übermenschliches. Dieses traue ich mir ausgeübt zu
haben / wenn ich der tugendhaften Vocione das nur zur Helffte verlangte Bette
meines unschätzbaren Segimers ganz einräume / ihm aber durch meine Anwesenheit
keine Unmögligkeit auffbürde seine Liebe so zu teilen: dass die Wagschale nicht
hier oder dort überschlage. Der Natur ist es unmöglich mit Feuer zu leschen /
und mit Wasser anzuzünden / aber nicht der Liebe. Diese verzehret in mir selbst
die lodernden Flammen; und meine angenommene Kälte stecket das Hertze meines
unvergleichlichen Segimers gegen der Fürstin Vocione an; welcher ich desshalben
nicht gram sein kann / weil sie der liebt / dem ich mein Hertze fürlängst
tausendmahl aufgeopffert habe. Lebe diesemnach wohl / Segimer! und beteile
Vocionen mit deiner ganzen Liebe / deine unglückselige Asblasten aber nur mit
einem wenigen deines Andenckens.
    Die erste Nachricht von Asblastens Entweichung hatte Segimern in
Verzweiffelung versetzt; dieser Brieff aber machte ihn gleichsam ganz rasend.
Endlich als alle menschliche Mittel sein Gemüte zu besänftigen vergebens waren
/ verlohr sich Fürst Segimer zu seines verlebten Vaters und des unruhigen
Vaterlandes höchster Bestürtzung nicht nur vom Hofe /sondern aus ganz
Deutschland.
    Bei Entfallung dieser Seule / welche des nunmehr verlebten Feldherrn
Aembrichs schwache Achseln unterstützte / fiengen die Cheruskischen Kräften
wieder an zu sincken; die unter ihres Geblütes Fürsten zeiter gestandene
Eburoner und Moriner fielen durch einen gewaltsamen Aufstand ab / und erwehlten
jene ein Kind von drei Monaten Arabars Sohn / diese aber einen Fürsten / der nur
dem mütterlichen Stamm-Baume nach von Cheruskischem Geblüte herkam / zu ihrem
Olerhaupte. Aembrich geriet selbst mit vieler Fürsten Deutschlandes auf einer
Reichs-Versammlung in der Stadt Casurgis in nicht geringe Gefahr; weil die
Catten mit einem mächtigen Heere selbte unverhofft umgaben. Wiewol nun diese
ungemeine Not alle Kräfften der Cherusker und Ubier eilfertig zusammen brachte
/ und den Feind nicht allein aus dem ganzen Bojischen und Hermundurischen
Gebiete trieb; so wendete sich doch bald das Blat. Obymal der Cheruskische
Feldhauptmañ ward von Arabarn in dem Gebiete der Usipier geschlagen / er selbst
gefangen. Aribert / ein Hertzog der Angeln / welcher nach des Fürsten Gotarts
Tode auf die Cheruskische Seite getreten war / weil man ihm in der
Feldhauptmannschaft den Ritter Stordesten für gezogen hatte / ward unter dem
Sudetischen Gebürge mit seinem ganzen Heere erlegt; und kurtz darauff Löwenmut
Aembrichs ander Sohn auff eben der Stelle / wo König Gotart seinen ersten Sieg
erlangt hatte / mit fast nicht geringerm Verlust aus dem Felde geschlagen. Also
bindet das Verhängnis nicht nur einerlei Zufälle an gewisse Tage und Namen;
sondern auch an etliche Örter. Hertzog Aembrich legte hierüber mit seinem Leben
auch die Sorgen seiner Herrschaft und die Bekümmernis über sein zerrüttetes
Vaterland und die Entfernung des Fürsten Segimers ab; verliess also inzwischen
die Verwaltung des Reichs und die Aufferziehung seines nur einjährigen Sohnes
Ingviomers dem Fürsten Löwenmut. Seinen letzten Atem wendete er noch zu einer
beweglichen Ermahnung gegen seine umstehende Räte an: dass sie die Beruhigung
Deutschlandes dem Glantze seines eigenen Hauses /und allen andern
Staats-Gesetzen fürziehen sollten. Denn der Friede wäre der einige Balsam / durch
welchen ein verwundetes Reich wieder geheilet; das Horn des Uberflusses / aus
welchem die erschöpfften Länder wieder erfüllet; ein Labsal / mit welchem
ohnmächtige Völcker wieder erquickete ein Oel-Baum / von welchem Väter des
Vaterlandes alleine bekräntzet werden könten. Wie hertzhaft und sorgfältig nun
dieser Fürst dem Reichsfürstand; so war doch das blinde Glücke in seinem
wiedrigen Rennen durch keine Tugend nicht auffzuhalten. Gleichwol aber brachte
es seine Vorsicht so weit: dass weil die Catten die Alemännische Fürstin Vocione
und die übrigen Bundgenossen den durch den König der Cimbern Froto für
geschlagenen Frieden gäntzlich ausschlugen / dieser tapffere Fürst wegen
verschmäheter Vermittelung /oder weil der Catten und Svionen durch so viel Siege
täglich anwachsende Gewalt ihm verdächtig ward /sich den Cheruskern zu helffen
rüstete. Aber so bald Stordeston von dieser nachdencklichen Krieges-Rüstung Wind
bekam / rückte er und die Fürstin Vocione dem Cimbrischen Könige Froto auff
einer / und Gunholm mit einem absonderlichen Krieges Heere der Svioner auf der
andern Seite über den Hals; brachten es auch durch zwei zu Lande / und eine zur
See gewonnene Schlacht dahin: dass er noch selbiges Jahr einen nachteiligen
Frieden schlüssen / und dem Cheruskischen Bündnisse abschweren musste. Als
derogestalt der gröste Krieges-Schwall sich zwischen die Ost- und West See
gezogen hatte / kriegte Fürst Löwenmut zwar Lufft / etliche von den Svionen und
Catten in dem Quadischen Gebiete besetzte Plätze wieder zu erobern; aber Arabar
hetzte denen Cheruskern alsbald einen neuen Feind / nämlich die Könige der
Pannonier und Japyden auff den Hals; welche durch ihren schleunigen Einfall den
Lauff ihres vorigen Sieges hemmeten. Uber diss kriegte Vocione eine ansehnliche
Hülffe von denen Rhetiern und Vindelichern. Weil aber die Cherusker nach Cäsars
Tode mit dem Octavius sich verbunden / und ihm bei dem bürgerlichen Kriege
wieder den Antonius und Sextus Pompejus mit ansehnlicher Reuterei ausgeholffen
hatten; dieser auch nach überwundenem Lepidus / und als Antonius in den
Morgenländern beschäfftiget war / zu Rom den Meister spielte; schickte Octavius
Cäsar / oder der hernach genennte August den Cheruskern zu Liebe den Tiberius
wieder die Rhetier und Vindelicher. Ob dieser nun zwar teils wegen des tieffen
Schnees / teils wegen dieser Völcker ja auch ihrer behertzten Weiber / die nach
verschossenen Pfeilen so gar ihre zerfleischten Kinder dem Feinde ins Antlitz
schlugen / mit dem Degen wenig ausrichtete; machte er doch den Cheruskern Lufft;
weil die Rhetier und Vindelicher von den Catten und Alemännern ihre
Hülffs-Völcker abzufordern genötiget wurden. Wieder die Japydes / ein aus
Deutschland gleichfalls entsprossenes zwischen dem Durischen und Clavischen
Gebürge gelegenes Volck aber rückte Augustus selbst mit fünff Legionen. Die
Fläche und die an der Sau gelegene Stadt Segestica verliessen die Japydes
gutwillig; im Gebürge aber hatten sie sich derogestalt verhauen: dass in selbtes
einzubrechen kein ander Weg /als ein zwischen zweien stellen Bergen
abschüssender Strom zu finden war. Weil es aber dem Römischen Krieges-Volcke
unmöglich schien dem rauschenden Wasser entgegen biss an die Achseln zu waten /
und über die Klippen zu klettern / von welchen dieser Fluss vielfältig abstürtzte
/ wie nichts minder sich für den Pfeilen derer auf den Bergen wachsamen Feinde
sich zu beschirmen; stutzten sie so lange /biss August selbst einem gemeinen
Kriegs-Knecht den Schild vom Arme riess / und durch Wasser und Felsen ihnen
vorgehende den Weg bähnete; biss es an einer engen Tieffe / worüber die Japyder
hatten die Brücke abgeworffen / zu einem schweren Gesechte kam / in welchem
August mit seinen an beiden Händen und Schienbeinen empfangenen Wunden selbigen
Strom und ihm zugleich seine Ehren-Fahn anrötete. Wie nun die Japydes alldar
der Römischen Macht länger nicht die Wage halten konten / zohen sie sich in ihre
Haupt-Stadt Mebulum / aus welcher sie denen belägernden Römern durch Abschlagung
vieler Stürme /und Verbrennung ihres Sturmzeuges unglaublichen Schaden zufügten.
Ja August selbst / als er im zehnden Sturme von einem angeschobenen höltzernen
Turme die Mauer besteigen wollte / ward mit einem Wurffspiesse in die Seite
derogestalt verwundet: dass man ihn ohnmächtig ins Zelt brachte. Alleine August
liess sich diss so wenig / als ein verlezter Löwe schrecken / der / weñ er sein
Blut sieht / nichts minder seine Kräfften / als Grimm vergrössert. Er
verschrieb noch zwei frische Legionen darfür / und dräute keines Kindes in
Mutterleibe zu verschonen / wenn der Ort mit Sturm über gienge. Weil nun die
Tugend endlich wie die Brunnen erschöpfft / und die gröste Hertzhaftigkeit
durch ein erbarmendes Mitleiden weich gemacht wird / liess der eine Japydische
Fürst sich das Winseln der Einwohner verleiten: dass er wieder des andern Willen
seine Helffte der Stadt mit einem Schloss den Römern auffgab; und Römische
Besatzung einnahm / welche aber folgende Nacht von dem andern Fürsten
unversehens überfallen und erschlagen ward. Hierauff verteidigten die
verzweiffelten Japyden beide Städte mit fast unmenschlicher Hartnäckigkeit / ja
als alle Lebens-Mittel aufgezehret / die Mauern zersprengt / die Waffen
zerbrochen waren /schlachteten sie ihre Weiber und Kinder selbst ab /zündeten
die Stadt an allen Ecken an / vergruben sich also selbst mit der Asche ihres
Vaterlandes; und wunden den Römern den Ruhm / ja alle Kennzeichen des geringsten
Sieges aus den Händen. Jedoch betrauerte August nicht so sehr: dass er nur eines
Steinhauffens /und etlicher Leichen Meister worden war / als dass die
Verzweiffelten ihm den besten Ruhm / den ein Uberwinder erlangen kann / mit ihrem
Leben abgeschnitten hatten; welcher ist / seinem Feinde vergeben. Derogestalt
sind diese Japyden / fieng Salonine an / ein bewehrtes Beispiel: dass der Mensch
sein selbst eigener grosser Feind / ja seines Unglückes Schmid sei. Sintemahl
sie aus Furcht eines ungewissen Todes wieder die Gesetze der Götter dem
Verhängnisse das Messer und die Fackel aus den Händen gerissen; und so wohl ihnen
als ihrem Vaterlande ein solch Unrecht angetan / was der ärgste Todfeind wieder
beide nicht hätte grimiger ausüben können. Diesemnach hielte sie es mehr für ein
Werck rasender Tiere sich lieber selbst ins Verterben stürtzen / als dem Feinde
sich ergeben; welcher ohne Verletzung des Völcker-Rechts die Ergebenen nicht
tödten könnte. Der Mensch alleine hätte von der gütigen Natur die Hoffnung in
Besitz bekommen. Daher sollte er niemahls was verzweiffeltes entschliessen /
sondern noch allezeit des besten gewärtig sein. Rhemetalces begegnete ihr: Ich
will die Hoffnung nicht schlechter Dings verwerffen /noch sie mit einigen für den
Lustgarten der Narren /und eine Kurtzweil der Einfältigen schelten. Denn wenn
selbte die Vernunft zum Grunde hat / verdienet sie / das Merckmahl eines
grossen Geistes genennet zu werden. Wenn man aber / wie hier die Japyden /von
einem verbitterten Feinde nichts als Schmach und Pein zu gewarten / sondern um
das armselige Leben zu betteln hat / ist es ja besser dem ohne diss
unvermeidlichen Tode etliche Schritte entgegen gehen; als durch vergebene
Ausweichung dem Feinde eine Freude machen / umb dem ohnmächtigen Leben mehr Weh
zu tun / der von GOTT entsprossenen und niemahls veralternden Seele aber die
verdriesslichen Binden des Leibes nicht los zu binden / sondern ihre Vereinbarung
mit den Sternen zu verhindern. Malovend brach ein: Es hatten die Japyden
freilich wohl wenig Ursache vom August einiger Gnade sich zu versehen; und ist
aus seiner letzten Erklärung ihr Tun nicht bald als ein Irrtum oder Laster zu
verdamen. Denn auch die grausamsten Wütteriche streben nach dem Ruhme der
Gütigkeit / und wissen von ihrer Gnade viel Werckes zu machen / weñ die
Gelegenheit gnädig zu sein schon verspielt ist. Wormit aber August nicht ohne
Sieg nach Rom kehrete / grieff er die Pannonier an / und belägerte die zwischen
dem Flusse Sau und Colops gelegene Stadt Sciscia; die aber so wohl zu Lande / als
zu Wasser den Römern grossen Abbruch tät. Der fürtrefliche Kriegs-Oberste Menas
ward selbst erschlagen. Endlich aber als ihre Mauren fast allentalben von den
Sturmböcken zerstossen waren /mussten sie sich auf erträgliche Bedingungen dem
Kayser ergeben. Dieser warff alle eroberte Waffen ins Wasser / um den andern
Pañoniern ein Schrecken einzujagen; Welches denn auch so ferne gelückte: dass sie
mit ihm und denen Cheruskern Friede machten.
    Alleine dieser Sonnenschein ward bald von einem grausamen Ungewitter
verstellet. Denn Stordeston überfiel mit seinem von so viel Siegen mutigen
Krieges-Heere den Cheruskischen Feldhauptmann Salgal einmal an dem Flusse
Chalusus / das ander mahl auf der Flucht bei der Stadt Mesovium. Arabars Sohn
/welcher von seinem nunmehr auch abgelebten Vater die Herrschaft und den Hass
gegen die Cherusker geerbt hatte / nahm denen. Ubiern und andern Cheruskischen
Bundgenossen die besten Örter weg. Und ob zwar der Ubier Hertzog die Catten
einmal in die Flucht brachte / wetzten sie doch bald die Scharte mit einer
grössern Niederlage der Ubier und ihres tapfersten Feldhauptmanns aus. Einen
noch grössern Sieg erlangte Stordeston über die Cherusker und Quaden bei der
Stadt Boviasmum; welches die Hermundurer vollends gar von ihnen abzusetzen / und
die Pannonier auffs neue in der Cherusker Gebiete einzufallen bewegte; wiewol
diese Fulvius Geminus nach etlichen blutigen Schlachten / Messala aber ihre
Gefärten die Salossier / Agrippa und August selbst die Dalmatier wieder zur Ruh
brachte; nach dem er vorher denen Ubiern und Cheruskern durch seine Anwesenheit
in Gallien / von dar er mit einer Schiffs-Flotte nach dem Beispiele des Kaysers
Julius in Britannien überzusetzen vermeint / durch blosse Näherung seiner Waffen
Lufft gemacht / und in Gallien dem Zwirbel-Winde /der ihn in Britannien dissmahl
zu schiffen hinderte /einen Tempel gebaut hatte. So ferne bediente sich der
kluge Aembrich des Römischen Bundes; wollte aber dem darnach seuffzenden August
keines Weges erlauben: dass die Römischen Adler ihnen zu Hülffe über den Rhein
fliegen sollten. Hierüber zerfiel August mit dem Antonius aufs neue; und
gerieten die Römer selbst wieder einander in die Haare. Daher sassen die
Pannonier den Quaden wieder auf den Hals. Die Catten / Alemänner und Svioner
spielten gleichfalls wieder den Meister; und entsetzten die wanckenden / aber
hernach wieder beständig bleibenden Fürsten der Ubier und Usipier fast ihrer
ganzen Herrschaft /namen auch durch Kriegs-List ein Teil der mächtigen Stadt
Boviasmum ein.
    Die Herrschaft des Cheruskischen Hauses hieng gleichsam nunmehr nur noch an
einem seidenen Fademe; als der fast für verloren geschätzte Fürst Segimer
Deutschlande gleichsam als ein neuer Glücksstern aufgieng. Jede Zeit ist
geschickt die Kräfften gemeiner Leute zu prüfen; die Not aber nur einen Fürsten
/ wie das Ungewitter einen Steuermañ. Also hatte Segimer nun Gelegenheit genung
/ sich als einen Fürsten sehen zu lassen. Wie man nun schon das Licht und
Würckung der aufgehenden Sonnen erkieset / ehe man sie selbst zu Gesichte kriegt
/ also erhielt der blosse Ruff von Segimers Zurückkunft die schon um ihre
Ergebung handelnde Stadt Boviasmum. Sein erster Streich aber war die Niederlage
eines Cattischen Heeres in dem Gebiete der Ubier; ja ehe es schier menschliche
Vernunft begreiffen konnte; brachte er unter seinem Schilde den Oelzweig des
güldenen Friedens herfür; nach welchem das seuffzende Deutschland so lange Zeit
vergebens seine Armen ausgestreckt hatte; ungeachtet ihre Einwohner sonst nichts
minder zum Kriege geneigt / als geartet sind. Denn Menschen beruhigen sich so
denn am leichtesten /weñ sie sich auf ihrem eigenen Wagen müde gemacht haben. Ja
die nach Krieg lechsenden werden ehe nicht witzig; als wenn sie ihres geträumten
Zwecks verfehlet / und mit Schaden gelernet haben: dass der Krieg /was für schöne
Farbe er immer hat / nichts anders /als ein hitziges Feber der Reiche / der
Friede aber ihre wahrhafte Gesundheit sei. Die Catten und Alemänner vergnügten
sich an ihren elterlichen Ländern / und an der denen Barden und Eubagen
bestätigten Freiheit ihres Gottesdienstes. Die Svionen wurden mit gewissen denen
Druyden abgenommenen Gebieten bestillet; diese alle aber erkennten nunmehr den
klugen und grossmütigen Segimer für den würdigsten Feldherrn der Deutschen; und
waren bemüht der tugendhaften Asblasten gleichsam die Hände unterzulegen;
welche sie nunmehr wegen ihrer bewehrten Liebe und Treue für eine Halb-Göttin
verehrten. Denn diese Fürstin hatte zwar ihrem Eh-Herrn zu Liebe Deutschland
verlassen; in Meinung: es würde ihr Vaterland ihr einen andern Mittelpunct der
in Deutschland verlohrnen Gemüts-Ruh zeigen: Alleine / weil der Kreis unsers
Lebens nur einen hat / und weñ dieser verrückt /alle unsere Abmässungen
verfehlen; hatte Asblaste wohl den Himmel / aber nicht ihren Zustand geändert; ja
sie verfiel in Persien in einen Pful der empfindlichsten Bekümmernüsse. Sie traff
zwar ihren Vater Surena noch an dem Partischen Hofe des Königs Orodes / aber
weder auf der Staffel seiner Würde / noch in dem Ansehen an / das seine Dienste
in dem Kriege wieder den Crassus verdient hatten. Denn die übermässigen Woltaten
hatten den Orodes dem Surena zu einem so grossen Schuldner gemacht: dass / weil
er selbte nicht vergelten konnte / er sie notwendig als grosse Laster hassen
musste. Gleichwol aber konnte Surena auch nicht von Hofe weg kommen; weil Orodes
ihm nicht einbildete: dass Surena sich nicht würde mit eigner Hand bezahlt machen
/ nach dem es allerdinges in seiner Gewalt stund dem Orodes zu schaden. Also
lebte Surena zu Hofe / aber wie in einem Gefängnisse / oder vielmehr in einer
Hölle; weil er sich aus dem geheimen Rate ausgeschlossen / nicht wenig
Unwürdige ihm vorziehen / und sich seiner angestammeten Würden entsetzt sah.
Jedoch / weil grossen Gemütern eine solche Erniedrigung so wenig als denen
Irr-Sternen ihr Eintritt in einen niedrigern Himmels-Kreis oder in ein
schlechteres Haus abbrüchig; hätte Surena diese Verachtung leicht verschmertzet.
Sintemahl er leichter des Hofes / als der Hoff seiner entbehren konnte. So aber
stand er alle Augenblicke zwischen Tür und Angel; denn der Grimm des Orodes und
der verläumderische Hof / welcher gegen iederman eine zweifache Zunge und selten
ein Hertze hat /dräuten allen seinen Tritten: dass sie auff ein Fallbret treten
würden. Die Fürstin Asblaste kam gleich nach Hecatompylus / als Orodes seinen
Sohn Pacor zum Nochfolger des Reichs erklärte. Wiewol nun das Surenische
Geschlechte von Alters her berechtiget war denen Partischen Königen die Krone
aufzusetzen; ward doch des Crassus Meuchelmörder Maxartes ihm hierinnen
fürgezogen. Also sind manche Fürsten geartet: dass sie ehe Laster belohnen / oder
wahre Beleidigungen verzeihen; als sie das Leid vergessen / welches ihnen ein
geschickter Diener anzutun fähig ist; ob er schon nie dran gedacht hat. Surena
musste dieses Unrecht verschmertzen / und dem sich an ihn zu reiben suchenden
Orodes noch wegen überhobener Müh Danck sagen; ob er schon sonst in seinem Tun
und Reden auch bei seiner Unterdrückung die Würde seiner Ankunft derogestalt in
acht nahm: dass sich niemand ihn verächtlich zu halten erkühnete. Wie er denn
selbst das Hertze faste gegen den König die angemutete knechtische Aufwartung
zu entschuldigen /da der / welchen der König seinen Freund nennt /unter die
Taffel kriechen / und was ihm herab geworffen wird / wie ein Hund abnagen / ja
noch darzu von Peitschen blutige Striemen verschmertzen muss. Zeno fiel ein:
Meinem Urtel nach hat Maxartes hierdurch weniger gewonnen / als Surena
verloren. Denn die Entziehung verdienter Ehren gereichet dem Beschimpfften nur
zu grösserm Ruhme. Daher meinte Cato: es würde ihm rühmlicher sein / wenn die
Nachwelt nach seiner unsichtbaren Ehren-Seule fragen würde / als wenn die
Unachtsamkeit selbte zwar für Augen / niemahls aber im Gedächtnis hätte.
Hingegen verschwinde der Glantz denen verunehrten Würden. Sintemahl diese sodenn
nicht nur ihr Wesen /sondern auch den Nahmen einbüsten / wenn sie Unwürdigen zu
teile würden. Daher hätte für etlicher Zeit ein Römer / als August seinem
Knechte Menas einen güldenen Ring gegeben / seinen Ring vom Finger genommen / in
die Tiber geworffen / und angehoben: Diese wären vormahls Merckmahle tapfferer
Ritter gewest; nunmehr würden sie Kennzeichen der Freigelassenen. Jedoch machten
die Fürsten nicht allezeit Würden und Ehren-Mahle aus Unverstande und
Leichtsinnigkeit gemein / sondern es steckte zuweilen ein grosses
Staats-Geheimnis darhinter. Denn es wäre der klügste Handgrieff die Gewalt des
Adels zu mässigen / wenn selbter vielen / und zwar auch denen /die ihn so sehr
nicht verdienten / zukäme. Daher hätte August so viel fremde mit dem Römischen
Bürger-Rechte beteilt / und so viel Freigelassene zu Edelleuten gemacht. Es ist
wahr / sagte Malovend. Und ich erinnere mich: dass Herzog Aembrich dardurch ihrer
viel von der Eubagen Gottesdienste ablenckte: dass er nicht wenig denen Druyden
anhängende in hohe Aempter und über die Eubagen setzte; die gleich wenig
Geschickligkeit hatten. Sintemahl nichts mehr als der Verdruss einem Unwürdigen
nachgesetzt zu werden / einem seltzame Entschlüssungen abnötigen kann. Aber
Surena behielt bei seiner Beschimpffung ein freudig Gesichte / und ein ruhiges
Gemüte. Nach dem aber zarte Seelen der ihrigen Unrecht mehr als ihr einiges
fühlen / war es der Fürstin Asblaste / welche in Deutschland gelernt hatte: dass
Beschimpffungen nur durch Blut ausgetilget werden / unmöglich /ihres Vaters
Unrecht ungeahntet zu lassen. Daher / als folgenden Tag Pacor allerhand
Ritterspiele anstellte /fand sich Asblaste in unbekandter Deutschen Rüstung auch
auf die Rennebahn. Und nach dem sie durch ihre Geschickligkeit unterschiedene
Preisse erhalten; derer einen ihr Maxartes reichen sollte / weigerte sie sich
solchen aus seinen / als eines Meuchel-Mörders Händen / anzunehmen; ja sie sagte
ihm in die Augen / sie hielte ihn so lange für keinen Edlen / biss er ihr zeugte:
dass er auch vorwerts einen zu beleidigen das Hertz hätte. Der dem Maxartes
wenig günstige Adel gebährdete sich bei dieser Gelegenheit derogestalt: dass
Maxartes Schande halber mit Asblasten fechten musste. Aber bald im ersten Rennen
sprang Asblaste nach Deutscher Art mit solcher Geschwindigkeit vom Pferde / und
durchstach Maxarten: dass er sich ehe auff dem Bodem liegen fühlte / als dessen
Ursache wahrnahm. Gleichwol liess sie ihm Lufft wieder auf die Füsse zu kommen /
und sich gegen ihrem Degen zu verteidigen. Alleine nach kurtzem Gefechte
versetzte sie ihm einen solchen Streich in den Hals: dass Maxartes nicht nur
todt zu Bodem fiel / sondern der Kopff nur mit weniger Haut an dem Leibe häncken
blieb; welchen sie vollends ablösete / und mit tieffer Ehrerbietung gegen dem
Könige zuförderst auffs Schau-Gerüste legte. Wenig Zuschauer waren / die dem
aufgeblasenen Maxartes nicht diesen Trauerfall gönneten / und dieses
unbekandten Ritters Tapfferkeit rühmten; Oroden alleine biess dieser Unfall so
sehr: dass er zwar die Freiheit der Rennebahn schonte; so bald aber Asblaste nach
geendigten Schauspielen abwiech / sie von der Königlichen Wache in Hafft nehmen
/ und als einen Ubeltäter für das strengste Blut-Gerichte stellen liess. Der
einsame Surena / welcher bei den Schauspielen nicht gewest war / weniger von der
Rache seiner Tochter das geringste wusste /ward vom Könige selbst zum
Ober-Richter ernennet; als welchen er zu keinen andern / als nur zu verhasten
Verrichtungen gebrauchte. Surena / welcher gleichsam mit den Haaren zu einem
Gerichte gezogen ward / in welchem er entweder den König oder sein Gewissen
beleidigen musste / verlohr Sprache und alle Sinnen / als er seine Tochter in
Band und Eisen für den Richter-Tisch treten sah. Nach dem man ihn aber durch
Kühlung wieder ein wenig genung ermannet hatte / fieng er seuffzende an:
Grausamer Orodes /zwingestu mich nun auch über mein Blut ein Blut-Richter zu
sein! Alle Anwesenden sahen Asblasten hierauff mit starren Augen an; aber ehe
sie sich noch auf sie besiñen konten / fieng sie selbst an: Zweifelt nicht / ihr
Richter: dass die / welche des Surena Beleidigung und so viel Laster am Maxartes
gerochen hat / Surenens Tochter Asblaste sei. Diese Begebung ward zwar für den
König gebracht; aber sie entzündete mehr seine Rachgier gegen Asblasten / als
dass sie ihn hätte erweichen sollen / Surenen eines so unanständigen
Richter-Amptes zu übergehen. Ja / weil Orodes diesen Fallstrick nicht gern ausser
Händen lassen wollte / liess er Surenen andeuten: die Gerechtigkeit hätte keine
Augen / und daher kennte sie ihr eigenes Kind nicht. In Wercken des
Oberkeitlichen Amptes müste alles Ansehen natürlicher Verwandschaft weichen.
Denn wer jenes annehme / züge einen gemeinen Menschen aus. Ja die Götter selbst
hätten rechtmässige Hals-Gerichte so lieb: dass sie solche nicht übel aufnehmen /
wenn man gleich darbei der Natur selbst Gewalt antäte. Daher sollte er das
Blut-Gerichte hegen; oder als ein Ungehorsamer für selbigem selbst fürtreten.
Surena / welcher lieber seinen Kopff / als sein Vater-Hertze verlieren wollte /
erwehlte ohne einiges Bedencken das letztere; und die für Furcht zitternden
Richter mussten um ihre eigene zu erhalten dem Wütterich zu Gefallen / beiden das
Leben absprechen. Der Feldherr Segimer kam gleich nach Hecatompylus an dem zu
Vollziehung des Urtels bestimmten Tage an. Das allentalben zulauffende Volck
leitete ihn für die Trauerbühne / als dem tapfferen Surena sein Kopff von den
Achseln gespaltet ward. Dieser Streich hätte Segimern bei nahe mit entseelet /
wenn nicht die Erblickung seiner Liebsten Asblaste ihm eine neue Regung
verursacht hätte. Diese brachte man nun auch auf das Todten-Gerüste; worüber ein
niedriges Gemüte zweiffelsfrei vergangen wäre. Aber der kluge und hertzhafte
Segimer / welcher vorher die Partischen Sitten wohl begriffen hatte; als er
gegen der Trauerbühne den König Orodes erblickte / und also ihm die Rechnung
leicht machen konnte: dass diese Grausamkeit auf seinen Befehl geschehen müste /
lieff augenblicks und schöpfte mit seinem Schilde Wasser aus dem nähesten
Springbrunnen / hierauf ergrieff er einen Brand aus dem in der Königlichen Burg
unaufhörlich brennenden Feuer. Mit diesen zweien wiedrigen Dingen trat er für
Oraden / und ruffte selbtem mehr Dräuungs-als Bittweise zu: Er möchte die
unschuldige Asblasten der Todes- entziehen / oder er wollte der Parter heiliges
Feuer durch das geschöpfte Wasser ausleschen. Die umstehenden Persen / welche
zeiternach menschlicher Gewonheit mehr zum Mitleiden / als zu Abhelffung sich
geneigt erwiesen hatten / billigten nunmehr mit Augen und Gebehrden seine
Hindernis. Die zu ihrer Hinrichtung bestellten Hencker erstarrten und liessen
nicht allein alsobald die Hände sincken / sondern der grausame Orodes ward
Vermöge der Partischen Grund-Gesetze hierdurch gezwungen die durch das Feuer
geschehene Bitte nicht zu verweigern / und Asblasten frei zu sprechen / aber er
befahl diesen verwegenen alsofort in den tieffsten Kercker zu werffen; welcher
denn auch so geschwinde dahin gerissen ward: dass die über ihrer so fremden
Erlösung erstaunende Asblaste nicht einst ihren Erretter zu Gesichte bekam.
Gleichwol war sie um selbten zu erfahren eusserst bekümmert / sonderlich da sie
erfuhr: Es habe Orodes befohlen: dass dieser Verunehrer des Feners folgenden
Mittag dem Feuer sollte geopffert werden. Asblaste war folgenden Tag die erste
auff dem Berge / in dessen Höle das ewige und ihrem Glauben nach vom Himmel
gefallene Feuer verwahrt / und auf dessen Gipffel demselben geopffert ward. In
dem heissesten Mittage ward der mit Rosen gekräntzte Fürst Segimer auf einem mit
vier schneeweissen Pferden gezogenem Wagen als das bestimmte Opfer herbei bracht;
und so wohl von dem ganzen Hofe / als vielen tausend Menschen begleitet. Die
Opfferknechte schäleten alsbald die Rinde von dem mitgebrachten Ceder-und
Lorber-Holtze / der oberste Priester aber verfügte sich in die Höle / und
zündete mit grosser Andacht eine Wachs-Fackel an; von welcher hernach der zum
Opffer bereitete Holtzstoss angesteckt waren. Die Priester fasten bereit Segimern
/ bunden ihn / und legten ihn zur Zerteilung auf den Opffer-Tisch; als die sich
herzu dringende in einen Partischen Krieges-Mann verkleidete Asblaste den / der
geschlachtet werden sollte / für ihren hertzgeliebtesten Eh-Herrn erkennte; und
mit dem ersten Anblicke rieff: Nicht beflecket euch mit dem Blute des
vollkommensten Fürsten der Welt! Weil sie aber ihre Wiedersprechung für ein
allzu schwaches Mittel hielt / des Königes Willen zu hintertreiben / sprang sie
zum Opffer-Feuer / und weil sie diese grausame Opfferung zu stören so bald
nichts unsauberes zur Hand hatte / nahm sie ein Messer / kerbte sich etliche
mahl in den Arm / und liess das häufig herfür dringende Blut ins Feuer lauffen;
wormit die ganze Opferung gehemmet ward. Der hierüber erbitterte Orodes
schäumete für Zorn / und befahl beiden den grimigen Nachen-Tod anzutun. Die
Königin aber brachte nach abgekühletem ersten Eyver ihn dahin: dass er vorher die
Ursache solcher Entweihung erforschen sollte. Daher warb Segimer und Asblaste /
welche inzwischen einander mit tausend Küssen umarmeten / für das Königliche
Zelt geführt. Da denn Asblaste auf erforderte Rechtfertigung antwortete: Ich bin
Asblaste des Surena Tochter / dieser mein Eh-Herr / der um das Persische Reich
so hoch verdiente Fürst Segimer. Dieser hat gestern mich aus dem Rachen des
Todes gerissen; urteilt demnach: Ob ich heute ihn zu retten nicht euer
heiliges Feuer entweihen müssen; wo ich nicht die viel heiligern Flammen der
ehlichen Liebe in mir habe erstecken sollen. Ich habe gesündiget; aber
gedencket: dass die Liebe keinen check-Stab / die Not kein Gesetze leide. Segimer
aber bat alleine: dass das strenge Recht an ihm / als einem Fremdlinge. ausgeübet
/ die tugendsame Asblaste aber möchte freigelassen werden. Worüber Asblaste und
Segimer selbst mit einander zwistig wurden; in dem iedes für das andere wünschte
ein Söhn-Opffer zu sein. Jederman lobte beider ungemeine Liebe; und ob sich zwar
niemand wagte für sie ein gut Wort einzulegen; redeten doch teils die Gebährden
/ teils die mitleidenden Tränen für sie. Dem sauersehenden Orodes aber ward
weiter nicht sein Gemüte erweichet / als dass er beide in einen Kercker zu
verwahren befahl; weil die Gütigkeit entweder mit seiner Geburts-Art
unverträglich war; oder dass seine Aenderung seinen gefasten Zorn keines Unrechts
beschuldigen möchte. Hingegen hatte die Schönheit der Fürstin Asblasten dem
jüngern Sohne des Königs Orodes Phraaten die Seele derogestalt verwundet: dass /
als des Cassius und Brutus zu den Parten abgefallener Gefährte Labienus und
Pacor mit einem mächtigen Kriegs-Heere in Syrien / Orodes auch selbst / um dem
Kriege näher zu sein / nach Edessa in Mesopotamien verreiset war / er sie
heimlich aus dem Gefängnisse auff eines seiner Lust-Häuser zu bringen vorsaan.
Wormit er nun seinen Anschlag so viel geschickter ausübte / entschloss er sich
Asblasten vorher feine Zuneigung zu entdecken; weil er ihm nicht einbilden
konnte: dass sie nicht lieber in den Armen eines so grossen Fürsten schlaffen /
als in so schweren Fesseln würde verschmachten wollen. Dieses Schreiben
vertraute er einem teils durch Gaben bestochenen / teils durch Dräuung
genötigten Hauptmanne über die Kercker-Wache; welcher solches Asblasten
abliefferte. Diese lass mit höchster Bestürtzung diese unvermutete Zeilen;
erholete sich aber alsbald / und sagte mit freiem Gemüte: Sie würde dahin
willig folgen / wohin Fürst Phraates befehlen / und der Hauptmann sie leiten
würde. Phraates ward über so gewünschter Antwort erfreuet; und liess durch den
Hauptmann mit ihr abreden: dass folgende Nacht die Wache mit gewissen vertrauten
Leuten besätzt / und sie unvermerckt aus dem Kercker sollte geholet werden.
Asblaste bat unter dem Fürwand einiger Unpässlichkeit biss auf die dritte Nacht
Auffschub. Inzwischen beredete sie unter dem Scheine: dass sie in ihrem tieffen
Gefängnisse von den Feuchtigkeiten um ihr Leben käme / mit vielen Tränen und
Geschencken den Kerckermeister dahin: dass er ihr und Segimers Gefängnis
verwechselte / ihn in ihr unteres / sie aber in sein oberes einschloss. Auf die
bestimmte Nacht kam der vom Phraates bestellte Hauptmann / schloss Segimern die
Fessel auffs leiseste auff; und nach dem er ihm alle Wortwechselung verboten /
führte er ihn im Finstern unvermerckt aus dem Kercker / und liefferte ihn andern
bestellten Leuten ein / die ihn zu Pferde sätzten / und biss zu anbrechendem Tage
spornstreichs mit ihm fortjagten. Nach dem sie des Tages über in einem
unbewohnten Jäger-Hause ausgeruhet / ritten sie die ganze Nacht wieder mit ihm
fort / und kamen ein wenig für dem Tage an ein prächtiges Gebäue; da ihnen in
aller Stille die Garten-Türe eröffnet / Fürst Segimer allein hinein genommen /
und die Türe wieder versperret ward. Segimer / dem diss alles nicht anders als
ein Traum fürkam /ward in ein oben von Golde / auf den Seiten mit Helffenbeine /
unten von denen köstlichsten Persischen Tapezereien gläntzendes / und mit
wolrüchendem Balsam durchzogenes Zimmer bracht; allwo ihm eine
prächtig-gekleidete Person um den Hals fiel / und dem Küssen kein Ende machte.
Segimer wusste durch kein Nachsinnen ihm diesen Traum oder Rätzel auszulegen; biss
Phraates selbst den Nahmen Asblaste heraus stiess; und die Stimme so wohl den
Fürsten Phraates als seinen Anschlag verriet. Segimer entbrach sich hiermit
alsofort aus Phraates Armen / und um seinem Irrtum abzuhelffen / sagte er: Ich
bin Segimer / nicht Asblaste. Es ist leicht zu erachten / wie Phraates nicht nur
über seiner betrogenen Liebe / sondern auch der unbesonnenen Verratung seiner
blinden Liebe verändert worden sei. Gleichwol erholete er sich / und fragte
Segimern: wie er denn an diesen Ort käme? Segimer versetzte: Phraates müste es
besser wissen / als er / den man um Mitternacht aus dem Kercker genommen / und
dahin geführet hätte. Phraates verstand hieraus leicht den Irrtum des
Hauptmanns / und sagte: Ich will deiner Asblaste zu Liebe dir gleichwol die
Freiheit gönnen. Hiermit machte er Anstalt: dass Segimer von zwantzig Partern
durch Meden biss auf die Armenische Gräntze geführt ward. Fürst Segimer /dessen
Hertze bei seiner gefangenen Asblaste noch zu Hecatompylus eingekerckert ward /
hielt diese Freiheit für was ärgers als eine Dienstbarkeit. Daher war ihm so
unmöglich als unverantwortlich das ihm doch so unholde Persien schlechter Dinges
mit dem Rücken anzusehen. Weil er nun in Armenien erfuhr: dass Labienus und Pacor
den Römischen Feldhauptmann Saxa geschlagen / Antiochien / Apamea / Jerusalem
und ganz Syrien biss auff die Stadt Tyrus / Cilicien biss auff die Stadt
Stratonicea eingenommen hatte /und König Artabazes dem Ventidius / welchen
Antonius mit Kriegs-Macht in Cilicien schickte / etliche tausend Reuter
zusendete / zohe Segimer mit diesen Hülffs-Völckern auch dahin. Flavius ein
Cheruskischer Ritter / welcher tausend deutsche Reuter führte /empfing seinen
Herrn mit unglaublichen Freuden; und ob wohl Segimer vom Flavius nicht entdeckt
sein wollte / trat er ihm doch unter anderm Vorwand die Botmässigkeit über die
Deutschen Hülffs-Völcker ab. Labienus flohe aus Cilicien biss an das Taurische
Gebürge / ehe er einen Römer zu Gesichte bekam. Wie aber Pacor mit der ganzen
Persischen Macht zu ihm stiess / hielt er Stand / und Ventidius schlug sein Läger
aus mit Fleiss angenommener Furcht auf einem hohen Berge; wormit er die durch
vorige Siege verwegen gemachte Parten verleitete: dass sie das Römische Läger
stürmten. Diese aber liessen sie so nahe ankomen: dass sie keinen Platz hatten
sich der fernen Bogenschüsse zu bedienen. Hierauf fielen die Römer aus allen
Pforten so grimmig die Parten an: dass sie schier keine viertel Stunde festen
Fuss hielten / sondern die Flucht nahmen / und durch Herabstürtzung von den Höhen
ihnen selbst mehr als die Römer Schaden täten. Segimer war mit seinen Deutschen
und zweitausend Armeniern unter das Gebürge gestellt / welche denen flüchtigen
Parten mächtig in die Eisen giengen / und derer etliche tausend in der Flucht
aufrieben. Pacor entkam mit genauer Not in Syrien /und besetzte mit dem
Pharnabates die Cilicischen Pforten an dem Amanischen Gebürge / Labienus aber
flohe mit der grösten Uberbleibung des Partischen Heeres in Cilicien; welches
sich aber für dem folgenden Ventidius hin und wieder zerstreute / nach dem
Labienus verkleidet sich desselbten entbrach und versteckte / aber vom Demetrius
einem Freigelassenen des Kaysers ausgespürt / erschlagen / sein Kopff dem
Antonius nach Aten geschickt ward / allwo er es bei einem prächtigen Gastmahle
den Grichen zu einem Schau-Essen auffsätzte. Nach wiedergewonenem Cilicien
wehrte sich zwar Pharnabates in seiner Enge wieder den Silo tapfer; aber die
darzu kommende Macht des Ventidius / und die durch den grösten Schnee über das
Amanische Gebürge sich durchscharrenden Deutschen umringten die Parten / und
brachten sie ins Gedrange. Ja Segimer hatte das Glücke: dass er dem Pharnabates
selbst einen tödtlichen Streich versetzte. Ob nun zwar die Parten sich mit
Hülffe des Nabateischen Königs Malchus wieder verstärckten /mussten sie doch für
der Römischen Macht bald ganz Syrien räumen. Hiermit rückte Ventidius
sonderlich auff Veranlassung des Fürsten Segimers gegen dem Flusse Phrat zu /
welchem aber Pacor mit einem überaus mächtigen Heere entgegen zoh; also: dass
wenn er nicht durch einen in seinem Lager ihm bekandten Partischen
Auskundschafter Pharneus des Pacors Anzug durch Einratung eines fernen Umweges
aufgehalten /und inzwischen sich zu verstecken Lufft bekommen hätte / die Römer
dissmahl in nicht geringere Gefahr als Crassus verfallen wären. Ventidius liess
hierauff den Pacor mit seinem ganzen Heere unverhindert über den Phrat setzen /
und verleitete durch angemaste Furcht diesen hitzigen Fürsten zum andern mahl:
dass er an eben dem Tage / als Crassus geschlagen worden war / unter der eitelen
Einbildung: Es hielte das Rad des Glückes einen so richtigen Lauff als die Sonne
innen / das in der Höhe verwahrte Römische Läger stürmte. Alleine der Ausschlag
lehrte ihn: dass der Sieg ein Geschäncke des Verhängnisses / nicht gewisser Zeiten
sei. Zwantzig tausend Parten bissen ins Grass / und Pacor selbst ward auf der
Flucht an einem steilen Berge von der deutschen Reuterei überritten / von einem
Friesischen Ritter / welcher hernach hiervon den Nahmen Rittberg bekam /
durchstochen /und der Kern des Partischen Adels / welche seine Leiche noch zu
erfechten vermeinten / erlegt. Ja die Deutschen schnitten so gar den flüchtigen
Parten die Brücke über den Phrat ab: dass die überbliebenen sich nach Samosata
in das Comagenische Syrien flüchten mussten. Ventidius / der des Fürsten Pacor
Kopff zu einem Zeichen seines Sieges / und einem Schlüssel aller mit Parten
noch besetzten Festungen brauchte /hatte zwar Lust nunmehr gar in Persien
einzubrechen; aber der über so viel Siegen eifersüchtige Anton setzte durch
einen über Hals über Kopff mit den Partern gemachten Frieden ihm allhier ein
Ziel / dem Fürsten Segimer aber schob er einen Riegel für sich seiner gefangenen
Asblaste weiter zu nähern; und musste sich jener an einem Siegs-Gepränge / dieser
an einem Lorberkrantze / einem güldenen Halsbande / einem mit Türkissen
versetzten Sebel und Bogen / einer blauen Fahne / und einer goldgestückten
Rossdecke / die ihm der Römische Rat liefern liess / vergnügen. Also naget der
Neid nichts minder an der Tugend; als die Kefer an den edelsten Blumen und
Aehren; ja er schläget selbter öffter als der Feind ein Bein unter; und fället
so wohl dem Glücke als der Tapfferkeit in die Speichen: dass sie nicht das völlige
Ziel erreichen kann. Alleine Segimers Liebe erregte täglich in seinem Gemüte ein
solches Ungestüm: dass es sich mit so eitelen Geschencken / als mit welchem
Rauche der Römische Rat sonst meisterlich zu bandeln / und ihre Bundsgenossen
zu verblenden wusste / nicht beruhigte. Diesemnach nahm er acht hundert seiner
Deutschen / und zweihundert Armenier der Partischen Sprache wohl erfahrne
Kriegs-Leute / liess sie der erschlagenen Parten / teils auch Comagenische
Kleider und Rüstung nehmen; und streiffte sonder einigen Menschens Verletzung
oder Wiederstand unter dem Schein / als wenn sie ein Teil des geschlagenen
Partischen Heeres wären / biss unter die Stadt Edessa. Daselbst kriegte er
Kundschaft: dass folgenden Tag König Orodes gegen der Stadt Carra aufbrechen
würde; nach dem ein Teil der Hoffstadt und der meiste Reisige-zeug schon für
zwei Tagen voran wäre. Daher stellte sich Segimer mit seinem Volcke in einen
Wald / fiel hierauff die sich ehe des Himmelfalls / als eines Feindes versehende
Parter so grimmig an: dass Orodes mit genauer Not wieder in die Stadt Edessa
entran / seine zwei liebsten Söhne Pharnabazes und Orosmanes aber / welche er
mit des Comagenischen Königs Antiochus Tochter gezeuget hatte / vom Fürsten
Segimer nach Zeugma / allwo er die Brücke über den Phrat besetzt gelassen /
gefangen hinweg geführet wurden. Orodes meinte über diesem Verluste zu
verzweiffeln / sonderlich weil er nach des Fürsten Pacor Tode Pharnabazen zum
Reichs-Erben bestimmt hatte. Er schickte desshalben nach Zeugma sich über diesen
Raub und Friedens-Bruch zu beschweren; aber Hertzog Segimer liess ihn wissen: dass
er mit seinen Deutschen sein in Persien erlittenes Unrecht gerächet / und
Orodens Söhne für seiner Gemahlin Asblaste erlangter Freiheit nicht los zu
lassen beschlossen hätte. König Orodes schickte hiermit auf der Post nach
Hecatompylus / um Asblasten zur Auswechselung nach Zeugma zu lieffern. Aber
Phraates hatte inzwischen daselbst den Kercker mit Gewalt erbrochen / den sich
wiedersetzenden Stadtalter Moneses aus der Stadt verjagt / und Asblasten nach
Rhodis / wo im Frühlinge pflegte die Hof-Statt zu sein / geführet. Sintemahl
nunmehr / da Orodes durch Alter und Hertzeleid über des Pacorn Niederlage ganz
verfiel / iederman am Phraates die aufgehende Sonne anbetete. Wiewol nun
Asblaste Phraatens unzüchtigen Anmutungen durch tausenderlei kluge und
hertzhafte Begegnungen hintertrieb / und er nach allen teils selbst / teils
durch die dreihundert Frauen-Zimmer / die ihn nach Königlicher Gewonheit des
Nachts bewachen mussten / vergebens angewendeten Versuchungen an ihrer
Gegen-Liebe zu zweifeln hatte; konnte er sich doch nicht überwinden / diesen
Schatz aus seinen Händen und Hertzen zu lassen; ob ihm schon Orodes die
Königliche Gewalt abzutreten Vertröstung tät; entweder / weil Phraates schon
das Hefft in Händen zu haben vermeinte / oder ihm anständiger hielt Kron und
Zepter zu nehmen als zu überkomen; Ja weil er vielmehr in seinen Kram dienlich
zu sein erachtete: dass Orodens zwei Schoss-Kinder Pharnabazes und Orosmanes
entweder in Segimers Dienstbarkeit verschmachteten /oder durch seine Rache
aufgerieben würden / überwand seine Ehrsucht die Liebe / oder diese verwandelte
sich nach langer Verschmähung in eine Unholdin. Sintemahl er Asblasten mit
Giffte hinzurichten schlüssig ward. Dieses zu vollziehen befahl er Ternamenen
seiner Schwester und geheimsten Ratgeberin; welche solchen Meuchel-Mord an
Asblasten zu vollbringen / teils wegen angebohrner Grausamkeit /teils aus
Beisorge: es möchte Asblaste sich einst von Phraaten erweichen lassen / und ihr
also zu Kopffe steigen / kein Bedencken gehabt hätte; wenn sie nicht in
Pharnabazes verliebt gewest wäre / und durch die Hinrichtung Asblastens auch
ihrem Pharnabazes das Messer an die Gurgel zu setzen besorgt hätte. Weil sie
aber auch gegen den grimmigen Phraates vorsichtig verfahren musste / liess sie
Asblasten zu ihrer Tafel beruffen / und an statt des Gifftes ihr einen Safft von
gewissen Kräutern beibringen; welcher sie im Augenblick aller eusserlichen Siñen
beraubte: dass sie für tod auf den Bodem sanck. Ternamene liess alsbald Phraaten
erfordern ihm die Würckung des Giffts zu zeigen; welcher denn seine Grausamkeit
mit vielen Tränen bedeckte / iedoch nicht wissende: dass seiner Bländung
vielmehr ein blauer Dunst für die Augen gemacht ward. Ternamene liess zu desto
mehrer Bescheinigung: dass Asblaste todt wäre / sie in einem Cypressenen Sarche
in das Königliche Begräbnis tragen / welches König Arsaces in einem Lustgarten
nach Art des alten Pasargadischen vom Cyrus aufgeführten / iedoch mit viel
höhern Säulen und weitern Bogen hatte aufführen / und die Wände über und über
mit hertzfärbichten Persischen Fleck steinen künstlich besetzen lassen; in
willens sie folgende Nacht von dar weiter zu bringen; wie sie denn gegen den
Abend / da sie mutmaste: es würde die todte Asblaste nun allbereit anfangen
wieder Atem zu schöpffen / sich unter dem Scheine der Andacht / und des Arsaces
auf einem güldenen Stule aufgetrönten Leiche mit neuem Balsame der Perser
Gewonheit nach zu erfrischen / selbst in das Begräbnis verfügte / durch kräftige
Stärckungen Asblasten wieder zu rechte halff / und selbter das ganze Geheimnis
ihrer angezielten Erlösung entdeckte. Asblaste wusste mit nicht genungsamen
Tränen Ternamenen zu dancken; versicherte sie auch: dass ihr Eh-Herr Segimer den
gefangenen Pharnabazes dahin / wo sie nur verlangte / unversehrt liefern würde.
Diese gab Asblasten auch ein in Ariana wachsendes Feuer-rotes Kraut; welches
das Oel anzündet / dafern es abgebrochen worden / wenn die Sonne im Löwen ist;
wormit sie auf die Nacht bei ihrer angestellten Abholung alsbald Licht machen /
und aus denen so weit schweifigen Gewölbern ihren Abholern ein Zeichen geben
könnte / wo sie zu finden wäre. Höret aber / wie das Verhängnis diese kluge
Anstalt bei nahe verrückt hätte. Phraates / welcher durch die Hinrichtung
Asblastens und seine Wiedersetzligkeit sich vom Könige Orodes nichts anders /
als seines heftigen Zornes zu besorgen hatte / entschloss sich nunmehr die Larve
gar vom Gesichte zu ziehen / und wieder seinen Vater Orodes sich zum Könige
aufzuwerffen; weil doch grosse Laster anders nicht / als durch grössere
auszuführen wären; auch so denn wie die grossen Schlangen zu Drachen würden /
den Nahmen der Tugenden erwürben. Daher er denn das Königliche Zimmer bezog / wo
die zwei grossen Schätze verwahret waren / die man des Königs Haupt-Küssen und
Fussschemmel hiess; auch sich in das Bette legte /welches der güldene Weinstock
mit denen Trauben aus Edelgesteinen überschattete / und mit dreihundert schönen
für den Orodes verwahrten Dirnen sich ergötzte. Gleich als wenn die Herrschaft
ohne Wollust eine unreiffe Frucht wäre; und der Ehrgeitz dem / welchen man vom
Stule stürtzt / in der Liebe Eintrag tun müste. Diesen Schluss nun so viel
glücklicher auszuüben / hatte ihn ein Zauberer beredet: dass er um Mitternacht
dem Geiste des Arsaces opffern / seinen Siegel-Ring / in welchem auff einen
grossen Rubin ein Pferd eingegraben war / abziehen und tragen sollte. Also kam
Phraates mit dem Zauberer des Nachts in die Grufft. Ob nun wohl ieder eine Fackel
in der Hand hatte / und wegen ihrer abergläubischen Gebährden einer und der
ander bald hin bald her lieff; wollte doch Asblaste / dem Verlass nach / auch ihr
Feuer-Zeichen von sich geben. Hiermit er grieff sie eine bei dem Grabe des
Pharnaces / (welcher aus Liebe des gemeinen Wesens seinen Bruder Mitridat / mit
Nachsetzung seiner Kinder / zum Reichs-Erben setzte /) mit Oel und Balsam
gefüllte Schale / berührte sie mit dem Ariannischen Feuer-Kraute; welches
augenblicks eine helle Flamme bekam. Darmit ging sie geraden Weges auf Phraaten
zu. Dieser und sein Zauberer erschracken über der schnellen Glut: dass sie
unbewegter / als die aufgestellten Leichen der verstorbenen Könige blieben. Wie
aber Phraates die sich ihm nähernde Asblaste erkiesete / meinte er / es wäre ihr
Geist; welcher käme an ihm als dem Mörder Rache auszuüben. Denn ein böses
Gewissen bücket sich auch füreinem Schatten / und meint : dass die Göttliche
Straffe die Hand ihn zu peitschen schon gezückt habe. Daher warff er die Fackel
von sich / und flohe mit Zittern und Zagen nebst dem ihm auff der Ferse
folgenden Zauberer aus den Grüfften. Asblaste erkennte hierüber allererst
Phraaten; und wie sie nach der ihr bevorstehenden Gefahr nachsaan / ward sie in
der Ferne eines neuen sich nähernden Lichtes gewahr; welches ihr endlich
Ternamenen zu erkeñen gab; die sie deñ nach angehörtem Ebenteuer aus der Grufft
und durch den Garten leitete / an der Pforte ihr männliche Kleider durch einen
Partischen Edelmann Mitridat / des Moneses Vetter / reichen liess; und nach dem
sie ihm Asblasten auffs beste befohlen hatte /von ihr Abschied nam. Dieser
brachte sie in Begleitung etlicher 20. Parte / unter dem Vorwand: dass er bei
dem Comagenische Könige was wichtiges zu verrichten hätte / glücklich nach
Samosata; wie ihn denn Ternamene auch mit Briefen an den Antiochus begleitet /
und ihn um die Befreiung der Partischen Fürsten auffs beweglichste ersucht
hatte. Wie aber Mitridat alldar erfuhr: dass die Gefangenen des Fürsten Segimer
nach Tyrus wären gebracht worden / reisete er unter sichern Geleits-Briefen
dahin / und übergab dem für Unmut schier halb todten Segimer seine Asblaste.
Die Freude hemete eine gute Weile beider Zungen / und die bisherigen
Trauer-Wolcken verwandelten sich in einen Tränen-Regen; worauf allererst der
Sonnenschein tausend Ergetzligkeiten ihre Gemüter erleuchtete / und sie mehr
mit annehmlichen Küssen / als hierzu viel zu kaltsinnigen Worten-ihre Vergnügung
gegen einander ausdrückten. Hertzog Segimer liess alsbald nicht alleine
Pharnabazen / und den Orosmanes los;. sondern beschenckte auch Mitridaten und
die andern Parter Königlich. Wiewol diese Freiheit beider Partischen Fürsten
und ihres Vaters Todten-Bret war; in dem der wütende Phraates sie beide an
seinem Geburts-Tage durch Gift in gewissen bestellten köstlichen Speisen /
welche gegen ausgesetztem Preisse von den Persen auf die Königliche Taffel
pflegten geliefert zu werden / hinrichtete; und als beim Orodes die anfangs in
Wasser / aus dem Flusse Choaspes in Chalydonischem Weine / welchen die Persischen
Könige allein trancken / ihm beigebrachte Wolffs-Milch ohne Schaden durchgieng /
seinen Vater mit eigenen Händen erwürgte. Als die Parter derogestalt in ihre
eigene Glieder raseten / und Antonius durch seiner Feld-Hauptleute des Sosius
und Canidius Siege / welche durch Iberien und Albanien biss an das Gebürge
Caucasus seine Herrschaft erweiterten / lüstern gemacht ward / des Crassus
verlohrne Adler dem verhasten Phraates abzugewinnen /liess Hertzog Segimer ein
gutes Teil seiner Deutschen unter dem Flavius zurücke; welcher denn auch durch
der Seinigen Tapfferkeit den Antonius von einer des Crassus gleichen Niederlage
errettete / hierüber aber durch vier tödtliche Bogenschüsse seinen Helden-Geist
ausbliess. Segimer aber kam durch Grichenland und Pannonien mit seiner Asblasten
zu allem Glücke in sein zerrüttetes Vaterland / um durch das Steuer-Ruder seiner
Klugheit selbtes aus dem für Augen schwebenden Schiffbruche zu erretten. Denn
nach dem ein Reich ohne Fürsten einer des Kopffes beraubten Natter gleichet /
welche sich wohl hin und wieder wendet / aber nicht von der Stelle kommt / hatten
die Cherusker in Segimers Abwesenheit gleichsam in einer Ohnmacht gelegen / biss
sie dieser Fürst durch seine Hertzhaftigkeit / ja ganz Deutschland mit dem
Sonnenscheine des edlen Friedens wieder beseelte. Ob auch wohl die Trevirer und
Moriner nach der Zeit wieder die Römischen Landvögte einen Auffstand machten /
und die Catten durch ihre Hülffs-Völcker in solchen Krieg schienen eingeflochten
zu werden; weswegen Nonius Gallius oberhalb der Mosel / und Cajus Carinas
oberhalb der Maass mit etlichen Legionen biss an den Rhein kam; so vermittelte
doch der Feldherr Segimer diesen Zwist / und traff sich also nicht ohne
Nachdencken: dass als Augustus nach überwundenem Antonius zu Rom den Tempel des
Janus zusperrete /Segimer nicht nur Deutschland / sondern alle Nord-Völcker zu
Einsteckung ihrer Sebeln bewegte. Wiewol auch Segimer Deutschland nicht mit so
viel Gold und Edelgesteinen anfüllte / als August derselben in seiner reichen
Beute aus Egypten und Syrien nach Rom brachte; so nahm jenes doch für einen
unschätzbaren Reichtum auff: dass folgendes Jahr die holdselige Asblaste einen
Sohn gebahr / welcher schon in der Wiege Merckmahle der väterlichen Tugend und
der mütterlichen Holdseligkeit von sich blicken liess; nämlich den Fürsten
Herrmann / welcher nechst hin den Ruhm verdienet ein Erhalter der Deutschen
Freiheit genennt zu werden. Alleine wie die Freude zu Rom bald als ein Schatten
verschwand / oder die Erfahrung den Römern die Augen öffnete: dass Kayser August
zwar die Ketten / an denen er seine Gefangenen im Siegs-Gepränge zu Rom
einführte / sehen lassen / die aber / welche er denen Römern selbst an Hals zu
werffen Sinnes war / in dem Siegs-Wagen versteckt hatte; also verstellte der
Wolstand in Deutschland auch bald sein annehmliches Gesichte; Gleich als wenn in
der Welt so wenig eine Glückseligkeit ohne Unlust sein könnte / als die Natur
Rosen ohne Dornen zu zeugen fähig wäre; und das Betrübnüss der Ergetzligkeit so
notwendig / als der Sturm auff die Windstille und auff den hellesten Tag
dennoch eine tunckele Nacht folgen müste. Wiewol man endlich nachgeben muss: dass
wir ins gemein selbst unsers Unglückes Uhrheber sind / und unsere eigene Taten
böse Sternen in den Kreis unserer Geburts-Lichter setzen.
    Kayser August liess sich bedüncken: dass seine Gewalt und Siege aller vorigen
Römer übertreffe / deswegen hielt er es auch für eine Notwendigkeit in Pracht
und Schau-Spielen es allen Vorfahren vorzutun. Er weihete der Minerva einen
köstlichen Tempel / seinem Vater Julius ein Rat-Haus und ein Heiligtum ein.
Beide erfüllte er mit unschätzbaren Seltzamkeiten Egyptens. Aus des Jupiters /
der Juno und anderer Götter Tempeln räumte er alle alte Zierraten / unter dem
Scheine: dass sie vermodert oder allzu befleckt wären; wormit ihm alle ihren
neuen Reichtum zu dancken hätten. Auff das Altar der Venus setzte er
Cleopatrens Bild aus dichtem Golde. Mit Löwen / Tygern und Elefanten dem Volcke
Lust-Spiele zu halten / war ihm schon allzugemein. Denn Lucius Marcellus hatte
schon bei nahe für zweihundert Jahren hundert und zwei und viertzig den Mohren
in Sicilien abgenommene Elefanten in dem grossen Spiel-Kreisse von den Bürgern
mit Pfeilen erschiessen lassen. Der grosse Pompejus hatte mit vielen bei
Einweihung seines Schauplatzes / ein andermahl mit sechshundert Löwen / wie auch
Scipio Nasica zwischen Elefanten und Bären / Mucius Scävola mit Löwen einen
Kampf angestellt. Sylla hatte nur als Stadtvogt hundert grosse Löwen von
Mohrischen Bogenschützen erlegen / und hernach Elefanten und wilde Ochsen mit
einander eine blutige Schlacht halten lassen. Vom Kayser Julius waren eine
grosse Menge fremder Tiere in eitel silbernen Kefichten / vierhundert Löwen /
ein Camelpardel und zwantzig getürmte wieder Menschen fechtende Elefanten; vom
Aurelius Scaurus die ersten /und zwar hundert und funffzig Pantertiere /
etliche Krocodile und Wasserpferde / ja auch die Gebeine von dem Meerwunder /
welchem in Syrien Andromede für gestellt gewest / aufgestellet worden. Mit allem
diesem zusammen und noch mehrerm erlustigte August das Römische Volck. Nun wären
zwar seine verordnete Schlachten zwischen Löwen und Tigern /zwischen Pantern
und Bären / zwischen Wasserpferden und Krocodilen / zwischen Elefanten und denen
vorhin nie zu Rom gesehenen Tieren / die von dem Horne auf ihrer Nasen einen
Nahmen bekommen; ja endlich das Gefechte des hierzu freiwilligen Rats-Herren
Vintelius hingegangen. Allein dieses war unverantwortlich: dass er die in dem
Partischen Kriege so hoch verdienten / in der Schlacht bei Accium aber
gefangenen edlen Catten und Dacier zwang: dass sie nicht alleine unter sich
selbst / sondern auch so gar wieder die grimmigsten Tiere fechten / zuletzt
aber doch von den Pfeilen Römischer Knaben sterben mussten. Ob auch wohl drei
deutsche Ritter in dem grossen Spiel-Kreisse auf die in der Mitten erhobene
Marmelnen Geländer die heiligen Bilder / als einer der Göttin Cybele / der ander
die grosse Sonnen-Seule /der dritte den Schutz-Geist der Stadt Rom umfaste
/wurden sie doch von denen Schergen herab gerissen /und auf sie die grimmigsten
Tyger los gelassen. Worüber des Feldherrn Segimers anwesender Gesandte mit denen
Zähnen knirschte / und denen ihm zugegebenen zweien Römern ausdrücklich zu
vernehmen gab: dass sein Fürst diese Grausamkeit nicht verschmertzen würde. Am
allermeisten aber wurden hierüber die Catten erbittert / welche an den Römern
sich auf gleiche Art / wie sie es ihren Bluts-Freunden mitgespielt hatten / zu
rächen sich verlobten. Hierzu kam: dass die Römer nun auch auf der Sud- und
Ost-Seiten allzu nahe graseten; in dem Marcus Crassus wieder die Dacier / und die
von Deutschen entsprossenen Bastarnen mit einem mächtigen Heere geschickt ward
selbte unters Joch zu bringen. Nicht weniger machte es in ganz Deutschland ein
grosses Nachdencken: dass die Sarmatier Gesandten nach Rom schickten / und mit
dem Kayser ein Bündnis machten; insonderheit aber: dass er mit einem mächtigen
Heere in Gallien ankam / unter dem Scheine in Britannien überzusetzen und bei
den Galliern eine Gleichheit der Schatzungen einzuführen; oder vielmehr durch
Erhaltung alles Uberflusses die Gallier ruhig und feige zu erhalten; weil Klagen
nach Rom kamen: dass nicht das zehende Teil in die Kayserliche Schatz-Kammer
gebracht / ihr Schweiss und Blut aber von denen üppigen Landvögten durch Wollüste
verzehret würden / und also sie durch Armut mit der Zeit zu hertzhaftern
Entschlüssungen gebracht werden dörfften.
    Rhemetalces bat den Fürsten Malovend um Verlaub seine Meinung zu erforschen;
Ob er denn mit dem Kayser das Reichtum für eine Ursache der Zagheit und für
ratsam hielte: dass ein Fürst seine Untertanen durch ihre Bereicherung im Zaume
halten sollte. Seinem Bedüncken nach schiene es ihm für den unbändigen Pöfel ein
härter Kapzaum zu sein / wenn er ihnen durch schwere Schatzungen die
Schwung-Federn verschnitte; und ihnen die Flügel ihrer Kräffte und Vermögens
nicht liesse zu lang werden. Da man aber auch gleich alten Untertanen / derer
Treue von vieler Zeit gegen ihre Fürsten eingewurtzelt wäre / derogestalt müste
Pflaumen streichen / schiene es doch bei denen nicht tulich / derer unwillige
Hälse man allererst unters Joch gesteckt hätte Diesen nehme man ja die Waffen
aus den Händen; das Vermögen aber wäre die Spann-Adern / ohne welche jene nicht
könten gebraucht werden. Cyrus habe desshalben die überwundenen Babylonier durch
aufferlegten Krieges-Sold mit Fleiss erschöpffet / und die Römer hätten durch
übermässige Schatzung den Demetrius in Syrien so gar zum Kirchen-Raube
genötiget. Ja auch bei getreuen Untertanen wäre übermässiges Reichtum mehr
schädlich als nützlich / weil es geitzig und verzagt / die Nachbarn aber darnach
lüstern machte. Aus welchem Absehen die Satarchischen Scyten Gold und Silber
aus ihrem Gebiete wie Gift verbannt hätten. Und nach dem diss Ertzt den Hercules
in Hispanien gelocket / wäre selbtes lange Jahre ein verbotenes Besitztum der
Einwohner gewest; also gar: dass die Hispanier / welche der Stadt Cartago im
Kriege dienten / ihren Sold nicht nach Hause bringen / sondern zu Erkauffung
Africanischer Weiber verwenden mussten. Massen denn auch die Römer mit den
ärmsten Völckern am meisten zu tun bekommen / der reichsten aber am ersten
Meister worden. Weder in einem noch dem andern Falle / versetzte Adgandester /
halte ich es für gut sein Volck verarmen zu lassen. Die Natur ist wie in allem /
also auch in der Herrschens-Kunst die klügste Lehrmeisterin. Die Ackersleute
behauen zu ihrer Notdurfft nur die Bäume / rotten sie aber nicht gar aus. Ein
Schäfer zöpfet seiner Heerde kein Blut ab / sondern vergnüget sich an der
übrigen Milch und Wolle. Und Fürsten müssen die Brunnen ihrer Untertanen
derogestalt schöpffen: dass sie selbst nicht darbei erdürsten. Denn auf solchen
Fall werden auch die getreuesten unwillig; und ihrer viel werden ehe einen Stich
in ihrem Leibe / als die Abdrückung ihres Vermögens verschmertzen. Das den
Leuten angebohrne oder durch Unglück verursachte Armut drücket zwar die
Gemüter zu Bodem; welches aber von dem / der ihr Schutz-Herr sein / und als ein
hoher Berg sie wie Täler selbst wässern soll /entstehet / bringt sie zu
verzweiffeltem Auffstande wieder ihre Ober-Herren. Daher das Römische Volck zwar
allemahl seine mit dem Rate habende Zwistigkeiten wegen Verwaltung der Aempter
beilegte / als aber dieser jenes durch das Acker-Gesätze in seinem Vermögen
drückte / ging die ganze Herrschungs-Art zu Grunde / und ward in eines
eintzelen Menschen Botmässigkeit verwandelt. Denn der / welcher nichts mehr / als
das notleidende Leben zu verlieren hat /setzet selbtes leicht vollends in die
Schantze; sonderlich / wenn er seinen Bissen Brodt anderwerts liederlich
verschwenden / oder Fremden zum besten anwenden sieht. Die Medischen Städte
entbrachen sich wegen solcher Bedrängung vom Gehorsam gegen den Cyrus / und
Alcibiades bewegte unter diesem Schein die Asiatischen Städte zum Abfalle von
seinem Vaterlande. Halb Africa blieb den Cartaginensern treu auch bei denen
unglückseligsten Läufften; biss sie durch unersättliche Blut-Egeln den Einwohnern
ihren halben Zuwachs abpresten. Aus gleichmässiger Ursache fielen von ihnen die
Hispanier / und von Aten die Bundsgenossen ab. Herentgegen empfindet ein Volck
nicht einst die Koppel der Dienstbarkeit an seinem Halse / welches von
Uberflusse wohl ausgemästet wird; es bekümmert sich nicht um die Zerdrümerung der
alten Gesetze / weñ es täglich vom Wolleben angefüllt ist. Es fraget nicht nach
der Tichtigkeit seines Fürsten; Also ward von den Persischen Weisen durch die
Freiheit von den Gaben der an des Mergis Stelle auf den Stul gesetzte Orpasta
etliche Jahr nicht gerechtfertiget / biss ihn endlich der Mangel der Ohren
verriet: Es vergisset endlich seiner angebohrnen Tapfferkeit: Also sind die
Gallier / von welchen wir reden / als von Uhrsprung Deutsche / für Zeiten so
streitbar / als wir gewest; aber unsers Wissens durch nichts anders / als ihren
Uberfluss so weibisch worden. Fürnehmlich aber hatte Kayser August Ursache
Gallien nicht allzusehr mit zu nehmen; weil sie die eusserste Gräntze des
Reiches halten; weswegen auch Darius von Mohren und Colchiern keine Schatzung
nam. Deshalb befreite der Kayser auch alle Edlen /den Pöfel aber liess er
zinsen / was er am leichsten aufbringen konnte / als die Friesen Leder / die
Sicilier Getreide / die Corsen Wachs. Wormit aber jene unempfindlich das ihrige
beitrügen / setzte er auf Edelgesteine / Perlen / Würtzen grosse Zölle; die
unentpehrlichen Lebens-Mittel waren dem Armut zum Schaden mit nichts belegt. Ja
er liess den Galliern selbst die Verwaltung des Zinss-Kastens / und bestellte
darüber ihre Priester zu Auffsehern. Rhemetalces versetzte: von dieser
Gelindigkeit hätte August kurtz hernach selbst abgesetzt / und den Galliern
durch den zwar eingebohrnen aber scharffen Knecht Licinius /welchen Kayser
Julius freigelassen / eine bleierne Hand aufgelegt; welcher des Jahrs vierzehen
Monate rechnete / um so viel öffter die monatliche Schatzung zu erheben / das
Gold- und Silber-Gewichte in der Einnahme der Rentmeister erhöhete / ausser dem
es aber in vorigem Stande liess; Die Verkauffung alles Saltzes an sich zoh; auf
den Rauch / Lufft / Wasser und die Begräbnis-Erde / ja auff die Ergetzligkeiten
des Ehstandes; insonderheit aber auff eines bei den Morinen noch vom Kayser
Julius gepflantzten Ahorn-Baumes Schatten-Genuss / einen ansehnlichen Zoll
schlug. Und ob schon ganz Gallien über ihn Ach und Weh schrieh / besänftigte
er doch durch die Auslieferung des erpressten Gutes den Kayser nicht allein;
sondern trug auch den Ruhm davon: Er hätte denen Galliern dem Kayser zum besten
die übrigen Schwung-Federn wohl ausgezogen. Malovend begegnete ihm: Fürsten
müssen zu ihrer Diener Fehlern oft wieder Willen ein Auge zudrücken / um sich
der eigenen Schande zu entbrechen: dass sie in Bestellung der Aempter nicht
vorsichtiger gewest. Denn es versöhnet zwar kein Opffer so kräfftig des
unwilligen Volckes vergällte Gemüter / als das Blut eines verhasten Dieners; ja
selbst-schuldige Fürsten können sich oft hierdurch weiss brennen. Aber es
benimmet doch einem Fürsten nichts minder das Ansehen / wenn er Diener ihrer
Bosheit halber absetzen muss; als einem Leibe / dem man wegen des Krebses ein
Glied abschneidet. Gleichwol aber liess August den Licinius nicht in Gallien;
sondern versetzte ihn nach Art gewisser Kräuter / welche sich in allzu fettem
Bodem in Unkraut verwandeln / in das sändichte Arabien. Welch Mittel den Fürsten
bei Liebe / den Diener bei Ehren / die Länder beim Gehorsam behält. Alleine
diese Erleichterung Galliens wahrsagte den Deutschen eine grosse Bürde. Denn
nach dem die Britannier durch Botschaften und Geschäncke den Kayser begütigten;
mit ihm auch der Handlung wegen einen gewissen Vergleich trafen / richtete er
auch bei dem Altare der Ubier am Rheine eine Niederlage auff; von dar er Wein /
Gewürtze / Seide / und andere zur Uppigkeit dienende Waaren häufig Deutschland
verführen liess. Weil nun die Catten nicht alleine in ihrem Lande keine Handlung
verstattet hatten / sondern auch augenscheinlich wahr nahmen: dass die Römer
durch dieses Gewerbe die Härte der Deutschen weich und weibisch zu machen
anzielten / liessen sie auf den Gräntzen bei Leib- und Lebens-Straffe allen
Eintritt fremder Handels-Leute verbieten. Der Kayser nahm diss zwar übel / und
gleichsam für eine Fehde auf. Sintemahl nicht nur das Recht der Völcker /
sondern die Natur zwischen allen Menschen eine Gemeinschaft aufgerichtet; und
ihr getroffener Friede so wohl die Deutschen / als Römer zur Freundschaft gegen
einander verknipfft hätte. Die Catten aber antworteten: Es wäre andern Römern /
ausser Kauff-Leuten /ihr Land unverschlossen. Jedes Volck aber wäre berechtiget
/ die ausser seiner Gräntze zu halten / die den innerlichen Wolstand verterben
könten. Uber diss wäre ihr Verbot nicht neu / gienge auch nicht nur die Römer /
sondern alle Völcker an. Denn sie hätten niemahls diese Art Menschen bei ihnen
gelitten / auch noch neulich Sarmatische Handelsleute wieder zurück gewiesen /
und denen Svionischen Fürsten das Verlangen ihren Handelsleuten der berühmten
Stadt Wisbye auf dem Eylande Gotland Gewerbe zu verstatten abgeschlagen. Wenn
der Kayser sich erinnern würde: dass er keinem Rats-Herrn aus Italien /
insonderheit in Egypten zu reisen / sein Vater Julius keinem über zwantzig Jahr
alten Bürger zu Rom länger / als drei Jahr ausser Italien zu leben verboten
hätte; dass die Serer und Ripheer keinen Einwohner ausser Landes reisen liessen /
könnte er auch das Verbot der Cattischen Fürsten / welche in ihren Ländern diss /
was August zu Rom / wären / keiner Feindseligkeit beschuldigen. Zeno fieng an:
die Catten haben hierinnen wohl Recht gehabt. Sintetemahl es so gar in eines
Fürsten Willkühr stehet: Ob er von fremden Fürsten einige Botschaft einlassen
wolle. Alleine nach dem die Handlung uns nicht nur mit Würtzen der Wollust;
sondern auch mit vielen zum Leben nötigen Dingen versorget / und gleichsam der
Sparsamkeit der Natur oder den Mängeln der Länder aushilfft; kann ich kaum
glauben: dass die einige Beisorge einschleichender Wollüste die Cattischen
Fürsten zum gäntzlichen Verbote der Handlung bewegt haben solle. Nach dem auch
kein Land alles notwendige zeuget / und derogestalt sonder Armut schwerlich
leben kann; weiss ich nicht: Ob diss Gesetze den Catten heilsam sein könne.
Malovend antwortete: die der Natur gemäss lebenden /und also mit wenigen vor lieb
nehmenden Catten halten die Kaufmannschaft allerdinges für ein schädliches
Ding; welches nicht so viel fremde Waaren als schädliche Sitten einführte / und
die Gemüter mit Geitz und Betrug vergifftete. Ja ich kann versichern: dass unter
diesem Volcke ihrer viel sein / welche sich mit dem Zerstörer der Städte
Numantia und Cartago Scipio Emilius rühmen können: dass sie ihr Lebtage nichts
gekaufft noch verkaufft haben. Welches mir keine gemeine Glückseligkeit / ja das
handeln mit der Deutschen Aufrichtigkeit fast nicht verträglich zu sein
scheinet. Sintemahl der Käuffer und Verkäuffer gleichsam für eine Tugend und
Geschickligkeit / oder für eine Eigenschaft ihres Gewerbs halten / wenn dieser
seine Wahre zu teuer / jener sein Geld zu hoch anwehret / und einer den andern
vervorteilt; Gleich als wenn die Klugheit verpflichtet wäre der Gerechtigkeit
ein Bein unterzuschlagen. Denn es wird schwerlich mehr ein Quintus Scevola
gefunden / der für einen Acker seines Werts mehr gibt / als er ihm geboten
wird. Wiewol nun diese Mängel freilich nur Missbräuche der Handlung sind; so
lassen sie sich doch durch keine menschliche Vorsicht davon absondern. Daher
Anacharsis über dem zu Aten gemachten Gesetze / welches alle Lügen auf
öffentlichem Marckte auffs schärffste verbot / auch zu seiner Beobachtung
absondere Richter hatte / lachen musste; weil nirgends unverschämter / als auff
eben dem Marckte gelogen würde. Plato hätte zwar auch alle Schwüre /und das
Uberbieten der Waare / Aristonicus die ungleiche Verkauffung einerlei Dinges
verboten / aber beide Gesetze wären schier eher ab / als aufkommen. Nebst diesem
hätten die Catten wohl freilich einige absondere Bedencken hierbei. Denn der Adel
wäre bei ihnen so starck / als fast in keinem andern Lande. Daher wollte dieser
die Handlung keines Weges aufkommen lassen; entweder / weil er selbter als einem
verkleinerlichen Fürhaben gram ist / oder dem Pöfel grösseres Reichtum /
welches die Handlung zu wege bringt / den Glantz des Adels aber verdüstert /
missgönnet. Zeno versetzte: Ich weiss wohl: dass in den meisten Ländern nicht nur
die geringe Krämerei / sondern auch kostbare Stückhandlung den Adel anstincket;
da er sich doch beim Land-Leben mit schlechterem Kramern zu verunreinigen nicht
schämet. Ich erinnere mich auch: dass zu Rom anfangs den Rats-Herren einig
Gewerbe zu treiben unanständig / und zu Tebe Kaufleuten einig hohes Ampt zu
verwalten durch ein Gesetze verschrenckt war. Alleine die Herrschsücht- und
argwöhnischen Herrscher haben dieser herrlichen und nützlichen Nahrung eine so
schwartze Farbe angestrichen; wormit der Adel dardurch entweder nicht zu reich /
oder von Ubung der zu Verteidigung des Landes nötiger Waffen abgezogen würde;
so gar: dass bei etlichen Völckern das handeln schimpflich / Morden und Rauben
aber Adelich ist. Alleine an ihr selbst ist die Handlung ein unschätzbares Wesen
/ welches die Spann-Adern des Krieges / und den Uberfluss des Friedens
verschafft; kleine Länder mächtiger / als weit umschweiffige Reiche macht; also:
dass der grosse Alexander mit Bezwingung der Handel-Stadt Tyrus mehr / als mit
dem Persischen Reiche / Rom mit Cartago länger / als mit dem übrigen Teile der
Welt zu schaffen gehabt hat. Dieser zwei Städte Seele aber war die Handlung;
ihre Kaufleute Fürsten; und der Adel trieb daselbst sonder einige Besudelung
fast alleine das Gewerbe. Die Grichen hielten es eben so wenig für
verkleinerlich; und der vom Jason aus Colchis geholete güldene Wider deutete
nichts / als die Handlung / und das unter die Sternen gesetzte Schiff die
Fürtrefligkeit der Schiffart an. Endlich war auch Rom klüger / und Pompejus
schämte sich dessen nicht / woraus die Partischen Könige gleichsam ein
Handwerck machen. Malovend antwortete: Alle Dinge gleichen fast den gemahlten
Gläsern / welche so viel Farben zeigen / so viel mahl man die Stelle sie
anzuschauen ändert. Der Unterscheid der Herrschaft ist meines Bedünckens
hierbei nicht ausser Augen zu setzen. Deñ bei der Bürgerlichen scheinet die
Handlung dem Adel noch etlicher massen anständig zu sein; aber nicht bei der
Fürstlichen. Eines Volckes Sitten schicken sich auch besser darzu / als des
andern. Daher ich glaube: dass /wenn in der ganzen Welt der Adel handelte / der
Deutsche doch / ich weiss nicht / aus was für einer Abscheu / sich hierzu
schwerlich verstehen würde. Deswegen auch die Catten / als die Römischen
Kauf-Leute wieder getanes Verbot / entweder aus Begierde des Gewinns / oder auf
Anstifftung ihrer Vorsteher / im Cattischen Gebiete einen Marckt aufrichteten
/sie erschlugen / ihre Wahren aber ins Wasser warffen. Hierzu kam die Nachricht:
dass viel edle Catten zu Rom im Schau-Platze von wilden Tieren wären zerrissen
worden; und dass August in Hispanien todt kranck läge / dahin ihn die
auffstehenden Salassier /Cantabrer / und Asturier zu ziehen genötigt hätten.
Daher ein Teil der Catten ihrer Bluts-Freunde schmählichen Tod zu rächen in
Gallien einfiel / und alle nur zu ereilen mögliche Römer todt schlug. Dieser
Einfall brachte das Schrecken biss nach Rom; und ward Marcus Vinicius mit drei
Leigonen / und zwantzig tausend Hülffs-Völckern wieder sie geschicket. Die
Catten / ob sie zwar nicht halb so stark waren /hielten es doch für eine Schande
zu weichen / also kamen sie an dem Flusse Sara mit einander zu schlagen. Wiewol
nun die Catten mit dem Abende sich zurücke zohen; blieb auff Römischer Seiten
doch viel mehr Volcks auff dem Platze; gleichwol aber schätzte der Kayser diese
Schlacht so hoch: dass er dem Vinicius zu Rom ein Siegs-Gepränge anordnete; und
als dieser um nicht Liviens und Agrippens Neid zu erwecken solches anzunehmen
weigerte / weil der Niedrigern Ehren-Kräntze den Grössern nur Dornen in Augen
sind / liess der Kayser ihm auf den Alpen einen Marmelnen Sieges-Bogen
aufrichten; gab ihm auch die Freiheit alle ersten Tage des Jahres einen Krantz
und Siegs-Kleid zu tragen. Zeno fiel ein: Es ist dieses eine feine Art des
Rauches / welchen zwar gemeine Leute auch um nichts anwehren können / kluge
Fürsten aber teuer genung zu verkauffen wissen. Insonderheit aber hat August
sich auf diese Kaufmannschaft wohl verstanden. Also belohnet er des Agrippa
nach der bei Sicilien gewonnenen grossen See-Schlacht mit nichts mehr / als
einer blauen Fahne; sein dem Kayser zu Ehren gebautes Panteon / und des
Neptunus Lust-Gänge mit der Freiheit beim Kayser in denen ohne diss übrigen
Zimmern zu wohnen. Der grösten Könige Gesandten eignete er als eine grosse Würde
in dem Schau-Platze einen Sitz nach denen sechshundert Rats-Herren ein. Eines
der edelsten Geschlechter verehrte er mit der Freiheit ihm sein Geträncke
einzugiessen; ein anders unangemeldet in sein Zimmer zu kommen; das dritte ihm
das Rauchfass bei den Opffern; und etliche Asiatische Könige ihm den Steigereiff
zu halten. Welche Bländungen alle so viel mehr geschätzt wurden / weil er gegen
sich selbst in Ehrenbezeugungen sparsam war / und viel ihm vom Rate angetragene
Würden anzunehmen weigerte. Ja /sagte Malovend: Alles dieses tat der Kayser aus
gewisser Staats-Klugheit. Denn er schlug gleichwol nichts aus / was nicht etwan
leere Hülsen eiteler Ehre / sondern den Kern der Obmässigkeit in sich hielt. Den
Agrippa selbst setzte er endlich zum Steuer-Ruder des Reiches; weil er sich
nicht allentalben hin selbst traute; ja auch in den Rat niemahls ohne Pantzer
kam. Wiewol ich gestehe: dass Agrippa / und nebst ihm Mecenas sich um den Kayser
so hoch / als noch zur Zeit kein ander Staats-Rat um seinen Fürsten verdient /
und das Gewichte aller Vergeltung überwogen / also dieser von jenem dem Kayser
nicht weniger klug / als getreu eingeraten habe: Er müsse den Agrippa entweder
tödten oder zum Eydame machen. Wie es denn August zu seiner Verbindung nicht
genung hielt: dass er vorher mit seiner Schwester Tochter vermählt war / sondern
er musste diese verstossen /wormit er des Kaysers eigene Tochter Julia heiraten
konnte. Er verzuckerte den der Freiheit gewohnten Römern die neue Dienstbarkeit;
er setzte durch seine Siege des Kaysers Waffen in Ansehen bei den Bundgenossen /
und ging gleichwol mit denen Uberwundenen so um: dass der Welt die so sehr
gefürchtete Gewalt annehmlich ward. In Ratschlägen zeigte er eine durchtriebene
Scharffsichtigkeit / und einen feurigen Eyver in derselben Ausübung. Wo er des
Kaysers Zuneigung befördern sollte; sah er sein Absehen ihm in Augen an. Wo es
um sein Ansehen zu tun war /grieff er nichts ohne seinen Befehl an / wormit
nicht er / sondern der Kayser die Ehre davon trüge; wo ein zweiffelhafter
Ausschlag zu besorgen / nahm er die vermuteten Entschlüssungen des Kaysers auff
seine Achsel und Gefahr. Eben dieses wagte er / wie ihm August die Verwaltung
über ganz Gallien anvertraute. Denn wiewol der Kayser mit den Deutschen
anzubinden Lust hatte / stand er doch wegen des ungewissen Ausschlags an /
dieses gefährliche Feuer aufzurühren. Daher nahm es Agrippa auf sich; wormit
/wenn es missriete / ihm die Schande / wenn er aber seinen Zweck erreichte / dem
Kayser der Ruhm zuwüchse. Der ausser dem Narbonischen Gallien wohnende Adel /
und insonderheit die um die Römer so hoch verdienten Heduer nahmen es übel auf:
dass nur aus jenen / nicht aber aus ihnen einige zu Römischen Rats-Herren
erkieset wurden / und daher gaben sie dem vom Geld schmeltzenden Licinius ohne
diss ausgemergelten Volcke ins Geheim Anlass zum Auffstande; welches vorhin
überaus schwürig war: dass der Kayser so viel Römer in Gallien versetzte / denen
sie ohne Entgelt und Wiederrede ihr väterlich Erbteil abtreten mussten; da sie
doch sonst nichts verschuldet hatten / als dass sie fruchtbares Erdreich
besässen. Also mangelte ihnen nichts als ein Haupt den Römern die Stirne zu
bieten. Dieses fanden sie endlich an des Feldherrn Segimers Bruder / dem Fürsten
Ingviomer /einem jungen abgefundenen Herrn; welcher / um die Cheruskischen
Kräffte durch Teilung nicht zu schwächen / sich selbst seines väterlichen
Erbteils verzieh / und mit dem Degen sein Glücke zu suchen sich entschloss. Wie
er nun der Gallier Gemüter ausgeholet; kam er mit fünf hundert jungen
Edelleuten und etlichen tausend dort und dar zusammen gelesener Mannschaft in
Gallien; brachte von Heduern /Trevirern / Sequanern und Mediomatrichern unter
dem jungen Fürsten Divitiack ein ziemliches Heer zusammen / mit dem Vorsatze den
Galliern ihre Freiheit wieder zu erwerben. Agrippa hielt diss anfangs für eine
gewünschte Gelegenheit den Deutschen in die Haare zu kommen; er erfuhr aber
bald: dass noch etliche tausend Catten zu den Galliern gestossen / und also die
Feinde stärcker wären als die Römischen Kräfte in Gallien zu bestreiten
vermöchten. Daher musste er mit seinen dreien Legionen durch allerhand
Kriegs-Lift den Ingviomer aufhalten; biss er aus Hispanien und Italien mit noch
drei andern verstärckt ward. Worauff es denn bei der Stadt Divodur zu einer
blutigen Schlacht kam / in welcher Ingviomer die Hertzhaftigkeit eines Löwen /
und den Witz eines alten Feldhauptmanns für den Jahren derogestalt ausübte: dass
kein Teil sich des Sieges zu rühmen hatte; sondern iedes auf eine Tage-Reise
zurücke wiech. Agrippa schätzte dieses gleiche Gefechte gleichwol für einen
nicht geringen Verlust / nicht allein wegen seiner selbst / sondern auch der
Römischen Waffen /welche nunmehr in dem Ruffe waren: dass kein Volck ihnen zu
begegnen mehr mächtig wäre. Noch mehr aber ward er durch die Zeitung aus
Hispanien bekümmert: dass die vorhin überwundenen und verkaufften Cantabrer ihre
Römische Herren erwürget / sich nach Hause gewendet / und daselbst bereit
unterschiedene Festungen den Römern abgenommen hatten. Zu allem Glücke kam
Segestes der Chassuarier und Dulgibiner Hertzog / welcher in dem Kriege wieder
den Antonius dem Kayser grosse Dienste geleistet / auch deswegen von ihm das
Römische Bürger-Recht erlangt hatte /zum Agrippa / mit welchem er in Egypten
verträuliche Freundschaft gemacht. Durch diesen bewegte er Ingviomern durch
Einräumung eines Stücke Landes an der Mosel / und den Divitiak durch
Versprechung der Römischen Rats-Würde: dass sie mit Agrippen einen Vergleich
eingiengen. Ja Ingviomer zohe selbst mit Agrippen wieder die Cantabrer / für
welcher Nahmen die Römer gleichsam zitterten / hielt sich auch mit seinen
Deutschen so tapffer: dass die edlen Cantabrer sich aus Verzweiffelung mit Giffte
hinrichteten / die gemeinen sich ergaben und von denen Gebürgen ins flache Land
versätzt wurden. Zeno fieng an: Es ist diss eine harte Art / sich der
Uberwundenen zu versichern. Sintemal nichts empfindlichers sein kann / als sein
Vaterland mit dem Rücken ansehen / und das alte Volck auffhören zu sein. Daher
ich den Saguntinern und Cartaginensern nicht für übel habe: dass beide sich
lieber eingeäschert wissen / als jene auf Hannibals / diese auf der Römer Befehl
den alten Sitz / die heilige Behältnis ihrer Grossväterlichen Aschen verlassen
wollen. Malovend versetzte: Es ist diese Wanderung mehr schmertzhaft als
grausam; weil ieder Ort der Welt einem vernünftigen Menschen zum Vaterlande
dienet; und so viel Völcker freiwillig ihre ersten Wohnungen verlassen / die
Scyten in Parten /die Amyoler in Peloponnesus / die Atenienser in Asien / die
Phönicier in Africa / die Phrygen in Italien / die Celten in Hispanien / die
Deutschen in Grichenland und Galatien einen annehmlichern Himmel gesucht haben.
Uber diss ist es ja eine grosse Gütigkeit des Uberwinders / wenn er denen
Uberwundenen durch Veränderung ihres Sitzes weh tut / als seine durch das
Kriegs-Recht über sie erlangte Gewalt des Todes durch gäntzliche Vertilgung
ausübet. Zumahl wenn er sie nicht als Knechte / wie Dionysius es denen Camarinen
/ die Persen den Juden mitspielten /verteilt und untersteckt; sondern sie nur
an einem neuen Orte das alte Volck sein / und nach ihren alten Gesetzen leben
läst. Massen denn auf diese Art den Feinden gleichsam aus Vorteilhaftigkeit
des Ortes die Gelegenheit zu sündigen / und sich unglücklich zu machen benommen
ward; solches auch für ihm Pompejus mit denen unter dem Caucasus zu wandern
genötigten Colchiern / sonder einige übele Nachrede /nicht besser gemacht hat.
Ich zweiffele auch fast: dass August mit den Cantabrern so gelinde verfahren
hätte / wenn es nicht dem für sie bittenden Ingviomer zu Liebe geschehen wäre /
welchen der Kayser mit herrlichen Geschäncken empfieng / und ihn über seine
deutsche Leib-Wache setzte / der er auch mit grossem Ansehen fürstand / biss der
Kayser nach zweien Jahren mit Terentien in Gallien kam. Da ihn denn der gemeine
Wechsel des Hofes und des Glückes / welche beide sich ins gemein vorwerts weiss /
auf dem Rücken schwartz kleiden / aus des Kaysers zu seines Vaterlandes
rühmlichern Diensten brachte; weil er von Terentiens Reise ein wenig zu frei
geurteilet hatte. Denn Fürsten / welche auf ihrer Diener Fehler ein
Luchs-Gesichte haben / wollen: dass diese ihre mit Maulwurffs-Augen ansehen /
oder doch selbte wie die Flecken in der Sonne und dem Mohnden zu was besserm
machen sollen / als sie an sich selbst sind. So bald nun Ingviomer von des
Kaysers Unwillen Wind kriegte / und er wohl verstund: dass Fürsten dieselben nicht
gerne im Gesichte / welche durch blosses Anschauen ihnen ihre Gebrechen
verweisen / saan er für / solche Empfindligkeit ihm in eine Gnade zu verwandeln.
Sintemahl man nicht leicht mit iemanden / weniger mit Fürsten gar zerfallen
soll; weil zwar wenig einem helffen / alle aber / ja die schwachen Käfer dem
Adler schaden können. Diesemnach ersuchte Ingviomer den Kayser um seine
Erlassung; weil sein Bruder Segimer seiner bei denen innerlichen Unruhen
Deutschlandes benötigt wäre. Welche kluge Zuvorkommung er so wohl aufnahm: dass
er ihn nicht ohne kostbare Geschencke weg liess / und also bezeugte: dass seine
Gewalt zwar gross / sein Gemüt aber noch grösser wäre.
    Hertzog Ingviomer kam zu höchster Not wieder in sein Vaterland / welches in
eine ärgere Kriegs-Flamme / als iemahls versuncken war. Denn der Hertzog der
Hermundurer Britton war für etlichen Jahren verstorben / und hatte seinem Sohne
eben dieses Nahmens zugleich die zwischen dem Necker / Kocher und der Donau
gelegenen Hertzogtümer der Marckmänner und Sedusier verlassen; welche nach des
ohne Söhne verschwundenen Königs Ariovists Tode /Vermöge einer zwischen beiden
Fürstlichen Häusern aufgerichteten Erbverbrüderung dem alten Briton heimgefallen
/ und also mit der Hermundurer Ländern vereinbart worden waren. Diese Völcker
bezeugten sich für andern Deutschen überaus genaue Eyverer für ihre Freiheit zu
sein. Ihre Hertzoge dörffen ohne Verwilligung des Adels und des Volckes keinen
Krieg anfangen / keinen Frieden schlüssen / keine Bürde dem Volcke auflegen /
noch für sich allein in wichtigen Reichs-Geschäfften etwas entschlüssen.
Gleichwol aber entiengen sie dem Britton ihrem neuen Hertzoge aus einer
besondern Zuneigung anfangs mehr / als seinen Vorfahren; also: dass sie ihm auch
nach seiner Willkühr zu heiraten erlaubten; da das Volck voriger Zeit seinen
Fürsten nach dem Vorteil des gemeinen Wesens ihre Gemahlinnen erkiesete; ja
etliche Marckmännische Edelleute für achtzig Jahren in der Fürstin Sartuda Armen
ihren Eh-Herrn erstachen / den sie wieder des Landes Willen geehlicht hatte /
sie auch kurtz hierauff den zu nehmen nötigten / der zum ersten den Degen auf
ihren vorigen Gemahl gezückt hatte. Also sind die Untertanen niemahls anders /
als gewaltsam zu herrschen / und der vorhin demütigste Pöfel die grausamsten
Gesetze fürzuschreiben gewohnet. Hertzog Britton vermählte sich mit des Königes
der Bastarnen Deldo Tochter /dessen Vater gleichen Nahmens vom Crassus erschlagen
worden war. Diese aber / als eine Ausländerin /ob schon die Bastarnen sich vom
Uhrsprung ebenfalls Deutsche rühmen / und weil sie der Druyden Gottesdienste
beipflichtete / dem Volcke / und insonderheit den Eubagen verhast; welche in
diesen Ländern noch die Oberhand hatten. Als er aber seiner Gemahlin gar etliche
zwantzig Druyden / und ihren öffentlichen Gottesdienst in der Stadt Calegia
verstattete / sich auch derer ie länger ie mehr in sein Gebiete spielten /und
viel ihren zeiter vermummten Beifall öffentlich erkläreten; seuffzeten die
Stände / insonderheit die Marckmänner öffentlich nach der vorigen Alemännischen
Herrschaft / ob sie schon mit Ariovisten auch nicht allerdings waren zu Friede
gewest / kamen auch in den Argwohn: es müste Hertzog Britton im Hertzen selbst
den Druyden beipflichten; und nunmehr nach dem Beispiele des Cheruskischen
Fürsten Aembrichs der Barden und Eubagen Gottesdienst vertilgen wollen. Denn der
Verdacht in Glaubens-Sachen brauchet sich eines Schau-Glases / welches nicht
allein in andern Hertzen mehr zu sehen zeigt / als sie selbst gedencken /
sondern auch die Spinnweben vergrössert; dass sie für Ketten und Banden angesehen
werden. Daher machten die Marckmänner einen Auffstand wieder die Stadtalter des
Fürsten Britton /unter dem Scheine: dass sie ihnen in ihrem Gottesdienste etliche
aber gläubische Gebräuche der Hermundurer aufbürden wollten. Die andern Ursachen
aber waren: dass die Marckmänner voriger Zeit / ehe sie unter die Alemannische
und folgends die Hermundurische Botmässigkeit verfallen waren / eigene Hertzoge
gehabt hatten; nunmehr aber denen Hermundurern gehorsamen / und unter dieser
Nahmen versteckt gleichsam erleschen mussten. Jedoch wäre diese ihr gemeines
Wesen treffende Wunde noch verschmertzt worden / und das Feuer noch eine Weile
unter der Asche verborgen blieben / wenn nicht König Britton eine Untersuchung
verordnet hätte: Aus was für Recht einer oder der ander seine Güter besässe.
Sintemahl die in vorigem Kriege denen Druyden abgenommene Ländereien Vermöge
Landes-Schlusses dem Reichs-Vermögen einverleibt werden sollten / derer viel aber
der Adel entweder eigenmächtig an sich gezogen /oder die der alte Britton
etlichen auf Lebetage zu genüssen vergünstigt / als ihr Eigentum behalten
hatten. Wie er denn auch von einem Teile solcher Besitzer ein grosses erpreste
/ hiermit aber nichts minder den Adel / als Pöfel ihm aufsätzig machte. Denn der
Eigen-Nutz ist so ein fürnehmes Teil am Menschen /als Feuer und Wasser. Daher
er auch die dem gemeinen Wesen biss ans Hertz gehende Wunden so nicht fühlet /
als die blossen Anrührungen dieses seines Augapffels. Uber diss verstiess Britton
darinnen: dass das unwillige Volck durch Absonderung / wie die Bienen durch unter
sie geworffenen Staub zu trennen sind / er bei denen Hermundurern diesem Ubel zu
steuern einen Land-Tag ausschrieb. Denn die Land-Boten stärckten die Marckmänner
ins gemein in ihrem Vorhaben; und veranlasten das Volck sich wieder die
Kriegs-Steuer zu beschweren / welche Britton zwar ohne ihre Einwilligung / doch
aus hochdringender Not angelegt hatte / um die Gräntzen gegen die Semnoner zu
besetzen / welche ihm das Eigentum des Elbe-Stroms strittig machten. Wiewol nun
die Hermundurer ihrem Hertzoge wenig zu Willen waren /brachte er doch durch der
Bastarnischen Druyden /und insonderheit ihres Oberhaupts in Brittannien Vorschub
/ weil die Königin sie der freien Ubung ihres Gottesdienstes versicherte / wie
auch durch der meist den Druyden beipflichtenden Sedusier Hülffe ein Kriegs-Heer
auf die Beine / und schickte es für Vorkehrung anderer sicherer Mittel wieder
die Marckmänner; welche noch zur Zeit weder unter einander einig / noch so
vermessen gewest waren / sich öffentlich wieder ihren Fürsten auffzulehnen;
nunmehr aber durch die Not leicht unter einen Hut gebracht wurden / und den
scheinbarsten Vorwand bekamen / ihrer natürlichen Beschirmung halber die Waffen
zu ergreiffen. Vorher aber hatte Britton schon zwei Fehler begangen; einmal:
dass er die Rädelsführer / ohne die das Volck eine so gefährliche Schantze nie
gewagt haben würde / nicht bei den Köpffen genomen hatte; weil derogleichen
Empörungen wie die Flüsse / ie weiter sie lauffen / sich vergrössern; und die
anfängliche Furcht sich nach und nach in Kühnheit verwandelt; andern teils: er
seinen nicht allerdinges unschuldigen Stadtaltern allzuviel Recht gegeben; da
doch diese ihres Versehens halber billich; ja / wenn die gemeine Ruh durch diss
Feg-Opffer / wie das wütende Meer bestillt werden kann / auch zu Unrechte etwas
zu leiden schuldig sind. Sintemahl dieses durch die gemeine Wolfart reichlich
erstattet / auch beim Auffruhre / welcher in einem Lande eben diss / was der
Krebs in menschlichen Leibern ist / ein Glied zu Erhaltung des Leibes ohne
Unbarmhertzigkeit abgeschnitten wird. Uber diss entbot er nach ergriffenen Waffen
alle die / welche nicht zugleich für Aufrührer gehalten werden wollten / bei
Verlust ihrer Güter und Köpffe zu sich; da doch treue Diener ihrem Fürsten
keinen grössern Dienst tun können; als wenn sie sich selbst zu Häuptern oder
Werckzeugen der Auffrührer gebrauchen lassen; also nicht allein ihre Anschläge
entdecken; sondern die Abtrinnigen auch leicht wieder zu rechte bringen können.
Zu diesen Fehlern kam noch die Untreue des Hermundurischen Feldhauptmannes
Monatil / welcher denen Marckmännern keinen Abbruch tat / wie er wohl Kräffte
und Gelegenheit genung hatte / sondern mit ihnen einen Frieden schloss / welcher
denen Aufrührern zwar ihre Verbrechen liess ungenossen ausgehen / dem Fürsten
aber keinen Vorteil noch Sicherheit brachte; sondern vielmehr ihm die Waffen
unvermerckt aus den Händen wand; wormit sie hernach desto freier sündigen
konten. Denn sie verstiessen bald hierauf die Priester aus dem gemeinen Rate /
welche doch von undencklicher Zeit die erste Stimme noch für den Fürsten gehabt
/darinnen das Reden und Stillschweigen verfüget / und die Fehler verwiesen
hatten. Sie beschlossen auch: dass bei ihnen niemand anders / als ein Marckmann
von Geburt und Geblüte einiges Ampt zu verwalten fähig sein sollte / also dem
Fürsten Britton fast alle Gelegenheit einige treue und vertraute Leute
einzusetzen entzogen ward. Inzwischen blieben auch die Hermundurer wieder das
alte Herkommen und den Willen ihres Fürsten auf ihrem Land-Tage Jahr und Tag
beisamen; uñ an statt: dass Herzog Britton durch sie die Marckmäñer zu demütigen
vermeinte; sonderlich /weil die Sebusier gegen versprochene Wiedererstattung
aller Güter / die zu seiner Vor-Eltern Zeit denen Druyden und ihrem Anhange
waren abgenommen worden / ihm eine ansehnliche Kriegs-Hülffe gewilligt hatten /
lernten sie von jenen auch die Banden des Gehorsams zerreissen; in dem einige
öffentlich zu sagen nicht scheuten: die alten Hermundurer hätten nichts minder /
als andere Deutschen ihre Fürsten aus dem Kerne des Adels / ihre Heerführer aus
denen erfahrnen Kriegsleuten erwehlet; jene hätten das Volck nicht nach Willkühr
/ sondern durch vernünftige Anleitung / diese das Heer durch ihr Beispiel zur
Folge bewegt.
    Inzwischen brachen die Marckmänner in der Hermundurer Gebiete ein / trieben
das zu Besätzung der Gräntzen verlegte Kriegsvolck über den Kocher; unterhielten
aber gleichwol den Hertzog mit demütigen Bittschrifften und
Friedens-Vorschlägen; und erlangten einen Stillestand der Waffen / wiewol ihr
Kriegs-Heer aus des Hertzogs Gefällen verpflegt werden musste. Dieser suchte die
Hermundurer nochmahls um Beistand an / aber sie verschoben selbten durch den
Vorwand: dass vorher der Marckmänner Beschwerden untersucht / und ihren eigenen
abgeholffen werden müste; ja der Rat drang auch auf die Verhaft der zwei
treusten Staats-Räte des Brittons / den einen anklagende: dass er die Eubagen
bei den Sebusiern ermorden / zwei der fürnehmsten auch / welche von der
Hertzogin üppigen Sitten stachlicht geredet / nach Abschneidung der Nasen ewig
verweisen lassen; den andern / als er mit dem Oberhaupte der Druyden um eine
hohe jährliche Besoldung heimliches Abkommen getroffen hätte. Sie wurden auch
als Verräter des Vaterlandes / welche die Grund-Gesetze über einen Hauffen zu
werffen angezielet / und das Gemüte des Fürsten wieder seine treue Untertanen
vergället hätten / angeklagt / beide zum Tode verdammt / ja Hertzog Britton
selbst das Blut-Urtel zu unterzeichnen genötigt. Denn ob er wohl durch seinen
eigenen Sohn den Rat um das Todes-Urtel in ewige Gefängnis zu verwandeln
ansuchte / ward doch jenes vollstreckt / und beiden der Kopff / mit diesem aber
dem Fürsten gleichsam seine rechte Hand und die Hertzogliche Gewalt
abgeschlagen. Den Marckmännern ward all ihr Begehren / ja auch die Befriedigung
ihres Kriegs-Volckes von dem Rate der Hermundurer gewilligt / welche ihnen
selbst nur darum wehe taten: wormit ihr Fürst unrecht bliebe / und seine
Untertanen gehorsamen müsten. Also wenn ein Fürst seinen Untertanen schon
verlaubet den Saum seiner Hoheit und Gewalt anzurühren / reissen sie ihm den
Purper gar von dem Halse. Weil das Volck / welches schon einmal die Süssigkeit
nach eigner Willkühr zu leben geschmecket / also fort auch nach dem Herrschen
lüstern / und zu Gehorsamen ungeschickt wird. Dahero ich mehr für ein
tieffsinniges Lehrstücke / als eine Hoffart der Persischen Könige halte: dass bei
Lebens-Straffe kein Mensch das so genennte güldene Wasser kosten darff / welches
aus denen siebentzig nur für den König und seinen ältesten Sohn gewiedmeten
Brunnen geschöpfft ward; wie auch: dass der König bei der Taffel einen Vorhang
für sich hat: dass er zwar die Gäste /kein Gast aber ihn sehen kann. Insonderheit
aber muss ein Fürst über seinen treuen Dienern die Hand halten /und sich nicht
durch ihre Seite verwunden lassen. Denn ob er zwar jene für das gemeine Heil als
ein Versohnungs-Opffer auch ohne Schuld auf die Schlacht-Banck liefern kann; wenn
nehmlich des Volckes Grimm auff sie / nicht auf den Fürsten zielet; so stürtzet
sich doch ein Fürst selbst in Grund / wenn er zwar sieht: dass es auff sein
Haupt selbst gemüntzt sei; gleichwol aber sich durch Abschneidung seiner Glieder
verstimmeln / und mit Untergrabung seiner Pfeiler seinen Stul selbst mit zu
Bodem reissen läst. Sintemahl auch einem Zwerge nicht schwer fällt einen
starcken Eich-Baum auff den Bodem zu reissen / dem man vorher alle Wurtzeln
verschnitten hat. Zum wenigsten machet die Furchtsamkeit des Fürsten auch die
treuesten Diener verzagt: dass sie entweder den Mantel nach dem Winde hencken /
oder ihre Achseln der gefährlichen Herrschens-Last entziehen. Welches letztere
denn des Fürsten Britton meiste hohen Befehlhaber taten; als sie sahen: dass der
zwei höchsten Treue sie um den Hals gebracht hatte; und alle freie
Entschlüssungen nicht für einen Willen des frommen oder vielmehr alberen Fürsten
/ sondern für eine Erfindung der Staats-Räte angenommen ward. Die Stände masten
sich nunmehr selbst an / die vornehmsten Reichs-Aempter zu besetzen / und ihrem
Oberhaupte zu gebieten. Hierüber machten die Sebusier /welche noch grossen
Teils den Druyden beipflichteten / unter dem Vorwand des Hertzogs beleidigte
Hoheit und ihre in Gefahr gesetzte Gewissens-Freiheit zu verteidigen / einen
Auffstand / und wüteten mit unmenschlicher Grausamkeit wieder die Eubagen.
Wiewol nun Britton sie für Aufrührer erklärte / und selbte zu unterdrücken alle
Kräfften hervor suchte; wohl wissende: dass die Sedusier sich gar von Hermundurern
abzutrennen / und zu den Buriern zu schlagen im Schilde führten; so war jenen
doch der Verdacht nicht auszureden: dass er mit den Sedusiern unter einer Decke
läge. Einige der Land-Boten unterwunden sich hierbei den Pöfel zu erregen: dass
er für Hertzog Brittons Schloss nicht ihn und seine geheimen Räte die
abscheulichsten Schmähungen ausstiess / in der Reichs-Versamlung aber
auffzuwerffen: Ob es nicht ratsam wäre dem Fürsten die Ober-Anstalt zum Kriege
zu entziehen / und ihm selbst andere Räte an die Seite zu setzen. Brittons
Gedult konnte diese Frevel-Tat nicht länger verdeien; befahl also die
Rädelsführer feste zu machen / verfügte sich selbst in die Reichsversamlung /
beklagte sich über diese Beleidiger seiner Hoheit / und begehrte ihre verdiente
Bestraffung. Diese aber nahmen diss für eine Verletzung ihrer Freiheit auff / die
Beklagten unter ihren Schirm / das verhandene Krieges-Volck unter ihre Pflicht
/und das Schloss zu Calegia in ihre Gewahrsam; die wieder obige Auffrührer
geschickte Wache in Hafft; also: dass Hertzog Britton mit seiner Gemahlin und
zweien Söhnen sich für andräuender Gewalt von Calegia in das Gebürge Gabreta
wegzuflüchten gezwungen ward.
    Inzwischen warffen sie die der Hertzogin erlaubte Druyden in Kercker / ihnen
/ wiewol nicht gar sonder Grund / beimässende: dass sie ihren Hertzog mit grossen
Versprechungen zu Annehmung ihres Gottesdienstes zu bereden getrachtet hätten.
Der Reichs-Rat schickte dem Britton gleichwol nach / und forderten in einer so
benahmten Bittschrifft das Kriegs-Heer und den jungen Fürsten Jubil zu ihrer
eigenen Aufsicht; und als diss Britton abschlug / nahmen sie eigene
Kriegs-Häupter auf / führten ein Heer zusammen / besetzten etliche Festungen mit
ihrem eigenen Volcke / schlossen selbte dem Herzoge für den Augen zu / erklärten
seine Gewalt dem Reichs-Rate unterwürffig zu sein; und dass er zwar nichts ohne
sie / sie aber alles ohne ihn kräfftig schlüssen und urteilen könten; hiermit
augenscheinlich bezeugende: dass das einmal jährende Geblüte des Volckes durch
keine gelinde Artznei zu stillen sei; des Pöfels Entschlüssungen aber weder Maass
noch Ziel haben. Hiermit kam es zu einem öffentlichen Kriege / in welchem iedes
Teil des andern Feld-Hauptleute für Verräter verdammte / und durch solche
hitzige Ubereilungen die Wege zu gemeiner Ruh wieder zu kommen gleichsam gar
verschrenckte / Britton aber öffentlich verkündigen liess: dass er nichts wieder
den Reichs-Rat noch sein Volck / sondern nur wieder die Uhrheber dieser Unruh
zu Beschirmung seiner Hoheit / ihrer Freiheit und Glaubens die Waffen ergrieffen
hätte: der Reichs-Rat hingegen: dass ihre Rüstung für ihren Fürsten /wieder die
/ welche sich seiner Gewalt missbrauchten /und die Erhaltung des Vaterlandes
angesehen wäre. Also hat sich niemahls kein so unrechter Krieg entsponnen /
dessen Ursache nicht durch einen scheinbaren Vorwand überfirnset worden. Beide
Kriegs-Heere kamen gegen einander ins Feld / und ob wohl einige dem Hertzog
Britton rieten: Er sollte durch allerhand Verzögerungen den Feind müde / die
Reichs-Glieder zwistig / die Heerführer verdächtig / das leidende Volck
ungedultig machen; weil dieses die beste Krieges-Kunst wäre / welche Fürsten
wieder kriegende Stände ausüben könten; traute er doch zu viel seiner gerechten
Sache / und seiner Kriegs-Macht; also kam es zu einer blutigen Schlacht / in
welchem nicht der Sieg / sondern die Macht das Ende machte. Jedoch schlug ein
Fürst der Narisker Patalin Hertzog Brittons Vetter die Reuterei des Reichs-Rats
im lincken Flügel in die Flucht; und hätte er nicht den Feind allzu eiffrig
verfolgt / wäre Britton vermutlich diesen Tag nicht allein Meister im Felde /
sondern auch ein völliger Uberwinder seiner Feinde bliebe. Alleine so büste er
seinen Feld-Hauptmann / und eine ziemliche Anzahl des Adels ein / welche alle
wie Löwen fochten; also dass ob wohl auff der feindlichen Seite etliche tausend
Mann mehr blieben / es dennoch das Ansehen gewann: als hätte Britton gegen
Erbsen Perlen aufgesetzt. Gleichwol bemächtigte er sich etlicher Städte /und
erschreckte durch seine Näherung gegen die Stadt Calegia seinen Feind dermassen:
dass sie demütiger als iemahls an ihn schrieben / und Friedens-Vorschläge
täten. Aber hiermit meinten sie den Britton nur einzuschläffen. Denn er hatte
sich kaum alles gutes erboten; als der Feind mit einem verstärckten Heere auf
ihn andrang. Den grösten Fehler aber begieng Britton darinnen: dass ob er zwar
bei sich einen eigenen Reichs-Rat äuffrichtete / auch viel Glieder aus dem zu
Calegia sich zu ihm schlugen / dennoch diesen letztern für den rechten
Reich-Rat nicht nur in der Tat / weil er mit selbtem Frieden behandelte
/sondern auch endlich durch eine ausdrückliche Erklärung erkennte / weil er
anderer Gestalt mit dem Fürsten Britton nichts abhandeln wollte. Gleichwol
vergrösserte sich Hertzog Britton auch / und ereignete sich / wiewol ohne einen
Haupt-Streich / allerhand abwechselnde Treffen / worinnen aber Britton / und
sonderlich Fürst Patalin meistenteils den Vorteil erhielten. Der Stände
Feldhauptmañ Sekkes aber in grossen Verdacht der Untreue fiel / und ihm zwei
andere Kriegs-Auffseher Lerwall und Facksariff an die Seite gesetzt wurden. Weil
der Pöfel gewohnt ist Ratschläge nicht nach ihrer Güte / sondern nach dem
Ausschlage zu mässen / und Zufälle in eine Schuld oder Bosheit der Obrigkeit zu
verwandeln. Unterdessen masste sich der Reichs-Rat eines Oberherrschaftlichen
Sieges an / zerbrach die Hertzoglichen Zierraten; er büste aber hierauff drei
grosse Feld-Schlachten ein; und gewann Britton das gröste Teil seines Landes
durch Hülffe der Sedusier wieder; ja die meisten Glieder des Reichs-Rats
enteusserten sich des Bundes wieder ihren Fürsten / und demütigten sich für
ihm. Daher die übrigen Aufrührer gezwungen wurden sich mit den Marckmännern
durch einen vorteilhaftigen Bund auffs neue zu verknüpffen; welcher ihnen auch
mit einem mächtigen Heere zu Hülffe erschienen. Das Kriegs Spiel wechselte
hierauff seltzamer Weise ab; und das Glücke kehrte bald einem bald dem andern
das Antlitz oder die Fersen. Alleine kurtz hierauff schien es den Hertzog
Britton wieder auff den Stul seiner ersten Hoheit und Glückseligkeit zu setzen /
in dem er anfangs den Lerwall / hernach den Feld-Hauptmann Sekkes nach
verächtlich ausgeschlagenem Friedens-Vergleiche auffs Haupt schlug. Alleine
Britton übte gegen das gefangene Heer durch Freilassung aller derer / die ihm
nicht gutwillig dienen wollten / eine übermässige Güte / gegen sich selbst aber
eine unverantwortliche Grausamkeit aus. Denn wie es erbärmlich ist / weñ man in
einem Reiche nichts ohne Gefahr tun kann; also ist nichts schädlichers / als wo
ieder ohne Furcht der Straffe tun mag / was er will. Es ist einem Fürsten
freilich zwar rühmlich Schuldige begnädigen / aber nicht wenn sie dem gemeinen
Wesen auffs neue schaden können / und ihre Unstraffbarkeit andere zur Missetat
verleitet. Denn in diesen Fällen muss man den Aufrührern wo nicht die Köpfe /
doch die Hände / und damit das Vermögen schädlich zu sein / abschneiden. Alleine
Britton brauchte sich eines ganz andern Masses / so gar: dass er auch nicht zu
rechter Zeit dräuen konnte. Sintemahl er nach erlangtem Siege auffs beweglichste
an den Reichs-Rat schrieb: Sein Kriegs-Glücke wäre viel zu ohnmächtig ihn
wieder seine Beleidiger zur Rache zu reitzen / weil sein Vater-Hertze ihn fort
für fort zur Erbarmnis über sein Volck reizte. Sie hingegen hätten nun eine
Weile mit ihrer Pflicht und dem Verhängnisse gerungen / beides aber hätte ihnen
zeiter ein Bein untergeschlagen / und sie dahin bracht: dass sie Mangel an
Kräfften / und einen Uberfluss an Wehklagen eingeerndtet hätten. Also sollten sie
nunmehr die Hand nicht von dem Sieger zurück ziehen / der ihnen den
Friedens-Oelzweig selbst zulangte; und da er könnte / sie nicht mit dem Schwerdte
bändigen wollte / um ihnen die Ehre freiwilligen Gehorsams / ihm aber den Ruhm;
dass seine Güte doch das Gewichte ihrer Schuld überwiege /nicht zu entziehen.
Alleine der Hass gegen diesen Fürsten war in denen hartnäckichten Völckern
derogestalt eingewurtzelt; oder ihre Einbildung: Britton könnte weder straffen
noch zornig sein / verhärtete sie: dass sie allen Vergleich ausschlugen;
sonderlich weil Britton nicht geraden Weges nach Calegia fortrückte /sondern mit
Einnehmung anderer geringern Örter sich auffhielt / und ins gemein mittelmässige
/ als die schädlichsten Entschlüssungen erkiesete; Da doch die Haupt-Städte das
Hertze eines Reiches sind; welche allen andern Teilen gleichsam Geist und Leben
geben. Daher wie ein Fürst sie nicht ohne eusserste Not verlassen soll; also
hat er alle Kräfften anzuspannen sich der Verlohrnen wieder zu bemächtigen; weil
oft in einer Stadt das ganze verlohrne Reich erhalten / oder mit ihr wieder
gewonnen worden. Sintemahl auch in belebten Dingen nach Uberwältigung des
Hauptes / die andern Glieder sich für sich selbst legen.
    Als der Hermundurer Zustand derogestalt ziemlich ins Gedrange bracht ward /
kam Marbod von Rom in sein Vaterland zu Hause. Dieser Marbod war eines
Marckmännischen Edelmannes / nehmlich des Flavius Sohn / welcher in dem Zuge des
Antonius wieder die Parten so grosse Heldentaten ausgeübt / und für der Römer
Wolfart sein Leben ritterlich auffgesetzt /vorher aber sich unter dem Ventidius
schon in so grosses Ansehen gesetzt hatte: dass ihm der Partische Fürst Moneses
zu Larissa / welche Stadt nebst Aretusa und Hierapolis ihm vom Antonius
geschenckt war /seine Tochter vermählte. Welche Freundschaft denn auch hernach
dem Antonius zu wege brachte: dass ihr Bruder Marius ein Partischer
Feld-Oberster durch seine treue Warnigungen denen Römern aus dem unzweiffelbaren
Untergange halff. Marbod war nur ein Kind von zwei Jahren / als sein Vater
Flavius blieb /ward also von seines Vaters Bruder mit seiner Mutter in
Deutschland geschickt / und in allerhand Kriegs-Ubungen erzogen. Wie er aber nur
sechzehn Jahr alt war / begab er sich unter der Catten Kriegs-Volck /welches
wieder den Vinicius in Gallien zoh. Die grosse Hitze der Jugend / und die
Begierde der Ehre verleitete ihn aber: dass er bei allzu eivriger Verfolgung der
Römischen Reuterei gefangen ward. Nach dem aber Vinicius erfuhr: dass er des so
hoch verdienten Flavius Sohn wäre / beschenckte er ihn mit einem Arabischen
Pferde / einer vergüldeten Rüstung / und schickte ihn dem deutschen
Feldhauptmanne zurück. Diese Woltat reizte den ruhmsichtigen Marbod: dass nach
geschlossenem deutschen Frieden er sich als ein freiwilliger in das Römische
Kriegs-Heer begab /welches Agrippa wieder die Cantabrer in Hispanien führte.
Daselbst zeigte er durch vielfältige tapffere und kluge Taten: dass der Apffel
nicht weit von seinem Stamme gefallen / er also ein würdiger Sohn des behertzten
Flavius wäre. Insonderheit erstieg er des Nachts eine Spitze des Medullischen
Gebürges / in welchem sich die Cantabrer verhauen / Agrippa sie aber mit einem
Graben funffzehn Meilen im Umkreisse beschlossen hatte; von welchem sie nicht
alleine mit dem Geschoss heftig beschädiget / sondern auch alle ihr Beginnen
übersehen werden konten. Dahero die Cantabrer auch nach diesem Verluste / worbei
einer ihrer zweien Häupter vom Marbod eigenhändig erlegt worden war / sich
alsofort selbst verzweiffelnde aufrieben; Agrippa aber den Marbod mit nach Rom
nahm / und ihn beim Kayser derogestalt einliebte: dass er ihm das Römische
Bürger-Recht verlieh / und auf dem Feier der Tugend und der Ehren / an welchem
er Agrippens zwei Söhne Cajus und Lucius zu Kindern annahm / in dem von dem
Marius nach dem Cimbrischen Siege der Tugend und Ehre gekautem Heiligtum / von
denen um des Marius Bild geflochtenen Lorber-Kräntzen einen los machte / selbten
dem Marbod auffsetzte / und ihn noch darzu mit dem Degen des damahls erlegten
König Bojorichs beschenckte; meldende: Er und sein Vater hätten sich um Rom so
sehr verdient: dass er billich dieses seines grossmütigen Landes-Mannes Degen
zurück bekäme. Er ward hierauf ein Hauptmann über die Deutsche Leib-Wache / und
musste wegen seiner Annehmligkeit täglich bei Hofe sein. Insonderheit aber stand
er mit dem Tiberius in verträulicher Freundschaft / weil er ihn in dem
Cantabrischen Kriege / darinnen er die erste Kriegs-Würde / als Oberster /
erlangte / aus augenscheinlicher Lebens-Gefahr errettet hatte. Bei dieser
Gemeinschaft geriet Marbod auch in Kundschaft mit des Kaysers Tochter Julia /
damahls des Agrippa Eh-Weibe. Diese entbrannte durch heftige Liebe gegen den
schönen und tapfferen Marbod derogestalt: dass als Agrippa einsmahls des Kaysers
Geburts-Tag in denen von ihm dem Neptunus zu Ehren gebauten Spatzier-Sälen
begieng / sie ihr Gelegenheit nahm den Marbod zu der Argonauten in Alabaster
künstlich gehauenen Geschichten zu führen; und mit mehrmahls entfärbtem Antlitze
ihn um sein Gutachten über der Bildung Jasons und Medeens zu befragen. Wie
dieser nun so wohl die Erfindung / als den Meissel des Bildhauers überaus lobte /
und meldete: dass er dieses Bild weit über die unvollkommene Medea des Timimachus
schätzte / welche Kayser Julius für achzig Talent gekaufft / und in der
gebährenden Venus Tempel gesetzt hätte; fieng sie an: Es ist wohl wahr: dass mein
sonst so bäuerischer Ehmann diese Medea von den Cyzizenern viel teuerer
erkaufft; Meine wenigste Sorge aber ist um diese todten Steine. Alleine was
urteilestu von der Liebe dieser schönen Fürstin? Marbod nahm zwar Juliens
Veränderung in ihrem feurigen Antlitze wahr / liess ihm aber ihr Absehen nicht
träumen; antwortete also: Er hielte sie für eine der treusten und heftigsten
dieser Welt; sonderlich / da sie den Glantz der väterlichen Krone und Zepters
ausser Augen gesetzt hätte / und einem unbekandten Ausländer über Klippen und
Wellen gefolget wäre. Julia zwang hierüber alle ihr Annehmligkeiten zusammen /
und fieng mit einem gleichsam zauberischen Liebreitze an: Glaube mir / Marbod /
wenn ich auch wüste: dass du mir eine Glauce an die Seite legen /oder mit mir
grimmiger als Jason handeln woltest; würde ich meines Vaters Kaysertum und
meines Ehmanns Glücke doch in Wind schlagen / und durch Flammen und Schnee dir
in dein raues Deutschland nachziehen. Marbod ward durch diese unvermutete
Erklärung nicht nur seiner Sprache / sondern gleichsam der Vernunft beraubet.
Weil aber Tiberius an einer / Terentia und Vipsania Agrippina des Tiberius
Ehfrau an der andern Ecke des Spatzierganges eintraten / ging Julia diesen /
Marbod aber jenem entgegen. Dieser konnte seine Gemüts-Veränderung derogestalt
nicht verdecken: dass Tiberius sie ihm nicht also gleich an Augen angesehen
hätte. Daher lenckte er alsofort in das nechste Blumenstücke des Gartens mit ihm
ab / und ersuchte ihn: Er möchte ihm die Ursache seiner Verstellung nicht
verschweigen. Marbod machte sie ihm anfangs zwar ganz fremde; hernach bediente
er sich eines andern Vorwands; aber der schlaue Tiberius wollte sich weder eines
noch das andere bereden lassen; sondern / als er wohl merckte: dass Marbod
schwerlich selbst mit einer so gefährlichen Eröfnung würde heraus wollen /
beschwur er ihn bei ihrer beider Freundschaft: dass / dafern er es erriete
/Marbod ihm die Warheit nicht verschweigen wollte. Als dieser es ihm in Meinung
der Unmögligkeit auff so seltzame Begebenheit zu kommen angelobte / fieng
Tiberius an: Die Liebe ist eine Schwäche der grösten Leute / und die Röte ihr
Verräter; daher mutmasse ich: es werde Julia dir was von ihrer Liebe entdecket
haben. Marbod stutzte über so schleuniger Auflösung seines Rätsels; und fragte:
gegen wem soll Julia verliebt sein: dass sie ihr Hertz für mir ausschütten sollte?
Tiberius versetzte: Gegen wem pflegen wir diss eher zu tun / als gegen den / der
sich desselbten schon bemächtigt hat? Sicherlich / Marbod / du trauest mir allzu
blöde Augen und eine allzu geringe Kentnüss Juliens zu / da du mir diese meine
Gedancken ausreden wilst. Wormit du aber so wohl meiner Verträuligkeit /als des
Grundes in dieser Sache vergewissert sein mögest; so glaube: dass ich auch für
dir auf diesem Kampff-Platze von Julien einen solchen Anfall überstanden; als
sie nach dem Marcellus verheiratet war; welcher sie doch mit mehren
Ergetzligkeiten unterhielt / als der ernste Agrippa. Uber diss ist Julia gewohnet
todte Bilder gleichsam zu Rednern für ihre Liebe zu machen. Deñ sie hat mir in
dem über des Pompejus Schau-Platze gebautem Heiligtum der Venus / bei
Beschauung der Gemählde so viel zugemutet; als die Venus iemahls dem Adonis
gewehret. Marbod / welcher ihm zwar für gesetzt hatte / dieses Geheimnüsses
Wissenschaft ihm allein vorzubehalten / um es weder fremdem Urtel nach Verrat
zu unterwerffen / ward durch diese Verträuligkeit verleitet dem Tiberius endlich
zu bekennen: dass Julia eine Zuneigung gegen ihm hätte blicken lassen. Denn die
Entdeckung eigener / ist der Schlüssel fremder Geheimnisse. Kurtz darauf begab
sich: dass der Kayser in Gallien reisete; da denn Julia / Tiberius und Marbod ihn
begleitende / bei Patavium des Geryons Wahrsagungs-Heiligtum besuchten / und in
dem Aponischen Brunnen mit dem güldenen Würffel spielten. Dieser heilsame Brunn
war durchsichtig wie ein Spiegel / unten mit Marmel gepflastert / und mit
vielfärbichten Steinen / darein allerhand Tiere eingelegt. Julia warff zum
ersten einen Wirffel / in welchem zwar anfangs eine sechs oben kam / aber er
wendete sich am Bodem um / kam auf einem See-Krebse zu liegen / und zeugete den
Hund / als den geringsten Wurff. Tiberius und Marbod warffen beide das beste /
nehmlich die Venus; jener Wirffel aber kam auff einer Schnecke / dieser auf
einer Syrene zu stehen. Der Priester des dreiköpfichten Geryons /oder der
dardurch abgebildeten dreifachen Zeit / weswegen sein aus Porphir gehauenes Bild
auch am Rücken Flügel / an den Füssen Renne-Schuh / in der Hand eine Sichel
hatte / legte die Würffe derogestalt aus: dass sich Juliens Glücks-Blat wenden /
und sie auff einem vom Meer umgebenen Eylande in Einsamkeit ihr Leben
beschlüssen / Tiberius langsam / Marbod zeitlich zu der höchsten Würde gelangen
/ mit diesem es aber am Ende auch schlecht ablauffen würde. Diese Wahrsagung
machte Julien für Liebe ganz blind: dass / wo sie nur einen Augenblick Zeit
hatte / dem Marbod anlag mit ihr in Deutschland zu fliehen. Weil nun Marbod sie
schlechter Dings durch eine abschlägliche Antwort zu erzürnen Bedencken trug /
sondern mit annehmlicher Bezeugung stets allerhand Schwerigkeiten machte /
schrieb sie ihm endlich einen Brieff / welcher umständlich berichtete: wie sie
zu ihrer Flucht alles bestellet / und seine bisherige Schwerigkeiten aus dem
Wege geräumet hätte. Diesen gab sie ihrer freigelassenen Phöbe dem Marbod zu
überbringen. Weil diese aber / als Juliens vertraute Kuplerin / den Innhalt und
Anschlag wohl wusste / aber in einen Freigelassenen der Vipsania verliebt war
/entdeckte sie ihm ihr ganzes Vorhaben / um ihn zur Nachfolge gleichfalls zu
bereden. Alleine seine Treue überwog dissmahl seine Liebe. Denn er eröffnete
alles der Vipsania / diese dem Tiberius / mit Andeutung: dass sie Juliens Untreue
und Marbods Undanck ihrem Vater Agrippa nicht verschweigen könnte. Weil nun
Tiberius Vipsanien das letztere nicht auszureden /noch den Marbod des
zugedachten Raubes entschütten konnte; eilte er zu ihm / eröffnete ihm
bevorstehende Gefahr; und wie sehr gleich Marbod seine Unschuld beteuerte / und
derogestalt durch die Flucht sich schuldig zu machen anstund; so beredete ihn
doch endlich Tiberius: dass er bei seinem zwar guten Gewissen / dissmahl dem
Glücke als einer Stieff-Mutter einen Schlag verzeihen / der dringenden Not und
der Zeit aus dem Wege treten müste; weil die Unschuld ein genungsamer Schild
wieder Verdacht und Eyversucht / niemahls aber in den Händen der Erzürnten
sicher wäre. Also musste Marbod nur Rom mit dem Rücken ansehen / wiewol Tiberius
durch seine Entfernung endlich Vipsanien bewegte: dass sie Juliens Anschlag
Agrippen verschwieg; welche sich hierüber kranck einlegte / und endlich ihre
verachtete Liebe gegen den Marbod / welchen sie vorsätzlich weggereiset zu sein
glaubte / in Gall und Gift verwandelte.
    Marbod kam derogestalt in sein Vaterland / als der Hermundurer und
Marckmänner Kriegs-Zustand gegen dem Hertzoge Britton ziemlich schlecht
beschaffen war. Alleine weil es der Marckmännische Adel für den höchsten Glantz
eines Geschlechtes hält / wenn ihrer viel aus selbtem den Degen wieder Fürsten
gezückt haben / wenn schon selbte hierüber den Hals unter das Beil des
Scharffrichters bücken müssen / über diss die Geryonische Weissagung ihm einen
Mut machte auff was hohes zu dencken; schlug er sich auff die Seite des
Volckes; und ward ein Oberster über zwei tausend Marckmänner. Facksariff rückte
hierauf mit einem verstärckten Heere für die Stadt Samulocen / und als der
Narisker Fürst Patalin solches entsetzen wollte / gerieten beide Heere in eine
blutige Feld-Schlacht / Facksariff mit allem Kriegs-Volcke in die Flucht; aber
Marbod hielt mit seinen zweitausend Marckmännern Stand; sonderlich als Patalin
abermals den lincken Flügel allzuweit verfolgte /und sein übriges Völck der
Hermundurer Geräte zu plündern anfieng. Dieses Beispiel des behertzten Marbods
/ welcher hierüber gleichsam Meister im Felde blieb / bewegte die Flüchtigen:
dass sie sich wieder erholeten / ihre Feinde angriffen / und über sie einen
Haupt-Sieg erhielten. Hierauff ging Samolucen / und alle Städte zwischen der
Donau und dem Mein über; Marbod aber ward für einen Erhalter der Freiheit
ausgeruffen. Sekkes schlug unter dem Hercinischen Gebürge mit dem Fürsten
Britton selbst nicht ohne Vorteil; gleichwol aber verliess er etliche Plätze /
die Britton besetzte. Worüber der Reichs-Rat den Sekkes aus geschöpftem
Verdachte: dass er es heimlich mit dem Fürsten hielte / seine
Feldhauptmannschaft niederzulegen zwange; hingegen Facksariff an seine Stelle /
und Marbod ihm an die Seite gesetzt ward. Diesemnach zohen beide Teile ihre
eusserste Kräfften zusammen. Britton ward von denen Sedusiern / derer Druyden
seine Gemahlin güldene Berge versprochen hatte / die Hermundurer aber von
Marckmäñern ansehnlich verstärcket. Hierauf rückten sie schwermütig zusammen;
gleich als wenn dieser einige Tag den Ausschlag der Sache geben sollte. Die
Kriegs-Häupter konten für Grimm ihre Völcker nicht einst zur Tapfferkeit
ermahnen; aber die Verbitterung reizte einen ieden schon zur Rache und
Blutstürtzung an. Der hitzige Streit gab ein Getöne von sich / als wenn Felsen
gegen Felsen rennten / und sich auf einander zerscheuterten. Der kühne Fürst
Patalin und sein Bruder Zomir fochten im rechten Flügel wie zwei grimmige
Tiger-Tiere / jener stiess dem Grafen Onetier / der des Reichs-Rats lincken
Flügel führte / einen Spiess durch das dicke Bein; dieser aber schmiess ihm eine
lange Hacke ins Gesichte: dass er zu Bodem fiel und gefangen ward; worüber der
lincke Flügel in offenbare Flucht geriet. Hertzog Britton setzte in der Mitte
dem Facksariff als ein grossmütiger Löwe so heftig zu: dass seine Glieder schon
hin und her zu wancken anfiengen. Dahero denn Facksariff einen Fähnrich /
welcher sich mit seinem Fahne umwendete / bei der Gurgel ergrieff / und herum
drehete / mit der Hand aber auf den Britton wiess / meldende: Hier ist der /
gegen den du dich wenden und fechten solst. Durch welche scharffe Ermahnung
eines einigen Kriegs-Mannes Facksariff eben so rühmlich / als Kayser Julius in
der Afrikanischen Schlacht wieder den Scipio / die Zagheit denen sämtlichen
Hauffen benahm / und die schon halb Uberwundenen überwinden lehrte. Gleichwol
wäre die Schlacht unzweiffelbar verloren gewest; wenn nicht Marbod mit seinem
rechten Brittons lincken Flügel zertrennet / und als ein Blitz allentalben
durchgedrungen / auch den Facksariff mit seiner Hülffe entsetzt hätte. Patalin
kam hierauff zwar zurücke /und brachte eine Weile Brittons Heer wieder zu
Stande; ja beide waren so abgemattet: dass sie / gleich als wenn sie mit einander
einen Stillestand abgeredet hätten / gegen einander stille hielten / und eine
gute Weile verbliesen / hernach aber ihre Grausamkeit so viel schärffer
erneuerten. Alleine das Verhängnis hatte beschlossen diesen Tag alle Vorsicht
und Tapferkeit des Fürstens Britton durch die Kühnheit und Hartnäckigkeit seiner
Untertanen in Staub zu legen. Dieser Fürst musste selbst die Tugend dieser
seiner Feinde rühmen / als welche mit ihrem Beispiele dem ganzen Heere
gleichsam ihre Hertzhaftigkeit einbliessen; nnd nach dem er sein Heer zu
erhalten alles vergebens versucht hatte / jenen das Feld und den Sieg enträumen;
ja nicht nur alles Fuss-Volck / seine Haupt-Fahne mit einem gekrönten Löwen und
Kriegs-Geräte / sondern alle heimliche Nachrichten im Stiche lassen. Welcher
letztere Verlust zugleich bei viel tausenden die noch gegen dem Britton glimende
Liebe der Hermundurer und Marckmänner vollends ausleschte; weil aus denen
überkommenen Nachrichten erhellete: dass Britton denen Sedusiern den Gottesdienst
der Druyden bestetiget; von denen Fürsten der Burier und Lygier fremde
Hülffs-Völcker bedungen; die Druyden diese Fürsten wieder den Reichs-Rat
beweglichst verhetzet; Brittons Gemahlin auch die gäntzliche Ausrottung des
Reichs-Rats eingeraten; hingegen Britton vorher deswegen seine Königin
hochbeteuerlich verredet / und unterschiedene allhier sich anders befindende
Dinge nicht nur dem Reichs-Rate / sondern seinem eigenen Heere fürgebildet
hatte. Wesswegen sie ihm öffentlich fürrückten: dass wer mit GOtt spielte / kein
Gewissen haben könnte Menschen hinters Licht zu führen. Wiewol es nun ihm auch
bei denen schlimsten Zufällen niemahls an Rat und Hertze mangelte; er auch bald
dar / bald dort kleine Kriegs-Heere zusammen raffte; schien doch aller Stern und
Glücke / welches der Apffel im Auge der Klugheit und die Hertz-Ader in der
Tapferkeit ist / verschwunden zu sein / und eine Niederlage der andern die Hand
zu bieten. Marbod nahm gleichsam spielende die festesten Örter / und Facksariff
die fast unüberwindliche Stadt Brigobanna ein / ungeachtet Fürst Patalin solche
selbst verteidigte / und wegen der Ubergabe beim Britton in nicht geringen
Verdacht fiel. Worüber dieser Fürst und sein Bruder nebst vielen andern tapfern
Kriegs-Leuten unwillig waren / so wohl den Britton / als seine Länder verliessen;
und durch ihr Beispiel erhärteten / wie schwer es sei einem leicht argwöhnischen
Fürsten zu dienen; besonders bei unglücklichen Läufften; da selbter nach Art der
Krancken auch für denen besten Speisen Eckel kriegt. Ja Britton verlohr in drei
Monaten mehr / als er in drei Jahren gewonnen hatte. Denn ob wohl der Ritter
Rosenberg bei den Marckmännern unterschiedene Siege für ihn erhielt / schien
doch das Glücke ihn nur zu äffen. Denn das Blat wendete sich bald wieder; und
Britton selbst entkam mit genauer Not in das Nariskische Gebürge. Ja endlich
ward er ganz wehrloss / und in einem Schloss belägert / aber durch etliche
Marckmänner verleitet: dass er verkleidet in Knechtischer Tracht mit
abgeschnittenen Haaren sich zu dem Marckmännischen Kriegs-Heere flüchtete /und
von dar seinen Kriegs-Obersten Befehl zuschickte: dass sie die noch übrigen
Festungen dem Reichs-Rate abtreten sollten. Mit welchen denn auch das
Hertzogliche Schwerdt / das Siegel und andere Kleinodien in ihre Hände kamen /
und schimpflich zerbrochen wurden. Denn so bald ein Fürst dem Volcke seine
Schwäche des Gemütes zeigt / gibt er ihm Gewalt ihn zu beschimpffen. Britton
hatte zwar gemeint / bei den Marckmännern sichere Schutz-Flügel zu finden; er
erblickte aber zeitlich ihre Klauen. Denn wie diese ihn bald anfangs nicht viel
besser als einen Gefangenen hielten; also deuteten die Hermundurer seine Flucht
zu ihrer Verkleinerung aus / und um diese Schmach zu rächen / brachten sie
teils mit Geschencken / teils mit Dräuungen Brittons Ausfolgung zu wege / und
ihren Fürsten ins Gefängnis. Bei welcher seltzamen Veränderung unschwer zu
ermessen ist; was für Bitterkeit dieser grosse Fürst aus so herben Trachten des
Glückes zur Nahrung müsse an sich gezogen haben. Denn Fürstliche Gemüter sind
eben so wenig / als andere aus unempfindlichem Kieselsteine; ja weil sie von
Geburt viel zärter / und ins gemein des Elendes ungewohnter sind / ist unschwer
zu ermessen: dass solche Gallen-Träncke ihnen eine unverdeuliche Speise sein
müssen.
    Marbod hatte durch diesen Krieg nunmehr einen Uberfluss von Ruhm / und eines
seiner Absehn /nehmlich die Entwaffnung des so mächtigen Fürsten erreichet.
Allein es lagen ihm noch zwei schwere Steine auff dem Hertzen. Denn weil der
Ehrgeitz sich auch mit demselben erlangten Würden-Masse nicht ersättigt / welches
er doch nur anfangs in seinem höchst unverschämten Wunsche angezielet hatte;
insonderheit aber neben sich keinen seines gleichen / und über sich keinen
höhern vertragen kann; so saan Marbod Tag und Nacht den Feld-Hauptmann Facksariff
aus dem Sattel zu heben / und zu verhindern: dass Britton nicht alles / was ihm
der Reichs-Rat fürmahlte / unterschrieb / und er hierdurch wo nicht die Gewalt
/doch den Schatten eines Fürsten erlangte; auf welches Facksariff zu zielen
schien / wormit er im Wercke das Hefft in Händen behalten möchte. Welches dem
Facksariff so viel leichter vorkam / weil Fürst Patalin dem Hertzoge Britton
ohne diss für längst geraten hatte: Er sollte alles / was nur sein Volck
verlangte /wie unrecht und schimpflich es auch schiene / auf eine Zeit eingehen.
Denn hartnäckichte Gemüter würden so wenig / als kollernde Pferde durch einen
Zaum und starckes Anhalten gebändigt / sondern man müste beiden den Zügel
schüssen lassen. Und ein Feind /der einem zu mächtig wäre / müste durch Ruh und
Friede entkräfftet / sein Kriegs-Volck durch Müssiggang und Wollüste verzärtelt /
die Widerspenstigen durch Geschencke und Beförderung auff seine Seite; die
Verführten durch die beste Lehrmeisterin die Zeit zu rechte gebracht / denen
Bundgenossen sich selbst zu zancken Lufft gemacht / und ihnen die Süssigkeit
einer Fürstlichen Herrschaft gegen die Drangsal vieler Oberherren gezeuget
werden. Das gemeine Volck müste man seine Hefftigkeit ausdampffen / und ihre
erste Hitze abkühlen lassen. Denn es wäre wie die Hirnssen beschaffen / welche
mit ihrem ersten Stiche zugleich den Stachel einbüsten. Es wäre so leichtsinnig
seinen Vorgänger zu verlassen / als seinem Verleiter vorher zu folgen. Es
bewegte sich von einem Atem wie das Meer von einem kleinen Lüfftlein; und
erstecke die / welche sich ihm vertrauten. Also hätte August den mächtigen
Seeheld Sextus Pompejus durch einen scheinbaren Frieden geschwächet: dass er kaum
auf einem Nachen entkommen; Agatocles und Antigonus aber ihre Königliche Gewalt
dardurch behauptet; da sie Kron und Zepter dem aufrührischen Volcke für die
Füsse geworffen.
    Marbod hatte gleichwol seinen endlichen Zweck zu erlangen einen ziemlichen
Grundstein gelegt / in dem er sich durch Freigebigkeit und Beförderung der
Wolverdienten bei dem Heere / durch fürgebildete Einführung aber einer
Bürgerlichen Herrschaft bei dem ganzen Volcke überaus beliebt gemacht. Denn
Geschencke und Freiheit sind die zwei Klammern / welche die Kronen auch auf
eines Wütterichs Haupte befestigen. Keine andere Tugend eines Fürsten ist allen
Untertanen beliebt. Denn die Rachgierigen wünschen einen grausamen / die
Wollüstigen einen üppigen / die Ehrgeitzigen einen albern / die Boshaften einen
ungerechten Fürsten. Allen diesen aber gefällt ein Woltätiger. Ja die
Freigebigkeit macht alles Tun eines Fürsten reiff / das böse gut / das gute
besser. Sie entschuldiget alle Fehler im Leben / und bereichert auch den Tod mit
Tränen der Untertanen. Mit dieser Angel hatte Marbod schon die meisten
Gemüter gefangen / als sich ihm die Gelegenheit das Hefft alleine zu behalten
in die Hand spielte. Denn der Reichs-Rat sah vernünftig: dass er nunmehr
allererst sich für dem grösten Feinde fürzusehen hätte /da kein Feind zu
bekämpffen mehr verhanden war. Denn weil das Kriegs-Volck zwar den Sieg / nicht
aber den Frieden gerne hat / machet es ihm auch gegen seine Freunde was zu tun.
Daher beschloss der Rat ein Teil desselbten abzudancken / und dardurch so wohl
das Volck der Verpflegung / als sich der Sorgen zu entbürden; vorher aber selbte
zu zerteilen. Also ergieng ein Befehl: dass die Helffte wieder die aufrührischen
Sedusier ziehen sollten. Marbod liess durch seine Vertrauten diss nicht allein
dahin deuten: dass man für ihre treue Dienste und den rückständigen Sold sie
ausser Landes auf die Schlachtbanck lieffern wollte / sondern auch ausstreuen: es
sollten die Kriegs-Völcker untergesteckt / die Befehlhaber abgedanckt werden.
Hierüber kam das Kriegs-Volck mit vielem Wehklagen an Marbod; Sintemahl es
selbtem weher tut von den Seinigen verächtlich gehalten / als vom Feinde
überwunden werden. Marbod machte ihm des Reichs-Rats Vorhaben zwar fremde;
vorgebende: Er könnte selbtem so grausamen Undanck nicht zutrauen: dass sie so wohl
verdiente Kriegs-Leute / welche die Merckmahle ihrer Tapfferkeit mit so viel
Narben zeigeten / derogestalt beleidigen sollte; er bliess aber unter der Hand das
Feuer so weit auf: dass das ganze Heer sich verschwor / sich nicht trennen /
noch ausser Landes schleppen zu lassen; sondern es drang vielmehr auf
Befriedigung; und erinnerte den Rat nunmehr des Volckes Glauben und Freiheit zu
befestigen. Der Reichs-Rat hielt dieses Beginnen für eine Kühnheit weniger
unruhigen Köpffe; sonderlich / weil Facksariff und etliche andere Häupter nichts
hierum wissen wollten; erklärte sie daher für Verräter. Welches das Kriegs-Volck
so verbitterte: dass sie geraden Weges nach Calegia rücken und Rache üben wollte.
Marbod zohe hiermit die Larve vom Antlitz / pflichtete dem Bündnisse des
Kriegs-Volckes bei; iedoch besänftigte er ein wenig ihre allzuwilde
Entschlüssung; Hingegen brachte er den Fürsten Britton aus der Verwahrnüss des
Reichs-Rats in die Hände des Kriegs-Volckes; und endlich auch den Feldhauptmann
Facksariff auf seine Meinung; die Einwohner aber dahin: dass sie ihnen viel
tausend Beschwerden wieder unterschiedene Glieder des Rats einhändigten.
Hierauff rückte das Kriegs-Heer gegen Calegia zu / und begehrte obige Glieder
aus dem Rate zu stossen. Denn dieses ist das Meisterstücke aller verschmitzten
Aufrührer: dass sie nicht der Obrigkeit selbst / wenn sie es schon im Schilde
führen; sondern nur etlichen Gliedern oder Beampteten derselben die Stirne
bieten / da sie anders einen Beifall der Gemeine verlangen. Sintemahl dieses
nicht behertzigt: dass Irrtümern und Schwachheiten unterworffene Menschen in
Aemptern sitzen / und die Amptleute durch Auffruhr oder auch durch ihre
Verwechselung selten verbessert werden; ja die Häupter des Aufruhrs meist die
laster haftesten Leute sind / welche durch diese gifftige Artznei andern ab /
und ihnen in Sattel helffen wollen; wormit sie wie der Scorpion im Himmel dem
Lande so viel mehr Schaden anfügen können. Dahero selten ein Wütterich gestürtzt
worden; es haben die Werckzeuge hernach sich selbst um seinen Stab gezancket /
und einen Blutund aus gebrütet. Wenn nun aber die Aufrührer das Volck so weit
verleitet: dass sie ihren Fürsten ihm durch schwere Misshandlung unversöhnlich
gemacht; so greiffen sie ihm alsdenn selbst nach der Gurgel. Dieses erfolgte
auch bei dem Reichs-Rate der Hermundurer. Denn als gleich die beschuldigten
Glieder sich aus dem Staube machten; weil sie mehrmahls selbst im Rate gehört
hatten: Wie ein Mensch / der sich selbst zu erhalten im Gewissen verbunden ist /
nichts minder für einen Selbst-Mörder zu halten wäre / wenn er nicht das von dem
kalten Brande angesteckte Glied absegete; als der sich durch Hunger tödtet; also
verwahrlosete auch eine Obrigkeit / bei welcher das gemeine Heil das oberste
Gesetze wäre / das gemeine Wesen / wenn sie einen oder den andern darfür
abzuschlachten allzu barmhertzig wäre / nichts minder als die in einem Schiffe
lieber ins gesamt erhungerten / als einen einigen Menschen zur Speise
verbrauchten. Dennoch war das Kriegs-Heer mit dieser flüchtigen Unrate nicht
vergnügt; sondern ie mehr es sich von dem Rate gefürchtet / oder seinem
Begehren gewillfahret sah; ie höher spannte es den Bogen seiner Forderungen;
suchte der in der Stadt Calegia liegenden Besatzung ihre eigene Kriegs-Häupter
für zusetzen / und rückte endlich selbst darfür; also: dass der Reichs-Rat / um
zwischen dem Hertzoge Britton und dem Kriegs-Heere Argwohn und Zwytracht zu
stifften / Brittons andern Sohn Obiak zu seinem Haupte erklärte. Das Kriegs-Heer
aber lachte über diesem Kunst-Stücke / und lösete diesen Zweifels-Knoten mit der
Schärffe seiner Degen auf; brachte es also dahin: dass die Stadt dem Facksarif
selbst die Schlüssel entgegen brachte / und die Festung darbei einräumte. Also
zohe das ganze Heer mit Sieges-Zweigen in die Stadt / seine Häupter
vernichteten was der Rat eine zeitlang geschlossen hatte / erwehlten einen
ganz neuen Rat / und setzten viel Glieder des vorigen in Gefängnis / schätzten
die Bürgerschaft /und richteten alles nach ihrer Willkühr viel anders ein.
Hertzog Britton / dem das Kriegs-Heer anfangs in seine erste Höhe und Gewalt zu
setzen weiss gemacht / und der seine Kinder zur Hand geschafft hatte / ward
inzwischen von Facksarif und Marbod / welche beide von dem Fürstlichen Hause der
Hermundurer Väter des Reiches und Erlöser des Fürsten waren ausgestrichen worden
/ mit leerer Hoffnung eines Vergleiches gespeiset / seine getreue Diener ihm von
der Seite gerissen; und deswegen er von einigen Vertrauten gewarniget: dass er
sich gegen das Kriegs-Volck / als einem tauben und hartnäckichten Tiere /
nichts guts noch friedliches zu versehen hätte / sondern Facksariff und Marbod
nunmehr um seinen Kopff spielten. Daher er sich auf die Flucht in das
Hercinische Gebürge begab; aber von dem / bei dem er seine Sicherheit zu
erlangen verhofft hatte / selbst angehalten ward. Hierauf brach der neue Rat
und das Heer mit grausamen Beschuldigungen herfür / hinter welche man allererst
kommen wäre; nämlich: Britton hätte seinen Vater durch Gift hingerichtet; die
Barden und Eubagen von den Cheruskern nicht allein unterdrücken lassen / sondern
auch die Sedusier zu ihrer Vertilgung angestifftet. Daher wäre er weder der
Wiedereinsetzung und Fürstlichen Würde fähig / noch der Hermundurer Freiheit
mehr anständig einem einigen Menschen uñ seinen ungleichen Gemüts-Kranckheiten
sich zum Knechte zu machen. Deñ weil die Kriegs-Häupter ihm seine
Wiedereinsetzung so hoch beteuert hatten; Treu und Glauben brechen aber ein so
hessliches Laster ist / dessen sich auch Mörder und Diebe schämen / mussten sie
ihre Untreu mit solchen Beschwärtzungen entschuldigen. Wiewol nun dieser letzte
Schluss dem Volcke wie ein Donnerschlag durchs Hertze ging / in dem es ihm nie
hatte träumen lassen: dass der Vorwand der Freiheit auf die gäntzliche Ausrottung
der Fürstlichen Gewalt gemüntzt wäre / und deswegen die Hermundurer hin und
wieder die Waffen für ihren Hertzog er grieffen / war ihnen doch Marbod
allentalben / ehe sie sich vereinbarten / als ein geschwinder Falcke den
ohnmächtigen Tauben auf dem Halse; welche hernach meist als Verräter von dem
Scharffrichter abgetan wurden. Gleichwol aber stieg den Marckmännern die
gemeine Beschuldigung: Sie hätten ihres Fürsten Blut um Geld verkaufft / und
Brittons ihren Gesandten gegebene Antwort: dass er sich bei seinen Käuffern
wertgeschätzter hielte / als bei seinen Verkäuffern / derogestalt zu Hertzen:
dass sie unter dem Fürsten Namilot ein Kriegs-Heer von zwantzig tausend Mann für
den Hertzog Britton wieder die Hermundurer führten. Alleine Marbod / welcher
gleichsam das Glücke an einer Schnure führte /schlug sie nicht allein auffs
Haupt / sondern kriegte auch den Namilot gefangen; ja er drang biss in das
Hertze der Marckmänner / und zwang sie alles diss /was das Hermundurische
Kriegs-Heer und der neue Rat beschlossen hatte / zu belieben. Hiermit kam
Facksariff und Marbod mit Siegs Gepränge nach Calegia / und wiewol etliche von
Marbods Geschöpffen einrieten / um die Hertzogliche Gewalt zu begraben den
Fürsten Britton durch Gift hinzurichten / fiel doch endlich der Schluss
dahinaus: Man sollte wie wieder alle Verbrecher / also auch wieder den Herzog
selbst durch Urtel und Recht verfahren / und seinen mit der Mutter zu denen
Buriern geflüchteten Sohn Jubill bei Verlust seines Erbrechts für den
Reichs-Rat betagen. Der Blut-Rat ward alsofort besetzt /und zwar meist aus dem
Pöfel und von eitel solchen Leuten / die den Hertzog vorher auffs eusserste
beleidigt hatten / und ihm dannenher auch Spiñenfeind sein und sein Emporkomen
ärger als den Tod fürchten mussten. Wesswegen auch / oder weil niemand einer
Missetat und grausamen Missgeburt Mutter sein will / und die / welche ein Laster
am meisten eingerhürt / doch den Namen nicht haben wollen /sondern am ersten die
Hände waschen / Facksariff nicht zu bereden war: dass er bei dem Blutgerichte
eine Stelle bekleidet hätte. Seine Anklage bestand darinnen: dass er aus einem
mit gewissen Richtschnuren umschräncktem Fürsten / sich zu einem nach eigner
Begierden herrschendem Wütterich gemacht / den alten Gottesdienst / die Freiheit
und die Grundgesetze des Reiches zerstören wollen / wieder den Rat und das
Volck einen blutigen Krieg geführet / fremde Völcker ins Land beruffen / und
wieder die Eubagen die Sedusier zu Brand und Mord gereitzet hätte. Britton hörte
die Anklage mit unverändertem Gesichte /schützte aber vor: dass er als Haupt und
Fürst der Hermundurer keinen höhern unter der Soñen über sich; und seine
Untertanen nicht für seine Richter erkennte. Fürsten wären über alle Gesetze /
könten also nicht sündigen; da aber auch das Volck über ihr Oberhaupt / und die
Gewalt über seinen Kopf zu urteilen kein mit dem schuldigen Gehorsam
verträgliches Ding wäre / hätte nicht das hunderste / weniger das meiste Teil
feine Feinde zum Richter erkieset. Also würde durch diese Gewalt-Tat nicht nur
er / sondern die Freiheit des Volckes auch wieder die grausamsten Laster ihren
Unwillen zu bezeugen beleidiget; welches letztere doch den knechtischsten
Völckern unverschrenckt wäre. Alleine der Ober-Richter antwortete ihm: Ein Fürst
wäre wegen des Volckes /nicht ein Volck wegen des Fürsten; dieser könnte nicht
ohne jenes / aber jenes wohl ohne den Fürsten sein: und also wäre er zwar höher /
als ieder vom Volcke /aber nicht über alles Volck. Dannenher hätten Fürsten /
insonderheit in dem freien Deutschlande GOtt / das Gesetze und den Reichs-Rat
über sich; welcher das ganze Volck / wie der Fürst nur seinen Verwalter
fürstellte. Also hätten die Stadt-Vögte zu Rom / die Auffseher zu Sparta / der
obersten Vorsteher Tun untersucht und geurteilt. Ein Fürst bleibe so lange das
Haupt eines Volckes / so lange er dessen Schutz-Herr wäre. Er entsetzte sich
aber seiner Würde selbst / wenn er sich zum Wütterich machte; denn darmit höret
die Einwilligung des Volckes auff / welche allezeit diese Bedingung in sich
begrieffe. Nach dem nun Britton auff seiner keinem Richter unterwürffigen Hoheit
beruhete / und auff die Anklage sich nicht hauptsächlich einlassen wollte / ward
von dem obersten Richter / der bei des Hertzogs Abtritte ein blutrotes Kleid
angezogen hatte / wieder ihn zu einem denckwürdigen Beispiele der Nach-Welt des
Todes Urtel gefällt.
    Die Cheruskischen / Friesischen und Burier Gesandten / derer Fürsten sich in
diesen Innländischen Krieg teils wegen der zwischen den Catten und Cheruskern
entstandenen Unruh / teils aus Beisorge nicht mehr Oel ins Feuer zu giessen /
mit Fleiss nicht eingemischt hatten / mühten sich nunmehro das zeiter
unglaubliche Fürnehmen der Hermundurer wieder ihren Fürsten zu hintertreiben.
Sintemahl kein denen Fürsten schädlicheres Geheimnis iemahls aus Licht kommen
könnte; als dass ein Volck Macht habe über sein Oberhaupt ein Blutgerichte zu
hegen. Es erlangte hierauff der Cheruskische beim Facksariff / der Friesische
beim Marbod / und der Burische beim Ober-Richter wiewol mit schwerer Müh Verhör.
Facksariff zohe über allem dem / was ihm eingehalten ward / die Achseln ein; und
wiewol er sich nicht wagen dorffte das Blut-Gerichte zu unbillichen / gab er
doch zu verstehen: dass seine im Felde gehabte Gewalt nach geendigtem Kriege
mercklich verfallen wäre; und bei ihm jetzt mehr der Schatten / als die Macht
über das Kriegs-Volck bestünde. Gleichwol aber blieb er im Verdacht: dass er die
Herrschens-Würde / als ein durch so viel Heldentaten beruffener Hercules mit
seinen Achseln zu unterstützen vorhätte / wenn diese schwere Kugel den Fürsten
Britton würde zermalmet haben. Daher der Cheruskische Gesandte auf eine
weitläufftige Ausführung verfiel: dass niemand auf demselben Eise könne feste
stehen bleiben / wo er einem andern das Bein untergeschlagen hätte. Fürsten
hätten nicht nur ihre Nachfolger / sondern auch das Volck / welches anfangs mit
zusammen geschlagenen Händen über sie frolockte / verfluchte sie hernach /und
brauchte ihre eigene Werckzeuge wieder sie zu Rächern. Denn die letztern lernten
sie wegen ihrer selbst eigenen Gefahr erstlich fürchten; hernach aber hassen und
endlich tödten. Das neubegierige Volck hielte ohne diss die Gramschaft gegen die
Obern für eine Art ihrer Freiheit und für Ergötzligkeit auff ihre Häupter wüten.
Weil es das Gute nicht zu unterscheiden wüste / nützete keine Tugend; weil es
ein vielköpfichtes Ungeheuer / hülffe keine Gewalt; und weil es ein Tier /
welches entweder eitel Schlangen-Gänge hat / oder gar keine Spure nach sich läst
/ wäre keine Klugheit genung selbtes im Zaume zu halten /und sich zu versichern.
Die ermangelnde Gelegenheit ihren Grimm auszuüben verdeckte nur / aber vertilgte
nicht ihre Verbitterung / wie die Winter-Kälte das Leben der Fliegen / Frösche
und Schwalben. Mut und Eisen könten wohl ein Land zur Einöde machen; aber nicht
den Samen der Verräterei austilgen. Eine in hundert Stücke zerkerbte Schlange
wäre durch Zutat des Regen-Wassers und der Sonnen-Hitze / der Safft einer
zerquetschten Raupe ein Saam-Werck tausend anderer. In den Aessern unschädlicher
Storche steckte ein Nattern-Brut; aus Wespen wüchsen gifftige Würmer / aus
Hünern Spinnen. Also wäre das Blut der Verräter durch die Krafft der
Verbitterung ein Saamen viel hitziger Meuchelmörder. Ja der gewaltsamen
Herrscher eigene Bluts-Freunde würden durch des Pöfels Heuchelei und eigene
Ehrsucht angesteckt; dass sie wie das Blut der mit Fleckfebern oder Pest
behafteten Menschen in eigenen Adern Würmer gebähren / die den Drat des Lebens
und der Herrschaft mit einander zerbiessen. Diesemnach sollte ihm ja keiner
träumen lassen: dass er sich auff Brittons zerschmettertem Stul würde feste
setzen können; oder auch: dass der lange blühen könnte / der die Staude seines
Glückes mit Blute tingete / und auf Gräber pflantzte. Facksariff aber beruhete
bei Fürschützung seiner Unvermögenheit / mit der Beteuerung: dass er so wenig
seine Erhöhung / als Brittons Untergang suchte. Denn er wüste wohl: dass
Fürstliche Geschlechter der Keule des Hercules / und dem Spiesse des Romulus
gleich wären. Denn wie diese mit frischen Hayn-Buchen /jene mit Oelzweigen
ausgeschlagen / als sie iederman längst für verdorrt geschätzt; also kämen
Fürstliche Reiser mehrmahls empor / wenn man meinte / der Stamm-Baum wäre mit
Strumpff und Stiel ausgerottet. Marbod setzte allen Gründen der Friesischen
Gesandten entgegen: das gemeine Heil wäre das oberste Gesetze / welchem die
Hoheit aller Könige müste nachgeben. Die Hermundurer hätten nun lange genung
unter dem Joch ihrer blutgierigen Fürsten geschmachtet; also müsten sie nunmehr
/ da ihnen GOtt die Macht und das Recht verliehen hätte / itzige Gelegenheit
sich in die edle Freiheit zu setzen nicht aus den Händen lassen. Britton müste
entweder herrschen / oder sterben / weil seine Geburts-Art kein Mittel vertragen
könnte; also: dass er sich lieber des Lebens /als der Herrschaft verzeihen / oder
auch seine Enteusserung durch verzweiffelte Entschlüssungen den andern
Augenblick zurück ziehen würde. Sein Sohn Jubill habe von ihm den Ehrgeitz
geerbet / von der Mutter das Gift der Druyden in sich gesogen / und würden sie
durch seine verwechselte Herrschaft das Bette / nicht die Kranckheit ändern.
Fürsten von so hohem Geblüte würden meist durch übermässige Liebe ihrer Eltern
oder durch Einbildung: dass auch die Flecken so hoher Sonnen die Welt zu
erleuchten tüchtig wären / verzärtelt / oder die Höflinge / durch derer Augen
und Ohren sie allein sähen und hörten / verterbten sie / weil ihre Heuchelei und
die Begierde sich einzulieben ihre Bosheiten als Tugenden preisete / ihr
Ehr-Geitz ihn mehr ungeschickt als klug zu machen bemüht wäre / wormit seine
Scharffsichtigkeit nicht ihre Tücken ergründe / noch ihnen durch Anmassung
eigener Herrschaft das Hefft aus den Händen winde. Wenn nun die Wurtzel der
Untugend derogestalt bei ihnen erstarrt / wäre durch keine Klugheit auff so
wilde Stämme eine süsse Frucht zu pfropffen. Die Ehrsucht / welche die Niedrigen
auf die Bahn der Tugend leitete / wäre Fürsten ein Leit-Stern zu allen Lastern /
ja sie schämten sich auff einer dem Pöfel erlaubten Mittelbahne zu gehen / und
durch Beobachtung der Gesetze sich einem Bürger zu vergleichen. Gleich als wenn
die Fürstliche Hoheit in dem bestünde: dass sie nicht was gutes; sondern was ihr
beliebte / ausüben dörffte. Und ob zwar es eine Seltzamkeit wäre / wenn selbte
nicht einen niedrigern Geist /als Knechte hätten / hielten sie doch die
grössesten Gemüter für Leibeigene: dass ihre Macht in der Ohnmacht über ihre
Begierden bestünde; und dass den Willen im Zaume zu halten die aller
schimpflichste Dienstbarkeit wäre. Diesemnach denn die Herrschaft eines einigen
solchen Menschen nichts anders / als das Elend des ganzen Volckes nach sich
ziehen könnte; als mit dessen Unlust er alleine seine Lust zu büssen vermeinte.
Zwar weil bei einer gemeinen Herrschaft die Belohnungen so gross nicht wären /
als bei der Fürstlichen / findete diese mehr / als jene Lobsprecher; und / weil
allhier keine so grosse Abgötter aus Bret kämen / wie an den Höfen / in diesen
auch den Lastern mehr durch die Finger gesehen / und mehr das Geblüte als die
Tugend in acht genommen /ja durchgehends daselbst / wo beim Volcke die Gewalt
besteht / man minder das Gute empfindete / als des Bösen entübrigt wäre / so
wären die Ehrsüchtigen meist nach der einköpfichten Herrschaft lüstern; und
zwar meist darum / weil sie mit ihrem Wachstum andere Bürger zu verdämpffen
hofften. Ja so gar ein vernünftiger und von Natur guter Fürst müsse seiner
Sicherheit halber gleichsam aus dem Geschirre schlagen / und dahin arbeiten: dass
niemand so reich und mächtig werde / für dem er sich zu fürchten habe; dass
niemand durch Tugend sich beim Volcke beliebt / und auf den Notfall einen
Anhang mache; dass kein treuer Stadtalter lange einem Orte fürstehe / und keine
Stadt unzwingbar werde. Wesswegen so viel tugendhafte Leute Zepter und Krone mit
Füssen von sich gestossen / wormit sie mit selbten nicht eine böse Unart an sich
nehmen / und aus fetten Oel-süssen Feigenbäumen und erquickenden Weinstöcken /
sich in unfruchtbare und stachlichte Dorn-Hecken verwandeln / mit ihrem Schatten
so viel Unkraut bedecken /und ins gemein Gift zu ihrer Erhaltungs-Artznei
brauchen dörfften. Denn Fürsten sehen ihren Dienern durch die Finger; wormit sie
denen Untertanen das ihnen verhaste Vermögen wie Blutägeln aussaugten. Weil
auch die am geschicksten zum Gehorsam wären / die nicht recht ihre gemeinen
Sinnen verstehen; drückten sie alle Wissenschaften um halb viehische
Untertanen zu haben; ja die Unwissenheit musste ihren eigenen Kindern ein
Kap-Zaum sein: dass sie nicht zu zeitlich die Süssigkeit des Herrschens erkennten.
Vielmahl fingen sie ohne Not und Hoffnung des Obsieges Krieg an / nur: dass sie
ihren Untertanen könten zur Ader lassen. Aber Leute / welche ihrer Begierden
Meister wären / schmecken die Süssigkeit der gemeinen Freiheit und der
durchdringenden Gleichheit. Alle Beschwerden wären hier gleiche und
unempfindlich; denn der sie auflegte / müste sie eben so wohl auf seiner Achsel
tragen. Die Kräfften eines Reiches nähmen durchgehends zu / wie Rom nach
Austreibung seiner Könige / Aten nach Befreiung vom Pisistratus / und die
Friesen selbst / seit dem sie mit so viel Blut ihre Freiheit erfochten / dienten
zum herrlichen Beispiele / allen Nachbarn zu rühmlicher Nachfolge. Bei
bürgerlicher Herrschaft wäre ein ieder seines Besitztums versichert. Die
Würden und Aempter würden abgewechselt; also hätte keiner Zeit sich mächtiger zu
machen / als das Volck wäre. Die Künste und Handlungen wären hier in der Blüte;
deñ sie würden nicht vom Adel gedrückt; und aller Gewiñ käme dem arbeitenden /
nicht dem Fürsten heim. Zum Gewinnen Krieg zu führen wäre freien Völckern nicht
anständig / aber sich zu beschirmen pflegten sie nach Art der Saguntiner und
Numantier wie Löwen zu fechten / weil es um das edelste Kleinod der Freiheit zu
tun wäre. Und weil allhier ieder was zu verlieren hätte / eckelte allen für
Unruh; also genüssen sie des güldenen Friedens desto länger. Alle Ratschläge
zielten hier auf den Wolstand des Volckes; dort aber wäre des Fürsten
Vergrösserung der einige Angel-Stern / wohin alle Ratschläge wie Magnet-Nageln
sich wendeten. Der Friesische Gesandte wendete zwar ein: dass schlimmer Fürsten
und eines tugendhaften Volckes Herrschaft nicht gegen einander auf die Wage zu
legen wäre. Aus dem besten Weine würde der schärffste Essig. Zwar die freie
Herrschaft eines Volckes wäre nach ihrer Einrichtung und in ihrer ersten Blüte
wohl ein herrliches Ding / aber selten gar /niemahls auch ohne Blutstürtzung in
ihr Wesen zu setzen; ja endlich veralterte sie doch / und brächten anfangs
etliche das Volck / endlich einer den Adel und das Volck unter seinen Gehorsam.
Rom hätte sich für der Dienstbarkeit genungsam gewehret: aber endlich hätte doch
August das durch bürgerliche Kriege abgemattete Volck unter dem scheinbaren
Fürsten-Nahmen unter seine Gewalt bracht. Brutus und Cassius hätten zwar ihr
eusserstes getan der Freiheit auff die Beine zu helffen; aber sie wären unter
einem so baufälligen Gebäue erquetschet worden; und hätten mit ihren Leichen
viel tausend ihrer liebsten Freunde erdrückt. Marius und Cäsar hätten zwar ihre
Herrschenssucht mit ihrem Blute ausgespien; die Freiheit aber wäre deswegen
nicht wieder lebendig worden. Ja aus der Asche eines ganzen herrschenden
Geschlechtes komme doch ein neuer Herrscher empor / wenn schon irgendswo die
Sitten der Bürger verterbt / und eine allzugrosse Ungleichheit eingerissen wäre.
Daher würde mit dem springenden Kopffe Brittons nicht der einköpfichten
Regierung das Haupt abgeschlagen werden / sondern der Strumpff nicht anders als
die Schlange in der Pfützen Lerna stets neue Köpfe gebähren. Zumahl Fürst Jubill
ein Herr von grosser Hoffnung / und so vielen grossen Häusern verwandt wäre /
also Himmel und Erden vermischen würde /seines Vaters Blut zu rächen / und seine
andere Seele nämlich die Herrschaft zu erhalten. Endlich wenn auch schon eine
andere Herrschens-Art an ihr selbst besser wäre; sollte doch redlichen Leuten
diese die liebste sein / unter welcher sie geboren worden. Marbod antwortete
lächelnde: Er hielte des Gesandten Vortrag mehr für eine abgenötigte Vorbitte /
als für ein ernstaftes Begehren der Friesen. Denn weil diese bei dem Feuer der
einhäuptigen Herrschaft hätten verbrennen wollen / wie möchten sie die
Hermundurer bereden sich darbei zu wärmen. Uber diss schiene es mehr eine
Staats-Larve / als ein Ernst zu sein: dass die Friesen für den Britton ein Wort
verlieren / und also was sie selbst gestern getan / heute tadeln sollten. Sie
hätten aber nunmehr Zeit beide Augen aufzusperren: dass ihnen nicht einer einen
Rincken an die Nase legte / dessen Gross-Vater ihnen eines andern los gemacht
hätte. Auf welchen Fall bei bevorstehender Not sie von der genossenen Hülfe der
Hermundurer sie so bloss stehen dörfften / als die Vejentier / welche die
Toscaner unwürdig schätzten für ihre Freiheit wieder die Römer einen Degen zu
zücken / weil sie sich selbst einem Könige unterworffen hatten. Der Burier
Botschaft geriet mit dem Ober-Richter in Streit: Ob ein Volck über seinen
König Urtel und Recht hegen könnte. Dieser zohe an: dass wie viel ein Brunn edler
wäre / als die daraus rinnende Bach; so viel höher wäre auch das Volck / als ein
Fürst. Könige könten nicht ohne ein Volck / dieses aber wohl / ja besser ohne
jene sein; Und weñ eines unter beiden sollte zu Grunde gehen / wäre der gesunden
Vernunft zu wieder: dass das Volck hierinnen sollte das Nachsehen haben. Weil nun
Tyrannen dessen Untergang suchten / müste jenen ja ein Mittel sich zu erhalten
übrig sein. Niemand hätte Gewalt über sich selbst zu wüten; wie viel weniger
könnte ein ganz Volck solche einem Wütterich einräumen. Die älteste Herrschaft
hätte diese End-Ursache gehabt: dass alle Glieder unter dem Schirme eines
Oberhauptes der Gerechtigkeit genossbar würden; diese wäre das Band / das Fürsten
und Untertanen zusamen knüpfte; wenn dieses zerrisse /wären Reiche nichts
anders / als grosse Mord-Gruben. Wesswegen das Recht und die Gesetze allezeit dem
verwilligten Gehorsame mit eingedrungen / und die Gewalt zwischen dem Volcke und
dem Fürsten gleichsam wechselweise eingeteilet / also ein böser Fürst nichts
minder / als ein schädlicher Vormünde seines Amptes zu entsetzen wäre. Ja die
Völcker /welche ihrer Herrscher Lastern selbst fahrlässig den Zügel schüssen
liessen / und durch die Finger sähen /machten sich derselben teilhaftig; und
hätten mehrmahls die Göttliche Rache für ihre Fürsten empfinden müssen. Zu dem
änderten sich mehrmahls die Beschaffenheiten der Menschen; und die / welchen
eine natürliche Dienstbarkeit angeboren gewest / zeugten mehrmahls freie
Gemüter. Solten diese darum in der Knechtschaft ihrer Eltern verschmachten?
oder sich einen Menschen im ewigen Kercker halten lassen /dem GOtt und die Natur
selbst die Fessel abgenommen hätte? diese zeigte den Menschen selbst eine
Richtschnur in dem Gestirne / derer zwei höchste Fürsten / nehmlich die Sonne
von dem weit niedrigern Mohnden / dieser aber von der untersten Erde verfinstert
würden. Nach diesem himmlischen Beispiele hätten alle Völcker wieder ihre
untüchtigen Häupter den Kopff empor gehoben / und ihnen das Licht /wenn sie
selbtes zur Einäscherung ihrer Länder missbrauchen wollen / ausgelescht.
Ungeachtet die Persen ihre Könige gleichsam als Götter anbeteten; hätten sie
doch den Smerdes vom Stule gestoffen / und den unglücklichen Xerxes
hingerichtet. Die Mohren machten zwischen GOtt und ihrem Könige schier keinen
Unterscheid; Gleichwol müste er auf des Priesters Befehl ihm selbst das Licht
ausblasen. Die Argiver hätten über Oresten ein ordentlich Blut-Gerichte gehegt;
Trasybulens Bildnis wäre in dem Tempel / und des Brutus auffs Rat-Haus gesetzt
worden; weil jener sein Vaterland von dem grausamsten Critias / dieser vom
hoffärtigen Tarquin errettet hätte. Eben diesen Preis würden alle Richter über
den Britton bei der Nach-Welt verdienen; wenn gleich die gegenwärtige ihnen für
erlangte Freiheit keinen Danck wissen sollte. Der Burier Gesandte versetzte: Wenn
ein Volck einmal ein Haupt erkiesete / hätte selbtes sich nichts minder / als
ein Knecht / der sich in die Dienstbarkeit verkaufft / aller Freiheit
enteussert; und stünde ihm nichts weniger zu / als seines Herrn Fürnehmen zu
untersuchen. Eines Ehweibes Willkühr wäre es zwar anfangs einen Mann zu erwählen
/ hernach aber der Notwendigkeit ihm zu gehorsamen. Zu dem wäre Britton vom
Volcke nicht erkieset / sondern durch Erbrecht zu der Herrschaft kommen. Es
lieffe wieder sich selbst: dass das Volck ein Herr seines Herren sein sollte. Alle
Herrschaften hätten nicht allein ihr Absehen auf den Nutzen des Volckes /
sondern zugleich / oder auch zuweilen nur auf des Fürsten. Das erstere geschehe
mit Rechte / wenn ein schwaches Volck eines mächtigen Fürsten Schutz erwehlet;
das letztere / wenn er durch rechtmässigen Krieg es ihm unterworffen. Vormünde
wären zwar auch nicht zum eigen-sondern zu ihrer Mündlein Nutz bestellt;
Gleichwol hätten jene nur diesen / diese aber jenen nichts zu befehlen; weniger
sie abzusetzen / sondern nur ein höherer / welchen ein Fürst nicht hätte. Kein
so grimmiger Wütterich hätte auch noch gelebt; weniger hätte Britton es
angezielt das Volck gäntzlich auszutilgen; und auf solchen Fall stünde diesem
doch besser ein Schild / als das Rach-Schwerdt an. Denn Fürsten hätten ihre
Unschuld nur gegen dem Himmel zu verantworten. Uber das Volck wäre die
Obrigkeit; über die Obrigkeit der Fürst / über Fürsten GOtt allein Richter; ohne
dessen Wahl keiner den Stul beträte. Kein Volck besudelte durch Gehorsam sich
mit seines Königes Lastern / wenn selbter sich nur nicht zum Werckzeuge brauchen
liesse; der aber greiffe GOttin Richter-Stab / der über die Götter dieser Welt
ihm eine Botmässigkeit zueignete. Fürsten müssen zwar ihre Art zu gebieten nach
den Gemütern des Volckes nichts minder als ein kluger Reuter den Zaum und die
Stangen nach dem Maule des Pferdes richten. Aber den Zaum gar weg zu werffen
wäre beiden unanständig; ja ihr selbst eigner Untergang. Deñ ein Land könnte so
wenig ohne ein Oberhaupt / als ein Schiff ohne Steuer-Ruder und die Welt ohne
Soñe sein. Ja weñ sich auch diese Verbindung zuweilen unter dem Pöfel
zergliedere / so ziehe sie sich doch so begierig wieder in wenig Köpffe zusammen
/ als das Feuer empor zu glimmen bemüht wäre. Der Himmel zeugte durch den
Vorsitz der Sonne / durch den wunderlichen Lauff der Irr-Sternen / durch die
vorgehende Grösse und Klarheit ein und des andern Gestirnes: dass auch auff der
Erde / als im Spiegel des Himmels /unter den Menschen müsse ein Unterscheid /
und über die Geringern ein Haupt sein; welchem alle andere seinen Glantz und
Wesen zu dancken hätten. Die zwei grossen Lichter des Tages und der Nacht würden
no comma? in ihrem Wesen / sondern nur in den Augen der Menschen verfinstert. Sie
verdüsterten mit ihrer Gegenwart zwar alle andere Sternen / alle Gestirne
zusammen aber wären nicht mächtig / einen Sonnen-Staub an ihnen zu versehren /
oder den geringsten Strahl ihres Glantzes zu vertilgen. Die Ameissen und Bienen
verschmachteten lieber für Hunger / ehe sie ihren König Not leiden liessen.
Keine Herrschaft könnte ohne Beschwerde sein. Die vollkommensten Sternen wären
nicht ohne Flecken / und der helleste Tag nicht ohne Wolcke. Man müste aber
nicht die Beschwerligkeit Fürsten aufmutzen / und ihre Woltaten ausser Augen
setzen. Wären zuweilen Völcker ihren Fürsten zu Kopffe gewachsen / weil die
Menschen in gemein des gegenwärtigen Zustandes /wie gut er auch wäre /
überdrüssig würden; hätten Ehrsüchtige Leute an Götter dieser Welt tätliche Hand
gelegt / um sich in ihre Stelle zu schwingen /oder auch ein Volck sich nicht so
wohl in Freiheit gesetzt / als an statt eines sich vielen Herrschern dienstbar
gemacht; wäre meist die Reue auf dem Fusse gefolgt; und hätte dieses nach dem
verworffenen Zustande geseuffzet / die Uhrheber aber solcher Neuerungen hätten
ins gemein ihre Köpffe darüber im Stiche gelassen. Hingegen pflegten
vernünftige Völcker tausend mahl öffter ihre Häupter / wie sie ihnen das
Verhängnis fürgesetzt / zu vertragen / und ihre Schwachheiten wie andere
irrdische Zufälle zu verschmertzen. Die dissfalls klugen Cappadocier hätten
deswegen die ihnen von den Römern angebotene und dem Pöfel so annehmliche
Freiheit nicht auszustehen getrauet / und nach dem sie frei gestanden: dass sie
ohne einen König nicht leben könten / ihnen den Ariobarzanes erkieset. Denen
Armeniern wäre die für gülden beschriene Freiheit ein unbekandter Traum / oder
ein für gebildeter Bleiklumpen. Weil die verhaste Freiheit auch allemahl
unnachbleiblich gedrückt werden muss / in dem nichts minder die Dienstbarkeit
Gunst und Beförderung / als die Herrschaft tausend Ergetzligkeiten zu ihrer
Belohnung hat; hätten für Zeiten die dem Eumenes untertänige Städte mit keiner
Freiheit ihr Glücke vertausche wollen; und ihrer viel aus dem freien
Grichenlande sich unter die Königliche Gewalt des Evagoras nach Salamis
gewendet. Zu Rom wäre für längst das Joch ihrer blutigen Freiheit verdammet; und
Augusten die abzulegen gemeinte Herrschaft aufgenötigt worden. Weil denn nun
wieder des Volckes eigene Wolfart lieffe: dass ein Fürst selbtem über sein Tun
/ welches die Staats-Gesetze in geheim zu halten nötig erachteten /
Rechenschaft geben; und der / welcher Gesetze zu geben und aufzuheben Macht
hätte / selbten unterworffen sein sollte; machte sich das Volck selbst zu einem
Wütterich /und zerstörte das erste Grund-Gesetze / nehmlich den Gehorsam; wenn
es sich über den Höchsten einer höhern Gewalt anmaste. Die Völcker hätten
mehrmahls ein stummes Gesetze zu ihrem Abgotte gemacht; Da die Tasier die
Todtes-Straffe dem ausgesetzt / welcher mit Aten in Bündnis zu treten / Aten
demselbten / der zur Behauptung des Eylandes Salamis /die Turier den Strick
selbtem / der ihre Gesetze zu verändern raten würde. Ein Fürst aber wäre das
lebendige / ja über alle Gesetze. Der Ober-Richter antwortete: Es würde ihm
nicht schwer fallen alle wieder der Völcker Freiheit und die allen Tieren von
der Natur erlaubte Gewalt ungerechte Gewalt durch eigene Beschirmung abzutreiben
streitende Einwürffe zu wiederlegen; aber / wenn er alles nachgäbe / was von
einem durch keine gewisse Gesetze und seinen Eyd umschränckten Oberhaupte wäre
auf die Bahn gebracht worden / liesse sich doch auf die nur unter gewissen
Bedingungen angenomene Fürsten der Hermundurer kein Schluss machen. Diese wären
nicht über / sondern unter das Gesetze und den Reichs-Rat gestellt / auch /
ausser der enträumten Gewalt / nichts anders oder bessers / als ein ander
Bürger; welches der Gesandte für keine Missgeburt aufnehmen sollte. Denn Teseus
hätte zu Aten / Agesilaus zu Sparta /die Kinder des Cisus zu Argos / Evander in
Italien /Hanno zu Cartago in wenigen Dingen die Gewalt /im meisten aber nur den
Königlichen Nahmen besessen. Vereingetorich habe in Gallien zwar den Titel eines
Fürsten gehabt; als er aber sich der Herrschaft bemächtigen wollen / wäre er
mit dem Leben auch ums erste kommen. Denn weil es schwer wäre bei grossem Glücke
seinen Begierden einen Riegel fürschieben; weil der Irrtum den Menschen mehr /
als der Schatten das Licht verfolgte / hätten / wie viel andere Völcker / also
auch die Hermundurer ihren Fürsten Ziel und Maass für geschrieben; zu Verhütung
besorglicher Verschwendung ihm nur gewisse Einkünfte ausgesetzt / zu Hemmung
der unersättlichen Herrschenssucht für sich selbst Krieg anzufangen verwehret.
Welche Beschränckung mit gutem Recht geschehe; weil das Volck ihn aus
Freiwilligkeit nicht aus Schuld er wehlet / dem beruffenen Fürsten aber frei
stünde / sich solcher Bedingung mit der angebotenen Herrschaft zu enteussern.
Und nach dem niemanden mehr / als einem Fürsten daran: dass einem Angelöbnüsse
nachgelebet würde / gelegen wäre / erforderte die höchste Not: dass er keines
Nagels breit von seinem Versprechen absetzte. Dieser Umschränckung benähme gar
nichts: dass Britton durch Erbrecht über die Hermundurer zu herrschen vermeinte.
Denn diss eignete dem Sohne nichts mehr zu / als was der Vater gehabt; verstelle
aber nicht die anfangs beliebte Herrschens-Art. Die Hofemeisterschaft zu Sparta
wäre zwar erblich; aber enge eingespannt gewest. Insonderheit aber wären Königen
die Flügel beschnitten; wenn das Volck ihm einen Reichs-Rat an die Seite
gesetzt / und die Not selbten jährlich oder zu wichtigen Sachen zu verschreiben
aufgebunden hätte / und feine Verknipffung nicht in das gemeine Angelöbnüss dem
Volcke löblich fürzustehen / sondern in gewisse Verbündligkeit eingepflöckt /
ihm aber selbst die Freiheit wiedrigen Falls nicht zu gehorsamen vorbehalten
/oder gar: dass ein Haupt seines Reiches verlustig sein sollte / bedungen hätte.
Also hätten die Sabeer ihrem Könige die Burg nicht alleine zu seiner Wohnung
/sondern auch zum Ende seiner Herrschaft eingeräumt; und wenn er aus selbter
nur einen Fuss gesetzt /ihn gesteiniget. Die Egyptischen Könige vereideten selbst
ihre Richter; dass sie dem unrecht urteilenden Könige nicht gehorsamen wollten.
Die Taprobaner hätten Erkenntnis über ihres Königes Urtel; und ob er schon keine
Gewalt hätte einem andern den Hals abzusprechen; büste er doch seinen eigenen
ein /wenn er das Volck beleidigte. Von der Römischen Könige Ausspruche hätte man
sich mit Rechte an das Volck ziehen können; und Servius Tullius selbst ihm und
folgenden Königen Gesetze fürgeschrieben. Zugeschweigen: dass wenn auch ein Volck
nicht mit Gewalt unters Joch gebracht / sondern einem die höchste und
unverschränckte Gewalt auftrüge; nicht so wohl das bei dem Volcke verbleibende
und eingewurtzelte / auch seinem Wesen nach viel edlere Eigentum / als der
blosse Genuss der selbten auf eine zeitlang / oder nur ein Teil der höchsten
Gewalt ihm anvertrauet würde. Ja da wieder die höchste Gewalt der Welt Niedrigen
sich zu beschirmen verstattet / ein rechtmässiger Krieg aber ein zulässiges Mittel
wäre / fremde Völcker und Könige ihm untertänig zu machen /könnte man keine
Ursache finden; warum nicht ein Volck wieder den Fürsten / der durch Eyd und
Pflicht sich den Gesetzen nach zu herrschen beteuert hätte /selbte aber
zerdrümerte / sich verteidigen / und ihn dessen zu entsetzen trachten sollte /
was er durch Meineid selbst gleichsam mit Füssen von sich stiesse.
    Der Burier Gesandte aber versetzte: wie ein unverschräncktes Reich einem
Fürsten nicht die Gewalt zueignete / ein Teil oder das ganze Volck
aufzureiben; ieden ohne Ursache seiner Güter zu berauben; also wäre eine mit
Gesetzen umschränckte Herrschaft bei ein oder anderm Abwege nicht stracks dem
Volcke unterwürffig oder gar erloschen. Bei Fürsten stünde es zu unterscheiden /
was zu der Wolfart des Reiches diente; diese aber wäre das höchste Gesetze /
welche alle vorhergehende aufhieb. Zugeschweigen: dass kein Volck mit Rechte
seinem von GOtt für gesetzten Könige etwas von dem Maasse seiner Gewalt entziehen
könnte; ohne welche er seinem hohen Ampte nicht auskommentlich fürzustehen
vermöchte. Weñ aber auch gleich Fürsten sonder gäntzliche Zerrüttung ihrer
Hoheit / und dass ihnen die blosse Schale des Nahmens übrig bliebe; auch mit den
härtesten Bedingungen umschränckt werden könnte; benähme ihm doch diese nicht die
höchste Gewalt / weniger setzten sie die Untertanen über ihm also: dass selbtes
über ihn; ob er mit Recht oder Unrecht von denen Gesetzen abgewichen / erkennen
könten. Auch der Pöfel selbst liesse sich nicht den verurteiln / der ihn einer
Handlung wieder sein Versprechen beschuldigte. Die Gerechtigkeit sähe vielen
Fehltritten der Untertanen durch die Finger; warum nicht auch diese denen
Fürsten; welche / wie gut sie auch wären / unmöglich allemahl recht zu tun
vermöchten. Man verschmähte nicht alsbald einen / der eine von Wind
aufgeblasenen Ball fehlete; mit was Recht möge man nun gegen dem so strenge
verfahren / der den Zentner-schweren Klumpen eines Volckes nicht allzeit in der
Schnure hätte. Einige aberwitzige Völcker hätten zwar auf gewisse Fälle ihren
Fürsten ein Ziel ihrer Herrschaft gesetzt; aber es wären nur solche
handgreifliche und von den eusserlichen Sinnen zu entscheiden leichte Aufsätze
gewest; welche keine Zweideutung verstattet / noch allererst eine Rechtshegung
erfordert hätten. Deñ die Anmassung einer Gewalt über Fürsten wäre ein Raub des
himmlischen Feuers / welche Jupiter am Prometeus so harte gestrafft hätte.
Wesswegen die klugen Egyptier für eine unvernünftige Greueltat gehalten hätten /
ihre mit den schärffsten Gesetzen umpfälete Könige ihrer Verbrechen halber im
Leben zu rechtfertigen; sondern es wäre allein nach dem Tode ihr Gedächtnis
verdammt / die Leiche der Beerdigung beraubet / und derogestalt zwar den Lastern
eine Straffe / der Fürstlichen Hoheit aber nichts ungebührlich entzogen worden.
Der Reichs-Rat wäre in alle wege befugt einem Könige bei bedencklichen
Entschlüssungen einzureden; aber nicht ihm seine Meinungen aufzunötigen; als
welche ohne des Fürstens Genehmhabung keine Krafft hätten; sondern wie der
Mohnde sein Licht von ihm / als der Sonnen entlehnen müsten. Zwar wäre der
Reichs-Rat in dem höher als die eigenen Räte des Königs: dass er dieser
Gutachten mit gutem Fug / jener aber nicht ohne Beleidigung seines Gewissens
verwerffen könnte; aber nur diss / nicht der Rat wäre desshalben sein
Richter-Stul. Die Serischen Könige nähmen mit gebogenen Knien von ihren Weisen
ihre heilsame Erinnerungen an / aber diese hielten für höchste Torheit sich
weiser zu düncken / als ihr König / der das Ebenbild Gottes auf Erden wäre.
Endlich möchten die Hermundurer wohl erwegen: dass sie nicht nur über Brittons /
sondern über aller Fürsten Häupter dem Volcke eine Botmässigkeit zuzueignen sich
erkühneten; welches Aergernüss alle die zu rächen bemühet sein würden / derer
Häupter man mit Entauptung Brittons erschütterte /oder gar wackelnd machte. Und
sein mächtiger Fürst der Burier würde der erste sein / der den Degen zücken /
und dem ermordeten Britton mit den Flammen seines Landes zu Grabe leuchten
wollte.
    Alleine weder dieses Einreden noch Dräuen verfieng bei denen etwas; welche
bereit in diesem Wercke so weit kommen waren / dessen Ausführung ihnen keine
grössere Gefahr zuzoh / als der bereits gemachte Anfang / und die nicht so wohl
dem Fürsten Britton / als der Freiheit des Volckes den Hals abzuschneiden
beschlossen hatten.
    Ein schwaches Weib hätte gleichwol bei nahe den letzten Tag das ganze
Trauerspiel verändert. Denn des Facksariff Eh-Frau / welche von weitem dem
Hertzoge Britton verwand war / und auf die selbter bei ihrem freiledigen Stande
ein Auge geworffen hatte; zohe ihr seine bevorstehende Ermordung tieff zu
Hertzen; beredete auch zwei der Kriegs-Häupter dahin: dass wenn anders ihr
Eh-Herr darein stimmte; sie durch Verwechselung des zu dem Blutgerüste
bestimmten Kriegs-Volcks den Hertzog Britton auf die Seite zu bringen / und zu
denen Bastarnen zu flüchten hülffreiche Hand versprachen. Als sie diese gewonnen
/ setzte sie des Nachts mit denen beweglichsten Liebesbezeugungen / und
Vorstellung / dass er seine bisherigen Siege durch Errettung des verdammten
Fürsten allererst herrlich machen / und den grösten Ruhm der Nachwelt erwerben
würde / an Facksariff. Wiewol dieser nun einwarff: Es stünde so wohl sein / als
des Reiches Untergang auf der Wiedereinsetzung Brittons; erklärte sie sich doch:
dass sie bloss um sein Leben / nicht um seinen Fürsten-Hut bäte; dessen letztern
sich Britton entweder selbst willig begeben /oder Vermöge der Reichs-Gesetze
verlustig machen würde / wenn er mit des Kriegs-Volckes Vorschub sich aus den
Reichs-Gräntzen verfügte. Facksariff ward von der Liebe / als der höchsten
Gesetzgeberin in Helden Gemütern / gezwungen sich dem Flehen seines
mitleidenden Eh-Weibes zu bequemen. Allein es ward dieses gute Absehen abermals
gäntzlich verrückt. Denn Britton / welchen Facksariff durch angestifftete
Kriegs-Leute ausforschen liess: Ob er wohl gegen Gewinn seines Lebens sich der
Herzoglichen Würde zu enteussern entschlüssen könnte; verwarff diese Vorschläge /
fürschützende: Ohne Schuld gewaltsam sterben / wäre ein blosser Zufall; sein
Leben aber mit schimpflichen Bedingungen retten / ein Selbst-Mord seiner Ehre.
Welche Entschlüssung den Facksariff etwas stutzig machte. Nichts desto weniger
ging er noch für Tage nach Hofe / und fragte die zwei oben von seiner Ehfrauen
gewonnene Kriegs-Obersten: was sie von dem bevorstehenden Trauer-Spiele hielten?
Diese unwissende: Ob seine Eh-Frau bei ihm für den Hertzog was ausgerichtet
hätte / antworteten allein: Es wäre alles zur Hinrichtung fertig; und / wie in
seiner Hand Brittons Leben und Tod bestünde; also wartete man nur auf ihn / wenn
er die Losung geben würde. Facksariff / welcher nicht in einer so lange
beratenen Sache zum ersten eine Veränderung zeigen wollte; versetzte: dass er
niemals was ohne sie geschlossen hätte; und also Brittons Tod nichts minder von
dem Fademe ihres / als seines Willens hienge. Einer der Kriegs-Obersten
begegnete ihm: das Urtel wäre gesprochen / nun fragte es sich um die
Vollziehung. Facksariff / dem seine hierinnen allzu vorsichtige Eh-Frau nicht
vertrauet hatte: dass sie diese zwei Obersten auf ihre Seite gebracht hätte
/fieng aus geschöpfftem Misstrauen sein Vorhaben durchzubringen; und weil er ohne
diss den Marbod in Saal treten sah / aus Verdruss an: So sterbe er denn. Fügte
sich hiermit ins innere Gemach; Die zwei Obersten aber wussten nichts ferner zu
tun; kamen auch darüber in Gedancken: Es wäre Gottes Wille nicht: Dass Britton
bei Leben bliebe. Daher ward Britton alsbald auf eine schwartz beschlagene
Trauer-Bühne gestellt / und auf einen seidenen Stul gesetzt /den tödtlichen
Streich zu empfangen. Gleich als wenn das Gepränge Laster zu rechtfertigen
vermöchte / oder die aufgeputzte Grausamkeit weniger eine Unholdin wäre / als
die nackte / und der Blutschreier auf Tapezereien eine annehmlichere Stimme /
als auf Stein oder Rasen hätte. Britton verlohr also mit einem Streiche seine
Herrschaft und sein Haupt / aber nicht die Obmässigkeit seines Hertzens / und
den Mut jetzt so standhaft dem Tode / als vorher dem Glücke in die Augen zu
sehen. Sein Leib ward zwar gebalsamt und kostbar begraben; Gleichwol aber zu
seiner mehrern Beschimpffung / als mit ärgerlichen Seuchen behaftet /
ausgeschrien. Nach ihm wurden noch fünff Marckmännern hoher Ankunft / die für
seine Errettung die Waffen er grieffen hatten / gleich als wenn ein so grosser
Baum nicht ohne Zerschmetterung vieler Aeste fallen könnte / zugleich die Häupter
abgeschlagen. Wiewol nun ihrer viel den jetzt erblasten Fürsten Britton für dem
Streiche des Scharffrichters mit den Augen getödtet hatten; vermochte doch die
Grausamkeit nicht zu verhindern: dass das meiste Volck / dem das Schwerdt ehe
durch die Seele / als dem Britton durch den Hals ging / mit bittern Tränen
seinen Fürsten beweinte / die Mörder aber bei der Göttlichen Rache verklagte. Ja
Facksariff selbst musste wieder seine Einwilligung hierbei in der Klage gehn.
Denn seine Gemahlin / welche für den Hertzog Britton umsonst sich bemühet hatte
/ grämte sich über seiner Hinrichtung zu tode. Hingegen liess der Reichs-Rat für
höchste Verräter ausruffen: Da iemand sich würde gelüsten lassen nur in
Beratschlagung zu ziehen: Ob ein ander Fürst über die Hermundurer herrschen
sollte. Nach dem auch viel aus dem Pöfel sich der höchsten Gewalt teilhaftig
gemacht hatten /diese aber wohl wussten: dass der Adel nicht allein neuen Leuten /
wie tugendhaft sie sich auch erzeigen / allezeit über Achsel; sondern auch nach
der Königlichen Gewalt ins gemein lüstern wären; stiessen sie allen hohen Adel
aus dem Reichs-Rate; und besetzten den neuen grösten teils mit denen gewesenen
Kriegs-Häuptern; hoben auch teils um seine Kräfften zu vermindern / teils
aller abgestatteten Gewogenheit zu gewinnen das Vorrecht der Erstgebohrnen in
Erbschaften auf. Welche heftige Veränderung zwar anfangs von den Staats-klugen
für eine Mutter eines bürgerlichen Krieges gehalten / endlich aber befunden
ward: dass das Volck / welches ins gemein aus allen Neuerungen ihm güldene Berge
verheisset / mit höchstem Frolocken die neue Herrschens-Art billigte.
    Viel anders aber nahmen die Marckmänner und Sedusier diese Neuerung auf.
Denn sie erklärten den funfzehnjährigen Fürsten Jubill Brittons Sohn für ihr
Oberhaupt. Alleine das Verhängnis schien sich gleichsam ganz wieder Brittons
Haus verschworen zu haben. Denn Marbod / dessen gröste Sorgfalt nunmehr war das
Hefft des Kriegs-Volckes aus seinen Händen in keine fremde mehr kommen zu lassen
/brach bei den Sedusiern ein; eroberte ihre beste Festung mit stürmender Hand;
und liess alles / was Waffen tragen konnte / erwürgen. Dieser glückliche Streich
eröffnete alle andere Festungen. Also machte ihn das Glücke zum Meister / der
Staats-Rat aber zum Landvogt über alle Länder der Sedusier / ja zum höchsten
Haupte über der Hermundurer Kriegs-Heere / und hiermit auch über den Staats-Rat
selbst. Denn wer einem andern die Waffen über giebet / enteussert sich zugleich
seiner Herrschaft. Nach dem aber inzwischen Hertzog Jubil mit denen
Marckmännern völlig verglichen war / und sie zu ihrer und Jubils Versicherung
eine ziemliche Kriegs-Macht versamlet hatten /fiel Marbod mit seinem des Sieges
gewohntem Heere bei den Marckmännern ein; welche er deswegen für Feinde der
Hermundurer zu erklären sich berechtigt hielt; weil sie des alten Bundes
vergessen / ihren Tod-Feind Jubil in ihre Schoos aufgenommen / und denen
Hermunduren aufzuhalfen so viel Waffen versaullet hatten. Marbod aber hätte bei
nahe durch seine aus vielem Glücke erwachsene Verwegenheit seine ganze Schantze
versehen. Denn weil er zu tieff ins Feindes Land rückte / ward er in einem Tale
rings um von den Marckmännern umsetzt / und sein Heer in verzweiffelte
Hungers-Not gestürtzt. Alleine diese war die Ursache seiner Wolfart. Denn es
ist kein zum Siege dienlicher Gewehre / als die Notwendigkeit zu Siegen.
Hingegen war die Sicherheit der Marckmänner Verterben. Denn als diese sich es am
wenigsten versahn / machte Marbod an der einen Enge des besetzten Gebürges
einen blinden Lermen / fiel aber an der andern mit so grosser Tapfferkeit an:
dass er nicht alleine mit seinem Heere aus dem Gedränge kam / sondern auch die
Marckmänner aus dem Felde schlug / und fast alles Fuss-Volck mit dem
Kriegs-Geräte in seine Hände bekam. Als Marbod nun hierauf mit Einnehmung der
Städte beschäfftiget war / zohe der tapffere Jubil die eussersten Kräften der
Marckmänner zusammen. Mit diesen rückte er zwar dem Marbod entgegen; aber er
liess sich in kein Treffen ein; sondern suchte vielmehr Gelegenheit bei ihm
vorbei zugehen / und bei denen Hermundurern einzudringen / in Hoffnung: dass er
daselbst grossen Anhang finden würde. Alleine ihm begegnete ein frisches
Kriegs-Heer / und Marbod ging mit seinem ihm in Rücken; Hingegen verschmeltzte
sein Volck wie der Schnee. Wie er sich nun dergestalt zwischen Tür und Angel
sah / musste er dem Feinde gezwungen eine Schlacht lieffern. Welcher Zwang schon
eine Erkenntnis seiner Schwäche / und eine Wahrsagung des Verspielens ist.
Gleichwol fochte er so tapffer: dass er an seiner Spitze den Feind zweimahl in
Unordnung brachte / und den Marbod in Schenckel verwundete. Der Marckmännische
Adel tat gleichfals das eusserste; weil nichts minder die Verzweiffelung als
die Tapfferkeit in ihren Händen die Waffen schärffte. Aber endlich wurden sie
doch übermannet; und wiewol ihrer wenig von der Wallstatt entkamen / entrann
doch Hertzog Jubil nach dreien in der Schlacht eingebüsten Pferden durch eine
wunderseltzame Flucht und viel Wildnüsse in das Gebiete der Burier. Diesem
Hauptverluste folgte auf des klugen und wachsamen Marbods Seiten die
Uberwältigung des ganzen Marckmännischen Gebietes; und mussten alle grosse
Gefangenen zum grausamen Schrecken der kleinern über die Klinge springen; Gleich
als wenn Marbods Haupt ohne Abhauung aller hohen Köpfe nicht genung sichtbar
sein könnte. Ja diese ungemeinen Siege Marbods setzten die Macht der Hermundurer
in so grosses Ansehen: dass / ob wohl Fürsten freien Herrschaften stets einen
heimlichen Hass nachtragen; und so viel benachbarte Herzog Jubils nechste
Bluts-Freunde worden /die Cherusker und Catten auch inzwischen dem Drusus einen
gewaltigen Streich versetzt hatten / keiner doch das Hertze hatte für ihn
einigen Degen zu zücken. Die Alemänner verehrten den Staats-Raat zum ersten mit
einer prächtigen Gesandtschaft. Diesen folgten auch die Catten / und
insonderheit der mächtige König der Lygier / der nach gehaltener langen
Beratschlagung ihm so gar Bruder und Vetter zuschrieb. Weil die Staats-Klugheit
nur die Glückseligen kennet; und bei abgesehenem Nutzen auf gewisse Zeit auch
derer Bluts-Freund sich rühmet / die ihr mit keiner Ader zugetan sind / und
dieselben umhalset; derer Hals gleich Morgen an die Kette / der Kopff aber auff
den Pfal kommen soll. Die Cherusker und Bojen alleine hatten Bedencken sich
derogestalt zu verkleinern; wiewol ihre Beschaffenheit sie auch hemmete gegen
den Marbod einen unzeitigen Eyfer auszulassen. Also ist das Geblüte gegen dem
Feuer der Ehrsucht Eyss-kalt; und der abgesehene Vorteil ist der Grund und die
Zertreffung der meisten Freundschaft; ja die Spille / um welche sich alles Tun
der Menschen windet und verwickelt. Insonderheit aber haben Fürsten keine
Bluts-noch andere Freunde. Denn wie sie über Völcker gebieten / also gebeut der
Vorteil über die Fürsten. Ja diesem grossen Tiere gehorsamen alle Menschen.
    Wiewol nun die Hermundurer derogestalt ohne Feind waren / wollte doch Marbod
nicht ohne Kriegs-Macht sein; liess sich auch öffentlich im Staats-Rate aus: dass
wenn eine Herrschaft des Volckes nicht in ihren eigenen Eingeweiden wollte
Würmer hecken; müste sie selbte den Nachbarn in Busem setzen. Weil nun nichts
leichters ist / als eine Ursache des Krieges zu finden; riet er: dass / nach dem
die Bojen von etlicher Zeit her sich des denen Hermunduren zuständigen
Hercynischen Gebürges angemast / denen Römern das Goldwaschen in denen Bächen /
und die Ertzt-Gruben teuer vermietet hätten; sie diesen Eingriff den Bojen
untersagen / und den Vorteil selbst an sich ziehen sollten. Critasir der Bojen
Hertzog wollte diesen Nutzen so schlechter Dings nicht aus den Händen lassen;
schützte also der Bojen alten Besitz und Genuss des Hercynischen Gebürges für /
und dass sie diese verborgene Schätze der Natur als die ersten Erfinder ihnen mit
Rechte zueigneten. Marbod aber versetzte: Die Hermundurer hätten das
Nordwestliche Teil des Hercinischen Gebürges lange für den Bojen beholtzet /
befischet / bejaget; und mit allen seinen offenbaren und verborgenen
Nutzbarkeiten eigentümlich besessen; daher wäre ihr jüngerer Besitz ein
Eingriff; und könnte die Erfindung einer schon von einem andern besessenen Sache
selbten nicht rechtfertigen. Hierbei aber beruhte Marbod nicht / sondern weil er
wohl wusste: dass zwischen Fürsten ein gewaffnetes Heer der beste Sach-Redner / und
der Degen das einige Messer wäre den Zanck-Apffel recht zu teilen /oder den
Gordischen Knoten aufzulösen / versamlete er alle Kriegs-Macht zusammen. Weil
aber gleichwol in dem Staats-rate noch einige waren / welche den Schatten ihrer
Freiheit allererst erblickten / als ihr Bild schon für ihren Augen verschwunde
war / uñ wahrnahmen: dass mit diesem Kriege mehr ihre / als der Bojen gäntzliche
Unterdrückung angezielet würde; und Marbod nunmehr mehr als den König spielte;
liessen sie an ihn eine Bittschrifft ab: Er möchte das durch langen Krieg
abgemergelte Volck ein wenig verblasen lassen / und mit ihren treuen Nachbarn
und alten Bundgenossen den Bojen lieber einen billichen Vergleich treffen /
darzu sie sich schon mehrmahls erboten hätten. Die Hoffnung viel zu gewinnen /
oder ein uhraltes Besitztum wäre keine rechtmässige Ursache. Deñ so würde keine
Herrschaft in der Welt ohne Anspruch / und diese nie ohne Krieg sein; weñ die
Verjährung nicht so wohl in Ländern /als in Gründen der Untertanen statt finden
sollte. Auch würden Reiche mit ihrer Erweiterung nicht allezeit verstärcket;
sondern zwar ihre Gräntzen / nicht aber ihre Kräfften vergrössert. Sonderlich
aber stünde der Zusatz mehrer Länder freien Völckern nicht an; welche ohne
Wachstum ihren Nachbarn schon gewachsen wären. Denn weil die überwundenen
Städte grosse Besatzungen / diese aber ansehnliche Mittel dörfften; wäre dieser
Gewinn den Uberwindern eine Bürde / und eine Aussaugung der Untertanen / welche
vorher schon so viel Gut und Blut zu dem verterblichen Obsiege beigetragen
hätten. Selten stünden die reichsten Landschaften / die man dem Feinde abnähme
/ für die Müh und Kosten / am wenigsten für das teure Menschen-Blut / welches
nicht gegen Gold auszuwägen / auch mehr eine Tinte der Ehrsucht /daraus die
Krieges-Häupter ihre Siegs-Fahnen färben / als eine Tingung der Reiche / und ein
Schmaltz der Länder wäre. Ihr Besitz ziehe bei den Nachbarn Neid / bei den
Uberwundenen Hass / bei den Freunden Misstrauen / bei den Bürgern Argwohn nach
sich. Derselben Erhaltung erschöpfte das Vaterland an Volck und Mitteln; wären
also krebsfrässige Glieder /welche man von dem Leibe des Reiches abschneiden
sollte; oder dem jenigen Fische gleich / der dem / welcher ihn mit dem Hamen
fienge / die Hand starrend machte. Ja endlich wäre ihr Verlust kostbarer / als
die Gewinnung. Die Landvögte vergässen bei ihrer Botmässigkeit: dass sie Bürger
wären / und verlernten die nötigste Tugend des Gehorsams. Da aber Marbod ja auf
seiner Meinung bestünde; sollte man zum minsten nach der unter dem Fürsten
gewöhnlichen Art vor die Landstände darüber vernehmen / als welche im Kriege
zwar das meiste zu verlieren / aber das wenigste zu gewinnen hätten. Marbod trug
diese wolgemeinte Erinnerung als eine Verräterei den Kriegs-Häuptern für /
durch welche der Rat sie eines ruhmwürdigen Sieges / das Vaterland eines
ansehnlichen Auffnehmens / die Kriegs-Leute der fetten Bojischen Aecker /wegen
welcher ihre Vor-Eltern zu kriegen iederzeit für Recht gehalten hätten /
berauben; ja durch den Frieden ihnen die Waffen aus den Händen spielen /und weil
der gemeine Kriegs-Mann selten was mehres / als Narben des Leibes / und Lähmde
der Glieder mit aus dem Kriege brächte / sie zu armseligen Tagelöhnern machen
wollte. Kriegs-Leuten wäre die ärgste Schande durch Schweiss erwerben / was sie
durch Blut haben könten. Welches sie aber wenig kosten würde; weil die Bojen in
ihrem fruchtbaren Lande bei dem Wolleben alle Kriegs-Ubungen vergessen; der hohe
Adel die gemeine Ritterschaft / die besten Vormauern eines Reiches mit ihren
Gütern gleichsam verschlungen hätten; ja sie selbst mit einander in eitel
Missverständnüsse lebten. Einem schlaffendem Löwen und einem abgedanckten Soldaten
träten auch die Hasen auf die Fersen / und der geringste aus dem Pöfel wollte an
ihnen zum Ritter werden. Fern und ungelegene Länder zu bemeistern wäre freilich
wohl nicht ratsam; und hätte so wohl Cartago mit Besetzung so vieler fernen
Länder / als Aten durch Anfallung Siciliens seine dem Hertzen nötige
Lebens-Geister in die eussersten Glieder unvorsichtig zerteilt /und dardurch
jene ihren Untergang befördert / diese auf einmal ihren achzigjährigen Gewinn
verspielet; hingegen wären beide Meister in der See / und in höchster Blüte
gewest / als Aten sich mit den Grichischen Eylanden / Cartago mit den festen
Lande in Africa vergnüget hätten. Die Römer hätten ihrer Ausbreitung kein Ende
gemacht; wiewol sie Fuss für Fuss fortgerückt / über Italien vierhundert Jahr
zubracht /und bei der scheinbarsten Gelegenheit nichts übersprungen. Diese
hätten bei ihrer bürgerlichen Herrschaft das meiste / und mehr als niemahls
kein König gewonnen. Fürsten wären sterblich / Völcker aber blieben ewig / wären
keiner unwissenden Minderjährigkeit / keinem ohnmächtigen Alter / wegen Vielheit
der Augen keinen blinden Irrtümern unterworffen; hätten zwar / wie Könige über
ihre Bedienten / aber nicht über ihre herrschsüchtige Kinder zu eifern. Weil nun
denen Hermundurern und Marckmännern nichts vorträglicher und leichter wäre / als
das fast rings herum mit einem Krantze feste Gebürge umgebene /und biss an den
grossen Donau-Strom reichende Land der Bojen einzunehmen / stellte er zu der
Kriegs-Häupter Nachdencken: was sie wieder den schädlichen Rat für sich und das
Vaterland gutes entschlüssen wollten. Die Kriegs-Häupter / welche freilich wohl
den Sieg / niemahls aber Friede verlangen / stimmten nicht allein in den Krieg
wieder die Bojen; sondern weil sie doch kein anständiger Oberhaupt als den
Kriegrischen Marbod zu hoffen hatten / machten sie unter sich ein eidliches
Bündnis ihn auf den Stul des ermordeten Brittons zu heben; weil doch die Sitten
der Hermundurer und Marckmänner die bürgerliche Herrschaft nicht vertragen
könten. Marbod vernahm ihren Schluss mit der höchsten Gemüts-Vergnügung;
gleichwol aber verhüllete er seine Begierde mit dem Scheine einer beständigen
Weigerung eine solche Last zu übernehmen / welche seinen Achseln zu schwer
/vielen Zufällen unterworffen / seinen Feinden zur Verläumdung / und tausend
Neidern zum Ziel ausgesteckt wäre; ja auch bei vielen seiner Freunde einen
Schein gewinnen dörffte / samt er zeiter nicht für das Volck / sondern für
seinen Ehrgeitz gefochten / und nur mit Emporschwingung seiner Niedrigkeit ihre
Freiheit selbst zu unterdrücken suchte. Die Kriegs-Obersten aber hielten ihm
ein: Seine Achseln wären alleine fähig diese Last zu übernehmen. Daher sollte er
dem gemeinen Wesen nicht missgönnen / was seine Taten selbtem fürlängst
versprochen hätten. Es wäre keine grosse Sache ein Fürst geboren sein; aber wohl
/ durch Tugend sich zum Fürsten machen. Niedrige Ankunft wäre nichts
verkleinerliches; sondern nur /wenn man sich aus derselben nicht empor heben
wollte. Der wäre schon zum Aufsteigen fähig und gross genung / der nur die /
welche seines Standes wären /überträffe. Ein grosser Berg würde für klein
geachtet gegen einem grössern / und ein Weitzen-Korn gross gegen andere gemeiner
Grösse. Die Freiheit lidte unter einem tugendhaften Fürsten wenigern Abbruch /
als unter hundert zwistigen Rats-Herren. Daher wäre es des Volckes Heil / wenn
einer die Herrschaft an sich risse / welche von vielen Gebietern in Verwirrung
missbraucht und zerstückt würde. Diss wäre kein Werck eines Wütterichs; sondern
eine Unterwerffung gemeiner Zwytracht unter die Einigkeit eines Fürsten. Es
nehme dem Volcke nicht seine Freiheit / sondern es wickelte sie nur aus den
Verwirrungen vieler herrschsüchtiger Leute. Den Untertanen wäre leichter einem
/ als vielen gehorsamen; und denen Gesetzen wäre mehr geholffen durch einen /
der sie ausübte / als durch hundert / die sie durch ihre Auslegung
vertunckelten. Also dorffte es noch viel Bittens und heisser Tränen / den
Marbod zu dem zu bereden / was er wieder Willen des Volckes schon für längst an
sich gerissen hatte. Das Kriegs-Heer rückte hierauf alsofort nach Calegia / hob
den Staats-Rat auf / erklärte den Marbod nicht nur für einen Fürsten / sondern
/weil der alten Hertzoge Titel ihm zu verkleinerlich war / für einen König der
Hermundurer / Marckmänner und Sedusier. Alles diss geschahe mit grösserm Gepränge
/ als vorhin keinem Fürsten geschehen war; welches dardurch nicht geringen
Glantz bekam: dass Kayser August ihm zugleich eine güldene Krone /einen
Purpur-Rock / einen Helffenbeinernen Stul /und einen mit edlen Steinen
versetzten Degen überbringen liess. Marbod / nach dem ihm alle Stände den Eyd der
Treue abgelegt / alle hohe Aempter mit seinen Geschöpffen / und denen / welche
zur Dienstbarkeit die gröste Zuneigung bezeugten; insonderheit aber mit seinen
Landesleuten den Marckmännern besetzt hatte / brach an zweien Orten bei den
Bojen ein. Hertzog Critasir lebte daselbst mit den Bojischen Ständen in höchsten
Missverständnüsse; weil er seiner Gemahlin Gangoza einer Fürstin der Lygier
gleichsam alle Gewalt eingeräumt / und insonderheit alle Ehren-Aempter zu
verkauffen verstattet hatte. Dahero waren sie weder durch den Ruff der sich
nährenden Gefahr / noch durch ihres Fürsten bewegliche Erinnerung zur
Gegenbereitung zu bewegen; also: dass es einem geheimen Verständnüsse zwischen
dem Könige Marbod und den Bojen nicht unähnlich schien. Welche Mutmassung
dardurch mercklich bestärckt war: dass Marbod einen der für nehmsten Bojen bei
sich zum geheimen Rate hatte / welcher deswegen aus Critasirs Gebiete gewichen
war; weil der König ihn: dass er mit seiner Gemahlin Gangoza / hingegen
Gottschalck / also hiess dieser Ritter / Critasirn beschuldigte: dass er mit
seiner Frauen allzu verträulich lebte; fürnehmlich aber: dass so bald Marbod über
das Hereinische Gebürge ohne den geringsten Wiederstand kam / nicht nur etliche
tausend von dem hohen Adel untergedrückte Ritters-Leute / sondern auch viel der
grösten Herren zum Marbod ins Läger kamen / und sich unter seine Kriegs-Fahnen
stellten. Ja der Bojen Zulauff mehrte sich derogestalt: dass sie an der Zahl
stärcker / als seine eigne Kriegs-Leute waren; und daher er jene guten teils
ausmustern / und sie unter allerhand Schein dort und dar hin verbrauchen musste.
Alle feste Plätze brachten ihm die Schlüssel entgegen; die Haupt-Stadt Boviasmum
wehrte sich allein acht /und die Stadt Casurgis fünff Tage. Hertzog Critasir
selbst ging entweder aus Verdruss: dass ihn seine Untertanen ganz hülfloss
liessen / oder weil er ohne diss alt war / und keinen Reichs-Erben / ja wohl gar
seine Herrschaft niederzulegen im Sinne hatte / aus dem Lande in das dem
Feldherrn Segimer zustehende Gebiete der Quaden; und sah aus der Stadt
Celemantia der Uberwindung seines Landes gleichsam ohne Empfindligkeit des
Gemütes und ohne Rührung einiger Hand zu. Also ist die Unempfindligkeit eines
Fürsten einem Reiche eben so schädlich / als die übermässige Herrschenssucht.
Denn wie diese die Länder einäschert; also lässet sie jene durch Erfrierung
vergehen. Wie die Natur die Empfindligkeit / als ein Erhaltungs-Mittel / allen
Tieren eingepflantzet hat; also eignet sie die Staats-Klugheit den Fürsten ein.
Denn welchen nicht der Verlust seiner Untertanen in der innersten Seelen beist
/ dessen Reiche fället ein Glied nach dem andern /als erfroren weg / der kalte
Brand aber frisst endlich biss zum Hertzen / und reibet es gar auf. Welche
Kranckheit ins gemein in Wahl-Königreichen / oder wo ein Fürst nicht vererbt ist
/ überhand nimmt. Denn viel / welche gleich nicht aus innerlicher Grossmütigkeit
für ihre Länder wache wären / wecket die Kinder-Liebe auf: dass sie mit ihrem
Erbteile auch für das Vaterland sorgen.
    Marbod hingegen wohl wissende: dass geschwinder Einfälle ganze Krafft in der
ersten Hefftigkeit bestehe / und dass die Spitzen / welche nicht durchgehen / nur
stumpff werden; schmiedete das Eisen weil es warm; und seiner Feinde Hertz kalt
von Furcht war; ruhete Tag und Nacht nicht / sondern machte sich in wenigen
Wochen zum völligen Meister über die Bojen. Er selbst wusste sich in die Übermass
seines Glückes nicht zu finden; dessen Hefftigkeit nichts minder den Verstand /
als allzugrosser Glantz die Augen verbländet. Daher er denn in Befestigung
seiner Herrschaft nicht allentalben seine gewohnte Klugheit fürkehrte;
insonderheit aber denen freimütigen Bojen allzu scharffe Gesetze aufbürdete;
und durch Erbauung eines starcken Schlosses zu Boviasmum und Casurgis entweder
sein Misstrauen zu ihnen / oder seine Anstalt ihnen ein Gebiess anzulegen
vermercken liess. Weil ihm einer seiner Kriegs-Obersten riet; Es sei sicherer
einem die Hände binden: dass er nicht schaden könne / als sein Gemüte gewinnen:
dass er uns gewogen werde. Da doch ein Uberwinder neue Völcker durch nichts
besser / als wenn er alles im alten Stande läst / im Zaum halten kann; weil sie
sodenn nicht so wohl eine neue Herrschaft empfinden / als des vorigen Fürsten
Geist in einem andern Leibe sehen. Weil nun in edlen Gemütern die grossmütigen
Regungen mehr schlafen als gestorben sein / und bei eusserster Rot wie die im
Winter erstarrten Schlangen am Frühlinge lebhaft werden; standen in einem Tage
die Bojen durch ihr ganzes Land wieder den Marbod auf; über fielen seine
Besatzungen; ja ihn selbst umringten sie unter dem Sudetischen Riesen-Gebürge /
dahin er unter dem Scheine den Brunnen der Elbe zu beschauen / in Warheit aber
der benachbarten Marsinger Zustand auszuforschen verreiset war. Marbod hätte
sich ehe des Himmelfalls / als eines Feindes versehen / als Gottwald / ein
junger und hertzhafter Ritter mit tausend Mann ihn in einem Walde an einem
Furt überfiel. Ob er nun wohl mehr nicht / als hundert bewehrte Leute bei sich
hatte / munterte er doch durch seinen Zuruff und Beispiel die Seinigen zu einer
hertzhaften Gegenwehr auf. Marbod und Gottwald gerieten selbst an einander.
Wie nun jener die gemeinen Schrancken menschlicher Tugend zu übertreffen sich
bemühte / um den erlangten Ruff: dass er mehr / als ein Mensch wäre / zu behalten
/ und in einer Stunde nicht zu verlieren / was er durch so viel Jahre durch
Schweiss und Blut kaum erworben hatte; also hatte der kühne Gottwald bei sich
beschlossen: dass diesen Tag sein Schild entweder sein Grabe- oder der Freiheit
Grund-Stein für die Bojen / ihm aber eine Staffel der Ehren und Glückseligkeit
sein sollte. Marbod verletzte Gottwalden zwar mit einem Wurff-Spiesse in den
rechten Schenckel; aber diese Wunde nahm ihm nicht so viel Kräfften / als der
Eyver hierüber seiner Tapfferkeit beisetzte. Dahero traff er den Marbod mit
einer Lantze so heftig: dass selbte zwischen dem Gelencke des Harnisches durch
die lincke Achsel ging. Marboden entgieng zwar hierüber nicht wenig Blut /aber
das wenigste von seiner Hertzhaftigkeit. Inzwischen aber / weil die Bojen durch
das Gehöltze denen Hermundurern und Marckmännern in Rücken kommen waren / lidten
sie wegen ihrer Wenigkeit allentalben Not; also: dass Marbod / der nun seinen
Untergang für Augen sah / noch einmal sein eusserstes wagte; und nach dem er
zwei Bojen zu Bodem geschlagen / einen verzweiffelten Streich auf den Ritter
Gottwald tät / und ihm seinen Schild mitten entzwei teilte / ihm auch vollends
noch was gefährlichers beibracht hätte / wenn ein Bojischer Edelmann / der
hernach hiervon den Nahmen Nothaft bekam / selbten nicht versetzt / und also
fort Gottwalden seinen Schild eingehändigt hätte. Hierüber aber verlohr Marbod
sein Pferd; ein Marckmännischer Ritter aber / den Marbod hernach von dem Orte
dieses Gefechtes zum ewigen Gedächtnis Tannenberg hiess / versetzte inzwischen
alle feindlichen Streiche: dass er wieder auf die Füsse kam. Marbod / Tannenberg
/ Lichtenstein /und etliche andere Marckmänner machten ihnen durch das Gedränge
mit dem Degen gleichwol einen Weg zu einer dicken Hecke; wohin es mit den
Pferden zu kommen unmöglich war; aber Marbod bekam hierüber noch drei
gefährliche Wunden. Endlich kam die finstere Nacht ihnen zu Hülffe; Tannenberg
und Lichtenstein aber; als inzwischen die übrigen Marckmänner biss auff den
letzten Bluts-Tropffen zwischen den Hecken die Bojen auffhielten / kletterten an
einem gähen Berge hinauff / und brachten ihn um Mitternacht zu einer felsichten
Höle. Wiewol sie sich nun nicht allerdings sicher schätzten / in dem sie um den
Berg etliche hundert brennende Kien-Fackeln wie Irr-Lichter schwermen sahen /
also mutmasten: dass die Bojen den König Marbod oder seine Leiche suchten
/mussten sie doch daselbst verblasen / weil der halb-tode und ohnmächtige Marbod
unmöglich weiter zu bringen war. Daher schlepten sie den König Marbod in die
Höle / zohen ihm seine Waffen aus / und erquickten ihn mit etlichen Handvolln
Wasser aus einem dabei abrinnenden Quelle. Also ist doch niemand / wie viel
tausend ihn gleich fürchten müssen /nicht immer der Furcht befreit; und der
mächtigste hat nichts minder von einem schwächern Gefahr / als aus einer kleinen
Wolcke ein heftiger Donnerschlag kommet / und ein verschlossener Wind ganze
Gebürge umdrehet. Der verächtliche Gottwald brachte es derogestalt so weit: dass
auf diesem hohen Gebürge der mächtige König Marbod so tieff verfallen musste. Und
also ereignet sich mehrmahls: dass dieselben sich kaum mit einem Löffel Wasser
laben können / welche kaum vorher der Besitz etlicher Meere und hundert Flüsse
nicht zu sättigen vermocht hat. Bei anbrechendem Tage wollte Lichtenstein aus der
Höle kriechen /um den eusserlichen Zustand zu erkundigen / und für ihre /
besonders aber Marbods Wunden einige Kräuter aufzusuchen. Wie er hiermit zurück
in die Höle kam / erblickte er zu hinterste einen grossen sich empor hebenden
Bären / worüber er nach dem Degen grieff / und einen hellen Gall anzuruffen
fieng / um den nicht ferne davon liegenden Tannenberg zu ermuntern. Dieser
sprang hierüber auch auf / und wollten sie beide sich an dieses wilde Tier
machen. Es kroch aber ein Eysgrauer mit einer Bären-Haut bekleideter Mann /
dessen Bart ihm biss unter den Gürtel ging / hinter einem Felsen herfür; und gab
ihnen zu verstehen: dass wo sie für keinem Menschen sich etwas zu befahren hätten
/ wären sie für diesem sonst grimmigen Tiere allerdings sicher. Wie nun aber
Lichtenstein und Tannenberg ihre Degen nicht bald einsteckten; fuhr der Alte
fort: Stehet ausser Sorgen /ihr Fremdlinge / wer ihr auch seid / ich stehe für
aller Gefahr und Schaden. Denn nach dem die Menschen gelernet haben grimmiger zu
sein / als wilde Tiere /fangen diese an zahmer zu werden als die Menschen. Die
dem Alten aus dem lebhaften Antlitze sehende Redligkeit / und seine andächtige
Gebährden verursachten bei beiden alsbald ein Ehrerbietiges Ansehen; und der Bär
selbst streckte sich auf sein gegebenes Zeichen demütigst zu Lichtensteins
Füssen. Dieser hingegen grüste den Alten nunmehr mit tieffer Verehrung als einen
Halb-GOtt / und bat um die Auslegung seiner vorigen Worte. Der Alte versetzte:
Er sehe sie teils für seinen Füssen / teils trüge er sie an seinem Leibe. Denn
seine Kleider deuteten eine nicht geringe Verwundung an; solche aber hätte
schwerlich ein reissender Bär oder Wolff / sondern ein viel blutbegieriger Tier
verursacht. Dieses wäre der Mensch /welcher biss zum zehenden Jahre einen Affen /
biss zum zwantzigsten einen Pfauen / biss zum dreissigsten einen Löwen / ins
vierzigste einen Fuchs / ins funffzigste eine Schlange / biss ins Grab einen
unersättlichen und alles Ertzt verdauenden Strauss abbildete; oder vielmehr
iederzeit die Laster aller Tiere besässe / zehn Bären aber sich kaum mit der
Grausamkeit eines Menschen beteilten. Ja weil kein Tier in sein eigen
Geschlechte so wütete / würde die Welt sicher friedlicher / die Erde weniger
blutiger sein / wenn gleich Löwen / Panter / und Tiger-Tiere die
Oberherrschaft der Welt behaupteten. Es ist wahr / antwortete Lichtenstein.
Denn da wir in dieser Bären-Höle nicht mehr Erbarmnis finden / wird die
Grausamkeit gewiss noch unsern übrigen Lebens-Atem ihr aufopffern. Erbärmlicher
Zustand der Menschen! ruffte dieser holdselige Alte / welchem zugleich die
milden Zähren über die Backen lieffen / und an seinem Barte wie Morgen-Tau
hängen blieben. Warlich! wenn die Sonne so wohl Ohren als Augen hätte; würde sie
mehrmahls in ihrer eiffrigen Rennebahn den Lauff hemmen / und dem auf dem Miste
dieser Welt winselnden Elende der Menschen Gehöre geben / vielmahl auch auf ihre
teuffelische Bosheit an statt der fruchtbaren Stralen Hagel und Blitz
ausschütten müssen. Ihr verdammten Halb-Menschen / die ihr unter Englischen
Gesichtern gifftige Scorpionen-Schwäntze und rasende Panter-Klauen verdecket;
die ihr vom Himmel deswegen die Waffen der Vernunft überkommen zu haben
vermeint: dass ihr sie zu anderer Betrug und Blutstürzung gebrauchen köntet;
gleich als weñ euch die Natur zu Priestern des Todes gezeuget hätte! Wisset ihr
nicht: dass die Welt ein angefüllter Kercker von Missetätern sei / welche das
Verhängnis noch für ihrer Geburt durch ein unwiederrufliches Gesetze zum Tode
verdammt hat; in dem ieder alle Augenblicke die Ausübung des Urtels und die Art
seiner Hinrichtung zitternde erwarten muss? Ist euch verborgen: dass die Zeit
selbst der Scherge oder der Todten-Gräber ist / der euch auf dem vom Verhängnisse
ausgesteckten Wege über Hals über Kopff zum Grabe fortschleppet; und dass sie
zwar zum Merckmahl / wie geschwinde unser Leben verrauchet / eine Sand-Uhr in
der einen; eine Sichel aber in der andern Hand träget / welche uns unfehlbar
abmeiet /ehe wir es uns versehen; weil wir schon in der Wiege reiff zum Tode
sind. Aber lasset mich durch meine Trägheit nicht auch in verdammliche
Grausamkeit verfallen. Hiermit machte der Alte dem noch sprachlosen Marbod die
Kleider auf / besah seine Wunden / wusch sie aus / holete Kräuter /
zerquetschte sie zwischen zwei Steinen / und verband sie darmit. Nichts anders
verfuhr er mit dem Ritter Lichtenstein und Tannenberg. Um den Mittag brachte er
ihnen zur Mahlzeit allerhand Wurtzeln / und in einem ausgehölten Steine ein
annehmliches Wasser / welches er nahe darbei aus einem Sauerbrunnen geschöpfft
hatte; den lechsenden Marbod aber erquickte er mit Himpel- und andern
annehmlichen Beeren; welche in Menge und ungewöhnlicher Grösse auf diesem
Gebürge wuchsen. Seinen Bären schickte er auf die Jagt aus / welcher täglich
etwas von Wildpret einbrachte; so der gute Einsiedler nach der ersten Welt
Einfalt zurichtete; übrigens aber seine Gäste derogestalt unterhielt: dass sie
ihn für ihren Artzt / ihren Verpfleger / ihren Lehrer /ja für ihren Vater rühmen
mussten. Tannenberg und Lichtenstein geneseten in drei / Marbod aber zu aller
höchster Verwunderung in acht Tagen von ihren gefährlichsten Wunden. Worauf der
Einsiedler allererst nach ihrem Zustande / und wie sie in diss Unglück verfallen
wären / fragte; weil er es anfangs zu tun deswegen anstand: dass ein Mensch nach
dem Beispiele der Sonnen / welche über Wolffs-Milch und Weitzen / so wohl über
die sie verfluchende Mohren als die sie anbetenden Persen ihre Strahlen
ausschüttet / ohne einigen Unterscheid Bösen und Guten woltun solle. Marbod /
welcher gleichwol nicht trauen wollte / wer er wäre / zu entdecken; berichtete
ihn: Sie wären Marckmännische Edelleute / welche in Begleitung ihres Königes von
denen Bojen verräterisch wären überfallen / und also zugerichtet worden. Sehet
ihrs nun / sagte der Einsiedler: dass die Bosheit mit demselben Messer verwundet
werde / welches sie vorher auf andere Hälse geschliffen hat. Marbod und ihr habt
euch dieses Uberfalls halber weder zu verwundern noch zu beschweren. Denn habt
ihrs den Bojen nicht vorhin ärger mitgespielet? Perill brennet nicht unbillich
im glüenden Ochsen; den er vorher andern zur Pein ersonnen hatte. Wer aber sein
Tun nach der Wagschale der Gerechtigkeit abwiegt / hat sich für ihrem Schwerdte
nicht zu fürchten. Unsere ungezähmte Begierden stürtzen uns nur von den
Steinklüfften solcher entsetzlichen Zufälle. Hätte Marbod / dessen Leib der
Himmel nicht begreiffen würde / wenn er mit seinem Ehrsüchtigen Gemüte gleicher
Grösse wäre /sich nicht zum grösten Räuber der Welt / und einem Mörder seines
Hertzen gemacht; so hätte das erreitzete Verhängnis ihm keinen so sauern Blick
gegeben. Ein tugendhaft und vergnügliches Leben ist der sicherste Ancker und
der vollkommenste Glücks-Stern. Wie tieffsinnig aber ist die Ehrsucht der
Menschen um ihr selbst weh zu tun; wenn sie alle Kreisse der Vergnügung
übersteigt / und alle Augenblick ihr in den Gedancken eine so hohe
Glücks-Staffel fürbildet; die sie gar nicht / oder nur mit ihrer Einäscherung
erreichen kann! Wie zwinget sie ihr Verlangen so viel höher / als ihre Augen
tragen / und ihre Kräfften reichen. Ja wenn ein Herrschsüchtiger auch schon den
ersten Tag auf dem Wagen der Sonne zu sitzen käme; würde er doch Morgen schon in
dem allerhöchsten Kreisse die unbeweglichen Gestirne mit seinen Füssen zermalmen
wollen. Deñ ehe man sich einer Herrschaft bemächtiget / scheinet eine kleine
gross / nach ihrer Uberkommung aber auch die gröste klein zu sein. Dannenher GOtt
gar billich der menschlichen Unersättligkeit durch so viel ohnmächtige Schwächen
die Flügel verschnitten und verhangen hat: dass ein Knecht einem Fürsten oft zum
Meister werde; und eine Hand mit einem Funcken Feuer in einem Augenblicke
verterben könne / was hundert tausend in hundert Jahren gebaut haben. Ihr
blinden Sterblichen! Wenn wird euch die Zeit oder euer Nachdencken die Larve vom
Gesichte ziehen? wenn werdet ihr sehen: dass in der Tugend / nicht in
eusserlichem Gepränge unsere Glückseligkeit beruhe? dass wie viel leichter in
einem kleinen Zirckel unser Augen-Mass den Mittel-Punct zu erkiesen wüste; also
in niedrigem Stande ehe / als auf denen geschwancken Gipffeln hoher Würden die
Ruhe des Gemütes zu finden sei! Wenn werdet ihr das Wesen für den Schatten
ergreiffen; und euer Gemüte mit Kost / nicht mit Winde speisen? Ist es nicht
Torheit oder vielmehr Bosheit: dass der Mensch den Glantz der Tugend / welcher
die Stralen der Sonnen vertunckelt / darum verächtlich hält; weil selbter eine
Selbständigkeit zum Grunde hat; und sich mit der Bländung der Laster vergnüget;
weil sie das Nichts der Eitelkeit zum Fusse haben. Die Weissheit hält für das
höchste / wenn sie was ist; darmit aber kein Gepränge macht / sondern ihre
Diamanten mit rauen Steinen / ihren köstlichen Kern mit geringen Schalen
verhüllet. Was nichts ist / und nichts zu sein scheinet / wird billich von
Tugend und Bosheit verworffen. Aber in der Welt / weil selbte voll von eitel
leeren Dingen ist / und eitel Einwohner hat / die nirgends weniger / als in
derselben wohnen / hält man für nichts / was gleich scheinet / und wahrhaftig
etwas ist; hingegen für das vollkommenste Wesen /was nicht ist / und nur einen
Schein hat / als wenn es etwas wäre. Weil der Papegoy zu reden scheinet /hencken
ihn Könige in güldenen Kefichten in ihre herrlichsten Zimer / und speisen ihn
mit Zucker; wenn aber Epictet einen Redner abgeben will / schleust man ihm die
eussersten Pforten für der Nase zu. Der grosse Alexander fand zwar beim Diogenes
die Glückseligkeit / und sein Fass warff den Schatten weit über die Egyptischen
Spitz-Seulen; dieser grosse Weltbezwinger aber wusste keinen Glantz diesem armen
Weisen beizusetzen; sondern er entzog ihm vielmehr die Stralen der Sonnen / und
beeinträchtigte die Vergnügung seiner Niedrigkeit. Wenn Marbod in seinem ersten
Stande blieben wäre / oder mit mir in dieser Höle gleich seine Vergnügung sehe;
würde er doch lieber nach der Lufft eiteler Ehre schnappen / und inwendig gerne
ein grausames Ungeheuer vieler Laster werden: dass er nur in den Augen der
Eitelen ein Wunderwerck der Glücks-Kinder sein möge. Es ist zu erbarmen: dass
Menschen sich vernünftige Tiere zu sein rühmen; da sie doch selten der
Richtschnur der Vernunft folgen; sondern ins gemein den Absätzen ihrer rasenden
Begierde nachhängen; Unter welchen die Ehrsucht die grausamste ist. Alle andere
Laster haben ihren Stillestand; die Schwelgerei wird ersättigt / die Wollust
überdrüssig / die Grausamkeit ermüdet / der Zorn abgekühlet; die Ehrsucht aber
ist das Feuer /welches von seiner Nahrung wohl vergrössert / no comma? aber satt
wird. Da doch eine weite Herrschaft die beschwerlichste Dienstbarkeit ist; und
die / welche über viel tausend gebieten / nicht Herren über sich selbst sind; in
welchem letztern doch die eigentliche Herrschaft bestehet. Der Wollüstige ist
ein Sclave eines Antlitzes / der geitzige eines gläntzenden Erd-Klumpens / der
Ehrsüchtige ein Knecht der Knechte; für welchen sich dieselben demütigen
/welche über Herren gebieten wollen. Das gröste Königreich aber ist die Freiheit
seines Hertzens; welches an nichts / als an seinem Uhrsprunge dem Himel hengt;
welches keinen Menschen beleidiget / Gott nicht erzürnet; welches alle andere
Stände ihm für unanständig hält; darein ihn das Verhängnis nicht gesetzt hat /
und den Begierden alsbald einen Riegel fürscheubt; wenn sich ihnen irgendswo ein
Abweg zeigt; auf welchem die Lüsternen Hals und Kopff brechen; ob er schon im
Eingange mit Lilgen und Jasminen bestreuet ist; wie euch das Beispiel eures
Marbods den gestrigen Tag fürgebildet hat; oder / welches mir glaublicher / der
künftige durch einen viel merckwürdigern Fall aller Welt für Augen stellen
wird. Sintemahl die durch Laster an sich gezogene Gewalt eben so wenig / als der
Schnee an der Sonnen / und das Wachs im Feuer tauern kann. Marbod färbte und
entfärbte sich unterschiedene mahl über der nachdrücklichen Gewissensrührung
dieses frommen Alten; er sah bald den Tannenberg / bald den Lichtenstein an
/sie gleichsam fragende: ob sie auch in ihrem Gemüte die Stiche fühleten /
welche so empfindlich sein Hertz träffen. Worüber der Einsiedler alsbald eine
Mutmassung faste: dass diss König Marbod wohl selbst sein dörffte. Sintemahl eben
so wenig eine Larve einen Fürsten / als eine Wolcke die Sonne völlig bergen kann.
Lichtenstein aber / um entweder seinen Fürsten so viel möglich zu rechtfertigen
/ oder dem Alten mehr Anlass zu fernerm Unterricht zu geben / sätzte ihm
entgegen: Es gebe so wenig Menschen ohne Fehler / als Tiger ohne Flecken. Jeder
Grundzeug der Natur wäre ein Behältnis wilder Tiere / und ein Auffentalt
menschlicher Gebrechen. Die Hoffart hätte ihr Leben gleichsam in der Lufft / der
Zorn im Feuer / der Geitz in der Erde / die Selbst-Liebe im Wasser; Die Ehrsucht
aber schlüge ihr Gezelt schier unter den Sternen auf / und hätte an sich etwas
himlisches / und darum so viel weniger Rauch und scheltbares. Alle Arten der
Tiere hätten unter sich gifftige /und fürnehmlich die Kriechenden. Keinem Vogel
alleine klebte einig Gift an. Daher hielt er die / welche sich von dem Miste
des Pöfels erhieben / und über andere durch grosse Taten empor schwingen / für
die reineste Sünde / wormit sich Menschen befleckten. Ihm wäre zwar etlicher
Weisen Meinung nicht unbekandt: dass man aus blosser Liebe der Tugend / nicht aus
Begierde der Ehren gutes tun sollte; und dass die letztere sonst die Tugend in
Eitelkeit verwandelte; ja dass die Tugend sodeñ ihr höchstes Ziel erreichte; wenn
sie nicht nur alles Ruhms entblöst / sondern gar mit Schmach / Schande und
Verachtung verstellet würde. Er wüste wohl: dass einige den Pitias beschuldigten
/ seine Freundschaft gegen den Damon hätte nicht die Liebe / sondern Eitelkeit
zum Grunde gehabt. Scipio hätte sich der schönen Gefangenen nicht aus Liebe /
sondern aus Staatssucht; Curius der Eitelkeiten aus Eitelkeit entalten. Alleine
heist das nicht Helffenbeinerne Bilder mit Kohlen überfirnsen / und die Sonne
mit Gewölcke schöner machen wollen; und der Tugend ihre Anmut nehmen / wormit
sie so viel weniger Buhler bekome. Sintemahl die Menschen durchgehends so kalt
geartet wären: dass der Zunder der Ehre ihre todten Geister aufwecken müsse.
Daher nichts gewissers / als dass der / welcher Ruhm und Ehre verachtet / der
Tugend schwerlich hold sein könne. Massen denn den Menschen die Ehre fast allein
von andern Tieren absonderte / und zu GOtt näherte. Ja sie wäre ein viel edler
Kleinod als das Leben. Denn diss möchte man wohl für jene / niemahls aber jene für
dieses einbüssen. Zumahl die Ehre das von der Natur in so enge Schrancken der
Zeit eingesperrte Leben sodenn / wenn es rühmlich eingebüsst wäre / verewigte;
und das Verlangen beim Leben hochgesehen / nach dem Tode bei der Nachwelt
berühmt sein / einen sichern Beweis abgäbe: dass die Seele unsterblich sei. Denn
wenn sie mit dem Leibe zu sein aufhörte / was hätte sie für Genuss vom Nachruhme?
diesemnach liesse sich keine Ubermasse leichter entschuldigen / als wenn das
Verlangen nach einem so herrlichen Dinge über die Schnure rennte. Der Leib
wüchse nur fünff und zwantzig Jahr / das Hertz aber funffzig / und das Gemüte
wie der Krocodil so lange man lebte; zu einer nicht unklaren Andeutung: dass die
Ergetzligkeiten des Leibes ein zeitliches; tapffere Entschlüssungen ein
langsames / das Verlangen über andere zu herrschen gar kein Mass noch Ziel haben
solle. Der zerbrechliche Mensch würde wilden Tieren in vielem nachgeben /
besonders den Raben; derer Jugend allein hundert Jahr austrüge / und den Adlern
/ welche biss über die Wolcken flügen / wenn er nicht durch Helden-Taten sich
bei den Nachkommen verewigen / und mit der Herrschaft über die heben könnte /
welche in der Verachtung bei den Lebenden / und in der Vergessenheit der noch
ungebohrnen vergraben liegen. Britton hätte zwar wie ein kleiner Stern für der
aufgehenden Sonne des Fürsten Marbods erbleichen müssen; aber dieses Gesetze
wäre nicht nur in dem Reiche der Staats-Klugheit /sondern auch der Natur
Herkommens; worinnen eines Dinges Geburt des andern Vernichtigung nach sich
züge. Das geringe Gewürme des Pöfels krieche nur in dem Staube / die
ohnmächtigen Schnecken trügen sich nur mit ihren engen Hütten; Grosse Gemüter
aber zügen mit den Habichten und den Löwen auf den Raub aus. Und wie es dem
Volcke wohl anstünde das Seinige verwahren; also Fürsten um fremde Güter
kämpffen. Mühte sich doch die Fettigkeit der stinckenden Moräste in empor
steigende Dünste / und diese sich in Lufft-Sternen zu verwandeln. Und ob sie
zwar endlich wieder verloderten, wäre doch ihre Asche nicht unedler / als der
Uhrsprung. So viel weniger wäre dem von edlem Geschlechte entsprungenen Marbod
zu verargen: dass er nach der Eigenschaft der besten Sterblichen ihm die höchste
Pforte der Ehren /seinen Nachkommen der Würde / andern Edlen der Nachfolge
geöffnet hätte. Weil so viel Riesen-Väter Zwerge; grosse Könige unedle Knechte
zeugten / und ihr Geschlechte in Abfall brächten; müsten andere hingegen in
Aufnehmen kommen. Wie einerlei Ding unterschiedene Farben zu haben schiene /
nach dem man es gerade oder seitenwerts ansehe; also wäre nichts seltzames: dass
ein Mensch von einem erhoben / vom andern gescholten würde. Die alten Helden
deuchteten uns Wunderwerke / die gegenwärtigen nichts zu sein. Wie
verkleinerlich man jetzt vom Marbod redete; so gross würde die Nachwelt von ihm
sprechen. Dahero wenn schon ihn der Neid oder das Unglücke unter seiner Last
erdrückte / könnte doch seine Einäscherung ihn zu nichts geringerm / als er
gewest wäre / machen; die Welt würde sodenn auf ihn / wie auf die verfinsterte
Sonne / mehr Augen wenden / als da er in vollem Lichte gestanden. Denen jetzt
sein Schweiss stinckte / würde seine Leiche köstlicher / als Ambra rüchen; Und
wenn seine Asche schon nicht in güldene Todten-Töpffe sollte verwahret werden;
würde sie die Nachwelt doch in ihre unversehrliche Hertzen aufheben.
    Der Einsiedler hörte den Ritter Lichtenstein wohl aus; fieng hierauf an: Es
ist wahr: dass man desshalben lebe / wormit man nimmermehr sterbe. Ich gebe nach:
dass die nach dem Tode nicht leben können; die / ehe sie gestorben / wie Todte
gelebt haben. Aber wie es ein grosser Unterscheid ist zwischen einem
unsterblichen Nachruhme / und einer ewigen Schande; also wird Marbod durch seine
Ehrsucht zwar in diese verfallen / jene aber mit keinem Finger erreichen. Ein
tugendhaft Leben balsamt allhier unsern Atem / nach dem Tode die Asche ein;
wormit jener uns täglich erquicke; diese aber unverwesslich sei / so gar auch den
Verläumdern nicht stincken möge; wie die / welche sich lebend im Blute gebadet /
mit Winde gespeiset /im Kote der Laster geweltzet / und weil sie die Pest der
Lebenden gewesen / nichts als ein Aass unter den Todten sein können. Marbod /
Marbod / lasse dir diesen Zufall eine Warnigung sein / und überrede dich selbst
nicht: dass deine Macht so vielen Feinden gewachsen sei; und dass menschlicher
Witz die Streiche des Verhängnisses versetzen könne. Sei nur versichert: dass kein
Orion so gross und mächtig sei / welchen nicht ein kleiner Scorpion entseelen
könne. Wärestu in deiner Mittelmässigkeit blieben / würdestu so wenig / als
Anteus / so lange er mit seinen Füssen die Erde erreichte / überwunden worden
sein. So aber hat die Eitelkeit der Erhöhung beiden einen tödtlichen Streich
versetzt. Trachtestu dich zu verewigen; so wisse: dass alle nach der Erde
rüchende Taten mit ins Grab verscharrt; die aber alleine verewiget werden;
welche der Tugend verwand / und dem Brunnen der Ewigkeit angenehm sind.
Ubermässige Ruhmsucht ist eine grössere Schwachheit / als jenes Menschen / der
sich über der Kürtze seines Schattens betrübte / über der Länge aber erfreute.
Darzu weistu nicht: dass dieser Schatten die Verfolgenden fleucht / denen
fliehenden aber nachfolgt. Bilde dir nicht ein: dass die Ehre allezeit der Tugend
Schatten sei. Es gibt oft Schattenwerck ohne Leib / und Ruhmsprüche ohne
Verdienste; welche keinem Dinge ähnlicher sind / als denen auf leere Gräber
geetzten Grabe-Schrifften. Das Glücke setzet mehrmals die Unwürdigsten auf die
höchste Staffel der Ehren und Gewalt / wie die verschmitzten Baumeister die
unvollkommensten Bilder in die obersten Gadem / und ausser dem genauern Urteil
naher Augen. Warlich / es ist dein grosser Schade: dass die Welt so viel von dir
weiss. Denn hierdurch hastu dein eigen Erkenntnis vergessen. Wärestu nicht so
mächtig worden / so hätte dich niemahls eine solche Ohnmacht deines Gemütes
entkräfftet; und du wärest der lobwürdigste Herr in der Welt blieben /wenn du
über dich die Gewalt behalten hättest niemanden unrecht zu tun. Als dieser
Ehrwürdige Alte solches mit unverwendeten Augen gegen den König Marbod
ausredete; kam dieser in die Gedancken: es müsse eine in ihm steckende Göttliche
Würckung ihm / wer er wäre / offenbaret haben; fiel diesemnach dem Einsiedler
mit tränenden Augen um den Hals; und nach dem er ihn eine gute Weile geküsset:
sagte er: Es ist wahr / Vater / ich bin Marbod / der durch die Kriegs-Flamme so
viel Länder angesteckt hat / dem so viel Völcker tausenderlei Freuden-Feuer
angezündet / kein Mensch aber noch ein solch Licht aufgesteckt hat; als ich
durch deine Güte in dieser tunckeln Höle in meinem Gemüte aufgehen sehe. O
erbärmlicher Zustand der Fürsten! welche zwar durch ihre Botmässigkeit über ihre
Untertanen herrschen; ihre Diener aber durch Heuchelei über sich müssen wüten
lassen! Derer blinde Eigen-Liebe das tödtliche Gift unverdienter Lobsprüche für
Treue und Zuneigung annimmt; da es den Fürsten doch nur in seinen Lastern
einschläfet / und auf Vergrösserung der Heuchler angezielet ist. Diese öffnen
die Ohren ihres Fürsten gegen die Sirenen-Lieder der reitzenden Wollüste /
verstopffen sie aber gegen dem Schalle der heilsamen Warheit. Sie find die
Spinnen / welche mit ihrem Kote die Tugend besudeln / mit ihrem Gewebe den
Abgrund des Verterbens überspinnen / mit ihrem Giffte die Seele des Königs und
den Wolstand der Völcker tödten. Wie viel heilsamer ist es den Fürsten gehast /
als geliebkoset zu sein. Denn der Hass ist ein aufrichtiger Spiegel / welcher uns
unsere Flecken deutlich für Augen stellt / und sie abzuwischen uns erinnert. Die
Heuchelei aber verdeckt sie nicht nur /sondern überfirnset sie auch mit dem
Kleister grosser Helden-Tugenden; für welche ich Verleiteter auch vielmahl die
grausamsten Tugenden angesehen habe. Aber / weiser Vater / würdige den nun auch
einer heilsamen Artznei / dessen Gemüts-Wunden du ihm auffs Lebendige gerühret
/ und dessen Seuchen du ihm entdeckt hast. Dem Einsiedler gefiel dieses
Erkenntnis so wohl: dass er Mitleiden mit Marbods Verbrechen hatte / und ihm
antwortete: Er wäre bereit auf dem rechten Wege sein Hülffs-Mittel zu finden.
Aber Marbod versetzte: Er würde selbtes dennoch verfehlen / wenn er ihn nicht
mit der Hand darzu leitete. Denn wie die Natur in den Augen einen nicht geringen
Fehler begangen hätte: dass sie alles andere / sich alleine selbst nicht sehen
könten; also wisse der stets irrende Mensch ihm auch selten selbst zu rechte zu
helffen; und wie er über andere Fehler Luchs-Augen hätte /also wäre er in seinen
eigenen blinder / als ein Maulwurff. Dass er derogestalt die Hässlichkeit seiner
viehischen Verstellung / der Zornige nicht seine verdrehte Augen / der
Wollüstige nicht seine törichte Gebehrdung; weniger aber sein Heil erkennen
kann. Der Einsiedler fieng an: Ich spüre diese Blindheit mehr denn zu viel an
dir. Denn du hast das Kraut zu deiner Genesung in Händen / und siehest es
gleichwol nicht. Wolte GOtt! antwortete Marbod; es wäre nicht allein so nahe bei
mir / sondern auch nicht unsichtbar. Sich selbst kennen / fieng der treuhertzige
Einsiedel an; ist die Artznei wieder alle Gemüts-Schwachheiten; und so
allgemein: dass sie Königen und Kohlbrennern anschlägt / die Wurtzel aller
Vergnügung / und der Pfeiler unser Glückseligkeit ist: Denn / was hilfft es alle
andere Dinge kennen; wenn man ihm selbst unbekandt ist? wiewol auch der
schwerlich was anders kennen kann; der sich selbst nie betrachtet / oder seiner
vergessen hat. Alle andere Tiere kennen sich; und ihr eingebohrner Trieb leitet
sie zu allem / was ihre Erhaltung erfordert. Der schädliche Scorpion fleucht das
Scorpionen-Kraut / die Schlange den Schatten der Eschbäume / als ihr tödtliches
Gift. Die verwundete Gemse kennet ihr Wund-Kraut; und der Hirsch weiss ein
Mittel: dass ihm die Natter nicht schade; welche er mit seinem Atem aus den
Steinritzen gezogen hat. Der elende Mensch allein kennet weder sich / noch sein
Gutes; sondern erquicket sich am Giffte / rennet in sein eigen Verterben /
verwundet sich mit seinem eigenen Messer; weil er den Funcken der Göttligkeit
/nehmlich die Vernunft nicht zu Rate nimmt / und das edle Kleinod des freien
Willens so schändlich missbraucht; und sich dardurch derogestalt verstellet: dass
Socrates / welchen doch die Göttliche Wahrsagung für den weisesten Menschen
erklärt hatte / an ihm selbst nicht ohne Ursache zweiffelt: ob er ein rechter
Mensch oder ander Tier sei; und dass der so weise Lehrmeister des Achilles
Chiron sich nur für einen Halb-Menschen gelten läst; sein niedriges Teil aber
zum Pferde macht; ja die Weisen gar artlich die viehischen Neigungen des
Menschen dardurch fürgebildet haben: dass Prometeus bei Bildung des ersten
Menschen die Leber vom Wolffe / das Hertze vom Tiger / die Nieren vom Schweine /
die Nase vom Nasen-Horn-Tiere / die Zunge von der Schlange / die Zähne vom
Hunde / die Augen vom Basilisken / das Gesichte vom Affen / die Hände vom Geier
/ den Magen vom Strausse geborget habe. Bei welcher Bewandnüss Pytagoras wohl
Ursache gehabt hat seinen Nachfolgern alle Abend die Prüfung ihrer Gestalt /und
die Untersuchung des verübten Bösen / oder des unterlassenen Guten so
nachdrücklich einzuhalten. Sintemahl seine Fehler erkennen schon eine halbe
Vollkommenheit ist. Denn wie nur die / welche erwacht sind / ihre Träume
erzählen können; also vermag auch niemand seine Gebrechen wahrnehmen / als der
ihnen gram wird / und sich schon der Tugend befleissigt. Deshalb band Plato in
seinen Gesetzen nach anbefohlner Verehrung Gottes / die Ehrerbietung gegen seine
eigene Seele so sehr ein / und dass ein ieder sie für seine Zeugin alles seines
Tuns; ja gegen seinen eigenen Leib verschämt sein sollte. Denn hierdurch stellet
man sich für den Richter-Stul des Gewissens / welches niemahls ohne Erleuchtung
seines Verstandes / und ohne Besserung seines Willens abgehet. Diese Prüfung
unsers Lebens ist die check-Rute / welche uns benachrichtiget / wie viel Schritte
wir uns der Tugend genähert haben / und wie ferne wir noch von dem Angel-Sterne
der Glückseligkeit entfernet sind; welche in der Ruhe des Gemütes bestehet.
Sintemahl einen Lasterhaften seine Begierden nie ruhen / seine Sorgen nie
schlafen lassen. Der Verdruss überfället ihn in der Einsamkeit / in
Gemeinschaften ist er mit niemanden weniger zu frieden / als mit ihm selbst; er
erzittert für einem rauschenden Blate / und seine ihm einkommende Bosheiten
machen ihm alle Wolcken von Blitze trächtig; ja wenn alle andere ihn für
unschuldig erkennen / verdammet ihn sein eigen Hertze. Denn sein Gewissen weiss
mehr / als kein Zeuge / und hat mehr gesehen / als seine ihn Tag und Nacht
bewachende Trabanten. Hingege ist der / welcher sich kennen lernt / nicht nur
selbst / sondern auch alle andere mit ihm zu frieden. Denn weil er sieht: dass er
nicht besser / als andere sei / tut er andern auch nichts anders / als ihm
selbst. Er bemüht sich desshalben zweimahl so viel gutes zu stifften; weil er
unstraffbar könnte böses tun; ja weil wilde Tiere aus Furcht das verbotene
unterlassen / schätzte er sich unwürdig ein Mensch zu sein / wenn er sich dessen
aus einem andern Triebe entielte / als weil er vernünftig ist. Dergestalt ist
ein sich selbst kennender Mensch ihm allezeit gleich; wie unterschieden gleich
seine Verrichtungen sind. Daher ihm Alcibiades niemahls unähnlich wird / ob
gleich seine Klugheit ihn zu Aten ansehnlich / zu Tebe arbeitsam / zu Sparta
sparsam / in Persen einen Jäger sein heisst. Und Cato verändert in dem
veränderten Rom niemahls sein Antlitz / weniger sein Gemüte; wenn schon andere
nicht nur / wie die Feldhüner in Paphlagonien / zwei Hertzen haben /sondern
einem ieden ihnen beliebenden Dinge eines zueignen. Da ihr Erkenntnis ihnen doch
sagen würde: dass ihr einiges nur dem einigen Gotte zu wiedmen sei. Wesswegen die
weisen Griechen diese Artznei der Selbst-Erkenntnis billich mit Gold über die
Pfosten des Delphischen Tempels geschrieben / ich aber zu meiner steten
Erinnerung in diesen Fels über den Eingang der Höle gegraben habe / wormit es so
wohl ich / als ieder Kluger ihm in sein Hertz prege. Sintemahl diss der Delphische
Apollo für den Kern menschlicher Klugheit erkennet hat. Lieber Marbod /weil du
dich nun selbst nicht kennest; magstu dich wohl unterstehen / denen Göttlichen
Gliedern den Augen; welche nicht ohne Wunderwercke alle Dinge der Seele abbilden
/ oder sie gleichsam erschaffen /hierdurch aber selbst der Natur der
Handlangerin Göttlicher Allmacht Mängel auszustellen? Allerdinges sind wohl die
eusserlichen Sinnen und Glieder die Abbildungen der Seele / und Ausleger ihrer
Eigenschaften: dass aber die Augen sich selbst nicht sehen /ist eine kluge
Behutsamkeit der Natur / welche dardurch den Menschen anweisen wollen: dass er
durch stetes Ansehen seiner selbst sich ihm nicht selbst zum Abgotte mache; und
wegen so geschäfftiger Eigen-Liebe nichts fremdem seine Augen gönne. Ich mag von
allen Gliedern des Menschen dir nicht die Richtschnuren deiner Selbst-Erkenntnis
zeugen; sondern weil du ein Haupt so vieler Völcker bist / und diese Larve wohl
nicht ehe / als mit Verwechselung des Sterbekittels abzulegen denckest; dich
allein an die Betrachtung deines Hauptes weisen; welches allerdinges ein Auszug
der Welt / ein Ebenbild der himmlischen Stern-Kreisse / ein Schloss der Seelen /
und das Zeug-Haus ihrer Bewegungen ist; zur Anleitung: dass im Fürsten das ganze
Volck gleichsam begrieffen; seine Verrichtungen der himmlischen Reinligkeit
zugetan; ein Herrscher der Schutz seiner Untertanen / und die Stärcke seines
Reiches sein solle. Ein Fürst ist so wohl / als das Haupt über alle Glieder empor
gesetzt / seines Ansehens und Amptes wegen; welches letztere ihm die sorgfältige
Aufsicht über die Niedrigen; das erstere aber: dass er ihm niemanden zu Kopffe
wachsen lasse / keinen Diener so gross / als er selbst ist /mache / einbindet.
Wesswegen ein Reich mit zweien Fürsten für eine so grosse Missgeburt zu halten /
als ein Leib mit zweien Köpffen. Sintemal die einzele Zahl zum Herrschen / die
Vielheit aber nur zum gehorsamen geschickt ist; ja die Bewegung des Himmels
selbst aus einem Uhrsprunge fleust. Im Haupte haben alle fünff Sinnen ihre
Wohnstatt; der übrige Leib / dessen Adern doch noch niemand gezehlet /dessen
Gebeine mit den Tagen des Jahres einerlei Zahl halten / ist allein mit dem
irrdischen Fühlen begabet. Nach dessen Beispiele ein Fürst so vielmahl seines
ganzen Volckes Gaben übertreffen soll. Fürnemlich aber hat der Verstand allein
im Haupte den Sitz; weil ein Fürst mit seiner Klugheit den Gebrechen eines
ganzen Landes / und den Irrtümern vieler Völcker abzuhelffen gewachsen sein
soll. Das Gedächtnis ruhet im Hinterteile des Hauptes / wie der Verstand in dem
vördersten; weil dieser auf das gegenwärtige und künftige Auffsicht haben /
jenes aber auf das vergangene zurück sehen / und aus dem Menschen gleichsam
einen zweifachen Janus machen muss. Ein Fürst muss nichts minder seiner Vorfahren
Tun und Zufälle; und du Marbod insonderheit Brittons Fehler im Gesichte
behalten / und aus selbten die zukünftigen urteilen. Denn das Leben der
Menschen ist ein blosses Schauspiel; in welchem zwar die Personen verändert
werden; das Spiel aber einerlei ist /und von vornen wieder seinen alten Anfang
nimmt. Das Haupt kann nicht ohne Augen; ein Fürst nicht ohne Räte sein; weil es
nicht ratsam ist: dass er die schwere Kugel der Herrschaft allein auf seine
Hörner nehme. Denn ihm allein alles zutrauen ist mehr eine Vermessenheit / als
klug getan. Deshalb verdienten die obern Staats-Diener bei den Persen schon
den Nahmen der Augen; nach dem kluger Rat nichts anders / als ein auf künftige
Begebenheiten gerichtetes Auge ist. Das Hertz und die Augen sind an einander so
genau verknüpffet: dass diese sich seiner Freude und Leid alsofort teilhaftig
machen. Ein Fürst muss nichts minder seiner Diener empfindlichen Zuneigung
versichert sein; und keine andere erkiesen; als welche wie die Augen keinen
Sonnenstaub des Eigen-Nutzes in sich vertragen; welche durch die geringste
Betastung nicht ihres Fürsten Heimligkeiten erforschen lassen; und ob sie zwar
gleichsam durch einen Tamm unterschieden sind / dennoch mit einander
übereinstimen / einerlei Augenwerck nehmlich die Ehre ihres Fürsten und den
Wolstand des Volckes für sich haben. Ja der Fürst selbst muss so wenig / als die
Augen in seiner Wachsamkeit müde werden / die heftigen Gemüts-Regungen ihm
keinen Nebel / die Arglist keinen blauen Dunst für die Augen machen lassen /
noch einerlei Ding mit dem einen Auge schwartz /mit dem andern weiss anschauen;
wo eben die Augen nicht hernach diss beweinen sollen / was sie vorher verkehrt
an- oder gar übersehen haben. Weil aber die Warheit vorwerts einem begegnet /
der Betrug aber uns auf der Seite beikommen will / hat die Natur am Haupte das
Gesichte vor die Ohren seitwerts zu Wächtern bestellt. Ein Fürst muss nichts
minder auf beiden Seiten wachsam sein; und wie die Ohren /welche nicht wie die
Augen mit Augenliedern / noch wie die ungezähmte Zunge mit zweierlei Zäunen
verschlossen werden können / sondern Tag und Nacht offen stehen / iederman und
allezeit hören. Denn der ist nicht wert / dass er König ist / dem das Hören
vedriesslich fällt. Wenn der ganze Leib schläfft / halten die Ohren Schildwache
/ um selbten für der sich nähernden Gefahr zu warnigen. Ein Fürst aber soll
desshalben wachen: dass die Untertanen sicher ruhen können. Alle Tiere heben und
sencken ihre Ohren /des Menschen alleine sind unbeweglich und stets in einem
Stande. Ein Fürst soll iederzeit solche Aufacht haben: dass selbter niemahls was
beizusetzen sei /noch er bei andräuender Gefahr die Ohren spitzen dörffe / und
seine Feinde ihm niemahls unvermutet auf den Hals kommen / wenn sie gleich
geschwinder /als der Blitz los schlagen. Wiewol die Ohren nicht wie die Augen
die Sachen suchen / sondern von den Sachen gesucht werden / stehen sie doch /
wie der Mund mit zwei Mauern verschlossen ist / mit zweifachen Pforten offen /
um die Dinge desto besser in sich zu fassen / weil diss / was man sieht /
bestehet; was man aber höret / alsbald verschwindet. Ein Fürst muss keine
Ohrenbläser halten / noch nach Vergällung der Unschuld trachten; aber für nichts
/ was auch nur das leichte Geschrei seinem Reiche gefährliches andeutet / die
Ohren verstopffen; ja in allem zum minsten zweimal so viel hören als reden. Weil
aber unser Gehöre niemand anderm in die Augen und empfindlich fällt; muss ein
Fürst sich mehrmahls anstellen; als wenn er nicht hörte / und wegen geringer
Beleidigung sein Reich nicht in Krieg verwickeln / noch allentalben mit der
Stirne / daran die Natur ihm nicht ohne Ursache / wie etlichen grimmigen Tieren
kein Horn wachsen lassen / durchfahren. Insonderheit aber muss er nach Art der
den Zauberer hörenden Schlange /gegen die Heuchler bei Vernehmung unzeitigen
Lobes das eine Ohr mit Erde in Erwegung seiner irrdischen Unvollkommenheit / bei
wollüstigen Anreitzungen aber das andere mit dem Schwantze durch Behertzigung
des hesslichen Endes zustopffen; und wissen: dass die Wollust zwar ein Englisches
Antlitz /aber einen Drachen-Schwantz habe; und ihr Anfang ein Himmel / ihr
Ausgang eine Hölle sei. Die Natur hat dem Menschen zwei Ohren / und zwar in
Gestalt eines Irrgartens oder Schnecken-Hauses mit gekrümmten Eingängen gemacht;
wormit diss / was er höret / an unterschiedenen Orten anschlage / und derogestalt
wie das Ertzt aus dem Klange / also die Erzehlungen aus dem Schalle erkennet
werden; insonderheit aber ein Fürst / als das lebendige Gesetze / gegründete
Anklagen von Verleumdungen / redliche Gemüts-Ausschüttung von betrüglichen
Schein-Worten unterscheiden / und wenn die Falschheit das eine Ohr besessen / er
das andere der meist zuletzt kommenden / und das Nachsehen habenden Warheit /
als eine unversehrliche Jungfrau / vorbehalten möge. Diesemnach denn ein Fürst
auch eine dinnschälichtere Nase /als ein scharffrüchender Geier haben / und
nicht nur alles in seinem Reiche / sondern biss in die Staats-Cammern seiner
Nachbarn rüchen; keines Weges aber nach Art des Geiers sich mit den Aessern der
stinckenden Laster erquicken / noch wie einige ungezähmte schwangere Weiber für
Zibet Eckel / nach Bibergeil Begierde haben / oder nach blutigen Fleischbissen
/ sondern mit dem Fenix nach dem köstlichen Balsam der Tugend / welche alles
Nabateische Rauchwerck übertrifft / als der süssesten Seelen-Speise lüstern sein
/ und durchgehends Muschziegen von stinckenden Böcken; Amber-Bienen von Hirnsen
/ Syrische Balsam-Aepffel von Sodoms Aepffel-Bäumen / Jasmin von Napel / Rosen
von Sammet-Blumen und Aloe von Teuffels-Kot / nämlich den tugendhaften Adel
von dem albern Pöfel / tapffere Helden /welche mit dem Geruche ihrer
ruhmwürdigen Taten die Welt erfüllen / von ungearteten Zärtlingen / derer
Leiber nach Bisam rüchen / die Gemüter aber nach Unschlit stincken / treue
Diener von Verrätern / Ehre von Schande / und Redligkeit von Bosheit
unterscheiden muss. Denn dieses Urtel ist mit einem klugen Fürsten wie der Atem
mit dem Leben / der Geruch mit dem Atem unzertrennlich vereinbaret; Ein
leichtgläubiger aber / und der ihm Mäuse-Kot für Pfeffer verkauffen läst /
liegt schon in der Ohnmacht seines Unterganges / und sein Reich stehet auf der
Bahre des Verterbens. Ja sein ganzes Leben muss durch eitel Unschuld die Lufft
einbalsamen; wormit sein Gewissen mit iedem Atemholen nicht allein diese
anmutige Erquickung an sich ziehe / und sein Ruhm sich über seine
Reichsgräntzen ausbreite; sondern durch diese heilsame Krafft in seinem Reiche
aller Gestanck des Unrechts und böser Sitten gedämpffet werde. Sintemahl doch /
ihm selbst wohl bewust sein / die Speise des Gewissens / ein guter Nahme der
beste Geruch der Gemüter ist / und ein Fürst durch Gesetze und Straffen nicht
so sehr / als durch sein gutes Beispiel seine Untertanen vom Unflate der
Untugenden saubern kann. Denn wie der allerweiseste Schöpffer des Menschen
einerlei Glied mit dem Geruche / und der Eigenschaft nicht nur das Haupt /
sondern so gar die Glieder des andern Leibes von unnützen Feuchtigkeiten zu
reinigen versehen; also hat er die Häupter der Erden angewiesen: dass sie nicht
nur sich selbst / sondern auch ihr Volck / als ihre Glieder / des Rauches aller
heftigen Begierden / des Windes schnöder Eitelkeit / aller Feuchtigkeiten
schläffriger Trägheit entschütten sollen. Ja wormit ein Fürst das denen
leiblichen Augen unsichtbare Bild seiner Seele seinen Untertanen zum Spiegel
ihres Lebens fürstellen könne /hat die kluge Mutter dieses allen / durch den
Mund eine Pforte geöffnet: dass das Gehöre darein schaue; einen Werckzeug ihm
beigelegt / welcher die Seele aus ihrem verborgenen Behältnis herfür bringe /
und ihre weisen Vernunft-Schlüsse offenbare. Denn der Mund ist ein Pinsel des
Gemütes / und eine Schreibefeder der Gedancken; Alle andere Tiere haben den
Mund nur zum essen / der Mensch zum reden / ein König aber nur zur Weissheit.
Ungeachtet die Speise ganz irrdisch / die Sprache ganz geistig ist / sind doch
Essen und Reden in einem Gliede des Hauptes vereinbart; nicht weil Zunge und
Mund allein um den Leib beschäfftigt sein / sondern ihre meiste Bemühung im
Dienste der Seele zubringen sollen / ein Mensch auch nichts zu reden hat / als
was er gleichsam vorher gekäuet / wormit die Rede nicht zu Hilfen leerer Worte /
sondern zum Kern heilsamer Lehren werde. Und nach dem die Zunge nichts minder
das schädlichste als nützlichste Glied des Hauptes ist; hat wegen des letztern
die Natur ihm eine gelencke Bewegligkeit verliehen / wegen des erstern aber sie
so enge eingesperret. Diesemnach soll ieder Mensch allezeit nicht anders / als
in einem letzten Willen / ein Fürst aber nur wie aus einem wahrsagenden
Dreifusse reden. Denn dieser ist eine zu alles Volckes Nachricht und Richtschnur
empor gehobene Glocke; ie seltner selbte läutet / ie mehr erwecket sie
Aufmerckung; wenn sie aber übel klingt / verrätet sie entweder die
Geringschätzigkeit des Ertztes; oder dass sie zerbrochen sei. Wesswegen Kayser
August mehr schrifft-als mündlich seine Meinungen entdecket. Schmincke und
Verhüllung sind Kennzeichen eines ungestalten Antlitzes / übrige oder
geschmierte Worte eines hesslichen Gemütes; dessen Antlitz die Rede ist. Kürtze
ist der Redner Meister-Stücke / eines Fürsten Eigentum. GOtt redet gar nicht /
ein kluger Fürst wenig / ein Tor zu viel; welcher doch keine geschicktere Larve
der Weissheit hat / als das Schweigen. Auch aus ungefährlichen Worten eines
Fürsten erzwingen die Zuhörer Geheimnisse. Der Donner ist die Sprache Gottes;
und sein Bild auf Erden. Ein Fürst soll nichts / als Zentner-Worte fürbringen;
welche kein Verleumder verdrehen; kein Spötter übel auslegen / kein Bosshafter
verdrücken kann. Alles /was er in Geschäfften redet / sollen Befehle / in
Rechts-Sachen Bescheide / in Verheissungen Verbindligkeiten / in Gesprächen
Nachdenckligkeiten /im Schertze Rätsel / und alle Bejahungen so heilig /als
würckliche Eyde sein: Das kleine Glied der Zunge ist das Steuer-Ruder / wormit
Fürsten das grosse Schiff der Reiche mit geringer Müh lencken und umwenden. Auf
diesem beruhet die Ehre und Verkleinerung des Fürsten; das Heil und Verterben /
ja das Leben und der Tod der Untertanen. Wesswegen der Mund des Menschen nicht
mit vorragenden Wolffs-oder Elefanten-Zähnen ausgerüstet ist; wormit Dräu-und
Ausübung der Rache entfernet sei. Ein Fürst aber soll gar nicht dräuen; sondern
/ wenn er auch beleidiget wird / ein Lachen darein geben; biss die Gelegenheit
ihm nichts minder zu sicherer und gerechter Rache die Hand biete. Inzwischen
aber / weil nicht nur das Haupt allentalben an sich eine Fühle; sondern auch an
Empfindligkeit des Leibes Teil hat; soll er geschwinder / als die Spinne so wohl
diss / was das Gewebe seines Reiches beunruhigen / als den Aug-Apffel seiner
Hoheit verletzen will / ihm zu Gemüte ziehen. Denn der ist kein Vater des
Volckes / der seine Wunden nicht in seiner Seele empfindet; der aber kein
grossmütiger Löwe / der von Hasen ihm läst die Haare ausrauffen. Dieses / Marbod
/ ist das wenigste / was ein Fürst zu seiner Selbst-Erkenntnis nur aus
Betrachtung der eusserlichen Sinnen zu lernen hat. Denn ein Mensch ist ihm
selbst ein so grosses Buch / das er sein Lebtage nicht auslesen kann; Die
innerlichen Kräfften der Seele aber so hoch; dass kein Weltweiser ihre völlige
Wissenschaft erreicht hat. Uber diss glaube: dass mehr zu einem vollkommenen
Menschen / als zu dem grösten Welt-Beherrscher gehöre. Dieses allein habe ich
dich noch zu erinnern: dass ob zwar ein Fürst das Haupt des Volckes / er dennoch
kaum ein Fussschemmel Gottes sei; und dass Könige sich zwar an die Richtschnur der
Vernunft halten / die Zeit ihnen nütze machen / die Gelegenheit mit beiden
Händen erwischen / iedoch allezeit für dem Lichte der Göttlichen Versehung mit
einer Ehrerbietigen Furcht die Augen zudrücken müssen. Denn diese ist in der
Reichs-Uhr das Gewichte / unsere Vernunft nur der Weiser; und wenn wir gleich
alle Segel unserer Klugheit ausspannen / alle an denen Rudern unser Mühsamkeit
schwitzen; kommen wir doch nirgendshin anders / als wo uns der Compass der ewigen
Versehung hinleitet; indem sie uns entweder sonder Zwang unsers freien Willen
ihr Absehen erkiesen läst; oder auch durch Sturm auf ihrem unerforschlichen Wege
dahin verwirfft / wohin wir auch Traums-weise nie gedacht hatten. Gleichwol aber
kann der nicht scheitern / noch eines Hafens fehlen; der auf diesem Meer der Welt
GOtt zu seinem Angel-Sterne /sein Gewissen zur Magnet-Nadel hat.
    Marbod hörte gleichsam als verzückt diesen nichts minder klugen / als
heiligen Alten aus; und nach einem tieffen Seuffzer fieng er an: Warlich / Vater
/diese Perlen sind in der Muschel dieser Höle nicht gewachsen! Denn wie mag die
Einsamkeit eine Schule des Hofes / und ein Einsiedel ein Staats-Verständiger
sein? Dannenher wie wir zwar für diesen heilsamen Unterricht dir ungeltbaren
Danck schuldig sind / werden selbte doch in unsern Hertzen so viel mehr
Nachdruck haben; wenn die Wissenschaft ihres herrlichen Uhrsprungs ihren Wert
noch vergrössern und Marbod erfahren wird / wer heute sein so grosser Lehrer
gewesen sei. Der Alte blieb eine gute Weile voller Nachdencken stehen / endlich
aber redete er den Marbod also an: Wenn das Reichtum meiner Einsamkeit so
sichtbar / als der Menschen Begierde fremdes Gut zu besitzen gemein / oder auch
meiner Vergnügung Abbruch zu tun iemanden möglich wäre; würde ich billich
Bedencken tragen euch zu entdecken: dass ihr für euch einen König sehet / der für
Jahren zwar über viel Völcker / nunmehr aber über sich selbst eine viel
herrlichere Herrschaft führt; der nunmehr allererst ihm selbst lebt / nach dem
er in aller Gedancken gestorben ist. Aber weil mein Glücke höher gestellet ist;
als dass es der Neid mit seinem gifftigen Ateme sollte können anhauchen / oder
die Ehrsucht mit ihren Pfeilen erzielen; so wisse Marbod: dass du reden hörest
den weiland unglücklichen / nunmehr aber seligen Ariovist. König Marbod fiel
alsofort mit tieffster Ehrerbietung zu Bodem / umarmte Ariovisten mit diesen
langsam heraus gestoffenen Worten: Darff ich mir wohl das Glücke träumen lassen
heute den grossen Ariovist zu sehen; und lässet sich mit Gedancken begreiffen:
dass ein grosser Fürst für den Glantz so vieler Kronen das Finsternis dieser Höle
/ für die fussfällige Bedienung hundert Völcker diese langsame Einsamkeit
erkieset habe? Ariovist hob ihn auf / und hiess ihn von der seinem itzigen
Zustande gar nicht anständigen Verehrung abstehen / an der Warheit seiner
Erzehlung aber nicht zweiffeln; und an seinem entblösten Arme das angebohrne
Kennzeichen der Alemannischen Fürsten / nämlich einen gesichelten Mohnden
/wahrnehmen / wie Selevcus auf der Schulter einen Ancker / Kayser August den
gestirnten Bär auf der Brust / seine Mutter Atia einen Drachen über dem Nabel
gehabt haben sollte. Das Abstürtzen von König-Stülen / sagte er / ist zwar
gemeiner / als das freiwillige herunter steigen; jenes aber rühret meist von
Lastern / dieses von Tugend und Klugheit her. Jenes zeucht den Untergang /
dieses eine Erhöhung der Seele und der Gemüts-Vergnügung nach sich. Es ist ja
wohl an Fürstlichen Höfen ein unbekandtes Wunderwerck / nicht herrschen wollen /
wenn man kann; aber in der Schule des Weisen ein noch seltzamer die zur
Herrschaft bestimmte Vernunft denen wütenden Begierden unterwerffen; und sich
selbst zum Knechte machen; wormit uns andere gehorsamen. Mein Vater Arbogast
hatte mir eine ziemliche Anzahl Völcker zu Untertanen hinterlassen: denn der
Ehrgeitz hat nun auch der Menschen Dienstbarkeit erblich gemacht; aber das
Glücke warff noch viel mehr Länder unter meine Botmässigkeit; wormit es durch den
Raub seines zugeworffenen Reichtums mit der Zeit einen desto grössern Raub
gewinnen möchte. Cäsar hieb mir in das Rad meiner Siege den ersten Span ein; und
ich lernte dazumahl allererst: dass das Glücke so wenig Bürgen über seine
Beständigkeit / als Tapfferkeit in der Welt nicht ihres gleichen habe. Mit
meinen Gemahlinnen und Töchtern verlohr ich mehr / als die Helffte meiner
selbst. Denn ich wusste nicht: dass alles irrdische nur geborgtes Gut / die Ruhe
des Gemütes aber allein unser schätzbares Eigentum wäre. Die Eintracht kehrte
hierauf Deutschlande / alles Glücke aber schier mir den Rücken; zum Merckmahle:
dass selbtes ein Weib wäre / welches nur mit jungen Leuten zuhielte / und die
welche in der Jugend ihre Schoos-Kinder gewest / mit der Zeit müsten zu ihren
Wechselbälgen werden. Das Verhängnis flochte mich in den Bürgerlichen Krieg mit
ein; um mein Gemüte nicht allein mit allerhand Zufällen zu beunruhigen /
sondern auch mehr meine Seele / als die Hände mit Blute des Vaterlandes zu
besudeln. Mein Verlangen selbtes wieder mit Friede zu segnen / erschöpffte fast
meinen Lebens-Atem; sonderlich / weil ich wohl sah: dass die Siegs-Fahne nicht
allezeit auf der Seite der gerechten Sache wehete. Der frühzeitige Tod aber
meines einigen Sohnes scharrete mich nahe mit ihm in den Sarch. Zum wenigsten
war mit ihm alle Vergnügung erloschen; und wie etlichen Krancken auch so gar der
Zucker bitter schmeckt; also däuchtete mich alle Ergetzligkeit Wermut zu sein.
Es eckelte mir nichts minder für meinem eigenen Tun / als für derselben Anstalt
/ die es mit mir am besten meinten. Ich verwandelte meine Reichs-Sorgen in eine
verdrüssliche Einsamkeit; also: dass die Ehrsüchtigen Diener durch Anmassung der
Herrschaft mir zum Teil an das Hefft des Königs-Stabs grieffen; die treuesten
meine Verfallung beseuffzeten; keiner aber mir meine Fehler fürhielt. Denn ob
zwar der Fürsten Gebrechen nichts minder / als die Verfinsterung der grossen
Gestirne sichtbarer sind / als der kleinern; so wird selbte doch nicht der
verfinsterte / sondern nur fremde gewahr. Sintemahl nur anderer Augen der
Werckzeug sind unsere Splitter zu fühlen / und das Schau-Glas uns selbst kennen
zu lernen. Aber dieses bekommen zwar gemeine Leute / selten aber Fürsten zum
Gebrauch. Denn entweder die Heuchelei / oder die Furcht wollen Königen nichts
ins Ohr sagen / was sie nicht im Hertzen kützelt. Meine eigene Tochter Vocione
erinnerte mich noch zuweilen an ein und anderm; also: dass ich bei solcher
Beschaffenheit / da meine Schwachheit auch gegen einem Weibe und Kinde zu
verstecken war / mich entschloss / ihr die Herrschaft abzutreten. Ich schlug
mich mit diesen Gedancken etliche Zeit; Biss endlich auf meinem Schloss Solicin
am Necker um Mitternacht bei hellem Monden-Scheine ein vermeintes Gespenste für
mein Bette trat / mich mit dem Arme zohe; und weil ich ohne diss allerdings
munter war / auf meine Befragung: wer es wäre; antwortete: Ich bin dein guter
Geist; und habe Mitleiden an deinem Unvergnügen. Du wirst aber in kurtzer Zeit
nicht nur deine Ruhe /sondern deine wahre Glückseligkeit finden. Ich / fuhr
Ariovist fort / sah diesem Geiste mit unverwendetem Auge ins Gesichte; und
hätte geschworen: Ich hätte mich selbst für mir stehen sehen; Gab ihm also /
weil er sich und nach und nach entfernet / zur Antwort: Ich würde die Zeit mit
unerschrockenem Hertzen abwarten. Denn ich machte meine Rechnung und Auslegung
auf nichts anders / als den Tod / welcher auch die in Ruhe versetzt / die im
Leben keine gehabt: und niemanden mehr beglückseliget / als die Unglücklichen.
Auf den Morgen beredete mich meine Tochter Vocione einer von ihr angestellten
Jagt beizuwohnen. Denn sie unterliess keine Erfindung: dass ich mich meiner
Schwermütigkeit entschlagen möchte. Bei Verfolgung eines Hirschens kam ich zu
einem Brunnen / bei welchem ein Stein-alter Greiss auf einem Felsen sass; mich
aber bei meinem ersten Anblicke mit dem Nahmen nennte / und auffs freundlichste
grüste. Wie ich nun / sagte Ariovist / nach seiner Beschaffenheit fragte;
antwortete mir dieser Alte: Ich wundere mich nicht: dass ich dir jetzt so
unbekandt bin; nach dem die wenigsten Menschen sich selbst kennen. Ich bin aber
einer von denen Samotischen Weisen / welche von deinem Uhran-Herr Tuiscon den
Uhrsprung haben; und zwar derselbe / welchen dein Vater der tapffere Arbogast zu
einem Lehrer deiner Kindheit erkieset hatte; und der kein grösser Glücke erleben
könnte; als wenn er dich nunmehr auch könnte sterben lehren. Ich konnte mich nicht
entalten / fuhr Ariovist ferner fort /diesen guten Alten auffs empfindlichste
zu umarmen; als welcher ein weiser Leiter meiner Jugend gewest war / und nicht
nur die Griechische Sprache / sondern alles diss / was ich iemals tugendhaftes
begrieffen /ihm zu dancken hatte. Er hatte nicht nur unter den Celten den Grund
seiner Weissheit gelegt; sondern auch bei denen Zamolxischen Priestern unter den
Geten / und in Egypten selbte durch viel heilsame Lehren befestigt. Wiewol diese
Samotische Weisen nun von allem Geitz und Ehrsucht entfernet sind /auch sich
nur mit Haar bedecken / und von Baumfrüchten leben / haben sie doch die
Alemannischen Könige iederzeit an ihren Hoff zu Aufferziehung ihrer Fürsten
gezogen; wolwissende: dass ganze Völcker zwar von einem Fürsten können
beherrscht; ein junger Fürst kaum von einem ganzen Volcke wohl / von niemanden
aber besser / als einem Weisen aufferzogen werden; welcher von rechtswegen nicht
allein mehr wissen / sondern auch mehr gutes tun soll / als alle Gehorchenden.
Ich kann mit Warheit sagen: dass ich diesem Lehrer mehr als Alexander seinem
verbunden /iedoch in diesem mit ihm beschämt bin: dass keiner seiner Ehrsucht ein
rechtes Maass zu setzen gelernet hatte. Diesemnach ich denn unter meinen
betränten Umhalsungen diesen Weisen ersuchte mir seine vertröstete
Unterrichtung zu der Zeit / da ich für meinen Irrtümern mehr / als in der
unvorsichtigen Kindheit und in der verwegenen Jugend Sorge trüge / nicht zu
entziehen; welcher denn nach einem tieffen Seuffzer mit vielen Tränen anfieng:
Die Kunst recht zu leben ist zwar die gröste der Menschen / wohl zu herrschen der
Fürsten; selig zu sterben hat an sich etwas Göttliches; denn an dieser hänget
unsere Ewigkeit. Wesswegen unser Leben von der blinden Kindheit den Anfang / und
mit dem weisen Alter den Abschied nimmt; wormit man allhier keinen Tritt fehle /
ja das Alter erwachet gleichsam alle Tage mit einer neuen Schwachheit; wormit
selbtes so viel vorsichtiger dem besorglichen Falle zuvor komme. Zwar ist nicht
ohne: dass die Herrschens-Kunst in einem klugen Kopfe / nicht in jungen Riesen
den Sitz habe. Mehrmahls haben ganze Heere für zitternden Händen gezittert; und
nachdem Zeit und Erfahrung das Hertze von unziemenden Begierden / das Haupt von
Unwissenheit erlediget /der Verstand auch ins gemein zunimt / wenn die
eusserlichen Sinnen ins Abnehmen kommen / sieht ein bejahrter Fürst oft mit
einem Blicke weiter; als die scharffsichtigsten Jünglinge mit ihren
eingebildeten Adlers-Augen. Ihre Ratschläge richten mehr aus als der hitzigen
Jugend geschliffene Spiesse. Gleichwol aber ist ins gemein das Alter bei Fürsten
eben so wohl eine Kranckheit / als beim Pöfel. Der Stab / für welchem ganze
Länder gebebt haben / verwandelt sich in eine Stütze ohnmächtiger Armen. So viel
man in der Jugend schwitzet / so viel muss man im Alter husten; jenes aber
gebieret Zuneigung des Volckes / dieses Abscheu; also: dass auch die Jugend mit
ihren gefährlichen Annehmligkeiten wie eine Sirene die Gemüter an sich zeucht /
das Alter aber mit seinen heilsamen Warnungen als ein Gespenste die verwegenen
schichtern; und nach dem der bejahrten Eigenschaft ist alles zu verneinen / wie
der Kinder iedes zu verjahen / die Begierigen unwillig macht. Die Kindheit des
Menschen gleichet sich einem Qvelle / welcher zwischen dem unbefleckten Sande
fast unempfindlich herfür rieselt / und bei seiner Einfalt auch seine Reinigkeit
behält; Die Jugend wird schon eine rauschende Bach /welche über Stock und Stein
abstürtzet / von Gemüts-Regungen schäumet / und mit dem Kote der Wollust sich
trübet; die männlichen Jahre gleichen einem vollkommenen Flusse / der zwar tieff
/ aber sittsam fortströmet / das Erdreich wässert / Schiffe träget / Städte
befestigt / und hunderterlei Nutzen schafft; Das traurige Alter aber ist ein
gesaltzenes Meer / ein Abgrund der Gebrechen; wo alle Süssigkeit der Gebehrden
sich in bittere Verdrüssligkeit / die nutzbare Hurtigkeit sich in keichende
Schwachheiten verwandelt / das Schiff unsers Lebens leck wird / und allgemach in
die Tieffe des Grabes zu sincken anfängt. Diesemnach wundere dich nicht / mein
lieber Ariovist: dass du bei dem Alter ablegst / und das Volck dir jetzt ein ander
Gesichte macht / als für dreissig Jahren. Kinder / die viel Mütter haben /
nehmlich der unartige Pöfel / weiss auch unzeitigen Kindern die grauen Haare
heraus zu treiben. Er wieget alle Entschlüssungen nach dem Ausschlage des
Glückes ab; dieses aber ist eine Stieff-Mutter der verlebten / eine Buhlerin der
Lebhaften. Gesetzt aber / Ariovist: dass ein Fürst bei seinem Alter alle
Kräfften in- / alles Glücke neben sich erhielte. Wie man für den niedlichsten
Speisen einen Eckel bekommt / also werden Untertanen ihrer besten Fürsten
überdrüssig. Je höher ein Berg / ie mehr bedeckt ihn Schnee; ie vollkommener ein
Fürst / ie mehr klebet ihm Verleumdung an. Denn das Maul stincket dem lüsternen
Volcke imer nach Neuigkeit; und die stärcksten Beine sind zu schwach in die
Länge gute Tage zu vertragen. Man betet die mehrmahls Regen und Kot nach sich
ziehende Morgenröte an / und verschmähet die zu Golde gehende Sonne / ob selbte
gleich Purpur und Perlen von sich schüttet / und einen erfreulichen Morgen
ankündiget. Ja wenn Fürsten auch schon Vermögen und Ansehen behalten; haben sie
doch endlich zu behertzigen: dass sie zwar ein grosses Teil ihres Lebens dem
Vaterlande schuldig / aber alles ihnen selbst zu entziehen nicht berechtigt
sind. Bei gemeinen Menschen soll die Liebe bei sich selbst anfangen /bei Fürsten
aber sich endigen. Ich weiss wohl: dass ihrer viel mit weniger Bestürtzung den
Sterbe-Kittel an-als den Purpur ausziehen; aber sie verstehen nicht: dass in
Königlicher Hoheit die wahre Vergnügung keines Weges stecke; weil die Unschuld
darinnen nicht weniger seltsam ist / als neue Sternen im Himmel. Kronen
bezeichnen nur prangende Knechte / und hoffärtige Elenden. Ja alle von der
Einbildung nur begreifliche Wollust ist Wind und am Ende Schmertz; ihre erste
Trachten sind zwar aus eingeambertem Zucker-Teige bereitet / aber inwendig
stecket Gift / und das letzte Gerichte schmecket nach Fäulnüss; wenn selbte was
liebliches an sich kleben / ihre Ergetzligkeit aber nicht zum Grund-Steine die
Ewigkeit hat. Denn tausend Jahre unsers Lebens / weñ sie vergangen / sind
weniger als ein Schatten; und tausendmahl tausend Jahre lassen sich doch nur mit
einer Ziffer und vielen Nullen schreiben / auch im Augenblick zerteilen; in
welchen wir meist so viel Seuffzer eingezogen / als Atem geschöpfft haben. Und
die von der Natur in unsere Lunge gesetzte Haus-Uhr erinnert uns durch ihre alle
Augenblicke schlagende Unruh: dass die Stunde unsers Abschieds sich nähere / und
/ehe wir es uns einbilden / schlagen werde. Hiermit zerrinnet alles irrdische
durch den Tod in nichts / welcher schon in unser Geburt mit uns anfängt zu
ringen. Alsdenn lässet sich die Todten-Asche eines Weltbezwingers / der wie ein
Blitz hundert Länder eingeäschert hat / von desselbten / der in dem engen Kreisse
eines Fasses seine Begierden endigte / und völlige Vergnügung schöpffte / nicht
unterscheiden. Die Fürsten und Bettler-Knochen sind nichts minder als ein Ey dem
andern ähnlich. Der Ruhm von unserm Tode /uñ die Pracht unsers Begräbnüsses gibt
der Sache auch nichts. Dieses blendet etlicher Augen jenes klinget eine Weile in
Ohren / beides aber verschwindet /ehe man es gedacht hätte; und der Tode selbst
hat den geringsten Genuss darvon. Die Marmelnen Gräber /welche Könige ihnen
setzen / machen nicht so wohl ihre Taten / als ihre Eitelkeit berühmt; und ob
sie zwar die Nachwelt bissweilen zu ihren Abgöttern macht; so bleiben sie doch
ins gemein länger ein Denckmahl köstlicher Steine / als derer / welche sie haben
bereiten lassen. Nach dem aber die Beschaffenheit der Seele uns klar genung
zeigt: dass nicht alles in uns vergänglich sei / uns gleichsam mit den Fingern
auf ein Wesen weiset / welches ewig bleibet; wohin zu gelangen die Ablegung
dessen / was an uns sterblich ist / eine Pforte abgibt; so befiehlet uns die
Vernunft / wo nicht alle / doch wenigstens die letzte Zeit dahin anzuwenden:
dass wir anders / als Vieh sterben; zumahl ohne Versicherung eines seligen Todes
kein Leben vergnüget sein kann; und weil der Mensch mehr nicht / als einmal
stirbt / also sich der hierbei begangene Fehler nicht mehr verbessern läst; muss
hierum die eusserste Sorgfalt fürgekehrt werden; wormit unsere Unachtsamkeit
nicht unser eingebildetes Leben mit einem wahrhaften Tode; unsere gegenwärtige
Marter aber nicht vollends mit einer Hölle verwechsele. Daher müssen wir unsere
Eigen-Liebe in eine Selbst-Erkenntnis verwandeln / die gläntzenden Schalen aller
irrdischen Güter / und mit ihnen die Begierde sie zu erlangen / als auch die
Furcht sie zu verlieren / wegwerffen; wormit die sonst unaufhörlich zitternde
Magnet-Nadel unsers Gemütes unverhindert GOtt / den einigen Angel-Stern unserer
Seele erkiese / und in der Welt zur Ruhe / nach dem Tode aber zum wahren Leben
gelange. Warlich / Ariovist /dieses ist dir keine neue Lehre; ich habe sie dir
mit der ersten Milch eingeflöst. Ich habe dir als ein ander Euclides
eingehalten: dass ein Kind nur einen Punct /ein Knabe einen ziemlichen Strich /
ein Jüngling die völlige Breite guter Künste und Wissenschaften begreiffen /
ein Mann die Tieffe der Klugheit / ein Greiss aber den Mittel-Punct und den Zweck
des ganzen Lebens-Kreisses / nämlich Gott und den Grundstein seiner Seelen-Ruhe
ergründen solle. Aber ich weiss: dass die ewige Bewegligkeit der Staats-Sorgen /
und das Getümmel des unruhigen Hofes deinem Leibe nicht einst die nötige Ruh /
noch in deinem dreissig-jährigen Fürsten-Stande eine Viertelstunde dieser
Weissheit nach zu dencken erlaubt haben. Diesemnach ist es Zeit: dass du dich der
mehr von Eitelkeit / als dem Lebens-Geiste beregsamen Menschen / und also dieser
Hindernüsse entschüttest. Es ist Zeit: dass du alle irrdische Anschläge fahren
läst; wo du nicht die willkührliche Gewalt des Glückes über dich verlängern /und
den grausamsten Zufällen dich selbst zu einem Ziele fürstellen wilst. Verlasse
diesemnach das vergängliche / ehe es dich selbst verläst; und kehre dem den
Rücken / was dir im Leben noch viel Empfindligkeit verursachen / nach dem Tode
nicht wenig von deinem Ruhme benehmen kann. Die Schönheit muss den Spiegel
zerbrechen / ehe sie veraltert / ein Fürst den Zepter weglegen / ehe er ihm aus
den Händen fällt. Mache dein Ende dir derogestalt nütze: dass es mehr einem Siege
/ als einer Verfallung ähnlich sei; und das grosse Auge der Welt / die Sonne /
dir zu einem Vorbilde / welche ihren Untergang meist mit einer Wolcke verhüllet
/ um die Welt im Zweiffel zu lassen: ob die Sonne noch über- oder unter unserer
Erden-Fläche sei. Es ist freilich wohl kein geringes für das Heil der Völcker /
und die Ruhe der Länder sorgen; aber ein Augenblick dieser Einsamkeit ist
herrlicher und vergnüglicher. Alles ist friedsam in der Seele; alle sonst
widerspenstige Gemüts Regungen gehorsamen der Vernunft auf einen Winck. Müh
und Verdrüssligkeit verschwinden; Neid und Ungemach tritt man mit den Füssen; wir
unterbrechen das Spiel des Glückes; ja wir fesseln es selbst an / wie starck es
sonst ist / und wie krumme Gänge es sonst zu gehen weiss. Die Unruh selbst findet
hier ihre Ruh; die Nächte sind aller verdriesslichen Finsternis / das Leben der
falschen Welt / und ungelegenen Uberlauffs entübrigt. Wir halten allhier täglich
Siegs-Gepränge; man setzet der Tugend alle Augenblicke frische Ehren-Kräntze
auff: Der Himmel und unser Gewissen ruffet unserer Unschuld tausend Lobsprüche
zu; und wir verwandeln die Hefen des sonst beschwerlichen Alters in das
vollkommenste Teil unsers Lebens / welches nunmehr weder Jahr noch Monat /
weder Ende noch Anfang zu unterscheiden /für keinem Geräusche zu erschrecken /
nach keiner Glocke sich zu richten / und so wenig als die Ewigkeit selbst einer
Uhr von nöten / die Gestirne zu seinem Zeitvertreib / die Welt zu seinem Garten
/ seine reine Gedancken zu seiner Speise hat. Mit einem Worte; Unsere Lebens-Art
stehet reinen Seelen / wie das Wasser den Fischen / die Lufft dem Geflügel an
/sie ist ein Muster des Lebens im Himmel; und ein Vorschmack seiner Süssigkeit.
    Nach diesen Worten leitete er mich zum Eingange seiner Höle; da er die
Lob-Sprüche seiner beliebten Einsamkeit mit folgenden Reimen in eine von dem
grünen Mosse gesauberte Stein-Klippe mühsam eingegraben hatte:
Der Seele süsse Ruh / der Kern der teuren Zeit /
Des Hertzens stumme Lust / der Unschuld treuster Freund /
Der Warheit Mitgefert / und Eitelkeiten Feind /
Der List und Wollust nicht mit scheinbarn Körnern streut /
Die auf den Abend nie des Tages Tun bereut /
Die kein schlimm Beispiel sieht / kein Unrecht nie beweint /
Der wenn es auswerts blitzt / die Sonn inwendig scheint /
Der Friede des Gemüts / diss ist die Einsamkeit.
Glaubt: dass die Unruh ihr der Welt ein Unding heisst;
Dass Ehrsucht nie den Tag / die Furcht no comma? die Nacht
Zu kurtz; kein Kummer ihr zu lange Stunden macht;
Dass sie kein Zorn erhitzt / kein' Angst ihr Hertz umeist';
Kein Heuchler sie bläh't auf / kein Dräuen sie zwängt ein;
Dass sie läst Einsame nie bang- und einsam sein.
    Durch diese / und mehr bewegliche Zuredung des Samotischen Weisen / sagte
Ariovist / ward ich derogestalt eingenommen; oder / wenn ich zu einer so
heilsamen Würckung ein so gefährliches Wort brauchen dörffte / bezaubert: dass
meine Königliche Würde und alles irrdische mich anstanck; die gelobte Einsamkeit
aber mein Gemüte mit einem anmutigern Geruch / als Balsam und Jasmin
anhauchete; also: dass ich von Stund an meinem Pferde den freien Lauf verstattete
/ meinen Degen / Kleider und Jäger-Geräte wegwarff / mich mit dieser Haut
deckte; und um von den Meinigen nicht ausgespüret zu werden /mit meinem Lehrer
mich in eine nahe darbei verdeckte Höle verbarg. In welcher wir folgende Nacht
und biss in dritten Tag ein unaufhörliches Getöne von Jäger-Hörnern vernahmen;
weil dem Vermuten nach ich von den Meinigen gesucht; und nach vergebener Müh /
Zweiffels-frei für tod gehalten ward. Nach dem ich mich aber in dieser Nähe
nicht allerdings genung verborgen zu sein achtete / beredete ich meinen Lehrer:
dass er mit mir durch die dicksten Harudischen Wälder biss auf den Fichtelberg /
und als wir da eine Zeit uns aufgehalten / auf das Hercynische Gebürge; und um
selbtes herum biss auf gegenwärtigen Berg sich entfernte. Welchen ich deswegen
für den herrlichsten Ort in der Welt halte; weil ich von dem Samotischen Weisen
die vollkommene Ruhe des Gemütes gelernet / mich darauf über alle irrdische
Sorgen erhöhet zu sein befinde; und bei meiner Glückseligkeit die Torheiten der
Menschen / davon mir zuweilen ein oder ander Wurtzelmann zu erzählen weiss;
verlachen / und jetzt mit deiner Eitelkeit / lieber Marbod / Erbarmnis haben;
nichts aber an deiner eingebildeten Hoheit beneiden kann; ja ich traute dir in
meiner Einsamkeit / oder vielmehr in der mir erkieseten Todten-Höle / solche
Reichtümer zu zeigen; welche wenige Weltbeherrscher ihr Lebetage zu sehen /
weniger zu besitzen bekommen; und da August nichts minder als du mein Grabmahl
schwerlich ohne Missgunst würden betrachten / und wie jetzt von mir: dass die Natur
/ wenn sich die aufblehende Ehrsucht wiedersetzet / leicht zu ihrem ersten
Stande und Kleinigkeit komme; also von erwähnter Höle lernen können: dass die
Kunst eine blosse Magd oder Affe der Natur /der Menschen Wunderwercke gegen
dieser Gebäuen weniger / als Ameis-Hauffen sind; beide aber endlich nichts / als
dem Feuer eine kostbare Asche; dem Winde einen teuren Staub abgeben.
    König Marbod mühte sich mit aller nur ersinnlichen Ehrerbietung dem so
berühmten Ariovist an die Hand zu gehen; und ob er zwar unterschiedene Einwürffe
tät: dass die Einsamkeit eine böse Ratgeberin / und eine bangsame Gefertin
wäre; und daher zu untadelhafter Selbstgelassenheit eine ungemeine Vollkomenheit
gehörte; die Gemeinschaft zwar ein Verlangen nach sich / die Einsamkeit aber
nach andern verursachte; dass ein angebohrner Trieb die Menschen zusammen
vereinbarte / und die Freundschaft dem Leben so nötig / als die Sonne der
Welt; der Fürstliche Stand aber nichts minder dem gemeinen Wesen /als das
Steuer-Ruder dem Schiffe unentpehrlich; und wegen seiner Sorgen und
Gefährligkeit so wenig / als die Rose wegen ihrer Dornen verwerflich; kein ander
Stand auch ohne Schwachheiten wäre; sondern iede Fackel ihren Rauch hätte / und
ieden Menschen sein Schatten begleitete; so eignete ihm Marbod doch selbst so
blöde Augen / und einen so albern Verstand zu: dass er in das Licht einer so
hohen Gemüts-Erleuchtung nicht ohne Verblendung sehen / noch sein Urtel über
die Meinungen des weisesten Ariovists erstrecken könnte. Hingegen lag er ihm mit
beweglichsten Bitten so lange an: biss er ihm die erwähnte Höle zu zeigen
Vertröstung tat. Massen sich denn Ariovist den dritten Tag / als er den König
Marbod und seine Geferten die Zeit über mit Gemsen-Fleisch /Erdbeeren / und
Kräutern / mehr aber mit vielen klugen Gesprächen unterhalten hatte / mit ihnen
auff den Weg begab; und biss in die sinckende Nacht durch etliche finstere Täler
über viel raue Stein Klippen führte; also: dass diese sich in besten Jahren
befindenden Nachfolger ihm mit genauer Not gleich komen /und daher sich nicht
nur über der Hurtigkeit des Stein-alten Ariovists verwundern; sondern auch
seiner gegebenen Ursache beipflichten mussten: dass der Ehrgeitz nur nach vielen
und seltzamen Speisen lüstern /der Hunger mit wenigem vergnügt, der schlechteste
Unterhalt der Gesundheit und den Leibes-Kräften am vorträglichsten wäre. Gantze
Heerde Ochsen wären mit einer engen Weide; eine ziemliche Menge Elefanten mit
einem Walde vergnügt; ein üppiger Mensch aber hätte in seinem Zwerg-Leibe einen
unersättlichen Straus-Magen; welcher mit seiner Tafel die Lufft erschöpffte /
ganze Meere ausfischte / grosse Wildbahnen verödete / den Erdboden arm machte;
und / ob schon die Natur um seinem Eckel vorzukommen das Jahr über so viel mahl
ihre Zeit / und darmit ihre Früchte veränderte / ihn darmit nicht vergnügte;
sondern eines Menschen Leben das Jahr über mit etlichen tausend Leichen
unterhalten müste. Dahero so viel weniger wunderns wert wäre: dass solche
Schwelger ihnen durch so viel Tode den Weg zu Kranckheiten bähneten / und die
Fart zum Grabe beschleunigten.
    Sie erreichten aber selbigen Tag den verlangten Ort nicht; sondern
übernachteten bei einem Brunnen / aus welchem die berühmte Elbe den Uhrsprung
nimmt. Uber welchen sich König Marbod mehr als Alexander bei Erfindung seines
Oelbrunnen ergetzte; weil die Elbe einer der Haupt-Ströme seines Gebietes war.
Dahero er sich auch bedüncken liess: dass ihm sein Lebtage kein Wein so gut / als
das aus diesem Bruñen mit den Händen geschöpfte Wasser geschmeckt hätte. Nach
genossener Ruh auff einem mit hunderterlei köstlichen Kräutern bewachsenem Rasen
/ machten sie sich / als es nur zu tagen anfieng / über eine ziemliche Fläche /
von welcher etliche Krystallen klare Bäche Nordwerts in der Marsinger Gebiete
mit grossem Geräusche abstürtzten / auf den höchsten Gipfel des Sudetischen
Riesen-Gebürges / von welchem man nicht nur der Bojen / sondern der Marsinger
und Burier Landschaften weit und fern übersehen kann / lenckten aber hernach in
ein ziemlich tieffes Tal / und kletterten durch allerhand Verdrehungen über
viel Felsen biss in die sinckende Nacht. Den dritten Tag schliessen sie wegen
ihrer Müdigkeit so lange: biss die Sonne schon mit ihren Strahlen selbiges Tal
erfreute. Ariovist führte sie hierauf einen ganz ebenen Weg /da man aber weder
von Menschen noch Tieren einigen Fussstapfen fand / zu einer gleichsam
gespaltenen Stein-Klippe / machte hierauf ein Feuer / wormit ieder zwei
Kyn-Fackeln in die Hand nahm / und dem vorgehenden Ariovist in den Steinritz /
welcher eine verborgene Pforte in einen von Grass und Pflantzen ganz kahlen Berg
abgab / durch den man sich seitwerts durchdrängen musste / folgten. Sie kamen
aber bald in einen breiten aus dem schönsten weissen Marmel gehauenen Gang / in
welchem sie anfangs funffzig Schritte gerade ein / hernach dreihundert Staffeln
hinunter giengen. Zu Ende desselbten kamen sie in eine Ey-rundte im Umkreisse
siebendehalb hundert Schritte haltende / und mit einer anständigen Höhe
versehene Höle. Ihr erster Anblick verbländete durch übermässigen Schimmer aller
Augen. Denn die Wände rings herum waren das vollkommenste Gold-Ertzt / oder
vielmehr gediegenes Gold; weil man hin und her nur ein wenig Schlacke / oder
vielmehr Beisatz andern Ertztes erkiesen konnte. Uber diss hatte die Natur in
diesem Gold-Bergwercke auch auf mancherlei Arten gespielet; in dem sie allerhand
Bäume / Berge / Bäche / ganze Landschaften / allerhand vierfüssichte /
insonderheit kriechende Tiere / Geflügel / Fische / Muscheln / und Gewürme so
wohl / als kaum der künstlichste Bildhauer vermocht / geetzt; ja selbten so gar
zuweilen die eigentliche Farbe und den Schatten gegeben hatte. Wie nun Marbod
und seine Gefärten etliche Stunden ihre Augen durch rings herum geschehende
Beschauung dieser wunderwürdigen Goldmauern geweidet hatten; fieng Ariovist an:
Ob sie wohl glaubten: dass sie was köstlichers mit Füssen treten; als woran sich
ihre Augen ergetzten; Bückte sich auch hiermit zugleich / und hob eine Hand voll
allerhand teils grauer / teils schwärtzlichter Steine / welche sie anfangs für
Kieselsteine angesehen / auf; zeigte dem Könige Marbod auch; wie aus selbten hin
und wieder die darinnen verborgenen Diamanten herfür strahleten; und versicherte
ihn: dass zwar selbte nicht alle / iedoch derer viel denen Morgenländischen an
Härte und Glantz gleiche kämen; ganz Indien aber schwerlich so viel edle Steine
hätte / als ihrer in diesem einigen Berge vergraben lägen. Gleichwol aber wüste
er nicht: ob das reiche Deutschland in ein schmähliches Armut verfallen könnte;
als wenn diese Reichtümer desselbten Einwohnern entdeckt würden. Wesswegen er
sie alle drei bei ihrer zum Vaterlande tragender Liebe beschwüre: dass sie diesen
noch heiligen Schatz / weil selbten keine geitzige Hand versehret und entweihet
hätte / keinem Menschen kund machen; und dardurch nicht so wohl zu Durchwühlung
dieses Gebürges / als zur Peinigung ihrer Seelen / und zum Verlust ihrer freien
Gemüter Ursach geben sollten. Sintemahl / wenn der Mangel einmal diesen
gläntzenden Kot in sein Hertze legte / würde dieser zu einem Abgotte / jenes
zum Sclaven; und weil das Gold so gezüge wäre: dass ein Knopff einer Kirsche gross
sich von der Elbe biss an Rhein ausdehnen liesse / umschlingte es im Augenblicke
aller Menschen Hertzen. Da doch die Natur dem Golde darum den Geruch und
Geschmack / wormit sie doch das unedlere Kupffer und Eisen begabte / gleichsam
zu dem Ende entzogen hätte: dass die menschlichen Sinnen so viel weniger darzu
sollten gerejetzt werden. Daher die Beschauung dieses Schatzes mehr Andacht und
Mässigkeit von nöten hätte / als die Araber denen / welche Weirauch suchen / und
die Atlantischen Eyländer denen / welche in den Gold-Bergwercken arbeiten
/aufbürden: dass sie sich so gar vorher ihrer Ehweiber entalten müssen. Marbod
betrachtete diese köstlichen Steine gegen dem Lichte mit höchster Verwunderung /
Lichtenstein und Tañenberg rafften inzwischen beide Hände voll / und befanden:
dass nicht nur alle Steine Diamanten / sondern auch etliche darunter ganz rein
und ausser ihrer Schale waren. Gleichwol aber hatte Ariovistens Zuredung einen
solchen Nachdruck: dass sie auch nicht einen dieser Edelsteine zum Gedächtnis
bei sich behalten wollten; biss Ariovist die grösten ihnen einnötigte / und ihnen
einhielt: dass der gute Zweck nichts minder Reichtum / als Gift zu Nutzen machte
/ der Missbrauch aber das herrlichste Gold in schädlichen Hütten-Rauch
verwandelte. Marbod fieng an: Er sehe wohl: dass der gütige Ariovist freigebiger
wäre / als die Indischen / Scytischen und Egyptischen Könige; unter denen die
ersten ihnen alle über hundert Gran wiegende Diamanten / die andern alle grosse
Türckisse / die letzten alle grosse Topasse vorbehielten. Hierauf steckte Ariovist
seine zwei Fackeln auf eine bei der Hand liegende sehr hohe Stange / und
ermahnte seine Nachfolger nun auch das Gewölbe dieser Höle zu beobachten;
welches sie wegen der Tunckelheit für eitel Regenbogen ansahen. Ariovist aber
unterrichtete sie: dass es eitel von der Kunstand der Natur zusammen gesetzte
Schmaragden / Topasser / Beryllen und Granaten wären; ja in der Welt wenig
Edelgesteine gefunden würden / davon dieses Sudetische Gebürge nicht einen
grossen Uberfluss hätte. Aber alles diss / sagte Ariovist / worvon der Geitz so
viel Wesens macht / würde ich nicht der Müh wert geschätzt haben / euch einen
so beschwerlichen Weg anher zu leiten; wenn ich dir / Marbod /nicht etwas
bessers zu zeigen hätte; welches dir teils die wunderwürdigen Geheimnisse der
Göttlichen Versehung für Augen stellen / teils deinem Tun vielleicht ein
nützliches Beispiel abgeben könnte. Hiermit nahm er den Marbod bei der Hand /
leitete selbten hinter einen güldenen Pfeiler in einen ziemlich breiten Gang /
durch welchen sie wohl eine Stunde zu gehen hatten; dessen Wände anfangs
ebenfalls eitel Gold-Ertzt war / hernach sich aber selbtes in Silber / so Marbod
und seine Geferten für Schnee ansahen /verwandelte. Nach und nach kam ihren
Ohren ein Geräusche entgegen / welches sich hernach in ein mächtiges Brausen des
Wassers verwandelte; also: dass für selbtem mit genauer Not ein auch ins Ohr
redender den andern verstehen konnte. Endlich erblickten sie eine zweimahl
grössere Höle; worein aber Marbod und die Seinigen zu treten Bedencken trugen;
weil sie in selbter grosse Ströme aufwerts schüssen sahen. Ariovist aber
versicherte sie: dass ihnen kein Finger oder Fadem nass werden sollte: leitete sie
also darein /führte sie an die Seiten-Wände dieser Höle; um durch derselben
Antastung sie zu versichern: dass zwischen ihnen und diesem brausenden Gewässer
eine wiewol ganz durchsichtige / iedoch Marmel-feste Mauer stünde. Marbod
vergass für Verwunderung alle diese Seltzamkeiten / und fragte: Ob denn diese
glatten und helleuchtenden Wände eitel Berg-Cristallen wären? Ich kann es für
nichts anders erkennen antwortete Ariovist; weil in diesem Gebürge hin und
wieder auch auswerts Stücke von Berg Cristallen gefunden werden; und ander
zerbrechliches Glas gegen dem gewaltsamen Triebe dieser Flüsse nicht bestehen
würde. Lichtensteins Vorwitz trieb ihn also fort zu fragen: Ob denn unter denen
Gebürgen auch Flüsse wären? Ariovist lächelte mit beigesetzter Antwort: Es wäre
daran nicht zu zweiffeln / weil der ganzen Welt unverborgen wäre / wie weit in
Hispanien der Fluss Anas / in Africa der Neiger und Nil unter dem Erdbodem
hinflüsse. Die Donau selbst werde zum Teil von der Erde verschlungen. In
Sicilien bei der Stadt Metaurus habe er eine Höle gesehen / durch welche ein
ziemlicher Fluss ströme; und nach dem er weit unter der Erden seinen Lauff gehabt
/ allererst hervor komme. Bei dem Emporischen Seebusem in Mauritanien solle eine
Höle sein / in welcher man so gar des Meeres Epp und Flut wahrnehme. Und in
Sarmatien flüssen nicht ferne von der Weichsel in tieffen Saltz-Klüfften starcke
Bäche / woraus man köstliches Saltz kochte. Alleine diss Wasser / welches ihr
durch diese durchsichtigen Steine hin und wieder brausen höret / und schäumen
sehet; sind keine solche unterirrdische Flüsse; sintemahl dieses wieder die
gemeine Art des Oberirrdischen Wassers gerade empor steiget / welches sonst mit
seiner Schwerde nichts minder / als der schwerste Stein gerade gegen dem
Mittel-Puncte der Erden zudrückt. Marbod / Lichtenstein und Tannenberg / als sie
aus genauer Beobachtung dieser wahrhaften Emporsteigung des Wassers diss wahr zu
sein befanden / ersuchten den weisen Ariovist ihnen dieses Geheimnis auszulegen;
welcher denn vermeldete: dass diss Wasser eben die Brunnen der Elbe / des Bobers /
und etlicher anderer teils zu den Bojen / teils zu den Marsingern
abschüssender Bäche; diese Krystallen aber die wunderwürdigen Röhre und
Behältnisse dieser aufqvellenden Ströme wären / und verhinderten: dass diese zwei
Hölen nicht von dem Wasser angefüllet würden. Denn ob zwar einige Berg-Brunnen
von dem einsinckenden Regen und Schnee-Wasser herrinneten; wären diss doch keine
ewige / sondern bei grosser Dürre vertrocknende Brunnen. Die ewigen Brunnen und
Flüsse hätten zwar ins gemein auch einen Zuwachs von Regen und Schnee; wiewol in
der Narinensischen und etlichen andern Landschaften die Brunnen beim Regen
grossen teils versiegen / die Erde bei nassem Wetter zu Staube / bei dürrem zu
Kote wird. Der Brunnen ihr eigentlicher Uhrsprung rühre aber aus dem Mittel der
Erd-Kugel her / zu welchem sich das Wasser aus denen Meeren / seiner
eigentlichen Schwerde nach / durch seinen sandichten Bodem eindringe. Der
begierige Tannenberg fiel alsbald ein und fragte: durch was für eine
Wasser-Kunst oder Regung aber das einmal schwere Wasser zu der eussersten
Spitze des Erdbodens und zwar meist zu den Gipffeln der höchsten Gebürge empor
gezogen würde; und ob alle Qvellen in solche steinerne Röhren eingeschlossen
wären? Ariovist liess ihm diese Sorgfalt gar wohl belieben / und antwortete: Es
hätten zwar einige der Druyden ihn anfänglich beredet: dass die Auffsteigung des
Qvell-Wassers von dem die Erde überhöhenden Meere herrührte; und in eitel
solchen Röhren das Wasser zur obersten Fläche der Erden nicht anders / als wie
von Bergen oder Türmen in die Wasser-Künste getrieben würde; indem es in
solchen festen Verfassungen notwendig so hoch steigen müste / als es anderwerts
abfiele; alleine sein erster und letzter Lehrer der Sotische Weise hätte ihm
gewiesen; wie diese Meinung allzuweit hergesucht / die angegebenen Wasser-Röhre
auch blosse Träume wären. Sintemahl die oberste Fläche des Meeres nirgends so
hoch / als die Gipffel der Alpen / des Caucasus / der Pyreneischen Gebürge;
solche Brunnen auch mitten in dem grösten Welt-Meere (wordurch entweder
derogleichen Wasser-Röhre unmöglich gehen /oder doch wieder Sturm und Wellen
nicht bestehen könten; oder solche Röhren unter der Tieffe des Meeres viel
tausend Meilen weit geführet sein müsten) auf den Bergen der kleinsten Eylande
gefunden; ja auf den höchsten Gebürgen in den Brunnen eine Verwandnüss in Epp und
Flut mit dem nahe darbei und um viel hundert Schritte niedriger gelegenen Meere
verspüret würde. Hingegen wäre aus dem Leibe des Menschens / welcher als eine
kleine Welt alle Wunderwercke der grossen in sich begrieffe / die Art der
Auffsteigung des Quell-Wassers unschwer zu ergründen. Denn wie im Menschen das
in Adern verschlossene Geblüte wegen seiner lebhaften Geistigkeit empor stiege;
ausser denen Adern aber / wenn es in die Lufft käme / und seine Geister
verrauchten / oder auch in todten Cörpern wie andere schwere Sachen zu Bodem
fiele / oder abwerts sincke; also würde auch das in der holen Mitte der Erden
aus dem Meere zusammen sinckende und von seiner Bitterkeit gereinigte Wasser
nicht zwar durch Feuer / welches wegen mangelnder Lufft daselbst nicht / wie in
denen der Erden-Fläche nähernden Hölen tauern könnte / in dem allzutieffen
Ertz-Schachte schon so gar kein Lichtleiden / sondern durch seine selbsteigene
Schwefel- und lebhafte Krafft begeistet: dass selbtes nach Art des auch von der
Sonnen in die Lufft gezogenen Wassers wie dinne Dünste der kalten Fläche der
Erden durch alle nur zu durchkrichen mögliche Wege sich nähere /und daselbst
gleich als in dem Kopffe eines Brenn-Topffes wieder zu Wasser werde; weswegen
etliche tieffsinnige Weltweisen die Brunnen gar füglich mit den Frauen-Brüsten
verglichen haben; weil wie in diesen aus denen zugezogenen dinnen Feuchtigkeiten
die Milch / also in jenen aus denen auffsteigenden Dünsten das Wasser gezeuget
würde; also denn durch die Lufftlöcher der Erde / (welche das Meer nicht hat
/und also solche Aufdampffung nicht zuläst) ausbräche / seine Schwerde wieder
bekome / und anfangs Brunnen / hernach Flüsse verursache; also: dass das Meer
innerhalb der Erde der Uhrsprung der Brunnen / die Brunnen aber oberhalb der
Erde der Uhrsprung der Meere wären; und wie im Menschen das Blut / also in der
Erde das Wasser niemahls ruhe / sondern durch unauffhörliche Bewegung einen
Kreis mache. Diesemnach es denn in der Mitte der Erden und aus der Höhe der
Meere keiner verschlossenen Wassergeleite darff; wie zwar derer hin und wieder /
und also auch allhier gegenwärtig nicht wenig gefunden werden; auch allerdings
der Warheit gar ähnlich ist: dass durch solche Wasser-Röhre das Caspische und
Schwartze; das rote und Cyprische Meer an einander gehenckt sind. Diesemnach
aber das Meer-Wasser in der Mitte der Erden von einer besondern natürlichen
Säuerkeit /so man füglich den Essig der Welt nennen kann / geschwängert wird;
welche zwar das gemeine Quell- in dem Tone / dardurch es sich dringen und
läutern muss / ableget; viel Wasser aber geräumert Gänge findet; ja auch noch
darzu durch allerhand schweflichte / saltzichte und anderer Arten Erde empor
dampffet / und von derselben Eigenschaft nichts minder etwas / als die hier
empor schüssenden Brunnen ein Teil des Goldes und anderen Ertztes /wie auch der
Edelsteine mit sich in die Bäche führen; so ereignet sich: dass es in der Welt /
fürnehmlich aber in unserm Deutschlande so viel Sauer- und Saltz- ja auch Feuer-
und andere Wunder-Brunnen giebet; ja mitten in den grössesten Strömen / wie in
dem Alemannischen Gebiete aus dem Rheine / und in dem Bojischen aus der
Töpelbach siedend-heisse Quellen empor springen; in dem Taunischen Gebürge bei
denen Mattiazern ein Brunn nach Weine schmeckt; ja in den Wässern eine Krafft
sich in Saltz und Steine zu verwandeln stecke. Welches letztere mich am meisten
bewogen / mein lieber Marbod / dich hieher zu bringen. Hiermit führte ihn
Ariovist zu einem fast in der Mitte der Höle stehenden Bilde / welches einen
Berg-Kristallenen Riesen vollkommen abbildete; ausser: dass beide Schenckel nicht
von einander zerteilt stunden / sondern dieser Riese unten gleichsam eine
rundte Seule war. Marmod und seine Gefärten sahen selbten Anfangs mit
Entsetz-hernach mit grosser Verwunderung an. Ariovist aber reckte seine beide
Fackeln empor gegen dem Haupte / und erinnerte sie dieses Riesen-Bild / von
welchem dieses Riesen-Gebürge den Nahmen führte / nicht überhin / sondern mehr
seinen Kern / als die Schale zu betrachten. Worauf der Ritter Lichtenstein zum
ersten gewahr ward: dass in diesem durchsichtigen Steine ein natürlicher Mensch
steckte; weswegen er alsofort / ob ihn seine Augen betrügen / Ariovisten fragte.
Nein / antwortete dieser. Denn ihr sehet hier für Augen die unverwesete Leiche
des grossen Fürsten Tuisco; und auswendig seinen Kristallenen Sarch. Aller Augen
erstarreten für begieriger Betrachtung dieses Wunder-Grabes; und aller Zungen
erstummten für Verwunderung; biss Marbod über eine lange Weile in diese Worte
ausbrach: O glückseliger Tuiscon / dessen Tugend zwar unter allen Sterblichen
verdienet köstlicher / als kein ander Mensch begraben zu sein! dessen Geist aber
auch schwerlich der Nachwelt ein so herrliches Begräbnüs verdancken kann; gegen
welchem der Egyptischen Könige / des Mausolus und des Porsenna Marmel-Gräber
Staub; Cleopatrens Perlen-Grufft Tockenwerck /der Macrobisschen und derer ums
Meere wohnender Mohren gläserne / und die güldenen Särche / darein Ptolomeus den
grossen Alexander legte / für Asche und schlechte Scherben zu halten sind; also
dieser grosse Fürst seines Begräbnüsses halber meinem Bedüncken nach mit
niemanden / als mit derselben Natter zu eifern hat; welche über der Weichsel an
dem Gotonischen Meer-Strande sich in den noch weichen Agstein verwickelte; und
nach dem dieser sich versteinerte / darinnen begraben / von dem Fürsten selbigen
Landes dem Feldherrn Segimern / von diesem aber der Kayserin Livia verehret
ward. Warlich / wo iemahls ein Grabmahl in der Welt einer vieljährigen Tauerung
wert gewest ist / verdienet diss eine Ewigkeit; und es ist zu wünschen: dass wie
ohne diss der Donner denen Grabmalen keinen Schaden tut / dieses von keinem
Erdbeben versehret werden möge. Aber durch was für Zauberei ist die Leiche in
diesen durchsichtigen Stein gebracht / und durch was für kräfftigen Balsam über
zwei tausend Jahr für Fäulnüs und Verwesung verwahret worden? Ariovist
versetzte: Sie sollten nur acht haben: so würden sie aus dem Gewölbe dieser Höle
unaufhörlich Wasser abtröpffen /keines aber nirgends flüssen / sondern sich in
kurtzer Zeit in so durchsichtigen Stein verwandeln sehen. Daher es nicht nur der
Augenschein gebe / sondern ihn auch der Sotische Priester / welcher ihm diese
Höle / als der Sotischen Weisen grosses Heiligtum / zum ersten gezeigt /
glaubhaft berichtet hätte: dass man des grossen Tuiscons Sohn / welcher vom
Tanais an / biss zum Rheine geherrscht / und diese Höle durch Anleitung eines
Wahrsagers gefunden hätte /aber in dem Marsingischen Gebiete gestorben wäre /
seines Vaters Leiche in einem versteinernden Brunnen dieses Gebürges gelegt /
hernach / als selbte entweder das todte Fleisch wie vorhin Holtz und Pflantzen
zu Steine gemacht / oder zum minsten mit einer steinernen Schale überzogen / in
diese Höle versetzt hätte; wormit von dem stets abtrieffenden Wasser / welches
die Krafft im Augenblicke zu versteinern hat / sein Bild von Jahre zu Jahre sich
vergrösserte. Da es denn nach so langer Zeit zu einem solchen ungeheuren Riesen
/ diss Gebürge aber von den Sotischen Weisen /die sonst diese Hölen überaus
geheim gehalten / das Riesen-Gebürge genennet worden ist. König Marbod hatte
Ariovisten beide Ohren / diesem Bilde aber beide Augen gewiedmet /und wusste sein
und seiner beiden Ritter Mund nicht genungsame Lob-Sprüche dieser Säule
zuzueignen; gegen der sie alle Wunderwercke der Welt für Schattenwerck hielten;
Tannenberg aber besonders die vorhin mit Erstaunen besichtigte Grabe Spitzen in
Egypten nicht genung zu verachten wusste. Ariovist fieng hierauff an: Es ist
nicht ohne: dass die Herrligkeit dieses Begräbnüsses allen andern in der Welt die
Wage hält; zumahl ich euch versichern kann: dass dieser Kristallene Riese
gediegenes Gold zu seinem Fusse hat. Wie er denn ihnen selbtes mit Wegstossung
der obigen gleichsam gläsernen Schale / welche von dem abspritzenden
Versteinerungs-Wasser über den Bodem gemacht war / augenscheinlich zeigte / und
sodeñ ferner fort fuhr: Aber ich halte die Kostbarkeit und die Tauerhaftigkeit
dieses Grabes an sich selbst für kein so grosses Wesen. Jene ist ein vergrabener
Schatz / welcher wenig Menschen in das Auge kommt; und wenn ihr mich nicht zum
Ausleger gehabt hättet; würdet ihr so wenig erraten haben: dass der grosse
Tuisco darinnen begraben ist; als die Egyptier zu sagen wissen: wer in ihren
Grabe-Spitzen beerdigt sei. Die andere ist ebenfalls der Vergängligkeit
unterworffen / als die Leichen selbst /welche / wenn sie nicht Feuer oder
Fäulnüss verzehret / doch Würmer und Ratten fressen. Sintemahl die Eitelkeit
nicht nur über / sondern auch unter der Erden ihre Herrschaft hat / und durch
Erdbeben ganze Gebürge und Flüsse verschlucket; durch Schweffel-Brände Ertzt
und Felsen einäschert; durch Gewässer die geräumsten Hölen ersäuffet. Massen
denn auch falsch ist: dass der Blitz kein Grab versehre. Sintemahl des
Gesetzgebers Lycurgus / und des Tichters Euripides davon zermalmet worden; und
ist die hieraus auf selbiger Todten Vergötterung gezogene Auslegung nur für eine
abgöttische Heuchelei zu halten. Es ist aber die Vergängligkeit in
unterirrdischen Klüfften so viel weniger zu verwundern; weil die Eitelkeit für
längst über das Rad der Sonnen sich geschwungen / und unterschiedene Sternen wo
nicht vertilget / doch in dem Gesichte der Menschen ausgelescht hat. Ja mein
Sotischer Weltweiser hat mir nicht nur unterschiedene Merckmahle abnehmender
Sternen gewiesen / sondern mich auch versichert: dass mit der Zeit vier Sternen
in dem Zeichen des Schiffes zwischen dem Hinterteile und denen Rudern / einer
in dem rechten Ohre des Hundes / in dem Schnabel des Rabens / der sechste im
Krebse / einer ins Ganimedes Knie / der letzte im Schwantze der Schlange /und
der helleuchtende im Medusen-Haupte mit der Zeit gar oder grossen teils
verschwinden; Hingegen einer im Mast-Baume / der eilffte im Löwen / der
neblichte im Schwantze des Scorpion sich vergrössern /ja auf der Stirne des
Hundes / in der Cassiopea / und im Wallfische gar neue Sternen geboren werden
würden. Wenn aber auch schon dieses oder einige andere Gräber mit der Erd-Kugel
selbst um die Tauerhaftigkeit streiten könnte; so scheinet es doch eine ewige
Torheit zu sein / nach Ruhm unter den Todten streben; und aus dem Grabe eine
Sonne machen; wenn zumahl einer im Leben kaum ein Stern der sechsten Gattung /
oder einer derselben gewest ist / die in der Milch-Strasse sich gar nicht
erkiesen lassen. Sintemahl wie die prächtigen Grab-Maale / welche Evagoras und
Miltiades ihren auf den Olympischen Schau-Spielen obsiegenden Pferden / Lacydes
seiner Ganss / die Römer einem Raben / andere Hunden aufgerichtet / diese Tiere
in keine bessere verwandeln; also werden todte Wercke in kalten Steinen nicht
lebhaft / und düncken mich die / welche nicht durch ruhmwürdiges Beginnen die
Tage ihres Lebens / sondern durch Gepränge der Ehren-Maale die Nacht ihres Todes
zu erleuchten vermeinen / nicht besser / als die gläntzenden Feuer-Würmer zu
sein / welche im Finstern dem Golde / in dem Tage verächtlichem Kote gleichen.
Alles was nicht die Tugend zum Grunde /und die Ewigkeit der Seele zum Absehen
hat / ist vergänglicher Rauch. Frist die Zeder nicht der Wurm /das Ertzt nicht
der Rost / so verzehret sie ein ander Zahn der Zeit; ja ein einiger
verwahrloster Funcken. Da nun aber du / Marbod / seuffzest: dass dein Leib hier
auf Erden mit der Zeit wie allhier Tuisco in Kristall möge verwahret werden; wie
vielmehr hastu nachzusinnen: dass die viel edlere Seele im Himmel die Sonne
selbst zum Kleide habe. Weil der Mensch scheinet geboren zu sein: dass er
sterbe; muss er sich bemühen also zu sterben: dass er ewig lebe; und weil das
Leben ihn zum Grabeleitet; soll das Grab ihm die Staffel sein zu verwesslicher
Ehre. Glaube mir aber /Marbod / du wirst ein herrlicher Grab / als diss ist; oder
aus einem Diamantenen Felsen dir gehauen werden könnte / verdienen; wenn du diss /
was die Vorwelt an den güldenen Fuss dieses Bildes verzeichnet hat /beobachten
wirst; ja dein Gemüte wird im Leben unversehrlicher Ruh / deine Seele
unvergänglicher Vergnügung genüssen; wenn du denen Erinnerungen über der Pforte
dieser Höle nachlebest. Hiermit bückte sich Ariovist / räumete um den güldenen
Fuss vollends das versteinerte Wasser weg; und zeigte seinen Gefärten / wie
daselbst mit eitel Edelgesteinen nachfolgende Worte auffs künstlichste ins Gold
versetzt waren.
Der Erde Marck das Gold / und so viel edle Steine
Sind's Armut dieser Grufft. Tuiscons edles Grab
Ist ihr und Deutschlands Schatz. Weil diss nur sein Gebeine
Beisammen hält / wird ihm kein Feind was ringen ab.
    Als Marbod diese kostbare Schrifft gelesen / fieng er an: So sehe ich wohl:
dass die Leiche des grossen Tuisco ein Schutz-Bild / und also ein grosser Schatz
Deutschlands sei; an dessen Bewahrung das Heil / an Versehrung aber der
Untergang des Vaterlandes gelegen sei. Ariovist lächelte / ihm antwortende: Ich
weiss wohl: dass das der gemeinen Sage nach vom Himmel gefallene Trojanische
Palladium / welches man mir noch zu Rom als ein grosses Heiligtum gewiesen
/nichts anders / als des Königs Pelops Gerippe / welches ein Asiatischer Weiser
bei einer gewissen Vereinbarung der Sternen aus seinen Todten-Beinen zusammen
gesetzt / und dem Könige Tross verehret hat; das Olympische Schutz-Bild nichts /
als Knochen eines Indianischen Tieres; der Spartaner Minerven- die
Menschen-Haut des weisen Pherecydes; das Syrische Dagons-Bild mit einer
Wallfisch-Haut umzogen gewesen; und alle diesen Heiligtümern eine Krafft der
Unüberwindligkeit zugeeignet worden sei. Alleine ich bin der Meinung: dass wie
gegenwärtige Schrifft einen andern Verstand hat; also auch jene Bildnüsse gar auf
was anders gezielet haben. Marbod fragte alsofort: Ob denn diese ziemlich klare
Reimen anders ausgelegt werden könten; als dass so lange Tuiscons Bild unversehrt
bliebe / Deutschland würde unüberwindlich sein? In alle Wege / antwortete
Ariovist. Denn / weil ich meine Auslegung dieses Geheimnüsses wohl so gefährlich
nicht achte / als wenn einer das Palladium zu sehen bekommen; massen Ilus zu
Troja / Metellus zu Rom hiervon soll verblindet sein; so will ich meinen
gemutmasten Verstand dieses Retzels nicht verschweigen: dass nämlich / so lange
Deutschland sich nicht selbst durch Zwiespalt trennen werde / kein Feind selbtem
was anhaben würde. Denn nach dem Schirme des Göttlichen Verhängnisses kann den
Feinden eines Reiches kein besserer Riegel / als die Eintracht der Bürger für
geschoben werden. Einzele Pfeile können auch Zwerge zerbrechen; viel auf einmal
aber nicht Riesen-Armen. Diese / mein lieber Marbod / hüte dich ja vollends zu
zerteilen / wo du dein streitbares Vaterland nicht zu einer Magd / dich aber
zum Leibeigenen der herrschsüchtigen Römer machen wilst. Aber ich muss dich durch
die Uberschrifft des Eingangs noch für einer schnödern Dienstbarkeit warnen.
Hiermit führte Ariovist den König Marbod daselbst hin / und zeigte ihm die in
Berg-Kristallen tieff eingegrabene Worte:
Der's deutsche Reich in Grund / die Feind' in Staub gelegt
Tuisco steht allhier in dieser güld'nen Höle.
Lernt / die ihr Kot für GOtt oft zu verehren pflegt /
GOtt sei ein tauglich Grab den Leichen / nicht der Seele.
    Aber / sagte Ariovist; ich traue dir selbst nicht zu: dass ob wohl ins gemein
der für unvernünftig gehalten wird / der nicht mehr verlangt / als er darff /
dein hoher Geist sich mit dem unflätigen Laster des Geitzes / welches einen
reichen Fürsten dürfftiger macht /als ein freigebiger Bettler ist / mit diesem
Armute des Gemütes besudeln soltest; welches nicht ehe /als wenn der erblaste
Mund die kalte Erde zu käuen bekomt / ersättigt wird / und das durch eine
unsinnige Begierde des Menschen Hertze alsdenn am ärgsten quälet; wenn er am
wenigsten mehr zur Zehrung darff. Wie ich denn auch / da ich diese Beisorge
gehabt hätte; keinem unter euch diese verborgenen Reichtümer und Anreitzungen
zum bösen gezeigt haben würde. Aber meinem unvergreiflichen Urtel nach /wirstu
in der darneben stehenden Kristallen-Taffel etwas mehr zu bedencken finden; in
welche eingegraben war:
Die ihr aus Ehrsucht mehr / als Andacht Tempel bauet /
Nur: dass die Nachwelt euch / wie sie vergöttert schauet
Bant dem Tuiscon auf kein güldnes Rauch-Altar.
Denn / kont' er lebend gleich nicht mehr sein / als er war /
Auch todt nichts weniger / als dieser Riese werden;
So bleibt er doch / wie ihr / für GOtt ein Zwerg auf Erden.
    König Marbod; nach dem er diese ihm eingehaltene Zeilen etliche mahl
nachdrücklich gelesen hatte; fieng er an: Es ist wahr; wenn wir eingebildete
Welt-Götter unser Absehn und unser Wesen gegen einander halten / müssen wir
nachgeben: dass die Gebrechligkeit in unserm Vermögen einen festern Fuss gesetzt
habe; als die Allmacht in unser Einbildung. Dass unsere Gewalt auf nichts anders
/ als der Untertanen Demütigung /und der Nachbarn Schwäche gegründet sei. Wir
sind unserer Hoffart nach in alle wege dem Egyptischen Memnons-Bilde zu
vergleichen / welches nur mit der Sonne Gespräche hält / an sich selbst aber
nichts / als ein zu Bodem sinkender Stein ist. Wir sind das eingebildete Gold in
denen angefeuerten Schmeltz-Kolben /das im Glase Purpur zur Farbe hat / im
Ausmachen aber nur Rauch und Asche ist. Ariovist fieng an: Warlich / Marbod /
wenn du diss von Hertzen redest /hastu aus der Eitelkeit einen fernen Blick in
das Ewige getan. Denn das Erkäntnüs seiner eigenen Nichtigkeit / ist die Helfte
seiner Verewigung / wie die Einäscherung irrdischer Dinge der Weg zu einer neuen
Geburt. Wirstu nun behertzigen: dass alle Vergnügung der Welt nur Einbildungen;
alle Güter / die die Eitelkeit der Ehrsucht und dem Geitze zur Schaue auslegt /
verfälschte und betrügerische Waare sei; dass alles zeitliche vorwerts die
Hoffnung / hinterrücks die Furcht zur Begleiterin hat; dass der anmutigste Blick
des Glückes ein Blitz sei / welcher mit seinem Anlachen einäschert; ja dass alles
in der Welt Blendungen / Träume und Undinge; der vernichtende Tod aber allein
etwas wahrhaftes sind; so wirstu bei Zeite deiner Herrschsucht einen
Gräntz-Stein setzen; deine Vernunft wird dich anverweisen den allzuweiten
Zirckel deiner Gedancken in die Enge zu ziehen; wormit dein Gemüte den
Mittel-Punct der Ruhe finde / deine Seele aber nicht in dem Irrdischen
eingezüngelt bleibe / sich zum Ewigen auffzuschwingen.
    Diesen und vielen andern heilsamen Erinnerungen des frommen Ariovistes gab
König Macbod / Lichtenstein und Tannenberg ein auffmercksames Gehöre; welche
hierüber von ihm wieder aus diesen zweien Hölen geführet wurden. Sie kamen nach
derselben fleissigster Betrachtung zu dem Felsenritze wieder heraus / als die
Sonne schon untergegangen war. Wesswegen sie daselbst übernachten und sich mit
denen Wurtzeln und Beeren / welche Ariovist aussuchte /wie auch mit deme nahe
darbei herraus spritzenden Quelle vergnügen mussten; wiewol der Hunger ihnen
diese schlechten Gerichte derogestalt annehmlich würtzte: dass sie ihnen besser /
als der Uberfluss an der Königlichen Taffel schmeckten. Ob nun gleich Marbod auf
den Morgen von Ariovisten Abschied zu nehmen meinte / in dem er durch der
Marsinger und Semnoner Gebiete / keines Weges aber durch das Land der
aufständigen Bojen zu seinen Hermundurern zu kommen getraute; so wollte doch
Ariovist ihn und seine zwei Ritter in diesem irrsamen Gebürge nicht verlassen;
sondern sie biss unten an desselbten Fuss begleiten. Er führte sie diesemnach über
allerhand Berge / durch viel anmutige Täler und Wälder; biss die am Mittage
brennende Sonne sie unter einer überhängenden Stein-Klippe bei einer rauschenden
Bach auszuruhen / ihr Magen sich aber mit der gewohnten Kost zu sättigen
nötigte. Wesswegen Ariovist an der Lähne etliche Kräuter ausrupffte; worüber er
aber zur Erde niedersanck; und desshalben die andern drei herzu sprangen seinen
Unfall zu vernehmen. Sie fanden ihn ganz erblast; sein Mund konnte mit genauer
Not kaum diese verbrochenen Worte ausdrücken: Ich sterbe um nunmehr recht zu
leben. Wormit er denn verstummete / und in selbigem Augenblicke gleichsam ohne
einige Empfindung des Todes die Seele ausbliess. Marbod und seine Geferten
empfanden diesen unvermuteten Todesfall dieses anmutigen Fürsten so sehr: dass
sie alle seine Leiche mit bitteren Tränen netzten; insonderheit aber nicht ohne
geringe Gemüts-Veränderung wahrnahmen: wie der den Ariovist stets auf dem Fusse
begleitende Bär / nach dem er seinen Herrn eine Weile beleckt / und gleichsam /
ob er lebend oder verbliechen wäre / erkundigt hatte / sich nahe darbei von dem
Felsen in ein tieffes Tal abstürtzte. Gleichwol aber mussten alle bekennen: dass
wie Ariovistens Leben ein Beispiel allen Lebenden sein; also kein Mensch ein
sanfteres Ableben wünschen könnte; Sintemahl jenem das Glücke nichts zu nehmen;
diesem aber der Tod seine anklebende Bitterkeit anzustreichen nicht vermocht
hätte. Sie berieten sich hierauff mit einander über seine Beerdigung; Marbod
aber machte den Schluss: dass dieser grosse und weise Fürst verdient hätte / neben
Tuiscons Grab gestellet zu werden. Wesswegen ihnen Lichtenstein und Tannenberg
nicht beschwerlich liessen fallen / sich mit Ariovistens Leiche zu bebürden /und
solche dem vor- und zurück gehenden Marbod gegen der verlassenen Höle
nachzutragen. Sie verloren aber bald die Spur; und ob sie zwar biss in dritten
Tag selbte zu finden sich mit grosser Beschwerligkeit bemühten / war doch alles
vergebens; also: dass König Marbod endlich seinen Vorsatz änderte / und anfieng:
Ich weiss nicht: Ob das Verhängnüs dieser verlohrnen Wunderhöle durch ein Gesetze
/ wie die Griechen das Eyland Delos / als ihr allgemeines und hochheiliges
Vaterland / und die glücklichen Araber eine andere Insel für Beerdigung der
Todten verwahret habe. Alleine / nach dem selbte gleichwol des Tuiscons Leiche
verträgt / sehe ich wohl: dass das Verhängnüs nicht so wohl Ariovisten das
köstliche Grab missgönnet / als unsere Augen verblendet; weil es uns nicht
allerdinges zutrauet: dass wir künftig reine Hände von diesen verborgenen
Schätzen behalten dörfften; nach dem vielleicht einer oder ander unter uns schon
ein Teil seines Hertzens in der Höle zurück gelassen hat; und wir selbtes
vielleicht gar mit Ariovistens Leibe darein vergraben dörfften / nach dem uns
mit ihm ein so heilsamer Lehrmeister entfallen ist. Diesemnach machte er in
einem Kräuter-reichen Tale / unter einem drei grieffichten Ahorn-Baume durch
seinen Degen mit Ausgrabung der Erde den Anfang ein Grab zu scharren; welches
denn noch selbigen Tag durch aller dreier Beihülffe drittehalb Ellen tieff
verfertiget / und also Ariovistens Leiche darein geleget ward. Das Grab
erhöheten sie nach der alten Deutschen Art mit Rasen; und sagte Marbod: Ihre
Vorfahren hätten Marmelne Gräber für keine Ehre / sondern eine Beschwerde der
Todten gehalten. Ariovisten wäre rühmlich genung: dass er einen König zum
Todten-Gräber / seine Jugend nebst der Tapfferkeit die Klugheit des Alters /sein
Alter die Unschuld der Kinder gehabt; und als der Tod ihn ganz zu verriegeln
vermeint / der Nachruhm und die Seele den Sarch für der Zeit erbrochen /jener
sich in die Welt verteilt / diese in eine herrlichere Wohnstatt verfügt hätte.
Tannenberg schnitt in die Rinde des ansehnlichen Ahorn-Baumes folgende Reimen
ein:
        Hier ist's Grab Ariovistens / dessen mächtig Krieges- Heer /
    Doch nicht ihn und seinen Mut Glück und Cäsar hat bestritten;
    Dessen Beispiel Fürsten lehret: iede Herrschens-Kunst sei schwer /
    Gleichwol könn' ein Mensch du Welt / nur ein GOtt ihm selbst gebitten.
    Nach dem sie sein Grab zu guter letzt noch mit häuffigen Tränen genetzet /
und die vom Todten ausgeropffte Wurtzeln verzehret hatten / setzten sie ihren
Fuss weiter / und kamen gegen Abend an einen stillstehenden See; welcher ihnen
auf diesem hohen Gebürge / und weil alles darinnen für eitel grossen Forellen
wiebelte / so viel wunderlicher fürkam. Tannenberg / welchen nach so vieler Tage
schlechter Kost nach diesen köstlichen Fischen gelüstete / schälete ein wenig
Bast von einem Baum / machte daraus und von einer Nadel eine Angel. Er hatte sie
aber noch nicht recht ins Wasser gehenckt; als ein nackter / wiewol ganz
schupfichter Mann auf einem Kahne aus dem Schilffe gegen ihn herzu schiffte /
und ihn mit dem Ruder dräuende anschrie: Er solle ihm sein Heiligtum unversehrt
lassen. Tannenberg / der ihn für einen Fischer hielt / antwortete: sie würden
ihm für wenig Fische schon gerecht werden. Jener versetzte: Der grosse
Wasser-Geist dieses Gebürges hat eurer Vergeltung nicht von nöten; erholet euch
aber in der nicht ferne von hier flüssenden Bach dieses Abgangs. Hiermit schlug
er das Ruder auf das Wasser / worvon der ganze See nicht anders als das
stürmende Meer zuschäumen anfieng; worüber allen dreien die Haare zu Berge
stunden / und sie eussersten Kräfften nach Berg- ablieffen / biss sie keuchende
eine kleine / aber mit Forellen und Eschen so angefüllte Bach antraffen: dass sie
nach gehaltener Beratschlagung und Anweisung obigen Wasser-Geistes ihrer nach
Notdurfft mit den Händen erwischen konten. Der Hunger und die Schönheit dieser
Fische bewegten Tannenbergen abermals: dass er um selbte zu rösten von denen
nahe darbei stehenden Wacholder-Sträuchen Holtz abzubrechen anfieng. Er hatte
aber kaum die Hand ausgestreckt; als von einer hohen Tanne ihm eine Stimme
zuruffte: Hüte dich einen Ast zu versehren; wo du deines Lebens nicht müde bist.
Tannenberg ward hierüber ungedultig / und antwortete: Ob in so Holtz-reichen
Wäldern einem dürfftigen mit besserem Fuge eine Hand voll Holtz / als in der
Lufft dem Menschen das Atemholen zu verwehren wäre. Er kriegte aber zur
Antwort: Lässestu dir nicht an tausenderlei andern Bäumen genügen; sondern mustu
dem Wald-Geist dieses Gebürges mit Versehrung der ihm gewiedmeten
Wacholder-Stauden beleidigen? Tannenberg und seine zwei Gefärten erschracken
abermals über dieser Stimme / sonderlich / da sie den zuruffenden mit Hörnern am
Haupte / mit Klauen an den Füssen / und langen Bockshaaren am Leibe gebildet
sahen. Gleichwol aber faste ihm Tannenberg das Hertze / und brach von der
nechsten Tanne das benötigte Holtz sonder fernere Vernehmung dieses wilden
Mannes ab; darauf die Fische gebraten / und mit annehmlichen Schertz-Reden über
dieser Begebenheit verzehret wurden. Lichtenstein schöpffte hierauf aus selbiger
Bach mit seinem Helme Wasser / und tranck es dem Ritter Tannenberg zu auf
Gesundheit des Wasser- und Wald-Geistes in dem Sudetischen Gebürge. Sie hörten
aber aus der Höle eine Stimme: warum nicht auch des Lufft-Geistes? sahen aber
über sich nichts als eine überaus grosse Nacht-Eule herum flügen. Kurtz darauff
wölckte sich der Himmel kohlschwartz / der helle Tag verwandelte sich in eine
kohlschwartze Nacht; ausser: dass selbte von unaufhörlichem Wetterleuchten
erhellet / Marbod und seine mit ihm nunmehr wie ein Aspen-Laub zitternde Ritter
von denen grausamen / und in denen Tälern mehr /als zehnmahl wiederschallenden
Donnerschlägen gleichsam ertäubet; von dem häuffigen Platz-Regen /in welchem
alle Ströme dieses Wasserreichen Gebürges verwandelt zu sein schienen / aber
schier ersäuffet wurden. Es währete aber kaum eine Viertel-Stunde / so klärte
sich die Lufft aus / der Himmel war mit einem wunderschönen Regenbogen
ausgeputzt; und die annehmliche Sonne gab ihnen mit ihren freudigen Strahlen
gute Nacht. Alle drei hätten bei dieser geschwinden Veränderung das
schrecklichste Gewitter /das sie iemahls gehöret / für einen Traum oder
Blendwerck gehalten; wenn ihre Kleider nicht noch getroffen hätten. Sie
vergassen hierüber fernern Schertzes und eilten möglichst den Berg hinab;
sonderlich / da sie nicht weit von dannen ein Haus erblickten / welches sie auch
noch für gäntzlicher Finsternis erreichten; für selbtem einen alten grauen Mañ /
und ein nicht jüngeres Weib antraffen; die sich zwar über der Ankunft so
fremder Gäste anfangs etwas entsetzten /hernach aber auf verspürte freundliche
Ansprache /sie willig beherbergten / etliche Milch- und Kräuter-Speisen
fürsetzten / und sonst allen guten Willen erzeigten. Dieser Alte entschuldigte:
dass sein Armut sie besser zu bedienen nicht erlaubte; wiewol / wenn er sich in
diesem einsamen Gebürge so stattlicher Gäste versehen hätte / er gleichwol was
bessers aufzusetzen würde bemüht gewest sein. Marboden gefiel diese
Treuhertzigkeit sehr wohl: dass er sich mit dem Alten in ein verträuliches
Gespräche einliess. Welcher denn erzehlte: dass er seines Alters über hundert Jahr
/seiner Lebens-Art nach ein Wurtzelmann wäre / und sonder allen Zweiffel durch
die überaus gesunden Kräuter und Wässer dieses Gebürges nicht nur seine /sondern
auch seines nicht ferne von dar wohnenden Vaters Jahre so hoch erstrecket /
sondern auch sich für Kranckheiten / welche die Vielheit der Speisen /sonderlich
die Ubermasse des Fleisches verursachte /verwahret hätte. Marbod hätte ihn gerne
ausgeholet um den Zustand des Marsingischen Hertzogs zu erkundigen / dieser gute
Alte aber wollte / oder wusste ihm nichts rechtes zu sagen; vorschützende: die aus
dem Tale nach Kräutern zu ihm kommende Leute sagten ihm zwar zuweilen: dass er
mit seinen Nachbarn Krieg führte; Er liesse sich aber darum unbekümmert /
sondern vergnügte sich mit der nechsten Wiese und Pusche / und mit wenigen
Stücken Vieh. Wie er denn seine Hütte und Ruh nicht mit des grösten Fürsten
Schloss und Kummer vertauschen wollte. Ja / wo es wahr wäre / was ihm zuweilen
etliche andere Wurtzel-Leute von den Weltändeln wieder seinen Willen
erzehleten; müsten grosse Herren nicht allein die elendesten Menschen / sondern
die grausamsten Tiere sein. Er wäre sein Lebetage nicht auffs flache Land
kommen; wüste auch nicht ob diss Gebürge das Ende der Welt wäre / oder ob solche
Menschen daselbst wohneten. Er hielte es für kein gemeines Glücke: dass er
mehrerlei Arten Tiere / als Menschen kennte / weil jene ihm nicht so viel
schadeten / als er andere von diesen klagen hörte. Er redete öffter mit den
Sternen / als seines gleichen; weil er in diesen zuweilen Falschheit / ins
gemein Gebrechen /in jenen aber allezeit eine wahre Andeutung künftigen
Gewitters / selten eine Verfinsterung / die aber bald wieder vergienge / wahr
genommen hätte. Ja /wenn er nicht so viel Kräuter kennte; unterstünde er sich zu
sagen: er wäre im Himel besser bekandt / als auf Erden beschlagen. Seine
ferneste Reise wäre biss unter das Gebürge zu denen zwei warmen Gesund-Brunnen
sein Lebtage gewest; die nahe bei der Zacken-Bach aus der Erde empor quillen /
er aber sie nicht so wohl aus Not / als die Wunder göttlicher Vorsorge zu
genüssen jährlich im Mei besuchte. Daselbst hätten ihm etliche Fremdlinge
zuweilen viel von andern Völckern und Begebenheiten erzählen wollen; er wäre
dessen aber bald überdrüssig worden; hätte auch das meiste für Getichte gehalten;
weil er eine so grosse Bosheit denen Menschen nicht zutrauen könnte; derogleichen
die gifftigen Tiere in diesem Gebürge nicht hätten. König Marbod seuffzete über
der unschuldigen Einfalt dieses Wurtzel-Mannes; Gleichwol fragte er: Was für
grausam Ding er denn gehöret hätte? Der Alte wollte zwar lange nicht heraus; in
Meinung: dass sie seiner Einfalt nur spotteten; endlich sagte er: Es sollte ein
benachbartes Volck; oder vielmehr etliche Diener / die der Fürst als seine
Kinder geliebt / ihn ermordet haben. Marbod verblaste und erstummte über dieser
unvermuteten Gewissens-Rührung. Tannenberg aber fiel dem Wurtzelmanne mit Fleiss
ein: Ob denn in diesem Gebürge die Natter dem Mäñlein in ihrer Liebes-Beiwohnung
nicht den Kopff abbisse; die jungen Nattern aber in der Geburt durch Zerreissung
ihres Bauches ihre Mutter nicht tödteten? Der Alte lachte hierüber / meldende:
Er glaubte auch nicht: dass diss anderwerts geschehe. Er habe mehrmahls Schlangen
und Nattern sich wie andere Tiere umschränckende einander beiwohnen sehen; er
habe in öffterer derselben Zergliederung an ihnen Männ- und Weibliche
Geburts-Glieder; ja in diesen zum Küssen / nicht aber zur Empfängnüs geschicktem
Munde gewisse Eyer / welche in vier Mohnden zu dinnen Nattern würden / befunden;
ja die alten Nattern in engem ja gläsernem Beschlusse gehalten / welche ohne
einige Verletzung junge gezeugt und selbte genehret hätten. Tannenberg
versetzte: Es würden vielleicht nicht alle / wohl aber gewisse Arten der Nattern
diese Eigenschaft haben. Sintemahl ja auch die Wiesel im Ohre / die Raben und
Fische im Munde geschwängert würden / die ersten auch durch den Mund gebiehren.
Warlich / antwortete der Wurtzel-Mann; diss letztere ist so irrig / als das
erstere / ich will euch Morgen / weil nichts minder die Zeit / als eure
Müdigkeit euch zum Schlaffe nunmehr einrätet /auf euer Begehren die von der
Natur nicht umsonst geschaffenen absonderen Geburts-Glieder in diesen Tieren
zeigen; und ich habe ihre Vermischung nach gemeiner Art mehrmahls mit Augen
gesehen. Marbod danckte für so gute Vertröstung / und insonderheit so
annehmliche Aufnehmung; sonderlich / da das alte Weib etliche gewärmete Tücher
bei ihrer Entkleidung ihnen darreichte / sich desto besser abzutrocknen /auch
bequeme Läger-Stätte anwiess. Uber dieser Trocknung konnte Tannenberg gleichwol
sich nicht entalten zu fragen: Ob es denn an gegenwärtigem Orte nicht geregnet
hätte? Wie nun der Wurtzelmann mit nein antwortete; erkundigte sich Tannenberg
weiter: Ob sie aber das schreckliche Wetter nicht gehöret? Der Alte verneinte
diss gleichfalls. Diesemnach Lichtenstein heraus fuhr: So sind wir in Warheit zu
letzte von dem Gespenste nichts weniger verbländet /als anfangs geäffet worden.
Ich meine deine trieffenden Kleider und deine nasse Glieder / versetzte Marbod /
sollten dir die Warheit des Gewitkers sattsam bezeugen / ungeachtet der zwischen
diesem und jenem Orte stehende Berg desselbten Empfindligkeit diesen guten
Leuten entzogen hat. Tannenberg fiel ein: Er hielte zwar das Gewitter für
allzuwahr; aber weil es nicht so weit gereichet / noch die grausamen
Doñerschläge in einer so geringsten Ferne wären gehöret worden / mehr für ein
Werck des Gespenstes /als natürlichen Ursachen. Marbod antwortete: wer hat dich
den Aberglauben überredet: dass die Gespenste oder Geister Regen / check /
Blitz und Donner schaffen / also der Göttlichen Allmacht Eingriff tun /oder
sich ihr vergleichen können. Tannenberg warff ein: weil man von denen Sitonen /
und denen um das Gebürge Sevo wohnenden Nord-Völckern für unzweifelbare
Gewissheit glaubte: dass sie denen um die Rubeische Nord-Spitze schiffenden Leuten
in dreierlei Knoten dreierlei Arten von Winde verkaufften; dass die Einwohner der
Cycladischen Eylande durch gewisse Opffer die kühlen Lüffte in Hunds-Tagen
erregten; dass die Zauberer durch ihre Künste / worbei sie zusammen gemischtes
Mehl / Honig / Menschen-Schweiss und Gans-Blut in die Lufft sprengen / übrige
Dürre mit Regen abkühlen; ja durch einen in den Lucernischen See bei den
Helvetiern geworffenen Stein Wetter erreget würden; traute er denen Geistern /
welche zweiffelsfrei von denen Geheimnüssen der Natur mehr Wissenschaft hätten
/ als die Menschen / so viel mehr die Krafft zu / mit der Göttlichen Zulassung
sich durch solche Würckungen zu erlustigen. Der Wurtzelmann lachte hierüber;
weswegen Marbod ihm alle ihre Ebenteuer erzehlte / und sein Gutachten hierüber
zu eröffnen beständig anhielt. Dieser sagte hierauff: Gegenwärtiges Gebürge wäre
von Gespenstern mehr beschrien; als er selbst glauben könnte. Dass zwischen so
viel hohen Bergen / an welchen die Sonnen-Strahlen sich hin und wieder stiessen
/ aus so viel gewässerten Tälern häuffige Ausdampffungen empor stiegen / und
daraus oft Gewitter entstünden / wäre der Vernunft gemäss / und also kein
Gemächte der Gespenster. So pflegten sich auch mehrmals mehr /als fleischichte
Menschen in Geister zu verstellen /und mit Einfältigen ihre Kurtzweil zu
treiben. Wiewol er nicht umstünde: dass zuweilen die Geister auch allhier mit
gewissen Erscheinungen ihr Spiel hätten /und wäre in seiner Jugend ihm wohl ehe
einer erschienen / der in einem Augenblicke einen Wurtzelmann /im andern einen
Jäger / im dritten einen Fischer für gebildet hätte. Insonderheit pflegten diese
Berg-Geister die Fremdlinge zu äffen; niemahls aber hätten sie seines Wissens
iemanden einen empfindlichen Schaden zugefügt. Marbod und beide Ritter überfiel
hierüber der Schlaff / und sie erwachten nicht ehe / als biss die Sonne mit ihren
Strahlen sie in dem Gemache begrüssete. Der Wurtzelmann führte sie hierauf in
seine Kräuter-Kammer / zeigte ihnen wohl tausenderlei Arten / und darunter viel
seltzamer nur auf diesem Gebürge wachsender Kräuter; und erklärte ihnen mit
einer annehmlichen Bescheidenheit ihre wundersame Würckungen. Hierauf brachte er
sie auch für eine fest verschlossene Höle; bei derer Eröffnung sie für Schrecken
zurück prellten / weil der erste Anblick ihnen viel tausend in einander
gewickelte Nattern und Schlangen zeigte. Der gute Alte aber versicherte sie: dass
sie ausser Gefahr wären / ging hierauff mitten in dieses grausame Loch / und
lass daraus allerhand Arten abscheulicher Würmer; zergliederte selbte / und
zeigte seinen Gästen augenscheinlich / was er ihnen den Abend vorher versprochen
hatte; erzehlte zugleich / wie er aus den gifftigsten Molchen / und anderm
Gewürme für köstliche Salben / Saltz / Staub / und andere bewehrte Artzneien
bereitete. Unter welchem Gespräche sie denn in eine Küche kamen; da auf etlichen
Heerden über dem Feuer viel gläserne Kolben standen / in welchen er aus Tieren
/ Würmern / Kräutern /Ertzt und Steinen den Geist und die beste Krafft zu ziehen
wusste. Zuletzt auch mit den herrlichsten Artzneien sie reichlich beteilte; Bei
dem nun nahe herbei gebrachten Mittage aber das alte Weib ihnen zu ihrer grossen
Verwunderung / Forellen / Eschen /Grundeln / und Haselhüner fürsetzte; ja ihnen
anlag: dass sie selbigen Tag; weil doch allem Ansehen nach sie eine ferne Reise
hinter sich gelegt haben müsten /bei ihnen ausruhen / und / ob sie zwar sie für
keine Leute gemeinen Standes urteilte / doch mit ihrer armen Rauch-Hütte für
lieb nehmen möchten. Weil nun der Alte ihr beistimmte / sich auch erbot auf den
Morgen sie biss unter das Gebürge zu denen zwei warmen Brunnen zu begleiten; und
ihnen / wie die Marsinger das Feier der Frea jährlich zu begehen pflegten /
zeigen wollte; hatten sie zwar Bedencken diesen treuherzigen Leuten beschwerlich
zu sein; iedoch schien es ihnen eine noch grössere Unhöfligkeit zu sein / ihren
Woltätern was abzuschlagen / was zu ihrem Wolgefallen und selbsteigner
Gemächligkeit gereichte / und zwar desshalben sonder weniger Bedencken; weil
diese guten Leute nicht einst nach ihrem Zustande / und nach dem Absehen ihrer
Reise zu fragen sich unterwinden wollten.
    Mit anbrechendem Tage machten sie sich auf / und gab dieser Stein- alte
Greiss einen so hurtigen Wegweiser ab: dass sie in zwei Stunden ein etwa zwei
Meilen lang und breites / rings um mit einem Krantze Baum-reicher Berge
umgebenes / in der Mitte aber mit wohl hundert fruchtbaren Hügeln (welche aber
gegen denen Riesenbergen Maulwurffs-Hauffen schienen) gleichsam beseeltes Tal
erreichten / und darmit nichts minder ihr Hertz erlustigten / als die Augen
weideten. Unter Weges erzehlte der Wurtzelmann auf Lichtensteins Begehren: was
das angedeutete jährliche Feier eigentlich wäre? Sie als Deutsche würden wohl
wissen: dass die Deutschen zwar aus den Lastern /wie er von andern Völckern hörte
/ keine Sitten machten / weniger ein Lachen darein gäben; für das abscheulichste
aber würde die Unkeuschheit / insonderheit bei denen Marsingern gehalten. Daher
es bei ihnen die ärgste Schande wäre für dem zwantzigsten Jahre einem Weibe
beigetan sein; ja es würde die Vermischung den Männern für dem dreissigsten /
den Jungfrauen für dem zwanzigsten Jahre gar nicht erlaubt. Die Gesetze hätte
Frea eines Marsingischen Hertzogs Tochter / welche hernach Wodan / oder der
Deutsche Hercules geheiratet / gestifftet / wormit die Heiratenden vorher
recht erstarren / und unter einem so tapffern Volcke wegen Unzeit durch die
Liebes-Wercke erschöpffter Leibes-Kräfften keine ohnmächtige Zwerge / sondern
kräfftige Leute gezeuget würden. Auch hätte sie denen Ehbrecherinnen diese
Straffe gesetzt: dass ihr Mann nach abgeschnittenen Haaren sie aus dem Hause
stiesse / und biss über die Gräntze desselbigen Fleckens ohne einige Erbarmnüs
und verstatteten Einhalt der Obrigkeit biss aufs Blut peitschte. Hierentgegen
diesen Lastern so viel leichter fürzukommen / hätte sie gezwungene Heiraten
verdammet / und allen auch noch unter ihrer Eltern Gewalt begrieffenen Kindern
eine unverschränckte Wahl ihrer Ehgatten erlaubet; sonderlich weil hier zu Lande
Jungfrauen nur einmal heirateten / und nichts minder keine Wittib wäre: die
nach einem andern Ehmanne seuffzete / als einiger Mann / der selbte seines
Ehbettes würdigte. Wenn nun die Töchter das bestimmte Alter erreichten / würden
sie auf eben selbigen Tag des Jahres (an dem man dieser klugen Gesetzgeberin
Gedächtnüs mit vielen Lobsprüchen heraus striche /sie aber nicht nach der
Ausländer Meinung für eine Liebes-Göttin anbetete) von ihren Befreundeten an
einen gewissen Ort; und zwar die in diesem Tale zu denen zwei warmen Brunnen
gebracht; dahin sich ihre Liebhaber auch einfindeten / beide also die freie Wahl
ihrer Heiraten vollzügen.
    Wie sie nun zwischen die zwei Bäche kamen / welche die zwei warmen Brunnen
gleichsam wie zwei Armen umschlüssen; fanden sie Ufer und Wiesen ziemlich
angefüllet; und darunter eine ansehnliche Anzahl wunderschöner Jungfrauen; derer
Wahl gleichsam nunmehr um ihre inbrünstigen Liebhaber sollte das Los werffen. Die
Menge derselben machte: dass König Marbod und die zwei Ritter sie nur überhin
betrachteten. Sie sahen aber endlich eine Jungfrau durch die Zackenbach waten;
welche in einem Augenblicke alle ihre Augen gleichsam bezauberte. Denn ihr Mund
war dem höchsten Zinober / ihre Wangen denen noch von Tau trieffenden / und
noch halb zugeschlossenen Rosen / die braunen Augen zweien blitzenden Sternen /
der Hals / uñ der mehr als halb nackte Leib dem gefallenen Schnee zu
vergleichen. Die Brüste waren der Landes-Art nach ganz bloss /und ein nicht
ungleiches Abbild des nahen Schnee-Gebürges / wenn dessen Gipfel so wohl / als
jene / mit so Purpurroten Beeren gekrönet / mit einer so vollkommenen Rundte
erhöhet / und stets mit einem lebhaften Ateme nichts minder beseelet / als
aufgeschwellet würde. Mit denen braunlichten Haaren /welche zwar hundertfach
gekringelt waren / aber biss an die Kniekehlen reichten / spielte der anmutige
Westwind um die Schultern. Auf dem Haupte trug sie einen Rosen-Krantz / am Halse
hieng ein Bogen / an der Seite ein Köcher; in der einen Hand hatte sie eine
Sichel / in der andern eine Spindel. Von dem Gurte biss an die Knie war sie zwar
mit einer zarten Leinwand verhüllet; selbte aber mit so viel Blumen bedeckt: dass
sie kaum zu erkiesen war. Ihr folgten auf dem Fusse zwölff der wunderschönsten
Frauen; welche sie geraden Weges zu dem warmen Brunnen leiteten; und zu baden
nötigten. Da sie denn entweder von der Wärmde das Wassers / oder aus Schamröte
für so viel Zuschauern sich noch annehmlicher färbte; insonderheit aber stachen
ihre Lippen alle Corallen und Purpur-Muscheln weg; und die Zuschauer stunden in
Kummer: dass sie von übrigem Geblüte zerplatzen würden. Marbod konnte sich nicht
länger entalten zu seuffzen / und gegen seine Gefärten heraus zu fahren:
Warlich; ich weiss nicht: Ob sie diese Halb-Göttin in diesem Quelle verunreinigen
/ oder das Wasser durch ihre Schönheit mehr ausklären oder anzünden wollen? Wie
nun sie im Bade wenig Zeit zubrachte / also begleiteten sie ihre Führerinnen
auff die nechste Wiese an die Bach / da sie denn um sie sitzende einen Kreis
machten / und folgendes Lied ihr zusungen:
Liebstes Kind / der Sommer glühet /
Da des reiffen Alters Safft /
Knospen reiner Jungfrauschaft
Auffzuschlüssen ist bemühet /
Blüt' und Kindheit ist vorbei /
Nunmehr lerne: was es sei
Ohne was wir Unding wären /
Und ein Brach-Feld sonder Eeren.
Itzt wird Einfalt weggeleget;
Fühl'stu ein süss Etwas nicht?
Das um diese Zeit uns sticht /
Und sich im Geäder reget.
Diss ist' s Honig dieser Welt /
Das sie labet und erhält;
Ja geliebt und liebend werden
Ist der Zucker auf der Erden.
Rosen speisen Schlang' und Bienen;
Liebe Jugend und die Zeit
Die bestimmt zur Fruchtbarkeit;
Nur dass Ros' und Liebe dienen
Dort zu Gift und Raserei /
Hier zu Honig und Artznei;
Ja es ist dem Lieben eigen
Mehl- und Zucker-Tau zu zeigen.
Gleichwol lang so Lieb als Zierde
Zum Veraltern gleichfalls nicht.
Schönheit ist ein schwindend Licht.
Wohnt in Runtzeln gleich Begierde /
Klebt ihr doch Verschmähung an.
Denn sie brennt / und steckt nicht an;
Sie gebiehrt nicht bei viel Wieben /
Und erfriert bei Glut und Lieben.
Aber dieser Kern der Jahre
Ist gleich recht zu dem Gebrauch.
Drum erkiese dir nun auch
Eine nicht verleg'ne Waare /
Welche lieb ist und verliebt /
Und nicht todte Küsse gibt.
Denn nichts süssers ist zu finden
Als zwei Seelen auf zwei Münden.
Küsse' sind der Liebe Knoten /
Ang- und Aegeln / die sich müh'n
Unsre Seel' in sich zu ziehn.
Doch beseel'n sie auch die Todten.
Und der Liebe Pein schafft Lust /
Ja es soll'n / wenn deine Brust
Gleich wird keine Seele tragen /
Doch in dir zwei Hertzen schlagen.
    Diese singende Frauen hätten allem Ansehen nach dieser aller Zuschauer Augen
und Hertz raubenden Jungfrauen noch beweglicher die Liebe eingelobt; wenn sich
nicht eine wohl aufgeputzte Gesellschaft allerhand junger Mannschaft mit einem
anmutigen Getöne diesem Kreisse genähert / und dardurch so wohl das
Stillschweigen der Frauen / als noch mehrern Zulauf des Polckes verursacht
hätte. Dieser Aufzug war in unterschiedene Hauffen zerteilt / welche nach der
Reie ihrer Ankunft die Frauen rings umher besetzten. Im ersten waren eitel
Weber / welche mit der schönsten Leinwand gekleidet / mit Tannen-Kräntzen
aufgeputzt waren; und von dem glättesten Ahorn-Holtze flaserne Wurfften und
Weber-Bäume trugen. Der alleransehnlichste unter ihnen drang sich in den Kreis
der Frauen / kniete für der Jungfrau nieder / legte Wurffte und Weber-Baum ihr
zu Füssen /und fieng nach aller Anwesenden tieffem Stillschweigen folgender
Weise zu singen an:
Verschmähe / Göttin / doch mein lodernd Hertze nicht /
Da Land und Stadt Lob meiner Kunst-Hand giebet;
Da iede Frau ist in mein Werck verliebet /
Und mir steckt zu / was sie ihr selbst am Leib' abbricht
Da was mein Weberbaum gewehret /
Die Welt unmöglich schier entbehret.
Es ist ja die Natur selbst eine Weberin /
Sie webt's Gestirn' in schwartzen Flor der Nächte /
Das Blumwerck ist auch ihrer Hand Gemächte /
Das sie auf den Damast der Wiesen streuet hin.
Ja dass du atmest / und ich lebe /
Ist des Verhängnisses Gewehe.
Das Glücke schiebt bald Gold / bald schwartze Fädem' ein
Doch eh man's meint / trennt es des Todes Schere.
Steht nun kein Tag dir nicht für die Gewehre /
Wie mag dein Schönheits-Garn denn sonder Webe sein?
In deiner Hand steh'ts: Tod und Leben /
Gelück und Unfall mir zu weben.
Nicht zweiffle: dass die Lieb' auch selbst ein Weber sei
Sie hat aus dem Gespinste der Gedancken
Dein Bild gewürckt in meiner Seele Schrancken /
Das keine Zeit vertilgt / kein Unfall reisst entzwei.
Wie magstu mir zu Pein und Leiden /
Denn selbst dein eigen Bild zerschneiden?
Der Gold-Drat deiner Haar' hat wohl mein Hertz umweht /
Doch lacht es andrer Liebe Spinnen-Weben.
Soll meine Seel' hier gleich den Geist aufgeben;
So ist's ihr Trost: dass sie viel edler sich begräbt
Als Würmer / die nur Seide spinnen /
Ein köstlich Grab-Maal zu gewinnen.
Gewiss der Geist / der uns den Lebens-Fadem dreht /
Kan nichts als Gold und guld'ne Zeit mir weben /
Wo deine Gunst hierzu den Flachs wird gehen.
Ja wo sie Göttin mich zu lieben nicht verschmeht /
So wird mein Wurcken und ihr Schlüssen
Ein Webe zieh'n mit Händ und Füssen.
    Die mit Rosen gekräntzte Jungfrau blieb so unbewegt gegen dieses Lied / als
der Stein / auf dem sie sass. Daher der schönste unter den Fischern; welche alle
von Wasser-Lilgen und andern in Sümpffen wachsenden Blumen Kräntze auff dem
Haupte / um den mitlern Leib geflochtene Senden-Kleider / um den Hals Muscheln /
auf der Achsel einen Hamen mit Fischen hatten / herfür trat; und nach
gleichmässigem Niederknien die unbarmhertzige um ihre Liebe mit folgenden Reimen
anflehete:
Wo Liebe / wie man sagt / gebohrn ist aus der Flut
So kam kein Mensch kein Vorrecht nicht ersinnen /
Nah / Göttin / dich inbrünst'ger lieb gewinnen.
Es zeigts der nahe Brunn: dass Wasser quillt aus Glut;
Wie vielmahl fühl' ich selbst beisamen
In Gliedern Eyss / im Hertzen Flammen?
Es wäre mir noch nicht / was Liebe sei / bekandt.
Hätt' ich in denen Silber-klaren Flüssen
Die Fische nicht einander sehen küssen;
Die Sternen der Forelln sind nichts als Liebes-Brand;
Der Aal lässt's Wasser / sucht das Grüne /
Dass er sich seiner Brunst bediene.
So sorge / Göttin / nun nicht: dass mein Lieben Eyss /
Mein Brand sei kalt; und dass in nassen Armen /
Unmöglich oder schwer sei zu erwarmen.
Ein Quell steckt Fackeln an / Flut macht auch Kiesel heiss;
Sonst würde Venus nicht begehren.
Sich selbst in einen Fisch zu kehren.
Weil Schiff und Fisch' und Fluss selbst unter'n Sternen stehn /
Der Sand hier Gold' / und Wasser Silber gleichet /
Mein Fischer-Zeug auch keinem fremden weichet;
Und hier kein Wallfisch-Fang mich heisst zu Grunde gehn;
So würdige doch diese Flüsse
Der Wohnung / und mich deiner Küsse.
Wächst hier gleich kein Corall / so sind doch Perlen dar.
Dein Hals und Mund kann beides selbst beschämen /
Die Brust das Meer auch mit Rubin besämen.
In wenn du auf die Flut ausbreiten wirst dein Haar /
So wird iedweder Fisch verlangen
Sich in das edle Garn zu fangen.
Wie? wilstu kalt wie Flut / mehr stumm als Fische sein?
Dein Ohr in Fels / dein Hertz in Marmel schlüssen?
So werd' ich zwar in eine Bach zerflüssen;
Doch wird dein Antlitz auch sich traurig wölcken ein /
Und seine Sonnen / die jetzt glühen /
Die werden nichts als Wasser ziehen.
    Nach dem die von allen so hoch verehrte Göttin gleichfalls kein Zeichen tät
/ trat aus dem Hauffen der Schmiede einer herfür; welcher an Farbe und Länge
zwar einem Cyclopen gleichte; alleine seine Gebehrdung gab genung zu verstehen:
dass sein Aufzug mehr angenommen / als natürlich war. Er hatte wie alle seine
Geferten einen Krantz von Eisen-Kraute auf; in der Hand einen Hammer; welchen
er mit gleichmässiger Ehrerbietung für der Jungfrauen niederlegte / und seine
Liebes-Brunst auff folgende Art ausatmete:
Beseeltes Marmel-Bild / aus dem die Anmut lacht /
Entsetze dich nicht für mir schwartzem Mohren
Ich bin berähmt / nicht aber schwartz geboren.
Verliebt sich doch der Tag auch in die finstre Nacht.
Des Himmels Glantz macht selbst aus Liebe
Der Finsternis den Mittag trübe.
Die Sternen buhln der Nacht / ziehn ihr ihr Goldstück an /
Fliehn für der Sonn' / um mit den Finsternüssen /
Alleine sich zu sättigen und küssen.
Wie sonder Dunckelheit kein Demant schön sein kann /
Also vergnügt der Welt ihr Hertze
An Flecken sich und an der Schwärtze.
Sind deine Augen doch selbst Sonnen voller Nacht;
Und weil in Kohl- und andern schwartzen Dingen
Nur Zunder steckt die Glut in Schwung zu bringen /
So hat ein lahmer Schmied so viel zu wege bracht:
Dass er in den schneeweissen Armen
Der Liebes-Göttin mag erwarmen.
Bin ich nun gleich kein Schwau / so hinck' ich nicht / wie er.
Nur weiss ich auch: dass gegen Liebes-Brünste
Der Schmiede Glut kalt Wasser sei und Dünste.
Und meine Flammen sind von Rauch und Falschheit leer.
Schmeltz-Oeff' und eines Hecla Höle
Sind nicht so heiss / als meine Seele.
Ein einig Strahl von dir schmeltzt Eltzt / zermalmet Stahl.
Mein Hertze muss die Amboss-Last vertragen;
Nur dass es wird viel grimmiger geschlagen;
Denn deine Blicke sind nur Blitz und Donner-Strahl.
Dein Licht verbländet mein Gesichte
Ein lebhaft Strahl macht mich zu nichte.
Die Esse meiner Brust brennt Lichter-Leh' und kracht:
Weil sie allzeit zwei Blase-Bälg' erhellen /
So oft an dir die Brüste sich auffschwellen;
Und meiner Seuffzer Wind die Flamme lebend macht.
Ja ich muss noch zu Asche werden
Wo du nicht abhilffft den Beschwerden.
So kühle / Göttin / doch mitleidend meinen Brand /
Sei härter nicht / als schmeltzend Ertzt und Eisen
So wird es sich in kurtzer Zeit erweisen:
Dass auch Ergetzligkeit sei Flammen anverwand:
Dass Lieb' und Glut nicht nur verzehren
Und brennen / sondern auch gebehren.
    Wiewol nun diese Jungfrau / welche mit ihren Rosen den Frühling auf den
Wangen / mit ihren kräfftigen Strahlen den Sommer in Augen / mit ihren
anmutigen Aepffeln den Herbst auf der Brust fürbildete / mit ihrer
unbeweglichen Kälte den Winter im Hertzen zu unterhalten schien / liess sich doch
der erste unter den Gärtnern nicht abwendig machen für ihr sein Hertz
auszuschütten. Er hatte einen Krantz von hundertblätterichten Rosen; sein Kleid
über den ganzen Leib war nichts / als eitel durch einander vermischte Blumen.
Auf der lincken Seite beim Hertzen war allein ein Kreis eitel schwartz-roter
Nelcken /auf der rechten ein Kreis voll Lilgen; zweiffelsfrei um mit jenen seine
heftige / mit diesen seine reine Liebe zu entwerffen. An dem Arme hatte er
einen Korb voll Hyacinten; welche er nebst etlichen durch diese Blume getödtete
Schlangen kniende für der Jungfrau ausschüttete; und vielleicht dardurch auf die
Uberwindung aller Verleumder und seiner Neben-Buhler zielte; endlich folgende
Reimen mit vielen Seuffzern absang:
Wenn in der ganzen Welt die Liebe wäre kalt /
So würde sie in Gärten feurig bleiben;
Mir Brand und Blut auf tausend Pflantzen schreiben;
Das Wachstum sei ihr Werck und Feuer die Gestalt.
Wie soll ich nun verliebt nicht lechsen
Bei so viel liebenden Gewächsen?
Die Erd' ist selbst verliebt in Himmel; denn sie schmückt
Mit Gold' ihr Haar / die Bäume mit Korallen /
Das Blumwerck mit Rubin / ihm zugefallen.
Auch liebt der Himmel sie / der als ein Argos schickt
Aus tausend Augen Anmuts-Strahlen /
Sie zu befruchten und zu mahlen.
Der Scharlach auf der Ros / und Bisam auf Jesmin /
Ist teils der Brand / teils eine Krafft der Liebe /
Wenn nicht ihr Geist die Sonnen-Wende triebe;
So würde sie so nicht der Welt ihr Auge ziehn.
Der Eppich hält die Myrt umgeben /
Die Ulm umhalset sich mit Reben.
Die Blumen sollen meist verliebter Leichen sein;
Worauff man teils kann lesen ihre Nahmen;
Ja ihr Geruch ist nichts als Liebes-Saamen;
Wie soll ihr Balsam nicht mein Hertze nehmen ein?
Wie soll ich / Sonn' und Ros' auff Erden
Von dir nicht reg' und lodernd werden?
Weil aber du auch selbst ein Liebes-Garten bist /
In welchem Brüste / Lippen / Stirne Wangen
Mit Schnee-Balln / Anemon- und Tulpen prangen;
Den Atem Hyacint / Acant den Schweiss ansüsst /
So werden ja an dir auch haften
Verliebter Stengel Eigenschaften.
Sind ohne Liebligkeit die Gärte Wüstenei?
Ist sonder Hold die Schönheit wild Gewächse /
So fühl' es doch / wenn ich so sehnlich lechse /
Und dencke: dass die Lieb' ein herrlich Pfropff-Reiss sei;
Das auch auff wilden Stämm- und Zweigen /
Granaten-Aepffel weiss zu zeigen.
Alleine diese Seuffzer verrauchten wie die vorigen vergebens in Wind; weswegen
aus der Reie der Schäfer der vollkommenste herfür trat; und mit einer
annehmlichen Höfligkeit seinen zierlich geschnützten /und mit allerhand Geblüme
umflochtenen Hirten-Stab / ingleichen seinen Krantz von Hyacinten / der seine
weissgerolleten Haare bedeckte / und ein auf dem Arme herbei getragenes Lamm zu
den Füssen der unbarmhertzigen Jungfrauen legte; und nach dem sie ihm mit einem
annehmlichern Blicke / als keinem vorher / begegnet war; seine Liebes-Gedancken
durch mehr Seuffzer / als folgende Zeilen vernehmen liess:
Es soll die Liebe jung in Hürden worden sein;
Die erste Welt rühmt nichts als Schäfferinnen.
Wenn Heuchelei sucht hohen Stand und Zinnen /
Kehrt reine Liebe nur in Schäffer-Hütten ein /
Mit dieser dich nun zu bedienen /
Bin auch ich Schäfer hier erschienen.
Die Wolle meiner Heerd' ist weisser zwar als Schnee
Doch nicht so rein / als mein verliebtes Hertze.
Geschminckte Gunst zerschmeltzt wie Eyss im Mertze /
Vergeht wie Rauch durch Wind / und Trüb-Sand in der See.
Alleine meine Brunst wird glühen /
Weil meine Brust kann Atem ziehen.
Die Einfalt ist das Saltz; Auffrichtigkeit der Kern
Der Liebe / die soll Gegen-Lieb' erwecken.
So scheue nun nicht uns're Püsch' und Hecken /
Wo nichts als Unschuld wohnt / da scheint kein Unglücks-Stern /
Wo Sumpff und Laster nicht zu spüren /
Kan dich kein Irrwisch nicht verführen.
Du Engel kanst den Wald in Lustgefilde kehrn /
Dein fruchtbar Fuss den Sand mit Kräutern decken.
Ja welches Schaf wird deine Weide schmecken /
Wird für die Wolle Gold / und Seiden uns gewehrn;
So dass auch Götter dieser Erden
Nach unser Trifft verlangen werden.
Die Welt hat eine Perl' / und eine Sonn' an dir;
So soltestu nun zwar in Purpur-Schalen /
Ja nur an dem Saphirnen Himmel pralen;
Allein die Sonne schlafft auch neben Ochs' und Stier;
Und die beperlten Muscheln schämen /
Sich nicht in Sand und Schilff zu sämen.
Du wirst mein liebstes Schaf / und ich dein Hirte sein;
Ich werde dich mit Milch und Honig pflegen;
Den Mund dir auf / die Hand dir unterlegen /
Die Schaare kommt zwar oft / doch bleibt der Nutz gemein /
Und alle Müh dich zu vergnügen
Wird nur auff meinen Hüfften liegen.
    Bei währendem Singen streichelte sie anfangs das Lamm mit den Händen /
hernach hob sie es gar auff die Schoos. Sie färbte und entfärbte mehrmahls das
Antlitz; die Brüste schwelleten sich zum öfftern von tieffem Atemholen auf; ja
man konnte genau wahrnehmen: wie ihr Hertze schneller / als vorhin zu schlagen
anfieng / und ihr Gemüte mit neuen Regungen beunruhigt ward. Unterdessen
verwendete sie doch kein Auge von dem knienden Schäfer; aus welchen nunmehr auch
eine Anzahl milder Tränen herfür brach; gleich als wenn sie selbte vollkommen
denen Steinen ähnlich machen wollte; aus welchen so wohl Wasser herfür zu quellen;
als man daraus Feuer zu schlagen pfleget. Sie aber nunmehr den mit ihren Zähren
kühlen wollte / den sie vorher mit den Strahlen angesteckt hatte. So bald aber
dieser Schäffer sein Lied endigte /und gleichsam zwischen Furcht und Hoffnung
sein Todes- oder Lebens-Urtel erwartete; hob sie mit einer gleichsam Seele und
Marck durchdringenden Stimme zu singen an:
Weil Spinnen auch Gewebe ziehen /
Weil ieder Fischer Arglist braucht /
Jedwedes Feuer schwärtzt und raucht /
Dorn und Napel in Gärten blühen;
Weil Unschuld nur wohnt Schaffen bei /
Erkies' ich mir die Schäfferei.
    Hiermit faste sie mit beiden Händen des knienden Schäffers Haupt / küste ihn
auff die Stirne; stand auf /er grieff den für ihr liegenden Schäffer-Stab; und
nötigte den Schäfer sich auch wieder auf die Beine zu machen; welcher schier
unbeweglich worden war /weil er seine Glückseligkeit nicht begreiffen konnte; und
die Zunge nicht mehr zu rühren vermochte /indem nichts minder ungemeine Freude /
als übermässige Bestürtzung dieses bewegliche Glied zu hemmen vermag. Die
anwesenden Schäfer umgaben diese zwei Neulinge in der Liebe; erfüllten die Lufft
mit einem unglaublichen Freuden-Geschrei / unzehlbaren Lobsprüchen beider
Verliebten / und inbrünstigen Glückwünschungen. Ja welches denen Zuschauern am
wunderlichsten fürkam; verwandelten die Neben-Buhler ihre vorige Liebe in
Gewogenheit gegen den verliebten Schäffer; und an statt der vermuteten
Eyversucht / urteilten sie ihn alleine würdig diese Perle des Landes zu
besizzen. Sie versicherten ihn: dass ihr Hertz durch übermässige Liebe bereit in
todte Asche verkehrt worden / also selbtes keiner fernern Flamme fähig wäre.
Zwischen diesem allgemeinen Frolocken ward von vier schneeweissen Pferden ein in
Gestalt einer rundten Muschel gefertigter Wagen herzu geführet; auff welchen
sich die Verliebten setzten. Diesem folgten noch viel andere mit Laub und Blumen
über und über bewundene Wagen; welche die Frauen und alle Neben-Buhler aufnahmen
/ und gegen einem kaum zweitausend Schritte davon auf einem gähen Felsen
liegenden Schloss fortbrachten. Marbod und seine zwei Ritter hatten bei diesem
Gedränge den guten Wurtzel-Mann verloren; und / weil sie nicht begreiffen
konten: wie in diesem Lande von Leuten so niedriger Ankunft so höfliche und
geschickte Bezeugungen ausgeübt / und so prächtige Aufzüge erschwungen werden
könten; ersuchten sie einen / den sie für einen Edlen des Landes ansahen / um
die Auslegung. Dieser bezeigte gegen sie als Fremdlinge grosse Freundligkeit;
und vermeldete: dass bei den Marsingern / und zwar an dem nahen Boberflusse die
deutsche Tichter-Kunst ihren Uhrsprung genommen hätte / also durchgehends alldar
gemein / und im höchsten Schwunge / diese Schäferin eines Marfingischen Fürsten
Leidholds Tochter; der Schäfer aber ein tapfferer Ritter wäre / welchem dieses
annehmliche Tal eigentümlich gehörte / und der auf dem nechsten Berg-Schloss
wohnte. Weil es nun was ungemeines: dass diese vollkommene Fürstin einen Ritter
zu ehlichen entschlossen hätte / er aber den Nahmen eines Schaffes / und ein
Schaf in seinem Schilde führte; hätten sie durch diese Vermummung ihnen nicht
allein eine Lust machen / sondern auch auf dem jährlichen Feier der Frea die
freie Willkühr dieser etwas ungleichen Heirat so viel mehr ans Licht bringen
wollen. Es wäre diesem Ritter aber seiner Verdienste und Tugend halber diss
Glücke wohl zu gönnen; wie sie folgenden Tag selbst würden erfahren; wenn sie bei
ihm übernachten; und / weil er sie doch auch für Ritters-Leute ansehe / so denn
nebst ihm zu denen bei den Marsingern auf den Hochzeiten zu üben gewöhnlichen
Ritterspielen erscheinen wollten. Diese Höfligkeit war diesen Fremden ein
gefundener Handel; weswegen sie ungefähr eine Meile weit in sein an dem
Bober-Flusse gelegenes Haus geführet / und daselbst wohl bewirtet wurden. Dieser
Ritter meldete: er hiesse Vannius / sei von Uhrsprung ein Quade / und wäre wegen
gewisser Unglücks-Fälle in der Bojen Land kommen. Alleine es hätten ihn viel von
den Bojen ihm angetane Verdriesslichkeiten verursacht / seinen Fuss und Wehnung
über das nechste Gebürge zu den Marsingern zu setzen. Weil er nun als ein
Fremdling in diesem Lande so viel Gewogenheit genossen; hätte er sich in dieser
annehmlichen Gegend sässhaft gemacht; und verbinde ihn die Art dieses Landes
allen Fremdlingen möglichste Dienste zu leisten. Marbod ergrieff diese
Gelegenheit zu seinem Vorteil; und vermeldete: wie sie Hermundurische
Ritters-Leute wären / und ihre Ebenteuer zu versuchen zu den Bojen kommen / von
diesen aber nicht nur durch Uberfall ihres besten Gerätes beraubet / sondern
auch sich über die Berge zu machen genötigt worden wären. Vannius erzehlte
ihnen ferner: dass die Länder der Marsinger und Burier / welche der Jader-Fluss
unterscheidet / und ein Teil der Semnoner zwischen der Warte und dem Jader
unter viel Fürsten zerteilt wäre; welche aber alle vom Könige Stipa / der
diese Länder / wie auch die Lygier / Peuciner / Veneder /und Estier beherrschet
hätte / herstammeten; zeiter aber durch viel innerliche Kriege sich nicht
alleine sehr geschwächet / sondern auch die Gewalt über die letztern Völcker in
fremde Hände hätte kommen lassen. Auff den Morgen versah Vannius den König
Marbod und seine zwei Ritter mit Pferden / Zeug /und der ihnen abgehenden
Rüstung / wie nichts minder ieden mit einem geschickten Schild-Knaben. Sie kamen
zeitlich in die Schrancken / welche unter dem Schloss auff einer Wiesen an
einer annehmlichen Bach ausgesteckt / und bereit mit etlichen hundert Rittern
umsätzt waren. Darunter waren drei Marsingische / zwei Burische / und so viel
Fürsten der Semnoner. Es war eine Lust zu sehen; wie ieder in allerhand Arten
der Ritter-Spiele seine Tapfferkeit und Geschickligkeit bezeugte. Die Sonne
stand ihnen schon über dem Wirbel; als abgeblasen / und Friedrichen einen
Fürsten der Marsinger der Preis im Kopffrennen; dem Bräutigam im Ringen / einem
Marsingischen Ritter Nostitz in Ubung des Wurff Spiesses /Marboden aber im
Lantzen-brechen / Promnitzen einem Ritter der Burier im Pfeilschüssen /
Erdmannen einem Fürsten der Semnoner im Wettelauffen / dem Ritter Vannius im
Springen zuerkennt ward. Die Preisse waren etliche schöne Pferde / etliche
Rüstungen /schöne Bogen und Pfeile; und iedem ward von Hedwigen / (also hiess des
Ritter Schaffes Braut) ein zierlicher Krantz auffgesetzt. Wie nun Marbod mit
freiem Anlitze für der schönen Hedwig erschien / seinen Preis zu empfangen /
erkennte ihn zu allem Unglücke Erdmann der Semnonische Fürst; welcher unter des
entaupteten Fürsten Britton Heere tausend Reuter geführet hatte. Marbod hatte
nur mit gebührender Ehrerbietigkeit sich nach empfangenem Krantze umgewendet;
als Erdmann zu seinem Nachbar sagte: dieses wäre Marbod. Der Ritter versetzte:
wie diss möglich wäre: dass ein solcher König sich allein in ein so fremdes Land
mit nicht geringer Gefahr wagen sollte? Erdmann aber blieb beständig: Er kennte
ihn allzu eigen; und weil verlautete: dass Gottwald mit den Bojen wieder ihn
einen Auffstand erregt hätte; wäre möglich: dass er über das Gebürge sich
gerettet hätte. So muss man denn / sagte Promnitz / diesen Fürsten- / und welcher
ganz Deutschland in Verwirrung gesetzt / beim Kopffe nehmen / und an ihm eine
Rache ausüben; welche durch ihre Grausamkeit allen so übelgesinnten Untertanen
ein Schrecken einjage. Die Sache geht alle Fürsten an; und ist einem ieden
daran gelegen zu verhüten: dass der / welcher gehorsamen soll / nicht verstehen
lerne: dass er seinem Gebieter könne zu Kopffe wachsen. Nostitz fiel ein: Ritter
Schaf dörffte es nicht wohl aufnehmen; oder zum minsten es für kein gutes Zeichen
halten: dass er in seinem Hochzeit-Feier sollte in Gefangenschaft verfallen.
Promnitz meldete hierauff: wir müssen es gleichwol dem Bräutigam nicht
verschweigen; und zum minsten auf diesen Wütterich acht haben: dass wir uns
seiner in der Nähe bemächtigen. Vannius hörte dieses Gespräche mit an; und nach
dem er ein wenig nachgedacht / liess er seinen Preis im Stiche / folgte dem
Marbod; und sagte im Vorbeireiten zu ihm: Folge mir / Marbod / oder du bist
verloren. So bald Vannius nun aus den Schrancken kommen war / gab er seinem
Pferde die Sporen; und rennte / so sehr er nur konnte /Westwerts dem nechsten
Walde zu. König Marbod /der aus des Vannius wenigen Worten seine grosse Gefahr
genungsam ermessen konnte / gab dem auff der Seite haltenden Lichtenstein und
Tannenberg einen Winck / und folgte dem Vannius; welcher in dem Walde ihm seine
Erkäntnüs; und dass er unzweiffelbar verfolgt werden würde / umständlich
entdeckte. Sintemahl alle Semnonische und Marsingische Fürsten dem Fürsten
Britton mit naher Bluts-Freundschaft verwandt wären. Weil er ihm nun Anlass
gegeben /diese Ritter-Spiele zu besuchen / und also in diese Gefahr zu
verfallen; wollte er lieber sein Leben einbüssen / als den übeln Nachklang haben:
dass er eine Ursache seines Verterbens wäre. Wiewol nun König Marbod nach
möglichster Dancksagung für so unverdiente Treue und Woltat ihn bereden wollte /
dass er zurück bleiben / ihm und den Seinigen nicht unausleschlichen Hass zuziehen
sollte; wollte sich doch Vannius nicht halten lassen; weil ihnen die Wege
unbekandt wären / sie also nicht allein desto ehe ereilet werden / sondern auch
bei denen Semnonern in neue Gefahr verfallen möchten. Diesemnach führte sie
Vannius über viel Berge und durch dicke Wälder selbigen Tag noch biss an die
Kweiss-Bach / welche die Marsinger und Semnoner unterscheidet. Sie wollten
daselbst gleich absteigen und ein wenig verblasen; als sie hinter sich ein
Geräusche von Pferden vernahmen. Diesemnach sie zu ihren Waffen grieffen; und
auch alsofort von zehen Gewaffneten angefallen wurden. Wiewol nun ieder schier
gegen drei zu fechten hatte; taten sie doch so männlichen Wiederstand: dass in
weniger Zeit drei von ihren Verfolgern von Pferden fielen. Marbod aber / dem am
grimmigsten zugesetzt ward / verlohr hierüber sein Pferd / und musste eine gute
Weile sich gegen zwei alleine zu Fusse wehren /wiewol er zu seinem Vorteil
einen dicken Tannenbaum an Rücken bekam. Weil aber Lichtenstein und Tannenberg
zweien abermals das Licht ausleschten /kriegte Vannius Lufft dem Marbod wieder
auf ein feindliches Pferd zu helffen; wiewol jener darüber einen Hau in lincken
Arm / und einen Stich in die rechte Seite bekam. Aber der ergrimmte Marbod
rächte alsbald seinen getreuen Vannius / und durchrennte mit seiner Lantze
seinen Beleidiger; welches Zettritz /ein Marsingischer Edelmann und der Führer
dieses Hauffens war. Weil denn die übrigen vier von ihren empfangenen Wunden
schwach zu werden empfunden; wendeten sie sich um und verliessen die vier
Verfolgten. Ob nun wohl Vannius etliche mahl von seiner Verletzung in Ohnmacht
fiel / so erquickte ihn doch Marbod / verband ihm auch seine Wunden mit denen
vom alten Wurtzelmanne empfangenen köstlichen Artzneien; und weil er nicht zu
bewegen war zurück zu bleiben / oder nur daselbst zu übernachten; ritten sie /
nach dem die Pferde kaum eine Stunde verblasen hatten / die ganze Nacht fort;
kamen auch den dritten Tag über die Elbe in das Hermundurische Gebiete.
    König Marbod wollte in seinem eigenen Lande sich nicht zu erkennen geben /
biss er nach Calegia kam; und durch seine unvermutete Ankunft die Seinigen
erfreuete / seine Wiedrigen erschreckte / und die zweifelhaften Gemüter im
Gehorsam erhielt. Denn weil aus dem Lande der Bojen sein Tod für allzugewiss
verlautete; hatten die mit ihrem Gemüte noch an dem Geschlechte des Brittons
hangende Hermundurer den beim Cheruskischen Hertzoge Segimer sich auf haltenden
Fürsten Jubil durch schnelle Posten dieser Enderung verständigt / und ins Land
beruffen. Welcher denn auch in der Eil zweitausend Cherusker an sich gezogen und
Vertröstung hatte: dass die Sicambrer / Tencterer und Usipeter ihm mit gesamter
Hand zu Hülffe kommen wollten / welche dem Marcus Lollius den Adler der fünften
Legion abgenommen / etliche tausend Römer und noch so viel Gallier erschlagen /
und also den Kayser selbst in Gallien zu kommen verursacht / aber doch als gegen
dieser Macht zu schwach nach erlangter reichen Beute mit den Römern Friede
gemacht hatten. Marbod liess seine glückliche Entkommung bald in alle seine
Länder ausbreiten / er aber selbst rückte an der Saale gegen das Melibokische
Gebürge dem Fürsten Jubill mit zehntausend Mann entgegen / um diesen Auffstand
in der ersten Flamme zu dämpffen. Weil nun Jubils Vortrab geschlagen / er selbst
zurück in den Semanischen Wald getrieben / die Cheruskische Hülffe durch den
Krieg mit den Catten / der Beistand der Sicambrer /Tencterer / und Usipeter
durch des Römischen Kaysers treuliche Abmahnungen zurück gehalten ward; über diss
hernach des Claudius Drusus Einfälle das ganze Nieder-Deutschland zwischen dem
Rheine und der Elbe in Krieg verwickelte / kriegte König Marbod nicht allein
Lufft seine vorigen Länder völlig zu beruhigen; sondern auch wieder die Bojen
auff Rache zu sinnen.
    Die Bojen hatten nach Marbods Niederlage unter dem Gotonischen Fürsten
Gottwald / welcher sich eine zeitlang an des Bojischen Königs Critasir Hofe
aufgehalten hatte / alle Marckmänner und Hermundurer aus ihren Gräntzen
getrieben / ja der Alemännischen Fürstin Vocione ein Bündnüs angetragen / und
ihr Vertröstung getan / derselbten zu allen Landschaften zu verhelffen /
welche nach König Ariovists vermeintem Tode Vermöge einer mit dem
Hermundurischen Hause auff den Fall nicht hinterlassener Söhne auffgezeichneten
Erbverbrüderung dem Hertzoge Britton zugefallen / nunmehr an Marbod / der an
solchem Geschlechts-Vergleiche weder Recht noch Teil hatte / durch Gewalt
gediegen waren. Marbod ward hierüber nicht wenig bekümmert; weil die
Alemannische Fürstin Vocione mit denen streitbaren Catten feste verknüpfft war /
und also ihm nicht nur dieser grosse Schwall der Völcker leicht auf einmal
hätte über den Hals fallen / sondern auch die Marckmänner und Sedusier / welche
ohne diss nach der ersten Alemannischen Herrschaft seuffzeten / von ihm
abtrinnig machen können. Diesemnach schrieb Marbod eine weitläufftige Erzehlung
alles dessen / was ihm mit ihrem Vater dem in ihren Gedancken zwar längst / in
der Warheit aber erst für weniger Zeit gestorbenen Ariovist begegnet wäre / an
die Fürstin Vocione / liess selbte beide Ritter Lichtenstein und Tañenberg
unterschreiben / und mit einem kräfftigen Eyde desselbten Warheit beteuern. Zu
mehrer Bestärckung schloss er einen güldenen Ring / den Ariovist allezeit an
seinem kleinen Finger getragen / Marbod aber seiner Leiche zum Gedächtnis
abgezogen hatte / bei / schickte den Lichtenstein darmit zu Vocionen; mit dem
Versprechen: dass er Ariovisten zu Liebe ihr alle väterliche Länder wieder
abtreten wollte; da sie ihm zu Uberwindung der Bojen würde behülflich sein.
Vocione lass diese Geschichte ihres Vaters mit höchster Verwunderung / erkennte
derselben Warheit aus Marbods und seiner zweien Gefärten hoher Beteuerung /
insonderheit aber aus dem ihr mehr als allzukenntlichen Ringe / netzte also
dieses Schreiben mit vielen Wehmuts-Tränen. Wiewol ihr nun das ehrsüchtige
Gemüte des Marbods bekandt / seine ungemeine Freigebigkeit anfangs verdächtig
war /wusste doch Lichtenstein alle Bedencken so vernünftig abzulehnen: dass sie
die Bojische Gesandschaft unverrichteter Sachen beurlaubte / Lichtenstein aber
alles erhielt / was er verlangte.
    Marbod sammlete hierauf nicht allein zwei mächtige Kriegs-Heere; sondern bot
durch die Vertröstung: dass er die Meineidischen Bojen mit Strumpff und Stiel
vertilgen / ihre fetten Aecker aber seinen Krieges-Leuten einteilen wollte /
fast alle seine Völcker auff. Die Fürstin Vocione schickte ihren Vetter /
welchen sie auff ihren Todes-Fall zum Alemannischen Herzoge bestimmt hatte / mit
zehntausend ausserlesenen Alemännern und Herudern dem Könige Marbod wieder die
Bojen zu Hülffe. Dieser brach an drei Orten in ihr Land. Dem Marbod selbst zohe
der tapffere Gotonische Fürst Gottwald; welchem der Bojen König Critasir wegen
seiner grossen Dienste inzwischen seine einige Tochter vermählt hatte /
entgegen; und setzte sich beim Eger-Strome an einem vorteilhaften Orte feste:
dass ihm fast nicht möglich beizukommen war. Vannius aber / welchem Marbod seiner
Treu und Tapfferkeit halber den lincken Flügel vertraut hatte / nahm hinter den
Bojen einen Pass ein; wordurch er ihnen alle Lebens-Mittel abschnitt / und sie zu
Liefferung einer Schlacht nötigte. Beide Heere wurden gegen einander auffs
klügste gestellt; die Schlacht so grausam / die Feinde gegen einander so
verbittert: dass bei Entfallung der Hände und Waffen / sie mit den Zähnen
einander beleidigten. Diese Grausamkeit währete von der Sonnen Aufgange biss zwei
Stunden für der Nacht / ehe einiges Horn der Schlachtordnung zu wancken anfieng.
Marbod und Gottwald kamen selbst an einander / und verlohr ieder drei Pferde
unter dem Leibe. Endlich brach Vannius zum ersten durch / und trennte der Bojen
rechten Flügel; ein Marckmännischer Ritter Bercka verwundete den Fürsten
Gottwald in der rechten Seite so sehr: dass er aus dem Treffen zurück weichen
musste. Hierüber geriet das ganze Bojische Heer in die Flucht; und blieben
diesen Tag zwantzig tausend Bojen / und darunter der Kern des Bojischen Adels
auf dem Platze; zehntausend wurden gefangen; welche Marbod folgenden Tag auf
etlicher Kriegs-Obersten Einraten: dass denen / welche ihren Eyd gebrochen /
nunmehr billich die Hälse zu brechen wären / alle hätte abschlachten lassen;
wenn nicht Lichtenstein ihn der Ariovistischen Lehren erinnert; Vannius ihm auch
eingehalten hätte: dass kein stärckerer Pfeiler neugegründeter Reiche / als die
Erbarmung eines Fürsten; und die Erhaltung eines überwundenen Feindes ein ewiges
Beispiel seiner Grossmütigkeit wäre. Wiewol nun die erstern einwarffen: es wäre
den meineidigen Bojen nicht mehr zu trauen / noch einem Fürsten durch den Ruhm
der Gnade Gefahr auff den Hals zu ziehen; liess sie Marbod doch leben; die Todten
aber beerdigen. Den dritten Tag rückte er ferner ins Land /und bekam die
Zeitung: dass seine zwei andere Heere unter dem Nariskischen Gebürge die ihnen
begegnenden Bojen gleicher Gestalt zurück getrieben / die Alemänner und Heruder
auch bereit die Stadt Casurgis belägert hätten; sein ander Feld-Hauptmann
Lobkowitz schon an dem Mulden-Strome ober halb der Stadt Boviasmum stünde; allwo
König Critasir seine eusserste Kräfften des Reichs / die Hülffs-Völcker der
Semnoner versammelt hätte / und in ein paar Tagen dreissig tausend Sarmater
erwartete / welche über das Carpatische Gebürge / und oberhalb des Flusses
Patissus über die Donau gesetzt hatten / und mit denen Pannoniern und Norichern
denen Römern in Histrien eingefallen / endlich nach abgedrungenem Frieden vom
Cajus Lucius unter dem Inn diss an die Donau getrieben / und bei dieser Not von
Bojen zu Hülffe gezogen worden wären. Marbod eilte deswegen Tag und Nacht fort /
in Meinung dieser Verstärckung zuvor zu kommen. Allein weil die Muldau sehr
angelauffen war / und also das Fuss-Volck in Mangel der Schiffe nicht übersetzen
konnte / war die Vereinbarung der Bojen / Semnoner / Sarmater / ja auch
zehntausend Bastarner / welche des hingerichteten Brittons Wittib bei dem Könige
ihrem Bruder ausgebeten hatte / unmöglich zu verhindern. Weil nun Critasir so
vieler fremden Hülffs-Völcker erste Hitze nicht wollte verrauchen / noch auch
seinem Lande eine solche Last lange auf dem Halse lassen / führte er durch die
Stadt Boviasmum auf den nahe darbei gelegenen Berg hundert und zwantzig tausend
über / und stellte sie in Schlacht-Ordnung. Marbod aber / der sein ander Heer
unter dem Lobkowitz erwartete / blieb in seinem Läger / und liess die Bojen darum
vergebens schwermen. Den dritten Tag näherte sich Marbods anderes Heer / welches
er aber hinter einem Walde verdeckt stehen / von seiner Reuterei etliche mit
Fleiss gefangen nehmen / und den Bojen weiss machen liess: dass sein Heer Not an
Lebens-Mitteln liedte / und er daher in weniger Zeit erhungern / oder zurück
ziehen /oder schlagen müste. König Critasir stellte desshalben folgenden Morgen
sein Heer abermals für Marbods Läger in Schlacht-Ordnung; wiewol er um selbtes
dem Scheine nach viel kleiner zu machen / ein grosses Teil in der Stadt behielt
/ und ein Teil hinter dem Berge stehen liess. Marbod führte nunmehr seines auch
ins Feld / und ward zwei Stunden in gleicher Wage gefochten; weswegen Critasir
seinen Hinterhalt auff beiden Seiten anrücken / Marbod aber mit allem Fleisse
seinen lincken Flügel Fuss für Fuss zurücke weichen liess; wormit die Bojen sich
von der Stadt Boviasmum entferneten. Hierauff brach Lobkowitz mit der Helffte
seines verborgenen Heeres durch den Wald herfür / und setzte sich harte für die
Pforte der Stadt / den Bojen den Rückweg abzuschneiden. Mit der andern Helffte
des versteckten Heeres aber stellte sich der Marckmännische Ritter Turn an den
lincken Flügel biss an den Moldau-Strom; also: dass die Bojen schier auf allen
Seiten entweder von den Marckmännern / oder von dem reissenden Flusse umringt
waren. Die Schlacht begonte nun allererst grausamer als niemahls; nach dreien
Stunden aber gaben die Sarmaten / welchen Vannius mit dem schweren reisigen
Zeuge in diesem Gedränge überlegen war / die Flucht; und weil sonst keine
Ausflucht zu finden /setzten sie mit ihren leichten Pferden über die Muldau;
wiewol derer etliche hundert vom Strome verschlungen wurden. Critasir mühte sich
zwar bei dieser Verwirrung durch die Hauffen des Lobkowitzes zu brechen; und
Fürst Gottwald / der doch kaum wegen seiner in der ersten Schlacht empfangenen
Wunden auff dem Pferde sitzen konnte; tat mit sechstausend Mañ teils
Kriegs-Knechten / teils Bürgern einen verzweiffelten Ausfall auf ihn / um ihrem
Könige Lufft / und den Weg an die Stadt offen zu machen. Alleine der Ritter
Bercka kam mit seiner Reuterei dem Lobkowitz zu Hülffe; kriegte den für Grim
schäumenden / und verzweiffelt-fechtenden Fürsten Gottwald gefangen; und trieb
die übrigen wieder in die Stadt. Inzwischen kam Marbod dem Könige Critasir so
nahe: dass er ihn umarmende mit sich vom Pferde riess. Um diese beide Könige
drängten sich nun beide Völcker wie Bien-Schwärme / und blieben von beiden
Teilen etliche hundert der streitbarsten Ritters-Leute. Endlich aber wurden die
Bojen übermannet / König Critasir mit sechs tausend Bojischen Edelleuten / und
zwantzig tausend andern Bojen; Wittekind ein Fürst der Semnoner / welcher
halb-todt unter den Leichen aufgelesen ward / mit fünffhundert edlen Semnonern;
und dreitausend andern; in gleichen fünff tausend Bastarnen gefangen;
dreitausend Bojische Reuter entrannen noch über den Fluss / und kamen in die
Stadt. Alles andere Volck hatte die Schärffe der Marckmännischen Schwerdter /
oder die Tieffe des Stromes gefressen; wiewol Marbod auf seiner Seiten auch über
zehn tausend Mann eingebüst hatte. Marbod legte den Gewinn dieser Schlacht gegen
sein Volck für ein Göttliches Zuerkäntnüss der Bojischen Herrschaft aus / als
wordurch das ewige Verhängnüs die Streitigkeiten der Könige zu entscheiden / und
die Reiche der Welt zu verändern pflegte. Insonderheit aber meinte er mit dem
gefangenen Könige Critasir das völlige Hefft der Bojischen Herrschaft in seine
Hände bekommen zu haben; weil Fürsten freilich die Seele in dem Leibe ihres
Reiches sind; und so wohl ein Volck / als ein Bienen-Schwarm nach Verlust seines
Königs verloren geht. Daher die Tebaner / als sie ihren Pelopidas gegen
Alemandern / den König zu Pheres eingebüst hatten / sich für überwunden /
Artaxerxes aber / als Cyrus gegen ihn blieben war / sich für den Sieger
ausruffen liess / ungeachtet dieser das Feld verloren / jene es behauptet
hatten. Massen denn auch König Critasirs Bestrickung die Bojen in solche
Verwirrung setzte: dass sie den Marbod ohne einigen Wiederstand auf etlichen
erlangten Nachen und in der Eyl gefertigten Flössen zwölff tausend Mann über die
Muldau setzen / und auf der andern Seite die Stadt Boviasmum sperren liessen.
Weil nun diese keine genungsame Besatzung / insonderheit kein Oberhaupt hatte;
die Königin nicht mehr um Reich und Freiheit / sondern allein um ihres Gemahles
Leben bekümmert war; er gab sie sich und die Stadt auf Marbods Gnade; welcher
noch selbige Nacht zwei Tore mit zehntausend Mann besetzte. Folgenden Tag hielt
Marbod durch die Stadt auf das Königliche Schloss einen prächtigen Einzug. Auf
den Strassen lagen nicht nur die Bürger / sondern so gar Weiber und Kinder auf
den Knien durch ihre Demut des Uberwinders Rache zu besänftigen. Nach dem
Marbod nun den Vannius und Bercka mit dreissig tausend Mann die flüchtigen
Sarmaten zu verfolgen befehlicht hatte; liess er den König der Bojen für sich
erfordern; welcher nun gebunden für dem Stule seinen Feind kniebeugend verehren
musste; darauf er noch den Tag zuvor so viel tausenden Befehl erteilet hatte; zu
einem denck würdigen Beispiele: dass zwischen der höchsten Ehren-Staffel und
tieffstem Kniebeugen nur ein Schritt / zwischen Lorbeern und Cypressen nur ein
Hand umwenden / zwischen Kron und Fessel oft nur ein Sonnen-Untergang den
Unterschied mache. Marbod fragte Critasirn: Was die Bojen und ihn bewogen wieder
ihren einmal beliebten Fürsten den Auffstand zu machen? Dieser antwortete: jene
die Liebe der Freiheit / mich meines Volckes. Marbod fragte ferner: wie er nun
beide gehandelt wissen wollte? Critasir antwortete: Mit dem Volcke / wie es der
Ruhm eines so grossen Siegers erfordert; mit mir /wie du gehandelt sein woltest
/ wenn dich heute das wanckelhafte Glücke in meine Stelle versetzt hätte.
Marbod befahl nach einem langen Stillschweigen die Königin herbei zu führen;
welche ihre vorige Pracht in schlechte Trauer-Kleider verhüllet hatte; und /
weil das Hertzeleid ihrer schweren Zunge das Reden verbot / ihre Tränen an
statt der Worte brauchte. Sie sanck für dem Marbod in halbe Ohnmacht nieder;
endlich erholete sie sich gleichwol / und fieng an: Ob sie zwar das Verhängnüs
alles Vermögens entsetzet hätte / bliebe doch auch denen Elendesten das Bitten
übrig. Dieses wollte sie nicht für sich selbst verschwenden / sondern für ihren
Gemahl und Tochter angewehren. Sie selbst entschüttete sich nicht allein aller
Würde / welche nach erlangtem Besitztum bei weitem nicht so viel wiege / als
ihr die anfängliche Begierde hiervon träumen liesse / sondern auch des Lebens;
welches ohne diss eine Uberlast der Unglückseligen wäre. Jedoch würde er
zuversichtlich behertzigen: dass ein Mensch durch nichts / als Verzeihung sich
GOtt ähnlich; auch nichts mehr als Gnade einen Fürsten berühmt / und seine
Herrschaft unüberwindlich machte; und daher auch Marbod seine Sieges-Gesetze
nach seinem Ruhme und der Uberwundenen Mögligkeit mässigen würde; weil es
schwerer wäre anbefohlene Dinge tun; als befehlen / was man getan haben wollte.
Wiewol nun der Hochmut mit dem Glücke sich für längst in Marbods Hertze
eingespielt hatte; Menschen auch zwar ihre ersten geratenen Streiche mit
vernünftiger Gemütsmässigung aufnehmen / zuletzt aber Vernunft und
Empfindligkeit von übermässigem Wachstume verdrückt wird; redete doch die
Königin so nachdrücklich: dass dem Marbod die Augen über giengen / und er ihr
antwortete: Seine Waffen hätte er wieder kein Frauen-Zimmer gezückt; und also
sollte weder ihr noch ihrem Geschlechte einig Leid begegnen. Wiewol nun Critasir
und die Bojen ihm sein Licht auszuleschen weder Arglist noch Anstalt gesparet;
ob wohl Meineid durch kein Band der Woltaten zu fesseln wäre; ja die / welche
darmit beteilt würden / für eine Beleidigung annehmen / wenn etwas übrig bliebe
/ das sie noch hätten bekomen können; und endlich untreue Gemüter nichts minder
/ als unreine Leiber durch zu gute Pflegung nur mehr versehrt würden; wollte er
doch ihrer Fürbitte so viel enträumen: dass alle Bojen Leben und Freiheit
behalten / das ganze Land aber den Marckmännern räumen / und ihnen einen Sitz
entweder über der Weichsel oder der Donau suchen sollten. Weil nun einem
Schiffbruch-leidenden auch die ihn aufnehmende Scheuterungs-Klippe für einen
Hafen dienet; und der zu allem leicht zu bereden ist / der sich so gar seines
Lebens schon verziehen hat / nahm nicht nur die Königin /sondern Critasir selbst
diese Erklärung für eine grosse Gnade mit tieffer Dancksagung an; wiewol nichts
schwerer ist / als seinem Vaterlande auf ewig gute Nacht sagen; dessen Liebe
viel ihrem Leben vorgezogen. Folgenden Tag kam die Botschaft: dass die Alemänner
sich auch schon der Stadt Casurgis / und vieler Bergschlösser bemächtiget / den
dritten Tag: dass Vannius und Bercka die entflohenen Sarmaten in einem Walde
umringet hätten; Wesswegen Marbod noch zehntausend Mann dahin schickte; welche
denn die Sarmaten dahin brachten: dass sie die Waffen weg-und sich der Willkühr
des Siegers unterwerffen mussten. Den zehenden Tag war auf einem grossen Platze
in der Stadt eine Schaubühne / und darauf ein Königlicher Stul bereitet. Nach
dem der Platz mit zehntausend Marckmännern besetzt war; kam König Marbod mit
allen Grossen auffs prächtigste dahin / und besass selbten. Diesem folgte König
Critasir; welcher drei der vornehmsten Bojen ihm die Königliche Kron /den Zepter
und das Reichs-Schwerd fürtragen liess /und alles mit tieffer Ehrerbietung nach
eidlicher Abschwerung allen an dieses Land habenden Rechtes dem Könige Marbod
überliefferte. Diesem folgten die Priester; welche denen Marckmännischen Eubagen
alles Opffer-Geräte / die zum Gottesdienste gehörigen Bücher / und ein überaus
grosses Geweihe von einem Elend-Tiere; welches der erste Bojische König an dem
Orte / wo die Stadt Boviasmum stehet /geschlagen / und als ein Schutz-Bild des
Bojischen Reiches aufzuheben befohlen haben soll / überliefferten. Endlich kam
ein Ausschuss von der Bojischen Ritterschaft; welche den Bojischen Reichs-Schild
/und die Abgeordnete von Städten / die derselben Schlüssel dem Marbod zu den
Füssen legten; und dieses Land nicht ferner zu betreten eidlich angelobeten.
Folgenden Tag geschach der Auffbruch der Bojen; und zohe von allen Enden alles /
was Beine hatte /gegen dem Donau-Strom; allwo sie bei der Vereinbarung des
Flusses Inn an zweien Orten über die Donau setzten / und daselbst von
Marckmännern ein Teil ihrer Waffen zu ihrer Beschirmung wieder bekamen; also
daselbst die zwei Städte Bojodur und Passau bauten; hernach aber vollends über
den Inn setzten /und die alten Vindelicher verdrangen; welche aber von der
Alemännischen Fürstin Vocione in die von den Marckmännern ihr nunmehr
eingeräumte / aber aller Einwohner entblösten Landschaften willig angenommen
wurden. Marbod hingegen teilte seinen Völckern das ganze Land aus; gab ihnen
die gefangenen Sarmaten zu Leibeigenen / welche des Feldbaues pflegten /
vergrösserte die Stadt Boviasmum / und nennte sie nunmehr Marbod-Stadt.
Inzwischen aber rückte er mit seiner ganzen Heeres-Krafft teils an-teils auff
der Elbe mit einer grossen Menge Nachen denen zum Kriege schlecht bereiteten
Semnonern auf den Hals; schlug selbte zweimahl aus dem Felde / eroberte die
Stadt Budorigum / und bekam in selbter den Fürsten mit allen den Seinen
gefangen; also: dass dieses ganze Volck den Marbod für seinen König annahm; und
zwar mit so viel mehr Belieben / weil es zeiter fast unauffhörlich mit
beschwerlichen Kriegen bald von denen Hermunduren / bald von denen Longobarden /
bald von denen Marsingern und Buriern (welche Völcker alle streitbare Schwaben
sind) abgemattet worden war / und also sie durch die dem Marbod überreichte
Krone ihnen selbst gleichsam den Krantz der Ruhe auffsetzten / und dieser zu Rom
als eine Göttin verehrten Mutter der Vergnügung einen Tempel zu bauen meinten.
Sintemahl doch unaufhörliche Unruh beschwerlicher / als die Dienstbarkeit ist;
und weil ein Besitzer grosser Heerden die Kuh nicht so oft melcken / die Schafe
nicht so viel mahl scheren darff / also eines weit und ferne gebietenden Königs
Herrschaft nicht so sehr und offte die Untertanen drücken / hingege sie
mächtiger schützen kann / die Semnoner nunmehr unter einem so mächtigen Könige
viel gemächliger zu leben hofften; Worbei denn Marbod zugleich einen klugen
Staats-Mann abgab; in dem er dem Semnonischen Adel grössere Freiheiten
enträumte; wolwissende: dass wenn man die Köpffe abschneiden will / die Glieder
gestreichelt und eingeschläfft werden müssen. Eben zur selbten Zeit hatten die
Lygier und Burgundier wieder die Burier und Marsinger einen blutigen Krieg
angehoben. Die Verbitterung war zwischen ihnen so viel grösser / weil sie
einander verwand / und allesamt Scherben eines für Zeiten grossen Reiches waren;
Die Lygier aber alle Gefangenen ihrem bei den Naharvalen in einem Heine
verehrten Gotte gewiedmet hatten; in welchem Falle nicht nur die Feinde /
sondern so gar auch die Pferde müssen abgeschlachtet werden. Der Vorwand war:
dass die Lygier von denen an dem obersten Jader-Flusse gelegenen Osen einem dahin
eingesessenen Pañonischen Volcke die Marsinger keine jährliche Schatzung mehr
erheben lassen; diese aber solche den Lygiern nicht entängen wollten. Marbod
schickte desshalben den daselbst bekandten Vannius zu den Marsingern und Buriern
/ und bot ihnen so viel Hülffs-Völcker an / als sie verlangten. Dieser brachte
es durch seine kluge Handlung so weit: dass alle Marsingische und Burische
Fürsten; welche nach vieljähriger Zwietracht nichts minder der zerteilten
Ober-Herrschaft / als der blutigen Kriege überdrüssig waren / den König Marbod
für ihren Schutz-Herrn annahmen; und ihre Länder gleichsam dem Bojischen Reiche
einverleibten. Hierauff vereinbarten Marbod und alle diese Fürsten ihre Waffen /
trieben die Lygier und Burgundier nicht allein zurücke / sondern fielen auch mit
dreien mächtigen Heeren bei den Burgundiern / Lygiern und Logionen ein; welche
alle die Länder an der lincken Seite der Weichsel bewohnen; und noch ferner in
die Arier / Helvekoner / Manimer / Elysier / und Naharvaler eingeteilet werden.
Diese Völcker liefferten zwar unter dem Aschenburgischen Gebürge dem Könige
Marbod mit grosser Hertzhaftigkeit eine Schlacht; weil sie aber nur
unordentlich zu scharmützeln / Marbods Völcker aber nach Römischer Kriegs-Art
mit geschlossenen Hauffen allentalben durchzubrechen gewohnt waren; zohen jene
den Kürtzern / und blieben zwei Fürsten der Lygier mit acht tausend
Kriegs-Leuten auf der Wallstatt. Worauf sie sich in ihre Wälder verkrochen /
ihre eigene Dörffer anzündeten / dem Feinde die Lebens-Mittel abzuschneiden /
und nur durch vielfältige Einfälle ihren Feind ermüdeten. Weil nun die Lygier
durch keine Kriegs-List aus ihrem Vorteil zu locken waren; riet Vannius mit
der grösten Macht bei den Naharvalen einzudringen / weil alle diese Völcker mit
denen angräntzenden Peucinen bei der Stadt Carrodun in einem hochheiligen Heine
zwei Jünglinge /wie die Griechen den Castor und Pollux Göttlich verehrten;
welches der gemeinen Meinung nach zwei vergötterte Fürsten der Marsinger und
Lygier gewest /und zwar in einer Schlacht von den einbrechenden Scyten
erschlagen / gleichwol aber diese bei ihrem blutigen Siege von jenen derogestalt
geschwächet worden sein sollen: dass sie mit Furcht und Schrecken sich wieder
über den Fluss Tanais geflüchtet / und zur Beute nichts / als viel Säcke
abgeschnittener Ohren zurücke gebracht; hingegen wohl hundert tausend Menschen im
Stiche gelassen hätten. Gleichwol aber würden diese heiligen Helden in keinem
Bildnüsse verehret. Der Priester dieses Heiligtums verrichtete die Opffer nach
Art der Assyrischen Venus-Priester in Weibes-Kleidern; welche dieser zweien
Fürsten Mutter getragen haben soll / und zugleich alldar verehret wird. Weil
dieser Hein nun ihr gröstes Heiligtum ist; kein Ding aber auf der Welt ehe als
Aberglauben menschliche Gemüter zu verzweifelten Entschlüssungen bringt;
würden diese Völcker bei für genommener Ausrottung dieses Heins zweiffelsfrei
ihr eusserstes tun / solches zu verwehren. Marbod wollte zwar in die Verunehrung
dieses Heiligtums nicht stimmen; weil die Entweihung des fremden / ja auch so
gar des ganz falschen Gottesdienstes / als welcher ja besser / als gar keiner
wäre / mehrmahls von Gott schrecklich wäre bestrafft worden; so liess er doch
allentalben die Bauern des Landes feste machen / vorgebende diesen an der
Weichsel gelegenen Hein mit Strumpff und Stiel auszurotten; derer aber ein gutes
Teil wieder mit Fleiss entkommen: wormit diss Vorhaben allentalben ruchbar
würde. Es ist unglaublich / wie diss Geschrei so geschwinde alle Wüsteneien
durchdrungen / und wie es die Lygier so geschwinde nach Carrodun gezogen. Unter
allen diesen verbitterten Völckern waren am grausamsten die Arier anzusehen /
derer Augen für Rache glüheten / die Riesen-Leiber mit abscheulichen Merckmahlen
blutig bezeichnet / und alle mit kohlschwartzen Schilden versehen waren. Sie
erkieseten zu ihrem Angrieffe ihrer Gewonheit nach die traurige Nacht / und
begleiteten ihn mit einem erbärmlichen Geheule. Wiewol nun Marbod sein Heer
auffs vorteilhafteste gestellt; ein geübtes Kriegs-Heer an Kriegs-Wissenschaft
und den Waffen ja vom Orte / der Lufft und dem aufgehenden Mohnden für den
Lygiern einen grossen Vorteil hatte; so begonte doch unterschiedene mahl seine
Schlacht-Ordnung zu mancken. Denn die Lygier kämpfften mehr / als menschlich /
und gichtiger / als wilde oder gifftige Tiere; lehrten also den Marbod: dass wie
der heleidigte Gottesdienst die grimmigsten Gemüts-Entschlüssungen nach sich
zeucht; die Verzweifelung auch die feigesten behertzt macht; also der gröste
Fehler / und die ärgste Gefahr sei im ersten einem Volcke ans Hertze greiffen;
und mit einem verzweiffelten Feinde treffen. Das Morden und Blutstürtzen war so
grausam; das Geheule der Streitenden / und das Winseln der Sterbenden so
erbärmlich: dass der Monde sich anfangs ganz blutrot färbte; gleich als selbter
zugleich von so viel versprjetztem Blute befleckt würde / hernach aber sich mit
einer dicken Wolcken verhüllte / gleichsam seine Augen für so viel traurigen
Todesverstellungen zu verschlüssen /teils für so viel Wehklagen seine
mitleidende Ohren zu verstopffen. König Marbod selbst geriet zwischen einen
Hauffen rasender Arier: welche zwölff seiner um sich habender Marckmäñischer
Ritter in Stücken hieben; und wäre es um ihn getan gewest; wenn nicht Vannius /
Turn und Posadof ein Burischer Ritter mit etlichen Reisigen ihm zu Hülffe
kommen wäre; und dem zu Fusse fechtenden Marbod wieder zu Pferde geholffen; ja
Vannius / weil ihm der Schild zerspalten war / mit seinem Arme / einen auf den
Marbod von dem Fürsten der schwartzen Arier / Siebenhertz geneñt / geführten
heftigen Streich aufgefangen hätte; worüber Vannius denn selbst ohnmächtig zu
Bodem sanck. Endlich entsetzte ihn völlig Kunrad ein Fürst der Marsinger mit
fünffhundert Edelleuten; darunter einer dem Fürsten Siebenhertz anfangs seine
Bären-Haut mit einem grossen gelben Horne vom Kopfe riess; hernach ihm selbten
gar zerspaltete; weswegen ihm König Marbod das gelbe Horn nicht nur zu seinem
Schilde / sondern auch zu seinem Geschlechts-Nahmen zu führen verlieh. Ein ander
Marsinger begegnete dem herzudringenden Fürsten der Naharvaler dergestalt: dass
er ihm mit seinem über den Kopff abhängenden Bären-Tatzen den halben Schild
abhieb; hernach ihm einen Pfeil recht durch den Mund zum Nacken heraus schoss;
welchem Marbod die Bären-Klauen im Schilde zu führen / und den Nahmen Pfeil gab.
Hierüber begonte es zu tagen / und die Sterne zu erblassen; zugleich auch der
Vorteil der Lygier zu verschwinden / und der Marckmänner zuzunehmen; Gleich als
wenn das Göttliche Verhängnüs diesen Völckern den Tag / jenen die Nacht zum
Obsiege eingeteilt hätte. Den Lygiern war mit Hinfallung ihres Fürsten / und
Zertrennung der Arier auch guten Teils das Hertze entfallen; die Marckmänner
konten sich besser besehen; und also fielen der Ritter Bercka / Schaf / und
Promnitz auff beiden Seiten denen wie eine Mauer noch unbeweglich-stehenden
Helvekenen und Elysiern mit ihrem Reisigen-Zeuge ein: dass alle Lygier gegen den
Mittag in offenbare Flucht gerieten; wiewol mehr als die Helffte Fuss für Fuss
fechtende auf dem Platze todt blieb; der vierdte Teil und darunter sieben
Fürsten gefangen wurden / und kaum ein vierdtes Teil in die Länder entran. Also
überwältigte Marbod / wiewol mit Verlust / zwölff tausend streitbarer
Krieges-Leute die Lygier / Logionen / und Burgundier / welche sich biss auf
diesen Tag gerühmt hatten: dass kein Feind noch gegen ihre gleichsam höllische
Gesichter stehen können; sondern sie mit ihrem blossen Anblicke schon den halben
/ mit ihren Schwerdtern allezeit den völligen Sieg erlanget hätten. Vannius ward
mit Marbods höchster Bekümmernüs für todt von der Wallstatt auffgehoben; endlich
aber durch Erquickungen wieder zum Atmen / und endlich durch Aderlassen; weil
das Geblüte wegen verhinderter Umkreissung das Hertze erstecken wollte / zu
Kräfften gebracht. König Marbod rückte noch selbigen Tag für die an der Weichsel
auff einem Berge liegende Festung Carrodun; darinnen die Hertzogin der
Naharvaler Hermegild des Logobardischen Fürsten Tochter selbst ihr Eh-Herr in
der Schlacht erschlagen; ihre zwei Söhne aber gefangen waren. Weil nun der Ort
feste; liess Marbod selbten mit Bedräuung: dass er bei verweigerter Aufgabe der
Fürstin Söhne um Carrodun zu tode schleiffen / und den Hunden fürwerffen wollte /
auffordern. Die Fürstin liess anfangs dem Marbod zur Antwort wissen: der Hunde
Magen wäre ein edler Grab ihrer Söhne / als todter Marmel. Und als er einen
Knecht in der Tracht eines ihrer Söhne um die Stadt schlieffen liess; schickte
sie ihm einen Korb voll Rosen heraus / und liess ihm entbieten: Er möchte doch
darmit ihres Sohnes Leiche bestreuen lassen / um zu schauen: Ob die
Naharvalischen Blumen so kräfftig / als die Trojanischen wären / wormit Venus
Hectors Leiche für Zerreissung der Hunde beschirmet haben sollte. Endlich
ersuchte sie den Marbod: er möchte auff gutes Vertrauen mit ihr selbst die
Bedingungen der Ubergabe zu schlüssen belieben; und sich dem eussersten Turme
nähern; darauff sie bei Fürstlichen treuen Worten alleine erscheinen wollte.
Marbod / welcher diese Fürstin ihrer Grossmütigkeit halber sehr hatte rühmen
hören / kam /ungeachtet alles Wiederratens / an denselben Turn; da er deñ von
ihr allein die Bitte vernahm: er möchte sie mit der Leiche ihres Eh-Herrn
beschencken. Marbod sagte: Sie sollte diss und alle Höfligkeit bei Ubergebung der
Stadt erlangen. Sie aber antwortete lachende: Es wäre eine grosse Torheit die
Todten mit Lebenden verwechseln; in dem ein Feind zwar diesen Schaden / jenen
aber kein Haar mehr krümmen könnte. Marbod fuhr fort: So wollte er denn ihre Söhne
in ihrem Gesichte abschlachten lassen. Sie lachte abermals / entblöste ihren
Unterteil des Leibes / und sagte: Siehe Marbod: dass die Werckstadt mehrer Söhne
hier noch ganz unverletzt sei. Marbod wendete schamrot das Pferd um / kehrte
spornstreichs zurück; und befahl mit allen Kräfften die Belägerung zu befördern.
Wiewol nun die Mauerbrecher wegen der Höhe nicht zu brauchen waren; so drangen
die Marckmänner doch durch Untergrabung in die Stadt. Die Fürstin zohe sich
hierauf mit dem Kriegs-Volcke in das Schloss; und liess unter die Eroberer
dreihundert wilde Schweine los; mit welchen sie ihnen genung zu tun machte /
und inzwischen alles ihr Volck sicher in das Schloss brachte. Aber diese wilden
Tiere wurden auch bald gefället; und hiervon zehen Rittern der Nahme Schweinitz
zugeeignet; folgends von dem Ritter Turn / der ihm die seines wegen
gleichmässiger Ersteigung erlangten Nahmens Ehre ausbat / das Schloss
übermeistert. Ja ob sich wohl die Fürstin der Naharvaler / wie Asdrubals Gemahlin
zu Cartago /aus dem Fenster in Graben stürtzte; brach sie doch nur einen
Schenckel; ward also wieder ihren Willen aufgehoben und geheilet. Wormit aber
der kluge Marbod nicht so wohl der Naharvaler Mauern / als ihre Hertzen eroberte
/ liess er mit unglaublicher Mühe auff dem Bojischen Gebürge tausend der grösten
Lier-Bäume ausheben / und selbte rings um der Naharvaler heiligen Hein setzen.
Denn er wusste wohl: dass das Schiff eines Reiches nicht feste stehen könnte / wenn
es nicht der eingesenckte Ancker der wahren / oder wenigstens der angenommenen
Gottesfurcht hielte. Alleine diss war nicht so wohl ein Geschencke Marbods /als
der Naharvaler selbst; welche unsäglich viel Schweiss nicht so wohl der daselbst
angebeteten Gotteit / als Marbods Ehrsucht und Heuchelei opfferten. Diesemnach
denn die Andacht und Freigebigkeit /wie auch alle dieselben Opffer / welche
Fürsten für erwürgte Menschen von dem ausgepressten Schweiss und Blute der
Uberwundenen GOtt zu bringen pflegen / keine geringere Flecken an sich kleben
haben / als das von der Phryne in den Grichischen Tempel gewiedmete goldene Bild
/ welches Crates gar recht ein Sieges-Zeichen der Grichischen Unmässigkeit hiess.
König Marbod aber hatte kaum diss Werck vollbracht; als er Nachricht bekam: dass
die zwischen den Brunnen der Oder und der Weichsel wohnenden Gotinen; derer
Sprache anzeiget: dass sie von den Galliern ihren Uhrsprung haben / auf
Verleitung der Lygier nicht nur im Anzuge wären; sondern auch der Cheruskische
über die Quaden zwischen der Donau / dem Bojischen- und Mohnden-Gebürge gesetzte
Stadtalter /mächtige Krieges-Rüstungen machte; und weil ohne diss der
Cheruskische Feldherr Segimer seinen Feind den Fürsten Jubil bei sich hielte /
und den Marckmännern wenig hold wäre / solche nicht unbillich gegen ihm
angesehen zu sein schiene. Diesemnach schickte er den Vannius mit zwölff tausend
Kriegs- den Gotinen entgegen; welcher sich in einen Wald versteckte / die
darein sonder einige Furcht und Vorsicht rückende Feinde auf allen Seiten
überfiel und mit ihrem Fürsten auffs Haupt erlegte; hierauf ein Teil seines
Volckes in der erschlagenen Gotinen Röcke verkleidete / und den Ritter
Oppersdorff darmit gegen die bei dem Brunnen der Oder gelegene Stadt Parienna
schickte / und selbte unter dem Scheine: dass sie darein von dem Hertzoge zur
Besatzung geschickt würden / ohne Wiederstand eroberte. Vannius selbst
durchstreiffte das ganze Land / und bemächtigte sich etlicher festen Plätze.
Inzwischen demütigten sich die übrigen Lygier / Logionen und Burgundier unter
die Siegs-Hand des mit den dreien Herren ihnen im Hertzen stehenden Königs
Marbod; leisteten gegen Bestetigung ihrer alten Rechte ihm den Eyd der Treue;
und versicherten ihn im Wercke zu bezeugen: dass zwischen Sieger und Besiegten
niemahls die Verträuligkeit fester klebte / als wenn sie vorher aufs eusserste
ihre Kräfften gegen einander geprüfet hätten. König Marbod schlug eine grosse
Anzahl derer / die in diesem Kriege sich tapffer gehalten hatten; und darunter
Seidlitzen / Gerssdorffen / Pritwitzen / Stoschen / Rohren / Zedlitzen /
Schmoltzen / Kitlitzen / Bocken / Hauwitzen / Pogrellen / Retschin / Hund /
Tschammer / Abschatz / Röder / Schöneich / Schindel / Mülheim / Dier / Braun /
Gafron / Ratzbar / Heide /Logau / Strachwitz / Borschnitz / Waldau / Leftwitz
/Hocke / Studnitz / Barut / Niemitz / Nimptschen /und noch viel andere
Marsinger und Marckmänner zu Rittern; liess durch seine Kriegs-Obersten sich
aller vorteilhaften Plätze / besonders an der Weichsel gegen die Sarmater
auffs beste versichern / er aber rückte mit einem mächtigen Heere in der
Gotiner Gebiete / darinnen er zu völliger Uberwindung dieser ohne diss zur
Dienstbarkeit geneigten / und teils den Sarmaten / teils den Quaden
Zinssgebender Völcker wenig zu tun fand; weil Vannius das meiste schwere getan
/ den Ruhm aber alleine für seinen König ausgehoben hatte. Marbod rühmte diese
ungemeine Dienste des Vannius / und fragte: welcher Gestalt er sie gegen ihm
durch Danckbarkeit ausgegleicht wünschte. Vannius fieng hierüber an zu seuffzen;
meldende: sein Wunsch übersteige die Bescheidenheit eines schlechten Dieners;
wiewol nicht das Vermögen eines so grossen Königes; und daher wollte er lieber
seinen Begierden / als seiner verbindlichen Erniedrigung etwas abbrechen; weil
doch die Sache so gross wäre; die er ihm nicht zuzumuten traute / wenn er schon
zehnmahl so viel Verdienste für sich anzuziehen hätte. Marbod aber antwortete:
Er hätte dem Vannius nicht nur viel Siege / sondern auch etliche mahl das Leben
zu dancken; also sollte er es kühnlich begehren; wormit er sein eigen Gemüte
erleichterte / ihn / den König aber einer so grossen Schuld entladete. Vannius
eröffnete hierauf: Er wäre aus dem edlen Geschlechte des Fürsten Tuder / des
berühmten Königes der Quaden. Vom Verhängnisse rührte her: dass die Cherusker die
Ober-Herrschaft an sich gerissen hätten; die Quaden aber durch die häuffig in
ihr Land geführte Schwaben gleichsam wären zu Knechten gemacht worden. Sein
Vater hätte zwar bei dem langen Bürgerlichen Kriege sich mehrmahls bemüht die
unter dem Joche lechsenden Quaden in ihre alte Freiheit zu setzen; und er selbst
sich zweimahl ins geheim hinein gewagt; alleine beider Anschläge wären allemahl
durch seltzame Zufälle zu Wasser worden. Wenn ihm mm König Marbod ein Teil
seines Krieges-Volckes verleihen wollte / wäre er entschlossen anjetzt / da die
Cherusker anderwerts alle Hände voll zu tun / den Drusus auf dem Nacken hätten
durch der Marckmänner Siege die Macht der Cherusker auch von den Quaden ganz
abgeschnitten wären / sein Heil in Eroberung seines väterlichen Reiches zu
versuchen. Er hätte bereit etliche verträuliche Quaden an sich gezogen; die ihm
die schlechte Verfassung der Cherusker /die Abneigung / welche die bedrängten
Quaden von ihnen hätten / eröffnet / und zu einem leichten Obsiege grosse
Hoffnung machten. König Marbod umarmte den Vannius / hiess ihn seinen Bruder /
bot ihm alle Kriegs-Macht / ja sich selbst zum Gefärten an /wenn nicht Vannius
selbst seinem Anschlage dienlicher / seiner Tapfferkeit rühmlicher hielte: dass
er nur alleine in das Gebiete der Quaden / als ihr rechtmässiger König /
einbräche. Vannius drang hierauf mit dreissig tausend Mann über das von vielem
Eisen-Bergwerck berühmte Monden-Gebürge / in welchem die Gotiner / als
Leibeigene / den Quaden arbeiten müssen. Der Wiederstand war schlecht / weil er
seine Feinde durch eine Kriegs-List auf einen andern Ort verleitet hatte. Er
nahm die am Marus-Strome unter dem Gebürge in einer fruchtbaren Fläche gelegene
Stadt Eburan zwar mit Sturm ein / liess aber keinem Quaden weder an Leibe noch
Gütern das geringste Leid antun / sondern sich für einen Enckel des Fürsten
Tuder / für einen König der Quaden ausblasen /welcher mit seiner Kriegs-Macht
nicht sie zu beschädigen / sondern aus der Cheruskischen Dienstbarkeit zu retten
dahin kommen wäre. Er tödtete alle Cherusker / und setzte lauter Quaden in die
Aempter. Marbod liess daselbst sich auch erklären: dass er an die Quaden keinen
Anspruch / sondern ihrem rechtmässigen Fürsten nur diese Hülffs-Völcker verliehen
hätte /die er alsobald wieder abfordern würde; wenn er die Quaden zu ihrer
Freiheit gebracht. Vannius / weil er vernahm: dass der Feind bei Eburodun eine
Macht versamlete; wollte keine Zeit verspielen / rückte also in zwei Tagen dahin;
inzwischen breitete sich der Ruff von des Vannius Fürhaben durch das ganze Land
aus; also: dass nach dem der Ritter Zierotin mit seinem Vortrabe sechstausend
Cherusker und Schwaben geschlagen hatte; die bei Eburodun versammleten Quaden
auf Anstifften eines von Eburum dahin vom Vannius geschickten Edelmanns Choltitz
/ die Cheruskischen Befehlhaber verliessen / und zum Vannius übergiengen; Die
Cherusker und Schwaben aber teils in die Stadt und nahe darbei auf einem Felsen
liegende Festung sich verstecken mussten. Gleichwol entschloss sich Vannius mit
der Helffte seines Heeres selbte zu belägern; mit der andern Helffte aber
fortzurücken / und die Versamlung der zerteilten Feinde zu hindern. Die Ritter
Losenstein / Würben /Schlick / Traun und Polheim waren die Kriegshäupter der
Belägerer / Hardeck / Rotal / Schlawata / und Windisch-Grätz der Belägerten.
Wie hartnäckicht sie nun gleich diese Stadt und Schloss verteidigten / so
giengen doch alle Nacht viel Quaden zu den Marckmännern über / alldar sie auffs
freundlichste aufgenommen wurden / hingegen den Belägerern alle Heimligkeiten
entdeckten. Dahero denn / weil diese durch einen unterirrdischen Gang fünff
hundert Mann in die Stadt spielten / die Quadischen Einwohner auch selbst wieder
die Besazzung die Waffen ergrieffen /die Stadt leicht stürmender Hand erobert /
Schlawata und Windisch-Grätz selbst tödtlich verwundet wurden. Vannius aber
rückte sonder einigen Wiederstand biss nach Medoslamium fort / allwo Segestes
oder Sieg-Ast der Cassuarier Hertzog als Oberster Stadtalter des Feldherrn
Segimers / vom Flusse Narus / als dem damahls eussersten Ende des Quadischen
Reiches / alle Macht versamlet hatte. Die Quaden aber verliessen ihn eben so wohl
grossen Teils; also: dass Vannius sonder grossen Verlust den Feind aus dem Felde
schlug / den Segestes selbst gefangen bekam; die Städte Medoslamium und
Celemantia an dem Flusse Teja ihm die Schlüssel entgegen schickten; die Schwaben
auch selbst sich dem Vannius ergaben; die früchtigen Cherusker aber nirgends hin
/ als nach Carnunt an der Donau zu entkommen wussten; welche mächtige Stadt sich
unter der Römer Schutz freiwillig begeben hatte; als Tiberius mit Hülffe der
Skordisker so tieff bei denen Pannoniern eingebrochen war. Wesswegen der Römische
Land-Pfleger zu dem Vannius schickte / und ihn bedreulich aus dem Quadrischen
Gebiete / weswegen die Römer mit den Cheruskern in Bündnüs stünden / zu weichen
ermahnen liess; welchem Vannius / nach eingeholetem Rate des Königs Marbod /
antwortete: Die Römer hätten ihm in seinem väterlichen Reiche so wenig / als er
ihnen zu Rom Gesetze fürzuschreiben / und er hätte an dem Könige Marbod einen
mächtigern Bundsgenossen /als die Cherusker an den Römern. Weil nun die Römer zu
Carnunt zwar einen Fuss / aber keinen Nachdruck hatten / unterdess aber die
Feindschaft zwischen dem Segimer und Drusus ruchbar ward; machte sich Vannius
zum völligen Oberhaupte der Quaden / und bestieg mit grossem Frolocken den Stul
des grossen Königes Tuder.
    Also hat das Verhängnüs gleichsam sein Spiel mit Veränderung der
Herrschaften; und ergetzet sich an Erhebung eines untergedrückten / und an
Abstürtzung eines empor gestiegenen Geschlechtes / welches aber mit der Zeit
nach dem Beispiele eines sich umwenden den Rades wieder in die Höhe steigt; und
lassen sich alle der Herrschaft gewohnte Stämme schwerer / als Dornen
ausrotten. Denn wenn selbte gleich aus bitterstem Hasse des Volckes verstossen /
auch sie mit grosser Blutstürtzung vertilgt werden / bleibt doch noch ins gemein
ein verborgener Käum übrig / welchen das Volck hernach so begierig wieder
pfleget /als es vorher seinen Stamm beschädigt hatte / entweder weil es sich
durch Erkiesung neuer Herren selten verbessert sieht; oder weil die Zeit so wohl
die Gramschaft / als unreiffe Früchte versüsset; auch gehabte und künftige
Fürsten uns allezeit besser / als die gegenwärtigen zu sein düncken.
    Vannius war kaum fertig / als er vom Könige Marbod Nachricht erhielt: dass
Drusus mit grosser Kriegs-Macht über den Rhein gesetzt / und wieder die
Sicambrer und Catten bereit ziemlichen Vorteil erlangt hätte. Weil nun die
Länder zwischen der Saale und Elbe der meisten Kriegs-Macht entblöst / einem so
listigen Feinde aber nicht zu trauen wäre; Gleichwol aber er aus den Lygiern
sein Heer nicht so bald daselbst hinziehen könnte; ersuchte er ihn mit seinen
entpehrlichen Völckern geraden Weges durch das Bojische Reich zu Beschirmung der
Hermundurischen Gräntzen zu eilen. Vannius stellte bei den Quaden alles in gute
Sicherheit / und kam mit zwantzig tausend Marckmännern und Quaden an die Sale.
Weil er nun vernahm: dass Drusus seinen Zug recht gegen die Hermundurer
einrichtete / verständigte er es den König Marbod / der mit seinem Heere bereit
biss zu den Semnonern kommen war. Dieser eilte Tag und Nacht / und stiess den Tag
vorher / ehe man des Drusus Vortrab ausspürte / bei dem Hermundurischen
Saltz-See zum Vannius. Weil nun Drusus ihnen nicht gewachsen war / gab er gute
Worte / beschenkte beide Könige / machte mit ihnen Freundschaft und Bindnüs /
und richtete seinen Weg gegen die Cherusker; allwo er aber den Ruhm seiner
vorigen Siege und zugleich sein Leben einbüste.
    Weil nun Augustus den dem Drusus angetanen Spott zu rächen / den Tiberius
Nero abermals mit Kriegs-Macht über den Rhein / den Sentius Saturninus aber in
Pannonien schickte / jener zwar hin und wieder streiffte / aber nichts
hauptsächliches ausrichtete / noch ein Haupt-Treffen wagen wollte / und also so
gut er konnte Frieden machte; wiewol ihn der Kayser deswegen an statt des Drusus
zum Sohne annahm / und ihm die Würde eines Feld-Herrn zueignete / dieser aber
nach etlichen wieder die von den Quaden nunmehr Hülff-los gelassene Pannonier
erlangten Vorteilen zum Land-Vogte in dem von den Römern besessenen
Deutschlande gemacht ward; kriegte König Marbod Lufft und Gelegenheit sich der
übrigen zwischen der Weichsel und Elbe gelegenen Völckern vollends zu
bemächtigen.
    Es war der auf beiden Seiten der Weichsel und an dem Schwäbisschen Ost-Meere
gelegenen Gotaner /Estier und Lemovier Hertzog Arnold / des Mauritanischen
Königs Bojud Schwester-Sohn. Denn sein Vater Ehrenfried / als damahls ein
abgefundener Herr / hatte mit denen Africanischen Kauf-Schiffen / welche nach
Wisbye auf Gotland handeln / und wegen des Agsteins oft an dem Estischen
See-Ufer anlenden / sich in Mauritanien übersetzen lassen; und in dem Treffen
zwischen des Kaysers Julius und des Pompejus Kriegs-Heeren sich nicht nur sehr
ritterlich bezeiget / sondern auch dem alten Könige Bojud das Leben erhalten;
weswegen er ihm seine Tochter vermählet /und die Stadt Lix / des Anteischen
Riesen alte Wohnung / an dem Flusse Lixus / nebst einer sehr fruchtbaren
Landschaft eingeräumet hatte / in welcher so grosse Weinstöcke und Trauben
wachsen: dass die ersten zwei Männer nicht umarmen können; die Weinbeeren aber
Hüner-Eyern gleichen. Nach seines ältesten Bruders Tode aber erkiesete er doch
für diesem Lustgarten sein raues Vaterland; zeugte daselbst mit ihr
unterschiedene Kinder / und liess zum Erben seiner Fürstentümer oberwähnten
Hertzog Arnold. Wie nun inzwischen König Bogud den unglücklichen Zug in
Hispanien dem Antonius zu Liebe tät; daselbst geschlagen / und hernach / als
die Tingitaner von ihm ab / Bochus und die Römer ihn mit grosser Macht
überfielen / sein ganzes Reich dem Sohne zu teile; ja er endlich selbst vom
Agrippa bei Meton erschlagen ward; nahm Micipsa Bogudes Sohn mit etlichen edlen
Mohren zu seiner Schwester über das Meer in Deutschland seine Zuflucht. Dieser
als ein so naher Freund und geschickter Herr / ward nicht nur von seiner
Schwester Elissa / sondern auch von ihrem Sohne dem herrschenden Fürsten Arnold
auffs freundlichste empfangen / und aufs beste unterhalten. Dieser Arnold hatte
des Sidinische Herzogs Tochter Gertrud zur Ehe / eine Fürstin von
unvergleichlicher Schönheit. Weil nun seine Liebe gegen ihr übermässig war /konnte
sie nichts / als eine ungeartete Tochter gebähren / nämlich die Eyversucht;
also: dass / ob sie zwar sonst alles hatte / was ihr Hertz verlangte / sie
dennoch meist in der Einsamkeit / gleich als in einem Kercker leben musste.
Gleichwol aber erlaubte er ihr wieder seine Gewonheit seinen Vetter Micipsa mit
allen Ergetzligkeiten zu unterhalten. Es war kein Jahr seiner Anwesenheit
vorbei; als Gertrud auf einmal eine schneeweisse Tochter / und einen braunen
Sohn gebahr. Die Freude der glücklichen Geburt verwandelte sich / so bald
Gertrud dieses Mohren-Kind anblickte / in ein solches Hertzeleid / welchem die
überstandenen Geburts-Schmertzen nicht zu vergleichen waren / und sie würde es
mit hundert mahl so viel Wehen gerne in ihren mütterlichen Leib wieder
verschlossen haben / als selbter es an das Tagelicht gebracht hatte. Sie
stürtzte anfangs eine See voll Tränen / und ihre Augen nicht minder Wasser /
als ihr Leib Blut von sich. Dieses Weinen verwandelte sich in Seuffzer / hernach
in ein Recheln / und endlich in eine kalte Ohnmacht. Ihre Gehülffen hatten mit
Kühlen und reiben eine Stunde zu tun / ehe man wieder ein Leben an ihr sah. Wie
sie sich nun endlich wieder erholete / fragte Hertzog Arnolds Mutter nach der
Ursache ihrer so plötzlichen Veränderung. Gertrud zeigte auf den für ihr
liegenden schwartzen Sohn; gleich als wenn diss dem schwartzen Tode ähnliche Kind
ihr eine genungsame Ursache ihrer Todes-Angst andeutete. Elissa sagte hierauf:
bin ich doch selbst / und keines der Kinder in Africa weisser / als dieses.
Gertrud seuffzete / und rieff allein mit verbrochenen Worten: Ach! Arnold!
Arnold! Elissa merckte nunmehr: dass sie wegen ihres Eyversüchtigen Ehherrns in
Beisorge stünde; samt sie bei ihm in Verdacht einer mit dem Micipsa zugehaltenen
Liebe verfallen würde. Dahero ermahnte sie sie / ihr keinen Kummer zu machen;
ihrer beider nahe Bluts-Freundschaft / ihre Tugend und Treue wären genungsame
Vorredner und Zeugnüsse ihrer Unschuld. Arnold wäre selbst der Mutter nach aus
Mohrischem Geschlechte; da man denn Beispiele hätte: dass die Art und Aehnligkeit
der Gross-Eltern sich erst an Kindes-Kindern herfür täte. Zu dem wäre die blosse
Einbildung schwangerer Mütter eine seltzame Mahlerin und Bildschnitzerin. Eine
Mohrische Königin hätte sich an einem weissen Marmel-Bilde Andromedens versehen:
dass sie eine weisse Tochter geboren. Eine Fürstin der Estier hätte wegen eines
ihr nachdrücklich eingebildeten Bäres / den sie auff der Jagt erlegt / einen
ganz rauchen Sohn zur Welt bracht. Ja es stimmten alle Naturkündiger überein:
dass der Weiber heftige Einbildung in der ehlichen Beiwohnung durch die
kräfftige Würckung der Seele sich auch in die eusserliche Bildung der
empfangenden Frucht auszulassen mächtig; und dannenhero nichts verdächtiges
wäre: dass diss ihr Kind nach dem Micipsa und andern um sich habenden Mohren wäre
gebildet worden. Gertrud / nach dem sie durch einen hochbeteuerlichen Eyd
bekräfftigt hatte: dass diss braune Kind Arnolds Sohn wäre; antwortete Elissen:
Aller Verdacht liesse sich mit vernünftigen Gründen ablehnen; was aber die
blinde Eyversucht mit ihrem stinckenden Ateme einmal schwärtzte /könnte die
vollkommenste Unschuld mit keiner Lauge noch Seiffe wieder rein waschen. Denn
dieses Laster speisete sich nichts minder mit des Ehweibes Flecken; als die
Kefer mit Mist und Unflat. Ja es wäre geartet / wie gewisse Feigen / welche
durch Zeugung eines besondern Gewürmes allererst sich reiff und vollkommen
machten; und die Eyversucht meinte so denn den Purpur der Tugend anzuhaben; wenn
es ein unschuldiges Weib mit dem Geschmeisse des Ehbruchs für der Welt besudelt
und verdächtig gemacht hätte. Der argwöhnische Arnold hätte sie sonder einigen
Anlass wie ein hundert äugichter Argos bewachet; nunmehr würde bei so scheinbarem
Grunde sie kein Ding auff der Welt von Verdammung des Ehbruchs entschütten
können; und sie wollte durch selbständige Verspritzung ihres Blutes seiner Rache
selbst gerne den Dienst des Nachrichters verrichten; sie sollten nur ein Mittel
er sinnen ihre Unschuld und guten Nahmen bei der Nachwelt zu erhalten. Elissen /
und denen anwesenden drei andern edlen Frauen fielen für Mitleiden so viel
Tränen aus den Augen: dass sie das berähmte Kind hätten daraus baden können /
wenn nur ihr Saltz eine genungsam scharffe Lauge abgäbe natürliche Flecken des
Leibes wie der Seele abzuwaschen. Weil aber diss vergebens war / machten sie nach
reiffer Beratung einen Schluss dem Hertzoge nur die Geburt der weissen Tochter zu
eröffnen / den schwartzen Sohn aber zu vertuschen / und anderwerts erziehen zu
lassen; darzu denn Leitolde die Hofmeisterin eine Sidinische Edel-Frau schon
Gelegenheit zu finden versprach. Diesen Schluss eröffneten sie der Fürstin
Gertrud; bei welcher nunmehr die Ehren- und Mutter-Liebe einen innerlichen Krieg
anfieng; indem jene zu der Entfernung ihres Kindes stimmte / diese aber sie
nicht wollte geschehen lassen; weil über die besorgten fremden Zufälle in
Deutschland auch unter Fürsten nicht nur ungewöhnlich ist / sondern für eine
auch so gar wilden Tieren ungemeine Unart gehalten wird; wenn eine Mutter ihr
Kind nicht mit eigenen Brüsten nähret; sondern sie Mägden als Seug-Ammen
hingiebet. Daher / als Leitolde das Kind aus der Wiege nahm und forttragen
wollte; fieng die Fürstin Gertrud überlaut an zu ruffen: haltet und last mir mein
Kind ungeraubet; weil ich mich lieber selbst / als diss mein anderes Mich / das
beste Teil meines Leibes und die einige Freude meiner Seele verlieren will.
Unterstehet ihr euch das Gesetze der Natur zu verletzen / und das
unzertrennliche Band des Gemütes und der Liebe /welches Eltern und Kinder
vereinbart / zu zerschneiden? meint ihr: dass eine Mutter ihr zartes Kind aus
den Augen lassen könne / ohne dass sie es nicht zugleich aus dem Hertzen
verliere? Sintemahl der Zunder der Mutter-Liebe durch die holden Anblicke ihrer
Augen vermehret wird; also notwendig durch ihre Entfernung verleschen muss. Was
ists vor ein Unterscheid: Ob ich meines Kindes als eines Todten / oder als eines
verstossenen vergesse? würde mein Sohn mich künftig des Mutter-Nahmens zu
würdigen Ursache / oder mich zu lieben Anlass haben / weil ich ihm die
Gelegenheit mich zu kennen / und die Empfindligkeit nach mir zu verlangen
verstricke? die ersten Käumen der angebohrnen Zuneigung erstecke /wenn ich
seinem Gesichte mein Antlitz / seinen Ohren die lockende Mutter-Stimme / seinem
Fühlen die hertzlichen Küsse / seinem Geschmacke die süsse Mutter-Milch
entziehe; und also keiner seiner Sinnen den innerlichen Funcken der Kinder-Liebe
auffblasen kann; als an welcher die Einbild- und Angewöhnung fast mehr / als die
Natur Teil hat. Daher lasset ehe meinen Eh-Herrn mich tödten / als dass ich eine
Kinder-Mörderin werde. Denn es ist besser tod sein / und das Kind nicht lieben
können / als leben / und es nicht lieben wollen. Die Fürstin Elissa redete ihr
ein: Es wäre verantwortlicher beide / als eines / beim Leben erhalten; auch die
notwendige Entfernung eines Kindes nichts weniger als ein Todschlag zu nennen.
Wie viel Kinder verlieren ihre Mütter bald nach- oder auch für der Geburt;
müsten also nicht nur fremder Frauen / sondern zuweiln gar wilder Tiere Brüste
saugen. Und ich / versetzte Gertrud / soll meine Brüste meinem Kinde entziehen /
welche die barmhertzigen Wölffe und Bären Menschen verleihen? Keine andere Not
kann Mütter dieser ihrer Pflicht erlassen / als der Tod / welcher freilich alle
Verbindligkeit nicht nur gegen Menschen / sondern gar gegen GOtt aufhebt.
Sintemahl unsere Leichen weder iemanden dienen /noch GOtt verehren können.
Ausser dieser Hindernüs aber ist die nur eine halbe Mutter / welche zwar
gebieret / aber nicht säuget. Denn mit was für Gewissen kann sie sich weigern mit
ihrer Milch zu unterhalten /was sie lebendig für sich und nach ihrer Nahrung
lächeln sieht; Da sie nur das unsichtbare mit ihrem Blute in ihren Eingeweiden
speisete / ehe sie noch wusste: Ob es ein Kind oder eine Missgeburt sein würde. O
ihr grausamen Halb-Mütter! meint  ihr: dass die Natur euch die Brüste nur zu
Aepfeln der Wollust / zu Lock-Vögeln der Geilheit / zu unfruchtbarer Zierde der
Brust habe wachsen lassen / nicht vielmehr aber zu heiligen Lebens-Brunnen / zu
Wunderquellen / für das noch ohnmächtige menschlichte Geschlechte erschaffen
habe? meint ihr: dass es keine der Natur angefügte Gewalttat / und weil es kein
Wild tut /ein mehr als viehisches Beginnen sei / wenn ihr mit Binden und
anderem abscheulichen Zwange die Röhren dieser Milch-Quelle verstopffet / die
mütterlichen Adern austrocknet / und um nur schön und unverfallen zu bleiben /
das Geblüte mit Gefahr des Lebens entweder erstecket / oder auf einen Abweg
zwinget? Ist es ein grosser Unterscheid: Ob ihr in euren Brüsten / oder in eurem
Leibe die Fruchtbarkeit hindert /ob ihr dort den Unterhalt / oder hier den
Anfang eines Kindes tödtet / und mit abscheulichen Künsten die empfangene Frucht
/ weil sie noch unter der grossen Künstlerin der Natur Händen und in der Arbeit
ist /abtreibet / wormit euer glatter Bauch nur nicht runtzlicht und abhängend
werde / und ihr keine Geburts-Schmertzen fühlet? Elissa brach ein: Sie möchte ihr
so schwere Gedancken über dem nicht machen /was nicht nur die Erhaltung ihres
Lebens / sondern auch ihrer Ehre unvermeidlich erforderte; ja was die gütige
Natur mehrmahls selbst zu tun keine Abscheu hätte; wenn sie entweder die Milch
in Brüsten versäugen / oder einigen keine zur Säugung nötige Wartzen wachsen
liesse. Die gäntzliche Entziehung / nicht aber die Verwechselung der
Frauen-Milch wäre unverantwortlich; und ihrem Sohne nichts daran gelegen: Ob ihn
seine eigene / oder eine andere Mutter tränckte; ja ihm vielleicht dienlicher:
dass er anderwerts alleine einer ganzen Amme / als hier einer halben Mutter
genüsse; Gertrud aber ihre mütterliche Freigebigkeit so viel reichlicher gegen
ihre Tochter mit Darreichung beider vollen Brüste ausüben könnte; welche für
beide Zwillinge eine zu sparsame Speise-Meisterin abgeben dörffte. Nein / nein /
antwortete Gertrud. Darum hat die Natur nicht eine / sondern zwei Brüste wachsen
lassen: dass eine Mutter mehr /als ein Kind säugen köñe. Und die / welche Kräften
gehabt hat / in Mutterleibe mehr / als eines mit ihrem Blute zu speisen / darff
an auskomentlichem Milch-Vorrate nicht zweifeln; wo sie die reichliche
Versorgerin die Natur nicht zu einer kargen Stieff-Mutter machen will. Da sie
nun mich mit dem Reichtume zweier Kinder / mit der Fruchtbarkeit zweier von
Milch strutzender Brüste begabet hat / welche durch ihr Stechen ihre Begierde
meine Leibes-Früchte zu nähren eröffnen; wie mag man meine Grausamkeit mit dem
Mangel unfruchtbarer Weiber entschuldigen? Vergebens müht ihr euch auch mir
eines durch diesen Traum aufzubinden: dass die Natur für Kinder zwar die Nahrung
/ aber nicht so genau ihrer Mütter erfordere. Warum geben diese falsche Ausleger
der natürlichen Geheimnisse nicht auch für: es liege nichts daran / in wessen
Leibe / oder aus wessen Saamen Kinder zusammen geronnen sind? Sintemahl ja
dieser von den Lebens-Geistern in den Brüsten weissgeläuterte Safft eben das Blut
ist / welches das Kind in der Mutter genehret hat; welches die weise Heb-Amme
und Kinder-Wärterin die Natur / so bald sie das Kind in Mutterleibe vollkommen
gemacht hat / mit unbegreiflicher Kunst in geheimen Röhren in das oberste Teil
der Mutter empor zeucht; und zu der Gebohrnen anständigem Brod und Weine
bereitet. Ist es aber nicht wahr: dass nicht alle Speisen allen schmecken / oder
gesund sind? dass die Natur für einem Geträncke diesem einen Eckel / jenem darzu
eine Lüsternheit eingepflantzt hat? habt ihr nie gesehen / wie neugebohrne
Kinder ins gemein an fremden Brüsten nicht saugen wollen? Glaubet ihr nicht: dass
wie die Krafft des Elterlichen Saamens in den Kindern die Aehnligkeit des Leibes
und Gemütes verursache; also die Mutter-Milch ihm ihre Eigenschaften
einflösse. Machet doch die getrunckene Schaf-Milch den Ziegen weichere Haare /
und Ziegen-Milch bei den Schafen härtere Wolle. Der Safft der Erde / welcher der
Bäume und Pflantzen Milch ist / machet in Trauben / in Granat-Aepffeln / und
andern Früchten einen so grossen Unterscheid: dass niemand glauben würde / beides
sei aus einerlei Weinstöcken / Gesäme und Stauden entsprossen. Warum soll nicht
auch die Milch einer unedlen / einer an Leibe oder Gemüte ungesunden Amme /
denen herrliche Eigenschaften eines edlen Kindes Abbruch tun? Wisset ihr wohl
eine vernünftigere Ursache / warum mehrmahls Fürstliche Kinder ihren
Helden-Vätern / ihren tugendhaften Müttern / mit keiner Ader ähnlich sind /
auffzufinden; Als dass man selbte einer furchtsamen Ausländerin /einer geilen
Magd / einer ungeneussigen Amme zur Säugung übergeben? Leitolde hörete dieser
aus mütterlicher Liebe heraus stossenden Ungedult mit so viel mehr Gedult zu;
weil sie wusste: dass sich undienliche Quellen und heftige Regungen nicht
verstopffen liessen / sondern man sie auf die Seite leiten müste. Daher hielt
sie ihr / nach dem sie selbst zu reden aufhörte / anfangs ein: dass sie an ihrem
Sohne keine grausamere Unbarmhertzigkeit / als durch ihren verlangten Tod
verüben könnte; ja / wenn sie seine Entfernung hinderte / würde sie ihren
Ehgemahl zum Vater-Mörder ihres Kindes machen; weil die Eyversucht ihm dessen
Hinrichtung als eine gerechte Rache / und eine ruhmbare Vertilgung einer
unächten Missgeburt fürbilden würde. Was könnte aber schrecklicher sein /als
seines Kindes Scharffrichterin werden / und sein Ehgemahl in abscheuliche Laster
stürtzen. Die Gesetze der Natur wären wohl heilig; aber dem göttlichen
Verhängnisse / welches oft davon Absätze machte /folgen / noch heiliger. Die für
ihren Sohn bestimmte Amme wäre ihre eigene Tochter / welche / wie auch ihr
Ehmann / Gertruden so wohl von Gemüte / als Geblüte bekandt wäre; also dieser
junge Fürst aus ihren Brüsten hoffentlich nichts / was nach einer Magd oder
Untugend rüche / saugen würde. Als Gertrud diesen Vorschlag vernahm / seuffzete
sie / und gab sich endlich in der Anwesenden Willen / iedoch legte sie vorher
ihren Sohn an beide Brüste / und badete selbten mit mehr Tränen-Saltze / als er
Milch aus dem reichen Vorrate ihrer Brüste tranck; wormit sie zum minsten durch
diese erstere Nahrung ihrer Mutter-Pflicht etlicher massen ein Genügen täte.
Hierauff musste nur / wiewol mit eusserster Schwermut und einer halben Ohnmacht
/ die Natur der Vernunft weichen / und Gertrud sich der süssen Umarmung ihres
Sohnes entschlagen / um das Kleinod ihrer Unschuld und guten Nahmens zu behalten
/ ja ihr Kind lieber selbst verlieren / und Leitolden zur Entfernung
überreichen / als selbten durch Behaltung zu gäntzlichem Verluste in Gefahr
setzen. Die gemachte Anstalt ward so klüglich eingerichtet: dass weder der
Hertzog noch einig ander Mensch von diesem Mohren-Kinde was erfuhr; welches denn
/ als es die Fürstin mit tausend Küssen gesegnet hatte / bei oberwähnter
Sidinischen Edel-Frauen / die Dehnhofen einen tapffern Ritter zur Eh hatte /
unter dem Scheine: dass es ein von seinem in Hispanien unter denen Celtiberiern
angesessenem Bruder überschickter Knabe wäre / rühmlich und vielleicht besser /
als in seines Vaters Fürstlichem Hofe aufferzogen ward. Deñ beim Hofe-Leben
kirret die Wollust der schädliche Lock-Vogel mit ihren anmutigen Beeren auch
die besten Gemüter in das Garn des Verterbens; und die Heuchelei vermummet mit
ihrer Larve alle Laster: dass sie für Tugenden gelten /und verschwistert
gleichsam Himmel und Erde / Sternen und Kot mit einander: dass ein junger Fürst
zuweilen selbst nicht weiss: Ob er auf dem Scheide-Wege dieses irrsamen Lebens
den guten oder irrigen Pfad erkieset habe. Da doch bei einem jungen Fürsten /
welcher künftig soll ein untadelhaftes Muster aller Untertanen sein / diss /
was ihm zur Nahrung seiner Seele / zur Stärckung seines Gemütes beigebracht
wird / sorgfältiger / als die Leiblichen Speisen ihrer Gesundheit und
Schädligkeit halber zu untersuchen sind. Daher / und weil die Natur ehe in ihren
Würckungen irren / als ein Fürst bessere Untertanen machen kann / denn er selbst
ist / dieselben ärger tun und mehr Böses stifften / die eines jungen Herrn
bösen Neigungen den Zaum lassen / als welche einen gemeinen Brunn oder
Röhr-Kasten vergifften. Weil nun so wohl Kinder / als Pflantzen mehr nach der
Beschaffenheit ihrer Pflegung / als nach dem Einflüsse der Geburts-Sternen
arten; geriet dieser junge Fürst unter der Auffsicht eines von keiner
übermässigen Liebe nicht verbländeten Auffsehers / zwischen dem Staube der
Reñebahn / uñ unter der heilsamen Last der schweissichten Waffen so wohl: dass
dieser Ritter ihn im achzehenden Jahre in die Ferne zu schicken und daselbst
sein Glücke zu suchen für ratsam hielt. Ja ich weiss nicht: ob es durch eine
besondere Krafft der Elterlichen Zeugung / oder durch ein besonder Gelübde
seiner Mutter geschahe: dass in diesem Knaben sich die Schwärtze in braun / die
braune Farbe in gelbe; diese endlich in weisse nach und nach verwandelte; und
kein Mensch ihn mehr für einen Ausländer angesehen haben würde. Wie nun der
Sidinische Edelmann ihn rittermässig ausgerüstet / seines künftigen Verhaltens
wegen väterlich verwarnigt; dieser auch mit Ausdrückung aller Kindlichen Demut
Abschied genommen hatte; eröffnete ihm dieser Ritter zu guter letzte: Er wäre
sein Vater nicht / wie er ihm einbildete; sondern ein grösserer / als er fast
wünschen möchte; gleichwol aber hielte er es ihm noch zur Zeit zu eröffnen nicht
allerdings ratsam. Inzwischen wäre ihm darmit genung gesagt: dass er nichts
Unfürstliches fürnehmen sollte; wo er seinen Stand zu beflecken eine Abscheu
trüge. Die in dem Meere von den gesaltzenen Wellen wohl abgespielte Korallen
behalten nach ihrer Absonderung von der mütterlichen Wurtzel ihre beständige
Farbe; ja überkommen allererst eine gleichsam felsene Härte. Nicht anders
ergieng es mit diesem jungen Gotonischen Fürsten; welcher bei den Bojen durch
seine Tapferkeit anfangs einen hohen Ruhm der Tugend / hernach gar die
Königliche Tochter Hedwig erwarb; endlich aber mit dem Falle seines Schwähers
auch gleichsam wieder in seine erste Niedrigkeit verfiel. Denn diss eben war
Fürst Gottwald /König Critasirs Eydam; welcher nach Eroberung der Stadt
Boviasmum sich heimlich aus dem Staube machte / um sich mit den Bojen nicht der
vom Marbod erzwungenen schimpflichen Eydes-Leist- und Auswanderung zu
unterwerffen.
    Gottwald kehrte also mit seinem Sidinischen Pflege-Vater zurücke / welcher
bei dem Marsinger Hertzoge Bolcko wohl auffgenommen ward / und daselbst die
Nachricht von des Gotonischen Fürsten Arnolds Tode / und dass selbige Völcker
seiner Tochter Marmeline die Herrschaft zugeeignet hätten / erfuhr / und weil
der Ritter Dehnhoff dem Fürsten Gottwald seinen wahrhaften Uhrsprung mit allen
Umständen eröffnete; machte er sich mit diesem Ritter und folgends seiner
Pflege-Mutter nach der Gotonischen an dem Munde der Weichsel liegenden
Haupt-Stadt Godonium auf. Der Ritter kam zu seiner Schweher der Fürstlichen
Hofmeisterin / eröffnete ihr nichts minder alle Zufälle des Fürsten Gottwalds /
als seine Anwesenheit in der Stadt; welche ihn denn ferner zu der Fürstlichen
Wittib leitete / um mit einander fernere Anstalt zu beraten; weil der Tochter
Vermöge Hertzog Arnolds Verordnung bereit die völlige Herrschaft übergeben /
und nebst der Mutter die zwei Obersten Räte ihr biss zur Vermählung an die Seite
gesetzt waren. Diese hielt für ratsam ihrer Tochter der Fürstin Marmeline
alsofort das ganze Werck zu eröffnen / und ihr Schwesterlich Hertze dem Fürsten
Gottwald zum besten zu gewinnen; ehe solches durch Einblasung der Reichs-Räte
mit der Herrschsucht vergället würde. Diese kam und hörte ihrer Mutter Erzehlung
mit mehrmahliger Veränderung ihrer Gemüts-Regungen an; verbarg aber selbte
auffs möglichste. Beim Schlusse meldete sie: sie wäre begierig ihren Bruder bald
zu sehen und zu umarmen; bestimme auch eine gewisse Abends-Stunde zu dessen
Bewerckstelligung. Hertzog Gottwald ward auf bestimmte Zeit durch einen Garten in
der Hertzogin Gemach geleitet / und nichts minder von seiner Schwester / als
Mutter / mit denen allerempfindlichsten Liebes-Bezeigungen bewillkommet; iedoch
/ weil noch nicht alles nach Notdurft unterbaut / nach denen Höflingen es
offenbar zu machen tulich war; ward er mit seinen Pflege-Eltern wieder durch
den Garten aus dem Schloss gelassen. Gottwald wusste seine Vergnügung über so
gewünschtem Anfange nicht zu begreiffen; und meinte schon dem Glücke in der
Schoss zu sitzen; als er unversehens von einem Hauffen gewaffneter Leute umringt
/ und mit mördlichen Gewehren angetastet; also nebst dem Sidinischen Ritter sich
zur Gegenwehre zu stellen gezwungen ward. Alleine beide würden hier von einer
solchen Menge bald aufgeopfert worden sein / wenn nicht die alte Hertzogin in
ihrem Zimmer das Getümmel gehöret; und ihr gleichsam das Hertze ein Unglück
ihres Sohnes wahrgesagt / und endlich die Sidinische Frau an der Garten-Türe
durch hartes Anschlagen und heftig Mordgeschrei sie noch mehr ermuntert hätte.
Daher sie mit der Hofmeisterin und einem Edel-Knaben / der mit einer Fackel
ihnen vorleuchtete / durch den Garten selbtem zueilte / und den alten Ritter
bereit auf dem Bodeme halbtod ausgestreckt / den Fürsten Gottwald aber an einer
Wand angelehnet / gleichsam im Blute gebadet / und mit ohnmächtigen Armen die
Streiche versetzende antraff. Sie lieff halb blind zwischen die Degen /
verhinderte also seine endliche Ermordung /und erfuhr: dass sie auf Befehl ihres
Kriegs-Obersten diese Leute angetastet hätten / und sie aufzureiben befehlicht
wären. Die Hertzogin / welche hierüber nachdencklichen Argwohn schöpffte; verdiss
selbten gleichwol in dem Eyver / und sagte dem Hauptmanns: Er müste an denen
Personen geirret haben. Denn diss wären ihre Angehörigen / die sie auch hiermit
in ihren Schutz nehme; also sollte er sich auf die Haupt-Wache zurücke ziehen.
Sie aber nahm den halb-todten Gottwald / und die für Hertzeleid ihr die Haare
aus dem Kopffe reissende Frau bei der Hand / leitete sie auf das Schloss / liess
den Ritter ihr auch nachtragen. Die Stadt und der ganze Hof ward hierüber wache
/ nur in Marmelinens Zimmer war alles Maus-stille; welches der Hertzogin Argwohn
vermehrte; die für allen Dingen nur um Verbindung ihres verwundeten Sohnes
bekümmert war. Nach der ohne einigen Schlaff hingebrachten Nacht fügte sie sich
in Marmelinens Gemach / erzehlte ihr tränende den Verlauff / den ihr diese
ganz fremde machte / und nach etlichen Wortwechselungen anfieng: Ob sie auch
genungsam versichert wäre: dass dieser ihr wahrhafter Sohn wäre? Sintemahl er
ihrer ersten Beschreibung nach / keinem Mohren mit einiger Ader ähnlich wäre.
Die Hertzogin antwortete: Sie hätte zu melden vergessen: dass er nach und nach
die ohne diss nur aus einer Einbildung bekommene braune Farbe verloren hätte.
Marmeline versetzte lachende: Ihrer Meinung nach vermöchte die Zeit so wenig /
als Wasser einen Mohren weiss zu bleichen. Die angebohrnen kleinsten Maale wären
durch keine Kunst zu vertreiben; also besorglich: dass dieser Sidiner sein
eigenes Kind untergesteckt hätte. Die Hertzogin verstand nunmehr allzu deutlich:
dass in ihrer Tochter Seele die Ehrsucht der natürlichen Zuneigung den Rang
abgelauffen hätte / und die Süssigkeit des einmal geschmeckten Reichs-Apffels
einen Eckel erwecke / auch für denen durch das Geblüte ein gepflantzten
Annehmligkeiten; Gleichwol aber wollte sie ihre Tochter durch augenscheinlichen
Beweis zu vernünftigerer Entschlüssung bringen; mit Vermeldung: dass ihr Sohn an
dem lincken Fusse sechs Zehen und auf der Brust wie sein Vater Arnold und sie
selbst eine Bären-Klaue gehabt hätte; würde sich diss Merckmahl nicht finden;
wollte sie ihm als einem Verräter bei seiner verdienten Abschlachtung selbst das
Licht halten. Alleine die Aehnligkeit seines Gesichtes / in dem er seinem Vater
gleichsam aus den Augen geschnitten wäre / vergewisserte sie schon der
unzweifelbaren Warheit. Uber diesen Worten trat der oberste Reichs-Rat
Leutertal / der ohne diss in Verdacht war: dass er seinem Sohne Marmelinen zu
vermählen im Schilde führte / aus dem iñersten Zimmer herfür / setzte der
Hertzogin mit harten Worten zu; und schalt die für Verräter des Vaterlandes /
die die gegenwärtige Ruhe und Verfassung der Gotonischen Herrschaft durch
Einpfropfung eines fremden Reises stören wollten. Die Hertzogin begegnete ihm mit
gleichmässiger Hefftigkeit; und warff ihm für: dass er aus Ehrsucht seine
Nachkomen auf dem Fürstlichen Stule zu sehen ihre Tochter zu Vergessung aller
Mutter- und Schwester-Liebe verleitet; und der vorigen Nacht Meuchelmord
angestifftet hätte. Wie hitzig nun gleich dieser Abschied war; so kläglich hieng
sich die Hertzogin an die andern dem vorigen wiedrig-gesinnten Reichs-Räte;
brachte auch zu wege; dass sie die Landstände zu Entscheidung dieses wichtigen
Rechts-Streits verschrieben; inzwischen die Hertzogin und Fürst Gottwald mit
einer genungsamen Leibwache wieder fernere Gewalt beschirmet wurden. Die
Hertzogin saan auff Rechtfertigung ihres Sohnes /Marmeline uñ ihr Anhang aber
auf listige Unterdrückung ihrer Mutter und des Bruders. So ungleich sind die
Menschen geartet! wer eines Löwen / einer Schlange Eigenschaft weiss; weiss sie
des ganzen Geschlechtes. Denn alle Tiger sind grimig / alle Füchse listig; alle
Schafe gedultig / alle Tauben einfältig /alle Adler behertzt. Aber wer einen
Menschen von Grund aus aus geholt / keñet nur eine; wo anders das menschliche
Herze durch einiges Bleimaass zuergründe ist. Nichts aber verstellt den Mensche
ärger / als Ehrsucht. Die Funcken kindlicher Liebe werden nicht nur von dem
Rauche der Herrschenssucht erstecket /sondern so gar das Gedächtnüs einer Mutter
und eines Bruders wird in dem Stande einer gebietenden Fürstin begraben.
Gleichwol bewegte die Hertzogin durch Vorstellung dreier bei der Geburt
gewesenen Zeugen / durch den Augenschein der sechs Zeen und der Bären-Klau; und
durch ihre vernünftige Ausführung der gegen ihrer Tochter Marmeline tragender
und mehrmals im Wercke bezeigter Mutter-Liebe den Reichs-Tag / ungeachtet aller
Einwürffe so weit: dass sie Gottwalden für Arnolds rechtmässigen Sohn / und weil
so wohl ihre vorige Herrschens-Anstalt / als der väterliche letzte Wille auf
Irrtum bestünde / zum Erben der halben Erbschaft erklärten. Der Reichs-
Leutertal meinte über diesem Ausspruche von Sinnen zu kommen; verleitete
Marmelinen zu den eussersten Entschlüssungen; und versuchte durch das Recht des
Degens für seinen Sohn zu behaupten / was das Urtel Marmelinen abgesprochen
hatte. Nichts desto weniger machte er ihm durch den Schlüssel aller unmöglichen
Dinge / nehmlich Geschencke / einen so grossen Anhang: dass er den Fürsten
Gottwald mit Gewalt aus seinem Erbteile zu vertreiben vermeinte. Die
Tapfferkeit aber dieses wieder genesenen Fürsten machte mit Zertrennung der
aufgebrachten Macht alle schädliche Anschläge zuschanden; und bewegte den
Reichs-Rat dahin: dass sie Marmelinen ihres Erbteils / den Leutertal aber des
Lebens / der Ehre und Gutes verlustig erkennten. Diese verzweiffelten aber
/welche gerne Leibeigne sein wollten / wenn nur Gottwald nicht ihr Herr wäre /
nahmen nach anderwerts umsonst gesuchter Hülffe zu dem mächtigen / und dem
Fürsten Gottwald ohne diss auffsätzigen Könige Marbod ihre Zuflucht; und umfaste
die an Gestalt wunderschöne; im Gemüte aber nicht wenig verstellte Fürstin
Marmeline in der Stadt Carrodun nicht so geschwinde mit den Armen seine Knie /
als sie mit ihren ersten Blicken sein Hertz umfässelte. Nichts hatte einen
bessern Schein / als dieser von einem verdächtigen Ausländer verstossenen
Fürstin hülffreiche Hand zu leisten; dem Könige Marbod war auch nichts leichter
/ als durch den Sieg einer solchen Halb-Göttin Hertze zu gewinnen / nichts
anständiger / als zwei so ansehnliche Hertzogtümer zum Braut-Schatze zu
überkommen. Diesemnach drang er mit einer so mächtigen Kriegs-Macht bei denen
Gotonen ein: dass ob wohl Leutertal bei Marbods ausbrechender Liebe seine
Hoffnung und seines Sohnes Heirat zu Wasser werden sah / und er deswegen zum
Gottwald übergieng / der Sidiner Hertzog auch mit aller Macht denen Gotonen zu
Hülffe kam / dennoch diese kleine Sand-Hügel von Marbods grosser Macht
überströmet wurden / und nicht nur die Gotonen / sondern auch ihre Gehülffen
die Sidinier unter Marbods Herrschaft ihre Achseln beugen / Hertzog Gottwald
aber nunmehr zum andern mahl nicht minder dem Verhängnisse / als dem Marbod /
welcher gleichsam Sieg und Glücke an der Schnure führte / aus dem Wege treten
musste. Marbod hielt zu Godonium mit der Fürstin Marmelinen ein prächtiges
Beilager; und weil die schon für mehr als hundert Jahren von dem Rheine in
Sarmatien gewanderten Estier / die Rugier /Nuitnoner / Schwardonen / Eudosen und
Variner sich von einem so grossen Meere einer gleichmässigen Uberschwemmung
besorgten / erkieseten sie freiwillig den König Marbod zum Schutz-Herrn. Zumahl
diese deutschen Völcker ohne diss mehr / als andere der Untertänigkeit gewohnt
waren; ob sie sich zwar bei dieser ihrer Demütigung niemals ihrer Freiheit
gäntzlich enteusserten.
    Weil König Marbod ihm derogestalt fast alles /was zwischen der Elbe und
Weichsel untertänig gemacht hatte / brauchte der Kayser August sich dieser
Zwietracht abermals zu seinem Vorteil und zur Rache wegen des erlegten Drusus;
schickte daher den Tiberius mit einem noch stärckern Krieges-Heere durch Gallien
wieder die Deutschen. Sentius Saturninus überfiel die Caninefaten / die
Nachtbarn der Bataver so unverhofft: dass sie sich nit einst recht zur Gegenwehre
stellen konten. Ob nun zwar Tiberius mit einer gewissen Art flügender Brücken /
welche von küpffernen Schiffen eilfertig zusammen geschoben wurden / auch über
den Rhein und Lahnstrom denen Attuariern oder Francken / wie auch den Bructerern
über den Hals kam; begegneten sie ihm doch zwar mit geringer Macht / aber
unerschrockenen Hertzhaftigkeit; ja Stirum / ein Ritter der Bructerer / drang
durch die Römischen Schaaren mit seinen Reisigen so weit durch: dass er dem
Tiberius selbst den Schild zerspaltete / ihn an Arm verwundete / und mit einem
Streiche unfehlbar getödtet hätte / weñ nicht ein Römischer Hauptmann
darzwischen gesprungen / und mit Auffangung des Todes jenem ein Schirm des
Lebens worden wäre. Diese Völcker setzten auch noch ferner alles eusserste dran;
in Hoffnung: es würde Hertzog Segimer mit seinen Cheruskern / und die
Longobarden ihnen versprochener massen zu Hülffe kommen. Welches auch
unzweiffelbar erfolgt wäre / wenn nicht der Tod diesen tapfferen Fürsten für der
Zeit aus dem Wege geräumt hätte; und zwar nicht sonder Argwohn einigen ihm
entweder aus Anstiftung der Römer oder König Marbods beigebrachten Gifftes.
Wiewol ins gemein aller Fürsten Todes-Fälle nicht der gemeinen Zerbrechligkeit /
sondern gewaltsamen Ursachen zugeschrieben werden. Ob nun gleich bei der Fürsten
Lebzeiten an ihrem Wolstande ganze Völcker / an ihren Unfällen meist nur die
eigenen Anverwandten Teil haben; so traff doch Segimers Absterben ganz
Deutschland; welches als ein ohne Haupt zerrütteter Leib bei nahe sich selbst
durch Zwietracht in gäntzlichen Untergang weltzte. Insonderheit aber blieben diss
mahl die behertzten Bructerer bloss stehen; ja sie wurden mit denen ihnen noch
von dem Fürsten Ingviomer zu Hülffe gebrachten Cheruskern sich über die Weser zu
machen gezwungen; dem Tiberius aber Lufft gemacht sich der Festung Segodun und
Cattenburg an der Eder zu bemächtigen. Worüber dem Sentius ein Siegs-Gepränge
verstattet; dem Tiberius aber der Nahme eines Deutschen Feldherrn zugeeignet
ward. Folgendes Jahr kam Tiberius wieder in Deutschland; brachte dem Fürsten der
Cassuarier und Dulgibiner Segestes / mit Vertröstung ihm zu der
Feldhauptmanschaft über die zwischen dem Rheine und der Elbe gelegenen
Deutschen zu verhelffen / auf seine Seite / bemeisterte sich des Lipp-Stromes
und der Festung Alison. Weil ihm nun der streitbare Hertzog der Chautzen Ganasch
am Wege zu stehen schien / wiess er dem Tiberius den Weg / und brach den Römern
die Bahn dieses feste Land zu überwältigen. Also dienet auch die todte Asche des
Vaterlandes dem Feuer der Ehrsucht zur Nahrung und Zunder; und der Grundstein
des Eigen-Nutzes ist ins gemein ein Fallbret des gemeinen. Jedoch vergnügte sich
Tiberius noch nicht an der Ehre: dass die Chautzen für seinem Stule mussten
fussfällig werden; sondern er segelte mit vierhundert Schiffen über das deutsche
Meer an den Mund der Elbe; des Vorsatzes / die in aller Welt wegen ihrer
Tapfferkeit beruffenen Longobarden zu demütigen; welche aus Skandinavien sich
an der rechten Seiten der Elbe zwischen der Havel und der Oder niedergelassen /
zeiter denen mächtigsten Nachbarn / wie wenig ihrer gleich gewest / mit ihrem
Degen die Wage gehalten / und noch zuletzte dem ganz Deutschland gleichsam
überschwemmenden Marbod die Spitze geboten hatten. Tiberius drang mit einem
absondern Heere durch das Chautzische Gebiete; und eroberte die Stadt Fabiran an
der Weser / setzte unterhalb Lauenburg an das lincke Ufer der Elbe seine Völcker
aus den Schiffen / und vereinbarte beide Heere; zohe hierauff an dem Strome
auffwerts biss an das Gedachtnüs-Maal / das Drusus daselbst auffgerichtet hatte.
Der grossmütige Hertzog der Longobarden Wilhelm zündete die über der Elbe
habende Dörffer selbst an / und zohe alles Volck auf die rechte Seite / um den
Römern die Uberfart zu verwehren. Deswegen schickte er auch denen Angeln
tausend Longobarden zu desto sicherer Besetzung der Stadt Lauenburg zu Hülfe /
welche in den Elbe-Strom eine grosse Menge breit-ästichter Eich-Bäume warffen:
dass die Römer mit ihren Schiffen nicht weiter den Strom hinauf fahren konten.
Weil nun der von Rom neu angekommene Hertzog der Cherusker mit unumstösslichen
Gründen den Auffschub des von den Longobarden gebetenen Beistandes entschuldigte
/ Hertzog Wilhelm aber ihm leicht ein bilden konnte: dass Marbod die Römer zwar zu
Freunden / nicht aber zu Nachbarn verlangte; in dem klugen Fürsten kein ärgerer
Dorn in Augen sein kann / als das übermässige Wachstum seines Nachbars; schickte
er einen Fürsten der Ascanier an Marbod / machte mit ihm ein Bündnüs zu ihrer
beider Verteidigung wieder ihre künftige Feinde. Wesswegen Marbod denen
Longobarden zwantzig tausend Mann zu Hülffe sendete. Ehe diese aber noch ankamen
/ trieben die Longobarden die Römer / welche auf Nachen und Flössen über die
Elbe setzen wollten / dreimal zurücke. Wie nun Tiberius bei diesen blutigen
Treffen viel seiner tapffersten Kriegs-Obersten einbüste; und nunmehr die Tugend
der Longobarden grösser befand / als der Ruff von ihnen war; Hertzog Wilhelm
auch dem Tiberius durch gewisse Gefangenen etliche Säcke Haare / die sie ihren
langen Bärten zum Zeichen der vielen erschlagenen Römer hatten abscheren lassen
überschickte; nach dem Vermöge eines teuren Gelübdes bei diesem Volcke kein
Scheer-Messer einen Mann berühren darf / der nicht vorher drei Feinde
erschlagen; über diss er die Ankunft der Marckmännischen Völcker vernahm; trug
er den Longobarden Frieden /iedoch unter harten Bedingungen an; insonderheit:
dass sie Marbods Bündnüs abbrechen / den Römischen Feinden keinen Beistand
leisten / ihnen hingegen mit sechstausend Mann ohne Kriegs-Sold dienen / und
deswegen Hertzog Wilhelm seinen Sohn / und zwölff edle Longobarden nach Rom zur
Geissel schicken sollte. Wilhelm lachte zu diesem Fürtrage; sagte aber / er wollte
einen seiner Edlen selbst deswegen zum Tiberius schicken. Auf dessen Befehl
setzte sich Pudlitz / ein siebentzigjähriger Ritter in einen Nachen / liess sich
über den Fluss zum Tiberius führen / und betrachtete ihn eine halbe Stunde mit
unverwendetem Gesichte / aber ohne Fürbringung eines einigen Wortes; also: dass
Tiberius endlich aus Unwillen ihn fragte: Ob er nichts wegen seines Fürsten
anzubringen hätte? Pudlitz hat hierauff ihm zu erlauben / des Tiberius Hand
anzurühren; die er ihm in Meinung: dass er sie zu küssen verlangte / darreckte.
Pudlitz nahm selbte / und fieng nach Beschauung derselben / und der daran sich
befindenden Narbe an: Mein Fürst hat aus deinem Friedens-Vorschlage geurteilt:
Du müssest ein GOtt sein / und mich die Warheit zu erkundigen herüber geschickt.
So sehe ich aber aus dieser Narbe: dass deine Glieder nicht weniger / als unsere
verletzt werden können. Daher ihr Römer gar billich eurer Kayser Vergötterung
biss nach Verbrennung ihrer Leiber auffschiebet; da sie nicht mehr können
versehret werden. Bei dieser Beschaffenheit wirstu uns Longobarden verzeihen:
dass wir von dir / als einem Menschen / keine uns unanständige Gesetze annehmen.
Tiberius biss für Grim sich in die Zunge und Leffzen: dass sie bluteten / liess den
Ritter von sich / und auffs neue mit aller Macht über die Elbe setzen. Die
Longobarden aber begegneten ihn mit ihren kleinen Hauffen / weil die Römer wohl
zwölffmahl stärcker waren / mit unbeschreiblicher Tapfferkeit. Endlich kamen zu
allem Glücke Marbods Hülffs-Völcker an; also: dass die Römer / welche schon an
zwei Orten festen Fuss auf dem Ufer gesetzt hatten / über Hals und Kopff in Strom
zurücke weichen und etliche tausend den Deutschen Schwerdtern /und nicht weniger
dem Flusse zum Versöhn-Opffer hinterlassen mussten.
    Weil nun wiedrige Zufälle denen Glückseligen am empfindlichsten sind; hätte
der so vieler Siege gewohnte Tiberius mögen von Siñen komen. Diesemnach
entschloss er / sich an Marbod zu rächen; besetzte also die von ihm eroberten
Plätze / zohe mit dem ganzen Heere an der Elbe gegen die Hermundurer hinauf /
in willens dieses dem Marbod vielleicht nicht allzu holde Volck / unter dem
Scheine für gebildeter Freiheit / vom Marbod abwendig zu machen. Er schickte
aber vorher an ihn nach Marbods-Stadt eine Gesandschaft; welche wegen der den
Longobarden geschickter Hülffe Vergnügung fordern sollte; um bei derselben
Verweigerung die Ursache seines Krieges desto scheinbarer zu rechtfertigen.
Marbod aber antwortete: Er wäre der Römer Freund / wollte es auch bleiben / so
lange sie ihm keine Feindschaft abnötigten. Sein den Longobarden geleisteter
Beistand aber wäre darfür nicht aufzunehmen; weil das Bündnüs mit diesem Volcke
ihn darzu verbunden; er aber solches mit ihnen aufgerichtet hätte; ehe ihm
träumen können: dass die Römer mit den Longobarden brechen sollten; zumal ihm
keine Beleidigung bekant wäre. Meinte nun Tiberius sich an ihn zu reiben / und
an Marckmäñern zum Ritter zu werden / müste er es geschehen lassen; und gielte
ihm gleich: Ob er den Degen sollte ausziehen / oder in der Scheide stecken
lassen. Auf den ersten Fall müsten sie gegen einander versuchen: Ob Tiberius die
Elbe und den Herzinischen Wald ehe bemeistern / oder er nach seiner Vorfahren
Beispiel über die Alpen in Italien / dahin er von seiner Gräntze nur zweihundert
tausend Schritte hätte / einbrechen würde. Marbod zohe hierauf in der Eyl sein
Krieges-Heer zusammen / stellte es bei seiner Hauptstadt in Schlacht-Ordnung /
zeigte also siebentzig tausend Fussknechte / und vierzehntausend Reuter des
Tiberius Gesandten; mit Ermahnung: Sie sollten ihm sagen / was er geredet / und
sie gesehen hätten; Er wollte folgenden Tag ihnen mit seinen Marckmännern folgen
/ und an der Saale mit dem Tiberius entweder wie mit seinem Bruder Drusus
freundlich reden; oder versuchen / welche Schwerdter unter beiden die
schärffsten wären. Als Tiberius nicht nur diese Entschlüssung Marbods vernahm;
sondern auch diss seine folgende Botschaft bestätigte / zohe er wie ein kluger
Schiffer / der bei aufgehendem Gestirne des Orions die Segel fallen läst / oder
ins Land setzt / lindere Seiten auf; weil er mit gegenwärtigem Heere den
Marckmännern und Longobarden nichts abzujagen getraute; gab also den Gesandten
gute Worte / stellte sich an / als wenn er mit Marbods für geschütztem Bündnisse
allerdings zu frieden wäre; zohe / allen Argwohn des Einbruchs zu verhüten /sein
Heer zurücke / und verteilte es in die Länder der Chautzen und Cherusker unter
der Aufsicht des Sentius Saturninus; welchem er befahl den Catten und andern
deutschen Völckern wohl auf die Schantze zu sehen / und auf künftiges Jahr zu
einem mächtigen Feldzuge sich ins geheim zu rüste. Er selbst eilte nach Rom /
und bemühte sich den Kayser zu bereden: dass er für allen Dingen den Hertzog
Herrmañ / als einen nichts minder schlauen als verwegenen Feind / mit seinen
hartnäckichten Cheruskern übern Hauffen werffen müste. Saturnin hingegen redete
der Treue der Cherusker das Wort / und stellte dem Kayser für Augen: dass Marbod
ein den Römern nunmehr selbst zu fürchten nötiges Reich auffgerichtet / die
Longobarden und andere feindliche Völcker in seinen Schutz genommen hätte. Alle
Römische Flüchtlinge findeten bei ihm ihren Auffentalt. Er hätte auch nicht
minder das Hertze / als Kräften den Römern einen gewaltigen Streich zu
versetzen; welches er zweiffelsfrei schon längst gewagt hätte / wenn er nicht
vorher ganz Deutschland zu bemeistern im Schilde führte. Erreichte er darinnen
nun sein Ziel /möchten für einem so grossen Haupte die Römer nur Gallien und
Pannonien räumen / und für den Deutschen die Alpen / als Vormauern Italiens /
besetzen. Alles dieses aber wäre zu unvermögend gewest des mächtigen Tiberius
Vorschlägen das Gewichte zu halten; wenn nicht eine mit der Fürstin Tusnelde
sich ereignende Begebnüs beim Tiberius einen absondern Hass gegen den König
Marbod erreget / und ihn auff Saturnins Meinung gebracht hätte. Hiermit erlangte
er: dass ihn Kayser August mit sechs frischen Legionen verstärckte; welche er im
Früh-Jahre gegen der Donau führte / in willens daselbst einzubrechen. Saturninus
sollte auf der andern Seite mit fünff Legionen / und dreissig tausend meist
Gallischen Hülffs-Völckern bei den Catten den Durchzug erlangen / sich durch den
Hercinischen Wald hauen / und in das Hertze der Marckmänner / nämlich in das den
Bojen abgenommene Land einbrechen. König Marbod feierte inzwischen auch nicht;
vereinbarte Ratschläge und Kriegs-Macht mit der Quaden Könige Vannius; und
sollte dieser gegen der Donau / er selbst gegen der Saale und Elbe den Römern die
Spitze bieten. Ja er stellte sich wohl selbst an / bald als wenn er in das
Cheruskische / bald in das Norische / bald in das Pannonische Gebiete einfallen
wollte; um der Römer Macht zu zerteilen. Insonderheit aber mühte er sich durch
kostbare Botschaften die Pannonier / Noricher / Tracier / Illyrier /
Dalmatier wieder die Römer in Harnisch zu bringen; weil ein Fürst doch keinen
klügern Streich tun kann; als wenn er seinem Feinde einen andern in die Haare
schicket; und mit dem nicht leichte anbindet; dessen Stärcke man durch keinen
Versuch nicht gemässen / hernach aber der einmal überwundene nur ein zitterndes
/ die Sieger aber zwei feurige Hertzen haben. Dieser Streich glückte dem Marbod
so wohl: dass / als Tiberius mit seiner Krieges-Macht schon zu Carmunt an der
Donau / Saturnin nahe an der Saale zum Einbruche fertig stand; beiden die
unvermutete Zeitung kam: dass hinter ihnen die Dalmatier und Pannonier / in
Hoffnung / Marbod würde vorwerts den Römern genung zu schaffen geben / wieder
die Römer auffgestanden wären / achtundert tausend bewehrte Leute auf den
Beinen hätten / und zum Teil gar auf das aller Kriegs-Macht entblöste Italien
einzudringen Anstalt machten. Diese Zeitung verrückte dem Tiberius alle seine
Zirckel; Saturninus musste zurück / um nur die Deutschen zwischen dem Rheine und
der Weser im Zaume zu halten / Tiberius aber nicht allein / sondern Germanicus
und der junge Drusus wurden gezwungen aus allen Ecken die eussersten Kräfften
wieder diese schwermenden Völcker / für denen man schon zu Rom erzitterte /
zusammen zu ziehen / und anzuführen. Kayser August selbst musste den König Marbod
mit einer prächtigen Botschaft und herrlichen Geschencken besänftigen. Also
muss die Staats-Klugheit / welche zuweilen mit trotzigen Riesen-Schritten gegen
einem hergetreten /die Achseln einziehen / und mit Kniebeugen den Rücken kehren.
    Die Dalmatier und Pannonier / welche nicht verstunden: dass man schlauer
Fürsten Worte oft wie Träume nach dem Wiederspiele verstehen und auslegen müsse
/ sahen sich über Hoffen zwar in Krieg eingewickelt / aber von Marbod verlassen
oder betrogen; welcher den Pfad des Krieges selbst nicht erkiesete / den er
ihnen doch für so heilsam angewiesen hatte; und den auff ihn gezückten Streich
in ihre Achseln abgleiten liess. Ob nun zwar der Fürsten Bündnisse kein ander
Hefft / als ihren Vorteil haben / so schiene doch auch diss beim Marbod viel zu
schwach zu sein. Denn ob wohl der Dalmatische Krieg lange währte / und es
mehrmahls das Ansehen gewann; als wenn es um die Römer getan wäre; war doch
Marbod nicht zu bewegen / sich darein einzumischen. Alleine die wenigsten
wussten: dass eine geheime Liebes-Ursache den König Marbod im Zaume hielt / die
weiter sehenden aber urteilten: dass Marbod / welcher alle seine Länder durch
Recht der Waffen erobert /und daher zum Zaume seiner Völcker mehr die Furcht /
als Liebe brauchte / sich nunmehr in sich selbst mehr zu befestigen; und so viel
ungleich-geartete Völcker unter einander selbst zur Verträuligkeit / gegen sich
zum Gehorsam zu verbinden nötig hätte / sich ohne Not in eusserliche Kriege
nicht einflechten und zwar nicht mit demselben Feinde anbinden könnte; an dem
zeiter alle andere Völcker ihnen den Kopff zerstossen hätten. Also sind nur des
Pöfels Anschläge allezeit hitzig / auf Blut und grosse Eroberungen gerichtet;
ein kluger Fürst aber weiss durch sanftere Entschlüssungen an sich zu halten;
und ein Verständiger dem Volcke zu Aten wahrzusagen: dass sie in ihrem
unzeitigen Kriege in Cilicien nach einem Schatten schnappen / und das
unschätzbare Wesen ihres Wolstandes einbüssen würden. Daher liess Marbod sich
weder das Urtel des Pöfels / noch die versprochenen güldenen Berge der
Dalmatier und Pannonier irre machen; sondern sorgte nur sich feste in Sattel zu
setzen; weil doch fremde Herrschaft / wie gut sie an sich selbst ist / dennoch
allen Völckern beschwerlich fällt; und der grossen Uberwinder Siegs-Gepränge
meist ihrem Geschlechte zu einer Blut-Banck dienet /und den Nachkommen nur durch
ihre Begräbnüs-Maale bekandt werden; ausser wo die Gewalt des Adels über Hand
genommen hat; und dieser teils zu Erhaltung der Gleichheit unter sich selbst /
teils die Unterdrückung der Freiheit zu verhüten selbst fremde und noch darzu
meist ohnmächtige Fürsten erwehlet. Die Art der bezwungenen Völcker ist ins
gemein ungleich; derer Sitten sich nicht so / wie die Kleider /leicht verändern
lassen. Jene werden ihnen mehr von der Beschaffenheit des Himels / ja aus
Mutterleibe angebohren / und mit der Milch eingeflöst / als durch Gesetze und
Gewonheit beigebracht. Etliche Völcker sind zur Dienstbarkeit geboren; daher /
wenn selbte in freien Stand gesetzt werden wollen / gerätet es so übel; als mit
jungen Weinstöcken / welche man bejahrten Bäumen an die Seite setzt; und
deswegen neben einem so unanständigen Bräutigam verdorren; dahin gegen sie bei
jungen Pflantzen wohl geraten. Etlichen hingegen ist die Freiheit so eigen / und
sie unter das Joch der Dienstbarkeit so schwer / als die Schweffel-Dünste in
Felsen und Ertzt einzusperren; welche mit so viel mehr Ungestüm ihre Behältnis
zersprengen / als sie feste verriegelt sind. Etliche können weder eine
unumschränckte Freiheit / noch eine Knechtische Dienstbarkeit vertragen; dörffen
daher wie gewisse Pferde bald der Spiss-Rute / bald einer Streichelung.
Diesemnach befliess sich der schlaue Marbod iedem Volcke einen besondern Zaum
anzulegen / und durchgehends Gesetze / Sitten und Herrschens-Art in altem Stande
zu lassen; denen Freiern mit Höfligkeit; denen Niedrigern / (welche schwer zu
erobern / leicht aber im Gehorsam zu halten sind) mit Ernste zu begegnen /
nirgends aber neue Titel zu brauchen; sondern allentalben der alten Hertzoge
Anstalten zu behalten; Niemanden vorige Begnadigungen zu entziehen; seine eigene
Gebehrden derogestalt zu mässigen: dass seine Schärffe der Liebe / seine
Leitseligkeit der Hoheit keinen Abbruch tat. Zu denen Aemptern erhob er mehr
langsame / ruhige /und mittelmässige; als allzugeistige und hitzige Gemüter;
welche erstere sich mehr des Volckes / als Völcker sich ihrer Eigenschaften
angewöhnen; welche die Laster nachdrücklicher verbieten / als unbarmhertzig
straffen / durch keine Neuerung schädliche Enderung einführen / und denen
Vorfahren mehr Klugheit als ihnen selbst zutrauen; die letzteren aber ihre
Anstalten nichts minder durch einen zu heftigen Anfang / als durch unachtsamen
Verfolg verterben / ja durch allzugenaues Ausecken und Schärffe den Zustand
eines Reiches nur schärticht machen / und mit unzeitigen Mitteln die
Kranckheiten mehr rege machen / als ihnen abhelffen; in dem ein Staats-kluger
zwar alles ergründen / nicht aber alles ausüben soll. Er teilte zwar seine
Landes-Leute die Marckmänner durch alle andere eroberten Länder aus / und
eignete ihnen die Aempter / welche mehr Nachdruck als Ansehens haben / zu; aber
sie mussten vorher sich in derselbigen Länder fürnehmsten Adel verheiraten; und
derogestalt ihnen ehe die Gewogenheit / als die Einheimschaft der Völcker zu
wege bringen. Er liess alleine das von den Bojen eroberte Land der Marckmänner
mit Weinstöcken und andern fruchtbaren Bäumen erbauen / gab auch nur denen
Marckmännern die Freiheit Handlung zu treiben mit Ausländern; wormit die andern
Länder gleichsam an die Marckmänner unvermeidlich verknüpfft würden; und so
wenig ihrer Handels-Leute / als Gewächse entbähren könten. Er machte mit denen
kleinern Nachbarn / welche teils von Römern / teils Sarmatern / teils Catten
besorgten verschlungen zu werden; hingegen ihre Ohnmacht keinen Schatten einiger
Gefahr über ihn fallen liess / zu ihrem Vorteil feste Bündnisse; hingegen liess er
die ihm wegen erster Macht / und von etlichen hundert Jahren angewohnter
Herrschaft verdächtige Cherusker mit Fleiss unter der Römischen Presse
schmachten. Er baute zwar wenig / aber überaus starcke Festungen / besonders an
Flüsse und Gräntzen / und neben grosse Städte; wormit er sich so wohl der
Untertanen / als wieder die Feinde versicherte / auch diesen bei feindlichem
Einfall eine nahe Sicherheit verschafte; und gleichwol die Länder nicht mit
übermässiger Verpflegungs-Last ungedultig machen dorffte. Insonderheit aber legte
er dem Adel der überwundenen Völcker unter dem Scheine einer grossen Woltat
einen unvermerckten Kapzaum an; in dem er selbten niemahls zu Feldzügen aufbot;
sondern bei freigelassener Pflegung der Wirtschaften die Ubung der Waffen
vergessen liess; und ausser der Marckmännischen Ritters-Leute sich nur des
geworbenen Kriegsvolckes bediente. Wiewol Marbod selbst dem Eubagischen
Gottesdienste beipflichtete; und denselbten in Schwung zu bringen durch
öffentlicher Lehre scharffsinniger und tugendhafter Priester / wie auch durch
Beförderung seiner Glaubensgenossen zu Würden und Aemptern sich eusserst
bemühte; so liess er selbten doch niemand mit Gewalt auffnötigen; weil es ihm
nicht nur eine Grausamkeit schien einem ein Bekäntnüs des Mundes aufdringen /
welchem das Hertze wiederspricht / und sein Urteil als töricht alsofort
verdammen; welches ihm von denen / die ihn am meisten geliebt / nehmlich den
Eltern von Kind auf eingepflantzt / und also von denen / welche durch Verfolgung
/ Raub / Gefängnüs und Marter ihren Hass gegen ihn an Tag geben / ihm aus dem
Gemüte zu reissen unvernünftig und unmöglich ist / sondern beschirmte sie auch
wieder unzeitiger Eyverer Bedrängungen; nach dem er diese einmal als
Untertanen angenomen; kein Mensch aber / der aus der natürlichen Freiheit sich
irgendswo in bürgerlichen Stand begibt / zugleich sein Recht aufgibt etwas
nicht zu glauben; was ihm der Warheit nicht ähnlich zu sein scheinet. Ja er liess
den Barden und Druyden den öffentlichen Gottesdienst / wiewol mit diesen
Umschränckungen zu: dass sie nicht den Eubagischen lästern oder verdammen / noch
auch die Eubagen auf ihren Glauben zu bringen sich bei Straffe der Aufrührer und
Frieden-Störer unterstehen dorfften; Ja weil keine Herrschens-Art lange ohne
Aufruhr und bürgerliche Kriege sein kann; wenn der Obrigkeit nicht von ihren
Untertanen die Gewalt des rechten und irrigen Gottesdienstes; so fern selbter
nur zu keinem Gewissenszwang missgebraucht wird / zu unterscheiden und nach ihrem
Urteil die Reichsverfassung einzurichten entangen wird; so mussten alle Druyden
in seinem Gebiete sich eidlich verbinden: dass sie auf ihr in Britannien sonst
habendes Oberhaupt kein Absehen haben / sondern alleine den König Marbod für den
/welcher nach Belieben den eusserlichen Gottesdienst ordnen könnte / erkennen;
insonderheit aber / als eine aufrührische Lehre / mit den Barden abschweren
mussten: dass Untertanen zu Beschirmung ihres öffentlichen Gottesdienstes wieder
ihren Fürsten Beschirm-oder Beleidigungsweise die Waffen ergreiffen könten. Auf
diese Art hat König Marbod fast biss auf gegenwärtige Zeit mit friedsamen
Ratschlägen seine Reichs-Sorgen fortgetrieben. Auf der andern Seite
Deutschlands / ob wohl die Römer mit allen ihren Kräfften in den Pannonischen und
Dalmatischen Krieg eingeflochten gewest; haben sie doch teils durch starcke
Besatzungen an dem Rheine / der Weser und Lippe / teils auch durch die
vernünftige Bescheidenheit des Sentius Saturninus / insonderheit: dass er die
Cherusker unter dem Fürsten Herrmann gegen einem erträglichen Beischube gewisser
Hülffs-Völcker fast ihrer alten Freiheit genüssen lassen / die Deutschen
zwischen dem Rheine und der Weser derogestalt gefässelt: dass die Uberwundenen
sich nicht getrauet die Römische Bürde abzuwerffen / und also die Sicherheit des
erträglichen Zustandes / der Gefahr und Ungewissheit gäntzlicher Freiheit für
gezogen; sonderlich / weil die noch meist freieren Catten und Alemänner wenig
Anzeigung spüren liessen / wegen ihrer Nachbarn bedrängten Freiheit die eigene
auff die Spitze zu setzen. Es würde vielleicht auch noch allem Ansehen nach
geraume Zeit bei diesem Zustande blieben sein; weil durch Sanftmut auch die
Löwen kirre und zahm gemacht werden; wenn nicht der boshafte Quintilius Varus
auf dem vernünftigen Saturnin gefolgt wäre / und diese Länder mit Raub und
Grausamkeit erfüllt / also die Deutschen Fürsten / welche in der Freiheit
geboren; jetzt aber Knechte werden sollten / und die nach Art der Tiere dem
Saturnin / als einem Hirten ohne Wiederspenstigkeit gefolgt hatten /nunmehr aber
dem blutgierigen Varus als einem Metzger die Stirne zu bieten / und zu einer so
behertzten Entschlüssung bewegt hätte; weil doch die Freiheit das einige Kleinod
ist / das mit eigenem Blute und seiner Kinder Leichen erkaufft zu werden
verdienet.
    Fürst Malovend wollte nunmehr auch umständlich erzählen; wie Hertzog Herrmann
die Deutschen Fürsten so klüglich unter einen Hut gebracht; Melo der Sicambrer
Hertzog so grossmütig den ersten Aufstand wieder die Römer gemacht / und jenen
Gelegenheit verschafft hätte / unterm Scheine der Hülffs-Völcker ihre Waffen zu
versammlen; Adgandester aber erinnerte: dass es ohne diss schon spät in die Nacht
/die Taffeln bereit mit Speisen besetzt wären. Daher sie sich mit einander in
den Speise-Saal verfügten; und nach vollendeter Taffel und anmutigen Gesprächen
zur Ruh verfügten.
    Mit anbrechendem Tage zohe Adgandester zu dem Feldherrn auf eines zwei
Meilen von Deutschburg gelegenes Lust-Haus / da er mit vielen Fürsten
übernachtete / um den auf solchen Tag bestimmten Einzug zu dem Fürstlichen
Beilager einzurichten; Die Königin Erato / Solonine und andere Frauenzimmer /
wie auch Hertzog Zeno / Rhemetalces / Malovend und andere fügten sich gegen
Mittag in ein Eckzimmer des eussersten Schlosses / um darbei Zuschauer abzugeben
/ ohne welche alle solche Gepränge kaltsinnig und unnütze sind.
    Sie hatten sich mit der Frühmahlzeit kaum vergnüget / die Sonne stand gleich
in der Mitte des zwar früh-wölckichten / nunmehr aber einem blau-hellen Tuche
ganz ähnlichen Himmels / und mühte mit ihren güldenen Strahlen sich diesen
prächtigen Einzug; derogleichen vielleicht viel Zeit in Deutschland nicht
gesehen worden war / noch herrlicher zu machen; als sich der Vortrab dem
Burg-Tor näherte; der in tausend leichten Reutern bestand / welche alle sehr
lange gerade empor gehaltene Lantzen / und daran oben rote und blaue Fähnlein
führten / mit welchen die anmutige Lufft auch ihr Lust-Spiel hatte. Alle diese
begrüsten oberwähnte Fürstlichen Zuschauer mit Neigung ihrer Lantzen; die für
iedem Hauffen vorreitende Trompeter und Heerpaucker aber mit ihrem kriegrischen
Getöne. Diesen folgten tausend Cheruskische Fussknechte; welche mit ihren
grossen und meist entblösten Leibern halbe Riesen abbildeten; und nichts minder
mit ihren ungeheuren Streitkolben / als sauersehenden Antlitzern denen
Zuschauern gleichsam ein Schrecken einjagten; ungeachtet sie dissmahl ihre denen
Feinden unverträgliche Anblicke mit einer gezwungenen Freundligkeit zu miltern
sich bemüheten; ob schon die für ihnen hergehenden Krumhörner auch bei diesem
Freuden-Feier sie zur Rache wieder die Feinde aufzumuntern schienen. Massen sie
denn auch ihre Narben von denen empfangenen Wunden mit allerhand Farben und
Merckmahlen / als Kennzeichen ihrer Tapferkeit / bemercket hatten. Hierauff
liessen sich hundert kohlschwartze Mohren auf schneeweissen Pferden sehen /
welche meist in dem Römischen Läger waren gefangen worden. Um ihre Stirnen
hatten sie weiss silberne Bünde; um den Hals Halssbänder von Kugeln aus
Perlen-Mutter / um den mitlern Leib Serische Schürtzen / an der Seiten einen
güldenen Köcher / über der Achsel bunde Bogen / in der rechten Hand einen Pfeil
drei Ellen lang. Auf der Ferse folgten den Mohren fünfhundert Cimbern und
Svionen; welche alle schneeweisse gekrausete Haare hatten / und mit weissen
Bären-Häuten bedeckt waren / aber auf kohlschwartzen Pferden ritten. Hinter
ihnen kam eine herrlich aufgeputzte Cimbrische Fürstin; welche des Catten
Hertzog Arpus Gemahlin mit sich gebracht / auf einem Wagen / der auf Art eines
Nachen gemacht / die Räder auch ganz verborgen waren / und von zwei flüchtigen
Renn-Tieren gezogen ward. Sie begleiteten in sechs andern solchen Wagen
Cimbrische streitbare Frauen; welche alle als Amazonen unter den Kriegs-Leuten
aufziehen wollten; und daher sich auch mit Waffen auffs beste ausgerüstet hatten.
Nach diesen erschienen fünfhundert Catten mit Luchs- und so viel Sicambrer mit
Wolffs-Fellen bedeckt / die alle im mitlern Finger einen stählernen Ring / in
der Hand zwei hackichte Spiesse / an der Seite breite Schwerdter trugen. Und
hierauff folgten tausend Cheruskische Reisigen / alle mit gläntzenden Pantzern
bekleidet; die für sich dicke viereckichte unter dem rechten Arme feste gemachte
Pantzer-stecher / und in Fäusten spitzige Wurff-Spiesse führten. Diese wurden
abgelöset / von zweihundert nackten Ringern / derer Leiber über und über von
eingeschmiertem Oele gliessen /und von dreihundert Fechtern / welche wie jene
mit allerhand seltzamen Stellungen / also diese mit dem Gefechte ihrer
Schlacht-Schwerdter den Zuschauern Kurtzweil machten; wie denn auch dreihundert
Quaden zu Pferde mit ihrer Sarmatischen Tracht / und Geschwindigkeit bald auf /
bald von Pferden zu springen / und dreissig der seltzamsten mit Gold und
silbernen Decken belegten Hand-Pferde ihre Augen mercklich an sich gezogen
hätten; wenn nicht die Cheruskische /und ein Teil der Sicamber- und Cattischen
Ritterschaft; die sich von der Römischen Beute über die gewöhnliche deutsche
Art mit prächtigen Kleidern /schimmernden Waffen / Goldgestückten Pferde-Decken
auffs herrlichste ausgeputzt hatten / und / um alle Vorzugs-Streitigkeiten zu
vermeiden / in einer doch nicht unanständlichen Unordnung auff ihren
hochmütigen Pferden sich herfür getan / und die geringeren Sterne verdüstert
hätte. Aber auch diese wurden von dem schönen und grossmütigen Feldherrn wie von
einer Sonne überstrahlet / welchen in einem von Golde und Edelgesteinen
leuchtenden Harnische und über den Rücken abhängenden Purpur-Mantel / nichts
minder mit einem köstlichen und Perlen-reichen Lorber-Krantze ein
Tiger-fleckichter und mit den Füssen die Erde gleichsam zertretender Hengst
herein trug. Auf einer Seiten ritt Hertzog Arpus / auf der andern Flavius;
hernach Melo / Catumer / Adgandester /und andere deutsche Fürsten. Als nun diese
mit ihren wohl aufgeputzten und lange Hacken tragenden Leibwachten zu Fusse / und
fünffhundert Reutern mit schwerer Rüstung vorbei waren; liessen sich vier sehr
breit und lange mit allerhand Blumwerck und Laube künstlich besteckte und
gleichsam einen Lust-Garten abbildende Wagen sehen / und darauf ein anmutiges
Getöne von allerhand Sängern und Seitenspielen hören. Wie nun diss das Gehöre
auf voriges Rauschen der Gewaffneten durch eine liebliche Abwechselung
vergnügte; also erstarrten aller Zuschauer Augen über fünffhundert edlen
Jungfrauen / die auf ihren über und über mit vielfärbichten Bändern gleichsam
bestreuten Zeltern daher ritten; und alle mit Entblössung der lincken Brüste /
behelmeten Häuptern / güldenen Köchern / Bogen und Pfeilen / als streitbare
Amazonen herein drabten. Nach diesen kam ein mit vier weissen Pferden bespañter
Wagen; von welchem vier und zwantzig wie Liebes-Götter ausgerüstete Edelknaben
teils ihre vergüldete Pfeile in die Lufft schossen /teils den Weg mit
vielfärbichten Blumen bestreuten; teils mit güldenen Rauchfässern durch
glimmenden Weirauch / und mit Verspritzung wolrüchender Wasser die Lufft
einbalsamten. Aller Augen aber erstarrten / und alle Seelen wurden beweget von
dem Anschauen der nunmehr erscheinenden Fürstin Tusnelde. Sie sass auf einem
ganz übergüldeten / wie eine Muschel gestaltetem Wagen; gleich als wenn eine so
unvergleichliche Perle kein ander Behältnüs / als ihre Muschel würdigte. Hinten
stand ein edler Mohren-Knabe / wie ein geflügelter Liebes-Gott ausgerüstet /der
über ihr Haupt einen grünen Sonnen-Schirm hielt; für ihr aber sass ein
schneeweisser; der ihr mit einem Pusche rot / blau / gelbe und weisse
Strauss-Federn Lufft zufachte. Das ihren Leib deckende güldene Pantzer-Hemde; die
Lantze in der rechten Hand / der mit einem Adler gekrönte neben ihr stehende
Helm /der für ihr liegende / und zu einem Spiegel dienende Schild / der Bogen
und mit Pfeilen erfüllte Köcher bildete an ihr eine erschreckliche
Krieges-Göttin; ihre Blitz und Anmut sämende Augen; ihre Wangen /welche alle
Rosen mit Purper / ihre Lippen / die alle Nelcken mit Zinober / ihre Brüste /
welche alle Lilgen mit Milch zu beteilen einen Uberfluss hatten; Schnee und
Flammen / Türckis und Alabaster mit einander vermählten; und mit iedem
eingezogenen Ateme durch ihre Bewegung hundert Seelen entseelten / stellten an
ihr eine Mutter oder Tochter der selbst-ständigen Liebe für; hätten also die
Zuschauer zweifelhaft gemacht / für welche sie sie verehren sollten; wenn nicht
die fürgegangene Schlacht ihr / als einer siegenden Pallas / den auff dem Haupte
mit viel tausend Diamanten strahlenden Lorber-Krantz aufgesetzt; Die Uberwindung
des in sie verliebten Herrmanns aber ihr / als einer Schönheits- und
Liebes-Göttin / den güldenen Apffel zugesprochen / und also in einem
menschlichen Leibe so viel Vollkommenheiten vereinbart hätten / die andere
Völcker zu Beteilung zweier Göttiñen genung geschätzt haben. Diesen güldenen
Muschel-Wagen zohen zwei überaus grosse Elefanten; derer Ohren / vorragende
Zähne und Rüssel ganz übergüldet; die Rücken aber mit Türmen belegt waren; auf
welchen etliche Mohren sie mit einem geringen Eisen leiteten; etliche
Liebes-Götter auch Blumen streuten / Balsam spritzten / und mit Pfeilen
spielten. Hinter dieser wunderwürdigen Braut folgten auff etlichen mit
schneeweissen Pferden bespannten Sieges-Wagen das Fürstliche Frauen-Zimmer;
unter welchen Erdmut des Cattischen Hertzogs Arpus Gemahlin bei der Fürstin
Tusnelda die Mutter-Stelle vertrat; derselben Tochter Catta aber ihrer
Schönheit halber allen andern / ausser der unvergleichlichen Tusnelde Kampff
anzubieten vermochte. Den Beschluss dieses Einzuges machten fünfhundert mit
Bären-Häuten bedeckte Cherusker zu Fusse / und so viel schwergerüstete Reuter.
In der Stadt Deutschburg konnte für tausenderlei Frolocken und glückwünschendem
Zuruffen niemand sein eigen Wort vernehmen; und ward hiermit zwar die sinckende
/ mit der prächtigen Mahlzeit aber Mitternacht herzu bracht. Ja ob wohl die /
welche diese glückliche Verbindung hauptsächlich angieng; endlich ihre Ruhe
suchten; störte doch diese ungemeine Freude die ganze Nacht durch den Schlaff
der ihr Glücke gleichsam nicht begreiffenden Cherusker; welche weisslich
behertzigten: dass die Welt nicht so sehr an Vereinbarung heilsamer Gestirne /
als Untertanen an dem Wolstande und glücklicher Vermählung ihrer Fürsten Teil
haben.
 
                                     Inhalt
                               Des Achten Buches.
Die Zeit eine Meisterin aller Dinge / ihre eigene aber die Tugend und die Liebe
/ welche letztern beide Hertzog Herrmanns und Tusneldens Hochzeit-Feier
verherrlichen. Die Aloe Staude gebiehret gleichsam wunderbar- und sichtbarer
Weise einen ungewöhnlich-langen Stengel / und wird zu bevorstehender Vermählung
vor ein gewisses Glücks-Zeichen gehalten. Prächtiger Ein- und Aufzug nach dem
Deutschburgischen Hayn und Taufanischen Tempel. Der Deutschen sonderbahre
Vermählungs-Gebräuche. Hertzog Herrmanns der Tusnelde überreichter
Braut-Schatz; Dieser dabei bezeigte Ehrerbietigkeit und Mitgifft. Beider Andacht
Opfer- und Vermählung. Neu-entspringender Brunn über diesem heiligen
Hochzeit-Feier nebst seiner Bedeutung. Liebes-Feuer dem natürlichen durch
allerhand an denen Pfeilern des Tausanischen Tempels auff Herrman zielende
Ehren-Getichte vergliechen. Der Tusnelden aber alle vom Wasser hergenommene und
dem weiblichen Geschlecht eigentlich zukommende Denck- und Sinnbilder. Abbildung
der zweien Unholdin des menschlichen Lebens des Hasses und Neides / und der
schädlichen Missgeburten der ehlichen Liebe der Eyversucht und Unfruchtbarkeit
nebst ihrer Einäscherung. Die längst vor tod gehaltene Mutter Hertzog Herrmanns
Asblaste stellet sich im Tempel in Gestalt und wunderbahrer Gebehrdung einer
Alironischen Wahrsagerin ein /wird aber endlich mit tausendfältiger Freude
erkennet. Die mit allem Uberfluss und Pracht zubereitete Fürstliche
Hochzeits-Taffeln. Tusneldens Begleitung in ihr herrlich Schlaff-Gemach. Der
neu-verheirateten Deutschen und anderer Völcker hierbei sich ereignende
wiedrige Gewonheit. Adgandesters Erzehlung über Hertzog Herrmanns ausgestandene
Ebenteuer biss zu seiner erlangten gegenwärtigen Glückseligkeit. Kinder die
sicherste Vormauer eines herrschenden Hausses / deren Mängel hingegen so wohl bei
Untertanen als Nachbarn verächtlich. Des Feldherrn Segimers mit Asblasten
siebenjährige Unfruchtbarkeit schläget der gemeinen Wolfart halber eine
willkührliche Ehscheidung vor: Dieser durch viel seltzame Ebenteuer aus Persien
wieder erfolgte Zurückkehr in Deutschland. Ihr kurtz hierauff verspürter
Ehe-Segen durch einen nachdencklichen Traum gleich der Olympia angedeutet.
Hertzog Herrmanns und des Fürsten Flavius Geburt und Aufferziehung. Der erstere
in seiner Kindheit gleich dem Romulus von einer Bährin geraubet / von ihren
Brüsten genähret / endlich vom Segimer wieder errettet. Seine schöne
Leibes-Gestalt und Anmut /was solche bei grimmigen Tieren ausgerichtet. Tugend
die einige Schönheit des Gemüts und das rühmlichste Eigentum der Fürsten.
Seine frühzeitige Tapfferkeit und Gefangenschaft nebst Asblasten und seinem
Bruder Flavius durch des Drusus Hinterlist. Uber welcher herrlichen Beute sich
Kayser August dermassen vergnügt: dass er sich in Asblasten verliebt / den Fürst
Herrmann und Flavius aber ihrem Stande zukommende Bedienung verschaffet / dafern
die Gefangenschaft auch einigen Anstrich und Gold Firnis scheinbarer Freiheit
annimt. Die Gräfin von der Lippe verführet des Adgandesters Erzehlung: wie
August besonders Livia durch Erhebung des lustigen Campaniens und Vernichtung
des kalten Deutschlands die schwermütige Asblaste zu besänftigen / ja durch
vielfältig ersonnene Liebes Vorstellungen ihre Keuschheit mit dem August ihren
eigenen Gemahl zu bestricken suchet / so aber von dieser mit den herrlichsten
Vernunfts- und Tugend-Gründen abgelehnet werden. Unglück das eigentliche
Element der Tugend; eine Prüff- und Reinigung der Seele wie der Schmeltz-Ofen
des Goldes. Tugend wird zwischen Rosen und Bisam stinckend; zwischen Dornen
/Schweiss und Staube aber ewig erhalten. Der Menschen Vollkommenheiten gleichen
den mängelhaften Diamanten und fleckichten Sternen. Schönheit der Seele in was
sie bestehe? Nicht von Schmincke und falschem Anstriche / sondern von dem Blute
der Hertzhaften / den Tränen der Gedultigen und Asche der beständigen.
Terentia mahlet der Asblaste gleichfalls die Liebe als das zärteste Schoss Kind
der Seele vor / so die Anmut zur rechten / Ungemach aber zur Stieff-Mutter
habe. Die keusche Liebe wohnet mit den reinen Perlen in einer Muschel /
pfropffet sich als die herrlichste Schnate auff den Stamm der Tugend / ja sie
bleibet ihre Krone und Mittel Punct. Liviens Art ihrem eigenen Gemahl
Kebs-Weiber zuzuführen / und dardurch ihre Herrschaft über ihn zu befestigen.
Asblaste erzählt ihren Notstand der Gräfin von der Lippe / wird folgenden Tag
zu der in der Ziegen-Insel vom Kayser angestellten Lustbarkeit und dem
sogenannten Götter-Los gezogen. Dieser vornehmen Gesellschaft unter gewisser
Götter und Göttinnen Nahmen herrlicher und überirrdischer Auffzug. Des den
Jupiter vorbildenden Drusus ausgerichtete Götter-Mahl / und darauff erfolgter
Satyrischer geiler Aufzug. Der in einen Bock sich verwandelnde Mercur gibt der
keuschen Asblaste entgegen die unkeusche Livia Gelegenheit ihr reiffes und
tugendhaftes Urteil anzubringen. Mecenas grosses Lob wegen seiner ungemeinen
Klugheit. Bei dem Gastmahle und Vorstellung der Juno unter Terentien erlanget
des Tiberius und der Julia Liebe ihre Vollkommenheit und Vermählung. Asblaste
aber wird nicht ohne sonderbaren Vorbedacht dem den Apollo vorbildenden August
zugesellet / dessen Liebes-Gebehrden sie sich mit aller Ehrerbietigen Ausflucht
/ und Scheltung der ihr entgegen gesetzten Amazonischen Herrschaft zu entziehen
bemühet. Des Neptunus und seiner Amphitrite Auffzug endiget sich mit eines
Tritons auf die Liebe des Kaysers gegen Asblasten singendem Getichte. Liviens
Bewirtung auf dem Vorwerg Ceres. Die durch viel dabei vorgehende schändliche
Vorstellungen auffs höchste geärgerte und in eine finstere Neben-Höhle sich
verborgene Asblaste vom Augustus aufgesuchet und mit den grösten Liebkoss- und
Versprechungen angefochten. Ihre hertzhafte Verfechtung und Gegenwürffe mit
Verdammung der schnöden und des Kaysers Ruhm verdüsternden Geilheit / werden
durch des Höhlen-Felses unvermutende Berstung gleichsam vom Himmel gehandhabet
/ August aber an seinem geilen Vorsatz gehindert. Der Königin Erato und
Adgandesters Urteil über des Kaysers Augustus Tugenden und Laster. Augustus
Aberglauben über gewisse den Blitz abzulehnen bewährte Mittel. Asblaste wird auf
das Lust-Haus des Apollo genötiget /dabei aber nicht wie vorigen Tag an ihrer
Keuschheit gekräncket / sondern auf dem Lust-Hause Vesta ihr und der ihrigen
heiliges Feuer anzuzünden / und die Höhle mit einem nachdencklichen Poroiens
Glückseligkeit abbildendem Getichte zu überschreiten veranlasst. Bei dem
neundten Aufzuge kämpffet Jupiter und Mars der erste von der Juno / der letzte
von der Venus vergesellschaftet um die der Stadt Rom am meisten bezeigte
Woltaten / dabei der Kriegs-GOtt den Preis und Siegs-Krantz davon trägt. Der
zehnde Aufzug stellet die Venus mit unterschiedenen Bildungen / die darunter
spielende Antonia aber ihre unzüchtige Gemüts-Regungen für; Den eilfften
Auffzug hat die nackend badende Diane oder Julia mit allen ersinnlichen
Jägereien. Der letzte aber wird durch sieben Irr-Sternen mit einem über die
Kostbarkeit ihres gefertigten Ertzts entstandenem Kampffe geendiget /darinnen
Saturn ihm die des Goldes zueignet / und durch einen Tantz den Unterscheid der
eisernen / silbernen und güldenen Zeit abbildet. Asblaste von Livien dem Kayser
hinterlistiger Weise in die Hände gespielet; dieser darüber bezeigte Eyver /
Schwermut und verzweiffelte Stürtzung ins Meer. Ihre wunderbare Errett- und
Bestürtzung über ihrer beider Söhne plötzlichem Abschiede. Fürst Herrmann
errettet den in die See über Bort fallenden Kayser; Flavius aber ihm vor einem
hauenden Schweine das Leben / dardurch sie sich beide zu seinen Schoss-Kindern /
bei den edelsten Römern aber zu den grösten Freunden machen. Fürst Herrmanns
Scharffsinnigkeit und vernünftige Vorsorge über Auffsetzung der beiden Bilder
der Eintracht und des Friedens bringt den Deutschen seinen Landes-Leuten deren
Früchte zu wege /welche der ehrgeitzige Drusus zu sein und des Römischen
Kriegs-Heers eigenem Untergange störet. Fürst Herrmann wird zwischen Livien und
Terentien über beider Gestalt und Schönheit ein Schieds-Richter zu sein
genötiget. Sein vorsichtiges Urteil. Uberfluss ein Abbruch der Seltzamkeit /
nicht aber der Köstligkeit. Scharffsinnigkeit nur für eine Geburt der Stadt Rom
zu halten. Mecenas Haus ein Auffentalt aller vortrefflichen Köpffe; Sein Leben
ein Beispiel menschlicher Vergnügungen genennet. Fürst Herrmann des Mecenas
Schoss-Kind; des letztern Lehre von der Stoisch- und wahren Welt-Weissheit /
welcher letzteren Zweck nicht die Folterung / sondern die Ruhe des Gemüts / und
die Freudigkeit eines ungefässelten Geistes. Der wollüstigen Terentien
Liebkosungen fangen bei dem tugendhaften Mecenas keinen Zunder. Keuschheit ohne
Versuchung mehr vor eine Schlaffsucht oder Unempfindligkeit als Tugend zu
halten. Anfechtung dagegen der Tugend Siegs-Krantz. Wollust auff Scytisch zu
befechten / und durch die Flucht zu besiegen. Der Römer erfolgte grosse
Niederlage nebst dem Tode des Drusus verursachet zu Rom grosses Schrecken / beim
Augustus aber Kleinmut und bei nahe Verzweiffelung. Drusus wird verbrennet /
und seine Asche von den beiden deutschen Fürsten Herrmann und Flavius ins
Kayserliche Begräbnüs getragen. August mässiget diesen beiden zu Liebe des Drusus
allzu heuchlerische den Deutschen zu Hohn ersonnene Lob-Reden und in Marmel
gegrabene Uberschrifften / ingleichen der Deutschen insonderheit der Cherusker
blutige Abschlachtungen bei den Römischen Schau- und Kampff-Spielen. Der
tapffere Herrmann muss zwischen dem August und seinem Vater Segimer der Stein zum
Friedens-Grunde sein. Weñ und aus was Ursachen der Monat August seinen Nahmen
bekommen? Terentien abermahlig dem Fürst Herrmann gelegte Liebes-Stricke den
Unschuldigen gefährlich / ihr selbst aber wegen des an ihr verübten Selbst-Mords
tödtlich. Eyversucht eine aus Liebe und Hass vermischte Missgeburt. Einerlei
Gefahr den Fürsten ans Hertze und an ihren Zepter zu greiffen. Terentiens
blutiger Tod ziehet des Mecenas nach sich. Sein letzter Wille und Erbschaft.
Beider Grabschrifften. Fürst Herrmanns neuer Glücks-Stern beim Kayser. Seine
Würde bei dem Heiligtum der Eintracht; Geschickligkeit auf den Schau-Plätzen
nebst seinen andern Heldenmässigen Tugenden. Des Kaysers Enckeln zum Beispiele
vorgestellt. Dieser beider allzufrühzeitige Ehrsucht bringt den Tiberius von
Rom. Des Schwimmens Nutzbarkeit und dessen gröste Liebhaber Augustus und
Agrippa. Dieser kommt im Kampff mit einem grossen Crocodill in Lebens Gefahr /
vom Fürst Herrmann aber mit hertzhafter Erlegung dieses grimmigen Tiers
errettet. Augustus darüber geschöpffte Freude setzet den Fürst Herrmann seiner
Leibwache vor. Laster bei hohen Personen um so viel hesslicher. Juliens Tiberius
Gemahlin Wollüste und Uppigkeiten entzünden sie durch zauberische Kuppelei zu
unziemlicher Liebe gegen den Julius des Marcus Antonius Sohn. Der Herrschaft
und Schönheit Schwefel kann in dem Feuer der Ehrsucht und Liebe stählerne Hertzen
zerschmeltzen / die klügsten Köpffe einnehmen und verwirren. Wollust den Fliegen
verglichen. Des Antonius und Julia abgeredete Liebes-Wercke lauffen durch
zufällige Verwechselung der ebenmässig in unrechtmässiger Liebe zusammen haltenden
Lepidus und Serviliens verkehrt ab / und dienet aller Buhlschaft zum Beispiel:
dass blosse Einbildung fremdes Wasser zu Zucker mache. Ehrsucht die Sonne der
Gemüts-Begierden verdüstert alle andere Regungen. Gefährliche Verräterei
wieder den Kayser vom Fürst Herrmann hintertrieben. Der Julia zauberische und
vergebliche Liebes-Räncke gegen den Fürst Herrmann verändern sich in gifftigen
Hass. Der berühmte und von der Julia bestochene Sternseher Trasyllus deutet dem
Kayser aus den Gestirnen und andern wiedrigen Begebnüssen ein grosses vom Fürst
Herrmann besorgendes Unglück zu; Alle diese ihm gelegte Fallstricke aber
schlagen zu seinem Tugend- und Ehren-Ruhm / und zu seiner Feinde eigenem Verterb
und Blut-Urteil aus. Des verräterischen Antonius und Lepidus schimpflicher
Tod. Juliens und Serviliens Gefangenschaft. Kayser August macht wieder den
Partischen König Phraaten den ihm bestimmten Nachfolger des Reichs den Cajus
zum Feldherrn / den Marcus Lollius und Fürst Herrmann zu seinen Gefärten.
Lollius stifftet zwischen dem Cajus und Tiberius Feindschaft / bemühet sich
diesen auch beim Kayser zu vergällen / nach dem er den Cajus wieder Fürst
Herrmañs vernünftiges Einraten am Phraat zu einem unglücklichen Treffen
verleitet. Eines Kriegs Obristen Ansehen in was es bestehe? Fürst Herrmann
wetzet durch einen listigen Uberfall der Parten des Cajus Scharte aus /bringt
dardurch den Römern einen vorteilhaften Friede / dem Fürst Artavasdes aber die
Armenische Krone zu wege; Fürst Herrmann seiner erwiesenen Tapfferkeit halber
vom König Phraates selbst herrlich beschencket / Lollius seiner Verräterei
wegen angegeben und hingerichtet. Sein hinterlassenes und erschundenes grosses
Vermögen. Aller Geruch nach Verräterei macht den guten Nahmen stinckend. Neuer
Friedens-Bruch zwischen dem Cajus und denen Parten. Fürst Herrmanns Rache über
des Cajus Meuchelmörderische Verwundung zu Rom nebst seinen andern grossen
Verdiensten hochgepriesen. Des Augustus herrliches Urteil von ihm setzet ihn
beim eiversichtigen Tiberius in Hass und Verfolgung. Fürst Herrmanns durch die
Sternseher vorgesagtes Ansehen und Glück bei der Welt. Segestes Würde bei den
Deutschen / und wie er einer Römerin seiner Sentia zu Liebe nebst seinem
Vaterlande gleichsam seine Kinder den Römern zu Geisseln übergeben / worunter die
unvergleichliche und ganz Rom verdüsternde Schönheit der Tusnelde den
vollkommensten Fürst Herrmann bestricket. Verliebte gleichen denen um die Flamme
irrenden Motten / und Zwergs-Liebe kann über Nacht zur Riesin werden. Tusnelde
wird bei einem offentlichen Heiligtum vor die vergötterte Helena gehalten /
und vom Fürst Herrmann in einer mit ihr geführten Wortwechselung auffs höchste
gepriesen. Schönheit eine Mutter der Liebe und eine Beherrscherin der Götter und
Menschen. Schönheit des Leibes so wenig ohne ein edles Gemüte / als ein Zirckel
ohne Mittelpunct. Der Tugend gefährlichster Stand in den Hülsen eines schönen
Leibes. Der Tusnelde Missfallen an dem blutigen Kampffe und Abschlachtung der
Deutschen. Des Germanicus Rechtfertigung vom Fürst Herrmann wiederleget / und
vom August selbst gebilliget. Tusnelde und Fürst Herrmann beseuffzen
Deutschlands bedrängten Zustand. Ritter-Spiele dem Castor und Pollux zu Ehren
gehalten / Fürst Herrmanns und Tusneldens dabei angebrachte Kunst-Schüsse eine
Anzeigung ihrer nähern Gemüts-Vereinigung. Unempfindligkeit nur gefrorner
Hertzen; die Bewegung aber einer zarten Seele Eigenschaft. Tusnelde giebet
sich dem Fürst Herrmann nebst ihres Vaters Segestes Untreu zu erkennen / und
verständiget ihn mit höchster Bescheidenheit der eingelauffenen Todes-Post
Segimers seines Vaters des deutschen Feldherrns. Ihrer beider Beratschlagung
über Fürst Herrmanns Reichsfolge. Woltaten gleichen denen ihre Blätter
verlierenden Rosen. Die Besiegung eines ehrsichtigen und liebreitzenden Weibes
schwerer als eines ganzen Kriegs-Heeres. Alle Unterfangungen in Centner-Sachen
müssen ein Lot Verwegenheit haben / und teils Ratschläge /wie einige Früchte
/ nicht völlig reiff werden. Fürst Herrmanns und Tussneldens Gespräche durch
Livien gestöret. Fürst Herrmann wird vom Ingviomer durch ein Schreiben der
verdächtigen Todes-Art des tapffern Segimers / und des verwirrten Cheruskischen
Zustandes verständiget. Pflicht der Fürsten Treu und Glauben zu halten / wenn
auch Niedrigen über die Schnur zu hauen übersehen wird. Fürst Herrmann überkommt
auf einen Tag durch die vom Kayser erlangte Freiheit seiner nach ihm seuffzenden
Länder Herrschaft und das Versprechnüs der Seelen-Beherrscherin Tussnelde.
Dieser unvergleichliche Schönheit erweckt beim Tiberius Liebe und Eyversucht /
beim Segestes aber Vergessenheit seiner gegebenen Treu und Glauben.
Staats-Gesetze aller Anverwandschaft /die Vergrösserung des Geschlechts allem
andern Absehen vorzuziehen. Tussneldens Standhaftigkeit beim Fürst Herrmann mit
Vorstellung der schändlichen Laster des Tiberius. Dessen gifftige Nachstellungen
auf Fürst Herrmans Person durch Tussneldens Warnigung und dem gütigen Verhängnüs
hintertrieben. Liviens Zauber-Mittel die Tussnelde zu gewinnen. Des Tiberius
Meuchelmörderischer Anfall vom tapffern Herrmann / und der vor Tussnelden
bereitete zauberische Liebestranck durch ihre Vorsicht abgelehnet. Solcher
Liebesträncke schädliche Würckung. Fürst Herrmann berichtet dem Kayser des
Tiberius mörderischen Anfall / und beurlaubet sich zugleich von ihm und der
Stadt Rom. Des Kaysers rechtmässiger Eyver über den Tiberius und Rache gegen die
übrigen Mörder. Liviens durch den bestochenen Sternseher Trasillus beim
Segestes ausgeübte List. Segestes und Tussnelde wird unvermutet und
unerkennet durch den Fürst Herrmann aus der Seeräuber Händen errettet / und mit
tausend Freuden empfangen. Ihre Bewirtung von einem zwischen eitel Felsen in
einem verborgenen Wunder-Gebäue wohnenden alten Greisen oder Priester. Dieser
Dädalischen Wohnung Beschreibung und Herrligkeit. Woltaten bezahlt zu nehmen /
eben so töricht / als den Preis des Goldes durch Einmischung geringerer
Schlacken zu vergeringern. Tiberius wird beim August ausgesohnet und wieder die
Chautzen gesendet. Fürst Herrmanns und seiner Tussnelde prächtig- und freudiger
Einzug in Deutschburg. Was die Glücks-Sterne den Schiff-Leuten / diss sind
Fürsten ihren Untertanen. Jede Neuigkeit ein Licht / welches vieler Augen an
sich ziehet und verbländet. Fürst Herrmanns vorsichtige Einrichtung seiner
Herrschaft auff Krieg und Friedens-Zeiten. Der alten Deutschen Jugend erste
Zierraten /Schild und Spiess. Eines löblichen Fürsten gehörige Eigenschaften.
Ihre vornehmste Tugend: Die Vernunft in allen Dingen zur Wegweisern haben. Das
Ansehen bei einer Herrschaft / was der Mittelpunct bei einer gerade stehenden
Seule. Rühmlicher / sich nach Art eines Schwantz-Sterns mit herrlichem Glantze
einäschern / als eine todte Kohle in der Erde unverwesslich zu bleiben.
Gerechtigkeit durch aller Welt Schätze zu bezahlen. Belohnungen sollen allemahl
nach dem schweren / die Züchtigungen aber nach dem leichten Gewichte
ausgeteilet werden. Ungedult eine Mutter schädlicher Missgeburten / Hoffnung
eine Uberwinderin selbst des Verhängnisses. Politische Ursachen: warum das Hertze
des Menschen nicht auf der rechten / sondern lincken Seite des Menschens seinen
Sitz habe? Hertzog Herrmann wird von seinen bedrängten Nachbarn wieder die Römer
um Hülffe angesucht / und ihm seiner Vorfahren Feldhauptmannschaft angetragen.
Fürsten ob und wenn ihnen erlaubet ein ander Gesichte zu zeigen / als ihr Hertze
ist? der Purpur-Rock eines Fürsten soll den Sternen gleichen und also ohne
Flecken des Betruges sein. Argwohn der Warheit gröster Todfeind / und wem sie
gleiche? In Staats-Sachen geben auch Zwergs-Bäume einen Riesen-Schatten hoher
Cedern von sich. Das von der Natur in die Brust verborgene Hertz lehret die
Verschwiegenheit / und die Verbergung eines Anschlags machet in Kleinigkeiten
die Kräffte ansehnlich / die Mässigkeit unbegreiflich / und sich selbst zum
Wunderwercke. Zerfallene Freundschaft einem zerstückten Spiegel oder
Edelgesteine; Ein versöhnter Feind aber einem heut gläntzenden / morgen
rostenden Ertz-Geschirre ähnlich. Hertzog Herrmanns Gesandschaft an den König
Marbod / dessen mit dem Tiberius getroffener Anstand heisset den Gesandten
andere Seiten auffziehen. Höfligkeit die gewisseste Angel edler Gemüter und
eine Bezauberin der Unhold. Hertzog Herrmanns und des Römischen Saturnins
Freundschaft. Beide finden auff dem Blocks-Berge bei nächtlich angestellter
Jagt den mit einer zauberischen Wahrsagerin über des Tiberius künftiges Glück
sich besprechenden Sentius. Seine Rechtfertigung und letzt erkennter Fehler. Der
Fürstin Tussnelde Auffentalt bei der Cattischen Herzogin. Des Fürsten Arpus
Gemahlin verursachet dem entfernten Herzog Herrmañ allerhand
Gemüts-Kränckungen. Tussnelde befindet sich mit der Fürstin Erdmut unter ihrem
Frauenzimmer unerkannt in dem Hermundurischen warmen Brunnen / allwo der dahin
kommende König Marbod sich in ihre Schönheit verliebet. Schönheit verbländet mit
ihrem Glantze wie die Sonne / und tödtet mit ihrer Lebhaftigkeit wie das Feuer.
Der Augen besondere Nahmen und Verrichtungen. Polycrates Glücks-Ring wird auff
eine ganz wunderbare Art Tussnelden zu Teil. Der Liebe und Furcht Würckungen
in Marbods Gemüte wegen Tussnelden. Marbods angestellte Jagt / seine
Lebens-Gefahr durch Tussneldens Tapfferkeit abgewendet. Marbods verliebte
Ansprache gegen Tussnelden bei einem in selbiger Einöde sich befindlichem
Brunnen. Tussnelde stellet ihm mit vielen Vernunfts-Gründen entgegen: Dass ein
König vor andern seiner Regungen Meister; Sie aber ihres Gelübdes ewiger
Keuschheit unverbrüchlich eindenck sein müste. Marbods abgeschlagene Liebe in
Grimm und Raserei verwandelt durch einen Schlangenstich bestraffet. Furcht das
gröste Leibzeichen aller Gemütsregungen. Tussnelde wird in ihrem Jäger-Aufzuge
von ihrem erzürnten Vater dem Segestes / als Römischen Gesandten zum Marbod /
unvermutet angetroffen / in Verwahrung genommen / und wegen ihrer Flucht von
Rom zu höchstem Leidwesen der Cattischen Hertzogin / scharff unterhalten. Der
darüber um Hülffe angeflehete Marbod schützet zu seines eigenen Absehens
Befestigung des Segestes väterliche Gewalt / und die denen Gesandten durch das
allgemeine Völcker-Recht zu statten kommende Freiheit. Die Cattische Hertzogin
aber andere entgegen gesetzte Gründe vor. Tussnelde kömmt auf gewisse Bedingung
wieder in dieser Fürstin Verwahrung. Des Marbods mit dem Segestes gehaltene
geheime Unterredung über der Römer an ihm dem Segestes zeiter verübten
Falschheit; mit Erhebung seines hohen Geschlechts und Würdigkeit der ihm
gebührenden Feldherrschaft. Bosheit und Klugheit die zwei Bots Leute der
ganzen Welt. Augen und Gebehrden Verräter der Seelen. Heuchelei der
Staats-Klugheit gröste Tugend. In der Elbe ein ungewöhnlich grosser Stier
gefangen /und in dessen Leibe durch Marbods künstlichen Betrug ein goldener Ring
mit einer nachdencklichen Uberschrifft gefunden. Ob und was von dergleichen
Deutungen zukünftiger Dinge zu halten? Marbod verfolgt beim Segestes keine
List als ein göttlich Verhängnüs / und dringt auff Tussneldens Vermählung. Die
unter so viel vermeinten klugen verständigste Tussnelde eröffnet ihrem Vater des
Marbods Betrug wie und woher; auch jenes durch den Natterstich schon einst
empfundene göttliche Rache / erkläret sich dabei lieber zu sterben / als den
Hertzog Herrmann zu vergessen. Allzugenaue Scharffsichtigkeit in überirrdischen
Dingen Blindheit. Unglaube das betrüglichste Fallbret. Das unvermeidliche
Verhängnüs die weiseste Richtschnur. Ehre und Leben erheischet das letztere vor
die Tugend zu verschwenden. Staats-Klugheit achtet Heiraten vor Vermählungen
der Bürger / Bündnisse aber / der Fürsten. Allzugrosse Schärffe eine Gebährerin
der Verzweiffelung; Gelindigkeit eine Zermalmerin der härtesten Steinfelsen. Das
weibliche Geschlecht und Feuer erfordert einerlei Behutsamkeit / weil beides
Rauch und Licht heget. Tussnelde verschmähet Marbods und seiner Fürsten ihr zu
den Füssen gelegte Königs-Kronen und Fürsten-Hüte / mit Erkiesung eines einsamen
Kerckers und des darinnen rein behaltenen köstlichen Schatzes ihrer Gewissens
Ruh. Tussnelde wird in Verhaft /die Cattische Hertzogin aber aus dem Reiche
geschafft. dabei die Gräfin von der Lippe ihre Erzehlung endiget / Fürst
Adgandester aber befolget. Wie der zu Mayntz angelangte Tiberius Tussnelden
seine vermeinte Braut beim Marbod mit Glimpf / beim Segestes aber mit Dräuen
gesuchet. Marbods abschlägliche Antwort und Kriegs-Verfassung. Des furchtsamen
Segestes beim Varus gesuchter Schutz. Der hierüber bekümmerte Hertzog Herrmann
errettet durch eines ihn auffweckenden Geistes oder Gesichts Hülffe und
Wegweisung wieder sein eigenes Dencken seine höchst verlangte Tussnelde nicht so
wohl aus dem Gefängnüs / als aus den Wellen eines wütenden Stroms. Das allsehende
Auge der Göttlichen Versehung / wie es von Menschen anzusehen? Fürst Herrmanns
und Tussneldens Zurückkehr nach der Hauptstadt Matium zu Hertzog Arpus Gemahlin
Erdmut /auf welcher Reise sie Siegimers des Segestes Brudern Braut Rhamis des
Cattischen Hertzogs Ukrumers Tochter ganz wunderbarer Weise aus den
feindlich-und Räuberischen in ihres Bräutigams des Siegimers Hände lieffern.
Segestes Hertzog Herrmanns und Tussneldens unvermutete Zusammenkunft
verursachet abermahl gefährliche Ebenteuer und ein blutiges Fechten / nach
welchem der heftig verwundete Hertzog Herrmann nebst Tussnelden mit
schimpflichen Ketten gebunden / Siegimer aber von seinem Bruder Segestes vor
Feind erkläret wird. Wie vielerlei Absehen des Menschen / so vielerlei Abgötter
hat er. Segestes und Tiberius bosshaftes Verhalten gegen den Hertzog Herrmann
wird durch Marbods und Vannius würcklichen Uberfall und zu Erhaltung der
Cheruskischen Freundschaft hinterzogen. Den aller Orten bedrängten Römern soll
die unschuldige Tussnelde zum Opffer / dem mächtigen Feinde Marbod aber zur
Besänftigung und zur Ausbeute dienen. Tiberius wird gezwungen denen
Märckmännern und Quaden einen schimpflichen Jahrs-Sold zu versprechen.
Vermählungen zwischen zwistigen Häuptern die Ehrenpforten aus dem Irr-Garten
eines entsprungenen Kriegs zu kommen. Im Zanck-Apffel der Schönheit / selten
Kerne zu finden / woraus die Oelzweige des Friedens wachsen. Weibliches
Geschlecht eine Gebährerin der Zwietracht in Ländern / wie der Zwillinge im
Kind-Bette. Segestes gifftiger Anschlag wird durch seiner Gemahlin Sentia und
seines Sohnes Siegismunds Gefangenschaft von den Cheruskern hintertrieben / und
hernach mit Hertzog Herrmannen ausgewechselt. Dessen Tapfferkeit windet mit
seinen wenigen Cheruskern und des darzu kommenden vom Marbod vertriebenen
Hertzog Jubils Hülffe denen viel stärckern Marckmännern seine gefangene
Tussnelde nach einem harten und blutigen Gefechte nicht allein aus den Händen /
sondern bekommt auch die der Tussnelde entgegen kommende Königliche Tochter als
eine Gefangene vom Hertzog Jubill zum Geschencke. Hertzog Herrmann wird über
sorgfältiger Suchung seiner auf dem Gabretischen Gebürge versteckten Tussnelde
durch ein wundergrosses Weibsbild oder die Schutz-Göttin solchen Gebürges von
einem zwischen den Felsen herfür springenden gifftigen Wasser ab / und zu einem
gesunden geführet / auch vor den Erhalter der Deutschen Freiheit gepriesen. Der
Cherusker vom Gespenste selbst geratene Abzug wird eines der Casuarier und
Cherusker Feindschaft schmertzlich beweinenden alten Ritters / und durch dessen
Veranlassung Hertzog Herrmann seiner in der Marckmänner Hände wieder verfallenen
Tussnelde bei nahe teilhaftig. Tussneldens neue Lebens-Gefahr in einem vom
Fürst Herrmann belägerten Schloss auf Segestes ihres Vaters Befehl bei
eusserstem Notfall von der Festung und felsichten Klippen abgestürtzet zu
werden. Das Urteil / wie recht oder unrecht es sei / ein Werck der Obern /
Gehorsam aber die Ehre der Untertanen. Aus der abgestürtzten und vom Hertzog
Herrmann an einem Krachsteine lebendig gefundenen Tussnelden zu schlüssen: dass
Fürsten ganz andere oder besondere Schutz Geister und Erhaltungs-Gestirne; Aus
Hertzog Herrmanns aber dabei bezeigten hertzlichem Mitleiden: dass die Augen der
Helden nicht weniger in sich Wasser der Empfindligkeit / als Felsen Quellen
haben müssen. Die Laster haben nach ihrer Vollbringung die Art des in der Lufft
erst schwer werden den Stein-Saltzes an sich. Aus dem rechten Gebrauch aller
dreien Zeiten ist das eigentliche Leben zu schlüssen. Tussneldens Erbarmung über
die sie abstürtzenden gefangenen Marckmänner. Segestes von Sicher- und
Trunckenheit den Cheruskern den Rückweg abzuschneiden geschlagenes Lager vom
Hertzog Herrmann und Jubill überfallen / zerstreuet und meist abgeschlachtet /
selbst Segestes gefangen / Stadt und Schloss Henneberg nebst allen mit dem
Tiberius und Varus über seinen Untergang gewechselten Brieffen erobert. Hertzog
Herrmann entlediget den Segestes seiner Tussnelden zu Liebe der Ketten und
Bande /führet ihm der Römer Betrug und sein zeiteriges übles Beginnen zu
Gemüte / mit Versprechnüs seiner Freiheit und seines Gebietes / welches er mit
aller ersinnlichsten Dancknehm- und Bereuung seiner Fehler / Erhebung des
Hertzog Herrmanns freimütig erkennet / auch das Feld bei Henneberg dieses
Sieges halber / mit dem Nahmen Herrmanns Feld verewigen läst. Dieser Fürstlichen
Gesellschaft Ankunft zu Marpurg beim Hertzog Arpus verursachet wegen des
Cheruskisch- und Casuarischen Hauses Vereinbarung grosse Freude; des
Sicambrischen Hertzogs Melo überbrachte traurige Zeitung aber wegen seiner vom
Q. Varus geraubten Tochter ein allgemeines Hertzeleid und Verbitterung gegen die
Römer. Alle Güter sind wieder zu erlangen / der Verlust der Keuschheit allein
ist unersetzlich / und der Ehre unwiederbringlich. Hertzog Herrmanns / Arpus und
Melo Beratschlagung über des Varus Rache und Erhaltung der Deutschen Freiheit.
Der Verdacht der betrieglichste Wegweiser zu bereuenswürdigen Entschlüssungen.
Segestes abermahlige Verräterei. Das Gewissen der Göttlichen Rache
Gerichts-Anwald. Varus wird durch der Deutschen Fürsten Zusammenkunft zu Alison
in gutes Vertrauen; Hertzog Herrmann aber zu sein und der übrigen Römer bald
erfolgenden Schrecken zum Feldherrn Deutschlands gesetzet. Der Fürstin Tussnelde
Helden-Tugenden begleiten eitel Wunderwercke / wie das Ende der Erzehlung vor
dissmahl den Adgandester und übrige Hohen zu einer herrlichen Mahlzeit und
allerhand Schertz-Spielen.
 
                                Das Aachte Buch.
Die Zeit hat eine Botmässigkeit über alle Dinge. Sie bedecket güldene Haare mit
Schimmel; Rosen-Wangen mit Ton / Purper-Lippen mit Bleiweiss. Sie nützet Marmel
mit Regen / Ertzt mit Feuer und Feilen ab; Sie zersprenget mit denen
verschlossenen Winden die rauesten Felsen / und verkehret die Sternen in Asche.
Sie leschet allem das Licht aus; ihr aber niemand. Nur alleine die Tugend machet
sich durch unsterblichen Nach-Ruhm der Zeit zur Meisterin; und Liebe verwirret
ihre Sand-Uhr. Denn sie machet bei erlangtem Genuss einen Tag zum Augenblicke;
und ihr ungedultiges Verlangen eine Nacht zum Jahre. Diese letztere Würckung
verursachte: dass das wenige übrige der Finsternüs / welches doch noch darzu
guten teils der Schlaff verkürtzt hatte; dem grossmütigen Feldherrn Herrmañ und
der verliebten Tussnelden fürkam; Als wenn die Gegenfüssler das Rad und den Lauff
der Sonnen gehemmet hätte. Diesemnach denn beide so wohl als der ganze Hof der
schläffrigen Morgenröte zuvor kamen; um sich zu dem Vermählungs-Feier fertig zu
machen. Zumahl ohne diss schon ein Barde den Abend zuvor an das Burg-Tor
nachfolgende Reimen angehefftet hatte:
Komm Sonne / Brunn des Lichts / zu unsern Hochzeit-Freuden!
Bring' uns den güldnen Tag; und gieb nicht nach: dass wir
Und unser Fackeln-Glantz kommt deinen Stralen fur!
Was hemmet deinen Lauff? kanstu / O Riese / leiden:
Dass Zwerg-Gestirne dir so Preis als Lust abschneiden?
Weil der gestirnte Bär / der faule Schwan und Stier /
Der blasse Mohnde sich aus Eyversucht von dir
Nicht lassen dringen weg / den Tag die Nächte neiden?
Treib so viel schneller um dein Rad / O Angelstern /
Als du's zu langsam triebst zu Liebe Jupitern /
Wie er Aleiden zeigt'. Erzwinge biss Verlangen
O Sonne / weil die Nacht zu schlecht ist fur diss Fest /
Weil Herrmann eben diss / was Jupiter gewest /
Und einen Hercules Tussnelde soll empfangen.
    Es hatte der Feldherr aber sich noch nicht gar angelegt; Als Fürst
Adgandester ins Zimmer trat / und ihm anmeldete: dass der Oberste Gärtner auffs
emsigste anhielt: es möchte doch der Hertzog wegen einer anschauens-würdigen
Seltzamkeit sich mit allen Grossen sonder einige Zeitverlierung in Garten
verfügen. Wiewol nun der eingelassene Gärtner die Sache nicht deutlich entdecken
wollte; weil aber seine Gebehrden genungsam zu verstehen gaben: dass es was
sonderliches / und nichts unangenehmes wäre; erklärte sich der Feldherr: dass er
ihm auf dem Fusse folgen wollte; liess auch in Eyl die andern Fürsten in Garten
ersuchen / er aber forderte selbst seine andere Seele Tussnelden ab. Der Gärtner
leitete die hohen Häupter / und den sich eindringenden Hof zu einer grossen
Aloe-Staude; welche die Königin in Hibernien dem Feldherrn überschickt / sie
aber aus den Glücks-Inseln bekommen hatte. Diese seltzame und schwangere Staude
traffen sie als eine ängstige Gebährerin an; Denn sie trieb einen dicken Stengel
mit solcher Gewalt empor: dass die Augen sichtbar sein Wachstum wahrnehmen
konten. In zweien Stunden war er wohl drei Ellen-Bogen hoch worden; und es
schossen zugleich eine ziemliche Anzahl wolrüchender Blumen herfür; also: dass
alle Anschauer nichts minder hierüber Ergötzligkeit schöpfften / als sich
verwunderten; ja sie hätten dieser gebährenden Staude noch länger zugesehen; weñ
nicht die Verliebten ihr innerlicher Magnet anders wohin gezogen; die Priester
auch selbst: dass es Zeit wäre / erinnert hätten. Inzwischen legte iederman die
Geburt dieses edlen Gewächses für ein herrliches Glücks-Zeichen der zwei
Verlobten aus / und wünschte: dass sie noch in ihrem Leben so viel edle
Nachkommen zehlen möchten; Als sie an der Aloe Blumen sähen.
    Unter diesen Wahrsagungen und Glücks-Wünschen schickten sich alle zu der
Fart in den Deutschburgischen Hein. Sämtliche bei dem Einzuge sich gewiesene
Scharen hatten auff beiden Seiten der dahin gehenden Strasse sich in Ordnung
gestellt. Zum ersten giengen die Barden; welche mit ihrem Lustgetöne und
Lobgesängen die Lufft erfülleten. Diesem folgte ein mit grünen Zweigen so
zierlich geflochtener Wagen: dass die darinnen zum Opfer verwahrte Tauben und
Sperlinge gleich wie in einem Gebauer bestrickt waren; diesem eine Menge
Opffer-Knechte /welche in eine auf einer Schleiffe geführten Kohlen-Glut
Wacholder-Beeren häuffig auffstreuten Hierauf kamen abermahl fünffhundert
ausserlesene Jungfrauen; die mit ausgestreuten Blumen gleicher Gestalt den Weg
bähneten; und nach ihnen die Fürstliche Braut auff ihrer güldenen Muschel;
welche dissmahl vier geweihete schneeweisse Pferde zohen; von denen vorhin sonst
noch nichts gezogen worden. Die schönste Tussnelde war dissmahl aller Waffen
beraubet; trug auf dem Haupte einen mit Perlen umflochtenen Rosen-Krantz. Ihr
ganzes Kleid war aus weisser Seide / und mit ihrem ganzen Leibe kein Schmuck
anderer Farbe zu finden; entweder die Reinigkeit ihrer Jungferschaft
abzubilden; oder durch den Schnee ihrer weissen Haut auch die zarteste Seide zu
beschämen. Hierauf liessen sich abermals eine Menge Barden nichts minder
annehmlich hören / als sehen; Die Opffer-Knechte führten ein schneeweisses Pferd
/ das gleichfalls weder Zaum noch Sattel gefühlt hatte / bei den Meenen. Wiewol
diss nun die ganze Nacht unauffhörlich gesprungen hatte; also: dass es vom
Schweisse gleichsam troff; so liess es sich doch nunmehr zu seiner Abschlachtung
wie ein gedultiges Lamm leiten; und welches noch mehr die Auslegung künftigen
Glückes beglaubigte / schritt diss gewiedmete Pferd iedesmahls mit dem rechten
Schenckel über die an dreien Orten nach Gewonheit quer über den Weg gelegte
Lantzen. Hingegen tät das Tigerscheckichte Pferd / auf welchem der Feldherr
zwischen dem Hertzog Arpus und Flavius daher ritt /so viel mehr Sätze und
Lufft-Springe. Welchen denn alle andere Fürsten zu Pferde nichts weniger / als
die Königin Erato / die Hertzogin der Catten / ihre Tochter / und viel andere
Fürsten begleiteten.
    Bei dem Eingange des heiligen Heines standen zwölff Priester in schneeweissen
Kleidern / mit Lorbern bekräntzet; in den Händen hatten sie vergüldete Sicheln /
und Eisenkraut. Nach dem sie beide Verlobte mit einem Segen bewillkommt / und
das geweihte Kraut ihnen auf das Haupt gestreuet hatten /der Feldherr auch von
seinem Pferde / Tussnelde von ihrem Wagen gestiegen war; giengen sie für ihnen
her / biss zu dem Tanfanischen Tempel. Daselbst blieben sie stehen; und wurden in
einem Kreisse von denen sie begleitenden Fürsten umgeben. Auff Seiten der
Fürstlichen Braut vertrat an statt des abwesenden Segestes Hertzog Arpus die
Vater- und Erdmut seine Gemahlin / als Tussneldens nahe Base / die
Mutter-Stelle. Ein alter Priester kam hierauff / und erkundigte sich: Ob die
Einwilligung der Verlobten / und die sonst darzu nötigen Heiratsbedingungen
ihre Richtigkeit hätten? Deñ ob zwar das Recht der Völcker der Eltern Willen zu
der Kinder Verehligung mehr zum Wolstande / als Wesen ihrer Eh erfordert;
heischen selbten doch die ehrbaren Deutschen als eine unentpehrliche
Notwendigkeit; wiewol die einmal den Kindern gegebene Einwilligung hernach
keine Reue verstattet. Diesemnach denn Hertzog Arpus dem Priester antwortete:
Segestes hätte bei der Aufopfferung der Römischen Gefangenen in Anwesenheit
vieler Priester und aller gegenwärtigen Fürsten / Hertzog Herrmanns und
Tussneldens Heirat gut gesprochen. Wesswegen ihr Bruder Fürst Sigismund selbst
sich zum Opffer-Feuer näherte / in eine Feuer-Sorge eine Schauffel voll glüende
Kohlen schüttete / auff einen Teller aber Brod und Saltz legte / und diss dem
Hertzog Arpus reichte / und selbtes an statt des Vatern Tussnelden zum
Merckmale: dass sie nun einen eigenen Tisch und Heerd hegen möchte / einhändigte.
    Wie nun dieser Priester sich hiermit allerdings vergnügt zu sein erklärte;
liess der Feldherr ein Joch zusammen gespannter weissen Ochsen / und ein
schneeweisses Pferd mit Sattel und Zeug / eine Lantze /einen Schild und ein
Schwerd herbringen; welches er nach der streitbaren Deutschen Art der Fürstin
Tussnelde zum Braut-Schatze überliefferte. Sintemahl dieses Volck weiblichen
Schmuck und zärtliche Geschäncke bei ihren Vermählungen viel zu verächtlich
hält; sondern sich durch obige raue Gaben mit einander vereinbart / und hiermit
klärer / als die Grichen und Römer / die der Bräute Haar mit einer Lantze zu
zerteilen pflegten / andeutete: dass beide Ehleute im Frieden / Arbeits- im
Kriege Kampffs-Gefärten sein würden. Die freudige Tussnelde nahm diese
Geschäncke mit einer anmutigen Ehrerbietung an /und vermeldete: Sie übernehme
mit dieser Freigebigkeit ihres Gebieters und Eh-Herrn Herrschaft über sich; zum
Kennzeichen des kräfftigsten Seelen-Bandes / und des geheimen Heiligtums / in
welchem die Göttliche Liebe durch das reine Feuer keuschverlobter Hertzen
verehret würde. Sie würde an dem grossen Fürsten Herrmann seine Tugenden ihr zu
einem Spiegel ihres Lebens dienen lassen / und um seinen Befehlen durch Gehorsam
fürzukommen sich bemühen seinen Willen ihm an den Augen anzusehen. Sie wollte bei
Glück und Unglück alle seine Zufälle für die ihrigen schätzen; und bei der Ruhe
mit ihm den Pflug halten; bei der Gefahr mit ihm den Harnisch anziehen / und
diese Waffen für ihn / und das Vaterland brauchen. Sie hätte ihr fürgenommen mit
ihm tugendhaft zu leben / und rühmlich zu sterben; wormit ihren Kindern an
ihrem Fürstlichen Erbteile nichts abgienge; ihrem Geschlechte nichts
verkleinerliches zuwüchse; sondern / was ihren Schnuren ehrlich / und ihren
Enckeln ein erfreuliches Gedächtnüs und Beispiel sein würde. Wiewol es nun bei
denen Deutschen nicht nötig ist: dass die Braut ihrem Bräutigam eine Mitgift
zubringe / so beschänckte sie ihn doch auch mit einem schönen Pferde und einem
mit Edelgesteinen versetzten Schwerdte; welches beides sie in der Schlacht einem
Römischen Obersten abgenommen hatte. Hiermit wurden die zum Opffer bestimmten
Tiere herzu gebracht / von den Opffer-Knechten mit dem aus der heiligen Höle
flüssendem Wasser abgewaschen; Die Adern und Eingeweide sorgfältig durchsucht;
und alles auf eitel Gutes deutend befunden; endlich von der krachenden Flamme
auf denen aus Rasen zusammen gesetzten Altären verbrennet; welche die zwei
Verlobten selbst durch Anlegung vielen Wacholder-Holtzes / und durch darein
gegossenen Wein und Oel mehr lebhaft und verzehrend machten. Denn die Andacht
schämet sich nicht bei Verehrung des Fürsten aller Fürsten auch den niedrigsten
Dienst zu vertreten. Als alles dieses vollbracht / ward der Feldherr und
Tussnelde von den Priestern zu der heiligen Höle geführet; da sie denn der
oberste Priester Libys beim Eingange aus dem geweihten Brunnen besprengte;
hernach sie nieder zu knien / ihr Gebete zu verrichten / und endlich ihre Hände
in einander zu schrencken erinnerte. Diese band er mit einem von einem
Sterbe-Kittel gemachten Bande zusammen; Gleich als wenn die ehliche Liebe auch
mit dem Tode nicht verrauchen sollte. Hierauff gürtete er Tussnelden ihren Gürtel
los; nahm ihr den Krantz ab / und gab jenen dem Feldherrn in die Hände / diesen
aber setzte sie ihm auf das Haupt; Gleich als wenn er ihm hiemit die Gewalt über
ihren Englischen Leib zueignete / und die reinen Blüten ihrer keuschen
Jungfrauschaft zu genüssen erlaubte. Nach dem Libys auch auff seinem Antlitze
für sie zwei inbrünstig gebetet hatte; segnete er sie /goss eine Schale voll
wolrüchendes Wassers über ihre Scheiteln / und wünschte: dass sie so viel Kinder
und Kindes-Kinder zehlen möchten; als er aus selbigem Geschirre Tropffen giesse.
Uber diesen Worten erhob sich ein neues Wasser-Geräusche / welches sich ie
länger ie mehr vergrösserte; und endlich brach dem alten Quelle gegen über
zwischen denen Steinfelsen ein neuer Brunn herfür / welcher eines Armes dicke
empor sprützte. Alle Anwesenden / und selbst Libys wurden hierüber Wunders voll.
Denn ob zwar zuweilen nach sich ereignenden Erdbeben / welche die Felsen
zerspalten / oder die Adern anderwärtiger Quelle verrücken / oder auch / wenn
Wälder ausgerottet / und dardurch die sonst in die Wurtzeln gezogene
Feuchtigkeit im Erdboden versammelt wird / neue Brunnen entspringen; wie sich
fürnehmlich auf dem Gebürge Hämus ereignet / als Cassander die Deutschen darauff
belägerte; so wäre doch hier keine dieser Ursachen verhanden / und es so viel
nachdencklicher: dass dieses neue Quell eben über diesem heiligen Hochzeit-Feier
herfür bräche. Ob auch wohl sonst die ungewöhnliche Ergüssung der Brunnen ein
Vorbote bevorstehenden Misswachses sein soll; so wahrsagte doch der Priester
Libys denen Fürstlichen Verlobten; dass so lange dieses neue Quell nicht
versäugen würde; ihre Nachkommen und Geschlechte wachsen und blühen müsten. Nach
vielen von dem Volcke ausgelassenem Frolocken wurden sie endlich in den
Tanfanischen Tempel geführet; darinnen die Barden an zwölff steinernen Pfeilern
so viel Sinnbilder dem Feldherrn zu Ehren / und zu Ausdrückung seiner heftigen
Liebe / aufgerichtet; alle Erfindungen aber vom Feuer genommen hatten; teils /
weil Hertzog Herrmann in Fürstlichen Entschlüssungen allezeit eine Eigenschaft
des Feuers erforderte; teils weil die Liebe keinem Dinge besser / als den
Flammen zu vergleichen /oder auch wahrhaftig das edelste Feuer aufgetaner
Gemüter ist. Sie hatten darinnen vornehmlich die Hefftigkeit / die Reinigkeit /
und die fruchtlose Hindernüs seiner keuschen Liebe gegen die unvergleichliche
Tussnelde fürzubilden sich bemühet; und war an dem ersten Pfeiler ein in der
hellesten Flamme unversehrter Salamander zu sehen; darunter aber zu lesen:
Der Liebe Glut / die sonst zu Aschen alles brenn't /
Ist Speis' und Labsal mir / ja selbst mein Element.
    Am andern Pfeiler zermalmete ein unterirrdisches /aber mit Krachen hervor
brechendes Feuer / Felsen und Gebürge / mit der Unterschrifft:
    Das Feuer lässt sich nicht verriegeln Ertzt und Stein /
    Und Liebe schmeltzet Stahl / bricht Berg' und Klippen ein.
    Am dritten mühte sich der Blitz / und ein Schwerd /wiewol umsonst ein
rasendes Feuer zu vertilgen; darunter geschrieben stand:
    Mein Vorsatz bleibet stehn fur Feind und Donner-Keilen;
    Denn Blitz und Eisen kann nicht Lieb' und Glut zerteilen.
    Der vierdte Pfeiler stellte eine helleuchtende Flamme für; welche die
Wolcken eines dicken Rauches zertrennte; und folgende Worte darbei verzeichnet
hatte:
    Kein Rauch verbirgt die Glut / kein Dunst die Liebe nicht.
    Ja selbst die Finsternus vergrössert beider Licht.
    Vom fünften Pfeiler erfüllte der auf glüenden Kohlen zerschmeltzende
Weirauch mit seinem durchdringenden Geruche den ganzen Tempel / und folgende
Zeilen legten es aus:
    Die Tugend ohne Lieb' ist Weirauch ohne Glut.
    Denn beides kriegt erst Krafft / wenn man's ins Feuer tut.
    Am sechsten Pfeiler stand eine flammende Feuer-Esse; in welcher ein starckes
Eisen halb seinen alten Rost zeigte / halb aber glüend und gläntzend; und nach
beigesetzten Worten zu verstehen war:
    Ein keusch-verliebter Geist ist wie ein gluend Eisen.
    Denn dieses darff nicht Rost / noch jener Unflat speisen.
    Bei dem siebenden Pfeiler stand eine lodernde Fackel / an der das Wachs noch
dazu von den Sonnen-Stralen zerschmeltzt; ward / mit folgender Ausdeutung:
    Mich schmeltzt ein zweifach Brand / mich tilgt kein eintzel Schmertz /
    Halb zeugt ihn meine Sonn' in Augen / halb mein Hertz.
    Der achte Pfeiler war ein Behältnüs eines von Flammen krachenden
Holtz-Stosses / welcher zwar eine Leiche zu Staube verbrennt hatte / einem vom
Giffte blau aufgeschwelletem Hertzen aber nichts anzuhaben vermochte. Darunter
war verzeichnet:
    Welch Hertze nicht die Glut des Liebens åschert ein /
    Das muss befleckt mit Gift / von Unhold schwanger sein.
    Am neundten Pfeiler war ein Hauffen glüender /und von dem darauf gesprjetzten
Wasser rauchender Steine zu sehen / folgende Worte aber zu lesen:
    Wer Flut auff heisse Stein' / Hass auff Verliebte spritzet;
    Der glaube: dass er nur mehr ihren Brand erhitzet.
    Der zehnde Pfeiler stellte einen Berg voll Asche /zwischen welchem doch hin
und wieder die Flammen herfür schossen / und diese Beischrift für:
    Kein Feuer leschet aus / das einig Zunder nähr't;
    Die Liebe glimmt / ist sie in Asche gleich verzehrt.
    Am eilfften Pfeiler versengten sich die Motten an einem hellen Lichte;
folgende Reimen aber drückten nichts minder des Feldherrn / als dieser
verbrennenden Würmer Entschlüssung aus:
Ich mag kein ander Grab / will alle Quaal ausstehn;
Denn Lieb' und Flamme sind ja allzu wunder-schön.
    Bei dem zwölfften Pfeiler ward eine Glut von denen darein blasenden Winden
auffgefacht / und derogestalt ausgelegt:
So Wind als Missgunst muss zu Blase-Bälgen dienen;
Wenn sie die Lieb' und Glut zu tilgen sich erkuhnen.
    Auff der andern Seite des Tempels hatten die Barden an denen zwölff übrigen
Pfeilern mit eitel aus dem Wasser genommenen Dingen / und zwar entweder / weil
das weibliche Geschlechte dem Mohnden /als der Mutter aller Feuchtigkeit /
untergeben wird; oder / weil sie durch diesen wässerichten Spiegel /durch die
Perlen- und Purper-Schnecken / durch die Korallen-Zancken und andere
Wunderwercke des Meeres nichts minder die Schönheit / als die keusche und
beständige Liebe der Fürstin Tussnelde andeuten wollten / dieselbten in eben so
viel Siñenbildern entworffen. An dem ersten Pfeiler lag eine eröffnete Muschel
an dem Meer-Strande / in die sich der Tau zu Zeugung der Perlen einflöste;
welche die Perle dieser Welt die wunderschöne Tussnelde derogestalt auff dem aus
dem Göttlichen Verhängnisse kommenden Uhrsprung ihrer Liebe also auslegte:
    Die Perl' in Muscheln gleicht der Lieb' in meinem Hertzen.
    Zeugt jene Morgen-Tau / fleusst die von Himmels- Kertzen.
    Am andern Pfeiler standen eben solche zu der Empfängnüs der Perlen sich
eröffnende Muscheln; derer Geburt aber durch den darein schimmernden Blitz
zernichtet ward; darunter aber drückte das viel mildere Feuer der Liebe folgende
Reimen aus:
    Der Blitz stör't die Geburt der Perlen; Flamm' und Glut
    Des Liebens aber ist auch zårt'sten Perlen gut.
    Am dritten Pfeiler war eine Menge befruchteter Perlen zu sehen; in derer
aller Schoss aber mehr nicht /als eine Perle zu sehen war; sintemahl eine Muschel
mehr nicht / als eine solche Tochter zu empfangen fähig ist. Welches Tussnelde
derogestalt ihr zueignete:
    Die Purpur-Schnecke zeugt nur eine Perl' allein.
    So schleust mein Hertz' ein Hertz auch eines Herrmanns ein.
    Am vierdten Pfeiler mühte sich die Sonne mit ihren kräfftigen Feuer-Stralen
eine zugeschlossene Muschel zu eröffnen; ohne welcher Würckung sich keine sonst
aufftut; wordurch die edle Tussnelde die Würdigkeit ihres Liebhabers mit diesen
Worten erhob:
    Die Muschel lässt sich nur durch kräfft'ge Wärmd' auffschlussen;
    Und meine Sonne kann mich Perle nur genussen.
    Der fünfte Pfeiler stellte ein stürmendes Meer für Augen / welches mit
seinen Wellen die Perlen-Muscheln sonder einige Beschädigung von allem Unflate
sauber abspielte / mit der Beischrift:
    Des Meeres truber Schaum tut Perlen Schmach und Neid
    Der zarten Seelen-Frucht der Liebe gar kein Leid.
    Am sechsten Pfeiler war eine Murene / die sich die verbitterten Meer-Fluten
an den Klippen zu zerschmettern vergebens bemühten; als welcher Fisch harte
Schläge / nicht aber gelinde auszustehen vermag; wormit Tussnelde die fruchtlose
Bemühung des gewaltsamen Marbods derogestalt zu verlachen schien:
    Kein Schlag / ein linder Streich kann die Murenen zwingen;
    Und Liebe lässt sich nicht durch Zwang zu wege bringen.
    Am siebenden Pfeiler sah man / wie ein Korallen-Gewächse / so weit es das
Meer-Wasser benetzte /einer weichen Pflantze gleichte / so weit es aber die
Lufft trocknete / sich versteinerte. Wormit die Fürstin Tussnelde durch einen
Gegensatz die Erweichung ihres Hertzens derogestalt zu entschuldigen meinte:
    Die Zeit verkehr't Korall aus einem Kraut' in Stein;
    Die Lieb' ein Hertz in Wachs / das marmeln schien zu sein.
    Welcher Entschuldigung denn der achte Pfeiler abermals durch eine von dem
Himmels-Tau getränckte Muschel und dieser Unterschrifft zu Hülffe kam:
    Nichts / als der Himmel weiss die Muscheln zu besämen;
    Ein keusches Hertze nur die Tugend anzunehmen.
    Dieses bekräfftigte an dem neundten Pfeiler eine sterbende Purpur-Schnecke;
welche mit ihrer Königlichen Farbe das Meer-Wasser / als ihr Begräbnüs /noch
herrlicher anrötete / und die darunter stehende Auslegung:
    Die Purper-Schnecke macht ihr Grab auch sterbend rot;
    Nichts minder herrlich ist der Keuschheit reiner Tod.
    Die gar wohl mögliche Vereinbarung der Keuschheit und Liebe erhärtete am
zehenden Pfeiler eine nichts minder mit ihrem Purper / als ihrer Perle prangende
Schnecke; welche für die Fürstliche Braut hiermit eine Vorrednerin abgab:
    Wie Perl und Schnecken-Blut verschwistert sind zusammen;
    So ist der Keuschheit-Schnee vermischt mit meinem Flammen.
    Der eilffte Pfeiler entwarff mit einem in der See brennenden Stern-Fische
die Beständigkeit ihrer Liebe für sie redende:
    Lescht ein ganz Meer nicht aus der Sternen-Fische Glut;
    So tilget meine Lieb' auch weder Eyss noch Flut.
    Endlich versicherte der zwölfte Pfeiler durch eine gleich aus dem Meere
gerissene / und sich allererst rötende Korallen-staude ihren Bräutigam: dass
ihre Liebe auch mit dem Tode nicht verleschen würde /nebst diesen zweien Zeilen:
    Wenn man's Korall bricht ab / so wird es erst recht rot /
    Rechtschaffne Liebe gluht / wenn schon ein Teil ist todt.
    Uber diss hatten die Barden die zwei Unholden des menschlichen Lebens Hass und
Neid / als welche beide Vermählten geraume Zeit grausam verfolget /und die zwei
schädlichen Missgeburten der ehlichen Liebe / nehmlich die Eyversucht und
Unfruchtbarkeit ausgestossen und mit allerhand wolrüchenden Wassern und Qelen
zusammen gebackenen Kohlen an die vier Teile des Tempels in menschlicher
Lebens-Grösse auffgestellt / diese vier Bilder aber über und über mit glänzendem
Agstein zierlich bekleibet: dass sie einen hellen Gold-Glantz unter so viel
Fackeln von sich warffen. Gegen Ost stand das Bild des Hasses auff einem grossen
Stiere / welcher Fluss- und Strom-Fisch alle andere hasset / und die er nur
überwältigen kann verschlinget. Das Bild selbst sah einer von Zorne
aufgeblasenen aus den Augen und dem Munde schäumenden Kriegs-Göttin ähnlich; in
der rechten Hand hatte sie eine brennende Fackel. Der auffgesperrte Wolff war
mit Wolffs-Zähnen / die Finger mit Tiger-Klauen ausgerüstet; auf der Brust waren
Scorpionen gebildet; welche / wenn sie mit den ausgestreckten Scheren was
umarmen / mit dem giftigen Schwantze verwunden. Auff dem Kopffe hatte es einen
von Schlangen geflochtenen Krantz; die fornen und hinten einen Kopff haben /
gleich als wenn der Hass sich nicht vergnügte / vorwerts mit seinen Bissen /
sondern auch hinterwerts mit seiner Verläumdung zu beleidigen. So bald der
Feldherr und die Fürstin Tussnelda bei diesem Bilde vorüber ging / fielen von
der brennenden Fackel dieser Kohlen-Seule etliche Funcken auff den Kopff / die
alsbald den Schlangen-Krantz / folgends den Kopf / endlich das ganze Bild
glüend machten; welches so lange einen annehmlichen Würtz-Geruch von sich gab /
biss es nach und nach in Asche verfiel. Die zwei Verliebten lasen zu ihrer
grossen Vergnügung an dem steinernen Fusse diese der Tugend und dem Feldherrn zu
Ehren eingegrabene Siegs-Zeilen:
Wie Kiesel / die man schlågt / nur geben Glantz und Licht /
Wie ieder Lorbeer-Baum so Blitz als Winter lacht /
Die Glut das Gold / der Wind die Fackeln heller macht /
Der Palm-Baum und Acant von keiner Last zerbricht /
Wie keine Fäulnüs nie das Pfauen-Fleisch ansicht /
Kein Wurm die Ceder frisst / der Sturm die Glut auffacht /
Der kleine Sternen-Beer nie untergeht zu Nacht;
So schad'stu / torchter Hass / der edlen Tugend nicht.
Fürst Herrmanns Gluck und Ruhm lehrt jetzt mit Schaden dich:
Wer Schlang- und Nesseln drückt / empfinde Brand und Stich /
Der Wellen Zorn vergeh' auff Felsen nur in Schaum /
Man reibe mit Verlust sich an den Eichen-Baum /
Es äschre sich der Blitz / der Schwantz-Gestirne Schein
Nichts minder / als der Hass / durch eignen Zunder ein.
    Das andere Bild des Neides stand gegen Mittag; weil der Neid nichts minder
der Tugend / als der Schatten der Sonne anhänget; und zwar mit iedem Fusse auff
einer Schlange; entweder weil jene Unholdin gegen dem Glücke sich nichts minder
als dieser Wurm gegen die Sonnen-Strahlen auflehnet; oder weil sich die
neidische Juno mit zwei Schlangen den verhasten Hercules noch in der Wiege
aufzureiben bemühet hat. Das Bild selbst war ein Abriss eines alten abgemagerten
und schwindsüchtigen Weibes; Weil dieses Laster bei anderer Menschen Wachstume
nicht anders abzunehmen / als die Zwiebeln bei zunehmendem Mohnden auszutrocknen
pflegen. Es fielen selbtem die runtzlichten Augenlieder zu; weil die Bekümmerung
um fremden Wolstand diesen Molch niemahls ausschlaffen läst / oder bei fremden
Glücks-Sterne keinen Stern zu haben vermeint / und von anderm Lichte verbländet
wird. Die von Gift blaue Zunge reckte es wie die zu stechen gerüstete Nattern
herfür; Die Lippen waren blass / und von dem Essige der Missgunst zerbejetzt; weil
dieses Ungeheuer niemahls als über anderm Schaden zu lachen pflegt. Es speiete
einen Hauffen Galle von sich; weil dieses Seelen-Geschwüre auch Zucker und Honig
darein zu verwandeln pflegt. Die Brust war voller Narben; weil der Neid sein
eigener Hencker / das Hertze seine eigene Folter-Banck ist. Auf dem Kopffe hatte
es einen Krantz von Aegeln / welche ihm sein eigen Blut aussaugten. In der einen
Hand eine Peitsche von Nattern; derer Köpffe sich aber in das Fleisch der Armen
tieff eingefressen hatten; in der andern eine Wachtel; weil jenes Ungeheuer
nichts weniger über fremder Tugend / als dieser Vogel über dem Silber-Kreisse des
aufgehenden Mohnden seuffzet. Unter dem Arme hatte es ein Horn des Uberflusses /
darinnen aber eitel Aschen-und Holtz-Aepfel / Schleen / Koloquinten und andere
bittere Früchte entalten waren; Denn Essig ist der Zucker / und Unflat der
niedlichste Unterhalt des Neides / welcher sich an dem bösen ergötzet; über dem
guten sich zu tode grämet. So bald die zwei sich diesem Kohlen-Bilde näherten /
ward es von einem künstlich bereiteten Blitze angezündet; welches denn als ein
der Fürsten Tussnelde Keuschheit und Beständigkeit gewiedmetes Opffer durch
einen durchdringenden Ambra-Rauch sich glüende verzehrte; worüber beide die an
dem steinern Fusse eingeetzten Reimen mit höchster Ergetzligkeit lasen:
Spei' ans jetzt Galle / Gift und Eyter / blasser Neid!
Denn ob dein Atem zwar Kraut / Laub und Grass verheeret /
Zibet in Hutten-Rauch / die Lilg' in Wolffs-Milch kehret /
Aus Honig Wermut saugt / auff Rosen Kroten spei't;
So tut dein Geiffern doch der Keuschheit minder Leid /
Als wenn ein bellend Hund den vollen Mohnd' anfähret.
Ja wie der Sonnen-Glantz der Nebel Dunst verzehret /
So tilgt auch deinen Dampff Tussneldens Sittsamkeit.
Der Erde Schatten reicht zu hohern Sternen nicht /
Schwärtzt er den Mohnden gleich. Ein Hercules zerbricht
Die Schlangen / die auf ihn die Missgunst rustet aus.
Das Blut verzehrt durch Rost das Mord-begier'ge Schwerdt /
Das Feuer Einens Bauch / das biss zum Himmel fährt;
So wird durch eignen Brand der Neid auch Asch' und Grauss.
    Gegen Westen stand das Bild der Eyversucht; gleich als wenn durch sie die
Liebe täglich ihren Untergang hätte. Es stund auf einem Basilissken; weil dieses
gifftige Tier seine Nebenbuhler nicht so wohl mit Feuer und Schwerdt zu tödten
/ als mit denen Augen zu erstechen gesinnet ist; wormit es gleichwol eine
Aehnligkeit ihrer Stieff-Mutter / nämlich der Liebe behalte; als welche
gleichfalls durch die Pforten der Augen / ob sie schon von denen sich
Verliebenden nicht gesehen wird / eindringet; mit ihrem annehmlichen Lichte das
Gesichte verbländet / und mit ihren lebhaften Strahlen die Seelen tödtet.
Dieses Bild stellte vorwerts ein hessliches / hinten ein schönes Weibesbild für;
weil dieser Wurm so wohl auf Rosen /als schlechtem Mah kreucht; ja die hiervon
beschmeisste Schönheit sich allezeit ungestalter hält als ihre Neben-Buhlerin.
Uber den ganzen Leib war es mit eitel auffgesperrten Augen besäet; weil
Eyversüchtige weder Tag noch Nacht ruhen können / und Scharffsichtigkeit nichts
minder als das übermässige Licht der Sonnenstrahlen ihre Augen verblendet: dass
sie einen nichtigen Schatten für ein wahrhaftiges Wesen ansehen. Um das Haupt
war an statt des Krantzes ein Pomerantzen-Zweig mit anhangenden Früchten
geflochten; Auff der Scheitel aber war ein Drache; gleich als wenn dieser
eivernde Wurm nichts minder seine Buhlschaft / als der in den Hesperischen
Gärten die güldenen Aepffel bewachen müste. In der rechten Hand führte die
Eyversucht eine mit Dornen umwundene Fackel / derogleichen einige Völcker bei
denen Vermählungen zu brauchen pflegen /um so viel den Stachel als Brand beider
Gemüts-Regungen abzubilden. Auff der lincken Hand sass ein Geier; welcher aber
mit seinem Schnabel in dieses Bildes Brust einhackte / und sich gleichsam mit
dieses andern Tityons Leber speisete. Bei währender wolrüchenden Verglimmung
dieses Ungeheuers lasen die Fürsten nachfolgende Auslegung:
Weg / mit der Eyversucht! Sie ist des Todes Bild /
Ein Zaum der reinen Lieb' / ein Kind der dustern Nacht
Ein Dunst / der Augen blind- die Sonne finster macht /
Ein Wurm / der seinen Kot in Ros' und Purper hull't /
Gift / das aus Nectar fleusst / doch aus der Höle quillt /
Durch das aus Berg-Kristall uns wird der Tod zubracht
Ein Hencker seiner Hold / ein Wahnwitz / wo Verdacht
Mehr als ein Argos sieht / mehr als die Keuschheit gilt.
Fleuch! weil die Liebe ja schon ohne deine Pein
Kan eine Folter-Banck und eine Hölle sein;
Du aber årger noch / als Holl und Folter bist.
Doch weil hier himmlisch Oel die Liebes Ampeln nåhrt;
So muht ihr Flammen euch: dass ihr diss Tier verzehrt
Zu lehrn: dass Eyversucht sich selbst quält / wurgt und frisst.
    Gegen Mitternacht sass das Bild der Unfruchtbarkeit auf einem Maul-Esel.
Diese hatte schlaffe abhängende Geiss-Brüste / einen fetten Wanst / und einen
kriplichten Rücken. In der Hand hatte es eine Sichel; wormit entweder auf die
grausame vom Saturn an seinem Vater verübte Verstimmelung der Geburts-Glieder /
als welche auch diesem Bilde gäntzlich ermangelten; oder weil der Ysop die
Garten-Müntz und unterschiedene andere Kräuter nicht ohne ihre Verwesung vom
Eisen berühret werden. In der andern Hand hatte es eine Schale mit Wein / und
eine darinnen getödtete Meer-Barbe / welch Geträncke die Weiber unfruchtbar
macht / und deswegen Asinius Celer zum minsten desshalben einen um acht tausend
Groschen zu teuer gekaufft hat. Um das Haupt hatte es einen Krantz von
Sadelbaum / Hirzenzung / Farren-Kraut /Raute / und andern die Fruchtbarkeit
hindernden Kräutern. Uber die Achsel hieng eine Wieder-Haut; als welchen Tieres
getrunckenes Wasser gleicher Gestalt Unfruchtbarkeit verursacht; ungeachtet die
ganze Natur geschwängert wird / wenn die Sonne in das Zeichen des himmlischen
Wieders tritt. So lange nun das Bild der Eyversucht glüete; so geschwinde ward
die Seule der Unfruchtbarkeit verzehret. Deñ so bald die zwei Fürstlichen
Vermählten selbtem gegen über kamen; ward es von einem unterirrdischen Feuer
angezündet / und durch einen schnellen Brand teils in Asche / teils in einen
wolrüchenden Weirauch-Rauch / der den ganzen Tempel wie eine Wolcke überzoh /
verwandelt; Gleich als wenn die Eyversucht lange Zeit vertilget sein / die
Unfruchtbarkeit aber ohne Zeit-Verlierung aus dem Wege geräumet werden sollte.
Der steinerne Fuss blieb allein unversehrt / und zeigete denen Anwesenden
folgende Grabe-Schrifft der Unfruchtbarkeit:
Der Liebe Missgeburt / die Mutter herber Pein /
Die Wehen ohne Kind / und Affter-Burden kriegt /
Das Stieff-Kind der Natur / der Ståmme Wurmstich liegt
Durch eine heil'ge Glut allhier geäschert ein.
Denn kein gebrechlich Zwerg kann diesen Tag entweihn /
Da sich ein Hercules zu einer Gottin fugt /
Die ja die Liebe selbst auff ihren Brusten wiegt /
Und aus den Augen streut nur fruchtbarn Sonnenschein.
Verwirff / Tussnelde / nun nicht diesen schlechten Rauch /
Vergnügt sich doch der Mohnd' an gelben Kuhen auch
Besämt ihr Silber-Horn gleich Himmel / Erd und Meer.
Gluck zu! ich sehe schon befruchtet Herrmanns Haus.
Denn die Unfruchtbarkeit wird hier getilget aus /
Es kommt aus ihrer Asch' ein junger Fenix her.
    Nach dem nun beide Fürstliche Vermählte an diesen Gedancken und Entwürffen
der Barden Augen und Gemüte vergnüget; wurden sie auff zwei hocherhabene Stüle
geleitet. Sie hatten sich aber bei währendem anmutigen Getöne der von denen
Barden angestimten Lobgesänge kaum niedergelassen / als sich eine Cimbrische
Wahrsagerin ihnen gegen über stellte. Ihr um den Leib mit einem Ertztenen Gürtel
zusammen gezogenen Kleider waren eben so wohl / als ihre flügenden Haare wegen
Alters schneeweiss; die Flüsse mit den Armen aber ganz nackt. Dieser Art Weiber
haben ihren Nahmen von ihrer Uhrheberin Alironia / pflegen die gefangenen Feinde
abzuschlachten / in den Schlachten auf ausgespannten Häuten mit gewissen
Klöppeln ein Geräusche zu machen / und so wohl aus denen Eingeweiden der
geschlachteten Tiere / als andern Zufällen künftige Begebenheiten zu
verkündigen. Diese Wahrsagerin hatte in der Hand eine aus Ertzt gegossene Kugel;
welche sie in das mitten im Tempel brennende Hochzeit-Feuer warff / und so heiss
werden liess: dass sie bei nahe glüete / und die Opffer-Knechte mit eisernen
Zangen aus denen glüenden Kohlen scharren mussten. Sie aber nahm diese Kugel und
warf sie so geschwinde aus einer blassen Hand in die ander: dass selbte von der
Hitze unversehrt blieben. Hiermit wendete sie sich zugleich etliche hundert mahl
auf der Ferse ihres lincken Fusses in einen Kreis herum; mit höchster
Verwunderung der Zuschauer: dass ihr Haupt weder kringlicht ward /noch sie zu
Bodem fiel. Am seltzamsten aber war: dass sie endlich die Augen im Kopffe
verdrehte / und gleichsam als entzückt sich gebehrdende / mit einer
durchdringenden und schwirrenden Stimme aber zu singen anfieng:
Nehm't eines neuen Quelles Lauff /
Der Aloe vor nie geseh'ne Blüten /
Ihr Deutschen / fur kein Wunder auff!
Wenn alle Bäum' und Standen sich bemuhten
Fur Schleen Wein / fur schlechten Mah Jasmin /
Fur Aepffel Gold / fur Laub Schmaragd / fur Obst Rubin /
Fur Blumen Perl'n und Diamant zu bringen;
Wår' alles dieses Wachstums Pracht
Ein Schatten gegen's Licht / und eine düst're Nacht.
Weil eine einz'le Frucht allein /
Die über's Jahr uns wird Tussneld' ablegen /
Mehr Wunder ist / und ein viel reicher Segen
Als Perlen / Gold / Jasmin / Schmaragd und Wein.
Aus keinem Brunnen quillt auch so viel Wasser her /
Als Herrmann Woltat wird auffs Vaterland ausströmen /
Kan doch ein Burger auch des Volckes Heilbrunn sein
Guttåt'ge Fursten aber sind ein unerschopflich Meer.
    Nach dem alle diese und andere zu der Einweihung der Fürstlichen Vermählten
gehörige Verrichtungen vorbei waren; die Priester auch in dem Tempel auff dem
grossen Altare; welches mit sieben und siebenzig aus Jungfrauen-Wachse
bereiteten Kertzen umsetzt stand / ihre von angezündetem Weirauch und Agsteine
bereitete Opffer verbracht hatten / erhoben sich die Vermählten von ihren
Stülen; und giengen in Begleitung der andern Fürsten aus dem Tempel; an dessen
Pforte sie der Priester Libys mit abermaliger Besprengung aus dem geweihten
Brunnen / und mit tausend Glücks-Wünschen gesegnete.
    Der Feldherr aber hatte kaum den ersten Fuss von den Pfosten des Tempels
gesetzt / als oberwähnte Alironische Wahrsagerin sich durch das Volck
durchdrang; von ihrem Antlitze einen Strom Tränen abschüssen liess / dem Hertzog
Herrmann mit beiden Armen um den Hals fiel und ihn küssete. Wie sie denn
hierauff Tussnelden gleicher Gestalt umhalsete /und mit hundert Küssen ihre
ungemeine Gewogenheit versiegelte. Nicht nur alle Umstehenden; sondern der
Feldherr selbst verwunderten sich über dieser Begebung / und wussten selbte nicht
auszulegen; weil diese Wahrsagerinnen sonst ewige Keuschheit gelobet haben; und
von dem blossen Anrühren eines Mannes befleckt zu werden glauben. Diesem Kummer
aber abzuhelffen fieng die Wahrsagerin an: Erlauchteste Liebhaber; nehmet meine
Liebes-Zeichen für keinen Vorwitz oder Frevel auf; Missgönnet an euerer heutigen
Glückseligkeit derselben nicht ein Teil; die nach euch sie am nechsten angehet.
Denn / liebster Herrmann / schäme dich nicht an diesem Stamm- und Geburts-Maale
(hiermit entblöste sie ihre Schulter / und zeigte ihm darauf eine feurige Rose)
mich für die Tochter des Surena / und für deine nunmehr wieder glückselige
Mutter zu erkennen. Der Feldherr erstarrte für Verwunderung; und wusste nicht: ob
er die Erscheinung seiner vorlängst todt geglaubten Mutter für eine wahrhafte
Begebenheit; oder für einen Traum /oder wohl gar für ein Gespenste halten sollte.
Er erholete sich aber alsbald durch die kräfftige Auffwallung seines kindlichen
Geblütes; und umarmete sie mit nicht geringer Gemüts-Vergnügung / als er vorher
von denen mütterlichen Armen genossen hatte. Die holdselige Tussnelde feierte
auch nicht durch die empfindlichsten Liebes-Bezeugungen der tugendhaften
Asblasten verstehen zu geben: dass sie nichts minder / als Hertzog Herrmann Gott
für die Wiederschenckung einer so heiligen Mutter zu dancken Ursache hätte.
Wiewol nun übermässige Freude nichts minder als Schrecken der Beredsamkeit ein
Gebiess anlegt; so unterhielten sich doch diese drei Personen mit abgewechselten
Merckmalen ihrer innersten Zuneigungen eine gute Stunde / ehe die andern Fürsten
die gleichsam von den Todten zurück gekommene / und wegen so vieler Jahre
Abwesenheit nunmehr schier unkentliche Fürstin Asblasten zu bewillkommen Raum
und Zeit fanden. Hierauff nahm sie die Cattische Hertzogin mit grosser
Ehrerbietung auff ihren Wagen / und kamen sie sämtlich in voriger Ordnung /
ausser: dass der Feldherr sich zu der Fürstin Tussnelden auff ihren goldenen
Wagen gesetzt hatte /wieder nach Deutschburg; wo die Strassen die Menge des
frolockenden Volckes zu begreiffen viel zu enge waren. Auff der Burg waren
hundert Taffeln bereitet für die Ritterschaft / die Kriegsbeamptete / und
andere; welche teils ihre Pflicht / teils die Sorgfalt zu diesem Beilager
gezogen hatte / zu bewirten. Uber diese war in einem grossen und hohen Saale in
Gestalt einer Sichel oder eines wachsenden Mohnden eine Taffel für hundert
Fürstliche Personen angerichtet. Die meisten Wildbahnen Deutschlandes hatten
darzu das köstlichste Geflügel und ander Wildpret; die Flüsse und die Ost-See
die schmackhaftesten Fische gezinset; Die gröste Verwunderung aber erweckte
insonderheit bei denen ausländischen Fürsten: dass einem ieden Gaste / nicht nur
wie in denen so berühmten Mahlen etlicher Römischer Bürgermeister ganze wilde
Schweine und Hirschen; Grosse Schüsseln voll Fasanen / Gerstlinge / Brachvögel /
Murenen / und andern leckerhaften Speisen; wornach die üppigen Römer die Zähne
zu lecken pflegten; sondern ganze gebratene Ochsen / Elende und Bären in
solchem Uberflusse auffgetragen wurden: dass weil alles Innländische Trachten
waren / sie nicht so wohl des Cheruskischen Hertzogs Pracht / als die Güte des
reichen Deutschlandes rühmen mussten. Zum Geträncke ward zwar ein aus Gersten und
Hopffen gekochtes Bier / ein aus Honig und Baumfrüchten abgejohrner Met; aber
auch allerhand teils in Gallien / teils Pannonien / teils so gar in den
Glücks-Eylanden gewachsener / von denen Friesen eingeführter Wein auffgesetzt;
und zum Teil aus Hörnern der Auer-Ochsen / teils aus irrdenen Geschirren /
welche aus einer bei denen Marsingern unter dem Gebürge auff zwei gähen Hügeln
gegrabenen und der Lemnischen gleichgeschätzten Erde gefertiget werden / auf
Gesundheit der Vermählten freudig herum getruncken. Hierunter wurden nun zwar
vermenget etliche aus Berg-Kristallen künstlich geschnittene; unterschiedene
Murrhinische oder von denen Serern gebackene; viel güldene mit kostbaren
Edelgesteinen / oder herrlich geetzte / wie nichts minder aus ganzen Jaspissen
und Agaten ausgehölete Trinckgeschirre / mit welchen der Kayser und andere
Grosse entweder den deutschen Feld-Herrn beschencket; oder die Deutschen unter
dem Geräte des Quintilius Varus / von welchem ganz Asien erschöpfft worden war
/ zur Beute bekommen hatte. Wiewol nun diesen Geschirren bei denen Römern teils
ihre Seltzamkeit / teils die Zerbrechligkeit einen unschätzbaren Wert
beigelegt / und das Gold bereits zu dem geringsten Beisatze gemacht hatte; so
wurden diese doch denen Einländischen irrdenen gar nicht fürgezogen; sondern
selbte meist nur zum Andencken derer vom Feldherrn bei den Römern ausgeübten
Helden-Taten / teils des letztern grossen Sieges wieder den Varus aufgesetzt;
und zwar diese Fürstliche Taffel von eitel adelichen Jungfrauen bedienet; welche
aber / ob sie zwar nach der Landes-Art grösten teils nackt / und ihrer
Schönheit halber aller anderer Völcker Töchtern vorzuziehen waren / bei denen
tugendhaften Deutschen /derer gute Sitten mehr / als anderwerts scharffe
Gesetze Gutes stiffteten / keine streitbare Regungen verursachten. Sintemahl
doch keine gewissere Unschuld zu finden ist; als wo man von gewissen Lastern
keine Wissenschaft hat. Denn derselben Bekandtschaft klebt schon ein so
süchtiger Kitzel an: dass ihrer viel nicht so wohl aus Begierde sich zu vergnügen
/ als aus Vorwitze fremder Gebrechen Geschmack zu erkundigen / sich in den
tieffsten Schlam abscheulicher Bosheiten stürtzen; und durch angenommene böse
Gewonheit auch aus der Bitterkeit beschwerlicher Sünden eine verzuckerte
Ergetzligkeit schöpffen. Zu geschweigen: dass die gemeine Entblössung auch
derselben weiblichen Gliedmassen; welche doch die Natur gleichsam zu einer
Rüst-Kammer der Liebe erkieset hat / mehr eine Ursache des Eckels / als einen
Zunder der Begierden abgibt. Sintemal unsere verwähnte Zuneigung diese seltzame
Art an sich hat: dass sie den sich selbst anbietenden Uberfluss verschmähet; an
einer sich weigernden Vergnügligkeit aber sich nicht ersättigen kann; also: dass
der verliebte Jupiter so gar in Ertzt zerschmiltzt / um der verschlossenen Danae
zu genüssen.
    Nach der um Mitternacht auffgehobenen Taffel ward die Fürstin Tussnelde von
hundert edlen Jungfrauen in das Hertzogliche Schlaff-Gemach geleitet; sie aber
vorher unter allerhand zierlichen Täntzen ihres Krantzes beraubet / und hernach
gleichsam in die Hände der Cattischen Hertzogin und anderer anwesenden
Fürstinnen überlieffert; darauff in ein von lauter Eysvogel-Federn gefülletes /
mit Gold und Seiden herrlich aufgeputztes Bette begleitet; und endlich dem über
seinem Liebes-Siege nichts weniger als über dem erschlagene Varus freudigen
Herrmañ Raum gemacht / der allervollkommensten Früchte zu genüssen; welche
iemahls die Tugend von so reiner Keuschheit und unvergleichlichen Leibes- und
Gemüts-Schönheit eingeerndet hat.
    Wie nun Lycurgus denen Spartanern ein Gesetze gab: dass neue Eh-Leute eine
Zeit lang fast immer Tag und Nacht bei anderer Gesellschaft zubringen / und
ihre heimliche Ergötzligkeiten schier nur stehlen mussten; Also ist hingegen bei
denen Deutschen Beilagern die Gewonheit: dass die Fürstlichen Vermählten sich den
andern Tag nicht öffentlich zeigen; sondern sich in ihren Zimern einsam
aufhalten; inzwischen aber ihren Gästen die freie Willkühr ihrer Ergötzligkeiten
überlassen. Diese Zeit meinte nun die Königin Erato nicht nützlicher anzulegen;
als dass sie bei der Cattischen Hertzogin Erdmut für sich und andere gefangene
Fürsten eine Ersuchung ausbitten liess. Weil nun diese mit der allerhöchsten
Höfligkeit solche Ehre annahm / Fürst Adgandester und die Gräfin von der Lippe
aber befehlicht waren / diese zwei grosse Frauen mit aller ersinnlichen
Bedienung zu unterhalten /fanden sich nach dem Hertzoge Zeno Rhemetalces
/Malovend / Flavius / Salonine auch diese bei noch ziemlich frühen Morgen dahin.
Bei welcher auch Ismene / die Cattische Fräulein Catta / und die den Abend zuvor
nach Deutschburg angekommene Fürstin Adelgunda des Herzogs Ganasch Tochter
angetroffen wurden. Nach vielfältigen gegen einander erwiesenen
Liebes-Bezeigungen fiel die Königin Erato bald auff die Glückseligkeit der
zweien Fürstlichen Vermählten; lag auch der Gräfin von der Lippe an /ihr
vertrösteter massen beider Liebes-Geschichte zu entwerffen / um ihre Freude so
viel mehr vollkommener zu machen. Hertzog Arpus sah der Gräfin ihre fürhabende
Entschuldigung an der Stirne an; und meldete: dass diese nicht ihre vollkommene
Vergnügung erlangen könnte; wenn nicht Fürst Adgandester die vorhergehenden und
ihm am besten bekannte Ebenteuer des Feldherrn voran setzte. Hertzog Zeno nahm
sich dessen alsbald an; und erinnerte Adgandestern seiner deswegen getanen
Vertröstung. Daher dieser sich hiervon nicht los zu würcken vermochte; sondern
ohne einige Zeitverlierung folgende Erzehlung anfieng; wievol mit dieser
höflichen Bedingung: dass seine Willfährigkeit für keinen Vorwitz / seine Fehler
für keine Unvollkommenheit eines so grossen Fürsten aufgenommen; sondern viel
mehr seine Gebrechen mit der Pflicht seines Gehorsams entschuldiget werden
möchten.
    Der Feldherr Segimer / fieng Adgandester an / sass mit seiner
unvergleichlichen Asblaste sieben Jahr in der Eh / ehe sie einmal schwanger
ward. Welche Unfruchtbarkeit nicht allein beiden Ehleuten / sondern auch dem
Volcke empfindlich zu Hertzen ging. Insonderheit aber erwog diese kluge
Fürstin: dass Kinder die sicherste Vormauer eines herrschenden Hauses sind;
derselben Mangel aber den tapffersten Fürsten so wohl bei seinen Untertanen als
Nachbarn verächtlich mache; jenen Anlass gebe sich nach einem neuen Haupte für
der Zeit umzusehen; diesen aber die auf dem Falle stehende Herrschaft mit List
oder Gewalt an sich zu bringen. Ja Gift und Verräterei im Hertzen kochende
Staats-Diener werden von ihren ehrsüchtigen Ratsschlägen durch nichts mehr
zurücke gehalten; Als wenn ihres Fürsten Haus mit vielen Söhnen befestiget ist.
Diesen Kummer hielt Asblaste dem Feldherrn Segimer für; und bemühte sich von ihm
die Einwilligung ihrer Ehscheidung zu erbitten; weil sie / ihrem Bedüncken nach
/ nichts grossmütigers ausüben konnte; als wenn sie der gemeinen Wolfart wegen
sich ihrer grösten Vergnügung enteusserte. Wesswegen auch / welchen ihre Tugend
bekandt war / und der Sache recht nachdachten / urteilten: dass Asblastens
heimlich fürgenommene Rückkehrung in Persien nicht so wohl aus Eyversucht gegen
die Alemannische Hertzogin Vocione; als um Segimern durch ihre wolgemeinte
Entbrechung eine fruchtbare Gemahlin zuzuschantzen geschehen wäre. Nach dem aber
Segimer das Glücke hatte durch hundert seltzame Ebenteuer Asblasten wieder in
Deutschland zu bringen; schüttete der durch so viel hertzhaft überstandenes
Ubel gleichsam versöhnete Himmel seinen Segen über sie. Denn nach dem ihr
geträumet hatte; sie würde von einem Löwen beschlaffen / und sie sich erwachende
unvermutet in denen Armen ihres Eh-Herrn fand; welcher ohne ihre Wahrnehmung
des Nachts aus dem Läger nach Hause kommen war; fühlte sie sich kurtz darauff
schwanger. Und nach dem Segimer in Wahrheit ein Löwen-Hertz in seiner Brust
führte; hatte dieser Traum mit dem Wesen mehr Aehnligkeit / als da die Mutter
des grossen Alexanders und des Africanischen Scipio wie nichts weniger des
Aristomenes bei den Messeniern / des Aristodamas bei den Sicyoniern von Drachen
und Schlangen geschwängert zu sein ihnen einbildeten. Am nachdencklichsten aber
hatte dieser Traum die Grossmütigkeit unsers deutschen Löwen / nehmlich des nach
neun Mohnden glücklich gebohrnen Fürsten Herrmanns angedeutet. Wie nun in vielen
ruhmwürdigen Stücken wir selbten ohne einige Heuchelei dem grossen Alexander mit
Rechte vergleichen; also scheinet dem Traume Asblastens diss / was dem Philippus
geträumet / sehr nahe zu kommen; Da er nehmlich im Schlaffe seiner Gemahlin
Olympia Leib mit einem Siegel-Ringe / in welchen ein Löw gegraben war /verwahren
gesehen. Wie aber in der Nacht / da Alexander geboren ward / der Ephesische
Tempel zum Schrecken und Trauren ganz Asiens weg brennte; Also schloss August an
dem Tage / da unser Herrmann auff die Welt kam / zur Freude der ganzen Welt zu
Rom den Tempel des Janus das erste mahl zu; welchen für ihm nur Numa / und der
Bürgermeister Manlius Torquatus bei zweimahl erlangtem Frieden zuzusperren das
Glücke gehabt hatten. Segimer traff in selbigem Tage einen Frieden; und sein
Feld-Hauptmann erlangte nichts minder als Philippus durch den Parmenio wieder
die Illyrier einen herrlichen Sieg. Kurtz hierauff ward das durch Zwietracht
gleichsam biss auf den Kern und Wurtzel zerspaltete Deutschland wieder
vereinbart. Zwei Jahr hernach gebahr Asblaste zu unbeschreiblicher Freude der
Cherusker den Fürsten Flavius. Welche zwei Fürsten denn von der Wiegen an nach
Art der streitbaren Deutschen zu denen Waffen angewöhnet / im Bogenspannen und
Schwingung der Lantzen geübet; Gleichwol aber auch von einem Priester in der
Römischen und Grichischen Sprache / denen Geheimnüssen der Natur; sonderlich
aber in der Sitten-Lehre / im Feldmessen / und von dem obersten Reichs-Rate in
der Staats-Klugheit sorgfältigst unterrichtet wurden.
    Ein grosser Geist tut sich nichts minder / als eine in der ersten Sprossen
schon brennende Nessel durch Tapfferkeit zeitlich herfür / und gleichet sich dem
Feigen-Baume / dessen Blüten die Früchte selbst sind. Also soll Hercules in
seiner Wiege schon durch Zerreissung zweier Schlangen seinen Helden-Geist
erwiesen; Die Bienen mit Ablegung ihres gesammleten Honigs in die Lippen des
Göttlichen Plato seine übermenschliche Weissheit angezeiget haben. Nichts minder
liess unser Herrmann in seiner zartesten Kindheit etliche Strahlen seiner
Tugenden von sich blicken. Als seine Mutter Asblaste sich einsmahls auff der
Jagt verirrte / und zwei Nächte aussen blieb; war der Durst kein genügliches
Zwangs-Mittel ihn zu bewegen: dass er an einer fremden Brust gesogen hätte;
sondern er erkiesete für anderer Milch gemeines Wasser. Da auch Segimer und
Asblaste einsmahls auf der Jagt in dem Barcenischen Walde waren; kam ungefähr
eine grausame Bärin zu der einen Jagt-Hütte; zerfleischete drei der behertzesten
Jäger / trieb die übrigen Auffseher über den jungen Herrmann in die Flucht /
trug ihn aber selbst in ihre felsichte Höle sonder die geringste Beleidigung;
und versah ihn gleichsam wie die berühmte Wölffin den Romulus mit ihrer
Nahrung; biss die Bärin endlich von denen ihr auff die Spur kommenden Jägern und
dem Segimer selbst erlegt / dieses Kind aber aus einer so gefährlichen Ame
Klauen errettet ward. Als er nur vier Jahr hinter sich gelegt hatte; und mit
denen ihm zugeordneten Edel-Knaben spielte / riess in dem Burghofe ein
Tiger-Tier los; welches zwei Knaben tödtete; als es aber an den Herrmann kam /
liebkosete es ihm; gleich als wenn die Tugend nicht nur die Gemüter der
Menschen zu gewinnen; sondern auch die grimmigsten Tiere zu zähmen mächtig
wäre. Im Ringen / reiten / fechten /wettelauffen / und andern Waffen-Ubungen
tat er es allen seinen Gefärten zuvor; also: dass auff der Rennebahn nichts
minder Herrmann / als Cyrus in der Hirten-Höle für einen Fürsten wäre geachtet
worden; wenn schon iemand seine Ankunft nicht gewüst hätte. Fürnehmlich mussten
alle an Geschwindigkeit ihm ausweichen; gleich als wenn die Bewegung der Glieder
der feurigen Regung seines Gemütes ein Zeugnüs ablegen müste. Er stach zwar mit
Schönheit des Leibes alle andere weg; er hielt selbte aber als einen dem
Frauen-Zimmer zugeeigneten Schatz verächtlich / und liess sich mehrmahls heraus:
dass die Tugend die einige Schönheit des Gemütes; und das rühmlichste Eigentum
der Fürsten wäre. Seine Reden waren seiner Ankunft gemäss / seinem Alter aber
überlegen. Sein Tun kam den Jahren zuvor; und die / welche andern ein Beispiel
abgaben / schämten sich nicht in des jungen Herrmanns Fussstapfen zu treten. Ja
als er noch nicht einmal zeitig zum Kämpffen war; wiess er in etlichen
Begebenheiten sich schon reiff zum siegen. Er mühte sich niemanden / als denen
edelsten und vollkommensten Gefärten in seinem Beginnen vorzukommen; ja er
eiverte mit seinen eigenen Ahnen; wenn er von ihnen was ruhmwürdiges erzählen
hörte; und mit seinem Vater / weñ er einen Sieg erwarb. Er empfand es gegen die
Reichs-Räte: dass sie Segimern es wiederrieten ihn nicht mit ins Läger und in
die Schlachten zu nehmen; als er gleich nur zwölf Jahr alt war. Er war gegen
iederman freudig / gegen wolverdiente freigebig; gegen demütige mitleidig;
gegen die Feinde eiffrig; und nichts minder den eigenen / als der ausländischen
Reiche Zustand zu erkundigen begierig. Er ging ins sechzehende Jahr; als die
Fürstin Asblaste mit ihm und seinem Bruder Flavius in einem nur eine halbe Meile
von hier entlegenem Lust-Hause von des Drusus Reuterei überfallen ward. Keine
hundert bewehrte Männer waren zur Gegenwehr gegen vier tausend Römer verhanden.
Denn kein Mensch hatte sich eines so unverhofften Feindes versehen. Gleichwol
munterte dieser junge Held nicht allein mit Worten / sondern mit seinem
Beispiele die wenigen Cherusker zur Gegenwehre auf; ja er erlegte mit seinem
Bogen und einem Wurff-Spiesse drei Römer; wollte sich auch / ungeachtet ihm die
Klinge am Degen gesprungen war / keinem gemeinen Römer / die ihn umringten /
gefangen geben; biss des Bürgermeisters Cneus Cornelius Sohn / der als Haupt die
ganze Römische Reuterei führte / selbst herzu drang und dem Fürsten Herrmann
den Degen abheischte; nach dem kurtz vorher Junius Silanus den auch auffs
eusserste sich beschirmenden vierzehnjährigen Flavius mit der Fürstin Asblaste
gefangen genommen hatte. Also erwarb dieser junge Held schon in so wenigen
Jahren einen Ruhm von viel künftigen / und wormit seine Tapfferkeit viel
zeitlicher vorsichtig würde / fieng das Glücke desto geschwinder an ihm ein Bein
unterzuschlagen.
    Drusus kam mit der gefangenen Fürstin Asblaste /dem jungen Herrmann und
Flavius in Italien. Weil aber Kayser August sich gleich auf der dem Minervischen
Vorgebürge gegen über liegenden Ziegen-Insel aufhielt / um in dieser anmutigen
und durch das Gebürge für allen rauen Winden verwahrten Gegend die anderwerts
raue Winter-Zeit hinzubringen; reisete Drusus Rom fürbei biss nach Minturne /
allwo er sich zu Schiffe setzte / und auff das Ziegen-Eyland überführen liess. Er
fand den Kayser eben an dem See-Strande in höchster Gemüts-Vergnügung. Denn als
er fünff Tage vorher dahin kommen war; hatte eine alte Stein-Eiche an ihren
dürren und zum Bodem abgesenckten Aesten ganz frische Blätter bekommen. Welches
dem Kayser so sehr erfreulich war: dass er dieses Eyland von der Stadt Neapolis
gegen Abtretung des Eylandes Aenaria eintauschte. Dissmahl befand er sich unter
dem Gebürge gegen denen Sirenen-Inseln; und liess die ungeheuren Gebeine zweier
in einer Höle gefundener Riesen ausgraben. Die Uberbringung dieser dreier
Fürstlichen Gefangenen aber /worvon Drusus um seine Ankunft desto herrlicher zu
machen / nichts geschrieben hatte; stach alle vorige Vergnügungen weg. Denn über
diss: dass er durch diese Geisseln das Fürstliche Cheruskische Haus zur Römischen
Dienstbarkeit zu fässeln vermeinte; deuchtete ihn an der Fürstin Asblaste wegen
ihrer unvergleichlichen Schönheit mehr eine Göttin / als einen sterblichen
Menschen zu sehen. Ja ihre Anmut / die sie gegen Livien bezeigte; als Drusus
Asblasten ihr /den Herrmann und Flavius aber dem Kayser überliefferte; und die
Bitte: dass der Kayser sie und ihre Kinder lieber in das nahe Meer wollte stürtzen
/ als nach Rom zum Siegs-Gepränge möchte führen lassen; bezauberte Augusten
dergestalt: dass er nicht nur ihr zu nicht geringem Unvergnügen des Ehrsüchtigen
Drusus sie ihrer Bitte gewährete; sondern sich selbst in sie inniglich
verliebte. Er ordnete diesemnach Asblasten nebst ihrem ohne diss mitgebrachtem
Frauen-Zimmer etliche andere Römische Dienerinnen / dem Herrmann und Flavius
auch ihrem Stande anständige Aufwärter zu; und mühte sich auf alle Wege ihnen
die Verdrüssligkeit der allezeit verhasten Gefangenschaft zu verzuckern. Denn
die Gegitter der Kercker / wenn sie gleich gemahlt oder gar von Golde sind /
bleiben allezeit hesslich. Ich sollte / sagte Adgandester / hier die der Fürstin
Asblaste begegnete seltzame Ebenteuer umständlich erzählen; aber köstliche
Wasser werden am besten aus ihrem Quelle getruncken; Die Geschichte aber von
denen am wahrhaftesten vernommen / welche ihre Augen zu Zeugen ihrer selbst
angemerckten Begebenheiten anziehen können. Diesemnach wird die Gräfin von der
Lippe nicht nur so erlauchte Zuhörer / sondern mich selbst am höchsten
verbinden; wenn sie durch die Blumen ihrer Beredsamkeit meine raue Erzehlung
aufzuputzen sich mein Ansuchen bewegen lassen wird.
    Die Gräfin von der Lippe färbte sich hierüber; und versetzte: Sie wüste wohl:
dass Fürst Adgandester seiner Vollkommenheit durch ihre Gebrechen einen mehrern
Glantz beizusetzen vorhätte; Gleichwol aber wollte sie / um die hochansehnliche
Versamlung nicht aufzuhalten / seinem Befehle lieber gehorsamen; als ihre Fehler
/ und zugleich die Warheit denckwürdiger Begebenheiten verhüllen. August / sagte
sie / mühte sich mit seinen gegen Asblasten bezeigten Verehrungen die
Liebligkeit des von keinem Winter wissenden Campaniens zu überwinden. Er
unterhielt sie mit den köstlichsten Speisen / mit freundlichsten Gesprächen /mit
der freudigsten Gesellschaft; worunter die alle Menschen zu vergnügen mächtige
Terentia das beste tat. Ja Livia selbst befliess sich der mehrmahls einsamen und
schwermütigen Asblaste ihre traurige Gedancken zu benehmen; und hierzu sich der
Beschaffenheit des Ortes zu bedienen / als welches der Römer Urteil nach gegen
dem rauen Deutschlande mehr für einen Himmel / als ein Teil des Erdbodens zu
halten wäre. Wie sie nun den dritten Tag nach ihrer Ankunft an dem Meerstrande
mit einander herum spatzierten; und von dem bei Surent gegen über liegendem
Milch-Gebürge sie ein linder Ost-Wind abkühlete; fragte Livia Asblasten: Ob um
diese Jahres-Zeit / da die Sonne in dem Zeichen der kalten Fische wäre / bei
denen Cheruskern auch so sanfte Lüffte spielten? Ob die Bäume niemahls den
lebhaften Schmaragd ihrer stets frischen Blätter einbüsten? Ob die Felder so
viel Weitzen; die Hügel so süssen Wein; die Wälder so viel Oel und
Granaten-Aepffel trügen? Asblaste antwortete Livien nach einem tieffen Seuffzer:
Sie wüste dieser Gegend an sich selbst keinen Mangel auszustellen; Gleichwol
aber glaubte sie: dass das von Liebligkeit und Fruchtbarkeit schwimende Persien
es Campanien wo nicht zuvor täte; zum minsten selbtem gleich wäre. Nichts desto
weniger hätte sie in dem für so rau geachtetem Deutschlande mehr Vergnügung /
und zwar zur grimigsten Winters-Zeit / als in den Susischen Lust-Gärten bei dem
Rosenreichen Frühlinge gefunden. Denn wie die Sonne unter einerlei Striche nach
Beschaffenheit des Bodens und der gelegenen Gebürge an einem Orte alles
annehmlich befruchtete / an dem andern alles versengte / und gleichsam tödtlich
wäre; also erquickte auch die Herrligkeit eines Ortes / und die vollkommenste
Ergetzligkeit nur etliche / nicht alle Gemüter; sondern erfreute wie das
Seitenspiel nur die Freudigen / und betrübte die Betrübten. Der Geruch der
Jasminen / der Pomerantz-Blüten / und Arabiens Balsam stincke einen Gefangenen
an; hingegen wäre der Soñenschein einer vergnügten Liebe so kräfftig: dass die
Lufft unter der schneeichten Nordspitze nichts anders als Liebligkeit von sich
hauchte / nichts geringers als Balsam von sich tröpfelte. Wenn sie aber /
versetzte Livia / in diesem Eylande das Ziel ihrer Liebe gegenwärtig hätte;
wollte sie noch nicht Deutschland hierum vertauschen? Denn die Liebe wäre ja
keine Feindin der Anmut / sondern diese vielmehr jener Amme. Sie wäre eine
Tochter der Schönheit / eine Schwester der Liebligkeit / und eine Mutter der
Ergetzung. Dahero die kluge Vorwelt ihr den GOtt des süssen Weines und die
erquickende Ceres zu Unterhaltung ihres Zunders zugeeignet hatte; als ohne derer
kräfftige Nahrung sie nicht nur bald lau würde / sondern gar erkaltete. Wie die
blühende Jugend diesen sechsten Sinn besser / als das eisichte Alter
unterhielte; also schiene ein annehmliches Land auch der Liebe anständiger zu
sein / als die unfruchtbaren Hecken der mitternächtigen Schnee-Gebürge. In
diesen könnte die Liebe ihren Flug nicht so rüstig verrichten; da Wind / Schnee
und Frost ihre Flügel unbereglich machte. In diesem Eylande aber wäre das Jahr
schier immer in seinem Sommer / die Sonne in ihrem Mittage. Daher auch die Liebe
/ welche ein zartes und nacktes Kind wäre / allhier ihrem Tun einen kräfftigern
Nachdruck gebe /die Hertzen auch einen tauglichern Zunder ihre süsse Glut zu
fangen in sich hätten. Diesemnach möchte ihr Asblaste doch alldar wohl sein
lassen; wo die Lufft von dem gütigen Himmel derogestalt eingebisamt wäre: dass
sie die Betrübten freudig; und die kältesten Hertzen verliebt machte. Das
Verhängnüs beraubte zuweilen die Menschen eines Schatzes; wormit es selbten
hernach einem vollkomener zuschantzen könne. Ihrer viel blieben nur deswegen
unglückselig; weil sie mit einer allzugrossen Hartnäckigkeit ihrem Verluste
nachsähen; hingegen für dem ihnen neuauffgehenden Glücks-Sterne die Augen
zudrückten. Kluge Liebe aber liesse diss endlich fahren; was das Verhängnüs ihm
selbst aus den Händen windete / und unmöglich wieder zu erlangen wäre; umarmte
aber die ihr mit lachendem Munde begegnende Gelegenheit neuer Vergnügung. Die
tieffsinnige Asblaste hörte Livien nicht ohne Unvergnügen an. Denn ob sie zwar
nicht zu ergründen wusste / wohin eigentlich ihr Absehen war; verstand sie doch
deutlich genung: dass sie die Liebe ihres Eh-Herrn aus ihrem Hertzen zu tilgen
anzielte. Gleichwol aber musste Asblaste diese lasterhafte Versuchung
verschmertzen und nicht mercken lassen; wiewol ihr hierdurch so harte ans Hertze
gegriffen ward: dass sie die Rosen ihrer Keuschheit für noch empfindlichern
Antastungen zu befreien sich gleichsam mit folgenden Dornen einer solchen
Antwort bewaffnen musste. Es gäbe nichts minder unterschiedene Arten der Liebe /
als zweierlei Geschlechte der Tiere. Die weibische und wollüstige könnte ihr
keine raue Lufft lassen unter die Augen gehen. Sie liesse bei dem geringsten
Ungewitter ehe / als die flüchtige Tulipane ihre Blätter fallen. Denn sie hätte
in sich so wenig Oel der Tugend / als diese Blume Geruch; und beide vergnügten
nichts / als das einige Auge. Wenn sie nicht auf Rosen gienge / oder die Sonne
ihr schiene / verfiele sie in Ohnmacht oder Verzweiffelung. Sie träte mit ihren
verzärtelten Gliedern lieber in Unflat stinckender Laster / als auff den
steinichten Weg der Treue und Ehre. Die Liebe der Weisen aber wäre männlichen
Geschlechtes und kriegerischer Art. Tugend und Ehre wären ihre unzertrennliche
Gefärten. Verfolgung und Versuchung täten ihr wenigern Abbruch; als die
schäumenden Wellen den Korallen-Zincken. Ihre Flammen wären unausleschlich wie
das Gestirne / und ewiger / als das die Vestalischen Jungfrauen verwahrten / und
des alldar von ferne rauchenden Vesuvius. Die Winde / welche sich selbtes mühten
auszublasen / machten ihren unverzehrlichen Zunder nur mehr lebhaft. Ja das
Unglück prüfete nichts minder und reinigte diesen Schatz der Seele / als der
Schmeltz-Ofen das Gold. Sie saugete aus der Wermut ihrer Verdrüssligkeit eine
Hertzstärckung; und ihr eigener Unfall dienete ihr zur Bewehrung ihrer Tugend /
und zu Vergrösserung ihres Ruhms. Ja ihre einsame Schwermut gäbe ihr ein
bessers Labsal ab / als manche vielleicht in den Armen ihrer Liebhaber genüsset.
Livie antwortete: Meine liebste Asblaste; sie suchet ihr Vergnügen in der
Einbildung; und eine Glückseligkeit aus den Träumen. Ja sie erkühnte sich zu
urteilen: dass wie ihr Deutschland an statt der Trauben saure Schleen trüge;
also auch ihr Gemüte verwehnt zu sein schiene die Galle der ängstigen
Einsamkeit für den Zucker der süssesten Beiwohnung zu erkiesen. Die
Beständigkeit der ersten Liebe verdiente allerdinges ihr Lob; aber man müste aus
ihr keinen Abgott; weniger sie ihm zur Henckerin machen; am wenigsten sich mit
ihrem Schatten armen / und das neu-aufgehende Licht der Glückseligkeit mit ihrer
Larve verhüllen. meint sie wohl: dass sie den Tiberius Nero weniger / als
Asblaste ihren Segimer geliebt? hielte sie ihr aber für übel: dass sie mit dem
Kayser für einen Stern eine Sonne erkieset? Ja unverfälschte Gegen-Liebe findete
sich selbst darein; und schaffete dem Auffnehmen ihres Geliebten keine
Hindernüs. Diesemnach sie deñ ihr Nero mit lachendem Munde / und vergnügtem
Hertzen dem Kayser selbst eingeantwortet hätte / um so wohl ihm eine Staffel des
Glücks / als ihr der Vergnügung zu bauen. Sie dencke diesem nach / werteste
Asblaste; und lasse ihr unter denen Vergnügten dieses Eylandes wohl sein.
Sintemahl sie die Kayserin mehr für ihre Schwester / als eine Gefangene hält.
Mit diesen Worten schloss Livie; als der Kayser mit Terentien ihnen an der Krümme
eines Felsens begegnete; welcher denn alsofort erkundigte: mit was Livia eine so
holdselige /wiewol betrübte Gästin unterhielte / und ihrem Bekümmernüsse
abzuhelffen suchte. Livia antwortete: Die Fürstin Asblaste schöpfte Vergnügung
aus der Schwermut; und hielte für seliger den Rücken / als das lachende Antlitz
des Glückes zu sehen. Also besorgte sie: dass ihre freudige Unterhaltung ihr mehr
zu wieder / als vergnüglich fallen dörffte. Asblaste versetzte: Sie wäre der
Kayserin für so viel unverdiente Gnade nichts minder / als dem Kayser selbst
verbunden; würde daher durch deren Ausschlagung sich derselben nicht unwürdig;
noch auch mehr unglückselig machen. Und ob sie zwar noch in denen Gedancken
wäre: dass Liebe und Tugend beim Unglück weder ihr Wesen noch ihre Vergnügung
einbüsten; verdammte doch diese Meinung nicht eine anständige Ergetzligkeit;
wiewol ihr beide beim Wolergehen in gefährlicherm Zustande zu sein schienen; als
bei schmertzhaften Begebnüssen; welche sie von Kind auff derogestalt abgehärtet
hätten: dass ihr Hertze als ein Amboss auch die schweresten Hamerschläge des
Unglücks kaum mehr fühlte. Weil nun die Gewonheit so gar die Eigenschaften der
Natur zu verändern vermöchte; wäre sich so viel weniger zu verwundern: dass eine
Betrübte sich in ihr eigenes Leid verliebte / und aus ihren Tränen Wollust
schöpffte. Terentia begegnete Asblasten mit einer besondern Freundligkeit;
meldende: Sie hätte ihr zwar als eine Meinung der Stoischen Weltweisen fürtragen
lassen: Das Unglück wäre das eigentliche Element der Tugend / wie das Feuer der
Salamandren. Wind und Hagel wäre ihre Frühlings-Lust; Donner und Ungewitter ihr
Sommer; ja wäre die Verfolgung nicht die rechte Mutter der Tugend / so wäre sie
zum minsten ihre Amme und Pflege-Mutter. Alleine sie hätte in der Schule ihres
Mecenas gleichwol begrieffen: dass zwar die Tugend von einigen allzusauersehend
und abscheulich / mit Fässeln an Arm und Beinen / mit trieffenden Augen /
zerrjetzten Wangen / kahlen Schläfen / und hertzklopffenden Brüsten gemahlt
würde. Der gütige Himmel aber hätte sie nicht in brennende Nesseln verdammet;
sondern sie könnte ohne Versehrung auf Rosen und Seide schlaffen; ja bei grossem
Glücke mehr / als ein Unglücke ihre Standhaftigkeit bewähren. In alle Wege
/antwortete Asblaste / hat die Tugend mit der Glückseligkeit keine ewige
Ehscheidung vor. Sie sitzet auf Königs-Stülen und Helffenbein; sie ist umhüllet
mit Purper und Perlen; und hat wie die Gestirne so viel kräfftigere Würckungen /
ie höher sie erhoben steht. Aber eben darum / weil die arglistige Glückseligkeit
ihr als eine Meuchelmörderin nachstellt / sie als eine Kuplerin zu Falle zu
bringen trachtet; und die / welche im Unglücke keinen Fehltritt getan; beim
Wolergehen verterbet werden; stehet die Tugend also denn an der gefährlichsten
Spitze. Hingegen wird sie bei Wiederwärtigkeit / wie die Rosen in Nesseln; wie
die Leichen in bitteren Myrrhen und Aloe für der Fäulnüs bewahret. Ja sie ist
dissfalls dem Wasser zu vergleichen; welches durch stete Bewegung gut behalten
/durch stille stehen madig / und stinckend wird. Denn die Tugend ist kein Ding
zum Ansehen / und für die Faulheit; sondern eine lebhafte Würckung / zum
Kampffe und Siegen geneigt. Wesswegen sie bei denen Deutschen allezeit gewaffnet;
zwischen denen Dornen und auf gähen Stein-Klüfften fürgebildet wird. Ihre
Wohnung ist von zerschmetterten Schiffen; vom Grause der Königreiche; und von
Felsen bereitet / die der Blitz eingeäschert hat. Daher wie die Klugheit eines
Steuermannes anders nicht / als bei krachenden Winden / bei schäumenden Wellen /
und donnernden Wolcken; die Güte eines Artztes bei Zerschmetterung der Glieder /
beim Krebse und kalten Brande; eines Kriegsmanns in blutigen Treffen / nicht auf
dem Tantzbodem bewähret wird; also sieget die Tugend auch unter Schweiss und
Staube; und erwirbet ihre Siegs-Kräntze nur mit versprjetztem Blute und
trieffenden Wunden. Mir ist noch niemahls eine geschminckte nach Zibet und
Ambra rüchende Tugend auf dem Schau-Platze der Ehren zu Gesichte kommen; und ich
habe noch niemanden einen Siegs-Krantz errennen gesehen; der auff dem Haupte
einen Rosen-Krantz / in der Hand einen Sonnen-Schirm / am Gürtel einen Spiegel /
und an Füssen eingebisamte Schuh getragen. Die Vollkommenheiten der Menschen
sind ohne diss keine Diamanten ohne Mängel / keine Sternen ohne Flecken.
Diesemnach hat sie eben so wohl /als jene das Unglück zur Feile / und als diese
das Feuer des Trübsals zur Reinigung von nöten. Auch die Gebrechen des Leibes
lassen sich selten mit Rosen-Zucker und Jasmin-Oele heilen; man müste die Wunden
mit Essig auswaschen / die Blutstürtzungen mit glüenden Eisen stillen / die vom
Krebse angefressene Glieder mit Sägen abstossen. Wie viel weniger läst sichs mit
verzärtelndem Liebkosen dem fressenden Wurme der Wollust begegnen. Und die
Schönheit der Seele bestehet nicht in Spanischem Anstriche und bereiteter
Zinober-Schmincke; sondern in einer Reinigungs-Salbe / welche von zusammen
gemischtem Blute der Hertzhaften / denen Tränen der Gedultigen / und der Asche
der Beständigen zubereitet wird. Terentia hörte der eifrigen Fürstin Asblaste
mit Lust zu; warff ihr aber ein: Sie begehrte dissmahl der gemächlichen Tugend
nicht das Wort zu reden; noch der durch Ungemach abgehärteten den Vorzug
strittig zu machen. Alleine mit der Liebe schiene es eine andere Beschaffenheit
zu haben. Denn diese wäre das zärteste Schoos-Kind der Seele; welches durch
Anmut geboren würde; und daher bei rauem Ungewitter unzweiffelbar vergehen
müste. Alles Absehen zielte auf die Ergötzligkeit; und daher stünde das Ungemach
ihr so wenig zu einem Bräutigam / als ein raues Schnecken-Haus der Perle zu
einer Geburts-Stadt an; welche nur in Purper-Muscheln geboren sein wollte.
Asblaste begegnete Terentien mit nicht geringerer Freundligkeit: Sie liesse ihr
die Vergleichung der Liebe mit den Perlen allerdinges gefallen. Aber auch diese
würden zwischen dem bittern Saltze der grimmigen Wellen gezeuget. Die
Edelgesteine würden aus hesslichen Stein-Klüfften / das Gold aus den finstersten
Schachten der Ertz-Gruben gezogen; und durch Feuer und Stahl in sein Wesen
versetzt. Ja die Liebe hätte nicht nur alle andere Tugenden zu ihren Gespielen;
sondern sie selbst stünde als eine herrliche Schnate auff dem edlen Stamm der
Tugend eingepfropfft / sie selbst wäre die Krone oder der Mittel-Punct der
Tugend; und also zwischen diesen unzertrennlichen Ehgatten kein Unterscheid zu
machen; Da man nicht eine Hirnsse für eine Biene / und einen stinckenden
Wiedehopff für einen Paradis-Vogel verkauffen wollte. Die Liebe der grossmütigen
Pantee würde mit ihrem Ateme verraucht sein; wenn sie nicht lieber auff der
Leiche ihres Eh-Herrn des Ruhms würdig gebliebnen Abradates erblichen / als des
siegenden Persers Begierden ersättigen wollen. Die Liebe der keuschen Camme
würde keinen Schatten einigen Gedächtnüsses haben; wenn sie nicht die Fackel
einer Unholdin / und das Geschoss des Todes ihr zugeeignet; und mit dem
Blut-Opffer des geilen Sinorix den Geist ihres treuen Ehgatten Sinnates
versöhnet hätte. Und in Wahrheit / der Himmel könnte ihre zum Segimer tragende
Liebe mit keinem herrlichern Ehren-Krantze schmücken; als wenn sie die Lilgen
der Keuschheit mit dem Blute ihrer unausleschlichen Treue bepurpern könnte.
    Diese nachdrückliche Erklärung machte alle Anwesenden stumm / Asblasten
etwas mehr entgegen zu setzen. An statt aber: dass des Kaysers angeglommene Liebe
/ als ein verzweiffeltes Ding hätte verleschen sollen; ward sie hierdurch noch
viel heftiger entzündet. Denn diese Gemüts-Regung hat die Art der glüenden
Steine; die das Wasser in mehr Dampff und Hitze verwandeln / wormit man sie
ausleschen will. Wesswegen die vorsichtige Asblaste am Kayser ein und andere
bedenckliche Veränderung wahrnahm /und Liviens Anmutungen ausser Zweiffel auf
ihn gedeutet hätte; wenn anders der Warheit ähnlich gewest wäre: dass eine
Eh-Frau ihrem Eh-Manne selbst Kebs-Weiber zukoppeln sollte. Wiewol wir hernach
umständlich erfuhren: dass August sein voriges Eh-Weib Scribonien aus keiner
andern Ursache; als weil sie ihren Nebenbuhlerinnen nicht die Obmässigkeit
entängen wollte / an dem Tage / da sie ihm doch eine Tochter gebahr / verstossen
/ Livia aber ihn dardurch gleichsam bezaubert hatte: dass sie nicht nur mit
keiner eiverte; sondern die schönsten Frauen und Jungfrauen selbst in sein Bette
führte; ja nicht anders als der berühmte Magde-Krämer Toranius alle vorher
fingernackt entkleidete Kebs-Weiber genau prüsete: Ob sie Augusten zu vergnügen
auch fähig sein würden? Gleichwol / als Asblaste zu mir / fuhr die Gräfin von
der Lippe fort / in ihr Zimmer kam; fiel sie mir tränende um den Hals / und
fieng an: Wir sind leider verloren! und denen Sirenischen Schiffsbruch-Klippen
viel näher; als uns der Augenschein jene dort in dem Meere herfür zeigt! Denn
die Liebkosungen der Livia sind ein tödtendes Zauber-Lied; welches nach
verlohrner Freiheit auch meine Ehre in den Abgrund stürtzen will. Sie erzehlte
mir hierauff alle Unterredungen / welche ich ihr aber noch zum besten
ausdeutete.
    Folgenden Morgen kam Livia zeitlich ins Zimmer /und nahm Asblasten mit in
das Gemach des Kaysers; welcher der bei ihm versamleten fürnehmen Gesellschaft
fürtrug: dass er die auff dieser Ziegen-Insel gelegene zwölff Vorwerge denen
zwölff obersten Göttern gewiedmet hätte; und also sollten sie loossen / was für
eine göttliche Person ieder seiner Gäste fürzustellen / und also nicht nur iedes
Vorwerg nach eines gewissen Gottes Nahmen zu nennen / sondern auch eine ihm
anständige Ergötzligkeit anzustellen hätte. Der Kayser grieff zum ersten / und
zohe das Zeichen des Apollo / Tiberius des Saturn / Drusus Jupiters / Metänas
des Mercur / Lucius des Mars / und Cajus des Neptun; Livia der Ceres / Asblaste
der Vesta / Julia Dianens / Terentia der Juno / Antonia der Venus / und endlich
Pola / Agrippens Schwester / Minervens herfür. Noch selbigen Tag fuhren sie
durch das ganze Eyland / und musste iedes ein Lust-Haus so wohl seinem Gotte /
als zu seiner vorhabenden Lust erkiesen. Der Kayser aber bestellte seine zwei
Freigelassenen Diomedes und Euceladus: dass sie alle Notdurfft auff Befehl
dieser vergötterten Menschen überflüssig herbei schaffen mussten. Die prächtigen
Kleider und alles / was zu ihrem Auffzuge gehörte / waren ohne diss im Vorrate
dar. Den ersten Tag geschahe der Zug auf das dem Jupiter zugeeignete Vorwerg.
Mecenas als der Mercur und der Bote der Götter fuhr auf einem ganz goldenen
Wagen voran / welchen drei weisse Wieder zohen / derer Hörner und Füsse vergüldet
/die Köpffe mit Burtzel-Kraut bekräntzet waren. Am Hinterteile des Wagens
gläntzte der gestirnte Krebs. Sein Kleid war vorwerts gläntzend Silberstück; am
Rücken Eisenfarbicht; weil er bald zu denen himmlischen bald höllischen Göttern
abgefertigt wird. Die Füsse und Schläffe waren geflügelt; um seinen Herold-Stab
flochten sich zwei einträchtige Schlangen. Neben ihm sass ein Hahn / an dem Arme
hieng eine güldene Kette; wormit er der Menschen Ohren anfässelt / und wohin er
will leitet; er aber spielte auff der von ihm erfundenen Leier. Hierauff folgte
Drusus als ein Jupiter in flammendes Goldstücke gekleidet. In der rechten Hand
führte er den Blitz; an dem lincken Arme den Argis-Schild mit dem darum
gespannten Ziegenfelle. Der Wagen war ziervergoldet / und schimmerte nichts
minder / als das Kleid und Krone mit Diamanten. Hinten war der gestirnte Löw
daran gebildet. Er ward von zwei weissen Bären geführet; als welche Jupitern
auch sollen gesäuget haben. Zu seinen Füssen sass ein starcker Adler. Nach diesem
liess sich Terentia in Gestalt der Juno in einem blauen Silberstücke mit einer
von Schmaragden strahlenden Krone / und einem derogestalt versetzten
Königs-Stabe sehen. Auf der Seiten sass ein Pfau und eine Ganss; zu ihren Füssen
stand ein güldener Krug mit allerhand Reichtümern erfüllet. Ihren mit güldenen
Sternen bestreuten blauen Wagen / daran der gestirnte Wassermann geetzt war /
zohen zwei weisse Kühe; als in welche sie sich in der Flucht für den Riesen
verwandelt haben soll. Die vierdte war Pola dissmahl die Göttin Minerva / mit
einem güldenen Helm und Harnische bedeckt. In der rechten Hand führte sie eine
Lantze / in dem lincken Arme einen Spiegel glatten aus einem Stücke
Berg-Kristallen geschliffenen Schild. Auff der Brust war der Nattrichte
Gorgons-Schild zu sehen. Hinter ihr sass eine Nacht-Eule. Der mit grünen
Oel-Zweigen umwundene / und mit eitel goldenen Drachen geetzte helffenbeinerne
Wagen ward ebenfalls von zwei künstlich bereiteten Drachen gezogen; welche Pola
mit denen Füssen leicht und unvermerckt bewegen konnte. Das Hinterteil des
Wagens gläntzte mit dem gestirnten Wieder. Hierauff erschien Cajus / und bildete
in einem blauen von silbernen Schupen überdeckten Kleide; mit schwartz-nassen
Haaren / grossen blauen Augen / einer silbernen Dreizancks-Gabel den Neptun ab.
Er fuhr auff einem in Gestalt einer Muschel / und mit eitel Purper-Muscheln /
Perlen / Perlen-Mutter und Corallen überdecktem / auch mit denen gestirnten
Fischen gläntzenden Wagen; welchen hinten zwei Wasser-Pferde; zuförderst zwei
Meer-Kälber unterstützten. Diesen zohen zwei blauschimmlichte und von Wasser
trieffende Pferde. Entweder weil seine Mutter Rhea statt seiner dem Saturn ein
Pferde-Fülligen zu verschlingen gegeben; oder weil Neptun zum ersten die
Bändigung und den Gebrauch der Pferde gelehrt; oder auch / weil er in
Pferdes-Gestalt die Ceres geschwängert haben soll. Diesem Wasser-Gotte folgte in
Gestalt der Ceres die Kayserin Livia. Sie hatte einen grünen mit Gold und
silbernen Blumen bestreuten Atlas an. Um den Leib einen mit drei hundert und
sechzig edlen Steinen besetzten Gürtel / derer ieder einer andern Art war; Die
Zahl aber auff die Abteilung der Erd-Kugel zielte. Ihr Krantz war nur aus
Myrten-Blättern / Narcissen / Mah- und Safran-Blumen geflochten / aber mit den
kostbarsten Schmaragden umwunden. In der lincken Hand hatte sie ein Gebund Aeren
/ in der rechten eine brennende Fackel; gleich als wenn sie noch ihre Proserpina
zu suchen ausreisete. Der Wagen war ein auff vier verdeckten Rädern stehender /
mit allerhand Garten-Gewächsen aufgeputzter Garten; welchen dem Ansehen nach
zwei grosse Schlangen zohen. An den Pforten war die gestirnte Jungfrau köstlich
gemahlt. Diesemnach folgte in der Mitten der Kayser selbst als das Ebenbild des
Apollo oder der Sonne. Sein Haupt und Mantel blitzte gleichfalls; weil man
nichts als Rubinen zu sehen bekam. Seine Haare waren mit güldenen Heimen oder
schreienden Heuschrecken vermenget. Der an der Seite hängende Köcher / und der
über der Achsel liegende Bogen ward allein mit schütternden Diamanten; der von
den grossen Hiacynten-Blumen und Lorber-Blättern geflochtene Krantz aber mit
gleichmässigen Edelsteinen bedeckt. Er sass auff einem güldenen Dreifusse / und
spielte auff der Laute. Der Wagen stand hinten auf zwei güldenen Greiffen /
vorwerts aber lag er auf einem sich bückenden Schwane; in seinem Spiegel
schimmerten die gestirnten Zwillinge / und er ward von vier schneeweissen
Pferden gezogen. Dem Kayser folgte unmittelbar die schöne Asblaste in Gestalt
der feurigen Vesta; welche Vertretung sie ihr für ein von dem Glücke
zugeschicktes Glück auffnahm; weil diese Göttin eine Auffseherin der Keuschheit
und Jungfrauschaft sein soll. Sie hatte einen Rock an mit eitel gläntzenden
Edelsteinen besetzt; welche gleichsam rechte Feuer Strahlen von sich warffen.
Auff der Scheitel trug sie einen Krantz von weissen Blumen. Insonderheit zierte
sie ein Stirn-Band von Rubinen /welche das selbst-ständige Feuer zu sein
schienen. Für ihren Füssen als einer Gebieterin der Winde lag eine runde
Kessel-Paucke. Der Wagen bildete ein Altar / für welches rings herum ein aus
Zimmet /Weirauch und Agstein gemachtes Feuer erhellete / die Lufft mit
köstlichem Geruch erfüllte / und also Asblaste gleichsam mitten im Feuer zu
sitzen schien. Hinten war der gestirnte Steinbock eingeetzt; und ward alles diss
von zwei gezähmten Löwen geführt. Asblasten folgte der in den Mars vermummte
Lucius. Sein Kleid war ein blancker und ziervergoldeter Harnisch. Auf dem Haupte
hatte er einen Krantz von gemeinem Grase; welches von Menschen-Blute am meisten
wachsen soll. In der einen Hand einen Spiess / in der andern eine Fackel. Auff
der einen Schulter sass ihm ein Specht / auff der andern ein Geier / um ihn herum
lag allerhand Kriegs-Zeug. Er fuhr auf einem gesichelten Streit-Wagen / welchen
vier Wölffe zohen; hinten aber der gestirnte Scorpion zierte. Hierauff erschien
in dem Bilde der keuschen Diana die geile Julia. Ihr Kleid war grünes
Silberstück. Auff der Stirne hatte sie an statt des Krantzes einen halben
Mohnden; welcher von denen köstlichsten Opalen über und über besetzt war. An der
Achsel hieng ein mit Schmaragden besetzter Bogen; an der Seite ein gleichmässiger
Köcher voller Pfeile; Um den Leib einen Gürtel mit Opalen besetzt; In der
rechten Hand führte sie einen Jäger-Spiess; Sie aber auff einem güldenen Wagen /
daran der gestirnte Schütze seine Pfeile abschoss / zwei weisse Hirschen. Hinter
dieser unkeuschen Diana kam Antonia in Gestalt der Venus. Ihr Kleid war purpern
/ und darauff das Gerichte des Paris mit Perlen gestückt. Um ihren Hals hatte
sie ein Halsband von Perlen in der Grösse der Hasel-Nüsse. Der auff das Haupt
gesetzte Rosen- und Myrten-Krantz starrte nichts weniger als die Purper-Muschel
/darauf sie sass von Perlen. Sie war mit einem güldenen Bogen / Köcher und
Pfeilen ausgerüstet. In der einen Hand hatte sie eine weisse Wachs-Fackel / in
der andern einen güldenen Apffel. Für ihr gab ein güldenes Geschirr einen
wolrüchenden Rauch von sich. Hinter ihr stand ein Liebes-Gott mit einem
Sonnen-Schirme; vorwerts fachete ihr einer mit Pfauen-Federn Lufft zu. Ihr Wagen
war wie eine Purper-Muschel bereitet; daran hinten der gestirnte Ochse gebildet
stand. Sie bewegte ihn durch künstliche Gewichte gleichfalls mit den Füssen: dass
es schien; als wenn ihn die angespannten Schwanen fortzügen. An statt des sonst
in die Zahl dieser zwölff Götter gehörigen Vulcans ward der sauersehende Saturn
aus einem sich hernach ereignendem Absehen; oder durch den Gegensatz seiner
Hässlichkeit die ihm vorgehenden Zierraten desto annehmlicher zu machen /
auffgeführet; das Los hatte den sauersehenden Tiberius gleichsam durch eine
weise Erkiesung hierzu bestimmet; hier aber der Venus unmittelbar beigesellet;
entweder weil auff ihre Uppigkeit meist traurige Bestürtzungen folgen; oder weil
sie aus denen dem Saturn vom Jupiter abgeschnittenen und ins Meer gefallenen
Geburts-Gliedern soll gezeuget worden sein. Er war gebildet wie ein blasser und
Eys-grauer Alter; in der einen Hand hatte er eine Sichel; welcher Erfinder er
gewesen; in der andern eine gekringelte sich in den Schwantz beissende Schlange;
weil sein Gestirne im Himmel zurücke laufft; oder er die sich selbst
auffressende Zeit andeutet. Sein Kleid war bleifarbicht; auff dem Haupte hatte
er einen tunckeln mit Napell bekräntzten Helm. Der Wagen war teils mit Schnee
angefüllt / teils mit Eys überzogen; teils mit Fleder-Mäusen / Kröten / und
Spinnen gemahlet. Hinten war die gestirnte Wage zu sehen; dieser aber ward von
zwei langsamen Eseln gezogen.
    Der freudige Drusus / als Jupiter / gab seinen Gefärten in der mit
gläntzenden Wolcken umzohenen Höhe eines grossen Saales ein kostbares
Götter-Mahl; und liess sie zwölff edle Knaben / und so viel vierzehnjährichte
edle Mägdlein alle fingernackt bedienen. Jene nennte er Brüder des Ganymedes /
diese Schwestern der Hebe. Nach der zwischen dem Getöne der lieblichsten
Seiten-Spiele vollbrachten Mahlzeit / bei welcher ein linder Balsam-Regen seine
Gäste fort für fort anfeuchtete / und den ganzen Saal mit wohl hunderterlei
Geruch wechselsweise anfüllete / stellte er ihnen auff dem daran gelegenen mit
eitel fruchtbaren Bäumen bewachsenem Hügel einen Auffzug von zwantzig Satyren
und so viel Schäfferinnen auf; weil Jupitern diese gesäugt; in einen Satyr aber
sich selbst verwandelt hat. Diese brachten die Amalteische Ziege mit
vergüldeten Hörnern / und Amaranten-Kräntzen als ein besonder Heiligtum
aufgeführet; und bei ihrem künstlichen / aber geilen Tantze kam diese
abgerichtete Säuge-Ziege des Jupiters allezeit mitten im Kreisse zu stehen.
Hierzu wurden alle Buhler-Geschichte des Jupiters gesungen / und zuletzt alle
Tiere in Reien bracht; in welche sich der verliebte Jupiter iemahls verstellt
haben soll. Diese Kurtzweilen waren der Anfang / wordurch man der keuschen
Asblaste die Römischen Uppigkeiten angewehnen wollte.
    Folgenden Tag verrückten sie auf das Vorwerg des Mercur. Mecenas richtete in
einem Lust-Garten auf einer Bühne / welche mit denen kostbarsten Persischen
Tapezereien / und künstlichsten Mahlwercken bekleidet; in diesem aber die
Verspritzung der aus der Juno Brüsten gesogenen Milch / die Einschläffung des
Argos und alle andere Taten des Mercur gewebt oder gebildet waren / eine
kostbare Mahlzeit aus. Ja weil dem Mercur nebst Milch und Honig die Zungen
gewiedmet sind / gab er in der ersten Tracht vier und zwantzig Schüsseln voller
Zungen; von allerhand Tieren und Fischen. Am höchsten aber wurde geschätzt eine
in der Mitte stehende güldene Schüssel /welche mit Phönicopter /
Papegoyen-Zungen so hoch angefüllt war: dass sie eine Spitz-Seule machten. Nach
dem Mahl liess er / als ein Erfinder der Fecht-Schulen / allerhand Streit- und
Kampff-Ubungen sehen; in welchen fürnehmlich der sieghafte Streit des Mercur
mit zwölff Liebes-Göttern / und wie er sich wegen Penelopens in einen Bock
verwandelte / fürgestellet ward. Welch letztes Getichte ihr die Fürstin Asblaste
artlich gegen Livien nütze machte; in dem sie ihr bei Einlobung fürgestellter
Geilheiten einhielt: Weil die Götter / wenn sie sich durch Wollüste verleiten
liessen / in Böcke verwandelt würden; wäre kein Untier so hesslich; das einem
unzüchtigen Menschen gleichte. Ja sie stellte es auch so klüglich an: dass unter
dem Getümmel der Fechtenden ein Deutscher dem auf dem Schau-Platz vorher / und
hernach zu der Götter Taffel geführtem Bocke diese in Rinde gegrabene Reimen
anhieng:
Die einem Milch zutrinckt / und nichts als Blut gewehrt /
Die / den sie lachet an / verwundet und verzehrt /
Die uns mit Zucker lockt / mit güldnen Körnern streut /
Und dem / der kommt / von Stahl Hals-Eisen leget an /
Die Datteln kehrt in Gift / das Seelen tödten kann /
Diss ist der Basilisk' und Bock / die Uppigkeit.
    Unterdessen verdiente Mecenas das Lob: dass alle seine Erfindungen
tieffsinnig / alle Anstalten prächtig / alle Uberschrifften nachdencklich waren.
Denn an diesem Liebhaber guter Künste hiengen so viel geschickte Köpffe; welche
die Welt mit ihrer Geschickligkeit hätten beteilen können. Wesswegen sie dem
Mecenas ins gemein nachrühmten: Er wäre ein Maulbeer-Baum / von dessen Blättern
sich viel Seiden-Würmer sättigten. In dem Vorwerge der Juno gab Terentia oben
auff dem Lust-Hause unter freiem Himmel ihr Gast-Mahl; weil diese Göttin keine
Einschlüssung duldet; und daher ihre Tempel auch kein Dach haben. Sie hatte aber
gleichwol von eitel Pfauen-Schwäntzen so artliche Sonnenschirme gemacht / welche
teils die Strahlen auffhielten / teils von schönen Knaben gezogen wurden / und
denen Gästen Lufft zufachten. Sie stellte ihnen auch das der Juno zu Ehren in
Elis aufgebrachte Wettelauffen an; Da nehmlich zu erste zwölff siebenjährige
Mägdlein um einen ganz güldenen Apffel / hernach dreizehn zehnjährige um eine
Schnure grossen Perlen / drittens vierzehn zwölffjährichte um einen köstlichen
Ring; gleich als wenn sie durch diss Merckmahl der Frauen nunmehr fähig erkläret
würden die Dienstbarkeit der Einsamkeit zu verlassen; Vierdtens vierzehn
funfzehnjährichte Jungfrauen um der Juno selbst eigenes mit Edelgesteinen
versetztes Bild nach dem Ziele lieffen. Sintemahl Juno sich von so vielen
ordentlich hat bedienen lassen. Endlich erkiesete Terentia auch sechzehn Frauen;
darunter die sechs Göttinnen sich selbst verfügten / und mit den übrigen nach
einer mit Diamanten reichgezierten Lilgen-Krone um die Wette rennen mussten.
Unter denen die hurtige Asblaste den Preis erwarb. An eben diesem Tage brach die
zwischen dem Tiberius und der Julia vom Kayser beschlossene Heirat aus. Denn
nach dem die Juno die Vorsteherin der Hochzeiten ist / mussten bei ihren Spielen
alle ihnen einen Ehgatten zueignen lassen. Dahero als Terentia auff Anstifftung
Liviens die verwittibte Julia dem Tiberius überliefferte; und Tiberius
schertzweise fragte: Ob die keusche Diana und der gramhafte Saturn nun auch zur
Vermählung taugten? antwortete der Kayser: Der Pöfel heiratet nach seiner
Zuneigung; Fürsten und Götter aber zu ihrem Vorteile. Daher wollen wir heute
aus dem Schertze Ernst; und aus dem Spiele eine Hochzeit machen. Liess also
Terentien in einer güldenen Schachtel den Heirat-Brieff herbringen; welchen
Tiberius und Julia derogestalt ohne Bedencken unterschreiben musste. Die Priester
waren auch bald zur Stelle; welche mit ihrer Einsegnung und Opffern dieser
zweier Eh vollkommen machten; ehe sie selbst wussten: dass sie Verlobte wären.
Zwischen dieser wahrhaften Vermählung ward gleichwol die Kurtzweil nicht
vergessen; und die feurige Vesta dem brennenden Apollo / nehmlich Asblaste
Augusten zugesellt. Bei welcher Gelegenheit der Kayser nicht vergass gegen dieser
deutschen Fürstin die Flammen seiner verliebten Seele mit vielen Seuffzern /
liebreitzenden Gebehrden / und nachdrücklichen Worten auszuschütten; ja so gar
Asblasten zu versichern: dass seine mit ihr angezielte Vermählung ihm ernstlicher
/ als des Tiberius wäre; er auch sie über die Ehren-Staffel aller hocherhabenen
Liebhaberinnen zu versetzen gedächte. Welches alles aber die schlaue Asblaste
für ein Spielwerck auffnahm; und / ob sie zwar des Kaysers Absehen mehr als zu
viel verstand / liess sie sich doch nichts mercken. Sintemal sie diesem mächtigen
Buhler mit Ungestüm zu begegnen nicht für ratsam hielt / sondern alles mit dem
Schatten der blossen Kurtzweil verhüllte; in Augustens Versuchungen ein Lachen
gab; und als Terentia zuletzt in einem grossen Saale das auffgehenckte Bild der
Juno mit zweien an den Füssen hängenden Ambossen; hingegen des Jupiters
aufgetröntes Bild fürstellete / und die anwesenden Götter an einer güldenen
Kette diesen Jupiter vom Himmel zu ziehen veranlaste / für dissmahl Gelegenheit
sich seiner zu entbrechen bekam. Den vierdten Tag ergetzte Pola diese
Götter-Gesellschaft auff dem Vorwerge Minervens. Sie liess die Taffel in einem
wunderschönen Garten unter eitel Oel-Bäumen / derer Blätter sie hatte die
Helffte vergülden lassen /anrichten. Die Speisen wurden alle zu siebenen
aufgetragenen; und keine ohne Oel und köstlichen Balsam zugerichtet. Die höchste
Vergnügung aber brachte den Zuschauern ein künstlicher Streit siebenmahl sieben
auff Amazonisch gerüsteter Frauen-Zimer; welche mit so viel Mohren sich zu
Pferde und Fusse herum schlugen; und endlich ihren Krieg in einen künstlichen
Pferde-Tantz verwandelten. August / der sich zu Asblasten ans Ende eines
Spatzierganges niedergelassen hatte / setzte ihr abermals mit seinen
Versuchungen zu; rühmte die Glückseligkeit der Amazonen; welche mit ihrer Liebe
niemahls iemanden die Herrschaft über sich eingeräumt / noch die Freiheit sich
an neuen Sternen zu erquicken begeben hätten. Asblaste hingegen schalt ihre
ungezähmte und dem weiblichen Geschlechte unanständige Herrschenssucht; als
welches ohne den Glantz ihrer Männer so wenig / als der Mohnde ohne die Strahlen
der Sonne Licht hätten. Sie schalt ihre Verwechselung der Liebhaber / als eine
blosse Geilheit; und dass die reine Liebe so wenig zweierlei Ziel / als der
Magnet ein anders Ende / als die Nordspitze erkiesen; noch die Sonnenwende einem
andern Gestirne / als der Sonne nachsehen könnte.
    Den fünften Tag fuhren sie auf das Lust-Haus des Neptun; welches denen
Sirenen-Inseln gegen über auf einem rings umher vom Meere umströmten
Stein-Felsen lag. Der als ein Wasser-Gott auffziehende Cajus fuhr dieses mahl
voran; und nach dem er mit seinem Dreizanck-Stabe ins Wasser geschlagen hatte
/kamen hinter denen Klippen eine Menge Tritonen und Wasser-Götter herfür / und
dem Neptun entgegen geschwummen. Als er noch einmal ins Meer schlug /liess sich
seine Gemahlin Amphitrite sehen. Sie fuhr auff einer grossen Purper-Muschel;
welche auswendig / so weit sie das Wasser nicht deckte / mit Schilffe /Moos und
Korallen-Zincken bewachsen war; und von zweien abgerichteten Delfinen gezogen
ward. Ihr folgten zwölff güldene Nachen mit purpernen Segeln /und silbernen
Rudern; auf derer iedem zwei Wasser-Nymphen die Schiffart bestellten. So bald
diese ans Ufer sich näherten / neigte sich Amphitrite gegen denen zwölff
Göttern; Die Delfinen wendeten sich gleich um; die Nymfen aber nötigten die
Götter in ihre Nachen und führten sie zwischen dem Getöne der umher
schwimmenden Tritonen auff den Steinfelss; da sie denn allererst Amphitrite
bewillkommte. Weil sie noch am Ufer standen / erschien Glaucus / und hatte wohl
dreihundert teils mit Netzen / teils Angeln / teils Wurff-Spiessen
ausgerüstete Fischer hinter sich; welche in einem Augenblicke durch allerlei
Arten nicht nur eine grosse Menge /sondern auch die seltzamsten und sonst in
diesem Meere nicht zu fangen gewöhnliche Fische denen Zuschauern für ihre Füsse
liefferten; also: dass diss mehr einer Zauberei als einem Fischfange ähnlich war.
Es hatte aber Cajus allhier zwischen der Ziegen-Insel und diesem Felsen das kaum
zwölff Schuh tieffe Meer mit Netzen genau besetzen / und in dieses Gefängnüs
alle anderwerts hergebrachte Fische einsperren lassen. Die Taffel war oben auff
der Spitze des Felsen / und also mitten im Meer gehalten; und zwar nichts / als
was aus dem Meere kommt / aber die aller niedlichsten Speisen auffgesetzt. Bei
währender Mahlzeit liessen die um den Fels schwermenden Sirenen sich mit denen
lieblichsten Seitenspielen und Gesängen hören. Nach vollbrachter Taffel fügten
sie sich an ein ander Ufer; da sie denn in dem Meere zweihundert künstliche
Schwimmer in Gestalt der Tritonen gegen einander zu einem Kampffe fertig fanden.
Das wunderwürdigste war: dass als Neptun auff einer Muschel zwischen sie in die
Mitte fuhr / und seinen Dreizancks-Stab in das Meer stach; alsofort an selbigem
Orte ein kleiner Fels durch Kunst herfür kam; auff welchem sich ein ganz
silberner Triton zeigte; welcher in ein Streit-Horn bliess / und denen gegen
einander gerüsteten das Zeichen zum Kampffe gab. Dieser ward mit der
vollkommensten Ordnung / und mit den seltzamsten Abwechselungen bewerckstelliget
/ endlich aber / als die untergedrückten Besiegten nicht anders als wie Endten
aus dem Wasser wieder empor kamen; und der silberne Triton auff einer Leier zum
Zeichen des Friedens zu spielen anfieng / dieser Streit ebenfalls in einen
Wasser-Tantz verkehret. Nach dieser Lust ward in einem grossen Wasser-Kefichte
ein aus Egypten überbrachter Krocodil und ein Wasser-Pferd los gelassen; auff
welche dreihundert auf schnellen Nachen ankommende Fischer mit eisernen Hacken
und Wurff-Spiessen los giengen; iedoch ehe sie ihre Tiere erlegten / vor
etliche Gefärten dem Rachen des seine Todten vorher beweinenden Krocodils
aufopffern mussten. Hierüber rückte die Nacht herbei /der Himmel ward voller
Sternen / das stille Meer ein kristallener Spiegel; also: dass durch den
Gegenschein der Himmel eine blaue See / die See ein gestirnter Himmel zu sein
schien. Amphitrite nötigte die versammleten Götter auch auff ihren Wiesen
einige Ergötzung zu genüssen. Wie denn auff zusammen gefügten Schiffen ein
schwimmendes / und mit allen nur ersinnlichen See-Kräutern / Muscheln /
Schnecken /Korallen / Agstein bedecktes Eyland ans Ufer stiess /und die
eingeladenen Gäste auffnahm. Sie setzte mehr nicht als eine grosse und zwei
kleinere Schüsseln aus Perlen-Mutter auff; in der grossen lagen zweitausend
Sorten ausserlesener Fische / in der einen kleinen nichts als Milch von Murenen;
in der andern lauter Scarus-Lebern; welche ihrer Köstligkeit halber Jupiters
Gehirne genennt wurden. Bei dieser Ergetzligkeit ward noch die Fart des Ulysses
/ und der sich ins Meer stürtzenden Sirenen fürgebildet. Zuletzt aber diese
schwimmende Insel in so viel Teile zerrissen: dass nur zwei und zwei Stüle auff
einem Nachen beisammen stehen blieben. Worbei es Livia abermals so meisterlich
angegeben hatte: dass der Kayser und Asblaste beisammen; und in der Einsamkeit
des Meeres schier allein zurücke blieben. Ein einiger auff einem in Gestalt
eines Delphins künstlich gefertigtem Nachen sitzender Triton schwermte um sie
her / und sang gegen Asblasten die in nachfolgenden Reimen ausgedrückte
Gedancken des Kaysers:
Wenn Venus und ihr Kind auff Purper-Muscheln fährt
In einen Tag die dustre Nacht /
In's Ruder feinen Pfeil / Scarlat in's Segel kehrt /
Den Wind mit seinen Flugeln macht;
Wenn Meer und Flut Safier und Perlen scheinen /
Wenn Klipp' und Strand gleicht schönsten Edelsteinen;
So geht doch dieser Aufzug hier
Der Liebes-Götter Schiffart für.
Der Westwind seuffz't / das Meer steckt sich in Liebes-Glut /
Von dieser neuen Gottin an.
Die Morgenröte fleucht / nach dem ihr Haar die Flut
Viel herrlicher vergulden kann.
Ihr Hals lässt Perl'n / ihr Rosen-Mund Korallen /
Ihr Atem Musch auff Doris Wiesen fallen;
Sie wandelt's Meer in's Himmelreich;
Denn sie ist selbst der Sonne gleich.
Durch ihren süssen Reitz wird ieder Fisch verliebt.
Die Muschel fugt zur Muschel sich;
Man sieht: wie ein Delfin dem andern Küsse gibt;
Und dieses Feuer quäl't auch mich.
Mein Hertze schmiltz / die Seel' ist voller Flammen;
Doch statt't mein Pulss / mein Blut gefriert zusammen;
Weil meiner Göttin Hertz ein Stein /
Ihr Geist ein Tiger schelgt zu sein.
Sie ist ein tauder Feiss / ein unempfindlich Stahl.
Die Brust ein todtes Marmel-Grab.
Sie schertzt mit meinem Ach / und lacht zu meiner Quaal
Die zwar ist Glut / doch nicht nimmt ab.
Ihr Augen sind recht zwei gestirnte Bären /
Die Marck und Bein zerfleischen und verzehren;
Ja meine Seele wird selbst wund /
Nur zu bepurpern ihren Mund.
Der Nord-Stern zeucht an sich so sehr nicht den Magnet /
Als ihr schön Antlitz meinen Geist.
Doch weiss ich: dass kein Schnee der Glut so wiedersteht /
Als mir ihr Hertz mit Hass umeis't.
Und so ist sie ein feurig Schnee-Gefilde /
Ein auswerts zames Tier / inwendig wilde:
Dass ich nicht recht zu urteil'n weiss:
Ob sie sei Feuer / oder Eys.
Ihr Sternen / die ihr hier im Meer' in Fisch' euch kehrt /
Wie Fische sonst Gestirne sind;
Sagt wahr mir: Ob ich soll durch Liebe sein verzehrt /
Und ob mein Brand verraucht in Wind?
Wie? oder ob auff ihren Lilgen-Brüsten /
Der Himmel mir noch wird mein Leben fristen?
Denn Lieben / und geliebt nicht sein /
Ist auff der Welt die Höllen-Pein.
    Diese und mehr andere verliebte Reimen sang dieser einsame Triton; dessen
Abgesang aber allezeit von einer Menge ihm von ferne folgender Meer-Götter
wiederholet ward; biss der an die unbewegliche und für diesen Sirenen-Liedern die
Ohren des Gemüts zustopffende Asblaste mit eiffrigsten Liebes-Versuchungen
setzende August endlich um Mitternacht wieder an den Felsen angetrieben / und
von funffzig Nereiden / welche alle silberne Kleider / grüne Haare /und
brennende Ampeln in Gestalt leuchtender Fische in Händen hatten; und so wohl
Asblasten / als den Kayser auf das Lust-Haus in ihr Zimmer begleiteten.
    Den sechsten Tag wurden die gesamten Götter mit eben so prächtigem Auffzuge
als bei der Einholung auff die Ziegen-Insel angesetzt; und auf das in einer
fruchtbaren Fläche liegende Vorwerg der Ceres geführet. Das Lust-Haus wär ein
von eitel Blumen und Erdgewächsen zusammen geflochtenes Gebäue. Die erste Tracht
waren eitel Obst und Feigen; als welche Ceres zum ersten gepflantzt haben soll.
Alle Fisch-und Fleisch-Gerichte waren in zierlich gebildeten weitzenen Teig
eingeschlagen; welche nichts minder als das Zuckerwerck eitel Feld- und
Garten-Früchte fürstelleten. Unter dem köstlichen Weine ging auch Milch / Met
und Aepffel-Tranck herum / als der Ceres gewiedmetes Geträncke. Bei währender
Taffel hielten zwantzig edle Frauen alle mit Kräntzen aus Weitzen-Aeren / mit
Hörnern des Uberflusses versehen / und brennenden Wachs-Fackeln als Bäuerinnen
angekleidete / und so viel mit Eppich und Wein-Laub gekräntzte auch gleichsam
wütende Bacchen einen Reien dieser Göttin zu Ehren. Nach der Mahlzeit brachte
Livia ein Bretspiel auff die Taffel; da sie denn um in allen Stücken sich der
Ceres zu vergleichen /welcher Rampsintus aus Egypten ein gülden Handtuch
abgewonnen / gegen alle andere vergötterte mit allem Fleisse ein schätzbares
Kleinod verspielte. Gegen Abend führte sie sie zu einem von dem Vorwerge nicht
weit entfernten Berge / und in eine grosse über und über mit marmelnen Klippen
gewölbte Höle; sie trug auff ihrem Haupte nichts minder als obige viertzig
Bäuerinnen und Bacchen ein heiliges Buch / welches ihrer Andeutung nach zu dem
Elevsinischen Feier von nöten wäre. Diese Höle gleichte einem prächtigen Tempel
/ hatte auch um sich herum noch zwölff kleine in Felsen gehauene Hölen; woriñen
anfangs etliche tausend weisse Wachs-Kertzen leuchteten. So bald aber der Ceres
etliche Schein-Opffer von denen Erstlingen der Land-Früchte gelieffert waren /
leschten die Lichter biss auff etliche wenige aus. Da denn die anwesenden Frauen
sich teils nach dem Beispiele der geilen Baubo; welche durch die schändliche
Verstellung des weiblichen Geschlechtes die sonst trostlose Ceres zu Elevsis
erfreuet haben soll / entblösseten / teils das abscheuliche Bild des Mutinus;
in welches bei den unzüchtigen Römern die Bräute für ihrer Vermählung künftiger
Fruchtbarkeit wegen gesetzt werden; herum zur Schaue trugen. Die keusche
Asblaste entsetzte sich über dem ersten Anblicke dieses schandbaren Aufzugs; und
suchte die Einsamkeit der finstersten Neben-Höle / um auch nicht durch die Augen
ihre reine Seele zu besudeln. Gleichwol waren die Ohren verdrüssliche Boten der
in so finsterer Verwirrung fürgehender Uppigkeit; welche nicht unbillich in
diese höllische Grufft verdammt war; weil sie das Tage-Licht zu genüssen nicht
verdiente. Alleine die tugendhafte Asblaste blieb in ihrer gesuchten Einsamkeit
nicht unbeleidigt. Denn das an ihrer Stirne vergessene Band von gläntzenden
Edelsteinen ward ihr endlich zum Verräter /und dem nach ihr lechsenden August
zum Wegweiser. Welcher denn anfangs mit allem ersinnlichen Liebkosen / und den
grösten Versprechungen an ihre Keuschheit setzte; fürnemlich aber die wieder der
Fürstin Asblaste ausgelassene Verschmähung so hessliche Laster darmit zu
beschönen vermeinte: dass die Götter bei dem Elevsinischen Feier denen Gebrechen
der Menschen und so schönen Sünden durch die Finger sehen; welche ohne diss mehr
/ als denen vollkommensten Leuten anhängende Schwachheiten zu übersehen / denn
als Laster zu bestraffen wären. Asblaste aber setzte ihm mit einer ernstaften
Hefftigkeit entgegen: Gott wäre allezeit und allentalben ein keuscher Geist;
und ein gerechter Rächer der Misshandlungen; kein grösser Kirchen-Raub aber wäre
/ als wenn man einem Gottesdienste diss Heiligtum nähme; und mit der Andacht die
schändlichsten Laster überfirnste. Tugenden wären so reine Perlen / welche
keinen schlimmen Beisatz der Geilheit vertrügen. Sie vermählten sich niemahls /
als mit ihres gleichen. Ja wenn nur eine wurmstichig würde; so würden sie alle
anbrüchig. Daher sollte der Kayser seinen bei der Welt erworbenen Ruhm; noch
auch ihre Seele mit diesem Schandflecke nicht besudeln; sondern vielmehr feste
glauben: dass ein so kaltsinniger Gottesdienst dem Gewissen hernach den Schweiss
heraus triebe /und der beleidigte GOtt seine Rache zwar anstehen liesse / aber
niemahls vergässe. Ja wenn auch weder GOtt / noch Straffe des Bösen wären; sollte
der Kayser sich dieser Schmach entschlagen. Denn alle andere Laster hätten an
sich was männliches; Dieses aber wäre durchaus weibisch / oder vielmehr gar
viehisch. Allein weil die Begierden nicht nur die menschliche Vernunft
betören; sondern auch die allen Tieren gemeine Sinnen rauben; predigte
Asblaste einem Tauben. Ja weil die Begierde bei leicht genossbaren Dingen
verrauchet; gegen denen aber / die schwer zu erlangen sind / auffs befftigste
sich entzündet; geriet August in Raserei: dass er Asblasten zu küssen
unterfieng. Welches Asblasten so sehr aufbrachte: dass sie Augusten von sich
stiess; und ihm unter Augen sagte: das Glücke hätte ihm zwar über ihr Leben / der
Himmel ihm aber keines Weges über ihre Keuschheit eine Botmässigkeit eingeräumt.
Daher möchte er nur lieber ihr einen gewaltsamen Tod verordnen; als durch solche
Zumutungen das innerste ihrer Seele tödten / und die köstlichste Uberbleibung
ihres Besitztums /nehmlich die Ehre rauben. August / welcher ungewohnt war: dass
ihm einiger Mensch etwas abschlüge / weniger ihm seine Meinung so hertzhaft und
mit einer tugendhaften Entrüstung unter Augen sagte; erstarrte über dieser
Begegnung; und lernte nunmehr: dass die Lilgen der Keuschheit keine bloss in der
Schneefarbe bestehende Blume ohne Waffen / sondern vielmehr eine Rose wäre;
welche zwar verschämt / aber auch mit Dornen ausgerüstet stünde; und ob zwar
ihre Feinde sie meist nur mit Blumen-Peitschen antasteten; dennoch ihre
Anfechtung gefährlicher / als Feuer und Eisen; und derogestalt ihr Sieg auch so
viel herrlicher / als derer wäre / welche sich mit ihrem und des Feindes Blute
bespritzen. Wie denn Asblaste mit ihrer Schamhaftigkeit dissmahls den
beschämte; welchem das gröste Teil der Welt zu Gebote stand. Sintemahl er nicht
nur für ihrer Hertzhaftigkeit ganz verwirrt und verzweiffelt ward; sondern
auch / weil etliche Stücke Felsen von dem Gewölbe dieser Grufft herunter fielen;
alle dem Eingange dieser Höle zudrangen; und nach dem sie das böse Gewissen
ihrer Ubeltaten schon verdammete / mit Beben und Zittern den Verfolg ihrer
Uppigkeiten abbrachen. Die Königin Erato brach der Gräfin von der Lippe hierüber
ein; vermeldende: Sie könnte sich über des Kaysers August unziemlichem Beginnen
nicht genüglich verwundern; und wüste sie bei so gestalten Sachen nicht; wie ein
so lasterhafter Fürst in der Welt einen so grossen Ruhm der Tugend erworben
hätte. Adgandester nahm sich der Gräfin an / und antwortete: hätten doch unter
gemeinen Leuten ihrer viel das Glücke berühmt zu sein / nicht aber das
Verdienst. Wie viel schwerer wäre es in die verschlossenen Zimmer und unmöglich
in die Hertzen der alles unter dem Scheine der Tugend und dem Vorwand des
gemeinen Besten verdeckenden Fürsten zu schauen. Zugeschweigen: dass auch die
/welche sonst in Erforschung anderer Fehler Luchs-Augen hätten; solche gegen die
Fürsten wie Maulwürffe zuzuschlüssen; ja die Heuchler gar ihre schwärtzesten
Gemüts-Flecken in die reinesten Vollkommenheiten zu verwandeln pflegten. August
hätte allerdinges so / wie ins gemein die neuen Fürsten /sich meisterlich mit
dem Scheine beholffen; und der Stadt Rom einen blauen Dunst für die Augen; und
aus denen Orten / wo sich etwas denckwürdiges mit ihm begeben / Heiligtümer
gemacht; gleich als weñ er den Göttern in der Schoss sässe / die Tugend aber in
ihm ihren eigentümlichen Sitz hätte. Uber welcher Scheinheiligkeit der Fürsten
man sich so viel weniger zu verwundern hätte; nach dem ihre Sinnenbilder die
Berge mit gleichmässiger Heuchelei behaftet wären; Derer viel sich eusserlich in
Schnee kleideten / inwendig Schwefel und Flamme verdeckten. Also wiese man bei
Velitre Augustens geringe Geburts-Stelle / in einem zwar schlechten Gewölbe;
welches man aber nicht anders / als den heiligsten Tempel mit keuschem Leibe und
mit grosser Ehrerbietung betreten dörffte; auch die Einfältigen überredete: dass
die Geister darinnen so wenig / als in andern Heiligtümern einigen Entkleideten
vertrüge; ja ein neuer und unvorsichtiger Bewohner selbigen Ortes des Nachts von
einer über natürlichen Gewalt halb todt wäre heraus geworffen worden. Alleine
Augustens Tun hätte in eitel Scheinheiligkeit / und sein Leben nicht nur in
einer unersättlichen Unzucht / sondern in einem Kreisse der ärgsten Laster
bestanden. Zum Merckmahle seiner Grausamkeit diente: dass er des überwundenen
Brutus Kopff unter die Seule des Kaysers Julius werffen / aus denen Gefangenen
Vater und Sohn ums Leben kämpffen; und denen Fussfälligen den Trost gelassen: Sie
würde ihr Begräbnüs in denen Magen der Raubvögel finden. Er hätte aller Götter
gespottet / nach zerscheiterter Schiff-Flotte des Neptunus Bild von seinem Sitze
gerissen und sich verlauten lassen: er wollte auch wieder dieses Meer-Gottes
Willen dem Pompejus den Sieg zur See abzwingen. Wiewol er auch zwar aus
angenomener Demut ihm zu Rom keinen Tempel zu bauen verstatten wollen; hätte er
doch solches in andern Ländern / und allentalben mit dem Beisatze der Stadt Rom
/ als einer ihm vermählten Göttin; wie auch: dass alle Stände zu Rom jährlich in
die Grube des Curtius für seine Wolfart ein grosses Geld opffern; etliche
Städte von dem Tage seiner Dahinkunft die Jahrs-Rechnung anfangen; und in
letzten Willen die Erlebung seiner Herrschaft für ein Glücke der güldenen Zeit
anziehen mögen / erlaubet; wie nichts minder viel silberne Bilder der Götter
eigennützig verschmeltzet; und aus ebenmässigem Geitze eine ziemliche Anzahl
Bürger ins Elend verjagt hätte / um sich nur ihrer Corintischen Gefässe zu
bemächtigen. Die Zagheit hätte er fast in ieden Schlachten / sein böses Gewissen
aber bei allen Gewittern spüren lassen; und sich zu solcher Zeit in die
tieffsten Hölen versteckt / auch mit der Haut eines Meer-Kalbes /oder mit Feigen
bedecket / aus gleichmässigem Aberglauben: dass sie die Beleidigung des Blitzes
abwendeten. Am allermeisten aber wäre seine Unzucht unersättlich gewest;
weswegen er von denen fremden Völckern / mit welchen er Frieden oder Bündnisse
gemacht / auff eine neue Art ihr schönstes Frauen-Zimmer zu Geisseln erkieset;
aus denen zwantzigen / welche zu Vestalischen Jungfrauen fürgestellet wurden
/die hesslichste dem Heiligtum / die schönste seinem Bette geeignet / die
zärtesten Kinder der edlen Geschlechte unter dem Scheine sie mit seinen Enckeln
zu erziehen zu seinem Missbrauche an sich gezogen; die noch nicht reiffe Claudia
/ und die schwangere Livia aus toller Brunst unzeitig geheiratet; vielmahl
unter dem Vorwand der Unpässlichkeit in Mecenas Hause geschlaffen; und schier
aller schönen Weiber in Rom durch Dräuen oder Geschencke genossbar gemacht hätte.
    Die Gräfin von der Lippe stimmte Adgandestern bei / mit Versicherung: dass
die geringsten Laster vom August wären ans Tagelicht kommen; von denen aber die
Fürstin Asblaste nebst ihr auf der Ziegen-Insel alleine so viel wahrgenommen
hätte: dass / wenn sie daran gedächte / ihr noch die Haare zu Berge stünden; und
sie sich damahls mit einander beraten /durch selbst eigenen Tod / wenn es durch
die Flucht unmöglich wäre / sich dieses zwar eusserlich güldenen / inwendig aber
vom Unflate der Laster stinckenden Gefängnüsses zu entbrechen. Wiewol sie diesen
Anschlag möglichst verstellen / und Asblaste sich selbige Nacht in ihre
angewiesene Zimmer; auff den Morgen aber mit auffs Lust-Haus des Apollo verfügen
müssen. Dieses schimmerte von Gold und Edelgesteinen / und war rings umher
dreifach mit Wacholder-Bäumen umgeben; wie denn auch alle Gänge des
wunderwürdigen Gartens darmit besetzt / alle Wacholder-Beeren aber mit
unsäglicher Arbeit vergüldet ware. Wie durch die Seltzamkeit der Speisen
gleichsam die Erde / die Lufft und das Meer erschöpfft war; also schimmerten
auch alle Gerichte; insonderheit die zu Schau-Essen aus Wachs gemachten Bilder
von Golde. Bei und nach der Mahlzeit erlustigte er seine Gäste mit allen Arten
der Olympischen Spiele; bei welchen er zwölff Lorber-Kronen mit Golde und
Diamanten reichlich ausgeputzt zum Preis auffsetzte. Diese Götter selbst
erlustigten sich mit einem Bogenschüssen nach einem hin und wieder durch
künstliches Räderwerck lauffenden Drachen; zum Gedächtnis des Pitonischen /
welchen Apollo erlegt haben soll. Welchen Tag es denn so züchtig und ansehnlich
hergieng: dass es schien: es wären diese Menschen / so den Tag vorher Vieh gewest
/ nunmehr in wahre Götter verwandelt worden.
    Nach dem die Reie nun an die Fürstin Asblaste /als eine wahrhaftig keusche
Vesta kam; verfügten sie sich alle des Morgens zu dem auf einem lustigen Berge
liegenden / und recht in die rundte gebauten Lust-Hause der Vesta; welcher /
weil durch sie der Geist der Erde fürgestellet wird / auch die Tempel rundt
gebauet wurden. Es war mit eitel Bäumen oder Stauden umsetzt / welche feuerrote
Blumen und Früchte trugen. Inwendig waren eitel feurige Mahlwercke aufgestürtzt;
insonderheit wie die des Servilius Tullus Haupt umgebende Flamme ihm die
Römische Krone / die brennenden Lantzen den Römern den Sieg wieder die Sabiner /
der opffernden Lavinia das Feuer die Emporklimmung ihres Geschlechtes
wahrgesaget; die dem grossen Alexander auf den Hals dringenden Indianer
erschrecket; den die Stadt Syracusa belägernden Nicias seine Feuerwercke
beschirmet / und der vom Demetrius angezündete Wald die Spartaner gerochen;
endlich wie unterschiedene Deutsche Frauen-Zimmer nicht anders / als die
Priesterinnen der Persischen Diana durch unversehrende Betretung glüender Kohlen
/ und Betastung feuriger Brände ihre Keuschheit bewehret hatten. Die Taffel
hatte sie in einer tunckeln Höle / teils wegen der übermässigen Mittags-Hitze;
teils: dass sie den Nutzen ihres heiligen Feuers angewehren könnte / bestellet.
Denn sie liess ihr / wie Vestalische Jungfrauen /aufgeputztes / und zu Bedienung
dieser Götter bestelltes Frauen-Zimmer in einem einwerts geschliffenem Stahl-
oder Breñ-Spiegel / darinnen sich die Sonnen-Strahlen zusammen in einen
Mittelpunct zwängten / eine gleichsam himmlische Flamme anstecken. Diese zündete
das mitten in der Höle auffgesetzte /und aus eitel wolrüchendem Talcke und
eingeamberten Wachs bereitete Bild der Porcia an /und erleuchtete durch das sie
verzehrende Licht die Höle. Die auff allen Fall eben so hertzhaft / als Porcia
zu sterben entschlossene Fürstin Asblaste hatte nicht ohne Nachdencken an den
Fuss dieses brennenden Bildes schreiben lassen:
Hier brennet Porcia; doch ist ihr Brand ein Licht
Unglücklichen den Tod / die Ruhms-Bahn uns zu zeigen /
Wenn unser Geist sich soll fur Gluck und Siegern neigen;
Wenn jenen tör'chte Gunst gönnt Gift und Messer nicht;
Weil dem / der sterben will / kein Mittel nie gebricht.
Auch jagt ein glüend Brand nur Schrecken ein den Feigen.
Die Tränen / die hier falln / die Seuffzer / die hier steigen /
Sind Wehmut / die mehr als Porcien anficht.
Die Kohlen / die sie schlingt / gebehrn ihr keine Pein.
Denn ihrer Liebe Glut / ihr sehnliches Verlangen
Des todten Vaters Geist / den Eh-Herrn zu umfangen
Ist heisser / als kein Brand um Schmeltz und Ertzt kann sein.
So plagt und todtet nun der / der den Tod uns wehret.
Die aber lebt / die sich in Asche so verkehret.
    Die Taffel verlängerte sich mit allem Fleisse biss in den sinckenden Abend; Da
denn Asblaste einen Aufzug hundert Indianischer Frauen fürstellte; welche in
einem künstlichen Tantze einen Holtzstoss aufbauten /selbten mit allerhand
wolrüchenden Zunder anfüllten; darauff sich endlich ihre ziemlich lebhaft
gebildete Königin setzte / welche zwischen denen krachenden Flammen ihren Leib
dem Geiste ihres verstorbenen Ehgemahls aufopfferte. Welches Trauerspiel so
artlich eingerichtet war: dass die meisten Zuschauer diese Verbrennung für die
rechte Warheit aufnahmen. An dem lodernden Holtz-Stosse stiegen auch allerhand
Lust-Feuer mit nachdencklichen Bildungen empor; welche sich endlich in einen
feurigen Regen verwandelten; und das an einem erhobenen Orte aufgestellte Bild
der Semele anzündeten; dass es hernach in Asche zerfiel / zu einer denckwürdigen
Erinnerung: wie gefährlich es sei sich in der Liebe allzuhoch zu versteigen.
    Lucius führte den neundten Tag sie auff das Lust-Haus des Kriegs-Gottes;
welches zwischen eitel rauen und unfruchtbaren Klippen lag. Seine Zierraten
bestunden in eitel Stürme / Brand und Schlachten abbildenden Gemählden. Die
Taffel war auffs köstlichste bestellt / aber ohne Brod / vielleicht / weil
nichts minder der feurige Kriegs-Stern / als der Krieg selbst die Saaten / ja
gleichsam Laub und Grass versenget. Nach der Taffel erlustigte er seine Gäste mit
einem künstlichen Ross-Tantze; darinnen Jupiter und Mars mit einander stritten;
welcher unter ihnen zu der Hoheit der Stadt Rom am meisten beigetragen hätte.
Jupiter hatte auff seiner Seite zwantzig Cretensische Schützen / Mars so viel
Tracier mit Wurff-Spiessen. Dem Jupiter kam Juno mit zwölff Amazonen / dem Mars
Venus mit so viel Liebes-Göttern zu Hülffe. Welche alle sich zwar kämpffende
wunderseltzam durch einander vermischten / gleichwol aber in solchem Handgemenge
allezeit eine richtige Ordnung / und eine den Seiten-Spielen gemässe Bewegung
schauen liessen. Darzwischen wurden iedes Gottes Taten wechselsweise heraus
gestrichen / und insonderheit vom Jupiter gerühmet: dass er selbst das Capitolium
zu seinem Sitze erwehlet / das vom Ariovist dem Mars wieder Rom getane Gelübde
unterbrochen / von der Juno: dass sie endlich zu Einäscherung ihrer eigenen Stadt
Cartago Rom zu Liebe geholffen; vom Mars: dass er den ersten Stiffter Romulus
selbst gezeuget; seine Wölffin ihm mit der Milch einen streitbaren Geist
eingeflöst; von der Venus: dass sie den Eneas wieder die gehässige Juno in Schutz
genommen / ihr vorgehender Stern ihm in Italien den Weg gewiesen / von ihm den
Julius geboren; und eine Mutter des Julischen Geschlechtes wäre; welches Rom
allererst zu der höchsten Macht und Glantze empor gehoben hätte. Der Kriegs-Gott
erlangte endlich den Preis /nämlich einen mit Diamanten umwundenen Grase-Krantz
/ den ihm / als er gleich in der Mitte der Kämpffenden zu halten kam / der aus
der Höhe herab fahrende Geist der Stadt Rom auffsetzte.
    Den zehenden Tag ging der Zug auffs Lust-Haus der Venus / welches an Lust
allen andern den Preis wegnahm. Denn es lag an der See in einem Myrten-Walde;
darinnen mehr / als zwantzig Quellen aus den Klippen entsprangen / und mit ihren
rauschenden Bächen nichts minder die Ohren / als Augen vergnügte. Unter diesen
Klippen waren ihrer zwei einander gegen über; aus daher einem Eyskaltes / aus
dem andern warmes Wasser in zwei neben einander stehenden und zum Baden
geschickte Alabaster-Schalen spritzten. An der kalten war das Getichte des zur
Blume werdenden Narcisses künstlich gebildet; und in den marmelnen Fuss
eingegraben:
Narciss / der seinen Durst allhier zu leschen meinte /
Geriet in sich verliebt durch dieses Quell in Glut;
Durch Kält' und Brand in's Grab. Alleine diese Flut
Die ihm zum Sterben halff / doch bald den Tod beweinte /
Bezeugt / wie sehr sie ihn des Lebens schätzet wert:
Weil sie die Blumen netzt / in die er ward verkehrt.
    Massen denn an der Bach / in welche sich dieses Quell ausschüttete / viel
tausend Narcissen wuchsen. An der Alabaster-Schale / in welche das warme Wasser
fiel / stand das Getichte / wie Venus dem vom wilden Schweine angetasteten
Adonis zu Hülffe eilet; den Fuss aber an den Dornen ritzet / und damit die
weissen Rosen rötet. Am Fusse war in rotem Marmel zu lesen:
Diss Quell war vormahls Eyss /
Und iede Rose weiss /
Als Venus aber sie bespritzte durch ihr Blut /
Ward diese Purpur / jene Glut.
    Die aus der Schale abschüssenden Bäche machten gleichsam ein kleines Eyland
/ ehe sie sich mit einander vereinbarten / welches mit eitel in voller Blüte
stehenden Rosen-Sträuchen besätzt war; gleich als wenn an diesem Orte aller
Jahrs-Zeiten Annehmligkeit stets mit einander verbunden wären. Mitten aber /wo
sie zusammen ranen / stand ein Marmel-Bild; da die fünff Sinnen die in einer
Muschel schlaffende Venus auf den Achseln trugen; und aus allen Oefnungen teils
warmes / teils kaltes Wasser spritzten. Um den Fluss war eingegraben:
Das Rauschen dieser Bach liebkos't den zarten Ohren /
Durch ihr schön Silber wird iedwedes Aug' ergetzt /
Und der Geruch erquickt von Blumen die sie netzt.
Wem nicht ihr Wasser schmeckt / hat den Geschmack verloren.
Wer Wärmd' und Kuhlung sucht / der fühlt hier Glut und Eys.
Und so vergnügt die Bach vollkömmlich alle Sinnen.
Allein in dem besteht ihr allergröster Preis:
Dass wir vergänglichen sie ewig sehen rinnen.
    Diese ganze Gegend war auch von Rosen derogestalt angefüllt: dass derselben
Geruch vieler Häupter einnahm. Das Lust-Haus war mit denen künstlichsten
Gemählden ausgezieret / in welchen ihre Geschichte abgebildet; die Speisen aus
allen ersinnlichen Dingen / welche eine fühlende oder wachsende Seele haben
/aufs köstlichste bereitet / und mit Blumen gezieret waren. Die erste Tracht
bestand aus eitel Granat-Aepfeln / weil Venus sie in Cypern zum ersten
gepflantzt haben soll. Auf der ganzen Taffel aber ward kein Wein gefunden; weil
Antonia nicht die irrdische /sondern die himmlische Venus fürbilden wollte /
welche die Weisen für ein Kind des Himmels ohne Mutter / und eine Feindin der
Wollust / für ein Bild der Göttlichen Schönheit / eine Anreitzer in der Seele
zur Liebe Gottes und der Tugend halten; und welcher Feier auch zu Aten ohne
Wein begangen werden müssen. Uber diss stellte sie in einem künstlichen
Schauspiele die gewaffnete Venus; wie sie alle ihr zusätzende schädliche
Gemüts-Regungen; und den himmlischen Liebes-Gott; wie er die fleischlichen
Wollüste unter dem Bilde des ihn anfallenden halb- Pan überwand / so zierlich
für: dass auch die / welche sich auff eine andere Uppigkeit verspjetzt hatten /
dennoch ihre Vergnügung fanden; biss in dem dritten Aufzuge des Schauspiels die
vorhin mit eitel Sternen bekleidete Venus sich in ein Trauer-Gewand hüllete; und
einem ieden nach der Reinigkeit seiner Liebe ein gnädiges / oder nach seiner
Geilheit ein grimmiges Todtes-Urtel schrieb / ja so gar ihre Seelen teils in
Ergetzligkeit / teils in Pein versetzte. Sintemahl diese Göttin nicht nur für
eine Vorsteherin der Geburt / sondern auch des Todes und der Geister gehalten
wird; weswegen Canachus ihr Bildnüs aus reinesten Gold und Helffenbeine fertigte
/ das auf dem Haupte die Himmels-Kugel / in der rechten Hand einen Granat-Apffel
/ in der lincken ein schläffrichtes Mah-Haupt trug. Alleine zuletzte besudelte
die sonst ihrer Keuschheit wegen berühmte Antonia das vorhergehende Gute mit
einem schlimmen Beisatze / in dem sie das Gerichte des Paris zwischen der Juno /
Pallas /und Venus in einem Tantze zwar wegen ihrer gäntzlichen Entblössung und
unzüchtigen Stellungen höchst ärgerlich / iedoch so künstlich fürbilden liess:
dass iede Person ihre Meinung mit stummen Gebehrden so deutlich ausdrückte / als
sie mit ihrer Rede schwerlich besser zu tun vermocht hätte.
    Den eilfften Tag verfügten sie sich auff das in einem annehmlichen Forst
liegende Vorwerg der Dianen; welcher keuschen Göttin Stelle Julia wenig keusch
vertrat. Das aus eitel grünem Marmel und Wacholder-Holtze gebaute Lust-Haus war
mit denen köstlichsten Gemählden ausgezieret; welche der Kayser teils aus dem
zweihundert Jahr für der Trojanischen Einäscherung von denen Zazyntern
aufgeführten / und vom Annibal verschontem Tempel / teils aus dem Auldischen
eben so altem Heiligtum Dianens dahin hatte bringen lassen. Fürnehmlich war
würdig zuschauen das Gemählde der sich aus den Netzen windenden Britomartis /
des Timarete / des Nicons Tochter / der Dyctynnischen Dianen nachgemacht haben
soll / und der Aufzug der geschwängerten Gespielen / welche die Diana zu
versöhnen in ihren Körben allerhand Opffer in ihren Tempel trugen / und ihre
Gürtel darein auffhiengen; ferner das vom Apelles gemachte Bild der Taurischen
Diana / welche in der rechten Hand einen Pardel / in der lincken einen Löwen
hielt; um sich aber herum viel aufgeopfferte Fremdlinge hatte. Am allerhöchsten
aber ward geschätzt eine Taffel; darauff die Pellenische Diana alle Menschen /
welche sie ansahen / wahnwitzig; alle von ihren Augen bestrahlte Bäume aber
unfruchtbar machte / und der Früchte beraubte. Unter dem Lustause stand ein
künstlicher Spring-Brunn aus Corintischem Ertzt und Marmel; in welchem die vom
verliebten Flusse Alfeus verfolgte Diana sich und ihre Gespielen mit Kote
bekleibet; und also ihm entrinnet. Die Speisen waren eitel Wildpret; und von so
vieler Art: dass es schien: es hätte das ganze Römische Reich alle Seltzamkeiten
seiner Wälder und Gebürge dahin versammelt; und in denen Schau-Essen waren nicht
nur alle nur ersinnliche Tiere / sondern alle Geschichte / die man von der
Diana oder berühmten Jägern erzählt / abgebildet. Nach der Taffel führte Julia
ihre Gäste mitten in den Forst; da sie / nach dem die Jäger alter Gewonheit nach
die falsche Diana um Erlaubnüs zu jagen angeflehet / und den ersten gehetzten
Hasen / entweder weil ihr Fleisch schön machen / oder sie für andern Tieren ein
gross Hertze haben sollen / der Liebe zu opffern fortgeschickt hatten / zum
ersten in einer umgarnten Stallung mehr /als tausend Hasen / worvon aber die
jungen alsbald abgesondert / und der Diana zu Liebe los gelassen wurden; teils
die Hunde erwürgen / teils ihre Gäste mit Pfeilen erlegen liess. Hierauff kamen
in die Stallung dreihundert Füchse; welche von denen Jägern eine gute Zeit in
die Lufft geprellt / und hernach allererst zu tode gehetzt wurden. Diesen
folgten hundert Wölffe; welche mit so vielen Hunden einen blutigen Zweikampff
hielten. Zweihundert Rehe / die alle von der Götter Pfeilen fielen; ferner /
hundert wilde Schweine; die von grossen Britannischen und Tracischen Hunden
erlegt wurden. Endlich traten in die Stallung funffzig Hirsche mit grossen
Geweihen /derer keines unter dreizehn Enden hatte; wovon die meisten gleicher
Gestalt der Zuschauer Pfeile fälleten / etliche aber dennoch über die höchsten
Garne setzten. Nach dieser Erlustigung führte Julia die Versamlung in den nahe
dabei gelegenen Tier-Garten; in welchen der Kayser alles dieses Wild aus Africa
und Hispanien hatte bringen lassen. Da denn in einem gemauerten Kampff-Platze
anfangs drei Luchse gege drei Tiger; zuletzt ein wilder Ochse gegen einen Löwen
kämpffen; die Uberwinder aber gleichwol mit Pfeilen getödtet wurden. Endlich
verlohr sich Julia von der Gesellschaft / und liess den Mercur ihre Gäste in ein
lustiges Tal leiten; da sie denn auf einem mit fruchtbaren Bäumen
überschatteten Felsen die Julia mit zwölff andern Frauenzimmern in Gestalt der
badenden Diana fingernackt antraffen. Kurtz darauf hörten sie ein Getöne der
Jäger-Hörner / und Gebelle der Hunde. Worauff sich denn ein wolausgeputzter
Jäger sehen liess / und biss an diss Bad eine Hindin verfolgte. So bald aber Julia
und ihre Gespielen ihn mit ihrem Wasser bespritzen / kriegte dieser armselige
Acteon zu aller Zuschauer Erstaunung grosse Geweihe auff den Kopff. Worauff ihn
seine eigene Hunde anfielen und in Stücke zerrissen. Niemand wusste zu sagen /
wie es zugieng; und ich selbst als eine Zuschauerin weiss nicht zu erraten: Ob
es Verblendung oder Zauberei gewesen sei. Wiewol nun diese Tage August die
Fürstin Asblaste auffs freundlichste unterhielt; also: dass Terentia gegen sie
eiffersüchtig zu werden begonte; blieb er doch iederzeit in den Schrancken einer
solchen Bescheidenheit: dass Asblaste nunmehr durch die einmal geschehene
heftige Bewehrung ihrer Keuschheit Augustens unziemliche Begierden überwunden /
und sich in völlige Sicherheit gesetzt zu haben vermeinte. Wesswegen sie mit
desto wenigern Sorgen sich den zwölfften Tag mit denen andern Göttern zu dem
Vorwerge des Saturn verfügte; als bei dessen gramhaftigen Eigenschaft sie so
viel weniger Liebes-Versuchungen vermutete; der Kayser auch auff des Römischen
Rates bewegliche Bitte den folgenden Tag nach Rom auffbrechen wollte.
    Der sonst dem sauersehenden Saturn ziemlich ähnliche Tiberius bewillkommte
seine Gäste mit einer ungemeinen Freundligkeit / und zwar auf einem so
annehmlichen Lust-Hause; welches zwar mit allerhand Sinnenbildern erfüllet war;
in welchem seine selzamen Geschichte auf die Zeit und andere natürliche Dinge
verständlich ausgelegt standen / sonst aber nichts unannehmliches in sich hatte.
Er speisete zwar gar kein Fleisch; weil es unter der Herrschaft des Saturns
nicht soll zulässlich gewesen sein; aber alle andere köstliche Gewächse unter der
Sonnen waren hier beisammen; ja von denen säuerlichen Granat-Aepfeln wurden
gleichsam ganze Berge aufgetürmet; und die Säder in Speisen waren mit denen
köstlichsten Säfften alle säuerlich zugerichtet. Weil der bitter und sauere
Geschmack diesem Gotte allein zukommen soll. Das Geträncke war der herrlichste
Wein übers Meer auf den fernen Glücks-Inseln geholet; welchen er die Tränen des
Saturn nennte; weil diesen Nahmen sonst das bittere Meer selbst führet. Nach der
Taffel zeigte Tiberius / aus Andeutung: dass die Drachen und Schlangen dem Saturn
gewiedmet sind / in einem gemauerten Gebäue die funffzig Ellen lange Schlange
/welche der Kayser aus Africa dahin hatte bringen lassen / und hernach zu Rom im
öffentlichen Schauplatze zu grosser Verwunderung des Volckes gewiesen ward. Und
zwar auf diesen Eylande unter einer Menge von mehr als tausend kleinern
Schlangen und Nattern / die der grossen / als ihrer erkiesten Königin / ich weiss
nicht / durch was für Kunst eine güldene Krone auffsetzten. Hierauf stellte
Tiberius in einem grossen Saale ein Schau-Spiel für: da auff einem in Gestalt
einer Himmels-Kugel gefertigten Schauplatze die sieben Irrsternen mit einander
stritten; welche unter ihnen das köstlichste Ertzt bereitete. Saturn stritt für
die Nutzbarkeit seines Bleies / Jupiter für die Zierde seines Zienes / Mars für
die Notwendigkeit seines Eisens / die Sonne für die Unversehrligkeit des
Goldes; Mercur für die heilsame und durchdringende Krafft des Quecksilbers /
Venus für die Pracht des Kupffers / der Mohnde für die Herrligkeit des Silbers /
und führte ieder allerhand Ursachen seines Vorzugs an. Nach dem nun die übrigen
Götter für das Gold den Ausschlag gaben / und erwähnten: wie alle andere Arten
des Ertztes durch die Krafft der Sonne und des Feuers sich mühten die
Vollkommenheit des Goldes zu erreichen; wie Jupiter sich selbst in Gold
verwandelt / Mars seine Waffen / Mercur seinen Stab /Venus ihren Wagen / Diana
ihre Hörner mit Golde ausputzten; machte Saturn der Sonne die Zeugung des Goldes
strittig; und meinte selbte für sich zu behaupten; weil unter seiner Herrschaft
unstrittig die rechte goldene Zeit gewest wäre. Da denn nach einem langen
Streite der Ausschlag dieses Streits dahinaus fiel: dass die Sonne in den Bergen;
der einfältige Saturn aber in den Hertzen der Menschen das köstliche Gold-Ertzt
zeugte. Hierauf ward in einem Tantze die Zentner-Last der eisernen; die
Beschwerligkeit der silbernen /und die Herrligkeit der güldenen Zeit; in welcher
alles gemein gewest ist; das Meine und Deine keinen Krieg erregt; auch die
Felder ohne Arbeit Früchte gebracht haben / fürgestellet. Worbei die vier und
zwantzig Stunden die Götter singende beweglich anfleheten die güldene Zeit und
die Gemeinschaft aller Sachen wieder einzuführen; das Ertzt des Goldes aber /
welches ein schädliches Terpentin-Oel in sich stecken hätte /daran die Seelen
der Menschen / wie die Vogel an dem Leime kleben blieben / aus der Welt
verbannen möchten. Sintemahl damahls / als man von keinem Golde gewüst hätte /
die rechte güldene Zeit gewest wäre.
    Alldieweil aber August abermals Schreiben empfieng: dass der König und
Priester des Bacchus in Tracien Vologeses einen mächtigen Krieg erregt hätte /
musste er sich der Gesellschaft entziehen; gab auch in Anwesenheit der Fürstin
Asblaste Livien zu vernehmen: dass er die ganze Nacht mit nötigen Anstalten der
Reichs-Geschäffte zubringen würde. Worvon Livia Anlass nahm Asblasten zu
ersuchen: dass sie solche Nacht bei ihr im Zimmer schlaffen möchte. Asblaste gab
ihren Willen unschwer darein; weil Livia ihr bei diesem Zustande befehlen konnte
/ sie auch nichts böses argwohnte. Sie schlieff kaum drei Schritte von Livien
ganz sicher; biss sie nach Mitternacht erwachte und gewahr ward: dass ihr iemand
die Brüste betastete. Worüber sie einen so heftigen Gall anfieng zu schreien:
dass ich und Liviens Frauen-Zimmer im Vorgemache darüber erwachten. August und
endlich Livia selbst suchten Asblasten zu besänftigen / und sie zur Liebe zu
bewegen. Nach dem aber Asblaste aus dem Bette sprang / den Nacht-Rock über sich
warff / den liebkosenden August mit Gewalt von sich stiess / und ihn einen
Ehbrecher / Livien aber eine Kuplerin ihres eigenen Ehmanns schalt; fieng Livia
/um übele Nachrede zu verhüten / an / Augusten zu entschuldigen: dass / weil sie
sonst in dem der Asblaste aus Höfligkeit eingeräumten Bette zu schlaffen
pflegte; wäre August irre gegangen / hätte also für die eingebildete Livia
Asblasten angerühret. Diese aber war durch nichts zu bereden in selbigem Zimmer
vollends zu übernachten / sondern sie kam mit zitternden Gliedern ins Vorgemach
/ und fiel ohnmächtig auf mein Bette: dass ich länger als eine Stunde an ihr zu
reiben und zu kühlen hatte; ehe sie wieder ein wenig zu Kräfften kam. Mit diesem
aber / (sagte die Gräfin von der Lippe /) ging meine Angst allererst an; denn
sie wollte für Unmut: dass sie von Augusten so geile Betastungen gelitten hatte /
ihr das Messer in die Brüste stossen / vorgebende: dass kein ander Wasser / als
Blut / ihre Flecken abwaschen könnte. Ich wand ihr aber mit genauer Not das
Messer aus / und hielt ihr beweglich ein: wie kein Leib / sondern nur die Seele
durch den Werckzeug boshafter Einwilligung von Lastern besudelt zu werden
fähig; der Selbstmord aber eine Wiederspenstigkeit gegen das Verhängnüs /welche
das ihm anvertraute Leben nichts minder / als ein unbändiges Last-Tier seine
aufgelegte Bürde halsstarrig von sich wirfft / eine Missgeburt der Kleinmut; und
ein törichtes Werck eines verletzten Gewissens wäre. Wesswegen Tarquinius und
andere Obrigkeiten solche Leichen hätten lassen an die zu Bestraffung der
Knechte aufgerichtete Creutze nageln. Asblaste aber versetzte mit: dieses hätte
seine Weise; wenn ein tugendhaft Gemüte mehr keine Anfügung Schimpfes und
Schande zu besorgen hätte. Sie aber sähe ihre Ehre in der höchsten Gefahr für
dem nach ihr wiegernden August. Und hiermit / als es kaum zu tagen begunnte /
erhob sie sich unversehens aus dem Gemache / und lieff ganz verzweiffelt einem
abschüssigen Felsen zu. Ob ich ihr nun zwar gleichsam schon auf der Fersen war;
sprang sie doch von dar in das Meer. Die Göttliche Versehung aber schickte es so
wundersam: dass die Fischer auf dreien Nachen gleichen ihren Netzen zohen; und /
als Asblaste ins Wasser fiel / in Meinung: dass ein grosser Fisch aus dem Netze
springen wollte / die Netze zusammen zohen /also statt des Fisches die
wunderschöne Asblaste aus dem Wasser zohen. Mein zwischen ihrem Geräusche vorhin
nicht wahr genomenes Wehklagen kam den Fischern nun auch zu Ohren; daher sie mit
ihrem seltzamen Fange so viel mehr ans Ufer eilten; und mir meine verlohrne
Asblaste / der ich mich Lebenslang schon verziehen hatte / wieder
überantworteten. Sie war mehr einer Leiche / als einem lebendigen Menschen
gleich; und schoss ihr das Wasser häuffig aus Mund / Nase und Ohren. Gleichwol
aber kam sie nach ein par Stunden durch meine und zweier anderer Frauen-Zimmer
Hülffsleistung wieder zu sich: nach dem wir sie ins Vorwerg an einen bequemen
Ort gebracht hatten. August / als er diese Begebenheit erfahren / war nicht
minder beschämt / als erschrocken. Daher er in höchster Eil zu Schiffe nach
Minturne forteilte / und Befehl hinterliess / Asblastens auffs beste zu pflegen.
Ihre zwei Söhne / Herrmañ und Flavius / welche der Kayser nebst dem jungen /
aber sehr plumpen Agrippa und andern edlen Römern mit allerhand Kurtzweil hatte
unterhalten / und die in dem Misenischen Seebusem liegende Seeplätze besehen
lassen / mussten so eilfertig mit nach Rom: dass sie ihrer Frau Mutter kaum die
Hände zu küssen Zeit hatten. Worüber Asblaste abermals so wehmütig ward: dass
sie nach ihrem Abschiede aus gefaster Einbildung sie nimermehr wieder zu sehen /
Sprache und Seele verlor / und in etlichen Tagen kaum aus dem Bette und wiederum
zu Gesprächen gebracht werden konnte. Wir blieben wohl zwei Monate auf diesem
Eylande; da ich denn noch genungsam an Asblasten zu trösten /und ihr einzuhalten
hatte: dass der Himmel sie nicht ungefähr bei ihrer verzweiffelsten Entschlüssung
aus dem Rachen des Meeres errettet; sondern zu noch etwas sonderbarem
vorentalten hätte; daher sollte sie durch ihre Ungedult GOtt nicht beleidigen;
und das ihr bestimmte Heil nicht mit Füssen von sich stossen. Alleine dieses
Eylandes Lust-Garten war nunmehr Asblasten so sehr zu wieder / als die Insel
Itaca den Hasen / Creta und der Berg Olympus den Wölffen /Africa den Hirschen.
Die wolrüchenden Kräuter stancken sie an; und für denen heilsamsten Früchten
eckelte ihr. Daher sie an den Kayser eine demütige Bittschrifft abgehen liess:
dass er zu ihrem Gefängnisse ihr unter einem kühlern Himmelsstriche einen andern
Ort ausstecken möchte / weil sie so heisser Lufft entwohnet wäre. Welches denn
auch so viel fruchtete: dass der Kayser verordnete uns auf das zwischen Corsica
und Etrurien liegende Eyland Caprasia / so gleichfalls von den wilden Ziegen den
Nahmen hat /zu führen. Wir hatten diss schon im Gesichte; als ein heftiger
Sud-Ost-Wind uns bei selbter vorbei trieb /und sich hernach in einen
sechstagichten Sturm verwandelte / endlich unser Schiff nicht ferne von dem
Munde des Flusses Iberus an einem Felsen zerschmetterte; also: dass ich mit
genauer Not auf einem Stücke Brete ans Ufer schwamm / und nach etlichen nicht
erzehlenswürdigen Ebenteuern unser Deutschland wieder erreichte; biss auf den
gestrigen Tag feste glaubende: dass die Fürstin Asblaste ihr Begräbnüs in dem
Iberischen Meere gefunden hätte.
    Fürst Adgandester lösete nunmehr die Gräfin von der Lippe in ihrer Erzehlung
ab; mit der Vertröstung: es würde die tugendhafte Asblaste ihnen die
Uberbleibung ihrer Schiffart und seltzamen Leben-Lauffs nicht missgönnen; er
müste nunmehr seinem Versprechen nach sich zu dem mit dem Kayser nach Rom
gediegenen Fürsten Herrmann und Flavius wenden. Herrmann hatte das Glücke noch
auf der Reise nach Rom des Kaysers Gewogenheit zu erwerben. Denn als er bei
Minturne aus dem Schiffe ging / von der aus selbtem aus Land angeworffenen
schmalen Brücke mit den Füssen abgliet / und ins Wasser fiel; alle anwesende
Römer aber hierüber einander nur für Schrecken ansahen / sprang der von Kind auf
des Schwimmens gewohnte Fürst Herrman behertzt ins Wasser / erwischte den
untersinckenden Kayser beim Arme / und brachte ihn aus augenscheinlicher
Lebens-Gefahr glücklich ans Land. Der errettete August umarmete diesen jungen
Fürsten / nennte ihn seinen Sohn; und versicherte ihn: dass er und sein ganzes
Geschlechte dieser unvergesslichen Woltat genüssen sollten. Dessen erste Frucht
er und sein Bruder Flavius daran genass: dass sie bei des Drusus Siegs-Gepränge
wegen der in Deutschland geführter Kriege nicht als Gefangene mit eingeführet
wurden; sondern mit dem Kayser den Tag vorher in Begleitung des jungen Agrippa
und des Germanicus zu Rom einzogen. Nach dem auch Drusus kurtz hierauff an statt
des Stadtvogts des Kaysers Geburts-Tag in der Stadt Rom mit allerhand
Schau-Spielen und Jagten feierte; der Kayser aber darbei das Unglück hatte: dass
ihm an einem hauenden Schweine das Eisen brach / der neben ihm stehende Ausgeber
Diomedes auch aus Furcht hinter den Kayser sprang; war der junge und zarte
Flavius so behertzt: dass er mit seinem kleinen Eisen deñ schaumenden Hauer
begegnete / und dem in Gefahr stehenden Kayser so lange Lufft machte / biss zwei
Britannische Tocken diss wilde Tier anfasten / und August ihm ein ander Eisen
durchs Hertze trieb. Wordurch Flavius die vorige Gnade des Kaysers nicht allein
befestigte / und dem zaghaften Diomedes das Leben erbat / sondern diese zwei
Fürsten erwarben durch ihre Ehrerbietung Liviens; durch ihre lebhafte
Freundligkeit aller edlen Römer Gewogenheit. Der Kayser liess sie auch in der
Gesellschaft des jungen Agrippa und Germanicus so wohl in der Grichischen
Sprache und der Welt-Weissheit / als in allen Ritter-Spielen und Kriegs-Ubungen
fleissig unterweisen; wiewol beide junge deutsche Fürsten / fürnemlich Herrmann
in denen erstern einen guten Grund in Deutschland gelegt hatten; in denen
letztern aber schon den Meister spielte; und es im Ringen / Rennen / Fechten /
Schüssen / Spiesswerffen den meisten jungen Römern zuvor tat / also: dass der auf
die Schenckel schwache Germanicus / welchen die Römer gleichsam für ein
Wunderwerck zeigten; nicht nur an Schönheit / Geschickligkeit und Kräfften des
Leibes ihm ohne Wiederrede nachgeben musste; sondern in der Beredsamkeit / in
Fertigung Grichischer Getichte und denen Ritter-Spielen mit ihm eifferte; heide
also zu Erlangung der Vollkommenheit gegen einander angeflammet wurden. Im
Schwimmen tat es dem Fürsten Herrmann und Flavius kein Mensch in Rom gleich.
Denn sie schwammen zu aller Verwunderung in voller Rüstung über die Tiber;
beglaubigten also die Getichte des schwimmenden Cocles / daran die Römer biss
auff selbigen Tag selbst gezweiffelt hatten; und verursachten: dass der Vorsteher
der Stadt Rom Mecenas zur Ubung des Römischen Adels eine grosse mit Marmel
umsetzte Schwemme mit vielen Unkosten erbaute / welche aus eitel warmen Brunnen
angelassen ward. Wordurch der sonst zwar wegen Stärcke des Leibes wilde / aber
träge / tollkühne und keiner guten Künste erfahrne Agrippa gleichwohl einen
Trieb bekam sich derogestalt auffs Schwimmen zu legen: dass er sich meist auff
den See-Küsten auffhielt / und den Nahmen des Neptun an sich nahm. So sehr sich
nun Agrippa mit seinen knechtischen Sitten beim Kayser verhast machte; und den
Glantz seines Vaters verdüsterte; also von ihm wahrhaft zu sagen war: der alte
Agrippa sei aus Staube ein Stern / der junge aus einem Stern Staub worden; so
beliebt ward von Tage zu Tage mehr und mehr Fürst Herrmann; also: dass der Kayser
ihn fast täglich um sich hatte / ihn ausserhalb der Stadt Rom in den
Lust-Häusern bei seiner Taffel speisen liess; ihm nicht allein ein Wort frei zu
reden entieng / sondern auch auf seine Vorbitte viel Römer und Ausländer ihres
Wunsches gewehrte. Daher als August den Drusus wieder in Deutschland schickte /
ja er auch selbst / um dem deutschen Kriege desto näher zu sein / sich in das
Lugdunische Gallien zu reisen fertig machte / und er aus den ihm vom Rate und
Volcke zu Rom zu Giessung seiner Bilder geschenckte Gold und Silber / des
gemeinen Heils der Eintracht und des Friedens Seulen fertigen / und diese nebst
das Siegs-Bild auff dem zum Gedächtnis des Kaysers Julius erbauten Rathause
aufsetzen liess; Fürst Herrmann zu Augusten anfieng: Er wüste einen viel
herrlichern Ort / wo die Bilder der Eintracht und des Friedens stehen sollten.
Als nun der Kayser fragte: wo denn? Antwortete Herrmann: das erste auf dem
Vogesischen Gebürge / das andere auf dem Blocksberge; und sollten das erste die
zur Zwietracht so geneigten Catten / das andere aber die ohne Ursache wieder die
Cherusker streitenden Römer daselbst aufftürmen. Augusten gefiel diese
freimütige Erinnerung so wohl: dass er dem Fürsten Herrmann nicht allein
erlaubte an seinen Vater den Hertzog Segimer zu schreiben / und des Kaysers
Neigung zum Frieden zu berichten; sondern er befahl auch dem Drusus mit den
Deutschen / insonderheit denen Cheruskern einen billichen Vergleich zu treffen.
Aber der Ehrgeitz des Drusus und die Verachtung seines Feindes schlug des
Kaysers Befehl in den Wind; welche Torheit aber er mit Verlust des Römischen
Kriegs-Heeres und seines Lebens büssen musste. Unterdessen bemeisterte Fürst
Herrmann mit seiner Gestalt und Anmut die Gemüter zu Rom; darunter auch der
edelsten Frauen; also: dass nach dem Livia dem Tiberius zu Ehren wegen besiegter
Dalmater dem Römischen Frauen-Zimmer ein köstlich Mahl ausrichtete / und sie mit
der wegen des Kaysers Liebe hochmütigen Terentia in einen Wort-Streit verfiel;
welche unter ihnen die schönste wäre; erkieseten sie ihn / als in ihren Augen
den Schönsten hierüber zum Richter. Wiewol nun der verschmitzte Fürst Herrmann
sich dieses Urtels durchaus nicht unterfangen wollte; nebst andren höflichen
Entschuldigungen vorschützende: dass der Hochmut über Götter Reckt zu sprechen
iederzeit mit dem Tode des Richters wäre abgebüsset worden; so lagen ihm doch
Livia und Terentia / ja das ganze anwesende Frauen-Zimmer auffs beweglichste um
seinen Ausspruch an; ihn versichernde: dass wie ihr Zwist ohne diss mehr eine
Kurtzweil / als ein ernstafter Streit wäre; die geringste Empfindligkeit ihm
daraus erwachsen könnte; weil sie sich selbst wohl bescheideten: dass in Urteilung
über die Gestalt man ins gemein die Meinungen nach der Anzahl der Richter zehlte
/ und die / welche gleich unter ihnen das Recht verliere / an ihrem Ansehen
schlechten Verlust leiden würde. Sintemahl der Purper nichts minder dem Maah /
als der Rose gemein; die Schönheit auch eine Blume wäre; welche zuweilen übel
rüche / und aus einem schlechten Erd-Reiche wüchse; ja weñ sie auch einen
untadelhaften Grund hätte; dennoch nur für die Rinde /die Tugend aber alleine
für die rechte Frucht eines Baumes zu achten wäre. Dannenher man offtmahls für
einer übermässigen Schönheit / wie für einem andere Gestirne wegstechenden
Schwantz-Sterne mehr zu erschrecken / als sich in selbte zu verlieben hätte.
Fürst Herrmann / als er die Unmögligkeit sah sich los zu würcken; bat mit
tieffer Ehrerbietung: Sie möchten seinen Gehorsam für keinen Vorwitz / seinen
Fehler für kein vorsetzlich Verbrechen ausdeuten; ihn aber vor keinen solchen
Richter annehmen; von dessen Urtel man sich nicht an einen höhern ziehen könnte.
Hierauff fieng er an: Terentia hätte den schönsten Mund; Livia die
vollkommensten Brüste. Alles Frauen-Zimmer konnte hierüber sich des Lachens nicht
entalten; und die Geurteilten nahmen seinen Ausspruch für eine Vorrückung
ihrer Fehler auf; weil der Augenschein das unstrittige Gegenspiel wiess; indem an
Terentiens Schönheit niemand nichts; als dass sie einen zu weiten Mund; und an
Livien: dass sie zu schlaffe Brüste hätte / ausstellte. Wie ihn nun deswegen
Terentia rechtfertigte; versetzte Fürst Herrmann: Es wäre kein Richter zwar die
Ursachen seines Ausspruchs zu eröffnen schuldig; er scheute sich aber nicht
seine Meinung dennoch zu behaupten. Terentia drang alsobald darauff selbte nicht
zu verschweigen. Worauff Fürst Herrmann anfieng: Wenn Terentiens Lippen nicht
von Honig trieffen; würden die in dem Munde des beredten Mecenas wohnenden Musen
darauff nicht ihre annehmliche Sättigung finden. Weil nun Terentia ihm so bald
nichts entgegen zu setzen wusste; fragte Livia nach dem Grunde ihres empfangenen
Urteils. Herrmann begegnete ihr: Selbter stünde auff denen ihr nechstin von
dem Römischen Rate auff gesetzten Porphyr- und Alabaster-Seulen geschrieben.
Nach deme ihr aber Livia solchen fremde machte; fuhr er fort: Sind denn die
Brüste einer so fruchtbaren Mutter / welcher zwei Söhne ihr das Recht dreier
Kinder zueigneten / nicht denenselben vorzuziehen / die mit Not ein einiges
Kind zu säugen gehabt? So wohl Livia / als Terentia waren mit dieser Auslegung
vergnügt / und alle Anwesenden mussten nichts minder die Vorsicht dieses jungen
Herrn niemanden zu beleidigen / als seine scharffsinnige Auswindung aus dem ihm
gestellten Garne rühmen. Die freudige Julia versuchte an ihm noch alleine ihr
Heil; und fragte: was denn Herrmann ihrer Gestalt für einen Mangel auszustellen
wüste? worauff Fürst Herrmann augenblicks antwortete: Ihren Augen. Julia /
welche mit ihren kohlschwartzen Augen gleichsam zwei lebhafte Sternen
beschämte; versetzte: worinnen denn ihr Gebrechen bestünde? welcher Herrmann
alsofort begegnete: weil sie um die von ihnen getödtete Seelen sich hätten
müssen in die Trauer kleiden. Julia erlangte hiermit ihre vollkommene
Abfertigung; Terentia aber hatte inzwischen auf einen Einwurff gedacht; und
fieng gegen den Herrmann an: Ihre Brüste wären darum: dass sie nur ein Kind
gestillet hätten / so wenig verächtlich / als die Perlen-Muscheln; welche sich
auch nur einer eintzelen Geburt rühmen könten; Nichts minder gienge der
Purper-Schnecke an ihrer Köstligkeit nichts ab; ob ihre Fruchtbarkeit gleich nur
in einem Tropffen bestünde. Fürst Herrmann versetzte: der Uberfluss täte zwar
wohl der Seltzamkeit; woran sich die Missgünstigen vergnügten / nicht aber der
Köstligkeit / welche nichts minder schön / als nutzbar wäre / Abbruch; sonst
würde Terentia die gütige Natur schelten / und die Muscheln ihrer schönen Augen;
in welchen die Wehmut so viel hundert Tranen-Perlen zeigte / ihre lebhaften
Brüste / welche über und über mit Perlen beschüttet wären; ihre Blut-roten
Lippen / welche von dem überflüssigen Purper gleichsam auffspringen wollten /
verächtlich halten müssen. Terentia ward hierüber stumm / und alles Römische
Frauen-Zimmer über diesem jungen Fürsten nichts minder verwundernd / als
vergnügt; sonderlich / weil sie die Höfligkeit und Scharffsinnigkeit nur für
eine Geburt der Stadt Rom hielten; und in Gedancken waren: dass selbte so wenig
das Alpen-Gebürge / als der Fenix die sändichten Wüsteneien Arabiens überflügen
könten. Insonderheit warff Terentia auff diesen Fürsten ein Auge; und sie
empfand in ihrem Hertzen anfangs eine gewisse Ergetzligkeit /wenn sie ihn nur zu
Gesichte bekam; hernach ein Verlangen seinen Ritter-Spielen und Kriegs-Ubungen
zuzuschauen / noch mehr aber in seiner Gesellschaft zu sein / und sich mit ihm
in Gespräche einzulassen; insonderheit als August im Lugdunischen Gallien war.
Hierdurch kam er auch beim Mecenas in verträuliche Kundschaft; dessen Haus ohne
diss ein Auffentalt aller fürtreflichen Köpfe / nichts minder / als sein Leben
ein Beispiel der menschlichen Vergnügung war. Bei dem Fürsten Herrmann aber
unternahm er sich gar einer sorgfältigen Unterweisung; und / wormit er ihm / als
einem Fürsten die Weltweissheit so vielmehr verzuckerte; benahm er ihm alsbald
anfangs den Irrtum des Pöfels und der Stoischen Weisen; Welche diese añehmliche
Gefärtin als eine sauersehende Unholdin abbilden / uñ ihr nichts / als Strang
und Messer in die Hand geben. Er zohe ihr diese abscheuliche Larve vom Antlitze
/ und lehrte ihn: dass weil der Zweck der unverfälschten Weltweissheit in der Rube
des Gemütes / und in der Freudigkeit eines ungefässelten Geistes bestünde;
müste man aus allen an sich selbst auch verdriesslichen Dingen eben so Wollust
schöpffen; als man mit sauern Granat-Aepffeln die allzusüssen Speisen annehmlich
machte. Diesemnach wäre es ein lächerlicher Aberwitz / wenn Zeno diese edle
Göttin in eine Henckerin / und ihre Liebhaber in Ruder-Knechte verwandelte; ihre
Taffel in Sand und Kot deckte / und nur Wasser und Gritze zur Kost auffsetzte.
Wenn er ihr ein verschimmeltes Fass zum Zimmer einräumte; und nur Sack-Leinwand
zum Kleide verlaubte / wenn er ihr eine schlammichte Tasche zum Behältnis alles
Vorrats anhienge; und einen knörnrichten Stab zum ganzen Beischube ihrer
Reisen mit gäbe; Gleich / als wenn die Göttliche Versehung nicht alle Geschäncke
der Natur dem Menschen zum Gebrauche geeignet hätte: dass also diese
hartnäckichte Bettlerin die Natur und das Glücke /wenn sie ihre milde Hand und
Gaben mit Füssen von sich stiesse / zu trotzen sich nicht scheuete / und
zwischen ihrem zerrissenen Mantel mehr Hoffart fürbleckte; als der zu gelegener
Zeit sich seiner Gemächligkeit bedienende / im Fall der Not aber sich auch mit
Wasser und Brodt vergnügende Epicur unter seinem Goldenstücke und
Scharlach-Mantel verborgen hätte. Die Weissheit wäre nichts minder / als die
Natur eine Magd und Befehlhaberin Gottes; also könnte weder ihr Zweck / noch ihre
Anleitung einander zu wieder sein. Hätte jene nun eine Güte in der Hässlichkeit
gefunden /würde sie gewiss eitel flennende Mäuler / hängende Wangen / krüplichte
Rücken / und hinckende Hüfften / ja an statt der Trauben und Pomerantzen nur
Schleen und Holtz-Aepffel haben wachsen lassen. Warum sollte denn die Weissheit
ihre Kräfften zu solchen Erfindungen anwenden / wie sie ihren Zucker vergällen
möchte? Warum sollte sie von den Rosen-Sträuchen ihre Purper-Blumen vertilgen;
und nur der Dornen warten? Da sie doch GOtt dem Menschen als ein überirrdisches
Geschäncke verliehen hätte: dass sie als eine Erfinderin vieler Künste und
Werckzeuge die Gebrechen der Natur ersetzen; und als eine Meisterin des Lebens /
eine Herrscherin der Gemüts-Regungen ihre Schwäche in Vollkommenheit versetzen
sollte. Ich weiss wohl / liebster Herrmann / fuhr Mecenas fort: dass die / welche
in eitel Haaren von Wichtel-Zöpffen / mit rauchen Antlitzen wilder Männer / in
Lumpen voller Unflat daher gehen / die reinlichte Weltweissheit eben so für ein
verzärteltes Lustweib / als den Mecenas für einen Weichling schelten; aber ich
bin versichert: dass jene bei ihrer Fähigkeit viel mehr Maass zu halten; und / ob
sie zwar nicht wilde und mörderisch aussiehet / doch hertzhaft zu sein; als
Mecenas sich so wohl auf dem Rasen / und in Haare /als auf Marmel und in Seide
seine Vergnügung zu suchen wisse. Denn in Warheit: Die / welche auf Sammet und
Purper sitzen / empfinden am allerersten die Folterbanck; und die Spitzen des
stachlichten Glückes. Jener Sauertöpffe Unschuld und Hertzhaftigkeit bestehet
in einem unzeitigen Urtel / und einer ungedultigen Verzweiffelung; in dem sie
auff fremde Fehler alle Flüche ausschütten / selbst aber lange Zeit das dräuende
Gesichte des Unglücks nicht vertragen können; sondern durch Eigen-Mord wieder
sich selbst wüten; Dahingegen der sittsame Epicur aus fremden und so gar seines
Ehgenossen Lastern ein Oel der Tugend zeucht / und ein kräncklichtes Leben dem
Sterben; ja den Auffentalt in einem glüenden Ochsen einem unzeitigen / wiewohl
Ehrsüchtigen Begräbnüsse fürzeucht. Dass der vergnügte Mecenas bei seinem
unauffhörlichen Feber gesunder Vernunft ist; und bei seinem nahe drei Jahr
entpehrten Schlaffe doch die Ruhe seines Gemütes nie verloren hat; Dieses ist
die unverfälschte Weissheit / welcher sich die Fürsten nicht schämen dörffen /
und von der auch die Niedrigen ihre Vergnügung haben. Bei dieser kann der reiche
Licin / und der arme Fabricius / der wollebende Apicius / und der mässige Tubero
nach Unterscheid der Zeit zu rechte kommen; und nichts minder der übermässigen
Wollust abbrechen; als die zu scharffe Bitterkeit der Zufälle verzuckern. Mit
diesen Lehren unterhielt Mecenas den Fürsten Herrmann; und bestärckte selbte
durch sein eigenes Beispiel; in welchem er ihm seinen vollkommenen Lebens-Lauff
abmahlete /und viel ihm / auch so gar mit seiner zänckischen und üppigen
Terentia begegnete Zufälle / wiewol unter verblümten Nahmen erleuterte; und
Anleitung gab: wie ein Weiser hierzu lachen könnte; wenn ein Törichter darüber
wollte aus der Haut fahren. Wie er durch diese Unempfindligkeit des Kaysers
Gunst; die Obsicht über ganz Rom erworben; bei dem Römischen Adel die Beneidung
seines Auffnehmens verhütet; Augusten mehrmahls von den hitzigsten
Entschlüssungen / ja von Niederlegung der Römischen Herrschaft / die ihm teils
Agrippa / teils die Verdrüssligkeit der grossen Bemühung und öfftere
Unpässlichkeit vergällete / zurück gehalten hätte. Nebst diesen Sitten-Lehren
brachte er dem Fürsten Herrmann unter ihren Kurtzweilen / oder / wenn sie mit
einander in denen Lust-Gärten die Zeit vertrieben / allerhand Künste / nämlich
geschwinder Rechnung /einen von ihm selbst erfundenen Handgrieff so geschwinde
zu schreiben / als einer redete; die Feld- und Wasser-Mässung ohne gewöhnlichen
Werckzeug /und noch mehr andere Wissenschaften gleichsam spielende bei; also:
dass dieser nicht nur unter die vollkommenste Unterweisung / welche nicht nach
dem Staube roch / noch im Schatten der Einsamen /sondern in dem Lichte der
erfahrnen Weisen begriffen ward / geriet; sondern beim Mecenas gleichsam das
Kind im Hause war. Wiewol ihm nun Terentia mehrmahls / teils durch ihre üppige
Lebens-Art ärgerlich fiel / teils durch ihre Liebkosungen diesem jungen Fürsten
oft die Neigung zu einer solchen Wollust /welche keine Aufwärterin der Tugend
ist / beibringen wollte; waren doch die derselben wiedrige Sitten in seinem
Hertzen so tieff eingewurtzelt: dass sie auch die empfindlichsten Versuchungen
heraus zu reissen viel zu unvermögend waren. Denn ob zwar die angenommene Tugend
nach Art des mit schlechter Erde mehrmahls vermengten Ertztes einen schlimmen
Beisatz verträgt; so ist doch die Krafft der angebohrnen und durch die Sitten
des Landes angewöhnten Tugend so starck: dass sie / wie das Oel / keinen
schlechten Beisatz oder Feuchtigkeit mit ihr vermischen läst; sondern ihre
köstliche Fettigkeit auch in den grösten Tieffen der Laster allezeit oben
schwimmt. Uber diss stand des Fürsten Herrmanns Tugend in des Mecenas Hause und
Terentiens Gemeinschaft gleichsam wie das Gold in dem Schmeltz-Ofen ihre
richtige Prüfung aus. Sintemahl es unter eitel tugendhaften / und wo man zu
sündigen weder Anlass noch Gelegenheit hat /tugendhaft sein eine so schlechte
Kunst ist / als bei stiller See und gutem Winde einen Schiffer abgeben. Einer /
den sein Blut nicht reitzet / ist mehr frostig; und den keine Schönheit locket /
mehr eingeschlaffen / als keusch. Daher verdienet nur der / welchem sein
frisches Alter / sein kräfftiger Leib / sein liebkosendes Glücke / das Vermögen
seine Uppigkeit auszuüben geben / und welchem schöne Terentien Körner der
Wollust fürstreuen / den Ruhm der Mässigkeit / wie ein Kriegs-Mann der
Tapfferkeit / der durch ihm zusetzendes Feuer und Eisen sich hertzhaft
durchgeschlagen hat. Salonine brach ein: So höre ich wohl: Fürst Adgandester
pflichte dem neuen Weltweisen bei; welcher unlängst keine nicht in Versuchung
geführte Tugend darfür wollte gelten lassen; und daher dass Behältnis der
Vestalischen Jungfrauen für einen knechtischen Kercker der Seele / und die
Einsamkeit für ein Fuss-Eisen der Tugend verdammte; hingegen seine Schüler in
offentliche Huren-Häuser zu Anschauung der schändlichen Geilheiten führte; denen
entblösten Weibern ihre Brüste betastete / und darbei sich einer kaltsinnigen
Unempfindligkeit rühmte / um seinen Nachfolgern teils die Hässlichkeit der Laster
für Augen zu stellen / teils sie anzugewöhnen / wie sie die Versuchungen der
Wollüste auch / wenn sie mit allen ihren Waffen ansätzten / mit unverwendetem
Gesicht überstehen sollten. Daher er auch Ulyssen für kein Bild der Tugend gelten
liess / weil selbter der Wollust keinen Streich auszuhalten / noch die
liebreitzenden Sirenen anzuhören sich getrauet / sondern die Ohren verstopfft /
und für seinem Feinde entlauffen wäre. Alleine diese Weissheit wollte nicht den
Stich halten. Denn dieser Lehrer führte seine Schüler zwar leicht auff diese
gefährliche Syrten; aber sie wieder heraus zu bringen war kein Rat; und wurden
bei nahe alle Nachfolger des wollüstigen Aristippus. Seiner Schwester / welche
hundert schöne Mägdlein in täglicher Gemeinschaft junger Edelleute zu
Keuschheits-Märterern machen wollte / ging es nicht besser. Denn ehe das Jahr
vorbei war / giengen ihrer neun und neuntzig schweren Leibes. Adgandester
antwortete: Er stimmte mit niemanden weniger / als mit dieses aberwitzigen
Affter-weisen törichter Meinung überein. Sintemahl ihm die menschliche
Schwachheit / die angebohrne Neigung zum Bösen / und die Unvollkommenheit der
Tugenden allzuwol bekandt wäre. In Anfechtungen müste freilich wohl die
Keuschheit eben so wohl / als andere Tugenden den Siegs-Krantz verdienen. In die
Stricke der Wollust aber selbst vorsätzlich rennen / wäre eben so närrisch / als
wenn ein Schiffer mit auffgespannten Segeln in den Charybdischen Strudel rennen
/ und darmit seine Wissenschaft prüfen wollte. Sonderlich liesse es zwar sich
allen andern Lastern die Stirne bieten / und selbte / wie Hercules die Ungeheuer
/ auffsuchen; für der Wollust aber wäre am ratsamsten Scytisch zu fechten;
welche auff der Flucht mit ihren Pfeilen dem Feinde den grösten Abbruch tun.
Mit dem Neide möchte man / wie Alcides mit dem Antäus ringen /die Wollust aber
müste man ihm nicht lassen zu nahe auf den Hals kommen / sondern sie wie Apollo
die Gift-hauchende Schlange Pyton von weitem erlegen.
    Also machte es Fürst Herrmann; der in allem zugleich ein Lehrmeister seines
jüngern Brudern Flavius; und bei seiner Gefangenschaft so vergnügt war: dass er
bei nahe seines Vaterlandes darüber vergessen hätte; wenn selbtes ihm durch die
Zeitungen von des Drusus Kriege nicht mehrmahls wäre ins Gedächtnis gerückt /
und deswegen eine kindliche Sorgfalt in seinem Gemüte erweckt worden. Denn ob
ihm zwar sein kluger Lehrmeister mit gutem Grunde beibracht hatte: dass der
Kampff wieder das Verhängnis eine unfruchtbare Riesen-Stürmung des Himmels wäre;
und wer schon unglückselig sein sollte / von der Last der vorsichtigsten
Hülffs-Mittel erdrückt würde; ja seinen Aertzten unter den Händen vergienge; so
kann sich doch ein grossmütig Hertz dieser zärtlichen Empfindligkeit und der
Bekümmernis für sein so süsses Vaterland unmöglich entschlagen; als dessen Liebe
unserer Eltern / ja unsere eigene niederschlägt. Seine Sorge verfiel aber
gleicher Gestalt nach und nach; weil / wie in unglücklichen Begebenheiten zu
geschehen pflegt / anfangs durch zweiffelhafte Zeitungen / endlich durch
vergebene Vermäntelungen die Niederlage der Römer / und des Drusus Tod zu Rom
ruchbar; und / ungeachtet der ausgesprengten Siege /ganz Italien in grosses
Schrecken versetzt; ja August so bestürtzt ward: dass er alles Einredens
ungeachtet /sich der Herrschaft begab; und es den Rat nicht geringe Müh
kostete / solche ihm gleichsam wieder Willen wieder aufzudringen. Wiewol nun des
Volckes zum Drusus getragene Neigung bei seinem Verluste eine nicht geringe
Verbitterung verursachte / und daher Mecenas dem Fürsten Herrmann und Flavius
riet: dass sie sich bei Drusus Verbrennung auf dem Platze des Kriegs-Gottes
nicht sollten schauen lassen; so hiess sie doch August und Livia bei beweglicher
Ablegung ihres Mitleidens nebst ihnen daher erscheinen. Und / weil sie ihn mit
dem Nahmen des deutschen Drusus beehrten; so liessen sie ihnen auch gefallen:
dass Herrmann und Flavius / als zwei deutsche Fürsten / die in einen ganz
güldenen Todten-Topff zusammen gelesene Asche des Drusus in das Kayserliche
Begräbnüs trugen. Ja / als über des Kaysers und Tiberius Lobrede der Römische
Rat ihm auf der Appischen Strasse einen marmelnen Siegs-Bogen aufrichten / und
in einer Uberschrifft eingraben liess: Drusus hätte Deutschland überwunden; der
grossmütige Herrmann aber darüber als einer ungegründeten Heuchelei lachte; und
wie Drusus nicht die Helfte Deutschlands gesehen hätte / deutsch heraus meldete
/befahl der Kayser die Uberschrifft zu mässigen; und über seine Siegs-Zeichen
einzugraben: Von denen in etlichen Schlachten geschlagenen Deutschen. Sintemahl
der damahlige Zustand all zu klar an Tag legte / wie weit es fehlte: dass die
Deutschen im Kriege vom Drusus wären überwunden worden. Nach dem auch die
Bürgermeister bei denen dem Drusus zu Ehren angestellten Spielen viel Deutsche
auff Leib und Leben gegen einander zu fechten zwingen wollten; vermittelte es
August dem Herrmann und Flavius zu Liebe dahin: dass nicht nur hierzu kein
Cherusker / ja auch kein edler Deutscher / welcher nicht mit denen auch edlen
Römern sich freiwillig dem Kayser zu Liebe in Kampff-Platz verfügten / gezwungen
ward; sondern auch hinführo jährlich mehr nicht / als zweimahl derogleichen
Schau-Spiele gehalten / und zum meisten nur sechzig paar Fechter aufgestellt
werden sollten. Dahingegen vorher monatlich / ja zuweilen hundert und zwantzig
Tage nach einander solches geschehen / und wohl zehen tausend Fechter auff
einmal denen blutgierigen Augen zur Kurtzweil aufgeopffert; ja so gar von denen
/ die nicht eben so reich /noch auch Rats-Herren / vielmehr aber nur
Freigelassene waren / wieder das vom Cicero gemachte Gesetze / solche grimmige
Ergetzungen angestellet wurden.
    Alldieweil auch August ohne Schande und Verkleinerung der Römischen Hoheit
den letzten dem Drusus versetzten Streich so schlechter Dinges nicht
verschmertzen konnte; oder vielmehr den Deutschen den Einfall in Gallien
verwehren musste / schickte er zwar den Tiberius an Rhein; er liess aber durch
Livien dem Fürsten Herrmann an die Hand geben: dass er um der streitbaren
Cherusker Gemüter zu besänftigen an seinen Vater Hertzog Segimern umständlich
schreiben sollte: wie ehrlich und Fürstlich er und sein Bruder zu Rom gehalten
würden; und wenn nur August von ihm einige Friedens-Zuneigung verspürte; sie von
Rom erlassen zu werden sichere Ventröstung hätten. War also Herrmann abermals
der nützliche Werckzeug: dass selbiges mahl die Kriegs-Flamme zwischen diesen
beiden Völckern nicht allzusehr zu Schwunge kam; sondern dass vielmehr ein Stein
zu dem Friedens-Grunde mit den Cheruskern gelegt ward. Uber welcher
Friedens-Hoffnung Tiberius zum andern mal die Bürgermeister-Würde und den Nahmen
eines Römischen Feldherren erwarb; dem August aber zu Ehren der Monat / in
welchem er das erste mahl Bürgermeister worden war / seinen Nahmen bekam.
    Als Herrmann nun derogestalt gleichsam dem Kayser und dem Glücke in der
Sches sass; zohe das Verhängnüs an dem Himmel eine trübe Wolcke zusammen; welche
allen seinen Wolständ hätte einäschern können; wenn nicht seine Unschuld ihren
Schlag auf ein ander Haupt gewendet hätte. Die geile Terentia hatte mit ihrem
Zauber Liede dem wunderschönen Herrmann lange Zeit in Ohren gelegen; mit ihren
heftigen Liebesreitzungen aber bei ihm nichts als höflichen Schertz erworben.
Weil sie nun nicht begreiffen konnte: dass dieser junge Fürst / dem Liebe und
Anmut aus den Augen sah / und zwar in denselben Jahren: da das aufjährende
Geblüte gleichsam auch gefrorne Menschen auftauet / aus blossem Triebe der
Tugend gegen ihren Liebreitz / welcher auch den Kayser bezaubert hatte / so
unempfindlich sein könnte; vermochten ihre Gedancken ihr nichts so seltzames
fürbilden; in welchem sie nicht die Ursache seiner Kaltsinnigkeit er grübeln
wollte. Wenn ihr einkam: dass er sie als allzu alt / oder nicht schön genung /
verschmähete / wollte sie bei nahe von Sinnen kommen. Denn keiner verdammten
Seele Pein kann die / welche eine verschmähete Frau erduldet / übertreffen. Wenn
ihr aber wieder das so vorteilhafte Urtel einfiel /welches Fürst Herrmann
mehrmahls für sie gefällt hatte; liebkosete sie wieder ihrer süssen Hoffnung
/und raffte / wie zuvor / alle Waffen des Liebreitzes ihn zu fässeln / also jetzt
alle scharffsinnige Gedancken zusammen hinter das Geheimnüs seines Hertzens zu
kommen. Wie sie nun einmal auf des Mecenas Tiburtinischem Vorwerge der
Meien-Lust genassen; und sie des Morgens früh vor Auffgang der Sonnen sich auff
dem über die marmelnen Gewölber gepflantzten und meist mit ausländischen
Gewächsen besetzten Lustgarten ergieng; hörte sie in dem Tale gegen den Fluss
Anio eine annehmliche Stimme; welcher sie sich gemächlich näherte; sonderlich /
als ihr selbte ie mehr und mehr bekandt fürkam / und sie endlich für des Fürsten
Herrmanns erkennte; welcher aus einem Grichischen Schau-Spiele in der Person des
auff der Helena Raub sinenden / und mit ihm selbst streitenden Paris gleich
nachfolgende Reimen sang:
Der Sporn der Liebe reitzet mich /
Allein mich hemmt der Zaum der Ehren.
Sie meiden ist mein Hertzens-Stich /
Sie lieben / Seel' und Freund versehren.
Ja / wie soll ich und ein solch Weib
Vermengen Lieb' und Hertz zusammen /
Die tåglich ihren schnöden Leib
Aufopffert eines andern Flammen?
Denn / liebt sie gleich nur einen Herrn
Von hoher Würd' und vielen Gaben;
So mag ich doch auch Jupitern
Selbst nicht zum Neben-Buhler haben.
    Fürst Herrmann hätte Zweiffels-frei weiter gesungen; wenn er nicht durch
einen aus der Tieffe des Hertzens geholeten Seuffzer von Terentien wäre gestöret
worden. Denn diss für Liebe brennende Weib meinte nun die Auslegung des ihr
zeiter verborgenen Rätsels aus dem Munde des allzu verschlossenen Herrmanns
gehört zu haben; dessen Gedancken sie aus einer süssen Uberredung antichtete:
dass er mit dem Kayser eiferte / und Terentien entweder gar nicht / oder nicht
halb besitzen wollte. Sie bereuete aber alsobald den Vorwitz ihres unzeitigen
Seuffzers / oder vielmehr das Unvermögen: dass sie mit ihren Gemüts-Bewegungen
so gar nicht hinter dem Berge halten könnte; sonderlich / als sie diese in ihren
Ohren mehr als himmlische Stimme gäntzlich verstummen hörte. Gleichwol wollte sie
sich nicht ferner bloss geben; verbarg sich also zwischen zwei Palm-Bäume / und
enteusserte sich des Gartens: dass Herrmann weder ihr weiter gewar ward; noch wem
er diesen Seuffzer zueignen sollte / sich gross bekümmerte; am allerwenigsten aber
dissmahl auf Terentien dachte. Sie hingegen saan nach / wie sie dem Fürsten
Herrmann ihre gegen dem Kayser zeiter bezeigte Gewogenheit auffs kaltsinnigste
/ ihre Liebe aber gegen ihm auffs feurigste entwerffen möchte. Weil sie nun auff
alle seine Tritte Kundschaft legte / und folgenden Tag nach bereit
untergegangenen Sonne erfuhr: dass er seinen gewöhnlichen Lustgang erkieset hätte
/ versteckte sie sich in ein an dem Flusse Anio liegendes Gepüsche; bei welchem
Herrmann notwendig vorbei gehen musste; fieng daselbst an den Brand ihrer Seele
auszurauchen; und hierdurch nicht so wohl ihr / als ihm den Stein seiner
Schwermut vom Hertzen zu weltzen. Zu allem Unglücke aber traff sichs: dass
August den Mecenas selbigen Abend überfallen / und wegen Erweiterung der
Römischen Stadt-Mauern mit ihm Unterredung pflegen wollte. Wormit er ihm aber so
viel unvermuteter auf den Hals käme; hatte er seinen ganzen Aufzug hinter dem
nechsten Lustwege zurück gelassen / und mit der einigen Livia diesen bekandten
Lustgang erkieset; auf welchem er dem Fürsten Herrmann zuvor kam / und die
einsame Terentia ihm eben gleich folgende Reimen mit vielen hertzbrechenden
Seuffzern entgegen schicken hörte:
Verschmähstu / schonster Furst der Welt /
Die Seele / die sich dir zum Weihrauch zundet an?
Die einem Kayser zwar zum Schein ist beigetan /
Doch dich fur ihren Abgott hålt;
Die zwar umarmet den August /
Dich aber schleust in Seel' und Brust.
Halt deiner Eyversucht doch ein:
Dass ich das Wunder-Qvell der Garamanten bin;
Dass wenn der Schatten fållt der Mitternacht dahin /
Pflegt heiss / dess Mittags kalt zu sein.
Der Romer Sonne bin ich Eys /
Dir / kaltes Nord-Kind / brenned heiss.
Du aber gleichst dem Brunne dich /
Der Fackeln zundet an / wenn sie verloschen sind /
Und brennende lescht aus. Dein Liebes-Schwefel rinnt
In mein kalt Hertz / und peinigt mich.
Berührt dich aber meine Glut /
So bistu Schnee / gefrorne Flut.
    Der Kayser / welcher sich von Terentien tausend vergeisterter Küsse zum
Willkommen versehen hatte /erstarrte über dieser verächtlichen Verschmähung.
Livia hingegt nahm durch das Gesträuche den an dem Flusse herab komenden Herrmañ
wahr. Welche Begebenheit ihm Terentiens Gesang noch mehr auslegte; ob selbter
zwar seiner Klarheit nicht bedorffte. August kehrte hiermit auf dem Fusse um; und
fuhr also fort ohne Beschreitung des Mecenatischen Vorwergs auff das Lust-Haus /
welches des gefangenen Königs Syphax Wohnstatt gewest war. Fürst Herrmann aber
/der den Kayser ebenfalls erblickt hatte / lenckte sich mit allem Fleiss von dem
durch das Gepüsche gehenden geraden Wege ins Vorwerg / teils dem Kayser durch
vorwitzige Ausspürung seiner einsamen Belustigung nicht vedriesslich zu sein /
teils dem Mecenas von seiner Ankunft Wind zu geben. Mecenas machte alsbald
möglichste Anstalt zu des Kaysers würdiger Empfangung; etliche Leibeigne
berichteten auch: dass sie seine Senfte und Wagen in der Nähe gesehen hätten.
Alleine nach vielem Warten war kein Kayser zu sehen; und nach eingeholter
Kundschaft /er mit seinem ganzen Auffzuge verschwunden. Mecenas verfiel
hierüber in allerhand seltzame Gedancken; insonderheit / da er von der Einkehr
in das einsame Lust-Haus des Syphar gewisse Nachricht erhielt. Am allermeisten
ahnete Terentien nichts gutes / als sie verstand: dass August und Livia an dem
Flusse Anio wären gesehen worden; allwo sie ihr Hertze so frei ausgeschüttet
hatte. Es war ungefähr Mitternacht; als Lucinius ein Freigelassener vom Kayser
ankam / und den Fürsten Herrmann abforderte. Dieser traff den Kayser an
Gebährden und Gesichte so verstellt an /als er ihn vor niemahls gesehen hatte.
Denn / weil Eyversucht nichts anders / als eine aus Liebe und Hass vermischte
Missgeburt / ja ein rechter Centaurus ist; kann ihre Begegnung nicht ohne
Ungebährdung / und sonder Ausschüttung Feuer und Gifftes geschehen. Welche
Entrüstung beim August so viel heftiger war; weil Fürsten eben so empfindlich
sind / wenn man ihnen ans Hertze rühret / als wenn man ihnen an den Zepter
greifft; ja auch die Eyversucht gegen eine heimliche Buhlschaft so viel
heftiger / als gegen sein eigen Ehweib ist; so viel jene Liebe diese an
Hefftigkeit übertrifft. Daher wie sie vorher dem so holdseligen Gestirne des
Bäres ähnlich gewesen / also hatte nach ihrem Abfalle sie sich in die
Grausamkeit eines Wald-Bäres verwandelt; Gleichwol aber hatte die Gegenwart des
beliebten Herrmanns noch so viel Nachdruck: dass der Kayser nichts tätliches
entschloss /sondern diesen Fürsten beschwur / ihm die Warheit nicht zu
verschweigen; was zwischen ihm und Terentien / welche ihre Untreu bereit mit
ihrem eigenen Munde verraten hätte / für vertrauliche Gemeinschaft gepflogen
worden wäre. Fürst Herrmann antwortete mit unverändertem Antlitze: Er hätte sich
der Woltaten des Mecenas gebrauchet; und Terentien mit derselben Ehrerbietung
begegnet / die eines so edlen Römers Frau / und eines so grossen Fürsten
Freundin verdiente. August versetzte: seine Unschuld dörffte keiner
Verteidigung; aber Terentiens Verbrechen eine unverfälschte Entdeckung.
Herrmann begegnete dem Kayser abermals unerschrocken: Terentia hätte gegen ihn
mehr Gewogenheit bezeuget / und ihm mehr Liebes getan / als er sich würdig
schätzte; ob sie aber was unverantwortliches darunter angezielet / wäre er ein
allzu unverständiger Ausleger; zumahl er niemahls wahrgenommen: dass Terentia
auch einem Knechte ein sauer Auge gegeben / vielmehr aber auch dem gemeinen
Pöfel mit aller Höfligkeit begegnet hätte. August ward hierüber so verwirret:
dass er zu keiner gewissen Entschlüssung kommen konnte. Endlich fieng er zum
Herrmann an: So sollte er denn seine Auslegung für keinen Traum halten: dass
Terentia unter dem Zucker ihrer Freundligkeit nichts anders / als sein Hertze
mit Galle / Herrmanns mit Giffte anzufüllen bemüht gewest wäre. So bald nun der
Kayser dem Fürsten Herrmann Urlaub gegeben / befahl er seinem Geheim-Schreiber
Tallo an den Mecenas diesen Befehl zu fertigen: dass er die Ehbrecherin
Terentien für aller Menschen Augen verbergen / dem Tallo aber alle in ihrem
Zimmer befindliche Schrifften abfolgen lassen sollte. Weil nun des Kaysers
liebster freigelassener Proculus / der auch selbst mit zu Tibur gewest war; aus
Augustens Rückkehr und Gebährden was grosses besorgte; bestach er den Tallo mit
fünffhundert Groschen: dass er ihm den Auffsatz des Kayserlichen Befehls
eröffnete. Proculus erschrack hierüber auffs heftigste; und weil er ihm übel
bewust war; reñte er selbigen Augenblick Spornstreichs voran Terentien zu
warnigen. Sie hatte aber die ganze Nacht keinen Schlaff in ihre Augen bracht;
und auf den Morgen / weil ihr gleichsam die Welt zu enge /und die herrlichen
Lustgärte eine abscheuliche Wüstenei waren / sich in das raue Tal an dem Flusse
Anio verstecket; also: dass der ängstige Proculus sie kaum in etlichen Stunden
auffinden konnte. Er traff sie auff der Erde ganz erstarrt an; und er selbst
bebte wie ein Aspen-Laub; also: dass beide einander ohn einig Wort schon ihr
Bekümmernüs entdeckten. Endlich erzehlte Proculus des Kaysers erteilten Befehl
/ welcher genung zu verstehen gäbe: dass er hinter ein gross Geheimnüs müste
kommen sein. Itzt aber liedte es die Zeit nicht Weh zu klagen; sondern sie sollte
ohne Versäumung einigen Augenblicks ihre geheime Schreiben ins Feuer werffen /
oder sonst aus dem Wege räumen. Er wollte inzwischen in selbiger Einöde ihres
Befehles erwarten. Terentia eilte zwar ins Vorwerg; wie sie aber bei dem
mittelsten Spring-Brunnen die Marmel-Stuffen hinauf stieg / begegnete ihr der
auf der andern Stiege gegen über empor steigende freigelassene Euceladus mit
noch sechs Untergebenen; welcher Angesichts mit dem Mecenas auffs Kaysers Befehl
reden wollte. Terentia nahm sich eines freudigen Gesichts an / mit Vertröstung:
dass sie ihn beim Mecenas gleich anmelden wollte. Weil ihr nun diese Auffseher so
geschwinde auff den Hals kommen waren: dass sie unmöglich alle geheime Schreiben
zusammen lesen und verbergen konnte; sie auch bei ihrem Ehmanne ihr keinen
fremden Ankläger wollte zuvor kommen lassen; weil doch des lasterhaftesten
Menschen eigenes Bekenntnis gleichsam allen andern das Maul stopfft; so ging sie
in des Mecenas Zimmer / schloss selbtes hinter ihr zu; und fiel bei seinem Bette
für ihm auf die Erde nieder / redete ihn hierauff mit starrenden Augen also an:
Mecenas / ich habe mich leider! genug befleckt; und dich zu sehr beleidiget!
Meine Geilheit ist Ursache: dass das uhralte Königliche Geschlechte der
Hetrurischen Lucumoner mit dir erleschen muss. Meine Eigensinnigkeit hat dich
gezwungen / fast täglich eine neue Ehberedung mit mir auffzurichten. Meine
unzeitige Bruder-Liebe gegen den aufrührischen Murena hat deinen Ruhm bei dem
Kayser vergeringert; Mein Vorwitz aus dem anfänglichen Wesen deines Ansehens
einen blossen Schatten /meine Uppigkeit dich zum Gelächter des Pöfels gemacht.
Nach dem ich aber mit meiner Unsauberkeit die unvergleichliche Tugend des
Fürsten Herrmanns zu besudeln mich gelüsten lassen; habe ich die Götter so sehr
beleidigt: dass sie alle meine Anschläge haben zu Rauche / mein Gewissen zum
Hencker / den geneigten Kayser zu meinem Tod-Feinde werden lassen. Weil ich nun
mit nichts anderm meine Seele reinigen; deine Beleidigung vergnügen / Augusten
versöhnen /und Herrmanns Unschuld ein Zeugnüs ablegen kann; als durch
Verspritzung dieses schuldigen Blutes; so vergnüget euch alle mit dem / was zwar
ein Behältnüs der edlen Seele / aber der verzweiffelten geringstes Wasser und
eine verdrüssliche Uberlast ist; Gleichwol aber derogestalt zuweilen so nützlich
angewehret wird: dass ihrer viel / denen man im Leben selbtes nicht gegönnet hat
/ nach dem Tode zu leben verlangt worden. Uber diesen letzten Worten stach sie
ihr den versteckten Dolch biss ans Hefft in die Brust; und weil Mecenas herzu
sprang / ihr auch den Dolch heraus zoh; war er von ihrem Blute derogestalt
bespritzet: dass / als er die Türe öffnete / Euceladus sich hierüber entsetzte /
und ihn selbst auff den Tod für verwundet hielt. Mecenas aber erkennte für
grosser Gemüts-Verwirrung diesen Freigelassenen nicht einmal; sondern rieff
allein: dass iederman der sterbenden Terentia zu Hülffe kommen sollte. Das Gemach
ward zwar voll Volckes / aber Terentia hatte ihren Geist schon ausgeblasen.
Worüber denn unter denen Freigelassenen und Mägden ein solches Heulen und
Wehklagen entstand: dass es dem versteckten Proculus zu Ohren kam; und
verursachte: dass er sich ohne Nachdencken des ihm daraus erwachsenden Verdachts
in das Vorwerg und in das Zimmer / wo Terentia todt lag / verfügte. Als dieser
den Euceladus bei der Leichen stehen sah / und von ihm seiner Einbildung nach
(weil ein böses Gewissen den Schuldigen auch aus einem Schatten einen Ankläger
macht /) scharff angesehen ward / bildete er ihm nicht anders ein; als dass
Terentia von des Euceladus Hand ermordet; und dieser ihn in Hafft zu nehmen
gesinnet wäre. Daher er grieff er den blutigen Dolch / und schnitt ihm damit in
einem Augenblicke zu aller Anwesenden Verwunderung die Gurgel ab. Der bestürtzte
Mecenas aber sanck hierüber in Ohnmacht auff das mit beider Blute bespritzte
Bette; also: dass Enceladus einen seiner Gefehrten an Kayser abfertigte / und
selbten so wohl des ganzen Verlauffs verständigte / als neuen Befehl verlangte.
August ward hierüber nicht wenig bestürtzt; mutmaste / das Geheimnüs seines
Befehls wüste verraten worden sein; Proculus aber an Terentiens Verbrechen
Teil gehabt haben. Diesemnach setzte er den Tallo / als welcher allein hierum
wusste / zur Rede; brachte ihn auch durch angedreute Marter zum Bekäntnüsse: dass
er dem Proculus davon gesagt hätte / weil der Kayser ihm vorhin grössere
Geheimnisse zu vertrauen pflegen. Worüber August sich derogestalt entrüstete:
dass er dem Tallo Arme und Beine zu zerschmettern / und des Proculus Leiche in
Fluss Anio zu werffen befahl. Weil aber Terentia bereit tod war; und entweder
seine alte Liebe aufwallete / also sich in Mitleiden verwandelte; oder weil er
besorgte: dass aus Terentiens Schrifften etwan eine mit dem Proculus gepflogene
und ihm selbst verkleinerliche Verträuligkeit ans Licht kommen möchte / kam er
selbst zum Mecenas ihn zu trösten; beredete ihn auch unter dem Vorwand: es
möchten einige zwischen ihm und Terentien gewechselte Schreiben bei seiner
Unpässlichkeit vom Gesinde verrückt werden: dass er alle Brieffe in dem Vor-Saale /
und zwar in des Kaysers selbsteigener Anwesenheit verbrennen liess. Mecenas
schöpffte bei des Kaysers Ankunft zwar etwas Lufft; es hatte aber keinen
Bestand; sondern die Kranckheit nahm von Tage zu Tage überhand: dass er selbst
sein bevorstehendes Ende leicht wahrnahm /deswegen seinen letzten Willen
fertigte / und darinnen den einigen August zum Erben einsetzte / etlichen guten
Freunden aber nur etwas weniges vermachte /worunter Fürst Herrmann mit aller
seiner Rüstung und Pferden / Horatius aber mit seinen Büchern /unter welchen
sich des Maro selbständige Eneis befand / die er zu Brundustum verbrennen
wollen; Mecenas aber in ein güldenes Kästlein auffgehoben hatte / bedacht war.
Weil es ja um dieses Tichters herrliches Werck nichts minder / als um das von
ihm beschriebene Troja schade gewest wäre: dass es hätte sollen eingeäschert
werden. Acht Tage hernach starb er zu grossem Betrübnüs des Kaysers und aller
Gelehrten in den Armen des Horatius; welcher aber diesen Tod derogestalt
empfindlich betrauerte: dass er dem neundten Tag nach ihm gleichfalls sein Leben
beschloss; und nicht minder den Kayser zum Erben hinterliess. Aller dreier Leichen
Asche ward auf dem eussersten Esqvilischen Berge in das vom Mecenas selbst aus
Marmel köstlich gebaute Grab gesetzet; und zwar des Mecenas Asche in einem
Geschirre von Berg-Kristallen durch zwölff berühmte Tichter / des Horatius aber
in einem Kruge von Corintischem Ertzte durch neun edle in so viel Musen
verkleidete Jungfrauen; und alle drei mit sinnreichen Grabeschrifften verehret.
Es hatte aber in einer Nacht ein unbekandter Erfinder an ihr Grab folgende
Zeilen eingraben lassen:
Die lebend nicht war wert / Mecenas Weib zu sein
Verdient durch ihren Tod: dass sie in einem Grabe
Vermischt mit seiner Asch' an ihm die Ruhstatt habe.
So ist es Schade nun fur ihn: dass ihn der Stein
So bald; fur sie: dass er so langsam sie bedecket;
Weil in dem Leben sein' / im Tod' ihr Bestes stecket.
    Fürst Herrmann setzte durch seine ruhmbare Bezeugung gegen Terentiens
Anmutungen ihm beim Kayser einen neuen Glücksstein ins Bret; also: dass er bei
allen wichtigen Sachen ihm etwas zu vertreten anvertraute; welches für ein
Kennzeichen der Kayserlichen Genade / und ein Aufnehmen seines Ruhmes zu achten
war. Als August das Heiligtum der Eintracht einweihen / seinen und des Drusus
Nahmen nicht allein über die Pforten schreiben / sondern auch ihrer beiden
Bilder / wiewol nach dem Vorbilde des Jupiters und Apollo darein setzen liess /
hatte Fürst Herrmann die Ehre das Bild der Eintracht zu tragen /gleich als wenn
August durch ihn die Deutschen und Römer vereinbaren wollte. Wie auch Livien und
des Kaysers Mutter ein Tempel gewiedmet ward; überliefferte er Livien vom Kayser
/ als obersten Priester / die güldene Taffel / in welche die Ordnung des ihnen
bestimmten Gottesdienstes geschrieben stand. Ingleichen als Tiberius auffs neue
wieder die Deutschen aufziehen / August Gallien in Ruhe zu erhalten dahin folgen
musste; Cajus und Piso aber für des Kaysers glückliche Rückkunft kostbare
Schau-Spiele anstellten; und in selbten alle Völcker die Heldentaten ihres
Hercules auf den Schau-Platz brachten; liess Herrmañ in einem Kampfe zu Fusse in
Gestalt des deutschen Hercules für allen andern seine Geschickligkeit sehen. Ja
der Kayser stellte die zwei deutschen Fürsten den Herrmann und Flavius seinen
zweien aus dem Geschirre schlagenden Enckeln dem Cajus und Lucius mehrmahls zum
lobwürdigen Beispiele der Sittsamkeit und Tugenden für. Sintemahl das Gute vom
Schädlichen selten durch eigene Klugheit / mehrmahls aber aus anderer Beispiele
/ und dem Ausschlage der Sachen unterschieden wird. Zugeschweigen: dass er dem
Herrmann Anlass gab / diese zwei freche Jünglinge / darunter der jüngste für den
ältesten / im offentlichen Schauplatze das Bürgermeister-Amt zu begehren sich
erkühnete; in ihrer Gesellschaft zur Bescheidenheit anzuweisen. Alleine ihre
Unart war weder durch des Kaysers Sorgfalt; und dass er den Cajus zum Priester
machte / in den Rat zu kommen /bei denen Rats-Herren zu sitzen und zu speisen
erlaubte; noch durch des Fürsten Herrmanns Vorbild zu verändern. Sintemahl /
wenn das menschliche Gemüte schon einmal verwildert ist / selbtes schwerer /
als ein mit denen ungeheuersten Hecken verwachsenes Feld zu rechte gebracht
werden kann. Ja ihre Verwegenheit stieg so hoch: dass Tiberius / (welchen der
Kayser zum Römischen Zunftmeister / und zum Feldherrn in Armenien erklärte / um
durch dieses Ansehen des Cajus und Lucius Vermessenheit zu steuern /) es länger
nicht zu Rom auszustehen getraute; sondern nach dem Beispiele des Agrippa nach
Rhodus zoh; welcher auch dem Marcellus als einer neuaufgehenden Sonne nach
Mytilene / um selbtem in Erlangung der höhern Würden nicht am Wege zu stehen
/noch / wenn er ihm etwas zuvor täte / ihn zu verdüstern auswiche. Und
vermochten weder Liviens Tränen / noch dass August im Rate von ihm verlassen zu
werden beklagte / den Tiberius in Rom zu erhalten /als welcher von ihnen Verlaub
der Einsamkeit durch viertägichte Enteusserung der Speise erpreste. Nichts desto
weniger wusste Herrmañ sich in allem seinem Beginnen derogestalt zu mässigen: dass
er keinen Fuss breit von der Tugend absetzte; durch seine Bescheidenheit aber
nebst dem Flavius noch die Zuneigung des Caius und Lucius behielt.
    Mitler Zeit als der verreisete Tiberius teils in Armenien den Tigranes zum
Könige einsetzte; teils auf dem Eylande Rhodus der Weltweissheit oblag; schien
das Glücke die dem Fürsten Herrmann zugetane Gewogenheit der Menschen zu
beneiden. Denn nach dem der Kayser den Flaminischen Renne-Platz anwässerte / und
um das wegen verminderter Austeilung des Getreides unwillige Volck mit
Schau-Spielen zu gewinnen / sechs und dreissig Krocodilen durch allerhand Arten
des Kampffes hinzurichten fürstellen liess; wollte der halb wahnsinnige Agrippa /
als ein eingebildeter Wasser-Gott / darbei seine Tapfferkeit und Geschickligkeit
für andern Römern / welche diese Tiere nur durch Wurff-Spiesse / und
eingesenckte Angelhacken hinzurichten bemüht waren / schauen lassen. Diesen
seinen Enckel Agrippa hatte August in seiner Kindheit noch nebst andern Ubungen
im Schwimen unterweisen lassen. Deñ wie er selbst ein fürtreflicher Schwimer war
/ also hielt er diese Kunst nichts minder / als Solon / der die Ateniensische
Jugend durch ein Gesetze zu der Erlernung verband / für eine hochnötige und
nützliche Sache; und zwar auch selbst den Fürsten. Denn ob diese zwar nicht
Perlen fischen / noch wie zur Zeit des Xerxes Scylias aus dem Schwimmen
Schau-Spiele machen dörffen; so können sie doch leicht in eine Not verfallen /
aus welcher nichts / als diese Geschickligkeit ihr Leben retten kann. Dahingegen
wegen dieser Unwissenheit in der Schlacht bei Salamine so viel Persische
Fürsten; und als Himilco Messina einnahm / so viel edle Sicilier ertrincken / und
der grosse Alexander bei Risa über seine Ungeschickligkeit sich beweglich
beklagen mussten; der geharnschte Cocles aber in der Tiber /und Kayser Julius im
Meere bei Alexandria mit ihrem Schwimmen nichts minder einen unsterblichen Ruhm
erworben / als ihre Wolfart erhalten. Agrippa / der sonst fast zu allem
ungeschickt war / hatte doch aus des Fürsten Herrmanns Anleitung darinnen
ziemlich viel begrieffen; daher machte er nicht alleine ein Handwerck / sondern
suchte auch Ehre daraus. Es ward einer der grösten Krocodiln in den mit Wasser
hochangespannten Renneplatz gelassen / als der in ein leichtes weisses seidenes
Gewand gekleidete Agrippa aus einem eröffneten Eingange in diss Wasser sprang
/und in einer Hand mit einer Sichel / in der andern mit einem Spiesse diesem
grimigen Tiere entgegen schwam. August / als ein Zuschauer dieser Lust /konnte
sich nicht entalten bei dieser Gefahr mit Worten und Geberden alle Anwesenden
um Rettung seines bereit in dem Rachen des Todes steckenden Enckels anzuflehen.
Zumahl dieses grausame Tier den Agrippa zeitlich in die Flucht brachte. Die
Angelhacken waren bereit verbraucht; die Pfeile fielen auf den Rücken vergebens;
und es wäre um Agrippen sonder Zweiffel getan gewest; wenn sich nicht Fürst
Herrmann ins Wasser gestürtzt / den Krocodil anfangs mit seinem Degen geneckt /
und Agrippen zu verlassen verleitet; hernach aber diesem Spiess und Sichel
ausgerissen / und das ergrimmte Tier behertzt angegriffen hätte. Dieses schoss
zwar wie ein Blitz auff ihn zu; aber er wiech schwimmende mit unglaublicher
Geschwindigkeit nicht allein auf die Seite; sondern versätzte ihm auch mit der
Sichel zwei tieffe Wunden in Bauch; ehe es sich umwenden konnte. Als diss aber mit
noch grösserem Grimme geschah; wendete sich Herrmann abermals; und brachte dem
Krocodile zwei noch tieffere Wunden bei; also: dass sich das ganze Wasser darvon
rötete / und diss Ungeheuer nunmehr alle seine Bewegungs-Krafft zu verlieren
schien. Wie ihm nun Herrmann den letzten Streich beizubringen bemüht war /
machte ihn das Geschrei des Volckes aufsichtig: dass ein ander entweder aus
Unvorsichtigkeit der Bewahrer / oder auch durch Arglist ausgelassener Krocodil
so nahe ihm entgegen schoss: dass er keine Zeit hatte ihm auszuweichen / sondern
er den in der Hand habenden Wurffspiess ihm in den aufgesperrten Rachen schieben
musste. Dieser Bissen hielt seinen Feind so lange auff: dass Herrmann die Seite
des Crocodils erreichte; und weil selbter über dem Spiesse käuete / ihm durch
drei Schnitte Zorn und Leben benahm; also zwischen dem Zuruffe des frolockenden
Volckes unversehrt seinen erstern Sitz erreichte. Fürst Herrmann hätte den
Kayser durch Eroberung eines Königreichs ihm nicht so sehr / als durch Errettung
des albern Agrippa verbinden können. Denn es ist sich nicht über die Blindheit
der Eltern zu verwundern: dass sie die Gebrechen ihrer Kinder nicht selten für
anständige Maale ansehen; welche / wie das gläserne Schmeltz dem Golde / eine
mehrere Zierde beisetzen. Sintemahl ihre tume Affen-Liebe sie zuweilen in dem
Schlamme der Wollüste erstecket; oder zwischen den Flammen der angerejetzten
Begierden der Ehrsucht aufopffert. Diesemnach ward Fürst Herrmann zu einem
obersten Hauptmanne der Kayserlichen Leibwache erkieset / und solche höchste vor
bei einem bestandene Würde diesem Helden zu Liebe nunmehr zerteilt. Hingegen
aber / weil Agrippa seine verwegene Tat damit entschuldigte: dass Kayser Julius
auch Ratsherren öffentlich hätte Fechter /und Königliche Kinder Täntzer abgeben
lassen; ward durch ein Gesetze allen Ratsherren das öffentliche Fechten
verboten.
    Höret aber / wie der Puls des Glückes so wunderlich schlägt; und wie seine
beste Bewegung mehrmahls ein Vorbote der gefährlichsten Kranckheit /also sich in
selbtes zu richten so viel schwerer ist; weil es die Unbeständigkeit eines
Weibes und die Leichtsinnigkeit der Jugend an sich hat. Die vom Tiberius
verlassene Julia meinte hierdurch nunmehr die Freiheit erlangt zu haben ihre
Laster auf öffentliche Schaubühne zu bringen; und aus ihren Hessligkeiten noch
Ruhm und Ehre zu suchen. Gleich als wenn die Gemüts-Flecken hohe
Standes-Personen eben so /wie die Nacht die Sternen lichter machte; Da doch in
Sammet ein Schandfleck viel hesslicher stehet / als in einem halb-wöllenem
Schäfer-Rocke. Sie erkühnte sich auf öffentlichen Plätzen mit verächtlicher
Gesellschaft verschwenderische Gast-Mahle / und üppige Nacht-Täntze zu hegen;
ja die schandbarsten Gesellschaften der Stadt Rom an sich zu ziehen. Wiewol nun
die Wollust ins gemein derogestalt geartet ist: dass sie wie eine Fliege in
einerlei Garten so begierig auff stinckende Blumen und Unflat / als die Biene
auff wolrüchenden Klee fällt / so gelüstet sie doch auch nicht selten nach Art
der Spinnen aus den edelsten Gewächsen Gift zu saugen. Nach dieser Art warff
Julia ein Auge auf des berühmten Marcus Antonius / und der grimmigen Fulvia Sohn
Julius / welcher vom August nach seines Vaters Tode seiner Eltern gröstes
Vermögen erhalten / auch durch einen an des Kaysers Geburts-Tage gehaltenen
prächtigen Pferde-Streit / durch Anstellung einer seltzamen Jagt / und ein dem
ganzen Rate ausgerichtet köstliches Gast-Mahl seine Gewogenheit befestigt / ja
endlich gar die Bürgermeister-Würde erlangt hatte. Diesen zu gewinnen brauchte
sie ihre zauberische Kuplerin Phebe eine Freigelassene; die anfangs mit vielen
Tränen das Elend der schönen Julia bejammerte / und des Kaysers gegen seine
Tochter verübte Unbarmhertzigkeit verdamte: dass er sie nach dem sauersehenden
Agrippa dem gramhaften Tiberius verheiratet / und hierdurch ihr nicht nur alle
Lust / sondern auch die Hoffnung des ihr beim Mangel der Söhne nach des Vaters
Tode von Rechtswegen zuständigen Kaysertums entzogen hätte. Wie sie nun den
Julius Antonius für diesen Beschwerden die Ohren nicht verstopffen sah; fiel sie
auff die Grausamkeit und das Unrecht; welches August an dem grossen Antonius
verübt hätte; durch dessen Beistand er doch wieder den Brutus und Cassius
obgesiegt hätte. Er sollte die ihm angestammte Grossmütigkeit seines Vaters / den
Löwen-Mut seiner Mutter der streitbaren Fulvia durch keine Furcht in seinem
Gemüte erstecken lassen; sondern durch eine hertzhafte Entschlüssung das hohe
Geschlechte der Antonier auf die fürlängst verdiente Staffel der Oberherrschaft
versetzen / durch den Genuss der vollkomensten Julia sich beglückseligen; und bei
dieser guten Gelegenheit / da ihm des Kaysers Tochter beide Armen reichte / da
Marcellus / Agrippa und Mecenas todt / der junge Agrippa wahnsiñig / Cajus und
Lucius zwei rohe Buben / und Tiberius dem ganzen menschlichen Geschlechte
verhast wäre / seine Scheitel auf einmal mit Rosen und Lorbern kräntzen.
Herrschaft und Schönheit hat in sich einen so kräftigen Schwefel / welcher in
dem Feuer der Ehrsucht und Liebe stählerne Hertzen zerschmeltzet / die klügste
Köpfe einnimet und verwirret. Also ward Julius Antonius durch die
schmeichlerische Phebe gefange /durch die in allen Arten des Liebreitzes den
Meister spielende Julia aber derogestalt bezaubert; dz er keinen Tag liess vorbei
gehen; in welchem er nicht in den Mecenatischen Garten Juliens Geilheit seine
Leibes-Kräfften aufopfferte; allen seinen Witz aber dahin verwendete; wie er
sich und Julien zur Römischen Herrschaft empor heben möchte; als die sich
öffentlich gegen ihm heraus liess: Sie wünschte die Glückseligkeit Tulliens zu
geniessen; und sie scheute sich nicht mir trockenen Augen über ihres Vaters
blutige Leiche die bestürtzten Pferde zu jagen; wenn sie nur den Julius Antonius
zugleich als ihren Ehmann und Kayser grüssen könnte. Zwischen diesen
Beratschlagungen fiel das der Flora zu Ehren gehaltene Feier ein; da denn
Julius Antonius aus dem Tempel unterschiedene vornehme Römer / und sein Ehweib
Servilia Julien und ander edles Frauen-Zimmer mit sich in die Servilischen Gärte
zur Mahlzeit nahm. Weil nun an diesem Tage fast iederman der Ehrbarkeit den Zaum
schiessen liess / und die Laster gleichsam keine Schande waren; gleich als wenn
gewisse Zeit eben so wohl das Böse gut / als unreiffe Früchte reiff zu machen
mächtig wäre; bediente diese Gesellschaft sich unter diesem Scheine nicht
geringer Freiheit. Julius Antonius redete mit Julien ab: dass sie bei
einbrechender Nacht in dem Eck-Zimmer des eussersten Lustauses ihrer gewohnten
Lust sich bedienen wollten. Dieser kam auff bestimmte Zeit in das Lust-Haus; ward
daselbst an der Stiegen von der vermeinten Julia mit der empfindlichsten
Umarmung und vielen Küssen bewillkommt / und empor in ein Zimmer geführt; da sie
denn eine gute Stunde mit einander ihre Lust büsseten; iedoch weil sie in dem
nechsten Zimmer darbei Leute vermerckten / kein Wort mit einander wechselten.
Zuletzt / als sie beide gesättiget zu sein vermeinten / und Julius Antonius vom
Bette auffstund; fieng die vermeinte Julia an: Mein allerliebster Schatz /
Lepidus; wenn und wo werde ich dein mit so vieler Vergnügung wieder genüssen?
Julius Antonius erkennte nunmehr an ihrer Stimme: dass diss nicht Julia / sondern
sein eigenes Ehweib Servilia war; welche nichts minder / als er / in ihrer Liebe
betrogen worden. Er schwieg eine gute Weile stille; in dem er wegen selbst
eigener Gemüts-Verwirrung nicht wusste / was er entschlüssen sollte. Er verstand
zwar ihre Untreu und Verständnüs mit dem Lepidus / welcher des berühmten Lepidus
mit des Brutus Schwester erzeugter Sohn / und nebst dem Fürsten Herrmann
oberster Hauptmann der Kayserlichen Leib-Wache war. Aber er traute sich doch an
Servilien diss nicht zu verdammen noch zu straffen; was er durch eigenes Beginnen
billigte. Nach vielem Nachdencken antwortete er: Du bist betrogen Servilia; du
hast keinen Lepidus / sondern deinen Antonius umarmet; und deine heutige
Vergnügung hat dich gelehret: dass die blosse Einbildung fremdes Wasser zu Zucker
mache. Servilia / welcher ihr Gewissen sagte: dass ein Ehweib keuscher / als ihr
Mann zu sein verbunden wäre / bebte und zitterte für Furcht und Schrecken; und
sah immer / wenn Antonius ihr seinen Degen durch den Leib treiben würde. Er
aber fuhrt fort:. Ich verzeihe dir / Servilia / nicht nur zum Zeugnüs meiner
Liebe dein Verbrechen; sondern erlaube dir auch: dass / weil du dir am Lepidus
was angenehmers ersehen zu haben meinst; dass du ohne Scheu meiner deine
Vergnügung bei ihm suchen magst; iedoch mit dem Bedinge: dass du mich euch beide
in eurer Liebe beisammen betreten lässest; nicht: dass ich ihm deswegen einiges
Unheil zufügen wolle; sondern: dass ich ihn hierdurch mir zu einem wichtigen
Anschlage verbinden könne. Servilia fiel dem Antonius zu Fusse / danckte für
seine Begnadigung; und versprach seinem Befehl treulich nachzukommen. Inzwischen
war Julia durch eine irrsame Verwechselung in die Armen des Lepidus verfallen;
und nach dem sie gleicher Gestalt in der Stille sich mit einander in dem
Neben-Zimmer abgemattet / lernten sie auch allererst einander kennen. Lepidus
erschrack so sehr in diesem / als Servilia im andern Zimmer: dass er mit Julien
so weit sich vergangen; und auf allen Fall mit dem Grimme des Kaysers und des
Tiberius seinen Untergang ihm auf den Hals gezogen hatte. Die nichts minder
schlaue als unzüchtige Julia aber redete den Lepidus an: Glaube: dass zwar du in
deiner Liebe geirret habest; ich aber bin heute meines fürlängst begehrten
Zweckes durch deinen Irrtum gewehret worden. Lasse dir diesen Fehler nicht
missfällig sein / welcher dir und mir einen Grundstein zu besserem Glücke abgeben
/ ja nicht nur den Genuss einer von so viel andern angebeteten Schönheiten
zueignen; sondern dich auch in die Würde deines vom August arglistig gestürtzten
Vaters versetzen; also Gelegenheit an die Hand geben kann / das unter das Bild
des Julius schimpflich geworffene Haupt deines Oheims / des unvergleichlichen
Brutus / über die Ehren-Maale beider Kayser zu erhöhen. Der von Brunst noch
rauchende / und wieder den Kayser im Hertzen noch immer Rache und Galle kochende
Lepidus wusste / seinem Bedüncken nach /sein Glücke nicht zu begreiffen;
verschwur sich also in allem Julien auf ihr blosses Wincken zu Gebote zu stehen.
Nach diesen seltzamen Begebenheiten schieden alle bei später Nacht von sammen;
und verfolgte Antonius bei Julien / Lepidus bei Servilien und Julien ihre
einmal angesponnene Liebe. Servilia sah den Antonius von aller Eyversucht
entfernet / ja er selbst gab ihr mehrmahls Gelegenheit an die Hand sich mit dem
Lepidus zu vergnügen. Also ist die Ehrsucht die Sonne der Gemüts-Begierden /
welche mit ihrem Feuer alle andere verdüstert / und alle vorige Regungen / wie
das Koloquinten-Kraut alle Kräuter tödtet. Diesemnach bestellte sie den Lepidus
auff eine gewisse Zeit in den Servilischen Garten; gab dem Antonius aber Wind
und Schlüssel: dass er beide beisammen in einem warmen Bade daselbst betrat.
Antonius gebehrdete sich anfangs / als wenn er von Rache glüete / und das Qvell
mit beider Blute mehr wärmen wollte; als aber der nackte / und aller Waffen
entblöste Lepidus sich gegen ihm auffs tieffste demütigte; sich auch erbot für
das ihm geschenckte Leben mit eben der Pflicht / als ein freigelassener
verbunden zu bleiben / mässigte er seinen ohne diss nur zum Schein angenommenen
Grimm; und schwur endlich dem Antonius zu seiner angezielten Herrschaft über
die Römer auch mit Darsetzung seines Blutes beförderlich zu sein. Welches
Lepidus so viel leichter entschloss; weil er Julien eben diss so teuer angelobt
hatte. Inmittelst war diss eine ungemeine Begebnüs: dass Lepidus aus einem
Nebenbuhler des Antonius vertrauter ward; als welchem durch die seltzame
Würckung der Rache die Wermut süsse schmeckte / die ärgste Beschimpffung
unempfindlich fiel / da er nur Hoffnung hatte seinem doch so wohltätigen Feinde
so weh zu tun.
    Durch das Band dieser Laster ward endlich eine vollkommene Verschwerung
wieder Augusten und sein ganzes Haus zu wege gebracht; Zumahl es denen
Zusammenverschwornen am Anfange nicht fehlete. Sie hätten auch durch Hinrichtung
des Kaysers solche bewerckstelligt / wenn nicht Fürst Herrmann /welcher
fünftausend Mann von der Leibwache meist Deutsche / und darunter tausend
Batavische Reuter unter seiner Obsicht / und den Ruhm einer unveränderlichen
Treue hatte / sie geschreckt und zurück gehalten hätte. Julia / welche den
Antonius und Lepidus durch Unzucht in ihr Garn bracht; stellte dem Fürsten
Herrmann auf vielfältige Art ein Fallbret; aber er stopffte die Ohren für diesem
geilen Weibe sorgfältiger / als die Schlange für dem Beschwerer zu; also: dass
sie nunmehr auf eine andere Arglist ihr Absehen gründen musste. Phebe suchte alle
ihre Künste herfür; darunter die Liebesträncke und Zaubereien nicht die
geringsten waren; allein keine schlug bei diesem Fürsten an; und sah die
Bosheit in vergebener Bestürmung seiner Tugend als eines unversehrlichen Felsens
sich nicht wenig beschämet. Durch öffentliche Gewalt ihn anzutasten verbot die
in Händen habende Macht der Leibwache; und seine unvergleichliche Tapfferkeit;
allen Verläumdungen aber war seine so vielmahl bewehrte Unschuld und fein
grosses Gemüte überlegen. Unter diesen zweifelhaften Beratschlagungen fiel
Julien der Sternseher Trasyllus ein / der dem Tiberius die Vermählung mit
Julien wiederraten; sonst aber wegen seiner mehrmahls eingetroffenen
Wahrsagungen sich in ganz Rom in grosses Ansehen versetzt hatte. Diesen zu
gewinnen brauchte sie abermals die arglistige Phebe; welche ihn anfangs unter
dem Schein eines ihr von Julien zugeeigneten grossen Braut-Schatzes zur Liebe
verleitete; hernach ihn beredete: dass wenn er durch seine Weissheit den
verdächtigen Ausländer Herrmann aus des Kaysers Gnade werffen könnte; würde er
bei der ihm ungnädigen Julia sich nicht nur wieder einlieben; sondern auch
grosse Belohnung zu gewarten haben. Trasyllus versprach Pheben möglichst zu
willfahren; iedoch bat er zu dessen kluger Einrichtung einige Bedenck-Zeit; weil
er hierinnen gleichwol nicht ohne allen Grund verfahren / und seinen ganzen
Ruhm auf einmal in die Schantze setzen wollte. Nach etlichen Tagen meldete
Trasyllus: dass dem Kayser den zehenden Tag eine grosse Gefahr fürstünde.
Wesswegen die Verschwornen schlüssig wurden ihren wieder den Kayser fürhabenden
Entschlüssungen durch den Einfluss der Gestirne ein Gewichte beizulegen; und also
selbigen Tag ihm das Licht auszuleschen; sie könten gleich dem Fürsten Herrmann
ein Bein unterschlagen oder nicht. Folgenden Tag aber ereignete sich dieser
Zufall: dass in dem Kayserlichen Tier-Hause ein aus Deutschland gebrachter Bär
los riess / und die drei grösten Adler erwürgte. Trasyllus legte auff Befehl des
Kaysers diss auff den Fürsten Herrmann derogestalt aus: dass der / welchen der
Kayser so sorgfältig unterhielt / mit der Zeit den Römern die empfindlichsten
Streiche versetzen würde. Wiewol nun Lepidus bei dieser Auslegung Augusten
riet: dass er diesen nachdencklichen Zufall nicht schlechter Dings in Wind
schlagen sollte / gab doch der Kayser ein Lachen darein. Inzwischen beredete
Phebe einen Illyrischen Kriegs-Knecht; welcher unter des Fürsten Herrmanns
Jägern bedient / und in eine Freigelassene Juliens verliebt war / durch
Versprechung grosser Gnaden und der gewünschten Heirat dahin: dass als auf
bestimmten Tag August in dem berühmten Lorber-Walde an dem Tyrrhenischen Meer /
wo Eneas ausgestiegen sein soll / gejagt hatte / und in einem schlechten
Jäger-Hause übernachtete / erwähnter Illyrier sich durch die Wache unter dem
Scheine den Kayserlichen Jäger-Zeug zur Anrichtung zu holen durchspielte; und
biss an das Kayserliche Schlaff-Gemach kam. Zu allem Glücke aber ward der gleich
die Wache untersuchende Fürst Herrmann gewahr: wie daselbst der Illyrier sein
Jäger-Messer zückte / und recht gegen des noch schlaffenden Kaysers Bette sich
wendete. Diesemnach sprang er herzu / fiel dem Illyrier in die Armen; und hielt
den auff den Kayser gezückten Streich zurücke. Worüber er zwar in Hafft genommen
/ August erwecket; der Jäger-Knecht um die Uhrheber solcher Mordstifftung
gütlich und scharff befraget /aber durch keine Pein nichts aus ihm gebracht
ward; weil Phebe ihm vorher viel ausgepresten Maah-Safft eingegeben hatte / in
Meinung ihn dadurch auff allen Fall des missratenden Mordes zu tödten; worvon er
aber wegen seiner vermögenden Lebens-Kräfften nur wahnsinnig ward; also: dass er
auf der Folter hundert Flüche wieder den Kayser / und so viel Lobsprüche für
Pheben / und die Freigelassene / in die er verliebt war / ausstiess; und darüber
seinen Geist verlohr. Lepidus und Fürst Herrmann waren beide bei dieser Marter;
jener um denen Verschwornen Nachricht zu geben; dieser um die wahrhaften
Anstiffter zu erforschen; und sich selbst alles Verdachts zu entschütten; weil
dieser Illyrier in seinen Diensten gewest war. Weil nun Fürst Herrmann von des
Illyriers Buhlschaft wusste; und er in seinem Wahnwitze so viel von Pheben
redete; riet er beide zu erfordern. Jene bekennte: dass Phebe im Nahmen Juliens
ihr für drei Tagen nicht nur die zeiter schwer gemachte Eh verwilliget; sondern
auch eine ansehnliche Mitgifft versprochen hätte. Phebe ward hierüber befragt /
leugnete es aber; ungeachtet es ihr jene beständig unter die Augen sagte.
Worüber sie beide abgesondert in Hafft kamen. Lepidus geriet hierbei in halbe
Verzweiffelung; also: dass er ihr im Gefängnisse Gift beizubringen entschloss.
Alleine Phebe hatte sich selbige Nacht schon erhenckt; iedoch einen demütigen
Brieff an den Kayser zu lieffern einem deutschen Kriegs-Knechte / der den
Kercker verwachte / vorher eingehändiget; in welchem sie die ganze Verräterei
entdeckte. Dem Kayser kam diss anfangs unglaublich vor; gleichwol liess er sich
alsbald durch eitel Deutsche / Juliens / Serviliens / des Lepidus und Antonius
versichern; und ihr Geräte versiegeln; bei dessen Untersuchung noch viel
grausamere Dinge heraus kamen / als Phebe getichtet hatte. August zwar hierüber
so bestürtzt: dass er ihm selbst keinen Rat nicht wusste; sich gute Zeit nicht
sehen liess; ja mehrmahls lieber Phebens als Juliens Vater zu sein wünschte; und
rund heraus bekennte: dass wie er für den Lebenden / also Rom bei der Nachwelt
sich ewig seiner unverschämten Tochter würde schämen müssen; also dem Römischen
Rate die ganze Sache übergab; welcher den Lepidus und Antonius zum Tode;
Servilien zu ewigem Gefängnisse verdammte; auch über Julien zwar dem Kayser zu
urteilen heimgaben; iedoch als dieser seine Tochter in einem Sacke ersäuffen
lassen wollte / ihr das Leben erbaten; und dass sie also auf das Eyland Pandataria
verwiesen / ihr aller Wein und herrliche Kost / wie auch aller Männer
Gemeinschaft / wenn es August nicht absonderlich erlaubte /abgeschnitten / auch
endlich vom Kayser die Ehe mit dem Tiberius zertrennet ward; welcher gleichwol
Augusten ersuchte ihr die von ihm empfangenen Geschäncke zu lassen. Das
Todes-Urtel ward am Antonius und Lepidus vollzogen / ihre Leiber mit Hacken in
die Tiber geschleppt; viel andere mit Landes-Verweisung / Ruten und Gefängnisse
gestrafft; hingegen Fürst Herrmann seiner aus denen auffgefundenen Schreiben und
Bekäntnüssen erscheinenden Keuschheit und Treue halber vom Kayser umarmet; für
einen Bürger / Freund / Ritter und Rats-Herrn der Stadt Rom erkläret.
    Hierüber verfiel der Kayser mit dem Partischen Könige Phraaten wegen
Armeniens in Zwietracht; worzu er den zu seinem Nachfolger bestimmten Cajus als
obersten Feld-Herrn erkiesete; und ihm zu seinem geheimsten Staats-Rate den
Mecenas Lollius; zu einem Kriegs-Obersten aber den Fürsten Herrmann mit
fünftausend Deutschen zugesellte; wiewol ohne diesen auch nichts wichtiges
entschlossen werden sollte. Der Kayser aber / welcher nach Art der Gross-Väter
seine Enckel mehr / als seine eigene Kinder oder sich selbst liebte / opfferte
in allen Tempeln zu Rom / und ruffte die Götter an: dass sie ihn mit der
Gewogenheit des Pompejus / mit der Kühnheit Alexanders / und mit seinem Glücke
begleiten möchten. Cajus segelte mit der ihm anvertrauten Kriegs-Macht gegen
Syrien / stieg aber auf dem Eylande Samus aus / allwo ihn der von Rhodus ihm
zuvorkommende Tiberius auffs höflichste bewillkommte / und mit einem ganz
vergüldeten Renn-Schiffe / welches mit eitel in der Schiffart berühmten
Rhodiern besetzt war / mit hundert Fässern des besten Rhodischen Weines / mit
etlichen Geschirren köstlichen Balsams / frühzeitiger Feigen / und dem
unvergleichlichen Hundes-Gemählde des Protogenes / weswegen Demetrius die Stadt
Rhodis nicht mit Feuer zur Ubergabe zwingen wollen / beschenckte. Worüber zwar
anfangs wiederum Cajus dem Tiberius so viel Ehrerbietung / als kaum einem Obern
gehöret / erwies; hernach aber auff des Lollius Vergällung und Einredung: dass
Tiberius alleine ihn in der Nachfolge des Kaysertums abzustechen durch seine
tückischen Künste anzielte / ihm kaum das Gesichte gönnte. Ehe aber diese
Veränderung erfolgte / hielt Cajus allerhand verschwenderische Gastmahle /
füllte sie mit Weine übermässig an / und erwies sich durchgehends mehr einen
Bacchus als einen Feldherrn. Hingegen richtete Tiberius dem gesammten
Kriegs-Volcke eine auskommentliche Mahlzeit aus; beschenckte den grösten biss zum
kleinsten; tranck denen Kriegs-Obersten des Kaysers und Cajus Gesundheit zu; und
erinnerte dieselben Hauptleute / welche durch seine Beförderung so hoch komen
waren /des gedrückten Tiberius nicht gar zu vergessen. Welches alles Lollius
dahin auslegte: dass Tiberius das Kriegs-Volck dem Cajus abwendig; ihm selbst
geneigt machen / und sie nichts minder zu einer gäntzlichen Neuerung der
gegenwärtigen Herrschaft / als zum Auffstande wieder den Cajus bewegen wollte.
Aus solcher Verhetzung hätte der unbändige Cajus sich am Tiberius gar
vergrieffen; wenn nicht Fürst Herrmann seine hitzige Entschlüssungen gemässigt
/der schlaue Tiberius auch durch ungewöhnliche Demütigung ihn besänftiget
hätte. Gleichwol schied Cajus ohne von ihm genomenen Abschied weg; und Lollius
bemühte sich den Tiberius beim Kayser auffslärgste zu vergällen; also: dass er um
sich alles Verdachtes zu entschütten selbst einen Aufmercker aller seiner Worte
und Wercke verlangte; die gewöhnlichen Pferderennen und Kriegs-Ubungen
unterliess; des Römischen Adels Gepränge ablegte / und die Tracht der
Griechischen Weltweisen annahm. Ja Tiberius war des Cajus Schos-Kindern so
verächtlich: dass ein junger Hauptmann von freien Stücken sich gegen dem
trunckenen Cajus erbot / sonder einiges Bedencken auff seinen Befehl zurück zu
schiffen / und ihm des Tiberius Kopff zu lieffern. Welchen Meuchelmord Cajus
verhangen hätte; wenn er nicht abermals vom Fürsten Herrmann durch bescheidene
Einredung beruhiget worden wäre. Cajus erreichte hierauff Syrien / dariñen
Lollius mit Fleiss das Kriegs-Volck über die Zeit aufhielt / um die Einwohner
nach seinem Belieben zu schätzen; ja er führte selbtes nicht allein durch
allerhand ungebähnte Umwege / wormit er die verschonte / welche ihn bestochen
hatten; sondern er hinderte auch den zu Entsetzung der Stadt Artaxata voran
gezogenen Censorin auff alle ersiñliche Weise an seinem Vorhaben. Endlich kam
Cajus mit dem Römischen Heere gleichwol an den Phrat; traff auch den Phraates
mit seinem Persischen Lager daselbst an. Wiewol nun die Persier viel stärcker
als die Römer waren; auch beide Ufer ein flaches Feld an der Seite hatten / da
die Partische Reuterei sich völlig ausbreiten konnte / und derogestalt Fürst
Herrmann nebst allen Römischen Kriegs-Obersten daselbst den Feind anzugreiffen
wiederrieten; so erhielt doch des vom Phraates durch viel Gold und Edelgesteine
bestochenen Lollius Meinung die Uberwage bei dem verwegenen Cajus; teils weil
Lollius durch Heuchelei sich seines Gemütes völlig bemächtigt hatte; teils
weil der Jugend die hitzigsten Ratschläge am anständigsten sind. Also mussten
dissmahl die Klugheit der unzeitigen Verwegenheit / und treuer Ratgeber heilsame
Meinung den schlimsten Verrätereien ausweichen. Das Römische Heer musste / ehe
es von der beschwerlichen Reise verblasen konnte / auf den Morgen nicht so wohl
wieder die Parten / als den strengen Phrat kämpffen; worüber aber viel von dem
Flusse verschlungen; und die / welche gleich das andere Ufer erreichten / von
dem Feinde erschlagen wurden. Fürst Herrmann setzte zwar mit fünffhundert
Batavischen Reutern auf dem festen Lande Fuss; aber / weil die Römischen Legionen
mit ihrer schweren Rüstung ihn unmöglich entsetzen konten / musste er dem mit
zwölff tausend Partischen Edel-Leuten andringenden Könige Phraates nur dissmahl
die Ehre der Oberhand lassen; und nach dem alle Bataver von so viel tausend
Pfeilen / er auch selbst durch die Hand und den dicken Schenckel verwundet war /
sich zurück ziehen. Gleichwol hörte Cajus und Lollius nicht auff das
Kriegs-Volck gleich einer Heerde Schafe wieder den Strom und die über solcher
Torheit lachenden Parter anzutreiben. Als auch Fürst Herrmann die Unmögligkeit
dem Cajus augenscheinlich fürstellte / und so tapfere Kriegs-Leute zu schonen
erinnerte; kriegte er zur Antwort: Die vorhergehende Nacht wären zu Rom mehr
junge Kriegs-Leute gezeugt worden; als ihrer diesen Tag darauff gehen würden.
Endlich musste bei sinckender Nacht nur Cajus zum Abzuge blasen /den Parten
nicht allein den ohne sonderbahre Müh erworbenen Sieg mit Schimpff und Schaden
überlassen; und noch darzu vertragen: dass ihm Phraates durch einen gefangenen
Römer zurück entbieten liess: Er wollte auf den Morgen ihm selbst eine Brücke von
den erschlagenen Römern bauen helffen / wenn ihn die Lust sich mit den Parten
zu berüchen nicht vergangen wäre. So verwegen Cajus anfangs gewest; so verzagt
war er nach diesem Verluste; besorgende: dass er nicht glückseliger / als Crassus
und Antonius aus den Klauen der Parten entrinnen würde. Also ist die Verachtung
seines Feindes schon der halbe Verlust des Sieges; wie derselbe seine Kräfften
zweifach vergrössert / der zwar die Vollkommenheit seinem Gemüte beilegt;
niemahls aber sie ihm in seine Einbildung kommen läst. Den Fürsten Herrmann
kränckte diese Niederlage in der Seele. Denn ob er zwar daran keine Schuld trug
/ sondern vielmehr diesen Tag den Ruhm eines unvergleichlichen Löwen-Muts
erworben hatte; wusste er doch wohl: dass wenn ein Kriegs-Oberster drei Spannen
seinem Feinde weichen muss /er zwölff Pfund von seinem Ansehen einbüsse; und in
verlohrnen Schlachten die tapfferen von den Furchtsamen selten unterschieden
werden. Diesemnach besetzte er selbige Nacht den Strom nicht so wohl wieder
besorglichen Einfall der Parten; als dass der ihm bereit vielfach verdächtige
Lollius den Parten seinen Anschlag nicht verraten möchte / zum Teil mit
Römischen Kriegs-Leuten / meist aber nur mit dem gemeinen Dross; und liess um die
Menge der dahin gestellten Bewahrer so viel mehr zu beglaubigen viel Wachfeuer
anzünden. Er aber nahm alle Deutschen und den Kern von den Römischen Legionen /
führte selbte in aller Stille eine gute Meilweges Strom-auff; da ihm denn ein
erkauffter Armenier einen Furt durch den Phrat zeigte: dass die Reuter / derer
ieder einen Fuss-Knecht auffs Pferd nahm / ehe der Feind das geringste merckte /
überkam; das übrige Fuss-Volck / dem etliche Fahnen Reuterei in der Mitte die
Gewalt des Stromes auffhielten; auch noch für Tage das andere Ufer erreichte;
und in dem daselbst püschichten Felde noch mit einem Graben und Brust-Wehre
verbaute. Mit anbrechendem Tage machte Cajus auffs neue Anstalt /als ob er
wieder durch den Phrat setzen wollte. Wie nun die Parten sich daselbst gegen ihn
stellten; ging Fürst Herrmann mit der deutschen Reisigen Zeuge ihnen in Rücken;
erlegte derer zwar mehr nicht / als tausend Mann vom Hinterhalte; jagte aber dem
Phraates ein solches Schrecken ein; sonderlich als er vernahm: dass die Römer
sich schon auff der lincken Seite des Phrats verschantzt hatten: dass er den
Römern Friedens-Handlung antrug; und noch selbigen Tag solchen auf einem mitten
im Phrat gelegenen Eylande mit dem Cajus durch beiderseitige Erkiesung des
Fürsten Artavasdes zum Könige in Armenien abredete. Beide Phraates und Cajus
bekräfftigten ihre neue Freundschaft durch herrliche Gast-Mahle; jener
beschenckte auch den Fürsten Herrmann seiner erwiesenen Tapfferkeit halber; und
weil er hörte; dass er des berühmten Surena Enckel / also von Ankunft ein halber
Parte wäre / mit zwölff Arabischen Pferden /einer mit Diamanten reich
versetzten Sebel / und einem mit Türkissen prangendem Köcher und Bogen. Lollius
liess hierüber / und wegen der dem Fürsten Hermann sonst mehr bezeigten
Höfligkeit einiges Unvergnügen blicken; welches den trunckenen Phraates
derogestalt verdross: dass er ihn einen Verräter schalt / und dem Cajus alle vom
Lollius erhaltene Nachrichten einliefferte. Wesswegen Cajus den Lollius zwar
durch Gift hinrichten; dieser aber seinen Erben einen in diesem Feldzuge zusamen
gescharreten Schatz von unglaublichem Werte verliess; also: dass nach der Zeit
seine Enckelin Lollia Paulina des Kaysers Cajus Buhlschaft auf einem
mittelmässigen Verlobungs-Mahle mit Perlen und Schmaragden alle Kleider und
Glieder gleichsam verhüllete; und über eine Tonne Goldes an Edelgesteinen am
Leibetrug.
    Dieser Friede ward aber bald durch die Armenier selbst zernichtet; welche
den Artarasdes der Königlichen Würde entsetzten / den Gotartzes an seine Stelle
erhoben / und den Censorin mit dem meisten Teile zweier Legionen erlegten.
Cajus rückte hierüber zwar in Armenien / brach aber wieder des Fürsten Herrmanns
Rat zugleich mit den Parten; und suchte durch Bestechung des Persischen
Stadtalters Donnes sich der vorhin dem Phraates abgetretenen Stadt Artagera zu
bemeistern; ungeachtet ihm Fürst Herrmann einhielt: dass böse Wercke selten wohl
von statten giengen; und alles diss / was nach Verräterei rüche / den guten
Nahmen stinckend machte. Massen denn auch Cajus darüber gefärhlich vom Donnes
verwundet ward; Fürst Herrmann aber mit seinen Deutschen diesen arglistigen
Meuchel-Mörder in einem Berg- besetzte / und dergestalt beängstigte: dass er in
seinem eigenen Degen fallende sich zugleich auff einen brennenden Holtzstoss von
einem Turme stürtzte / und also die Torheit begieng: dass er zeitlicher starb /
als das Verhängnüs ihm bestimmt hatte; wormit er nicht längsamer sterben müste.
Dem Fürsten Herrmann lag inzwischen bei der Unfähigkeit des verwundeten Cajus
die ganze Krieges-Sorge auf dem Halse; da er denn teils durch seine und der
Batavischen Reuterei Tapfferkeit den Parten in vielen Scharmützeln nicht
geringe Abbruch tat; teils durch seine Klugheit zwischen ihnen und denen
Armeniern allerhand Saamen des Misstrauens und der Zwietracht ausstreute /
insonderheit aber sich sehr wohl der aus etlicher Gefangene erprestem Bekäntnüsse
/ wie in Persien wieder den Phraates ein mächtiger Auffstand sich ereignet hätte
/ bediente; in dem er bei solcher im Partischen Läger erwachsenden Bestürtzung
selbten unverzüglich auf den Halsrückte; und dem Phraates einen vorteilhaften
Frieden abzwang / Krafft dessen er in die Entsetzung des Gotartzes willigen /
und den Ariobarzanes zum Könige in Armenien belieben musste. Also ist die
Geschwindigkeit im Kriege meist die Mutter des Glückes; und die haben insgemein
grosse Taten getan / die nichts auff den folgenden Morgen verschoben haben.
Die unabtrennliche Gefärtin grossen Glücks die Heuchelei eignete diesen
glücklichen Streich zwar dem nunmehr halb-wahnsinnigen Cajus zu; überredeten ihn
auch gar: Er sollte nicht ehe nach Rom kehren / biss er das Ziel des grossen
Alexanders erreicht hätte. Aber alle vernünftige Römer und der Kayser selbst
mussten hierinnen die Ehre diesem deutschen Fürsten lassen / und seine
Tapfferkeit mit einer güldenen Krone belohnen. Ja dass dem Fürsten Herrmann nicht
ein öffentliches Siegs-Gepränge erlaubt ward; stand ihm nicht der Abgang seines
Verdienstes / sondern alleine die Beschaffenheit seines Vaterlandes / als einem
Fremden im Wege / derer keiner noch zu Rom solches gehalten hätte. Jedoch ward
er bei seiner Wiederkehr nach Rom mit so grossem Frolocken des Volckes / als
einiger Sieger für ihm / und mit nicht geringerer Freude /als Tiberius vorher
angenommen; ja aus diesem wieder die Parten erhaltenen Sieg des Fürsten
Herrmanns Königlicher Uhrsprung und das Recht solcher Hoheit zu genüssen bei
Deutschen und Römern bekräfftiget. Sintemahl die Sibyllinischen
Wahrsagungs-Bücher ausdrücklich vermochten: dass die Parten von niemanden / als
einem Könige überwunden werden könten. Also ist der Nachruhm von der Tugend so
schwer / als der Schatten vom Lichte zu scheiden; und wenn schon die
unvernünftigen Griechen sich den schlauen Ulysses betöre lassen: dass sie ihm
den von des Hectors Blute gefärbten Schild des Achilles zusprechen; so wirfft
selbten doch das gerechte Verhängnüs durch Schifbruch und tobende Wellen auf das
dem Ufer des Meeres gebaute Grab des hierzu besseres Recht habenden Ajax. So
weit sich nun Hertzog Herrmanns Ruhm in der Welt ausbreitete / so sehr wuchs
sein Ansehen zu Rom und die Gewogenheit des Kaysers gegen ihm im Hertzen; der /
als er den Tiberius zum Sohne annahm; weil Lucius zu Massilien / Cajus in Syrien
gestorben war / sich zu grossem Nachdencken verlauten liess: Wolte GOtt! Herrmann
wäre ein Römer; ich wollte meinen Nachfolger nicht in meiner Freundschaft /
sondern unter dem Volcke suchen.
    Unterdessen zohe er doch hernach den Fürsten Herrmann zu denen wichtigen
Ratsschlägen / und versicherte ihn: dass die Cheruskische Herrschaft durch
Hülffe seiner Waffen in alten Stand; und so wohl er Herrmann / als sein Vater
Hertzog Segimer; da er anders nur denen Römischen Feinden nicht selbst anhängen
wollte / in die Würde seiner Vor-Eltern versetzt werden sollte. Alleine dieser
Glantz seiner Tugend beginnte nun auch den neidischen Tiberius in die Augen zu
stechen; und des Kaysers Gunst sein argwöhnisches Hertze gegen den Fürsten
Herrmann zu vergällen. Seine Missgunst verwandelte sich endlich in eine
Tod-Feindschaft / als der Kayser über der Verräterei des Cornelius Cinna nebst
Livien und dem Tiberius nicht nur auch den Fürsten Herrmann zu Rate nahm /
sondern wie Tiberius seiner angebohrnen Grausamkeit nach den Cinna mit allen
Verschwornen durch die grausamste Pein hinzurichten; Herrmann aber Livien
beifallende sie alle ungestrafft zu lassen einriet / August der letztern
Meinung so weit beifiel: dass er den Cinna gar zum Bürgermeister machte. Massen
denn Tiberius von selbiger Stunde an diesen Fürsten zu stürtzen alle Kunst
seiner Arglist herfür suchte. Also ist diss / was gegen einem ein Magnet der
Gewogenheit gewest / bei einem andern eine Ursache der ärgsten Gramschaft;
welche Tiberius mit so viel mehrerm Rechte gegen den Fürsten Herrmann auszuüben
vermeinte; weil er sich für dem Tiberius nicht nach Gewonheit der Knechtischen
Römer demütigte; als welche ihn nichts minder schon für den künftigen Fürsten
ansahen / als er diese Würde fürlängst in der Hoffnung verschlungen hatte.
Sintemahl bereit in seiner Kindheit ihm vom Sternseher Scribonius gewahrsagt
worden war: Er sollte herrschen / wiewol ohne Königliche Zierraten. Gleicher
Gestalt hatte ihn dessen der Sternseher Trasyllus versichert; welcher so gar
von dem ihn aus Rhodus abzuholen kommendem / aber noch entferntem Schiffe zu
sagen gewust hatte: dass es ihm fröliche Zeitung brächte. Dannenher weder auff
seiner noch auf der Römer Seiten nichts / was zu Vermehrung seiner Hoheit
einigerlei Weise dienen konnte / unterlassen; und er solchem nach als ein
neuaufgehendes Gestirne / ja mehr als ein halber Kayser von iederman angebetet
ward.
    Zu des Tiberius Hasse gegen den Fürsten Herrmann kam zuletzt auch die
Eyversucht; eine Unholdin / welche Laub und Grass zu versengen; die heilsamsten
Kräuter zu vergifften; und wie der Neid bei fremdem Feuer zu erfrieren / also
diese bei fremdem Schnee zu schwitzen gewohnt ist. Denn es war ein aus dem
Cheruskischen Geblüte entsprossener Fürst in Deutschland der Chassuarier und
Dulgibiner Hertzog Nahmens Segestes; ein Herr fürtreflicher Gestalt /grossen
Gemütes / und hauptsächlichen Verstandes. Wesswegen er nicht nur von dem
Feldherrn Segimer zum Gross-Stadtalter über die Quaden; sondern auch in den
Kriegen mit den Catten und Römern mehrmals zum Feldhauptmann bestellet worden
war; und nicht geringe Merckmaale seiner Klugheit und Tapfferkeit erwiesen; ja
nach dem Hertzog Segimer in dem vom Marbod nicht bemeisterten Deutschlande das
gröste Ansehen hatte. Dieser hatte zu seiner ersten Gemahlin des Cimbrischen
Königs Froto Tochter; mit welcher er zwei Kinder / nämlich den Fürsten
Siegesmund /und die wunderschöne Tussnelda / von welcher Vollkommenheiten ich
nichts weiter erzählen darff / erzeuget hatte. So lange diese Ehe tauerte / war
weder Unglück noch die grossen Versprechungen der Römer mächtig Segestens
Gemüte eines Nagels breit von der Liebe seines Vaterlandes abwendig zu machen
/zu einem unvergesslichen Merckmahle: dass der Wanckelmut so wenig des weiblichen
Geschlechtes / als die Beständigkeit des männlichen Eigentum sei. Als es aber
in Deutschland teils wegen der vom Könige Marbod; teils von den Römern
erhobener Kriege so sehr durch einander ging / und Fürst Segestes zu Verhütung
des eussersten Untergangs der zwischen dem Rheine und der Elbe gelegenen / und
gleichsam von einem Ost- und West-Winde zugleich bestürmten Länder mit dem
Römischen Land-Vogte Sentius Saturninus eine Zusammenkunft beliebte; dieser
aber jenen mit den allerersiñlichsten Höfligkeiten unterhielt / und insonderheit
ihn durch seine drei überaus schönen Töchter auff alle Weise bedienen liess;
verliebte sich Hertzog Segestes in die Mitlere derogestalt: dass er beim
Saturnin um sie warb; und noch für seinem Abschiede selbte ihm vermählen liess.
Dieser neue Brand ersteckte in Segestens Hertze schier alle Liebe des
Vaterlandes; und ward er durch seine Gemahlin Sentia nichts weniger aus einem
Deutschen in einen Römer; als Antonius durch Cleopatren aus einem Römer in einen
Egyptier verwandelt. Der Kayser / um sich dieses Vorteils zu bedienen / nahm
Sentien für seine Tochter an; beschenckte sie mit einem ansehnlichen
Braut-Schatze; liess ihn durch den Saturnin in seinen beiden Hertzogtümern der
Chassuarier und Dulgibiner befestigen / und der dem Cheruskischen Hause
zukommenden / beim Fürsten Segimer aber durch so viel Unglücks-Fälle nicht wenig
verfallenen Feld-Hauptmannschaft nebst mehr andern güldenen Bergen versichern.
Massen denn auch dem Sentius Saturninus nicht so wohl wegen einiger grossen über
die Deutschen erlangten Siege / als weil er durch diese Heirat ihnen nicht
verächtliche Fässel angelegt hätte / ein Siegs-Gepränge verstattet ward.
Hierdurch ward August auffs neue veranlast den Tiberius in Deutschland zu
schicken; und nach Segestens gegebenen Anschlägen die Caninefaten /Attuarier
und Bructerer; als welche nunmehr den von dem Willen seines Ehweibes hängenden
Segestes wenig gutes zutrauten / und sich seiner entschlugen /zu überfallen.
Inzwischen kam Saturnin nicht allein nach Rom; sondern brachte auch Segestens
zwei Kinder den Fürsten Siegesmund und die Fräulein Tussnelda zwar unter dem
Scheine das wunderwürdige Rom zu beschauen / und mit dem Kayser die angefangene
Freundschaft mehr zu bestärcken; aber eigentlich darum mit dahin: dass sie
gleichsam als Geissel daselbst verbleiben / und Segesten alle Gedancken von den
Römern abzusetzen benehmen sollten. August empfing beide mit ungewöhnlicher
Freundligkeit / ganz Rom aber die Fürstin Tussnelda mit grosser Verwunderung;
wiewol weder sie / noch ihr Bruder von iemanden / ausser dem Kayser und Livien
gekennet ward. Denn Segestes wollte bei den Deutschen den Nahmen nicht haben:
dass er so gut Römisch wäre; und seine Treue den Römern durch seine eigene Kinder
verpfändete. Inzwischen vergnügte diese vorwitzige Stadt sich daran: dass ihrer
Schönheit gleichen zu Rom noch nie gesehen worden war. Und die / welche zeiter
mit einander um den Vorzug der Gestalt gestritten hatten; hülleten wie die
Gestirne für der aufgehenden Sonne nichts minder ihren Glantz /als Zwist ein.
Uber diss ward ihre Schönheit mit einer so lebhaften Freundligkeit beseelet: dass
die Anschauer ihr alsofort gewogen zu sein genötigt wurden; iedoch nicht zu
urteilen wussten: welchem Geschencke der Natur sie an ihr den Preis des Vorzuges
beilegen sollten. Fürst Herrmann aber ward bei dem ersten Anblicke gleichsam
ausser sich selbst entzückt. Denn ihm hatte die Nacht vorher nachdencklich
getraumet: wie das Bild der Capitolinischen Venus in dem in voller Flamme
stehendem Tempel sich mit beiden Armen um seinen Hals schrenckte / und er selbte
aus solchem Feuer errettete; wofür sie ihm einen Schmaragd-Ring / in welchem
zwei Löwen mit einander kämpfften / einhändigte. Diese Fürstin aber sah nicht
alleine dem ihm zuvor kommendem Bilde so vollkommentlich ähnlich; als wenn es
aus Tussneldens Gesichte geschnitten wäre; sondern zu seiner grösten
Verwunderung trug sie auch eben derogleichen Ring an ihrem Finger; also: dass er
hierunter was sonderliches ihm angedeutet zu sein unschwer ermessen / und daher
nicht ohne ihm selbst angetanen Zwang bei Bewillkommung dieser unbekandten
Landsmannin seine Gemüts-Regungen verdecken konnte. Ja er musste sich für der
Zeit und gleichsam nicht ohne Abbruch seiner wiewol angebohrner Höfligkeit ihrer
Gemeinschaft entziehen; um seine Blösse nicht alsobald zu zeigen. Alleine er
änderte hiermit zwar den Ort / aber nicht seine Kranckheit. Tussnelde kam ihm
wohl aus den Augen; nicht aber aus dem Gemüte; ob schon ihr Bild in dieses sich
bereit so eigen eingepregt hatte: dass es solches nicht anders / als ein Spiegel
dem Gesichte unaufhörlich fürhielt. Denn die Unruhe seines Gemütes liess ihm
weder einigen Schlaff zu; noch seine Gedancken auf etwas anders zu werffen. Er
quälete sich hierüber derogestalt: dass er sich nicht traute nach Hofe / oder
unter andere Gesellschaft zu kommen; sondern unter fürgeschützter Kranckheit
drei Tage sich in seiner Einsamkeit mit seinen eigenen Gesprächen vergnügen
musste. Er entrüstete sich mehrmahls über sich selbst: dass / da er vorhin über so
viel fremde Liebes-Regungen den Meister gespielet hatte / nunmehr ein Knecht
seiner eigenen werden; und das durch so viel Müh aufgetürmte Bild seiner
Freiheit durch einen einigen Strahl eines annehmlichen Augenblicks eingeäschert
sehen musste. Welch Erkäntnüs seiner eingebüsten Freiheit denn nach langem
Kampffe seiner Seele eine ganz andere Bewegung in ihm gebahr; nehmlich ein
Verlangen nach derselben Sonne / die sein Hertze mit so empfindlichem Feuer
angesteckt hatte. Denn die Verliebten sind dissfalls anders nicht / als die
Motten geartet; welche sich von der schönen Flamme ziehen lassen / ob sie ihnen
gleich schon die Helffte der Flügel versenget haben. Dem vierdten Tag wagte sich
Fürst Herrmann wieder nach Hofe; da er denn diesen seinen Abgott seinem
Bedüncken nach noch viel schöner / als das erste mahl / an Liviens Taffel
antraff; und gleichsam mit seinen erstarrenden Augen an ihrem himmlischen
Antlitze kleben blieb; also fast noch mehr / als vorhin seine Schwachheit
mercklich gemacht hätte. Denn ob zwar sonst die Verwunderung eine Gefärtin der
Neuigkeit ist; und sich durch öfftere Gemeinschaft nach und nach verlieret; so
ist es doch viel anders mit der Liebe beschaffen; welche von Tag zu Tage
wächset; und aus einem Funcken ein grosser Brand / aus einem Zwerge in weniger
Zeit ein unüberwindlicher Riese wird; weil ihre Scharffsinnigkeit iedesmahl was
neues erforschet / das einen neuen Zunder der Zuneigung abgeben kann. Die
Begierde um diese Fürstin zu sein wuchs in weniger Zeit so sehr: dass Fürst
Herrmann sich überredete: er würde nicht leben können; wenn er nicht täglich
durch einen Anblick dieser Göttin lebendig gemacht würde. Und wie er anfangs
glaubte: dass die Natur durch sie ein in der Welt noch nie gesehenes Muster der
Vollkommenheit; oder eine Schönheit / welche auch der alle irrdische Schrancken
übersteigenden Einbildung genung tun könnte / ausgearbeitet hätte; also gab er
ihm nunmehr selbst nach: dass seine Liebe die Regungen aller Menschen überstiege.
Als er hernach unterschiedene mahl ihrer annehmlichen Gespräche bei Livien und
andern Frauen-Zimmer genass; welches wegen allzu überirrdischer Schönheit sie zu
beneiden für eine Beleidigung der Götter; ihrer Anwesenheit zu genüssen für
ungemeines Glücke hielt; ward er offtmahls so entkräfftet: dass er durch
allerhand Vorwand sich derselben entbrechen musste; ohne welche er nicht zu leben
getraute; und wegen welcher er mehrmahls zweifelhaft war: Ob das Verhängnüs
ihn durch sie beim Leben zu erhalten oder zu tödten bemüht wäre / biss er nach
und nach lernte: dass die Verliebten gleichsam an den Scheide-Weg des Lebens und
Sterbens versetzt sind; und diss / was an ihnen lebet / so wenig ein rechtes
Leben / als diss / was sie tödtet / ein wahrhafter Tod sei. Worbei ihm diss nicht
die geringste Pein verursachte: dass er durch keine Sorgfalt zu erfahren
vermochte: wer die wäre; die sich so geschwinde der Botmässigkeit über seine
Seele angemast hatte. Deñ ob er zwar bei denen; welche Saturnin mit aus
Deutschland gebracht hatte; so viel / wiewol auch nur wegen ihrer selbsteigenen
Unwissenheit / mutmasslich ergrübelte; auch aus der ihr von dem Kayser und
Livien geschehenden Begegnung unschwer schlüssen konnte: dass sie eine deutsche
Fürstin hoher Ankunft sein müste; ward hierdurch doch das wenigste seines
Zweiffel-Knotens aufgelöset. Hingegen heuchelte er zuweilen seiner Einbildung;
wenn er sich bedüncken liess: dass diese Fürstin ihn mit einem annehmlichern
Anblicke / als andere Anwesenden beteilt hätte. Alleine diese süsse Gedancken
verschwunden bald wieder als ein Traum; wenn er entweder wahrnahm: dass die
unvergleichliche Freundligkeit dieser Göttin nicht anders / als die woltätige
Sonne eben so wohl auff das geringste Grass / als die höchsten Cedern ihren
Einfluss hatte; oder er bei Erwegung ihrer hervor leuchtenden Tugenden sich
bescheidete: dass man auch die reineste Zuneigung eines Frauen-Zimmers ihm nicht
ohne gäntzliche Verkleinerung ihres Ansehens einbilden kann; weil man die eigene
Liebe zwar für eine untadelhafte Würckung der vollkommensten Seelen; fremde
aber allezeit für eine kleine Schwachheit hält. Alldieweil aber die Veränderung
gleichsam ihre tägliche Kurtzweil mit der Liebe hat / verwandelte sich seine
Sorge wieder in eine neue Hoffnung; da doch kein Liebhaber leicht darauff fussen
soll; nach dem zwar die Abwechselung der Liebe gewiss / ihre Hoffnung aber sehr
zweifelhaft ist. Gleichwol aber heuchelte seiner Hoffnung eine gewisse bei der
Einweihung eines Tempels sich zutragende Begebnüs. Diesen baueten die zwei
Brüder Germanicus und der junge Tiberius Nero ihrem verstorbenen Vater Drusus zu
Ehren auf; eigneten aber ihn dem Castor und Pollux zu. Der Kayser / Livia und
alle Grossen / wie ingleichen die Fürstin Tussnelda fügten sich mit grosser
Pracht in diss neue Heiligtum / und bemeisterte diese des Römischen Volckes
Augen und Hertzen derogestalt: dass / als die Bilder des Castors und Pollux mit
ihren umflammeten Häuptern auf zwei Opffer-Tische gehoben worden; selbtes dem
obersten Priester zurieff: Er sollte ihrer Schwester der schönen Helena nicht
vergessen; welche nichts minder / als ihre Brüder unter die Sternen wären
versetzt worden; und sich in der Gestalt dieser Deutschen oder vielmehr
himmlischen Fürstin schauen liesse. Tussnelde ward hierüber beschämt; ersuchte
daher den Fürsten Herrmann ihr mit einem Zeugnüsse beizuspringen: dass in
Deutschland das Frauen-Zimmer ins gemein ihre geringe Gestalt übertreffe; und
man ihr also ihre Gebrechen nicht durch übermässiges Lob fürrücken möchte. Fürst
Herrmann begegnete ihr mit tieffster Ehrerbietung; sie versichernde: dass sie
über ihn das Recht einer vollkommenen Botmässigkeit besässe; er aber nicht über
seine Augen / welche weder in Deutschland / noch sonst in der Welt eine ihr nur
biss an die Helffte kommende Schönheit gesehen hätten: dass sie ihr fürlängst
seiner Seele gefälletes Urtel wiederruffen sollten; noch auch über ihre Zunge:
dass sie dem etwas unvernünftig abbreche / dessen Vollkommenheit seine Gedancken
nicht zu begreiffen vermöchten. Diesemnach er denn dem Urtel der Römer; mit
welchen das sonst zwistige Deutschland dissfalls zweiffelsfrei einstimmete /
unnachbleiblich beipflichten müste; wenn er nicht einer Göttin ihres gleichen
für anständiger hielte: dass ihr lebhaftes Bild in das Heiligtum eines
tugendhaften Hertzens; als ein Ertztener Nachguss in ein marmelnes Haus versetzt
würde. Tussnelde färbte sich hierüber und versetzte ihm lächelnde: Sie hätte
zwar bei ihm als ihrem Landsmanne und einem so vollkommenen Fürsten Hülffe und
Beistand zu finden gehoffet; sie müste aber ihre Vermessenheit nunmehr selbst
erkennen /weil sie sich von Anfang bescheiden sollen: dass auch die Deutschen /
wenn sie zu Rom wären / der Römer Meinungen / wenn schon irrig / beipflichten
müsten. Herrmann antwortete: Er wollte in andern Dingen der Römer Wort nicht
reden; hierinnen aber wäre kein Irrtum zu vermuten; sondern vielmehr / weil
iedes Volck das andere übertreffen wollte / etlicher Römer unparteiisches Urtel
ganz Deutschlands Meinung fürzuziehen; als welches an dem Ruhme ihrer
Vollkommenheit Teil hätte. Ja er wäre versichert: dass wenn sie mit ihrem
Ebenbilde gleich als wie das Ebenbild der Sonne der ganzen Welt ihr schönes
Antlitz zeigen könnte; ihres nichts weniger / als jenes allentalben würde
verehret werden; und Xerxes /welcher die Schwester des Castors aus so viel
ausgelesenen Crotoniatischen Jungfrauen kaum zusammen setzen können / würde nach
der schönen Tussnelda so viel Helenen mahlen können; als die Natur sie mit
vollkommenen Gliedern beschenckt hätte. Tussnelda brach diesen Lobsprüchen ein;
als welche die am ungernesten hören / die sie am meisten verdienen; und um den
Fürsten Herrmann auf was anders zu bringen /sagte sie: Es wäre zwar zu
entengen: dass die eusserliche Gestalt noch der Farben und des Pinsels wert
wären; als welche meist in übelrüchender Erde und blossem Schatten eben so wie
die Schönheit des eitelen Leibes bestünden; aber die Verehrung der Sonnen dem
Brunnen des Lichts und der Seele der Welt liesse sich einem so vergänglichen
Gespenste / als die Schönheit wäre / ohne jener Entweichung nicht zueignen.
Fürst Herrmañ fragte alsofort: ob sie nicht die Schönheit für ein besonder
Geschencke Gottes hielte; oder nicht glaubte: dass diss / was dem Gestirne so
ähnlich wäre / seinen Uhrsprung vom Himmel / und eine nicht geringere Würckung
als die obern Lichter in denen Hertzen der Menschen hätte? Phryne hätte durch
Entblössung ihrer schönen Brüste das schon abgefaste Verdammungs-Urtel von sich
abgelehnt; nach dem des Hyperides Beredsamkeit die Schärffe der Richter zu
erweichen viel zu ohnmächtig geschienen. Die Schönheit wäre eine Mutter der
mächtigsten Königin der Welt / nämlich der Liebe; welche Götter und Menschen
beherrschte. Sie wäre ein so kräfftiges Gestirne / welches die trüben
Zorn-Wolcken der grimmigsten Feinde ausklärte; auffs Finsternüs der
Unglückseligen mehrmahls einen lebhaften Freuden-Blick würffe / und denen
Verzweiffelten aus ihrem Schiffbruche einen Genesungs-Weg zeigete; ja auch diss /
was seinem eigenen Wesen nach entweder unangenehm oder hesslich wäre / mit einer
Anmut beteilete; also: dass Traurigkeit und Zorn in einem schönen Antlitze
lieblich aussähe; dass die Tränen den schönsten Perlen / die wässrichten Augen
einem mit Regenbogen gefärbtem Gewölcke gleichte. Ja die Kranckheiten selbst
sehen auf wolgebildeten Wangen; und der grausame Tod auf einem zierlichen Munde
anmutiger / als sonst aus. Das Unglück werffe seinen Schatten nach denen
Schönen / wo nicht mit minderer Tunckelheit; iedoch mit geringerer
Hartnäckigkeit. Die Wolcken der Rache und des Hasses / welche alles andere
zermalmen / schertzten und spielten nur mit denen / welche den Zierrat des
gestirnten Himmels in den Augen / der geblümten Erde auff allen Gliedern /und
ein grosses Teil menschlichen Verhängnisses in ihren Händen trügen. O des
unglückseligen Gestirnes! O der vergänglichen Neben-Sonne! fieng Tussnelde
seuffzende an. Denn in Wahrheit / wo die eitele Gestalt einen Platz unter den
Sternen / oder den Blumen verdienet; weiss ich ihr keinen würdigern einzuräumen /
als den die schädlichen Schwantz-Gestirne im Himmel / oder gifftiges Napel in
Gärten hat. Sintemal die Schönheit wie jene; ie lichter sie brennen / nicht nur
sich selbst; sondern ganze Städte und Länder einäschert; und nicht selten die
reinesten Seelen vergifftet /also ein Vermögen ist / welches seinen eigenen
Besitzer unglückselig; die aber / welche ein Auge drauff haben / unruhig macht;
ja vielen sich aus einem Abgotte in einen Hencker verwandelt. Denn ihre Tochter
die Liebe kehret zwar mit Jasmin in der Hand / mit Rosen auf dem Haupte in die
zarten Seelen ein; hernach aber wütet sie mit Feuer und Schwerdt in ihrer
eigenen Behausung. Dessen bewährtes Beispiel die einige Helena sein kann / in
welche mich ein allzugütiges Urtel des Volckes verwandeln will. Fürst Herrmann
wollte zum Nachteil der Schönheit / die er an Tussnelden anbetete / nichts
verkleinerliches verhängen; setzte also ihr entgegen: Man eignete nicht selten
denen heilsamsten Sternen den aus sumpfichten Erdreiche herrührenden Hagel und
Ungewitter; denen gesündesten Kräutern aber von einem verterbten Leibe /oder aus
Missbrauche verursachte Würckung / und der Schönheit mit eben dem Unrechte / als
der Sonne einen schädlichen Schatten zu; den der gifftige Eiben-Baum von sich
würffe. Eine vollkommene Seele vertrüge nicht ein Behältnüs hesslicher Glieder;
ja es könnte nach vieler Weisen Urtel so wenig ein Zirckel ohne Mittelpunct /
als ein wolgestalter Leib ohne ein gutes Gemüte sein. Dannenhero ins gemein
niemand grosser Verrichtungen fähig zu sein geachtet würde /als den die Natur
auch mit eusserlicher Zierde zu begaben gewürdigt hätte. Fürnehmlich wäre diss
ein unschätzbares Eigentum der Fürsten; als wordurch die Natur gleichsam ihnen
die Botmässigkeit über andere bestetigte; welche sie durchs blosse Glücke
erlanget hätten. Die Schönheit des Gebietenden verzuckerte gleichsam die
Bitterkeit der beschwerlichen Herrschaft / sie erleichterte den Achseln ihre
Last; also: dass das gemeine Volck / welches als ein Tier / das seine Vernunft
meist in den eusserlichen Sinnen hat /so viel williger gehorsamte; und dem das
Hertze zueignete / der einmal seine Augen gewonnen hätte. Wesswegen derselben
Völcker Gewohnheit nicht allerdings zu verwerffen wäre / die den Wolgestaltesten
zu ihrem Könige; und die Schönste zu seiner Gemahlin erwehleten. Die Fürstin
Tussnelde versetzte abermals: In ihren Augen wäre die Schönheit des Gemütes
alleine schön; des Leibes aber ein vergänglicher Wind / und eine mit Seiffe
vermischte Wasser-Blase. Sie beliebte zwar ins gemein vielen / aber darum eben
wäre ihre Bewahrung so viel gefährlicher. Wiewol auch zuweilen die gütige Natur
eine schöne Seele mit einem zierlichen Leibe wie den Balsam-Geruch der Rosen /
und Krafft der Granat-Aepffel mit Purper umhüllete; wäre doch diss ein blosser
Zufall; und es steckte vielmahl in ungestalten Gliedern die tugendhafteste
Seele / wie die weisseste Perle in der höckrichten Muschel; der helleste Diamant
in der rauesten Schale / das edelste Gold in der schwärtzesten Schlacke. Ja die
Tugend selbst hätte keinen gefährlichern Stand / als in den Hülsen eines schönen
Leibes. Die Anfechtungen des Glückes liessen zuweilen nach / und hätten ihre
Ruh-Stunde; der Schönheit aber ein Bein unterzuschlagen / suchte die Wollust
unaufhörlich Gelegenheit; alle ihre annehmliche Blicke würden ihr selbst zum
Fallbrete; und ihre Liebhaber zu ärgsten Tod-Feinden. Keine Unschuld diente ihr
zum Schilde; keine Hertzhaftigkeit wäre genung sich aller Versehrungen zu
erwehren; und die keusche Lucretia so wenig / als die geile Lais unversehrlich.
Fürst Herrmann hätte hierwieder noch gerne ferner der Schönheit das Wort
geredet; wenn nicht die Einsegnung des Tempels sich geendiget; und August dem
Herrmann / Livia Tussnelden ihr auf der Seite gehaltenes Gespräche zu
unterbrechen durch ihren genommnen Abschied aus dem Tempel Anlass gegeben hätte.
Gegen Abend selbigen Tages ward in dem grossen Schauplatze zu Ehren des Castors
ein Riesen-Tantz von zwantzig geharnischten Jünglingen / und dem Pollux zum
Gedächtnis ein Kampff mit Streit-Kolben / an welchen bleierne Kugeln hiengen /
gehalten; weil Pollux dieses Gefechte erfunden / Griechenland aber den Castor
mit einem Tantze auf den Dreischlag verehret haben soll. Wiewol nun dazumahl
noch so gemein nicht war: dass Erlauchtes Frauenzimmer und Rats-Herren denen
Fechtern zuschauten / so liess doch August seinen Enckeln zu Liebe dieses mahl
alle Grossen beides Geschlechtes einladen; iedoch die Fechter nicht nackt /
sondern köstlich / wiewol leichte angekleidet im Schau-Platze erscheinen. Weil
aber um selbige Zeit der vorhin ganz helle Himmel sich in Regenwetter
verwandelte / fand die Fürstin Tussnelda über der Pforte des Eingangs in dem
Schauplatze / der sie zu ihrem Sitze leitete / durch eine unbekandte Hand mit
Saffran in deutscher Sprache angeschrieben:
Der ganze Tag ist schon / die Lufft glåntzt wie Safier;
Nun du Tussnelde kommst / und's Schau-Spiel hat begonnen;
Umwolckt die Sonne sich. Warum? sie weichet dir
Und schåmet sich zu stehn bei einer schonen Sonnen.
    Wie aber Tussnelde an diesem schlechtes Vergnügen fand / und deswegen diese
Uberschrifft alsbald abzutun anbefahl; also sah sie nicht ohne innerste
Gemüts-Kränckung / wie nicht allein unter denen in denen Antlitzen mit Zinober
und Berg-blau seltzam gemahlten Fechtern so viel tapffere Deutschen zu diesem
blutigen Kampffe genötiget; sondern auch /wenn sie dem zornigen Pöfel nicht
grausam genung auf einander raseten / auffs schimpfflichste geschmähet / und
nach ihrer Atem-losen Abmattung mit einem Geträncke aus Lauge zu ihrem nur
längerem Elende erquicket wurden. Worüber sie für Unwillen in ihrem Sitze die
blauseidenen mit Golde durchwürckten Fürhänge; wormit Germanicus und Tiberius
alle Gestüle des Adels hatte versehen lassen / fürzoh. Welches der nicht ferne
davon sitzende Fürst Herrmann genau wahrnahm; und daher ihm Gelegenheit suchte
bei dem Gast-Mahle / welches noch selbige Nacht Germanicus und Tiberius allen
Grossen ausrichtete /gegen dem erstern und zwar der anwesenden Fürstin Tussnelde
zu Liebe zu erwähnen: Es wäre eine allzugrosse Strengigkeit: dass die Römer ihre
Gefangenen /und insonderheit aus denen streitbarsten Völckern /welche der Kayser
selbst zu seiner Leib-Wache brauchte / zu selbsteigener Hinrichtung nötigten.
Germanicus antwortete: Es wäre ihm leid: dass aus dem / was er seinen Vorfahren
in seinem Schau-Spiele nur nachgetan hätte / zu iemandens Unvergnügen gereichen
sollte. Er meinte aber: dass diese bei den Römern hergebrachte Gewonheit sich
allerdings mit dem gemeinen Rechte der Völcker verteidigen liesse; welches
nicht nur die streitbaren / sondern alle Feinde ohne Unterscheid des Alters und
Geschlechtes / ja auch die / denen man gleich nicht im ersten Eyver der Schlacht
das Licht ausgelescht hat / zu tödten verstattete. Sintemahl bei diesen letzten
der Tod nur verschoben / das Leben aber keines Weges geschenckt würde. Welches
nicht nur das Beispiel aller Völcker; der vom Pyrrhus abgeschlachtete Priamus /
die auf dem Grabe Achillens geopfferte Polyxena / die von denen aus Corcyra
getödteten Epidamnier / die vom Hannibal auff einmal hingerichteten Römer /
sondern auch die eigenen Sitten der Deutschen und Scyten erhärteten / da sie
ihre Götter mit dem Blute der Gefangenen versöhneten. Fürst Herrmann versetzte:
Er wiederspreche die Gewalt über das Leben und den Tod der Gefangenen nicht;
aber die sich selbst / wiewol nur auf Gnade und Ungnade / und also sonder einige
Bedingung Ergebenden zu tödten / oder auch die mit Zwang Gefangenen zu selbst
eigener Auffreibung anzustrengen wäre beides eine Härtigkeit / die in sich kein
Mass hätte / und die Feinde zu verzweiffelter Verbitterung veranlaste. Denn ob
zwar die ersten ihren Willen der Willkühr des Uberwinders unterwürffen; also:
dass nichts beschwerliches wieder ihr Belieben ihnen zu begegnen schiene; so
würde doch allezeit stillschweigend ausgedungen / was der Bedrängte nur auf den
Fall der eussersten Wiedersätzligkeit verlieren könnte / nehmlich das Leben. Ja /
da einem Knechte Unrecht geschehe; wenn der Herr ihn mit unerträglicher Last
bebürdete / mit unmenschlichen Straffen ausäderte; da kein Herr ohne
richterliches Erkäntnüs seinen Leibeigenen tödten / oder denen wilden Tieren
fürwerffen dörffte / und sich über ihn des Eigentums verlustig machte / der ihm
die Lebens-Mittel oder die Artznei entzöge / oder selbten auch gleich auf das
Eyland des Esculapius ausladen liesse; wie viel mehr Unbarmhertzigkeit wäre es
sich gegen die Ergebenen grausamer bezeigen; die auff die Gnade des Siegers ihre
übrige Wolfart gebaut hätten; und den mit den Klauen zerfleischen / der unter
unsern Flügeln Schirm zu finden getrauet hätte. Wesswegen die / welche sich nicht
überwinden könten / denen Ergebenden weniger als das Leben zu nehmen / die
angebotene Ergebung denen Feinden auszuschlagen / und sie ihnen zu bedeuten
schuldig wären: dass sie nach der Schärffe des Kriegs-Rechts das eusserste tun /
und hinwieder erwarten sollten. Sintemahl es zwar Rechtens ist / aus seines
Feindes weggeworffenen Degen / für ihn Fessel /nicht aber Hencker-Beile
schmieden zu lassen. Und wäre daher Scipio nichts minder wegen seiner
Gerechtigkeit / als sonst wegen seiner Tapfferkeit zu rühmen: dass er von denen
biss auffs eusserste verstockten Numantiern keinen zu tödten begehret / welche
nicht selbst sich eigen beliebig hingerichtet hätten. Ja bei denen meisten
Völckern wäre auch die Dienstbarkeit der sich selbst ergebenden viel leidlicher
/ als der Gefangenen. Die sonder einige ihre Einwilligung Gefangenen müsten
freilich zwar dem Sieger den Nacken gedultig hinrecken; daher er es den Römern
nicht für übel hielte: dass sie auf ihren Siegs-Geprängen sich an so viel
sterbenden Feinden erlustigten; dass aber sich Freunde und Bunds-Genossen selbst
unter einander aufreiben müsten / hiesse der Natur einen Zwang antun / und die
Menschen sich in ein wildes Pantertier verwandeln. Germanicus bezohe sich zwar
auf das Beispiel des von den Römern getödteten Pometischen Fürstens / der vom
Sylla erschlagener Samniter / der vom Julius niedergehauener Numidier. Uber diss
/ sagte er / wäre der denen Fechtern aufgedrungene Zwang nichts so
abscheuliches; weil die zwei vertrautesten Freunde Juba und Petrejus auff diese
Art einander selbst von der Uberlast des beschwerlichen Lebens geholffen hätten.
Ja weil ihrer so viel durch eigenhändigen Tod sich aus der Dienstbarkeit
versetzten / hätte ein Gefangener kein Bedencken zu tragen / auch diss gegen
seinen Bruder auszuüben /was er gegen sich selbst zu tun nicht für grausam
hielte. Fürst Herrmann aber bezohe sich auf viel mildere Sitten / derer bei den
Römern für überaus grausam beschriener Völcker / und dass die über sich selbst
habende Gewalt sich nicht gleich über andere ausdehnen liesse. Insonderheit aber
wüste er nicht: wordurch es die Deutschen verschuldet hätten: dass sie mehr als
andere zu so grimmigem Gefechte angestrenget würden? Es würden gewiss hierdurch
dieselben /welche mit so fester Treue für das Römische Volck die Waffen geführet
/ sehr stutzig; die aber / welche aus eingewurtzeltem Misstrauen ihnen noch die
Spitze bietete / mehr verbittert gemacht werden. Der kluge August hörte dieser
Wortwechselung mit Fleiss zu /unterbrach aber selbte mit folgender Erklärung: dass
mit seinem Wissen kein sich gutwillig Ergebender einen Fechter abzugeben / noch
auch andere Gefangenen mehr / als einmal den Kampff auszustehen gezwungen /
sondern sodeñ bei nahe in völlige Freiheit gesetzet würden. Da auch hiewieder /
insonderheit: dass man die tapffern Deutschen für andern hierinnen anspannete /
etwas gehandelt worden wäre; wollte er solchem Missbrauche zu so vieler verdienter
Helden Vergnügung vollkömmlich abhelffen.
    Diese Empfindligkeit des Fürsten Herrmanns vergnügte Tussnelden so sehr: dass
sie noch selbige Nacht / als Germanicus und Tiberius zu denen auf den dritten
Tag bestimmten Rennen die sämtlichen Gäste einlud / ihn unter dem Scheine der
Landsmannschaft zu ihren Gefärten erkiesete. Denn weil Pollux und Helena aus
einem / Castor und Clytemnestra aus einem andern Ey / welches Leda geboren /
entsprossen sein sollten; pflegten in denen dem Castor und Pollux zu Ehren
gehaltenen Ritter-Spielen allezeit die Helffte Frauen-Zimmer untermengt zu
werden. Tussnelda nam folgenden Tag unter dem Vorwand sich über ihrem Aufzuge
mit einander zu bereden Gelegenheit / dem Fürsten Herrmañ ihr Wolgefallen über
dem / was er für die tapferen Deutschen den Tag vorher geredet hatte / zu
bezeugen. Worüber sie denn durch die diesem Volcke angebohrne Verträuligkeit
beiderseits ferner veranlast wurden / über die Bedrängungen Deutschlands anfangs
zu seuffzen / hernach aber ihren innerlichen Unwillen gegen die herrschsüchtigen
Römer auszulassen; ja ihr Unglück zu beklagen: dass sie das Verhängnüs in solchen
Stand und an einen solchen Ort versetzt hätte; da sie ihren Feinden noch
heucheln / und ihre Dienstbarkeit rühmen müsten. Endlich liess Tussnelda aus dem
innersten ihres Hertzen einen tieffen Seuffzer aus / und beschloss ihre
Unterredung mit diesen Worten: Wolte GOtt! Unsere deutsche Freiheit hätte sonst
keine Feinde / als die Ausländer, so würde ich mir über ihrer Gefaht kein graues
Haar wachsen lassen. Aber leider! wir säugen den uns fressenden Krebs mit unsern
eigenen Brüsten / und wormit ein deutscher Fürst dem andern könne zu Kopffe
wachsen / schämet er sich nicht ein Fussschemmel der Fremden zu werden. Fürst
Herrmann wollte für dissmahl Tussnelden nicht ferner in Pulss fühlen; um durch
frühzeitige Sorgfalt ihr nicht Ursach zu Verschlüssung ihres Gemütes zu geben;
sondern redete allein ihrer beider künftigen Aufzug derogestalt mit ihr ab: dass
sie wie die zwei Halb-Götter der Naharvaler / Alcis genennt / welche ohne diss
die Römer für den Castor und Pollux auslegten / auf der Rennebahn erscheinen
wollten. Auf dieser war zu dem einen Ziele auffgestellt das Bild des Lynceus;
welcher den Castor getödtet / aber von dem Pollux wieder durch eine ihm auf den
Hals gestürtzte Marmel-Seule erlegt worden. Das andere Ziel war das Bild des vom
Pollux in einem Gefechte erschlagenen Anycus. Das dritte Ziel war der vom Blitz
in Asche verkehrte Idas; als er den Pollux antasten wollen. Nach dem ersten
Ziele ward in vollem Rennen mit dem Bogen / nach dem andern mit einem
Wurff-Spiesse geschossen; nach dem dritten aber mit einer Lantze gerennet. Alle
sassen auf schneeweissen Pferden; weil Castor und Pollux in einer Schlacht unter
dem Aulus Postumius wieder die Latiner auff solcher Art Pferden für die Römer
sollen gefochten; an solche ihre Pferde zu Rom beim Heiligtum der Vesta
gebadet und den Sieg zum ersten angekündiget haben. Derogleichen Beistand und
Ankündigung ihnen denn auch in dem Macedonischen Kriege wieder den König Perses
nachgerühmet wird. Die Fürstin Tussnelda gläntzte für allen andern in ihrem
Himmel-blauen mit eingewürckten güldenen Sternen schimmernden Kleidern; gleich
als wenn eine solche Göttin nicht geringer als mit etwas himmlischem bekleidet
sein könnte; aber vielmehr mit ihrer unvergleichlichen Schönheit und
Lebhaftigkeit / mit welcher letztern sie nichts minder alle Römische Edelleute
/ als mit der ersten alles Frauen-Zimmer übertraff. In dem Rennen erwies sie:
wie diss ihr leichtestes Handwerck wäre. Fürst Herrmann und alle andere täten
ihr Bestes; um sich nicht so wohl der aufgesetzten herrlichen Preisse / als der
daraus erwachsenden Ehre fähig zu machen. Germanicus gewan den Preis in der
Lantze / Herrmann im Wurff-Spiesse; Tussnelde aber hatte dem Lynceus ins rechte
Auge / welches zum innersten Hertz-Zwecke ausgesetzt war / einen mit folgenden
Worten umschriebenen Pfeil zugeschossen:
Dem Lynceus in das Aug'. Es lehre dieser Schuss:
Dass Kunst der Tugend Magd / das Glück' ihr Knecht sein muss.
Zu aller Anschauer höchster Verwunderung aber steckte des Fürsten Herrmanns
Pfeil gerade auf Tussneldens Pfeile / und stand daran mit güldenen Buchstaben
geetzt:
Nichts seltzam's: dass ein Pfeil den Pfeil trifft nicht so fern'.
Erzielt doch der Magnet den weitern Angelstern.
Denn die Gewonheit der Persen: da nämlich alle Pfeile der in Krieg ziehenden für
dem Angesichte des Königs auf gewisse Art bezeichnet wurden; war bei denen
Römern nunmehr auch / insonderheit bei derogleichen Lust-Spielen eingeführet;
wormit ein ieder den seinigen von Fremden unterscheiden konnte. Die über dieses
Rennen gesetzte Richter verwunderten sich nicht wenig über diese Begebnüs /
sonderlich /da die an denen zwei Pfeilen befindliche Schrifft klar genung
erhärtete: dass beide Schüsse nicht ungefähr /sondern aus rechter Kunst und
Vorsatz geschehen waren; Gleichwol aber waren sie über der Zueigung des Preisses
nicht wenig zweifelhaft; ja dardurch am allermeisten verwirret: dass so wohl
Tussnelde / als Herrmann mit Anführung vieler dienenden Ursachen sich des
Preisses enteusserten. Diesemnach sie denn nach selbst eigener Beratung des
Kaysers beide veranlasten mit einander durch ein neues Bogenschüssen zu
gleichen. Viel tausend begierige Augen waren gleichsam an das Ziel angehefftet;
da denn die Fürstin in ihrem Vorrennen dem Lynceus recht durch das lincke Auge /
Fürst Herrmann aber recht durchs Hertze schoss; aus welchem ein derogestalt
bezeichneter Pfeil gezogen ward:
Mein Pfeil fehlt zwar den Zweck / doch trifft er / was ich will.
Denn Aug' und Hertz hat oft ein unterschieden Ziel.
    Jedermann verwunderte sich abermals über beide so künstliche Schüsse; und
zohe sie des Asterius Meisterstücke für; welcher in der Schlacht dem Könige
Philippus Vermöge der daran befindlichen Schrifft einen ins Auge bestimmten
Pfeil gleichfalls glücklich anbrachte. Weil aber die Augen einmal zum
Hertzzwecke ausgesetzt waren / und die Fürstin Tussnelde diesen Lynceus auf
beiden Augen blind gemacht hatte / ward ihr im Pfeil-Schüssen der Preis
zugesprochen / und unter dem Zuruffen des Römischen Volckes von Livien
überreichet. Hierbei aber nahm die kluge Tussnelda genungsam wahr: wie Fürst
Herrmann ihr nicht nur mit Fleisse diesen Preis zugelassen / sondern auch
dardurch seine absondere Zuneigung mehr und mehr gegen sie bestärcket hatte.
Weil nun die Unempfindligkeit nur gefrorner Hertzen / die Bewegung einer zarten
Seele Eigenschaft ist /und ihr Zunder Feuer zu fangen nur einen Funcken darff /
spielte sich in Tussneldens Hertze nach und nach eine solche Gemüts-Regung /
von der sie selbst nicht wusste: ob ihr der Nahme der Gewogenheit / oder der
Liebe anstünde. Denn diese zwei Bewegungen gräntzen so genau und nahe an
einander: dass ihre Eigentums-Herren sie selbst so lange Zeit nicht zu
unterscheiden wissen; wo anders ein Mensch sich über die Gemüts-Regungen / und
nicht vielmehr diese über ihn sich einer Herrschaft zu rühmen hat. Man nehme
sie nur für eines oder das andern an / so würckte sie keine geringe Merckmaale
ihrer Zuneigung. Denn als der ganze Hof mit dem Kayser zu Lanuvium sich
aufhielt / und sie aus Deutschland Schreiben und Nachricht erhielt: dass Tiberius
biss über die Weser gesetzt / denen Cheruskern nicht geringen Abbruch getan /
zum grösten Unglücke Deutschlands aber der grossmütige Feldherr Segimer Todes
verblichen wäre; meinte die treuhertzige Tussnelda allerdings unverantwortlich
zu sein diese Nachricht dem Fürsten Herrmann / als welchem hieran so viel
gelegen wäre / zu verschweigen; zumahl sie besorgte: dass doch August Segimers
Todes-Fall für ihm so viel möglich verborgen halten würde. Dahero wie der Kayser
und Livia nach erhaltener Post aus Deutschland Rat hielten / veranlaste
Tussnelda in Gesellschaft nur zweier aus ihrem Frauen-Zimmer den Fürsten
Herrmañ mit ihr den eingefallenen Schau Platz der alten Lateinischen Könige und
Evanders Burg zu beschauen. Wie sie nun dahin kam / fieng sie mit wässrichten
Augen an: Grossmütiger Herrmann und liebster Vetter; ich muss mich bald anfangs
dieses Titels gebrauchen; wormit er teils so viel weniger über meiner
Verträuligkeit sich wundere; teils meiner Auffrichtigkeit so viel mehr Glauben
gebe. Ich bin Segestens Tochter; den das Verhängnüs Saturnins Tochter Sentia zu
heiraten / diese aber ihn verleitet hat / mich zu einer Römischen Geissel zu
machen. Wolte aber GOtt! ich hätte mit ihr nur eine Stieff-Mutter; Deutschland
an ihm keinen Stieff-Vater bekommen! Alleine leider sich erfahre: dass wenn das
Verhängnüs iemanden zu verterben beschlossen hat /läst es ihn anfangs von
Vernunft oder gar von Sinnen kommen. Denn Segestes; welcher für die Freiheit
Deutschlandes so viel mahl sein Leben gewagt; so viel Blut verspritzet / lässet
nunmehr allem Ansehen nach die Hand sincken / und hilfft sein Vaterland selbst
denen Römern dienstbar machen; gleich als wenn er mit der Zeit nicht auch würde
einen Knecht der Römer abgeben müssen. Unsere schlauen Feinde verleiten ihn mit
Vertröstung der Deutschen Feld-Hauptmannschaft; da er doch erwegen sollte / mit
was Unrecht solche dem Fürsten Herrmann entzogen; und wie August Segesten
hieran nichts / als den Schatten enträumen; das Hefft aber über das einmal
überwundene Deutschland keinem andern aushändigen werde. Er lege nicht übel aus
/ vertrauter Herrmann / meine freimütige Hertzens-Ausschüttung. Denn die Liebe
des Vaterlandes überwiegt die / welche man den Eltern schuldig ist. Ja zu
bezeugen: dass ich seinem Rechte mehr / als dem Wachstume meines Geschlechtes
wohl wolle; so werde ich gezwungen ihm die traurige Zeitung zu bringen: dass der
einige Pfeiler der Deutschen Freiheit / nehmlich sein Vater der hochverdiente
Feldherr Segimer verfallen und todt sei. Ich weiss wohl: dass das Trauren einem
frischen Schmertze allerdings nicht unanständig sei; aber das Heil des
Vaterlandes / die Erhaltung seines Volcks /und die Hoheit seines Standes
erfordern dissmahl von ihm trockene Augen / reiffen Rat / und eine hertzhafte
Entschlüssung. Ich bin ohne diss versichert: dass diesen Verlust sein Geblüte zwar
nicht gar unempfindlich / sein grosses Gemüte aber nicht weibisch aufnehmen;
weniger seine Klugheit es gäntzlich in Wind schlagen; sondern die Sorge dem
Vaterlande zu helffen das kräfftigste Hülffs-Mittel wieder dieses Betrübnüs sein
werde. Hertzog Herrmann hörte Tussnelden mit unverwendeten Augen / und
unverändertem Antlitze an; so lange sie redete. Als sie aber beschloss; fiel er
auff das eine Knie / umarmete Tussneldens / die diss zu verwehren vergebens sich
bemühte; und fieng an: Ich würde den Tod meines Vaters nachdrücklicher zu
betrauren haben; wenn das gütige Verhängnüs diesen Verlust nicht durch das
Geschäncke einer so vollkommenen Freundin ergäntzt /und Deutschland mit einer so
grossen Schutz-Göttin versorgt hätte. Die Not und der Befehl derselben; in
welcher Hand das Verhängnüs mein Glück und Unglück vertrauet hat / erfordert
freilich / mein Bekümmernüs nicht für eine todte Leiche / sondern für die
Erhaltung des kranckenden Vaterlandes anzugewehren. Aber die übermässigen
Woltaten der Fürstin Tussnelda verbinden mich so wohl als Deutschland /nicht
alle Kräfften dortin und zu seinem eigenen Besten; sondern zum minsten die
Helfte zu einem unvergesslichen Danck-Maale gegen sie als unsern Schutz-Stern
anzuwenden; dessen holden Anblick das scheiternde Vaterland nichts minder / als
ich kluger Wegweisung bedürfftig bin. Tussnelde / welche ohne diss diese
nachdenckliche Demütigung nicht gerne ihr /wiewol der Treue und
Verschwiegenheit halber genungsam geprüfftes Frauen-Zimmer sehen lassen wollte /
nötigte den Fürsten zum Wiederauffstehen; und kamen sie hierüber in
Beratschlagung: Ob Fürst Herrmann heimlich; oder mit Vorbewust und Einwilligung
in Deutschland reisen sollte? Dieses letztere hielt Herrmann für ratsamer; weil
der ihm für so viel treue Dienste verbundene August ihn mehrmahls versichert
hätte: dass er auff Segimers Todes-Fall ihm nicht nur zur Herrschaft der
väterlichen Lande / sondern gar zu allen Vor-Elterlichen Würden behülflich sein
wollte. Diss aber wiederriet Tussnelda beständig. Denn / sagte sie / weil die
Woltaten zeitlicher ihr Andencken / als die Rosen ihre Blätter verlieren; die
Staatssucht auch mit keiner Tugend grössere Unverträgligkeit hat / als mit der
Danckbarkeit; dörffte die Hoffnung auff Augustens grosse Vertröstungen ein
schlechtes Gebäue aufführen. Zumahl der Kayser weder sein selbst / noch sein
Versprechen zu erfüllen mehr mächtig wäre; nach dem die ihn in Händen habende
Livia und Tiberius eben diss und ein mehrers Segesten mit vielen Beteuerungen
versprochen hätten; dessen sie beide zugleich unmöglich habhaft sein könten.
Diesemnach wäre es nichts minder in diesem Falle ratsam / als durchgehends eine
grosse Klugheit sich eines solchen Herrn entbrechen / der sich durch Vergeltung
von Woltaten nicht entbinden kann. Denn diese würden zwar iederzeit gerne
angenommen / der Woltäter aber nicht gerne für Augen gesehen; ja wenn einem
seine Schwäche vollends die Hoffnung treue Dienste auszugleichen benehme /
verwandelte sich das erste Erkäntnüs in eine Abscheu; und weil die
Verbindligkeit nicht auszuleschen wäre /trachtete man gar den Gläubiger zu
vertilgen. Wenn aber auch August so wohl den Vorsatz als das Vermögen hätte dem
Fürsten Herrmann wohl zu tun; würde doch der vom Segestes neu entworffene
Vorschlag die Chautzen zu bemeistern dem Kayser die Hände binden; und für diesen
zur Dienstbarkeit geneigten Fürsten etwas auffzuheben / mit dessen Schatten
August immer fort seine Hoffnung speisen; ihn selbst aber an der Angel führen
könne. Worüber ihr / wenn sie daran gedächte / das Hertze in tausend Stücke
zerspringen möchte; auch nichts anders glaubte: denn das die Stieff-Mutter
Sentia ihren Vater bezaubert /oder wenigstens verbländet hätte. Herrmann befliess
sich der bestürtzten Tussnelde zu Liebe auff allerlei Weise die Schuld von
Segesten auff seine Gemahlin zu schieben / und zu behaupten: dass es leichter
wäre gegen ein gewaffnetes Heer / als ein liebreitzendes /und zugleich
Ehrsüchtiges Weib bestehen. Denn ihre Herrschaft bemächtigte sich ihrer eigenen
Gebieter; und dehnete ihre Gewalt über alle Schrancken der Leibeigenschaft aus.
Sie verwechselte den Genuss ihres Leibes mit der Botmässigkeit über seine Seele;
sie vergällte das Hertz gegen seine Kinder; sie verhärtete sein Gemüte wieder
seine eigene Wolfart; und weil die grössesten Riesen für ihrer Schwäche
erliegen müsten / wenn sie schon alle ihre Vernunft und Kräfften zusammen
fasten; wäre sie keinem Dinge besser / als dem kleinen Fische zu vergleichen /
der ein mit vollem Segel durch Schaum und Wellen streichendes Schiff / wie der
Kapzaum ein schäumendes Pferd hemmete und anhielte. Hierauf gab er
bescheidentlich nach: dass Tussneldens Rat auff unumstossliche Seulen gegründet;
und es in Geheim von Rom sich zu machen sicherer wäre; wiewol August desshalben
eine Ursache vom Zaune zu brechen / und Gelegenheit ihn für Feind zu erklären
nehmen könnte. Allein es läge ihm ein ander Stein auff dem Hertzen; der seiner
Reise am Wege läge / den er aber auf die Seite zu räumen sich nicht überwünden
könnte. Tussnelden war dieser tunckele Einwurff zwar etwas nachdencklich; iedoch
hatte sie ihre Unterredung schon so vertiefft: dass sie nicht vorbei konnte nach
diesem Hindernüsse zu fragen. Herrmann färbte sich hierüber / und antwortete nach
einem kurtzen Stillschweigen und Seuffzer: Vollkommenste Tussnelda /mein blosses
Stillschweigen ist schon Redner genung meine Schmertzens / iedoch begreifft es
in dem / dass ich nichts sage / bei weitem nicht alles / was meine Seele in ihr
empfindet. Tussnelda stellte sich; als wenn sie seine Meinung gar nicht
verstünde / und antwortete: Es wäre unschwer zu ermessen: dass das Schweigen
keinen richtigen Abdruck der Gedancken abgeben könnte; nach dem so gar die
Sprache ein unvollkommenes Nachgemählde des Gemütes wäre. Sie glaubte wohl: dass
nichts schlechtes seine Entschlüssung hemmete; alleine solchen Helden müsten
auch Klippen aus dem Wege treten. Alle Unterfangungen in Zentner-Sachen dörfften
ein Lot Vermässenheit; und die Ratschläge wären zuweilen denselben Gewächsen
gleich zu halten / die man nicht müste lassen reiff werden. Denn wie diese mit
ihrer Säuerkeit den angenehmsten Geschmack machten; also schlügen frühe und
unreiffe Schlüsse oft glückseliger aus / als die man gleichsam durch
allzusorgfältige Ausbrütung verärgerte. Hertzog Herrmann fieng hierauff mit
einem freudigen Gesichte an: Er würde sich niemahls unterwunden haben ihr mit
eröffneter Hindernüs seine innerliche Wunden zu entdecken; wenn sie nicht der
Vermässenheit selbst das Wort geredet; und ihm dardurch zwar seine Beschwerde
nicht zu erleichtern; iedoch seiner innerlichen Glut durch diese Ausrauchung ein
wenig Lufft zu machen Anlass gegeben hätte. Sein Anliegen wäre dieses grosse: dass
er von einer so vollkommenen Fürstin so viel; an ihm selbst aber so wenig
Vergnügen findete; welches hingegen ihr einiges Belieben an ihm geben könnte.
Gleichwol aber hielte er diese seine Regung ihm mehr für eine Ehre / als für ein
Leiden; weil er dardurch den Ruhm erlangte: dass er fähig wäre nichts minder eine
so grosse Pein auszustehen; als nichts anders / denn die gröste Vollkommenheit
lieb zu gewinnen. Tussnelde rötete über diesen letzten Worten ihre ohne diss
denen frischen Morgen-Rosen gleiche Wangen / und versetzte ihm lächelnde: Sie
wüste gar wohl ihre Gebrechen / und die Art so höflicher Fürsten; welche
meistenteils ihrer gemeinsten Verbindligkeit den Nahmen einer so heftigen
Liebesregung gäben; in Meinung: dass das Frauen-Zimmer sich nichts minder / als
einfältige Kinder an den Schalen der Sachen zu belustigen pflegte. Sie nehme es
inzwischen entweder für einen Schertz auf; oder vergnügte sich mit der blossen
Wolgewogenheit eines so vollkommenen Fürsten. Herrmann versetzte: Es wäre nichts
minder eine Art der empfindlichsten Grausamkeit einen Krancken überreden: dass er
gesund sei; und das heftigste Feuer der Liebe einen zu Wasser machen wollen;
als eine Verdoppelung der Pein; wenn man diese gewaltsame Glut in der Höle des
Hertzens zu erstecken trachtete. Mit dem letztern hätte er sich zeiter fast zu
tode gequälet; daher hoffte er: ihre Gütigkeit würde nicht verhängen: dass die
Entdeckung seiner inbrünstigsten Liebe ihm nur deswegen den Lebens-Atem
erhalten hätte; wormit er durch ihre Unbarmhertzigkeit in eusserste
Verzweifelung versetzt würde. Ihm wäre nicht unbekandt: dass die Liebe nichts
minder als Epheu ohne einige Wartung das gröste Wachstum erlangte; ja dass sie
eben so durch Verachtung wie glüende Steine durch angesprjetztes Wasser mehr
erhitzet würden; aber seine Liebe überstiege ohne diss die Grösse aller andern /
und seine Seele wäre geschickter eingeäschert / als mehr angezündet zu werden.
Dem Himmel würde zwar zugetrauet: dass er durch Donner und Blitz der Erde
Fruchtbarkeit beförderte; aber vielfältig mahl mehr nützete ein sanfter Regen.
Also würde sie an seinem durch ihren gütigen Anblick angezündeten und nach und
nach verglimmenden Hertzen ein süsser Opffer genüssen; als wenn sie durch ihre
unbarmhertzige Strahlen selbtes auff einmal in Grauss und Staub verwandelte. Die
leutselige Fürstin begegnete ihm hingegen: wenn sie nicht wüste: dass die
Härtigkeit kein notwendiges Kennzeichen eines züchtigen Gemütes wäre; sondern
sich auch ohne Befleckung der Ehre eine unerlaubte Anmutung mit Glimpff
ablehnen liesse; würde sie schier gezwungen werden ihn mit einer ernstern
Gebehrdung anzuweisen: dass er derselben nichts abheischen sollte / was sie zu
erlauben selbst nicht berechtiget wäre. Aber sie wollte zum minsten ihre
Gelindigkeit dardurch erweisen: dass sie ihm selbst so viel Zeit enträumte; seine
Entschlüssung zu überlegen; als seine Regung sich wieder zu bestillen von nöten
/ er aber die Ehre hätte ohne fremde Hülffe genesen zu sein. Deñ Zeit und
Abwesenheit wären nicht nur die aufjährenden Bewegungen der Jugend zu dämpffen;
sondern auch tieff eingewurtzelte Entschlüssungen zu vertilgen mächtig. Ich
gestehe es / antwortete Herrmann: dass die Kühnheit meiner Liebe keiner
Entschuldigung; ihre Hefftigkeit aber keiner Verschwindung fähig / und weder die
Zeit /noch einige andere Kräfften selbte zu tilgen geschickt sind. Denn wie die
von dem Schweisse der Morgenröte empfangene Perle so feste verwahret ist: dass
selbte ohne Zerdrümmerung der Muschel / und Tödtung ihrer Mutter ihr nicht kann
entfremdet werden; also wird das in meinem Hertzen so fest verschlossene Bild
Tussneldens der unschätzbaren Perle dieser Welt ohne gäntzliche Zernichtung
meines Wesens mir nimmermehr geraubt / ja die selbtes verwahrende Flamme meiner
Liebe durch den von ihrer Grausamkeit mir zuwachsenden Tod selbst nicht
ausgelescht werden. Diese Worte brachte der tapffere Herrmann mit so
durchdringender Gebehrdung für: dass Tussnelden die Augen übergiengen; und sie
sich kaum erholen konnte ihm wiewol mit halbverbrochenen Worten zu sagen: Lebe
Herrmann / dem Vaterlande und derselben zu Liebe; welche dir mehr als gewogen
sein würde; wenn sie ihr selbst iemanden zu lieben gebieten könnte. Hertzog
Herrmann / welcher sich ehe von Tussnelden eines Todes-Urtels / als einer so
holdseligen Erklärung versehen hätte / wusste für Freuden kein Wort aufzubringen
/ sondern senckte sich nieder ihre Knie zu umfangen. Tussnelde aber reichte ihm
solche Erniedrigung gleichsam zu verwehren ihre Hand / die er als ein sicheres
Pfand nicht nur ihrer Gewogenheit / sondern wahrhaften Liebe mit der höchsten
Empfindligkeit küssete / biss sie selbte zurück zu ziehen genötiget ward; weil
eine ihres Frauen-Zimmers sich ihnen näherte / und Bericht brachte: dass der
Kayser den Rat geendiget / und Livia nach ihr gefragt hätte. Welche denn
Tussnelden nicht ohne Nachdencken etliche Tage nicht von ihrer Seiten liess;
also: dass Hertzog Herrmann keine Gelegenheit zu finden vermochte / den letzten
Schluss seiner Reise verträulich abzureden.
    Inzwischen kam ein deutscher Edelmann zum Hertzog Herrmann / der sich unter
die vom Segestes nach Rom gehende Gesandschaft verstecket hatte; und brachte
ihm vom Fürsten Ingviomer Schreiben des Innhalts: Dass Tiberius etliche mahl mit
den Deutschen sonder einigen Vorteil geschlagen; ja der Ritter Stirum ihn bei
nahe selbst erlegt hätte. Hertzog Segimer wäre auch bereit fertig gewest denen
Bructerern zu Hülffe zu kommen. Dieses zu hintertreiben hätte Tiberius die
seinem Sohne zu Rom wiederfahrende Woltaten mit vertrösteter Freilass- und
Versprechung güldener Berge heraus gestriechen; iedoch nichts zu erhalten
vermocht; sondern nur von Segimern zur Antwort bekommen: dass er lieber seinen
Sohn in Band und Eisen / als sein Vaterland dienstbar wissen; auch ehe sterben /
als sein Land von der Gnade eines Ausländers besitzen wollte. Zuletzt hätte
Tiberius in einem Schreiben ihm noch angeboten: dass / wenn er nur ruhig bleiben
/ und denen Caninefaten und Attuariern keine Hülffe leisten wollte; der Kayser
ihm wieder die Quaden unter seine Botmässigkeit lieffern / und den Vannius seines
Reiches entsetzen wollte. Uber Erbrechung dieses Schreibens wäre Hertzog Segimer
augenblicklich über einen Hauffen gefallen / hätte im ganzen Leibe eine
übernatürliche Hitze bekommen; also: dass sein Verstand alsofort wäre verwirret /
und nach dreien Stunden / ungeachtet aller Artznei-Mittel / sein Helden-Geist
aus dem Gefängnisse des sterblichen Leibes zu grossem Betrübnüs ganz
Deutschlands befreit worden. Daher man nicht anders schlüssen könnte / denn dass
dieser Brieff mit einem flügenden und überaus heftigen Giffte müsse sein
angestäubt gewest. Er hätte zwar inzwischen /als nechster Anverwandter / statt
seiner bei den Cheruskern ein und andere gute Anstalt machen / und denen
bedrängten Deutschen mit zehen tausend Cheruskern Beistand leisten wollen;
allein dem erstern hätten sich etliche herrschsüchtige Köpffe entgegen gesetzt /
die grosse Macht des Tiberius aber die Bructerer und Cherusker über die Weser zu
weichen; wie auch Segodun und die Cattenburg zu verlassen. Also stünden nun die
Cherusker in höchster Bekümmernüs und Verwirrung; wüsten sich auch auff keinen
andern Ancker / als alleine auf ihn / als ihre noch einige Hoffnung / zu
verlassen. Hertzog Herrmann ward über solcher Todes-Art seines Volckes und dem
Notstande seines Volckes so wehmütig: dass ihm etliche Tränen auf Ingviomers
Brieff fielen. Sintemahl doch auch die Helden nicht Hertzen aus Ertzt /und Augen
aus Diamant haben. Vom Kayser Urlaub zu nehmen / schiene nach der zwischen den
Römern und Cheruskern auffs neue entstandener Feindschaft so viel mehr
gefährlich; ins geheim zu entweichen wäre nicht allein ein undanckbares
Misstrauen / sondern schiene auch seinem Treu und Glauben abbrüchig zu sein;
welches die redlichen Deutschen ihrem Leben weit vorsetzten. Weil nun Hertzog
Herrmann bald anfangs / als er gefangen einbracht ward / dem Kayser sein Wort:
ohne seinen Willen nirgendshin zu entweichen / gegeben / August aber den Fürsten
Herrmann dessen nie ausdrücklich erlassen hatte; standen ihm diese erhebliche
Bedencken allerdinges im Wege seinen Vorteil zu ersehen; und sich aus des
Kaysers Gewalt zu ziehen. Denn ob wohl denen festgesetzten Gefangenen das Recht
der Flucht in alle Wege zustehet; leidet doch diss einen Absatz; wenn ein
Gefangener mit nichts gewaltsamen / sondern allein mit seinem Angelöbnüs zu
bleiben beschrenckt wird. Ob nun wohl Hertzog Herrmanns ganzer Zustand samt
seiner Gefangenschaft durch seine in Armenien geleistete Kriegs-Dienste / und
seine zu Rom erworbene Würden verändert zu sein schien / hielt er doch die
Hoheit der Fürsten an ihr selbst für unveränderlich; und ihr Wort so hoch: dass
desselbten Beobachtung keinen spitzfindigen Absatz vertrüge; und ein Fürst Treu
und Glauben zu halten verbunden sei; wo gleich einem Niedrigen über die Schnure
zu hauen übersehen werden könnte. Denn wenn Treue und Auffrichtigkeit gleich in
der ganzen Welt verschwinde; sollte sie doch in den Hertzen eines Fürsten ihre
Wohnstatt behalten. Diese Bedencken hielt er auffs neue seiner geliebten
Tussnelde für / welche denn entweder ihrer Wichtigkeit halber / oder weil das in
ihren Hertzen sich ie länger ie mehr vergrössernde Liebes-Feuer an seiner
annehmlichen Anwesenheit abzukühlen verlangte / ihre erstere Meinung verliess und
seiner Gedancken ward: dass er noch zu Rom bleiben / und seinem Vetter Ingviomer
inzwischen die Beobachtung seiner Länder anvertrauen sollte. Wie denn auch der
Kayser ihm nach etlichen Tagen selbst den Tod seines Vaters vermeldete; und
andeutete: Er möchte zu Rom bleiben / biss Tiberius zurück käme / und er den
wahren Zustand Deutschlands vernähme / also desshalben mit ihm ein sicheres
Abkommen treffen könnte.
    Hertzog Herrmann teilte bei dieser Beschaffenheit gleichsam sein Hertze; in
dem die eine Helffte sich an der Gewogenheit Tussneldens erquickte / die andere
aber sich über dem Notstande seiner Untertanen schier zu Tode grämete.
Hierüber kam Tiberius und Segestes nach Rom; bei welchem letztern sich Hertzog
Herrmann durch seine unvergleichliche Leibes-und Gemüts-Gaben; insonderheit
aber durch die Erklärung: dass er bei so verwirrtem Zustande Deutschlands
Segesten / als einem Fürsten des Cheruskischen Hauses / die
Feldhauptmannschaft für allen Fremden von Hertzen gönnte / derogestalt
einliebte: dass er ihm nicht nur versprach beim Kayser sein Wort aufs beste zu
reden / und die Herrschaft über seine väterliche Länder zu wege zu bringen;
sondern auch hernach / als August Segesten noch zuvor kam / und vermerckte: wie
er den um ihn so sehr verdienten Hertzog Herrmann allerdings zum Besitzer der
Cheruskischen Länder wissen wollte / ihm seine Tochter Tussnelda zu mehrer
Befestigung ihrer alten Freundschaft zu vermählen antrug. Und dieses zwar
geschahe eben selbigen Tag / als August ihm andeutete: dass er mit Segesten zu
Beherrschung seines Erbteils nunmehr in Deutschland verreisen möchte; und /
wenn er denen Feinden der Römer keinen Beistand leistete / als er von ihm sich
keines Weges versähe; wäre Sentius Saturnin noch befehlicht ihm wieder alle
Cheruskische Feinde hülffbar zu sein. Hertzog Herrmann / wie gross sein Gemüte
gleich war / vermochte diese zweifache Glückseligkeit kaum zu begreiffen;
Sintemahl er Tussneldens Besitztum weit höher / als die Beherrschung der
ganzen Welt schätzte. Tussnelda ward ebenfalls von Segesten über der
angezielten Heirat vernommen; welche denn dem Willen ihres Vaters zu gehorsamen
ohne einige Bedingung sich erklärte; weil sie hierdurch nichts minder die
höchste Vergnügligkeit der Welt; und wornach ihre Seele zeiter in geheim
geseuffzet hatte / zu überkommen hoffte.
    Alleine / wie ins gemein eine grosse Windstille ein Vorbote eines grossen
Ungewitters ist; also ward der diese zwei Verliebten anblickende Soñenschein
bald in eine schwartze Betrübnüs-Wolcke verwandelt. Gleich als wenn das
Verhängnüs auch denen tugendhaftesten Gemütern nicht zutraute: dass selbte
nicht bei ununterbrochener Glückseligkeit sollten in Wollüste versenckt / und wie
der zärteste Alabaster von so vielen Tau-Tropffen anlachender Anmut flüssig
gemacht werden; oder weil es vor hatte durch den Vorschmack so vieler
Bitterkeiten die letztere Añehmligkeit so viel mehr zu verzuckern. Tiberius
kriegte in dem Tempel der Venus / welchen Pompejus über seinen Schauplatz
gebauet hatte / die schöne Fürstin Tussnelda das erste mahl zu Gesichte. Dieser
Anblick verwirrte anfangs seine Augen: dass sie nicht zu unterscheiden wussten: ob
sie einen Menschen /oder die Göttin solchen Heiligtums erkieseten; bald hierauf
aber nahm er sein Gemüte derogestalt ein: dass er sich für geendigtem Opffer
entfernen / Livien aber bekennen musste: dass er ausser Tussnelden kein
Frauenzimmer nimmermehr seines Beischlaffs / weniger seiner Liebe / am wenigsten
seines Ehbettes würdigen wollte. Von welcher Heftigkeit der Liebe Tiberius so gar
erkranckte / sonderlich / als sich mit ihr die Eyversucht vereinbarte / und
Tiberius durch seine Kundschafter die Heimligkeit erforschte: dass Tussnelda
schon dem Fürsten Herrmann ihr Hertze geeignet hatte. Daher Livia genötigt ward
ihm hierinnen hülffbare Hand zu leisten; ungeachtet sie alles ausländische
Frauen-Zimmer für ihren allbereit zum Kaysertume bestimmten Sohn viel zu
geringe / oder doch ihrem Absehen nicht vorträglich / ja den Kayser solcher
Heirat selbst wiedrig schätzte. Nach dem sie nun durch viel kräftige
Vertröstungen seiner erstern Schwachheit mercklich abgeholffen hatte; beredete
sie mit dem Tiberius: dass er beim Fürsten Segestes /Livia bei Tussnelden ohne
einigen Umschweiff sein Wort anbringen sollte; in Meinung: dass beide dieses
ungemeine Glücke mit beiden Händen umarmen würden. Weil ihren Gedancken nach der
Pöfel nur nach Liebe / Fürsten aber nach ihrem Vorteil heirateten. Tiberius
richtete durch seinen ersten Vortrag bei dem Ehrsüchtigen Segestes so viel aus:
dass er ihm zu willfahren sich allerdings verknipffte / wenn er anders sich
seines dem Hertzog Herrmann bereit gegebenen Jaworts mit Ehren entbrechen könnte.
Dieses war der einige Rügel / welcher nicht so bald aus dem Hertzen dieses von
seiner Geburts-Art sonst ziemlich entfernten Deutschen wegschüben zu lassen
möglich schien. Sintemahl doch die veränderten Gemüter nichts minder / als die
in fremde Länder versetzten Gewächse noch allezeit etwas von der Eigenschaft
ihres Uhrsprungs behalten müsten. Alleine Segestens hochmütige Gemahlin Sentia
war nicht nur Meisterin über ihres Ehmanns Hertz; sondern auch über die Natur;
brachte es also unter dem Schein: dass Vermöge der Römischen Gesetze / denen er
sich in der Stadt Rom allerdings bequemen müste / auch wirklich vollzogene
Vermählungen aus geringern Ursachen aufflösslich / die Staats-Gesetze auch aller
Verwandschaft; die Vergrösserung seines Geschlechtes allem andern Absehen
überlegen wären; so weit: dass Segestes den dritten Tag seine Tochter dem
Tiberius zu verloben versprach. Viel anders aber lieff es auf Liviens Seiten ab.
Denn Tussnelde setzte ihrer Heirats-Werbung entgegen: dass des Tiberius wie
anderer so grosser Leute Liebe ins gemein Schertz oder Versuchung wäre; und sie
ihr von ihm so viel weniger Zuneigung einzubilden hätte; weil die liebreitzende
Julia ihn zu vergnügen viel zu kalt gewest wäre; nach ihrer Ehtrennung aber er
ein Gelübde kein Weib mehr zu heiraten getan hätte. Diesemnach sie sich denn
für seine Gemahlin zu geringe / für sein Kebsweib zu vornehm schätzte. Als aber
Livia mit grossen Beteuerungen sie seiner ehlichen Liebe versicherte; schützte
sie für: dass ihrer beider Vermählung ihrem Geschlechte nachteilig / dem
Tiberius aber noch schädlicher sein würde. Denn ihrerseits würde diese
Verknipffung ihrem Vater / welchen ohne diss seine Sentia allen Deutschen
verdächtig machte / den ärgsten Hass ihres Vaterlandes auff den Hals ziehen;
Tiberius aber nichts minder als Antonius durch Cleopatrens Heirat sich der
Römischen Herrschaft verlustig machen. Sintemahl die Römer nichts unleidlicher
/ als fremden Frauenzimmers Hoheit in Rom vertragen könten. Livia bemühte sich
zwar eusserst ihr diese Bedencken auszureden / und einzuhalten: wie Kayser
Julius mit der Königin Cleopatra und Eunöe so verträulich gelebt / August des
König Cotisons Tochter zu heiraten für gehabt hätte; insonderheit aber nunmehr
des Römischen Kaysertums Verfassung so feste gesetzt wäre: dass kein Mensch das
Hertze hätte des Kaysers Liebe oder anderes Tun zu rechtfertigen. Alleine
Tussnelda sagte Livien rund heraus: dass sie dem Fürsten Herrmann bereit verlobt
wäre; und also in ihrer Gewalt nicht stünde auch dem grösten Herrscher der Welt
mit dem zu beteilen / was sie schon diesem Helden mit ihres Vaters Willen
zugeeignet hätte. Hiermit musste Livia für dissmahl abziehen. Wie sie aber vom
Tiberius erfuhr: dass Segestes schon auf einen andern Weg und seine Seite
gebracht war; meinte sie den vorhin vergebens angetasteten Baum der
Beständigkeit durch noch einen kräfftigen Hieb /wordurch viel Heldinnen geworben
worden / zu fällen; und Tussnelden durch fürgestellte Veränderung des
väterlichen Willens / welcher allezeit den Kindern am heilsamsten zu raten
pflegte; durch fürgebildete zulässliche Bereuung übereilter Verlöbnüsse / und die
ihr hierdurch zuwachsende höchste Würde der Welt /nach welcher so viel tausend
Seelen lächseten / zu gewinnen. Alleine die tugendhafte Tussnelde nahm alle
diese Lockungen für dieselbigen Sonnen-Strahlen an; welche / um den Himmel mit
den schwärtzesten Wolcken zu verstellen / die unsaubersten Dünste empor ziehen;
blieb also wie ein unbeweglicher Fels aus ihrer ersten Entschlüssung stehen.
Wormit auch Livia und Tiberius ihnen so viel weniger Hoffnung machen / und sie
mit weitern Versuchungen nicht quälen möchten; beschloss sie ihre Beantwortung
mit diesen nachdrücklichen Worten: dass kein menschlicher Witz / keine Gewalt der
Welt / ja das Verhängnüs selbst nicht durch was anders / als den Tod ihr und
Hertzog Herrmanns Bündnüs zu zerreissen mächtig wäre. Als diese Wellen an
Tussneldens so fest geanckerter Liebe nun auch zerscheitert wurden; wollte
Segestes mit dem Nachdrucke seiner väterlichen und mit denen heftigsten
Bedreuungen ausgerüsteter Gewalt durchbrechen. Tussnelda aber / nach dem sie mit
tieffster Demut und kindlicher Ehrerbietung das steinerne Hertze ihres
unerbittlichen Vaters nicht zu erweichen vermochte; rührte ihm durch Fürstellung
der denselbten zuhängenden Göttlichen Rache / welche das einmal feste Band der
heiligen Eh aus irrdischem Absehen zerreissen; und der unglückseligen Heiraten;
welche man durch Zwang verknüpffte / sein Gewissen; ihm vorbildende: dass diese
zwar ein zusammen gedrungener / aber die Gemüter keines vereinbarender Knoten;
oder vielmehr eine Sonnen-Finsternüs der Seele wären; da zwar die zwei grossen
Welt-Lichter auff einem Puncte zusammen gehefftet schienen / in Warheit aber von
einander nicht nur weit entfernet stünden; sondern auch der Glantz des
allerschönsten Welt-Auges durch solche Vermählung entkräfftet und gleichsam
verlescht würde. Als aber der glüende Stein des unbarmhertzigen Vater-Hertzens
durch die Tränen dieser ängstigen Tochter noch immer mehr entzündet ward / und
Segestes Tussnelden auf den Fall fernerer Weigerung Laub und Grass versagte;
fiel sie endlich mit halb-verzweiffelnder Wehmut ihm zu Fusse; erzehlte / so
viel ihre Jungfräuliche Schamhaftigkeit zuliess / die dem Segestes vielleicht
fremden Laster des Tiberius. Insonderheit / wie er in der Schwälgerei und
Unzucht ganz ersoffen wäre / bei dem bekandten und von dem August selbst aller
Ehren entsetzten Huren-Wirte Sestius Gallius etliche Jahre zubracht / sich bei
Tische von eitel nackten und unkeuschen Weibern bedienen lassen; seine Gemächer
mit den schandbarsten Bildern und Büchern /seine Lustgärte und Hölen mit den
ärgerlichsten Säulen angefüllet; und / nach dem ihn endlich seine unersättliche
Geilheit auf unnatürliche Lüste verleitet / ihn alles Frauenzimmer angestuncken;
also Segestes zu erwegen habe: Ob sie diesem garstigen Unflate ihre reine Seele
ohne eusserste Entsetzung wiedmen könnte. Wie Segestes aber dennoch unbeweglich
blieb / zohe sie einen unter ihrem Rocke verborgenen Dolch herfür / reichte
selbten dem Segestes / und beschwur ihn bei der Liebe / welche die Natur in die
Hertzen der Elterlichen Seelen pflantzete: Er möchte mit diesem Stahle ihr
lieber den Drat des Lebens / als das Verlobungs-Band des Fürsten Herrmanns
zerkerben; Weil sie doch mit keinem andern leben könnte / sondern mit seinem
Verluste ohne / diss Atem und Seele einbüssen müste. Segestes ward hierdurch
derogestalt gerühret; sonderlich / als er sie ganz erblassen und halb todt zur
Erden sincken sah: dass er sonder einiges Wort sich aus dem Zimmer entbrach /
und in den Vorgemache ihrem Frauenzimmer befahl Tussneldens wahrzunehmen. Diese
blieb bei nahe zwei Stunden /ungeachtet aller gebrauchten Erquickungen / in
dieser Unempfindligkeit; und zwar vielleicht zu Erleichterung ihres übermässigen
Schmertzens. Denn die Ohnmacht hindert mehrmahls: dass man die Galle des Unglücks
nicht allerdinges schmecket; und erhält die bissweilen im Leben / die sonst bei
völligem Erkäntnüs ihres Elends verschmachten / oder für übriger Bestürtzung
Verstand und Vernunft verlieren würden. Wie sie sich nun gleich ein wenig
erholte; ward sie doch von einer solchen Schwachheit und Hertzklopffen bedrängt:
dass sie bettlägerig bleiben musste. Und der Kummer: dass ihre andere Seele Hertzog
Herrmann von diesem Unfalle zu seiner Beunruhigung nicht Wind bekommen möchte;
liess ihren Augen nicht den wenigsten Schlaff zu. Wiewol ihr nun alle Glieder
bebten / und sie fast keinen Finger nach ihrem Verlangen rühren konnte; so gab
ihr doch / als sie vernahm: dass Tiberius folgenden Tag Liviens Geburts-Tag mit
einem prächtigen Gastmahle feiern wollte /und seinen verhasten Neben-Buhler den
Hertzog Herrmann gleichfalls eingeladen hatte / die Sorge für sein Heil so viel
Kräfften; dass sie ihm schrieb: Weil sie aus wichtigen Ursachen den Tiberius für
seinen Todfeind-hielte; möchte er bei seiner Taffel; worvon er sich freilich
ohne seine Hass zu verärgern nicht entbrechen könnte / seines Lebens wohl
wahrnehmen. Herrmañ kam also mit der ihm vorgesetzte Behutsamkeit zum Tiberius /
rührte keine Speise an / worvon nicht der Kayser und Livia vorher gessen hatten;
liess ihm Wasser und Wein seine Deutschen einschencken. Tiberius nahm dieses
wahr; und hatte es Not: dass dieser Meister in Verstellungen seine
Empfindligkeit nicht mercken liess. Bei der letzten Tracht ward eine Schüssel
voll der allerschönsten Pomerantzen-Aepffel / welche der Land Vogt in Egypten
Livien als eine besondere Seltzamkeit geschickt hatte / aufgetragen; Dahero
Tiberius selbte selbst vorlegte. Unter diesen war eine / welche keine Blätter
mehr am Stiele hatte / mit dem ärgsten Giffte angemacht. Aus sonderbahrer
Fürsehung Gottes waren noch einem andern Apfel die Blätter abgefallen; den Fürst
Herrmann zu allem Glücke überkam / und ohne Schaden auf des Tiberius Erinnerung
verzehrte; der ihm bestimmte vergifftete aber kam in die Hände Otacillens;
welche anfangs eine freche Freigelassene und des Tiberius Buhlschaft gewest;
nunmehr aber dem edlen Cäsonius Priscus vermählt war; den er hernach zu seinem
Wollust-Meister machte. Also ist es bei Hofe kein Wunder: dass stinckende Fliegen
mit einem Fluge sich von dem Mistauffen des Pöfels biss an die Fürstlichen
Taffeln erheben. Ja es waren zu Rom nunmehro die Laster so hoch ans Bret komen:
dass man sich nicht schämte durch Aemter und Bestallungen ihrem Wachstume
Vorschub zu tun. Otacilla aber hatte den Apfel kaum gekostet; als eine
übermässige Hitze ihren ganzen Leib entzündete; und sonder einig ander Wort /
als: ich bin vergifftet! niedersanck; hierauff in einem Augenblicke Eys-kalt und
zugleich Stein-todt ward. Alle Anwesenden erstarreten und verstummten; Und weil
sie den wegen aller Bosheit verdächtigen Tiberius nicht anzuschauen getraueten /
sahen sie selbst einander gleichsam fragende an: ob sie bei einer solchen
Gift-Taffel sich länger auffhalten sollten? August selbst veränderte sich
hierüber nicht wenig; als welchem zwar des Tiberius Mordstücke nicht unbekandt
waren; iedoch nicht begreiffen konnte: warum er diss bei ihm so beliebte Weib
hinrichten sollte? Livia hingegen masste sich dieses Dings ängstig an / liess
Otacillen alsbald in das Neben-Gemach tragen; und verfügte: dass die Aertzte ihr
möglichst beispringen sollten; wiewol wegen besorglicher Gift-Zeichen ihrem
eigenen Ehmanne sie zu beschauen nicht erlaubt; sondern sie noch selbigen Abend
von einem vertrauten Weibe in die Todten-Tracht gekleidet / und den dritten Tag
verbrennet / die Aertzte aber / die sie gleich nicht gesehen hatten / gezwungen
wurden / zu bestätigen: dass sie am Schlage gestorben wäre. Der bei so viel
Bosheit abgehärtete Tiberius veränderte hierüber weder Antlitz noch Gebehrden.
Denn die Laster kamen ihm damahls nach vollbrachter Tat nicht grösser / als
vorher für. Hertzog Herrmañ / ob er wohl aus Tussneldens Schreiben ihm die
Rechnung machte: dass dieser auff seinen Hals angezielte Streich auff einen
fremden Nacken abgeglitten wäre / hielt doch für das beste Mittel solchen
Nachstellungen zu entkommen / wenn er keinen Argwohn von sich blicken liesse.
Daher / als alle andere ihrer Bezeugung halber bekümmert waren / unterhielt er
den Tiberius mit ganz unnachdencklichen Gesprächen. Weil aber Tiberius in allen
Dingen / fürnehmlich aber in kühnen Unterfangungen für nötig hielt das Eisen zu
schmieden / weil es noch warm war; liebkosete er diesem in seinen Gedancken
schon tausend mahl ermordeten Fürsten so sehr / als iemahls; wiewol er auf
wiederholete Warnigung Tussneldens auff fürsichtiger Hute stand; ja als endlich
Tussnelde aus besorgter Gefahr dem Hertzog Herrmann des Tiberius
Heirats-Werbung zu seiner höchsten Bestürtzung eröffnete / und er ihrer ihm
unauffhörlich anliegender Bitte sich von Rom in Sicherheit zu begeben Folge zu
leisten beschloss; bezeugte er gleichwol gegen dem Tiberius eine ungemeine
Verträuligkeit; um seine Entfernung so viel sicherer einzurichten; suchte ihn
also öffterer /als vormahls beim; worüber er zum andern mahl im Lebens-Gefahr
verfiel. Denn es hatte Tiberius eine vom Tacfarinas aus Numidien ihm geschickte
und gekirrte Schlange gleichsam zu seinem Schoss-Kinde oder Spiel-Vogel / die mit
ihm aus einer Schüssel ass /in einem Bette lag; und auch Fremden sonder die
geringste Beschädigung sich um den Hals und andere Glieder wand; also: dass
Hertzog Herrmann auch mehrmahls mit diesem so wohl gewöhnten Tiere Kurtzweil
getrieben hatte. Eine in Wahrheit ungemeine Gemeinschaft! nicht so wohl wegen
des zwischen Menschen und Schlangen befindlichen Unterschieds; als weil Tiberius
ein viel gifftiger Hertze / als dieser Wurm Zähne hatte. Wie nun Hertzog
Herrmann auff sein Ansuchen von der Rennebahn mit dem Tiberius nach Hause ritt /
um etliche neuangekomene Africanische Pferde zu beschauen; hatte Tiberius
bestellt ihm anzudeuten: dass iemand wegen des Kaysers mit ihm reden wollte; also
er den Fürsten Herrmann alleine im Zimmer / die Tiere eines Neben-Gemachs aber
mit Fleiss offen / und eine daselbst verwahrte Schlange heraus liess; die den auch
bei Ersehung des gifftigen Wurmes ganz sicheren Fürsten Herrmann; welcher in
Meinung: es wäre die gekirrte / ihr noch die Hand reckte / grimmig anfiel / und
in den Arm biess. Worüber er selbte alsofort von sich schleuderte /und mit dem
Fusse ihr den Kopff zerquetschte: dass sie nach langer Windung des halb-lebenden
Schwantzes todt blieb; Gleich als wenn dieser Held auch in Erwürgung der
Schlangen dem Hercules gleich werden müste. Hertzog Herrmann aber / als er seine
Wunde aufschwellen sah / ging alsbald aus dem Zimmer /und befahl denen
Auffwärtern alsofort einen Wund-Artzt herbei zu schaffen. Zu seinem Glücke aber
war unter des Tiberius Knechten ein Marser / welches um den Fucinischen See in
Italien wohnende Volck von der Circe Sohne entsprossen sein / und eben so wohl
/als die Ophiogenes am Hellespont / und die Psyllen in Africa eine Tugend das
Gift auszusaugen haben soll; Dieser unwissende: dass die Schlange durch
Verwundung dieses Fürsten dem Tiberius einen so grossen Dienst getan hätte /
sog ihm das Gift alsbald aus; also: dass Hertzog Herrmann zwar hierdurch
genesete / ihm auch deswegen die Freiheit bei seinem Herrn ausbat; dieser aber
seine Woltat bald mit dem Tode büssete; in dem Tiberius ihn folgende Nacht in
die Tiber werffen liess. Inzwischen hatte Livia dem Kayser des Tiberius Liebe
entdecket / und um seine Einwilligung sich beworben. Als dieser aber ihr zu
verstehen gab: Tiberius wäre bei solchen Jahren und in dem Stande: dass er der
Göttin Rom zu freien und sie durch keine fremde Kebs-Weiber eiversüchtig /
sondern vielmehr durch Erkiesung einer angenehmen Priesterin sie ihm geneigt zu
machen bedacht sein sollte / und derogestalt auf Heiratung einer Römerin
anzielte; verfügte er sich in den Tempel der Capitolinischen Juno; und tät ein
hochbeteuerliches Gelübde: dass er nimmermehr keine andere / als Tussnelden
ehlichen wollte. Welches Livia dem Kayser abermals fürtrug; und unter dem
Fürwand: dass das Kayserliche Haus / welches ohne diss auf so wenigen Augen
beruhete / allerdings von nöten hätte: dass es durch anderwertige Verheiratung
des Tiberius befestigt würde; weil doch kein Kriegs-Heer / keine Freunde so
feste Schutz-Wehren eines Hauses und Reiches wären; als eine gute Anzahl Kinder.
Wie nun August hierüber nachzudencken sich erklärte; also bestürtzte Livien und
den Tiberius Segestens Erzehlung überaus / was Tussnelde für verzweiffelte
Erklärung von sich gegeben hätte. Nichts desto weniger entschloss sich Livia
Tussnelden mit Liebes-Träncken zu gewinnen / und Tiberius verschwor sich den
Fürsten Herrmañ durch Meuchel-Mord aus dem Wege zu räumen. Diese zwei hatten nun
mit der innersten Hertzens-Kränckung /fürnehmlich aber Herrmann / welchem nicht
so wohl seine Gefahr / als Tusneldens unauffhörliches Bitten endlich zu solcher
Entschlüssung brachte / Abschied /und zum scheinbaren Vorwand seiner Reise die
Gelegenheit wahrgenomen die auf des Kaysers Befehl aus Egypten nach Ostia zu
Schiffe überbrachte hundert Ellen hohe marmelne Spitz-Seule zu beschauen /
welche König Psammirtaus zu Hieropolis aufgerichtet hatte / August aber hernach
auf dem grossen Renne-Platze zu Rom auffsetzen liess. Als nun Hertzog Herrmann
nach Ostia kam / diss neue steinerne Wunder betrachtet hatte / und unter dem
Scheine das alte Merckmaal / wo das die Mutter der Götter von Pessinunt
überbringende und gestrandete Schiff von der einigen Vestalischen Jungfrauen
Claudia mit ihrem Gürtel lossgezogen worden war / zu beschauen / ihm ein fremdes
Schiff zu dingen sich gegen dem lincken versäudeten Munde der Tyber mit nur
zweien deutschen Dienern verfügte; folgten ihm in einem Nachen zwölff
wolgerüstete Kriegs-Leute / welche / so bald sie nach ihm ans Ufer ausstiegen /
den Fürsten Herrmañ meuchelmörderisch antasteten. Diesen aber begegnete er
/wiewol ohne gehörige Rüstung nebst seinen treuen Deutschen mit unerschrockenem
Helden-Mute; durchstach auch bald beim ersten Anfall ihre zwei Anführer.
Inzwischen hatten seine Getreuen auch dreien das Licht ausgelescht / worüber die
übrigen sieben entweder aus beiwohnender / oder bei Ausübung böser Stücke auch
die Verwegensten befallender Zagheit die Flucht nach ihrem Nachen nahmen.
Gleichwol aber erwischte Hertzog Herrmann noch einen; und weil er unter denen
fünff Todten einen für des Tiberius Freigelassenen erkennte / dräute er dem
zuletzt Gefangenen den Tod / wo er nicht die Anstifftung dieses Meuchelmords ihm
auffrichtig bekennen würde / davon er ohne diss schon Wind hätte / und aus dem
für seinen Füssen liegende Anführer unschwer den Uhrsprung ermessen könnte.
Dieser bekennte alsofort: dass Tiberius sie zu dieser bösen Tat mit Dräuen und
Versprechungen angestifftet hätte. Worauff er ihm denn dieses Bekäntnüs in einem
nahe darbei gelegenen Fischer-Hause schrifftlich ausfertigen musste; und damit
sein Leben errettete. Hertzog Herrmann war froh über diesem glücklichen
Ausschlage; insonderheit da der erforderte Wund-Artzt seiner zweien Getreuen
empfangene Wunden von keiner Gefährligkeit zu sein befand; er aber hierdurch
eine so wichtige Ursache erlangte beim Kayser zu entschuldigen: dass er wegen
eines so mächtigen Feindes / als Tiberius wäre / und der / vermöge beigelegten
Bekäntnüsses /ihm so verräterisch nachstellte / nicht wieder nach Rom zu kehren
getrauet hätte. Sintemahl die Unschuld selbst unter den Händen ihrer Feinde eine
Verbrecherin würde; eines für Gefahr gewarnigten Sicherheit aber ein
Sterbens-würdiges Laster wäre. Hierbei sagte er dem Kayser Danck für so viel
Gnade und Woltaten; ihn versichernde: dass / so viel seine Ehre und die Freiheit
Deutschlands vertragen würde / er ein Freund Augustens und der Römer zu bleiben
gedächte. So bald Hertzog Herrmann dieses Schreiben bestellt / setzte er sich
mit den Seinen in ein nach Massilien gleich abgehendes Jagt-Schiff. Inzwischen
suchte Livia Tussnelden in ihrer anhaltenden Leibes-oder vielmehr wegen
Entfernung Hertzog Herrmanns sich vergrössernden Gemüts-Kranckheit heim;
bezeugte gegen ihr das empfindlichste Mitleiden. Und weil sie sonderlich über
Hertz-Klopffen klagte / gab sie einer Cheruskischen Edel-Frauen / welche
Tussnelda bei sich hatte / ein Glässlein voll nach Ambra rüchenden Wassers;
welches sie noch von dem berühmten Artzte Musa bekommen hätte / und Tussnelden
wohl zuschlagen würde. Diese treuhertzige Frau aber; welcher Liviens
Liebeswerbung nicht unbewust war / war so sorgfältig: dass sie Tussnelden keine
Speise noch Artznei beibrachte / die sie nicht vorher an ihr selbst versucht
hatte. Als sie nun auch von Liviens Ambra-Wasser nur drei Tropffen in einem
Löffel Wein gebraucht hatte / ward sie im Haupte derogestalt verwirret: dass sie
dem Tiberius in den vom August der Chalcidischen Minerva gewiedmeten Tempel
nachlieff / und im Angesichte des Kaysers und Liviens dem Tiberius um den Hals
fiel / ihm wie eine Klette anhieng / ihn küssete / und mit Not von ihm los zu
machen und auf die Seite zu bringen war. Nicht nur Livia / welche leicht den
Uhrsprung dieser Wahnsinnigkeit erraten konnte; sondern auch Tiberius / welcher
um das von einer berühmten Zauberin bereitete Wasser gute Wissenschaft hatte;
sintemahl er darzu einen Pusch seiner Haare und das abgeschnittene von Nägeln
hatte geben müssen / erschracken über diesem Zufalle derogestalt: dass der Kayser
beider Veränderung deutlich warnahm / und mutmaste: dass diss eine Würckung eines
vielleicht für Tussnelden bereiteten Liebes-Tranckes wäre. Wie er denn auch
hernach von Tussnelden / die hierüber nicht nur eusserst bestürtzt / sondern
wegen ihres gefährlichen Zustandes halb verzweiffelt ward / erfuhr: dass die
Streitorstin / also hiess die Frau / nach Gebrauch dieses Wassers so wahnsinnig
worden wäre. Welches Livien und den Tiberius bei herfür blickendem Argwohne des
Kaysers so ferne verhitterte: dass jene von Tussnelden mit empfindlichen Worten
ihr Wasser zurück fordern; dieser aber die Streitorstin als ein unzüchtiges
Weib anklagen; und in seinem Hause / wie hernach in ganz Rom / die gewöhnlichen
Empfang- und Gesegnungs-Küsse verbiete liess. Der Kayser schlug sich noch mit
seinen Gedancken; was er wegen des für Liebe halb unsinnigen Tiberius
entschlüssen sollte; als ihm des Herrmanns Schreiben wegen des vom Tiberius
angestiffteten Meuchel-Mords zukam; das ihn denn derogestalt entrüstete: dass er
den zu Ostia gefangenen im Meere zu ersäuffen / die übrigen Rottgesellen
aufzusuchen; und dem Tiberius befahl: dass er noch für Abende aus Rom / und biss
auff fernere Verfügung sich nach Capua begeben sollte. Tussnelde kriegte noch
selbigen Tag hiervon Wind / und würckte diese ihre erfreuliche Zeitung mehr /
als alle bisherige Artzneien / in dem sie des andern Tages schon so viel
Kräfften hatte sich aus dem Bette zu machen. Wormit auch der Kayser teils
Tusnelden aus fernerer Gefahr zu setzen / und dardurch bei denen Deutschen in
keinen übeln Nachklang verfallen; teils auch des Tiberius mit ihr wieder sein
anders Absehen angezielte Heirat unterbrechen möchte; erteilte er dem Fürsten
Segestes den dritten Tag seine Abfertigung; uñ befahl ihm unter dem Scheine
seines Erlaubnüsses: dass er nach nunmehr genugsam bewehrter Treue gege die Römer
seine Tochter Tusnelde wieder mit in Deutschland nehmen möchte. Livia / welche
von dem Abschied nehmenden Tiberius noch auffs flehentlichste ersucht worden war
/ ihn Tusneldens durch alle eusserste Mittel fähig zu machen; erschrack
hierüber so sehr /als wenn es um den Verlust ihrer eigenen Buhlschaft zu tun
wäre. Denn es gibt so törichte Mütter / welche die Regungen ihrer Söhne
zweifach in ihrem Hertzen fühlen / und wieder die Natur sich in ihr eigen
Geschlechte verlieben. Weil sie sich nun nicht unterwinden dorffte dem hierinnen
verdriesslichen Kayser einiges Wort einzureden / bei Tusnelden aber nichts
fruchtbarliches auszurichten getraute /dachte sie auffs wenigste einen Nagel in
diesem Entwurffe zu befestigen / und durch Segestens Verbindligkeit des
Tiberius Liebe und Hoffnung in ganzen zu erhalten. Nach dem sie nun den
Segestes schon so weit ausgenommen hatte: dass er durch nichts leichter / als
durch den ihm fürgehaltenen Schatten der Ehre zu bländen wäre / stifftete sie
den berühmten Sternseher Trasyllus an / Segesten wahrzusagen: dass er durch
Hülffe des Tiberius der Deutschen Feldherr /Tusnelde aber eine Römische
Kayserin und Mutter vieler nachfolgenden Kayser werden würde. Weil nun dieses
Chaldeers Worte bei nahe höher / als des Apollo Wahrsagungen gehalten wurden;
insonderheit aber Tiberius ihm umständlich erzehlt hatte: wie alle seine
Andeutungen auf ein Haar eingetroffen / er selbst zu Rhodus / als er ihn wollen
ins Meer stürtzen / sein ihm zuhängendes Unglücke aus den Sternen wahrgenommen;
ja ihm bei Ersehung eines von ferne segelnden Schiffes angedeutet hatte: dass
selbtes ihm die von Livien zu wege gebrachte Erlaubnüs wieder nach Rom zu kehren
mitbrächte; so nahm Segestes auch dieses betrüglichen Sternsehers erkaufften
Worte für einen unveränderlichen Schluss des Verhängnisses auff. Sintemahl wohl
klügere hierinnen geirret / und nicht gewüst haben: dass die dem Notzwange der
Gestirne beipflichtende und daraus wahrsagende Weissheit / als eine Närrin ins
Krancken-Haus zu verdammen / und mit eitel Niese-Wurtz zu speisen sei; ja sich
das menschliche Gemüte ist sein eingebildetes Glücke derogestalt verliebet: dass
es auch an sich selbst ungläubliche Sachen nicht nur für möglich /sondern für
eine schon in Händen habende Gewissheit annimmt. Massen denn Segestes durch
seines Ehweibs Sentia ehrsüchtige Ratgebungen / und das Trasyllus Wahrsagung
in seiner Hoffnung derogestalt verhärtet ward: dass hernach weder Tusneldens
Tränen / noch Hertzog Herrmanns Wachstum in Segestens Hertzen des Tiberius
Heirat / noch Deutschlands auf den Herrmann fallende Wahl ihm die Hoffnung
seines Vaterlands Haupt zu werden /benehmen konnte. Gleichwol nahm Segestes und
Tusnelde auff des Kaysers eigene Erinnerung den zehenden Tag nach Hertzog
Herrmanns Abreise zu Rom Abschied; und segelte von Ostia mit gutem Winde geraden
Weges auf Gallien zu; allwo Segestes in den Rhodan einzulauffen / und so ferner
nach Deutschland zu reisen für hatte. Sie kriegten den vierdten Tag bei
aufgehender Sonne allbereit das Vorgebürge von dem Eylande Ilva ins Gesichte;
als sie zugleich zwei Schiffe recht auff sich und zwar von beiden Seiten
zusegeln sahen; welches dem Segestes verdächtig fürkam / und er deswegen mit
seinen Leuten sich auff allen Fall zur Gegenwehr rüstete. Demnach aber der Wind
gerade Ost war / riet der Steuer-Mañ nach Corsica in den Fluss Tavola / an
welchem Marius die Stadt Nicäa mit Römischem Volcke besetzt hätte /einzulauffen;
Weil es sonst in diesem wilden Eylande gefährlich wäre; ja vermutlich diese
zwei Raub-schiffe Corsen auf hätten. Die Schiff-Leute taten ihr bestes /
sonderlich / als sie die zwei andern Schiffe /ungeachtet des veränderten Lauffs
/ ihnen folgen / und alle Segel aufspannen sahen. Alleine diese waren so wohl
besegelt / und in zweien Stunden dem Segestes so nahe: dass die Schiffer Nicäa
zu erreichen nicht getrauten; sondern gerade an dem Corsischen Ufer / wo das
berühmte Schutz-Altar zu sehen ist / zu stranden rieten. Diss billigte die
Fürstin; weil sie aus einer gleichsam heimlichen Eingebung / oder in Ansehung
dieses Altars daselbst aus der Gefahr zu entrinnen hoffte. Die Räuber ereilten
sie dennoch zwei Stunden für Abends drei Meilen vom Lande / und setzten auff
beiden Seiten ihnen heftig zu; also: dass ob zwar Segestes auf einer / und die
gerüstete Tussnelda auff der andern Seiten durch ihre und der ihrigen tapffere
Gegenwehre die Enterung hinderten; sie dennoch von denen so häuffigen Pfeilen
fast alle verwundet wurden. Endlich erreichten sie bei dem Schutz-Altare in der
daselbst sich ins Meer ausgüssenden Bach das Land. Allein die dieser Gegend
besser kundige Räuber setzten auff Corsica so geschwinde Fuss / als die
Flüchtigen; ungeachtet diese jene mit dem hinterlassenen Schiffe und der darin
befindlichen Beute zu sättigen gedachten. Diesemnach sich denn der
Schiffs-Streit nunmehr in eine Feld-Schlacht verwandelte; Wiewol Segestens
Teil hier alsobald den kürtzern gezogen haben würde; in dem der Räuber über
hundert; ihr Gegenteil aber nicht dreissig streitbare Männer / das übrige
ohnmächtige Weiber waren; wenn nicht anfangs diese an einem Felsen den Rücken
frei gehabt / hernach aus dieser sich gleichsam zu ihrer Errettung zerspaltenden
Stein-Klippe einen unvermuteten Entsatz bekommen hätten; und zwar zu der Zeit:
als schon über zwölff Mann erlegt waren / die hertzhafte und von Blut
trieffende Tussnelde zwar noch Hertzens genung / aber keinen Atem; Segestes
auch sich ganz verblutet und entkräfftet hatte. Als die Not derogestalt recht
an Mann kommen war / drang ein in einem güldenen Harnische gerüsteter Held mit
noch zwantzig streitbaren Kriegs-Leuten aus dem Munde einer Hölen herfür;
welcher denen Bedrängten nicht nur Lufft machte / und den auff den Segestes von
dem obersten Räuber gezückten Streich aufffieng; sondern auch die ebenfalls
abgematteten Räuber so hertzhaft anfiel: dass sich der Streit alsofort /
ungeachtet der ungleichen Zahl / in ein gleiches Gefechte /bald darauff aber /
weil schon dreissig der kühnesten Räuber ins Grass gebissen hatten / ihrer seits
in die schimpflichste Flucht auff ihre Schiffe verwandelte; und derogestalt
nicht nur Segestes mit seinem überbliebenen Volcke / sondern auch das Schiff /
darauff das zurück gebliebene Frauen-Zimmer bei nahe für Angst Seele und Geist
verloren hatte / errettet wurden. Es war allbereit ziemlich dunckel / als dieser
Kampff sich endigte / und also die Personen schwerlich zuerkennen. Gleichwol
aber waren die gläntzenden Waffen Tussnelden; weil Segestes inzwischen für
Mattigkeit zur Erde gesuncken war / ein genungsames Kennzeichen das Haupt dieser
ihnen gleichsam vom Himmel gefallener Helffer zu erkiesen. Diesemnach sie denn
sich ihm näherte / und nach abgezogenem Helme ihm mit der tieffsten Ehrerbietung
nicht so wohl als einem Erretter / als einem Schutz-Gotte für solche Erlösung
danckte; iedoch zugleich als ein Unglück entschuldigte: dass sie demselben die
ihr anständige Demütigung nicht erzeigte / welchen sie wegen so seltzamer
Erscheinung und so unvergleichlicher Tapfferkeit nicht wohl für einen Menschen
halten dörffte. Dieser hingegen verkleinerte seinen geringen Dienst /den er in
Verjagung der Räuber ihnen geleistet hatte; als welche Menschen schon wegen der
in ihrem Hertzen steckenden Bosheit auch die derselben anklebende Zagheit im
Busen trügen. Uber diss hätte er ihnen vielleicht mehr / als sie ihm zu dancken;
indem er durch ihre Hülfe von diesem gefährlichen Raub-Ufer; an welchem sein von
Ostia abgelauffenes Schiff für sieben Tagen gestrandet hätte; an einen sichern
Ort zu entrinnen hoffte. Tussnelde hörte dieser annehmlichen und ihr in etwas
kentbaren Stimme sorgfältig zu; diese letztere Erzehlung aber lösete ihr
vollends das Rätzel auff; und weil sie diesen ihren Schutz-Gott für den
wahrhaften Hertzog Herrmann erkennte / fiel sie ohne einige fernere Antwort ihm
mit beiden Armen ihn küssende / und sein Gesichte mit tausend Freuden-Tränen
netzende um den Hals. Dieser / weil er ihm der Fürstin Tussnelde Reise von Rom
nicht träumen lassen; noch sie aus der angenommenen männlichen Sprache erkennen
konnte / stand wie ein unbewegliches Marmel-Bild; und wusste ihm diese zwischen
Helden ungewöhnliche Liebkosungen nicht auszulegen; biss Tussnelda endlich selbst
anfieng: hastu denn / mein liebster Herrmann / zwischen diesen rauen Felsen ihre
unempfindliche Unart angenommen: dass du von deiner geliebten Tussnelde die
wenigste Regung nicht empfindest. Herrmann / der sich gleichsam von einem Meere
der grösten Glückseligkeit überschwemmt befand; wusste ihr mit nichts anders /
als eben so viel Küssen seine Freude auszudrücken; und hätten sie hierüber bei
nahe Segestens ganz vergessen; wenn nicht ein Chassuarischer Edelmann kommen /
und Tussnelden / wo sie ihn hintragen sollten / befragt hätte. Tussnelde näherte
sich hierauff mit dem Fürsten zum Segestes; und weil ihm bereit die
beschwerlichen Waffen abgenommen waren; wollte sie ihn wieder lassen zu Schiffe
bringen. Hertzog Herrmann aber riet das Schiff nur mit genungsamer Mannschaft
zu besetzen / er wollte für den Segestes / sie / und ihr Frauenzimmer schon
einen bequemern Aufentalt anweisen. Hiermit befahl er etliche Kühn-Höltzer
anzuzünden; führte sie also durch den Steinfelss vermittelst einer engen Höle in
ein aus eitel Klippen gehauenes und wohl abgeteiltes Gebäue; welches nur von dem
innern und zwar kugel-rundten Hofe in die Zimmer Licht bekam / auswendig aber um
und um von denen abschüssigsten Bergen / welche auch die Gemsen nicht beklettern
kunten / umgeben /und derogestalt für allen sterblichen Augen / welche nicht
durch diesen Eingang gar hinein kamen / verborgen ward. In dieser gleichsam
andern Welt wurden sie von einem alten Greiss empfangen / der nicht nur dem mit
steten Ohnmachten befallenen Segestes /sondern auch allen andern dahin
gebrachten Verwundeten mit sehr heilsamen Wund-Kräutern zu Hülffe kam. Welche
Sorge denn die halbe Nacht zurücke legte. Auff den Morgen befand sich Segestes
nach einem sanftem Schlaffe um ein gut Teil besser; ward auch teils erfreuet
/ teils verwirret; als er seine zwar auch an unterschiedenen Orten des Leibes
verbundene / aber bei guten Kräfften sich befindende Tochter nebst dem Fürsten
Herrmann und dem alten Greisse zu ihm ins Zimmer kommen sah. Nach dem diese nun
ihre Ehrerbietung abgelegt / berichtete Tussnelda Segesten: dass Herrmann ihr
gestriger Erlöser / dieser Alte aber ihr guttätiger Bewirter wäre. Segesten
giengen die Augen über / und sein Hertze ward hierdurch derogestalt bewegt: dass
er gegen den Fürsten Herrmann von freien Stücken anhob: Er würde nunmehr gewahr:
dass es höchste Unvernunft wäre ihm fürsetzen durch menschliches Absehen des
Verhängnisses Ziel zu verrücken. Diesemnach er zwar seinen Fehler nicht umstehen
könnte: dass er mit denen Gedancken seine Tochter dem Tiberius zu vermählen /
schwanger gegangen wäre. Nach dem aber er und seine Tochter nunmehr ihm Leben
und Freiheit zu dancken genötiget würden; wollte er dem durch das Mittel
obliegender Vergeltung ihn leitendem Himmel gehorsamen; und also seine
unwiederruffliche Einwilligung zu seiner und Tussneldens Heirat hiermit
erteilen; diesem fremden Woltäter aber inzwischen sich zu einem zwar dieser
Orten unvermögenden doch danckbaren Schuldner verbinden. Wie nun Herrmann und
Tussnelde dieser annehmlichsten Erklärung halber Segestens Hand mit tieffster
Demütigung küsten; also verband dieser Alte Segesten und den andern Krancken
abermals ihre Wunden; brachte es auch dahin: dass Segestes den dritten Tag sich
in den im Mittel dieses Wunder-Gebäues befindlichen Garten um frische Lufft zu
schöpffen bringen liess; darinnen beide Verliebte mit denen süssesten
Unterredungen / teils unter sich selbst / teils mit ihrem eissgrauen Wirte
ihnen die Zeit verkürtzten. Welcher in Anwesenheit des sorgfältigen Segestens
erwähnte: dass er des an dem Ufer des Meeres stehenden Schutz-Altares gewiedmeter
Priester wäre / und in dieser Einsamkeit teils wegen der diesem Orte
zugeeigneter Heiligkeit / teils wegen seiner Armut in diesem sonst
gefährlichen Orte zwar sorgfältig lebte; weil er nur von denen auf dem Gebürge
erkletterten Wurtzeln sich unterhielte; iedoch zwischen diesem Mangel der
höchsten Vergnügung genüsse. Sintemahl man doch in dieser Welt auch bei dem
scheinbarsten Wolstande sich mehr in wenigerm Elende / als in vollkommener
Glückseligkeit auffentielte. Beides so wohl das Altar / als dieses verborgene
Gebäue wäre ein Gemächte des Dädalus. Denn nach dem er / wie beim Minos in Creta
/ nach erbautem Irrgarten; also bei dem Könige Cocalus in Sicilien nach viel
verfertigten Kunst-Stücken in Ungnade verfallen; hätte er sich von Agrigent in
dieses damals noch unbewohnte / und ziemliche Jahre hernach allererst von einer
Ligurischen Hirtin Corsa durch Anleitung eines überschwimmenden Ochsen
ausgespürte und besetzte Eyland geflüchtet; und der Nachwelt zum Gedächtnüs /dem
Cocalus aber zu Hohne dieses Gebäue ausgehauen; als welches nicht nur an
Festigkeit das von ihm bei der Stadt Camikum in Sicilien erbaute Schloss
übeträffe; in dem ein einiger Mann mit Herablassung eines leicht wieder durch
gewisse Kunst-Räder in dem engen Eingange aufheblichen Felsens aller Welt Gewalt
auffhalten könnte; sondern an Liebligkeit der kalten und warmen Brunnen / die in
dem Garten in wunderwürdige Marmel Kessel eingefast waren / wie nichts minder
der edlen Garten-Früchte den Sicilischen Bau wegstäche. Insonderheit war nicht
allein denckwürdig zu schauen / sondern kam auch denen Kranckenden überaus zu
statten / die in einem Fels vom Dädalus gehauene Schweiss-Höle; in welcher sich
noch viel gesündere warme aus der Erden empor steigende Dünste versamleten; und
denen darinnen Schwitzenden die geschwächten Lebens-Geister erquickten; als
welche in dem Selimutischen Gebiete Siciliens sich in die vom Dädalus vorher
bereitete Höle versamlete / und einen allzustarck rüchenden Schweffel mit sich
führten. Endlich zeigte er ihnen auch ein Tür-Gerüste zu einem unterirrdischen
Gange / welcher zwei Meilen lang biss zu dem See der Diana ausgetragen hätte /
von der Zeit aber als einem Scharffrichter nichts minder über die Felsen /als
andere Herrligkeiten durch ein Erdbeben wäre verfället worden. Weil nun Dädalus
an diesem Orte nicht nur sein Leben ruhig verführet / sondern auch beschlossen;
(worbei er ihnen denn das vom Dädalus ihm selbst gebaute Grabmaal zeigte) hätte
er vorher dem Schutz-Gotte dieses Eylandes das am Ufer des Meeres in Stein
gehauene Altar erbauet; welches die Einwohner so hoch / als die Trojaner das vom
Himmel gefallene Bild der Minerva / und die Stadt Pesinunt das eben so
überkommene Bild Cybelens hielten; er auch von ihnen deswegen dahin zum Priester
bestellt wäre / und iederman festiglich gläubte: dass kein Mensch in diesem
Gebäue sich einiger Feindseligkeit unterfangen könnte. Hertzog Herrmann lächelte
über diesem letztern; und sagte unvermerckt zu Tussnelden: Wenn er an Segestens
so erfreuliche Erklärung gedächte / müste er mit diesem Priester und den Corsen
schier eines Glaubens werden. Derogestalt brachten sie mit höchster Vergnügung /
weil sie in ihrem Schiffe alle Notdurfft und Erfrischungen bei der Hand hatten
/ biss in den siebenden Tag zu; da sie denn nach empfangenen Segen von diesem
gutertzigen Priester Abschied nahmen; welchem sie aber vergebens einige
Geschencke einnötigten / und von ihm zur Antwort kriegten: dass Woltaten
bezahlt zu nehmen eben so töricht wäre / als den Preis des Geldes durch
Einmischung geringer Schlacken zu vergeringern. Hierauff setzten sie mit einem
sanften Sud-Ostwinde ihre Reise zwischen dem Eylande Capraria und dem heiligen
Vorgebürge / als der eussersten Nord-Spitze vor Corsica nach Gallien ohne
einigen fernern Anstoss fort.
    Sie kamen den siebenden Tag durch des Marius aus dem Rhodan ins Meer
gemachten Graben in der Stadt / die von dem daselbst erbauten Tempel der
Ephesischen Diana den Nahmen führt / glücklich an; stiegen im Hafen aus / und
reiseten zu Lande durch Gallien gerade auf Mayntz zu; da sie denn von denen
Römischen Stadtaltern / als welchen nicht unbewust war: wie hoch Segestes beim
August angesehen wäre / allentalben wohl unterhalten wurden. Wie sie nach Mayntz
kamen / erhielt Hertzog Herrmann / welcher zwar durch Gallien unkentbar gereist
/ nunmehr aber vom Segestes seinem Schweher-Vater entdeckt worden war / von
diesem daselbst hin den Tag vorher angekommenen Sentius Saturnin die Nachricht:
dass der Kayser ihn befehlicht hätte / ihm nicht alleine zum Besitz seiner
väterlichen Länder beförderlich zu sein; sondern auch mit ihm hinfort
verträuliche Nachbarschaft zu pflegen. Wie sehr diss nun diesen Fürsten
vergnügte / so bekümmert erfuhr er den Tag hernach aus einem vertrauten
Schreiben: dass Tiberius durch Livien beim Kayser ausgesöhnt / er auch bereit in
Deutschland zu kommen unterweges wäre / und in zehen Tagen erwartet würde.
Wesswegen Saturnin vom August Befehl erhielt / alle Kriegs-Völcker in Gallien
zusammen zu ziehen; wormit der mit Segesten wieder die Chautzen abgeredete
Feldzug so viel früher bewerckstelliget / und diese streitbaren Völcker
unvermutet überfallen werden möchten. Bei welcher Beschaffenheit er nicht für
ratsam hielt seinen Tod-Feind Tiberius zu Mayntz zu erwarten; sondern er eilte
unter einem wichtigen Vorgeben nach Hause /nehmlich: dass er seine ohne Haupt
gleichsam in der Irre gehende Cherusker von aller Verleitung benachbarter
Völcker zurück hielte. Daher ihn denn nicht allein Saturnin mit einer
ansehnlichen Reuterei biss auff seine Landes-Gräntze begleiten liess; sondern die
Fürstin Tussnelde kriegte auch Verlaub nit denen Chassuariern nach Teckelnburg /
als dem Hertzoglichen Sitze abzureisen. Segestes alleine blieb zurücke / um mit
dem Tiberius den bevorstehenden Feldzug abzureden.
    Inzwischen kam Hertzog Herrmann zwar in wenig Tagen auff seine Gräntzen;
aber das auch den Wind an Geschwindigkeit übertreffende Geschrei war ihm schon
zuvor kommen; und hatte seinen Vetter Ingviomer den tapfern Fürsten der
Bructerer / als seinen bisher gewesenen Stadtalter mit einer ansehnlichen
Anzahl des Cheruskischen Adels ermuntert / ihm biss an den Eder-Strom entgegen zu
ziehen. Auf der Gräntze aber begegnete ihm bei nahe das halbe Land; weil sein
blosser Nahme auch dieselben / welche bei denen verwirrten Zeiten für
Bekümmernüs ganz verzagt oder gar todt gewest waren / gleichsam auffs neue
lebhaft machte. Sintemahl nicht nur Untertanen ihnen von einem neuen Fürsten
eben so grosse Hoffnung machen / als die Schiff-Leute von einem glücklichen
Gestirne; ja sie bilden ihnen von dieser neuaufgehenden Sonnen ein: dass er
besser als der abgelebte Fürst sein werde / wie gut er es gleich gemacht hat;
sondern die in der Fremde ausgeübten Helden-Taten hatten auch zu so grosser
Hoffnung einen bewehrten Grund gelegt. Also ward er zwischen dem Gedränge des
frolockenden Volckes nach Deutschburg begleitet; gleich als wenn er die
entfremdete Glückseligkeit Deutschlands wieder nach Hause brächte. Ja keine
Cheruskische Seele lebte / welche nicht zeiter diesen tapffern Fürsten zu haben
/ nunmehr aber lange zu behalten seuffzeten. Jedoch war diss bei Herfürbrechung
eines so wunderwürdigen Fürstens nicht zu verwundern. Sintemahl iede Neuigkeit
ein Licht ist / welches vieler Augen an sich zeucht und sie verbländet. Denn
weil der Mensch für sich selbst sterblich / die Sterbligkeit aber abscheulich
ist / kriegt er für allen veralternden / was sich zum Untergange neigt / ein
Grauen / und hengt sich an das / was von seiner frischen Geburt zu wachsen
anfängt. Weil nun der erste Ansprung entweder der Irrweg oder die rechte Bahn
des ganzen Lebens / fürnehmlich aber der Anfang im Herrschen denen
gefährlichsten Fehltritten unterworffen ist; raffte Hertzog Herrmann alle
Gemüts-Kräfften zusammen in seinem Tun die rechte Maass zu halten / und auf
kein falsches Ziel abzukommen. Wie er nun die Geschichte voriger Zeiten /
insonderheit aber die Deutschen im Kopffe hatte; also erforschte er für allen
Dingen von Ingviomern den gegenwärtigen Zustand seines Landes / die Neigungen
des Adels / das Vermögen des Volckes / die Bündnisse und Kräfften der Nachbarn /
um aus dieser beider mehrmahligen Erfolg / nicht aber aus einer einzelen
Begebenheit und einem blinden Glücks-Falle von allen künftigen Fällen
vernünftig zu urteilen. So bald er ihm hatte huldigen lassen; beehrte er die
alten Bunds-Genossen des Cheruskischen Hauses mit Gesandschaften / fürnehmlich
aber trug er denen Catten / welche ins gemein denen Cheruskern über Achsel
gewest waren / seine Freundschaft für / und legte ihnen für Augen: dass nichts
als dieser Völcker Misshelligkeit fremder Macht in Deutschland Tür und Tor
aufgesperret hätte. Er beschenckte die treuen Diener seines Vaters; bekräfftigte
seiner Vorfahren Gesetze / und erfreute wolverdiente mit Freiheiten. Er
entschlug sich mit fleissigster Auffsicht aller Neuigkeiten; ob zwar sonst neue
Fürsten ins gemein für alber halten in die Fussstapfen voriger Herrscher zu
treten; ob sie schon ihre eigene Eltern gewest. Gleichwol aber vergnügte er sich
nicht mit den Siegs-Fahnen seiner rühmlichen Ahnen; sondern wie er ihm ehe zu
sterben fürsetzte / als etwas ihrer Tugend unähnliches und ihrem Ruhme
verkleinerliches zu beginnen; also hielt er ihr gelassenes Ziel für seinen
Ansprung / und mühte sich ihnen es bevor zu tun. Wiewol auch ohne diss von
Alters her der Deutschen schönster Purper-Rock / Schild und Spiess der Jugend
erste Zierraten waren; sie auch nichts minder als die Celtiberier ein tapfferes
Pferd höher als ihr eigenes Blut hielten; so brachte doch Hertzog Herrmann über
diss auf; dass der Adel zu Hochzeiten und allen andern Freuden-Versamlungen
gerüstet erschien / um hierdurch nicht allein der einreissenden Kleider-Pracht
(die selten für Frost und Hitze dienet / den Feind nicht verwundet; aber ihn wohl
zum Angrieffe und Beute reitzet) zu steuern / sondern auch ieden zu Hantierung
der Waffen zu gewöhnen. Er höhnte die sich eines Wagens bedienenden Männer; und
also lernte ein ieder reiten. Kein Feier liess er ohne Kriegs-Ubungen vollbringen
/ und hiermit ward das Gefechte eines iedweden Cheruskers Handwerck. Ins Läger
dorffte man keine niedliche Speise bringen / die harten nicht einst kosten /
kein ungewaffnetes Weib sich darinnen blicken lassen. Dem Heere liess er keine
Wagen / ausser die das grosse Geschütz führten / nachziehen; sondern ieder
Kriegs-Mann musste sein unentpehrliches Geräte und Kost tragen. Alle andere
Spiele und Kurtzweilen verwandelte er in Waffen-Ubung; alle seine Geschencke und
Gaben waren entweder schöne Pferde / oder blinckende Waffen; Und sein ganzes
Gebiete im Frieden kriegerisch; welcher sonst die Waffen verrostern / und die
frischesten Gemüter welck werden läst. Er befestigte den Gottesdienst durch das
Beispiel seiner eigenen Frömmigkeit; und vertraute mehr auf Göttlichen Beistand;
als auf den zerbrechlichen Fürsten-Stab. Er war bei seinem sechs und
zwantzig-jährigen Alter ein vollkommener Meister über seine Gemüts-Regungen;
wolwissende: dass wer ein Fürst über andere sein will / es müsse vorher über sich
sein; welches letztere schwerer ist / als das erste; weil dieses nur ein Sieg
eusserlicher Stärcke / jenes aber der Vernunft über das Gemüte; und ein Tun
von grösserer Wichtigkeit ist. Sintemahl die Schwachheit unzeitiger
Gemütsregungen einen Fürsten um sein ganzes Vermögen bringt /das in seinem
einigen Ansehen besteht. Alle Sachen betrachtete er in ihrem wahrhafte Wesen /
nicht aber in ihren bländenden Schatten. Kein Zorn bemächtigte sich seiner
Vernunft / keine Missgunst seines Hertzens; und daher sagte er in lachendem
Mute denen Fehlenden die Warheit; und denen / die was rühmliches ausübten / gab
er noch einen Sporn sich in grösseres Ansehen zu bringen. Er beschämte die
Verleumdungen durch Verachtung und tapffere Taten; wiewol er in allem Tun so
behutsam verfuhr: dass selbtes nicht zweierlei / und also eine böse Auslegung
vertrug. Denn Fürsten werden nicht nur eigene /sondern auch so gar fremde Fehler
wie dem Mohnden Finsternüsse; welche doch nicht sein eigener / sondern des
Mohnden Schatten sind / zugeeignet / ja auff ein Haar und einen Augenblick
nachgerechnet. Hingegen wendete er alles Vermögen an / den Nahmen eines guten
Landes-Fürsten zu bekommen. Kein Schlaff war ihm zu süsse / keine Lufft zu rau /
keine Kälte zu strenge / keine Hitze beschwerlich die Reichs-Geschäffte zu
verschieben; wenn es gleich ohne Verminderung seiner Gesundheit und ohne Gefahr
seines Lebens nicht auszurichten war. Denn er hielt ihm anständiger sich nach
Art eines Schwantz Gestirns mit herrlichem Glantze einzuäschern; als eine todte
Kohle in der Erde unverwesslich zu bleiben. Gleicher Gestalt verdeckte er auffs
sorgfältigste die Blössen seiner Staats-Diener / und die Schwäche seines
Reiches; weil ihm unverborgen war: dass wie der Mittel-Punct bei einer gerade
stehenden Seule; also das eusserliche Ansehen bei grossen Herrschaften die
einige Ursache ihres so festen Standes sei; Herentgegen ein schon seitwerts sich
neigendes Riesen-Bild auch mit einem Finger; und das gröste Kaysertum / wenn es
schon einmal ihm hat die Brüste betasten / und ein Fürst ihm in die Karte sehen
lassen / von einem mittelmässigen Feinde über einen Hauffen geworffen werden
könne. Er straffte grosse Verbrechen an wenigen /übersah die kleinen an vielen.
Er hielt seinen Gewaltabern / als denen Armen seiner Macht / kräfftigen Schutz;
und räumte die / welche sich an seinem Vater vergrieffen hatten / aus dem Wege.
Als er einem Edelmanne / welcher mit Hertzog Segimers Feinden heimlich
zugehalten hatte / den Kopff wollte abschlagen lassen / und seine
Geschlechts-Freunde solches im Kercker zu vollziehen baten / antwortete er
ihnen: der Gerechtigkeit würde nicht ihr Recht getan; wenn es an einem
unrechten Ort geschehe; und ein für ihres verdammten Mannes Leben ein
ansehnliches Stücke Geld anbietende Frau bescheidete er: Die Gerechtigkeit
liesse sich durch aller Welt Schätze nicht bezahlen; dahero stünde es auch ihm
nicht zu sie zu verkauffen. Nichts desto weniger überwog seine Gnade iederzeit
die Schärffe der Richter; und die Belohnungen teilte er nach dem schweren; die
Züchtigungen nach dem leichten Gewichte aus. Er liess der Zeit nicht nur seinen
Lauff; und bückte sich denen Verfolgungen des Glücks bescheidentlich aus; nach
dem die Ungedult eine Mutter schädlicher Missgeburten; die Hoffnung eine
Uberwinderin so gar des Verhängnisses ist; sondern er behielt bei Glück und
Unglück einerlei Gesichte; und die Vollkommenheit seines Gemütes nicht anders /
als ein Löwe in iedem Stücke eines zerbrochenen Spiegels das Bild seines ganzen
Leibes. Also: dass der sonst so unerschrockene Fürst Ingviomer sich selbst oft /
und insonderheit eines mahls / als Quintilius Varus die Deutschen so ins
Gedrange brachte / auch Segestes ihm die verlobte Fürstin Tussnelde zu
vermählen rund abschlug / darüber verwunderte; und auff seine Befragung: Ob ihm
denn Deutschlands Unterdrückung und seiner Braut Verlust nicht zu Hertzen
gienge? Vom Hertzog Herrmann zur Antwort bekam: die Natur hätte dem Menschen ein
Hertze in die lincke / keines in die rechte Seite gesetzt; weñ sie beim
Wolstande keines bedörfften /beim Unglücke aber ihre Hertzhaftigkeit bezeugen
sollten. Ja seine Grossmütigkeit wusste aus ieder Not eine Tugend / seine
Klugheit aus dem Verlust einen Vorteil zu machen / und seine Erfahrenheit mit
iedem / ja auch mit wiederwärtigem Winde zu schiffen; und bei zweien
unvermeidlichen Ubeln nach dem Beispiel eines lieber auff einer Sand-Banck
strandenden / als auff einer Klippe zu scheutern gehenden Schiffers das
erleidlichste zu erkiesen.
    Wie es nun viel zu weitläufftig fallen würde alle absondere Fälle zu
vernehmen / darinnen unser Herrmann alles dieses angewehrete; also läst sich
doch nicht verschweigen / wie er bei dem Römischen Feldzuge wieder die Chautzen
und Longobarden nicht nur sein Gemüte bei sich ereignenden Gelegenheit seine
Herrschaft zu vergrössern gemässiget / sondern auch seinen Unwillen zu
verstellen / und sich unzeitigen Mitleidens zu enteussern gewust habe. Tiberius
/ Saturnin und Segestes drangen Deutschlande biss ins iñerste Hertze;
bemeisterten nicht nur die denen Cheruskern so wehrte Chauzen / sondern legten
auch so gar der Elbe empfindlichere Fessel / als Xerxes dem Meere an. Die
Cherusker fühlten alle Tage mit Einlauffung einer traurigen Zeitung über die
andere in ihrem Gemüte einen Donnerstrahl; also lagen sie ihrem Hertzoge Tag
und Nacht mit Tränen an / ihren alten und lieben Freunden in ihrer eussersten
Not beizuspringen. Herrmann aber stillte sie darmit: Man wäre einem
Schiffbruch-leidenden Freunde nicht seine Hand zu reichen verbunden / wenn man
allem Ansehen nach selbst von ihm in Abgrund gezogen werden sollte. Seine Hülffe
würde auff Seiten der Chautzen wegen der allzugrossen Macht der Römer umsonst
/und der Cherusker Untergang sein. Die eigene Liebe gienge fremder für; und ein
Fürst sollte lieber seine Nachbarn / als seine Untertanen weinen sehen. Ja seine
Hülffe dörffte denen Chauzen noch darzu mehr schädlich als vorträglich fallen;
weil sie sich hierauff verlassen und alles auf die Spitze setzen / die vom
Tiberius aber ihnen noch angetragene leidliche Friedens-Vorschläge ausschlagen
möchten. Welches letztere er dem Fürsten Ganasch treuhertzig geraten /sich auch
zum Vermitler angeboten hätte; ungeachtet er wüste: dass nichts gefährlicher sei
/ als auch auf Ansuchen oder aus Pflicht einem Rat geben; weil dessen Güte nach
dem ungewissen Ausgange geurteilt / und alle schlimme Zufälle dem klügsten
Ratgeber zugemässen würden. Hierbei setzten ihm nicht nur die Chauzen / sondern
auch die Bructerer / Chamaver / Angrivarier uñ Friesen mit dieser empfindlichen
Versuchung zu: dass sie ihm über sich die deutsche Feldhauptmannschaft
eigenbeweglich antrugen; und einhielten: Er könnte ohne Verkleinerung seines
Hauses / ohne übeln Nachklang bei der Nachwelt diese von seinen Vor-Eltern so
viel hundert Jahr erhaltene Würde nicht aus den Händen lassen / und sie dem
wanckelmütigen Segestes / oder vielmehr seinem herrschsüchtigen Weibe / eines
schlechten Römischen Edelmanns Tochter / und zwar zu ewiger Schande aller
deutschen Fürsten / von den Römern zu enträumen verstatten. Hertzog Herrmann
seuffzete zwar über diesen an sich selbst allzuwahren Bewegungs-Gründen; sah
auch wohl: dass der Ruhm seiner Tapfferkeit in Gefahr und Zweiffel geraten würde.
Sintemahl der wenig Wesens von der Tugend machen könnte / der nicht viel nacht
der Ehre fragte. Gleichwol aber liess er sich weder die übele Nachrede hitziger
Köpffe; nach den Schatten ohnmächtiger Vertröstungen zu einem unzeitigen Eyver
bewegen / sondern hielt für verantwortlicher ein Teil von seinem grossen Namen
/ als sein ganzes Reich einzubüssen. Welches letztere besorglich war / weil die
grosse Macht der Römer / wie in einem halben Zirckel die Cherusker schon durch
Besetzung der Cattenburg /der Festung Segodun / Alison / und Fabiram umzingelt
hielten / und alle Tage an unterschiedenen Orten in seine durch so lange Kriege
an Vorrat und Mannschaft ausgesogene Länder einbrechen konten / auff der
Catten Hülffe sich nicht zu verlassen / Marbod auch selbst am Rücken zu fürchten
war. Dahero er denn seinen eigenen hierzu geneigten Räten einhielt: Einem
gemeinen Manne gienge es hin / wenn er auch nach was unmöglichem strebte; Ein
Fürst aber sollte sich nicht einst in was gefährliches verlieben. Der meisten
Reiche Untergang rührte daher: dass ihrer Fürsten übermässige Ehrsucht nicht die
Umschreckung ihrer Macht / und das Gewichte des von ihnen verlangten Dinges
überleget hätten. Den heftigsten Streit aber in Hertzog Herrmanns Gemüte
erregte: dass die Römer nach überwundenen Chautzen nunmehr auch die Angeln und
Longobarden / derer Nahmen sie kaum gehöret / also keine Beleidigung zur Ursache
des Krieges anzuziehen hatten / mit aller Macht angrieffen; also denen
Cheruskern in Rücken kamen / und mit Behauptung der Elbe sie vollends gar
umschlossen. Wie nichts minder: dass der durch diesen glückseligen Streich und
Unterdrückung des ihm verhasten Fürsten Ganasch hochmütige / oder durch seiner
Gemahlin Sentia Liebkosen / und des Tiberius grosses Versprechen ganz
umgewendete Segestes dem Fürsten Herrmann Tussnelden zu vermählen rund
abschlug; Sie auch dem Tiberius wirklich übergeben hätte / wenn sie nicht auff
unsers Hertzogs Warnigung sich zu der Cattischen Hertzogin geflüchtet hätte.
Nicht nur die Cherusker / sondern auch die Angeln und Longobarden stellten beim
erstern dem Fürsten Herrmann der Römer Herrschensucht /und die aus ihrer
Uberwündung auch denen Cheruskern unzweiffelbar zuwachsende Dienstbarkeit vor
Augen; als welche von Römern sich keiner andern Gnade / als am letzten gefressen
zu werden / versehen möchten. So viel augenscheinliche Beispiele: dass nach dem
die Fürsten mit den Römern stets einzelicht gefochten / die halbe Welt unters
Joch verfallen wäre / sollten doch denen Cheruskern die Augen auftun /dass sie
mit ihne wieder aller Feind in Gemeinschaft der rechtmässigen Gegenwehre träten.
Aber auch dieses war nicht genung: dass Hertzog Herrmann seinen Vorsatz sich
vorher in sich selbst zu befestigen / ehe er mit den Römern bräche / geändert /
oder seine Furcht und Abneigung von den Römern hätte mercken lassen. Sintemahl
er vernünftig vorher sah: dass König Marbod / welcher gegen die Cheruskische
Macht mehr keine Eyversucht zu fassen Ursache hatte / die Longobarden unmöglich
Hülff-los / und die Römer über der Elbe festen Fuss setzen lassen könnte. Uber diss
erwog er: wie das sonst so beschwerliche Unglück diese tröstliche Eigenschaft
habe: dass es nichts minder viel Mitleider / als der verfinsterte Mohnde viel
Anschauer habe; also gar: dass zuweilen die / welche einen bei seinem scheinenden
Glücks-Stern gar zur Eule gehabt haben; ihn bei seinem Notstande als einen
edlen Fenix bejammern. Mit welcher unnützen Gewogenheit das veränderliche Glücke
gleichsam die Scharte seines verterblichen Hasses auswetzen wollte. Wiewol
zuweilen einige mehr aus edler / als kluger Entschlüssung sich auf die Seite der
Unglücklichen schlügen; und den Dorn in ihre Hand stächen / den sie ihrem
Nachbar aus der Zehe gezogen hätten. Wormit er teils seiner Räte frühzeitige
Anschläge ablehnte; teils die Longobardischen Gesandten vergnügte / auch durch
Beteuerung seiner Gewogenheit ihre Freundschaft erhielt /und sie selbst zum
Erkäntnüs brachte: dass sein Zustand nicht vertrüge / sich in ihre Gefährligkeit
zu vertieffen. Hingegen erhielt er hierdurch des Kaysers Gewogenheit; und hemmte
darmit dem neidischen Tiberius den Ziegel; welcher nach der Gelegenheit sich an
ihn zu reiben begieriger / als ein Fisch nach der Lufft schnapte. Welche
Vorsicht denn die Sicherheit seiner Herrschaft ohne die minste Verkleinerung
seiner Auffrichtigkeit unterbaute. Denn ob wohl der köstliche Purper-Rock eines
Fürsten ohne einigen Fleck des Betruges sein soll; und kein Sonnen-Staub einiger
Untugend so klein sein kann / welchen man nicht so reinen Gestirnen ansehe; als
Fürsten sein sollen; so ist doch ihnen unverwehret; dass sie denenselben /welche
sie in ein Unglücks-Garn arglistig zu verwickeln trachten / ein ander Gesichte
weisen / als ihr Hertze ist; oder vernünftig verbergen / was sie im Schilde
führen. Sintemahl ein kluger Herrscher zwar sich mit keiner Lügen behelffen
soll; aber für einem ieden sein Hertz auszuschütten nicht schuldig; und einen
Betrüger mit seinem eigenen Netze zu fangen wohl berechtiget ist. Alle diese
Klugheit bekleidete Hertzog Herrmann mit einer angenommenen Einfalt; gleich als
wenn er des Tiberius gefährliche Anschläge / und die denen Cheruskern hieraus
erwachsende Gefahr nicht ergründete. Wenn ihm auch schon ein und ander selbte
fürzustellen vermeinte / fertigte er selbten darmit ab: dass nichts weiter das
Ziel der Wahrheit verfehlte / als Argwohn. Dieser bildete ihm ins gemein
unzeitig ein: dass die ganze Welt sich wieder ihn rüstete / nicht anders als die
Schiffenden vermeinten; alle Gebürge lieffen von ihnen zurücke. In Staats-Sachen
gäben auch Zwerg-Bäume einen Riesen-Schatten hoher Cedern von sich; sonderlich /
wenn die Sonne eines Reiches auff- oder zu Golde gienge; welchen die
allzusorgfältigen meist für dem wahrhaften Wesen umarmten. Nichts desto weniger
machte dieser kluge Fürst allentalben solche Anstalt auff den Gräntzen / als
wenn er sich täglich eines feindlichen Einfalls zu versehen hätte; und in seinem
Gebiete Kriegsverfassungen; gleich als ob er einen mächtigen Feind zu überziehen
im Wercke begrieffen wäre; also: dass er derogestalt vorher nicht anders / als
ein zum Kampfe bestimmter Auer-Ochse / welcher seine Hörner an harten Bäumen
versuchet / seine Kräfften prüfete; weil doch allererst in der Not aus dem
Steigereiff etwas wagen mehr einem Fechter / als Fürsten zukommt; wegen seines
Fürhabens aber anfangs die Nachbarn / hernach sein Volck / endlich seine eigene
Staats-Diener sich in ihrer Einbildung betrogen schauten; und sein Absehen
weniger / als wo eine sich durch die Dornen windende Schlange endlich mit dem
Kopfe durchfahren würde / vorsehen konten. Welche Klugheit so viel weniger zu
tadeln ist; weil die Natur darmit: dass sie unser Hertze so tieff in das
verborgene unser Brust versteckt / uns selbst darzu Anweisung getan hat.
Deswegen haben nicht nur die klugen Römer der Göttin der Ratschläge ein Altar
unter die Erde gebaut / sondern die Bienen / wenn man sie in durchsichtige
Bienstöcke setzet / überziehen vorher derselben Glas / ehe sie ihre andere
Arbeit anfangen. Ihre heilsame Würckung machet auch wahr: dass sodenn / wenn man
mehr nicht als die Helffte seines Tuns zeigt / die andere Helfte aber verbirgt
und zum Stichblate behält / eine solche Helffte mehr / als das ganze unsers
Vorhabens sei; wenn man sich nämlich mit selbtem auff einmal bloss gibt.
Fürnehmlich aber veursachte diss zurücke halten bei iederman grosses Nachdencken;
weil Hertzog Herrmann sich vorher durch so viel behertzte Entschlüssungen sehen
lassen; und die / welche ihn recht kennten / diss für keine zweiffelhafte
Zagheit ausdeuten konten. Denn durch Zeigung seiner Fähigkeit; durch Verbergung
seines Anschlages machet man eine Kleinigkeit seiner Kräfften ansehnlich; eine
Mässigkeit unbegreiflich und sich selbst zum Wunderwercke. Ja die Torheit selbst
verliert ihre Schande und den Nahmen einer Missgeburt; wenn sie nur nicht ans
Tagelicht kommt. So vorsichtig er nun seine Heimligkeiten verbarg; so
meisterlich wusste er durch das Bleimaass seiner Scharffsichtigkeit die Tieffen
fremder Gemüter /und zwar auch des versteckten Tiberius zu ergründen; also: dass
die Römischen Adler nirgendshin kamen; wo sie Herrmann nicht in Gedancken schon
gute Zeit vorher hatte flügen sehen. Dieser arglistige Römer machte ihm zwar
wieder die Larve einer absondern zum Fürsten Herrmann tragender Freundschaft
für die Augen; und um selbten in den Krieg wieder die Longobarden und endlich
den König Marbod einzuflechten / versprach er ihm allen Beistand zu Erlangung
der deutschen Feld-Herrschaft. Aber diesen blauen Dunst vertilgete der kluge
Herrmann mit einem andern Nebel. Denn ob er wohl wusste: dass eine einmal
zerfallene Freundschaft einem zerstückten und zu ergäntzen unmöglichem
Edelgesteine; ein versöhnter Feind auch einem heute gläntzenden / morgen
rosternden Ertzt-Geschirre / oder einem ausgemahlnen und bald wieder wässrichten
Moraste ähnlich; ja gleichsam des menschlichen Gemütes Eigenschaft wäre / dem
Beleidigten gram zu sein; so reichte er doch dem Tiberius beide Armen seiner
Freundschaft durch scheinbare Vertröstungen und öfftere Beschenckungen. Wiewol
sich sein Hertze von Tag zu Tage /besonders wegen des ihm zum andern mahl
abspenstig gemachten Segestes von ihm abneigte; und er für nichts mehr / als
dem Greuel aller Tugenden / und mit dem Tod-Feinde seines Vaterlandes Bindnüs zu
machen Abscheu trug. Unterdessen verhüllete Hertzog Herrmann seine innere
Entschlüssung so künstlich: dass Tiberius alle Tage sich des würcklichen
Beistandes versah; und gleichwol nach vieler Monate Auffziehung sich über
keine mutwillige Aeffung beklagen konnte. Hingegen brachte Herrmann durch seine
sich noch imer vergrössernde Kriegs-Anstalt denen Longobarden so viel zeitlicher
den Beistand des Königs Marbod zu wege; ob er schon unter der Hand den
Longobardischen Hertzog Wilhelm nachmahls versicherte: dass er sich von den
Cheruskern ehe der Hülffe / als eines Wiedrigen zu versehen hätte. Sintemahl
Marbod ihm die Rechnung machte: dass das eingebildete Bindnüs der Römer und
Cherusker nicht so wohl auf die Longobarden / als Marckmänner das Absehen hätte.
Also gelten und würcken alle Sachen nicht nach der Eigenschaft ihres Wesens /
sondern nach dem Schatten ihres bländenden Ansehens. Dahero auch ins gemein
nicht nur albere / sondern auch scharffsichtige sich an der Schale der Dinge
vergnügen; und die wenigsten derselben den Kern erkennen lernen. Wie nun
Herrmann hierdurch bewehrte: dass eine nach Beschaffenheit der Zeit gebehrdete
Stirne nichts minder / als die Klugheit im Gehirne und die Unerschrockenheit im
Hertzen nötig sei; also wollte er hernach zeigen: dass bei sich ereignender
Gelegenheit was fruchtbares zu stifften / seine Entschlüssung keines Hebers /
seine Tapfferkeit keines Spornes von nöten hätte. Denn nach dem die Römer bei
der Zusammenrinnung der Havel und Elbe von denen Longobarden und Marckmännern
den unglücklichen Streich bekamen; und Tiberius teils wegen verzweiffelter
Uberkunft über die Elbe in dem Longobardischen Gebiete / teils sich anderwerts
an denen Marckmännern zu rächen an dem Strome hinauf biss zu denen Hermundurern
zohe; und nun zwischen diesen beiden Völckern ein beständiger Krieg vermutet
war; schickte Hertzog Herrmann an König Marbod eine Gesandschaft um mit ihm
wieder die Römer ein Bündnüs zuschlüssen. Den Tag aber / als der Gesandte nach
Marbods-Stadt kam / verglich sich Marbod mit dem Tiberius; daher jener mit
seiner Botschaft hinter dem Berge halten / und seinen Verrichtungen einen
andern Firnis anstreichen musste. Nichts desto weniger schöpffte der schlaue
Tiberius einen nicht geringen Argwohn hieraus; daher er sein Kriegs-Heer unter
dem Sentius Saturnin grossen Teils bei den Chauzen / Bructerern / und auff die
Cheruskischen Gräntzen verlegte; um diesen streitbaren Völckern die Flügel zu
verschneiden; wormit sie sich nicht über die Römischen Adler empor schwingen
möchten. Alleine der vorsichtige Herrmann fand durch seine angebohrne Anmut ein
Hefft sich aus dieser Schwerigkeit zu reissen. Denn wie es für viel höher zu
schätzen ist aller Gewogenheit / als vieler Ruhm zu erlangen; die Höfligkeit
aber die gewisseste Angel edler Gemüter / ja gleichsam eine Bezauberung der
Unhold ist; also wusste Hertzog Herrmann hiermit gegen den tapffern Saturnin den
Meister zu spielen / und sich seines Gemütes durch freundliche Bewillkommung
und allerhand Ehrenbezeigungen zu bemächtigen. Worzu ihm denn Saturnins vom
Herrmann bereits vorher geschöpffte Meinung leicht die Bahn brach; weil doch die
/ welche man schon hoch schätzt / leicht die Staffel beliebt zu werden erreichen
können. Wiewol dieses letztere nicht so wohl von unserm eigenen Beginnen / als
von einem gewissen Einflusse des Gestirnes / das etlichen eine Magnetische
Krafft anderer Hertzen an sich zu ziehen einflösset /den Uhrsprung hat; oder zum
minsten seine Vollkommenheit erreicht. Durch dieses Band ward Saturnin so
gefässelt: dass er ohne den Hertzog Herrmann schier nicht sein konnte; sondern von
der Festung Alison mehrmahls nach Deutschburg kam / um seiner annehmlichen
Gesellschaft zu genüssen; allwo er teils mit allerhand Ritter Spielen / teils
Jagten und andern Kurtzweilen höchstvergnüglich unterhalten ward. Wie nun
Saturnin dem Tiberius aus einer angebohrnen Abneigung / oder wegen seiner Laster
von Hertzen gram war; und er deswegen denen Deutschen / welchen Tiberius zu
Kopffe wachsen wollte / so viel möglich /beim Kayser die Stange hielt; also ward
Saturnin durch einen besondern Zufall in seinem Fürnehmen gestärcket. Denn als
ihm Hertzog Herrmann auf dem Blocks-Berge eine Jagt bestellt hatte / und sie um
Mitternacht schon aus ihrem Nacht-Lager aufwaren desto zeitlicher in die
Stallung zu kommen / traffen sie noch für anbrechendem Tage auff einer gähen
Klippe ein Wahrsager-Weib an / welche von eitel besondern Kräutern einen Kreis
um sich gemacht; inwendig aber selbten mit eitel dinnem Sande bedeckt hatte. Für
dem Kreisse kniete ein Kriegs-Mann in Römischer Tracht / welcher die Wahrsagerin
um seine zu Rom verlassene Buhlschaft / und etliche andere künftige Zufälle;
endlich um das Glücke des Kaysers / des Tiberius und Saturnins befragte. Die
Wahrsagerin /welcher die Haare ganz ungekämt um den Kopf flohen / und welche
einen weiten weissen uñ nirgendswo gegürteten oder zugeschlingten Gürtel an hatte
/ und sich an einen mitten im Kreisse stehenden Wacholder-Baum lehnte; fieng an
etwas unvernehmliches zu murmeln; darnach setzte sie den lincken Fuss in ein mit
Wasser gefülltes küpffernes Becken; wusch denselben / und trocknete ihn an ein
weiss Gewand; nahm den aus Eisen-Kraute geflochtenen Krantz vom Haupte /hieng
denselben über sich an einen Wacholder-Ast; und nach dem sie den lincken Arm
samt der lincken Brust entblöst hatte / schlug sie mit einer Tamarinden-Rute
sieben mahl an die Wacholder-Aeste: dass die daran hangenden reiffen Beeren
häuffig herunter fielen. Diese nahm sie niederkniende / betrachtete eine iede
darvon gegen dem durch die Bäume scheinenden Mohnden auffs genaueste; hernach
setzte sie von diesen Beeren in den Sand eine Schrifft zusammen; welche sie mit
vielen zwerch über einander gelegten Weiden-Zweigen unterscheidete. Zuletzt
machte sie den von Kräutern gemachten Zauber-Kreis auff / und nach dem sie die
Tamarinden-Rute zerbrochen / die Kräuter aber in das küpfferne Becken zusammen
gelesen hatte / rieff sie: Liess dein und anderer Verhängnüs; und hiermit sprang
sie in das dickeste Gepüsche. Weil aber in einem Augenblicke ein so heftiger
Sturm-Wind entstand; welcher die stärcksten Bäume mit ihren Wurtzeln
auszureissen dräute; fieng Saturnin / welcher mit dem Hertzog Herrmañ hinter
einer zwiesslichen Tanne dieser Gauckelei zugesehen hatte /lachende an: Dieser
Einfältige wird nun wohl schwerer seine Wahrsagung zusammen lesen; als welche für
Zeiten aus denen mit einem Buchstaben bezeichneten / und von der Sibylle
ausgestreuten Blättern musste erkieset werden. Nichts desto weniger sahen sie:
dass dieser Mensch ihm einen kyhnenen Spaan anzündete /und der Wahrsagerin
Beeren-Schrifft mit Fleiss untersuchte. Daher sie sich dem Orte näherten / dem
über Zusammenreimung der Wahrsagung fast aller eusserlichen Sinnen beraubten
Römer zusahn / und ihn endlich folgende Reimen zusammen flicken hörten:
Nach dreien Jahren wird dein Absehn treffen ein /
Wenn Gift den Lebens-Drat dem Kayser wird verkürtzen.
So denn wird auch Tiber das Haupt der Romer sein /
Der von Tarpejens Fels den Saturnin wird sturtzen.
Saturnin / welcher diese letzten Worte nicht ohne Bestürtzung vernahm / fuhr aus
einem ihn überlauffenden Eyver diesen sorgfältigen Ratfrager mit heftigen
Worten an: welch böser Geist verleitet dich über des Kaysers Leben und Haus die
Zauberer zu fragen? Weist du nicht: dass du Leben und Vermögen hierdurch
verschertzet hast? Dieser / als er sich umkehrte / und den ihm allzuwol
bekandten Römischen Feld-Hauptmann Sentius vor sich sah / erstarrte wie ein
Scheit / oder als ein von dem Blitz entseelter Leichnam. Endlich erholete er
sich ein wenig; und nach dem er dem Saturnin zu Fusse gefallen / bat er nur um
sein Leben; welches er nach dem Kriegs-Rechte; weil er als ein Hauptmann über
hundert Kriegs-Knechte ohne seiner Befehlhaber Bewilligung diss fürgenommen /
verloren zu haben bekennte. Ausser dem aber meinte er genungsam entschuldigt zu
sein; weil Tiberius selbst ihm nicht diese Wahrsagerin (welche für kurtzer Zeit
in Rom gewest wäre / und dem Augustus etliche Wahrsagungen in seinen Arm
eingeschnitten hätte) um sein und des Kaysers Begebnüsse zu befragen befohlen
hätte. Diesen Fragen hätte er aus Vorwitz seiner Buhlschaft / und aus
sonderbahrer Verbindligkeit des Saturnins künftiges Glück zu vernehmen
beigesetzt. Denn er wäre Scribonius; welcher unter dem Saturnin zum ersten den
Kriegs-Gürtel umgemacht / auch von ihm itzige Staffel erlangt / auff des Kaysers
Befehl aber von dieser berühmten Wahrsagerin / welche mit denen tieffsinnigsten
Druyden in verträulicher Gemeinschaft lebte / und ungeachtet der ihr vom Kayser
und Livien zu Rom verordneten herrlichen Verpflegung / doch dieses wegen vieler
zu der Wahrsagung bewehrter Kräuter berühmte Gebürge mit denen Liebligkeiten
Italiens nicht hätte verwechseln wollen / so gar unterschiedene Geheimnisse / die
ihm die Chaldeer nicht zu eröffnen gewüsst / erlernet hätte. Saturnin antwortete
ihm: Es sollte zwar für dissmahl seinem Verbrechen die Straffe nachgesehen sein;
er sollte sich aber fortin entweder dieses Aberglaubens / oder des Krieges
enteussern. Er kam hierauff zwar mit dem Hertzog Herrmann in die Stallung /und
die Jagt ging mit Erlegung vieler Bären und wilder Schweine glücklich ab; aber
Saturnin war allezeit in tieffen Gedancken; ob ihm schon Hertzog Herrmann durch
vorgebildete Eitelkeit der Zauberei alle Traurigkeit auszureden sich eusserst
bearbeitete. Ja es wurtzelte in dem Gemüte des Saturnins ein unversöhnlicher
Hass wieder den Tiberius hingegen eine nicht geringe Gewogenheit gegen die von
ihm gedrückte Deutschen ein. Weil doch das menschliche Gemüte dem schwerlich
hold bleiben kann / von dem es seinen Untergang zu besorgen hat; und die
neu-angesponnene Feindschaft die ältere nicht nur verdüstert / sondern auch
verursacht: dass man sich auff dieser ihre Seite schlägt. Diesemnach denn die
Chautzen und andere gleichsam gefässelte Deutschen vom Saturnin nicht als
Uberwundene / sondern als Bunds-Genossen gehalten; und des Tiberius wieder die
Cherusker zu Rom angesponnene Anschläge durch Saturnins Vorschrifften zu Wasser
gemacht wurden. Nachdem auch Saturnin die Römischen Waffen von Deutschland
unmöglich gar abhalten konnte; brachte er es doch beim Kayser so weit: dass selbte
von dem Fürsten Herrmann abgelehnt / und gegen den über die Römische Hoheit
einen allzugrossen Schatten abwerffenden Marbod zu gebrauchen bestimmt wurden.
    Die Fürstin Tussnelda lebte inzwischen bei der Cattischen Hertzogin des
Fürsten Arpus Gemahlin so verborgen: dass Segestes und Tiberius das wenigste von
ihrem Auffentalt erfahren konten. Gleichwol aber unterhielt sie den Fürsten
Herrmann mit ihrer holdseligen Brieff-Wechselung. Und ob wohl dieser die zwischen
ihnen beschlossene und vom Segestes zweimahl beliebte Heirat zu vollziehen bei
Tussnelden beweglich anhielt; so machte doch diese fromme Heldin wegen besorgten
väterlichen Unwillens allerhand Schwerigkeit / und Hertzog Arpus /welcher durch
Tussneldens Vermittelung mit dem Cheruskischen Hertzoge verträuliche
Freundschaft aufrichtete / wiederriet solches noch zur Zeit desshalben: dass der
für toller Brunst gleichsam wütende Tiberius so viel ehe gegen die Cherusker in
Harnisch gebracht / und Saturnin seinem Eydam Segestes zu Liebe das bisherige
gute Verständnüs mit dem Fürsten Herrmann abzubrechen verursacht werden dörffte.
Weil nun Tussnelda bei den Catten in sicherer Verwahrung wäre / sollte er der
Zeit / welche alle Dinge doch endlich zu ihrer reiffen Vollkommenheit brächte /
noch ein wenig nachsehen. Die Cherusker und Catten stünden zwar wieder in
ziemlicher Verfassung / um auf allen Fall den Römern die Spitze zu bieten / und
August selbst wiederstrebte des Tiberius ungesunder Liebe. Allein die / welche
mit dem Lichte der Vernunft / und nach der Richtschnur der Klugheit einen
gewissen Zweck zu erreichen gedächten / vertiefften sich nicht ausser eusserste
Not in die gefährlichen Strudel ungewisser Zufälle. Von den Klippen guter
Hoffnung liesse sichs zwar leicht biss an das Ufer des glückseligen Eylandes
sehen; aber es wäre zwischen beiden Enden eine tieffe Klufft befestigt.
Diesemnach wäre es besser dem Glücke die Gelegenheit benehmen mit uns nach
seinem Belieben zu spielen / als desselbten mit so viel Gefahr Meister werden.
Das Verhängnüs / welches ihr heiliges Band der Ehe augenscheinlich selbst
gestifftet hätte / würde schon der Gelegenheit diesen Notzwang auffbürden: dass
sie beiden Verlobten selbst die Hand reichen müste / um sie in den Hafen ihrer
verlangten Vergnügung zu ziehen. Also musste nur Hertzog Herrmann sich mit Gedult
fassen / ungeachtet er seiner Liebsten Abwesenheit so lange Zeit nicht ohne die
heftigste Gemüts-Kränckung vertragen konnte. Alleine das Glücke mühte sich
entweder dem grossmütigen Herrmann noch ein Bein unterzuschlagen / oder das
Verhängnüs wollte seine Treue noch besser prüfen. Daher die für dem Tiberius
versteckte Fürstin Tussnelda aus ihrer Verdüsterung einem andern unter Augen
leuchtete / um vielleicht dem Fürsten Herrmann zu beglücken: dass er die zwei
grösten Häupter Europens zu Neben-Buhlern gehabt / auch beiden den Preis
abgerennt hätte. Diese Begebnüs aber / sagte Adgandester / kann diese Erlauchte
Versamlung nicht unverfälschter / als aus dem Munde der Cattischen Hertzogin
vernehmen; als welche nicht nur eine gegenwärtige Zuschauerin; sondern eine
wahrhafte Schutz-Göttin unser Hertzoglichen Braut abgegeben hätte. Diese aber
lehnte die Erzehlung von sich höflich ab; weil sie selbst mit in die Geschichte
eingeflochten wäre / und sich ehe dieser Gesellschaft zu entbrechen Ursache
hätte; wenn ihre Begierde derselben auffzuwarten sie nicht zurücke hielte. Es
könnte aber die sich ohne diss in der Schuld befindende Gräfin von der Lippe alle
so wohl vergnügen / als sie vertreten; weil sie von allem die genaueste
Wissenschaft hätte. Einer solchen Fürstin Anmuten war der Gräfin ein
genungsamer Befehl; und daher fieng sie ohne Umschweiff die verlangte Erzehlung
derogestalt an:
    Es sind wenig Jahre: dass König Marbod auff einer Jagt an der Bojischen und
Hermundurischen Gräntze ein siedend heisses Quell / welches mitten aus einer
kalten sich kurtz darauff in den Enger-Fluss stürtzenden Bach seinen Uhrsprung
nimmt / bei Verfolgung eines daraus auffgejagten und von dem heissen Wasser
rauchenden wilden Schweines erforschet hatte. Weil man nun solches für ein
heilsames Mittel wieder viel Kranckheiten erkennet / also daselbst für Inn- und
Ausländer zu bequemem Auffentalt etliche zierliche Häuser erbauet / und diesen
Ort mit grossen Freiheiten begabet hatte; rieten dero Aertzte auch der
gefährlich erkranckenden und hier anwesenden Fürstin Erdmut: dass sie sich
dieses warmen Bades gebrauchen sollte. Eine Tussnelden / wiewol aus blosser
Gemüts-Kranckheit zustossende Schwachheit; und dass Erdmut vorerwähnte
Cattische Hertzogin gleichsam ohne die annehmliche Tussnelde nicht leben konnte;
verursachten: dass diese jener Reise-Gefärtin war; Wiewol sie / um so viel
unbekandter zu bleiben / nur die Stelle einer adelichen Jungfrau bekleidete.
König Marbod / so bald er von der Dahinkunft einer so grossen Fürstin Nachricht
erhielt; liess selbte mit allerhand Notdurfft und Erfrischungen versorgen. Der
Ritter / welcher diss überbrachte / wusste seinem Könige den grossen Helden-Geist
und die Klugheit dieser Fürstin / wie auch die Schönheit ihres Frauenzimmers
nicht genungsam zu rühmen; Daher er unter dem Vorwand einer Jagt mit wenig
Edelleuten unbekandter Weise in diesen warmen Brunnen kam. Und weil die Fürstin
mit dem andern Frauenzimmer in einem rund gewölbten Saale badete / worinnen ein
von weissem Marmel gemachtes Behältnüs durch verborgene Röhren das vorhin eine
ganze Nacht abgekühlte Wasser in sich bekam /nach selbiger Landes-Art aber
dieser Platz dem Vorwitz aller dahin kommenden unverschlossen stand /kriegte
Marbod diss / was er verlangte / unschwer zu Gesichte. Aber so leicht die Rose
zwischen andern Blumen / ein Diamant unter andern Edelgesteinen /der Mohnde bei
andern Sternen zu erkiesen ist; so geschwinde fiel dem Könige für andern die
unvergleichliche Gestalt Tussneldens ins Gesichte; oder die Liebe kroch vielmehr
durch diese zwei Pforten ihm in das innerste seiner Seele. Der Schnee ihrer
zarten Glieder steckte in diesen nicht so wohl von unter-irrdischem Schwefel /
als von ihren lodernden Anmuts-Strahlen erhitztem Wasser Marbods Hertze mit
unausleschlichen Flammen an. Sein Gemüte beklagte: dass sein Leib allzu wenig
Augen hätte sich durch Anschauen einer mehr / als irrdischen Schönheit zu
ersättigen. Je mehr er aber sie anschauete; so viel mehr ward sein Verstand
verfinstert / und sein Geist entseelet. Denn die Schönen verbländen mit ihrem
Glantze wie die Sonne / und tödten mit ihrer Lebhaftigkeit /wie das Feuer. Ja
Marbod war in einem Augenblicke schier ganz ausser sich. Denn seine Seele hatte
ihr eine andere Wohnstatt nehmlich den herrlichen Tempel dieser himmlischen
Fürstin erwehlet; und es schiene von seinem Leben nichts / als die
Empfindligkeit grössester Schmertzen übrig geblieben zu sein. Weil er nun seine
eigene Ohnmacht an sich erkennte; war er willens / sich nicht / wie er wohl
anfangs ihm fürgesetzt hatte / erkennen zu geben; sondern zu Verhütung seiner
Schwachheit sich wieder zu entfernen. Aber Tussneldens Anmut zohe seine Augen
mit unsichtbaren Ketten nachdrücklicher / als der Nordische Angel-Stern die
Magnet-Nadel an sich. Daher er nach Art derselben Weltweisen / welche nur um die
Sonne anzuschauen geboren zu sein vermeinten / sein Gesichte nie von ihr
verwendete / auch von dar zu scheiden sich nicht überwinden konnte / biss die
Zeichen zum Ausbaden durch eine Glocke gegeben / und alle Zuschauer zu
entweichen genötiget wurden. Unter wehrender Ankleidung des Frauenzimmers
erholte sich Marbod gleichwol so viel: dass er unter dem Nahmen eines vom Könige
um ihre Gesundheit zu vernehmen abgeschickten Marckmännischen Ritters bei dem
Herausgehen der Hertzogin den Saum des Rockes / ihrem Frauen-Zimmer aber die
Hand zu küssen Erlaubnüs bat. Es wäre aber diese Vermessenheit dem Könige bald
übel geraten; weil er bei Anrührung Tussneldens schneeweisser Hand ganz
erstarrete; also dass er mit genauer Not / iedoch nicht ohne Anmerckung seiner
Veränderung / so wohl seiner Gefärten / als der Hertzogin denen folgenden
Fräulein die ausgebetene Ehrerbietung bezeigen konnte. Wesswegen auch die Fürstin
Erdmut bald darauf mit Tussnelden / als sie an der Bach auf einer Wiesen sich
ergiengen /schertzte; und ihr / wie sie eine Marckmännische Land-Frau so bald
werden könnte / lächelnde vorhielt. Marbod war kaum in seinen Königlichen Sitz
ankommen; als er seine vierzehnjährichte wunderschöne Tochter Adelmund / derer
Mutter die berühmte Gotonische Fürstin Marmeline vor zwei Jahren gestorben war
/ in den warmen Brunnen die Hertzogin Erdmut annehmlich zu unterhalten
abfertigte. Diese kam mit einem prächtigen Aufzuge daselbst an / und erzeigte
der Hertzogin nicht allein alle ersinnliche Höffligkeiten / sondern beschenckte
sie und das gesamte Frauenzimmer mit vielen Köstligkeiten / insonderheit aber
mit Perlen / Diamanten und Granaten /welche in den Bojischen Wässern und
Gebürgen gefunden werden. Nach dem auch diss Bad der Hertzogin sehr wohl zuschlug
/ und sie sich bei ziemlichen Kräfften befand; lud die Fürstin Adelmund die
Hertzogin und ihr Frauenzimmer in einen eine Meile von dar gelegenen Königlichen
Garten / welcher wegen der köstlichen Spring-Brunnen / der seltzamen Gewächse /
der fruchtbaren Bäume / der lustigen Gegend und des mit vielerlei Wild erfüllten
Tier-Gartens für den herrlichsten in Deutschland gehalten ward. Insonderheit
waren um selbige Gegend so viel Fasanen zu schauen: dass sie mit dem Flusse
Phasis um den Vorzug zu kämpffen schien. Als diese Versamlung des Frauenzimmers
in der verträulichsten Erlustigung sich befand / und in einer von eitel Muscheln
und Korallen besetzten Höle bei dem hin- und wiederspritzenden Wasser wegen
damahliger Mittags-Hitze sich abkühlete / kam ein Edelmann / und deutete der
Hertzogin an: dass König Marbod schon im Garten wäre. Sie war auch kaum aus der
Höle durch einen überlaubten Gang zu einem marmelnen Spring-Brunnen kommen / als
der König in prächtiger Tracht mit vielen Grossen seines Hofes ihr begegnete;
und sie und alle ihr Frauenzimmer auffs höflichste bewillkommte. Diese aber
wurden auffs höchste bestürtzt /als sie nunmehr wahrnahmen: dass der sie für
etlichen Tagen im warmen Brunnen heimsuchende Edelmann eben der König Marbod
selbst gewesen wäre. Wesswegen denn die Hertzogin nichts minder sich / als die
Ihrigen entschuldigte: dass sie aus Irrtum ihm nicht mit gehöriger Ehrerbietung
begegnet wären. Marbod versetzte: es könnte eine so vollkommene Fürstin mit ihrer
so ausserlesenen Gesellschaft gegen niemanden sich einigerlei Weise gebehrden:
dass sich nicht auch ein König darmit zu vergnügen hätte. Mit welchen
annehmlichen Wortwechselungen sie denn einander biss zu der an der Seite des
rauschenden Wassers unter einem goldgestückten Persischen Zelt zubereiteten
Taffel unterhielten. Bei welcher Tussnelde alsbald wahrnahm: dass Marbod ein
besonders Auge auff sie hatte; indem er bei seiner angemasten Freude doch
allezeit eine Schwermut mercken liess; und wenn er mit Tussnelden nur etliche
Worte wechselte / oder sie nur ansah / iedesmahl seine Farbe veränderte. Denn
weil das Feuer der Liebe an Geschwindigkeit den Blitz übertrifft / die Seele
aber gleichsam im Blute schwimmet / kann diese schier keine Bewegung ohne seine
Aufwallung empfinden. Gleichwol unterhielt Marbod Tussnelden am allermeisten mit
Gesprächen; und vergnügte sich gleichsam: dass seine Veränderung ie mehr und mehr
die Verwirrung seines Gemütes an Tag gäbe / und sein Antlitz der erste
Vorredner seiner Liebes-Werbung würde. Hiermit hatte Tussnelde über der Taffel
bei solchen Anmerckungen so tieff in das Hertze Marbods gesehen / als wenn die
Natur ihm ein Fenster an die Brust gesetzt hätte. Denn die / welche ihre eigene
Liebe schon prüfen gelernet / verstehen leicht auch fremder Verliebten stumme
Sprache; und ihre Augen geben nicht weniger rechte Fern-Gläser ab / welche so
gar die verborgensten Gedancken erkiesen; sie selbst als das allergeistreichste
Teil des Menschen / in welchem die Seele wohnet / die Jäger unser Begierden /
die deutlichsten Dolmetscher unsers Hertzens / die Mahler unser Gedancken / die
Mäckler unser Liebe / ja gleichsam unsere Gebieter / alle andere Teile des
Menschen aber nur ihre Dienstboten sind. Dieses Urtel ihrer Scharffsichtigkeit
ward dardurch so viel mehr bestärcket: dass König Marbod /als Tussnelde aus
Höfligkeit einem Edelmanne die Giss-Kanne aus der Hand nahm / und ihm das
Hand-Wasser reichen wollte / einen unschätzbaren Ring mit einem Sardonich in das
Giss-Becken Tussnelden zum Geschencke fallen liess; welchen der Samische König
Polycrates um eine Scharte in sein übermässig und daher so viel mehr verdächtiges
Glücke zu machen /ins Meer geworffen / ein Fisch aber ihm wieder in seine Küche;
hernach August aus den Schätzen Cleopatrens nach Rom gebracht / und in das
Heiligtum der Eintracht gewiedmet; letztens aber dem Könige Marbod / als ein
Zeichen seiner Freundschaft zum Geschencke überschickt hatte. Tussnelde konnte
aus Höfligkeit diese grosse Gabe nicht verschmähen; iedoch / weil sie aller Welt
Schätze mit einem andern /als ihrem Herrmann / in verbindliche Eintracht zu
treten allzu verächtlich hielt; erweckte ihr diese verdächtige Freigebigkeit
eine nicht geringe Unruh des Gemütes; welche auff die Nacht noch mehr
vergrössert ward / als sie vernahm: dass Marbod um ihren Uhrsprung und Zustand
die Hertzogin Erdmut so genau befraget; wiewol eine ihr annehmliche Antwort
erhalten hatte: dass sie eines Cattischen Grafen Tochter wäre / und bereit das
Gelübde ewiger Keuschheit geleistet hätte / zu dessen Kennzeichen sie denn nach
Art der derogestalt verlobten Jungfrauen einen Ring im Finger trüge; in dessen
Rubin zwei ackernde Fliegen / als Merckmaale unversehrlicher Jungfrauschaft
gegraben wären. Weil aber alle Kühlungen der Liebe nur ihr Feuer vergrössern /
ward König Marbod von zweien Gemüts-Regungen / nehmlich der Liebe und Furcht /
nicht nur beunruhigt / sondern gepeinigt; also: dass er bei nahe die ganze Nacht
kein Auge zu zutun vermochte. Denn jene scheinet zwar ein aus dem Himmel eines
schönen Antlitzes gezeugeter Engel zu sein; aber Furcht und Zweiffel wegen des
ungewissen Genüsses verwandelt sich in dem Hertzen des Liebenden in eine
höllische Unholdin. Nach langer Abmergelung und veränderter Beratung; wie er
Tussneldens Gewogenheit gewinnen / und das bei den Deutschen so heilige Gelübde
der Keuschheit zernichten möchte / fiel er endlich in einen Schlaff / oder
vielmehr in eine halbe Ohnmacht; die von einer vollkommenen nur dardurch
entschieden war: dass er noch durch allerhand ängstige Träume gequälet / und
endlich mit Schrecken erwecket ward. Weil er nun den Tag vorher schon die
Cattische Hertzogin auff eine Jagt eingeladen hatte; die Sonne aber bereit die
Spitzen des blauen Gebürges bestrahlte / musste er seine träumende Unruh nur mit
der wachenden verändern /und zu solcher Lust sich anschicken. Die Fürstin
Adelmund hatte sich als eine Diana darzu gerüstet; und solcher Gestalt sich
auszuputzen dem Cattischen Frauen Zimmer Pferde / Waffen und ander Geräte
herbei schaffen lassen. Marbod hatte Tussnelden den Tag vorher nur als ein
Frauen-Zimmer verwundernd angesehen; diesen aber sah er sie zu Pferde als eine
streitbare Heldin. Er hatte sie als eine Halb-Göttin verehret; nunmehr aber ward
er gezwungen sie als eine völlige anzubeten. Denn sie sass als eine lebhafte
Amazone zu Pferde; im Rennen und Schüssen tat sie es allen Rittern zuvor; und
erlegte zweimahl so viel Wild / als iemand anders. Denn kein Hirsch war ihr zu
geschwinde; kein Bär zu grausam / und kein Luchs zu erschrecklich. König Marbod
tät auch im Jagen sein eusserstes / um seine Tapfferkeit sehen zu lassen; und
sich derselbigen Jägerin zu bemächtigen; welche mit ihren Pfeilen diese Wildnüs
am Wilde arm machte; durch ihre Schönheit und Anmut aber sie mit unschätzbaren
Blumen bereicherte; welche auf ihren Lippen und Wangen viel beständiger / als in
dem Rosen- und Lilgen-Monate blühen. Tussnelde setzte nach Erlegung eines
Tieres alsofort dem andern nach; Marbod aber verlohr niemahls die Spur dieser
wunderwürdigen Hindin; welche nichts minder die Vollkommenheit derselben /
welche Hercules dem Euristeus liefferte / übertraff; als er von einem grösseren
Wütterich / nehmlich der Liebe zu derselben Einholung angereitzet ward; und
meinte so viel Steine in ihr Liebes-Bret eingesetzt zu haben; so viel wilde
Tiere er in ihrem Angesichte erlegte. Weil er aber stets nur ein Auge auf diese
/ das andere aber auf Tussnelden hatte; als nach welcher seine eigene Seele auff
die Jagt zoh; versah es Marbod bei Verfolgung eines Bären: dass er mit dem
Pferde stürtzte; und von diesem wegen seiner Verletzung so viel mehr
verbitterten Tiere auffs grimmigste überfallen; von der Fürstin Tussnelde aber
/ welche einen Wurff-Spiess selbtem mitten durchs Hertze jagte / zu grossem
Glücke entsetzet; und hierauff auf ein ander Pferd gebracht ward. Marbod /
welcher sich hierdurch ihr das Leben zu dancken verpflichtet erkennte / hätte
ihr gern ein verdientes Danck-Opffer erstattet / oder vielmehr Gelegenheit
gehabt / ihr die Wunden seines Hertzens zu entdecken; aber diese flüchtige
Daphne wollte auch dieser grossen Sonne Deutschlands nicht Stand halten; sondern
sie rennte in die düstersten Hecken; also: dass sie Marbod bei nahe zwei Stunden
vergebens suchte. Wie er nun für Mattigkeit lächste /und sein Pferd für
Müdigkeit sich kaum bewegen konnte / leitete ihn das Wiegern eines Pferdes auf
eine Pfad; welcher ihn kurtz darauff zu eben dem aus einem rauen Felsen
springenden Quell leitete; darauff Tussnelde sass / und ihren Durst mit diesem
kristallenen Wasser leschte. Marbod kriegte mit ihrem ersten Anblicke gleichsam
ein neues Leben; sprang also vom Pferde / umarmete sich bückende ihre Knie; und
redete sie alsofort an: Warum fleuchstu so sehr für mir / du Gebieterin meiner
Seele? hast du für Marboden grössere Abscheu / als für dieser traurigen Einöde?
Wilstu dich aber für Licht und Sonne verstecken / so mustu / Sonne des
Erd-Kreisses / dich von dir selbst zu entfernen den Anfang machen. Bistu von der
Hitze des Mittags gezwungen deine anklebende Zunge mit dieser Eyss-kalten Flut
abzukühlen; so überlege / was eine verliebte Seele für Pein erdulde; und
erquicke sie aus Erbarmnüs nur mit einer Hand voll deiner holdseligen
Gewogenheit. Glaube: dass der Blitz deiner Augen mein loderndes Hertze nicht
anders / als die Glut die um selbte schwermende Mücken schon eingeäschert habe;
wenn aber du vom Balsam deiner Gegen-Liebe nur wenig Tropffen in diese Asche
fallen läst; wird es als ein neuer Fenix daraus lebhafter / als vor gezeuget
werden. Vollkommene Göttin! sei nicht einsamer / als diese Wildnüs; noch
unbarmhertziger / als diese Felsen; in dem jene meine Gesellschaft so willig
verträget; diese aber uns beide nicht erdürsten lassen. Sorge nicht: dass meine
Liebe die Flüchtigkeit dieser Bach / sondern die Aehnligkeit des ewigen Feuers
habe. Ich habe vor dir nur eine /wiewol dir nicht vergleichliche Fürstin lieb
gewonnen; und es hat meine Flamme nichts / als der Todt ausleschen können; der
ihr zwar das Tacht der erblichenen Marmeline entzogen hat; Gleichwol aber lebet
ihr Gedächtnüs in meinem ihr gewiedmeten Gemüte; und unserer beider Geister
vergessen nicht auch noch so viel reiner sich mit einander zu umarmen. Wie viel
mehr hastu dich / du Ausbund aller Vergnügungen /einer unausleschlichen Liebe zu
versichern; weil deine Tugenden täglich mehr Oel in die brennende Ampel meines
Hertzens / als die Adern dieses Gebürges Wasser in diss Quell zu flössen haben.
Weil dir nun die Natur eine Botmässigkeit über alle Augen / deine Tugend über die
Seele Marbods verliehen hat; so verschmehe nicht die dir vom Verhängnisse heut
angebotene Herrschaft über die streitbaren Marckmänner /und die Völcker des
halben Deutschlands. Da dir aber auch diss zu verschmählich ist / so habe doch
zum minsten Mitleiden mit dem für Liebe vergehenden Marbod / und glaube: dass der
Siegs-Preis des Grimmes nur an der Menge der Todten / der Liebe aber an Vielheit
der Genesenden bestehe. Marbod drückte diese Worte mit einer solchen beweglichen
Art aus: dass man das Leiden seiner Seele an seinem Antlitze klar genung
abgebildet sah. Tussnelden war iedes liebkosende Wort ein neuer Donner-Keil; sie
setzte ihm aber mit einer mehr ernst als freundlichen Gebehrdung diese Antwort
entgegen: Wenn es in meiner Gewalt stünde einen so grossen König zu lieben
/würde meine Verweigerung billich den Titel des Wahnwitzes verdienen. Denn wie
könnte mein Wille mit Vernunft dem wiederspenstig sein / dessen Tapfferkeit so
viel Völcker übermeistert / und dessen Tugend der Flüchtigkeit des Glückes einen
Stillstand zu bieten gewust hat? Wie möchte ich Albere so viel Kronen
verschmähen; für welche so viel Menschen ihre Kinder / ihr Blut / ja ihre eigene
Seele aufopffern? Aber so hat den Platz meiner Scheitel schon ein ander Krantz /
und die Höle meines Hertzens schon eine andere Gotteit eingenommen; also: dass
ich mich selbst; weil ich mein Eigentum nicht mehr bin / niemanden ferner
vergeben kann. Diesemnach überwünde / grossmächtiger Marbod / hierinnen nunmehr
auch dich / nach dem du ausser dir nichts mehr zu überwältigen hast. Denn sein
selbst mächtig sein / ist das gröste Kaysertum; mit der Unmögligkeit aber einen
Krieg anfangen / heisset alle vorige Siegs-Kräntze mit Füssen treten. Erwege:
dass die ersten Regungen unsers Gemütes nur Versuchungen / die heftigsten auch
am unbeständigsten sind. In dreien Tagen wird die auffwallende Hitze deiner
Begierden sich abkühlen / und deine Klugheit dir einhalten; wie unbedachtsam der
grosse Marbod eine schlechte Edel zu seiner Gemahlin erkieset habe; und wie
ungedultig die streitbaren Marckmänner eine fremde Dirne zu ihrer Königin leiden
können. Du selbst wirst wahrnehmen / wie unsere blinden Regungen uns mehrmahls
verleiten: dass wir in unser eigen Unglück auff der Post rennen /und über
Auszimmerung unsers eigenen Fallbrets schwitzen. Da du dich aber selbst
überwindest / wird dieser herrliche Sieg noch mit zwei andern begleitet sein.
Denn nicht nur ich / sondern auch die Tugend /der ich mich vermählet habe;
werden deswegen deine Schuldner ersterben / und an statt der bald faulenden
Rosen / auf deine Scheitel einen Krantz von Palmen und Lorbern winden müssen.
König Marbod hörte diese Ablehnung mit nicht geringer Bewegung / als ein
Verbrecher sein Todes-Urtel an. Weil er aber vermeinte: dass Tussnelden nichts /
als ihr Gelübde der Keuschheit am Wege stünde; setzte er diesem entgegen: das
Gelübde der ewigen Jungfrauschaft täte der Natur selbst Gewalt an; und der
Vorsatz nicht zu lieben stünde so wenig in unser Gewalt; als die Eigenschaft
des Brennens von dem Feuer abzusondern. Unmögligkeiten aber könten so wenig in
Gelübden /als in andern Verbindnüssen uns einen Notzwang aufhalsen. Da aber ja
diese Gelübden einige Krafft hätten; würden selbte doch sodenn ausleschen; wenn
das Verhängnüs uns selbst einen andern Weg leitete; oder uns die Natur selbst
ungeschickt machte selbigem länger Folge zu leisten. Zu geschweigen: dass /weil
das Verhängnis in seinem Lauffe ganz unveränderlich / in seiner Strengigkeit
unerbittlich wäre; so wenig durch Gelübde / als durch die Opfferung weisser
Lämer-Köpffe diss / was der Himmel schon über uns beschlossen / abgelehnet werden
könnte. Machte sie ihr aber noch ihres Gelübdes halber ein Gewissen; wäre er
erbötig statt ihrer fünff hundert andere Jungfrauen ewiger Keuschheit zu
wiedmen / und also der von ihr verehrten Gotteit die Pflicht mit Wucher zu
erstatten. An welcher Vertretung sie so viel weniger zu zweiffeln hätte; weil er
als zugleich oberster Priester der Marckmänner das Band aller Gelübde aufzulösen
befugt wäre. Tussnelda hörte diesen von dem Rauche der Begierden ganz
verbländeten Vortrag mit nicht mindern Unwillen / als Aergernüs an; daher sie
ihm nicht ohne Hefftigkeit begegnete: Wenn GOtt unerbittlich; unser Unglücke
ganz unablehnlich wäre; müste man nicht nur die Gelübde / sondern alle
Gottesfurcht aus der Welt verbannen. Des Verhängnisses Schlüsse hätten nichts
minder ihre Beschrenckung /als die Handlungen der sterblichen Menschen; und es
hielte GOtt mehrmahls die zum Schlagen schon gezückte Hand zurücke; weñ die
Bosheiten sich durch Andacht für ihm demütigten. Da aber auch der Ausschlag der
Dinge bereit für unser Geburt von dem Verhängnisse unveränderlich bestimmt wäre;
rührte doch auch unser Gebet und Gelübde von seinem Zwange her; als ein
uñachbleiblicher Werckzeug / der den Ausschlag dieser Fürsehung verbesserte; uñ
also dene Lasterhaften ein schlimes / denen Fromen ein gutes Urtel zu wege
brächte. Das Gelübde der Keuschheit könnte auch nur denen unnatürlich vorkommen /
welche wie das wilde Vieh ihren Begierden keinen Kapzaum der Vernunft anzulegen
wüsten; und gleichsam als ganz andere Geschöpffe von tugendhaften Gemütern so
weit / als unvernünftige Tiere vom menschlichen Geschlechte entfernet wären.
Denn zwischen GOtt und einer durch Gelübde ihm verlobten Seele geschehe eine
genauere Vermählung / als durch irrdische Heirats-schlüsse zwischen zwei
Ehleuten. Daher hätte in der Andacht die Vertretung durch fremde so wenig / als
im Eh-Bette statt; und würden nicht nur seine fünffhundert / sondern hundert
tausend genötigte Jungfrauen bei GOtt nichts minder für Wechsel-Bälge / als sie
für eine Abtrünnige und Eydbrüchige gehalten / ihr Verbündnüs aber von keinem
fremden Priester / sondern nur von der Gotteit / der sie sich verlobt hätte /
auffgelöset werden. König Marbod setzte hierauf abermals mit allen
ersinnlichsten Liebkosungen / und halb-verzweiffelten Bezeugungen an Tussnelden;
aber sie lehnte sie mit einer hertzhaften Grossmütigkeit ab; beschloss auch ihre
Abmahnung mit diesen Worten: Ihre Seele würde sich ehe dem Gespenste / welches
auch die hertzhaftesten nicht mit unverwendeten Augen ansehen könten / als dem
Marbod sich vermählen; und in seiner Gewalt möchte es vielleicht wohl bestehen /
einmal ihr todtes Gerippe / nimmermehr aber ihren beseelten Leib zu umarmen.
Marbod wütete nun nicht mehr nur für Liebe / sondern er schäumte für
Verzweiffelung und Grimm. Denn wie Liebe und Glücke ins gemein einen so starcken
Trieb haben: dass sie alle Pfosten der Vernunft aus ihren Angeln zu heben
mächtig sind; also ist insonderheit die Liebe gekrönter Häupter sehr unleidlich
/ und die Zärtligkeit ihrer zu überwinden gewohnten Hertzen kann unschwer auffs
empfindlichste verwundet werden. Daher er seinen Degen entblöste; die ganz
ungewaffnete Tussnelda aber /welche alle ihre Pfeile und Wurffspiesse verschossen
/den Degen auch im Gestrittig verloren hatte / einen tödtlichen Streich zu
empfangen vermeinte / und daher auf allen Fall solchen mit dem leeren Bogen so
viel möglich zu versetzen gedachte. Alleine Marbod fieng an um sie einen Kreis
zu scharren; aus welchem sie ohne Enderung ihrer harten Erklärung nicht ohne
Spott zu komen bedräuet ward. Er hatte diesen Kreis aber noch nicht halb
vollendet; als eine Natter unversehens empor sprang / und den König in die Hand
stach: dass er darüber den Degen fallen liess. Tussnelde / welche wohl wusste: dass
aus der Not eine Tugend / und aus einem blossen Zufalle ein Bewehrung seiner
Meinung / oder gar ein Wunderwerck zu machen die gröste Klugheit wäre; machte
ihr diese Begebnüs also fort nütze / und fieng an: Siehestu wohl / Marbod; dass
die Götter das ihnen angetane Unrecht selbst rächen; wenn Menschen solches
nicht tun wollen oder können. Weil aber Marbod hierüber nicht nur erstummete /
sondern als wenn er von der Hand GOttes gerühret wäre / erstarrete; war
Tussnelde um ihres Beleidigers Genesung bekümmert. Wie sie denn ein denen
Nattern schier gleich gebildetes Kraut abropffte / solches mit einem Steine
zerklitschte / und dem Marbod aufband; weil sie von der Artznei zwar keine
eigentliche / iedoch so viel Wissenschaft hatte: dass die Natur unterschiedenen
Kräutern eusserliche Merckmaale / worzu sie dienende Artzneien sind /
eingepreget / und deswegen das für die Schlangen-Bisse dienende Schlangen-Kraut
/den Schlangen die dem Miltze heilsame Kapern gleich gebildet; und das dem
brennenden Krebse abhelffende Erd-Beeren-Kraut mit einem absondern Feuer und
Röte bezeichnet habe. Marbod liess diese Verbindung zwar geschehen / seine
zitternden Glieder aber waren mit Schrecken / und sein Antlitz mit Schamröte
angefüllet; welche Farbe hier nicht die frohe Morgenröte der aufgehenden /
sondern die traurige Abendröte der verfallenen Tugend-Sonne war; daher er auch
sonder Abschied und Verlierung einigen Wortes sich zu Pferde setzte / und
spornstreichs in das dickste Gepüsche verbarg; gleich als wenn er noch von
tausend Nattern vefolgt würde. Denn die Furcht hat das gröste Leibzeichen unter
allen Gemütsregungen; sie ist zwar die glaubhafteste / aber auch die schlimste
Ratgeberin ihres Gemütes / und die ärgste Verbländerin der Augen; Denn sie
sieht / was gar nicht ist; sie machet aus nichts etwas / und aus einer Ameisse
einen Krocodil. Der Fürstin Tussnelde hingegen war ein grosser Stein vom Hertzen
geweltzet. Denn weil sie Marbods plötzliche Veränderung für eine Würckung des
Aberglaubens hielt / nichts aber mehr / als dieser / die Gemüter der Menschen
umkehren kann; glaubte sie: dass Marbods so lichten Loh brennende Liebe schon
wieder zu Wasser worde wäre. Wesswege sie sich noch einmal aus dem frischen Quell
erquickte / und sonder einiges Bedencken wieder zu der Cattischen Hertzogin zu
kehren gedachte. Sie ritt einen kurtzen Weg durchs Gehöltze / als sie auf eine
gedrückte Strasse geriet / und bald darauf ein Geräusche gegen ihr ankommender
Reuterei vernahm; welcher sie auszuweichen nicht für nötig achtete / weit sie
die Ankommenden für Marbods Jäger hielt. Sie ward aber kurtz darauf / iedoch so
spat: dass sie nicht mehr ausweichen konnte / der Römischen Tracht gewahr; mit
welcher die meisten bekleidet waren. Nach dem sie iedoch auch Deutsche darunter
erblickte / und in Marbods Gebiete sich von den Römern keiner Gewalt-Tat versah
/ ritte sie getrost auff sie zu. Sie war etwan drei Schritte von ihnen
entfernet; als der im ersten Gliede zwischen zweien Römern reitende Deutsche sie
mit diesen harten Worten anfuhr: Finde ich dich in dieser Wüstenei / du
Ungehorsame? Fasset alsofort die Bosshafte: dass sie ihrem Vater nicht mehr
entfliehen könne. Diese Worte waren Tussnelden kein so harter Donnerschlag / als
das zornige Antlitz ihres ergrimmten Vaters; als aus welchem sie alsofort den
Segestes erkennte. Sintemahl dieser in Gesandtschaft des Kaysers Augustus
nebst dem Cajus Silus /welcher in Ober-Deutschland über das Römische
Kriegs-Volck gesetzt war / und dem Stertinius zum Könige Marbod reisete / diesen
entweder wegen des auf ihn angezielten Krieges sicher zu machen; oder /weil
Tiberius dem Kayser auffs beweglichste anlag die Cherusker vollkommen zu
unterdrücken / sich der Marckmänner: dass sie jenen nicht zu Hülffe kämen /zu
versichern. Wesswegen es auch Tiberius nunmehr dahin brachte: dass der dem Hertzog
Herrmañ allzu geneigte Saturnin nach Rom beruffen / und Quintilius Varus an
seine Stelle zum Landvogte gesetzt ward. Die zwar überaus bestürtzte Tussnelde
war gleichwol so hurtig: dass / ehe sie iemand von den Reisigen anrühren konnte /
sie aus dem Sattel auf die Erde sprang; und für dem Segestes auf die Knie
fallende ihn auffs beweglichste anflehete. Er möchte sein väterliches Hertz
gegen der nicht versteinern / welche kindliche Liebe und Gehorsam in ihrem
Hertzen unversehrt behalten / auch niemahls was ihren Geschlechte
verkleinerliches begangen hätte. Segestes antwortete ihr mit nicht freundlicher
Gebehrdung: Du solst / sichere dich / mir als Richter / nicht als Vater
Rechenschaft tun. Aber welch Unglück führet dich in dieser Tracht hieher?
Welchem Tussnelde versetzte: Sie hätte sich auf der vom Könige Marbod
angestellten Jagt verritten. Segestes stutzte; und hielt gleichwol so viel an
sich: dass er in so vieler Personen Anwesenheit um ihre Begebnüsse nicht fragte;
sondern sie zu Pferde sitzen /und von den Reisigen beobachten hiess. Silius aber
fieng an: Sie müsten aber gleichwol erfahren; weil Marbod dar zu sein gesagt
würde / wo er zu finden wäre. Tussnelde berichtete ihn: dass der König aller
Vermutung nach sich auch verritten / und dem Verlass nach auf einem Lust-Hause;
welches über eine Meile / ihrem Mutmassen nach / von dar nicht entfernet wäre /
übernachten sollte. Unter diesem Gespräche kamen sie an einen Quer-Weg; da sie
denn ein grosses Getöne von Jagt-Hörnern vernahmen; welches sich nach und nach
näherte. Es kam auch alsofort ein Jäger voran gehauen / um wegen des darbei sich
befindenden Marbods zu fragen; wer die Ankommenden wären. Diese schickten
alsbald einen Edelmann mit dem Jäger zurück um dem Könige ihre ohne diss schon
vorher vergewisserte Ankunft an zu zeigen /und seine Anverweisung zu vernehmen.
Dieser brachte alsofort zurücke: Sie möchten verziehen / der König wollte sie
alldar empfangen / und mit sich auf ein nicht weit entferntes Lust-Haus nehmen.
Diss erfolgte / wiewol mit abermals nicht geringer Gemüts-Veränderung Marbods;
als er mitten in diesem Hauffen die allererst verlassene Tussnelde gleichsam als
eine Gefangene führen sah. Daher er sich unmöglich entalten konnte zu fragen:
Wie seine schöne Jägerin unter sie verfallen wäre? Segestes / weil er entweder
darfür hielt: dass Marbod Tussnelden schon kennte / oder ihre Beschaffenheit bei
so viel sie keñenden Römern unmöglich verholen blieben wäre /ja er sich auch
sonst ihr nicht anmassen könnte / antwortete: Er hätte mit Wiedererlangung dieser
seiner Tochter ein seltzamer Wild / als vielleicht der König nicht gefangen;
weil er sie für halb verloren / oder auch gar für tod gehalten. Marbod wollte
durch fernere Nachfrage nicht unzeitigen Vorwitz begehen / sondern saan den
ganzen Weg nach: warum Tussnelde von ihrem Vater so lange abwesend gewest sein
/ und dieser sie aller Anzeigung nach so unfreundlich halten müste? Nach dem er
aber nichts beständiges ergrübeln konnte / kamen sie in den Garten / worinnen
Marbod Segesten / den Silius und Stertinius mit ihren Leuten nach Würden
bewirtete. Segestes nahm Tussnelden selbst zu sich / verschloss sich alsbald
mit ihr in dem innersten Zimmer / und befahl ihr mit entblöstem Degen: Sie sollte
alle Umstände und Ursachen ihrer Flucht bei Verlust ihres Lebens andeuten.
Tussnelde fiel Segesten abermahl zu Fusse; und fieng an: die Ursache wäre ihm
allzuwol bewust; in dem es eben dieselbe wäre / weswegen sie lieber ihr Leben
aufopffern / als dem lasterhaften Tiberius ihre schon dem Fürsten Herrmann
verlobte Seele wiedmen wollte. Ihre Zuflucht wäre ihre nechste Base die Cattische
Hertzogin Erdmut gewest; welche sie mit in warmen Brunnen / und vollends in
diesen Garten bracht / auch zeiter bei ihr die mütterliche Auffsicht vertreten
hätte. Diese würde ihrer Wahrheit selbst mündliches Zeugnüs geben; weil sie in
einem andern Lust-Hause eben dieses Gartens sich auffhielte. Segestes
antwortete ihr kein Wort; verschloss sie aber im innersten Gemache; weil er zu
der Taffel abgefordert ward. Inzwischen verfügte sich Marbod nach kurtzer
Bewillkommung der Gesandten geraden Weges zu der Cattischen Hertzogin um von ihr
Tussneldens Heimligkeiten auszulocken. Denn so viel die Kälte des Erschrecknüsses
bei ihm nach und nach laulichter ward; so sehr fieng die Liebe in ihm wieder an
zu glimmen. Er beklagte sich alsbald: dass die Hertzogin Tussneldens Stand / als
einer Tochter von so hohem Fürstlichen Hause / verschwiegen / und dardurch
verursacht hätte ihr nicht die gehörige. Ehrerbietung zu erzeigen. Die Hertzogin
Erdmut antwortete: Marbods Höfligkeit hätte der Niedrigsten ihres
Frauen-Zimmers so viel Ehre angetan: dass eine Fürstin darmit wohl vergnügt sein
könnte. Aber sie mochte wohl vernehmen: wer Tussnelden zu einer Fürstin erkläret
hätte? Marbod versetzte: Ob sie ihr denn missgönnte: dass Tussnelde des
Chassuarischen Hertzogs Segestes Tochter wäre? der Erdmut schoss hierüber das
Blat; gleichwol fragte sie: wer dem Könige desshalben Versicherung getan hätte?
Marbod antwortete: dass Tussnelde Segestens Tochter sei /habe ich aus seinem
Munde; doch könnte er nicht verschweigen: dass sie nichts minder seine Gefangene
/als sein Kind sei. Was Segestes? fieng Erdmut an; wo ist der? und welch
Unstern hat ihm seine tugendhafte Tochter seiner strengen und unrechtmässigen
Gewalt eingehändigt? Marbod fieng an: Sie kann den Segestes selbst hier im
Garten finden und rechtfertigen. Aber wie mag sie die väterliche Gewalt
ungerechter Strengigkeit beschuldigen? Erdmut sah sich so weit eingeflochten:
dass sie nicht zurück konnte; zu dem meinte sie durch diese Eröffnung der Freiheit
Tussneldens vielleicht ein Tor aufzutun; daher sie getrost heraus sagte: Weil
die Ehe die allerverbindlichste Freundschaft / auch mehr eine Vereinbarung der
Seelen / als der Leiber sein sollte; ja nichts ungeschickter zu sein schiene /
als nach eines andern Gemüte und Neigungen lieben sollen / so kaum Herren
erlaubet ihre leibeigenen Knechte dieser Freiheit zu entsetzen; wie viel weniger
könnte Segestes entschuldigen: dass er seine Tochter wieder ihr vorher genehm
gehabtes Gelübde den gramhaften Tiberius zu heiraten zwingen wollte? Marbod
stutzte abermals über seinem so mächtigen Neben-Buhler; und / weil er durch das
Gelübde Tussneldens eine gelobte Keuschheit angedeutet zu sein vermeinte / wollte
er der Hertzogin mit mehrern Ausforschungen nicht beschwerlich sein; noch / weil
er mit sich selbst noch nicht eines war / sich ferner heraus lassen / sondern
gab seiner Tochter Adelmund mit / die Fürstin Erdmut zu unterhalten. Er aber
konnte hierauf die ganze Nacht kein Auge zutun. Denn eines Teils quälten ihn
die seiner Liebe am Wege stehenden schier unüberwindlichen Schwerigkeiten;
andern Teils aber kitzelte er sich mit der Hoffnung: dass er vielleicht
Tussneldens Hertze gewinnen konnte / weñ er sie dem Tiberius aus den Zähnen
rückte. Gleichwol bedachte der schlaue Marbod wohl: dass die Einbildung mit dem
Verlangen sich ins gemein vermählte; und seinem Vermögen mehr Kräffte zueignete
/ als sie wesentlich wären; daher ihre Tochter die Hoffnung als eine grosse
Verfälscherin der Wahrheit von der Keuschheit wohl müste gemässiget werden. Diese
aber schien zu ihrer Ausübung Zeit zu bedürffen. Denn durch dieser ihre
langsamen Umschweiffe komt ein Vorsichtiger zu dem Mittel-Puncte einer
erwünschten Gelegenheit; und auff dem langsamen Maul-Esel der Gedult weiter /
als mit dem Renn-Tiere einer gähen Entschlüssung. Diesemnach er denn auff den
Morgen die Gesandten bedeuten liess: weil er nur auf eine zweitagichte Lust in
diesen Garten kommen wäre; wollte er sie in seinem Königlichen Sitze hören; und
noch selbigen Tag dahin aufbrechen; sie aber könten nach ihrer guten
Gemächligkeit vor- oder nach reisen. Er verschafte auch: dass auff ihren Befehl
allerhand Vorgespan und Vorschub bei der Hand sein / sie auch unter Weges wohl
unterhalten werden sollten. Als die Cattische Herzogin den so schleunigen
Aufbruch vernahm / verlangte sie beim Segestes vorhero eine Unterredung. Dieser
entschuldigte es auffs höflichste durch den Vorwand: Er wäre jetzt nicht so wohl
als ein Hertzog der Chassuarier / sondern als ein Gesandter des Kaysers dar; also
müste er wegen der zwischen den Römern und Catten schwebender Misshelligkeiten
auch den Schatten aller verdächtigen Gemeinschaft von sich entfernen. Erdmut
verbiess diese schimpfliche Abweisung / und ersuchte ihn um der unter ihrem
Schirm dahin gebrachten Fürstin Tussnelde Ausfolgung. Segestes liess ihr hönisch
zu entbieten: Wie viel ihre angemaste Gewalt für der väterlichen einen Vorzug /
und ob die Catten auch in dem Gebiete der Marckmänner zu befehlen hätten? Die um
Tussnelden und den Hertzog Herrmann bekümmerte Hertzogin nahm zum Könige Marbod
hiermit ihre Zuflucht; und weil er ihr und ihrer ganzen Gesellschaft nicht nur
ein sicher Geleite erteilet / sondern auch vollkommenen Schutz in seinen
Ländern versprochen hätte; möchte er die vom Segestes eigenmächtig geschehene
Entwehrung Tussneldens durch dieser ihrer so werten Base Befreiung wieder
ergäntzen. Marbod hingegen schützte hierwieder für: Alles / was in der Gesandten
Häuser käme / oder seine Zuflucht dahin nehme / wäre nichts minder / als sie
selbst und ihre Gefärten heilig und unversehrlich; also: dass auch die ärgsten
Missetäter mit Gewalt aus solcher Verwahrung nicht gezogen werden könten; in
dem ieder Gesandte seines Fürsten Antlitz / sein Haus seines Königs Hof
fürbildete; und durch die einmal beliebte Annehmung der Botschaft ausser dem
Gerichts-zwange desselben Fürsten / zu dem die Gesandtschaft käme / gleichsam
durch eine still schweigende Handlung Vermöge des Völcker-Rechts gezogen würde.
Ja wenn er auch kein Gesandter wäre / könnte mit Fug kein Mensch ihm seine eigene
Tochter entwehren; als über welcher Leben und Todt nichts minder die Deutschen /
als die Perser und Römer unverschrenckte Gewalt / und in ihren Häusern das
peinliche Recht zu hegen Macht hätten. Insonderheit aber wären die Väter bei
denen Ebreern und andern Völckern der Kinder Gelübde zu zernichten befugt.
Hingegen hätte die Fürstin Erdmut zu seiner flüchtigen Tochter keinen
rechtmässigen Anspruch; sondern sie zielte nur sie demselben in die Hände zu
spielen; welchen er zu seinem Eydame nimmermehr belieben; sondern ihr vielmehr
die Kehle selbständig abschneiden würde. Die Cattische Herzogin führte
hierwieder zwar aus: dass Tussnelde weder eine Gefärtin der Gesandtschaft wäre
/ noch sich dahin geflüchtet hätte; wiewol auch derselben Häuser sonder
ausdrücklicher Abrede keine Freistädte den Flüchtigen abgeben könten. Segestes
hätte durch Gewalt-Tat Tussneldens sich bemächtigt; daher könnte sie auch mit
Gewalt ihm genommen werden. Denn der sonst unversehrlichen Gesandten Tätligkeit
könnte man durch Beschütz- und Abnehmung des Raubes gar wohl begegnen / ja sie
gestalten Sachen und anderer Völcker Beispiele nach gar tödten. Segestens
angeführtes absondere Vater-Recht gienge eine eintzele Person an / und käme
wieder das allgemeine Recht der Fürsten und Völcker in kein Ansehen. Wiewol
jenes auch wieder Tussnelden / die bereit zu ihrem Verstande / und fürlängst
ausser seinem Hause und Brodte kommen wäre / so genau nicht ausgeübet / noch ihr
einiger Heirats-Zwang aufgedrungen werden könnte / sonderlich / weil Tussnelde
niemanden in Segestens Haus eindringe / dieser auch ihr Gelübde gebilliget;
Marbod aber noch für Annehmung der Römischen Botschaft ihr und darunter
Tussnelden Schirm und Sicherheit versprochen hätte. Beides hörte König Marbod
zwar ausführlich an; aber bei der über Tussneldens Zustande erwachsenden
Beratschlagung hatte er seine eigene Vergnügung zum vornehmsten Absehen. Weil
nun Segestes sich bereit so weit heraus gelassen hatte: dass Tussnelde sich
einem ihm unbeliebigen Eydame zu vermählen vorhätte / hielt er das von der
Hertzogin Erdmut angegebene Gelübde der Keuschheit nichts minder / als die
schon verratene Standes-Niedrigkeit für einen blauen Dunst; führte derohalben
den Fürsten Segestes in einen annehmlichen Spatziergang; hielt ihm ein die
Wichtigkeit der von der Cattischen Hertzogin angezogener Gründe; und wie er
Vermöge seines ihr erteilten sichern Geleites auf allen Fall sie in den ersten
Stand zu setzen gezwungen werden würde. Weil er aber ihm / als einem so grossen
Fürsten nicht gerne weh tun / noch der Römischen Gesandschaft bei vorhabender
neuen Bündnüs einigen Argwohn seiner Abneigung verursachen wollte; traute er es
bei der Hertzogin zu vermitteln / hielt es auch der Billigkeit zu sein: dass
Tussnelde seiner Verwahrung biss zu Ausmachung des Haupt-Streites überlassen
würde. Er gebe ihm hiermit sein Königliches Wort: dass er Tussnelden keinem /
welchen Segestes zum Eydame verschmehte / ausfolgen lassen wollte. Segestes /
nach dem er etliche mahl im Garten nachsinnende auf- und abgegangen war /
erklärte sich Marbods Vorschlag anzunehmen; und als er durch seine Tochter
Adelgund eben diss der Cattischen Hertzogin vortragen liess; erhielt sie gleicher
Gestalt ihre Genehmhabung; weil sie Tussnelden nirgends /als in der Gewalt ihres
Vaters unsicherer zu sein schätzte. Marbod ward über dieser fast unvermuteten
Einwilligung höchst vergnügt; nahm also die hierzu nicht unwillige Tussnelde in
seine Gewehr / und in seiner Begleitung auff ein an dem Flusse Cassurgis bei
Marbods-Stadt auf einem steilen Felsen liegendes Schloss; welchem nicht nur die
Römische Gesandschaft / sondern auch die Cattische Hertzogin folgte. Segestes
trug bei der Verhör im Nahmen des Kaysers dem Könige ein Bündnüs zu Beschirmung
ihrer Länder wieder alle künftige Feinde an; und fieng darbei an: dass Marbod
kein grösser Merckmaal seiner zu den Römern tragender Neigung an Tag geben
könnte; als wenn er ihm als ein einem Römischen Bunds-Genossen seine Tochter /
und hierdurch zugleich dem Tiberius seine Braut ausfolgen liesse. Marbod
verordnete etliche seiner Räte mit der Botschaft hierüber ausführlich zu
handeln. Inzwischen reizte er nichts desto weniger die Pannonier und Dalmatier
mit Versicherung seiner Hülffe zum Aufstande wieder die Römer an. Die Fürstin
Tussnelde liess er inzwischen auffs herrlichste in der Gesellschaft seiner
Tochter Adelgund bedienen; und gegen Segesten bezeigte er eine absondere
Gewogenheit. Nach dem er ihm eine feste Einbildung seiner Freundschaft nach und
nach eingepregt hatte; nahm Marbod Segesten einsmahls nach der Abend-Mahlzeit /
als er ihn in gar guter Laune und von dem Weine so viel freiern Gemütes zu sein
vermeinte / bei der Hand / führte ihn an ein Fenster des Schlosses / daraus man
bei nahe das halbe Königreich der vertriebenen Bojen übersehen konnte. Hierauff
lobete er Segestens hohe Ankunft / seine unvergeltbare Freundschaft / die er
den Römern geleistet hätte; und dass er ihm für sie ein neues Bündnüs zu wege zu
bringen so sehr angelegen sein liesse. Alleine ihn bedünckten schon seine
Woltaten grösser zu sein / als sie ihm vom Kayser vergolten werden könten. Wenn
man aber diese so hoch brächte / würden sie ins gemein mit Hass belohnet /oder
gar als Laster verdammet. Diese schädliche Würckung wäre den Römern nichts
seltzames / als welche mehrmahls ihre eigene Erhalter ins Elend gejagt / oder
gar von Felsen gestürtzt hätten. Oder /wenn sie es am besten meinten / zahlten
sie ihre grösten Gläubiger mit einem Eich- oder Lorber-Zweige; mit einem
gemahlten Rocke / oder einem beinernen Stabe. Denn in ihren Schatz-Cammern wäre
diss ihr gröstes Haupt-Gut: dass sie einer Hand voll Rauch einen unschätzbaren
Wert zueigneten. Fürnehmlich aber schienen sie es mit dem Segestes derogestalt
zu spielen; welchem sie die deutsche Feld-Herrschaft mit so grossen
Beteuerungen versprochen / mit so leichtem Undanck hinterhalten; ja den ihm so
abholden Herrmann zeiter gleichsam auff den Händen getragen / und dem Segestes
zum Gegen-Gewichte gemacht hätten. Er hingegen könnte den Quadischen König
Vannius zu einem Beispiel seines danckbaren Gemütes der ganzen Welt
fürstellen. Sie wären beide Deutschen; diesen aber möchte man mehr Gutes
zutrauen / wenn man mit ihnen kriegte / als den Römern / wenn man schon ihr
Bunds-Genosse wäre. Weil der Römer Freundschaft nun so verdächtig /ihre Treue
so ungewiss / und ihr Absehn so veränderlich wäre; stünde er billich an sich
durch Bündnisse mit dem Kayser / sonderlich aber mit dem gefährlichen Tiberius zu
vertieffen; er würde auch bereit den Silius und Stertinius gar schlecht
abgefertigt haben; weñ er nicht Segesten / als einem deutschen Fürsten /
bessere Begegnung / als den Römern / die vorhin ihr feindselig Gemüte gegen die
Marckmänner hätten blicken lassen / schuldig wäre. Diesemnach wäre er zwar
geneigt mit den Römern in Ruhe / nicht aber ihnen durch Bindnüs verbunden zu
leben; welches letztere er mit dem Segestes und seinen deutschen Bunds-Genossen
auffs festeste zu schlüssen erbötig wäre; ihn versichernde / dass er sein Haupt
nicht sanfte legen wollte / biss Segestes in dem übrigen Deutschlande zum
Feldherrn erkoren; und dardurch ihr Vaterland in Eintracht / und ausser der
Ausländer Gefahr / sein Fürstliches Haus aber in den alten Glantz versetzet sein
würde. Segestes sollte hierbei vernünftig unterscheiden: dass man von guten
Worten sich nicht sättige; denn sie bestünden in einem blossen Atem; und von
Höfligkeit nicht lebte; denn sie wäre ein zierlicher Betrug. Mit dem
scheinbarsten Lichte bländete man das Geflügel / welches man berücken wollte.
Daher wäre es zwar böse einem nicht gute Worte geben; wenn schon die Wercke
nicht böse wären; aber es wäre viel ärger: dass gegen ihn die Römer keine böse
Worte ausliessen; ihm aber auch nichts gutes täten. Das beste hingegen wären
rechtschaffene Wercke / wenn man nicht viel Werckes oder Grosssprechens davon
machte. Dieses letztere versicherte er ihn auf Deutschen Treu und Glauben; und
hiermit tranck er Segesten eine Kristallen-Schale mit Weine zu; diese
Beteuerung beisetzende: dass er in diesem Glase ihm sein halbes Hertze und seine
vollkommene Freundschaft überliefferte. Segestes / dem diese
Gemüts-Ausschüttung dienliches Wasser auff seine Mühle war / hörte den König
mit grosser Vergnügung / und nahm sie an mit aller Ehrerbietung; ja mit einer
erfreuten Umarmung. Er bekennte: dass die Römer ihn zeiter freilich mit Winde
gespeiset und mit leeren Vertröstungen geäffet hätten. Ja seine durch den Wein
so viel mehr begeisterte Treuhertzigkeit liess sich deutlich heraus: dass er den
Römern selbst eine geraume Zeit nicht allerdings getraut hätte; und kein
grösseres Glücke ihm zuwachsen könnte; als wenn er sich auf die Achsel eines so
mächtigen deutschen Fürsten lehnen / also den gefährlichen Rohrstab
ausländischer Macht nicht mehr zu seiner Stütze wieder die ihm gehässigen
Cherusker / als derer Hertzoge er seine wiederspenstige Tochter Tussnelde ein
für alle mahl nicht vermählen könnte / brauchen dörffte. Er hätte diese dem
Tiberius wohl verlobet; aber nicht nur Tussnelde hassete ihn ärger / als Spinnen;
und der Kayser selbst bezeigte über des Tiberius Fürhaben nicht schlechten
Unwillen. Hiermit wäre auch alles diss / was man ihm zu Rom versprochen / stecken
blieben. Gleichwol aber wäre die Macht der Römer so gross: dass man ihre
Feindschaft zu verhüten alles eusserste tun müste. Diesemnach er zwar dem
Könige Marbod hiermit die Hand reichte alles das / was er verlangte /
einzugehen. Nach dem aber Bosheit und Klugheit die zwei Bots-Leute der ganzen
Welt wären / erinnerte sie diese jener Fallstricken behutsam fürzubeugen.
Insonderheit hätten sie nötig auch ihre Gedancken in ihrem Hertzen so enge zu
verschlüssen: dass zu sagen kein Schweiss-Loch offen bliebe / wordurch sie
eusserlich herfür dringen könten. Augen und Gebehrden wären Verräter der Seele;
Silius und Stertinius aber verschlagene Auskundschafter der Gedancken. Daher
müsten sie am wenigsten mercken lassen / was sie am sehnlichsten verlangten. Und
es möchten die Sitten-Lehrer die Heuchelei für ein Laster schelten / wie sie
wollten; so wäre sie doch der Staats-Klugheit eine grosse Tugend; und dieselbte
Lufft / wormit die Fürstliche Gewalt sich nicht anders / als ein Kameleon
nährete. Hierbei liessen sie es beide dissmahl beruhen; nur: dass sie noch
unterschiedene Schalen einander zutrancken / und dardurch ihre Verträuligkeit
bestärckten. Marbod ward insonderheit hoch vergnüget: dass er Segesten nicht nur
/ wen Tussnelda zu heiraten verlangte / heraus gelocket; sondern auch über sein
Hertz einen ziemlichen Vorteil erlangt hatte. Folgenden Morgen aber / als
Marbod bei Segesten im Zimmer war / sagte man dem Könige an: dass in der Elbe
ein Stier ungewöhnlicher Grösse gefangen / und selbter des Nachts in einem Netze
auff dem Flusse Cassurgis biss an die steinerne Brücke geflöst worden wäre. Diese
Seltzamkeit gab ihm Anlass nicht allein Segesten / den Silius und Stertinius
dahin zu leiten; sondern er liess auch seine Tochter Adelgund die Fürstin Erdmut
und Tussnelden dahin führen. Der aus dem Wasser gezogene Fisch übertraff an
Grösse aller Einbildung; denn er war neun Ellen lang. Marbod befahl hierauf
dieses neue Wunder auffzuhauen; bei dessen Erfolg denn ein güldener Arm-Ring in
dem Bauche des Stiers gefunden ward. Jedermann ward hierüber sorgfältiger als
die Einwohner auf dem Eylande Chios / nach dem die Fischer einen güldenen vom
Vulcan gemachten Dreifuss aus dem Meere zohen. Marbod alleine stellte sich
anfangs bekümmert / und vermeldete: Nach dem er der Fürstin Tussnelde des
Polycrates Ring verehret /schiene das Glück durch Erstattung eines andern eben
so gefährlich / als mit dem Polycrates zu spielen; welchem der König in Egypten
bei der auf gleichmässige Art geschehenden Wieder-Erlangung seines in die See
geworffenen Ringes den Untergang allzuwahr gewahrsagt hätte. Segestes hingegen
nahm den Ring in die Hand / und nach dem er selbten auffs genaueste betrachtet
hatte; fand er auf dem eingefasten grossen Rubine das Bojische Wapen / nehmlich
einen aufgelehnten Löwen / und des ersten Bojischen Königs Siegfests Nahmen; um
den Ring inwendig ins Gold aber folgende Worte in der Gallier Sprache
eingegraben: Wenn die Elbe dieses von dem sterbenden Siegfest ihr gewiedmetes
Opffer dem ersten Könige der Marckmänner wieder geben wird; beschencket ihn die
Ems mit einer zweifach-verlobten Braut; das Verhängnüs aber mit einer
glückseligen Mutter / mehr als hundert tapferer Reichsfolger. Jederman hörte mit
grosser Verwunderung Segestens aus dem Ringe gelesene Worte; Marbod selbst
stellte sich als ungläubig an; biss er solche gleichfalls gelesen; und ward
dieser Ring allen Grossen / ja auch der Fürstin Erdmut und Tussnelde gegeben
diese wunderwürdige Wahrsagung anzuschauen; welche die einige war / die diese
für einen künstlichen Betrug des Marbods hielt; und als die unzehlbare Menge der
zugelauffenen Marckmänner hierüber jauchzete / auch zu Freuden-Feuern und andern
Lustbezeigungen allerhand Anstalt machten / in grosse Schwermut verfiel; weil
sie sich nun auffs neue eines gefährlichen Liebes-Sturmes besorgte. Marbod und
seine grossen Gäste kamen hierauf wieder auffs Schloss; uñ wormit er dieses
Ringes ebenteuerliche Wahrsagung so viel mehr bestärckte / liess er aus seinem
Schatze einen andern Ring herbei bringen; welchen der letzte Bojische König
ebenfalls aus einem in dem Flusse Cassurgis gefangenem Fische geschnitten hatte.
Derselbe Ring hatte eben so wohl König Siegfests Wapen / Nahmen und diese Worte
in sich: Als die Bojen hier festen Fuss setzten; empfieng der Fluss dieses
Geschencke; gibt es auch nicht ehe als bei ihrer vorstehenden Entfernung
wieder. Die Anwesenden wurden hierüber noch mehr verwundernd; weil dieses
letzten Ringes Wahrheit allbereit durch die Austreibung der Bojen bestetigt
ward. Silius fürnehmlich konnte beide Ringe nicht genungsam betrachten; und
vermeldete: dass er nunmehr der Lycier Gewonheit von den Fischen künftige Dinge
zu erforschen nicht unbilligen könnte; und in seiner Meinung so viel mehr
bestärcket würde: Es hätten die von der Eitelkeit gereinigten Gemüter der
Menschen eine Krafft noch weit entfernete Zufälle vorher zu sehen. Ja er hielte
den zu Capua etliche Monat für des Kaysers Julius Ermordung gefundenen
Grabestein des Capys; darauff sein Tod bei Ausgrabung seiner Gebeine bestimmet
war / nicht für eine Erfindung des Brutus oder Cassius. Hierauff ward der Tag mit
einem prächtigen Mahle und allen ersinnlichen Luftbezeigungen hingebracht; ja
folgende Nacht sah man viel Meilen im Umkreisse die Berge mit spielenden
Lust-Flammen gekrönet. Der Tag war kaum angebrochen / als die anwesenden
Reichs-Stände den König Marbod durch zwölff Gesandten um Beschleunigung der vom
Verhängnisse gleichsam anbefohlenen Heirat anfleheten. Worauf er sich deñ zum
Segestes verfügte / ihn des gefundenen Ringes erinnerte / ihm auch vorstellte:
wie dessen Wahrsagung augenscheinlich auf seine und seiner an der Ems gebohrnen
Tochter Heirat zielte. Wormit auch kein Mensch an dieser Auslegung zweiffelte:
hätte das gütige Verhängnüs es so wunderlich geschickt: dass Segestes selbst zum
ersten diesen Göttlichen Befehl zu Gesichte bekommen / und ihm andeuten müssen.
Beider Hertze hätte ihnen schon bei der vorgestrigen Verträuligkeit gesagt; und
ihre Gemüter durch einen geheimen Magnetzug dahin geleitet; wohin sie das
Verhängnüs nunmehr mit dem Finger wiese. Weil nun kein kräfftiger Siegel ihrer
Freundschaft / als die Vermählung seiner Tochter sein könnte; Gott auch solche
zu einem Grund-Steine des Glückes für sein Königreich / und zu einer Wurtzel
seines Königlichen Stammes bestimmt hätte / versehe er sich: dass Segestes ihm
mit geneigter Hand das Kleinod überreichen würde; Welches der Himmel schon zu
seinem Eigentume ausersehen hätte. Segestes gab seine Willfährigkeit ehe mit
seinen Augen / als mit der Zunge dem Marbod zu verstehen. Denn sein Ehrgeitz /
welcher ihm / als einem Anherrn so viel Marckmännische Könige als Enckel
fürbildete; und der bei ihm eingewurtzelte Aberglauben wegen des Ringes hatte
sein Gemüte so verfinstert: dass er kaum an Hertzog Herrmanns zu Tussnelden
habendes Recht / noch an sein dem Tiberius getanes Versprechen / am wenigsten
aber an die von beiden bevorstehende Gefahr gedachte. Diesemnach er denn dem
Könige also fort Tussnelden sonder einige Bedingung versprach; und auf Marbods
Gutbefinden seiner Tochter Einwilligung / jener aber durch den Silius vom Kayser
/ oder vielmehr dem Tiberius die Begebung seines Anspruchs an Tussnelden zu wege
zu bringen übernahm. Segestes ging also in das Zimmer Tussneldens / berührte
anfangs überhin diss / was mit ihr wegen Ehlichung des Tiberius für gegangen
wäre. Hernach fuhr er fort: Es entschuldigte das Verhängnüs selbst ihre
Wiederspenstigkeit; in dem diss gestern ihn und sie an den König Marbod
verwiesen; welcher mit samt seinen Reichs-Ständen diesen Morgen schon um ihre
Heirat geworben hätten. Das Glücke mit einem so mächtigen Könige vermählet /und
eine Beherrscherin so vieler Völcker zu sein /überstiege schier seinen Wunsch /
und vermutlich ihre selbsteigene Hoffnung; also zweiffelte er nicht: dass sie
mit beiden Händen annehmen würde / was zehn ihres gleichen zu vergnügen genung
wäre. Nicht so wohl er / als der Himmel wäre der vermählende Vater; und die
Göttliche Versehung führte sie zum Könige Marbod ins Braut-Bette. Dem
Verhängnisse wiederstreben wäre vergebene Arbeit; weil es den mit den Haaren
nachzüge / welcher ihm nicht freiwillig folgte; und daher in seine anleitende
Fussstapfen zu treten / die höchste Klugheit. Tussnelde fiel Segesten mit
tränenden Augen zu Fusse; danckte ihm für seine wolgemeinte Vorsorge; und dass er
die dem Verhängnisse selbst wiedrige Heirat des Tiberius nunmehr erkennte /
auch ihre Entschuldigung mehr für kein Laster hielte. Aber auch Marbods könnte
GOtt nicht gefällig sein: weil dardurch die nichts minder vom Segestes als ihr
dem Hertzog Herrmann so beteuerlich gelobte Ehe zerrissen werden wollte. Der aus
dem Fische geschnittene Ring wäre ein Betrug des Marbods / und kein
Wunder-Zeichen des Verhängnisses; mit dessen Lichte die Finsternüs seines
boshaften Gemütes erleuchten wollen / ärger wäre / als die Bosheit selbst.
Denn es wunderte sie nur / wie niemand aus so viel klugen Leuten die Falschheit
der Gallischen Schrifft / wie sie / wahrgenommen hätte; nach dem die Bojen zu
Zeiten König Siegfests nicht die itzige Sprache der Gallier; sondern der Celten;
auch nicht glatte / wie im Ringe / sondern gebrochene Buchstaben gebraucht
hätten. Daher flehete sie ihn wegen des heiligen Verhängnisses / welches den ihr
Gewalt zu tun vorhabenden Marbod schon durch einen Natterbiess abgewiesen hätte
/ demütigst an: er möchte sie dieser einmal zu belieben unmöglichen Heirat
überheben. Segestes veränderte hierüber unterschiedene mahl Farbe und
Gebehrden; begegnete ihr daher mit ziemlicher Hefftigkeit: Sie sollte ihr den
tummen Wahn mit der unvernünftigen Liebe des Herrmanns nur als einen eitelen
Traum aus den Augen streichen; und in Auslegung des Wunder-Ringes sich nicht
klüger / als so viel scharffsichtige Leute zu sein; oder: dass das Verhängnüs
nicht solche Wunderdeutungen in eine mehr lessbare Schreib-Art den Menschen zum
besten verwandeln könnte / bedüncken lassen. Allzu genaue Scharffsichtigkeit in
überirrdischen Dingen würde zur Blindheit / und Unglaube zum Fall-Brete. Denn
weil das Verhängnüs allezeit seine verborgene / das Glücke seine absondere
Ursache hätte / müste man sich nicht zu sehr auff das Absehen der Vernunft /
und die Klugheit scheinbarer Ratschläge stämmen. Das Verhängnüs wäre die
weiseste Richtschnur; und das Glücke die vorsichtigste Wegweiserin unsers Tuns;
die wo man weder vor / noch hinter sich gewüst / durch Fels und Wellen eine
Ausflucht eröffnete. Dahingegen unsere Anschläge querwegs lieffen / und die
gewissesten Dinge krebsgängig würden; weil jene die Vermessenheit menschlicher
Ratschläge auffs grausamste zu straffen ihr für Ehre / und das Verhängnüs der
wachsamsten Sorgfalt überlegen zu sein für ihre Eigenschaft hielte. Diese
Strengigkeit sollte Tussnelde / da sie ihr Glück und die väterliche Gewogenheit
nicht mit Füssen von sich stossen wollte / wohl erwegen; und an dem Könige Marbod
behertzigen: dass in der Welt niemand so elende wäre / der nicht am Himmel seinen
Glücks-Stern stehen hätte: am Herrmann aber: dass die Torheit selbten oft
verkennte; oder die Hartnäckigkeit mehrmahls das regnende Sieben-Gestirne mit
der heiteren Venus verwechselte; oder gar einen Irrwisch für einen Leit-Stern
erkiesete. Weil nun einen blinden auff seinem Irrwege zu lassen eben so
unverantwortlich als eigene Torheit wäre; müste er / als Vater /end- und
ernstlich befehlen ihr Gemüte zum Gehorsam; und ihr Vorhaben zu der nur wenig
Tage auffschieblichen Hochzeit zubereiten. Die biss in die innerste Seele
bestürtzte und halb-verzweiffelte Tussnelde antwortete Segesten nun nicht mehr
mit voriger Demut; weil das Gewölcke ihrer Bestürtzung das Licht ihrer
Vernunft mercklich vertunckelte: Ich bin schon bereitet zu sterben; meine
Lebens-Zeit aber ist mir viel zu enge: dass ich mich einen Königs-Mörder zu
ehlichen geschickt machen könnte. Ich will sterben; ehe ich eine Eydbrüchige gegen
den tugendhaftesten Hertzog der Cherusker; und eine Magd eines Wütterichs sein
will. Ich will sterben / und mit meinen von aller andern Schuld reinen Händen nur
wieder mich Grausamkeit üben lassen / wormit ich sie zu keinem Werckzeuge der
Untreue brauchen dörffe. Seiner Freiheit sich enteussern ist viehisch; sie ihm
aber nehmen lassen / knechtisch. Wer sich des Lebens halber zum Sclaven machen
läst; versteht nicht: dass die Dienstbarkeit ein todtes Wimmern / kein Leben sei.
Wer nicht für Ruhm schätzt sein Leben zu verschwenden um die Tugend nicht
einzubüssen; hat weder Ehre noch Leben in sich. Daher werde ich ehe aufhören
Segestens Tochter / als Hertzog Herrmanns Braut und Liebste zu sein. Mich
vergnüget schon: dass es rühmlicher ist eines solchen Heldens Gemahlin zu werden
würdig / als es wirklich sein; ja / dass es besser ist durch den Tod seine Braut
zu sein aufhören; als durch Ehlichung eines andern sich unwürdig machen im Leben
seine Braut zu sein. Segestes ward über diesen letzten Worten so erbittert: dass
er den Degen zückte / und Tussneldens Vater zu sein vergessen hätte; wenn nicht
die aus dem Neben-Gemache hervortretende Fürstin Erdmut ihm in die Armen
gefallen / und durch ihre Leitseligkeit diese trübe Wolcke zertrieben hätte.
Gleichwol riess er sich voller Zorn aus dem Zimmer; und erwartete mit Ungedult
Marbods in dem Seinigen; welcher endlich kam und erzehlte: dass Silius an des
Kaysers Genehmhabung der zwischen ihm und Tussnelden angezielten Eh nicht
zweiffelte; weil er bald anfangs des Tiberius Heirats-Werbung zu wieder gewest
wäre; und die Staats-Klugheit für ratsamer hielte mit seinem Unvergnügen ein
vorteilhaftig Bindnüs erlangen; als mit seiner Ergetzligkeit ihm einen
mächtigen Feind erwecken. Heiraten wären Vermählungen der Bürger / Bündnisse
aber der Fürsten. Stertinius hingegen / als ein Schoss-Kind des Tiberius / hätte
hierüber viel Schwerigkeiten erreget / und dieses Werck sehr weit geworffen.
Nichts desto weniger hätte er ihm rund ausgesaget: dass / weil Tussnelde dem
Tiberius niemahls ihr Wort gegeben / hätte er kein Recht / weniger aber ein
solches zu ihr / wie der Vater und das Verhängnüs; ja seine eigene Königliche
Macht und der würckliche Besitz Tussneldens ihm zueignete. Also müste er
geschehen lassen / was Tiberius für Empfindligkeit zu Rom hierüber schöpffen
möchte; wie hingegen dieser ihm nicht wehren könnte; was er in seinem Gebiete für
gut befindete. Jedoch wollte er nicht gerne mit den Römern zerfallen; weil doch
die Freundschaft zwischen denselben am beständigsten wäre / die ihre Kräfften
noch nie gegen einander versucht hätten. Segestes hingegen erschreckte den
Marbod überaus; als er ihm Tussneldens beharrliche Wiedersetzligkeit / und den
Vorsatz ehe zu sterben /als den Hertzog Herrmann zu lassen eröffnete; und
zugleich einriet selbter durch enge Bestrickung sich so viel mehr zu versichern
/ und durch Schärfe andere Gedancken in Kopff zu bringen. Sintemahl doch der
Zwang das beste Versicherungs-Mittel wäre; und ein zweiffelhafter Zweck ehe
durch eusserste Entschlüssung / als mitlere Ratschläge erreichet würde. König
Marbod aber / welcher behertzigte: dass allzu grosse Schärffe nur eine Gebährerin
der Verzweiffelung /und eine Stieff-Mutter der Liebe sei / wollte sich so bald
hierzu nicht entschlüssen / sondern setzte Segestens Meinung entgegen: dass ihre
Wiedersetzligkeit zwar dem Hertzog Herrmann und seinen Verleitungen / Tussnelden
aber selbst eben so wenig beizumässen sei / als der Salbei die Tödligkeit /
welcher heilsame Blätter die Kröte vergifftet hat. Und weil der Eigenschaft der
Liebe nichts mehr / als die Würckungen des Hasses / nehmlich Gewalt und
Grausamkeit zu wieder; die unzerbrechlichen Felsen / welche Hammer und Feuer
nicht nachgeben / vom linden Regen ausgewaschen / und durch ein hanfenes Seil
abgenützt werden; traute er ihm durch gelinde Mittel mehr / als durch
Hefftigkeit auszurichten. Denn das weibliche Geschlechte wäre nicht nur so
schön; sondern entzündete auch das männliche wie das Feuer; ja es vermöchte
Länder und Städte einzuäschern; Daher müste man auch mit selbtem so behutsam /
als mit der Flamme umgehen. Es hätte nichts minder Rauch als Licht; dieses
leuchtete denen Behutsamen / jener aber schlüge denen Unvorsichtigen in die
Augen / und preste ihnen Tränen aus. Jenen wäre Glut und Liebe eine lebhafte
Wärmde / diesen eine tödtende Einäscherung. Massen denn auch König Marbod die
Anstalt machte: dass folgenden Tag fünff und zwantzig Ritter im Namen der
Marckmänner und anderer zwischen der Elbe und Weichsel ihm gehorchender Völcker
Tussnelden eine Königliche Krone und vier und zwantzig Fürsten-Hüte zu ihren
Füssen legten / sie anflehende: dass sie ihre Frau und Beherrscherin zu werden
solche nicht verschmähen möchte. Tussnelde hörte diese Gesandschaft zwar mit
bestürtztem Gemüte / und sah diese Geschencke mit einem verächtlichen Auge an;
beantwortete sie aber mit einem freundlichen Munde: Sie wäre nicht aus der Lehre
derselben gramhaften Weltweisen; welche Kron und Zepter als ein verdammliches
Ding von sich stiessen /und in einem geflickten Bettlers-Mantel oder Wein-Fasse
ihre Ehrsüchtige Demut versteckten; sondern sie schätzte die Ehre so vielen
Völckern fürzustehen für eine danckwürdige Gabe des Verhängnisses / ja für eine
halbe Vergötterung; weil Fürsten gleichsam ein Mittel-Ding zwischen GOtt und den
Menschen wären / und mehr / als viel tausend Niedrige Gutes stifften könten.
Aber die Ruhe des Gewissens wäre ein so köstlicher Schatz: dass alles Kronen-Gold
der Welt gegen ihr Blei / und alle Edel-Gesteine für Bohnen zu halten wären.
Jenen Schatz aber müste sie wegstossen / wenn sie diesen aufhiebe; Da doch jener
Verlust auch dem Feinde nicht zu gönnen wäre; diesen aber viel verschmehet
hätten / die ihn gleich mit Rechte zu besitzen vermocht. Sie wüste wohl: dass
einige das Unrecht für ein der Herrschaft nicht unanständiges Ding und so gar
Meineid für zulässlich hielten. Alleine diss hiesse GOtt spotten / die
Gerechtigkeit zur Eule machen; und den Diebstahl eines Stockes verdammen; eines
Königs-Stabes aber billichen. Daher sollten sie ihr verzeihen: dass sie ihnen und
diesem Gepränge den Rücken kehren müste. Denn sie wäre entschlossen ihr Antlitz
ehe dem Tode / als dem Könige Marbod und seiner Krone zu zuwenden. Mit welchen
Worten sie auch sich in ihr innerstes Zimmer zurück zoh. Kurtz darauff kam die
Fürstin Adelgund und setzte Tussnelden mit allen ersinnlichsten Liebkosungen zu:
dass sie die Mutter-Stelle so wohl über sie / als so viel sie anbetende Länder zu
führen sich erbitten lassen möchte. Tussnelde hingegen verzuckerte ihr Nein
einer wunderwürdigen Anmut: und schloss: Sie könnte auff diese Art ihre Mutter
nicht sein; sonder vorher ihre Selbst-Mörderin zu werden. Sintemahl die / welche
der Tugend sich enteusserten /nicht lebendig / sondern nur umgehende Leichen
wären; und Hertzog Hermann / in dem sie mehr / als in ihr selbst lebte / nicht
würde können ihre Untreue vernehmen und unentseelet bleiben. Seiner Tochter
Adelgund folgte König Marbod auf dem Fusse / und drückte seine Liebe mit so
grossen Versprechungen aus: dass aller anderen Frauen-Zimmer Hertzen / ausser
Tussneldens / hierdurch hätten können bewegt werden; welche aber ihm mit der
höchsten Bescheidenheit das unauflössliche Band zwischen ihr und dem
Cheruskischen Hertzoge / und die Ermessung seiner besorglichen Empfindligkeit
aus Marbods eigener Liebes-Hefftigkeit einhielt; und nach dem sie wahrnahm: dass
Marbods grossmütiges Hertze ehe mit vernünftigen / als eussersten
Entschlüssungen zu lencken wäre; heuchelte sie ihm mit diesem Schlusse /über
welchen er ihr nichts ferners zumuten sollte: Wenn sie nicht den Fürsten
Herrmann liebte / wollte sie keinen andern als Marboden heiraten. Als nun aber
etliche Tage nach einander diese und viel andere Zusetzungen von ihr nicht
anders / als die Wellen von einem unbeweglichen Felsen zurück prellten; machte
sich der ergrimmte Segestes mit dem letzten Sturm an sie; und nach dem er in
hundert beschwornen Dräuungen ihr Laub und Grass versagt hatte; schloss er: Du
hast nunmehr die Wahl / entweder in einem Königlichen Bette zu schlaffen / oder
im stinckenden Kercker zu verfaulen. Tussnelden flossen anfangs die Tränen als
eine Bach aus den Augen; gleich als wenn die / welche der Uhrsprung ihrer Liebe
gewest /nunmehr ein Spring-Brunn ihrer Schmertzen sein sollten. Hernach aber
versiegen sie auff einmal; entweder weil ihr Hertzeleid schon alles Wasser in
ihr erschöpfft hatte / oder der trockene Schmertz heftiger als der nasse ist;
in dem durch seine Übermass sich diese trübe Flut nicht anders als etliche
andere Wasser zu versteinern pflegte. Endlich fieng sie nach etlichen tieffen
Seuffzern bei Segestens Beschlusse diese durch stetes Hertz-Klopffen mehrmahls
unterbrochene Worte an: Ich erkiese mir nicht allein den Kercker und den Tod /
sondern dancke auch darfür als eine väterliche Mitgifft. Denn ein tuhendhaft
Gemüte läst ihm lieber die Uberbleibung seines Lebens abstricken / welche ohne
diss ungewiss / und ins gemein nicht gar lang ist; als dass es durch ein
schimpfliches Leben das gröste Teil seines hinterlegten verunehren sollte. Und
es ist viel ärger / um den Tod zu vermeiden / also leben: dass man des Lebens
nicht würdig ist; als dem Tode selbst in die Armen rennen /wenn man nur den Ruhm
verläst: dass man länger zu leben würdig gewest wäre. Sintemahl ohne diss das
Glücke beneidet / die Lebenden gescholten werden; die Unglücklichen aber
Mitleiden / die Todten Ehren-Seulen erlangen. Segestes ward hierüber mehr / als
vorher niemals entrüstet; uñ nach dem er seinen Degen halb ausgezogen / iedoch
bald wieder stürmerisch in die Scheide gestossen hatte; brach er noch
derogestalt aus: Du solst deine Hartnäckigkeit ärger /als du dir träumen läst /
büssen. Denn wer seiner Gefahr spottet / dessen spottet sie bald wieder. Hiermit
entbrach er sich mit höchster Ungedult aus dem Zimmer / und lag dem Könige
Marbod an / ihm selbst zum besten die Cattische Hertzogin aus seinem Reiche /
seine ungehorsame Tochter aber in ein strenges Gefängnüs zu schaffen. Beides
ward auch derogestalt in wenigen Tagen vollstreckt; in dem die Hertzogin Erdmut
biss an die Saale geführet / Tussnelde aber in ein unter dem Sudetischen Gebürge
auf einem hohen Stein-Felsen gelegenes Schloss ganz einsam eingesperret ward.
Von diesem / meldete die Gräfin von der Lippe / habe ich umständlichen Bericht
geben können. Weil ich nun das Glücke hatte mit Tussnelden / wiewol nicht an
einem Orte / eine Gefangene abzugeben; Die Unwissenheit aber bei niemanden
vermutlicher und verantwortlicher / als bei Eingekerckerten ist / als wird
Fürst Adgandester den Verfolg so viel glaubhafter nachtragen können. Dieser
fand sich alsofort darein / und fieng an: Ehe Tussnelde noch so feste
verschlossen ward / kam Tiberius nach Meintz / Stertinius aber verständigte ihn
alles / was sich mit ihr begeben hatte. Worauff Tiberius vom Könige Marbod zwar
die Abfolgung seiner Braut höflich suchte; Segesten aber einen nachdencklichen
Dräu-Brieff schrieb; und im Fall er ihm nicht zum Besitz seiner Tochter
verhülffe / ihm rund heraus sagte: dass er ihn nicht allein des geschenckten
Landes zwischen dem Mein / der Saale / und dem Brunnen der Weser an dem
Gabretischen Gebürge /sondern auch seines an der Ems ererbten Hertzogtums
entsetzen wollte. Segestes / wie eiffrig er vor für König Marbods Heirat
gearbeitet / so bestürtzt war er jetzt. Denn die heftigsten Bewegungen der
Begierden sind doch ein unfehlbares Kennzeichen der grösten Gemüts-Ohnmacht.
Daher er entweder aus Furcht / oder wenigstens zum Scheine beim Marbod anhielt
dem Stertinius und Silius / welcher nunmehr aus gleichmässiger Furcht für den
Tiberius reden musste / die ohne diss zu seiner Liebe allem Ansehen nach
unbewegliche Tussnelde folgen zu lassen. Marbod aber antwortete ihnen ins
gesamt: dass ein König /der ihm liesse den Purper seines Ansehens / und seine
Braut abtrotzen / seine Schwäche zeigte / und Anlass gäbe / ihn auch vollends
seines Reichs / ja seines Lebens zu berauben. Sintemahl die Antastung seines
Zepters nur die angenommene Hoheit eines Fürstens /ohne die ihrer so viel
hundert tausend vergnügt lebten / die Bekränckung aber seines Hertzens ihn als
einen Menschen beleidigte / welchen er nicht ausziehen könnte. Weil er nun
Tussnelden fahren zu lassen nicht verantwortlich / Stertinius aber anderer
Gestalt etwas bündiges zu schlüssen nicht für tulich hielt / mussten Segestes /
Silius und Stertinius nach etlicher Monate vergeblicher Handlung nur
unverrichteter Sachen Abschied nehmen; wiewol Segestes dem Tiberius nicht
traute / sondern unter einem scheinbaren Vorwand seinen Weg durch das Land der
Hermundurer zum Quintilius Varus einrichtete / um ihm selbten bei so verwirrtem
Zustande zum Freunde zu machen. König Marbod / der bei solcher Beschaffenheit
den Krieg mit den Römern für Augen sah / und nach der Richt-Schnur der
Staats-Klugheit wohl verstund lincks und recht zu sein / auch mit zweien
Antlitzen vor und hinter sich zu sehen / kehrte nunmehr seine Deichsel ganz
anderwerts hin; schloss noch selbigen Tag mit denen heimlich anwesenden Gesandten
der Pannonier und Dalmatier das verlangte Bündnüs; und bewegte den Quaden-König
Vannius zu einer ansehnlichen Kriegs-Bereitschaft. Hingegen schlieff Tiberius
auch nicht / sondern stellte sich so wohl selbst / als durch den Sentius Saturnin
und Silius in gute Verfassung. Welche überaus grosse Krieges-Rüstung der Römer
dem Quintilius Varus so viel mehr Gelegenheit gab die Cherusker / Bructerer /
Sicambrer / Catten und andere Völcker zwischen dem Rhein und der Elbe auffs
eusserste zu drücken. Sintemahl sie sich teils für der grossen Römischen Macht
nicht rücken dorfften; teils ihre Ungedult verschmertzen mussten / um dieses
wieder den Marbod auffziehende Gewitter nicht ihnen auf den Hals zu ziehen.
Insonderheit aber beseuffzete Hertzog Herrmann / dem die Fürstin Erdmut
Tussneldens Gefahr und Gefängnüs umständlich berichtet hatte / sein und seines
Vaterlandes Notstand. Wie er nun einst des Nachts diesen schwermütigen
Gedancken nachhieng / kam ein langer weisser Geist bei hellem Monden-Schein für
sein Bette; ergrieff ihn bei der Hand / und redete ihn mit diesen ganz
verständlichen Worten an: Es ist Zeit /Herrmann / dass du deiner ertrinckenden
Tussnelde zu Hülffe kommst. Herrmann / der ohne diss etliche Stunden ganz wache
war / und diss für keinen Traum annehmen konnte; antwortete ohne Bedencken: Ich
wils tun; stand auch von Stund an auff; nahm drei der bewehrtesten Ritter zu
sich; und ritt mit selbten in Jäger-Tracht noch für Tage fort; nach dem er mich
mit wenigen Worten zu seinem Stadtalter verordnete /und beredete: dass er in
unauffschieblichen Reichs-Geschäfften den Hertzog Ingviomer ins geheim / und
ohne des Quintilius Varus Vorbewust heimsuchen müste. Er lenckte aber bald gegen
der Saale / allwo er sich und seine Gefärten wie Marckmänner auskleidete.
Keiner unter diesen wusste / wohin sein Anschlag wäre / ja Herrmann selbst nicht;
in dem Vertrauen: dass weil der Himmel sein Auffwecker gewest wäre /würde er auch
sein Wegweiser sein. Zumahl ihm die Cattische Hertzogin zwar: dass Tussnelde auf
einem Berg-Schloss gefangen sässe / nicht aber den eigentlichen Ort zu wissen
gemacht hatte. Herrmann setzte seinen Weg gleichwol durch das Gebiete der
Hermundurer gegen Marbod-Stadt / allwo er etwas gewisses zu vernehmen hoffte /
getrost fort. Also kam er an der Elbe nahe an das Sudetische Gebürge; und ob
zwar in einem dicken Walde ihn ein erschreckliches Donner-Wetter überfiel / liess
er sich doch an der Reise nichts auffhalten. Denn ihm ahnte etwas ungemeines /
und sein Hertz sagte ihm ein absonderes Ebenteuer wahr. Nach des ganzen Tages
verdriesslicher Reise brachte sie der Weg gerade an den Elbe-Strom; da sie denn
teils der Mangel eines Abweges / teils die sie nunmehr überfallende
stockfinstere Nacht an diesem Ufer zu bleiben nötigte. Der offtere Blitz zeigte
ihnen zwar auff der andern Seite des Flusses etwas Strom-auff ein hohes Gebäue;
aber in Mangel der Schiffe konten sie dahin nicht gelangen; sondern die breiten
Aeste etlicher dicken Bäume mussten ihnen für ein Dach dienen. Das Gewitter
schien fast gar verzogen zu sein / als ein erschrecklicher Schlag / darvon nicht
nur sie / sondern der Erd-Boden erbebte / in vorerwähntes hohe Gebäue in Gestalt
einer langen Feuer-Seule einschlug; worauff denn alsofort der Himmel sich
ausklärte / und der Mohnde ihrem Augenmasse nach über die Erde empor kam.
Herrmann befahl hierauf seinen Gefärten etwan einen andern Weg / oder eine
Hütte zur Ubernachtung zu suchen. Wie er nun derogestalt ganz alleine an der
Elbe sass / sah er von ferne einen kleinen Nachen den Strom herab fahren; in
Meinung: dass etwan seine Ritter einen Schiff-Mann zur Ubersetzung errufft
hätten. Alleine / wie dieser Nachen kaum eines Bogen-Schusses von ihm war /
stiess er so harte an einen entweder unter dem Wasser verborgenen Baum oder Fels
/ dass er sich umkehrte; und an statt: dass alles für seinen Augen verschwand /
ihm nur ein einiger Gall ins Gehöre; und der ihm vorhin erschienene Geist ins
Gesichte fiel; ihm zuruffende: Es ist Zeit / Herrmann / zu helffen. Dieser warff
augenblicks seinen Rock von sich /sprang in den Fluss / und schwam gerade mitten
in Strom; darinnen er denn also fort etwas / das selbter herab trieb / zu
Gesichte bekam; also sich mit demselben armte / und ans Ufer brachte. Er hatte
noch ein Stücke zu schwimmen / als seine drei Ritter mit etlichen in einer nicht
ferne von der gefundenen Kohl-Hütte angezündeten Kyn-Höltzern zurück kamen /und
ihres aus dem Wasser mit einem Menschen steigenden Hertzogs Zufall nicht
begreiffen konten. Herrmann / welcher bereit wahr genommen hatte: dass seine
Beute zwar ein Weibes-Bild / aber ohne Regung war / liess ihm dieses alsofort
beleuchten; Er sanck aber bei dem ersten Anblicke für todt zu Bodem. Wiewol diss
nun die Ritter auffs empfindlichste erschreckte / vergassen sie doch nicht ihre
Vorsorge den Hertzog zu kühlen / dieses allem Ansehen nach geringe Frauen-Zimmer
zu reiben; und sie auffzuheben /wormit ihr das eingetrunckene Wasser zum Halse
heraus schüssen konnte. Welches letztere denn zu atmen anfieng / ehe Hertzog
Herrmann sich wieder besinnen konnte. So bald diss aber geschach; waren seine
erste /wiewol verbrochene Worte: Ist sie todt? Wie sie ihn aber versicherten:
dass sie an ihr Leben verspürten; kam er wieder so weit zu Kräfften: dass / nach
dem er das zwar Lufft-schöpffende / aber noch mehr todt als lebende
Frauen-Zimmer mit einem tieffen Seuffzer geküst hatte / sie ihn zu Pferde setzen
und gegen der Kohlen-Hütte leiten konten; dahin denn auch ihrer zwei die aus dem
Wasser gezogene mit unter sich gekehrtem Antlitze trugen; und beide mit etlichen
von dem Kohl-Weibe über den glüenden Kohlen gewärmten Tüchern rieben. Hertzog
Herrmanns Hertze wallete inzwischen so tief zwischen Furcht und Hoffnung: dass er
mehr einem träumenden / als wachenden gleich war; biss das Frauen-Bild nach und
nach ein und anderes Glied zu regen / und die Augen zu öffnen begonte.
Diesemnach denn Hertzog Herrmann sie kniend umarmte und anredete; Wilstu / meine
Sonne / mich Todten nicht mit deinen Strahlen lebendig machen? Sie sah ihn
hierauff zwar mit starren Augen / aber sonder einige andere Bewegung an. Wie nun
Herrmann mehrmahls nichts minder seine Liebe / als Mitleiden auffs kläglichste
ihr vorhielt; holete sie einen tieffen Seuffzer / und bewegte die Lippen.
Endlich fieng sie /wiewol sehr unverständlich an: Leb ich? und nach einer guten
Weile: Ich Elende! will mich auch der Tod nicht haben: dass mich nur das Leben
mehr martern könne; welches doch ich nicht haben mag? Dem Hertzog Herrmann
schossen die Tränen häuffig über die Wangen / und er antwortete ihr: Lebe /
lebe mein Leben: dass ich nicht sterbe; du aber mich liebest! Sie hingegen machte
hierüber eine grausame Gebehrdung / sagende: Liebe! Liebe! besser sterben und
nicht lieben / als leben / und deine Höllen-Pein fühlen! Herrmann küste
inzwischen ihr die Hand; welche sie aber weg zoh / und anfieng: Hilff Gott! leb
ich noch unter der Henckerei derer / die unter dem Schein der Liebe meine
Tod-Feinde sind? Und eine Weile darauff: Also leben / ist kein Leben; sondern
nur nicht auffhören zu sterben. Worauff sie noch etliche verwirrte Worte heraus
liess / und zu schlaffen anfieng. Daher denn die Ritter dem Hertzoge rieten: dass
/ da er diesem Frauen-Zimmer das Leben und was gutes gönte / müste er ihr und
ihm selbst die Ruhe gönnen. Welchem er denn derogestalt nachkam; wiewol sein und
ihr Schlaff öffters Merckmaale ihrer Unruh von sich gab. Er enteusserte sich des
Schlaffes mit dem tagenden Morgen. Daher er denn von dieser wohl zwei Stunden
nach der Sonnen Auffgange Schlafenden kein Auge verwendete / und / so viel mahl
sie Atem holete / gleichsam eine neue Krafft bekam / ja sich sie zu umarmen aus
Beisorge den Schlaff ihr zu stören kaum entalten konnte. Endlich erwachte sie;
und sah nunmehr bei gesundem Verstande den Fürsten Herrmann vor ihrem Gesichte.
Träumet mir? fieng sie an / und hob sich von ihrem armseligen Bette des
gutertzigen Kohl-Weibes auff. Keines Weges / meine Seele / meine himlische
Tussnelde / versetzte Herrmann; und umarmte sie mit einer unbegreiflichen
Hertzens-Freude. Ist es glaublich: dass ich lebe / und zugleich dich / mein Leben
/hier finde? fuhr sie fort; welcher er antwortete: dass sie an beiden nicht zu
zweiffeln / sondern GOtt für ihre Erhaltung zu dancken / auch zu glauben hätte:
dass er jetzt allererst mit ihrer Wiederersetzung wieder zu leben anfienge; weil
er durch die Sorge für sie täglich mehr / als zehnmahl wäre entseelet worden.
Sintemahl eine verliebte Seele / wenn sie nicht weiss / was seine Geliebte leidet
/ eben diss / ja ein mehrers desshalben ausstehe; weil sie es nicht weiss; nach dem
die Furcht alles Böse vergrösserte / wie es die Hoffnung verkleinerte. Mit
diesen liebkosenden Wortwechselungen brachten sie wohl eine halbe Stunde zu / ehe
eines das andere / wie sie zusammen kommen wären / zu fragen vermochte. Endlich
machte die ihre Freude kaum begreiffende Tussnelde hierinnen den Anfang; welcher
denn Herrmann auffs kürtzeste erzehlte: wie ein guter Geist ihn an die Elbe
geführet / und sie aus dem Wasser zu erretten geleitet hätte. Worauff sie auff
ihre Knie zur Erden sanck / und der Göttlichen Versehung / der himmlischen
Beschirmerin für diss Wunderwerck ihrer Erlösung inbrünstig danckte. Sie hingegen
berichtete: dass König Marbod nach vergebens geschehener Liebes-Werbung sie in
ein an der Elbe gelegenes Schloss eingesperret; das Wetter aber in den Turm
eingeschlagen; und weil sie zu allem Glücke sich in einem Neben-Zimer befunden /
ihre Ohren nur etwas betäubet / ihre Bewahrer aber getödtet / die Türen des
Gefängnüsses eröffnet / ja ihr eigentliches Wohngemach nebst etlichen andern
ganz eingeäschert hätte. Dieser Gelegenheit und Uglücks hätte sie sich zu ihrem
Vorteil bedienet; und weil die übrigen Einwohner des Schlosses für Schrecken
gleichsam in starrende Seulen wären verwandelt worden; hätte sie sich über den
Grauss der eingeworffenen Gebäue herab gearbeitet / und an dem Ufer einen
Fischer-Kahn gefunden / mit welchem sie sich über den Fluss zu setzen bemühet;
weil sie aber wegen Unerfahrenheit im Schiffen das Ruder eingebüsst / hätte sie
der Strom mitgenommen / und so viel sie sich erinnerte / den Kahn über und über
gedrehet; also: dass / was sich ferner mit ihr begeben / das wenigste zu sagen;
wohl aber ihr Leben GOtt und dem / welchem sie es ohne diss als ein Opffer
fürlängst gewiedmet / zu dancken hätte. Hertzog Herrmann musste bei dieser
Erzehlung die unbegreifliche Vorsorge Gottes nicht allein durch eine innerliche
Andacht verehren; sondern er brach auch / seine Augen gegen den Himmel wendende
/ in diese Worte heraus: Du allsehendes Auge der Göttlichen Versehung! wie
deutlich zeigestu doch in deinen Schickungen: dass du uns Menschen für dein
angenehmes Eigentum hältest; und / um diss nicht zu verlieren / keinen Blick von
uns verwendest Warlich /deine Gestalt ist voller Ohren; denn du hörest auch das
ohnmächtige Winseln derer in unterirrdische Kercker versteckter Elenden; dein
Antlitz hat nicht nur /wie das von den Griechen gemachte Bild des Jupiters drei
Augen / welche Himmel / Erde und Hölle durchdringen / das verborgene /
gegenwärtige und künftige erkiesen; sondern es ist ein mehr als
hundertäugichter Argos; ja alles voller Augen; denn du siehest auch in
stockfinsterer Nacht unsere Gefahr; und kein Haar kann ohne deine Vorsehung von
unser Scheitel falle. Dein Hertze flösset uns mit mehr Brüsten / als eine Isis
gehabt / die süsse Mutter-Milch deiner unerschöpflichen Gütigkeit ein; wormit
iederman sich an dem Uberflusse deiner Woltaten sättigen könne. Wer will nun /
ausser ein Unmensch / zweiffeln: dass du unser Glück und Unglück nach dem
Gewichte deiner Gerechtigkeit abgemässen / ja uns noch eine Zugabe deiner
Barmhertzigkeit beigeleget hast / ehe wir von dir gemacht worden; und uns daher
für kein so geringschätzig Ding bei dir zu halten haben / dass dir nur einen
Augenblick unser Andencken entfallen könnte? Sintemahl aus gegenwärtigem Falle
augenscheinlich erhellet: dass die Göttliche Weissheit auch dieselben Dinge /
welche die allerverwirresten Zufälle zu sein scheinen / nehmlich die
Ergiessungen der Regen / den Blitz der donnernden Wolcken / Gewitter /
Schiffbruch und Erdbeben auff seinem Finger abwiege; wormit selbte als
Werckzeuge nicht nur seines Zornes / sondern auch Erbarmens den für gesetzten
Zweck erreichen / unsere Kercker erbrechen / und unsere Fessel zerschmettern.
Darum last uns nur auch GOtt; welchem kein irrdischer Werckmeister an Fleiss und
Klugheit es zuvor tut / über uns und die Zeit die Auffsicht und Einteilung
anheim stellen; und des uns anvertrauten Pfundes behutsam wahrnehmen! Böses und
Gutes rinnet aus diesem einigen Brunnen; darum last es uns auch mit einerlei
Gesichte annehmen; und versichert leben: dass uns niemahls nichts Böses denn zu
unserm Besten begegne! Hierauff beratschlagten sie; wie sie nun ihre Rück-Reise
sicher anstellen sollten; nach dem zwar allem Ansehen nach iederman Tussnelden
für todt und unter dem Grause des mehrenteils eingeäscherten Schlosses begraben
zu sein erachten würde; Gleichwol aber in dem Gebiete des so wachsamen Marbods
sich lange auffzuhalten nicht sicher / und keine Behutsamkeit genung; ja diese
zuweilen die erste Verräterin eines Geheimnüsses wäre. Diesemnach sie denn von
dem einfältig- und gutertzigen Kohl-Manne nach einer danckbaren Beschenckung
Abschied nahmen / sich aber so lange verbargen / biss ein Ritter in dem nechsten
Dorffe ein geringes Kleid und Pferd erkauffte / und dahin brachte; welches einer
unter ihnen an statt seines / das er Tussnelden zur Verkleidung geben musste /
gebrauchte. Nach dem auch auff der Cheruskischen Gräntze Varus viel Römisches
Kriegs-Volck zusammen führte / das Saturnin wieder den Marbod führen sollte
/Tussnelde auch noch zur Zeit ihre Vermählung nicht für tulich; und beim
Hertzog Herrmann sich aufzuhalten für bedencklich hielt; richteten sie ihren Weg
gegen der Catten Haupt-Stadt Mattium ein; allwo Hertzog Arpus mit seiner
Gemahlin Erdmut Hoff hielt; teils mit diesem Hertzoge noch mehr Verträuligkeit
bei so gefährlichem Zustande Deutschlands /da Varus ihrer Freiheit vollends das
Messer an die Gurgel setzte / zu stifften; teils Tussnelden wieder in die
treuen Hände dieser tapfferen Fürstin zu überantworten. Sie kamen in dreien
Tage-Reisen aus dem Gebiete des Königs Marbod sonder den geringsten Anstoss;
ungeachtet das Geschrei ihnen schon zuvor kommen war: dass die vom Marbod
gefänglich gehaltene Tussnelde in einem vom Donner eingeäscherten Schloss
verfallen; Marbod aber hierdurch fast in Verzweiffelung versetzt worden wäre; in
dem ihn teils die Hefftigkeit seiner Liebe / teils sein über so strenger
Verfahrung ängstiges Gewissen beunruhigte. Als sie aber schon über die Cattische
Gräntze in einen Wald kamen / hörten sie ein erbärmliches Geschrei und ein
Geräusche von Pferden sich ihnen ie mehr und mehr nähern; weswegen sie sich ein
wenig aus dem Wege in ein Gepüsche setzten. Nach dem sie aber wahrnahmen: dass
von neun Reutern ein Frauen-Zimmer von schöner Gestalt und nicht geringem
Ansehen / wiewol mit zerstreuten Haaren und zerrissenen Kleidern gewaltsam
fortgeschleppet ward; war Tussnelde die erste / die diesen Räubern die
unanständige Beute abzunehmen erinnerte; wormit sie und Hertzog Herrmann nebst
denen drei Rittern solche also fort ansprengten; und ehe sie ihrer recht gewahr
wurden / fünff Räuber entweder tödteten oder aus dem Sattel hoben; die vier
übrigen aber auf die Flucht und ihre Beute zu verlassen nötigten. Diss
Frauen-Zimmer / welches sie für ihr vom Himmel zugeschickte Schutz-Geister hielt
/ wusste nicht Worte genung zu finden für ihre Erlösung zu dancken; berichtete
hiernebst mit zitternden und erblassten Lippen: Sie wäre Rhamis des Cattischen
Hertzogs Ukrumer Tochter / und eine Braut des Dulgibinischen Fürsten Segimers /
des Segestes Brudern. Diesem zugeführet zu werden wäre sie auf dem Wege
begrieffen gewest; aber von einem Schwarm mehr als fünffhundert meist Römisch
gekleideter Kriegs-Leute überfallen; und an diesen Ort geschlept worden /
unwissende wie das Gefechte mit ihren viel schwächern Begleitern abgelauffen
sein würde. Hertzog Herrmann und Tussnelde bezeugten gegen dieser Fürstin ein
absonderes Mitleiden; und versprachen sie in ihrer Gesellschaft ihrem Herrn
Vater in der Stadt Bicurg / dahin sie ohne diss der Weg trüge / zuzubringen.
Hertzog Herrmann aber bedreute mit gezücktem Degen zwei der noch lebenden Räuber
zu entdecken / wer sie wären; und auff wessen Befehl sie diesen Raub begangen
hätten? Der eine war so verstockt: dass er ihm lieber das Schwerdt in Därmen
umwenden liess; als ihm einiges Wort abzubringen war; der andere aber sagte
umständlich heraus: dass Quintilius Varus / der sich in diese Fürstin verliebt
hätte; als er in seinem Durchzuge vom Fürsten Ukrumer aufs herrlichste wäre
bewirtet worden /von ihrer Abholung Kundschaft erlanget / und sechshundert
Reisigen ihr auffzulauern / und sie ihm zu entführen befehlicht hätte. Hertzog
Herrmann biess über dieses Römers Frevel-Tat die Zähne zusammen; und schwur /
die Deutschen entweder dieses Jochs zu entbürden / oder das Leben nicht zu
haben; zwang auch diesen Räuber ihm zu folgen. Sie ritten etwan eine halbe Meile
fort / und kamen auff ein blanckes Feld; wurden aber alsofort dreier Hauffen
gegen sie ankommenden Kriegs-Volcks gewahr; für welchem sie sich zwar wieder in
den Wald zu verstecken vermeinten; weil aber ihre Pferde von der starcken Reise
abgemattet waren / wurden sie bei Zeite eingeholet und umringt. Gleichwol aber
zohen jene wenige von Leder; und ermahnte sie Hertzog Herrmann mit dem Degen
ihnen einen Weg und Ausflucht zu eröffnen. Es gab aber ein Ritter / der den
Vordrab führte /und die Fürstin Rhamis erkennte / ihnen ein Zeichen des
Friedens; weil sie keine Feinde wären. Hierauff näherte sich auff dieses Ritters
Nachricht alsofort der Führer des erstern Hauffen; sprang vom Pferde um die
Fürstin Rhamis zu empfangen; welcher denn hiermit für den Hertzog Segimer / der
seiner Braut entgegen kam / erkennet ward. Als dieser mit der Fürstin Rhamis
sich unterhielt / kam der andere und dritte Hauffen auch darzu; dessen Führer
denn alsofort Hertzog Herrmann und Tussnelde für Segesten erkennte; welcher mit
tausend Cassuariern gegen dem Meine ging / um das von dem Tiberius an dem Flusse
Werre geschenckte / oder als ein ihm vielmehr durch Erbgangs-Recht zu gefallene
Stücke Landes bei bevorstehendem Römisch- und Marckmännischen Kriege in bessere
Verwahrung zu nehmen / und bei dieser Gelegenheit seinen Bruder Segimer
begleitete. Es ist unschwer zu ermässen / was diese Zusammenkunft beiden für
Gemütsänderung gegeben; welche sich so viel mehr vermehrte; als Segestes sie
beide starr ansah / bald erblaste / bald sich wieder färbte; endlich zum
Segimer anfieng: Mein Bruder / wenn ich nicht vom Könige Marbod eigenhändige
Nachricht hätte: dass meine Tochter vom Blitz erschlagen wäre; sollte ich mir
einbilden hier so unverhofft mein Kind / als du deine Braut zu finden. Tussnelde
dieses hörende /drehte sich mit dem Pferde um / und gab dem Pferde die Sporne
sich zu flüchten. Segestes wollte ihr folgen; Hertzog Herrmann aber wiedersetzte
sich ihm mit gewaffneter Hand; aber es waren in einem Augenblicke wohl zwantzig
Schwerdter über dem Cheruskischen Hertzoge und seinen ihm beistehenden Rittern.
Die Fürstin Rhamis dieses schende / fieng erbärmlich an zu wehklagen / und den
Hertzog Segimer zu beschweren: Er möchte diese tapffere Ritter / welche sie für
einer Stunde aus den Händen der grausamsten Räuber errettet hätten / nicht so
undanckbar aufopffern lassen. Segimer ritt also darzwischen / und mahnete seinen
Bruder von solcher Gewalt-Tat ab. Segestes aber antwortete: Kennestu nicht den
Räuber meiner Tochter Herrmann? Dieser versetzte: O du undanckbarer Guckuck; ist
das der Lohn: dass ich dir zweimahl das Leben errettet / und deine tugendhafte
Tochter noch für wenig Tagen aus dem Rachen des Todes gerissen habe? Dessen
ungeachtet; fuhr Segestes nicht nur selbst in seiner Gewalt-Tat fort; sondern
befahl auch seinem ganzen Hauffen sich des Cheruskischen Hertzogs als seines
Tod-Feindes zu bemächtigen. Segimer ward hierüber nicht wenig erbittert; und
setzte sich dem Segestes selbst entgegen / also: dass beide Hauffen mit darüber
in ein blutiges Gefechte gerieten; und sich allerseits sonder eigentliche
Erkiesung: wer Feind oder Freund wäre / einander erwürgten. Massen denn /
ungeachtet die Fürstin Rhamis / wie auch die zurückkommende Tussnelde / und zwar
um so viel mehr von denen Chassuariern erkennt zu werden / mit entblösten Brüsten
sich zwischen die Streitenden einmischten / und nach dem Beispiel der
Sabinischen Frauen beider Zorn und Blutstürtzung zu unterbrechen bemühten; nahm
doch ihre Verbitterung keine Kühlung an; weil Segestes die Seinigen auf den
Hertzog Herrmann bedreulich anfrischte / Segimer aber den Erlöser seiner Braut
Hülff-los zu lassen für die schimpflichste Kleinmütigkeit hielt. Also fochten
Hertzog Herrmann und Segimer zwar als zwei Löwen; aber nach dem der letzte in
den rechten Arm verwundet ward: dass er den Degen nicht mehr brauchen konnte / dem
ersten sein Pferd getödtet / ihm auch wohl sieben Wunden angebracht wurden / über
diss Segestens Hauffen wohl dreimal des Segimers überlegen war / wurden die drei
Cheruskischen / und nicht wenig Dulgibinische Ritter erlegt / die wenigen
übrigen in die Flucht bracht; und Hertzog Herrmann blieb ohnmächtig auf dem
Platze liegen. Worüber Tussnelde sich über ihn streckende ein so klägliches
Geschrei anfieng: dass es alle Menschen / ausser den Segestes; ja einen Stein
zum Erbarmnüs hätte bewegen mögen. Ob nun wohl Segimer und Rhamis dem Segestes
mit harten Worten seiner verübten Grausamkeit halber zusetzten / Tussnelde auch
ihrem Vater das Gewissen rührte und einhielt: Wie Hertzog Herrmann sie aus der
Elbe und dem Tode errettet hätte; liess er sich doch das minste bewegen; sondern
/weil die unvernünftigen Gemüts-Regungen ihre eigene Blindheit für fremde
Flecken / und Schielenden auch die vollkommensten Spiegel für schlimm halten /
schüttete er wieder den Hertzog Herrmann und Tussnelden allerhand heftige
Schelt-Worte aus; ja als Herrmann sich ein wenig nur erholet / liess er Ketten
bringen / sie beide darmit belegen / und auff einem Wagen wegführen; seinem
Bruder meldende: Er möchte ihm seine Braut / welche nichts minder /als Tussnelde
bei ihrer wolgemeinten Scheidung etliche / wiewol nicht gefährliche Wunden
bekommen hatte / heim / oder / wohin es ihn bedünckte / führen. Denn nach dem er
sich seines Feindes angemast hätte / verlangte er seiner Gemeinschaft nicht
mehr / Segestes kam hierauff mit seinen Gefangenen nach Henneberg / allwo er
dem Fürsten Herrmann / welcher seiner Meinung nach ihm allein an Erlangung der
obersten Feldherrschaft im Wege stand / allem Vermuten nach das Licht
ausgelescht hätte / weil doch die Feindschaft den Tod des Verhassten für den
Hafen seiner Sicherheit / und der Ehrgeitz die Einäscherung seiner Neben-Sonne
für seinen Leit-Stern hält / weñ er nicht ein Schreiben vom Tiberius daselbst
gefunden hätte / welcher zu Damasia in Rhetien sich auffhielt / und an der Donau
und Lech Anstalt zum Kriege wieder den Marbod machte. Darinnen beschwerte er
sich über den Segestes: dass er seine ihm versprochene Tochter einem Feinde der
Römer verlobet / hierdurch nicht allein zu ihrem so grausamen Tode und Kränckung
seines Gemütes / sondern auch dem Kayser zu grossem Misstrauen Ursach gegeben
hätte. Diesemnach sollte er diese Scharte nunmehr durch einen ansehnlichen
Vorschub an Vorrat und Hülffs-Völckern auswetzen; und sich derogestalt sehen
lassen: dass der Kayser ihn für einen Freund oder Feind zu unterscheiden / und
wegen der deutschen Feldherrschaft auff sein oder des Fürsten Herrmanns
Wageschale das Gewichte zu legen wüste. Dieses Schreiben hatte bei Segesten
einen solchen Nachdruck: dass er auff einmal alle Hoffnungs-Ancker verlohr;
welche er auff die Grösse des Marbods gegründet hatte. In dem der listige
Tiberius Segestens Schwäche fürlängst hatte kennen lernen: dass es ihm nehmlich
um die Würde der Feldherrschaft zutun wäre; und kein unter das Eyss
verschlossener Fisch so sehr nach der Lufft / als er nach diesem Winde
schnappte. Denn in Wahrheit die Kunst sich eines fremden Willen zu bemächtigen
beruhet bloss allein an dem Erkäntnüsse; mit was für einer Handhabe ein Mensch zu
fassen sei; und dass man ihn an dem Seile zu sich leite / daran er selbst gerne
geht. Sintemahl doch keine Sache ohne Hefft / kein Mensch ohne eine besondere
Neigung ist; in dem einer die Ehre /der ander den Eigennutz / der dritte die
Wollust zu seinem Abgötte hat; ja zuweilen das niedrigste Absehen etlicher Leute
erster Bewegungs-Zirckel ist / und der / welcher diesen trifft / den Schlüssel
zu der verschlossenste Menschen Hertzen / und die Botmässigkeit über ihren Willen
in seinen Händen hat. Bei so gestalten Sachen schrieb Segestes an Tiberius: dass
ihn keine besondere Gewogenheit zum Marbod; sondern teils seine Ohnmacht ihm
Tussnelden aus den Händen zu winden / teils sein Absehen den Römern auch mit
Enteusserung seines Kindes ein vorteilhaftiges Bündnüs zu wege zu bringen /
ihm seine Tochter zu verloben gezwungen hätte. Es schiene aber der Himmel selbst
an diesem Zwange keinen Gefallen zu haben; weil er mit Donner und Blitz die
vermeintlich todte Tussnelde aus ihrem Gefängnisse gerissen / und seinen Feind
den Fürsten Herrmann zu einem Werckzeuge selbte seiner väterlichen Gewalt
einzulieffern gebraucht hätte. Also wäre er nunmehr nicht allein willig und
mächtig diese zwei zu des Tiberius Liebe und Rache auszuantworten; und in dem
Marckmännischen Kriege sich nicht als einen Bundsgenossen / sondern als einen
Römischen Bürger zu bezeigen. So sehr diss Schreiben den Tiberius vergnügte.; so
sehr bestürtzte ihn eben selbigen Tag die einkommende Nachricht: dass der Quaden
König Vannius mit achtzig tausend Mann über die Donau gesetzt / und Carnunt zu
belägern vor hätte; Marbod aber mit einem mächtigern Heere gegen die Vindelicher
/ und mit einem andern sein Feldhauptmann Bercka gegen den Mein und Rhein im
Anzuge wäre. Denn dieser kluge und streitbare Fürst nahm den Verlust seiner
Tussnelde zwar nicht / wie etliche / die aus der Unempfindligkeit Ehre suchen;
noch wie ein Weichling /dessen Tränen niemahls verseigen / weibisch an; sondern
er suchte die Linderung seines Schmertzens in dem Geräusche der Waffen; und nach
dem Beispiele jenes Römers / der eben den Tag in den Rat kam / als sein einiger
Sohn gestorben war / seinen Trost in den Armen und in der Schos des gemeinen
Wesens zu holen. Tiberius / welcher bereit ein Schreiben gefertigt / und dariñen
dem Segestes befohle hatte / dem Hertzog Herrmann durch Gift aus den Wege zu
räumen / ward durch diese Zeitung gezwungen eine ganz andere Fart zu erkiesen;
wormit er hierdurch nicht die Cherusker denen Cassuariern oder gar den Römern
auff den Hals hetzte. Diesemnach er den Silius zum Segestes schickte / zwischen
ihm und dem Hertzog Herrmann einen Vergleich zu treffen /und durch des letztern
Freiheit die Cherusker zu verknipffen: dass sie nicht denen Marckmännern
beipflichteten / noch den Segestes an der versprochenen Hülffs-Leistung
hinderten. Gleichwol aber traute er weder einem noch dem andern Deutschen;
sondern befahl: dass sechtzig tausend Gallier da und dort in Deutschland zu
Besetzung der Festungen am Rhein /am Mein und an der Weser rücken sollten; wormit
er die alten Besatzungen leichten und gegen den Marbod ins Feld führen könnte.
Als Tiberius derogestalt mit seiner Zurüstung alle Hände voll zu tun hatte;
ward er durch eine aus Istria einlauffende Zeitung: dass nach denen von dar gegen
die Donau abgeführten Legionen ganz Illyricum wieder die Römer die Waffen
ergriffen hätte / überaus erschrecket; und wenig Tage hernach dardurch fast
ganz entseelet: dass alle zwischen der Teisse und Euxinischen und Adriatischen
Meere gelegene / und mit dem Könige Marbod verbundene Völcker wieder die Römer
auffgestanden / und bereit über achtmahl hundert tausend Männer im Anzuge wären
/ teils denen in Pannonien und Deutschland stehenden Römern in Rücken zu gehen
/ teils in das Hertze Italiens einzubrechen. Diese Gefahr wuchs täglich mit
allen neu-ankommenden Berichten; und der Kayser selbst schrieb von Rom: Es
schiene: dass sich Himmel und Erde wieder die Römer verschworen / Rom auch nach
der Schlacht bei Canna nie in gefährlicherm Stande gesteckt hätte. Der schlaue
Tiberius sah wohl: dass die Römischen Kräffte so vielen Feinden die Stirne zu
bieten zu ohnmächtig / die Bunds-Genossen auch entweder zu schwach wären; oder
auch gar auff zwei Achseln trügen; ja ins gemein das Gute nicht so leicht
teilhaftig / als das Böse anfällig sei / also er sein Heil dissmahl aus seinen
Feinden / wie kluge Aertzte die Genesung des Krancken aus Giffte suchen müste.
War also seine gröste Sorge den grossen Stein der Marckmänner von sich
abzuwältzen; und durch Zertrennung der Feinde ihrer aller Meister zu werden. Den
König Marbod nun zu versöhne / war kein besser Mittel zu erdencken / als
Tussnelde. Dieser aber sich selbst zu berauben schiene ihme empfindlicher zu
sein / als das Herz aus seinem Leibe reissen lassen. Gleichwol überwog die
Ehrsucht in seiner Seele die Regung der Liebe / und er entschloss sich in dieser
eussersten Not ihm lieber weh zu tun / als mit dem Verluste seiner Hoheit auch
diss / was er jetzt zu erhalten vermeinte / einzubüssen. Diesemnach schrieb er an
Marbod / wiewol mit mehrmahls erstarrender Hand / diese Erklärung: der Kayser
habe die mit dem Marbod auffgerichtete Freundschaft iederzeit so sorgfältig zu
erhalten getrachtet: dass er auch allen Schatten einigen Misstrauens aus dem Wege
geräumet. Weil er nun dessen seiner seits vergewissert wäre; könnte er dem
gemeinen Ruff nicht glauben: dass König Marbod mit den Römern den Frieden zu
brechen; und denen Eydbrüchigen Pañoniern beizustehen vorhaben sollte; derer
Aufruhr er mit dreissig Legionen zu züchtigen befehlicht wäre. Der blinde Lermen
der schwürigen Illyrier würde schwerlich einen so klugen Fürsten / als Marbod
wäre / unter die Fahnen so weiblicher Völcker wieder die Stadt Rom verleiten /
welcher die Götter schon in ihrer Kindheit sich so geneigt erwiesen: dass sie
selbte mit Ketten gefangener Könige an statt der Windeln beschencket. So
ungestüme Schwermungen der Völcker wären mehr schreckliche / als gefährliche
Zufälle nach Art der Mutter-Kranckheit; und hätte ein kluger Herrscher diese
nicht so sehr / als dieselben Schwachheiten zu fürchten / die wie die
Schwindsucht uns in der Stille erschliechen und tödteten. Daher hätte das
Römische Volck zwar mit der Vielheit ihrer Feinde stets sein Glücke sich
vergrössern sehen; aber es hätte sich iederzeit mehr an der Anzahl ihrer Freunde
/ als an der Menge seiner Siege vergnüget. Seine Freundschaft hätten sie auch
so viel fester gehalten; weil der Kayser ihn schon / als er noch nicht in
solchem Stande gewest / darmit beteilet; und / als hernach ihm fast niemand wohl
gewolt / sein Bundsgenosse geblieben wäre. Die Ferne seiner / und der Uberfluss
der Römischen Länder könten ihn auch leicht versichern: dass Rom auff nichts
seines Eigentums ein Auge /sondern stets geglaubt habe: man könne wohl zu viel
Untertanen / aber niemahls genung Freunde haben. Zumahl Marbod selbst wüste:
dass der Kayser die Gräntzen des Reiches einzuziehen / und nicht über den Phrat
und Rhein / weniger über die Elbe zu erweitern geneigt wäre / auch die Mässigung
des Cato /der die Macedonier nach überwundenem Perseus für freie Leute erkennet
/ stets gerühmet hätte. Er / Tiberius / wollte auch nicht gerne durch sein
Fürhaben von Rom ein wiedriges zu glauben eine Ursache / weniger zwischen ihm
und dem Kayser ein Stein des Anstosses sein; und wäre ihm leid: dass Stertinius
bei der Bündnüs-Handlung nicht gewüst hätte; wie viel höher er das gute
Vernehmen mit einem Bundsgenossen /als die Vergnügung seiner Begierden schätzte.
Es schiene ihm aber des Stertinius damahliges Bedencken nunmehr zum Ruhme seiner
Freundschaft auszuschlagen. Denn damahls würde er ihm Tusnelden nicht so wohl
überlassen / als sich einer schon verlohrnen Sache verziehen haben; weil sie
Marbod bereit in Händen gehabt. Nunmehr aber wollte er ihm sein Recht auff sie
abtreten / nach dem es in seiner Gewalt stünde derselben selbst zu genüssen.
Denn ihm müste zur Nachricht dienen: dass / um das Unvernehmen zwischen den
Römern und Marckmännern zu verhindern / die Todten lebendig werden müsten.
Massen er denn seine Tussnelde nunmehr aus den Händen ihres Vaters / oder
vielmehr seinen eigenen abholen lassen könnte; da er seine Freundschaft und der
Römer Bündnüs durch diss Siegel zu befestigen für nötig hielte. Ja wenn Marbod
zugleich den in seiner Hand habenden König Vannius zu frieden spräche / wormit
dieser benachbarte Krieg nicht zwischen den Kayser und Marbod einen neuen
Zanck-Apffel würffe / und er am Ister die Ubersetzung der Sarmater verhinderte /
verspräche er denen Marckmannund Quadischen Gräntz-Völckern jährlich zwei
tausend Pfund Silber als einen Sold zu geben. In diesen sauern Apffel musste
Tiberius beissen; weil die Grösse der Gefahr keine süssere Artznei vertrug.
Wiewol dieser vom Tiberius gemachte schlimme Anfang denen Römern hernach fast
ein unauffhörliches Joch aufhalsete / denen Deutschen und andern Königen den
Frieden durch eine jährliche Schätzung / welcher man den schönen Namender
Geschencke gab / abzukauffen. Und ob zwar die Römer sonst nicht gewohnt waren so
linde Seiten auffzuziehen; verstand doch Tiberius allzuwol: dass die Klugheit
keine Sclavin der alten Art / und ein nicht geringer Aberglaube sei; weñ man die
Fussstapfen der Vorfahren anbetet / und ausser selbten nirgendswohin ohne
Versinckung zu treten vermeint; und dass es ein Aberwitz sei lieber auff der
gebähnten Strasse des Zweckes fehlen / als auff einer neuen denselben erreichen.
Nichts minder hielt er sein / wiewol sonder einige vorragende Furcht
geschehendes Nachgeben eben so wenig für einen Verlust / als die Einziehung der
Segel beim Ungewitter; massen denn mehrmahls sein Sprichwort war: dass man von
seinem Ansehen nicht so leicht etwas einbüsse / wenn man nur seinen Zweck
erreiche; und dass die Uberwindung durch Geschickligkeit der Stärcke keinen
Abbruch tue / weniger ein Merckmahl der Schwäche sei. Marbod hatte zu allem
Glücke von Tussneldens Entkommung und Leben noch keine Wissenschaft. Daher ihm
des Tiberius Erbieten nicht nur als ein Traum / sondern / ungeachtet der an
Marbod abgeschickte Paterculus diss eusserst beteuerte / als eine Erfindung
seine Kriegs-Macht auffzuhalten fürkam; biss den vierdten Tag darauf Segestes
ihn versicherte: dass Tussnelde nicht nur lebte; sondern / nach dem Tiberius sich
alles Anspruchs auff sie verziehe / trüge er selbte dem Marbod / als ein Band
der Eintracht /zwischen zwei so mächtigen Völckern / und als einen güldenen
Apffel des Friedens von neuem an. Sintemahl doch zwischen hohen Häuptern die
Zwistigkeiten durch nichts mit grösser Ehre / als durch Vermählungen beigelegt
würden; in dem diese in Wahrheit rechte Ehren-Pforten wären aus dem Irrgarten
eines entsponnenen Krieges zu kommen; den man ohne Schaden oft nicht länger
führen / und gleichwol ohne Verkleinerung nicht abbrechen könnte. Marbod / ob er
wohl einen grossen Vorteil sah den Römern Abbruch zu tun; so erwog er doch:
dass so viel mächtige Völcker an ihnen den Kopff zerstossen hätten; und es
gleichsam einerlei zu sein schiene wieder Rom oder das Verhängnüs sich
auflehnen; und dass er in seinem neuen Reiche unzehlbare heimliche Feinde zu
verwahren hätte. Insonderheit aber hatte die Tugend und Schönheit Tussneldens
eine solche Würckungs-Krafft über ihn erlanget: dass die Hoffnung ihres
Besitztums bei ihm alles andere Absehen wie die Sonne einen Nebel zu Bodem
schlug. Denn diese Fürstin ist in Warheit ein merckwürdiges Beispiel: dass der
Himmel gewissen Personen eine verborgene Ober-Herrschaft über alle andere
Menschen einräumet; also: dass man in ihnen gleichsam eine überirrdische
Botmässigkeit / welche mit einem Winck alle andere Gesetze unterbricht / erkennen
/ und denselben / man weiss selbst nicht warum / als Königen von Natur gehorsamen
/ und als für Löwen sich demütigen muss. Welcher Zwang am Marbod so viel mehr
wunderns wert war; weil weder seine Liebkosungen / noch Segestens Strengigkeit
über Tussneldens Abneigung eines Haares breit Vorteil hatte erlangen können.
Sintemahl die Hoffnung ein so unschätzbares Gut zu erlangen eine solche
Süssigkeit in sich hat: dass sie ihr auch die Unmögligkeit zu überwünden träumen
läst /und hiermit im Wercke bestetigt: dass die Hoffnung ein Traum der Wachenden
/ und die Wollust der unglückseligen sei. Bei so gestalten Sachen hielt er mit
seinem Kriegs-Heere bei Kintzen an der Donau stille; schrieb auch an den König
Vannius und den Feldhauptmann Bercka nicht weiter fortzurücken; an Tiberius
aber: dass er an die Römer sich zu nötigen nicht verlangte; wenn sie aber was
mit ihm zu versuchen gedächten / nichts ausschlüge. Sein Absehen wäre auch kein
anders gewest / als mit seinen Kriegs-Heeren die eussersten Spitzen seiner
Länder zu bedecken; weil an so viel Orten allerhand trübe Kriegs Wolcken
auffzuziehen geschienen; mitten in seinem Lande aber seines Feindes zu erwarten
so viel wäre; als ihm selbst schon halb verloren geben. Nach dem aber Tiberius
ihn der Römischen Freundschaft versicherte /seine eigene auch durch Abtretung
der Fürstin Tussnelde bekräfftigte / nehme er das letzte zu Danck / das erstere
nebst dem versprochenen Solde für die Quaden (denn seine eigene Kriegs-Leute zu
zahlen dörffte er keines fremden Beischubs /) für eine Verneuerung des alten
Bundes an; welcher von ihm so heilig / als unversehrlich gehalten / und darmit
bezeugt werden sollte: dass seine Herrschaft keiner Erweiterung / sein Ehrgeitz
keinen fremden Zunder von nöten hätte. Also ward die gefährliche Kriegs-Flamme
zwischen dem Könige Marbod und den Römern /welche nunmehr alle ihre Kräfften
wieder die den Marbod / als Uhrhebern ihres Aufstandes / verfluchenden Pannonier
und Dalmatier anwehreten / durch die Vollkommenheit eines Frauen-Zimmers in der
ersten Geburt getödtet; und zwar mit so viel mehrerm Wunder; weil in dem
Zanck-Apffel der Schönheit sonst selten Kerne stecken / woraus die Oelzweige des
Friedens wachsen; und das weibliche Geschlechte so oft Zwietracht in Ländern /
als Zwillinge im Kind- gebiehret. Als Tiberius und Marbod nun so friedliche
Handlung pflegten / bemühte sich auch Silius den Fürsten Segestes mit dem
Hertzoge Herrmañ zu vereinbaren; und diesen in Freiheit zu setzen. Alleine
Segestes erzeigte sich hierrinnen so hartnäckicht: dass kein Einreden etwas
verfieng; weil er die dem Herrmann angetane Beleidigung selbst für so gross
erkennte: dass er sie ihm sein Lebtage nicht verzeihen weniger vergessen könnte.
Also ist die Bosheit im Anspinnen der Laster blind / wenn sie selbte aber
ausgemacht hat / taub; in dem sie keinen vernünftigen Ratschlägen / sondern
alleine der Anklage ihres Gewissens / welches ihr von nichts / als Rache predigt
/ Gehöre gibt. Nach dem auch Silius auf Dräuungen verfiel; kam Segestes auff
diese eusserste Entschlüssung: dass er den Hertzog Herrmann heimlich hinrichten /
und mit ihm den Stein des Anstosses aus dem Wege räumen wollte. Denn die
Grausamkeit hält ins gemein für sicherer / sein Verbrechen durch ein noch
grösseres / als durch Tugend auszuwetzen; weil ein Laster mit dem andern eine
Verwandschaft /mit der Tugend aber eine ewige Zwietracht hat. Zu welchem Ende
er auch bereit dem Wund-Artzte ein vergifftetes Pflaster eingeantwortet hätte um
solches dem Cheruskischen Hertzoge aufzulege; welches aber dieser aus Verdacht
zuvor einem Hunde aufband / und nach erkundigtem Giffte wegwarff; weil er ein
Werckzeug so eines schändlichen Meuchel-Mords zu sein Abscheu trug. Hierüber
lieff Segesten die Nachricht ein: dass nicht nur die Cherusker und Catten / die
vom Hertzoge Segimer und der Fürstin Rhamis seine Gefängnüs erfahren hatten / in
das Gebiete der Cassuarier eingefallen wären / und sich der fürnehmsten Örter
bemächtiget / sondern auch Segestens Gemahlin Sentia und seinen Sohn Siegesmund
gefangen bekommen / und um hierdurch Herrmanns Freiheit zu erwerben dem Hertzoge
Ingviomer eingelieffert hätten. Wordurch Segestes allererst gezwungen ward
durch den Silius die Auswechselung des Hertzog Herrmanns abzuhandeln; welcher
gegen den Silius / weil Segestes selbst aus Schamröte über seiner Beleidigung
vom Fürsten Herrmann sich zu beurlauben Bedencken trug / sich erklärte: er wüste
zwar: dass Segestes ihn auffs ärgste anzufeinden nicht ablassen würde; weil es
der Beleidiger Eigenschaft wäre den Beleidigten gram zu sein / und der
unverdiente Hass der heftigste wäre; er wollte aber aus Liebe des Vaterlandes
nicht nur alle Rache / sondern alles Unrecht vergessen / und ein Beispiel sein:
dass nicht alle den hassen / welchen sie vorher fürchten müssen. Sintemahl er für
eine Pflicht grosser Gemüter hielte nicht allein denen guten / und Freunden /
so lange sie diss sind / wohl zu tun; sondern auch den Bösen und Feinden / damit
sie es zu sein auffhören.
    Hertzog Herrmann war kaum aus seinem Gefängnisse zu Henneberg erlediget / und
von fünffhundert Cheruskischen Edelleuten / welche hingegen Segestens Gemahlin
und Sohn eben so viel Cassuariern an dem Fulde-Strome aushändigten / angenommen /
als zwei tausend Marckmännische Edelleute zu Henneberg ankamen die Fürstin
Tussnelde abermals dem Könige Marbod zuzuführen; Worvon Hertzog Herrmann in
seinem ersten Nachtläger durch einen Cattischen Edelmann Nachricht bekam.
Worüber er so bekümmert ward: dass er seine Freiheit mehr für Verlust / als für
Gewinn schätzte. Er trug seinen Kummer seinen Cheruskern vor; welche zwar diese
Fürstin aus der Marckmäñer Händen zu reissen ihr Leben und Blut feil boten; aber
die kaum erlangte Freiheit ihres Hertzogs auffs neue in so augenscheinliche
Gefahr zu setzen beim Vaterlande für unverantwortlich hielten; sonderlich weil
Herrmann mit anbrechendem Tage Kundschaft bekam: dass noch zweitausend Cassuarier
Tussnelden biss an den Fichtelberg / den Vater vier berühmter Flüsse / begleiten
sollte / alwo der Ritter Bercka mit zehntausend Marckmännern sie zu bewillkommen
fertig stünde / und der Aufbruch den andern Tag geschehen sollte. Hertzog Herrmañ
hingegen sagte: Er müste gestehen: dass mit so kleiner Macht der zehnmahl
grössern eine Beute abzuschlagen nicht ohne Gefahr zu sein schiene. Alleine /
alle Gefährligkeiten auffs Gewichte legen wäre nur eine Klugheit der Verzagten;
und also sein Vorsatz zu sterben / oder die zu erobern / ohne welche sein Leben
ihm ohne diss eitel Verdruss sein würde. Hiermit bewarb er sich um etliche
Schützen / die des Gabretischen Gebürges Gelegenheit wohl wussten / und ihn mit
seinem Volcke durch allerhand bedeckte Wege gegen Sud-Ost dahin leiteten / wo
allem Vermuten nach die Marckmänner mit Tussnelden ihren Rückweg nehmen würden.
Nach zweien Tagen teilte er seine Cherusker in zwei Teil / er selbst stellte
sich an einen verdeckten Ort nahe an einen durch den Mein gehenden Furt
/wodurch eines ihm in die Hände fallenden Marckmannes Berichte nach / folgenden
Tag zur rechten Hand des Flusses Tussnelde folgen sollte. Daher er daselbst
ausruhete / und auf denen Tannen-Gipffeln fleissige Schild-Wache halten liess. Den
andern Hauffen setzte er unter dem Grafen von Lingen über den Strom zur lincken
Hand. Den dritten Tag zwei Stunden nach der Sonnen Aufgange kam vom Lingen
/Rosswurm / ein Cheruskischer Ritter mit verhengtem Zügel zum Hertzoge Herrmann /
ihn berichtende: dass eine viertel Meilweges von seinem Stande er ein Schlagen
zwischen etlichen tausend Mann wahrnehme; Und hätten zwei seiner auf
Marckmännische Art gekleidete Reuter / die er auf Kundschaft sich selbten nähern
lassen / für gewiss berichtet: dass sie darunter Cherusker erkeñt hätten. Herrmann
liess ihm alsofort befehlen: dass er den Ritter Gnesebeck mit hundert Pferden
dahin gehen und die Gewissheit erforschen lassen sollte. Er hatte aber kaum diesen
abgefertiget; als seine Wache ihm von einer Tanne die Nachricht gab; die
Marckmänner wären mit drei starcken Hauffen keine Viertelstunde mehr entfernet;
und folgeten diesen etliche bedeckte Wagen. Daher Herrmann sich nicht allein mit
den Seinigen rüstete / sondern auch den Graff Lingen mit Zurückziehung des
Ritters Gnesebeck wohl auff der Hute zu sein warnigen liess. Der Hertzog blieb
hinter einem püschichten Hügel ganz stille stehen / biss der dritte Hauffen an
den Furt kam / und er den Vordrab mit seinen Cheruskern über dem Meine schon ins
Gefechte kommen hörte. Hiermit fiel er dem dritten Hauffen so unversehens in
Rücken: dass das letzte Glied sich ehe durch die Cheruskischen Lantzen
durchbohret fühlte / ehe die Marckmänner ihren Feind zu Gesichte kriegten. Der
Feldhauptmann Bercka / der diesen von sechs hundert Marckmännischen Edelleuten
bestehenden Hauffen selbst führte / und mit einem Teile schon in dem Flusse war
/ wollte sich zwar schwencken; aber so wohl die Enge des Furts / als die Höhe des
Ufers verhinderte es; und gab denen Cheruskern Zeit inzwischen mit der andern
Helffte dieses Hauffens fertig zu werden; in dem der Blitz der Cheruskischen
Schwerdter / und fürnehmlich des einen Löwen abbildenden Herrmanns sie bald von
Anfang in Unordnung brachte / und teils sie seiner Liebe und Rache
abschlachtete / teils sie auch über Hals und Kopff in den Strom trieb. Wie nun
wegen Vorteilhaftigkeit dieses Ortes Herrmann sich denen Marckmännern / ob
schon der mitlere Hauffe gleichfalls zurück kommen war / genungsam gewachsen
sah / schickte er unter dem Ritter Maltzan hundert Cherusker / um sich der
Wagen /und darinnen Tussneldens zu versichern; durch welche funffzig
darbeistehende Cassuarische Ritter nach einem kurtzen Gefechte in die Flucht
gebracht / und darmit Tussnelde in Freiheit gesetzt ward. Sie sprang mit tausend
Freuden aus dem Wagen / als sie das siegende Teil für Cherusker erkennte. Wie
diese ihr aber gar Hertzog Herrmanns Gegenwart andeuteten /wusste sie weder ihr
Glücke / noch die seltzamen Schickungen des Verhängnisses zu begreiffen; hielt
also ihre Erlösung nicht so wohl für eine wahrhafte Begebnüs / als für eine
süsse Einbildung eines Träumenden. Ihre Freude aber ward ihr nach wenig
Augenblicken versaltzen / als sie mehr / als tausend Cassuarier spornstreichs
gegen die hundert Cherusker und sie / anrennen sah. Daher Ritter Mettich sie im
Nahmen seines Hertzogs beschwur: Sie möchte ohne Zeitverlierung; weil sie sich
um einen vorteilhaftern Stand zu bekommen gleichfalls zurück ziehen müsten; in
dem Walde auff dem Berge dieses für sie allein geschehenden Streites auswarten.
Welchem sie denn mit Ergreiffung eines auff der Erde liegenden Helms und
Schwerdtes eines erlegten Cassuariers Folge zu leisten gezwungen ward. Inzwischen
traffen nicht nur die Cassuarier auf die sich zwischen das Gehöltze zurück
gezogenen Cherusker; sondern der Feldhauptmann Bercka / der seinen Kopff ohne
Tussnelden nicht nach Hause zu bringen getraute /hatte mit fünfhundert
Marckmännern an einem andern Orte über den Strom zurücke gesetzt; und ging dem
Hertzog Herrmann / welcher an dem ersten Furte gegen die von dem Ritter
Sternberg durch den Fluss halb verzweiffelt angeführten Marckmänner alle Hände
voll zu tun hatte / in die Seite; und weil der Graff von Lingen mit seinen
andertalb hundert Cheruskern dem ganzen ersten Hauffen begegnen musste /nach
dem Gnesebeck für der Zurückruffung schon mit dem fremden Feinde verwickelt war
/ ging an allen Orten das blutigste und hartnäckichste Treffen an. Wiewol nun
die an allen dreien Orten mehr als achtfach schwächern Cherusker den Abgang
durch ihre Tapfferkeit zu ersetzen sich mühten / der grossmütige Herrmann auch
den streitbaren Bercka zu Bodem rennte und tödtete; ward er doch vom Ritter
Kinsske /einem ansehnlichen und tapffern Marckmännischen Soldaten / so heftig in
den Nacken verwundet: dass er von häuffiger Verblutung kaum die Kräfften auff dem
Pferde zu bleiben / und sich gegen die ihn anfallenden zu beschirmen behielt.
Wenig Cherusker waren auch /die nicht drei oder mehr Wunden bekommen hatten;
Bodendorff / Bardeleben / Meisenburg / Spiegel /Kampen / Mingerode / Heim /
Reden / Buren / Bodenhausen / Zwydorn / Hermssdorff / und über sechzig andere
hatten schon auch ihren Helden-Geist / wiewol nach Aufopfferung wohl siebenmahl
so vieler Feinde ausgeblasen. Die übrigen Cherusker waren so im Gedrange: dass
sie schienen verloren zu sein; als dem Grafen von Lingen Gnesebeck mit
fünffhundert Cheruskern zu Hülffe / wie auch ein ander unbekandter Ritter mit
tausend Hermundurern an den Mein-Furt kam / und dem Ritter Sternberg in Rücken
ging; also dem in der eussersten Not steckenden Herrmann auf der einen Seite
Lufft machte. Wenige Zeit darnach schwemmeten andere fünffhundert Cherusker
oberhalb / und so viel Hermundurer unterhalb über den Mein / wormit sich das
Blat an allen Orten wendete /indem nicht nur der rings herum besetzte Malzan
erlöset / die Cassuarier auch in die Flucht getrieben; sondern die Marckmänner
von dem Hertzog Herrmann /dem Führer der Hermundurer / und dem Grafen von Lingen
an dem Flusse in die Mitte eingeschlossen /und biss auf wenig sich in das Gebürge
Flüchtende und dreihundert Gefangene niedergemacht wurden. Als nun alles vorbei
/ Hertzog Herrmann aber / ob ihm diese Hülffe vom Himmel gefallen wäre /
bekümmert war / sonderlich / weil die Hermundurer ja des Königs Marbod
Untertanen waren / kam ihr Führer /nahm den Helm mit sonderbarer Ehrerbietung
gegen den Cheruskischen Hertzog vom Haupte; welchen er denn für den vertriebenen
Fürsten der Hermundurer Jubil erkennte / und als seinen vertrauten Freund und
Nothelffer vertraulich umarmte; wordurch ihm deñ ein genungsames Licht
aufgesteckt ward. Sintemahl ihm gar wohl bewust war: dass dieser vom Marbod seines
Landes entsetzte Fürst / bei der zwischen den Marckmännern und Römern sich
entspinnender Zwietracht / zwei tausend vertriebene Hermundurer / nebst tausend
freiwilligen Cheruskern zusammen gezogen /und dem Tiberius wieder den Marbod
beizustehen sich biss an die Donau gezogen hatten. Worauf nunmehr Jubil erzehlte:
dass als er nach dem zwischen dem Tiberius und Marbod gemachten Vergleiche seinen
Weg wieder in Nieder-Deutschland hätte nehmen wollen; er nicht nur diesen Tag
das Glücke gehabt gegen den Hertzog Herrmann die unvergeltbare Woltat seiner
Aufnehmung / nach dem sonst die Unglückseligen keine Freunde oder Bekandten zu
haben pflegten / durch einen geringen Beistand zu vergelten; sondern auch seinem
Tod-Feinde sein wertestes Kleinod abzunehmen / und darbei ein paar tausend
Marckmännern das Licht auszuleschen; welches beides ihm zu zeigen er den Hertzog
Herrmann über den Mein auff die über und über mit Leichen bedeckte Wallstatt
führte / und daselbst ihm die von tausend Hermundurern und Cheruskern verwahrte
Fürstin Adelgund des Marbods Tochter / als eine Gefangene zeigte; auch den
Ritter Gnesebeck wegen seiner Tapfferkeit rühmete. Hertzog Herrmann / welcher
auff Maltzans Bericht inzwischen seine Tussnelde wieder aus dem Walde zu suchen
Befehl erteilt hatte / erzeigte der Fürstin Adelgund alle Höfligkeit / und ein
Mitleiden über ihrem Unglücke; welches sie nach Vernehmung / wer er wäre / mit
einer besondern Anmut / und ohne das geringste Merckmahl einiger Furcht oder
Schreckens annahm / auch auff Befragen ihm Nachricht gab: dass sie Marbod mit
drei tausend Marckmännern der Fürstin Tussnelde biss an den Mein entgegen
geschickt / von denen Hermundurern aber / welche sie anfangs für den Auffzug
Tussneldens angesehen hätten / angefallen und geschlagen / sie aber gefangen
worden wäre. Der Streit hätte fast zwei Stunden an gleicher Wage gehangen; es
wären aber zuletzt hundert Cherusker den Marckmännern aus dem Walde so
unvermutet in Rücken gefallen: dass diese hierüber in Schrecken und bald darauf
in die Flucht geraten. Sie wüste zwar nicht /wer der feindlichen Hermundurer
Heerführer wäre; sie getröstete sich aber durch eines so grossen Fürsten
Vorbitte ein gnädiger Auge / als anfangs von ihm zu erlangen; und dass man sie
als eine Fürstliche Gefangene halten würde; weil doch auch im Kriege das
Frauen-Zimmer / wo nicht einen Vorteil zu haben /doch ein Mitleiden zu erbitten
verdiente. Hertzog Herrmann ersuchte hierauf den Fürsten Jubil: dass er seine
Gefangene wohl unterhalten lassen möchte; weil es nicht nur ihre Tugend wert zu
sein schiene / sondern auch Tussnelde die von ihr genossene Freundschaft bei
ihrer Gefangenschaft hoch gerühmet hätte. Jubil erklärte sich darauff: Er hätte
zwar seinen Tod-Feind und Vater-Mörder Marbod so sehr zu hassen Ursache: dass er
auch in seiner Tochter Blute die Hände zu waschen sich berechtigt hielte: und
diss im ersten Eyver auszuüben nicht ungeneigt gewest wäre; weil die wieder
seinen Oberherrn ausgeübte Verräterei auch auf die Kinder das Rach-Schwerdt
abweltzte; alleine seines so grossen Woltäters Begehren vermöchte bei ihm alle
Empfindligkeit auch gegen den Marbod selbst auszutilgen. Sintemahl die / welche
die Rache der Göttlichen Gerechtigkeit heimstellten /ihrer Feinde Unglück auf
Wucher anstehen liessen; in dem ihr missbrauchtes Mord-Eisen so sehr / aber
gerechter nach des Mörders / als dieser vorher nach fremdem Blute gedürstet
hätte. Wiewol es auch das Ansehen zu haben schiene: dass er durch dieses
herrliche Pfand seiner einigen Tochter dem Marbod ein Teil seines abgedrungenen
Landes abtrotzen könnte; so wäre doch auf diese Hoffnung wenig zu anckern; weil
die Begierde zu herrschen auch die heftigste Kinder-Liebe ersteckte. Diesemnach
er denn Adelgunden nicht besser anzugewehren wüste / als wenn sie der
Cheruskische Hertzog von ihm für ein Geschäncke anzunehmen würdigen wollte.
Hertzog Herrmañ nahm diss zu Danck an; und nach dem sie allerseits zurücke über
den Mein gesetzt / die Fürstin Tussnelde aber noch nicht gefunden hatten / liess
ihm Herrmann seine Wunden verbinden / und nicht erwehren: dass er / wiewol schon
bei anbrechender Nacht selbst ins Gebürge ritt; und als er nicht weiter reiten
konnte / an den Klippen hinauff kletterte / nach dessen Beispiele das Gabretische
Gebürge mit unzehlbaren Fackeln und dem Geschrei der Cherusker erfüllet ward;
welche weder die Stille und Finsternüs der Nacht / noch die verborgenen Hölen
der Berge die so sehr gewünschte Tussnelde wollten verstecken lassen. Hertzog
Herrmann hatte mit dem Steigen und Ruffen sich so abgemattet: dass er einem von
ferne rauschenden Wasser / um sich darmit zu erquicken / sich nähern musste; wie
ihn denn ein unversehens gefundener Fusssteig zu einer von lauter in einander
geflochtenen Wurtzeln derer darüber stehenden Bäume artlich gemachten Höle
leitete / in welcher aus einem gespaltenen Felsen zwei sytarcke Quelle herfür
schossen. Wie nun Herrmann sich zu dem einen bückte daraus zu trincken / ward er
mit dem einen Arme gewaltsam zurück gezogen; massen er denn auch sich umwendende
ein alle menschliche Grösse übersteigendes Weibes-Bild hinter sich an den
Stein-Fels angelehnet zu Gesichte bekam. Herrmann entsetzte sich zwar; iedoch
erholte er sich bald wieder / und fragte: warum ihm zu trincken verwehret würde?
Diese antwortete: weil der / welcher vom Verhängnisse zum Erlöser des schon halb
dienstbaren Deutschlandes erkieset ist / mit diesem gifftigen Wasser sich nicht
beschädigen sollte. Er könnte sich aber sicher aus dem andern gesunden Brunnen
erquicken. Herrmann folgte dieser Anweisung; und nach dem er drei starcke
Trincke getan /weil dieses Quell ihn etwas kräfftigers / als gemeines Wasser zu
haben bedeuchtete / fragte er: wer sie wäre? und woher sie ihn für einen
Erhalter der deutschen Freiheit erkennete? Sie meldete hierauf: Ich bin der
Schutz-Geist des Gabretischen Gebürges; und so gut ich weiss: dass du der
Cherusker Hertzog bist; der du hier deine verlohrne Braut suchest / so wenig ist
mir auch das erste verborgen; und du wirst meine Wahrsagung auch bei dem
Tanfanischen Tempel in Felsen eingeschrieben finden. Kehre um / und säume dich
nicht / wo du deine geraubte wieder zu haben verlangest. Nach diesen Worten
verschwand diss Gespenste für Herrmanns Augen; welchem die Haare hierüber zu
Berge giengen; Gleichwol machte er sich mit seinem brennenden Kyne zurücke / und
erreichte mit anbrechendem Tage das inzwischen vom Fürsten Jubil geschlagene
Läger. Er liess aber alsofort ein Zeichen denen in dem Walde umbirrenden
Cheruskern geben sich wieder einzufinden; und erzehlte dem Fürsten der
Hermundurer zu seiner nichts minder grossen Freude / als Verwunderung sein
seltzames Ebenteuer. Jubil selbst riet: dass sie der so denckwürdigen Anleitung
des Verhängnisses / welches auch die blinden durch die gefährlichsten Strudel und
die verführischen Irrwege gerade zu leitete / folgen / und mit denen schon in
Bereitschaft stehenden Völckern forteilen sollten. Nach dem sie nun ihren
Kriegs-Obersten den Nachzug anbefohlen / giengen beide Hertzoge mit zweitausend
ausserlesenen Kriegs-Leuten voran; als sie aber etwan fünff Meilweges hinter sich
gelegt /ereilte der Vordrab einen Hauffen Flüchtiger aber meist gefährlich
verwundeter Cassuarier / unter denselben war ein eissgrauer alter Ritter / der
zwar für die Hertzoge gebracht ward / aber für übermässigen Tränen kein Wort
aufzubringen wusste. Nach dem ihm aber Hertzog Herrmann überaus gnädig zusprach
/und dass er zwar nicht als ein Gefangener / sondern seinem Ritterstande gemäss
verhalten werden sollte /vertröstete; fieng er an: Sein eigen Unglück wäre sein
geringster Kummer; in dem er unter denen jetzt zwistigen Hertzogen nicht wüste /
wen er ihm zu seinem Herrn auslesen sollte; weil er von väterlicher Ankunft zwar
Ketteler ein Chassuarier / von der mütterliche ein Cherusker; ja diese zwei
hohen Häuser nicht nur aus einer Wurtzel entsprossen; sondern iederzeit auch mit
einander höchst verträulich gewest wären. Nach dem er aber zwischen ihnen jetzt
eine solche Verbitterung verspürte / und Segestes seine Tochter lieber den
Feinden Deutschlands / oder gar der Höllen aufzuopffern / als einem so tapfferem
Fürsten wie der Cheruskische wäre / zu vermählen gedächte; diese Zwietracht aber
nichts anders / als eine Mutter beiderseitigen Untergangs sein könnte; wollte er
mit seinen Tränen ihm vorher die Augen ausbeitzen: dass sie an denen bereit
schon vorgesehenen Trauer-Fällen nicht mehr Hertzeleid anschauen müsten. Hertzog
Herrmañ lobte seine wolgemeinte Empfindligkeit; bemühte sich aber ihm die so
traurige Einbildung durch Vertröstung: dass Hertzog Herrmañ mit Segesten alle
Augenblicke ihre Zwistigkeit brüderlich beilegen wollte / auszureden. Dieser gute
Alte seufzete / wendete die Augen gegen den Himel / und fieng an: Wolte Gott!
dieses erfolgte also. Und wenn Hertzog Herrmañ diese Meinung hat / wünsche ich:
dass er Segestens Tochter ehe ereile / ehe sie ihrem Vater wieder in die Hände
komt! Hertzog Herrmann fuhr fort meldende: Er sollte an dem erstern keinen
Zweifel tragen /wegen des letztern aber ihnen klärere Nachricht geben. Der
Ritter antwortete: Ich habe gesagt / was ich weiss; ihr habt die gebähnte Strasse
für euch / darauf man Tussnelden nach Heñeberg wieder gefangen führt; und
bejamere ich am meisten: dass ich so unglückselig gewesen mich ihrer in dem
Gabretischen Walde zu bemächtigen / nach dem bereit drei gewafnete Cassuarier
von ihrer Hand gefallen waren. Beide Hertzoge verfolgten Spornstreichs ihre
Reise; erreichten aber allererst gegen Abend etwan dreihundert Cassuarier /
welche iedoch keinen Stand hielten / sondern sich auff die Flucht begaben; also:
dass die berittensten Cherusker kaum zwei Cassuarier einholeten; welchen mit
genauer Not auszupressen war: dass die Fürstin Tussnelde ungefähr eine halbe
Meilweges voran wäre / und daselbst / weil sie wegen Schwachheit nicht ferner zu
bringen; die Pferde auch auffs eusserste abgemattet wären / auf einen festen
Berg Schloss übernachten; sich auch die flüchtige Cassuarier daselbst wieder
zusamen ziehen würden. Hertzog Herrmañ wollte bei solcher Bewandnüs seine müden
Cherusker nicht einst verblasen lassen / aus Beisorge, die zu letzt geflüchteten
würden seinen Anzug verraten / und Tussnelden weiter zu führen veranlassen.
Wesswegen auch die / welche noch am besten beritten waren / um dieser
besorglichen Entrinnung vorzubeugen voran hauen mussten; welche denn zu allem
Glücke auch gerade dahin gelangten / als die Cassuarier mit Tussnelden den
Schlossberg herab kamen; nach erlangter Kundschaft aber: dass die Cherusker schon
unten im Tale stünden / sich wieder hinein zohen. Wiewol nun beide Hertzoge
dieses Schloss rings um auffs beste besetzten; konten sie doch nicht hindern: dass
nicht Segestes / welcher nur fünff Meilweges davon Hof hielt / noch selbige
Nacht hiervon Nachricht erlangte. Folgenden Tag kamen vollends die Hermundurer
und Cherusker an. Daher die Hertzoge sich zu einer rechten Belägerung mit
Umschantzung des Lägers und Fertigung des Sturmzeuges rüsteten; zumahl folgenden
Tag die Kundschaft einlieff: dass Segestes alles / was Waffen tragen könnte / in
seinem Gebiete aufbieten liess. Wiewol nun das Schloss nur einen einigen in eitel
Felsen gehauenen Weg hatte / brachten doch die Cherusker den fünften Tag zwei
Sturm-Balcken an; mit welchen sie / ungeachtet die über tausend darinnen
belägerten Cassuarier mit ausgeworffenem Feuer / Steinen und Pfeilen ernste
Gegenwehr taten / zwei Türme in Tag und Nacht derogestalt zerschmetterten: dass
sie über einen Hauffen fielen / und mit ihrem Grause die Gräben fülleten; also
zum Stürmen einen bequemen Zugang machten. Welches denn auch erfolgt wäre /wenn
nicht die Cassuarier ein Zeichen des Friedens ausgesteckt hätten. Worauf auch
alsofort drei edle Cassuarier Prabeck / Vosse und Amelunx zum Hertzog Herrmann
heraus kamen / an statt der verhofften Ergebung aber ihm Segestens eigene Hand
vorlegten / darinnen er dem obersten Befehlhaber im Schloss Aschenbruch bei
Verlust seines Kopffes und Ehren befahl / sich auffs eusserste zu wehren / und
des Entsatzes ihn unfehlbar versicherte. Im Fall aber es so weit käme: dass er an
längerer Erhaltung der Festung zweifelte; sollte er Tussnelden / als einen Brand
/ der schon so viel Feuer angezündet hätte / und noch ganz Deutschland
einäschern würde / ausleschen / und ehe von den Klippen herab stürtzen / als
lebendig in Herrmanns Hände lieffern. Hertzog Herrmann hielt durch diese
Abgeschickten dem Schloss Obersten zwar ein: was für unmenschliche Grausamkeit
Segestens Befehl in sich begrieffe; und dass auch ein Knecht in solchen Befehlen
/ die den Gesetzen der Natur wiederstrebten / seinem Herrn zu gehorsamen nicht
schuldig wäre. Dieser aber liess den Hertzog zur Antwort wissen: Es stünde keinem
Untergebenen zu sich so verständig bedüncken zu lassen: dass man über seines
Fürsten Verordnung: ob selbte recht oder unrecht wäre / urteilen könnte. Denn
das Urteil wäre ein Werck des Obern; der Gehorsam aber die Ehre der
Untertanen. Und da ein Schiff-Hauptmann sein Schiff ehe in Brand zu stecken /
und sich selbst ehe aufzuopffern / als ein Raub des Feindes zu werden verbunden
werden könnte; wie viel mehr wäre er schuldig die hinzurichten / derer Leben und
Tod ohne diss in der Willkühr seines Gebieters stünde. Nach dem dieser nun von
seinen Gedancken nicht zu bringen war / wie beweglich ihm man gleich einhielt:
dass die Ausliefferung Tussneldens / mit welcher man sich sonder Ergebung des
Schlosses bestillen wollte / nicht nur eine ruhmwürdige Erbarmung über diese
tugendhafte Fürstin wäre; die als eine Rose auff ihrem mütterlichen Stengel von
so schmertzhaften Dornen zerstochen würde / und davon entfernet zu werden wohl
verdiente / sondern auch der gemeinen Ruhe Deutschlandes vorträglich / wiedrigen
Falls aber die Festung eine blutige Grabestatt der Belägerten sein würde; schlug
Hertzog Jubil für: Er möchte Tussnelden ihm ausfolgen lassen / welches er wegen
des nur gegen den Fürsten Herrmann empfangenen Verbots ohne Verantwortung
eingehen könnte / zumahl er ihm angelobte / Tussnelden nicht dem Cheruskischen
Hertzoge / sondern dem Fürsten Segimer Segestens eigenem Bruder auszuantworten.
Aber ebenfalls vergebens; in dem er antwortete: dieser Vorschlag wäre ihm / als
einem Kriegs-Manne zu spitzsinnig; Daher Herrmann aus Eyver diesem
hartnäckichten die ärgste Marter / und einen solchen Tod / den er fühlen würde /
andräuen / und aus einer ihn überlauffenden hernach selbst bereuete Hitze seine
in voller Bereitschaft stehende Cherusker an beiden Orten anlauffen liess; ihm
einbildende: dass die hartnäckichte Erklärung dieses Cassuariers mehr Trotz / als
Ernst wäre; in dem die /derer Grossmütigkeit auf der Zunge schwebte / selten
viel davon im Hertzen hätten / und die Redner meist Künstler in Worten / nicht
in den Wercken wären. Die Cherusker und hierauf die Hermundurer stürmten so
erhitzt: dass ungeachtet der tapfern Gegenwehr nach zweien Stunden die Cherusker
auf dem Tore / die Hermundurer auf der innersten Schloss-Mauer ihre Fahnen
auffsteckten. Aber diese Siegs-Zeichen verwandelten sich dem Hertzog Herrmann /
welcher nahe bei der eingestossenen Mauer sein Volck zum Sturme anleitete /
Augenblicks in klägliche Trauer-Binden. Denn er sah aus einem Turme ein
Frauenzimmer herab stürtzen / welches er für kein anders / als seine Tussnelde
halten; und dass selbte über die gähen Felsen in tausend Stücke sich
zerschmettern müste /mutmassen konnte. Dieses Schrecken verbitterte ihn so sehr:
dass er seinen Hinterhalten vollends nachdringen / und befehlen liess: die
Cherusker sollten keine Seele von den Mördern seiner liebsten Tussnelde leben
lassen. Er selbst aber eilte mit etwan hundert Mann gegen die Klippen / worüber
Tussneldens Abstürtzung geschehen war. Wie nun aber im Grunde nichts von ihr zu
spüren / kletterte er mit der Seinigen und der verhandenen Sturm-Leitern Hülffe
an den Felsen hinauff biss an den Turm / da er denn zu seiner höchsten
Verwunderung Tussnelden schier an der mitlern Höhe des über hundert Ellen hohen
Turmes gleichsam klebende fand; in dem sie mit ihrem von der Lufft
auffgefacheten Rocke an einem spitzigen Felsen hängen blieben / mit den Händen
eine aus den Steinen ragende Baum-Wurtzel im herab fallen ergrieffen / und nicht
sonder augenscheinlichen Beistand Gottes sich so lange daselbst angehalten /
also dardurch bewehret hatte: dass Fürsten ganz absondere Schutz Geister / und
in sich einen ungemeinen Einfluss von auch Fürstlichen Sternen zu ihrer mehrmahls
unglaublichen Erhaltung haben müsten. Hertzog Herrmann liess alsbald zwei Leitern
/ weil keine allein zu dieser Höhe langte / zusammen binden; und nach dem der
abschüssige Fels keine sichere Aufsetzung der Leitern verstattete / selbte mit
Stricken unten umfassen / und die Cherusker auf der Seite gleichsam schwebende
halten. Er selbst aber stieg oder flog vielmehr die Leiter hinauff / und hob
Tussnelden darauf /welcher Hände schon ganz verschwartzt / und kaum wenig
Augenblicke sich mehr zu erhalten geschickt waren. An statt der nunmehr
entbundenen Hände / erstarrten alle ihre Glieder / als sie ihren liebsten
Hertzog Herrmann für sich sah / und ihn abermals für ihren Erlöser erkennete.
Ja auch ihre Zunge war unbeweglich; nur die Augen zeigten ihre Lebhaftigkeit
mit denen daraus fallenden Tränen an. Hertzog Herrmann selbst konnte entweder
für Mitleiden / oder für Freuden sich derselben nicht mässigen; und gab darmit an
Tag: dass die Augen der Helden nichts weniger in sich Wasser der Empfindligkeit /
als Felsen Quelle haben. So bald sie nun beide von dieser gleichsam in der Lufft
hängenden Leiter auf die feste Erde sich begeben hatten / umarmete der gleichsam
auffs neue lebendige Herrmañ seine Tussnelde / welche ihn aber erinnerte: dass
selbige Zeit unauffschieblichere Dinge zu erörtern hätte. Wie dieser nun:
worinnen solche bestünden / fragte; antwortete sie: dass er in dem eroberten
Schloss der besorglichen Blutstürtzung ein Ende machte. Denn ob zwar die
Belägerten ihn beleidiget hätten / bäte sie doch zu erwegen: dass diese
Beleidigung ein Gehorsam gegen ihren Fürsten; und sie alle ihre Landes-Leute
wären. Hertzog Herrmann eilte hiermit geraden Weges in das von Blut allentalben
besprützte Schloss; welchem denn Tussnelde selbst auff der Fersen folgte / und
durch ihre Vorbitte zu wege brachte: dass der Hertzog niemanden mehr zu tödten /
alsofort ein Kriegs-Zeichen geben liess. Wie nun bei nahe die Helffte noch
gefangen ward; also brachten Böltzig und Tecke / zwei Cherusker den
Schloss-Hauptmann Aschenburg in Band und Eisen für den Hertzog dem sie den auff
sich selbst gezückten Degen ausgewunden / und um ihn zu einer grössern Pein
aufzuheben zu sterben verwehret hatten. Dieser fiel ganz verzweiffelt für dem
Hertzog Herrmañ und Tussnelden nieder; entweder / weil er jetzt allererst seine
bei ihrer Herabstürtzung ausgeübte Grausamkeit erwog; indem alle Laster nach
ihrer Vollbringung nach Art des in die Lufft kommenden Stein-Saltzes vielmahl
schwerer im Gewichte werden; oder / weil er nicht zu begreiffen wusste: wie diese
mit seiner eigenen Hand herab gestürtzte Fürstin nicht nur unzerschmettert /
sondern lebendig / ja ganz gesund sein könnte. Er konnte zwar für Schrecken kein
Wort auffbringen; aber seine zitternde Glieder redeten sie deutlich genung um
Erbarmnüs an; biss seine stammelnde Zunge endlich eine Bitte um keinen langsamen
Tod halb zerbrochen ausschüttete; ja sich selbst so vielmehr verdammete; weil
ihm Hertzog Herrmann in Rom wegen eines Kriegs-Verbrechens das Leben geschenckt;
Er auch diesen Ausschlag leicht hätte vermuten können; weil die Gerechtigkeit
der Waffen auf Seiten der grösten Tapfferkeit der Welt mit diesem Uberwünder
gestanden wäre. Hertzog Herrmann antwortete ihm mit einer ernstaften
Gebehrdung: wer das vergangene vergist / das gegenwärtige nicht wahrnimmt / das
künftige verachtet / ist des Lebens nicht wert. Denn der weiss nur zu leben /
der aller dreier Zeiten-Genuss durch Erinnerung geschehener / durch tugendhafte
Anwehrung gegenwärtiger / und kluge Vorsehung künftiger Dinge nicht
verabsäumet. Der aber verdient nicht einst die Ruhe des Todes zu genüssen / der
der Unschuld Leben bitterer macht / als der Tod an sich selbst ist. Und daher
solstu nicht leben / noch auch sterben; sondern die Wermut von beiden auff
einmal schmecken. Die mitleidende Tussnelde sagte zwar kein Wort / ihr einiger
Anblick aber war ein so beredsames Stillschweigen / und hatte in sich eine so
lebhafte Vorbitte: dass er ihr die Willkühr über sein Leben und Tod enträumete.
Welche denn hierauff sich erklärte: Sie wollte ihm die völlige Freiheit
schencken; weil sie ohne diss dem das Leben zu nehmen nicht befugt wäre / das er
vom Hertzog Herrmann / als dem Gebieter ihrer Seele / schon einmal zum
Geschencke bekommen hätte. Dieser schon halb-todte ward hierdurch auffs neue
beseelet / Herrmann aber veranlasst: dass er alle Gefangene von Stund an frei /
seine wenige Todten aber herrlich beerdigen / und der Verwundeten in dieser
besetzten Festung wohl pflegen liess. Den dritten Tag darauff erhielt Herrmann und
Jubil die Nachricht: dass Segestes sich mit zehntausend Galliern verstärckt /
und bei Henneberg ein Läger geschlagen / auch an der Werra und der Fulde ihnen
alle Pässe verhauen und besetzt hätte. Wenig Stunden darauff fand sich ein
Römischer Edelmann beim Hertzog Herrmann mit Schreiben aus Meintz vom Quintilius
Varus ein; darinnen er ihn versicherte: dass der Kayser die vorhabende Heirat
Marbods und Tussneldens nicht / wohl aber Hinderung dieses verdächtigen Beginnens
und die Demütigung des undanckbaren Segestes billigte / derowegen er auff den
Notfall dem Fürsten Herrmann hülffbar beizuspringen nicht vergessen würde.
Herrmann / ob er wohl dieser Verträuligkeit des schlimmen Varus wenig zutraute /
fertigte doch diesen Römer mit Geschäncken und mit vielem Wort-Gepränge seiner
Verbindligkeit halber gegen den Kayser und Varus ab. Denn solche Anstellung ist
ein ehrbarer Betrug der Fürsten wieder die Betrüger; und also nicht nur
zulässlich / sondern nötig. Dieser war kaum abgefertigt / als beide Hertzoge den
Segestes des Nachts zu überfallen schlüssig wurden; und mit dem sinckenden Abend
ihre Völcker in möglichster Stille gegen Henneberg fortrücken liessen. Denn ob
sie zwar sich dreimal schwächer / als den Feind wussten / trauten sie doch ihrer
Tapfferkeit in allem so viel zu: dass sie an nichts einiges Misstrauen hatten;
zumahl ihr voriger Sieg ihrem Volcke so viel mehr Hoffnung / den Feind aber
verzagt gemacht hatte / und selbter also ein Werckzeug mehrer Siege zu sein
tauglich schien. Die Cherusker und Hermundurer kamen guter drei Stunden für Tage
harte an das Läger / in welchem sich schier keine Maus nicht rührte; hingegen
sahen sie das Schloss in Henneberg von unzehlbaren Lichtern und Fackeln gleichsam
lodern; und die hellen Krumb-Hörner erfülleten die Lufft mit einem
unauffhörlichen bei denen Gesundheit-Trincken gewöhnlichen Getöne. Weil nun
dieses das wenigere Geräusche verdrückte / liess Herrmann etliche Cherusker an
die Wagenburg kriechen; welche alsofort zwei in so tieffen Schlaff und
Trunckenheit versenckte Gallier zum Herrmann schlepten: dass sie nach vielem
Rütteln kaum zu erwecken waren. Diese bekennten: dass zwei Fürsten der Gallier
nebst den fürnehmsten Kriegs-Obersten beim Hertzog Segestes zu Gaste / die den
Abend vorher mit vieler Kost und Geträncke beschenckten Gallier auch grossen
teils truncken wären. Die Hertzoge teilten ihr Kriegs-Volck sonder einige
Zeit-Verlierung in vier Teil; mit zweien ward ins Läger gebrochen / die
schlaffenden Wachen niedergehauen / die Wagenburg eröffnet / ehe sich schier ein
Mensch in dem Läger rührte / weniger zu den Waffen grieff. Man schlachtete die
Gallier gleichsam wie das unvernünftige und angebundene Vieh ab; biss Hertzog
Jubil an das Lager der Chassuarier kam; welche alsofort die Waffen ergrieffen /
und denen Hermundurern die Stirne boten. Hierüber ward auch Lermen in Henneberg
/ und Segestes nebst seinen von dem Truncke erhitzen Gästen wollten durch das
nechste Tor mit dreitausend darinnen liegenden Chassuariern heraus brechen /
und denen die Lufft mit erbärmlichem Mord-Geschrei erfüllenden Galliern /welche
nun hin und wieder zu der Gegenwehre sich anstelleten / zu Hülffe kommen. Aber
Hertzog Herrmann hatte bald im Anfange seines Einbruchs dieses Tor mit dem
dritten Teile der Hermundurer versetzt; also: dass Segestes eine Stunde lang
vergebens heraus zu kommen sich mühte / als inzwischen die Cherusker die Gallier
abschlachteten / Jubil aber die Cassuarier im Läger in Verwirrung / hernach in
die Flucht brachte. Bei anbrechendem Tage brach Segestes durch das andere Tor
mit zweitausend Mann heraus; aber Hertzog Herrmann setzte ihm nicht allein
seinen Hinterhalt entgegen; sondern / weil die Gallier ohne diss schon
meistenteils aufgeopffert waren / und der Ritter Stirum mit sechshundert
Cheruskern und einer daselbst gemachten Wagenburg das andere Tor genungsam
einschloss / ging er mit fünffhundert Pferden gleichfalls dem Segestes
entgegen; welcher von Wein und Rache erhitzet mehr verzweiffelt / als tapffer
fochte / auch bei Erblickung Hertzog Herrmanns gegen ihn sich so weit herfür
zückte: dass nach dem dieser seinen Wurffspiess behutsam versetzt / und ihm das
Pferd durch einen Schwerdtstreich in Hals getödtet hatte / Segestes /
ungeachtet der Cassuarier ruhmwürdiger Gegenwehr / vom Ritter Bodenstein
gefangen; und hierauff die Cassuarier in die Flucht gebracht wurden. Wie nun
diese in die Stadt sich flüchteten / Hertzog Herrmann aber mit seinen Cheruskern
sich mit ihnen so vermengte: dass es unmöglich war für dieser eindringenden
Gewalt das Tor zu sperren; also drang Hertzog Jubil nach ganz überwundenem
Lager mit seinen Hermundurern zum andern Tore mit einer gleichmässigen
Tapfferkeit in die Stadt; welche denn nunmehr für denen Uberwündern mit
Wegwerffung der Waffen sich demütigte. Und ob wohl das Schloss sich noch zu einer
Gegenwehr rüstete; ergab es sich doch folgenden Tag bei verspürtem Ernste des
Sturmes als ein solches Glied / welches nach Verlust des Hauptes zwar noch
einige Regung / aber keine Geschickligkeit zu vernünftigen Anstalten hat. In
dem Schloss wurden die zwei Fürsten der Gallier gefangen / und in Segestens
Geheim-Schrancke ein Schreiben des Tiberius und Varus gefunden / derer ersteres
dem Segestes die heimliche oder gewaltsame Hinrichtung Hertzog Herrmanns / und
anderer ihm am liechten stehender deutschen Fürsten / mit hochbeteuerlicher
Versicherung der deutschen Feldherrschaft auftrug; das andere aber Segesten
wieder den Herrmann mit vielen Schmehungen auffrischte; und dass über die bereit
zu seinen Diensten geschickten Gallier ihm auff den Notfall noch mehr Hülffe
zukommen sollte. Hertzog Herrmann / welcher Segestens Abneigung endlich durch
die Übermass seiner Woltaten zu gewinnen vermeinte / und durch seine
Beleidigung nicht seine hertzliebste Tussnelde /durch diese aber sein eigen
Hertz beleidigen wollte; liess ihm nicht nur die von etlichen verbitterten
Cheruskern und Hermundurern umgelegte Ketten und Fessel abnehmen / und ihn
Fürstlich bedienen; sondern auch durch den Fürsten Jubil ihm die
augenscheinliche Wiederstrebung des Verhängnisses in anderwärtiger Verheiratung
seiner Tochter / aus des Tiberius Schreiben seine Mord-Lust; aus den zweien
Brieffen des Varus aber / dieses auf beiden Achseln tragenden Verräters Arglist
und Vorsatz / die Deutschen an einander zu hetzen / für Augen stellen. Die
verheissene Hülffe zu der deutschen Feldherrschaft wäre dem Hertzog Herrmann so
beteuerlich / als Segesten versprochen; und ein Angel-Hacken / an welchem alle
beide ersticken sollten. Der Römer Absehen wäre: dass die Cassuarier und Cherusker
/ als zwei gegen einander stürtzende Felsen einander zermalmen / und ihrer
einfältigen Bunds-Genossen Hände die gebratenen Kastanien aus den glüenden
Kohlen scharren / den Kern aber ihnen zu essen geben sollten. Dieses möchte er
doch nun einmal behertzigen; des Cheruskischen Helden auffsteigende
Glücks-Sonne durch ferner verweigerte Vermählung und andere Wiedersetzligkeiten
nicht verdüstern; als welcher erbötig wäre ihm nicht nur seine Freiheit und
alles abgenommene wieder zu erstatten / sondern auch alle Beleidigung mit dem
Schwamme ewiger Vergessenheit auszuleschen. Segestes / welcher vom Hertzog
Herrmañ die grausamste Ausübung der Rache wieder sich besorgt hatte / ward durch
die erstere Entbindung zwar etlicher massen aus dem Kummer gesetzt; wiewol die
Erkäntnüs seiner Schuld ihm immer im Gedächtnis /und daher die Beisorge der
Straffe noch auff dem Hertzen lag; durch diss letztere Anbieten aber so
beschämet: dass er antwortete: Er wäre in wenig Tagen von dem grossmütigen
Herrmann zweimahl überwunden worden; aber dieser letztere Sieg übertreffe alle
seine vorhergehende. Deñ jene Siege erstreckten sich nur über die eussernchen
Glieder; seine Begnadigung aber über sein des Segestens Gemüte / ja über sich
selbst. Seine Beleidigung überwiege das Gewichte aller Verzeihung; Herrmanns
Güte aber übermeisterte auch die Unversohnligkeit selbst. Nichts schlimmers und
gefährlichers wäre / als zu dem Bösen einen Zug / und für dem Guten einen Eckel
haben; Gleichwol aber hätte er / doch wüste er nicht aus was für Verblendung
oder Zauberei / so sehr in der schädlichen Freundschaft der Römer sein Unglück
/ als die Mücken in dem Feuer ihren Tod gesucht. Ja es hätte an dem Fürsten
Herrmann nichts so tugendhaftes geleuchtet; welches er nicht für einen
verführischen Irrwisch angesehen. Nunmehr aber erweichte ihm die Leitseligkeit
dieses woltätigen Uberwinders sein eisernes Hertze; und seine Klugheit zündete
ihm durch die Gegeneinanderhaltung der Römischen Mord-Schreiben ein soches Licht
an: dass er von nun an ihre Gemeinschaft verdammen / und ihre Freundschaft
abschweren müste. Wenn ihn Hertzog Herrmann nunmehr würdigte für seinen Schweher
anzunehmen / wollte er sich bemühen sein Diener zu sein. Wenn er ihn aber so gar
mit dem Abgewonnenen beschencken wollte würde er ihm hingegen die Herrschaft
über sein Gemüte einräumen. Diese durch den Fürsten Jubil überbrachte Erklärung
verursachte bei dem Cheruskischen Hertzoge und Tussnelden eine solche
Vergnügung: dass sie bald darauf Segesten im Zimmer heimsuchten / und die
/welche allererst mehr als eine Tod-Feindschaft gegen einander ausgeübt hatten
/ einander brüderlich umarmten. Ja Segestes selbst verordnete: dass das Feld bei
Henneberg zu einem unausleschlichen Gedächtnis der von Hertzog Herrmann
darauff ausgeübten Heldentaten den Nahmen Herrmannsfeld ewig führen sollte.
Einen so grossen Vorzug hat die Tugend für den Lastern: dass jener ihre eigene
Feinde Lorber-Kräntze auffzusetzen; diese aber auch von denen / die sie gleich
lieben / verdammt werden müssen. Die Verträuligkeit zwischen diesen
Neuversöhnten vermehrte sich alle Tage / und Segestes selbst veranlaste den
Cheruskischen Hertzog: dass er bei denen verwirrten und also alles Gepränge
leicht entpehrenden Zeiten sein Beilager alsbald zu Henneberg vollziehen sollte.
Alleine Tussnelde selbst hielt um desselbten Auffschub beweglich an; weil sie
vorher ein gewisses Gelübde in dem Tanfanischen Heiligtum abzugelten hätte.
Wiewol nun Hertzog Herrmann sie gerne eines andern beredet hätte / ihr auch die
unvermuteten Umschlagungen der Gelegenheit / welche man no comma? aus den Händen
lassen sollte / und die veränderliche Beschaffenheit der Gemüter mit dieser
Erinnerung einhielt: dass wer seine Genesung auff andere Zeit verschiebt / zur
Zeit der Not derselben ins gemein entpehren müsse; lehnte sie doch solches mit
ihrer gelobten Andacht bescheidentlich ab; und bewehrete: dass man nichts gewinne
/ wenn man schon etwas zu seinen Händen brächte; nichts aber verliere /was man
der Hand Gottes auffzuheben gebe. Bei einmütiger Beliebung nun: dass die Heirat
zu Deutschburg vollzogen werden sollte / nahmen Herrmann / Segestes / Jubil und
Tussnelde nach wenig Tagen ihren Weg nach Marpurg zum Hertzoge Arpus; weil
Herrmann mit den Catten das wieder die Römer lange im Schilde geführte Bündnüs
auf festern Fuss zu setzen / Tussnelde aber ihre andere Mutter die Hertzogin
Erdmut nunmehr zu ihrer Ausstattung zu erbitten vor hatte. Sie kamen daselbst
glücklich an / und ihre Bewillkommung war dem Vergnügen gemäss / welches die
Cattische Fürstin über der Versohnung des Cheruskischen und Chassuarischen
Hertzogs schöpfften. Den Tag darnach fand sich auch der streitbare Hertzog der
Sicambrer Melo nur mit zwölff Edelleuten auff der Post zu Marpurg ein. Sein
erster Anblick zeugte alsofort eine Verwirrung der Gedancken / und die
Schwermut bei einer so annehmlichen Zusammenkunft ein nicht geringes Anliegen
seines Hertzens an. Gleichwol wollte er am ersten Abende seiner Ankunft die
freudige Gesellschaft mit seinem Wehklagen nicht irre machen. Des Morgens aber
sehr früh liess er Ansuchung tun: dass Hertzog Arpus in seinem geheimsten Zimmer
Verhör geben / den Cheruskischen Hertzog aber darzu erbitten möchte. Bei dessen
Erfolg musste Hertzog Melo ihm etliche mal die Tränen abtrocknen / ehe er
nachfolgende Worte nicht ohne Stammeln heraus bringen konnte: Verstattet mir /
ihr zwei nur noch übrigen Pfeiler unsers Deutschlands: dass ich für euch mein
Hertzeleid ausschütte; welches zwar keiner Hülffe; aber durch euer Mitleiden
vielleicht einer Erleichterung fähig ist. Denn ist gleich mein Unglück so gross:
dass ich es nicht ohne Schamröte entdecken kann; so tilget doch die rechte
Begierde der Rache alles Bedencken meine eigene Schande zu sagen. Mein Haus ist
verunehret; mein Geschlechte beschimpfft; Deutschlands Ehrbarkeit zu Bodem
getreten; und meine Tochter geschändet. Quintilius Varus / den ich auff seiner
von Meintz nach der Festung Alison für genommenen Reise auff einem meiner
Lustäuser als einen Freund bewirtet; hat mit gewaffneter Hand mein Kind aus
den Armen ihrer Mutter geraubet; nach dem er ihrer Keuschheit vorher mit den
schändlichsten Zumutungen fruchtloss zugesetzt. Ich habe bei meiner Gegenwehr
diese drei Wunden davon getragen. Wolte GOtt aber: dass mir das Leben nicht übrig
blieben wäre / um nichts von meiner Tochter Unehre / und der Schmach meines
Stammes zuwissen! Alle andere Güter und Tugenden sind wieder zu erlangen; der
Verlust aber der Keuschheit ist unersetzlich / und der Ehre unwiederbringlich.
Die blosse Anrührung der Ehre ist so empfindlich: dass auch die / welche gleich
keine mehr in ihrer Seele beherbergen / doch keine Ehren-Verletzung vertragen
wollen. Weil die gedultige Verschmertzung eines angetanen Unrechts ein
Kennzeichen ist: dass man solche Schmach verdient habe. Nun denn die Verletzungen
unsers guten Nahmens unvergeblich; eines Fürsten Beschimpffungen allen Fürsten
gemein sind; so traue ich / ihr Helden / euch unzweiffelbar zu: dass ihr nicht
weniger Rächer dieser Schandtat sein werdet /als ich weiss: dass ihr redliche
Deutschen seid. Auch Untertanen werden ihrer Eyds-Pflicht los: dass sie solche
Laster an ihren Herren bestraffen können; wie viel weniger werdet ihr / denen
die Freiheit angebohren / diesem Ehrenschänder es ungerochen hingehen lassen /
der nichts minder euren Hälsen das Joch der Dienstbarkeit auffzudringen für Ruhm
/ als unsere Frauenzimer zu besudeln für Kurtzweil hält. Die versehrte aber
gerochene Keuschheit hat Rom aus einer Magd zu einer Freiin gemacht; wie viel
mehr vermag eure Rache durch des Varus Blut die Flecken meiner geschwächten
Tochter / und euer Freiheit abzuwaschen. Leidet aber ja das Verhängnüs unseres
bedrängten Zustandes nicht: dass ihr euch so wohl meiner / als des Vaterlandes
anmasset; so will ich alleine mich rächen / oder sterben. Denn die Rache oder der
Tod ist allein die Seiffe solcher Brandmahle. Alles beides gereichet mir zum
Vorteil / es schlage mein Vorsatz gleich aus wie er wolle; weil die verunehrten
Todten aller Schamröte; die lebenden Ubeltäter aber selten eines unblutigen
Todes entfreiet sind. Diese Rede trug Hertzog Melo mit einer so beweglichen Art
für: dass beiden andern Hertzogen die Augen übergiengen; und beider Gemüter
nichts minder zur Rache gegen den Varus / als zum Mitleiden gegen den Melo
bewegt wurden. Hertzog Herrmann / nach dem er den Hertzog Arpus um Verzeihung
gebeten: dass er seiner Erklärung mit einer nötigen Erinnerung zuvor käme; fieng
hierauff an: Die Beschimpffung des Sicambrischen Hauses züge er so sehr auff
sich und das Cheruskische / als Melo auf sich und das Seinige; weil beide mehr
als durch hundert Vermählungen so in einander verflochten wären: dass er sie für
einerlei Stammbaum hielte. Das Hertzeleid des Fürsten Melo wäre so viel mehr zu
empfinden; als Deutschland zu seiner bisherigen Unterdrückung wäre unempfindlich
gewest. Sein Schmertz verdiente ein allgemeines Mitleiden; gleichwol schöpffte
er noch einigen Trost daraus; weil er sähe: dass nicht alle Deutschen schon gar
todt wären. Deñ ein grosser Schmertz wäre noch besser / als gar keine
Empfindligkeit; weil diese der schon Entseelten Eigenschaft / jener aber
gleichwol noch ein Merckmal des Lebens wäre. Bei so gestalten Sachen schiene dem
Vaterlande gut zu sein: dass die Wunde ihnen einst ins Fleisch / und der Schmertz
zur Seele gienge. Im Fall aber auch dieser die Deutschen nicht aus ihrer
Schlaffsucht zu reissen vermöchte; sollten sie aus diesen dreien Schreiben des
Tiberius und Varus die Bosheit und Mord-Lust der Römer; und die beschlossene
Austilgung aller Fürstlichen Häuser; also die Rache nicht nur wieder den Varus /
sondern die Ausrottung aller Römer in Deutschland lernen; und die / welche
vorhin ein Vorbild der Freiheit und Tapfferkeit andern Völckern gewest / nunmehr
ein Beispiel von denen der Dienstbarkeit doch gewohnten Pannoniern und
Dalmatiern nehmen; welche das Römische Joch nicht nur abzustreiffen Gut und Blut
rühmlich verschwendeten; sondern auch den Deutschen gleichsam den Dorn aus den
Füssen gezogen; und sich der geringen Uberbleibung der meist in weibischen
Galliern bestehender Römischen Macht zu entschütten eine in hundert Jahren kaum
wiederkommende Gelegenheit an die Hand gegeben hätten. Er hätte bei sich nunmehr
schon den Schluss gemacht mit den Römern zu brechen; nach dem der Auffstand der
Gotonen und Sidiner / den andern Feind der deutschen Freiheit / nehmlich den
König Marbod gleichfalls anderwerts beschäfftigte. Zwar schiene das Werck
freilich nicht ohne Schwerigkeit zu sein / weil Deutschland noch sechs Legionen
/ auch über andertalb hundert tausend Gallier und andere Ausländer auf dem
Halse hätte; aber es wäre erträglicher einmal untergehen; als täglich auf dem
Scheide-Wege des Heiles und des Unterganges schweben. Jedoch sehe er keine
solche Gefahr / welche ihnen alle Hoffnung des Obsieges abstrickte. Um sich
selbst hätte er den wenigsten Kummer. Deñ / weñ er die Römer erlegt /hätte ihm
Deutschland sein Leben zu dancken; würde er aber selbst erdrückt / so bliebe es
ihm doch für seinen Tod verpflichtet. Das letztere wäre der ärgste Ausschlag
seines Vorsatzes / aber nicht der geringste seines Ruhmes. Wer nicht vorher zu
sterbe entschlossen wäre / würde einen Wütterich zu tödten sich nicht
entschlüssen. Zu dem stünde einem Helden ohne diss nicht an aus blosser Gnade
seines Feindes zu leben /wie die Deutschen zeiter fast unter den Römern gelebt
hätten. Also wäre sein unveränderlicher Vorsatz /entweder in der Freiheit zu
leben / oder für dieselbe zu sterben. Hertzog Arpus hörte mit einer grossmütigen
Aufwallung seines Gemütes Herrmanns Vortrag; und nach dem er die fürgelegten
Schreiben / in derer einem ihm absonderlich sein Todes-Urtel gefällt war /
durchlesen hatte / erklärte er sich dahin: Varus hätte den Melo biss in die Seele
beleidiget; ihm aber nach dem Leben getrachtet: keines wäre gelinder / als mit
seinem Tode zu rächen. Alle redliche Deutschen würden bei ihnen stehen / welche
verstünden: dass wer einmal der Tugend gram würde / sich an mitlern Lastern
nicht sättigte; und dass das Mord-Eisen der Wütteriche nur durstiger nach mehrerm
Blute würde. Denn so ruchlose Leute hegten diesen Aberglauben: dass die auffs
höchste gewachsenen Laster zu Tugenden / wie die ihres gleichen verschlingende
Schlangen zu Drachen würden. Weil nun derogestalt dem Vaterlande das Wasser in
den Mund / ihnen selbst biss über die Scheitel gienge / wären mittelmässige
Entschlussungen der Römer Gewalt zu steuern unvermögende Bemuhungen / oder
vielmehr ohnmächtige Wehen der vergehenden Freiheit. Wenn die Tugend ihr selbst
durch gewisse Maassgebung ein Gebiess anlegte /müste sie allerdings darhinten
bleiben; und die Bosheit / welche weder Maass noch Ziel kennte / lieffe ihr
allezeit das Vorteil ab. Dahero jene ihr Gutes ins gemein böse / diese aber ihr
Böses wohl ausübte. Also stimmte er in alle Wege dahin: dass man die Römische
Macht / als die deutsche Gift-Wurtzel / mit Strumpff und Stiel ausrotten sollte;
und er stünde für seine Catten: dass sie beide Schärffen ihrer Schwerdter für die
gemeine Freiheit brauchen würden. Sie alle müsten Deutschland für ihre Mutter;
aber Deutschland könnte niemanden wohl für seinen Sohn erkennen / wenn sie es in
diesem Notstande versincken / und in dem Schlamme der Römischen Uppigkeiten
ersticken liessen. Man schätzte für keine Schande an seiner Liebes-Kranckheit
vergehen; warum hätte man denn Bedencken mit dem sterbenden Vaterlande
umzukommen? Wer nicht für rühmlich schätzte das Leben einzubüssen / um die Ehre
zu behalten / hätte weder Ehre noch Leben in sich. Hingegen würde Deutschland
durch ihre Regung einen neuen Geist / und sie durch die Abscheu für so grausamen
Lastern des Varus überflüssigen Beistand bekommen. Wolte ihnen aber auch gleich
das Vaterland / so wollten sie doch nicht dem Vaterlande entfallen. Hätte er
nicht zu verhindern vermocht: dass die Römer in Deutschland den Fuss gesetzt / so
wollte er doch sich bearbeiten: dass ihr Glücke darinnen nicht berasete. Was der
Römer Herrschenssucht in Deutschland eingenommen / hätte ihnen ihre Zwietracht
eingeräumt; und also klebte ihrem Besitztum ein zweifacher Fleck / denen
Deutschen aber die gröste Schande an. Und derogestalt würde er vom Melo und
Herrmann durch ihren hertzhaften Schluss nicht so wohl zu einem gefährlichen /
als ruhmwürdigen Wercke beruffen. Wiewol eine unvermeidliche Notwehr keine
bedenckliche Uberlegungen der Gefahr vertrüge. Er erinnerte allein bei diesem
Fürhaben: dass sie ihren Schluss ohne Säumnüs ins Werck richten sollten. Denn die
Uberlegung eines Dinges habe wohl Zeit / der Schluss aber unsäumbarer Ausführung
von nöten. Viel Heimligkeiten kämen ohne einigen Wortes Auslassung aus. Denn
die Mutmassung wäre ein schärfferer Ausholer / als die Zunge ein Verräter.
Weil nun vorher gesehene Streiche meist nichts / als die Lufft verletzten /ein
missratender Anschlag aber nur warnigte; riet er: dass man wie ein Blitz
losbrechen / und durch eine behertzte Geschwindigkeit die bisherige Versäumung
des Vaterlandes einbringen sollte. Also brachte dieser Fürsten einmütige Meinung
ehe / als man sichs hätte einbilden können / dieses Bündnüs zu wege: dass sie den
Quintilius Varus mit allen Römern aufopffern /und Deutschland in den alten Stand
voriger Freiheit versetzen wollten. Hierauff kam in Beratschlagung: wie dieses
wichtige Werck klüglich auszuüben; und ob dem Segestes und Jubil hiervon etwas
zu eröffnen wäre? Nach unterschiedener Uberlegung ein- und anderer Bedencken
fiel endlich der Schluss dahin: Hertzog Herrmann und Arpus sollten gegen dem Varus
grössere Verträuligkeit / als iemahls vorher bezeugen; Hertzog Melo aber an den
Kayser eine Beschwerde wegen seiner geraubten Tochter abschicken / aber zugleich
die Waffen unter dem Vorwand: nur gegen dem Quintilius Varus sein Unrecht zu
rächen / wieder die Römer ergreiffen. Hertzog Herrmann und Arpus wollten
inzwischen zum Scheine aus ihren Grosselterlichen Zwistigkeiten einen Dorn herfür
suchen; und ihre gegen einander geschehende Kriegs-Rüstung über der allgemeinen
Feinde Köpffe ausbrechen lassen. Segesten aber hiervon etwas zu entdecken /
hielten sie insgesamt für bedencklich; weil seine Gemahlin Sentia in dem
Verdachte wäre: dass sie Segesten durch Zauberei bestricket / und nichts minder
zu einem Sclaven der Römer / als einem Tod-Feinde des Cheruskischen Hertzogs
gemacht hätte. Welche Abneigung ihn nur jetzt die Not verbergen hiesse / ein
einiger Anblick der Sentia aber sein Gemüte gegen den Hertzog Herrmann mehr /
als der Zauber-Kopff Medusens versteinern würde. Dem Hertzoge Jubil wäre dieses
Geheimnüs zwar sicher genung zu vertrauen; aber es wäre noch Zeit genung darzu;
wenn sie dem Wercke näher / als jetzt sein würden. Sintemal solche Verbindungen
gefährlicher in ihrer Anspinnung / als in derselben Ausübung wären. Und ein gross
Werck würde mit weniger Gefahr ausgemacht; welches nichts minder wenigen bewust;
als nicht in viel Umstände verwickelt wäre. Mit diesem Verlass reisete Melo den
andern Tag von Marpurg wieder ab; und ob wohl niemand sonst sein Anliegen
erforschet hatte; diente doch zu einer ziemlich mercklichen Auslegung seiner
Ankunft: dass Varus zwar seine Tochter mit Gewalt geraubet / selbte aber noch
ehe / als er sie missbrauchen können / ihren gewaltsamen Führer mit einem
verborgenen Messer getödtet; und weil sie aus so vieler Römer Händen unmöglich
anders entrinnen können / sich in den Siege-Strom gestürtzt hätte. Insonderheit
steckte dem argwöhnischen Segestes diese Nachricht ein grosses Licht auff;
welcher sich sonst in des Hertzogs Melo eilfertiger Ankunft / und so
uhrplötzliche Abscheidung nicht zu richten wusste. Wie nun alle Geheimnisse
verdächtig sind; also hielt es Segestes ihm verkleinerlich: dass weder Melo noch
Arpus gegen ihn was entdeckten. Hierzu kam: dass Hertzog Herrmann und Jubil auch
gleichsam über Hals und Kopff von Marpurg auffbrachen; und Segestens Reise /
welcher seine Gemahlin Sentia nach Marpurg verschrieben hatte / nicht erwarten
wollten. Welches Segesten in einen so grossen Argwohn setzte / oder zum minsten
ihm von Sentien hernach eingeredet ward: dass man nicht nur die Römer / sondern
auch ihn aus dem Wege zu räumen für hätte. Also ist der Verdacht der
betrüglichste Wegweiser zu bereuens würdigen Entschlüssungen; und die Furcht
Gewalt zu leiden mehrmahls eine Ursache einem andern Gewalt anzutun. Denn ob
wohl Herrmann und Arpus ein Unvernehmen gegen einander bezeugten / hielt es doch
Segestes und Sentia wegen vorgängiger Verträuligkeit für ein blosses
Spiegelfechten. Diesemnach er denn seinen Weg gerade nach Alison zum Quintilius
Varus richtete; und ihm seine Mutmassungen Haar-klein entdeckte. Wenig Tage
darauff kriegte Varus Zeitung: dass Hertzog Melo mit seinen Sicambrern alle in
seinem Gebiete befindliche Römer erwürget / die Gallier über den Rhein gejagt /
auch in der bei dem Altare der Ubier aufgerichteten Festung eine Legion belägert
hätte. Wie nun Varus hierüber nicht wenig bestürtzt ward / sonderlich / weil der
Göttlichen Rache Gerichts-Anwald nehmlich das Gewissen ihn überzeugte: dass er
durch seine Bosheit dem Melo diese feindliche Antastung abgenötigt /die
deutschen Fürsten ins gesamt durch seine Hoffart /den Adel durch Beschimpffung /
die Bürger durch unerträgliche Schatzung / alle aber durch die Schärffe neuer
mehr spitzfinniger / als gerechter Gesetze / den Ackers-Mann durch knechtische
Arbeit / besonders in Suchung der Ertzt-Gruben ihm gehässig gemacht hatte; also
ward er noch kleinmütiger; als er die so starcke Zurüstung der Cherusker und
Catten vernahm. Wesswegen er in aller Eil die hin und wieder zerteilten Gallier
an sich zoh; und nichts minder den Hertzog Herrmann / Ingviomer / Jubil und
etliche andere Fürsten zu sich nach Alison erbat. Hertzog Herrmann stand zwar
mit Ingviomern und dem Jubil lange im Bedencken: ob sie dem Varus trauen sollten;
sonderlich weil der von der Römischen Grausamkeit so sehr gedrückte Hertzog der
Chautzen Ganasch / mit welchem Hertzog Herrmann eine heimliche Unterredung hielt
/ ihnen ihre Erscheinung so sehr missriet; ja als sie seiner Abwehrung nicht
folgen wollten; sie mit diesen Worten gesegnete: Es wäre ratsamer eine Hand ohne
Herrschungs-Stab / als einen Nacken ohne Kopff haben. Alleine / weil kein Mensch
vom Segestes etwas Böses mutmaste; sie auch von des Varus Furcht über der
Sicambrer Auflehnung sichere Nachricht; durch ihre Enteusserung aber den Römern
die Freundschaft aufzukündigen / oder dem Varus böses Nachdencken zu
verursachen anstunden; weil sie teils ihre Kriegs-Verfassung noch nicht in
einem solchen Stande hatten: dass die Römische und Gallische Macht nicht der
Cherusker uñ Bructerer Meister zu werden vermocht hätte; andern teils auch von
grossen Siegen des Tiberius und Germanicus wieder die Pannonier und Dalmatier
Zeitung einlieff; hielt es Herrmann für ratsamer sich beim Varus einzufinden /
und ihm dardurch nicht nur einen blauen Dunst seiner Treue wegen für zumahlen;
sondern auch die Heimligkeit seines wieder den Melo führenden Anschlags zu
ergründen. Also kam Herrmann zu nichts minderer Verwunderung des Segestes als
des Varus in Alison unvermutet an / und wurde vom Varus mit ungewohnter
Freundschaft bewillkommt; welcher nicht so klüglich den Firnis der Heuchelei /
als Hertzog Hermann den Schatten seines Misstrauens zu verdecken wusste. Weil nun
der / welcher mit Betruge Wucher treiben will / seine Waare im Tunckeln feilhaben
/ sich auch selbst nicht zu erkennen geben muss /ausser dem aber ihm selbst viel
nicht eingebildetes Ubel auf den Hals zeucht; so gewann Varus hiervon nichts
bessers / als dass er dem Fürsten Herrmañ in seinem wieder ihn gefasten Argwohne
eines ungemeinen Betruges befestigte; hingegen aber durch seine so freie
Einfindung ganz irre gemacht ward: Ob er dem Cheruskischen Hertzoge etwas böses
zutrauen / und Segestens Warnigung Glauben zustellen / oder auch an einem
Unschuldigen sich vergreiffen sollte. Also klebt Laster und Tugend so übel / als
vermischtes Ertzt und Ton an einander; und daher ist es eine gerechte Straffe:
dass denen Boshaften auch die angenommene Tugend / welche durch ihren Missbrauch
entweihet wird / zum Verräter und Verterb gereiche. Noch mehr verdächtiger war
dem Hertzog Herrmann: dass Varus und Segestes etliche mahl des Nachts geheim
zusamen kamen; und jener ihnen keinen richtigen Vortrag tun wollte / biss auch
Hertzog Ingviomer / Jubil / Ganasch und etliche andere zu Alison ankämen. Nach
dem aber von diesen allerhand Entschuldigungen und Vertröstungen ihrer Hülffe
wieder den Melo einlieffen / lag Segestes dem Varus auffs beweglichste an: dass
er diesen Vogel nicht aus dem Garne lassen / sondern ihn / den Malovend und den
Segestes selbst zum Scheine gefangen setzen / und derogestalt durch des
Cheruskischen Hertzogs Hinrichtung den Auffwieglern das Haupt abschneiden; und
denen noch zweifelhaften ein Schrecken einjagen sollte. Alleine Varus war
hierzu nicht zu bereden /und ihm also dissmahl selbst unähnlich; entweder /weil
er durch seine angenomene Freundligkeit noch Ingviomern / ohne welchen Fuchss er
nichts gefangen zu haben für gab / ins Netze zu locken ihm einbildete; oder /
weil er durch seine Grausamkeit sich zu einem Scheusal der ganzen Welt zu
machen / und ganz Deutschland vollends wieder sich in Harnisch zu jagen
Bedencken / oder auch an Herrmanns Beschuldigung Zweiffel trug. Welche letztere
Barmhertzigkeit denn dem Hertzoge Herrmann / welcher so wohl sein /als Ingviomers
halben wieder den Melo Hülffe zu schicken versprach / das Leben erhielt / dem
Varus aber verkürtzte; in dem er nicht verstand: dass der Glimpff eines
Wütterichs ihm selbst die gefährlichste Grausamkeit / und auff den Fuss seiner
abscheulichen Laster eine Tugend-Seule zu bauen eben so töricht sei / als auff
einen stinckenden Mistauffen ein güldenes Sonnen-Bild zu setzen. Sintemahl in
Warheit kein schlüpffriger Weg ist / als auff den Gräntzen der Tugend und der
Bosheit wandeln; und in dem einen nicht warm / in dem andern nicht kalt sein.
Also entrann Hertzog Herrmann nicht allein aus diesen Fallstricken des
unbeständigen Segestes / sondern er machte auch den Varus noch mehr sicher: dass
er seine Kriegs-Rüstung wieder die Römer bewerckstelligen konnte. Ja er wiegte
ihn vollends gar in Schlaff / als er den Varus um Vermittelung derer zwischen
ihm und dem Arpus erwachsenden Streitigkeiten / oder auch Segesten zu einem
Schieds-Richter zu vermögen ersuchte; wormit er so viel sicherer seine Waffen
mit den Römischen gegen den Melo vereinbaren könnte; also Hertzog Ganasch hernach
selbst Herzog Herrmanns Kühnheit loben und bekennen musste: dass derselbe nicht
irrete / wer mit seinem vermeinten Irrtume den rechten Zweck treffe. Massen
denn Varus sich zwischen beide Hertzoge legte / und biss Segestes bei ihrer
Zusamenkunft die Vereinbarung untersucht hätte / einen Stillstand der Waffen zu
wege brachte. Die Zusamenkunft ward bei dem Tanfanischen Tempel bestimet /
wormit dieser heilige Ort ihre Gemüter so viel mehr gewinnen möchte. Segestes
selbst drang auf Beschleunigung dieses Wercks /nicht so wohl / dass es ihm ums
Hertze war die Zwistigen zu vereinbaren / als die Warheit ihrer Uneinigkeit /
und die Geheimnisse ihrer Gemüter auszuholen. Er kam mit zweitausend
Chassuariern in den Deutschburgischen Hein / um auf allen Fall sich dieser
Kriegs-Macht zu seinem Vorteil zu bediene. Er ward aber nicht wenig bestürtzet
/ als er recht zwischen die Cheruskische und Cattische Macht verfiel / welche
iederseits über zwantzig tausend Mann starck war / und also die Anzahl
gewöhnlicher Friedenshändler / oder auch der vom Varus begehrten Hülffs Völcker
weit übertraff. Noch mehr bekümmert war ihm: dass er die Cherusker und Catten in
grösserer Verträuligkeit mit einander leben sah; als sonst Völcker / welche nur
den Grimm ihrer feindlichen Waffen wenige Zeit ruhen zu lassen beliebe / gewohnt
sind. Weil er nun von dieser grossen Macht unter dem Schein der Ehren ganz
umschlossen ward / musste er nur sein Misstrauen / so gut er konnte / verbergen;
sonderlich als Hertzog Herrmañ und Arpus einander wie Brüder umarmten; uñ
folgenden Tag Hertzog Ingviomer mit zehentausend Bructerern / Herzog Ganasch mit
zwölfftausend Chauzen / Hertzog Jubil mit sechstausend Hermundurern / ja
Segestens eigener Bruder Segimer und sein Sohn Siegesmund mit achttausend
Angrivariern / Tubanten und Chamavern sich einfanden. Gleichwol aber gab er dem
Quintilius Varus die unvermerckte Nachricht: dass die Kräfften des halben
Deutschlands unter dem Fürwand der verlangten Hülffs-Völcker wieder den Melo /
und der Cattischen Friedens-Handlung alldar versammelt wären; und wenn Varus
nicht alle seine Kräfften zusamen / das Lager auch gar von Alison in Zeiten
zurück züge; würde schwerlich von den Römern ein Gebein davon kommen. Als nun
Quintilius Varus diesem Rache zu folgen Tag und Nacht bemüht war; musterten die
deutschen Fürsten ihre Kriegs-völcker / verrichteten in der Tanfanischen Höle
ihren Gottesdienst; erwehlten den Hertzog Herrmann zum Obersten Feld-Herrn
Deutschlands; und versetzten hernach den Römern einen so gewaltigen Streich /
als denen Anwesenden überflüssig bekandt / dem Feinde schrecklich / allen Helden
aber / und insonderheit der hertzhaften Tussnelde / welche bei erfahrner
rühmlicher Entschlüssung der Deutschen nicht zu Marpurg die Hände in die Schoss
legen wollte; sondern ins geheim sich mit Waffen versah und unter die Cattischen
Edelleute vermengte / zu unverwelckendem Ehren-Ruhme dienlich ist. Massen sie
denn mit ihren Taten nicht nur ein Beispiel allen Helden; sondern auch nach der
Schlacht gegen ihren Bräutigam durch die Entschuldigung ihrer übernommenen
Gefahr / allen edlen Frauen diese heilsame Lehre gab: Ein Kebsweib wäre eine
Gefertin zu Tische und Bette / eine Braut oder Ehfrau aber alles Glücks und
Unglücks; Also iederman bei Anschauung dieser Heldin sie für einen Ausbund ihres
Geschlechtes / und ein Vorbild der künftigen Zeiten erkennen müste. Denn in
Warheit /wie alle Sachen / welche sich der Eigenschaft ihrer Natur enteussern /
und zum Bösen sich abneigen zu Ungeheuern / wenn sie aber zum Guten sich
schwingen / zu Wunderwercken werden; Also sind die wollüstigen Männer iederzeit
weibischer / als die Weiber / die behertzten Frauen aber männlicher / als die
Männer und Werckzeuge des Verhängnisses gewest /wenn es etwas der menschlichen
Vernunft unbegreifliches auszuüben vorgehabt hat.
    Mit diesem Lobspruche beschloss Fürst Adgandester zu der sämtlichen Zuhörer
grösten Vergnügung seine Erzehlung. Der übrige Abend ward mit einer herrlichen
Mahlzeit und allerhand Schertz-Spielen auffs annehmlichste hingelegt.
 
                                     Inhalt
                              Des Neunten Buches.
Einbildung die sinnreichste Mahlerin bei denen Schlaffend- und Träumenden.
Hertzog Herrmanns und Tussneldens Ankunft in das Tanfanische Heiligtum /
beider Verehligung / Andacht und Opffer. Tussneldens absonderes Gelübte. Der
übrigen Fürstlichen Versamlung Nachkunft und Freuden-volle Empfahung.
Asblastens und Erato Gedancken über diesem und andern der Schamhaftigkeit
gewiedmeten Heiligtümern und Gebräuchen. Röte allen andern Farben vorgängig /
insonderheit der Tugend Leibfarbe. Die Flammen der Keuschheit noch so
hellscheinend in denen Hochzeits-Fackeln / als in denen noch unvereinbarten
Liebes-Sternen. Hertzog Herrmanns angestelltes herrliche Mahl / die Rückkehr
nach Deutschburg. Asblastens Erzehlung ihrer erlittenen Ebenteuer und
Schiffbruch. Ihre wunderbahre Errettung durch eine ihre Schiffbruchs-Klippe
vorbei-schiffende Cimbrische Fürstin. Ihre Ankunft bei der uhralten Stadt Gades
und berühmtem Tempel des Hercules. Dieser beider Vertrauligkeit veranlasst
diese Cimbrische Fürstin Tirchanis ihren Ursprung /ihre abgelegte Königliche
Würde / ihre Ankunft nach Rom / die Antretung des Vestalischen Heiligtums zu
eröffnen / ingleichen: wie lange sie solchem beigewohnt / auch was vor Verdruss
sie über dieser abergläubisch- und scheinheiligen Lebens-Art geschöpffet / biss
sie endlich aus Anstifftung der Livia daraus gestossen / mit harter Straffe / bei
Ausschlagung des Käysers Buhlschaft / bedräuet / letzt doch durch ihres Bruders
Königs Frotto Gesandtschaft erlassen / und nachgehends auf diesem ihrem Schiffe
in der Rückreise von Asblasten angetroffen worden. Asblastens Gegen-Erzehlung.
Ihre Ankunft im Cimbrischen Gebiete. Königs Frotto freudige Bewillkommung /
und wie diese wegen ihres mit Gift getödteten Segimers in euserstes Betrübnüss
verwandelt worden. Frotto Gemahlin durch Zauberei zum Ehbruch verleitet. Die
Zauberin zum Feuer verdammt. Die Königin dem Cimbrischen Fürsten als seine
Buhlschaft zu heiraten vom Könige zugelassen. Königs Frotto Liebe gegen
Asblasten stehet das mit seiner Schwester Tirchanis gelobte Alironische
Heiligtum am Wege. Dieses Heiligtums Beschaffenheit / und Lehre. Die
irrdischen Geschöpffe herrliche und offenbahre Beweisstümer einer
unbegreifflichen Gotteit. Asblaste / Tirchanis und die oberste Priesterin
suchen des Königs Liebe durch alle auf Andacht und Vermählung der Seele mit GOtt
/ auch auf die Wohlfart seines Reichs gegründete Mittel abzulehnen. Weissheit
nicht minder der Sitz der weiblichen als männlichen Seelen. Asblaste findet ihre
fernere Gemüts-Vergnügung in Lehre und Unterricht der Alironischen Frauen;
König Frotto aber die seinige durch Ehligung Alvildens einer Sitonischen
Fürstin. Pytagorische Lehre die andere Staffel des Alironischen Heiligtums.
Die Vernunft im Menschen unruhiger / als der natürliche Trieb in andern
Tieren. Die Alironische Weissheit mit keiner übrigen Strengigkeit des Leibes
noch des Gemüts angefesselt. Die Würckungen des Missbrauchs von ihrer Art und
Eigenschaft vernünftig abzusondern / wie den Rauch vom Feuer zu saubern.
Scharffsinniger Wortwechsel zwischen Asblasten und Erato über die menschliche
Gemüts-Regungen. Tussneldens Vernunfts-Beilage. Die Ruhe des Gemüts der
eintzige Ancker der Glückseligkeit. Keine Tiefsinnigkeit das Buch der Natur
seiner unzehlbaren Geheimnisse halber zu ergrübeln / noch das Gemüte der
Menschen als ein Meer voller Krümmen und Strudel zu ergründen fähig. Dritte
Schule der Alironischen eitel Geheimnisse von GOtt und seinem Wesen in sich
haltenden Weissheit in Asblasten durch ein Siegel angelobter Verschwiegenheit
verschlossen. Wahrsagerei auf was Grund solche bestehe? Und wie solche durch
Asblastens erlernte Weissheit der Deutschen herrliche Siege gegen die Römer nebst
ihrer Tochter Tussneldens und Hertzog Herrmanns Vermählung zuvor bedeutet.
Hertzog Herrmann wird wegen des an Tussnelden erlangten hohen Preisses zum
Zweikampf gefordert. Des Deutschburgischen Schauplatzes Beschreibung.
Künstlicher und die Fürstin Tussnelde durchgehends vor bildender herrlicher
Aufzug. Beider des Tiberius und Hertzog Herrmanns gegen einander vorgebildete
Verfassung zum Kampfe. Ihr hitziges Treffen. Hertzog Herrmann neiget den
eroberten Römischen Adler vor Tussnelden / und die darzwischen kommende
Gerechtigkeit machet dem Streit ein Ende. Der besiegte Tiberius oder der ihn
abbildende Cattische Hertzog Arpus und Hertzog Herrmann sein Sieger nebst denen
übrigen deutschen Speisen unter gewissen nach Art der sieben Irrsterne künstlich
eingeteilten und mit allen ersinnlichen Ergötzligkeiten zubereiteten Zelten.
Der üppigen Römer dabei vorgestellte Schwelgerei. Gesundheits-Trüncke schon bei
den Römern gebräuchlich. Hertzog Herrmann wird vom Scytisch-Partisch- und
Indianischen Könige unter Fürst Catumers / Ganasch und Jubills Person durch
gewisse Herolden entweder ihnen seine Tussnelde abzutreten / oder seinen
Untergang zu erwarten / bedrohende ausgefordert. Sein ihnen statt der Antwort
gegebenes hertzhafte Zeichen bringt seine Feinde in Harnisch und auf den darzu
erkiesten Kampfplatz. Scytischer Aufzug wird durch das Bild der eindringenden
Tapferkeit; der Persisch und Indianische aber durch der Göttin Juno als
Vorsteherin der Hochzeit-Feste in Lust- und Freuden-Spiele verwandelt / und dem
siegenden Herrmann von Tussneldens Bilde ein von der Tapferkeit bereiteter
Sternen-Krantz aufgesetzet. Indien als eine Königin aller Edelgesteine auf einem
weissen Elephanten reitende abgebildet. Elephanten-Tantz. Der Perlen Eigenschaft
und Schätzbarkeit / dieser und der Liebe Aehnligkeit. Kampf zwischen denen
Elementen ums Vorrecht in Zeugung des herrlichen Geschöpfs der Perlen. Indiens
Abzug und Lob-Gedichte für Tussnelden. Der vier Jahrszeiten sinnreiche
Vorstellungen. Diese nebst denen vier Teilen der Welt hegen um die
Blumen-Göttin allerhand sehenswürdige Rennen und Täntze. Blumenstreit um ihre
Königliche Würde. Der Blumen Eigentum in einem Tage ein Kind und ein altes Weib
zu sein. Tauerhaft- und bald vergehender Blumen Zwietracht. Männ- und
weiblicher Blumen Unterscheid. Bundter Blumen Anstrich. Der Blumen-Göttin
gesuchte Vereinbarung / und das von der Sonnen / als aller Blumen Vater / von
denen übrigen sechs Irrsternen vergesellschaftet / der Rose auf ganz
verwundernde Art zuerkenntes Urteil und aller wiedersinnigen Blumen Beifall /
so sich gleichsam ihrer Königin selbst aufopffern / die Irrsterne aber sie in
ihre Zahl versetzen. Die von denen tantzenden Irrsternen erhöhete Blumen-Königin
die Rose verehret Tussneldens Bild mit ihrem Sternen-Siegs-Krantze und einem
sinnreichen Gedichte. Hertzog Jubills Indianische Bewirtung. Antiopens der
Königin der Amazonen und Candaces der Mohren dabei vorgestellte Eiffersucht
gegen Tussnelden wegen ihres unvergleichlichen Hertzog Herrmanns. Deutschlands
Aufzug mit seinen zwölff Flüssen durch die Natur und Kunst zu Hertzog Herrmanns
Ruhm gehandhabet. Der Morgenröte annehmliche Abbildung. Der Königin Candaces
unter der Fürstin Issmene in Gestalt der Sonnen oder einer Feuer-Göttin nebst
andern Sonnentöchtern; Ingleichen der Amazonischen Königin Antiope unter der
Fürstin Adelgunde in Gestalt der Göttin Juno; Tussneldens aber unter der Göttin
Tetys samt andern vielen Göttinnen vorgestellter Aufzug und Kampf auf
Elementarische künstliche Art. Die fünff Sinnen veruneinigen sich über ihrem der
Liebe zu Ehren gesungenem Gedichte. Tussneldens glückliches Rennen; der
eifersichtigen Issmene / wie auch der alle vier Jahrzeiten an ihr abbildenden
Cattischen Fürstin und der Chaucischen Adelmunde als Lufft-Göttin gleichmässige
Befolgung. Der Liebes-Göttin ausgeteilte Preisse / und ihre dabei vorgekehrte
sonderbare Klugheit. Der Silenen Feier. Der Barden über Hertzog Herrmann und
dessen Verewigung aufgerichteter Säule mit Deutschland der Natur und Kunst
angetretener Kampf. Ehren-Maale sollen Merckmaale lobwürdiger Taten nicht ihre
Ausgleichung sein. Der Kunst gröste Vergnügung. Der Ehren- und Gedächtnis-Maale
durch Ehrsucht und Heuchelei eingerissener Missbrauch; dieser unvermeidlicher
Wurmstich und Zermalmung. Der auf Tugend gegründeten Unverwessligkeit und
rühmliche Nachfolge. Eitelkeit der Ehrsucht ohnmächtige Mährerin. Der Alten
insonderheit der Römer verehrte Schutzbilder / und daher genommene Frei-Städte.
Der Barden Gedichte und Gesänge der ihrigen Helden Ruhm / und zugleich auch
durch ihren rühmlichen Beisatz den Hertzog Herrmann und seine Ehren-Säule zu
verewigen. Die Vermählung des Himmels und der Erden machet den Beschluss des
Deutschburgischen Hochzeit-Feiers.
 
                               Das Neundte Buch.
Der ganze Cheruskische Hof hatte die letztern Tage mit solcher Vergnügung
hingelegt: dass niemand weder durch Seiten-Spiele / noch durch unterlegtes
Lättich-Kraut ihm die Süssigkeit des Schlaffes dorffte zu wege bringen. Weil nun
die Ubermasse der Freude oder der Traurigkeit über die eusserlichen Sinnen eine
grosse Botmässigkeit hat / diese aber die innerlichen rege machen; war kein
Wunder: dass die denen Innwohnern des Eylandes Tule / welche ihre Wohnungen von
eitel Gerippen der Wallfische bauen / alle Nacht von Schiffbruche und
Meer-Wundern; also denen Cheruskern von eitel Täntzen / Hochzeit-Fackeln /
Siegs- und Freuden-Feuern träumte. Denn wie der Wille des Menschen der
allerglücklichste Gebieter ist / also: dass ihm im Augenblicke alle Glieder mit
fertigster Ausrichtung seiner Befehle gehorsamen / ja selbtem gleichsam zuvor
kommen; so ist die Einbildung die sinnreichste Mahlerin / welche denen
Schlaffenden die Bilder der Wachenden / mehrmals eigentlicher / und mit einem
grössern Aufputz fürstellet / als sie wesentlich gewest; ja eine Schöpfferin
neuer in der Welt nie gesehener Dinge / oft auch eine Wahrsagerin der
zukünftigen; wenn die Träumenden gleich nicht den Stein / der wegen seiner
Aehnligkeit den Nahmen des Ammon-Hornes bekommen / ihnen unters Haupt gelegt
haben. Diesemnach war sich nicht zuverwundern: dass das Frauen-Zimmer im Traume
tantzte / die edlen Ritter-Spiele übten / das gemeine Volck sich mit Gastereien
und anderer Kurtzweil erlustigte.
    Fürnehmlich aber hatten die vorhergehenden Erzehlungen des Fürsten
Adgandesters und der Gräfin von der Lippe der Fürstlichen Versamlung Hertzog
Herrmanns und der Fürstin Tussnelde Zufälle so feste ins Gehirne gedrückt: dass
die Träume solche Begebnüsse ieder Person mit allerhand Verstellungen wie in
einem Zauber-Spiegel auffs neue fürbildeten. Diese nächtliche Erinnerungen / und
die Begierde der Neuigkeit / welche auch sich so gar des Himmels bemächtigt: dass
er sich mit Gebehrung neuer Sternen belustigt / erweckte gar früh in ihnen ein
unmässiges Verlangen von der Fürstin Asblaste vollends zu vernehmen / wie sie aus
dem Schiffbruche in das Cimbrische Heiligtum / und von dar nach Deutschburg
gleich so zu rechter Zeit kommen wäre. Alleine / es war diese drei Tage kein
Mittel an sie zu kommen / weil sie Tag und Nacht in der Tanfanischen Höle mit
Beten zubrachte; auch ausser dem Genuss etlicher Kräuter und des daselbst herfür
quellenden Wassers keine Speise zu sich nahm. Diesemnach sie denn mit allerhand
andern annehmlichen Ergetzligkeiten die Zeit einander vertreiben mussten; biss
Hertzog Herrmañ und Tussnelde den vierdten Tag mit der Morgenröte sich schon
herfür machten / und mit einer kleinen Begleitung zu dem Tanfanischen
Heiligtum verfügten. Denn es trugen ihnen nur drei Edel-Knaben / und zwei
Jungfrauen fünff Fackeln für; welche ungleiche Zahl so wohl deswegen: dass sie
nicht in zwei gleiche Teile zertrennet werden kann / als die ungleiche Gewalt
der Vermählten anzudeuten; bei denen Hochzeiten für heilig gehalten wird.
Hertzog Herrmañ und Tussnelde sassen beisamen zwar auf einem in Gestalt einer
Muschel zierlich vergüldetem Wagen; an statt köstlicher Tapezereien aber waren
ihnen nur gemeine Lamm-Felle untergelegt. Die wurden für dem Altare auch auff
die Erde gebreitet: dass die neuen Ehleute bei ihrer Andacht und Opfferung
darauff treten und knien konten. Denn auf diese Art pflegten nicht nur bei denen
Deutschen / sondern auch bei andern Nord-Völckern die allerfestesten Bündnisse
bestetigt zu werden. Tussnelde hatte ihr Haupt und Antlitz mit einem
Safran-färbichten Tuche verhüllet zum Zeichen ihrer Schamhaftigkeit / und des
ihrem Eh-Herrn verpflichteten Gehorsams. Hingegen prangete der Feldherr mit
einem Krantze frischer und nur bald aufgeschossener Rosen gleich als mit einem
Sieges-Zeichen wegen eroberter Jungfrauschaft. Dieses Altar war von uhralter
Zeit her der Schamhaftigkeit geeignet; und opfferten niemand / als die neuen
Ehleute einmal nach dem Beilager darauff. So bald das Brenn Holtz darauff von
den Priester-Knechten zu rechte / und die Opffer-Tiere darauff gelegt waren;
kam die heilige Asblaste eilfertig aus der Höle gerennet; und zündete mit einer
in der Hand habenden Wachs-Fackel beides an; meldende: dass ihr / als einer
Mutter / nicht nur die Hochzeit-Fackeln fürzutragen; sondern auch als einer
Priesterin die Opffer zu verrichten zukäme. Welches die anwesenden Priester /
die sie wegen ihrer Heiligkeit auffs demütigste verehrten / gerne geschehen
liessen. Nach dem alles verbrennt war / Asblaste auch aus der Asche alles Gutes
wahrsagte / stand Tussnelde auf / raffte vom Altare dreimal mit ihren zusammen
gehölten Händen die noch heisse Asche /streute sie auf den Rasen / trat mit
beiden nackten Füssen darauf / und rieff: Verhängnüs! wo du wieder meinen Wunsch
die Reie des Todes mir nach meinem Gemahle bestimmet hast; und ich mit seiner
Todten-Asche nicht die Meinige / wie diese allhier mit meinen Füssen vermische;
so lasse mich die Lufft keinen gesunden Atem schöpffen; und die Erde gönne
meinen Gebeinen keine ruhige Grabstatt! Gönne mir und Deutschlande die
Glückseligkeit: dass dieses uns ein Grabmahl der Liebhaber auffrichte / wie
Tarent Orestillen und dem Plautius; welcher auff seines Ehweibes Leiche
entseelet und verbrennnet worden. Könte ich aber diese Ubermasse des Glückes
erbitten: dass ich durch meinen Tod meinem Herrmanne / wie Alcestis durch ihren
dem Admetus / und Gracchus seiner Cornelien / verlängern könnte; wüste ich die
Freude meiner Seele nicht zu begreiffen. Der Feldherr umarmte nach diesem
Gelübde seine Tussnelde. Der Priester Libys aber kam / und nach dem Asblaste ihr
das Tuch und Schleier vom Gesichte weggezogen /sätzte er ihr den aus gewissen
mit purperfärbichten Blumen prangenden Disteln gemachten Krantz der Keuschheit
aufs Haupt / und besprengte beide mit dem aus dem heiligen Brunnen geschöpfften
Wasser.
    Die Königin Erato / die Fürstin Erdmut / Catta /Adelmund / Ismene /
Salonine / die Gräfin von der Lippe und ander Frauen-Zimmer kamen gleich über
dieser Bekräntzung bei dem Heiligtum an; und weil hiermit Tussneldens Andacht
sich endigte / empfiengen sie sich mit einander auffs holdseligste. Nach
geschehener annehmlichen Umarmung bat Erato ihren Vorwitz nicht zu verargen;
wenn sie fragte: was dieses für ein Altar / und für eine Gewonheit alldar zu
opffern wäre? Die heilige Asblaste kam denen andern mit ihrer Antwort zuvor /
und meldete: dieses Altar wäre von der züchtigen Vorwelt der Schamhaftigkeit
gewiedmet worden; darauff dieselbigen ihre Opffer liefferten / welche auch in
dem Eh-Bette die Keuschheit unversehrt zu behalten gedächten. Erato versetzte:
Sie hätte zu Aten ein gleichmässiges Altar der Schamhaftigkeit / und zu Sparta
ein gleichmässig-heiliges Bild / welches Icarius seiner verschämten Penelope zu
Liebe aufgerichtet hätte / gesehen; es dörfften aber daselbst nur Jünglinge und
Jungfrauen ihre Andacht verrichten; welcher Absehen dahin zielte: dass die Götter
sie nicht in etwas verfallen lassen wollten /worüber sie Ursach hätten schamrot
zu werden. Wesswegen auch die Verehlichten / oder die / welche der Wollust schon
einmal den Zügel verhangen hätten; daselbst ausgeschlossen blieben. Asblaste
antwortete: Ich höre wohl: dass die Griechen die Schamhaftigkeit für eine
scheltbare Gemüts-Regung und eine Schwester der Furcht daselbst halten; welche
bei Erinnerung eines Verbrechens das Gelübte nicht anders / als ein Sturm das
Meer erreget; und in alle Glieder des Leibes mit einer langsamen Hitze sich
ausschüttet / dem Hertzen aber eine kalte Beisorge einiger ihm bevorstehender
Schande zuzeucht. Diese Schwachheit des Gemütes / ob sie zwar ein gutes Zeichen
eines verletzten Gewissens und ein Kennzeichen ist: dass der Zunder der Tugend im
Hertzen noch nicht gar verglommen / sondern noch allerdinges rege sei; ist doch
keines Altares nicht wert; und zwar auch / wenn solche Schamröte gleich nicht
von einer ihm übel / bewussten Schuld / sondern von einer angebohrnen
Flüchtigkeit des Geblütes herrührt; welches sich bei ieder neuen Begebenheit /
wie das Meer bei dem Vollmonden / reget / und seine Schrancken überschreitet.
Denn es ist nichts seltzames: dass diese Schwachheit durch blosse Einbildung
einem auch nicht lasterhaften Menschen nicht anders / als Träume oder
Zauber-Laternen aus nichts / oder einem blossen Schatten Gespenster und Riesen
mache; und ohne Ursache auff schädliche Abwege der Kleinmut leite; und die /
welche solche nicht durch eine hertzhafte Unbewegligkeit zu überwünden wissen /
mehrmahls in augenscheinlichen Untergang zu rennen veranlasse. Es ist wahr /
sagte Erato; ich erinnere mich: dass die an des Calippus / Antipater an des
Demetrius / Hercules des grossen Alexanders Sohn an des Polysperchon Tafel ihr
Leben eingebüsst; weil sie ihr Misstrauen blicken zu lassen / und sich von
solchen Blut-Mahlzeiten zu entschuldigen geschämet. Ja es mangelt nicht an
Beispielen: dass ihrer viel ehe einem was zu versagen / als dardurch in Sünde und
Schande sich zu stürtzen gescheuet haben. Wesswegen auch ich / woher in
Deutschland die Schamhaftigkeit in einer bessern Art / und in grösserm Ansehen
sein könne /nicht zu begreiffen weiss. Die Fürstin Asblaste lächelte; und fieng
an: Ich weiss wohl: dass etliche Gewächse in gewissen Ländern gifftig / in andern
zum Essen und unschädlichem Gebrauche dienlich sind; aber die Gebrechen der
Natur und die Schwachheiten des Gemütes werden unter dem gütigsten
Himmels-Striche zu keiner Vollkommenheit und Tugend. Daher wir Deutschen auch
nicht vorerwähnte Schamhaftigkeit wert achten; welche ich mit Rechte entweder
die Abend-Röte der untergegangenen Tugend / oder das Feuer eines ungesunden
Menschen nennen kann; sondern alleine dieselbe / welche der regen Tugend / wie
die Morgen-Röte der aufgehenden Sonne Vorläufferin ist; welche über allem / was
gleich nichts unreines in sich kleben hat / eine so zarte Empfindligkeit hat:
dass sie mit ihrem Purper auch den geringsten Schatten erleuchtet / der ihrer
Tugend einige Düsternheit zuzuziehen scheinet. Ich verstehe die züchtige
Hoffmeisterin aller Gemüts-Regungen; insonderheit der Liebe und Begierde;
welche zuweilen bei ihrer Hefftigkeit das Gesichte verlieren / und bei
übermässiger Verfolgung der Annehmligkeit in unsaubere Pfützen treten; und also
wohl von dieser Gebieterin im Zaume gehalten zu werden nötig haben. Diese ist
eine Gefertin der Hertzhaftigkeit; welche ehe für Erhaltung der Ehre zu
sterben; als um das Leben zu retten was schimpfliches zu beginnen einrätet.
Ihre Röte hat zwar in dem Antlitze die Farbe des Feuers; das Hertz aber
empfindet davon keinen Brand oder Unruh. Denn ihre Bewegung ist eine
Lebhaftigkeit der Tugend /welche mit diesem Purper ihrer Vollkommenheit noch
eine schönere Farbe anstreichet; und alle Unsauberkeit / die um sie zu beflecken
ihr etwan zu nahe kommen will / beschämet; also: dass sie billich eine Blüte der
Schönheit / eine Blume des Leibes / ein Schatten der Seele / der sichtbare
Glantz oder die Farbe der Tugend / eine natürliche Schmincke keuschen
Frauenzimmers genennet / und bei diesem Altare verehret zu werden verdienet. Die
tugendhafte Erato fand sich unschwer in den Unterscheid der Schande und
Schamhaftigkeit; und setzte bei: Asblastens Unterricht bewegte sie zu glauben:
dass die Tugend nichts minder /als die Natur in die Röte verliebt / und mit
dieser Farbe / als einem Zeichen der Vollkommenheit / sich auszuputzen geneigt
wäre. Sintemahl die edelsten Gestirne mit diesem Feuer sich für denen blässeren
herfür zückten. Die Sonne schmückte nichts minder ihre Wiege / als ihre Bahre
mit Purper. Die Wolcken mahlten sich mit Zinober / wenn sie am schönsten sein
wollten; und der Himmel verwandelte nichts minder als das Meer seinen Saphirnen
Spiegel in Rubin. Das lebhafteste der natürlichen Dinge das Feuer / das Marck
der Erde und der Kern des Ertztes das Gold wären / wenn sie am reinsten / auch
am rötesten. Der Ausbund der Blumen die Rose; und der Stauden der Granaten-Baum
striechen ihre Blätter und Aepffel mit Scharlach an / um durch diese
Königs-Farbe ihre Hoheit abzubilden. Und nach dem nicht allein die keuschesten
Tiere auch die schönsten wären / sondern auch so wohl die Tapfferkeit / als die
Liebe ihre Wangen mit eben diesem Purper bedeckte. Dahingegen die Furcht und der
ängstige Neid sich mit der blassen Todten-Farbe verstellete; so könnte sie leicht
gedencken: dass die reine Lilge der Tugenden die Keuschheit eben so wohl / als
selbige Blume mit dieser Golde ihre Lebhaftigkeit zu krönen verlange; und sie
so wenig / als die edelsten Gewächse ohne Schamröte sich gerne schauen lasse.
Dieses aber begriffe sie noch nicht / warum die Verehlichten / nicht aber die
Jungfrauen bei diesem Altare ihre Andacht haben dörfften; und jene / nicht diese
/ den Krantz der Schamhaftigkeit erlangten? Ist deñ die Keuschheit nicht das
eigentümliche Kleinod der Jungfrauschaft? Dörffen die reinen Bienen / welche
nichts von Lust oder Liebreitz wissen / nicht aus den Rosen der Schamhaftigkeit
den Honig ihrer Vergnügung saugen? Sind die in der Muschel noch verschlossenen
Perlen nicht so rein / als die / welche der Vorwitz von ihrer Mutter gerissen /
und die Eitelkeit durchlöchert hat? Ist das in denen Nestern sich gattende
Geflügel schöner / als der Paradies-Vogel / welcher um sich nicht zu beflecken /
niemahls die Erde berühret / und so wohl als der einsame Fenix seine ewige
Jungfrauschaft in der reinesten Lufft unversehrlich erhält? Verdienet der /
welcher sich niemahls iemanden hat überwinden lassen / mehr einen Siegs-Krantz
als der /welcher einen ihm hat zum Meister werden lassen? Oder ist es schwerer
in dem Genuss der Liebe Maass zu halten / als sich derselben gar enteussern?
Asblaste fiel der Königin Erato ein: Es ist in alle wege die keusche
Jungfrauschaft ein Stern ohne Flecken / und weil sie nicht nur Netze aus Gold
und Seide der Wollust und Heuchelei; sondern mehrmahls die Stricke des Todes /
und die Ketten der Schande zu überwinden hat / ist sie würdig herrlichere
Siegs-Kräntze zu tragen / als die / welche nur eusserliche Feinde geschlagen
haben. Verdienet die Tapfferkeit Lorber-Blätter / so ist diese unverwelcklicher
Amaranten wert. Alleine / nach dem iede Tugend selbst eine gewisse Liebe / ja
diese die Krone und Vollkommenheit aller Tugenden ist; bleibet unlaugbar: dass
auch die Keuschheit mit ihr nichts minder / als Schnee und Feuer sich auff denen
Rosen füglich vermählen lasse; sondern auch jener Reinigkeit von den Flammen der
Liebe einen herrlichen Glantz bekomme. Solte die Glut der Hochzeit-Fackeln einen
schwärtzenden Dampff von sich rauchen; würde man die Natur selbst für eine
Feindin der Keuschheit erklären; weil sie das Band der Liebe zum einigen Mittel
erkieset hat ihre sonst vergänglichen Geschöpffe zu verewigen. Diesemnach ist
ausser allem Zweiffel: dass zwei keusche Seelen nichts minder ohne Befleckung
einander lieben / als zwei reine Sternen ohne Verfinsterung einander anscheinen
köñen. Ja weil die Vereinbarungs-Macht der Liebe dem / was sie liebt / alle
ihre Eigenschaften mitteilet; müsten die zwei Vereinbarten durch ihren
Gegenschein den Glantz der Schönheit eben so wie die Sonne mit ihren Strahlen
das Licht der andern Sonnen vergrössern. Und benimmet diss der Reinigkeit nichts:
dass die Verehlichten von ihrer Liebe so viel Früchte der Vergnügung einerndten.
Denn die Ergetzligkeit kann mit der Tugend eine so unschädliche Gemeinschaft /
als die Süssigkeit mit dem Taue haben. Ja die Tugend selbst / ob ihre Rinde zwar
herber / als Schleen schmeckt / ist im Kerne süsser als Zucker-Rohr; der
liebliche Geschmack der Wollust aber verwandelt sich in die bitterste Wermut.
Diese Vergnügung nun / weil sie einen so grossen Hang zur Übermass hat / und
leichter als die reissenden Flüsse über ihr Ufer schläget / eignet der sie in
Schrancken haltenden Tugend eine so viel herrlichere Güte zu. Nach dem auch die
einmal geschmeckten Süssigkeiten vergessen / und statt selbter sich mit denen
bittern Tränen einer gelobten Einsamkeit speisen / vielen ein grossmütiger
Werck zu sein scheinet / als das weibliche Geschlechte auszuüben fähig ist;
schätzte ich diese / welche sich und so viel empfindliche Regungen durch
Verzeihung der andern Eh überwünden / und dardurch erhärten: dass sie nicht so
wohl die Eh /als ihren Ehmann lieben / eines absonderen Krantzes der Keuschheit
würdig. Diesen erlangen / und zwar bei andern Völckern / die Wittiben so denn
allererst; wenn sie nach ihres Eh-Manns Tode eine gute Zeit ihre Prüfung
ausgestanden / und ihr schweres Gelübde wirklich bewehret haben. Alldieweil
aber in Deutschland ohne diss nicht bräuchlich ist aus den Lastern ein Gelächter
/ und aus Unehre Sitten zu machen; sondern man vielmehr bei uns nur von
Heiraten der Jungfrauen höret / die mit ihrem Eh-Manne einen Leib erkiesen /
ihm aber ihre ganze Seele und Leben wiedmen; so verdienet auch das Gelübde
derer / die gleich nur das erste mahl aus ihrem Eh-Bette schreiten / einen so
festen Glauben: dass man ihnen diesen Keuschheits-Krantz / welcher nicht ohne
Ursache von Disteln geflochten ist / auffzusetzen kein Bedencken hat. Erato /
und alles andere Frauen-Zimmer hätten Asblasten gern länger zugehöret / wenn
nicht der Feldherr sie ins gesamt zu dem in einem köstlichen Gezelt bereiteten
Früh-Mahle hätte beruffen lassen / welches mit denen allervergnüglichsten
Unterredungen / wormit sie Tussnelden öffters die von Asblasten so sehr
verteidigte Schamröte heraus trieben / vollbracht ward.
    Hierauff kehrten sie insgesamt wieder nach Deutschburg. Denn Hertzog
Herrmann hatte verlassen noch selbigen Tag Krieges-Rat zu halten; in dem dieser
ruhmwürdigste Liebhaber auch zu der Zeit / da die Regungen bei solcher Neuigkeit
pflegen am heftigsten zu sein; sein Gemüte und die Zeit derogestalt
vernünftig abteilte: dass weder die Liebe Tussneldens / noch des gemeinen
Wesens sich über einige Ungleichheit zu beschweren Ursach hatte. Wiewol nun der
Feldherr seiner Mutter Asblasten eine absondere Senfte bestellet hatte; brachte
doch die Königin Erato und das andere Frauenzimmer durch ihre Bitte zu wege: dass
sie in ihrer Gesellschaft zurücke fuhr; und sich ihre niemanden sonst bekandte
Ebenteuer zu eröffnen bewegen liess. Diesemnach sie denn mit einer besondern
Anmut anfieng: Die Göttliche Versehung / welche die Unwissenden für den blinden
Abgott des Glückes halten / lachet aus ihrer verborgenen Ewigkeit der irrdischen
Anschläge / wenn sie als die einige Königin aller Mittel-Ursachen / und als eine
Schiedes-Richterin aller Begebenheiten den Glücks-Topff der Menschen nach ihrem
Wolgefallen durch einander rühret; und ob sie gleich unserm alberen Vorsatze
zuweilen den Zügel schüssen / doch uns zuletzt auf ein ganz anders Ziel
abkommen läst / als wir das Absehen haben / und die ersten Begebenheiten
gezeuget hatten. Dieses habe ich sonderlich damahls erfahren / als ich statt des
Eylandes Caprasia an das Iberische Ufer getrieben / und durch einen Schiffbruch
aus der Dienstbarkeit der Römer erlöset ward. Denn da unser Schiff an einem
hohen weit über das Meer hervorragenden Felsen zerschmettert ward /und in kleine
darvon schwimmenden Stücke zerbrach / derer eines der Gräfin von der Lippe zu
einem Kahne gedienet / erwischte ich in der Angst eine Wurtzel des an solchen
Felsen gewachsenen Kräutichts / durch welcher und der mich hebenden Wellen
Hülffe ich auff der Klippe feste zu stehen kam / und mich endlich biss auf dessen
Gipffel empor arbeitete. Es war sonst keine Seele um mich. Die barmhertzigen
Wellen hatten mich zwar leben lassen; weil aber dieser unfruchtbare Fels mir
weder Speise noch Geträncke zu reichen vermochte / schiene mir der Tod nicht
geschenckt / sondern nur zu einer mehrern Verbitterung geborgt zu sein. Nichts
desto weniger verzweiffelte ich nicht gar an der Errettung. Denn diese Kleinmut
ist ein gewisses Zeichen der Unwissenheit: dass in der Welt nichts ungefähr
geschehe; und dass das Verhängnüs noch Vorsorge für uns trage; weñ wir schon den
letzten Atem auszuhauchen scheinen. Zwei Tage lebte ich in dieser Einsamkeit;
der raue Fels speisete mich mit wenigen Wurtzeln / beschattete mich durch einen
Uberhang für der Sonnen-Hitze; der Himmel aber tränckte mich des Nachts mit
kräfftigem Taue / und einmal auch mit einem sanften Regen. Den dritten Tag
aber striech ein Segel so nahe bei dieser Klippe vorbei: dass mein Wincken konnte
erkieset werden; welches denn bei denen Schiffenden ein solches Mitleiden mich
durch einen Nachen abholen zulassen erweckte. Ich wusste der Göttlichen
Barmhertzigkeit für diese wundersame Errettung nicht genungsam zu dancken;
insonderheit als ich auf dem Schiffe eitel Deutsche antraff / und von ihnen um
so viel freundlicher bewillkomt ward; weil ich ihnen in ihrer Sprache zu
antworten wusste. Die Gebieterin dieses Schiffes war ein in einem schneeweissen
leinen Kittel gekleidetes Frauenzimmer; welche alsbald eine solche Gewogenheit
auf mich warff: dass ich bei ihr in ihrem Gemache mich aufhalten / und an ihrer
Seite schlaffen musste. Diese wuchs noch mehr / als ich sie versicherte: dass ich
eine deutsche Fürstin wäre; und /nach dem ich in Gallien zu schiffen vermeint /
an diesem Felsen Schiffbruch gelitten hätte. Diesemnach sie mir denn ihre
sonderbare Freude zu verstehen gab; weil sie / welche ebenfalls von Rom
absegelnde durch das Ungewitter auf diese Küste getrieben / und das beschädigte
Schiff auszubessern wäre genötigt worden / hierdurch das Glück erlangte mich in
Deutschland zu führen; da sie mich denn / wohin ich nur verlangte / sicher
lieffern wollte; weil sie noch zur Zeit vernünftig zurück stünde meine
Beschaffenheit vorwitzig auszuforschen. Diese Bescheidenheit nahm ich nichts
minder für ein Merckmahl ihrer Klugheit / als ihre Gütigkeit für eine Würckung
seltzamer Tugenden an. Ihre Geberden bildeten auch eine absondere Frömmigkeit;
und / dass sie stets den halben Tag und die halbe Nacht sich in ein kleines
Gemach einsperrete /dariñen sie auf dem Antlitze liegende betete / eine
ungemeine Gottesfurcht ab; Ja ihr übriges Gespräche war meistenteils nur von
der Göttlichen Liebe und der süssen Ergetzligkeit einer andächtigen Seele. Denn
ihrer Lehre nach / wären alle andere Erquickungen gifftig und vergänglich; alle
andere Regungen kalt und unrein. Gottes Liebe aber hätte nichts unreines oder
irrdisches an sich; Sie wäre eitel Geist und Licht / gegen welcher die Sternen
fleckicht und die Sonne finster wäre. Sie erleuchtete die Seelen; und erwärmte
die Hertzen. Ihre Flamme gäbe keinen Rauch von sich; ihr Feuer machte seine
Liebe niemahls schamrot. Kein Unglück der Welt vermöchte die Freude ihres
Gemütes zu vermindern; und das abscheulichste Gespenste der Tod könnte ihr kein
Schrecken einjagen / wenn er ihm schon die grausamste Larve fürmachte. Wenn ihre
Andacht GOtt ein einig Körnlein Weirauch anzündete / wäre sie vergnügter /als
die ohnmächtigen Welt-Götter; wenn ihnen der heuchelnde Aberglaube tausend
Ochsen opfferte. Wiewol auch das Schiff mit einem Uberflusse köstlicher Speisen
und Erquickungen erfüllet war / und sie mich reichlich versorgen liess; mässigte
sie doch ihren Unterhalt so sehr: dass sie nur einmal des Tages und zwar das
geringste speisete; Ihre Demut hätte auch die ihr zustehende Herrschaft über
dieses Schiff zweifelhaft gemacht; wenn nicht alle andere sie mit tieffer
Ehrerbietung für ihre Frau erkennet hätten. Von ihrem Volcke erfuhr ich zwar:
dass sie eine Cimbrische Fürstin wäre; ein mehrers aber auszugrübeln verbot mir
ihre eigene Mässigung: dass sie nicht / wer ich wäre / zu fragen sich erkühnete.
Wir hatten schon zehn Tage gesegelt / und waren biss an die Gaditanische
Meer-Enge gediegen; allwo wir einem Römischen Gesandten zu Liebe / der auf
diesem Schiffe mit zum Cimbrischen Könige Frote reisete / anlenden mussten;
wormit dieser dem Hercules auff seiner Seule oder dem Berge Calpe opffern konnte.
Die Gebieterin des Schiffes und ich stiegen gleichfalls ans Land / um uns durch
die Land-Lufft zu erfrischen / und die von denen Tyriern gebaute uhralte Stadt
Gades zu beschauen. Wir kamen alldar in den Tempel des Hercules / und wormit wir
den heiligen Bruñ / welcher bei dem durch die Flut wachsenden Meere ab bei der
Eppe aber zunimmt / so viel besser betrachten möchten / hielten wir uns daselbst
zwei Tage auf. Wie wir nun zusammen diese wundersame Abwechselung betrachteten /
konnte ich mich / ich weiss nicht / aus was für einer verborgenen Regung / nicht
entalten / in diese Worte auszubrechen: Wer wollte nicht gegen GOtt durch
inbrünstige Andacht entzündet werden /nach dem er mit einer solchen Ubermass
seine Güte /als den Anfang seiner Liebe / und einen tätigen Geist / der die
ganze Welt beseelet / in die Sternen / aus diesen in die Erde / von dar in die
Tiere und Pflantzen / ja in Bäche und Brunnen ausgeust / und derogestalt Gottes
väterliche Vorsorge von dem Menschen biss zum Kefer / von der Sonne biss zu
Quendel sich erstreckt? Diese hat nicht minder auf die Tropffen des Taues / und
den Uhrsprung der Brunnen / als auf die unbegreifliche Bewegung des Meeres acht.
Die Hand / welche entweder die Sonnen- oder die ganze Erd-Kugel alle Tage so
schnell herum treibet / oder umwendet; ist eben so wohl um den Schaum der See /
und die Adern der Quelle bekümmert. Das Auge / welches weiter als alle Lichter
des Himmels sieht; zehlet und unterscheidet die Federn des Geflügels: dass keine
der andern gleiche ist; ja es beobachtet und gestaltet die Borsten der Schweine
und Igel also: dass kein Geschöpffe so klein / kein Ding so geringe ist; welches
nicht ein Röhr abgebe den Strom der Göttlichen Liebe allentalben einzuflössen;
und den Reichtum seiner Güte auszuleeren. Die Cimbrische Fürstin schöpffte über
diesen unvollkommenen Gedancken eine solche Vergnügung: dass sie mich noch auf
der Schwelle des Tempels (weil darinnen alle Neigungen GOtt abgestolen werden /
die man ausser ihm iemanden anders zueignet) umarmte / mit dem Nahmen ihrer
Schwester beehrte / und an das Ufer des Meeres führende alle Heimligkeiten ihres
Hertzens derogestalt ausschüttete: Es wäre Unvernunft entweder denselben
Zustand wissen wollen; die durch ihre überirrdische Weissheit alles diss / was ich
durch so vieler Jahre Fleiss kaum gelernet / überstiege; oder derselben mich zu
entdecken anstehen; die so tieff in die Geheimnisse Gottes und der Natur sieht.
Diesemnach wisse sie / wer sie auch ist: dass ich Tirchanis des Cimbrischen
Königs Friedlevs Tochter / des berühmten Bojorichs Enckelin sei. Meines Vaters
Siege wieder die meisten Nord-Völcker sind der Welt so bekant: dass sie keiner
Erzehlung bedörffen / und was ich / nach dem mein Vater mir zum Erbteile zwei
Königreiche zugeeignet / für Heldentaten ausgeübet / werden alle die rühmen
müssen / welche die Unterdrückung der Völcker / die Auffopfferung vieler tausend
Feinde für Tugend / das weibliche Geschlechte aber der Hertzhaftigkeit und der
Herrschens Kunst fähig achten. Die Reichs-Stände schöpften über meinen Siegen
eine solche Vergnügung: dass sie meinten den Grund-Stein ihres Wolstandes zu
verrücken; wenn die Herrschaft auf andere Schultern nach mir verfallen sollte;
als welche aus meinen Hüften kommen wären. Diese Einbildung verleitete sie so
weit: dass sie mir ihrer Gebieterin ein Gesetze der Eh aufzudringen vermeinten.
Also gebieret auch das Gute zuweilen etwas arges / wie die Sonne gifftige Würmer
und Kräuter. Nach dem nun die /welche einmal aus den Schrancken des Gehorsams
geschritten / keinen Zaum mehr leiden / sondern ihr Verbrechen durch ein
grösseres zu verkleinern vermeinen; so schritten meine Untertanen nunmehr so
weit: dass sie mir so gar / wem ich mich vermählen sollte / fürschrieben. Dieser
war zwar ein Fürst von hoher Ankunft / und aus dem Alemannischen Stamme / auch
ein Held von grosser Tapfferkeit und ungemeiner Hoffnung. Aber / weil mich der
Himmel entweder zur Einsamkeit bestimmet hatte; oder der Zwang ein abgesagter
Feind der Liebe ist; gewann ich nicht allein wieder diesen einen ungemeinen Hass
/sondern auch für dem Heiraten eine gäntzliche Abscheu. Ja ich zohe mir an
statt: dass ich die Ratschläge dieses vielköpfichten Tieres leicht zu verwirren
/und den Sturm des unsinnigen Volckes durch leichte Mittel / wie das schäumende
Meer durch einen linden Regen zu besänften vermocht hätte / die Kühnheit des
Volckes als eine meiner Hoheit zuwachsende Verkleinerung so tieff zu Hertzen:
dass ich selbst meiner Herrschaft und Würde gram ward. Denn weil das Ansehen die
Seele des Gebietens / ein verächtlicher Herrscher aber mehr eine todte Leiche /
als ein Fürst ist; meinte ich wegen dieser Zumutungen meinem Reiche schon
abgestorben / und denen Untertanen vorzustehen allzu ohnmächtig zu sein. Daher
ich / ungeachtet alles Einredens / und vieler hierüber vergossener Tränen / den
festen Schluss machte Tron und Zepter abzutreten / und die Einsamkeit der
Alironischen Frauen zu erkiesen. Viel weise Leute haben die Ausschlagung einer
angetragenen Königs-Würde für eine fast unüberwindliche Anfechtung / und die
solcher Enteusserung mächtig wären / für Riesen von einem grossen Hertzen / und
einem gesunden Kopffe gehalten; welche ohne Verblendung der Vernunft /und ohne
Verwirrung des Gemütes einen solchen empfindlichen Dampff überhin gehen
liessen. Aber diese Versuchung reichet der nicht das Wasser; welche bei
angezielter Vonsichstossung der höchsten Würde / nach welcher sonst alle Seelen
seuffzen / ein edles Gemüte anficht. Ich aber kann sonder eitelen Ruhm wohl
sagen: dass ich meinen Königs-Krantz mit weniger Gemüts-Veränderung / als einen
Püschel verwelckter Rosen von mir geworffen / und die Meinigen / denen es
zweiffels-frei mehr um ihre / als meine Erniedrigung leid war / gescholten habe;
wie sie den Grund und den seichten Schein meiner Entschlüssung nicht zu
unterscheiden wüsten; und für ratsamer hielten an geschmacken Speisen sich zu
tode / als durch eckelhafte Rhabarber gesund essen. Wiewol ich nun die
herrlichste Gelegenheit hatte in meinem verlassenen Reiche dem Alironischen
Gottesdienste beizupflichten; traute ich mir doch nicht zu den Glantz der
verlohrnen Hoheit ohne Aergernüs täglich für Augen zu haben; sondern entschloss
mich zu denen in dem Belgischen Gallien an dem Flusse Sabis und der Maass
eingesessenen Cimbern / oder nunmehr so genennten Aduatichern zu begeben.
Daselbst ward ich zwar von meinen alten Lands-Leuten freundlich angenommen / und
höflich unterhalten; ich selbst aber weiss nicht eigentlich zu sagen / durch was
für einen Zug ich mich in die Entfernung von meinem sonst so geliebten
Vaterlande noch immer mehr verliebte. Gleichwol aber halff hierzu der
Aduatischen Wahrsagerinnen selbsteigene Anleitung; welche nicht nur mir am
heilsamsten / sondern ihnen ins gesamt am rühmlichsten zu sein vermeinten / wenn
ich mich zu Rom / als in dem Gesichte der ganzen Welt in ihre Einsamkeit
einsperrete; gleich als wenn der Gottesfurcht noch eiteles Gepränge anständig;
und derselben / welche für Purper einen leinenen Kittel zu erkiesen bestimmt
hätte / das vorwitzige Auffsehen des unvernünftigen Pöfels etwas dienlich wäre.
Nichts desto weniger waren diese kluge Frauen bei mir in so grossem Ansehen: dass
ich alle ihre Worte für Göttliche Offenbahrungen / und ihren Rat für
überirrdische Leitung annahm. Ich kam also nach Rom / und zwar zu der Zeit /
wenn die Sonne in Wider tritt / und da die Vestalischen Jungfrauen das ewige
Feuer aus denen in einem Wasser-Becken zusammen schüssenden Sonnen-Strahlen
anzuzünden pflegen. Unter denen Vestalischen Priesterinnen war die andere in der
Würde die Cimbrische; welche über die Alironische Jungfrauen die Aufsicht hat /
und für alle Ausländer die Andacht verrichtet. Diese waren vom Marius zu dem
Vestalischen Heiligtum gelassen worden. Denn ob wohl nach seiner den Cimbern
versetzten Niederlage ihr Frauenzimmer; weil ihm in das Vestalische Heiligtum
sich einzuschlüssen verweigert ward; nach einer hertzhaften und verzweiffelten
Gegenwehr sich / aus Beisorge verunehret zu werden / fast alle eigenhändig
tödteten; hatte doch Marius bei Durchbrechung der Cimbrischen Wagenburg das
Glücke die wunderschöne Tochter des Königs Bojorichs Hiarnen / welche so sehr
von denen Römern in denen Armen verwundet war: dass sie ihren Vorsatz sich zu
tödten nicht ausüben konnte / nebst etwan noch dreissig andern Cimbrischen
Frauen-Zimmern gefangen zu bekommen. Von diesen wurden zwölff Jungfrauen durchs
Los erkieset um des Marius geopfferter Tochter Calphurnia zu Ehren lebendig
verbrennt zu werden. Weil nun dieses die sterbens-würdige Hiarne nicht traff /
stach sie einer unter den zwölffen unversehens das Messer in die Brust / um
statt ihrer das Glücke der Verbrennung zu genüssen. Aber als der sie über dieser
Tat rechtfertigende Marius zu Gesichte bekam / ward fein Hertze gegen sie
feuriger /als der von ihm angezündete Holtzstoss. Ob sie nun zwar um verbrennet
zu werden / dem Marius tausend Tränen opfferte / ja sich nach Erkiesung einer
andern Jungfrau mit Gewalt in die Flammen stürtzen wollte /liess es doch Marius
verwehren / sie sorgfältig verwahren / und auf sein an dem Misenischen Strande
habendes schöne Vorwerg führen. So bald nun Marius zu Rom sein Siegs-Gepränge
gehalten / und den Nahmen des dritten Römischen Uhrhebers bekommen / ja die
Ehre: dass ihm das Römische Volck eben so /wie den Göttern opfferte / erworben
hatte / kam er auf sein Vorwerg seiner heftigen Liebes-Flamme ein Vergnügen zu
schaffen. Er eröffnete seine Zuneigung Hiarnen; welche aber / nach dem Marius an
Julien schon eine Eh-Frau hatte / und sie selbst eine Braut eines Cimbrischen
Fürsten war; ja wie sie vorher in Gallien in den feurigen Holtzstoss / also sich
nunmehr in das benachbarte Meer zu stürtzen mühte / nach dem Marius durch ihre
Seuffzer und Tränen seine Liebe nicht ausleschen lassen wollte. Alleine nach
Hiarnens so verzweiffelter Entschlüssung entbrennte des Marius Seele nur noch
immer heftiger gegen sie. Denn es ist kein kräfftiger Zunder der Liebe / als
der Schnee der Keuschheit in der / die man liebt. Aber an der tugendhaften
Hiarne richteten alle seine Lock-und Dräuungen eben so wenig / als das sich
auffschwellende Meer an dem weichen Ufer-Sande aus. Wiewol er endlich was
grausamers entschlossen hätte / wenn nicht des Marius berühmte Wahrsagerin
Marta dahin kommen wäre / und dem Marius angedeutet hätte: dass / im Fall er
Hiarnen und die andern Cimbrischen Frauenzimmer zu Rom in den Tempel der Vesta
liefferte / würde er aus Göttlichem Verhängnisse durch einen Cimber sein sonst
unfehlbar verspieltes Leben erhalten; wiedrigen Falls aber sich in frühzeitigen
Tod und grausamstes Unglück stürtzen. Wordurch er denn bewogen ward / sie alle
sämtlich in dem Vestalischen Heiligtum mit auskommentlichen Stifftungen / und
Erbauung eines absonderen Altares /darauf sie ihr ewiges Feuer gleichsam zur
Nachartung der unausleschlichen Gestirne unterhielten / zu versehen. Wie sie nun
von denen Vestalischen Jungfrauen wegen ihrer so teuer bewehrten Keuschheit für
Schwestern billich aufgenommen wurden; also erwarben sie hernach des Römischen
Volckes allgemeine Gewogenheit / nach dem sie bei der sieghaften Rückkunft des
verjagten / und wieder den Adel unmenschlich-wütenden Marius vielen Edlen das
Leben erbaten; als welcher der heiligen Hiarne nichts abzuschlagen getraute;
nicht so wohl / weil die Jungfrauen dieses Heiligtums die schon verdammten
Missetäter / denen sie bei ihrer Ausführung ungefähr begegnen / vom Tode
erretten; Dahingegen die / welche ihre Senfte anrühren / das Leben verwürcken;
als weil der Marta Wahrsagung ihm so genau eingetroffen; und der ihn zu
ermorden geschickte Cimber den Degen weggeworffen hatte. Ja es brachten diese
Jungfrauen durch ihre ungemeine Tugenden so viel zu wege: dass hernach fort für
fort von denen Cimbern derogleichen der Keuschheit sich wiedmendes Frauenzimmer
ausgebeten / und zu Rom unterhalten ward. Bei so gestalten Sachen ward ich /
fuhr die im Nahmen der Fürstin Tirchanis redende Asblaste fort / als eine
Königin daselbst wie ein Wunderwerck angenommen. August selbst zohe mir entgegen
/ verehrte mich als eine Halb-Göttin / vergrösserte mir zu Liebe die Einkommen
der Vestalischen Jungfrauen / versetzte diesen Gottesdienst aus dem alten
schlechten nach der Gestalt der Erd-Kugel rundgebauten Tempel des Numa / in sein
eigenes darzu eingeweihetes Haus /zierte es mit Marmel / Gold und Edelgesteinen
aus /verstattete ihnen / wie vogtbaren Haussmüttern im siebenden Jahre ihres
Alters schon einen letzten Willen zu machen / eignete selbten die Freiheiten zu
/ welche die haben / die drei Kinder geboren / ja er gelobte unter seinen Basen
die erste die beste / die das hierzu erforderte Alter erreichen würde / in eben
diss Heiligtum zu wiedmen. Ich fand mich eine ziemliche Zeit darinnen überaus
vergnügt / und in einer erwünschten Gemüts-Ruh. Nach dem aber meine Schwestern
mir die rechten Heimligkeiten ihres Gottesdienstes entdeckten; ward ich gewahr:
dass auch die Cimbrischen Jungfrauen von der Reinigkeit unsers Vaterlandes weit
abgewiechen / und ihr Glaube mit denen Griechischen Getichten / mit denen
Persischen und Römischen Aberglauben vermischt war; in dem sie wieder unsere /
und ihre alte Gewonheit ein Bild der Vesta /welches in der lincken Hand eine
Fackel / in der rechten eine Opffer-Schüssel hielt / und vor sich eine Drommel
stehen hatte / auf das Altar gesetzt hatten; und solches nicht etwan als ein
Bild der Göttlichen Eigenschaften / sondern als einen wesentlichen GOtt
verehrten; ja aus iedem Geschöpffe schier einen absondern GOtt machten. Weil nun
diss den ersten Grund-Stein des Cimbrischen Glaubens / nehmlich die Einigkeit
Gottes über einen Hauffen zu werffen schien / und mir über diss einfiel: dass die
keuschen Frauen / welche schon einmal geheiratet hatten /wieder die Gewonheit
der Cimbern und Griechen zu Bedienung der Vesta unfähig sein sollten; hingegen
sie nach dreissig-jähriger Bedienung der Vesta sich des geweiheten Lebens gar
entbrechen möchten; übrigens aber die heiligen Jungfrauen bei allzu zartem /und
ihre Fähigkeit zu prüfen nicht fähigem Alter (in dem keine unter sechs noch über
zehen Jahr ihres Alters dazu kam) erkieset / und nicht nur / wenn sie kranck
wurden / sich aus dem Heiligtum begeben /sondern auch / ausser ihrem Beschluss
/ mit beiderlei Geschlechte Gemeinschaft haben / ja denen Fechtern und
Schauspielern zusehen; die Männer auch zwar darinnen nicht übernachten / aber
täglich aus- und eingehen dorfften / also ihre Keuschheit und Reinigkeit
mehrmahls nicht wenig befleckt ward / und als ein unnützer Aberglaube übrig
blieb: dass sie nur schneeweisse Kleider tragen / sich alles Blumwercks und
Balsams enteussern / ihnen auch die Haare abschneiden lassen mussten. Diesemnach
fieng ich an unser Priesterin über ein- und anderm meine Bedencken zu eröffnen /
und aus denen ältesten Büchern meinen Gegen-Satz zu behaupten. Welches eine
Weile zwar zwischen uns verborgen blieb; aber die von meinen Meinungen ziemlich
eingenommene Priesterin verschnapte sich gegen der Römischen Auffseherin Occia;
welche diese dem Kayser / als zugleich oberstem Priester nicht verschweigen
dorffte. Dieses bewegte ihn: dass er alsbald / ausser wenigen Sibyllinischen
Büchern / alle andere / und zwar derer über zweitausend zu aller unser
empfindlichem Leidwesen öffentlich verbrennen / jene aber noch darzu in zwei
güldene Schachteln verschlüssen / und in den Fuss des Palatinischen Apollo
verstecken liess. Wiewol nun die Römische Priesterin Occia dieses darmit
abzulehnen meinte: dass ein kluger Fürst die Glaubens-Zwistigkeiten in der ersten
Blüte dämpffen müste; weil hierinnen die Neuigkeit nichts minder die Gemüter /
als ein neuer Stern die Augen an sich lockte / aber auch verbländete; die denen
Jungfrauen enträumte Freiheit aber darmit entschuldigte: dass ein verborgenes
Licht nicht besser als die Finsternüs; und die Tugend / welche durch ihr
Beispiel bei andern keinen Nutzen schafft / ein besessener Schatz; nichts
weniger die Enteusserung der Laster aus Mangel der Gelegenheit zu sündigen keine
Tugend; diss aber die rechte Vollkommenheit wäre; wenn man mitten unter denen
wollüstigen Lockvögeln seine Ohren zu verstopffen; ja den Schwefel der Begierden
/ wie die mit gewissen Kräutern verwahrte Hände das glüende Eisen ohne
Beschädigung betasten könnte; so schien mir doch das erstere eine Erfindung der
eiversüchtigen Staats-Klugheit / und eine vorsätzliche Unterdrückung der
Wahrheit zu sein / welche keinem alten Irrtume aus dem Wege zu treten schuldig;
die andere Meinung aber war mir desshalben verwerflich: dass die Tugend in ihr
selbst ihren Preis besitze / und nicht von nöten habe offentlich zur Schaue
getragen zu werden / um den unwürdigen Zuruff des Pöfels zu erwerben. Und ob wohl
viel ihre Schätze für wenig achten / wenn nicht auch andere darum Wissenschaft
tragen; so wird doch noch weniger / ja nichts daraus / wenn man sich durch
derselben Feilbietung gar darum bringt. Insonderheit da die Keuschheit eine so
zarte Farbe /welcher auch die Lufft schadet / an sich hat / und ein so reiner
Spiegel ist: dass er von den blossen Augen derer / die eine garstige Seele haben
/ befleckt wird; also sie sich für der Besudelung eben so wenig hüten kann / als
es unmöglich ist bei angesteckter Lufft durch den Atem kein Gift an sich
ziehen. Welches denn durch die traurige Erfahrung wiederlegt ward /da in weniger
Zeit drei Vestalische Jungfrauen / und zwar von Leuten / die beim August höchst
am Brete ware / geschändet wurden; zu einer allspäten Warnigung: dass es mehr zu
als menschlich sei nicht sündigen / wo man gar wohl kann; gleich wie es mehr als
viehisch ist / den Vorsatz haben sich zu vergehen / wo gleich das Vermögen
ermangelt. Diesemnach es in alle Wege ratsamer / die besorglichen Laster zu
verhüten / als die begangenen zu straffen. Denn jenes ist nicht nur eine
Bewahrung der Tugend / sondern auch eine Hülffe der Schwachheit; dieses aber
macht der Verbrechen nicht weniger; denn auch eine gestraffte Bosheit öffnet
mehrmahls denen Ungearteten die Augen zu liederlicher Nachfolge; insonderheit
wenn das Laster etwas ungemein; oder die Gewalt des Ubeltäters dem gemeinen
Rechts-Zwange überlegen ist. Zumahl viel ihnen einbilden: dass ihre Grösse in der
Freiheit bosshaftig zu sein bestehe. Bei solcher Beschaffenheit kriegte ich /
sagte Tirchanis / ein Misstrauen gegen die gesamte Vestalische Versamlung /und
einen Eckel für Rom / zuletzt aber gar eine Abscheu; als Livie uns in die
Servilischen Gärte mit sich nahm / darinnen Tiberius dem Kayser zu Ehren
allerhand üppige Spiele mit Fürstellung hesslich-gebildeter Wald-Götter und
geiler Nymphen fürstellete; ja Livia in dem Tempel der Vesta / wenn andere am
andächtigsten waren / des Naso geile Liebes-Schrifften lass; und als ich
einsmahls solches wahrnehmende darüber einige Entsezzung mercken liess / nicht
nur lachte /sondern noch darzu folgenden heiligen Tag mir das von der Elephantis
gefertigte Schand-Buch zu lesen gab; über dessen bei der erstern Eröffnung mir
in die Augen fallenden Stellung ich so beschämt und verbittert ward; dass ich es
in das Vestalische Feuer warff; und hierdurch nicht alleine Liviens Gramschaft
auf mich lud / sondern alle Vestalische Jungfrauen wieder mich erregte / als
welche hierdurch ihr heiliges Feuer verunreiniget zu sein vermeinten. Diese /
oder vielmehr die hinter ihnen steckende Livia / brachte es so weit: dass die
sonst denen / welche das Feuer ausleschen liessen / ausgesetzte
Ruten-Züchtigung für mein Verbrechen für zu wenig erkeñt / und ich aus dem
Heiligtum gar verstossen / in des Mecenas Turm / wiewol mit höflicher
Bedienung / eingesperret ward. Daselbst erkühnete sich Livia mich noch ärger zu
versuchen / in dem sie nach vorher durch andere geschehenen Aufmutzung meines
Verbrechens /und darauf gesetzter schimpflichen Straffe / mir als eine Torheit
auslegte: dass ich durch einsame Einschlüssung meiner Jugend und Schönheit der
Natur selbst Gewalt angetan hätte; daher solche so übelen Ausschlag erlangete.
Also wäre der beste Rat durch die Liebe nichts minder die Natur / als den
Kayser zu vergnügen; mich aber von der Schuld und dem Gefängnisse ledig zu
machen; ja von mehrer Schmach und Pein zu befreien; nach dem die strengen
Gesätze meinem Verbrechen die Vergrabung in eine Höle / darinnen ich bei wenigem
Brodte / Oele und Lichte verschmachten müste / aussetzten. Ich erstarrte über
dieser unverschämten Kuplerin / in welcher die Ehrsucht nicht nur alle Funcken
der Tugend / sondern auch den Brand der Eyversucht ausgelescht hatte; gab ihr
aber eine solche Antwort: dass sie zum andern mahl mir derogleichen Vortrag zu
tun sich nicht erkühnte; sondern vielmehr glaubte: es würde ihr leichter fallen
dem Vestalischen Feuer die Krafft des Breñens zu benehme / als mein Hertze durch
schandbare Geilheit anzustecken. Livia / welche aus Aufputzung der Laster
gleichsam ein Handwerck machte / und / wie man nach der Kunst üppig sein sollte /
gewisse Richtschnuren an die Hand gab / wagte sich nach der Zeit gar nicht mich
ferner anzufechten; aber ich erlangte gleichwol nicht meine Freiheit. Inzwischen
erfuhr mein Bruder König Froto den Notstand meines Gefängnüsses; schickte also
an Augusten eine ansehnliche Botschaft / welche meine Befreiung in der Güte
abhandeln / oder mit Andräuung der Cimbrischen Waffen / für welchen Rom wohl ehe
sich erschüttert hätte / zu wege bringen sollte. August / welcher wohl verstand /
was die Cimbrische Macht / wenn selbte denen Cheruskern / Catten und Chautzen
beifiele /denen Römern für Abbruch tun könnte; hätte gerne mich der Hafft / sich
aber eines neuen Feindes erlediget; alleine die Geistligkeit / welche ohne ihre
absondere Vergnügung die Tirchanis nicht wollten unangefertigt lassen / und
welcher August sich so gerade entgegen zu setzen Bedencken trug / machte meine
Lossgebung überaus schwer. Zuletzt schlug der Kayser zu einem Lösegelde den
vergüldeten Tiegel für; welchen die Cimbern aus denen zusammen geschmeltzten
Römischen Waffen / als von ihnen der Bürgermeister Cäpio und Manlius auffs Haupt
erlegt worden / gegossen / und als ein ewiges Merckmahl des Sieges nach Hause
geschickt hatten / an sich selbst aber ein Kessel war / welcher über zwantzig
Eymer hielt. Alleine mein Bruder weigerte sich beständig dieses herrliche
Merckmahl der Cimbrischen Tapfferkeit ausfolgen zu lassen; sonderlich / weil die
Cimbrischen Priester der abgeschlachteten Gefangenen Blut darein aufzufangen
pflegten / und also diesen Tiegel nicht allein als ein bereits Gott gewiedmetes
Gefässe für unenteusserlich / sondern auch so gar für ein Schutz-Bild des
Cimbrischen Reiches / und für so heilig wie den grossen Scytischen Kessel von
sechshundert Eymern hielten / den ihr König Arimantes aus so viel Pfeilen /als
ihm Kriegs-Leute folgten / zusammen geschmeltzt / und am Flusse Hippanis zum
Göttlichen Beschirmungs-Zeichen eingeweiht hatte. Worbei sie denn scheinbar
anführten: dass August durch diss Anmuten nicht so wohl der Römer Schande
abzuwischen / als die Cimbern der Göttlichen Beschirmung zu berauben anzielten.
Sintemahl die Römer auff solche Schutz-Bilder so gar biss zum Aberglauben grosse
Türme bauten. Dahero sie auch von dem in dem innersten Heiligtum der Vesta
verwahrten Pallas-Bilde / welches in der rechten Hand einen Spiess / in der
andern einen Rocken hatte / vom Himmel gefallen sein / und das Dardanus nach
Troja / Eneas aber in Italien gebracht haben soll / glaubten: dass solches von
niemanden / ausser denen Vestalischen Jungfrauen / ohne Beschädigung gesehen
werden könnte / und desshalben in einem Fasse verdeckt gehalten würde. Sintemahl
der oberste Priester Metellus / als er selbtes aus dem Brande gerettet hätte /
nicht so wohl von der ihn versehrenden Flamme / als dem Ansehen dieses
Schirm-Bildes sein Gesichte verloren; und wegen seiner geheimen Krafft das
Römische Reich / so lange es zu Rom behalten blieben / keines Untergangs sich zu
besorgen hätte. Bei solcher Beschaffenheit würde er bei Entfremdung dieses
Siegels nicht verantwortlicher tun / als die geile Scylla / die ihrem Vater
sein geweihtes Haar / mit welchem sein Reich zugleich unversehrlich bleiben
sollte / abschnitt / und seinem Feinde einliefferte / um nur seine Hold zu
erwerben. Die Priesterin Alironia aber war so aufrichtig: dass sie meinem Bruder
den von solchem Schutz-Tiegel eingebildeten Aberglauben ausredete / und
behauptete: es wären alles diss / was von derogleichen Schirmbildern geglaubt
würde / blosse Getichte / und Larven / darmit man den alberen Pöfel blendete.
Denn wer könnte glauben: dass die unaufhaltbare Gewalt des Verhängnisses sich an
einen Stein / oder Stücke Ertzt / das der Bildhauer nach seiner Willkühr
ausgeetzt hat /und der Gewalt des Feuers / der Verzehrung der Lufft / der
Abnützung des Wassers unterworffen ist / angebunden / und sich gleichsam zu
einem Sclaven / welcher ein Klotz an dem Fusse geschlept / gemacht haben sollte.
Da aber auch diesem Bilde eine solche geheime Krafft eingepflantzt wäre; würden
die Römer solches eben so wohl den Cimbern / als Diomedes das Pallas-Bild dem
Eneas wieder zu geben / durch das Verhängnüs gezwungen werden. Denn dessen Lauff
wäre so wenig durch irrdische Zufälle; als der Gestirne durch törichte
Beschwerungen; wie ihnen die wahnsinnigen zuweilen träumen liessen /
aufzuhalten. Wiewol nun einige rieten: dass König Froto nach dem selbsteigenen
Beispiele der Römer / welche nach dem Schilde (der zu des Königs Numa Zeiten vom
Himmel gefallen sein sollte) viel andere machen liessen / einen andern
nachgegossenen Tiegel nach Rom schicken möchte / so weigerte er doch diesen
Einschlag beständig / meldende: dass einem Fürsten so wenig der Betrug / als der
Sonne eine Larve anständig wäre. Wormit er aber durch diss kostbare Lösegeld für
mich seine geliebte Schwester nicht etwas von dem Cimbrischen Ansehen vergeben
möchte / brachte er es durch Unterhandlung so weit: dass der Kayser hingegen den
vom Marius wegen überwundener Cimbern aufgerichteten Siegs-Bogen einreissen /
die aufgehenckten Waffen dem Froto zurück geben; und aus denen Marmelsteinen
eine Brücke über den Fluss Nar bauen liess. Auf diese Art bin ich dem Römischen
Gefängnisse entkommen; und nehme nun auf diesem Schiffe meinen Rückweg in mein
geliebtes Vaterland; mit der unveränderlichen Entschlüssung: dass ich daselbst
mich auf mein Lebetage zu dem Alironischen Frauenzimmer einsperren wolle.
    Diese treuhertzige Erzehlung der Tirchanis / sagte Asblaste / vergnügte mich
nicht allein über die massen / sondern sie erweckte in mir nichts minder eine
sonderbare Ehrerbietung / als eine hertzliche Zuneigung zu einer so
tugendhaften Fürstin; also: dass ich für ihr das minste meiner Begebnüsse zu
verbergen für ein unverantwortliches Misstrauen hielt / und hierdurch ihre
vollkommene Gewogenheit erwarb. Wiewol wir nun auf dieser Reise / wegen des
mehrmahls wiedrigen Windes / der uns zu Gades drei Wochen aufhielt / und wegen
öffteren Sturmes / der uns so gar auf das Eyland Tule trieb / auf dem unser
Schiff verfror / acht Monat zubrachten; verkürtzte mir doch der Königin
Tirchanis Anmut die Zeit / und versüssete mir alle Verdriesslichkeiten. Endlich
kamen wir an dem Cimbrischen Vorgebürge an / und wurden vom Könige Froto /
nebst dem Römischen Gesandten Lucius Arnutius / welcher vom Kayser kostbare
Geschencke überbrachte / um selbten von denen andern Deutschen abzuziehen /
auffs freundlichste angenommen; mir auch / als er meinen Stand vernahm / alle
Fürstliche Bedienung verschaffet. Sintemahl das Cheruskische und Cimbrische Haus
vielfältig durch Heiraten und andere Bündnisse an einander verknüpfft war.
Wiewol ich nun nach meinem Segimer hertzlich seuffzete / wollte mich doch König
Froto nicht von sich lassen; in dem es dazumahl in Deutschland / besonders in
dem Chauzischen und Cheruskischen Gebiete bund über Ecke ging. Gleichwol liess
er den Feld-Herrn Segimern durch den Ritter Buchwald wissen: dass ich bei ihm mit
seiner Schwester glücklich ankommen wäre. Dieser mein Eh-Herr drückte in einem
Schreiben seine übermässige Freude über meine Erlösung und seine Begierde mich zu
sehen auffs beweglichste aus; iedoch wiederriet er selbst meine Anheimkunft.
Nach dem ich nun drei Monat nach unserer Umarmung geseuffzet hatte / kriegte ich
die traurige Nachricht: dass Segimer durch Römisches Gift sein Leben;
Deutschland aber an ihm den Beschirmer seiner Freiheit eingebüst hätte. Dieses
war ein solcher Donnerschlag in meiner Seele; welcher mein ganzes Wesen
einzuäschern vermocht hätte / wenn ich nicht von dem Unglücke geraume Zeit wäre
abgehärtet / und von der Tirchanis / welche sich nun in das Alironische
Heiligtum eingeschlossen hatte / zu grossmütiger Gedult aufgemuntert worden.
Denn ob zwar einige in dem Wahn stecken: dass wie die Biene an niedrigem
Rosen-Gepüsche und an denen sich zur Erde bückenden Blumen erquickte / aus
diesen ihre Seele / und den reinen Geist des Gestirnes / nehmlich den süssen
Tau saugte / und die Spitzen der Cedern den Adlern und andern Raub-Vögeln
einräumte; also die Liebe vollkommener in den Schäfer-Hütten / als in
Königlichen Schlössern befindlich / und die Hoheit der Fürsten für sie allzu
aufgeblasen wäre; So weiss ich doch gewiss: dass die Vereinbarung des Hertzens mit
des Segimers / als worinnen alleine das eigentliche Wesen und die Süssigkeit der
Liebe bestehet; ein so festes Verbindnüs / als iemahls ein menschliches Hertze
zu beschlüssen fähig ist / gewesen sei; und dass der Tod diese Kette in mir zu
zergliedern niemahls vermocht habe; in dem ich / wenn es möglich wäre / seine
Seele eben so in einen andern Leib zu güssen / als sich das Bild eines geliebten
Leibes in die Taffel unsers Gemütes eingepreget / auch noch die erblaste Leiche
meines Segimers zu beseelen / und mich in sein Grab zu verscharren begierig
wäre. Wie ich denn auch keine Ursache finde / oder begreiffen kann; warum diese
mächtige Gemüts-Regung / welche aller Grösse der Welt überlegen ist / sich
nicht auch des Glücks bemeistern / und die Hertzen der Herrschenden
vollkommentlich zu besitzen mächtig sein sollte? Dieser meiner Betrübnüs folgte
auf dem Fusse ein den König Froto auffs eusserste bestürtzender Zufall; in dem
seine Gemahlin / welcher Königlichen Uhrsprung ich billich verschweige / mit
einem der fürnehmsten Cimbrischen Fürsten im Ehbruche begrieffen ward. Je
ungemeiner nun dieses Laster bei den Deutschen ist / und ie mehr Froto sie
geliebt hatte; ie heftiger war seine Verbitterung; als welche in einem
Augenblicke die Geister seiner so heissen Liebe ersteckte. Denn die Rache der
Beleidigten hat eine viel heftigere Regung / als die Liebe; nach dem das
Geblüte in den Puls-Adern viel tätiger / als in andern ist. Daher er sie den
Richtern / sie nach der Schärffe ihres Rechtes anzusehen übergab; welche sie
auch beide verdammten; den Fürsten zwar: dass ein Stein ihm an Hals gehenckt /
und er ins Meer gestürtzt; der Königin aber die Haare abgeschnitten / und aus
dem Lande gepeitscht werden sollte. Der Tag war schon zu Ausübung des Urtels
bestimmt / als ein Fennisches Weib für dem Richter-Stule erschien; und dass diese
zwei Unschuldigen nicht mit so grausamer Straffe belegt werden möchte /
fussfällig anhielt. Die Richter fragten: aus was für Grunde ein Ehbruch
verteidigt /und die / welche ihr Laster selbst zugestünden / für unschuldig
erkennt werden möchten? In alle Wege antwortete diese Feñin / wo nicht der
willkührliche Vorsatz / sondern ein unvermeidlicher Notzwang der Uhrheber des
Verbrechens wäre. Denn die Not gäbe das grausamste Gesetze unter allen ab / und
züge nach sich eine Botmässigkeit; welche alle andere Gesetze zermalmete / und
alle Gerechtigkeit in Unrecht verkehrte. Die Richter forschten ferner von ihr:
Was für eine Not denen Ehbrechern ihre Missetat aufgehalset hätte? Diese meine
Zauber-Gärte / antwortete sie; welche nicht nur die Hertzen / sondern den
Schnee und das Eyss der eussersten Nord-Spitze entzünden kann. Die Richter
erschracken für so frechem Bekäntnüsse; und wussten nicht: Ob sie diss Weib für
wahnsinnig; oder ihre Rede für wahrhaft halten sollten; fragten aber: wie sie
ihre Zauberei bewerckstelligt; und was sie hierzu bewegt hätte? Sie zohe hierauf
zwei Wachsbilder heraus; derer das eine der Königin; das andere dem Cimbrischen
Fürsten ganz gleich sah. Diese / sagte sie / habe ich durch gewisse Kräuter
und meine Kunst derogestalt zubereitet: dass wenn ich selbte mit meinem Schwefel
überziehe /selbte brennend mache / und gewisse Segen darzu spreche / alle
Einflüsse der Gestirne / alle Regungen der Keuschheit viel zu ohnmächtig sind
die von mir in ihren Seelen entzündete Brunst / welche mit ihrem auffsteigenden
Rauche alle Vernunft zu Bodem schlägt / zu dämpffen. Diese meine Hand würcket
auch in den Häuptern der Weisen: dass sie das hesslichste Laster für einen Ausbund
der Tugend annehmen; sie erleuchtet mit der Finsternüs des Abgrunds die Unzucht:
dass sie wie der des Nachts leuchtende Wurm für ein himmlisches Licht angesehen
wird. Massen diese Zauberin denn auch alsofort solches bewerckstelligte / und zu
wege brachte: dass die auf der Seite stehende Verdammten / welche vorher ganz
ausser sich / und als todte Marmel-Bilder unbewegt gestanden / auf einander wie
ein Blitz zurennten / und einander umhalseten. Die Richter alle erzitterten über
dieser Zauberei; sie aber fuhr fort und sagte: Wisset aber auch die Ursache
dieses meines Beginnes; und dass diese Liebes-Flamme aus dem feurigen Rachen der
Rache angezündet worden sei. Denn nach dem Froto in dem Kriege wieder die
Slaven meinen Bräutigam den Fürsten des Eylandes Latris gefangen bekommen /
selbten aber tödten lassen / und mich also meiner Liebe beraubet / habe ich
durch keine andere Vergeltung mich zu sättigen gewüst / als dass ich ihm seine
tugendhafte Gemahlin / als den Zweck seiner einigen Vergnügung / hinweg nähme.
Ich habe meiner Fürstlichen Würde mich enteussert; ich bin ein Lehrling der
allerschlimsten Zauberin worden; ich habe durch verborgene Ungedult mir mein
Hertz abgenaget / nur die Süssigkeit der Rache zu genüssen. Ja / weil ich wohl
gewüst: dass dräuende sich vergnügen ihre Zunge an statt des Rach-Schwerdts zu
gebrauchen /und der durch den Mund an ausrauchende Zorn die Glieder kraftlos
lasse / die Beleidigung mit Worten auch eine fruchtlose Bosheit / in der Tat
aber sich rächen eine Helden-Eigenschaft sei / habe ich schon zehen Jahr bei
den Cimbern als eine Dienst-Magd zubracht / nur dass ich der Königin und dieses
Fürsten Haar / als den Werckzeug meiner Zauberei / zur Rache erlangte; welche
mir biss auff diese Stunde kein Mensch angemerckt hat / nimmermehr auch würde
ergründet haben / weñ ich zugleich die Barmhertzigkeit gegen die Tugend
ausgezogen; oder nicht für rühmlicher geachtet hätte den mir bevorstehenden
schmählichsten Tod zu leiden / als der durch mich verleiteten Unschuld zu Grabe
zu leuchten. Die Richter erstarrten über diesem freimütigem Bekäntnüsse /
liessen die Zauberin feste machen / und brachten diese Begebnüsse dem König
Froto umständlich bei. Alleine dieser hielt des Fennischen Weibes Beginnen für
ein Spiegelfechten / oder eine angestellte Sache; nach dem die Zauberei über die
der Göttlichen Herrschaft unterworffene Seelen / die Zeichen und Segnungen über
das Wesen und die Neigung der Menschen keine Gewalt hätten. Die Liebe würde
entweder durch eine Göttliche Regung unmittelbar im Hertzen / oder durch eine
kluge Wahl im Haupte gezeugte; also: dass weder die Zauberei noch die Hölle
selbst / als die Mutter der Zerrüttung / welche beide mit unauflösslichen Ketten
in den Abgrund eingekerckert wären / solche zu gebehren vermöchte. Die Liebe
hätte so gar aus den Sternen als ein himlischer Balsam ihren Uhrsprung; ihr
Geist wäre rein / ihre Bewegung unverwirret; Die Zauberei aber eine Mutter der
Rasenden und Mondsüchtigen. Diesemnach denn / da in einem Dinge / gewiss in
Zauberei der Unglaube für die Spann-Ader menschlicher Klugheit sein müste. Die
Richter hingegen stellten dem Könige Froto beweglich vor Augen: Die Flamme
keuscher Liebe wäre freilich wohl ein zu schönes Kind für die Zauberei /welche
als eine Tochter der Hölle nichts als Mohren gebähren könnte. Die bösen Geister
vermöchten eben so wenig der Seele eine so reine Regung / als die aus Schacht
und Tälern aufsteigenden Nebel der Welt ein Licht anzuzünden; weniger könten so
grausame Gespenster einen so holden Engel / als die Liebe wäre / gebähren; Die
Unholden wären viel zu ohnmächtig ihre von dem Abgrunde ausgespeite Kohlen in
ein Gestirne / und ihren gifftigen Tugend-Hass in das Ebenbild der unbefleckten
Zuneigung verwandeln. Alleine die Missgeburt der Unzucht wäre allerdinges ein
Brut der Höllischen Unholden; und ob zwar Cirze aus den Menschen keine reine
Schwanen / keine unbefleckte Fenixe oder Adler zu machen gewüst; hätte sie doch
Ulyssens Geferten in Schweine / Wölffe und Hunde verwandelt. Diese Neigung wäre
der Kern des gifftigsten Hasses / und eine rechte Nattern-Buhlschaft / die mit
ihrer Umarmung mehr / als Tiger und hauende Schweine mit ihren Klauen und Zähnen
zerfleischte / und mit ihren Liebes-Blicken grimmiger /als Basilisken tödtete.
Diese verteuffelte Wissenschaft gebrauchte sich nicht nur seltzamer Kräuter
/die den Verstand in Wahnwitz / das Geblüte in eine lodernde Glut verkehrten; ja
nicht selten durch solche Liebes-Artzneien den Menschen gar das Licht
ausleschten / wie Lucilia ihren eigenen Ehmann Lucretz /Callistenes den
Lucullus hierdurch aufgerieben; sondern sie übte auch durch Zeichen und fremde
Worte zweiffelsfrei mit Zutat eines Höllischen Geistes solche Greuel aus / für
welchen die Vernunft erstarren /und der Himmel verschwartzen müste; wie sie an
dieser Zauberin mit Augen gesehen; und die Persische Kriegs-Flotte für Zeiten
vom Nectabis erschrecklich erfahren hätte. Ja die Zauberin selbst erbot sich
durch grössere Wunder die Warheit ihres bekennten Lasters zu erhärten. Sie
wunderte sich: dass man die so viel tausend mahl bewehrte Kräfften der Zauberei
in Zweiffel züge; Da man doch zu Bysantz eine Ertztene Schlange / und in
Tripolis einen mit Scorpionen bezeichneten Stein allen gifftigen Tieren in
selbige Städte / des Hercules Bild in die Häuser schädlichen Dingen den Eingang
verwehren sehe. Da doch gewisse Wurtzeln Gemsen und Hirsche feste machten
/etliche Kräuter oder Worte Drachen einschläfften /und Schlangen zerteilten /
gewisse Steine Nester der Vögel für allem Ungeziefer versicherten. Nun aber wäre
ja der Mensch ein Begrieff der ganzen Welt. Wie sollte er denn nicht mehr Kräfte
in sich haben als etliche Kräuter und Steine / oder gar als die gegen ihm
unedlen Gestirne? Daher sie allzuwol wüste / und überflüssig bezeugen könnte: dass
alle Geschöpffe einer wohl aufgeräumten Seele gehorsamen müsten. Hierdurch /
sagte die Hertzogin Asblaste / ward endlich König Froto bewegt: dass er sein
Gemüte besänftigte; und / als die Zauberin bei der ihr zuerkennten Verbrennung
auf ihrem Bekäntnüsse standhaft verharrete / gab er nach: dass dieser Cimbrische
Fürst die Königin nicht nur heiraten / sondern sie auch in seinem Gebiete die
erblichen Güter ruhig besitzen möchten. Die Beruhigung dieser Schuldigen /die
ihre so übel angefangene Liebe durch ein tugendhaftes Leben verbesserten / zohe
die Unruh der Unschuld nach sich; weil König Froto / ich weiss nicht aus was für
Triebe / ein Auge auf mich warff; und mich zur Eh verlangte. Allein ich hatte
mich schon zu der Tirchanis in das Alironische Heiligtum verlobet; welches ein
mit hohen Mauern verschlossenes Gebäue an dem Strande der Nord-See war; darein
ausser den König kein Mann niemahls / auch kein Weibs-Bild ohne Vorbewust der
obersten Priesterin / die alle Schlüssel selbst verwahrte / setzen darff.
Gleichwol werden hierein auch die / welche gleich einmal verehlicht gewest /
angenommen; und die / welche ihr Leben darinnen nicht zu beschlüssen vermeinen /
werden wieder Willen nicht darein eingekerckert. Wiewol die Ausziehenden die
Helffte ihres Vermögens / welches sonst gar dem Heiligtum zuwächst / zurück
lassen müssen. Ihre Tracht ist durchgehends / wie ihr sie an mir sehet; ihre
Speise auskommentlich / aber sonder Uberfluss; welcher aber niemand genüssen
darff / ehe er seines Tuns / und was er selbigen Tag gutes begrieffen /
Rechenschaft gegeben habe; wiewol anfangs ein Jahr lang die Neukömmlinge mit
einem strengen Stillschweigen beschrenckt sind. Ausser dem wird unter Adel und
Unadel in dieser Versamlung kein Unterscheid gemacht / noch ein Vorzug
beobachtet. Denn weil alle sich für Mägde Gottes erkennen; und alle ihr Tun
nach den Gesetzen der Natur einrichten / machen sie auf den Stand / als eine
Erfindung des Bürgerlichen Lebens / kein Absehen; und gehorsamen mehrmahls
Fürstinnen eines Gärtners Tochter; wormit sie sich dem Himmel ähnlich machen /
der sein Saphirenes Antlitz eben so schön daselbst entdecket / wo er nur Sand
und Disteln / als wo er Gold und Edelgesteine zeuget; oder der Soñe / welche
nichts minder die in der Milch-Strasse verborgenen /als denen berühmten
Irrsternen ihr Licht mitteilet. Ihre Weissheit ist / wie das Gebäue / in drei
Teile unterschieden; dem ersten drei / dem andern fünff Jahre / dem letztern
die übrige ganze Lebensfrist zugeeignet. Worinnen sie von der Art der
Vestalischen Jungfrauen zu Rom abweiche / welche zehn Jahr lernen / zehn Jahr
opffern / zehn Jahr lehren / und hernach ihres Gelübdes los sind. Im erstern
Teile werden nur die Geheimnisse der Natur gelehret / iedoch zu keinem andern
Ende / als die Wahrheit eines Göttlichen Wesens / und seine allerweiseste
Fürsehung /als den Grundstein aller Weissheiten daraus zu begreiffen. Alldieweil
sie ihr Unvermögen willig gestehen: dass sie noch weniger Gott in ihm selbst
durch ihre blinde Vernunft / als das Wesen der Sonne in derselben gerader
Anschauung mit den blöden Augen / welche bei übrigem Lichte weniger als bei
keinem sehen / erkennen; am allermeisten aber die Weissheit Gottes in den engen
Kreis unsers Hauptes einschrencken können. Diesemnach sie denn / wie ich den
ersten Tag aus ihrem Unterrichte erlernet habe / festiglich glauben: dass die
ganze Welt in GOtt / und GOtt in der Welt / ja wie die Seele in dem Teile
befindlich /alles ihm / und er allem gegenwärtig / seinem Leibe nach nirgends
an- seinem unbegreifflichen Wesen nach nirgends abwesend / und um ihn etlicher
massen zu erkennen / nicht nur die Welt sein Buch / die Sonne sein Spiegel / der
Mensch sein Ebenbild; sondern auch unwiedersprechlich sei: dass keine Ameisse oder
Schnecke auf der Erde krieche / welche nicht eben so wohl als der ungeheure
Wallfisch / kein Ysop an der Wand wachse / der nicht sowie die Ceder / ja keine
verächtliche Fledermauss und kein Käfer herum schwerme / der nichts minder / als
Strausse und Paradiess-Vögel ein solches Bild sei / darinnen man ein gewisses
Kennzeichen / und gleichsam im Staube die Fussstapfen eines obersten Herrschers
und Erhalters zwar nicht in seinem Verstande begrieffe; aber doch durch
Verwunderung / welche allein der check-Stab aller unbegreiflicher Dinge ist /
wahrnähme. Ja die täglich abwechselnde Finsternüs sei ein helles Licht und
Merckmahl des zwar unsichtbaren / aber sich in Geschöpffen / und so gar an
Spinnen-Weben und Schnecken-Häusern offenbarenden Gottes; welcher erstern Gewebe
so künstlich ist: dass die Natur denen Spinnen hierzu sechs biss acht Augen hat
geben müssen; die letzteren aber eine solche Baukunst in sich haben: dass sie
aller Werckmeister Erfind- und Abteilungen übertreffen. Die Raupen wären ein
Wunderwerck der Augen / die Bienen des Geschmacks /die Nachtigal des Gehöres /
Ambra des Geruches / die Spinne des Fühlens / die Ameisse der Klugheit; alle aber
Beweisstümer einer unbegreiflichen Gotteit. Also hätte ihm Heraclitus ganz
falsch eingebildet /dass sich Gott mit Fleiss zu verstecken suchte. Wie denn er in
sich selbst seine unausmässliche Wohnung /und weder den Himmel zu seinem Stule /
noch die Erde zu seinem Fussschemmel gedürfft; sondern die Welt alleine zu seinem
Erkäntnüsse geschaffen / hierzu aber nichts / als den Saamen seines einigen
Befehl-Wortes gebraucht / und unter so unzehlbar-wiedrigen Dingen eine
wunderwürdige Ubereinstimmung gemacht hätte: dass die Welt die vollkommenste
Harffe genennt zu werden verdiente. Seine Ewigkeit bildete er in denen
irrdischen Gewächsen für; welche unbeschadet ihrer Vergängligkeit / dennoch
durch derselben Fortpflantzung sich verewigten. Seine Grösse durch das kleinste
Gesäme / in dem in einer einigen Eichel das ganze Wesen einer Eiche / einer
Himmel-hohen Ceder / in einem kaum sichtbaren Körnlein /die Krafft des süssen
Weinstocks / und in einem schlechten Kerne die Pracht der Granatäpffel-Bäume /
derer Blüte niemahls ohne Purper / die Frucht niemahls ohne Krone wäre; in einer
ungestalten Zwiebel die alle andere Schönheit beschämenden Blumen / für denen
alle Farben und Mahlwercke erblasten / ungeachtet sie verborgen steckten / ihrer
Feuchtigkeit halber in einem Tage zugleich neugebohrne Kinder und alte Weiber
wären. Die unaufhörliche Bewegung der Gestirne stellte seine niemahls ruhende
Würckung; des Meeres vergebliche Bemühung sich über seine Gräntzen zu ergiessen
/ seine allmächtige Herrschaft; welcher auch die tauben Wellen / und die
blinden Winde gehorsamen müssen; Die Sonne seine unerschöpfliche Freigebigkeit
durch die Abwechselung der Jahres-Zeiten / des Tages und der Nacht / als der
zwei so ungleichen Zwillinge der Zeit das Reichtum seiner woltätigen Güte; Das
allen Dingen / ja denen wächsernen Bienhäusern zugeeignete und wolanständige
Maass seine überschwengliche Weissheit / allen /welche nur nicht blind zu sein
sich bemühen / für Augen; als welche an der Runde eines Apffels und Auges keine
geringere Kunst / als an der eben so gedrechselten Welt und Sonne; an der
ordentlichen Abteil- und unvergleichlichen Färbung der Muscheln /derer
eusserliche Schale so wundersam / als des Zimmet-Baumes ist / an dem Mahlwercke
des Pfauen-Schwantzes / des Tauben-Halfes / und der Papegoyen-Flügel kein
schlechter Wunder / als an der Ausspannung des mit so viel Golde durchstückten
Himmels /an Stellung der niemahls fehlenden Sonnen-Uhr / an Ausmässung der
Regen-Bogen beweiset; und erhärtet: dass er in denen kleinsten Dingen nicht
kleiner / als in den Grossen / ja / wenn man es durch das Vergrösserungs-Glas
klugen Nachdenckens eigentlich betrachtet / noch grösser sei. Sintemahl in
Wahrheit die Zusammendringung aller Sinnen in dem kaum sichtbaren Leibe der so
spitzige und gleichwol zum Blutsaugen ausgehölete Stachel einer Mücke / die
Geschwindigkeit einer Flüge / und das Gemächte einer Biene / das Nest einer
Wiedehopffe mehr Wunders / als der Lauff eines Krocodils / die Stärcke eines
Elefanten / und die Bemühung eines Kamels / ja der beseelte Käfer etwas edlers
als die alles beseelende aber unbeseelte Sonne in sich hat.
    So viel hatte ich nur begrieffen / und bei mir hernach wohl no comma?
überleget; als König Froto in unser Heiligtum kam / und mir seinen Vorsatz
mich zu ehlichen vortrug; alleine der Vorschmack dieser heiligen Weissheit hatte
mich bereit mit einer solchen Süssigkeit überschüttet: dass mir alle andere
Vergnügungen wie bittere Wermut schmeckte. Sie zohe mein Gemüte kräfftiger als
der mitternächtige Angel-Stern die Magnet-Nadel an sich; also: dass es sich auch
die Sonne Königlicher Würden nicht auf die Seite ziehen liess. Diesemnach ich
denn sein Begehren darmit ablehnete: dass in Deutschland eine Frau ohne eusserste
Schande nicht zum andern mahl heiraten könnte. Sintemahl eine keusche Seele
nicht so wohl den Ehstand / als den Ehmann lieb gewinnen könnte. Froto aber
setzte mir entgegen: dass diss Gesetze nicht nur dem Rechte fast aller Völcker /
sondern auch den Sitten der meisten Deutschen wiederstrebte. Insonderheit aber
hätten die Cimbern diese raue Gewonheit der Heruler nie gebilliget / weil sie
der Natur selbst Gewalt antäte. Alle Dinge weltzten sich gleichsam wie ein Rad
herum / und wechselten nicht nur die Jahrs-Zeiten / sondern auch die Sitten nach
einander ab. Den deutschen Fürsten wäre unverwehret / nach des Ariovistens
Beispiele auff einmal zwei Weiber zu haben; wie möchte sie ihr denn selbst
diesen grausamen Zwang aufhalsen / nach ihres Ehherrns mit dem Tode erloschener
Liebe ihre Seele einer neuen Flamme abzustehlen? Als nun meine Entschuldigung
nicht verfieng; schüttete ich mein iñerstes Hertze gegen ihm aus: dass ich ausser
der Betrachtung Gottes / nirgends keine Ruhe meines durch so viel Unglücks-Fälle
zu Bodem gedrückten / auch zu keinen irrdischen Erquickungen mehr tauglichen
Gemütes findete / also mit derselben Störung mich unglücklich / ihn unvergnügt
machen würde. Alleine der / ich weiss nicht / aus was für einem Triebe / mir
allzuwol zugetane König Froto bemühete sich mich durch allerhand Liebkosungen
zu gewinnen / mir einhaltende: dass die Natur mich viel zu zart für eine so
strenge Lebens-Art geschaffen hätte; und dass / wenn ich als eine treue
Landes-Mutter denen Untertanen fürstünde /GOtt ein so angenehmer Dienst / als
durch ein erwehltes Priestertum geleistet würde. Die Natur hätte den Menschen
zur Gemeinschaft; insonderheit aber das Frauenzimer zu Fortpflantzung beider
Geschlechts / das Verhängnüs Fürsten zu Beherrschung der Völcker / und Ausübung
anderer Tugenden / dardurch sie nichts minder / als durch tieffsinniges
Nachdencken die Gewogenheit des Himmels erlangten; andere aber / und fürnehmlich
das mäñliche Geschlechte zu Ubung der Weissheit und Beobachtung des
Gottesdienstes erkieset; wiewol die Andacht auch mit der Hoheit / der Ehstand
mit dem Gottesdienste / ja gar mit dem Priestertume eine Verträgligkeit / und
keine gäntzliche Enteusserung der Welt / oder eine so strenge Lebens-art von
nöten hätten. Die denen Fürsten gleichsam eigentümliche Grossmütigkeit
vermöchte über Glück und Tod zu gebieten. Mir fielen über dieser zwar
vernünftigen Zusetzung für Wehmut die Tränen aus den Augen. Die oberste
Priesterin aber nahm sich mein an; und setzte dem Könige entgegen: Die Andacht
wäre eine Vermählung der Seele mit GOtt / und eine Vergötterung der Menschen.
Warum sollte sie deñ Fürsten verschmählich / oder denen zarten zu rau sein? Adler
/ keine Kefer wären dem Jupiter gewiedmet. Der Weirauch / nicht geringes
Baumharzt würde bei den Opfern angezündet. Weñ Helfenbein und Alabaster unter
die Hand des Bildhauers /das zärteste Ertzt das Gold in den Guss des Künstlers
/das weiche Gespinste des Seiden-Wurmes auf die Werffte des Webers käme / würde
das vollkomenste Gemächte daraus; warum sollten nur raue Felsen zu heiligen
Bildern ausgehauen werden; oder ein zartes Geschöpffe nicht den Zwang unser
Gesetze / wie der Marmel die Feile / und das Gold die Glut ausstehen? was die
wenigsten Hülsen eines irrdischen Talgs an sich hätte / wäre desto geschickter
zu denen Durchwürckungen des Geistes. Dieser selbst hätte nicht seinen Sitz in
den harten Knochen / noch in denen starrenden Spann-Adern; sondern in dem
weichsten und zärtesten Teile des Menschen / nehmlich in dem Gehirne. Andere
Tugenden verdienten zwar ihren Preis; und die / welche Fürsten machten /hätten
einen grössern Glantz / als die Gottesfurcht; aber alle wären ohne diese eine
Bländung / ohne Geist und Bestand; die Tapfferkeit ohne Andacht ein hitziger
Trieb eines grimmigen Tieres / die Klugheit ein verführerisches Irrlicht / die
Anmut halb Mensch und halb Schlange. Die Gottesfurcht wäre die Zunge in der
Wage der Gerechtigkeit / sie hielte der Grossmütigkeit den Rücken: dass sie weder
die sanften Lüffte des Glückes zu hoch empor hübe / noch das Elend zu Bodem
trete; Sie schwinge die Seele so hoch: dass sie ihres mit dem Leibe und seinen
fleischlichen Reitzungen gepflogenen Bündnüsses vergässe; Die ansehnlichste
Würckung aber hätte sie wieder den Tod / den alle Klugheit und Tugend selten für
den Auflöser der irrdischen Banden / sondern ins gemein für den Scheusal alles
lebenden / für das Schrecken der Natur / und die Abscheu der Hertzhaftigkeit /
die Andacht aber alleine für einen Pförtner des Himmels anschaute. Denn sie
lehrte bei dem Antritte der unendlichen Ewigkeit: dass der Zirckel der Zeit in
vergänglichen Augenblicken bestünde; und das längste Leben nach der Spanne
auszumessen / die wahrhafte Ruhe und Lust der Seele aber erst nach Ablegung der
Sterbligkeit zu finden wäre. Die Gottesfurcht wäre endlich die von dem Himmel
henckende Kette; die ein Reich so befestigte: dass alle Kräfften der Welt es
nicht versehren könten. Diesemnach möchte der König versichert leben: dass der
Fürstin Asblaste Vermählung ihm zwar einige Vergnügung / ihre Andacht aber dem
Cimbrischen Reiche eine beständige Schutz-Seule abgeben würde; für welch
letzteres er als ein Fürst und Werckzeug Gottes / durch welchen seine erste
Bewegungs-Krafft ein ziemlich Stücke der Welt bewegte / mehr als für sich selbst
Sorge zu tragen hätte. Diese Zuredung hatte in des Königs Froto Gemüte einen
solchen Nachdruck: dass er sich erklärte meine heilige Einsamkeit nicht mehr zu
stören; noch der Wolfart seines Reiches einigen Abbruch zu tun. Seine
Schwester Tirchanis aber war mit ihm noch nicht allerdinges / wie ich /
vergnüget; sondern hielt ihr für unverantwortlich / dem weiblichen Geschlechte
für nachteilig: dass er die Weissheit nicht für sie so wohl / als für die Männer
gewiedmet zu sein meinte. Sie bescheidete sich wohl: dass diese für ihnen mehr
Stärcke und weniger Feuchtigkeit von der Natur bekommen hätte; aber die
männlichen Seelen hätten für den weiblichen keinen Vorzug. Diese allein / als
der Sitz des Nachsinnens und der Tugend / hätten eigentlich nur mit der Weissheit
zu schaffen. Jene wären nicht mit mehrerm Geiste geflügelt; diesen klebte nicht
mehr Erde und Schlacke an; beide rührten von einem Uhrsprung her. Ihre
Feuchtigkeit hinderte ihr Geschlechte an nichts / ja sie wäre als ein denen
Wissenschaften zu Einpregung der Bilder in das Gedächtnüs dienender Talg
vielmehr beförderlich. Der Mohnde wäre so schön und nutzbar als die feurigen
Gestirne / wiewol auch die feurigsten und die Sonne selbst guten teils aus
einem flüssenden Wesen / und nichts minder / als die Erdkugel aus einem Meere
bestünden. Ihr wäre zwar nicht unbekandt: dass man sie beschuldigte: sie
flatterten mit ihren Gedancken allzu leicht und veränderlich; aber der Männer
ihre wären auch an keinen Nagel gehefftet; und den tieffsinnigen Wissenschaften
dienten mehr die Adlers-Flügel / als Schildkröten-Füsse. Ja da sie auch in ein-
oder dem andern einigen Gebrechen hätten / täte ihnen die Weissheit / als welche
der Vernunft zu Hülffe kommt / die Finsternüsse des Geistes erleuchtet / und die
Gemüter vollkommen macht / so viel mehr von nöten. Uber diss dörffte man zu
derselben Weissheit / welche eine Wegweiserin des Lebens / und eine Mutter der
Tugend ist / weder die Tieffsinnigkeit hohen Verstandes / noch das Vermögen
ausbündiger Gliedmassen. Man träffe sie mehrmahls in Vollkommenheit bei der
Einfalt / und in einem kriplichten Leibe an. Denn sie vertrüge sich mit
beiderlei Glücke / und gäbe den beiden Geschlechten so nötigen Unterricht / wie
gute Begebungen ohne Schwindel; und schlimme Zufälle wären sonder Ohnmacht zu
vertragen. Sie hätte zu ihrem Zwecke das mangelhafte zu verbessern / die
Unvergnügten glückselig zu machen; und durch Dämpffung heftiger Regungen den
Menschen vom Pöfel so weit zu entfernen / als er an sich selbst vom Vieh
unterschieden zu sein scheinet. König Froto begegnete seiner Schwester mit
einer besondern Höfligkeit; und entschuldigte: dass er dem Frauenzimer ihre
Fähigkeit die Weissheit zu begreiffen / und den ihm daraus qvellenden Nutzen
strittig gemacht; sondern nur: dass sie nicht wie die Männer sich darinnen zu
vertieffen verbunden wären; verliess uns also beide in unser annehmlichen
Einsamkeit / fand auch wie ich in der Unterweisung der Alironischen Frauen /
also er durch Ehlichung Alvildens einer Sitonischen Fürstin seine gewünschte
Vergnügung.
    Ich musste in dieser Schule die natürlichen Dinge zu erforschen drei Jahr
zubringen; aber die Anmut der Gesellschaft und die Lehrart / welche einem
alles gleichsam spielende beibrachte / verkürtzte mir sie so sehr: dass sie mir
weniger / als drei Monate schienen; Denn ob ich zwar vorher mich auch auf diese
Geheimnisse gelegt hatte; ward ich doch nunmehr inne: dass meine Lehrmeister mir
zwar viel gutes unter die Hände gegeben / aber nicht recht ausgearbeitet hatten;
und war zwischen beiden ein solcher Unterscheid /wie zwischen dem Marmel / den
die Werck-Leute aus seinen Adern hauen / und dem / der bereit durch die Hand des
Bildhauers gegangen. Allhier ward nichts gewiesen oder iemand dessen überredet;
was man nicht aus den Eigenschaften der Dinge her nahm; und dessen man
gleichsam mit seinen fühlenden Händen und sehenden Augen überwiesen ward.
Welches bei denen Lehrlingen nicht nur mehr Beifall erweckte /sondern auch in
ihrem Tun mehr Nachdruck hatte. Denn die / welche ihre vermeinte Weissheit nur
hinter das Altertum und ihrer Vor-Eltern Meinung verbergen / sind wenig besser
als die jenigen Priester / die sich in die holen Bilder ihrer Götter versteckten
/ um den Wahn ihrer Wahrsagungen so viel glaubhafter zu machen.
    Nach dieser Zeit kam ich zu der andern Staffel / da der Mensch nach des
Pytagoras Lehre sich täglich bei hellem Tage im Spiegel besehen / das ist /
sich selbst musste kennen und überwünden / also diss / was uns die Natur an die
Hand gibt / nütze machen lernen. Denn ob wohl die Welt nur eine Wohnung ist
/alle Menschen darinnen einerlei Hausshaltung führen /und die Göttliche Versehung
als eine um sie bekümmerte Mutter für einen ieden Menschen absonderlich so sehr
/ als wenn er das ganze Geschlechte wäre /bekümmert ist / sie auch alle in
gleicher Vollkommenheit wünschet / und ihre Seele von dem irrdischen / wie die
Sonne die Dünste aus den Sümpffen hervor zeucht; so sind doch hingegen die
Neigungen der Menschen böse / und wie alle schwere Dinge den Mittel-Punct der
Erde zu erreichen so begierig: dass sich derselben zu enteussern schier unmöglich
ist. Hieraus erwächset eine Wiedersetzligkeit gegen die himmlischen Leitungen.
Und wenn die Tugend sich durch die engen Pforten in die Seele einlagern will;
findet sie wie in einem feindlichen Lande ihr alles auffsätzig zu sein. Wenn nun
die unaustreiblichen Reitzungen der Natur mit einer lasterhaften Gewonheit sich
verschwistert / zeucht der Mensch eben so den Menschen / als die Schlange ihre
Haut / iedoch mit dieser Ungleichheit aus: dass diese ihre eusserliche Gestalt
verändert / die innerliche behält / Menschen aber die eusserliche behalten / die
innerliche verlieren; und seinem Wesen nach zum unvernünftigen Tiere werden.
Ja diese scheinen dissfalls schier für den Menschen einen Vorzug zu haben. Denn
sie tun nichts übels / als worzu sie die Eigenschaften ihres Geschlechtes
bewegen / und hat fast iede Art Tiere nur einerlei ihnen eingepflantzte Tücke.
Den Menschen aber verleiten nicht nur seine eben so viehische Regungen; sondern
der Missbrauch seiner Vernunft; es geschehe gleich aus Irrtum oder aus Vorsatz
/ halset ihm so gar unmenschliche Wercke auf. Welche Anmerckung denn den
Vellejus zu Rom auf diesen ärgerlichen Wahn brachte: dass er wieder den Cotta
behaupten wollte: wenn die Götter einen Menschen verfolgen wollten / könten sie
ihm nichts schädlichers /als die Vernunft zueignen. Sintemahl die Fehler des
Verstandes Lehrmeister des Willens / und seiner Vergehungen wären; und keiner
weniger sündigte / als der am wenigsten verstünde. Ob ich nun zwar diese
Ketzerei verdamme; bleibt doch wahr: dass der natürliche Trieb in Tieren keinen
so innerlichen Krieg /als wie die Vernunft im Menschen mit seinen Regungen zu
führen hat. Denn diese mühen sich eiffriger unsere Seele von dem Sitze der
Vernunft zu stürtzen; als iemahls die Riesen Jupitern aus dem Himmel zu jagen
gemeinet. Sie verbländen die Vernunft: dass sie so wenig den Glantz der Tugend /
als blindgebohrne die Schönheit der Sonne / und den Mittag für Mitternacht
erkiesen. Worüber die Göttliche Barmhertzigkeit / welche selbst gerne die
Annehmung ihrer ausgegossenen Woltaten zu Danck annähme / wehmütig seuffzen
und bejammern muss: dass wenig die Milch ihres Heiles aus ihren gleichsam
strutzenden Mutter-Brüsten saugen; sondern die meisten sich lieber aus den
Pfützen der Wollust / und der Galle ihrer bösen Gemüts-Regungen sättigen
wollen. Diese nun zu bemeistern habe ich in dieser Gemeinschaft die
herrlichsten / wiewol glimpflichsten Mittel gefunden. Denn ob wohl die Wahrheit /
Weissheit und Tugend nur einerlei Wesen und Eigenschaft hat / so ist sie doch
nicht gezwungen stets einerlei Gesichte zu zeigen /und in einem härenen Kleide
aufzuziehen. Viel Gemüter sind in dieser Lehre wie etliche Krancken /welche den
Artzt nicht sehen können; und alle Kräuter für bittere Rhabarber halten / ehe
sie sie noch gekostet haben. Zugeschweigen: dass die Tugend an ihr selbst wie der
anfangs aus dem Meere kommende und noch weiche Ambra uns ärger / als ein Aass
anstincket / ob schon mit der Zeit dieser alles süsse Rauchwerck Arabiens im
Geruche / jene alle Wollüste der Welt an Süssigkeit übertrifft. Diesemnach denn
die Alironische Anweiserinnen / welche allzuwol verstehen: dass heilsam und
bitter nicht einerlei sei / und die Wermut viel eine andere Würckung / als
Gift habe / alle ihre heilsame Artzneien / besonders anfangs mit wolrüchendem
Bisam und Zucker anmachen; und die Tugend zwar nicht als ein geiles Kebs-Weib /
doch auch nicht als eine Betlerin; sondern mit einem anständigen Schmucke / und
ohne Knechtische Fessel fürstellen. Bei diesem Grunde verschmehen sie dieselben
Missgeburten der Weisen / welche den Betler-Stab und die Tasche für ihr Eigentum
halten / und gleichwol unter ihren zerrissenen Lumpen mehr Ehrsucht / als andere
unter Goldstücke und Purper verbergen; welche ihren Begierden den Zügel schüssen
lassen / und dennoch Liebe / Freude / Hass / Furcht und andere Gemüts-Regungen
als abscheuliche Ungeheuer verdammen; Gleich als wenn diese die Vernunft
verfinsterten /den Leib schwächten / und den Menschen öffter / als Feber und
Wassersucht tödteten. Viel glimpflicher aber urteilte der Alironien Weissheit
hiervon; welche weder den Leib mit übriger Strengigkeit quälet / noch das
Gemüte in Eisen schleust. Denn sie gönnet der Natur ihre Ergetzligkeit / wie
den heilsamen Kräutern ihre Zierde und Geruch; sie entenget dem Gemüte seine
Erleichterung / und machet den Menschen durch Beraubung aller Zuneigungen zu
keinem todten Klotze oder Steine. Die Königin Erato fiel Asblasten / als selbte
ohne diss etwas Atem schöpffte / mit diesem höflichen Einwurffe ein: Ich kann
nicht leugnen: dass ich zum Teil ein Lehrling der Stoischen Weltweisen gewest
sei / welche diese Regungen für Kranckheiten des Gemüts halten / und / weil
auch die schlechtern Schwachheiten eben so wenig aufhören ein Ubel / als das
kleinere Ungeziefer schädlich zu sein / dünckt mich also tulicher zu sein /
selbte gar zu vertilgen /nicht aber mit selbten so sanfte / als mit denen
Feuchtigkeiten des Leibes / welche eben so wohl als das Geblüte ein Oel des
Lebens sind / umzugehen. Asblaste antwortete: Es wären zwar gewisse Kranckheiten
/ welche mehr der Gesundheit zu statten kämen / als ihr schadeten / nichts
minder als das gifftige Gestirne des höchsten Irrsternes in der Welt viel
heilsames würckte. Gleichwol wollte sie ihr und ihren Lehrern recht geben; wenn
ihr Grund: dass alle Neigungen Kranckheiten wären / nicht auf schlüpfrigem Grunde
bestünde; Sie wären aber diss weder nach ihrem Uhrsprunge / noch nach ihrem
Wesen. Denn die Natur wäre gegen ihr liebstes Kind den Menschen eine viel zu
gütige Mutter: dass sie ihm eitel Kranckheiten der Seele solle eingepflantzt
haben. Ihre Eigenschaft würde nur zufälliger Weise verterbet / und wie der
süsseste Wein in schärffsten Essig verwandelt. Denn wer wollte glauben: dass sie so
viel ärger / als die Galle der Drachen; die Gifftblässlein der Nattern / als
Napel und andere zwar zum Teil schädliche / iedoch auch sehr nutzbare Dinge
wären. Diese Neigungen stiffteten mehrmahls tausend Ubel / frässen ganze Städte
/ äscherten die halbe Welt ein. Dieses aber wären Würckungen ihres Missbrauchs /
nicht ihrer Natur. Die Sonne das Hertze der Welt / welche alles lebhaft macht /
würde derogestalt eben so verdammlich / und mit den Mohren zu verfluchen sein /
weil sie / mit ihrer Hitze eben so wohl Kröten / als Schwanen beseelte; nichts
minder die heilsamen / als die Schwantz-Sterne erleuchtete; und mit eben der
Wärmbde / welche Oel und Granat-Aepffel zeuget /Ungeheuer heckete. Das so
nützliche Feuer / dass das Ertzt gleichsam zum andern mahl gebieret / das
unvollkommene auskochet / und die andere Sonne der meisten Handwercker ist;
würde widriger Meinung nach in der ganzen Welt auszuleschen sein / weil es
alles verzehret / dessen man es Meister werden lässt. Das Meer und der Wind /
weil sie Länder überschwemmen / Bäume ausreissen / und Schiffbruch verursachen /
würden müssen / ungeachtet jenes Perlen / Purper und Korallen gebieret / den
Erdbodem befeuchtet / die Sternen säuget / dieser die Lufft reinigt / die
Fruchtbarkeit und die so nützliche Schiffahrt befördert / aus der Welt verbannet
werden. Dannenhero müste man nur den Rauch von dem Feuer der Gemüts-Regungen
saubern / und mit diesen Neigungen so behutsam / wie die Aertzte mit den
Feuchtigkeiten des Leibes umbgehen / als welche zwar zu reinigen / aber nicht
gar auszutrocknen wären; Oder man müste selbte / wie die Haare und Nägel
beschneiden /nicht aber gar verterben. Die Königin Erato warf hierwider ein: Sie
könnte unter diesen Regungen / und denen Kranckheiten des Gemütes noch zur Zeit
keinen Unterscheid finden; als dass jene geschwinder verrauchten / diese aber /
als schon tief eingewurtzelt /hartnäckichter wären. Massen denn auch jene sich
in diese mit der Zeit eben so leicht / als die Seiden-Würmer in Molcken-Diebe
verwandelten. Die Maale würden mit uns so wohl geboren / als die Neigungen;
gleichwol aber blieben sie Ungestaltnüsse / und wäre eines so schwer als das
andere zu vertreiben. Der Natur gönnete man ihren Preis; aber es hätten mehrmals
weisse Mütter hessliche Mohren-Kinder. Die Wurtzel schädlicher Regungen könnte
nicht besser sein / als ihre gifftigen Früchte. Weil nun diese Gespenster zu
herrschen / nicht zu dienen gewohnt wären / wüchsen sie der Vernunft zu Kopffe
/ welche doch das Auge der Seele / die Magnet-Nadel des Lebens / der Mässstab der
Tugend und der Ancker der Glückseeligkeit wäre. Wie die so genennte Kranckheit
die Rose ihren Eintritt mit einer annehmlichen Purper-Farbe beschönte / also
endigte sich diese Kranckheit eben so wohl / als die anfangs in Gestalt einer
Morgenröte der Tugend sich zeigenden Regungen mit unsäglichen Schmertzen.
Diesemnach müste man sie in der ersten Blüte tödten / und als das schädlichste
Unkraut ausrotten. Denn wenn nur ein Käum übrig bliebe / nähme es unversehens
überhand / und ersteckte in uns den Saamen des guten. Alle Laster wären anfangs
Zwerge / hernach Riesen. Sie stellten sich erstlich verschämt und mässig; die
Gewohnheit aber vertilgte bald ihre Schamröte / und mit der Zeit zerlechsete
ihr Umschranck. Die Grausamkeit erlustigte / wie die Wütteriche zu Aten sich
anfangs an dem Blute eines Betrügers / hernach der unschuldigsten Weltweisen.
Der Geitz verliebte sich anfangs in sein / hernach in seines Nachbars Gut. Ja
diese anfangs verächtliche Schwachheiten frässen ins geheim / wie der Krebs umb
sich; Und der Allerweiseste wüste diese einmal zu Kräfften gekommene Ungeheuer
/ welche den Menschen in hesslichere Tiere als Circe verwandelte /nicht zu
bändigen. Sie würffen ihn aus dem Sattel /wenn er ihnen nur ein wenig den Zügel
verhienge. Die Vernunft wäre viel zu schwach sie zurücke zu halten. Denn sie
wären eben so wohl / als die wilden Tiere gegen ihre Beredungen taub. Sie würden
wie die gekirrten Tiger / wenn man sichs am wenigsten versehe /wieder rasend;
und dahero verliessen sie niemals ihre böse Eigenschaft gar / durch eine die
Tugend allein gut und vollkommen machende Mässigung. Denn was böse von Natur wäre
/ hätte weder Maas noch Ziel. Das Feber / wie gelinde es wäre / das Haupt-Weh /
ob es schon nur den halben Kopff einnehme / bliebe nichts desto weniger eine
Kranckheit eben so wie die Schwachheiten des Gemütes / nämlich die in etwas
gemässigten Regungen. Ja wer beide nicht gar auszutilgen wüste / verstünde noch
weniger selbte aufs rechte Gewichte zu legen. Asblaste hörte sie wohl aus /fieng
aber hierauf an: Meine liebste Erato / ihre Weisen kommen mir für / wie jener
neue Gärtner / welcher / als er im Frühlinge seine Nachbarn ihre Weinberge
behauen / ihre Bäume beschnöteln sah / solches durch derselben gäntzliche
Ausrottung noch zu verbessern vermeinte. Aber warumb schleiffen die
Steinschneider von denen rauen Diamanten nicht alle Flecken weg? Lassen sie
nicht mehrmals einer unreinen Ader Uberbleibung daran; ehe sie diesen köstlichen
Stein gar zermalmen? Oder warumb zöpfet sie nicht vielmehr das Blut gar aus
ihren Adern; wenn seine übermässige Hitze Feber- und Seiten-Weh erreget; sondern
nur den Uberfluss? Warumb schneiden die Sitten-Lehrer nicht der Keuschheit zu
gefallen /wie die Elevsinischen Priester ihnen nicht gar die Geburts-Glieder ab?
Warumb haben die Aertzte so gar aus Lämmern und Kälbern den Mangel unsers
Geblütes zu erstatten durch eine in silbernen Röhren geschehende Eingiessung
erfunden? So gut und nötig nun in dem Leibe das Blut ist; so gut und
unentpehrlich sind auch in dem Gemüte die Regungen; welche ohne dis mit dem
Geblüte so sehr vermählet sind: dass sie selbtes wie der Monde das Meer bewegen /
und darinnen ihre Siegs-Fahn anstecken /wenn Liebe / Zorn / Scham und Freude
selbtes mit Gewalt ins Antlitz treibt; die Furcht es aber dem Hertzen zu Hülffe
rufft. Die Regungen haben zwar keine vollkommene Güte / wie die Tugend; eben so
wenig /als die andern Glieder dem Hertzen zu vergleichen sind. Sie haben aber
ein so nötig Ampt / als Hände und Füsse; und sind offtmahls so nützlich / als
die Uberströmung des Nil und Nigers. Denn sie machen alle Kräfften der Vernunft
rege und lebhaft; also: dass die Menschen ohne die Gemüts-Regungen ein
marmelnes Volck; und nicht viel lebhafter / als die aus der Welt nach Rom
versammleten Bilder; Unsere Seele aber ohne sie eine Fürstin ohne Befehlhaber
und Diener sein würde; welche aber weit über die Glieder und Sinnen gesätzt sind
/ und diesen zu gebieten haben: dass beim Verlangen des Guten / bei Abwendung des
Bösen / das Gehöre und das Gesichte solche ausspüren / die euserlichen Glieder
allentalben handlangen müsten / weñ der verwegene Zorn auf die Feinde und
Laster einen Ausfall tut / oder die Furcht die Pforten verschleusst; die von dem
Verlangen und der Hoffnung wieder eröfnet werden; wormit Liebe und Freude in das
Gemüte ihren Einzug halte; in welchen letztern Regungen der Genuss der Tugend
bestehet / als die in sich selbst ihre frohe Vergnügung findet / und in sich
inbrünstiger / als ein Bräutigam in der ersten Hochzeit-Nacht in seine Braut
verliebt ist. Diese Tugend hat selbst ihre Abfälle / wie die Sonne ihre
Finsternüsse / die Freigebigkeit verfällt in Verschwendung / die Tapferkeit wird
verwegen; ja die meisten Laster sind die Missgeburten der lebhaftesten Tugenden.
Solten diese destwegen verwerflich sein? Solten die Tugenden destwegen durch die
Vernunft nicht in den Schrancken ihrer Mittel-Bahn erhalten werden können? Wir
können ins gemein etwas nicht; weil wir uns desselbten Unmögligkeit frühzeitig
einbilden? Nach dem wir uns in unsere Schwachheiten verlieben / reden wir ihnen
das Wort; und wormit wir uns derselben nicht entschütten können / entschuldigen
wir sie. Denn wie keine Kranckheit gefunden wird / für welche die Natur nicht
habe eine Artznei wachsen lassen; also ist kein Gemüts-Gebrechen /welchen zu
überwünden sie uns nicht Kräfften genung gegeben hätte. Die tugendhafte
Tussnelde brach allhier mit einer ehrerbietigen Bescheidenheit derogestalt ein:
Sie wäre zwar in der Weissheit so seichte beschlagen: dass ihr das
stillschweigende Zuhören anständiger wäre / als durch vorwitzige Einmischung in
diesen Zwist ihre Unwissenheit zu verraten. Gleichwol aber hielte sie / ihrer
Einfalt nach / nicht für so schwer beide streitende Meinungen dardurch zu
vereinbaren; wenn man die Regungen für Mittel-Dinge annehme / welche an sich
selbst weder böse noch gut / sondern dem veränderlichen Tiere Cameleon zu
vergleichen wären / welches auf den Kräutern grün /auf Scharlach rot / in der
Lufft blau aussehe; ja alle Farben seines Behältnüsses in einem Augenblicke
annehme. Denn eben diese Gewalt einer geschwinden Verwandelung schiene der Wille
über solche Regungen zu haben; welcher ihnen nichts minder die Eigenschaft der
Tugend und des Lasters / als ein Bildhauer seinem Marmel ein Gesichte einer Eule
/ als einer Helena einpregen könnte. Daher weñ auch diese Regungen für sich
selbst / und nicht allererst nach der bösen oder guten Anleitung des
menschlichen Willens für böse oder gut geurteilt werden sollten; würde man auch
nicht alleine dis / was uns wider unsern Willen träumet / loben oder schelten /
sondern auch die Wölffe und Raub-Vögel aufhencken / die Löwen mit Lorbern / die
Turtel-Tauben mit Rosen / die für ihren Weiser kämpfende Bienen mit Eichen-Laube
kräntzen müssen. Die Königin Erato würde ihr hierinnen vielleicht so viel mehr
Beifall geben; weil sie zu Rom einmal von einem Nachfolger des Zeno gehört zu
haben sich erinnerte: dass sie alle euserliche Güter der Gestalt / der Stärcke /
des Vermögens / für ebenmässige Mittel-Dinge und für einen Werckzeug nichts
minder der Tugend als Laster / und also weder für herrlich / noch für scheltbar
hielten. Zwischen diesen Gütern / und denen innerlichen Regungen aber wäre
/ihrer guten oder bösen Anwehrung nach / kein Unterscheid / sondern selbten
machte allein der Gebrauch und der Missbrauch. Sie wären beide eine ungefärbte
Wolle / welche Tinte und Schnecken-Blut an sich zu ziehen fähig wären; also: dass
der Zorn eben so wohl eine Scene der Tugend / einen Wetzstein der Tapfferkeit /
als ein Fallbret der Grausamkeit; die Begierde einen Zunder der Woltätigkeit /
und ein tödtend Gift der Wollust / die Furcht einen Leitstern der Klugheit /und
ein Irrlicht der Zagheit abgäben / ja die Regungen ins gesampt den Lastern und
Tugenden zu Waffen dieneten. Die weise Fürstin Asblaste hingegen würde diesen
Regungen schwerlich einen Ehren-Stul in dem Reiche der Vernunft einzuräumen
verlangen / weil sie ihren Sitz und Herrschaft nur in den euserlichen Sinnen
hätten; und daher auch den stummen Tieren gemein wären; welche doch so wenig
von der Vernunft erblickten / als die unter uns wohnenden und uns die Füsse
zukehrenden Menschen von unserm Mittags-Lichte. Sie hätten für sich selbst
weniger Licht als der Monde; wenn sie aber ja einigen Glantz bekämen / müsten
sie es der Vernunft / wie die andern Sternen der mitteilenden Sonne dancken;
und ihre eigene Blindheit liesse sich den ersten den besten Leiter dahin führen /
wohin er nur wollte. Alleine die Königin Erato antwortete: Tussneldens Meinung
wäre zwar mässiger als Asblastens / aber ihr Zeno würde sie noch schwerlich zur
Vermittelung annehmen. Denn die euserlichen Güter hätten in sich selbst keinen
so wilden Trieb als die Regungen; welche für sich selbst nicht nur blinde Führer
/ sondern auch schädliche Knechte der Vernunft wären / die ihr nur zum Scheine
gehorsamten: dass sie mit Gelegenheit über sie herrschen möchten. Sie wären
geartet wie die Ströme / welche so viel grimmiger raseten / je enger man sie in
ihren Ufern vertämmete: dass sie nicht überschlagen sollten. Daher wäre es
entweder eine grosse Unvollkommenheit / oder ein gefährlicher Zustand der
Tugend; wenn sie diese unter sich selbst unverträgliche Regungen zu ihren
Gehülffen annehmen müste. Sintemal ja die Furcht nicht mit dem Zorne /der Hass
mit der Begierde / das Schrecken mit der Freude in stetem Kriege zu Felde läge.
Die Vernunft und die Tugend jagte sie zwar selbst gegen einander in Harnisch;
umb ihre gewaltsame Herrschaft zu vertilgen. Sie brauchte sie / wie die
Indianer Löwen und Tiger / nämlich mit selbten anderes Wild zu fangen. Und wenn
sie eine gegen der andern auf die Wag-Schale legte / machte sie dardurch ein
gleiches Gewichte; aber sie schämte sich gleichwol einige unter ihnen zu ihrer
Beschirmerin aufzunehmen. Die Tapferkeit könnte ohne Zorn überwinden und siegen;
ja sie müste sich dieser Hitze entbrechen; wo sie sich nicht selbst stürtzen
wollte. Denn der Zorn machte an den besten Fechtern Blössen; welche vorher die
Kunst verdeckte. Und die stärcksten Riesen-Völcker wären mehrmals von denen
Schwächsten überwältiget / oder auch der bereit erworbene Sieg ihnen aus den
Händen gewunden worden / wenn sie sich aus Zorn übereilet hätten. Denn dieser
wäre der rechte Nemeische Löwe / der Brut der sich ergiessenden Galle / welchen
alle tödten müsten; die mit dem Hercules den Ruhm grosser Helden erwerben
wollten. Die Vernunft wäre in sich schon so rege / die Tugend in ihr selbst so
vollkommen: dass sie keine Spiess-Rute der Begierde zum Woltun anfrischen / kein
Kapzaum der Furcht von einiger Vergehung zurück halten dörffte. Die Regungen
dienten freilich wohl zu Waffen den Lastern / aber nicht der Maass-liebenden
Tugend. Denn man könnte sie nicht / wie Schwerdt und Schild / seinem Belieben
nach ergreiffen und weglegen. Die Vernunft hingegen wäre ihr überflüssig genung
zu nötiger Beschirmung; welche allezeit in einem bliebe und tauerhaft wäre.
Dahingegen der Zorn entweder wie die Drachen-Zähne unersättlich rasete; oder wie
die Bienen nach der ersten Verwundung den Stachel verliere. Und mit einem Worte:
der natürliche Trieb dieser Regungen neigte sich zum bösen / wie die Schwerde
zum Bodem / wenn nicht die Vernunft sie mit Gewalt zu was gutem nötigte. Das
Wesen aller Regungen bestünde entweder in einer Übermass oder in einem Mangel;
und hielten selbte niemahls das rechte Gewichte; also: dass die Vernunft alle
Augenblicke genung zu tun hätte auf ihrer Wag-Schale diese Ungleichheit zu
verbessern. Alleine jene Güte wäre kein Gold ohne Schlacke / und diese
Ausgleichung bliebe doch immer etwas höckricht. Viel ein wenigers meinte die
Fürstin Asblaste von ihrer Meinung fallen zu lassen. Daher führte sie an: Die
Regungen verdienten zwar nicht den Sitz und den Ruhm der über alle Hoheit
erhabenen Tugend; aber man müste sie zu keinem Fussschemmel machen. Sie wären
zwar keine Geburt der edelsten Krafft in der menschlichen Seele / die über die
lebende der Gewächse und die fühlende der Tiere noch etwas göttliches / nämlich
die Vernunft in sich begrieffe; aber sie wären keine Missgeburt eines nur
irrdischen Vermögens; also keines weges zu enträumen: dass sie bloss in denen
euserlichen Sinnen ihren Sitz und Ursprung hätten. Die stummen Tiere fühlten
(der Stoischen Weisen Meinung nach) in sich zwar einen blinden Trieb; denen
Menschen aber käme Zorn / Liebe / Furcht und dergleichen nur eigentlich zu; und
dis / was jene diesen nachzutun schienen /wäre nur für einen Schatten zu
halten. Weil nun aber diese mit keiner Vernunft beteilet wären / gleichwol
aber Krafft solcher nur unvollkommenen Neigungen nichts minder merckliche
Nachahmungen vernünftiger Schlüsse von sich blicken liessen / in dem sie bald
nach der Geburt die gifftigen Kräuter von den gesunden auszuschälen; den
Schatten ihrer Feinde zu fliehen; die Bienen so ordentlich eingeteilte Gemächer
/die Spinnen so künstliche Netze / die Papegoyen so vorsichtige Nester zu bauen
wüsten; ja die Hunde durch ihre bewehrte Treue Masanissens Leibwache zu werden;
die Störche durch Anfachselung ihrer schwachen Eltern den Ruhm des danckbaren
Eneas; die Tauben durch ihre betrübte Einsamkeit das Lob einer Artemisie
verdienten; so könnte man so viel weniger denen natürlichen Regungen / welche
doch in diesen Tieren nur unvollkommen sein sollten / ihren Preis gar
absprechen. Das Haupt wäre freilich wohl das Schloss der Vernunft / und der Sitz
der Klugheit; aber das Hertze / darinnen alle Regungen walleten / hätte
gleichwol auch kein geringes Teil an rühmlichen Entschlüssungen. Unser Leben
würde ein rechtes Eben-Bild des todten Meeres abgeben / und wie dis sonder
Bewegung und Fische / also jenes ohne einiges Tun und Nutzen sein / wenn uns
die Gemüts-Regungen nicht von der erbärmlichen Schlaffsucht aufmunterten; ja
das betrübte Leben uns verzuckerten; welches sonst eine unaufhörliche
Betrachtung unsers Elendes sein würde. Führte man doch eines Uberwünders
herrlich aufgeputztes Pferd mit in dem Siegs-Gepränge auf; man behienge ein aus
einer See-Schlacht rückkehrendes Siegs-Schiff mit köstlichen Tapeten; man
stürtzte die Waffen der Helden in Tempeln auf; da doch diese nur Werckzeuge der
Siegenden gewest wären. Warumb sollte man denn die so edlen Regungen des
Gemütes; welche in sich selbst eine mehrere Lebhaftigkeit / mit der Vernunft
und Tugend auch eine nähere Verwandnüs hätten / so gar unter die Banck stossen?
Zwar wäre nicht zu läugnen: dass selbte einen Menschen nichts minder in einen
Affen zu verstellen / als in ihm einen Löwen vorzubilden vermöchten; sie wären
aber des so heilsamen Mittelmaasses und einer klugen Abteilung allerdings fähig
/ und also ihrer Eigenschaft nach zur Vollkommenheit geschickter als zum
Gebrechen. Die Natur brächte selten und keinmal vorsetzlich / sondern durch
frembden Zufall und Hindernüs / oder Unvermögen / Kriepel und Zwerge ans Licht;
was für Lust sollte sie denn haben mit denen Regungen allezeit Missgeburten des
Gemütes zu gebehren? Zu was Ende sollte sie für den Leib so sorgfältig / für die
Seele so unachtsam / oder vielmehr grausam sein? da doch jener nur die Herberge
/ diese die Herrscherin in dem Menschen wäre. Die Tugend hätte zwar in sich ihre
Lebhaftigkeit und Vollkommenheit / wie die Sonne; aber beide müsten etwas haben
ausser sich / in welchem sie ihre Würckungen auslassen könten; wo man sie nicht
zu einer unbeseelten Seule sonder Armen und Füsse zu einer müssigen
Fliegen-Fängerin machen; oder ihre Würckung nur in Träume und Einbildungen
verwandeln wollte. Denn GOtt alleine wäre ein Kreis der Vollkommenheit; welcher
in sich alles begrieffe / und alles dessen / was ausser ihm / ohne Abgang
entpehren könnte. Diesemnach die Vernunft eben so sehr die teils zu heftigen /
teils zu todten Neigungen des Willens zu Erreichung des in der Tugend allein
befindlichen Mittelpuncts / als der Leib eine gewisse Abteilung der Schwerde
und Leichtigkeit / desselben Gesundheit eine richtige Vermischung der Wärmbde
und Kälte / die Welt teils Feuer und Lufft / teils Erde und Wasser / und die
Jahres-Zeit nichts minder hitzigen Sonnen-Schein / als kühlende Regen / Winde
und Schnee zu Erlangung ihres rechten Maasses bedörfften. Ja diese Neigungen
liessen nicht nur in sich die Vernunft würcken / sondern sie selbst legten mit
Hand an das Werck / und beförderten die Geburt der Tugend / nichts minder / als
die andern Gestirne nebst der Sonne / die Fruchtbarkeit der Erde. Sie eigneten
denen Tugenden einen herrlichen Nachdruck / wie das Haus des gestirnten Löwen
/oder der Hundsstern / der Sonnen-Hitze eine mehrere Krafft zu. Sintemal die
Tugende so wenig / als die Sterne alle einerlei Grösse oder Glantz hätten; und
ihr Mittel-Maass eben so wenig verhinderte: dass eine Tugend die andere absteche;
als dass unter zweien Diamanten einer Grösse dieser von jenem verdüstert würde.
Aus diesem Ursprunge rührten die ungemeinen Helden-Taten / weil die Begierde
der Ehren die Unmögligkeit gleichsam bemeistern lehrte; und die Eiversucht über
frembden Gedächtnis-Säulen auch in gefrornen Gemütern den Schwefel der
Grossmütigkeit brennend machte. Die Liebe wäre nicht nur ein Leit-Stern der
Weissheit / sondern eine Erfinderin vieler Wissenschaften. Die Begierde und
Hoffnung habe die Einöden bewohnet / die Meere wegbar / die Winde zahm / alle
Arbeit leichte / die Erde fruchtbar /die Welt schön / das Leben behäglich
gemacht. Der Zorn und die Furcht dienten der Tugend für eine Leibwache / ohne
welche sie iedermann zur Eule machen /und als einen Bovist oder Erd-Schwam mit
Füssen treten würde. Ja wenn sie sich aller dieser natürlichen Waffen und
Kräffte enteuserte / wäre der Mensch ein helffenbeinern Bild ohne Fühlt / die
Tugend aber bei nahe selbst eine Ohnmacht der Seele / und eine Entfallung aller
innerlichen Gemüts-Kräfften. Mit einem Worte: Diese Neigungen wären wilde
Stämme / welche für sich selbst dienliche iedoch etwas rauhe und herbe Früchte
trügen. Wenn aber die Vernunft auf selbte die Zweige der Tugend pfropfte;
würden die Früchte mehr / als hundertfach verbessert. Endlich diente zu
Behauptung ihrer Meinung dieser unwiderlegliche Satz: dass Gott / welches doch
die unbegreiffliche Grund-Säule / und der Mittel-Punct der Natur /auf welcher
alles erschaffene ruhete / ja alles in sich selbst in höchster Vollkommenheit /
und derogestalt wie auser aller Veränderungen / also auch ohne unsere
Gemüts-Regungen wäre / dennoch durch seine / allgemeine Macht alle Wercke
unserer Neigungen / wiewohl sonder die mindeste Bewegung auszuüben sich nicht
enteuserte / wenn er die Frommen mit den Fittigen seiner Barmhertzigkeit deckte
/ über den Fehltritten der Irrenden Mitleiden hätte / für die ihn liebenden
Wache hielte / denen Schlangen das Gift / dem Feuer die Gewalt zu brennen
benähme / den Winden einen Zaum / und den Wellen ein Gebiss anlegte; und wenn für
seiner gegen die Bösen ausbrechenden Rache /und der in den Wolcken krachenden
Donner-Stimme die Zedern sich splitterten / die Gebürge rauchten /die Erde bebte
/ und die Felsen sich zermalmeten.
    Diese Rede beseelte sie mit so beweglicher Geberdung / und die ihr aus den
Augen blickende Andacht gab ihren Gründen einen so wichtigen Nachdruck: dass
niemand unter der Versamlung ihr einiges Wort mehr entgegen zu setzen sich
erkühnte. Die das Ebenteuer ihrer Dahinkunft zu erfahren höchst-begierige
Tussnelde aber gab durch ihre Nachfrage / wie viel Jahre sie in dieser andern
Schule hätte aushalten müssen? gleichwohl zum Verfolg ihrer Erzehlung Anlass.
Diesemnach denn Asblaste aufs freundlichste nachtrug: Man hätte in derselben
zwar nur die einige Kunst der Mässigung zu begreiffen / und nichts zu lernen /
als dass man die schrecklichen Dinge nicht fürchtete / in die annehmlichen sich
nicht zu sehr verliebte / und also zwischen einer wilden Unart und der
Verzärtelung das rechte Mittel treffe; als wordurch ein Mensch mit sich selbst
einen vollkommenen Friede stiftete / und die Ruhe des Gemütes den einigen
Ancker der Glückseligkeit befestigte. Gleichwohl würde für fünf Jahren hier
niemand erlassen und lossgesagt. Daher sie denn auch so viel Zeit darinnen
angewehret / wiewohl sie bekennen müste: dass der vollkommenste Mensch sein
Lebtage über Erlernung dieser einigen Tugend genung zu tun hätte / welche so
sehr viel in sich begrieffe / und ein so weites Gebiete als die Klugheit hätte;
denn ob sie zwar eigentlich von andern Tugenden noch unterschieden / dennoch
gleichsam aller übrigen Seele wäre. Sintemal wie keine Tieffsinnigkeit das Buch
der Natur seiner unzehlbaren Geheimnisse halber auszugrübeln vermöchte; also
wäre das Gemüte des Menschen ein Meer voller Krümmen / Klippen / Sandbäncke und
Strudeln: dass kein Weiser noch darüber eine richtige See-Karte gefertiget; kein
Bleimass seine Tieffen ergründet / kein Mensch mit dem Kompasse seiner Klugheit
alle Verirr- oder Vergehungen zu vermeiden vermocht hätte.
    Dieser meiner Unvollkommenheit ungeachtet / fuhr die weise Asblaste fort /
versetzte man mich wider meinen Willen in die dritte Schule; darinnen einem die
tieffsten Geheimnisse entdecket werde; teils wie Gott / welcher doch aus der
Natur nur unvollkommen und als ein Schatten erkennet wird / sich selbst viel
heller offenbaret habe; teils wie der Mensch zur Wissenschaft künftiger Dinge
gelangen könne. Von beiden etwas gemein zu machen wird der Anwesenden hohe
Bescheidenheit nichts verlangen / welche wohl wissen: dass mir und meines
gleichen die Lippen durch ein Siegel angelobter Verschwiegenheit verschlossen
sind; welche man unsers Heiligtums Verfassungen so viel weniger verargen kann /
weil auch die Natur ihr bestes Ertzt in die Tieffen der Berge /ihre Perlen in
den Abgrund des Meeres verbirgt / und der Himmel seine wenigste Sternen / Gott
aber selbst sich niemals sehen läst. So haben auch die Egyptier von denen
Göttlichen Geheimnüssen in einer ungemeinen Sprache / oder nur durch Rätzel
geredet. Sie haben zu derselben Verbergung eine absondere Schrifft aus
seltzam-gestellten Vögeln / Schlangen und andern Tieren erfunden / und darmit
ihre kostbare Tempel und Spitz-Säulen bemahlet / hierdurch aber mehr des Volckes
gespottet / als die Einfalt unterwiesen; wie sie denn auch solches selbst zu
bedeuten für ihre Heiligtümer das unauslegliche Wunder-Bild setzen; welches
vorwerts einen Löwen / übrigens einen Menschen mit Greiffen-Flügeln und
Adlers-Klauen fürbildete; und über ihre Isis schrieben: dass kein Sterblicher ihr
den Schleier noch nicht aufgedeckt hätte. Eben so haben die Grieche diese
Geheimnisse hinter den Schatten der Getichte versteckt; Pytagoras nur die
Schalen seiner Wissenschafte dene Lehrlinge fürgeworffen / den Kern für sich
behalten /Orpheus diese Weissheit mit dem Klange seiner Seiten verhüllet / und
von denen / welchen er was offenbaret / einen Eyd solches mit ins Grab zu nehmen
abgeheischen. Plato hat in seinen Gesprächen durch Verblümungen seine Gedancken
verwirrt; dass sie weniger zu verstehen sind / als wenn er sie auff tausend von
den Winden durch einander gewehete Blätter verzeichnet hätte. Aristoteles lehrte
bei fest verschlossener Türe / und bedeckte alle Schlüsse gleich als wie mit
einem Nebel. Ja alle Weisen / weñ sie von dem Göttlichen Erkentnüss ihre
Gedancken eröffnen sollen / mache es / wie derselbe Meerfisch / der / wenn er
die Nachstellung einigen Netzes mercket / mit einer von sich gelassenen Tinte
das Wasser trübet. Was für Wunder wird nicht von denen Wahrsagungen der Sibyllen
zu Rom gemacht / in welche niemand / als der oberste Priester sehen darff? Wie
viel hat eine kluge Frau für den Augen des Numa verbrennet; und der Käyser
August nach der Zeit sie schier gar aus den Händen der Welt gerissen? Ich
versichere sie aber: dass alles dis /was in diesen Blättern / und in den Steinen
der Egyptier / als den Büchern der ersten Welt / aufgeschrieben stehet / nur
Hülsen sind gegen dem / was die Alironischen Frauen in denen bürckenen Rinden
aufgezeichnet bei sich verwahren / und von einer Jüdin bekommen haben. Welche
Geheimnisse zu entdecken so gefährlich ist: dass Teopompus wahnsinnig /
Teodectes blind worden; als er sie in Griechischer Sprache Frembden kund zu
machen sich erkühnet. Was der künftigen Dinge Vorbewust anreichet / weiss ich
zwar wohl: dass einige selbten als einen blossen Traum der Toren / oder als einen
Betrug der Arglistigen schlechter dings verwerffen. Ich habe zu Rom auch gehört:
dass Cato sich verwundert habe: wie zwei Wahrsager einander ohne Lachen auf der
Strasse begegnen könten; weil beide wohl verstünden; wie ihr ganzes Ampt nichts
anders wäre / als die ganze Welt zu Narren haben. Ich verteidige auch nicht
die Telchinen auf Rhodus; welchen ihre redende Marmel-Bilder weissagten; die
Dactyler auf Creta / welche aus Schmiedung des Eisens künftig Ding zu wissen
vermeinten / noch die Tuscanischen Vogel-Aufseher /die aus frembder Leber mehr
/ als aus eigenem Gehirne verstehen wollten. Wer wollte aber glauben: dass die
Natur so viel Tiere mit der Wissenschaft künftigen Gewitters / bevorstehender
Todes- und anderer Zufälle begabt / den Menschen aber nur dis / was ihm für den
Füssen liegt / wissen zu lassen gewürdigt haben sollte? Zwar ist allerdings
irrig: dass einige die traurigen Feuchtigkeiten / andere die von der Sonne aus
der Erde gezogene Dünste / ihrer viel eine feste Einbildung / oder das Eingeben
der Geister zur Mutter der Wahrsagungen machen; und ich halte bei unsern
Deutschen ebenfals für eine zauberische Bländung /wenn ein ungeheures Gespenste
durch einen Löwen-Adler- und Nacht-Eulen-Kopff wahrsagte; als wenn anderwerts
ein aus Ertzt gegossenes Bild auf alle Fragen bescheidentlich geantwortet hätte.
Alleine es hätte der Mensch in sich Funcken eines himmlischen Wesens / von
welchen nicht zu verwundern ist: dass derselben weise Anwehrung ihm auch ein
Licht der künftigen Zeit anstecken kann; nach dem Steine und Kräuter wegen des
Einflusses aus den Sternen in sich auch so seltzame Würckungen haben. Wiewol der
wahre Ursprung dieser Wissenschaft in der Einflössung des Verhängnisses so wie
des Taues in dem fruchtbaren Kreisse des Monden steckt; und nicht jedermann
sich dieser Gabe fähig machen kann; also die Alten gar tiefsinnig geurteilet
haben: dass die Wissenschaft künftiger Dinge nur eine Eigenschaft der Weisen /
und eine königliche Verrichtung sei. Wie unwürdig ich nun mich hierzu bekenne;
so hat doch der barmhertzige Erbarmer dieses allen mich so ferne damit
beteilet: dass ich nicht nur der Deutschen herrlichen Sieg gegen die Römer;
sondern auch die Vermählung meines Sohnes mit der vollkommensten Fürstin der
Welt für geraumer Zeit vorgesehen; und meinen Gespielen eröfnet habe. Hiermit
zohe sie eine ertztene Taffel ziemlicher Grösse unter ihrem Gewand herfür; in
welche so wohl ihre jetzt erwähnte / als bereit für einem Jahre in dem
Alironischen Heiligtum entdeckte Wahrsagung / als auch / wie Hertzog Herrmann
noch viel gefährliche Kriege / Tussnelde mit ihrem Sohne / den sie nach neun
Monden gebähren würde / die Gefangenschaft der Römer zu überstehen; jedoch alle
ihre Betrübnüsse einen gewünschten Ausschlag zu erwarten hätten / tief eingeetzt
stand. Diese Taffel übergab sie Tussnelden / und zugleich ein versiegeltes Buch
/ mit der Versicherung: dass alle ihre künftige Zufälle darinnen haarklein
verzeichnet wären. Dieses sollte sie zu ihrem Gedächtnis aufheben; jedoch
solches nirgends / als in der Stadt Artaxata zu öffnen ihr angeloben. Sintemal
Gott iedem Menschen zwar die Klugheit auf das künftige zu sehen /nicht aber
desselbten Vorbewust anzuvertrauen für ratsam geachtet hat; weil die guten
Zufälle ihn allzu vermässen und sicher; die schlimmen aber allzu kleinmütig
machen dörften. Tussnelde nahm dieses seltzame Geschencke / wiewohl mit ein
wenig Veränderung über denen ihr angedeuteten Begebnüssen / aus demütigste an;
und die Versamlung danckte mit grosser Ehrerbietung dieser weisen Fürstin für
die Entdeckung ihrer so denckwürdigen Begebnüsse. Die übrige Zeit des Tages ward
mit frölichern Gesprächen / und einem prächtigen Abend-Mahle in des Feldherrn
Lustause hingelegt.
    Es war schon etliche Stunden in die Nacht; als diese ansehnliche Versamlung
aus dem grossen Speise-Saale sich erhob. Wie nun ein iedes über einen breiten
Gang sich in sein Zimmer verfügen wollte; öffnete sich das Burg-Tor mit grossem
Geräusche; und das Licht vieler sich nähernden Fackeln erfüllte den ganzen Hof;
beides aber verursachte: dass die sämtliche Fürstliche Personen sich an das
Gelender lehneten / diese Neuigkeit zu vernehmen. Diesen zeigten sich alsofort
eine Anzahl ganz glatt geschorner Leibeigenen / derer ieder eine brennende
Wachs-Kertze fürtrug. Diesen folgten zu Pferde etliche zwantzig teils Römisch /
teils Scytisch / teils Morisch / und auf andere Art gekleidete und zu Pferde
sitzende Frembdlinge; welche teils in Krum-Hörner von Auer Ochsen / oder aus
Ertzt gegossen / bliessen; teils auf von gedrechseltem Holtze und mit
Ochsen-Leder überzogene Paucken schlugen. Hierauf erschien auf einem zierlichen
zweirädrichten Wagen / den vier neben einander gespannte Pferde zohen / ein
Herold / dessen Ampt und Meinung seine Merckmale also gleich entdeckten. Denn er
hatte den mit zwei einander ansehenden Schlangen umbwundenen Stab / als das
Friedens-Zeichen in der lincken; den Spiess aber in der schon zum Wurff gezückten
Hand; über diss war sein Haupt mit keinem Blumen-Krantze bedeckt; sondern mit
einem blutfärbichten Wollen-Tuche umbwunden. So bald dieser in die Mitte des
Hofes kam / hielten nichts minder die Bläser und Paucker / als der Wagen stille;
der Herold aber fieng an: Der Kern der Ritter aus den streitbarsten Völckern der
Welt ist durch das Geschrei: dass ein deutscher Fürst die vollkommenste alles
Frauenzimmers ihm zu vermählen sich erkühnt hätte; nach Deutschburg betagt / ich
aber befehlicht worden / dich / Herrmann / Hertzog der Cherusker /und alle
Deutschen / die dich einer solchen Fürstin würdig achten / auf morgen in den
Kampfplatz zu fordern; da du entweder dem Uberwinder Tussnelden abtreten / oder
durch deine Tugend die Würdigkeit sie zu besitzen erhärten sollst. Als er
dreimal diese Worte wiederholet hatte / warff er seinen Spiess mit einer solchen
Heftigkeit von sich: dass er in der Mauer stecken blieb. Er aber drehete mit
seinem Aufzuge sich umb / und kehrte auf der Burg zurücke / der ganze Hof aber
zur Ruhe.
    Die Morgen-Röte färbte mit ihren Blicken kaum die Wolcken und die oberste
Spitze des Blocks-Berges; als man für der Burg und in allen Strassen schon durch
allerhand Getöne das Zeichen zu den Ritter-Spielen geben hörte. Der Schau-Platz
war nicht allzu weit von dem Fürstlichen Schloss auf einem flachen Felde
zwischen einem annehmlichen Lust-Walde /und an einer rauschenden Bach / wormit
man den innern Platz anwässern konnte / erbauet. Diesen hatte Fürst Adgandester /
welcher zu Rom nicht nur die Bau-Kunst / sondern auch die Römische Art der
Schau- und Ritter-Spiele vollkommentlich begrieffen; nach dem Muster dessen /
welches Käyser Julius auf dem Mars-Felde zu Rom aus Holtze erbaut hatte /nach
dem das erstere des Curio vorher mit Erschlagung vieler tausend Menschen
eingefallen war. Jedoch hatte Adgandester nach der Anleitung des steinernen
Schau-Platzes den Statilius Taurus aus Tiburtinischen Werckstücken dem Käyser
August zu Ehren aufgeführt / viel in seinem verbessert; insonderheit: dass es
nicht kreiss-sondern zu mehrer Bequemligkeit der Zuschauer Ey-rund / auch von
eitel zwei- und drei-grieffigen Eichbäumen / also viel fester als des Julius
erbaut war. Sonst hatte es die Höhe wie dieses /und stiegen von denen innersten
und fürnehmsten Sitzen / welche gegen dem Platze mit zierlichem Drate verwahrt /
und in gemächliche Zimmer eingeteilt waren / dreissig um und um gehende Reien
Bäncke herauswerts empor / wormit auch die letztern alles unverhindert sehen
konten. Diese konten funfzig tausend Menschen ohne Gedränge beherbergen. Der
Schau-Platz hatte an denen zwei breiten Seiten zwei weite Tore gegen einander
über / aber wohl zwölff Stiegen. Zu unterste waren Hölen / und darinnen viel
wilde Tiere / welche man durch eiserne Fall-Gegitter aus und einlassen konnte.
Darüber waren gewisse Gemächer / welche sich auf den mitlern mit Sande
bestreuten Platz heraus drehen; und durch derselben Zusammenfügung dem
Schau-Platze die Gestalten eines Waldes / eines Feldes / einer Wiesen und andere
geben; oder auch den Platz gar beströmen / und nicht nur mit Fischen und
Wasser-Tieren / sondern auch mit Schiffen anfüllen konnte. Ja der innere gleiche
Platz hatte in sich gewisse Hölen / welche zur Zeit alles / was sich darauf
befand / in einem Augenblicke in sich zu verschlingen / und über sich wieder
eine Fläche zuzuschlüssen / oder auch aus sich Feuer und Flammen auszuspeien
geschickt waren. Uber diss waren auch hin und wieder kleine Spring-Brunnen
gemacht; welche durch verborgene Röhre zwar nicht wie zu Rom Balsam und
zerlassenen Saffran; aber wohl frisches Brunn-Wasser teils zu Erfrischung des
Schau-Platzes / teils zu Erquickung der durstigen Ringer und Zuschauer hervor
sprützten. Wiewohl bei diesem Hochzeit-Feier der sonst denen allzu üppigen
Zärtligkeiten nicht holde Feldherr dem Fürsten Adgandester erlaubt hatte: dass
durch gewisse Röhren von wohlrüchendem Rosen-Wasser ein sanfter Regen über den
ganzen Schau-Platz abtröpfeln möchte. Die Fenster waren gleichfalls mit
bund-seidenen Vorhängen für die Sonne beschattet; worzu die Beute aus dem
Römischen Lager einen überflüssigen Vorrat herbei geschafft hatte.
    Das Getöne machte den Hof / die Stadt und die ganze Gegend nicht allein
rege / sondern füllte in weniger Zeit den Schau-Platz derogestalt mit Zuschauern
an: dass in selbtem kein Apfel zur Erde hätte fallen können; alle Treppen besetzt
wurden / und ihrer gleichwohl noch viel keinen Raum fanden. Als die Grossen des
Hofes ihre Sitze kaum eingenommen hatten / öffnete sich in dem untern
Schau-Platze ein Tor; daraus kam auf einem blauen mit Sternen bestreueten Wagen
das Geschrei in eine helle Posaune blasende / gefahren. Diesem folgten hundert
Herolden mit allerhand Seitenspielen; und hierauf ein auf vier ganz niedrige
Räder gesetzter viereckichter Grund-Fuss mit einem Absatze / darauf die Hoffnung
in einem blauen mit grünenden Oel-Zweigen bestreuten Rocke stand / mit der
lincken Hand sich auf einen Ancker lehnete / in der rechten eine Lilge / auf dem
Haupte auch einen Krantz von solchen der Hoffnung gewiedmeten Blumen und Blüten
als Vorboten künftiger Früchte hatte / und von vier Luchsen / welche mit ihrer
Scharffsichtigkeit denen Hoffenden nicht unehnlich sind / fortgezogen ward.
Hierauf brachten vier schwartze Pferde einen sechsrädrichten Wagen geführt / auf
welcher die Beständigkeit in einem mit unausleschlichen Sternen geblümten Rocke
sass; und für ihr eine Seule ziemlicher Grösse liegen hatte. Nach diesem erschien
auf einem vergoldeten von vier weissen Pferden gezogenen Wagen der Sieg / in der
Hand einen Oel-Zweig / auf dem Haupte einen Lorber-Krantz haltend; Auf der
rechten Achsel sass ein Habicht / auf der lincken eine Nacht-Eule; für ihr lag
eine güldene Krone. Zuletzt erschien ein grosser länglicht-rundter von zwei
Löwen gezogener Wagen; darauf standen die Tapfferkeit / die Gedult / die
Gerechtigkeit mit der Keuschheit / und trugen ein goldenes Bild der Fürstin
Tussnelde auf den Armen. Dieser Aufzug machte in dem Platze einen länglichten
Kreis; die Säiten-Spieler aber verteilten sich in die ihnen zugeeignete Sitze.
Wie nun diese mit ihrem anmutigen Klange voriges Kriegs-Getöne ablöseten
/kamen aus vier Hölen acht ungeheure an lange Ketten mit einem Fusse
geschmiedete Cyclopen herfür; welche gegen der Hoffnung sich bis zur Erde
neigten; hernach einen seltzamen Riesen-Tantz anfiengen; darinnen sie das
Schwirren ihrer Fessel nach dem Klange der Säiten artlich bequemeten; und nach
dem die Hoffnung mit einem einigen Streiche sie alle / als sie für ihr
niederknieten / ihrer Ketten erledigte / namen sie immer zwei und zwei
wechsels-weise auf die Armen; und hieben nach einem ziemlichen Herumbtantzen sie
auf einen in dem untersten Gestüle gesetzten Stul empor. Zuletzt fassten sie den
Fuss-Bodem /darauf die Hoffnung gestanden hatte / und sätzten ihn mit ungemeiner
Geschickligkeit recht in dem Mittel des Schauplatzesfeste. Als diese Riesen in
einem Augenblicke sich verloren / weltzte sich die auf dem Wagen der
Beständigkeit liegende Seule herab / richtete sich von sich selbst auf; und nach
dem sie umb den befestigten Bodem-Fuss einmal herumb kommen war / wurden die
zwölf in dem innersten Schauplatze stehenden Seulen / auf denen die Bilder der
zwölf Cheruskischen Feld-Herrn standen / rege; stellten auch durch eine
künstliche Verwirrung / in welcher die erstere Seule bei jedem Schlusse stets in
die Mitte kam / den allerzierlichsten Tantz für. Endlich armten sich diese
Bilder mit der Seule / hoben sie auf den Bodem-Fuss der Hoffnung / und fügte sich
jedes wieder an seine erste Stelle; allwo sich ihre vorige Geschickligkeit
wieder in unregsame Höltzer verwandelte. Diese aber löseten ab sechs von den
Spitzen des Schauplatzes herab schüssende Adler; welche anfangs umb den Wagen des
Sieges fliegende zierliche Kreisse machten / hernach umb die aufgerichtete Seule
gegen einander einen annehmlichen Lust-Kampff hielten; Zuletzt aber alle ins
gesampt die auf dem Wagen des Sieges stehende Krone empor hoben / und nach dem
sie mit selbter den ganzen Schauplatz umbflogen / sie auf die erhobene Seule
feste sätzten. Endlich kamen zwölf geflügelte Winde aus der Höhe in den
Schauplatz / welche nach dem bald linden / bald stärckerem Getöne der
Säiten-Spiele und Krumm-Hörner aufs zierlichste durch einander tantzten / und so
wohl mit ihrer Bewegung / als dem Geräusche der Flügel die Eigenschaften der
Winde artlich fürstellten; zuletzt das Bild der Fürstin Tussnelde aus den Händen
der vier Tugenden empfiengen / mit selbtem empor flohen / und es auf die
gekrönte Seule sätzten. Wormit denn so wohl diese Winde / als alles andere von
diesem Aufzuge / ausser der Seule / im Augenblicke mit einem grossen Geräusche
verschwand.
    Alsofort öfnete sich das eine grosse Tor des Schauplatzes; durch welches
der des Abends vorher in der Burg geweste Herold herein fuhr. Diesen folgten
fünf Geschwader Römisch gekleidete Reiter / jede dreissig Pferde starck /
allesampt Deutsche von Adel mit so viel Führern; welche alle von tapffern Taten
berühmte Ritter waren; nämlich Löwenrod /Kranchsfeld / Lobdiburg / Hohenwart /
Spiegelberg /Eisenburg / Daun / Gleissberg / Dorgau / Woldenburg / Kolditz /
Hatzfeld / Brauneck / Hardeck / Mühlberg / Flevsheim / Schlieben / Streitorst /
Landsberg /Binau / Wolffskehl / Kronberg / Hirschhorn / Waltenstein / Stübenberg
/ Hohenack / Stöffel / Biberstein /Freudenberg und Glachau; ihr Oberster aber
war der Graf zu Steinfurt. Sie hatten alle kohlschwartze Pferde mit gelben
Sitz-Decken an statt der Sättel; die Führer aber weisse mit blauen. Alle waren
gleichsam in schopfichte von Leder gemachte Pantzer eingenehet. An der Seite
hatten sie einen langen Degen / in der rechten Hand einen langen Spiess / einen
Bogen auf dem Rücken / in dem Köcher drei Pfeile; auf dem Haupte einen Helm /
und darauff blau und gelbe Strauss-Federn eines Ellenbogens hoch / welches diese
Reiter so viel ansehnlicher machte. Dieser Reiterei folgten zehn Fahnen zu Fusse
/ iedes vierhundert und zwantzig Mann starck; diese bestanden an drei
Geschwadern leichten Knechten / welche mit einem kurtzen Spanischen Dege an der
rechte Seite / 7. Wurff-Spiessen / und einem rundten von Leder überzogenen drei
Fuss langen Schilde gerüstet waren; an so viel jungen starcken Picken-Trägern /
wie nichts minder so vielen mit grossen zweischneidenden Schwerdtern / wie auch
vier Fuss lang- und drittehalb breiten Schilden gewaffneten Männern; und sechzig
alten grauen Kriegs-Leuten; welche nebst ihren Degen mit dreizanckichten
Spiessen zum Hinterhalt ausgerüstet waren. Das erste Fahn hatte den güldenen
Adler / das andere einen Minotaurus / das dritte eine Welt-Kugel / das vierdte
einen Drachen / das fünfte ein Schwein /das sechste eine Schlange / das siebende
einen Wolff /das achte einen Elefanten / das neunte einen Sphynx /das zehnde
einen Wieder zum Kriegs-Zeiche; und in diese bei den Römern hochheilige
Merckmale war auf einer Seite des Käysers August / auf der andern Seite des
Tiberius Nahmen mit Golde gemahlet; sie auch selbst mit Perlen und Edelgesteinen
behenckt. Die Fähnriche waren alle mit Löwen-Häuten überdeckt. Für dem ersten
Fahne ritt in Käyserlichem Schmucke unter dem Nahmen des Tiberius der Catten
Hertzog Arpus. Alle diese Kriegsleute waren deutsche Ritter oder Edelleute. Die
vier Obersten waren Hertzog Melo / Siegemer / Catumer / und Siegesmund /
Segestens Sohn. Uber den güldenen Adler war gesetzt der Graf von der Marck. Die
dreissig Hauptleute waren die Grafen von Ebersberg / Winssenburg / Abenspurg /
Hohenwart / Castell / Rheineck /Schwartzburg / Beuchlingen / Stolberg /
Leissneck /Orlemund / Retz / Phirdt / Sonnenburg / Helffenstein / Leiningen /
Hanau / Löwenstein / Mondfurt /Hirssberg / Zimbern / Scheiern / Lechsmund /
Urach /Kyburg / Veringen / Kalb / Pfauenburg / Sarwerden und Acheln. Gleicher
gestalt waren alle sechzig älteste Kriegsleute des erstern Fahnes Ritter; und
zwar unter selbten Breuberg / Burcksdorff / Rodemach /Rolingen / Schellenberg /
Ratzenhaus / Zetlitz / Hohenburg / Bickenbach / Ehenheim / Nostitz / Erbach
/Grunbach / Hohenhewen / Wolfartshausen / Radenburg / Schönberg / Falckstein /
Seidlitz. Ihre Waffen waren alle vergüldet / und ihre Kleider Purper-rot und
weiss. Nach diesen Fuss-Völckern kamen abermals fünf Geschwader Reiterei; eben so
wie die ersten gewaffnet / aber mit stählernen Pantzer-Hembden und vergüldeten
Helmen; darauf Regenbogenfärbichte Strauss-Federn flatterten / ausgerüstet. Sie
waren alle Deutsche von Adel / ihre dreissig Führer Ritter / nämlich Brandiss /
Hohenstauffen / Kwerfurt / Malzan /Eynenberg / Trunberg / Neuenburg /
Firneberg /Arnstein / Töring / Gerssdorff / Waldenstein / Arburg / Rode / Rotal
/ Greiffenklau / Schweinitz / Kobern / Weissbach / Stosch / Birckenfels /
Borschnitz /Malditz / Kitlitz / Katzau / Mörsberg / Neuhaus /Seeburg /
Franckenberg und Daun. Ihr Oberster war ein Graf von Nassau. Der ersten Reiterei
Kriegs-Zeichen war ein Kranch / der andern ein Schwan: jenen beobachtete der
Graf von Ortenburg / diesen der Graf von der Lippe. Dieses ganze Kriegs-Volck
zohe umb die aufgerichtete Seule / und neigte seine Waffen für dem Bilde
Tussneldens. Hernach stellte es sich in die Breite nach der Länge des
Schauplatzes in Schlacht-Ordnung; also: dass auf jeder Seite fünf Geschwader
Reiterei das Fuss-Volck bedeckte. Von diesem aber wurden die Piquen-Träger in
zehn Hauffen abgeteilt; und in das erste / die eben so starcken und derogestalt
abgeteilten Schwerdt-Fechter in das andere Treffen; und endlich der Kern der
sechs-hundert erfahrnen Kriegs-Helden in Hinterhalt gestellet; für denen in der
Mitte Tiberius und bei ihm der güldene Adler sich befand. Die zwölf-hundert Mann
des leichten Fuss-Volckes aber wurden für alle drei Ordnungen zum ersten Anfalle
eingeteilet.
    Diese Römische Macht war kaum in ihren Stand kommen; als das andere grosse
Tor mit Gewalt aufgieng / und über hundert halbnackte Deutschen / welche mit
ihrem Blasen in eitel Auer-Ochsen-Hörner ein erschreckliches Getöne erregten /
voran in den Schauplatz traten. Sie waren aber nur Vorboten hundert und funfzig
deutscher in fünf Geschwader verteilter Reiter / alle mit Luchs-Augen bedeckte
/ mit einem höltzernen Schilde / kurtzem Schwerdte / Lantzen und Wurff-Spiessen
gewaffnete deutsche Edel-Leute. Ihre dreissig Führer waren die Grafen von Andechs
/ Hoye / Arnsberg / Benteim / Gretsch / Mansfeld / Schwartzburg / Ufheim /
Retel / Stirum / Weissenfels / Gleichen / Rochlitz / Hohen-Zollern / Stolberg /
Eberstein; und die Ritter Rappelstein / Epstein / Ellersbach / Rüxingen /
Freiberg / Hohberg / Tennesberg / Giech / Warnsdorf / Braun-Eltz / Mühlheim /
Bebran / Altenstein. Ihr Oberster war Hertzog Ganasch; Ihr Fahn oder
Kriegs-Zeichen war ein wilder Eber. Alle diese Führer waren mit Bären-Häuten;
der Hertzog aber mit einer Löwen-Haut bedecket. Die Reiterei hatte eitel braune
Pferde; die Führer aber Blauschimel. Hierauf folgten zehn Fahnen Fuss-Volck zu
hundert und zwantzig Mann. Sie waren fast wie die Römer gewafnet; ihre Rüstung
aber waren eitel Wolfs-Häute / und schmale / flache / aus Rinde oder Wieten
geflochtene Schilde in Mannes-Länge. Das fürnehmste Kriegs-Zeichen / welches der
Graf von Hanau führte / war ein Pferd / das andere ein Bär /das dritte ein Luchs
/ das vierdte ein Tiger-Tier / das fünfte ein Habicht / das sechste eine Eule
/ das siebende ein wilder Mann / das achte ein Löw / das neundte ein Biber / das
zehnde ein Wallfisch. Alle waren deutsche Ritter oder Edelleute. Ihre dreissig
Hauptleute / der Graf von Ascanien / Egmont / Horn /Zweibrücken / Henneberg /
Barby / Wertheim / Hohenloh / Fürstenberg / Catten Ellenbogen / Waldeck
/Veldentz / Lützelstein / Spanheim / Schaumberg /Wasserburg / Burghausen /
Diffalden / Lechsmund /Stalberg / Vochburg / Kyburg / Scherding / Stöfling
/Weissenhorn / Dornberg / Freiburg / Tassel / Teckelnburg und Senisheim. Alle
diese hatten umb sich Löwen-Häute / und auf dem Haupte an statt des Helmes einen
Kopff eines grausamen Tieres aus Ertzte gebildet. Uber dis waren zu
Unter-Befehlhabern bestellet der Ritter Waringrode / Schaff / Hahnburg /Plessau
/ Schlieben / Gerau / Tauttenberg / Promnitz /Wildenfels / Warberg / Reibnitz /
Weinsberg /Schwerin / Schönach / Logau / Ehrenfels / Sack / Bickenbach /
Riet-Esel / Rabenstein / Kammerau / Notaft / Stössel / Seckendorff /
Rotenhahn / Ichtritz /Biberstein / Mühlheim / Lestwitz / Eisenburg / Bodman /
Buchwald / Tschirnhauss / Rainer / Littwitz /Breitenstein / Hagen / Schelking /
Frauenstein / Künring / Braun / Welward / Ingelheim / Zelcking / Fürwangen /
Waldau / Best / Lierheim / Pritwitz / Rosenberg / Schweinichen / Gelhorn /
Ringenberg /Bock / Allendorff / Unruh / Eltershofen / Haubitz /Schellendorff und
Schwanberg. Diese waren bekleidet mit Bären-Häuten. Der Feldherr aber war
Hertzog Herrmann mit einer Löwen-Haut und Keule wie Hercules ausgerüstet. Seine
vier Obersten waren Hertzog Flavius / Henrich ein Hertzog der Marsinger /
Woldemar ein Fürst der Cimbern / und Leitold ein Graf von Habspurg; welche sich
alle mit Panter-Häuten bedeckt; und mit Löwen-Köpffen an statt der Helme
verwahrt hatten. Hierauf beschlossen endlich den Einzug fünf Geschwader Reiterei
/ alle mit Tiger-Häuten bedeckt; welche alle von Adel; ihre dreissig Führer aber
die Grafen zu Cleve / Salm / Solms / Nellenburg / Bucheg / Salgans / Fürwangen /
Weissenwolff /Hardeck / Forchtenstein / Haynburg / Lichtenstein /Windischgrätz /
Sternberg / Mossburg; und die Ritter Wassener / Brederode / Nesselrode / Walsee /
Falckenstein / Krenckingen / Zinzendorff / Leipe / Mutschelnitz / Eschenbach /
Rohr / Planitz / Quad / Marwitz / Bernstein waren. Ihr Oberster war der
Hermundurer Hertzog Jubil; welcher ebenfals mit einer Löwen-Haut bedeckt / und
wie Hertzog Ganasch gerüstet war. Die zwei Kriegs-Zeichen der Reiterei waren ein
Reiger / und ein Eis-Vogel; jenen beobachtete der Graf von Ravensberg / diesen
der von Berg. Alle diese Kriegs-Leute neigten ebenmässig ihre Waffen für
Tussneldens Bildnüsse; und stellten in gleicher Abteilung sich gegen die Römer
in Schlacht-Ordnung; jedoch nicht nach der gemeinen Art viereckicht; sondern
beide standen wie zwei halbe Monden / teils wegen der Rundte / teils wegen der
Enge des Schauplatzes gegen einander.
    Hierauf verwandelte sich das bisherige Geräusche in eine Stille; da denn der
Tiberius sich vier Ritter auf einem Schilde durch die Kriegs-Schaaren tragen
liess /und zur Tapfferkeit ermahnte / welche mit einem hellen Kriegs-Geschrei und
Aufhebung ihrer gewafneten Hände ihn dessen versicherten. Der Feldherr Herrmann
aber redete sein Volck von einem in der Eyl von Rasen aufgeworffenen Hügel an;
welches durch Zusammen-Stossung ihrer Schilde und Emporschwingung der Waffen
seine behertzte Einwilligung zu verstehen gab.
    Wie nun alsofort hierauf beiderseits durch das grausame Getöne der
Krumhörner / und durch Aufsteckung eines roten Tuches das Zeichen zur Schlacht
auf der Römer Seite das Glücke / auf der Deutschen / die Tugend zum Worte
gegeben ward; so fieng das Treffen an beiden Hörnern der Reiterei an. Erstlich
traffen fünff Ritter / als Führer eines an der Spitze stehenden Geschwaders /
und hernach ihr Geschwader von fünf und zwantzig Edel-Leuten gegen einander mit
Pfeilen. So bald sie sich auf die Seite zurück geschwenckt hatten; löseten sie
allerseits zehn Führer mit zweien Schachweise darhinter stehenden Geschwadern
ab; und als auch diese sich zurück schwenckten; rückten die vier Obersten der
Reiterei mit drei Geschwadern und ihren funfzehn Führern herfür; traf also
Hertzog Ganasch jetzt und allemal auf den Grafen von Steinfurt; und Hertzog
Jubil auf den Grafen von Nassau. Nach der Zurückschwenckung dieser dreien
Geschwader / sätzten sich allentalben alle sechs Hauffen neben einander; und
giengen hierauf insgesampt auf einander spornstreichs los. Bei ihrer
Zurückschwenckung aber sätzten sie sich spitzig zu und schachweise hinter
einander / wie sie von anfangs gestanden hatten. Bei welcher Vermengung nicht
allein aus dem Unterscheide der Pferde und der Kleidung die gute Ordnung aller
auf einander so genau treffender Glieder / sondern auch nicht ohne Verwunderung
zu sehen war; wie in eines jeden kämpffenden Schilde zwei Pfeile steckten / und
also /weil niemand gefehlet hatte / keiner auf dem Bodem gefallen war. Massen
denn auch alle Pfeile und Wurff-Spiesse mit dessen Wappen / der sie brauchte /
gezeichnet waren; wormit die Fehlenden hernach erkennet werden möchten.
Unterdessen traf auch das Fuss-Volck; jedoch weil in diesem nicht jedermann / wie
sonst der Kriegs-Brauch erfordert / für voll drei Schuh weit Platz umb sich
hatte / nur nach und nach auf einander. Anfangs fielen zehn Hauffen
leichtgerüsteter Kriegs-Leute / jeder viertzig Mann starck / einander mit
leichten Wurff-Spiessen an / welche ebenfals alle mit den Schilden aufgefangen
wurden. Diese sätzten sich bei ihrer Zurückweichung in die Lücken zwischen die
Piquen-Träger; die unterdess gegen einander rückten; und mit ihren Lantzen
einander zu durchbohren / oder die Ordnung zu durchbrechen trachteten. Wie sich
denn auch ereignete: dass auf deutscher Seiten von dem Fahne des Luchses in die
Römische Welt-Kugel / vom Tiger in Drachen / vom wilden Mañe in Wolff / und vom
Löwen in Elefant / hingegen von Römischer Seiten vom Minotaur in den deutschen
Bär / vom Schweine in Habicht / von der Schlange in die Nacht-Eule eingebrochen
ward; die mittelsten Haupt-Fahnen des Pferdes und Adlers; ingleichen die
eusersten des Bibers / gegen den Sphynx / und des Wallfisches gegen den Wieder
/blieben aber in geschlossener Ordnung gegen einander stehen. Diesemnach denn
die zwischen dem Luchs und wilden Manne stehenden leichten Schützen dem Habichte
/ die zwischen dem Pferde und Tiger dem Bären / die zwischen dem Löwen und dem
Tiger der Nacht-Eule; hingegen auf Römischer Seite die zwischen dem Adler und
der Sau der Welt-Kugel / zwischen dem Minotaur und der Schlange dem Drachen
/zwischen dem Sphynx und der Sau dem Wolffe / zwischen der Schlange und dem
Wieder dem notleidenden Elefanten mit ihren Wurff-Spiessen zu Hülffe eilen
mussten. Welches beiderseits mit einer so geschickten Geschwindigkeit geschach:
dass sich alle Hauffen nicht nur ordentlich zusammen schlossen /sondern es
rückten auch diese Piquen-Träger mit einer zierlichen Art zurücke / und die
Schwerdt-Führer durch die leere Plätze neben ihnen herfür. Inzwischen geriet
die Reiterei mit voriger Abwechselung: dass anfangs fünf Führer mit einem
Geschwader / hernach zehn mit zweien / ferner der Oberste selbst und funfzehn
Führer mit dreien; endlich alle sechs in die Breite gesätzten Geschwader auf
einander traffen. Das erste Treffen geschahe mit einem langen Wurff-Pfeile;
darunter abermals nicht ein einiger fehlete; sondern jeder Schild einen Pfeil in
sich stecken hatte. Das gesampte Treffen aber mit langen Lantzen; welche durch
das erschreckliche Knacken und die Emporflügung der abspringenden Spitzen / nach
dem gleichsam in einem Augenblicke dreihundert und sechzig auf einmal gebrochen
wurden / denen furchtsamen Zuschauern ein Schrecken / denen Behertzten aber eine
ungemeine Lust erweckte. Worbei denn dis wundernswert war: dass keiner unter den
Streitenden aus dem bloss von gleichen Decken gemachten Sitze kam; nur allein
verwundete Hertzog Ganasch des Grafen von Steinfurt / Graf Benteim des Ritters
Hohenwarts / hingegen Wolffskehl des Ritters Freibergs /und in dem andern Horne
der Graf von Salm des von Hohenstauffen / und Wassenar des Rotals / hingegen
Querfurt des Grafen von Solms Pferd so sehr: dass sie bei dem folgenden Treffen
andere aus ihren Bei-Pferden erkiesen mussten. Kolditz / Brauneck / Biberstein
/Greiffenklau und Seeburg wurden auf Römischer /Arnsberg / Stirum / Rohr und
Planitz auf deutscher Seiten / jedoch ohne Gefahr und Hindernüs fernerer
Kriegs-Ubung verwundet / wundet. Eben so scharf ging es bei dem Fuss-Volcke her.
Denn die mit grossen Schwerdtern gerüsteten Helden liessen zwar die ihnen
zugeordnete vierhundert leichte Schützen mit ihren Wurff-Spiessen ihren Feind
eben so wie anfangs reitzen. Wie diese sich aber zwischen ihre in drei Glieder
geordnete zehn Hauffen sätzten / grieffen die ersten Glieder / und also zusammen
vierhundert Mann einander mit denen Schwerdtern so grausam an: dass es schien: es
würde der gröste Teil auf dem Schauplatze erblassen. Als auch die ersten
Glieder abgemattet / traten die andern / und folgends die dritten mit einer
ordentlichen Abwechselung an die erste Stelle. Die zwei Obersten Melo und
Catumer auf Römischer / Flavius und Woldemar auf Deutscher Seiten / fochten auch
selbst so scharf gegen einander; als wenn es um ihre Herrschaft zu tun wäre;
welchen denn die beiderseits gegen einander stehenden zehn Hauptleute nichts
nachgaben; Worüber der Graf von Abensberg /Stolberg / Löwenstein / Kyburg und
Acheln jenseits /und disseits die Grafen von Barby / Ellenbogen /Burghausen /
nebst vielen Rittern beiderseits ziemlich verwundet wurden; ungeachtet die
Schwerdter mit Fleiss zu diesen blossen Kriegs-Ubungen stumpff gemacht wurden.
Gleichwol blieben aller Ortes die Glieder feste geschlossen / und alle zehn
Hauffen in unversehrter Ordnung. Durch dieses Schwerdt-Gefechte ward die
Reiterei an beiden Hörnern nun auch gleichsam aufgefrischt: dass sie zu ihren
Degen grief; und erstlich das eine in der Spitze stehende / hernach die zwei
andern / ferner die drei letzten / und endlich alle sechs Geschwader mit ihren
Obersten und Führern in ein heftiges Gefechte verfielen. Gleicher gestalt
rückten die Feldherren und die vier Obersten /nämlich Hertzog Segimer und
Siegesmund Römischer / und der Marsinger und Cimbern Hertzog Deutscher Seiten /
wie auch zwantzig Gräfliche Hauptleute mit dem Kerne der sechshundert erfahrner
Kriegs-Helden an die Spitze. Es scheinet unglaublich zu sein: dass in einer
Kriegs-Ergetzung solcher Ernst und Heftigkeit sonder grosses Blut Bad angewehret
werden könne; als diese in zehn Hauffen abgeteilte Ritter anfangs mit ihren
dreizanckichten und viereckichten Spiessen / hernach mit ihren Degen bezeugten.
Wie es denn auch ohne gefährliche Beschädigung nicht abgegangen wäre / wenn die
Geschickligkeit dieses Helden-Ausbundes solches nicht klüglich zu verhüten
gewüst hätte; Wiewol es ohne Verwundung mehr als zwantzig streitender Ritter
nicht abgieng. Insonderheit aber zohen der Feldherr Hertzog Herrmann und Hertzog
Arpus aller Zuschauer Augen auf sich; Zumal jener mit seiner einigen Keule allen
Waffen gewachsen war / und sich derogestalt im Wercke als der rechte Hercules
der Deutschen fürstellte. Als alle Glieder der Reiterei / allwo Hertzog Jubil
und Graf Nassau wie zwei erzürnte Adler einander antasteten / wie auch des
Fuss-Volcks getroffen hatten / schwenckten sie sich alle; und sätzte sich
beiderseits das Kriegs-Volck in eine ganz neue Ordnung; nämlich die Reiterei
machte auf jeder Seite ein eintziges Geschwader; diesen standen einwerts an der
Seite der leichten Schützen an jedem Orte sechshundert; ferner hinein zwei so
starcke Hauffen Piquen-Träger / hernach eben so viel mit Schwerdtern Gerüstete /
und endlich mitten gleichsam im Hertzen der Kern der Kriegs-Leute / und zwischen
selbten die zwei Feldherrn und die Haupt-Fahnen /das Pferd und der Adler; also:
dass dieser Ordnung nach alle und jede Hauffen auf einmal gegen einander treffen
konten. Welches denn auch mit so unglaublicher Vollkommenheit geschach: dass alle
vorige Treffen gegen diesem allgemeinen nur Kurtzweil gewesen zu sein schien;
und wussten die Augen der Zuschauer sich kaum mit sich selbst zu vergleichen /wo
sie am ersten oder meisten hinschauen sollten. Denn aller Armen und Waffen regten
sich. Es geschahen so viel Einbrüche und Begegnunge; gleichwol aber blieb alles
in wohl erkenntlicher Ordnung. Endlich brach Hertzog Herrmann mit seinen Rittern
entweder durch überlegene Tugend / oder aus höflicher Ehrerbietung des Hertzog
Arpus und seiner Ritter so weit ein: dass er den Römischen Adler ergrief /und
selbten gegen Tussneldens Bilde neigte. Worüber sich aber ein neues Getöne von
denen lieblichsten Säiten-Spielen an statt der rauen vorher schreienden Hörner
hören liess; wormit die Gerechtigkeit auf einem güldenen von vier weissen Pferden
gezogenen Wagen mitten zwischen die Streitenden gerennet kam / und hierdurch
einen unvermuteten Stillestand der Waffen machte. Sie war ganz anders als
sonst ins gemein ausgerüstet. Denn sie hatte auf dem Haupte eine Nacht-Eule das
Bild der Weissheit. Sintemahl die Gerechtigkeit in dem Gemüte der Menschen
nichts anders als die Weissheit ist. An statt des Schwerdtes /oder des mit Ruten
umwundenen Richtbeiles / welches nichts minder der Gerechtigkeit / als der
Bürgermeister zu Rom Kennzeichen zu sein pfleget / hatte sie einen mit Schlangen
umwundenen Herold-Stab /als das Merckmaal der Eintracht; weil die Gerechtigkeit
in den Häusern oder in bürgerlichen Dingen nichts als die Eintracht / und mit
dem Schwerdte mehr einer grausamen Atropos / als einer so holden Tugend ähnlich
ist; oder auch / weil die gegen einander gestellte Schlangen nicht nur den
Friede / nämlich die Gerechtigkeit des gemeinen Wesens und der Herrschaften;
sondern auch das Dräuen gegen die Widerspenstigen fürbildet. Westalben denn
auch auf ihrer Schoos ein Horn des Uberflusses lag. Uberdis hatte sie neben der
gemeinen Wage in der lincken Hand einen ertztenen weiten Ring das Zeichen der
Versehung / als welche im Himmel ebenfals nichts anders als die Gerechtigkeit
ist. Also stellte sie sich recht gegen die Römische aufs neue geschlossene
Schlacht-Ordnung / und fieng mit einer scharffen doch annehmlichen Stime
folgender Weise an zu singen:
Ihr Romer steckt die Waffen ein;
Tiber lass deinen Zorn verschwinden;
Wer Deutschland meint zu uberwinden /
Weiss nicht: dass Donau und der Rhein
Der Rom'schen Siege Gråntz-Maal sein.
Bist du Tiber ein Herr der Welt;
So werde nicht ein Knecht des Neides /
Ein Stiffter deines eignen Leides.
Weil / wenn der Missgunst was gefållt /
Sie ihr nur Mångel selbst ausstellt.
Mein Urtel ist furlångst gefållt /
Furst Herrmann sei nur wert Tussneldens /
Und sie so eines grossen Heldens.
Wer nun was anders moglich hålt /
Glåubt kein Verhängnus in der Welt.
Eh wird der Sternen Bär den Fuss
Von Mitternacht nach Sud verrucken /
Eh dir dein Vorsatz wird gelucken;
Weil aller Welt Macht doch den Schluss
Des Himmels übernehmen muss.
    So bald dieser Gesang geendiget war / fieng das ganze Römische Heer
gleichsam durch ein Feld-Geschrei an zu ruffen: Niemand ist Tussneldens würdiger
als Herrmann. Worauf selbtes denn auch unter dem Getöne der Krumhörner in guter
Ordnung aus dem Schauplatze abzoh; alle Römisch gekleidete aber gegen dem an der
Spitze der Deutschen zu Pferde haltenden Feldherrn ihre Waffen und
Kriegs-Zeichen neigten. Kurtz hierauf aber erschien ein Herold in den Schauplatz
/ welcher im Nahmen des fürgebildeten Tiberius den Feldherrn mit seinem
Kriegs-Volcke und den ganzen Hof unter seine Zelten zu Gaste einlud; weil er
als ein Frembdling sie bequemer nicht zu bewirten wüste. Wohin beide / und
fürnemlich das Fürstliche Frauen-Zimmer zu Wagen mit grösserem Gepränge / als
vorige Tage folgten; weil Hertzog Arpus dieses mal durch sein Beispiel die
Eitelkeit der Römischen Verschwendung fürzubilden / oder vielmehr durchzuziehen
gemeint war. Auf einer an einer rauschenden Bach gelegenen / und mit einem
Lust-Walde umbgebenen grossen Wiese waren einen Kreis herumb fünfhundert denen
Römern abgenommene Zelten aufgespannet / in welchen so viel Tafeln mit Speisen
auf Römische Weise für das Kriegs-Volck zubereitet waren. In der Mitte aber sah
man auf einem lustigen Hügel sieben Zelten ausgespannet; welche Quintilius Varus
noch mit aus Syrien gebracht / und ihnen nach Römischer Art / welche ihre
Speise-Säle nicht nur nach gewissen Göttern nenneten / sondern auch selbten eine
gewisse Anzahl und Kostbarkeit der Speisen zueigneten / die Nahmen der sieben
Irrsterne nach ihrer eigenen Beschaffenheit gar füglich beigelegt hatte. Alle
waren aus Persischem Gewebe. Und zwar anfangs zeigte sich das Zelt des Saturn
aus Viol-blauer Seide gewebet / und darein eitel Stein-Böcke aus Silber
gewürcket. In diesem stand die ei-rundte Taffel mit eitel seltzamen Fischen
bedeckt; vielleicht / weil das Meer aus des Saturnus Tränen entsprungen sein
soll. Diese waren so künstlich gesotten: dass sie ebe die Farbe / welche sie
lebendig haben / behalten hatten. Darunter waren etliche grosse Barben: nicht so
wohl: dass dieser in Deutschland allzu gemeine Fisch eine sonderbare Seltzamkeit /
sondern vielmehr eine Verhönung der Römer sein sollte; bei denen mehrmals einer
fünf- auch acht-tausend Groschen gegolten / und also ein Fisch den Preis
etlicher Fischer übertroffen hatte. Hierunter waren auch zugerichtete
Kameel-Fersen / des Apicius Lecker-Bisslein /und ganze Schüsseln voll
Murenen-Milch; welcher Fisch an unterschiedenen Orten Deutschlands / und
sonderlich in dem Gebiete der Burier gefangen wird. Auch mangelten hierbei nicht
die gar aus dem Carpatischen Meere mehrmals nach Rom verschriebene
Skarus-Lebern; welcher alleine unter allen Fischen käuet / und denen Felsen die
Kräuter abfrisst; von den Römern auch seiner Niedligkeit halber für den König der
Fische gehalten / ja gar das Gehirne des Jupiters genennt wird. Die Taffel war
überdis aus allerhand von Zucker und Wachs künstlich gearbeiteten und fast alle
Arten der Fische abbildenden Schau-Essen besätzt; unter denen in der Mitte
fürnemlich als ein grosses Wunderwerck der Wallfisch zu sehen war; welcher die
für ihm in Lebens-Grösse angebundene Andromeda zu verschlingen vergebens dräute;
auf der Taffel aber darzu diente: dass er aus seinen Naselöchern in zwei bleierne
Kessel wolrüchendes Wasser sprützte. In dem Taffel-Zeug waren allerhand Arten
Fische; in die Teppichte aber alle Getichte vom Saturnus gewürcket. Die
Trinck-Geschirre / Schüsseln und andere Gefässe waren alle Porcellanen / die bei
den Seren aus einer zarten Erde gemacht werden / Pompejus aber aus dem
Mitridatischen Kriege zum ersten nach Rom gebracht hat. Das andere dem Jupiter
gewiedmete Zelt war aus weisser Seide gewebt / und mit güldenen Adlern / die
innern Teppichte aber mit Löwen durchwürckt. Die dreieckichte Taffel ward mit
eitel köstlichen Speisen von Flügelwerck angefüllt /unter welchen zwei grosse
Schüsseln gleichsam zwei Berge Fasanen in sich hatten; welche die Römer zwar aus
Colchis holeten / und meist nur an grossen Feiern und ihren Geburts-Tagen
verspeiseten / die Deutschen aber in ihren eigenen Püschen fiengen. Unter der
grossen Menge vieler köstlichen Speisen waren auch viel Zucker-Bilder / welche
alle die Geschichte des Adlers fürbildeten; wie selbter nämlich die zu opffern
gewiedmete Helena / und die Valeria Luperca errettete /dem Jupiter den Blitz /
und den Ganimedes zuführete / dem Tarquinius Priscus den Hut aufsätzte / in
Liviens Schoss eine weisse Henne warf / und dem Augustus das geraubte Brod wieder
in die Hände gab. Insonderheit aber hackte ein durch Kunst bewegter Adler dem
Prometeus unaufhörlich in die Leber; woraus der köstliche Baum-Balsam tröpfelte
/ und alle Zelten mit dem süssesten Geruche anfüllte. Ein ander über der Taffel
schwebender Adler spritzte aus dem Schnabel weissen Wein in zwei tieffe
Jaspis-Schalen. Die Taffel-Geschirre waren alle aus Jaspis; die Trinck-Geschirre
aber mit Schmaragden / Saphiren und Hiacynten besätzt. Das dritte nach dem Mars
genennte Zelt war aus Feuer-farbichter Seide / und darinnen von Gold gewürckte
Wieder. Die Speisen auf der achteckichten Taffel waren meist von Raub-Tieren
bereitet; unter denen war eine Menge bei den Römern so hochgeschätzter / in
Deutschland aber gemeiner Trappen / und eine grosse Schüssel voll Zungen von
denen Phönicopter-Vögeln. Zu Schau-Gerichten standen drei ausgestopfte und Eisen
verschlingende Straussen auf der Taffel. In der Mitte war der brennende Berg
Etna aufgesätzt / welcher eitel Zimmet in sich verzehrte / und also auch die
Lufft darmit erfüllte. Uber dis waren auch des Mars und der Venus Liebe / des
Vulcanus Netze / und viel andere Gestalten mit grossen Zucker-Bildern
fürgestellt. Auf der einen Seite der Taffel stand die Römische Wölffin nebst
zweien unter ihr liegenden Kindern aus Stein gehauen; welche in einen marmelnen
Kessel mit vier Strömen unaufhörlich Milch ausströmete; Auf der andern Seite
spritzte ein Einhorn durch sein Horn roten Wein in eine marmelne Schale aus.
Die Taffel-Geschirre waren die köstlichsten Samnitischen Gefässe; die
Trinck-Geschirre mit Ametisten und Diamanten versätzt. Das vierdte der Venus
geeignete Zelt war aus Rosen-farbener Seide und Golde gewürcket / und durch und
durch mit güldenen Rosen / Narzissen und Lilgen / der Bodem mit eitel Saffran /
die Taffel mit allerhand umb diese Jahres-Zeit ungewöhnlicher Blumen bestreuet /
sonst aber mit eitel Früchten / als Granaten- und Serischen Aepfeln /
Indianischen Nüssen / Cyprischen Feigen / Cretischen Weintrauben /Africanischen
Datteln Melonen und andern seltzamen Erfrischungen bedecket. Zwischen diesen
aber standen zwölf zuckerne Liebes-Knaben / welche mit ihren ausgestreckten
Händen in Schüsseln aus Topatz / mit Ambra / und dem Kraute Satyrion / wie auch
Bibergeilen vermischtes Pfauen- und Straussen-Gehirne /eingemachte
Granaten-Zitron- und Pomerantz-Blüten denen Gästen zureichten / und gleichsam
einnötigten. Denn diese Göttin / als eine absondere Liebhaberin der Blüten und
Blumen / soll mit dieser wunderschönen Geschöpfe Augen-Vergnügung sich nicht
gesättiget sondern selbte zum Genüsse des Mundes in einem zuckernen Begräbnüsse
aufzuheben / oder ihre Seele durchs Feuer in hertzerquickende Tränen zu
zerflössen gelehret haben. In der Mitte stand ein grosses ertztenes Bild der
Natur / welches aus der einen Brust Narben- und Jasmin-Wasser / aus der andern
Palmen-Wein in zwei Onyx-Schalen sprüzte. In diesem Zelt war auch des Varus
alabasterne mit köstlichen Salben und Balsam gefüllte Wanne zu sehen /dariñen er
sich zu waschen oder gar zu baden pflegte. Ausser dem war alles Tafel-Geschirre
aus Agstein. Des fünften Zeltes Bodem war aus blauer Seide / darein aus
vielfärbicht anderer eitel auf Bäumen spielende Papegoyen gewebt waren. Auf der
viereckichten Tafel waren meist aus gesunden Früchten gepresste Säffte; aus
seltzamen Gewächsen und Würtzen vereinbarte Torten / eingemachte Wurtzeln und
Backwerck aufgesätzt; vielleicht weil Mercur nichts minder der Artznei / als der
Handlung fürstehet. Diese Gerüchte aber ware mit unterschiedenen aus Wachse
/Helffenbein uñ Marmel gemachte falschen Speisen /wie auch dem Tiburtinischen
Kiesel-Zucker vermischet / umb die geitzigen Gäste schertzweise zu äffen. Auf
der einen Ecke der Taffel stand sein grosses silbernes Bild / die Zunge heraus
reckende; welches in der einen Hand eine silberne Schüssel aus Lasursteine mit
eitel Fisch- und Vogel-Zungen / in der andern mit Papegoyen / Staaren /
Aglastern / Nachtigaln / Lerchen und dergleichen zu reden / oder künstlich zu
singen gewohnten Vögeln den Gästen zureichte; umb hierdurch die Römer und
fürnemlich den verschwenderischen Esopus anzustechen; welcher in einer Schüssel
derogleichen für sechs-hundert-tausend Sesterstier erkauffte Vögel seinen
lüsternen Gästen auftrug / wormit sie gleichsam etwas / was dem Menschen nahe
käme / kosten möchten. An der andern Eckestand ein ander Bild des Mercur /
welches in der rechten Hand seine ihm zugeeignete Schlaff-Gerte /in der andern
eine Agatene Schale mit ausgepresstem Mahsaffte hielt. Auf der dritte Ecke stand
sein Bild aus Silber in Gestalt eines Hirte / welcher aus einem Kruge in eine
Schale eine Safft ausgoss; der dem Ansehe nach Milch / in Warheit aber ein
köstlicher Griechischer Wein war. An der vierdten Ecke stand gleicher gestalt
ein silberner Mercur / in der rechten Hand eine Schüssel voll gesunder Kräuter;
in der andern ein Gefässe heissen Wassers haltende / welches aus einem
Indianischen Kraute gekocht und zur Gesundheit gebraucht wird. Die
Tisch-Geschirre waren aus eitel Helffenbein gedrehet. Das sechste Zelt war
auswendig aus grüner / inwendig aus weisser Seide gewebet /und beiderseits mit
silbernen Narcissen bestreuet. Auf der Spitze des Zeltes gläntzete ein halber
Monde. Die Taffel hatte gleicher weise eine solche Monden-Gestalt. Alle Taffel-
und Trinck-Geschirre waren aus vollkommenen Berg-Kristallen; Die Speisen
allerhand Arten von Britannischen Austern / Schnecken / Krebsen /
Wasser-Schnepfen und anderm Geflügel / und zwar in solchem Uberflusse: dass nach
der Weise der Römischen Uppigkeit die blossen Hinterteile zu Sättigung vieler
Gäste einen Uberfluss abgaben; Auch waren allhier Biber und andere Tiere / die
teils auf der Erde / teils im Wasser leben. Nichts minder allerhand Arten
Piltze und Schwämme; welche die Römischen Leckermäuler unter die geschmacktesten
Köstligkeiten rechneten; und Tiberius den Asellius Sabinus damit für ein
Gespräche ansehnlich beschenckte; dariñen die Piltze mit denen Austern /Drusseln
/ und denen Vögeln / welche nichts als Feigen und Weinbeeren essen / umb den
Vorzug kämpften. Diese stachen ferner ab viel gläserne Schalen mit eingemachten
Wurtzeln und köstlichen Kräutern. Gleicher gestalt sah man aus Zucker allerhand
dem Mohnden gewiedmete Tiere / als Katzen / Gänse /Reiger und derogleichen mit
eingemischet. In der Mitte stand ein grosses aus Perlen-Mutter künstlich
gearbeitetes Bild der dreifachen Hecate; welche auf dem einen Haupte einen
halben Monden hatten; aus dessen zwei Enden ein annehmlicher Weirauch- und
Ambra-Rauch empor stieg / und das ganze Zelt überwölckte. In der rechten Hand
hielt sie eine See-Muschel voller Perlen / in der andern eine Schale mit Essig /
die Gäste gleichsam einladende: dass sie nach Cleopatrens und des wollüstigen
Clodius Esopus Beispiele jene Himels- und Monden-Frucht durch die im Essige
befindlichen Würmer zerbeitzen / und ihren üppigen Gaumen darmit vergnügen
sollten. Das andere Haupt der Hecate bildete einen Hirsch für; weil sie auf der
Erde eine Vorsteherin der Jagt / wie im Himmel eine Mutter der Feuchtigkeit; und
unter der Erde eine Beherrscherin der Geister sein soll. Aus denen obersten
Enden der Geweihe sprützte ein wolrüchendes Wasser / welches sich aber in der
Lufft in einen linden Regen zerteilte. In der einen Hand hatte sie eine
wolrüchende Fackel von weissem Agsteine / in der andern ein viereckicht
gespjetztes Stücke Stein-Saltz / als ein Merckmaal der Fruchtbarkeit / welches in
höchster Vollkomenheit nicht ferne von Carrodun gegraben wird. Hecatens drittes
Haupt bildete einen Hunds-Kopff ab; in beiden Händen hatte sie zwei Schalen mit
ganz güldenen Brodten. Das siebende recht in die Mitte der andern sechs
geschlossene Zelt war aus eitel Golde gewürckt; und mit einem regenbogichten
Streiffen durchzogen / in welchem als dem gestirnten Tier-Kreis die zwölf
himlischen Zeichen aus Golde gestückt zu sehen ware. Oben auf der Spitze des
Zeltes leuchtete eine güldene Kugel mit Rubinen versätzt. Die Taffel war
kugel-rund; alle Geschirre feines Gold; und alle niedliche in denen andern
Zelten verteilte Speisen nichts minder als für Zeiten in Mohren-Land auf der den
Nahmen eines Sonnen-Tisches verdienenden Wiese hier zusammen vereinbart / und
das seltzame Wildpret in den weissesten Teig / welcher selbigen Tiere Gestalt
fürbildete / eingebacken; gleich als wenn sonder Zutat der Sonne kein ander
Gestirne etwas zu zeugen vermöchte. Unter diesen stand eine hochaufgetürnte
Schüssel von eitel denen noch lebendigen Hähnen abgeschnittenen Kämmen /mit
Pfauen- und Nachtigal-Zungen / Phönicopter-Gehirne / Rebhüner-Eyern / Papegoy-
und Fasan-Köpfen / Kramss-Vögel-Gehirne / Meer-Barben-Bärten angefüllet. Nachdem
aber dieser Überfluss auf einem Taffel-Blate keinen Raum fand / waren derer drei
/ iedes eines Ellenbogens höher über einander getürmet. Unter diesen seltzamen
Speisen waren fürnemlich die aus Zucker bereitete zwölff himlische Zeichen
würdig zu betrachten. Auf der Mitte des obersten Blates war ein güldener Fenix;
welcher in einem Zimmet-Feuer sich nicht so sehr einäscherte / als mit seinem
durch etliche kleine Lufft-Löcher ausschmeltzenden Balsam die Flamme lebhaft /
die Lufft aber wohlrüchend machte. Umb die Taffel herumb standen zwölff
silbern-vergüldete Tiere / nämlich ein Löwe / ein Pferd / ein Ochse / ein
Wieder / ein Adler / ein Schwan / ein Hahn / ein Pfau / eine Heidechse / eine
Feuer-Schlange / ein Meer-Schwein / und ein Gold-grüner Kefer; welche in zwölff
güldene Schalen so viel Arten Weine sprützten. Wormit aber nichts von der
Römischen Verschwendung vergessen / oder auch des Antonius Küche beschämet würde
/ standen auf einer absondern Taffel in viereckichten Schüsseln zwölff gebratene
wilde Schweine / welche alle über sechs Centner wogen. Ja wormit man allhier des
verschwenderischen Caranus in Macedonien berühmtes Hochzeit-Mahl nicht wegstäche
/ waren sie alle mit Reb- und Hasel-Hünern / wilden Tauben / Austern /
Kälber-Milch und Sartellen gefüllt. So war auch unter den deutschen Helden
keiner bei dieser Taffel / welcher nicht auserhalb der Netze ein wildes Schwein
gefället hatte: welches alle die verübt haben mussten / so in Macedonien mit zu
einer solchen Taffel gelassen werden wollten. Zwischen diesen 7. Zelten waren die
annehmlichsten Seiten-Spiele verstecket / welche die darinnen nach Römischer
Gewohnheit bewirtete Fürstliche Versamlung zu voller Belustigung ermunterten.
In dem Zelte des Saturnus waren zwölff Wald-Götter / des Jupiters / zwölff
schöne Jünglinge / des Mars / zwölff Cyclopen / der Venus / zwölff nackte
Jungfrauen / des Mercur / zwölff Affen / des Monden / zwölff Wassermänner / der
Sonnen / zwölff Götter die Gäste zu bedienen bemüht / und wormit die
Abwechselung sie so viel mehr vergnügte / leiteten sie sie aus einem Zelte in
das ander. Massen denn in allen Zelten kein Trinck-Geschirre verhanden war /
woraus die Fürsten oder der Adel nicht des Feldherrn oder Tussneldens Gesundheit
trancke. Deñ ob zwar hier alles auf Römisch hergieng; so hatte doch diese den
Griechen und Deutschen von uhralter Zeit gemeine Gewohnheit: dass sie ihren
Göttern und Helden bei den Gastmahlen grosse Schalen mit Weine opferten / auch
bei den Römern fürlängst Bürger-Recht gewonnen / und ist nach dem Siege des
Fabius und Marius zu Rom keine Mahlzeit gehalten worden; da sie nicht auf
Gesundheit dieser ihrer Erlöser grosse Becher ausgeleeret. Ja der Römische Rat
hat bei ieder Mahlzeit des Käyser August Gesundheit zu trincken den Römern durch
ein offentlich Gesetze aufgebürdet. Uber diss ist nicht zu vergessen: dass bei des
Saturnus Zelte zwölff Gefangene / aber hier deutsch-gerüstete nackte Römer / als
welche bei ihren Gastmahlen die Deutschen hierzu gleichfalls zwangen / biss aufs
Blut fechten mussten. Bei dem Zelte des Jupiters aber stellte Amaltea und
Melissa nebst noch vierzehn Schäferinnen und einer Ziege / welcher Hörner
vergüldet waren / in einem zierlichen Tantze mit der blossen Geberdung die
Auferziehung des Jupiters so deutlich für / als wenn sie redeten. Sintemal diese
Kunst mit den Händen allerhand Schauspiele vorzustellen zwar schon alt / auch
vom Socrates und Plato gebilliget; aber neulich durch des Käysers Augustus
Schauspiel-Meister den Pylades und Batyllus aufs höchste gebracht war. Für dem
Zelte des Mars ward ein Mohren-Tantz / wie ihn selbte für angehenden Schlachten
zu halten pflegen / wie nichts minder ein Waffen-Tantz / wie selbten die Curetes
in Creta erdacht haben sollen / von vier Cyclopen und zwölff geharnschten
Zwergen geheget; darinnen sie den Streit des Ulysses und seiner Gefärten mit
dem Polyphemus aufs deutlichste fürstellten; und die Riesen mit ihren
flennichten Antlitzen und grausamen Geberdungen / die Zwerge aber mit ihrer
Behendigkeit / da sie denen Cyclopen bald zwischen den Beinen durchkrochen /
bald auf den Achseln und den Köpfen sassen; auch mit Aneinanderstossung ihrer
silbernen Schilde und Waffen ein annehmliches Getöne machten / die Zuschauer zu
öffterem Gelächter und Ergetzung bewegten. Hinter dem Zelte der Venus sangen die
sieben Musen in einem Schauspiele die Liebe des Cupido und der Psyche; und regte
iede ein absonderes Seitenspiel darzu. Für dem Zelte des Mercur ward durch
künstliche Seil-Täntzer / welche auf ganz dinnen und unsichtbaren Fädemen sich
durch die Lufft bewegten / der Flug des Dedalus / und die Abstürtzung des Icarus
fürgebildet. Und hierauf der Tantz des Teseus von zwölff Knaben / welche die
seltzamen Gänge des Cretischen Irr-Gartens andeuteten / fürgestellt. Für dem
Zelte des Monden sah man das Bad Dianens / die Verwandel- und Zerreissung des
Acteons in einem Tantze / darinnen auch die Hunde / wie bei den Indianern die
Elefanten / bei den Sybariten die Pferde zu tantzen abgerichtet waren
/aufgeführt wurden. Endlich bildeten bei dem Zelte der Sonnen des Atlas sieben
Töchter die gestirnten Plejades den Lauff der sieben Irr-Sterrnen ab; welcher
Bewegung zur Erfindung des Tantzens den ersten Anlass gegeben haben soll. Celäno
war wie der bleifarbichte Saturn; Sterope wie der helle Jupiter / Merope wie der
feurige Mars / Alcyone wie die strahlende Venus / Maja wie der blasse Mercur /
Taygete wie der liebliche Monde / und Electra wie die freudige Sonne
ausgerüstet. Hierzu leuchteten grosse angezündete Wachs-Seulen; die Zelten aber
wurden mit Ampeln erhellet; darinnen ein balsamichtes Oel brennte. Mit welchem
Gastmahle denn der übrige Tag und die halbe Nacht durchgebracht / auch iedem
Fürsten von sechs Wald-Göttinnen / iedem Fürstlichen Frauenzimmer von sechs
Satyren mit grossen silbernen Leuchtern nach der Burg vorgeleuchtet / und von
eben so vielen allerhand köstliche Geschirre mit denen kräfftigsten Säfften und
Erfrischungen / als ein Geschencke iedem in sein Zimmer getragen / alle andere
Speisen aber vollends unter das Kriegs-Volck verteilt wurden. Welches alles
bei dem deutschen Adel nicht kleine Verwunderung erweckte / zumal bei dem der
nicht zu Rom vorher die unmässige Pracht und Verschwendung / (die bei diesem
vorhin etliche hundert Jahr lang so mässigem Volcke erst nach Uberwindung des
Antonius bei Actium mit Gewalt eingerissen war /) gesehen hatte.
    Folgenden Morgen / als es beginnte zu tagen; kamen auf einmal drei Herolden
in das Fürstliche Schloss. Der erste war ein Scyte oder Sarmatier. Er sass auf
einem leichten Wagen / war mit einem gelben seidenen Unter-Kleide / und einem
blauen Ober-Rocke belegt; welcher nichts minder / als seine Haupt-Decke mit
einer gewissen Art weicher / und für den Wind guter Mäuse- oder Marder-Felle
gefüttert waren. Sein auf der fördersten Spitze des Wagens sitzender Knecht
jagte für ihm vier flüchtige Walachen her; welche Art der verschnittenen Pferde
die Scyten zum ersten erfunden haben. Er führte eine blancke Sebel in der Hand.
Für ihm ritten etliche Scytische mit Köcher und Bogen gerüstete Scyten. Sein
Anbringen begehrete: dass Hertzog Herrmann dem Scytischen Könige Tussnelden
abtreten / oder solche diesen Tag mit den Waffen behaupten / vorher aber erwegen
sollte: dass die Scyten unüberwindlich; von keiner euserlichen Gewalt noch
bemächtigt worden wären. Hingegen hätten sie den König Darius / und des grossen
Alexanders Feldhauptmann Zopyrion aufs Haupt erlegt / ihn selbst erschrecket /
und Käyser August sich mit ihnen zu verbinden bemühet. Ihr König hätte auf eines
geopferten Ochsen ausgebreiteter Haut bei entblöster heiligen Sebel geschworen:
dass er denen Uberwundenen nach ihrer Landes-Art die Nasen abschneiden / und die
Haut mit samt den Haaren von den Köpfen abschinden wollte. Er pflegte kein Pferd
zu beschreiten / welches nicht täglich fünff und zwantzig deutsche Meilen
lauffen / und derogestalt zehn Tage austauern könnte. Also würde Herrmann durch
keine Flüchtigkeit seinen Händen entrinnen. Wenn sich aber Herrmann entschlüsse
/ ihm Tussnelden gutwillig abzutreten; wollte er selbte mit ihm auf Scytische
Weise gemein haben. Auser dieser Erklärung wartete er mit seinen Pfeilen ihm auf
den Dienst / welche alle in zusammen verfaultem Nattern-Gifte und Menschen-Blute
eingetaucht / und dahero im Augenblicke tödtlich wären. Diesem Herolde folgte
ein ander auf einem Partischen Zelter / welcher mit seinen geschwinden und
sanften Schritten gleichsam herein drabte. Sein Haar war ihm über die Achseln
lang ausgebreitet / das Haupt mit einem vielfärbichten Bunde bedeckt. Er war mit
einem weiten geblümten Rocke bekleidet. Mit der Hand streckte er einen lichten
loh brennenden Topf empor. Sein im Nahmen des Partischen Königs geschehender
Vortrag war vorigen Innhalts; seine Dräuung aber: dass er bei nicht erfolgter
Gewehrung diesen Feuer-Topf würde in das Wasser werffen / die Uberwundenen aber
bei dem güldenen Dreifusse vom Könige ein scharffes Urtel / entweder: dass ihnen
über den ganzen Leib die Haut abgezogen werden / oder sie in einem
verschlossenen Nachen verfaulen sollten / erwarten müssen. Hierauf erschien in
den Schloss-Hof auf einem mit Gold-Stück überdecktem Elefanten ein Indianischer
Herold / in einem dinnen schneeweissen seidenen Rocke. Die kurtzkrausen Haare
umbhüllete ein mit goldenen Fädemen durchwürcktes Tuch. An den Ohren hiengen
perlene Ohrgehencke. Das Antlitz war mit allerhand Farben geschmückt; die Armen
mit güldenen Ringen gezieret; an denen Fingern aber hatte er Nägel wie
Adlers-Klauen; als welche viel Indianer ihr Lebtage nicht abzuschneiden gewohnt
sind. In der rechten Hand führte er einen Pfeil dreier Ellenbogen lang. Für
diesem Herolde giengen her etliche halbnackte Indianer / welche / als sie die
gleich aufgehende Sonne erblickten / selbte mit einem zierlichen Tantze
verehreten. Des Herolds Anbringen war: dass der König in Indien durch Tussneldens
Schönheits-Ruhm gereitzet das heilige Ganges-Wasser zu trincken sich entschlagen
hätte / und in der Nähe sich befindete. Er trüge dem Fürsten Herrmann an gegen
sie einen weissen Elefanten zu verwechseln; welcher kostbarer / als kein
Königreich wäre. Das Geschencke eines gemeinen Elefanten wäre in Indien so hoch
geschätzt: dass die keuscheste Jungfrau dafür ihre Jungfrauschaft aufzuopfern
sich nicht weigerte / und dieser teure Verlust ihr die minste Unehre nicht
zuzüge. Uber diss gelobte er die unvergleichliche Tussnelde der Indianischen
Weissheit fähig zu machen; da doch sonst ihr Gesetze das ganze weibliche
Geschlechte als unwürdig davon ausschlüsse. Da aber Hertzog Herrmann dis
weigerte / würde er mit Leuten zu tun bekommen / welche nichts minder an
Tapferkeit / als an Alter und Grösse des Leibes die ersten Menschen der Welt
wären. Ihre Pfeile durchbohrten alle lederne Schilde / stählerne Harnische / und
ertztene Pantzer. Diese wüsten sie durch einen Ring in die Ferne zu schüssen /
und auf einen Nagel zu treffen. An statt der verlangten Antwort liess Hertzog
Herrmann einen scharffen Spiess von der obersten Bühne gegen die Herolden in den
Schloss-Hof werffen / und durch die Krum-Hörner Lermen blasen. Worauf der
Scytische Herold mit seiner Sebel einen Spaan aus dem Tore hieb / der
Partische seinen Feuer-Topf in die an dem Schloss vorbei flüssende Bach warff;
der Indianische seinen Pfeil hoch in die Lufft schleuderte.
    Wenige Zeit hernach zohen die drei ausfordernden Könige mit grossem Gepränge
in den mittler zeit mit viel tausend Menschen angefüllten Schau-Platz ein. Der
Scytische Aufzug hatte zwar nichts von Gold oder Silber an sich. Denn diss
Ertzt-hassen sie überaus; weil es die Schädligkeit des Eisens hundertfach
/seinen Nutzen aber nicht zur Helffte an sich hat. Gleichwohl aber ging dem
Ansehn dieses Königs nichts ab; welchen Fürst Catumer fürstellte. Am ersten
kamen drei Wagen; darauf eitel lederne Paucken lagen / und mit messingenen
Schlägeln von unbärtichten Junglinge mit weiss-gekraussten Haaren geschlagen
wurden. Ihre Kleider waren auch alle aus weissem Hermelinen Rauchwercke; die
Mützen aber von schwartzen Füchsen. Hierauf ritten zweihundert Sarmater / in
mardernen Peltzen / mit Sebeln / Bogen und Pfeilen ausgerüstet. Jeglicher aber
führte auf ieder Seite ein Bei-Pferd. Diesen folgten so viel in Luchsen-Häute
gekleidete Scyten / derer ieder drei Pferde nebst dem / welches er ritt / an
der Hand führte. Nach diesen kam ein von sechs weissen Pferden bespannter / mit
allerhand Laubwerck besteckter und von zwölff Auer-Ochsen gezogener Wagen. Auf
diesem lag ein überaus gross entblöstes Schwerdt / als ein Kennzeichen der
Gotteit bei den Scyten. Umb den Wagen herumb giengen ein und zwantzig Priester
in Hermelinen Peltzen; derer Häupter mit Laub-Kräntzen umbgeben waren. Hierauf
folgte der König in einem langen zobelnen Rocke. Dieser führte auf ieder Seite
drei Hand-Pferde / und zwar eitel Stutten / weil sie diese in Krieg am
geschicksten halten / neben sich; darunter das eine grauäpflicht / das andere
Perlenweiss / das dritte hoch-goldfärbicht / das vierdte schneeweiss mit blauen
Flecken / das fünfte Tiegerfärbicht; das siebende / worauf er ritt /
Flügen-trappicht; allen aber das Zeichen des Fasans / umb ihr Vaterland
anzudeuten / eingebrennet war. Nach dem Könige folgten zwantzig Scytische
Fürsten / eben so wie der König mit Zobeln bekleidet / nur / dass sie alle
schwartzfüchsene Mützen auf / und nur fünf Pferde neben sich hatten. Diese waren
die Grafen von Düllingen / Stalberg / Dachau / Kam / Wasserburg /Wittin /
Dieffalden / Lechsmund / Hohenbogen /Reneck / Phirdt / Falckstein / Lützelstein
/ Stöfling /Leissneck / Rochlitz / Teckelnburg / Winssenburg /Staden und Brenn.
Aller dieser Pferde Zeuge / insonderheit des Königs waren mit grossen
Scytischen Schmaragden reichlich besetzt; welche die Bactrianische / Egyptische
und alle andre der Welt bei weitem wegstechen. Hierauf ward auf einem mit zwölff
Elend-Tieren bespannten Wagen das Bild des Hercules / und seines Sohnes Scyta
/ von dem diese Völcker entsprungen sein sollen / geführet; und folgten ferner
hundert mit weissen Bären-Häuten bedeckte und vier Pferde neben sich führende
Edelleute. Endlich beschlossen hundert in wilde Katzen gleichsam eingenehete /
und mit zwei Bei-Pferden gerüstete Sarmater diesen Aufzug. Der Scyten Konig
stellte sich alsofort in eine vorwerts zugespitzt / rückwerts aber sich immer
mehr und mehr ausbreitende Schlachtordnung. Unterdessen hielt Hertzog Herrmann
durch das gegenüber stehende Tor des Schau-Platzes einen fast gleichmässigen
Aufzug; nur: dass die Deutschen ihre Haare zusammen gebunden / keinen andern
Schmuck / als Agstein; und nur Luchsen-Bären-Wolff- und Fuchs-Häute zu Kleidern
hatten; weil der Feldherr die uhralte Art der Deutschen fürstellen / nicht aber
die falsche Meinung / als wenn sie von Scyten entsprossen wären / behaupten
wollte. Nach beiderseits gleichgestellter Schlacht-Ordnung /für welcher der
Scyten König und Hertzog Herrmann an der Spitze hielten; neigte jener sich für
dem in der Mitte des Schau-Platzes stehenden Bilde der Fürstin Tussnelda. Auf
beiden Seiten ward ein blutfärbichter Rock / als ein Zeichen des Kampfes auf
einen langen Spiess aufgesteckt / und es hatten beide Teile schon die Pfeile auf
ihre gespannte Bogen gelegt; als das Quer-Tor des Schau-Platzes sich mit einem
grossen Sturme öffnete; welcher zugleich die von vielen schon abgeschossenen
Pfeile auf die Seite schleuderte. Durch das aufgeschlagene Tor kam ein mit
Sternen über und über bemahlter aber an den Rädern ganz gefrorner Siegs-Wagen
gefahren / welchen vier schneeweisse Bären zohen; die der von eitel Eyss und
Schnee raschelnde Nordwind leitete. Auff dem Wagen aber sass das Nord-Kind die
Tapferkeit nicht anders als die gewaffnete Pallas / oder vielmehr als Perseus /
wie er gegen die Gorgonen gezogen / ausgerüstet / in dem sie mit einem
krystallenen Schilde und Helme /derogleichen Minerva dem Perseus geschenckt
haben soll / gewaffnet war. Diese begleiteten auch noch sechs andere Winde;
welche aus künstlich bereiteten Blase-Bälgen in dem Schau-Platze einen
empfindlichen Wind erregten; alle aber sich eilfertig zwischen die Deutschen und
Scyten eindrangen / und ihren fürgesetzten Kampf hinderten. Die Tapferkeit aber
bestillte alsofort die rauschenden Winde mit einem Wincke / und fieng mit einer
durchdringenden Stimme folgende Reimen an zu singen:
Wer hat euch diesen Wahn / Einfåltige / bracht bei:
Ihr die ihr nicht so wohl in Norden Nachbarn seid /
Als Brüder von Geblut' / und in der Tapfferkeit;
Dass Fried' ein Kind der Furcht und Krieg der Tugend sei /
Meint ihr: weil Mitternacht der Erden Ausbund ist /
Das hochste Teil der Welt / die meisten Sternen zehlt /
Ja weil ein zweifach Bår dem Himmel sich vermåhlt:
Dass ihr auff euch nur selbst die Waffen schärffen müsst.
Nein sicher! zwar der Streit erhålt so Stårck und Preis
Als wie der Wind die Glut / und Sturm das bittre Meer.
Doch kämpfft nie mit ihm selbst mein zweigestirnter Bår;
Der kalte Nord-Wind weht nach Sud sein hartes Eyss.
Ein Luchs spielt mit dem Luchs / auch wenn er grimmig scheint.
Der Wolff hegt mit dem Wolff ein nur anmutig Spiel.
Diss Beispiel lehr' euch nun / was mein Gesetze will.
Schertzt unter euch / und seid den Mittags-Låndern feind.
Der Himmel hat das Reich der Welt für Mitternacht /
Fur der Cherusker Held Tussnelden längst bestimm't;
Ich dem / der uber Jud' und Persen heute klimm't /
Der sieben Sternen Krantz zum Lohne zugedacht.
    Mit dem Beschlusse dieses Gesanges fuhr die Tapferkeit harte unter das Bild
der Fürstin Tussnelda /und legte in ihre ausgestreckte Hand einen das
Sieben-Gestirne künstlich abbildenden Krantz. Das vorhin zum Kampfe anreitzende
Pauckenschlagen verwandelte sich in ein annehmliches Getöne; der angezielte
Streit in das Sarmatische Ritter-Spiel, welches nichts minder bei allen Völckern
/ als zu Rom für das allerannehmlichste gehalten ward. Tussneldens Seule blieb
das Ziel des von denen Deutschen und Scyten bald die Quere bald die Länge
geschehenden Rennens. Den Anfang machten die / welche nur mit drei Pferden
versehen waren; welche für erreichtem Zwecke mit einer artlichen Geschwindigkeit
alle Pferde bespringen / und doch fädem-gleiche neben oberwähntem Bildnüsse
anhalten mussten. Den Preis unter diesen etlichen hundert Rennern erhielt der
Ritter von Reissen; welcher war ein mit Agstein versetzter Bogen. Hierauf kamen
zu rennen die vier Pferde führende und überspringende Ritter: worunter der Graf
von Ascanien einen mit Agstein versetzten Köcher und Bogen zum Dancke bekam. Auf
diese erwiesen die fünff Pferde im Rennen führende Ritter solche
Geschwindigkeit: dass iedermann glaubte: Sie hätten durch ihr fünfffaches
Uberspringen der Pferde in einem so kurtzen Ziele aller grössern Geschickligkeit
den Vorteil abgerennet / insonderheit der Graf zu Düringen; welcher ein mit
Agstein geziertes Schwerdt zum Preisse erhielt. Aber aller Augen wurden schier
verblendet; als die zwantzig Deutschen und so viel Scytische Grafen mit ihren
sechs Pferden solches noch allen vorhergehenden im Rennen und Springen zuvor
täten; und darmit den Ruhm erhielten: dass sie dem Könige Teutobach / den die
Römer destwegen für ein Wunderwerck gehalten / gleich kommen wären. Insonderheit
frolockte der ganze Schauplatz über dem darunter rennenden Fürsten der Wenden
/welchem die Cattische Hertzogin einen mit Scytischen Schmaragden versetzten
Köcher / Bogen und Schwerdt selbständig überlieferte. Jedermann verlangte nun
zu vernehmen: Ob es möglich wäre: dass der auf Deutscher Seiten zurückbliebene
Feldherr /und auf Scytischer / Fürst Catumer / an statt so vieler vollkommener
Renner und Springer alleine den Schauplatz vergnügen könten. Alleine dieser ward
bald gewahr: dass er zu wenig Augen für zwei so ausbündige Helden hatte. Anfangs
erschienen beide nur auf einem Pferde; Herrmann bildete den Morgen-Catumer den
Abend-Stern für. Jeder aber sprang bei währendem Rennen siebenmal vom Pferde /
und so viel mal wieder darauf; das erste mal auf der lincken /das andere auf der
rechten Seite des Pferdes / das drittemal mit beiden / das vierdte mal mit einer
/ das fünfte mal ohne Gebrauch einiger Hand über den Rücken / das sechste und
siebende mal / iedoch auf unterschiedene Art / über den Kopf des Pferdes in
Sattel; also: dass alle Zuschauer hierüber erstarreten. Hierauff setzten sie sich
in Gestalt des Monden auf einen mit zwei weissen Pferden bespannten Wagen;
darmit sie durch ein überaus künstliches Kreis-Rennen und auf der Stelle
geschehendes Umbdrehen umb Tussneldens Seule den Schauplatz auffs neue gleichsam
bezauberten. Sie erschienen aber bald darauf wie der Pluto gerüstet / auf einem
mit drei kohlschwartzen Pferden jagendem Wagen; mit welchem Rennen sie fast an
statt der Proserpina das Bild Tussneldens zu rauben vorhätten. Nach diesem
vollbrachten Rennen kam ieder nicht anders / als ein Blitz auf einem mit vier
goldgelben Pferden rennenden Wagen durch den Schauplatz gejagt; von welchem sie
sich mehrmals wie ein Phaeton abstürtzten; gleichwohl aber so genau die
Gelegenheit ihren Sitz wieder zu erlangen beobachteten: dass sie weder den
Ansprung versäumten / noch auch die Pferde in vollen Bügen hemmeten. Nach diesem
erschien Hertzog Herrmann wie Castor / Fürst Catumer wie Pollux mit fünf
rennenden Pferden auf den Schauplatz / welche sie für dem Ziele nicht alleine
nach der Reie / wie vorige Ritter / sondern mit Uberhopfung eines / zweier und
dreier besprangen. Welches alles so viel wunderwürdiger war; weil dieses
Numidische Pferde waren / und weder Zaum noch Sattel hatten; gleichwohl aber
sich mit blossen Worten und andern Andeutungen so leichte regieren liessen. Als
diss Rennen vollendet war / erschienen sie wie der Bellerophon geflügelt mit
sechs Pferden; welche sie nicht nur in vollem Lauffe übersprangen; sondern auch
sechs Pfeile von ihrem Bogen in die Lufft schossen; und zuletzt denen Pferden
gleichlauffende das Ziel / wie in denen Olympischen Spielen bräuchlich war / zu
Fusse erreichten. Endlich erschienen sie in ihrer ersten Deutschen und
Scytischen Tracht mit sieben Pferden / weil kein Mensch aus dem Altertum sich
ihnen mit derogleichen Rennen und Uberspringung so vieler Pferde / wie sie mit
grossem Frolocken des ganzen Schauplatzes wunderwürdig verrichteten / zu
vergleichen hätte. Dannenhero Hertzog Herrmann von der Cattischen Hertzogin /
Catumer von Tussnelde mit einem Krantze von Oel-Zweigen nach Art der Sieger in
den Olympischen Spielen beschencket ward.
    Das Jauchzen des glückwünschenden Volckes ward durch ein neues Getöne
allerhand kriegerischer Hörner und Paucken gestillet; welche durch das eine Tor
in den Schauplatz einzohen. Hierauf folgte ein vergüldeter Wagen mit zwei
weissen Pferden; darauf ein silberner Opfer-Tisch stand / worauf das ewige Feuer
brennte. Hinter demselben sass ein weiss-gekleideter Priester / mit einem aus
goldfärbichten Sonnen-Blumen gewundenem / und denen Persischen Weisen
zugeeignetem Krantze auf dem Haupt / in den über der Stirne der Nahme Gottes mit
Golde genehet war. Auf der Brust hieng ihm eine rundte Schale von Kristall / in
die das aus Rubin gemachte Bild der Sonnen geschlossen war / welches der
Persische König auf die Spitze seines Zeltes zum Zeichen stellen lässt: dass er
mit seinem Heere aufbrechen wolle. In der einen Hand trug er einen Oel-Zweig /
in der andern ein gülden Rauch-Fass / mit glüenden Kohlen und Weirauch angefüllt.
Umb den Wagen ritten auf schneeweissen Pferden sieben Persische Weisen alle mit
Myrten- und Lorber-Ruten in der Hand. Diesen folgten hundert Parter zu Pferde
mit versilberten Lantzen / vergüldeten Bogen und Pfeilen; diesen folgte aber das
Pferd der Sonnen / von Farbe schneeweiss / von ungemeiner Grösse und Schönheit.
Uberdiss war es mit einer goldgestückten Decke belegt; der Zeug war mit
Türckissen versetzt. Die es führten / waren in weisse Seide gekleidet / und
hatten güldene Spissgärten. Hierauf ritten dreihundert fünf und sechzig noch
unbärtichte Persische Edelleute auf gelben Pferden in purperfarbenen und mit
Golde durchwebten Röcken. Nach diesem kamen zwei Maul-Esel mit purpernen Decken
/und trugen in einem güldenen Gefässe das so genannte goldene Wasser / welches
der König trinckt / und kein ander Mensch / ja seine eigene Kinder nicht kosten
dörffen. Hierauf erschienen zwantzig Persische Herren / die Anverwandten des
Königs genennt / welche nicht nur mit güldenen Pantzern über und über bedeckt
waren / und eitel mit Edelgesteinen versetzte Waffen hatten; sondern ihre Pferde
waren auch ganz und gar überpantzert; ihr Hals und Armen auch mit köstlichen
Kleinodien als Königlichen Geschencken /auser denen kein Perser einige tragen
darff / gezieret. Diesen folgte der König (welchen allhier Fürst Ganasch
bekleidete) auf einem Perlen-farbenen Hengste /dessen Gang nach der Persischen
Pferde angebohrner Art schnell / prächtig und doch sanfte / der Zeug mit grossen
Rubinen besetzt / die Huf-Eisen oder der Hufschlag Gold waren. Des Königs
Unter-Kleid war halb purpern / halb schneeweiss. Der Ober-Rock war Goldstück /
und in selbten mit Edelgesteinen Habichte gestickt / welche mit den Schnäbeln an
einander setzten. Auf dem Haupte hatte er einen blau- und weissen Bund / an dem
über die Stirne ein Pusch Reiger-Federn stand / welche ein unschätzbares Kleinod
von Rubinen zusammen schloss. Oben auf dem Wirbel stand das Bild des Cyrus aus
wohlrüchendem Labycus Hartzte; das der Myrrhe gleich / aber ein viel köstlicher
Gewürtze ist. Den Leib umbschloss ein güldener mit Diamanten gläntzender Gürtel;
daran sein gleichmässiges Schwerdt hieng / dessen Scheide mit denen grösten
Perlen bedeckt war. Umb den König her giengen vier und zwantzig in Goldstück
gekleidete Knaben; welche auf weissen Schilden die grosssprecherischen Nahmen des
Persischen Königs trugen; indem er darauf der grosse König / ein König der
Könige; ein Bruder der Sonne und des Monden / ein Anverwandter der Gestirne; ein
Sohn des Feuers / ein Herr der Welt geheissen ward. Nach dem Könige folgten
abermals zwantzig ganz geharnschte Persische Fürsten; und hierauf eine Menge
Kamele mit Senften / darinnen das Königliche Frauenzimmer eingesperret war. Und
endlich beschlossen hundert in blauen Damast gekleidete / und wie die erstern
gerüsteten Perser diesen Aufzug; welche / nachdem die Deutschen und Scyten sich
inzwischen auf die breite Nord-Seite des Schauplatzes gesetzt hatten / sich auff
das West-Teil der Sud-Seiten den Deutschen gleich gegen über in
Schlacht-Ordnung stellten; ieder Perser aber vorher in einen für dem Könige
stehenden Korb einen mit seinem Nahmen gezeichneten Pfeil warff; welches dieses
Volck für allen Treffen zu tun pflegte / umb hernach von denen gebliebenen
Gewissheit zu haben. Unterdessen kam zu dem vierdten Tore eine Anzahl
Indianischer Heerpäucker; und derer / welche in ein gewisses Rohr bliessen.
Hierauf ritten hundert in weisse baumwollene Leinwand biss auf die Füsse
gekleidete Indianer. Die Häupter waren mit bundten seidenen Tüchern umbhüllet;
an den Ohren hiengen helffenbeinerne Kugeln. Sintemal die Ohrgehencke nichts
minder / als bei den Griechen / wie bei den Römern die güldenen Ringe an Fingern
/ und die kleinen Monden auf den Schuhen ein Merckmal des Adels sind. Etliche
hatten Schuh aus Baum-Rinden /etliche aus weissem wiewohl mit andern Farben
geputzten Leder mit hohen Absätzen. Auf dem Rücken führten sie in einem güldenen
Köcher Pfeile aus Indischem Schilffe eines Mannes lang; auf der Seite einen
zierlichen Bogen / den sie mit den Füssen spannen /und darmit durch Stahl und
Eisen schüssen. Diesen folgte ein güldener mit zwei einhörnrichten Tieren
gezogener Wagen / auf welchem das Riesen-Bild des von ihnen verehrten Hercules
zu sehen war. Hierauf ritten in den Schauplatz hundert eben so ausgerüstete
Indianer / nur dass ihr Gewand weisse mit Golde durchzogene Seide / die
Ohrgehencke Edelgesteine waren / und sie noch darzu perlene Halsbänder
umbhatten. Diesen folgte ein von Tiegern gezogener Wagen mit dem Bilde des
Bacchus / welcher ihnen die ersten Friedens- und Kriegs-Gesetze gegeben / sie
Wein und Städte zu bauen gelehret haben soll. Und hierauf abermals eine noch
reicher mit Gold gekleidete Reiterei von hundert Pferden. Nach diesem erschien
ein weisser Elefant von ungemeiner Grösse mit Goldstücke bedeckt; welchem seine
vergüldete Speise-Gefässe fürgetragen wurden. Diesem folgten zwantzig
Indianische Fürsten in Goldstücke / darein allerhand seltzame Vögel gewebt waren
/ derer Haupt /Hals und Waffen von Edelgesteinen schimmerten; und auf diese der
König (welchen hier Fürst Jubil vertrat) auf einem grossen getürmten mit Golde
ganz überdeckten Elefanten; dessen Kleid Purper / in selbten aber eitel güldene
Drachen gestückt; die Hauptbinden über und über mit grossen Perlen / die Waffen
mit Diamanten bedeckt waren. Hinter ihm stand ein Weib / welche ihm die Haare
kämmete. Der Turm /in dem er sass / war mit frembden Zweigen umbflochten / und
in selbte redende Papegoyen und andere singende Vögel angebunden. Umb den
Elefanten rings herumb giengen zwantzig Mohren-Knaben mit silbernen
Rauch-Fässern / welche von Aloe / Casi / Arom und Weirauche loderten. Nach dem
Könige erschienen abermals zwantzig köstlich-aufgeputzte Fürsten; nach diesen
fünf Elefanten / welche Wechsels-weise bei ihrem Herrn die Wache zu halten
abgerichtet waren; und endlich zwei hundert gerüstete edle Indianer; die alle
neben denen Persen sich gegen die Scyten in Schlacht-Ordnung sätzten. So bald
nun mit den Paucken und Krumhörnern das Zeichen zur Schlacht gegeben ward /
grief ein jeder zu seinem Bogen; also: dass durch die Pfeile / welche die Scyten
und Parten meist nicht schnur gerade auf den Feind /sondern empor in die Lufft
schüssen / umb durch den Herunter-Fall selbten zu beleidigen / der ganze
Schauplatz erfüllet ward / und hierdurch unzehlbar viel verwundet wären worden /
wenn nicht bei diesem Schatten-Streite alle Spitzen der Pfeile mit Fleiss wären
verbrochen oder stumpff gemacht gewest. Hierauf sätzten sie mit Schwerdtern und
Wunder-Spiessen an einander; und wussten sich die Hauffen so artlich zu
schwencken: dass die Deutschen und Scyten einmal mit den Persen / das andermal
wechsels-weise mit den Indianern zu treffen kamen. Der Unterscheid der
Kleidungen / und die gute Ordnung / wie imer ein geschlossenes Glied auf das
andere traf / gab dem Schauplatze eine ungemeine Vergnügung. Insonderheit liessen
sich die vier Heerführer tapfer schauen; und war insonderheit eine Lust; wie
bald Hertzog Herrmann / bald Catumer gegen des Fürsten Jubils Elefanten fochte /
und selbten bald mit brennenden Fackeln schüchtern / Jubil aber mit Maulbeer
Saffte wider hertzhaft machte / und seine sich klüglich wendenden Feinde
verfolgte. Mit dem Hertzog Ganasch brach jeder auch drei Lantzen; also: dass /
wer mit seiner Tapfer- und Geschickligkeit dem andern etwas zuvor tät /
schwerlich zu unterscheiden war.
    Als nun alle Glieder dreimal mit einander getroffen / liess die Abgöttin Juno
und Vorsteherin der Hochzeiten auf einem güldenen mit Pfauen bespannten Wagen in
einer lichten Wolcken sich mitten auf den Schauplatz / und nötigte also die zu
einem neuen Kampfe sich rüstende Hauffen auf ihrem Stande festen Fuss zu halten.
Uber der Juno sass auf einem Regenbogen Iris / und für ihr die Geister beider
Angelsternen; und sieben mit gestirnten Kleidern bedeckte Jungfrauen; welche
alle durch Harffen und andere Säiten-Spiele gleichsam die süsse Ubereinstimmung
der himmlischen Gestirne; welche die Egyptier ohne dis durch eine
siebenseitichte Leier / die Griechen durch so viel Pfeiffen des Paris
fürgebildet haben / ausdrückten. In dis annehmliche Getöne sang Juno mit einer
lebhaften Bewegung und durchdringenden Anmut folgende Reimen:
Welch Unstern regt die Helden dieser Welt
Durch Menschen-Blut mein Feier zu einweihen!
Wer weiss nicht: dass bei meinem holden Freien
Die Hochzeit-Lust durch Zwytracht wird vergällt.
Das Blut / wormit mein Hymen mich beschenckt /
Der Braute Schatz / die Blute der Jungfrauen /
Mag nur allein mein friedsam Auge schauen:
So werd' ich nun durch euren Streit gekrånckt.
Ich bin vergnugt mit einer Gans und Kuh.
Ja / welcher mir will opfernde gefallen /
Muss uber dis hinwegtun ihre Gallen;
Und sich bei mir durch Eintracht liebeln zu.
Wer aber scheut nicht Herrmanns blitzend Schwerdt?
Wer spiegelt sich nicht an Ixions Straffen?
Der Lust gewinnt Tussnelden beizuschlaffen /
Die GOtt und ich dem Herrmann hat beschert.
Dis todte Bild dient durch sein rege-sein
Des Himmels Schluss / und wem der Krantz gehöre
Der Tapferkeit / euch Frembdlingen zur Lehre;
Wenn' s Hermanns Haupt mit Sternen hullet ein.
    Uber diesen Worten bewegte sich die in der Mitte des Schauplatzes stehende
Seule / und das Bild Tussneldens näherte sich dem an der einen Ecken haltenden
Feldherrn / und sätzte ihm den von der Tapferkeit empfangenen Sternen-Krantz
auf. Hierauf sang Juno weiter:
Doch / lächs't in euch der Kriegs-Geist noch nach Blut /
So lasst es hier Luchs / Bår und Pferd vergiessen.
Denn Menschen solln der sussen Ruh genussen /
Krieg aber ist des Viehes Art und Gut.
    Nach vollendetem Gesange hob sich Juno in ihrer Wolcke wieder empor; alle
Fürsten und Kriegs-Helden aber neigten ihre Waffen gegen dem gekräntzten
Herrmann. Jedes Oberhaupt zohe auch seine Kriegs-Schaaren aufs engste zusammen /
also dass in der Mitte des Schauplatzes ein grosser leerer Raum übrig blieb;
welchen alsobald eine Menge herfür kommender Wald-Männer mit eisernen
gegütterten Netzen umbspannten. In diesen Umbkreiss liessen die Indianer einen
Elefant / welcher vorher für seinem Könige die Knie beugte / und ein Tier mit
einem Nasen-Horne; die Perser ein Pferd und einen Tiger / die Scyten einen
weissen Bär und Auer-Ochsen / die Deutschen einen Luchs und einen Wolff
zusammen. Anfangs tastete der Bär den Elefanten / der Ochse das Pferd / der
Luchs den Tiger / der Wolff das einhörnrichte Tier an; und wehrete dieser
Kampff eine gute halbe Stunde sonder ein oder des andern Tieres Vorteil. Als
aber fast alle verwundet waren / vergassen diese Tiere ihre angewohnte
Gemeinschaft; und verwechselten also ihre Feinde nach ihrer angebohrnen
Eigenschaft / indem das Horn-Tier den Elefanten antastete / sein Horn an einem
Stein wetzte / um darmit des Elefanten weichen Bauch aufzuritzen / hingegen aber
dieser jenes zu Bodem zu rennen; der Tiger das Pferd zu beleidigen / der Bär den
Ochsen zu zerreissen / und der Luchs des Wolffes Meister zu werden bemüht war.
Jedes Volck / welches diesen Streit für eines bürgerlichen Krieges Andeutung
annam / bemühte sich diese Tiere mit Stangen / Fackeln und andern Erfindungen
von einander zu bringen / worauf denn der Luchs an den Elefanten geriet / und
ihn in seine Schnautze so heftig verwundete: dass er die Netze über einen
Hauffen rennte / also aus den Schrancken floh / und seinen Wunden die bekandte
Aloe-Artznei einflössete. Der Wolff verwundete das Pferd so sehr an der Gurgel:
dass es todt zu Bodem fiel. Hingegen tödtete das Horn-Tier den Auer-Ochsen; und
der Bär kratzte dem Tiger die Augen aus. Nach diesem Siege gerieten die
verwundeten Uberwinder allererst an einander; alleine der Luchs ward durch seine
Geschwindigkeit endlich des Horn-Tieres / und der Wolff durch seine Arglist zu
grosser Verwunderung aller Zuschauer des Bäres Meister. Welchen Sieg sie mit
grossem Frolocken / und durch ein in die hole Hand geschehendes Pfeiffen
annahmen.
    So bald die erlegten Tiere und die Garne von denen Wald-Männern auf die
Seite geräumet waren /sätzte sich Hertzog Jubil mit seinem ganzen Indianischen
Heere in die Mitte in einen rundten Kreis; darinnen gleichsam in einem
Augenblicke ein viereckicht Gerüste aufgerichtet / und auf jeder Seite ein
grosses Seil von dem Bodem daran ausgespannet ward. In diesen Kreis kam Indien
als eine mit eitel Edelgesteinen gekrönte Königin auf dem weissen Elefanten
geritten. In der Hand hatte sie eine Muschel / darinnen eine überaus grosse
Perle lag; welche bis zweihundert Gersten-Körner wog / und also billich für eine
Königin dieser edlen Gewächse zu achten war / sonderlich da es für kein Getichte
zu achten: dass die Perlen oder vielmehr ihre Muscheln und Schnecken nichts
minder als die Bienen ihre Könige und Fürsten haben / welche sich aus den Händen
und Hamen der Perlen-Fischer meisterlich auszuwinden wissen; mit ihrem Fange
aber aller andern nach sich ziehen sollen. Des Elefanten Decke war gleichfals
mit Perlen gestückt /und er selbst hatte zwei grosse und wie eine Birne
länglichte Perlen an den Ohren hencken. Dieser stieg auf einem ausgedehnten
Seile gleichsam tantzende auf den Schauplatz. Ihm folgten zwölf Mohrische
Liebes-Götter; welche alle im lincken Arme zierlich-geflochtene Körbe / und
darinnen Perlen-Muscheln / in der rechten Hand brennende Wachs-Fackeln / und
daran hängende Schilde mit denen zwölf himmlischen Zeichen und beigesätzten
güldenen Buchstaben hatten. An denen vier Ecken des Gerüstes taten sich des
Ganges / Indus / und zweier anderer Flüsse Bilder herfür; welche nebst Regung
zweier absonderer Säitenspiele zum Preisse der Perlen und der Liebe folgende
Reimen sangen:
Wenn der Gestirne Krafft /
Der besten Kräuter Safft /
Der Sonn' ihr Oel / der Glantz der Edelsteine /
Der Berge Marck / des Balsams Eigenschaft /
Des Monden Tan / der Glantz von Helffenbeine /
Der Blumen Geist / des Meeres Reichtum sich
Vereinbart gleich in einen Kreis /
Behåltst du / Perle / doch den Preis /
Es reicht kein Schatz des Himmels nicht an dich.
Måsst der Natur nicht bei:
Dass sie zu sparsam sei /
Weil keine Muschel Zwillinge gebieret.
Ein edles Kind ist schåtzbarer als drei.
Und dieses / was die Purper-Schnecken zieret /
Ist zwar ein Schatz / doch nur ein Tropfen Blut.
Ja aus der Perlen Rundt' erhellt:
Es habe Himmel / Meer und Welt
In einer Perl umbschräncket all ihr Gut.
Die Liebe mag allein
Der Perle Nachbild sein.
Denn man schåtzt sie im Himmel und auf Erden,
Die Schonheit pregt in sie ihr Bildnus ein.
Sie lässt in sich auch nur ein Kind jung werden;
Und schopfft keinmal an Neben-Sonnen Lust.
Kurtz wie die enserliche Welt
Die Perle für ihr Kleinod hålt /
So ist die Lieb' auch's Kleinod in der Brust.
    Zu diesem Singen und Säitenspielen hegten die zwölf Liebes-Götter einen
annehmlichen Tantz mit künstlichen Abwechselungen. Bei dem Schlusse eines jeden
Satzes sätzten ihrer sechs auf einer Seite in einem halben Kreisse mit ihren an
denen Schilden stehenden Buchstaben das Wort: Indien; auf der andern Seite das
Wort: Perlen zusammen.
    Bei dessen Schlusse kam in den Schrancken ein ander Elefant; dessen Rücken
mit einem Silberstücke bedeckt / und mit einer Muschel betürmt war; darinnen
die Göttin Tetys oder das Meer sass; und zwölf in Silberschupfichte Röcke nach
Art der Syrenen gekleideten Wasser Nymphen sie rings umbher begleiteten. Diese
rührten alle grosse mit Säiten bezogene Muscheln; worvon der Elefant mit seiner
Tetys zu tantzen / und gegen dem weissen die Knie zu beugen anfieng; endlich
auch auf dem einen grossen Seile hinauf und wieder zurück tantzte. Diese
Wasser-Göttinnen löseten die vier Flüsse mit ihren Säitenspielen ab / worüber
jene einen zierlichen Tantz anfiengen /in dem die Tetys mit ihrem Elefanten
wunderwürdige Wendungen fürstellte / und zugleich in ihrer Muschel folgende
Reimen darzu sang:
Kommt! kråntzet mit Corall mein Haar /
Schmückt Hals und Brust mit perlenen Geschmeiden;
Die Hand mit Palmen / und den Leib mit Seiden;
Gewehrt mir Weirauch aufs Altar;
Nach dem das Meer allein ist herrlich / reich und gross /
Ja Feuer / Erd und Lufft gestehn:
Es sei in ihnen nichts so schön /
Als Perl' und Liebe sind die Tochter meiner Schoss.
Die beid' in mir zwar haben ihre Wiege
Doch auf der Erd' / im Himmel ihre Siege.
    Nach diesem vollendeten Tantze kam ein ander mit grünem Silberstücke
bedeckter Elefant in den Schrancken. Auf dem Rücken sass unter einer
Fichten-Laube die getürmte Cybele / oder die Erde. Umb sie herum giengen zwölf
junge Verschnittene / derer sechs /Körbe mit Blumen / die andern mit Früchten
trugen. Bei einem anmutigen Flöten-Getöne / machte die Erde dem Meer
nachfolgender Weise die Geburt der Perlen streitig:
Wenn die Natur das Wasser nicht
Durch's Röhr der Berg' / und meiner Adern triebe /
Wenn nicht mein Geist ins Meeres-Fluten bliebe /
So wår' es Schaum / dem Seel' und Krofft gebricht.
Das Auge sieht's / es fühlt es jede Hand:
Dass Perl' und Muschel zwar die Nåsse liebe;
Doch beider Talg ist ein geleutert Sand.
Der Schnecke Fleisch / das Erd' ist / und von Erden /
Empfångt die Perl' / ist ihre Mutter-Schoss.
Und was dort wächst / Corall / Ambr' / Agstein / Moos /
Das muss gesåugt aus meinen Wurtzeln werden.
    Cybele tantzte mit ihrem Elefanten hierüber auf der Leine hinauf und wieder
zurücke; die Verschnittenen aber unter sich. Bei welchem Tantze sie mit einer
wunderwürdigen Geschwindigkeit aus eitel Blumen /wie selbte bei jeder
Jahres-Zeit zu finden sind / die Bilder des Frühlings / des Sommers / des
Herbstes und des Winters zusammen flochten / und der Cybele überreichten.
    Hierauf öfnete sich der Schrancken einem Elefanten / dessen Rücken mit einem
Regenbogen-färbichten Goldstücke bedeckt / und mit einem von allerhand
köstlichen Federn überschatteten Königs-Stule belegt war; den die Juno oder die
Lufft mit einem Krantze von Perlen und Opalen / welcher Stein fast alle Farben
im Widerscheine zeigt / und am nechsten der Perle kommt / besass. Umb den
Elefanten spielten zwölf Straussen; vorher aber sechs Westwinde mit den
lieblichsten Säitenspielen; worzu der Elefant bald auf der Leine / bald unter
denen Straussen tantzte /die Lufft aber ihr Vorrecht in Zeugung der Perlen
derogestalt singende behaupten wollte:
Die Perlen schmuckt der Glantz der Regenbogen /
    Auch zeigt ihr Gold / Schmaragd / Rubin / Saphir /
    Und was sie sonst aus meiner Brust gesogen /
    Ihr Zeug sei himmlisch / ihre Pracht von mir.
    Wenn nach dem Meer-Saltz' jetzt die durst'gen Schnecken lechsen /
    Floss' ich den Tau den geilen Muscheln ein;
    Bepurper ihn durch's braunen Morgenschein /
    Da schwängern sie sich mit so himmlischen Gewåchsen.
    Ja / dass von meinem Tau / vom Monden ruhr' ihr Wesen /
    Wird durch die Krafft des Essiges bewehrt /
    Der sie zerbejetzt / in ersten Tau verkehrt.
    Auch schwinden / die man låsst bei's Monden Abfall lesen.
    So bleibt nun wahr: die Muschel-Tochter sind
    Ein Brutt der Lufft / und der Gestirne Kind.
    Endlich kam auch der vierdte mit Feuer-rot von Goldstück belegte Elefant in
den Schrancken. Auf seinem Rücken sass das Feuer / oder die Göttin Vesta /eine
tönerne und lichten loh brennende Ampel in der rechten Hand / eine Drommel in
der lincken haltende. Diesen begleiteten zwölf ungeheure Cyclopen mit brennenden
Fackeln; derer drei auf einem Ambosse mit grossen Hämmern ein artliches Getöne
machten; die andern neun aber nach solchem Dreischlage mit ihrem Elefanten einen
seltzamen Fechter-Tantz hielten / in welchem der gebländete gegen die andern /
und diese gegen ihn mit den Fackeln stritten; und das wunderlichste war: dass
weder der bald auf der Leine /bald zwischen diesen einäugichten Riesen tantzende
Elefant von so vielem Feuer scheue gemacht; noch bei so vielen Streichen und
Wendungen einige Fackel ausgelescht ward. Zwischen der mittelsten Erholung
dieses Tantzes eignete ihr Vesta durch folgenden Gesang für andern die Geburt
der Perlen zu:
Das Feuer ist der Geist der Welt /
Der alles schwångert / wärmt / erhält.
Die Härtigkeit / die blitzend-lichten Strahlen /
Die Krafft das Hertz von Gift zu machen frei /
Bewehrn: dass Glut der Perlen Ursprung sei.
Die Erd' ist Schnee / die Lufft ist Frost / das Wasser Eis /
Die Welt ein hol' und totter-loses Ey /
Die Muschel todt und leer / macht sie die Glut nicht heiss.
Denn Feuer såmt den Glantz in die Opalen /
Blut in's Geäder / Purper in die Schnecken /
Oel in's Gestirn' / auch Safft in Stand' und Hecken /
In Berge Gold / die Perl' in Muschel-Schalen /
In Bruste Milch / die Lieb' in Seel' und Blut:
Ja Lieben selbst ist meine reinste Glut.
    Bei dem Ende dieses Riesen- und Elefanten-Tantzes / fieng das auf dem
weissen Elefanten sintzende Indien an / selbten durch einen kleinen Mohren mit
einem silbernen Griffel wie ein Pferd herumb zu werffen; wie denn dieses Tier
schier mehr wegen seiner lehrsamen Sittsamkeit / als wegen seiner Kräffte
wunderwürdig ist. Hierauf tantzte er nach denen sanften Säitenspielen eben so
sanfte. Indien aber sang Tussnelden zu Ruhme nachfolgendes Getichte:
Der grünen See schneeweisses Kind /
In dem die Schätze der Natur /
Der Allmacht GOttes grosse Spur
Verwunderns-wert zu schauen sind /
Verdient zwar alles Lob / doch muss gestanden werden:
Dass / was die Perl' im Meer / Tussnelde sei auf Erden.
Verläumbdung / die die Perlen zwar
Fur krancker Schnecken Drusen hält /
Und der die Sonn' auch nicht gefållt /
Weiss gleichwol nichts zu nehmen wahr /
Was Deutschlands Perle sei fur Mangel auszusetzen /
Die Welt sie nicht zu zahln / die Tugend nicht zu schätzen.
Des roten Meeres Perlen sind
Offt hole Blasen / blass und todt /
Die Sonne macht sie gelb' und rot;
Allein an Deutschlands Perle find't
Der frembden Völcker Neid / die Scharfsicht kein Gebrechen /
Kein Unstern / Nebel / Sturm weiss ihren Preis zu schwächen.
Giebt's Edelsteine sonder Fleck' /
Ist manche Perlen-Muschel gleich
Voll Purper / hundert Perlen reich /
So sticht sie doch Tussnelde weg /
An der von Schnecken-Blut die Lippen und die Wangen /
Hals / Antlitz / Bruste / Schoss mit tausend Perlen prangen.
Wiewol nun Purper / Perle / Stern
Tussneldens Schonheit giebet nach;
So übersteigt doch hundertfach
Die Schalen / ihres Geistes Kern.
Denn ihre Tugend ist ihr Schatz / der Leib die Hole /
Die Muschel die Gestalt / die Perle selbst die Seele.
    Nach diesem Liede tantzten die vier Elefanten auf denen vier Leinen; und der
hüpfende weisse Elefant beugte die Knie / so offte Tussneldens Nahme geneñet
ward. Zwischen jedem Gesetze aber hegten die zwölf schwartzen Liebes-Götter /
die zwölf Sirenen /die zwölf Verschnittenen / die zwölf Straussen / und zwölf
Cyclopen zwar nach einerlei Säitenspiele / aber ganz unterschiedene Täntze.
Worauf Indien seinen Abzug hielt / die Cyclopen auch alles Gerüste im Schrancken
eilends auf die Seite räumten.
    Hierauf erschien in den Schrancken der Herold des Frühlings / und der Vater
des Blumwercks der sanfte Westwind. Wegen Reinigung der Lufft hatte er seiner
Gewohnheit nach ein weiss seidenes Gewand an; auf dem Haupte einen Blumen-Krantz;
an dem Arme einen Korb; darauf er umb sich allerhand Gesäme streuete / und für
sich einen alabasternen Krug / woraus er einen hellen Regen von wolrüchendem
Taue herumb sprengte; wie sonst in denen Blumen-Feiern auch bräuchlich war.
Diesem traten vier und zwantzig in grünem Damast auf Persich gekleidete Gärtner
nach. Jeder hatte von einer besondern Art einen Pusch Blumen auf dem Bunde / in
der einen Hand ein Garten-Messer; in der andern einen Blumen-tragenden Baum.
Nemlich ihrer drei Persische Bäume mit fast Rosen-färbichten Blüten; drei
Gemsen-Bäume mit gelben Blumen / ihrer drei Myrten-Bäume mit weissen / ihrer
drei Lorber-Bäume mit grünlichten / drei Oelbäume mit grünlicht-gelben / drei
Holder-Bäume mit weiss-gelben / drei Egyptische Dornsträuche mit teils grün /
teils gelben / teils blassen / drei Africanische Stauden mit purpernen / und
endlich ihrer drei Indisches Gepüsche mit rot-weissen Saffran-Blumen. Mitten in
dem Schauplatze machten sie einen Kreis; fiengen darauf einen zierlichen
Bauer-Tantz an; dadurch sie mit Einsteckung ihrer Bäume in die Erde allerhand
Blumenstücke bildeten / und darein sie den Westwind allezeit einschlossen.
Hernach ihrer sechs und sechs die vier Jahrs-Zeiten mit ihrem Blumwercke in
menschlicher Gestalt abbildeten; derer ein Teil den Mund mit roten Nelcken /
die Wangen mit leibfarbenen Anemonen / die Augen mit tunckelen Waid-Hyacinten /
das Haar mit Genisten-Blumen /die Kleider mit Sammet- und andern Blumen / andere
anders fürstelleten; und diese Bildnüsse an die Ende der Schrancken sätzten.
Nach dem nun alle Winde Vorläuffer der Götter zu sein pflegen / wartete der
Schauplatz mit Verlangen auf den Verfolg dieses Aufzugs. Massen denn auch der
Frühling in Gestalt eines hurtigen Jünglings auf einem mit vier Rehen bespannten
Wagen; daran die drei himmlischen Zeichen des Wieders / des Stieres und der
Zwillinge zu sehen /ihre Sternen aber / wie eitel güldene Blumen gemahlet waren.
Der Frühling hatte ein grase-grün Kleid an /welches wie das Haupt mit
hunderterlei aus Seide gestückten Frühlings-Blumen bedeckt war. Für diesem Wagen
zeigten sich fünf und zwantzig weibliche /hinter dem Wagen aber eben so viel
männliche Frühlings-Blumen; welche / wie aller folgenden Jahres-Zeiten / durch
eine ihrem Nahmen / oder ihrer Farbe /Ursprunge / oder andern Eigenschaften
anverwandte Person aufgeführet wurden. Im ersten Gliede erschienen fünf
schneeweisse wie Najaden / oder Göttinnen der Bäche unten blau oben weiss
gekleidet / die weisse Heroldin der Sonne Levcotea bildete die Heroldin des
Frühlings / die fruchtbare Antope die Kinder-zeugende Schlüssel-Blume / die in
den Narciss verliebte Echo die mit ihm an Farbe und Geruch kämpfende Meien-Blume
/ oder Springauf / die mit ihren Sternen Krantze geschmückte Ariadne die
Stern-Rose / Artemisia die weisse Beifuss-Blume ab / in die sie verwandelt
worden. Im andern Gliede der wie Napeen oder Wiesen-Nymfen unten grün-oben in
Gold gekleideten gelben führte Venus die aus ihren Tränen entsprossene Anemone
/ Asterie die wie sie leuchtende Feld-Zwiebel / die Eyer-legende Leda die Gänse-
die Chryfeis die ihr ähnliche Moos- die geile Pasiphäe die reitzende
Schoss-Wurtz-Blume auf. Das dritte Glied der roten war die Oreaden oder
Berg-Nymfen unten blau oben rot ausgeputzt. Die sich gleichsam von den Flammen
speisende Tais prangte mit der Purper-Lilge von Susis / Juno mit der Blume des
sie schwängernden Kuckucks. Smilax stellte mit der Winde-Blume ihre Verwandelung
für; die flammende Aglaope die Zinober / und die von Golde geschwängerte Danae
das hohe Gold der Maassblume für. Im vierdten Gliede kamen die nach Art der unten
grün oben blau gekleideten Nereiden oder Meer-Göttinnen gleichsam traurig herein
die in eine Schilfblume verwandelte Syrnix mit ihrer blauen Schwerdt-Lilge
/Aglaja mit ihrer Aglay / die in eine Kuh verwandelte Jo mit ihrer süssen Speise
der Feilge / die wirtliche Penelope mit ihrer Küchen-Schelle / die für ihren
Ehmann zu sterben begierige Alceste mit ihrer Mass-Liebe. Das fünfte Glied der
scheckichten Frühlings-Blumen war nach Art der Dryaden oder Wald-Göttinnen mit
bund geblümtem Damast vielerlei Farben angetan. Die bald weinend bald lachende
Andromache bildete die zugleich freudig- und traurigen Farben der Tulipane / die
über der Schatten-Umarmung ihres todten Ehmanns sterbende Laodamia die brennende
Liebe / die von ihres ermordeten Bruders Absyrtus Blute besprützte Chalciope die
fleckichte Anemone von Chalcedon / die in Gold und Seide stückende Omphale / die
von der Natur gewürckte Würffel-Blume / und die eitel mit Purper gekrönte
Aepfel-bewachende Hesperetusa die Königs-Krone ab. Dem Frühlings-Wagen folgten
im ersten Gliede der / wie tantzende Satyren in weiss-raucher Kleidung
aufziehender weissen Frühlings-Blumen der sich bückende Narciss / und der den
Schnee beschämende Hyacint /jener mit der Blume / darein ihn seine eigene /
dieser mit der / darein seine Leiche des Apollo Liebe verwandelt. Der weisse
Brennus mit seinem ihm gleichen Schwerdte / der zerrissene Absyrtus mit seinem
Ruhrkraute / und Tityus mit dem Leberklee / gleich als wenn er seiner vom Geier
unendlich gefressenen Leber darmit wieder zu Hülffe kommen wollte. Im andern
Gliede der gelben / zeigte sich in Gestalt der hörnrichten Sylvanen oder
Wald-Götter in grün-gelber Tracht Atlas mit dem Himmel-Schlüssel / gleich als
wenn er die Macht hätte selbten zu öfnen / Bacchus mit dem ihm gewiedmeten
Narciss-Stengel / Agamemnon mit seinem Königs-Spiesse / Phaeton mit dem ihm an
statt des Zepters zugeeigneten Sonnen-Stengel / und der wegen seiner Vogel / in
die seine Gefärten verwandelt worden / nicht weniger als wegen seiner
Tapferkeit berühmte Diomedes mit dem gelb-blühenden Vogel-Neste. Das dritte
Glied der roten Frühlings-Blumen stellten fünf Feuer-rot ausgeputzte Priaper
oder Garten-Götter für; unter diesen aber Crocus den Frühlings-Saffran / als die
andere Beschaffenheit seines Wesens / und ein nebst seinen Gefärten in Frosch
verkehrter Lycier den Frosch-Stengel / der verliebte Acontius den
Frauen-Handschuch / der bei Felsen und Bergen so unglückliche Atamas den
Berg-Sanickel / und der durch ein Schwerdt nichts minder geheilete als
verwundete Telephus das Blumen-Schwerdt. Im vierdten Gliede stellte in Gestalt
Himmel-blau aufziehender Silenen der dem Apollo so angenehme Knabe Cyparissus
das blaue Cypress-Kraut / Adonis das der Liebe dienende Knaben-Kraut / der
hundert Armen habende Briareus den nicht ärmeren und den blauen Himmel
beschämenden Hyacint / der geschundene Marsyas den Güntzel / Perseus das
Sperben-Kraut; gleich als wenn dis alles weich machen sollte / was er durch
seinen Medusen-Schild in Stein verwandelt hat. Endlich erschienen im fünften
Gliede wie scheckichte Faunen der funfzig Söhne habende Danaus mit dem eben so
Blumen-reichen Purper-Hyacint / der verschlaffene Alectryon mit seinem ihn
gleichsam aufweckenden Hahnen-Fusse; der geile Satyrus Corax mit dem
scheckichten Satyrion / der Riese Titan mit seinem Sonnen-Auge / und der
sorgfältige Sternen-Vater Astreus mit dem bundten Stern-Kraute.
    Nach diesem Aufzuge erschien mit nicht geringerem Gepränge der Sommer. Sein
Haupt war mit einem aus Weitzen-Eeren und Sommer-Blumen geflochtenen Krantze
gezieret. Das Kleid war purperfärbicht. Am Wagen war der himmlische Krebs / der
Löw und Astrea mit geblümten Sternen zu sehen. Den Wagen zohen zwei ganz zahme
Löwen. Sintemal in den Blumen-Feiern keine grimmige Tiere gebraucht werden. Für
dem Wagen prangten eben so viel weibliche Sommer-Blumen in obiger Nymfen-Tracht.
Im ersten Gliede der weissen hatte die schneeweisse Liriope billich den Vorzug
mit der glaubhafter aus ihrer /als der neidischen Juno Milch gewachsenen Lilge.
Sie begleitete Galatea mit ihrer getürmten Milch-Glocke / die in einen Bär
verwandelte Calisto mit der Bärenklau / Daphne mit der Lorber-blättrichten
Harmel Raute / die schwartz-äugichte Phryne mit der Venus Augenbraue; als
welcher Anadyomenisches und Gnidisches Bild nach jener Gestalt gefertigt worden.
Im andern Gliede der gelben trug die Mutter der Aertzte Coronis die heilsame
Moly-Blume / Vesta die feurige Gold-Lilge / die in einen Hund verwandelte Hecuba
die Hunds-Nelcke. Die schwache Beroe stützte sich nut der als Gold-blühenden
Stabwurtz / und die mit Kräutern geschäfftige Medea hatte die böse Blume. Das
dritte Glied der roten Sommer-Blumen bestand an der unersättlichen Aegiale mit
der brennenden Nelcke / an der zur Flamme werdenden Psyche mit der Feuer-Lilge /
an der zarten Mandane mit der Sammet- / an der blutigen Iphigenia mit der
Scharlach-Blume / an der Erfinderin des Ackerbaues Polymnia mit ihrer Korn-Rose.
Im vierdten Gliede der blauen folgte Ceres mit der Korn- die schwartze Cassiopea
und Andromeda / mit der ihr gleichenden Boragen- und Glocke / die traurige
Minte / zu der sie worden / und die Mutter der Musen Mnemosyne mit der Blume:
Vergiss mein nicht. Im fünften Gliede der scheckichten prangete die Susische
Königin Sisygambis mit der Susianischen Schwerdt-Lilge / Iris mit der
Regenbogen-färbichten Lischblume / die zur Spinne werdende Arachne mit der
bundten Spinnenwebe / die Papegoyen-Königin Pandea des Indischen Hercules
Tochter mit den blühenden Papegoy-Federn / Camille mit der Blume ihres Nahmens
und letzten Wesens. Dem Somer-Wagen folgten in obiger Bock- und Ziegen-Tracht
eben so viel mäñliche Sommer-Blumen /und zwar im ersten weissen Gliede der
schwartze Schlüssel-Gott Pluto mit der ihn desto besser abstechenden weissen
Schlüssel-Blume. Sein fast ungewöhnlicher Gefärte war Aristeus des Apollo und
der Cyrene Sohn / welcher wegen des von ihm erfundenen Honigs das Bienen-Kraut
erkieset hatte. Neben ihm war Neptun mit weissem Klee / weil er mit dessen
Süssigkeit vielleicht die Bienen-Mutter Melissa zu mehrerm Beischlaffe locken
wollte; die Mauer und der Schirm der Stadt Troja Hector mit dem Königs-Spiesse.
Endlich der / Himmelstürmende Tiphon mit Hochmut. Im andern Gliede der gelben
befand sich der Sohn der Morgenröte Memnon mit dem Sonnen-Wirbel; Orion mit dem
heilsamen Scorpion-Schwantze / vielleicht: dass Diane ihn durch dis gifftige
Tier nicht noch einmal tödten könne / Castor mit seinem Biber-Kraute / der
Schiffer Aug-Apfel Pollux mit seinem güldenen Bacillen-Kraute oder Meer-Sterne /
und Titonus mit dem Blumen-Kraute: je länger je lieber; durch welches er die
Morgenröte bezaubert: dass sie ihn in seinem runtzlichten Alter so sehr als in
seiner glatten Jugend lieben müssen. Das dritte Glied der purperfärbichten hielt
der Urheber des Persischen Reiches Cyrus mit dem Pers- oder Scytischen Bunde /
der scharffe Minos mit dem Blei-Kraute / der sich in einen Ochsen verwandelnde
Jupiter mit dem Rind-Auge / der seine für ihn sterbende Alcestis mit täglichen
Grabe-Liedern verehrende Admetus mit Ehren-Preisse / und der die Lufft
einbisamende Zephyrus mit seinem blühenden Berg-Balsam. Im vierdten Gliede der
blauen liess sich der Kern der Grichischen Helden / Achilles mit Rittersporn /
der lahme Silenus mit seinem Geissblatte / Corydon mit dem Augen-Troste der
Schäfer / nämlich dem Quendel; der dem Hercules beliebte Hylas mit dem ihm / als
dem Vorsteher des Badens / gewiedmeten Bade-Kraute / nämlich dem Lavendel / und
der schwartze Cepheus mit dem Mohren-Kraute sehen. Im fünften Gliede der
scheckichten hatte ihm Alcidamas den Tauben-Fuss / darein seine Tochter
verwandelt worden / der versorgende Triptolemus die Haus-Wurtz / Morpheus den
schläfrigen Mah / Vulcan das einen Zepter abbildende Erdspinnen-Kraut / weil er
den ersten dem Jupiter so künstlich gemacht: dass die Cheroneer ihn göttlich
verehret haben; und endlich der kriegerische Troilus das Schild-Kraut.
    Hierauf erschien die Göttin der Blumen selbst in einem kleinen sich
bewegenden Lust-Garten / darinnen die Gänge mit Inngrün und niemals verdorrendem
Winden-Kraute umwunden / die Bete mit allerhand Blumen besätzt waren. Gleicher
Gestalt war ihr Rock aus tausenderlei Blumwerck zusammen gestücket; auf dem
Haupte aber trug sie einen Krantz von niemals verwelckenden Amaranten. Bei
diesem währenden Blumen-Aufzuge sang sie selbst mit einer durchdringenden
Stimme:
Ich bin die Blumen-Konigin /
Die Welt- und Himmels-Gårtnerin.
Denn Berg' und Tal / Geburg' und Wiesen fången
Die edlen Blumen nicht allein.
Sie wachsen in Kristall und Stein /
Sie lassen sich in Ertzt und Muscheln zeugen.
Die Flusse / Seen und das Meer
Sind nicht von Klee und Feilgen leer /
Ja Vorwitz hat so wohl die Pracht
Ansteinenen geblüm't / und Rosen aus Kristallen /
Als die sich in der Lufft versteinernden Korallen
Aus Tetys Schoss ans Licht gebracht.
So ist's auch nur ein Alb-Bild im Gehirne:
Dass einig Stern ein Bär sei oder Stier.
Der Erd-Ball stellt ja einen Garten fur
Durch meiner Blumen irrdische Gestirne.
Der Himmel aber ist ein Garten / seine Sternen
Sind Blumen. Der neun hellen Sternen Glantz
War vor der Zeit der Ariadne Krantz.
So mögt ihr euch fur mir schamrötig nur entfernen /
Ihr Gottinnen der andern Jahres-Zeit;
Weil Ceres nur allein im Sommer Korn abmeiht /
Pomone nur den Herbst ausziert mit Obst-Gerichten /
Der Himmel auch nur prangt mit Blumen / nicht mit Fruchten.
Hingegen ist mein Schmuck des ganzen Jahres Kleid /
Den nicht der Reiff des Herbstes kann entfårben /
Der Sommer nicht versengen und verterben /
Des Winters Frost nicht tilgt / der alles sonst verschneit.
Kein Kraut / kein Baum bringt seine Frucht herfur /
Die nicht vorher mit Blut' und Blumen pralen.
Der Pomerantzen Purper-reiche Schalen
Sind doch beschämt durch ihrer Blute Zier.
Die Nuss gibt nach der Blume der Muscaten;
Und der Geschmack der Aepfel von Granaten
Weicht ihrer Blut an Farben und Geruch.
Das fette Feld ist ein Schmaragden-Tuch /
Eh' als man kann einerndten reiffe Saaten.
Mein Blumwerck hegt so gar wie Trauben Wein und Most /
Dient Menschen zur Artznei / und Bienen zu der Kost.
Ja meiner Blumen Purper gibt
Der Lieb' ein Wohn-Haus ab / der Wollust eine Wiege.
Jedweder Stengel ist ein Merckmal ihrer Siege.
Denn alle Blumen sind verliebt /
Ihr gut Geruch ist ihrer Seele Sehnen /
Die Farb' ihr Brand / der Tau die Liebes-Tråuen.
    Auf diese Blumen-Göttin folgte der Herbst in einer etwas ältern Gestalt. Er
war gelbe gekleidet. Unter dem Arme hatte er zwar ein Horn des Uberflusses mit
vielerlei Baum-Früchten; aber es war eben so wohl mit Herbst-Blumen umbflochten
/ als sein Haupt darmit bekräntzet. An dem Wagen war die Wage / der Scorpion und
der Schütze mit gestirnten Blumen gebildet / und selbten zohen zwei weisse Kühe
mit vergüldeten Hörnern.
    Für dem Wagen hielten gleicher gestalt fünff und zwantzig weibliche / und
nach ihm so viel männliche Herbst-Blumen in ebenmässiger Nymphen- und
Satyren-Tracht ihren Aufzug. Im ersten Gliede der weissen leuchtete die Königin
und Göttin der Syrier Atargatis mit ihrer Damascenischen Musch-Blume herfür. Ihr
bot aber Tamyris mit der Serischen Mogorin / und beiden die bittere Myrrha mit
der ihr nahe verwandten Socotrinischen Aloe beiden Kampf an. Diese begleitete
Briseis mit der Schaf-Garbe / als einer ihrem liebsten Achilles angehörigen
Blume; und die in eine Pappel verwandelte Phaetusa mit der Pappel-Blume. Im
andern Gliede der gelben pralete Helena mit der nach ihr genennten und aus ihren
Tränen entsprossenen Aland-Blume / weil sie durch selbte den Griechen und
Trojanern die Vergessenheit alles ausgestandenen Ubels eingeflösset. Dido mit
ihrer Africanischen Sammet-Blume / die sich ins Wasser stürtzende Ino mit der
daraus entsprossenen Serischen Wasser-Lilge; die von der Sonne geschwängerte
Königs-Tochter zu Babylon Levcotoe mit der Sonnen-Krone / und Lampetie mit der
ihrer Mutter der Sonne gewiedmeten Rhein-Blume. Das dritte Glied prangte mit
eitel Purper / und zwar das Auge der Dianischen Gespielen Opis mit dem Auge der
Blumen / nämlich der Indianischen Nelcke; die in einen Wein-Stock verwandelte
Staphyle mit der Wald-Rebe / die zum Felsen gewordene Aglauros mit der
Stein-Nelcke / Dryope mit der Blumen- und fruchtreichen Staude / darein sie
verkehrt worden / nämlich der Colocasia oder Egyptischen Bonen-Blume. Proserpina
mit der unschätzbaren Peonie / mit welcher Peon ihren vom Hercules verwundeten
Ehmann Pluto geheilet hat. Im vierdten Gliede der blauen erschien die durch den
Blitz gebehrende Semele mit der Flamme Jupiters; Semiramis mit ihrer Rose von
Jericho / die versteinerte Niobe mit ihrer blauen Stein-Wirbel-Blume / die über
ihrem Rocken sitzende Alcitoe mit ihrer Lein-Blume; welche diese Liebe nicht
vergessen kann / ungeachtet sie darüber zur Fleder-Maus / und ihr Gespinste zu
Weinreben worden. Für allen andern aber gläntzte die von dem Preisse nichts
minder / als ihre Blume den Nahmen führende Clymene mit der preisswürdigen Jucca.
Im fünften Gliede der scheckichten führte die verliebte Clytie diss / worzu sie
worden war / nehmlich die sehnsüchtige Sonnen-Wende; die nasse Cymodoce die
Feld-Rose / darein der von ihr erzogene Adonis verwandelt worden; Melissa ihre
den Bienen so angenehme Melissen-Blume; die bald über bald unter der Erde
scheinende Hecate / die Tag und Nacht auf ihren Blättern habende Indische
Nelcke; über alle andere aber ragte die rennende Atalanta mit ihrer Atlantischen
Aloe das Haupt gegen dem Himmel; welche alle Blumen an Höhe und Geschwindigkeit
des Gewächses übertrifft. Unter den männlichen hatte in dem Gliede der weissen
Jason mit dem Jasmin / welchen er nebst dem güldenen Wieder als ein seltzames
Kleinod mit aus Colchis gebracht / nebst ihm sein scharffsichtiger
Reise-Gefärte Lynceus mit Augen-Troste; der Fischer Glaucus mit seinem
vergötternden Ibisch; der geitzige Myrtillus mit dem Silber-Eneas mit dem
Asch-Kraute / dardurch jener sein / dieser seines Vaterlandes Unglück ihm
indenck machte. Im andern Gliede der gelben hatte der sich in einen Brunn
verwandelnde Acis sich mit den Brunnen-Blumen / nämlich Narcissen / Phryxus sich
mit dem vom güldenen Wieder gefärbten Berg-Saffran / der von der Morgen-Röte
geliebte Cephalus mit dem Hauptstärckenden Gold-Jasmin aus Morgenland / der
Bären-Hütter Arcas mit Bären- und Midas mit Heidnischem Wund-Kraute oder der
güldenen Rutte ausgeputzt. Im dritten Gliede der purpernen zeigte sich
Sardanapal mit dem Serischen Blumen-Könige /gleich als wenn diese Blume ihn des
König-Tittels würdig machen sollte. Porus wiess sein Indianisch Blumen-Rohr / der
Schiffer Argus seinen Colchischen Herbst-Stengel / Calanus das Indische
Bilsen-Kraut /Cissus den Cilicischen Epheu / darein er verwandelt worden. Das
vierdte blaue Glied bestand am Philoctetes mit dem kräfftigen Flecken-Kraute /
wormit des Vulcanus Priester ihn von dem bei des Smynteischen Apollo Altare
empfangenen Schlangen-Stiche heileten; Priamus tröstete mit dem erfreuenden
Kraute Nepentes / damit er ihm alle Betrübnüsse verzuckert; Geryon nach dem ihm
vom Hercules abgenommenen Ochsen mit der in seinem Gebiete wachsenden
Ochsen-Zunge; Amphion hatte das vom Mercur empfangene Bingel-Kraut / durch
dessen Hülffe er nach verlohrnen funfzig Kindern seine verzweifelnde Niobe noch
einmal fruchtbar machen wollte. Endlich prangte der Geist des Indischen-Flusses
Tubero mit seinem aus knollichter Wurtzel wachsenden Hyacint-Stengel. Das
letzte Glied der männlichen Herbst-Blumen beschloss der wegen verratener
Proserpina in eine Nacht-Eule verwandelte Ascalaphus mit Nacht-Schatten / der
zur Schlange wordene Cadmus mit seinem Drachen- und Schlangen- / Eupator mit
seinem erfundenen Hanff-Pyramus mit dem von seinem Blute befleckten
Wiesen-Kraute. Zuletzt liess sich Ajax mit dem Herbst-Hyacint; worauf sein Nahme
gewachsen / sehen / und meinte darmit für allen Sterblichen so wohl als die
Blume für andern einen Vorzug zu haben.
    Endlich erschien in den Schrancken der graubärtichte Winter / dessen Krantz
aus Winter-grün / das Kleid aus Buchsbaume zusammen gewunden war. Am Wagen
standen mit gestirnten Blumen der Steinbock / der Wassermann und die Fische
gebildet; ihn zohen zwei beschneiete Renn-Tiere. Vor und hinter dem Wagen zohen
gleichfalls in obiger Kleidung funfzig Blumen auf / welche entweder das ganze
Jahr durch / oder nur im Winter blühen und grünen. Im ersten Gliede der
weiblichen weissen erschien die vom Jupiter in einen veilgen-farbichten Ochsen
verwandelte Isis mit der weissen Hornungs-Veilge / die ihr gleich-gestallte
Europa mit der Kalb-Lischblume / die vom Schnee den Nahmen führende Chione mit
den Schnee-Tropfen; die schnee-weisse Levcoja mit der ihren Nahmen führenden
frühen Zeitlose; Deianira mit der ihrem geliebten Achilles gewiedmeten Edelgarb.
Im andern Gliede liess sich die gelbe Xanto mit der gelben Hornungs- die
unverwundliche Cönis mit der Drat-Blume / Scyalle mit der Meer-Zwiebel / darein
sie verkehrt worden / Euphrosyne des Eteocles Tochter mit der Garten-Zypresse
/darein sie verwandelt worden; die Königin des Taurischen Chersonesus Hecate /
die Erfinderin der giftigen Kräuter mit der giftigen Nelcke aus Indien sehen.
Das dritte Glied der roten führte Candace mit der Strauss-Feder / die wässrichte
Aretusa mit der Erd-Aepfel-Blume; die nicht-weniger brennende / als schöne
Cleopatra mit der Scharlach-Nessel; die zu Anschauung der Gestirne gleichsam
geborne Aglaonice mit der der Soñe folgenden Ringel- und Arsinoe mit ihrer aller
Fäulnüss und Gift widerstehenden Kreutz-Blume; dardurch ihr Bruder so wohl für
den Würmern ihre Leiche verwahret / als durch das Magnetische Gewölbe ihr
eisernes Bild im Alexandrinischen Tempel schwebend in die Lufft gezogen hat. Im
vierdten Gliede der blauen gab Tysbe mit der von ihrem Blute besudelten frühen
Mertz- die aus der Höllen herfürkommende Eurydice mit der in blauer Trauer
gehenden Hornungs-Blume; die sich und ihren sie besteckenden Vater
durchstechende Cyane mit der schwartz-blauen Früh-Veilge; die ihr gleichende
Lucretia mit der Degen-Blume ihre Bestürtzung in Tag. Die den Jupiter mit
Ziegen-Milch und Honig auferziehende Amaltea hatte die Geiss-Blume. Das fünfte
Glied der scheckichten bestand an der blättrichten Phillodoce mit der
Blumen-reichen Zaum-Glocke / an der ihres Hauses Unglück webenden Philomela mit
der Spinn-Blume; an der die Menschen in Löwe /Bären und Tiger verwandelnden
Circe / mit der fleckichten Tiger-Blume. Die bestürtzte Progne und Procris
weiseten die mit ihrem Blute betröfelte frühe Mertz- und Hornungs-Blume. Unter
den männlichen führte das weisse Glied das Schoss-Kind der Venus Paris mit dem
Frauen Haare; der für Liebe gegen die silberne Argyra zerflüssende Silemnus mit
dem Silber-Blate; der zu ewigem Froste vergebens gewiedmete / und durch eigene
Hand erblassende Atys mit dem Winter-Hyacint; der schöne aber unglückliche
Astyanax mit dem Winter-Narciss; der Hirte Teodamas mit der Hirten-Tasche oder
dem Blut-Kraute /damit er seinen vom Hercules empfangenen Wunden das Blut zu
stillen bemühet ist. Im andern Gliede der gelben erschien Icarius mit seinem
Trauben-Hyacint / mit dem er sich statt des vom Bacchus empfangenen Wein-Stocks
vergnügen musste / weil er sich dessen so schädlich missgebraucht / Lycaon mit
seinem Wolffs-Stengel / Nisus mit dem Winter-Saffran umb die ihm zum Verterben
von seiner Tochter Scylla abgeschnittenen Haare zu ersetzen; der frühzeitige
Herrscher Icarus mit dem gelben Winter-Narciss / und der von seinen gelben Haaren
berühmte Menelaus mit Wintergelbe. Im dritten Gliede trug der weise Pherecydes
den niemals verwelckenden Amarant oder Tausendschön; dardurch dieser erste
Lehrer dieses Geheimnüsses in Griechenland die Unsterbligkeit der Seelen
vorbildete. Machaon den gesunden Batengel / der weise Jäger und Schütze Chiron
mit dem Niese-Kraute / damit er seine Pfeile anzumachen pflegte; der Hunds-Stern
Sirius mit dem Hunds-Zahne / und Acteon mit dem gelben Winterlichen
Hahnen-Fusse. Das vierdte Glied der blauen bestand am Archimedes /welcher als
der Haupt-Künstler in Spiegeln ihm den Frauen-Spiegel zugeeignet hatte. Der vom
Löwen zerrissene Jäger-Knabe Hyas hatte ihm den Winter-Hyacint; der vom Rauche
den Nahmen führende ungeheure Sohn der Erde Typheus den Erd-Rauch / Zevxes den
Garten-Scharlach / und wegen des ihm gewiedmeten Hahnes Esculapius den blauen
Winter-Hahnen-Fuss. Endlich kamen die bundten Winter-Blumen auch ans Licht / und
zeigte sich der gütige Chrysantes mit dem güldenen Klee / Alcydes seiner
geliebten Omphale zu Liebe mit dem nach ihr genennten Nabel-Kraute / Hyrius mit
dem Harn-Kraute zum Gedächtnis seines aus der Götter Garne gezeugten Sohnes
Orion / Cinyras der Myrrha Ehmann mit dem Mastich-Kraute / und sein das
köstliche Balsam-Geschirre zerbrechende Knabe Amaracus mit dem Winter-Majoran /
darein er aus Bestürtzung verwandelt worden. Alle vorerwähnte Personen hatten
von denen ihnen zugeeigneten Blumen auf dem Haupte und umb beide Armen Kräntze /
welche entweder natürlich oder von Seide waren.
    So bald die Blumen-Göttin ihren Gesang geendigt hatten / fiengen auf einem
zwölffeckichten Turme /welcher nach dem vom Andronicus zu Aten erbautem
gemacht zu sein schien / und an ieder Seite eines Windes Bildnis hatte; die
West- und Mitternacht-Winde / derer jene ein Lufft- diese ein Wasser-farbenes
Drei-Eck in der Hand führten / mit Paucken und einer Art Posaunen ein
kriegerisches Getöne an /welche denen Hispanischen Narcissen ganz ähnlich
waren / die über ihre sechs ausgebreitete Blätter einen langen holen Hals hervor
streckten; gleich als wenn die Werckzeuge / wordurch die Ohren vergnügt werden
sollten / nach denen die Augen so sehr erfreuenden Blumen gebildet werden müsten.
Nach diesen hielten die vier Teile der Welt umb die Blumen-Göttin herumb ein
sehenswürdiges Rennen / worinnen die Rehe / die Löwen / die Kühe und Renn-Tiere
sich in denen schnellen Umbwendungen und Ringel-Drehungen nicht anders als
zugerittene Pferde herumb werffen liessen. Endlich setzten sie sich harte an die
Blumen-Göttin an / und zwar der Frühling gegen Morgen / der Sommer gegen Mittag
/ der Herbst gegen Abend / der Winter gegen Mitternacht. Nach welcher Ordnung
sich nunmehr die Blumen der vier Zeiten ausbreiteten. Der auf vorerwähnten
Turmes Spitze stehende Triton wendete sich hiermit gleichfalls umb gegen die
Mittags- und Ost-Winde; derer jene ein feuriges / diese ein grase-grünes
Drei-Eck zum Zeichen hatten /beide zusammen aber liebliche Seitenspiele
anstimmeten. Hierzu fiengen an allen vier Enden die Blumen einen lustigen Tantz
an / in welchem die weiblichen Blumen sich mit denen männlichen bald vermengten
/bald wieder absonderten / und zwar so künstlich: dass man iedesmals ihre genau
beobachtete Ordnung nach ihren fünferlei Farben unterscheiden konnte. Beim Ende
ieden Satzes stellten sich die männlichen und weiblichen absonderlich; und kam
iedesmals in das Mittel eine andere Blume / umb welche die andern Blumen ihrer
Farbe einen Kreis machten / und sich gegen ihr als ihrer Fürstin neigten. Die
anderfärbichten Blumen aber bildeten mit ihrer artlichen Stellung die Gestalt
der so denn in der Mitte stehenden Blume ab. Diese Abwechselung geschahe fünf
und zwantzig mal / also: dass einer ieden Blume unter denen zweihunderten diese
Verehrung wiederfuhr. Nach diesem Beschlusse fieng die Blumen-Göttin an dieses
Innhalts zu singen: Weil die vierfüssigen Tiere den Löwen / die Vogel den Adler
/ die Sternen die Sonne /die Bienen den Weisel / die Bäume den Oel- oder
Granat-Apfel-Baum für ihren König erkennten; und die Blumen ihre Lüsternheit
hiernach in dem Tantze an Tag gegeben hätten / wäre ihr Vorsatz ihnen allen ein
gleichmässiges Ober-Haupt zu erkiesen. Dieser Vortrag erregte unter den Blumen
einen allgemeinen Ehrgeitz solche Würde zu erlangen. Als diese nun unter
einander herumb irreten / redete der Frühling singende denen Seinigen das Wort /
und führte an: Seine Blumen hätten das Recht der Erstgeburt; der Lentz wäre der
eigentliche Vater der Blumen. Sie verdienten so wohl ihrer Schönheit / als
Anzahl halber den Vorzug. Denn er hätte allein so vielerlei Arten Narcissen /
Hyacinten und Anemonen / als die andern Jahres-Zeiten gar mit einander Blumen.
Seine Zeit wäre auch an ihr selbst der Anfang der Welt / die Jugend des Jahres /
der Bräutigam der Liebe / und eine rechte Mutter der Wollust. Der Sommer
hingegen meinte zu behaupten: Die Frühlings-Blumen wären nur ein Vortrab und
Trabanten der recht schönen Sommer-Blumen; ja unzeitige Früh-Geburten des noch
unvollkommenen und sich von der Kranckheit des Winters kaum ein wenig erholenden
Jahres. Jene wären auch als Töchter einer ohnmächtigen Mutter allzu vergänglich;
und flüchtiger als die Calingischen Weiber in Indien; welche zwar im fünften
Jahre schwanger würden / aber das achte nicht überlebten. Denn der
Frühlings-Blumen Alter erstreckte sich selten über einen Tag. Ja die schönsten
unter ihnen hätte entweder wie die Tulipen keinen / oder einen schwachen Geruch.
Da hingegen die Sommerblumen länger tauerten / und mit ihren Farben nicht nur
die Augen bezauberten / sondern mit ihrem Geruche die Lüffte einbisamten. Alle
andere Jahres-Zeiten wären zu frostig diese Wunder-Gewächse vollkommen
auszukochen. Westwegen in dem hitzigen Cyrene die Blumen besser / als nirgends
anders wo rüchen; hingegen selbte in dem wässrichten Egypten meist Miss-Geburten
ohne Geruch wären. Der Herbst widersprach beiden / und führte an: Er wäre der
Vater der Vollkommenheit; die schönsten Blumen rasteten nichts minder / als die
vollkommensten Tiere lange in der Schoss ihrer Mutter. Seine ergetzten nicht nur
wie die eitelen Frühlings- und Sommer-Blumen das Gesichte; vergnügten den Geruch
mit ihrem Bisame; sondern sie sättigten auch mit ihrer Speise / und gäben durch
ihre Krafft heilsame Artzneien ab. Mit einem Worte: Alle andere gefielen meist
nur dem Vorwitze / oder dienten bloss zur Wollust / seine aber zum Nutzen.
Endlich meinte der Winter niemanden etwas bevor zu geben; sintemal seine mitten
aus dem Schnee herfür wachsende Blumen gegen alle andere Wunderwercke wären.
Andere Blumen erlangten ihre Zierden aus der Güte des Himmels; die Winter-Blumen
aber aus ihrer eigenen Wurtzel Fürtreffligkeit; also: dass Sturm /Schnee und Eis
/ welche andere Blumen in einen Augenblicke zernichteten; seiner Blumen Geburt
nicht hindern / weniger ihrer Zierde schaden könten. Wie nun diese und andere
Gegen-Sätze die strittigen Jahres-Zeiten nicht vereinbaren konten; rennten sie
von einander / und rufften ihren Blumen zu: dass sie die Waffen ergreiffen
sollten. Zum ersten traff der Frühling und Herbst gegen einander; da denn jener
auf diesen / als sie neben einander vorbei jagten / mit Karten-Disteln / dieser
auf jenen aber mit Granat- und andern Aepfeln warff. Ihre Blumen traffen auch
von Gliede zu Gliede auf einander / und zwar warff iede Blume mit einem Püschel
Blumen auf seinen Feind /welche alle ihrer Farbe waren / nämlich die weissen mit
weissen / die roten mit roten und so fort. Sie verwechselten aber ihre Glieder
derogestalt: dass allemal zweierlei Farben Blumen gegen einander fochten / und
also durch solche Vermischung so wohl der Blumen an sich selbst / als ihrer
unschädlichen Kugeln / die Augen sich überaus erlustigten. Auf gleiche Weise
traten nun auch bald der Sommer und Winter gegen einander. Des Sommers Geschoss
waren Schwämme / des Winters die so genanten Schnee-Ball-Blumen. Und folgten
beider Zeiten Blumwerck mit gleichmässigem Gefechte. Wie sich nun iedes Teil
nach einander herumb schwang / fielen der Frühling und Sommer / der Herbst und
Winter / das dritte mal der Frühling und Winter / der Sommer und Herbst mit
denen nachfolgenden Blumen einander an. Diesen Kampf aber unterbrach die
Blumen-Göttin mit ihrem nichts minder lieblichen Gesange / als anmutigem
Antlitze; darinnen sie denen Jahres-Zeiten zu verstehen gab: dass ehe einer ieden
Zeit Blumen mit fremden umb den Vorzug kämpften; sie unter sich selbst einen
König erwählen sollten. Diese Anweisung erregte unter denen Blumen einen
vierfachen bürgerlichen Krieg; indem keine Zeit-Blume so klein oder niedrig war;
die ihr durch eine ehrsüchtige Heuchelei nicht wie der Schnee-König für dem
Adler ein Vor-Recht zueignete. Unter denen Frühlings-Blumen trug das Haupt
überaus empor die zweifache Anemone. Die Chalcedonische rühmte sich: Sie wäre
aus dem Schnecken-Blute des Adon; die blassere: Sie wäre von denen
Tränen-Perlen der Venus entsprossen; sie prangte nicht nur mit dem Königlichen
Purper / sondern mit allen andern hohen Farben. Sie beschämte mit ihren Spiegeln
die Pfauen-Schwäntze; ja man hätte ihr auch fürlängst den Königlichen Titul
beigelegt. Vom linden West-Wind wäre sie für seine Braut erkieset worden / dem
sie nur die Liebe täte: dass sie bei seiner Ankunft sich öffnete / sonst aber
als ein Bild der Keuschheit sich verschlossen hielte. Andere Blumen wären auch
nur Kinder einer einigen Jahres-Zeit / sie aber blühete nach dem Unterschiede
ihrer eingesetzten Zwiebel im Frühlinge / im Sommer / im Herbst / ja gar im
Winter. Der Anemone bot der Narciss-Stengel männlich die Stirne / anführende: Er
wäre aus dem schönsten Jünglinge der Welt in eine nicht hesslichere Blume
verwandelt. Wie er in der ersten Gestalt aus einem eiss-kalten Brunnen eine
übermässige Flamme der Selbst-Liebe geschöpft hätte /also könnte kein Auge seinen
belebten Schnee anschauen / das nicht gegen ihn entzündet würde. Die Natur hätte
ihn nicht ohne Ursache mit einem so ausgestreckten Kamel-Halse begabet; wormit
er die andern Blumen gleichsam als seine Untertanen übersehen könnte. Er zählte
/ wie fast alle andere / seine Blumen nicht einzelich; sondern er hätte auch
solche Stengel / welcher iede der neun Musen mit einer Narcisse beschencken
könnte. Diesem widersetzte sich aufs eifrigste die Tulipane mit dem Einhalte:
Andere Blumen möchten sich mit einer ertichteten Tobten-Farbe seltzamer
Verwandlungen schmücken; sie hätte die künstlichste Mahlerin die Natur mit mehr
als zweihunderterlei Farben ausgeputzt / also: dass weder das Gold der Sterne /
der Saphier des Himmels / der Schmaragd der Erde / die Perlen des Meeres / die
Rubinen der Schnecken / noch alle andere Farben durch ihre Vermischungen gegen
ihr zulangten; zumal sie noch alle Jahr neue Farben / wie Africa neue Wunder
gebehre; sie hätte auch nichts an ihr / was nicht etwas göttliches wäre / auser
die Sterbligkeit. Wiewohl es der meisten Blumen Eigenschaft wäre in einem Tage
ein Kind und ein altes Weib sein; oder wenn sie lange tauerten / lägen sie heute
in der Wiege / morgen kriegten sie Runtzeln / übermorgen würden sie zu Leichen.
Der männliche Hyacint lächelte hierüber / und warff ein: Ihn wunderte: dass der
Narciss / dessen Wesen in nichts / als im Wasser bestünde / massen diss vorher
seine Mörderin gewest wäre / und noch immer seine Amme abgäbe / oder auch die
Tulipane mit ihren vergänglichen Farben ihrer Hoffart eine Farbe anstreichen
wollte; da sie doch selbte nicht übers andere Jahr ohne Hülffe der Kunst
unverändert zu behalten wüsste; sondern endlich alle Vermischung in eine
Bauer-Röte oder Gelbe-Sucht abschüsse. Sie wäre ein lebloses Gewächse. Denn
eine Blume ohne Geruch gleichte einem Leibe ohne Seele. Bei trübem Himmel liesse
sie den Mut / bei nassem Wetter das Haupt sincken / bei der Hitze die
geistlosen Blätter fallen. Der Hyacint hingegen prangte fast mit allerhand
Farben / aber beständig. Er wiese sich auf einem Bäte wie Scharlach / auf dem
andern wie Perlen. Bald bildete er mit seiner Ascher-Farbe einen die Asche
beseelenden Fenix / bald mit seine Berg-blau als ein Archimedes den Himmel / mit
seiner Röte die Wangen der Liebe / mit Vielheit seiner Blumen eine fruchtbare
Kinder-Mutter / mit seinem Geruche das ganze wohlrüchende Arabien / und eine
schier verschwenderische Wohltäterin ab. Die Phönicier hätten von seiner Farbe
das Muster genommen aus Schnecken-Blute den Königlichen Purper zu färben; die
Agatyrsen und die Periegeten in Indien rühmten sich die schönsten Leute in der
Welt zu sein / weil ihr Haar denen unvergleichlichen Hyacinten gleichte. Seine
Gemeinschaft mit der Sonne bestätige: dass sie ihn aus einem ihr lieben Knaben
in eine so holde Pflantze verwandelt habe; ja die klaren Buchstaben mit
Königlichem Blute auf seinen Blättern: dass er nichts minder ein König der Blumen
/ als eine Geburt des verwundeten Ajax sei. Die Königs-Krone warff sich hierauf
für eine Königin auf; sintemal diese Würde ihr nicht allein die Höhe ihres
Stengels / der Purper ihres Kleides / das Gold seiner inwendige 6. Zepter /
sondern die ganze Welt durch den zugeeignete Nahme der Königlichen Krone
zuerkennte. Welcher Eigenschaft sie auch darmit abbildete: dass sie in iedem
Blate zwei perlene Hügel hätte / woraus sie bei Regen- und hellem Wetter stets
süsse Tropfen abtränete; zu einem nachdencklichen Merckmale: dass die Kronen
auch Quellen der Tränen wären. Alle Hecken erkennten den Egyptischen
Dorn-Strauch für ihren König / weil ihre Blätter sich von der Zeit an wie
Königs-Kräntze zusammen wickelten; da die über dem Tode des Titonus bestürtzten
Mohren ihre Kräntze auf selbigen Strauch geworffen hätten. Warumb wollte man denn
ihr die Ehre missgönnen / wormit sie der Himmel beschenckt / die Natur
ausgeschmückt hätte? Aber der güldene Sonnen-Stengel meinte nichts minder unter
dem Geblüme / als das grosse Welt-Auge unter den Sternen die Ober-Stelle zu
verdienen; der Königs-Krone aber / welche nach Knobloch und Böcken stincke /
keinen Fuss breit zu enträumen. Denn wäre sie eine Krone; so wäre er ein Zepter;
welches ein eigentlicher Merckmal der Herrschaft als jene wäre. Jupiter und
Apollo bedienten sich dessen selbst im Himmel; und Agamemnon wäre von den
Göttern selbst damit beschencket worden. Das Sonnen-Auge wollte nichts minder
allen vorgehen. Denn die Soñe wäre das Auge der Welt; seine Blume aber ihrer
Schönheit halber gleichsam die Sonne / und also ein rechter Spiegel der Blumen /
wie das Auge der Natur. Allein diesen Riesen bot die Zwergin die Meien-Blume
Kampf an; und meldete: Sie suchten ihre Hoheit nur aus der Schale ihres
prächtigen Nahmens zu behaupten; sie aber aus ihrem fürtreflichen Wesen. Denn
sie wäre die rechte Tal-Lilge / und so voll Geist: dass wie an der Nachtigall
mehr Gesang als Vogel / also an ihm mehr Geruch als Blume wäre. Dahero sie
nichts minder wegen ihrer vereinbarten Tugend / welche die Lebens-Geister der
Ohnmächtigen selbst wieder beseelete / ja die Leiche des Essigs in heilsame
Stärckung verwandelte / allen grössern Blumen als eine Dattel einem Kirbse / und
der Paradis-Vogel einem Trappen vorgezogen zu werden verdiente.
    Unter denen Sommer-Blumen erhob sich keine geringere Zwytracht. Die Lilge
rühmte sich eine Königin aller Blumen; weil sie aus der Milch der Götter-Königin
/ nämlich der cypersüchtigen Juno entsprossen; ihr Stengel der höchste / ihre
Farbe die vollkommenste / ihr Geruch kräfftiger als Balsam / ihre Träne ihr
selbst eigener Saame; ihre Blätter voll Oel und Salbe / ihre Krafft eine
nützliche Artznei / ihr Safft ein Ursprung des Honigs; und sie inwendig mit
Golde gekrönet / und an statt der Dornen mit Anmut gewafnet wäre. Die sich für
eine Lilge rühmende Meiblume wäre gegen ihr ein kaum sichtbarer Kriepel / und
noch dazu unfruchtbar. Denn seine Blumen hätten keinen Saamen / und stürben
durch ihre Verwelckung nicht nur ihr / sondern gar der Nachwelt ab. Daher diese
pucklichte Zwergin mit ihrem gebückten Halse sich gar billich für ihr in düstere
Täler verkrieche. So feind die Bienen dem Oele sind / so entrüstet stellte sich
auch das Bienen-Kraut gegen die ölichte Lilge. Es führte für sich an: dass es das
Labsal der keuschen und gerechten Bienen / und der Brunnquell des Honigs wäre;
wormit die heilige Priesterin der grossen Göttin Jupitern auferzogen / den
Sterblichen den Zucker des himmlischen Nectars zugefrömet / ihnen ein Mittel das
Leben zu verlängern / und ihre Leichen für der Fäulnüs zu verwahren / ja sich
von Sünden und Traurigkeit rein zu bewaschen geschencket hätte. Seine Blume und
Kraut wäre ein Tod der Traurigkeit /eine Uberwinderin des Gifftes / und eine
Aertztin aller Frauen-Kranckheiten. Die Susianische Schwerdt-Lilge rückte dieser
hingegen für: Wie das Honig ein Bild des Todes wäre; also wäre auch an seiner
Blume nichts lebhaftes. Sie hingegen wäre auf Erden / wie der Regenbogen im
Himmel ein Begrief aller schönen Farben / ein Wunder der Augen / und eine
Königin der Blumen / wie ihr Vaterland Persien / anderer Länder. Alleine sie
ward von der Nelcke verhönet uñ ermahnet: Sie möchte sich mit ihrer wässrichten
Eitelkeit für ihrem Feuer nur unter das Wasser des Flusses Euleus verkrieche /
und aus ihres Vaterlandes breñenden Hartztbruñen mehr Feuer an sich ziehen. Deñ
der Nelcken starcker Würtz-Geruch wäre ein selbstständiger Geschmack der
Indianische Nägel. Alle Farben der Welt müsten ihr zum Pinsel dienen /dadurch er
sich öfter / als Proteus verkleiden könnte. Und wie kein Apelles mit seinem
Pinsel ihre Schönheit ausdrücken könnte / also wäre sie der rechte Mahler der
Gärte. Beiden widersprach ins Antlitz das Knaben-Kraut: die vielen Farben der
Nelcken wäre eine gemeine Kleider-Verwechselung; das Knaben-Kraut aber bildete
auf seinen vielen Blättern die Gestalten allerhand Tiore / ja der Männer und
Weiber mit einer wundersamen Röte ab. Seine Kräfften überstiegen das Vermögen
aller andern Pflantzen. Denn sie zündeten in denen eiskalten Adern den Zunder
der Liebe an; und machten gleichsam die todten Steine rege und lebhaft. Dahero
sie die Liebe nicht nur auf der Welt den Blumen; sondern auch allen Einflüssen
der Gestirne vorzüge. Alleine die gelbe Molyblume rühmte sich ein Kind des
Mercur / und eine Uberwinderin aller Zauber-Künste zu sein; welche auch den
Monden aus dem Himmel zu ziehen / und die Sonne zu beflecken vermöchte. Durch
sie hätte Mercur Ulyssen von allen Zauber-Künsten der Circe befreit / und also
wären ihre Kräfften so wenig mit Golde zu bezahlen / als ihre Farbe des edelsten
Ertztes Glantze was nachgäbe. Für dieser aber meinte noch zu gehen die Peonie;
welche ihr aber vielmehr mit dem Nahmen der Königs-Blume heuchelte / und sich
rühmte: dass sie nichts minder wegen Vielheit der Blätter / und ihrer
Scharlach-Röte eine Königin / als eine Tochter schattichter Berge / und eine
Mutter der Gesundheit wäre. Daher die Artznei-Kunst nicht weniger von ihr / als
ihrem Bruder dem eben diesen Nahmen führenden Steine / der die Weiber fruchtbar
machte / und die Geburt erleichterte / einen Titel geborgt hätte. Hierwider aber
sätzte sich der Sonnen-Wirbel; als welchem ein unbenehmliches Vorrecht geben
sollte: dass er durch eine verborgene Zuneigung eine richtige Sonnen-Uhr / und
eine beseelte Leiche der verliebten Clytie abgäbe; also auch bei wölckichtem
Himmel niemals sein Ziel der güldenen Sonne fehlen könnte; des Nachts aber aus
einer traurigen Sehnsucht die Blume ganz zusammen züge. Er hätte die
Eigenschaft den gifftigen Schlangen und Scorpionen zu widerstehen / und die
Ameissen zu tödten. Uber dis stritten für seinen Obsieg die niemals
verwelckenden Blätter; da fast alle andere früh in der Wiege liegende Blumen /
des Abends schon in Sarch kämen. Da aber die Verwandschaft einiges Vorrecht
geben könnte / hätte er einen verschwisterten Stein /der von der Natur mit
blutigen Sternen besämt wäre /der der Sonne einen Spiegel abgäbe / ihre
Finsternüsse zeigte / im Wasser ihre Strahlen erhöhete / und den Zauberern zur
Unsichtbarkeit diente. Allein auch diesem wollte sich das Stern-Kraut fürzücken /
weil selbtes auch die Finsternüs der Nacht zu bemeistern / und dardurch dem
Gestirne gleich zu werden wüste. Endlich warf sich auch die Blume der welschen
Bärenklau für eine Königin auf; und rühmte ihre Schönheit daher: dass die
fürtreflichsten Bildhauer ihre zierlichen Blätter in die köstlichsten Marmel-
und Ertzt-Seulen einätzten.
    Nichts minder ging der Krieg unter den Herbst-Blumen an. Denn die
Damascenische Musch-Blume meinte: dass ihre Farbe ein Ebenbild der Keuschheit
/ihr Geruch aber der Kern des wolrüchenden Musches wäre. Die Griechische Aloe
rühmte nichts minder ihre Gestalt / als den bittern Safft ihrer Wurtzel wegen
seiner heilsamen Artznei-Krafft / und dass er durch unversehrliche Erhaltung der
Leichen die Vergängligkeit entkräfftete. Der Jasmin hingegen rühmte sich Krafft
seines Geruches eine Seele der Entseelten; Krafft seiner unzählbaren Blumen
gleichsam ein Briareus zu sein; welcher mit hundert Armen seine Schönheiten
ausbreitete. Allein diese vergeringerte die Mogorin-Blume / welche sich für eine
Einbisamerin ganz Indiens hielt / und den Jasmin / der Gestalt nach / zwar für
ihren Bruder erkennte / mit einer Blume aber ein ganz Haus anzufüllen / und
also tausend Jasminen wegzustechen vermeinte. Die preisswürdige Jucca erkennte
den Jasmin und die Mogorin zwar für ihr Geschwister / aber sie hätte das Recht
der Erst-Geburt /und die Kräffte einer Blumen-Riesin. Denn sie triebe ihren
Stengel drei Füsse hoch / und der Vorrat ihrer wolrüchenden Blumen machte sie
zu der reichsten unter allen Herbst-Blumen. Ihre öfftere Fruchtbarkeit aber züge
sie der nur einmal gebährenden Atlantischen Aloe für. Allein diese hierdurch
angestochene Riesin reckte über alle Blumen ihr Haupt empor / und meinte den
königlichen Krantz keiner andern zu gönnen. Sintemal sie / bei der zwar
langsamen / aber es reichlich-einbringenden Geburt ihres Blumen-Stengels / an
geschwindem Wachstum die Zedern übereilte / und an Menge der wolrüchenden
Blumen es allen in der Welt zuvor täte / ja ihre Kinder zu hunderten zehlte.
Gegen dieser aber lehnte sich der grosse Hyacint mit den knollichten Wurtzeln
auf / und stellte ihr zum Gebrechen aus: dass sie alsdenn erst Blumen brächte /
wenn sie ein funfzig- oder hundert-jährig altes Weib würde; also ihren
woltätigen Pflantzer ins gemein mit vergebener Hoffnung speisete / und meist
ehe ihn sterben liesse / ehe sie schwanger würde; ja mit ihrer ersten Geburt auch
alsofort untergienge und verdorrete. Sie hingegen trüge alle Herbste nicht viel
weniger Blumen / als die Aloe; also: dass ihr mit Gewalt und schier sichtbar
emporstossender Stengel den Nahmen eines ganzen Blumen-Gartens verdiente.
Seiner BlumeGeruch überträffen de der Aloe und der Jasminen. Er vergleichte sich
der kräfftigsten Pomerantz-Blüte / ja wenn die untergehende Soñe andern
Gewächsen fast allen ihren Geist entzüge / vergrösserten seine Blumen ihre
Balsam-Krafft / umb die gleichsam ohnmächtige Welt die Nacht über zu erquicken.
Nach diesem stellte sich auch der Saffran zur Schaue; anziehende: dass mit seinen
güldenen Haaren die Liebes-Göttin ihre untermengte; seine güldene Eeren noch die
Fruchtbarkeit der güldenen Zeit abbildeten / und die Welt in ihn noch so
verliebt wäre / als jemahls das Epheu gewesen. Er hätte die Krafft die
Trunckenheit / ja die grausamen Krokodile zu vertreiben; die Ehre die
Schauplätze einzubisamen; und die niedlichsten Speisen anzuwürtzen; die Wunden
zu heilen / oder auch gar der Traurigkeit abzuhelffen. Westwegen nichts minder
die Eumenides / als Ceres den Saffran ihnen zu einem Heiligtum zugeeignet
hätten. Dem Saffran fiel die Aland-Blume in die Haare / und zohe an: Sie wäre
der schönsten Frauen in der Welt schönste Geburt / und milterte nicht nur die
Traurigkeit / sondern sie vergrübe alles Leid in das Nichts der Vergessenheit.
Aber alle diese wollte die Sonnen-Krone verdringen; welche ins gemein sechs und
zwantzig / oft auch gar viertzig Schuch hoch ihr Haupt empor türmete / und
also nicht nur alle Blumen in gebückter Demut unter sich sähe /sondern auch
hohen Bäumen zu Kopfe wüchse. Diese ungeheure Blume verhöhnete das Sonnen-Auge;
weil sie eine Schale ohne Kern; hingegen dis ein Kern ohne Schale / ja ein recht
heilsames Marck der kräfftigsten Artzneien wäre. Westwegen diese Blume die
Minerva ihren vom Tempel gefallenen Pericles im Traume als sein einiges
Genesungs-Mittel gewiesen; die Königin Artemisia auch als ein Labsal ihres
Traurens für allen andern Blumen verehret hätte. Gegen dieser streckte auch ihr
zehn Füsse hohes Haupt die Egyptische Colocasia herfür / rühmte nicht nur die
Grösse ihrer Blätter / und ihre mit einer süssen Frucht trächtige Häupter oder
Kelche / welche nach abgezinseten Bohnen Trinck-Geschirre abgäben; sondern auch
ihre süsse Zwiebeln / welche nichts minder zu einem kräfftigen Liebes-Zunder /
als einer köstlichen Speise dienten; und sie daher als ein Wunderwerck /ja als
eine die Glückseeligkeit gleichsam mit sich führende Pflantze in den Römischen
Gärten sorgfältig unterhalten würde. Endlich beruffte sich der Serische
Blumen-König auf seine unvergleichliche Schönheit /für welcher Glantze alle
weisse Blumen schamrot würden / alle gefärbte wie die Sternen für der
Morgenröte erblassten. Er gründete sich auf das für ihn schon gefällete Urtel
der klugen / und allein zwei Augen habenden Serer; welchem kein ander
ein-äugichtes Volck widersprechen könnte. Der Colchische Herbst-Stengel brach
ein: Seine Lands-Leute die Tibier wären scharfsichtiger als die Serer; denn sie
hätten Zwei-Aepfel in Augen; diese aber erkennten ihn für den Fürsten aller
Blumen. Denn weil er mit allen Farben in der Welt prangte / könnte man in seiner
Anwesenheit aller andern entpehren. Das Haar der Venus aber wollte noch schöner
und kräfftiger sein. Denn das Haar wäre der Löwen und Menschen schönster Schmuck
/ ein Kennzeichen der edlen Freiheit; ja die Strahlen der Gestirne wären nichts
anders als ihre Haare / und seine Blume der Strahl der Blumen.
    Zuletzt war der stürmische Winter in keiner friedsamern Beschaffenheit. Denn
die Erd-Aepfel-Blume oder der Nabel der Erde machte sich so krauss / als seine
fleckichten Blätter gekräuselt sind. Insonderheit striech diese Blume ihre
Würckung wider Gift und Schlangen / und die unschätzbare Erleichterung der
menschlichen Geburten heraus. Diesem begegnete das Nabel-Kraut: Es würden zwar
die schönsten Geschöpfe mit dem Nahmen des Nabels oder der Augen beteilt. Die
wunderlichsten Steine hiesse man Augen / und die seltzamsten Muscheln Nabel der
Nymphen. Seine Blätter aber wären der Nabel der Venus / und die Blumen Augen der
Liebe. Ja über viel andere heilsame Kräfften diente es zu Liebes-Träncken.
Hingegen rühmete die Wolffs-Wurtzel sich viel grösserer Kräffte; als welche zwar
von dem Schaume des Cerberus entsprungen wäre / und die Panter-Tiere tödtete;
im Menschen aber entseelte sie das verhandene Gift / und ihr blosses Anrühren
wäre der Tod der Scorpionen. Ubrigens erinnerte ihre gifftige Eigenschaft die
Menschen: dass / weil unter deren schönsten Blumen doch Schlangen verborgen lägen
/ sie niemals die Vorsicht ausser Augen setzen / und den Missbrauch ihnen gefallen
lassen sollten. Die blaue Hornungs-Feilge fuhr mit einer empfindlichen Ungedult
heraus: Unterstehet ihr gifftigen Spinnen euch wohl nicht nur unter so nützliche
Bienen zu mischen /sondern gar ihnen zu Kopfe zu wachsen? Hebet euch von hier
ihr Unholden! entfärbet eure geschminckte Antlitze für der nichts minder
heilsamen als schönen Feilge; welche mit ihrer Farbe dem Himmel / mit ihrem
Geruche dem Zimmet am nechsten kommet; welcher Saame nicht nur die Scorpionen
tödtet / sondern hunderterlei Kranckheiten abhilfft. Aber auch dieser meinte der
Winter-Hyacint die Oberstelle nicht zu enträumen / dessen Feuer mit nicht
geringerm Wunder mitten aus dem Schnee / als siedende Quellen aus kältesten
Bächen herfür brächen; und den frostigen Winter in einen annehmlichen Lentz
verwandelten. Die frühe Zeit-lose gebrauchte für sich fast eben die Gründe; und
dass sie wesentlich die Schönheit aller Farben in sich hätte; wormit der Schatten
der Sonne und die Unwahrheit des wölckichten Himmels nämlich der Regenbogen die
Augen bländete. Alleine der Majoran behauptete: dass nicht die Farbe / sondern
die kräfftigen Eigenschaften der Blumen den Königs-Krantz verdienten. Raupen
und Wespen hätten die Farben der Regenbogen / die Rosskäfer des Goldes /das
gifftige Napel des Purpers. Solten destwegen diese Geschwüre der Erde / diese
Missgeburten der Natur einen besondern Vorzug verdienen? Er wäre zwar nicht die
schönste Blume / aber so viel kräfftiger; ja er hätte alleine die herrliche
Eigenschaft des Indischen Gewürtzes: dass sein blosser Safft ein unverterbliches
Oel und Salbe abgäbe. Endlich wunderte sich der Amarant: dass noch nicht alle
Blumen sich für ihm / als einem unsterblichen Wunderwercke unter denen
vergänglichen Gewächsen bücketen. Er wäre so lebhaft: dass er nicht nur wie
etliche Bäume im Winter grünete / sondern auch nach seiner Abbrechung /ja nach
seiner Abdörrung Merckmaale seiner Unsterbligkeit behielte; und daher wäre er
allein des lebenswürdigen Achilles Grab zu begräntzen gewürdigt worden. Die
Blumen-Göttin hätte ihm den Nahmen Tausendschön zugeeignet und also ihm das
Besitztum tausendfacher Schönheit zugesprochen. Schönheit aber wäre nichts
minder das erste Kleinod der Blumen / als der Zunder der Liebe; und mehrmahls in
der Welt eine Werberin und Braut königlicher Würde gewest. Diesemnach seine
niemals verwelckende Gestalt derselben ihn unzweifelbar versicherte. Und könnte
niemand als die Eitelkeit einer flüchtigen Blume den Königs-Krantz aufsetzen.
    Dieser letzten Meinung fielen alle dieselbigen Blumen bei / welche das
ganze Jahr wo nicht blüheten /doch an ihren Stengeln ihre grünen Blätter
behielten; in Hoffnung: dass wegen ihrer wenigen Anzahl jede so viel ehe zur
Königs-Würde kommen / oder nach der Königin doch eine ansehnliche Fürsten-Stelle
erlangen würde. Alleine die grosse Menge der vergänglichen Blumen umbringte jene
wenigen durch einen zierlichen Kreis-Tantz; dardurch sie nach und nach /wie
künstlich sie sich auszuwinden vermeinten / je mehr und mehr ins Gedrange
gebracht wurden. Dieselben / welcher Alter nach der Länge eines Tages abgemässen
ist / hielten denen andern singende ein: Sie verstünden so wenig was das beste
in den Blumen /als der Kern in der Wollust wäre. Die Länge der Zeit müste zwar
vielen Dingen zur Vollkommenheit / und vielen Gewächsen / dass sie reiff würden /
dienen. Alleine das Alter beraubte die meisten Sachen ihrer Güte / und
vergeringerte auch die besten. Die von denen alten Zimmet-Bäumen abgebrochene
Casia reichte der von jüngern geschälten Zimmet-Rinde nicht das Wasser. Die
Runtzeln wären nicht nur Frembden / sondern auch den Runtzlichten selbst
verhasst. Wie möchte denn die veralternden Blumen ein annehmliches Augen-Ziel
abgeben; welche gerne sterben wollten / wenn sie sich nur wie die Flüchtigen
verjüngen könten. Das Marck der Vollkommenheit wäre die Vergnügung ohne
Sättigung. Denn allzu langer Genuss auch der niedlichsten Süssigkeit verursacht
einen Eckel. Was aber einem / wenn es am besten schmeckt / aus den Zähnen
gerissen wird / verlieret niemals seinen Geschmack; und die vergängliche Wolust
veraltert nicht / sondern das Verlangen mehrer Genüssung verzuckerte so viel mehr
dis / was denen bitter geschienen / die das erste mal nicht wären satt worden.
Diese Vergängligkeit wäre so gar die Würtze der Liebes-Wercke / welche doch der
Ausbruch aller Wollüste sein sollten. Die Natur hätte durch ihre Sparsamkeit so
gar dem Golde / als dem Marcke der Erden / den Diamanten als den edelsten der
Edelgesteine ihre Köstligkeit erhalten müssen. Nicht anders erhielte die
Flüchtigkeit den vollkommensten Wunder-Blumen ihr Ansehen / welche man so wenig
/ als Nesseln einigen Anblicks würdigen würde / wenn sie ein ganz Jahr lang
blüheten. Uberdis hätten die unverwelckenden Blumen-Stengel auch keine andere
/als nur eine grüne Zierde / welches ohne dis die todte Erd-Farbe / hingegen die
gelben / weissen / roten und blauen Sternen- und Himmels-Farben der
Vergängligkeit und Abwechselung / besonders im Geblüme am meisten unterworffen
wäre.
    Als der Amarant sich und seine Gespielen derogestalt übermannet sah; musste
er durch Fürwerffung eines neuen Zanck-Apfels sich aus dem Gedränge /und seine
Feinde in Trennung zu bringen trachten. Daher er den Hyacint / den Jasmin / und
Saffran verhöhnete: dass sie mit so viel weiblichen Blumen wider ihn und ihr
eigenes Geschlechte in Bündnüs getreten wären; Die Weiber aber so wenig unter
den Blumen /als unter den Tieren der Herrschaft fähig wären. Dieser Einwurff
erregte bei denen sämtlichen Blumen eine neue Trennung. Sintemal die weiblichen
aller vier Jahres-Zeiten sich durch einen zierlichen Tantz von denen Männlichen
in einen Kreis versammleten; und der Blumen-Göttin singende fürstellten; wie der
Amarant sie und die Liebes-Göttin beschimpft / und die Rache einer gäntzlichen
Austilgung verdient hätte. Die männlichen Blumen aber namen sich des Amarantes
an / und hiermit kam es zu einem neuen Blumen-Kriege. Sintemal beide abermals
sich nach dem Unterscheide ihrer Farben in eine Schlacht-Ordnung stellten / und
von Gliede zu Gliede mit ihren Blumen-Kugeln einander antasteten. Die vier
Jahres-Zeiten wurden bestürtzt / als sie ihre eigene Blume mit einander in
Feindschaft verfallen sahen; rennten also umb die Schrancken herumb ein Mittel
zu finden; wie jede Zeit die Ihrigen wieder in einen Hauffen brächte. Aber die
allzu grosse Vermengung zernichtete alle Bemühung. Diesemnach denn umb diese
Zertrennung zu stören der Frühling rief: dass aus denen bundten Blumen ein König
zu erkiesen wäre. Diesem folgte der Sommer / und vertröstete dessen die
Purperfarbenen / der Herbst die gelben / und der Winter die weissen. Durch
diesen Anschlag wurden aus zwei streitenden Teilen ihrer fünff. Denn die
übergangenen blauen sammleten sich in der Mitte auch zusammen; und beschwerten
sich gegen dem Himmel über grosses Unrecht solcher Verächtligkeit; als welcher
die Saphieren-Farbe zu seiner Zierde erkieset hätte. Sie klagten bei der Sonne /
welche nicht nur darmit die Wolcken färbte / und ihren Hyacint in eine blaue
Blume verwandelt hätte / ja auf tunckelen Dingen am kräfftigsten die Macht ihrer
Strahlen ausübte; sondern auch denselben ihre geheime Weissagungen eröfnete
/welche mit Saphieren sie verehreten. Sie rufften die Menschen zum Beistande an;
sintemal je mehr etwas von weisser Farbe in sich hätte die Strahlen des
Gesichtes zerstreuete / und die Augen verdüsterte / ihre schwärtzlichte Farbe
aber die Augen-Strahlen zu einer genauen Betrachtung zusammen züge / und das
Gesichte stärckte. Aber alle andere Farben riefen: die Mohren-Blumen wären
keines Königreichs / sondern vielmehr einer traurigen Bahre wert; weil ihre
Schwärtze mit der Farbe der Nacht und des Todes eine so nahe Verwandschaft
hätte. Die blauen Blumen seuffzeten gegen dem Himmel / und flecheten ihn an: dass
weil der Winter keiner blauen Veilgen / der Frühling keiner Mertz- und
Lischblumen / der Herbst keines Jasmins / keiner Sonnenwirbel / und keine
Jahres-Zeit noch die Erde der Hyacinten wert wäre /möchte selbter sie nicht
mehr so niedrig wachsen lassen / sondern sie mit edlen Saphieren zwischen die
gestirnten Blumen des Ariadnischen Krantzes versätzen. Zumahl nichts minder
unterschiedliche Arten der irrdischen Hyacinten / als der Saphiere schon mit
güldenen Sternen bestreuet wären. Die weissen Blumen hingegen gründeten sich auf
die allgemeine Verdammung der blauen; und meinten aus dem Grunde solchen Urtels
bereit das Recht gewonnen zu haben. Sintemal die weisse Farbe alleine den Nahmen
einer Farbe verdiente. Denn sie wäre alleine das Licht /alles andere Schatten.
Sie wäre der einige Ursprung aller Farben. Aus dreien Teilen ihres Lichtes /
und einer Helffte des Schattens käme die grüne; aus zwei weissen / und einem
schwartzen Teile entspringe die gelbe / aus andertalb Teilen des Lichts und
einem der Finsternüs rührte die Purper- / aus einem weissen / und andertalb
finstern Teilen mischte sich die Himmel-blaue / aus drei Teilen der Schwärtze
/ und einem Teile des Lichtes die Feilgen-Farbe zusammen. Je mehr nun etwas dem
Schatten näher käme / je geringer wäre es; das von allem Finstern entfernte aber
wäre die Vollkommenheit. Dahero sich der frohe Tag / und die reinen Gestirne in
die weisse Farbe des Lichtes gekleidet hätten. Und in denen weissen Blumen
gläntzete die Milch ihrer unbefleckten Mutter der Blumen-Göttin; welche ihr
Belieben an so reiner Farbe dardurch bezeigte: dass auch die tunckelsten
Pflantzen anfangs an der Wurtzel oder Zwiebel weiss ausschlügen / hernach
grünlicht-gelbe würden / oder ferner in mehr schattichte Farben sich
verstellten. Die gelben Blumen widersprachen die Vollkommenheit der weissen.
Denn sie hätten nicht einst das Wesen einer Farbe / sondern ihr Licht wäre nur
eine blancke Tafel / darauf die Natur / als die künstlichste Mahlerin / mit
ihrem Pinsel ihre Schönheiten streichen sollte. Diese hätte in allen ihren
Geheimnüssen nichts kräfftigers als den Schwefel / welchem aller Farben
Unterscheid zuzuschreiben wäre. Für sich selbst aber behielt er die gelbe Farbe
/ als die erste und vollkommenste / und eignete sie denen herrlichsten
Geschöpffen / in der Erde dem Golde / im Himmel der Sonne zu. Dass alle weisse
Käume der Pflantzen sich meist anders färbten / wäre ein unverneinliches
Merckmaal ihrer Unvollkomenheit; Weil die kluge Mutter der Natur ja ihre
Früh-Geburten mit nichts vollkommenerm / als ihre zeitige Kinder ausputzen
würde. Was im Lentzen weiss blühete / im Sommer grünete / färbte der reiffe
Herbst ins gemein gelbe. Ja keine Narcisse oder andere weisse Blume wäre fast zu
finden / die nicht in ihrer Mitte zu ihrem Aufputze etwas zu ihrem Schmucke
entlehnte; und wie die Danae ihr Gold in ihre Schoos regnen liesse. Die roten
Blumen gaben denen gelben zwar nach: dass ihr Gold die Blüte der Schönheit
fürstellte; allein der Purper der Röte wäre der königliche Glantz aller Farben;
worüber weder die Natur noch die Kunst mit ihrer Malerei zu steigen wüste.
Durch diese prangte das Meer mit seinen Korallen und Purper-Schnecken; die Erde
mit ihren Rubinen; die Lufft mit ihrer Morgen- und Abend-Röte; ja die schönsten
unter den Sternen wären die rötesten. Wenn Kunst und Feuer das Ertzt zerflössete
/und auf seine höchste Staffel brächte / nähme es nach vielen Verwandlungen die
Gestalt eines roten Löwen an. Eben dieses würckten sie in den Blumen. Die
weisse Schönheit der Narcissen wüste ihre innerliche Freude nicht vollkommen
auszudrücken / und ihre Anschauer annehmlich genung anzulachen / wenn nicht ihre
Milch sich mit ihrem Schnecken-Blute vermählte / oder mit einer verschämten
Röte ihre Unschuld beschirmete. Die gelben Blumen aber besässen den lebhaften
Zinober mit Armut; den die Natur mit verschwenderischer Hand über sie
ausgestreuet / und sie durch diese eigentümliche Farbe der Liebe aller Welt
beliebt / ja gegen ihrer Flamme das Feuer gleichsam blass und todt gemacht hätte.
Endlich striechen die bundten Blumen ihre Fürtrefligkeit heraus; in denen die
Natur mehr herrliche Vermischungen machte / als die reichsten Sprachen nicht zu
neñen / keine Seidenstücker nachzuwebe / kein Apelles nachzumahlen / ja weder
Erde noch Meer gnungsam und so hohe Farben her zu geben wüsten. Fürnemlich aber
wäre an ihnen die Verschwisterung der weissen und roten Farbe mehr wunderns
wert / als dass der Wasser-Gott Proteus sich auch habe in Feuer verwandeln
können. Denn jede Farbe für sich wäre nur Stückwerck; die Vollkommenheit aber
müste hier und anderwerts alles in sich begreiffen. Aus diesem Absehen hätte die
Natur die Wiesen mit so vielfärbichten Blumen / die Bäume mit unterschiedenen
Blüten / Blättern und Früchten / die Vögel mit so seltzamen Federn / die Hälse
der Tauben / die Schwäntze der Pfauen / und die Flügel der Fasanen mit so
vermengten Spiegeln /den Regenbogen mit allen Farben begabt / ja die Gestirne
selbst nicht einander gleiche gemacht. Dieser Würde halber hätten etlicher
Volcker Gesätze niemanden / als den Priestern / weil sie göttliche Stellen
verträten / scheckichte Kleider zu tragen erlaubet. Und alle kräfftige Blumen
nehmen entweder zugleich / oder nach und nach unterschiedene Farben an. Nach
diesem annehmlich-gesungenem Wort-Streite gerieten sie wieder zu einem neuen
Blumen-Gefechte; indem anfangs der blaue Hauffe von denen gesammten vier andern
angegrieffen / und aus seiner Mitte getrieben ward. Diese behaupteten die
weissen Blumen; sahen sich aber alsofort von denen vier missgünstigen andern
angefeindet; also dass hierauf die gelben / hernach die roten / endlich die
bundten das Mittel einnahmen; als inzwischen dieses Glücks-Wechsels halber die
weissen und gelben gegen die blauen und roten ein Bündnüs machten. Bei welcher
Zwytracht die bundten zwar gewonnen Spiel zu haben vermeinten; aber sie blieben
ein Anstoss aller beider Teile zu einer nachdencklichen Erinnerung: dass der /
welcher keinem Teile beipflichtet / von oben den Staub / von unten den Rauch
aufnehmen müsse.
    Alle fünf Hauffen waren nunmehr / wiewol Glieder-weise zusammen vermischet;
als die Blumen-Göttin sie herzu rennende von sammen trennete / und ihnen
singende den Irrtum benaam; da sie den Vorzug der Blume allein an ihrer Farbe
zu bestehen vermeinten. Die Farben hätten nichts minder in Blumen /als im
Menschen ihre veränderliche Eitelkeit. Jene entfärbte der Winter / wie diese das
Alter; jener Blätter kriegten nichts minder Runtzeln / als dieser Wangen. Ja die
Aeffin der Natur / die Kunst / wüste gleich einer zaubernden Circe den Schnee
der Blumen in Scharlach / das Gold in Zinober / in Schmaragd / und alle andere
Farben zu verwandeln. Die dürren Tannzappen kehrten schneeweisse Blumen-Kinder
in Mohren / der Rauten-Safft machte sie grün / die Kornblume blau / weñ sie
nebst Essig und Saltze in ihre Schaf-Tingung gemengt würde. Eine Blume strieche
der andern eine Farbe an; das Haar des Saffrans könnte durch daraus gemachte
Netzung die Lilgen bepurpern; hingegen der Schwefel die fast brennenden blass
machen; ihre Zwiebeln wären fast so geschickt alle Farben / als das Wachs jede
Gestalt anzunehmen / und die Schwämme die Feuchtigkeiten einzutrincken. Ja die
Kunst erkühnte sich einem Blumen-Stengel ganz anders gefärbte Blumen-Zweige
nicht anders / als einem einäugichten Arimasper mehr Augen einzusetzen /und
selbten zu vieräugichten Mohren / wo nicht gar zu einem hundert-äugichten Argos
zu machen. Daher kleidete sich die Anemone bald weiss / bald rot / bald blau /
bald Pfirschken-blütig aus. Die Nelcken prangten mit so viel Farben / als der
Himmel mit Sternen. Die Hyacinten wären nicht verliebter in blau als in weiss.
Die Lilgen und Tulipanen spielten mit einer Farbe / wie mit der andern.
Diesemnach müste fast jede Blume wider sich selbst in Krieg ziehen. Bei solcher
Bewandnüs / und da zumal die Schmincke den Blumen so gemein / als dem
Frauen-Zimmer wäre /sei der Blumen Preis nicht auf ein beifällig und
veränderlich Ding der blossen Farbe / sondern auf ihr ganzes Wesen zu sätzen /
also zugleich auf den Geruch / auf die Vielheit der Blätter und ihre innerliche
Krafft zu sehen. Wer aber alle Schätzbarkeit der unbeständigen Farbe zueignete /
handelte so unvernünftig / als welcher der so wohl garstig-als langsamen
Schnecken zerbrechliche Häuser dem Golde /und das Flosern-Holtz dem Silber
fürzüge; welches nur destalben für kostbar geachtet würde; weil das
unglückliche Wachstum einen Baum in so viel Knoten verdreht hätte. Dieser
Vortrag sätzte die Blumen in die euserste Verwirrung. Denn weil an einem Orte
die wolrüchenden / am andern die vollblättrigen / am dritten die heilsamen sich
zusammen schlagen wollten; ihrer viel aber mit ihnen selbst nicht eins waren / zu
welchem Hauffen sie gehöreten; schwermten sie wie die Bienen auf einer
Klee-reichen Wiese durch einander. Wiewol die Rache die meisten nunmehr ihre
Kräntze zu Waffen zu ergreiffen nötigte / nach dem sie bereit ihre Schürtzen
ausgeleeret hatten. Welches die Blumen-Göttin veranlasste / ihnen einen neuen
Einhalt zu tun: der Geruch alleine wäre auch zu wenig zu Entscheidung ihres
streitigen Vorzugs. Denn dieser wäre der Veränderung der Jahres-Zeiten
unterworffen / im Winter und gegen Mitternacht schwächer als im Sommer / oder in
denen Morgen-Ländern. Die Menschen / welche der Blumen zu genüssen auch allein
würdig wären / hätten unter allen Tieren ihres feuchten Gehirnes halber den
schwächsten Geruch. Ihr Urtel wäre auch so unterschieden: dass einige lieber
Knoblauch / als Musch rüchen. Perlen / Diamanten / ja das edle Gold und viel
andere Dinge hätten keinen Geruch; dis aber benähme nichts ihrer Würde und
Schätzbarkeit. Die den Blumen so holde Bienen könten weder Zibet noch Ambra
vertragen; ja wenn eine diesen Geruch mit in ihr Behältnüs brächte / strafften
es die andern als ein Laster an ihr. Uber dis wüste die Kunst auch durch
Einbalsamung des Tingers / oder durch Einwässerung des Blumen-Gesämes / ihnen
den angebohrnen Geruch gäntzlich zu benehmen; der widrig-rüchenden Ringel Blume
die Anmut des Musches / denen Nelcken durch gewisse Bebisamung ihrer Wurtzel
den Geruch des Zibets einzupfropffen; ja die Sammet-Blume durch die
Nachbarschaft einer stinckenden Staude /welche gleichsam das Gift magnetisch
an sich zeucht / ihres Gestanckes zu befreie. Nichts minder verstünde sie durch
Versetzung bei gewisser Monden-Zeit / durch Abbrechung übriger Blüte-Knospen
/durch gewisse Ting- und Anfeuchtung aus holen Nelcken volle / und aus
schlechten Anemonen vielblättrige; ja durch Windung der Zwiebeln aus glatten
krause Blumen zu machen. Uber dis unterwindete sie sich durch warme Anfeuchtung
und sorgbare Verwahrung der Blumen-Gefässe für Frost und Winde sie für der Zeit
zu gebehren; oder auch durch Versetz- oder Vertieffung der Zwiebeln / und oftere
Annetz- oder Verbrechung der Knospen ihre Geburt zu verlängern /also Frühling
und Herbst / Sommer- und Winter durch einander zu mischen; und die flüchtigsten
Mertz-Blumen gleichsam das ganze Jahr in unsterbliche Amaranten zu verwandeln.
Ja es wäre / wiewol ohne Beschämung der Natur / nicht zu verschweigen: dass die
Kunst aus dem Saltze eingeäscherter Blumen durch eine daraus bereitete Lauge und
vermöge eines linden Feuers durch die in einem gläsernen Gefässe verursachte
Jährung / hernach geschehende Vermischung mit reiner Erde die todten Leichen der
verbreñten Blumen wieder lebend gemacht / und derogestalt aus ihrer Asche ohne
neuen Saamen junge Blumen-Fenixe gezeuget habe.
    Bei Vernehmung dieses Wunders erstarreten alle Blumen wie die steinerne
Niobe; also: dass sie nicht nur ihres Kampfes / sondern ihrer selbst vergassen.
Sie wurden aber bald durch ein allersüssestes Getöne wieder beseelet. Deñ es
kam die Soñe auf einem güldenen und mit unzehlbaren Blumen bestreuten von vier
weissen Pferde gezogenen Wage in die Schrancken gefahren. Die Pferde waren
nichts minder / als die Soñe selbst mit Blumen gekräntzet. Für dem Wagen giengen
die sieben Plejaden / welche den Boden mit wolrüchenden Wassern netzten. Auf der
Spitze des Wagens sass Ariadne / welche den Weg mit Blumen bestreute. Auf beiden
Seiten des Wagens zohen die übrigen sechs Irr-Sternen her. Der Monde spielte auf
einer Viole / Mercur auf einer Flöte /Venus auf einer Laute / Mars auf Zimbeln /
Jupiter auf einer Harffe / Saturn auf einer Schalmei / die Sonne selbst auf
einer Leier; wiewohl hiervon ein über-irrdischer Klang erreget ward / welcher
die himlische Zusammenstimmung abbildete. Die sich wieder in erste Ordnung
stellenden Blume verehrten die Sonne als ihren Vater mit gebogenen Knien; sie
aber deutete ihnen an: dass sie kommen wäre ihnen einen anständigen König zu
geben. Worauf Mercur ein grosses Kristallen-Gefässe in Gestalt einer See-Muschel
in die Mitten setzte; darein iede Blume ihren Pusch; die Sternen ihre beste
Schätze zu bringen befehlicht wurden. Saturn goss aus einer Muschel Perlen und
Meer-Saltz; weil das Meer keine Tränen sein sollen; Jupiter eine Schale Nectar
/ Mars ein Glas voll Schnecken-Blut / Mercur / als der Hirten- und Handels-Gott
/ einen Topf voll Milch / und ein Fässlein allerhand Gewürtze / die Venus eine
Flasche voll des kräfftigsten mit ihrem Blute gefärbten Balsams / der Monde ein
Horn voll Morgen-Tau über das versamlete Blumwerck. Die Sonne verdoppelte
hierüber ihre lebhafte Krafft alles zu beseelen so nachdrücklich: dass aus diesem
Gefässe / ich weiss nicht ob vielleicht durch Zauberei ein annehmlicher Strauch
mit allerhand Arten Rosen hervor wuchs. Alle anwesende Sternen aber erstarreten
/ und hiengen ihre vorhin stoltze Häupter traurig zur Erden. Die Sonne alleine
ward gleichsam von einem zweifachen Geiste gereget / und fieng an in
ihre-vollstimmige Leier nachfolgende Reimen zu singen:
Diss ist die Konigin der Blumen und Gewächse /
Des Himmels Braut / ein Schatz der Welt / ein Sternen-Kind;
Nach der die Liebe seufzt / ich Sonne selber lechse;
Weil ihre Krone Gold / die Blåtter Sammet sind /
Ihr Stiel und Fuss Schmaragd / ihr Glantz Rubin beschämet /
Dem Safte Zucker weicht / der Farbe Schnecken-Blut /
Weil ihr Geruch die Lufft mit Balsame besåmet /
Wenn der beliebte West ihr tausend Hold antut.
Fuhrn Hyacinten gleich des Ajax Helden-Nahmen;
So ist die Schönheit selbst auf Rosen abgemahlt.
Ist gleich der Juno Milch der Lilgen edler Saamen /
So denckt: dass hier das Blut der Liebes-Gottin prählt.
Was die Geschopfe sonst nur einzelweis' empfangen /
Mit allem dem macht die Natur die Rose schon.
Sie selber schåmet sich / und rotet ihre Wangen /
Weil sie fur ihr beschåmt sieht alle Blumen stehn.
Kurtz! sie ist ein Begrieff der schonen Welt / ein Spiegel
Der Anmut / und der Lieb' ihr wahres Ebenbild.
Der Dorn ist ihr Geschoss / die Blåtter sind die Flugel /
Zur Fackel dient ihr Glantz / das Laubwerck ist ihr Schild
Sie muss zwar selbten Tag / da sie gebohrn / erblassen /
Allein ich Sonne selbst verschwind iedweden Tag.
So will der Himmel auch sie nicht vergrauen lassen /
Weil er kein altes Weib zur Buhlschaft haben mag.
Der Monde tråncket sie mit Tau / sie säugt die Bienen /
Die ihren edlen Safft in sussen Honig kehrn.
Ja ihres Purpers muss sich ieder Mund bedienen /
Wenn ein nicht-todter Kuss ist nötig zu gewehrn.
Der Morgen selbst muss sich mit eitel Rosen fårben /
Wenn er der Herold ist des Auges dieser Welt.
Auch muss der guldne Tag in ihrem Purper sterben /
Wenn mir die Abend-Rot' ein falsch Begräbnuss hålt.
Ich Sonne werde selbst nie angebetet werden /
Wenn sich mein Antlitz nicht in Rosen hullet ein.
Ja wie die Rose wird die Sonne sein auf Erden;
So muss der Sonne Rad des Himmels Rose sein.
Und dass der Erd-Kreis recht mog' unser Bundnüss wissen /
Wie Sonn' und Rose sind einander zugetan /
Soll'n Rosen solcher Art in Morgenland aufschüssen /
Die / wie der Tag / schneeweiss den Morgen fangen an /
Die / wie das Mittags-Licht / so denn mit Feuer brennen /
Des Abends / wie die Nacht / kohlschwartz im Trauren gehn.
Wer nun die Sonne will für's Sternen-Haupt erkennen /
Der muss den Königs-Krantz auch Rosen zugestehn.
Was aber wird das Lob der Rose viel gesungen?
Kein Ruhm gleicht ihrem Wert / sie selbst ist schon ihr Preis.
Die Red' ist ihr Geruch / die Blåtter sind die Zungen;
Dardurch sie sich allein recht auszustreichen weiss.
    Bei diesem Singen rührte die Sonne mit ihrem Königs-Stabe den Rosen-Stab an;
worauf alsofort eine Anzahl schneeweisser Rosen herfür blüheten; welche sich
hernach in eine hohe Leib- endlich in eine schwartz-tunckele Purper-Farbe
verwandelten. Gleich als wenn auch dieser Wunder-Blume Kindheit sich an ihrer
Mutter-Milch ergetzte / ihre Vollkommenheit aber sich denen menschlichen Lippen
ähnlich / und daher desto beliebter machen; endlich durch ihr purpernes
Begräbnis doch die Hoheit ihrer Königlichen Würde behaupten wollte. Alle vorhin
beschämte Blumen fielen als geringer Pöfel für diesem edlen Rosen-Proteus
gleichsam in Ohnmacht; und die Gestirne verwendeten kein Auge von dieser
Wunder-Blume; welche derogestalt mehr vornehmere Buhler / als für Zeiten die
schöne Helena hatte. Denn ob zwar die Wärmde bei Durchkochung des wässrichten
Saftes in dem Obste / in Trauben / und im Kohle nach und nach ebenfalls die
ersten Farben verändert; die schweflichte Tingung auch eine Ursache vielfältiger
Blumen ist; das Kraut der dreifachen Polen auch täglich dreimal seine Farbe
verwandelt; so kann doch der ersten langsame und kaum wahrnehmliche der letztern
kaum sichtbare Veränderung dieser schnellen Umfärbung der Sinischen Rosen nicht
vergliechen werden. Es erholete sich zwar aus einer Eiversucht dieselbe Tulipane
/ welche ihre schneeweisse Kleidung behält / so lange sie die Mutter-Milch aus
den Brüsten der Erde zu ihrer Sättigung aussaugt; wenn sie aber durch Ubermasse
truncken / zugleich schamrot wird. Diese meinte ihrer Verwandelung halber
dieser Rose nichts nachzugeben; und erinnerte die andern Blumen nicht zu
vergessen: dass auch die geringste unter ihnen ein Wunderwerck wäre. Alle
Neuigkeit legte mittelmässigen Dingen einen hohen Wert bei; die köstlichsten
aber würden nicht geachtet / wenn sie gemein wären. Also püchte man in Arabien
mit dem Weirauch die Schiffe; den man anderwerts nur Körner-weise in die
heiligen Opfer-Feuer streuete. Hingegen trete man in Deutschland Sauer-Ampf und
Holderbäume mit Füssen / die die Indianer mit grosser Sorgfalt in ihren Gärten
zeugeten. Die Sonne selbst und der Frühling würde nicht halb so schön zu sein
scheinen / wenn es mehr als eine Sonne gäbe / und der Frühling das ganze Jahr
durch blühete. Also bäte sie nach dem Werte ihrer Tugend; die fremde Blume
nicht nach ihrer unnützen Seltzamkeit zu urteilen; und die Rose für eine
falsche Neben-Sonne zu halten / welcher Schönheit nicht so wohl in einem
selbständigen Wesen / sondern nur in einem bei- und baufälligen Dinge bestünde
/und daher auch so geschwinde als eine Wasser-Galle verginge / oder in ihrem
Aufgange schon zugleich ihren Untergang erreichte. Nichts minder tat sich die
Indianische Narcisse herfür / welche mit mehr Häuptern als die Lernische
Wasser-Schlange prangete; und sich so viel lebhafter als diese zu sein rühmete.
Sintemal des Hercules Keulen ihr keine Furcht einjagten /sondern ihre Blumen
Häupter noch unterstützten; sie auch nicht / wie jene / von der Hitze entseelet
würde; sondern sich nur für dem Froste als dem gemeinen Todten-Gräber der Blumen
zu verwahren hätte. Wenn sie aber auch schon ihre Blätter einbüssete /
vergrösserten sich doch ihre dreieckichten Häupter / und ihre Stänglichen
breiteten sich in einen zierlichen Sternen-Kreis aus; also dass ihre / als der
schönsten Blume Leiche / nichts geringers / als ein Gestirne /und nichts weniger
/ als die in Himmel erhobene Lernische Wasser-Schlange werden könnte. Welche
wesentliche Verwandelung wunderwürdiger wäre; als der blossen Farbe leicht
abschüssender Camelion. Der wohlrüchende Jesmin / als er wahrnahm: dass diese
Sinische Rosen keinen Geruch hätten / schalt sie für eine nur den Augen
liebkosende Schmincke; und meinte ihr Ansehn zweifelhaft zu machen; weil der
Geruch der scheinbarste Nutzen einer Blume wäre /und durch selbten das Gehirne
gestärckt würde / westwegen ein Weltweiser die nicht unbillich verlacht zu haben
schiene: welche Blumen auf dem Haupte trügen. Hingegen vermöchte auch nach des
Jasmins Verwesung seine Asche Wasser / Lufft und Menschen einzubisamen. Die
Lilge tadelte an den Rosen ihre Dornen; und rühmte an ihr selbst die alle
Baum-Wolle / und das Gespinste der Seiden-Würmer übertreffende Zärtligkeit.
Alleine alle andere Blumen redeten der Rose ihr Wort; und schalten diese drei
Zwerge: dass sie dieser Riesin der Blumen / ja der Sonne selbst / als ihrem
Blumen-Vater / sich Krieg anzukündigen wagten; dessen Urtel nach die Rose nicht
nur Sternen / sondern Sonnen des Erdreichs wären; und /weil sie an der Soñe
selbst ihr wahres Ebenbild im Himmel hätten / nicht allererst unter die
geringeren Nacht-Gestirne versetzt zu werden verlangten; auch wo nicht alle /
doch die meisten Blumen mit ihrem Geruche / ja gar Weirauch / Ambra und Musch
wegstächen. Den Abgang aber des Geruchs der Sinische Rose ersetzte reichlich
ihre Stärcke und Tauerhaftigkeit; indem sie auf keinem schwachen Stengel aus
einer ungestalten Zwiebel nicht einzelich / sondern auf einem rechten Baume in
der Menge wüchse; und nach Art der den Winter und Frost verhöhnenden
Damascener-Rose schier das ganze Jahr durch / biss die Sonne selbst im Winter
einen Stillestand hält / blühete; ja zu noch grösserer Verwunderung auch / wenn
sie schon von ihrem mütterlichen Stiele abgebrochen wäre; doch in einem
angewässerten Gefässe nach dem Auf-Fort- und Untergange der Sonne eben so
richtig ihre Farben verwandelt; als die verliebte Sonnenwende ihr Haupt diesem
ihrem Buhler nachwendet; gleich als wenn sie gegen dem Anaxagoras behaupten
wollte: dass die Blumen nichts minder als die Menschen umb das grosse Welt-Auge
nur anzuschauen geboren wären. Sintemal sie auch allein mit dem Sonnen-Lichte
den Geist / und von ihrer Wärmde die Seele bekämen. Die Dornen der Rosen aber
wären teils ihre Waffen / welche den Vorwitz abhielte: dass er ein so himlisch
Geschöpfe nicht verunehrte / teils Anreitzungen der Augen umb diese Königin
desto genauer zu betrachten / weil sich die Hände sonder Verwundung ihnen
schwerlich nähern dörften. Dieses allgemeine Urtel nötigte nunmehr auch die
obige widersinnige Blumen: dass sie ihre Ehrsucht in einen ehrerbietigen Beifall
verkehreten; und würden sie die Rose mit mehrern Ruhm-Sprüchen verehret haben /
wenn sie nicht wahrgenommen hätten: dass ihre Blätter eitel Zungen abbildeten;
gleich als wenn sie nur selbst /keine andere Zunge aber sie anständiger zu
rühmen fähig wären. Zumal über diss ihr sich in die Lüffte zerteilender Geruch
ein annehmlicher Ausruff und Ausbreitung ihres Lobes; ihre Purper-Farbe nichts
minder eine Erinnerung der schamhaften Verschwiegenheit /als ein Kennzeichen
ihres Königreichs ist.
    Diesemnach denn die Blumen abermals um den neugebohrnen Rosen-Strauch einen
zierlichen Tantz hegten / aller ihrer Feindseligkeit vergassen; also: dass der
sonst alle benachbarte Blumen / insonderheit die Anemonen versäugende Hahnen-Fuss
/ und die aus Ehr-Geitz schier keine Gemeinschaft vertragende Tulipanen sich
mit allen andern friedlich gatteten / beim Anfange und Beschlusse iedes Reien
für der neuen Blumen-Königin demütig bückten / und ihre vorhin abgenommene
Kräntze zum Zeichen des Friedens wieder aufs Haupt setzten; endlich aber selbte
/ als ein ihnen unanständiges Kennzeichen des Sieges zerrissen / und die
zerstreuten Blumen davon ihrer Königin opferten.
    Bei diesem währenden Tantze rührete die Sonne mit ihrem kräfftigen Griffel
abermals den Rosen-Strauch an; worvon er sich denn nach und nach in ein den
Geist der Rose fürbildendes Frauenzimmer verwandelte; gleich als wenn hierdurch
die Scharte ausgewetzt werden sollte; dass die für der verliebten Sonne fliehende
Dafne zu einem Lorberbaume worden. Die vor die Geschwindigkeit des Windes
gleichsam übereilende Blumen blieben wie steinerne Bilder stehen; nicht zwar für
Verwunderung über der Verwandelung; sintemal sie aus ihrem eigenen Ursprunge
wohl wussten: dass die Sonne als die Seele der Welt / der Brunn des Lebens / der
Vater der Fruchtbarkeit / der Fürst der Natur / das Hertze des Himmels / der
Geist des Erdreichs / ein Gott der Geburt nicht nur aus Schlamme allerhand
Gewürme / aus dem Gesäme alle Pflantzen machte; sondern auch als der rechte
Prometeus der Uhrheber menschlicher Zeugung wäre; aber wohl über der
unvergleichlichen Schönheit dieses neuen Bildes; welches mit den krausen Haaren
die durcheinander geflochtenen Blätter der Rose / mit dem Antlitze und denen
Augen zugleich ihre Rundte und Liebreitz / mit den Lippen / Wangen und Spitzen
der Brüste ihre Purper-Farbe / mit ihrem Ateme den Geruch / ja in allen
Gliedern etwas von der anmutigen Eigenschaft ihrer mütterlichen Blume
abbildete. Diese Verwunderung erwies allhier ein merckwürdig Beispiel: dass sie
stärcker wäre als der Mutter-Schmertz / welche die Kinderlose Niobe in einen
Tränen-rinnenden Steinfels verkehret hat; als die Furcht; wordurch die vom Pan
gejagte Syrinx zum Schilff-Rohre / und des Alpheus Buhlschaft Aretusa zu einem
Brunnen worden; als das Schrecken / welches alle / die der Medusen
Schlangen-Haar ansahen /in Steine verwandelte; als die Liebe / durch die Alpheus
in einen Fluss zerran; als die Eiversucht / die die Callisto zum Bären machte;
als die Missgunst / die die Seiden-Weberin Arachne zur Spinne werden liess; ja als
die Zauberei / wordurch Circe die Menschen in wildes Vieh verstellte. Denn die
Lilge fieng an allen Gliedern an so weich / als geronnene Milch zu werden. Aus
ihren Brüsten sprützte / und von Fingern und Zeen troff Milch; endlich zerran
ihr ganzer Leib in diese süsse Feuchtigkeit / woraus sie anfangs entsprossen
war. Die Narcisse liess auch helle Tropfen von ihren Wangen abschüssen / welche
man anfangs für Mitleidungs-Tränen über ihre Schwester der Lilge hielt; sie
zerfloss aber hernach ganz und gar in Wasser / als den ersten Ursprung der
Verwandelung. Aus dem Munde der Melisse kamen anfangs / wie weiland aus dem
Zucker-Munde des noch in Windeln liegenden Plato Bienen geflogen; welches
anfangs darfür aufgenommen war / als wenn sie von ihren süssen Lippen Honig
geholet hätten. Hernach aber fiengen alle euserste Glieder an diese Tierlein zu
gebehren / biss endlich der ganze Leib in einen Bienen-Schwarm verflog. Gleich
darauf ward die Acantus-oder Bärenklau-Blume wie Wachs weich / fieng an vom
Oele zu trieffen / gleich als wenn sie mit diesem denen Bienen so widrigen Safte
das aus Melissen entsprossene Gewürme tödten / und ihr zu vorigem Wesen
verhelffen wollte. Alleine sie zerfloss endlich in eitel Oel. Der Jasmin fiel
zugleich ohnmächtig zur Erde; denn sein Leib ward zu einem Nebel / welcher sich
hernach wie ein dinner Rauch in eitel Geruch zerteilte. Der Nelcke Antlitz
fieng an wie ein Stern /hernach wie der Blitz zu schimmern / endlich ihr ganzer
Leib lichten Loh zu brennen; und also ihr ganzes Wesen zu einer sich
verzehrenden Flamme zu werden. Gleicher gestalt zerfloss der Klee in Honig /die
Königs-Krone in Tränen / die Anemone in Blut /die Tal-Lilge in Tau / das
Frauen-Haar in Wein /vielleicht weil dieser für der Venus Milch gehalten wird;
die Feilge in Zucker / der Hyacint in eine Himmel-Farbe / die Tulipane
verschwand in einen Wind /die Schwerdt-Lilge ward zu einem Regen-Bogen / der
Tausendschön zu einem Sterne / und mit einem Worte: alle in Gestalt der
frischesten Jünglinge und der schönsten Jungfrauen in dem Schau-Platze
erschienenen Blumen verrauchten oder wurden zu Wasser. Die sechs der Sonnen
aufwartende Irr-Gestirne wussten nicht: ob sie sich über Verschwindung so vieler
Blumen / welche ihr ein Glantze wohl ehe Kampf angeboten hatten / erfreuen /
oder über dem Siegs-Gepränge der Rose betrüben sollten. Nachdem aber die Sonne
sie mit unverwendeten Augen fort für fort ansah / und dardurch seine Zuneigung
mehr / als niemals blicken liess / mussten sie sich auch nur gegen diesem
Welt-Gestirne zu geziemender Ehrerbietung bequämen; und also die schönsten aus
dene ihnen zugeeigneten Sternen (wie denn ieder eines oder des andern
Irr-Sternes Eigenschaft zugetan ist) zu einem Krantze erkiesen; welchen sie
der Rosen-Königin aufsetzten / gleich als wenn der Himmel durch diesen Danck
erwiedern müste: dass selbter vorher eine nicht schlechte Zierrat von Ariadnens
Krantze erlanget hat. Dieses aber war noch nicht genung. Denn die Sonne selbst
erklärte sie an statt ihrer Mutter der Erde für den achten Irr-Stern / und die
andern sechs mussten sie in einem annehmliche Reien für ihre Schwester annehmen.
Worzu die Sonne ihre Leier rührte / die anmutigen Lüfte / und der West-Wind
aber folgende Reimen sangen:
O Liebe! die du auf Damast
Und Perlen stets geruhet hast /
Weist du: dass du auf Stein gelegen / und an Ketten?
Die Ros' ist Perl und Purper gleich /
Doch keine Seide nicht so weich;
So lasse dir hinfort doch nur auf Rosen betten.
Du güldner Himmels-Garten du /
Schleuss dein saphieren Fenster zu /
Dass dich der Erden-Ball mit Rosen nicht beschämet /
Wo nicht; so ändere dein Haus /
Treib alle deine Sternen aus:
Dass statt der Sternen es mit Rosen sei besämet.
Lässt doch der Sonne güldner Schein /
Die schöne Daphne / Daphne sein /
Sie låchst / wie Phaeton / für zweifach-heissen Flammen.
Wo nun das Unterteil der Welt
Die Rose nur vor sich behält /
Schmeltzt Ros' und Stern / die Erd' und's Himmelreich zusamen.
    Die Rose aber leitete diesen Tantz nach und nach biss zu dem Bilde der
Fürstin Tussnelde; welche sie mit tiefferer Demut / als vorhin die Sonne /
verehrete / ihren sternenen Siegskrantz vom Haupte nam / und mit denen andern
sie umbkreissenden Sternen zu singen anfieng:
Nicht glaube: dass mein Königs-Krantz
Verdüst're deinen Himmels-Glantz /
O Sonne der Natur / der Rosen Königs-Blume
Denn ich weiss wohl: dass dir gehört /
Wormit mich Erd' und Himmel ehrt;
Des Schattens Preis gereicht dem Lichte ja zu Ruhme.
An dir / Tussnelde / lebt kein Glied /
Was nicht den Blumen ähnlich sieht /
Die Lilge gleicht der Brust / der Hyacint den Augen /
Der Hals sticht die Narcissen hin /
Der Atem tödtet den Jasmin /
Und aus den Haaren wolln die Bienen Honig saugen.
Zwar alles diss ficht mich nicht an;
Weil keine sich mir gleichen kann;
Wohl aber: dass man auch von dir kann Rosen lesen.
Ja meines Blumwercks Eitelkeit
Weicht deinen edlen Rosen weit /
Weil meine bald vergehn / und deine / nicht verwesen.
Auf deiner Wangen Wiege sind
Die Rosen ein noch saugend Kind /
Und auf den Brüsten stehn wie Knospen sie zu schauen;
Worvon der Kelch zwar ist durchrjetzt /
Die Blätter aber zugespitzt /
Wie / wenn die Morgen-Rot' auf sie läst Perlen tauen.
Nehmt aber aller Sterne Glut /
Der Rosen Kern / der Muscheln Blut /
Ihr werdet gleichwohl nichts den Lippen gleiches färben.
Denn auf dem Munde gläntzt allein
Der Rosen voller Mittags-Schein /
Die auf der Brust nur blühn / auf andern Gliedern sterben.
    Bei dem Schlusse hoben die sechs tantzenden Irrsternen die Rose empor;
welche den ihr vorher gewiedmeten Sternen-Krantz dem Bilde Tussneldens
aufsetzte. Worüber auf allen Seiten des Schau-Platzes sich ein so
durchdringendes Freuden-Getöne erhob: dass der Erdbodem bebete / und kein Ohr
mehr sein Ampt verrichten konnte. Hierüber endigte sich nun auch dieser Tag; aber
nicht seine Freude; weil die vom Hertzog Jubil diesen Abend überkommene
Bewirtung / darbei er den ganzen Hof auf Indianisch bedienen liess / sich biss
nach Mitternacht erstreckte.
    Alle Fürstliche Personen sassen noch über der Taffel beisammen; als zwölff
schneeweisse Mägdchen mit weissen Wachs-Fackeln in den Speise-Saal kamen / und
sich durch die Menge der Aufwartenden durchdrangen / zugleich aber einer ihnen
folgenden Amazonischen Heldin Raum machten; welche mit einem durch Freundligkeit
vermischten Ernste Tussnelden derogestalt anredete: Antiope der unüberwindlichen
Amazonen Königin wäre durch das vom Hertzog Herrmann die Welt durchflügende
Geschrei wie Alcibiades in die Odatis / (ob dieser gleich seine Buhlschaft nur
im Traume / jener gar nicht gesehen /) verliebet worden. Dieses unruhige Feuer
hätte sie mit unausleschlicher Begierde entzündet / diesen deutschen Hercules /
als ihre Uhr-Ahn-Frau die Fürstin Talestris den grossen Alexander zu umbarmen.
Zu dem Ende wäre sie mit dreihundert Heldinnen einen viel weitern Weg in der
Nähe ankommen. Sie hätte an der Gewehrung weniger / als an dem morgenden
Aufgange der Sonne gezweifelt; weil sie wüste: dass die Deutschen ihres Geblütes
wären / und so wohl als die Sarmaten iederzeit so sehnlich nach der Amazonen
Heirat geseufzet hätten. Gleichwohl hätte sie seine anderwertige Vermählung mit
der heftigsten Gemüts-Regung vernommen. Nachdem aber die Sonne das Licht allen
andern Gestirnen ausleschte; und sie sich erinnerte: dass der streitbare Teseus
wegen seiner liebern Aegle Ariadnen / wegen Antiopens (welcher sie nichts minder
an Geblüte / als im Nahmen gleich wäre /) des Ajax Mutter Periböa / und andere
Buhlschaften verstossen hätte; hoffte sie: es würde Tussnelde nunmehr ihr
eigenbeweglich so wohl Bette als Würde einräumen; wo sie sich nicht vom Hertzog
Herrmann verschmähet / oder von Antiopen durchs Recht der Waffen verdrungen
wissen wollte. Als diese Amazonin nun von Tussnelden kein Wort / sondern von dem
sämtlichen Frauenzimmer nur ein höfliches Lachen zur Antwort erhielt; schoss sie
einen Pfeil durch einen Ring in die Decke / und warff einen Püschel-voll brauner
Feilgen auf die Taffel; welch letzteres dahin ausgelegt ward: dass Antiope so
wohl von Eiversucht gegen Tussnelden / als von Liebe gegen den Feldherren
brennete; das erstere aber: dass sie mit ihren Waffen ein Loch durch Tussneldens
Heirat zu machen gedächte.
    Dieses Fede-Weib war kaum aus dem Gemache; als zwölff umbs Haupt mit
seidenen Binden geputzte / am Leibe mit Zinober gemahlte Mohren-Knaben mit so
viel von wohlrüchendem Zunder unterhaltenen Ampeln erschienen. Diesen folgte
eine Mohrin / welche an der Unter-Lippe einen messenen Ring hengen /in der
rechten Hand einen güldenen Apfel / in der lincken eine rauche Kästen-Nuss hatte.
Uber den Rücken hieng ihr ein Bogen vier Ellenbogen lang / an der Seite ein
Köcher mit vergüldeten Pfeilen. Diese redete / nachdem alle durch ihr
Stillschweigen ihren Vortrag zu vernehmen bezeigten / sie derogestalt an: Die
Mohren-Königin Candace hätte nach dem Beispiele ihrer Vorfahren in der Welt den
vollkommensten Fürsten aufzusuchen ihr fürgesetzt / welcher würdig wäre nichts
minder dem Mohrenlande eine künftige Beherrscherin / als einer so vollkommenen
Heldin in der Liebe Vergnügung zu geben; weil ihre Landes-Gesetze dem männlichen
Geschlechte den Königlichen Stul / den Königinnen eine beständige Eh
verschrenckten. Der weltkündige Ruhm des Fürstens Herrmann hätte sie destalben
wie ein Magnet in Deutschland gezogen; mit dem Vorsatze nichts minder von ihm
das Glücke zu genüssen: dass ein so vollkommener Held sie schwängern / als mit
Kriegshülffe ihr unter die Arme greiffen würde. Sintemal sie entweder zu sterben
/ oder ihrer Mutter vom Petronius erlittene Niederlage gegen die Römer zu rächen
ein Gelübde getan hätte. Sie vernehme aber bestürtzt die Rauigkeit der
deutschen Sitten; welche die Männer zu Knechten eines einigen Weibes machten; ja
das andere mal zu heiraten verschrenckten. Wordurch sie selbst der Natur Gewalt
antäten; welche darumb so viel mehr des weiblichen Geschlechtes liesse geboren
werden: dass ein Mann sich mit mehrern beteilen könnte. Vielleicht aber wären diss
nur Gesetze für den Pöfel / nicht für Fürsten. Diesen Unterschied hätten die
zwei Käyser zu Rom gehalten; indem Julius aller Weiber Mann gewest wäre; August
aber ihm so gar eines andern schwangeres Weib geheiratet hätte. Insonderheit
aber vermöchte die Schönheit des Mohrischen Frauenzimmers alle Gesetze
aufzulösen / und durch ihre Kohlen die kältesten Seelen anzuzünden. Dannenhero
hätte Antonius gegen der braunen Cleopatra / und Julius gegen der schwartzen
Tochter des Königs Bogudes alle weisse Weiber zu Rom verschmähet. Uber diss
stünde einem so streitbaren Fürsten nicht an iemanden anders / als die
fürtrefflichste Heldin zu lieben. Ein Ninus könnte nur eine Semiramis umbarmen;
kein Adler aber gatte sich mit einer Taube. Aus eben dieser Ursache hätte der
Libysche König Antäus seine behertzte Tochter Alceis / Danaus alle seine funfzig
/Oenomaus seine einige Tochter Hippodamia / Pisander seine Schwester als einen
Preis dem tapfersten Helden aufgesetzt. Also würde nun auch Hertzog Herrmanns
Braut Schande halber mit ihr umb den Fürsten Herrmann kämpfen / oder sich ihres
Anspruchs an ihn / wo nicht gar verzeihen / doch mit ihr seine Liebe teilen
müssen. Mit diesen Worten warff sie den Granat-Apfel und die Kästen-Nuss / jenes
als ein Friedens- / diss als ein Krieges-Zeichen auf die Taffel; mit der
Erinnerung: dass die / welche hierbei einigen Zuspruch hätte / eines / oder das
andere erkiesen sollte. Worauf Tussnelde zum letztern grieff / die Mohrin aber
dreuenden Abschied nam.
    Folgenden Tag ward bei noch währender Finsternis der Schau-Platz schon
wieder angefüllet; wiewohl der in einen silbernen Rock gekleidete Monde auf
einem helffenbeinernen Wagen / welcher von einem weissen und einem schwartzen
Pferde gezogen ward / erschien / und teils mit seinem auf dem Haupte brennenden
Horne / teils mit einem feurigen Spiegel den Schau-Platz so sehr erhellete; dass
es schien: es hätten die Tessalischen Zauber-Weiber durch diesen Wunder-Spiegel
den Monden vom Himmel auf die Erde gezogen; zumal dieser fort für fort umb den
ganzen Schau-Platz herumb kreissete. Ihm folgete auf einem vergüldeten Wagen in
Gestalt einer ansehnliche Königin Deutschland. Diesen zohen vier schneeweisse
Pferde. Ihre gelben Haare waren hinten in einen Knoten zusammen gebunden / und
das Haupt mit einem Lorber-Krantze bedecket. Zu ihren Füssen lagen zerbrochene
Fessel und Ketten. Sie begleiteten zwölff mit Schilff und Moos bekleidete
Flüsse; welche umb sie herumb mitten in dem Schau-Platze stehen blieben. Bald
darauf erschien die Natur auf einem Wagen; welcher ein vollkommenes Ey / dieses
aber die Welt abbildete. Denn wie die Natur an sich selbst nichts anders / als
die Werckmeisterin Gottes ist /also ist die Welt sein Schatten. Den Wagen zohen
ein weisser und ein falber Hirsch / als zwei Bilder der flüchtigen / und in Tag
und Nacht geteilten Zeit. Die Natur sass auf einem grün-geblümten Stule. Auf dem
Haupte hatte sie einen Sternen-Krantz / ein Himmel-blaues Ober-Kleid und einen
Meer-grünen Rock an; in der Hand eine grüne Rutte an statt des Königs-Stabes.
Ihr Busem war ganz bloss; weil diese gütige Mutter die Weissheit durch den
beweglichsten Liebreitz locket ihre Schönheit und Schätze zu erforschen und zu
genüssen. Aus der einen helffenbeinernen Brust sprützte sie gleichsam als aus
einem unerschöpflichen Liebes-Brunnen Milch / aus der andern Oel; die Füsse aber
troffen vom Wasser / alles als ein gütigstes Geschencke der von ihr ernähreten
Welt. Auf dem einen Rade des Wagens stand das Feuer /auf dem andern die Lufft /
auf dem dritten die Erde /auf dem vierdten das Wasser. Der Natur kam durch das
andere Tor die Kunst entgegen / auf einer vergüldeten grossen Schild-Krote aus
Metall; welche durch ein Uhrwerck getrieben ward: dass sie sich schneller / als
eine Lebende dahin bewegte; wohin es die Kunst mit ihrem andeutenden Fusse
verlangte. Die Kunst bildete eine junge Dirne ab / mit aufgekrauseten Haaren /
einem geschminckten und mit ausgeschnittenen Fliegen und Gewürme bekleibten
Antlitze. Das Haupt und der Hals strahlete mit vielerlei nachgemachten Perlen
und Edelgesteinen. Auf den Rock waren die Gestirne nach ihrer wesentlichen
Beschaffenheit gestickt. Sie sass auf einem aus Helffenbein gedrehtem Dreifusse.
In der Hand hatte sie einen holen check-Stab; den sie nicht allein zu einem
Circkel / sondern auch zu einem Fern-Glase brauchen konnte. Ihr folgte ein
zierlich ausgeschnjetzter Wagen mit zwei Maul-Eseln. Selbten hielten hinten das
Bild der Liebe und des Mercur; welchen beiden das Altertum die Erfindung fast
aller Künste zugeeignet hat. Auf dem Wagen lag allerhand Handwercks-Zeug. Auf
der Seite giengen drei ungeheure Riesen mit Beilen und Hämmern. Als die Natur
auf einer / die Kunst auf der andern Seiten sich Deutschlande näherten / fiengen
die zwölff Flüsse mit eitel irrdenen Gefässen an ein liebliches Wasser-Getöne
zu machen; Deutschland aber mit freudiger Geberdung sie folgender Gestalt
anzusingen:
Ihr Mütter aller Wunderwercke /
Bau't mir zu Lieb' ein Ehren-Maal /
Dem Helden / dessen Riesen-Stärcke
Wie Glas zermalmt der Römer Stahl /
Der Fessel kann wie Wachs zerwinden /
Wormit Rom Deutschland meint zu binden.
Natur / zu was für einem Ende
Gebierst du Ertzt und Marmel-Stein?
Als dass der Kunst geschickte Hände
Der Heiden Bilder etzen drein.
Wer etwas schlechters draus läst machen /
Verunehrt nur so edle Sachen.
Nichts werters aber ist zu hauen
In Helffenbein / Gold und Porphir /
Als Herrmann seiner Feinde Grauen /
Des Himmels Schoss-Kind / Deutschlands Zier;
Der durch die Tapferkeit in Norden
Mehr als ein Hercules ist worden.
    Deutschland hatte noch nicht gar ausgesungen; als die Natur mit ihrer Rutte
auf die Erde schlug. Bald hierauf erhob sich daselbst ein kleiner Hügel; welcher
anfangs nur einem Maulwurffs-Hauffen zu gleichen war / hernach aber zu einer
zwölff Ellen-hohen Stein-Klippe ward. Also dass die allezeit zugleich schwangere
und gebehrende Natur / die für Zeiten auch Delos / Rhodus und andere Eylande aus
dem Meere herfür gestossen haben soll / allhier einen neuen Berg zu gebehren
schien. So bald aber diss Wachstum aufhörete; hoben die drei Riesen die Kunst
mit ihrer Schild-Krote empor; welche mit ihrem check-Stabe diese Klippe abmaass /
und / was daran zu arbeiten wäre /die Riesen anwiess. Diese machten sich alsofort
mit ihrem Werckzeuge an diese Klippe / welche diesen starcken / und über so
embsiger Arbeit schwitzenden Riesen wie weiches Holtz nachgab; und in kurtzer
Zeit stellte dieser vorhin raue Stein ein geschicktes Marmel-Bild Hertzog
Herrmanns für. Am wunderwürdigsten war hierbei / dass die Cyclopen mit ihrem
Hauen und Feilen ein so wohl abgeteiltes Geräusche machten / nach dem die
zwölff Flüsse-tantzen konten. Deutschland bezeugte hierüber seine nicht geringe
Vergnügung / und sang abermals zu seiner zwölff Flüsse Wasser-Getöne:
Zwar Winde / Zeit und Wolcken sturmen
Zu åschern falsche Bilder ein /
Die Heuchelei pflegt aufzutürmen.
Dis Bild wird aber ewig sein.
Denn Seulen können nicht vergehen /
Die auf der Tugend Fusse siehen.
Die drei Cyclopen / und die vier von dem Wagen der Natur abspringenden Geister
des Feuers / der Lufft /der Erde und des Wassers mischten sich hierauf unter die
zwölff Flüsse; und hegten zusammen umb diese Herrmanns-Seule einen artlichen
Tantz; darinnen sie beim Schlusse ieden Satzes / wiewohl allemal verändert /
Hertzog Herrmanns Nahmen durch ihre Stellungen abbildeten. Nach dessen Endigung
rückte Deutschland / die Natur und Kunst mit ihrem Aufzuge an ein Ende des
Schau-Platzes enge zusammen; der Monde aber zoh / weil es nun völlig tagte / vom
Schau-Platze wieder ab.
    Zu denen eröffneten Toren sah nun der gleichsam in der Geburt stehende Tag
hinein. Es kam auch alsofort der für Furcht gleichsam erblasste Morgen-Stern auf
einem weissen Pferde hinein gerennet; welch Pförtner des Tages aber nicht Stand
hielt / sondern geraden Weges zum andern Tore hinaus eilete. Hierauf folgte die
Morgen-Röte auf einem rotgüldenen und von zwei geflügelten weissen Pferden
gezogenem Wagen. Die Räder und Pferde waren so nass: dass sie troffen; gleich als
wenn sie allererst in dem Meere wären abgespielet worden. Diese rauchten
gleichsam und schäumeten schier Feuer aus gegen die vorhergehende in eine Wolcke
eingehüllete / und mit einer schwartzen / iedoch mit Stralen besämeten Haube
bedeckte Nacht. Die Morgen-Röte hatte ein weiss silbern Gewand an / umb die
Stirne einen güldene und purpernen Schleier / einen erhobenen Leib / gleich als
wenn sie allezeit mit dem Tage schwanger gienge. Auf der Schoss lag ein
hell-gläntzender Spiegel; gleich als wenn sie der Welt sich aufs neue zu
beschauen das Gesichte wieder gäbe. Auf dem Haupte trug sie einen Rosen-Krantz;
sintemal sie den Garten des Himmels gleichsam mit eitel solchem Geblüme
bestreuet. Hinter ihrem Haupte gläntzete eine güldene Sonne; weil sie / wo nicht
die Tochter / doch der Schatten dieses Gestirnes ist. An der Spitze des Wagens
aber erblassten und flohen zugleich für ihr her der gemahlte Monde und andere
Sternen. Ihr Mund lachte für Purper / aus ihren Augen fielen häuffig Tränen /
womit sie täglich ihren vom Achilles getödteten Sohn Memnon beweinet. Mit jenem
mahlet sie; mit ihren Perlen aber betauet und erfrischet sie sie; und mit
beiden scheint sie zu erinnern: dass alle Lust ein weinendes Lachen / ja die
fruchtbaren Tränen nützlicher / als Schimmer und Freude sind. Uber diss stand zu
ihren Füssen auf der rechten Seiten ein alabasterner Krug /auf der lincken ein
zierlich geflochtener Korb / jener ein Geschencke der Tetys / dieser der
Blumen-Göttin. Aus dem Kruge schüttete sie mit eine Sprengewedel wohlrüchendes
Wasser / aus dem Korbe Blume aus. Harte für dem Wage giengen der nasse Sud-Wind
/ der spielende West- und der beschneiete Nord Wind / als ihre drei mit dem
Astreus erzeugete Söhne; der Ost-Wind aber folgte dem Wagen als ein Diener nach.
Bei ihr auf dem Wagen aber sass als ein schöner Jüngling ihr geliebter Orion /
von dem sie schierkein Auge verwendete. Ihres Sohnes Memnons schwartz-steinerne
Seule aber stand auff der Spitze des Förder-Wagens hoch erhöhet; hatte in der
Hand eine Harffe / auf dem Haupt einen Vogel / darein er bei seiner Verbrennung
soll verwandelt worden sein. Von dem Bilde der Sonne ging ein sichtbarer
Feuer-Strahl auf Memnons Mund / wovon er den allersüssesten Laut / gleich als
dieser Stein wahrhaftig auf der Harffe spielte / von sich gab. Nach diesem
Aufzuge der Morgen-Röte folgten vier getürmte Elefanten mit Gold-Stück
bedeckt. Die Türme waren mit Mohren-Jungfrauen angefüllt; welche mit denen
annehmlichsten Seiten-Spielen die Lufft erfülleten. Worunter fürnemlich eine
vollstimmige Leier als ein der Sonne eigentlich zugehörendes Seiten-Spiel zu
hören war; weil sie mit ihrer Bewegung in der Welt einen so süssen Laut machen
soll / und destalben für den Vater der Musen / der Himmel für die Leier Gottes
/ und die Welt für eine Harffe der Sonne gehalten wird. Hierauff ritt auff einem
feuer-farbichten Pferde Zirolane eine Marsingische Fürstin / welche die Tochter
der Sonnen Pasiphae in einem Regenbogen-färbichten Kleide fürstellete. Auf dem
Haupte hatte sie eine mit Opalen gläntzende Krone von Golde. Nach ihr ritten
fünf und siebenzig edle Jungfrauen alle wie Mohrinnen / und der Pasiphae / ausser
der Krone / gleich gekleidet. Alle waren auch mit güldenen Köchern /Bogen /
Pfeilen / Schwerdtern und Wurff-Spiessen ausgerüstet. Pasiphaen trugen auf der
Seite sechs Mohren-Knaben die Waffen. Mitten in diesem Geschwader führte die
Gräfin von Salms auf einer Stange zum Kriegs-Zeichen einen Ochsen mit einem
Menschen-Kopffe oder Minotaurus. Hierauf kam auf einem gleichfals
feuerfärbichten Hengste Leitolde eine Fürstin der Chauzen; welche hier die
andere Tochter der Sonne Phaetusen abbildete. Ihr goldgestückter Purper-Rock
sah wie eitel Feuer-Flammen aus. Ihre Krone brennte von eitel Rubinen. Ihre
Waffen trugen gleichfals sechs Mohren-Knaben; und nach ihr ritten fünf und
siebzig gleich gekleidete edle Jungfrauen. Ihr Krieges-Zeichen war ein
schwartzer Papel-Baum / darein die über ihren Bruder so sehr betrübte Phaetusa
soll verwandelt worden sein. Hierauf folgte ein mit vier feuer-färbichten
Pferden gezogener güldener Wagen; auf welchem das Bild des Feuers in Gestalt
eines Löwen / mit einem menschlichen Antlitzes / und grossen gewundenen
Wieder-Hörnern / welcher mit den Klauen eines Ochsen Hörner fasste / zu sehen
war. Für diesem stand ein Mohren-Priester / welcher in eine güldene Schale
unaufhörlich Zimmet warf / der sich von sich selbst anzündete. Auf jeder Seite
des Sonnen-Wagens giengen zwei von so viel Mohren-Knaben geleitete Elefanten;
derer jeder zwei Mohren einen steinernen Kessel fürtrug; aus welchem die
Elefanten mit ihrem Schnabel Wasser an sich zohen / sich darmit wuschen und
besprützten; hernach sich gleichsam aus einer angebohrnen Andacht für dem Bilde
der Sonne neigten; gegen selbtem ehrerbietig den Schnabel ausstreckten /und
etliche abgebrochene Zweige selbtem auf den Wagen lieferten. Nach denen
Elefanten wurden vier der Sonne gewiedmete Pferde mit güldenen Zäumen und Decken
von vier Mohrinnen geführet. Worauf die Fürstin Ismene unter dem Nahmen der
Königin Candare auf einem für Edelgesteinen schütternden Pferde in Gestalt der
Sonne oder einer Feuer-Göttin erschien; und zwar noch schwärtzer / als alles
andere Mohrische Frauenzimmer. Sintemal die Schwärtze ein Fürbild der Sonne ist
/ wegen ihrer Eigenschaft: dass sie die Menschen schwärtzet. Sie hatte einen
Rubinenen Krantz in Gestalt der sich zuspitzenden Sonnen-Strahlen auf; ein
güldenes Gewand an. An der Achsel hieng ein güldener Bogen. An der Seite ein mit
Rubinen versetzter Köcher mit güldenen Pfeilen. Umb sie giengen zwölf weisse /
und zwölf schwartze Knaben /welche die vier und zwantzig Stunden des Tages und
der Nacht abbildeten / und zugleich Waffen-Träger dieser Königin abgaben. Diese
führete der für eitel Golde schimmernde Mittag. Hierauf erschien des Hertzogs
der Catten Arpus Tochter Catta / auf einem weissen Pferde die Sonnen-Tochter
Lampetie darstellende. Ihr Kleid war Silberstück; ihr Krantz von eitel Perlen.
Nebst sechs ihr die Waffen tragenden Knaben folgten ihr fünf und siebentzig weiss
gekleidete Mohren-Jungfrauen. Ihr Kriegs-Zeichen war ein Löwe. Zuletzt kam mit
eben so viel schwartzen Jungfrauen und gleichmässigem Aufzuge Melinde eine Gräfin
von Waldeck als die vierdte Sonnen-Tochter Circe in einem gold-gelben Kleide /
und mit einem Krantze von gelb-roten Hyacinten-Steinen. In der Hand hatte sie
eine Gärte in Gestalt einer Natter. Ihr Kriegs-Zeichen war ein Drache. Als
dieser Mohren-Aufzug beschlossen war / kam ein von sechs weissen Kühen gezogener
sechs-rädrichter silberner Wagen in Schauplatz. Auf selbtem sass in einem
Regenbogen-färbichten Rocke Iris / nebst noch dreizehn so gekleideten und der
Juno gewiedmeten Jungfrauen. Iris hatte einen Krantz von Perlen / die andern von
Weitzen-Eeren auf; welche Juno für ihre Blumen hält. Jede rührte ein absonder
Säitenspiel. Dem Wagen folgten vier Centauren; welche von vier Winden an
silbernen Ketten als Gefangene geführt wurden. Hierauf ritt auf einem
Perlen-farbenen Hengste eine Gräfin von Stirum in Gestalt der Amazonischen
Hippodamia; und nach ihr fünf und siebenzig schneeweisse alle in Silber
gekleidete Amazonen; deren lincke Brust ganz /der rechte Schenckel bis übers
Knie entblösset / das Haar in die Lufft ausgestreuet / jede mit silbernen Bogen /
Pfeilen und Wurf-Spiessen ausgerüstet; Hippodamia über dis von sechs weissen
Knaben bedienet war. Auf einer versilberten Stange führten sie zum
Kriegs-Zeichen eine der Juno gewiedmete Gans. Den andern von fünf und siebenzig
lichte-gelbe bekleideten Amazonen bestehenden Hauffen führte eine Gräfin von
Hohenloh; welche die Widersacherin des Hercules Menalippe mit einem Krantze von
eitel Milch-weissen / gleichwol aber durchsichtigen Monden-oder Spiegel-Steinen
fürbildete. Ihr Krieges-Zeichen war ein der Juno heiliger Pfau. Auf diesen
Hauffen erschien ein silberner von vier weissen Ochsen gezogener Wagen. Auf
demselben stand das Bild der Lufft /wie die von vielen Brüsten strutzende Isis;
welche auf dem Haupte einen halben Mohnden / in der Hand ein Tau-Gefässe hatte.
Für ihr stand Callirrhöe eine Priesterin der Juno / und schlachtete ihr ein
weisses Schaf ab. Umb den Wagen giengen acht Winde; nach ihnen der Tag. Hierauf
erschien auf einer Perlen-farbenen Stutte die andere Cattische Fürstin Adelmunde
/ als allhier die Amazonin Antiope / oder vielmehr die Göttin Juno wie eine
Amazone ausgerüstet. Ihr Kleid war Silberstück mit güldenen Lilgen; das Haupt
mit einer Perlen-reichen Krone bedeckt. Auf ihrem silbernen Schilde war ein
Kuckuck geetzt / als in welchen Vogel sich Jupiter ihr zu Liebe verwandelt haben
soll. Um diese Königin giengen die zwölff in Perlen-farbenen Damast gekleidete
himmlische Zeichen mit weissen Fackeln gerüstet; und wurden von dem in Purpur
gekleideten Abende / als welcher allen Gestirnen ihr Licht anzündet /
aufgeführet. Nach ihr aber zohe eine Gräfin von Teckelnburg unter dem Nahmen
Hippolitens des Teseus Buhlschaft mit einem Krantze von Berillen und einer zum
Kriegs-Zeichen erwehlten Kuhe. Endlich eine in Sardonich-Farbe gekleidete /und
mit solchen Steinen gekräntzte Gräfin von Horn /unter der Gestalt der
hertzhaften Orytie nebst einem Horne des Uberflusses / und zwar jede mit fünf
und siebenzig alle in Silber oder weiss gekleideten Amazonen / und jede mit sechs
Knaben auf. Alle dieser Amazonen Pferde waren Perlen-weiss.
    Zu dem andern Tore hingegen kamen vier durch geheime Gewichte bewegte
Meerschweine in den Schauplatz; welche den auf der Laute lieblich spielenden
Arion auf dem Rücken trugen. Umb ihn herumb sassen vier Tritonen / die bald auf
weit schallenden Hörnern / bald auf so viel mit Seiten bezogenen Muscheln ihm
wechselsweise einstimmeten. Nach diesen wurden vier ansehnliche und mit perlenen
Decken belegte Pferde / als welche Neptun zum ersten soll ans Licht gebracht /
oder der Tetys auf die Hochzeit geschencket haben / von vier Tritonen geführet.
Hierauf erschien / wie alle folgende Meer-Heldinnen / auf einem Meer-blauen
Pferde eine Gräfin von Reineck unter dem Nahmen der Meer-Tochter Clytie; welche
wie ihre fünf und siebenzig nachfolgende Gespielen auf Amazonische Art mit einem
himmelblauen Kleide / und einem Korallen-Krantze bedeckt war. Zum Kriegs-Zeichen
führte eine Gräfin von Henneberg auf einer Meer-grünen Stange das Bild ihrer
geliebten Sonne. Hierauf folgte in einem himmel-blauen Rocke / und mit einem
Krantze von Saphieren eine Ascanische Fürstin Teudelinde / in Gestalt der
andern Meer-Tochter Asiens; und nach ihr fünf und siebenzig gleiche
Gefärtinnen. Die Gräfin von Andechs führte derer Kriegs-Zeichen eine
Feuer-Seule; entweder weil Tetys aus Abneigung gegen den Peleus sich in eine
Flamme verwandelt / oder Asiens Sohn Prometeus das Feuer vom Himmel gestohlen
haben soll. Nach diesen ward das Bild des Wassers aus Marmelsteine /welches
unter dem Arme aus einem weiten Gefässe eine Bach ausschüttete / auf einem von
zwei Wallfischen gezogenem Wagen geführet. Ein schwartz-gekleideter Priester sass
auf einem abgeschlachteten wilden Schweine / und opferte von selbtem eine Schale
Blut nach der andern denen Wasser-Göttern. Hierauf erschien die Göttin Tetys /
oder die unbefleckte Fürstin Tussnelde / als eine deutsche Amazone selbst in
einem gewässerten Perlen-farbenen Kleide / welches nichts minder als ihre Krone
mit Perlen bedeckt war. Sie war / wie alle andere / auf Amazonisch gerüstet; nur
/ dass sie in der Hand einen silbernen Dreizancks-Stab führte. Umb sie herumb
giengen vier und zwantzig von der kohlschwartzen Mitternacht gekleidete
Nereides; sintemahl zu dieser Zeit die Sonne im Meere schlaffen oder sich baden
soll. Dieser Königin folgte ihre Tochter Fleione der Plejaden Mutter mit einem
ebenfals Perlen-farbenen Rocke / und einem Krantze von Meer-grünen Berillen;
welche Stelle eine Fürstin der Wenden vertrat. Nach dieser kamen ihre Töchter
die sieben Plejades nebst noch acht und sechzig weiss gekleideten See-Göttinnen;
zu ihrem Merckmaal führte eine Gräfin von Turn den Sternen-Bär. Zuletzt
erschien eine Gräfin von Holland in Gestalt der Meer-Tochter Ephyre in einem
grün- und blau-vermengtem Rocke / mit einem Krantze von Türckissen. Nicht anders
waren ihre fünf und siebenzig Nachfolgerinnen gekleidet. Ihre zum Kriegs-Zeichen
erwehlte zwei güldenen Stern-Fische führte eine Gräfin von Spiegelberg.
    Den vierdten Aufzug fieng ein in den Schauplatz gleichsam kriechender Berg
an / auf dem die neun mit Rosen gekräntzten Musen / als des Himmels und der Erde
Töchter / mit ihren gewöhnlichen Säitenspielen aller Zuschauer Ohren und Augen
an sich zohen. Diesem Berge folgten vier von so viel Mägdlein geführte Löwen /
als die der Götter-Mutter Cybele gewiedmeten Tiere. Nach ihr ritt auf einem
schwartzen / aber mit einem Rosen-farbenem Tuche bedecktem Pferde eine Gräfin
von Rheinfeld / als die Blumen-Göttin / in einem Rosen-farbenem Rocke mit Rosen
und Chrysoliten gekräntzt. Neben ihr giengen sechs Blumen ausstreuende Knaben.
Ihre fünf und siebenzig nachfolgende Frauenzimmer waren alle eben so gekleidet
/und mit Bogen / Pfeilen und Zweizancks-Stäben gewaffnet. Ihr Krieges-Zeichen
eine Rose führte eine Gräfin von Fürstenberg. Dieser folgte die in gelben Atlas
gekleidete / und mit einem aus Agstein gebildeten und mit Weitzen-Eeren
umbflochtenen Eeren-Krantze gezierete Ceres / eine Fürstin der Sicambrer. Sie
bedienten sechs mit Eeren gekräntzete und mit Sicheln gewaffnete Mohren-Knaben.
Ihre fünf und siebenzig Gefärtinnen waren wie die Ceres gekleidet /und wie sie
mit Bogen und Sicheln gerüstet / ihre schwartzen Pferde mit gelben Decken
geputzt. Das Kriegs-Zeichen eines Mah-Hauptes führte eine Gräfin von Werteim.
Nach diesem kam ein von zwei Schlangen gezogener Wagen / darauf das Bild der
Erde in Gestalt eines schwartzen grossbrüstigen schwangern / und mit Türmen
gekrönten / ein Horn des Uberflusses in einer / und eine Fackel in der andern
Hand habenden Weibes sass; für ihr aber eine Dromel stand. Sintemal diese
urälteste Göttin als eine allgemeine Mutter / als ein Turm Jupiters / als ein
Tempel der Welt / und als ein Becher der Helden /wie der Himmel für den Vater
verehret zu werden pfleget. Für diesem Bilde kniete ein Priester mit einer
Schale voll Milch / und einer Schüssel voll Honig. Diesem Wagen folgte die Nacht
/ als eine Tochter der Erde und Mutter der Fruchtbarkeit mit zwölf Gärtnern /
und nach ihr riett die in grünen Damast gekleidete /und mit einem schmaragdenen
Krantze und herrlichen Waffen prangende Fürstin Rhamis / des dritten Cattischen
Hertzog Ukrumers Tochter. Sie bedienten die zwölf Monate / unter denen der Ceres
gewiedmete August den Vorzug / und den prächtigsten Krantz auf / alle aber den
mit Perlen und Rosen prangenden Morgen zu ihrem Führer hatten. Hierauf erschien
eine Gräfin von Mannsfeld / als die Obst- und Wein-Göttin / in einem
grün-rötlichten Kleide / mit einem aus Granat-Aepfeln und Weintrauben
geflochtenen / aber zugleich mit vielerlei Edelgesteinen geschmückten Krantze.
Die Decken der schwartzen Pferde waren gleichfals bund. Fünf und siebenzig
gleichgekleidete Frauen begleiteten sie / und eine Gräfin von Stolberg trug zu
ihrem Zeichen einen Granat-Apfel. Endlich rückte vollends die Göttin des Ertztes
in einem silbernen Rocke mit einer güldenen Krone / mit stählernen Waffen /
einem küpfernem Schilde / und bleiernen Schuen herfür. Diese Stelle bekleidete
eine Gräfin von der Marck. Sie bedienten sieben Berg-Geister / derer jeder
seines absonderen Ertztes Eigenschaft in Tracht und Waffen zeigte. Fünf und
siebenzig Gespielen waren ausser der Krone gleicher Gestalt ausgeputzt /und eine
Gräfin von Berg führte einen siebenspitzichten Stern als ihr Kriegs-Zeichen.
Aller dieser schwartze Pferde waren mit güldenen Teppichten bedeckt.
    Diese vier Göttinnen stellten ihr streitbares Frauenzimmer / und zwar jede
das Ihrige in vier Hauffen; ihre Wagen zusammen in die Mitte unter die Seule des
Feldherrn; ihre Tiere und Dienstboten aber zwischen die Schlacht-Ordnung;
also: dass die wässrichte Tetys oder Tussnelde gegen der feurigen Sonne oder der
Ismene / gegen Clytie Pasiphaen / gegen Asien Phaetusen / zwischen diesen aber
der Tetys vier Pferde / gegen der Sonne vier Elefanten / vier und zwantzig
Nercides gegen so viel Stunden; ferner Pleione gegen Lampetien / und endlich
Ephyre gegen Cyrcen zu stehen kam. Auf der andern Helffte des Schauplatzes bot
die annemliche Rhamis / oder Cattische Fürstin der hoffärtigen Juno oder
holdseeligen Adelmunde; die Blumen-Göttin Hippodamia / die Getreide-Göttin der
Menalippe / zwischen innen der Erde vier Löwen denen vier Centauren als vom
Ixion eingebildeten Söhnen der Juno / die Nacht mit zwölff Gärtnern dem Tage und
seinen zwölff Winden / die zwölff Monate denen zwölff geharnischten Amazonen;
ferner die Obst-Göttin der Hippolite / und die Ertzt-Göttin der Orytie die
Stirne. Das Feuer munterte seine Pferde durch Fackeln / welche von denen
Waffen-Trägern der ihrer vier Heerführerinnen geschwungen wurden / die Lufft die
Ihrigen durch einen hurtigen Tantz / das Wasser durch ein Getöne der
Krummhörner / die Erde durch Verhaltung allerhand bundter Tücher auf. Die 4.
Göttinnen und ihre 16. Heerführerinnen tasteten einander zum ersten mit Pfeilen
an; hernach traf ihr streitbares bei jedem Hauffen in fünf Glieder jedes von
funfzehn Häuptern gestelltes Frauenzimmer von Gliede zu Gliede tapfer auf
einander. Worbei die fürtrefliche Ordnung aus der Sonnen Feuer-färbichten
Füchsen / des Wassers blaue Schimmeln / der Lufft Perlen-farbenen und der Erde
kohlschwartzen Pferden; wie auch aus jeden Geschwaders absonderlichen Decken /
und denen Kleidungen der Streitenden wunderns-wert; und schier eines jeden
Frauenzimmers aus allen zwölf hunderten durch ein besonder Merckmaal zu erkiesen
war. Gleicher Gestalt führten ihre Leiter die Pferde gegen die Elefanten / und
die Löwen gegen die Centauren. Derer erste mit ihren Schnauzen / die andere mit
ihrem Huff / die dritten mit ihren Klauen / die vierdten mit ihren Bogen; die
Nacht gegen den mit Blitze gerüsteten Mittag mit einem Rauch-Kopffe / der Abend
gegen den mit einer Fackel gewaffneten Morgen; die Wasser-Nymphen aber mit
Dreizancks-Stäben gegen die mit Sensen ihnen begegnenden Stunden / die zwölff
himmlischen Zeichen gegen die zwölff Monate kämpfften / welche letztern mit
denselben Waffen versehen waren / die derselbe Gott führet / dem ein jeder Monat
zugeeignet ist. Nach zweimaligem Pfeil-Treffen giengen die Wasser-Kämpferinnen
gegen die mit Wurff-Spiessen sich beschirmenden Feuer-Heldinnen mit
Dreizancks-Stäben / die der Erde gegen die mit Lantzen versehenen Lufft-Amazonen
mit zweizanckichten Gabeln hertzhaft los; also: dass wenn nicht alle diese
Gewehre mit Fleiss stumpff gemacht worden wären / schwerlich eine unbeschädigt
würde geblieben sein.
    Bei diesem dritten Treffen schwenckten sich alle vier Heere so künstlich
herumb: dass sonder die geringste Verwirrung die Erde gegen dem Feuer / und das
Wasser gegen der Lufft / nicht ohne geheime Andeutung zu stehen kam. Deñ / ob
zwar alle vier Elemente einander auf gewisse Art verwand sind / und sich mit
einander vereinbaren / so verbinden sich doch Erde und Meer durch die gemeine
Eigenschaft ihrer Kälte / und eine diesen zweien allein anständige Vermischung
/ das Feuer und die Lufft durch ihre Wärmbde / und dass sie beide einander völlig
durchdringen / am festesten zusammen. Welche zwei letztere auch schier nur durch
ihre geschwindere oder längsamere Bewegungs-Art von einander unterschieden sind.
Muss also nur die Lufft durch Hülffe ihrer Feuchtigkeit das Wasser und das Feuer
/ hingegen die Erde durch ihre Trockenheit das Feuer / als welchem sie allen
Zunder reichet / und das Wasser durch eine sanfte Vermittelung mit einander
versöhnen. Derogestalt waren diese Bundsgenossen ihre Widrige auf eine neue Art
anzugreiffen im Wercke schon begrieffen; als das eine Tor des Schauplatzes sich
mit grossem Schüttern eröffnete / und der schwartze Vulcan mit sechs
einäugichten Cyclopen einhinckte. Er schwenckte als der Gott des Feuers eine
hellodernde Fackel umb sich; als welche er auf den Götter-Hochzeiten fürzutragen
bestellt ist. Vier ihm als dem Erfinder der Ertztgiessung und Schmiede-Arbeit
folgende Cyclopen trugen allerhand küpferne Platten / ertztene Kugeln /
Schleuder-Tische / eiserne Bälle / messingene Rincken / Blei-Gewichte /
Schleudern / und allen andern in denen Olympischen Spielen gebräuchlichen
Vorrat nach. Polyphemus der stärckste unter ihnen war mit dem schönen aus Ertzt
gegossenem Hunde beladen / den Vulcan nach dem Muster des dem Jupiter verehrten
ausgeetzt / und seiner Venus geschenckt hatte. Nach diesem ungestallten Riesen
folgte der Liebe Waffen-Träger Bacchus mit seinen pfeiffenden Silenen und
tantzenden Bacchen / welche den Erdbodem mit Ulmen-Zweigen peitschten; gleich
als wenn sie hierdurch abermals neue Wein- Honig- und Milch-Brunnen erwecken
wollten. Hierauf erschienen die drei singenden Holdinnen / derer Gestalt sich der
Schönheit / die Stimme der süssen Ubereinstimmung des Himmels gleichte / die
Rosen streuenden und wolrüchendes Wasser aussprengenden Hände aber den Erdboden
beblümten und die Lufft einbisamten. Nach diesem kam auf dem einer
Perlen-Muschel gleichen und von zweien Schwanen gezogenem Wagen die Göttin der
Liebe in einem blauen mit güldenen Rosen oder vielmehr Sternen bestreuten Rocke.
Die Schläfe waren mit Rosen / der Hauptwirbel mit einer perlenen Krone bedeckt /
der Hals mit Perlen / der Leib mit einem Gürtel von köstlichsten Edelgesteinen /
die Seite mit einem schmaragdenen Köcher / der Arm mit einem güldenen Bogen
geschmückt. Zu ihren Füssen lag der geharnschte Kriegs-Gott gebunden. Gegen über
sass ein annehmlicher Liebes-Gott; dessen Leib gleichsam die Milch / seine Wangen
die Rosen / der Mund Zinober wegstach. Sein lichtes Haar war noch mit
Gold-Staube bestreuet; also: dass sein Haupt mit so viel Sonnen-Strahlen
bekleidet zu sein schien / als auf selbtem Haare zu sehen waren; welche sich
einem wellichten Gold-Drate gleichten. Er hatte zwei Köcher einen mit güldenen-
den andern mit bloyernen Pfeilen erfüllet. Seine Flügel waren zwei
Pfauen-Schwäntzen ähnlich / in dem alle Federn voller Frauen-Augen hiengen /
seine purperne Schürtze aber unzehlbare Hertzen beschloss. Dieser hielt seiner
Mutter einen grossen kristallenen Spiegel vor; womit sie /weil in der Welt
nichts schöners zu finden / sie sich nur über ihrer eigenen Vollkommenheit
vergnügen möchte. Für dem Wagen giengen noch funfzehn andere geflügelte
Liebes-Götter; derer ein jeder einen kostbaren Siegs-Preis trug. Umb den Wagen
lieffen die fünf Sinnen / welche einen Lobgesang der Liebe sangen / hierüber
aber unter einander selbst in Zwist gerieten / welch Sinn die Liebe zu erwecken
oder zu unterhalten das meiste beitrüge. Diesen Kampff drückten sie mit ihrer
süssen Kehle und folgende Wechsel-Reimen aus:
                                  Das Gehöre.
Die Halsfrau aller Seel'n / der Hertzen Henckerin /
Die Mutter der Natur / der Ursprung aller Sachen /
Die Heb-Amm' aller Lust / der Götter Konigin
Die Liebe / die die Welt kann lieb- und lebhaft machen /
Braucht alle Sinnen zwar zum Werckzeug ihrer Macht;
Allein die Lieb' ist selbst durch mich zur Welt gebracht.
Mein helffenbeinern Ohr ist ihre Mutter-Schoos /
Die Muschel / in der sie soll worden sein empfangen.
Hier wird die Liebe jung / hier wächst sie starck und gross;
Denn das Gehore zeugt begieriges Verlangen;
Eh Alcibiades noch die Medontis sieht /
Würckt schon ihr Ruhm so viel: dass er für Liebe glüht.
Besänftigt Orpheus nicht das Vieh durch Säitenspiel?
Die Schlang' entgifftet sich / und starret als beschworen /
Die Tiger werden kirr / und kurtzweiln / wie er will /
Ja Felsen / Winde / Wald und Kräuter kriegen Ohren;
Er presst das Tränen-Saltz den Höllen-Geistern ab /
Macht: dass Proserpina sein Weib ihm wieder gab.
Die süsse Kützelung der Ohren hat die Krafft:
Dass man Gehöre gibt halb-schlängichten Sirenen /
Und sich in Abgrund sturtzt / wenn es ihr Lock-Lied schafft.
Denn ihre Stimmen sind die Zauberei der Schönen.
Der Hamen / der allzeit schlingt tausend Seelen ein /
Wenn Liebreitz und Gestalt vergebne Jäger sein.
Die edlen Ohren sind zwei Pforten süsser Brunst /
Die allzeit offen stehn die Lieb' in's Hertz zu lassen;
Sie sind zwei Labyrint' / aus denen keine Kunst
Sich weiss zu wickeln aus / die sie schon einmal fassen.
Sie sind der Anmut Röhr / und das Gehör' ein Sinn /
Der Marmel fühlend macht / und Unmut schläget hin.
                                 Das Gesichte.
Verkreuch Gehöre dich / du brauchst nur Unterschlief.
Des Leibes Schönheit ist vereinbart ins Gesichte /
Die Augen aber sind des Antlitzes Begrief.
Die Lebens-Geister sind vermählt mit ihrem Lichte;
Sind also mehr / als sonst kein ander Glied / geschickt:
Dass Seel' und Hertz durch sie den regen Trieb ausdruckt.
Sie sind ein Sommer-Glantz der alles Ding entdeckt /
Ja sie sind selbst das Haus der Seel' / ein Sitz der Hertzen /
Ein Spiegel der uns zeigt / was in Gedancken steckt
Fur heimliche Begierd' und angenehme Schmertzen.
Ihr stumm Gespråche gibt glaubhafter zu verstehn
Den Wunsch als Worte / die meist nicht von Hertzen gehn.
Die Liebe wird gezeugt in Augen / in der Brust
Geträncket / in der Seel' ernehret und erzogen.
In Augen kåumt und wächst der Liebe meiste Lust /
Dar wird / wo sonst der Mund nur Milch saugt / Blut gesogen;
Wenn Lippen kaum einmal aus Kussen Honig ziehn /
Trinckt's Auge tausendmal viel Nectar aus Rubin.
Die schonen Augen sind dem Sonnen-Brunnen gleich /
Die Tränen in dem Tag' / und Glutt zur Nacht gebehren.
Wenn anfangs sie das Hertz mitleidend machen weich /
Hernach eis-kalte Seeln durch heissen Brand verzehren.
Es ist ihr Mitler-Ampt zu machen einen Schluss:
Dass Hertz und Liebe sich zusammen schmeltzen muss.
Die Blicke sind der Pfeil / die Augen das Geschoss /
Die Augenbrauen sind der Köcher und der Bogen.
Der Himmel mache sich mit einer Sonne gross /
Es hat mein Paradis zwei Sonnen auferzogen.
Der Liebe Richt-Stul ist den Augen heimgestellt;
Denn jene liebt und lobt / was diesen wolgefällt.
                                 Der Geschmack.
Was rühmt ihr Augen euch? die Lieb' ist ja stockblind
Ihr fangt zu leben an zum letzten / sterbt am ersten.
Die Lieb' ist im Gesicht' ein noch ohnmåchtig Kind /
Und euer Brutt pflegt oft für der Geburt zu bersten.
Ihr lechst für eitel Durst / genüsst kein Labsal nicht;
Speist euch mit leeren Schal'n / hegt ein nur zehrend Licht.
Ich aber bin allein der Liebe Koch und Kost.
Bin ich die Mutter nicht / so bleib' ich doch die Amme.
Der Augen Strahlen sind für mir nur hitzig Frost;
Der Liebe Zunder kommt durch mich erst recht zur Flamme.
Sie labt und speiset sich durch meinen Uberfluss /
Die Schüssel ist der Mund / ihr Himmel-Brod ein Kuss.
Dis ist der Götter Lust / des Paradieses Frucht /
An der man sich kann matt / nie überdrüssig essen,
Der Zucker / den die Bien' aus Kräutern saugt und sucht /
Und den der Inde lässt aus Palmen-Fruchten pressen /
Ist Wermut gegen dem / den ein begeisiert Kuss
Aus Rosen-Lippen saugt / und andern geben muss.
Jedoch vermischen sich zwei Münd' und Zungen nicht
So brünstig als zwei Seel'n durch einen Kuss zusammen;
Denn Küssen ist allein der Seelen ihr Gericht' /
Als die sich hier vermähln durch ihre süsse Flammen.
Es schleusst ein enger Mund zwei ganze Seelen ein /
Und zweier Leben scheint ein einig Kuss zu sein.
Wiewol die Lippen nicht nur Liebes-Tasseln sind.
An Brüsten saugt nicht nur ein Kind / Verliebte laben
Sich an der Milch / die nie verrinnet / nur gerinnt.
Sie sind Gebürg' aus Schnee / die an den Gipfeln haben
Zwei Erdbeern süsser Art wie Honig / rot wie Blut;
Zwei Aepfel voller Safft / zwei Berge voller Glut.
                                  Der Geruch.
Wahr ists: dass Lieb' aus Mund und Brust ihr Labsal nimmt /
Die Sternen können nichts vom Himmel süssers tauen /
Als was hier auf der Milch / dort auf den Rosen schwimmt.
Ein alabastern Leib / ein Antlitz schoner Frauen
Ist ein recht Sonnen-Tisch / der nie wird aufgezehrt /
Ein Kelch der Seelen tränckt / der Geist- und Götter nehrt.
Allein /wem eckelt nicht bei reichstem Uberfluss?
Für ungewürtzter Kost und stinckenden Gerüchten?
Mein Balsam aber ist der alles machen muss /
Das Oel der Liebes-Glut / das Saltz in ihren Früchten.
Er ist der Küsse Geist; weil nichts beliebt sein kann /
Was uns nach Leichen schmeckt und als ein Grab rücht an.
Die Rose wurde nicht der Liebe Blume sein /
Ihr Purper must' umbsonst auf ihrem Stiel' erbleichen /
Wenn sie nicht balsamte Zibet und Amber ein.
Dis machet: dass sich ihr darf keine Blume gleichen;
Da Tulipanen doch ihr gehn an Farben für;
Und auf den Nelcken brennt mehr Feuer / als auf ihr.
Wie nun der Blumen-Röt' ist ihrer Liebe Brand /
Der Tau ihr Trähnen-Saltz / so ist ihr süsses Rüchen
Die Sehnsucht / die die Pein der Blumen macht bekand;
In die die Seelen sind der Liebenden gewiechen.
Ja Venus hätte nie verliebt sich in Adon /
Wär'er gewesen nicht der Myrrhen-Staude Sohn.
Sie hat den Westwind auch zum Vordrab ihr erkiest /
Weil seine Lippen nichts als Würtzen atmen sollen.
Nach dem doch der Geruch der Götter Mahlzeit ist /
Die Aloe / nicht Vieh zu Opffern haben wollen.
Der Liebe Sitz / das Hertz / stärckt sich durch mich allein.
Wie soll nicht der Geruch zur Liebe dienlich sein?
                                  Das Fühlen.
Ihr seid der Liebe Magd' und Werckzeug ins gesamt /
Das Hören dienet ihr zu einem Harffenschläger /
Und der Geschmack vertritt des Speisemeisters Ampt /
Das Auge dolmetscht ihr / und ist ihr Botschafts-Träger /
Auch steckt ihr der Geruch / als Priester Weirauch an /
Doch send ihr Sinnen mir nichts minder untertan.
Das Auge sieht nur / die Zunge schmeckt allein /
Die Nase reucht / das Ohr hat einig das Gehöre;
Mein Fühlen aber nimmt die Glieder sämtlich ein /
Und eure Wollust fleusst durch meine Zucker-Röhre.
Mit einem Wort: ich bin des Liebens einig Ziel /
Ihr Wagen / ihr Geschoss / ihr Zucker und ihr Kiel.
Ich bin der Wollust Meer und aller Sinnen Grund /
Die gegen mir allein für Bäche sind zu schätzen /
Die schlechte Kitzelung in Augen / Ohr und Mund
Macht durstig / niemals satt / wie mein vergnügt Ergetzen.
Bei dem kein ander Sinn mehr seiner Lust geneust /
Ja auch die Seele selbst wie schmeltzend Wachs zerfleust.
Wie oft armt Aug' und Ohr nur mit Gespensten sich /
Sieht Irrwisch' an für Stern' / und Schatten für recht Wesen
Die Hoffnung speiset sie / Vergnügung aber mich;
Ihr Sehnen schafft Verdruss / mein' Ohnmacht ist genesen.
In Austern / die kein Sinn / als nur mein Fühlen rührt /
Wird doch der Liebe Geist durch meine Krafft gespurt.
Ist auch die Lieb' ein Brand und eine Seelen-Glut /
So ist die Liebe nichts als ein empfindlich Fühlen /
Das Liebenden bald weh / bald wohl und süsse tut.
Auch lässt ihr Brand durch nichts sich / als durchs Fühlen kühlen.
So sollt ihr Sinnen denn der Warheit wollig bei:
Dass ich der Wollust Kern / der Seelen Balsam sei.
    Der ganze Schau-Platz ward durch diss Singen gleichsam in unbewegliche
Steine verwandelt. Insonderheit standen die Cyclopen / als wenn sie wie Atlas zu
Bergen werden wollten. Nach dem Beschlusse ihres Wort-Streites löseten sie die
drei Holdinnen mit ihren Seiten-Spielen ab; nach welchen die 5. Sinnen einen
Tantz hegten / die Cyclopen mit einer nach den Seiten-Spielen geschehenden
Bewegung sich ihrer Last für der Herrmanns-Seule entbürdeten; die Liebes-Götter
aber ihre Preisse für der Liebes-Göttin niederlegten. Hernach aber mischten sich
die 5. Cyclopen und die 15. Liebes-Götter in den Tantz der 5. Sinnen; darinnen
sie ein zierliches Gefechte mit Pfeilen und andern Gewehren fürstellten. Zu
iedem Sinne schlugen sich ein Cyclope und drei Liebes-Götter; und traffen nebst
ihnen in fünff Hauffen / und zwar jene mit grossen Hämmern / diese mit
Blumen-Peitschen auf einander. Bald verwandelte sich auch der Tantz in ein
Ringen / bald in ein Ball-Spiel / bald in ein Wette-Lauffen. Zuletzt teilte die
Liebes-Göttin einem Cyclopen / der in den Hammer-Schlägen das Beste getan hatte
/ eine Schale mit Weine / einem im Ringen sich wohl haltenden Liebes-Gotte ein
alabastern Gefässe mit Oele / darmit sich die Ringer einzusalben pflegten; dem
besten Ballen-Spieler einen güldenen Apfel / dem geschwindesten Läuffer ein paar
güldene Schuch-Monden; dem Fühlen ein güldenes Hertze aus. Sintemal das Hertz /
als der Brunn der Wärmde /auch der Ursprung aller Sinnen ist. Hierauf fuhr die
Liebe in Begleitung ihres ganzen Aufzuges in einem Kreisse sanft umb die
Herrmanns-Seule herumb; und sang in die Seiten-Spiele der Holdinnen die vier zum
neuen Kampfe fertigen vier Hauffen des gewaffneten Frauenzimmers folgender
Gestalt an:
Welch Irrwisch falscher Liebes-Brunst
Verleitet euch / ihr Töchter der Natur?
Der Eiversucht verbländend Dunst
Verführt euch auf der Zwytracht arge Spur.
Nicht meine süsse Glut / nicht mein unschuldig Trieb
Macht: dass ihr allzumal habt einen Fürsten lieb.
Zwar Herrmanns Tugend ist wohl wert:
Dass iede Frau in ihn verliebet sei.
Wer aber fremdes Gut begehrt /
Reisst der Natur und Liebe Band entzwei
Und diese legt sich selbst mit dem Verhängnis ein /
Die für Tussnelden sich müht Herrmanns Braut in sein.
Die Lilgen-Brust / der Rosen-Mund /
Der Haare Gold / der Augen schön Saphier /
Sind Schalen / nicht der Schonheit Grund
Sind Wunder / doch nur's schlechste Teil an ihr.
Denn Schönheit macht sie zwar zur irrd'schen Konigin /
Die Tugend aber setzt sie zu den Göttern hin.
Wo euer Eiversucht und Leid
Sich aber nicht lässt ohne Kampf abkühln;
So wisst ihr: dass der Liebe Streit
In Lust besteh und frohen Kurtzweil-Spieln.
In diesen lasst euch sehn / und tut's Tussnelden gleich /
So wird ein Herrmann auch vermählet werden euch.
    Nach diesem Gesange gab die Liebes-Göttin dem Vulcan einen Winck / worauf er
durch seine Cyclopen bei dem Bilde Hertzog Herrmanns zwei ertztene oben
zugespitzt / darunter aber ein rundtes Loch habende Seulen aufrichteten; denen
Liebes-Göttern aber einen siebenfachen mit denen Merckmalen der Irr-Sterne
bezeichneten / mit einem silbernen Hacken an eine purperfarbene Schnure
gehenckten Ring / dergleichen der weise Indianer Jarcha zum ersten künstlich
gemacht / denen sieben Göttern gewiedmet / und durch Krafft solcher Ringe sein
Leben auf hundert und dreissig Jahr erstreckt haben soll. Mit diesen kletterten
sie an denen aufgerichteten Seulen hinauf / und knüpften die Schnure mit iedem
Ende an eine Seule an. Die Cyclopen trugen an dem Eingang der gegen die zwei
Seulen gemachten Renne-Bahn eine grosse Menge messingener Kugeln / und rundter
in der Mitte löchrichter Ertzt-Platten. Wormit auch dieses Frauenzimmer so
vielmehr diese Kampf-Art zu belieben aufgemuntert werden möchte / namen die
Cyclopen einen rundten und dicken Ertzt-Teller / den ein mittelmässiger Mann
kaum erheben konnte / und stritten mit einander / wer solchen am höchsten in die
Lufft werffen könnte. Bei welchem Spiele Hyacintus soll umbkommen sein. Die
Liebes-Götter aber waffneten ihre Armen und Achseln mit küpfernen Platten; und
fochten mit höltzernen an einem Riemen hangenden Kugeln / nach Art der
Olympischen Gürtel-Kämpfer /mit grosser Geschickligkeit gegen einander; indem
sie alle Streiche entweder durch geschwinde Auswendungen abzulehnen / oder sie
mit ihrem Leibe / so fern er geharnischt war / wie nichts minder öffters mit
einem begegnenden Gegen-Streiche aufzufangen wussten. In welcher Krieges-Art zu
Sparte nicht nur die Knaben /sondern auch die Mägdchen sorgfältig geübet wurden;
und ist selbte auf den Olympischen Spielen in so grosses Ansehen kommen; weil
hierinnen Neptun der Bebrycier streitbaren König Amycus getödtet haben soll. Als
diese Riesen und Knaben den Schau-Platz mit ihren Spielen unterhielten / rüstete
sich das Frauenzimmer zu ihren Ritter-Spielen. Wie nun die kriegerischen
Trompeten / Krum-Hörner und Paucken das Zeichen zum Rennen gaben; rückte die
Liebe / als die Richterin über diese Spiele / mit ihrem Wagen nicht ferne von
dem erkieseten Ziele; die Holdinnen aber namen ihre helffenbeinerne
Schreibe-Taffeln zur Hand / umb nach dem Erkentnüsse der Liebe alle Treffen
genau aufzuzeichnen. Den Anfang machte vom Feuer Pasiphae mit ihren fünf und
siebentzig Gefärtinnen; und zwar so glücklich: dass sie mit der Lantze den Ring
abnam / mit der einen ertztenen Kugel durch das Loch der einen Seule / und den
rundten Ertzt-Teller so recht in die Lufft warff: dass er mit seiner mittelsten
Höle recht in die Spitze der andern Seule zu fallen kam; also dass ihr mehr nicht
/ als der eine Kugel-Wurff missriet. Dieser folgte von Seiten des Wassers
Clytia; ferner von Seiten der Lufft Hippodamia / und von Seiten der Erde die
Blumen-Göttin mit ihren Hauffen. Nach diesem ersten Rennen ward von Seiten der
Lufft / und zwar von der Amazonin Menalippe der Anfang gemacht; dieser folgte
vom Wasser Asien /von der Erde die Getreide-Göttin / vom Feuer Phaetusa mit
ihren vier Geschwadern; wiewohl aller Bewegung dem schnellen Feuer zu
vergleichen war. Alle Zuschauer aber mühten sich gleichsam alle ihre Glieder in
Augen zu verwandeln; als die Wasser-Göttin Tussnelde / oder vielmehr die
unschätzbare Perle der Welt / und das Meer aller zusammen flüssenden
Vollkommenheiten in die Renne-Bahn kam. Sie schwenckte beim Anritt die Lantze
freudig umbs Haupt /warff sie in vollem Rennen in die Lufft / und fieng sie mit
der annehmlichsten Geschickligkeit; nam auch darmit den Ring zierlich ab / und
legte selbten der Liebe gleichsam als ein demütiges Opfer für den ihr
verliehenen herrlichen Liebes-Sieg zun Füssen. Hierauf warff sie im andern
Rennen beide Kugeln durch die Seulen: dass keine irgendswo in der engen
Durchfart anstiess; die Ertzt-Platte auch mit der höchsten Vollkommenheit in die
Spitze der Seule / als in das hierzu bestimmte Ziel. Worüber der ganze
Schauplatz in ein Frolocken- und Freuden-Geschrei sich ausliess; biss die
Feuer-Göttin / oder die gleichsam für Eiver-Sucht über dem dem Wasser schon
zugesprochenen Siege entzündete Fürstin Ismene aller Augen auf sich zoh / und
hiermit gleichsam ihre Zungen fässelte. Diese in den Augen mit Strahlen der
Sonnen / auf dem Munde mit Feuer-Flammen gerüstete / und in der Bewegung den
Blitz fürbildende Heldin tat es in allen Rennen Tussnelden nach; und weil sie
alle Zwecke in Vollkommenheit erzielte / erwarb sie gleicher gestalt des ganzen
Schau-Platzes Zuruff. Weil aber die Augen ins gemein alle Neuigkeiten zu
Wunderwercken machen; fielen alle Kräfften der Sinnen durchs Gesichte auf die
die Erde fürbildende Fürstin der Catten; welche auf den Wangen den Frühling / in
den Augen den Sommer / mit den Brüsten den Herbst / und auf allen Gliedern durch
ihren Schnee den Winter / in ihrem Rennen aber die Geschwindigkeit des Windes
fürstellete / und durch Erreichung aller vier Ziele ihren Vorgängerinnen nichts
zuvor gab; also von der Zuschauer Zungen nichts minder gepriesen /als von ihren
Händen mit Blumen beworffen ward. Die auf die Rennebahn als die Lufft-Göttin
sprengende Cattische Fürstin Adelmunde stillete alles Geräusche wie ein
durchdringender Donner-Strahl. Sintemal sie als eine Königin der Götter / als
eine Vorsteherin der Hochzeiten / eine Fürstin der Schätze für allen andern des
Vorzugs sich berechtigt hielt. Wie sie nun in den Augen die Vollkommenheit des
Saphiers / auf dem Munde des Rubins / in den Haaren des Goldes /und sonst
allentalben ihrer annehmlichen Tau-Töchter zeigete; also war ihre Bewegung
auch der stürmenden Lufft gleich / welche / wenn sie schon am stillsten zu sein
scheinet / doch keinen Augenblick unbeweglich ist. Diese erlangte nun auch in
allen Reimen ihren Vorsatz / und hiermit keine geringere Lob-Sprüche als die
drei vorrennende Fürstinnen. Nach dieser vier Häupter Abzuge traff die Reie den
Anfang zu machen die Erde. Daher die Obst-Göttin alles denen vier geschienenen
Sonnen nachzutun bemüht war / gleich als wenn der güldene Apfel in diesem
Liebes-Streite zu ihren Händen wieder kommen sollte / den die Zanck-Sucht in dem
Kampfe der Schönheit von ihr erborget hatte. Ihr folgte aus dem feurigen
Frauenzimmer so schnell als ein vom Himmel fallender Stern Lampetia / aus der
Lufft die Amazonin Hippolite / und von der Erde Pleione mit ihren zugeeigneten
Hauffen. Den letzten Aufzug führte von Seiten des Feuers Circe / welcher
wunderwürdige Bezeigungen einer Zauberin nicht unähnlich schienen. Von Seiten
der Lufft folgte die geschickte Orytia / vom Wasser die annehmliche Ephyre; und
endlich machte die nichts minder vom euserlichen Schimmer / als tapferer
Tätligkeit herfür leuchtende Ertzt-Göttin mit ihrem Geschwader diesem
Ritterspiele ein Ende. Hiermit aber fieng sich bei den Zuschauern die Sorgfalt
an: wem bei so vollkommenen und dem Augenscheine nach so viel gleichen Rennen
die Preisse würden zuerkennet werden. Die Holdinnen bezauberten mit ihren linden
Seitenspielen gleichsam aufs neue alle Ohren des Schau-Platzes; dämpften aber
dardurch am wenigsten die Befehle der Liebes-Göttin. Denn nachdem diese sich
genau in denen gegen einander wohl überein treffenden Vermercken unterrichtet
hatte; fieng sie von den medrigsten Siegen an die Preisse auszuteilen. Wiewohl
nun wenige mehr als zwei Fehler begangen hatten; ward doch unter diesen zweien
aus dem Wasser-Hauffen die Gräfin von Spiegelberg beruffen / und empfieng aus
der Hand der Liebe einen Rubin-Ring. Ein Liebes-Knabe rieff: Diese Siegerin hat
in dem Ringe den mittelsten Kreis der Sonne / und mit der Ertz-Platte vollkommen
eingetroffen. Hiermit kam die Ordnung alsbald zu denen / die nur in einem
gefehlet. Denn aus dem Feuer-Hauffen kriegte ein Fräulein von Hirschfeld einen
Saphier-Ring; weil sie im Ringe den vierdten Kreis des Jupiters getroffen / und
nur mit einer Kugel gefehlt hatte. Drittens empfieng die Gräfin von Andechs eine
Perlen-Schnure; weil sie der vorigen gleich; aber im Ringe den dritten Kreis der
Venus mit der Lantze getroffen hatte. Vierdtens empfieng die Gräfin von
Teckelnburg einen Ring umb und umb mit Schmaragden versetzt; weil sie nur mit
dem ertztenen Teller gefehlet / und im Ringe den andern Kreis des Mars erreicht
hatte. Fünftens gab die Liebe der Gräfin von Rheinfeld eine Diamant-Rose: weil
von ihr statt der einen fehlenden Kugel der Ring in dem mittelsten
Sonnen-Kreisse weggenommen war. Hiermit traff die Reie schon die / welche in
allem getroffen hatten; also empfieng sechstens die Gräfin von Waldeck ein paar
perlene Arm-Bänder; weil ihre Lantze nur in den eusersten Monden-Kreis des
Ringes gelückt war. Der siebende Preis war ein Schmuck von Opalen / für die
Gräfin von der Marck; der achte ein Halsband von Schmaragden für die Gräfin von
Horn; der neundte ein Rubinen-Halsband für die Chauzische Fürstin Leitolde; der
zehnde ein Diamanten Halsband für die Gräfin von Hohenloh; der eilffte ein mit
allerhand Edelgesteinen versetzter Gürtel für die Gräfin von Mansfeld; der
zwölffte ein mit Türckissen versetzter Köcher und Bogen für die Fräulein von
Fürstenberg; weil die ersten drei in den fünften Kreis des Mercur /die letzten
in den vierdten des Jupiters getroffen hatten. Der dreizehnde Preis war ein von
Rubinen gleichsam brennendes Hertze für die andere Cattische Fürstin Adelmunde /
die biss in den driten der Venus geeigneten Kreis des Ringes kommen war. Den
vierzehnden Preis / nämlich einen mit Rubinen versetzten Krantz aus Oelzweigen
kriegte nach Art der Olympischen Uberwinder die Cattische Fürstin Rhamis; und
einen solchen mit Diamanten gezierten Krantz das Ascanische Fräulein
Teudelinde? Weil nun aber die Fürstin Ismene und die Hertzogin Tussnelde mit
unvergleichlicher Vollkommenheit in allen Rennen getroffen hatten; gleichwohl
aber nur noch ein einiger Sieges-Preis / nämlich eine perlene Krone übrig war;
war iedermann begierig zu sehen / welcher selbte zuerkennet werden würde;
nachdem sie nicht zu begreiffen wussten; welche unter ihnen ohne Unrecht könnte
übergangen werden. Dahero die meisten mutmasten: dass beide durch ein neues
Rennen mit einander würden gleichen müssen. Alleine die Liebes-Göttin machte
diesem Kummer bald ein Ende; und rieff: Die Tugenden und der Sieg dieser zwei
Heldinnen wären einander so gleich; als sonst das Feuer und Wasser einander
zuwider wäre. Ihre Vollkommenheit wäre so gross: dass keine der andern durch neuen
Versuch einen Vorteil abrennen; vielmehr aber einer ieden Höfligkeit durch mit
Fleiss angenommene Fehler der andern etwas würde zuvor geben; in Wercke aber /wie
vor in Tapferkeit / also letztens in der Demut den Obsieg behaupten wollen.
Gleichwohl aber gehörete diese Perlen-Krone Ismenen; und (hiermit nam die Liebe
ihre eigene Krone vom Haupte) diese andere der unvergleichlichen Tussnelde.
Nichts / was im Schau-Platze einigen Atem hatte / brauchte selbten zu was
anderm / als zu Vergrösserung des Freuden-Geschreies. Tussnelde rennte nach
empfangener Sieges-Krone zu der erhobenen Herrmanns-Seule / und setzte sie durch
Hülffe ihrer Lantze selbter aufs Haupt; gleich als wenn die / welche schon einem
andern einmal ihr Hertze zugeeignet hatte / nichts mehr für sich selbst zu
erwerben fähig wäre. Diese Freigebigkeit war bei den Helden eine neue
Gemüts-Vergnügung / dem Schau-Platze aber eine Ursache nicht nur ihre
frohlockende Glücks-Wünsche zu wiederholen; sondern auch allerhand neue
Kampf-Spiele anzufangen.
    Die Silenen ergetzten sich / wie auf den Feiern des Wein-Gottes bei den
Griechen bräuchlich war / auf einem von Wein gefüllten / und euserlich mit Oel
geschmierten ledernen Sacke; auf welchen bald einer bald der andere sprang;
dieser aber / der von denen andern nicht bald von einem so glatten Kampf-Platze
herab gerissen werden konnte / für den Sieger erkennet / und mit einem mit Wein
gefüllten Bockleder beschenckt ward. Die Winde steckten ihnen ein Ziel von
hundert fünf und zwantzig Schritten aus / wornach sie nach der Stiftung des
Hercules / in einem Ateme mit einander die Wette rennten. Worinnen sie so
embsig waren / gleich als ihr Vater Eolus ihnen seine Herrschaft / wie für
Zeiten Endymion sein Reich dem Uberwinder in dieser Ubung zwischen seinen Söhnen
aufgesetzt hätte. Einen andern / wiewohl bald vor sich / bald rückwerts / bald
in einen Kreis gehenden Lauff hielten die der Sonnen Wagen bedienende vier und
zwantzig Stunden; welche hier gleichsam die Beschuldigung ihrer Langsamkeit
ablehnten / aber wohl den Ruhm ihrer weichen Füsse behielten; weil ihre
Fussstappen kaum im Sande zu sehen waren. Die vier Centauren der Lufft rennten
mit denen dem Wasser zugeeigneten Pferden die Wette; und zwar mit so embsiger
Bemühung / gleich als wenn jene die Scharte ihres Verlustes gegen den Hercules
und die Lapiten auswetzen / diese aber es denen Epirischen und Niseischen
Pferden zuvor tun sollten / die Alcibiaden und Heracliten so oft zum Sieger
gemacht hatten. Die Cyclopen legten auf ihr Haupt einen schweren Ertzt-Teller /
an ieden Arm hiengen sie einen messingene Rincken / in iede Hand namen sie eine
stählerne Kugel / und umb die Schien-Beine machten sie küpferne Platten feste;
tantzten aber damit so leichte / als wenn sie keine Last auf sich hätten. Die
zwölff Wasser-Nymphen fochten gegen einander mit ihren Dreizancks-Stäben;
hernach warffen sie diese Gewehre weg / rungen also zusammen / und endlich
weltzten sie sich mit einander auf der Erden herumb; biss die mit weissen
Wachs-Fackeln sie antastenden Liebes-Götter sie sich zu vereinbaren / und mit
denen ergriffenen Dreizancks-Stäben / aus derer Spitzen sie häuffig Wasser
spritzten / und damit die Fackeln ausleschten / zu verteidigen zwang. Die
Mägdchen / welche die der Erde geeignete Löwen führten / setzten sich darauf /
und rennten damit die Wette. Denen zwölff himlischen Zeichen setzte die Sonne
einen güldenen Bogen zum Preisse auff; den der haben sollte / welcher mit einem
Pfeile am gerädesten / mit dem andern am höchsten / mit dem dritten am
geschwindesten schüssen würde. Der Tag und die Nacht stritten gleichfalls gegen
einander / indem sie anfangs nur dieselbige Ringens-Art gegen einander
angewehrten; da kein ander Glied als nur die Finger einander berühren dörffen;
hernach Wechselsweise auf eine hohe Ertzt-Platte traten / und einander davon
herab zu stossen / oder einander einen in der Hand feste gehaltenen Apfel
auszuwinden bemüht waren. In welchen beiden Ubungen Milo so berühmt gewest ist.
Die Monate fochten anfangs mit länglichtrundten Ertzt-Rincken zusammen /
hernach wurffen sie mit den Lantzen teils nach einem Ziele / teils in die Höhe
in die Wette.
    Bei diesen Lust-Spielen erhob sich umb die Herrmanns-Seule allem Ansehen
nach ein ernster Krieg. Denn es brachten zwölff mit Lorberkräntze gezierte
Barden eine Menge mit Grabescheiten / Hämmern und Aexten versehene Leute in
Schau-Platz / und wiesen selbte an die Herrmanns-Seule zu untergraben und zu
zernichten. Die hiefür eivernde und von der Kunst zu derselben Aufrichtung
gebrauchte Riesen kamen als ein Blitz herzu / und boten denen / die die Hand
daran legen wollten / die Stange. Deutschland /die Natur und die Kunst näherten
sich alsofort auch; und rechtfertigte Deutschland alsofort die Barden: ob sie
alleine ihre ungeartete Miss-Geburten wären; welche mit so schändlichem Undancke
des umbs ganze Vaterland so hoch-verdienten Heldens Ehren-Maale vertilgen
wollte? Der Elteste unter den Barden antwortete: Sie wären nichts minder Freunde
der Helden / als Feinde der Vergessenheit / ja eines ihrer fürnehmsten Absehen /
wohl-verdienter Leute Gedächtnis mit der Ewigkeit zu vermähle; und den Schimmel
der Jahre von allem ruhmwürdigen abzuwischen. Wie die Natur bei der
Trophonischen Höle neben dem Brunn der Vergessenheit das Gedächtnis-Quell
gesetzt hätte /dessen getrunckenes Wasser denen alles wieder indenck machte /
was sie durch jenes aus der Acht gelassen hätten; also hätte das sorgfältige
Gedächtnis sie und ihres gleichen der Tugend zum besten verordnet: dass sie der
Nachwelt unversehrt verwahren sollten / was die Zeit nicht nur aus dem Gesichte /
sondern auch aus dem Andencken der Welt zu rauben bemühet wäre. Da aber ja sie
nicht allemal der Eitelkeit auf den Hals zu treten vermöchten; bliebe es doch
allemal darbei: dass ein Ding erstlich sein Ansehn / hernach sein Wesen / und zum
letzten allererst den Nahmen und den Ruhm / als den von ihren Blättern
trieffenden Balsam verliere. In Erwegung dessen König Archelaus denen Tichtern
unter dem Nahmen der Musen Schau- und Kampf-Spiele zugeeignet; der grosse
Alexander auch selbte feierlich begangen / und des Homerus Getichte in dem
edelsten Schatz-Kästlein des Darius verwahrt hätte. Deutschland versetzte: Ihre
Anstalt wäre seinen Reden nicht gemäss; nachdem sie an die Gedächtnis-Seule die
Hand anlegten / ehe Zeit und Zufall den geringsten Staub daran zu versehren
gemeint wäre; da doch Herrmann nicht nur eine Seule auff Erden; sondern so gar
Ehren-Maale im Himmel verdiente. Der Barde begegnete Deutschlande hierauf: Das
letztere nehmen wir mit beiden Händen an; das erstere aber verwerffen wir als
ein zu unwürdiges Denckmal; da ein schlechter Stein / den der Regen abwäscht /
die Lufft abnützt / und die Feile zermalmet /der Nachdruck eines so grossen
Fürsten sein soll. Die Natur meinte sich hierdurch gerühret zu sein; gleich als
wenn ihr wie für Zeiten zu Aten dem Phidias /welcher Minervens Bild nicht aus
Helffenbein / sondern Marmel gemacht / fürgerückt würde / samb sie allzu
schlechten Talg hierzu hergegeben hätte. Dahero sie den Barden anfiel: Sie hätte
so viel Wunder und Geheimnisse in die Steine / als in Ertzt gesämt; welches vom
Roste gefressen / von der Flamme verschmeltzt / und nichts minder als jene von
der Vergängligkeit verzehret würde. Ja sie hätte in Marmel und Agat mehrmals
mit eigener Hand ausgewürckt; was die Kunst ihr allererst im Ertzte nachmachen
müssen. Auf dem Lande Paris wäre in einem Marmel-Bruche ein von sich selbst
gewachser Silen / und Lorber-Baum / auf Chio eines Wald-Gottes-Kopf /bei
Syracuse Fische ausgegraben worden. In des Pyrrhus Edelgesteine wären Apollo mit
den neun Musen; in vielen andern Gestirne / Gebürge / Landschaften /und
allerhand Tiere als ihr eigenes Gemächte zu sehen. Bei so gestalten Sachen
wären die Steine / als die Wunder-Taffeln der Natur / als zu geringschätzig
nicht zu verwerffen. Uber diss käme kein Nach-Bild dem wahren Bilde gleich / wenn
der Zeug gleich noch so gut wäre. Der Monde das Ebenbild der Sonne wäre viel
geringer. Hätten doch die Götter sich vergnügt: dass anfangs ihre Bilder aus
Tone gebacken / aus Eichen / Zedern / und wenns aufs höchste kommen / aus
Zypressen / oder Zitron-Holtze wären geschnützt /und an statt eines schimmernden
Firnsses mit Hartzt überzogen worden. Das für ein Wunderwerck der Welt gepriesene
Bild des Olympischen Jupiters wäre zwar zum Teil aus Gold und Helffenbein /
aber grossen Teils aus Kreide gewest. Ja wormit Agatocles erhärten möchte: dass
der geringe Ursprung ein herrliches Ding nicht verächtlich machen könnte; hätte
er aus seinen Nacht-Geschirren die Bilder seiner Götter güssen / und in die
Tempel setzen lassen. Der allzu grosse Wert der Ehren-Maale diente mehrmahls zu
ihrer desto geschwindern Verterbung. Das erste Bild aus Golde wäre der Göttin
Anaitis aufgesetzet worden; aber als ihre andere Seulen unversehret blieben
/hätten jenes des Antonius Kriegs-Knechte zerdrümmert; derer einer zu Bononien
noch gegen den Käyser August ein Gespötte damit getrieben; und dass er von der
Anaitis Schienbeine ihm eine Mahlzeit ausrichtete / sich zu schertzen erkühnt
hätte. Der Barde versätzte: Er stellte der marmelnen Herrmanns-Seule nicht den
zu geringen Zeug zum Mängel aus; weil weder Gold noch Edelgesteine Götter und
Helden abzubilden würdig wären; und dieser Bescheidenheit nicht nur mit was
schlechterm vorlieb nehme / sondern sie auch allzu grosse Kostbarkeiten
verschmäheten; und wie August die ihm gewiedmete Silber-Bilder wieder umbgiessen
liessen. Denn Ehren-Maale sollten ein Merckmaal lobwürdiger Taten / nicht ihre
Ausgleichung sein. Ja er beschiede sich: dass keiner Stadt / keines Reiches
Schätze zu Belohnung ihrer Helden zulangen würden / wenn ihre Seulen alle aus
Golde / und ihre Sieges-Kräntze aus eitel Perlen sein sollten. Das Armut wäre
hierinnen der Römischen Klugheit Lehrmeisterin gewest / und habe sie unterwiesen
mit dem Hammer der Ehre in der Lufft Müntze zu pregen; welche gültiger als
Silber gewest / und darzu ihr beim höchsten Unvermögen niemals Schrott und Korn
gefehlet hätte. Sintemal sie mit ein paar Eichen- oder Lorber-Zweigen; mit
Erteilung eines Zunahmen / mit Bezeichnung eines Geschlechts-Schildes / mit
einer geringen Seule ihre Erhalter zu ihrem grossen Vergnügen bezahlet; derer
Woltaten mit allem Vermögen des Volckes nicht auszugleichen gewest wäre.
Wordurch sie gleichsam Gold und Silber in die Schachte niedriger und zu allem
feilstehende Seelen verdammt; hingegen das gemeine Wesen mit einem minder
erschöpfften Vorrate versehen hätten; als die Gold-Gruben der Araber und
Dalmatier wären. Alleine der Wind behielte seinen Wert und die Lufft ihre
Schätzbarkeit nur so lange; als man sie nicht zu gemein machte. Wohin aber wäre
es in der Welt nicht mit den Ehren-Seulen kommen? Zu Rhodis sollen ihr nur drei
und siebenzig tausend / zu Aten und Corint aber vielmehr gewest / und das
schlechte Städtlein Volsinium wegen ihres Reichtums von zwei-tausend Seulen
eingenommen worden sein. Rom wäre nicht nur ein Auffentalt unzehlbarer
Menschen; sondern auch steinerner Völcker. Wer in einem Olympischen Spiele
gesiegt hätte / wäre darmit verehrt / und er über die eingebrochene Mauer seines
Vaterlandes mit so prächtigem Siegs-Gepränge eingeholet worden; als wenn er
Griechenland von einem neuen Xerxes befreit hätte. Der kaum halbweise Gorgias /
und die Hure Phryne hätten ihnen selbst zwei Bilder aus dichtem Golde im
Delphischen Tempel / und der kleine Tichter Actius im Hause der Musen ihm eine
Riesen-Seule aufgesätzt. Es vergienge sich hierinnen nicht nur eigner Dünckel /
und der Vorwitz der Künstler /welche bei Ausarbeitung derogleichen Bilder mehr
ihre Geschickligkeit sehen lassen / als würdig angewehren wollten; sondern auch
frembdes Urtel; indem der Pöfel mehrmals auf die Tugend das Messer wetzte; und
den Lasterhaften Ehren-Maale auftürmete /oder nach dem Beispiele der Ephesier
durch offentlichen Ausruff den ruhmwürdigen Hermodor und alle ehrliche Bürger
aus der Stadt verbannte. Zu Aten hätte nicht allein die Hure Leena ein /
sondern der unwürdige Demetrius Phalereus so viel Seulen erlanget /als Tage im
Jahre wären. Welchen unzeitigen Uberfluss derselben Urheber doch selbst bald
verdammet; und daraus Nacht-Scherben machen / oder zum minsten sie mit Kote
überziehen lassen. Die Kunst fühlte sich hierdurch angegrieffen / versätzte
also: Sie liesse dem Eigendünckel und der Ehrsucht ihre Verteidigung; ihre
eigene aber bestünde darinnen: dass sie über die Verdienste der Helden nicht zu
urteilen /sondern dis / was man ihr angäbe / nur ohne Tadel auszumachen hätte.
Da man aber sonst keine andere Bilder als der Leena und des Demetrius zu tadeln
wüste / würde sie wenig scheltbares gearbeitet haben. Sintemal jene bis auf den
Tod die grausamste Peinigung ausgestanden / ehe sie des Harmodius für die
Freiheit des Vaterlandes vorhabende Anschläge verraten wollen. Demetrius aber
habe seine Seulen / wo nicht vorher / doch hernach verdienet; als er aus Egypten
noch das ihn verweisende Aten beschencket. Wegen der gegenwärtigen
Herrmanns-Seule aber würde sie Deutschland als ihre Anweiserin vertreten müssen;
niemand aber hierbei ihr einige Eitelkeit beimessen können. Die Kunst vergnügte
sich an der Ehre ihres Gehorsams; und finde man an den wenigsten Seulen den
Nahmen des Werckmeisters. Der einige Teodor / der den Samischen Irrgarten mit
mehr als tausend Seulen gebauet / hätte nur in eine einige sein Bild / jedoch so
klein und so wenig sichtbar gegossen: dass ihn und den beigefügten Wagen mit vier
Pferden eine einige Fliege hätte bedecken können. Deutschland nam alsbald das
Wort von ihr / und hielt den Barden ein: Es wäre zwar wahr: dass Ehrsucht und
Heuchelei die Gedächtnüs-Seulen zu gemein machte; dass es eine Torheit wäre sich
selbst oder Unwürdige damit beehren; und dass so denn diese unzeitige Hoffart
zeitlich in Rauch vergienge. Alleine der Uberfluss benehme eines Dinges
innerlicher Güte nichts; und der Missbrauch könnte dem nützlichen Gebrauche keinen
Abbruch tun. Denn sonst würde man auch die Sonne zu schelten haben: dass sie so
oft schiene / und nichts minder Frösche und Kefer / als Menschen beseelte.
Unverdiente Ehren-Maale kriegten bald den Wurmstich / wenn sie gleich mit
Zeder-Oel überfirnsset wären; der Blitz zermalmete sie; ob sie schon
Lorber-Kräntze überschatteten; und das durchs Feuer unversehrliche Gold würde
unschwer zu Asche verbrennt. Wo sie aber die Tugend zum Fusse hätten;
überstünden sie alles Ungewitter der Zeit und des Neides. Xerxes hätte die
ersten und einfältigen Seulen des verdienten Harmodius / und Aristogitons als
ein seltzamer Schatz in Persien geführet; und der grosse Alexander selbte als
ein Heiligtum nach Aten zurücke geschickt. Die fast bäurischen Gemächte des
ersten Roms; die zu Pferde sitzende Clelia aus schlechtem Steine wären noch zu
Rom in grösserm Ansehn; als der seiner Kunst wegen unschätzbare ertztene Hund in
dem Heiligtum der Juno / und das Wunder-Bild des mit sampt seinen Kindern von
einer Schlange-umbwundenen Laocoons; und die nur drei Füsse hohen Bilder des
Romulus und Numa würden mehr verehrt / als der viertzig Ellen hohe Hercules zu
Tarent / der dreissig Fuss hohe Apollo zu Rom / die siebentzig Ellenbogen hohe
Sonnen-Seule zu Rhodis / und das aus dem Medischen Berge gemachte Bild der
Semiramis. Also wäre die Eitelkeit der Ehrsucht nicht bald eine Vermehrerin des
Ehren-Ruhms. Die Natur hingegen billigte selbst das Gedächtnüs der Ehren-Maale /
wenn sie nicht nur selbst mehrmahls eine Bildhauerin; ja nichts minder als jener
Grieche /der sich mit des Praxiteles Venus vermählen wollte; und Junius
Pisciculus / der eine marmelne Tespias umbarmete / eine Liebhaberin der
Kunst-Bilder abgebe; wenn sie dem auf derselben Häuptern gewachsenem Kraute die
Krafft dem Haupt-Weh abzuhelffen zueignete. Nichts weniger hielte das Verhängnüs
gleichsam absonderlich die Hand über wolverdienten Gedächtnüs-Seulen; welche so
gar die grimmigsten Feinde zu beschädigen sich allezeit gescheuet hätten.
Mummius hätte aus dem brennenden Corint der Griechischen Helden Bilder / und
Lucullus der Pontischen Könige aus dem Verterben errettet. Diomedes wäre durch
eine Kranckheit gezwungen worden / dem Eneas das Trojanische Schutz-Bild wieder
zu geben. Cambyses hätte zwar die von denen Sonnen-Strahlen laute Memnons-Seule
eröffnet; als er aber darinnen keinen Werckzeug solchen Getönes gefunden /
selbte wie andere Egyptische Seltzamkeiten zu zerdrümmern nicht das Hertze
gehabt. Den Käyser August hätte ein Traum so lange gequälet / bis er den
Ephesiern ihren vom Myron gemachten Apollo wieder gegeben / den ihnen Anton
genommen hatte. Wenn auch schon die Ehrsucht einem Helden-Bilde den Kopff
abgebrochen / und eines unwürdigen Wütterichs darauf gesätzt hätte; wäre doch
dieser niemals lange stehen; des ersten Ruhm aber unversehrt /und die Seule sein
Eigentum geblieben. GOtt hätte diese mehrmals zu Merckmaalen seiner Straffe
gebraucht; und selbte wie der Bildhauer Agoracritus seine marmelne Venus in das
Bild der Rache verwandelt. Käyser Cajus / der des Pompejus blutiges Haupt mit
Freuden-Tränen benetzet / wäre todt und blutig unter die Seule des Pompejus
gefallen. Hingegen habe sie der Himmel oft aus einer geheime Neigung zu
Schutz-Bildern der Menschen und Reiche erkieset. Von den Römern wären selbte
mehrmals als gewisse Gräntz-Maale / welche ihre Feinde unmöglich überschreiten
könten / wider die Deutschen und andere Völcker eingegraben worden. Aus diesem
Glauben hätte Cajus Cestius allezeit ein gewisses Bild mit in die Schlacht
genommen / und des grossen Alexanders Zelt wäre von eitel Bildern unterstützt
gewest; derer zwei die Römer hernach für das Heiligtum des rächenden
Kriegs-Gottes gesätzt hätten. Uber dis wären durch solche heilige Schutz Seulen
denen Feinden die Durchfart der Sicilischen Meer-Enge / dem Berge Etna mit
Feuer ausspeien Schaden zutun / den Störchen die Stadt Byzantz zu beunruhigen
verwehret; und durch das aufgerichtete Bild des Charons die Pest gestillet
worden. Zu geschweigen: dass das Bild des Apollo zu Buma drei Tag und Nächte
wegen des von den Römern wider die Griechen erhobenen Krieges /und die Juno zu
Lamirium wegen bevorstehender Pest jämmerlich geweinet hätten. Welche
Eigenschaften vermutlich Anlass gegeben: dass die Bilder der Fürsten zu
Freistädten wären erkieset worden. Wenn aber auch schon die Welt von den
Ehren-Seulen keinen so seltzamen / sondern nur diesen allgemeinen Vorteil zu
hoffen hätte: dass sie die Nachkommen zu tapfferer Nachartung auffrischen / und
die glimmende Tugend recht in Brand bringen / wäre doch ihr Nutzen unschätzbar;
und fürnemlich in Deutschland kein so grosser Missbrauch zubesorgen; als wo diese
Ehren-Maale noch neu / oder zum minsten ungemein wären. Der Barde antwortete: Er
hätte auf die wunderlichen Würckungen der Seulen schlechtes Absehen; als welche
entweder betrüglichen Aberglauben zum Grunde hätten / oder doch eben so wohl /
als die Reden und Weissagungen der stummen Steine von Zauberei herrührten.
Sintemal: dass die Wahrsagungen der Dreifüsse und anderer beredsamen Seulen von
denen in selbte aufsteigenden Dünsten der Erde herrühren sollten / ein eiteler
Wahn etlicher Weltweisen wäre. Gleiche Bewandnüs hätte es mit ihrer Krafft Regen
zu verschaffen. Dieses aber wäre freilich wohl der eigentliche Zweck aller
Gedächtnüs-Maale: dass sie nicht alleine derer verstorbenen Taten verewigen /
sondern fürnemlich die Lebenden wohl anweisen sollten. Ausser diesem wären sie
abscheuliche Gräber der Lebenden /und ihr Andencken ein unnötiger
Götzen-Dienst. Beides aber zu würcken / nämlich die Verdienste der Todten wider
die Vergessenheit zu schützen / und die Nachkommen in ihren Fuss-Pfad zu leiten /
wären der Barden geistige Lieder geschickter / als die todten Steine; oder auch
das so genennte Sterck-Kraut; von welchem der Aberglaube tichtete: dass wer
darmit sich besalbte / der Menschen Gunst und einen Ruhms-vollen Nahmen
erlangte. Diese drückten zum höchsten die Aehnligkeit des Leibes; jene aber auch
die Eigenschaften der Seelen aus. Und es möchte Euphranor wie er wollte seinen
gemachten Paris heraus streichen: dass er in selbtem zugleich als ein Richter der
Götter /als ein Liebhaber Helenens / und als ein Erleger Achillens wäre gebildet
gewest. Es möchte ihm das Volck zu Chio einbilden: dass das Antlitz ihrer
marmelnen Diana sich denen in Tempel kommenden traurig / denen hinausgehenden
freudig zeige. Es möchte die Kunst sich bereden: dass sie ihre Marmel lebhaft
/ihr Ertzt lachend machen / und mit Helffenbeine die Gemüts-Regungen ausdrücken
könnte; so wäre doch dis gegen der Seelen ihrer Gesänge ein blosser Schatten.
Welches der Künstler Demetrius wohl verstanden; daher er sein Minerven-Bild
derogestalt gegossen hätte: dass die Drachen des Gorgons-Kopffes auf ihrem
Schilde zu den darbei gespielten Säitenspiele stets einen annehmlichen
Widerschall gegeben; also sein Kunst-Bild sich hätte mit der Anmut des Getönes
behelffen; und die schwartze Memnons-Seule zu Tebe von denen Strahlen der Sonne
/ als der allersüssesten Leier des Himmels / den annehmlichen Klang entlehnen
müssen. Deutschland brach bei diesen Worten ein: Sie nehme für bekandt an: dass
die Säitenspiele zur Vollkommenheit der Ehren-Bilder Beitrag täten. Weil nun
die Tichter-Kunst die Seele der Säitenspiele wäre; und die Barden so wenig für
verächtlich hielten ihre Lobgesänge auf Baum-Rinden / als die Sibyllen ihre
Weissagungen auf Palmen-Blätter zu schreiben; so sollten sie den Marmel dieser
Herrmanns-Seule nicht geringer / als das leicht verfaulende Laub und Rinde
schätzen / und derogestalt den Ruhm ihres Helden in diesem harten Steine
unausleschlich / diese Seule aber durch ihre unvergängliche Getichte auch nach
ihrer Einäscherung ewig machen. Sie wäre erbötig nach dem Beispiele Achillens /
für den besten Tichter einen güldenen Dreifuss zum Preis aufzusetzen. Sintemal
freilich nachgegeben werden müste: dass die herrlichsten Seulen ohne Zutat einer
gelehrten Hand stumme und unerkenntliche Götzen wären; und wie die Spitz-Seulen
in Egypten weder ihre Uhrheber noch ihr Absehen zu eröfnen wüsten. Die Kunst bot
sich mit ihren Riesen zu einer willigen Handlangerin an; und dass sie / was die
Barden dem Feldherrn zu Liebe singen würden; sie alsbald an die Herrmanns-Seule
einetzen wollte. Die Barden ins gesampt liessen ihnen diese annehmliche
Vermittelung gefallen / und fieng der Elteste unter ihnen an nachfolgende Reimen
zu singen; welche auf der Kunst Verordnung die Riesen zugleich an die eine
Taffel des die Herrmanns-Seule haltenden Fusses eingruben:
Gleicht nicht Andromede / bestürtztes Deutschland / dir?
Hat nicht der Eltern Schuld dir Fessel angeschraubet?
Zwar ist kein Wallfisch dar / dem man dich würffe für /
Doch liefert man dich Rom / das alle Freiheit raubet /
Der Wölfin / welcher sich gleicht kein gefrässig Tier.
Hätt'stu wohl / Vaterland / für wenig Zeit geglaubet /
Als du in Dienstbarkeit vergiengest neben mir /
Dir würde frei zu gehn so zeitlich sein erlaubet?
Schreib deinem Herrmann dis / dem neuen Perseus zu
Der deine Ketten bricht / das grimme Tier versehret /
Ja der sich gar vermählt. Tussneldens Beispiel lehret
Dich aber / was nunmehr sei nötig: dass man ihn.
Sie opffert ihm sein Hertz für die Erlösungs-Gute.
So zünd` auch zu ihm an ein danckbares Gemüte.
    Die sämptlichen Barden löseten ihren Vorsteher ab / betasteten auf allen
Seiten die Herrmanns-Seule /und sangen hierzu folgende Worte:
Soll dieser weiss' und harte Marmelstein
Das Ebenbild des grossen Herrmanns sein?
Der von so zarter Lieb' und hertzlichem Erbarmen /
Das er für's Vaterland stets trägt /
Und von den Feinden die er schlägt /
Hat ein Wachs-weiches Hertz / und von Blut fette Armen?
Jedoch er und Tussnelde scheinen
Gleichwol zu gleichen diesen Steinen.
Denn beider Treue kommt an Farbe / beider Hertze
An Härte weissem Marmel bei.
Heg't jene keinen Fleck / so weicht dis keinem Schmertze;
Dass er und sie ein Bild / ja dieses Bildes sei.
    Die Riesen waren mit Einetzung dieser Lobsprüche so fertig: dass sie bei nahe
denen singenden Barden zuvor kamen; also nach vorigem Schlusse auf die dritte
Seite des marmelnen Fusses sich verfügten / und durch Ansetzung des stählernen
Grieffels den alten Barden fortzusingen nötigten:
Der Helden Geist ist Stahl / ihr Hertz aus Diamant /
Wenn es mit Männern kampfft; alleine Wachs / bei Frauen.
Denn Adler lieben zwar nur Adler / Pfaue Pfauen /
Doch Alexandern zwingt der geilen Tais Brand /
Die Spindel Omphalens entweiht Alcidens Hand /
Achilles / wenn er lieb't / kriegt für dem Krieg' ein Grauen /
Anton stirbt als ein Weib in einer Mohrin Klauen /
Ja auch der Götter Lieb' ist Wahnwitz anverwand.
Fürst Herrmann aber liebt mit grosser Tapfferkeit;
Denn er vermählet ihm Minerven mit Tussnelden /
Sie ihr den Hercules mit Deutschlands grossem Helden;
Und zwischen beiden ist kaum einig Unterscheid.
Man weiss nicht / wer sei Mars / wenn sie die Waffen üben;
Nicht / wer die Liebe sei / wenn sie einander lieben.
    Dieser Vorgesang / und die noch übrige leere Taffel an der vierdten Seite
verband die Barden zu folgendem Nachgesange:
Die Marmel bilden sonst die Leiber nur allein;
Der aber zeichnet nicht nur Herrmanns schön Gesichte
Er ist ein recht Entwurff der seltzamen Geschichte;
Denn wie Feil' / Hammer / Art / macht herrlich diesen Stein /
So scheinet Hass und Neid der Werckzeug auch zu sein /
Der Herrmanns Tun beteilt mit einem schonen Lichte.
Des Unglücks Blei-Hand legt zur Tugend mehr Gewichte /
Und die Verleumbdung gibt der Unschuld hellern Schein.
Was aber ist's: dass man Marmel Helden etzet?
Weil Hercules den Fuss auf Neid und Sterne setzet /
Kan Herrmanns Seule nicht auf Erden bleiben stehn.
Jedoch sie stehet schon im Himmel reiner Hertzen.
Der Neid selbst opffert ihr / die Missgunst brennt ihr Kertzen /
Ja das Verhängnüs will sie über sich erhöhn.
    Die Barden hätten mit ihrem Singen / und die Riesen mit ihrem Etzen
beschlossen; wenn nicht Deutschland beiden den ganz blancken Schild in dem
lincken Arme des marmelnen Herrmanns gewiesen; und beide solchen nicht leer zu
lassen erinnert hätte. Dannenher denn diese nach dem Gesange aller Barden
nachfolgende Worte darein gruben:
Der Pallas heilig Schild sei Alexanders Ruhm.
Sei seines Heeres Schirm / dem Feind' ein Donner-Knall;
Des grossen Herrmanns Brust ist Deutschlands Schild und Wall.
Das beste Schutz-Bild ist der Tugend Heiligtum;
Erzt aber nur ein Garn / das eine Spinne spinnt /
Wenn Hertzen nicht der Schild / und Männer Mauern sind.
    Dieser Gesang war nur beschlossen; als der ganze Schauplatz mit einem neuen
Geräusche rege / und von vielem kriegrischen Getöne erfüllet ward. Denn die das
Feuer anzeigende Fürstin Ismene stellte mit ihren vier gewaffneten Hauffen in
einem zierlichen Fackel-Tantze die Spiele des Prometeus für; darinnen sie bald
die Fackeln unaufhörlich umbs Haupt schwenckten / und darmit in einem zweifachen
doch durch einander gehenden Schlangen-Kreisse herumb rennten; bald die Fackeln
gerade hinter sich hielten / und doch sonder derselben Verleschung nach einem
gewissen Ziele die Wette rennten / bald die brennenden Fackeln einander
wechselsweise in einem sanften Tantze zuwarffen. Einen gleichmässigen
Fackel-Tantz hielt zu Fusse der Tag mit denen vier und zwantzig Stunden;
darinnen bei jedem geendigten Satze wie oben Ismene als eine Sonne; also hier
der Tag in der Mitte des Kreisses seinen Stand bekam. Nach diesem fieng die das
Wasser abbildende Tussnelde einen Waffen-Tantz an / dergleichen nach
überwundenen Titanen die Göttin Minerva / oder vielmehr der Tetys Sohn Achilles
erfunden / und sein Sohn Pyrrhus bei seines Vaters Grabe mit grosser Pracht
gehalten haben soll. Die Nacht mit denen Wasser-Nymphen hegte eben diesen Tantz
zu Fusse; darinnen die Tantzenden mit ihren Degen allerhand zierliche Streiche
gegen einander machten; ihre Lantzen bald einander zu / bald auch in die Lufft
wurffen / und wieder fiengen. Die Lufft oder die Fürstin Adelmunde mit ihrem
Hauffen stellte zu Pferde die zwölff Winde / und die zwölff himmlischen Zeichen
/ zu Fusse aber den Tantz der Cureten / und darinnen die Auferziehung des
Jupiters für; wormit sie sonderlich durch an einander geschehende Schlagung der
Waffen so wohl ihre Geschickligkeit zeigten; als mit den Säitenspielen ein
gleichstimmiges Getöne machten. Bald darauf stellte die Cattische Fürstin in
einem künstlichen Wald-Götter-Tantze das Wette-Rennen der Atalanta mit dem
Hippomenes vor; darinnen sie mit Granat-Aepffeln artlich spieleten; durch derer
Vorwurff Hippomenes Atalanten aufgehalten; und sie ihm selbst zur Braut gewonnen
haben soll. Endlich ward von allen Häuptern und Hauffen insgesampt durch einen
allen Begierden der Augen zuvor kommenden Tantz die Vermählung des Himmels und
der Erde fürgestellet / und dardurch zum Beschlusse des Deutschburgischen
Hochzeit-Feiers angedeutet: dass wolbedächtige Heiraten grosser Fürsten die
Gestirne gleichsam mit der Unterwelt verknüpffen; die Menschen durch ihre
Andacht dem Himmel beliebt / ihn aber zu Ausschüttung tausenderlei Seegens
geneigt machten. Die Holdinnen machten durch ein Braut-Lied nicht alleine diesen
grossen Tantz annehmlicher / sondern legten zugleich auch darmit desselben
seltzame Wendund Bildungen aus; ob schon die Kunst in einem stummen Tantze durch
blosse Gebehrden alle Geschichte verständlich auszudrücken / welche Telestes in
Griechenland erfunden haben soll / nicht nur durch den Pylades aus Cilicien /
und den Batyll von Alexandria nach Rom gebracht; sondern wie bei denen andern
Völckern /also auch in Deutschland ziemlich gemein worden war. Wiewol die
Deutschen selbst diese Täntze als allzu weibisch selten hegten / sondern sie nur
denen Ausländern erlaubten. Denn ihre eigene Spiele waren alle kriegrisch; und
ihr fürnehmster Tantz bestund darinnen: dass nackte Jünglinge zwischen blossen
Degen und Spissen sich ohne Verletzung mit vielen geschwinden Springen und
Wendungen herum dreheten. Durch öfftere Ubung ward hieraus eine Kunst /aus der
Kunst eine annehmliche Zierligkeit. Der Preis solcher verwegenen Wollust aber
war nichts anders /als die Vergnügung der Zuschauer. Das in folgenden Reimen
bestehende Braut-Lied der Holdinnen ward mit einer unvergleichlichen Liebligkeit
abgesungen; und wurden nach desselbtem höherm oder niedrigerm / langsamern oder
geschwinderm Tone alle Glieder derer Täntze beweget.
    Kein Ding ist in der Welt so klein /
Auch nichts so kalt in Meer und Flüssen /
Das nicht der Liebe sei befliessen.
Der Wallfisch fühlt so heisse Pein /
Wenn er die Flutten sprützt empor /
Die in ihm von der Lieb' entflammt und siedend werden.
Das stumme Meer-Schwein sagt mit ängstigen Gebehrden
Dem andern Meer-Schwein in ein Ohr:
Es sei verliebt nicht nur in seines gleichen.
Es zingelt nach Arions Seiten-Spiel;
Springt aus der See wenn er nicht kommen will /
Muss es gleich auff dem Ufer bald erbleichen.
Es führt den Knaben / den es liebt /
Weil er ihm täglich Speise gibt /
Durch die beschäumte See; und zwingt sich zu erblassen /
Weil es den Hermias im Meer ertrincken lassen.
Die Aspe bebt / die Esche seuffzt für Liebe /
Und das verliebte Eppich-Kraut
Umarmt den Mandel-Baum als Braut /
Die Eiche knackt gerührt vom innern Triebe /
Der Weinstock hals't sich mit den Ulmen-Zweigen /
Der Nelcke Brand / der Rose Purper-Blut /
Des Safrans Röt' ist eitel Liebes-Glut /
Der Ambra / den Jasmin von sich lässt steigen /
Ist seiner Seelen-Seuffzer Geist.
Das Wasser / das von Lilgen fleusst /
Sind Liebes-Tränen zwar / doch auch der Lilge Saamen.
Der Feilgen lebender Saphier
Stellt Eyfersucht und Liebe für;
Der Hyacint prangt gar mit seines Liebsten Nahmen.
Ja in die Marmel-Adern hat
Die gütige Natur ihr Liebes-Oel geflösset /
Durch das er sich so schön färbt / bildet und vergrösset.
Den Stahl und den Magnet vereinbaret ihr Drat.
Der Erde Marck das Gold kann nicht sein leer von Flammen /
Sonst flösste Jupiter sich Danaen nicht ein /
Es knüpffte sie mit ihm kein regnend Gold zusammen.
Kurtz alle Regung der Natur
Ist eine wahre Liebes-Uhr.
So ist die Liebe nun von so viel mehrern Stärcke /
Je grösser der Natur Geschöpffe sind und Wercke.
    Was ist nun herrlicher als dieser Erden-Kreis?
Was ist der grossen Himmels-Kugel gleiche /
Der Sternen Burg / der Götter Königreiche?
Sie zwei sind aber stets von Liebe glüend-heiss.
Kein Blick vergeht: dass sie von süssen Flammen
Nicht flüssen gleichsam schmeltzende zusammen.
Der Himmel ist der Mann / die Erd' ist Braut und Weib
Sein Saamen ist die Glut /
Ihr Saame Saltz und Flut /
Und ihre schwang're Schoss ein stets gebehrend Leib.
Der grosse GOtt / der Himmel blickt am Tage
Mit einem Auge sie so stet und brünstig an /
Als kaum ein Poliphem des Acis Braut tun kann.
Der Donner-Knall ist seine Liebes-Klage;
Plagt aber ihn die Sehnsucht in der Nacht /
Liebäugelt er / und gibt mit tausend Sternen
Mehr als ein Argos auf sie acht;
Lässt auch sonst nirgendhin sich keinen Blick entfernen.
Die Erd' hingegen ist bemüht /
Die Wiesen mit Schmaragd / die Ufer mit Korallen /
Die Wälder mit Saphier / die Berge mit Kristallen /
Zu schmincken: dass sie nur dem Himmel schön aussieht.
Die Schoss prangt mit Rubin / ihr Haar beblümet Gold /
Ja ihrer edlen Rosen Glantz /
Beschämet Ariadnens Krantz /
Sie schickt die Dünst' empor als Zeichen ihrer Hold;
Und wenn die Berge Glut ausspeien /
Gerät ihr Liebes-Brand in wilde Rasereien.
Dis ist's Geheimnüs und der Kern /
Das in den Schalen steckt geträumter Götter-Liebe.
Denn in dem Himmel steht kein Stern
Den nicht die Unter-Welt zeucht zu so süssem Triebe.
Die Sterne regnen Gold / Zien / Kupfer / Silber / Blei /
Die Schoss der Danae sind die Gebürg' auf Erden /
Die von der Krafft des Himmels schwanger werden.
Wenn Jupiter als Stier Europen schläffet bei /
Wenn er als Schwan der Leda sich beqvemet /
Wird die Vermehrungs-Krafft gesämet
Vom Himmel tausend Tieren ein.
Giebt Jupiter denn seiner Tetys Küsse /
So schwängern sich vom Himmel Meer und Flüsse;
So Fisch als Muschel fühlt gesämet sich zu sein.
    Wenn aber er den Ganymed umschräncket
Als Adler / ihn in Himmel nimmt /
Zum Nectar-Schencken ihn bestimmt /
Wird das Gestirn' erqvickt / des Himmels Mund geträncket
Von Feuchtigkeiten / die das Meer
Dem durst'gen Bräutigam zum Labsal giebet her.
    Ja alle Regungen der Himmels-Harffe sind
Der Liebe Seitenspiel / ihr Werck und ihre Gaben.
Weil die Gestirne doch sonst keine Seele haben /
Als dieses holde Anmuts-Kind /
Das auch die Sternen schwanger macht /
Dadurch manch neuer Stern wird an das Licht gebracht.
Der Lieb' ist auch allein zu mässen bei:
Dass Erd' und Himmel nicht unfruchtbar Frost stets decket.
Sie hat gelegt des Himmels grosses Ey /
Aus welchem die Natur jetzt alle Sachen hecket.
    Der Sterne Würckungen sind die unsichtbarn Ketten /
Der Venus Gürtel / der die Welt
Zusammen knipfft / und in der Eintracht hält.
Denn wenn nicht Erd und Stern so lieb einander hätten /
Verlangte der Magnet in Nord so sehnlich nicht
Des Angel-Sternes Licht.
Die Wider sieht man die Lager anders machen /
So bald die Sonn in Wider steigt.
So Mensch / als Staude scheut den Sternen-Schwantz des Drachen;
Wenn sich der beisse Hunds-Stern zeigt /
So beten ihn Cyrenens Ziegel an /
Den sonst die Unglücks-Vögel fliehen /
Und gegen dem kein Guckuck singen kann.
Sieht man den Mandel-Baum nicht auch beim Froste blühen /
Wenn nur der Adler geht mit seinen Sternen auff?
Der Oel- und Ulmen-Baum verkehret seine Blätter /
Wenn in den Krebs die Sonne nimmt den Lauff.
Wird Schneck' und Auster nicht bei vollem Mohnden fetter?
Die Kräuter kriegen mehrern Safft;
Die Zwiebel schwindet nur; das Meer wird aufgeschwellet
Von des vermehrten Mohnden Krafft;
Des Mohnden-Steines Wunder stellet
Des Mohnden Lauff / Gestalt und Wachstum fürs Gesichte.
Der ist des Kefers Uhr / sein Speichel ist der Tau /
Das Silber sein Metall / ja er des Meeres Frau /
Und ieder Regen strömt aus seinem feuchten Lichte;
Das / wenn sein Schein ist voll / die Nacht
Im Winter warm / im Sommer kühler macht.
Hierinnen steckt die Brunst der Erd' und Sternen Amme;
Die / wenn sie Ertzt in den Gebürgen zeigt /
Zu dem Endymion ins Latmus Höle steigt /
Und sich vermählt mit's reichen Pluto Flamme.
Wenn aber sie in Sternen-Wider tritt /
Den Pflantzen teil't des Taues Perlen mit /
Wird der versteckte Pan im Wider-Fell umarmet.
Auch ist kein ander Irrstern nicht /
Der nicht von irrd'scher Liebes-Brunst erwarmet.
Die Lung' erqvickt des Hermes Licht /
Kweck Silber / Affen / Bien' / und Frösche sind sein Brut.
Die holde Venus zeugt Ertzt / Ambra / Schwane / Pfauen /
Stärckt was zur Zeugung dient durch ihre milde Glut.
Mars / der zwar Galle nährt / lässt sich doch fruchtbar schauen /
Wann Pardel / Wolff und Bok / Napell / Magnet und Stahl
Ihr Feuer von so heissem Sterne kriegen.
Ja es gebiehrt des Kinder-Fressers Strahl
Blei / Maulwurff / Eulen / Gift / Hauff / Wiedehopff und Fliegen.
Dem sich ein Monat nicht vermählet;
Das Jahr bringt keinen Tag / auch keine Nacht herfür /
Es ist ein Stern zur Würckung ihm erwehlet.
    Doch alle diese Liebes-Brunst
Ist kaltes Wasser / Wind und Dunst
Für der verliebten Sonnen Flammen /
Denn die ist's Himmels Hertz' / der Geist der ganzen Welt /
Die Seele der Natur / der Liebe Brunn und Amme /
Die sich uhrsprünglich nur in Hertz' und Seel' aufhält.
Die Sternen sind unfruchtbar / ohne Schein /
Wenn nicht die Sonn' in sie so Licht / als Saamen flösset.
Sie machet: dass die Zahl der Sterne sich vergrösset /
Weil mehrmahls Drach' und Schwan mit neuen trächtig sein.
Von ihrer Schwängerung gebiehrt
Die Erde Gold / das Meer Korall / die Bäume Früchte.
Die Welt ist aber todt / und die Natur gefriert /
Wo nur der kalte Bär mit dem geborgten Lichte
Bescheint die düstre Mitternacht /
Wenn's holde Sonnen-Rad die Sud-Welt schwanger macht;
Und durch ihr Licht der Isis Bild / die Erde
Befruchtet: dass sie Milch aus tausend Brüsten spritzt;
Dass ihre Mutter-Schoss Wein / Oel und Balsam schwitzt.
Jedoch zeigt diese Braut durch ihr verliebt Gebehrde
Wie angenehm ihr Bräutigam ihr sei.
Sie mühet sich sein Bild / der Sonne Liebes-Strahlen
Auf edlen Stein- und Blumen abzumahlen.
Die Sonne rennt so schleunig nicht vorbei /
Es folgt ihr die in sie verliebte Sonnen-Wende.
Sinckt denn die Sonn' in Meer und Nacht /
Verkehrn in Tränen-Tau sich aller Kräuter Brände.
Die Rose / die der Welt ihr Auge stets anlacht /
Schleusst ihre Blätter zu / entpurpert ihre Wangen /
Hängt zu der Erd ihr traurig Haupt /
Sie hüllt sich in die Nacht für lüsternem Verlangen /
Weil sie des Liebsten ist beraubt.
Wenn aber nur der Tag vermählet Erd' und Sonne /
So schöpfft Natur und Werck Erqvickung / Lust und Wonne.
    Alleine Deutschland noch vielmehr /
Nun seine zwei Gestirne sich vermählen.
Man wird die güldne Zeit von diesem Tag' an zehlen /
Der Nachwelt Wolstand rechnen her /
Da Herrmanns und Tussneldens keusche Flammen
Uns neigen zu des milden Himmels hold /
Der Erde Fruchtbarkeit / der edlen Freiheit Gold /
Und hundert tausend Seeln vereinbaren zusammen.
So segne die Verhängnüs-Hand
Nun euer festes Liebes-Band /
Die schon für tausend Jahrn in die Gestirne schrieb:
Die Heirat würde's Glück' aus Vaterland vermählen /
Es würden euren Stamm auch niemals Zweige fehlen /
Weil Erd' und Himmel würd' einander haben lieb.
                            Ende des Ersten Teils.
 
                                 Heldenmütige
     Liebes- und Lebens-Geschichte von dem teuren Freiheits-Beschirmer des
                         bedrängten alten Deutschlandes
               Arminius oder Herrmann und seiner Durchlauchtigen
                                  Tüssnelda /
                                        
                                  Ander Teil.
                       Uber den andern Teil des Arminius.
Der Weissheit Muster-Platz / das witzige Aten /
Liess einst Minervens Ruhm im Tempel aufzusetzen /
Befehl an den Alcmen und Phidias ergehn:
Sie sollten beiderseits ihr Bild in Marmel ätzen.
Die Arbeit ward vollbracht. Die Urtel lieffen ein.
Und endlich ward der Preis dem ersten zugesprochen;
Weil jede Linie weit schärffer ausgestochen:
Ja auch die Stellung schien von mehr'rer Kunst zu sein.
So sieht man Menschen oft mit Maulwurffs-Augen schauen /
Was sie / wie Luchsen / doch sich zu eraründen trauen.
Doch wie ein Seiden-Wurm in Raupen sich verkehrt;
So musste man gar bald ein ander Urtel fällen;
Nachdem dem Phidias sein Bitten ward gewehrt /
Und man die Bilder liess auf hohe Säulen stellen.
Denn nunmehr machte sich der Fehler offenbahr /
Und liess die kluge Welt aus allen Gliedern lesen:
Dass des Alcmenes Witz im Maasse blind gewesen /
Und Phidias sein Werck von bess'rer Teilung war.
So gar kann Wissenschaft / wie Silber von der Erden /
Durch Eil' und Unverstand oft überwogen werden.
Wer der gelehrten Welt in ihren Tempel gehn
Und eine Gleichung will mit Bild- und Büchern machen /
Wird lernen: dass wir noch nicht anders / als Aten /
Durch frühes Urtel oft das beste Werck verlachen.
Denn wem ist wohl der Streit der Federn nicht bekandt?
Wer weiss nicht / wie sich Wesp' und Honigseim verbinden?
Die grösten Fliegen sind bei Marzipan zu finden;
Die schönste Stirne wird von warmer Lufft verbrant;
So wird der besten Schrifft / nachdem sie nur geboren /
Auch die Verläumbdung bald zum Schatten auserkohren.
Der weise Plato ward vom Schüler schon verlacht;
Der güldne Cicero vom Crispus umbgetrieben.
Polybius wird noch in Schulen oft veracht;
Da keiner doch so treu von Deutschen hat geschrieben.
Scioppius verwirfft den klugen Tacitus;
Weil er der Laster Brunn im Nero nicht verschwiegen:
Ja Strabo suchet schon im Metrodorus Lügen /
Und hat an Mängeln doch selbst einen Uberfluss.
So artig wissen wir durch Urtel uns're Flecken /
Wie Parden ihre Haut im Laube / zu verstecken.
Ein eintz'ger Kopff gebiehrt oft tausendfachen Streit /
Gleichwie ein Finsternis im Meere tausend Wellen.
Drumb schilt Riccobonus der Römer Liebligkeit /
Weil ihre Federn nicht nach seiner Zunge qvellen;
Und meint: dass Plinius viel Worte nur geschmiert /
Der Tacitus zu rauh / und Flor zu kurtz geschrieben;
Sveton und Spartian die Sprache schlecht getrieben /
Und endlich Marcellin zu harte Reden führt' /
Als ob der Sonnen Licht die Strahlung von den Sternen /
Rom aber Römisch noch von Kindern sollte lernen.
Der Alten Possen-Spiel trifft auch die neue Welt /
Nur dass Person und Platz im Spiele sich verkehren.
Des Cominäus Ruhm / den Gallien erhält /
Sucht Mejer / wie der Blitz die Cedern / zu verzehren.
Sleidanus Arbeit wird von vielen schlecht geschätzt /
Und hat / wie Strada / schon ihr Urtels-Recht erlitten.
Wie hatte den Tuan Baptista nicht verschnitten?
Wie ward dem Lipsius die Feder nicht gewetzt?
Und was will Cromer nicht vor Fehler andern zeigen /
Die doch bei Dutzenden aus seinen Schrifften steigen?
Das macht / die meisten sind vor grossem Eyfer blind /
Und führen Gall und Zorn im Kopffe wie Sardellen:
Drumb kann ihr Urtel / das von Wermut fast zerrinnt /
Wie Qvitten / nicht zugleich mit Muscateller qvellen.
Den andern mangelt gar zuweilen der Verstand /
So wie den Krebsen Blut und wilden Bäumen Feigen.
Ja wenn ihr Geist sich soll im Altertume zeigen /
So ist den Aermsten oft das Jota kaum bekand;
Und dennoch soll ihr Ruhm nach tausend klugen Griechen /
Und ihre Feder / wie Cardanus Atem / riechen.
Doch rechte Weissheit bleibt so wenig unterdrückt;
Als Pyrrhus edles Hertz im Feuer kann verbrennen.
Denn Sterne werden doch durch Glas und Kunst erblickt;
Und Purpur lernet man bei reinem Purpur kennen:
So steigt der Bücher Glantz auch endlich Himmel-an /
Wenn ihre Schrifften sich auf höhe Säulen stellen.
Das ist: wenn Witz und Fleiss das Urtel drüber fällen /
Und der Gelehrten Spruch dem Pöfel dargetan:
Wie wenig den Bodin ein Sergius erreichen /
Und sich Pallavicin kann einem Svavis gleichen.
Die Arbeit Lohensteins hat beides schon erlebt /
Eh noch ihr Wesen recht zu leben angefangen.
Denn vielen ist der Ruhm / der ihren Geist erhebt /
Nicht anders als der Senff in Nasen aufgegangen;
Viel haben ihren Mosch mit Schierling überstreut /
Und nur wie Araber den Balsam angerochen;
Biss Recht und Klugheit ihr die Palmen zugesprochen /
Und endlich wahr gemacht: dass Eyfersucht und Neid /
Wie Dünste durch die Glut der Sonnen auf der Erden /
Durch Schrifften / zwar erregt / doch auch gebrochen werden.
Jetzt tritt der andre Teil in die gelehrte Welt /
Sich an dem Ehren-Preis des ersten zu ergötzen /
Und will den Blumen-Tantz / den jener vorgestellt /
Durch einen Wunder-Streit von Bäumen hier ersetzen.
Vielleicht zum Zeugnüsse: dass Rosen und Jasmin /
Doch am Geruche noch dem Myrrhen-Saffte weichen;
Chineser-Aepffel mehr als Lilgen Anmut reichen /
Und Bücher insgemein mit grosser Arbeit blühn /
Im schliessen aber so wie reiffende Morellen /
Auch von sich selber oft mit süssem Zucker qvellen.
Und warlich allzu recht. Denn dorten blitzt der Krieg
Und lässt der Deutschen Reich in Flammen fast zerfliessen:
Hier schleusst Arminius den Frieden-vollen Sieg /
Und hat das Vaterland der Römer Macht entrissen.
Das erste haben schon die Barbern ausgedacht;
Hier aber werden viel die klugen Lehren finden:
Dass / wer den Frieden will auf blosses Eisen gründen /
Ihn wie Oliven-Safft in Blei / zunichte macht /
Und Fürsten rühmlicher mit schlauen Krokodilen /
Durch Weichen und Verstand / als scharffe Waffen / spielen.
Wo aber heb' ich an / den ungemeinen Geist
Des Edlen Lohensteins nach Würden auszudrücken?
Der / was in andern man nur Glieder-weise preisst /
Hier voller Wunder lässt aus einem Buche blicken.
Denn auch Gelehrte sind mit ihrer Phantasei /
Wie Affen offtermahls mit Honig / nicht zu füllen.
Drumb misst Mirandula der Grobheit tausend Grillen /
Und Anaxagoras dem Monde Berge bei:
Er aber war bemüht / wie Bienen / zu ergründen /
Wie man viel Blumen soll in einen Teig verbinden.
Der Menschen erstes Licht ist Himmel und Natur /
Wie Schwefel-Werck und Saltz das Leben dieser Erden.
Ein unvernünftig Tier muss witzig durch die Spur /
Die Seele durch Vernunft zu einem Engel werden.
Wer sieht nicht was sein Fleiss vor Proben abgelegt?
Wie er das kluge Wachs der Alten umbgegossen /
Den Geist des Socrates vom neuen aufgeschlossen /
Den weisen Seneca Tussnelden eingepregt /
Und endlich durch sein Licht im Schreiben mehr erwiesen;
Als man an dem Petrarch' und Loredan gepriesen.
Die Staats-Kunst / die nechst Gott des Scepters Auge sein /
Und Fürsten / wie den Leib der Schatten soll bedecken /
Schleusst er weit lustiger in Liebes-Zucker ein;
Als sie Savedra weiss in Bilder zu verstecken.
Der tieffe Gracian legt seinen Ferdinand /
Wie eher sich August / vor seinem Herrmann nieder:
Uns aber scheint der Glantz der alten Zeiten wieder;
Weil wir des Letzten Bild in Leopold erkandt /
Und uns ein Lohenstein in alten Finsternüssen /
Die Sonne dieser Zeit so artig abgerissen.
Doch Staats-Gedancken sind in Fürsten Kinder-Art.
Denn beide pflegen sich beim Feuer zu verbrennen;
So lange sich ihr Witz nicht mit Erfahrung paart /
Und sie ihr Ungelück aus frembder Angst erkennen.
Drumb laufft sein Eyfer auch in die vergangne Welt /
Und forscht: woher der Brunn der Deutschen sei entsprungen;
Wie weit der Marobod den Degen hat geschwungen /
Und das Verhängnis Rom die Grentzen ausgestellt;
Doch so / dass mehrenteils gleich wie in Purpur-Schnecken /
Die Perlen neuer Zeit in alten Schalen stecken.
Diss Ernst-erfüllte Werck mischt sein geübter Geist /
Wie Köche kostbar Fleisch mit süssen Mandel-Kuchen;
Wenn er die Eigenschaft der Dinge besser weis't /
Als Schott- und Lemnius mit vieler Arbeit suchen;
Bald auch den Gottesdienst der alten Welt betracht
Und seine Fehler weiss im Grunde vorzustellen:
Zu zeigen / dass auch Most den Magen kann vergällen /
Der beste Bisem oft wie Knobloch Eckel macht /
Und Lehren / wenn wir sie zu viel und häuffig brauchen /
Wie falscher Weirauch oft ohn alle Glut verrauchen.
Ich weiss nicht / ob ich auch noch von der Poesie
Der Feder Lohensteins soll ihren Ruhm erheben?
Denn Verse kosten so wie Blumen grosse Müh /
Da beide mit der Zeit doch keine Früchte geben.
Und hat auf Erden gleich ein Constantin regiert /
Der nur in seinen Rat Poeten aufgenommen;
So sind doch hundert schon in seine Stelle kommen /
Die dieser Köpffe Gold mit Flecken angeschmiert /
Und eher Gips und Kalck und stumme Marmel-Götzen /
Als einen Sanazar / auf ihre Schrancken setzen.
Diss aber weiss ich wohl: dass diese kluge Schrifft
So / wie Erasmus Werck / aus krancker Hand entsprossen.
Wenn nun ein Plautus ihm noch Ehren-Maale stifft /
Weil ihm bei Mühlen oft das beste Spiel geflossen;
Ein Magius sich rühmt / dass er ein grosses Buch /
Wie Campanella / gar in Fesseln hat geschrieben;
So fordert ja der Geist / der diesen Kiel getrieben /
Zur Tinte Ceder-Safft / zur Tafel Purpur-Tuch;
Weil unser Lohenstein / bei Kranckheit und bei Sorgen /
Ihm offters auch die Zeit zum Schreiben musste borgen.
Drumb splittert / wie ihr wolt / ihr Tichter kluger Welt /
Und macht durch Urtel euch zu grossen Bücher-Riesen!
Diss / was eu'r Unverstand an dieser Schrifft vergällt /
Hat / eh ihr sie gesehn / schon der Verstand gepriesen.
Ein Buch geht wie der Wein nicht allen lieblich ein;
Weil viel wie Käfer sich am Kote nur ergötzen:
Die Klugheit nur allein kann hohe Seelen schätzen
Und beim Arminius wird diss stets richtig sein:
Man wird die Sonne schon ein ewig Feuer nennen /
Obgleich ein Blinder sie nicht kann davor erkennen.
                                                  Dieses schrieb dem Seel. Herrn
                        Verfasser zu Ehren
                                                              Benjamin Neukirch.
 
                                     Inhalt
                               Des Ersten Buches
Deutschland schöpfet aus Hertzog Herrmanns Vergnügung seine eigene / aus der
wieder erlangten Freiheit allgemeine Eintracht und Vorsichtigkeit wider ihre
verdächtigen Feinde die Römer; ihre Herrschens-Sucht und Staats-Griffe bei
Kriegs- und Friedens-Zeiten. Deutsche Freiheit wem sie gleiche? Der Feldherr
Herrmann verkauffet dem Käyser August für einen blauen Dunst des vorgeschlagenen
Friedens einen nicht ungleichen Nebel. Schwerigkeit zu Ubersteigung des
Alpen-Gebürges. Ursache der vom Käyser denen Galliern verminderten Schatzung und
verliehenen Römischen Bürger-Rechts. Marbod kommet wegen seiner mit dem
Ingviomer gehaltenen geheimen Ratschläge beim Käyser in Verdacht / das
erschöpfte und erschreckte Rom aber zu verzweifelten Entschlüssungen wider die
Deutschen. Des Käysers verkehrtes Glücks-Spiel durch keine menschliche
Vorsichtigkeit zu ändern. Unter den kriegerische Anstalte schleichet auch die
Liebe mit ein / und die Deutsche bauen gleich den Samiern in dem Tempel der
Pallas der Liebe ein Altar auf. Wett-Streit: ob das Hertz oder die Liebe im
Menschen zuleben anfange? Im Menschen überwinden anderer Beispiele die Leitung
der Vernunft. Freude die alleroffenhertzigste unter denen Gemüts-Regungen.
Aehnligkeit und Gemeinschaft so wohl der Seele als des Leibes / das vornehmste
Quell und Meklerin der Liebe. Hertzog Flavius Liebe gegen die Königin Erato /
Jubils gegen Leitolden /Catumers gegen Adelgunde / Siegmunds gegen Zirolanen /
Malovends gegen die Cattische Fürstin Catta. Gegen-Liebe nicht allemal die
Tochter der Liebe. Liebe pflegt ihren Brand in eines andern Kühlung /und ihre
Erleichterung / gleich wie Kranckheiten / in der Entdeckung zu suchen. Augen und
Geberden des Hertzens deutliche Verräter. Der Liebe und des Feuers gleiche
Beschaffenheit. Träume oft mehr ein Brutt der Tages-Gedancken / als Göttliche
Offenbarungen. Sein Unglück vor Freunden und Feinden verbergen /damit jene sich
nicht betrüben / diese aber sich nicht kitzeln können / das gröste Glück.
Verschwiegenheit die Spann-Ader der Klugheit; aber gegen geprüfeten Freunden was
geheimes verhalten / eine Beleidigung. Liebe junger Leute das gröste Ungeheuer.
Tussneldens Geburts-Fest und die dabei vorgestellte Aufzüge geben dem Flavius
Gelegenheit seine Liebe der Königin Erato zu offenbaren / und sie auf alle
ersiñliche Weise zur Gegen-Liebe zu bewege. Liebe der Unmögligkeit gewiedmet
säet nichts als Unvergnügen / und erndtet an statt der verlangten Gegen-Liebe
nur Unlust und Verzweifelung. Der Liebe Geburt / Kindheit und Auferziehung. Der
Königin Erato bescheidentliche Ablehnung. Aller Wohltaten Kern die Liebe; ihre
Herrschaft über Leib und Seele. Furcht der betrüglichste Mahler in seinen
Bildungen. Der Liebe Ehren- und Schand-Titul. Des Flavius und Issmenens seiner
Schwester Besprechung über der Heimligkeit ihrer unterschiedenen Liebe.
Eigenschaft der Liebenden aus einem Pfund einen Centner / aus zweifelhaften
Dingen eine Unmögligkeit zu machen. Schönheit hat die Natur zur Mutter / und die
ganze Welt zur Anbeterin. Die Natur in Bildung aller Geschöpfe freigebig / beim
Menschen verschwenderisch / so wohl in Unterscheidung der Seelen / als
Antlitzer. Aehnligkeit der Ursprung einer wahrhaften Liebe. Vollkommene
Schönheiten gleich der Sonne allen schön. Die erste Empfängüss der Liebe so wohl
die kräfftigste / als reinste / die allerempfindlichste Vergnügung ihre
Erst-Geburt. Die Liebe der Hoffnung Hertz-Blat. Des Neides und der Missgunst
Früchte. Der Anverwandten Liebe Uhrsprung das Geblüte / der übrig-verliebten die
Sternen. Des Eigen-Nutzes und Herrschens-Sucht schädlicher Gift. Je grösser die
Liebe / ie grösser der Hass auf jenes Verlust. Der Königin Erato geheimer Kumer
dem Fürst Zeno des Flavius an sie gemutete Liebes-Anfechtung zu verschweigen;
Ismenens Hoffnung des Zeno Bewogenheit zu gewinnen. Rhemetalces Erzehlung in
Tusneldens Zimmer in Anwesenheit der übrig erlauchten Gesellschaft von denen
Verwickelungen Traciens und seine dabei gehabte Zufälle. Traciens
Fruchtbarkeit /der Inwohner Beschaffenheit und des Adels Merckmahle. Tracien
des Kriegs-Gottes Vaterland. Seine übrigen Götter / Tempel / Gottesdienst und
freien Künste; Seine Grösse / Ursprung und auf einander folgende Könige. Der
Tracier Ausbreitung in Asien. Sesostres Siege fast über die halbe Welt; Seine
in Tracien am Berge Rhodipe aufgerichtete marmelne Säule und Egyptische
Uberschrifft. Der Tracier und übrigen Heidnischen Völcker Beschneidungs- und
Lebens-Art. Ihre Verfallung unter die Odrysen; Ihr neu-aufgerichtetes Reich
zwischen dem Flusse Hebrus und Pontus / Strymon und dem Pangäischen Gebürge /
dessen beherrschende Könige. Harpalice errettet ihren gefangenen Vater Lycurgus
durch einen herrlichen Sieg von den Geten / und wird über dem Euxinischen Meer
über die Amazonische Herrschaft ihrer Hertzhaftigkeit halber zur Königin
erwehlet / ihr Bruder aber auf den Väterlichen Stuhl gesetzet. Seine Nachfolger.
Des Cotischen Reichs nachteiliger Nahme; Seine Uppig- und Grausamkeit. Tracien
wird endlich seinen Söhnen zum Zanck / dem Macedonischen Könige Philipp aber zum
Reichs-Apfel. Der Leib eines Reichs nicht weniger als des Menschen allerhand
Zufällen unterworffen. Aberglaube der Tracier macht den Alexander
unüberwindlich /ihre tapfere Gegenwehr aber letzt zu Staube. Dessen Nachfolger
in Tracien Lysimachus; Seine Helden-Taten und Vorbedeutung seiner Herrschaft.
Seine Gefangenschaft und wieder erlangte Freiheit. Seiner Gemahlin Arsinöe
Meuchel-Mord an seinem zum Reich bestimmten Sohne Agatocles wegen verweigerter
Blut-Schande. Seines zweiten Sohnes Abfall zum Seleucus; Sein blutiger Tod und
fernere Reichsfolge der übrigen Tracischen Könige als rechtmässigen Vorfahren
sein des Rhemetalces. Seines Vaterlands mehrere Zufälle / dieser Völcker mit den
Geten und Tribalen wegen Gleichheit der Sitten getroffene Vereinbarung; Ihr Sieg
in der Schlacht bei Uscana wider die Römer. Perseus und des bei ihm als Geissel
sich befindenden Königlichen Cotyschen Sohnes Gefangenschaft. Seine nebst der
übrig gefangenen Tracier durch Gesandschaft nach Rom wieder erlangte Freiheit.
Des Tracischen Königs Cotys fernere Nachfolger. Seiner Schwester wegen Verlust
ihres Bräutigams ausgeübte Grausamkeit wider die Römer. Des Mitridates mit den
Traciern unglücklich-aufgerichtetes Bündnis. Die Römischen Waffen durch
Bürgerliche Zwietracht von Tracien abgezogen / durch die genossene Friedens-Ruh
dagegen die Welt-Weissheit eingeführet. Tracien des ins Elend verjagten Cicero
Auffentalt / und die vom Philiscus bekommene Propheceiung. Der Fürsten
Botmässigkeit die Vernunft. Cæsars gesuchte Feindschaft bei den Traciern und
Galatern; Sein blutiger Tod; Brutus und Cassius Beschirmer der edlen Freiheit.
Der Stadt Rom dreiköpfichte Beherrschung und Zwietracht. Traciens
Unglücks-Stern. Sadals Beherrschung. Seine Unempfindligkeit in der Liebe mit
ungemeiner Eifersucht vergesellschaftet. Der Tracier grosses Feir und Tempel
des Bachus zu Oresta. Des obersten Priesters Würde die nechste beim Könige.
Eines unempfindlichen helffenbeinernen Bildes hohe Anwehrung beim Könige Cotys
verursachet beim Königlichen Sohne grosse Empfindlichkeit / und hiedurch eine
Zerdrümmerung aller zeiter im Tempel angebeteten Alabastenen. Apamens des
Königs Deldo Tochter überirrdische Schönheit und Holdseeligkeit erwecket bei dem
von Liebe sonst Eis-kalten Sadal empfindliche Liebes-Flammen / und ein darüber
geführtes sinnreiches Wechsel-Gespräche. Der Liebe und Heuchelei Aehnligkeit auf
gewisse Maas. Tracien der reinen Liebe Vaterland und Gewonheit der Weiber sich
mit ihren verstorbenen Männern auf dem Holtzstoss zu verbrennen. Bekümmernis und
Sorgfalt bestürmet Sadals in Liebe verwickeltes Gemüte. Sein mit Apamen zu
Oresta begangenes Beilager. Eifersucht macht ihm seinen eigenen Schatten zum
Nebenbuhler / setzet den ganzen Königlichen Hof insonderheit Apamen in höchste
Bestürtzung / Sadaln selbst aber in mancherlei verwirrete Abwechselungen. Der
keuschen Apame ihrem Gemahl gewillfahrte Erzehlung: wie der Dacier König Decebal
und der Quaden Hertzog Holderich vergeblich umb Sie geworben / dieser auch von
jenem ihrentwegen meuchelmörderischer Weise umbs Leben kommen / erwecket aufs
neue Gall und Gift in Sadals eifersüchtigem Gemüte. Apamens
letzt-ausgebrochene Ungedult und verzweiffelte Entschlüssung. Eifersucht der
gifftigste Wurm der Seele den Todten selbst aufsätzig. Apamens Flucht in der
Dianen Tempel und Vorsatz sich dieser Göttin auf ewig einzuweihen ziehet Sadaln
eine heftige Ohnmacht / diese dem Vater Cotys aber den Tod zu. Des Erstern
hierauf erfolgte Raserei und Gelübde den Tempel der Diane und des Bachus zu
stürmen. Wunderbare und höchst-verbindliche Verschwerungs-Art über den Geilen
gewisser Tiere. Des Bacchus Tempel bei den Traciern vor die wesentliche
Wohnung GOttes gehalten. Die Art und Weise ihrer Opfferung und dardurch gesuchte
Heiligkeit nebst Abwaschung des Volcks Sünde. Der Apame durch einen Pfeil dem
Könige Sadal ihrem Sie belägernden Gemahl abgeschossener Abschieds- und
Absage-Brieff / auch ihre darauf erfolgte Abstürtzung von einer Höhe eines
Turmes. Sadals hieraus entstandene Entseelung und allzu späte Bereuung seines
Beginnens. Aberglaube eine Verbländerin der Augen und der Vernunft /ingleichen
eine Aufwieglerin wider den König Sadal. Des Pöfels Witz nicht im Gehirne
sondern in der Stärcke ihrer Armen. Sadals Flucht von Oresta. Cotys seines
Bruders Krönung und Vereinbarung der Königlich- und Priesterlichen Insel. Dessen
löbliche Herrschaft und der unvergleichlichen Apame von ihm aufgerichtetes
herrliche Grabmal. Sadals gesuchte Hülffe beim Römischen Kayser und Marcus
Antonius. Des Cotys beim Brutus und Cassius. Beider Schlacht und zweiffelhafter
Sieg nicht minder wegen der Römischen Freiheit und deren Beherrschung als der
Krone Traciens. Des Cassius ihm selbst aus Irrtum zugezogener Tod. Des Brutus
sonderbare Kriegs- des Antonius Staats-List durch das von Elis nach Oresta
gebrachte Wunderbild des Bacchus; die ihm getane Opfer- und Einweihung dardurch
den Cotys auf andere Gedancken zu bringen. Zwei Adler deuten dem Brutus den Tod
und mit ihm Rom die Dienstbarkeit an. Seine letzten dem Hercules abgelehnte
hertzhaften Worte. Sadals und seines Bruders Cotys Uneinigkeit der
herrschenssichtigen Römer Vorteil. Antonius Wollüste. Sadals Tod und letzter
Wille. Cotys Gesandschaft und Ansuchen zu Rom wird durch des Pompejus Sieg
wider die Römer befördert / ganz Tracien ihm unterwürffig / und er zu einem
Bunds-Genossen der Römer gemacht. Sein Tod und unmündige Söhne nebst ihrer
Bevormündung. Angesponnener Bürger-Krieg zwischen dem Kayser Octavius und
Antonius Tracien gefährlich. Des Kaysers Siege und des wollüstigen Antonius
offtmalige Niederlagen durch die liebkosende Cleopatra und der Seinigen Abfall
befördert. Des Antonius Flucht in Egypten. Des Rhemetalces und Dellius höfliche
Bewillkommung beim Kayser. Dessen angefangener Hochmut und Göttliche Verehrung
ziehet denen benachbarten Völckern allerhand Unheil zu. Der Dacier und Bastarnen
Bündnis wider die Römer. Des Römischen Feld-Hauptmanns Crassus Betrug wider des
Bastarnischen Königs Deldo Gesandschaft und seine eigene Person. Des jüngern
Rhemetalces allzu frühzeitige Herrschaft Tracien nachteilig. Verstand und
Erfahrenheit schwacher Greise / nicht junge und starcke Knochen / der Reiche
Pfeiler. Des Crassus unumbschrenckte Krieges- und Sieges-Macht / am meisten aber
die Liebe des Vaterlandes nötiget den verlebten Vetter Rhemetalces sich der
Reichs-Sorge wieder anzumassen. Augustus willkührliche Reichsteilung verursachet
teils Liebe / teils Missgunst /Rhemetalces Tod dem Reiche gleich der
untergehenden Sonne / eine abermalige Verfinsterung. Der Dacier / Pannonier und
Dalmatier Aufstand wider Rom. Andacht oder vielmehr Aberglaube die Grundfeste
des Bessischen Königs und obersten Bacchus-Priesters Vologesens / das Tracische
Reich zu behaupten /den Rhemetalces vom Trone zu stürtzen / den Rhascuperis
aber zum grausamsten Schlacht-Opfer zu machen. Seine des Vologeses bei denen
bezauberten Traciern verlangte Heiligkeit und Vergötterung. Des Kaysers
Staats-kluge Verweigerung seinen Kopff auf das grosse Bild pes Bacchus am
Gebürge Rhodope setzen zu lassen. Vologeses untergehende / Rhemetalces hingegen
wieder aufgehende Glücks-Sonne kurtz hierauf in einen neuen und plötzlichen
Unstern verwandelt. Sein Tod und Nachkomlinge; dieser ihre Danckbarkeit und
Vorschub gegen Rom und dessen Heerführer den Tiberius und Germanicus zu
Erlangung ihrer Pannonischen Siege. Rhemetalces Schwermut über dem Fortgange
seiner dem leiblichen Vater Rhascuperis oder vielmehr seiner lasterhaften
Stief-Mutter Ada zum Nachteil gereichenden Erzehlung. Der Scyten Grausamkeit
und Abschlachtung ihrer verlebten Eltern. Laster und Unglück in gewissen Stämmen
erblich. Tugenden der Weiber der gemeinen Wolfahrt so nütze / als die der
Männer; ihre Laster aber unvergleichlich schädlicher. Der Königin Erato und
Hertzog Jubils beigefügte sinnreiche Gedancken über das Männ- und Weibliche
Geschlecht / ihren Vorzug / Tugenden und Laster. Verstand und Hertzhaftigkeit
die Maus- und Spañ-Ader der Seele. Das Hauptwesen die Abbildung eines grössern
Staats und Grund-Säule der gemeinen Wolfahrt. Die gute Art und das Wolgeraten
der Kinder nicht so wohl den Vätern als Müttern / wie das Gold den köstlichsten
Ertz-Adern zuzueignen. Der lasterhaften Ada Ankunft und Hass gegen edle und
tugendhafte Gemüter mit Erhebung des leichtsinnigen Pöfels. Allzu geschwinde
Erhöhung ein Bländnis der Vernunft / wie übermässiges Licht des Gesichts.
Gleichheit die Grundfeste des Ehebettes. Tracien wie andere benachbarte Länder
von denen Asiatischen Wollüsten durch die Ada angestecket; Ihr neu-eingeführter
schändliche Gottesdienst und Verschwendung in Speise / Kleider und anderer fast
unersinnlichen Pracht. Unzehlbare Arten der von Ada gebrauchten Schmincken; die
durch deren Gebrauch erlangte Schönheit / ob solche zulässlich? Einbalsamirung
den Morgenländern gewöhnlich und den Leibes-Kräfften dienlich. Schamröte das
Saltz und die Morgenröte der aufgehenden Tugend; Ihr zu Aten aufgerichtetes
Altar und göttliche Verehrung. Der Deutschen Schmincke und Anstrich rein Brunn-
und Tau-Wasser. Auch wesentliche Schönheit ausser ihrer rechten Anwehrung ein
böses Gut / und schädlicher als Schmincke nach Art der von Gold und buntesten
Farben gläntzenden gifftigsten Tiere. Schönheiten / Blumen und Balsam einerlei
Urteil unterworffen. Wie mancherlei Völcker / so mancherlei Völcker / so
mancherlei Sitten und Lebens-Gebräuche. Blösse bei einigen Völckern ein
Kennzeichen der Unschamhaftigkeit / bei andern ein Zügel der Begierden / ja der
tieffsten Andacht. Der Geilheit und Nacht-Eulen einerlei Eigenschaft verborgene
Hölen und Finsternis zu suchen. Die Liebe vergnügt weder eine geschleierte Vesta
noch eine nackte Venus / weder zu viel / noch zu sparsame Wollust. Schmincke und
Farbe eine betriegliche Mahlerin der Hässlichkeit und Larve der Schönheit. Ihre
Schätzbarkeit von schlechtem und unbeständigem Wert. Unterschiedene Milch- und
Blut-Bäder / worzu und von wem sie gebrauchet? Der Hoheit Irrtum über die
Schädligkeit der Laster. Neuigkeit niemals ohne freundliche Stirne und
köstlichen Geschmack. Ehrsüchtige Herrschaft dem immer-wachsenden Crocodil
gleiche. Der Ada gifftige Anschläge wider die Königin Parysatis durch einen
besondern Zufall wieder wendet. Parysatis verlieret das Kleinod der Ehre beim
Rhascuporis und das bei ihr noch schätzbarere am Halse in währendem Beischlaff
durch die listige Ada. Beider hieraus erfolgte verzweiffelte Entschlüssungen.
Geilheit und verschlagen sein der Parysatis und Ada vermögend den klügsten König
Rhemetalces zu hintergehen / und der vorhin vertrautesten Eriphylen auf
unerhörte Grausamkeit das Lebens-Licht auszuleschen / also an dieser Laster
durch Laster zu straffen; dagegen aber auch vermittelst beider wachsenden
Bosheit Laster durch Laster aufs genaueste zu verbinden. Parysatis schändliche
Hinrichtung durch die Ada und den König befördert; Ihre vom Fluss Hebrus
ausgeworffene und an ihrem unter anderm Vorwand des Todes gehaltenen
Begräbnis-Tage ans Licht kommende Leiche erwecket wieder den deshalben
verdächtigen König ihren Gemahl Hass und Aufruhr / mit Verweigerung seiner im
Tempel des Bachus gesuchten Frei- und Sicherheit. Die Hinrichtung des Königs und
Verfolgung des Königlichen Printzens Cotys durch die herrschens-sichtige Ada und
ihren deswegen geliebkosten Gemahl den Rhascuporis zu wider des jüngern
Rhemetalces bewerckstelliget. Herrschens-Sucht von aller Blut-Freundschaft und
Barmhertzigkeit entfernet. Ratschläge einerlei Verhängnis mit den Gesichtern /
dass die Schönen allein gefallen. Der boshaften Ada gifftige und
meuchelmörderische Nachstell- und Verläumbdungen gegen den frommen Rhemetalces
ihren Stief-Sohn durch dessen Tugend und Unschuld wunderbarer Weise zernichtet.
Rhemetalces von seines Vaters des Rhascuporis siegenden Feinde Cotys aus dem
Gefängnis erlöset / mit halb Tracien / Rhascuporis aber durch dieses seines
Sohnes Vorbitte mit einem unverhofften Frieden beschencket. Rhemetalces schlüsset
seine bisherige Erzehlung mit seiner neuen Bewillkommung zu Rom und Zurückkehr
in des Varus den Deutschen bald darauf zur Beute gediegenes Lager. Rhemetalces /
des Flavius und Zeno mit der Königin Erato und Ismene geführte Liebes-Rätzel.
Geschwinde Liebe gleich allen schweflicht-verloderndensten Dingen die
vergänglichste. Flavius suchet den Zeno bei der Königin Erato in Verdacht / sich
aber ans Bret zu bringen. Seine deswegen lauffende Gefahr. Der Königin Erato
Gesellschaft mit dem Flavius dem Fürst Zeno argwöhnisch und unerträglich.
Ismenens aus eigener Liebe entsponnene und zu der Königin Erato Verachtung
versuchte Besänftigung. Aehnligkeit und Gleichheit der beständigste Brunn der
Liebe / Ungleichheit aber ihr Wechselbalg. Fürst Zeno und Ismene in ihrem
Gespräch verstöret / und von Saloninen verraten. Der wahren Tugend
Eigenschaft. Tusnelde suchet über Saloninens ausführlichem Bericht die in
höchster Bestürtz- und Verzweiffelung sich befindende Königin Erato zur
Vernunft; der Feldherr aber seine in den Fürst Zeno verliebte Schwester zu
einer Staats-Heirat an den Cattischen Hertzog Catumer zu bringen. Ismenens
heftiger Widerstand. Wie viel Afftergestirne und Irrlichter in der Welt; So
viel unachte Ursachen der Liebe. Hertzog Jubils Versprechnis die Cattische
Hertzogin zu heiraten gebiehret in der Liebe Ismenens mit dem Fürst Zeno eine
neue Schwerigkeit. Schönheit / ob sie ein selbstständiges oder nur in der blossen
Einbildung bestehendes Wesen / und ob solche den Göttern des Glücks und
Reichtums vorzuziehen? Ergötzligkeit der Liebe Unter- das Glück ihr Deck-Bette
/ und die Würde ihr Haupt-Küssen. Staats-Klugheit der meisten Heiraten Kupplerin
/ und wie weit hierinnen der Zügel zu entengen? Der vom Feldherrn zwischen dem
Fürsten Catumer und seiner Schwester Ismenen gemachter Heirats-Schluss erwecket
beim Adgandester seiner dem Cheruskischen Hause geleisteten Treue halber Verdruss
und Eifersucht. Von Fürsten und ihren Höfen auch im verborgensten zu urteilen
gefährlich. Der Römer Anzug eine Verhinderung dieser Vermählung. Tusneldens
Geburts-Tag und Feier allen Hohen des Hofes eine Gelegenheit durch Tapferkeit
Ehre / bei ihren Buhlschaften aber Bewogenheit und Missgunst zu erwerben.
Zirolanens Kaltsinnigkeit gegen den sie heftig-liebenden Fürst Siegemund /
Bewogenheit aber gegen den Rhemetalces. Hertzog Hermanns Feldzug und Abschied
von seiner schwangern Tusnelde sehr schmertzlich. Unterschiedener Völcker
mancherlei Gottesdienst / Heilige und Priestertum / aus was vor Geschlechtern
dieses erwehlet? Sinn-reiche Vorstell- und Abbildung der Jahrs-Zeiten. Der
Weissheit edler Schatz durch keine Geburt fortgepflantzet / sondern durch Mühe
und Fleiss erwerblich /auch keinem gewissen Geschlecht eigentümlich. Des Pöfels
Einfalt und Unverstand vor eine Staats-Klugheit und Befestigung eines Reichs zu
halten. Der alten Deutschen Gottesdienst. Der Haare Hochschätzbarkeit und
Heiligtum bei den Alten. Des Flachses und Leinwand / der Webekunst und
Stückwercks gestiegener Wert / Herrligkeit und Vaterland. Der Bräute bei den
Römern besondere Mitgifft durch einen angelegten Rocken und Spindel. Der von
Catta in Hertzog Jubils Liebe beeinträchtigten Fürstin Leitoldes zur Herta
Gottesdienst Einweih- und Opferung. Ihre Erhebung der himmlischen / mit
Verwerffung aller eiteln vergänglichen Liebe. Der Schaafe und Rind-Viehs
mancherlei Land-Art und Nutzbarkeit. Des Ackerbaues grosses Lob. Der siebenden
Zahl Geheimnis und Heiligkeit wie in andern Verrichtungen / also auch beim
Opfer-Gebrauch. Des geheiligten Opfer-Feuers Krafft und dabei mit
unterlauffender Aberglaube. In unvernünftige Tiere wüten sündhaft und
straffbar. Der Opfer-Tiere erforderte Art und Beschaffenheit. Des Saltzes
Hochschätzbarkeit / dessen vielfältig herrlich- und heiliger Gebrauch.
Wahrsagende Brunnen-Gedancken. Schlangen sprechen auf ganz sinnreiche Art durch
ihre Zusammenflechtung der Königin Erato den Zeno ab / und diesen dagegen
Ismenen zu. Eines Einsiedlers nachdenckliche Reden von Beschaffenheit des
Elementarischen Himmels /der grossen und kleinen Welt / als einer wolgestimten
Harffe des Allerhöchsten / und aus was vor gleichstimmigen Saiten ein jedes
bestehe? Tusnelde / Ismene / Erato und das übrige Fürstliche Frauen-Zimmer des
Hofes befindet nachgehends in der Gegend und bei der Lehre dieses Einsiedlers:
dass die Gemüts-Vergnügung wie der Tau des Himmels nicht auf den Mistauffen
der Städte / sondern in der unschuldigen Einsamkeit zu suchen sei.
 
                                  Erstes Buch.
Deutschland genaass nunmehr so wohl der edlen Siegs-Frucht / nämlich der Freiheit
/ als der grosse Feldherr Herrmann der süssesten Liebe. Denn ob zwar die
Deutschen zeiter von den Römern nur wie die Löwen eingesperrt gewest waren /
für denen sich ihr Hütter mehr / als sie für ihm sich fürchten; so war doch der
Römer Bekümmernis ihnen keine Ergetzligkeit; von der sie nun auf einmal
gleichsam überschwemmt waren. Jedoch sättigten sie sich nicht an dem Genuss
dieses unschätzbaren Gutes / sondern sie beteilten sich auch mit ihres
Feldherrn Vergnügung; gleich als wenn Deutschland nur von dem reinen Feuer
seiner Liebe seine Freude / wie nach dem verjagten Xerxes Griechenland nur in
der heiligen Ampel zu Delphos seine Opfer-Kertzen anzünden müste. Also war
niemand / der nicht seine Gemahlin bald schwanger zu sein wüntschte / oder aus
Verlangen schon zu sein glaubte; umb Herrmanns Haus bald mit einem künftigen
Nachfolger unterstützt / und das Vaterland künftiger Zwytracht entübrigt zu
schauen. Denn dieses Helden Verdienste drückten numehr alle Regungen des Neides
zu Bodem / und die Ehrsucht musste seiner Tugend teils aus einer grossmütigen
Zuneigung / teils aus Scham-Röte den Vorsitz enträumen. Hierdurch blieb das
gute Verständnis der deutschen Fürsten auf festem Fusse; und es schien: dass
dieses streitbare Volck zum minsten der Eintracht / als der Schutz-Göttin aller
Völcker / wo nicht einen so herrlichen Tempel / als die Römer getan hatten
/doch aus so eifriger Andacht ein Heiligtum bauen wollten; weil / allem Ansehen
nach / das unschätzbare Geschencke Göttlicher Versehung / nämlich ein
beständiger Friede so uhrplötzlich nicht zu hoffen war. Denn / ob zwar durch die
Niederlage des Varus der Römer Botmässigkeit innerhalb des Rhein-Stroms fast
gäntzlich erloschen war; so hielten sie doch diesen Fluss durch etliche Festungen
noch gleichsam angefässelt; also Deutschland in Argwohne: dass die Römische
Rachgier ihre Galle und des Käysers Herrschsucht ihr Gift bei erholeten
Kräfften und überkommener Gelegenheit bald wieder auf die Deutschen ausschütten
würde. Sintemal sie aus hundert Beispielen schon gelernet hatten: dass die
Abtretung eines vorteilhaften Ortes wider die Grund-Gesetze der Stadt Rom
lieffe; ihre Niederlegung der Waffen auch nur ein Spiegelfechten wäre; indem die
Römer sich des Friedes und Krieges wie zweier Müntzen gebrauchten; nachdem Zeit
und Zufälle eine für der andern zu ihrem Vorteile gangbar machte; gleich als
wenn grosser Reiche Anliegen auf der Wage der Gerechtigkeit nicht Raum hätten /
und der Käyser Willkühr alles gewaltsame zulässlich machte. Daher sich Hertzog
Herrmann keines aufrichtigen Vergleichs zu versehen hatte / ungeachtet er wohl
verstand: dass das abgemergelte Deutschland nicht weniger der Erhohlung / als ein
Krancker des Schlafes von nöten hätte; sondern vielmehr glaubte: dass die
deutsche Freiheit denen beim Hellespont auf des Protesilaus Grabe wachsenden
Bäumen gleich wäre / welche alsofort biss an die hernach wieder ausschlagende
Wurtzel verdorren / wenn sie so hoch gewachsen sind: dass man von denselben das
gegen über liegende Ilium erblicken kann. Wie viel mehr hätten also die Deutschen
Ursache die nicht über dem Meere / sondern nur über dem Rheine liegenden und
noch unzerstörten Blockhäuser der Römer als ihre Schiffbruch-Klippen
anzuschauen. Bei welcher Bewandtnis denn auch die vereinbarten Fürsten sich des
nach dem Ubischen Altare entkommenen Asprenas Schreibe nichts irre machen
liessen; darinnen er einen Vorschlag des Friedens tat / und den Feldherrn
versicherte: dass der Käyser des lasterhaften Varus Verfahren verdamte / und sein
verzweifelter Selbstmord ihn nur einer empfindlichern Straffe entrissen hätte.
Wormit sie ihm aber für seinen blauen Dunst einen Nebel verkaufften / schrieb
der Feldherr dem Asprenas zu: Er erwartete vom August den Vorschlag des ihm zwar
nicht nötigen / doch allzeit annehmlichen Friedens. Seine Neigung hierzu hätte
er bereit durch die Freilassung der gefangenen Königin Erato / des Fürsten Zeno
und Malovends an Tag gegeben / und er besiegelte sie hiermit abermals durch
Zurücksendung hundert Römischer Befehlshaber. Durch diese Antwort verbarg
Herrmann nicht nur sein Absehen die Römer von dem Rheine zu entfernen; sondern
er drückte den Deutschen auch diese gute Meinung ins Hertz: dass er durch
Verlängerung des Krieges seine Botmässigkeit über die Deutschen zu vergrössern
nicht gemeint wäre. Unterdessen machte doch der Käyser ihm diese Erklärung zu
Rom gewaltig nütze. Denn / ob er zwar seiner Scharffsichtigkeit nach allzu wohl
verstand: dass Hertzog Herrmann nicht weniger des Sieges sich zu gebrauchen / als
zu siegen wusste; und dass so wohl der mit Gewalt einbrechende Winter den Verfolg
des Krieges hemte; als Herrmann in Deutschland noch viel Berge der Hindernüsse
zu übersteigen hätte; so erleichterte er doch sich und ganz Rom dieses Kummers:
dass die Gallier denen bereit über den Rhein streiffenden Sicambern beifallen /
den durch so ungewöhnlichen Sieg der ganzen Welt beruffenen Herrmann für ihr
Haupt erkiesen; er aber in die Fussstapfen seiner hitzigen Vorfahren über die
Alpen zu steigen / und derselben Glantz zu verneuern trachten würde. Sintemal
freilich die Durchdringung dieses Gebürges bei den Nord-Völckern eben so hoch
als bei den Griechen des Jasons Reise nach Colchis / des Bacchus in Indien / und
des Hercules biss nach Calpe und Abila gehalten ward. Weswegen August / als er
nur ein wenig sich von der ersten Bestürtzung erholet hatte / die Verminderung
der Schatzung in Gallien / das mehr als fünf tausend Galliern verliehene
Römische Bürger-Recht /zum ersten Mittel angewehrte dieses leichtsinnige Volck
im Gehorsam zu behalten. Ob nun zwar derogestalt das erste Schrecken vorbei war;
so empfand doch der Käyser allererst nach und nach die Heftigkeit der von den
Deutschen empfangenen Wunde. Denn der mit reichen Geschencken zu gewinnen
versuchte Marbod gab dem Käyserlichen Botschafter Sextus Apulejus zwar den ihm
zugeschickten Kopf des Varus wieder / sonst aber zweifelhafte Antwort. Uber diss
berichtete Apulejus nach Rom: dass dieser mächtige König mit dem Hertzoge
Ingviomer nichts minder geheime Ratschläge / als offentliche Verträuligkeit
unterhielte; ja die Marckmänner ihren Hass gegen die Römer / und die Begierde sie
zu bekriegen offentlich an Tag gäben. Die Gallier versicherten den Käyser zwar
ihrer Treue; aber dieses mehr aus Rache gegen die Deutschen / welche ihnen mit
dem Varus derogestalt zur Ader gelassen hatten: dass iedes edle Haus etliche
Todten zu betrauren hatte; als aus Zuneigung gegen die Römer. Weswegen sie auch
die Unmögligkeit fürschützten die Römischen Festungen am Rheine und die
Uberbleibung des Asprenas mit neuen Hülffs-Völckern zu verstärcken. Die übrigen
Gräntz-Völcker begonten gleichfalls mehr der Römer Freundschaft zu erhalten /
als sich für ihren Waffen zu fürchten; etliche Uberwundene auch gar die alte
Schatzung zu weigern / und die des Gehorsams erinnerten Pannonier zu dräuen.
Jedoch wäre die Schwachheit der äusersten Glieder noch zu verschmertzen gewest /
wenn nicht Rom die Ohnmacht selbst im Hertzen gefühlt hätte. Denn es forderte
die Vorsicht wegen noch immer besorglichen Einbruchs der Deutschen in Italien /
oder zum minsten das Ansehn des Römischen Reichs die durch dreier und mehr
Legionen Niederlage aufgehobene Schande wieder auszuleschen. Sintemal wie
mächtig diss gleich war / bestand doch seine Grösse mehr am Ruffe / als an der
Tugend / seine Stärcke mehr am Ruhme voriger Siege / als an Waffen. Diese
Scharte aber konnte durch keinen Dunst / sondern allein durch den Nachdruck einer
anständigen Rache ausgewetzt werden. Wie nun der Käyser den hierzu nötigen
Werckzeug /nämlich ein frisches Heer zu werben / und bei dessen schläfriger
Fortstellung die junge Mannschaft zu zehlen befahl; befand man Rom und Italien
durch die Deutschen und Pannonischen Kriege über alle Einbildung erschöpft; die
noch zum Kriege tüchtigen auch durch den letzten Streich der Deutsche so
erschreckt: dass weder die Erhöhung des Kriegs-Solds / noch andere Vertröstungen
sie Dienste zu nehmen bewegte. Ja als alle nach der Cannischen und Cimbrischen
Niederlage hervor gesuchten Mittel nichts verfingen; die Vermögenden sich aus
Italien flüchteten / die Geworbenen durchgingen / liess August alle nicht über
fünf und dreissig Jahr alte Mannschaft zehlen / die wider die Deutschen zu
kriegen sich weigernde loossen / und allemal den Zehnden seines Vermögens und der
Ehre verlustig erkennen. Als aber auch hierdurch den Römern die Furcht für den
Deutschen nicht aus dem Hertzen zu bringen war / liess er vielen wie Flüchtigen
zur Ader lassen / nach empfangenen Ruten-Streichen die Hände / ja denen /
welche von der Deutschen Tapferkeit was erzehlten / die Köpfe mit dem Beile
abhauen. Worbei es aber noch nicht bewendete / sondern sein Argwohn: dass die in
Rom noch befindlichen Deutschen und Gallier der Zunder dieses Unheils wären /
verleitete ihn über die Schrancken seines gewohnten / und klug er Fürsten
anständiges Glimpfes. Denn da er anfangs nur die aus Vorwitz oder der Handlung
halber zu Rom befindlichen Deutschen aus der Stadt zu weichen befehlicht hatte /
schaffte er nicht nur diese aus Italien / und die unbewehrten Gallier aus Rom;
sondern auch die / welche aus beiden Völckern sich unter seiner Leibwache
befanden / und durch nicht gemeine Dienste in dem Dalmatischen Kriege ihre Treue
bewehrt hatten / wurden auf unwirtbare Eylande des Egeischen Meeres verschickt;
gleich als wenn diese das Schrecken der Welt die Stadt Rom zu empören im Schilde
führten; oder das ganze Reich zu zerrütten mächtig wären. Wiewohl es allerdings
nicht ohne war: dass die Edlen / weil sie ihnen viel neue und / was die
Atenienser von sich rühmten / gleichsam aus ihnen selbst entsprossene Leute in
Besetzung der Ehren-Aempter fürziehen sahen / das gemeine Volck aber / welches
August durch Brodt und Schauspiele auff seine Seite gebracht hatte / nach
Entziehung dieser auf gewisse Tage vorher bestimmter Kurtzweilen / ihre Abneigung
gegen dem ohne diss veralternden Käyser deutlich blicken liessen. Weil nun vorige
Zeit alles Wasser auf Augustens Glücks-Mühle geleitet hatte; war diese
unvermutete Veränderung / fürnemlich aber der augenscheinliche Abfall seines
Ansehens ihm so viel empfindlicher. Die Welt hatte ihn über dreissig Jahr als
einen Gott verehret; nunmehr aber sah ihn Rom nicht nur für einen Menschen /
sondern für einen Unglücklichen an. Er selbst erkeñte an sich seine Schwäche;
und ward gewahr: dass er zwar in seinem Zimmer das Bild / nicht aber das güldene
Glücke selbst / noch viel weniger aber die güldenen Waffen / damit es zu
bestreiten wäre / besässe; sondern / dass diese grosse Göttin der Welt / wenn sie
in einer Hand gleich einem das Horn des Uberflusses zeigte; doch die andere
voller Vogel-Leim zu Bestrickung unserer Gemüter /auf dem Haupte eine Kugel /
zum Zeichen seiner Unbeständigkeit hätte; und also alle die / welche es wie eine
gefangene an der Schnure zu führen vermeinte /dardurch betört würden. Ja er
fing an die ihm bisher so geneigten Götter für verdächtig zu halten / als wenn
sie durch ihn der Welt ein Beispiel eines aufs höchste geschlagenen / aber desto
tieffer fallenden Balles zum Gelächter fürstellen wollten. Also rechnen die
Menschen nichts minder dem Göttlichen Verhängnisse ihre Fehler / als die
Finsternüsse dem unerschöpflichen Brunnen des Lichts / nämlich der Sonne zu /
und wenn sie den ersten kaum sichtbaren Brutt des Unglücks verachten / dem ihnen
zu Kopfe wachsenden aber noch heucheln; heisset es: Menschliche Klugheit könne
den ihm zuhängenden Untergang nicht verhüten.
    In Deutschland war der Feldherr umb die gemeine Wolfart / aber ohne
wenigern Kummer sorgfältig. Denn der tapfere Hertzog der Sicambern nahm über
sich unterm -Arpus aber der Catten Hertzog oberhalb des Berges Rhetico mit einem
Ausschusse des Kriegsvolcks den Römern an dem Rheine die Uberfart zu verwehren;
wormit das Heer den Winter durch / als bei welcher Zeit das Gesetze der Natur
zwischen den Streitenden einen Stillestand macht / desto sicherer ausruhen / und
aufs Früh-Jahr den Sieg so viel rüstiger verfolgen könnte. Denn streitbaren
Völckern dienet die Ruh / wie den weibischen eine stete Abhärtung zum Wetzsteine
der Tapferkeit. Unter diesen kriegerischen Anstalten der Klugheit / machte sich
auch die Liebe geschäftig / und brachte es so weit; dass es schien: Die Deutschen
wären eben so geneigt als die Samier in dem Tempel der Pallas der Liebe einen
Altar aufzubauen. Denn wie der Cheruskische Hof dissmal ein rechtes Heiligtum
der Tugend abbildete; also hatten entweder der Himmel durch einen gütigen
Einfluss ihn mit vielen Zuneigungen überschüttet /oder des Fürsten Herrmanns und
Tussneldens Hochzeit-Fackeln in alle zarte Hertzen etliche Funcken dieser süssen
Empfindligkeit gestreuet / welcher eben so leicht als Schwefel-fangender Zunder
ohne diss mit der Mutter-Milch in unsere Adern geflösset wird; und es gleichsam
zweifelhaft bleibt: Ob das Hertze oder die Liebe im Menschen zu leben anfange.
Denn da eine faule Taube die andern anfäulet; da der Cameleon desselben Dinges
Farbe annimt / dem er sich nähert /das der Natur widrige Gift / die herbesten
und andere ansteckende Gemüts-Regungen / Zorn / Hass und Traurigkeit anfällig
sind; wer wollte zweifeln: dass das Band der Natur / die allerannehmlichste / ja
Steine und Stahl durchdringende Regung / welcher Verlangen und Hoffnung
vor-Wollust und Freude nach-treten / nämlich die Liebe andere mit ihrem
geistigen Ateme nicht anstecken könne? Zumal die meisten Menschen durchgehends
mehr nach anderer Beispiele / als nach Leitung der Vernunft leben. Hierzu war
das mit so viel Lust-Spielen und Kurtzweilen begangene Feier des Hertzoglichen
Beilagers kommen; da iedes in des andern Hertzen eine Freude anzuzünden bemühet
war; und daher die Geheimnisse seiner Seele zu entdecken / oder eines andern
auszunehmen Gelegenheit bekam. Denn wie die Freude die alleroffenhertzigste
unter denen Gemüts-Regungen ist; also hat sie auch die Eigenschaft selbte
weich zu machen: dass man darein / wie in ein zartes Wachs / leicht etwas bilden
kann. Die Vertrauung aber eines Geheimnüsses ist schon mehrmals eine halbe
Freundschaft / und diese die Schwester der Liebe. Hierauf fällt es der öfftern
Gemeinschaft nicht schwer: dass sie durch ihre ehrerbietige Bezeugung / durch
vernünftige Schlüsse /durch treuherzige Verbindligkeiten ein wolgestaltes Bild
in des andern Hertz einpregt. Denn die Augen nehmen solches nicht nur wie in
einem Spiegel an /und tragen es zum Hertzen; sondern alle Sinnen lassen sich
hierbei zu Gehülffen brauchen. Die Aehnligkeit so wohl der Seele als des Leibes
ist zwar das fürnehmste Quell der Liebe. Denn ohne diese kann so wenig / als des
ungleich geeckten Sonnen-Staubes /oder anderer sich nicht zusammen-fügender
Dinge Vereinbarung geschehen. Gleichwohl aber muss diese durch die Gemeinschaft
angewehrt / und aus ihrer Verborgenheit zu Marckte gebracht werde. Denn wie sehr
die Palmbäume gleich einander zu umbarmen /die Wein-Stöcke Ulmen-Bäume zu
umbwinden geneigt sind; strecken doch jene weder ihre Aeste / noch diese ihre
Reben in die Ferne aus; sondern sie müssen die Näherung wie gleich-gesiñte
Gemüter die Gemeinschaft zur Meklerin habe. Denn durch diese gibt sich die
Seele in Augen und auf dem Munde bloss; sie läst sich durch Gespräche und Seufzer
aus / sie trägt den Brand aus einem Hertzen ins andere / und tut mehrmals diss
Wunder: dass die / welche man für kälter als Marmel angesehen / heftiger als
Schwefel zu lodern anfangen. Insonderheit fängt dieser innerliche Zunder leicht
Feuer / wenn solche Gemeinschaft einen Zug zur Tugend in sich hat / ja sie diese
gar zum Ziele ihrer Unterredungen erwehlet. Sintemal hieraus die allersüsseste
Wollust erwächst / und wie der blaue Magnet aus Mohrenland seines gleichen so
viel fester an sich zeucht; hingegen das unwürdige Eisen von sich stöst; also
hat die Tugend auch einen mächtigern Zug zu eines andern Tugend. Dahingegen die
ohne ihren Trieb rege Neigung des Pöfels sich zwar mit etwas geringem / wie der
gemeine Magnet-Stein mit schlechtem Eisen vergnügt / aber zwischen dieser
ungleichen Vermählung auch nur eine ohnmächtige Verbindung geschiehet.
    Bei dieser Beschaffenheit darff es keiner übermässige Verwunderung: dass
gleichsam auf einmal sich in so vielen Hertzen eine nachdrückliche Liebe anspan.
Sintemal des Feldherrn Bruder / Hertzog Flavius / gegen die Königin Erato / der
Fürst der Hermundurer Jubil gegen das Ascanische Fräulein Leitolde /der
Cattische Hertzog Catumer gegen die Chaucische Fürstin Adelgunde / der
Chassuarier Fürst Siegemund in das Marsingische Fräulein Zirolane / und der
gefangene Fürst der Marsen / Malovend gegen die Cattische Fürstin Catta mehr als
eine seichte Liebe in ihren Hertzen hatten einwurtzeln lassen. Wiewol nun die
Liebe die Gegenliebe ins gemein zu ihrer Tochter hat; weil sie entweder aus
einer verborgenen Würckung der Natur oder aus einer dem Menschen angebohrnen
Hoffart nur dis / was ihr gleichet / lieb gewinnt; so gar: dass die Mohren die
von uns mit Kreide und Zinober gebildete Liebe mit Kohlen abmahlen; ja die Affen
/ wenn sie mit dem Pinsel umbgehen könten /von ihr ehe in einer Meer-Katze als
in Frauen-Gestalt einen Riss machen würden; so war doch dis eine seltzame
Verwickelung der Liebe: dass alles dieses Frauen-Zimmer zwar keine unempfindliche
Seelen / noch steinerne Hertzen in ihrem Busen beherbergte; gleichwol aber keine
eine Neigung zu demselben empfand /der sie liebte. Denn die Königin Erato war
ein völliges Eigentum des Fürsten Zeno / und also war sie selbst nicht mächtig
den Hertzog Flavius auch nur mit dem wenigsten ihres Genüsses zu beseeligen. Wie
wenig Erato nun dem Flavius zu enträumen gedachte; so grosse Hoffnung machte ihr
die Fürstin Ismene in der Geheim-Kammer ihres Hertzens den Fürsten Zeno gar zu
besitzen. Die lebhafte Fürstin Catta war eine stumme Anbeterin Hertzog
Siegemunds / und Adelmunde Catumers. Die Ascanische Fürstin Leitolde widmete
sich dem Fürsten Jubil / er aber hatte so wohl als Rhemetalces auf das
Marsingische Fräulein Zirolane sein Auge gerichtet; und wünschten beide nur von
so einer angenehmen Gebieterin in Besitz und unter ihre Botmässigkeit genomen zu
werden. Welche seltzame Verwechselung der Gemüter entweder aus einem absonderen
Absehen des Verhängnisses / oder aus einer Eyversucht des Gelückes herzurinnen
schien / welches allem Fürhaben einen Spaan einzuhauen bemühet ist; das sonder
sein Gutachten / oder mehr aus freier Wahl als nach seiner blinden Leitung
angehoben wird.
    Weil die neugebohrne Liebe nun entweder aus einer kindischen
Schamhaftigkeit / oder aus einer Beisorge zu verunglücken sich so sehr in ihre
Gedancken / als die Eule in die Finsternüs verstecket; blieben zwar alle diese
Regungen etliche Zeit verborgen. Endlich aber bricht doch dieses Feuer eben so
wohl als das irrdische herfür / wenn es durch seine Vergrösserung Lufft kriegt /
und den ersten Rauch zerteilt. Daher denn die Königin Erato am ersten des
Flavius Liebe wahrnam; weil sie entweder die Erfahrung schon zu der
scharfsichtigsten Prüferin der Hertzen gemacht / oder weil diese Glut in dem
Hertzen so sehr überhand genommen hatte: dass er sie nicht länger bergen konnte /
oder auch wollte. Denn weil die Eröfnung der Liebe eben so wohl als der
Kranckheiten eine Erleichterung macht / und sie zwar in ihrem eigenen Hertzen
ihren Brand fühlet / oder aus einem andern ihre Kühlung hoffen muss; zeigt sie
endlich mit Fleiss ihre Blösse. Des Flavius ersten Liebes-Merckmahl war: dass wie
die Röte seine Wangen in eine Blässe /also seine angebohrne Freudigkeit in
trauriges Nachdencken verfiel. Er entschlug sich aller vorher beliebten
Gemeinschaft / und suchte sein Vergnügen in Einsamkeit. Jedoch liess er keine
Gelegenheit vorbei sich der Erato zu nähern / wo es ohne übrige Zuschauer
geschehen konnte. Wiewol so denn seine Seuftzer seine beste Beredsamkeit waren.
Sie misstraute zwar eine gute Zeit ihrem Argwohne; weil sie meinte: dass Flavius
an sie als eine Frembde / und welche bereit schon durch ihr Verlöbnüs des Zeno
Eigentum worden wäre / so schwer einen Anspruch /als von ihr einige Hoffnung
machen könnte. Nach dem aber des Flavius Augen und Gebehrden täglich seines
Hertzens deutlichere Verräter wurden; nötigten sie ihr nur einen gäntzlichen
Glauben auf; und beschiede sie sich: dass wie das Feuer in verschlossenen Engen
/also die Liebe / wo ihr die Unmögligkeit einen Riegel fürschübe / am
mächtigsten; und nach frembdem Gute am lüsternsten wäre. Bei so bekümmertem
Zustande wusste ihre Klugheit keine heilsamere Vorsicht fürzukehren / umb weder
den Flavius durch ihre Kaltsinnigkeit zu beleidigen / noch ihren geliebten Zeno
eifersüchtig zu machen / als dass sich ihre Augen einer Blindheit / ihr Hertz
einer Unempfindlichkeit annam. Dis aber war keine bessere Kühlung / als das
Feuer mit Oel / den Kalck mit Wasser leschen wollen. Denn Flavius geriet
hierüber in so offenbare Flamme: dass die getreue Salonine augenscheinlich sah /
was Flavius verbergen und Erato vorstellen wollte. Diese Scharfsichtigkeit aber
versetzte ihr Haupt in so grosse Verwirrung / als ihr Gemüte in Bekümmernüs.
Denn ihre Zuneigung machte ihr ihr eigenes Leid hundertmal erträglicher / als
dis / was ihrer vollkommenen Königin zu tun nur von ferne dräuete. Ihre
Erfahrung hatte sie schon allzu schichtern gemacht: dass sie meinte; es könnte so
wenig ein Wetter aufziehen ohne die Königin Erato zu fehlen / als ein
Schwantz-Stern erscheinen ohne was übels zu bedeuten. Wie sich nun Flavius nicht
allein je länger je mehr bloss gab / sondern Salonine auch von Zertrennung des
Fürsten Zeno und der Königin Erato einen nachdencklichen Traum hatte / konnte sie
ihre Ausspürung nicht länger auf dem Hertzen behalten; sondern sie eröfnete noch
selbigen Morgen der Erato ihren Traum und ihre Gedancken. Diese seufzete und
fieng an: Es ist nicht Not mein Unglück mir aus Ungewissheit der Träume
wahrzusagen / welche öfter ein Brutt unserer Tages-Gedancken als Göttliche
Offenbarungen sind. Meine Augen haben vielleicht ehe / als ihre / meine
vertrauteste Salonine / diesen Unstern erkieset. Weil es aber ein Glück ist /
sein Unglück verbergen / wormit die Feinde sich nicht darüber kitzeln / Freunde
aber betrüben; habe ich weder ihre Gemüts-Ruhe mit diesem Hertzens-Kummer zu
stören / noch meinen getreuesten Zeno durch diese Todten-Post zu entseelen für
verantwortlich geschätzt. Salonine antwortete: Die Verhölung ihres Kummers wäre
freilich wohl mehr für eine Würckung ihrer zarten Seele / als für ein Misstrauen
zu halten; welches unter denen / die man noch nicht recht ausgenommen / zwar mit
Rechte die Spann-Ader der Klugheit genennet würde; weil die meisten Menschen
schienen aus dem Wunder-See in Mohren-Land getruncken zu haben / dessen Wasser
einen nötigte alles zu sagen / was ihm auf dem Hertzen läge. Und der
geschwätzige Widerschall diente zu einem fürsichtigen Lehrmeister: dass die
Einsamkeit selbst nicht ohne Verräter wäre. Alleine gegen geprüfete Freunde was
geheimes verhalten / gereichte zu ihrer Beleidigung. Und insonderheit geschehe
hierdurch nicht allein ihrem getreuesten Zeno Unrecht; sintemal die Liebe
deshalben nacket gemahlet würde / weil Liebende für einander nichts verhölen
sollten; sondern sie würde auch beider Gefahr und Ubel vergrössern /wenn sie
dessen Wachstume nicht durch die klugen Ratschläge des weisen Zeno zuvor käme.
Denn der Feldherr Herrmann wäre zwar ein gerechter / und Flavius ein
tugendhafter Fürst; aber allem Ansehen nach ein feuriger Herr; und heftige
Liebe junger Leute ein solch Ungeheuer: dass sie nicht nur frembde / sondern
eigene Häuser in Brand steckt / die Taffel seiner besten Freunde mit Gifte / und
das Bette der Unschuld mit Blute besudelte. Sie wäre die Schlange / welche die
Kinder ihres woltätigen Wirtes ersteckte. Der Feldherr wäre des Flavius
Bruder; zu dessen Verwirrungen er gleichsam aus Verbindligkeit des Geblütes ein
Auge zudrücken müste; Sie alle aber Gefangene /welche mit der Helfte der
Gerechtigkeit sich zu vergnügen hätten. Erato setzte zwar entgegen: Es gäbe
gewisse Geheimnisse / welche sich ohne Versehrung der verbindlichsten
Freundschaft verschweigen liessen / ja welche man ohne sich selbst einer
hertzlichen Liebe unwürdig zu machen / und sonder des Geliebten Versehrung ihm
nicht entdecken könnte. Aber Salonine begegnete ihr: der Artzt möchte zwar dem
Krancken / aber nicht der Krancke dem Artzte seinen gefährlichen Zustand
verhölen; also auch Erato nicht dem Fürsten Zeno / als durch dessen kluge
Leitung sie alleine genesen könnte. Ob nun zwar Erato Saloninens Einhalt für
recht und heilsamlich musste gelten lassen / konnte sie doch übers Hertze nicht
bringen: dass sie entweder selbst dem Fürsten Zeno sich eröfnete / oder Saloninen
es zu erlauben / sich hätte entschlüssen können. Hingegen hatte Flavius bei ihm
nunmehr einen festen Schluss gemacht: dass nach dem sich Erato zu seinen Blicken
blind / zu seinen Seufzern taub anstellete / und seine stumme Sprache nicht
verstehen wollte / nunmehr gar seine Zunge zu lösen. Die Gelegenheit hierzu
spielte sich ihm wenige Tage hernach selbst in die Hand. Denn als der Feldherr
Tusneldens Geburts-Fest feierte / traf das Los die Königin Erato und den
Flavius: dass diese in einem Tantze / darinnen allerhand Völcker aufgeführet
wurden / Gefährten wurden / und er einen Mohr / sie eine Mohrin fürstellen
mussten. Wie sie nun des Abends bei vielen Windlichtern zusammen auf einem mit
Schnee-weissen Pferden gezogenem Wagen ihren Aufzug hielten; fieng Flavius nach
einem tief-geholeten Seufzer die Königin liebreitzend anschauende an: Wolte
GOtt! unvergleichliche Erato: dass ich mit meiner heute angenommenen
Mohren-Gestalt auch so viel Augen bekommen hätte / als die an dem Meere
wohnenden Mohren haben sollen / oder denen man so wohl ihres scharffen Gesichtes
als des geraden Pfeilschüssens halber ihrer wohl vier zueignet. Denn so würde ich
ihre überirrdische Schönheit anzuschauen würdiger sein / gegen welcher ich meine
blöde Augen aufzuheben beinahe mich nicht erkühnen darf. Erato rötete sich
anfangs / versetzte aber mit einer lächelnden Anmut: Sie sehe wohl: dass der
Zinober / mit dem sie sich nach Mohrischer Art angestrichen hätte / ihr den
Wert einer wahren Zierde zueignete / und ihre sonst verächtliche Flecken
verdüsterte: dass bei diesem Spiele ein so vollkommener Fürst ihrer Gestalt
halber mit ihr zu schertzen sie nicht zu verächtlich hielte. Flavius holete noch
einen tieffern Seufzer und fieng an: Ach unbarmhertzige Erato! will sie nunmehr
auch die grausame Pein meiner unausleschlichen Liebe zu einem Gelächter machen;
nach dem sie zeiter für meinen Seufzern wie eine Natter die Ohren verstopfft /
und ihre Augen meine feurigen Anblicke wie ein unempfindlicher Spiegel zurück
gestossen haben? Glaubet sie: dass die Liebe mein Gesichte so sehr verbländet /
als meine Seele verwundet habe: dass es ihre angebohrne Schönheit für einer sie
verstellenden Schmincke nicht unterscheiden könne? meint sie: dass der / welcher
umb sein höchstes Glück und Unglück bekümmert ist / was nicht-ernstaftes
aussprechen könne? Erato sah wohl / wie tief des Flavius Liebe schon
eingewurzelt sein müsse / und sie befand selbte so beweglich von ihm
ausgedrückt: dass ihre hieraus erwachsende Bekümmernüs nicht verhindern konnte in
ihrem Hertzen seines unfruchtbaren Brandes halber ein empfindliches Mitleiden zu
zeigen; wormit sie ihm denn auch derogestalt begegnete: Nicht nur die Prüfung
ihrer eigenen Unwürdigkeit; sondern des Fürsten Flavius sie übertreffende
Vollkommenheiten nötigten sie nochmals ihre erstere Meinung zu behalten. Denn
wie möchte sie als eine braune Armenierin oder Halb-Mohrin / als eine gefangene
Nachtbarin der wilden / und deswegen für einäugicht gescholtenen Arimaspen von
einem solchen Fürsten ihr einige Zuneigung träumen lassen / dessen Leibes- und
Gemüts-Gaben gegen einander umb den Vorzug stritten / und welcher die umb ihn
werbenden Schönheiten des grossen Roms verschmähet hätte? Wie könnte sie mit
ihrem Glauben sich so weit verirren: dass seine Tugend ein Auge auf die werffen
sollte / welche über sich mehr keine Gewalt hätte; sondern des Fürsten Zeno
unverwendliches Eigentum wäre? Grausamste Erato! brach Flavius heraus. Trauet
sie gegen ihrer eingepflantzten Gütigkeit ihr strenges Urteil zu verantworten /
welches mich ehe zum Tode verdamt / eh ich gehöret bin? hält sie mich für eine
giftige Schlange / weil ich nach der allersüssesten Milch ihrer Anmut so
lüstern bin? hält sie nicht allein die ihr von der gütigen Natur geschenckte
Zieraten mit höchstem Undancke verächtlich / sondern verkleinert sie auch nach
den allgemeinen Ruhm ihrer Lands-Leute: dass die grösten Schönheiten der Welt
zwischen dem Euxin- und Caspischen Meere wohnen? Verschmäht sie das Opfer meiner
brennenden Seele / ehe ich sie umb einen Funcken einer andern Gunst angefleht
habe / als dass sie leiden möge / geliebt zu werden? Ist die allgemeine Sonne der
Hertzen nämlich die Liebe in Asien eine solche Dienst-Magd: dass sie einen
Menschen lieb haben muss / umb alle andere zu hassen? so wird man den warmen
Morgen-Ländern verkleinerlich ausstellen müssen: dass das himmlische Feuer
daselbst zwar schöner-gefärbte Vögel und Steine / wie auch wolrüchendere
Pflantzen; in denen frostigen Nord-Ländern aber eine wärmere und schönere Liebe
nehre? Schönste Erato! ach so vergönne sie mir doch zum minsten so lange / als
Wier Africaner sein sollen: dass ich sie als meine Sonne mit allen Mohren anbeten
möge! Sintemal ja der Hunds-Stern / welch Gestirne doch das heisseste im
Aufgehen / das kühleste beim Untergange ist / sich im Anfange der kühlen
Hundes-Tags-Lüfte nach Einführung des Aristeus ganze Völcker mit Opfern
verehren lässt. Wie? oder will sie die holdseelige Hertzens-Wenderin die Liebe in
ihrem Hertzen zu einer Unholdin machen; welche den mit Hagel und Blitz bezahlet
/ der ihr sich selbst statt des Weirauchs entzündet? Unbarmhertzige Erato! ach
so gebrauche sie sich ihres an der Seiten hängenden Bogens / der im Köcher
steckenden Pfeile / und lesche meiner Liebe mit meinem Leben mein Licht aus /
weil sie noch die angenomene Mohren-Farbe des Todes in ihrem Antlitze hat / und
ehe sie die Aehnligkeit des Himmels mit ihrer angebohrnen Schönheit wieder
schauen lässt? Flavius redete dis mit einer so verzweiffelten Gebehrdung: dass
Erato darüber wehmütig war / und anfieng: Es ist Erbarmnüs / nicht Grausamkeit
einem bald anfangs den Weg verbeugen: dass er nicht vergebens / oder in sein
Unglück rennt / so wohl / als wenn man der Motte wehret: dass sie ihr nicht im
Lichte die Flügel versengt. Der aber tut ihm selbst nicht weniger Weh / als
andern Leid /der seine Liebe der Unmöglichkeit wiedmet. Er säet nichts als sein
Unvergnügen / und erndtet an statt der verlangten Gegen-Liebe nur Hass und Unlust
ein! O Himmel! ruffte Flavius / kündigt mir die Göttliche Erato offentlich ihren
Hass an? Wil sie mich darumb /dass ich sie mehr / als mich selbst liebe / auf
einmal erwürgen! Wil sie mir sie zu lieben verwehren; wenn ich gleich keine
Gegen-Liebe von ihr verlange? Erato antwortete: Mein lieber Flavius; die Liebe
verlanget so sehr eine Gegen-Liebe / als der ziehende Magnet eine Neigung des
Eisens; und hat die Liebe für dem /was sie hasset / eine so grosse Abscheu / als
der sonst zur Vereinbarung so geneigte Magnet für dem Diamant / und der Diamant
für dem Magnet. Diesemnach muss Flavius entweder in seinem Hertzen was anders
/als Liebe herbergen; oder er muss zugleich wieder geliebt zu sein verlangen. Ich
verlange sie allerdings /versetzte Flavius; Ich seufze darnach / wie ein
erstickender nach der Lufft. Weil sie mich aber darmit zu begnadigen für
unwürdig schätzt; muss ich mich mit was geringerm / nämlich mit der Erlaubnüs sie
zu lieben / wie ein Schiff-bruch-leidender mit einem Brete des zerschmetternden
Schiffes vergnügen lassen. Erato fiel ein: Es ist kein Vergnügen / sondern
vielmehr eine unerträglichere Pein. Lieben und nicht geliebt werden; als
dürsten / und keines Getränckes genüssen. Daher machet der / welcher ohne
Hoffnung liebt / sein Gemüte zu einer ewigen Unruh; seine Seele gebieret eitel
Wehen / und endlich leschet sein Feuer entweder wie eine Lampe nach verzehrtem
Oele aus / oder suchet seine Kühlung in dem Meere der Verzweifelung. Es ist wahr
/ sagte Flavius; Es ist nichts unglückseeligers als eine einsame Liebe / die
keine Gegen-Liebe zur Gespielin hat. Ich weiss: dass der Mutter der Liebe / als
ihr Kind bei bester Pflegung alle Farben verlohr und ganz vermagerte / von
einem Wahrsager-Geist geraten ward: sie sollte noch ein Kind seines gleichen
gebähren. Auf welchen Erfolg denn die Liebe bald fleischicht ward; es wuchsen
ihm nur nicht die Gebeine / sondern auch das Hertze und die Flügel; ja eine
einige Stunde dieser Gesellschaft tät bei ihm hernach mehr / als vorhin lange
Pflegung der Mutter / und die Liebkosung der Amme. Aber ich tröste mich: dass
nichts mächtiger sei Gegen-Liebe zu zeigen als die Liebe. Diese ist die
kräfftigste / aber auch die unschuldigste Zauberin; welche steinerne Hertzen
erweichen / und Eys-kalte Seelen entzünden kann. Denn alle Gemüts-Regungen sind
anfällig / am meisten aber die Liebe. Sintemal ihr zarter und feuriger Geist /
welcher aus dem Hertzen entspringet / und dasselbte durch die Augen / den Mund
und Gebehrden ausschüttet / seine durchdringende Kräfften augenblicklich in
geneigte / mit der Zeit aber auch in widrige Hertzen einsencket / und darinnen
seines Gleichen gebiehret. Erato begegnete ihm: Mich erbarmet sein / Flavius:
dass er sich mit vergebener Hoffnung mehr hungrig macht / als speiset; und dass er
von der Zeit / welche geschickter ist die Liebe einzuschläffen / als zu erwecken
/ eine andere Hülffe erwartet; als dass seine entweder aus Uberdrusse verrauchen
/ oder aus endlich erkieseter Unmögligkeit sich selbst der Vernunft
unterwerffen / wo nicht gar aus Anstifftung der Rache sich in bittern Hass gegen
meine unverenderliche Unempfindlichkeit verwandeln wird. Flavius brach ein: Ach
ungerechteste Erato! Mit was für Fug eignet sie meinem Hertzen eine Veränderung
zu / welche mit ihrem gleichsam eine ewige Ehscheidung haben soll? Warlich / ich
lasse mich weder eines noch das andere so leicht bereden. Die härtesten Marmel
werden auch durch die weichen Tropfen des Regens abgenützt; was weiches aber zu
versteinern fordert Feuer und Arbeit. Daher wird sie zwar meine für Liebe
schmeltzende Seele nimmermehr durch eine widrige Regung sich versteinern sehen;
aber ich traue wohl zu wege zu bringen: dass ihr harter Vorsatz in Gewogenheit
zerrinnen wird / nach dem sie zumal schon ihrem Bruder / nämlich dem Erbarmnüsse
im Hertzen einen Platz eingeräumt zu haben bekennet. Tun einem doch die Augen
wehe vom öftern Anschauen roter und trieffender Augen. Wie soll ich mir nicht
die Hoffnung machen: dass die aus meinem brennenden Hertzen mit Gewalt gestossene
Regungen tätig sein / und mit der Zeit ihrer zarten Seele eine solche
Empfindligkeit eindrücken werden / wie sie sie mit aus ihrem Ursprunge gebracht
haben? Es ist ja unmöglich einen / der nicht was weniger / als ein Mensch ist
/seinen Woltäter nicht zu lieben. Sintemal auch die wildesten Löwen eine zu
zarte Seele haben den zu hassen / der ihnen einen Dorn aus dem Fusse gezogen
hat. Und die gifftigen Schlangen würden dieselbe aus ihrer Gemeinschaft
verbannen / welche den stäche /der sie mit Milche gespeiset hat. Aller Woltaten
Kern und Ursprung aber ist die Liebe; ja sie selbst die gröste oder auch die
einige rechte Woltat. Denn alle Woltaten / auf welche nicht das Bild der Liebe
gepreget ist / sind falsche Müntzen / und haben zu ihrem Schrot und Korn
Eigen-Nutz oder Ruhmsucht. Aber ach! zu was für einer Vermessenheit verleitet
mich die Heftigkeit meiner Liebe: dass ich das unwürdige Opfer meiner Seele
meiner überirrdischen Erato /wie die Menschen ins gemein magere Ochsen und
stinckende Böcke / die sie auf Altären verbrennen /den Göttern für eine Woltat
einnötigen will? Was schreibe ich meiner unwürdigen Liebe für Würckung und
Verdienste zu: dass sie in ihrer himmlischen Seele den Saamen einer Gegen-Liebe
zu streuen fähig sein solle? Alleine schlagen doch die geringsten Kiesel Feuer
aus dem viel köstlichern Stahle. Lässet sich doch das Cyprische Ertzt mit
geringem Glase vermischen; und GOtt nimmet eines ohnmächtigen Sklaven
gebettelten Weirauch so gerne als eines Fürsten Hecatomben auf. So verschmähe
sie mich doch nicht so gar / vollkommenste Erato. Sintemal mich meine Liebe ihr
zu nichts mehrerm als einem Leibeigenen aufdringet. Denn die Geburt oder das
Kauf-Geld verknüpfft keinen Knecht seinem Herren / das Völcker-Recht die
Untertanen seinem Fürsten nicht so sehr / als die Liebe den Liebhaber der
Geliebten. Die Liebe hat über jenen eine grössere Botmässigkeit /als Fürst und
Herr über die Ihrigen haben / ja eine nicht viel kleinere als GOtt über die
Menschen. Denn weil die Liebe eine freiwillige Dienstbarkeit ist / erstrecket
sich die Herrschaft nicht nur über den Leib /sondern auch über die Seele; und
ihr Gehorsam ist nichts weniger als ein gezwungener Wille. Flavius hätte die
Hefftigkeit seiner Liebe noch nachdrücklicher ausgedrückt; wenn ihm nicht die
Ankunft in die Fürstliche Burg ein Stillschweigen aufgelegt hätte. Der Eintritt
in den Saal / und die Anwesenheit so vieler Aufschauer / insonderheit aber des
Fürsten Zeno nötigte den Flavius alle Empfindligkeit zu verstellen / und nichts
weniger mercken zu lassen / als worvon sein Hertze voll war. Nach dem sich aber
nichts schwerer als Feuer und Liebe verbergen lässt / würde sich Flavius / nach
dem er seiner Liebe schon einmal Lufft gemacht hatte / zweifelsfrei dismal
genungsam bloss gegeben haben / wenn nicht ohne dis bei dem übernommenen
Mohren-Tantze auch frembder Gebehrden und Neigungen sich anzumassen gleichsam
seines Amptes gewest wäre. Wiewol er ihm hierinnen selbst misstraute / oder ihn
sein Gewissen vielmehr sorgfältig machte; also: dass er fast allezeit ein Auge
auf den Fürsten Zeno hatte / umb bei selbtem auszuspüren: ob er sich bei ihm
nicht schon in Verdacht gesetzt / oder seinen Eintrag gar verraten hätte.
Wiewol nun Furcht der betrüglichste Mahler ist / und die seltzamste Bildungen
macht / und wie die Gelbesüchtigen alle andere Farben für gelbe / also
missträuliche andere für missträulich ansehen; so fand doch Flavius am Zeno nichts
bedenckliches. Denn dieser seiner getreuen Erato allzu wohl versicherte Fürst
dachte auf nichts anders / als wie er nebst der ihm durchs Los Seele gezeiget
haben. Allein ie grösser sie worden / ie behutsamer muss ich sie verwahren: dass
sie sich nicht in ein abscheuliches Ungeheuer verwandelt / welches wie der
Pasiphae Geburt mit gezinseten Menschen unterhalten werden muss. Ich muss ihr die
Flügel verschneiden: dass sie sich nicht in einen Raub-Vogel verwandelt / welcher
fremdes Opfer-Fleisch raubet /und mit der daran klebenden Kohle sein Nest
anzündet. Einfältige Ismene / antwortete Flavius: Wilst du in der Liebe so
behutsam oder vielmehr furchtsam sein / so verfährest du wider ihre Eigenschaft
/ welche sonst auch die verzagtesten keck macht; und hast dich wenigen Glückes
zu getrösten / das eine Gefertin der Verwegenen ist. Wilst du so gewissenhaftig
sein /und dich nach keinem fremden Gute umbsehen / oder nichts lieben / was ein
ander schon für dir geliebt hat / so wirff nur deine Augen auf nichts schönes /
und verzeihe dich bei Zeiten alles Liebens-würdigen. Denn der Schönheit folget
die Liebe auf dem Fusse /wie die Sonne der Morgen-Röte. Es hat keine Gotteit
in der Welt keinen so grossen Beifall / und keine allgemeine Anbetung / wie die
Schönheit. Diesen innerlichen Zug gewöhnen uns weder unsere Mütter noch unsere
Ammen an; sondern die schöne Natur drücket uns mit ihrer eignen Hand und mit
ihrem Pinsel das Bild der Schönheit in unsern Geist; welches hernach unser
Gemüte gegen die ihm fürkommenden Schönheiten so kräfftig / als die geheime
Verwandnüss die Magnet-Nadel gegen den beliebten Angel-Stern zeucht. Daher
sperren die Kinder nicht so zeitlich die Augen auf / als sie zugleich über dem
Lichte / über gläntzendem Golde und schön gemahlten Dingen ihre Vergnügung
zeigen. Ihren Zorn besänftiget man mit Singen und Saiten-Spielen / und ehe sie
sich noch auf den Gebrauch ihrer Sinnen verstehen / ergötzet sich schon ihr
Augen-Maass an wohl abgeteilten Sachen. Die Pfauen prangen aus dieser
eingepflantzten Liebe der Schönheit mit ihren ausgebreiteten Schwäntzen /und mit
Beschauung ihrer güldenen Augen /Papegoyen und Tauben mit Aufblehung ihres
schimmernden Halses / Löwen und Pferde mit Erschütterung ihrer Locken und Meinen
/ Fasanen und Birck-Hahne so wohl mit Bespiegelung ihrer Purper-Augen / als
Panter und Tiger mit Betrachtung ihrer Flecken. Ja keines unter den Tieren /
denen man die Vernunft ins gemein abspricht / ist / welches nicht mit seiner
Schönheit andere zu locken sich bemühet / und durch anderer Zierde gelockt wird.
Aus was für einem Irrtume will sie denn ihrer Liebe ein so verächtliches Ziel
stecken / worauf niemand anders kein Auge hat; und daher von Schönheit aufs
weiteste entfernet sein muss? Issmene begegnete ihm: Ich bescheide mich zwar: dass
alle Menschen von Natur zur Schönheit einen Zug haben; und dass / wie die
Lasterhaften der Tugend / also auch die hesslichen der Schönheit hold sein
müssen. Aber alle Menschen lieben nicht einerlei Schönheit / sondern dieser eine
so / jener eine anders gestaltete. Diesemnach denn die weise Natur zwar in
vielerlei Bildung der Blumen / der Bäume /der Steine überaus freigebig / aber in
allem dem gegen Bildung menschlicher Antlitzer sparsam / und in diesem letztern
durch gemachte unzehlbare Unterschiede gleichsam verschwenderisch gewest ist.
Denn ob zwar die Rosen auf einerlei Strauche / die Lilgen auf einem Stengel /
die von der Vermischung am weitesten entfernten Sterne weder an Grösse noch
Farbe einander gleichen; so ist doch zwischen ihnen ein unerkenntlicher
Unterscheid / als zwischen Stell- und Bildungen der Menschen; also: dass unter
hundert tausend schönen Antlitzen / ja unter dreissig Geschwistern und
Zwillingen nicht eines dem andern vollkommen ähnlich sein wird. Welches die
gütige Natur nicht aus einer blossen Kurtzweil / oder aus einem so
ungefährlichen Einfalle / wie Mahler und Bildhauer zu tun pflegen / sondern aus
diesem weisesten Absehen getan hat: dass ein ieder Mensch diss / was seiner
Neigung am anständigsten ist / und also was besonderes aus ihrem reichen
Uberflusse so vieler Unterschiede erkiesen könne. Denn es hat nicht weniger
unterschiedene Seelen / als Antlitze; und in jenen eben so weit von einander
entfernte Schönheiten / als in diesen. Daher / wie die heissen und leichten
Sonnen-Stäube gegen dem Behältnüsse des Feuers / die kalten und schweren gegen
der Erde / die wässrichten gegen dem Meere sich ziehen / und mit einander
vereinbaren; also auch die Seelen ihnen eine ähnliche Schönheit aussuchen. Denn
die Aehnligkeit ist der einige Ursprung einer wahrhaften Liebe; also: dass wenn
die Spiegel Seelen hätten / sie unvermeidlich dieselben inbrünstig lieb gewinnen
müsten / welche sich in ihnen bespiegeln; und wenn die Gewässer / darein die
Gestirne sich durch einen Wiederschein abbilden / ein Hertz hätten / würden sie
eben so gegen einander so verliebt werden müssen / wie die menschlichen Seelen /
wenn sie in einem ihne ähnlichen Gegen-Satze sich gleichsam bespiegeln. Weil nun
aber kein Spiegel mehr als ein Bild auf einmal annehmen und abbilden kann; leitet
uns die Vernunft zu solchen Spiegeln / darein die uns zuvor gekommene Liebe
nicht schon ein ander Bild eingedrückt hat. Und also muss ich / wie schwer michs
auch ankömt / meine Neigung gegen dem Fürsten Zeno als unvernünftig verwerffen /
weil sie mein Bild ohne Vertilgung dessen / das die Königin Erato schon in sein
Hertze gepregt hat / nicht daselbst eindrücken kann. Flavius versetzte: Es ist
wahr: dass nicht allen Menschen einerlei Schönheit anständig / und dass wegen
gewisser Unähnligkeit uns oft eine viel andere vergnügende Gestalt höchst
zuwider sei; und nichts minder eine Hässlichkeit zu sein / als manchen der
süsseste Honig unannehmlicher als bittere Wermut zu schmecken pflege. Alleine
unsere Neigung ist entweder so denn wie die schwitzenden oder beraucherten
Spiegel beschaffen / welche entweder gar kein Bild / oder doch solches ganz
verfälscht /und nur als einen betrüglichen Schatten anzunehmen /also auch eine
göttliche Schönheit nicht zu prüfen fähig sind; oder diese absondere Zuneigungen
sind auch nur für mittelmässige Schönheiten / wie die nur in gewisse Geschöpfe
flüssende Würckungen für die kleineren Gestirne gewiedmet. Wie die Sonne aber
durchgehends in allen Sachen der Welt würcket / und von allen Völckern / in
derer Köpfen es aufgeräumt ist / hochgeschätzt wird: also müssen auch die über
das gemeine Maass steigende Schönheiten von allen /oder zum minsten von sehr
vielen geliebt werden. Diese sind Mittelpuncte in dem Leben / wie die Sonne /
der scharffsichtigsten Weltweisen Lehre nach in der Welt; also müssen sich umb
sie unzehlbare Striche aus dem fernen Umbkreisse zusammen ziehen. Diesemnach man
sich denn nur mit einer halben Schönheit oder mit einer gemeinen Unvollkomenheit
vergnügen muss; wenn man keiner fremden Liebe Eintrag tun will. Wenn du aber /
liebste Schwester / einen Zeno / wie ich eine Erato zu lieben das Hertze hast;
müssen wir uns so wenig als hurtige Wetteläuffer eines andern Vorsprung / irre
machen; noch den Rauch einer fremden Flamme unsere Liebe erstecken lassen.
Issmene antwortete: Es ist meine Meinung nie gewest unserer Liebe alsbald Fässel
anzulegen / wenn ein ander nebst uns nach einerlei Ziele rennt; welches freilich
eben so wohl als die Renne-Bahn der Ehre mehr als einem offen stehen muss. Aber
diss halte ich für verunantwortlich: dass wir beide dem Fürsten Zeno und Erato /
welche beide das Ziel ihrer Liebe in erlangter unverwechselten Gegen-Liebe
erreicht haben / ihnen den Siegs-Krantz strittig machen / ja das heilige Band
ihrer festen Verknipfung zerrissen / und unsere Süssigkeiten ihnen in Galle
verwandeln wollen. Flavius seufzete / und fing an: Meine Vernunft gibet sich
deinem Einhalte zwar gefangen / aber nicht meine Liebe. Denn diese billiget: dass
wie für einem grössern Lichte das kleinere sich verliere / also einer heftigern
Liebe die mässigere aus dem Wege treten müsse. Diese machet sich und Issmenens
Liebe selbst zu zwei Riesen; des Fürsten Zeno und der Erato gegen einander
tragende Neigung aber zu niedrigen Zwergen / und rechtfertiget hierdurch die
Reue der vom Zeno absetzenden / und den Flavius liebenden Erato. Ja sie
verurteilt den Zeno: dass er ohne undanckbare Hartneckigkeit die eifrige Liebe
der unvergleichlichen Issmene nicht verschmähen könne. Also ist unserer beider
Liebe nicht gemeint dem Zeno und der Erato ihre Liebe zu verbittern / sondern
durch eine anständigere Umbtauschung zu verzuckern / unserer aber / die wir als
Geschwister einander nicht lieben dörffen / ein Geschicke zu geben. Wir heucheln
/sagte Issmene / unsern Fehlern / und wir betrügen uns mit unsern Träumen; wenn
wir uns einbilden: dass wir durch Störung fremder Liebe denen Liebenden kein
Unrecht antun; und dass eine so tieff eingewurtzelte Gewogenheit sich ohne
grosse Empfindligkeit ausrotten lasse. Diesemnach ich denn mich ein für allemal
nicht überwinde kann / den Fürsten Zeno meine Liebe mercke zu lassen. Denn / weil
ich ihn mehr / als mich selbst liebe / ist mir unmöglich ihm weh zu tun
/welches geschehe / wenn ich durch Ausbrechung meiner Liebe seine Erato
beleidigte; als in welcher er mehr / als in sich selbst leiden würde. Flavius
antwortete: Ich sehe wohl / liebste Schwester / dass du weniger / als ein Kind in
der Liebe bist; und dass du dich lieber dein Lebenlang / als deine Buhlschaft
drei Tage bekümmern wilst. Weist du nicht: dass wie die Liebe das höchste Gut des
Menschen / also ihre Widersetzligkeit eine Kranckheit des Gemütes sei /welche
nicht ohne bittere Rhabarbar geheilet werden kann? Du verstehest noch nicht die
kräfftigste Würtze der Liebe / welche doch deine dem Zeno zugetane Seele im
Wercke empfindet. Diese aber bestehet darinnen / wenn man sich eines schon von
iemanden anders besessenen Hertzen bemächtigt. Denn es ist nicht so schwer in
eine zarte und noch freie Seele den Eingang gewinnen / als eine schon darinnen
befestigte Liebe heraus treiben. Im erstern Tun siegt nur die Liebe / im
letztern aber erlanget die Liebe und die Ehre zugleich einen zweifachen
Siegs-Krantz. Diesemnach ich nur offenhertzig gestehe: dass die Königin Erato
vielleicht eben so wenig als Julia zu Rom mich zu fesseln mächtig gewest wäre /
wenn ihre gegen den Zeno tragende Liebe nicht meinen Ehrgeitz gereitzet hätte
den Zeno aus ihrem Hertzen zu bannen. Mich aber deuchtet / versetzte Issmene /
dass meine Liebe gegen den Zeno viel heftiger sein würde / wenn ich an seinem
Hertzen eine glatte Taffel aus Jungfern-Wachse gefunden / und das Glücke gehabt
hätte mein Bild zum ersten darein zu drücken. Sintemal doch die erste Empfängnüss
der Liebe eben so wohl die kräfftigste als die reineste ist / und die
allerempfindlichste Vergnügung zu ihrer Erst-Geburt hat. Bei solcher
Beschaffenheit würde meine Liebe weder so verzagt /noch die Zunge so ohnmächtig
sein: dass ich selbte nicht dem / welchen ich liebe / entdecken sollte. So aber
tödtet seine der Erato gewiedmete Liebe meiner das Hertz-Blat / nämlich die
Hoffnung: dass mich Zeno iemals seiner Liebe würdigen werde. Du kennest dich /
fiel Flavius ein / so wenig selbst / als die seltzamen Eigenschaften der Liebe.
Und weil du ohne Hoffnung / wie du dich irrig überredest / lieben kanst;
wünschte ich dich eine Zeitlang in der Schule gewisser Aberwitzigen / welche die
am heftigsten lieben /von denen sie verachtet oder gar gehasst wurden; und so
bald ihre Buhlschaft zur Gegen-Liebe bewegt /ihnen eben so sehr / als lüsterne
Ehmänner ihrer Frauen aus Uberdruss gram werden. Denn ob wohl dieser verliebter
Toren Zuneigung eine Miss-Geburt der Liebe ist; so würde doch ihr Irrtum deinen
ändern /wie das bereitete Gift dem Gifte abhelffen / nämlich dich unterrichten:
dass die Liebe niemals die Verzweifelung zur Gefertin haben solle; weil / ihrer
Meinung nach / die Liebe so gar ohne Gegen-Liebe vergnügt /ja in grösser
Vollkommenheit sein könne. Ich halte diss letztere / versetzte Issmene / für
keinen Irrtum /sondern für unverwerffliche Wahrheit. Sintemal der /welcher ohne
Hoffnung der Gegen-Liebe liebt / eben so wohl / als der / welcher ohne Absehen
einigen Gegen-Geschenckes freigebig ist / grossmütiger und edler handelt / als
die / welche durch Liebs- und Wohltaten-Angeln nur wuchern. Die Freundschaft
ist eine verwechselte Verknipfung zweier Hertzen /wie zweier mit den Aesten
einander umbarmenden Palm-Bäume; ein Gesang zweier mit einander eintreffenden
Stimmen / und ihr Wesen hat mit der Einsamkeit keine Verträgligkeit. Viel anders
aber ist es mit der Liebe beschaffen. Denn ihre Bewegung ist eben so einseitig /
als einer den unempfindlichen Angel-Stern mit höchster Unruh suchenden
Magnet-Nadel /als des sich umb einen fremden Baum windenden Epheu / und der den
Hunds-Stern mit starren Augen anschauenden Ziegen in Mohren-Land. Denn die Liebe
an ihr selbst hat ihr Absehen nur auf die Schönheit und Würde dessen / woran sie
sich hängt; und ist unbekümmert: Ob das geliebte Augen habe seinen Liebhaber zu
schauen / oder eine empfindliche Seele seine Regung zu fühlen und zu vergelten.
Daher sich Praxiteles nicht in sein helffenbeinernes Bild / Xerxes einen
Maassholderbaum / ein ander in desselben todten Schatten zu verlieben mässigen
können. Diesemnach die Begierde geliebt zu werden / nicht so wohl eine Würckung
reiner Liebe / als der Gewinnsucht ist. Würde also ich meiner Liebe mehr Abbruch
/ als wohl tun / wen ich selbte mit der eitelen Einbildung vom Zeno wieder
geliebt zu werden verfälschte / und durch meine Eröffnung ihn nicht weniger
beunruhigte / als seine Erato beleidigte. Flavius brach ein: Was wirst du /
liebe Schwester / aus der holdseligen Liebe noch für eine abscheuliche Unholdin
machen? Lässest du den Wahnwitz etlicher sich an nichts liebens-würdigem Wesen
vergaffender Toren für eine wahrhafte Liebe verkauffen? Kanst du dich selbst
bereden: dass diss / was nicht zu lieben fähig / doch zu lieben würdig sei?
Enträumest du der Freundschaft über der Liebe den Vorsitz und den Vorteil
nötiger Gegen-Erkenntnis? Weist du nicht: dass die Freundschaft nur eine halbe
Liebe / und ihr Fuss / ja gegen ihrem Brande kalt Wasser / die Liebe aber die
vollkommenste Freundschaft sei; und so wenig ohne das Oel der Gegen-Liebe / als
das Feuer ohne Zunder tauern könne? Die Verzweifelung an der Gegen-Liebe ist der
schwartze Rauch / welcher bei anglimmender Liebe sie gleichsam selbst zu
erstecken bemühet ist. Er verschwindet aber in weniger Zeit / wenn die Flamme zu
Kräfften kommt. Daher glaube nur: dass wenn deine unerfahrne Liebe gleich noch
mit der äusersten Verzweifelung des Zeno zu genüssen behaftet wäre / sich doch
diese grausame Anfechtung nach und nach in einen erträglichern Zweifel / und
endlich / ie öffter du ihn anschauen wirst / in eine liebkosende Hoffnung
ausklären werde. Denn die blosse Gegenwart der Geliebten hat eine Beredsamkeit
ohne Kunst uns etwas zu bereden / und eine heilsame Zauberei an sich uns die
Unmögligkeit leichte zu machen. So bald du nun diese erste Schwerigkeit in der
Liebe / nämlich das eigene Misstrauen überwunden haben wirst; so bald wird die
Lüsternheit deiner Begierde dich auch die Süssigkeit fremden Gutes schmecken
lassen. Denn /da dem Neide der Nachbarn Kühe grössere Euter zu haben scheinen;
da die Missgunst fremdes Wasser für Honig hält; so muss die viel gütigere Liebe
aus den Rosen fremder Schönheit etwas saugen / gegen welchem aller Zucker und
andere irrdische Süssigkeiten bitteres Meer-Wasser sind.
    Uber diesen Worten traten Tussnelde / Erato /Catta / Adelmunde / Leitolde /
und Zirolane / mit dem Fürsten Jubil / Catumer / Zeno / Rhemetalces /Malovend
und Siegemund ins Zimmer / und unterbrachen dieser beiden Verliebten Gespräche.
Niemand war unter ihnen / welche nicht dem Flavius / insonderheit aber Issmenen
ihre Gemüts-Unruhe ansah. Daher auch der freudige Zeno Anlass nahm / sich
Schertz-weise gegen sie heraus zu lassen: Wenn die Liebe der Geschwister in
Deutschland / wie in Egypten und Persien / zulässlich wäre / würde er aus ihrer
Beschaffenheit nicht anders urteilen können; als dass sie beide aus der
tieffsten Selbst-Gelassenheit erwecket worden wären. Flavius versetzte: Er wüste
von keinem Gesetze bei den Deutschen; welches denen der Natur / und daher auch
der brüderlichen Liebe zuwider wäre. Aber wohl einer solchen / antwortete Zeno /
welche die Seelen in solche Verzückung setzet / als wir an dem Fürsten Flavius
und Issmenen gefunden zu haben uns bedüncken lassen. Denn die Neigung der
Geschwister ist mehr eine Art der Freundschaft als der Liebe / und hat nicht so
heftige Regungen als diese. Die Königin Erato / welche zwar nicht Issmenens /
aber wohl des Flavius geheime Kummer wusste / und nunmehr über des Fürste Zeno
scharffsichtiger Ergründung seiner Kranckheit empfindlich ward / färbte ihre
Wangen mit einer annehmlichen Scham-Röte; also: dass es nicht nur Flavius
/sondern selbst Zeno inne ward. Weil dieser aber nichts weniger / als dass Erato
der Stein des Anstossens wäre / argwohnete / schlug er es ausser acht; Flavius
aber ward durch ihre Veränderung so verwirret: dass er kein Wort aufzubringen
getraute; und also Issmene / wie sehr sie sich auch in ihren Gedancken verwickelt
hatte / vom Flavius das Wort zu nehmen gezwungen ward / und dem Zeno begegnete:
Sie würde sich schuldig geben: dass sie ihre zwei Brüder nicht hertzlich liebte /
wenn sie die Liebe der Geschwister auf eine so niedrige Staffel setzen / und zu
einer Zwergin machen liesse; da doch die Liebe des Geblütes das Vorrecht der
Erst-Geburt hätte. Denn sie würde in uns geboren / ehe als wir selbst; sie
regte sich mit der ersten Bewegung des Hertzens in Mutter-Leibe / und die Natur
vermählte ihre Glut mit dem ersten und reinesten Blute unsers Leibes; also dass
es was unmenschliches zu sein schiene; wenn derer Gemüter von einander
entfernet lebten / die aus einerlei Adern entsprossen wären / und unter einem
Hertzen gelegen hätten. Erato meinte es nicht nur ihrer Schuldigkeit zu sein
gegen Issmenen ihren Zeno zu vertreten / sondern auch durch ihre Einmischung ihre
Veränderung zu verstellen; begegnete daher Issmenen: Es wäre wohl wahr: dass die
Gewogenheit der Anverwandten älter wäre / und ihren Ursprung aus dem Geblüte
hätte; aber die eigentliche Liebe entsprüsse aus den Sternen / und erlangte ihre
Stärcke von der Vernunft. Das Verhängnis / nicht eigenbewegliche Wahl verlobte
die Hertzen zusammen / und die wahrhaften Ehen würden im Himmel geschlossen.
Diesen Leitungen folgte hernach die Vernunft / und befestigte ein Band / welches
hernach auch der Tod nicht gäntzlich versehren könnte; Denn das Feuer der Liebe
stiege so denn den Todten in die kalte Grufft nach / und wenn sie ihren
Geliebten nicht mehr umbarmen könnte / labete sie sich mit seiner Asche /
ergetzte sich mit seinem Schatten / und besprachte sich mit seinem Geiste. Keine
so lange tauernde oder so heftige Würckungen hätte man iemals von der Liebe der
Geschwister erfahren / welche ins gemein unter den Kindern heiss / in den
mittlern Jahren lau / und bei reiffem Alter eisskalt wäre; oder sich wohl gar in
Gift und Galle verwandelte / wenn das Zanck-Eisen des Eigen-Nutzes oder der
Herrschens-Sucht darzwischen käme. Denn diese zwei Lock-Vögel wären die
selbstständigen Circen / welche nicht nur Geschwister in Tod-Feinde / sondern
Eltern und Kinder in Schlangen verwandelten; also: dass auch diese / wenn sie
gleich nicht so gar aus der Art schlügen / der Eltern Tod / als welcher sie zu
Erben machte / für eine grössere Wohltat hielten / als ihre Zeugung / dardurch
sie doch ihr Wesen bekommen hätten. Issmene versetzte: Es wäre kein Wunder: dass /
wenn die Liebe des Geblütes vergällt würde / sie sich in einen so schädlichen
Wurm verwandelte. Alleine diss wäre vielmehr eine Behauptung ihres Nachdrucks /
als ihre Verkleinerung. Denn wer sehr liebte / wenn er liebte / hasste auch /
wenn er hasste / so viel mehr. Und könnte man sonder Zweifel so viel von der
Geschwister / als anderer Liebe herrührende Ebenteuer auf den Schau-Platz
stellen; auch vielleicht eines einigen unter dem grossen Pompejus dienenden
deutschen Kriegs-Knechts Beispiel vielen andern entgegen setzen; welcher ihm
selbst auf seines dem Sertorius dienenden / und von ihm in der Schlacht
unwissentlich getödteten Bruders Holtz-Stosse aus Reue den Degen ins Hertz
gestossen / und durch sein Begräbnis- Feuer die verdüsterte Flamme seiner
brüderlichen Liebe erleuchtet hätte. Wenn man aber auch gleich aus den
Würckungen des Missbrauchs von einer Sache urteilen wollte / würde schwerlich in
der Welt ein Land / oder unter dem Himmel ein Fürstliches Haus sein / welches
unmässige Brunst nie in Brand gesteckt / oder gar eingeäschert hätte.
Rhemetalces fing an: Beide Meinungen wären so reich von traurigen Beispielen:
dass wenn aus derselben Vielheit geurteilet werden sollte /weder Issmene noch
Erato so bald ihr Recht ausführen / noch einiger Richter den Schlüssel zu einem
unparteiischen Urtel finden würde. Sein einiges Vaterland Tracien rauchte
noch so wohl von ein als dem andern Brande / und das grosse Gebürge Rhodope
zeugte nicht Flüsse genung das Blut abzuwaschen / was die vergällete Liebe
darinnen versprjetzt hätte. Die Hertzogin Tussnelde brauchte sich hierbei der
bequemen Gelegenheit den Rhemetalces zu erinnern: dass er ihnen nichts von den
Verwickelungen Traciens und von seinen Zufällen zu verschweigen versprochen
hätte. Rhemetalces erkennte seine Schuld /und weil selbiger Tag ohne diss sich zu
Ende neigte; bat er ihm nur Zeit und Ort zu bestimmen / wo er einer so
annehmlichen Gesellschaft Befehl zu befolgen beglückt sein möchte. Sie
beliebten alle folgenden Morgen und Tussneldens Gemach / schieden also diesen
Abend / und zwar teils nicht ohne empfindliche Gemüts-Regungen von sammen.
Denn Erato war bekümmert über ihrer unvorsichtigen Röte: dass nicht Zeno etwas
ungleiches daraus ärgwohnen möchte; weil sie wohl wusste: wie heftig er sie
liebte / und wie wenig daher ein Hertz von der Eifersucht entfernet sein könnte.
Sie beratschlagte mit ihr die ganze Nacht: Ob sie nicht dem Zeno ihre vom
Flavius habende Anfechtung entdecken / und dardurch künftig besorglichem
Verdachte vorbeugen möchte; zumal Flavius allem Ansehen nach seine Begierden
nicht mehr bergen könnte / und sich gegen dem Zeno allzu zeitlich blossgeben
würde. Allein der Ort / wo sie sich aufhielten / nämlich der Cheruskische Hof /
und das Ansehn des Flavius / als des ersten Fürsten vom Geblüte / nebst der
Beisorge: dass die ausbrechende Liebe des Flavius beim Zeno eine grosse
Eifer-Sucht und daher allerhand gefährliche Entschlüssungen verursachen dörfften
/ rieten der Erato biss auf den äusersten Notfall reinen Mund zu halten. In
Ismenen fing ein kleiner Zunder der Hoffnung / entweder aus des Flavius Zuredung
/ oder weil ihr Zeno holdseliger als für diesem fürkommen war / anzuglimmen /
also: dass sie sich schon mit einer verborgenen Liebe nicht mehr zu vergnügen /
sondern sich nach des Zeno Gewogenheit zu sehnen anfing. Sie war daher auf den
Morgen am ersten in Tussneldens Gemache; wiewohl ihr alle andere fast auf dem
Fusse folgten.
    Rhemetalces umb die Zeit zu gewinnen / und der begierigen Ohren zu vergnügen
/ derer stumer Mund ihn nichts minder als alle auf ihn gewendete Augen darumb
anredeten / fing diesemnach ohne fernern Eingang an: Mein Vaterland Tracie ist
zwar nicht das fruchtbarste / aber nebst Deutschland das volckreichste in der
Welt. Die Arbeitsamkeit der Einwohner aber ersetzt die Mängel der Natur / welche
mit ihrem Uberfluss die Leute eben so wohl träge als weibisch macht. Daher tragen
ihre mit Laube bedeckten Aecker guten Weitzen und Reiss / die Hügel männlichen
Wein; damit schon in der Trojanischen Belägerung die Griechen versorgt worden;
und wird der Maronische Wein noch ietzt zu Rom für ein köstliches Geträncke
gehalten. Auf dem Berge Pangäus und bei Philippis hat es Gold- und Silber-Gruben
/ aus welchen der Macedonische König Philipp grosse Schätze gezogen. Meine
Landesleute haben gelbe Haut / blaue Augen / tragen / wie die Deutschen / auf
dem Wirbel einen langen Pusch Haare / mahlen ihre Antlitze und Glieder mit
gewissen Denckzeichen / als Merckmalen des Adels. Sie sind ein abgehärtetes
Volck / welche denen weichen Asiern und Griechen deshalben wilde heissen. Sie
beweinen wegen des mühseligen Lebens der Menschen Geburt / und frolocken über
ihrem Tode / als einem Ende des Elends. Die Dienstbarkeit ist ihnen
unerträglicher als das Sterben; daher die Gefangenen auch mit ihren Zähnen sich
die Fessel zu zerbeissen mühen. Sie lieben den Trunck / welchen sie an den
Wein-mangelnden Orten aus Gerste kochen / sind von Natur streitbar / tragen aus
Fuchs-Häuten Helme auf den Köpfen / halten für ehrlicher von der Beute als vom
Verdienste zu leben. Westwegen auch nur der Pöfel den Acker bauet / die Waffen
aber sind iederzeit des Adels fürnehmstes Handwerck und Zeit-Vertreib gewesen;
also: dass sie es darinnen denen Welt-bezwingenden Macedoniern zuvor getan.
Massen sich denn einige mit dem Kriege ganz vermählen / und niemals zu
heiraten verloben. Weswegen Tracien nicht ohne Grund fürs Vaterland des
Kriegs-Gottes gehalten wird. Diesen Gott / wie auch den Bacchus / den Mercur /
den Plistor / Dianen und Bellonen verehren sie mit so grosser Andacht: dass
andere Völcker sie oft deshalben angestochen; gleich als wollten sie den
Heiligen die Füsse abbeissen. Sie opfern daher der Bellona auch Menschen / und /
wenn es blitzet / erfüllen sie die Lufft mit ihren Pfeilen /nicht in Meinung
Gott zu beleidigen / sondern damit anzudeuten: dass ihre Waffen seinen an der
Seite zu stehen bereit wären. Nebst diesen hat der aus Phönicien in Griechenland
einsitzende Cadmus auf dem Eylande Tasus zum ersten festen Fuss gesetzet / und
dem Egyptischen Hercules einen Tempel gebaut; in dem Pangeischen Gebürge
Traciens auch das erste Ertzt gegraben und geschmeltzet. Die Tichter und andere
freien Künste nebst den Saiten-Spielen haben in Tracien ehe / als in
Griechenland Bürger-Recht gewonnen. Denn Orpheus / Musäus / Tamyris und
Eumolpus sind von dar gebürtig. Das Reich der Tracier ist fürzeiten nach den
Indiern auch das gröste gewest. Sintemal sich dessen Gräntze von dem Aegeischen
Meere an umb die Euxinische See biss an den Fluss Tanais erstreckt / und die
Mysier / Dacier und Geten unter sich begriffen hat. Zu geschweigen: dass sie ihre
Waffen fast in die ganze Welt ausgebreitet / in Asien / Bitynien / Carien und
ein Teil Armeniens eingenommen / und die Einwohner des Cimbrischen Chersonesus
für ihnen von einem Meer zum andern eine Mauer zu führen genötigt hätte. Wie
nun die Hausväter die ersten kleinen Fürsten gewest / und aus Vergrösser- oder
Vereinbarung der Haus-Genossenschaften die ersten Herrschaften entsprossen sind;
also sind in dem grossen Tracien anfangs unterschiedene Fürstentümer
aufkommen. Der älteste König der Tracier war Trax / Titans und der Nymphen
Traca Sohn; von welcher dieses vorhin Perca / Aria / Odrysa / Crostona und
Scyton genennte Land auch den ietzigen Nahmen bekommen hat; sein Nachfolger
sein Sohn Aenus / der nach seinem Nahmen am Flusse Absyntus eine Stadt baute /
welche die Griechen hernach aus dreien Städten bevolckten. Nach ihm ward König
Turas oder Tereus / der so genennte Tracische Mars berühmt; dessen
Untertanen nichts minder wegen ihres Gottes-Dienstes / als er wegen seiner
Tapferkeit bei den Ausländern hoch angesehen waren. Er erweiterte sein Reich biss
in Daulis oder Phocis in Griechenland. Weswegen der Berg Otrys und viel andere
zu Macedonien und Tessalien gehörige Örter von den alten Welt-Beschreibern in
Tracien gerechnet werden. Daher ruffte ihn auch der König zu Aten Pandion
wider den Tebanische König Labdacus zu Hülffe / welcher für seinen treuen
Beistand vom Pandion seine Tochter Progne zur Gemahlin erhielt. Weil er aber
ihre Schwester Philomela schwächte / und noch darzu ihre Zunge verstimmelte /gab
die rachgierige Progne im Feier des Bacchus ihm seinen eigenen Sohn Itys zu
essen; worüber er ihm zu Megare selbst vom Leben halff. Nach ihm bekam seine
Herrschaft Pyreneus / welcher die vom Parnassus auf den Helicon reisenden Musen
beherbergt / sie aber zu notzüchtigen fürgehabt; und als er die Flüchtigen zu
verfolgen gemeinet / aus einem Fenster den Hals gebrochen haben soll. Diesem
folgte König Astreus oder Strymon / und kurtz darauf sein Sohn Boreas / welcher
des Königs zu Aten Erechteus Tochter Oritia raubte / und mit ihr drei Söhne /
nämlich den Zetes und Calais / welche mit dem Jason in Colchis reiseten und vom
Hercules erschlagen wurden / wie auch den Hämus zeigte / der in dem bergichten
Tracien ein neues Reich stiftete / und dem grossen Gebürge den Nahmen gab. Des
Boreas Tochter Cleopatra heiratete in Tracien Agenors Sohn den Phineus / der
in Tracien an dem Euxinischen Meere und dem Flusse Salmydessus ein Reich
aufrichtete; weil er aber des Phrixus Kindern die Seefahrt nach Colchis wiess
/vom Neptun gebländet; hernach vom Hercules getödtet ward. Des Boreas andere
Tochter Chione ward vom Neptun schwanger / und gebahr den König in Daulis
Eumolpus. Dieser heiratete in Mohrenland des Bentesiceles Tochter / hernach
lebte er in Tracien beim Könige Tegyrius / und vermählte seinen Sohn Ismarus
mit seiner Tochter. Weil aber so wohl dieser als Tegyrius ohne Kinder starb /
ward Eumolxus König in Tracien / und kam den Elevsiniern wider den König zu
Aten Erechteus / iedoch zu seinem grossen Unglücke zu Hülffe. Denn nachdem
dieser auf Anleitung der Wahrsager seine mit des Tebanische Königs Praxitea
Tochter gezeugte Tochter Proserpina den Göttern opferte / schlug er die
Elevsinier aufs Haupt / und ihren Heerführer Immardus des Eumolpus und der Deira
Sohn todt. Sein ander Sohn Ceryx war der Stamherr der Cerycher in Griechenland /
und der gelehrte Musäus ein Schüler des in Tracien gebohrnen Orpheus / dessen
Haupt nach seinem Tode noch zu Lesbos soll gewahrsaget haben. Nach dem Tereus
kame in Tracien unterschiedene Königreiche empor. In der Gegend umb Byzanz
herrschete Ejoneus; nach ihm kam Rhesus / Strymons und Euterpens Sohn; welchem
Hector seine sich gege ihn auflehnende Nachbarn bändigen halff. Als er aber
hingegen für den Priamus unter Troja ein Läger aufschlug /ward er des Nachts in
seinem Zelt vom Diomedes und Ulysses unversehns beschlichen und erwürget. Seine
Schwester Rhodope war des Königs Hämus Gemahlin / und die Benennerin des
Rhodopeischen Gebürges. Umb den Bistonischen und Iswarischen See Diomedes / der
seine Stutten mit Menschen-Fleische unterhielt / aber vom Hercules getödtet /
und von ihm die Stadt Abdera gebauet ward. Nach ihm machte sich Imbrasius zum
Tracischen Könige über die Ciconen. Dieser liess sein Reich seinem Sohne Pirous;
welcher bei Troja wider die Griechen kämpfte / der aber daselbst vom Toas / wie
sein ihn zu rächen sich mühender Sohn Rhigmus vom Achilles erlegt ward. Umb den
Fluss Erginus und Panysus Sarpedon; welcher am Euxinischen Meere eine mächtige
Stadt baute; Umb den Fluss Hebrus König Poltys / bei welchem so wohl die Griechen
/ als Priamus durch seinen Sohn Paris umb Hülffe anhielten. Aber dieser
friedsame Fürst versagte sie beiden / und mühete sich / wiewol vergebens / den
Paris zu Wiedererstattung der geraubten Helena zu bewegen / für welche er ihm
die Freiheit zwei der schönsten Frauen in Tracien auszulesen antrug. Im
Tracischen Chersonesus stiffteten Eusorus und Polymnestor zwei Herrschaften.
Beide schickten den Trojanern wider die Grichen Hülffe. Dieser aber bisste seinen
Sohn Arcamas durch die Faust des Ajax ein. Jener heiratete zwar des Priamus
Tochter Ilione; Als aber Troja übergieng / schlachtete er den zu ihm
geflüchteten Polydorus des Priamus Sohn / und warf die Leiche ins Meer / umb der
mitgebrachten Schätze habhaft zu werden. Die rachgierige Hecuba aber stach ihm
hernach die Augen aus; nach dem er selbst vorher seinen Sohn Driphylus
unvorsichtig getödtet hatte. Zur Zeit des Tereus / oder bald darnach herrschte
zwischen dem Flusse Nessus und Zygactes umb den Pierischen See-Busem König
Tarops / und nach ihm sein Sohn Oeagrus des Orpheus Vater / welcher die
Weissheit und Wissenschaft von GOtt aus Egypten in Grichenland geholet / und
darmit die denen Wäldern / Felsen und wilden Tieren ähnliche Menschen gleichsam
rege gemacht hat. Des Orpheus Söhne waren Ores / von welchem Homerus im achten
Gliede entsprossen / und Musäus ein Prister der Ceres zu Aten / der den
Hercules eingeweiht hat; sein Enckel Meton / der die nach seinem Nahmen
genennte Stadt in Tracien erbauet. Als Tirsippus zu Aten /Salomon über die
Juden / und Hiram über die Phönicier herrschte; setzten die Tracier nach dem
Beispiele der Joner / in Asien / bemeisterten und besämeten selbtes fast über
und über. Hingegen überschwemmete wenig Jahre darnach Setosis oder Sesostris
mit seinen Egyptiern die halbe Welt; und darunter auch Tracien bis an den Ister
/ Colchis und Scytien bis an Tanais. Massen in Tracien noch auf dem Berge
Rhodope beim Ursprunge des Flusses Melas eine marmelne Säule mit einem
männlichen Geburts-Gliede zu sehen / und daran in Egyptischer Schrifft zu sehen
ist: Der König und Herr aller Herren eroberte dis Land mit seinen Waffen. Diese
Säule haben die Tracier aber mehr zu Verhöhnung der Egyptischen Hoffart / als
dem Sesostris zu Ehren stehen lassen. Sintemal er von den Traciern umbsetzt
/sein Heer in grossen Mangel der Lebens-Mittel gebracht / und seinen Rückweg umb
viel Gold und Silber zu erkauffen genotdränget ward. Jedoch wohnet unter dem
Berge Rhodope gegen Nord noch das Volck der Hodomantier; welche entweder wie
die Colchier von den Egyptiern entsprossen sind / oder zum minsten ihren
Gottesdienst und Sitten behalten haben. Denn diese beschneiden alles / was
männlich ist / noch heute zu Tage mit einem steinernen Messer; wie die Egyptier
dis von den Juden / von jenen aber viel andere Völcker / nämlich die Mohren /
Araber /Colchier und Syrier gelernet haben. Jedoch ist unter ihnen dieser
Unterschied: dass die Juden ihre Kinder den achten Tag / die Egyptier im
vierzehnden; die Mohren / welche damit auch der Mägdlein nicht schonen / im
dreizehnden Jahre beschneiden. Diese Völcker halten die Unbeschnittenen für
unrein / würdigen sie daher nicht ihrer Gemeinschaft / weniger ihrer Heirat.
Ja sie brauchen nicht einst ihre Haus- und Küchel-Geschirre; essen auch kein
Fleisch / das mit einem frembden Messer geschlachtet worden. Dahero Pytagoras
umb der Egyptier Lehren zu vernehmen sich beschneiden zu lassen gezwungen
gewest. Ungeachtet diese die Beschneidung nur vom Saturnus der Reinligkeit / die
Araber ihrer sonderbaren Leibes-Beschaffenheit halber eingeführet zu sein
vermeinen. Dahingegen die Juden ein Göttliches Geheimnüs daraus machen.
Vorerwähnte sich beschneidende Tracier hatten anfangs ihre eigene Könige;
hernach aber kamen sie unter die Odrysen. Ihr letzter König war Polles der
Atenienser treuer Bunds-Genosse in dem Peloponnesischen Kriege. Gleicher
gestalt richtete Doloneus zwischen dem Flusse Hebrus und Pontus /und der nichts
minder schöne als reiche Isantes über die Corbyzer / Dryas aber zwischen dem
Flusse Strymon und dem Pangäischen Gebürge ein Reich auf. Diesem folgte Lycurgus
/ welcher aber wegen Entweihung des Trieterischen Feiers vom Bacchus rasend
gemacht ward: dass er seinen Sohn Dryas / in Meinung / er hiebe einen Zweig ab /
entauptete. Weswegen die Edoner ihn auf das Pangäische Gebürge führten / und
mit Pferden zerrissen / die Seinigen aber kreutzigten. Nach diesem ward die
Herrschaft dem Tarops anvertraut; und nach seinem Tode des aus Sicilien
verwiesenen Orions Sohne Hippologus. Nach ihm herrschete sein Sohn Dryas / und
leistete im Tebanischen Kriege dem Eteocles tapferen Beistand. Weil er aber
darinnen den Partenopeus erlegte / ward er von Dianen mit Pfeilen getödtet. Ihm
folgte sein Sohn Lycurgus / welcher nach langer und glücklichen Herrschaft im
Alter mit den Geten in Krieg verfiel /und von ihnen gefangen ward. Aber seine
tapfere Tochter Harpalice tät ein Gelübde / ihre Haare nicht ehe zu flechten /
bis sie ihren Vater erlöset hätte. Welches sie denn auch mit versamleter Macht
heldenmässig ausrichtete / die Geten aufs Haupt erlegte / und über dem Ister den
Vater aus dem Gefängnisse holete. Weil sie aber in selbigem Kriege etliche
Amazonen gefangen bekam / und von ihnen die Verfassung ihrer Weiber-Herrschaft
vernam / segelte sie mit ihnen über das Euxinische Meer in ihr Land / und ward
daselbst ihrer Hertzhaftigkeit halber zur Königin erwehlet. Ihre Schwester
Phyllis aber war so viel unglücklicher. Denn nach dem sie Demophoon geschwängert
/ und sich nach Aten geflüchtet hatte /erhenckte sie sich selbst. Ihr Bruder
Ancöus betrat nach dem Tode des Lycurgus den Tracischen Stuhl /und baute die
Stadt Samos. Nach ihm ward Pittacus König; welcher aber von seinem Ehweibe
Braurone und des Goaxes Kindern ermordet ward. Als derogestalt der Edoner
Herrschaft in Tracien abnam / und sich teils die Atenienser / teils die
Spartaner darein teilten / wuchs hingegen das Reich der Odrysen in Tracien so
viel mehr. Sebalces brachte dieses Volck zum ersten in grosses Ansehen / kam
aber in des Xerxes Zuge wider die Griechen umb; welches der Bisalte- und
Cestronischen Tracier-König derogestalt schmertzete: dass er seinen wider sein
Verbot unter dem Xerxes wider die Griechen kämpfenden Söhne die Augen ausstechen
liess / als er vom Berge Rhodope / und sie aus dem Kriege nach Hause kamen. Des
Sibalces Nachfolger war sein Sohn der streitbare Tereus / welcher den Müssiggang
so sehr hasste: dass er in selbtem sich nicht besser als seine Stall-Buben zu sein
bedüncken liess. Sein Reich erweiterte er so sehr: dass man darinnen von der Stadt
Abdera bis an den Ister in die Breite eilf / und von Byzantz bis an die Gräntze
des Flusses Strymon dreizehn Tage zu reisen hatte. Die Stadt Aten hielt er für
nicht weniger Glück als Ehre durch den Nymphodor wider ihn ein Bündnüs
aufzurichten. Tereus liess sein Reich seinem ältesten Sohne Sitalces / dieser
erwischte beim Hellespont der Spartaner an den König in Persien bestimmte
Gesandten / und schickte sie nach Aten zur Bestraffung. Mit dem verjagten
Könige der Scyten Scyles / weil er mit ihm des Bacchus Orgia andächtig feierte
/ machte er vertrauliche Freundschaft / und wechselte bei dem Scytischen
Könige Octamasades seiner Schwester-Sohne den Scyles gegen seinen zu den Scyten
geflohenen Bruder Spardocus aus. Wider die Pöoner / den Macedonischen König
Perdiccas / und die Chalcidenser ergrief er für den verjagten Amyntas die Waffen
/ nam Idomene /Gortyna / Atalanta / und viel andere Orte ein / und machte / nach
dem ihn die Atenienser alleine baden liessen / einen ehrlichen Frieden; welcher
mit einer Heirat des Seutes und Stratonicen des Perdiccas Tochter besiegelt
ward. Hingegen rächete er sich an den undanckbaren Ateniensern / und half dem
Spartanischen Feld-Hauptmanne Brasidas die zwischen dem Flusse Strymon gelegene
/ aber aus Aten bevolckte Stadt Amphipolis einnehmen. Zuletzt aber wendete sich
das Blat seines ermüdeten Glückes. Denn er büsste gegen die bekriegten Triballen
hesslich ein; ward gefangen / und grämete sich darüber zu tode. Vorerwähnter
Seutes folgte in der Herrschaft seinem Vetter / welcher das Reich zwischen
seine zwei Söhne Medocus und Mösades / aber auch hiermit die Ruhe der Länder
teilte. Dieser machte mit dem Alcibiades vertrauliche Freundschaft / ward aber
von seinen eigenen Untertanen denen Tysen / Melandeptern und Tanipsaren ins
Elend verjagt / darinnen er aus Gramschaft seinen Geist aufgab. Sein mit ihm
wenig mitleidender Bruder Medocus erzohe gleichwol seinen Sohn Seutes / und
half ihm zu einem Heere sein Väterlich Reich wieder zu erobern. Worzu ihm denn
das mit dem Xenophon eingegangene Bündnüs nicht wenig beförderlich war; und nach
dem Heraclides zwischen beide Uneinigkeit sämte /sich mit dem Spartanischen
Heerführer Timbro wider die Persen verband / die den Seestrand des Chersonesus
aber beunruhigenden Atenienser auch aus dem Aegeischen Meere schlug. Zuletzt
aber brauchte dieser Kuckuck seine Waffen wider den woltätigen Medocus; wiewol
sie beide vom Trasybul verglichen wurden. Gleichwol ward er von seinem Volcke
zum andern mal verjagt / aber durch Hülffe des Ateniensischen Feld-Hauptmanns
Iphicratens wieder darein eingesetzt. Dem Medocus und Seutes folgte im ganzen
Reiche des erstern Sohn Cotys /welchen zwar die Stadt Aten mit ihrem
Bürger-Rechte und güldenen Kronen beschenckten; die Wolluste aber zu einem Weibe
/ ja wahnwitzig machten. Denn er durchreisete ganz Tracien / richtete an allen
lustigen Orten verschwenderische Gast-Mahle aus /machte mit der Minerva Hochzeit
/ und erstach etliche edle Tracier / welche ihm nicht heucheln wollten: Sam sie
diese Göttin nicht auf ihn wartende im Ehbette gesehn hätten; also dass er mit
Rechte des Corintischen Abgotts Nahmen Cotys führte / welcher von den Huren als
ihr Schutz-Gott daselbst verehret wird. Er wütete wider alle treue Ratgeber /
und seiner Gemahlin des Iphicrates Tochter schnitt er mit eigener Hand vom
Geburts-Gliede an bis zur Gurgel entzwei. Für einen ihm geschenckten Panter gab
er einen Löwen; und der Stadt Aten Woltaten vergalt er mit einem feindlichen
Einfalle. Er ward aber vom Timoteus geschlagen und umb zwölfhundert Talent
gestrafft. Er erholete sich aber hernach wieder / verjagte seinen Schweher-Vater
Iphicrates / erlegte den abtrünnigen Miltocytis / nam den heiligen-Berg ein
/bekam darauf einen grossen Schatz der Stadt Aten; zwang den Perintiern viel
Geld ab / und jagte die Grichen aus dem Chersonesus. Endlich ward er vom Pyton
und Heraclides / derer Vater er getödtet hatte /erstochen. Also behielt mein
Vaterland auch unter diesem weibischen Könige seine Freiheit und Ansehen / bis
seiner drei Söhne brüderliche Zwytracht selbtem ehe / als die betrügliche
Herschsucht des Königs in Macedonien Philips Fässel der Dienstbarkeit anlegte /
welche / als dieser in Grichenland den Meister spielte / sich mit einander
zwisteten. Denn ob zwar Cotys den jüngsten Sohn Cersobleptes noch bei Lebzeiten
zum Könige erklärt hatte / machten doch die zwei ältesten Brüder Berisades und
Amadocus ihm sein Erb-Recht strittig; zwangen ihm nicht allein eine gleiche
Teilung / sondern auch Aten die Abtretung des Chersonesus / ausser der einigen
Stadt Cardia / ab. Berisades starb kurtz darauf ohne letzten Willen / und liess
Tracien seinen zweien Söhnen Sitalces und Teres / wie auch denen zweien Brüdern
Amadocus und Cersobleptes zum Zanck / Philippen aber zum Reichs-Apfel. Denn als
jene sich über dem Erb-Rechte schlugen / Teres auch seinen Bruder ermordete /
überfiel dieser die reiche und mächtige Stadt Olyntus / welche sich dem
Tracischen Reiche arglistig entzogen hatte. Amadocus und Cersobleptes erfreuten
sich über der Belägerung der abtrünnigen Olyntier; denn ihre Rachgier
verbländete sie: dass sie nicht das ihnen blühende Unglück sahen / und dass Philip
in Tracien einen festen Fuss setzte / wahrnamen. Ja als die mit Golde bestochene
Olyntischen Befehlhaber Lastenes und Eutycrates Philippen die Stadt
verrätrisch übergaben / waren Amadocus und Cersobleptes so blind: dass sie den
weltbekanten Rauber frembder Länder zu ihrem Schieds-Richter berufften; gleich
als wenn Philips Gemüte in Tracien seine Herrschsucht / wie die Schlangen in
Cypern ihr Gift verlieren würde; oder die streitbaren Tracier / ungeachtet
ihre Zwytracht ihnen die Spann-Adern zerschnitten hatte / sich für der
Macedonischen Macht nichts zu fürchten hätten. Philip erwischte mit höchster
Begierde den Hand-Grif dieser Gelegenheit / setzte den Tempel des Apollo auf dem
Eylande Zerintus / wo der Fluss Hebrus mit zwei Armen ins Meer fällt /zum
Richt-Platze. Und nach dem er beide Könige mit einander verhört hatte / fällte
er dis unvermutete Urtel: Beide Streitenden hätten den Grund ihrer Klage
erwiesen / nämlich: dass weder einer noch der ander die Tracische Krone zu
tragen fähig / sondern weil ihr Vater Cotys die Illyrier und Poeonier wieder ihn
ohn Ursach verhetzet hätte / er dis Unrecht nunmehr zu rächen / und Tracien zu
behaupten berechtigt sei. Amadocus und Cersobleptes steckten hierüber die Köpfe
zusammen / und verglichen sich in einem Augenblicke / aber zu spät mit einander.
Denn als sie ausdem Tempel gehen wollten / war Amadocus von dem Macedonischen
Kriegs-Volcke in Hafft gezogen /welches sich nicht allein dieses Eylandes /
sondern auch des Stentoridischen Hafens und der Stadt Stryma bemächtigt hatte.
Von dar überschwemte er ganz Tracien; und weil es zwar Armen sich zu wehren
/aber kein Haupt die Streiche anzugewehren hatte /brachte er das vom Amadocus
auf der West-Seite des Flusses Agrianes besessene Teil mit Waffen / meist aber
mit Gelde unter seine Botmässigkeit. Der von den Priestern im Tempel versteckte
und in geistlicher Tracht nach Samos geflüchtete Cersobleptes fuhr wohl in Eyl in
Chersonesus nach Coelos über / und samlete daselbst und umb das Bebrycische Meer
ein Heer zusammen. Aber König Philip drang ihm selbst mit einem mächtigern Heere
auf den Hals / bestach seine Heerführer / machte die Tracier durch Versprechung
güldener Berge / insonderheit: dass er den in seinem Heere mit-kriegenden
Amadocus ins ganze Reich einsetzen wollte / von ihm abspenstig / und nach dem er
ihn dreimal aus dem Felde geschlagen / kriegte er ihn zu Cissa selbst durch
Verräterei seiner eigenen Leute gefangen. Hierauf ergab sich ihm ganz Tracien
bis an den Fluss Panysus und das für unüberwindlich gehaltene Schloss Bizya; wie
auch die Stadt Salmydessus. Damit er auch seine Herrschaft so viel mehr
versicherte / leschte er beiden Amadoken und Cersobleptes / ja mit ihnen dem
ganzen Königlichen Hause durch Gift das Licht aus. Also gleichet der Leib eines
Regiments dem des Menschen; und sind beide einerlei Schwachheiten und Zufällen
unterworffen. Beide haben nach ihrer schwachen Geburt ein hoffärtiges Wachstum
/ und werden im Augenblicke über Hals und Kopf ins Verderben gestürtzt. Ein
Teil des Adels zohe sich unter des Cersobleptes noch entkommenden zweien Söhnen
Seutes und Ariopharnes / wie auch ihrer Schwester Mecrida Ehmanne dem Fürsten
Charidemus in das Hänische Gebürge / und erwehlten ihnen die Stadt Sarpedonia zu
seinem Sitze / und den aus altem Königlichen Geblüte der Tracier entsprossenen
König der Geten Dromichetes zum Schutzherrn. Nichts weniger bot auch die Stadt
Byzantz mit Hülffe der Atenienser dem Philippus die Stirne; also / dass er die
Gelegenheit dem Getischen Könige Ateas die wider die Istrianer verlangte Hülffe
zu schicken mit beiden Händen ergrif / wormit er nur unter einem ehrlichen
Vorwande die verzweiffelte Belägerung aufheben konnte. Nach dem auch König Philip
starb / und so wohl Attalus als Amyntas in Macedonien wider Alexander ihre Hörner
spreussten / begunten / wie alle überwundene Völcker / also auch die Tracier zu
wancken. Denn Philip / oder vielmehr seine Gemahlin Olympias hatte sie harte mit
genommen / also nicht beobachtet: dass das Besitztum neuer Länder mit Woltaten
zu befestigen sei / wormit sich die Uberwältigten selbst mit über dem Siege zu
erfreuen haben. Aber der zwantzigjährige Alexander / dessen Glücke so wenig ein
Ziel / als die Begierden ein Mass hatten / betörte mit seiner Geschwindigkeit
alle kluge Ratschläge / und mit seiner Tapferkeit alle feindliche Anstalten. Er
fieng den Amyntas mit seinem eigenen Netze / den Attalus rieb er durch den
Hecateus auf / drang sich Grichen-Lande zum obersten Feldherrn wider die Persen
auf / und kam von Amphipolis an dem Flusse Strymon denen freien Traciern auf
dem Hänischen Gebürge in zehn Tagen wie ein unversehener Blitz auf den Hals. Sie
zohen sich zwar auf einer Höhe in einem mit Wagen umbgebenen Lager zusammen; und
als das Macedonische Heer selbte bestieg / liessen sie eine grosse Menge
Sichel-Wagen gegen selbtes herab lauffen. Aber Alexander hatte seine
Kriegs-Leute schon abgerichtet /wie sie teils durch Zerteilung der Glieder /
teils durch Unterschiebung der Schilde die Beschädigung ablehnen sollten. Wie
dieses nach Wunsch geriet; also brachte Alexander unter der Bedeckung der
Bogenschützen seine in acht tausend edlen Macedoniern bestehende Phalanx /
welche man für unzertrennlich hielt / auf den Gipfel des Berges / und darmit
auch die viel schlechter bewehrten Tracier in die Flucht. Ob dieser nun zwar
mehr nicht als funfzehnhundert im Stiche blieben / die andern durch bekandte
Wege entrannen / so kriegte doch Alexander eine Pforte des Hönischen Gebürges
ein / und viel tausend Weiber und Kinder gefangen. Diese dienten ihm hernach zu
Schlüsseln unterschiedener Festungen / und zu Zwangs-Mitteln: dass die über dem
Hämus an dem Flusse Pnigus / Ciabrus / Escamus und Zyras wohnenden Tracier sich
seiner Gewalt untergeben mussten. Wiewol die Warheit zu bekennen / hierzu mehr
der Tracier Aberglauben / als Alexanders Waffen beförderlich waren. Denn die
Pristerin zu Delphis hatte /wiewol aus Unwillen / ihn für unüberwindlich
erkläret; und / als er in den dem Bacchus gewiedmeten heiligen Hein kam / und
auf sein Altar Wein opferte; stieg eine Flamme höher / als der darbei stehende
Tempel war / ja bis in die Wolcken empor; und bei den Odrysen am Berge Libetrus
/ fieng in Alexanders Gegenwart des daselbst gebohrnen Orpheus zypressenes Bild
heftig an zu schwitzen. Welches erstere Aristander auf Alexanders Himmel-hohen
Ruhm /das letztere aber die Tracischen Wahrsager dahin auslegten: dass seine
Siege zu beschreiben gelehrte Leute mehr als zu viel würden schwitzen müssen.
Hierauf kriegte er mit dem Triballer-Könige Syrmus /und den Geten zu schaffen /
kehrte aber nach vernommener Botschaft der Deutschen mit schlechtem Vergnügen
in Tracien; lass daselbst die Fürsten und den Kern des Adels / welche in seiner
Abwesenheit etwan das Hertz haben möchten / sich in Freiheit zu setzen /unter
dem Vorwand der Ehren aus / und bestellte selbte unter sein Heer / wormit er
Persien zu bezwingen sich allentalben verlauten liess. Massen auch diese /
besonders der tapfere Agaton / Sitalces und Eudämon ihm nicht nur ein Pfand
unverrückter Treue / sondern auch wahrhafte Werckzeuge seiner Siege in Persien
und Indien abgaben. Gleichwol versuchte Memmo ein Tracischer Fürst sein
Vaterland dem Macedonischen Joche zu entziehen; ward aber vom Macedonischen
Stadtalter Antipater erlegt. Hingegen versetzten die Tracier / als Alexander
durch Africa in Hispanien zu dringen im Schilde führte / seinem Tracischen
Stadtalter Zopyrion einen unverwindlichen Streich. Denn als dieser den
Getischen König Dromichetes angrif / vereinbarten Seutes / Ariophernes / und
Charidemus mit ihm die Waffen / und rieben ihn mit seinem ganzen Heere auf.
    Nach dem Tode des grossen Alexanders ward bei der Zergliederung seines
Reiches dem Lysimachus als dem streitbarsten das streitbare Tracien mit denen
Ländern zwischen dem Ister zugeteilt. Dieser war aus Macedonien kürtig / des
edlen Agatocles Sohn; und von Kind- auf nichts minder in der Welt-Weissheit /
als in Waffen geübt / und daher unter Alexanders Leibwache gezogen / hernach zu
einem grossen Feld-Hauptmanne gemacht worden. Weil er aber nicht nur die weisen
Lehren des mit einem Hunde in ein Keficht geschlossenen Callistenes hörete /
sondern auch seinen Schmertzen mit Gifte abhalf / liess ihn der zornige Alexander
einem Löwen fürwerffen. Alleine dieser Unfall diente seiner Tugend nur zu einer
Staffel. Denn er grif dem Löwen in den Rachen / riss ihm die Zunge aus / und
tödtete ihn. Alexander hielt ihn hierauf zweimal so wert; also: dass er selbst
in Indien / da er ihn beim Absteigen vom Pferde ungefehr mit der Lanze an der
Stirne verwundet hatte / seine Krone aufs Haupt setzte / umb die Verbindung der
Wunde dadurch zu befestigen; und ihm seine Königliche Hoheit wahrzusagen. Seine
Herrschaft befestigte er durch die Heirat der Fürstin Mecrida des letzten
Tracischen Königs Cersobleptes Tochter / des Fürsten Charidemus Wittiben. Sein
Reich war ein Schauplatz grosser Taten und Zufälle. Denn ob wohl die Odrysen
unter dem Fürsten Seutes für ihre alte Freiheit die Waffen ergreiffen / und mit
zwölf-tausend Reutern und zwantzig-tausend Fuss-Knechten den Lysimachus aus
Tracien zu jagen vermeinten / so bot er ihnen doch mit weniger Macht so
hertzhaft die Stirne: dass kein Teil sich des Sieges zu rühmen hatte; das andere
mal aber büsste Seutes bei der Stadt Aenum fast sein ganz Heer ein / und musste
sich zum Antigonus flüchten. Hierauf meinte Lysimachus die Geten / und die unter
ihrem Schutze lebende Tracier vollends unters Joch zu bringe / ward aber
zwischen dem Ister und dem Flusse Escamus bei der Stadt Appiaria vom Könige
Dromichetes umbringet / geschlagen / und nebst seinem zehn-jährigen Sohne
Agatocles gefangen. Nach dem dieser aber dem Lysimachus durch gezeigtes Armut
der Geten seine törichte Herrschsucht verwiesen hatte / liess er ihn los;
hingegen vermählte Lysimachus dem Dromichetes seine Tochter Lysimache / und trat
seinem Schwester-Sohne Seutes Tracien vom Flusse Melas und Agrianes an bis an
das Euxinische Meer ab. Lysimachus setzte hierauf in Asien / und erhielt so wohl
daselbst wieder den Antigonus / als den König Pyrrhus in Epirus grosse Siege /
ja nach einer vom Demetrius erlittenen Niederlage erholte er sich wider / und
nam ganz Macedonien ein. Hingegen aber verlohr er seinen zum Nachfolger
bestimmten Sohn Agatocles / welchen seine andere Gemahlin Arsinoe durch Gift
hinrichtete / weil er sich mit ihr Blut-Schande zu begehen weigerte. Sein
eigener Sohn Alexander flohe zum Selevcus / und sein Schatz-Meister Phileterus
gab allen Vorrat mit der Stadt Pergamus in seine Hände. Als dis nun Lysimachus
rächen wollte / ward er in Asien nach tapferer Gegenwehr in einer verzweifelten
Schlacht im vier und siebenzigsten Jahre seines Alters / und nach dem er schon
funfzehn Kinder verloren hatte / vom Maloccon getödtet, Alexander / nach dem er
seinen Vater Lysimachus bei Cardia begraben hatte / masste sich Traciens an /
und liess seiner Stief-Mutter Arsinoe mit ihren dreien Söhnen des Lysimachus
Macedonien zum Erbteile. Wie aber Arsinoe von ihrem sie heiratende Bruder
Ptolomeus nach Ermordung ihrer Söhne in Samotracien verstossen ward; also jagte
des Seutes Bruder und Erbe Artophernes / welcher des Königes Dromichetes mit
der Lysimache gezeugte Tochter geheiratet hatte / Alexandern in Phrygien / und
behauptete mit Hülffe der Geten ganz Tracien. Er schiffte mit zwantzig-tausend
Reitern / und zwei- und zwantzigtausenden zu Fusse / auch über das Euxinische
Meer in Bosphorus / und leistete dem Eumelus wider seine Brüder Satyrus und
Prytanis Hülffe. Ob er nun zwar anfangs vom Satyrus geschlagen und mit dem
Eumelus belägert ward / so kam doch Satyrus bei der Belägerung durch eine Wunde
am Arme / und Prytanis in Gärten zu Panticapeum umb / und Eumelus ward durch der
Tracier Tapferkeit König über das ganze Bosphorische Reich. Von diesem
Artophernes sind seit der Zeit alle Tracische Könige entsprossen; also dass ich
mich des mächtigen Tereus / des streitbaren Lysimachus und des hertzhaften
Dromichetes Enckel rühmen kann. Aus was für gefährlichen Fall-Stricken meine
Vorfahren sich drei-hundert Jahr auswickeln müssen / würde zu hören so
vedriesslich / als zu erzählen beschwerlich sein. Die erste Schwäche der Tracier
rührte daher: dass Abrupolis zwischen dem Flusse Conipsatus und Zycactes eine
absondere Herrschaft der Sapeer aufrichtete. Hernach kriegte des Ariophernes
Sohn mit den Macedoniern / sein Nachfolger aber mit denen unter dem Könige
Comontor durch Macedonien in Tracien einbrechenden Deutschen zu schaffen /
welche die Geten und Triballen aus dem Felde schlugen / und zu ihrer
Befriedigung ein zwischen dem Flusse Scönus und Hebrus unter dem Berge Rhodope
gelegenes Stücke Landes bekamen. Jedoch schickten sich beider Völcker Sitten wohl
zusammen / sie lebten mit einander in guter Vertrauligkeit / und standen in
allen Zufällen für einen Mann; kamen also zu solchem Ansehn: dass kein Nachtbar
sich an sie zu reiben unterstand. Als aber die Römer nach dem überwundenen
Könige Philip ihre Herschsucht blicken liessen; und dass es ihnen nicht üm
Grichenlands Freiheit zu tun wäre / indem sie in denen Tracischen See-Orten
einnisten wollten / fielen sie mit Philippen wider die Römer in Macedonien ein.
Ungeachtet nun sein Sohn Perseus in der Sapeer Gebiete einfiel / und den mit den
Römern im Bündnüs stehenden / und etliche mal in Macedonien streiffenden
Abrupolis verjagte / nam sich doch dessen der Odrysen König Seutes der dritte /
welche denen Sapeern stets über Achsel waren / nicht an / sondern als die
Sapeischen Gesandten zu Rom mit dem Rate ein ihm verdächtiges Bündnüs
geschlossen / und mit einem zimlichen Stücke Geldes beschenckt wurden /machte er
eines mit dem Könige Perseus. Als auch die Römer aufs neue in Macedonien
einfielen / schickte König Seutes anfangs über die unter dem Antiphilus
bestellten drei-tausend Traciern / ihm noch andere drei-tausend / und endlich
kam sein Sohn Cotys vollends mit zwei-tausend Tracischen Edel-Leuten dem
Perseus zu Hülffe; welche gegen die Römer stets den ersten Angrif täten / an
der Spitze fochten / und in der Schlacht bei Uscana / darinnen Cotys den lincken
Flügel führte / sechs-tausend Römer erschlugen. Die Römer würden auch in diesem
Kriege wenig Seide gesponnen haben / wenn nicht des Acrupolis Sohn Atesbis mit
des König Evmenes Heerführer Corragus auf der Römer Anstifften in des Cotys
Gebiete eingefallen wären / die Landschaft Marene eingenommen /und den König
Cotys zu Beschirmung seines eigenen Landes abgezogen hätten. Wiewol Perseus bei
härtester Winters-Zeit / da die Römer über die beschneiten Gebürge Tessaliens
in Macedonien nicht einbrechen konten / dem Cotys in Tracien zu Hülffe kam /
und beide so wohl den Acrupolis und Corragius in Asien jagten / als die von
Römern bestochene Dardaner demütigten / wie auch den Fürsten Cephalus in Epirus
den Römern abspenstig machten. Sie hätten nebst den deutschen Traciern sonder
Zweifel den Perseus bei seinem Reiche erhalten / wenn er es nicht durch seine
Torheit / Geitz und Zagheit selbst verloren hätte. Jedoch trauten sich die
Römer nicht nach eroberten Macedonien denen Traciern zu nahe zu kommen. Denn ob
wohl mit dem gefangenen Perseus der bei ihm als Geissel befindlicher Sohn des
Königs Cotys mit nach Rom geführt / und zu Carseoli verwahrt worden ward; so
liess doch der Römische Rat des Cotys Gesandschaft nicht nur seinen Sohn Bitis
/ sondern alle gefangene Tracier ohne Lösegeld los. Jenen schickte er durch
drei Römische Gesandten selbst dem Cotys zu; jeder Tracier aber ward mit
zwei-tausend Schillingen beschenckt. Dem Cotys folgte sein Sohn Diegylis /
welcher seinem Eydame Prusias wider den Pergamenischen König Attalus beistand /
aber gefangen ward. Hierauf rieb sich zwar Marcus Cosconius an die Tracier und
fiel in ihr Land / der Römische Rat aber gebot ihm bald selbst einen
Stillestand. Sotymus wollte dis nicht ungerochen lassen / beunruhigte dahero
nebst denen Scordischkischen Deutschen Macedonien und Epirus mit unaufhörlichen
Einfällen. Portius Cato meinte zwar den Traciern bis ins Hertze ihres Reiches
zu gehen / büsste aber darüber fast sein ganz Heer ein; und weil in selbigem
Kriege des Königes streitbare Schwester Numelisintis ihren Bräutigam einbüsste /
sie etliche Täter mitten von sammen segen / etlichen ihre eigene Kinder
gebraten zur Speise fürsetzen liess. Didius und Livius Drusus wetzten gleichwol
durch etliche vorteilhaftige Treffen die Scharte ein wenig wieder aus;
westwegen dem ersten ein Siegs-Gepränge verstattet / dem andern viel
Ehrenbezeigungen geleistet wurden. Alleine Sotymus versetzte den Römern bald
eben so viel; drang bis in das innerste Macedonien / und erlegte den ihm
begegnenden Cajus Sentius mit dem grösten Teile seines Heeres. Wordurch denn
Macedonien etliche Jahr nach einander den Traciern zu täglicher Beute geöfnet
ward. Als aber Mitridates Eupator alle Bürger in Asien erschlug / und fast umb
das ganze Euxinische Meer den Meister spielte / kamen die Tracier recht
zwischen Tür und Angel; indem sie nicht wussten: ob sie für seiner oder der
Römischen Macht sich nunmehr fürzusehen hätten. Mitridates aber kam selbst in
Tracien / und beredete sie durch sein gewafnetes Bitten / wie auch durch der
mit ihm schon verbundener Scyten und Sarmater Dreuen sich für ihn gegen die
Römer zu erklären / und diese durch stete Einfälle zu beunruhigen. Ja der
tapfere Tracische Fürst der Bessen Arcatias drang bis an den Fluss Peneus durch
/ in Meinung den Sylla davon abzuziehen; Und des Königs Bruder Dromichetes nam
Amphipolis stürmender Hand ein / spielte in ganz Macedonien den Meister / drang
in Epirus / eroberte die Stadt Dordona; und weil die Pristerinnen / welche man
Tauben hiess / dem Dromichetes nicht wahrsagen wollten /oder mehr konten /
zündeten sie den Tempel zum dritten mal an / und hieben in dem Walde darumb viel
dem Jupiter und der Pallas gewiedmete Eichbäume umb. Als auch Aten vom Sylla
hart bedrängt ward /drangen Taxiles und Dromichetes mit hundert-tausend
Traciern und Geten zu Fusse / zehn-tausend Reitern und neunzig Sichel-Wagen in
Attica / und belägerten die zwischen dem Daulischen und Locrischen Gebürge
liegende Stadt Elatea; wordurch Sylla zwar von der Belägerung abgezogen /
alleine Taxiles durch der Römer List und des Mitridatischen Feld-Hauptmañs
Archelaus Unvorsichtigkeit / oder vielmehr gar durch seine Verräterei
geschlagen wurde. Sintemal dieser Archelaus wider des Taxiles und des Aristions
Rat das Heer mit Fleiss zwischen enge Klüffte führte / da sie weder Reiterei
noch Sichel-Wagen brauchen konten / und endlich gar zu den Römern meineidig
übergieng. Nach dem aber Mitridates mit dem Sylla nicht zum völligen
Friedens-Schlusse kommen konnte / und bei des / den Sylla ablösenden
Bürgermeisters Flaccus Ankunft der Römer Anstalten zimlich verwirrt wurden /
fiel Taxiles und Dromichetes aufs neue in Macedonien; also dass Sylla selbst aus
Asien den Traciern zu steuern dahin seine Macht führen musste. Taxiles und
Dromichetes wichen zwar in Tracien zurücke / und Sylla folgte ihnen in die
Landschaft Medea; nach dem sie sich aber mit etlichen tausend Odrysen und
Deutschen verstärckten / musste Sylla über den Fluss Ganga und Strymon wieder in
Macedonien weichen. Worauf es denn bald mit dem Mitridates und ihnen zum
Frieden kam. Weil aber Murena ohne Ursache den vom Sylla beliebten Frieden brach
/und der aus dem Bosphorischen Reiche sieghaft zurück kommende Mitridates gegen
die Römer die Notwehre ergreiffen musste / meinten die Tracier: Sie könten als
Friedens-Genossen mit Ehren nicht zu Hause bleiben / durchstreifften also ganz
Macedonien. Dolabella nötigte sie zwar sich wieder über den Fluss Strymon zu
ziehen / und hielt destwegen ein Siegs-Gepränge; der nach ihm kommende Appius
Claudius aber bediente sich der zwischen denen Odrysen / Edonen und Tracischen
Deutschen erwachsenden Uneinigkeit / und schlug etliche mal die allein
gelassenen Tracier in Mädica / drang auch über den Berg Rhodope biss an die
Stadt Brendica; worvon die Römer ein eiteles Geschrei machten / sam Appius biss
zu denen noch wohl zehn Tage-Reisen entfernten Sarmatern kommen wäre. Die
Trausier und Agatyrser aber jagten ihn so wohl als den Piso / welchen des
Odrysischen Königs Sotymus Sohn und Reichsfolger Cotys der dritte verhetzte:
dass er den zu ihm auf guten Glauben kommenden Tracischen Könige in Bestica
Rabocentus den Kopf abschlagen liess / mit grossem Verluste über Hals und Kopf
wieder übers Gebürge /und die Odrysen vollends gar aus Tracien. Der dem Appius
in Macedonien nachfolgende Landvogt Scribonius Curio wollte zwar diesen Schimpff
rächen /aber / weil die unter dem Appius geschlagenen Römer die Gebürge und die
Grausamkeit der rauhen Tracier nicht arg genung abmahlen konten / dorfte er es
mit funfzig Legionen nicht wagen. Daher schloss er seine Rache über die Dardaner
/ welche Nordwerts unter dem Berge Scodrus und Hämus liegen / auszuschütten. Als
aber sein Kriegsvolck vernahm: dass die Dardaner vom Ursprunge Tracier wären;
stutzte es / ja die eine Legion weigerte bei Dyrrhachium ihm gar den Gehorsam
fortzurücken; also: dass er selbige unter die vier andern unterstecken musste /
mit denen er biss an den Fluss Moschius kam / und hiermit seinen Ehren ein Genügen
getan zu haben vermeinte. Denn weil die Tracier inzwischen ganz Macedonien
mit ihren Streiff-Rotten erfüllten / musste er dem Brande seines eigenen Hauses
zulauffen. Worauf denn Mitridates nicht nur mit den Traciern / sondern auch
mit den Bastarnen wider die Römer ein Bündnis schloss / und diesen / als den zwei
streitbarsten Völckern zweifachen Kriegs-Sold reichte / und durch ihre
Tapferkeit den Cotta mit seinem Heere aufs Haupt erlegte. Als Mitridates in
Asien alle äuserste Mittel versuchte /die vom Lucullus belägerte Stadt Cycicum
zu entsetzen / fiel Curio unversehens in Dardanien ein / scharrte daselbst viel
Geldes zusammen / liess denen Edlen die Hände abhauen / und etliche tausend
Ergebene unmenschlicher Weise abschlachten. Von dar rückte er in Mösie über den
Fluss Margis biss an den Ister und den darein flüssenden Strom Ciabrus. Worvon die
Römer abermals aussprengten: dass Curio biss an das Ende des Isters und des nie
betretenen Daciens kommen wäre. Kurtz darnach / als Mitridaten alles Fürnehmen
in Asien krebsgängig ward / traff auch Tracien sein Unstern. Denn Marcus
Lucullus ging durch der Danteleten Landschaft an dem Flusse Hebrus mit einer
grossen Macht herunter biss zur Stadt Oresta. Von dar wendete er sich am Flusse
Tearus hinauf / drang über den Berg Hämus / und durch das niedrige Mösien / bei
Arubium über den Ister biss an den Fluss Tyras / welchen die Römer aber / wie des
grossen Alexanders Kriegsleute den Fluss Jaxertes /für den Fluss Tanais / und
seinen daran hangenden See für die Meotische Pfütze ansahen; gleich als wenn
über dem Tanais mehr keine Menschen wohnten / und also niemand mehr zu
überwinden wäre. Alleine dieser Einbruch war mehr eine Durch-Reise / als
Uberwindung der Tracischen Völcker; und verursachte gegen die Römer eine solche
Verbitterung: dass die diss erfahrenden Tracier / welche der flüchtige
Mitridates in Asien im Stiche gelassen / Lucullus aber in Römische Dienste
gezogen hatte / in Armenien vom Marcus Fabius abfielen / wider diesen dem
verfolgten Mitridates einen herrlichen Sieg erstritten; ihn in der Stadt Cabira
belagerten / ja den Römern den Krieg nunmehr so sauer machten: dass sie dem
Lucullus ferner zu folgen weigerten. Ob nun wohl Pompejus / oder vielmehr das
wider ihn kriegende Verhängnis Mitridaten in Scytien verjagte / so trugen ihm
doch die Tracier ihr Land zu einem Sammel-Platze an / und dass sie mit ihm in
Italien einbrechen wollten. Ja als er ihm endlich verzweifelnd selbst das Leben
nahm / hielten es doch die Tracier ihnen noch nicht für anständig sich für den
Römern zu demütigen. Cajus Antonius ward zwar geschickt /nachdem für dem
Pompejus das ganze Euxinische Meer zitterte / Tracien zu bändigen; aber er
verlohr unter dem Berge Cercina und Orbelus drei Feldschlachten / und musste mit
Schaden und Schande in Macedonien weichen. Nach dieser Zeit blieb Tracien /
weil das Römische Reich sich selbst in Zwytracht und in bürgerlichen Krieg
verwickelte / unter dem dritten Cotys eine geraume Zeit unangefochten; und weil
der Friede die Zeit der Weissheit ist / wurden die wilden Sitten und kriegerische
Neigungen der Tracier durch ihren berühmten Weltweisen Dionysius /den dahin
kommenden Apollonius / Tyrius und Philiscus gemiltert / und auf Königliche
Kosten der Adel in der Weltweissheit unterrichtet. Ja der von Rom verwiesene
Cicero kam selbst nach Zerint in Tracien zum Philiscus / und erholete sich bei
seinem Elende von ihm heilsamen Trostes. Wiewohl Philiscus ihm zugleich
wahrsagte: dass / wenn er sich wieder nach Rom locken liesse / ihm sein Haupt
abgeschlagen /und auf dem Marckte iedermanne zum Gespötte fürgelegt werden
würde. Ja Tracien stieg damals in so grosses Ansehen: dass als Cäsar nach
überwundenem Gallien mit seinem Heere wider den Pompejus gegen Rom im Anzuge war
/ die edelsten Römer sich dahin ihrer Sicherheit halber flüchteten. Diese
brachten durch Vergällung des ehrsüchtigen Cäsars es auch beim Tracischen
Könige Sadal / welchem sein Vater Cotys noch bei seinen Lebzeiten halb Tracien
übergab / so weit: dass als er den Pompejus bei Dyrrhachium gleichsam belagerte /
Macedonien und Tessalien durchstreiffte / er dem Pompejus Lufft zu machen für
die Römische Freiheit mit einem mächtigen Heere in Macedonien einfiel / und bei
dem Flusse Erigon Cäsars Feldhauptmann Cassius Longinus mit seinem Heere auffs
Haupt erlegte; den Domitius Calvinus aber in Tessalien zu weichen nötigte;
also: dass nachdem Cäsar auch bei Uberfallung der Stadt Dyrrhachium gewaltig den
Kürtzern zog / er ziemlich ins Gedrange kam / und gleichfalls in Tessalien
weichen musste. Zu allem Unglück aber liess Pompejus die Ungeduld seiner
Kriegsleute seine kluge Ratschläge Cäsarn durch Abschneidung der Lebens-Mittel
abzumergeln / und durch Aufzüge seinen Eifer stumpf zu machen / verterben / also
sich verleiten: dass er wider seinen / ja wider der ihn durch viel unglückliche
Zeichen warnenden Götter Willen in den Philippischen Feldern alles auf die
Spitze einer Schlacht setzte / und seiner sonst gewohnten Klugheit nach nicht
behertzigte: dass wer den meisten Stimmen sich unterwirfft /sich zum Knechte des
Volckes mache / da ein Fürst doch keine Botmässigkeit als die der Vernunft
über sich erkennen soll. Pompejus tät zwar sein bestes /Sadal der Tracier /
und Dejotar der Galater König wehrten auch ihren Mann / und hielten mit ihrer
Reiterei das Pompejische Heer lange Zeit im Stande; aber endlich warff mehr das
Verhängnis als Cäsars Waffen alle Anstalt über einen Hauffen. Als nun gleich
alles in der Flucht war / hielten doch Sadal und Dejotar Stand; also: dass sie
beide umbringt und gefangen wurden. Aber Cäsar lobte ihre Tapferkeit und
Freundschaft gegen dem Pompejus; und weil er die Tracier und Galater nicht
gerne zu Feinden haben wollte / liess er beide mit allen Gefangenen und
beigefügten Geschencken los. Diese Grossmütigkeit Cäsars verband beide Könige:
dass sie ihm wider den Bosphorischen König Pharnaces / Mitridatens Sohn
ansehliche Hülffe schickten. Wie nun Cäsar hierauf vom Marcus Brutus und Cajus
Cassius erstochen ward / Antonius / Lepidus und Octavius aber sich mit einander
verknipften / Cäsars Tod zu rächen; hingegen der Römische Rat dem Marcus Brutus
Macedonien / dem Cassius Syrien / dem Sextus Pompejus die Schiff-Flotte in
Sicilien anvertraute; bald aber sich mit des Octavius Ankunft nach Rom das Blat
wendete / und allen Mördern des Julius Laub und Gras versagt ward / und doch der
von Rom verjagte Adel zum Brutus und Cassius seine Zuflucht nahm; bemeisterte
Cassius Syrien und Asien; zwang Dolabellen sich in Laodicea selbst zu tödten;
Brutus aber nahm den Cajus Antonius gefangen / brachte Epirus und ganz
Griechenland in seine Gewalt; und als ein Beschirmer der Freiheit verdiente er:
dass zu Aten sein und des Cassius aus Ertzt gegossene Bilder zwischen die Säulen
des Harmodius und Aristogitons gesetzt wurden; und der Galater König Dejotar /
wie auch Cotys der vierdte / welchen die Wessen wider seinen Bruder Sadal zum
Könige neulich erwehlet hatten / mit ihm in Bündnis trat. Dieser unbedachtsame
König Sadal fing anfangs mit sich selbst / hernach mit seinem Bruder einen
mutwilligen Krieg an / und öffnete nicht allein die Tracischen Pforten den
Ausländern / welche die Natur mit so viel steilen Bergen und tieffen Strömen
verriegelt / und des Volckes Hertzhaftigkeit verwahret hatte; sondern er zündete
auch das erste Feuer des Unglücks an / welches hernach gleichsam ganz Tracien
eingeäschert / da doch diss Land so lange Zeit durch die Klugheit voriger Könige
für dem Einbruche des grossen Mitridates und der Uberschwemmung der zu
Zerdrümmerung der grösten Reiche versehener Römer erhalten worden war.
    Dieser Sadal war des Königs Cotys ältester Sohn /ein wohlgestalter und nicht
nur in Ritter-Spielen fertiger / sondern auch ein hertzhafter und verschmitzter
Fürst. Sein Bruder Cotys der vierdte / war zwar nicht so schön und hurtig; aber
er hatte zur Ruh und Weltweissheit / darinnen ihn Dionysius und Philiscus
unterwiesen / einen sonderbaren Zug. Dahingegen jener hierfür eine Abscheu trug
/ und wenn dieser seinen Lehrmeistern zuhörte / auf der Renebahn / oder auf der
Jagt sich ergetzte. Nach dem Unterscheide dieser Gemüter setzte Cotys seinem
Sohn Sadal noch bei Lebzeiten die Tracische Krone auf; seinen Bruder Cotys aber
erklärte er zum obersten Priester des Bacchus. Welche Würde nach dem Könige die
erste ist; indem diesem Priester alle Fürsten des Geblütes weichen; seine
Einkünfte aber ein Drittel der Königlichen übersteigen. Des Cotys Geblüte und
Gemüte war dergestalt dem Könige Sadal recht brüderlich zugetan / und von
aller Missgunst entfernet; die väterliche Liebe des ältern Cotys aber sann Tag
und Nacht nach / des Sadals Glückseligkeit durch eine anständige Heirat
vollkommen zu machen. Sintemal ihm nichts mehr / als diese Chimere im Kopfe
steckte /noch bei Lebzeiten auf viel Jahre hinaus seine Reichsfolger zu schauen
/ und sein Geschlechte zu verewigen. Sadal hingegen hatte zu nichts wenigerm
einen Zug als zur Liebe / und nichts schien ihm abgeschmackter zu sein / als
sich verheiraten. Diese Abscheu aber rührte von nichts anderm / als von einer
angebornen Eifer-Sucht her; welche sonst eine Miss-Geburt der Liebe ist; hier
aber im Hertzen König Sadals die Empfängnüss der Liebe ja aller andern
Gewogenheit hinderte / und gleichsam ganz unfruchtbar machte. Denn ob er gleich
hertzhaft / freigebig / klug und geschickt war; so war er doch aller ausser ihm
sich befindenden Hertzhaftigkeit / Freigebigkeit /Klugheit und Geschickligkeit
gram / wenn gleich selbte ihm zum besten angewehret wurden; gleich als wenn diss
/ was an ihm Tugend wäre / in andern Gemütern eben so wohl als der Safft der
Blumen auf der Zunge der Kröten zu Gifte würde. Dieser gewaltsame Trieb aber war
bei ihm in nichts heftiger / als in der Liebe; also: dass weder die Herrschsucht
der ihn weder Egyptischen Königin Cleopatra / das fürnehme Geblüte des
Bosphorische Königs Pharnaces Tochter / die alte Verwandnüss des Dentelische
Königs Sitas Schwester / das feste Bindnüss und die Schönheit des Getischen
Königs Roles Baase / welche König Cotysalle seinem Sohne fürschlug / zu
heiraten bewegen konnte / sondern er seinem Vater rund heraus bekennte. Alle
Verbindligkeit wäre ihm unerträgliche Pein. Keine hessliche könnte er lieben / aus
einer natürlichen Abscheu. Keine Schöne wollte er / umb nicht zugleich von der
Eifersucht eines Ehmannes und Liebhabers gequälet zu werden. Ohne Liebe aber
eine zu heiraten gäbe zwar die Staats-Klugheit / aber nicht seine
Grossmütigkeit zu. Cotys hielt diese Widerwertigkeit lange für einen Wahn /
welchen Zeit und Vernunft wie der Wind den Rauch zerteilen würde. Er sah
selbte aber nach und nach zu einer unauflösslichen Hartnäckigkeit werden; also:
dass da er anfangs noch bei Hofe die Gemeinschaft schönen Frauenzimmers
vertragen konnte / und doch gegen die / darein sich andere verliebten /
ehrerbietig war; hernach ihre Anwesenheit vermied / und wo sie unvermeidlich war
/ augenscheinliche Verdruss spüren liess. Aber alles diss bestürtzte seinen Vater
nicht so sehr / als diese Begebnüss. Am Tage / da ganz Tracien das Feier des
Bacchus beging / war der ganze Königliche Hof im Tempel des Bacchus zu Oresta;
welche Stadt vom Orestes den Nahmen bekommen / der daselbst vom baden im Hebrus
soll seiner Unsinnigkeit los worden sein. In demselben standen drei alabasterne
Bilder des Bacchus / der Ceres / und mitten inne der Venus /mit der Uberschrifft
an dem Fusse: Ohne süssen Wein und Brodt / ist die Liebe kalt und todt. Diese
Bilder waren ein Meister-Stücke des Phidias /und bei Einäscherung der Stadt
Corint noch nach Aten gerettet / vom Mitridates aber seiner Kostbarkeit
halber nach Panticapeum geschickt / endlich aber vom Pharnaces aus einem Gelübde
in diesen Tempel verehrt worden. Sadal hatte seinem Bedüncken nach niemals was
vollkommenes angeschaut; also dass er sich daran nicht satt sehen / noch sich
über der Kunst genungsam verwundern konnte. Er ging diesen Bildern zu Liebe fast
täglich in Tempel; und wusste allemal etwas neues / insonderheit aber an der
Venus zu rühmen. Er liess auch aus dichtem Golde einen Leuchter /wie des
Callimachus zu Aten ist / dafür aufhencken /alle Tage den Bodem darumb dreimal
mit frischen Blumen bestreuen / und Weirauch anzünden. Ja wenn er nicht vorher
eine Stunde lang seine Augen an diesen Steinen geweidet hatte / war er zu allem
Tun verdrossen / und sein Unvergnügen sah ihm aus den Augen. Hingegen erzeigte
er sich in Anschauung derselben über seine Eigenschaft freudig; er vergab
daselbst unterschiedene Reichs-Aempter; und dreien /die das Leben verwürgt
hatten; und auf etlicher Höflinge schlaue Anstiftung dieser Venus halber umb
Gnade baten / erliess er alle Straffe. Mit einem Worte: König Sadal war in diese
Bilder allem Ansehen nach heftiger / als Pigmalion in seines verliebt. Das Volck
/welches einen heftigern Trieb hat ihren Fürsten durch Nachaffung zu heucheln /
als den Göttern mit Andacht zu dienen / drang sich destalben Tag und Nacht in
Tempel / ja die Entferneten reiseten von den äusersten Gräntzen Traciens diesen
Bildern zu gefallen nach Oresta / und richteten eine grosse Wallfart daselbst
an. Allein diese sonst so beliebte Heuchelei verursachte dem eifersüchtigen
Sadal eine ungemeine Gramschaft; als dessen Gemüte fremder Vergnügung so
neidig war: dass er auch gar den Sonnenschein ihm allein zugeeignet hätte. Daher
tat er ihm durch unterlassene Besuchung der Bilder nicht allein selber weh;
sondern hielt auch bei seinem Bruder Cotys / als obersten Priester an: Er möchte
den Tempel des Bacchus nur wie den zu Aten des Jahres nur einmal öffnen lassen.
Als aber Cotys solches als unverantwortlich entschuldigte; weil die Andacht zu
Gott so wenig als die Anschauung des Himmels keinen Augenblick ohne Sünde
verwehret werden könnte; saan er auf Mittel und Wege diese allgemeine Vergnügung
zu stören. Wenig Tage darnach brachte ein berühmter Bildhauer etliche Bilder
nach Oresta / und darunter eine helffenbeinerne Venus / welche zu Pella in dem
Gemache der Königin Olympia gestanden hatte / zu verkauffen. Diese Venus bot er
umb tausend Talent. Der Stattalter zu Oresta lachte darüber /und sagte: Wer für
ein ausgedrechseltes Stücke Elefanten-Zahn eines Elefanten schwer Silber geben
wollte? Der verschmitzte Bildhauer versetzte: Niemand / als ein grossmütiger
König in Tracien. Welches den König Cotys so vergnügte: dass er ihm so viel /
als er gefordert hatte / zu zahlen befahl. König Sadal befand sich über dieser
Vergnügung seines Vaters aufs höchste unvergnügt; fing daher an: Wenn diss
Helffenbein für tausend Talent nicht zu teuer wäre; schätzte er die alabasterne
Venus in dem Tempel des Bacchus für den in Silber verwandelten Berg Rhodope zu
wohlfeil. Cotys ward hierüber empfindlich / und fing an: Ich habe mich an diesem
Bilde nicht überkaufft / weil mir es die Wissenschaft beibracht hat: dass Sadal
etwas in der Welt / nämlich einen Stein zu lieben fähig sei / und dass er
hoffentlich an diesem zu lernen anfangen werde mit dem Frauenzimmer keine ewige
Ehscheidung zu hegen. Sadaln ging dieser Stich durch die Seele; und ob er sich
gleich mässigte dem Vater zu antworten / verfügte er sich doch noch selbigen
Abend in Tempel / und schlug mit einem eisernen Hammer die alabasterne Venus in
Stücken. Nicht besser hätte er es der Ceres und dem Bacchus mitgespielet / wenn
nicht die Tempel-Knechte herzu kommen / solchen Verterb verwehret / ja den König
Sadal gar als einen Verunehrer des Heiligtums aus dem Tempel zu weichen
gezwungen hätten. König Cotys ward hierüber nicht so wohl wegen entweiheten
Heiligtums / als wegen seines Sohnes Unart / welcher doch kurtz vorher durch
seine wider den Longinus und Calvinus erhaltene Siege so grosse Hoffnung von
sich hatte blicken lassen / aufs äuserste bekümmert / iedoch seine väterliche
Liebe so heiss: dass sie diese / wiewohl auch sein väterlich Ansehn rührende
Hartnäckigkeit verdeiete. Zumal da Cotys durch die Krönung seinen Sohn ihm
nichts minder schrecklich / als gehässig gemacht / und sich seiner Gewalt in
Schrancken zu halten begeben hatte. Denn in dem Sadal König war / erkeñte er
mehr niemanden über sich. Weil er aber nur das halbe Reich hatte /war er
unvergnügt / und desto begieriger darnach. Also musste der Vater mehr auf
Besänftigung / als Bändigung seines Gemütes sinnen; dessen ihm die völlige
Herrschaft vorbehaltendes Leben ihm beschwerlicher / als die Kleinigkeit seines
Reiches war. Diss ereignete sich gleich dazumal / da Brutus die Städte Xantus /
Patara und Myrä einnahm / und ganz Lycien bezwang; also sich in Asie und
Griechenland in höchstes Ansehe / Tracien auch in nicht geringe Furcht eines
Uberfalls versetzte. Die Könige der Mösische Gete und Bastarnen Roles und Deldo
sperrten gegen des ihnen wenig geneigten Brutus Glücke gleichfalls die Augen auf
/ und beliebten in der Stadt Appiaria zwischen dem Ister und Escamus eine
Zusammenkunft / schlossen auch nach dreier Tage Unterredung für ihre gemeine
Sicherheit gegen alle sich herfür tuende Feinde ein Schutz-Bindnüss. Mit dem
Könige Deldo war seine Gemahlin Gerta und seine Tochter Apame mit nach Appiaria
kommen / umb ihre Schwerster die Getische Königin Morava und ihre Tochter
Deiphyle heimzusuchen. Diese zwei schönen Königinnen waren wie ein Ey dem andern
ähnlich; ihre Töchter konten auch durch die ganze Welt für halbe Wunderwercke
der Schönheit gelten. Als diese beide aber bei einander gesehen wurden /stach
die unvergleichliche Apame Deiphylen eben so /wie der umb diese Zeit
zwier-gefärbte Tyrische Purper / den alten Feilgen-blauen / und den
Tarentinischen roten weg. König Cotys kriegte diese Bastarnische Fürstin in der
Königin Morava Zimmer so bald nicht zu Gesichte; als sein Hertze an statt seines
Sohnes die allerempfindlichste Regung empfand. Denn ungeachtet die greise Zeit
bei diesem Greisen schon alles andere Feuer ausgelescht hatte; war doch das
Feuer seiner väterlichen Zuneigung in seinem Hertzen so tätig: dass es aus einer
kräfftigen Einbildung in sich auch die Liebe empfand / darmit er seines Sohnes
Seele angesteckt zu sein wüntschte. Daher konnte er sich nicht mässigen noch
selbigen Abend seinem Sohne von ihr Meldung zu tun / und ihn zwar derogestalt
zu versichern: dass wenn Apame nicht sein Hertz zu rühren mächtig wäre / würde er
sein Lebtage einen Grund-Stein der Unbewegligkeit abzugeben geschickt sein.
König Sadal fragte seinen Vater unverwendeten Fusses: Ob er Apamen ihrer
Schönheit halber so hoch schätzte? In alle wege / antwortete Cotys. Denn alle
vorhin von ihm gesehene Schönheiten wären gegen Apamen nur ein Schatten. Wenn
die Göttin der Liebe allzu sehr beschäftigt wäre / oder müde würde / könnte sie
Apamen zu ihrer Gehülffin oder Vertreterin erkiesen die ganze Welt verliebt zu
machen. Wenn des Aegiensischen Jupiters Priestertum so wohl der schönsten
Jungfrau zu vergeben wäre / als es den allerschönsten Gaben anvertrauet werden
muss / würde sie es für allen Lebende behaupten. Ja / wer Apamen einmal gesehen /
sollte ihm / wie Democritus / selbst die Augen ausstechen / wormit sie nach ihr
nicht mit Anschauung etwas geringerns beleidiget würden. So werde ich sie /
versetzte Sadal /so viel weniger zu lieben / oder auch nur zu schauen mich
überwinden können. Cotys erblasste / und fing an: Was denn in ihm so
unbegreiffliche Entschlüssungen erregte? Nichts anders / sagte Sadal; als dass
ich /wenn ich sie einmal schaue / mir misstraue: dass ich mich sie zu lieben
entalten könne; da doch mein Gemüte für unerträglich hält / etwas zu lieben /
darein andere verliebt sein können. Cotys begegnete ihm mit abermals veränderter
Farbe: Bist du denn nicht mein /sondern der Nacht Sohn: dass du eben so für der
Schönheit / als die Finsternis für der Sonne fleuchst? Also überwinde dich doch
/ sie zu sehen / wo du dich anders von ihr gesehen zu werden würdig schätzest.
Denn wie unhold du dich gleich der Schönheit zu sein anstellest / so bin ich
doch mehr bekümmert: ob du ihr gefallen werdest / als dass sie dein ganz Gemüte
umbkehren / und dir süssere Gedancke eindrücken werde. Beide redeten derogestalt
verwirret mit einander; als König Roles in des Cotys Zimmer trat; und so wohl
ihn als den Fürsten Sadal auf einen Spatzier-Saal leitete / umb aus selbtem
einen Kampf zwischen Bären / Ochsen / Luchsen / Wölffen und Hunden zuzuschauen.
Alles Königliche Frauenzimmer war daselbst zugegen; also dass Sadal nichts minder
die Fürstin Apame / als andere mit geziemender Höfligkeit unterhalten musste. Ja
weil Cotys die Königin Morave / Roles die Königin Garta / Deldo die Fürstin
Deiphyle nebst sich in die absondern Fenster zohen /ward Sadal gleichsam
gezwungen Apamen für sich zu erwählen. Jedoch dorffte es mehr keines so grossen
Zwanges. Denn Sadal war durch den ersten Anblick schon so weit gewonnen: dass
seine Gramschaft sich verlohr; und hatte keine Virtel-Stunde nebst ihr dem
Tier-Kampfe zugesehen; als sein Hertze schon ein viel unruhiger Kampf-Platz
ward; indem die Liebe darinnen seine Hartneckigkeit eifriger / als die wilden
Tiere einander zu bestreiten bemüht waren. Es traff sich auch gleich: dass zum
ersten gleichsam zu einer besondern Andeutung drei zahmere Tiere drei wildere /
nämlich ein Ochse einen Bären / ein Hund einen Luchs / und ein Pferd einen Wolf
überwand; hernach sich aber meistenteils das Widerspiel ereignete. Inzwischen
konnte sich Sadal nicht erwehren: dass seine Gedancken sich miteinander
überworffen; ob er nicht / weñ Apame aufhörte so gar schön zu sein / so deñ sie
zu liebe schlüssen und umb sie werben sollte. Kurtz darauf fühlte er sich eine
gewisse / aber ihm ganz fremde Bewegung in sein Hertz einspielen; welche nach
einer verworrenen durcheinander-Gehung sich in ein Verlangen Apamen zu gefallen
verwandelte. Alleine Apamens holdselige Gespräche dämpften noch für Ende des
Kampfes und selbigen Tages alle noch übrige Dünste seiner gehabten seltzamen
Meinungen: dass er Apamen / wenn es ihr auch möglich wäre / noch schöner zu
werden für liebens-würdig erkennte. Er eröffnete es noch selbigen Abend seinem
Vater Cotys; welcher aber seine Veränderung schon beim Tier-Kampfe angemerckt
hatte. Denn ob zwar des Frauenzimmers höfliche Bedienung zum Wesen eines
wackeren Edelmannes gehöret / und daher so wohl von einer ungerührten Seele /
als von einem brennenden Hertzen herrühren kann / wissen doch vernünftige
Aufschauer Höfligkeit von Liebe leicht zu unterscheiden. Bei dieser Anmerckung
war niemand froher als Cotys über so heilsamer Erleuchtung seines bisher in der
Liebe gleichsam aberwitzigen Sohnes. Daher riet er ihm: Es wäre nunmehr weder
Zeit noch Gelegenheit zu versäumen / sondern das Eisen zu schmieden / weil es
warm wäre. Denn ihre Reichs-Geschäffte vertrügen kein langes Absein aus
Tracien. Apame aber wäre eine solche Perle /welche sich nicht von ferne / oder
durch iemand andern fischen liesse / noch auch lange ungefischt bleiben würde.
Denn er hätte die gewisse Nachricht: dass der König in Scytien / der der Dacier
/ und der Roxolane umb sie zu überkommen alle Mögligkeit versuchten. Sadal liess
selbigen Abend ihm alles gefallen; nachdem er sich aber selbst die ganze Nacht
schmertzlich beunruhigt / gab er auf den Morgen seinem Vater zu verstehen: Es
wäre ihm unmöglich sich zu einer Heirat mit Apame zu entschlüssen. Als Cotys
nun die Ursache eines so geschwinde Zurücksprunges wissen wollte / fuhr Sadal
heraus: Ich kann Apame unmöglich heiraten. Denn ich liebe sie zu sehr. Cotys
konnte sich des Lachens nicht entalten /und fing an: Du wilst dich nicht
verheiraten aus Liebe? ich aber habe mein Lebtage nicht anders geglaubt: Man
könne sich vernünftig nicht verheiraten ohne Liebe / und zwar nicht ohne eine
sehr heftige. Denn ob ich wohl weiss: dass Fürsten ins gemein aus Staats-Ursachen
wie Blinde / eine nie gesehene Waare kauffen müssen; so will ich doch keinem
meiner Kinder iemals raten / aus der Heirat ein Gewerbe zu machen / und ihm
die Dienstbarkeit aufzubürden: dass es was lieben müsse / was der Liebe nicht
wert sei. Ja ich halte die Eh ohne Liebe nicht nur für einen Tag ohne Sonne /
sondern für ein wahrhaftes Grab der Lebendigen. Nach einem langen Unterrichte
brachte Cotys seinen Sohn wieder auf den rechten Weg / und zu der Entschlüssung
/ Apamen zu heiraten. Er kam daher selbigen Tag mit nichts minder festem
Vorsatze / als freudiger Gebehrdung zur Königlichen Taffel; welche auf einem
kleinen Eylande des Isters gehalten /und mit einer Wasser-Jagt beschlossen ward;
in welcher Roles über tausend Hirsche durch den Ister schwemmen / Apame aber
anmercken liess: dass ihre Hände nicht weniger mit dem Bogen / als ihre Augen mit
den Blicken das Wild zu fällen verstünden. Wie grausam sie nun gegen diese
Hirschen war / so annehmlich bezeigte sie sich gege dem Könige Sadal; also: dass
seine Hoffnung ihm schon einen gewünschten Ausschlag wahrsagte. In dieser
verharrete er biss auf den Abend; da König Roles in einem Garten Sybariten das
Getichte vom Orpheus und von Eurydicen nach neun Leiern tantzen liess. Diese
drückten des Orpheus Leid über der Eurydice Tod / seinen lieblichen Lobgesang
der Götter in der Hölle des bittere Tränen vergiessenden Pluto und der
Proserpina Mitleiden / der Eurydice Freude über Erblickung ihres Orpheus /beider
zurückkehrenden Liebes-Umbarmungen / der zurück sehenden Eurydice Verschwindung
/ des darüber erstaunenden Orpheus Verzweifelung / den Grim des Bacchus gegen
den Orpheus / weil er ihn nicht in der Hölle besungen / das Rasen der den
Orpheus zerreissenden Bacchen; Die Zusammenlesung seiner Glieder von den
holdseeligen Musen durch ihre blosse Gebehrden so eigentlich aus: dass niemand
ohne Empfindligkeit zuschauen konnte. Zwischen jedem der neun Abteilungen sangen
etliche der Cybele gewiedmete verschnittene Priester / welche Orpheus zum ersten
aus Egypten in Tracien gebracht hat / und so viel Lydische Sängerinnen / welche
nach des Andramytys oder des Gyges erster Erfindung ebenfals verschnitten waren
/ mit einer überirrdischen Liebligkeit die durch solch Getichte angedeutete
Sitten-Lehre. Am Ende beschlossen sie mit diesen beiden Sätzen:
Die Lieb' ist mehr als Zucker-süss' /
Ein Lebens-Saltz / der Menschen Honig-seim /
Der Geister Kost / ja gar der Götter Leim /
Und ein selbst-ständig Paradis /
Ein Himmel in der Unter-Welt.
Doch muss sie oft auch mit dem Tode ringen /
Wenns dem Verhängnisse gefällt /
Zur Hölle fahrn und Todte wieder bringen.
Die Lieb' ist stärcker als der Tod /
Denn sie hält auf kein Grab und Leichen-Stein.
Sie duldet mehr / als Höll- und Sterbens-Pein /
Und schöpft Vergnügung aus der Not.
Sie drücket Leichen an die Brust /
Die Grufft weiss ihr ein Eh-Bett' abzugeben;
Ja Schmertz und Ach ist ihre Lust
Ein treuer Tod ihr süsser als das Leben.
Nach dem Beschlusse des Tantzes und des Singens fieng Apame lächelnde an: Es
gehöret eine noch vollkommenere Liebligkeit / als diese gewest / darzu: dass sich
die / welche nie geliebt haben / bereden lassen sollen: die Bitterkeit der Liebe
sei süsse / und der Tod vergnüglicher / als das Leben. König Sadal / in dessen
Hertze nichts tieffer / als die Eyversucht eingewurtzelt war / wollte die
Gelegenheit nicht versäumen Apamen zu fragen: Ob sie denn noch keinen Vorschmack
von der so süssen Liebe geschmäckt hätte? Apame antwortete: Niemals gar keinen;
sondern ihre Bande haben mich allezeit allzu rau zu sein bedeuchtet; und glaube
auch noch: dass der / welcher sich von ihr fässeln lässt / vorher müsse verblendet
werden /wormit er derer sie begleitenden Beschwerligkeiten nicht gewahr werde.
Aber meine Lehrmeister / versetzte Sadal / haben mich unterrichtet: dass die
Liebe den Menschen allererst sehend / ja auch lebend machte. So haben / fieng
Apame an / die Sänger wohl recht: dass der Tod süsser als das Leben sei; und ich
werde von nun an dem Wahne beifallen: dass die Blinden sich in ruhigerm Zustande
befinden / als die Sehenden. Aber / sagte Sadal / hat denn Apame keinen von
denen ins Gesichte bekommen / die sie angebetet haben? Ich bin keine Göttin /
begegnete ihm Apame; daher habe ich mir auch nie eingebildet: dass mich jemand
anbetete. Hat mich aber ja jemand geliebt / so habe ich von diesem Feuer noch
keine Wärmbde verspürt. Wiewol ich von Art schwer zu bereden bin: dass mich
jemand liebe. Niemand in der Welt hat mehr Ursache / sagte Sadal / in diesem
Stücke leichtgläubiger zu sein / als Apame. Denn ausser ihr ist kein Mensch
würdiger geliebt zu werden / als sie. Daher kann ich ihren Zweifel keiner andern
Ursache zuschreiben: als dass sie keinen Unterscheid wahrnehmen kann / weil sie so
viel Liebhaber / als Anschauer hat. Apame brach ein: Ich verstehe mich auf den
Schertz besser / als auf die Liebe. Wie dem aber sei / so habe ich weder in
meinem / noch in einem frembden Pulsse einige Veränderung wahrgenommen. Ist es
aber möglich / sagte Sadal: dass man geliebt werde / und in sich ganz
unveränderlich bleibe? Apame antwortete: Mein Gemüte ist noch nie verrückt
worden / und bin ich nach Apiaria kommen / ohne dass mir jemand gefallen /oder
ich gewüst habe / was Liebe sei. Diese Worte liess sie mit einer solchen Anmut
heraus: dass sich Sadal beredete: Apame hätte ihn allein aus allen /welche ihr
nicht gefallen / deutlich ausgeschlossen; da sie ihre Unempfindligkeit nur bis
zu ihrer Ankunft nach Appiaria eingeschrenckt. Daher fieng er nach einem
tieffen Seufzer an: Wolte GOtt! dass Apame denn gelehrter / und Sadal glücklicher
aus Appiaria reisen möchte. Apame färbte sich hierbei ein wenig und fieng an:
Ich wünsche beides von Hertzen / aber nur keine andere Wissenschaft / als die
mich eben so wohl nicht unglücklich macht. Ist es denn eine Unglückseeligkeit /
fragte Sadal / wenn die Götter ihre Priester / und die Schönen ihre Leibeigenen
kennen lernen? Apame antwortete: denen allwissenden Göttern ist dis eine leichte
/ Menschen aber eine schwere Erkäntnüs. Denn Liebe und Heuchelei sind einander
auf den Lippen so ähnlich / als das Attische und Colchische Honig an der Farbe;
da doch jenes das süsseste und gesündeste in der Welt / dieses das bitterste ist
/ und das Haupt verwirret. Ja vieler Liebe ist gefährlicher / als ihr
Tracisches Honig bei Heraclea /welches die schwartzen Chamelion in Gift
verwandelte. Sadal versetzte: Es ist mir lieb / und ein besonder Vorteil: dass
ich ein Tracier bin. Denn diese hält die ganze Welt zur Heuchelei allzu
ungeschickt. Ja auf dem Erd-Kreise ist die Liebe schwerlich so rein und so
kräftig anzutreffen / als in Tracien / da die Weiber sich insgemein mit ihren
Männern auf einem Holtzstosse verbrennen. Massen die Heiratung vieler Ehfrauen
meist nur darumb abkommen / weil bei dem Tode der Männer die Richter-Stühle von
denen sich umb die Ehre der Mitverbrennung zanckenden Weibern allzu sehr
beunruhiget wurden. Apame / welcher eine offenhertzige Redligkeit gleichsam aus
den Augen sah / antwortete: Sie schätzte ihn zwar als einen Tracier gar hoch /
und höher als jemanden /den sie von Gewogenheit je etwas reden gehört; aber sie
könnte sich nicht zwingen zu glauben: dass Sadal sie liebte; und wenn sie schon in
ihr jemahls gegen ihm einige Neigung fühlte / wurde sie selbter doch keine Lufft
lassen / bis sie seiner Liebe vorher gewisser versichert wäre. Mit diesen Worten
wendete sie sich gegen der Fürstin Deiphyle; und nach dem sie eine Weile mit
einander geschertzt / nam die ganze Versamlung von einander Abschied. Sadal
wusste nunmehr seine Vergnügung nicht mehr zu begreiffen; weil er Apamens letzten
Worte für nichts geringers /als eine Liebes-Erklärung aufnahm / und daher ihm in
seinem eigenen Hertzen nichts als Sieges-Bogen aufrichtete; weil er Apamens nie
gerührtes Hertze bewegt / und sie aus der Botmässigkeit über sich selbst gesetzt
hätte. Er genoss in diesem Anfange seiner Liebe mehr Süssigkeit / als er ihm von
ihrem völligen Genüsse eingebildet hatte. Bald aber überfiel ihn die bitterste
Bekümmernüs: ob er auch die missträuliche Apame würde bereden können: dass er sie
warhaftig /und zwar so sehr liebte / als sie geliebt zu werden verdiente.
Dieser folgte wie beim Sturme eine Welle auf die ander die Sorgfalt: ob auch
Apamens Liebe tauerhaft sein würde / wenn er schon sie seiner / und er sich
ihrer Liebe versichern würde. Diese Abwechselungen der Gedancken jagten ihn aus
einem Zimmer in das andere; ohne dass er selbst wusste / was ihn leitete oder
vertriebe. Denn wenn nichts die Ungedult beruhigen kann / soll es die Verenderung
eben / wie die Umbwendung im Bette tun / wenn man nicht schlaffen kann. König
Cotys kam gleich darzu / als er sich mit diesen Gedancken überwarf; und mühte
sich ihm seine Grillen auszureden / mit der Versicherung: dass er beim Könige
Deldo schon einen grossen Stein zu seiner Heirat gelegt hätte; und er von einer
so tugendhaften Fürstin sich keiner solchen Leichtsinnigkeit zu befahren hätte.
Sadal aber fiel ein: Gleichwol aber vermindert die Eh alle Liebe; und die /
welche anfangs zerschmeltzen will / gerät hernach in mehr Gefahr zu erfrieren /
als zu verbrennen. Daher kann es geschehen: dass Apame mich entweder gar nicht /
oder nur zum Scheine und aus Zwange / einen andern aber ins geheim / und so viel
inbrünstiger liebe. Diese Eyversucht nam auch so fern überhand: dass sie in
Sadaln bei nahe alle Liebe ersteckte / und er für ratsamer hielt ohne Apamen
unglücklich / als mit ihr ungeliebt zu leben. Daher entschloss er nicht allein
von fernerer Liebes-Werbung abzustehen / sondern auch Apamen seine
Gemüts-Veränderung zu verstehen zu geben. Aber die einige Wieder-Ersehung
dieser unvergleichlichen Schönheit / und des Königs Cotys Einhalt / welcher
inmittelst beim Könige Deldo und seiner Gemahlin Garta die völlige
Heirats-Verwilligung zu wege gebracht hatte / versetzte Sadals Liebe nicht nur
in alten Stand; sondern er fieng Apamen auch nunmehr auf eine solche Weise an zu
lieben / als der Ehstand und die Würde einer so ungemeinen Buhlschaft
erforderte. Mit einem Worte: Sadal und Apame wurden zu grossen Freuden beider
Königlichen Häuser in Appiaria mit einander verlobt / und das Beilager zu Oresta
mit anständigem / jedoch kurtzem Gepränge vollzogen. Denn kostbare Feier /
Täntze und Gastmahle sind Missgeburten der Verschwendung / wenn sie länger währen
als der Rauch von Speisen / und der Nachklang von Säiten-Spielen. Sadal erndtete
daselbst die süssesten Früchte der Liebe von seiner Apame mit solcher Vergnügung
ein: dass er allen andern Verliebten der Welt einen Vorsprung abgerennt zu haben
vermeinte. Ich weiss aber nicht / was für ein Unstern / oder ob Sadals böser
Geist schon die dritte Nacht des Beilagers seine törichte Eyversucht durch
einen geringen Zufall wieder lebend machte. Denn als er selbige Nacht bei
mittelmässigem Monden-Scheine aus seinem in Apamens Schlaf-Gemach eintrat / kam
ihm für / als wenn eine andere Person sich ihrem Bette näherte. Welches ihn
alsofort in solchen Wahnwitz versetzte: dass er zurück in sein Zimmer ging / und
sich mit einem Dolche gefasst machte seinem eingebildeten Nebenbuhler das Licht
auszuleschen. Als Sadal wieder kam und sich Apamens Bette näherte / deuchtete
ihn: Er sähe seinen Feind nunmehr die letzten Tritte zu Apamens Lagerstatt tun.
Daher sprang er ganz verzweiffelt mit den Worten: du must sterben! und mit
einem gezückten Stosse auf das Bette zu; ward aber zu seiner eusersten
Verwirrung gewahr: dass sein eigener Schatten vom Monden sein geträumter
Mit-Buhler war. Apame aber / welche von solchem Geschrei aus einem halben
Schlaffe auffuhr / fieng einen lauten Gall anzuruffen /grief aus Schrecken
zugleich augenblicks auf der Seite nach der seidenen Schnure / und zohe den
Schüblich für der das Zimmer zu erleuchten bestimmten Ampel weg. Apame sah
hiermit Sadaln mit einem blinckenden Dolche für ihr stehen / welches sie in eine
solche Verwirrung setzte: dass sie ihrer selbst vergass /und gleichsam zu einer
erstarrenden Seule ward. Inzwischen kam die von beidem Geschrei erweckte
Hofemeisterin ins Zimmer / und fand beide in so seltzamer Stellung. Daher sie
ihr nur das Hertz fasste Sadaln in die Armen zu fallen / und zu fragen: Was für
eine Raserei ihn die unschuldige Königin zu ermorden verleitete? Sadal war über
seinem Aberwitze so beschämt und verwirret: dass er kein Wort zu antworten
/weniger sein Misstrauen mit einigem Irrtume zu bekleiden geschickt war; sondern
er warf den Dolch ganz erbost zu Bodem: dass er darinnen stecken blieb / und
ging ganz verzweifelt zurück in sein Schlaf-Gemach. Inzwischen kam Apame
wieder zu ihr selbst; und weil sie aus Sadals verstocktem Stillschweigen ihr von
ihrem Gemahl nichts anders / als eine vorgehabte Ermordung einbilden konnte / riss
sie sich aus dem Bette und Zimmer / als einem unsicheren Orte / und verfügte
sich unverwendeten Fusses zu der Königin Garta ihrer Mutter. Diese weckte
alsofort den König Deldo. Hiermit ward der ganze Hof wache / und fielen alle /
wiewol ihrer wenig die Ursache wussten / aus der bisherigen Freude in eine
plötzliche Ohnmacht; Niemand aber fast in grössere / als König Cotys / welchem
seines Sohnes seltzame Gemüts-Regungen fast alleine bekandt waren. Daher
verfügte er sich auch geraden Fusses in sein Zimmer /traf aber seinen Sohn
daselbst in der Gestalt eines unsinnigen Menschen an / welcher mit dem Kopfe
wider die Wand lief / und keinem Einreden seines Vaters Gehör gab. Sein Bruder
Cotys kam endlich auch darzu / und mühte sich / wiewol ohne Frucht / Sadaln zu
besänftigen. Daher opferte er für ihn dem Bacchus / welcher der Urheber und
Stiller der Raserei sein soll / hundert Böcke. Und / weil er eine Bezauberung
besorgte / hing er ihm das Bild eines geilen Satyrus /und einen viereckichten
Stein / darauf das Haupt des Mercur geetzt war / als vermeinte Genesungs-Mittel
an. Inzwischen bemühte sich König Cotys Apamen auszureden: dass sein Sohn ihr
einiges Leid zu tun vorgehabt hätte. Sintemal sein verwirrtes Gemüte seine
Bekümmernüs über ihrem Argwohne genungsam an Tag gäbe. Massen sich denn auch
diese tugendhafte Fürstin erbitten liess / in Sadals Zimmer zu kommen; welcher
sich denn augenblicks zu ihren Füssen niederwarf / und daselbst in eine völlige
Ohnmacht sanck. Apamens Hertze ward hierüber so wehmütig: dass sie nunmehr
selbst zu zweifeln anfieng: Ob Sadal sie zu beleidigen vorgehabt hätte. Daher
sie ihn denn selbst reiben und kühlen half / und als er sich erholete / sich
auch in den Armen seiner getreuen Apamen befand / schossen ihm die Tränen aus
den Augen. Ob er nun zwar kein Wort redete / gab er doch genungsame Merckmahle
an den Tag; wie hertzlich er über Betrübung seiner Gemahlin bestürtzt /und sie
zu versöhnen begierig sei. Die Aertzte hielten für ratsam ihn zu Bette und zur
Ruh zu bringen; welche denn auch erfolgte. Folgenden Tages verfügte sich König
Cotys zu Sadaln; und weil er sein Gemüte zimlich beruhigt fand / fragte er ihn
umb die wahre Beschaffenheit seines Beginnens. Sadal / nach dem er eine Weile
stille geschwiegen / erzehlte seinem Vater den wahren Verlauf; welcher ihn denn
mit Tränen bat: Er möchte doch das Gift der Liebe / die Henckerin der Seelen
die verdammte Eyversucht auf sein Lebtage aus dem Gemüte verbannen; welche die
reinesten Lilgen der Unschuld mit Kröten-Geröcke begeiferte / und die wärmesten
Ehbette mit kaltem Blute besudelte. Für dieses mal sollte er sich zu frieden
geben. Denn er hätte es bei Apamen schon meist gut gemacht / und er wüste schon
eine glaubhafte Erfindung ihr vollends allen Verdacht zu benehmen. Hiermit
verfügte er sich zu Apamen / und meldete: Es hätte ein Traum Sadaln die
Vergewaltigung Apamens so nachdrücklich fürgebildet: dass er sie zu retten /und
den Notschänder zu tödten aufgestanden / bei seinem erkennten Irrtume / und
seiner Gemahlin darüber gefasster Empfindligkeit aber ganz ausser sich gesetzt
worden wäre. Diesemnach ersuchte er sie die Verleitung eines Traumes für keinen
bösen Vorsatz /noch seinen wolgemeinten Irrtum für kein so grausames Laster
aufzunehmen. Nicht nur Apame / sondern auch König Deldo und Garta wurden
hierdurch vergnügt / die Liebe zwischen beiden Ehleuten ergäntzet / und das
Beilager mit tausend Freuden-Zeichen vollendet. Deldo und Garta reiseten
hierauf in Bostarnien; Apame ward von Tage zu Tage schöner und vollkommener /
und hiermit Sadals Liebe immer grösser / also: dass sie auch ihre geziemende Maass
überwuchs. Wie nun alle Ubermaasse / auch der Tugenden / wenig gutes stifftet /
insonderheit aber sie die Liebe entweder zeitlich erschöpft / oder versaltzet;
also verleitete sie Sadaln dahin: dass er Apamen in Ohren lag: Sie möchte doch
ihm erzählen; wer alles umb ihre Liebe sich beworben hätte; wormit er aus
anderer Schifbruch seine unbegreifliche Glückseeligkeit die unschätzbare Apame
zu besitzen noch mehr bereichern / und aus anderer Verzweifelung so viel mehr
Freude schöpfen möchte. Die treuhertzige Apame hielt es für ein Verbrechen dem
etwas zu verbergen /dem sie sich selbst zugeeignet hätte; sondern vielmehr für
Verbindligkeit alles zu ihres Ehgemahls Vergnügung beizutragen. Sie erzehlte ihm
also: wie der König der Roxolanen / und der der Scyten nur durch Botschaften
umb sie geworben / ihr Vater Deldo aber aus gewissen Staats-Bedencken / wormit
selbige Nachbarn mit der Zeit nicht einen Erb-Anspruch an die Bastarnische Krone
machen möchten / solche Werbung bald abgelehnt hätte. Der Dacier König Decebal /
und Holderich ein Hertzog der Quaden aber wären selbst an ihres Vatern Hof
kommen; und hätte jener durch grosse Pracht und Verschwendung seiner Reichtümer
/ welche er aus den Dacischen Gold-Silber- und Kupfer-Bergwercken überflüssig
züge; dieser aber durch seine Tugenden ihre Liebe und des Königs Deldo
Einwilligung zu wege zu bringen sich bemühet. Weil nun Decebal ihm eingebildet
hätte: dass Holderich vom Deldo und der Königin ein geneigter Auge bekäme; hätte
er einen festen Schluss gemacht ihn aus dem Wege zu räumen. Weil aber Decebal
sein Vorhaben durch unbedachtsames Dreuen verraten; wäre Holderich deshalben
gewahrschauet; und Decebaln durch Holderichs Vorsicht alle Anstalten krebsgängig
gemacht worden. Endlich wären sie beide in der Königlichen Burg mit Waffen an
einander kommen / und Holderich unversehens verwundet worden; welches ihr Vater
so übel aufgenommen: dass Decebal noch selbigen Abend hätte die Stadt räumen /und
sich in dreien Tagen aus den Bastarnischen Gräntzen über den Fluss Tyras begeben
müssen. Holderich hätte seiner gefährlichen Wunde halber einen Monat daselbst
aushalten müssen / und sich beim Könige Deldo durch sein Wolverhalten und
Klugheit so beliebt gemacht: dass / ob sie zwar jederzeit eine grosse Abneigung
für dem Heiraten bezeugt / sie besorglich von ihren Eltern an den Fürsten
Holderich wäre verlobt worden / wenn nicht der Königliche Rat mehr auf meine
unter der Hand geschehende Unterbauung / als aus Beisorge mit den Daciern und
denen bereit feindlichen Roxolanern auf einmal in den Krieg zu verfallen / die
Heirat beständig widerraten hätte. Holderich wäre zwar betrübt / aber mit
höchster Bescheidenheit aus Bastarnien geschieden /und hätte kein ander
Merckmahl seiner Unvergnügung hinterlassen / als diese mit einem Diamant in eine
Glassscheibe seines Zimmers geschriebene Reimen:
Weil / was ich so verlangt / mir hier nicht werden kann
So steht mir auch nicht dis / was mich verlanget / an.
Drumb will ich nun nicht mehr / was niemals wird geschehen.
Wer weiss: ob Glück und Zeit / die uns meist widrig sind /
Mir aus Unmögligkeit nicht etwas möglichs spinn't /
Weil wir auch Flüchtigen den Schatten folgen sehen.
Gleichwol aber verunglückte Holderich unter weges. Denn als er über das
Carpatische Gebürge zurück reisete / ward er auf Anstifften Decebals von
etlichen hundert auf ihn wegelauernden Daciern jämmerlich ermordet. König Sadal
verhörete keinen Umbstand /ja kein Wort aus dieser Erzehlung / sein
argwöhnisches Gemüte aber zohe aus dem / was seiner Liebe zur Speise gereichen
sollte / das Gift seiner gewohnten Eyversucht. Denn diese einmal eingewurtzelte
Seuche lässt sich schwerer / als Dornen aus fetten Aeckern ausrotten; und weñ sie
schon ganz ausgetilget zu sein geschienen / kommet sie / wie denen beschwornen
Schlangen ihr Gift wieder. Er entbrach sich Apamens mit einer scheinbaren
Schwermut /und in der erkieseten Einsamkeit liess er seinem Argwohne den den
Zügel völlig schiessen. Ist es / dachte er bei sich selbst nicht genung gesagt:
dass Apame den Fürsten Holderich geliebt habe; wenn sie von ihm rühmet: Er habe
durch seine Tugenden sich umb ihre Liebe beworben. Hat sie ihn aber gleich nicht
geliebt; so bezeugt sie doch hierdurch / wie hoch sie ihn / und vielmehr höher
als mich geschätzt habe. Was will ich aber an ihrer Liebe zweifeln / da doch
sonder Zweifel niemand / als sie ihn für Decebals Nachstellungen gewarnet hat?
Wäre Holderich nicht allentalben liebes Kind gewest; warumb hätte Decebal bei
Sonnenscheine ihm den Platz alleine einräumen müssen? Warum hat man ihn so lange
Zeit aufs freundlichste bewirtet? Wie hätte Holderich sich beim Deldo beliebt
machen können / sonder dass er seiner Tochter /die dieser Vater so übermässig
liebt / auch lieb gewesen sei? Hätte er wohl ohne ihre Liebe übers Hertz bringen
können ihr einen unbeliebten Bräutigam aufzudringen? Was hätte Apame für Ursache
gehabt ohne grosse Zuneigung seine in Glas gekratzte Reimen ihr so feste ins
Gedächtnüs zu pregen / und vielleicht noch tieffer ins Hertz einzugraben? Hätte
nicht die Wehmut über der Erzehlung seines Todes ihr sichtbarlich aus den Augen
gesehen? So gar deutlich hätte sie mit eigenen Worten und Gebehrden ihre Liebe
verraten / und wer wüsste: wie viel sie aus Beisorge der Eyversucht ihm noch
verschwiegen hätte. Denn hielten doch die verliebten Buhlschaften gegen ihre
Liebhaber hinter dem Berge. Wie sollte er denn glauben: dass Apame gegen ihrem
Eyver-süchtigen Ehmanne alles rein heraus gebeichtet haben sollte. Also wäre ihre
fürgebildete Abscheu für der Heirat nichts anders / als ein blauer Dunst / den
Apame ihm für die Augen zu machen vermeint / sondern sie in Holderich verliebt
gewest / und er mit nichts wenigerm / als den Erstlingen ihrer Liebe beseeligt
worden. Mit diesen Gedancken schlug sich nicht allein Sadal / als flüchtigen
Einbildungen / sondern der Verdacht drückte sie ihm auch als eine unzweifelbare
Warheit ins Gemüte ein. Des Tages war er mit ihm selbst unruhig / des Nachts
sonder Schlaf. Und weil er sich nicht traute Apamen ohne Verstellung sein selbst
zu schauen / ritt er ins Gebürge auf die Bären-Jagt. Aber er hatte viel
grimmigere Tiere in seinem Hertzen zu jagen. Nach einer vierzehn-tägichten
Abwesenheit sehnete er sich endlich Apamen wieder zu sehen; aber nicht / weil
die Eyversucht in ihm verraucht wäre / sondern weil er mehr Geheimnüs von ihr
auszukundschaften begierig war. Bei seiner Rückkunft konnte er seine
Kaltsinnigkeit / weniger aber die Unruhe seines Gemütes gegen ihr verstellen.
Er ging sonder Redung einigen Wortes wohl hundert mal im Zimmer auf und nieder.
Bald seufzete / bald schnaubete er /bald wand er die Hände / also: dass Apame
hierüber in nicht geringe Bestürtzung fiel. Endlich fiel er für ihr auf die Knie
/ und bat mit Tränen: Sie möchte ihm doch Haar-klein alles erzählen / was sich
mit Holderichen in Bastarnien zugetragen hätte. Die nichts weniger als einige
Eyversucht vermutende Apame brachte den halben Tag mit einer neuen Erzehlung
zu. Wenn sie nun was der Liebe widriges fürbrachte / hielt er es für eine
künstliche Erfindung; wenn sie was vorteilhaftiges für Holderichen sagte /
meinte er: sie verschwiege das beste. Mit diesen abgenötigten Erzehlungen
marterte er Apamen etliche Monat / ohne dass diese ihn zu vergnügen begierige
Fürstin die wenigste Ungedult empfand; ob sie zwar endlich die sich vergebens
verbergende Eyversucht aus den Fenstern seines Hertzens herfür gucken sah. Sein
Hertze war inzwischen ein Schauplatz / darinnen die Eyversucht alle ihre
Grausamkeiten ausübte / und die höllischen Unholden selbst zu Henckern brauchte.
Sein Kopf war ein Irrgarten / aus dem sich nicht einer seiner zwistigen
Gedancken auszuwickeln wusste. Er tät viel Nächte kein Auge zu / und der Argwohn
schrie ihm unaufhörlich in die Ohren: Apame hätte seine Liebe betrogen durch den
falschen Vorwand: Sie hätte für ihm keinen andern geliebt. Weil sie nun nicht
mehr die wäre / für die er sie angesehen / wäre sie nun nicht mehr seiner
Anbetung wert. Daher wollte er sie aus seinem Hertzen und aus seinem Bette
verbannen. Diesen Schluss hatte die Eyversucht so bald nicht gemacht; als die
Liebe wieder in seinem Hertzen aufwallete / welche dieser verzagten Unholdin so
wohl die gebietende Schönheit als Unschuld unter Augen stellte; welche ihm selbst
den unschätzbaren Verlust einer unvergleichlichen Schönheit und die
Ungerechtigkeit eine so tugendhafte Fürstin aus einem eitelen Wahn zu verdammen
fürbildete. Bald aber kochte die Eyversucht wieder empor / welche mit ihrem
schweflichten Ateme Apamens aus Lilgen und Rosen vermengete Gestalt vergiftete
/ mit ihrer Kohle ihre reinsten Tugenden schwärtzte / mit ihrem Hütten-Rauche
seine Vernunft verdüsterte / und mit ihrer Galle alle Süssigkeiten seiner Liebe
versäuerte. Jedoch hielt dis Gespenste auch nicht immer stand / entweder weil
sie der aufsteigenden Liebe nicht gewachsen zu sein schien / oder weil sie nach
einigem Nachlasse durch Verneuerung ihrer Wunden die Schmertzen so viel
empfindlicher machen wollte. Also wechselten diese zwei heftigsten
Gemüts-Regungen mit einander ab /und drückte eine die andere in Sadals Hertze /
wie auf dem stürmenden Meere eine Welle die andere unter sich. Nach dem
Unterscheide nun: dass die Liebe oder die Eyversucht die Oberhand behielt / war
seine Gebehrdung und das Gespräche mit Apamen beschaffen; welche sich aber mit
einer wunder-würdigen Sanftmut seine heftige Regungen zu beruhigen / mit ihren
vernünftigen Schutz-Reden seinen Verdacht zu zernichten / und mit dem
holdseeligsten Liebreitze seine laue Zuneigung rege zu machen bemühet war. Nach
dem aber die ohnmächtigen Schnecken nach öfterer Beunruhigung auch ihre Hörner
zeigen; und übermässige Gedult zu letzt für eines Verbrechens Zugeständnüs
angenommen wird / war es endlich / als der sein selbst nicht mehr mächtige Sadal
mit Ausgiessung seiner bittern Galle es Apamen allzu braun machte /weder ihrem
zarten Hertzen mehr erträglich / noch auch ihrer Ehre mehr anständig / ihre
Empfindligkeit zu verbergen. Daher fieng sie / wie sie nun Sadals Unmut lange
genung verschmertzt hatte / mit einer etwas ernsterer Anstellung an: Mein Herr /
ich sehe wohl: dass weder meine Unschuld mich seines Argwohns zu entübrigen / noch
meine bisherige Gedult seine seltzame Einbildung ihm zu benehmen vermocht habe.
Er grämet sich mit einem Verdacht ohne Grund; Mich aber beleidigt er durch
unverschuldetes Unrecht. Ich habe bisher aus Liebe geschwiegen / nun aber
zwinget mich meine Ehre zu reden / als welche auf den Notfall ich auch mit
meinem Blute wider alle Verläumbdung zu verteidigen entschlossen bin. Ich weiss
mich gerecht / und die unsere Nieren-prüfenden Götter: dass ich keinen Holderich
mein Lebtage / sondern nur den einigen Sadal geliebt habe / und noch liebe.
Diesemnach kann meine Unschuld die Eyversucht nicht länger an ihr nagen lassen /
noch meine Liebe für ihren Quäler vertragen / welchen sie für ihren Abgott
verehret. Sein Argwohn hat seine Liebe allem Ansehn nach schon ausgelescht. Denn
der erste Funcken der Eyversucht / ist der letzte der Liebe. Er kann unmöglich
lieben / was er für lasterhaft hält. Meine Liebe kann zwar sich nimmermehr
einäschern: aber doch endlich gezwungen werden / sich an einen solchen Ort zu
versetzen / wo sie von frembdem Rauche ungeschwärtzt bleibe. So sehr ich mich
betrübe /so sehr erbarmet mich seiner; wenn ich den klugen Sadal so
schwachmütig schaue: dass er mit einem todten Menschen eivert; mit einem /
welcher eh gestorben / eh ich gewüst habe / was Liebe sei / und mit einer / bei
welcher des verstorbenen Gedächtnüs-Schatten längst verschwunden wäre / wenn er
es mir nicht selbst wieder erfrischt hätte. König Sadal antwortete ihr: Ach!
Apame / wollte GOtt! es hätte kein Holderich / und zwar kein so holdreicher und
tugendhafter jemahls gelebt; wie du ihn mir so lebhaft abgebildet hast. Ich bin
eiversüchtig; es istwahr; aber nicht ohne Ursache. Denn wie ist es möglich: dass
eine so tugendhafte Apame zu einem so tugendhaften Helden nicht eben den Zug /
als der Magnet zum Eisen gehabt haben solle? Holderich ist todt; aber der Tod
leschet so wenig der Eyversucht als der Liebe das Licht aus. Diese seufzet nach
den Verstorbenen / sie bespracht sich mit ihren Geistern / sie halset sich mit
ihrem Schatten. Jene erschüttert sich für den Todten; sie wird erschreckt von
ihren Gespenstern; und verriegelt sich in ihren Gräbern. Wolte diesemnach GOtt!
Holderich lebte! denn sodenn könnte ich bei meinem Ehstande vergewissert sein:
dass mich Apame mehr als ihn liebte; Nun er aber todt / habe ich Ursache zu
zweiffeln: ob sie ihn nicht für mir geheiratet hätte. Bei solcher Ungewissheit
kann ich nicht glücklich /noch meine Liebe vergnügt sein. Apame versetzte: Wenn
ich Holderichen geliebt hätte / was hätte mich denn bewogen selbst seine den
Eltern beliebige Heirat zu hintertreiben. Sadal begegnete ihr: Zweifelsfrei /
weil sein darzwischen kommender Tod verhindert: dass ihre Liebe nicht so gross
wachsen könnte / als sie zur Ehe nötig schien. Ich glaube es wohl / und sehe es
gut genung: dass mich Apame mehr als Holderichen / ja inbrünstiger als keine
andere Frau ihren Ehmann liebt. Aber was hilft mich die Grösse ihrer Liebe /
wenn ich nicht ihre Liebe einig und allein genossen habe. Wie wenig sie gleich
Holderichen geliebt haben mag; so ist doch dardurch meine ganze Vergnügung
zerrüttet; und die Sonne meines Glückes ist beschämt durch eine wiewol nur
wässrichte und verblichene Neben-Sonne. Apame seufzete nur / aber Sadal fuhr
fort: Ich bekenne es Apame. Apame ist zwar an ihr selbst mehr / als sie für
meiner Heirat war; aber in meinen Augen ist sie nun viel weniger. Denn ich habe
sie vorhin stets für eine Gebieterin über die Liebe angesehen / und die aus mir
allererst das Erkäntnüs der Liebe geschöpft hätte. Daher ist meine Liebe nicht
nur glücklich / sondern auch sieghaft gewest. Nunmehr aber reisst der todte
Holderich ihr auf einmal den eingebildeten Siegs-Krantz vom Haupte / oder hat
selbten vielmehr bald mit sich in das Grab genommen / und pranget darmit auf
seinem faulenden Hirnschädel. Allein Apame / wo meine Liebe nicht auch das
erstere vollends einbüssen soll; so offenbare sie mir doch vom Holderich
vollends /was sie vielleicht noch vergessen / oder mit Fleiss verschwiegen hat.
Vielleicht werden seine Verdienste und ihre Aufrichtigkeit meiner Verzweifelung
noch eine Erleichterung schaffen. Apame brach ein: Ich habe von Holderichen der
ganzen Welt nichts zu verschweigen gehabt / und ich weiss von ihm mehr nicht zu
erzählen / als dass ich ihn nicht geliebt habe. Hätte ich ihn geliebt; so hätte
er es verdienet / und ich damit so wenig Laster begangen gehabt / als dass ich
nunmehr Sadaln liebe. Diese Worte giengen Sadaln so tief zu Hertzen: dass er
anfieng: O süsseste Erquickung! Allerliebste Apame. Aber ach! überrede mich doch
dis so beständig: dass ich nimmermehr daran zweifele. Verzeihe mir: dass ich dich
ohne Schuld so peinige; und eigne mir durch diesen Glauben das Vermögen zu dich
so / wie anfangs / zu lieben; ohne welches mein Leben eine unaufhörliche Qval
und ein langer Tod sein wird. Apame umbarmete und küssete ihren Ehgemahl mit
einer so durchdringenden Anmut: dass er zu glauben gezwungen ward: es könnte dis
aus keiner jemals geteilt-gewesener Liebe herrühren; und weil sie aufs neue
beteuerte: Sie hätte ihr Lebtage niemanden als Sadaln geliebt / ward sein
Gemüte zimlich beruhigt. Er war kaum wieder alleine /da er auf sich selbst aufs
ärgste vedriesslich ward: dass er Apamen so vielmal an Holderichen zu gedencken
gezwungen hatte. Bald darauf war ihm Apamens Beteuerung destalben verdächtig:
dass sie von seinem Tune so viel im Gedächtnis behalten hätte; welches von
Leuten / auf die man nicht ein Auge hätte /zu geschehen ungewöhnlich wäre. Seine
Vernunft mühete sich zwar diesen neu-aufsteigenden Nebel des Argwohns unter
sich zu drücken; aber die Eyversucht hatte schon ihre Botmässigkeit über ihn
derogestalt befestigt: dass es zwar in seinem Wunsche / aber nicht mehr in seiner
Gewalt stand vernünftig zu sein. Bei solcher neuen Verwirrung spaan er bei
Apamen sein altes Garn an; und als sie ihn ihrer und sein selbst doch einmal zu
schonen mit vielen Tränen beschwur / ihn auch mit einer nichts minder
annehmlichen / als durchdringenden Anmut ersuchte: Er möchte doch die / welche
ihm / und er ihr vorher die Schlüssel seines Hertzens eingeräumt hätte / jetzt
nicht schimpflich zur Türe hinaus stossen; entschuldigte er seine Eyversucht /
als eine Würckung seiner gegen ihr tragenden übermässigen Liebe; welche sich mit
der ihrigen so sehr vereinbart wünschte: dass sie keinem Frembdem einigen Keim /
ja nicht einst die Schalen davon gönnete. Apame aber versetzte: Kleine
Sorgfalten liessen sich darmit wohl entschuldigen / oder beschönen; aber ein so
langer und heftiger Argwohn könnte aus nichts besserm / als aus einem vergällten
Hertzen herrühren. Als wollte sie ihn nun zum letzten mal mit Tränen und bei der
ihr geschwornen Liebe angefleht haben: Er möchte entweder ihrem Leben oder ihrem
Kummer ein Ende machen; wo sie nicht selbst für sich vorzusorgen genötigt sein
sollte. Diese letzten Worte giengen Sadaln tieffer zu Hertzen / als keine vorher
/ sonderlich / da sie mit tränenden Augen zugleich aus dem Zimmer ging. Daher
beschloss er bei sich ehe alles euserste auszustehen / als durch fernere
Erwähnung Holderichs / Apamen zu anderer Entschlüssung zu nötigen. Alleine
Sadal hatte sich durch seinen Verdacht derogestalt bezaubert: dass er nach Art
der Basilisken Apamen nicht ohne sie mit dem Gifte seiner ausgelassenen
Eyversucht zu beleidigen nicht sehen konnte. Wie er nun wenig Tage darnach in dem
Königlichen Lust-Garten an dem Flusse Hebrus sich unvernünftiger / als jemals
vorher bezeugte; und ihre Gedult nunmehr ganz ermüdet war; fieng sie an: Es ist
beschwerlicher alle Tage ein Schlacht-Opfer der Eyversucht / als einmal des
Todes sein. Ich will sterben! Sintemal der Tod nur ein dem Leibe dräuender
Schwantz- / aber ein Leitstern der Seele; das Leben ein Irrlicht des Gemütes /
und eine Finsternüs der Vernunft ist. Ich will sterben! weil mein Leben Sadaln
nur verdächtig / mir beschwerlich ist / und mit meinem Tode nichts minder mein
Unvermögen straffen / meinem Ehgemahle seinen Irrtum zu benehmen / als meine
Unschuld besiegeln. Hiermit sprang sie unversehens in den Fluss Hebrus. Zu allem
Glücke aber war er daselbst nicht allein seichte / sondern sie blieb auch mit
dem Ermel an einem Eiben-Baume hencken; gleich als wenn dieser sonst mit seinem
Schatten tödtende Baum die tugendhafte Apame zu erhalten begierig wäre. Daher
denn Sadal anfangs aus allen Kräfften zu schreien anfing; hernach aber Apamen
selbst nachsprang / und sie aus dem Wasser zoh. Alle im Garten befindliche
Höflinge / ja auch der ungefehr dahin kommende König Cotys lieffen diesem
Geschrei zu / und fanden die halb-todte Apame viel Wasser aus Nase und Munde
geben / Sadaln aber für Verzweifelung die Hände winden. Cotys / welcher glaubte:
Apame wäre ungefähr ins Wasser gefallen /Sadal aber darüber so bestürtzt /
befahl Apamen alsbald ins Zimmer zu tragen / und aufs beste zu pflegen / seinen
bekümmerten Sohn aber tröstete er damit: dass es mit der noch lebenden Apame
keine Not haben würde. Sadal aber / nachdem er sich von den Anwesenden in einen
schattichten Spatzier-Gang entfernet / antwortete: Je mehr sie lebet / ie mehr
habe ich Ursache zu sterben / weil sie mich als ihren Todschläger nicht mehr
wird für ihren Augen leiden können; ich aber als ihr Mörder meine Augen stets
für ihr werde niederschlagen müssen. Cotys erschrack hierüber aufs heftigste /
und fragte: ob ers glauben sollte: dass sein Sohn seiner unschätzbaren Gemahlin
Gewalt angetan hätte? Sadal fing an: Ach! leider allzu viel! Denn meine
törichte Eifersucht ist mit Apamen zeiter grausamer als die rasenden Bacchen
mit dem Orpheus in dieser Gegend umbgegangen / und hat sie den Wirbeln des
Flusses Hebrus aufopfern wollen. Hierauf erzehlte er seinem Vater alles / was
zeiter zwischen ihm und Apamen vorgegangen war. Worbei er solche Wehmut
bezeugte: dass es schien: er hätte gerne sein Hertz aus der Brust gerissen / und
darmit sich so wohl seiner innerlichen Pein / als seines Lasters entledigt.
Daher Cotys für dissmal gegen einem ohne diss halb-verzweifelten mehr Gelindigkeit
/ als sein Verbrechen verdiente / fürkehren / und zu Beruhigung seines Gemütes
helffen musste. Als aber Apame sich erholet / und Sadal besänftiget war; führte
er Sadaln in Apamens Zimmer / und fing an in ihrer Gegenwart ihm nicht als einem
Reichs-Genossen /sondern als ein Vater seinem Sohne Einhalt zu tun; wie er den
Göttern für das Geschencke einer Gemahlin / in welcher Schönheit und Tugend umbs
Vorrecht kämpften / nie genung dancken / auch ihre Treue und Liebe mit der
vollkommensten Gegenliebe nicht nach Verdienst vergelten könnte. Wie die
Eifersucht der giftigste Wurm der Seele wäre / welcher nicht nur wie die Raupen
an den heilsamsten Baum-Blüten / also sie an der reinesten Tugend nagte; und
wie die Fliegen mit ihrem Kote die reineste Unschuld beschmeisste; sondern wie
die beherbergte Nattern ihren Wirt am unbarmhertzigsten peinigte. Sie
verbländete die Vernunft; sie zerfleischte ihr eigenes Eingeweide /und stäche
ihr das Mord-Eisen / wie jener verbitterte Römer / durch ihren eigenen Leib /
nur ihren auf dem Halse habenden oder oft nur geträumten Feind zu beschädigen.
Sie vergällte ihre allersüsseste Vergnügung / und verwandelte die inbrünstigste
Liebe des treuesten Ehegatten in bitteren Hass. Denn die mit süsser Kost
gespeiseten Nattern würden die giftigsten /und die Gramschaft die
unversöhnlichste / welche vorher die Mich der Liebe geträncket hätte. Nachdem
sich aber weder Apamens Tugend noch Liebe nach der gemeinen Richtschnur mässen
liesse / hätte er zu ihr das feste Vertrauen: Sie würde alle Beleidigung gerne
verschmertzen / wenn sie für künftiger sich versichert wissen würde. Apame /
welcher das Wasser des Hebrus gleichsam alle Galle ausgelescht / und ihre Liebe
aufs neue angezündet hatte / gab ihren Beifall nur mit heissen Tränen / und mit
hertzlicher Umbarmung des Königs Sadals zu verstehen; welcher für ihr abermal
auf die Knie fiel / und so wohl umb Vergebung seiner Beleidigung bat / als die
Eifer-Sucht als seinen Tod-Feind zu meiden angelobte. Apame hob ihn auf / küsste
ihn / und fing an: Der Mensch hätte über geschehene Dinge keine andere
Botmässigkeit; sie aber keinen andern Grundstein ihrer Wohlfart / als die
Vergessenheit. Würde Sadal so leicht an keinen ihm unbekandten Todten / als sie
an das empfundene Leid gedencken / würde sie weder was zu beweinen / noch er zu
bereuen haben. Ja sie könnte nicht glauben: dass ihr Gemahl ihre Seele durch die
höllische Eifer-Sucht so peinigen würde / wenn entweder seine Begierden / oder
die Liebe selbst nicht blind wäre / dass sie ihre Hertzens-Angst sehen und
zugleich fühlen könnte. Hiermit ward Sadals Eifersucht auf eine Zeitlang wieder
gedämpft / aber ihr Saame käumte doch in seinem Hertzen; gleich als wenn er so
wenig ohne Argwohn / als die Spinnen ohne Gift leben könnte. Die Furcht / sich
Apamens gar zu berauben / verdrückte eine Zeitlang ihre Auslassung / wie der
Frost die Regung der Schlangen; biss er endlich die sich täglich vermehrende
Galle in seinem Hertzen nicht länger beherbergen konnte; sondern seinen Vater
Cotys rechtfertigte: Ob er denn nicht bei Unterhandlung seiner Heirat zu
Appiaria was von Apamens gegen dem Quadischen Fürsten tragender Zuneigung nichts
gewisses erfahren hätte. Der hierüber unwillige Cotys antwortete ihm: Ich sehe
wohl: dass deine Eifersucht gegen einem Todten dich nicht ehe vergehen wird / als
biss du mit einem Lebenden zu eifern wirst Ursache haben. Hiermit liess er Sadaln
verwirret stehen; und weil er mit Apamen ein hertzliches Mitleiden hatte /
suchte er durch die annehmlichste Unterhaltung ihr Sadals verdrüssliche
Widerwertigkeit etlicher massen erträglich zu machen; welche ihrem Ehherren / ob
schon seine Eifersucht nunmehr stum worden war / mehr denn zu viel ansah: dass
sein Gemüte so ruhig nicht wäre / als er sich anstellte. Sadal nahm seines
Vaters Beginnen für eine mit Fleiss angenommene Liebes-Anstellung an / durch
welche er seiner Dräuung nach ihn gegen sich eifersüchtig machen wollte.
Diesemnach kam er zu Apamen / als Cotys etliche Stunden mit ihr in einem
Lustause gespielet hatte / und fragte: Ob sie seines Vaters Vorschlag seine
Eifersucht von Grund aus zu heilen billigte? Apame antwortete: Wolte GOtt! dass
er ein so heilsames Mittel erfunden hätte; so wollte sie ihn über den
Evesistratus und alle Aertzte der Welt erheben. Sadal versetzte: weil sie seinem
Vorhaben so wohl einzustimmen wüste / könnte ihr sein Anschlag nicht unbekandt
sein. Weil aber die Eifersucht gegen Lebende ein viel grimmiger Tier sein sollte
/ als die gegen Todte; bäte er: Sie möchte ihn durch jene nicht unglücklicher
machen / als er bei dieser gewest wäre. Apame beteuerte: Sie wüste hiervon das
wenigste /und verstünde daher nichts weniger / als wohin seine Rede zielete.
Sadal fing an: O ihr Götter! Ist denn ihre freundliche Gemeinschaft mit dem
Könige Cotys nicht eine abgeredete Geberdung mich gegen ihm eifersüchtig zu
machen? Apame antwortete: Gott behüte mich für diesen Gedancken! Ich habe von
seiner Eifersucht mehr denn zu viel gelidten / da ich doch darzu keine Ursache
gegeben; und ich sollte nun mit Fleiss sie in ihm lebend zu machen mich anstellen.
Weil es auch wider die Vernunft laufft mit seinem eigenen Vater zu eifern / kann
ich mich nicht bereden lassen: dass er von ihm und mir dergleichen gemutmasst
habe. Sadal hob an: So ist es denn wahr: dass Cotys nichts mit ihr abgeredet habe
/ und dass sie sich nicht mit Fleiss angestellet haben / mich eifersüchtig zu
machen? Mir zum minsten / sagte Apame / hat es nie geträumet. O unbarmhertziger
Himmel! fing Sadal an zu ruffen. Hast du mich denn mit Fleiss zu dem
unglückseligsten Liebhaber ausersehen? Muss denn auch mein eigener Vater in dem
Hertzen meiner Gemahlin mehr Raum als ich finden? Hat Apame keinen andern als
ihn mit ihrer Liebe zu beteilen gewüst / damit sie die väterliche Liebe und die
eifersüchtige Rache in meiner Seele zu einem unversöhnlichen Kampfe aneinander
hetze? Wolte GOtt! Holderich lebte / liebte /und würde geliebt; damit ich mit
ihm / nicht mit meinem Vater eifern dörffte! Apame erblasste über Sadals
unvernünftiger Verstellung / und redete ihn an: Ich weiss nicht / was ich dencken
/ oder von meines Ehgemahls Verstellung urteilen soll? Ich habe leider! wohl
erfahren: dass die Eifersucht die Unschuld am grimmigsten verfolge / und sich an
Entseelte reibe. Diss aber ist vielleicht noch unerhört: dass sie ihr eigenes
Geblüte anhauche / und durch den Vater gleichsam mit sich selbst eifere. Nein!
nein! Ich lasse mich diss nicht überreden: Es stecket ein ander Geheimnis
hierunter verborgen / wo es nicht nur soll ein Vorwand sein seine Eifersucht mit
dem Holderich nur wieder auf den Teppicht zu bringen. Sadal antwortete: Ich will
mich zwar mühen zu glauben: dass Apame meinen Vater nicht liebe; aber ich werde
mir nicht ausreden lassen: dass er sie nicht liebe. Wo ich nun auch das erste
nicht vollends für gewiss halten soll; so flehe ich sie umb unserer beider Heiles
willen wehmütigst an / gegen meinem Vater sich anders als zeiter zu geberden /
und mich nicht vollends verzweifelnd zu machen. Apame versetzte: Nun sehe ich:
dass Sadal entweder aller Vernunft beraubt / oder mich biss in Tod zu kräncken
vorhabens sei. Er hat vorher geeifert mit einem der Liebe unfähigen Todten / den
ich auch im Leben nie geliebt; nun eifert er mit einem / dessen Liebe die Natur
selbst einen Riegel fürgeschoben hat. Hält er seinen Vater für unnatürlicher /
als den trunckenen Cyanippus / mich aber für boshafter / als die im finstern
geschwächte Cyane; welche ihren Vater mit den Haaren zum Rach-Opfer für das
Altar des erzürnten Apollo schleppte? Mein Sadal / hat er noch einen Funcken
Vernunft / oder einer ehrlichen Liebe in seinem Hertzen; so höre er auf / mich
also zu peinigen. Ich bin seine Gemahlin /nicht seine Sclavin; Cotys sein Vater
/ und nicht sein Nebenbuhler. Sadal begegnete ihr: Warlich: Cotys hat Apamen ehe
gesehen und geliebt / als Sadal. Er hat /ehe sie Sadaln zu Gesichte kommen /
alle Schönheiten gegen Apamen als geringe Schatten verschmähet /und geurteilet:
Wer Apamen gesehen / möchte ihm lassen die Augen ausstechen: dass sie nach ihr
nichts unvollkommenes sehen. Welches sicher rauchende Reden oder vielmehr
Entzuckungen eines lichter lohbrennenden Liebhabers sind. Ihre ihm bezeigte
Freundligkeit hat auch etwas mehr an sich; als die einem Schwäher gebührende
Ehrerbietung von einer Schnur heischet. Ich traue Apamen zwar keine Schwachheit
/ noch eine Veränderung ihrer mir gewiedmeten Liebe zu; Ich weiss auch allzu
wohl: dass sie den König Cotys nicht liebt. Aber mein Hertz ist einmal so zart:
dass es in dem Ihrigen so wenig die geringste fremde Regung / als mein Auge einen
Sonnen-Staub vertragen kann. Ich schätze Apamen so hoch und höher / als die
Aegienser ihr Bild des Heiles / welches niemand / als desselben Priester sehen
darff. Apame ist meine einige Göttin; ich weiss von keinem andern Heile als von
ihr / drumb will ich auch alleine ihr Priester sein. Apame ward hierüber biss in
Tod betrübt /und hob an: Dieser Stich geht mir und zugleich seinem Vater durchs
Hertze. Grausamer Sohn / unbarmhertziger Gemahl! Ich sehe wohl: dass seine
Gemüts-Kranckheit unheilbar / und meine Verwundung tödtlich sei. Jedoch ich will
mein Unrecht gerne leiden; wenn ich nur dadurch zuwege bringen könnte: dass mit
seiner erst gegen mir angenommenen Liebe nicht zugleich die ihm von Natur
eingepflantzte verschwinden möchte. Denn wie ich wohl versichert bin: dass dieser
tugendhafte Fürst mich nicht in der Meinung: dass er mich wie die jenigen
Africaner bezaubern wollen / die mit ihren Ruhm-Sprüchen schöne Bäume / fette
Saaten / hurtige Pferde / annehmliche Kinder / feistes Vieh verderben / gelobt
habe: Also ist es ein nicht geringes Laster nur gedencken: dass er seinem über
alle Maass geliebtem Sohne in seiner Vergnügung einigen Eintrag zu tun gemeinet
habe. Hiermit ging Apame mit betränten Wangen aus dem Zimmer / verschloss sich
in ihr Schlaf-Gemach / warff sich auf ein Bette /und brachte etliche Tage und
Nächte in der unruhigsten Einsamkeit zu; sonder dass sie einen einigen Menschen
ausser einer mit sich aus Bastarnien gebrachten Edel-Frauen vor sich / sondern
alle mit vorgeschützter Unpässlichkeit / welche denn auch sie wie insgemein alle
Gemüts-Kranckheiten begleitete / abweisen liess. Derogestalt konnte auch selbst
Cotys nicht vorkommen; ja als dieser endlich nach mehrmals verweigerter
Einlassung unwillig ward / schrieb sie ihm einen Zettel dieses Innhalts: Sie
wäre ihm / als ihrem grösten Wohltäter nach ihrem Vater am meisten verbunden;
aber sie würde ihm so denn mehr als ihrem Vater verpflichtet werden / wenn er
seinen Augen sie nimmermehr zu sehen gebieten würde. Denn diesem hätte sie nur
das Leben / auf den letztern Fall aber dem Könige Cotys die Erhaltung ihres
guten Nahmens zu dancken. Cotys lass diesen Zettel wohl zehnmal / wusste aber
diesem Rätzel keine Auslegung zu finden. Daher zeigte er selbten seinem Sohne
Sadal /und verlangte von ihm so wohl die Auslegung / als die Ursache der von
Apamen so sorgfältig angemaassten Einsamkeit. Sadal erstaunete hierüber / und
wollte zwar von der Ursache nichts wissen; aber sein Vater kennte ihn allzu wohl:
dass er ihm nicht die Verschlüssung seines Gemütes angemerckt haben sollte. Daher
nahm er ihm für alles äuserste zu versuchen: dass er mit Apamen sprechen möchte.
Weil er nun in ihr Zimmer keinen Schlüssel finden konnte / kurtz darauf auch
erfuhr: dass Apame umb Mitternacht in einer tunckeln Mägde-Tracht in den Tempel
der Diana sich geflüchtet hätte / war über der empfangenen Zuschrifft so viel
bekümmerter; und Sadal / als er es erfuhr /wollte gar von Sinnen kommen. Daher
liess er zwar durch die Priesterin Apamen aufs beweglichste ersuchen: Sie möchte
sich wieder in der Königlichen Burg einfinden / und sich mehr keiner
Verdriesslichkeiten von ihm besorgen. Aber Apame liess ihm keine andere Antwort
wissen / als dass sie entschlossen wäre sich aus Andacht Dianen auf ihr Lebtage
einzuweihen /umb ihrem liebsten Ehgemahl mehr keine Gemüts-Unruh zu
verursachen. Dem Könige Cotys aber liess sie sagen: Sie könnte ihn ohne Störung
ihrer Andacht und seiner väterlichen Andacht nicht mehr sehen. Als nun beide
durch der Priesterin öftere Botschaft nichts mehrers ausrichteten / wollte so
wohl Cotys als Sadal selbst mit ihr sprechen. Der Eingang des Tempels aber ward
ihnen so wohl als allen weltlichen Männern verwehret; und Apame nicht zu
erbitten: dass sie sich aus der Sicherheit des Tempels begeben hätte. Nachdem
aber Sadal sie bei ihrer geschwornen Treue / und mit verzweifelter Bedräuung
sich selbst hinzurichten beschwur: Sie möchte sich ihn nur noch einmal sehen
lassen; willigte sie endlich darein: dass sie in dem Vor-Gemache des Tempels
durch das ertztene Gegitter hören / und von ihm den letzten Abschied nehmen
wollte. Cotys konnte diss aber nicht erbitten /ungeachtet er durch seinen Sohn
Cotys / welcher allein als oberster Priester die Schlüssel zum Heiligtum hatte
/ darumb die eifrigste Ansuchung tat. Welches ihm das Geheimnis so viel
verdächtiger /ihn aber es zu erforschen desto begieriger machte. Sadal kam also
auf bestimmte Zeit dahin mit erblasstem Antlitze / starrenden Augen / und
zitternden Gliedern; also dass er kaum mit halbgebrochenen Worten seine Bitte für
den Kercker dieser Einsamkeit die Burg und sein Ehbette zu erkiesen fürtragen
konnte. Er küssete hierbei das Gegitter / wo Apame die Hand hingelegt hatte /
seine eigene Augen mühte er sich gleichsam in einer See-voll Tränen zu
ersäuffen; ja er geberdete sich so erbärmlich: dass Apamens Hertz wehmütig /und
ihre Augen wässricht wurden; ob sie ihr gleich eine harte Unempfindligkeit zu
zeigen ihr feste fürgenommen hatte. Sie fing aber an: Liebster Sadal; glaube:
dass du der einige Mensch seist / den ich iemals geliebt habe; und dass ich
keinen mehr nach dir lieben werde; nachdem ich leider! zu spat gelernet: Man
könne keinen Mann lieben ohne unglücklich zu sein. Gleichwohl aber werde ich
dich noch so lange lieben /als ich lebe; wenn du gegen mich gleich noch
unvernünftiger oder auch grausamer gewesen wärest. Hätte ich auch nicht
erfahren: dass du ungenesslich / und dein eigener Vater deiner Eifersucht zu
entfliehen unfähig wäre; würde ich noch alles vergangene vergessen /und so wenig
mich dein als meines Lebens entschlagen. So aber weiss ich: dass der / welcher
sich und mich zu quälen nicht hat aufhören können / über dem / was nie was
gewest ist; auch sich über etwas noch viel mehr quälen werde / was niemals sein
wird /nämlich: dass ich iemand andern liebe. Denn wer kann ausser Verdacht bleiben
/ wenn man den Vater in Argwohn zeucht? Glaube mir: dass dein und kein Schmertz
grösser sein kann / als der meinige; indem ich mich von dem trennen muss / den ich
allein und über alles liebe. Denn deine Liebe kann meiner nicht die Wage halten /
weil ihre Eifersucht den Kern / und Argwohn die Schwerde benommen hat. Als ich
dich heiratete / meinte ich: Ich könnte ohnmöglich ohne dich leben; nunmehr aber
hat Zeit und Vernunft mich gelehret: dass es mit dir zu leben eine Schande / und
dein Tod sei. Daher habe ich dieses Heiligtum mehr dir zu Liebe als mir zum
besten erkieset. Erkiese dir nach den Tracischen Gesetzen eine andere Gemahlin;
welche / wenn sie nach meinem Wuntsche wäre /dich so sehr / als mich diese
Einsamkeit vergnügen werde. Glaube / Sadal: dass ich dein nimmermehr vergessen /
wohl aber die Götter täglich anruffen werde: dass sie dir so wohl von nun an mein
Gedächtnis aus dem Sinne / als die Wurtzel der Eiversucht aus dem Hertzen nehmen
wollen. Bei diesen letzten Worten bückte sie sich / küssete Sadals an das
Gegitter gelehnete Hand / zohe sich damit zurücke / und liess sich gar nicht mehr
sehen. Sadal / nach dem er etliche mal Apamens Nahmen vergebens geruffen / fiel
ohnmächtig zu Bodem. König Cotys / welchen der nichts wenigers als eine gegen
den Vater gefasste Eiversucht am Sadal vermutende Hoher-Priester in einem
Neben-Gemache / derer in dem Vorhofe des Tempels wohnenden Dianischen Priester
nebst sich verborgen hatte / hätte bei Anhörung eines so bösen Verdachts für
Ungeduld bersten mögen / wäre auch / wenn ihn der Priester nicht zurück gehalten
/ sonder Zweifel auf Sadaln gewaltsam los gebrochen. Als er ihn aber für todt zu
Bodem fallen sah / und vom Schlage gerührt zu sein meinte / brach die väterliche
Liebe sein Hertze: dass er heraus sprang / und über den am Boden liegenden Sadal
fiel / auf dieser vermeinten Leiche aber selbst eine wahrhafte ward. Denn als
der jüngere Cotys aus Bestürtzung umb Hülffe ruffte / und etliche Priester Vater
und Sohn rieben und kühlten / brachten sie zwar König Sadaln wieder zu rechte
und zu sich selbst / Cotys aber ward stein-todt befunden. Also tödtet sich der
Mensch mit seinen eigenen Waffen. Unser Leib trägt uns mehr zu Grabe / als er
uns beherbergt; ja unser eigen Grab wird in uns täglich mehr lebendig. Sadal /
ob er gleich wegen Apamens ganz ausser sich selbst / und sein Hertze schier zu
einem nichts mehr fühlenden Steine worden war; ward doch durch eine ganz neue
Empfindligkeit gerühret / sein Haupt aber nichts minder verwirret / als er
seinen Vater todt für seinen Füssen liegen sah. Nach einem langen Stillschweigen
und starrem Anschauen fragte er: Wie sein Vater dahin kommen / und welcher
Gestalt er gestorben wäre? Der auf Sadaln so wohl seines Vaters als Apamens
wegen erzürnte Bruder fuhr im Eifer heraus: Seine väterliche Liebe hat ihn
hieher gebracht / und seines Sohnes gegen ihn geschöpfte Eiversucht hat ihn
getödtet. O ihr Götter! fing Sadal an; bin ich einer so abscheulichen Missetat
schuldig? Denn es kann kein ärger Verbrechen sein / als den des Lebens berauben /
dem man sein eigenes zu dancken hat. Aber wie und von wem hat es mein Vater
erfahren: dass ich seinetwegen mit Apamen geeifert habe? Aus Apamens eigenem
Munde / versetzte der Priester Cotys. Sadal ward hierüber gleichsam wütend / und
fing an: Untreue Apame! ist es nicht genung gewest: dass du dich mir geraubet?
Hast du auch mir meines Vaters Hold und Segen / und ihm sein Leben nehmen
müssen. Unbarmhertzige Apame! Deine Grausamkeit gewinnet der Lays ab / weil
diese in dem Tempel der Venus nur mit Opferung etlicher eiversüchtiger Weiber /
du aber mit deines Ehgemahls leiblichem Vater deine Rache ausgeübet hast. Cotys
aber versicherte ihn in Meinung ihn zu besänftigen: dass Apame von der
Anwesenheit des ihrem Gespräche zuhörenden Königs Cotys nichts gewüst; also die
minste Schuld hätte. So hat ihn niemand als du / sagte Sadal / allhier verbergen
/ und dieses Unheil stiften können. Hiermit grief er nach dem Degen / und tat
nach seinem Bruder einen heftigen Stoss / der ihm aber aussprang / und sich in
innern Tempel rettete. Sadal hingegen wütete und tobte / leschte auch etlichen
seiner Trabanten /die ihm zum ersten in Wurff kamen / das Licht aus. Weil nun
ihm sich ferner niemand zu nähern traute /musste endlich die alte Königin Sadals
Mutter dahin kommen / und mehr ihren rasenden Sohn zu beruhigen / als ihren
todten Ehherren zu beweinen bedacht sein. Diese brachte Sadaln zwar in die Burg
/ aber nicht zur Ruh. Denn er wollte Apamen wieder / und seinen Bruder todt
haben. Er hätte auch noch selbige Nacht den Tempel erbrechen lassen; weñ nicht
seine Mutter ihm die aus Entweihung des Heiligtums besorgliche Gefahr für Augen
gestellt / und Apamen auf bessere Gedancken zu bringen versprochen hätte. Sie
verfügte sich mit diesem Vorsatze auch bald folgenden Morgen in Tempel; alleine
die alle äuserste Versuchungen besorgende Apame hatte ihr schon vorhergehende
Nacht / weil zumal der zu der Einweihung nur verstattete Jenner folgenden Tag
sich endigte /von der ältesten Priesterin die Haare abschneiden /einen weissen
Rock anziehen / und aus dem eis-kalten Wasser des in Tracien heiligen Flusses
Hebrus /weil kein warmes Wasser zu Einsegnungen taug /baden lassen; und sie
umbarmte gleich auf dem Altare der Dianen Bild / welches vom Praxiteles eben wie
das bei Anticyra gemacht war / und in der rechten Hand eine Fackel / auf dem
Rücken einen Bogen / auf der lincken Seite einen Hund hatte / mit welchem sie
der oberste Priester Cotys als mit einem neuen Ehgemahl verlobte; als die
Königin in Tempel trat. Dieser Anblick beschied die Königin alsbald für sich
selbst: dass ihre Bemühung vergebens sein würde. Denn ob zwar in dem Heiligtum
Dianens zu Aegira und in unterschiedenen andern die eingeweiheten Jungfrauen
eben so / als wie die Priesterinnen des Neptun in Calaurea heiraten mögen; ja
zu Aten selten eine Jungfrau heiratet / welche nicht vorher Dianen geweihet
worden; so ist doch dis in dieser Orestischen Diane Tempel nicht verstattet.
Sintemal darinnen die Priesterinnen eben so / wie in dem Arcadischen Tempel der
Hymnischen Diana / und in dem Achäischen Heiligtum der Erde / Frauen sein
müssen / welche nur einmal geheiratet haben / und nach der Zeit Lebenslang der
Keuschheit ergeben sein müssen. Die Königin erschrack hierüber aufs heftigste /
und ob sie wohl wusste: dass sie nur ihre Worte verlieren würde / brachte sie ihr
und Sadals Anliegen doch bei Apamen und denen Priesterinnen für / stellte ihnen
auch die besorgliche Gewalttat des verzweifelten Sadals für Augen. Aber Apame
hatte taube Ohren / und der hohe Priester Cotys fertigte seine Mutter selbst mit
fürgeschützter unmöglichen Widerruffung des Gelübdes ab. Also kam die Königin
traurig zurücke / welcher Sadal mit äuserster Ungeduld wartete / und mit
Ungestüm ihrer Verrichtung Ausschlag abfragte. Sie verblümte zwar selbte so gut
sie konnte / und meinte mit Hülffe der die Flammen der Liebe und Rache
verdampfenden Zeit ihren Sohn zu glimpflicher Entschlüssung zu bringen. Aber
seine Raserei nahm mehr zu als ab / und musste sie ihm nur endlich die wahre
Beschaffenheit der verlobten Apame bekennen. Sadal ward hierüber aufs neue ganz
unsinnig; nahm daher seine Leibwache und Getreuesten / verfügte sich für den
Tempel der Diana / baute daselbst ein Altar von Rasen auf / liess hundert Katzen
dahin bringen / selbte entmannen und ausschneiden / schwur auch über ihren
Geilen: Würden die Priesterinnen nicht Apamen ihres Gelübden entlassen / und ihm
/dem sie das erste Gelübde getan hätte / vorentalten / wollte er Apamen mit
Gewalt nehmen / von allen andern kein Gebeine davon kommen lassen / den Tempel
einäschern / und die hundert eingesaltzene Katzen gleichsam zu Hohne der Diana
selbstin begraben; weil sie sich bei ihrer Flucht für dem Typhon in eine Katze
verwandelt haben soll / und daher auch in Katzen-Gestalt / wie Pan und Bacchus
als ein Bock / Jupiter als ein Wider / Mercur als ein Hund / Apollo als ein
Habicht / Vulcan als ein Ochse / Latona als eine Maus / Mars und Venus als
Fische von den Egyptiern verehret werden. Diese seltzame Verschwerungs-Art jagte
denen Geistlichen kein geringes Schrecken ein /weil sie die älteste und
verbindlichste ist. Massen schon Tindareus / als er Helenens wegen von
unzehlbaren Buhlern nicht weniger bedräut als gebeten ward / in aller
Anwesenheit über eines ausgeschnittenen Pferdes Geilen sich verschwor das
Unrecht gegen die mit ihrem Blute zu rächen / welche seiner Tochter künftige
Hochzeit zu stören sich würden gelüsten lassen. Diese Priesterinnen hielten
anfangs Sadaln bescheidentlich ein: dass die Entweihung Apamens nicht in ihrer /
des Heiligtums zwar in des Königes Gewalt stünde; aber er sollte bedencken: dass
ihre Diana / welche den in ihre Hymnischen Tempel Arcadiens eine Priesterin
schwächenden Aristocrates mit seinem ganzen Stamme ausgerottet / und von dem
Hause des Cypselus die Arcadische Herrschaft weggenommen hätte / in Tracien
noch so mächtig zur Rache wäre. Alleine Sadal verstopfte seine Ohren wie eine
Schlange / und sah weniger als ein Maulwurf. Denn Zorn und Brunst haben zwar
viel Feuer /aber wenig Licht. Sie entzünden beide zwar die Augen / aber nur umb
sie zu verbländen / und die aus ihnen schüssenden Strahlen stecken wohl
schädliche Feuers-Brünste an / aber sie verfinstern die Vernunft /und äschern
ihre eigene Wolfahrt ein. Nicht anders ging es Sadaln; welcher nunmehr den
Tempel zu erbrechen befahl / und zu dessen Anzündung mehr als tausend lodernde
Fackeln fertig hatte. Als die oberste Pristerin die Gewalt sah / öfnete sie
selbst den Tempel und trat an den Eingang / fiel für dem mit einer brennenden
Fackel voran rennenden König nieder /und bat: Er möchte der Götter und seiner
schonen /wenn die Pristerinnen es nicht verdienten. Sein Grimm würde auch ohne
einige Frucht sein; denn er möchte glaubhafte Frauen alle Winckel des Tempels
durchsuchen lassen / so würde er Apamen nicht mehr finden. Sadal nam diesen
Vorschlag an; und als Apame nirgends zu finden war / fragte er: wo sie denn
hinkommen wäre? Nach dem der Diana gewiedmeten Frauen mehr keine ungeweihete
Schwelle betreten /oder sich mit andern Leuten gemein machen dörfften. Die
Priesterin / welche bei Verlust ihres Lebens nicht wissentlich lügen darf /
sagte endlich / als er mit einem Dräuen darauf drang / die Warheit: Der hohe
Priester Cotys hätte Apamen aus befürchteter Gewalt ihrer Sicherheit halber
nebst zweien Priesteriñen /wiewol sie schwer daran kommen wäre / mit sich in den
grossen Tempel des Bacchus genommen. Sadal ward hierüber wütender als niemals
vorher. Denn die ihn wieder befallende Eyversucht stellte ihm nunmehr seinen
Bruder nicht als einen heiligen Priester / sondern als einen Neben-Buhler für.
Sie beredete ihn: dass Apame nicht aus Andacht / sondern umb die Begierden des
hohen Priesters zu vergnügen sich hätte einweihen / und sich mit ihm in Tempel
versperren lassen. Daher war er nicht abwendig zu machen Apamen mit Gewalt / es
koste was es koste / aus dem Tempel des Bacchus zu holen / und gegen seinen
Bruder Rache zu üben; ungeachtet ihm die unversehrliche Heiligkeit / und die
Festigkeit desselbten nebst dem Ubel / was aus Bestürmung dieses Heiligtums
erwachsen könnte / beweglich fürgehalten ward. Denn dieser zwei Stadien im
Umbkreise habender Tempel liegt an einem vorteilhaften Orte / nämlich an der
Spitze / wo der Fluss Hebrus und Taxus zusammen fliessen / ist mit drei
steinernen Mauern und vielen Türmen umbgeben / mit drei-hundert Priestern
/fünf-hundert Bacchen / tausend Opfer-Knechten / und so viel Tempel-Hüttern
bewohnet; auch als eine der besten Tracischen Festungen mit einem vollen
Zeughause versorget. Er hat mehr nicht als gegen Morgen über den Fluss Hebrus
einen Eingang auf einer langen Brücke durch drei Ertztene Tore. Seine gröste
Festigkeit aber bestehet darinnen: dass die Tracier diesen Tempel für eine
wesentliche Wohnung GOttes /und für den heiligsten Ort der Welt halten. Das
innerste Heiligtum des Tempels / in welchem das aus Gold gegossene Bild des
Bacchus mit ringlicht-gekrauseten Haaren und einem Reben-Krantze umbs Haupt in
einem goldgestückten Bette liegt / und darein nur der hohe Priester im Frühlinge
bei dem grossen Feier mit eines geopferten Bockes Blute eingehen darf / soll
Orpheus / oder anderer Meinung nach /Narcäus des Bacchus und Physcoa Sohn /
welche zwei diesem Gotte zum ersten in Europa geopfert /noch gebauet haben. Bei
selbigem Feier bestreicht der hohe Priester mit dem hinein getragenen Blute des
Bacchus Lippen / hernach bringt er es um Mitternacht in einer verschlossenen
Kiste heraus in das mitlere Heiligtum / darein die Priester und der König nur
kommen / tauchet selbtes in eine ertztene Wanne / in das von tausend geopferten
Böcken darein gegossene Blut / hernach tragen die aus dem fürnehmsten Adel
erkieseten / mit gewissen aus Wein-Blättern / Epheu und Weitzen-Aeren
geflochtenen Kräntzen geputzte /und / weil sie für der Wolle / als etwas
Viehischem /für der Seide / als einem Wurm-Gespinste Abscheu tragen / in weisse
Leinwand gekleidete Prister baar-füssig diese Kiste in das euserste Heiligtum zu
dem Volcke / welches mit dem davon trieffenden Blute sich beschmieret / und
dadurch sich seiner Sünden zu befreien vermeint. Von dar steigen die Priester
damit in den Fluss Hebrus / und waschen darinnen die blutige Kiste und das
verborgene Bild ab. Das Volck aber watet in solchen Strom umb durch sein
hierdurch geheiligtes Wasser ebenfals gereinigt zu werden. Diese heilige Kiste
mit dem Bilde des Bacchus soll bei Zerstörung der Stadt Troja dem Eurypylus zu
teile / er auch bei Anschauung des eröfneten Bacchus rasend /hernach von ihm
nach Aroe in Achaien gebracht / und hiermit das wegen der vom Melanippus im
Tempel der Triclarischen Diana geschändeten Pristerin Comäto eingeführte
blutige Menschen-Opfer abgetan worden sein. Dieses Bild aber hat hernach König
Sotymus aus Griechenland nach Oresta bracht. Uber dis befindet sich in diesem
Orestischen Tempel das uhr-alte Wahrsager-Bild des Bacchus / welches wegen
vieler / und insonderheit der denen Libetriern erteilte Weissagung hochberühmt
ist: dass nämlich /wenn die Sonne die vergrabenen Gebeine des Orpheus bescheinen
würde / ihrer Stadt von einer Sau der Untergang zuhienge / welches hernach durch
Ergiessung einer so genennten Bach erfolgte. Alleine weder diese Heiligtümer /
noch des Volckes Schwierigkeit vermochten Sadaln abzuhalten: dass er nicht mit
seiner Kriegs-Macht diesen Tempel belägerte. Massen er deñ denen ihm Einredenden
begegnete: Seiner Gemahlin Einweihung wäre entweder ein Getichte / oder eine
blosse Scheinheiligkeit / und ein Firns / damit ihre und seines Bruders geheime
Zuhaltung beschönet würde. Durch diese hätte er den Tempel entweihet /
sonderlich / weil Cotys vorhin schon vermählet / als ein Priester aber noch eine
Frau / am wenigsten welche nicht mehr Jungfrau / zu heiraten; ja nicht einst
seine eigene Gemahlin im Beschlusse des Tempels zu erkennen berechtigt wäre.
Daher sollten alle treue und andächtige Untertanen ihm diesen ärgerlichen Greuel
abtun / und mit des unheiligen Cotys Blute den besudelten Tempel reinigen
helffen. So schwartze Tinte der Verläumbdung brauchet Brunst und Rache wider die
Tugend und Unschuld. Denn weil diese jenen durch ihren Kapzaum weh tun / wollen
jene sich an diesen wieder rächen / und an ihrer blutigen Aufopferung erholen.
Apame und Cotys baten zwar und führten für ihre Beschirmung unwiederlegliche
Gründe / und das der wegen Verletzung der Bittenden versunckenen Stadt Helice /
wie auch anderer destalben von den gerechten Göttern ernstlich bestrafter
Unbarmhertzigen Beispiele an; aber beim Getöne der Waffen höret man kein ander
Gesätze / als dass der Mächtigere / welcher bei seinem grösten Unrechte allezeit
recht behält / dem Schwächern fürschreibt. Wie nun bei Sadaln nichts
glimpfliches verfieng / sondern der König sich zum Sturme bereitete / stieg
Cotys mit der Kiste des verschlossenen Bacchus-Bildes auf die Zinnen des Turmes
/dräuete selbte zu eröfnen / und durch Zeigung solchen Gottes alle Stürmende /
ja den König selbst / wie den Eurypylus rasend zu machen. Diese Dräuung machte
das Krieges-Volck wohl stutzig; Sadaln aber nur verbitterter / dessen Vernunft
seine ungezähmte Begierden / oder die zornigen Götter vielleicht selbst
verwirret hatten. Daher säuffte er seine Kriegs-Leute mit dem stärcksten Weine
voll / welcher so wohl das Gemüte als die Augen blendet / und machte alles auf
nechst-folgenden Tag zum Sturme fertig. Apamen stieg dieses tief zu Hertzen; ja
die Seele blutete ihr /als sie das bevorstehende Blut-Bad vor Augen sah /und
dessen unschuldige Verursacherin sein sollte. Daher verfügte sie sich für das in
dem Vorhofe stehende Altar der Sotirischen Diana; und nach dem sie für selbtem
das meiste Teil der Nacht auf ihrem Antlitze mit Andacht zugebracht hatte /
verfügte sie sich /als es tagte / da der Sturm gleich angehen sollte / auf einen
hohen aber wegen seiner Zerstossung von den Belägerten schon verlassenen Turm
der eusersten Mauer / schoss von selbtem einen Pfeil mit einem darein gesteckten
Briefe gegen die Belägerer / hernach stiess sie ihr selbst einen Dolch in die
Brust / und stürtzte sich über die Zinnen auf die von den Sturm-Böcken
herabgestossene Steine: dass fast alle Glieder zerschmettert wurden / und so
Gehirne als Blut an selbten kleben blieb. In dem Tempel ward dieses Trauer-Falls
kein Mensch / von aussen aber etliche tausend Tracier / ja der den Sturm
anordnende König selbst gewahr / welchem zwar alsbald selbst nichts gutes ahnte
/ von dem ihm gebrachten Pfeile den Brief los machte / und darinnen mit
Schrecken und ihm zu Berge stehenden Haaren folgende Worte laass: Ich wundere
mich nicht / Sadal: dass du mir / als ich noch deine Gemahlin war / das Hertz
auffrassest / da du nunmehr wie Typhon den Göttern selbst Krieg anbeutest. Ich
bin eine geweihete der Diana; also habe ich aufgehöret deine Ehfrau / ja du mein
Liebhaber zu sein. Denn deine Waffen sind Werckzeuge des Todes / nicht der
Liebe. Warumb eiferst du denn? Was hast du für Anlass oder Vorteil davon: dass du
meine dir bewusste Unschuld / und deines Bruders Mitleiden über mein Elend der
ganzen Welt für Untreu und Blutschande verkauffst? Alleine Brunst und
Eyversucht haben keine andere Zunge / als welche von Gifte der Verläumbdung /
und von Galle der Lästerung treufft. Ihre Zähne nagen so wohl an anderer guten
Nahmen / als an ihrer Tugend; und gebähren wie die Bisse toller Hunde in den
Wunden stinckende Würmer. Ihr Feuer ist mit keinen Tränen / wie das Naphta mit
keinem Wasser / sondern nur wie der Blitz mit Milche / also der kalte Brand der
Eyversucht nur mit Blute zu leschen. Ist es dir nun darumb zu tun gewest /
warumb hat man mir denn vorhin zu sterben verwehret? Warumb wilst du etliche
tausend derer /mit denen du nicht eiverst / allhier auf die Schlacht-Banck
liefern? Die erzürntesten Götter sättigen sich mit eines Menschen Opferung; und
/ als die Callirhoe durch verschmähete Liebe des Priesters Coresus den Bacchus
unversöhnlich beleidigt hatte / forderte er mehr nicht / als die Hand-voll ihres
Blutes. Ja Bacchus hätte sich an des sich für sie aus Liebe tödtenden
Coresus-Opfer vergnüget / wenn nicht Callirhoe selbst aus Erbarmnüs mit einem so
treuen Liebhaber zu sterben erwehlt hätte. Du aber verlangst die Nahrung deiner
Begierden nicht nur an meinen / sondern deines unschuldigen Bruders / ja aus so
vieler tausend Menschen Adern zu saugen? Kanst du nun wohl grausamere Gramschaft
wider mich ausüben / Sadal / als dass du mir das Leben so sauer / meinen Tod aber
Tracien so empfindlich / mein Gedächtnüs der Welt so verhasst machst? Gleichwol
aber will ich zum letzten mal deinen und viel tausend Augen zeigen: dass dein
Verdacht ein Wahn / deine Liebe ein Irrwisch gewesen; dass ich im Leben dich
allein geliebt habe /und dir zu Liebe gerne sterbe / und derogestalt im Lieben
ein Phönix gewest / im willigen Tode ein Schwan sei. Sadal lass kein Wort dieses
Briefes ohne Hertzklopfen; die letztern ihn ihres Todes versichernden aber
warffen ihn als ein Donnerschlag zu Bodem. Als er mit grosser Müh durch
kräfftige Mittel wieder Verstand und Sprache bekam / hatte sich aller vorige
Grimm in die erbärmlichste Wehmut verwandelt. Er bejammerte mit Tränen und
verbrochenen Worten bald den unersetzlichen Verlust Apamens / bald seine
Grausamkeit / am meisten aber die Zärtligkeit ihrer Liebe / welche sein
Verbrechen an ihrem eigenen Leibe gestrafft hätte. Daher befahl er auch gegen
dem Tempel ein weisses Friedens-Zeichen aufzustecken; und als man dergleichen
auf einem Turme desselbten erkiesete / erhob sich König Sadal an den Ort /
wohin sich ein Frauen-Zimmer abgestürtzt hatte. Wie er nun / dass es Apame
wahrhaftig wäre / erkiesete / fiel er über ihren zerschmetterten Leib / und ward
darüber durch Ohnmacht so unempfindlich / als Apamens Leiche. Länger als eine
Stunde sah man an ihm kein Leben / und als es endlich nach vielen Bemühungen
wieder kam / zohe er ihr den noch zwischen den Brüsten steckenden Dolch heraus /
und hätte / wenn nicht die Seinigen bald den Arm erwischt und zurück gehalten /
selbten ihm eben so tief ins Hertz gestochen. Hernach umbarmte und küsste er
unaufhörlich nicht nur diese seine entseelte Gemahlin; sondern leckte auch ihr
versprjetztes Blut von den Steinen auf / bis er aufs neue in Ohnmacht sanck.
Daher man so wohl ihn in die Burg zu tragen / als der Königin Leiche aufzuheben
und zu verwahren nötig befand. Uber dieser Begebnüs ward der Prister Cotys /
und die im Tempel allererst mit grossem Leidwesen Apamens erbärmliches Ende
gewahr. Daher schickte Cotys an seinen Bruder Sadal / liess sein Mitleiden über
Apamens Tod beweglichst fürtragen / seine Unschuld verführen und umb Brüderliche
Vereinbarung Ansuchung tun. Aber einmal vergälleter Gemüter Essig-Geschmack
läst sich durch keinen Zucker der Besänftigung süsse machen; Und es soll eine
eben so kluge Erfindung sich von eigener Vergehung weiss zu breñen sein /weñ man
seine Schuld einem andern aufschultert / als eine Rechtfertigung des Zornes /
wenn man ihn nicht bald fahren lässt. Daher schalt er ihn / den Urheber alles
Unheils / und einen Mörder seiner ihm entführten Gemahlin; liess auch ihm mit
Bedräuung euserster Zwangs-Mittel die Aufsperrung des Tempels anbefehlen / auch
bei erfolgter Verweigerung eine Blut-Fahn aufstecken / und noch selbigen Tag
einen Sturm anlauffen; welcher aber von den einigen Bacchen mit grosser
Hertzhaftigkeit und Verlust des Königlichen Kriegs-Volckes abgeschlagen ward.
Denn diese Weiber waren teils durch den ihnen beigebrachten unreinen Maah-Safft
/ teils durch ihre gegen Sadaln gefasste Verbitterung gleichsam ausser sich
gesetzt / und so wütende / als da sie mit dem Bacchus wider die Argiver
gefochten / oder da sie den Penteus zerrissen. Weil nun nichts so sehr als
Aberglaube Augen und Vernunft zu blenden vermag / überredeten sich die Tracier
selbst: Bacchus hätte diese rasenden Weiber begeistert / und sie mit einer mehr
als Menschlichen Hertzhaftigkeit ausgerüstet. Ja / weil die Furcht leichtgläubig
ist / und ihr selbst Feinde ertichtet / wollten einige den Gott Bacchus selbst
mit seinen in Gemsen-Häute gekleideten Silenen auf der Mauer flechtende gesehen
haben. Daher konnte Sadal weder durch Bitte noch Dräuen sein Kriegs-Volck zum
andern Sturme bereden; die Bürgerschaft in Oresta ward auch schwürig / und die
allereifrigsten Verehrer des Bacchus die Bessischen Tracier machten einen
öffentlichen Aufstand / überfielen und erwürgten den Königlichen Stadtalter in
Philippopolis / und kamen mit einer starcken Heeres-Krafft gegen Oresta
angezogen / schlugen auch ihr Läger zwischen dem Flusse Hebrus und Artiscus.
Sadal / welcher den Funcken dieses Bürgerlichen Krieges durch einen geschwinden
Uberfall hätte ausleschen können / liess durch Verachtung oder Fahrlässigkeit ihn
zu einem grossen Feuer werden. Denn da es anfangs leichte gewest wäre die
anfangs schwachen Bessen mit zehn-tausend Kriegs-Leuten / die Sadal in Oresta
leicht entbehren konnte / zu erdrücken / liess selbte sich verschantzen und auf
zwantzig-tausend verstärcken; in der süssen Einbildung: es würde dieses
Land-Volck in Mangel des Soldes und erfahrner Heerführer sich so geschwinde
wieder verlauffen / als es sich zusammen gerottet hätte. Da ihm doch seine Räte
vernünftig einhielten: dass man in denselben Fällen / wo es umb Erwerbung oder
Verlust der Herrschaft zu tun wäre / insonderheit bei Aufwickelungen / keine
Augenblicke verspielen müste / und hernach ewige Reue zu haben. In denen zu
ihrer Vollkommenheit gediegenen Sachen könnte man etwas der Zeit heimstellen /
und auf ihre Veralterung oder Verschwindung warten. Wenn man aber zu wachsen
anfangenden Sachen Lufft liesse / wüchsen sie einem unter den Händen /und wäre
zwischen ihrem Anfange und vollkommener Grösse ein kaum unterscheidlicher
Unterschied; hingegen aber die Geschwindigkeit das heilsamste Mittel / die Zeit
aber ein ärgerer Feind / als der Feind selbst. Denn der Strom eines Ubels liesse
sich bei seinem Ursprunge überschreiten / oder wenigstens durchwaten; dessen
Tieffe und Breite hernach grossen Schiffen und Schiffern zu schaffen machte.
Insonderheit aber müste man mit dem gemeinen Volcke / wenn es sich empörte /
nicht lange Worte wechseln / sondern ehe darauf schlagen als dräuen. Denn der
Pöfel hält mehr von hurtigen Armen / als vielem Gehirne / lässt sich also eher zu
was zwingen als bereden. Hingegen spielte Cotys und die Bessen es durch
fürgebildete Andacht so künstlich: dass mehr als die Helffte des Kriegs-Volckes
von Sadaln / als einem Verächter der Götter teils zu dem Cotys / teils zu den
Bessen abfielen; welche diesen für ihren König im Lager ausruffen liessen. Sadal
kam hierüber derogestalt ins Gedrange: dass er nicht nur die Belägerung des
Tempels aufheben / sondern sich in aller Stille des Nachts auf zwantzig Schiffen
den Fluss Hebrus hinab nach Zernis flüchten musste. Cotys liess ihm in Oresta die
Königliche Krone aufsetzen / und vermählte derogestalt durch eine besondere
Staats-Klugkeit Purper und Infel mit einander. Sein erstes Werck war: dass er
teils Sadaln zu beschämen / teils des Volckes Gewogenheit zu erwerben die
Schatzungen minderte / Sadals Fehler durch eigene Tugend und Klugheit / welches
die beste Mängel-Ausstellung ist / verbesserte / und der höchst-beliebten
Königin Apame zu Ehren neben den Tempel des Bacchus an dem Orte ihrer Entleibung
aus Marmel ein köstliches Grabmahl aufrichtete / und ihren eingebalsamten Leib
in einen ertztenen Sarch mit daran geetzten Worten verwahrte: Das Behältnüs der
Uberbleibung von Apamen der schönsten Frau / der keuschesten Ehgattin / der
vernünftigsten Königin / der reinesten Priesterin; welche die Verläumbdung
vergebens hesslich / die Eyversucht geil / der Kummer verwirrt / und zwar ihr
Ehmann unglücklich / die Tugend aber zur Göttin gemacht hat.
    Dieses trug sich zu / als Cajus Norbanus und Decidius Saxa / des Antonius
Feldhauptleute Macedonien bemeisterten. Weil nun Sadal mit eigenen Kräfften
nicht getraute seinen Bruder Cotys und die Bessen zu demütigen / hieng er sich
an Norban und Saxa / öfnete selbten die Pforten Traciens über den Fluss Strymon
und Ganga / mit versprechen: dass er nach überwältigten Aufrührern mit ganzer
Macht dem Käyser beistehen wollte. Aber Brutus und Cassius kamen nach
überwundenen Lyciern beiden ehe / als sie sichs hatten träumen lassen / über das
Jonische Meer in Macedonien / und auf des Cotys Ermahnen in Tracien. Norban und
Saxa hatten zwar die Stadt Philippi und das Gebürge Symbolum zu einem Vorteil /
aber der zum Brutus stossende Cotys führte ihn durch die Crenidische Berg-Enge
dem Norban und Saxa über den Hals / welche nach zimlichem Verluste das Gebürge
räumen und bei Philippi in einem befestigten Läger nicht wenig Not leiden
mussten; dahingegen Brutus und Cassius vom Meere Zufuhre genung hatten. Marcus
Antonius und der zu Dyrrhachium erkranckende Käyser / wie auch König Sadal kamen
hierauf ins Norbanische Läger / mit höchster Begierde zu schlagen / ehe Sextus
Pompejus aus Sicilien dem Brutus zu Hülffe käme. Der kluge Brutus und Cassius
kamen und wollten ihre Feinde durch Langsamkeit und Abschneidung der
Lebens-Mittel überwinden; aber ihr nach Eigenschaft des Pöfels hitziges / und
den Asiatischen Siegen hochmütige Kriegs-Volck war nicht zu bändigen. Denn
dieses bildet ihme eine Gleichheit ein / wo sie nicht ist; wo sie aber ist /
übersiehet es sie umb nur seiner Vermessenheit den Zügel schüssen zu lassen.
Sintemal die Hoffnung eines guten Ausschlags meist die Beisorge eines widrigen
überwiegt. Wolten nun Cassius und Brutus ihr Volck nicht selbst kleinmütig
machen / oder gar zum Aufstande bringen / mussten sie nur durch Erwehlung einer
Schlacht das ungewisse Ubel für dem gewissen erkiesen. Niemals ist schärffer als
allhier gefochten worden; denn es war abermals die Freiheit und die Herrschaft
des Römischen Volckes / wie auch zwischen dem Cotys und Sadal die Tracische
Krone zum Siegs-Preise aufgesetzt. Cassius und Amyntas der Galater König wurden
mit dem lincken Flügel vom Antonius und Sadal; Käyser Octavius aber vom Brutus
und Cotys in die Flucht getrieben / ja ihr ganzes Läger erobert / jedoch wegen
des grossen Staubes weder vom Cassius des Brutus / noch vom Käyser des Antonius
Sieg wahrgenomen / sondern alles für verloren geschätzt. Darinnen aber war der
sich auf einen Berg flüchtende Cassius unglücklichen: dass er / als Brutus mit
seinem siegenden Flügel zurücke kam / er ihn für den verfolgenden Feind ansah /
und sich / da er zu leben am meisten Ursach hatte / sich den Pindarus seinen
Freigelassenen tödten liess / damit er von keines edlen Römers Hand sterben
dörfte. Brutus bezohe hierauf des auf dem Tracischen Eylande Tasus begrabenen
Cassius Läger; und märgelte durch nächtliche Lermen / darinnen er seine
Kriegs-Leute auf allerhand Arten in höllische Geister und Gespenster verkleidete
/ das an Gelde und Lebens-Mitteln notleidende Heer des Octavius und Antonius
nicht wenig ab. Endlich schwellete er auch durch einen langen Tam den Fluss
Zygactes / und überschwemmete darmit das halbe Lager; also dass Sadal aus Verdruss
/ und weil die Bessen in sein Bistonien eingefallen waren /das seinige zu
beschützen darvon zoh. Weil nun des Brutus See-Hauptmann Statius die dem Käyser
von Brundusium zu Hülffe kommende Schiffe gleichfals geschlagen und verbrennt
hatten; und derogestalt Antonius und Octavius gleichsam im Sacke waren /namen
beide zur Arglist ihre Zuflucht; brachten auch durch einige deutsche Uberläuffer
und grosse Versprechungen den Amyntas König Dejotars Feld-Hauptmann mit seinen
Galatern auf ihre Seite; den König Cotys aber durch ein ausgesprengtes Geschrei
/ es hätte Sadal Oresta belägert / dahin: dass er mit dem Kerne seines Volckes
nach Hause zoh / und nur seinen Heerführer Rhascuporis mit zehn-tausend
Traciern beim Brutus liess. Den allerklügsten Streich aber begieng Antonius
darmit: dass er das vom Praxiteles gemachte Wunder-Bild des Bacchus von Elis
/allwo bei dessen Feier drei leere ins Heiligtum gesetzte Lagen Wein über Nacht
von sich selbst gefüllt werden sollten / in Tracien bringen / und mit grossem
Gepränge in den Tempel zu Oresta liefern liess; aus dem Lager aber selbst zu dem
nicht fern davon zwischen dem Flusse Ganga und dem Prasischen See liegenden
Grabe des Bacchus walfartete / darauf hundert Böcke opferte / und sich selbst
dem Bacchus einweihete. Denn durch diese Scheinheiligkeit brachte er die
eifrigen Bessen / und durch geheime Bestätigung der neuen Herrschaft den Cotys
auf seine Seite: dass er seinem hinterlassenen Heerführer Rhascuporis befahl vom
Brutus zum Antonius zu stossen. Bei diesem Erfolg ward Brutus aus Beisorge: es
möchten vollends alle seine Hülfs-Völcker überlauffen / abermals zur Schlacht
gezwungen. Zwei über beide Läger fliegende Adler deuteten in ihrem vorspielenden
Kampf schon dem Brutus die Niederlage an; welcher zwar nichts vergass / was ein
kluger und hertzhafter Feldherr zu tun hat / aber sein Unstern war seiner
Tugend / und das Verhängnüs seinem guten Absehen überlegen; welches öfterer als
die Sonne krebsgängig ward. Denn nach langer Gegenwehr verspielte Brutus die
Schlacht und Rom die Freiheit. Er leschte ihm mit seinem wider die Dienstbarkeit
gebrauchten Degen selbst das Licht aus; weil diesem letzten Römer kein freier
Bürger mehr einiges vortragen dorfte. Seine letzte Rede waren des Hercules
Worte: O unglückliche Tugend! da du nichts als ein Nahme / ja eine Dienst-Magd
des Glückes bist; warumb habe ich dich als ein herrliches Wesen so wert
gehalten? Seinen Leib liess Antonius begraben; sein abgeschnittenes Haupt aber /
welches zu Rom ein Schau-Gerichte abgeben sollte / ward bei entstehendem
Ungewitter ins Meer geworffen; gleich als wenn der Himmel auch die Leiche dieses
Freiheits-Beschirmers keiner knechtischen Beschimpfung unterworffen wissen /
Erde und Meer aber sich mit seinen Uberbleibungen beteilen wollte. Hiermit aber
ward Tracien nicht beruhigt /sondern beide Brüder Sadal und Cotys gerieten
aufs neue einander in die Haare; also: dass die Römer in diesem trüben Wasser so
leicht als König Philip Tracien hätten fischen können / wenn nicht Octavius
wider den Sextus Pompejus / Lucius Antonius und die Kriegerische Fulvia seine
Heerspitzen zu führen / Antonius aber / nach dem er in Egypten und zu Aten
unter dem angenomenen Nahmen des Bacchus in Wollüsten gleichsam zerflossen war /
dem in Partische Krieges-Dienste getretenen / ganz Syrien / Phönicien und
Asien bis an Hellespont einnehmendem Labienus zu begegnen wären genötiget
worden. Hierüber aber starb Sadal ohne Kinder; und weil er nicht besser seinen
Bruder Cotys von der Reichsfolge auszuschlüssen vermochte / vermachte er
Tracien dem Römischen Volcke. Deñ nach dem er Apamens auf eine so klägliche
Weise beraubt ward / fieng die Liebe mit allem Frauen-Zimer an ihm gleichsam
anzustincken / oder die ihm angebohrne Abscheu für diesem Geschlechte / welche
durch die ganz ungemeine Schönheit Apamens gemildert worden war /tat sich
vielmehr wie das Gift in denen aus Spiss-Glase gemachten Artzneien endlich wieder
herfür; also dass sein übriges Leben vollends in einer ernstaften und traurigen
Einsamkeit verschwand. Cotys aber wollte seine Ausschlüssung nicht glauben / noch
den Römern einig Erbrecht entengen / sondern wendete alle sein Vermögen an
Tracien durch Güte oder Ernst zu behaupten. Weil aber alle Welt für Rom
zitterte / und fast jedermann an seinen sieben Bergen den Kopf zerstossen hatte
/ schickte er eine ansehliche Botschaft mit reichen Geschencken nach Rom / und
ersuchte den Rat: Er möchte ihm in dem ihm von Gott und Rechtswegen gehörigen
Tracien keinen Eintrag tun. Denn ob zwar dis ein Erblich- kein Wahl-Reich wäre
/ so wären doch auch die von anderm Eigentume einzeler Dinge durchgehends sehr
unterschieden / und wäre kein Reich jemals in der Welt gewest / da nicht dessen
vollmächtigste Könige gewisser massen / sonderlich aber in derselben Vereuserung
gebundene Hände gehabt hätte. Das gemeine Völcker-Recht eignete den Söhnen für
den Töchtern /den Eltern für den jüngern / und den Bluts-Verwandten für Frembden
Zepter und Kronen zu. Denn alle die / welche vom ersten Könige den Ursprung
hätten /und seines Geblütes wären / hätten schon ein unbenehmliches Recht in
Gross-Elterlichem Reiche. Sonderlich aber wäre dis von Alters her in Tracien
Herkommens gewest; ja sein Vater Cotys hätte selbst seinen ältern Bruder Sadal
ihm vorgezogen. Allein die nunmehr unersättlichen Römer / welche alles für
Verlust hielten / was nicht in ihre Klauen fiel / hatten hierzu keine Ohren /
sondern wendeten für Sadals letzten Willen ein: der erste Cotys hätte seinen
jüngsten Sohn Cersobleptes für denen zwei älteren zum Tracischen Reichs-Erben
gemacht / und er selbst Cotys durch angemasste Herrschaft über die Bessen schon
das Recht Tracien zu teilen gebilligt. Die Königreiche wären insgemein der
unverschrenckten Gewalt ihrer Könige / nach Willkühr damit zu gebahren /
unterworffen. Aepallus der Locrer König / hätte den frembden Hyllus / der
Scyten König Ateas den Macedonischen Philip / Pyrrhus seinen unechten Sohn
Mobossus / und Micipsa seines Bruders unechten Sohn Jugurta / Ptolomeus Appion
das Römische Volck in Cyrene / und Nicomedes in Bitynien zum Erben gemacht.
Fürnemlich aber wäre in Grichenland die Teilung der Herrschaft von uralter
Zeit üblich gewest. Zetus und Amphion hätten das Tebische /Pandions Kinder
Attica / und Perseus Söhne das Argivische Reich unter einander geteilet. Wo
aber die Teilung eines Reiches / oder die Ubergehung des ältesten Sohnes statt
hätte; da stünde auch die Verwendung auf einen Frembden in des Königs Gewalt.
Die Tracischen Gesandten setzten zwar ihre Grund-Gesätze und Gewonheiten
entgegen / Kraft welcher niemals einiger frembder Reichs-Folger von denen freien
Traciern beliebt / sondern vielmehr das Erb-Recht durch viel Reichs-Schlüsse
auf des Setalces Nachkommen eingeschrenckt worden wäre; Allein / es hätte dis
alles nichts verfangen / wenn nicht eben damals Sextus Pompejus des Käysers
Kriegs-Flotte geschlagen / dieser sich destalben für einen Meer-Gott ausgegeben
/ die Tracier auch sich gutwillig dem Cotys unterworffen / und mit dem Pompejus
in Bindnüs zu treten gedräuet hätten. Diese Zufälle aber machten: dass der
Römische Rat lindere Säiten aufziehen / und wie der Fisch Acipenser ihren
Schuppen und Fluss-Federn entgegen schwimen / also den Cotys für ganz Traciens
rechtmässigen König und einen Bunds-Genossen erkenneten. Diese Erkäntnüs war auch
überaus nützlich angelegt. Denn Titius und Furnius bekamen durch Hülffe der
Tracier in Phrygien den flüchtigen Sextus Pompejus gefangen / der Käyser
bändigte durch ihren Beistand die Japydes / und bekriegte aus blosser
Herrschsucht die Pannonier. Hierüber starb auch König Cotys / und verliess zwei
unmündige Söhne / den Rhemetalces meine Gross-Vater / und den Rhasciporis /
seiner Gemahlin Bruder / Rhemetalces aber zu ihrem Vormünden. Dieser nichts
minder treue als kluge Fürst stand so wohl seinen Oheimen als Tracien wie ein
Vater für / wusste auch / als Valerius Messala die Pannonier / Antonius Armenien
bekriegte / den Mantel so vorsichtig nach dem Winde zu hengen; dass Tracien
irgendswo weder in Feindschaft noch in Krieg eingeflochten ward. Als aber
zwischen dem Antonius und dem Octavius sich der Bürger-Krieg entspaan / jener
auch nicht allein alle Länder umb Tracien in seiner Gewalt hatte / und Antonius
mit seiner ganze Asiatischen Macht ihm an dem Flusse Strymon auf den Hals kam /
sondern auch dieser auf der Epirischen Küste das gröste Teil seiner
Schiff-Flotte durch Sturm einbüsste / musste er /wie schwer es auch ihn ankam /
sich nur zum Antonius schlagen. Weil nun der Käyser sein Kriegsheer in Epirus
unter dem Ceraunischen Gebürge aussetzte /Corcyra und Nicopolis einnahm; ja weil
der Mund der Ambracischen See durch die Stadt Actium zugesperret war / aus dem
Jonischen Meere etliche Kriegs-Schiffe über Land auf mit Oele geglätteten
Ochsen-Häuten in den Ambracischen Meer-Busem ziehen liess / und derogestalt den
grossen Tempel des Apollo Actium mit des Antonius Lager und Schiffs-Flotte
gleichsam belägerte / eilte Antonius mit Rhemetalcen dem Paphlagonischen Könige
Philadelphus / und der steinichten Araber Könige Jamblichus nach Actium.
Ungeachtet nun diese / wie auch Cneus Domitius /Quintus Postumius / und andere
Rats-Herren dem Antonius einhielten: In bürgerlichen Kriegen / da die
Verleitung so leichte wäre / und die Untreue wie der Krebs umb sich frässe /
wäre nichts schädlicher / als durch Langsamkeit seinen Kriegs-Ruhm verlieren
/den Seinigen das Hertze nehmen / und den Feinden es machen; war doch Antonius
nicht zu bereden den Eifer seines Kriegsvolcks durch eine Schlacht nützlich
anzugewehren / sondern er liess ihre Hitze verrauchen; die Last-Schiffe ihm für
der Nase wegnehmen /unter dem Vorwand: Er müste des Dellius und Amyntas aus
Tracien und Macedonien mit den geworbenen Völckern erwarten. Bei dieser
Schlafsucht spielte der muntere Käyser allentalben den Meister. Agrippa
überfiel die Stadt und das Eyland Levcas / und eroberte es mit vielen Schiffen /
wie auch die zwei Patreischen Eylande / und selbst die Stadt Corint / nach dem
aus der See geschlagenen Asidius. Domitius ward nebst allen andern Grossen
hierüber sehr vedriesslich / insonderheit da Marcus Titius und Statilius Taurus
ihm und des Antonius Reiterei bei anbefohlener Veränderung seines Lägers einen
heftigen Streich versetzten; und zwar / weil Cleopatra nicht verstatten wollte
ihn mit wenigem Fussvolck zu entsetzen. Daher kam er zum Antonius / legte für ihm
den Stab nieder /und entäuserte sich seiner Kriegs-Aempter / mit Vermeldung: Er
könnte weder mit Ehren noch Gewissen da länger dienen / wo Weiber den
Kriegs-Schaaren männlich zu gebieten hätten; hingegen die Männer selbst weniger
als Weiber täten / und man wohl geschlagen werden / aber nicht siegen dörfte.
Denn ein Fürst / welcher seine Feldhauptmanne Befehl erteilte ohne Lieferung
einer Schlacht sein Land zu beschützen / gäbe ihm wohl die Gewalt zu verspiele /
aber nichts zu gewinnen. Antonius / welcher ietzt mehr Freunde dorffte / als er
ihrer hatte / fuhr den Domitius / nach Art wollüstiger Leute / an denen nichts
als die Worte männlich sind / hart an / und schalt so wohl seine Vermessenheit
gegen Cleopatren zu reden / als sein Versehen in dem letzten Treffen. Jamblichus
/aber / und Philadelphus / welche mit tausend Arabern und zwei tausend
Paphlagoniern darbei gewest waren / verteidigten so wohl den Domitius als sich.
Worüber ein so grosses Unvernehmen entstand / dass es kaum vom Rhemetalces
beigelegt werden konnte. Jedoch wurden hierdurch die Wunden mehr verhüllet als
geheilet. Denn Domitius und Philadelphus gingen noch selbige Nacht zum Käyser
über. Diese Begebnüss verwandelte des Antonius Furcht in Grausamkeit / seine
Sicherheit in Vermessenheit / durch welche zwei Pforten der Untergang geraden
Fusses uns über den Hals kommet. Denn als die Araber des Nachts sattelten / in
Meinung früh einen Ausfall auf des Käysers Streiff-Rotten zu tun / liess
Antonius aus Argwohn / Jamblichus wollte sich auch zum Octavius schlagen / ihn in
Hafft ziehen; seine Schrifften durchsuchen / und weil aus etlichen mit dem
Domitius und andern Römern gewechselten Schreiben sein Unvergnügen über
Cleopatren zu ersehen war / ihn über einer eingebildeten Verräterei so strenge
fragen: dass er in der Peinigung verschmachtete. Seine zwei See- Sossius und
Tarcondimotus aber befehlichte Antonius in Abwesenheit des Agrippa / den
Tauresius die den Ambracischen Mund besetzende Schiffe des Käysers zu
überfallen. Der für Tage fallende dicke Nebel schien dem Anschlage des Sossius
selbst die Hand zu bieten; war aber eine Verhüllung seines Untergangs. Denn er
verfiel mit seinen Schiffen in die ganze Flotte des ungefähr aus Griechenland
zurück kommenden Agrippa / verspielte also in einer blutigen Schlacht die
meisten Schiffe / und so wohl als Tarcondimotus sein Leben. Zu Lande ging es
dem Antonius nicht glücklicher. Denn ein Teil seiner Reiterei ward abermals vom
Octavius geschlagen. Daher er ferner auf der Nord-Seite des Ambraischen
Meer-Busens ihm ein Läger entgegen zu setzen / noch zu Lande zu schlagen
getrauete / sondern nach Cleopatrens Rate Volck und Vorrate zu Schiffe brachte
/und unter dem Spiegel-fechten einer See-Schlacht in Egypten zu fliehen
schlüssig ward. Rhemetalcen und seiner Tracischen Reiterei wollte es übel ein
ihre mutigen Pferde mit höltzernen zu verwechseln. Wie aber Dellius ihn
hochbeteuerlich versicherte: dass Antonius nicht zu fechten / sondern zu
entfliehen gemeint wäre; verliess Rhemetalces und die Tracier mit dem Dellius
und vielen Römern den Antonius / und gingen zum Octavius über / welcher sie aufs
freundlichste aufnahm / und den dritten Tag darauf für dem Munde des Ambraischen
See-Busens des Antonius ungeheure Riesen-Schiffe mit seiner ausgebreiteten
Schiff-Flotte behertzt angrieff; und weil die fliehende Cleopatra den Antonius /
Antonius seine tapfer fechtende Flotte zu unzeitiger Flucht verleitete / selbte
meist mit Feuer verderbte. Rhemetalces erhielt durch diese zu rechter Zeit
geschehene Entschlüssung nicht nur seinen beiden Oheimen Rhemetalces und
Rhascuporis ganz Tracien / sondern auch etliche ihm vom Antonius im Egeischen
Meere geschenckte Eylande; dahingegen Philopator des Tarcondomotus Sohn / und
Lycomedes ihre Landschaften in Cappadocien dem Medeus abtreten / fast alle
Städte Griechenlandes die Milch ihres Vermögens hergeben / Asien bluten / und
vieler Römer Köpfe über die Klinge springen mussten. Der Käyser liess sich nunmehr
als Haupt des Römischen Reichs Augustus nennen / auch nach erobertem Egypten
nicht nur dem Käyser Julius zu Ephesus und Nicea / sondern ihm selbst zu
Pergamus und Nicomedia Tempel bauen / und sich als einen Gott verehren. Dieser
Hochmut gebahr im Augustus eine unausleschliche Rachgier. Daher meinte er: es
würde sein Ansehen einen mercklichen Abbruch leiden; wenn er sich nicht auch an
den Daciern rächete / welche sich des Antonius Seite zu halten im vorigen Kriege
erkläret hatten. Ungeachtet der Käyser durch schlechte Abweisung ihrer Gesandten
selbst hierzu Anlass gegeben / ihre innerliche Unruhe ihm auch wenigen Schaden zu
tun verstattet hatte / und Rhemetalces / welcher den nichts minder als das
Feuer umb sich fressenden Krieg von seiner Nachbarschaft abzuhalten für das
Ampt eines vorsichtigen Herrschers / die aus dem Gebürge Rodope entsprossene
Dacier auch für seine Landsleute hielt / durch Vorbitte den August zu versöhnen
suchte. Die Römer kriegten in einem Einfalle tausend Dacier gefangen / welche
nach Rom geschickt / und nicht nur bei Einweihung des vom Statilius Taurus
gebauten grossen Schauplatzes / sondern auch bei der Ratsherren Gastmahlen mit
denen auch gefangenen Schwaben andern zu Lust umb ihr Leben kämpfen mussten.
Welches bei den Daciern eine hitzige Verbitterung / beim Rhemetalces auch keine
geringe Empfindligkeit verursachte / sonderlich da der aus Asien nach gemachtem
Vergleiche mit den Parten zurück kommende August auf dem Eylande Lemnos dem
Rhemetalces bei der Taffel unter Augen sagte: Er liebte zwar die Verräterei /
aber die nicht / welche den Antonius verraten hätten. Welchen Stich Rhemetalces
dazumal zwar hatte verschmertzen müssen / aber nach Eigenschaft der nicht
leicht vergesslichen Beleidigungen nie aus seinem Gedächtnis kommen war. Hierzu
kam noch: dass August der Danteletischen Tracier König / welche vorher die
Odrysischen Könige allezeit für ihre Oberhäupter erkennet hatten / von aller
Obmässigkeit befreiete. Weil nun Rhemetalces sich zu schwach befand / mit der
Römischen Macht öffentlich anzubinden; aber wohl wusste: dass durch einen frembden
Arm sich zu rächen ein lustiges und sicheres Feuerwerck sei; stiftete er ins
geheim den König der Bastarnen Deldo an: dass er mit den Daciern wider die Römer
ein Bündnis machte. Diese bemeisterten auch in einer geschwinden Eyl die ihnen
verdächtigen Dardaner und Triballer; drangen hierauf über den Berg Hämus in die
Landschaft Sardica / und in der Danteleter Gebiete. Ihr blinder König Sitas
wollte den Gebrechen seines Gesichtes mit seiner Tapferkeit ersetzen / liess
seinem Feinde entbieten: Er wäre kein Schwein / das mit seinem Auge auch die
Seele verliere / sondern ein Mensch /der sein Hertz in der lincken Brust hätte;
zohe auch denen Daciern selbst entgegen / liess sein Pferd auf ieder Seite in
einem langen Zügel von zwei Rittern leiten / und traff gegen den Feind mit
wunder-würdiger Hertzhaftigkeit. Alleine der dazu kommende König Deldo warff mit
seinen streitbaren Bastarnen bald der Danteleter Schlacht-Ordnung über Hauffen
/ also: dass Sitas das Feld und das gröste Teil seines Reiches räumen musste. Er
ersuchte hierauf zwar Rhemetalcen umb Hülffe; nachdem dieser aber sie ihm /als
einem von Traciern nunmehr abgeschnittenen Gliede versagte / nahm er seine
Zuflucht zu den Römern. Der Landvogt in Macedonien Crassus war froh über dieser
Gelegenheit einen neuen Krieg anzufangen / zohe also alle Römische Macht aus
Griechenland und Illyrien zusammen / und führte sie nicht nur wider die Dacier
und Bastarnen; sondern bestach auch den König / der zwischen dem Flusse Tyras
und dem Ister am Euxinischen Meere wohnender Geten: dass sie in Bastarnien einen
Einfall täten. Deldo ward hierdurch gezwungen ein Teil seines Heeres nach
Hause zu schicken / und wegen grosser Macht der Römer mit den Daciern zurück
über den Hämus zu weichen. Crassus und Sitas folgten denen sich vom Deldo
trennenden Daciern; welche durch allzu unzeitige Hitze den Feind nicht in ihr
Land kommen lassen wollten / auf dem Fusse / schlugen sie an dem Flusse Margis in
die Flucht / und eroberten etliche Städte. Deldo aber setzte sich mit seinen
Bastarnen an dem Strome Cyadrus / schickte an den Crassus eine Botschaft / umb
die Ursache seiner Feindseligkeit zu erkundigen; weil er die Römer nie beleidigt
hätte. Der schlaue Crassus beschied die Gesandten aufs höflichste / versicherte
sie der Römischen Freundschaft /säuffte sie mit Cretischem Weine voll: und
holete hiermit die Verfassung des Bastarnischen Heeres / die Beschaffenheit des
Lägers und alle andere Geheimnisse aus. Hernach stellte er sich / als wenn er zu
Bestätigung des neuen Bindnüsses den König Deldo selbst in seinem Läger mit mehr
nicht als 1000. Pferden besuche wollte; liess aber sein ganzes Heer ihm
unvermerckt folgen. Derogestalt kam er nur 2. Meil weges von dem zwische dem
Flusse Ciabrus und Tamentes geschlagene Läger in einem Walde an. Der Wein /
welcher nichts minder ein Vater der Unachtsamkeit und Bezauberer der Sinnen /
als ein verräterischer Spiegel der Seele ist / musste die Botschafter abermals
einschläfen / biss sein ganzes Heer ihm im Rücken stund. Auf erteilte
Nachricht: dass Crassus mit den Bastarnischen Gesandten Friede gemacht /und mit
dem Deldo selbst das Bündnis zu vollziehen in der Nähe wäre / kam Deldo /
welcher mit der Dacier seiner Bundsgenossen unvorsichtiges Verfahren nicht zu
frieden / also mit den Römern sich zu vergleichen geneigt war / dem Crassus mit
fünf hundert Edelleuten entgegen. Allein er erfuhr mit seinem Verderb allzu
spät: dass weil Treu und Glauben eine allzu seltzame Waare in der Welt / und ein
Gelächter der Ehrsucht ist / allzu leichter Glaube eine Schwester der Sicherheit
/ eine Tochter der Torheit / und eine Mutter des Untergangs sei. Denn er ward
von der an zweien Enden aus dem Walde herfürbrechenden Römern unversehens
umbringt / und nach unglaublicher Gegenwehr und empfangenen neun Wunden / welche
ihn doch nicht hinderten / auch über seine Kräfften den Crassus selbst
anzusprengen / von ihm durchrennet: dass er todt zur Erden fiel. Das Bastarnische
Heer eilte zwar seinem Könige zu Hülffe; aber / wie es in uhrplötzlichen Fällen
und bei mangelndem Haupte zu geschehen pfleget / in grosser Unordnung; wiewohl
es dem in geschlossener Schlacht-Ordnung ihnen begegnenden Römische Heere noch
genung zu schaffen machte / auch des Deldo Leiche dem Feinde abschlug. In die
Länge aber konnte doch ihre Verbitterung nicht den Mangel einer gleichen Macht
und die Kräfften ihrer ungefütterten Pferde vertreten; sondern sie mussten
endlich das Feld und das Läger räumen / über den Fluss Ciadrus schwimmen / und
sich in einem Walde verhauen. Weil aber die Römer bei damaliger Dürde den
kihnichten Wald auf allen Enden anzündeten / wurden sie gezwungen so gut sie
konten / meist aber gegen dem Ister zu flüchten / und weil die Stadt Cebrum zu
enge war / überzusetzen. Crassus und Sitas nahmen zwar mit Hülffe des in
Nieder-Mäsien herrschenden Getischen Königs Roles Cebrum mit Sturm ein / wagten
sich aber nicht über den Ister und Aluta; als zwischen welchen beiden Flüssen
sich die Bastarnen verschantzten / und mit Daciern verstärckten. Crassus ward
durch diesen Sieg hochmütig /und verheerete nicht allein Mäsien biss an den Fluss
Escamus mit Feuer und Schwerdt / sondern in seiner Rückkehr nach Macedonien
übeten so wohl die Dantelater als die Römer gegen die Tracier allerhand
Grausamkeiten aus. Der junge Rhemetalces hatte diss Unrecht zu verdeien einen zu
blöden Magen und zu viel Galle. Daher raffte er in Eil ein ziemliches Heer
zusammen / besetzte den Strom Artiseus und Hebrus /liess das Landvolck die Wälder
und Pässe des Hämischen Gebürges verhauen / und fügte den Römern und Dantelaten
durch Frost und Hunger ohne Schwerdt-Streich mehr als durch eine gewonnene
Feld-Schlacht Schaden zu / und brachte Crassus und Sitas durch die Serdische
Landschaft nicht das dritte Til ihres Heeres zurücke. Dieser Verlust veranlasste
die Bastarnen zu einer heftigen Rache / den Crassus aber zu Verschmertzung der
von den den Traciern ihm zugefügten Beleidigung. Sintemal jene mit einem
frischen Heere die Dantelater überfielen / und zwischen dem Fluss Borgus biss an
das Gebürge Orbelus alles mit ihren Schwerdtern und Fackelnabmeiete. Aber ihre
Vermessenheit war nichts minder die Ursache ihres Verlustes / als vorher ihres
Krieges. Denn Crassus kam in aller Stille über den Berg Cercina denen
zerstreueten Bastarnen über den Hals / also dass / indem sie einzelich fochten /
alle überwunden / und über den Hämus getrieben wurden. Hierauf zohe Crassus auch
gegen die Tracier die Larve vom Gesichte; und weil die Merden und Serden
zwischen den Flüssen Borgus und Suemus ihm bei seinem Rückzuge den meisten
Abbruch getan hatten / übte er durch einen schnellen Uberfall die erste / und
durch Abschneidung der Hände die grausamste Rache gegen die Gefangenen aus.
Rhemetalces trat umb diese Zeit mit Ablegung der Vormündschaft seinem
achzehnjährigen Vetter die Herrschaft ab / zu grossem Nachteile ganz
Traciens / und zur Nachricht: dass nicht junge und starcke Knochen / sondern
Verstand und Erfahrung schwacher Greise Pfeiler der Reiche sind. Der junge König
Rhymetalces war hitziger als behertzt; und daher verschantzte er sich nur an dem
Flusse Artiscus / und liess die Römer die grosse Landschaft Brennica
unverhindert überwältigen. Die in der Stadt Bessapara und Opyzum wohnenden
Odrysen hielten es nicht nur für Recht / sondern für eine Klugheit ihren sie
verlassenden König bei Zeite zu verlassen / zohen ihm also ungewaffnet mit
vielen aus den Tempeln genommenen Bildern des Bacchus / darunter auch in solcher
Gestalt August und Crassus auf zweien güldenen Wagen geführet ward / entgegen /
und öffneten den Römern Tür und Angel. Dieser Gehorsam oder vielmehr die sich
an nichts mehr als an Aberglauben sättigende Ehrsucht machte: dass Crassus alle
Odrysen nicht allein verschonete / sondern auch die vorzeiten von den Bessen
abgedrungene Landschaft / zwischen dem Hebrus und dem Berge Pangäus / nach
überwundenen Bessen ihrer Botmässigkeit wieder unterwarf. Crassus wäre noch
tieffer in Tracien eingebrochen /wenn nicht der dissfalls schlaue Rhymetalces
den König der zwischen dem Flusse Alluta und Ararus wohnenden Geten Dapyx wider
des niedrigen Mäsiens König Roles aufgewickelt / und dieser den Crassus zu
Hülffe in Mäsien beruffen hätte. Denn Dapyx spielte in Mäsien mit seinen Geten
und ihm beistehenden Bastarnen den Meister / eroberten Teclitum / Dorostorum und
Axiopelis; also dass / wenn Dapyx so wohl sich / als seine Feinde zu überwinden
gewüsst hätte / es den Römern und Mäsiern würde schwer gefallen sein / ihm diese
Riegel des unbändigen Isters aus den Händen zu winden. So aber rückte der kühne
Dapyx aus allem Vorteil dem Crassus und Roles biss nach Dausdava entgegen;
gleich als wenn es im Zweikampfe eine Schande wäre / wenn man sich dem Feinde
nicht selbst bloss gäbe. Alleine er ward aufs Haupt geschlagen / und er selbst
mit seinem Bruder in ein festes Berg-Schloss sich zu flüchten gezwungen. Crassus
belägerte diss alsofort / und ward durch Verräterei des Getischen
Schlosshauptmanns eines Griechen den dritten Tag eingelassen. Worüber der in dem
innerste Turme sich noch wehrende Dapyx / nachdem ihm länger der grossen Macht
zu widerstehe unmöglich war / sich mit den edelsten Geten selbs aufrieb. Seine
Bruder aber bekam Crassus noch gefangen / setzte bei Marisca über den Ister; und
weil fast das ganze Land seinen Reichtum in die zwische dem Flusse Ararus und
Ister liegende Festung Ceira geflüchtet hatte / diese aber für so unüberwindlich
gehalten ward: dass sie tichteten: es hätten die für den Göttern flüchtige
Titanen sich selbstdahin gerettet / hungerte er sie durch abschneidung aller
Lebens-Mittel aus; und fand bei abgezwungener Ergebung einen unglaublichen
Schatz darinnen. Hierbei beruhete aber Crassus nicht / sondern setzte über den
Fluss Ararus in das sich biss an den Fluss Gerasus erstreckende Gebiete des
Getischen Königs Zyraxes /und belagerte die am Ister und dem Flusse Naparis
liegende Stadt Genucla / weil darinnen die dem Cajus Antonius von den Bastarnen
abgenommenen Adler verwahret waren. Weil nun Zyraxes umb von den Bastarnen und
Scyten Hülffe an sich zu ziehen über den Fluss Naparis gewichen war / ging
Genucla endlich nach Abschlagung vieler Stürme mit Gewalt über. Rhymetalces
brachte inzwischen zwar ein gutes Teil seines verlohrnen Landes wieder unter
sich / und die von den Römern biss aufs Marck ausgesogene Mysier standen auf
seine Anfrischung wieder sie auf / gewaanen aber nichts mehr / als dass der Feind
seiner eigenen Landsleute Roles und Sitas sie unterdrückten /und aus
Dienst-Boten gar zu Sclaven machten. Der Geld- und ehrsüchtige Crassus aber
setzte bei Arubium über den Ister / und bekriegte die zwischen dem Flusse Porata
und Tiras liegenden Artacier / aus keiner andern Ursache; als weil sie mit ihren
Nachbarn sich zu einer gemeinen Gegenwehr rüsteten / und Crassus den Ruhm haben
wollte: dass er seine Siege über den Ister am Euxinischen Meer ausgebreitet hätte.
Die Artacier aber machten ihm mehr / als er ihm hatte träumen lassen / zu
schaffen / wiewohl sie wegen etlicher im ersten Einfalle gefangener Fürsten mit
ihm einen Vergleich machten / und ihm jährlich drei tausend Ochsen zu zinsen
versprachen. Welches Crassus so viel leichter beliebte / weil die Bastarnen mit
einer grossen Macht über den Fluss Tyras setzten /König Zyraxes auch Genucla
wieder belagerte / und in des König Roles Gebiete in Nieder-Mäsien eingefallen
war / also Crassus zurück / und ihm wieder seinen Rücken befreien musste.
Rhymetalces ward bei diesen Veränderungen gleichwohl so klug: dass er das über
Tracien aufziehende Wetter von ferne erblickte; und sich an dem blutigen
Beispiele des Comagenischen Antiochus / den der Käyser zu Rom wegen Ermordung
eines von seinem Bruder nach Rom geschickten Gesandten mit dem Beile richten /
Galatien aber des Amyntas Kindern nehmen / und mit Lycaonien einem Römischen
Landvogte unmittelbar unterwerffen liess / spiegelte. Er berieff daher seinen
alten Vetter Rhemetalces aus der erwehlten Einsamkeit des Eylandes Scio wieder
nach Hofe. Ob nun zwar Rhemetalces sich anfangs entschuldigte / und diese
nachdenckliche Antwort gab: Tugend und Weissheit dörfften des Königlichen Purpers
nicht / noch sich schämen nackt zu gehen; denn sie hätten keine Scham zu
verdecken: so überwand ihn doch die Liebe seines Vaterlandes / der König
unterwarff sich auch gäntzlich seinem klugen Rate / welche Demütigung die
rühmlichste Herrschaft und die gröste Klugheit der Unerfahrnen ist. Rhemetalces
schickte dem Crassus alsofort Königliche Geschencke / wormit sich so gar die
zornigen Götter versöhnen lassen; und weil August mit dem Römischen Rate die
Verwaltung der Länder geteilet hatte / dieser aber dem Marcus Lollius
Macedonien und Mäsien untergab / bewilligte er diesen mit nicht weniger
Freigebigkeit; dem Käyser August aber baute er gar einen Tempel auf den höchsten
Gipfel des Berges Rhodope / und setzte sein Bild aus Golde darein. Kurtz hernach
kam August selbst in Griechenland; und weil er sein Reich zu erweitern nicht /
sondern vielmehr einer süssen Ruh zu genüssen für ratsam hielt; also des
Jamblichus Sohne Arabien / dem jungen Tarcondimotus Cilicien / dem Herodes vier
Städte in Syrien / dem jungen Mitridates Comagene schenckte; reisete
Rhemetalces und König Rhymetalces auch aufs Eyland Samos dem Käyser aufzuwarten
/ brachten es auch durch den Sextus Pacurius / der dem August sich zum ersten
eingeweiht /und ihm den ersten Weirauch (welches nach der Zeit alle aufs
Rathaus kommende Ratsherren tun mussten) angezündet / desshalben auch bei ihm
einen guten Stein im Brete hatte / so weit: dass der Käyser Rhymetalcen vor sich
liess und begnadigte; und nachdem er seinem hoch-geschätzten Agrippa von Tracien
den am Hellespont gelegenen Chersonesus abzutreten willigte / Rhymetalcen alles
/ was ihm Crassus abgenommen / wieder zu geben befahl. Diesem Befehle aber
widersetzten sich die Danteleten und Bessen / welche für höchstes Unrecht
aufnahmen das ohne Schuld zu verlieren / was sie durch ihre den Römern erwiesene
Treue bei den Mäsischen Kriegen mit ihrem Blute teuer erworben hatte. Als sie
aber des Käysers Ausspruch / so wenig als den ihm gewiedmeten Berg Rhodope nicht
bewegen konten / und sie der Pannonier und Noricher Einfall in Histria / der
Hispanier und Dalmatier Aufstand gegen die Römer vernahmen / machten sie mit den
Skordiskiern / Sarmatern und Bastarnen einen Bund. Die zwei letztern fielen in
Mäsie / die erstern mit den Dantelete in Macedonie / die Bessen in Rhymetalcens
Gebiete mit ansehlichen Kriegs-Machten ein. Alleine Cajus Lucius trieb die
Bastarnen und Sarmater mit ziemlichem Verluste über den Ister / Marcus Lollius
und Rhymetalces aber erlegten die Danteleten und Bessen aufs Haupt; und hiermit
kriegte Rhymetalces zu rechter Zeit alles Verlohrne wieder. Denn kurtz hernach
erlidt Lollius von den Deutschen eine grosse Niederlage / und die Rhetier
brachen in Italien ein; also / dass wenn die ersten Feuer nicht schon wären
gedämpft gewest / es mit Leschung so vieler schwer würde hergegangen sei.
Gleichwohl aber kam der unter der Asche glimmende Kriegs-Zunder mit des alten
Rhemetalces Tode bald wieder zur Flamme. Denn der Untergang der Sonne ist nicht
mehr eine Ursache der Nacht / als eines Fürsten Tod der Finsternis in einem
Reiche. Die gleichsam nunmehr gefesselte Dacier / Pannonier und Dalmatier waren
so ungewohnt auser der Freiheit / als ein Fisch ausser Wasser zu leben; daher
spreissten sie abermals ihre Federn / und schärften ihre Sebeln wider die
Römischen Landvögte / oder vielmehr schärffste Hals-Herren. Dieses machte dem
Könige der Bessen und obersten Priester des Bacchus Vologeses ein Hertze sich
ganz Traciens zu bemächtigen. Solches glücklich ins Werck zu richten gab die
Neigung der abergläubische Tracier ihm das Seil der Andacht an die Hand; wormit
ein Mensch ein ganzes Volck wie ein Fischer eine ungeheuren Wallfisch zum Ufer
ziehen kann / als welcher für drei Jahren selbst in Deutschland aus dem Meere auf
eine Chaucische Sandbanck gestrandet haben sollte. Vologeses liess diesemnach in
Tracien durch allerhand ausgeschickte Priester des Bacchus den König
Rhymetalces als einen Abgötter / welcher lebende und sterbliche Menschen
anbetete / allentalben unter dem Scheine eines Mitleidens verläumbden. Als
dieser Verdacht nicht wenig Wurtzel gefasst hatte / zohe er ein ziemliches Heer
von Bessen und Sialeten zusammen / liess selbtes in einem alten noch vom Eumolpus
gebauten Tempel einweihen / einem ieden an statt des sonst denen neugeworbenen
Kriegsleuten an die Armen zu prägen gewohnten Kriegs-Zeichens das Bild des
Bacchus mit einem glüenden Eisen auf die Stirne brennen / und sie schweren: dass
sie entweder hertzhaft sterben / oder den abgöttischen Tempel des Käysers auf
dem Berge Rhodope einäschern wollten. Rhymetalces schickte seinen jüngern Bruder
Rhascuperis mit einem mächtigen Heere denen nach allerhand Seitenspielen meist
in Gestalt der Bacchen und Silenen tantzenden und ein güldenes Bild des Bacchus
fürtragenden Bessen entgegen. Diesem aber begegnete ein mit Epheu und
Reben-Blättern gekräntzter Herold auf einem Esel / und deutete den Traciern an:
dass Vologeses nicht als ein gewaffneter Fürst / sondern als ein friedliebender
Priester des Bacchus im Anzuge wäre / den Traciern kein Leid zu tun / sondern
sie von der aufgedrungenen Abgötterei auf dem Berge Rhodope zu erretten. Nach
dieser heiligen Verrichtung wollte er wieder nach Hause kehren / und sollte durch
seinen Zug keinem Menschen kein Haar gekrümmet / kein Vieh versehret / keine
Erndte verterbet / die sich aber zu ihm aus Andacht schlagenden eben so wohl /
als die Bessen und Sialeten eingeweiht werden. Dieser Fürtrag hatte bei den
Traciern mehr Nachdruck / als hundert tausend geschlieffene Schwerdter. Denn
als sich das güldene Bild des Bacchus mit etlichen hundert umb selbtes
rauchernden Priestern näherte / warff beinahe das ganze Heer das Gewehre weg /
fiel für selbtem mit grosser Demütigung auf die Knie / und stellte sich
freiwillig unter die Kriegs-Fahnen des Vologeses; in derer iedem eine Geschichte
des Bacchus gemahlet war. Rhascuperis mit seiner Bastarnischen Leibwache mühte
sich zwar den Traciern diese abergläubische Untreue auszureden / und als die
Güte nichts halff /mit dem Degen in der Hand sie in Ordnung zu entalten; allein
er ward von diesen gleichsam unsinnigen Leuten selbst umbringet / die Bastarnen
erschlagen /Rhascuperis selbst gefangen / gebunden / und wie ein Opfer-Kalb
Vologesen zu Füssen gelegt. Dieser rückte mit seinem sich unterweges noch immer
vergrössernden Schwarme biss an den Fluss Taxus unverhindert fort / daselbst
begegnete ihm zwar König Rhymetalces mit einem andern Heere / welches ihn aber
so schändlich / als das erste seinen Bruder verliess; also dass er mit Not sich
in den vom Agrippa nunmehr wieder an Käyser gefallenen Chersonesus flüchten
konnte. Vologeses eilte hierauf dem Gipfel des Berges Rhodope zu / liess selbten
mit vielem Unflate entweihen und anzünden; das rasende Volck / welches weder in
Liebe noch Hasse Maass zu halten weiss / streute die Asche und den Staub von den
zermalmten Steinen in den Fluss Scönus / weil der Hebrus viel zu heilig darzu
war. Hierauf richtete Vologeses auf solcher vorher mit vielem geweihten Wasser
aus dem Flusse Hebrus abgespületen Spitze das Bild des gehörnten Bacchus in
einer abscheulichen Bock-Gestalt auf / gleich als wenn die Götter was weniger
als Menschen wären / und daher Jupiter als ein Ochse / Neptun als ein Pferd /
oder zum minsten wie dieser Bachus / und Astarte als ein halber Gems oder Fisch
gebildet werden müste; und also diese Bilder / wenn sie sich regten / und einem
ohngefähr begegneten / nicht unbillich für Ungeheuer angesehen werden würden.
Kein Weib / welche nicht für eine Abgötterin gehalten werden wollte / durffte
sich entäusern für dem Bilde des Bacchus / wie bei dem Aleischen Bacchus in
Arcadien von den Priestern mit Ruten gezüchtigt zu werden / die Männer aber mit
Messern ihre Armen zu zerkerben / oder sich gar zu entmannen. Gleich als wenn
die gütigen Götter grimmiger als die blut-begierigsten Unmenschen wären.
Sintemal zwar die ärgsten Wüttriche Menschen zerfleischen / und zu unnatürlicher
Wollust verstimmeln / sich aber selbst zu zerfleischen oder auszuschneiden nicht
zwingen / die grausame Mord-Lust aber übte Vologeses an dem gefangenen
Rhascuperis aus. Denn er liess selbten auf einem Altare lebendig verbrennen / und
die Asche in die Lufft streuen / mit Vermeldung: dass der rotköpfichte
Rhascuperis ein so angenehmes Opfer des Bacchus sein würde / als für Zeiten die
dem Typhon mit den roten Haaren ähnliche Menschen / welche die Egyptier in eben
selbigem / nämlich dem ersten Hunds-Tage dem Osiris / ehe solche Blut-Opfer
Amasis abgeschafft / geliefert hätten. Wormit auch Rhascuperis diese Grausamkeit
so viel empfindlicher fühlen / oder Vologeses ihr einen desto mehr gläntzenden
Firnüss der Andacht anstreichen möchte / nahm er vorher den Rhascuperis an
Kindesstatt an / umb gleichsam dem Saturn gleich zu werden / der zum allerersten
seinen einigen Sohn dem Himmel / seinem Vater umb Hunger und Pest abzuwenden
geopfert haben soll. Die dem Bacchus Eingeweiheten mussten hernach umb das Bild
als Unsinnige schwermen; gleich als wenn die Raserei zuweilen die Stelle der
heiligsten Andacht vertreten / und eine Ursache der gemeinen Wohlfart abgeben
könnte. Vologeses liess dem todten Bilde des Bacchus hernach eine Taffel decken
/und ganze gebratene Ochsen / Hirsche / Rehe / Gemsen; ja 1000. Fuder Wein
fürsetzen / und bei lichtem Sonnenscheine unter freiem Himmel etliche tausend
Wachs-Kertzen anzünden / gleich als wenn dieser Gott ein verhungerter Vielfrass /
ein unersättlicher Säuffer und ein blinder Maulwurff wäre / dem die Sonne noch
viel zu finster schiene. Uber diss verordnete Vologeses diesem Bilde nicht allein
hundert Priester / sondern auch drei hundert Knechte / welche diesem gleichsam
tauben Gotte die Nahmen und das Begehren der daselbst anbetenden in die Ohren
schrien /und als einem Unwissenden berichteten: Welche Zeit es wäre. Ja hundert
geweihete Weiber wurden bestellt diesen unempfindlichen Stein täglich zu bürsten
/ zu putzen / zu bekräntzen / ihm den Spiegel fürzuhalten /und mit hunderterlei
Gauckelwercke nicht nur des abergläubischen Pöfels / sondern der Götter selbst
zu spotten. Nach dieser siebentägichten Torheit / welche doch die Tracier
ganz bezauberte: dass sie Vologesen nicht nur für einen Heiligen / sondern für
einen Halb-Gott hielten / setzte er über den Hebrus / an dem Flusse Melas traf
er abermals auf den schier von allen Traciern verlassenen König Rhymetalces /
und zwang ihn gar in Chersonesus zu weichen. Die Römer / welche den Nachdruck
des nichts weniger als die Pest anfälligen Aberglaubens wohl wussten / und
besorgten / es dörfte diese Seuche auch Asien und Griechenland anstecken /
schickte Rhymetalcen den Pamphylischen Land-Vogt Lucius Piso mit dreien Legionen
zu Hülffe. Er schiffte zu Lysimachia sein Heer aus / und zohe gerade wider den
bei Cypsella stehenden Vologeses. Weil aber keine Verzweifelung einen Feind so
hartneckicht macht / als der Aberglaube /liess Rhymetalces und Piso den obersten
Priester des Bacchus zu Oresta / welchen Sitz des Reiches und des Heiligtums
Vologeses zu erobern unvorsichtig ausser Acht gelassen hatte / des Vologeses
neuen / und als einem dem alten abbrüchigen Gottesdienst verdammen / ihn selbst
in den Bann tun / und als einen Verfluchten Vogel-frei erklären; denen aber /
welche auf den nechst-bevorstehenden ersten Frühlings-Tag / als das berühmte
grosse Feier des Bacchus nur die Schwellen des Orestischen Tempels küssen würden
/ward die Abtilgung alles ihres Irrtums versprochen. Durch diesen klugen
Streich wurden fast alle Odrysen vom Vologeses abgezogen / und blieb mit seinen
Bessen alleine stehen. Daher setzte er bei der Stadt Zernis über Hals und Kopf
über den Hebrus / und so fort über den Berg Rhodope. Piso folgte den Bessen auf
dem Fusse. Weil aber teils die Vorteilhaftigkeit des Gebürges / teils die
eingebildete Heiligkeit des Ortes sie zu behertzter Gegenwehr anfrischte / bisste
Rhemetalces und Piso in ihrem Angriffe fünf-tausend Tracier / so viel
Asiatische Völcker und über tausend Römer ein. Dieser Sieg hätte dem Aberglauben
abermals ein gross Gewichte beigelegt / und entweder Vologesens Kräfften zur
Gegenwehr verstärcket / oder ihm zum minsten einen noch vorteilhaftigen Frieden
zu wege gebracht / wenn nicht Vologeses aus Beisorge: es möchten ihm im Gebürge
die Lebens-Mittel gebrechen / und von Odrysen der Rückweg an dem Flusse Taxus
verlegt werden / an sich selbst und seinem Glücke am ersten verzweifelt wäre. So
aber verfolgte er seinen Sieg nicht allein gar nicht / sondern er eilte gleich
einem Flüchtigen nach der Stadt Brendica. Rhymetalces und Piso folgten ihm auf
das Gebürge Rhodope / und wollte jener auf das grosse Bild des Bacchus den Kopf
des Käysers setzen / auch seinen Tempel wieder erbauen lassen; dieser aber
kriegte vom August Befehl solches zu hindern; entweder weil er das neue
Staats-Geheimnüs von Vergötterung der Römischen Käyser nicht allzu gemein zu
machen /oder sein Bild in Gefahr noch einer Verunehrung des Bacchus Bild ohne
neue Beunruhigung der abergläubigen Tracier zu zermalmen nicht getraute;
Gleichwol aber durch selbtes dem Volcke kein Gedächtnüs-Maal ihres Aufstandes /
und dass es seinem Könige überlegen sei / oder auch gar als eine Schutz-Seule der
Freiheit in aller Augen stehen zu lassen / für gut befand / liess er selbtes
abnehmen / und für den Tempel des Bacchus nach Oresta setzen / den Grund aber
ins geheim untergraben: dass sie bei hellem Mittage gleichsam von sich selbst von
dem hohen Fusse abstürtzte / und das Volck beredet ward / gleich als wenn die
daselbst wohnende Gotteit ein solch missbrauchtes Bild nicht leiden wollte.
Unterdessen aber ging Piso und Rhymetalces selbst den Bessen und Vologesen auf
den Hals / schlug selbten aus dem Felde / und eroberte teils mit Zwange /
teils durch gütige Ergebung das ganze Bessische Gebiete. Vologeses aber /
welcher in keinem Heiligtum eine sichere Freistatt zu finden getraute /
versteckte sich mit seinen Vertrautesten im Pangäischen Gebürge in verborgene
Hölen. Also erlangte Rhymetalces sein Königreich wieder; Piso aber die Ehre des
Sieges und ein Siegs-Gepränge. Alleine diese Freude verschwand Rhymetalcen
schier ehe als ein Traum. Denn wenig Tage hernach stürtzte er auf der Jagt mit
dem Pferde /starb und verliess zwei Söhne / Rhymetalcen und Rhascuporis meinen
Vater / jenem die Krone / diesem das oberste Priestertum. Rhymetalces / weil er
den Römern die Wieder-Erlangung seines Königreichs zu dancken hatte / erwies
sich auch als derselben treusten Bunds-Genossen. Denn als Bato Dysidiatus die
Dalmatier und Pannonier wieder die Römer in Harnisch brachte / Syrmium belägerte
/ an dem Jonischen Meere alles / bis an Apollonia unter seine Gewalt brachte /
den Messalinus aus dem Felde schlug / und nunmehr gar in Italien einzubrechen
dräute / setzte Rhymetalces mit seinen Traciern über die Sau / jagte den Bato
von Syrmium weg / ereilte ihn am Flusse Bacuntius unter dem Almischen Gebürge /
welches er gleichsam zu seinem Krieges-Schloss erkieset hatte /und versetzte so
wohl ihm als seinem Bund-Genossen dem Breucischen Bato einen gewaltigen Streich;
an welchem der Mysische Land-Vogt Severus ihm nicht wenig den Kopf zerstiess. Als
auch Severus gegen die einfallenden Mösier und Sarmater gegen dem güldenen Berge
eilen musste / und die Dalmatier in Macedonien einbrachen / begegnete ihnen König
Rhymetalces und sein Bruder Rhascuporis / schlugen sie aufs Haupt; also dass die
wenige Uberbleibung sich in die Stein-Klippen des Berges Scardus und Ardius
verkriechen mussten. Ja die Tracischen Waffen waren unwidersprechlich die
fürnehmsten Werckzeuge des Tiberius und Germanicus zu Erlangung der Pannonischen
Siege. Fürnemlich aber kann ich sonder eitelen Ruhm dis / was ich bei meiner
ersten Kriegs-Ubung daselbst mit meinen Augen gesehen / wohl sagen: dass sonder
meines Vaters Rhascuporis Zutat weder Tiberius die Festung Anderium / noch auch
Germanicus das Schloss Arduba erobert / und dem weit aussehenden Kriege so
geschwinde ein Loch gemacht haben würde. Wolte Gott! aber / Rhascuporis hätte so
wohl sich und die Begierden seiner Gemahlin / als geharnischte Feinde zu
überwinden gewüst! Alleine meine Zunge fänget mir an zu stammeln / indem ich so
viel verkleinerliches von meinem Vater erzählen soll / dem ich mein ganzes
Wesen / und also mehr als keinem Menschen in der Welt zu dancken habe; also dass
kein Vater so lasterhaft sein kann / dessen Leben oder Ehre anzutasten ein Sohn
herechtiget ist. Daher ich besorgen muss / wenn ich hier nicht meine Erzehlung
abbräche / diese tugendhafte Versammlung würde mich und meine Tracier unter die
Triballen und Scyten rechen / welche ihre Eltern zu opfern für Andacht / und im
Alter sie zu erwürgen für Barmhertzigkeit halten. Rhemetalces stockte / und
niemand wollte ihn auch bereden / die Schande seines eigenen Hauses zu entdecken.
Nach einer kurtzen Erholung aber / fieng Rhemetalces wieder an: Ich erinnere
mich: dass der Vater-Mörder Saturn als ein Schutz-Gott der Warheit angebetet
werde; weiss also nicht: ob ich hieraus ohne Laster diesen Schluss machen darf:
die Liebe der Warheit solle auch der Kindlichen überlegen sein. Fürnemlich aber
kann ich mich schwerlich bereden: dass in Deutschland / wie in der ganzen Welt /
mein Vater schwärtzer abgemahlt sei / als er wahrhaftig ist. Daher ich mehr für
meiner kindlichen Liebe Pflicht /als für derselben Versehrung halte / wenn ich
ans Licht bringe: dass der ihm zugeschriebene Schandfleck nur ein von seiner
Gemahlin auf ihn fallender Schatten sei. König Rhymetalces heiratete noch bei
Lebzeiten seines Vaters Rhymetalces / des Partischen Königes Phraatens mit
Jotapen erzeugete Tochter Parysatis / eine Fürstin / in welcher die Tugenden und
Laster mit einander umb die Oberhand kämpften /zeugte auch mit ihr einen Sohn
Cotys / welcher Fürst mit Warheit von seinen Eltern alle Tugenden / aber kein
Laster geerbet hat. Mein Vater Rhascuporis ehlichte anfangs des Getischen Königs
Zyraxes mit der Kwadischen Fürstin Vannia erzeugete Tochter Roxana / meine
Mutter. Als diese aber kurtz nach meiner Geburt entseelet ward / vermählte er
sich nach dreien Jahren mit der Fürstin Ada / des Comagenischen Königes
Antiochus Tochter / dessen unglückseeligen Vater der Käyser August zu Rom
entaupten liess. Wer in Zweiffel zu ziehen vermeint: dass Laster und Unglück in
gewissen Stämmen erblich sind / findet an dieser boshaftigen Ada / an diesem
Unglücks-Sterne /als vielmehr an dieser Unholdin Traciens ein allzu sichtbares
Beispiel. Gleichwol aber wird die Nachwelt kaum glauben / dass das mit einander
selbst-streitende Gift aller widrigen Laster in dem engen Hertzen der
ungeheuren Ada Raum gehabt / und sich noch darzu mit einander wohl vertragen
habe. Sintemal alle diese sich der Herrschenssucht zu Mägden gewiedmet hatten /
und ihr als einer vollmächtig-gebietenden Königin auf einen Winck gehorsameten.
Ich erschrecke /wenn ich an dieses Stief-Kind der Natur / und an sie /nicht so
wohl meine / als meines Vaterlandes Stief-Mutter gedencke; ja ganz Tracien hat
ihrentwegen nunmehr glauben lernen: dass die Tugenden der Weiber der gemeinen
Wolfahrt so nütze / als die der Männer / ihre Laster aber unvergleichlich
schädlicher sind. Die Königin Erato fiel unter dem Vorwand: dass der beredte
Rhemetalces nötig hätte ein wenig zu verblasen / ihm ein: Das Weibliche
Geschlechte wäre ins gemein so vergällt in der Welt: dass ein Scytisches Volck
auch den blossen Nahmen eines Weibes für garstig hielte / und destwegen im Reden
sich einer umbschweiffenden Beschreibung brauchte: dass viel Syrier von keinem
Weiblichen Vieh / als einem giftigen Dinge nicht einmal das Fleisch essen wollten
/ ja einige gar die Weiber nicht für Menschen hielten /und jener beim Sturme und
nötiger Erleichterung des Schiffes sein Weib als das beschwerlichste Ding ins
Meer zu werffen entschlossen war. Dis wäre auch nicht nur eine unbedachtsame
Lästerung des albern Pöfels; sondern der so weise Democritus hielte sie für ein
Monden-Tier / welches so vielen Veränderungen und Schwachheiten im Leibe und
Gemüte / als dieses Gestirne unterworffen wäre / ungeachtet es den Glantz der
Sonne im Gesichte hätte. Ein ander Weiser nennte sie eine Schatz-Kammer alles
Bösen / und ein Zeughauss aller Laster / mit welcher Jupiter die Welt wegen des
vom Prometeus gestohlnen Feuers bestrafft hätte. Daher dörfte sie sich nicht
unterstehen /denen Lastern ihres Geschlechtes das Wort zu reden: dass sie weniger
schädlich als der Männer wären; sonderlich / wenn sie die Augen nur ein wenig in
der Welt herumb schweiffen liesse / und gewahr würde: dass ein geiles Weib Troja
eingeäschert; in der einigen Stadt Corint ganz Griechenland beflecket /
Persepolis angezündet / Egypten dienstbar gemacht hätte; ja kein Königreich wäre
/ welches nicht über eine Helena zu seufzen / und mit seinen Tränen die
glüenden Brände des Vaterlandes auszuleschen hätte. Ihre Bescheidenheit aber /
und das Erkäntnüs ihrer eigene Schwachheiten nötigte sie gleichsam dem ersten
zu widersprechen: dass der Weiber Tugend so viel als die der Männer zum gemeinen
Wesen beitragen solle; es wäre denn in einem ganz verkehrten Reiche / wie der
alten Egyptier und der Gelonen in Meden gewesen ist; da die Männer in Häusern
spaanen / neheten / würckten / sich schminckten / badeten / und in so viel
Wollüsten / als Oel und Balsam schwammen / die Weiber aber das Feld baueten /
Gerichte hegten / und Krieg führten / oder in Mohrenlande / da die Weiber von
undencklicher Zeit Zepter und Krone getragen haben. Nach dem aber in der ganzen
Welt / wo die Ordnung der Natur nicht verdrehet stünde / die Männer das Haupt /
dieses aber alleine des Gehirnes benötigt wären / Armen / Hände und Füsse aber
an der Ehre des Gehorsams sich zu vergnügen hätten / könnte selbst kein
vernünftiges Weib die grössere Notwendigkeit und Nutzbarkeit der Männlichen
Tugend widersprechen / welche nicht einen Bots-Knecht / und einen gemeinen
Soldaten klüger als den Steuermann und den Heerführer achten wollte; da doch die
Staats-Klugen ein Landvoll mit einem weisen Vorsteher versorgte Blödsinnige
einem Reiche / wo ein Tore Weltweisen zu gebieten hatte / und eine von einem
Löwen geführtes Heer Hirschen / und einem Heere Löwen / das ein Hirsch führete /
weit fürzügen. Wenn Weiber mit ihren Tugenden den Gipfel erreichten /und ihr
eigen Geschlechte überstiegen hätten / schaffen sie selten ausser dem Gefängnisse
ihres Zimmers /in welche Einsamkeit die meisten versperrt wären /mit ihrer
versitzenden oder gar erstickenden Tugend kaum so viel gutes / als eine grosse
Fackel in einer engen Höle / als Ampeln in einem wüsten Tempel /und die
Sud-Gestirne / welche von niemanden gesehen würden / ihre Würckung auch nur auf
dem gefrornen Meere oder in unbekandten Wüsteneien hätten. Die Tugend des
Männlichen Geschlechtes hingegen gleichete sich der Sonne / welche durch alle
Kreise der Königlichen Palläste / der Heiligtümer / der Rats-Häuser / der
Richter-Stüle / und der gemeinen Häuser ihren Gang hätte / allen Ständen nützete
/ und also als ein allgemeines Gut das einzele der Weiblichen Tugend / wie das
grosse Auge der Welt die Sternen der sechsten Grösse verdüsterte. Uberdis wäre
die Tugend kein Werck der blossen Einbildung und eines tieffen Nachdenckens /
sondern ihr Wesen bestünde in der Tätligkeit / also wäre nicht wenig an der
Güte des benötigten Werckzeuges gelegen. Denn eine Ameisse hätte zwar eine
grössere Fertigkeit als ein Ochse / eine Biene mehr Witz als ein Kameel / und
mehr Hertze als ein Pferd; Gleichwol aber machte die Stärcke diese Tiere zum
gemeinen Nutzen viel geschickter / als die Geschickten. Weil nun das Weibliche
Geschlechte ins gemein zarter Glieder / schwachen Verstandes / veränderlichen
Gemütes und furchtsamen Hertzens / die Männer aber starck / klug / gesetzt
/hertzhaft und tätig wären / würde es eine Vermässenheit sein / wenn ihr
Zwerg-Geschlechte sich gegen diese Riesen zu mässen unterstünde. In welchem
Absehen denn der kluge Gesetz-Geber zu Sparta Lycurgus zwar für die Männer viel
heilsame Richtschnuren geschrieben / die gleichsam unnützen Weiber ihrem eigenen
Willen überlassen hätte. Hertzog Jubil begegnete ihr: Er nehme zwar der Königin
Einwurff für eine bescheidene Demut auf / sie würde aber bei Zeite zu sorgen
haben: dass es ihr Geschlechte für keine Verachtung ausdeutete; welches noch nie
völlig dem Männlichen das Vorrecht enträumet hätte. Unter den Menschen wären die
Frauen schöner / und bei den meisten Völckern in grösserm Ansehen. Niemand wäre
so bäurisch / der nicht einer Frauen Ehrerbietigkeit bezeigte; Und zu Rom dörfte
kein Mann / als neben seinem Eheweibe zu Wagen fahren. Unter den wilden Tieren
wären die meisten Weiblichen sorgfältiger und zahmer als die Männlichen. Daher
hätte Solon in seinen Gesätzen auf eines Wolffes eingebrachten Kopf fünf / auf
einer Wölffin nur einen Schilling zum Preis ausgesetzt. Unter denen Pflantzen
waren meist die Weiblichen die kräfftigsten / die Früchte der Männlichen
Zitron-Bäume die herbesten /die süssesten aber Weiblich. Am wenigsten aber wäre
die Tugend mehr eines als des andern Geschlechtes Eigentum. Denn diese wäre ein
Schatz der Seele /welche als ein Geist vom Unterschiede des Geschlechts nichts
wüste. Daher entzüge mehr die Gewonheit als das Recht dem Weiblichen die
Botmässigkeit in der Welt / wie den Weiblichen Tieren den Stand in den Tempeln
der Cybele. Denn / wenn wegen ein oder der andern Herrscherin Fehler alle
verwerflich sein sollten / würden eben so wohl die so oft irrenden Männer sich des
Gebietens enteusern müssen. Viel gekrönte Frauen hätten es grossen Königen zuvor
getan; und es wäre schwerlich ein Volck das nicht seine Heldinnen und Amazonen
aufzuführen hätte; und nicht nur das kurtze Griechenland / sondern die ganze
Welt hielten die Weissheit für eine anständige Gemahlin des Weiblichen
Geschlechtes. Sintemal nicht die breiten Achseln der Träger / die starcken Armen
der Fechter / die abgehärteten Füsse der Läuffer / sondern Verstand und
Hertzhaftigkeit die Maus und Spann-Ader der Seele / und die Werckzeuge der
Tugend wären. Jedes Hausswesen bildete einen kleinen Staat ab / und aus derselben
Vielheit bestünden alle Grosse. Jener gute Verfassung wäre die Grund-Seule der
gemeinen Wolfahrt; in selbten aber müsten die Haus-Mütter / sonderlich bei
Erziehung der Kinder / bei Bändigung der Dienstboten das beste tun. Also
arbeiteten die Frauen die knörnrichten Höltzer und rauen Steine zu tauglichen
Bildern aufs Rathauss / und in die Tempel aus. Zu geschweigen; dass den Kindern
mehr die Eigenschaften ihrer klugen oder albern Mütter / als ihrer Väter
angeboren werden; und hat man selten einen klugen Sohn eines scharfsinnigen
Vaters / und einer törichten Mutter / aber viel kluge Söhne kluger Mütter / und
alberer Väter gesehen. Denn wären gleich die Väter die erste Ursache ihrer
Kinder / wie die Sonne der Pflantzen / so wären doch die Mütter wie die Erde /
die nechsten und kräftigsten. Von dieser letzten rührte her: dass in Arabien
Weirauch / in Syrien Balsam / auf Zocotera Aloe / in Dacien Gold / in Indien
Perlen / Edelgesteine und Gewürtze / anderwerts aber dürre Heide / Schleen
/Eisen und Blei wüchse. Die Tugenden und Laster der Mütter aber würden in den
Adern den Kindern eingepflantzt / und mit der Mutter-Milch eingeflösst. Ohne
diese wäre der Lehrmeister Bemühung verlohrne Arbeit. Denn der Ton würde auch
unter eines Phidias Hand nicht zu Marmel / und das Eisen ins Praxiteles
Werckstadt nicht zu Golde. Dis Marck der Erde käme aus den köstlichsten
Ertz-Adern / und tapfere Leute aus Mutter-Leibe. Ja ein Funcken eingepflantzten
Mutter-Witzes wäre ein nützlicher Licht des Lebens /als viel scheinbare
Wissenschaften der Schulen / welche oft so viel Irrtum / als grosse Brände
Rauch an sich haben. Wenn aber auch die Auferziehung zur Tugend was helffen
könnte / müsten die Mütter hierbei das beste tun / und ihre Kinder wie die Bären
ihrem ungestalten Brutte mit ihrer leckenden Zunge allererst eine Gestalt geben.
Ihre Anmut hätte an sich eine lockende Eigenschaft / welche kräftiger würckte
/ als die gewaltsame Antreibung der ernstaften Väter. Nichts weniger hätten
kluge Frauen ihrer Männer Hertzen in Händen / und die / welche allen andern zu
gebieten hätten / schämten sich nicht denen weisen Erinnerungen ihrer
Gemahlinnen Folge zu leisten. Derogestalt wären sie gleichsam die erste / wiewol
unsichtbare Bewegung in dem Rade des gemeinen Wesens; Und Käyser August würde
mehr als einmal über die Schnure gehauen haben / wenn ihn nicht mehrmals die
verschmitzte Livia in Schrancken gehalten hätte. Rhemetalces brach ein: Hertzog
Jubil redete mit so guten Gründen der Weiblichen Tugend das Wort: dass aus der
Eingeschaft der widrigen Dinge ihre Laster durch das gröste Gift des gemeinen
Heiles sein /und dem Drachen-Gestirne gleichen müste / dessen Schwantz alles
gute verschlimmerte / der Kopf alles böse vergrösserte. Mein Erbarmens-würdiges
Tracien hat leider! dis an dem schädlichen Schwantz-Sterne der Fürstin Ada mit
unverwindlichem Schaden erfahren. Ihre Mutter war eines Bildhauers Tochter zu
Ephesus gewest / und hatte ihrer Tochter Ada alle Schwachheiten des Pöfels in
der Geburt / denen ohne dis weichen Comagenern aber durch ihre Lebens-Art alle
Laster der wollüstigen Lydier mitgeteilet. Insonderheit aber führte sie zu
Samosata die vom Lydischen Könige Andramytas eingeführte Verstimmelung der
Weiber ein / und besetzte fast alle Aempter des Hofes mit Verschnittenen. Sie
zohe die gemeinsten Leute aus einer angebornen Neigung zu der Niedrigkeit / wie
die aufgehende Soñe die Feuchtigkeiten der Sümpfe hoch empor / und drückte den
Comagenischen Adel als einen ihren neuen Glantz verdüsternden Nebel zu Bodem.
Ihre schnelle Erhöhung blendete ihre Vernunft / wie übermässiges Licht das
Gesichte; also dass sie ihre ungewohnte Würde nicht begreiffen / weniger ihre
sich aufblähende Gemüts-Regungen mässigen konnte; sondern ihren Ehherren zu eitel
eusersten und daher gefährlichen Entschlüssungen verleitete. Alles dieses lief
auf Comagenens Unglück /und auf des Antiochus Untergang aus; zu einer
merckwürdigen Warnigung: dass wie die Granat-Aepfel-Bäume keine Früchte ohne
Kronen / also Königliche Ehbette keine andere Gemahlinnen als Fürstinnen
vertragen sollen; und dass edles Geblüte mit dem des Pöfels sich so schwer als
Oel und Wasser vermischen lasse. Alleine ihre viel ärgere Tochter Ada spiegelte
sich weder an dem blutigen Tode ihres Vaters; noch an der Verfluchung ihrer
Lasterhaften Mutter. Mit ihr segelten gleichsam alle Asiatische Wollüste und
Verschwendungen in das noch unschuldige Tracien. Denn ob zwar das benachbarte
Griechenland darinnen lange vorher derogestalt zerfloss: dass die Persen aus
unersättlicher Begierde ihre überdrüssige Wollüste mit neuen zu verzuckern über
den Hellespont setzten / die Etolier auch durch Verschwendungen arm / die
Macedonier gar in Persien darmit angesteckt worden waren / hatten doch die alten
Sitten der Tracier sich bis dahin eben so wenig / als der strenge Rhodan mit
dem Wasser des Lemannischen Sees vermischen lassen. Ihr Frauen-Zimmer bestand
meist in verschnittenen Weibern / aus Lydien / oder welche unter dem Vorwand
ihrer zu der Göttin Anaitis tragender Andacht ihre Jungfrauschaft an Nagel
gehenckt hatten. Ada liess sich auch meist mit entmannten Knaben bedienen;
wartete auch nur des Syrischen Gottesdienstes ab; darzu sie hundert Priester
mitbrachte / und am Flusse Hebrus unter dem Berge Rhodope der Anaitis ein
Heiligtum bauete. Die Tracier schöpften hierüber einen so viel grössern
Unwillen / weil sie eine Gemahlin des obersten Priesters war / dessen Ampt
erforderte die Einführung frembden und neuen Gottesdienstes zu verhindern. Sie
strich dieser Andacht aber durch Erkiesung des lustigsten Ortes in Tracien
/durch Erbauung der kostbarsten Lust-Gärte / warmer Bäder und Schau-Plätze /
oder vielmehr der Wollust durch einen scheinheiligen Gottesdienst eine so schöne
Farbe an: dass die ernsten Tracier / welche anfangs alles dis anstanck / durch
Gewonheit selbte vertrugen / hernach selbst mitmachten / und diese Verderbnüsse
des Menschlichen Leibes und Gemütes endlich eifriger liebten / als sie sie
anfangs gehasst hatten. Männer und Weiber badeten daselbst des Tages nackt; und
des Nachts sassen sie in den Schauplätzen vermischt unter einander; gleich als
wenn die daselbst wohnende Gotteit sich der Schamhaftigkeit schämte / und den
zwischen dem Männ- und Weiblichen Geschlechte gemachten Unterschied aufgehoben
hätte. Die Fürstin Ada ging täglich / ihr Frauen-Zimmer aber in Feiertagen in
ganz seidenen Kleidern; da vorhin die Tracischen Königinnen nur halbseidene
Zeuge mit leinenen Bödemen getragen hatten. Und überdis musste der Kern dieses
aus Persien / oder von den Seren gebrachten Wurm-Gespinstes nach der Tyrier
Erfindung zweimal aus Schnecken-Blute gefärbt /und / weil dis in gleichem
Gewichte gegen Golde abgewogen und bezahlet wird / teils die Untertanen ihren
Schweiss / teils die im Altertume gestiffteten und sorgfältig gesammleten
Kirchen-Güter darzu verschwendet werden. Denn ob zwar die in Indien und Persien
auf den Maulbeer-Bäumen spinnenden Seiden-Würmer für einiger Zeit auch auf das
Eyland Co gebracht worden sind / und nunmehr auch in Griechenland ihre Seide /
welche unsere Vorfahren irrig für Baumwolle gehalten / gewebt wird; so war doch
dieser Zeug der Ada gar zu geringe / weil er einheimisch und zu wolfeil war /
sondern sie bestellte diese Zeuge alle / und zwar nur geblümte / und in die
ganze Landschaften und Geschichte künstlich mit der Nadel genehet waren /
durch Arabische Kaufleute von Rhagis und Babylon denen zweien Partischen
Haupt-Städten. Wenn sich Ada aber offentlich sehen liess / schlepte sie den mit
dichten güldenen Blumen gestickten Purpur / als ein geringes Unterkleid auf der
Erde und im Staube herumb; ihre von güldenen Fädemen hocherhaben-gestickte
Ober-Kleider aber starreten von Diamanten und Rubinen; also dass ein einiges
Kleid dieser Priesterin so viel und mehr kostete / als vor Zeiten aller
Tracier. Dazumal unsere Könige eben so wohl als die Römischen Frauen selten mehr
als sechs Untzen eingewürcktes Gold in einem Kleide /und zwar nur in dem
Haupt-Schleier / oder im Leibstücke des Rockes / oder auch nur auf den
Aufschlägen der Mäntel / und an den Säumen der Röcke trugen. Ja unsere sparsame
Könige unterhielten auch gewisse Goldschlager / welche auf eine anderwerts ganz
unbekandte Art das Silber wie das Gold zu Fädemen machten / und dardurch in
verschwenderischen Augen zwar eine ansehliche / aber in Ausgaben eine wenig
kostbare Pracht zeigeten. Endlich kriegte auch Ada über Seide / Purpur / Gold
und Edelgesteinen /als über allentalben bekandten Sachen einen Uberdruss. Daher
liess sie ihr aus dem grossen Morgenländischen Meere die härichten
Perlen-Muscheln bringen / welche die Indianer Berberi und des Meeres Blumen
heissen; daraus liess sie die goldgelbe Wolle / welcher Farbe weder
Schnecken-Blut noch andere Kunst beikommt / der Zärtligkeit aber das Gewehe der
Spinnen und Seiden-Würmer nicht gleichet / zusammen kommen / und vermischte
selbte nicht nur mit ihren Haarlocken / sondern liess auch Tücher davon würcken
/und das Werck davon an statt des Cedern-Maasses und Baumwolle in ihren Ampeln
als Tachter verbrennen. An statt des Zeiter aus gedörtem und im Fluss-Wasser
lange abgewaschenem Baum-Moosse oder aus gefeiltem Helffenbeine gebrauchten
Haar-Staubes /stäubete die Fürstin Ada ihr nach dem Beispiele der Persischen
Könige mit Narden-Wasser und Myrrhen-Oele angefeuchtetes / wie auch nach
Phrygischer Art mit heissen Eisen gekräuseltes Haar mit gemahlenem Golde ein.
Ihren Hals / Haupt und Armen berührte kein ander Schmuck / als Kugel-rundte /
Bonen-grosse / und das edelste Wasser habende Perlen. Ihre Brüste trug sie
alleseit ganz bloss / und ihre Unter-Röcke waren von so dünnem seidenen Flore:
dass sie mit diesem mehr gewebten Winde als Kleide weniger / als eine Ehbrecherin
ihrem Buhlen im Bette verdeckte. Ihr Futterwerck zu den Winter-Kleidern war
nichts anders / als von der eusersten Nord-Spitze hergebrachte Zobeln und
Hermelin / welches noch darzu mit flüssendem Golde / welches sie auch zu ihrer
Tinte brauchte / und damit auf gepurperten Pergament schrieb / an den Spitzen
vergüldet. Ihre blauen Trauer-Kleider aber waren mit eitel aus Lasur-Steine oder
aufgelösetem Silber gemachter Farbe gemahlet. Ihre Zimmer liess sie am Bodeme mit
Sardischen Teppichten / an Seiden mit Goldstück bekleiden / die Decken mit
Helffenbein austäffeln / durch welche aus unsichtbaren silbernen Röhren die aus
Rosen / Jesmin und Musch bereiteten Salben abtröpfelten / oder vielmehr
verrauchten. In die Ampeln in ihrem Zimer und in ihre eine Stunde für der
Abend-Mahlzeit allzeit gebrauchte Bäder goss sie den allein bei Jericho in zwei
Königlichen Gärten sparsam wachsenden Balsam / welchen man zu des grossen
Alexanders Zeiten zwar gegen zweimal so schweres Silber verkauffte / die
Uppigkeit aber nunmehr dem Golde gleich gemacht / und bei nahe gar vertilget
hat. Sie tranck kein Wasser /als welches aus einem Brunnen bei Samosata
hergebracht ward / und keinen Wein als Chalybonischen von Damaseus / umb sich
nur den Persischen Königen zu vergleichen / welche nur eben diesen Wein /und aus
siebzig ihnen alleine gewiedmeten Bruñen-Wasser trancken; ungeachtet der edle
Wein von Jessa / Chius / Tasus und Levcas / wie auch der nach Veilgen und
Hyacinten schmeckende Saprische Reben-Safft jenen weit übertraf / aber / weil
er näher und wolfeiler / dieser Verschwenderin verächtlich war. Ihrer Taffel
musste das Sicanische Meer die Fische /Colchis das Geflügel / Syrien und Aten
die Salben /Tessalien die Salaten / Böotien die Aale / Sicilien Käse / Cipern
Senf / Miletus die Brunn-Kresse / Samotracien Zwiebeln / ja fast jedes Land was
besonderes herschaffen. Alle Speisen liess sie mit wolrüchendem Ambra und
brennenden Gewürtzen / als einem rechten Zunder der Geilheit anmachen: und nicht
nur mit Casia oder der gemeinen Zimmetrinde /welche doch von Phönicischen
Kaufleuten gegen Silber abgewogen wird / sondern mit denen zweimal so kräftig-
und teuren Sprossen der jungen Zimet-Stauden bestreuen / welche für weniger
Zeit noch in diesen Landen nie gesehen / oder in Königlichen Schatz-Kammern als
eine sonderbare Seltzamkeit aufgehoben wurden / welche die Vögel entweder aus
unbekandten Morgenländischen Eylanden in Arabien brächten /oder die Indianer von
denen daraus auf fast Himmel-hohe Bäume bereiteten Nestern der Phönix- oder
Zimet-Vögel mit bleiernen Pfeilen abschüssen müsten / wie die Gewinnsüchtigen
Phönicier dis der einfältigen Welt Zeiter angebunden haben. Ihre eigene
Gerichte liess sie / wie die Sabeer in ihrem Lande / mit eitel Weirauch-Holtze
braten. Bei der Mahlzeit liess sie sich von zwölf verschnittenen Edel-Knaben /
welche Wechsels-weise in die annehmlichsten Säiten-Spiele sangen / ihren Gemahl
den Fürsten Rhascuporis aber meist mit zwölf nackten Jungfrauen bedienen. Ada
fuhr auch auf keinem andern / als im Feuer vergüldeten / oder Helffenbeinernen
Wagen / welche nach Art der Siegs-Wagen gemacht / und von Perlen-farbenen
Pferden gezogen wurden. Sie ging niemals in die Lufft / als unter einem über
ihrem Haupte getragenen Sonnen-Schirme. Im Winter schlief sie auf seidenen mit
Eis-Vogel-Federn gefüllten Damasten / im Sommer nach Art der Sybariten auf
Rosen-Blättern; und ich glaube: dass sie mehrmals wie Sminderides über Rückenweh
geklagt haben werde / wenn sich etwan ein Rosen-Blat gerunzelt / oder ihrer
etliche sich zusamen werden gefaltet haben. Alle ein Geräusche machende
Handwercker mussten von ihrem Pallaste weit entfernet sein. Ja sie litt keinen
Hahn in der Nähe / damit er sie nicht mit seiner unzeitigen Wachsamkeit im
Schlaffe störte. Weil sie aber nicht allzu schön / destalben aber es zu sein so
viel begieriger war / verschrieb sie ihr aus Persien von Cyrene / von Rom und
aus der halben Welt nicht nur allerhand Schmincken / sondern auch besondere
Meister dazu; welche die berühmten Balsamacher Plangon / Peron und Dinias für
einfältige Leute hielten / und die aus Myrabolanen / heidnischem Wundkraute /
Amomum / Zimmet / Hagäpfeln / Paradis-Körnern / Narden /Myrrhen / Gummi /
Indischem Balsam / Saffran und andern Köstligkeiten gemachte Salben noch kostbar
verbesserten. Ich bin auch versichert: dass Alexander so viel Sorten köstlicher
Balsame nicht in dem berühmten Schreine des Königes Darius gefunden habe / als
ihrer Ada in ihrem Schrein verwahrte. Jedes Glied hatte seine absonderlich ihm
zugeeignete. Mit der Egyptischen Salbe aus dem Kraute der so genannten
Frauen-Handschuch balsamte sie die Füsse und Schienbeine; mit der Cyprischen aus
wilden Wein-Trauben die Schuh / mit der Lydischen aus Quendel die Knie / mit
Sidonischer aus Brunn-Kresse die Armen / mit der Cyzikischen aus blauen Lilgen
den Bauch / mit der Phaselischen aus Cyrenischen Rosen die Brüste / mit der
Cilicischen aus Saffran den Rücken / mit der Rhodischen aus Narden den Hals /
mit der Phönicischen aus Myrrhen den Mund / mit der Coischen aus Quitten-Blüte
die Wangen / mit der Adramytischen aus Amaranten die Haare und Augenbrauen /
mit der Sardianischen aus Haupt-stärckenden Gewürtzen die Stirne und Schläfe
ein; wenn sie vorher sich mit gepresstem Saffte aus dem Bären-Klau-Kraute über
den ganzen Leib eingeschmieret /und selbten darmit weiss gemacht hatte. Hernach
machte sie ihre Zähne durch ein gewisses mit Scheide-Wasser geträncktes Wachs
weiss / rötete ihre Lippen allererst mit der Syrischen Röte-Wurtzel / oder mit
einer aus der roten Wurtzel der stinckenden Hunds-Zunge gemachten Schmincke;
gleich als wenn eines so gemahlten Weibes Atem darmit vergiftet werden müste;
die Wangen aber färbte sie aus einer von rotem Meer-Schilffe und Egyptischen
Dornen bereiteten Salbe; zuweilen auch mit dem Blute gewisser aus Indien
gebrachter und zerquetschter Würme; und das Wachstum der Augenbrauen zwang sie
mit einem aus Spiss-Glase geraucheten Russe rund herumb in die Höhe / und die
unnützen Haare bejetzte sie mit Salamander-Speichel weg. Sie liess sich täglich
etliche mal mit zerkäueten Indischen Nelcken anhauchen / umb ihre graue Augen zu
schwärtzen; und wormit sie nicht wässricht würden / aass sie / wie die Albanischen
Weiber / welche die schönsten Augen in der Welt haben / in den Speisen kein
Körnlein / und also weniger Saltz als die Priester der Isis / sondern brauchte
an dessen Stelle zerstossene Kohlen. Denn wie sehr sie gleich durch niedliche
Speisen verwehnet war / wollte sie doch liebreicherm Geschmacke / als ihrer
Gestalt etwas abbrechen. Besonders da die Runtzeln sich zwar mit dem Schnee der
Schminck-Balsam ausgleichen / trieffende Augen aber nicht ausklären lassen; ein
frisches Antlitz aber mit todten Augen sich übel paaren läst. Die schmalen
Hüfften vergrösserte sie mit untergebundenen Kissen; die roten Augen-Wimpern
bräunte sie; die Wartzen an Brüsten überpurperte / die Nägel vergüldete / die
Haare bestäubte sie; Ja es würde iemanden schwer gefallen sein / irgendswo eine
Nadel-Spitze anzusetzen / wo sie nicht gemahlet war. Also machte sie Erde und
Meer / ja schier alle Länder der Welt zu Abgöttern /ihren Leib aber zum Götzen /
welchen sie täglich salben und mahlen mussten. Sie hatte ihre aus der Fremde
verschriebene Schönheit in Büchsen verschlossen /und den Früling mit seinen
Rosen und Lilgen bei allen Jahrs-Zeiten in ihrem Schrancken; und gleichwohl
niemals ihr eigenes Antlitz; so dass / ob wohl der gleichsam bezauberte
Rhascuporis nur seine Ada anbetete / und nicht mehr Wittiber ward / er dennoch
täglich ein ander Weib heiratete / und ein neues Weib küsste. Weil die Wollust
aber unersättlich /gleichwohl aber einerlei Uppigkeiten bald überdrüssig ward /
erfand sie eine neue Art in ganzen alabasternen Wannen voller Balsams / bald
kalt / bald warm zu baden; da sie vorhin nur die Wände der Badstuben damit
bespritzt hatte; nunmehr aber in einem Bade zwölftehalb hundert Pfund Balsam /
und dardurch auf einmal eine halbe Tonne Goldes verschwendete. So sorgfältig war
meine Stiefmutter um ihre äuserliche Gestalt aufzuputzen / nur dass sie ihr zu
Verstellung ihrer besudelten Seele so vielmehr behülfflich sein sollte. Die
Fürstin Adelmunde fiel hier lächelnde ein: Wenn Hertzog Rhemetalces die Kunst
sich schöner zu bilden nicht so sehr verdamte / hätte er durch seine
umbständliche Erzehlung ihr und allem nicht schönen Frauen-Zimmer einen so guten
Lehrmeister die Gebrechen der Gestalt zu ersetzen abgegeben / als die Fürstin
Ada selbst schwerlich unter ihren Wollust-Meistern am Hofe gehabt hätte. So aber
würde sie genötigt / lieber ungestalt und ohne Schandfleck zu bleiben / als
schöner und ihre selbsteigene Verfälscherin zu werden. Inzwischen wäre kein
geringes Merckmal einer grossen Fähigkeit: dass ein so schöner Fürst / als
Rhemetalces wäre / und welcher zu seiner Vollkommenheit keines Aufputzes
bedörffte / in einer ihm so verhassten Kunst so viel Geheimnisse begriffen und
behalten hätte. Rhemetalces fühlte diesen Stich wohl; nahm sich aber der
wenigsten Empfindligkeit an; sondern versetzte: Er wüntschte: dass er so wenig
von dieser verächtlichen Wissenschaft gelernet / als sonst Gutes von seiner
Stiefmutter genossen hätte. So aber hätte sie bald nach ihrer Heirat durch ihre
ihm erwiesene Heuchelung das Hertze seines Vaters gestohlen / ihn im
Frauenzimmer auf weibische Art erzogen und gefirnset / und durch ihre
Verzärtelung ihn mit allem Fleisse zu einem untüchtigen Fürsten zu machen / und
dardurch ihren Kindern so viel mehr den Weg zur Nachfolge zu bähnen sich
bearbeitet. Ich würde auch ausser Zweifel noch weibischer /als der entmannte
Ninyas / als der Sammet-scherende Sardanapal / und das Weib Androcotus in
Phrygien worden sein / wenn mich nicht ein glücklicher Unstern dieser
zauberischen Mahlerin hold und zugleich dem Verderben entrissen hätte; welche
mir zwar täglich die Wangen mit Zinober überfirnsste / aber mein innerstes in was
hesslichers / als in Vieh zu verstellen dachte. Erato brach allhier ein: Ich
verfluche das letztere / und erkläre mich für eine offene Feindin der Laster;
gleichwohl aber werde ich wegen des ersten genötigt mein Vaterland und alle
Morgenländer zu verteidigen / welche durchgehends sich der Balsame /Salbe und
Schmincke gebrauchen. Ich kann mich leichte bescheiden: dass weder Adelmunde noch
Rhemetalces die der Gesundheit halben geschehende Salbung ohne diss nicht
verwerffen werde. Sintemal wie im Sommer die Bäder / also im Winter die
Einbalsamung die Müdigkeit ausziehe / das Oel so wohl die Glieder erwärme und
gezüge mache / auch so wohl den Leib als die Farben / oder der Firnis das Holtz
für Fäule und Würmern erhalte / der Saffran die Haut und das Fleisch stärcke;
wie nicht minder die Salben die Aufdämpfungen des Weines ins Haupt / verhindern;
die Feuchtigkeiten aber austrocknen. Westwegen die Persen / Syrier und Griechen
auf ihren Gastmahlen ihrer Gäste Häupter zu bekräntzen und einzusalben pflegen.
Gleicher gestalt ist die Einölung den tapfern Ringern in den Kampff-Plätzen
dienlich / und in andern Fällen nötig; westwegen der weise Socrates gewisse
Einbalsamungen wie die Kleider nur den Weibern /andere aber auch den Männern
anständig hält / und diese ist in dem noch so mässigen Rom unter den Tarquiniern
nicht verwerfflich gewest. Ja gewisse täglich die gesündeste unter den Speisen /
nämlich Honig-essende / und den Leib äuserlich einölende Leute sind 2. biss 300.
Jahr alt worden. Allein ich bin auch der Meinung: dass dem Frauenzimmer durch
Balsame und andere Schmincken ihre Schönheit zu erhalten / oder ihren Abgang zu
ersetzen eben so wenig / als den Männern durch stete Ubung / oder auch durch
Artzneien dem Abgang der Stärcke zu wehre / weniger für ein Laster zu rechne
sei. Sintemal die Gestalt unserm Geschlechte diss / was den Männern die Stärcke
ist. Und darumb hat die Natur / welche sonst das männliche aller Tiere viel
schöner als das weibliche bildet /bloss und allein unter den Menschen das
Frauenzimmer an Schönheit weit über die Männer gesetzt. Diese nichts minder
weise als gütige Mutter erkennet selbst die Kunst für ihre Schwester / und
brauchet sich unzehlbare mal ihres Pinsels / wenn sie die grauen Wolcken mit dem
Purper der Morgen- und Abend-Röte und dem Golde der Sonnen-Strahlen mahlet; den
wässrichten Regenbogen mit fast allen Edelgesteinen versetzet / den blassen
Monden mit einem lichten Hofe sichtbar macht; ja dem grossen Auge der Welt /
welches sonst alle Dinge sichtbar macht / sich aber selbst eigentlich schauen zu
lassen viel zu eiversüchtig ist; und dem gestirnten Himmel in dem Spiegel des
blauen Meeres durch den Gegenschein sein Ebenbild zeigt / und derogestalt dem
Wasser eine falsche Schönheit zueignet. Uber diss ist die Natur an sich selbst
nicht nur in der Gestalt / sondern auch in der Seele /und in ihren andern
Wercken eine Bäuerin / und darff zu ihrer Vollkommenheit die Hand des Künstlers.
Der Verstand muss nichts weniger / als rauhe Diamanten geschlieffen / das
Gedächtnis so wohl als die Glieder zur Hurtigkeit geübt; ja Tugend und
Wissenschaften so wohl ins Gemüte / als süsse Früchte auf wilde Stämme
gepfropfet werden. Man benimt den Stauden die unnützen Räuber; man schabet von
Bäumen die Knörner und hessliche Rinde; man zwingt die Stämme zum geraden
Wachstume; durch Einflössung gewisser Säfte die Tulipanen-Zwiebeln: dass sie
schönere Blumen tragen. Die Löwen machen durch Schütterung ihrer Mähnen; die
Pfauen durch Ausbreitung ihres spieglichten Schwantzes; die Tauben und Fasanen
durch Spreissung ihrer gläntzenden Hälse sich ansehlicher. Die Adler verjüngen /
die Füchse hären sich; die Schlangen und Heidechsen ziehen ihnen ihre alte
runtzlichte Haut ab / umb mit einer schönern zu gläntzen. Was hat denn das
Frauenzimmer / welches ohne diss den eckelen Männern niemals schön genung ist /
verschuldet; dass es seiner Gestalt nicht mit einem Beisatze / wie der Künstler
so gar auch dem edelsten Ertzte mit einem doch nur aus Glase bestehenden
Schmeltze helffen darff? Das Völcker-Recht / weil es die meisten / und zwar
nicht nur die Morgen- sondern auch die West-Sud- und Nordländer / ja auch die
Männer selbst tun / steht so viel mehr auf mein und meines Geschlechtes Seite;
die Africanischen Araber mahlen ihren ganzen Leib mit himmel-blauer / die
Egyptier und die Einwohner der Glücks-Inseln ihre Glieder mit gelber / die in
dem Atlantischen Eylande ihre Antlitzer mit Purper-Farbe; die Mesagetischen
Mohren mit Röte / die Britannier mit Weid; und die Indier färben auch mit
steter Käuung eines gewissen Krautes ihre Zähne rot / ja schmincken so gar ihre
Bärte. Die Dacischen Weiber lassen ihnen zur Zierde allerhand Bildungen in die
Haut hacken. Die in Gallien kleiben schwartzseidene Fliegen auf ihre Wangen und
Stirne umb ihre schnee-weisse Haut so viel scheinbarer zu zeigen; ja für
etlichen hundert Jahren haben schon die Tracischen Frauen so wohl ihre Leiber
gemahlet / die Augbrauen geschwärtzet / als ihre Glieder mit Spangen und Gürteln
geschmückt. Ist die Schmincke der Antlitzer verwerfflich; warumb nicht auch der
Edel-Gesteine und Perlen-Schmuck? welcher doch mit der Gestalt selbst sich nicht
wie jene verschwistert. Ist der Balsam und das Einsalben verboten / warumb
nicht auch das Wasser und waschen? sintemal beides einerlei Zweck anzielet. Ist
es unrecht die Haut weich und klar zu machen / und die Antlitzer schmincken /
warum kleidet sich die Welt in weiche Wolle und Seide; und in die gefärbten
Tücher? Sintemal die Cretische Farbe / ja der Purpur selbst nichts bessers als
eine Schmincke des Meeres /Bleiweiss und Zinober aber der Erde ist. Stehet der
annehmliche Geruch dem Frauenzimmer nicht an /warumb hat ihn GOtt den Blumen /
den Gewürtzen und andern Gewächsen / den Pantern und Zibet-Katzen
eingepflantzet? Ist die Schönheit an ihr selbst ein Geschencke der Götter / ein
Schatz der Natur / ein Band der Liebe; warumb verwirfft man denn ihre
Handlangerin die Kunst / und ihr Kraut und Lot die Schmincken? Ist die
Schönheit nun unscheltbar; was hat es denn zu bedeuten / ob sie ein Kind der
Natur /oder der Kunst / ob sie angebohren / oder ein Meister-Stücke gelehrter
Hände sei? Ist es unverwehrt mit den Kleidern abzuwechseln / und tadelt niemand
die Sonne: dass sie keinen unaufhörlichen Tag macht /sondern nach der Nacht ihn
wieder gebiehret; warumb soll es denn die verschwundene Schönheit nicht wieder
zu ergäntzen verstattet sein? Ist die gemachte Gestalt aber auch gleich keine
Wahrheit / so ist sie zum minsten ein schönes Getichte. Sind die Getichte der
Venunft nun nicht schlechter dings zu verwerffen /sondern mehrmals heilsame
Gemächte der weisesten Leute; warumb sollen denn die des Leibes so gar
verwerfflich sein? die Römer balsamen in Feiertagen ihre staubichte
Sieges-Zeichen die Adler ein. Die Parter legen ihren Pferden güldene Halsbänder
umb /und Goldstücke auf. Man vergüldet denen zum Opfer bestimmten Ochsen die
Hörner / kräntzet die Stiere mit Rosen. Die Mohren mahlen nicht nur ihre Könige
/die Römer ihre Sieger / und beide ihre Götter mit Zinober; und die Cyrenischen
Priester baden / salben und zieren das Bild ihres Ammons / wie die Römer ihre
Bräute; wegen welcher die Göttin Juno selbst sich nicht schämet den Nahmen einer
Salberin zu führen; oder auch sich selbst ihrem lüsternen Jupiter zu Liebe
anzustreichen. Venus hatte dem willigen Phaon an statt des Schiffer-Lohns eine
Schachtelvoll köstlicher Schmincke verehret / durch die er der schönste Mensch
in Lesbos worden / und nicht nur die gelehrte Sappho / sondern alles
Frauenzimmer gegen ihn in Liebe entzündet worden wäre. Wie soll denn beim
Frauenzimmer ein so grosses Laster sein / was die Götter selbst tun / oder
befördern? und wormit die Natur selbst mehrmals im Menschen spielet? Weil das
Verhängnis so unbarmhertzig / die angebohrne Schönheit so flüchtig ist / Zeit
und Männer aber so ungerecht mit ihr handeln / indem jene das weibliche
Geschlecht ehe als das männliche veraltern lässt /diese aber wohl an eine
gewesene Schönheit dencken /sie aber nicht lieben / ja auch gar der noch in
frischer Blüte stehenden überdrüssig werden. Daher es wegen der Männer eine
fast unvermeidliche Notwendigkeit / wider die Zeit aber eine unverantwortliche
Rache zu sein scheinet / wenn man dem Antlitze seine Jugend / der Gestalt ihre
Kindheit / durch eine kluge Erfindung wieder gibt; ja nicht ohne Wunderwerck den
Raub dreissig und mehrer Jahre gleichsam in einem Augenblicke gut machet. Oder
wie der Sonnen-Vogel sich selbst / also eine Frau ihre veralterte Schönheit aus
ihrer Asche wieder ans Licht bringt. Daher nur zu wüntschen wäre: dass die Salben
/ welche die Kranckheit eines sechzig-jährigen Alters im Ansehen heilen /
solchen auch in den Adern und Beinen abzuhelffen kräfftig wären. Die Natur
selber weiset uns hierinnen den Weg / und führet uns die Hand. Der Rosen-Strauch
ersetzet alle Morge den Abgang seiner schönen Blume / weil ihr Alter mit dem
Tage einerlei Länge hat. Der Monde und die meisten Sternen prangen nur mit dem
von der Sonne geborgten Lichte. Ja die Sonne selbst mahlet sich wie das sich
schminckende Frauenzimmer alle Tage im Meere /und in Wolcken. Ja auch im
Menschen verwandelt die Natur für sich selbst mehr als einmal die Hässlichkeit in
Schönheit. Des Königs Aristons Gemahlin war anfangs die greulichste Jungfrau /
hernach die schönste Frau in Sparta; so gar / dass dieser erste Verwürffling
hernach Helenen an die Seite gesetzt / und diese Veränderung für ein Göttliches
Wunder gehalten ward /besonders da ihre Amme sie in ihrer Kindheit alle Morgen
in Helenens Tempel getragen / und die Göttin umb eine bessere Gestalt angefleht
hätte. Und zu Rom hat man mich versichert: dass die wunder-schöne Schwester des
Germanicus Livia in jüngern Jahren beinahe die hesslichste in Rom gewesen / und
Drusus destwegen schwer an ihre Heirat kommen sei. Ja die Tugend selbst
gebrauchet sich einer gewissen Schmincke / nämlich der Scham-Röte / welche die
Weisen gar billich die Farbe / das Saltz und die Morgen-Röte der aufgehenden
Tugend nennen / weil sie nur aus einem keuschen Hertzen ins Antlitz steigt /und
daher kein ander Tier als der Mensch damit gefärbt wird. Diese Schmincke nennet
Menander die Scham-Röte gar die gröste Göttin; und so wohl Aten als der weise
Epimenides baute ihr ein Altar; Plato aber riet den Eltern: dass sie ihren
Kindern mehr dieses edlen Purpurs / als Goldes zur Mitgift mitzugeben beflissen
sein sollten. Die lebhafte Hertzhaftigkeit färbet eben so wohl das Antlitz der
Helden; daher bitte ich für die Sitten meines Vaterlandes und für mich / die ich
mich sonst auch selbst meiner selbsteigenen Verfälschung werde schuldig geben
müssen / von so viel anwesenden Schönheiten ein gütiger Urteil. Die Fürstin
Adelmunde fühlte und färbte sich über der Königin Erato Worten und Bekentnüsse;
gleich als wollte sie durch diese untadelhafte Schmincke ihre unvorsichtige
Verachtung der andern entschuldigen. Weil sie aber ohne Heuchelei und eigene
Schande ihr voriges Wort nicht zurücke nehmen konnte / fing sie an; Die Königin
Erato wäre ein so vollkommenes Meister-Stücke der Natur: dass weder Balsam noch
Farben / noch ihre eigene Hände was Werckes darbei haben dörfften. Ihre Gestalt
wäre so edel; dass aller Beisatz nichts anders als seine Geringschätzigkeit gegen
ihrer unvergleichlichen Schönheit an Tag geben könnte: und dass kein Gemählde /
ausser dem hesslichen / dem gemahlten Dinge gleich werde. Liehe die Schmincke
auch gleich den Greulichen eine Schönheit / so wäre es doch nur ein scheinbarer
Schatten davon / welcher nur von ferne / nicht in der Nähe sein Ansehen
behielte; sie machte die Gemahlten aber nicht schön; sondern diese verkriechen
sich nur hinter ihr neues Antlitz. Daher glaubte sie vielmehr: Die Königin hätte
durch ihre Rede nicht so wohl die Schmincke zu loben / als die Krafft ihrer
Beredsamkeit zu zeigen angezielt / welche allerdinges selbst die Hässlichkeit /
wenn sie ihr eine Farbe anstreichen wollte / annehmlich zu machen mächtig wäre.
Wenn aber auch gleich Erato iemals sich einiger Schmincke gebraucht hätte /
könnte es aus keinem Absehen / sich mit einer geborgten Schönheit ansehlicher zu
machen / oder darüber das Urtel frembder Augen zu betrügen / sondern nur aus
Gewohnheit ihrer Landes-Art / oder aus einem zulässlichen Vorwitze und zum
Zeit-Vertreibe geschehen sein; vielleicht zu versuchen: ob es möglich sei: dass
einem der Betrug besser als die Wahrheit anstehe / oder ob es mehr Kunst dörffte
ein redendes und vernünftiges / als ein todtes Bild zu machen / ja man zugleich
Werck und Werckmeister / Mahler / gemahltes und Gemählde sein könnte? Welchem
Beginnen ihre Einfalt / da man in Deutschland von keiner andern Schmincke / als
reinem Brunn- oder Tau-Wasser wüsste / einige Verfälschung beizumässen nie
gemeint gewest wäre / noch ihr Urtel es zum Laster zu machen vermöchte.
Sintemal eine tugendhafte Frau auf gewisse Art so wohl der Schmincken / als ein
ehrlicher Mann sich falscher Müntze / unschuldig gebrauchen könnte. Denn auch die
wesentliche Schönheit wäre ausser ihrer rechten Anwehrung ein böses Gut / und
schädlicher als keine Schmincke. Die Nattern gläntzten mit Gold und himmel-blau
/ denen zwei annehmlichsten Farben der Welt / und die giftigste Wolffs-Milch
blühete schöner / als die heilsamsten Kräuter. Und die seltzamsten Schönheiten
hätten in der Welt den grösten Schaden getan; welche / wenn sie Tugend und
Keuschheit nicht zum Grunde hätten / nichts bessers / als eine betrügliche
Schmincke; ja auch in ihrer Unschuld oft wie die sonst so heilsame Gestirne der
Monde schädlich wären / in dem beide zu gewisser Zeit durch ihre Strahlen eine
unzehlbare Menge Narren und Krancke machten. Uber diss wäre das schöne nicht so
wohl schön; als was einem ieden gefiele. Die flachnäsichten Weiber wären bei den
Mohren / die gemahlten auf dem Atlantischen Eylande / die fettesten in Egypten
die schönsten. In Africa und auf der Insel Tule würde die höchste Schwärtze der
schneeweissen Farbe weit fürgezogen. In welchem Ansehen denn bei Corint / in
Arcadien / und in der Stadt Tespia der schwartzen Venus Tempel wären gebauet
worden. Also gienge es den Schönheiten wie den Blumen und Balsamen. Was einem
stincke / rüche dem andern wohl; ja die blosse Veränderung des Ortes machte
mehrmals was annehmlich / was anderwerts Eckel verursachte. In des Cicero Grabe
könnte man die köstlichen Saffran-Salben nicht vertragen; hingegen rüchen
daselbst dieselben wohl / die den beschwerlichen Geruch der Erde hätten. Daher
rechtfertigte eine eingewurtzelte Meinung / und die Sitten eines Volckes alles /
was Frembden gleich hässlich oder ärgerlich vorkäme; wenn es nur an sich selbst
nicht lasterhaft wäre. Massen denn hiermit das Armenische Frauenzimmer / so
wohl ihre Schmincken / als das Deutsche ihre Blösse entschuldigen könnte; in dem
in vielen Landschaften das meiste noch finger-nackt / das reichste aber in
leinenen Kitteln / iedoch mit blossen Brüsten und Armen aufzüge / und unter den
Männern in Flüssen ungescheut badete. Hertzog Flavius brach ein: Ich entschütte
zwar auch die schönste Erato alles Fehlers / und glaube: dass eine solche
Vollkommenheit von Schmincke wohl verstellet / aber nicht gezieret werden könne.
Alleine darinnen tut die Fürstin Adelmunde ihrem Vaterlande zu weh / dass sie
die Gewohnheit nackt zu gehen mit der Malerei lebender Menschen vergleichet.
Diese stellt nicht ohne Vermässenheit der Natur durch unzeitige Verbesserung
Mängel aus; sie lescht die Merckmale der Zeit aus /wenn sie die nicht ohne
Ursache mit dem Alter sich findenden Runtzeln verschmiert / und die mit
Ehrerbietigkeit zu verehren würdigen grauen Haare vertunckelt. Die Blösse aber
zeigt die Geschöpfe der Natur in ihrem unverfälschten Wesen / ohne Schmincke und
beschwerliches Gepränge. Diese wäre der ersten Menschen unschuldiges / und noch
der meisten Völcker Kleid; welches etlicher Meinung nach / in kalten Ländern
zwar die Not / mit Bär- und andern Häuten / in warmen aber mehr die Hoffart /
als die Erbarkeit mit Seide und Wolle verwechselt hat. Denn die Erfahrung
erhärtet: dass die Haut des Menschen sich so wohl als das Leder wilder Tiere
wider Hitze und Frost abhärten lässt; ja die von Kind- auf angewöhnte Blösse der
Gesund- und Tauerhaftigkeit mehr vorträg- als schädlich sei. Daher nach einer
blutigen Schlacht zwischen den Persen und Egyptiern jener Hirnschädel ganz
mürbe / dieser aber stein-harte befunden worden / weil die Persen mit blossen /
die Egyptier mit bedeckten Häuptern zu gehen gewohnt sind. Zu geschweigen: dass
zu denen Spartanischen Kämpfen / und den Olympischen Schau-Spielen / alle / die
einen Preis zu erlangen meinten / mit ihren Lehrmeistern nackt in den Schrancken
erscheinen mussten. In dem Eylande Chius ringen jährlich die Knaben und Mägdlein
nackt mit einander. Ja bei vielen Völckern kann der Gottes-Dienst nicht ohne
gewisse Entblössung verrichtet werden. In den Tempel der Vesta müssen die Frauen
/ und wenn man dem Jupiter umb Verleihung Regens opfert / muss ganz Rom
baarfüssig gehen. In dem Elevsinischen Feier werden die verborgensten
Heimligkeiten entblösset / und in Indien glauben die nackte Weisen: dass Gott von
Angekleidete nicht andächtig verehret werden könne. Ich weiss wohl: dass die
Entblössung ins gemein für ein Kennzeichen unverschämter Seelen / und für einen
Zunder der Geilheit beruffen wird; ich bin auch nicht der Meinung: dass die
einmal eingeführten Kleidungen an solchen Orten ohne Aergernüss abgeschafft
werden können; wiewohl die sonst so strengen und ernstaften Spartaner ohn
einiges Bedencken ihre Jungfrauen frembden Gästen entblöst zeigeten. Allein mein
eigenes Vaterland / darinnen mein Geschlechte dem weiblichen / und diss jenem
alle Tage ganz nackt ohne geile Regungen für den Augen herumb geht /und man
selten von einigem Ehbruche hört / welch Laster doch in dem grösten Teile der
Welt nunmehr den Nahmen einer lebhaften Höfligkeit führt / ist Beweises genung:
dass ein nacktes Weib ehe Eckel als Begierden verursacht; und die gäntzliche
Blösse ein sicheres Genesungs-Mittel unkeuscher Begierden ist. Denn die Blösse
ist entweder an ihr selbst hesslich /oder sie hat zum minsten die Schamhaftigkeit
zu ihrer Gefärtin; westwegen die Geilheit gleichsam ihrer Eigenschaft nach
eben so wohl als die Nacht-Eule Hölen und Finsternis sucht. Ein überschwemmender
Strom lescht nicht den Durst / sondern ersäuffet / und die sich selbst
feilbittende Übermass der Wollust hat den wenigsten Zug. Denn wir sind geneigt
nach nichts mehr / als nach der Unmögligkeit zu seufzen / und das erlangte /
oder uns zum Genuss aufgetragene zu verschmähen; ja wenn es schon Wein und
Himmel-Brodt ist / verwandelt es sich auf der Lippe in Wasser und Bitterkeit.
Dass diss auch nicht nur mein und der gefrornen Deutschen Glaube / sondern auch
der hitzigsten Eigenschaft sei / habe ich zu Rom bei einem Gastmahle des
Sestius Gallus erfahren. Die Zimmer waren mit den geilesten Gemählden / die
Taffel mit reitzenden Speisen und mit keinem Geschirre besetzt /welches nicht
einen Ehbruch in die Augen warff. In die Seitenspiele wurden die üppigsten
Lieder gesungen; und zur Taffel bediente die Gäste eitel nacktes Frauenzimmer;
gleich als wenn die Schwelgerei an ihr selbst allzu wenigen Trieb hätte.
Gleichwohl aber ward der Meister der Wollust Tiberius dieser nackten Dirnen so
bald als ich überdrüssig / und musste Gallus den lüsternen Tiberius mit andern
Weibern vergnügen / welche weder alles weisten / noch verbargen. Denn ein ganz
nacktes Weib gleicht einer Biene / welche mit dem ersten Stiche ihren Stachel
eingebüsst hat. Hingegen ist die Liebe nach nichts lüsterner / als was nicht gar
/ doch grösten teils für den begierigen Augen verhölet wird. Und der wollüstige
Tiberius pflegte zu sagen: Ihn vergnügte weder eine geschleierte Vesta / noch
eine nackte Venus. Denn jene weiste der Wollust zu wenig / diese zu viel. Eine
nackende Kehle schärffet ihren Hunger / den ein nackter Bauch übermässig
sättigt; und man hat mehr Beispiele: dass einen ein nackter Fuss / als ein ganzes
Gemach voll nackend badender Weiber verliebt gemacht habe. Denn weil die
Einbildung alles vergrössert / das Gesichte verkleinert; lassen sich unsichtbare
Dinge leichter zum Abgotte machen; und was das Auge noch nie in seinem engen
Kreisse beschlossen / gar schwer aus dem Hertzen verbannen; so gar: dass auch
selbst die Sonne / umb ihr Ansehen zu behalten / sich des Jahres unter die Erde
und hinter die Wolcken mehr verbirgt / als zeigt / und über diss mit ihren
Strahlen verhindert: dass man ihre feurige Berge und Seen nicht eigentlich
schauen kann. Rhemetalces fiel dem Flavius bei / und meldete: dass seine
Stiefmutter Ada / welche mit Rechte der Wollust oberste Priesterin sein könnte
/bei ihren unkeusche Gastmahle endlich selbst die Aufwartung nackter Dirne
abgestellt hätte / weil sie dardurch weniger gewürcket / als ihre Einbildung ihr
anfangs Vertröstung gemacht hatte. Denn die Blösse ist ein Verräter der
Ungeschickligkeit / und aller Mahle / welche so wohl den schönsten Frauen / als
die Flecken den grösten Gestirnen ankleben; also dass oft für die Serischen
Könige / welche aus einem törichten Aberglauben kein Weib mit einem Mahle
heiraten dörffen / in seinem das Römische Reich an Weite übersteigenden Gebiete
/ kaum eine soll aufgefunden werden können. Die Schminckung herentgegen ist so
viel schädlicher gegen der Entblössung / als die Heuchelei gegen dem Neide. Denn
wie dieser die trockne Wahrheit sagt / jene die Laster zu Tugenden macht; also
hält diese schädliche Malerei der Hässlichkeit eine Larve der Schönheit für und
läst sie ihre abgöttische Liebhaber als eine Gotteit anbeten. Sie stielet dem
Altar die Jahre / wenn sie ein funfzig-jähriges Weib als eine zwantzig-jährige
Dirne aufstellt; also dass sie des Nachts nach abgewaschener Farbe ihre
selbsteigene Gross-Mutter sein könnte; folgenden Tag aber wieder ein kaum etliche
Stunden altes Antlitz zu zeigen hat. Auf solche Art macht sie die Zähne der Zeit
/ welche doch Eisen und Kiesel zermalmen /stumpf. Weder Kälte noch Hitze weiss
ihre Rosen und Lilgen bleich zu machen; weil der Pinsel alle Morgen erstattet /
was der vergangene Tag verzehret hat / und sie den Verlust ihrer jungen Jahre
aus einem alabasternen Nabbe wieder herfür sucht; ja die Unmögligkeit / nämlich
in einem Jahre das greise Alter und die blühende Jugend zu vermählen überwindet.
Sie macht ihr eigenes Antlitz zu einer Leiche / welches sie in den Gestanck der
todten Farben vergräbet. Denn so tieffsinnig gleich der geschminckten Anmut
ist; kann sie doch für nichts bessers / als für eine scheinbare und tägliche
Beerdigung der Verblichenen Schönheit gehalten werden. Ja die / welche an
solcher Färberei Belieben trägt / macht die Annehmligkeit das kostbare
Geschencke der Natur unter einer falschen Waare im Kramladen feil; gleich als
wenn blaue Lippen /bleiche Wangen und ein gelber Hals sich durch den sonst den
Todten zum ersten gewiedmeten Balsam so wohl lebhaft machen / als die Leichen
für Fäulnüss erhalten / und durch Artznei ein Feber vertreiben liesse; oder die
Schönheit ein Gemächte hesslicher Hände sein könnte. Gleichwol aber dringet sie
diss ihr eigenes Geschöpfe nicht nur ihren Anschauern / sondern ihr selbst zum
Abgotte auf / wenn sie ihr bei ihrer Bespiegelung so sehr gefällt / und auf
einmal Buhler und Buhlschaft abgibt. Kein Vermögen wird durch einige
Verschwendung von iemanden liederlicher weggeworffen / als von Weibern / derer
begierige Schönheit noch gestern in einer Krause steckte / die alle Tage ihnen
ein neu Gesichte kauffen / und zahlen müssen. Sie vereinbaren ihre alte Jahre
mit der Jugend / und mit einem dem Alter sonst so verhassten Laster der Jugend /
nämlich der Verschwendung. Denn keine Schmincke ist einem alten Weibe zu teuer
/ die gerne jung zu sein schiene / wie geschwinde gleich dieses Mahlwerck
abgehet. Kostbare Kleider währen noch etzliche Zeit / Perlen und Edelgesteine
verlässt man den Erben; Salben aber verrauchen augenblicks in die Lufft / sind
ein todtes Wesen; haben auch wenig andere Güte an sich; als dass sie der
Verschwender nicht alleine / ja / weil der durchziehende Geruch bald
unempfindlich wird / am wenigsten geneusst; keine Missgunst aber ihren besten
Genuss seinen Nachbarn entziehen kann. Dahero Lycurgus die so kostbaren und leicht
entpehrlichen Balsam-Krämer als verschmitzte Diebe / und Vertreiber guter Sitten
aus Sparta / Licius Crassus und Lucius Julius Cäsar sie aus Rom zu jagen
erhebliche Ursache gehabt haben; wiewol meinem Bedüncken nach / alle Verjagte
gegen meiner verschwenderischen Stief-Mutter Kinder gewesen sind / welche einem
Syrier sechs Talent für das Geheimnüs aus Wallsisch-Saamen und Bohnen-Wasser
eine das Antlitz verzärtelnde Salbe zu machen gab / und oft eine Schachtel-voll
Schmincke mit zweimal so viel wiegendem Golde bezahlte /ja selbst gestand / oder
sich vielmehr selbst rühmte; dass sie durch ihre Balsame Jährlich mehr / als
ganz Assyrien und Africa ihrer Göttin der Lufft opferte /und zu ihren
Schmincken mehr / als ihr Gemahl des Bacchus oberster Priester zu allen Opfern /
und der König Rhymetalces zu Besoldung seiner starcken Leibwache verwendete.
Salonine fieng an: Es ist glaublich / und traute ich mir selbst diese Ausgabe
zimlich hoch zu bringen / nach dem ich einer Frauen Rechnung gesehen / welche
bei fünf-hundert trächtige Eselinnen Jahr aus / Jahr ein unterhielt; dass sie
sich täglich in ihrer Milch badete / weil sie die Haut weiss und gezüge machte.
Flavius fiel ein: diese Ausgabe gienge noch hin; dis aber wäre eine verfluchte
Verschwendung: dass die Käyserin Livia aus Deutschland / Gallien und Pannonien
etliche tausend säugende Frauen auffangen / und nach Rom bringen / diese aber
aus den Brüsten die ihren Kindern geraubte Mutter-milch in silberne Wañen
spritzen lassen / daraus sie sich / in Meinung: diese Milch würde weisser / als
Esels-Milch machen / mit andern unzüchtigen Römerinnen hernach gebadet hätte.
Rhemetalces fiel ein: Es ist dis keine Römische Erfindung / sondern die Fürstin
Ada brachte dieses Milch-Bad / als was altes /aus Comagene / und zwar noch mit
dieser Verbesserung mit: dass kein ihre Milch zinsendes Weib über fünf und
zwantzig Jahr alt sein dorfte / alle aber weisse Haare haben mussten. Hertzog
Zeno fieng hierüber laut anzulachen / und sagte Rhemetalcen ins Ohr: Ich weiss
wohl: dass die alten Griechen aber irrig gegläubt: es hätten die hitzigen Mohren
und Indianer wie schwartze Nägel / also auch schwartze Zeugungs-Krafft. Sintemal
sie nicht nachgedacht: dass diese ein Schaum / aller Schaum aber weiss sei / noch
auch an den Mohren die allerweissesten Zähne wahrgenommen haben. Dis aber habe
ich noch nicht gehöret: dass ausser der Fürstin Ada jemand der schwartzhärichten
Weiber Milch für schwärtzer / als der weissköpfichten gehalten hat. Rhemetalces
versetzte gegen dem Zeno: Unsere Bäuerinnen rühmen vielmehr die Milch der
schwärtzesten Kühe für die weisseste; und fuhr fort: Meine Stief-Mutter Ada aber
bereitete nach der Zeit ein abscheuliches Purper-Bad. Deñ als ihr erstgebohrnes
Kind zwei Jahr alt ward / liess es die gerechte Göttliche Rache in eine heftige
Kranckheit fallen /welches etliche Aertzte für den Aufsatz hielten; Uberdis
schlug noch die hinfallende Sucht zu / umb vielleicht dieses wollüstige Weib zu
prüfen: ob es so wenig Mütterliches / als Menschliches an sich habe. Alle
Artzneien wurden ohne Frucht angewehrt / und daher wollte Ada verzweifeln; riss
ihr also die Haare aus dem Kopfe / lief mit dem Kopfe wider die Wände / und
vergass zu grossem Wunder auch so gar sich zu schmincken; also dass vielleicht
Rhascuporis dismal das erstemal das kleine Licht ihres Antlitzes zu sehen bekam
/ weil er vorher nur seine schöne Laterne gesehen / und an seiner Gemahlin
niemals vorher zweimal einerlei Mund geküsst hatte. Daher nam Ada zu allerhand
abergläubischen und zauberischen Mitteln ihre Zuflucht. Alle Jäger und Förster
in Tracien wurden befehlicht eine abgescheelete Haut von einer sprencklichten
Heidechse / als ein unfehlbares Genesungs-Mittel zu verschaffen; weil aber
dieses schlaue Tier solche Haut / nachdem es sie abgeworffen hat / eben so bald
/ als die Stutten das mit dem Füllin gebohrne Stücke giftigen Fleisches
verschlingen soll / war keine nirgends zu finden. Endlich riet ein Artzt: Man
sollte von einem zum Tode verdammten dem Kinde Menschen-Blut / oder von daraus
gebrennten Geist einflössen. Ein Comagenischer Verschnittener aber meinte: Es
wäre ratsamer: dass es im Blute junger Knaben gebadet würde. Ob nun zwar ihrer
viel diese grausame Artznei widerrieten / musste doch der Fürstin Ada Befehl /
welche ihrer Vergnügung halber alle Tracier geschlachtet hätte / vollzogen /
etliche hundert Kinder-Räuber ausgeschickt / welche etliche hundert Kinder denen
bestürtzten Müttern aus ihrer Schoos und von den Brüsten raubten / hernach ihnen
die Adern schlugen; und derogestalt zwar die meisten jämmerlich umbs Leben
brachten / dem darinnen gebadeten Sohne der Ada aber seines dardurch nicht
erhalten konten. Wolte GOtt aber! dass dieser unglückliche Gebrauch der
Blut-Bäder ihr eine Abscheu für mehrern gemacht hätte / oder dass dis das gröste
gewest wäre. So aber fieng ihre Grausamkeit / die gemeine Schwester der Wollüste
/ als ein Kind an den Kindern an; dass sie bei ihrer Mannbarkeit hernach in
Abschlachtung der Männer so viel besser fortkäme. Massen sie denn leider! ganz
Tracien mit einem so roten Meere überschwemmet hat: dass es noch nicht heraus
schwimmen kann. Es wäre genung gewest: dass sie nicht nur den Tracischen Hof / in
welchem viel Wollüste noch nicht Bürgerrecht gewonnen hatten /oder doch noch mit
der Einfalt in Verträgligkeit lebten / sondern auch das ernste Tracien mit
tausenderlei neuen Uppigkeiten ansteckte. Denn weil das Volck ihm für Ehre
schätzt ein Affe seines Fürsten zu sein / tut es ihm seine Ungebehrden begierig
nach; weil es irrig glaubt: dass der Diamant dem Gifte; und hoher Stand den
Lastern seine Schädligkeit benehme. Die Neuigkeit strich ihnen eine so schöne
Farbe / als Ada ihren Wangen an; also dass sie die Tugend / wie der aus Kupfer
gemachte Gläntz-Firnis das Gold beschämete; und die einfältigen Tracier sich
über ihrem Verterben ergetzten / auch nunmehr allererst / wie die zur Zeit des
vom Jupiter enttröneten Saturns lebten /den Anfang der doch gleich
verschwindenden güldenen Zeit erlebt zu haben vermeinten. Denn weil alle
Veränderung beliebt ist / haben alle neue Dinge eine ansehliche Stirne / und
einen köstlichen Geschmack. Die Früh-Aepfel schmecken / die Winter-Rosen rüchen
am süssesten / und den verwähnten Nasen der Araber reucht ihr herrlicher
Weirauch / Myrrhen /und Aloe nicht so wohl / als dem schlechten Syrischen Gummi /
den sie in Bockhäuten verbrennen / und darmit einen fast unerträglichen Gestanck
erregen. Bei welcher Bewandnüs sich nicht zu verwundern ist: dass die guten
Tracier auch ihnen die mit einer sonderbaren Leutseeligkeit und Freigebigkeit
vermumten Laster von der Priesterin Ada aufdringen liessen; welche nicht selten
den Tugenden so ähnlich sind: dass Socrates beider Unterscheidung für den Kern
der Weissheit gepriesen hat. Im Fall aber die Wissenschaft der Laster den Namen
einer Weissheit verdienet; ist für meiner Stief-Mutter kein Weltweiser in der
Welt gewest. Denn sie hatte durch ihre Scharfsinnigkeit und Ubung alle ihre
Geheimnisse durchkrochen; Ihre Eigenschaften und Kräften wusste sie vom höchsten
zum kleinsten / wie Salomon aller Gewächse von der Ceder an /bis zu dem an der
Wand wachsenden Moosse auf einen Nagel. Der Ehrsüchtigen Herrschsucht / welche
wie der Krocodil niemals zu wachsen aufhört / räumte sie als einer Königin eine
unverschrenckte Botmässigkeit über ihr Gemüte ein; also / dass die andern Laster
dieser als schlechte Mägde blinden Gehorsam leisten mussten / und von ihr als
Leibeigene an der Kette geführt wurden. Diesemnach demütigte sie ihre im
Hertzen steckende Hoffart zu deren demütigsten Ehrerbietungen anfangs gegen
ihren Gemahl Rhascuporis / hernach gegen dem Könige Rhymetalces / und der
Königin Parysatis. Als sie aller dieser Gewogenheit erworben / trachtete sie
nunmehr über sie und ganz Tracien den Meister zu spielen. Denn sie meinte
durch ihre Heuchelei der Tugend schon so ferne zu Kopfe gewachsen zu sein: dass
sie ohne Argwohn böses tun könnte. Sie stand lange Zeit im Zweifel: ob sie ihre
Herrschaft auf Rhemetalcen / oder den Rhascuporis gründen / und also diesem
oder jenem das Licht ausleschen sollte. Darinnen aber ward sie bald mit ihr
selbst eines: dass auf beide Fälle Parysatis gestürtzt; und weil zu diesem Gewebe
viel Fädeme abzuspinnen sein / keine Zeit / als der teuerste Verlust versäumet
werden müste. Gift schien ihrer Mord-Lust das geschwindeste und sicherste
Mittel zu sein. Daher liess sie durch einen Comagenischen Verschnittenen der
Königin Sattel-Knopf auf ihrem Zelter vergifften / darauf sie mit dem Könige auf
die Jagt ritt. Weil aber selbter mit einer seidenen Decke belegt ward /
Parysatis auch ihre Handschuch nicht auszoh /und den Sattel-Knopf mit blosser
Haut nicht berührte / ward dieser Anschlag krebsgängig. Dieser Verschnittene
bereitete hierauf ein paar Handschuch; aber Ada hielt diese Art zu gemein; und /
weil sie so wohl mit Einbisamung umbzugehen wusste / allzu verdächtig. Wenig Tage
hernach fiel das Feier des Taygetischen Bacchus ein / an welchem alleine die
Priesterinnen den Gottesdienst verrichten / und kein Mann / ja der hohe Priester
selbst nicht in Tempel kommen darf. Weil nun den Lastern nichts / als die
Andacht einen scheinbaren Firnüs anstreicht / ward sie schlüssig /den gesegneten
Wein zu vergifften / welcher auf diesem Feier des Bacchus denen Opfernden in
Crystallene Schalen aus einer zimlichen Menge silberner Krüge / derer jeder
zwölf Schalen füllt / eingeschencket wird. Zu diesem Ende liess sie darunter
einen silbernen Krug mit einem Unterschiede fertigen; also /dass man daraus nach
Belieben und ohne einige Vermischung zweierlei Wein einschencken konnte. Sie
selbst / als oberste Priesterin hatte dieses Ampt zu verrichten / und konnte also
darmit nach Belieben verfahren / sonder / dass einem andern Menschen das mindeste
hiervon vertraut werden dorffte. Sie selbst goss eigenhändig den vergiffteten und
andern Wein in den Krug / und setzte ihn an den gewöhnlichen Ort neben das
Altar. Als Ada aber mit Anzündung des Opfers und Beschauung der Eingeweide
beschäfftiget war / sprang eine glüende Kohle vom Brand-Altar auf den Tisch /
neben den gesegneten Wein. Weil nun das den Tisch bedeckende seidene Tuch zu
glimmen anfieng / ging ohne Anmerckung der Ada eine Priesterin dahin den Brand
zu leschen; und damit verwechselte sie den ersten silbernen Krug; also dass Ada
nach dem Opfer der Königin Parysatis und allen andern grossen Frauen des Hofes
vom guten Weine in die dazu bereitete Schalen einschenckte. Die andern Krüge
verschenkten die übrigen Priesterinnen / und traf das Unglück selbst sechs
Comagenische Dirnen aus der Ada Frauen-Zimmer; welche / weil das mit Fleiss zu
langsamer Würckung bereitete Gift erst auf die folgende Nacht zu würcken
anfieng / folgenden Morgen todt im Bette gefunden wurden. Ada erschrack nicht so
wohl über dieser ihrer Getreuen erbärmlicher Hinrichtung / als sie dieser
unbegreifliche Irrtum verdross. Denn die Bosheit ist so wohl der Freundschaft
/als des Mitleidens unfähig / und die Narben ihres oft verletzten Gewissens
waren mit einem solchen Knorpel überwachsen: dass sie so wenig im Hertzen Fühle
/als in ihrem Gesichte Schamröte hatte. Ob sie nun zwar in ihrem Frauen-Zimmer
eine mit Napel und anderm Gifte auferzogene Dirne hatte / welche wie jene
giftige Indianerin bei nahe dem grossen Alexander getan / ihr zu Dienste schon
etliche Höflinge mit ihrem Ateme getödtet hatte / so liess sich doch dis der
Königin schwer anbringen / und Ada selbst hielt nicht für ratsam ein zweimal
fehlendes Mittel das drittemal zu versuchen. Ihre Laster aber / daraus sie
fürlängst ein Handwerck gemacht hatte / gaben ihr viel ein schlimmers ein; als
wordurch sie nicht nur das Leben und die Ehre der Königin Parysatis / sondern
auch ihres eigenen Gemahles Rhascuporis auf die Spitze setzte / und noch darzu
in ihrer Seele die heftigste der Weiblichen Regungen / nämlich die Eyversucht
tödten musste; welche doch allen Menschen /ja so gar auch unvernünftigen Tieren
angebohren ist / und die eiversüchtigen Hirschen so quälet: dass ihnen davon
Würmer in ihren Geweihen wachsen. Es war in der Königin Frauen-Zimmer eine edle
Albanierin / welche ihrer Schönheit halber gleichsam ein Begrif aller
Vollkommenheiten genennet werden konnte. Denn sie hatte schneeweisse Haut / Zähne
und Nägel /schwartz-braune Augen und Augenbrauen / rote Lippen / Wangen und
Haut unter den Nägeln / lange krause Haare / Hände und einen gestreckten Leib
/einen kurtzen Bauch / erhobene Backen / niedrige Zähne und Ohren; eine breite
Stirne und Schultern; einen engen Mund / und aufgelauffene Lefzen / die
Augenbrauen von einander unterschieden; länglicht rundte Finger / eine dünne
Nase / einen kleinen Kopf /Füsse / und kleine rundte Brüste. Dieser seltzamen
Gestalt halber war sie am ganzen Hofe hoch gesehen; insonderheit aber hatte sie
das Hertze der Königin Parysatis gewoñen: dass sie nichts ohne sie tät / sondern
alle ihre Geheimnisse gleichsam in Verwahrung hatte. Weil nun der Priesterin Ada
zu ihrem Anschlage an derselben Wissenschaft nicht wenig gelegen war / und sie
durch keinen geschicktern Werckzeug /als Eriphylen die Königin zu leiten
getraute / bewarb sie sich durch Geschencke und Liebkosungen aufs eifrigste umb
Eriphylens Freundschaft; nam sie dardurch auch so ein: dass sie von Hofe täglich
in Tempel / und daraus zur Ada kam. Beider Verträuligkeit ward mit der Zeit so
gross / als sie kaum zwischen Schwestern hätte sein können. Bei dieser
Gelegenheit warf Rhascuporis auf Eriphylen ein Auge / und Ada selbst / welche
ihre Schönheit und Gemüts-Gaben nie genung gegen ihrem Gemahl herauszustreichen
wusste / trug selbst embsigst Holtz zu diesem Feuer; welches endlich so sehr zu
Schwunge kam: dass Rhascuporis unterschiedene mal mit allen Versuchungen /damit
ein Weiblich Hertze überwunden werden kann /an sie setzte; welche aber entweder
aus Furcht für seiner Gemahlin Ada / oder weil sie ihre Woltäterin durch diese
Untreue zu beleidigen für ein zu grosses Laster hielt / auf solch Eis nicht
trauen wollte / sondern dis Anmuten endlich der Ada selbst entdeckte /und umb
Erlaubnüs sich ihres Hofes zu entschlagen anhielt. Eriphyle / an statt / dass sie
von der Ada einen grossen Danck und Ruhm erwartete / ward von ihr mit einem
Gelächter bewillkomt. Sie schalt ihr Bedencken eine Alberkeit / und ihre
Weigerung einen Hochmut / weil sie nicht nur sich der Süssigkeiten der Liebe
beraubte / sondern auch einem zu gebieten Macht habenden Fürsten so billiges
Verlangen abschlüge. Ohne den Geschmack der Wollust wäre alle Empfindligkeit des
Menschen stumpf / im Frauen-Zimmer aber gar todt; welche in allem andern den
Männern nachgäben / in dieser Ergötzligkeit aber alleine überlegen wären.
Diesemnach wäre die nicht recht bei Sinnen / die der Zeit / der Gelegenheit /
und dieses Vorteils sich nicht bediente. Wenn aber ja die Beliebung der Liebe
eine Torheit sein sollte / wäre es die geringste. Denn man wäre darmit nur ihm
selbst nicht klug / gleichwol aber nicht gram / worinnen die gröste Torheit
bestünde; Andern aber klug sein /wäre schon eine auskommentliche Weissheit.
Uberdis verhinge das Glücke uber uns auch in der Liebe so seltzame Tage und
Zufälle / aus denen die Tugend sich selbst nicht auszuflüchten wüste. Unter
diesen aber wären dis die wichtigsten: wenn Fürsten über uns was gebäten. Denn
weil diese über unsere Güter / Ehre und Leben / Gewalt / und aller Dinge
oberstes Eigentum hätten / gehörete ihnen auch der Gebrauch unsers Leibes.
Königlich Geblüte hätte Verwand- und Eigenschaft mit dem der Purpur-Schnecken /
welche wohl färbten / aber nicht fleckten. Westwegen ihnen was versagen keine
Keuschheit / sondern ein Frost der Seele / ja gar ein Laster wäre. Daher / im
Fall Eriphyle sie liebte / und ihre gegen sie Zeiter beteuerte Neigung nicht
das Ansehen einer Heuchelei bekommen / sondern den Strich der Treue und die
Farbe unverfälschter Freundschaft halber halten sollte / müste sie dem
Rhascuporis keinmal mehr ungehorsam sein; hierdurch aber ihre gegen Eriphylen
tragende Gewogenheit nicht für geringer schätzen / als welche Cato dem
Hortensius durch Abtretung seiner Martia bezeuget hätte. Eryphile hörte dieser
Fürstin mit so grosser Befrembdung zu: dass sie für Verwunderung hätte zum Steine
werden mögen. Sie sah sie mit einem langen Stillschweigen starr an / umb aus
ihren Gebehrden die Auslegung ihrer unbegreiflichen Worte zu nehmen. Denn sie
könnte ihr nichts wenigers einbilden; als dass sie nicht nur zu ihres Gemahls
frembder Liebe eine Auge zudrücken / sondern seine selbst-eigene Kuplerin sein
sollte. Daher bildete sie ihr festiglich ein: Ada wollte nur ihr Gemüte ausholen
/ und ihre Treue prüfen; antwortete sie ihr also: Sie möchte ihr nichts zumuten
/ wordurch sie zugleich ihre Keuschheit als Woltäterin beleidigte. Je höher der
Stand und die Sterne / je sichtbarer wären die Laster und Flecken. Ja kein
Gestirne schwärtzte mehr / als die Sonne / das wahre Ebenbild der Fürsten. Daher
sänckten die vom Taue trächtigen Muscheln nach ihrer Empfängnüs sich in die
Tieffe des Meeres bis auf den Grund / womit ihre Perlen nicht von den
Sonnen-Strahlen fleckicht würden. Diese keusche Muscheln wären die edelsten
Lehrmeisterinnen keuscher Seelen / wie sie für den Sonnen dieser Welt sich
anstellen / und sich die ins gemein in bittern Hass ausschlagende Hold auf keinen
Irrweg sollten verleiten lassen. Alleine Ada wusste Eriphylen die Wollust so zu
verzuckern: dass sie ihr selbte für das Saltz des Lebens / und für eine solche
Süssigkeit einredete / ohne welcher Genuss jeder vergehender Tag dem Leben
abgestohlen würde. Die von ihr besorgte Eyversucht redete sie durch viel
Beteuerungen und vorgebildete Schuldigkeit der Ehfrauen aus / welche ihre
Männer nicht nur mit ihrem eigenen Leibe / sondern auch mit frembden Schönheiten
zu vergnügen; ja ihnen zu Liebe alle Verdrüssligkeit gefallen zu lassen / und aus
dem selbst-ständigen Eckel wie die Bienen aus herben Kräutern süssen Honig
saugen sollten. Denn ein Weib sollte von keiner andern Wollust wissen / als die
ihr Mañ genüsse. Daher müste sie dem Fürsten Rhascuporis / oder vielmehr ihr
selbst die Ergötzligkeit nicht entziehen / welche ihr durch das Röhr ihres
Gemahls in das empfindlichste ihrer Seele flössen würde; wo sie nicht anders
durch törichte Hartneckigkeit das Glücke mit Füssen von sich stossen / des
Fürsten Rache / und ihre Ungenade mit den Haaren zu sich ziehen wollte. Mit einem
Worte: Eriphyle ward überredet oder gezwungen in des Rhascuporis Willen zu
kommen; Und weil die Wollüste denen am süssesten schmecken / denen zum ersten am
meisten dafür geeckelt hat; ja frembdes Wasser meist besser / als eigener Wein
schmeckt; verknüpfte die Liebe beide so feste zusammen: dass eines ohne das ander
nicht länger zu leben getraute. Weil nun die anfangs behutsamen Laster endlich
sicher / und damit unvorsichtig werden /merckte der ganze Hof dieses Geheimnüs
/ nur allein Ada war mit sehenden Augen blind. Sie liebkosete dem Rhascuporis
mehr als jemals vorher / und wormit sie gleichwol seine anderwerts hin
gewiedmete Kräften nicht auf ihren Acker leitete / nam sie sich eines Gelübdes
an / ein ganz Jahr lang des Tesmophorischen Gottesdienstes abzuwarten; welche
Andacht nur von Frauen / die sich ihrer Männer enteuserten / wie die
Elevsinische von derogestalt lebenden Männern vollzogen werden konnte. Sie
schlief destalben auch mehrenteils im Tempel der Ceres auf gewissen Kräutern /
welche der Geilheit widerstehen / und zur Keuschheit dienlich sein sollen.
Hingegen liess sie bei allen Mahlzeiten dem Rhascuporis und Eriphylen in Pasteten
Fleisch von denen Egyptischen und dem Crocodil ähnlichen Heidechsen mit
unterhacken / und die daraus gezogene Krafft mit dem schmeckenden Weine aus
Chius vermischen / welche allen andern Zunder der Geilheit übertreffen soll.
Wenn auch Eriphyle ihre Begierden mit dem Rhascuporis abgekühlet hatte /
empfieng sie Ada mit höchster Freude und Freundligkeit / umbarmete / halsete und
küsste sie; und danckte ihr für die ihrem Gemahl geschafte Vergnügung. Sie
nötigte Eriphylen in ihr Bette / nennte sie ihre Buhlschaft / und brachte sie
durch ihre Liebkosungen so weit: dass sie ihr allemal die gepflogenen Geilheiten
umbständlich erzählen musste. Darüber schöpfte Ada / ihrem Vorgeben nach / mehr
Ergötzligkeit / als Eriphyle in der eigenen Wollust. Denn sagte sie: dein Leib
alleine hat des Rhascuporis genossen / ich aber genüsse sein in der Seele durch
eine kräftige Einbildung; und du selbst wirst empfinden: dass die Wollust ein
flüchtiger Schatten sei / wenn sie nicht vorher durch den Vorschmack des
Verlangens /hernach durch süsses Andencken des genossenen tauerhaft gemacht;
und ihr empfangenes Himmelbrod nach dem Genüsse durch Einbildung gleichsam
gekäuet / und in Safft und Blut des Gemütes verwandelt wird. Die Natur lehret
uns selbst diesen geistigen Gebrauch der Wollüste / wenn sie sie uns in Träumen
oft kräftiger eindrucket / und mit häuffigerm Uberflusse überschüttet / als wenn
wir uns wesentlich mit ihr begatten. Derogestalt brachten Ada und Eriphyle mit
ihren unkeuschen Erzehlungen manche ganze Nächte und halbe Tage zu; und ihre
geile Betastungen waren gleichsam die Nachgemählde oder der Widerschall der
vorher begangenen Ehbrüche; nur dass Eriphyle beim Rhascuporis sich selbst / bei
der Ada den Rhascuporis fürstellte; welche jener noch täglich neu ausgedachte
Arten der Geilheiten an die Hand zu geben sich befliess. Atalanta hingegen der
Ada Hofemeisterin hätte für Ungedult zerbersten mögen / als sie Eriphylen zur
Gemahlin / die Fürstin Ada aber zu einem unempfindlichen Steine werden sah.
Denn weil eine aus dem Bette verstossene Frau ins gemein vorher schon aus dem
Hertzen verbannet ist / hernach auch das Haus räumen muss / stellte ihr Atalanta
mit der Fürstin Ada Untergange schon ihren eigenen Schiffbruch für Augen. Bei
diesem Unmute erkühnte sie sich die Ada zu fragen: ob sie bezaubert wäre: dass
sie Eriphylen ihre ärgste Feindin / den Raubvogel ihrer Ehre / die Vergällerin
ihrer Vergnügung noch auf den Händen trüge; und durch ihre mehr / als
knechtische Gedult einer Ehbrecherin den Weg zur Herrschaft / ihr selbst aber
zum Grabe bähnte? Ada antwortete ihr lächelnde: Ich sehe wohl / Atalanta / dass du
dem Fürsten Rhascuporis grämer bist / als jene Atalanta dem Arcadischen wilden
Schweine / welches sie mit eigener Faust erlegte. Ich weiss aber nicht: ob du mir
damit mehr wohl / als übel wilst. Du bildest dir ein: Rhascuporis liebe
Eriphylen. Vielleicht ist es eine blosse Einbildung. Die Eyversucht sieht mehr
als wahr ist; wie die Liebe weniger. Sie hat Misstrauen gegen die im Zimmer
schleichenden Mäuse; und wünschet: dass alles aus ihr / ja die Flöhe selbst
verschnitten wären. Sie machet die Tapezereien zu ihren Neben-Buhlern / und
glaubt: dass ihr Ehmann sich in die darein gestickte Bilder verliebt habe. Daher
ihr auch eine marmelne Diana / wie keusch und kalt sie ist / den Schlaff
verstöret / wenn er sie den Tag vorher eigen angesehen hat. Atalanta fieng
hierüber anzuruffen: Ihr Götter! hat die sonst so scharfsinnige Ada alleine
Maulwurfs-Augen: dass sie nicht sehe / was ganz Tracien mit Händen greifft? dass
sie nicht glaubt / was der Pöfel auf den Gassen singt / und woraus der üppige
Hof ein Gelächter macht? meint sie: dass wenn Eriphyle mit dem Fürsten
Rhascuporis auf die Jagt fährt / und Ada zu Hause nähet / sie mehr mit den
Hunden das Wild / als mit ihren Begierden ihren Wunsch verfolgen? Glaubt sie
Einfältige: dass /wenn sie vom Morgen bis in die Nacht sich in die Einsamkeit
eines Lustauses versperren / sie einander in der Welt-Weissheit unterrichten?
Einfältige! die Gelegenheit unterrichtet unwissende Kinder / verführet die
Unschuldigsten auf den gebähnten Weg der schlüpfrigen Wollüste; und die
Einsamkeit / welche sonst keinen andern Gefärten verträgt / halset und küsset
sich mit der Liebe / als einer behäglichen Einsiedlerin. Sie ist eine so
gefährliche Gefärtin: dass ihr die Natur selbst misstrauet / und in Mutter-Leibe
die Zwillinge ungleichen Geschlechtes von einander absondert. Ada versetzte: Ich
sehe wohl / Atalanta: du habest dich mit deinem Argwohne so vermählt: dass du die
Warheit selbst für ein Kebs-Weib halten würdest. Denn die Eyversucht ist nicht
weniger hartneckicht /als leichtgläubig. Ihre umb das Haupt hängende Schlangen
zischen ihr unaufhörlich neue Mähre in die Ohren / und Argwohn ins Hertze. Sie
schäumen ihr Gift auf die reinesten Lilgen / und Galle in die ruhigsten
Gemüter. Sie beissen mit ihren Zähnen die festesten Bänder der Hertzen entzwei
/ und zertrennen den unzertrennlichen Ehstand. Die Eyversucht schwärtzet mit dem
Rauche ihrer höllischen Fackel den guten Nahmen / und vertunckelt die
vollkommenste Tugend. Ihre Flamme ängstigt den Leib mit einem nie aufhörenden
hitzigen Feber / und das süsseste Leben verwandelt sie in einen Brand der
verzweifelnden Unholden. Ihr blutiges Schwerdt sencket sie in ihre eigene oder
dessen Eingeweide / den sie vor am eifrigsten geliebt hat; braucht es aber
hernach zum Spiegel seines abscheulichen Lasters; besiehet darinnen die Wunden
ihres Hertzens / und die Flecken ihrer Seele. Ja sein falscher Widerschein
stellet ihr den gestrigen Abgott heute als ihren Hencker / du aber meinen
Rhascuporis als meinen Feind für / welchen ich nicht ohne Grund als meinen
Gemahl und Liebhaber verehre. Nein! nein! Atalanta / störe nicht die Ruhe meines
Gemütes / und vergälle nicht die Süssigkeit meines Ehstandes mit der entweder
unnötigen oder unnützen Eyversucht; welche nicht in meiner zarten Seele /
sondern nur in einem unmenschlichen Hertzen / wie das den grossen Alexander
tödtende Gift in Pferde-Huf beherbergt werden kann. Hilf Himmel! rief Atalanta.
Hat die scharfsinnige und empfindliche Fürstin Ada nun nicht nur das Gesichte
/sondern auch die Fühle verloren; welch letzter Sinn doch allen Tieren gemein
ist / und dem kleinsten Gewürme nicht fehlet? Hältest du für keinen Verlust: dass
Eriphyle den Kern der Liebe vom Rhascuporis einerndtet / dir aber leere Hülsen
lässt? Schätzest du für keinen Verlust der Ehre: dass dein Gemahl dich als eine
Unwürdige einer Magd nachsetzt; der Pöfel aber als auf eine Verschmähte mit den
Fingern weist? Ada begegnete ihr: du selbst steckst in einem grossen Irrtume /
Atalanta / wenn du meinst: dass eine Gemahlin der Geilheit halber / nicht wegen
Fortpflantzung der Geschlechter geheiratet werde; und dass unsere Ehre des
Pöfels oder eines andern Willkühr unterworffen sei. Frembde Laster können uns
wohl weh tun / aber nicht unehrlich machen; wie man aus eines andern Tugend wohl
Freude / aber keinen Ruhm schöpfen kann. Atalanta brach ein: Die grossen Gestirne
werden zwar auch wahrhaftig nicht verfinstert; gleichwol aber verstellet der
Schatten der Erde den Monden / und die Dazwischen-Tretung des Monden die Sonne
in unsern Augen. Die Verläumbdung halset einem nur ertichtete / nicht wahre
Laster auf; Gleichwol aber wird diese als eine Beschimpfung mit Rechte geantet
/ und mit Eyver gerochen. Ist das Beginnen des Rhascuporis und Eriphylens nun
nicht mehr /als eine wörtliche Verunehrung? Man gäb es aber nach: dass ein
Ehbrecher seiner Gemahlin keinen Schandfleck anbrenne; was kann ihrer Seele mehr
Unlust / als eine solche Verachtung / und ihrem Leben mehr Bitterkeit / als die
Verzückung einer geilen Dirne / verursachen? Ada antwortete; Meine liebe
Atalanta; du hast eine empfindlichere Fühle / als die Spinnen; und stehst in
denen Gedancken: dass die aus einem vergällten Hertzen entspringende Regungen
/wie das aus unreiffen und bitteren Oliven gepresste Oel / die besten / die
linden Entschlüssungen aber wie die reiffen Oliven die schlimsten sind. Weist du
aber nicht: dass die: Verhölung der Wunden keine geringe Weissheit / und die
Verdrückung empfangenen Unrechts die klügste Rache sei! Bildest du dir ein: dass
den Männern die Keuschheit so sehr / als den Weibern obliege? Wer hat ihnen dis
Gesetze geschrieben? Erlaubet ihnen nicht das Recht der meisten Völcker die zahl
ihrer Ehfrauen nach ihrer Willkühr / oder zum minsten nach ihrem Vermögen zu
bestimmen? Ihres Amtes ist es vielmehr klug und behertzt / unsers aber keusch
und verschämt zu sein. Die Natur selbst und der gemeine Wolstand verbindet uns
hierzu: dass wir durch unsere Geilheit nicht unsern Ehgatten frembde Eyer
auszubriten unterlegen / oder die Väterliche Gewalt zweifelhaftig / und die
nötige Erziehung der Kinder kaltsinnig machen. Derer keines aber ereignet sich
/ wenn schon ein Mann über die Schnure hauet. Was würdest du mir / Atalanta /
einzuhalten haben / wenn ich des Persischen Königes Gemahlin wäre. Was würde ich
gegen meine vier-hundert / neun und neunzig Neben-Buhlerinnen fürzunehmen haben;
da ich mit der einigen Eriphyle so scharf eifern soll? welche beim Rhascuporis
zwar wohl einen Stein im Brete haben mag / mich aber doch / als ihre Frau /und
als ihre Fürstin verehret; und wo nicht im Bette /doch in der Würde die erste
bleiben lässt. Derogestalt bin ich glücklicher / als keine Königin in Asien; und
ich selbst bescheide mich: dass eine Frau nicht nur ihren Leib / sondern auch
ihren Willen / ja ihre eigene Wolfahrt zu Vergnügung ihres Mannes aufzuopfern
schuldig sei. Ich glaube / sagte Atalanta: dass sie bereit auf der Schippe stehe.
Sintemal sich Eriphyle nicht an der Herrschaft über des Rhascuporis Hertze
vergnügen / sondern auch Insel und Priestertum an sich reissen wird. Massen
Rhascuporis / welchen sie an dem güldenen Seile der Liebe / als einen Tantz-Bär
leitet / ihrer Lüsternheit nichts zu versagen mächtig ist. Ich weiss nicht / was
ich dencken / weniger was ich sagen soll: dass sie so embsig ist Eriphylen ihr
Glücke / ihr selbst aber die Grufft zu bauen? Bildet sie ihr ein: dass man die
von uns empor gehobene Menschen wie die erhöheten Türme nach Belieben wieder
erniedrigen könne? meint sie nicht: dass wenn einer nicht gar ein todter Klotz
ist / ihm selbst noch mehr empor zu klimmen die Hülffe gabe; und also die /
welche wir gross / jedoch kleiner als uns zu machen vorhaben / unsere Grösse
unvermerckt übersteigen; ja uns / wie der Rauch das ihm gebährende Feuer
erstecken? denn / weil weder die Welt ein endliches Ziel /noch die Begierden
einen richtigen Maas-Stab haben; sind die Menschen durchgehends unersättlich;
und das erreichte Ziel wird zum Mittel weiter hinaus zu sehen. Dahero scheinet
dem / der nichts hat / ein kleines Eigentum viel; nach dem er aber etwas
erlangt /viel ein weniges; ja endlich alles nicht genung zu sein. Ada lachte und
antwortete: Ich bin dir verbunden / Atalanta; dass du so sehr für mich sorgest /
und zum Zeichen deiner gegen mich tragenden Liebe / so bekümmerst für mich
eiferst. Alleine lasse dich diese Larven der Einbildungen auf keinen Irrweg
leiten /welche ihnen Furcht und Eyversucht träumen lassen /oder fürs Gesichte
mahlen / wormit sie mit etwas /wie der in die Hölle kommende Eneas mit
Gespensten zu fechten haben. Kanst du nicht begreiffen: dass eine zu ihres
Ehmannes Fehlern ein Auge zudrückende Frau nach und nach selbst das Hefft und
die Herrschaft über ihn behaupte; so betrachte Livien; welche durch diese
Gedult dem Käyser August mit mehrerm Nachdruck / als er der Welt gebeut. Denn
niemand ist demütiger / und zur Dienstbarkeit geneigter / als der ihm übel
bewust ist. Gleichwol aber / sagte Atalanta /hasset man niemanden mehr / als den
man beleidiget hat. Ada setzte entgegen: welch Ehmann meint : dass er mit
Umbarmung frembder Buhlschaften seine Frau beleidige? Ist es aber auch gleich
eine Beleidigung /so ist sie von keiner so grossen Wichtigkeit: dass sie des
Beleidigers Hertze noch darzu so vergällen sollte. Hingegen tut der ehlichen
Liebe nichts mehr Abbruch / als eine tägliche Beiwohnung. Die Abwechselung aber
ist das Saltz der Liebe / und die Mutter der Wollust. Diesemnach denn die von
den heftigen Begierden beunruhigte Magnet-Nadel der Liebe / nach einer langen
Umbwallung doch endlich wieder auf dem Nord-Striche gegen seiner Gemahlin / als
dem rechten Angel-Sterne stille stehen bleibt / und ein Mann nach langer
Entaltung oder Abwesenheit seine Frau so viel inbrünstiger lieb gewinnt.
Welchen Vorteil die eiversüchtigen Weiber nicht zu hoffen haben / die aus ihrem
Hertzen gegen ihn nichts als Galle /und von ihrer Zunge nur Wermut ausschütten;
welche allen seinen Tritten auf der Fersse argwöhnisch nachschleichen / und ihre
verdrüssliche Seele mit seiner ausgespürten Untreue begierig speisen. Warlich
/diese Törichten giessen Gift in ihre Wunden / und beleidigen sich selbst mehr
/ als sie von ihren Ehmännern beleidiget werden. Am wenigsten schaffen sie ihnen
durch ihre Missgunst einigen Vorteil / dardurch sie nur ihrer Ehmänner Lust
verstören; sind also wie die Hirschen / welche ihr abgeworffenes rechtes Gewei
verscharren; und wie die Heidechsen / die ihre abgestreiffte Haut verschlingen /
nur dass beide den Menschen nicht zur Artznei dienen sollen. Ist also die
Eyversucht durchgehends eine unnütze Schwachheit /bei den Weibern aber eine
gäntzliche Ohnmacht. Der Männer Empfindligkeit / welche ihrer Weiber Vergebung
noch mit Blute zu rächen Kräffte haben / scheinet noch etlicher massen zu
entschuldigen zu sein; ungeachtet die grösten Helden hierinnen sich selbst
überwunden / und König Philipp an Olympien / Ptolomäus an Cleopatren / Agamemnon
an Clytemnestern / Menelaus an Helenen / Minos an Pasiphaen /Teseus an der
Psädra ihre Untreue nicht gerochen /sondern sie fremder oder ihrer eigenen Rache
überlassen. Was soll denn ein ohnmächtiges Weib gegen einen stärckern / auch
weniger Verbrechenden für Rache ausüben? Die verbitterte Medea hat den durch
ihre blinde Eiversucht erregten Brand mit vielen Tränen ausgelescht; und durch
Ermordung ihrer Kinder ihr weher / als dem Jason getan. Nichts ist daher der
Tugend gemässer / dem Gemüte vorträglicher / dem Leben sicherer / als leiden
und schweigen. Sintemal die Juno selbst keine andere Frucht ihrer unmässigen
Eiversucht eingeerndtet / als dass Jupiter im Leben die irrdischen Buhlschaften
einer Göttin vorgezogen /nach dem Tode aber unter die Sternen gesetzt.
Gleichwohl aber / versetzte Atalanta / blieb Juno bei solchem Ansehen: dass
Jupiter nur ins geheim fremde Liebe stehlen dorfte; ja Europen in einen Ochsen /
die Calisto in eine Bär verst ellete. Allhier aber hat Eriphyle schon alle Scham
/ und Rhascuporis so gar die Larve seiner zu ihr tragenden Liebe abgelegt; und
die Gewohnheit dem Ehbruche alle Hässlichkeit des Lasters abgewischt. Daher habe
ich mir fürgesetzt meiner Fürstin Unrecht entweder mit meinem oder Eriphylens
Blute abzuwaschen / oder durch Gift ihr und ihrer tollen Brunst das Licht
auszuleschen. Ich beschwere dich / Atalanta / sagte Ada mit ernstafter
Geberdung / dass du dich Eriphylen / welcher ich darumb / dass sie den Rhascuporis
liebt / nicht gram sein kann / nicht versehrest / wo du mich nicht selbst
versehren / und meinen unversöhnlichen Zorn dir auf den Hals ziehen wilst.
Atalanta erstaunete über diesen Worten; ihre Augen wurden wässricht; und sie
ging mit Seufzen aus der unempfindlichen Ada Zimmer. Diesem Gespräche hatte
hinter den Tapeten Andronice / eine aus der Ada Frauenzimmer zugehöret / welche
ins geheim Eriphylen / als einer neuaufgehenden Sonne / mehr / als ihrer eigenen
Fürstin zugetan war / und daher wie alles / also auch diss Eriphylen
verkundschaftete. Eriphyle schöpfte hierüber gegen die Atalanta eine
Tod-Feindschaft; und ehe drei Tage hin waren / erkaltete Atalanta durch
beigebrachtes Gift. Ungeachtet nun Eriphyle der Fürstin Ada mehr als vorhin
Pflaumen striech; und / weil sie diss Gespräche so viel sicherer machte / ihrer
Geilheit vollends den Zügel schüssen liess / ging doch Ada Atalantens Fall tieff
zu Hertzen / und Gemüte; also: dass sie nunmehr gleichsam stets mit dem
Bleimaasse in der Hand verfuhr / und den Zweck ihres Anschlages zu beschleunigen
fürnahm. Wie nun Eriphyle abermals bei der Ada im Bette ihre mit dem Rhascuporis
verübte Geilheiten abmahlete; fing endlich Ada an: Eriphyle / dieses alles sind
wohl Kennzeichen deiner gegen dem Rhascuporis tragenden Liebe; aber noch lange
keine solche: dass du ihn so sehr / als ich liebest. Eriphyle fragte: Was sie
denn ihrer Liebe für Vollkommenheit beizusetzen für nötig hielte? Diese
/antwortete Ada: dass du den Rhascuporis / wie ich /mehr als dich selbst liebest?
Ich glaube / sagte Eriphyle: dass meine Liebe schon auf diese Staffel gestiegen
sei. Wolan / versetzte Ada: so bewähre diss mit einer solchen Würckligkeit / als
ich zeiter es bewehret habe. Eriphyle versetzte: Ich will deine Prüfung auch mit
Aufopferung meines Blutes für meinen geliebten Rhascuporis bestätigen. Es ist
diss noch zu wenig / fing Ada an. Eriphyle hingegen: Was hat denn ein Weib
wichtigers / wormit sie ihre Liebe besiegeln könne? Ada sagte: Die Uberwindung
ihrer eigenen Liebe / welche stärcker als der Tod ist. Eriphyle fragte: Wormit
soll ich sie denn überwinden? Ada gab zur Antwort: Damit / dass du dich des
Genusses deiner Liebe entäuserst; wormit Rhuscuporis aus seiner Liebe noch mehr
Vergnügung schöpfe. Eriphyle /welche meinte: dass Ada wieder nach des Rhascuporis
Umbarmung seufzete / erklärte sich: Ich muss mich bescheiden: dass ich / als ein
düsteres Nacht-Gestirne /und als der Fürstin unwürdige Vertreterin ihr / als der
Sonne zu weichen schuldig bin. Du irrest / fing Ada an / wo du dir einbildest:
dass meine Begierden deiner Liebe einigen Eintrag zu tun verlangen. Rhascuporis
seufzet nach mir nicht; und wenn ich die ihm angenehmere Eriphyle verdringen
wollte / liebte ich ihn nicht / oder mich mehr als ihn. Ich und du aber kennen
die allzu wohl / nach welcher seine Seele lechset /und in deinen Händen beruhet
/ ihn durch dieselbe zu beglückseligen. Eriphyle bat: Ada möchte ihr nicht nur
diss Rätzel auflösen / sondern ihr nur befehlen. Denn die Ehre des Gehorsams wäre
ihr gröster Vorzug. Ada nam das Wort von ihr / und fing an: Ich bin vergnügt /
Eriphyle. Liefere diesemnach die Königm Parysatis in Rhascuporis Armen. Die
Königin? fragte Eriphyle. Keine andere / antwortete Ada; weil Rhascuporis sonst
keine lieb hat. Eriphyle fuhr fort: Woher weiss sie denn diss letzte Geheimnis?
Daher /versetzte Ada: dass sie eine Königin ist; alle grosse Frauen aber schön /
und alle Fürsten kluge Leute sind. Eriphyle machte hierüber / als einem allzu
weit gesuchten Schlusse Schwerigkeit; zweifels frei / weil sie bei Uberlegung
fremden Glückes ihr eigenes mit in die Ratschläge einwickelte. Aber Ada fuhr
fort: Einfältige Eriphyle! Meinest du: dass die Schönheit die einige Mutter der
Liebe sei? Ist es doch noch lange nicht ausgemacht / worinnen die Schönheit
bestehet. Denn wie nicht allen Menschen alle Speisen schmecken; also gefällt
auch die Venus selbst nicht allen. Wie viel Köpfe / so viel Sinnen; wieviel
Augen / so viel Schönheiten. Gantze Völcker zancken sich hierüber. Die Griechen
halten es mit den fleischichten / und welche voll Saftes sind / wie Helena war;
die Phrygier mit den schlancken und zarten; westwegen sie ihr Frauenzimmer in
Harnische einschraubten / ja ihnen nicht satt zu essen / und oft Essig zu
trincken gaben. Dahingegen die Nordlichen Völcker ein mageres Weib für ein
lebendiges Bild einer todten Venus halten / und ihre Liebhaber dem Corintische
Fürsten Periander vergleiche / welcher seines Weibes Leiche beiwohnte. Jupiter
liebte Alimene / weil sie eine Riesen-Grösse; Artaxerxes Aspasien / weil sie
weisse Haare hatte; Perseus Andromeden / weil sie schwartzbraun; Tyndarus Leden
/ weil sie schneeweiss war; Achilles ward von der Chryseis schwartzen Augen
entzündet; Pallas prangte mit ihren blauen /und Juno mit grossen Ochsen-Augen.
Du bist bräunlicht / wie die berühmte Cleopatra war; Parysatis aber gibt der
Mylchernen Cydippe nichts nach. Ins gemein aber fällt die Liebe der
Wechsel-begierigen Männer von einer Farbe auf die andere. Was mag aber für ein
besserer Liebes-Zunder sein / als die Königliche Würde? Aegistus versah sich
so sehr nicht an der schönen Helena / als an ihrer Schwester der Königin
Clytemnestra / welche eine grössere Frau war / aber an Gestalt jener nicht das
Wasser reichte. Denn der Purper wirfft einen so annehmlichen Wiederschein auf
die blasse Lippen / gelbe Wangen / und todte Augen: dass sie wie Regenbogen den
beständigen Glantz der Edelgesteine beschämen. Oder der Vorwitz bildet ihm mit
den Persiern ein: dass der Brunn / woraus der König trinckt / besser als andere
in der Welt sind. Uber diss ist Parysatis so schön: dass wenn sie auch keine
Fürstin wäre / geliebt zu werden verdiente. Diesemnach du mich durch kein ander
Wunderwerck überreden wirst: dass du den Fürsten Rhaseuporis liebest / wo du
nicht machst / dass er von der Parysatis geliebt werde. Eriphyle fiel ein: Wenn
ich nun gleich versichert wäre: dass Rhaseuporis nach der Parysatis seufzete;
durch was für eine Zauberei werde ich ihr eben das Verlangen nach ihm
einpflantzen? Ada versetzte: Durch keine andere / als wordurch du dich dem
Rhaseuporis zu einem Abgotte / und der Parysatis zur geheimen Siegel-Verwahrerin
ihres Hertzens gemacht hast; welche letztere Wissenschaft dir schon für sich
selbst an die Hand geben wird / durch was für eine Pforte du den Fürsten
Rhascuporis in das innerste Gemach ihrer Seele einleiten sollst. Denn Parysatis
ist zu schön und zu lebhaft: dass ich glauben sollte: Es hätte niemand als ihr
Gemahl Rhymetalces an ihr Teil gehabt. Mit einem Worte: Rühme der Parysatis des
Rhascuporis Tätigkeit; dem Rhascuporis der Parysatis Anmut; so wirst du
befinden: dass beide ehe und fester / als Eisen und Magnet an einander kleben
werden. Eriphyle befand sich nunmehr durch diss Garn derogestalt bestrickt; dass
sie nichts anders tun / als versprechen musste / bei beiden das beste zu tun;
und weil sie dadurch ihr den Fürsten Rhascuporis so viel mehr zu verbinden
meinte / von der Parysatis aber / als einer Königin / welche durch den
Rhaseuporis nicht grösser werden konnte / sich keiner gäntzlichen Verdringung zu
besorgen hatte / liess sie ihr die Kupplerei zwischen dem Rhascuporis und
Parysatis mit Ernst angelegen sein. Es dorffte an beiden Orten so wenig Müh /
als Schwefel in Brand zu bringen. Eriphyle wusste umb alle geheime Buhlschaften
der lüsternen Parysatis / und diss einige Versprechen: Sie würde an dem lebhaften
Rhascuporis befinden: dass sie vorher nur bei Leichen gelegen / war schon genung
/ sie in voller Flamme zu sehen. Rhascuporis war gleichfalls von Eriphylen so
eingenommen: dass er nach der Parysatis / wie ein dürstender Hirsch nach frischer
Kühlung lechsete. Mit diesen Neigungen brachte Eriphyle beide auf einem
Lustause des Rhascuporis zusammen / allwo sie biss auf den späten Abend den Tag
dergestalt hinlegten: dass sie sich so vergnügt / als Hercules und Omphale mit
einander gelebt zu haben rühmeten. Eriphyle brachte der Ada auf unverwendetem
Fusse die Zeitung hiervon / und ward destalben von ihr mit so vielen
Liebkosungen / als niemals vorher bewillkomt; also veranlasst den Rhascuporis und
die Parysatis noch immer mehr zu Abspinnung ihres Liebes-Rockens aufzumuntern.
Parysatis ward durch ihr öffteres Laster eben so kirre / als Eriphyle; sintemal
sie nicht nur in dem Pallaste / darinnen Ada zugleich wohnte / zum Rhascuporis
sich einfand / sondern so gar in Anwesenheit Eriphylens mit ihm zuhielt. Diese
Nachricht gab der Ada an die Hand / Eriphylen weiss zu machen: Sie wäre aufs
äuserste lüstern die Parysatis unvermerckt in Rhascuporis Armen zu sehen.
Eriphyle fasste hierüber zwar einigen Argwohn; als aber Ada hoch beteuerte: Sie
könnte ohne den Genuss dieser Vergnügung ihr Gemüte nicht besänftigen / und sie
wollte lieber über die zwei Verliebten Rosen streuen / als ihrer Liebe den
geringsten Eintrag tun / händigte ihr Eriphyle zu des Rhascuporis Gemache den
Schlüssel ein; neben welchem sie mit einander verschlossen lagen. Ada ging mit
höchst-verwirrtem Gemüte / aber mit einem aufgeräumten Antlitze dahin. Sie ward
aber durch wenige Eröffnung der für der Tür des Schlaf-Gemachs hängenden
Tapeten gewahr: dass beide beisammen liegende in einen tieffen Schlaf verfallen
waren. Diss machte sie so keck / dass sie selbst ins Schlaff-Gemach ging / und die
nackte Parysatis von der Scheitel biss auf die Fuss-Sohle aufs genaueste
betrachtete. Diese Betrachtung schwellte in ihrem Hertzen die zeiter verblümte
Eiversucht mit siedendem Zorn und Rache so hoch empor: dass sie ihren bei sich
habenden Dolch zückte / und selbten der Parysatis zwischen die Brüste zu stossen
aufhob. Die sich in einem Augenblicke erholende Vernunft aber machte ihren
Schluss zweifelhaft; und nachdem sie erwoge: dass sie durch diesen Eiver ihr
ganzes Glück verspielen / und auf einen Streich ihre so empfindliche Anstalt
des so wichtigen Anschlages zernichten würde / schlug sie diese hitzige
Aufdampfungen vollends ganz zu Bodem. Gleichwohl aber schnitt sie der Parysatis
ein am Halse hängendes Hertze von Diamant ab / welches mit güldenen Sternen
besämt / für ein unschätzbares Kleinod gehalten / und von Rhymetalcen der
Parysatis verehret worden war. Mit dieser Beute /welche sie ihr wohl zu Nutze zu
machen im Schilde führte / vergnügte sich Ada dissmal an statt des ihr abwendig
gemachten Gemahls. Parysatis erwachte nicht so bald / als sie den Verlust ihres
Hertzens wahrnahm; welchen sie so viel mehr empfand / weil ihr geträumet hätte:
man schnitte ihr das Hertze aus dem Leibe; und weil die hierumb befragte
Eriphyle weder von diesem Kleinode was wissen wollte / noch den der Ada
verlaubten Eintritt bekennen dorffte. Parysatis hätte gern dieses kostbaren
Kleinodes vergessen /wenn sie nur ihren Gemahl destalben zu bestillen ein
Mittel gewüst hätte. Sie gab etlichen Künstlern / welche nach Erfindung der
Indianer / aus gefärbtem Cristall falsche Edelgesteine nachzumachen wussten /
derogleichen Hertz an / weil kein so grosser Diamant irgendswo zu erfragen war.
Aber die Kunst litt gegen der Natur hierinnen Schiffbruch / weil die güldenen
Sternen darein nicht gebracht werde konten. Als sich Parysatis etliche Tage
darüber gegrämet / und den Verlust zu verhölen kranck gemacht hatte / kam Ada
sie heim zu suchen. Wie sie nun ganz einsam beisammen waren / bückte sich Ada
mit Fleiss unter einem andern Scheine über der Parysatis Bette / damit das
zwische ihre Brüsten hängende Hertze von Diamant hervor / und der Parysatis ins
Gesichte fiel. Diese fing Augenblicks an zu ruffen: Hilf Himmel! Liebste
Schwester / wie ist mein Kleinod in ihre Hände verfalle? Ada lächelte / und nahm
diese Ansprache für eine blossen Schertz an / mit Vermeldung: dass diss unmöglich
das ihrige sein könnte. Parysatis aber liess sich es nicht ausreden / und
beteuerte: dass kein gleiches in der Welt zu finden wäre. Nachdem aber Ada eben
so wenig sich eines andern bereden lassen wollte / fragte Parysatis: Ob sie denn
das gegenwärtige lange Zeit besessen / und woher sie es überkommen hätte?
Hierauf brach Ada herfür: Es kann der Königin unmöglich sein; denn ich habe es
für 5. Tage einer in meines Gemahls Armen schlafenden Ehebrecherin in vom Halse
genomen. Parysatis konnte über diesen Worten die sichtbare Merckmale ihrer
heftigen Bestürtzung nicht verhölen; Ada aber fuhr fort: Dieselbe / welche sich
zum Eigentume dieses diamantenen Hertzens mit Rechte ziehen will / muss mir einen
Finger breit unter dem Nabel ein braunes Maal in Gestalt eines Käfers zeigen.
Parysatis erblasste und verstummete über dieser Nachricht. Denn sie glaubte
nunmehr: dass Ada ein selbstäugichter Zeuge ihres Verbrechens gewesen sei. Wormit
aber Ada sie so viel mehr verwirrte / redete sie ferner: Ich mag aber mit meiner
Schande nicht wuchern. Denn sonst würde ich eine Huren-Wirtin fürstellen. Ich
bin hieher kommen dem Könige dieses kündbare Kleinod zu überliefern / und die
ausgeforschte Ehebrecherin zu bestraffen. Parysatis sprang hierüber aus dem
Bette / und eilte einem Schreibe-Tische zu; daraus sie ein gewisses Glas nahm /
und den darin verwahrten Safft austrincken wollte. Aber Ada mutmasste nicht
unbillich: dass es Gift wäre; daher schlug sie es ihr mit Fleiss in Stücke. Als
Parysatis diese verzweifelte Hoffnung zu Wasser worden / und auf dem Bodem
schwimmen sah / fiel sie für der Ada nieder / und bat mit gleichsam rechelnder
Stimme: Sie möchte selbst an ihr mit Versprützung ihres Blutes Rache ausüben /
nur aber nicht durch Angebung ihres Lasters beim Könige ein Blut-Urteil / beim
Volcke aber eine ewige Verfluchung ihr auf den Hals ziehen. Auf diese trockene
Bitte folgte ein rechter Platz-Regen unzehlbarer ihr aus den Augen schüssender
Tränen / mit welchen Parysatis die Ada bei dem Haupte des Rhastuporis / bei der
ihm ewig gelobter Treur / bei der von den Tracischen und Comagenischen Göttern
erwarteter Erbarmnuss beschwor: Sie möchte selbst / nicht durch den König an ihr
Rache ausüben; aber der Anspinnerin dieses Unglücks der boshaften Eriphyle die
verdiente Straffe nicht schencken. Ada hörte sie wohl aus / sah sie mit
unverwendeten aber grimmigen Augen an / liess sie also unbeantwortet eine
ziemliche Zeit am Creutze stehen / und für ihren Füssen liegen. Endlich öffnete
sie ihren Mund / und fieng an: Du hältest mich für grausamer / als ein Weib sein
soll. Meinest du / dass / da ich von deiner Geilheit besudelt bin / ich mich nun
vollends mit deinem Blute beflecken solle? Trauest du mir die Mässigung nicht
zu: dass ich meine Rache über die mir angefügte Beleidigung nicht ausstrecken
werde? Mit einem Worte: Es ist kein gerechter Gesetze / als das des Pytagoras:
du must aus dem Vergeltungs-Becher des Rhadamantus trincken /nämlich leiden /
was du einem andern getan hast. Erkiese dir demnach nur kurtz eines aus beiden
/ entweder den König zu meinem Richter / oder zu meinem Liebhaber. Die mehr
todte als lebendige Parysatis hätte gerne noch mehr gewilliget / wenn Ada nur
mehr gefordert hätte. Daher erklärte sie sich in ihren Willen auf alle Weise zu
kommen: Ada möchte ihr nur selbst das Mittel ihren Wunsch zu erlangen an die
Hand geben. Ada sagte: Eine geheime Einräumung deiner Lagerstatt kann uns beide
versöhnen / und so wohl zu mein als deiner Vergnügung helffen; weil ich auf
solchen Fall dir alle mein Recht auf den Rhascuporis abtrete. Durch diese
Vermittelung verwandelte sich dieser geilen Weiber Zwist in grosse
Verträuligkeit. Paryfatis legte ihre angenommene Kranckheit ab / und räumte noch
selbige Nacht der Fürstin Ada ihr Bette ein. Sie aber schlief oder wachte
vielmehr aus Kummer des Ausschlages im Neben-Gemache. Kaum eine Stunde darnach
kam der König / und ward von dieser Priesterin nicht so wohl des Bacchus / als
der Liebe mit offenen Armen empfangen. Beide opferten einander / was die Wollust
in ihrem Köcher vermag / und zwar mit solcher Vergnügung des Königs: dass er bei
seinem nach Mitternacht genommenen Abschiede seiner vermeinten Gemahlin
nachrühmte: Sie hätte sich diese Nacht nicht als ein Weib / sondern männlich
gehalten. Ada war ebenfalls vergnügter / als sie noch zur Zeit sagen dorfte /
sonderlich weil ihre Wollust damit für der des Rhascuporis gewürtzt war: dass sie
wissendlich einen fremden Buhler / und zwar den König genossen hatte. Auf diese
Art wurden drei Nächte nach einander verbracht / ohn dass Rhymetalces ihme
träumen liess: dass er so vielmal eine fremde Frau umbarmet hatte. Gleichwohl aber
ward er gegen seiner Gemahlin lüsterner / als iemals vorher; also dass die
Süssigkeit wahrhaftig in fremdem Wasser /und nicht nur in der Einbildung
stecket. Parysatis genaass destalben noch des Tages unterschiedene mal die
Straalen ihrer Sonne / welche sie einem andern Nacht-Lichte abtreten musste. Weil
aber diese Wenigkeit für sie kein Auskommen war / sehnte sie sich auch des
Nachts so warm / als Ada zu schlafen / und daher diese folgende Nacht beim
Rhascuporis zu vertreten. Welches denn auch durch die Verwechselung dieser
beiden unzüchtigen Weiber so glücklich bewerckstelliget ward: dass man folgende
Nacht zu gleichmässigem Betruge erkiesete. Eriphyle kriegte noch selbige Nacht
dieser Verwechselung halber von der Parysatis geheimster Kammer-Jungfrau Wind.
Weil sie nun die für ihr geschehene Verhölung dieses Geheimnüsses für eine
Verschmähung / oder zum wenigsten für ein Misstrauen gegen ihr aufnahm / sich
auch durch die Königin Parysatis schier ganz verdrungen sah / da sie doch aus
einer süssen Einbildung den Rhascuporis gleichsam für ihr Eigentum hielt
/schöpfte sie gegen ihr eine grössere Eiversucht / als wenn sie selbst seine
Gemahlin gewest wäre. Aus dieser Regung fand sie Gelegenheit dem Könige über der
Taffel einen versiegelten Zettel unter den Teller zu spielen / darauf
geschrieben war: Parysatis hätte vorhergehende ganze Nacht in den Armen des
oberste Priesters des Bacchus geschlafe / würde auch folgende Nacht keine andern
umbarme. Rhymetalces fand diese Schrifft bei Weggebung des ersten Tellers /
eröffnete und lass sie mit der heftigsten Veränderung seines Gemütes; also: dass
Parysatis ihm an der Stirne lesen konnte; es müste was grosses / und zwar / weil
er seiner Gewohnheit nach / ihr nichts davon entdeckte / etwas sie
selbst-angehendes sein. Denn ein böses Gewissen ist niemals von Furcht und
Argwohn entfernet. Diese waren Ursache: dass die schlaue Parysatis der hierzu
nicht gar willigen Ada ihre Stelle und Lager-Statt folgende Nacht nicht
vertreten lassen /sondern den vermutlich gewarnigten König selbst erwarten
wollte. Rhymetalces / welcher sich den ganzen Tag mit allerhand seltzamen
Gedancken geschlagen hatte; und / weil er seiner Einbildung nach / vorige Nacht
seine Gemahlin in seinen eigenen Armen gehabt / wusste das Rätzel des Zettels
nicht auszulegen. Jedoch meinte er / folgende Nacht sollte dem vorhergehenden
düsternen Tage ein Licht aufstecken. Diesemnach kam er umb Mitternacht / und
zwar mit brennendem Lichte für der Königin Bette / welche bei ihrer Wachsamkeit
und erblicktem Lichte nunmehr an der Wahrheit dessen / was sie geargwohnt hatte
/nicht mehr zweifelte / sich also feste schlafend anstellte. Nachdem Rhymetalces
sie wohl und eigentlich betrachtet / leschte er das Licht aus / erweckte die
Königin / und lag / biss es lichter Tag war / bei ihr. Beim aufstehen küsste er
sie so heftig auf die Lippen: dass das Blut heraus ging; sagte hierauf: Sihest
du /Parysatis / ich habe geschworen / du soltest mir das angetane Unrecht mit
deinem Blute bezahlen. Hiermit gab er ihr den empfangenen Zettel zu lesen / und
liess sie allein. Parysatis wusste nicht: ob sie sich über der Verratung ihres
Ehbruchs mehr bekümmern / als über ihrem glücklichen Betruge mehr erfreuen
sollte. Sie nahm ihr aber nicht Zeit sich völlig anzukleiden /sondern folgte dem
Könige auf dem Fusse in sein Gemach / und wusste die Farbe der Unschuld / nämlich
ein freudig Gesichte so meisterlich anzunehmen: dass Rhymetalces sie aus blosser
Anschauung ihres Antlizes aller Laster frei gesprochen hätte. Weil aber
Parysatis wohl wusste: dass auch der allerunscheinbarste Argwohn so schwer aus
einem Gemüte / als Dörner aus Aeckern zu rotten sind / sagte sie zum Könige: Es
befremdete sie: dass Rhynetalces aus etwas / welches sie für keine Verlärmdung /
sondern einen tiefsinnigen Schertz hielte / gegen ihr den wenigsten Verdacht
schöpfen / weniger es mit ihrem Blute zu rächen sich entschlüssen mögen.
Sintemal in beiden der Zettel wahr redete / nach dem wahrhaftig / und nach den
alten Grund-Gesetzen der Odrysen niemand anders /als der König in Tracien / der
alleroberste Priester des Bacchus wäre / ein ander aber nur sein Ampt
verwaltete. Rhymetalces liess sich durch diese verschmitzte Auslegung verleiten /
der Parysatis gäntzlich beizustimen / ja sich zu erkläre: Er müste gestehen: dass
er ohne Ursache eiversüchtig gewest wäre; er wollte es aber einmal nicht sein /
wenn er Ursache dazu haben würde. Parysatis lächelte / und fing an: Sie nehme
diese Erklärung für bekant an / und wollte sie ihn prüfen: ob sein Gedächtnis
nichts vergessen /und sein Gemüte was verschmertzen könnte. Hierauf fuhr sie zur
Ada in Tempel des Bacchus / erzehlte ihr ihre Begebnüss / und wiess ihm den
gefährlichen Zettel. Ehe ihn aber Ada noch sah / urteilte sie: Diss könnte keine
andere Seele / als Eriphyle verraten haben; hernach erkennte sie selbten auch
alsofort für ihre eigene Handschrifft / und damit sprach sie ihr zugleich das
Leben ab. Parysatis wollte wider diesen Schluss noch einige Schwerigkeiten machen;
aber Ada fing an: Wil sie noch der das Wort reden / welche nicht mich / sondern
sie und meinen Gemahl beleidiget hat? Soll die leben / welche ihr Netze des
Todes gestellet hat? Ein vertrautes Geheimnis entdecken ist schon ein
sterbens-würdiges Laster; weil der / der solches annimt / sich unsern Freund
erkläret; und uns unter diesem heiligen Mantel zuverterben sucht. Keine andere
Züchtigung würde auch Erilphylen bessern. Denn wer schon einmal gegen seinen
Fürsten die schuldige Ehrerbietigkeit verliert / kann nicht aufhören sie gar zu
stürtzen. Denn die Bosheit ist anfangs blind / hernachtaub / läst sich also in
ihrem Rennen nicht aufhalten. Ihre Gebäue sind betrügliche Irrgärte. Der Eingang
ist leicht / der Ausgang aber gar nicht zu finden. Dieses aber ist der Verräter
verdienter Lohn: dass sie in dem Gedränge ihrer Fallgatter selbst ersticken / und
ehe sich / als andere betrügen. Sie lasse daher Eriphylen verrecken. Denn sie
wird es doch nimmermehr mit der Königin gut meinen; weil sie unmöglich glauben
kann: dass es die beleidigte Parysatis mit ihr iemals gut meinen könne. Wo man
aber beleidigt worden / und daher sich mehr keiner Freundschaft zu getrösten
hat / weiss die Klugheit von keinem andern Hülffs-Mittel / als einer ungesäumten
Rache / wo uns unsere Feinde nicht in unserm Untergange / wie vorher mit ihrer
Beleidigung sollen zuvor kommen. Mit dem Ateme dieser Worte leschte Ada
vollends die noch übrigen Liebes-Funcken in dem Hertzen der Parysatis aus / mit
welcher Eriphyle vorher einerlei Zunge in zweien Münden / und eine Seele unter
vier Brüsten beherbergt hatten. Ihr Todes-Urteil ward mit beider Eyden
versiegelt; und wormit die Zeit nicht etwan die feurigsten Gemüts-Regungen
laulich machte / den nechstfolgenden Tag derogestalt vollzogen. Die Königin kam
sonder einige Begleitung / und mit abgenommenen Flocken für der Ada Pallast /
und ersuchte sie umb eine kurtze Begleitung an dem Flusse Hebrus frische Lufft
zu schöpfen. Ada hatte kurtz vorher Eriphylen unter einem andern Vorwand zu sich
gelocket; also fiel das Los auf sie eine Gefertin mit abzugeben. Ada und
Parysatis liebkoseten ihr wie vorhin / oder auch mehr; zanckten sich auch mit
einander: Ob Eriphyle der Natur / oder dem Glücke mehr zu dancken hätte. Nach
zweien Stunden kamen sie auf ein Lustaus des Rhascuporis. Die Einsamkeit schien
in selbtem selbst zu wohnen; gleichwohl aber fanden sie eine aufs köstlichste
bereitete / und mit den kräfftigsten Erfrischungen versehene Taffel. Sie
bedienten sich unter einander selbst /und zwar so verträulich: dass niemand
fremdes unter diesen dreien die Königin hätte heraus zu lesen gewüsst. Als sie
derogestalt sich gleichsam mit vielen Kurtzweilen in Freude ausschütteten /
öffnete sich die Tür des Nebenzimers / daraus drei vermumte Unholden mit
grausamer Ungeberdung herfür sprangen. Die erste trug einen Topf / die andere
drei Zettel / die dritte ein blosses Messer. Diese letztere sagte: Sie wären
Boten und zugleich Scharfrichter der Götter; welche eine unter ihnen zum
blutigen Sühn-Opfer verlangten. Also sollten sie loossen / welche das Verhängnüs
entweder zum Leben oder Tode bestimmt hätte. Eriphyle bezeugte sich unter alten
am hertzhaftesten / weil sie diese Begebnüs für eine zur Kurtzweil angesehene
Anstellung hielt; dahingegen Parysatis und Ada für angenomener Furcht bebten.
Hierauf drang die den Losstopf haltende Unholdin / darein die andere ihre Zettel
geworffen hatte / mit Ungestüm auf die Herausnehmung. Parysatis und Ada griffen
zum ersten / Eriphyle mit Lachen am letzten. Als sie aber ihren Zettel aufmachte
/ und gewahr ward: dass es eben derselbe war / den sie dem Könige den Tag vorher
geschrieben hatte / erstarrete sie wie ein Scheit. Sehet ihrs! fieng die andere
Unholdin an: dass die Götter niemanden straffen / den nicht vorher sein Gewissen
verdammt hat. Verräterische Eriphyle / du must sterben! Kennst du mich nicht?
Ich bin der Geist der durch dein Blut erblichenen Atalanta. Hiermit riss sie
ihrer abscheulichen Gespielin das Messer aus; gleich als wenn sie ihr die Kehle
abschneiden wollte; fieng aber an: Nein / nein / Eriphyle! dis wäre viel ein zu
leichter Tod für eine Magd / welche zwei Fürstliche Bette besudelt; einer
Königin und obersten Priesterin nicht nur zu Kopfe gewachsen / sondern auch
ihren Tod mord-begierig bestimmet hat. Hiermit fielen alle drei Unholdinnen die
verzweiffelnde wie wütende Tyger an / rissen ihr alle Kleider / ja auch das
Hembde vom Halse / banden ihre Hände und Füsse / und stachen mit spitzigen
Pfriemern in ihre Armen und Beine alle Worte / die sie dem Könige Rhymetalces
zugeschrieben hatte. Eriphyle stiess gegen sie anfangs die grausamsten Flüche
aus; die Schmertzen aber überwanden ihre Ungedult: dass sie wehmütigst zu bitten
anfieng / umb nur schleunig abgeschlachtet zu werden. Alleine sie bekam diesen
leidigen Trost zur Antwort: diese Kitzelung würde sich bald in Ernst verwandeln.
Nach vollendeter blutigen Schrifft reichte die Unholdin der Ada das Messer mit
dem Befehle: Sie sollte die Henckerin ihrer Seele nunmehr an ihren Gliedern
henckern. Ada verwandelte hierüber ihre ganze Gestalt / welche bis dahin mehr /
als die Unholdin vermummt gewesen war. Denn sie ergrif das Messer mit freudiger
Gebehrdung: die Mord-Lust aber guckte ihr aus den Augen herfür. Hierauf schnitt
sie der bei nunmehr entdeckter Verstellung rasenden Eriphyle mit diesen
beigesetzten Worten die Brüste ab: Gebet mehr Lockvögel den Fürsten / und dem
Rhascuporis ein Haupt-Küssen ab! darnach spaltete sie der Verzweiffelten das
Brustbein von sammen / grief mit dem Arme hinein / und riss ihr das zitternde
Hertz heraus / welches ihr Parysatis /ehe sie noch die Augen schloss / auf der
Ada Veranlassung um das Maul schlug. Ada schnitt ihr so denn vollends den Kopf
ab / und wollte ihr Fleisch nach dem Beispiele des grimmigen Diomedes den Pferden
zu fressen geben / aus ihrem Hirnschädel aber ein Trinck-Geschirre machen; aber
Parysatis beredete sie noch: dass ihre zerfleischte Leiche in den unter selbigem
Zimmer flüssenden Hebrus geworffen ward. Dieses von der Ada angestiftete und von
der Parysatis gebilligte Laster war ein neuer Leim dieser zweier boshaften
Weiber Gemüter an einander zu verknüpfen; also / dass wo der Lasterhaften
verträuliche Zusammenstimmung den Nahmen einer Freundschaft verdienet / den
Alten kein Irrtum aufgebürdet werden kann: dass Freundschaft und Betrug
Schwestern / und einer schwartzen Mutter / nämlich der Nacht Kinder sind. Ja /
weil Parysatis und Ada nunmehr ein eidliches Bündnüs mit einander aufrichteten:
dass jede ihren Gemahl der andern / wie Menedemus dem Asclepiades sein Ehweib
ohne Eintrag abtreten und zu genüssen verstatten wollte / gewaan es schier den
Schein: dass wie mehrmals ein wildes Kraut heilsamer / als viel kostare Balsame
sind; also die auf Laster gebaute Freundschaft auf festerm Fusse stünde / als
die auf Tugend gegründete. Sintemal ins gemein die als Demant-festverknüpften
Verbindnüsse der Gemüter an dem Felsen eines kleinen Eigen-Nutzes zu scheitern
gehen; und zwar niemand der Cyrenischen Welt-weisen Lehre: dass ein kluger Mann
nur sein / oder zum wenigsten sein bester Freund sein solle / lobet /jedermann
aber doch nach selbter lebet. Hingegen lebten Parysatis und Ada in ihren
Ehbetten / wie Polistratus und Hippoclides in geteilten Gütern ohne Zwytracht /
und ohne Beschwerde: dass ihre Freundin ihres Eigentums mehr / als sie selbst
genüsse. Dieser Männer-Tausch ging aufs neue wohl siebenmal glücklich von
statten; sonder dass Rhymetalces das wenigste hiervon argwohnete. Alleine Ada
ward nunmehr selbst überdrüssig mit dem Könige derogestalt länger der blinden Kuh
zu spielen. Denn / wenn die Geilheit zum höchsten Gipfel kommt / schmeckt ihr
die Wollust nicht mehr süsse; wenn nicht andere von ihren Lastern wissen; gleich
als wenn ihr bester Geschmack in einem frembden Munde bestünde / oder man auch
durch Laster sich berühmt machen könnte. Oder es war vielmehr der ehrsüchtigen
Ada mehr umb die Königliche Herrschaft / als umb die Wollust zu tun. Daher
ward sie / nach dem sie sich selbst lange mit ihren Gedancken geschlagen hatte /
schlüssig: dass sie sich dem Könige / wenn er in der grösten Brunst sein würde /
zu erkennen geben wollte. Sie bewerckstelligte solches auch folgende Nacht / und
zwar zu einer solchen Zeit / und bei dergleichen Begebnüs / da der König sich
zum Knechte seiner Begierden gemacht /und sich seiner Vernunft zu gebrauchen
keine Gewalt hatte. Gleichwol kam ihm dis Ebenteuer seines Bruders Gemahlin in
seinen Armen zu finden / so befrembdet für: dass er es anfangs mehr für einen
Traum / als eine Warheit hielt. Die nunmehr unverbrochene und ihm allzu
kentliche Sprache aber benam ihm bei Zeiten allen Zweifel. Er fragte: Wer sie
denn in dis sein Bette geleitet hätte? Weil sie aber mit ihren Geheimnüssen noch
hinter dem Berge zu halten für nötig hielt / antwortete sie: die Liebe der
Leitstern aller zarten Seelen. Und weil Rhymetalces hierüber gleichsam
unbeweglich war / raffte sie alle ihre Kräfften zusammen / ihn durch
schmeichelnde Liebkosungen / geile Küsse und andere Reitzungen zu beseelen.
Menschliche Hertzen haben einen heftigern Zug zur Wollust / als das Eisen zum
Magnet-Steine; also war es dem Könige eben so wenig möglich / sich aus den Armen
der schönen und liebreitzenden Ada / als einem Bezauberten aus dem Kreisse einer
gleichsam Himmel und Erde versteinernden Circe loszumachen. Er tranck also aus
dem ihm gleichsam eingenötigten Becher der Wollust so lange / als seine Kräften
zulangten / und so begierig / gleich als wenn es einerlei wäre / in dem Meere
einer solchen Schönheit Schifbruch leiden / und in den Hafen der Vergnügung
einlauffen. Die einmal geschmeckte Wollust angelte Rhymetalcen an die geile Ada
so feste an: dass er ihrer beider Verlass nach die folgende Nacht nicht erwarten
konnte / sondern den Tag ohne sie gleichsam nicht zu überleben getraute / und in
ihrer Abwesenheit so wenig lebhaft / als der Monde ohne Genüssung der
Sonnen-Strahlen lichte zu sein schien. Er berief sie daher gegen den Mittag in
den Lust-Garten / darinnen diese Meisterin in der Liebe ihm vollends das Hertze
aus seiner Brust stahl; und es zu ihrem Sclaven machte. Denn das Licht zeigte
nunmehr allererst ihm den reichen Vorrat ihrer Schönheiten; welche vorher das
Tuch der Finsternüs verdeckt hatte / und bewährte damit: dass der Tag mehr als
die Nacht der reiffen Liebe Herbst / und das Fühlen zwar der zärteste Sinn der
Wollust / das Gesichte aber die warhafte Mutter der Liebe sei. Rhymetalces war
hierdurch derogestalt ausser sich gesetzt: dass er sich nicht einst weiter
bekümmerte / wie Ada vorige Nacht seiner Gemahlin Bette in Besitz bekommen
hätte; bis er nun durch Geilheit sich erschöpft befand / und beim Abschiede
zweifelhaft ward: was für Zeit und Ort er seiner neuen Buhlschaft zu ihrer
Wieder-Ersehung bestimmen sollte. Ada merckte dis; und weil sie das noch glüende
Eisen der Liebe zu schmieden nicht zu versäumen ratsam hielt / fieng sie an: Er
hätte sich vor seiner Gemahlin Parysatis nicht zu scheuen. Denn weil sie
niemanden weniger / als ihn liebte / hegte sie in ihrem Hertzen nicht nur keine
Eyversucht / sondern sie bewürbe sich selbst umb frembde Buhlschaften für den
König / wormit sie inzwischen Lufft hätte / anderwerts ihre Begierden zu kühlen.
Hiermit zohe sie der Königin Schmaragdenes Hertze herfür / mit Bericht: dass es
Parysatis bei ihrer ausgespürten Zuneigung gegen dem Könige ihr zu tragen
eingehändigt / ja sie selbst in ihr Bette geleitet hätte / umb mit diesem auch
im tunckeln spielenden Kennzeichen bei finsterer Nacht desto glaubhafter in
Rhymetalces Augen und Bette ihre Stelle zu vertreten. Daher möchte er nur
folgende Nacht ihr sicher beiwohnen. Sintemal keine Parysatis in ihrem Zimmer /
noch in dem Königlichen Schloss zu finden / sondern beim tagenden Morgen zu
schauen sein würde / wie sie nach gebüsster Lust durch eben diesen Lust-Garten /
und die verborgene Stiege sich heimlich in ihr Zimmer spielen würde. Rhymetalces
erstarrte wie ein Scheit über dieser Nachricht; denn Zorn / Eyversucht und Liebe
überwarffen sich in seinem Hertzen mit einander so heftig: dass es keinem Gliede
mit dem Blute seine Bewegung zuteilen konten / ausser das Feuer der Rache sah
ihm aus den Augen. Nach einer guten Weile fragte er: ob er allem erzehlten
Glauben geben sollte? Ada antwortete: Er würde alles mit seinen Augen sehen /
wenn er folgenden Abend durch das Schlüssel-Loch in der Ada Schlaf-Gemach zu
schauen; für Tage aber in dem Lust-Hause den von der kleinern Garten-Türe gegen
dem Frauenzimmer führenden Gang zu beobachten ihm nicht wollte beschwerlich sein
lassen. Rhymetalces verliess es mit ihr dieser Anleitung nachzukommen; Ada
hingegen veranlasste folgenden Abend die Parysatis zu dem gewohnten
Männer-Wechsel; hielt sie aber in ihrem Schlaf-Gemache mit allerhand
Schertz-Reden auf; insonderheit aber gab sie Anlass zu einem Wort-Streite: welche
unter ihnen diese Nacht vergnügter hinlegen würde? da denn Parysatis / nach dem
sie der entkleideten Ada selbst die Vorhänge am Bette wegzoh / und sie küssende
gesegnet hatte / zu allem Unglücke lachende diese Worte ausstiess; Sie hätte mit
der Ada ein Mitleiden: dass sie die Nacht einen älteren und abgematteten Mann
wärmen sollte / da sie / Parysatis / mit einem jüngern und kräfftigern angezündet
zu werden hoffte. Rhymetalces sah und hörete allem dem mit der eusersten
Gemüts-Verbitterung zu; hätte sich auch schwerlich entalten ins Zimmer
einzubrechen / und an Parysatis sich zu rächen / wenn er sich von so heftigen
Regungen nicht ganz entkräftet gefühlt; die Parysatis auch mit ihrem letzten
Worte aus dem Schlaf-Gemache fortgeeilet hätte. Gleichwol aber schloss er das
Zimmer alsofort auf / und zeigte sich der Ada mit allen Ungebehrden / die ein
Zorniger jemals haben kann. Denn die Rachgier machte sein Geblüte kochend / seine
Sinnen verwirrt / sein Gemüte verdüstert. Die Adern strotzten für
aufgeschwollenem Blute; das Hertze schlug ihm wie eine sich übereilende Uhr; ja
der Tod selbst sah ihm aus den Augen; also dass Ada selbst sich über seiner
Gestalt nicht wenig entsetzte /bis seine Zunge ihr die Auslegung machte: dass
seine Hände zu eigenen Henckern der Parysatis werden sollten. Ada freute sich
hierauf mehr über dieser Entschlüssung / als sie solche bekümmerte. Denn ob sie
wohl eben dis / was Parysatis verbrach / beredete sie doch ihre Eigen-Liebe: dass
dis / was an dieser ein Laster / an ihr ein Werck eines aufgeweckten Geistes
wäre. Ja ihr unverschämter Mund lobte des Königes Vorsatz der Rache / welche
ihrer Glückseeligkeit auch selbst den Tod einweihet / und aus anderer
Einäscherung ihre Vergnügung baut. Dass aber Rhymetalces selbst an seine Gemahlin
Hand anlegen sollte / widerriet sie ihm nicht so wohl aus Abscheu für solcher
Grausamkeit / als dass sie besorgte: die den Tod für Augen sehende Parysatis
dörfte von ihr / ihrem Gemahl und der ermordeten Eriphyle alle Geheimnisse
entdecken / und durch ihre Liebe und Anschläge einen Strich machen. Welchem
Rate sich denn auch Rhymetalces unterwarf / und durch zwei vermumte Stummen sie
bei ihrer frühen Rückkehr im Garten hinrichten zu lassen schlüssig ward;
Inzwischen aber das Feuer seines Grimmes in die Flammen der Wollüste mit der
geilen Ada verscharrte. Als er bis nach Mitternacht sich mehr geschwächt als
gesättiget hatte / erteilte er den Stummen den Befehl / und legte sich selbst
in ein Fenster sich an dem bestimmten Trauer-Spiele zu belustigen; Ada aber wollte
selbst eine spielende Person dabei sein. Daher zohe sie dem Könige seinen Dolch
von der Sejten weg / verbarg sich hinter einen Myrten-Gang; und als die beim
tagenden Morgen in den Garten zurück kommende Parysatis bald beim Eingange von
zweien Stummen angefallen / zu Boden gerissen / und mit zweien Stichen verwundet
ward / sprang die grausame Ada mit dem blossen Dolche herzu / und stach selbten
bis ans Hefft der Parysatis zwischen die Brüste / mit beigesetzten Worten:
Kennst du mich auch / ehbrecherische Parysatis? Ich bin Ada / oder vielmehr die
selbst-ständige Eyversucht / welche sich schwerer ohne Menschen-Blut versohnen /
als der Diamant mit Bocks-Blute weich machen lässt. Die sterbende Parysatis bliess
mit ihrer Seele noch nicht ihre verbitterte Rache aus / sondern fuhr mit ihrem
Munde gegen der sie tödtenden Hand /und biss mit ihren giftigen Zähnen bei nahe
ein Glied vom kleinen Finger hinweg. Worauf ihr die verbitterte Ada noch einen
Stich in den mit Fleiss entblösten Bauch unter den Nabel versetzte / die Stummen
aber die noch atmende Leiche in den / den Garten anströmenden Hebrus warffen.
Nach vollbrachtem Morde befahl Rhymetalces auf der Ada Anstifftung etlichen von
der Leibwache diese zwei stummen Werckzeuge seiner Grausamkeit gleichfalls ins
Wasser zu stürtzen / umb diese Mord-Tat so viel gewisser zu vertuschen.
Rhymetalces sprengte hierauf in Oresta aus: Parysatis wäre am Schlage gestorben;
machte ihr ein prächtig Begräbnüs / und befahl ihr ein kostbares Grabmahl zu
bauen. Aber der Fluss Hebrus achtete sich viel zu heilig / neben dem Haupte des
Orpheus eines so geilen Weibes stinckende Leiche zu beherbergen / oder das an
ihr verübte Laster zu verdrücken. Daher warf er sie eine Meile unterhalb der
Stadt bei einer dem Hyettus zum Gedächtnüs-aufgerichteten Marmel-Seule ans Ufer
/ welcher in Griechenland zum ersten den Ehbruch mit dem Tode bestrafft haben
soll. Die einfältigen Fischer brachten diese allzu kentliche Leiche eben an
ihrem Begräbnüs-Tage nach Oresta; und zeigten sie dem auf dem grossen Platze für
dem Tempel des Bacchus versammleten Volcke; welches dem Könige offentlich
anmutere / die Morder der Königin zu erforschen und zu straffen. Weil aber
Rhymetalces widersprach: dass es der Königin Leiche wäre / und die Fischer ins
Gefängnüs zu werffen befahl; machte ihr Argwohn ihn selbst zum Weiber-Mörder;
welcher Verdacht für eine ungezweifelte Warheit angenommen ward; als sie die
Königliche Baare mit Gewalt öfneten / statt der Leiche nur etliche Stücke Blei
darinnen fanden / und den aus der Parysatis Brüsten gezogenen Dolch aus dem
darauf geetzten Zeichen des Kriegs-Gotts für den Königlichen erkennten. Hierüber
erwuchs ein offentlicher Aufstand / welcher weder durch Einredung der
Königlich-Gesiñten noch durch der gewafneten. Leibwache Dräuung zu stillen war /
sondern wenn das Volck an einem Orte sich besänftigte / am andern desto
ungestümer zu wüten ansieng; also dass Rhymetalces mit genauer Not durch Hülffe
seiner Leiche in Tempel des Bacchus entrann. Denn die Menge ist gleich einer
rasenden See / welche die Winde der Unvergnügligkeit / der Furcht und Rache mit
tausend Wellen beunruhigen / derer immer eine sich erhebet / wenn die andere
sich leget. Niemals aber ist der Pöfel verwegener / als wenn er sich gefürchtet
sieht. Daher dräuten sie dem Rhymetalces offentlich den Tod / und seinen Kindern
die gäntzliche Ausrottung. Der Parysatis Leiche aber liessen sie aufs
köstlichste einbalsamen / und setzten diesen stinckenden Laster- und Maden-Sack
mit unbeschreiblichem Wehklagen in der Königlichen Grufft bei. Inzwischen hatte
Ada umb dem Rhascuporis der Königin Tod ein wenig zu verbergen sich folgende
Nacht unter dem Scheine der Parysatis in sein Bette gespielet; und weil des
Rhascuporis Einbildung / durch welche er mit seiner eigenen Gemahlin Ehbruch
trieb / seine Brunst schärfte / Ada aber übers Jahr ihres Ehherrens nicht
genossen hatte / fand sie wider die gemeine Gewonheit in ihrem eigenen Bette
mehr Vergnügung / als im Königlichen; also dass die Geilheit in ihrem Hertzen
nunmehr für ihren Rhascuporis gegen die für den Rhymetalces fechtende Ehrsucht
zu kämpfen anfieng. Hingegen war über der ausbrechenden Ermordung der Parysatis
niemand mehr ergrimmet / als Rhascuporis; also: dass er seinem Bruder dem
Rhymetalces sagen liess: Er möchte seine Sicherheit anderwerts suchen; denn der
Tempel des Bacchus wäre keine Freistadt eines Weiber-Mörders. Als aber
Rhymetalces die Unmögligkeit sah dem empörten Volcke die Tödtung der Parysatis
auszureden / und daher sich dardurch zu verteidigen suchte: dass sie wegen
Ehbruchs seine Liebe und ihr Leben verloren hätte; bildete ihm der sich
schuldig-wissende Rhascuporis ein: Rhymetalces hätte seine mit der Parysatis
gepflogene Buhlschaft ergründet /und würde ihn als den Ehbrecher angeben.
Hierüber geriet er in die euserste Bestürtzung; liess auch den Rhymetalces mit
Gewalt aus dem Tempel ziehen /und in ein einsames Zimmer einsperren; ungeachtet
der König sich auf die Unversehrligkeit seiner Königlichen Hoheit und des
Tempels bezohe / welcher grössere Freiheiten als der Alleischen Minerva Tempel
im Peloponesus / und das Heiligtum der Phliasischen Hebe hätte / darinnen doch
Vater- und Mutter-Mörder unversehrt blieben wären. Wie nun Ada sich das Blat
derogestalt wenden sah / sie auch Rhymetalcens schon überdrüssig worden war /
hielt sie es nunmehr auch für ratsam mit des Königes Glücke ihre Liebe zu
verändern. Sie kam daher zum Rhascuporis aufs üppigste angeputzt / redete ihn
dieses Inhalts an: Es ist nunmehr Zeit Rhascuporis deine Liebe unschuldig / und
deinen Stand grösser zu machen. Du hast Ursache deine Ada wieder ins Bette zu
nehmen / welche dich niemals aus ihrem Hertzen gelassen / ja sich übers Jahr
aller Wollust enteusert hat /nur dass du genung mit der Parysatis deine Lust
büssen möchtest. Meine übermässige Liebe hat mir die Bitterkeiten der Eyversucht
versüsset / aber auch deinem Irrtum abgeholffen / welcher deiner Gemahlin Anmut
für unschmackbares Wasser / der Parysatis Geilheit aber für Himel-Brod und
Nectar einlobte. Du selbst hast dich überzeuget / als du die letzte Nacht mich
statt der eingebildeten aber schon todten Parysatis umbarmetest / und mir
gestandest: sie hätte dich niemals vergnügter aus ihren Armen gelassen. Würdige
destalben nun auch wieder im Wercke dieselbe deiner Liebe / die du unwissende
für würdig erkläret hast / und geneuss meiner reinen Flammen / welche wie die der
Parysatis / dich mit keinem Rauche eines Lasters schwärtzen / an welcher der
Himmel seine Rache ausgeübt hat / umb mich glückseelig / dich aber unschuldig
und grösser zu machen. Rhascuporis fiel seiner scheinheiligen Ada umb den Hals /
küssete und benetzte sie mit vielen Tränen / bat sie demütigst umb Verzeihung
seines Verbrechens / und gelobte sie hinfort als seine eigene Sonne zu lieben
und zu verehren. Ada ward hierüber hertzlich erfreuet /und fuhr fort: Meine
Gedult hat meine Treue zwar hoffentlich genung bewehret; ich will sie aber noch
mit Eröfnung eines wichtigen Geheimnüsses besiegeln. Rhymetalces hat mir selbst
Anlass gegeben / und ich will dir im Garten den mit Blut bespritzen Ort zeigen /
wo er die aus deinem Bette zurück kommende Parysatis eigenhändig ermordet hat;
weil ihm ihre mit dir gepflogene Liebe verraten worden. Auf eben selbiger
Stelle schwur er dir den Tod / und mir die Ehe / da ich durch dis mir
zugestellte Gift an dir seine und meine Schande rächen wollte. Ich erstaunete
für so grausamen Anmuten; und verdammete in meinem Hertzen eine Krone / meine
dir geschworne Treue aber hindan zu setzen. Weil aber Rhymetalcens Gemüte
unversöhnlich / sein Gelübde unwiderruflich war / zwang mich die Liebe den
Todes-Befehl zum Scheine zu übernehmen / nur / dass er dir nicht durch andere
Werckzeuge das Licht ausleschen liesse. Ich habe mich nun drei Tage gequälet: ob
ich durch Offenbarung so grausamen Schlusses zwei Brüder zu Tod-Feinden machen
sollte. Nach dem ich aber kein ander Mittel zu deiner Sicherheit aufzufinden
gewüst / muss ich nur entdecken / was ich ohne Meineid und ohne Beförderung
deines und meines Untergangs nicht verschweigen kann. Hier ist das Gift / das
ich aus seiner Hand mit Schrecken annehmen müssen. Urteile /wohin es zu
verbrauchen ist? und was dich gegenwärtiger Zustand vorteilhaftig entschlüssen
heist. Der aufs neue bezauberte Rhascuporis erinnerte sich nicht: dass die Waffen
der Weiber Arglist / ihre Siege Betrügereien wären; nam also alles für
ungezweifelte Warheit auf; und weil seine dem Rhymetalces durch Schändung seiner
Gemahlin angefügte Beleidigung sein Gemüte schon von Brüderlicher Liebe
abwendig gemacht hatte / gab seine nunmehr angezündete Rachgier so viel leichter
diesen Ausschlag: dass Rhymetalces durch sein eigenes Gift sterben / und das
Rache verlangende Volck damit versöhnet werden sollte. Ada zohe hierüber die
Achseln ein / mit Vermelden: Sie wünschte wohl ein linderes Mittel sich ausser
Gefahr zu setzen; aber Rhymetalces hätte das Band der Brüderlichen Liebe schon
selbst zerrissen. Das Recht der Natur und Völcker billigte einem jeden auzutun
/ was er vor einem andern bestimmt hätte. Ihnen und Tracien wäre nun nicht
anders als mit Rhymetalcens Tode zu raten. In einem solchen Absehen hätte der
tapfere Timoleon ihm kein Gewissen gemacht / seines herrschsüchtigen Bruders Tod
durch seine Ratschläge zu befördern. Die tugendhafte Aretophile zu Tyrene
hätte es für einen herrlichen Sieg geachtet / als sie Leandern zu Hinrichtung
seines Bruders Nicarates ihres eigenen Ehmannes beredet. Diesemnach hätte sie
kein Bedencken sein Urtel an Rhymetalcen selbst zu vollziehen. Wormit sich Ada
aber zu einem rechten Sinnbilde der Untreue machte / verfügte sie sich selbst
zum Rhymetalces / welcher aus besorgtem Gifte andertalb Tage keine Speise zu
sich nehmen wollte / verfluchte die gegen ihn verübte Unbarmhertzigkeit seines
Bruders / vertröstete ihn ihm aus dem Gefängnisse und den Händen des rasenden
Volckes zu helffen; und versicherte ihn: dass er sich in den Speisen / welche sie
selbst mit genüssen wollte /keines Argen zu besorgen hätte. Sie hatte aber wie
Parysatis des Xerxes Tochter des Darius Gemahlin zu Hinrichtung der ihrem Sohne
vermählten Stagira / die eine Seite ihres Messers vergiften lassen / mit welchem
sie die aufgetragenen Vögel und Früchte zerteilte / und die vergiftete Helffte
dem Könige vorlegte; durch solche Zerteil- und Mitspeisung aber so viel
leichter ihn seinen Tod zu essen verleitete. Nach dem sie ihm nun genung zum
sterben eingegeben zu haben vermeinte / liess sie Rhymetalcen nebst einem
Gefärten / der ihn auf den Hebrus nach Zernis in Sicherheit bringen sollte /
über die Zinnen des Tempels in einen Nachen; welcher aber unferne davon von des
aufrührischen Volckes auf solche Aufsicht mit Fleiss bestellter Wache angehalten
/ und der erkennte König von dem rasenden Pöfel erschlagen ward / ehe er noch
aus Würckung des Giftes erfuhr: dass sich Ada aus einer Buhlschaft in eine
vergiftende Schlange velwandelt hätte. Dieser Tod kam nicht so geschwinde der
Ada zu Ohren / als sie ihren Gemahl erinnerte; es wäre nunmehro Zeit nebst der
Insel Kron und Zepter zu umbfassen / ohne welche alle Würde Stückwerck /alles
Glücke Eitelkeit wäre. Gemeine Leute könten alle Tage / Fürsten aber nur bei
grossen Veränderungen sich mit ihrer Fähigkeit sehen lassen. In keines Fürsten
Macht stünde es zwar / alles tun; aber gar nichts wichtiges ausrichten / wäre
eines Fürsten ärgster Schandfleck. Der todte Rhymetalces hätte seinem Sohne
Cotys selbst dardurch das Erbrecht zum Tracischen Reiche abgesprochen / da er
seine Mutter Parysatis als eine Ehbrecherin getödtet hätte. Daher wäre
Rhascuporis nicht nur berechtiget sich für den König ausruffen zu lassen /
sondern auch den jungen Cotys als ein Opfer der gemeinen Ruh abzuschlachten. Ob
nun zwar Rhascuporis hierüber anstand / und den Fürsten Cotys als ein Huren-Kind
zu verstossen hunderterlei Bedencken hatte; so wusste doch Ada ihrer Herrschsucht
/ und Einratung unter dem Scheine des uhralten Tracischen Erbrechtes eine
schöne Farbe einzustreichen; als welches eben so wohl als in Numidien und Arabien
des verstorbenen Königs Bruder für seinen jüngern Söhnen zum Reichs-Erben
angenommen hätte; weil einem Reiche vorzustehen kein Werck der schlipfrigen
Jugend / sondern des erfahrnen Alters wäre. Hiermit gewaan Ada nicht nur das
Gemüte des seinem eigenen Aufnehmen leicht beifallenden Rhascuporis / sondern
sie spielte es auch durch Bestechung der Grossen / und durch Betörung des
Volckes / welches nach seinem Augenmaasse nicht mit dem Verstande urteilt / und
daher jede Scheinbarkeit sich blenden lässt / dahin: dass Rhascuporis zu Oresta
für den König in Tracien ausgeruffen ward. Ich / sagte Fürst Rhemetalces / kam
eben selbigen Tag aus dem Pannonischen Kriege / da ich den Römern zum besten
fünf-tausend Tracier geführt hatte /nach Oresta; jedoch bekümmerte mich meines
Vaters Rhascuporis Königliche Würde / und die Tracische Veränderung mehr / als
die Ehrsucht mich darüber zu erfreuen verleiten konnte. Denn ich hatte in
Pannonien mit dem Fürsten Cotys eine grössere Freundschaft gemacht / als so
nahe Bluts-Freundschaft auch unter gemeinen Leuten stifften / oder die Begierde
zu herrschen sonst unter Fürsten vertragen kann. Uberdis kam mir das übermässige
Glücke so verdächtig für / als meiner lasterhaften Stiefmutter Liebkosungen /
damit sie nichts minder mich / als das Volck zu betören trachtete / und meinen
Vater Rhascuporis aufs neue ganz bezaubert hatte. Diese Ursachen bewegten mich
meinen Vater mit Bescheidenheit die Gefahr seiner gefassten Entschlüssung für
Augen zu stellen; weil doch die letztere Art der Tracischen Reichsfolge für den
Fürsten Cotys / das veränderliche Volck aber selten auf seiner ersten Wahl feste
/ ja es nicht in der einigen Stadt Oresta / sondern in des ganzen Reichs
Erklärung bestünde / wer zur Herrschaft das beste Recht hätte. Cotys wäre ein
Herr von grossen Tugenden / und grösserer Hoffnung. Die mächtigen Römer würden
ihm mit Hülffe nicht entfallen sein Väterlich Reich zu behaupten / derer
Freundschaft er durch seine Tapferkeit im Pannonischen Kriege nichts minder
verdient / als erworben hätte. Diesemnach könnte Rhascuporis nichts grossmütigers
noch sicherers entschlüssen / als wenn er dem in Pannonien abwesenden Fürsten
Cotys die Helffte des mehrmals geteilt-gewesten Traciens antrüge / welches
auch nach seiner Zerspaltung den meisten benachbarten Königreichen überlegen
sein / und den edlen Cotys ihm aufs höchste verknüpfen würde. Mittelmässige
Reiche wären ins gemein tauerhafter / als allzu grosse. Jene würden durch
gewohnte Wachsamkeit ihrer das wenige zu bestreiten mächtiger Fürsten erhalten;
diese durch Sicherheit ihrer Häupter / durch den Neid ihrer Nachbarn / durch die
Uppigkeit ihrer Einwohner zu Grunde gerichtet. Die Römer würden das zerteilte
Tracien nicht mehr mit so schälen Augen / als Zeiter das vereinbarte
anschauen; ja der Himmel selbst ein geneigterer Beschirmer eines gerechten / als
eines gewaltigen Reiches / sein. Durch diese Einredung brachte ich meinen Vater
so weit: dass er meine Meinung billigte / und zu vollstrecken im Werck begriffen
war. Aber die unersättliche Ada warf auf einmal alles über einen Hauffen / indem
sie für eine Torheit eines furchtsamen Hertzens schalt; wenn es sich mit einem
halben Reiche vergnügte / das es ganz besitzen könnte. Kreisse und Kronen hätten
nur einen Mittelpunct. Der Himmel vertrüge nur eine Sonne / Tracien nur einen
König; und ein zweiköpfichtes Reich wäre eine so ungeschickte Missgeburt / als
ein so viel-köpfichter Mensch. Fürsten wären dieses Nahmens nicht wert / welche
ihr Gebiete zu vermindern ihnen träumen liessen / nicht aber ihre Gewalt zu
vergrössern alle euserste Kräfften angewehreten. Denn ein nicht mehr steigendes
Reich sincke wie ein empor geschossener Pfeil augenblicks zu Bodem; und die
Römische Herrschsucht / welcher der noch vereinbarte Tracische Reichs-Apfel zu
verschlingen zu gross gewest / würde alsofort seine Stücke ohne weniger Müh / als
König Philipp verdrückt haben / als Tracien zwischen dem Cersobleptes /
Berisades und Amadocus wäre zerteilt worden. Des Rhascuporis Ahnen hätten durch
ihre Klugheit und Tugend die Tracier unter einen Hut gebracht; also sollte er
durch ihre Zergliederung sich nicht unwürdig machen ihr Enckel /der Tracier
König / und der behertzten Ada Ehmann zu sein. Auf diese Art verleitete Ada
nicht alleine meinen Vater / sondern sie fasste auch gegen mir wegen meines
widrigen Einratens eine mehr als Stiefmütterliche Todfeindschaft; wiewol sie
selbte mit mehr als Mütterlichen Gebehrdungen verhüllete. Rhascuporis nam die
allerheftigsten Entschlüssungen wider die ihn nicht anbetenden Tracier für /
verbannte den Cotys als einen durch Ehbruch unwürdig-eingepfropfften Zweig in
den Königlichen Stam-Baum. Mit einem Worte: die Ehrsucht und Grausamkeit der Ada
brachte nichts so schlimmes auf die Bahn / was Rhascuporis nicht billigte; ich
und andere aber rieten nichts so gutes / was nicht beide verwarffen; entweder
weil eines geilen Weibes Worte / wie der Nil-Fall die benachbarten Mohren
derogestalt betäuben / dass sie nichts bessers hören können; oder weil ihm
Rhascuporis nicht die Gedult nahm das Quell-Wasser guter Ratschläge aus dem
tieffen Brunnen der Wahrheit herauf zu schöpfen / sondern sich den aus dem Munde
der falschen Ada über das Wehr der heftigsten Begierden abschüssenden Strom
/wohin sie wollten / fortreissen liess. Wiewohl es ein gemeiner Fehler auch
uneingenommener Fürsten ist /kühne und ruhmsichtige Fürschläge nützlichen
vorzuziehen. Denn Ratschläge haben einerlei Verhängnis mit den Gesichtern: dass
die schönen allein gefallen. Rhascuporis fussete auch so viel mehr auf der Ada
Vorschläge / weil die Agrianes / Agatyrsen / ja fast alle Odrysische
Landschaften ihn mit Frolocken für ihren König ausrufften; nicht so wohl: dass
sie ihn für dem Cotys liebten / als weil das Volck nach Art der schwärmenden
Bienen auf ieder Hecke / die ihnen zum ersten fürkomt / ihren Sitz und
Beruhigung sucht. Unterdessen kochte Ada wider mich unter dem freundlichsten
Anblicke eitel Gift und Galle / teils weil sie sich durch meine Redligkeit
beleidigt zu sein glaubte; teils weil sie ihren mit dem Rhascuporis gezeugten
Sohn Taxiles schon zum Erben eines Reichs bestimmete / dessen sie selbst noch
nicht mächtig war. Ich hatte bei meinen neunzehn Jahren gleichwohl gelernet der
Stiefmütter Liebe verdächtig zu halten / und die Verwarnigung Hegesipylens einer
in der Königin Frauenzimmer sich befindende edlen Tracierin erhielt mich an
einem Abende am Leben / weil sie mir bei einem Tantze nur diss ins Ohr sagte: Wie
schade ist es für einen solchen Fürsten / dass er in seinem Hertzen nicht so viel
Argwohn / als Tugend hat! Wie jammert es mich: dass er heute mit einer
Comagenischen Dirne sich zu Tode tantzen soll. Als ich mich kaum Hegesipylens
entledigt hatte / kam die Königin mit ihrer gewohnten Liebkosung; und lobte mir
eine ihrer Comagenischen Jungfraue als ein Meisterstücke der Natur / und als ein
Kleinod / welches sie alleine für mich verschrieben / und zu meiner Vergnügung
biss auf selbige Nacht aufgehoben hätte. Der mir von Hegesipylen ins Ohr gesetzte
Floh erinnerte mich: dass man bei so süssen Lockliedern den gefährlichen
Schiff-Bruchs-Klippen am nechsten sei / und den zermalmenden Blitz über der
Scheitel habe / wenn falsche Hertzen so schön Wetter machen. Diesemnach vergalt
ich zwar meiner Stiefmutter Freundligkeit mit grosser Ehrerbietung; ich stellte
mich aber bald darauf kranck / und zohe mich in mein Zimmer zurücke. Früh / als
ich in Tempel ging / drückte mir ein fremder Knabe einen Zettel in die Hand /
und gab mir mit selbtem die Nachricht: dass die neue Comagenerin von giftigen
Speisen von langer Zeit durchwürcket / und mit ihrem Ateme / ja mit der Wärmbde
ihrer Hand andere zu tödten mächtig wäre. Ich erschrack über so grausamen
Erfindungen / und weil ich weder meines Lebens sicher war / noch meines Vaters
Befehl nach /wider den zu Philippopolis angekommenen Fürsten Cotys ins Feld zu
ziehen Lust hatte / ward ich schlüssig von Oresta weg / und nach Aten zu ziehen
/ umb dem über Tracien aufziehenden Ungewitter auszuweichen. Meinen Schluss zu
beschleunigen nötigte mich eine neue und abscheuliche Anfechtung der
Stiefmutter / welche mir eben das grausame Laster /was Phödra dem Hippolytus
zuzumuten sich nicht entrötete. Ich erstaunete hierüber anfangs als ein Stein;
weil ich aber für eine halbe Genehmhab- und Anleitung zu mehren Versuchungen
hielt / über einer so schändlichen Versuchung keine Empfindligkeit zeigen /
schlug ich auf das Heft meines Degens / und sagte der Ada unter Augen: Diss kalte
Eisen sollte ihre Brunst kühlen / wenn sie mich mehr auf solche Art zu versuchen
sich gelüsten lassen würde. Die schlaue Ada lachte hierzu / und machte von
meiner Tugend grosse Lob-Sprüche; weil ich auch einen wider die Erbarkeit
lauffenden Schertz / dardurch sie mein Gemüte hätte prüfen wollen / nicht
vertragen könnte. Weil ich aber so wohl das scheinheilige als rachgierige Hertze
meiner Stiefmutter allzu wohl kennte /machte ich mich noch selbigen Abend / aber
zu meinem Unglücke aus der Stadt. Denn den Morgen darauf lieff ein Brieff an
mich vom Fürsten Cotys von Philippopolis ein; darinnen er mich meiner alten
Freundschaft / und seines zu der Tracischen Krone habenden Erb-Rechtes
beweglich erinnerte / der von den Römern ihm versprochenen Hülffe sein Reich zu
erobern versicherte / die daraus Tracien auf den Hals wachsende Dienstbarkeit
für Augen stellte / und mich bei allen Tracischen Göttern beschwur: dass ich
meinen Vater von seinem Beginnen ableiten / hierfür aber das zwischen dem Berge
Hämus / Gamaides / dem Fluss Agrianes und dem Euxinischen Meere liegendes
Tracien versprechen / für mich aber die Landschaften Sardica und Usdicesica
haben sollte. Weil ich nicht zu finden war / und bei Hofe alles durch der Ada
Hände gehen musste / ehe es an den König kam /geriet dieser Brief auch zur Ada.
Das Königliche Tracische Siegel war ihr Argwohns genung selbtem zu öffnen / und
der Innhalt ein erfreuliches Wesen /woraus diese Spinne mich zu tödten Gift
saugen konnte. Sie verdrückte diesen Brief / biss sie vorher meiner Entweichung
gewiss war / und durch ihre Werckzeuge dem Rhascuporis gegen mich allerhand
Verdacht hatte einpregen lassen / worzu ihnen meine von Kind auf mit dem Fürsten
Cotys gepflogene Verträuligkeit / und die Widerratung seiner gäntzlichen
Verstossung genungsamen Zunder darreichte. Hierauf zoh Ada allererst des Cotys
Brief herfür / woraus alle Räte / welche Ada an ihrem Seile führte / mir ein
mit dem Cotys gemachtes geheimes Bündnis aufdrangen / meine Entfernung aber für
eine Flucht zum Cotys auslegten / also meinen Vater bewegten: dass er nicht nur
alle Heimligkeiten meines Zimmers durchsuchen /sondern auch meine hinterlassene
Bediente in Kercker werffen / peinlich über mein Vorhaben befragen / mir aber
auf allen Strassen nachsetzen / ja denen / welche mich zu nötiger Hafft
anzeigen würden / zehn Taleut zur Vergeltung durch offentliche Herolden
versprechen liess. Olorus ein Odrysischer Ritter / welchem ich alleine meine
Abreise vertraut hatte / kriegte davon bei Hofe zeitlich Wind / kam mir nach /
und ereilte mich bei der Stadt Zernis mit der Verwarnigung keinen Augenblick
mich aufzuhalten / biss ich in das Römische Gebiete des Chersonesus entkommen
wäre. Ob ich nun zwar selbst bei meiner Bestrickung keine andere Rechnung als
des Todes zu machen hatte / so ward ich doch schlüssig zurück nach Oresta zu
kehren / um lieber zu sterbe / als durch meine Flucht mich einer Verräterei
gegen meinen Vater verdächtig zu machen. Olorus widerriet es mir aufs äuserste
und mit Träne / weil Ada ohn mein Blut unversöhnlich /mein Untergang ihr so
vorträglich wäre / und ich mich bescheiden könnte: dass eines verbitterten Vaters
Hass sich so viel mehr vergrösserte / als sein Blut näher käme. Denn ie mehr eine
Gemüts-Bewegung unnatürlich wäre / ie heftiger rasete sie. Frembde Feindschaft
wäre ein-der Brüder zweifach; der Eltern aber hätte so wenig / als ihre Liebe /
einen Maass-Stab. Die Zeit / und meine fürgesetzte Lebens-Art zu Aten würde mich
von allen Beschmutzungen der Lästerer weiss brennen; und da es mit des
Rhascuporis Beginnen einen besorglich übeln Ausschlag gewinnen sollte / mir des
Cotys Gewogenheit meines Vaters Güter und Würden unversehrt behalten. Dessen
ungeachtet blieb ich aus einer gewissen Hartnäckigkeit / oder aus einem
besondern Triebe des Verhängnisses auf meinem Kopfe / spielte mich auch mit dem
Olorus durch das Agatyrsische Gebiete so verborgen in Oresta an: dass meiner
kein Mensch gewahr ward / als biss ich in das Königliche Schloss einritt; und
meinem auf der Rennebahn befindlichen Vater unerschrocke unter Augen trat. Alle
Anwesenden erschracken für mir; zweifels-frei / weil ieder zu meinem Verterben
einen Stein getragen hatte; am meisten aber der König /welcher mich alsofort /
woher ich käme / und was ich verlangte / rechtfertigte. Ich antwortete / iedoch
mit kindlicher Demut und Ehrerbietung: Ich stellte mich eigenbeweglich ein / umb
den auf mich gesetzten Preis der 10. Talent selbst zu verdienen / und über die
Verläumder / welche mich einer Verräterei beschuldigt hätten / Rache zu
fordern. Rhascuporis stutzte hierüber / und befahl: dass ich ihm auf dem Fusse in
sein Zimmer folgen sollte. Daselbst forschte er von mir: Was ich für heimliche
Briefwechselung mit dem feindlichen Cotys unterhielte? Aus was Absehn ich mich
ohne sein Erlaubnis des Hofes entbrochen / und wohin ich mein Absehen gerichtet
hätte? Ich entschuldigte das letztere so gut ich konnte / weil ich die mir
geschehene Nachstellung / ohne die treue Hegesipyla in Gefahr zu stürtzen nicht
erweisen konnte. Das erstere verneinte ich schlechter Dinges; als mir aber mein
Vater des Cotys Brief fürhielt / beteuerte ich: dass ich von selbtem nichts
wüste; es auch in meiner Gewalt nicht gestanden hätte dem Cotys sein schreiben
zu verwehren / welches zwar einige bedenckliche Anmutungen in sich begriffe /
aber weder von einem mir zuschreiblichen Anlasse / noch von meiner Genehmhabung
einig Wort in sich hielte. Mit einem Worte: Ich verteidigte meine Unschuld
derogestalt; dass dem Rhascuporis dadurch der Dorn seines Verdachtes aus dem
Fusse gezogen zu sein schien / und er mir allein befahl / bei Verlust meines
Halses aus Oresta nicht zu weichen. Die diss bald erfahrende Ada wollte über
dieser unvermuteten Gelindigkeit meines Vaters für Ungeduld von Sinnen kommen;
und weil sie ihren Anschlag gegen mich zu Wasser werden sah / ward ihre
Verbitterung gegen mich so viel feuriger. Sintemal der Hass ohne diss die
Eigenschaft des Weines in sich hat: ie älter / ie stärcker. Weil sie aber das
vergällte Hertze des Rhascuporis so geschwinde seine natürliche Eigenschaft
wieder bekommen sah / getraute sie nicht ohne neue Beschuldigungs-Gründe ihn
aufs neue gegen mich zu verhetzen; sondern verbarg vielmehr gegen ihm ihren
Groll mit einer äuserlichen Freude: dass ich allen Verdacht so vernünftig
abzulehnen gewüst hätte; bat auch selbst mir nach Belieben aus Oresta zu reisen
die völlige Freiheit aus. Unterdessen schmiedete sie unter meinem Nahmen eine
Antwort auf des Cotys Brief / des Innhalts: Ich wäre schon auf dem Wege gewest /
über das Egeische Meer in Macedonien / von dar mich zum Cotys zu verfüge /und
ihm allerhand heilsame Anschläge zu Eroberung seines väterlichen Reiches zu
geben; von welchem ich ohne diss kein Teil / sondern alles mein von der Ada
geborner Hab-Bruder Taxiles zu erwarten hätte. Weil aber inzwischen des Cotys
Brief aufgefangen / und er umb der Bestrickung zu entkommen / nach Oresta wieder
zu kehren genötigt worden wäre / darinnen als ein halber Gefangener gehalten
würde / und als ein Verdächtiger wenig zu seinem Vorteil tun / weniger meinen
Vater zum verlangten Vergleiche bewegen könnte; dörffte er seiner gerechten Sache
mehr kein Bedencken tragen sich der Römischen Macht zu bedienen. Mein Rat wäre
/ Cotys sollte das Feuer in der Asche suchen / und in der Haupt-Stadt Oresta die
Urheberin alles Ubels Ada erdrücken; welche den Rhascuporis zu so ehrsüchtigen
Entschlüssungen verleitet hätte. Wenn er diesem das Leben mit dem Priester-Ampte
zu lassen / mir aber das meinem Vater angebotene Teil von Tracien abzutreten
verspräche /wollte ich unterdess selbst nicht alleine die verfluchte Ada den
höllischen Göttern aufzuopfern / sondern auch so denn dem Cotys die Pforten der
Haupt-Stadt durch Hülffe seiner vertrauten Freunde zu öffnen bemüht sein. Diesen
ihren eigenen Aufsatz liess Ada einen ihrer geheimen Schreiber / der alle Hände
nachmahlen konnte / abschreiben / und schickte selbten durch einen wohl
abgerichteten Griechen dem Cotys /welchem dieser schlaue Bote noch ein und
ander scheinbares mündlich beizusetzen / und vom Cotys folgende Antwort an mich
auszulocken wusste: Es hätte Sylvanus der Römische Feldhauptmann nach
überwundenen Breuzen / und dem aus Pannonien verjagten Bato / mit der ganzen
Römischen Macht ihm beizuspringen angeboten / die Hoffnung aber / es würde sich
Rhascuporis durch mich zum Vergleiche bewegen lassen / hätte ihn fremde Hülffe
ins Hertze Traciens zu führen noch zurücke gehalten. Nachdem er aber von mir
des Rhascuporis Hartnäckigkeit / der Ada Verhetzung / und noch täglich wachsende
Herrschsucht vernähme / würde er genötigt / wie schwer er daran käme / alle
äuserste Mittel zu brauchen / die unter dem Berge Skodrus fertig stehende Römer
zu beruffen / und seinem Rate nach gerade für Oresta zu rücken. Könte ich
unterdessen der schlauen Ada vom Brodte helffen / würde ich beider Glücke auf
viel festern Fuss setzen; wiewol diese Unholdin für der ganzen Welt ein
Schauspiel grausamer Rache fürzustellen verdiente. Ich sollte inzwischen mein
wohl wahrnehmen / in Oresta mir ein Ansehen zu machen bemüht / und nach seinem
Obsiege wegen des über dem Flusse Agrianes gelegenen Traciens versichert sein.
Inzwischen bestellte sie bei der Uberfahrt des Flusses Pontus zwei Odrysen /
welche sich bei seiner Rückkehr zu diesem Griechen gesellten /ihn erschlugen /
und den ihm abgenommenen Brief des Cotys dem Rhascuporis als eine wichtige dem
Feinde abgeschlagene Beute überbrachten. Rhascuporis ward über dem Innhalte
äuserst bestürtzt / zeigte ihn alsofort seiner Gemahlin / und wollte mich
Augenblicks in Hafft nehmen lassen. Die schlaue Ada aber /die durch diss Netze
mich noch nicht genung zu überweisen getraute / machte hierwider allerhand
Schwerigkeit; insonderheit ob diss auch eigentlich des Cotys /oder ein
untergesteckter Brief; oder vielmehr gar des arglistigen Cotys Erfindung wäre /
zwischen Vater und Sohn Zwytracht zu stiften / und mir dem gemeinen Wesen zu
Schaden ein Bein unterzuschlagen. Daher sollte er sich nichts mercken lassen /
sondern die Wahrheit oder Falschheit der Verräterei nach und nach daraus
erkiesen: Ob Cotys des Sylvanus Völcker an sich / und gegen Oresta ziehen / ich
aber was wider die Ada anspinnen würde / darauf sie ein genaues Auge haben
wollte. Inzwischen ward dieser Brief gegen des Cotys ersten / und andere seine
Handschrifften gehalten / und so wohl Siegel als Schrifft für richtig erkennet.
Nach wenigen Wochen kam die Nachricht ein: dass Sylvanus mit seinem Pannonischen
Heere aus Dardanien über das Hämische Gebürge gesetzt hätte / und an dem Flusse
Suemus herab käme. Drei Tage darnach liess der Landvogt zu Bessapara den
Rhascuporis wissen: dass das Römische Heer gerade gegen selbige Stadt / Cotys
aber mit seinem Kriegsvolcke an der rechten Seite des Hebrus herab züge; also
jenes vermutlich auf Bessapara / dieses auf Brisica angesehen wäre. Aber fünf
Tage darauf brachten alle Posten: Die Feinde liessen alle Städte auf der Seite
liegen / und giengen gerade auff die Haupt-Stadt los. Wordurch des Cotys Brief
wahr gemacht / Rhascuporis / dessen Heer bei Cille ein Lager geschlagen hatte /
solches über Hals und Köpf teils an den Fluss Pontus / teils an Strom Artiscus
zu rücken befehlichte / mich aber als einen der Verräterei genungsam
überwiesenen ins Gefängnis werffen /und meine Zimmer aufs neue genau untersuchen
zu lassen / mit der Ada schlüssig ward. Zu allem Unglücke kam ich zu meinem
Vater / und bot mich an in seinem Heere wider seine Feinde / als ein gemeiner
Kriegs-Knecht zu dienen / wenn er mir was höhers zu vertrauen Bedencken trüge.
Denn ich könnte ohne Schande die Hände nicht in die Schoss legen / wenn es umb des
Vaters Krone / und Traciens Freiheit zu tun wäre. Denn ob er zwar nicht
leugnete: dass er des Cotys Freund gewest wäre / so müste ich doch das Band der
Freundschaft mit ihm zerbrechen; nachdem er Tracien so mutwillig den Römern
in die Hände spielte / und lieber ihr Sclave als seines Vetters Freund sein
wollte. Rhascuporis nahm diesen Vortrag für nichts bessers / als für eine
Ausübung meiner mit dem Cotys abgeredeten Verräterei auf / gab mir also einen
grausamen Blick / und fuhr mich mit diesen schrecklichen Worten an: Verräter!
wagst du dich noch deinem Vater unter Augen zu treten / dessen Untergang du
sorgfältiger / als keiner seiner Tod-Feinde sucht! Ich verstumte für Schrecken;
er aber gab ein Zeichen: dass ein Hauptmann von der Galatischen Leibwache ins
Gemach trat / und den Degen von mir zu geben befahl. Wie schmertzhaft mir es
fiel / mir auch der erste Eifer selbten zu zücken riet / widerlegte doch mein
ferneres Nachdencken diese unnütze Ubereilung / weil ich durch solche
Widersetzligkeit nur meine Unschuld zu verdächtigen schien. Daher legte ich den
Degen zu meines Vaters Füssen / kniete nieder / und öffnete die Brust mit den
Worten: Nicht nur den Degen / welchen ich für meines Vaters Wolfart und
Traciens Freiheit gewiedmet habe / sondern auch diss Hertze liefere ich dir /
Rhascuporis. Oeffne es mit dieser Klinge; so wirst du darinnen nichts als Liebe
meines Vaters / und meiner Mutter /nämlich des Vaterlandes; ja in meinem ganzen
Leibe keine falsche Ader finden. Rhascuporis warff für Ungeduld mir des Cotys
Brief für die Füsse und fing an: Unverschämter! magst du so Sonnen-klare
Zeugnüsse widersprechen? Ich überlass den Brief nicht ohne höchste Verwirrung und
fing an: Cotys hat entweder diss gar nicht / oder als ein Unwahrhafter
geschrieben / oder ist durch einen auf meinen Schlag gemachten Brief fälschlich
verleitet worden. Er ist dein Feind /also vermutlich auch deiner Söhne / und
daher wider mich kein tüchtiger Zeuge. Das Recht wird es geben /antwortete
Rhascuporis; und befahl mich in einem Gefängnisse aufs schärffste zu verwachen.
Unterdessen hatte man meine Zimmer erbrochen; und liess Ada alle Schrifften und
Kleinigkeiten aufs genaueste untersuchen. Weil nun etliche meiner Knechte
Aertzte waren / welche mir für dem von meiner Stiefmutter besorgten Gifte zu
verwahren nach des Königs Mitridates Erfindung ein bewährtes Gegen-Gift
bereiteten; fand man in ihren Werckstätten eine ziemliche Anzahl teils
eingesperrter Nattern und Schlangen; teils ihres zum jähren eingelegten
Fleisches. So bald Ada diss erfuhr / überredete sie den Rhascuporis: dass ich
diese giftige Waare zu nichts anderm / als ihm und ihr zu vergeben im Vorrate
gehalten hätte. Alle meine Knechte wurden destalben in die garstigsten Kercker
angepflöckt / und zu was Ende sie Gift bereitet hätten / aufs schärffste
befragt. Ob sie nun zwar einstimmig aussagten: dass sie daraus Artznei / kein
Gift bereitet hätten / ja keines bereiten könten; weil die Nattern weder in
Zähnen / noch in dem Schwantze / noch in der Galle / sondern nur in zweien die
Zähne bedeckenden / und bei ihrem Bisse sich öffnenden Bläslein ein gelbes Gift
beherbergten / wormit man aber niemande vergebe könnte / sondern weil es nur in
offenen Wunde bei Vermischung mit dem Blute vergiftete / in grosser Menge ohne
Schaden in Leib verbraucht / ja der von Nattern gestochener Tiere Fleisch / so
wohl als ihr eigenes sicher verspeiset / der Wein / darin die Nattern ersäufft
/ getruncken / und ihr Gift aus den Wunden von iedermann so wohl als von den
Psyllen ausgesogen werden könnte: so ward doch ihr wahrhafter Bericht als eine
unglaubliche Falschheit verworffen / und etliche biss auf den Tod gepeinigt /
weil sie wider mich nichts verfängliches bekennen wollten oder konten. Dessen
ungeachtet wagte sich kein Mensch der Ada zu widersprechen: dass ich nicht ein
Gift-Kocher wäre. Die noch übrigen kaum atmenden Knechte wurden zu einer neuen
Quaal aufgehoben und erquicket. Des Cotys Schreiben ward im peinlichen
Hals-Gerichte überlegt / und die meisten Richter von der Ada bestochen oder
durch Dräuen gezwungen mich des Halses verlustig zu erkennen. Es war Ort und
Zeit schon bestimmt mich auf einer Schaubühne als einen Verräter abzutun: als
einer meiner Knechte / welchen ich viel tausend Edlen in der Welt vorzuziehen
habe / durch eine nachdenckliche Erfindung die Vollziehung meines Todes-Urteils
hemmete. Denn als er noch einmal über der Gift-Bereitung in die scharffe Frage
gezogen ward /bekennte er: es wäre wahr: dass ich der Ada von einem Meer-Hafen
Gift beibracht hätte. Dieses aber hätte weder er noch andere Knechte bereitet /
sondern Cotys mir zugeschickt. Diss aber hätte diese seltzame Eigenschaft: dass
es dem / der es empfangen / nicht ehe schadete / als biss der Meer-Hase getödtet
würde. Weil nun es der Königin noch nichts geschadet hätte /müste Cotys diesen
Fisch noch unversehrt aufhalten. Uber dieser Aussage hielt der Knecht drei
grausame Züge / und das Brennen mit Schwefel beständig aus /verursachte also:
dass Ada in Beisorge / es würde Cotys nach meiner vernommenen Hinrichtung den
Meer-Hasen / und hiermit auch sie alsobald tödten /nunmehr meinen so eivrig
verlangten Tod wider Willen hinterziehen musste; und derogestalt der Eiver ihrer
in ihrem Hertzen kochenden Rache mich eben so wenig / als der siedende Traan von
den Wallfischen die darein gesteckten Hände zu verbrennen Gewalt hatte.
Unterdessen ging schier keine Stunde vorbei: dass nicht Rhascuporis und Ada mit
bösen Zeitunge erschreckt ward. Denn die mächtige Städte Brisica und Zerius
schickten dem Cotys die Schlüssel viel Meilen entgegen; die ganze Landschaft
Rhodope zwischen den Flüssen Hebrus und Arzus liessen ihn für ihren
rechtmässigen König ausruffen; und was von dar an / biss an den Fluss Strymon
zwischen dem Egeischen Meere und dem Gebürge Rhodope liegt / fing gleicher
gestalt an zu wancken. Die Bürgerschaft in Oresta selbst schöpfte über der
wollüstigen Ada Mord-Stifftungen und meiner Gefängnis Unwillen; also dass
Rhascuporis sich nicht aus seinem Sitze zum Heere dem Feinde den Kopf zu bieten
wagen durfte; ja endlich als Sylvan über den Fluss Artiscus drang /und es sich
alles zum Aufstande in Oresta ansehen liess / beide Heere biss an diese
Haupt-Stadt zurück ziehen musste. Cotys aber fiel mit seiner Reiterei in den
Nachzug ein / erlegte etliche tausend / und kam so nahe: dass Ada seine
Siegs-Fahnen von dem Tempel des Bacchus erkiesen konnte. Sie erfuhr nunmehr: dass
das Kriegs-Los zwar von ehrsüchtigen Menschen geworffen werde / aber selten
nach ihrer Einbildung / und stets nach der Maassgebung des unerforschlichen
Verhängnisses falle. Weil nun einer sicheren Hoffart die Furcht / und der
Untreue das Misstrauen auf dem Fusse folgt; Rhascuporis auch seinen in
Verwerffung meines Rates begangenen Irrtum bereuete; geriet Ada in höchstes
Schrecken und Verwirrung. Sie schöpfte Argwohn gegen den Rhascuporis; als wenn
er sie als die Uhrheberin alles Unglücks über Achsel anschauete. Ja weil ihr
Gewissen ihr nichts gutes wahrsagte / ward sie gegen sich selbst falsch / gegen
ihre Meinungen missträulich / und erwehlte auch das nicht / dem sie ohne Verdacht
trauen dorffte. Weil Bessapara und Cille sich vollends auch ergaben / viet sie
in allen andern Festungen die treusten Befehlhaber zu verändern / wordurch
entweder Heuchler aus Bret kamen / oder auch die Redlichen dem Rhascuporis und
der Ada nichts gutes zuzutrauen / und also sich auf allen Fall nach einem andern
Schutz-Gotte umbzusehen gleichsam gezwungen wurden. Also ist das Misstrauen oft
ein Fusseisen der Klugheit / in welches der Leger so bald tritt / als der /dem es
geleget wird. Die am Flusse Taxus nahe bei Oresta gelegene Stadt Zerva ging
darmit verloren; und die dardurch fast aller Zufuhr beraubte Haupt-Stadt ward
schwierig / und zwang den Rhascuporis einen gefährlichen Streich zu wagen; weil
das Volck wegen abgehender Lebens-Mittel und ihres Königs Kleinmütigkeit schon
mit dem Cotys ein heimlich Verständnis machte. Er fiel daher umb Mitternacht das
an beiden Seite des Taxus geschlagene Läger des Cotys an / und schikte zugleich
in möglicher Stille 30. gerüstete Schiffe de Fluss Hebrus hinab / welche die
Schiffbrücke anzünde / und darmit den Römern /welchen er zugleich an dreien
Orten blinden Lermen machte / die Gelegenheit dem Cotys zu Hülffe zu kommen
abschneiden sollten. Der Anfang ging glücklich von statten; die Brücke geriet
fast ehe in Brand /als man einen Feind merckte. Rhascuporis drang mit den
Odrysen über des Cotys Wall / hieb die Wache nieder; und weil die Römer ihre
eigene Posten beobachten mussten / geriet des Cotys ganzes Läger in Verwirrung.
Cotys selbst ward verwundet / als er sein Volck in Ordnung zu stellen bemüht
war. Nachdem aber Sylvan gewahr ward: dass die gegen ihn gemachte Lermen Wolcken
ohne Blitz waren / und aus der angezündeten Schiffbrücke leicht urteilte: dass
diss Ungewitter auf den Cotys allein gemüntzt war / befahl er einer Legion Römern
/ und der Macedonischen Reiterei auf der oberhalb Oresta gebauten Brücke und mit
denen verhandenen Nachen über den Hebrus dem Cotys zu Hülffe zu eilen. Alleine
die Brücke ging von dem Gedränge / oder weil etliche erkauffte Schiffleute die
Ancker-Tauen zerschnitten hatten / bald anfangs von sammen. Weil nun Rhascuporis
schon im ganzen Lager den Meister spielte / war es weder möglich noch ratsam
den notleidenden Cotys mit Nachen zu entsetzen. Diesemnach machte er aus der
Not eine Tugend / fiel mit seinem ganzen Heere an unterschiedenen Orten Oresta
stürmender Hand an; und weil sich niemand dessen versehen / auch wenig
Mannschaft in der Stadt blieben war / eroberten die Römer das auf der lincken
Seiten des Flusses Hebrus liegende Teil der Stadt / und das darinnen gelegene
Königliche Schloss / darinnen ich eingekerckert war. Ada kam mit genauer Not
über die Brücke / in den festen Tempel des Bacchus; und der hiervon
benachrichtigte Rhascuporis musste die Verfolgung seines Sieges mit Unwillen
verlassen / umb der in Gefahr stehenden Stadt zuzulauffen. Cotys kam hierdurch
aus äuserster Not wieder zurechte / folgenden Morgen in Oresta zum Sylvan / und
zu mir selbst ins Gefängnis / umbarmte mich daselbst voller Freuden / und
bezeugte darmit: dass die Veränderung unsers beiderseitigen Glückes die
Aufrichtigkeit seiner Freundschaft zu verändern zwar über die meisten Menschen /
aber nicht über sein Gemüte Gewalt hätte. Also erlangte ich von meines Vaters
Feinde die völlige Freiheit; Rhascuporis und Ada aber kamen mit dem andern
Teile der Stadt immer mehr ins Gedrange / und ich in gröste Bekümmernüs / weil
ich den Untergang meines Vaters und Vaterlandes mit geschlossenen Händen
zuschauen musste / Cotys und Sylvan bemeisterten sich durch Hülffe der
Bürgerschaft in einem nächtlichen Uberfalle vollends der andern Helffte der
Stadt; und weil der Tempel des Bacchus fast für unüberwindlich gehalten ward /
brachten sie allerhand wundersame Werckzeuge herbei solchen einzuäschern. Unter
andern gab sich ein Gallier mit einem stählernen vierdtehalb Schuch breiten
Brenn-Spiegel an /welcher mit denen zurück-prellenden Sonnen-Strahlen funfzehn
Schritte weit das grüneste Holtz im Augenblicke anzündete / in weniger Zeit
Eisen und Ertzt zerschmeltzte / die härtesten Marmel wie Kalcksteine
zersprengte; und / wenn man des Nachtes ein schlichtes Licht darfür setzte / an
dem Orte / wohin der Widerstrahl fiel / auf zweihundert und mehr Schritte weit
alles gelesen werden konnte. Mit diesem erforschten Cotys und Sylvan nicht allein
alles / was des Nachtes zur Gegenwehr an der Festung für Anstalt gemacht ward /
sondern sie beschlossen auch durch die gesteigerten Sonnen-Strahlen diesen alten
und unschätzbaren Tempel zu zernichten. Die Not machte mich verwegen meinen
Kummer mir vom Hertzen zu weltzen / und den Cotys von diesen eusersten
Entschlüssungen durch diesen Einhalt abwendig zu machen: Er hätte zwar
genungsame Ursache den Rhascuporis bis auf den Tod zu verfolgen / und das Recht
des Krieges rechtfertigte die grimmigsten Entschlüssungen; beraubte auch die
Heiligtümer ihrer Freiheit. Aber nicht alles zulässliche wäre löblich / noch
alles euserste sicher. Die Hartneckigkeit des Rhascuporis / die Furcht der
verzweifelten Ada / und der Aberglaube des den Tempel beschützenden
Krieges-Volckes würde noch viel Ströme Tracischen Blutes kosten; welches die
Römer Zeiter gefürchtet hätten /Sylvan aber mit gröster Vergnügung durch diesen
Bürger-Krieg so liederlich verschwendet sehe; und unter dem Schatten seiner
Hülffs-Flügel der Römischen Adler herrschsüchtige Klauen versteckte / welche
Traciens so wenig / als anderer dienstbaren Nachbarn schonen würde. Jemehr
Cotys Tracier erlegte; je weniger würden ihm zu gehorsamen / und er seinen
Feinden künftig entgegen zu setzen haben. Unsere Siege hätten die
Eigenschaften der Artzneien / welche mit den Kranckheiten auch allezeit etwas
von unsern Lebens-Kräfften wegnähmen. Ja in Schlachten und Stürmen blieben die
am ersten / derer Tugend sich für andern hervorzückte. Das Kriegs-Glücke
veränderte sich fast mit jedem Morgen / wie Cotys bei des Rhascuporis
glücklichem Ausfalle schon erfahren hätte / welchem noch das Nordliche Tracien
beständig anhienge / und bei der Stadt Cabyla für ihn ein mächtiges Heer
versammlete. Ein einiger Zufall wäre fähig die beste Verfassung zu verrücken /
und ein Fehler einem Fürsten den Ruhm und die Frucht aller tapferer Taten zu
rauben. Kein Tracischer Fürst hätte noch an den Tempel des Bacchus Hand
angeleget / von welchem nicht ganz Tracien sein Gemüte abgewendet / er aber
ihm die schwere Hand Göttlicher Rache auf den Hals gezogen hätte. Das Mittelmaass
einer mit gutem Willen behaupteter Herrschaft wäre auch beständiger / als eine
erzwungene Botmässigkeit über die halbe Welt; Rhascuporis aber nunmehr in
solchem Zustande: dass er keine ihm nachteilige Bedingungen ausschlagen würde /
nach dem ihn vorher der Sonnenschein des Glückes so verbländet hätte: dass er
auch die vorteilhaften verworffen. Cotys hörte mich nicht allein mit Gedult /
sondern nach einem tiefsinnigen Stillschweigen fieng er an: Rhascuporis hätte es
weder umb ihn verdienet / noch auch wäre er in solcher Verfassung: dass er ihm
einen Fuss-breit Erde von Tracien zu lassen Ursach hätte. Seine mit mir gemachte
Freundschaft aber verbinde ihn mit mir das Reich zu teilen / als mit welchem
er fürlängst das Hertz geteilet hätte. Wenn ich nun mit dem zwischen dem Flusse
Artiscus und dem Euxinischen Meere gelegenen / und von dem Gebürge Rhodope
abgeteilten Tracien vorlieb nehme / würde er mit der übrigen Helffte
vergnügter leben / als ohne meine Beruhigung mit dem ganzen. Ich ward beschämt
über dieser grossmütigen Freigebigkeit des Fürsten Cotys; daher ich seine Knie
mit geziemender Ehrerbietung umbfasste; und mit dem dritten Teile seines
Königlichen Geschenckes vergnügt zu sein mich erklärte / wenn mir meinen Vater
damit zu bestillen freie Hand gelassen würde. Cotys antwortete: das Geschenckte
wäre mein völliges Eigentum / und also wäre meine Gewalt darüber zwar keiner
Umbschrenckung unterworffen / aber dis dingte er ihm aus / und dis müste
Rhascuporis verschreiben: dass nach seinem Tode an dem Erbe Traciens niemand als
ich teil haben sollte. Denn der boshaften Ada Kinder wären nicht wert über die
Tracier zu gebieten; weil die Laster in diesem Weibe am höchsten kommen /
solche Untugend aber eine erbliche Kranckheit wäre / welche sich mit dem Geblüte
fortpflantzte. Nach dem es mir nun nicht anständig war / der Freigebigkeit Ziel
und Maas fürzuschreiben / das Tracische Recht der Erstgeburt mir auch ohne dis
die Reichsfolge alleine zueignete / überdis es Ada umb mich nicht verdienet
hatte / mich ihren Kindern zu Liebe wider die Väterlichen Gesätze und des Cotys
Willen zu setzen / liess ich mir alles gefallen. Dieser tat dem Rhascuporis die
mir verwilligte Abtretung des Ost-Nördlichen Traciens / ich aber ihm meine
freiwillige Enteuserung schrifftlich zu wissen. Der damit abgeschickte Ritter
erklärte hierbei des Cotys angehenckte Bedingung / und redete bei meinem Vater
für mich mehr / als ich verdient hatte. Rhascuporis / der sich eines so
vorträglichen Vergleichs nie weniger versehen hatte / nam es nicht nur mit
beiden Händen an / sondern auch die ehrsüchtige Ada / der die Ausschlüssung ihrer
Kinder ein Hertzens-Stich war / musste in einen sauern Apfel beissen / und des
Cotys angetragenen Frieden durchgehends billigen. Sylvan ward von beiden
Tracischen Königen teils durch ihre geschwinde Eintracht / teils durch reiche
Geschencke gewonnen: dass er nicht allein diese Reichs-Teilung ihm gefallen liess
/ und nach derselben würcklichen Vollziehung mit dem Römischen Heere zurück in
Dardanien rückte / sondern auch darüber des Käysers Augustus Genehmhabung zu
wege brachte; weil man durch diese Teilung die Kräfften der Tracier mehr / als
durch einen zehn-jährigen Krieg geschwächt zu sein glaubte. Derogestalt ward die
Ruhe zwar in Tracien / aber nicht in meinem und der Ada Gemüte befestiget.
Denn ungeachtet sie mir zu dancken hatte: dass sie eine Königin blieb / so
erregte doch die unverdäuliche Ausschlüssung ihrer Kinder von der Herrschaft in
ihrem Hertzen eitel Galle /und ich war der verdrüsslichste Dorn in ihren Augen.
Ob sie nun zwar diese Unhold so viel mehr zu verdrücken Ursach hatte / weil mein
Vater nach meiner geprüften Treue gegen mir mehr Zuneigung / als jemals vorher
blicken liess; so war doch ihre Verbitterung so gross: dass sie sich durch keine
Larve verdecken liess; und mich daher alle Wolwollende warnigten: Ich möchte der
Freundligkeit ihres verbitterten Hertzen nicht trauen / sondern mich vorschauen:
dass nach dem ich dem Sturme entgangen / mich nicht einiger Nachregen ersäuffen
möge. Denn ein unglücklicher Ausschlag arger Ratschläge machte die Bösen wohl
arglistiger / aber nicht gütiger. Weil es nun teils meine Sicherheit / teils
mein guter Nahme erforderte: dass ich zu Hause nicht im Müssiggange verläge / und
ich meiner schlauen Stiefmutter halber für nötig befand der Römer Gewogenheit
durch fernere Kriegs-Dienste zu erhalten; darzu mir des Bato in Dalmatien
geschehener neue Einfall und der daraus erwachsende Krieg Anlass gab; weil dieser
unruhige Kopf ohne dis nicht so wohl der Pannonier Freiheit zu beschirmen /als
durch Raubereien sich zu bereichern im Schilde führte. Diesemnach reisete ich
mit fünf-hundert Tracischen Edelleuten von Oresta weg / und ward in Dalmatien
vom Germanicus desto freundlicher bewillkommt / weil die Römer etliche Tage
vorher in der Stadt Rhetium durch einen arglistigen Brand etliche tausend Mann
eingebisst hatten. Diese Scharte auszuwetzen rückte Germanicus für Seretium /
eroberte selbtes mit Gewalt / und liess alles / was Waffen tragen konnte / über
die Klinge springen. Weil aber die Dalmatier hierdurch mehr verbittert / als
gedemütigt wurden / schickte der Käyser den Tiberius mit einem mächtigen Heere
in Dalmatien; welches dieser in drei Teil absonderte / eines dem Silan / das
ander dem Lepidus anvertraute; mit dem dritten aber den Bato allentalben
verfolgte / und ihn endlich zwischen dem Flusse Jader und Tillurus in dem
Berg-Schloss Anderium einschloss / und dis so wohl / als Germanicus Arduba
einnahm; den Bato aber sich zu ergeben nötigte / und damit diesem Kriege ein
Ende machte. Weil nun Germanicus meiner geleisteten Kriegs-Dienste halber eine
sonderbare Gewogenheit auf mich warf / zohe ich mit selbtem nach Rom / und
genaass vom Käyser / bei dem er mir gut in Worten war / allerhand
Gnaden-Bezeigungen. Die Kriegs-Lust aber / die ich in Dalmatien durch Ausübung
etlicher glücklichen Streiche gewonnen / versaltzte mir die Wollüste des
Römischen Hofes / und die zwischen den Deutschen und Traciern befundene
Gleichheit der Sprache und Sitten; wie auch ihre in Dalmatien ausgeübte
Helden-Taten machten mich lüstern das edle Deutschland zu besuchen. Der Käyser
selbst gab mir Schreiben an Varus mit / und befahl ihm mir alle Beförderung zu
verschaffen. Ich kam in das deutsche Läger allererst den Abend für der grossen
Niederlage / welches folgende Nacht durch Segestens Schreiben in gröste
Verwirrung geriet / bei welcher mir denn Varus ein grösser Kriegs-Ampt
anvertraute / als ich / wie der Ausschlag gewiesen / zu verwalten geschickt
gewest. Jedoch darf ich mich ein Uberwundener zu sein nicht schämen; nach dem
ich in so edler Uberwinder Hände gefallen / welche mir nunmehr eivriger durch
ihre woltätige Gütigkeit / als vorher durch Tapferkeit überlegen zu sein
bemühet sind. Daher ich aus dieser Begebnüs gelernet habe: dass die blinden
Menschen zwar oft in ihr eigenes Unglück auf der Post rennen; das gütige
Verhängnüs aber so leicht / als man eine Hand umbdrehet / das argste zum besten
wende.
    Alle anwesenden Zuhörer bezeigten über des Fürsten Rhemetalcens Erzehlung
eine sonderbare Vergnügung. Sein Ansehn wuchs auch in aller Augen; nicht allein
/ weil sie ihn hierdurch für den anwartenden Erb-Fürsten des halben Traciens /
sondern auch für ein Muster eines nicht minder tugendhaften als streitbaren
Heldens erkenneten. Die weise Tusnelda konnte sich auch nicht entalten ihn
durch diesen Lobspruch zu beehren: Sie lernte nunmehr aus Rhemetalcens und des
Hercules Beispiele: dass junge Fürsten besser unter den giftigen Schlangen einer
gehässigen Stiefals in den liebkosenden Armen einer verhetschelnden rechten
Mutter gerieten. Rhemetalces begegnete ihr mit tieffer Ehrerbietung / und
versetzte: wenn die Tugend einer so strengen Auferziehung von nöten hätte /
wäre sich nicht zu verwundern: warumb das Verhängnüs sie so geschwinde ihrer
Mutter beraubet / und durch die Künste ihrer Stiefmutter Sentia ihr auch
Segesten zum Stiefvater gemacht hätte. Die meiste Empfindligkeit aber regte
sich in dem Hertzen der Marsingischen Fürstin Zirolane; welche Zeiter
Rhemetalcen und den umb ihre Gewogenheit sich bewerbenden Fürsten Siegemund mit
ganz gleichem Auge angesehen / und dardurch beide so zweifelhaft gemacht hatte:
dass ihm keiner für dem andern das geringste Vorrecht einbilden konnte. Nunmehr
aber schlug die Wage in Zirolanens Hertze gegen Rhemetalcen umb ein gutes Teil
über / wiewol sie dis Geheimnüs noch aufs möglichste zu verbergen bemüht war.
Die Hertzogin Tussnelda hatte in ihrem Vorgemache eine köstliche Taffel bereiten
lassen / bei welcher sie ihre Gäste mit denen niedlichsten Speisen /mehr aber
mit ihrer Holdseligkeit bis in die sinckende Nacht annehmlichst bewirtete. Bei
dieser Mahlzeit hatte Tusnelde umb wegen des Vorsitzes alle Schwerigkeit zu
verhüten bei einer rundten Taffel eine bundte Reie zu machen Anlass gegeben; da
denn Zeno mehr ungefehr / als aus Vorbedacht die Fürstin Ismene zu seiner
Gefärtin erwehlet hatte. Ismene /welche aus ihres Bruders Flavius Zuredung
unvermerckt viel behertzter worden war / auch nach Gewohnheit der Verliebten aus
dieser Erkiesung ihr vielleicht eine Rechnung machte / daran Zeno nie gedacht
hatte / unterliess nicht ihn mit annehmlichen Bezeugungen und Gesprächen zu
unterhalten. Die Höfligkeit war ihm schon Gesetzes genung sich zu bemühen: dass
er dieser Freundligkeit nicht unannehmlicher begegnete. Welches in Ismenens
Hertze einen noch grössern Zunder der Hoffnung anzündete / und nicht nur so viel
mutiger / sondern auch unvorsichtiger machte die Blösse ihrer Neigung zu zeigen;
also dass die scharfsichtige Erato bei zeiten in den unruhigen Augen Ismenens die
Bewegung ihrer Seele lesen konnte. Dieses würckte in ihr anfangs nur einen
Vorwitz / welcher stets auf Ismenens Tun ein Auge hatte / und sich an ihrem
Feuer belustigte. Nach dem sich aber / ihrem Bedüncken nach / Zeno durch
Ismenens Lebhaftigkeit reger machen liess / und was mehr / als unparteiische
Begegnungen gegen sie bezeugte /fühlte sie in ihrem Gemüte eine kleine
Schwachheit aufwallen; als wenn nicht nur Ismene ihrer Liebe unrechtmässigen
Eintrag täte; sondern auch Zeno mehr enträumte / als ihrer beider Liebe
erlaubte. Flavius /welcher nebst der Königin Erato den Sitz zu haben sich
sorgfältig bemühet hatte / war so übersüchtig nicht; dass nach dem er Ismenens
Gedancken vorher wusste / und also über ihre Regungen sichere Auslegung machen
konnte / nicht auch einen Blick in der Erato Hertz tat. Denn die Eyversucht /
wenn sie gleich noch in Windeln liegt / ist sichtbarer / als die schon
zimlich-erwachsene Liebe. Weil dis nun Wasser auf seine Mühle war / hielt er für
ratsam den Strom des Argwohns auf alle Weise zu vergrössern. Daher kritzelte er
mit dem Messer auf den Teller: die Augen sind unverdächtigere Dolmetscher der
Seelen /als die Zunge. Hierüber leschte eine auf der Taffel stehende Wachskertze
von sich selbst aus / welches einige für ein Unglücks-Zeichen auslegten / die
kluge Tussnelde aber gab ein Lachen drein / und urteilte vernünftig: dass das
übel bereitete Wachs nicht klüger als ein künftiger Dinge unwissender
Wachs-Zieher sein könne. Hingegen machte ihm Flavius dis gegen der Königin Erato
wohl nütze. Deñ nach dem er der erste war / der das ausleschende Licht ergrif /
von der Taffel warf / und ein anders ihm von einem Edelmanne gereichtes an die
Stelle setzte; fieng er gegen der Königin an: Wolte GOtt! Jedermann sehe sein
Licht verleschen; und bekümmerte sich bei zeiten umb ein anders. Erato fühlte
sich / und versetzte: Weil man von einem andern nicht versichert ist: dass es
besser brennen werde / ist es ratsamer das glimmende wieder zu erfrischen / als
wegzuwerffen. Seine Erholung ist so denn desto angenehmer. Deñ auch das
Tage-Licht würde unsern Augen nicht so liebkosen /wenn es unaufhörlich schiene /
und nicht alle Abende in der Nacht stürbe. Flavius antwortete: Es ist klug
geurteilt. Deñ keine Anmut ist beständig / welche von gar keiner Umbwechselung
weiss. Die beständige Tauerung der besten Dinge verursacht endlich Eckel; ja
nichts ist / als wir selbst / dessen wir nicht überdrüssig werden. Hingegen klebt
der Umbwechselung eine solche Süssigkeit an; dass sie weder die Untermischung
nicht allerdings guter Zufälle / noch auch die Eintauschung Messings für Gold
herbe machen kann. Erato begegnete ihm: die Anmut der Umbwechselung ist eben so
wohl als die Umbwechselung vergänglich. Die aber / welche aus der Beständigkeit
gesogen wird /bleibet wie die unbeweglichen Angelsternen / allezeit unverrücket.
Uberdis ist die Umbwechselung nur eine Ergötzligkeit des Leibes; wie die
Veränderung eine Eigenschaft irrdischer Dinge. Weil die Seele des Menschen aber
himmlischer Art ist / soll ihr Beginnen so beständig sein / als ihr Wesen
unveränderlich ist. Flavius lächelte und versetzte: Was ist der Umwechselung
mehr als der Himmel unterworffen? ja diese ist so gar die Ursache der irrdischen
Veränderungen. Der Tag- und Nacht- / der Sommer- und Winter-Wechsel rühret von
der Unbeständigkeit der zwei grossen Gestirne her. Zu dem besteht das Wesen
unser Seele in unaufhörlichem Nachdencken / wie des Leibes in seiner Ausdehnung.
Wie nun dieser niemals seine würckliche Grösse ablegt; also muss die Seele auch
unaufhörlich was dencken; also / dass wenn sie sich auch der Gedancken
entschlagen will / eben damit etwas dencket. Dieses Nachdencken aber ist eine
niemals stillstehende Unruh / welche stets einen neuen Gegensatz / mit dem sie
sich weltze / wie das Feuer einen neuen Zunder verlanget; und also / weil man
nicht immer einerlei dencket / in nichts / als an der Veränderung / sein
Vergnügen findet. Erato versetzte: die Veränderung des Himmels und einer
wolgesetzten Seele bestünde in der vollkommensten Ordnung / und zielte auf eine
gleichstimmige Beständigkeit; und liesse sich eines so wenig als das andere in
seinem vorgesetzten Lauffe aufhalten oder irre machen. Die Sonne und der Monde
hätten den gestirnten Tier-Kreis / die Vernunft aber die Tugend zu ihrer
Rennebahn; derer Schrancken keines überschritte. Wie diese Gestirne niemals an
einigen Ort fortrückten; indem sie nicht vorhin ihren Stand gehabt; also wollte
ein gutes Gemüte auch beständig dis / was es einmal vernünftig gewolt. Denn
einerlei wollen und nicht wollen /wäre der Kern der Weissheit; weil einem nichts
/ als was gutes / allemal gefallen könnte. Wenn einen aber entweder der gemeine
Irrtum / oder eine durch frembde Verführung begangene Schwachheit auf einen
Abweg verleitet hätte / ist die andere Staffel der Weissheit seine Diechsel /
nach der Wegweisung des gestirnten Bäres / wieder dahin wenden / wovon man
unvorsichtig abgelenckt hat / und insonderheit alle Neuigkeit so viel mehr
verdächtig halten / als sie durch ihre Scheinbarkeit einen zu verblenden
geschickt ist. Unterschiedene der Beisitzenden nahmen zwar unter denen hin und
wieder verwechselten Reden dieses Gespräches wahr / aber es war allen ausser dem
Flavius und der Königin verborgene Rätzel. Jedoch ergieng es hierinnen dieser
vorsichtigen Fürstin wie denen schon erleuchteten Cörpern / welche / wenn sie
das zweite Licht bestrahlt / nicht nur davon nicht heller / sondern düsterer
werden. Denn nach dem Erato mit ihren Augen schon genungsames Licht aus Ismenens
Blicken von ihrem Feuer bekommen hatte / Flavius aber durch seine Auslegung ihr
es noch heller an Tag legen wollte / ward ihr Verstand darüber so verblendet: dass
sie sich nicht ohne merkliche Veränderung aus seinem Gespräche ausflechten konnte
/ und darzu noch folgende Nacht kein Auge zutat; weil sie bei dieser heilsamen
Finsternüs auch das geheimste in ihres Zeno Hertze zu erkiesen sorgfältig war.
Denn ungeachtet sie wohl so klug war: dass sie des verliebten Flavius Ausdeutungen
für verdächtig halten sollte; so redete doch ihm ihr eigenes Auge das Wort /
welches dem Zeno gar zu viel gegen Ismenen bezeugter Liebkosungen zuschrieb;
durch welches falsche Licht sich denn ihr anfangs geringer Argwohn in eine
Eyversucht zu verwandeln begonte; da sie doch ihrer hohen Vernunft nach / wohl
zu unterscheiden gehabt hatte: dass zwar durch Anfühlung eines Blinden sich der
Farben Unterscheid nicht aber von schlechter Anmerckung euserlichen Gebehrden
die Farbe des Gemütes prüfen lasse. Deñ dort kriegt ein Ding die Farbe /nach
dem es liegt / oder nach dem seine eusersten Teile mit einander vereinbaret
sind; die Gestalt des Hertzens aber müssen auch die Vorsichtigen im Grunde
suchen. Wiewol man hierüber nicht so viel Wercks oder Wunderns zu machen hat.
Denn die kleinste Schwachheit ist die Handhabe einer grössern; und die einmal
verterbte Vernunft urteilt schlimmer / als die Unvernunft selber. Folgenden
Tag ward der auf alle Tritte der Königin Erato gleichsam acht habende Flavius
innen; dass sie in dem Lust-Garten ganz einsam herumb ging. Daher er diese
Gelegenheit nicht versäumen wollte seine Liebes-Werbung mit allem Eyver zu
verfolgen; verfügte sich also zu ihr unter dem Scheine einer zufälligen
Begegnung. Sintemal er entweder aus Beisorge: dass seine öftere Uberlauffung ihr
vedriesslich fallen möchte; oder / weil auch die heftigste Liebe in Gegenwart
dessen / was sie verehret / blöde wird / nicht den Schein einer versetzlichen
Nachgehung von sich geben wollte. Nach ihrer höflichsten Begrüssung gab ihre
Einsamkeit / und die ihr aus den Augen sehende Bekümmernüs ihm genungsamen Anlass
ihr an den Puls ihres Hertzens zu fühlen: ob sie gegen dem Fürsten Zeno den
Abend vorher /seinem Bedüncken nach / einige Eyversucht geschöpft hätte. Daher
fragte er: ob ihre Traurigkeit von ihrer allzu grossen / oder des Zeno allzu
kalt-sinniger Liebe den Ursprung nehme? Erato antwortete: Weil sie ihre
Unvollkommenheit bescheidete: dass Hertzog Flavius sie nicht so sehr lieben
könnte; die Treue des Fürsten Zeno aber sie versicherte: dass er sie mehr liebte /
als sie verdiente; dörfte sie weder wegen eines / als des andern Ursach
bekümmert sein. Der Himel müste zuweilen wölckicht / und das freudigste Gemüte
traurig sein. Flavius versetzte: dieses aber könnte so wenig als jenes ohne
euserliche Ursache erfolgen. Erato hingegen: die Einsamkeit wäre vielen Menschen
wie dem wilden Schweine und der Amsel angebohren / und diese gebe ihnen so viel
Vergnügung / als andern die auserlesenste Gemeinschaft. Unter diese möchte sie
sich auch rechnen / weil sie zwar mit ihren Gedancken sich zu schlagen einen Zug
/ aber weder eine Laute zu Ermunterung ihres schläfrigen Gemütes / noch eines
Schwammes ihre Tränen abzuwischen von nöten hätte. Flavius fiel ein: die so
lange getauerte Flamme der gegen den Fürsten Zeno gehegeten Liebe diente ihm
gleichwol zu einer glaubhaften Nachricht: dass ihre Seele nicht / nach des
weisen Hippons Meinung einer so wässrichten Eigenschaft sei. Erato antwortete:
Ich wünschte wohl selbst nicht unter derselben Zahl zu sein / welche anderer Lust
zum Saamen ihrer Verdrüssligkeit angewehren. Denn diese sind wenig besser / als
die / welche niemals als über anderer Unglück lachen. Allein ich habe mich
bereden lassen: dass die Liebe mit der Einsamkeit in gutem Verständnüsse stehe;
ja die zu einer mässigen Traurigkeit geneigten Gemüter ihre beste Herberge sei.
Sintemal diese zwar wie das kalte Eisen die Glut längsamer fangen / aber auch /
wenn sie einmal glüend worden /so viel länger behalten. Dahingegen alle
schweftlichte Dinge geschwinde brennen / aber zeitlich verlodern. Flavius fiel
ein: Ihm wäre leid: dass eine so vollkommene Fürstin den Absatz von der
Eigenschaft ihres Geschlechtes / nämlich von der Unbeständigkeit / für einen
Vorteil hielte; da doch in der Eigenschaft jedes Dinges seine Vollkommenheit
steckte / und eine Frau / welche ihr Hertze an einen Nagel so feste hienge /
sich zugleich der güldenen Freiheit enteuserte /welche ohne freibehaltene neue
Wahl zu Wasser würde. Ihre Wolfahrt und Vergnügung müste bei einem solchen
Vorsatze eben so wohl Schiffbruch leiden / als alles in der Welt zu drümmern
gehen würde /wenn nicht der Himmel / dessen vollständiges Nach-Gemächte / und
seiner Schönheiten Begrif Erato wäre / in einer steten Unbeständigkeit sich
herumb weltzte. Welchen Vorteil Fürst Zeno allem Ansehn nach besser wahrnehme;
ungeachtet er gestehen müste: dass da er an der Königin eine ihres Gleichen nicht
habende Sonne anzubeten das Glücke gehabt / er sich nach keinem andern Sterne
umbzusehen Ursach hätte. Erato erblasste über diesen Worten. Denn alles Geblüte
eilte dem hierdurch verwundeten Hertzen zu Hülffe; welches nicht anders als die
Unruh in einer Uhr zu klopfen anfieng. Nach einer mit Not erzwungenen Erholung
fieng Erato an: Ach! Flavius. Was für eine Grausamkeit übt er wider mich
Unschuldige durch Beleidigung meines Zeno aus? Nach was für einem Gestirne mag
sich der umbsehen / dessen Seele ich in meinem Hertzen besitze? Was für eine
Sonne Deutschlandes will meine Liebe und Glücke auf einmal verdüstern / da es
sonsten der Sonnen Eigenschaft ist / alles zu erleuchten? Flavius holete alle
Kräfften zusammen seinem erkühneten Vorhaben den letzten Nachdruck zu geben /
und fieng an: Fragt sie noch / schönste Königin / dessen vergewissert zu sein /
worinnen sie ihre eigene Augen zu Zeugen hat. Warlich / Erato: Ich würde meine
eigene Schwester / als eine Vermessene verdammen: dass sie sich erkühnet ihre
Neben-Sonne und Mit-Buhlerin zu werden /wenn nicht mein Heil an ihres so
unzertrennlich verknüpft wäre. Fürwar / ich müste gestehen: dass kein Mensch
jemals inbrünstiger / als Ismene den Fürsten Zeno geliebt hätte; wenn nicht
gegen meiner der unschätzbaren Erato gewiedmeten Liebe alle andere Flammen kalt
Wasser wären. Sie verzeihe diesemnach ihrem Zeno: dass er von einer so heissen
Glut glimmend wird; und sie verschmähe nicht das Opfer meiner bei nahe schon
eingeäscherten Seele. Erato seufzete / und brach in die Worte heraus: Ach!
Flavius /so du mich liebest / warumb tödtest du mich? Beunruhige dich doch
selbst nicht mit unfruchtbarer Liebe derselben / welche deiner Zuneigung doch
immer entgegen zu sein durch ihre unauflössliche Treue gezwungen ist. Flavius
antwortete: Es bestehet in meiner Gewalt so wenig sie nicht zu lieben / als mich
zu überreden: dass das Schöne zu verschmähen / das Gute zu hassen sei. Ihre
gedräute Widerstrebung vermag mich auch weder verzagt noch kälter zu machen
/sondern sie hebet meine Liebe wie die drückende Last die Palmen noch mehr
empor. Aber / unschätzbare Königin / wer hat dem Weiblichen Geschlechte die
Unauflössligkeit ihres Gelübdes zum Gesätze aufgehalset / wenn die Männer sich
des Ihrigen lossmachen? Erato fragte mit einer Heftigkeit: wer kann den Fürsten
Zeno mit Grunde dieser Untreue überführen? Flavius versetzte: Ist es nicht
genung: dass ihn Ismene liebt /und dass er es ihm gefallen lässt? Ist es ihr zu
wenig: dass er in ihrer Gegenwart durch seine Liebkosungen Ismenens Feuer mehr
anzündet? dass er nicht nur aus ihrer Gestalt / sondern aus allem ihrem Tun
Wunder macht? Warlich / Erato; was in den Augen mächtig ist / Verwunderung zu
gebähren / ist viel mächtiger im Hertzen Begierden anzuzünden. Die Königin
erstarrete über diesen Worten / und fieng an zu sincken; also: dass Flavius
gezwungen ward sie zu fussen und zu halten / bis sie von der ihr zuhängenden
Ohnmacht sich ein wenig erholete. Hierauf fieng sie an: es ist genung für dismal
gelitten. Gönne mir / Flavius: dass ich die Bitterkeit unsers Gespräches in der
mich nun allein erquickenden Einsamkeit verzuckern möge. Lass uns aber so
ehrerbietig gegen uns selbst sein: dass unser Geist nichts in seine Gedancken
fasse / dessen er sich hernach schämen / oder es bereuen müsse. Mit diesen
Worten wendete sie sich von ihm weg in einen Quergang / und liess den Flavius
zweifelhaft: ob er bei dieser Gelegenheit etwas zu Vergnügung seiner Liebe
gebaut / oder an der seines Neben-Buhlers eingerissen hätte. Die gröste Würckung
aber hatte diese Zusammenkunft beiden unwissende in der Seele des Fürsten Zeno.
Denn dieser war eine Stunde vorher in Garten kommen / und hatte durch einen mit
Wund- bewachsenen Gang der Königin und des Flavius Unterredung zugeschaut. Die
Entfernung hatte ihm ihre Gebehrdungen viel anders fürgebildet / als sie in
Warheit / fürnemlich an der tugendsamen Königin gewest waren. Welches so viel
weniger zu verwundern; weil wir in unserer Weite auch den reinsten Sternen
Flecken anzusehen uns bedüncken lassen. Fürnemlich aber hatte die sich in die
heftigste Liebe am ersten einzuspielen gewohnte Eyversucht ihn die vom Flavius
geschehene Umbfassung der Erato als ein so unfehlbares Kennzeichen ihrer beider
Liebe fürgebildet: dass er sich auf einmal mit allen Gedancken überschüttet
befand / welche die Verzweifelung einem an die Hand geben kann. Denn das
siedend-heiss gewesene Wasser / und übermässige Liebe wird kälter als vorher / und
gefrieret am stärcksten. Bald war er willens den Flavius mit dem Degen
anzutasten. Aber die Beisorge den Feldherrn zu beleidigen / und den ganzen Hof
wieder sich in Harnisch zu bringen / hielt ihn von dieser Ubereilung zurücke.
Bald warf er eine Gramschaft auf sich selbst; bald regte ihn eine Rachgier
gegen die Königin Erato; bald aber schlug ihr ihm vorkommendes Bild in der
Vorstellung ihrer angebohrnen Tugend und unversehrlichen Treue alle diese
Aufdampfungen zu Bodem. Aber / ich weiss nicht / was für ein Unstern es schickte:
dass Erato so nahe bei dem den Fürsten Zeno deckenden Gesträuche vorbei ging /
ihn gleichsam berührte / und was entweder ihre Verwirrung oder des Zeno
Einbildung ihrem Gesichte für eine verdächtige Gebehrdung eindrückte / worvon er
ganz ausser sich selbst gesetzet ward. Denn er bildete ihm ein: Erato übersehe
ihn mit Fleiss / und kützelte sich noch in Gedancken über der Verschmähung seiner
alten / und dem Vorzuge ihrer neuen Liebe. So eitel ist unser Urtel / und so
verführerisch unsere Gedancken / wenn man mehr seinen Augen als seiner Vernunft
folgt. Seine Ungedult schüttete anfangs diese Worte heraus: Törichter! hast du
deine Wolfahrt auf ein Weib / auf das Vorbild der Unbeständigkeit geanckert?
Hast du nicht noch als ein Kind gelernt: dass ihr Geschlechte nicht länger treu
bleiben könne / als bis es Gelegenheit kriegt / aus der Untreue Vorteil zu
ziehen? Einfältiger! hast du dir traumen lassen: dass Erato alleine den
Wanckelmut der Weiber abgelegt / oder Zeno einen Vorzug über alle Männer /
nämlich von ihnen nicht hinters Licht geführet zu werden / habe. Mit so heftiger
Regung er nun derogestalt heraus fuhr / so ohnmächtig ward hernach seine Zunge;
viel verzweifelter aber sein Gemüte. Welche Raserei so viel verwunderlicher war
/ weil seine Liebe Zeiter die Vernunft zu ihrer Richtschnur und die Tugend zu
ihrem Leitsterne gehabt hatte. Denn blinde und geile Liebe fasset zwar auf so
schlüpfrigem Trübsande: dass ein kaltsinniger Blick / eine geringe Verstellung
einem Strick und Messer in die Hand gibt. Ein übel-verstandenes Wort rätet
einem solchen Liebhaber in allen heilsamen Kräutern den Tod / und in einem
ungleichen Tritte ein Laster zu suchen. Zweier verdriesslichen Zeilen halber setzt
er mehr / als mancher für Kron und Zepter in die Schantze. Aber allhier vergass
der kluge und behertzte Zeno seiner selbst / und ward ihm selbst unähnlicher als
kein Frembder; also: dass er für Verdruss zu leben seinen Degen zückte / und
nichts minder ihm selbst das Licht / als seiner vorher so süssen Liebe den
nunmehr rauchichten Zunder abzuleschen vorhatte. Ismene kam diesen Augenblick
gleich eben in den Gang / darinnen die Eyversucht diesen tapfern Fürsten so
erbärmlich verstellte / und zwar zu einem lehrsamen Beispiele: dass die Göttliche
Versehung umb uns unseres unvollkommenen Stückwercks zu erinnern /unsere
Kräfften der Seelen zwar ohnmächtig werden /aber nicht vergehen lasse. Ismene
fiel dem verzweifelnden Zeno che in die Armen / ehe er gewahr ward: dass ein
Mensch umb ihn wäre. Ist es möglich: dass ein durch so viel widrige Zufälle
geprüfter Fürst in solchen Wahnwitz verfalle? Lässet sich ein durch so viel
Hammerschläge des Unglücks abgehärtetes Hertze durch eine so schlechte
Versuchung mirbe machen? Lohnet es für die Müh umb einen ersetzlichen Verlust
dis zu verschwenden / was man nur einmal verlieren kann? Weiss Zeno nicht: dass wer
an sich selbst die Hand legt / dem Verhängnisse Gewalt antue / und /da die
Flucht aus uns angeschmiedeten Ketten ein halsbrüchiges Laster ist / die
gewaltsame Entreissung aus denen so sanften Banden unsers Leibes was ärgers als
viehisch sei? Denn kein Tier ist so tum /dass es in seine eigene Eingeweide
rase. Bedencke Zeno dich selbst / und was du deiner Tugend für Abbruch / deiner
Ehre für Schande antust. Enteusere dich dieser Zagheit / und behertzige: dass
wie die Hoffnung eine Mutter der Tapferkeit / also die Verzweifelung eine Tochter
der Furcht sei / welche einem Helden niemals in Gedancken / weniger ins Hertze
kommen soll. Bildet ihm Zeno ein: er könne ohne die Erato nicht leben? Wie wäre
es: wenn sie niemals wäre geboren / oder nie wäre gekeñt worden? Traut er
keiner andern Liebe das Vermögen ihr zu vergnügen zu? Diese Gedancken sind ein
parteiisches Urtel eines sich übereilenden Richters / und eine allzu
vermessene Verwerffung vieler reiner Flammen zarter Seelen. Zeno sah hierüber
Ismenen mit unverwendeten Augen an; gleichwol starrete seine gezückte Hand
hierüber nicht weniger / als seine krafftlose Zunge. Ismene aber riss ihm den
Degen aus der Hand / und fuhr fort: Zeno / wilst du gegen dir ja unbarmhertzig
sein /so sei doch gegen der nicht so grausam / die dich anbetet. Missgönne deiner
Erato nicht: dass sie mein Bruder liebt / weil der Himmel dir ihren Verlust mit
seiner Schwester erstattet. Hält Ismenens Schönheit der Erato nicht das
Gewichte; so wird ihre unaufhörliche Treue den Abgang dergestalt zweifältig
ausgleichen. Ismene drückte diese Rede mit einer so durchdringenden Anmut aus:
dass sie dem Fürsten Zeno nicht nur das Hertze rührte; sondern seinen Geist
gleichsam aus ihm verzückte. Er sah sie eine Weile starr an / und hernach sagte
er: Ach! Ismene / warumb missgönnest du mir mit dem allen Menschen ja bestimmeten
Tode nicht die Ruhe meiner Seele? Warumb mühest du dich mir den Ruhm zu rauben:
dass meine unausleschliche Liebe gegen der undanckbaren Erato auch in meiner
Todten-Asche glimmend blieben sei? Warumb lässest du mich nicht meine Treue mit
meinem Blute besiegeln / und hiermit der unbeständigen Erato eine Schamröte
anzustreichen? Ismene antwortete: Ist es Vernunft oder Wahnwitz frembde
Verbrechen am seinem Leibe straffen? Und bildet ihm Zeno ein /aus einer Ohnmacht
des Gemütes Ruhm zu erjagen? Der Verdruss zu leben ist die gröste unter den
Schwachheiten / und für Kummer sterben keine Grossmütigkeit / keine Artznei des
Ubels / sondern eine kleinmütige Zärtligkeit / und weich-hertzige Ungedult /
der Kinder Torheit zu vergleichen / welche sich an der Erden herumb weltzen /
und ihr Antlitz zerkratzen / wenn man ihnen die Tocken nimt. Zeno kann nicht den
Verlust eines Weibes verschmertzen /und bemühet sich sein eigenes Leben zu
verschwenden. Ist dis nicht eben so viel / als sich ins Feuer stürtzen / umb
nicht zu berauchen / und in Degen zu lauffen / umb sich in keinen Dorn zu
stechen? Hat Zeno noch nicht gelernet: dass ein Helden-Geist nicht nur
gewaltsamen Dräuungen / sondern auch schleichenden Anfechtungen die Stirne
bieten müsse? Ich weiss wohl: dass wie der Porphier / welcher weder dem Hammer noch
dem Eisen nachgibt / vom Regen durchfressen wird; also ihrer viel gegen dem
Krachen der Waffen und des Donners kein Auge verwenden /ein empfangenes Unrecht
nicht verdeien / und einen Verlust nicht verbeissen können / sonder sich selbst
in die Erde zu scharren. Diese aber scheuen sich so sehr nicht für dem Tode /
als dass sie seine geschwinde Unempfindligkeit lieben; sie hassen nicht ihr Leben
/ sondern nur seine wenige Beschwerligkeit / und sind den törichten
Schiff-fahrenden gleich /welche sich selbst im Meere ersäuffen: dass sie die
verdriesslichen Stösse der Welle nicht vertragen dörffen; gleich als wenn sie durch
ihren Verlust dem widrigen Glücke / oder dem Verhängnisse keinen geringen
Abbruch täten. Eine nicht bessere Zärtligkeit ist auch das Fürhaben des sonst
so tapferen Fürsten Zeno. Denn diese geht nicht nur auf Blumen und Seide; sie
handtieret nicht nur Perlen und Balsam; sondern sie greifft aus unleidlicher
Ungedult auch in die schärfsten Klingen; sie verschlinget mit Sophonisben Gift
/ mit der Porcia glüende Kohlen / und verbrennet sich mit dem üppigen Sardanapal
in seinem lodernden Pallaste / und mit der verliebten Dido auf dem Holtzstosse.
Zu dieses ungeduldigen Weibes Affen machet sich Zeno; wenn er wegen der ihn
verschmähenden Erato stirbet. Das Gesätze der Natur und der Vernunft befiehlet
uns nach der Tugend nichts mehr / als unser Leben zu lieben / als ein von GOtt
uns zu treuer Sorgfalt anvertrautes Gut / darüber wir Rechenschaft zu geben
schuldig sind. Hieraus folget nun: dass wir nichts mehr als den Tod nach den
Lastern zu fürchten / und solches wider Kranckheit /Hunger / Verzweifelung und
Feinde aufs euserste zu verteidigen haben. Dem köstlichen Kleinode des Lebens
aber setzet Zeno ein schönes Antlitz eines veränderlichen Weibes für. Ja er tut
seiner Ehre Abbruch /umb nur die Eitelkeit einer beständigen Liebe zu besitzen.
Denn es bringt so wenig Ruhm als Nutzen einen Wetterhahn für seinen Angelstern
erkiesen? Opfert man doch keiner Gotteit einen Wider / zu der wir uns keiner
Gewogenheit und Hülffe versehen; und Zeno will sich selbst einer Frauen
abschlachten / welche Augen und Hertze von ihm abgewendet hat. Er zwinget sich
sein eigen Feind zu werden / nur dass er derselben Freund sterbe / welche
vielleicht seine Freundschaft umb einen Apffel verkaufft. Warlich /Zeno / es
ist nichts liebens wert / was nicht wieder liebt; und es ist keine Untreue /
sondern Klugheit sich nach dem nicht sehnen / was uns selbst den Rücken drehet:
Zeno versetzte: die Untreue fänget bei mir an / wenn ich an der Königin Erato
Liebe zu zweifeln anfange. Der Verdacht / weil er mehr auf den euserlichen
Schein / als auf den Grund sieht / ist insgemein ein ungerechter Richter / und
ein gefährlicher Verleiter. Gesetzt aber / meine Erato hätte einen Fadem an
ihrer Liebe zerrissen / so ist doch eine so tief eingewurtzelte Liebe leichtlich
wieder ergäntzet / wenn sie gleich gar verfallen zu sein scheinet. Eine vom
Frauenzimmer empfangene Beleidigung / welche die Rache sonst in Stein oder Stahl
/ als unvergesslich aufzeichnete / wird nur in Staub geschrieben / und mit einem
liebreichen Seufzer verwehet. Ja die Liebe wird nach der Wieder-Vereinigung
stärcker wie ein wolgeheilter Beinbruch. Ihre Gestalt ist so kräfftig: dass sie
vorgegangene Fehler und Schwachheiten zu was gutem macht / wo nicht in ihrem
Wesen / doch in des Liebenden Einbildung. Ismene brach ein: Einfältiger Zeno /
machest du Schwerigkeit diss zu glauben / was dir deine Augen fürhalten / und
Erato dir selbst mit Fleiss zu verstehen gibt? Frage meinen Bruder Flavius / wie
weit es mit seiner Liebe kommen sei; und urteile: ob der Erato Verschwiegenheit
/ ob ihre Geberdung / ob ihre Vertragung seiner Liebe mit der deinigen eine
Verträgligkeit habe? Ist die Liebe nicht eine Vereinbarung zweier Hertzen / die
Verhölung aber eines Geheimnüsses nicht ein Werck des Misstrauens /und ein
Kennzeichen der Trennung? Missverständnüsse lassen sich unter Verliebten ja noch
wohl aus dem Wege räumen; aber die durch fremde Liebe verfälschte Treue sich so
wenig als ein zerbrochener Spiegel wieder ergäntzen. Dieser bildet so denn alles
viel kleiner und unvollkommener ab; und ein treuer Liebhaber sihet so denn
zwischen sich selbst und dem geliebten einen mercklichen Unterschied. Denn Treue
und Untreue sind einander so sehr / als Tauben und Schlangen unähnlich. Die
Aehnligkeit aber zwischen dem Liebenden und dem Geliebten ist der wahrhafte
Brunn / und der beständige Brunn der Liebe. Aus dieser Ursache lieben nicht nur
die Mohren so sehr ihre versengte / als die Nordländer ihre schnee-weisse
Buhlschaften / sondern die wilden Schweine / die gebeissigen Dachsen / die
giftigen Molche haben zu ihres gleichen keinen schwächern Zug / als die zahmen
Pfauen / die friedsamen Schafe / und die holden Turtel-Tauben. Eine Gold- und
Ertzt-Ader suchet die ander / und durchbohret zu dem Ende die Felsen. Der Epheu
kreucht wie weit auf der Erden hin / biss er einen Baum mit einer ihm anständigen
Rinde antrifft /daran er sich empor winde; und die Palmbäume strecken ihre Aeste
und Armen nach ihres gleichen aus /ihre Blüten werden auch nicht zu Datteln /
wenn sie nicht mit dem männlichen Palmbaum vereinbaret /oder die männlichen
Blüten in ihren Stock eingespündet werden. Eine solche Aehnligkeit aber finde
ich in der Gestalt / in den Sitten / und in dem Geiste des unvergleichlichen
Zeno / als ich sie noch in keinem Manne gefunden habe / oder meine Tage finden
werde. Mich dünckt: ich sehe in seinem Antlitze das meinige / wie in einem
Spiegel. Seine Geberden scheinen mir meiner / und meine Bewegungen seiner
Nach-Gemächte zu sein. Was er und ich tue / ist gleichsam nach einerlei
Richtschnur abgemässen. Was er verteidigt / lobet und recht spricht; hat mein
Hertze schon vorher gebilliget / und was er verdammet / längst zuvor verworffen.
Mit einem Worte: Meine Seele hänget an seiner / wie das Eisen am Magnete / und
mein Wille leistet seiner Neigung genauere Folge / als die Sonnen-Wende der
Sonne. Hierüber stutzte und erblasste sie / fuhr aber nach einem kurtzen
Stillschweigen weiter fort: Ich habe mich dir / Zeno / so bloss gegeben: dass du
das innerste meiner Seelen wohl sehen kanst. Weil du hingegen dich aber so gar
gegen mich verschleust / verrätet mir dein Stillschweigen deine Empfindligkeit.
Alleine destalben werde ich dich nicht aufhören zu lieben. Denn wenn du dich
oder deine Hindernüsse nicht überwinden kanst mich zu lieben / begehre ich nicht
einst von dir geliebt zu werden / sondern nur dein Erlaubnis: dass ich dich
lieben möge / dein Gehöre meiner Seufzer / und an statt meiner Heilung dein
Mitleiden. Zeno liess hierüber aufs neue keine ungemeine Verwirrung blicken;
fieng endlich aber an: Ach! Ismene / Ismene! du bezauberst mich mit deinen Augen
/und betörest mich durch deine Liebkosunge. Du schüttest dein Hertze so
aufrichtig gege mich aus: dass ich mich von einer aufrichtigen tugendhaften
Fürstin geliebt zu werden unwürdig machte / wenn ich an der Redligkeit deiner
unschuldigen Zuneigung im geringsten zweifelte. Du mahlest meine Aehnligkeit so
eigentlich ab: dass ich blind wäre / wenn ich nicht an dir sähe / was du an mir
gefunden hast. Die Botmässigkeit aber / welche dir die Natur oder das
Verhängnis über mich eingeräumet hat / zwinget mir dis Bekenntnis ab: dass an
meinem Hertzen niemand als Ismene Teil haben würde / wenn es nicht der Erato
Eigentum wäre. Ismene konnte über dieser Erklärung ihre Freude nicht verdrücken;
daher fuhr sie heraus: O glückselige Ismene; O wohltätiger Zeno! Ich bin
vergnügt: dass du mich deiner Liebe würdig erklärest /soltest du mich auch
nimmermehr lieben. Aber / wie ist es möglich / uns gegen dem der Liebe zu
entalten / den wir der Liebe wert achten? Diss letztere ist ja das Saltz / der
Kern und der Zunder der Liebe. Und wie ist es möglich / dass Zeno / an dem meine
Seele fester / als eine Klette anklebt / sich meiner Liebe gäntzlich entschlagen
könne. Denn diese ist ein gemeiner Geist zweier Seelen / und nichts minder das
festeste als das köstliche Gummi der Welt; welches unser weiches Hertze eben so
wohl mit einem unempfindlichen / als die Schnecke mit dem harten Schnecken-Hause
/ den Kalck mit dem kalten Marmel vereinbaret und gleichsam zusammen schmeltzt.
Alleine / unschätzbarer Zeno; ich würde dich nicht vollkommen lieben / wenn ich
dir weh / und deiner Liebe Eintrag täte. Ich bin vergnügt / wenn du mich nur
mit einer Brosame deiner Liebe beteilest! Meine Unwürdigkeit ist mir allzu wohl
bewust: dass ich dir alleine mich mit dem vollen Maasse deiner Liebe zu
überschütten anmuten sollte. Ich würde gegen dir das Laster des Geitzes / gegen
der Königin Erato des Neides / du aber gegen mich die Schwachheit einer
Verschwendung begehen. Liebe / und geneuss deiner Erato / wenn du dich mit einem
Teile ihrer / wie ich mich mit einem Strahle deiner Liebe sättige / vergnügen
kanst. Denn ich weiche dieser Fürstin gerne an dem Verdienste geliebt zu werden
/ rühme mich aber eines Vorzugs an Heftigkeit der Liebe. Gleichwohl aber schätze
ich einen Funcken deiner Liebe für eine völlige Ausgleichung meiner
unbegreifflichen Flamme. Zeno fühlte in seinem Hertzen schier über iedem Worte
seine Schwachheit sich vergrössern / und / wiewohl er sich zwingen wollte nicht
ferner / als bisher geschehen / bloss zu geben; verrieten doch seine Seufzer und
Blicke seine Neigunge. Gleichwohl aber warff er Ismenen ein: Berede mich nicht /
schlaue Ismene: dass deine so heftige Liebe von mir ein so weniges verlange; noch
auch / dass die Liebe ohne ihren Untergang sich teilen lasse. Sie ist ein Feuer
der Seelen / und daher unersättlich. Die Vereinbarung ist ihr Tun; die
Einigkeit ihr Zweck; und daher die zerteilte Liebe ein Wechselbalg; diss aber
alleine die vollkommene / wenn die liebende und die geliebte Seele zwei Helften
eines ganzen abgeben. Ismene versetzte: Also läst es sich von Dingen gemeiner
Art wohl urteilen. Aber Zeno ist so wenig nach einem solchen check-Stabe / als
die Sonne nach Spannen auszumässen. Diese als das Vorbild der vollkommensten /
und der Brunn der grösten Liebe ist keinmal müssig / und steht keinen Augenblick
stille unzehlbare Dinge mit ihrer Gewogenheit zu beteilen. Sie flösset den
Sternen ihr Licht / der Erde die Wärmbde / den Gewächsen ihre Kräfften ein. Wie
nun dieser keines dem andern seine Vergnügung missgönnt / noch die Sättigung des
einen dem andern zum Abbruche gereichet; also werde ich der Erato Werthaltung
nicht beneiden /und mit weniger Liebe des Fürsten Zeno vor lieb nehmen; ohne
welche Vergnügung ich ihn nicht für diss /was er ist / nämlich für meine Sonne
erkennen würde. Ach! Ismene / fuhr Zeno heraus / auf was leitest du mich für
eine Schiffbruchs-Klippe / an der meine beständige Treue zu scheitern gehen
soll. Du verlangest einen Funcken meiner Liebe; weil du wohl weist: dass nicht
mehr zu dem grösten Feuer / und zu Anzündung der halben Welt von nöten sei. Der
Natter-Stich in die kleinere Zehe / vergiftet den ganzen Leib biss zur Scheitel;
und durch das Auge sämet ein einiger Blick den Brand der Liebe biss ins Hertze.
Du kennst dich selbst mehr denn allzu gut / und weist wohl: dass wer deine
Vollkommenheiten zu lieben anfängt / seiner Liebe weder Maass noch Ziel / auch
keine Neben-Sonne dir an die Seite zu setzen wisse. Ach! Ismene /sei gegen der
unglücklichen Erato nicht so grausam! Mässige den mir aufgebürdeten Zwang; und
wenn du mir ja nicht erlauben wilst / sie länger zu lieben / so nötige mich
doch nicht / ihr gram zu werden. Zeno und Ismene waren in ihrem Gespräche
derogestalt vertieft / oder vielmehr gegen einander verzückt: dass sie Saloninens
nicht einst gewahr wurden / welche wenig Schritte davon an der durch den Garten
rauschenden Bach bei ihrer Ersehung stehen blieb / und nicht eins von des Zeno
letzten Worten / welche ihr in ihren Ohren ein rechter Donnerschlag waren /
verhörete. Sie wollte destwegen ihren Fuss zurücke setzen; es begegneten ihr aber
an dem nechsten Quer-Gange die Hertzogin Tussnelda / die Fürstin Catta /
Adelmunde / Zirolane und Leitolde mit dem Hertzog Flavius / Jubil / Rhemetalces
/ Melo und Sigismund; welche sie in ihre Gesellschaft zohen / und durch ihre
Unterredung den Fürsten Zeno und Ismene mehr an dem Verfolg ihres Gesprächs /
als ihres Liebs-Kummers störete. Sie kamen dieser Erlauchten Gesellschaft
entgegen / und verstellten mit ihren Antlitzern zwar / so viel möglich / ihre
Gedancken. Weil sich aber heftige Gemüts-Regungen so schwer vermummen / als
grosse Maale des Antlitzes überfirnsen lassen / sahen alle ihnen ihre
Verstellung an / und gaben sie beiden solches auch Schertzweise zu verstehen.
Niemand aber sah in das Geheim-Buch ihrer Gedancken tieffer / als Flavius;
welcher daher ihm Gelegenheit aussah Ismenen auf die Seite zu ziehen / und umb
den Zustand ihrer Liebe zu fragen. Ismene antwortete: Sie hätte diesen Morgen
erfahren: dass das Glück in der Liebe mit der Verwegenheit in vertrauter
Freundschaft stehe. Denn sie glaubte beim Fürsten Zeno nunmehr einen guten
Stein im Brete und in seinem Hertzen nicht viel weniger / als Erato Teil zu
haben. Flavius schöpfte hieraus / und aus darauf folgender Erzehlung nicht
weniger Trost als Hoffnung / und liebkosete nach Art aller Verliebten seiner
Begierde: dass so viel Ismene feurige Kohlen der Liebe in dem Hertzen des Zeno
ausgelescht hätte; so viel todte ihm zum besten im Hertzen der Erato angezündet
werden würden. Tussnelde nahm die Bewegung des Flavius und Issmenens wahr; und
weil ihre Scharffsichtigkeit bereit ein wenig in des Flavius geguckt hatte /
nahm sie ihr Gelegenheit mit ihm alleine zu reden / und seine Heimligkeit
auszuholen. Es dorffte aber hierinnen keines Bleimasses. Denn weil Flavius von
Natur offenhertzig war / und Ursache zu glauben hatte: dass kein Mensch besser
als die bei der Königin Erato so hoch angesehene Tussnelde ihm bei ihr besser in
Worten sein könnte / gestand er nicht allein seine Liebe / sondern ersuchte auch
Tussnelden ihm zu Erlangung seines Zweckes behülfflich zu sein. Tussnelde aber
schlug ihm sein Verlangen schlechter dings ab; weil sie die Störung anderer
Liebe für ein mit der Tugend unvorträgliches Beginnen; sich aber als einen
Werckzeug darzu brauchen zu lassen für ein unverantwortliches Laster hielt.
Flavius erschrack über dieser hertzhafte Erklärung / und wormit er seine Fehler
eine Farbe anstrieche / versetzte er: Zwischen Freunde und Verliebte Zwytracht
und Hass säen / wäre / auch seiner Meinung nach / ein verdamliches. Verbrechen;
aber das Recht sich selbst am meisten zu lieben rechtfertigte die Bemühung einem
andern in der Liebe den Vorteil abzurennen. Tussnelde antwortete: Solch
Beginnen gienge nur hin / wenn die Liebe zu keiner Verbindligkeit kommen wäre.
Weil sie aber so wohl als Flavius die Königin Erato mit dem Fürsten Zeno so
unauflösslich verknipft wüsste / wäre alles darwider gemachte Vorhaben etwas
ärgers / als die dadurch gesuchte Untreue / welche zuweilen aus Irrtum und
Missverstande herrührte / meist aber durch frembde Veläumbd- und Verleitung
verursacht würde. Ja weil die Liebe ein himlischer Einfluss / wie der Hass ein
höllischer Dampf wäre / stürmete solche Störung gleichsam selbst das Verhängnis.
Flavius erblasste hierüber / fiel aber ein: Er getröstete sich von Tussnelden
eines gütigern Urteils; wenn sie glauben könnte: dass Zeno mehr Ismenen als die
Erato liebte /und also dieser / nicht er das Verbündnüss zerrissen hätte.
Tussnelde fragte: Ob sie sich auf diesen Bericht sicher verlassen möchte? An
statt der Antwort wendete sich Flavius gegen der nur wenige Schritte hinter
ihnen folgenden Ismenen / und redete sie an: Ist es nicht wahr / liebste
Schwester: dass sie den Fürsten Zeno und er sie liebe? Ismene färbte sich über
dieser unvermuteten Rechtfertigung; und ob es wohl der Liebe Eigenschaft ist:
dass sie leichter sich ins Hertze spielet / als vom Munde geht / so sah Ismene
doch weder Ausflucht noch Vorteil in Verhölung ihrer Liebe; sondern sagte: Sie
könnte sich nicht schäme zu gestehe / was sie sich nicht geschämet zu tun. Es
wäre wahr: Sie liebte den Fürsten Zeno. Wäre diss an ihr ein Fehler; so würde er
der Verzeihung oder des Mitleidens würdig sein. Denn die Liebe wäre die
gemeinste Schwachheit der edelsten Gemüter; ihre aber so viel leichter zu
entschuldigen / weil sie zeiter mit so viel Verliebten hätte umbgehen müssen /
die Liebe aber / wenn sie schon nicht auf uns zielte / uns doch anfeuerte und
anfällig wäre. Uber diss liebte sie nichts als was eine so kluge Hertzogin sonder
Zweifel für Liebens wert erkennen würde. Dass Fürst Zeno aber sie wieder liebte
/ hätte sie mehr zu wünschen / als sich mit Vermessenheit zu rühmen. Gleichwohl
aber hätte sie zu ihm nicht weniger Hoffnung / als ein gutes Hertze. Denn diese
wäre das Hertzblat der Liebe / ohne welches sie selbst bald verdorren müste.
Flavius nahm das Wort alsofort von Ismenen / und sagte gegen Tussnelden:
Ismenens Bekenntnis wäre die beste Schutz-Rede seiner Liebe / und daher könnte
eine so liebreiche Fürstin einen / der ihrer Hülffe so benötiget wäre / sich
schwerlich überwinden / seiner Bitte zu entfallen. Tussnelde antwortete: Ich
habe von der Beständigkeit so viel Gutes genossen: dass ich mich von ihr einer
gerechten Rache besorgte; wenn ich sie im Hertzen der Erato von ihrem Fusse zu
stossen mich bearbeitete. Denn da Fürst Zeno von ihr abgesetzt hat / verdienet
die beständige Liebe der Erato als eine hertzhafte Märterin einen desto
herrlichern Sieges-Krantz. Sintemal die Liebe eines wieder-liebenden mehr ein
Wucher-Gewerbe / einen Todten noch lieben eine vollkommene Tugend / einen
Ungetreuen aber treu bleiben noch was köstlichers als Liebe und Tugend ist.
Flavius rieff hierüber: O der unglücklichen Köstligkeit! Mich bedünckt: es
verwandele sich die Beständigkeit in eine Hartnäckigkeit / wenn sie sich von dem
nicht trennen läst / was sie hasst / oder hassens wert ist. Ist die Liebe eine
Tugend / so kann sie der Klugheit nicht entraten / welche Untreue als ein Laster
zu lieben nicht verstattet. Ja es ist eine Unbarmhertzigkeit gegen sich selbst /
wenn man seiner Seele die Anbetung eines so unwürdigen Abgotts aufdringet. Wer
also liebt / ist aus einer eiteln Ruhmsucht ihm selbst gram / ein Verschwender
seiner Liebe / und den Törichten zu vergleichen / die all ihr Feuer dem Nachbar
mitteilen / und für sich nichts als die Asche behalten. Tussnelde antwortete:
Wenn das höchste Gut des Menschen in der Gemächligkeit und kitzelnden Wollust
bestünde / würden wir sehr alber tun / wenn wir nicht auch andere Flacken
aufsteckte / wenn unsere Freunde ihr Gemüte ändern. So aber bestehet es in der
Tugend / welche so selten ohne Beschwerligkeit / als die Rose ohne Dornen zu
sehen ist. Denn das Glücke zeuget eben so wohl als die Natur mehr Heide / als
Jasmin; und die stachlichten Kasten-Nüsse sind gemeiner als Datteln. Die Tugend
hat insgemein Schweiss und Mühe zu ihrem Wegweiser / Verdrüssligkeit zu ihrer
Gefärtin /Hass und Neid zu ihren Nachtretern; daher muss die Geduld die Mässigung
/ und die Beständigkeit sie auf ihrem Fusse und in Ansehn erhalten. Diese liebt
niemals die Untreue / ungeachtet sie dem Untreuen hold bleibt; und wie die
Sanftmut die wildesten Tiere kirret / eine heftige Liebe auch steinerne
Hertzen erweichet / also leitet die unabsetzliche Treue mehrmals die irrenden
auf den Weg / und machet das ausgeloschene Feuer der alten Liebe wieder rege.
Also würde ich dieser Tugend zu nahe treten / und ihre gute Würckungen hindern /
wenn ich bei der Königin Erato das Wasser ihrer Gewogenheit auff eine andere
Mühle / als dem vielleicht bald wieder zu bessern Gedancken kommenden Zeno
zuleiten sollte. Flavius versetzte: Ach! allzu gerechte Tussnelde! die Liebe
verträgt keine so strenge Richter / und stehet es denn der Freundschaft nicht
zu einen kleinen Abweg von der Strasse der Tugend machen. Der grosse Weltweise
Chilo hat diss ja für eine Schuldigkeit eines Freundes gehalten / und umb seinem
Vertrauten zu helffen einem andern selbst einen schädlichen Rat mitgeteilet.
Tussnelde begegnete ihm: Diss mag ein Irrtum des Chilo / aber keine Lehre eines
Weisen gewesen sein / welchen Fehler er auch auf seinem Tod-Bette bereuet hat.
Denn der wenigste Absatz ausser den Gräntzen der Tugend ist ein Tritt in das
Gebiete der Laster; welches die Freundschaft so wenig zulässlich machen / als
die Sonne den Mohren weiss bleichen kann. Daher der streitbare Pericles einem
seiner ihm etwas ungleiches zumutenden Freunde weiser als Chilo antwortete:
Freunden müste man zwar willfahren / aber den Göttern damit nicht zu nahe
kommen. Flavius ward hierüber nicht wenig bekümmert. Daher er denn mit einer
sonderbaren Bewegligkeit Tussnelden ersuchte: Sie möchte doch mit seiner Liebe
ein Mitleiden haben / und wo nicht ihm / doch der hierunter zugleich leidenden
Ismene zu Liebe hierinnen kein widriges Gestirne abgeben; wenn sie ja ihren
Einfluss zu ihrer Vergnügung zu geben Bedencken trüge. Tussnelde erklärte sich:
Es könten ihr keine zwei grössere Freuden begegnen / als wenn Flavius mit des
Fürsten Zeno Willen die Königin Erato eigentümlich besitzen sollte. Ob aber der
Feldherr Ismenen erlauben würde einen Ausländer / der von seinem Ursprunge
selbst nichts gewisses zu sagen wüste / zu lieben / wäre eine ihr Urteil
übersteigende Wichtigkeit. Hiermit wendete sie sich zu der andern Gesellschaft;
verfügte sich aber noch selbigen Tag in der Königin Erato Zimmer / in Meinung
die Geheimnisse dieser neuen Liebes-Verwechselungen vollends auszuspüren. Sie
traff aber die Königin Erato in so einem erbärmlichen Zustande an: dass sie
gezwungen ward ihren Vorwitz in ein hertzliches Mileiden zu verwandeln. Denn
Salonine hatte über des Zeno gegen der Ismene herausgelassenen Worten mehr
Eiversucht gefangen / als wenn sie seine selbsteigene Buhlschaft gewest wäre.
Weil nun diese Gemüts Regung nichts mässiges rätet / hatte sich Salonine
übereilet / und nicht nur ihrer Königin alles Haar-klein erzählt / sondern über
des Zeno Treu alle Empfindligkeit eines zarten Hertzen ausgeschüttet. Massen es
denn an sich selbst wenig Kunst brauchte den Fürsten Zeno als den undanckbarsten
Menschen in der Welt abzumahlen / weil er so leicht eine Fürstin in die Schantze
schlagen / an welcher Natur und Tugend ein Meisterstücke auszuarbeiten keinen
Fleiss gesparet / und die ihm zu Liebe Zepter und Krone mit Füssen von sich
gestossen hatte. Diesemnach es denn wenig wunderns bedurffte: dass Erato ihr
Antlitz gleichsam in Tränen badete / die Hände wand / über dem Kopfe schlug /
ihr die Haare ausrauffte / und ein trauriges Ebenbild einer verzweifelnden
fürstellte. Salonine erkennte aber zu spat ihre Ubereilung; indem man zarten
Seelen so heftige Zufälle nach und nach /und wie kluge Aertzte ihre bittere
Säffte nur Tropfen-weise beibringen / und die Pillen entweder überzuckern oder
vergülden muss / wenn man beide nicht tödten will. Aber ihr Erkenntnis war nun zu
spat / und sie zu schwach dem von ihr verursachten Ubel abzuhelffen. Daher sie
die Hertzogin Tussnelde so bald nicht ins Zimmer treten sah / als sie selbte als
eine vom Himmel geschickte Helfferin mit ihrem stummen Munde / aber ihr Elend
deutlich genung ausdrückenden Augen umb Beistand anflehete. Erato befand sich
bei Tussneldens Eintritte noch in der ärgsten Verstellung / und in einer
Unfähigkeit ein kluges Wort fürzubringen. Das Ansehen dieser Hertzogin würckte
gleichwohl in der Königin ein Erkenntnis ihrer Ungeberdung / und ihr holder
Anblick besänftigte die stürmerische Unruh ihres Gemütes so weit: dass sie ihr
wölckichtes Antlitz etwas auszuklären / und ihren äuserlichen Unmut zu
verstellen bedacht war. Ihre wieder zu reden beginnende Zunge wusste gleichwohl
nichts hertzhafters auszusprechen / als: Sie hätte alle Bitterkeiten des Lebens
geschmeckt zu haben vermeint; nunmehr aber fühlte sie etwas / gegen welchem alle
vorige Galle und Wermut für Süssigkeit zu halten wäre. Sie würde von einem
solchen Schmertz gequälet / den kein Mensch / ausser ihr /niemals gefühlt hätte.
Denn sie hätte mit dem Zeno die höchste Glückseligkeit der Welt zu besitzen
gemeint; also müste sie mit seinem Verluste / und zwar seiner so herben
Entbrechung sich auch für die Unglückseligste aller Sterblichen achten. Die
mitleidende Hertzogin Tussnelde ward hierüber zwar wehmütig / weil sie aber
wohl verstand: dass so gewaltsame Gemüts-Regungen eben so wohl als heftige
Leibes-Kranckheiten mit scharffen Artzneien geheilet werden müsten / redete mit
einem ernstaften Antlitze sie an: Sie hätte die Königin für eine grossmütige
Heldin zeiter verehret; sie sähe sich aber betrogen /und sie als eines der
weichhertzigsten Weiber an. Hätte ihre Vernunft / ja ihre Erfahrung sie noch
nicht gelehrt: dass man so wenig in der Liebe als im Leben vollkommen und immer
glückselig sein könnte? Im Himmel gäbe es mehr fest-stehende als irrende Sternen;
in der Welt aber mehr veränderliche als standhafte Gemüter. Daher müste man
wider Falschheit und Untreue sein Hertz / wie ein kluger Schiffer wider den
umbschlagenden Wind seinen Mast befestigen. Wenn das Glücke ihr noch nie seine
schlüpfrigen Füsse /und seine Flüchtigkeit gewiesen hätte / wäre ihr ihre
Unwissenheit und Einbildung so sehr nicht zu verargen: dass es bei keinem
Menschen festen Fuss setzte. So aber hätte sie / Saloninens Erzehlung nach / so
wohl die Tücken des Glückes zu Artaxata / als die Bitterkeiten der Liebe zu
Sinope genungsam geprüfet. Sie möchte sich erinnern / was sie zu Aten in dem
Tempel des guten Glückes der Hoffnung / als einer Abhelfferin alles Unheils für
ein Gelübde getan hätte; welches sie nun entweder bräche / oder diese ihre
Abgöttin für eine Betrügerin halten müste. Wäre ihr entfallen / was sie unter
dem Gordinischen Gebürge mit Saloninen über der dem Fürsten Zeno zu Liebe
geschehenen Verstossung der Armenischen Krone für Süssigkeit geschmeckt; und wie
sie Saloninens Zweifel mit der im Phrixischen Tempel empfangenen Weissagung so
hertzhaft abgelehnet hätte? Was für Kleinmütigkeit wäre es nun an dem
glücklichen Ausschlage des Verhängnisses zu zweifeln / welches in allen ihr
erteilten Wahrsagungen so eigentlich eingetroffen hätte? Ja wenn auch alle
Hoffnung ihren Zeno zu erhalten verschwunden wäre / stünde einer solchen Heldin
derogleichen Geberdung nicht an. Denn da wir in gewissen Fällen unser eigenes
Leben zu verspielen für Gewinn achten müsten / stünde niemanden zu / der
Vernunft und Hertzhaftigkeit hätte /sich mit dem Verluste einigen andern Dinges
sich selbst durch Kleinmut zu verlieren. Erato hörete Tussnelden mit Geduld zu
/ und nach unterschiedenen Seufzern fing sie ein: Ich erkenne meine Schwachheit
/ leider! so wohl als mein Unglück; aber es steht in meiner Gewalt so wenig klug
als glücklich zu sein. Unterdessen tröst ich mich: dass meine Unvernunft ein
Zeugnis meiner unverfälschten Liebe ist. Wenn mich nicht so wohl Zeno / als mein
Glücke verliesse / oder mich nicht sein Vorsatz / sondern ein Zufall seiner
beraubte / traute ich alle seine Stösse /und alle Verfolgungen des Verhängnisses
auszutauern; so aber werde ich durch seinen Verlust nicht nur verunglückt /
sondern durch seine Untreue / als eine seiner nicht würdige Liebhaberin
beschimpfet. Tussnelde begegnete ihr: Es ist das letztere freilich wohl
schmertzhafter. Alleine / wenn Zeno schon an ihr derogestalt misshandelte / würde
ihr doch so wenig verkleinerliches / als den Mohren die Schuld beizumessen sein:
dass sie von der Sonne geschwärtzt werden. Tugend hat nicht nur mit dem
blitzenden Himmel / mit der lebenden Erde und dem liederlichen Glücke /sondern
auch mit den Lastern und Fehlern der Menschen zu kämpfen. Und wir müssen bei
Verläumdung unserer Neider / bei Verachtung des Pöfels uns mit unserer Unschuld
und des Verhängnisses Schickung trösten: dass es zwar bei uns steht tugendhaft zu
sein / derogleichen Meinung aber von uns zu haben nicht allen aufdringen können.
Wir machen uns aber in solchen Fällen niemals mehr verdächtig / als durch
Ungeduld; und beschämen Neid und Verachtung durch nichts besser / als wie
verfinsterte Gestirne durch richtige Verfolgung unserer Bahn. Ja die / welche
uns zu beflecken gemeinet / verehren uns hernach so viel mehr beim Erkäntnüsse
ihres Irrtums; und die mehrmals für verloschen gehaltene Liebe komt hernach
/wie die Wolcken und Nebel zertreibende Sonne / mit desto hellerm Lichte wieder
herfür. Erato antwortete: Ich erkenne zu Danck: dass die vollkommenste
Liebhaberin der Welt aus Mitleiden mich von der Irre-Bahn auf den rechten Weg
leiten will. Aber die Barmhertzigkeit einen mit leerer Hoffnung zu speisen hat
mehr Grausamkeit in sich / als einen / der erhungern soll / mit dem nährenden
Geruche fürgesetzter Gerichte aufhalten. Gleichwol aber ist der Himmel gegen mir
noch viel grausamer. Denn er bekrieget mich durch die Liebe eines andern /
welchen ich lieben müste / wenn ich den Zeno nie geliebt hätte / und mein
Gemüte so wanckelmütig als Zeno wäre. O ihr Götter! wie unbarmhertzig handelt
ihr gegen mich durch Verlängerung meines Lebens / oder vielmehr ihr grausamen
Menschen / die ihr mich an der Freiheit zu sterben hindert! nur damit ich
entweder über der Untreue des Fürsten Zeno unaufhörlich seufzen /oder durch
eines andern Liebe seine Veränderung rechtfertigen müsse. Die tiefsinnige
Fürstin Tussnelda fühlte an den letzten Worten so wohl ihre Liebes-Schwäche gegen
den Flavius / als die Aertzte die Kranckheiten an dem Pulsse. Weil sie nun aus
diesem Feuer allerhand Rauch besorgte / wünschte sie bei zeiten solches in der
Königin Hertzen zu dämpfen. Daher sie zwar nichts wenigers / als ihre und des
Flavius Liebe ausgespürt zu haben anstellte; gleichwol aber ihr einhielt: es
wäre freilich nichts unglücklichers / als wenn wir durch unsern nachfolgenden
Fehler eines andern vorgehendes Laster rein brennten; zur Störung unserer
Gemüts-Ruh aber nichts schädlicher / als eine zweifelhafte Teilung unsers
Hertzens. Denn eine Seele vertrüge so wenig zweierlei Liebe / als ein Kreis zwei
Mittelpuncte / und die Welt zwei Sonnen. Daher müsten die / welche ruhig und
glücklich sein wollten / ihrer Liebe enge Schrancken setzen / und die Augen für
neuen Reitzungen niederschlagen. Sintemal eine zerteilte Liebe die
Lebens-Geister zerstückte / und ihr eigenes Hertze durch tausenderlei Quaal
zerfleische. Weil die Liebe uns mit dem Geliebten vereinbarte / fühlte man alle
Wunden und Kranckheiten wormit diese befallen würden. Und derogestalt wäre
mehrmals unsere empfindliche Seele auf eine Zeit der Hitze und Kälte / dem
Donner / und dem Schifbruche auf der See / der Heuchelei und der Verläumbdung
unterworffen. Ja man stürbe nicht selten stückweise / und würde mit dem
Untergange dessen / was uns lieb ist / bald dar bald dort ein Teil unsers
Hertzens mit begraben. Welch Leben denn eine stete Folter-Banck / ja ein
täglicher Tod wäre / dessen unerträgliche Marter die Königin vernünftig aus
ihrer itzigen Empfindligkeit zu schöpfen hätte / die sie aus dem besorgten
Verluste des von ihr einig-geliebten Zeno schöpfte. Nach diesen und etlichen
andern sanfteren Einredungen nam Tussnelda von der Erato Urlaub / in Meinung:
dass der Königin Gemüte zu seiner Beruhigung wie getrübtes Wasser zu seiner
Ausklärung mehr Zeit als Arbeit vonnöten hätte. Salonine aber / welche
Tussnelden allzu wohl verstand / aber alle Hoffnung verloren hatte den Fürsten
Zeno von Ismenen abwendig zu machen / und die mit der Königin abgebrochene Treue
zu ergäntzen /liebkosete der Königin neuen Neigung derogestalt: bei vieler Dinge
Besitztum liesse sich eines ohne sonderbare Empfindligkeit einbissen / aber der
Verlust dessen / was man nur allein hat / wäre auch dem allerhertzhaftesten
unverschmertzlich. Worinnen ihr Erato jetzt ein trauriges Beispiel abgebe. Also
wüste sie nicht: ob es mehr Schwachheit als Klugheit wäre sein Hertz einem
alleine zum Leibeigenen machen. Wer seinen Schatz an unterschiedene Orte
vergrübe /oder seine Waaren auf viel Schiffe verteilte / den könnte weder
Arglist noch Ungewitter auf einmal arm machen. Am allerwenigsten aber könnte sie
in der Liebe und andern Dinge wohl oder klug getan rühmen / wenn man seine erste
Einbildung ihm zum Götzen machte / und seinem freien Willen den unveränderlichen
Vorsatz oder vielmehr die Dienstbarkeit / selbten durch keine neue Wahl zu
verbessern / aufdringe. Deñ weil Wesen und Schein / Liebe und Heuchelei von
sammen schwerer als gute und falsche Edelgesteine von einander zu unterscheiden
wären / wäre nichts gemeiners / als in der vorsichtigsten Wahl dennoch fehlen;
ja die Menschen verwandelten sich eben so greulich als die Seiden-Würmer in
geflügelte Raupen / und würden niemanden unähnlicher / als ihnen selbst. Durch
diesen und anderen Einhalt ward Erato so verwirret und zweifelhaft: dass sie
weder einigen Trost zu schöpfen / noch was gewisses zu entschlüssen vermochte /
sondern als ein Ruder-loses Schiff von den Wellen ihrer eigenen und anderer
Regungen bald dar bald dortin verschlagen ward.
    In nicht viel besserem Zustande befand sich Ismene / weil sie der Hertzogin
Tussnelde letztern Worte auf der Seite gar genau gefasst hatte / welche ihrer /
gegen einen unbekandten Ausländer geschöpften Neigung wenig geneigt zu sein
schienen. Sie beschwerte sich in ihren Gedancken: dass Flavius Tussnelden ihre
Liebe entdeckt; noch viel grössere Schuld aber gab sie ihr selbst: dass sie aus
übermässiger Verträuligkeit sich gegen ihre Schwägerin so bloss gegeben hatte.
Denn ob es zwar nicht tulich wäre / seinen Freunden alle sein Anliegen
verschweigen; so wäre es doch noch viel gefährlicher für ihnen niemals etwas
geheim halten. Auf diesen vorspielenden Blitz aber folgete wenig Tage darnach
ein viel grausamer Donner-Wetter. Denn weil Hertzog Herrmann ihm nichts mehr
angelegen sein liess / als die Wurtzel der zwischen den Cheruskern und Catten
eingewurtzelten Feindschaft mit Strumpf und Stiel auszurotten / die neue
Eintracht aber / und mit dieser die Wolfart Deutschlandes durch alle nur
ersinnliche Verbindnüsse zu befestigen; hatte der Feldherr durch den obersten
Priester Libys die Heirat seiner Schwester Ismene mit dem Fürsten Catumer / und
des Hermundurischen Fürsten Jubils mit der Fürstin Catta / und des Cassuarischen
Fürsten Siegmunds mit der Chaucischen Fürstin Adelmunde dem Hertzoge Arpus und
Ganasch fürschlagen lassen. Das in Deutschland ungemeine Ansehen des
Priestertums und die Klugheit des frommen Libys hatte es beim Hertzoge Arpus
auch schon beider Heiraten Einwilligung zu wege gebracht; und wegen Hertzog
Jubils bei dem Hertzog Ganasch einen guten Grund gelegt. Der Feldherr ward über
dieser glücklichen Handlung aufs höchste erfreuet / aber / als er diesen Schluss
durch seine Gemahlin Tussnelde Ismenen fürzutragen begehrte / über ihrer
Nachricht von Ismenens gegen den Fürsten Zeno angeglommener Liebe aufs höchste
bekümmert. Nichts desto weniger liess er sich dis an seinem Vorhaben nichts
hindern / sondern entschloss vielmehr bei ihm feste mit seinem Ansehen
durchzudringen / und dahero seiner Schwester Ismenen selbst den Vortrag zu tun.
Er kam daher den nechstfolgenden Morgen selbst in ihr Gemach; machte daselbst in
seinem Fürtrage von dem Lobe ihrer Tugenden und Schönheit / von seiner für sie
tragenden Sorge den Eingang; lenckte hernach auf den Wolstand des gemeinen
Wesens ab / worzu das Weibliche Geschlechte eben so wohl als das Männliche /
Werkzeuge abzugeben verbunden wären. Diese ihre Pflicht hätte Ismene durch
freiwillige Erkiesung der Waffen in der Schlacht mit dem Varus bewehret / und es
durch ihre Tapferkeit vielen Helden zuvor getan. Daher zweifelte er an nichts
weniger / als an ihrem guten Verfolg ihres so herrlichen Anfangs. Gleichwol aber
hätte seine Brüderliche Gewogenheit ihm angelegen / zwar durch einer so
holdreichen Schwester Verehlichung dem Vaterlande eine Woltat / jedoch ihr
dardurch kein Unvergnügen zu schaffen. Die meisten Fürstinnen wären dem
unglücklichen Verhängnisse unterworffen: dass sie ihres Standes / oder gewisser
Staats-Ursachen halber sich müsten niegesehenen Fürsten / und derogestalt oft
Kriepeln und Missgeburten verloben lassen. Aber ihm sollte leid sein über Ismenen
eine so grausame Botmässigkeit zu üben. Eines seiner Augen hätte zwar auf
Deutschlandes Heil / das andere aber auf Ismenens Vergnügung sein unverrücktes
Absehen gerichtet / und er ihr daher einen solchen Bräutigam ausgesonnen / der
am Stande ihr gleich; dessen gute Bildung ihr für Augen / ja sie seiner
Tapferkeit eine Zuschauerin gewest wäre. Dieses aber wäre Catumer der Catten
Erb-Fürst / ein Herr /an dem die Natur nichts vergessen / und der Neid nichts zu
tadeln hätte. Ismenens Hertze fieng an über dem ersten einer Verlobung
erwähnenden Worte so sehr / als einer / der über sein Leben und Tod ein
ungewisses Urtel anhöret / zu beben; jedoch verstellte sie ihre Verwirrung bis
auf den letzten Schluss / welcher als ein Donnerschlag alle zu ihrer Vermummung
gemachte Anstalt über einen Hauffen warf. Alle Bemühungen sich zu erholen waren
zu schwach ihre Gemüts-Regungen zu verdrücken / und der Feldherr laass ihre
Entschuldigung zeitlicher an ihrer Stirne /als ihre Zunge mächtig war solche
fürzubringen. Sie rühmte seine Brüderliche Liebe / bedanckte sich für die
Väterliche Vorsorge; strich die Vollkommenheit des Fürsten Catumers heraus / und
wünschte das geringste Werckzeug bei Beförderung gemeiner Sicherheit zu sein.
Hierauf aber wendete sie das Blat / und weil sie nicht zweifelte: Tussnelde
würde dem Feldherrn die in ihrem Hertzen angeglommene Liebe entdeckt haben; ja
diesen neuen Heirats-Fürschlag für ein von der Tussnelde an die Hand gegebenes
Mittel hielt / dem Zeno im Lichten zu stehen / und ihrer Liebe den Riegel
fürzuschieben / getraute sie nicht sich auf eine Abneigung vom Heiraten zu
beziehen /sondern sie gründete sich auf die bei den Deutschen gewohnte Freiheit
/ welche denen Fürstlichen Fräulein so wohl / als gemeinen Jungfrauen ihren
Bräutigam nach ihrer Willkühr zu erwählen erlaubte. Daher versehe sie sich zu
einem so gütigen und gerechten Bruder / er würde sie / welche durch keine
Missetat des gemeinen Rechtes verlustig gemacht / nach der Neigung ihres
Hertzens / und nach Eingebung des Himmels sie sich verehlichen lassen. Der
Feldherr antwortete: Der Pöfel möchte nach dem blinden Triebe ihrer ersten
Regungen / Fürsten aber nach Gesätzen der Staats-Klugheit heiraten. Weil man
dem Vaterlande mehr als sich selbst geboren wäre / drückte die gemeine Wolfahrt
alle andere Absehn unter sich. Daher müsten Fürsten ihnen den lüsternen Zahn /
in der Liebe nur ihre Vergnügung zu suchen / ausschlagen / und gedencken: dass
diese Beschwerligkeit durch ihr hohes Ansehen und durch die so süsse Herrschaft
über ganze Völcker reichlich ersetzt würde. Wer in allem nach Belieben zu tun
ungebundene Hände hätte / könnte unschwer in der Liebe eine mässige Dienstbarkeit
vertragen. Dieses Gesätze erstreckte sich so weit als die Herrschaften / und
daher auch über Deutschland / welchem sie als eine treue Tochter des Vaterlandes
nicht zu wider leben könnte / sondern ihre Neigungen für seine Wolfahrt desto
williger aufopfern würde / weil sie ja in der Schlacht schon ihr Blut dafür zu
versprützen den Anfang gemacht hätte. Ismene fiel ein: sie erinnerte sich keines
Beispiels: dass im Cheruskischen Hause einige Fürsten ihren Töchtern / weniger
Brüder ihren Schwestern aus diesem Grunde Männer aufgezwungen hätten. Von andern
der Dienstbarkeit gewohnten Völckern liesse sich auf die Deutschen / welche so
wenig ohne Freiheit als Atem leben könten / keinen Schluss machen; und würde
dieser denen Jungfrauen unerträgliches Joch aufhalsen / wenn die / welche nur
einmal ihr Lebtage heiraten dörffen / in ihrer einigen Vermählung kein
Wahlrecht hätten. Sintemal der Zwang einen wider Willen zu ehlichen grausamer
als das Verbot gar nicht zu heiraten wäre. Der Feldherr begegnete ihr: Er könnte
diese Meinung gelten lassen /wenn eine Fürstin zu unanständiger Vermählung
gezwungen würde; wie in Sarmatien / da man Königliche Töchter keinem Fürsten /
umb allen Anspruch an das Reich zu verhüten / sondern nur wenigen Geist habenden
Dienern vermählte; oder sie / wie Käyser August seine dem Antonius vertraute
Schwester Octavia nur zu seines Feindes Fallbrete / oder gar nach ihnen
angekünstelter Unfruchtbarkeit sie zu Vertilgung anderer Fürstlicher Häuser
missbrauchte. So aber hätte er durch Erwehlung des tapferen Fürsten Catumers
Ismenens Vergnügung nichts abgebrochen; indem niemand / der nicht von einer
andern Einbildung schon eingenommen wäre / ihn als nicht Liebens wert verachten
könnte. Ismene fiel ein: sie wäre zu wenig diesem vollkommenen Fürsten Mängel
auszustellen; aber dis wäre doch wahr: dass er aus dem Cattischen Hause wäre /
dieses aber mit den Cheruskern eine ewige und so heftige Feindschaft gehegt
hätte: dass man glaubte: beider Geblüte liesse sich so schwer / als Hartzt und
Wasser mit einander vermischen. Wie sollte sie nun mit einem Catten eine
unzertrennliche Gemeinschaft des Leibes und des Gemütes eingehen? oder
deutscher zu sagen / ihn so wert achten / als wenn es keinen Mann mehr in der
Welt hätte / und mit ihm nicht nur sein gegenwärtig und künftiges Glücke
übernehmen / sondern auch seine Neigungen und Begierden in mich saugen. Werde
ich so deñ / wenn das Wetter und der Catten Freundschaft umbschlagen wird / auch
mit Catumern wider meine Cherusker eine Todfeindschaft hegen /und wie die dem
Teseus vermählte Hippolyte wider die ihr verschwisterten Amazonen die Waffen
führen müssen? denn die Erfahrung hätte bewehret: dass die Zusammenheiratung
zweier widriger Geschlechter den dardurch auszuleschen vermeinten Groll wie die
in das brennende Naphta der Susianischen Brunnen gegossene Flut das Feuer nur
rasender mache. Würde meinem hertzliebsten Bruder so denn nicht mit mir das
Hertz bluten / wenn er mich sodenn zum Steine des Anstossens so wohl der
Cherusker und Catten gesetzt / und zwischen Tür und Angel eingeklemt sehen
würde? Sintemal der Ehstand ohne dis mehr Dörner als Blumen trägt / und mehr
Trauer- als Feiertage zehlet / derer jede Stunde uns eben so wohl zweimal so lang
wird / als jede Dornspitze zwei Wunden sticht / weil man so wohl seine eigene als
seines Ehmanns Schmertzen fühlet. Würde ich sodenn nicht unbillich lebenslang
über die / welche mich in ein so strenges Gefängnüs verdammt hätten / zu seufzen
Ursach haben? Sintemal der / welcher sein Geblüte einem Feinde vermählt /
unverantwortlicher als Lucius Valerius handelt; der seinen ärgsten Feind
Cornelius Balbus zum Erben einsetzte / weil todtes Reichtum ja keine Fühle wie
Menschen haben. Den Feldherrn bissen diese letzten Worte zwar im Hertzen; weil
er aber wohl wusste: dass wie das reinste Wasser von dem darein fallenden Regen
Blasen macht / also auch die besten Gemüter / wenn sie einmal in Verwirrung
geraten / sich leicht zur Unbedachtsamkeit verleiten lassen / und dass man mit
Sturme in der Liebe mehr einreisse als baue / verschmertzte sie; und begegnete
Ismenen: Die zwischen den Cheruskern und Catten eine Zeitlang gewehrte Zwytracht
wäre keine Missgeburt giftiger Hertzen / sondern eine von beider Völcker Tugend
angezündete Flamme gewest. Denn sie hätten nicht umb schnöden Raub oder aus Hass
und Begierden das andere zu unterdrücken / sondern umb den Vorzug der Tapferkeit
gefochten / und als zwei Feuersteine sich an einander geprüfet. Die Ehre aber
wäre von so hohem Werte: dass nichts als sie solche Irrtümer zu entschuldigen
vermöchte. Denn ein herrlicher Nachruhm wäre das höchste unter allen
Glückseeligkeiten / ja der Mensch hätte ausser ihm nichts bessers GOtt
danckbarlich abzugewehren. Sein Glantz erleuchtete das Finsternüs der schon
verschimmelten Zeiten / und sehe in das unbegreifliche Ende der Nachwelt hinaus.
Ja die dem menschlichen Hertzen eingepflantzte Begierde nach dem Tode
unvergessen zu sein / wäre ein herrliches Zeugnüs für die Unsterbligkeit ihrer
Seelen; ohne welcher Vorschmack sie sich nimmermehr so eivrig umb ein gutes
Gedächtnüs bewerben würden. Westwegen die Serer ihren Todten allererst so viel
Ehren-Titel zueignen /die alten Griechen aber dem Saturn und der Ehre Bilder mit
entblösten Häuptern aufgerichtet / und beiden als zweien keiner Verfinsterung
unterwürffigen Gotteiten geopfert haben. Bei welcher Bewandnüs denn die Catten
und Cherusker einander höher als kein ander Volck geschätzt / niemals aber
einige Abscheu sich mit einander zu vermählen gehabt hätten. Hingegen aber wäre
ungewiss: was Zeno für ein Landsmann / oder aus was für einem Geschlechte er
wäre; welchen weder er / noch einiger ander deutscher Fürst sich mit dem
Cheruskischen Geblüte würde vermischen lassen. Sintemal Ismene wohl wüste: dass
das Cheruskische niemals als mit uralten Fürsten sich verknüpft / und so wenig
Enckel ohne Hertzogs-Hüte /als der Granat-Aepfel-Baum Aepfel ohne Kronen hätte.
Und da Zeno sich für sich selbst nicht genungsam als einen Fürsten aufführen
könnte / würde Ismenens Vermählung ihn zu keinem nicht machen. Denn die Deutschen
hielten es weder mit den Lyciern / wo ein Weib den Mann adelte; noch auch mit
den Seren /und Parten / wo eines Handwercksmannes Tochter durch edle Heirat
edel und zur Fürstin würde; eine einem Unedlen verlobte Fürstin aber nicht einst
unter den niedrigen Adel ihre Stelle hätte. Daher möchte Ismene nur bei zeite
ihre süsse Gedancken aus dem Siñe schlagen / wo sie ihr anders einige vom Zeno
hätte träumen lassen. Mit diesen Worten grief der Feldher Ismenen aus Hertze /
und tastete zugleich ihren Augapfel an / also: dass die milden Tränen ihr
häuffig über die Wangen schossen / ihr klopfendes Hertz aber sich gleichsam aus
ihrer Brust zu arbeiten suchte. Denn es geht der Liebe wie den Strömen / welche
/wenn man ihren Lauff mit Währen oder Schleussen aufschwellet / sich über Ufer
und Tämme ergiessen. Sie antwortete / jedoch mit zitternder Sprache: sie könnte
nicht leugnen: dass ich / oder vielmehr das Verhängnüs mein Hertze dem Zeno
zugewendet habe. Denn meine Zuneigung / welche vorher niemals einigen kleinen
Vorschmack der Liebe genossen / ward gleichsam in einem Augenblicke wie eine vom
Gebürge abstürtzende Bach so heftig dahin getrieben: dass ich alle meine
Widersetzligkeit auf einmal übern Hauffen geworffen sah. Die Liebe hat mich ehe
bemeistert / als angesprengt / welcher man nicht wie der Schleichenden
widerstehen kann. Denn sie raubet uns uns selbst / und entwafnet so wohl unsere
Vernunft /als Tapferkeit. Ich will nicht widersprechen: dass ich geirrt und
gefehlet. Aber so viel grosse Beispiele unsers Hauses reden doch für mich: dass
Lieben ein Irrtum der Klugen und eine Schwachheit der Hertzhaftesten sei. Ich
habe nicht nur die mir jetzt gemachte /sondern auch die der Erato halber entgegen
stehende Schwerigkeit gesehen. Denn weil er von dieser allein geliebt zu werden
verlangte / schien kein Mittel übrig zu sein / seine Liebe zu erwerben / als
wenn man ihn nicht liebte. Allein die letztere Schwerigkeit hat die erste / und
diese jene wie ein Nebel den andern verzehret. Denn weil sein Ursprung ungewiss /
und sein Fürsten-Stand zweifelhaftig ist / kützelte sich meine Liebe so vielmehr
mit ihrer vollkommenen Reinigkeit: dass sie den Zeno selbst / nicht seinen Stand
und Glücke liebte. Weil aber eine so mächtige Königin des grossen Armeniens den
Zeno nicht nur liebte /sondern ihm zu Liebe ihr Königreich weggeworffen hatte /
war mir unglaublich: dass Erato was geringers als einen Fürsten lieben sollte.
Sein Fürstliches Ansehen / seine so wohl an Hof als zum Kriege nötige Tugenden
redeten für ihn / und verdammten meinen daran habende Zweifel als die
schwärtzeste Verläumbdung. Und was machte mir ferner am Wege stehen / da der
kluge Herrmann ihn als einen Fürsten verehrte / und unterschiedene Hertzoge ihm
gar die Oberstelle einräumten. Der Feldherr setzte ihr entgegen: ich würde wider
die Gesätze eines höflichen Wirtes gesündigt haben / wenn ich den / welchen ich
für einen angenehmen Gast aufgenommen / seines Standes halber gerechtfertiget /
oder ihm die von andern zugestandene Ehre strittig gemacht hätte. Bei Vermählung
aber würde es eine schädliche Unvorsichtigkeit sein / wenn man ohne
vorhergehende Ergründung der Ankunft auf oft betrügliche Mutmassung den Grund
einer so hochwichtigen Verbindung bauen wollte. Des Zeno Tugenden wollte ich
lieber einen Ehren-Krantz aufsetzen / als ein Blat von seinem verdienten Ruhme
abbrechen. Alleine wie das so edle und mächtige Feuer nur unnütze Asche und
greuliche Kohlen / das die Erde an Grösse übertreffende Meer nur Fichten einer
Ellen lang / ein tapfer Fürst aber einen untüchtigen Sohn zeuget; also ist
hingegen Unedlen so wenig der Weg zur Tugend / als den Schnee-Königen dem Adler
gleiche in die Höhe zu fliegen verwehret. Daher lässt sich Tugend und Adel nicht
stets an eine Schnure fädemen. Seine Gestalt hat auch freilich zwar das Ansehn
eines Helden; aber euserlicher Schein ist ein betrüglicher. Führer unsers
Urtels und unser Begierden. Vollkommener Liebe Eigenschaft ist auch freilich
die Person nicht ihre Anhänglinge wert halten; und Fürsten haben hierinnen kein
besonder Recht. Eine Fürstliche Braut bringt in Deutschland eben so wohl als
eine gemeine ihrem Gemahl ein Joch Ochsen / ein gesatteltes Pferd / und eine
volle Rüstung zu / umb anzudeuten: dass sie beim Friede in der Arbeit / im Kriege
in der Gefahr /und wenn er aller seiner Hoheit entsetzt würde / auch hinter dem
Pfluge seine treue Gefärtin bleiben wolle. Destwegen aber ist eine Fürstin
nicht befugt sich in einem Ackersmanne zu vergaffen / und aus dem Pöfel ihre
Vergnügung zu holen. Wenn man schon Wein /Balsam / Honig / Gumi / oder andere
köstliche Saffte in die Muscheln tröpfet / wird doch keine Perle daraus /
sondern der vom Himmel fallende Tau / nach welchem die Schnecken als nach ihrem
Ehmanne dürsten / ist der allein sie schwängernde Saamen dieser teuren
Muschel-Töchter. Also ist Tugend und Geschickligkeit in Deutschland zu
Fortpflantzung hoher Geschlechter nicht genung / sondern sie müssen mit
Fürstlichem Geblüte vermischt sein. Wie / nach der Egyptier Lehre / von einem
sterblichen Manne und einer unsterblichen Frauen nichts gezeuget werden kann /
also zeugt bei den Deutschen kein Unedler mit einer Fürstin nicht einst einen
Edelmann. Stand und Tugend aber ist im Fürsten Catumer / welcher sich vom
Tuiscon her ausführen / und allen Helden der Welt die Wage halten könnte /
vollkommen vereinbaret. Da ihm nun gleich Zeno in beiden gleich käme /hat doch
Ismene als eine deutsche Fürstin Catumern den Vorzug zu enträumen / weil er ein
Deutscher /und der anwartende Erbherr über alle Catten ist / welche ihre
siegreiche Waffen bis an die Seulen Hercules / und über den Phrat ausgebreitet /
und von denen die bezwungenen Feinde zu sagen pflegen: dass die unsterblichen
Götter für ihnen nicht stehen könten. Daher würde Ismene / wenn sie der Sache
nur recht nachdächte / und nicht ihren ersten Irrtum ihr selbst zu einem Götzen
aufnötigte / zweifelsfrei wenig Bedencken haben zum Fürsten Catumer zu
greiffen. Wie die meisten Stauden im Anfange am stärcksten schieben; also hat
zwar auch die erste Liebe den heftigsten Trieb; unterdessen sind doch so wohl
dort die Zweige /als hier die Regungen an sich selbst am schwächsten; hernach
aber härten sie sich alle Stunden / und vergrössern sich über Nacht. Daher sollte
sie dieser Schwachheit beizeite begegnen. Denn die Eichen /welche gleichsam
natürlich-wachsende Colossen vorbildeten / liessen sich anfangs wie weidene
Ruten beugen. Uber die zuletzte sich in Meere verwandelnde und zu übersehen
unmögliche Flüsse könnte man bei ihrem Quell mit gleichen Füssen springen. Die
Löwen wären bei ihrer Geburt so ungewafnet als die Hasen /und die Elephanten
nicht stärcker als junge Rehe. Nicht anders ist es mit unser Liebe und andern
Regungen beschaffen. Ihr Ursprung rühret wie der Wolcken-Brüche von Tropfen her;
ein Funcken und ein kaum sichtbares Saam-Korn ist eben so wohl als ganze Städte
fressender Flammen / und hoher Cedern Saame ein Tropfen; sie werden aber hernach
zu Strömen und unleschbaren Bränden. Sie haben anfangs weder Zähne noch Klauen /
welche weder Kette noch Kesicht bändigen / kein Mohnsafft der Klugheit
einschläffern / keine Beredsamkeit bezaubern kann. Man meint sodenn der
Unmögligkeit Gewalt anzutun /und die Vernunft zu trotzen. Man rennt sodenn
ganz verblendet in sein eigen Verterben / und unsere Neigungen halten sich
sodenn wie Eppich an den umbwundenen Stock unauflösslich an / wenn selbter gleich
faul und wurmstichig ist / und uns mit ihm unser Fall für Augen schwebt. Ismene
seufzete hierüber / und fieng an: Ach! es ist mit mir schon so weit kommen!
meine Liebe hat niemals die Kleinigkeit eines Sandkorns / sondern mit ihrer
Geburt wie die Gebürge von Erschaffung der Welt an einerlei Grösse gehabt; und
sie kann so wenig als unser Berg Melibocus mehr wachsen. Was für Unehre würde mir
auch nicht zuwachsen / wenn man Ismenen nachredete: dass sie mit ihren Worten /
wie die Lufft mit den Blättern spielte? dass ihr Gemüte wie die Echidnischen
Eylande bei Winde hin und her schwermen? dass sie nach so hohen Beteuerungen
durch ihre Untreue den vollkommensten Fürsten Zeno so liederlich hinters Licht
geführet /und durch ihre Wanckelmut sich aller hertzlichen Liebe unfähig
gemacht hätte? der Feldherr brach ein: diese Gedancken wären alles Kitzelungen
der Neuigkeit; welche ihr selbst-geschriebenes Lob an der Stirne trägt / und
nicht nur mittelmässigen Dingen / sondern auch Africanischen Missgeburten eine
falsche Schönheit eindrücket / und stählerne Spinnenweben für fester als Hanfene
Schiff-Tauen hält. Sie fühle nur was behertzter an ihre Ketten / und entschlage
sich eine Zeitlang des Zeno / sie untersuche den Grund meiner bewehrten
Einratung / und gebe den Ausschlag ihrer Entschlüssung nach dem / was ihr aus
ein oder der andern Heirat für gutes oder böses erwachsen kann; so wird sie
gewahr werden: dass die Fessel ihr von sich selbst vom Halse fallen werden. Die
geschwinden Lieben sind ohne dis nicht so tauerhaft als die langsamen. Die bald
Feuer-fangende Spreu verlodert in einem Augenblicke / das kalte Eisen aber wird
schwer / bleibt aber lange glüend. Dieses ist der heilsamste Weg sich auch aus
einem Felsen-Kerker durchzuarbeiten. Sie erwege dieses nicht nur überhin und
einmal / sondern oft und mit gutem Bedacht. Höhlen doch die weder Härte noch
Bestand habenden Regentropfen den unter allen Steinen allein im Schmeltz-Ofen
nicht zerflüssenden Marmel aus; der beseelte Staub der fühlenden Natur / nämlich
die Ameissen lassen auf den dem Stahle widerstrebenden Klippen eine Spur /
worüber sie offtmals nach ihrer Nahrung auslauffen. Wie soll nicht die tiefste
Einbildung einem vernünftigen Vorsatze nachgeben? Nach erkenntem Irrtume aber
ihn verlassen / ist die andere Staffel der Klugheit / an seiner Meinung aber /
wie der vielfüssichte Meer-Fisch an den moossichten Klippen kleben / eine
scheltbare Hartneckigkeit; und eine der Gelbesucht gleiche Kranckheit? welche
unsere Augen betört: dass ihnen alle anders-gefärbte Dinge gelbe sein müssen.
Schämet sich doch das Vorbild der Beständigkeit / und die Richtschnur der
allerordentlichsten Dinge nicht ihren Lauf zu verändern /und zuweilen gleichsam
zu wancken. Und was will Ismene viel Wercks über Veränderung einer unbedachten
Liebe zu machen? Die Schwäche ihres Geschlechtes entschuldiget ihre Schwachheit.
Sintemal die ganze Welt weiss: dass das Frauenzimmer die Sonne in Augen / den
Monden im Hertzen hat. Ismene erblasste hierüber / und versetzte: Ich bin von
Kind-auf bemüht gewest / mich dieser Weibisschen Gebrechligkeit zu entbrechen /
und den Diamantstein mir zu meinem Sinnbilde erkieset / umb mich beizeiten
beständiger Entschlüssungen anzugewöhnen. Diese wird Fürst Catumer zweifelsfrei
selbst höher halten / als ein Gemüte / das wie ein vom Winde geregtes Rohr hin
und her fähret. Ich kann mich nicht wohl bereden: dass Catumer zu einer Seele
grossen Zug haben soll / die von einer andern Liebe schon eingenommen ist /
welche aus dem eingenommenen Hertzen schwerer als der Geruch aus einem mit
Balsam durchzogenen Gefässe zu bringen ist. Der Feldherr brach ein: Liebe
Schwester; sie mache ihr das Werck so schwer / als sie will; so heischt die
Wolfahrt Deutschland: dass es geschehe. Der Schluss ist mit dem Hertzog Arpus
gemacht /welcher ohne Zerrüttung der allgemeinen Eintracht /und ohne meinen
eusersten Schimpf nicht zernichtet werden kann. Mit einem Worte: sie muss sich des
Zeno entschlagen / Catumern / in dessen Liebe sie vergebliche Zweifels-Knoten
sucht / heiraten / wo sie meine liebe Schwester / eine treue Tochter des
Vaterlandes sein / den Hass der Cherusker und Catten / und den Fluch der Nachwelt
vermeiden will. Mit diesen Worten ging der Feldherr mit Bezeigung eines nicht
gemeinen Unmuts aus dem Zimmer / und liess Ismenen in einer solchen Verwirrung /
welche ihr das Kentnüs ihrer selbst benam / und sie anfangs in Raserei und halbe
Verzweifelug / hernach aber in die tiefste Traurigkeit versetzte. Als Ismene nun
lange in der verschlossensten Einsamkeit ihrem Kummer nachgehangen / und durch
desselbten Verschweigung / an statt /dass sie ihn wie das verschlossene Feuer zu
erstecken vermeinte / nur mehr erreitzet hatte / brachte doch endlich die mit
ihr in höchster Verträuligkeit lebende Gräfin von Benteim / mit Versprechen die
Helffte ihres Betrübnüsses auf sich zu laden / ja mit ihrem Leben ihre
Beruhigung zu kauffen: dass ihr Ismene nicht nur ihrer Traurigkeit Ursache /
sondern auch alle verzweifelte Entschlüssungen offenbarte / die sie im Schilde
führte / und zu vollziehe nun gleichsam auf dem Sprunge war. Die Gräfin erkennte
sich zwar viel zu ohnmächtig / dis / was die Grossen für ganz Deutschlandes
Wolfahrt beschlossen hatten / zu hindern; jedoch musste sie nach Gewonheit
erfahrner Aertzte Ismenen ihre Kranckheit geringer machen /als sie war; aber /
weil Ismene an der Genesung selbst gäntzlich verzweifelte / ihr scheinbare
Hülfs-Mittel fürschlagen. Darunter waren die fürnehmsten diese: Hertzog Jubil
wäre in die Ascanische Fürstin Leitolde / Catumer in die Chaucische Fürstin
Adelmunde /Malovend in die Catta / Sigismund in Zirolanen verliebt; diese dem
entdeckten Schlusse schnurstracks zu widerlauffende Lieben müste man nicht nur
unterhalten / sondern durch Beitragung alles nur ersinnlichen Zunders mehr
anzustecken bemüht sein. Hierdurch würde Ismene so viel Gehülffen / als
Verliebte wären / bekomen / die aus Hintertreibung dieses gewaltsamen Schlusses
eine gemeine Sache machen müsten. Die Vollziehung dieses Werckes deuchtete sie
auch so schwer nicht zu sein / weil der Liebe nichts so sehr als Zwang zuwider
wäre. Sintemal die sich nach einander so sehr sehnende Seelen entweder selbst
aus einem Gestirne entsprossen / oder zum wenigsten die Liebe nichts anders als
ein Feuer zweier Hertzen wäre / welche von den regen Funcken eines Sternes
angezündet würden / sich also nicht so leichte von kaltsinnigem Absehen der
Staats-Klugheit ausleschen liesse. Ismene hörete der Gräfin Vorschläge mit mehr
Begierde als Hoffnung an; warff also ein: Es wäre wohl wahr: dass die natürliche
Zuneigung zweier Seelen die kräfftigste und dauerhaftigste Ursache der Liebe /
am meisten aber der Ihrigen wäre. Denn / als ihr Zeno das erste mal wäre ins
Auge gefallen / hätte sie gegen ihm einen solchen Zug im Hertzen gefühlet /
welchem zu widerstehen sie weder Kräffte noch Vorsatz hätte. Ob sie nun zwar die
Lehre und eingebildete Wissenschaft / welche die Menschen der grausamen
Botmässigkeit des Gestirnes unterwirfft / für eine Verläumderin der
unschuldigen Sternen / und für eine Betrügerin hielte / welche mit ihrer
genauesten Rechnung falsche Schlüsse machte / und zu Verdunkelung ihrer
Irrtümer und lügenhaften Wahrsagungen das Licht des Himmels missbrauchte; so
wüste sie doch freilich keine andere Ursache ihrer Regung zu ersinnen / als den
Einfluss des Himmels / als welcher in alle Wege der einige Uhrheber aller
wahrhaften Vereinbarungen und Ubereinstimmungen wäre. Wie sie denn auch glaubte:
dass Gott den Erd-Kreis in die Rundte eines Eyes destalben vereinbaret hätte
/damit der sie rings umbher beschlüssende Himmel sie nicht nur mit seinen
Einflüssen vollkommen durchwürcken / sondern er auch als ein Feind leerer und
zertrennter Dinge mit seinen einträchtigen Bewegungen alles / und derogestalt
auch gewisse Seelen eben so wohl als Magnet und Eisen und gewisse Gewächse
miteinander verknüpfte. Allein es gäbe so viel unächte Ursachen der Liebe / als
After-Gestirne und Irr-Lichter in der Welt / welche die Vernunft verblendeten /
das Geblüte entzündeten / und ohne Kräuter oder Gegensprechen die Seelen
bezauberten. Unter diesen stellte die Staats-Klugheit und die Herrschsucht zwei
gefährliche Circen für / welche erstere aus ihrem Hertzen auch diss / was das
Verhängnis durch die Würckungen des Gestirnes darein gedrückt hätten /
auszuleschen bemüht wäre. Die andere aber wäre eben so vermessen als mächtig.
Sie erfüllte das Haupt mit kohlschwartzen Dünsten / wischte in den Gemütern die
reinesten Bilder aus / setzte darein falsche Gemählde / und lobete denen
Verliebten die schwärtzeste Untreue für einen Streich der tiefsinnigen Klugheit
ein. Und da der Hof ja kein Himmel wäre / an welchem unbewegliche Glücks-Sternen
stünden / sollte ihr die Gräfin doch nicht einbilden: dass der bewegliche
Liebes-Stern bei Hofe angenagelt wäre. Die Gräfin von Benteim aber mühte sich
Ismenen alle diese Schwerigkeiten nicht nur auszureden /sondern / weil sie denen
Fürsten Jubil / Catumer /Malovend und Siegesmund etwas bessers als eine so
fladdernde und seichte Liebe zutraute / bot sie sich selbst zum Werkzeuge an zu
Ismenens besten zu arbeite. Sie fand auch unschwer Gelegenheit an den ihr ohne
diss nicht frembden Hertzog Jubil zu kommen; es fiel ihr auch so viel weniger
schwer / ihn auf die gegen der Ascanischen Fürstin geschöpfte Liebe zu leiten;
weil er vorher sie mehrmals umb ihm bei Leitolden gut in Worten zu sein ersucht
hatte. Aber die Gräfin hatte ihm die Rechnung ohne den Wirt gemacht / und ihr
Anschlag hatte bereit die Uberfahrt versäumt; weil Hertzog Jubil schon dem
Priester Libys und folgends dem Feldherrn selbst die Cattische Hertzogin zu
heiraten Mund und Hand gegeben hatte. Wie die Gräfin nun an diese Seite rührte
/ hörte sie vom Fürsten Jubil diesen unvermuteten Klang: Das Verhängnis hat uns
genötigt andere Flacken aufzustecken / und der veränderte Wind unsere Segel auf
eine andere Seite zu schwencken. Ich bin ein Bräutigam mit der Cattischen
Fürstin / und also ist mir verwehrt länger ein Liebhaber der schönen Leitolde
zu sein. Die Gräfin erschrack über dieser Nachricht; iedoch hielt sie für
ratsam es für einen Schertz aufzunehmen / und zu melden: Sie glaubte nicht: dass
Hertzog Jubil veränderlicher als das Bild der Unbeständigkeit nämlich der Monde
sein würde / weil seit der Zeit sein Gesichte unvermindert gebliebe wäre /seit
dass er noch von seiner heftige Liebe gegen Leitolden gesagt hätte. Es ist wahr
/ antwortete Jubil /ich habe sie inniglich geliebt / und ich werde ihr nimermehr
gram werden; weil ich aber nunmehr die Fürstin Catta über alles andere lieben
muss / Leitolde aber mehr als eine zerteilte Liebe verdienet / werde ich
gezwungen einen Schritt zurück zu tun / umb dieser holdreichen Fürstin
Vergnügung nicht im Lichte zu stehen. Hilff Himmel! fing die Gräfin an zu
ruffen. Soll ichs für Ernst aufnehmen: dass der tapfere Hertzog der Hermundurer
der Ascanischen Fürstin solch Unrecht anfüge? Ist es glaublich: dass er das
seiner Wanckelmut halber fast von iedermann verfluchte Glücke noch an
Unbeständigkeit überlauffen will? Sintemal seit der Zeit seiner noch lodernden
Liebe das Glücke weder Leitolden was abgenommen / noch dem Hertzoge Jubil was
zugesetzt hat. Höret auf ihr Sterblichen / das Glücke weder durch den süssen
Geruch des ihm angezündeten Weirauchs aufzuhalten /noch seinen Lauff zu hemmen /
ihm Steine der Verläumbdung in Weg zu werffen. Denn / wenn auch Fürsten mit
ihrer Liebe derogestalt zu spielen für verantwortlich halten / mag man der
männlichen Treue die dem Glücke abgeknipfte Flügel anhefften / und sie auf ihre
bewegliche Tugend stellen. Hertzog Jubil begegnete der Gräfin: Jede
Gemüts-Veränderung verdienet so wenig den Nahmen der Untreue / als die
Abwechselung des Gewitters den Fluch der Ackersleute. Nach den Maassgebungen der
Vernunft die Farbe ändern ist mehr ein Werck der Klugheit / als der
Leichtsinnigkeit; und die Fähigkeit der Verwandelung ist in natürlichen Dingen
meist ein Merckmal ihrer Vollkommenheit. Die weisse Farbe / welche Himmel und
Gestirne ihnen als die fürtrefflichste zueignen / wormit das Meer in seinen
Perlen / die Erde in ihren schönsten Blumen prangt / ist allein geschickt alle
andere Farben anzunehmen. Das unentbehrliche Wasser kann allein mit dem
Geschmacke aller Gewächse und Würtzen angemacht werden; ja nichts ist
veränderlicher / als das Antlitz des Himmels; und nichts weniger hartnäckicht /
als ein aufgeräumter Geist. Die Gräfin brach ein: Ich bin zu wenig alle
Veränderung schlechter dings zu schelten / sonderlich in der Liebe /welche ohne
Veränderung der Gemüter nicht geboren werden kann. Ja ich lobe vielmehr die
Veränderung / wenn sie erhebliche Ursache zum Grunde / und nicht heftige
Ubereilung / sondern behutsame Langsamkeit zu ihrem Wegweiser hat. Was aber hat
denn der Hertzog für erhebliche Ursache Leitolden zu verstossen /und die
Fürstin Catta zu erwählen? Ich erinnere mich seiner Beteuerungen: dass Leitolde
die schönste Fürstin der Welt wäre. Da nun in der Schönheit die Vollkommenheit
der Natur und der Kunst bestehet; und beide umb diesen Zweck zu finden sich
mühen und schwitzen; da die Schönheit der Ursprung der Liebe ist / bin ich
begierig zu vernehmen: Ob entweder Leitolde ihr schön Antlitz verloren / oder
die Schönheit an ihr selbst / wie die Trachten ein ander Maass bekommen / und
daher die gestern ungestaltere Catta heute schöner als Leitolde worden sei?
Hertzog Jubil fing an: Es ist diss letztere nichts ungemeines noch wunderns
wert: dass unsere Augen von einerlei Gestalt zweierlei Urteil fällen; sintemal
auch so gar die Sonne uns einmal schöner zu sein deuchtet / als das andere mal;
und dem weisen Anaxagoras komt der sonst iedermann weiss scheinende Schnee
schwartz / und einem andern die leichte Lufft so schwer als die Erde für. Ja
kein Ding in der Welt scheinet mehr in der blossen Einbildung zu bestehen /als
die Schönheit. Denn da sie ein gewisses Wesen hat / kann / was in Mohrenland
schön ist / in Deutschland nicht hesslich sein. So aber ist fast kein Volck mit
dem andern hierüber einerlei Meinung. Wo die Sonne den Einwohnern auf den Wirbel
scheinet / und sie schwärtzet / sind die schönsten / welche den Kohlen am
ähnlichsten sind / und bei der schneeichten Nord-Spitze für höllische Geister
würden angesehen werden. Gleich als wenn der der Sonnen nechste Welt-Strich ein
Aufentalt rauchichter Gespenster /und kein Antlitz / das dem Eben-Holtze
nachgäbe /liebens-wert wäre. Ja sie wissen von keiner andern Schmincke / als
dem sie noch mehr schwärtzenden Oele / darmit sie ihre Leiber einschmieren umb
die Kohlen und Tinte zu beschämen. In Hispanien wird die Oliven-Farbe / in
Egypten die dem alten Helffenbein gleichende Aehnligkeit / in Persien die
Schwartzbräunligkeit für das schönste gehalten. Unsere Deutschen aber halten in
der Haut eben die Wahl / die man im Mehle und Perlen hält / nämlich die
weissesten für die besten. Bei denen Seren sind kleine Füsse und kleine Nasen /
bei denen Indianern die breiten / bei den Griechen die länglichten Antlitze / in
Persien die dicken / in Europa die schmalen Augenbrauen / in Africa gross
aufgeschwollene Lippen / in Egypten grosse Brüste / bei den Galliern und
Albaniern blaue / bei den Asiaten schwartze / bei den Scyten kleine Augen /
sonst aber ins gemein grosse Augen die vollkommensten Schönheiten; ja es hat ein
abergläubischer Verführer ihm aus der grossen Augen eingebildeter Vollkommenheit
träumen lassen: dass die Einwohner des Himmels und der Gestirne mit grössern
Augen / als die Straussen-Eyer wären / prangeten. Im Mohrenlande sind die
weissen / auf dem Eylande Jamboli die schwärtzesten / in dem güldenen
Chersonesus die roten Zähne / welche man durch Käuung des Betel-Krautes mit
Fleiss also färbte / die beliebtesten. Gleich als wollten sie mit den Pferden eine
gemeine Schönheit besitzen / derer Zähne in der Jugend gelbe sind / im Alter
weiss werden. Ja über dem Flusse Ganges lässt ihm das Frauenzimmer entweder die
Zähne vergolden / oder die vier fördersten gar ausbrechen / und entweder göldene
oder diamantene hinein setzen. Alleine die unterschiedenen Völcker sind nicht
nur / sondern wir Deutschen selbst ganz widriger Meinung. Hertzog Herrmann hält
die weisse und blau-äugichte Tussnelda / sein eigener Bruder Flavius nunmehr die
braune und schwartz-äugichte Erato für die schönste der Welt. Das Frauenzimmer
in Italien mühet sich seine Haare mit Lauge und Kräutern gelbe zu beitzen; das
Römische bezahlet die rötlichen Haare der Deutschen umb so viel wiegendes Gold
/ umb mit dieser frembden Zierrat die kahlen Schläfe oder die Raben-Haare zu
verdecken; die Syrischen streuen sie zu dem Ende mit Gold-die Gallier mit
weissem Moos-Staube ein; umb der ehrwürdigen Alten greise Haare noch bei
frischen Jahren zu tragen; gleich als wenn die Zeit das beschwerliche Alter dem
menschlichen Geschlechte nicht zeitlich genung über den Hals brächte. Andere
schwüren / die Kasten-braunen Haare wären die schönsten. Zu Rom hält man dem
Käyser zu Liebe die zusammen-gehenden und keine Mittelscheidung habenden
Augenbrauen für was sonderbares. Dahero könnte mir die Gräfin auch schwerlich so
gar übel auslegen / wenn meine Einbildung die braune Catta der schneeweissen
Leitolde vorzüge; wiewohl ich die Schönheit dieser Fürstin noch so hoch / als
einen Stern ohne Fleck halte; ungeachtet auch diese mehrmals den Blumen ähnlich
ist / welche eine purper-und güldene Gestalt haben / aber hesslich nach dem Bocke
stincken. Welch Unrecht tut ein so kluger Fürst / versetzte die Gräfin / der
unschätzbaren Schönheit an: dass er sie kein wesentliches Gut / sondern für einen
geringen Schatten der Gedancken / und für einen blinden Abgott törichter
Einbildung hält; dass ein Hertzog von so hohem Stamme dieser edlen Fürstin einen
so unwürdigen / nämlich einen den eitelen Träumen und Gespenstern eigenen
Ursprung zueignet. Denn ob sie zwar eine Beherrscherin über unsere Gedancken /
und also über unsere im dencken eigentlich bestehende Seele ist; ob sie gleich
unsere Hertzen reget und entzündet; hat sie doch eben so wohl / als die alles
irrdische durchdringende Gestirne / ausser unserer Einbildung ihr Wesen uñ
Grundfeste. Die Einbildung blendet ja zuweilen wohl unsere Augen / und tastet
unser Gemüte an; sie stellt durch Hülffe der Finsternis und der Ferne uns einen
Irrwisch für einen Stern für; aber wenig Zeit uñ Licht entladet uns bald solches
Irrtums; die Schönheit aber hat eine so kräfftige und beständige Würckung in
unsern Augen und Seelen / als die Sonne in der Welt. Allen andern Sinnen hat die
Natur einen wahrhaften und wesentlichen Gegen-Satz geschaffen; warumb sollte denn
der geistigste unter allen / nämlich das Sehen sich allein mit Träumen und
Gespenstern ergetzen / und mit einem eingebildeten Undinge armen? So zweifele
ich auch: dass der scharffsichtige Hertzog Jubil die abscheuliche Hässlichkeit auch
nur für ein geträumtes Nichts / und für einen eitelen Wahn halten werde / wenn
die Vorwelt Torsiten nicht für so wohl gemacht / als Achillen / den Esopus
Alcibiaden ganz ungleiche / die einäugichten Cyclopen der weissen Galatea /
die rauchen und Bock-füssichten Wald-Götter und halb-pferdichten Centauren für
Miss-Geburten der Natur gegen der unvergleichlichen Helena angesehen hat. Da nun
die Hässligkeit einen wesentlichen Grund hat / warumb soll die Schönheit ein
Diamant mit einer falschen Folge sein? Warlich! Gott /welcher der Bruñ der
Schönheit / ja die vollkommenste Schönheit ist / dessen Schatten und
Nach-Gemählde alle andere Schönheiten sind / würde in unsere Hertzen keine so
lebhafte und allgemeine Regung /der Schönheit aber keinen so kräfftigen Zug uns
an sich zu locken eingepflantzt haben; ja wir müsten alle mit sehenden Augen
blind sein / wenn diese eine so geringe Schein-Waare wäre. Eintzele Menschen
können fehlen / nicht alle; die weltweisen Lehrer sind irrigen Lehren
unterworffen / nicht die Natur. Das Erkenntnis der Schönheit aber lernen wir in
keinen Schulen / aus keinen Büchern / sondern es wird unsern Augen und Hertzen
angebohren. Die Kinder / so bald sie die Augen auftun / greiffen nach Gold und
Edelgesteinen / und werffen greuliche Tocken weg. Das unterschiedene Urteil
oder die Wahl der Menschen kann dem Wesen der Schönheit auch das minste benehmen.
Jedes Volck hat seine gewisse Eigenschaften / wie seine besondere und den
Nachbarn unverständliche Sprache. Giebt es doch Menschen / welche Eicheln essen
/ und Granat-Aepfel verschmähen /denen eine stinckende Muschel oder faule Auster
besser als Fasanen und eingeamberte Gallerten schmeckt. Ja der Uberfluss macht:
dass uns heute für der gestern seltzamen Speise eckelt / nach der wir die Finger
leckten. Wie viel leben ihrer noch heute / welche des Marsyas Schilff-Pfeiffe
für des Apollo Leier den Preis geben würden. Jener Schäfer hielt Verona für
schöner / als Rom. Unsere Küh- und Ziegen-Hirten auf dem Berge Melibocus leben
vergnügter als die Edlen am Käyserlichen Hofe. Wie wenig wissen eine vom Apelles
oder einem Pfuscher gemahlte Taffel zu unterscheiden / und Zevxes muss aus
Verdruss seinem Lehrlinge Miccius anbefehlen seine weibliche Hippocentaur
einzuhüllen / weil alle Anschauer sich nur über der neuen Erfindung / nicht
einer aus tausenden aber sich über der Kunst des Gemähldes verwunderten. Ja der
Aberglaube hat sich in die Hässligkeit so sehr vergafft: dass er dem Göttlichen
Wesen Hüllen rauher Steine / und Baumrinden umbgegeben / und seinen alle Sternen
beschämenden Glantz unter Schalen / Haar und Hörner wilder Tiere verstecket
hat. Dieser Irrtum aber gibt dem Fürsten Jubil keinen Vorwand / weniger
einigen Schirm / welcher die Schönheit allzu wohl kennet / weil sie mit ihm
selbst eine so nahe Verwandnüs hat; und dessen scharffes Auge nicht nur die
Fürstin Leitolde für der Catta zu unterscheiden / sondern aus allen Schönheiten
der Welt die vollkommenste auszulesen weiss. Daher lasse ich mich nicht bereden:
dass Jubil an der Fürstin Catta was schöners als an der mit so grosser Vorsicht
erkieseten Leitolde finde. Da sein Vortrag nicht mehr meine Versuch- als seine
Entschlüssung ist / muss ein ander Geheimnüs darunter verborgen sein. Denn ich
kenne den Fürsten Jubil so wohl / als Leitolden. Sein Gemüte ist so gesetzt /
seine Treue stehet auf so festem Fusse: dass beides kein leichter Wind wanckend
machen kann. Seine Vernunft / welche sonst die Liebenden am ersten verlieren /
verstehet allzu wohl: dass einem Helden-Gemüte die Unbeständigkeit so unanständig
ist / als nach der gemeinen Meinung / die Bewegung der Erdkugel natürlich.
Argwohn und Misstrauen kann auch hier nicht die erste Bewegungs-Ursache sein. Deñ
diese werden nur in kalten und wenig Liebe hegenden Hertzen / wie die
Donnerkeile in der dritten Gegend der kältesten Lufft gezeugt. Ihr Hertze nähret
mehr Tugend als Geblüte / ihre Seele hegt eine so zarte Empfindligkeit: dass sie
durch nichts unanständiges / weniger durch einige Beleidigung sich seiner Liebe
unwehrt gemacht haben kann. Woher rührt denn nun seine Veränderung? Mit was will
er ihr einen so unerträglichen Verlust erstatten / ohne welche Ergäntzung
Hertzog Jubil nicht wenig von seiner Ruh und Ruhme einbissen muss. Mit diesen
Worten rührte die Gräfin ihm so sehr das Hertze: dass er etliche der tiefsten
Seufzer nicht verschlucken konnte / und nach einem gezwungenen Stillschweigen
heraus brach: Ach! warumb rühret sie so unbarmhertzig meine von sich selbst
schon blutende Wunden an? Warumb versaltzet sie mir meine neue Glückseeligkeit
mit einer solchen Schärffe: dass ich mich sehnen muss unglücklich zu sein? Es ist
wahr: dass Leitolde umb die Erde zu bereichern dem Himmel gleichsam alle
Schönheit wie Prometeus das Feuer entwendet hat. Aber ach! ist ihr unverborgen:
dass das Verhängnüs keine schwächere Botmässigkeit über unsere Liebe / als über
unser Glück habe? Weiss sie nicht: dass das Gute das erste / die Schönheit aber
erst das andere Augen-Ziel der Liebe / dis aber das beste unserer Güter sei /was
uns am anständigsten ist. In der Zusammenschickung bestehet die Seele eines
jeden Gutes; nicht an seiner besondern Köstligkeit. Die Natur treibt den Stahl
nicht in die Gold-Adern; der Mah wächst auf keinem Rosenstocke / keine Mispel
auf Dattel-Bäumen; ungeachtet diese viel edlere Quellen sind / als jene
vonnöten habe. Sondern die Vereinbarung heischt eine gleiche Verwandschaft.
Das Wasser vermenget sich am leichtsten mit dem Wasser / das Feuer mit Feuer /
und der nach des Epicurus Meinung alle Dinge ausmachende Sonnenstaub vereinbaret
sich nur mit seines Gleichen / der Rundte mit dem Rundten; der Höckrichte mit
dem Höckrichten. Ja wie jeder Kreis nur einen einigen Mittelpunct hat / also hat
jeder Sinn und ihre Seele in ihrer Regung auch ihre umschränckte Gräntzen. Das
schärfste Gehöre / der beste Geschmack ist gegen die seltzamsten Schönheiten
unempfindlich / auf welche die Augen als ein Blitz fallen. Also muss ich leider!
Nur gedencken: dass mein Hertz entweder keine würdige Ader hat / worein die
unvergleichliche Fürstin Leitolde ihre Liebe einflössen dörffe; oder dass mein
Unstern des Glückes mich nunmehr in einen solchen Kreis verdrungen habe / darein
auch ihre kräftigste Einflüsse kein Vermögen zu würcken haben. Die Gräfin
antwortete: der Fürst verwirret mich mehr durch diese unverständliche Rätzel /
als er meine Unwissenheit unterrichtet /und meinen Kummer erleichtert. Zeit und
Abwesenheit sind ja wohl mächtig eine laue oder seichte-gewürtzelte Liebe nach
und nach verrauchen zu lassen; aber das Verhängnüs hat über die in unserm
Gemüte wohnende Göttligkeit weniger Gewalt eine lodernde Neigung / als die umb
die brennenden Berge schäumenden Meer-Wellen das unterirrdische Feuer
auszuleschen. Niemand hat auch über den Hertzog Jubil einige Botmässigkeit ausser
GOtt; dessen Regung seine erste Liebe selbst angezündet hat. Diesemnach auch ihm
schwerlich ein einig ander Gut / als Leitoldens Schönheit anständiger sein kann;
welche / nach dem sie ihn einmal schon so beweglich gezogen hat / eben so wenig
als der Magnet seinen allezeit dauernden Zug zum Angelsterne ablegen kann. Ist
die Güte die Frucht der Dinge / so ist die Schönheit zum minsten die Blüte
davon; und derogestalt Güte und Schönheit zwei Liebens-würdige Geschwister und
Töchter der Natur von einerlei Adel. Ja die Schönheit hat noch mehr Licht /
Pracht und Tätigkeit als die Güte; welche den Liebhabern nicht so geschwinde
unter Augen leuchtet / sondern oft aus den besten Sachen / wie heilsame Kerne
aus harten Schalen / mit Kunst oder Gewalt hervor gesucht werden muss. Sie hat
destalben auch so viel mehr und andächtigere Verehrer. Der innerlichen Güte
zündet nur die Hand der Weisen /der Schönheit aber das ganze menschliche
Geschlechte Weirauch an. Man betet sie so wohl in den Hölen der Einsiedler / als
in Königlichen Pallästen an; der karge Reiche macht sich nicht nur ihr zu Liebe
zum Verschwender; sondern es ist auch niemand so arm / der ihr nicht gerne sein
euserstes / nämlich die Seele wiedme. Weil nun Hertzog Jubil der
unvergleichlichen Fürstin Leitolde die Güte der Schönheit / die Freiheit seiner
niemanden zu Gebote stehenden Willkühr zugesteht / möchte ich ja gerne die
Hindernüs ergründen / welche das / was Natur und Himmel billiget / ungeschickt /
oder unanständig machen kann; welches ich für unmöglicher halte / als dem Feuer
seine Leichtigkeit / dem Bleie seine Schwerde zu benehmen. Grausame
Rechtfertigerin! versetzte Hertzog Jubil. Ihre Scharfsichtigkeit verwandelt sich
in einen Wütterich / wenn sie den / den sie fallen sieht / noch durch
abgezwungenes Bekäntnüs seiner Schwachheit eine Schamröte abjagt. Ich gebe mich
gefangen: dass ich die Fürstin Leitolde zu verlassen weder Recht noch Hertze
genung habe. Aber wie der mehr als ein Mensch ist / dessen Hertze nicht seinen
Augen Beifall gibt / bei Erblickung der Schönheit; also ist der nichts weniger
als ein Fürst / dessen vernünftiges Hertze nicht die sich vergehenden Augen
zurück halten kann. Sie erwege: dass ich des Bojischen Königs /des grösten Fürsten
in Deutschland Sohn / nunmehr aber bei nahe ein Herr ohne Land bin. Fürsten aber
sonder Herrschaft sind was weniger als Leiber ohne Seele. Denn diese würdiget
das Mitleiden auch frembder Leute der Beerdigung / jener aber spottet der Feind
/ die Nachbarn treten ihnen auf den Fuss / und der Pöfel spielet mit ihnen / wie
die Hasen mit todten Löwen. Trauet nun wohl Leilholde bei einem so ohnmächtigen
Fürsten ihre Vergnügung zu finden; sintemal doch die Liebe der Fürsten nirgends
als in einem Purpur-Bette sanfter Ruh genüssen kann. Denn diese verlanget zwar die
Ergetzligkeit zum Unter- / aber das Glücke zum Deckbette / und die Würde zum
Hauptküssen. Kan mir bei solcher Beschaffenheit jemand vernünftiges verargen /
wenn ich nach Eigenschaft des schwachen Epheu an dem Cattischen Stammbaume
einen Pfeiler zu meiner Emporklimung suche /ohne welchen mächtigen Hauses
Beistand ich mir nimmermehr träumen lassen darf die Bojische Krone auf meinem
Haupte / den Vater-Mörder Marbod unter meinen Füssen zu schauen. Die Gräfin
brach ein: So höre ich wohl: Hertzog Jubil liebe nicht so wohl die vollkommene
Fürstin Leitolde / als seinen Vorteil; welcher Abgott freilich die meisten
Hertzen zu seinen Anbetern hat / und fast aus allen Händen der Welt angezündeten
Weirauch kriegt. Alleine die wahre und unverfälschte Liebe ist viel zu
hochmütig: dass sie für einem so niedrigen Absehen sich gross zu machen ihre Knie
beugen sollte / und sie würde sich lieber in Kot treten lassen / als sich mit
dieser eitelen Abgötterei besudeln. Ihre einmal erkiesete Buhlschaft ist ihr
Schatz und ihr Königreich; Eine tugendhafte Seele gilt bei ihr mehr als alle
güldene Berge der Welt / und das Besitztum eines treuen Hertzens vergnüget sie
mehr / als hundert Kronen auf dem Haupte. Dieses hält die Liebe für ihre Ehre
und ihre Wollust /welcher sie die ganze Welt / und ihr eigenes Blut willig
aufopfert; ja dem Tode lieber in die Armen rennt / als das Geliebte aus seinem
Hertzen lässt. Hertzog Jubil versetzte: Ach! ich Unglücklicher! gleichet man
meine Liebe falschem Golde / welches nicht den Stich hält? Machet man meine
Liebe zu einer Larve /welche auswendig nur scheinbaren Firns der Heuchelei /
aber keinen Grund der Treue habe? Meine liebe Gräfin; sie spannet den Bogen der
Liebe zu hoch. Sie will auf der Erden keine Menschen / sondern Götter /kein
irrdisches Feuer / sondern eitel reine Glut der Sternen haben. Sie glaube mir
aber: dass ob wohl die aus Liebe geschehene Verachtung der Zepter mehr ein süsses
Getichte der Vorwelt ist / als einige wahrhafte Beispiel hat / ich doch meine
Ehrsucht zu überwinden und umb Leitolden zu besitzen mich eines Königreiches zu
enteusern mächtig sein würde. Alleine das Gedächtnüs meines entaupteten Vaters
/ ein einiger auf den Ertz-Mörder Marbod fallender Blick / der Glantz seines
unmässigen Glückes schläget in meinem Hertzen wie ein Donnerstrahl alle andere
aufsteigende Gemüts-Regungen zu Bodem. Der Geist meines erblichenen Vaters
schwebet mir Tag und Nacht für Augen / und ruffet mir unaufhörlich in die Ohren:
dass GOtt / welcher doch die Rache als ein für die Menschen allzu süsses Ding ihm
alleine vorbehalten hätte / mir durch die Finger zu sehen erbötig wäre / ja an
Marbods gerechter Straffe selbst Lust schöpfen würde / wenn ich mich auch der
geringsten Wieder-Vergeltung anzumassen so viel Hertze / als Recht hätte. Sie
wundere sich aber nicht über diesem Gesichte. Hat doch ein jeder Tropfen
unschuldig-vergossenen Blutes eine Zunge / welche umb Rache ein so grosses
Geschrei hält: dass es von der Erde durch die Wolcken /wie der Donner aus den
Wolcken bis zur Erde dringt. Umb die Rache ermordeter Fürsten aber ist der
Himmel selbst derogestalt bekümmert: dass er die von den Mördern verwürckte
Straffe auf derselben Häupter abweltzet; welche es zu rächen vermögen / aber
vergessen. Dieser Kummer ist die Ursache meiner gezwungenen Entschlüssung /
welcher mir so lange das Hertz fressen wird / so lange ich dem Fürsten-Mörder
seines nicht gefressen sehe. Weil ich aber weiss: dass die gutertzige Fürstin
Leitolde mich auf eine andere als gemeine Art liebt / die Gräfin aber mehr
Verstand besitzet / als ihr Geschlechte sonst zu haben gewohnet ist oder nötig
hat; beruhet es in ihrer Hand der Ascanischen Fürstin Gemüte nicht nur zu
besänften / sondern auch mir bei ihr die eigenbewegliche Billigung meiner neuen
Liebe zuwege zu bringen / und mich / wo nicht in ihrer Liebe / doch in ihrer
Freundschaft zu erhalten. Die Gräfin lächelte / und begegnete ihm: Ich höre wohl
/ weil die Staats-Klugheit an keine Gesätze der Gerechtigkeit gebunden zu sein
meint  / dass Hertzog Jubil bei Ersehung seines Vorteils sie eben so wenig mit
einigem Bande der Liebe fässeln zu lassen gedulden will. Mir ist leider! auch
allzu wohl bewust / und das Fürstliche Frauenzimmer / welches hieriñen viel
unglücklicher als der Pöfel ist / hat es mit bitteren Tränen zu beweinen
Ursache: dass die Staats-Klugheit der meisten Heiraten Kuplerin / aber auch die
Verfälscherin der reinesten Liebe / und das giftigste Scheidewasser der
verknüpftesten Hertzen sei. Weil aber der Himel nichts minder der Urheber
keuscher Flammen / als ein Behaltnüs der unausleschlichen Lichter ist; machet er
insgemein durch solche Staats-Streiche als durch eine falsche Rechnung einen
Strich. Das Verhängnüs /welches ihm durch irrdische Vorsichtigkeit sein Absehen
nicht absehen / weniger hindern lassen will / verblendet der allerweisesten
Ratschläge / schläget durch die unvermutesten Zufälle unseren gewissesten
Anschlägen ein Bein unter / sollte es auch gleich den ordentlichen Lauff der
Natur umbzudrehen gezwungen werden. Alleine / wenn auch gleich die Göttliche
Versehung niemals in unsere Beginnen die Hand einschlüge / meint  Hertzog Jubil
durch Heiratung der Fürstin Catta sich gewiss versichert: dass die Catten ihm zu
Liebe den Degen wider den mächtigen König Marbod / für welchem Rom selber
zittert / zücken werden? Weiss er nicht: dass die von der Staats-Klugheit
ausgeheckte Liebe Schlangen-Eyer heckt / welche zwar die Farbe der Tauben-Eyer /
inwendig aber giftige Würmer haben. Ihre Liebes-Früchte sind wie die Aepfel von
Sodom euserlich Gold und Purper / inwendig aber stinckende Asche. Sie sind
auswendig mit Zucker übergläsete Pomerantzen / ihr Safft aber ist Gift und
Galle. Ich bin nicht gäntzlich in Abrede: dass die Staats-Heiraten dem gemeinen
Wesen zum besten etlicher massen Mittel sind mit Ehren aus einem unanständigen
Kriege zu kommen / und einen Frieden zu versiegeln; dass kluge Gemahlinnen die
Eyversucht oder Krieges-Lust ihres Gemahls gegen ihr Väterliches Haus zu
sänftigen vermögen / dass sie unter sich mit einander wolverstehenden
Geschlechtern ein desto kräfftigers Freundschafts-Band abgeben. Massen denn die
oftere Hin- und Wieder-Verehligung das Cheruskische und Cimbrische Haus etliche
hundert Jahr so feste mit einander vereiniget hat: dass keine Staats-Räncke der
Nachbarn sie jemals zu trennen versucht / weniger vermocht haben. Allein es ist
auf ihren scheinbaren Grund auch in diesen Absehen wenig beständiges / am
wenigsten aber auf die Tauer was sicheres zu bauen. Denn wenn das Feuer der
Rache / der Ehrsucht / des Eigennutzes / des Misstrauens den geringsten Zunder
sich anzuglimmen erreichet / zerschmeltzet der Grund nämlich die vermeinte Liebe
wie das vorhin geladene Wagen-tragende Eis von der Sonne und den warmen Dünsten
der Erde im Mertzen. Solche Heiraten leschen die alten Neigungen in den Hertzen
der Herrscher nicht aus / sondern sie überfirnssen sie nur; gleich als wenn sie
ein Vorrecht hätten aus ehlicher Liebe ihrem Gutbedüncken eine Gramschaft zu
machen. Der Hertzog sehe sich ein wenig in unser Nachbarschaft umb / oder in
die Vorwelt zurücke. Hat nicht der Vasconer- und der Varduler König durch
Ehlichung der Cantabrischen Fürstin und dem darbei auf dem Pyreneischen Gebürge
beschwornen Frieden nicht nur seinen alten Hass und Herrschsucht vermäntelt /
sondern auch wegen ihrer Erstgeburt / auf etliche Landschaften / welche den
Nahmen des Europeischen Indiens verdienen /oder in Hoffnung: dass der einige
männliche Erbe nicht lebhaft sein würde / auf alle seine Reiche ein Erb-Recht zu
erlangen angezielet; gleichwol aber durch Erkiesung anderer Cammer-Mägde / und
Entführung frembder Ehweiber seinem eigenen Antlitze die Larve abgezogen / und
durch Entmummung sich verraten: dass Arglist und Herrsucht unter dem Schein der
Liebe seine Heirat beschlossen habe? Der Sitoner Hertzog hätte mit Verlobung
seiner Schwester der Svioner König sicher gemacht: dass seine und seiner Bunds-
Krieges-Rüstung nicht wider ihn und zu Ergäntzung des alten Verlustes angesehen
wären. Der glückseeligen Eylande Beherrscher hat zwar dem Hibernischen Könige
seine aber vorher unfruchtbar gemachte Tochter vermählet; damit ihre Kinder mit
der Zeit an sein Königreich keinen Anspruch machen könten. Ja ein Gotischer
König legte lieber seine Gemahlin einem seiner Edelleute bei / als er die
Schande seines Unvermögens die Welt wissen / seiner Schwester Söhne aber seine
Herrschaft überkommen lassen wollte. Zu geschweigen: dass solche seichte
Staats-Liebe nicht nur so bald als ein nie recht angezündetes Licht von einem
kleinen Winde ausgeweht / sondern in Verdruss / Eyversucht und bittern Hass
verwandelt wird. Uberdis zeigt GOtt selbst meistenteils durch verhängte
Unfruchtbarkeit sein Missfallen an solchen Blendungen der Liebe; wie der
Sarmatische König Cimaris / und der auf den glücklichen Eylanden Rodipe
unglücklich erfahren / derer jener seines verstorbenen / dieser aber seines noch
lebenden Bruders Gemahlin aus solchen Staats-Gründen ihm vermählte. Am
allerwenigsten aber hat ein unglücklicher Fürst sich auf seines Schwehers oder
Schwagers Hülffe zu verlassen. Deñ ein Unglücklicher hat keine Freunde /und die
Barmhertzigkeit ist ein grosser Gebrechen eines Fürsten. Dessen Hertzogs Jubils
Vater König Britton ihm selbst ein trauriges Beispiel gäbe / für den seiner
Gemahlin Bruder nie ein Pferd gesattelt /sondern dem Bojischen Untergange als
einem über Meer brennendem Feuer zugeschaut / sein Sohn aber dem Hertzog Jubil
selbst in seinem Lande den Auffentalt verweigert hätte / umb mit dem
erschrecklichen Marbod nicht zu zerfallen. Hertzog Jubiln riess nunmehr die
Gedult aus / der Gräfin länger zuzuhören / zweifelsfrei weil sie ihm gar zu nahe
an das empfindlichste seines Hertzens kam. Er fieng dahero seufzende an: Höret
auf mich zu quälen / und mein ohne dis unruhiges Hertze in einen innerlichen
Krieg zu versetzen. Es ist wahr: dass die Staats-Heiraten nicht allezeit
geraten und ihres Zwecks fehlen. Alleine wie viel tausend andere misslingen auch
/ und zerflüssen in nichts wie ausgegossenes Wasser / welches die allerheftigste
Liebe zusammen geschmeltzet hat. Die Sonne selbst ist nicht ohne Flecken / und
gebieret nicht nur Würmer auf Erden / Geschmeisse in der Lufft/ Kröten in den
Wolcken / sondern auch Schwantz-Sterne im Himmel. Der für der Saate von der
Spreu gereinigte Weitzen wächst doch niemals ohne Spreu; und die Liebe / ja die
Gestirne selbst haben ihren Rauch wie ander Feuer. Die nechste
Bluts-Freundschaft ist zuweilen ein Zunder der Todfeindschaft / und kein Hass
brennet grausamer / als welcher von den gedämpften Kohlen der Liebe sich
ansteckt. Solte man destwegen dieses heilige Band der Natur als unnütze oder gar
als schädlich schelten. Eben so wenig sind die Ehen zu verdammen / welche mehr
die Liebe des Volckes / welches der Fürsten fürnehmste Gemahlin ist / als die
blosse Selbst-Liebe geschlossen. Die Dienstbarkeit meiner weiland herrschenden
Bojen geht mir zu Hertzen / und ich wäre nicht würdig ihres Geblütes / weniger
ihr Fürst zu sein / wenn ich einiges Mittel sie in vorige Freiheit und Ansehen
zu setzen / oder sie nebst dene Hermundurern vollends von ihrer gäntzlichen
Ausrottung zu erretten vernachlässigt. Deñ wer schon / wie Marbod / so viel
Menschen-Blut gekostet / dürstet nach mehrerm so lange / bis ihm sein eigenes
entgeht. Es sei aber mit den Staats-Heiraten beschaffen wie es wolle / so ist
meine Verlobung mit der Cattischen Fürstin eine schon geschehene Sache / darzu
man alles gute reden soll / weil nur künftige Dinge der Beratung unterworffen
sind; Leitolde selbst Vernunft genung zu meiner Schwachheit ein Auge
zuzudrücken / und Hertzhaftigkeit sich selbst zu überwinden. Sie versichere
diese himmlische Seele auch: dass weil ich nicht so glückseelig sein kann / sie
als meine Gemahlin zu lieben / ich sie nimmermehr als meinen Abgott zu verehren
unterlassen werde. Hertzog Jubil wendete sich / und ging hiermit von der Gräfin
weg / wormit sie der aus seinen Augen schüssenden Wehmuts-Tränen nicht gewahr
werden möchte. Die Gräfin aber / ehe sie der Fürstin Leitolde ihre Verrichtung
beibrachte / verfügte sich zum Fürsten Adgandester /und erzehlte ihm den
zwischen dem Fürsten Catumer und Ismenen vom Feldherrn gemachten
Heirats-Schluss; weil sie wohl wusste: dass Adgandester auf die Fürstin Ismene
fürlängst ein Auge gehabt hatte. Wie behutsam sonst dieser Fürst hinter dem
Berge zu halten / und sein Gemüte zu verschlüssen wusste / so verriet er doch
seine heftige Regungen durch eine solche Ungebehrdung: dass die Gräfin meinte: er
sollte von Sinnen kommen. Die Gräfin erschrack hierüber nicht wenig / und bereute
ihre unbedachtsame Entdeckung dieser beschlossenen Eh / welche sie jetzt erst für
ein grosses Geheimnüs zu halten anfieng / nach dem Adgandester / den man wegen
grosser Verträuligkeit insgemein des Feldherrn Unterhemde hiess / hiervon noch
nichts wusste. Daher bemühte sie sich ihn zu besänftigen / und ihm einzuhalten /
sie wunderte sich: dass ein so kluger Fürst in seiner Seele eine andere Frau als
die Vernunft gebieten liesse. Sie sähe nunmehr / dass die Fürstin Ismene
desselbten Abgott wäre / welchen zeiter seiner rühmlichen Taten halber ganz
Deutschland für einen Abgott gehalten hätte. Am seltzamsten aber wäre ihr: dass
Adgandester sein Hertze von der Liebe einer so ohnmächtigen Regung aufschwellen
liesse / welcher Feuer selten Asche machte / und ihre Verletzung niemals bis
aufs Leben dringte. Diese Regung stünde niemanden übler an / als einem so
grossen Staatsmanne / der von keiner andern Buhlschaft als seiner Ehre wissen /
und seine Gedancken nur mit der gemeinen Wolfahrt vermählen sollte. Sie irret /
antwortete Adgandester / wenn sie meine Ungedult einer törichten Liebe
zuschreibet; welche ihrer Blindheit halber gar recht mit verbundenen Augen
gemahlet wird. Ich eivere umb Ismenen so wenig ihrer Schönheit halber / als jene
neidischen Buhler / welche ihre Buhlschaft in Stücke zerrissen / und unter
einander teilten. Meine Ehre / welches sie selbst für mein fürnehmstes
Augenmerck hält / ist durch anderwärtige Verlobung Ismenens beleidiget; die ich
nicht mehr als eine Tochter des Feldherrn Segimers / und als eine Schwester des
grossen Feldherrn zu lieben / als Herrmann sie mir zu vermählen Ursache hat.
Denn weiss sie jemanden in Deutschland / dem meine grosse Dienste unbewust sind?
Habe ich nicht den angebohrnen Hass meines Hauses gleichsam mit meiner ersten aus
Mutterleibe gebrachten Haut abgelegt; und durch meine Treue mich mehr / als wenn
ich darinnen geboren wäre / in das Cheruskische eingepfropfft? Wie viel mal
habe ich mein Leben für Herrmanns in die Schantze gesetzt / welcher ohne mich
weder dis / noch die Feldhauptmannschaft / noch Tusnelden besitzen würde. Aber
/ einfältiger Adgandester / hast du bei Verspritzung deines Blutes / bei
Verschwendung so vielen Schweisses / bei Feilbietung deines Lebens nie daran
gedacht: dass kleine Woltaten Freunde / grosse aber Feinde machen? dass kein
strafbarer Laster sei /als einen mit seinen Verdiensten bebürden / und keine
giftigere Todfeindschaft als derer / welche sich empfangener und unvergoltener
Woltaten schämen müssen? Hast du noch nicht gelernet: dass wie die neidischen
Spinnen die etwas bessers spinnenden Seiden-Würmer tödten / also die schlimsten
Hofheuchler die getreuesten Werckzeuge des gemeinen Heiles durch ihre Vergällung
schwartz und verhasst machen? Unglücklicher Adgandester! kanst du dir nunmehr was
anders / als deine gäntzliche Verstossung vorbilden /nachdem Ismene einem
Fürsten versprochen wird /welcher an Geblüte nicht besser / an Verdiensten gegen
den Feldherrn viel geringer / als du / und an aufrichtiger Freundschaft gegen
die Cherusker noch wenig oder gar nicht geprüfet ist? Sintemal die Gnade der
Fürsten niemals als im Abgrunde / zu sincken /ihr einmal gefasster Hass aber nur
mit des verhassten Tode zu wachsen aufhöret; ja auch wohl gegen die unschuldigen
Kinder / oder die unempfindliche Leichen ausgeübet wird. Der Gräfin von Benteim
ward bei dieser Raserei ie länger / ie bänger / setzte daher ihm entgege: Es
wäre diese Heirat ihr wohl so sehr /als vielleicht Adgandestern zuwider / weil
sie so wohl die Neigungen Ismenens selbst / als der Ascanische Fürstin Leitolde
beleidigte. Aber darumb könnte sie weder Bäume ausreissen / noch dem Feldherren
so grosses Unrecht / weniger so schlimme Meinung beimässen. Dieser kluge und
grossmütige Fürst suchte sonder Zweifel durch solche Heirat der Cherusker und
Catten alten Hass zu ersäuffen / und Deutschlande die hochnötige Eintracht zu
erwerben. Sein Gemüte wäre viel zu edel / und sein Hertze viel zu aufrichtig:
dass er Adgandestern / welcher vielleicht ihn nie umb Ismenen angesprochen hätte
/ zu beleidigen / weniger seine Ungunst und Undanckbarkeit anzudeuten gemeint
sein sollte. Adgandester fiel ihr in die Rede: Bin ich denn nicht so wohl ein
Cattischer Fürst als Catumer? also ich eben so wohl ein taugliches Werckzeug
zwischen den Catten und Cheruskern Verträuligkeit zu stifften? Sind meine
Verdienste nicht zulänglich den Abgang hundert Dörffer auszugleichen / mit derer
Besitztum mir allein Catumer überlegen ist? Hat mein so vieljähriger dem
Feldherrn geleisteter Gehorsam / meine Bemühung ihm und seine Hause alles zu
Liebe zu tun / was ich ihnen an den Augen angesehen / meine gegen Ismenen
offtmals heraus gelassene Zuneigung nicht die Stelle einer bescheidenen Werbung
zu vertreten / und dem scharffsichtigen Feldherren nicht an die Hand zu geben
vermocht; dass ich ihn nur zu dem Ende nicht umb seine Schwester anspräche /
wormit ihre mir geschehende Vermählung nicht das Ansehen eines eigenbeweglichen
und unerbettelten Geschenckes einbüssete. Die Gräfin begegnete ihm: Mein lieber
Adgandester / ist er so lange bei Hofe gewest / und ein so grosser Staats-Mann
worden / hat aber wegen allzu grosser Gewogenheit seines Fürsten / und seines
ihn überschüttenden Glückes nicht gelernet: dass grosse Herrscher keiner
Verbindligkeit unterworffen / die Zahlung ihrer Schulden aber eine freiwillige
Begnadigung sein solle? Sie wollen umb verdienten Sold / wie viel mehr aber umb
so grosse Dinge / welche Diener ihnen zu Eydamen oder Schwägern machten / nicht
anders als Götter umb den Tau / Regen und Einfluss des Gestirnes gebeten sein.
Sintemal sie ihnen ohne dis für verkleinerlich halten: dass sie iemanden anders
als gekrönte oder solche Häupter / welche niemanden als Gott und den Degen für
ihre Oberherren erkieseten / zu Verwandten haben sollen; gleich als wenn
zwischen der Könige und anderm edeln Geblüte kein geringerer Unterschied / als
zwischen dem Jüdischen Holtz-Balsam /und unserm Kiefer-Hartzte wäre. Ich kann /
sagte Adgandester / mir von des Feldherren Meinung keine bessere Rechnung
machen. Alleine meine gutwillige Erniedrigung ihm zu dienen hat er mit
Billigkeit nicht für eine Enteuserung meines Standes anzunehmen /sondern sich
vielmehr zu erinnern: dass ich ein so guter Fürst als Hertzog Herrmann bin /
ungeachtet er ein grösserer Herr / iedoch nicht so mächtig als Käyser August
ist; der ihm nicht für verkleinerlich geschätzt hat / seine einige Tochter Julia
seinem Diener dem unedlen Agrippa / seine Enckelin Vipsania dem Asinius Gallus
zu vermählen / und zwar eigenbeweglich anzubieten. Die Gräfin brach ein: Wo
dencket er hin / Adgandester? oder auf was für einen gefährlichen Strudel lässt
er sich den Sturm seiner Gemüts-Regungen verwerffen? Es ist zwar sonst Vorwitz
oder vielmehr Vermessenheit / bei mir aber eine hertzliche Wohlmeinung: dass ein
unverständiges Weib einem so klugen Fürsten ein Licht anzünden / oder selbten
vom Irrwege zu rechte weisen soll. Aber er dencke nach: ob nicht diese Wände und
Pfosten Ohren das geheimste zuhören / und Zungen dem Fürsten alles zu verraten
haben? Unsere Einsamkeit und mein Schweigen ist nicht genung: dass der Feldherr
morgen nicht wisse / was wir hier so offenhertzig reden. Denn ich glaube:
Fürsten haben gewisse Geister zu ihren Diensten / welche nicht nur unsere Reden
/ sondern auch unsere Gedancken ausspüren / und ihnen zutragen. Daher muss ein
kluger bei Hofe mehr dencken /als sagen / ja viel mehr tun als gedencken; Denn
die trockene Wahrheit ist hier und in allen Höfen ein halsbrüchiges Laster;
daher stiehlt sie sich nur mit Not zuweilen durch die Fenster in Fürstliche
Zimmer; ja ich glaube: dass ihr in manches Fürsten-Zimmer in funfzig Jahren nicht
einmal der Eintritt erlaubt wird. Er verhülle daher lieber seine Verdienste /
als er sie durch Herausstreichung verächtlich / sich aber verhasst macht. Weiss er
nicht: dass die Deutsche ohne diss nichts für heiliger halten / als ihre tapfere
Taten ihrem Fürsten zuschreiben. Er versuche: ob ein Fadem in dem Gewebe dieser
nur von der Staats-Klugheit zusammen gesponnenen Heiraten durch seinen Witz zu
zerreissen / und also durch Auffädemung des ganzen Gewürckes so wohl er und
Ismene /als die sich nach dem Fürsten Jubil sehnende Leitolde zu vergnügen sei.
Adgandesters Heftigkeit fieng hierauf sich nach und nach abzukühlen / und daher
fragte er: ob er sich darauf zu verlassen hätte: dass der Ismene die Heirat mit
dem Fürsten Catumer zuwider wäre? Die Gräfin versicherte ihn: er hätte an nichts
wenigerm zu zweifeln. Denn sie hasste Catumern /weil sie den Fürsten Zeno
inniglich liebte. Was würde ich denn gebessert sein / antwortete Adgandester
/wenn ich schon ihre Heirat mit Catumern stöhrte /und sie einem Ausländer zu
Teile werden sollte? Die Gräfin lächelte darüber / sich wundernde: dass da er ihm
die erste Schwerigkeit zu überwinden getraute /er sich des Zeno halber Kummer
machte / welcher ihm kaum Ismenen zu heiraten träumen lassen dörffte / weil die
Königin Erato an ihn nicht nur einen vorrächtlichen Anspruch hätte / sondern
auch das gemeine Wesen Deutschlandes ihm tausend Steine des Hindernüsses in Weg
zu werffen an die Hand geben würden. Adgandester ward hiermit gewahr: dass das
schwächere Geschlecht in Künsten und Verwickelungen der Liebe es den Männern bei
weitem zuvor täte / und daher saan er Tag und Nacht die Heirat zwischen
Catumern und Ismenen zu stören; liess auch Ismenen durch die Gräfin vertrösten:
dass er aus Mitleiden über ihrer Bedrängung sie nicht hülff-los lassen wollte /
wenn sie nur so viel Mut als Ursache ihres Bruders Zwange sich zu widersetzen
hätte. Sintemal nichts unüberwindlichers / als die Liebe wäre / und die nicht zu
lieben wüsten / welche über ihrem Vorsatze hielten / und sich einen Bruder in
denen unmittelbar ans Hertze gehenden Dingen zu widersprechen schämten /
worinnen auch einem Vater der Zwang nicht anstünde. Ihm selbst spielte sich eine
gewüntschte Gelegenheit an die Hand Catumers und Ismenens Heirat aufzuschieben.
Der Verzug war das erste Pflaster für gefährliches Ubel. Denn es lieffen gewisse
Nachrichten ein: dass nachdem der Käyser alle nur aufzubringen mögliche Macht
zusammen gerafft hätte / Germanicus schon mit einer ziemlichen Macht zu
Divodurum an der Mosel mit dreien Legionen ankommen wäre / daselbst der Gallier
Hülffs-Völcker samlete / Tiberius aber mit einer grössern Macht durch Noricum
folgte. Weil nun die Umbstände mutmassen liessen: dass die Römer in der Catten
Gebiete den Einbruch versuchen würden / fiel es dem Fürsten Adgandester nicht
schwer im Kriegs-Rate es dahin zu bringen: dass Hertzog Melo an den Rhein gegen
der Ubier Altare / Catumer zu seinen Catten gegen Meintz voran eilen / und den
Berg Taunus bewahren sollte / biss der Feldherr und Hertzog Arpus mit der grössern
Macht folgten. Der Feldherr hätte zwar gerne die Vermåhlung seiner Schwester und
Catumers vollzogen / aber er fand allentalben so viel Schwerigkeiten: dass
Hertzog Arpus selbst die Verschiebung billigte. Ismene schätzte sich durch seine
Reise so sehr beglücket: dass sie ihre Freude mit genauer Not bei seinem
Abschiede verbergen konnte. Leitolde hingegen war durch der Gräfin von Benteim
erzehlten schlechten Verrichtung beim Hertzoge Jubil mit Bekümmernis so
angefüllet: dass sie Tag und Nacht durch unaufhörliche Tränen ihr geängstigtes
Hertz erleichtern musste. Alle Trost-Worte der Gräfin fielen in taube Ohren / und
an statt / dass sonst der Schmertz mit der Zeit abnimt / wuchs er in ihrer Seelen
alle Stunden sichtbar / und näherte sich ie länger ie mehr der Verzweifelung. In
etlichen Tag und Nächten schlief / dass und redete sie nichts; ausser diese
verbrochenen Worte: Untreuer Jubil! fielen ihr zuweilen von der Zunge.
Ungeachtet sie auch ihren Unwillen über der Gräfin steter Anwesenheit mercken
liess / schätzte doch diese mitleidende Frau für unverantwortlich von dieser
Fürstin einigen Fuss zu versetzen / sondern wollte lieber mit ihrer Gegenwart
vedriesslich / als mit ihrer Gefahr nach ihrem Willen leben. Sie liess von denen
Fürstinnen / welche sie ersuchen wollten / niemanden für sich / entweder umb
keine Zuschauer ihrer Schwachheiten zu haben / oder weil alle Tröstungen ihr
Leid mehr verbitterten. Endlich kam sie gar von Sinnen: dass sie die seltzamsten
Reden ausschüttete / und wie sie vor stets geweinet hatte / nunmehr unaufhörlich
lachte / und sie gleichsam aus einem Heraclitus in einen Democritus verwandelt
zu sein schien. Wie wenig Kräfften sie gleich übrig hatte / entkräftete sie sich
doch noch mehr durch eine stete Bewegung / biss sie endlich in einen tieffen
Schlaf oder vielmehr Ohnmacht fiel. Nach 12. Stunden kam sie wieder zu sich /
und nachdem sie die für ihrem Bette sitzende und sich in Tränen badende Gräfin
mit starren Augen eine gute Weile angesehen hatte / fieng sie an: Vertrauteste
Freundin / Gott Lob! Ich bin von meiner Kranckheit und Liebe genesen. Sie sage
dem Fürsten Jubil: Ich erlasse ihn alles Anspruches / wormit er desto
gewissenhafter die Catta ehlichen / ich aber einer grössern Glückseligkeit
genüssen könne / die ich oder sonst iemals eine Frau in dem vergnüglichen
Eh-Bette hätte finden mögen. Die Gräfin schätzte sich neugebohren; sonderlich da
sie selbst die vorhin verschmäheten Artzneien zu ihrer Stärckung / als auch die
Besuchung des vorhin abgewiesenen Frauenzimmers verlangte. Als sie aber wieder
zu Kräfften kommen / verlohr sie sich des Nachts mit einer einigen sie
bedienenden Jungfrauen aus dem Zimmer und der Burg: dass kein Mensch durch die
vom Feldherrn anbefohlene sorgfältigste Nachforschung ihr auf die Spur kommen
konnte / und daher die meisten ihren Tod mutmasseten.
    Gieng es nun in dem Hertzen der Königin Erato /Ismenens / und Leitoldens
trübe her / so schien in des Cassuarischen Fürsten Siegemunds Hertze nicht die
Sonne; welches nunmehr einer stürmenden See vollkommenes Ebenbild war. Denn so
lange die Asianische Fürstin Zirolane Rhemetalcen kein geneigter Auge als ihm
zeigte / wie sie denn so wohl die Freundligkeit ohne diss zu ihrer steten
Gespielin / als die Klugheit zu ihrer Leiterin hatte; behielt Siegemund die
Eiversucht gegen seinen Mitbuhler noch in seinem Hertzen verborgen / und unter
dem Zügel der Vernunft. Es hatte aber Zirolane bald von Anfang eine mehrere
Empfindligkeit gegen Rhemetalcen / als Siegemunden geschöpft / ungeachtet des
letztern nahen Verwandschaft mit der Hertzogin Tussnelde und andere wichtige
Bedencken sie ihr Urteil zu eröffnen über ein Virtel-Jahr zurück gehalten
hatte. Dieses lockte endlich Fürst Siegemund mit seiner Heftigkeit wider sich
selbst heraus. Denn als der Hertzogin Tussnelde Geburts-Tag mit einem Turnier
gefeiert ward / und iedes Frauenzimmer ihr einen gewissen Ritter ihr zu Ehren
und mit Führung ihres Sinnebildes zu stechen erkiesete / bei Zirolanen aber
Rhemetalces und Siegemund eivrig anhielten / entschloss sie sich keinen unter
beiden zu wählen / umb zwischen beide Fürsten keinen Zanck-Apfel zu werffen.
Rhemetalces gab sich mit Zirolanens Erklärung: dass kein ander Ritter unter ihrem
Schirm in die Schrancken erscheinen sollte / zufrieden / und ihr diese
schertzhafte Antwort: Er müste ihm nur seine Lüsternheit umb seinen Gehorsam zu
zeigen / vergehen lassen / und sich trösten: dass man auch dem zahmen Viehe /
welches man doch mästen wollte / das Geträncke entzüge / das alle Tiere doch am
beschwerlichsten entraten könten. Siegemund aber bezeugte über Zirolanens
Verweigerung eine ziemliche Ungedult; welche ihm Zirolane mit dieser
nachdenklichen Frage verwies: Ob er nicht wüste: dass Donner-Schläge die
Empfängnüss der Perlen-Muscheln hinderte / oder gar verursachten: dass die
trächtigen gar ihre edle Frucht verschütteten? Ob nun zwar Fürst Siegemund wohl
verstand / dass Zirolane ihm damit so viel sagte / er würde durch Sturm wenig
seine Liebe befördern / erkühnte er sich doch auf bestimmte Zeit mit einem
Schilde / darein der Marsingischen Fürsten uhraltes Sinne- / nämlich drei
gekrönte Getreide-Eeren gemahlt waren / in dem Schrancken zu erscheinen. Diese
Eeren führet das Marsingische Haus zum Gedächtnis: weil desselbten Uhrheber
sich um die Sarmatier bei einer grossen Hungers-Not durch freigebige
Vorschüssung seines reichen Vorrates für 900. oder gar 1000. Jahren so wohl
verdient: dass sie ihm die Königliche Krone aufgesetzt haben. Zirolane ward über
dem ersten Anblicke dieser sonst bei ihrem Geschlechte so hoch-geschätzten Eeren
so vedriesslich: dass / weil sie ihr leicht an Fingern ausrechnen könnte: es würde
sich niemand als der ungeduldige Siegemund dieses Keñzeichens zu missbrauchen
unterstanden haben / und Rhemetalces sie einer dem Fürsten Siegemund geheimen
Erlaubnis halber in Verdacht ziehen würde / sie aufstand von der Schaubühne weg
zu gehen. Bei ihrer Umbwendung aber überreichte ihr ein unbekandter Edel-Knabe
einen Zettel des Innhalts: Weil ein Ritter das Fürstliche Marsingische Sinnebild
ihr zu Trotze missbrauchte / nötigte ihn seine diesem Hause verbindliche Pflicht
gegen ihn das ihr angefügte Unrecht offentlich zu rächen. Wormit nun Zirolane
den zu erkiesen wusste / welcher sich zu ihrem Dienste gewiedmet hätte / schickte
er ihr den Abriss seines Schildes / welcher ihn nicht so wohl als ein einiger
geneigter Strahl von ihren schönen Augen wider aller Welt Tapferkeit
verteidigen würde. Zirolane hüllete das beigelegte Blat auf / und befand zu
ihrer höchsten Verwunderung darauf ein Gemählde / welches auf dem Meere eine
aufgähnende Purper-Muschel / über welche der Blitz hinfuhr / fürbildete / mit
der Bei-Schrifft: Viel Geschrei / wenig Wolle; gross Getöne / kleine Perlen.
Weil nun Zirolane sich erinnerte: dass sie dieses Gleichnüss in keines Menschen
Anwesenheit dem Fürsten Siegemund eingehalten hatte; veränderte sie ihre erste
Mutmassung / und bildete ihr numehr festiglich ein: dass Rhemetalces sich der
gekrönten Eeren brauchte / Siegemund aber der Ubersender dieses Gemähldes und
Zettels wäre. Hierinnen ward sie so viel mehr bestärckt / als sie noch einen
Blick in die Schrancken tat / und das Pferd / worauf der vermeinte Rhemetalces
sass / mit zweien Buchstaben K. und S. welche die Griechen an alle gute Pferde zu
brennen pflegen / bezeichnet / umb die gekrönten Eeren aber noch diese
Uberschrifft beigesetzt sah: Verwegenheit krönt auch die schlechten Eeren. Weil
sie dem sonst so bescheidenen Rhemetalces nichts weniger als diese Vermessenheit
zugetrauet / ihr Hertze aber schon von ihm einen ziemlichen Zunder gefasst hatte
/ ward es mit so vielerlei Gedancken / als die aus Indien kommende Opalen Farben
in sich haben / erfüllet; also dass sie so wenig mit sich des Bleibens oder
Weggehens halber einen Schluss zu machen wusste / als man sagen kann / welche Farbe
in erwähntem Edel Gesteine den Vorzug habe. Bei diesem währenden Zweifel näherte
sich Tussnelde Zirolanen / und zohe sie mit der Hand zu sich / mit Bitte: Sie
möchte ihr doch bei ihrem Freuden-Tage nichts missfällig sein lassen. Wordurch
Zirolane zwar zu verharren gezwungen / iedoch aufs neue verwirret / und in
Argwohn gesetzt ward: Ob nicht Tussneldens Bruder mit ihrer Einwilligung mit den
Marsingischen Eeren seinen Schild gezieret hätte. Welch Blat ihrer Mutmassung
sich aber bald wieder wendete / als der Ritter mit der offenen Perlen-Muschel in
die Schrancken ritt / und Tussnelde nicht nur seinen Aufzug für andern rühmte /
sondern er auch nach deutscher Helden-Art eine wilde Schweinshaut über den
Rücken herat hencken hatte. Die Hertzogin Tussnelde gab diesen Tag mit einem
weissen Tuche /welche die Deutschen durch die Bleiche weisser / als die Griechen
durch Mah-Safft zu bereiten wissen /wie zu Rom auch die Stadt-Vögte / das
Zeichen zum Treffen; welches alle Augenblicke den Augen die vollkommensten
Schauspiele der Tapferkeit und Geschickligkeit fürstellte. Sintemal alle Ritter
diesen Freuden-Tag Ehre / ihrer viel auch bei ihren Buhlschaften Gewogenheit zu
erwerben das äuserste ihrer Kräfften angewehreten. Hertzog Flavius / Jubil /
Zeno / Marcomir / Malovend / und der Feldherr selbst verrichteten gleichsam
eitel Wunderwercke / und speiseten darmit / als mit den höchsten Vergnügungen
die Liebe der ihnen zugetanen Seelen; wiewohl / weil darunter ihrer etliche
gleichsam zerteilte Hertzen /und darinnen verborgenes Feuer hatten / Furcht /
Eiversucht und Missgunst ihre Galle mit in so süsse Gerüchte einmischten.
Zirolane schlug inzwischen sich so sehr mit ihren eignen Gedancken / als die
kämpfenden Ritter einander mit ihren Waffen; als sie aber den Ritter mit der
Perle gegen den mit den gekrönten Eeren ausser der ihn treffenden Ordnung herfür
rennen sah / fieng allererst ihr zitterndes Hertze an zu schlagen. Beide Ritter
brachen drei Lantzen mit einander / sonder dass einer sich im Sattel beugte /
oder mit einem Fusse im Steigereiffen wanckte. Ob nun wohl hiermit die Zahl der
Rennen erfüllt war / und beide ihren Ehren ein Genügen getan hatten / so
schätzte doch beider Eiversucht ihr für Schande ohn einen erlangten mercklichen
Vorteil über den andern die Schrancken zu verlassen. Insonderheit aber war der
verliebte Siegemund sehr verbittert weil er aus Zirolanens gegen ihn gebrauchten
Worten feste glaubte: Sie hätte seinem Widersacher / welchen er ungezweifelt für
Rhemetalcen hielt / sich der vom Blitz eröffneten Perle auf dem Schilde zu
bedienen / und dardurch ihm seine Heftigkeit zu verweisen angestiftet. Sie
riessen daher die vierdte Lantze ihren Waffenträgern aus den Händen / und
rennten nicht anders als zwei umbs Leben kämpfende Tod-Feinde gegen einander.
Weil aber der Zorn ein übeler Ratgeber / und insgemein ein Vater der Fehler ist
/ versah es der sonst keinem Ritter im Turnier was bevor gebende Ritter mit den
gekrönten Aeren: dass der mit der Perle ihm die Lantze recht auf die Brust
anbrachte / und umb seinen gäntzlichen Fall zu verhüten / des Pferdes Hals zu
umbarmen nötigte. Zirolane rötete sich über diesem Schimpfe; und weil sie ihr
einbildete: dass ihr und dem Marsingischen Hause aus so unglücklicher
Verteidigung ihrer Eeren eine Verkleinerung zuwüchse /fieng sie zu dem
anwesenden Frauenzimmer an: Es möchte dieser Ritter sein wer er wollte / so
erkennte sie ihn nicht für ihren Ritter; Sie würde sich auch bald anfangs aus
den Schrancken weg begeben haben /weil sie gesehen: dass einer ohne ihren Willen
sich des Marsingischen Wappens gebrauchte; wenn nicht die Hertzogin Tussnelda
als ihre vollmächtige Gebieterin ihr zu bleiben Befehl erteilt hätte. Unter
diesem Gespräche hatte der Ritter mit den Eeren schon eine andere Lantze
erwischt / und den mit der Muschel sich zu wehren gezwungen. Es lieff aber diss
Rennen nicht viel glücklicher aus / indem jener zwar diesen so wohl fasste: dass
er einen Steige-Bügel verlohr; diesem aber von jenem der Helm gar vom Kopfe
gerennt / und er daher für den Fürsten Siegemund erkennet ward / welcher für
Verdruss hierüber über die Schrancken sprengte. Tussnelde und Zirolane wurden auf
einmal von so unterschiedenen Gemüts-Regungen hierüber befallen: dass sie sie
nicht zu unterscheiden / weniger zu dämpfen wussten. Tussnelde fürnemlich war
beschämet ihres Bruders wegen / nicht so wohl / weil er im Lantzenbrechen durch
seine unvergnügte Heftigkeit den Kürtzern gezogen; als weil sie nicht wusste: wer
sein sich ebenfalls bald aus dem Kampf-Platze entfernender Obsieger wäre; und
dass er wider Zirolanens Willen ihr Sinnebild gebraucht / aber so unglücklich
verteidigt hätte. Zirolane sah Tussnelden ihre Bekümmernis an den Augen an;
und weil sie nicht gerne sich oder Rhemetalcen aus ihrer Gewogenheit gesetzt
wissen wollte / sagte sie zu ihr: Fürst Siegemund wäre sicher nicht aus Mangel
seiner Geschickligkeit / sondern aus einer Straffe des Himmels verunglückt; weil
er für ihre Unvollkommenheit die Lantze zu führen wider ihren Willen sich
eingedrungen hätte. Tussnelde antwortete: Meines Bruders Schande soll seine
geringste Straffe sein / und ungeachtet der Himmel zu des andern Ritters
Tapferkeit und seinem Unfalle geholffen haben mag / soll er destalben doch der
Straffe der Menschen nicht entgehen. Zirolane zeigte hierüber nicht wenig
Bestürtzung / meldende: Wo der Himmel sich einmischte / hätte der Menschen Recht
ein Ende. Zu dem könnte sich niemand als sie durch den Fürsten Siegmund beleidigt
halten / also käme auch nur ihr die Rache zu; welche sie schon vergeben hätte.
Tussnelde antwortete: Sie hätte Teil an Zirolanens Beleidigung / und auch
Frembde wären berechtiget / den Verbrecher zu Vergnügung des Beleidigten
anzustrengen. Sie wollte aber ihren Bruder sich selbst zu straffen auflegen /
welches er so viel weniger würde verweigern können / weil es andern ihre
Beleidigung verzeihen zwar eine Tugend; seinen eigenen Fehlern aber heucheln
eine Grausamkeit wäre. Zirolane begegnete ihr: Wenn Tussnelde eine so strenge
Richterin sein wollte / müste sie ihr als einer Schwester das Befugnüss zu
urteilen strittig machen; besonders / da es eine neue Beleidigung des
Beleidigte wäre / wenn man ihm einen Notzwang der Rache aufdringen wollte. Die
Straffe aber / welche der Beleidiger sich selbst unterwürffe / könnte sie so viel
weniger billige; weil edle Gemüter andern zwar viel / ihnen selbst aber wenig
oder nichts vergäben / und niemanden härter / als sich selbst bestrafften.
Tussnelde fiel ein: Seine eigene Bestraffung soll zwar kleiner als sein
Verbrechen / ihm aber gleichwohl genungsam empfindlich sein; denn er soll sich
nicht erkühnen weder Zirolanen noch mir mehr unter Augen zu komen. Zirolane
versetzte: So wenig sie vom Richter-Ampte verstünde / deuchtete sie dis eine
viel zu grosse Straffe für das ärgste Laster / wie viel mehr also für eine so
kleine Schwachheit zu sein? Ihre Augen wären kaum würdig so fürtrefliche Fürsten
zu schauen; also nicht fähig: dass die Entfernung von ihnen den Nahmen einer
Straffe verdienen sollte. Tussneldens Antlitz aber schätzte sie nicht nur für so
schön / sondern auch für so gütig / als der Himmel wäre; und also würde sie ihre
Vorbitte so viel gelten lassen: dass sie einem so werten Bruder dis nicht
entzüge / was der Himmel denen lasterhaftesten Menschen / ja den wildesten
Tieren nicht verhüllete; wo sie anders nicht besorgen sollte: dass sie selbst
Teil an Tussneldens Ungnade hätte / und also ihre Vorbitte keiner Erhörung
wert wäre. Hiermit und durch andere Höfligkeiten überwand sie endlich
Tussnelden: dass Fürst Siegemund / ungeachtet sie seine Vergehung in der Seele
schmertzte / keine andere Straffe /als welche Zirolane selbst aussetzen würde /
leiden sollte. Siegemund schämte und scheute sich einen Monat-lang wieder nach
Hofe zu kommen / bis er durch seine vertraute Freunde von Zirolanens
/Tussneldens und des Feldherrn Regungen / und was diese seine Glücks-Sternen ihm
für ein Gesichte zeugen möchten / Nachricht bekam. Unterdessen liess Rhemetalces
sich nichts wenigers als seines wider den Fürsten Siegemund erlangten Vorteils
mercken; massen er denn auch sich so verborgen von dem Kampf-Platze entfernet
hatte: dass ausser Zirolanen und dem Fürsten Siegemund selbst niemand zu mutmassen
wusste / wer der Ritter mit der Perlen-Muschel gewest wäre. Ja gegen Zirolanen
selbst machte es ihm Rhemetalces anfangs ganz frembde / bis sie ihn bei der
Aufrichtigkeit seiner Liebe beschwur ihr umbständlich die Warheit / und wie er
durch die Nachricht einer sie bedienenden Jungfrau das Gleichnüs von der Muschel
erfahren hätte / zu erzählen. Hiermit setzte Rhemetalces bei Zirolanen einen so
guten Stein ins Bret des Glückes / oder vielmehr eine Angel an ihr Hertze: dass
sie nicht mehr ihre Gewogenheit gegen ihn versteckte / sondern ihm umb seine
Hoffnung zu stärcken die Schwäche ihrer Seelen ihn durch allerhand holdseelige
Bezeugungen zeigete. Fürst Siegemund hingegen kam zwar wieder nach Hofe; aber er
kriegte von Tussnelden / da er sich nicht ihrer von Zirolanen wieder erbetenen
Gewogenheit wieder verlustig machen wollte / zweierlei Gesätze / nämlich sich der
Straffe / welche die beleidigte Zirolane ihm auflegen würde / ohne einige
Ausflucht zu unterwerffen /und / da er gleich den seine Vermessenheit
straffenden Ritter mit der Perlen-Muschel wüste / oder erführe /sich gegen ihn
einige Rache zu üben nicht gelüsten lassen sollte. Siegemund musste nur klein
zugeben / die Achseln einziehen / und Zirolanen selbst umb seine Bestraffung
demütig anflehen. Diese wusste mit den freundlichsten Worten ihm sein Verbrechen
so lebhaft abzumahlen / und so empfindlich ins Hertze zu reden: dass er nach der
gemeinen Eigenschaft aller Fehlenden / nunmehr allererst die Grösse seiner
Schuld zu erkennen bekennte. Zur Straffe aber deutete sie ihm an: dass einige
Liebe gegen sie ihm nicht ins Hertze / und kein Wort hiervon zu gedencken ihm
auf die Zunge komen lassen sollte. Siegemund fieng hierauf an überlaut zu ruffen:
Grausamste Fürstin! unbarmhertzige Zirolane! warumb spricht sie mir nicht lieber
das Leben ab / als dis / was mir lieber und süsser als tausend Leben ist? warumb
hinterhält sie mir das Todes-Urtel / da sie doch durch diesen Ausspruch mich
durch lange Quaal zu tödten vorhat? Ich befinde mich beschwert durch dis Urtel
/ und beziehe mich hiermit an einen andern Richter. Zirolane fragte: wen er denn
anders zum Richter haben wollte? ob seine Schwester Tussnelde? weder eine noch
die andere / antwortete er; denn es scheinet: dass ihr beide mit einander umb den
Vorzug in der Grausamkeit kämpfet. Ich begehre keinen andern Richter über mich /
als welche Gewalt über alle Welt zu urteilen haben / nämlich die Liebe oder den
Tod. Dieser oder jene müssen durch Zirolanens Mund reden / wo ich mich nicht
über höchstes Unrecht beklagen soll. Meine Verdammung zum Tode aber wird mir
süsse sein / weil ihre holdseelige Lippen auch die Bitterkeiten des Todes zu
verzuckern vermögen. Ja ich werde mit Freuden und glückseelig sterben / wenn
Zirolane sich erbarmet mich mit eigenen Händen zu tödten. Mit diesen Worten
sanck er nieder auf ein Knie / reichte Zirolanen seinen entblösten Degen / und
fuhr fort: Mit diesem Eisen übe sie an mir aus ihre Rache / wo sie nicht ewig
die unbarmhertzige Zirolane heissen soll. Zirolane erkennte nun allererst die
Heftigkeit seiner Liebe / sah ihn als mit einem etwas mitleidentlichern Hertzen
an / und sagte: Weder Liebe noch Tod kann hier über ihn urteilen. Denn die erste
ist nicht in meinem Hertzen / der letztere nicht in meiner Gewalt / das Lebe und
die Glückseeligkeit beruhet wohl in seine eigenen Händen. Wolte Gott! erwiederte
er / es verhielte sich also / so würde ich zu sterben nicht Not haben / und wo
nicht glückselig sein / doch glückseelig zu werden nicht verzweifeln dörffen.
Denn wäre keine Liebe in Zirolanens Hertzen / und hätte der vom Verhängnisse zu
meinem Untergange ausgerüstete Ritter so wenig Perlen in dem Schatz-Kasten ihrer
zarten Seele / als in seiner leeren Muschel / so könnte ich noch der Zeit und dem
Himmel vertrauen: dass ich nicht ewig aus ihrem Hertzen verbannet sein / sondern
mein erbärmlicher Zustand sie zu Mitleiden bewegen / und meine feurige Liebe das
ihre Seele umbgebende Eis zerschmeltzen würde. Zirolane antwortete: Mein lieber
Siegemund /er ist unbarmhertziger und kälter gegen sich selbst /als er mir
beimisst. Er selbst ist der Ursprung seiner Unvergnügung / und brauchet mich nur
zum Steine seines vorsetzlichen Anstossens. Daher geht es mir nicht besser als
der Soñe / welcher man Finsternüsse antichtet / umb den Irrtum unsers Gesichtes
zu entschuldigen. Es ist nicht nur verlohrne Müh / sondern eben so grosse
Torheit irgendswo Liebe / da sie nicht ist / als unserer Ost-See Perlen / und
in Africanischen Lachen oder in Indien von des Meleagers Hännen geweinten
Agstein suchen. Daher schlage er beizeiten ihm aus dem Sinne / was er / seinem
eigenen Geständnüsse nach / nicht zu hoffen hat. Das Hertze ist zwar das
Behältnüs unserer Neigungen / aber nicht die Richtschnur unseres Fürhabens.
Unter allen Tieren stehet es dem Menschen allein auf der lincken Seiten / umb
uns zu erinnern: dass wir seine Leitungen allemal für verdächtig halten / und
seinem Reitze nicht so blind folgen sollen. Fürst Siegesmund seufzete /und fieng
an: Ach! es lässet sich in dieser Schule leichter lehren als lernen; und
durchgehends leichter gebieten / als gehorsamen. Der menschliche Wille ist
keinem Zwange unterworffen / sondern vielmehr ein Beherrscher unsers Tuns / als
welcher frei und zur Botmässigkeit geboren ist. Mit der Milch unserer
verliebten Mütter wird uns der Saamen der Liebe eingeflösst / und die Sternen
selbst pflantzen uns einen kräftigen Zug zu gewissen / und uns ähnlichen
Schönheiten ein. Daher ist es so wenig möglich: dass eine edle Seele nicht liebe
/ als dass das Feuer nicht brenne / oder der Magnet kein Eisen ziehe. Zirolane
begegnete ihm: Es ist dis die alte Art unsern Schwachheiten zu heucheln / und
unsern Irrtümern Pflaumen zu streichen. Der Wille ist allerdings ein Gebieter
so wohl im obern als niedrigerm Rate der Seele; aber destwegen doch so blind:
dass er in seinem eigenen Hause sich verirret / und wenn die Vernunft ihm nicht
vorgehet / und Vorsicht ihn bei der Hand leitet / stolpert er über seine eigene
Füsse; Er stürtzet über Hals und Kopf ins Verterben / er verwundet sich mit
seinem eigenen Messer / weñ man ihm nicht das schädliche aus der Hand nimt und
die Klugheit ihm zum guten den Weg weist. Die Natur freilich hat wie allen
Tieren /also dem Menschen die Liebe eingepflantzt / weil sie ohne sie vergehen
würde; aber niemanden hat sie an einen gewissen Menschen angepflöckt. Der Magnet
zeucht nicht nur der Chalyber / sondern alles Eisen /und unsere deutsche Eichen
und Buchen geben eben so wohl / als die Syrischen Cedern und die Arabischen
Gummi-Sträuche einen Zunder dem Feuer ab. Fürst Siegesmund fiel ein: Ach!
leider! nun erfahre ich: dass Zirolane noch von keiner Anfechtung der Liebe
versucht worden sei / weil sie die Liebe für eine Flamme hält / welche sich an
jedem Zunder sättige / und nicht Balsam und Weirauch zu seinem Opfer und
Vergnügung verlange. Wie zwar alle Sternen die Erde fruchtbar zu machen geneigt
sind / jeder aber absonderlich einen gewissen Einfluss in dis oder jenes Gewächse
hat; also reget die Liebe wohl durchgehends ein Geschlechte zum andern / alleine
jeder Mensch hat doch nur eine Seele / wie der Magnet nur einen Angelstern / zu
welcher ihn entweder die Gestirne oder sein Verhängnüs am kräftigsten zeucht.
Dieser Zug wird uns schon bei unser Geburt / oder bei unser Empfängnüs
eingeflösst / und unserer Seele das Bild eingepräget /welches der Himmel zu
unserer Liebe bestimet / und selbtem eine mit uns habende Aehnligkeit
eingedrückt hat. Welches Band keiner Welt Macht / keine Hindernüs der Missgunst /
keine hartnäckichte Widersetzligkeit; ja unser eigener Wille oder das Verhängnüs
selbst nicht zerreissen kann. Zirolane lächelte / und sagte: Es ist dis: dass die
Gestirne und die durch sie eingedrückte Aehnligkeit des Leibes und Gemütes
unsere Verknüpfungen verursachen sollten / ein alter aber verführischer
Aberglauben. Denn wie komt es: dass die schwartzen meist weisse / weisse aber
meist schwartze lieben? Wie viel traurige sind ihrer wässrichten Eigenschaft /
wie viel feurige ihrer Galle und Farbe gram / hingegen jene den freudigen /
diese denen eingeschlaffenen hold? die alten Greise spielen am liebsten mit den
Kindern. Die Hunde sind den verhassten Wölffen ähnlicher / als den Schaafen / die
sie aus einer sondern Neigung beschirmen. Der gläntzende Stahl hat mit tunckelm
Magnet- die Spreu mit dem Agsteine die wenigste Gleichheit und doch eine so nahe
Verwandschaft. Uberdis finde ich zwischen uns beiden weder in der Gestalt noch
in Regungen keine solche Gleichheit; oder da meine Augen auch gleich selbte zu
erkiesen allzu übersichtig wären / müste ich doch in mir gegen ihm einen
Gegen-Zug finden /wenn uns die Kräften der Gestirne zu einander versehen hätten.
Grausame Zirolane! fieng Fürst Siegemund an zu ruffen: Hat es nicht Riesen
gegeben / die den Himmel gestürmet? Giebt es nicht Mohren / die die Sonne
verfluchen? Was ist sich zu verwundern: dass Menschen dem Reitze der Natur und
den Leitungen der Gestirne widerstreben? Fühlet gleich sie noch nicht ihren
Trieb; so wird doch der in ihr Blut eingeflösste Saamen noch rege werden / wenn
sie ihn nicht mit Gewalt selbst ersteckt? In den Kieselsteinen stecket wohl Feuer
/ es muss aber durch Schläge des Stahles / und die Gegen-Liebe durch Liebe heraus
gebracht werden. Warlich! Zirolane; sie tut dem Himmel Unrecht / wenn sie ihm
die Ehre entzeucht: dass einige wahre Liebe in unlern Seelen glimme / welche
nicht von ihm herabgetauet sei. Alle die den Ursprung aus der Erden bekommt /
hat die Schwerde der Kaltsinnigkeit an sich / und ist mit dem Hütten-Rauche des
Geitzes / oder mit dem Dampfe der Ehrsucht besudelt. Das einige Beispiel der
Fürstin Odatis / des Scytischen Königs Omartis Tochter / welcher nicht
geschwinder ein Traum des Fürsten Zariadres Bildnüs in die Augen / als das
Siegel der Liebe in ihr Hertz drückte / Alcibiadens gegen der nie gesehenen
Medontis von Abydus nur von ihrem Ruhm entzündete Flamme kann ihr allein wahr
machen: dass es weder in unser Wahl noch Gewalt stehe die / zu welcher uns der
Himmel versehen / nicht zu lieben. Und ob zwar der Liebenden Aehnligkeit nicht
so leicht oder bald allen Augen sichtbar ist; so tut sie sich doch mit der Zeit
/ welche allen Dingen ihre Farbe und Gestalt zu verändern vermag / herfür; und
ist in der Welt nichts gemeiners / als das man hernach mit eivrigster Brunst
umbarmet / worfür man anfangs die gröste Abscheu gehabt hat. Zirolane brach ein:
Wer auf diese Aenderung hoffet / bauet Schlösser in die Lufft / und anckert auf
Trübsand. Glücket es einem / so gehen hingegen tausend Absehen zu scheutern /
welche irgendswo Gegen-Liebe erzwingen wollen. Deñ dieser Zwang ist vielmehr dem
Verhängnisse zu wider / welches durch die Sternen uns so wohl die Ab- als
Zuneigungen einflösset. Darumb / wo ich glauben soll: dass er mich jemals geliebt
habe / so bestätige er es durch dis Merckmal: dass er mir von der Liebe nichts
mehr sagt. Mein Urteil füget ihm weder was unrechtes / noch verkleinerliches
an. Denn ich weiss wohl: dass Fürst Siegemund Liebens-wert ist / und es ihm an
tausend Liebhaberiñen nicht fehlen kann. Alleine er kann diesen Zoll so wenig von
mir / als alles Frauenzimmer solchen von ihm mit Rechte fordern / wenn er nicht
über die ganze Welt die Botmässigkeit seiner Liebes-Regung erstrecken will. Die
Tentyriten hassen die Krokodile und stellen selbten als Todfeinde nach / welchen
die Cinbiten in Egypten Göttliche Ehre antun. Für dem Hunds-Steine / welchen
bei seinem Aufgange die Africanischen Ziegen mit unverwendeten Augen anbeten /
schäumen die Meere / erzittern die Seen / vertrocknen die Gewächse / und jären
die Weine; wie soll ich denn nicht recht haben / mein Hertze für ihm
zuzuschlüssen ungeachtet er würdig ist: dass ihm tausend andere offen stehen. Mit
einem Worte: Fürst Siegemund muss mir nichts mehr von seiner Liebe sagen /oder
ich werde mich in eine Verfassung setzen müssen: dass er mir hinfort gar nichts
mehr sagen könne. Mit diesen Worten wendete sie sich umb / in willens sich von
ihm zu entfernen; Fürst Siegemund aber erwischte ihren Arm / und fieng an:
Grausame Zirolane / will sie mich nun auch aus ihren Augen verbanen /nachdem sie
mich aus ihrem Hertzen verstossen hat? Ich will ihrem Befehl gehorsamen / und
meiner Zunge Gewalt antun: dass sie ihr nichts mehr von meiner Liebe sagen soll.
Mit diesem teuren Zungen-Opfer /wormit sich auch die erzürnten Götter versöhnen
lassen / wird sich hoffentlich auch Zirolane vergnügen; und über seine
Mögligkeit ihm nicht die Vertilgung seiner Liebe im Hertzen aufdringen; welche
er so wenig / als der Sonne ihr Licht ausleschen könnte. Zirolane sah ihn
mitleidig an / und antwortete: Ich will mich auf eine kurtze Zeit mit seinem
Stillschweigen /da er solchem treulich nachkommt / vergnügen; weil ich wohl weiss:
dass Feuer und Liebe durch nichts bessers als ihre Einzwängung zu dämpfen sind;
und dass sein Stillschweigen ihn in kurtzer Zeit als des Pytagoras Schüler weise
machen werde. Siegemund versetzte: Ich weiss nicht Worte genung zu finden / für
diese Milterung ihres Urtels zu dancken / gütigste Zirolane. Aber meiner Seele
durch Seufzer Lufft zu machen wird mir ja unverwehrt sein? In keinerlei Weise /
begegnete ihm Zirolane. Denn in Seufzern masset sich der Atem und die Augen des
Amptes der Zungen an / und also sind sie eine durchdringendere Sprache als die
Rede / wormit er mich mehr als mit diesen beleidigen würde. Mit diesen Worten
verliess sie den Fürsten Siegemund; welcher aber ihr diese Worte nachseufzete:
Ach unbarmhertziger Ausspruch! welcher einem auch sein Unglück zu beseufzen
verwehret! Weil er nun Rhemetalcen in völliger Gnade bei Zirolanen sah / traute
er ihm nicht so lange bei Hofe zu leben: dass er des Feldherrn bevorstehenden
Aufbruch erwartet hätte / sondern reisete zum Herzoge Arpus / umb im Kriege sein
unfriedsames Gemüte zu beruhigen; gleich als wenn die stürmerischen Waffen die
Liebes-Regungen wie das Ungewitter Epp und Flut des Meeres aufzuheben mächtig
wären. Jedoch war nicht nur Fürst Siegesmund und andere / welchen das Glück die
Ferssen kehrte / und die Liebe über Achsel ansah / unruhig / sondern auch die /
welche von beiden auf den Händen getragen wurden / fühlten in sich ihre
Regungen.
    Also giebet es auf der Welt so wenig Glückseeligkeiten ohne Beschwerde / als
in den Gebürgen Gold-Adern ohne Erde / und im Himmel Sternen ohne Flecken. Die
Sonne selbst / welche doch alles lebend macht / ist mit ihren annehmlichen
Strahlen denen nahe an dem mittelsten Gürtel der Erd-Kugel liegenden Sud-Ländern
mehrmals nicht wenig beschwerlich. Nicht anders ging es der Hertzogin Tussnelde
/ welche sich zu unermässlichen Freuden Deutschlandes schon schwanger befand. Sie
selbst legte GOtt alle Tage für diesen Seegen ein hundert-faches Danck-Opfer ab;
und ihr Verlangen wusste ihren Wunsch nicht höher zu schwingen; als eine Wurtzel
zu sein /aus welcher der Cheruskische Stamm sich in mehr als tausend Aeste
ausbreiten möchte. Gleichwol aber war dieser so glückliche Zustand ihr
destalben beschwerlich: dass er ein Hindernüs sein sollte / ihren Gemahl /indem
sie mehr / als in sich selbst lebte / an den Rhein und in den Krieg zu
begleiten. Dieser versäumte keinen Augenblick in Zurüstung seines Heeres /weil
im Kriege der Vorsprung bei nahe ein halber Sieg ist; Tussnelde aber ihr das
Trauerbild des bevorstehenden Abschiedes für den Augen zu haben. Ihre Vernunft
und Bescheidenheit hielten sie zwar zurücke: dass sie wider ihre vom Feldherrn
gut befundene Zurückbleibung das wenigste einwarf / gleichwol aber verschwendete
sie insgeheim unzehlbare Tränen und Seufzer: dass ihr verwehret würde eine
Gefärtin seiner Müh und Gefahr / und eine Zuschauerin seines Glückes und
Unglückes zu sein; also beim Aufbruche die edlen und andere gemeinen Weiber
Glückseeligkeit preiste / welche ihre streitbaren Männer zu begleiten für ihr
den Vorzug hatten. Gleichwol begleitete sie / und das meiste Fürstliche
Frauenzimmer den Feldherrn und andere Hertzoge über die Lippe bis zu denen
dreien Paderbrunnen / welche auf der Stelle einen zimlich starcken Fluss machen;
und wie der Brunn Aretusa zu Syracusa für eine Geburt des Flusses Alpheus /
also diese für drei Kinder eines zwei Meilen davon sich unter die Erde
verkriechenden Flusses gehalten werden. Allhier verrichteten alle Fürsten ihre
Andacht; wolwissende: dass der Sieg mehr ein Göttliches Geschencke / als ein
Werck der Tapferkeit sei. Die Hertzogin Tussnelde beschenckte beim Abschiede
jeden Fürsten mit einem gerüsteten Pferde. Sie aber blieb mit der Königin Erato
/ der Fürstin Ismene / Catta / Zirolane und andern alldar in steter
Andachts-Ubung. Am fünften Tage darnach trat die Sonne in Widder; da denn die
Deutschen den Anfang des Jahres machen / welchen sie wegen Verjüngung der Natur
mit besserem Rechte auf den Eintritt des Frühlings / als die Egyptier und
Grichen auf die Zeit der in den Krebs tretenden Sonne / und die Römer zehn Tage
nach dem kürtzesten Tage verlegt haben. Denn in diesem ersten Tage des Jahres /
an welchem auch die Egyptier dem Osiris / die Griechen der Sonne prächtig
opferten / wollte sie nicht nur GOtt für den Seegen ihres Ehstandes nach
Gewohnheit der schwangern Frauen ein gelobtes Opfer abliefern / sondern musste
auch alter Gewohnheit nach als Cheruskische Hertzogin die Stelle der obersten
Priesterin vertreten. Sintemal diese drei Brunnen mit dem darumb gehegten Eich-
und Fichten-Walde das grösseste Heiligtum der Herta ist. Es ist aber allhier
weder Tempel noch ander Gebäu zu schauen / gleich als wenn der Ort für
menschliche Wercke viel zu heilig wäre /ungeachtet sich allhier unter einer
obersten Priesterin /hundert Priesterinnen / und noch viel andere edle Frauen
und Jungfrauen aufhalten / und in Hölen eines nicht weit entferneten Berges
wohnen / aus reichen Stifftungen der Vorwelt aber ihren wohl auskommentlichen
Auffentalt haben. Die Fürstinnen suchten die oberste Priesterin nach
abgewartetem Gottesdienste täglich zweimal in ihrer Höle heim / und schöpften in
dieser Einsamkeit ihre absondere Vergnügung; Wie denn keine war / die nicht eine
Erleichterung ihres Kummers fühlte. Massen denn die Heiligtümer notwendiger
Weise von der Andacht eine heilsame Lufft und Krafft bekommen müssen / weil
durch grosse Ubeltaten gewisse Örter vergifftet / und der Bodem mit
Vergiessung unschuldigen Blutes befleckt wird. Zu solcher Vergnügung aber half
sehr viel die Leitseelig- und Bescheidenheit der obersten Priesterin /welche
eine Gräfin von Schwalenberg war / und die Frauen von Buren / Desenberg / und
Borrentrick zu ihren fürnehmen Vertreterinnen meist bei sich hatte. Die Königin
Erato war als eine frembde bei denen annehmlichen Gesprächen die sorgfältigste
ein und andere Geheimnisse und Ursachen der Gebräuche zu erforschen; wiewol sie
anfangs in Erwegung: dass man in denen den Gottesdienst angehenden Sachen ins
gemein nicht gern alles eröfnet / im Fragen gar furchtsam; aber die Höfligkeit
der Priesterinnen machte sie bald kecker. Ihre erste Frage war: warumb die
Priesterinnen in so finstern Hölen wohneten / und sich nicht gemächlicher Häuser
bedienten / da sie ihren Gottesdienst unter freiem Himmel zu verrichten kein
Bedencken trügen? die oberste Priesterin antwortete: Sie wunderte sich über ihre
Befrembdung; weil sie ja in Asien und Griechenland würde gesehen haben / wie
viel schlechtere Hölen daselbst Tempel oder Wohnungen ihren Göttern abgeben. Ich
/ sagte sie / habe selbst oberhalb der Stadt Temisonium in einer grossen
gewässerten Höle des Hercules / Apollo und Mercur Bilder andächtig verehren
gesehen; weil diese die Jonier wider die Galater beschirmt haben sollen. Am
Flusse Lete beten die Magneten in einer überaus grossen Höle den Apollo an /
welcher die von den höchsten Klippen stürtzende Menschen unbeschädigt erhalten /
und ihnen Kräffte die grösten Bäume auf der Achsel zu tragen geben soll. Unter
dem Parnassus ist die berühmte Corycische Höle des Pan / in Phrygien die Höle
Steunos der grossen Mutter / welche wir Herta nennen / hochgeschätztes
Heiligtum. Ja in dem Tängrischen Vorgebürge ist des Neptun Tempel mit Fleiss als
eine Höle gebauet. Warumb sollten denn diese unsere meist von der Natur in die
heiligen Felsen gebaute Hölen / welche der Menschen erste Häuser gewest / und
eben so wohl als die Gräber zu Gotteshäusern taugen / uns nicht gut genung sein?
GOtt hat unserer himmlischen Seele zu grossem Nachdencken den stinckenden
Maden-Sack des Leibes zum Hause eingeräumt / umb uns das Geheimnüs zu entdecken:
dass unsere irrdische und vermoderte Leiber in den Himmel zu erhöhen und mit der
Seele / welche sie nach Art der die Dünste der Erden in Wolcken verwandelnden
Sonne sie an sich ziehen wird / zu vereinbaren keine Unmögligkeit sei; warumb
sollen denn diese hole Klippen / welche von einer Gotteit erfüllet und bewohnet
sind / unsern schnöden Leibern nicht zur Wohnstatt taugen / und mit ihrer
Finsternüs unsere Geister erinnern: dass sie über der Sonnen ein viel helleres
Licht durch himmlische Gedancken suchen sollen. Diese tiefsinnigen Worte redete
sie mit einer so feurigen Regung: dass Erato selbiges mal keine Erklärung darüber
zu bitten sich wagte. Bei folgender Zusammenkunft aber fieng sie ehrerbietig
an: Ich habe von dem Priester Libys gelernt: dass die Deutschen nur ein einiges
unsichtbares Göttliches Wesen anbeteten; nechstin aber habe ich allhier
verstanden: dass diese Hölen von einer absonderen Gotteit bewohnt würden / und
dass die allhier verehrte Herta eben dieselbe Gotteit sei / welche in Phrygien
die grosse Mutter hiesse. Die Priesterin antwortete lächelnde: Es kann beides
ohne Widersprechung gar wohl beisammen stehen. Denn unsere Herta der Phrygier
grosse Mutter Cybele / Berecyntia / der Römer Maja / der Tracier Bendis / der
Samotracier Axieron / der Galier Dis / der Scyten Apia / der Colchier Phasiana
/ der Cimmerier Cimmeris / der Syrier Biblia / Derceto und Adargatis / der
Lydier Rhea / ist nichts anders als die Erde / wie es dieser Völcker mit
einander übereinstimmende Abbildung und andere Lehren genungsam erhärten.
Sintemal sie an ihr die unterirrdischen und mehrmals bebenden Hölen durch eine
Drommel / die Gebürge und Städte durch ein getürmtes Haupt den durch den
Ackerbau fruchtbar werdenden Bodem durch einen von zahmen Löwen gezogenen Wagen
/ der Saaten und Viehzucht durch einen Püschel Eeren / und einen Hirtenstab /
wie auch durch einen an eine Fichte angebundenen Wider und Ochsen / ihr
Blumwerck durch mit Feilgen gezierte Zweige ihr Gespinste durch das mit Wolle
umbwundene Bild des Attis ihrer Feuchtigkeit einen Becher /ihre Unbewegligkeit
durch gewisse Sitze umb sie her / und durch eine Wage / ihre einträchtige
Vereinbarung durch Pfeiffen und Heerhörner / ihr in sich nehrendes Feuer durch
Fackeln / ihre Ertzgruben durch klingende Zimbeln abbilden / und weil aus der
Erde alles entspringet / sie nicht nur für eine Mutter aller Dinge / sondern so
gar ihrer andern Götter anbeten /insonderheit aber die Gallier eben so wohl / als
die Atenienser sich aus der Erde gewachsen zu sein rühmen. Ihren Gottesdienst
aber haben die Griechen von unsern Nord-Völckern durch die der Diana beliebte
Jungfrau Opis nach Delos bekomen / von dar er sich schier weiter in die ganze
Welt ausgebreitet / weil jeder Mensch zur Erde als einer Nährerin aller Tiere /
einer Mutter aller Reichtümer einen Zug hatte / und daher die klügsten
Weltweisen fürs erste Element / für die älteste Göttin / und des Himmels Ehweib
erkennte; wiewol anfangs und auch noch bei vielen Völckern / insonderheit aber
bei den Syrern unter dem Nahmen Adargatis / bei den Egyptiern unter der Isis die
ganze Natur verehret. Hernach aber dieser Gottesdienst in die Verehrung des
Feuers / welchem die Persen fürnemlich beigefallen / und des Wassers /den die
Egyptier angenommen / zerspaltet ward. Hierbei aber hat es der hinter einen
blinden Eyver der Gottesfurcht sich zu verstecken gewohnte Aberglaube nicht
bewenden lassen; sondern er hat den Bäumen /den Wässern / den Bergen / den
Aepfeln / der Saate /der Erndte / dem Futter / den Steinen / ja so gar den
Baum-Raubern / dem Miste und den Schlachten absondere Gotteiten zuzueignen sich
nicht geschämet /gleich als der allwissende und allmächtige GOtt allen besondern
Dingen vorzustehen entweder zu unachtsam oder zu ohnmächtig wäre. Zu
geschweigen: dass endlich nicht etwan die diesen Dingen fürstehenden Gotteiten
und Schutz-Geister / sondern so gar die todten Dinge selbst / als der Berg
Carmelus / der Stein Elagabalus / die Stadt Rom für Götter angebetet worden.
Alleine wir Deutschen sind nicht nur von diesem ganz unvernünftigen / sondern
auch von dem gemeinen Irrtume fast aller Völcker befreit: dass Himmel und Erde
von zweierlei / zugeschweigen die Teile der Erde von absonderlichen Gotteiten
beseelet würden. Es ist ein GOtt / ein allgemeiner durchdringender Geist /
welcher in die ganze Welt / jedoch in jedes Teil auf besondere Weise
einfleusst; also: dass der Himmel gleichsam eine Männliche / die Erde eine
weibliche Würckung bekommt / welche erstere wir Tanfana / die andere Herta
heissen. Woraus andere Völcker / teils durch Missverstand ihren Irrtum gesogen
/ teils uns zu Unrechte beschuldigt haben: dass wir den Vulcan und den Mercur /
unter welchem letzten Nahmen auch die Samotracier der Erde opfern / anbeteten.
Welcher Aberglaube uns so viel weniger zuzutrauen ist; weil wir nicht einst
derselben Weltweisen Meinung für vernünftig gelten lassen /welche die Welt / und
die Erde für ein grosses Tier halten / welches für Erscheinung neuer Schwantz
Gestirne erschrecke; über der schönen Gestalt des Himels sich erfreue / schwitze
/ weine und heule. Sintemal wir uns leicht bescheiden können: dass es wider die
gesunde Vernunft lauffe das anzubeten / was wir mit Füssen treten / mit unsern
Pflugschaaren verwahren / und unserm Unflate besudeln. Denn ob die Erde zwar
unser Ursprung und unsere Säugamme ist / so vergöttern wir doch nicht unsere
Eltern; und wenn die Erde gleich auch ein beseeltes Tier wäre / so ist doch der
Mensch das edelste und herrlichste Teil der Welt / ja ihr wunderwürdiger
Begrief / gleichwol aber höret er nicht auf selbst denen Ameissen ähnlicher / als
Göttern zu sein. Erato hörete der Priesterin mit Begierde zu / und pflichtete
dem Glauben der Deutschen als dem Vernünftigsten je länger je mehr nicht weniger
im Hertzen als mit dem Munde bei; freuete sich also auf das den nechsten Morgen
vorstehende Feier der Herta / welches zu Ehren des die Erde durch den Einfluss
der Sterne befruchtenden GOttes gehalten wird.
    Die hundert Priesterinnen hatten sich bald nach Mitternacht in einem
Lerchen-Baum-Walde versamlet; welcher für so heilig gehalten wird: dass / wer
einen Baum darinnen umbhaut / das Leben verwürgt hat; vermutlich / weil die
einmal abgehauenen Lerchen-Bäume und Fichten nicht / wie andere Bäume wieder
auswachsen / und die Fichten auch bei andern Völckern der grossen Mutter
gewiedmet sind. Die Frau von Buren / welche dem zwischen denen dreien Brunnen
versamleten Fürstlichen Frauenzimmer als eine Auslegerin des Feiers zugegeben
war / gab hiervon die Ursache: dass die edelste Art der Fichten /nämlich der
Lerchen-Baum / der in Deutschland die Stelle der Zedern vertritt / in sich so
viel Oel / worvon doch alle andere Bäume verderbt würden / nehrte; sie auch
keine andere Baum-Art in sich pfropfen oder einäugen liesse / und wenn der
schädliche Nord-Wind wehete / Tränen vergiesse / gleichwol aber den ganzen
Winter durch sein Laub unversehret behielte /von keinem Wurme gefressen würde;
also zugleich ein Bild der Fruchtbarkeit / der Einfalt / der Andacht und
Unsterbligkeit wäre. Die Priesterinnen kamen mit aufgehender Sonne in vier
Teile abgeteilet / denen Brunnen zu. Im ersten Hauffen waren eitel Jungfrauen
/ unter der Aufsicht der Fräulein von Riet-Beck. Sie waren alle mit rot-weissen
langen Röcken angetan /ein weisser Flor bedeckte ihr Antlitz / ihre
unaufgebundenen Haare waren von Salben ganz feuchte; das Haupt mit
Fichten-Kräntzen bedeckt; sie spielten teils mit ertztenen Zimbeln / teils auf
ledernen Drommeln / teils auf Pfeiffen von Buchs-Baum Holtze; umb damit
gleichsam der Erde Fruchtbarkeit in Zeugung des Ertztes / der Tiere und der
Bäume zu preisen. Etliche unter ihnen aber trugen an Stangen ein von Blumen
künstlich zusamen gesetzet / und Auge / Nase / Stirne / Wangen / Mund / Knie /
Brüste und andere Glieder artlich abbildendes Frauenzimer. Die vorwitzige Erato
fieng an: Ich sehe in diesem Aufzuge eine grosse Gleichheit mit dem Feier /
welches in Phrygien die Priester der Rhea / Cybele oder Berecyntia Curetes an
dem Flusse Gallus jährlich begehen; aber auch grossen Unterschied. Die Curetes
weinen und heulen / diesen lächelnden Jungfrauen aber sieht mit der Anmut auch
die Freude aus den Augen. Jene schnitten ihnen nach Art der Traurenden die Haare
glatt ab / schlügen ihre Armen und verwundeten den Leib / weil sie diese Göttin
mit nichts besser als Menschen-Blute zu versöhnen glaubte. Dieser Ungeberdung
aber wollte sie sich von so holden Jungfrauen nicht versehen. Die Frau von Bure
antwortete: Die Königin möchte ihr hierüber keinen Kummer mache; sie würde bald
sehen: dass diese Priesterinnen über der Göttlichen Güte / welche vermittelst der
fruchtbaren Erde die Menschen genüssen / sich so weniger Traurigkeit anmassen
würden / als sie darzu Ursach hätten; am wenigsten würden sie / wie die Curetes
/ rasend werden. Die Priesterinnen näherten sich inzwischen denen Brunnen /
tauchten ihr Blumen-Bild darein / wuschen ihre Augen / Hände und Füsse daraus /
hernach streueten sie eine Menge Blumen auf den Bodem / steckten das Bild in die
Erde / und hegten einen zierlichen Tantz darumb; worzu immer die Helffte
Wechsels-weise diese Reimen darzu sang:
Schonster Lentz / des Jahres Kindheit /
Vater der Ergetzligkeit /
Edler Ausbund bester Zeit /
Dessen Auge steckt voll Blindheit /
Wer auf dich nicht wohl gibt acht /
Wenn sich die Natur verjunget /
Herta Blut' und Blumen bringt /
Der Mohnde Perlen weint / das Feld Schmaragden lacht.
Der hat ein gefroren Hertze /
In den Adern Schnee und Eis /
Der von keiner Regung weiss /
Wenn die grosse Sonnen-Hertze
Mit dem Wider sich vermählt
Wenn der Himmel mit der Erden
Bråutigam verlangt zu werden.
Das Meer zum Spiegel ihm / die Welt zur Braut erwehlt.
Wer nicht ietzt Gott sehen lernet /
Muss ein Unmensch und ein Stein /
Gott ihm selbst ein Unding sein.
Denn weil Gott zwar nicht entfernet /
Aber uns unsichtbar ist /
Weil er muss sein Bild furstellen /
Hat den Fruhling zu Apellen /
Zum Pimsel ihm das Licht / die Welt zur Mapp' erliess.
    Erato fieng hierüber an: Ich sehe wohl: dass in Deutschland nicht nur das
Waschen / sondern auch das Tantzen / welches Teseus beim Delischen Altare zu
ersten angestellt hat / ein Teil des Gottes-Dienstes sei; aber was diss
Blumen-Bild andeute / verstehe ich noch nicht / sintemal ich bereit so viel
gelernet habe: dass in Deutschland die Römische Blumen-Göttin nicht verehret /
weniger ihr üppiges Feier begangen werde / an welchem die geilesten Weiber
gleichsam alle Scham so schändlich aufopfern: dass sie einmal / als Cato darzu
kam / in dieses tugendhaften Mannes Augen das Feier zu halten sich nicht
erkühnen wollten. Es ist wahr: antwortete die Priesterin; wir wissen von der
unkeuschen Flora / welche zu Rom durch Bescheidung ihres mit dem Leibe
erworbenen Wuchers sich zur Göttin gemacht / nichts; wohl aber von der
Göttlichen Regung / und der dem Erdbodem eingepflantzten Fähigkeit zu des
Menschen Ergetzung Speise und Artznei das ganze Jahr durch / fürnemlich aber im
Frühling tausenderlei schöne und heilsame Blumen zu gebähren. Dieser zu Ehren
flechten die Priesterinnen / welche noch die Blume unversehrter Jungfrauschaft
besitzen / dieses Bild zusammen /aber nicht die zu mahlen unmögliche Gotteit /
sondern den Blumen-reichen Frühling abzubilden. Unter diesem Gespräche näherten
sich der Priesterinnen an der Hauffen; welcher grün und gelbe bekleidet / ihr
aufgeflochtenes Haar mit Kräntzen aus Getreide-Eeren und Mah-Häuptern beschattet
war. In der rechten Hand trugen sie Sicheln / in der lincken brennende
Wachs-Fackeln. Sie trugen ein aus Erd- und Acker-Früchten gemachtes Bild
gleichfalls in der Mitte. So bald sie Erato von ferne erblickte / fieng sie an:
Ich kann mir aus vorigem Aufzuge leicht die Rechnung machen: dass diese
Priesterinnen den Sommer fürbildeñ wollen; weil ich der Ceres gewiedmeten Eeren
/den Mah / die Sichel und Fackeln erblicke. Es ist wohl wahr: versetzte die Frau
von Buren; aber wir wissen von der Göttin Ceres nichts / ausser dass unser Sommer
eben so wohl der Zeit und Erde / als jene des Saturn und Ops Tochter ist. Und
wie diese Proserpinen zur Tochter gehabt haben soll; also ist die Erde auch die
milde Mutter alles Ertztes / des Schwefels /des Quecksilbers / der edlen Steine
und aller Bergwercks-Früchte. Ihre Eeren und Sicheln bedeuten die fruchtbaren
Saaten / ihre Fackeln das unterirrdische Feuer / welches andere Völcker unter
dem Nahmen der irrdischen Venus / der Vesta / der Proserpina /und des Pluto
verehren / der Mah auf der Erde Verschwisterung mit dem Wasser / und ihre
nötige Kühlung; westwegen Parmenides auch die Erde für das erste und höchste
Kalte / Tales aber es gar für den Ursprung aller Dinge gehalten hat.
Unterdessen näherte sich dieser andere Hauffen der Priesterinnen mit allerhand
vermischten Seiten-Spielen. Diesen führte die Hertzogin Tussnelde in der Tracht
der obersten Priesterin. Nemlich sie hatte einen mit Golde / Silber und Purper
durchwürckten Unter-Rock an / welchen ein grasegrüner zur Helffte bedeckte. Sie
trug über ihren ausgebreiteten Haaren eine von Edelgesteinen /Perlen / Corallen
reich-versetzte Krone; die doch aber mit Weitzen-Eeren durchflochten war; gleich
als diss Geschencke Gottes jenen Schätzen zu vergleichen / an Nutzbarkeit aber
weit fürzuziehen wäre. In der Hand trug sie ein Rauch-Fass mit glimmenden
Wacholder-Beeren / und einen Weitzen-Püschel. Erato hatte Tussnelden so
geschwinde nicht ersehen / als sie voller Verwunderung anfieng: Ob denn in
Deutschland vermählte Frauen Priesterinnen abgeben könten? Die Priesterin
antwortete: Weil die Deutschen die Liebe für ein himlisches Feuer / welches die
Tiere wie die Wärmbde der Sonnen die ganze Erde fruchtbar machte / und die
ehliche Beiwohnung für ein Gesätze Gottes hielten / welcher die Natur ihre
Ewigkeit zu dancken hätte / westwegen so viel Völcker auch die Liebe für die
älteste Gotteit anbeteten / hielten sie für abergläubisch verehlichte von der
Priesterlichen Würde zu verstossen. Denn ob sie wohl die Jungfrauschaft für ein
heiliges Gelübde hielten / so fern selbtes nicht gleichsam der Natur Gewalt
antäte; ihnen auch nicht unbewust wäre: dass in Böotien dem Tespischen Hercules
/ zu Rom der Vesta / in Asien der Taurischen Diana niemand anders als Jungfrauen
/welche ewige Keuschheit gelobten / zu dienen fähig wären: ja dass der Pytische
Apollo der Stadt Temessa ihm jährlich durch Opferung der schönsten Jungfrau
wegen eines erschlagenen Gefärtens des Ulysses zu versöhnen / wie auch der
Delphische Apollo im Messenischen Kriege ihm aus dem Aepyditischen Geschlechte
eine Jungfrau abzuschlachten anbefohlen; über diss Pausanias wegen der ermordeten
Cleonice bei den Göttern sich dieses Jungfrauen-Mords halber durch kein Mittel
nicht aussöhnen können; so wäre doch die Verheiratung keines weges für eine
Besudelung zu halten. Massen denn für des Devcalions Sünd-Flut kein Mensch
ewige Jungfrauschaft gelobt. Die Griechen zu Aten und Delphis ihn ewiges Feuer
durch Frauen / welche sich nur hernach des Ehstandes entschlage wollen /
verwahret / die Egyptier auch nur ihren Priestern mehr als ein Ehweib verwehret
/ die Juden aber den Ihrigen eine Jungfrau zu heiraten mit meist allen andern
Völckern verstattet hätten. Warumb sollte nun dem weiblichen Geschlechte übel
anstehen / was dem männlichen unverwehrt ist. Zumal jenes ehe als dieses die
Regung dieses Feuers fühlte. Welches die Römer endlich zu erlaube gezwungen hat:
dass sie nach 30. Jahren des abgewarteten Gottes-Dienstes denen Vestalischen
Jungfrauen die Freiheit zu heiraten verstattet. Zu geschweigen: dass etliche
Völcker die Gelobungen der Keuschheit für einen Greuel / den Verlust der
Jungfrauschaften aber für ein heiliges Tun gehalten / und daher die Phönicier /
die Angilen in Africa / ja ihre eigene Armenier ihre Bräute die erste Nacht in
Tempeln ihren Priestern geliefert. Die an dem Ufer des Cyprischen Meeres sich
feil bietenden Jungfrauen aber ihren schnöden Gewinn teils zum Heirat-Gute /
teils zu heiligen Opfern der Venus angewendet hätten. Wie die Deutschen aber
die Geilheit nicht nur aus ihren Heiligtümern / sondern auch aus ihren
Eh-Betten verbanneten / und daher das bei ihnen ungemeine Laster des Ehbruchs
mit Abschneidung der Haare und Staupen-Schlägen / oder auch gar mit Strick und
Feuer strafften / ja nicht einst den Frauen zweimal zu heiraten erlaubten; also
wäre bei ihnen die keusche Liebe nichts unheiliges. Sie machten daraus zwar
nicht / wie die Atenienser / einen Traum / oder eine blosse Ergetzligkeit der
Gedancken / und eine Feindin des weiblichen Geschlechtes; also gar: dass die
ehliche Beiwohnung nicht einst ihr Werck sein sollte; alleine sie spielten sie
mit dem Zeno für eine Mutter der Freiheit / der Freundschaft und Eintracht; und
für eine Gehülffin gemeiner Wohlfart. Dahero / wenn die Liebe eine Gotteit zu
sein verdiente / ihr Bild zu Aten nicht unbillich in den Eingang der Academia
gesetzt / und nebst Minerven so wohl alldar / als durchgehends bei Schlüssung
der Bindnüsse / bei den Spartanern für bevorstehender Schlacht verehret worden
wäre. Die Tebaner hätten gleichfalls aus einer nachdencklichen Andacht eitel
Liebende und Geliebte zu ihren fürnehmensten und heilig-gehaltenen
Kriegs-Hauffen erkieset / und die Cretenser /wenn sie gleich treffen sollen /
die schönsten Bürger ausgelesen die Liebe umb Sieg anzuruffen. Die Königin Erato
nahm der Priesterin Ausführung für vernünftig und begründet an / unterdessen
näherte sich auch dieser Hauffe der Priesterinnen / und badeten ihr Bild des
Sommers in der Bach / welche aus allen dreien Brunnen daselbst zusammen laufft;
gleich als wenn die Brunnen-Bilder der Jungfrauschaft / Flüsse aber der Frauen
/ und jene zwar beliebter / diese aber nützlicher wären; oder weil der in dem
Sommer gleichsam alle Köstligkeiten der andern Jahres-Zeiten vereinbaret wären.
Hierauf hegten die Priesterinnen umb das in einen fruchtbaren Acker gepflantzte
Sommer-Bild einen zierlichen Tantz / worzu iedes mal die Helffte der ruhenden
folgende Reimen sang:
Beliebter Sommer / Kern der Zeit /
Des Jahres kråfft'ge Mannbarkeit /
Ausgeber der Natur / des Uberflusses Horn /
Wer sonder Opfer Danck / und Rauchwerck / Weitz und Korn
Von wenig Saaten håuffig erndtet ein /
Der muss von Weirauch arm / und kalt von Andacht sein.
Dein grosses Reichtum übertrifft
Vernunft und alle Rechnungs-Schrifft /
Kein Konig hat zu zahln / was nur der Sperling frisst.
Wie dass denn nur der Mensch undanckbar Gott vergisst?
Den stummes Vieh zu Gottes Preis erweckt /
Dem Hülf' und Spreu so gut als uns das Mund-Mehl schmeckt.
Dafern die Zeit soll gülden sein /
Und alle Schåtze schlüssen ein /
So bist du / Sommer / mehr und güldener als Gold.
Die Erde fuhlt in dir erst recht des Himmels hold /
Und da der Winter ist ein Bild der Nacht /
So hegt die Sommers-Zeit des Mittags Nutz und Pracht.
Mittler Zeit folgte der dritte von der Gräfin von Schwalenberg geführte Hauffen
der verwittibten Priesterinnen. Sie waren alle mit gelblicht-fahlen den dürren
Blättern gleichenden Ober- und blauen Unter-Röcken bekleidet. Ihre Haare waren
in zwei Köpfe zusammen geflochten; das Haupt mit Oel-Zweigen und Wein-Beer-Laube
bekräntzet; welches die Frau von Buren dahin auslegte: dass so wohl die
Wein-Reben / welche sich auf keinen andern Baum pfropfen liessen / als die
Oel-Bäume Sinnen-Bilder der fruchtbaren Keuschheit wären. Daher auch in Cilicien
diese Bäume nur von Knaben gepflegt würden; und in Griechenland müsten alle /
die sie warteten / oder die Frucht abnähmen / wie diese Priesterinnen bei ihrer
Einweihung schweren: dass sie niemals jemanden anders / als ihren Ehegatten
beigewohnt haben. Sintemal so denn die Oelbäume viel besser wüchsen / und mehr
trügen. Sie trugen in den Armen ein mit Wein-Trauben / Oliven und allerhand
Obste gefüllten Korb / und pfieffen auf eitel Krum-Hörnern / vielleicht weil
sonst der Gott des Weines mit einem gehörnten Ochsen-Kopfe aufgeführet wird /
und so wohl die Deutschen als andere Völcker aus Ochsen-Hörnern zu trincken
pflegen. Auf einer Stange ward das von eitel Herbst-Früchten artlich zusammen
gemachtes Bild des Herbstes getragen; welches ungeachtet sonst der Herbst schon
das sich abneigende Alter / oder den Abend fürbildet; dennoch auf der einen
Seite einen bartichten Jüngling / auf der andern Seiten ein fruchtbares Weib
fürstellte / wie die Griechen auch ihren Wein-Gott mahlen. Nachdem diese
Priesterinnen das Herbst-Bild im andern Brunnen gewaschen hatten / stellten sie
solches gleichfalls in die Mitte /und hielten teils nach dem Getöne ihrer
Krum-Hörner / teils nach dem Gesange folgender Reimen einen nicht ungeschickten
Tantz darumb:
Schatzreicher Herbst / des Jahres Speisemeister /
In dem iedweder Stern was gutes auf uns taut /
Du machst die Erde voll / den Himmel feister;
Du schaffst: dass die Natur / die in dem Fruling Braut /
Im Sommer Mutter wird / im Winter gar versåugt /
Sich als Verschwenderin uns zeigt.
So Stand' als Kraut bringt ietzt Gesäm' und Früchte /
Jedweder Winckel scheint ein Sonnen-Tisch zu sein.
Das Wasser zins't die niedlichsten Gerichte /
Dazu die leere Lufft scheint Flugel-Werck zu schnei'n /
Die Wålder sind nun auch von Tieren so erfullt /
Als wandelte sichs Laub in Wild.
Wenn auch der Herbst sonst keine Gewächse håtte
So wäre mehr als viel der susse Trauben-Safft;
Weil er die Milch der Alten ist / das Fette
Der Erd' / das Oel und Marck der Welt / der Schwachen Krafft;
Durch den Gott Mensch und Vieh hat unterscheiden wolln /
Ja den wir ihm selbst opfern solln.
Die Königin Erato nahm bei diesem Tantze allererst wahr: dass die sämtliche
Priesterinnen weisse Holtz-Schuh trugen / alle Schlingen der Kleider aufgelöset
waren / ihre Röcke allerhand färbichte Säume und bundte Streiffen / ihre
Führerinnen aber auch mit eingewürckte Gold-Fädeme hatten. Dahero fieng Erato
an: Sie wüste wohl: dass auch der Egyptier / der Griechen und anderer Völcker
Priester keine lederne Schuh / am wenigsten von verrecktem Vieh tragen dörfften
/ sondern entweder weisse von Papier oder Holtze anziehen / und sich enger
gebundener Kleider entalten / beim Gottes-Dienste die Schuh auflösen oder gar
ausziehen müsten. Sie möchte aber wohl wissen: Ob die Zierat der vielfärbichten
Streiffen /derer fast keine mit der andern überein treffe / sonst aber alles so
gleiche wäre / was sonderliches bedeutete? Die Frau von Buren antwortete: Es
zeigten diese Streiffen nichts anders / als wie bei den Römern die Monden auf
den Schuhen / und die güldenen Ringe /bei den Scyten die grünen Hüte / bei
denen Daciern die Reiger-Federn / bei den Persen die zweifachen Stiefeln / bei
denen Arcadiern / welche älter als der Monde sein wollten / das Kleinod auf der
Brust / und die helffenbeinernen Schuh-Schnellen / bei den Egyptiern die Geier-
oder Habichts-Flügel ihre Adeliche Ankunft nicht aber wie die Hauben das
Priestertum ins gemein / der leinene Schleier das Priestertum der Isis an.
Denn weil der Adel fast nirgends in der Welt so hoch als in Deutschland und
Gallien geachtet ware / so gar dass die Unedlen / welche gleich frei und nicht
Knechte wären / gleichsam für Leibeigen geachtet / in keinen Fürsten-Rat
gezogen würden / ohne Verlust ihrer Würde / ja gar kaum ohne Gefahr ihres Lebens
mit einer unedlen sich verheiraten dörfften /trügen die Edlen in Deutschland
auch gewisse Kennzeichen ihres Standes; und daher auch diese Priesterinnen;
wiewohl weil kein Unedler in Deutschland das Priestertum erlangen könnte / sie
derogleichen Merckmaals nicht bedörfften. Die Königin Erato brach ein: Sie wäre
unwürdig edel zu sein / wenn sie den bei den Deutschen gewohnten Vorzug des
Adels nicht billigte. Denn weil der Edlen Vorfahren Tugend der Nachwelt lange
Zeit hernach zu statten käme / wäre diese auch wohl-verdienter Leute Nachkommen
Ehrerbietung / und nichts minder die abwesende als gegenwärtige Tugend hoch zu
schätzen schuldig. Dahero gäben die Verdienste der Voreltern ihren Kindern eben
so wohl / als die Sonne düstern Tälern ein gewisses Licht. Ja die Tugend selbst
kriegt von dem Adel wie die Diamanten von den Folgen einen gewissen Glantz /
welche sonst vielleicht unter dem Schatten eines niedrigen Ursprungs wäre
verdunckelt / wo nicht gar als eine ohnmächtige Bemühung ersteckt bliebe.
Westwegen auch auf denen Olympische Spiele denen Gewinnern / derer Ahnen schon
vorher daselbst gesiegt hätten / herrlichere Preise ausgeteilet würde. Kein
Volck lebte unter der Soñe / das nicht zwische Adel und Pöfel eine grossen
Unterschied machte; etliches machte wohl gar in ihrem Lande achtzehnerlei Stände
und Würden. Ja die Araber untersuchten so gar die berühmten Geschlechter ihrer
Pferde / und zahlten oft eines von schlechtem Ansehen teurer als hundert
andere. Die über dem Caspischen Meer wohnenden Scyten hielten die aus einem
gewissen Stamme gezeugten Pferde / welche viel Tage von wenig Handvolln Heu
lebten / und nie beschlagen werden dörfften / so wert: dass sie für einen
Kirchen-Raub hielten / wenn iemand eines davon einem frembden verkauffte. Das
Ertzt würde / nachdem es aus diesem oder jenem Gebürge kommen / und die Kräuter
nach ihrem Vaterlande hochgehalten. Diesemnach wäre es nicht weniger vernünftig
als recht: dass in Deutschland die Fürsten nur aus dem Adel erwehlt / und nur
alte Ritters-Leute zu Grafen und Gefärten der Hertzoge und unter ihre Leibwache
gezogen würden. Der Unedlen gäntzliche Ausschlüssung aber von denen geistlichen
Würden und dem Priestertume schiene ein allzu strenges Recht zu sein. Denn wenn
die Menschen ihren allerältesten Ursprung untersuchten / wären sie Kinder eines
Vaters / und aus einer Mutter Leibe entsprossen. Gott forderte seinen Dienst
nicht nur von Fürsten oder Edlen / sondern von dem ganzen Geschlechte; und jene
wären gegen seiner überschwenglichen Grösse so wohl als Leibeigene kleiner als
Sonnen-Staub / und seine Knechte. Daher könnte in Gottes Augen zwischen beiden
schwerlich ein Unterscheid sein; sonderlich da er denen geringsten
Sclaven-Kindern eben so wohl als Fürstlichen eine vernünftige Seele / und damit
die Fähigkeit ihm andächtig zu dienen gegeben hätte. Westwegen auch der vom
Wahrsager-Geiste für den weisesten gerühmte Socrates / ungeachtet sein Vater ein
Steinbrecher / die Mutter eine Heb-Amme gewest / und tausend seines Gleichen die
Weltweissheit ihnen gleichsam eigen gemacht; welche eine nötige Staffel zum
Erkäntnüsse Gottes / und ein Zunder / ja ein Leit-Stern heiliger Andacht wäre.
Aus welcher Ursache die Egyptier / bei denen doch die Priesterliche Würde höher
als nirgends anders in der Welt geschätzt würde / niemanden aus ihren
Landes-Einwohnern hierzu für zu geringe achteten. Die Priesterin lächelte / und
versetzte: Kein Mensch wäre freilich wohl in der Welt so gross: dass er gegen dem
unermässlichen Gotte / wie ein Sand-Korn gegen der Sonne zu vergleichen wäre. Und
weil alle den Ameissen ähnlicher / als Gotte wären; müste die Vergötterung der
Sterblichen ein desto abscheulicher Greuel in seinen Augen sein. Alleine Gott
erniedrigte sich unbeschadet seiner Grösse durch seine Güte und Liebe zu dem
Menschen so tieff: dass er seine Nieren prüfete / seine Haare zehlete / der
Frommen Nahmen gleichsam zum steten Andencken in seine Hand zeichnete /ja sie
als sein Ebenbild oder als seinen Aug Apfel wert hielte. Da er nun über diss
gewisse Tiere zu seinen Opfern erkiesete / andere als unrein verwürffe /und
derogestalt zwischen dem tummen Vieh bei seinem Gottes-Dienste Unterschied
gehalten wissen wollte; warumb sollte er nicht vielmehr aus denen ihm dienenden
Menschen einen für den andern zu erwählen belieben? Wolte er ihm fette Ochsen /
nicht magere Kühe geopfert wissen; warumb sollte er nicht auch den Kern eines
Volckes zu seinen Priestern verlangen? Alle Völcker trügen Abscheu einen
verschnittenen oder verstimmelten zum Priester zu dulden. Daher hätte Antigonus
dem Hircan die Ohren abgeschnitten / umb ihn zum Jüdischen Priestertum unfähig
zu machen. Ungeachtet Metellus im Brande des Vestalischen Priestertums über
Rettung des Palladium die Augen einbüsste / und Marcus Sergius durch seine
grossen Dienste schwach worden war / mussten doch beide das Priestertum ablegen.
Warumb sollten denn nicht die Hefen des Pöfels von der Klarheit heiliger Würden
ausgemustert werden? Die Andacht und der Gottes-Dienst wären zwar aller Menschen
Schuldigkeit; das Priestertum aber nicht iedermanns Tun /und gleichsam was von
der Vernunft unbegreiffliches; also dass die Geten ihren Priester und den Berg
ihres Heiligtums für einen Gott hielten. Bei unterschiedenen Völckern wäre diss
auf ein einiges Geschlechte gewiedmet; bei den Römern aber könten wegen der
hohen Gewalt der Priester / welche das Volck gleichsam an dem Finger leiteten /
ihrer nicht zwei aus einem Gechlechte zu einerlei Priestertume erkieset /aus
denen Edlen aber nur vom Volcke die / welche schon geweihet / darzu benennet
werden. Ja die Weltweissheit zu lernen wäre bei den Sarmatern dem Pöfel
verwehret; weil die Wissenschaft die Folge eines blinden Gehorsams hinderte /
und Untertanen / welche mehr als ihre Gebieter verstehen / diesem schwerlich zu
Gebote stehen könten. Die Egyptischen Priester hätten auch zwar ihre Landesleute
/ welche sie alle für die ältesten und edelsten Menschen gehalten /aber
schwerlich einen ihrem Urtel nach unedlen Ausländer zu Lernung ihrer geheimen
Weissheit / weniger zum Priestertum gelassen. Daher hätte der von ihnen doch
beschnitene Pytagoras zwar einen Vorschmack von ihrer Weissheit / aber nichts
weniger als ihr Priestertum; und der göttliche Plato kaum die Schalen von den
Geheimnüssen der Jüdischen Priester überkommen. Ja die Egyptischen Priester
hätten aufs sorgfältigste sich von dem Tun des Pöfels abgesondert /und durch
die entäuserte Essung der Zwiebeln nichts anders als dass sie andere Leute nicht
so gut als sich hielten / zu verstehen gegeben / weil die Zwiebel wider aller
andern Gewächse Eigenschaft ihre Feuchtigkeit mit dem wachsenden Monden
verminderte /mit dem abnehmenden vermehrte. Was wunderte man sich aber über der
Deutschen heilige Verfassung? Hätten doch in Epirus die Hirten der der Sonne
gewiedmeten Schafe an dem Flusse Oricus aus den edelsten Geschlechtern sein
müssen. Nachdem auch die Königin Erato der Deutschen Gewohnheit billigte: dass
sie ihre Fürsten und Herrscher nur aus dem Adel erkieseten; könnte ihr ja so viel
weniger bedencklich fallen: dass das Priestertum nur Edlen offen stünde.
Sintemal ja bei den meisten Völckern die Priesterliche Würde mit der Königlichen
Hoheit entweder unzertrennlich verknüpft wäre / oder die Könige nur aus den
Priestern erwehlet würden. Also wären alle Könige in Egypten Priester gewest /
und daher hätten sie auch nur eben so viel Wein trincken dörffen / als den
Priestern das Maass gesetzt war. Die Mohren wehleten allezeit einen ihrer
Priester zum Könige; und die Spartaner hätten den Zepter mit des Jupiters
Priestertume vereinbaret. Nichts minder wären zu Rom so wohl die sieben Könige
/ als ietzt die Käyser oberste Priester gewesen / ja als gleich mit dem stoltzen
Tarquinius die Königliche Herrschaft ausgetilget worden / hätte doch der hohe
Priester den Nahmen eines Königes des Gottesdienstes behalten. Bei den Traciern
und Cappadociern aber müste der hohe Priester aus Königliche Geblüte sein / wie
er auch der nechste nach ihm an Ansehe und Gewalt wäre. Wie nun der
Gottes-Dienst in den Händen des Pöfels gleichsam verächtlich würde; hingegen
durch die Hoheit der Priester mehr Ansehen bekäme; weil man ins gemein mehr auf
den Werckmeister als aufs Werk sähe; also erforderte auch die gemeine Wolfart:
dass in Deutschland nur Edle zum Priestertum käme / weil allhier eben so wohl
der Adel und junge Fürsten ihren Priester / als in Persien ihre Weltweisen / in
Indien die Brachmanen zu ihren Lehrmeistern hätten. Sintemal die / welche in
sich selbst keine edle Regungen hätten / sondern bei der Niedrigkeit ihres
Standes niedrige Gedancken hegten / auch nichts bessers als ihren Lehrlingen
einflössen könten. Daher hätten Leonidas mit seinen niedrigen Schwachheiten auch
das edelste Gemüte des grossen Alexanders angesteckt /und hätten sie ihm sein
Lebtage angehangen / auch zwischen seinen grossen Tugenden für geblickt / die
ihm teils angebohren / teils hernach vom Aristoteles des Heldens Machaons und
Asclepiadens Enckel beibracht worden. Welchen letztern Alexander selbst seinem
Vater Philipp fürzoh / weil dieser ihn durch seine Zeugung vom Himmel auf die
Erde gebracht /jener aber durch seine Lehren ihm den Weg von der Erde in Himmel
zu steigen gewiesen hätte. Nichts minder hätte Achilles umb ein so grosser Held
zu werden einen unsterblichen Götter-Sohn den Chiron zu seinem Lehrmeister haben
müssen. Der Adel wäre auch nicht so willig einem gemeinen Manne / als einem
seines Gleichen Folge zu leisten; und machten sie es jenem oft nicht viel
besser / als Hercules seinem Unterweiser Linus / den er mit seiner ihm auf den
Kopf geschlagenen Harffe getödtet. Insonderheit wüste der des gezwungenen
Gehorsams gewohnte Pöfel über edle Gemüter die Schärffe ihres Zwanges selten zu
mässigen / da doch diese meistenteils durch Lindigkeit leichter geführet / wie
das in starcker Glut harte haltende Gold durch ein mässiges Stroh-Feuer
zerschmeltzt würde; und daher nachdencklich getichtet wäre: dass Chiron durch
Honig und Aepfel Achillem gleichsam an einem Fadem geleitet hätte. Endlich
liessen sich in Deutschland keine Unedlen weder zu solchen Lehrmeistern noch zu
Priestern erkiesen /weil allein der Adel und Fürsten der Weissheit und guten
Künsten obläge; der Pöfel aber zu Handwercken gewiedmet wäre / also weder
schreiben noch lesen könnte; ob es schon in Deutschland nicht wie in Tracien für
Schande gehalten würde / wenn ein- oder ander beides verstünde. Die Königin
Erato fiel ein: Das erste wäre die ruhmwürdigste Gewohnheit; weil doch auch der
Fürsten Kinder die Klugheit nicht mit auf die Welt brächten; derselben aber so
viel / als hundert tausend andere Menschen bedörffen. Das andere aber scheinet
mir eine der grösten Grausamkeiten zu sein: dass die Unedlen nichts von dem
grösten Geschencke Gottes nämlich der Weltweissheit / lernen /andere nichts
lehren / und im Gottesdienst gleichsam mit blinden Augen sich behelffen sollte.
Ist diss nicht so viel / als ihre Seelen in ein Land verbannen / darinnen die
Sonne nie aufgeht? Sintemal ausser der Sonne / nichts in der Welt von sich
selbst und seinem Ursprunge nach erleuchtet ist / und des Menschen Gemüte
blinder als der Maul-Wurff in Augen geboren wird / und durch fleissige
Unterweisung kaum einen wenigen Schimmer / niemals aber ein vollkommenes Licht
erlanget. Westwegen die Griechen der Göttin der Weissheit gar nachdencklich die
nur im finstern stehende Nacht-Eule zugeeignet haben. Socrates hat wegen
menschlicher Unwissenheit an ihm selbst gezweifelt: ob er ein Mensch oder ander
Tier wäre; und Plato ist der Meinung gewest: die Eigenschaft unser Seele
liesse sich so wenig / als der stets mit Wellen und Schupfen bedeckte Meer-Gott
Glaucus / eigentlich betrachten und sehen. Wenn aber ja die Unterweisung uns ein
Stückwerck der für die uneingefleischten Geister vorentaltenen Wahrheit und
Weissheit beizubringen vermag / wie daran niemand mit Vernunft zweifeln kann /
heisst es bei so gestalter Verschlüssung derselben nicht der Natur Gewalt antun:
dass der in die Seelen der Unedlen geflösste Saamen der Weissheit unter dem
Schimmel aufgedrungener Unwissenheit ersticken müsse? Oder ist diese Aufhalsung
der Unwissenheit nicht gar für einen Todschlag zu halten / wo anders wahr ist:
dass die Unwissenden ehe / als sie sterben / todt sind / die Weisen aber / wenn
sie gleich gestorben / doch leben? Denn da in andern Ländern so viel gemeine
Mütter / so viel Socrates / Demostenes und Euripides für die höchste Staffel
der Klugen /so viel Hostilier und Agatoclen zum Zepter / so viel Perpennen zu
Feldherren / so viel nützliche Catonen fürs Rat-Haus geboren; wer wollte
zweifeln: dass unter dem deutschen Pöfel eitel unfruchtbare Mütter /oder die
Tugend nur eine unabtrennliche Gefärtin des Adels wäre? Die Priesterin
versetzte: Meines Ortes wüntschte ich: dass wie alle Deutschen weiss /also auch
weise wären. Ich will es auch nicht leugnen: dass es einen Schein der Strengigkeit
habe / weñ man unserm Pöfel so wohl die Türe zur Weissheit / als zum
Priestertume verschleust; da doch jene wahrhaftig das Saltz des Lebens / und
das Gesichte der Seele ist. Alleine über diss / dass es vielen / welche diesen
Schatz zu finden vermeinen / wie denselben geht /welche statt Goldes Kohlen
ausgraben; das ist / sich in eine kohl-schwartze Finsternis vertieffen; haben
viel Weise der Unwissenheit mehr Lobes als der Weissheit zugeeignet. Heraclitus
meinte: Viel Künste und Wissenschaften schwächten nur einen gutes Verstand.
Hippon nennte sie Eitelkeiten; Anaxarchus hielt sie vor so schädlich als
nützlich. Zu geschweigen: dass einige gar die Weltweissheit für eine Erfindung der
höllischen Geister halten. Wie ich nun zwar das erstere für Irrtum / das
letztere für Verläumbdung halte / und selbst der Weissheit meine meisten Tage des
Lebens gewiedmet habe; also vermöge meines Gelübdes ihr Wort reden muss; so kann
ich doch denselben Staats-Klugen vieler Völcker nicht gäntzlich ablegen / welche
Künste und Wissenschaften dem Pöfel für so wenig / als die Luchs-Augen den
Maulwürffen anständig / und dem Mercur / der bald ein gütig / bald ein schädlich
Gestirne abgibt / nicht unähnlich / oder sie doch zum wenigsten an Fürsten für
Gold / beim Adel für Silber / am Pöfel für Blei /oder oft gar giftiges Spissglass
halten. Denn wie die Blindheit eine Mutter der Folge / und der Gehorsam eine
Tochter der Einfalt ist; also erwecket die Wissenschaft vieler Dinge im
Menschen hohe Gedancken; und meinen Untertanen: es geschehe ihnen Weh und
Unrecht / wenn sie einem / der weniger / oder kaum so viel als einer unter ihnen
verstehet / zu Gebote stehen sollen. Sie erkiesen sodenn unschwer alle Fehler
ihrer Führer / und wissen auch klugen Fürsten ihre Mängel auszustellen. In
welchem Absehen die Natur nur denen zur Herrschaft erkieseten Adlern ein so
scharffes Gesichte und das Vermögen in die Sonne zu sehen gegeben hat. Daher
kein besser Mittel ist Untertanen im Zaum zu halten / als sie reich / nicht
allzu scharfsichtig werden lassen. Der blosse Unverstand /woher der Sonne und
des Monden Verfinsterung rühre / hätte mehrmals ganze aufrührische Heere
besänftigt. Ohne diese Unwissenheit ist der Pöfel nicht geschickt: dass man
selbtem den zur beständigen Treue so nötigen Aberglauben beibringe; welches
doch der sicherste Kapzaum beweglicher und verwegener Gemüter ist. Daher
jederzeit die Wissenschaft sich frembder Torheit vorteilhaftig zu bedienen
für keine gemeine Klugheit gehalten worden. Welches Streiches die Fürsten in
Deutschland so viel mehr von nöten haben / so viel die Deutschen streitbarer
und der Dienstbarkeit ungewohnter als andere Völcker sind; also: dass wenn nicht
des Pöfels Einfalt eine Regungen mässigte / und die Priester den Fürsten an der
Hand stünden / sie schwerlich zu bändigen sein würden / nachdem sie jenen ohne
dis mehr als diesen zu gehorsamen gewohnet sind. Wiewol in etlichen Ländern
Deutschlandes / wo insonderheit der Druyden Gottesdienst verfallen ist / die
Unedlen auch schon so weit durchgedrungen: dass man sie so wohl zu Erlernung der
Weltweissheit / als zu der Würde des Priestertums lassen muss. Die Königin Erato
begegnete ihr: Ich kann endlich wohl nachgeben: dass einfältige Untertanen
leichter zu beherrschen sind; ich weiss auch wohl: dass viel kluge Gebieter sie
durch Aberglauben nach ihrem Gefallen gleichsam wie an einem Seile geleitet
haben; dis aber scheint mir noch unverantwortlich zu sein: dass man aus
irrdischem Absehen dem gemeinen Volcke die wahre Erkäntnüs GOttes vorentält /
und zu einem vergänglichen Vorteile selbtes gleichsam mit Fleiss zum Aberglauben
verleitet; da doch der Mensch nur zu dem Ende von der Natur mit dem Kleinode der
Vernunft begabet worden: dass er die Warheit zu ergründen / und GOtt zu erkennen
sich bemühen solle. Die Priesterin konnte hierüber ihre Empfindligkeit so sehr
nicht verbergen: dass sie nicht etlicher massen aus ihrem Gesicht hervor geblickt
hätte / sie setzte aber der Königin mit der leutseeligsten Bescheidenheit
entgegen: Es könnte kein grösser Laster erdacht werden / als GOtt / der die
Warheit selbst wäre / mit Fleiss fälschlich abbilden /und statt des wahren
Gottesdienstes das Volck zu Aberglauben verleiten. Dieser Betrug hätte zwar in
der Welt bei nahe den Nahmen einer Klugheit bekommen / und viel Völcker würden
damit hinters Licht geführet / wo man einen Gottesdienst einführte /nicht wie er
GOtt gefällig / sondern den Herrschern vorträglich ist. Diese Arglist aber ist
von den Deutschen weit entfernet / welche nicht nur den einigen und wahren GOtt
/ so viel es ihnen die Kräfften der Natur und sein Spiegel die Natur verstattet
/ zu erkennen / sondern auch diese Erkäntnüs dem gemeinen Volcke nach dem
Beispiele der Terdulen in Hispanien / des Linus in Griechenland / und des
uralten Lehrers Zoroasters durch öftere Fürsagung gewisser Reime mitzuteilen
bemühet sind. Massen denn unserer Barden Beredsamkeit keinen andern Zweck für
sich hat / als GOtt nach Mögligkeit zu offenbahren /und die Tugend zu rühmen;
also: dass ob wir uns wohl bescheiden: unser Verstand und Einbildung könne so
wenig GOttes Unbegreifligkeit / als die Zeit seine Ewigkeit / kein Geitz seine
Weissheit / keine Tugend seine Güte / kein Werck seine Allmacht abmässen /dennoch
GOtt unserm gemeinen Volcke bekandter /als vielleicht anderer Völcker Weltweisen
ist. Denn diese Reimen begreiffen in sich gar deutlich die Lehre von dem einigen
/ ewigen / gerechten und gütigen GOtt / von der Unsterbligkeit der Seelen / und
dass destalben die Tugend zu üben / die Laster zu meiden / für jenes nach dem
Tode Belohnung / für dieses unendliche Straffe zugewarten wäre. Diesemnach denn
unsern Priester nicht so wohl aus Missgunst oder aus Vorsatz andere in Irrtum zu
leiten / als dass es besser ist das Erkäntnüs GOttes im Gedächtnis / denn auf
der Rinde oder Leder zu haben / nichts hiervon aufschreiben; ausser dem aber mit
der meisten Völcker Priestern nicht darfür halten: dass die Andacht schon den
Gebrechen der Unwissenheit ersetze / und das einem unbekandten GOtte gewiedmete
blinde Gebete kräftig genung sei; sondern sie lehren vielmehr: dass ob zwar die
blosse Erkäntnüs GOttes ohne Andacht keine Vereinbarung mit GOtte mache / selbte
dennoch ein heilig und nötiges Ding / die Unwissenheit aber eine schnöde und
unheilige Finsternüs sei. Ja es würde der ärgste Greuel bei uns sein / wenn man
von GOtt was falsches dem gemeinen Wesen zum besten jemanden was überreden
wollte. Sintemal GOtt vielmehr abergläubische Anschläge krebsgängig / und die ihn
durch Abgötterei verunehrenden Reiche zu nichte macht; der wahre Gottesdienst
aber ein viel fester Band zwischen Fürsten und Untertanen sein muss /als der
Aberglaube; wo anders das Wesen länger / als ein betrüglicher Firnis Farbe hält.
Destwegen aber ist es nicht der Notdurfft: dass zwischen Priestern und gemeinem
Volcke kein Unterscheid sein dörffe; oder dass in den Geheimnüssen des
Gottesdienstes dieses so viel als jene wissen müsten. Denn wie GOtt das
einfältigste Wesen ist / also vergnügt er sich auch an einer andächtigen Einfalt
der Menschen; ungeachtet er von denen ihm sich Lebenslang wiedmenden Priestern
als Lehrern mit eben dem Rechte ein tägliches Nachsinnen / und derogestalt ein
mehrer Erkäntnüs / als von der Sonne mehr Glantz denn von denen Sternen der
Milch-Strasse erfordert. Nach dem auch unterschiedene Dinge so tiefsinnig sind:
dass nicht alle Köpfe solche zu begreiffen fähig sind / oder Zeit haben / weil
bei den Deutschen zwar nicht wie bei dene Brachmañen zu Anhörung dieser Weissheit
sieben und dreissig doch wie bei den Galliern zwantzig Jahr erfordert werden;
überdis solche Geheimnisse vom ungelehrten Pöfel in ärgerlichen Missverstand
gedeutet werden können / ohne welcher Wissenschaft selbter doch das Heil seiner
Seele wahrnehmen kann; ist es mehr Klugheit als Sünde / am wenigsten aber was
ungewöhnliches solche Geheimnisse dem gemeinen Volcke zu verhölen. Denn die
Egyptier schreiben zwar ihre Lehren des Gottesdienstes aber mit einer niemanden
als den Priestern verständliche Bilder-Schrifft auf / daher sie auch zu
Andeutung ihrer Rätzel für ihre Tempel einen Sphynx setzen. Die Syrier halten
den Gottesdienst der Syrischen Göttin / die Römer den des Saturnus so geheim:
dass man in den innersten Heiligtümern / und auf den fürnehmsten Festen nichts
davon ergründet. Die / welche der grossen Mutter in Griechenland beim Orpheus /
oder bei den Brachmannen in Indien sich einweihen lassen /müssen die Eröfnung
des geringsten Geheimnüsses abschweren. Ja Plato nötigte seinem Timäus /
Pytagoras seinen Schülern in der Weltweissheit einen Eyd der Verschwiegenheit
ab. Welches wir Deutschen doch so schlechter dinges nicht billigen / noch der
Griechen Vorhaben loben können / da sie allen Gottesdienst hinter Larven der
Getichte versteckt; und weil der tumme Pöfel solch. Schalen für den Kern annimt
/ die Andacht in eine abscheuliche Abgötterei verwandelt haben. Hingegen bei
unser Deutschen Einfalt die Anbetung des einigen GOttes ganz unversehret
blieben ist / und wir mit den spitzigen Ateniensern keinem unbekandten Gotte
Altare zu bauen /noch mit den andern Griechen unsere Andacht unter
dreissig-tausend falsche Götter zu verteilen haben. Die Königin hatte diesem
eivrigen Gespräche der Priesterin etwas ferner entgegen zu setzen so wenig
Hertze / als Zeit. Denn endlich näherte sich denen Brunnen auch der vierdte
Hauffen der Priesterinnen /welcher so langsam fortrückte / als wenn alles an
ihnen gefroren wäre. Sie waren alle in schneeweissen leinenen Zeug gekleidet /
welchen auch andere Völcker als den geschicktesten zur Priesterlichen Kleidung
brauchen. Sie hatten alle die Haare teils in zierliche Knoten empor gebunden /
teils mit heissen Haar-Nadeln aufgekrauset / und mit blauen Feilgen bekräntzet.
In den lincken Händen trugen sie ertztene Rauch-Fässer mit glüenden Kohlen /
darein sie nach und nach Agstein streueten; in den rechten eine eiserne Hacke /
und einen güldenen Pfeil. Das Bild /das sie trugen / war von allerhand Arten
Ertztes zusammen gesetzet. Die Frau von Buren machte darüber die Auslegung: dass
hierdurch die Woltaten / welche GOtt auch im Winter vermittelst der Erde
zuwürffe /bedeutet würden. Sintemal / wenn gleich sodenn die Natur ganz
unfruchtbar / oder gleichsam gar todt zu sein schiene / sie dennoch in der
unterirrdischen Hölen und Adern Gold / Silber / Kupfer / Zinn / Eisen / Blei und
Quecksilber kochte. Destalben wird sie anderwerts unter dem Nahmen des Pluto /
der Pandora und Proserpina verehret / mit welcher Rampsinitus aus Egypten in der
Hölle auf dem Bretspiele gespielet / und ein güldenes Handtuch zurück gebracht
haben soll. In diesen Hauffen befinden sich eitel Jungfrauen / welche ewige
Jungfrauschaft geloben; welches so wohl Feuer / als ihr getragenes Ertzt
andeutet. Sintemal aus dem Feuer so wenig / als aus der Jungfrauschaft geboren
werden kann; und ob wohl das Ertzt nach etlicher Meinung lebet / und in ein anders
verwandelt werden kann / so zeuget es doch eben so wenig als die Steine aus sich
nichts mehrers seines gleichen; sondern seine Eltern sind Schwefel und
Quecksilber / ungeachtet man ihr von einer Frauen in Gallien / aber fast
unglaublich erzählt: dass ihre zwei Diamanten etliche Junge geheckt hätten. Aus
diesem Absehen haben vielleicht auch die Phrygischen Priester der Berecyntia
nicht nur ewige Keuschheit geloben / sondern sich auch mit einem scharffen
Samischen Steine gar entmannen lassen müssen. Bei diesem Unterrichte näherten
sich die Priesterinnen / welche ein Fräulein von Dalberg führte. Nach dem sie
ihr Bild des Winters aus dem dritten Brunnen gebadet hatten / hegten sie umb
selbtes nach ertztenen Hörnern einen zierlichen Tantz mit solcher
Geschwindigkeit: dass es schien / sie wollten es denen dem Winter geeigneten
Winden zuvortun; darzu sie denn wechselsweise folgende Reimen absangen:
Du not'ge Ruh der Zeit / des Jahres Altertum /
Beliebter Winter dir gebuhrt so vielmehr Ruhm /
Als dich der Himmel blickt fur andern Jahres-Zeiten
Mit mehr- und hellern Augen an.
Wir mussen Kråntze dir fur andern zubereiten /
Denn unsre kalte Keuschheit kann
Nicht sanfter als auf Eise liegen /
Und nur der Schnee ihr Bild die Jungfrauschaft vergnugen.
Jedoch bist du gleichwol nicht ohne Nutz und Frucht /
Weil die Natur in dir sich zu erholen sucht;
Der Himmel sich kuhlt ab / die Erde sich durchwässert.
Die matten Pflantzen ruhen aus;
Gesåm' und Zwiebelwerck durchs liegen sich verbessert.
Die Welt wurd' ohne dich in Graus
In Asch' und Durfftigkeit geraten /
Rhein / Elbe / Belt und Meer verfeigen / sieden / braten.
Schlåfft auch gleich die Natur / und ruht der Geist der Welt /
In diesem was die Erd' in ihren Schalen hält /
So ist sie tåtig doch im innersten Geåder.
Die unterirrd'sche Feuers-Glut
Kocht Schwefel / Saltz und Ertzt / und hejetzt die warmen Båder /
Flosst Brunnen ein des Meeres Fluht /
In Bauch der Berge Gold und Eisen /
Damit die Ehrsucht raas't / die Geitzigen sich speisen.
Die Königin Erato / welche anfangs dieser Priesterinnen in Knoten gebundene
gekrausete / und doch noch so weit über die Schulter abhängende Haare für
falsche gehalten hatte / nam nunmehr wahr: dass sie ihre eigene wären. Daher sie
sich nicht sattsam darüber verwundern konnte / und beteuerte: dass sie in keinem
Lande bei einzelen Menschen so schöne Haare gesehen / als die Deutschen
durchgehends hätten. Sie fragte daher: durch was für Kunst sie sie so wachsend
machten / und ihnen die weisse Farbe erhielten? Ismene antwortete ihr: das
deutsche Frauenzimmer hätte solche Haare von Natur / und hielt es für Schande
andern zu gefallen solche durch einige Kunst zu schmincke. Die Männer aber
färbten ihre Haare rot / und machten sie mit Seiffe und Lauge wie die
Pferde-Haare harte / nicht der Zierde halber / sondern dass sie in Schlachten dem
Blute ähnlich / und mit ihren in die Höhe stehenden Haar-Püschen den Feinden
desto schrecklicher fürkämen. Diese dörffen auch nicht eher ihnen einiges Haar
abnehmen lassen / bis sie einen Feind erlegt; und die Helden sind gewohnet ihr
Haar zu verloben / bis sie eine Schlacht gewonnen / da sie sodenn allererst der
Schere und dem Scher-Messer solches wieder unterwerffen. Sonst aber pflegt bei
den Deutschen weder das männliche noch weibliche Geschlechte sein Haar aus
Andacht abzuschneiden /wie die Griechen und Römer es ihren Göttern zu wiedmen
pflegen; sondern es muss vielmehr nach Einweihung der Priester und Priesterinnen
solches ganz unversehrt verbleiben solches aufs sorgfältigste unterhalten / und
an heiligen Feiern / sonderlich aber an gegenwärtigen zierlich aufgeputzt
werden. Erato fiel ein: Es kommet diese Gewohnheit mit den Asiatischen Völckern
/ den Griechen und Römern ganz überein / wo allentalben das Bild der Vesta und
ihre Priester gekrausete / von Salben und Balsame aber wolrüchende Haare trügen;
ja zu Rom wäre unter denen sieben Geheimnüssen / welche selbige Stadt
unüberwindlich machen sollten / die Haar-Nadel der Vesta das fürnehmste / die
vier Pferde aus Ton das andere; welchen folgte der Vejenter Asche / des Orestes
Zepter / das Trojanische Palladium und die Ancilischen Schilde. Die Priesterin
fieng hierüber an: Es hätte dieser Aufputz der Haare seine geheime Bedeutung /
und würde der Kam und das Kraus-Eisen so wenig von den Priesterinnen / als
andern keuschen Frauen zur eitelen Uppigkeit missgebraucht. Der Gottesdienst
hegte keine Unversöhnligkeit mit dem Gepränge; und da fast alle Völcker ihre
Tempel und Altäre bekräntzten / mit Gold und Edelgesteinen zieraten; ja der
grosse Schöpfer das Gewölbe und den Fussbodem seines grossen Tempels der Welt /
nämlich Himmel und Erde so schön mit Sternen und Blumen gestickt hätte / trüge
GOtt auch an denen Zieraten der Priester kein Missfallen / wenn nur das Hertze
einfältig und demütig wäre. Die Haare aber an den Priesterinnen bildeten eben
so wohl als an den Bildern der Vesta die schönen Bäume / Blume und Gewächse der
Erden ab / welche warhaftig auch nichts anders / als ihre wunderschönen
Haarlocken wären; westwegen man auch die schönen Haare der Hyacinten-Blumen zu
vergleichen pflegte.
    Nach vollbrachtem Tantze näherten sich von denen vier Enden der Welt alle
Priesterinnen denen Brunnen; unter denen etliche aus weissgeflochtenen Körben
vier weiss-gezogene Tücher nahmen / und sie auf so viel zwischen den Brunnen
gedeckte Taffeln deckten. In denselben waren in vier anmutigen Landschaften
die vier Jahres-Zeiten so künstlich und sichtbar gewürckt: dass es der Königin
Erato also fort nicht ohne Erregung einer Verwunderung in die Augen fiel. Sie
sah den Zeug anfangs für Seide / die Arbeit aber für was gar frembdes an / und
fragte: woher dieses seltzame Gewand gebracht würde? die Fürstin Zirolane
antwortete lächelnde: Ihr einfältiges Vaterland wäre der Ursprung dieser
Leinwand. Erato war entweder beschämet über ihrem Irrtume / oder nam Zirolanens
Antwort für Schertz auf; fragte daher: ob denn bei den Marsingern auch
Seiden-Würmer / wie in Griechenland gehegt / oder die in Indien von ihnen
gesponnene und hernach von den Bäumen abgekemete Seide / welche erst unter dem
Käyser Julius nach Rom kommen wäre / dahin gebracht und gewebet würde? Zirolane
antwortete: wir wissen so wenig als andere von Seiden-Würmern und Seiden-Webung;
wiewol das anfangs von den Seren in Indien / von Indien in Persien / hernach auf
das Eyland Co / worauf Pamphile das Gespinste der Seiden-Würmer zum ersten
aufgewunden / gezwirnet und gewürcket hat / folgends in Griechenland und Italien
gebrachte Seiden-Gespinste dem Rheine und der Donau so nahe gebracht worden ist:
dass / nach dem in Gallien und Pannonien solches schon gemein worden / unser
Himmel sonder Zweifel auch diese unvernünftige aber künstliche Spinner vertragen
würde. Erato brach ein: Ich will endlich wohl glauben: dass dieser Taffel-Zeug
nicht wie der Serische ganz / aber wohl / wie man in Griechenland und zu Rom nur
noch hat / halbseiden sei / und die Werfte zwar von köstlicher Indischer Baum-
oder der herrlichen Wolle aus Caramannien / welche die Schaafe im Früh-Jahre von
sich selbst fahren lassen / der Eintrag aber Seide sein werde. Zirolane
versicherte die Königin: dass kein Fadem Seide noch Wolle / sondern nichts als
Flachs bei diesem Gemächte wäre / welcher durchgehends in Deutschland /
fürnemlich aber in grosser Vollkommenheit aus dem bei den Aestiern und Sciren
geholeten Leine wüchse / in dem Sudetischen Gebürge wunderklein gesponnen / und
also gewebet würde. Die Marsinger versorgten darmit nicht allein ganz
Deutschland; dass sie weder der teuren Seide / von der jede Untze acht güldene
Müntzen kostete / und für weniger Zeit noch zu Rom nur edlen Weibern zu tragen
erlaubt gewest wäre / noch der rauchen Baum- oder andern teuren Wolle
bedörffte. Die Königin Erato ward hierüber so begierig: dass sie alle Scheue
geweihete Sachen anzurühren vergass / sondern sich der einen Taffel näherte / und
das Tuch darauf sorgfältig besah und betastete. Es ist wahr / fieng sie hierauf
an. Diese Leinwand ist zur edelsten Wolle zu glatt / und beschämet alles wöllene
Gewand / das gleich aufs beste gepresset ist / und ob zwar nicht so weich / aber
so gläntzend als Seiden-Zeug. Ich muss auch gestehen: dass / was ich vorhin
Leinenes und zwar von dem besten Tarraconischen Flachse gemacht gesehen / gege
diesem Hanffen nichts zu sein scheinet; ungeachtet mit dieser Hispanischen
Leinwand sich die Indischen Könige kleiden / und sie der Seide fürziehen. Wiewol
auch die Egyptier sich rühmen: dass ihr gegen Arabien an einem Stengel wachsende
Flachs / worvon alle Kleider ihrer Priester gewebt werden / der weisseste und
weicheste in der Welt sei /die Indier aber ihre Baumwolle die sie von einem
Baume samlen / der im Stamme der Pappel / in Blättern der Weide ähnlich ist /
ablesen / wie auch ihren von sich selbst wachsenden und von Oele trieffenden
/die Achaier aber ihren bei Elis gepflantzten und vormals gegen gleichwichtiges
Gold zu verwechseln gewohnten Flachs über alle andere heraus streichen / so kann
ich doch nicht leugnen: dass dieser deutsche Leinen-Zeug alle diese gelbe
Gewächse / ja den Schnee selbst übertreffe. Und weil die weisse Farbe zu Opfern
/ Königlichen Gastmahlen / Bedienungen und Schauspielen gewiedmet ist / zu allem
dem gebraucht zu werden verdiene; wiewol ich hiermit meinem Vaterlande und Meden
/ welche fast ganz Asien mit Schafen und Wolle versorgen / nichts vergeben will;
und auch nicht weiss: warumb die von dem unschuldigsten Tiere genommene Wolle zu
geistlichen Kleidern unheilig / auch in Tempel und Grabstädte zu bringen
unwürdiger als Flachs sein solle / dazumal Phryxus seinen Widder dem Jupiter zu
wiedmen /kein Volck Lämmer zu opfern / auch etliche Götter selbst Schäfer
abzugeben kein Bedencken gehabt hätten. Alleine / wie dem allem ist / bin ich
begierig das Gewächse dieses Flachses wegen seiner so wunderschönen Farbe zu
sehen. Zirolane fiel ein: Sie würde kein Merckmal einer solchen Weisse daran
finden. Denn der Stengel wäre ganz grün / die Blume Himmel-blau. So werden sie
den Flachs gewiss / sagte Erato / durch den Heraclischen Mah so weiss machen. In
keinerlei Weise / versetzte Zirolane; sondern /nach dem die euserste Schale
abgebrochen / das Werg davon abgehechelt / und das roh-gesponnene Garn gewebt
worden / hat die Sonne nebst unserm Bober-Neiss- und Loh-Wasser die Eigenschaft
die Leinwand so weiss / als der Schnee ist / zu bleichen. Erato brach ein / weil
die Leinwand allererst / nicht aber das Garn für der Webung gebleicht würde /
könnte sie kaum begreiffen / wie gleichwol dieser Zeug so dichte wäre /und käme
ihr destalben so viel weniger unglaublich für: dass Ajax und andere Helden schon
im Trojanischen Kriege / wie auch die Atenienser / bei denen doch alle Männer
sonst wöllene Kleider trugen / Leinwandtene mit Saltz und Essig so feste
zusammen gezwungene Brust-Harnische gehabt / und noch hätten /welche die
schärfsten Waffen und spitzigste Zähne wilder Tiere aufhielten. Jedoch wäre der
in dem heissesten Indien und auf den Carystischen Stein-Klippen wachsende und im
Feuer unversehrliche Flachs noch wunderwürdiger / daraus denen Indischen Königen
ihre Sterbe-Kittel umb die Holtz- von der Leibes- zu unterscheiden / und die
Tachte in die ein Jahr-lang brennende Lampe des Callimachus zu Aten gemacht
würden. Zirolane versetzte: Der Deutschen Garn wäre zwar kein das Feuer
verlachendes noch den Preis der Edelgesteine übersteigendes Wunderwerck; es
würde auch nicht wie das auf dem Eylande Amorgos wachsende Gespinnste mit
Schnecken-Blute gefärbt; es wäre aber fester / als das Egyptische und Indische /
und gleichwol das feinste und viel dünner als beide. Erato begegnete ihr: dis
letztere schiene ihr zweifelhaft; weil von dem Egyptischen Garne ins gemein
andertalb-hundert Fädeme durch einen Finger-Ring giengen; ja das in dem
Rhodischen Tempel Minervens aufgehobene Wamst des Königs Amasis wäre von so
dünem Garne gemacht / dass jeder Fadem von dreihundert fünf und sechzig Fädemen
zusammen gezwirnet wäre. Zirolane lächelte / und fieng an: dis gerühmte Garn
würde bei ihren Marsingern nicht wohl für Mittel-Garn gelten / als wo von dem
kleinsten ein vier-tausend acht-hundert Fädeme haltendes Stücke durch einen
Finger-Ring gezogen werden kann. Die Königin Erato verstummte / und wusste nichts
zu antworten / als dass die Fürstin Ismene Zirolanens warhafte Erzehlung zu
bestätigen / und sie von allem Argwohne der Ubergrösserung zu befreien veranlasst
ward. Erato entschuldigte ihr Stillschweigen: dass es aus Verwunderung / nicht
aber aus einigem Zweifel herrührte. Aber / sagte sie / was für zarte Finger
spinnen denn solche die Spinnenweben selbst übertreffende Fädeme? Denn ich
glaube nicht: dass die Erfinderin des Spinnens Arachne so dünne habe spinnen
können. Zirolane antwortete: Unser Garn wird nicht nur von kaum kriechenden
Kindern / welche die Lust und Kunst zu spinnen gleichsam mit aus Mutter-Leibe
bringen / und Weibern / welche sauber Leinwand für die schönste Kleidung halten
/ sondern auch von graubärtichten Männern und ihren rauesten Händen gesponnen.
Denn was sich nur im Sudetischen Gebürge reget / ist gleichsam eine Spinne oder
ein Flachs-Wurm / und daher auch das Spinnen dem Männlichen Geschlechte keine
Schande ist / und in Deutschland nicht nur wie zu Rom den Bräuten ein angelegter
Rocken mit der Spindel mitgegeben wird; sondern ihr gröstes Gut / und meistes
Tun bestehet bei den Marsingern im Gespinnste. Ja auch das Adeliche und
Fürstliche Frauenzimmer schämet sich nicht an dem Rocken zu lecken. Erato fiel
ein: Es hat sich niemand einer so nützlichen Arbeit zu schämen / und habe ich
mich zu Rom über nichts mehr verwundert / als dass an einem Orte / wo Glück und
Uberfluss alle gute Sitten verterbet hat / und schier alle Bemühung den Wollüsten
gewiedmet wird / das Spinnen gleichwol noch bei dem vornehmen Frauenzimmer so
gemein ist /und / weil sie Ehre hieraus suchen / solcher Arbeit in dem
sichtbarsten Orte des Hauses / nämlich im Vor-Saale obliegen; und die Pfosten
mit gespoñener Wolle behängen. Ja ich habe die Käyserin Livia selbst vielmal
spiñen sehen; und August hat nicht nur seine Tochter uñ Enckelinen zum Spinnen
fleissig angehalten / sondern auch selten ein ander Kleid getragen /als was
seine Gemahlin / Schwester oder Tochter gewebet. Zirolane versetzte: So dörffen
meine Lands-Leute sich so viel weniger ihres Spinnens und Webens schämen /
zumalen der unglaubliche Nutzen dem Lande diese Arbeitsamkeit reichlich
belohnet. Sintemal die Marsinger ihr gesponnenes Garn nicht nur in unsäglicher
Menge denen Batavern / Morinern und Atrebatern zum Weben zuschicken; sondern der
Cartaginenser Schiffe haben auch die Marsingische Leinwand / wie auch die
wollüstigen Phöacer zu Ulyssens Zeiten schon vermutlich aus Deutschland
geholet; weil die Leinwand in Griechenland jederzeit sehr seltzam gewest ist.
Itzt aber verführen solche die Cimbrern / Friesen und Britannier hauffenweise
übers Meer in Africa / Indien und in die Atlantischen Eylande; ohne welche die
Einwohner dieser heissen Länder meist nackt gehen müsten. Daher der Marsinger
Gebiete / ungeachtet es von der See weit entfernet ist /die gröste Handlung in
Deutschland hegt / und schwerlich Egypten oder einig ander Land in der Welt so
viel Gespinnste ausgibt. Erato fiel ein: Es ist nichts würdiger übers Meer
verführet zu werden / als Leinwand / als welche denen Schiffen ihre Flügel / ja
gleichsam die Seele gibt / und ein Ende der Welt mit einander verbindet.
Zirolane versetzte: Es verdienet die Leinwand / ungeachtet der Flachs nicht wie
die Baumwolle von sich selbst wächst / oder wie die Seide von Würmern gesponnen
wird / sondern gesäet werden / und mit unglaublicher Arbeit wohl zwölfmal durch
die Hände gehen muss / wohl diesen Preis; und können wir Deutschen leichter der
Serer Seide / welche die Leiber mehr zu zeigen als zu bedecken fähig /und zur
Kleidung anfangs nur von Weibern missbraucht worden / nun aber auch die Männer
damit zu verstellen verschwendet wird / und der Indier Baumwolle / als sie
unsers Gespinnstes entbehren. Daher unsere Vor-Eltern mit denen Pictonen diese
heilsame Gewohnheit aufs genaueste beobachteten: dass niemand / ja auch der Adel
und die Fürsten kein ausserhalb Deutschland gemachtes Gewand tragen dorffte.
Sonst aber vertreibt Gallien mehr grobes Segel-Tuch als Deutschland / weil
unsere Leinwand nicht weniger als Cleopatrens Purpur-Gewand zu Segeln allzu
köstlich ist. Erato konnte inzwischen sich an dem Taffel-Zeuge nicht satt sehen /
und hob endlich an: der Zeug hierzu ist gewiss köstlich / und weiss ich nicht: ob
nicht die Frauen aus dem Geschlechte der Serraner zu Rom / ihr Geliebde nichts
leinenes zu tragen / bei Anschauung dieses Gespinnstes gebrochen haben würde /
aber ich weiss nicht: ob ich nicht die Arbeit daran noch für viel köstlicher
halten soll? denn ob zwar das Würcken eine der ältesten Künste ist / also: dass
viel Völcker / insonderheit aber die Indier / Assyrier und Phrygier darinnen
umbs Altertum streiten /die Lydier auch die Erfindung ihrer Arachne / die
Pamphylier des Latous auf das Eyland Co gezogener Tochter zueignen; diese
Weberei auch hernach zu Babylon / Salamis / Sumum / und in Griechenland hoch
kommen / und teils einander mit der Dichtigkeit /teils mit der Zärtligkeit zu
überwinden trachten / und jene gleichsam Drat / diese einen durchsichtigen Wind
gewebet zu haben scheinen; so habe ich doch mein Lebtage nichts gewürcktes mit
so vollkommenen Bildern gesehen. Die nichts minder berühmte Weberin als Königin
Tanaquil hat zwar durch den ihrem Esseherrn Servius Tullius gewürckten Rock /weil
er gewässert gewest / ein Meisterstücke gemacht zu haben vermeint; also dass er
auch hernach im Heiligtum des Glückes aufgehoben worden. Aber was ist das
wenig künstliche von der blossen Einsprengung und der schweren Presse
herrührendes Wässern gegen diesem gezogenen? Die Babylonier weben zwar in weisse
seidene und Baum wollene Tücher gewisse Streiffen von Purper und Golde. Alleine
/ wie dis letztere wegen seiner rauen Härte die Gewebe mehr unbrauchbar als
zierlich macht; also ist beides wohl kostbar nicht künstlich; und das scheckichte
Webewerck der Griechen / da die Werffte weiss / der Eintrag grün oder rot ist /
nicht viel besser; das künstlichste / das ich zu Rom gesehen / ist gewesen /
teils ein würflicht-gewürckter / teils ein gleichsam mit Palmen-Blättern
bestreuter Zeug / welch letztere auch dem Capitolinischen Jupiter seiner
Seltzamkeit halber zum Mantel gewiedmet worden / und von Römischen
Bürgermeistern bei Antretung ihrer Würde getragen wird. Daselbst wiess man mir
zwar auch einen mit güldenen Sternen besäeten Purper-Rock / welchen beim ersten
Punischen Kriege die Sieger angezogen haben sollen. So viel aber sein Altertum
urteilen liess / waren die Blumen gestickt / nicht gewebt; diese Webung aber
soll zu Alexandria aufkomen sein. Aber was ist jene Einfalt / wie auch die
rauche Sammet-Arbeit gegen dieser / wo die Weberei der Malerei es gleiche tut
/ oder ihr mit diesem Schnee gar eine Röte abjagt. Denn ob ich wohl weiss: dass
die Helden für Troja schon Kleider / darauf allerhand Zieraten gemahlt gewest /
getragen haben / welche erfunden zu haben sich die Egyptier rühmen / diese Art
auch noch nicht für langer Zeit zu Rom in hohem Wert / und der Siegs-prangenden
Bürgermeister zu Rom Ehren-Röcke in Persien aber der Grossen Sommer-Kleider
gewesen; so ist doch dieser Grief auf Leinwand zu mahlen so gemein als das
Mahlwerck in nasse Kalck-Mauer / und endlich so gering-schätzig worden: dass zu
Syracusa und Rom nur Huren gemahlte Kleider tragen / da doch die grossen
Bürgermeister Marcus Flavius Flaccus / und Titus Papirius in den Heiligtümern
des Vertumnus und Consus damit abgemahlt stehen. Den Augen kann auch wohl nichts
schöners fürkommen / als die der Tyrier Erfindung nach aus Schnecken-Blute
zweimal gefärbten und die braunen Rosen abstechenden Seiden-Zeuge / für welchen
der Feilgen-blaue und Pappeln-rote Purper gleichsam Ascher-farbicht und bleich
aussieht. Und das aus zerquetschten Würmern gemachte Karmesin beschämet mit
seiner vollen Blut-Farbe gleichsam den vollkommensten Purper; aber allen solchen
gibt die Farbe /hier aber im Deutschen gezogenen die blosse Hand des Künstlers
ihren Glantz und Mahlwerck. Das vollkommenste und diesem deutschen Webewercke am
nechsten kommende ist die von den Phrygiern erfundene Seiden- und vom Attalus
erdachte Gold-Stückerei / da die Nadel mit Abbildung aller Dinge es dem Pinsel
sich mühet vorzutun; und daher mit Rechte den Ruhm des Nadel-Mahlwercks
verdienet. Die Babylonier und letztlich die Gallier haben es auch so hoch
gebracht: dass sie Webe- und Stückwerck mit einander vermählet / und diss / was in
kleinen teils gewebt / teils gestückt worden / mit der Nadel zusammen nehen /
und darmit die künstlichsten Tapeten zusamen setzen. Aber alles diss ist eine
leicht begreiffliche Arbeit der menschlichen Hände / in diesem gezogenen aber
steckt eine mir ganz unbegreiffliche Kunst; wie mit der Weber-Schütze der
Eintrag durch die Werffte so wunderseltzam durch einander geflochten werden
könne: dass es so eigentlich und sichtbar alle Bilder zeigt / ungeachtet ein
Fadem so weiss als der andere ist. Denn ob ich wohl weiss: dass die Egyptier die
alte Art zu würcken / da nämlich die stehenden Weber den Eintrag aufwerts in die
Werffte gebracht / und mit einem Eisen einzuschlagen pflegteñ /umb ein grosses
verbessert und die Griechen gelehrt haben sitzende unter sich den Einschlag
einzuschieben / mit dem Kamme einzuschlagen / mit den Füssen die Schemmel des
Weber-Stuhls zu treten / und darmit die Helffte der Fädeme in der Werffte
Wechsels-weise halb hinauf / halb herunter zu rücken / so scheinet doch alles
diss nur zu diesem gezogenen oder vielmehr gemahltem ein schlechter Anfang und
unvollkommenes Kinderwerck zu sein. Zirolane antwortete: Ich bin wohl keine
Weberin / aber eine Liebhaberin der Weber-Kunst. So wenig ich aber hiervon
verstehe / komt die Egyptische Art zu weben unser deutschen am nechsten; es
mangelt aber daran noch viel gutes. Denn über diss / dass unsere Weber gerade vor
sich weg würcken / und mit dem beweglichen Weber- das Gewebe dichte an einander
schlagen /müssen die Fädeme der Werffte von fast unzehlbaren Zotten gefasst / und
nach der Reie von denen auf der Seite des Weber-Stules stehenden Gehülffen
gezogen werden / wormit aus Unterscheidung solcher Fädeme das Gewebe die
verlangte Bildung überkomme. Diese Kunst aber wäre mehr sichtbar / wenn nach der
nicht ungemeinen Landes Art der Grund weiss / die Bildungen aber blau gewürcket
würden. Erato hörete diss alles mit grosser Vergnügung / und weil sie
derogleichen Webe-Werck zu sehen höchlich wünschte / fragte sie: Ob nicht auch
bei den Cheruskern derogleichen Weber-Stüle befindlich wären? Ismene nahm das
Wort / und antwortete: Sie wollte ihr zwar zu Deutschburg etliche zeigen / aber
sie kämen gar nicht an die Geschickligkeit der Marsingischen. Zirolane brach
ein: Ich kann dissfalls meinem Vaterlande sein Lob wohl nicht abstricken; iedoch
muss ich bekennen: dass die Bataver in Weben den Marsingern überlegen sind / und
aus unserm gesponnenen Garne so schöne Arbeit fertigen: dass wir selbst den Grund
kaum für unser Gemächte erkennen. Unter diesem Gespräche endigten sich
sämbtliche Täntze / und alle vier Hauffen näherten sich den drei Brunnen / allwo
die oberste Priesterin die andern alle daraus mit einem Sprengwedel bespritzte.
Hierauf hülleten sie alle ihre Häupter in ein weisses Gewand ein / schlugen mit
ihren Händen auf die Brüste / dreheten sich dreimal linckwerts auf einer Stelle
herumb / küsseten ihre rechte Hände /und warffen damit ihre Küsse gleichsam dem
Himmel zu. Endlich fielen sie auf die Erde mit ihren Antlitzern / und beteten
mit einer solchen Unbewegligkeit /gleich als wenn eitel todte Leichen alldar
lägen. Erato fieng an: Ich sehe wohl: dass die Deutschen im Beten sich eben wie
die Persier / Armenier und Römer bezeigen / auch auf gleiche Art Küsse werffen /
im Beten ihre Häupter einhüllen / und sich herumb drehen / nur dass diss bei
diesen Völckern rechtwerts geschihet / weil auch die Umbwendung des Himmels von
der lincken zur rechten Hand geschihet. Ismene / weil die Frau von Buren sich
nun auch unter die betenden vermengt hatte; meinte / es geschehe bei den
Galliern und Deutschen linckwerts aus einer andächtigen Demut / weil bei ihnen
die lincke für die Unter- in Asien aber für die Ober-Stelle gehalten; ja die
Seite des aufgehenden Morgens ins gemein die lincke genennet würde / auch wenn
man gegen Mittage der Sonne das Antlitz zukehrte / die lincke Seite der Welt
wahrhaftig wäre. Diese Wendung geschehe nun freilich zwar der vermeinten
Umbwendung des Himmels entgegen; aber vielleicht aus dem Absehen: dass der
Menschen Wendung zu Gott nichts irrdisches an sich haben sollte. Uber diss wären
auch bei allen Völckern die Eingänge in die Tempel / und die Bilder ihrer Götter
gegen Morgen gerichtet. Wäre aber die Meinung des Leucippus und Philolaus wahr:
dass der Himmel stünde / die Erde sich bewegte / so wäre die linckwerts
geschehende Bewegung auch der natürlichen gemässer. Die Verhüllung der Häupter
aber beim Gottes-Dienste ist in Deutschland so viel merckwürdiger / weil die
Deutschen nicht nur zu Hause und in Städten / wie die Einwohner wärmerer Länder
/ sondern auch auf den Reisen baarhäuptig Sonne und Kälte vertragen / und von
Kind- auf durch Entblössung und Baden im kalten Wasser darzu gewöhnet werden.
Sonst halte ich diese Verhüllung auch für eine Ehrerbietung gegen Gott; daher
auch die Serer / wenn sie mit ihrem Könige reden / eine helffenbeinerne Taffel
für den Mund halten / wormit nicht etwan ihr Atem sie anhauche. Bei den Römern
begraben die Söhne ihre Väter auch mit verhüllete Häuptern / und allen Göttern
opfern sie also / ausser de Saturn und der Ehre mit entblössten Häuptern
/vielleicht weil die Zeit alles eröffnet / die Ehre sich aber nicht verhüllen
lässet. Diese Art aber hat bei gegenwärtigem Heiligtum fürnehmlich dahin sein
Absehen: dass die Natur oder die Herta eine rechte Hülle Gottes ist; worunter
Gott zwar zu suchen / niemals aber vollkommen zu finden ist; und daher die
Egyptier gar nachdencklich ihrer Isis die Uberschrifft gemacht haben: dass kein
Mensch noch nie ihren Schleier aufgedeckt hätte. Sonst aber verhüllten sich die
Betenden gar billich bei aller Andacht / wormit sie vom Anblicke irrdischer
Dinge nicht gestöret würden; und weil Gott sich denen / die ihn verehreten
/näherte / welchen unsere Augen weniger als die Sonne anzuschauen vermöchten.
Erato war überaus vergnügt mit dieser Auslegung / und beteuerte: dass sie in
Deutschland viel Geheimnisse ihres Armenischen Gottes-Dienstes hätte verstehen
lernen. Sie erinnerte sich hierbei auch: dass die das Feuer anbetenden Persen bei
ihrer Andacht den Mund mit einem Tuche fest verbinden / und diss zwar zu dem
Ende: dass ihr heiliges Gebete sich nicht mit der gemeinen Lufft verunreinigte.
Alleine weil die Lufft an ihr selbst unbefleckt wäre / und ohne ihre Gegenwart
nicht einst die Zunge gerührt werden könnte / hielte sie es mit der Deutschen
vernünftigern Auslegung; sie möchte auch gerne gründlich vernehmen / wohin die
Werffung der Küsse eigentlich zielte / welche in Syrien und Asien eben so nicht
nur den Bildern der Götter / sondern auch den Königen / derer Hände und Füsse
nur die Grossen küssten / zugeworffen würden; wie denn auch zu Rom sich selten
iemand unterstünde an den Bildern der Götter einige Hand oder Fuss / sondern nur
das Altar /die Pfosten der Tempel oder den Saum an denen heiligen Kleidern
anzurühren; meist aber iedermann seine geküsste Hand gegen dem Bilde empor hebt /
oder an das Kien hält / und den Zeiger an den Daumen anlegt. Die Frauen aber
pflegen gar mit ihren Haaren die Opfer-Tische und die Füss-Bödeme der
Heiligtümer zu fegen. Ismene antwortete: Sie wäre zwar keine Priesterin / und
hätte in so hohen Dingen wenigen Verstand / sie hielte aber darfür: dass / weil
Gott der menschlichen Seele ein geheimes Feuer durch Erkenntnis der Wahrheit und
Liebe des Guten zu Gott empor zu klimmen eingepflantzt hat / die Schwerde aber
unsers Leibes und die Eitelkeit der irrdischen Regungen sie an der Erden
angepflöcket / die Andächtigen mit diesen flügenden Küssen ihre Begierde sich
Gott zu nähern ausdrücken wollen. Erato sah Ismenen hierüber starr an / und
nach einem kurtzen Stillschweigen beteuerte sie: es könnte kein Priester darüber
eine tieffsinnigere Auslegung machen; und bestätigte sie hierinnen die von ihrem
Platonischen Lehrmeister beigebrachte Meinung: dass Gott so viel Seelen als
Sterne geschaffen und mit einander von Anfang vermählet hätte. Nachdem sie aber
durch das Haus des Monden den Krebs / nämlich die irrdische Pforte herunter
gefahren / hätten sie doch güldene Flügel oder den Trieb sich wieder mit ihren
Sternen zu vereinbaren behalten / dahin sie auch nach abgelegten sterblichen
Leibern durch das Haus am höchsten stehenden Irr-Sternes des Saturnus / nämlich
den Steinbock als die himlische Pforte der Götter empor flügen; wiewohl sie auch
noch im Leben durch eine vierfache Entzückung und Andacht sich mit Gotte
gleichsam vereinbaren könten. Bei Beschlüssung dieser Worte sahen sie sieben
aufs herrlichste geputzte Frauenzimmer an der Bach herauf kommen; welche
ungefehr dreissig Schritte von denen Fürstinnen entfernet stehen blieben. Die
Fürstin Catta war am ersten gewahr: dass die erste unter ihnen die verlohrne
Ascanische Fürstin Leitolde wäre; vielleicht weil sie / als welche an statt
Leitoldens den Hertzog Jubil heiraten sollte / am meisten auf diese / an ihre
Neben-Buhlerin ein Auge zu werffen Ursache hatte. Catta empfand mit ihrer ersten
Erblickung eine so heftige Regung: dass sie als ein weisses Tuch erblasste.
Inzwischen fragte die Königin Erato: was diese sieben für Frauenzimmer wären /
und zu welchem Ende sie dahin erschienen? Wie nun Ismene meldete: Sie würden
vermutlich sich zu neuen Priesterinnen einweihen lassen; weil solches nur
diesen einigen Tag des Jahres geschehen könnte; veränderte die Fürstin Catta
abermals ihr Antlitz: dass selbtes gleichsam aus einer weissen Narcisse in eine
feuer-rote Rose verwandelt ward. Die mit ihr verträulichste Adelgunde die
Chaucische Fürstin fragte alsofort nach der Ursache dieser abwechselnden Farbe /
welcher Catta kein Wort antwortete / sondern nur mit dem Finger auf Leitolden
zeigte. Diese Anweisung machte sie alsobald Adelmunden / Adelmunde aber der
ganzen Versamlung kentbar; welche denn diese verlohrne Halb-Göttin wieder zu
schauen sich derogestalt erfreute: dass sie Augenblicks auf sie gerade zulieffen.
Die schwermütige Catta folgte allein mit etwas längsamern Schritten / weil sie
nicht unbillich von Leitolden / als der sie in der Liebe durch versprochene
Heiratung des Fürsten Jubils so grossen Eintrag getan hatte / ein scheles Auge
besorgte. Ungeachtet die Fürstinnen nun gleich kaum drei Schritte von Leitolden
entfernet waren / blieb sie doch mit ihren sechs Gefärtiñen als eine steinerne
Säule unbewegt stehen; und als sie gleich Erato umbarmen wollte / gab sie mit der
Hand ein Zeichen der Entfernung / wiech auch selbst etliche Tritte zurücke.
Zirolane hob hierüber an: Ob sie denn denselben / welche über ihrer
Wiederfindung so hertzliche Freude empfindeten / das Glücke einer verträulichen
Bewillkommung missgönnete? Leitolde aber schlug die Augen zu Bodem / und als
Ismene ihr ferner zuredete: Sie möchte doch die / welche an ihrem Wohlstande und
Bekümmernüsse Teil hätten / mit ihrer Unempfindligkeit nicht tödten / schossen
ihr die Tränen häuffig aus den Augen. Endlich als bald diese / bald eine andere
ihre Zuneigung aufs beweglichste ausdrückte / fieng Leitolde an: Wenn ihr mich
liebtet / würdet ihr mich nicht zwingen mein heiliges Stillschweigen zu brechen;
welches ich schon so lange in einer der nechsten Höle bewahret habe. Aber meine
Tränen haben mich schon überwiesen /und euch verraten: dass ich mehr
Schwachheiten an mir habe / als dieser Ort / und der heutige Tag von mir
erfordert / welcher der letzte meiner Eitelkeiten /und der erste meiner
Vergnügung sein soll. Zirolane fragte hierauf: Ob sie denn entschlossen wäre
sich der Herta Gottes-Dienste zu verloben. Leitolde antwortete: Ihre Seele
hätte sich der Keuschheit und diesem Gottes-Dienste schon zu Deutschburg
gewiedmet; hier wollte sie nur dessen offentliche Erklärung tun. Ismene fiel
ein: Sie gestünde: dass Leitoldens Liebes-Versuchungen wohl die bitterste
Empfindligkeit zu erregen mächtig wären; aber ihre eigenen wären nicht süsser;
iedoch wüsten Zeit und Gedult oft der Wermut selbst ihren herben Geschmack zu
benehmen /also man zu solchen beschwerlichen Entschlüssungen nicht zu eilen
hätte. Leitolde begegnete ihr: Derselben könnte nichts mehr beschwerlich sein /
welche sich schon überwunden hätte dasselbe aus ihrem Hertzen zu reissen / was
sie mehr als sich selbst geliebt /und ohne welches sie zu leben nicht getraut
hätte. Sonderlich aber würde ihr zu Linderung ihres Schmertzens dienen / wenn
sie schon noch einigen Zug irrdischer Liebe fühlen könnte: dass ihr geliebter
Jubil einer so vollkommenen Fürstin / als Catta wäre /zu Teile werden sollte;
welcher sie zu desto mehrer Vergnügung wünschte: dass weder sie Leitolde iemals
mehr an Jubil / noch Jubil an Leitolden dencken möchte. Catta ward hierüber so
verwirret: dass sie nicht wusste: ob sie Leitolden für ihre Enteuserung
dancksagen / oder ihren getanen Eintrag entschuldigen sollte. Endlich erholete
sie sich und fieng an: Dafern ihre mit dem Fürsten Jubil getane Verbindung zu
Leitoldens Beleidigung gereichte; hätte sie daran nicht mehr Schuld / als die
unvernünftige Sonnenwende / wenn selbte diesem Gestirne nachsähe. Sintemal ihr
bei der Vorsorge ihrer Eltern nichts als der Gehorsam anständig gewest wäre.
Diesemnach wäre ihr leid: dass durch diss ihr aufgehende Licht Leitolden einiger
Schatten der Unvergnügung befallen sollte. Leitolde versetzte: Ich habe mich
gegen Catten mehr Ursache zu bedancken / als zu beklagen; weil Catta eine
Ursache ist: dass in mir die irrdische Liebe erloschen / die himlische aber
glimmend worden ist. Denn ob zwar unsere Seele den Zunder dieses heilsamen
Feuers mit in den Leib bringt; ja die irrdische / iedoch keusche Liebe / wie
andere Güter der Welt / uns reitzen sollte zu der himlischen / weil alle diese
Dinge etwas oder zum minsten einen Schatten von dem höchsten Gute an sich
hätten; so geben doch diese leider! mehr Fessel als Flügel ab; und gebrauchen
wir uns der zarten Zuneigungen unserer Seele / wie die trägen und unvernünftigen
Reise-Leute der zu Anzeigung des Weges an die Strassen gesetzter Bäume; nämlich
sie lieben mehr den Weg als die Ruh / sie schlafen unter ihrem Schatten ein /
verspielen den Tag und die Gelegenheit ihr Ziel / nämlich Gott zu erreichen.
Hernach verirren wir uns in den Finsternüssen der Wollüste / fielen uns in dem
Schlamme der Laster / biss uns die Mitternacht des Todes überfällt / und wir
unsere Seele in äuserstes Verterben stürtzen. Ismene antwortete: Da reine Liebe
eine Tugend / die erstgebohrne Tochter der Natur / ja die Erhalterin der Welt
ist; wie mag sie denn so gefährlich oder verterblich sein? Leitolde begegnete
ihr: Die Liebe ist freilich an ihr selbst gut / und nützlich /aber wie das
überständige Obst faul wird / also vertirbt sie / wenn man ihr mehr einräumet /
als ihr gebühret. Diss aber geschicht / wenn man das höchste und ewige Gut nicht
von dem vergänglichen unterscheidet / und diesem das Hertze wiedmet / welches
doch alleine jenem zuständig ist; da doch diese nicht mehr als die Helffte der
äuserlichen Sinnen und Glieder einnehmen dörffen / wenn der Mensch ein heiliger
Tempel Gottes sein soll; welcher das höchste Gut /und so wohl sein eigener
Umbkreiss als sein Mittel-Punct ist. Wir haben aber leider zu bejammern: dass in
dem Menschen nicht so wohl die Vernunft / als in unbeseelten Dingen ihre
Eigenschaft kann. Denn alle Wasser in der Welt / von was für unterschiedener
Farbe / Gewichte / Geschmack und Kräfften sie gleich sein / haben ihren Hang zu
dem obersten Wasser /nehmlich zum Meere / welches einerlei Farbe und Geschmack
hat / von so viel Flüssen nie grösser / von Versorgung so unzehlbarer Brunnen
nie kleiner wird /und niemals unbeweglich steht. Alle heilsame Brunnen entbehren
gern den Ruhm ihrer Tugenden / halten die marmelnen Röhre / die Schalen aus
Jaspis und die ertztenen Wasser-Künste / darein sie zu tausend Vergnügungen der
Augen und des Mundes geleitet werden / für ihre hoffärtige Gefängnisse und
prächtige Grab-Mahle. Alle irrdische Dinge haben einen Zug zur Erde / und ie
näher sie ihr kommen / einen so viel heftigern; also: dass sie lieber in einem
Abgrunde verächtlich liegen und mit Füssen getreten / als in der ihnen verhassten
Höhle ansehliche Zierraten / Corintische Säulen und prächtige Siegs-Bogen sein
wollen. Alle feurige und geistige Dinge schwingen sich gegen dem Himmel als dem
Ursprunge der Wärmbde und des Lichts / ja nichts nicht ist in dem fast
unbegreifflichen Umbschweiffe der Natur / was nicht zu seinem Anfange / woher es
entsprossen ist / zu gelangen sich eifrigst bearbeite. Denn in diesem ist eines
ieden Dinges Vollkommenheit / der Mensch alleine klebet an den Mittel-Dingen /
welche nur Bilder /Spiegel oder Rätzel des höchsten' Gutes sind / denen diss doch
gleichsam eine Stimme und einen Reitz eingepflantzt / uns zu Gotte zu ruffen und
zu locken. Die Sternen / das Meer / die Erde / und alle Wunder-würdige Geschöpfe
sind nur Buchstaben / durch welcher nachdenckliche Zusammensetzung wir das
grosse Wort / nehmlich Gott selbst lesen können. Dieser ist das grosse Meer
aller Wesen / der Abgrund alles Guten / der allein die Grösse unsers
unersättlichen Hertzens erfüllen / alle Kräfften unser Liebe erschöpfen soll und
kann; welche / wenn sie ausser ihm auch sich mit dem vollkommensten in der Welt
zu vermähle vermeint / nur gläntzenden Staub / verleschende Lufft-Sternen /
betrügliche Schatten umbarmet / sich mit dem bitteren Wasser labet / und an
statt der allersüssesten Quellen aus schlammichten Pfützen trinckt. Die Königin
Erato fiel ein: Allerliebste Leitolde /niemand ist unter uns / der nicht ihrer
heiligen Meinung beipflichte: dass das höchste Gut über alles andere zu lieben /
die Geilheit aber nicht des Nahmens der Liebe würdig / sondern vielmehr ein
bitterer Hass seiner selbst / und eine Besudelung anderer sei. Alleine wir halten
die reine Liebe zweier keuschen Seelen für einen Strahl der göttlichen Liebe /
und das höchste Gut für ihren Ursprung. Denn da Gott dem Himmel die Zuneigung
gegen die Erde / der Sonne gegen den Monden und andere von ihm erleuchtete
Sterne; den Trieb eines Tieres / ja eines Gewächses zu dem andern
eingepflantzet hat / wer wollte gläuben / dass die keuschen Flammen unserer Seelen
von was bösem herrühren / oder einer tugendhaften Frauen unanständig sein? Hätte
Socrates auch seinen Phödrus von keiner andern als dieser Liebe unterrichtet /
würde er so wenig sein Antlitz mit dem Mantel zu verhüllen /als wir uns zu
verschleiern Ursach gehabt haben. Knüpfet aber Gott zwei Hertzen zusamen / wer
will sich unterstehen sie durch ein ander Absehen zu trennen? Es ist mir /
antwortete Leitolde / nie in Sinn kommen keusche Liebe zu lästern. Sie rühret
freilich von Gott her / der die Liebe selbst ist; ja sie ist ein Vorbild der
Göttlichen; und daher hat jene auch keine Unverträgligkeit mit dieser. Alleine
wie alle Tugenden in den Menschen Unvollkommenheiten sind; also ist es auch mit
der reinesten Liebe beschaffen. Sie hat ihre Schwachheiten / wie alles irrdische
Feuer seinen Rauch. Ungeduld und Eiversucht hencken sich an unsere Gemüter
fester / als die Kletten an unsere Kleider an; also dass wir öffter von unser
Liebe schamrot als vergnügt gemacht werden. Denn die Heuchelei verkleidet sich
in den Purper-Rock der vollkommensten Liebe uns zu betrügen. Das Glücke hat sein
Spiel mit nichts mehr / als mit der redlichsten Liebe uns zu ängstigen; ja alle
Laster der Welt schütten über sie ihre neidische Pfeile / und ihr vergällendes
Gift aus uns zu verterben. Diesen Klippen aber bin ich / Gott Lob / nunmehr
entronnen. Ich bin meiner aus meinen eigenen Gedancken entsponnener Liebe durch
einen höhern Trieb erledigt. Sintemal diss / was die Liebe zerreissen soll /
stärcker sein muss / als was sie gestifftet. Meine neue Liebe hat die erste wie
ein Adler so fern überstiegen / als der Himmel über der Erde ist. Ich habe Gott
/ als die allein liebens-würdige Perle gefunden / dessen Wert zwar die
wollüstigen Mistäne dieser Welt nicht kennen / gegen welcher die sie kennenden
aber alle andere Vergnügung der Welt für Bohnen und kalt Wasser achten. Ich
werde umb Gott allein zu lieben / mein Lebtage keinen Mann mehr lieben. Gehabt
euch diesemnach wohl; und wo ihr glücklich zu lieben vermeint / so verlobet
euren Leib keinem Manne / der euch nicht erlaubet eure Seele ewig und einig Gott
zu vermählen. Denn der beleidiget Gott fast weniger / der ihm gar nicht dienet /
als welcher ihm einen Neben-Buhler an die Seite setzt. Mit diesen Worten
kehreten Leitolde und ihre Gespielen / welche alle von hohem Geschlechte waren
/denen Fürstinnen den Rücken / und näherten sich denen gleich vom Beten
aufgestandenen Priesterinnen. Weil alle sieben Jungfrauen waren / wurden sie
auch von den Jungfräulichen Priesterinnen mit Küssen bewillkomt / hernach
entkleidet / und dreimal in das flüssende Wasser eingetaucht. Erato fieng an:
Ich sehe wohl: dass das Waschen und Baden eben so wohl in Deutschland als bei
andern Völckern zur Einweihung gehöre. Sintemal weder die Egyptier noch die
Griechen iemanden der Isis oder Ceres einweihen /den sie nicht vor im Nilus oder
Ilissus-Wasser wohl gesaubert haben. Ja auch nach der Einweihung baden sich die
Egyptischen Priester täglich drei mal / wenn sie aufstehen / für dem Früh-Mahl /
und ehe sie zu Bette gehen. Die Jüdischen Priester waschen gleichfalls alle mal
/ wenn sie in Tempel gehen / aus einem grossen ertztenen Meere Hände und Füsse;
ja kein Jude isset iemals ungewaschen; und die Egyptier meinen durch Besprengung
ihres Weih-Wassers ganze Häuser und Städte von ihren Meineiden und Verbrechen
zu reinigen. Die Frau von Buren / welche sich wieder dem Fürstlichen
Frauenzimmer zugesellt hatte / sagte: Sie wüste zwar über ander Völcker
Gottes-Dienst nicht Auslegungen zu machen; sie aber schrieben bei ihrem Waschen
dem Wasser eben so wenig /als dem Blute der Opfer die Krafft zu: dass durch
Benetzung der Leiber die Flecken der Seelen abgewaschen würden. Sondern sie
zielten vielmehr darmit auf eine Anweisung: dass sie diesem Gottes-Dienste sich
verlobten / ihre Seelen mit Abtuung aller Laster reinigen sollten / und auf ein
ander grosses Geheimnis /welches zu entdecken ihr nicht erlaubt wäre.
Unterdessen wurden die gebadeten sieben Jungfrauen abgetrocknet / und befraget:
Welcher Zeit Heiligtum sie sich verloben wollten. Weil sie aber alle ewige
Keuschheit erkiesen / und also den Winter-Orden betreten wollten / ward ihnen
angedeutet; Es lieffe diss wider die Gewohnheit und die Gesetze des
Gottes-Dienstes / und müsten ihrer zum wenigsten drei sich dem Frülinge eignen /
da nach fünff Jahren iede nach Belieben heiraten mag. Weil aber alle sieben
hartnäckicht auf ihrem kalten Vorsatze beruheten / wurden ihnen in einem
irrdenen Topfe sieben mit Wolle überwundene Höltzlein fürgehalten / durch die
sie loossen mussten / wohin eine oder die andere eingeweiht werden würde. In dem
/ als diese die Wolle abwunden / sagte Erato: Ich sehe wohl / diese Los-Höltzer
sind denen ganz ähnlich / welche bei Rom zu Präneste in dem Tempel des Glückes
gezeiget werden / und aus einem Kiesel-Steine / den Numerius Suffucius zerseeget
/ gesprungen sein sollen; daselbst auch als ein grosses Heiligtum in einer
Küste von Oel-Baum-Holtze verwahret werden / aus dessen Stamme bei ihrer
Hervorkunft soll Honig geronnen sein. Inzwischen ereignete sich: dass die
Fürstin Leitolde / wie auch die Wachtendongin und Willichin dem Frülinge; die
Fräulein von Steinfurt / Ponborck / Borholt und Lembeck aber dem Winter
eingeweiht werden sollten. Welch ersteres die Fürstlichen Zuschauer so sehr
erfreute / als alle drei darüber betrübt zu werden schienen. Hierauf wurden sie
alle sieben nach eines ieden Ordens-Art angekleidet, wiewohl sie nicht ehe zu
denen würcklichen Priester-Diensten gelassen werden / als biss eine von den
hundert Priesterinnen abgehet. Erato fragte bei währender Ankleidung: Ob sie
diese Kleider so lange / als die der Ceres Verlobten trügen / nämlich / biss sie
ganz zerschliessen und zum längern Gebrauch untüchtig wären? Die Priesterin
antwortete: In keinerlei Weise / sondern wir wechseln alle Virtel Jahr unsere
Kleider ab. Denn wie wäre verantwortlich dem so reichen Geber alles Guten in
zerlöcherten Bettlers-Kleidern dienen? In kargen Hertzen / welche den
Gottes-Dienst so wohlfeil haben / und darzu wenig oder nichts verwenden wollen /
kann wenig Andacht sein. Dahero denen /welche nicht knechtisch gesinnet sind /
nichts zu kostbar sein kann für den Schöpfer der Welt / und den König aller
Könige. Nach der Ankleidung rühreten die neuen Priesterinnen mit dem
Spiess-Finger eine gute Weile beide Augen an. Erato fragte alsofort: Ob nicht diss
/ wie bei andern Völckern ihren Eyd-Schwur bedeutete? Ja / sagte die Frau von
Buren /und sie geben damit zu verstehen: dass sie ihr Priestertum für ihren
Aug-Apfel halten / und lieber dieses als jenes versehren wollen. So bald diese
Einweihung vollbracht war / blieben die vier obersten Priesterinnen alleine bei
denen vier Taffeln stehen / da denn die des Frülings sich gegen Morgen / des
Sommers gegen Mittag / des Herbstes gegen Abend / des Winters gegen Nord
wendete. Die sieben neu-eingeweiheten aber wurden befehlicht Rasen auszustechen
/ woraus etliche der Priesterinnen vier Altäre bauten / die andern aber alle
Notdurfft zum Opfer herbei schafften / und den Vorrat auf die Taffeln legten.
So bald die Altäre zweier Ellen hoch gefertigt waren / ward aus iedem Brunnen
ein Kessel voll Wasser geschöpft; wormit iede oberste Priesterin ihr Altar an
statt des Weines / weil doch jenes dessen Mutter ist / besprengete. Beim
Frülinge aber ward darzu noch Milch /beim Sommer Oel / beim Herbste Wein /
darunter gemischt. Hernach wurden alle Altäre / an statt des Weirauchs mit denen
bei allen Jahres-Zeiten reiffen Wacholder-Beeren berauchert / auch mit Gersten
/welche die Menschen nach den Eicheln am ersten gespeiset haben sollen / und
Saltze / als dem Kennzeichen der Fruchtbarkeit und Freundschaft überstreuet.
Die höchste Priesterin Tussnelde aber brauchte zum ersten auch Agt-Stein und
Weirauch / den man bei den Deutschen häuffig in Ameissen-Nestern findet /und zum
letzten Weitzen. Nach diesem ward auf des Frülings Altare Grass und Blumwerck /
auf des Sommers unausgedroschen Getreide und Brodt / auf des Herbstes Obst und
Trauben / auf des Winters Eicheln / Tannen-Zapfen / wie auch Kiefern-Fichten-
und Lerchen-Bäumen grünes Laub verbrennet. Erato hob hierbei an: Diese
geschickte Einteilung der Opfer vergnügte sie mehr / als dass die Egyptier alle
Tage der Sonnen früh Hartz / zu Mittage Myrrhen / des Abends einen Talg aus
Weine / Honig / Trauben /Galgen-Hartz / Myrrhen / Steinbreche / Rhodis-Holtz /
Bintzen / Wacholdern / Zimmet und ander Gewürtze opfern; die Juden aber bei
ihrem Gottes-Dienste durch Myrrhen des Wassers / durch den Onyx-Stein der Erde /
durch Gummi der Lufft / durch Weirauch des Feuers Wohltaten fürbilden. Hierauf
fragte sie: ob diese Altäre / wie des fürtrefflichen Jupiters zu Aten mit
keinem Blute bespritzt werden dörffte? Denn sie wüste wohl: dass die Opferung
solcher Gewächse die allerältste wäre / die Griechen auch glaubten: dass erst
Hyperbius den ersten Widder / Prometeus den ersten Ochsen geopfert hätte;
nachdem aber die Erde eine Mutter und Erhalterin aller Tiere wäre / die
Blut-Opferung auch der ganzen Welt / und wie sie beim Tansanischen Tempel
gesehen hätte / auch den Deutschen gemein wäre / meinte sie der Schuldigkeit zu
sein bei diesem Feier solches nicht gar zu sparen. Die Priesterin lächelte / und
antwortete: In Opfern karg sein ist nur eine Grausamkeit gegen sich selbst /
weil sie Artzneien unser krancken Seelen /und Brunnen Göttlichen Segens sind.
Dahero der /wer dem Besitzer aller Reichtümer etwas gibt / nicht gegen Gott /
sondern gegen sich selbst Freigebigkeit übt. Es möchte die Königin aber nur
kleine Geduld haben; so würde sie schauen: dass die Deutschen nicht allein das
Fette vom Lande für sich behielten; die Erstlinge der Jahres-Früchte wären mehr
Abzahlungen voriger Gelübde und Vor-Boten der Danckbarkeit als völlige Opfer.
Sie hatte auch kaum ausgeredet / als etliche der Priesterinnen in gewisse Hörner
bliessen; worauff denn aus den nechsten Wäldern eine grosse Menge Ochsen / Kühe
/ Schafe / Ziegen / und auch unterschiedene Bären herfür gesprungen kamen. Erato
wunderte sich hierüber und meldete: Diese Hörner hätten einen kräfftigern Zug /
als vielleicht des Orpheus Leier gehabt haben möchte; fragte auch hierbei: woher
gleichsam in einem Augen-Blicke diese viererlei Art Tiere / und zwar darunter
die so verträglichen Bären herkämen? die Priesterin antwortete: Es würden diese
Tiere in der ringsumb gelegenen heiligen Gegend unterhalten / und dörffte
selbte niemand melcken / noch bescheren / noch zur Arbeit brauchen / noch auf
andere Arten beschweren; welche / weil sie ihr reichliches Auskommen hätten /
und ganz kirre würden / diesen Hörnern so viel begieriger zulieffen; weil man
sie auch darmit des Winters zu ihrer Fütterung beruffte. Erato versetzte: Ich
erinnere mich: dass auf eben diesen Schlag die Araber ganze Heerden heiliger
Camele / Ziegen und Schaffe unterhalten. Die Phäacer nähreten auch der Sonne /
und die Persen am Euphrates der Diana gewiedmete Ochsen; und ich selbst habe in
Italien noch die wilde Zucht von den Stutten gesehen / welche Käyser Julius bei
Durchsetzung des Flusses Rubico dem Geiste selbigen Stromes gelobte. Alleine /
weil ich in Deutschland so viel Kleider von Wolfs-Häuten gesehen / also diese in
grosser Menge sich allhier befinden müssen /vermutlich aber in diese heilige
Heinen weder Schütze noch Jäger kommen darf / wie sind so viel Schafe und Widder
für diesen ihren Todfeinden sicher? Sintemal die Wölffe nicht nur mit den
Schafen ihren Hunger stillen / sondern aus einem eingewurtzelten Hasse ganze
Heerden erwürgen; und destwegen die Schafe für keinem Elephant oder Löwen sich
so sehr als für einem Wolffe erschüttern. Es ist wahr /sagte die Priesterin /
und die Deutschen Wölffe sind den Schafen so gram / wo nicht grämer als in
Asien. Wir haben auch befunden: dass bei Vereinbarung der Wolfs-Häute und
Schaf-Felle diese die Haare fahren lassen / die aus diesen gemachte Drommeln
gegen jenen zerbersten: dass die aus der Schafe Därmern gemachten Säiten / neben
den Wolfs-Säiten zerspringen; dass die Felle der von Wölffen erbissenen Schafe
Läuse hecken / welche denen sich damit bekleidenden Feber und Hertzklopffen
verursachen. Aber diese heilige Gegend ist von der Göttlichen Versehung so
beschirmet: dass entweder kein Wolf sie beschreitet /oder doch diesen Tieren
kein Leid tut / und sich /als wenn er keinen Hunger hätte / gleichsam in ein
Lamm verwandelt. Welches der Königin Erato so viel glaubhafter war / weil auch
die Bären unter den andern Tieren anmutig spieleten; von dene man sonst
glaubt: dass sie durch keine Kunst kirre gemacht werden könten. Sie erwähnte aber
hierbei: dass in der Stadt Copto Isischem Tempel die grösten Scorpionen
gleichfals unschädlich wären / und die Egyptischen Weiber über selbten baarfüssig
ohne einigen Stich am Bodeme hergiengen / und zu Hierapolis in dem Vorhofe des
Tempels irreten Pferde / Adler / Bären und Löwen zahm und unschädlich durch
einander. Diese Opfer-Tiere eileten auch eigen beweglich in das flüssende
Wasser und badeten sich darinnen / gleich als sie durch diese Reinigung sich
selbst zu ihrer Opferung bereiten wollten. Ob ihrer viel nun zwar schon bleierne
Siegel / als Kennzeichen vorhergegangener Prüfung am Halse hängen hatten: dass
sie in allem vollkommen wären / von Rauden / Geschwüren / geschlitzten Zungen /
versehrten Ohren / Blindheit / gespitzten Schwäntzen und andern Gebrechen
allerdinges befreit wären; so verfügten sich doch acht Priesterinnen unter
diese wohl abgewaschene Tiere / welche jedes Stücke noch von der Fuss-Sole an bis
zur Scheitel genauest betrachteten. Welches alles / nach der Priesterin
Auslegung / dahin zielete: dass GOtt von allem das beste gehörete / und der
verflucht wäre / der diesem allgemeinen Vater die Hülsen liefern /ihm aber die
Spreu vorbehalten wollte. Nach dem nun nirgends einiger Mangel zu finden war /
fassten die Priesterinnen des Frühlings sich mit einem Widder /des Sommers mit
einem Ochsen / der niemals gezogen hatte / des Herbstes mit einem Bocke / des
Winters mit einem Bäre. Erato fieng hierüber an: Ich finde hier eine grosse
Gleichheit mit dem Griechischen Gottesdienste bei denen eben diese ersten drei
Tiere / und zwar an dem Jahres-Tage / da sie aller Götter Feier begehen / das
vollkommenste Opfer machen. Ich möchte aber wohl die Ursachen der Wahl und
Unterscheidung bei diesem Gottesdienste vernehmen? denn ob wohl dis die
gemeinsten Opfer-Tiere aller Völcker sind / also gar: dass ob schon zu Memphis
Ochsen / zu Tebe Widder / zu Mendes Böcke für Götter verehret würden / sie doch
an gewissen Orten Egyptens geschlachtet wurden; so hab ich doch allhier in
solchen Geheimnüssen viel nachdenckliche Erklärungen bekommen. Gehöret der
Widder vielleicht dem Frühlinge zu / weil dieser beginnt / wenn die Sonne ins
Zeichen des gestirnten Widders tritt; welches die Egyptier anbeten / und
destwegen ins gemein keine Schafe zu schlachten verstatten / wie auch die
Schäfer als unreine Menschen hassen. Zirolane fiel ein: Ich verstehe mich zwar
auf kein Geheimnüs; wenn aber meine Mutmassung mich nicht verführet / haben
unsere Priesterinnen mit ihren Widder-Opfern wohl kein Absehen auf den gestirnten
Widder gehabt / welcher so wohl als des Phryxus seiner mit der güldenen Wolle ein
blosses Getichte ist / sondern weil sie GOtt für alle Gaben der Natur hiemit
dancken wollen / lassen sie den Frühling vielleicht ihm destalben den Widder
opfern / weil umb diese Zeit die erste Wolle den Schafen und Lämmern abgenommen
wird; die eine der grösten Reichtümer Deutschlandes ist / und bei den
Marsingern / insonderheit aber bei den benachbarten Buriern so zart und köstlich
fällt: dass ihre Zärtligkeit der Baumwolle nichts nachgibt / ihre weisse Farbe
aber in den Augen eben so wohl / als der weisseste Schnee / das Licht und die
Schwanen auf rot absticht / darvon viel die Seide beschämende Zeuge und Tücher
gefertiget / und so gar in Asien verführet werden / also ich nicht weiss: ob sie
der Milesischen was nachgäbe. Erato antwortete: bei so gestalten Sachen haben
die Deutschen mehr Ursache den Widder unter die heiligen Opfer-Tiere zu zehlen
/ als die Cyrener den Ammonischen / die Colchier aber den güldenen Widder mit
dem Phryxus anzubeten; und nicht nur nach Gewohnheit der Mörgenländer die
Wolleschaar / als die warhafte Erndte des Frühlings /als ein grosses Feier mit
Gastereien und Täntzen zu begehen; sondern auch die Erstlinge ihrer Schafe nicht
zu schären / und der Wolle / wie des Geträides GOtt zu wiedmen. Alleine wird in
Deutschland die Wolle den Schafen nach der neu-erfundenen Art abgeschoren / oder
wie für Zeiten / und noch in Italien bräuchlich ist / ihnen ausgeraufft / wo man
sie drei Tage vorher hungern lässt / dass sie Wolle desto leichter gehen lassen?
oder werffen sie wie die Caramannischen Schafe die Wolle von sich selbst ab?
Zirolane antwortete: In unserm Lande ist von undencklicher Zeit nach
Griechischer Weise die Wolle nicht ausgeraufft / sondern mit der Schäre
abgenommen worden. Massen denn /weil sie sehr feste steht / das letztere gegen
dis unschuldige auch dem Menschen so geneigte und nützliche Tier eine strenge
Grausamkeit sein / auch wegen Vielheit der Schafe / welche mit ihren Heerden
gleichsam unsere Hügel / wie ihre Haare der Menschen Leiber bekleiden / es mit
dem Ausrauffen allzu langsam hergehen würde. Erato fiel ein: das Schaf ist bei
nahe das fruchtbarste aller Tiere / und wird schwerlich in der Welt ein anders
in mehrer Menge befindlich sein. Daher unglaublich zu sein scheinet / aber doch
wahr ist: dass zu Jerusalem von Juden in eines Tages zweien Abend-Stunden oft
über drittehalb-hundert-tausend Oster-Lämmer geschlachtet werden / da doch in
Syrien die Schafe nicht wie in Illyrien Zwillinge / weniger wie in Indien drei
oder vier Lämmer werffen. Zirolane antwortete: Unsere Schafe bringen zwar selten
zwei Lämmer / weil sie aber nur andertalb-hundert Tage trächtig gehen / oftmals
des Jahres zweimal / sonderlich wo sie eine hohe und trockene Huttung haben.
Erato bestätigte: dass dis in Lybien / Magnesien / Mesopotamien / und Italien
gleichfals geschehe. Alleine /warumb soll in Deutschland die Trockenheit eine
Ursache ihrer Fruchtbarkeit sein / da doch in Asien der Morgentau und das nasse
Grass im Sommer / und in Indien der abregnende Honig oder Zucker so dienlich ist?
Zirolane versetzte: In den heissen Ländern kann die Nässe ihnen freilich nicht
schädlich sein / wie in unserm kühlen und regenhaften Deutschlande; wo die
Berge und sandichten Felder die besten Trifften sind /darauf sie nicht allein
wohl stehen / sondern auch die zärteste Wolle bringen / hingege auf fetten Wiesen
sie leicht verhütet werden; ja viel niedrige Gegenden nicht über drei Jahr
einerlei Schafe auswintern. Daher auch die Marsinger von ihren Nachbarn den
Logionen das aus der Erden gegrabene Stein-Saltz in grosser Menge holen / und
ihre Schafe damit von allen wässrichten Kranckheiten befreien; wie auch ihre
Schaf-Milch geschmacker machen; welche ohne dis die süsseste ist / ungeachtet
die Ziegen-Milch narhafter / die Küh-Milch aber gesünder sein soll. Jedoch
macht man in Deutschland nicht wie in andern Ländern / von Schaf-Milch viel
Butter / weil die Küh uns damit reichlich versorgen / aber eine grosse Menge
Käse / welche keinen in der Welt nachgeben. Unter diesem Gespräche brachten die
Priesterinnen einen drei-jährigen Widder / in welchem Alter sie bei
vollkommensten Kräften sein sollen / geführet / welcher nicht nur einer ganzen
Heerde Führer / sondern auch ein Fürbild des Ammons / und des grossen Alexanders
abzugeben verdient hätte. Er ging mit vollen Springen der Frühlings-Priesterin
zu / welche ihm beide Hände auf den Kopf legte / welches nicht alleine der
Tiere Freilassung aus der herrschaftlichen Gewalt und die GOtt geschehende
Zueignung / sondern auch die Aufbürdung menschlicher Sünden bedeutet. Wie sie
denn auch den bei den Egyptiern gewohnten Fluch über ihn aussprach: Alles Böse
der Opfernden und ganz Deutschlandes müsse dir auf deinen Kopf kommen! Hierauf
scharreten die neu-geweihten Jungfrauen unter das Altar ein Loch / in welches
sie den vorher mit vielen Blumen bekräntzten Widder stiess / mit beigesetzten
Worten: Alles unser Unheil fahre mit dir in den Abgrund. Worauf denn der Widder
lebendig in der Grube verscharret ward. Erato fieng hierüber an: Ich sehe hier
eine neue Art der Herta zu opfern / indem dieser mit frembder Schuld befleckter
Widder den Tod einer entweihten Vestalischen Jungfrau ausstehen muss. Denn ob
zwar andere Völcker der Proserpina und andern unterirrdischen Göttern auch nicht
auf Altären / sondern in Gruben schwartze Opfer bringen; so werden doch selbte
geschlachtet und verbrennet / nicht aber vergraben. Die Priesterin antwortete:
Unterdessen komt unser Opfer der Erden Eigenschaft am nechsten / welche das
allgemeine Begräbnüs aller Dinge ist; und so gar die Leichen heilig macht / und
ihr daher für unbeerdigten Leibern Abscheu habt / und nicht glaubt: dass der
höllische Fährmann sie überführen dörffe. Alleine unsere Beerdigung des
lebendigen Widders verhüllet ein grösser Geheimnüs / nämlich: dass in denen
begrabenen Leichen nicht alles Leben erloschen sei. Erato hätte gerne mehr
Auslegung hierüber gehabt; aber die Priesterin erinnerte sie auf nachfolgendes
Sommer-Opfer acht zu haben. Dieses war ein junger starcker Ochse von grossen
Hörnern und harten Klauen; welchem sich kaum der Europen entführende Jupiter
/weniger der Widder / den Epicurus streitende Cotta zu vergleichen unterstanden
hatte. Nach dem die Priesterinnen ihn genau betrachtet hatten: ob er auch ein
ander Haar als rote an seinem Leibe hatte / bekräntzten sie ihn mit
Weitzen-Eeren / Blumen / Kräutern /Obste / Reben und allerhand andern Früchten.
Erato fragte hierbei: ob denn denen Deutschen eben so wohl als den Egyptiern zu
ihrem Opfer kein Ochse taugte /der ein weiss oder schwarz Haar hätte? und woher
das käme / weil sie schwerlich wie diese es wegen des Tiphons täten / der rot
gewesen sein soll? denn weil sie wüste: dass auch die Römer dem Hunds-Sterne
einem roten Hund / die Juden eine Feuerrote Kuh nicht allein opferten /
sondern sie auch in einem zweifach rot-gefärbten Tuche verbrenneten / müste die
rote Farbe wohl auf was sonderliches zielen? zumal ja sonst die roten Haare für
die unvollkommensten / und welche am geschwindesten grauen / gehalten / und die
rot-härichten Leute von den Egyptiern verlachet werden. Jedoch wüste sie nicht
zu begreifen / warumb GOtt mit der roten Farbe versöhnet werden könnte / welche
das Geblüte entzündete / und daher die Ochsen und Numidischen Hüner zu Zorne
bewegte. Die Priesterin sagte: die Einfältigen meinen: man opfere rote Ochsen
nur darumb / weil die rote Farbe dem Rindvieh am gemeinsten ist; allein wir
halten die rote Farbe nicht unbillicher für die schönste und vollkommenste /
als die weisse für die erste und reineste; also weil GOtt das beste gehöret /
diese zwei für die geschickste zum Gottesdienste. Denn unsere Lehrmeisterin die
Natur zeigt uns ja selbst: dass die vollkomensten Sternen / Blumen / Gewächse /
ja der Wagen unserer Seele das Blut selbst rot sei. Unter diesem Gespräche
ging der Ochse drabende und mit grossem Brüllen dem Altare zu / welches /weil
die Ochsen nach der Weide / die Kühe nach den Kälbern blecken / für gar gut /
und dahin ausgelegt ward: dass den Ochsen selbst nach der Aufopferung verlangte.
Erato wunderte sich hierüber / und meldete: wo es wahr wäre: dass jemals eine Kuh
/ welche nach den Stutten die geilesten Tiere sein sollen / eines brüllenden
Ochsen liebreitzendes Brüllen dreissig Stadien weit gehöret habe / würde auch
dieser mit seinem Sterbe-Liede so weit gehöret werden müssen. Alleine dis
verstünde sie nicht / warumb dieses Ochsen Hörner nicht nur mit Somer- sondern
auch mit Frühling-und Herbst-Gewächsen gezieret würden? die Priesterin
antwortete: weil dieses Tier ein rechtes Horn des Uberflusses / und daher auch
das vollkommenste Opfer ist. Dahero / ob schon auch andere Völcker der Sonnen
Pferde / dem Krieges-Gotte Wölffe / dem Priapus Esel / der Diana Hirschen / der
Ceres Schweine / der Hecate Hunde / dem Esculapius einen Hahn opfern / so ist
doch ein Ochse allen euern Göttern angenehm; und eurem Jupiter taug kein ander
Tier / als der Ochse zum Opfer. Es ist wahr / sagte Erato; und die Smyrner
schlachten ihrem Bubrastis auch nur Ochsen. Die Egyptier verehren zu Heliopolis
in gestalt des güldenen Ochsen Mnevis den Osiris oder die Sonne / des Apis den
Monden. Sie bildeten auch die Isis mit Ochsen-Hörnern / weil Mercurius ihr einen
Helm von einem Ochsen-Kopfe aufgesetzt / und bei den Griechen die Jo / bei den
Phöniciern die Göttin Astarte gleichfals einen Ochsen-Kopf zum Wapen ihres
Reiches erkieset / und solchen auf ihrem Haupte durch die ganze Welt getragen
haben soll. Dahero bei den Egyptiern auch die Ochsen / nicht aber die Küh / die
gemeinsten und grösten Opfer sind. Die Priesterin versetzte: Alles dis rühret
ohne Zweiffel von der grossen Nutzbarkeit des Rindviehes her. Deñ dieses ist der
fürnehmste Werckzeug des nie genung gerühmte Ackerbaues / umb dessen Erfindung
Ceres /Triptolemus / Osiris / Buzyges / Bacchus / Abides der Tertessier König
streiten; wir Deutschen aber die Spannung der Ochsen für den Pflug unserm Man
als dem ersten Ackermanne zuschreiben. Daher auch in Deutschland sich Königinnen
nicht geschämet haben /Ackers-Leute von der Pflug-Schaare zu holen und zu
heiraten; und der Ackerbau ist bei uns eine anständige Beschäfftigung des Adels
/ welcher sich doch mit der sonst so nützlichen Handlung zu beflecken vermeint.
Ohne die Ochsen aber würden die Edlen selbst ihre Hände an dem Grabscheite roh
reiben /und jedermann mehr Eicheln als Brodt / und dis gleichwol nicht
unbeschwitzet essen müssen. Diesemnach denn für Zeiten / fürnemlich zu Aten und
bei den Phrygiern es kein geringer Verbrechen war einen ackernden Ochsen / als
einen Bürger zu tödten. Erato fiel ein: Aus diesem Absehen entalten sich so wohl
die meisten Indianer und Africaner / als für Zeiten Pytagoras von Rindviehe zu
essen; ja die Phönicier und Egyptier werden ehe mit Menschen / als Rindfleische
ihren Hunger stillen. Die Priesterin sagte: Am Anfange der Welt hätte man sich
alles Fleisches entalten; nach dem man aber erst in der eisernen Zeit bei
Erlegung der wilden und schädlichen Tiere Fleisch zu essen angefangen; wäre die
menschliche Grausamkeit vollends auch den zahmen und nützlichen Tieren an Haut
und Haare kommen; und hätte man nunmehro kein Bedencken die uns kleidenden
Schafe / den uns bewachenden Hahn / und die uns säugenden Ziegen /und den
ackernden Ochsen zu verzehren / dessen Arbeitsamkeit das Pferd seinen Haber und
Gerste / der Hund seinen Unterhalt / die Vogel ihre Körner / der Mensch seine
Speise zu dancken hätte / und dessen man weniger als der nie auf die
Schlachtbanck kommenden Elephanten / Kamele und Pferde entbehren könnte. Sintemal
der Ochse fast aller andern Tiere Ampt vertreten muss; wie denn ehe von den
Phöniciern die Rollwagen mit den eisernen Zancken / von Arabern die Waltzen /
von andern die Flegel erfunden wurden / musste das Rindvieh auch die Körner aus
den Eeren treten. Erato meldete: dass dis noch in Asien und bei den Scyten
geschehe; welche ihre bewegliche Häuser auch von Ochsen fortziehen liessen. Ja
Cybelen / welche nebst dem Bacchus die Ochsen zum ersten für die Wagen gespannt
hätte / wäre es mit Ochsen in Rom einzufahren nicht verschmählich gewest. In
Indien aber dienten sie gar zur Reiterei an statt der Pferde / und wäre die
Ochsen-Post daselbst nicht nur die gemeinste / sondern auch die geschwindeste;
Wie denn auch nicht nur des Bacchus Schoss-Kind Ampelus / sondern auch Hercules
auf einem Ochsen geritten hätte. Die Priesterin fiel ein: Bei uns Deutschen sind
die Ochsen zwar nicht so geschwinde / aber im Ziehen tun sie es in zähen
Aeckern am Pfluge / und auf abschüssigen Bergen an Wagen den Pferden zuvor. Von
der Küh-Milch / daraus wir Käse / und zeitlicher als die Griechen Butter gemacht
haben / schöpfen wir unsere halbe Nahrung / ihr Fleisch ist schon auf Agamemnons
und Nestors Taffel eine niedliche Speise gewest ihre Hörner dienen uns so wohl
zum Kriegs- und Freuden-Getöne / als zu Trinck-Geschirren; mit ihrem Miste und
Huf tinget man die magern Aecker und Weinberge / ihre Häute kleiden uns; und es
ist eben so wenig am Rindvieh als an den Schafen etwas / was nicht seinen
absondern Nutzen hat. Diesemnach sich nicht zu verwundern ist: dass für Zeiten
Neleus nach des Iphiclus Ochsen so lüstern gewest; dass Euristeus dem Hercules
aufgelegt hat des Geryons Ochsen aus Hispanien zu entführen / und dass Eryx sein
Reich gegen des Hercules Ochsen zum Preisse des Kampfs aufgesetzt / und Iphidamas
seinem Eydame hundert Ochsen zum Braut-Schatze mitgegeben habe. Massen denn auch
in den Jüdischen Gesätzen ein Dieb gestohlene Sachen nur zweifach / ein
entwendetes Schaf vierfach / ein Rind aber fünffach wieder zu geben verdammet;
in der Egyptischen Bilderschrifft aber Ochsen der Erde und der Speise Sinnenbild
ist. Westwegen auch in den Träumen des Apis und Archelaus die fetten Kühe reiche
/ die magern Kühe und Ochsen / welche die Eeren fressen /hungrige Jahre viel
deutlicher / als die neun von dem Drachen der Zeit gefressenen Sperlinge so viel
Jahre der Trojanischen Belägerung und die zwölf gegen dem Romulus auffliegende
Geier so viel hundert Jahre des Römischen Glückes und Wachstums bedeutet haben.
Dahero sich so viel weniger zu verwundern: dass man vermittelst eines solchen
Tieres / mit dem gleichsam unser Wol- und Ubelstand verknüpft ist / GOtt zu
versöhnen / und Menschen zu verbinden gewohnet ist. Massen denn die beleidigten
Scyten sich auf einen gebratenen Ochsen setzen / und die vorübergehenden durch
Austeilung eines davon geschnittenen Stücke Fleisches zu ihrer Hülffe und Rache
als durch einen Eydschwur gleichsam unabschläglich verbinden / und wie die Römer
mit einer geschlachteten Sau ihre Frieden bestetigen / also bei den Molossen
unter Beschwerung der Bindnüsse ein Ochse in kleine Stücke zerhacket; gleich als
wenn kein heiliger Zeuge als dis Tier darzu gezogen werden könnte. Erato lobte
diese Gewohnheit und versicherte: dass wie Agamemnon sein dem Achilles getanes
Versprechen darmit versichert hätte: dass er mit blutigem Degen zwischen einem
zum Opfer zerhauenen Ochsen durchgegangen wäre / also auch die Juden mit ihren
neuen Bunds-Genossen bei Bestetigung ihres Bundes zwischen einem zerteilten
Ochsen / die Böotier und Macedonier aber bei Musterung ihrer Heere zwischen
einem zerstückten Hunde durchzugehen pflegten. Auf diese Weise hätte Diomedes
und Ulysses den mit dem Antenor gemachten Vertrag befestigt / Chalcas das
Griechische Heer zwischen einem zerhauenen Schweine / Xerxes das Persische
zwischen dem zerfleischten Sohne des Pyteus durchgeführt / und jener es von der
Pest / dieser vom Ausreissen befreit. Zwischen diesem Gespräche kam dieser
starcke Ochse für das Altar / so bald ihn nun die hohe Priesterin Tussnelde mit
dem Wasser aus dem fürnehmsten Brunnen besprengte / fiel er mit den
Vörder-Füssen auf die Knie nieder / gleich als wenn er in ihr oder in diesem
Wasser eine Göttliche Krafft verspürte / und sich selbst willig zur
Abschlachtung darstellte. Tussnelde legte ihm hierauf die Hand auf den Kopf /
und sagte darzu: dein Kopf trage unsere Missetaten / dein Blut wasche unsere
Seelen-Flecken ab / dein Fleisch gebe GOtt einen süssen Geruch ab; unsere
Andacht aber vermische sich mit der Flamme /und opfere GOtt mehr unsere Hertzen
/ als das Feuer dieses Rind. Sie hatte kaum diese Worte ausgeredet /als eine
junge Priesterin mit einem grossen Messer in einem Augenblicke dem Ochsen durch
einen Streich die Gurgel und den halben Hals abschnitt / etliche andere aber in
irrdene Gefässe das Blut auffiengen / andere inzwischen auf das Altar einen
grossen Holtzstoss legten. Tussnelde tauchte sieben mal in das Blut ihren rechten
Spiess-Finger / bestrich darmit die Ecken des Altares / hernach goss sie sieben
Schalen in den Fuss des Altares / und sieben in die Brunnen. Als Erato dis gewahr
ward / fieng sie an: Ich sehe wohl: dass die siebende Zahl in Deutschland so
heilig / als in Italien / Griechenland und Asien sei; allwo man diese Zahl / wie
auch den siebenden Tag dem Apollo gewiedmet hat. Wie denn auch des Apollo Leier
eben so wohl / als die Pfeiffe des Pan sieben Röhre gehabt haben soll; gleich als
wenn der Lauf der Sterne / und die Verbindung der ganzen Natur in dieser Zahl
bestünde. Ich weiss auch: dass die Egyptier die Wochen in sieben Tage geteilet /
sie denen sieben Irrsternen zugeeignet haben; dass sie für jedem grossen Feier
sich sieben Tage aller Tiere entalten; dass sie in ihrer Reinigung bei
Verehrung der Isis das Haupt sieben mal ins Meer-Wasser eintauchen / im Feier
des Osiris eine Kuh sieben mal umb den Tempel führen /und vom Osiris erzählen:
dass sein gefundener Leib sieben Ellen lang gewesen sein solle. Bei den Inden
habe ich gleichfals angemerckt: dass den siebenden Tag und das siebende Jahr
Mensche und Vieh von aller Arbeit ruhen; dass sie ihr Altar sieben mal mit Oel /
und mit Blute ansprengen; dass sie ihre Priester in sieben Tagen einweihen / dass
die einen Knaben gebährenden Weiber / und welche einen Todten anrühren / wie
auch die Aussätzig- gewesenen / sieben Tage für unrein gehalten / und bei ihrer
Reinigung sieben mal abgewaschen / von ihnen insgemein sieben Ochsen / sieben
Widder / Lämmer und Ziegen geopfert / die für unrein gehaltene Erde / und die
entweihten Altäre sieben mal versöhnet werden / sieben Priester den grösten
Gottesdienst verrichten / sieben mal des Tages beten / die Weiber sich sieben
Tage reinigen / dass der Juden Leibeigene das siebende Jahr frei lassen. Nicht
weniger ist mir verborgen: dass Pytagoras die siebende Zahl der Pallas und
Jungfrauschaft zugeeignet habe / weil sie weder in zwei Zahlen geteilet / noch
aus ihrer Verdoppelung eine Zahl gemacht werden kann / unter der zehnden / welche
das erste Ende aller Ziffern und Zahlen ist. Die Brachmannen tragen sieben Ringe
/ die Griechen und Armenier verehrten die siebende Zahl als ein grosses
Geheimnüs / jene haben sieben Lautbuchstaben /geben für dem siebenden Tage
keinem Kinde den Nahmen / sie erkieseten zu Zerstörung der Stadt Tebe sieben
Heerführer / man zehlet sieben Weise und so viel Wunderwercke der Welt / das
sieben-bergichte Rom feierte alle Jahr das Fest der sieben Berge. Daselbst hält
man in der grossen Rennebahn sieben Rennen / und nicht nur zu Rom / sondern fast
in der ganzen Welt würde beim Gottesdienste stets auf die siebende Zahl gesehen.
Daher dieses nicht so wohl aus einer zufälligen Ubereinstimmung der Völcker / als
aus der Natur / oder von GOtt selbst herrühren müste. Die Priesterin bestätigte
dis letztere / und sagte: die Einigkeit wäre die Wurtzel aller Zahlen /weder
gleiche noch ungleich / männlich und weiblich; ihr selbst eigener Anfang und
Ende / und die Vollkommenheit selbst; welche zwar nicht zehlbar ist / in sich
aber unermässliche Zahlen begreiffet / und aus sich gebieret. Denn GOtt wäre
eines / und ausser aller Zahl. Unter den Zahlen aber wäre die siebende ihrem
eigenen Wesen nach die vollkommenste; weil sie aus sieben Einessen / oder aus
einer Eines und einer Sechs zusammen gesetzt / welche letztere alleine zugleich
halbiret und gedrittelt werden kann. Die siebende Zahl begreift in sich die erste
Zahl die zwei / welche des aus der Göttlichen Einigkeit hergeflossenen edelsten
Geschöpfes / nämlich des aus Seel und Leibe bestehenden Menschens Bild ist / und
die Fünfe /unter welcher Zahl der höchste GOtt sein aus ihm gezeugtes Ebenbild /
die Seele der Welt aller andern Seelen Ursprung / die himlischen und endlich die
irrdischen Dinge begriffen sind: Endlich bestehet die siebende Zahl aus einer
drei und viere / derer jene ungleiche der Zahlen Mann und Vater / diese gleiche
das Weib und die Mutter der Zahlen ist. Jene ist das erste ungleiche / diese das
erste gleiche Maass / nämlich ein drei- und viereck abbildet. Alle Flächen müssen
zum minsten drei / alle ganze Cörper zum wenigsten vier Ecken haben. Alle diese
haben drei check-Ruten /nämlich die Länge / die Breite und Tieffe / und haben in
sich viererlei Ende / nämlich den Punct / den Strich / die Auswendigkeit / und
die Dichtigkeit. Uberdis ist das Drei-Eck ein unerschöpfliches Geheimnüs;
sintemal es drei Einigkeiten unzertrennlich mit einander verbindet: dass sie
nicht halbiret werden können; Und gleichwol bleibet das Drei-Eck eine solche
Einigkeit: dass / man schneide gleich von selbtem weg / was man wolle / so bleibt
doch ein Drei-Eck übrig. Dahero so wohl das Drei-Eck als die gedritte Zahl / ein
geheimes Mahlwerck GOttes und der Ewigkeit ist. Die Viere aber ist die erste
teilbare Zahl / durch welche GOtt / der alles aus nichts erschaffen / die
ganze Natur und die widrigsten Dinge / nämlich Erde / Lufft / Feuer / Wasser /
welche aber nur zwischen sich drei Räume und Entfernungen machen / durch eine
wunderwürdige Mässigung ihrer Eigenschaften mit einander verknüpft hat. Ja
Pytagoras hat die vierdte Zahl auch für ein geheimes Bild / und für die
Vollkommenheit unser Seele gehalten / also bei demselben jedesmals geschworen /
der unser Seele die vierdte Zahl zueignete. Wiewol die Seele auch ein aus dem
Verstande / aus dem Mut oder der Hertzhaftigkeit und der Begierligkeit
bestehendes Drei-Eck ist. Diesemnach die siebende Zahl der Knoten oder das Band
aller Dinge / und die Fülle aller Vollkommenheiten gerühmet wird; also die Natur
als eine weise Mutter nicht ungefehr / sondern aus gutem Wolbedacht so vielmal
mit dieser Zahl beschäfftiget ist. Der Seele der Welt Ursprung soll in sieben
Enden begrieffen sein; so wohl das gestirnte Kreutz als die Sieben-Gestirne
bestehet an sieben Sternen; und der sieben irrenden Sternen Lauf ist die
Richtschnur der ganzen Welt. Der Monde durchlaufft in viermal sieben Tagen /
welche Zahl aus eines / zwei / drei / vier / fünf /sechs / sieben zusammen
getragen ist / den ganzen gestirnten Tier-Kreis. In den ersten sieben Tagen
macht sein neues Licht sich zu einer Sichel / und laufft aus Mitternacht von dem
Striche des Steinbocks bis ans Mittel der Sonnenbahn und des Himels / in den
andern siebenen zu einer Kugel / und rennt bis an den Krebs und das euserste
Mittags-Ziel; In den dritten vermindert er sich zu einem halben Kreisse / und
wendet sich wieder bis an den mittelsten Sonnen-Zirckel; in den letzten siebenen
verschwindet es gar / und gedeiet damit wieder in sein euserstes Nord Ziel. Und
in dieser Frist der acht und zwantzig Tage leidet der Monde siebenerlei
Veränderungen / kriegt auch so vielerlei Gestalten. Nach welcher Richtschnur
denn auch die Katzen als Monden-Tiere sieben mal gebähren / und zwar das erste
mal sieben / das andere sechs / das dritte fünf / das vierdte vier / das fünfte
drei / das sechste zwei / und das siebende mal ein junges / und also so viel
Kätzlein / als der Monde Tage hat / gebähren sollen. Nichts minder bindet sich
das Hertze der Welt die Sonne an diese Zahl. Denn nach dem kürtzten Tage hält
sie im Anfange des siebenden Monden den Zügel an / und kehret nach ihrem
Stillestande zurücke. Nach dem längsten Tage bleibt sie im Anfange des siebenden
Monden wieder stehen; und in gleicher Frist macht sie zweimal des Jahres Tag und
Nacht gleiche. Die Erde nähret in sich siebenerlei Ertzt / die Malerei sieben
Farben / die gelehrte Welt sieben freie Künste / und die Singe-Kunst sieben
Getöne. Das grosse unbändige Meer hält gleichfals diese Zahl zu seinem Zaume /
in dem es in sieben Tagen unterschiedener Beschaffenheit des Monden durch Regung
des in seinem Saltze steckenden Feuers / als einer zur Bewegung geneigten Seele
wächset / und abnimt; Und auf selbtem brüten die Eissvogel im Winter auch sieben
Tage. Insonderheit aber hat die kleine Welt der Mensch mit dieser Zahl eine
vielfache Verwandschaft / und füraus seine Zeugung. Sintemal der sieben Stunden
in der Mutter bleibende Saamen sich befestiget: dass er gar bleibt. Im siebenden
Tage wird er mit einem dünnen Häutlein überzogen. Ja alle sieben Tage kriegt die
Frucht eine merckliche Verbesserung / und im siebenden Monat ihre
Vollkommenheit; also dass sie von kräftigen Müttern auch in dieser Zeit ans
Tagelicht geboren wird. Nach der Geburt fällt den Kindern im siebenden Tage die
Nabelschnure ab; nach zweimal sieben Tagen sehen sie ins Tagelicht / nach
siebenmal sieben Tagen wenden sie die Augen auf alles sichtbare. Nach sieben
Monaten wachsen ihnen die ersten Zähne / nach zweimal sieben Monaten sitzen sie
beständig / nach dreimal siebenen reden / und nach viermal siebenen gehen sie
sicher / nach fünfmal siebenen eckelt ihnen für der Mutter-Milch. Im siebenden
Jahre fallen den Kindern die Zähne aus; im vierzehenden Jahre reget sich die
Zeugungs- und Geburts-Krafft / im dreimal siebenden hat der Mensch ausgewachsen
/ und die Männer werden bärticht. Im viermal siebenden Jahre kriegen sie ihre
völlige Kräfften des Leibes / in denen sieben folgenden des Gemütes / in dem
siebenmal siebenden geht das gesetzte Alter an / und stehet der Mensch gleichsam
sieben Jahre stille / im achtmal siebenden aber fängt er an unvermerckt / im
neunmal siebenden mercklich abzunehmen / das zehnmal siebende Jahr aber ist das
Ende des menschlichen Lebens. Uberdis wächst der Mensch ordentlich sieben Füsse
hoch. Er hat sieben edle Glieder / nämlich die Zunge / das Hertze / die Lunge /
die Leber / den Miltz und zwei Nieren; und sieben andere der Speise dienende /
nämlich die Gurgel / den Magen / der Bauch /die Blase / und drei vornehme Därme
/ ferner sieben seine Grösse ausmachende Teile / nämlich Beine /Marck /
Blut-Puls-Spann-Adern / Fleisch und Haut; und seiner euserlichen Stücke sind
ebenfals sieben /der Kopf / die Brust / zwei Hände / zwei Füsse und die Scham;
ja jeder Arm und Bein bestehet aus sieben Teilen; und in dem Kopfe sind zwei
Nasen- / zwei Ohren- / zwei Augen-Löcher / und das siebende ist der Mund; der
Leib aber hat auch eben so viel Bewegungen / nämlich Wachstum / Abnehmen /
Erhöh-Erniedrigung / Wendung auf die rechte und auf die linke Seite / und
endlich die Herumbdrehung. Endlich ist sein ganzes Wesen aus sieben Dingen
zusammen verbunden / der Leib aus vier Elementen / die Seele aus Verstande /
Gedächtnis und dem Willen. Diesemnach keines Verwunderns darf: dass alle
Völcker diese vollkommenste Zahl für ein Geheimnüs und Heiligtum halten / auch
im Gottesdienste solche für alles und jedes / was wir unserm Schöpfer schuldig
sind / angewehren. Unter diesem Gespräche hatten die Opfer-Mägde den Ochsen
aufgehauen / und das Gedärme daraus genommen; die Priesterinnen aber selbten
unzerstückt auf den Holtzstoss geschoben. Hierauf verfügte sich die hohe
Priesterin Tussnelde selbst in eine zwischen denen dreien Brunnen gelegene Höle
/und brachte in einer Ampel Feuer heraus / darmit sie den Holtzstoss auf dem
Altare anzündete. Erato fragte hierüber: was dis für ein heiliges Feuer wäre? ob
es vielleicht vom Himmel gefallen / wie das / welches bei den Juden so viel mal
die Opfer angezündet hätte; und welches sie hernach so viel lange Jahre / bis
sie nach Babylon gefänglich weggeführet / behalten /auch mitler Zeit in einem
Brunnen verborgen hätten /und noch zu Anzündung ihrer Opfer brauchten? die
Priesterin antwortete: Ihr Feuer wäre zwar nicht vom Himmel gefallen / sondern
ein unterirrdisches / welches in einem Feuer-Brunnen angezündet / und mehr als
tausend Jahr daselbst aufgehoben worden; jedoch /wie alle unterirrdische Feuer
dem himmlischen zu vergleichen; sein Ursprung auch viel gewisser wäre / als
welches irgendswo vom Himmel gefallen sein sollte. Erato versetzte: Sie tadelte
das unterirrdische Feuer nicht; aber an dem wäre gleichfals nicht zu zweifeln:
dass das Himlische der Juden und anderer Opfer angezündet hätte. Die Persen und
Brachmannen beteuerten: dass es auch bei ihnen geschehen; dahero diese es so wohl
/ als die Vestalischen Jungfrauen zu Rom / wie auch die Frauen zu Delphis und
Aten / sorgfältigst unterhielten / jene aber / als die Seele aller Dinge /und
die Scyten als den Ursprung der Welt anbeteten. Dem Perseus wäre gleichfals in
Persien / dem Selevcus in Macedonien auf seinem väterlichen Altare /und zu Rom
des Cicero Ehfrau von sich selbst angezündet worden. Nicht anders fienge auch in
Sicilien auf dem Vulcanischen Hügel das Reben-Holtz / und in der Salentinischen
Stadt Egnatia / bei den Lydiern in der Stadt Cäsarea und Hypapis das Opfer von
sich selbst anzubrennen. Emylia hätte durch das von sich selbst wieder
anglimmende Feuer ihre Unschuld bewehret: dass sie es nicht aus Nachlässigkeit
verleschen lassen / und zu dem Ende hätte Numa dem anzündenden Jupiter ein Altar
gebauet. Die Priesterin fiel ein: Sie wollte den Göttlichen Einfluss in anderer
Völcker aus Andacht gelieferte Opfer nicht widersprechen; aber das dieses Rind
mit Haut und Haar verzehrende Feuer würde dem Ihrigen auch ein unfehlbares
Zeugnis geben: dass ihr Opfer dem einigen Gotte einen süssen Geruch abgeben
müste; weil dieser Brand keinen Gestanck erregte / ungeachtet nichts
wohlrüchendes darein kommen wäre; und auch im heissesten Sommer auf das
Opfer-Fleisch keine Fliege oder Mücke sässe. Die Königin Erato begegnete ihr: Es
wäre dieses wohl merckwürdig; iedoch geschehe beides auch in dem Jüdischen
Tempel. Die Einwohner der Stadt Accaron hingegen verehrten in Gestalt einer
Fliege den Gott Baalzebahim / die Arcadier den Miagrus / die zu Cyrene den Achor
/ dass nur ihre Opfer von Fliegen unbeschmeisset blieben. Hercules hätte zu
Olympia deshalben selbst dem Fliegen vertreibenden Jupiter einen Ochsen
geschlachtet / und daher käme zu Rom in des Hercules Heiligtum noch weder
Fliege noch Hund. Und die Egyptier / welche wegen ihrer aus dem Schlamme des
Nilus hervor kommender unzehlbarer Fliegen das gröste Ubel mit einer Fliege
abbilden; mahlen auf Veranlassung einer Göttlichen Wahrsagung an alle ihre
Tempel und Spitz-Säulen eine Fliege zu Vertreibung dieses Geschmeisses. Die
Trachinier aber ruffen den Hercules umb Ausrottung der Heuschrecken / die
Erytreer umb Vertilgung der Regen-Würmer / die Griechen den Sminteischen
Apollo umb Verjagung der Mäuse an. Und die von diesen Tieren geplagten
Phönicier hätten für Zeiten ihren Göttern güldene Mäuse / wie die in Freiheit
gediegenen Leibeigenen und Knechte den Haus-Göttern eine Kette / die aus dem
Schiffbruch entronnenen der Isis oder dem Neptun eine Taffel / die Fechter dem
Hercules ihre Waffen gewiedmet. Hierüber verbrennte dieser Ochse geschwinder /
als sich iemand frembdes hätte einbilden können / und kein Mensch ward des
wenigen übeln Geruchs gewahr / ungeachtet keine wolrüchende Sachen ins Feuer
kommen waren / wormit sonst die Lüffte gereiniget / und die heiligen Örter ihre
Götter zu bewirten geschickt gemacht werden. Tussnelde lag inzwischen mit
ausgebreiteten Armen betende auf der Erden / und versteckte gleichsam ihr
Antlitz in die von dem Altare fallende Opfer-Asche. Als sie sich aber
aufrichtete / stunden ihr die Andachts-Zehren noch auf den Wangen / und ihr
feuriger Eiver Gott zu dienen sah ihr aus den lebhaften Augen. Daher auch Erato
anfieng: Warlich diese Fürstin ist zugleich eine demütige und hertzhafte
Beterin; und ziehe ich diese ihre Bezeugungen weit den Egyptischen für / welche
aus vermeinter Demut dreimal die Finsternis anruffen / ehe sie den verborgenen
Gott anbeten / und aus Eiver sich im Beten in Götter verwandelt zu werden sich
einbilden / also ihren Göttern altes Ubel andräuen / die Serer aber ihre Götzen
gar geisseln / da sie ihnen nicht helfen würden. Nach vollbrachtem Sommer-Opfer
ergrieffen etliche dem Herbste gewiedmete Frauen den grossbärtichten der Heerde
Ziegen hochmütig-vorgehenden und gleichsam seine männliche Ober-Herrschaft
übenden Bock; bekräntzten seine Hörner mit Trauben / Obste und Herbst-Blumen;
streichelten ihn bei dem Barte / und leiteten selbten für das dritte Altar. Die
Königin Erato lächelte hierüber / und fieng an: Dieser Bock hat einen so
ansehnlichen Gang: dass ich mich nun nicht mehr wundere / warumb die Morgenländer
den grossen Alexander / und Cybele ihren geliebten Knaben Atys oder Atud einen
Ziegen-Bock geheissen habe. Ich sehe ihn auch für so starck an: dass er besser /
als die langöhrichten Wald-Ziegen in Egypten und Arabien / wie auch auff den
Circensischen Spielen zu Rom den Knaben zum reiten dienen / auch Zügel und Zaum
ihm besser anstehen / er sonder Zweifel auch gegen Feind so behertzt / als jener
Sibarinische Bock gegen den unzüchtigen Hirten Cratin aus gerechter Eiversucht
Rache ausüben würde. Diese Priesterinnen aber tun diesem Bock so schön und
schöner als die geilen Weiber der Stadt Mendes / wo sie an statt des hesslichen
Priapus Ziegen und Böcke / wie an statt der Diana eine Katze und für den Anubis
einen Hund anbeten / und mit ihnen Notzucht treiben; weil in diesen dafür
Abscheu habenden Tieren die Natur unschuldiger als im Menschen die Vernunft
ist. Wenn ich auch in Deutschland nicht schon was bessers gelernt hätte /
dörffte ich leicht in den Irrtum fallen: dass sie diesen Bock wie die Cyrener
und Tebaner an statt des Ammons und Jupiters / oder wie die Arcadier an statt
des Pans verehrten. Allein was haben die Deutschen für ein Absehen: dass sie
insonderheit zum Herbst-Opfer Ziegen oder Böcke brauchen? Geschicht es
vielleicht ihnen zur Straffe / oder weil sie in Gärten und Weinbergen grössern
Schaden tun / als das aufgehende Ziegen-Gestirne den Reben? Weswegen sie auch
die Griechen dem Bacchus opfern. Die Priesterin antwortete: Andacht und Opfer
sollten mit Rache und Straffe keines weges vermählet sein. Erato versetzte: Eine
gerechte Rache aber ist Gott kein Greuel / zumal da er dem Menschen über alle
Tiere eine Herrschaft eingeräumt hätte; also dass er sie nicht nur zu seinem
Nutzen verbrauchen / sondern auch bestraffen kann. Dahero die Juden sich
berechtiget halten / die stossenden Ochsen zu steinigen / die Römer jährlich
eine Anzahl Hunde zwischen der Jugend und des Summanus Heiligtum zu kreuztigen
/ weil sie bei Ersteigung des Capitols nie gebollen. Ja Draco hat in seinen
Gesetzen so gar über die verwundenden Waffen Urtel und Recht zu hegen
anbefohlen / in dem Düpolischen und Buphonischen Feier werden die Schwerdter
verdamt / welche einen Ochsen umbgebracht / und die Tasier liessen des Fechters
Teagenes Bild ins Meer werffen / weil er einen Menschen erschlagen hatte.
Diesemnach auch die Egyptier glauben: dass nur die Tiere / welche der Menschen
wandernde Seelen aufnehmen / keines weges aber die / welche zum opfern taugen /
Gott angenehm sind. Aus welchem Absehen sie auch nur die für abscheulich
gehaltenen roten Ochsen opfern / und ihre verfluchten Köpfe in Nil werffen. Die
Priesterin begegnete ihr: Unsre Gewalt über ein Tier rechtfertiget nicht unser
Opfer / welches wir nur zum Werckzeuge und Wagen unsers Hertzens brauchen sollen
/ und welches wir Gott täglich zuzuschicken schuldig sind. Wie mag sich aber
unser Hertz mit einem straffbaren Tiere gatten? oder wie kann Gott das Tier
angenehm sein / welches wir seines Verbrechens halber hassen / oder für einen
Greuel halten / zumal der ein sündiger Geitzhals ist /wer nicht dem freigebigen
Gotte das allerliebste liefert. Erato bekennete: dass die Priesterin recht / und
der Deutschen Gottes-Dienst guten Grund hätte. Und schiene das von Gott den
Juden gegebene Gesetze dahin zu zielen: dass sie bei Lebens-Straffe von den
Tieren kein Unschlitt und Blut essen / sondem dieser Kern Gott geopfert werden
sollte. Die Priesterin fiel ein: Weil die Ziegen und Böcke bei uns auch unser die
nützlichsten Tiere gerechnet werden / halten wir auch für unsere Schuldigkeit
selbte nicht Gott vorzuentalten. Denn über diss / dass ihr Fleisch guten
Geschmacks ist / halten es die Aertzte auch fürs gesündeste / weil es trocken
und leichte zu verdeien / dünnes Geblüte macht / auch die warmen und trockenen
Leibes-Kräfften stärcket. Erato pflichtete ihr bei und meldete: dass diss Fleisch
auch zu Rom und in Griechenland unter die Lecker-Bisslein gezehlet / ja von denen
verwähnten Mäulern die trächtigen Ziegen lebendig aufgeschnitten / und mit
dieser unzeitigen Frucht Milch und Blut begierig eingeschluckt würde. Die
Priesterin versetzte: Diss wäre nicht nur eine verschwenderische Grausamkeit / da
man den Ursprung des Lebens zum Grabe machte / sondern es wäre auch der
Gesundheit abbrüchig; indem die säugenden Böcklein mehr milchicht sind / als
durch kräfftiges Blut ein vollkommenes Fleisch bekommen. Erato pflichtete der
Priesterin in beiden bei / meldende: dass hierauf sonder Zweifel das Jüdische und
Arabische Gesetze sein Absehen hätte; krafft dessen sie keine saugende Ziege
essen / oder selbte in der Milch ihrer Mutter koche / also diss / was des
Lebenden Nahrung gewest / zu des Todten Würtze verbrauchen dörfften. Bei eben
diesen Völckern wäre auch eine Abscheu auf die Tiere unmenschlich zu wütten.
Dahero sie auch in einem Tage nicht die Kuh und ihr Kalb / das Schaf und ihr Lam
/ die alte und junge Ziege schlachten / noch alle Vögel eines Nestes mit ihrer
Mutter tödten dörfften. Zu Aten wäre es auch straffbar /einen lebenden Widder
abziehen / Tiere mit glüenden Eisen tödten: dass sie mirbe Fleisch kriegten
/Kranchen und andern Vogel besserer Mastung halber die Augen ausstechen / und
den Säuen auf den Bauch springen: dass sie zur Unzeit ferckeln. Die Priesterin
kam hierauf wieder in ihre Erzehlung / und rühmte die Ziegen-Milch als die
gesündeste und nahrhafteste nach der Frauen-Milch / weil die Ziegen meist
trocknende Kräuter und Blätter ässen. Nach ihr käme allererst die Esels- denn
die zu fette Schaf- und endlich die Kuh-Milch; also dass wie der Ochse zum ackern
/ das Pferd zum reiten / der Hund zum wachen / das Schaf zur Kleidung / also die
Ziege der Milch halber geschaffen zu sein schiene. Erato fiel ihr bei / und
sagte: dass die Amalteische Ziege ihrer guten und mit Honig vermischten Milch
halber / damit Jupiter auf Creta / wie Esculapius mit Hunds-Milch soll ernähret
worden sein / unter die Gestirne kommen wäre; ihrer viel in Morgenland pflegten
auch deswegen nach eingesamleten Früchten mit Ziegen-Milch ihre Bäume /Aecker
und Wiesen anzufeuchten: dass sie folgendes Jahr desto fruchtbarer sein mögen.
Uber diese Milch aber schaffte in Sudländern die Ziege und Böcke noch einen
andern grossen Nutzen. Denn weil sie in Phrygien / Cilicien / Lycien und Africa
sehr lange Haare hätten / ja in Morgenland wenig von den menschlichen zu
unterscheiden wären / würcken die Araber nicht nur ihre Hüten / die Armenier
Zeuge und Kleider / die Assyrier Tapeten / welche denen seidenen wenig nachgäben
/ daraus / sondern die Jüdischen Weiber näheten und stickten damit / ja das
Frauenzimmer trüge sie auf ihrem Haupte wie krause Haarlocken. Die Frau von
Buren fügte bei: dass die Ziegen auch den Mensche durch Zeigung unterschiedener
heilsamer Kräuter genutzt hätten / und noch jährlich ihnen durch Anschauung der
Sonne nicht so wohl den Aufgang des Hundssternes andeutete / als die Menschen
anwiese ihr Auge allezeit gegen der unerschaffene Sonne zu wende. Unter diesem
Gespräche stand der zum Opfer bestimmte Bock / so lange die auf dem Rücke
liegende und die Augen starr gegen den Himel haltende Priesterin betete / als
ein Lam stehen. Hierauf stand sie auf / legte dem Bock ein blut-rotes Tuch auf
den Kopf / band selbtes an / und sprach; Alle unsere Missetaten kommen auf
deinen Kopf /und unser Unglücke breche mit dir den Hals. Als sie ihn nun gegen
Mitternacht wendete / lief er aus allen Kräfften den Hügeln zu. Erato fieng an:
Ich finde mit gröster Verwunderung allhier der Juden / Araber und Egyptier
Opfers-Art / welche ihren eben so verfluchten Bock Azazel einem bösen Geiste (wo
anders dieses Wort nicht den Nahmen eines Berges / oder des verbannten Bockes
selbst bedeutet) zu senden; nachdem sie ihm mit einer rot-tuchenen Zunge /
welche sie auch an die Pfosten der Tempel hingen / und wenn sie weisslicht ward /
ihre Sünden getilgt zu sein gläubten / alles Ubel auf den Kopf gelegt haben.
Westwegen die Egyptier auch von einigen Tieres Kopfe zu essen für ärgsten
Greuel achten. Die Priesterin versetzte: Es könnte wohl sein: dass zwischen
anderer Völcker und der Deutschen Opfer-Bocke sich einige Gleichheit ereignete;
sie hätte sich auch unterrichten lassen: dass die Römer nicht nur die
wohltätigen /sondern auch die Böses zurück ziehenden Götter /worunter sie den
Mercur / Apollo und Hercules rechneten / anzubeten pflegten; dass die Griechen
den guten Jupiter / und den Schaden abwendenden Pluto /die Chaldeer die gütigen
und schädlichen Irr-Sterne /die Egyptier den geneigten Osiris / und den bösen
Typhon / die Persier den gläntzenden Oromazes / und den schwartze Areimanius
verehrten; alleine sie könnte sich kaum bereden lassen: dass Leute / welche einen
Funcken vom Lichte gesunder Vernunft in sich hätten / der Finsternis dienen /
und eine fromme Seele einem bösen Geiste opfern sollte. Dahero sie denn diesen
Bericht allezeit als einen Missverstand des Jüdischen Gottes-Dienstes und für
eine irrige Auslegung des Pöfels gehalten hätte. Erato fiel ein: Ich will
niemanden einer so abscheulichen Abgötterei verdammen / und werden freilich wohl
in Geheimnüssen Hülsen für Kern verkaufft. Ich erinnere mich auch: dass die
Egyptier in einem gewissen Feier den Typhon aufs ärgste schimpfen / und den ihm
an der Farbe ähnlichen Esel für ein unreines und teuffelisches Tier halten. Ich
werde auch ein anders zu mutmassen daher veranlasst: dass die Jonier den
güldenen und ins gemein heilig genennten Meer-Fisch den Meer-Göttern / die
Milesier einen Ochsen dem Jupiter / die Brachmaner allerhand gefangene Vögel
durch Freilassung ihren Göttern zu wiedmen / die Indianer durch Einsalbung und
Bekräntzung der Elephanten Gott zu verehren meinen; und als Epimenides Aten von
der Pest befreien wollte / liess er eine Menge schwartze und weisse Schafe auf den
Richt-Platz treiben / und hernach hingehen / wo sie hin wollten. Bei den Juden
opfern auch die vom Aussatze gereinigten einen lebendigen Vogel / den andern
aber tauchen sie in des geschlachteten Blut und in flüssendes Wasser /lassen ihn
aber hernach in die freie Lufft flügen. Endlich pflegen auch die Griechen
Kranckheiten und alles böse zu den Wald-Ziege zu verbannen. Alleine / weil ich
von der hohen Priesterin einen Fluch gehöret habe: dass dieser Bock mit allem
Ubel den Hals brechen soll / verleitet mich mein Vorwitz zu fragen: Ob diesem
Bocke iemand einiges Leid antue; wie bei den Juden / da ein Mann den Bock
Azazel in die Arabische Wüsten begleitet / und nachdem er ein Teil seiner an
die Hörner gebundenen roten Zunge an Fels feste gemacht / ihn in Abgrund herab
stürtzt; wiewohl einige auch diese Zerschmetterung dem Winde zueignen. Die
Priesterin antwortete: Ihrem Bocke dörffte als einem schon in die Freiheit
gelassenen und Gott gewiedmeten Tiere kein Mensch bei Lebens-Straffe nichts in
Weg legen / wiewohl noch niemand wäre gefunden worden / der sich rühmen könnte:
dass er einen solchen Bock iemals wieder zu Gesichte bekommen hätte.
    So bald dieser Bock aus dem Gesichte kam / fassten sich etliche zur ewigen
Jungfrauschaft verlobte Priesterinnen mit dem grösten und schwärtzesten Bären
/kräntzten selbten mit Epheu und andern Herbst-Blumen. Erato lächelte und sagte:
Ich sehe wohl / die deutschen Priesterinnen zieren ihre Bären eben so /wie
Bacchus seine in Panter-Tiere verwandelte Ammen geputzt hat. Alleine was haben
diese sanftmütige und schneeweisse Jungfrauen mit diesem grausamen und
schwartzen Tiere für Gemeinschaft? Ismene antwortete: Unser Nordliches
Deutschland hat so wenig an weissen Bären / als weissen Raben Mangel / und würde
solche hier zu sehen kein solch Wunderwerck sein / als da zur Zeit des Königs
Arcesilaus sich ein weisser Rabe schauen liess. Alleine man hält in Deutschland
die schwartze Farbe so wenig als in Africa für unwert / sonderlich die / welche
die Raben-Farbe / die Gagaten und der schwartze Sammet gläntzend ist. Westwegen
nicht nur die Laodiceischen Schafe / und ihre kohlschwartze aber weiche Wolle
denen Milesischen mit ihren schneeweissen Fellen fürgezogen werden / sondern die
schwartze Augen und Raben-Haare sind auch eine grosse Zierde des Frauenzimmers;
dahero sie auch ihre Haare mit den Eyern / dem Blute und Gehirne der Raben
sorgfältig schwärtzen. Die Königin Erato färbte sich / und bat: Man möchte
lieber ihrer Unwissenheit durch Unterricht raten / als durch Herausstreichung
tadelhafter Dinge ihr Mängel ausstellen. Sie wüste zwar: dass in Asien und
Griechenland dem Winter schwartze Tiere geopfert würden / sie wüste aber die
Ursache nicht / ausser dass Empedocles gelehret: die Schwärtze und Kälte bestünde
in einerlei Wesen. Sintemal die Schwärtze mit dem Winter keine Gleichheit hätte
/ da die Erde mit der weissen Wolle des Schnees als mit einem Pflaum-federnen
Bette für der schädlichen Kälte bekleidet / und mit diesen leichten Flügeln des
Himmels bedeckt wird. Die Priesterin fiel ein: Wir nehmen für den wässrichten
Winter einen schwartzen Bär zum Opfer / weil die Nässe auch die weisslichte
Leinwand schwärtzlicht macht / und die tieffsten Wasser selbst schwartz zu sein
scheinen; insonderheit aber weil die die Schweiss-Löcher verstopfende Nässe die
Schwärtze / das Feuer aber / dass etwas weiss zu scheinet / verursacht. Daher viel
daran zweifeln: Ob der die Augen verblendende Schnee weiss /sondern vielmehr /
wie er in Armenien rot aussihet /oder in dem Eylande Tule / gar schwartz sei.
Alleine die Bären sind vielmehr als ein lebendes Bild des Winters zu diesen
Opfern bestimmt. Sintemal die Natur gleichsam / wie der / ungeachtet seiner
grossen und dichten Haare allerfrostigste Bär ruhet / welcher vier Monat in
einer Höle steckt / und von seinem die übrige Jahres-Zeit allzu fett gemästetem
Leibe zehret /und mit seiner Abmagerung allererst seine Kräfften wieder kriegt.
Wiewohl seine Augen von so langer Verschliessung derogestalt verdüstert sind:
dass sie nach Honige ausgehen / wormit die sie stechenden Bienen ihnen mit dem
Blute ihre Beschwerligkeit abzöpfen. Uber diss ist der Bär dem Schweine am
ähnlichsten / welches sonst bei den meisten Völckern unter die vier Opfer-Tiere
/ weil es ohne diss lebende nichts / sondern nur todt zur Speise nütze / und sehr
nährend ist / gerechnet; ja weil es durch das Wielen seines Rissels den
Acker-Bau gelehret haben soll /von den Egyptiern gar göttlich verehret wird.
Erato fiel ein: Werden aber nicht die Bären für unreine Tiere gehalten? Ich
weiss wohl / antwortete die Priesterin: dass die Morgenländer ins gemein alle als
unrein verwerffen / die nicht gespaltene Klauen haben /und nicht wiederkäuen /
wie auch alle Fische ohne Schuppen / und alle Fliegen / wiewohl diese die
meisten Araber für rein halten; alleine wir finden deshalben keinen Grund in der
Natur unserer Lehrmeisterin / welche alles rein und gut geschaffen hat. Zu dem
haben nicht nur die Juden für ihrem blossen Nahmen /sondern auch die Araber /
Mohren und Indianer für den Schweinen und ihrem Fleische eine grosse Abscheu /
vielleicht / weil sie sich stets im Kote verunreinigen / Unflat essen / und die
an ihnen säugenden Kinder aussätzig werden sollen. Erato brach ein: Die
mitternächtigen Deutschen haben vielleicht auch darumb so viel mehr Ursache
Bären zu opfern / weil beide gestirnte Bären bei ihrem Angel-Sterne stehen /und
dass dieses die Löwen und Panter-Tiere an Grausamkeit und Arglist übertreffende
Tier so viel mehr ausgerottet werde. Die Priesterin gab zur Antwort: Im Himmel
und im Monden wären so wenig Tiere / als auf der Erde Sternen; und wenn man
Gott was geben wollte / müste man nicht anzielen die Natur zu erschöpfen / oder
ganze Geschlechter der Tiere / welche Gott alle zu was gutem geschaffen hat /
zu vertilgen. Die Natur hätte den Schlangen an ihr Zahn-Fleisch Gift / den
Wolff-Zähnen die Raub-Sucht /das Brillen den Löwen / welche die Nomaden und
andere Africanische Völcker zu Verlassung ihrer Länder gezwungen / und mit ihrem
stinckenden Ateme die nur angerochene Speise vergiften / gleichsam eine
zauberische Krafft alle Tiere damit zu betäuben /und ihnen ihre Bewegligkeit zu
benehmen eingepflantzt; ihre ohne Marck und Hölung sich befindende Beine so
harte gemacht: dass man daraus wie aus Kieseln Feuer schlagen kann; ihre Zungen
lechsen nach Blute / ihre Eisen-harte Zähne zermalmen Gebeine; ihre Klauen
zerkneten das Fleisch; und ihre Seele hungert nach ausgerissenen Hertzen. Der
Egyptischen Schlangen Gift tödtet in vier Stunden; ihm kann ohne Abschneidung
des gebissenen Gliedes nicht begegnet / ja sie selbst nicht einst von Zauberern
beschworen werden; gleichwohl aber verehren die Römer die Wölfin als eine
Nährerin ihres Uhrhebers; die Griechen wiedmen sie dem Krieges-Gotte. Die
Egyptier zu Tebe beten den Apollo in Gestalt eines zu Nacht sehenden Wolfes an.
Die Löwen sind in Phrygien der Cybele geheiligt / und der Nil betet Schlangen /
der Ganges Crocodile an. Warumb sollen denn unsere Bären nicht zu opfern tauge?
welche ein so wohlschmeckendes Fleisch zum essen haben / derer nach Art der
Finger zerteilte Vörder-Klauen unter die niedlichsten Speisen gerechnet werden.
Denn ob zwar die Bären sehr grausam / auch die grösten Ochsen anfallen und
zerreissen; so geschicht doch diss nur bei gröstem Hunger / welcher sie auch ihre
eigene Klauen abzulecken zwinget / oder wenn man ihnen ihre Jungen geraubet /
welche sie inbrünstiger als andere Tiere zu lieben Ursache haben / weil ihre
Zunge sie aus der After-Geburt / darein sie ganz eingewachsen sein / mit vielem
Lecken und Müh abtrennen muss. Unter diesem Gespräche hatte die hohe Priesterin
ihr Gebete vollendet / nach welchem sie Schwefel und Saltz in eine Schale voll
Wassers mischte / und solches dem Bären in Hals goss. Ich sehe wohl / sagte
Erato: dass Schwefel und Saltz hier auch zu den Opfern und zu Reinigungen wie bei
den Griechen gebraucht werden; und soll jener gewiss ein Kennzeichen feuriger
Andacht / dieses der Freundschaft sein /welche man beim Gottes-Dienste mit
Gotte zu machen vermeint; westwegen man auch diese besten Würtze der Speisen
für was Göttliches rühmet; und wie die Egyptischen Priester den Euripides und
andere Krancken mit saltzichtem Meer-Wasser gesund gemacht; also wird diss auch
in Asien bei allen Feiern zu Weih-Wasser unserer Seelen-Gebrechen darmit
abzuwaschen verbrauchet. Und Aristides hat zu Bekräfftigung des von den Griechen
der Stadt Aten geleistete Eides glüende Eisen ins Meer geworffen. Die
Priesterin gestand: dass auch sie bei ihrem Opfer auf ein und das ander erzehlte
ihr Absehn setzten. Sintemal die Deutschen nicht nur das Saltz für eines der
grösten Göttlichen Geschencke achten / welches aller / insonderheit aber der in
Deutschland so sehr gemeinen Milch-Speise den rechten Geschmack / allen Kräutern
und Gewächsen / allen heilsamen Hirsch-und Einhörnern ihre Krafft / ja allen
Geschöpfen ihre beständige Tauerung giebet / Fleisch / Fische und Leichen für
der Fäule verwahret / sondern auch die Berge / Flüsse / Brunnen und Seen /
woraus Saltz gegraben / oder geschöpft / wie auch die Eich-Bäume und Haseln /
daraus bei uns Saltz gebrennet wird /für heilig halten / und dass GOtt daselbst
den Betenden viel näher sei / auch ihr Begehren unzweifelbar erhöre. Westwegen
umb die bei der Sale sich befindende Saltz-See zwischen den Hermunduren und
Catten oft die blutigsten Kriege entstanden wären. Erato fiel ein: Es lohnet wohl
vor die Müh / wo das Saltz sparsam ist / darumb zu streiten / weil diese Würtze
aller Würtzen im menschlichen Leben unentbehrlich; und ungeachtet es nur an
unfruchtbaren Orten wächset / doch die Ursache aller Fruchtbarkeit / und daher
in der ganzen Welt hochgehalten ist; insonderheit aber bei den Egyptiern / wo
sie mit ihrem Roten ihre Leichen für der Verwesung verwahren; und in Italien /
da sie ihr Tarentinisches Meer-Saltz für das weisseste und süsseste rühmen / und
destwegen die Saltz-Göttin Salacia für des Neptun Gemahlin / welche das
saltzichte Meer in Ebb und Flutt bewegte / verehren. Die Priesterin begegnete
ihr: wenn die Deutschen nicht gar wohl wüste: dass nicht mehr als ein Gott Geber
alles Guten wäre / würden sie mehr als einiges andere Volck der Saltz-Göttin zu
dienen Ursache haben; sintemal sie zwischen der Elbe und Weser in der Chauzen /
wie auch in der Cherusker Gebiete / und bei den Hermunduren an der Sale / nichts
minder im Noricum an fetten und fruchtbaren Orten auskommentliche Saltz-Seen und
Brunnen / bei den Logionen aber köstlichere Saltz-Bergwercke als die Cyrener /
und die Indianer auf dem Dromenischen Gebürge haben /welches doch mehr als alles
Gold und Perlen dem Könige eintragen soll. Sintemal bei uns das klärste
Kristallen-Saltz unerschöpflich gehauen / und in die halbe Welt verführet wird;
welchem die Natur noch diese Woltat beigesetzt hat: dass es in der Tieffe ganz
leichte ist / und ohne grosse Müh herauf gezogen wird / in der Lufft aber
allererst seine Ertzt-gleiche Schwerde bekomt / und so wohl dem Mensche zur
Speise / als dem Rind- und Schaf-Vieh zur Fruchtbarkeit / Fettigkeit / mehrerm
Milchgeben / und zur Zärtligkeit der Wolle dienet. Uberdis giebet das deutsche
Meer so wohl Oel zum Saltzsieden / als das Hispanische / welches zu Einsaltzung
der Häringe / die in unserm Nord-Meer in so unbegreiflicher Menge gefangen
werden: dass es scheinet: es habe sich die Helffte des Meer-Wassers in diese
Fische verwandelt / wormit nicht nur Deutschland / sondern ganz Europa und zum
Teil Africa von unsern See-Fahrern versorget wird. Westwegen bei den Taxandern
das Begräbnüs dessen / der diese hochnützliche Einsaltzung erfunden / mit
grosser Ehrerbietung gewiesen wird. Unser zu den Opfern gebrauchtes Saltz aber
bedeutet das Saltz unserer Gemüter / und zielet auf die tiefsinnige Andacht /
wormit wir den Göttlichen Geheimnüssen nachdencken sollen. Unterdessen hatte die
Priesterin das Gebete vollendet / nach welchem sie ihm noch drei Schalen voll
gesaltzen und geschwefelten Wassers über den Kopf goss mit beigesetzten Worten:
Mit dir werde ersäuffet all unser Ubel und Unglück! Hierauf namen etliche
Priesteriñen den Bär und stürtzten ihn ins Wasser / welcher denn zu aller
Verwunderung alsbald untersanck; da doch sonst dieses Tier so wohl schwimmen
kann. Hierauf wuschen alle Priesterinnen /welche die Versöhnungs-Opfer nach dem
empfangenen Fluche angerühret hatten / ihre Kleider aus den Brunnen. Erato fieng
hierüber an: diese Reinigung ist in alle Wege nötig / weil diese Tiere so viel
frembde Flecken übernehmen müssen; und kommen die Deutschen disfalls andern
Völckern gleich; aber ist etwas besonders: dass der Widder der Erde / der Ochse
dem Feuer / der Bock der freien Lufft / der Bär dem Wasser zu teile wird. Die
Priesterin fiel ein: dis ist die Art unsrer Opferung / nicht aber unser Ziel.
Denn wir halten den Empedocles / der die Elemente für Götter gehalten / und die
/ welche sie entweder deutlich / oder unter einer andern Schale anbeten / für
Abgötter. Sonst aber wird nur mit diesen jährigen Versöhnungs-Opfern derogestalt
verfahren. Denn von allen andern wird nur das Fette / die Nieren / ein Teil der
Leber / darmit die Galle bedeckt ist / und das Därm-Netze / auf den Altaren /
der Kopf / die Füsse und Eingeweide auf einem ungeweiheten Holtzstosse verbrennt
/ die Brust und das rechte Vörder-Viertel gebraten / und von denen Priesterinnen
verspeiset /alles übrige Armen und Frembden ausgeteilet. Die Königin Erato
fieng an: die Armenier und Persen teilen von den Opfer-Tieren alles aus / weil
sie meinen: dass GOtt sich mit dem Opfer ihres Lebens völlig vergnüge. Auf dem
Altare verbrennen sie alleine das Därm-Netze / als aus welchem sie so wohl als
Römer und Griechen denen Opfernden ihr künftig Glücke wahrzusagen wissen. Die
Juden / Araber und Syrier aber verbrennen in gewissen Opfern von Widdern und
Schafen nur das Unschlitt und die Schwäntze / welche aber so gross und feiste
sind: dass sie bei Byzanz zehn / im kleinern Asien zwölf / in Africa sechzehn /
in Arabien dreissig bis vierzig / in Egypten achtzig / ja bis andertalb-hundert
Pfund wiegen / und also mehr / als anderwerts ein ganzer Schöps austragen /
indem die vorsichtige Natur die übrige Fettigkeit / welche die Schafe sonst
erstecken würde / in ihre ein- bis drei-Ellen-lange Schwäntze treibet / denen
sie auch kleine Rollwagen / wormit sie sie nicht auf der Erde wund reiben /
anbinden / und bei ihrer Zusammenlassung den Schafen auf den Rücken binden oder
gar abschneiden müssen. Massen sie denn auch denen Lebenden das Fett öfters
ausschneiden / und die Haut an den Schwäntzen wieder zusammen nähen. In Indien
aber gibt es gar Schafe / welche auf der Brust / auf jeder Achsel und Hüffte /
wie auch auf dem Rücken und hinten einen / also sieben Schwäntze haben / für
derer Fettigkeit sie mehrmals nicht gehen können. Die Priesterin sagte: Bei
dieser Beschaffenheit ist nichts würdiger von solchen Schafen zu opfern / als
die Schwäntze / wie bei uns die Nieren / welche das fetteste an unsern Schafen /
die Schafe die fettesten unter den Tieren sind. Inzwischen masste sich eine jede
Priesterin eines absondern Opfers an / wurden also durch Hülffe der vielen
Opfer-Mägde in weniger Zeit hundert Widder / so viel Böcke / funfzig Ochsen und
fünf und zwantzig Bären abgetan. Wiewol dieser Gottesdienst sich nahe bis an
den Abend erstreckte. Nach dessen Vollendung wurden das Fürstliche Frauen-Zimmer
von der hohen Priesterin dieses Tages /nämlich Tussnelden in einer saubern Höle
herrlich gespeiset / und die halbe Nacht in vergnügter Ergetzligkeit zugebracht;
worbei denn Erato ihre Schwermut mit allerhand Schertz-Reden klüglich zu
verstellen wusste / und gegen Tussnelden die grosse Freiheit der Hohen-Priesterin
bei dem Heiligtum der Herta rühmte: dass sie bei dem deutschen Feldherrn zu
schlaffen berechtiget wäre. Weil nun Tussnelde ein Gelübde getan hatte: dass sie
bis zu ihres Herrmanns Rückkunft nichts anderm als täglicher Andacht obliegen
wollte / ihre Entfernung aber denen andern Fürstinnen so beschwerlich / als der
finstern Welt die Abwesenheit der Sonne fürkam / verliebten sie sich nach und
nach in die annehmliche Einsamkeit dieses Ortes: dass sie ganzer zwei Monate
alldar zubrachten / und wo nicht gar ihres Kummers vergassen / doch selbten
einander möglichst erleichterten. Zumal der Cheruskische Hof zu Deutschburg ohne
dis fast öde /und der Stadtalter Adgandester nur zugegen / Hertzog Flavius und
Malovend aber mit dem Fürsten Zeno und Rhemetalces gegen Norden Deutschland zu
beschauen verreiset waren.
    Nach oberwähnter Zeit erwähnte die eine Priesterin in ihrem Gespräche: dass
nur sechs Meilen von dar gegen Mittage bei dem Nordlichen Ursprunge des
Dymel-Flusses ein Ort wäre / wo die Deutschen ihrer künftigen Begebnüsse
unfehlbare Gewissheit zu erfahren vermeinten. Die allen Menschen angebohrne /
insonderheit aber denen Verliebten anklebende Begierde bevorstehendes Glücke
vorzusehen verursachte: dass Erato und Ismene / wiewol unter dem Vorwand den
daselbst sich befindenden heiligen Brunn zu beschauen fast täglich Tussnelden in
Ohren lagen eine Reise dahin zu tun / welches sie denn auch im Heu-Monate
willigte; weil ohne dis daselbst im längsten Tage des Jahres auch gewisse
Andachten gehalten werden. Sie kamen daselbst glücklich an; und nach deme sie
nahe darbei auf einem Schloss des Ritters Waldeck übernachtet hatten / kamen
sie des Morgens der Sonne zuvor den heiligen Brunn zu beschauen /welcher auf der
Spitze eines Stein-Felsens nicht ohne Verwunderung zu schauen / auch wegen
seines hellen und gesunden Wassers nicht genungsam zu rühmen ist. Daher auch
keine war / welche nicht mit Ehrerbietung daraus schöpfte / davon tranck / und
etwas besonders daran zu rühmen wusste. Erato erwähnte insonderheit: dass dieser
Bruñ eben so aussehe / wie der wahre Bruñ des Nilus in dem Africanischen Monden-
beschrieben würde. Sintemal sein Wasser auch so süsse / sein Grund so tief /
sein Ablauf unter dem Berge sein sollte / und destwegen die Erhöhung des Wassers
in beiden so viel verwunderlicher wäre. Der Einsiedler / welcher diesen Brunn in
Aufsicht hatte / und zugleich Priester und Wahrsager war /hörte alle diese
Lobsprüche an / brach aber endlich in diese Worte heraus: das edelste dieses
Brunnens ist: dass man aus seinem unaufhörlichen Quelle / und nimmermehr
versäugenden Ablauffe die Ewigkeit des Göttlichen Wesens / aus seinem so süssen
und reichen Strome aber die woltätige Hand des grossen Schöpfers erkennen kann.
Mehr andere nachdenckliche Reden führte er von dem Brunnen / dadurch er bei
allen Fürstinnen das Ansehen eines weisen und frommen Mannes erhielt / und keine
das Hertz hatte ihn umb einig künftiges Ding zu fragen. Den andern Morgen aber
fügte sich Erato zu dem Brunnen / und traf den Einsiedler gleich an / als er
unten am Felsen aus seiner Höle herfür kroch. Nach seiner Begrüssung und andern
Freundschafts-Bezeigungen folgte sie ihm auf den Fels / musste aber seinem
Waschen und Beten über eine gute Stunde zuschauen. Nach diesem redete er sie
selbst in Griechischer Sprache an / und fragte: was sie schon wieder auch so
zeitlich / und zwar alleine an diesem heiligen Orte verlangte? Sie antwortete
ihm: das Glücke hätte Zeiter so seltzam mit ihr gespielet: dass sie nicht etwan
aus Vorwitz /sondern zu künftiger Richtschnur ihres Lebens nötig zu wissen
hätte / was vom Göttlichen Verhängnisse ihr ferner bestimmet wäre. Weil nun
dieser heilige Ort denen Sterblichen einen Blick in das Geheimnis künftiger
Begebnüsse zeigen sollte / bäte sie ihn: er möchte ihr und ihrem bekümmerten
Zustande mit gutem Rate nicht entfallen. Der Einsiedler antwortete: Er wäre ein
Knecht der daselbst wohnenden Gotteit / und ein Diener aller Bekümmerten. Er
wollte ihrem Verlangen auch ohne Verzug willfahren / wenn sie sich zu der
nötigen Vorbereitschaft verstehen wollte. Erato erklärte sich ihm in allem zu
gehorsamen. Hierauf führte er sie unter den Fels in eine Höle / darinnen aus
drei Steinritzen so viel Quelle eines Armes dicke in eine von der Natur
ausgehölete Tieffe spritzte. Der Einsiedler wusch sich daraus / und wiess sie
dahin an: dass sie bis zu seiner Wiederkunft sich darinnen baden müste. Erato
war bereit solches zu vollstrecken / fragte aber vorher: ob dis ein solcher
Quell / wie der Bruñ Cassotis in Phocis wäre / worvon die heiligen Frauen die
Gabe der Wahrsagung bekämen? und ob sie nach diesem Bade selbst die Wissenschaft
künftiger Dinge erlangen würde / wie dieselbigen / welche sich auf der Gräntze
Lyciens in dem Bruñen badeten / der dem Tyrxeischen Apollo gewiedmet wäre? Der
Einsiedler lächelte / und sagte: Er wäre zwar der Griechischen Sprache / aber
nicht der Griechischen Wahrsagerei kundig. Erato traute sich nicht mehr etwas zu
fragen / sondern näherte sich dem Wasser seinen Befehl zu vollziehen / prellte
aber im Augenblicke zurück / weil sie alle Ritze der Stein-Felsen von Schlangen
und Nattern angefüllet befand. Als der Einsiedler dis gewahr ward / versicherte
er sie: dass alle diese Tiere so wenig Gift / als er selbst hätte / und sie ihr
weniger als dis gesunde Wasser schaden würden. Erato bat: Er möchte die
Ubereilung ihrer Furcht für kein vorsetzliches Misstrauen annehmen. Sintemal sie
sich wohl zu erinnern wüste: dass die Weisen eine Botmässigkeit über die Schlangen
hätten / und nicht nur Orpheus das Zischen der Drachen zu stillen / das Gift der
Nattern auszuleschen / und seine gestochene Eurydice gleichsam wieder aus der
Hölle zu erlösen gewüst hätte; sondern dass auch die Psyllen mit ihren Lippen /
die Marser mit ihrer Zunge / die Tessalier mit ihren Liedern / die Colchier mit
ihrer Hand / die Chaldeer mit ihren Zeichen / die Africaner mit ihrem
Schlangen-Holtze / die Araber mit Steinen /darauf giftige Tiere gebildet wären
/ Schlangen /Molche und Scorpionen aus ihren Löchern herfür zu ziehen / selbte
zu Ausspeiung ihres Giftes in einen Kreis zu dringen / mitten vonsammen zu
sprengen /auch die Vergifteten für allem Schaden zu bewahren wüsten. Nach dem
sie aber diesen heiligen Ort von so viel Schlangen besessen sehe / würde ihre
Landes-Art hoffentlich ihre vorwitzige Frage entschuldigen: ob diese kriechende
Tiere in Deutschland etwas zu der Wissenschaft künftiger Dinge beitrügen. Der
Einsiedler fragte: In welchem Land sind denn die Schlangen klüger / als die
Menschen? Erato versetzte: fast allentalben / wo man auch denen Vögeln dis
zueignete. Daher wüsten nicht nur die Römer zu erzählen: dass eine sieben Kreisse
machende Natter dem Eneas die Jahre seiner Herumbirrung / eine von dem untersten
Altare springende Schlange dem Sylla einen herrlichen Sieg wider die Samniter /
zwei andere dem Tiberius Grachus durch Anbeissung seiner Opfer den Untergang
gewahrsaget hätte: sondern man glaubte auch in Asien ins gemein: dass wenn sich
einem Reisenden ein Krocodil zeigte / oder eine Natter über den Weg lieffe /
solches Hindernüs und Unglück bedeutete. Fürnemlich aber glaubten die Indier:
dass wer eines Drachen Hertze oder Leber ässe / der Vögel Wahrsagungen verstünde
/ welches auch Democritus von dem Fleische gewisser Vögel gelehret / aus derer
Blute Schlangen wachsen sollen; Und Melampus soll eben diesen Verstand bekommen
haben / nach dem sein Gehöre durch Beleckung seiner Ohren von Schlangen wäre
geschärfft worden. Nichts minder soll der aus des Cadmus Schlangen-Zähnen
gezeugte Ophion auf sieben denen Irrsternen zugeeigneten Taffeln alle künftige
Geschichte verzeichnet / des Priamus Kinder Helenus und Cassandra von denen im
Tempel des Tymbreischen Apollo ihre Sinnen-saubernden Schlagen die
Wahrsagerkunst überkommen haben. Massen denn auch die Griechen den
Wahrsager-Gott in Gestalt einer Schlange verehren. Der Einsiedler lächelte /und
fieng an: die Natur hätte den Menschen wohl unterrichtet durch Vernunft allem
Gifte der Schlangen /wie der Stärcke der Elephanten / und dem Grimme der Panter
zu steuern / den Schlangen aber keinen Verstand den Menschen zu lehren / oder
die Wissenschaft künftiger Dinge gegeben; welche nicht einst aus denen
himmlischen Lichtern / weniger von diesen Würmern zu holen wäre; wiewol das
geringste Ungeziefer GOttes Allmacht zu preisen / und die Sterblichen zu dem
allmächtigen Schöpfer zu leiten genung wäre; welcher ihm diese Vorsehung allein
vorbehalten hätte / und das künftige nicht anders als das gegenwärtige in einem
Spiegel sähe / jedoch Mensche /Vögel / Schlangen / Sterne / Feuer / Wasser /
Bäume /Blätter / Steine und alle unbeseelte Dinge zu Werckzeugen brauchte / dis
/ was in der Geheim-Kammer seiner Allwissenheit verborgen läge / uns bisweilen
zu entdecken. Dieses niemals fehlenden Wahrsagers Güte / nicht aber den
Schlangen / nicht dem Wasser /auch ihm selbst nicht würde sie zu dancken habe /
da ihrem Zweifel ein Licht würde aufgesteckt werden. Erato unterstand sich nicht
mehr ein Wort zu sprechen / zumal der Einsiedler auch aus der Höle ging /sie
aber entkleidete sich und stieg behertzt in das Wasser / umb welches eine
unglaubliche Menge Schlangen und Nattern / gleich als wenn sie von einem
Zauberer beschworen / und zu ihrer Bewachung bestellt wären / einen Krantz
flochten. Kurtz hierauf vermischten sie ihr Zischen mit dem Geräusche der Quelle
/ gleich als wenn jene für die Lufft /diese für das Wasser stritten / welches
unter beiden das annehmlichste Getöne machen könnte, Erato hörte dieser
beliebten Zusamenstimmung mit solcher Vergnügung zu: dass sie ihr soviel Ohren
wünschte /als Argos Augen gehabt haben soll. Ja das Zischen dieser Schlangen
bezauberte mehr als jemals einige Sirene tun kann / die Königin Erato: dass sie
in einen tieffen Schlaf sanck. Wie sie erwachte / sah sie die Schlangen zu
ihrer grösten Erstaunung in einer ganz andern Stellung / und als sie ihre neue
Verflechtungen genau betrachtete; bildeten die in einander verwickelten
Schlangen in Griechischer Sprache gar deutlich diese Worte für: Liebe den
Flavius. Erato schalt bei sich selbst ihre Augen als Betrüger / bildete ihr auch
nichts fester ein / denn dass ihr träumte. Nach dem ihren Augen aber alle Sinnen
das Wort redeten / kam sie auf die Gedancken: dieser Einsiedler wäre von Ismenen
unterrichtet ihr und ihrer gegen dem Zeno gefasster Liebe zu Liebe der Königin
durch solche Zusammenschwerung der Schlangen eines anzubinden. Als sie sich aber
eine gute Weile mit diesen Gedancken geschlagen hatte / fuhren die bisher
stummen Schlangen mit einem fast süsserem Zischen wie Pfeile von sammen / und
flochten aus sich selbst diese neue lebendige Schrifft zusammen: Die Natur
verbeut dir des Zeno Liebe, Erato hätte bei Lesung dessen für Verwunderung mögen
in einen Stein verwandelt werden; und hielt sich nun selbst mehr als die
Schlangen bezaubert. Wie tiefsinnig sie gleich nun dem Verstande dieser Worte
nachdachte / konnte sie doch zu ihrer Auflösung keinen Schlüssel finden / und
sich nur bescheiden: dass Wahrsagungen als Rätzel der Göttlichen Versehung so
lange unerforschlich bleiben / bis der kräftige Finger der Zeit daran das Siegel
abbricht. Unter diesen Gedancken schläfften die ihr Getöne wieder verneuernden
Schlangen sie zum andern mal so lange ein / bis sie durch den Ruff ihres Nahmens
aus dem Schlaffe erweckt ward / und sie sodenn alle Schlangen / ja allen ihren
Schatten verschwunden sah; hierüber aber in ein Schrecken geriet: dass sie nicht
nur aus dem Bade / sondern nach Erraffung ihrer Kleider nackt und trieffend aus
der Höle sprang. Sie zohe sich eilfertig an / und sah: dass die Sonne bei nahe
schon das Mittel des Himels erreicht hatte. Sie sasse ein Weile unten an der
rauschenden Bach / und verlohr über Betrachtung des ihr begegneten Ebenteuers
gleichsam alle Sinnen / würde auch noch viel länger daselbst unbeweglich blieben
sein / wenn nicht ein durch das Gepüsche dringender Hirsch sein Geweihe an dem
nechsten Felsen geweltzet / und durch dessen Geruch etliche Schlangen aus den
Ritzen gelockt hätte: welche die Königin in ein neues Schrecken versetzte; bis
sie sah: dass der Hirsch die gröste davon erwischte / zerbiss / verschlang / und
darauf einen guten Trunck aus der Bach tat. Ob ihr nun zwar dis frembde fürkam
/ weil in den heissen Ländern die Hirsche nach verschlungenen Schlangen langsam
/ und bis ihr sie sonst tödtendes Gift verraucht sei / trincken; so erinnerte
sie sich doch: dass nach des Einsiedlers Berichte die Schlangen umb diesen Fels
kein Gift hätten. Wordurch ihr Gemüte denn auch etlicher massen beruhiget / und
sie von ihren wahrsagenden Schlangen das beste zu hoffen verursacht ward. Daher
fasste sie ihr ein Hertze auf den Fels zu steigen / und sich nach dem Einsiedler
umbzusehen / von deme sie eine Auslegung ihres Gesichtes zu erbitten meinte. Als
sie nahe auf dem Gipfel war / hörte sie Menschen reden / welches sie denn
bewegte das Gepüsche mit den Händen von einander zu drücken / und sich nach
ihnen umbzuschauen. Sie erblickte zum ersten den Einsiedler und bald darnach
Ismenen / welche ihr beide den Rücken / ihre Antlitzer aber dem Brunnen zu
kehrten. Diese beide waren auch mit einander in solcher Embsigkeit begrieffen:
dass die Königin sich nicht scheute durch das Gestrittig sich ihnen noch umb ein
gutes Teil zu nähern /umb ihre Wortwechselung desto eigentlicher zu verstehen;
da sie denn den Einsiedler derogestalt reden hörete: Weil sie weder von dem /
den sie liebte / noch von dem / den sie heiraten sollte / einiges Haar /Brief
oder ander Geschencke bei sich hätte / sollte sie zwei gleiche Stücke Rinde von
den nechsten Buchen schneiden / und auf jeden eines oder des andern Nahmen
schreiben / hernach solche in Brunn werffen / so würde sich unverlängt ereignen
/ welchen unter beiden ihr das Verhängnüs bestimet hätte. Ismene leistete dieser
Anweisung in allem ohne Verzug willigste Folge. Sie hatte aber kaum beide Rinden
in den Bruñ geworffen / als die eine mit Gewalt wieder heraus gestossen / und
über dreissig Schritte weit vom Brunnen geworffen ward. Ismene fragte umb diese
Bedeutung; der Einsiedler aber antwortete: dass dis / was der Brunn in sich
behielte / vom Verhängnisse beliebt /das von sich gestossene aber verworffen
würde. Diese Antwort gab Ismenens Füssen gleichsam Flügel die verworffene Rinde
aufzusuchen. Sie hatte solche aber kaum in die Hand kriegt / als ihr vorhin
trauriges Antlitz sich wie der gewölckte Himel ausklärte / und sie laut zu
ruffen anfieng: GOtt Lob! mein Wunsch ist gewähret / Catumer verstossen / Zeno
erwehlet. Welche Worte denn die Königin Erato abermals fast ausser ihr selbst
setzten; Gleichwol aber erholte sie sich wieder / und zwar meist aus Begierde
die Schrift auf der Rinde zu sehen. Also trat sie wenige Schritte herfür /
Ismenen aber gerade unter die Augen / und rechtfertigte sie: was das Verhängnüs
auf ihren Zeno ihr für ein Ausspruchs-Recht einräumete? Ismene /welche sich
niemandens weniger als der Königin alldar versehen hatte / rötete sich hierüber
/ und trat etliche Tritte zurücke; Sie fasste aber bald wieder ein Hertze / und
sagte: Sie begehrte die Eyversucht gegen Menschen nicht zu schelten; aber welche
man wider die Göttliche Versehung ausüben wollte / wäre verdamlich oder zum
wenigsten fruchtloss. Hiermit zeigte ihr Ismene die mit dem Nahmen des Fürsten
Catumer bezeichnete Rinde / welche so leichte war: dass sie durch keine
menschliche Stärcke hätte vom Brunnen so weit geworffen werden können. Erato
sah sie mit starren Augen an / und erstummete; hernach rief sie: O ihr Götter!
warumb verknüpfft ihr zarte Seelen so feste mit einander: dass ihr sie hernach
mit desto schmertzlicher Empfindligkeit von einander trennet? Unglückliche
Erato! hast du in einer so weiten Ferne deinen Zeno wieder funden: dass du nicht
nur ihn /sondern auch die Hoffnung ihn zu besitzen auf einmal verlieren müssest?
Alleine / wo stehet geschrieben: dass ich meiner andern Seele des Fürsten Zeno
vergessen soll? Sind die Schlüsse des Verhängnisses deutlicher in diesem Brunnen
/ als in den gestirnten Ziffern des Himmels zu lesen? Wer hat das Wasser zu
einer geheimen Schreibe-Taffel Gottes gemacht / in welches kein Mensch etwas
aufzeichnen kann? Die eivrige Erato wäre noch weiter in ihrer Ungeduld
fortgefahren / wenn der Einsiedler nicht mit ernstafter Gebehrdung eingebrochen
wäre: Hüte dich! wer du auch sein magst / die diesen Brunn begeisternde Gotteit
zu lästern. Deine heutige Reden lassen mich mutmassen: dass du dem Griechischen
Gottesdienste beipflichtest. Ist dir aber unbekant: dass in dem Spartanischen
Gebiete nicht weit von des Esculapius Altären eine kleine See sei / darein an
dem Feier der Jo die Betenden Brodte zu werffen pflegen? Werden von selbigem
Wasser nicht eben so wohl die Opfer der Erhörten behalten / derer aber
ausgespeiet / welchen GOtt ihren Wunsch nicht gewehren will? Gehet es nicht eben
so mit dem in den Becher des brennenden Etna geworffenem Golde / Silber und
anderem Opfer her? Was aber mag das Griechische Wasser / das Sicilische Feuer
/die Opfer-Asche / Lorbeer-Blätter / und andere todte Dinge für eine
geschicktere Eigenschaft zur Wahrsagung / als unsere Quellen haben? Stimet aber
die dir von den Schlangen gegebene Wahrsagung nicht mit der Andeutung dieses
Brunnen überein? Verdienen aber die deutschen Schlangen nicht so viel Glauben
/als die in heissern Ländern / weil diese giftiger / und /wenn sie entweder mit
Staube ihre Ohren verstopfen /oder wieder singen / dem Beschwerer selbst
tödtlich /unsere aber lauter und unschuldig sind? Erato erkennete ihre
Ubereilung / und bat: seine Sanftmut möchte die Schwachheit eines verliebten
Weibes nicht für eine vorsetzliche Verachtung dieses Heiligtums auslegen.
Irrtümer wären niemanden ehe als ihrem Geschlechte zu verzeihen / und die Liebe
entschuldigte auch die Vergehungen kluger Männer. Die ihr widerfahrne
Schlangen-Wahrsagung wäre so viel Wunders / und so klar gewest: dass in der Welt
nichts darmit zu vergleichen wäre. Ismene ward begierig dis zu vernehmen; und
nach dem sie den ihrer Liebe getanen Eintrag aufs beste entschuldigt hatte /
beschwur sie sie bei ihrer Freundschaft / sie wollte ihr hiervon nichts verhölen
/ und durch die von diesem heiligen Manne erwähnte Ubereinstimmung beider
Wahrsagungen ihrem Unverstande ein heller Licht anstecken. Erato war geneigt ihr
zu willfahren / der Einsiedler aber kam ihr mit einer umbständlichen Erzehlung
zuvor / umb beiden darzutun: dass ihm nichts / was gleich in seiner Abwesenheit
daselbst geschehe / unwissend wäre. Erato bestätigte alles zu Ismenens
unbegreiflicher Entsetz- / aber auch zu nicht geringerer Vergnügung; welche denn
ihren Vorwitz nicht hemmen konnte den Priester zu fragen: ob das mit den
rauschenden Quellen so wohl einstimende Getöne ein angebohrnes Zischen solcher
Schlangen / oder ein göttlicher Klang wäre? Der Einsiedler fieng an: Mich
jammert eurer Einfalt. Glaubt ihr nicht dass wenn eure verwöhnte Ohren von aller
Unsauberkeit gereiniget wären / euch das verdrüssliche Brüllen der Löwen /das
Bläcken der Küh / das Meckern der Ziegen / das Heulen der Wölffe / das Gruntzen
der Schweine / das Wiegern der Pferde / das Bellen der Hunde / das Spinnen der
Katzen / das Schwirren der Heuschrecken so lieblich als das Schlagen der
Nachtigall / das Singen der Menschen / und so süsse / als das erwähnte Zischen
der einschläfenden Schlangen fürkommen würde? In welchem Verstande deñ auch für
keine Falschheit zu halten ist: dass die Schwanen annehmliche Grabe-Lieder
singen. Kan euch auch unbekandt sein: dass die aufschwellende Bruñen / die
rauschenden Bäche eine süssen und einschläffende Klang von sich gebe? Habt ihr
nicht gehöret: dass ein Fuchs in Cilicien nach dem Schwalle der Flöten tantze und
sich aufschwelle? dass ein Fluss in Arabien wie eine Laute spiele; und in
Hispanien ein vom Winde geregter Strom den annehmlichsten Klang von sich gebe?
Ist nicht eben eine so liebliche Bach in Phrygien / welche zu tichten Anlass
gegeben hat; Dass der in solch Wasser verwandelte Marsyas noch immer seine
Torheit besinge? Ja die Erfindungen der Menschen wissen in ihren Lust-Gärten
das Getöne der Vögel und Säiten-Spiele nachzumache. Wisset überdis ihr nicht:
dass das grosse Gebäue der Welt nichts anders / als eine wolgestimte Harffe des
grössesten GOttes sei? Daher auch die Egyptier ihrem Osiris / die Griechen ihrem
Apollo eine Leier mit sieben Säiten / und ihrem Pan eine Pfeiffe mit sieben
Röhren zueignen? Da nun alle Tiere / ja das verächtliche Gewürme Teile dieser
Säiten sind / wie dis zu erweisen die künstliche Weberei der Spinnen / die
unvergleichliche Baukunst der Bienen überflüssig erhärtet; ist sich nicht zu
verwundern: dass diese frembde Fürstin in ihrer heiligen Selbst-Gelassenheit an
dem Zischen der heilsamen Schlangen eine so grosse Ergötzligkeit wahrgenommen
habe. Sintemal nichts so geringes auf der Erden kreucht / was nicht eben so wohl
mit dem süssen Getöne des Himmels / wie in der Singe-Kunst jeder niedriger Ton
mit dem / welcher acht Staffeln höher ist / und wie in der Rechen-Kunst die
Eines mit der Zehne überein komt; so gar: dass der Ross-Kefer den Rind- oder
Esels-Mist nicht anders als mit dem Neu-Monden zusammen kugeln / und in einem
Monden-Jahre von sieben mal sieben Tagen in einen jungen Kefer ausbrüten kann.
Aus welchem Absehen denn die alten Sternseher fast alle Tiere / und
insonderheit die Drachen / die Erd- und Wasser-Schlangen unter die Gestirne
versetzt; die Griechen aber die Geheimnüs unter ihre Getichte versteckt haben.
Wie aber soll eines Tieres Schall aufgeräumten Ohren nicht annehmlich klingen /
da der grosse Schöpfer der Welt /welcher der Natur nichts wider-stimmiges
eingepflantzt hat / den Schnabel der Vögel / die Rachen und Mäuler der Tiere /
ja das stumme Atemholen der Fische eben so wohl als die Zunge des Menschen zu
seinem Lobe gestimmet hat. Erato schöpfte über diesen Worten nicht nur ungemeine
Vergnügung /sondern auch eine Lüsternheit was mehrers von der allgemeinen
Einstimmung der Welt zu vernehmen; bat ihn daher: Er möchte ihr das Geheimnis
von der Harffe der Welt / und von ihren sieben Säiten etwas klärer entwerffen:
dass ihre Einfalt was nützliches hiervon fassen könnte. Der Einsiedler antwortete:
Weil der Mensch umb dis zu verstehen von GOtt eine vernünftige Seele bekommen
hätte / ja selbst eine der fürnehmsten Säiten wäre / könnte er mit Gewissen ihr
dis Verlangen nicht abschlagen / wo sie ihm anders so viel Gedult ihn zu hören
geben wollte / als er versichert wäre: dass sie seine Lehre mit der Warheit
übereinstimmig befinden würden. Denn in der Welt wäre kein verstimmter und
abscheulicher Getöne / als Lügen. Ismene und Erato versprachen ihm zugleich
alles / was er verlangte; Daher er denn ohne fernern Verzug anfieng: Die eitelen
Griechen tichten: des Apollo Leier habe destwegen sieben Säiten gehabt; weil bei
seiner Geburt die Schwanen siebenmal umb das Eyland Delos geflogen wären; und
des Pan Pfeiffe sieben Röhren / weil er aus der verfolgten Syrinx so viel
Stengel Schilf-Rohr gewachsen sein soll. Allein es sind dis entweder ertichtete
Eitelkeiten / oder allzu unverständliche Versteckungen der Warheit. Dis aber ist
vielmehr der Vernunft gemäss; dass der Himmel /das Feuer / die Lufft / die Erde /
das Wasser / die Pflantzen / die Tiere und der Mensch die sieben einstimmigen
Säiten in der grossen Harffe der Welt / das Gewichte / das Maas / und die Zahl
aber die drei Bogen sein / wordurch GOtt die Seele der Welt / welcher so wohl mit
dem grossen Alles seiner unzehlbaren Geschöpfe / als mit sich selbst allezeit
einstimmig ist / in diesem so das annehmliche Getöne erreget / und allen Säiten
den Geist der Eintracht einflösse. Der Himmel fürnemlich ist gleichsam der
Ursprung / das Muster und die Richtschnur aller vollkommenen Zusamenstimungen /
darinnen die sieben Kreisse der Irrsternen absonderlich sieben Säiten der
himlischen Leier / jeder Stern aber eine singende Zunge abzugeben scheinet.
Welches anzudeuten denn die Leier selbst unter die Gestirne erhoben / von den
alten Weisen aber nachdencklich gelehret worden ist: dass im Himmel nichts sei /
was nicht seine Stimme künstlich erheben könne. Dieses aber geschiehet nicht nur
in der wolabgeteilten Grösse und in dem unterschiedenen Stande eines jeden
Sternes; wie solche zu der Ferne seines Standes / und zu seiner Würckung
erfodert wird / also nicht zu fragen ist: dass die Sonne das Hertze der Welt /
welche die andern Sternen erleuchtet / und die ganze Natur erwärmet / der
gröste ist /und in der Mitte der unholde Saturn am fernesten /und der wässrichte
Monde am niedrigsten stehe. Dieser ist von der Erde einer Staffel weit
entfernet. Der Mercur steht über dem Monden / wie auch die Venus über dem Mercur
eine halbe / die Sonne darüber andertalbe / Mars über der Sonne eine / Jupiter
über dem Mars / und Saturn über dem Jupiter / wie auch der höchste Gipfel des
Himmels jedes eine halbe Staffel weit; also dass es vom Gipfel bis zur Erde sechs
/und also so viel Staffeln weit ist / als ihrer die Singekunst in sich hat. Die
Entfernung jedes Irrsternes von der Erde aber stimmet überaus artlich mit ihrer
Grösse ein; also: dass die kleinsten die nechsten sind; und je grösser ein jeder
/ je weiter er von uns stehet / und also die Nähe der Kleinigkeit in ihren
Würckungen hilft / und die Ferne die allzuheftigen Einflüsse der grösten
Gestirne miltert. Nichts minder machet die Bewegung der Gestirne den Himmel zu
einer gleichsam aus Ertzt gegossenen und klingenden Kugel; darinnen jedes zwar
seinen absonderen Lauf hat / aber doch wie die zusammen-gestimmten Röhre einer
sieben-fachen Pfeiffe mit allen einträglich übereinkommt; also dass / obgleich
die Irrsterne ganz widrig lauffen / sie doch auf gewisse Zeit sich mit einander
vereinbaren; also: dass der in dreissig Jahren allererst den Tier-Kreis
durchlauffende Saturn / die in einem Jahre durchreñende Sonne / ja den in
viermal sieben Tagen auskommenden Monden nicht versäumet; dass zwischen dem
frostigen Saturn und feurigen Mars der gütige Jupiter / zwischen der trockenen
Venus und dem nassen Monden der linde Mercur eine Mässigung / und sogar eine
Zusammenstimmung widriger Getöne macht. Eben so sind die zwölf Zeichen des
gestirnten Tier-Kreisses durch ihre Eigenschaften als durch Knoten an einander
verknüpft. Dem feurig und trockenen Widder stimmet der kalte Ochse mit seiner
Trockenheit / dem trockenen Ochsen die warmen Zwillinge / den zugleich nassen
Zwillingen der kalte und nasse Krebs ein. Eine solche viertönichte
Zusammenstimmung machen in gleicher Ordnung der Löwe / die Jungfrau / die Wage /
der Scorpion / und die dritte nicht anders der Schütze / der Steinbock /der
Wassermañ und die Fische; dass also durchgebends das fünfte Zeichen dem
vorhergehende /wie im Singen der achte Ton dem ersten ganz gleichstimig ist.
Welche Eintracht deñ auch durch der Gestirne kräfftige Würckung biss in die
innerste Schoss der Erde / und in den Abgrund des Meeres sich erstrecket / und
weder Tier / Fisch oder Gewächse ist / welches nicht einen ihm gleichstimmigen
Stern im Himmel habe. Absonderlich stimmet die Sonne mit dem Löwen / als ihrem
Hause wohl zusammen / und sie kriegt in selbtem zweifache Kräfften / wie der
Monde im Krebse / Saturn im Wassermanne und Steinbocke / Jupiter in Fischen und
Schützen / Mars im Widder und Scorpion / Venus im Wassermanne und Stier / Mercur
in der Jungfrau und Wage. Gleiche Zusammenstimmung finden wir in Elementen /
ungeachtet dem Feuer nichts mehr als das Wasser widrig zu sein / auch Lufft und
Erde keine Verträgligkeit mit einander zu haben scheinet. Denn weil das Feuer 2.
mal so diñe als die Lufft / 3. mal so leichte / und noch einmal so scharff als
das Wasser; diss aber zweimal so scharff / dreimal so dinne / und viermal so
leichte als die Erde ist; machen ihre unterschiedene Eigenschaften auch die
Zusammenstimmung des allerwidrigsten. Dem scharffen / dinnen und beweglichen
Feuer komt die stumpfe Lufft / weil sie dinne und beweglich ist / bei. Das dicke
Wasser verträgt sich mit der Lufft / weil es stumpf und beweglich / und die
unbewegliche Erde mit dem Wasser / weil sie wie jene stumpf und dicke ist; also
zwischen Feuer und Erde /Lufft und Wasser einen Mittel-Ton ihm macht / und die
Lufft so weit vom Feuer / als das Wasser von der Lufft / und die Erde vom Wasser
seinen Klang erniedrigt. Das Wasser hat zur sondern Eigenschaft die Nässe; mit
der Kälte aber stimmet sie der Erde / die von Natur allezeit kalte Erde mit
ihrer Trockenheit aber dem Feuer ein. Das allzeit trockene Feuer vereinbart sich
durch die Wärmbde der Lufft / und die Lufft durch die Nässe dem Wasser. Alleine
/ wie schlecht würde die grosse Harffe der Welt zusamenstimmen /wenn die
Elemente nur mit einander / nicht aber auch mit dem Himmel überein stimmen
sollten. Die Erde hat nichts / was denen Gestirnen abgeht / und diese alles / was
die Erde. Im Monden finden unsere Fern-Gläser die grossen Gebürge des Taurus /
des Imaus /und Paropamisus; ja die Feuer-speienden Berge Etna und Hecla / den
Nil / den Ganges / Rhein und andere Flüsse / unterschiedene Meere mit Epp und
Flutt /Regen / Tau und Schnee; ja unsere vernünftigste Weltweisen Tiere und
Menschen. Woraus wir gleichsam zu schlüssen genötigt werden: dass es in der
Sonne und andern edlern Sternen nicht schlechter beschaffen sein könne. Diese
Ubereinstimmung ereignet sich auch in allen vermischten Dingen / derer keines in
der Lufft / auf der Erde und im Meere befindlich ist / welches nicht Feuer /
Lufft / Erde und Wasser zusammen in Eintracht bringe / ungeachtet etliche
Gewächse hitzige / andere kältende Würckungen haben. Aus dieser Einstimmung
fleust: dass alle Flüsse dem Meere zueilen / daraus sie ihren Ursprung haben; dass
die Dünste sich in die Lufft ziehen und den geneigten Sternen nähern; dass die
Glut allezeit gegen dem Himmel klimt; dass so viel Tiere und tausend Gewächse
einen heimlichen Zug zu den Sternen haben; dass der Löwe sich für dem Hahne
fürchtet /weil die Sonne in diesen einen stärckern Einfluss / als in jenen hat;
dass die Sonnen-Wende der Sonne den ganzen Tag nachziehet; dass der Lotus-Baum
seine des Nachts zugeschlossene Blätter mit der aufgehenden Sonnen aufhüllt / am
Mittage völlig ausbreitet /mit dem Abende nach und nach zuschleust. Ja wir
finden in den Eingeweiden der Erde alle himlische Irr-Sterne. Das Silber komt
dem Monden / das Quecksilber dem Mercur / das Kupfer der Venus / das Eisen dem
Mars / das Zinn dem Jupiter / das Blei dem Saturn bei / und kein Tier geht /
schwimt oder kreucht auf der Erde und im Meere / das nicht einem dieser Gestirne
beistimme. Nicht geringer ist die Zusammenstimmung der irrdischen Dinge unter
einander selbst. Die Ulmen spielen mit den Wein-Stöcken / das Wind-Kraut mit den
Dornen / Epheu mit Eichen und Buchen; die Einhörner verlieben sich Jungfrauen;
ja die Drache selbst haben mehrmals beim Frauenzimmer Gift und Wildnüss
abgeleget. Ja weil der Stahl vom Magnet / die Spreu vom Agsteine / die Mutte vom
Lichte sich ziehen lässt / ist es kein Wunder: dass alle empfindliche Seele von
Saitenspiele einen Zug fühlen / und ein süsses Getöne der saugende Kinder
andere Milch sei: dass die Vögel durch die Pfeiffe sich ins Garn / die Fische
sich ins Netze / die Meer Schweine durch die Harffe ans Ufer und vom Amphion zu
Schiffe / die Nordischen Schwanen in die Kefichte / die Hirschen durch
Menschen-Stimme in die gestellten Garne locken lassen. Die wilden Elefanten in
Indien lassen sich durch Seiten-Spiele bändigen / und die hartneckichten Camele
nehmen darbei ihre Bürde willig auf. Ja wie ein Steinfels bei Megara /worauf bei
Erbauung der Tebisschen Mauern des Apollo Laute gelegen / soll bei seiner
Anrührung ein süsses Getöne von sich gegeben haben; also haben mich etliche
Griechen versichert: dass die Eylande an dem Lydischen Ufer sich beim Klange der
Flöten ins Meer entfernen. Gewiss aber ist: dass auch die stumme Spinne darmit:
dass sie ihr Gewebe in sechs dreieckichte Felder abteilet / uns die Erfindung
nach iedem Drei-Eck ein wohl abgeteiltes Seiten-Spiel zu fertigen an die Hand
gäbe: welches wunder-würdig zusammen stimmen muss / wenn man es nach der
Spinnweben Muster mit zehn Seiten beschnürte. Zu geschweigen: dass Pytagoras von
dem Dreischlage dreier gegen einander wohl abgeteilter Hämmer die Seitenspiele
zu stimmen gelernet haben soll. Die Königin Erato konnte ihre über dieses
Einsidels Rede geschöpfte Vergnügung länger nicht verbergen; sondern beteuerte:
dass seine Erzehlung mehr ihr Gemüte /als das süsse Zischen der Schlangen ihre
Ohren belustigt hätte / sie könnte auch nicht glauben: dass die von den
Sonnen-Strahlen klingend-werdende Säule des Memnons in Egypten ein annehmlicher
Getöne von sich gäbe. Der Einsiedler versetzte: Er wollte ihre Höfligkeit für
keine Heuchelei aufnehmen / wenn sie glaubte: dass keine vollkommenere Harffe in
der Welt / als der Mensch wäre. Erato antwortete: Sie hätte daran niemals
gezweifelt / weil sie gewust: dass gegen der Menschen-Stimme aller andern Tiere
Ton ein Geheule / und alle Seiten-Spiele ein todtes Wesen wären / welche von
jener allen Verstand als die Seele der Liebligkeit bekommen müsten. Die Natur
hätte zu dem Munde / als dem Aufentalte der Seele / der Pforte der Worte / dem
Brunn der Beredsamkeit / der Wahrsagerin der Gedancken / der Mutter der
süssesten Menschen-Stimme alle Kunst und Weissheit angewehret / des Mundes
Gestalt und Würde nichts abzubrechen. Alle Glieder wären schier zu Gehülffen der
Stimme geschaffen. Die Lungen dienten ihr zu Blasebälgen / die hole Brust und
der Hals zu Röhren den nötigen Wind in den Mund zu leiten. Aus dem Gehirne
giengen viel Spann-Adern zu Bewegung dahin / und das Haupt feuchtete den Mund
notwedig dazu an. Im Munde allein stünden die Zunge / der Gaumen / die Zähne /
die Lippen / das Zäpplein / die Kehle und viele andere nötige Werckzeuge der
Stimme zu Diensten. Ihre Würde hätte sie ins Haupt / als in den Königlichen Sitz
des Gemütes erhöhet / dessen Dolmetscherin sie ist; wormit sie die Geheimnisse
der Vernunft und die Schlüsse des Willens mit einer so viel mehr durchdringenden
Liebligkeit kund mache. Der Einsiedler fiel ein: Diss alles wäre wohl wahr: der
Mund stellte eine süsse Flöte / an der die Lufft-Röhre das Rohr / die Zunge die
spielenden Finger abgeben; die Zunge aber eine beseelte Laute für /welcher
Seiten die Zähne wären. Mit dieser hätte Orpheus Bäume und Felsen rege gemacht /
Mercur die wilden Leute gebändigt; dahero diesem auch die Zunge gewiedmet wäre /
in Egypten aber sie / nebst vier Zähnen ein Sinn-Bild der Singe-Kunst und
Seiten-Spiele abgäbe. Alleine hierinnen bestünde doch nicht der Grund seines
vorigen Schlusses. Denn ob zwar eine singende Menschen-Stimme durch Marck und
Beine zu dringen; Felsen rege / Geister unbeweglich / und Sterbende gleichsam
wieder lebend zu machen vermöchte; so wäre doch was viel grössers / welches den
auch stummen Menschen zum Werckzeuge der allersüssesten Zusammenstimmung machte.
Ismene fieng an: Weil wir alle Menschen / und also solche Werckzeuge sind /
wolle er uns durch seine tieffsinnige Auslegung doch so glücklich machen: dass
wir uns / und unsere Glückseligkeit kennen lernen. Der Einsiedler begegnete ihr:
Wisset ihr denn nicht / holdselige Kinder: dass der Mensch Gottes vollkommenstes
Geschöpfe / ein Begrieff aller Wunderwercke / eine kleine Welt sei? da nun die
grosse Welt eine vollkommene Harffe / der grosse Gott ihr Stimmer ist; wie soll
die kleine nicht der grossen / als das Muster dem Wercke zusagen? Sintemal in
der grossen Welt nichts so gross oder klein ist / was nicht auch die kleine in
sich hat; ja die kleine / als das einige Ebenbild Gottes / begreifft in sich
etwas edles / was der grossen mangelt. Der niemals ruhenden Sonne stimmet das
stets schlagende Hertze bei; welches in so viel Stunden / als jene Tag und Nacht
macht / in den Adern durch den ganzen Leib das Geblüte herumb treibet /alle
Glieder beseelet / und durch seine Bewegung nicht nur die Augenblicke / sondern
Stunden / Tage und Jahre abmisst; also das Hertze in der verborgensten Einsamkeit
einem genauen Aufmercker zu einer unfehlbaren Uhr dienen kann. Der Monde komt dem
Gehirne bei / welches wie jener die Unter-Welt durch sein silbernes Tau-Horn /
also dieses alle Glieder durch seinen Einfluss betauet. Der Miltz zeucht wie der
Saturn / die Galle wie der Mars alles schädliche aus dem Leibe an sich. Die
Lunge hat in ihm die Verrichtung des Mercur / die Nieren der Venus / die Leber
des Jupiters. Die Augen haben die Gleichheit und das Ampt der festen Gestirne /
wo sie nicht zuweilen durch ihre kräftige Regungen es gar der Sonne zuvor tun.
Mit dem Feuer stimmet das Gesichte / mit dem Gehöre die Lufft / mit dem Fühlen
die Erde / mit dem Geschmacke das Wasser / mit dem Geruche beides überein. Was
ist den Alpen / dem Taurus und unserm Hartz-Gebürge ähnlicher als der Rückgrad /
den Felsen gleicher als die Gebeine? In unserm Geblüte /Eingeweiden und
Feuchtigkeiten stecket nicht nur Saltz / Schwefel und Queck-Silber / sondern
alles Ertztes Eigenschaften / und wir zeugen in uns so wohl Steine als die
Berge. Unser Fleisch und Glieder kriegen nicht anders von den Lebens-Geistern
als die Bäume von der Krafft der geistigen Erde Nahrung und Wachstum. Die
Kräuter und Blumen sind nichts anders als Haare der Felder; unsere Adern aber
selbstständige Flüsse und Quelle. Unsere Tränen und der Schweiss gleichen dem
Tau und dem Regen / unser Lachen dem Blitze / unser Dräuen dem Donner /unser
Seufzen und Atemholen dem Winde / unser Zittern dem Erdbeben. Unsere anmutige
Kindheit bildet den schönen Früling / unsere feurige Jugend den hitzigen Sommer
/ unser mannbares Alter den fruchtbaren Herbst / unser ohnmächtiges Alter den
kalten Winter ab; ja unser Tod begegnet nicht nur Sternen / Felsen / Städten /
Eylanden und Ländern /welche vom Meere oder Erdbeben verschlungen werden /
sondern ist eine kräfftige Wahrsagung: dass die grosse Welt so wenig als die
kleine ewig sein werde. Erato fiel ein: Ich lerne aus dieser Auslegung nun
allererst meiner Lehrmeister Unterweisung recht verstehen: dass es einen Ober-
und untern Himmel / und zweierlei Sternen gebe; dass in dem Menschen der Saamen
aller Dinge verborgen liege / und in diesem kurtzen Begriffe mehr / als in allem
Umbkreisse der Natur / ja der Mensch gegen andere Geschöpfe ein Gott / und
allein ihm zu gefallen die Welt erschaffen sei. Der Einsiedler antwortete: Mit
dieser Umbschrenckung kann man den Menschen für ein so grosses Wesen gelten
lassen / welcher sonst aber gegen Gott weniger als ein Sonnen-Staub zu rechnen
ist. Worbei ich denn selbst nachgebe: dass auch der menschliche Leib einiger
massen mit Gott eine wiewohl entfernte Vergleichung vertrage. Denn wie Gott ein
alles begreiffender und unbegreifflicher / die Welt aber ein Unermesslicher Kreis
ist / also bildet nicht nur das menschliche Haupt eine Kugel / sondern auch der
sich ausbreitende Leib einen Kreis ab / darinnen der Nabel / oder vielmehr das
Ende des Leibes der Mittel-Punct ist. Uber diss gibt der menschliche Leib ein
vollkommenes Vier-Eck ab / wenn seine vier Striche von dem äusersten Ende der
Finger gezogen werden / dessen Mittel-Punct das Ende der Zwisel ist. Erato
erforschte an ihrem eigenen Leibe alsofort beide Abmässungen / und erwähnte: dass
Pytagoras durchs Vier-Eck den einigen und ewigen Gott abgebildet hätte; die
Egyptier aber alle Geheimnisse der Irr-Sternen in viereckichte Siegel
versteckten / und die Tracier nicht / wie alle andere Völcker biss auf zehn
/sondern nur biss auf vier erstreckten. Der Einsieder lobte so wohl der Königin
Sorgfalt / als ihren Beisatz / versicherte auch beide Fürstinnen: dass im
Menschen alle ordentliche Bildungen der check-Kunst zu finden wären. Dahero wenn
man vom Ende des Rückgrades umb den ausgestreckten Menschen einen Kreis machte /
die Spitzen der Hände / der Füsse und des Hauptes an solchen rührten / würde man
an ihm das vollkommenste Fünf-Eck / und von denen beiden Fusssolen biss zum Nabel
ein richtiges Dreieck / an denen ausgestreckten Beinen und Armen aber ein
gleichseitiges Viereck finden. An denen empor gestreckten Armen komt der
Ellebogen der Scheitel in Niedersenckung der Armen das äuserste der Finger dem
Knie schnurgleiche / und im ersten Falle ist der Nabel / im andern das Ende der
Zwiesel ein richtiger Mittel-Punct. Nichts minder haben auch die Glieder gegen
einander eine so geschickte Abteilung: dass die check-Künstler von Ausspannung der
Armen die Klaffter / oder eine Menschen-Länge / von dem Ellbogen die Elle / von
der Fuss-Länge den Schuch / oder halbe / von der Spanne das Drittel der Elle / ja
alle Maasse genommen; ja nach des menschlichen Leibes Stellung die
vollkommensten Säulen / Fenster / Türen / Bogen / Häuser und Tempel abgeteilet
/ wie folgende Bildhauer nach des Polyclatius Muster alle ihre Bilder abgemässen
haben. Erato fiel ein: Bei so richtigem Maasse erkenne ich meinen Irrtum in der
unnötigen Verwunderung über drei nach Artaxata kommender Mahler / derer einer
an dem Nagel meines Daumens / der andere an dem äusersten Gliede meiner kleinen
Zeh / der dritte von einem Auge biss zum andern das Maass nahm / und ieder mich
nach meiner richtigen Grösse abbildete. Noch viel weniger aber ist für
unbegreifflich zu halten: dass Pytagoras aus einem Schritte des Hercules /
Phidias aus einem Kreile seines Löwen / Timantes aus eines den Daumen des
Polyphemus mässenden Zwerges Stellung des Riesens Grösse ausrechnen konnte. Der
Einsiedler versetzte: Es ist so leichte aus einem Gliede aller Grösse zu
urteilen / als viel kleine Zahlen in eine grosse zusammen zu setzen. Denn der
Nagel der Zähen und Hände ist die Helffte des ganzen Gliedes. Das grosse Glied
des Daumens ist so gross / als der Mund aufgesperret werden kann / und so weit die
unterste Lippe vom Ende des Kines entfernet ist. Das kleineste Glied des Daumens
aber reicht von der Höhe der untersten Lippe biss an die Nase an. Das gröste
Glied des Zeigers ist so lang als die Stirne hoch ist. Seine zwei kleinesten
Vörder-Glieder mit dem Nabel haben die Länge der Nase. Das erste und gröste
Glied des Mittel-Fingers reichet von der Nase biss in die Tieffe des Kines / das
mittelste biss zum Ende der Unter-Lippe / das dritte vom Munde biss zur Nase. Die
Länge des Spiess-Fingers ist die Helffte der Hand / biss zum Gelencke des Armes /
die ganze Hand aber hat die Länge des Antlitzes. Dieses aber hat drei gleiche
Längen / derer nämlich eine von der obersten Stirne biss zun Augen /die andere
biss zun Lippen / die dritte biss unter das Kinn sich erstrecket. So weit es vom
Kine biss zur Brust ist / so breit ist der Hals. Die Entfernung des Kines von dem
Wirbel / beträgt den Umbkreiss des Halses / und die Helffte des Gürtels. Die
Gurgel steht so weit vom Kine / als die Nase von der Mitte der Augen-Brauen; und
die Weite der Nase vom Kine stimmet mit der Ferne des Knotens im Halse mit dem
Ende desselbten überein. Die Breite der Augen-Höle von oben her bis unten zu /
die Vorragung der Nase /und die Länge der kleinen Furche zwischen der Nase und
dem Munde haben einerlei Maass. Wie die Weite des Mundes / die Höhe der Stirne /
die Länge der Nase / der Ohren / des Daumens / und der Raum unter der Nase / bis
zum Kine auch ein gleiches. Von der oberen Einbiegung der Nase biss zu den
eusersten Winckeln der Augen ist es so weit / als von diesen zun Ohren. Beide
Augen-Brauen tragen den Kreis der Augen / der halbe Umbkreiss des Ohres aber die
Weite des Mundes / die Weiten der Nase die Länge des Auges aus. Zwischen dem
Wirbel und Kine sind die Augen / zwischen dem Wirbel und Knien der Nabel /
zwischen der Nase und dem Brust-Beine der Knoten am Halse der Mittel-Punct. Die
Fläche der Hand ist so breit als das Fuss-Bret. Die Entfernung der ausgestreckten
Hände / und die von einander Spannung der Füsse komt der ganzen / die Rundte
des Leibes unter den Achseln der halben Länge des Menschen bei. Der Mittel-Punct
auf der Brust biss zum Wirbel / wie auch die Zwisel biss zum Knie / und das Knie
biss zum Knöchel / nichts minder die Breite der Achseln / und die Länge vom
Ellebogen biss zum eusersten Mittel-Finger sind ein check-Stab des vierdten Teiles
an der menschlichen Länge. Die Weite von einer Wartze biss zur andern / und von
Wartzen biss zum Munde / oder zum Nabel kommen genau mit einander ein / und
betragen das siebende Teil der menschlichen Länge. Von dem Wirbel ist es so
weit als von der Achsel zum Ellebogen / und der Mensch achtmal so lang. Die
Breite der Brust und der Umbkreiss des Hauptes tragen das fünfte Teil der Länge
aus. Die Därme sind sieben mal so lang als der Mensch. Alle einzele Glieder /
als die Nase / der Mund und der Nabel stehen gleichfalls in der Mitte; alle
zweifache aber auf der Seite / iedoch damit alles wohl zusammen stimme / gerade
gegen einander über. Diese und hundert andere zusammen-stimmende Abmässungen
menschlicher Glieder musste der Einsiedler Ismenen und der Erato so langsam
erzehle / auch teils wiederholen: dass sie derselben Wahrheit an einander durch
ihre Ausmässung erforschen konten. Wie nun an beiden alles auf ein Haar eintraff
/ ruffte Ismene mit hellem Munde: O der wunderwürdigen Mässkunst! O des
unvergleichliche Werckmeisters! welcher in Erschaffung der kleinen Welt so gross
/ wo nicht grösser / als in dem Baue der grossen ist! Alleine trifft diss Maass so
eigentlich auch in Männern / und allen Menschen ein? Der Einsiedel antwortete:
In allen / welche ausgewachsen / und keine Krüpel durch Zufälle / oder durch
Irrtum der Natur / worzu Fälle und Versehungen der Mütter mehrmals Ursache
geben / worden sind. Denn also kann das Maass ihrer Glieder so wenig als ein
krummes Richtscheid / ein wanckender Circkel / oder eine ungleiche Wage
eintreffen. Wie denn auch in neugebohrnen Kindern / als noch unvollkommenen
Geschöpfen das Maass / insonderheit des Hauptes eben so wenig / als das Gewichte
des Blutes und der Feuchtigkeiten in krancken Leibern fehlet. Massen denn in
einem gesunden recht-gebildeten Menschen acht Teile Blut / halb so viel Wasser
/ zwei Teil Galle / und nur ein Teil schwartz und schwermütig Geblüte sein
soll. Wie nun diese wohl-abgeteilte Vermischung die Ursache der Gesundheit und
einer lebhaften Farbe ist; also bestehet in dem rechten Stande und der gehörigen
Grösse der Glieder die Schönheit. Die vollkommenste Schönheit aber ist in der
Seele zu suchen; welche nicht nur mit dem Leibe eine wunder-würdige
Zusammenstimmung / wie der Himmel mit der Erde hat /sondern auch nach des Plato
Meinung aus lauter zusammen klingenden aber wesentlichen Zahlen bestehet; oder
gar nach Anaxanders und des Aristoxenus Meinung eine sich selbst rege machende
Zahl ist. Wie nun die Harffe des Leibes von der Gleichheit der Glieder gestimmet
wird; also machen die Kräffte und Würckungen die Flöte der Seele rege / welche
durch die Vernunft / durch die Begierde / und Empfindligkeit / als durch drei
Röhre ihren Klang eröffnet; denen als ihren Gebieterinnen die Glieder des Leibes
als fertige Handlanger auf was wenigers als einen Winck gehorsamst zu Gebote
stehen. Diese Zusammenstimmung hat die Seele auch mit den Gestirnen /aus welchen
sie / vieler Meinung nach / ohne diss sollen entsprossen sein / und in selbte aus
ihren sterbenden Leibern wieder empor flügen. Ihre gewächsige Krafft komt dem
Monden / ihre Einbildung dem Mercur / ihre Begierligkeit der Venus / ihre
Lebhaftigkeit der Sonne / ihr Trieb oder Eiver dem Mars / ihre Behägligkeit dem
Jupiter / ihre Fähigkeit alles anzunehmen dem Saturn / ihr Wille aber dem ersten
Bewegungs-Grunde bei. Die Königin Erato fiel ein: Ich erinnere mich bei dieser
weisen Auslegung meiner Lehrmeister Unterweisung: dass die Seele im Leibe eben
diss / was der Fuhrmann im Wagen / der Steuermann im Schiffe / nach des
Anaxagoras und des Milesischen Tales Meinung / der regende Verstand / oder die
Bewegungs-Krafft des Leibes / nach Alcmäons Urtel / himlischer Eigenschaft /
nach des Ephesischen Heraclitus Lehre ein Funcken vom Wesen der Sterne / nach
des Pontischen ein Licht sei. Hingegen aber hat mich mehrmals irre gemacht / wie
bei vorhergesetzte Meinungen bestehen könne: dass unser Democritus die Seele für
ein aus eitel Sonnen-Staube bestehendes Wesen / Archelaus für eine Regung
solcher unsichtbare Kleinigkeiten / Diogenes sie für eine reine Lufft / Hippon
für ein aus Wasser / Xenophanes für ein aus Wasser und Erde / Parmenides für ein
aus Feuer und Erde / Empedocles für ein aus allen Elementen / Epicurus für ein
aus Feuer und Geiste bestehendes Ding / Hipparchus sie für die Krafft des Feuers
/ Asclepiades für ein von allen Sinnen bewegtes Fleisch / Critolaus für den
besten Auszug aus allen Dingen gehalten habe. Der Einsiedler lächelte hierüber /
und sagte: Alles dieses wären Irrtümer alberer Weisen. Dahero nicht nur die
Egyptier / welche die Seele für eine die Leiber regende Krafft hielten / sondern
auch Pytagoras und Hippocrates diese Meinung als eitel verwürffen / und die
Seele als ein Kind Gottes / und für einen durch den ganzen Leib ausgegossenen
Geist verehrt hätten. Wie denn auch die Seele ein wahrhafter Geist / und ein
Bild des grossen Schöpfers wäre. Obige Irrtümer aber haben ihren Ursprung aus
der Neigung und Zusammenstimmung der Seele mit dem Leibe her / welche
Eigenschaft sie mit ihrem Wesen vermengen. Denn die Erde hat etlicher massen
eine Verwandnüss mit ihrer Empfindligkeit / das Wasser mit ihrer
Einbildungs-Krafft / das Feuer mit ihrer Bewegung / die Lufft mit ihrer
Vernunft / der Himmel aber mit ihrem Verstande. Ob wir beseelte Menschen nun
zwar uns selbst / nicht weniger den grossen Gott die Seele aller Seelen kennen
/und mehr wissen / was die Seele nicht sei / als was sie ist; so ist doch der
der weiseste unter allen Menschen / der aus der Eigenbewegligkeit der Seele /
und aus dem / dass sie nicht gezeugt wird / und ein Ebenbild des ewigen Gottes
sei / ihre Unsterbligkeit erkennet / und sie mehr zu einer mit dem heiligen
Schöpfer / als mit dem fleckichten Leibe einstimmenden Harffe machet.
    Der eingeschlichene Abend nötigte die Königin Erato und die Fürstin Ismene
nach abgelegtem Dancke für so heilsame Unterrichtung von diesem gutertzigen
Einsiedler Abschied zu nehmen / und auf das Waldeckische Schloss zu kehren; allwo
die Hertzogin Tussnelde und das andere Frauen-Zimmer sich über beider heimliche
Entfernung nicht wenig bekümmert hatten. Wie nun Erato und Ismene sich die erste
halbe Nacht / und hernach unzehlbare mal über der seltzamen Wahrsagung mit
einander besprachten / und ihre Liebes-Regungen allerhand seltzame Anstösse
erlitten; also brachten sie es durch ihre Lob-Sprüche dahin: dass die Hertzogin
Tussnelde biss zu Ende des Heu-Monats in selbiger Gegend sich aufhielt / und
mehrmals mit allen Fürstinnen den Einsiedler heimsuchte / die übrige Zeit aber
mit Beschauung der Gebürge / Bruñen / Flüsse / und andern nur ersinnlichen
Ergetzligkeiten kürtzte; und mehrmals bekennete: Sie hätte in dieser
annehmlichen Gegend allererst gelernet: dass die Vergnügung des Gemütes / wie
der Tau des Himmels nicht von denen Mist-Hauffen der Städte / sondern von den
Kräutern der Felder zu sammlen / ja eine solche Einsamkeit nicht nur zu seiner
eigenen Genüssung und zur Betrachtung Gottes am geschicksten / sondern auch der
Lebens-Art Gottes am ähnlichsten wäre.
 
                                     Inhalt
                               Des Andern Buches.
Des Krieges Eigenschaft. Das Abnehmen des Römischen Reichs; Augustens kluge
Bezeigung deswegen. Des Feldherrn Misstrauen gegen den Marbod. Zusammenziehung
der deutschen Völcker. Germanicus schlägt eine Brücke über den Rhein. Tiberius
setzt mit einer grossen Macht bei Meintz über die Schiff-Brücke. Der Deutschen
Gegenverfassung. Tiberius büsset ein; lässt gegen der Catten Läger streiffen. Der
Graf von Solms geht auf sie los / vertreibt sie nebst dem Ritter Isenburg.
Herrmann und Arpus beratschlagen sich dem Feinde nachzusetzen. Tiberius redet
seinem furchtsamen Heere ein Hertz ein. Catumers und Marcomirs Sieg gegen die
Römer und Gallier. Der Feldherr ziehet dem Tiberius immer nach. Sextus Apulejus
/ Arbogast und Cotys fallen ein Teil des Deutschen Heeres an. Jubil /
Ravensberg und Waldeck setzen sich zur Wehre. Asprenas entsetzt die Römer.
Scharffes Gefechte der Deutschen mit den Römern / darinnen jeder des andern
Meister werden will. Nassau schlägt den Gallischen Fürsten Arbogast mit einem
Streitkolben zu Bodem / und hierdurch auch die sämtliche Gallier in die Flucht.
Asprenas Tapferkeit / und kluge Aenderung der Schlacht-Ordnung. Des Feldherrn
gleichmässige Bezeigung. Giebt genaue Achtung auf des Tiberius Tun. Des Tiberius
Krieges-List; und wie er den deutschen Feldherrn verführet hat. Scharffes
Treffen. Siegesmund hebt einen Römischen Heerführer aus dem Sattel; welcher aber
für seinen Vater Segestes erkennet; und vom Graf Benteim auf die Seite
gebracht wird. Diephold bleibt im Treffen / Zulenstein aber wird Hauptmann.
Tiberius /nach dem er beim Feldherrn umb einen Stillstand zu Beerdigung der
Todten angehalten / geht des Nachts durch / und befestigt zwischen dem Rhein und
Mäyne ein neues Lager. Arpus erobert die Festung Bingen mit Sturm. Des
Germanicus gleichmässiger unglücklicher Zug gegen den Melo / und seine Sicambrer
/Bructerer / und Tencterer. Ganasch und Graf Delmenhorst treffen auf die Römer
und treiben durch Hülffe des Ritters Arenberg und Schauenburg sie wieder in den
Siege-Strom. Ganasches Zurede gegen seine Chauzen und Friesen daselbst.
Germanicus lässt auf sieben aufgerichteten Altären dem Sieg-Strome opfern.
Plancus sucht sich des Schlosses am Ubischen Sieben-Gebürge zu bemächtigen;
welches aber Ritter Metternich hertzhaft verteidigt. Willich und Wachtendonck
tun hierbei männliche Gegenwehr. Hertzog Franck mit dem Ritter Wassenar
entsetzen solches /und jagen die Römer heraus. Camillus / Cepio / und Terentius
bleiben todt; Plancus aber wird gefangen. Des Hertzogs Franck und Germanicus
scharffes Treffen bei dem Siege-Strome. Sulpitius Galba legt hierbei sein
Schul-Recht rühmlich ab. Melo komt dem tapffern Ganasch zu Hülffe. Der Graf von
Spiegelberg hält sich gegen den Cajus Centronius / und Schauenburg gegen den
Mennius tapffer. Ganasch wird ohnmächtig in die Festung Siegesburg geführt;
dessen Stelle der Graf von Oldenburg rühmlich vertritt. Delmenhorst und
Tecklenburg werden gefährlich verwundet. Des Melo Rede zu den Sicambrern und
Tencterern; greiffet nach diesem den Lucius Apronius mit der Römischen Reiterei
an; lässt die Grafen Lingen und Ravensperg in die erste Legion einbrechen. Cajus
Narbonus widerstehet ihnen zwar tapfer; wird aber von ihnen in die Flucht
geschlagen. Germanicus wird von den Tencterern geschlagen; Melo zerspaltet dem
Marcus Sylla den Kopf. Stirum und Steinfurt halten sich tapfer. Melo fodert den
Germanicus auf einen Zweikampf vergeblich aus. Benteim und Rytberg fechten
tapfer; und wird endlich Germanicus genötiget / wieder über den Siege-Strom zu
setzen; welchem über der Römer Notstande die Augen übergehen. Hertzog Franck
komt zwar blutig / aber sieghaft zu seinem Vater Melo / erzählt ihm
unterschiedlicher deutschen Ritter tapferes Verhalten. Melo lässet ihnen zum
Andencken das am Berge Rhetico eroberte Schloss Löwenberg nennen. Daselbst
entstehet auf dem Juhonischen Teile in der Nacht ein Feuer aus der Erden.
Dessen gute und böse Auslegungen. Wird zu Verbrennung der gebliebenen Leichen
gebraucht. Melo streiffet ober- und unterhalb des Ubischen Altares auf die
Römer. Besucht den an sieben und zwantzig Wunden kranck-liegenden Ganasch. Ihr
wehmütiges Gespräch von der allgemeinen Wolfahrt. Melo rückt vor das Römische
Lager / lässt den Germanicus durch einen Herold ausfordern; dieser aber hält
nicht ratsam an selbigen als einem unglücklichen Tage zu schlagen. Hält durch
eine kluge Rede der Römer allzu hitziges Verfahren zurück. Zündet das Läger an /
und ziehet sich mit seinem Heer über den Rhein. Melo setzet mit seinem Sohne
Franck ihnen eilends nach /schlagen unterhalb Rigomach den Römischen Vortrab in
die Flucht. Germanicus schlägt zwischen den Armen der Erpe und des Rheines unter
Novesium ein neues Läger; und folgends auch ein anderes bei Gelduba. Melo
erobert Aschenburg. Daselbst richten die Griechischen Weltweisen dem Hertzog
Melo und andern deutschen Helden zu Ehren Sieges-Bogen auf. Melo höret der
Griechen Welt-Weissheit in ihrer Schule zu. Lobspruch der Weissheit. Der Druyden
Hass gegen die Griechischen Weltweisen. Machen rechtlichen Anspruch auf den
Minervischen Tempel /und verlangen vom Melo die Abtretung desselben /ziehen auch
eine alte alldar gestandene Eiche zum Beweis an. Timon der Griechische Weltweise
wiederspricht dem obersten Priester Erdmeier deswegen /weiset ihm die angezogene
Eiche an einem andern Orte; daran eine nachdenckliche Schrifft gefunden wird /
worüber allesamt bestürtzt werden. Melo lässt sie mit einem Schrancken verwahren.
Fernere Wortwechselung wegen dieser Eiche und des Eigentums. Divitiachs eines
Britannischen Druys / und Timons Wort-Streit vom Zweifel der Einbildung und der
Warheit; wie auch / ob jemand glauben könne / dass kein GOtt sei. Die Druyden
begehren / dass die Griechen mit ihrer den Fürsten und dem Wolstande Deutschlands
schädlichen Lehre möchten austilget werden; die Geheimnisse des Gottesdienstes
müsten nicht jedermann gemein gemacht werden. Timon aber verteidigt sich
rühmlich gegen den Druyden / und erweiset / dass ihnen mehr Laster und falsche
Lehre beigeleget würde / als sie in Warheit glaubeten / lobet zugleich GOtt und
die Weissheit / dieselbe solle jedermann lernen. Melo aber vereinbaret sie
allerseits /entscheidet ihre Zwistigkeiten klüglich / und zeigt dabei an / wie
schädlich der Zwang zu einem Gottesdienste sei / und ermahnet sie zum Glimpf und
Eintracht. Melo lässet hierauf Novesium berennen. Benteim erobert Duromach /
Steinfurt / Buring. Melo lasset Hülfs-Völcker in die Festung / damit sich in
kurtzem Mangel an Lebens-Mitteln ereignen soll. Stertinius hält vergeblich umb
Vergleich an; Ermahnet hierauf durch eine tapfere Rede die Seinigen sich ausser
der Festung durch den Feind zu schlagen. Die Deutschen empfangen sie übel. Mörs
und Gladebeck begegnen dem Plancus tapfer. Plancus sprengt mit etlichen Römern
in die Erpe / gerät aber erst dem Ritter Galen in die Hände. Stertinius und der
Graf von Benteim kommen an einander. Melo komt dem notleidenden Benteim /
dieser aber / als Melo von denen von Norbanus dem Stertinius zu Hülffe
gebrachten Römern und Galliern umbringt und verwundet wird /dem Melo wieder zu
Hülffe; welcher des Norbanus Sohn den Kopff zerspaltet. Stertinius und Norbanus
müssen das Feld räumen / und den Deutschen die Festung Novesium lassen. Graf
Benteim erobert Tolpia; Stirum Tiberiach; Willich Belgica mit allem Lande
zwischen dem Rheine / und der Rohr / bis ans Ubische Altar. Germanicus ziehet
mit seinem Heere dem Tiberius auf seinen Befehl entgegen; Vereinbahren ihre
beide Heere und schlagen ihr Lager bei Bingen an der Nave. Der Feldherr Herrmann
aber setzt sich mit dem deutschen Heere zwischen Bingen und dem Altare des
Bacchus; Beobachtet fleissig des Tiberius Vorhaben. Der Römer starcker Ausfall
aus dem Altare des Bacchus auf den Arpus. Werden aber von dem Grafen Hanau /
Wissbaden und Weilgrief tapfer empfangen / dem Trebatius der Rückweg zum Tore
abgeschnitten / und er darüber getödtet. Worauf der Graf von Solm und hernach
die übrigen Deutschen hinein dringen / und die Stadt erobern; Caponius der
Römische Befehlhaber selbst wird getödtet. Herrmann und Arpus setzen über den
Rhein / fodern den Tiberius zur Schlacht aus. Germanicus will schlagen; Tiberius
aber widerrät es. Beide ziehen sich zurück. Die Deutschen finden unter vielen
Römischen Waffen auch des Drusus silbernen Schild / worauf sein Sieges-Zeichen
an der Elbe gesetzt ist; welcher in den Tanfanischen Tempel nebst andern Waffen
geschickt wird. In der eroberten Festung wird viel Wein gefunden / welcher
insonderheit den Catten sehr wohl schmeckt. Etliche Catten und Cherusker geraten
im Trumke an einander. Arpus befiehlt dis schädliche Geträncke auszuschütten.
Der Hohepriester des Bacchus bittet den Feldherrn und Arpus das abgöttische
Heiligtum des Bacchus zu zerstören; Giebt sich vor des Vanglonischen Hertzog
Ehrenfrieds Sohn zu erkennen / und klaget über der Römer Abgötterei / und dass
August in Gestalt des Bacchus daselbst göttlich verehret würde. Beschreibung des
vom Drusus gebauten Bacchus-Tempels; seltzame steinerne Schlangen mit dem Nahmen
Deutschlands. Des Arpus Verachtung / und des Feldherrn Lobspruch des Weines;
dessen Nutz und Schädligkeit. Der Hohepriester gibt ihnen beiden eine Schale
voll Wein zu kosten. Ihr Gespräch von allerhand Weinen; Weil der Wein beiden gut
schmeckt / trincken sie Gesundheiten / und Arpus wird anders Sinnes / dass er den
Weinstock nicht auszurotten begehret. Ferneres Gespräch von allerhand Mischung
und Gebrauch der Weine / auch Brunnen / derer Wasser nach Wein schmecken. Des
Priesters Erzehlung von des Drusus Weinbau in Deutschland; Und wie er an des
Käysers Geburts-Tage dem Rheinweine zu Ehren ein prächtiges Feier angestellet /
und einen schönen Aufzug gehalten. Darinnen anfangs der Geist aller Dinge / der
Natur / der Pflantzen / der Berggewächse / hernach Flora und Pomona / nach
diesem zwantzig Länder aufgeführet werden / welche vor sechzig darinnen
wachsende berühmte Bäume ihr Lob heraus streichen / und allerseits umb den
Vorzug / welchem Baum wohl der Sieges-Krantz aufgesetzet werden solle / kämpfen;
da denn endlich der Weinstock den Preis behält; und ihm unter einem Lust-Tantze
der Sieges-Krantz aufgesetzet wird. Weil aber alle mit einander streitende
zwantzig Länder Wein bauen / bekommen sie einen neuen Zwist / welchem Weinstock
unter ihnen der Sieges-Krantz gebühret. Jedes Land führet das Vorrecht seines
Weinstocks an. Die Natur aber spricht das Urtel: dass unter den Bäumen der
Weinstock / unter den Ländern aber Deutschlands Rheinwein den höchsten Preis
verdiene. Worauf alle Länder und Bäume wieder einen Tantz hegen. Tiberius sinnet
einen Zanck-Apfel unter die deutschen Fürsten zu werffen; fängt es zwischen den
Catten und Sicambrern an. Herrmann und Arpus nehmen die Belägerung Meintz für /
und verlangen / dass Melo die Belägerung des Ubischen Altares indessen aufheben /
und zu ihnen stossen solle; welches er aber zu tun nicht ratsam hält /weswegen
ihr Argwohn mehr zunimmet. Die Deutschen bieten dem Tiberius eine Schlacht an.
Beide stellen ihr Heer in Schlacht-Ordnung / kommen aber nur durch Scharmützel
an einander. Siegesmund und Jubil behalten zwei vorteilhafte Hügel. Melo
befiehlt seinem Sohn Franck ihm zu Hülffe zu kommen /welcher im Bedencken
stehet: ob er seines Vaters Befehl befolgen / oder zuvor des Feldherrn und Arpus
vorhabenden Schlacht beiwohnen solle. Der Feldherr macht ihm / als er sich von
ihnen abziehet / Kummer hierüber; Arpus aber leget ihm solches als eine
schimpfliche Feigheit aus. Der Feldherr befiehlet dem Hertzog Jubil die
Oberaufsicht des rechten Flügels; und beredet den Franck bei ihnen Stand zu
halten. Ingleichen besänftigt er den Arpus. Die Römer fallen unterm Germanicus
das deutsche Lager an. Fürst Catumer / Franck und Jubil verwehren der Gallier
Vorbruch / und tun dem anfallenden Tiberius tapfern Widerstand; ziehen sich
aber klüglich zurücke. Germanicus stürmet das deutsche Lager an dreien Orten;
Marcomir verteidigt solches aufs beste / und verwehret den völligen Einbruch.
Fürst Siegesmund / Graf Schwartzenburg entsetzen ihn / und halten mit dem Cäcina
ein scharffes Gefechte. Graf Barby aber bringt dem Marcomir Hülffs-Völcker ins
Lager / worauf die Römer weichen müssen. Siegesmund trifft auf der andern Seite
des Lagers auf die gegen den Grafen Stolberg stürmenden Gallier / Pannonier und
Hispanier. Germanicus lässt auf eingezogene Nachricht / dass viel Deutsche gegen
das Läger anzügen / vom Sturme abblasen. Und gerät in Argwohn / als ob Tiberius
die Deutschen / ihm eines zu versetzen / mit Fleiss angestellet habe. Beide
Römische Feldherren ziehen sich gegen Meintz / ingleichen auch die Deutschen;
welche daselbst ihr Läger anzünden / und ihr ganzes Heer zu Bingen ankommt.
Tiberius findet zu Meintz des König Marbods Gesandten / den Ritter Stahrenberg /
welcher vom Deutschen Feldherrn und Arpus Gleits-Briefe nach Bingen zu kommen /
verlanget. Der Gesandte wird prächtig empfangen. Und nimmet bei allen deutschen
Fürsten ausser dem Hertzog Jubil Verhör. Begehret dass Segestes freigelassen /
und ein Frieden geschlossen / sein König aber als ein Mitler angenommen werden
möchte. Der Deutschen Neigung zum Frieden. Siegesmund widerrätet den ihnen
verdächtigen Marbod zum Mittler anzunehmen. Arpus gibt ihm mit wichtigen
Ursachen Beifall. Jubil aber ist widriger Meinung. Arpus setzet zwar ihm mehrere
Ursachen entgegen; alle aber fallen dem Jubil bei des Gesandten Vorschläge zu
hören. Daher der Feldherr so wohl des Marbods / als des Alemannischen Hertzog
Ariovistens Gesandten mit gewünschter Antwort abfertigt. Welche dem Tiberius
hiervon Bericht geben; hernach mit Cäcinen dem Römischen und andern Gesandten zu
Bingen einen Stillstand der Waffen fürschlagen. Die deutschen Fürsten schicken
gleichfalls umb der Römischen Hoheit nichts zu vergeben / ihre Gesandten nach
Meintz. Melo und Ganasches Gesandten wollen wegen der verdächtigen
Friedens-Handlung nicht in den Stillestand willigen; wird also solcher zu
grosser Verwirrung des Cäcina abgeschlagen. Dieser versucht durch Geld und
andere Mittel mehr Misstrauen unter die Deutschen zu säen. Des Tiberius listige
Ehren-Bezeigung gegen die Gesandten; der Deutschen Unwillen / und des Feldherrn
Ausschlag darüber. Hertzog Ariovistes Gesandter Graf Oettingen hält beiden
Teilen wegen des unnötigen Streits umb den Vorsitz / Tittel / und Tritten /
vernünftig ein / umb nicht so viel Zeit und Unkosten darüber zu verschwenden.
Jubil schickt an statt des Schönbergs / den Ritter Reussen zum Gesandten nach
Meintz. Tiberius erklärt sich auf des Germanicus Zureden / allen Deutschen
Gesandten gleichmässige Ehre zu bezeigen; und begehret hierauf durch des
Marbodischen Gesandten Vortrag die Wieder-Einräumung aller am Rheine / dem
Gebürge Taunus und der Lippe gelegenen Plätze; hingegen verlangen die Deutschen
durch den Alemannischen Gesandten / das ganze Belgische Gallien biss an die
Seene / weil die Einwohner alle deutscher Ankunft wären. Beide Teile wollen
von den ersten Vorschlägen nicht weichen. Des Marbodischen Gesandten bewegliches
Zureden im deutschen Fürsten-Rate. Der Deutschen Stillschweigen hierüber; der
Feldherr aber verspricht solchem nachzusinnen; bittet den Stahrenberg die Römer
zu billichen Vorschlägen zu bereden; welches er auch redlich tut. Beider Teile
Erklärung. Melo erobert inzwischen das Ubische Altar. Tussnelde gebiehret bei
dem Altar des Bacchus einen Sohn / Freudens-Bezeigungen hierüber. Der
neugebohrne Sohn wird dreimal in den Rhein-Strom getaucht. Cäcina forschet bei
dem Druys nach dessen Ursache; welcher ihm solche Bedeutung erkläret / und was
die Seele sei / beschreibet. Der Feldherr ladet alle Gesandten und Botschafter
zu einem Danckmahl wegen der Geburt seines Sohnes / und lässt selbigem den Nahmen
Tumelich geben. Hundert Druyden schneiden solchen in Eichen. Bedeutung dessen.
Der Cherusker Freude. Herrmann richtet seine Kriegsheere deshalben ein Gast-Mahl
aus. Der Barden sinnreiche Getichte / und Sinn-Sprüche. Wie viel einem Fürsten
an Kindern gelegen sei. Diese Geburt ist auch dem Feldherrn zur
Friedens-Handlung vorträglich; indem der hartnäckichte Tiberius sich erkläret /
alles verlohrne am Rhein / ausser das Ubische und des Bacchus Altar /zu
vergessen; welche zwei Festungen aber des Feldherrn und Melo Gesandten nicht
abtreten wollen. Arpus dringet auch auf die Einräumung der Stadt Meintz.
Tiberius hat darzu taube Ohren. Doch wird Bedenck-Zeit gegeben. Der beiden
Mittler Gesandten dräuen so denn sich zu dem willigen Teil zu schlagen / und
den widersetzenden zu einem Frieden zu zwingen. Des Feldherrn schöne Antwort
hierauf. Melo und Ganasch bleiben bei ihrem Vorsatze nichts wieder zu geben /
und wollen sich an des Marbods und Ariovistes Gesandte Dräuungen nicht kehren.
Arpus / Jubil / Siegesmund / Marcomir / und anderer Fürsten Gegen-Ursachen / dass
man in allen Verträgen etwas nachlassen müste; und ob es auch der Müh lohnete /
noch ferner einen ungewissen Krieg umb diese Festungen zu führen. Der Feldherr
aber will in die Abtretung des Bacchus Altar / weil es seines Sohnes
Geburts-Stadt / noch auch Melo in des Ubischen Altars willigen. Hertzog
Ingviomer komt nach Bingen / stattet dem Feldherrn und andern deutschen Fürsten
im Fürsten-Rat von seiner Gesandschaft an dem Marbodischen Hofe ausführliche
Nachricht ab / und zeigt an / wie falsch Marbod gegen die Deutschen handele /
und es mit den Römern gehalten; wie er ihm deswegen zugeredet; Marbod aber
dennoch ihm zu Calegia in Gegenwart des Römischen Gesandten Servilius / sein
mächtiges Kriegsheer gegen die deutschen Bunds-Genossen gezeiget / wobei der
Alemannische Gesandte Graf von Hohenloh 20000. Mann bereit stehende
Hülffs-Völcker angeboten; wie Ingviomer dem Marbod / bei hierbei aufgestossenem
Hasen / einen unglücklichen Ausgang gewahrsagt /Servilius drüber gelacht; ihr
Gespräche von dergleichen Zufällen. Zwei Adler hätten in der Lufft über dem
Heere grimmig mit einander gestritten / worbei der über sich sehende Servilius
über einen Stock gestürtzt. Hierauf sei ein Storch geflogen kommen / da sie denn
vom Kampfe abgelassen. Ingviomer hätte abermals dem Marbod solches als
Unglücks-Zeichen ausgedeutet / welcher endlich davon bewegt worden /dass er sein
Heer ins alte Läger rucken lassen; auch dem Ingviomer zu seinen deutschen
Bunds-Genossen zu reisen erlaubet. Die Fürsten dancken vor seine Gesandschaft.
Melo rätet den Krieg wider den Marbod / Ariovisten und die Römer fortzusetzen /
welchem aber Jubil widerspricht. Weil nun die andern Fürsten ihm beipflichten /
werden sie schlüssig die zwei Festungen den Römern abzutreten; worüber Melo
ungeduldig wird. Beide Teile suchen ihr Recht zu behaupten. Der Feldherr
bemühet sich den Melo zu besänftigen / und in die Zeit zu schicken; der aber
voller Verdruss mit Zerbrechung dreier Pfeile / gleichsam ihnen das Bündnis
aufkündigt / und aus der Versamlung geht. Arpus rätet zwar bald Friede zu
schlüssen / der Feldherr aber ist widriger Meinung; worauf endlich der Friede
mit gewissen Bedingungen geschlossen / dem Marbod / Ariovisten / und dem
deutschen Heere kund getan wird. Allen Volckes / auch des deutschen
Frauenzimmers Frolocken und Vergnügung darüber. Einige davon bieten sich zu
Geiseln an. Die deutschen Fürsten lassen den Frieden durch den beredsamen Grafen
Hanau dem Melo verkündigen; und ihn zu Abtretung des Ubischen Altars / gegen
tausend Pfund Silbers ermahnen. Melo stellet sich hierüber ungeduldig / und will
das Silber nicht annehmen. Der Friede aber wird auf einem kleinen Eylande im
Rhein ordentlich vollzogen. Streit / in was vor einer Sprache und auf was vor
Papier die Friedens-Bedingungen geschrieben werden sollen. Endlich werden zwei
helffenbeinerne Taffeln und die Griechische Sprache darzu beliebet. Eine
ertztene Säule wird zum Gedächtnis mit einer darein geetzten Schrifft
aufgerichtet / und hierauf von beiden Teilen der Friede beschworen / auch die
Römischen Gesandten nach deutscher Art bewirtet.
 
                                 Anderes Buch.
Des Menschen Glieder stecken so voller Schwachheiten / und sein Verstand so
voller Irrtümer / als die Lufft Sonnen-Staubes. Ja wir lernen in unser Kindheit
mit Fallen gehen / und die Irrtümer sind ins gemein unsere Wegweiser.
Meistenteils aber gebieret ein Irrtum den andern / wie eine Eule nichts
bessers als Eulen; sonderlich / wenn man bald im Anfange einer falschen Spure
folget / und die Hartneckigkeit noch darzu das Urtel unser Vernunft
verbländet; oder wo das Werck an sich selbst von solcher Beschaffenheit ist; da
man auch / wenn man schon seine Fehler sihet / solche nicht verbessern kann.
Diese Eigenschaft aber hat fürnemlich der Krieg; in welchem es einmal zu
sündigen fast unverwindlich / zweimal aber ins gemein die Ursache eines
gäntzlichen Unterganges ist. Also hatte der sonst so kluge Käyser August durch
seine traurige Ungeberdung und unvorsichtige an Taggebung der grossen Niederlage
in Deutschland mehr gesündigt / als Varus / der die Gemüter der Deutschen nicht
genungsam geprüfet / sondern dadurch: dass er sie wie Knechte handtiere wolle /
zu freien Herren und Uberwindern gemacht hatte. Denn weil die Römische Macht
weniger als ein Brunn erschöpflich war / August für weniger Zeit in Rom viertzig
hundert und drei und sechzig tausend Bürger gezehlet / auch fünff und zwantzig
Legionen auf den Beinen hatte; konnte der vierdtehalb Legionen Verlust in
Deutschland dieses unermässliche Reich wenig erschüttern. Des Käysers
unvorsichtiges Schrecken aber machte die Römer / und diese den Schaden zehnmal
so gross / als er war; also dass wenn die dienstbaren Völcker nicht schon ihres
Joches unter dem Scheine des süssen Friedens gewohnt wären; in etlichen hundert
Jahren keine bessere Gelegenheit gewesen wäre die Römische Beherrschung der Welt
über einen Hauffen zu werffen / als nach des Quintilius Varus Niederlage; mit
welchen allen Römern schier das Hertze entfallen war. Es halff aber dem Käyser
das Glücke / und er den Römern wieder zu rechte. Denn weil / ungeachtet dieser
grossen Erschütterung / kein ander Volck das Hertze hatte sich nur zu regen;
erholete sich August / und lernte teils von seinem steten Vorbilde dem grossen
Alexander / welcher denen Ausschwätzern der vom Spitamenes erlittenen Niederlage
den Tod dräute / teils von den Galliern / welche durch ein scharffes Gesetze
keine böse Zeitung iemanden anders / als der Obrigkeit kund zu machen gefässelt
waren / seinen Verlust vergeringern / weil es zu spät war ihn zu verhüllen. Uber
diss erleichterte er fast allen Ländern ihre Schatzung / setzte die ihnen
beschwerlichen Landvögte ab / schalt die Grausamkeit des Varus / und sagte
endlich offentlich: Die Deutschen hätten recht getan: dass sie sich eines
solchen Unmenschen entlastet hätten. Ja er würde deshalben mit ihnen keinen
Krieg führen; wenn sie nicht selbst durch ihren Einfall in Gallien die alten
Römischen Gräntze und Verträge versehreten. Am allermeisten aber liebkosete er
den Galliern / welche zum Aufstande und neuen Kriegen geneigt / und als Nachbarn
von den Deutschen ihrer erlangten Freiheit halber beschämt waren. Weil aber der
Pöfel vorhin unter dem Adel grössere Beschwerde / als ietzt unter den Römern
erduldet hatte; der Gallische Adel aber grösten teils vertilget / der übrige zu
Römischen Bürgern gemacht / oder durch andere Würden eingeschläft war / blieb
etlicher Sehnsucht nach der Freiheit als eine unzeitige Frucht noch für der
Geburt. Tiberius und Germanicus rafften mit grosser Sorgfalt alle anderwerts
entbehrliche Macht zusammen / und zwar mit desto grösserm Fortgange / weil alle
Länder gleichsam es in Zuschickung der Hülffs-Völcker und Krieges-Kosten
einander fürzutun bemüht waren. Aber alle diese Macht verursachte bei dem
Feldherrn und andern Deutschen Fürsten nicht so viel Kummer /als das Misstrauen
gegen den König Marbod / welchem August noch niemals so sehr als ietzt
geheuchelt / ihn auch nicht nach Römischer Art durch eitele Schatten eines
Krantzes und helffenbeinernen Stules /sondern mit Abtretung der ganzen
Pannonischen Schatzung gewonnen hatte: dass er nicht nur des Quintilius Varus
Kopf dem Käyser schickte / sondern auch den Hertzog Ingviomer mit tausenderlei
Erfindungen aufhielt / sonder dass er des Marbods Feind- oder Freundschaft
versichert war. Diese Nachricht von Boviasmu / und der Alemannischen Hertzogin
Vocione Botschaft an den Fürsten Arpus: dass sie die Berührung ihres Landes für
eine Feindschaft auslegen /und mit den Römern das angetragene Bindnüss zu
schlüssen verursachen würde / machte denen vereinbarten Fürsten Deutschlandes
kein geringes Nachdencken / und verrückte dem Feldherrn mercklich den Compass.
Denn die Kriegs-Klugheit zwang sie an der Saale zehn tausend Catten / zwischen
der Ocker und Elbe aber zwölf tausend Cherusker stehen zu lassen /umb die
Gräntzen gegen unversehene Einfälle zu bewahren. Ehe nun der Feldherr Herrmann
sein ganzes Heer an der Fulde zusammen zoh / kriegte er vom Hertzog Melo
Nachricht: dass Germanicus bei dem Ubischen Altare ankommen wäre / und daselbst
eine Brücke über den Rhein schlüge / welchen drei Legionen an der Mosel folgten
/ auch über viertzig tausend andere Hülffs-Völcker aus Gallien folgten. Ob nun
zwar die Bructerer und Tencterer unterhalb des Sieg-Stromes den Rhein / er aber
oberhalb besetzt / und dem Altare gegen über auf dem Berge Rhetico die sieben
Spitzen befestigt hätte / und er noch mit vier und zwantzig tausend Sicambern in
einem befestigten Läger stünde / so besorgte er doch alleine dieser grossen
Macht nicht gewachsen zu sein. Hertzog Arpus aber vergewisserte den Feldherren
durch Schreiben und etliche gefangene Römer / Gallier und Griechen /welche alle
mit einander einstimten: dass Tiberius mit vier Legionen und sechtzig tausend
Hülff-Völckern auf einer zu Meintz geschlagenen Schiffbrücke übersetzte. Der
Feldherr schickte hierauf den Hertzog Ganasch mit zehn tausend Chauzen / und den
Hertzog Jubil mit so viel tausend Cheruskern und Hermundurern dem Melo zu
Hülffe; er aber verfolgte seinen Zug gegen den Tiberius mit dreissig tausend
Cheruskern. Inzwischen hatte Hertzog Arpus der beim Zusammen-Flusse des Rheins
und der Lauter vom Drusus gebauten Festung gegen über eine starcke Schantze auf
einen Fels / und den Fürsten Marcomir mit fünf tausend Angrivariern und
Dulgibinen darein gelegt /zwischen dem Einflusse der Mosel und des Sieg-Stromes
der Römischen Festung Rigomach gegen über stand Hertzog Catumer mit zwölff
tausend Catten und Sicambern. Arpus aber selbst stand mit zwantzig tausend
Catten bei Dietz an der Lahne / und liess den Fürsten Siegemund mit seiner
Reiterei dem Tiberius öffters Lermen machen / und was von dem Gross seines Heeres
sich abtrennte / niederhauen oder gefangen nehmen. Weil er nun in wenig Tagen
über fünf hundert Römer / und zwei tausend Gallier einbüsste /stellte er in
möglichster Geheim eine ganze Legion in ein Gehöltze / und liess tausend Gallier
/ fünf hundert Africaner / und drei hundert Tracier gegen der Catten Läger
streiffen / auf welche der Graf von Solms der Hauptmann über des Fürsten
Siegmunds Leibwache mit tausend Pferden los ging. Weil nun ohne diss hundert
Africaner nicht zehn deutschen Reitern gewachsen sind / und in des Käysers
Julius Africanischem Kriege dieser 30. bei Adrumet 2000. Mohren geschlagen haben
/ die Gallier auch eben so wenig gegen der Deutschen Heftigkeit bestehen / und
sie noch darzu befehlicht waren nicht lange Stand zu halten / sondern durch ihr
Weichen sie in das Gehöltz zu locken; wurden sie in einer halben Stunde
zertrennet /und aus dem Felde gejagt. Die deutsche Reiterei lag den Flüchtigen
biss ans Gehöltze in Eisen / und fiel alles durch die Schärffe ihrer Degen / was
sie nur erreichten. Der deutsche Vortrab unter dem Ritter Isenburg hatte sich
auch schon in das Gehöltze vertiefft /als der Graf von Solms hinter dem Gehöltze
eine grosse Menge Vögel aufflügen sah / welche ihm Argwohn eines versteckten
Hinterhalts erweckten. Diesemnach liess er alsbald ein Zeichen geben: dass sich
Isenburg zurücke zohe; welchem er / wiewohl mit Unwillen / gehorsamte; nach
seiner Wendung aber alsbald gewahr ward: dass auf beiden Seiten Römer herfür
brachen / und ihm den Weg verlegen wollten / die flüchtigen Tracier sich auch
auf dem Fusse wendeten. Weil aber er noch nicht in das rechte gedrange Holtz
geraten war / sondern sich mit der Reiterei schwencken konnte / ihn auch der
Graf von Veilstein mit drei hundert Reitern entsetzte: dass er sich durchschlug /
ehe das Gehöltze verhauen ward / kam er ohne Verlust eines einigen Mannes /
ausser dass neun mit Pfeilen verwundet waren / aus dieser Falle / sie sämtlich
aber mit tausend abgehauenen Schädeln in das Cattische Läger / gleich als der
Feldherr sein Heer mit des Arpus vereinbarte. Die Cherusker nahmen diesen
kleinen Sieg für eine unfehlbare Wahrsagung eines grössern an / und gaben mit
Zusammenschlagung ihrer Waffen / und einem heisern Feld-Geschrei ihre grosse
Begierde sie gegen den Feind zu führen genungsam zu verstehen. Beide Herrmann
und Arpus hielten für ratsam sich der ersten Hitze ihrer Heere zu gebrauchen /
sonderlich / weil die zwei Ströme zu ihrer Zufuhr habenden Römer sie leichter in
die Länge austauern könten. Daher führte sie selbte gerade gegen dem am Meine
geschlagenen Römischen Läger zu / und liessen dem Tiberius nicht alleine ihren
Vorsatz zu schlagen durch zwei lossgelassene Gefangene wissen / sondern Arpus
erteilte auch Catumern Befehl: dass er Gelegenheit über den Rhein zu kommen /und
so wohl den Römern die Zufuhr abzuschneiden /als den Galliern und Trevirern
Lermen zu machen trachten sollte. Das Cheruskische und Cattische Heer rückte biss
auf eine Virtel-Meile dem Römischen Läger ins Gesichte / sonder dass sich iemand
darinnen rührte. Denn der schlaue Tiberius / welcher sich der Gegensetzung einer
so grossen deutschen Macht nicht versehen hatte; traute mit seinem furchtsamen
Heere mit denen vom vorige Siege noch allzu mutige Heer / ungeachtet er an
Mannschaft stärcker war / ohne grossen Vorteil nicht anzubinde / und nichts
minder seinen bisherigen Ruhm / als ganz Gallien in Gefahr eines Streiches zu
setzen. Denn ob er zwar aus seinem Heere alle Krieges-Leute / welche noch aus
des Varus Niederlage entkommen waren / klüglich abgesondert hatte; so sah doch
dieser scharfsichtige Feldherr allen an der Stirne an: dass den meisten die blosse
Erzehlung ein Schrecken ins Hertz gejagt hätte. Daher er denn denen / welche für
andern hertzhaft zu sein scheinen wollten / einhielt: Allzu hitzigen
Kriegs-Leuten / welche allentalben mit dem Kopfe durch die Mauern dringen
wollten / gienge es wie den Bienen /welche mit ihrem Stiche zwar ihren Feinden
weh täten / aber durch Verlierung ihres Stachels sich selbst entwafneten. Ob
nun zwar Hertzog Herrmann des Tiberius Vorhaben ergründete / stellte er doch
einen ganzen halben Tag das deutsche Heer gegen die Römer in Schlacht-Ordnung /
umb den Deutschen nicht allein desto mehr Hertze zu machen / sondern ihnen auch
der Römer Furchtsamkeit einzubilden. Weil sich nun drei Tage nach einander kein
Mensch aus dem Lager hervor tat / rennten die Deutschen bis unter den Wall /
schossen ihre Pfeile ins Lager / und endlich muteten sie gar an den Feldherren:
man sollte das Lager stürmen / welcher ihnen aber einhielt: dass Kriegs-Knechten
der Gehorsam und das Fechten /denen Hertzogen aber das Gebieten und Ratgeben
alleine zukäme. Wenig Tage darnach kriegte Arpus Nachricht: dass sein Sohn
Catumer oberhalb des Lahn-Stromes mit sechs-tausend Mann über den Rhein gesetzt
/ tausend Römer und vier-tausend Gallier erlegt / zwei-hundert mit
Lebens-Mitteln nach der Ubier Altare wollende Kamele / und sechs-hundert
Maul-Esel erobert; Marcomir aber zwei-tausend nach Meintz mit Vorrat ziehende
Gallier geschlagen /Reiss / Meel und Getreide aber ins Wasser geschüttet hätte.
Weil nun eben damals der Feldherr von etlichen über den Mein schwemmenden
Reitern Nachricht bekam: dass Tiberius sein Läger mit einer Legion und
zwölf-tausend Hülfs-Völckern besetzt gelassen / und mit einer grossen Macht am
Mein-Strome hinauf gegen das Gabretische Gebürge züge / ward beschlossen: dass
Arpus mit den Catten das Läger beschlüssen / der Feldherr aber den Tiberius
beobachten sollte. Hertzog Herrmañ setzte in einer Nacht zwei Meil weges oberhalb
dem Läger so unvermerckt über den Mein: dass es die Römer nicht ehe / als da er
schon sich eines vorteilhaften Ortes bemächtiget / und alle darinnen liegende
Römer gefangen genommen hatte /zu wissen bekamen. Tiberius liess sich an seinem
Zuge dis nichts irren / sondern erregte vielmehr einen Ruf: dass unter dem
Gabretischen Gebürge zwantzig-tausend Marckmänner / und halb so viel Alemänner
zu ihm stossen würden. Als sich aber der Feldherr ihm bis auf eine halbe
Tage-Reise näherte / ging er des Nachts stillschweigend über den Mein / und auf
dessen Nordseite wieder zurücke. Ob nun zwar der Feldherr es durch seine
vorangehende Reiterei folgenden Tag gewahr ward / brachte er doch bei nahe einen
ganzen Tag mit Ubersetzung seines Heeres zu. So bald aber Tiberius dis erfuhr /
ging er folgende Nacht in gleichmässiger Stille wieder über den Fluss zurücke.
Weil nun der Feldherr mutmasste: Tiberius suchte dadurch Lufft sich wieder herab
ins Römische Läger zu ziehen; besonders da er vom Fürsten Ingviomer aus
Boviasmum Nachricht erhielt: Marbod wollte sich in den Krieg nicht mischen /
entschloss er gleichfals über den Mein ihm zu folgen. Das gröste Teil des
deutschen Heeres war schon wieder auf der Sud-Seite; als Sextus Apulejus mit dem
meisten Teile der Römischen Reiterei / Arbogast mit zehn-tausend Galliern und
Cotys mit zwei-tausend Traciern das übrige Teil des deutschen Heeres anfiel.
Ob nun zwar Hertzog Jubil / der den Nachzug führte / den Grafen von Ravensberg
mit einem Teile der deutschen Reiterei der Römischen / der Graf von Waldeck mit
einem andern Teile den Galliern und Traciern entgegen setzte; welche denn auch
/ ungeachtet sie mehr als viermal übermannet waren / ihnen hertzhaft
begegneten; Jubil auch das übrige Fuss-Volck umbwendete / und zwischen die Flügel
der Reiterei hervor rücken liess; so kam doch in einer halben Stunde der tapfere
Asprenas mit einer ganzen Legion Römer und zwantzig-tausend frembden
Fuss-Völckern dazu. Wie nun Jubil ungeachtet der klugen Anstalt und grossmütiger
Gegenwehr durch eine so grosse Macht nicht wenig ins Gedrange kam / also ward
der auf andern Seite haltende Feldherr / welchem seine Kundschafter die
geschehene Ubersetzung des Tiberius hochbeteuerlich versicherten / nicht wenig
irre gemacht: ob er stehen bleiben / oder wieder über den Strom setzen sollte;
ungeachtet sich von Ferne noch mehr anziehende Völcker sehen liessen. Alldieweil
ihm aber die Treue seiner Kundschaft gar zu wohl bekant war / hielt er diesen
Angrief nur für einen Streich des schlauen Tiberius / welcher ihm vielleicht
bald selbst über den Hals kommen würde. Diesemnach wollte er weder den dis
verlangenden Fürsten Siegesmund mit der übrigen Reiterei über den Mein zurück
kehren lassen / noch auch selbst übergehen; sondern liess allein den Grafen von
Nassau zwei-tausend Reiter oberhalb des Gefechtes überschwemen / und
sechs-tausend Mañ Fuss-Völcker teils auf Holtz-Flössen / und einer aus Fässern
zusammen-gemachten Brücke / teils auch schwimmende übersetzen; Er aber selbst
stellte das gröste Teil seines Heeres von dem Flusse abwerts in
Schlacht-Ordnung. Jubil und Asprenas suchten alle Kriegs-Künste / die fechtende
aber alle Kräfften gegen einander herfür des andern Meister zu werden. Apulejus
/ Arbogast und Cotys fochten gleichsam nebst dem Siege für den Ruhm dreier
Völcker / welches dem andern es würde zuvor tun; welche rühmliche Eiversucht
der beste Wetzstein der Tugend ist. Ravensberg und Waldeck aber eiverten mit
einander so sehr / als jemand / wer am ersten den Feind trennen würde; Ja alle
Cherusker meinten nicht nur allen Nutzen / sondern auch die Ehre des wider den
Varus erlangten Sieges zu verlieren / wenn sie ihrem Feinde einen Fuss-breit Erde
entraumten. Der schwächern Deutschen Tapferkeit kam auch der vom Feldherrn
klüglich ausgesehene Ort zum Vorteil; weil sich der Mein daselbst wie eine
Sichel einbog / und die Deutschen auf beiden Seiten vom Flusse bedeckt waren /
und nur den Feind für der Stirne hatten. Inzwischen kam der Graf Nassau mit
seinen Reitern nach geringem Widerstande etlicher Gallischen Hauffen über / und
fiel nach dieser Zertrennung den Arbogast als ein Sturmwind auf der Seiten an.
Dieser tat zwar sein bestes / ward auch von fünf-hundert im Hinterhalte
stehenden Traciern redlich entsetzt; aber / weil Nassau ihm gleichsam für de
ärgsten Schimpf hielt: dass die meist unter Römischen Hauptleuten und Obersten
fechtende Gallier den Deutschen so lange die Spitze böten / setzte er ihm für
entweder durchzubrechen / oder diese Schmach mit seinem Blute abzuwaschen. Ein
fester Vorsatz hat niemals mehr Nachdruck als im Kampfe. Deñ wie die Furcht aus
nichts etwas / aus wenig viel macht; also scheinen einem hertzhaften Helden
tausend blancke Degen nur ein Schimmer aus einem blinckenden Becken zu sein. Mit
dieser Einbildung drang Nassau mit zwei-hundert auserlesenen Edelleuten so tief
in der Gallier Glieder / bis er mit dem ihm behertzt-begegnenden Arbogast / der
durch sein Zureden und Beispiel seine Trevirer / Heduer / und Sequaner noch
gleichsam beseelt hatte / Hand für Hand anbinden konnte. Das Glücke half auch
allhier / seiner Gewohnheit nach / des Nassaues Verwegenheit. Deñ er brachte ihm
mit einem Streit-Kolben einen so harten Streich auf das Haupt an: dass er ganz
betäubt zu Bodem fiel / und im Gedränge von Pferden zertreten ward. Dieser
Schlag fällte / wie der letzte Hau einer Wald-Axt eine ganze Eiche mit tausend
Aesten /nicht nur den Führer Arbogast / sondern die ganze Gallische Reiterei /
welcher Ravensberg auch vorwerts hertzhaft auf den Hals ging. Die Gallier
verloren mit ihrem Fürsten das Hertze; ohne dieses aber ist alles entseelet;
also wurden sie vollends leicht zertrennt / in die Flucht bracht / und der
lincke Flügel des Römischen Fuss-Volckes entblöset; welchem ohne dis das durch
die übersetzenden sechs-tausend Cherusker sich verstärckenden Deutsche nunmehro
genung zu schaffen machte. Nichts desto weniger hielten diese / weil es alte
wolgeübte Römer waren / und Asprenas die auf der rechten Seite stehenden
Spissträger dahin stellte / und tausend teils Römische / teils Pannonische
Reiter dahin ordnete. Als aber auch dis noch nicht den Stich / und den lincken
Flügel beisammen halten wollte / veränderte er mit einer unbegreiflichen
Geschwindigkeit die vorhin viereckichte Schlacht-Ordnung in eine länglichte /
wormit die übrige Reiterei die schmalen Seiten beider Flügel desto besser decken
konnte. Uberdis kamen durch diese Wendung die nach Römischer Art in die Mitte und
zum Hinterhalte gestellten tapfersten Soldaten und die freiwilligen Kriegs-Leute
nunmehro an die Stirne /wormit die beim Ausreissen der Gallischen Reiterei
erschrockenen durch jener Beispiel wieder Lufft und Mut schöpften. Dieser
Streich gelang dem Asprenas so wohl: dass sein Heer eine gute Stunde lang
unzertrennt stehen blieb. Hertzog Jubiln schmertzte diese Hartnäckigkeit mehr /
als keinen Menschen / und ob wohl der Feldherr ihm noch tausend Dulgibinische
Reiter antragen liess / danckte er doch darfür / als für eine unnötige Hülffe;
besonders da die deutsche Reiterei wegen der auf den Seiten der neuen Römischen
Schlacht-Ordnung stehender Hecken und Berge nicht recht zum Gefechte Raum hätte.
Diese Hindernüs auf die Seite zu räumen brauchte er sich des vom Hertzog
Herrmann in der Varischen Schlacht gelernten Kunststückes; nämlich: Er liess
beide Flügel durch engere Zusammentretung der in Gliedern stehenden Fuss-Knechte
eine so breite Strasse mitten durch die Schlacht-Ordnung öfnen: dass viertzig
Pferde neben einander darzwischen reiten konten. Durch diese Lücke drang anfangs
der Graf Waldeck mit fünf-hundert Cheruskischen Edelleuten dem Römischen
Fuss-Volcke und dem Apulejus im rechten / und nach ihm der Graf von Lingen / mit
eben so vielen dem Lucius Apronius im lincken Flügel auf den Hals. Wie tapfer
sich nun die Römer wehrten / und Asprenas durch Hervorziehung der Spiessträger
der Reiterei begegnete / so konnte doch dis ohne Verwirrung nicht geschehen. Weil
auch in den ersten Gliedern der Kern des Römischen Kriegs-Volcks drauf ging /
und nunmehr die neugeworbenen / oder gar Gallier an die Lücke treten mussten /
Jubil aber nunmehr erst seine besten Leute herfür zoh; schlug des Asprenas kluge
Anstalt zu seinem Schaden aus. Denn nach dem sein Kern der besten Leute drauf
gegangen war / die Schlacht-Ordnung aber nur einmal zu wancken anfieng / geriet
das ganze Heer auf einmal in Verwirrung und ins Weichen. Asprenas hätte
verzweifeln mögen: dass / da er nach des Varus Niederlage die Römer doch bei
Ehren und bei Behauptung des Rhein-Stromes erhalten / er dis Jahr ein Werckzeug
ihrer ersten Niederlage sein sollte. Gleichwol verlohr er mit seinem Glücke weder
den Mut / noch den Verstand. Befahl also: das ohne dis weichende Fuss-Volck
sollte nach und nach sich gegen die nechsten Berge ziehen / umb von der Deutschen
Reiterei nicht umbringt zu werden. Er selbst nam auf sich mit der Römischen und
Tracischen Reiterei die weichenden so viel möglich zu decken; worüber er aber
so sehr ins Gedrange kam: dass nach dem ihm der Ritter Schomberg das Pferd
getödtet hatte / er zu Bodem fiel / und zum Hertzog Jubil gefangen gebracht
ward. Inzwischen / als sich disseits das Blat der Römer wendete / kriegte der
Feldherr Nachricht: dass der Tiberius mit seinem ganzen Heere keine halbe Meile
von dar entfernet wäre; und gerade auf ihn lossgienge. Daher er denn seine
Deutschen zu hertzhafter Begegnung mehr aus Gewohnheit / als aus Not ermahnete
/ welche über ihre vorige Begierde zu fechten durch den bereit erlangten
Vorteil des Hertzogs Jubil wider den Asprenas noch mehr eivrig gemacht wurde /
und Zeiter ihren Lands-Leuten die Ehre des Kampfs missgegönnet hatten. Bald
hierauf ward dem Feldherrn angedeutet: dass man auf der Höhe des nechsten Berges
etliche hundert mit Kriegs-Volcke beladene Schiffe auf dem Meine herab treiben;
hingegen aber des Tiberius Heer auf einer Höhe stille stehen / und in eine
breite Schlacht-Ordnung stellen sähe. Der Feldherr ritt augenblicks dahin / und
befand den Tiberius so vorteilhaftig stehen: dass er ohne Verwegenheit an
selbigem Orte nicht anzugreiffen wäre. Alle Schiffe aber ladeten ihr Volck auf
dem rechten Ufer aus / und sah man etliche tausend Reiterei / welche von des
Tiberius Heere über den Mein gesetzt hatte / dem flüchtigen Heere des Asprenas
zu Hülffe eilen. Weil nun die Römer hierdurch einen grossen Vorteil hatten /
der Feldherr aber im Gesichte des Tiberius und in solcher Eyl mehr Deutschen
überzusetzen nicht wagen wollte / schickte er dem Hertzoge Jubil Befehl zu / die
Flüchtigen nicht mehr zu verfolgen / sondern sich in den ersten vorteilhaften
Ort an die Flössen und Brücken zurück zu ziehen. Dieses verrichtete Hertzog Jubil
so viel leichter; weil die neuankommende Römische Macht sich an der Ehre
vergnügte: dass sie die Helffte des flüchtigen Heeres / sintemal über
zehn-tausend darvon auf der Wallstadt todt / und zwei-tausend Gefangene zurück
blieben / retteten; und weil es ohne dis schon Abend war / mit ihnen zurück
zohen. Folgenden Morgen brachten die Deutschen Kundschafter Nachricht: dass die
Römer auf beiden Seiten sich verschantzten /und ob wohl die Deutsche Reiterei auf
beiden Seiten bis an den angefangenen Wall streiften / kam doch niemand heraus /
weil es Tiberius bei Lebens-Straffe verboten hatte; drei Tage nach einander
blieben die Römer in diesem Stande / Hertzog Herrmann aber in Bemühung durch
stetes Ausstreiffen dem Feinde alle Zufuhr abzuschneiden. Den vierdten Morgen
aber sah man auf der Nord-Seite ein starckes Heer Strom-abwerts zurücke ziehen
/ und zwar darinnen eigentlich alle drei güldene Adler gläntzen. Jedermann
glaubte: es wären alle drei Römische Legionen / und also das ganze Heer;
besonders weil die Kundschafter berichteten: dass in des Tiberius Läger alle
grosse Gezelte des Feldherrn und der Obersten abgenommen / wenig Kriegs-Zeichen
aber nur noch aufgerichtet wären. Der Feldherr konnte sich schwerlich bereden
lassen: dass er auf dieser Seiten / wo der Catten gröste Macht stünde / zurücke
gehen / und sich gleichsam zwischen Tür und Angel stecken sollte. Daher
erteilte er Befehl: dass etliche hundert der leichtesten Reiter sich nähern /und
insonderheit: ob wahrhaftig die Römischen Legionen dabei wären / erkundigen
sollten. Denn ob zwar Hertzog Herrmann wohl wusste: wie hoch und heilig bei den
Römern die güldenen Adler gehalten / in Feiern eingebalsamt / bei selbten Eyde
geleistet / von Ubeltätern für ihre Zuflucht erkieset / ja so gar angebetet /
und anderer Götter Bildern vorgestellt würden; so war ihm doch auch nicht
unbekandt: dass Tiberius die Götter für Undinge / den Gottesdienst aber zu nichts
/ als die Leute damit zu betrügen dienlich hielt. Nach dem aber die Reiterei
einstimmig berichtete: dass alles Römisch-gekleidetes Volck / und nicht halb so
viel Gallier darbei wären; musste er nur dem gemeinen Irrtume beifallen / und
umb dem Tiberius auf dem Fusse zu folgen / sein Heer übersetzen. Es war nur noch
ein Drittel zurück; und die Deutsche Reiterei unter dem Fürsten Siegesmund hieng
sich schon auf des Feldherrn Befehl an den Römischen Nachzug / als diesem
angedeutet ward: dass auf der Sud-Seite Tiberius mit allen dreien Legionen auf
die noch über dem Strome stehende Deutschen lossgienge. Hertzog Hermann / welcher
nicht wusste / auf welcher Seite eigentlich die rechten Legionen stünden / ward
hierüber nicht so sehr verwirret als beschämet: dass Tiberius durch diese
Krieges-List ihm eines angebunden hatte. Der Nachdruck des Anfalls und etliche
gefangene Gallier aber vergewisserte ihn allzu bald: dass Tiberius auf der
Sud-Seite beim Anfalle wäre. Jubil und andere Krieges-Obersten rieten: der
Feldherr sollte das zurück-gebliebene Fuss-Volck vollends herüber ziehen / und die
solches beschirmende Reiterei endlich durchschwemmen lassen. Hertzog Herrmann
aber weigerte darein zu willigen / weil dis einen Schein einer schimpflichen
Flucht abbildete / auch ohne Verlust etlicher tausend Deutschen nicht geschehen
könnte. Massen er denn dem Hertzog Jubil ein Teil des Heeres zu Uberwindung der
in Römische Kleider versteckten Gallier anvertraute; allen andern aber über den
Mein zu setzen / und den Römern die Stirne zu bieten anbefahl. Er selbst
sprengte mit dem Pferde in den Mein / und gab darmit nicht nur seinen hundert
Rittern / sondern der ganzen Reiterei Anlass ihm zu folgen; ungeachtet die Römer
gegen über am Ufer in voller Schlacht-Ordnung hielten. Alleine auch das deutsche
des Schwimmens gewohnte und ohne dis halbnackt streitende Fuss-Volck liess sich /
weil die Fass-Brücke zu schmal / der Flössen zu wenig und zu langsam waren / sich
weder den Strom noch den Feind abschrecken: dass sie nicht ihre Waffen und
Geräte auf den Rücken banden / und überschwamen. Was inmittelst der Fürst von
Ascanien und der Graf von Waldeck bei der Reiterei / der Graf von Witgenstein
und Diepholt bei dem Fuss-Volcke ausstehen mussten / ist kaum glaublich; weil
Tiberius / in Meinung alles im ersten Anlauffe über einen Hauffen zu werffen /
nicht nach sonst gewohnter Art der Römer die Hülfs-Völcker / sondern die
Römischen Legionen mit ihrer zugehörigen Reiterei voran führte; mit den
Traciern / Galliern / Pannoniern / Cretischen und Valearischen Schützen aber
das Ufer besetzte / um der Deutschen Uberkunft zu verwehren. Weil aber so wohl
die Not / indem sie wegen des am Rücken habenden Meins nicht weichen konten /
als die Tugend den Deutschen eine schier unmenschliche Gegenwehr aufbürdete;
worbei ihre Führer Löwen fürbildeten /schlug des Tiberius vernünftiger Anschlag
gleichfals wider ihn aus. Denn Hertzog Herrman setzte anfangs mit seiner
Leibwache / worvon alleine der Ritter Kwast von einem durchs Hertz fahrenden
Pfeile im Strome umbkam / gegen die Tracier am Ufer festen Fuss. Wiewol sie nun
viel tausend Pfeile und Wurf-Spisse bewillkommten / machten doch die Ritter über
ihren Feldherrn mit ihren zusammen gesetzten Schilden gleichsam ein Gewölbe: dass
sie wenig schaden konten. Unterdessen kam auch Fürst Siegemund mit hundert
Cheruskischen Edelleuten ans Land / und in einer halben Stunde standen über
vier-tausend deutsche Reiter gegen die den Fluss bewahrenden Feinde im Gefechte;
ja der Feldherr / nach dem er am Rücken dem Fuss-Volcke auszusetzen Raum gemacht
hatte /drang mit tausend Pferden durch mehr als acht-tausend Tracier und
Pannonier den Fürsten von Ascanien zu entsetzen / welchem der mannhafte Cäcina
mit fünf-tausend meist freiwilligen Edelleuten / als dem Kerne der Römischen
Reiterei / überlegen war. Der Feldherr kam gleich zu rechte / als die Not an
Mann kommen war. Denn drei-hundert deutsche Edelleute hatten für ihr Vaterland
schon den Geist ausgeblasen / und unter denen übrigen zwölf-hunderten war keiner
/ der nicht siebenmal getroffen / und zum wenigsten drei Wunden hatte. Gleichwol
kriegten diese schon in ziemliche Verwirrung geratene Ritters-Leute durch des
Feldherrn Ankunft eine neue Seele / ja mehr Kräfften und Mut / als sie anfangs
gehabt hatten. Daher denn Cäcina / wie weh es ihm auch tät / in weniger Zeit
wohl hundert Ellen breit Erde verspielte; welche am Rücken denen überschwemmenden
Deutschen einen sichern Furt machte. Siegesmund auf der andern Seite entsetzte
den von Feinden rings umbher eingeschlossenen Waldeck zwar mit heldenmässiger
Tapferkeit; aber mit einem besondern Ebenteuer. Denn nach dem die Deutschen
auch daselbst Lufft kriegten / einer ihrer Heerführer aber mit seinem Hauffen /
da alle andere wiechen /keinen Fussbreit Erde entraumen wollte / machte er sich
selbst an ihn / hob ihn auch nach hartneckichter Gegenwehr aus dem Sattel.
Dieser wäre in dem Gedränge von den Pferden tausendmal zertreten worden /wenn
nicht sein Unglück des ihm von einem Pferde abgetretenen Helmes das Leben
erhalten hätte. Denn Siegesmund erkennte ihn für seinen Vater Segestes; welchen
das Verhängnüs gleichsam dazu bestimmt hatte: dass weil er wider sein Vaterland
den Degen führte / von niemanden als seinen Kindern überwunden werden sollte.
Siegesmund ward für Erstaunung hierüber gleichsam zum Steine / hernach wendete
er sein Pferd auf die Seite / umb weder sich noch seinen Vater durch sein
Erkäntnüs mehr zu beschämen. Der Graf von Benteim erkennte gleichfals Segesten
/liess ihn also aufheben und auf die Seite bringen. Mitlerzeit kriegte das
deutsche Fuss-Volck gleicher gestalt Verstärckung / Lufft / und statt des
getödteten Grafen Diepholt / an dem Ritter Zulenstein einen neuen Hauptmañ.
Hertzog Jubil aber hatte auf der andern Seite die verkleideten Gallier / welche
Tiberius ohne dis unter dem prächtigen Scheine der Römischen Kleider und
falschen Adler gleichsam nur auf die Schlacht-Banck dahin geschickt hatte /
zertrennet /zwei vergüldete Adler erobert / also: dass der lincke Flügel in
völlige Flucht geriet. Des Tiberius Hertze kochte inzwischen nichts als Galle /
als so viel andere Blut ausliessen; gleichwol aber verstand er es ratsamer zu
sein seiner Rache was abzubrechen / als das ganze Römische Heer in Gefahr zu
setzen / welches er für Augen sah / wenn er die völlige Uberkunft des
deutschen Heeres erwartet hätte. Daher schickte er anfangs alles schwere
Krieges-Geräte fort; hernach liess er bei den Legionen die zum Zeichen des
Kampfes auf drei lange Spisse ausgesteckte Purpur-Röcke abnehmen / und vom
Treffen abblasen. Die übrige Römische und anderer Völcker Reiterei musste
inzwischen an die Lücke treten / bis das Fuss-Volck ein gut Stücke voran hatte /
und Strom-abwerts einen Berg erreichte. Diesem folgte sofort auch die Reiterei;
welche die Deutschen zwar verfolgen / der Feldherr aber es nicht erlauben wollte.
Denn ob zwar nicht über tausend Deutschen / der Feinde aber auf dieser Seiten
über fünf-tausend blieben waren; so hatten doch jene viel Verwundete / und waren
wegen des beschwerlichen Hin- und Ubersetzens mehr als diese abgemattet. Jubil
ward hierüber auch völliger Meister des Feldes. Denn als die Gallier die Römer
auf die Höhe weichen sahen / warffen sie die Waffen nieder. Die übrige Reiterei
flohe in die Püsche / alles Fuss-Volck aber unterwarf sich der Gnade des
Uberwinders. Ob nun wohl Tiberius sich abermals zu verschantzen anfieng / und /
nach des in Epirus überwundenen Philippus Erfindung / beim Feldherrn umb einen
Stillestand zu Beerdigung der Todten anhielt / welcher ihm auch auf einen Tag
bewilligt ward / so ging er doch noch selbige Nacht durch / und fanden die
Deutschen auf den Morgen im Römischen Läger zwar eine grosse Anzahl Zelten /
verwundete Pferde / zerbrochen Kriegs-Geräte / aber keinen Menschen / als
unnütze Stallbuben / Pfeiffer und Pauckenschläger / welche des Nachts die
Wach-Feuer unterhalten / und die Aufzüge der Wachten geblasen hatten. Bei dieser
Vergewisserung brach der Feldherr stracks auf / befehlichte auch nicht allein
den Fürsten Jubil auf der rechten Seite des Meins / wie er auf der lincken / dem
Tiberius zu folgen / sondern erinnerte auch den Hertzog Arpus durch einen
Edelmann dem Tiberius unten den Weg zu verlegen. Wiewol nun beide diesem
treulich nachlebten; so kam doch Tiberius / weil die Furcht schnellere Flügel
als der Sieg hat / allen zuvor; wie er deñ auch aus dem festen erste Läger /
darinnen sie wegen der Catten stetigen Streiffens ohne dis schon Not litten
/alles Kriegs-Volck an sich zoh / und im eusersten Winckel zwischen dem Rhein
und Meine / Meintz gegen über ein neues Läger befestigte. Weil nun diesem auf
keine Weise beizukommen war / ward der Feldherr mit dem Hertzog Arpus schlüssig
gegen Ingelheim eine Brücke über den Rhein zu schlagen /welches sie denn auch in
zwölf Tagen bewerckstelligten; und hierdurch den Tiberius aus Beisorge: es
möchte Germanicus von ihm abgeschnitten werden /nach Meintz überzugehen
nötigte. Zumal / da Marcomir bis unter Trier streifte / und halb Gallien
unruhig machte. So bald die Cherusker und Catten über den Rhein waren / machte
sich Hertzog Arpus mit seinen Catten für die von den Römern an den Rhein und die
Nave gelegte Festung Bingen / eroberte selbte auch den fünften Tag mit Sturm.
    Mitler-Zeit war es dem Germanicus beim Ubischen Altare mit seinen drei
Legionen / und viertzig-tausend Hülffs-Völckern nicht viel glücklicher gegangen.
Denn ob er zwar bei selbiger Festung eine so feste Brücke als zu Meintz über den
Rhein hatte / so fand er doch von den Sicambern / Tencterern und Juhonen /
welche sämtlich dem Hertzog Melo gehorsamten /alle Pässe derogestalt besetzt:
dass seine klügste Anstalten durchzubrechen missrieten / und darüber etliche
tausend Gallier / derer Blut von den Römern ohne dis für geringes Wasser
geachtet ward / ins Grass bissen. Germanicus sammlete hierauf alles / was von
Schiffen nur zu bekommen war / liess die Mosel herab viel Holtz-Flössen bringen /
setzte darauf sein meistes Fuss-Volck / liess ein Teil seiner Reiterei von der
rechten Seiten des Rheins aus dem Lager zurück auf die lincke Seite gehen / mit
ausgebreitetem Ruffe: dass er mit seiner ganzen Macht unterhalb des Sieg-Stromes
landen wollte. Zu dessen mehrer Beglaubigung er denn des Nachts zwei-hundert mit
Galliern und unnützem Gesinde besetzte Schiffe in Römischer Tracht abfahren /
etliche gefangene Deutschen auch mit Fleiss entrinnen liess / welche dem Hertzog
Melo hiervon Nachricht gäben. Dieser ward hierdurch auch zwar verleitet: dass er
seinem Sohne Franck die Verwahrung des sieben-gipflichten Berges Rhetico / dem
Hertzoge Ganasch des Siege-Stromes anvertraute; er selbst aber mit der meisten
Sicambrischen Macht den Rhein hinab zoh / und die ober und unter der Wupper
stehenden Bructerer / Usipeter und Tencterer ihrer Schantze wohl wahrzunehmen
warnigen liess. So bald Germanicus hiervon Nachricht erhielt / führte er des
Nachts alles hinüber gezogene Volck ohne Klang und Spiel wieder ins Läger über
die mit Mist und weichen Tüchern bedeckte Brücke / liess Menschen und Vieh wohl
pflegen / und zwei Stunden für Tage führte er durch alle drei Pforten das ganze
Heer bis auf eine kleine Besatzung aus dem Läger / gerade dem Sieg-Strome zu.
Eine Stunde vorher aber hatte Germanicus unter dem Munatius Plancus zwei-tausend
auserlesene mit leichten Leuten und anderm Sturm-Zeuge versehene Römer zur
Haupt-Pforte ausgelassen / welche von etlichen des Gebürges kündigen Ubiern
geführet wurden; und eines der sieben vom Melo bewahrter Schlösser überrumpeln
sollten; weil von selbtem alle Anschläge der Römer übersehen wurden / und
dardurch auch der sichere Einbruch in der Sicambrer Land verhindert ward. Die
Abrede war: dass Plancus in möglichster Stille das Gebürge ersteigen / aber nicht
ehe stürmen sollte / bis Germanicus ihm durch angezündete Fackeln seinen Angrief
am Sieg-Strome wissend machen würde. Alles dis ging wohl von statten; und wurden
die Chauzen der Römer ehe nicht gewahr / als bis schon zwei-tausend Römische
Reiter mit so vielen auf die Pferde genommenen Fuss-Knechten durchgeschwemt; das
Fuss-Volck aber eine grosse Menge Flössen in Fluss gebracht hatten. Hertzog Ganasch
/ welcher seinen Stand an dem gefährlichsten Orte nämlich an dem vom Sieg-Flusse
bis ans Gebürge gemachten / und mit dicken höltzernen Pfälen besetztem
Land-Graben hatte / war eine Meilweges davon entfernet / aber gleich in
Besuchung der Wachen beschäftigt. Die von ferne blinckenden Fackeln aber waren
ihm alsbald so verdächtig; dass er Lermen blasen / und sein ganzes Volck zu den
Waffen greiffen liess. Unterdessen traf der mit fünf-tausend Chaucen und
Chamavern an dem Sieg-Strome stehende Graf von Delmenhost mit denen am ersten
zusammen gerafften tausend Reitern auf die übergesetzten Römer / und zwar wegen
bewusster Gelegenheit des Ortes mit solchem Vorteil: dass / wenn nicht zugleich
tausend Römische Fuss-Knechte über / und ihn in Rücken kommen wären / Die
Römische Reiterei mit Gewalt in Strom getrieben worden wäre. Nach dem aber der
Ritter Arenberg mit tausenden zu Fuss / und Schauenburg mit fünf-hundert
Chauzischen Edelleuten zu Hülffe kam / trieben sie die Römer wieder über Hals
und Kopf in den Fluss. Unterdessen aber hatte Mennius am Strome weiter hinauf mit
tausend Römischen / und drei-tausend Dalmatischen Reitern / Cajus Cetronius auch
schon mit der Helffte der ersten Legion festen Fuss gesetzt / nach dem der Graf
von Spiegelberg mit fünf-hundert Pferden / und der Graf von Tecklenburg mit
tausend Fuss-Knechte eine Stunde lang die Ländung hertzhaft verwehret hatten.
Hiermit wäre alles bund über Ecke gegangen / wenn nicht der vom Hertzog Ganasch
mit tausend Pferden zuvorangeschickte Graf von Oldenburg den Deutschen zu Hülffe
kommen wäre; und dem Mennius hertzhaft begegnet hätte. Alleine auch alle diese
Gegenwehre wäre bei nunmehr hellem Tage ein unnützes Spiegelfechten gewest /
weil der Sieg-Strom über eine Viertel-Meile lang / durch eingeworffene Bäume /
Flössen / bebrettete Nachen wegbar gemacht worden war / wenn nicht Hertzog
Ganasch endlich selbst mit acht-tausend Chauzen und Friesen zu Hülffe kommen
wäre / und den Deutschen unter andern auch dardurch ein Hertz zugesprochen
hätte: dass dieser Strom der Anlass ihrer wieder erlangten Freiheit wäre / und den
Römern alldar weder Stern noch Glücke begegnen könnte; weil der vom Varus
beleidigten und in dem Flusse ertrunckenen Sicambrischen Fürstin Geist wider die
Römer selbst kämpfte. Welche Zuredung er gleich brauchte / als etliche auf
verborgene Pflöcke komende Nachen umbschlugen und die Feinde ersäufften. Weil
nun der Aberglaube auch die Weichhertzigen hartnäckicht macht / war kein Wunder:
dass diese hertzhafte Deutschen durch solche Einbildung /und ohne dis geschöpfte
Verbitterung gleichsam gegen die verhassten Römer raseten. Sie schwammen teils
selbst in Fluss / stürtzten die feindlichen Schiffe umb; und wenn ihnen die Hände
abgehackt wurden /hielten sie sich an selbte mit den Zähnen an. Germanicus
hingegen brauchte sich auf der andern Seite nicht nur seiner
Kriegs-Wissenschaft und Hertzhaftigkeit /sondern ebenfals der Andacht zu
Erlangung seines Zweckes. Denn er liess sieben Altare an diesen Fluss /wie Agrippa
ans Meer / aufrichten / dem Sieg-Strome opfern / das Fleisch in sein Wasser
werffen / und seinen Schutz-Geist durch Gelobung eines Tempels in Rom ausruffen.
Ob nun zwar beiderseits alles möglichste versucht / die Verwundeten getröstet /
die Furchtsamen durch anderer Beispiele aufgemuntert /die Tapfern durch Lob /
wie die Pferde durch Zuspruch zu ungemeinen Taten aufgemuntert wurden /beide
Feldherren auch hinten und vorne waren; blieb doch das Gefechte über eine Stunde
in gleicher Wage stehen / weil den Römern die grosse Macht / den Deutschen der
Strom und die hin- und wieder gesetzten Sturm-Pfäle einen Vorteil machten.
Inzwischen hatte sich Plancus an das fürnehmste Schloss des Ubischen
Sieben-Gebürges so heimlich geschlichen: dass die Schildwache der Römer nicht ehe
gewahr ward /bis dass der über die Mauer gestiegene Römische Hauptmañ Camillus
ihm den Degen durch den Leib stach. Ein einiger Schall dieses Sterbenden
ermunterte gleichwol die nechste Schildwache: dass sie Lermen rief / und die
Wache daselbst nach den Waffen zu greiffen nötigte. Weil aber allbereit an dem
ersten Orte des Angriefs über andertalb-hundert Römer die Mauer erstiegen /
andere über dis wohl funfzig Leitern hin und wieder angelegt hatten / und dort
und dar festen Fuss zu setzen anfiengen / also die Besatzung nicht wusste / wo sie
dem Feuer am ersten zulauffen sollten / entstand unter den Deutschen aus Beisorge
einer Verräterei keine geringe Verwirrung. Gleichwol beseelte der Ritter
Metternich die Erschrockenen mit freudiger Aufmunterung / und teilte sein ihm
anvertrautes Krieges-Volck bis auf ein zum Hinterhalte nötiges Drittel in der
Festung so vorsichtig zur Gegenwehr aus: dass kein eines Angriefs fähiger Ort
unbesetzt blieb. Unterdessen aber bemächtigte sich Camillus eines grossen rundte
Turms / von welchem er das dritte Teil der Mauern durch zweihundert
hinaufgebrachte Römische Bogenschützen bestreichen liess; also dass für denen
Pfeilen die Deutschen inwendig bei nunmehr anbrechendem Tage keinen sichern
Stand behalten / die Römer aber inwendig auf selbiger Seiten desto sicherer
stürmen konten. Metternich sah nunmehr wohl / wo die Not am grösten war;
gleichwol aber war es schwer selbter zu raten; weil alle daselbst hingeschickte
Deutschen den Römischen Schützen gleichsam nur zum Ziele fürgestellet wurden.
Weil aber schon über fünf-hundert Römer auf den Mauern waren / musste zu
Erhaltung der Festung kein Blut gesparet sein; welches bei derselben Ubergehung
ohne dis desto schimpflicher verloren ging; und Metternich wünschte nichts
weniger / als nach Verlust seiner ihm anvertrauten Festung / welche jedem
Befehlhaber fester / als sein Ehweib angetraut sein soll / sein Leben zu
behalten. Er befahl diesemnach: dass die Helfte seiner zum Hinterhalte
verbliebenen Deutschen sich mit etlichen Schütten Stroh und Reisig-Gebündern
armen / und von selbten unter der eroberten Mauer gleichsam einen Tam aufrichten
sollten; als inzwischen der Ritter Willich auf einem / und Wachtendonck auf dem
andern Turm männliche Gegenwehr täten; dass die Römer nicht ferner dringen /und
sich der innersten Schloss-Mauer befestigen konten. Weil sowol das Stroh als
Reisicht denen Deutschen gleichsam wider die feindlichen Pfeile zu Schilden
diente / wurden so gar Weiber und Buben keck hierbei hülfbare Hand zu reichen;
also: dass in einer geschwinden Eyl ein unglaublich gross und langer Hauffen
zusammen getragen / auch das zwar ohne dis kühnichte Holtz mit vielem Pech
untermischet ward. Diesen Stoss liess der Ritter Metternich auf einmal an vielen
Orten anzünden; nötigte also den Feind durch Hitze und Rauch die eroberte
Stadt-Mauer zu verlassen / und sich teils zum Camillus auf den platten Turm zu
retten / teils über die Mauern zurück zu steigen; wiewohl bei diesem Gedränge
ihrer viel herab stürtzten; und nicht weniger im Rauche erstickten. Inzwische
aber hatte der Anführer Plancus selbst auf der andern Seite / wo der Fels am
abschüssigsten war / und die Deutschen ihnen von keinem Feinde träumen liessen /
durch eine künstliche Art Leitern /welche nicht unter- / sondern Seitwerts ihren
Fuss und Stand hatten / sich eines andern Turmes bemächtigt /welcher in den
innersten Schloss-Hof ging / und fast alle innere Brustwehren überhöhete; also
dass auch viel hertzhafte sich schon für verloren hielten / und Metternich selbst
mit seinen übrigen Kriegsleuten dieser Not zulauffen / und sich unten in den
Turm wagen musste / die Römer aus dieser schädlichen Uberhöhung zu treiben. Es
war Schade: dass in der Finsternis dieses Turmes so viel tapfere Taten beider
Teile verdüstert bleiben sollten; welche würdig waren von der ganzen Welt
gesehen zu werden. Denn die Römer drangen auf beiden Stiegen herab um den
Schloss-Hof zu erobern / die Deutschen aber hinauf die Römer herab zu stürtzen.
Nachdem aber diese mit noch tausend Römern und so viel Galliern aus dem Läger
verstärcket wurden / und Metternich mit einem Steine heftig verwundet ward: dass
er für todt weggetragen ward; wie nicht weniger nach ausleschendem Feuer / das
aus Mangel mehrern Strohes und Holtzes nicht länger unterhalten werden konnte;
die Römer die verlassene Mauer aufs neue erstiegen / wäre es umb diese Festung
getan gewest / wenn nicht Hertzog Franck / welcher nach mässigem Tages-Schlafe
alle Nächte wache war / und bald diese / bald jene Post selbst verwahrte / am
allerersten die Schwenckung der Fackeln in dem vierdten Schloss wahrgenommen
/und aus klugem Misstrauen mit Aussteckung vieler Pech-Kräntze von den Türmen
auf dem ganzen Sieben-Gebürge Lermen gemacht / auch alsbald zwei tausend
Deutschen zusammen gebracht / und nach ausgespürtem Angriffe der Haupt-Festung
selbter damit zugeeilet hätte. Er kam gleich dahin / als die Not am grösten war
/ oder vielmehr denen Bestürmten das Wasser schon biss in Mund ging; wiewohl der
Ritter Willich noch männlich des Metternichs Stelle vertrat / und sich
bescheidete: dass bei eingebildetem Siege auch die Feigen / bei verzweifelten
Zufällen aber die Helden nicht ihre Hand sincken liessen. Hertzog Franckens
erste Sorge bei so gefährlichem Zustande war / denen Bestürmten seine hülffbare
Gegenwart mit Schwenckung der deutschen Kriegs-Zeichen auf einem dem Schloss
gegen über liegenden Felsen / und durch etliche auf Gallisch verkleidete
Kundschafter wissend zu machen. Hernach teilte er sein Volck in zwei Teil /
gab eines dem Ritter Wassenar / das andere behielt er für sich / und kletterte
jener auf der Ost- / er selbst aber auf der gefährlichsten West-Seite gegen dem
Rheine das Gebürge hinauf. Des Hertzogs erste Arbeit und Glücke war: dass er fünf
hundert zu Abwendung aller sich etwan nähernden Hülffe vorbehaltene Römer /
wiewohl an einem vorteilhaften Orte angrieff / nach hertzhafter Gegenwehre von
ihrer Höhe herab trieb / und über Hals und Kopf den Berg hinab jagte. Wassenar
kam auf der andern Seite den Stürmenden / und nichts als Sieg und Palmen
ruffenden Römern auf den Hals /welche nunmehr schon den ganzen Vorhof erobert
hatten / und über Aufsprengung der innersten Schloss-Pforten bemühet waren. Als
er nun eine ziemliche Anzahl Sturm-Leitern zu Bodem gerissen hatte / drang er in
den Vorhof mit dem Kerne seines Volckes hinein /zwang auch die Römer der
Pforten-Stürmung zu vergessen / und dem ihnen auf den Rücken und die Haube
sitzenden Feinde zu begegnen. Worüber das Stürmen sich in eine blutige Schlacht
verwandelte. Herzog Franck aber brauchte sich der Römischen Sturm-Leitern zu
seinem grossen Vorteil / und liess den Ritter Kallenfels den vom Camillus
eroberten Turm stürmen; er selbst aber stieg mit zwantzig auserlesenen Rittern
selbst in die bedrängte innerste Festung hinein / worinnen auch die
weichhertzigsten Bestürmten wegen so unvermuteter Hülffe nunmehr zwei Hertzen /
und die abgemattesten vier Hände zu bekommen schienen. Ihr einiger Hertzog
deuchtete sie mehr / als tausend Feinde zu sein / und also kriegte der Kampf in
kurtzer Zeit ein ganz ander Gesichte. Denn die Römer kriegten nunmehr auf allen
Seiten Feinde vor- und rückwerts; kamen also / weil zwar die Klugheit für und
hinter sich sehen / die Tapferkeit aber sich nur vorwerts beschirmen kann /
zwischen Tür und Angel / ihre fürnehmsten Hauptleute Camillus / Cepin /
Terentius und andere blieben todt; dass also die übrigen sechs hundert
Kriegesleute / darunter aber kaum einer verwundet war / mit ihren Häuptern auch
das Hertze verloren / und mit Wegwerffung der Waffen des Siegers Gnade sich
unterwarffen. Plancus der Oberste selbst musste in diesen sauern Apfel beissen /
weil die Deutschen ihm mit Zerdrümerung seiner künstlichen Leitern / den Rückweg
vom erstiegenen Turme abgeschnitten hatten; wiewohl die nebst ihm darauf
besetzten Römer den Plancus kaum bereden konten: dass er sich nicht über die
Zinnen und Felsen herab stürtzte. Der sieghafte Hertzog Franck wollte gegen
diesem hertzhaften Römer erweisen: dass die Deutschen zwar streitbar / aber nicht
wilde Menschen wären; liess dem Plancus melden: dass er von einem so edlen
Gefangenen den Degen selbst empfangen wollte. Welche höfliche Erklärung und
darauff folgende freundliche Bezeigungen denn des Plancus ziemlich verstörtes
Gemüte / weil von seinen viertausend auserlesenen Kriegsleuten kaum drei
hundert ins Läger entkommen / der Deutschen aber mehr nicht als vier hundert
todt blieben / und hundert sehr gefährlich verwundet waren / ein wenig
beruhigte. Alleine Hertzog Franckens feuriges Gemüte war mit diesem heiligen
Siege so wenig als eine grosse Flamme mit wenigem Zunder vergnügt. Weil er nun
Nachricht bekam: dass Hertzog Ganasch eine Meil weges davon an dem Sieg- und
Acker-Strome mit dem Germanicus einen harten Stand hatte / liess er ihn nicht
allein alsbald seinen Sieg wissen / sondern auch versichern: dass er ihm durch
einen Anfall in der Römer Rücken bald Lufft machen wollte. So bald er auch dem
Ritter Willich die Verwahrung des Gebürges / die Verteilung der Gefangenen /
und andere nötige Anstalten anvertraut hatte / nahm er alles nur entbehrliche
Kriegs-Volck mit sich vom Gebürge herab / unter welchem er seinem anfangs
erteilten Befehle gemäss / schon den Grafen von Sem mit zwölff hundert Reitern /
und den Grafen von Wied mit zwei tausend aus dem Gebürge zusammen gezogenen
Fuss-Knechten fertig stehen fand; also er bei nahe mit 5000. Mann dem Germanicus
recht in Rücken ging. Franck gebrauchte sich hierbei mehrer Hörner-Bläser / als
nach seiner Mannschaft bräuchlich war / umb dem Feinde einen desto blauern
Dunst für die Augen zu machen. Er selbst tät mit der Helfte der Reiterei auf
der lincken / der Graf von Sem auf der rechten Seite den ersten Angrieff; und in
der Mitte führten der Graf von Wied und Sleiden / wie auch der Ritter
Wachtendong das Fuss-Volck an. Dieses traff auf die ganze zehnde Legion des
Sextus Apulejus / welche Germanicus als den Kern seines ganzen Krieges-Heeres
zum Hinterhalte gestellt hatte. Hertzog Franck aber traff auf ein Teil des
Germanicus Leibwache zu Rosse / und zwar mit einem solchen Nachdrucke: dass sie
biss an den Sieg-Strom / wo Germanicus nunmehr den Meister spielte / und schon
mit zehn tausend Mann übergesetzt hatte / zurück wiechen. Dieser einige
glückliche Streich / weil er unvermutet war / und das hinterwerts sich
erregende Kriegs-Geschrei machte unter dem ganzen Römischen Heere kein
ungemeines Schrecken / und hemmete auf einmal so wohl vorige Hurtigkeit als die
Begierde über den Strom zu kommen. Dem klugen Germanicus selbst ward hiermit auf
einmal sein Spiel verrückt; weil er nicht wohl begreiffen konnte: woher ihm ein
Feind in Rücken käme? sonderlich da er für zwei Stunden vom Plancus vergewissert
worden war: dass Camillus auf einem / er selbst auf dem andern Turme der beste
Berg-Festung die Römische Kriegs-Zeichen aufgesteckt / und die völlige Eroberung
schon gleichsam in Händen hätte. Alleine es brachte ihm ein aus dem Römischen
Läger spornstreichs herzurennender Römer mit dieser schlechten Zeitung die
Erleuterung seines Kummers: dass Plancus vom Hertzog Franck überfallen / und mit
allen vier tausenden Römern und Galliern erschlagen worden wäre. Germanicus /
welcher wohl wusste: dass ein Feldherr allezeit einen Kopf voller Gehirnes / aber
oft ohne Zunge haben sollte / sagte kein Wort; als dass dieser traurige Bote
keiner Seele kein Wort hiervon melden sollte; setzte gleich wohl aber voller
Unmut über den Sieg-Strom zurück / umb die wahre Beschaffenheit des neuen
Anfalls selbst so viel gewisser zu erkundigen. Ob sein Gemüte nun zwar bei
Verwandelung der Zufälle allezeit unverrückt / und sein Verstand aufgeräumt
blieb / konnte er sich doch nicht entalten / den ersten ihm begegnenden Römer
von seiner flüchtigen Leibwache zu durchstechen / und bald darauf dem sie
führenden Hirtius anzudeuten: dass er sie alle durchs Joch treiben wollte / wo sie
die Scharte einer so schändlichen Flucht nicht bald auswetzen würden. Germanicus
befand die zehnde Legion gegen das deutsche Fuss-Volck und des Grafen von Sem
Reiterei in einem hitzigen Gefechte / weil auf beiden Teilen so wohl die
Obersten als Gemeinen ihr Ampt männlich vertraten / und keines dem andern einen
Fussbreit Erde weichen wollte. Insonderheit sah Germanicus mit Lust den
sechzehnjährigen Sulpitius Galba sein erstes Schul-Recht ablegen / ungeachtet er
noch nicht im Capitolium zu Rom den bürgerlichen Manns-Rock angelegt hatte.
Daher ihm auch Germanicus zuruffte: Er sollte also fortfahren / so würde er mit
der Zeit ein grosser Feldherr / und ein mächtiger Herrscher / als sein Anherr
Minos / werden. Hertzog Franck aber war inzwischen unter zwei tausend teils
Gallische / teils Pannonische Reiter eingebrochen /welche er nunmehr in völlige
Unordnung bracht hatte. Daher liess Germanicus tausend der besten Römischen
Reiter gegen dem Hertzog Franck herfür rücken; und weil er hierdurch alles in
gute Ordnung versetzt /sonst aber mehr keinen Vorbruch einigen Feindes sah /
kehrete er umb gegen dem Sieg-Strome seinen daselbst erhaltenen Vorteil mit
einem völligen Siege auszumachen. Alleine weil der Zustand daselbst auch ganz
verdrehet war / seufzete er in Erwegung: dass man das Glücke auch wenige
Augenblicke nicht in der Schnure führte / und keine grössere Verfälscherin
künftiger Dinge als die Hoffnung wäre. Denn als des Hertzogs Melo an tausend
Tencterischen Reitern bestehender Vortrab unter dem Grafen von Isenburg an den
in Rhein fallenden Wipper-Fluss kam / fand er daselbst im Rheine eingesäufftes
Schiff / aus welchem etliche zwantzig Gallier und fünf Römer ans deutsche Ufer
geschwommen waren. Diese nahm Isenburg alsbald absonderlich scharff für / und
brachte von ihnen durch scharffe Bedräuung diss einmütige Bekenntnis heraus: dass
ihr des Nachts an einem im Strome liegenden Baum gestossenes Schiff eines von
denen zweihunderten wäre / welche Germanicus nach der vom Drusus zwischen dem
Rheine und der Erpe gebauten Festung Novesium geschickt hätte. Isenburg forschte
alsofort genau: Ob denn Germanicus nicht selbst auf den Schiffen wäre? Alleine
sie verneinten es; gleichwohl aber wäre im Ubischen Läger die Rede gegangen: dass
er auf der Westlichen Land-Seite mit der Reiterei und grösten Macht folgen
würde. Auf fernere Nachfrage: was für Volck auf den Schiffen gewest wäre; sagten
die Römer zwantzig / die Gallier aber nur sechs tausend Mann aus. Daher er die
Widersprechenden einander unter Augen stellte; und hiermit die Römer überstimte;
welche denn auch nur gestehen mussten: dass es kaum sechs tausend Kriegesleute /
darunter aber nur fünff hundert Römer / das übrige nur unbewehrtes Gesindlein
gewest wäre. Der Graf von Isenburg schickte hundert Tencterische Reiter mit
diesen unter sie verteilten Gefangenen / und zwar auf zehn unterschiedenen
Wegen Augenblicks in höchster Eil zurücke / umb dem Hertzog Melo von allem
ausführliche Nachricht zu erteilen. Der Ritter Borckeloh traff den Hertzog mit
dem ganzen Heere nur eine Meile zurück an: welcher alsobald aus allen
Umbständen urteilte: dass ihm der schlaue Tiberius eines angebunden hätte.
Diesemnach liess er allein den Grafen von Mörss mit fünf hundert Usipetischen
Reitern und drei tausend Fuss-Knechten dem Grafen von Isenburg folgen / welcher
mit der halben Macht an der Wipper / der Graf von Mörss aber zwischen dem Rheine
und dem Düssel-Strome den Feind beobachten sollte. Sein übriges ganzes Heer aber
musste auf dem Fusse umbkehren; und weil ihm nichts guts ahnete /ging er mit
sechs tausend am besten berittenen Sicambern und Tencterern vor an / erhielt
auch in einer halben Stunde von des Germanicus Anfalle / bald darauf von
Stürmung des Berges Rhetico / und ie näher er kam / von dem heissen Bade des
Hertzogen Ganasch und seiner Chautzen ie gefährlichere Nachrichten. Die Not gab
denen Deutschen so wohl als die Sporne den Pferden gleichsam Flügel: dass Melo in
vier Stunden / ungeachtet des rauen Weges / an den Sieg-Strom kam / als die Not
recht an Mann kommen war. Denn nachdem der Graf von Spiegelberg sechs Stunden
lang mit unglaublicher Tapferkeit den Cajus Centronius / der Graf von
Schauenburg den Mennius aufgehalten hatte; ward dieser endlich /nachdem er über
zwantzig Wunden bekommen / ohnmächtig aus der Schlacht geführet; jener aber von
den Römern umbringt; und weil sein siebendes Pferd mit ihm fiel / fast mit
unzehlbaren Wunden getödtet. Der Graf von Teckelnburg / welcher zeiter
Wunderwercke getan hatte / ward hierdurch gezwungen mit seinem Fuss-Volcke sich
von dem freien Strome an einen brüchichten Pusch zu ziehen / umb von der
Römischen Reiterei nicht zertreten zu werden. Hiermit kriegte Germanicus Lufft
an diesem Orte wohl mit zehn tausend Kriegsleuten über dem Sieg-Strom festen Fuss
/ und sie darmit in eine richtige Schlacht-Ordnung zu stellen. Hertzog Ganasch /
welcher als ein vollkommener Feldherr nirgends beständig blieb /sondern stets
für seinen Stand erwehlte / wo die Gefahr am grösten war / auch darüber schon
drei blutige Ehren-Maale bekomen / und 4. Pferde eingebüsst hatte / verlohr
hierdurch zwar ein Stücke des Ufers / aber nichts von seinem Mute und Vorsicht.
Er gebrauchte sich gegen diesen starcken Feind des gegen über liegenden Sumpfes
zum Vorteil; und stellte auf der einen festen Seite dem Germanicus den Grafen
von Delmenhorst mit der Chauzischen und Chamavischen Reiterei / und den Ritter
Arenberg mit zwei tausend noch zum Hinterhalte verbliebenen Bructerern zu Fusse
/ auf der andern Seite aber sich selbst mit tausend Chauzischen Reitern
entgegen; welchem ein junger Graf Nassau mit tausend Chauzen zu Fusse treulich
an der Hand stand. Graf Günter von Oldenburg und der von Teckelnburg mussten
inzwischen oben und unten mit den Bructerern / Marsen und Friesen den Strom
verteidigen. Ob nun gleich die Römer denen nunmehr über acht Stunden von
unaufhörlichem Fechten abgematteten Deutschen mit steter Abwechselung frischen
Volckes auf alle ersinnliche Art zusetzten / und einem Manne zehn und mehr
entgegen zu stellen hatten / fochten doch die Deutschen so hartnäckicht / als
wenn keiner unter ihnen bei empfangenden Wunden eine Fühle / ieder aber einen
geschwornen Tod-Feind für sich hätte. Die Römer beseelte des geistigen
Germanicus Anführung; welchem sie zu Liebe auch in den offenen Rachen des Todes
begierig gerennet wären / und die ungezweifelte Einbildung des Sieges. Die
Deutschen aber hielt die Liebe des Vaterlandes / die Furcht für der durch einen
so bitteren Vorschmack schon gekosteten Dienstbarkeit / und der sonst ins gemein
zur Trennung Anlass gebende Unterschied der Völcker als eine Kette beisammen.
Denn ieder Sicambrer / Bructerer / Friese /Chauce / Chamaver bildete ihm ein:
dass es / wenn er flüchtig würde / umb die Ehre seines ganzen Volckes geschehe
wäre. Alleine / endlich muss auch Stahl springen / Ertzt schmeltzen / Palmen
liegen und Felsen zerbersten. Hertzog Ganasch / welcher gleichsam in alle Lücken
trat / kriegte so viel Wunden: dass er sich mit Not mehr auf dem Pferde erhalten
konnte; daher führte ihn ein Teil seiner hundert zur Leibwache erkieseten Ritter
/ wiewohl in steten Ohnmachten der Festung Siegsburg zu. Graf Dietrich von
Oldenburg der Führer seiner Leibwache aber verwechselte vorher mit dem gleichsam
im Blute schwimmenden Hertzoge Ganasch Helm und Schild / und vertrat mit einer
so grossen Hertzhaftigkeit / gleich als wenn er zu seinem eigenen nun auch
dieses grossen Helden Fürsten-Hertze in seine Brust bekommen hätte / des
Hertzogs Stelle: dass wenig Deutsche / und kein Feind des Fürsten Ganasch
Ohnmacht und Abzug gewahr wurden. Ob nun wohl diese Lücke ergäntzt war /sprang
doch durch des Grafen von Delmenhorst Tod ein ander / und durch des von
Teckelnburg gefährliche Verwundung das dritte Glied dieser festen
Verfassungs-Kette; also: dass dort die Chaucen uñ Chamaven schon in Unordnung
gerieten; hier aber Censorinus mit drei tausend Römern einen neuen Stand über
dem Sieg-Strome erhielt. Alles wäre nunmehr sonder Zweifel bund über Ecke
gegangen / wenn nicht im Rücken des Römischen Heeres sich ein neues
Krieges-Geräusche erregt / und den Germanicus / welcher mit seiner Gegenwart
gleichsam als eine irrdische Sonne alle Römer lebhaft machte / daselbstin
gezogen hätte. Nichts desto weniger verärgerte sich der Deutschen Zustand immer
mehr. Die keckesten Helden von der Chaucischen und Friesischen Ritterschaft
waren todt oder durch Verwundung zum Fechten unfähig gemacht; die übrigen
entkräfftete die Müdigkeit; also dass sie mehr aus Verzweifelung als Hoffnung was
tüchtiges mehr zu verrichten Stand hielten. Bei diesem betrübten Ungewitter
ging denen zum Sterben schon ganz versteckten Deutschen durch die Ankunft des
Hertzogs Melo unvermutet eine Sonne auf. Er erkündigte sich in Eil von etlichen
Deutschen umb die Beschaffenheit des Notstandes; und weil die vor Müdigkeit
Schläge-bäuchenden Pferde ohne diss etliche Augenblicke verblasen mussten /redete
er die Seinigen an: Ihr ehrlichen und tapfern Sicambrer und Tencterer! nunmehr
habt ihr Gelegenheit euch an eurem Tod-Feinde dem Tiberius zu rächen: dass er
euch in seinem Uberfalle arglistig hintergangen / ein gutes Teil eurer Brüder
des süssen Vaterlandes beraubet; und aus Missgunst eurer Tapferkeit sie über den
Rhein in Gallien geschleppt hat / gleich als wenn selbiger Himmel eben so
streitbare Völcker weibisch / als der Africanische weisse Menschen schwartz zu
machen fähig wäre. Zwar Tiberius selbst ist nicht hier / aber sein angenommener
Sohn Germanicus. Glaubt aber: dass eigene Beschädigungen denen Vätern nur auf dem
verletzten Gliede weh tun / die Wunden der Kinder aber durch Marck und Bein
gehen. Hingegen erinnert euch eurer Väter Bindnüsse und Tugend; welche dem
Käyser Julius mehrmals heiss gemacht / und euerer eigenen; die ihr bei Aufreibung
des Marens Lollius und anderer Römischen Kriegs-Obersten schon so viel mal
bewehrt habt. Ihr edlen Tencterer /die ihr auf den Pferden erzogen / und euer
Lebtage mehr auff Sätteln / als anderwerts gesessen seid / zeigt nunmehr den
hochmütigen Römern / dass wie Catten und Sicambrer zu Fusse: also die Tencterer
zu Rosse es allen Völckern in der Welt zuvor tun. Machet das wölffische Rom mit
der Eitelkeit seines Frolockens durch eure heutige Taten zu schanden / welches
bei des Tiberius Siegs-Gepränge mit diesem Getichte heuchelte: Julius hätte zwar
die Sicambrer /Usipeter und Tencterer gezüchtiget / Tiberius aber das ganze
Volck der Sicambrer mit seiner ganzen Wurtzel ausgehauen / die Usipeter zu
Leibeigenen / die Tencterer zu Zins-Bauern gemacht. Allein es ist hier nicht nur
umb Ruhm und Rache / sondern wie es euch der Augenschein weiset / umb eure
Wohlfart / ja umb etwas zu tun / was ihr dieser billich noch vorzieht /
nämlich umb die Freiheit. Ihr streitet nicht nur umb diese notleidende
Bunds-Genossen / sondern für euch selbst / eure Ehgatten und Kinder; welche ihr
als Zeugen eures Wohlverhaltens auff den nechsten Hügeln euch mit greulichem
Geschrei nichts minder zu ihre Erbarmnis / als zu hertzhafter Schlacht
aufmuntern höret. Die Niederlage des Varus dienet euch zu einem unverwerfflichen
Zeugnüsse: dass an der Römischen Unüberwindligkeit nicht so viel Wesen als
Geschrei / dieses aber ein allzu stumpfes Gewehre gegen behertzte Deutschen sei.
Die wenigen Chaucen und die Handvoll Friesen haben des Germanicus ganzer Macht
8. ganzer Stunden die Stange geboten; wie soll denn diese nach ihrer
Abmergelung euch und denen euch auf der Ferse folgenden Kriegsvölckern die Wage
halten? Germanicus ist seiner Tapferkeit halber zwar berühmt; aber er hat hier
nicht mit Pañoniern / sondern mit Deutsche zu tun / mit derer Kräfften er sich
noch nicht geeichtet hat. Zu dem ist er mehr nicht als ein Mensch / gegen den
das veränderliche Glücke in Dalmatien geliebäugelt / sich aber mit ihm nie
vermählt hat. Den heutigen Tag könnet ihr der Römischen Ehrsucht ein Ziel /
Deutschlande eine Gräntze über den Rhein / und eurem Nachruhme über alle Ende
der Erden und Zeit ausstecken. Wenn wir aber auch schon zu allem dem uns keine
Hoffnung zu machen kämen / so stehen wir schon hier / und die Not ist bereit an
den Mann kommen. Darumb bitte ich euch / umb der Liebe eures Vaterlands halber /
bezeuget euch in der Tat als Männer. Gehe du / Graf von Stirum / mit 1000.
Tencterern / und treib den Censorin über den Strom. Du / Graf Steinfurt /
beobachte mit so viel Usipetern den Strom / wo wegen unser Schwäche noch
nirgends einige Gefahr sich ereignen möchte. Dencket / wie ihr den von euren
Ahnen auf euch gestammeten Ruhm mit des Volckes Freiheit auch auff die
Nachkommen fortpflantzet. Der Tod scheuet sich für denen / die ihn verachten /
er tritt keinem Behertzten auf die Zehen / sondern nur den Furchtsamen in die
Fersen. Ich will den Germanicus heute über den Sieg-Strom treiben / sollte ihm
gleich meine Leiche zum Steige dienen. Und ich werde mit iedem vergnügt sein /
der heute mich ihm zum Beispiele der Tapferkeit / oder zur Rechtfertigung seiner
Zagheit erkiesen wird. Wiewol die Pferde noch alle von Schweiss raucheten / ward
den Deutschen doch des Hertzogs Melo Rede / entweder aus Begierde der Rache /
oder den Notleidenden zu helffen zu lang; oder sie nahmen solche für ein ihnen
verkleinerliches Misstrauen auf; gleich als wenn sie für sich selber nicht
Hertze genung zu fechten / und Hoffnung zu überwinden hätten. Daher hatte Melo
noch das letzte Wort auf der Zunge / als der Graf von Stirum und Steinfurt
spornstreichs an ihre bestimmten Orte rennten. Melo aber eilte mit seinen vier
tausend Reitern /welches alles Sicambrische und Tencterische Ritter oder
Edelleute waren / dem härtesten Stande zu; wo der Graf von Oldenburg mehr keinen
Atem / wenig Blut / ja nicht einen unverwundeten Soldaten / gleichwohl aber
noch das Hertze hatte zwölff tausend Römern durch Hülffe des vorteilhaften
Ortes die Stirne zu bieten. Als Melo nun an dem war: dass er treffen sollte / sah
er selbst seinen Schild / und darauff das zum Andencken seiner eingebüsseten
Tochter erwehlte Sinnen-Bild eines wütenden Löwen an / welcher einen Bär
entfleischte / der ihm seine Jungen entführt hatte / umb dardurch gleichsam
seine Rach-Waffen zu schärffen. Er band selbst mit dem Lucius Apronius /der die
Römische Reiterei führte / an; und liess den Grafen von Lingen und Ravensberg mit
zwei tausend Pferden in die erste Legion einbrechen. Weil nun Melo in seinem
Kampfe an der Geschwindigkeit den Blitz / an Stärcke einen rechten Löwen
abbildete /und so wohl Sicambrer als Tencterer ihr äuserstes /und ihrem
grossmütigen Führer alles nachtaten / ereignete sich alsbald: dass diss / was
Fürsten eigenhändig ausführen / alleine den Nahmen eines rechten Krieges
verdiene / der Feld-Obersten Taten aber nur Kurtzweil und Schatten des Krieges
sein; und dass unter jenen hundert Edelleute mehr / als unter diesen tausend umb
Sold dienende Kriegsleute ausrichten. Derogestalt warffen sie in weniger Zeit
die Römische Reiterei über einen Hauffen. Ravensberg und Lingen hatten
inzwischen in einen sauern Apfel zu beissen. Denn Cajus Narbonus stellte an die
Spitzen beider Hörner / wo seine Legion alleine angegriffen werden konnte / die
auserlesensten und ältesten Kriegs-Knechte / und zwar die Glieder achtfach / und
die Mannschaft so dichte an einander: dass es schien / als ob man wegen der
vereinbarten Schilde acht eiserne Mauern / und wegen vorragender Spiesse einen
stählernen Igel zu stürmen hätte. Nichts desto weniger trennten beide Helden
diese geharnschte Schlacht Ordnung. Die müden und lechsenden Chautzen und
Friesen schöpften hiermit wieder Atem / und da sie vorher lange nur die
Streiche abzuwenden getrachtet /schlugen sie ietzt wieder auf die Feinde frisch
los. Germanicus kam gleich zurücke / und fand die Reiterei in der Flucht / das
Fuss-Volck verwirret: und vom Censorin kriegte er gleichfalls Nachricht: Die
Tencterische Reiterei sätzte ihm so harte zu: dass wo man ihn nicht mit
genungsamer Reiterei entsetzte /würde er mit grossem Verlust über den Strom
zurücke weichen müssen. Wie nun Germanicus diesem tausend Tracische und noch
einmal so viel Gallische Reiterei zuordnete; also setzte er selbst seine aus
lauter edlen Römern bestehende Leibwache und die Reiterei der siebenden Legion
dem Hertzoge Melo / als den Kern seines Volckes entgegen: Die Tencterer aber
bewehrten durch ihre unglaubliche Geschwindigkeit /und zugleich blei-schweren
Nachdruck / als zwei selten vereinbarte Eigenschaften im Kämpfen: dass ihre
Feinde nur unter den Römern / die Tencterer aber in der ganzen Welt der Kern
streitbarer Reiter wären; und weder die Parten noch Tessalier / welche
letztere doch das Gefechte zu Pferde erfunden haben sollen / ihnen das Wasser
reichten. Massen es denn nicht nur einer mit zwei Römern gern annahm / sondern
auch ihnen übermässig gewachsen war. Uber diss brauchte sich der erfahrne Melo
hier dieses Vorteils: dass er zwischen 3. Reiter allezeit einen Chamaver oder
Friesen zu Fusse einspickte / welche von unten zu den Römischen Pferden oder
Reitern gleichsam unvermerckt die kurtzen Degen in Leib stiessen / oder sie mit
den Schenckeln von Pferden riessen. Daher denn auch diese Römische Reiterei bei
Zeite ins Gedrange kam; und ihre Führer Marcus Sylla vom starcken Hertzoge Melo
selbst der Kopf durch ein Schlacht-Schwerdt zerspaltet ward. Mit dem Kopfe
dieses ihres Hauptes entfiel den Römern gleichfals das Hertz / sonderlich da
Stirum und Steinfurt auch als zwei Mauer-Böcke die erste Legion derogestalt
durchlöcherte: dass der verwundete Norban / ungeachtet des ihm nach und nach
entsetzenden frischen Fuss-Volckes selbte schwerlich mehr beisamen erhalten
konnte. Hertzog Melo fieng nach Erlegung des Sylla in seinen holen Schild grausam
an zu schreien: dass die Erde bebte; welchem alle Deutschen es nachtäten /und
dardurch denen Römern gleichsam andräuten: dass jetzt allererst die Schlacht recht
angehen sollte. Als Melo auch den Germanicus von ferne aus seinem Purpur-Rocke /
und dreien einer Ellen langen und schnee-weissen Strauss-Federn erblickte /
welche er nach Art des grossen Alexanders führte / ruffte er in Lateinischer
Sprache überlaut: Wo denn der Römische Feldherr wäre? Ob er kein Hertz hätte mit
ihm alleine anzubinden? oder ob es bei den Römern eine Ehre oder Tugend wäre
hinter dem letzten Gliede /und ausser aller Gefahr des Geschosses zu stehen? Der
nicht allzu weit entfernte Germanicus hörte diese Ausforderung nicht ohne
Gemüts-Kränckung / aber es war ihm nun nicht so wohl umb ferneres Kämpffen /als
umb eine ehrliche Zurückziehung zu tun. Denn nach dem er den Hertzog Melo aus
seinem aus dem Helme und im Schilde befindlichen roten Löwen erkennte / war ihm
seine so geschwinde Rückkunft bald sehr bedencklich. Uberdis hatten etliche
Usipeter unter dem Graf Steinfurt über den Sieg-Strom gesetzt / umb die
eigentliche Beschaffenheit des auf der andern Seite noch immer währenden
Gefechtes zu erforschen / von denen aber zwei gefangen / und dem Germanicus
zugebracht wurden. Als diese nun aufrichtig heraus sagten: dass das ganze
Krieges-Heer des Melo in vollem Anzuge wäre / auch allem Vermuten nach nicht
mehr weit entfernet sein könnte. Die Warheit dieser Aussage bekräftigte die
Nachricht etlicher auf überaus hohe Pappeln gestiegener Römer; welche über die
nechsten Hügel etliche Geschwader Reiter anziehen sahen / und aus dem von den
Tälern aufsteigenden Staube eines grossen Volckes Annäherung besorgten. Wormit
nun Germanicus / ohne die Seinigen kleinmütig zu machen / oder gar in die
Schande einer offenbaren Flucht einzufallen / sein über dem Sieg-Strome
stehendes / und bei Ankunft mehrer Deutschen sonder Zweifel gar verlohrnes
Volck desto füglicher zurück ziehen möchte / liess er die ganze siebende Legion
weiter gegen den Rhein hinab / alle Tracier / Gallier / Pannonier und andere
Hülfs-Völcker weiter hinauf rücken / und allentalben scheinbare Anstalt zum
Ubersetzen machen; also: dass so wohl Graf Steinfurt / als die Tracischen und
Juhonischen Kriegs-Obersten vom Melo Hülffe begehrten. Wie nun dieser den Grafen
von Ravensberg und den Ritter Homberg mit zwölf-hundert Tencterern und Sicambern
an beide Orte abfertigte / und die erste Legion hierdurch nicht wenig Luft
kriegte / zohe Norbanus das Fuss-Volck möglichst zusammen / und wich anfangs Fuss
für Fuss gegen den Strom zu rücke. Aber Melo merckte alsofort das feindliche
Absehen / setzte also mit mehrer Heftigkeit als jemals in des Germanicus
Leibwache / und nötigte sie in die Glieder der weichenden ersten Legion
einzudringen. Hierzu kam der Graf von Benteim mit drei tausend Sicambrischen /
und der Ritter Rytberg mit tausend Tencterischen Reitern an. Dieser schlug sich
zum Grafen Stirum / und jagten mit einander den Censorin mit denen ihm
zukommenden Traciern und Galliern über Hals und Kopf in den Strom / darinnen
aber die Helfte ersof / nach dem ohne dis ihrer über zwei-tausend durch der
Chauzen und Tencterer Schwerdter gefallen waren. Benteim aber fiel die erste
ohne dis schon verwirrte Legion an / welche hierüber in offentliche Flucht
geriet / und jedermann sich nur über den Fluss zu retten bemüht war. Welches
alles der am Ufer mit blanckem Degen aber voller Unmut haltende Germanicus
nicht verwehren konnte / sondern dem Unglücke und den furchtsamen Römern nur
ihren Lauff lassen / und nach dem er sonst bei der schmalen Schiff- und
Flössen-Brücke von dem Gedränge der Flüchtigen / welche keine Augen / und daher
auch gegen ihre Oberherren wenig Ehrerbietung haben / erdrückt / oder ins Wasser
gestossen worden wäre / nur sich auch zurücke ziehen; so bald nur der güldene
Adler gerettet war; ob wohl das Pferd / der Wolf / der Minotaurus / der Elefant /
und viel andere Römische /wie auch anderer frembder Hülfs-Völcker Kriegs-Zeichen
im Stiche blieben. Wie grossmütig Germanicus gleich war / und wie vernünftig er
sonst hinter dem Berge zu halten wusste; so ward er doch über so schädlicher
Misslingung seines so gewiss eingebildeten Anschlages derogestalt ungeduldig: dass
er die auf seinen Befehl abgenommene und ihm eingehändigte Blut-Fahn in den
Siege-Strom warf / mit beigesetzten Worten: Wie mögen wir Römer an dem Strome
einigen Stern und Glück haben / dessen Schutz-Götter Varus mit so schwartzem
Laster unversöhnlich gemacht hat! Uber welchem Eyver sich so viel weniger zu
wundern / weil das Glücke / welches in Kriegen und Schlachten oft auch der
Tugend zu Kopfe wächst / gleichsam dem Germanicus Zeiter in allem Fürnehmen zum
Tantze gespielet hatte. Denen des Sieges gewohnten Helden aber füget der
Krebsgang des Glückes / wie die Sonne / wenn sie in Krebs tritt / denen
Schlangen die empfindlichste Pein an. Ja die Augen giengen dem grossmütigen
Germanicus über / als am Ufer auf einer Höhe die Römer von Sicambern /
Tencterern / insonderheit aber von denen Chauzen / welche unbeleidigt die
friedlichsten und vergnüglichsten /nach ihrer Reitzung aber die grimmigsten und
verbittersten Leute in der Welt sind / wie das Vieh abschlachten / und die dem
Feinde entronnenen meist in dem Sieg-Strome ersauffen sah / welcher sich teils
von dem aus dem Gebürge abschüssenden Regen-Wasser / teils von vielen Leichen /
Flössen und Bäumen seit dem Morgen einer Ellen hoch aufgeschwellt hatte; die
Brücken und andere zur ordentlichen Uberkunft tüchtige Wege aber zerbrochen
wurden. Also sind der Helden Hertzen ebenfals fleischern /und ihre Augen
wässricht / dass sie zerflüssen können. Ja hartes Ertzt und fester Marmel stehen /
wenn sie am kältesten sind / voller Tropfen. Bei diesem Notstande erwies sich
Germanicus nichts desto weniger als einen klugen Feldherrn. Denn / weil das
Sicambrische Heer sich imer je mehr verstärckte / und nunmehr auch das Fuss-Volck
ankam / besätzte er den Strand nach Notdurfft / und liess anfangs allen schweren
Kriegs-Zeug / hernach die Verwundeten mit grosser Sorgfalt ins Läger bringen.
Hernach liess er die Legionen / und darunter auch die Zehnde / ungeachtet sie den
viel schwächern Hertzog Franck etwas gegen das Gebürge zu weichen gezwungen
hatte / Fuss für Fuss sich zu rücke ziehen. Worauf denn auch die Hülfs-Völcker zu
Fusse / und endlich die Reiterei folgte. Ob nun wohl Hertzog Melo nicht für
ratsam hielt /dem Germanicus seinen Fehler nachzutun / nämlich den einen Strom
für sich habenden Feind in seinem Vorteil anzugreiffen; so waren doch unter den
Deutschen nicht wenig Wagehälse / welche entweder aus Begierde der Beute / oder
aus Verbitterung überschwemmeten / und hin und wieder sich an den weichenden
Feind hiengen. Nach dem aber Melo gewisse Kundschaft erhielt; dass Germanicus
sich wahrhaftig in sein Läger einschlüsse / liess er alsbald die Brücken über den
Strom ergäntzen; besetzte selbst / und beritt mit zwei-tausend auserlesenen
Pferden noch selbigen Abend den Sieg-Strom bis an den Rhein. Unterwegens aber
stiess ihm sein Sohn Hertzeg Franck mit fünf-hundert Pferden auf. Melo entsetzte
sich anfangs / weil seine Kleider gleichsam aus dem Blute gezogen waren; Aber
Franck sprang hurtig vom Pferde / und des Vatern Steigbügel küssende / sagte: Er
trieffe nur vom Blute seiner Feinde / welche ihm nur an dreien Orten mit kleinen
Schrammen zur Ader gelassen hätten. Wormit ihm mehr ein Dienst / als Schaden
getan wäre; weil er wie alle Deutschen ohne dis zu viel Blut / und es wie ihre
in heissern Ländern wohnenden Feinde zu versprützen keine Furcht hätte. Melo
lächelte / umbarmte und rühmte ihn: dass er ihn von nun an allererst recht für
seinen Sohn und würdigen Nachfolger erkennte. Unterweges erzehlte Franck seinem
Vater / wie tapfer sich Willich in der Festung / der Graf von Wied / und Sleiden
/ Sem / Wachtendonck /und andere Ritter in dem Gefechte der zehnden Legion
gehalten / wie sie durch dieses den Chauzen / Friesen und Juhonen Luft gemacht;
und als die Römische Macht allzu starck auf sie gedrungen / Sem mit seiner
Reiterei das Fuss-Volck so tätig bedeckt / der Graf von Wied auch / als er
seinen Zweck erreicht / und des Hertzogs Melo Ankunft verstanden / sich / umb
vom Römischen Heere nicht umbringet zu werden /gegen das Gebürge vorsichtig und
ohne Verlust zurück gezogen hätte. Von sich selbst meldete er kein Wort / gleich
als hätte er nichts dabei getan; oder weil er es für genung hielt: dass er es
nur getan hatte. Diese bescheidene Verschwiegenheit war aber dem Hertzog Melo
ein desto grösserer Reitz von andern hernach Hertzog Franckens Taten Haar-klein
auszuforschen. Wie er denn auch seinem Sohne und andern tapfern Helden zum
Denckmale das erhaltene Schloss des Berges Rhetico Löwenberg nennen liess. Denn er
wusste wohl: dass wie das Blut die Nahrung aller rötlichen; der Spann-Adern Safft
aller weisslichten Teile am Menschen / also alleine solche Denckmale Zunder der
Tugend / und Tachte der Tapferkeit sein. Noch selbigen Abend war Hertzog Melo
umb Verbind- und Pflegung der Verwundeten eivrigst bemühet / etliche der
Fürnehmsten suchte er noch selbst heim / insonderheit die Chauzen und Friesen /
welche für der Sicambrer Gebiete nicht als Hülfs-Völcker / sondern wie für
eigenen Heerd und Altäre gefochten hatten. Folgenden Morgen hatte Melo schon zu
Verbrennung der gebliebenen Deutschen / derer nicht für voll drei-tausend waren
/ etliche bekräntzte Holtzstösse aufrichten lassen. Es entstand aber auf dem
Teile des Berges Rhetico / welches denen Juhonen zuständig /die Nacht vorher
aus der Erde ein so heftiges Feuer /welches mit keinem Wasser auszuleschen war.
Das gemeine Volck legte dis wie die Schwantz-Gestirne für eine Unglücks-Fackel;
die Juhonischen Priester für was sonderlich gutes aus. Deñ die Flamen wären
insgemein Wahrsagungen der Freuden / wie Ergiessungen des Wassers der
Traurigkeit. Also hätte die Glut der opfernden Livia den Glantz ihres
Geschlechtes / dem Servius Tullus die Königliche Hoheit / den Römern einen
herrlichen Sieg wider die Sabiner angekündigt. Die gegenwärtige Flame aber
hielten sie eigentlich für ein heiliges Feuer / welches die gütige Erde zu
Einäscherung der fürs Vaterland so rühmlich erblichenen Leichen hervor brächte;
welche für zu gemeine Glut allzu köstlich wären / wormit ihre Seelen desto
geschwinder sich durch die Flügel einer kräftigen Flame den Sternen vereinbaren
könten. Weil nun niemand denen Priestern zu widersprechen sich unterstand /
wurden alle deutsche vorhin gekräntzte Leichen / insonderheit aber die des
Grafen von Spiegelberg und Delmenhorst / wie auch anderer auf dem Bette der
Ehren erblichene und in rote Tücher eingehüllete Leichen dahingeführet und
verbrennt / und zu jedermanns grosser Verwunderung mit diesem Todten-Opfer das
seltzame Feuer ausgelescht. Die Asche aber ward als ein Heiligtum in irrdenen
Gefässen in der so rühmlich verstorbenen Vaterland geschickt /und an dem Orte /
wo das hitzigste Treffen gewest war / liess Hertzog Melo zum Gedächtnis einen
grossen Hauffen von grossen Steinen samlen; wiewol die Deutschen weder in
Begräbnüssen / noch Siegen sich mit eitelem Gepränge verstellen. Denn ob sie wohl
so wilde nicht sind: dass sie nicht die Marmel-Seulen für gläntzende Gedächtnis
der rühmlich-Verstorbenen halten sollten; so meinen sie doch: dass diese
Ehren-Maale insgemein denen Lebenden zu Begräbnüssen der Tugend werden. Denn die
feigen oder nachlässigen Kinder heucheln insgemein ihrem Müssiggange mit dem
Schweisse ihrer Ahnen / und bilden ihnen ein: diese hätten eine solche reiche
Erndte der Ehren nicht nur für sich / sondern auch für ihre Nachkommen
eingesammlet: dass sie an Ansehen niemals einigen Mangel leiden könten. Alle auf
beiden Wallstädten befindliche Leichen der Feinde wurden gezehlet / welche nach
dem Merckmale der Kleider fünf-tausend Römer und neun-tausend Gallier / Tracier
und andere Hülfs-Völcker austrugen; wiewol zum wenigsten auch ein Drittel dieser
Zahl im Sieg-Strome schwamen; darein Melo vollends alle feindliche Leichen / auf
welche Art in den allerältesten Zeiten die Verstorbenen bestattet wurden /
werffen liess / umb seiner in diesem Strome gebliebenen Tochter keuschem Geiste
ein Opfer von zweimal sieben-tausend Menschen abzuliefern. Die allergröste
Bekümmernüs aber hatte Melo umb den Hertzog Ganasch / an welchem die
Wund-Aertzte sieben und zwantzig Wunden / darunter ihrer drei sehr gefährlich
schienen / zu verbinden hatten; wiewol sie noch nicht alle Hoffnung der Genesung
fallen liessen /weil sie alle frisch und von scharffem Stahle gestochen oder
gehauen / also desto heilbarer waren. Nichts destoweniger wollten sie weder den
Hertzog Melo / noch sonst einigem Menschen erlauben ihn zu besuchen / wormit
durch keine Regung des Gemütes auch das Geblüte geregt / und dardurch einig
Wund-Feber verursacht würde. Ob nun zwar die Sicambrer /Tencterer und Usipeter /
als derer nicht die Helffte mit beim Treffen gewest / also hurtig und gleichsam
aus einer Eyversucht gegen die Chauzen / Friesen und Juhonen / welche die Ehre
und das Glücke gehabt / ihre Tapferkeit anzugewehren / zu schlagen begierig
waren / also bis unter den Wall des Lägers rennten und die Römer ausforderten /
hielt doch Germanicus die Pforten feste verschlossen. Melo liess dis / umb das
Kriegs-Volck desto behertzter zu machen / nicht allein gerne geschehen; sondern
hätte auch gerne sein Heer für das Läger in Schlacht-Ordnung gestellet / uñ
damit den Germanicus zum Treffen ausgefordert; wenn er nicht besorgt hätte: dass
der hochverdiente Hertzog Ganasch es für verkleinerlich empfinden möchte: dass
Melo über einem so wichtigen Dinge sich nicht vorher mit ihm beraten hätte.
Wormit aber gleichwol der Deutschen Waffen nicht verrosteten /liess er eine
Meileweges unter der Römischen Festung Rigomach ober und unter dem Ubischen
Altare über den Rhein setzen / und daselbst in der Eyl zur sichern Bedeckung
etlicher tausend Kriegs-Leute eine eilfertige Versätzung von grossen höltzernen
Pfälen und einen Graben machen. In die oberste setzte der Graf Löwenberg mit
tausend Tencterern und so viel Juhonen / die unterste der von Lulsdorf mit
zwei-tausend Sicambern zu Pferde über / welche unaufhörlich bis in die Erpe
unter die Mauern der von den Ubiern dem Tiberius zu Ehren also genennten Stadt
Tiberiach und Tolpia / ja bis an die Rohr gegen die Stadt Marcomach streiften /
und alles / was aus Gallien dem Ubischen Altare zugeführet ward / wegnamen. Den
siebenden Tag liess Hertzog Ganasch auch wider Willen der Aertzte / welche bei
diesem und gewissen andern Tagen eine in der Natur gar nicht gegründete Sorgfalt
oder vielmehr Eitelkeit haben / den Hertzog Melo selbst zu sich erbitten /
welcher denn jenen mit einer so hertzlichen Zuneigung umbarmte: dass er ihn
zugleich mit Tränen netzte / als unverfälschten Kennzeichen seiner Wehmut über
des Chauzischen Hertzogs Unpässlichkeit und seiner hertzlichen Zuneigung. Er
danckte ihm für die heldenmässige Beschirmung seiner Länder / welche alleine den
Ganasch bei der Nachwelt zu verewigen / die hertzhaften Chauzen und Friesen an
beiden Enden der Welt berühmt zu machen / er und Deutschland aber nimmermehr
abzuschulden fähig waren. Hertzog Ganasch antwortete: Er hätte nichts als die
Pflicht eines redlichen Deutschen für das allgemeine Vaterland abgestattet. Er
und seine Chauzen hätten ihr Blut durch solche Verspritzung viel köstlicher
gemacht / als da es in seinen Adern gewesen. Ja das Hertze / welches mit jedem
Schlage einen ziemlichen Strom des in der Leber gekochten Blutes von sich stiesse
/ und selbtes in einer steten und der Auf- und Abschwellung des Meeres gleichen
Bewegung durch den ganzen Leib herumb triebe / lehrte durch diese Ausschüttung:
dass alle edle Gemüter für die gemeine Erhaltung ihr Blut auszuschütten nicht
karg sein sollten. Daher wäre das Geblüte nicht nur der Wagen der Seele / sondern
auch der gemeinen Wolfahrt. Er wollte nunmehr gerne sterben / nach dem er ein
kleiner Werckzeug eines so herrlichen Sieges wider aller Welt Feinde gewest
wäre. Nun wäre ihm nichts mehr leid / als dass nicht nur er / sondern fast alle
seine Chauzen mit ihren Wunden und Schwachheiten / nicht aber mit den Römern zu
kämpfen hätten. Denn nichts gienge aufrichtigen Gemütern mehr zu Hertzen / als
wenn sie ihren Freunden nicht nur nichts nütze / sondern noch überlästig wären.
Hülffe ihm aber GOtt wieder auf; wollte er die Uberbleibung seines Blutes denen
Römischen Blut-Aegeln zu ihrem Verterben vollends gerne aufopfern / und es weder
gegen andere Feinde verrauchen / noch im Müssiggange verfaulen lassen. Inzwischen
aber möchte doch Melo seinen Sieg verfolgen / und über die noch Waffen zu tragen
fähigen Chauzen und Friesen nach eigener Willkühr gebahren. Er hätte gerne mehr
geredet / wenn es die Aertzte nicht verwehret hätten / welche dem mit wehmütiger
Ehrenbezeigung Abschied nehmenden Melo berichteten: dass weil die Hirnschale bis
auf das innere Dinne das Gehirne einhüllende Häutlein durchhauen wäre / er ohne
desselben Erschütterung und daraus erwachsende Gefahr nicht viel reden dörfte.
Seine grosse Blässe rührte von der vielen Blutstürtzung und nachgehends daher:
dass das in den Hölen der Hirnschale befindliche Gefäser der kleinen Adern sich
von den gewaltsamen Streichen ganz verstopft hätte; aus derer Eröfnung das
Antlitz allein seine Röte schöpfte. Unter diesen Aertzten war einer / der eine
schon für vierzehn Tagen derogestalt von seinen Wunden verschwollenen Edelmann
heilete / dass ihm durch den Mund nur einen einigen Tropfen Nahrung beizubringen
unmöglich war. Dieser führte den sorgfältigen Fürsten Melo in das Gemach dieses
Krancken / und flösste ihm durch ein silbernes Röhrlein einen nährenden Safft in
die auf gewisse Art gebundene und gerjetzte Ader / mit Beteuerung: dass er von
dieser seltzamen Speise schon so viel Tage lebte; er ihn auch / bis sich die
Schwulst gesetzt haben würde / durch dis Mittel so wohl zu erhalten getraute /
als er ihm in den Adern ebener massen die Artznei beibrächte. Nach Mitternacht
liess Melo sehr früh seine ganze Macht gegen des Germanicus Läger rücken; also
dass sie bei anbrechendem Tage schon in dem Gesichte des Feindes stand. Weil sich
aber niemand darinnen rührte / schickte der Hertzog einen Heerold an die Pforte
/ welcher hinein ruffte: Weil die Römer zu keinem Ende irgendswohin kämen / als
Blutstürtzungen auszuüben / und frembdes Gut ihnen zuzueignen / gäbe es nunmehr
Gelegenheit beides ohne Müh auszurichten. Hertzog Melo hätte sich zu dem Ende
genähert / wormit er den Römern die beschwerliche Müh über den Strom zu setzen
ersparte. Germanicus aber hielt keines Weges für ratsam sein Heer / bei welchem
von vorigem Verluste die Kleinmut noch nicht verraucht war / denen von vorigem
Siege hertzhafteren Deutschen entgegen zu stellen / befahl also über den Wall
dem Herolde zuzuruffen: Er sollte zurücke kehren / oder man würde ihm Füsse
machen / seinem Hertzoge aber sagen: die Römer pflegten zu schlagen / wenn ihr
Feldherr nicht ihr Feind solches für gut ansähe. Unterdessen war Germanicus /
welcher wohl wusste: dass das Kriegs-Glücke mehr am Ansehn / als an Kräfften der
Waffen hienge / nicht wenig bekümmert. Denn ob zwar ein Feldherr umb desto
behutsamer zu verfahren / allezeit das schlimste besorgen soll / so ist doch
nichts schädlichers / als wenn er seine Furcht mercken / oder seine Schwäche
sehen läst. Wie er nun durchgehends zufällige Sachen ihm wohl zu nütze zu machen
wusste; also diente ihm dismal zu Verhüllung seiner Furcht sehr wohl: dass dis eben
der zu Rom als schwartz angemerckte Tag war / an welchem die Römer bei dem
Flusse Allia aufs Haupt erleget worden waren. Auf welche Erinnerung denn alle
eine Abscheu das geringste zu beginnen bekamen / und des vorsichtigen Germanicus
Gemütsmässigung nicht genung zu rühmen wussten. Sintemal die Römer diesen Tag /
als an welchem eben so wohl die drei-hundert Fabier in Hetrurien umbkommen / für
unglücklicher hielten / als da Rom selbst vom Brennus eingenommen ward. Melo
führte gegen Mittage sein Heer zwar ab / es ging aber von der Zeit keine Stunde
vorbei / da nicht die Deutschen bis unter den Wall streifften / und den Römern
als Lagerhüttern / in Löchern steckenden Dachsen / furchtsame Maulwürffen mit
den schimpflichsten Worten zurufften; also dass die Römer so wohl hierüber / als
weil der Graf Löwenburg und Lulsdorff / welche Melo diese Tage noch mit
vier-tausend Sicambern verstärckt hatte / auf der Gallier Seite täglich viel
Wagen plünderten / Römer und Gallier gefangen namen /Tiberiach des Nachts
überfallen und verbrennt hatten / ungeduldig wurden / Germanicus aber der
Reiterei einige Ausfälle verlauben / und dardurch seinen grössern Kummer
verhüllen musste. Sintemal er selbige Nacht aus des Tiberius eigenem Schreiben
den ihm von den Deutschen versetzten Streich und des Tiberius Zurückweichung
erfahren hatte. Als aber Melo die Römer sich wieder regen sah / stellte er den
vierdten Tag sich abermal gegen das Lager in Schlacht-Ordnung; Germanicus befahl
auch: dass sein ganzes Heer sich wafnen sollte. An statt aber / dass dis die
Eröfnung der Pforten / und das Zeichen der Schlacht erwartete / musste es sich
auf dem Platze des Lägers umb des Germanicus sein Zelt stellen; welcher selbtem
einhielt: Die unzeitige Begierde zu fechten wäre so wohl in einem Kriegs-Volcke /
als übermässiger Durst im Menschen eine Anzeigung der Kranckheit; ihre
gegenwärtige Lüsternheit aber ihm gar eine Wahrsagung grossen Unglücks. Denn es
träffe sich allemal: dass ihre Haut sie am meisten juckte / wenn das Verhängnüs
alle böse Sternen wider sie gerüstet hätte. Gegenwärtiger wäre abermals eben der
Unglücks-Tag / an dem die vom Brennus geschlagenen Römer sich in den zwischen
der Tiber und der Salarischen Strasse gelegenen Hein hätten flüchten müssen. Die
Aertzte und Schiff-Leute unterscheideten mit grosser Sorgfalt / jene wenn sie
Artznei eingeben /diese / wenn sie die Ancker aufheben / die Seegel ausspannen.
Solte nun ein Feldherr nicht die Zeiten prüfen / sondern alles blind hinein
wagen / da an ihm doch das allgemeine Heil hienge? die klugen Egyptier hätten
dis Geheimnüs zu erst ergründet: dass nicht alle Tage gleich wären. Von ihnen
hätten die Griechen ihre widrige Tage kennen gelernt / und zu Rom nehme man im
ersten und neundten Tage des Monats auch nicht geringe Sachen gerne für. Uberdis
führten auch gewisse Örter den Unstern / wie unterschiedene Kräuter giftige
Eigenschaften / und das Drachen-Gestirne schädliche Einflüsse mit sich; so gar:
dass des grossen Alexanders Tod gleichsam an einem gewissen Ort angenagelt
worden. Dem in Italien allezeit siegenden Hannibal wäre das den Scipionen
jedesmals glückliche Lybien allezeit sein Fall-Brett / und der Fluss Libyssus zu
seinem Begräbnüsse versehen gewest. Keine andere Beschaffenheit hätte es mit dem
nahen Siege-Strome. An diesem hätte sich des Quintilius Varus Niederlage
angesponnen. An diesem hätte ihm das Verhängnüs ein so saueres Gesichte / als
nirgends gemacht / also dass er ihm mehr als der Fluss Trebia und Aufidus
verdächtig wäre. Und welch Römer wollte ihm bei dem Strome noch viel Glücke
wahrsagen / der für die Deutschen den Nahmen des Sieges mit sich führte? Die
Nahmen der Örter hätten so wohl / als die der Menschen geheime Bedeutungen in
sich. Wie Tantalus und Penteus jederzeit bei den Griechen für unglücklich
gehalten / und vom Cinna an / alle Julier / die Cajus geheissen / erschlagen
worden; also würde dem Acherusischen Wasser so wohl in Bitynien und Epirius für
einen Strich gehalten / wo der Tod mehr Botmässigkeit als anderwerts hätte / als
es in Italien nach der Götter Weissagung des Molossischen Königs Alexanders
Sterbens-Ziel sein müssen. Dahero Plato und Pytagoras der Meinung gewest wären:
dass die höchste Weissheit von Anfang allen Dingen einen mit ihrer innerlichen
Eigenschaft übereinstimmenden Nahmen gegeben hätte. Fürnemlich fussete selbst
das Römische Kriegs-Volck hierauf /welches bei derselben Auskiesung genau Acht
hätte; dass der zum ersten in die Rolle gebrachte Soldat einen auf was gutes
deutenden Nahmen führte. Diesemnach wäre er entschlossen / mit dem Orte auch
ihrer aller Glück zu verändern; und sie sollten nur gleich ihr Krieges-Geräte
aufbinden / und geraden Weges über die Ubische Brücke ihren Zug nehmen. Wie denn
auch die zehnde Legion schon damit fertig stand / und auf unverwendetem Fusse
sich zu dem Heiligtum wendete / wo ihr güldener Adler verwahret war / selbten
heraus nam / und darmit über den Rhein rückte. Alle andere folgten
gleichergestalt dem Befehle des Germanicus / und liess er des Abends allererst
das verlassene Lager anzünden. Alleine Melo hatte bald nach Mittages aus dem
Schloss Wolckenberg / daraus etliche ihnen die Augen mit gewisser Salbe
schärffende Juhoner das Läger und die Ubische Brücke genau übersehen konten /
von dem Abzuge der Römer Wind kriegt / also dem Hertzog Franck befohlen /
oberhalb des Berges Rhetico mit aller Macht bei Tag und Nacht überzusetzen. Denn
weil er vom Feldherrn Herrmann Nachricht erhielt: dass Tiberius gleichergestalt
den Kürtzern gezogen hätte / mutmassete er / und zwar nicht ausser Grunde: dass
Germanicus mit dem Tiberius sein Heer vereinbaren wollte. Melo folgte auch seinem
Sohne noch selbigen Abend über den Rhein / nach dem er vorher an dem Sieg-Strome
und dem Sieben-Gebürge gute Anstalt gemacht / wie auch an den Grafen von
Isenburg Nachricht von der Römer Rückzuge gegeben hatte. Folgenden Morgen
standen unterhalb Rigomach schon sieben-tausend Reiter und zwölf-tausend
Fuss-Knechte über dem Rheine. Mit dem Tage zeigte sich von drei-tausend
wolberittenen Galliern des Germanicus Vordrab / welchem der hinter einem Berge
verdeckte Löwenburg mit fünf-hundert Tencterern in die Seite fiel / der Graf von
Sem aber mit fünf-hundert Juhonen die Stirne bot. Ob nun wohl die fördersten
Gallier zur Gegenwehr schritten / so waren doch die letztern bei vernommenem
Geschrei durch kein Ermahnen ihrer Haupt-Leute zu erhalten: dass sie / wie ins
gemein bei dene in ihrem Zuge unversehens angegrieffenen Heeren zu geschehen
pfleget / als die fernesten von der Gefahr ihre Ordnung treñten / und ihr Heil
in der Flucht suchten. Sie sahen sich auch nicht ehe umb / als bis ihnen
zwei-tausend Tracier in Weg kamen / denen sie die Post von einem hinter dem
Berge stehenden grossen Heere der Deutschen brachten / und solches fernerweit an
Germanicus wissen liessen; weil dieser ihm nicht wohl einbilden konnte /hielte er
es für eine alles vermehrende Einbildung der Furcht / welche aber dismal
zufälliger Weise die Warheit berichtete. Er gab daher auf diese Nachricht zur
Antwort: die Deutschen hätten ja keine Flügel. Die flüchtigen und zum teil
verwundeten. Gallier bestätigten es aber nicht allein / sondern die auf die
nechste Höhe sich ziehende Tracier liessen den Germanicus wissen: dass der
Deutschen Reiter / welche die Gallier geschlagen / zwar über tausend zu sein
nicht schienen; man sähe aber an selbiger Höhe an einer Bach ein grosses Heer in
Bereitschaft stehen; welches noch immer mit mehrerm vom Rheine kommendem Volcke
verstärkt würde. Als Germanicus dessen vergewissert ward / wendete er seinen Zug
gerade umb / und liess zwei-tausend Tracier / noch so viel Pannonier / und
tausend Römer zu Pferde wechselsweise den Nachzug halten; welchen aber die drei
Tage / als das Römische Heer bis nach Novesium an die Erpe ankam / die deutsche
Reiterei unaufhörlich in Eisen lag / und keinen geringen Abbruch tat.
Germanicus schlug sein Lager zwischen den Armen der Erpe und des Rheines unter
der vom Drusus gebauten Festung Novesium; welchem Hertzog Melo mit seinem
ganzen Heere bis an selbigen Fluss folgte. Nach dem aber die Römer daselbst eine
Brücke zu schlagen anfiengen / und bei den Usipetern einzufallen dräuten / liess
Hertzog Melo den Fürsten Franck mit zwölftausend Mann übersetzen / und mit dem
Grafen von Isenburg / zu welchem Ingviomers Sohn Bojocal mit acht-tausend
Bructerern gestossen war / sich vereinbaren. Germanicus welcher entweder über
den Rhein zu setzen sich nicht getraute / oder auch nur die Deutschen dardurch
zu verführen /und seinem eigenen Heere einen blauen Dunst für die Augen zu
machen vorhatte / liess über der Brücke schläfrig arbeiten / ehe sichs aber
einiger Mensch versah / in der Nacht die Brücke zerreissen / die Schiffe mit
Fuss-Volcke beladen / und Strom-ab zu der vom Drusus gleichfals erbauten Festung
Gelduba führen. Massen denn auch Norbanus zu Lande mit der ersten Legion /
Apronius mit tausend Reitern / wie auch fast alle Gallier und Pannonier nach
Gelduba folgten. Germanicus hingegen hielt sich in und umb Novesium mit dem
besten Teile seines Heeres ganz enge und eingeschlossen beisamen; also dass /
nach dem Melo erfuhr: dass die Römer zu Gelduba nicht allein eivrig an der Brücke
bauten / sondern auch gegen über in der Usipeter Gebiete eine Schantze
aufgeworffen /und ein Lager ausgesteckt hätten / er in Meinung /Germanicus
stünde mit seiner ganzen Macht bei Gelduba / eilends über die Erpe setzte und
auf Gelduba zueilete. So bald Germanicus von Aschenburg Nachricht erhielt: dass
Melo daselbst vorbei wäre / brach er von Stund an zu Novesium mit zweien
Legionen /und allen bei sich behaltenen Hülfs-Völckern auf /und zohe gerade
gegen der Mosel zu umb den ziemlich ins Gedrange gebrachten Tiberius zu
entsetzen. Melo erfuhr dis allererst den dritten Tag; und weil er den Germanicus
nicht einzuholen getraute / Norbanus aber sein Volck in Gelduba / und die von
eitel daselbst gegrabenen Steinen für sieben und zwantzig Jahren gebaute
Haupt-Festung des Drusus / welche das alte Läger geneñet ward / verteilt hatte
/ hielt er ihm für nichts anständiger / als den Rhein von seinen Fesseln zu
erledigen. Diesemnach schickte er seinen Sohn dem Fürsten Franck mit
zwölf-tausend auserlesenen Sicambrern / Tencterern / Bructerern und Juhonen zu
Rosse auf der Ost-Seite des Rheines denen Cheruskern und Catten zu Hülffe.
Sechs-tausend liess er zwischen der Mosel und Maas in Gallien streiffen; er aber
selbst rückte für die von Römern befestigte Stadt Aschenburg. Dieser setzte er
auch mit solchem Ernste zu: dass die Belägerten sich den dritten Tag der Willkühr
des Uberwinders unterwarffen. Melo schickte die darinnen bekommenen fünf hundert
Römer als Kriegs-Gefangene nach Siegodunum; denen Galliern aber gab er nach
abgelegtem Eyde: dass sie nicht mehr gegen die Deutschen fechten wollten / die
Freiheit. Die Einwohner empfingen den Hertzog Melo mit vielen Freuden-Zeichen
und unterschiedenen Sieges-Bogen; entweder weil sie der Römischen Dienstbarkeit
überdrüssig waren; oder weil iedermann den Siegern die Hände unterlegt / und
gegen Uberwundene eine Gramschaft zeigt. Niemand aber hatte sich in Aschenburg
besser angegrieffen / als die Griechischen Weltweisen / welche in einer
prächtigen Ehren-Pforte so wohl ihre Tieffsinnigkeit als Freigebigkeit sehen
liessen. Auf der rechten Seite dieser Pforte stand das freudige Deutschland /
trat die Römischen Adler / und die mit Stecken umbwundene Beile der
Bürgermeister mit Füssen; auff der andern Seite das gefesselte und seufzende
Gallien. Uber Deutschland war Hertzog Melo in Gestalt des Hercules gebildet /
welcher den auf dem Caucasus angenagelten Prometeus los machte. Uber Gallien
lag der ungeheure Tityus / welchem an statt des Geiers / ein fressender Adler
die Leber zerfleischte. Zu oberste stand Griechenland /und hielt in der rechten
Hand des Feldherrn Herrmanns / in der lincken des Hertzogs Melo Bilder; über
jenem stand mit güldenen Buchstaben der Nahme Harmodius / über dem andern
Aristogiton geschrieben / welche zwei Befreier ihres Vaterlandes zu Aten die
prächtigen Ehren-Säulen verdient hatten. Für ihrem Tempel stand ein marmelner
Spring-Brunnen; aus diesem hatten sie den Neptun weggenommen / und das Bild des
Rheines darein gesetzt / dessen Hörner zwei mit allerhand Früchten gefüllte
Hörner des Uberflusses waren. Aus seinem Kruge aber floss Wein; aus den Händen
troff Oel / aus den Füssen Honig. Darunter war zu lesen:
Lass / edler Rhein / dein Bett ietzt voller Perlen flüssen
Dem Melo zu gefalln / der deine Sklaverei
Und funfzig Fessel dir wohltätig reisst entzwei!
Wirff dem zwei-hörnricht Haupt zu seinen Sieges-Füssen
Die zwar von Segen taun / doch nichts vom Treten wissen.
Du weist ja: dass wer ihm gehorsamet / so frei /
Als welcher der Vernunft und Gotte folget / sei;
Und deine Schatzung wirst du tausendfach genüssen.
Vergiess der Dienstbarkeit! Verlust wird zum Gelücke /
Nun Melo / was verlohrn / mit Wucher bringt zurücke;
Denn anders könt' er ja dein Hercules nicht sein.
Drumb krantzt dem Haupt zweifach ein Horn von Amalteen;
Die Hände schwitzen Oel / das Honig treusst von Zehen /
Und statt des Wassers strömt aus deinem Kruge Wein.
    Die Tugend hat keine annehmlichere Speise als die Ehre; ja diese ist der
wahrhafte Zunder jener Flamme; hingegen verfällt mit Verachtung der Ehren-Preisse
auch die Tugend. Dahero die Römer die / welche Siegs-Gepränge verdient hatten /
und sich selbte zu halten weigerten / als Leute / welche den Untergang der
Tapferkeit suchten / aus der Stadt verwiesen. Aus dieser Ursache liess ihm der
grossmütige Melo der Griechen Liebkosung wohl gefallen. Daher er denn ihnen
allerhand Gewogenheiten bezeugte / also auch ihren der beschirmenden Minerva
gebauten Tempel /wie auch das darinnen aus Marmel aufgerichtete Altar des
Laertes und Ulysses zu beschauen würdigte / und einen ganzen Morgen in ihrer
Schule die Weissheit lehren hörte. Denn weil dieser Fürst in seiner Jugend in
Griechenland die Weissheit gehöret hatte / steckte mit derselben Saamen auch die
Liebe derselben in seinem Gemüte. Daher er auch zu seinem Sinnebilde einen
Pfeil führtet / dessen Eisen ohne Feder so wenig flügen und verletzen / als die
Hertzhaftigkeit mit den Waffen ohne Verstand und Wissenschaft glücklich kriegen
kann. Denn wo die Weissheit nicht das Gemüte waffnet / sind Helm und Harnisch nur
eine beschwerliche Bürde furchtsamer Glieder / Schwerdt und Spiess aber so denn
Waffen ohne Mann. Daher der grosse Alexander des Homerus Ilias mehr in seinem
Hertzen / als in der güldenen Küste des Darius verwahrte / des Käysers Julius
Feder des Nachtes höchst vergnügt aufschrieb / was er des Tages hertzhaft
verrichtet / und der letzte der Römer Marcus Brutus den Tag für der
Pharsalischen Schlacht sich nicht über derselben zweifelhaftem Ausschlage
beunruhigte / sondern / was er für die Freiheit seines Vaterlandes zu tun hätte
/ aus dem Polybius sich Rates erholete. Die Druyden aber / welche in
Deutschland alleine das Ansehen der Weisen haben wollten /schöpften aus des Melo
Gewogenheit über ihre gegen alle andere Weltweise tragende Abneigung wider diese
Griechen einen heftigen Eiver. Denn die Weltweisen / welche am meisten von
Mässigung der Gemüts-Regungen zu sagen wissen / sind unter einander ins gemein
am meisten den Schwachheite des Neides und Hasses unterworffen; ja ihre
Verbitterung hat wie die der erboosten Tauben weder Maass noch Ziel. Westwege die
Griechen vielleicht ihre Pallas mit Schild / Helm und Spiesse ausgerüstet hatten.
Aus keinem andern Triebe verlangten die Druyden vom Melo die Abtretung des
Minervischen Tempels. Sie bekleideten die Gerechtigkeit ihres Verlangens damit:
dass für Alters an selbigem Orte eine verjährte Eiche gestanden hätte. Denn diese
beten die Druyden zwar nicht wie etliche Völcker an; sie weihen aber selbte als
heilig ein / und halten darfür: dass nichts eingeweihtes weder durch Handlungen
noch durch hundertjährige Verjährung ihnen entftembdet werden könnte. Nun wäre es
zwar etliche hundert Jahr: dass einige Griechische Weltweisen / welche in ihrem
Vaterlande kaum Gestirne der sechsten Grösse gewest / in Deutschland kommen
wären; und durch diesen Schein sich eingeliebt hätten: dass die Griechen und
Deutschen eines Herkommens wären. Welches sie nicht nur mit der vielfältigen
Ubereinstimmung ihrer beider / wie auch der benachbarten Phrygischen und
Tracischen Sprachen; sondern auch der am Rheine / am Mayn / und an der Elbe
befindlichen Städte / welche von dem Phrygischen Flusse Ascanius / oder dem
Griechischen Eylande Ascania den Nahmen hätten /zu bescheinigen bemühet. Ihrer
Verwandschaft hätten sie fernerweit bei diesem Zufalle eine ziemliche Farbe
angestriechen / als für funfzig Jahren an der Rhötischen Gräntze ein alter Stein
/ welchen sie vielleicht auch wohl selbst mochten verfälscht / und dahin
versenckt haben / ausgegraben worden / auf welchem die Griechischen Buchstaben
LAERTES eingeetzt standen. Hierzu wäre gekommen: dass die aus Britannien in
Deutschland reisenden Druyden berichtet hätten: es wäre in Caledonien am
Meer-Strande / und in Lusitanien / wo der Fluss Tagus sich mit dem Meere
vermählte / ein mit des Ulysses Nahmen bezeichnetes Altar zu sehen. Diss hätte
denen beim Wachen träumenden und zum tichten gleichsam gebohrnen Griechen zu
einem unfehlbaren Schlusse dienen müssen: dass der so viel Jahre umbirrende
Ulysses unmöglich nur das enge Mittel-Meer durchschweiffet / sondern auch im
grossen Welt-Meere in Lusitanien / Britannien und Deutschland angelendet; die
Ascanischen Gedächtnis-Mahle gestiftet / und seines Vaters Nahmen in erwähnten
Stein gegraben haben müsste. Die gutertzigen und denen Frembden ohne diss
geneigten Deutschen hätten sich dis unschwer bereden / und die schlauen Griechen
aus einem blossen Gunst-Rechte bei ihnen unvermerckt einnisten lassen; also dass
sie sich bei Zeite aus Gästen zu Bürgern gemacht hätten. Gleichwohl aber wäre es
noch nicht funfzig Jahr: dass sie in dieser Stadt Aschenburg zum ersten mal
geherbergt. Nachdem sie aber Drusus befestigt / und die Druyden von ihrem
Heiligtum / Tiberius aus Rom und Aschenburg getrieben / wäre dieser geweihete
Platz den Griechischen Weltweisen eingeräumet / die heilige Eiche umbgehauen /
der ietzige Götzen-Tempel darauf erbauet / und umb so wohl Deutsche / als
Gallier durch ihre After-Weissheit weibisch zu machen / die Jugend zu unterweisen
erlaubet worden. Bei so gestalten Sachen wären sie Druyden in ihr nun wieder
erwachendes Recht und Eigentum einzusetzen; und nicht alleine dem alten
deutschen Hertzoge Ascenas seine zuständige Gedächtnis-Maale zuzueignen; sondern
auch die der Deutschen Freiheit und Gottesfurcht abbrüchige Unterweisung
abzustellen; oder vielmehr sie als ein schädliches Unkraut und verdächtige Brutt
der feindlichen Römer und wollüstigen Griechen mit Strumpf und Stiel
auszurotten. Hertzog Melo hörte die Druyden wohl aus / lobte ihren für die
Freiheit und Gottes-Dienst ausgelassenen Eiver; und versicherte sie so wohl in
ein als der andern Beschwerde gerechter Ausrichtung. Weil er aber ein Fürst wäre
/ dessen Richter-Ampt erforderte allen Beklagten ein Ohr vorzubehalten; wollte er
sie in beiden Stücken vernehmen / und den Rechten gemäss urteilen. Er führte sie
daher unverwendeten Fusses in den Tempel der Minerva / wohin die Druyden in
Hoffnung bald in der Griechen Heiligtum eingesetzt zu werden / mit so grosser
Begierde folgten / als sie sonst für allem frembden Gottes-Dienste Abscheu
haben. Hertzog Melo fragte daselbst die Griechen alsofort umb das Recht ihres
Besitztums / umb die Beschaffenheit ihrer Lehre und Gottes-Dienstes. Diese
brachten eine alte Rinde her / darauf das Siegel der Ubischen Fürsten hing; die
Schrifft aber den Druyden ein Stücke von dem Arduennischen Walde und den
Griechischen Weisen das Eigentum dieses Platzes in Aschenburg zueignete. Die
Druyden stutzten hierüber / und nachdem sie diese Rinde-Schrifft lange Zeit
betrachtet /fuhr der oberste Druys Erdmeier heraus: Was Gott einmal gewiedmet
wäre / stünde in keines weltlichen Fürsten Gewalt ihm zu enteusern. Als Timon
ihnen ihr Heiligtum ansprechen hörte / fieng er an: Er und seine Gefärten
wären Nachfolger des weisen Pyrrhon / dessen Bild er zugleich an einem Pfeiler
über dem Sitze des lehrenden Priesters mit den Fingern zeigte. Dieser hätte zum
ersten Lehr-Satze ihnen hinterlassen: dass weil die Getichte so oft sich der
Stirne der Wahrheit / als die fallenden Lufft-Brände des Sternen-Glantzes
bediente / sollten sie ohne genungsamen Beweis an allem zweifeln. Erdmeier brach
ein: ob sie leugneten: dass an diesem Orte eine heilige Eiche gestanden hätte.
Timon versetzte: Er wäre schon funfzig Jahr zu Aschenburg / hätte aber daselbst
keine gesehen / weniger wüste er von derselben Heiligkeit / und am wenigsten:
dass die Druyden zu diesem Orte iemals einig Recht gehabt. Erdmeier beruhete auf
seiner Eiche / und verlangte vom Melo: dass er den Tempel durchgraben lassen
möchte / umb zu schauen: ob nicht die noch befindlichen Wurtzeln einen Beweis
der alldar gestandenen und von den Druyden umgehauenen Eiche abgeben würden.
Timon begegnete ihm: Diss würde ein Bewiss ohne Nachdruck eines kräfftige
Schlusses sein. Sintemal ihm zwar unverborge wäre: dass die Druyden den Eichen
ein besonder Heiligtum zueigneten / vielleicht weil sie aus diesen Bäumen wie
die Atenienser aus der Erde entsprossen sein wollen / oder weil dieser Baum
seine Eicheln den Menschen zur ersten Speise geliefert hat; diss aber würde ihnen
schwerlich einiger Fürst enträumen: dass alle Eichen mit ihrem Grunde der Druyden
Eigentum wäre. Bei denen Römern und Griechen wäre die Fichte der Cybele / der
Lorber-Baum dem Apollo / der Epheu dem Bacchus / die Pappel dem Hercules / der
Oel-Baum Minerven / der Myrten-Baum der Venus /die Eiche Jupitern gewiedmet.
Destalben aber massten ihnen die Priester dieser Gotteit weder über alle solche
Bäume / noch auff das sie säugende Erdreich einiges Recht zu. Ja auch von denen
heiligen Eichen der Dodone missgönneten sie nicht die anfangs den Menschen
gewiesene Frucht wilden Schweinen zur Sättigung. Denn Gott wäre gegen die
Menschen so freigebig: dass er sich mit der Wieder-Gabe des hundersten Teiles
von seinen Geschencken vergnügte. Westwegen die an Andacht schwerlich einigem
Volcke weichenden Griechen ausser dem Dodonischen keinen ganzen Wald / sondern
nur einzele Bäume eingeweiht. Wenn aber auch schon eine einzele Eiche da
gestanden hätte / müsten sie darumb die Griechen versehret haben? Wüsten die
Druyden nicht: dass alle Eicheln tragenden Bäume nach zwei hundert jährigem Alter
am Gipfel zu verdorren anfiengen / zu einer Lehre der Demut: dass die auffs
höchste gestiegenen Dinge dem Untergange am nechsten wären? Zu Aten wäre der
heilige Oel-Baum auff der Cecrops-Burg / in Epirus der Dodone Stein-Eiche / auff
Delos ein Palm-Baum / in Syrien ein Lorber-Baum / bei Caphya in Arcadien des
Menelaus Ahorn-Baum / und auf Samos der Junonische Keusch-Baum / zu Rom der
Feigen-Baum / unter welchem noch Romulus und Remus gelegen haben sollen / ihres
wunder würdigen Altertums für unvergänglich gehalten worden. Aber der meisten
Verdorrung hätte die Menschen dieses Aberglaubens erledigt; und denen noch
stehenden hienge eben so wohl / als der edelsten Pflantze dem Menschen die
Vergängligkeit zu. Dieser ihre Flügel schwingen sich biss unter die von der
Einäscherung nicht befreiten Gestirne / als vielmehr auch über die Stein-Eichen
/ derer Festigkeit das Eisen verlachte /und über die Indianischen Bäume / welche
man gleich mit keinen Pfeilen überschüssen könnte. Die Bäume hätten so wohl / als
alle andere Dinge ein gewisses ihnen vom Verhängnisse gestecktes Ziel; wider
welches die von den Druyden angegebene Eiche schwerlich einen Frei-Brief gehabt
haben würde. Wormit aber die Griechen ausser allem Verdacht kämen: dass sie
frembde Güter ungewissenhaftig besässen / und den Druyden ihr Heiligtum
vorbehielten; wiewohl der zu ihrem Gottes-Dienste bebaute Ort für keine
Entweihung / oder eine unverantwortliche Entfrembdung heiliger Örter gescholten
werden könnte; wollte er ihre Unschuld / wenn sie ihm folgen wollten /
augenscheinlich fürstellen. Hiermit führte Timon den Hertzog mit den Druyden aus
dem Tempel durch den Garten zu einer alten verdorreten Eiche /welche kaum von
fünf Männern umbklafftert werden konnte. Welcher Baum ein rechter Riese / andere
Eichen aber gegen ihm nur Zwerge oder keine Elle in der Länge übertreffende
Meer-Eichen zu sein schienen / und also sein schafft für den Asiatischen Baum
nicht zu klein gewest wäre / unter desse Zweige sich ein ganz Heer hätte lagern
können. Dieses / sagte Timon wider die Druyden / ist sonder Zweifel eure alte
Eiche; welche wir euch / wenn euch mit einem so dürren Heiligtum gedienet ist
/ willig abtreten wollen; ungeachtet ihr für selbtem vorhin eine Abscheu
bekommen / und diesen Stock ärger / als den schwartzen Hagedorn und andere mit
schwartzen Beeren trächtig stehenden Unglücks-Bäume geflohen habt. Die Druyden
waren hierüber ganz verstummet; endlich erholete sich Erdmeier / und fragte:
Woher er diss sein Fürgeben behaupten wollte? Timon antwortete: Dieser Baum kann
zwar nicht / wie der Mast-Baum auff dem Schiffe Argos reden; weniger wie die
Dodonischen Eichen wahrsagen; gleichwol aber würde sie seiner Warheit und der
Grieche Unschuld Zeuge sein. Im Tracischen Chersonesus würden die umb des
Protesilaus Grab gepflantzten Eichen für grosse Wunderwercke gehalten / weil sie
so denn verdorreten / wenn sie so hoch gewachsen: dass man von ihrem Gipfel das
zerstörte Ilium sehen konnte; welche aber hernach wieder grünend empor wuchsen.
Alleine diese Eiche wäre ein noch viel grösseres Wunderwerck / welche bei der in
Ohnmacht sinckenden deutschen Freiheit verdorret wäre / und bei ihrer
Wieder-Genesung auffs neue zu grünen anfinge. Hiermit führte er die Anwesenden
auff die andere Seite des Eichbaums / weisete ihnen einen aus dieser Eiche
heraus getriebenen ganz grünen Zweig / und darunter diese eingeschnittene und
ziemlich verwachsene Worte:
Die Palme mag ihr Lob mit ihrer Hold ausstreichen:
Dass sie die Nachbarin als Mann und Weib hat lieb;
In meiner Rinde steckt kein kalter Liebes-Trieb;
Ja Ulm' und Wein-Stock muss selbst meiner Neigung weichen.
Denn / als der edle Rhein die Segel musste streichen /
Fur Cäsarn / der zu erst sich an die Deutschen rieb /
Und zu dem Brucken-Bau viel tausend Stämm' abhieb /
Fieng ich zu sterben an mit den verwandten Eichen.
Mein Haupt ward kahl / das doch den Himmel schien zu tragen /
Fur dem die Ceder schier ein niedrig Buchsbaum war.
Doch wird mein ganzer Stam verlieren Safft und Haar /
Wenn Rom wird übern Rhein zwei freche Brücken schlagen.
Flieht also / Druyden! doch tröst' euch: dass der Rhein /
Wenn ich mich wieder werd' erholen / frei wird sein.
    Es ist kaum glaublich: was diese Schrifft und Wahrsagung für unterschiedene
Gemüts-Regungen erweckte. Die Druyden waren beschämet über der unwiderleglichen
Verteidigung der Griechen. Sie starreten fast unbeweglicher als diese
unbeblätterte Eiche; und verwendeten fast kein Auge von ihrem jungen Zweige /
und dieser Schrifft; derer unverfälschte Wahrheit ihnen so klar unter die Augen
leuchtete: dass sie selbte mit dem geringsten nicht zu verdächtigen wussten.
Hertzog Melo hingegen / welcher ohne diss den Eubagen zugetan / und den Druyden
über Achsel war / schöpfte so grosse Vergnügung aus dieser Wahrsagung / und dem
Wunder Zeichen des neu-ausgeschlagenen Zweiges: dass seine Augen sich weder an
einem noch dem andern ersättigen konten. Sintemal er nicht allein für
unschätzbares Glücke hielt: dass er wider die Römische Bedrängung den ersten
Degen gezückt hatte; sondern auch diese schon zum Teil bewehrte Weissagung ihn
in der Hoffnung den Rhein und Deutschland in völlige Freiheit zu versetzen
bestärckte. Er befahl destalben diesen Baum mit einem absondern Schrancken zu
versehen / ordnete ihm einen eigenen Gärtner zur Wartung zu / und gab denen
Griechen dieser Anweisung halber ein ungemein geneigtes Auge. Die Druyden
hingegen kochten im Hertzen eitel Galle gegen die Griechen; zohen also diese
Eiche für einen Beweis ihres über diese Gegend habendes Eigentum / und den
frischen Zweig zugleich für ein Zeichen ihres wieder erwachenden Rechtes an.
Timon aber setzte ihnen entgegen: Ihr von denen Ubischen Fürsten erhaltener
Zueignungs-Brief wäre älter als die Verdorrung dieser Eiche / und die Entweihung
der Druyden; Für welchen beiden die Griechen schon diesen Platz ruhig besessen
hätten. Welches ihnen abermals die in ihrem Garten stehenden / und mehr als
hundert jährige wilde Oel-Bäume zeugen müssten / welche wegen der mit den Eichen
hegenden Feindschaft von den Druyden in ihrem Gebiete nirgends geduldet würden.
Die Eichen hätten zwar diss Recht: dass man die abfallenden Eicheln in des
Nachbars Grund und Bodem auflesen möchte; aber sie wären zu schwach dem Nachbar
sein Eigentum mit Gewalt zu entziehen; sonst würde diese Eiche dem siegenden
Hertzoge Melo die ganze Stadt Aschenburg ansprechen. Hierüber fuhr Divitiach
ein Britannischer Druys heraus: Es wäre dem / wie ihm wollte / so wären doch die
Griechen mit ihrer schäd-und ärgerlichen Weissheit in der Nähe der heiligen
Druyden nicht zu dulden; welche wie der missgünstige Epheu denen benachbarten
Bäumen allen Safft entzüge: dass sie wie diese unglückliche Eiche verdorren
müsten. Ja die Griechen hätte zu keinem andern Ende so viel wilde Oel-Bäume so
nahe ihrer heiligen Eiche gepflantzt / als ihre gegen die Druyden hegende
Tod-Feindschaft darmit fürzubilden. Timon antwortete ohne die geringste
Entrüstung: Die Griechen wüsten von keiner Feindschaft; diese Reden aber
kündigten wohl von den Druyden einen Krieg an / dazu sie niemals Anlass gegeben
hätten. Hätten sie ihrer Weissheit einigen Mangel auszustellen; möchte diss mit
Glimpf und Bescheidenheit geschehen. Denn Weltweise sollten mit einander nicht
anders als die Wolcken kämpfen; welche / wenn sie auf einander stiessen / Glantz
und Licht gebieren. Eine solche Art der Zwistung diente so wohl ein- als dem
andern Teile zu Erleuchtung der Irrtümer / und ihre die Wahrheit suchende
Unschuld verdiente: dass so wohl der Uberwundene /als der Uberwinder einen
Lorber-Krantz trüge. Wenn aber die Weisen nicht die Wahrheit zum einigen
Augen-Zwecke / und die Bescheidenheit zu ihrer check-Rute hätten; sondern sich
mit den ersten Gedancken / als einem unzertrennlichen Ehweibe vermählten / und
aus dieser Einbildung mehr ihren hitzigen Gemüts-Regungen / als der Vernunfte
folgten; könnte nichts als eine Hartnäckigkeit und Irrtum daraus erwachsen; und
dieser Streit verwandelt sich so denn in eine selbstständige Verneuerung der
verdammten Schauspiele / darinnen Menschen mit wilden Tieren zu kämpfen
gezwungen wurden. Ihres Ortes wäre die Hartnäckigkeit ihr gröster Greuel.
Sintemal ihr grosser Lehrer Pyrrhon die Ruhe des Gemütes für das höchste Gut
gehalten hätte; welches in diesen zweien Stücken bestünde: dass der Wille nichts
böses unter dem Scheine des Guten / der Verstand aber nichts falsches für
Wahrheit ihm aufdringen liesse. Weil aber die Wahrheit / nach des weisen
Democritus Ausspruche / in einem tieffen Brunnen verborgen läge / sollten sie bei
so grosser Ungewissheit und vielen Bländungen sich in ihrem Urteil nicht
übereilen / sondern wie scheinbar gleich etwas bekleidet würde / allezeit daran
ein kluges Misstrauen haben. Welcher Zweifel denn ihnen zu annehmlichster
Befriedigung diente / weil sie bei allen ihren Zweifeln doch vergewissert wären:
dass ihr Verstand sich keiner Unwahrheit zum Leibeigenen gemacht hätte. Divitiach
brach ein: Eben darumb / weil sie an allem zweifelte / diente die den Nahme der
Weissheit zu Unrecht führende Torheit des Pyrrhon nur zu Verwirrung der Welt /
und zu Beunruhigung des Verstandes / welcher zwischen dem Unterschiede der
Meinungen / wie die Fleder-Mäuse auch bei hellem Tage doch im finstern
flatterten. Uber diss wäre ihr Zweifel eben so wohl als Pyrrhon / welcher nicht
einst einem geladenen Wagen / eine wütenden Hunde und kollernde Pferde hätte aus
dem Wege weiche wolle / mit der Hartnäckigkeit so verschwistert: dass sie auch
das für keine Gewissheit gelten liessen / dessen sie doch ihre sehende Augen /
ihre fühlende Hände und andere Sinnen überwiesen. Timon antwortete: Des Pyrrhons
Beschuldigung wäre eine falsche Auflage seiner Verläumbder. Denn wer wollte
glauben: dass ein so rasender Mensch / welcher dem Unglücke keinen Schritt aus
dem Wege wieche / wie Pyrrhon neuntzig Jahr alt worden / und biss zu den Weisen
in Persien und denen nackten Lehrern in Indien / ohne Verlust des Lebens
gereiset sein sollte. Wer wollte nicht die Klugen zu Aten bei solchem seinem
Aberwitze für ebe so töricht als ihn halten / da die ersten ihn mit ihrem
Bürger-Rechte beehret / die andern ihn zum obersten Priester erwehlet / seine
Nachkommen aber ihn der Sonne vergliechen haben? Unsere Weissheit aber /weil sie
zu ihrem Grunde die Erkenntnis ihrer selbsteigenen Schwachheit hat; und mit dem
weisen Cleobulus ihre Unwissenheit in allen Dingen erkennet / verdienet
hoffentlich von denen / die aus ihrer Einbildung einen Abgott der Wahrheit
machen / nicht das Schelt-Wort der Torheit. Niemand wird hoffentlich die Demut
des Arcesilaus verdammen: dass er aus besorglichem Irrtume von schweren Dingen
weder was gewisses schlüsse noch schreibe noch auch die Hoffart der Academischen
Weltweisen billigen wollte; welche ihre Schlüsse der ganzen Welt aus einer
gewaltsame Botmässigkeit für ein selbstständiges Licht der unveränderliche
Wahrheit aufdringen wollen. Nachdem wir nun so wohl diese Hartnäckigkeit / als
des Carneades und Clitomachus Meinung / welche die Wahrheit für ein ganz
unbegreifflich Ding halte /verwerffen / geschiehet uns zu viel / weñ wir darum
hartnäckicht gescholten werden / weil wir nicht alsofort für unfehlbare Wahrheit
aufnehmen / was uns die Blindheit oder Lüsternheit der äuserlichen Sinnen
bereden will. Denn eben diese sind die allerschlimsten Verfälscher der Wahrheit /
und den gemahlten Gläsern gleich / welche uns ein Ding nicht nach seiner
Beschaffenheit / sondern nach ihrer falschen Farbe fürstellen. Der Uberfluss des
Guten verursacht bei ihnen Eckel; die frembde Seltzamkeit und die gemeine
Einbildung gibet auch der Bitterkeit einen Honig Geschmack. Also geht es
durchgehends den Menschen wie den Arabern / welche von dem süssen Geruche des
häuffigen Weirauchs und Myrrhen kranck werden / und durch Anzündung des aus
Syrien geholten stinckenden Gummi ihrem Eckel und Ohnmacht abhelffen müssen. Ihr
Urtel ist verterbt / wie der an der Mutter-Kranckheit liegenden Weiber / welche
der annehmlichste Zibet tödtet / und stinckender Bibergeil gesund macht. Ist
unser Geschmack nicht lüstern nach gesaltzenen und ungesunden Speisen / welche
weder einer unverwähnten Zunge einen guten Geschmack /noch dem Magen einige
kräfftige Nahrung geben; wenn selbte nur über Meer oder aus der neuen Welt
kommen sind; so gar: dass wir auch fremde Vogel-Nester und Erd-Geschwüre für
niedliche Gerichte; Eiter und Drüsen unbekandter Ziegen für den Kern des
kräfftigsten Geruches verzehren. Ihrer viel haben über dem geringsten Kitzel
eine empfindlichere Fühle / als die Schlangen / da andere hingegen sich in den
Schmertzen erquicken / und so gar aus denen zur Geilheit dienenden
Ruten-Streiche ihre Wollust schöpfen. Die Indischen Diamanten machet nur die
Einbildung schöner als der Deutschen Agstein ist; da doch dieser eine Krafft zu
ziehen / jener den ziehenden Magnet zu entkräfften / sonst aber so wenig Tugend
als ein gemeiner Kieselstein an sich hat. In den Augen der Mohren ist die
Schwärtze / wie bei denen schnee-weissen Deutschen die weisse ihre Königs-Farbe;
so gar: dass die Bilder ihrer Götter nur aus schwartzem Marmel und dem die Härte
der Steine beschämenden und wider das Gift kräftigem Eben-Holtze / dessen
jährlich zu dem Ende auch die Persen 300. Last zinsen mussten / gemacht werden
dörffen; ja diesem seiner gläntzenden Schwärtze halber zuschreiben: dass es den
Augen dienlich / wie der Schnee schädlich sei; und destwegen daraus eine
Augen-Artznei bereiten. Jedoch liesse sich diese Einbildung der Mohren / und die
Schönheit der Schwärtze noch besser entschuldigen / als der Aberwitz der
Verliebten / welche mehrmals einen Frosch für eine Diana ansehen; und mit einem
grossen Weltweisen dieser Zeit sich an schielenden Augen am meisten ergetzen.
Keinem geringern Betruge ist das Gehöre unterworffen. Sintemal die Griechen und
Deutschen sich mit einander schwerlich vereinbaren werden: ob dieser ihre
Krumhörner / oder jener Seitenspiele annehmlicher sind. Divitiach fiel ein: Wir
wissen wohl: dass die äuserlichen Sinnen so wohl ihre Gebrechen / als die
Eingeweide ihre Kranckheiten haben. Aber / wo diese ihr unverfälschtes Zeugnis
ablegen / ist es eine grosse Torheit mit dem Anaxagoras zweifeln: ob der Schnee
nicht mehr schwartz als weiss sei / und alles Honig / wie das in Corsica / mehr
bitter als süsse sei. Noch viel ärger aber ist: wo die Vernunft selbst /welche
der Leitstern des Menschen sein soll / sich durch allerhand Zweifel selbst so
verwickelt: dass sie nirgends das Ende findet. Denn die / welche keinen
vernünftigen Gründe Beifall geben / gleichen denen /die den Schwindel im Kopfe
haben / derer Gehirne schluttert / und unter dem / was zu glauben oder zu
verwerffen sei / sich mit sich selbst niemals vergleichen / also sich weniger
einer Gemüts-Ruh als die einander zerschlagende Wellen einer Eintracht rühmen
können. Wolke Gott! versetzte Timon / dass entweder die Wahrheit kentlicher oder
unser Verstand erleuchteter wäre sie von ihnen zu unter scheide. So aber
beschämet offtmals die Scheinheiligkeit die Andacht / die Larve der Tugend sie
selbst; wie mancher Firnis das Gold / und gekünstelt Glas rechte Edelgesteine.
Der Glanz der Warheit wird oft von den Irrlichtern einer allgemeinen Meinung
verdüstert / und des Pöfels Irrtum tut der Weissheit den grösten Abbruch;
welche ihre Unwissenheit und Unvollkommenheit so viel mehr erkennen lernet / als
selbte sich der Vollkommenheit nähert. Dahero niemand weniger als ein
Unverständiger / und niemand mehr / als ein Weiser zu zweifeln findet; und sich
bescheidet: dass ihn nichts minder das Auge des Gemütes in Erkiesung des guten
und warhaften / als das Gesichte an Unterscheidung der Farben / und an Mässung
der Dinge betrügen kann. Einerlei Zeug hat so vielerlei Farben / als man selbigen
wenden kann. Einem Gelbsüchtigen sieht alles gelbe aus; und ein Einfältiger wird
sich schwerlich bereden lassen: dass er die unbegreifliche Grösse der Sonne nicht
überklafftern / die Helffte des Monden nicht überspannen / und iedweden aller
andern Sterne mit dem Daumen bedecken sollte. Diesemnach jeder / der sich nur
selbst kennet / und seine Zwerg-Grösse nicht nach seinem ihn beim Untergange der
Sonne oft mehr als fünfmal übertreffenden Schatten abmisst: sich für sich selbst
bescheidet: dass er des Zweifels / als eines Probiersteines der Warheit
unentpehrlich von nöten habe. Denn dieser komt allen irrigen Einbildungen zuvor
/ welche sonst den Menschen insgemein übereilen: dass er sodenn nicht so wohl die
verborgene Warheit zu finden / als seine irrige Einbildung der Warheit ähnlich
zu machen nachsinnet. Der Zweifel untersuchet alle Meinungen / und machet
endlich aus allen zusammen einen der Warheit gemässen Schluss; wie Zevxes aus
denen fünf schönsten Frauen zu Crotton ein vollkommenes Gemählde der schönsten
Helena. Die vermessene Einbildung hingegen überredet sich zwar: dass ihre Meinung
so wenig mit Irrtümern / als die Sonne den Finsternüssen der Nacht unterworffen
sei. Sie macht aus ihren Gedancken Gesätze / und hält jedermañ für wahnsinnig
und gottlose / der sich selbten nicht durch einen blinden Gehorsam unterwirfft.
Wenn man aber alles genau untersucht und prüfet / hat ihre Einbildung so wenig
einen Sonnen-Staub von der Warheit / als ein Spiegel das Wesen der Sachen in
sich / die man darinnen sieht. Oder da ja ihre Sätze nicht von aller Warheit
leer sind / ist sie darinnen so sparsam / als das Gold in Steinen / welche alle
/ ausser den Kalcksteinen / was weniges von diesem Marcke der Erden in sich
haben. Alleine diesen sparsamen Schatz findet die Einbildung nur ungefehr / wie
der über seinem Unvermögen verdrüssliche Mahler Nialces durch den Wurff seines
von vielen Farben angefüllten Schwames den Jäscht eines schäumenden Pferdes
ausdrückte / welchen sein Pinsel vorher nicht vergnüglich zuwege bringen konnte.
Divitiach rötete sich hierüber; weil er der Druyden Weissheit / welcher Schlüsse
von jedermann für die selbstständige Warheit angenommen werden sollte /
angestochen / und für eitele Einbildungen gescholten zu sein glaubte. Diesemnach
fieng er an: Es wäre freilich eine der grösten Torheiten bis /was einem zum
ersten einfällt / sonder Untersuchung der Sache für die unfehlbare Warheit
erkiesen. Die Prüfung müste vorher gehen / das Urtel folgen / und dis hernach
mit Hertzhaftigkeit wider alle widrige Meinungen verteidigt werden. Auf diese
Art hätten die alten Druyden verfahren / und daher ihnen eine so festgesetzte
Weissheit verlassen: dass niemand daran zweiffeln könnte / wer sich nicht klüger /
als das Altertum / und scharfsichtiger / als tausend graue Häupter heiliger
Priester achten wollte. Zwar weil die vollkommene Warheit nirgends / als im
Himmel gefunden würde / und die Alten ihr destalben als einer grossen Göttin
geopfert hätten / wären die Druyden so vermessen nicht: dass sie eine Weissheit
ohne den geringsten Beisatz einigen Irrtums zu besitzen / und sie daher über
die nicht ohne Flecken sich befindenden Gestirne zu erheben vermeinten. Weil nun
der Irrtum gleichsam des menschlichen Geschlechtes Abstattung oder Leibgedinge
ist / halten wir es nach dem Beispiel eurer Griechen / welche bei ihren
Schiffahrten sich lieber nach dem kenntlichen grossen Bäre richten / und die
Fahrt finden / als mit den Phöniciern den oft verschwindenden Angelstern suchen
und irre fahren wollten / für besser und nützlicher einen der Warheit ähnlichen
Irrtum / als ein unächtes Kind ehrlich zu machen / und die Warheit zu erklären
/ als bei allzu scharffer Suchung der Warheit immer irren / und bei stetem
Zweifel in Ungewissheit leben. Denn was tun die anders / welche alle Gewissheit
leugnen / denn dass sie die Warheit der Welt / wie Prometeus das Feuer dem
Himmel stehlen? Sie zancken sich mit sich selbst: ob es einige Warheit gäbe? ob
sie für sich selbst etwas wesentliches / oder nur eine Ubereinstimmung mit
unserm Verstande sei? Ob sie in den Dingen selbst / oder nur in unserm Gehirne
stecke? Ob nicht der Mensch nur einen Trieb sie zu suchen / oder taugliche
Werckzeuge sie zu begreiffen habe? Sie werffen die Verfassung aller
Herrschaften über einen Hauffen. Sintemal sie ungewiss sind: Ob die Gesätze
heilsam oder böse? ob der Obrigkeit zu gehorsamen /oder sie nicht vielmehr zu
vertilgen? Ob der Tugend oder den Lastern beizupflichten? Sie stehen mit dem
disfals törichten Socrates im Kummer: Ob sie selbst Menschen / oder nicht
vielmehr ein abscheulicher Tier sind / als der Riese Typhon beschrieben wird?
Sie zweifeln: ob sie eine Seele haben? Wie sollen sie denn ihrer Unsterbligkeit
vergewissert / und ihre Leichen von den Aessern des Viehes zu unterscheiden fähig
sein? Ja sie stossen durch den Zweifel: ob ein GOtt sei / GOtt selbst vom Stule
/ jagen alle Gottesfurcht aus der Welt. Dem Timon lief über diesen Worten die
Galle über. Daher er dem fortredenden Druys einbrach: dis sind Lästerungen wider
die Weltweisen; welche man zwar die Zweifelnden heisst / die aber weder an dem
Wesen der Warheit / noch an der Güte der Tugend / am wenigsten an Unsterbligkeit
der Seelen und an GOtt / welcher die Warheit selbst / alle andere Dinge / ja die
Sonne selbst nur sein Schatten ist / gezweifelt haben. Sie zweifelten ja wohl
über den meisten Dingen; aber eben dieser Zweifel hielte diesen notwendigen
Schluss in sich: dass / wenn dis nicht wahr wäre / das gerade Widerspiel gewiss
wahr sein müste. Nach dem sie nun durch ihr zweifeln nichts anders als die
Warheit suchten / warumb verläumbdete man sie denn: dass sie an ihr zweifelten
/oder gar sie aus der Welt verbannten? Sie legten ihrer Vermessenheit einen Zaum
an / wenn sie etwas nicht für die unfehlbare Warheit zu erklären anstünden; sie
weigerten sich aber niemals dem / was der Vernunft und Warheit ähnlich /
beizupflichten. Sie mühten sich aufs eivrigste tugendhaft zu sein / wie ihrer
ersten Vorgänger des Empedocles / Democritus / der sieben weisen Griechen und
anderer Beispiele für sie redeten; wie sollten sie denn der Tugend abzulegen
ihnen träumen lassen? Es hasste niemand in der Welt die Hartneckigkeit mehr als
sie; und die Einfältigsten machten von ihrer Einbildung mehr Wesens / als sie
von ihren Warheits-Aehnligkeiten / welche doch aber den Lügen und Lastern
Spinnenfeind wären; Wie sollten sie denn den heilsamen Gesätzen widerstreben? und
/ da sie keiner Einbildung Sclaven sein wollten /den Gehorsam rechtmässiger
Obrigkeit durch die scheltbarste Hartneckigkeit entziehen / wie dieselbige
Weisen / welche ihrer Meinung nach nicht irren können; Und / wie des Diogenes
Nachfolger niemanden in der Welt als ihre Einbildung für ihr Haupt erkennen?
Diese Hoffart aber hätte ihren Ursprung aus dem Abgrunde der gröbsten
Unwissenheit / welche noch keinen rechten Blick in das unerschöpfliche Licht der
Weissheit getan / noch die unverfälschte Tugend nackt und ohne Schmincke
erkennet hätte. Nach dem aber Lügen und Laster als zwei unverschämte Kebs-Weiber
ihnen die Larve der Ehfrauen / nämlich der Warheit und Tugend so scheinbar für
zumachen wissen / ist dis alleine das zweifelhafteste / was warhaftig Tugend
oder Laster sei? Ich will mich auf keine abscheuliche Vergehungen ungearteter
Völcker beziehen / welche gleichsam des Lichtes der Vernunft / und des Rechtes
der Natur beraubt / und also auch nur für Vieh zu achten sind. Alleine sind
nicht auch wolgesittete Leute hierinnen zwistiger Meinung. Wie etliche Völcker
der lincken / andere der rechten Hand die Oberstelle zueignen; also heisst die
Friedfertigkeit bei den Bityniern eine Tugend / bei den Deutschen eine
Narrheit. Wie das Saltz zwar fast der ganzen Welt die beste Würtze ist / den
Albaniern aber / und den Einwohnern etlicher Atlantischen Eylande allen
Geschmack versaltzet; also ist es bei den Griechen rühmlich sich auf den
Schauplätzen wohl halten: zu Sparta den edelsten Frauen zulässlich fürs Geld eine
Gaucklerin abzugeben / bei den Römern aber schimpflich / bei den Deutschen ein
Greuel. In gewissen Ländern ist es eine Zierde lange Nägel wie Adlers-Klauen /
und in Sarmatien narbichte Gesichter haben. Diesen sind die Römer nicht ungleich
/ welche / frembde Länder mit ihren Klauen an sich reissen /Tapferkeit; und
ganze Völcker aushauen / Helden-Taten heissen. In Persien lassen die Gesätze
zu Mutter und Schwester heiraten / bei uns ist es ärgste Blutschande. Der sonst
so tugendhafte Alcibiades hielt den Ehbruch für eine Geschickligkeit eines
Edelmannes; und Käyser August für Staats-Klugheit. Der wegen seiner Einbildung
allezeit arme Geitz hat fast durch die ganze Welt beim Pöfel / der Ehrgeitz
beim Adel / die Herrschsucht bei Fürsten / die Scheinheiligkeit bei Geistlichen
den Nahmen und die Stelle der ersten Tugend bekommen. Mit einem Worte: nunmehr
lässet sich auf dem Schauplatze der Welt das Laster in keiner andern Tracht /
als in dem Rocke der Tugend sehen. Ja ich stehe in Zweifel: ob sich ihrer nicht
mehr / wie Herostratus / durch Laster / als durch Tugenden in der Welt berühmt
gemacht / und die eitele Unsterbligkeit des Nachruhms / welche in dem
Gedächtnis der Lebenden bestehen soll / erworben haben. Mit dieser Einbildung
aber hat bei uns die Unsterbligkeit der Seelen / welche uns für allen andern
Dingen der Welt der Warheit am ähnlichsten scheinet / keine Verwandschaft. Denn
weil unserem Geiste die Begierde viel zu wissen / wie dem Magen der Hunger nach
Speise eingepflantzet ist; unser Zweifel aber uns die Unvollkommenheit unserer
Weissheit für Augen stellet / ist der Vernunft nichts glaublicher: als das
unsere Seele mit denen sterblichen Gliedern ihre Unvollkommenheit ablegen / und
sie sodenn wie ein aus dem Keficht gelassener Vogel sich in Ergründung der
Warheit höher zu schwingen fähig sein werde. Aus diesem Grunde hat Anaxarchus
einer unserer fürnehmsten Weisen / als er im Mörsel zerstossen ward / dem
Cyprischen Wütterich Nicocreon unter Augen gesagt: Stoss immer hin! denn du
zerstösst nicht Anaxarchen / sondern nur seine Hülsen. Wer mag uns nun bei
solcher Beschaffenheit antichten: dass wir gar keine Seele glaubten? da doch uns
der zu so viel Weissheit dienende Zweifel uns nichts glaubhafters / als die Seele
macht; ja uns mehr versichert: dass wir eine Seele / als einen Leib haben. Denn
dieses bereden uns nur die sich selbst nicht sehenden / und oft durchs Blaster
spielenden Augen. Weil aber der Seele Wesen im Nachdencken bestehet / ein
Zweifelnder aber mehr als ein Leichtgläubiger nachdenckt / können wir über
nichts zweifeln / ohne dass wir eine Seele zu haben gestehen. Daher etliche
unserer zweifelnden Seelen für der Warheit gemäss halten: dass nur der Mensch /
nicht aber wilde Tiere /welche nichts aus eigner Regung / sondern wie die an
einem Drate hängende Spiel-Tocken / oder wie der Zeiger an einer Uhr alles tun
/ am wenigsten aber die Pflantzen eine Seele haben. Das aller abscheulichste
aber ist: dass uns beigemessen wird: wir zweifelten: ob ein GOtt sei? da wir doch
nirgendshin unsere Augen werffen können / wo uns nicht etwas die Gegenwart der
Allmacht und Weissheit Gottes einrede. Der geringste Kefer / die giftigste Spinne
/ der hesslichste Wurm / die längsamste Schnecke / ja die todten Steine schreien
uns in die Ohren: dass GOtt in grossen Geschöpfen zwar gross / aber nicht kleiner
in den kleinsten / und in dem unsichtbaren am aller sichtbarsten sei. Ja wenn
ich niemals einen GOtt geglaubt hätte / würde mich diese todte und nunmehr
gleichsam wieder lebend-werdende Eiche überweisen: dass weil in aller Menschen
Kräfften nicht stehet ein einiges Eichblat zu machen / etwas höhers sei /
welches so wohl uns / als die ganze Natur beseele. Welche überschwengliche
Allmacht und Weissheit Gottes ihrer viel so verblendet hat: dass sie nicht nur
einen Gott geglaubt / sondern ihrer dreissig tausend gelichtet haben. Diesemnach
wir / unserer Gewohnheit nach /vielmehr Ursach zu zweifeln haben: Ob jemand ein
solch Unmensch sein könne: dass er keinen Gott glaube; wenn er es schon sagte.
Sintemal uns dieses Licht von GOtt bei unser Geburt so geschwinde ins Hertze /
als der Glantz des Tages uns in die Augen fällt. Unter denen glücklichen
Eylanden ist zwar eines gewest; da die Einwohner nichts vom Feuer gewüst; aber
auch in den Cimmerischen Finsternüssen ist dis Licht aufgegangen / und den
Menschen ins Hertz geschrieben: dass ein GOtt / und eine göttliche Versehung in
der Welt sei / welche alles rege / und sie in ihrem düsternen Zweifel erleuchte.
Sintemal ihnen nicht glaublich schiene: dass die Seele den Leib / oder ein Leib
den andern bewegte; sondern dass GOtt vielmehr die erste Bewegungs-Ursache / alle
andere den Schein der Bewegung habende Dinge todte Werckzeuge oder der Anlass
dazu sein. Ja nicht nur die Vernunft der Menschen / sondern der Unverstand der
Tiere muss dieser Meinung beipflichten. Weñ man nur die Sprache unvernünftiger
Tiere verstünde /würde man aus ihrem Blöcken / Wiegern und Geschrei / ja aus
dem Gerüsel der Pflantzen ein deutliches Bekäntnüs Gottes vernehmen. Ja wenn die
Tiere mahlen könten / würden sie unvermutlich GOtt auf eine Art fürbilden.
Dahingegen die eitelen Menschen ihn meist nach ihrer tummen Neigung fürstellen.
Dannenhero bei den streitbaren Spartanern alle Götter gewafnet / bei den
handelnde Phöniciern mit Rechnungs-Tafeln gemahlet waren. Wie mag man denn uns
eine Blindheit zutrauen / welcher nicht einst die unvernünftigen Tiere
unterwürffig sind. Wenn aber wir in einer so düsternen und unmenschlichen
Einbildung steckten; warumb hätten wir nach dem Beispiele Ulyssens der
beschirmenden Minerva /nämlich der göttlichen Weissheit dem Brunnen der ewigen
Wahrheit diesen Tempel gebaut? Warumb opferten unsere Hände ihr täglich so viel
Weirauch /und die Hertzen so viel Andacht? Divitiach ward hierüber nicht wenig
verwirret / wusste also der Griechen Lehre keinen Haupt-Mangel mehr auszustellen.
Jedoch sagte er: Es wäre niemals ein Aberglaube jung worden / der nicht in ein
Westerhembde der Unschuld wäre eingehüllt gewest. Hätten die abergläubigen
Griechen gleich nicht Katzen / Hunde und Kefer / und andere unreine Tiere wie
die Egyptier zu ihren Schutz-Göttern erkieset / so wären doch ihre Götter so
viel unreiner / als die Flecken der Seele / die der Leiber an Hässlichkeit
übertreffen. Massen denn ihr Neptun umb mit der Ceres Blut-Schande zu treiben
sich in ein Pferd / Jupiter seines Ehbruchs und unnatürlicher Geilheit halber in
Bock und Ochsen verwandelt haben soll. Ja der letzte Macedonische König Philip
hat so gar der Gottlosigkeit / ein ander der Ungerechtigkeit / und die die
Frömsten sein wollen /allem dem / was sie nähret / Altäre aufgebauet. Wer wollte
sich nun bereden lassen / dass dieser Griechen Gottesdienst nicht mit Vielheit
der Götter / und andern ärgerlichen Aberglauben besudelt sei? Ihre dem Laertes
und Ulysses zugeeignete Weissheit verriete sie: dass sie ein anders zum Scheine
vorwendeten / ein anders glaubten und lehrten. Diesemnach erforderte die
Wolfart Deutschlandes diesen frembden und verdächtigen Gottesdienst als ein
schädliches Unkraut beizeite auszurotten / da dis nicht die mit so grosser Müh
kaum zusammen gewachsene Einnacht der Deutschen durch sein schädlich Gift
zertrennen sollte. Sintemal die Eintracht des Gottesdienstes gleichsam das
Geblüte der Untertanen / wie ein sauerer Nab die Milch zusammen gerinnend
macht; aller Unterschied aber des Gottes-Dienstes / welcher gleich in der
vernünftigsten Verfassung stünde / einem Reiche eben so wohl / als der
Unterschied des Maasses und Gewichtes schädlich wäre. Denn nach dem die
menschlichen Gemüter so selten / als die Antlitzer mit einander übereinstimmen
/ zerteilten sie auch ihre Andacht; und dünckete einen dis heilig / was der
ander als einen Greuel verfluchete. Daher denn die Untertanen / welche als
Glieder eines Leibes von einer Seele der Eintracht geregt werden sollen / zu
bürgerlichen Kriegen und Aufruhr wider ihre was anders glaubende Fürsten / die
Fürsten aber unter einander leicht zur Todfeindschaft verleitet würden. Ja weil
in der Welt nichts fruchtbarers als Irrtum wäre / der zur Neuigkeit geneigte
Pöfel aber / welchem man die Freiheit in Glaubens-Sachen liesse / unbändiger als
die wilden Stutten würde; vermehrte sich der Unterschied des Gottesdienstes in
weniger Zeit in so viel Arten / als es Köpfe gäbe. Dieser Brutt aber gebiere
hernach wie die vom Cadmus geseete Drachen-Zähne eitel sich selbst aufreibende
Zwistigkeiten und Empörung. Denn wie könnte man einem Haupte willig und mit gutem
Hertzen gehorsamen / welches man für so ungehirnt / oder gar für einen Kalbskopf
hielte / welches für sich selbst nicht eine warhafte Andacht zu erkiesen
verstünde. Ja jeder unvergnügter Edelmann hätte Gelegenheit sich an seinem
Fürsten zu rächen / wenn er den neuen Gottesdienst annehme / und sich zum Haupte
der neuen Rotten machte. Weil die Uneinigkeit nun eines Landes Todten-Bret /
Fürsten hingegen Priester der Warheit und Eintracht / ja auf Erden GOttes
Ebenbilder und Stadtalter wären / läge ihrem Ampte und Gewissen ob / für die
auf der Einigkeit des Glaubens gegründeten Ruhe des Reiches / und für die
göttliche Ehre und ihre Hoheit gegen dieselben zu eivern / welche ihnen aus Heft
der Herrschaft grieffen / wenn sie der Fürsten Gewalt über ihr Volck so weit
einschrenckten: dass sie nur über der Untertanen Leiber; Gott aber allein über
der Menschen Seelen zu gebieten hätten. Gleich als wenn die den Herrschern
schuldige Liebe und Treue nicht vielmehr ein Opfer des Gemütes / als ein
euserliches Werck der Glieder wäre. Diesemnach täte ein Fürst seinem Gewissen
Zwang / seinem Reiche Unrecht an / wenn er allen Gewissen die Freiheit / und
hiermit den Untertanen die Willkühr zu gehorsamen oder widerspenstig zu sein
liesse. Niemand aber wäre hierinnen vermessener als die Griechen; welche den
Schwan und den Raben zu keiner andern Andeutung dem Apollo gewiedmet zu sein
glaubten: als dass GOtt nicht weniger an widriger Verehrung / als die Natur am
Wechsel des Tages und der Nacht Belieben trüge. Zwar bescheideten sich die
Druyden: dass die freien Deutschen auch im Gewissen eine mehrere Freiheit / als
andere dienstbare Völcker von nöten hätten. Alleine sie selbst hätten dieser
Freiheit durch Billigung der Druyden / Barden und Eubagen schon selbst ein Ziel
gesteckt. Und könnte er nimmermehr glauben: dass die letztere nicht eben so wohl /
als die erstern dem Griechischen Aberglauben und Vielheit der Götter / welche
ihrer aller Gottesdienst zernichtete / die Stirne bitten sollte. Hertzog Melo
selbst würde unschwer befinden: dass durch diesen Eintrag die ganze Verfassung
der Deutschen Herrschens-Art umbgestossen / und sie nicht allein zu Knechten
abscheulicher Irrtümer / sondern zu Leibeigenen derselben Völcker gemacht
werden würden /welche den Saamen dieser Zwytracht mit Fleiss an den Rheinstrom
ausgestreuet hätten. Denn derselbe Fürst /welcher seines Nachbars Untertanen
seinen Gottesdienst beibringet / hätte an selbigen schon mehr Eigentum / als
ihr eigener Gebieter. Wenn aber auch der Griechen Weissheit alles Irrtums
befreit wäre; so machten doch sie selbst durch Missbrauch selbte eben so
schädlich / als aus des Menschen Leibe das ärgste Gift wider ihn selbst
bereitet wird. Dis geschehe aber damit: dass sie die Geheimnisse ihrer Weissheit
auch dem geringsten Pöfel und Weibern gemein machten. Massen denn die / welche
nur zwei oder dreimal in der Schule der Griechen gewest wären /unter der Larve
der Weissheit und Andacht ihrer Arbeit und Dienste vergässen / die Bauern den
Pflug verliessen / die Kriegs-Knechte ihre Waffen weglegten /die Weiber mehr
Zeit über Glaubens-Streitigkeiten /als über dem Spinnen und nähen zubrächten /
alle aber ihren Vorwitz zu einer grossen Heiligkeit machten. Da doch die Natur
durch die sparsame Austeilung der Edelgesteine / durch das seltzame Wachstum
der Balsam-Stauden / durch die nur wenigen Muschel-Schnecken kaum Tropffen-weise
geschehende Einflössung der Purpur-Farbe unsere Lehrmeisterin wäre: dass die
unschätzbaren Perlen der Weissheit /und die Geheimnisse des Gottesdienstes nicht
wie schlecht Wasser auszuschütten / noch dieselbigen Tiere / für welche die
Eicheln wachsen / mit Granat-Aepfeln zu mästen sind. Diesemnach lehrten sie
Druyden beides nur Fürsten und den hohen Adel /welche über andere gebieten
sollen / und daher für den Gehorchenden ihres Verstandes halben mehr Ansehn
haben müsten. Wie denn noch zur Zeit in Deutschland schier niemand ausser denen
Fürsten und Edlen zu grossem Vorteil des gemeinen Wesens und zum Schirme der
Unschuld freien Künsten oblege / ja die meisten weder schreiben noch lesen
könten. Nicht anders machten es die Scytischen Priester / welche nur ihren
König unterrichteten / und die Bücher ihres Gottesdienstes in einer frembden
Sprache / wie die Egyptier in einer verborgenen Bilderschrifft aufgezeichnet /
und durch dis kluge Mittel für dem gemeinen Volcke verborgen hätten. Würden doch
weltlicher Fürsten Geheimnisse dem Volcke verborgen / weil sie ihm nur
unauflössliche Rätzel / und ihr Verstand tieffer Ratschläge heilsames Absehen zu
ergründen viel zu seichte wäre. Wie sollte sich denn der Pöfel schicken die
Geheimnisse des unbekandten GOttes zu verstehen? dahero denn dieser sich billich
mit dem wenigen Vorschmacke oder der Blüte zu vergnügen hätte / weil der Kern
und die Muscaten-Nuss des geheimen Gottesdienstes für ihn allzu starck wäre.
Zumal Gott ohne dis ein weniges von der Heiligkeit für ein angenehmer Opfer
aufnehme / als viel Erleuchtung. Timon setzte dem Divitiach mit einer freudigen
Hertzhaftigkeit entgegen: Er könnte so wenig eines jeden Griechen Meinung
verteidigen / als die Druyden selbst aller Deutschen Gottesdienst billichte. In
allen Ländern wären fromme und gottlose Leute / wie auf allen Wiesen giftige und
gesunde Kräuter wüchsen. Uberdis wäre auch unleugbar: dass oft ganzen Völckern
entweder falsche oder einen ganz andern Verstand habende Meinungen angetichtet
würden. Zu Rom wäre niemand / der nicht glaubte: dass die Deutschen den Mercur
für ihren höchsten Gott / nach ihm aber auch den Hercules / Mars / die Isis
anbeteten /wie auch ihren Urheber den Tuiscon und etliche verstorbene Weiber zu
Göttern gemacht hätten; da doch er von den Deutschen bei seiner langen
Anwesenheit zu Aschenburg ein viel bessers gelernet hätte. Nicht besser gienge
es jetzt ihnen. Denn ungeachtet sie des Laertes und Ulyssens Nahmen in ihrem
Tempel stehen hätten / wären doch dis nur Gedächtnis wolverdienter Helden /
und so wenig / als der Deutschen Lobgesänge von ihrem Tuiscon und Hercules
Vergötterungen. Aller vernünftigen Griechen Glaube wäre jederzeit gewest: dass
wie ein Kreis nur einen Mittelpunct / die Welt nur eine Sonne / also das grosse
All nur einen einigen GOtt habe. Sein Wesen wäre unendlich. Daher könnte man ihm
durch keine Abbildung eine Gestalt geben; Und hätte destwegen Iphitus / Lycurgus
und andere GOtt einige Seule aufzurichten verboten. GOtt wäre der Ursprung aller
Dinge. Wie es keine Pflantze gäbe / welche nicht eine Wurtzel in der Erde hätte;
also wäre in der ganzen Welt nichts / was nicht GOtt seinen Anfang und Wesen
dancken müste. Daher könnte durch menschliche Vernunft seine Tieffe nicht
ergründet werden. Er wäre der Brunn alles guten; und daher die ärgste
Gotteslästerung ihm einiges Laster zuzudencken. Dieses wäre ihre den Deutschen
gar nicht widrige Lehre / welche die Druyden schwerlich tadeln / noch weniger
aber der gerechte Melo verdammen / oder sie dieser Warheit halber verjagen
würde. Denn sie wäre nichts neues / sondern der Griechen und Deutschen ältester
Gottesdienst. Westwegen sie auch die Eubagen schon für geraumer Zeit in ihre
Gemeinschaft aufgenommen / sie also der diesen versicherten Freiheit zu
genüssen hätten. Weñ aber auch die Druyden alleine eine Weissheit ohne Irrtum /
und einen Gottesdienst ohne Aberglauben / die Griechen aber in beiden Flecken
hätten; könten sie doch schwerlich glauben: dass der wahre Gottesdienst das
allgemeine Band der Freundligkeit auflösete; welche auch die sich für ihr
demütigende Hunde streichelte. Am wenigsten aber wären sie / Griechen / so sehr
zu hassen; weil sie ihres Zweifels halber sich niemals mit einigem Irrtume so
feste verlobten: dass sie bei Erweisung eines bessern keine Ehscheidung
verhiengen. Wie dem allem aber tröstete sie gegen alle Feindschaften: dass sie
mit ihrer Demut bei dem in Gnaden zu stehen vermeinten / in welchem kein
Schatten oder Wechsel der Veränderung wäre. Wenn aber dis so wohl im Wercke / als
in den Augen der Druyden ein so strafbares Laster wäre: dass sie aus ihrem
Gottesdienste kein Geheimnüs machten / und mit der Lehre ihrer Weissheit jedermañ
ohne Unterschied beteilten; müsten sie vorher die Sonne verklagen: dass sie so
wohl niedrige Stauden und kriechende Würmer / als gestreckte Zedern und die
Wolcken überfliegende Adler beschiene; oder gar mit GOtt das Recht ausführen:
dass er eines Bildhauers oder einer Hebamme Sohn besseres Vermögen die Weissheit
zu begreiffen gäbe / als weniger Könige und Römischer Bürgermeister Kinder
haben. Welches der gerechte GOtt nimmermehr also schicken würde / wenn
Niedrigkeit eine Hindernüs zur Weissheit / und Schwachheit zur Tugend zu klimmen
abgeben sollte. So aber schickte es die selbstständige Weissheit: dass der kleinste
Zwerg aus dem tiefsten Tale die Sterne so gut /als ein Riese auf dem höchsten
Berge sehen könnte. Und GOtt trüge ein Belieben seine Weissheit durch die
allergröste Ungleichheit in seiner Wahl gross zu machen. Nach dem nun Gott die
Sonne unserer Seelen wäre / müsten nicht nur die Fürstlichen und Edlen /sondern
alle ihre Gemüts-Augen gegen diesem unbegreiflichen Lichte empor heben. Zumal
bei dem grossen GOtt der irrdische Unterschied des Adels und Pöfels gar nichts;
und in seinen Augen der gröste König ein so kleiner Zwerg / als der geringste
Bettler wäre. Die Anschauung GOttes aber könnte von denen /welche von Gott gar
nichts wüsten / nicht geschehen. Denn weltliche Gemüter urteilten von heiligen
Dingen nach ihren fleischlichen Neigungen; und unerleuchteter Verstand wollte den
unermässlichen GOtt nach dem Fusse seiner törichten Vernunft ausspannen.
Gäntzliche Unwissenheit und ernstliche Andacht könnte so wenig / als Blindheit
und Liebe in einem Hertzen herbergen. Gottes heilige Tempel duldeten diese
Kinder der Finsternüs nicht / wie das Eyland Creta keine Nachteulen. Denn
Weissheit ohne Andacht ist eine Ohnmacht der Lebenden / und der Gottesdienst ohne
Weissheit eine Andacht der Todten. GOtt selbst ist die selbständige Weissheit / ja
der Brunn aller Weissheit; wie soll er denn von denen / die gar keinen Strahl
hiervon haben / würdig verehret werden? Sintemal uns nichts dem Viehe ähnlicher
macht /als die Unwissenheit. Daher die Weissheit billich vom Socrates fürs
höchste Gut gerühmet wird. Wer die besitzet / sieht zweimal so viel als ein
ander / ja GOtt selbst / welcher doch unsichtbar ist. Westwegen ein einiger Tag
eines Weisen schätzbarer ist / als ein hundert-jähriges Alter eines Unwissenden.
Wie mögen nun die Druyden ohne Grausamkeit den meisten Menschen die Geheimnisse
ihres Gottesdienstes verbergen? meint ihr vielleicht: dass die Blinden wie der
Wahrsager Tiresias tieffer / als die Sehenden in das Geheimbuch des göttlichen
Verhängnisses blicken können? Oder bildet ihr euch mit dem sich selbst zu dem
Ende des Gesichts beraubenden Democritus ein: dass die Blinden die weltliche /
die Unwissenden aber die göttliche Weissheit zu begreiffen fähiger sein? Nein /
nein! GOtt ist das Licht / ja der Brunn alles Lichtes; woraus die Sterne ihren
Schein / unsere Seelen ihre Erleuchtung schöpfen. Warumb sollen wir denn andern
/ die nicht weniger Menschen / als wir sind / dis vorentalten / was wir selbst
als ein göttlich Geschencke aus Gnaden genüssen? GOtt ist ein so gross Licht /
dass die Sonne nur seinen Schatten abgibt; wie soll ihm denn mit der Finsternüs
einer blinden Andacht gedienet sein? Zumal / da auch der Allererleuchtesten
Andacht nur dem Morgen-Lichte gleichet / das noch immer mit Düsternheit und der
sich zu weichen wehrenden Nacht kämpfet. Dass ich aber schlüsse; so schauet / ihr
Druyden / nur die Sonne das Sinnebild Gottes an. Diese erleuchtet die
finstersten Täler; sie giebet mit ihren Strahlen denen kohlschwärtzesten Sachen
einen Glantz; dass nur nichts finsteres sie durch seinen traurigen Anblick
beleidige. Ja es ist kein Fleck in der Erd-Kugel / auf welchen die Sonne das
Jahr über weniger / als auf den andern scheine; ungeachtet die Länge der Tage
und Nächte nach dem Unterschiede der Örter so wenig übereinstimmet. Unter dem
Mittel des gestirnten Tier-Kreisses behält Tag und Nacht immer eine mittelmässige
Länge. Unter denen Eis-kalten Angelsternen aber folgt auf eine halb-jährige
Nacht ein halb-jähriger Tag. Wie sollte denn GOtt belieben; dass ein Mensch für
dem andern in seiner Erkäntnüs ein Vorrecht haben / und also einer sein rechter
Sohn / der ander sein Stiefkind sein sollte? Lasset / ihr Druyden /eure heilige
Eichen eure Richtschnur sein; welcher Heiligtum ihr nichts abbrüchig zu sein
glaubt: dass sie unreine Tiere mit ihrer Frucht speisen. Warumb soll denn eure
Weissheit für gemeine aber doch viel edlere Leute zu köstlich sein? Dencket und
glaubt nur: dass niemand in Gottes Augen grösser / als der in seinen eigenen der
kleinste ist. Hertzog Melo hörte dieser Grieche Verteidigung so viel lieber /
als ihm angenehm war: dass sie sich mit den Eubagen vereinbaret hatte. Massen er
denn diese Vereinbarung mit den Eubagen auch zum Grunde seiner Entscheidung
brauchte: dass nach dem sie dieser Gottesdienste beipflichteten / selbter ihnen
nicht könnte abgestellt / weniger sie selbst von dem Ihrigen verstossen werde.
Wormit aber niemand von denen Grieche eine ärgerliche Einbildung schöpfen möchte
/ sollten sie an die Stirne ihres Tempels schreiben Es ist nur ein GOtt /wie eine
Sonne / beider Woltaten aber unzehlbar. Der Mensch ist ein Mittelding zwischen
GOtt und andern Tieren; diesen gleichet der wollüstige Leib / jenem die
unsterbliche Seele. Hierauf redete Melo die Druyden an: Er wünschte: dass die
Verträgligkeit der Griechen und Eubagen / auch den Druyden und Barden zum
Beispiele der Nachfolge dienen möchte / alle ihre Streitigkeiten beizulegen /und
den einigen Gott mit einerlei Andacht zu verehren. Seine Eubagen hätten den
Druyden fürlängst Vergleich angeboten; und die Barden würden vermutlich hierzu
ebenfals zu bewegen sein. Viel weise Leute /welche in den Grund ihrer
Zwistigkeiten gesehen /hätten geurteilet: dass die meisten aus einem irrigen
Verstande gegenteiliger Meinung herrührten; und der Eyver nach und nach diesem
und jenem etwas beigelegt hätte / woran sie nie gedacht; ja welches ein Teil
sowol als das andere verdamte. Etliche Sätze befestigte auch nichts anders als
Geitz und Ehrsucht. Es wäre zu bejammern: dass der Gottesdienst eine Larve dieser
zwei höllischen Ungeheuer sein müste. Sintemal gewisse Dinge von etlichen
Priestern ersonnen wären /welche nur destalben für die unfehlbare Warheit
geglaubt werden müsten; weil sie die Einfältigen zu Einwiedemung ihrer besten
Gründe / und die Erbschaften den Kindern zu entziehen / und den Geistlichen
zuzueignen verleiteten. Gleich als wenn wir einen solchen Gott / wie die Bilder
der ihre Hände zu Annehmung der Geschäncke ausstreckenden Götter wären /
verehrten / welcher von uns für seine Priester mehr Gaben verlangte / als er
selbst austeilte; Oder /als wenn es eine Sünde wäre Gott umbsonst zu verehren /
keine aber die Gotteit feil haben und verkauffen. Andere sähen zwar ihre
Irrtümer; weil diese aber schon einmal sich in den unversehrlichen Purper der
Warheit eingehüllt / die Priester aber bei dem Volck das Ansehen behaupten
wollten: dass sie so wenig in ihrem Urtel als die Sonne in ihrem Lauffe irren
könten / heuchelten sie ihren Fehlern; und meinten: dass wie eine alte kupferne
Müntze einer neuen güldenen; also ein alter Irrtum der jüngern Warheit
fürzuziehen wäre. Dis wären sonder Zweifel die fürnehmsten Brunnen der
Unverträgligkeit zwischen den Eubagen /Barden und Druyden; welche leider! den
Nahmen eines heiligen Eivers führte / wenn sie sich in eine unversöhnliche
Hartnäckigkeit und grausame Todfeindschaft verwandelte. Wenn man diese
verstopfte /nämlich die wahrhaften Meinungen jeden Teiles von denen / welche
etwan dieser oder jener Druys oder Eubage für sich alleine ohne der andern
Beifall gehabt / untersuchte / der Priesterschaft auskommentlichen Unterhalt
aussetzte / und allen ferneren Zuwachs durch scharffe Reichs-Satzungen abstellte
/ glaubte er festiglich: dass durch glimpfliche und kluge Schieds-Richter oder
Vermittler / welche aber nicht Geistliche / sondern Weltliche sein müssen / der
Druyden / Barden und Eubagen Streitigkeiten zu unaussprechlichem Nutzen des
gemeinnen Wesens noch wohl würden gehoben werden können. Divitiach antwortete:
Sie hätten jederzeit die Einigkeit des Gottesdienstes für den festesten Pfeiler
eines Reiches; derselben Trennung aber für das Fallbret aller Herrschaften
gehalten. Westwegen die zwar im Gottesdienste; aber nicht in der Staats-Klugheit
irrenden Römer ihnen die Ausrottung des Egyptischen und Jüdischen Gottesdienstes
so sehr angelegen sein liessen. Die Druyden hätten Zeiter eben so wohl alle ihre
Kräfften angespannet die Barden und Eubagen auf den rechten Weg zubringen /und
den Druyden einzuverleiben. Wenn sie sich aber mit diesen letztern in gleiche
Ungewissheit setzen lassen / und einen Vergleich treffen sollten / da jedes Teil
etwas von seinen Meinungen fallen lassen müste / würden sie der befestigten
Warheit gleichsam ein Auge ausstechen; welche doch eben / wie Gott /ganz rein
verbleiben sollte. Zu dessen Erinnerung hiengen die Römer ihren Kindern ein
güldenes Hertz an / die Egyptischen Priester trügen einen Saphier auf der Brust
/ beides als Kennzeichen der so wenig versehrlichen Wahrheit / als das Gold
durchs Feuer vermindert / oder des Saphiers Himmel-Farbe befleckt werden könnte.
Denn der geringste Beisatz eines Irrtums machte den Gottes-Dienst schon zur
Unwahrheit; wie ein ein einiger Natter-Stich in die kleine Zehe das ganze
Geblüte des Leibes vergiftete. Daher hätte auch der weiseste unter den Griechen
Pytagoras seinen Schülern diese Lehre gegeben: Sie sollten niemals im Reden sich
von der Sonne / nämlich von der Wahrheit abwenden. Denn diese hätte er nicht nur
/weil sie die Finsternüsse der Irrtümer vertriebe; sondern auch / weil die
Wahrheit nur einerlei wäre / der Sonne verglichen. Diese Einigkeit würden die
Druyden zertrennen / wenn sie eines Nagels breit von dem / dessen sie allzu
gewiss versichert wären / abwiechen / und ihren ganzen Gottes-Dienst
verunreinigen /oder ihre Wahrheit bei dem Volcke verdächtig machen / wenn sie
die Eubagen und Barden würdigten mit ihnen über einem Vergleiche zu handeln.
Diesemnach wäre es einem gemeinen Wesen nicht so schädlich / Leute / oder
vielmehr Stöcke / die keinen Gott glaubten / als die / derer Irrtümer mit der
Wahrheit vermischt / mit der Scheinheiligkeit überfirnsset sind /zu dulden. Denn
jene pflegten ihrer offenbaren Torheit halber keinen Vernünftigen zum Abfall /
diese aber mit ihrer angenehmen Neuigkeit die Tieffsinnigsten / welche den
Zweifel an allen Dingen für höchste Weissheit halten / zu ihrem Beifall zu
bewegen. Melo fiel ein: Ihm gefiele sehr wohl: dass die Druyden das Gleichnüss
zwischen dem Golde und der Wahrheit billichten. Wäre es nun aber nicht wahr: dass
das Gold nicht allein vom Betruge mancherlei Beisatz lidte / sondern auch in
seinen Adern unrein wüchse / und beim Schmeltzen viel Schaum und Schlacke von
sich würffe? Destwegen hätte die Natur gewisse Steine wachsen lassen / durch
welche man das reine Gold von dem falschen unterschiede. Dieser Prüfung müssten
die Druyden ihre Wahrheit unterwerffen; weil sie in ihrer eigenen Sache so wenig
als ein Goldschmied über seine Arbeit Richter sein könten. Ja die Sonne würde
zuweilen von einer Neben-Sonne so beschämet: dass man diese für das wahrhafte
Auge der Welt / jene für einen Betrug der Lufft und der Wolcken ansehe. Hätte
nun der Druyden Gottes-Dienst einen so gewissen Grund / würden sie desselbten
Wahrheit für unverdächtigen Richtern zu verteidigen / denen Barden und Eubagen
aber ihre Irrtümer aus dem Grunde zu zeigen so viel weniger Bedencken haben.
Denn seine Meinungen nur als eine unfehlbare Wahrheit heraus streichen / alle
widrige aber schlechter-dinges verwerffen / wäre eben so viel gesagt; als dass
man alleine sehend / alle andere aber blind wären. Und wenn ieder auff seiner
Meinung hartnäckicht beruhete / würde nimmermehr kein Irrtum aus der Welt
verbannet werden. Die Scharffsichtigsten büssten in dieser Einbildung ihr Urteil
ein / wie die sonst mit den allerschärffsten Augen sehenden Crocodile im Wasser
gar nichts erkiesen könten. Uber diss wäre es mit der Wahrheit und Weissheit so
beschaffen: dass wenn sie am Anfange gleich in höchster Vollkommenheit wäre / sie
doch mit der Zeit wie die höchsten Farben ohne Empfindligkeit abschüsse. Und wie
es im Himmel eben so wohl Flecken und Dünste gäbe; also scheueten sich Irrtum
und Aberglaube nicht nach und nach an den reinsten Gottes-Dienst anzukleiben.
Die Spinnen überwebten / und die Vogel befleckten so wohl heilige / als
irrdische Bilder. Daher hätten die Pergamener umb diese zu vertreiben / und die
unschätzbaren Bilder des Apelles sauber zu erhalten in ihrem Tempel eine
Basilisken-Haut aufhencken müssen. Alleine die Wahrheit von Irrtümern
unverfälscht zu behalten wäre etwas übermenschliches / weil das Irren allzu
menschlich / sonderlich im Gottes-Dienste wäre. Denn man saugte die alten
Irrtümer gleichsam mit der Mutter-Milch ein; also dass sie von uns schier so
lange unabsonderlich / als wir unser erstes Geblüte in Adern behielten. Die
Zeiten hätten hierauf auch ein grösser Gewichte / als die wichtigsten
Grundfesten der Wahrheit. Jedermann lieffe denen gemeinen Irrtümern / wie alle
süssen Wasser dem bittern Meere zu. Wenn man aber auch einem reinen Gottes
Dienste beizupflichten das Vermögen oder das Glücke hätte; wären wir darbei so
unglückselig: dass entweder unser übermässiger Eiver selbtem wie die Prillen der
Grösse was abergläubisches beisetzten / oder die geistliche Schwindsucht /
nämlich unsere Unachtsamkeit der Andacht / und dardurch auch dem Gottes-Dienste
das beste entzüge. Nachdem nun unser Gewissen einen ieden seiner
Unvollkommenheit / und die eigene Prüfung seiner Schwäche überzeugte / also: dass
der reinste Gottes-Dienst nur derselbe wäre / welcher die wenigsten Flecken /
wie der klärste Wein nur etwas Lager / und der vollkommenste Granat-Apfel / der
wenig faule Kerne hätte; warumb wollten wir uns schämen den uns viel hesslicher
verstellenden Unflat der Seele abzutun / von dem wir mit so grosser Sorgfalt
den Leib saubern? Wir irrten meist nur aus Unwissenheit oder aus Ubereilung /
und am meisten aus anderer Verleitung. Diesemnach verdiente die darauf folgende
Erkäntmiss den Nahmen der Klugheit /und die es verbessernde Reue den Ruhm der
Tapferkeit. Wer aber sich vorsetzlich der Wahrheit entäuserte / und wissentlich
seinen Irrtum umbarmte / handelte nichts klüger / als wenn eine Mutter ihr
wahrhaftes Kind gegen einen Wechselbalg / weil dieser einmal an ihren Brüsten
gesogen / eintauschen wollte. Einer / der des Weges fehlte / wird ohne
Zurückkehrung nimmermehr zu rechte kommen. Ein Artzt müste nach Veränderung der
Kranckheit seine Artzneien verwechseln. Wäre also die Veränderung ins bessere
keine Leichtsinnigkeit / sondern durch selbte übte die Beständigkeit vielmehr
ihre Kräfften / wie ein den Wind andeutender Wetterhahn / durch seine Umbwendung
/ und die Magnet-Nadel durch ihre Bewegung gegen dem Angel-Stern ihr Ampt aus.
Jedoch wäre freilich diese Verbesserung nicht mit Sturme /sondern mit kluger
Vorsicht / und gleichsam ohne Empfindung des Pöfels / welcher aus Hartnäckigkeit
keinen Fussbreit hinter sich weichen für höchste Tugend behertzter Leute hielte /
zu bewerckstelligen. Worzu leicht ein Mittel aufzufinden sein würde /wenn die
Druyden nur die Liebe zu gemeiner Eintracht nicht aus den Augen setzten; und
durch Erkenntnis ihrer selbst glauben lernten: dass sie Menschen wären und irren
könten. Sintemal ja Irrtümer unsere erste Lehrmeister sind / wenn wir mit
Fallen gehen lernen. Und bei tugendhaften Gemütern erwachsen aus anderer
Verbrechen heilsame Gesätze und fürtreffliche Beispiele. Ja unsere Fehler nutzen
zuweilen uns mehr / als unsere Vollkommenheiten. Denn jene unterrichten uns /
und geben uns ein Licht ab in andern Finsternüssen / wie ein Schatten in dem
andern /oder in Gemählden; diese aber verleiteten uns zum Hochmut und eiteler
Einbildung; ja zu der Torheit: dass wir unsere schwartzen Laster überkreiden /
die Lügen verteidigen; alleine endlich von der durchdringenden Wahrheit zu
Schanden gemacht werden; weil doch endlich der Rost des vergoldeten Eisens /und
der Greuel des Aberglaubens hervor stäche. Dessen aber verriete sich durch
nichts mehr / als durch unmenschliche Grausamkeit / welche einen Irrenden zum
Feuer verdamte / und einem Gottes Verleugner liebkosete; gleich als wenn wohl
ein Gran / aber kein Pfund Giftes schädlich sein könnte. Zwar wüste er wohl der
alten Deutschen Meinung: dass Gott seiner empfangenen Beleidigung selbst eigener
Richter wäre. Alleine warumb verfolgten denn die Menschen die / welche Gott aus
Unwissenheit nicht anständig verehrten / mit Feuer und Schwerdt? Diss wären keine
Mittel der Lehrer den Irrende auf den rechte Weg zu helffen / sondern
Erfindungen der Scharffrichter die Welt wüste und öde zu machen. In Meinungen
von Gott machte der Zwang den Aberglauben nicht besser / die Gemüter aber wohl
hartnäckichter. Daher müste Klugheit / Glimpf und Zeit das beste tun / und
bescheidentlicher Unterricht / nicht aber eine gewaltsame Aufdringung alter /
iedoch verdächtiger Meinungen ein Wegweiser der Wahrheit sein / welche wie das
Feuer durch linde Schläge nicht zur Zermalmung aus den Hertzen und
Kiesel-Steinen hervor gebracht würde. Mit diesen Worten wendete sich Hertzog
Melo nicht ohne Andeutung einigen Verdrusses von den Druyden weg / kehrte mit
den Griechen in ihren Tempel / und liess den Druyden entbieten: Weil die Griechen
mit keinem Scheine des Rechtens ihres Eigentums entsetzt werden / die Druyden
aber mit den Eubagen ihrem eigenen Vorgeben nach keine Verträgligkeit
unterhalten könten; hielte er es auch nicht für ratsam die Druyden den Griechen
zu Nachbarn auffzudringen.
    Hierauf wendete Hertzog Melo sich wieder zu seinen Krieges-Sorgen; und weil
er in Aschenburg allerhand gute Verfassung machte / liess er Novesium berennen /
wie auch durch ein Teil seines Heeres beide Römische Schlösser zwischen
Novesium und dem Altare der Ubier Durnomach und Burung belägern. Das erstere
eroberte der Graf von Benteim mit Sturm /das andere Steinfurt durch Vergleich.
Für Novesium aber fand Melo mehr zu tun / als er ihm eingebildet hatte.
Sintemal diese Festung mit zweifachen Mauern rings herumb mit dem Erp-Strome und
einem Arm des Rheines mit zwei tausend Römern und vier tausend Galliern versehen
war. Dieser aber mit den Sturm-Böcken desto besser beizukommen / fieng Melo an
die Erpe oberhalb Novesium / wie für Zeiten Semiramis und Alexander den
Euphrates von Babylon abzustechen / und sie in einem neuen Graben in Rhein zu
leiten. Der Befehlhaber der Stadt Stertinius sah: dass ihm hiermit ans Hertz
gegrieffen würde / tat auf die zu dieser Arbeit gezwungenen Ubier einen
starcken Anfall; aber der zu ihrer Beschirmung mit sechs hundert Reitern in
Bereitschaft stehende Graf von Bröck empfing die Ausfallenden so unfreundlich:
dass vierhundert / teils Römer / teils Gallier todt blieben / und zwei hundert
gefangen wurden; welche dem Hertzog Melo einstimmig berichteten: dass in der
Festung die Lebens-Mittel gebrächen. Folgende Nacht ward im Lager Lermen; weil
von Jülich und Coriovalla sich drei tausend Römer und Gallier zusammen gezogen
hatten / und sich in die Festung durchzuschlagen bemüheten. Die Sicambrer waren
zwar wache /und begegneten ihnen behertzt; nachdem aber Hertzog Melo erkundigt
hatte: dass sie auf den Pferden kein Mehl oder Getreide bei sich führten / befahl
er den Seinigen dem Feinde Lufft zu machen / und sie in Novesium einzulassen.
Durch diese Uberfüllung brachte er zuwege: dass sich in wenig Tagen darinnen
Mangel und kurtz darauf Hunger ereignete. Stertinius berichtete seine Not zwar
durch etliche Ubier nach Gelduba / und das Ubische Altar; alleine weil unten
Aschenburg / oben Durnomach eingenommen / war es keine Mögligkeit einige
Lebens-Mittel durchzubringen. Stertinius selbst teilte das Brodt nach dem
Gewichte aus / und vertröstete die Belagerten eines Entsatzes. Aber endlich
hatte der Magen kein Gehöre; und die leeren Mäuler / besonders der zärtlichen
Gallier fülleten sich mit ungeduldigen Worten: Es wäre nicht Tapferkeit /
sondern Wahnwitz wider die Natur Krieg zu führen; also sollte man dem Fürsten
Melo die Stadt auf ehrliche Bedingungen übergeben. Wie schwer diss den
hertzhaften Stertinius ankam / zwang ihn doch die Not und sein eigen Volck in
einen sauren Apfel zu beissen / und beim Feinde einen freien Abzug zu verlangen.
Alleine Melo / welcher alle Nacht von überlauffenden Galliern der Belagerten
Notstand erfuhr / lachte darzu / und sagte den Gesandten: Es wäre von keiner
andern Bedingung zu hören / denn dass Römer und Gallier sich der Deutschen Treue
/ und des Uberwinders Willkühr unterwürffen. Die Gesandten baten umb die
Auslegung dieses Vortrags; welchen Melo antwortete: Diese hätte ihr eigener
Manius denen Etoliern schon gemacht / als er sie sich der Römer Treue und
Glauben zu unterwerffen gezwungen. Hiermit liess er Ketten und Beile für ihre
Füsse werffen / und sagte: In seinem Gefallen stünde es: ob er eines oder das
andere gegen die Ergebenen brauchen wollte. Dieses aber sagte er ihnen vorher:
dass er alle Deutschen / und darunter auch die Ubier und Menapier / welche wider
ihr Vaterland den Degen gezückt / als Verräter und Uberläuffer an Bäume
aufhencke / die aber / welche aus Zagheit von dem deutschen Heere entronnen /
und sich in die Stadt versteckt / nach Deutschlands Straff-Gesetzen erstecken
lassen also jenes Lasters Unglückseligkeit der ganzen Welt zeigen / dieser
Unwürdigkeit aber für Sonne und Menschen verbergen wollte. Die Römischen
Gesandten kehrten mit Bestürtzung zurück / und setzten ganz Novesium in
Verzweifelung. Insonderheit verungeberdeten sich die Ubier /Menapier / Eburoner
und Gallier mit Winseln / Haar ausrauffen / und so weibischen Wehklagen / gleich
als wenn sie mit Fleiss von Sinnen zu kommen sich müheten. Denn weil diese
Gallier fast alle Belgen waren /diese aber von den Deutschen entsprossen / und
die fetten Aecker Galliens bezogen hatten / besorgten sie sich durchgehends
einer so grimmigen Hinrichtung. Der schlaue Stertinius stärckte sie in dieser
Einbildung / umb dieselben durch Verzweifelung zu hertzhaftem Gefechte zu
bewegen / welche von Geburts-Art nicht dazu geneigt waren. Denn die
Verzweifelung zeucht in feigen Hertzen wie der Zucker und andere süsse Speisen
im Magen alle Säure an sich; also dass der Verlust aller Hoffnung zu entrinnen
eine Hoffnung zu siegen gebieret; und es solche Kleinmütigen oft wackeren
Leuten zuvor tun. Wie nun aller Vorrat aufgezehret war / liess Stertinius durch
einen angestellten Uberläuffer dem Melo beibringen: dass die Belägerten noch
unter der Erde einen ziemlichen Vorrat an verstecktem Mehl und Getreide
gefunden hätten. Des Abends aber / nachdem die letzten Brosamen vollends
aufgezehret waren / befahl er / alles was fechten konnte / zu erscheinen. Diesen
trug er mit einer solchen Freudigkeit / als wenn er zu einem Siegs-Gepränge
ziehen sollte / für: Sie wüsten das grausame Anmuten des hochmütigen Melo / er
aber: dass redliche Leute lieber ehrlich stürben / als schimpflich lebten. Der
Hochmut eines Feindes wäre ein gewisser Vorbote des Untergangs; in euserster
Not aber Verzweifelung die schärffste Tugend / und ein Wetzstein entweder zu
siegen / oder doch mit seiner Leiche den unversöhnlichen Feind zu erdrücken.
Diesemnach hätten mehrmals die klügsten Helden ihrem im Sacke gehabten Feinde zu
entrinnen Lufft gemacht; der kluge Camillus denen über die Tiber zurück zu
kehren verlangenden Deutschen freiwillig Schiffe und Lebens-Mittel herbei
geschafft / der Käyser Julius denen umringten aber hertzhaft fechtenden
Deutschen / wie Agesilaus den Tebanern seine Kriegs-Hauffen /König Antigonus in
Macedonien denen belägerten und ausfallenden Etoliern den Wall zu ihrer Flucht
eröffnet / Temistocles dem geschlagenen Xerxes nicht allein die über die
Meer-Enge geschlagene Brücke zu zerreissen verboten / sondern ihn auch noch ins
geheim der Flucht halber warnigen lassen. Ja die Deutschen selbst hätten zum
Sprich-Worte: Verzweifelten Feinden sollte man eine güldene Brücke bauen.
Hierwider aber verstiesse Melo zweifels-frei aus gütiger Schickung der Götter
ihm zu Schaden / ihnen aber zur Wohlfart und Ruhme. Denn das Verhängnis hätte
die Eigenschaft durch solche Umbwege die Hoffärtigen in / die in ihren
Schrancken stehenden aber aus dem Verterben zu führen. Als der Macedonische
Philipp denen belägerten Bürgern in Abydus und ihren Rhodischen Hülffs-Völckern
nicht mit allem / was sie tragen könten / den freien Abzug hätte enträumen
/sondern sich schlechterdings zu ergeben haben wollen / wäre diss Begehren für
eine so unerträgliche Grausamkeit aufgenommen worden: dass sie sich nach
verrichtetem Gottes-Dienste bei noch brennenden Opfern durch einen ihnen von
beiden Geschlechtes Priestern vorgesungenem abscheulichen Eyde zusammen
verschworen hätten / sich mit denen zu dem Ende freigelassenen Knechten biss auff
den letzten Bluts-Tropfen zu wehren. Wenn sich aber die Macedonier der innersten
Mauer bemächtigen würden / sollten funfzig der ältesten Bürger das im Tempel der
Diana versamlete Frauenzimmer und Kinder / die auff dem Marckte in einen
Holtz-Stoss zusammen getragene Kostbarkeiten verbrennen / alles Gold und Silber
in einem Rhodischen Schiffe im Meere versencken. Solte er nun seinen Römern und
Galliern nicht zutrauen: dass sie so kecke Entschlüssungen als die Phrygischen
Weichlinge in ihrem Busen trügen? Ein Gelächter des Feindes sein wäre bitterer /
als kein Tod; ein behertzter Vorsatz und scharffer Degen aber ein Werckzeug alle
Gordische Knoten des härtesten Notstandes aufzülösen. Durch diss Mittel hätten
sich die verzweifelten Phocenser wider die Tessalier / die Acarnaner wider die
Etolier erhalten / als schon alles Hoffen der Erhaltung verschwunden gewest. Sie
aber hätten noch Hoffnung und Kräfften übrig / wo sie sich ihr langsam und
zweifelhaftes Beraten nicht durch den Hunger entkräfften liessen. Ihrer wären
bei nahe acht tausend / also noch einmal so viel als der Griechen / welche bei
der Termophylischen Berg-Enge den mit seinem unzehlbaren Heere das Meer und
Griechenland bedeckenden Xerxes geschlagen hätten. Die übermässige Vielheit des
Kriegsvolckes wäre so wohl dem Darius eine Ursache des Verlustes / als die
Wenigkeit Alexandern ein Vorteil zu Gewinnung der ersten Schlacht in dem
Cilicischen Gebürge gewest. Mit einem Worte: Ein behertzter Kriegsmann zehlte
nicht die Feinde / sondern dächte nur / ie mehr ihrer wären /ie herrlicher würde
sein Sieg sein. Diesen würden sie wider den Melo / wie die in dem Tarentinischen
Schloss belägerten Römer unter dem tapfern Velius wider den hochmütigen
Asdrubal unfehlbar erlangen / wo sie ihm so getrost folgen / als er sie umb
Mitternacht unverzagt auf die schläfrigen und sicheren Feinde anführen würde.
Hierauff liess er dem Kriegsvolcke so wohl zu ihrer / als ihrer Pferde Stärckung
den noch übrigen Wein austeilen; und nach dessen Verzehrung an 2. Pforten durch
das Geschrei der unnütze Stallbuben Lermen machen; zu der gege Jülich gelegene
Pforte aber fiel Plancus mit einer / und Stertinius mit der andern Helffte der
Velägerten zu dem gegen Gelduba tragenden Tore aus. Die Römer hatten an beiden
Orten wider die sonst übliche Gewohnheit den Vor- die Ubier und Menapier den
Nachzug; die Gallier aber blieben in der Mitten. Plancus warff die erste Wache
in einem Augenblicke über Hauffen; in der andern aber fand er den ersten ernsten
Widerstand. Denn der daselbst die Wache haltende Ritter Schwartzstein brachte
bei dem allerersten Getümmel seine zwei hundert Sicambrer ins Gewehre. Diese
aber würden bald den Kürtzern gezogen haben / wenn nicht ein Graben und die
Schlag-Bäume den Feind aufgehalten hätten; wiewohl Plancus / der diese
Hindernüsse voran gesehen hatte / durch die untermischten Fuss-Knechte bald den
Graben füllen / sich der Brücke bemächtigen / und die Schlag-Bäume mit
Wald-Aexten zerhauen liess. Hierüber lidt diese andere Wache Not; weil der an so
vielen Orten gemachte Lermen die Belägerer irre machte / und niemand wusste / wo
er der Gefahr am ersten zulauffen sollte; niemand auch ihm einen Ausfall der
ganzen Besatzung einbildete /biss eine Stunde hernach in Novesium an etlichen
Orten Feuer aufgieng. 200. Mann fanden sich ja nach und nach aus den Lauffgräben
zu erwähnter Wache; aber was sollte diese Handvoll Volckes gegen die 4000. die
Plancus führte / ausrichten? Dahero denn /als der Ritter Schwartzstein todt bleb
/ sie sich über einen Quer-Graben auff die Seite zu ziehen genötiget wurden.
Plancus meinte: er würde nun mit freigelassenem Ziegel das deutsche Läger
durchbrechen können; alleine Graf Stirum / der für diesem Tore oberster
Befehlhaber war / bot ihm mit zwei hundert Tencterischen Reitern / und sieben
hundert Sicambrern zu Fusse hertzhaft die Stirne. Als nun Plancus /weil in
Deutschland die Sommer-Nächte doch stets einen wenigen Schimmer des Tages
behalten / sich diesen Hauffen nach und nach verstärcken sah / und er eine
starcke Reiterei gegen ihm andraben hörte / liess er die Gallier als geringe
Schlacht-Schafe gegen dem Stirum herfür rücken. Die Ubier und Menapier stellte
er gegen die ankommende Juhonische Reiterei / welche der Graf von Sem anführte;
er aber lenckte mit seine Römern auff die rechte Seiten / gegen die Erpe aus;
die Ubier / Menapier und Gallier wurden bei Zeite umbringen; und / nachdem das
in der Stadt gleich aufgehende Feuer denen Deutschen zum besten leuchtete /
auffs heftigste bedrängt. Die Gallier suchten zwar durch Wegwerffung ihrer
Waffen Gnade; weil aber die Ubier und Menapier durch ihr hartnäckicht Gefechte
und Anzündung der Stadt die Tencterer / Sicambrer und Juhonen auffs ärgste
verbitterten /wurden sie / biss auff wenig Gefangene / die als Todte zwischen die
Leichen fielen / und erst folgenden Morgen für lebendig zu sein erschienen /
gleichsam in die Pfanne gehauen. Dem zu entkommen vermeinenden Plancus begegnete
der Graf von Mörs mit sechs hundert Pferden / und der Ritter Gladebeck mit
tausenden zu Fusse. Nach einem verzweifelten Widerstande einer Virtel-Stunde
verlohr Plancus alle Hoffnung daselbst durchzubrechen / weil sein Hauffen
verwirrt /fast alle Römer verwundet waren / und noch eine frische deutsche
Hülffe gegen ihn anstach. Daher wendete er sein Pferd / und sprengte ungeachtet
des daselbst hohen Ufers in den Erpe-Strom / welchem etwan funfzig der am besten
berittenen Römer folgten. Alleine sie kamen vom Strudel in Wirbel. Denn ein
fünftes Teil von ihnen ertranck / Plancus aber mit den übrigen rennte dem
daselbst mit drei hundert Bructerern in Bereitschaft stehenden Ritter Galen in
die Hände; welchem er teils auff Zuredung seiner Gefärten / teils weil sein
Kampf mehr wilder Tiere Raserei / als vernünftiger Gegenwehr ähnlich geschienen
hatte / sich nur als einen Gefangenen ergeben musste. Derogestalt hatte auff
dieser Seite kein einiger der Belägerten das Glücke ein Bote dieses
unglücklichen Ausfalls zu sein; wiewohl Plancus hernach gegen etliche edle
Deutschen / die zu Veteran gefangen sassen / ausgewechselt ward. Auf der andern
Seite zeigte sich das Kriegs-Glücke dem Stertinius zwar etwas geneigter / gegen
die Seinigen aber behielt es ebenfalls seine gemeine Eigenschaft einer
Stief-Mutter. Denn er überfiel die euserste deutsche Wache zwar so glücklich /
als Plancus; und ein des deutschen Lagers kundiger Ubier führte ihn durch den
trockenen Graben der abgestochenen Erpe so glücklich auf der Seite weg: dass er
die andere Haupt-Wache vorbei ging / und vermittelst etlicher mit sich
genommener leichten Brücken ohne grosse Mühe über die Graben und den Wall fast
unvermerckt ins Lager drang. Hier hätte er sonder allen Zweifel den Meister
gespielet und durchgebrochen; weil die Deutschen nirgends weniger / als an
diesem festen Orte sich eines Feindes versehen hatten / sondern von hier
vielmehr denen andern Lermens-Plätzen auf gegebene Zeichen zueilten. Ja Melo
selbst / welcher nahe hierbei mit dreien Edelleuten die Rundte verrichtete /
wäre bei einem Haare dem Stertinius in die Hände gefallen. Alleine zu allem
Glücke / oder vielmehr absonderer Schickung des Verhängnisses hatte der Graf von
Benteim noch für Mitternacht sein ihm vertrautes Teil des Lägers umbgangen /
und von ferne / seiner Einbildung nach / Feuer-Zeichen gesehen; wiewohl er mit
sich selbst nicht eins war: ob er es nicht für Irr-Lichter oder fallende
Lufft-Sternen halten sollte. Nachdem aber im Kriege auch Eitelkeiten und Dünste
nicht ausser Augen zu setzen sind / machte dieser vorsichtige Kriegs-Hauptmann
alsofort Anstalt: dass auff allen Fall über die nötigen Wachen fünf hundert
Tencterische Reiter und tausend Sicambrer zu Fusse in Bereitschaft stehen
mussten. Das sich kurtz darauff regende Geräusche vergrösserte seinen Argwohn und
Fürsorge; also / dass er schon zu Pferde sass / als an dem gegen dem Rheine
gehenden Wasser-Tore sich mit Trompeten und Paucken ein grosses Getümmel erhob.
Ob es sich nun auch mit vielem Geschrei vergrösserte / wusste er doch als ein
erfahrner Kriegs-Hauptmann allzu gut: dass wie die seichtesten über die Steine
schüssenden Berg-Bäche am sehrsten rauschten / die tieffsten Ströme aber ganz
stille Wirbel dreheten; also in Ausfällen grosses Getümmel eine Anzeigung eines
blinden Lermens / und wo es am stillesten / die Gefahr am grösten wäre. Daher
blieb er kaum drei hundert Schritte von dem Orte / wo Stertinius einbrach /
stille stehen; alleine in diesem Irrtume: dass die Belägerten sich nicht durch
das Läger heraus / sondern neu-ankommende Hülffs-Völcker /welche ihre Ankunft
durch vorhergesehenes Feuer der Stadt zu wissen gemacht hätten / sich hinein zu
schlagen vor hätten. Westwegen er umb den euserlichen Anfall abzuschlagen stehen
blieb / und sich einer grössern Not vorbehielt; sonderlich weil die deutschen
Vorwachen gegen dem Rhein-Tore noch feste standen. Das an mehrern Orten
beginnende Geschrei machte ihm allerhand Nachdencken / hinderte ihn auch
zugleich: dass er des Feindes nicht ehe gewahr ward / als biss einer von denen den
Hertzog Melo begleitenden Edelleuten durch ein gewisses Feuer-Zeichen und
heftiges Lermen-Geschrei die nahe Anwesenheit des Feindes andeutete. Stertinius
eilte hierauff selbst diesem nahen Feuer zu; also: dass Melo kaum Lufft hatte
sich auff das beigeführte Pferd zu setzen /und darmit über einen Graben zu
sprengen. Die drei Sicambrer wurden zu Bodem gerennt und ertreten; Stertinius
hätte auch über den Graben gefolgt / wenn nicht der Ubische Verräter ihn
gewarnigt: dass gegen selbiger Seite des Melo Haupt-Lager und die stärckste
Verfassung wäre; der hierüber auch herfür rückende Graf Benteim nunmehro auf
die Gallier seitwerts gestossen wäre. Diesem musste Stertinius den Kopf bieten /
weil des Ubiers Andeutung nach / nirgends anders wo möglich durchzubrechen wäre.
Der hierüber erwachsende Streit war überaus grausam; weil es dem Benteim umb
Erhaltung seines grossen Krieges-Ruhms / dem Stertinius umb eben dis / und umb
sein eusserstes Heil zu tun war. Weil aber die Ubier und Menapier ganz
verzweifelt auf einer / die Römer auf der andern Seiten die Sicambrer angrieffen
/ und der Graf Benteim sein Krieges-Volck gegen drei Seiten zur Gegenwehr
stellen musste; fieng er an / ungeachtet seiner mehr als männlichen Tapferkeit /
Not zu leiden. Es kam ihm aber Hertzog Melo / der in der Eyl seine hundert zur
Leibwache erkiesete Ritter / und fünf-hundert andere Reiter zusamen gerafft
hatte / zu Hülffe. Wiewol allererst / als Stertinius schon mit seinen Römern
durchgebrochen war / und mit der Wache auf der über den neuen Erpe-Strom
gelegten Brücke anband. Allhier ging es aufs neue heiss her. Denn der Ritter
Wassenar verteidigte selbte mit vier-hundert Friesen / als mit so viel Löwen.
Inzwischen badeten die Gallier / Ubier und Menapier unter den Schwerdtern des
Hertzogs Melo und Benteims in ihrem eigenen Blute; welches aber den nunmehr nur
zu entrinnen bemüheten Stertinius wenig anfochte. Dieses gelang ihm auch; weil
das nunmehr aus der Stadt leuchtende Feuer ihm einen breiten Furt durch die
Erpe /dem Melo aber der Römer Flucht zeigte. So bald dieser nun Befehl erteilt
hatte: dass das Sicambrische Fuss-Volck der allem Ansehn nach verlassenen und
brennenden Stadt zueilen sollte / setzte er mit sieben-hundert Reitern dem
Stertinius spornstreichs nach /welchen die sonst so geschwinden Flügel der
Flucht dem begierigen Melo nicht entführen konten / ungeachtet die tunckele
Nacht sie noch mit ihrem Schatten zu verbergen dachte. Er brachte den Stertinius
an einer starcken gegen den Rhein lauffenden Bach zu stande; weil die schmale
Brücke eine geschwinde Uberkunft hinderte. Ob nun zwar Stertinius aus Not sich
allhier mit den Römern gegen den Melo setzte /täten sie doch schlechte
Gegenwehr / weil sie nicht weniger Flucht im Hertzen / als Wunden auf dem Rücken
trugen; also jeder mehr über die Brücke zu entrinnen / als dem Feinde Abbruch zu
tun bedacht war. Bei diesem Notstande wendete sich unvermutet das Blat; und
sah sich Melo gleichsam in einem Augenblicke anfangs von etlichen Hauffen
Galliern angesprengt / hernach auch von den Römern umbringet. Denn Norbanus
hatte zu Veterau aus Gallien vier-tausend Römer / und noch so viel Gallier
zusammen gezogen; mit welchen er gleich auf dem Wege war sich vermittelst der
Nacht durchs Läger zu schlagen / und einen ansehnlichen Vorrat in Novesium zu
bringen. Diese kamen nun dem Stertinius gleich zu rechter Zeit / und hätten sie
durch Bestrickung des Sicambrischen Hertzogs bei nahe mehr gewonnen / als ihre
Langsamkeit an der verlassenen Stadt Novesium verloren hatte. Wie sehr nun
gleich Melo im Gedrangen war; so freudig gebehrdete er sich doch / und machte
mit kräftigem Zusprechen: dass wenig Flüchtige insgemein viel neu-ankommende
Hülffs-Völcker /wie ein gerade fortschüssender Strom alle seitwerts in ihn
fallende Bäche mit Gewalt fortrissen / mehr aber durch seine streitbare Faust
den Seinen ein Hertze. So lange er mit den Galliern zu tun hatte / war das
Gefechte nur Kurtzweil; als die Römische Reiterei darzu kam / ward es Ernst; als
aber vollends die halbe Legion Fuss-Volck gegen ihn andrang / kam die Not an
Mann; und fielen von seiner Leibwache der Ritter Wachtendonck / Knesebeck / Burg
/ Friesen / Beuningen / Steinbach / und von denen andern nebst dem Ritter
Brefurt wohl funfzig Edelleute. Melo kriegte selbst eine Wunde in lincken Arm;
daraus er aber einen Schertz machte / und sagte: dis Aderlassen würde sein
aufwallendes Hertze der bisherigen Bedrängnüs befreien. Massen er denn auch mit
dem ersten darauf folgenden Streiche des Norbanus Sohne /der ihm mit Gewalt auf
den Hals drang / den Kopf zerspaltete. Welche Rache zwar die Feinde verbitterte
/ aber zugleich derogestalt schreckte: dass sich keiner seinem Degen zu nähern
getraute. Hierüber begunte es zu tagen; aber umb die Sicambrer ward es von dem
Gedränge der Feinde immer finsterer. Das Licht und das Geräusche der Waffen
diente nunmehr dem Grafen von Benteim zum Wegweiser / welcher nach abgekühlter
erstern Hitze der Gallier / Ubier und Menapier / ihre Abfertigung dem Grafen von
Steinfurt überliess / und mit tausend Tencterern zu Pferde seinem Fürsten zu
folgen seiner Schuldigkeit hielt. Diese Ankunft veränderte alsbald das Gesichte
des Streites. Deñ / ob zwar der Feind / welcher gleich auch sein übriges
Fuss-Volck über etliche in der Eyl gemachte Brücken disseits des Wassers gebracht
hatte / mehr als achtmal stärcker war; kriegten sie doch mit diesen hurtigen
Deutschen alle Hände voll zu tun / weil sie durch ihre unglaubliche
Geschwindigkeit in diesem flachen Felde bald vor / bald hinterwerts / bald auf
der Seiten einfielen. Weil nun Stertinius ihm leicht sie Rechnung machen konnte:
dass das ganze deutsche Läger ihnen bald auf den Hals kommen würde / riet er
dem Norbanus das Fuss-Volck nur beizeite wieder zurück über das Wasser zu ziehen;
und den nechsten Weg nach Gelduba zu erkiesen. Dieses ward auch grossen Teils
bewerckstelligt / ehe der Graf Stirum mit zwei-tausend Pferden darzu kam;
welchem / nach nunmehr völlig gedämpften Belägerten und eroberter Stadt / mehr
Reiterei und Fuss-Volck bei verlautetem Gefechte mit den Römern folgte. Gleichwol
hatte Stertinius alle Hände voll zu tun / und alle seine Krieges-Künste herfür
zu suchen: dass er nur an diesem doch so vorteilhaften Orte die Deutschen mit
der Reiterei so lange aufhielt / bis das Römische und Gallische Fuss-Volck /
wiewol mit Hinterlassung zwei-hundert Wagen / tausend mit allerhand Vorrate
beladener Esel sich in den nechsten Wald zurücke zohe. Worauf er denn mit der
Reiterei spornstreichs folgte; von welcher die Deutschen gleichwol über sechs
hundert abschnitten / und entweder über die Klinge springen liessen / oder
gefangen namen. Norbanus und Stertinius dachten nunmehr nur an ihre Entkommung;
dahero verhieben sie den Deutschen alle Eingänge und Wege; worzu ihnen denn
nicht wenig dienlich war: dass ein grosses Teil der Deutschen das Geräte des
Römischen Heeres plünderte /und dem Feinde nicht / ehe er sich verhauen hatte
/auf den Hals ging. Also entran Stertinius und Norban / wiewol mit Verluste der
Stadt Novesium und wohl zehntausend Römer / Ubier und Gallier. Melo aber kehrte
mit zweifachem Siege zurück in das bei nahe halb abgebrennte / nunmehr aber
durch treue Sorgfalt der Sicambrischen Kriegs-Obersten von dem Fuss-Volcke
geleschte Novesium; dessen Befestigung so gut befunden ward: dass wenn der Hunger
nicht seine Pforten eröfnet / die Eroberung viel Kessel Menschen-Blutes gekostet
haben würde. Alleine dieser Sieg schläffte den wachsamen Melo nicht ein /sondern
er brauchte ihn zu einem Werckzeuge vieler andern. Er zerteilte sein Heer / und
schickte den Grafen von Benteim für Tolpia / den Stirum für Tiberiach / den
Ritter Willich für Belgica; welche Örter denn mit allem Lande zwischen dem
Rheine und der Rohr bis an das Ubische Altar ohne sonderbaren Verlust
übergiengen. Denn die siegenden Deutschen fochten mit zweifachen Hertzen / die
erschrockenen Römer aber nur mit lassen Händen / und die gezwungenen Gallier noch
darzu mit Unwillen. Welch glücklicher Lauff der Waffen denn den Fürsten Melo
bewegte zu Belägerung des Ubischen Altares als der Römischen Haupt-Festung /
Anstalt zu machen.
    Mitler-Zeit hatte Germanicus mit seinen zweien Legionen ohne einige
Hindernüs die Festung Antonach erreicht; welche er / ob schon Käyser Julius bei
Bauung seiner Brücke über den Rhein daselbst eine feste Schantze gelegt / Drusus
aber hernach den Ort ansehlich verstärckt hatte / wegen besorgenden Angriefs der
über den Rhein täglich streiffenden Juhonen besser zu befestigen befohlen. Als
er aber nur einen Tag ausgeruhet / eilte er über den Fluss Abrinca / und ging
bei Coblentz über die Mosel. Daselbst erfuhr er: dass Hertzog Arpus nach
erobertem Bingen mit seinen Catten für das Altar des Bacchus gerückt war. Ob er
nun zwar anfangs willens war geraden Weges über Ambiatin / Bontobrige und
Vesavia seinen Zug zu nehmen umb des Bacchus Altar zu entsetzen; So kriegte er
doch vom Tiberius aus Meinz Befehl: dass weil diese wolbesetzte Festung so bald
nicht Not haben würde / er umb keinen gefährlichen Streich zu wagen an der
Mosel gegen Neumagen herauf rücken / und sein Heer mit ihm zu vereinbaren
trachten sollte. Germanicus folgte diesem / und lenckte den dritten Tag von der
Mosel ab nach Taberna; wo er weder Augen noch Mund an dem herrlichen und
Wasser-reichen Brunne sättigen konnte. Von dar ging er bei Dumnus über die Nave
/ richtete seinen Zug gerade gegen Bingen / und sprengte aus: dass er Bingen
belägern / hiermit auch zugleich den Feldherrn Herrmann vom Arpus abschneiden
wollte. Dis Geschrei verursachte: dass der Feldherr den Hertzog Marcomir mit
zehn-tausend Cheruskern und Dulgibinen; Arpus aber den Fürsten Catumer mit
acht-tausend Catten an die Nave zu Versicherung dieses Stromes und der Festung
aus seinem Lager abschickte. Germanicus wendete sich unvermutet / und ging /wo
die Glan in die Nave fällt / wieder über den Fluss. Tiberius war selbige Nacht in
aller Stille von Meinz am Rheine hinauf in das Vangionische Gebiete bis zur
Stadt Bontonich gerückt / von dar er dem sich ihm nähernden Germanicus entgegen
zoh. Der den Tiberius genau beobachtende Feldherr Herrmann brach zwar / so bald
er dis erfuhr / aus seinem Lager bei Ingelsheim auf / umb die Vereinbarung
beider Römischen Heere zu verhindern; Weil sie ihm aber umb eine Stunde zuvor
kommen waren / zohe er sich zurücke gegen Bingen / und beide Hertzoge Marcomir
und Catumern mit ihren Völckern an sich. Tiberius und Germanicus schlugen ihr
Läger gleichfals an der Nave / und giengen bald auf eine / bald auf die andere
Seite; bald stellten sie sich auch / als weñ sie zu Meinz wieder über den Rhein
setzen wollten. Nach dem aber der vorsichtige Feldherr nicht zu verführen war:
dass sie zwischen Bingen und dem Altare des Bacchus am Rheine festen Fuss gesetzt
/ und die Catten von den Cheruskern abgeschnitten hätten. Tiberius auch von
etlichen Gefangenen erfuhr: dass des Bacchus Altar ganz untergraben / und
nunmehr in euserster Gefahr wäre / entschloss er sich das Cattische Läger
anzugreiffen; weil er ohne Verlust seines bisherigen Krieges-Ruhmes diese
Festung gleichsam in seinem Angesichte nicht könnte lassen verloren gehen. Diese
Entschlüssung war nichts / was die Grösse seiner Macht überstieg. Denn ob zwar
die Catten vier und zwantzig / die Cherusker mit ihren Hülffs-Völckern fünf und
dreissig tausend Mañ starck waren; so brachten doch Tiberius und Germanicus sechs
Legionen zusammen; und ihre zwar ziemlich verschmoltzene Hülffs-Völcker
belieffen sich noch über dreissig-tausend. Der Feldherr Herrmann / so bald er
erfuhr / dass das Römische Heer über die Nave gegangen war / hatte sich zwischen
Bingen und dem Altare des Bacchus gesetzt; also dass er in ein paar Stunden
dortin und hieher seine Macht bringen konnte. Wie er nun des Tiberius Vorhaben
jedesmal so klüglich ausspürte: dass wo Tiberius hindachte / Herrmann gleich /
als wenn er ihm ins Geheimbuch seiner Gedancken gesehen hätte / schon da stand;
also fand Tiberius auch dismal eine viertel Meile von dem belägerten Altare des
Bacchus an einem vorteilhaften Orte den Feldherrn mit seinem Heere für sich.
Ob ihm nun wohl der Weg derogestalt verhauen war / so richtete er doch durch
seine Näherung so viel aus: dass die Belägerten / welche schon mit dem Hertzoge
Arpus über der Ergebung zu handeln anfiengen / sich nun mehr hartnäckichter
bezeigten / und folgende Nacht /als Tiberius an einem / Germanicus am andern
Orte gegen der Stadt durchzubrechen trachete / aus zweien Toren einen starcken
Ausfall täten. Wie nun aber der Feldherr aller Orten wachsam war / und beider
Römischen Feldherren Einbrüche klüglich verhinderte; also hatte der Catten
Hertzog / welcher aus abgebrochener Handlung ihm einen Ausfall festiglich
eingebildet / auf der Seite beider Tore drei-tausend auserlesene und
Römisch-gekleidete Catten unter dem Grafen von Solm und Dietz meist in Gräben
und gemachte Hölen verstecket; auch selbte befehlicht hatte / bei dem Ausfalle
sich nicht zu rühren / bis sie ihren Vorteil ersähen sich eines Tores zu
bemächtigen. Er schickte bei hellem Tage auch achttausend Catten dem Feldherrn
zu Hülffe / umb denen Belägerten zum Ausfalle desto mehr Anlass zu geben. Als das
Geräusche von den euserlichen Anfällen denen Belägerten zu Ohren kam / fiel
Trebatius zu einen / Lucius Acilius zu dem andern Tore heraus. Die Cattischen
Vorwachen verliessen auf des Hertzog Arpus Befehl ihren Stand; die andere und
dritte Wache setzte sich zwar zur Gegenwehr / aber mehr zum Scheine als
ernstaft. Uberdis riefen die Catten einander zu: Jedermann sollte fliehen /
wohin er wüste / weil Germanicus durch das Cheruskische Heer und über den Wall
des Cattischen Lagers durchgebrochen / also mutmasslich alles verloren wäre.
Welch Geschrei der hierzu bestellte Graf von Beilstein durch angestelltes
Getümel meisterlich zu bestärken wusste. Hierdurch wurden die Römer zu einer
unvorsichtigen Entfernung von den Toren der Festung verleitet. Denn das an
einem gleichsam in die Armen rennende Glücke bländet nicht alleine der Klugheit
linckes Auge / über welches das Misstrauen die Aufsicht hat; sondern es ist auch
ein gefährlicher Stein des Anstossens / über welchem nicht nur viel hertzhafte
Kriegs-Obersten gestolpert / sondern auch grosse Helden den Hals gebrochen
haben. Also begegnete es hier so wohl dem Trebatius / als Acilius. Denn der erste
verfiel in die Hände des Grafen von Hanau / welcher ihm mit sechs-tausend Catten
auf beiden Seiten wie ein Blitz über den Hals fiel. Dem Acilius bot der Graf
von Wissbaden mit drei-tausend Catten die Stirne; und der Graf von Weil grief ihn
zugleich mit zwei tausenden auf der Seite an. Beide merckten zwar alsbald ihre
Vergehung / und mühten sich durch einen Krebsgang wieder zu rechte zu komen.
Alleine die Catten hiengen wie die Kletten an den Römern; dass sie keinen Fuss
ohne Kostbarkeit ihres Blutes fortsetzen konten. Ja der Graf von Hanau schnitt
dem Trebatius gar den Rückweg ab: dass er ungeachtet seiner eusersten Bemühung
sein Tor nicht wieder erlangen konnte. Ob er nun zwar selbst getödtet ward / und
alle seine Krieges-Leute entweder ins Gras oder in die Ketten beissen mussten; so
war er doch darinnen glückseelig: dass das Tor / wordurch er ausgefallen /
beizeite gesperrt / und von der zurück gelassene Besatzung wider den anfallenden
Grafen von Dietz männlich verteidigt und glücklich verhalten ward. Acilius
hatte hingegen zwar mehr Lufft und Gelegenheit zu weichen; alleine der Graf von
Solm vermischte seine funfzehnhundert verkleidete Catten so geschickt und zu
rechter Zeit unter die weichenden Römer: dass er mit ihnen in die Stadt drang;
die Wache niederhieb / die Fall-Gatter /Schlag-Bäume und Aufzüge der Brücken
zernichtete /und alleine wider die ihm auf den Hals dringende ganze Besatzung
diese Pforte so lange behauptete /bis ihn der Graf von Weil und Wissbaden
entsetzte; endlich der Graf von Catten-Ellenbogen mit tausend Cattischen Reitern
hinein drang / und alles / was ihm begegnete / zu Bodem rennete. Der Oberste der
Römer / Coponius / tät zwar alles / was ihm anfangs Mut und Klugheit / und
zuletzt die Verzweifelung an die Hand gab; nämlich: Er zündete die Stadt bei dem
eroberten Tore an. Alleine die Deutschen hatten schon auch das andere Tor
aufgehauen / und der Graf Dietz sich desselben Meister gemacht; daher der Graf
von Gleichen auch mit fünfhundert Pferden hinein drang. Hiermit ging es nur an
ein Erwürgen der Römer / welche nach Entseelung des Coponius und anderer
fürnehmsten Befehlhaber die Waffen wegwarffen / und sich in die Keller und
Winckel verkrochen; bis sie der Morgen doch in die Hände der Uberwinder
lieferte. Der Römer blieben über drei-tausend todt / und funfzehn-hundert wurden
gefangen; das Feuer auch zeitlich gelescht: dass nicht über zwölf Häuser
verbrennten. Hertzog Arpus machte nicht alleine dem Feldherrn die Eroberung
alsbald zu wissen / sondern kam auch mit etlich tausend Catten ihm zu Hülffe /
welche aber die im Vorteil stehenden Cherusker nicht von nöten hatten /
sondern den Römern allentalben genungsam gewachsen waren. Das Geschrei von
Eroberung der Festung breitete sich alsbald durch das deutsche Heer aus: dass es
auch dem Tiberius zu Ohren kam / und von dem aufgehenden Feuer bestätigt ward.
Daher Tiberius nur abblasen liess / und sich in sein Lager zurück zoh. Folgenden
Tag / als der Feldherr Herrmann und Arpus die eroberte Festung besahen /
kriegten sie die Nachricht: dass der junge Sicambrische Hertzog Francke mit
zehn-tausend auserlesenen Reitern nur eine Meile von dar stünde / und / wo er
dem Feinde Abbruch tun könnte / vom Feldherrn Nachricht verlangte. Beide
Hertzoge waren leicht eines diese ansehnliche Hülffe an sich zu ziehen. Daher
sie auch alsofort Anstalt machten diese Reiterei über den Rhein zu setzen;
welche aber grösten teils aus Begierde zu fechten über den Rhein schwemmeten.
Sintemal die Tencterer den für keinen Reiter halten / der nicht seine
Geschickligkeit so wohl selbst schwimmende / als zu Pferde über diesen Fluss zu
setzen bewiesen hat. Als inzwischen der sonst so verschlossene Tiberius seinen
Unwillen über diesem grossen Verluste nicht bergen /noch auch in drei Tagen
weder mit sich / noch dem Germanicus sich vergleichen konnte / was er mit seinem
so mächtigen Heere fürnehmen sollte. Den vierdten Tag aber geriet er in keine
geringe Bestürtzung; als noch für aufgehender Sonne der Feldherr und Arpus in
der nechsten Fläche ihr Heer gegen dem Römischen Lager in Schlacht-Ordnung
stellten / und den Tiberius durch einen Herold zur Schlacht ausfordern liessen.
Des Germanicus Meinung war: Sechs Römische Legionen könten gegen der ganzen
Welt Kräfften ohne euserste Schande zu schlagen sich nicht enteusern. Aber
Tiberius / welcher die deutsche Reiterei für unüberwindlich hielt / war auf
keine Weise zu bewegen einen solchen Hauptstreich zu wagen; von dessen widrigem
Ausschlage der Verlust ganz Galliens hieng; der Gewin aber mehr nicht / als die
Wieder-Eroberung etlicher verlohrnen Festungen eintragen könnte. Uberdis wäre bei
denen / welche allererst einen glücklichen Streich getan / zwar die Klugheit in
Ab- / die Tapferkeit aber im Aufnehmen; die Unglücklichen aber / wie hertzhaft
sie gleich wären /kämpften nur mit missträulichem Gemüte und langsamen Armen.
Also mussten nur die Deutschen unverrichteter Sachen abziehen; wiewol ihre
Heerführer hier nicht so viel / als durch eine halbe Schlacht gewonnen zu haben
meinten. Denn Volck und Geld sind zwar die Spann-Adern / der erlangte gute Ruff
aber die Seele des Krieges; und eine Faust derer / welche den Ruhm des Sieges
vor sich haben / ist dreien andern überlegen. Dieses Ansehn der Deutschen Waffen
ward dardurch so viel mehr vergrössert: dass Germanicus noch selbige Nacht mit
einem Teile des Römischen Heeres aufbrach / und das alte Läger an der Nave
besetzte / Tiberius aber durch seine Nachfolge gleichsam bestätigte: dass er den
Deutschen nicht gewachsen wäre. Diesen hingegen hatte die grosse Beute / und
fürnemlich die in der Festung gefundenen köstlichen Waffen ein grosses Hertze
gemacht. Denn ob zwar die Deutschen gleichsam zu den Waffen geboren sind / und
so gar auch nicht ungewafnet zu Tische sitzen / so treiben sie doch aus einer
eingebildeten Heiligkeit weder ihre Eisen-noch Gold- und Silber-Bergwercke. Nach
dem nun die Römer bei Lebens-Straffe verboten / denen Deutschen weder Stahl
noch Eisen zuzuführen; hatten sie Mangel an scharffen Degen. Ihre Spisse waren
meist höltzern und nur mit wenigem Eifen zugespitzt; Ihre Helme und Schilde
waren aus rohem Leder der Ochsen / Bären und Wölffe / wie der Mohren aus
Elephanten-Haut. Die Heerführer alleine hatten eiserne Pantzer-Hembde /Schilde
und Helme / welche zuweilen mit Agsteine zierlich überlegt waren; die Römer also
so viel in Waffen für den Deutschen / als diese an Kräfften für den Römern
Vorteil. Unter andern funden sie einen silbernen Schild / auf welchem Drusus
und sein Sieges-Zeichen an der Elbe geetzt war / für welchem selbiger Fluss
kniende seinen Wasser-Krug ausschüttete. Diesen hätten die deutschen
Krieges-Knechte aus Eyver zerschmettert / wenn nicht der Graf Mannsfeld darzu
kommen wäre / und ihnen eingehalten hätte: dass diese ruhmsichtige Eitelkeit /
wenn der Feldherr diesen Schild in den Tanfanischen Tempel aufhencken würde /
den Römern schimpflicher sein müste / als der kostbare Schild des Asdrubals /
den ihm Quintus Martius abgerissen / und im Capitolinischen Heiligtum noch ein
Gedächtnüs seiner grosssprecherischen Schwäche fürbildete. Mit diesem wurden noch
eine ziemliche Anzahl der kostbarsten Schilde ausgelesen /und vom Feldherrn in
Tanfanischen Tempel geschicket. Denn es waren derer so viel / und zwar auf so
seltzame Art ausgeetzet: dass Ulysses allhier seinen mit dem Meerschweine /
Lycurgus seinen mit dem Dreizancks-Stabe / Lysander mit dem Drachen / Alcibiades
mit dem dem Blitz umbarmenden Cupido /jener Spartaner seinen mit der Fliege /
Achilles seinen mit den Ackers-Leuten und Schnittern nicht gemisset hätte. Nebst
diesem ward in der Festung eine unglaubliche Menge Weines befunden / weil die
Römer an diesem Orte eine rechte Wein-Niederlage gemacht hatten / und selbten
von dar nach Rom führten. Ja Käyser August selbst / welcher Zeiter den in
Campanien an dem steinichten Sinnesanischen Ufer wachsenden Setinischen Wein für
seinen Mund erkieset hatte / tranck nunmehr keinen andern / als Rheinwein.
Dieses edlen Getränckes genaassen die Deutschen und sonderlich die Catten so viel
begieriger / weil bei ihnen so wohl / als für Zeiten bei den Nerviern ein
halsbrüchiges Verbrechen war Wein ins Land / bei denen Cartaginensern ins Lager
zu bringen; und daher viel Catten allhier zum ersten mal dieses edle Geträncke
kosteten; alle Neuigkeit aber so angenehm ist: dass sie dem Wasser den Geschmack
des Weines /dem Weine aber eines himmlischen Getränckes zueignet. Die
Unwissenheit: dass die Süssigkeit des Weines mit Hörnern und Klauen vermählet
wäre; Westwegen auch die Griechen den Bacchus in der Gestalt eines wilden Ochsen
und Pantertieres abgebildet / brachte die meist Milch und Wasser trinckenden
Cherusker und Catten dahin: dass ihre alte Schwierigkeit zum jähren / ihre
Zwytracht aber zum Hand-Gemenge kam; wordurch drei Cherusker und zwei Catten
todt blieben / und beiderseits noch wohl zwantzig verwundet wurden. Der
ernstafte Hertzog Arpus / welchem dieses Unvernehmen am ersten zu Ohren kam /
meinte seiner Schuldigkeit zu sein / umb grösserm Ubel beizeiten vorzukommen /
desselbten Wurtzel auszurotten. Diesemnach erteilte er Befehl allen noch in der
Festung befindlichen Wein auszuschütten / und die an dem Rheine gelegenen
Weinberge zu vertilgen. Dieser Befehl ward nicht allein in den gemeinen Häusern
vollzogen / sondern die Catten kamen auch zu dem Ende in das Heiligtum des
Bacchus / unter welchem in gewölbten Kellern die edelsten Weine für den
Käyserlichen Hof verwahret waren. Weil aber so wohl die Priester / als die vom
Hertzog Arpus nach der Eroberung dahin bestellte Wache solches zu öfnen
weigerten; stürmeten es die Catten; und wäre der Handel zu einer Blutstürtzung
ausgeschlagen / wenn nicht der Feldherr Herrmann und Hertzog Arpus gleich auf
dem Wege gewest wären des Bacchus Altar zu beschauen /und dis Missverständnüs
unterbrochen hätten. Bei der Pforte des Vorhofes begegnete ihnen der
Hohepriester in seinem prächtigsten Aufzuge / und bewillkommte sie mit grosser
Ehrerbietung. Er war ein so schön gebildeter Jüngling / als jemals Bacchus mag
abgemahlet worden sein. Er hatte auf dem Haupte einen Krantz von
Epheu-Eichen-Tannen- und Eiben-Laube; auf der Stirne zwei Ochsen-Hörner / in der
Hand einen mit Reben-Blättern und Epheu umbwundenen Spiess. Diesen legte er
beiden mit höchster Ehrerbietung empfangenen Hertzogen zu Füssen / und bat: Sie
möchten doch ihren Grimm und Rache an diesem abgöttischen Heiligtum ausüben /
hingegen gütige Schutz-Götter über das heilsamste Geschencke Gottes sein / ohne
welches ihm kein angenehmes Opfer geliefert werden könnte. Herrmann und Melo
sahen einander verwundernde an; weil sie nicht begriffen konten / warumb dieser
Priester selbst dis Heiligtum für abgöttisch schalt / und desselben Zerstörung
verlangte. Ehe sie aber noch fragten / nam er seinen Krantz selbst vom Haupte /
und zerriess ihn in kleine Stücke /seine Luchs- und Tieger-Haut warf er zu Bodem
/ und die Lantze trat er mit Füssen entzwei; welches doch alles dem Bacchus
gewiedmete Dinge waren. Hierauf fieng er an: Wundert euch nicht / grosse Erlöser
des Vaterlandes / über meinem Vorhaben. Ich bin eben so wohl / als ihr / ein
Deutscher / und zwar des Vangionischen Hertzog Ehrenfrieds Sohn; welcher der
Römischen Dienstbarkeit feinder / als kein ander Deutscher ist; weil ich auch
meine Seele zu einer Magd ihrer Abgötterei habe müssen missbrauchen lassen. Es
war leider! mit den Deutschen am Rhein-Strome so weit kommen / dass ihre Fürsten
sich umb Römische Dienste als grosse Würden bewerben / und umb nur an unsern
Feinden gütige Halsherren zu haben / sich zu Priestern / nicht nur ihrer
ertichteten Götter / sondern auch eines sterblichen Menschens müssen gebrauchen
lassen. Die Römer selbst verehren zwar ihre Gebieter nur göttlich / wenn sie
todt sind / und nicht mehr sterben können. Die überwundenen Völcker aber müssen
denen Römischen Land-Vögten Tempel und Altäre bauen / und die Welt den noch
lebenden August anbeten / nach welchem verlebten Greise doch der Tod mit beiden
Armen greifft. Nicht nur die Gallier / sondern sechzig Völcker / müssen ihm in
dem Lugdunischen Tempel opfern / und seinen ihm daselbst aufgerichteten sechzig
Bildern Weirauch anzünden / und selbige mit Balsam einsalben. Die Hispanier
beten ihn im Tarragonischen / die Asiaten in dem Pergamischen /die Bitynier im
Nicomedischen Tempel an. Ja die Indianer in der Limyricischen Landschaft am
Ganges sind auch so alber: dass sie dem Käyser daselbst einen Tempel gebauet
haben. Dieses Altar ist zwar dem Nahmen nach ein Heiligtum des Bacchus / in
Warheit aber wird August allhier angebetet; als dessen warhaftes Bild hier durch
den Bacchus für Augen gestellet wird. Massen sie selbst solche Aehnligkeit
deutlich wahrnehmen würden. Alle diese Abgötterei hat August selbst gebilligt /
und zum teil von den Ländern verlangt; da er doch zu Rom ihm nicht einmal ein
silbernes Bild aufzusetzen verstatten wollen / sondern die gegossenen
zerschmeltzet hat. Gleich als wenn die Römer gegen andere Völcker Götter / oder
diese gegen den Römern nicht Menschen wären. Diesemnach erfreue ich mich: dass
ich durch die Hülffe zweier Helden / welche GOtt Deutschlande zu rechten
Schutz-Göttern zugeschickt / meiner Knechtschaft erledigt werde / und mit
diesem mich verunehrendem Krantze die Bande der schändlichsten Heuchelei
zerreissen kann. Der Feldherr und Arpus schöpften nicht geringe Vergnügung über
der Erklärung dieses hurtigen Fürsten; welcher auf fernere Befragung erzehlte:
als Drusus zum ersten mal mit den Catten und Sicambrern angebunden hätte / wäre
sein Vater von der ganzen Römischen Macht überschwemmet / und ihn / ungeachtet
er noch nicht drei Jahr alt gewest / mit nach Rom zur Geissel zu geben gezwungen
worden. Daselbst hätte er das vermeinte Glück gehabt: dass er der Käyserin Livia
Gewogenheit erworben / und / nach dem er mehrmals so hertzlich nach seinem
Vaterlande geseufzet / noch nicht für voll vor zweien Jahren mit der Würde
dieses Priestertums begabt worden; welches ihm aber / so bald er nur die
deutsche Lufft gerochen / und von ihrer Freiheit gehöret / der ärgste Greuel
geschienen; ungeachtet er von der zartesten Kindheit an zu der niedrigsten
Knechtschaft wäre gewöhnet worden. Hertzog Arpus fieng an: Den Deutschen ist die
Freiheit so angebohren: dass sie zu keiner Dienstbarkeit gewöhnet / wie etliche
Tiere ihr Lebtage durch keine Liebkosung gekirret werden könten. Unter diesem
Gespräche giengen sie zusamen durch einen das auf einem Hügel liegende
Heiligtum ringsher umbschlüssenden Wein- Sie kamen gleich zum Tempel / als der
Sonnen-Schatten den Punct des Mittags anzeigte. Daher fieng der Priester an: Es
ist merckwürdig: dass diese zwei Schutz-Götter Deutschlands gleich die Schwelle
dieses Heiligtums zu der Zeit beschreiten / da sonst kein Mensch in selbtes
gehen darf / weil die Götter am Mittage sich in die Tempel herab lassen sollen.
Westwegen auch ihre Türen ins gemein mit den Zeichen des Mittags und Sudwindes
bemercket sind. Dieser Tempel war rund / aber wie der Elische des Silenus
allentalben offen. Denn er bestand in zwei und dreissig in ein rechtes Viereck
zusamen gesetzten Seulen; wie der auf dem Eylande Aegina vom Aeous dem Jupiter
gebaute in funfzigen; also dass auf jeder Seite zweimal sechs einander gegen über
zu stehen kamen /und die inwendigen zwölf Pfeiler einen viereckichten Platz
abgaben. Die Seulen waren alle mit vergüldetem Weinlaube umbwunden / zwischen
welchen Schnecken / Heidächsen / und andere gekerbte Tiere gebildet waren. In
dessen Mittel-Puncte des Bacchus Bild sechs Elle hoch aus Alabaster auf einem
schwarzmarmelnen Fusse unter freiem Himmel stand. Vielleicht weil die unter
gehende Soñe auch unter dem Nahmen des Bacchus verehret wird. Sintemal die
Tempel sonst insgemein nicht anders / als die Gräber ohne Fenster gebauet sind;
gleich als weñ in derselben Düsternheit die Götter unser geweiheten Kertzen und
Ampeln bedörften; oder weil die Finsternüs in den Augen das Licht der Andacht in
den menschlichen Hertzen anzuzünden vermöchte. Weil Bacchus nun eben so wohl als
Venus zugleich Mañ und Weib gewesen sein soll /oder die Alten gar an ihrer
Götter Geschlechte zweifelten / stellte diss Bild auf der einen Seite einen Mañ
/auf der andern ein Weib für / und iedem Antlitze stand ein Altar gege über.
Arpus fieng an: Ich weiss nicht anders / als dass dem Bacchus eine nie veraltende
Jugend zugeschrieben wird; beide Antlitzer aber bilden schon verlebte Leute ab.
Der Priester antwortete: Diesen Tempel hat auch Drusus allererst für achtzehn
Jahren gebauet: da Käyser August schon über sechs und funfzig Jahr alt / und
Livia nicht viel jünger gewesen ist. Hertzog Herrmann / nachdem er beide
Gesichter auffs genaueste betrachtet hatte / fieng an: Ich muss gestehen: diese
Bilder sind dem Käyser und Livien so ähnlich / als wenn sie ihnen aus dem
Gesichte wären geschnitten worden. Jedoch muss ich auch gestehen: dass ich selbst
zu Rom schon gesehen /wie nicht nur Käyser Julius daselbst in Gestalt des
Jupiters mit dem Blitze / August des Apollo mit der Leier / sondern auch Sylla
und Pompejus wie Mars; und in Griechenland Marcus Antonius wie Bacchus gebildet
stehen. Uber diss hat mich mein Bruder Flavius berichtet: dass über den vorigen
nahe beim Heiligtum des Friedens der Stadt Rom und dem August zugleich
gebauten Tempel der Rat auf dem Marckte /und Livia bei der Burg dem August
allein einen dergleichen Tempel eingeweiht habe; wie der zu Aten /zu Pola in
Histrien / zu Milasa in Carien / zu Lugdun in Gallien / zu Tarracon in Hispanien
ist; also Rom nunmehr für frembden bezwungenen Völckern in der Dienstbarkeit
keinen Vorzug habe. Der Priester erinnerte hierbei: Sie möchten doch die an
iedem Ende einen Kopf habende Schlange / welche auf der Juno Anstifftung den
Bacchus ans Bein gebissen haben sollte / und die Bacchus allhier mit einem
Reben-Stocke zu Bodem schlug / genau betrachten. Hertzog Herrmann fand am ersten
in dem Bauch dieser steinernen Schlange den Nahmen Deutschlands; der Priester
wiess an dem einen Kopfe des Lollius und Manlius / am andern des Carbo / Cassius
und Aurelius Niederlage mit sehr dünnen Buchstaben aufgezeichnet. Der Feldherr
ward über diesen anzügerlichen Sinnebildern so ungeduldig: dass er bei dem
nechsten Altare eine ertztene Opfer-Schauffel ergrieff / und damit den Schenckel
dieses alabasternen Bacchus mit sambt der Schlange in Stücke schlug. Hertzog
Arpus schöpfte über diesem Eifer grosse Vergnügung / und sagte: Seiner Meinung
nach steckte in diesem Bilde mehr Geheimnis / als es euserlich anzuschauen wäre.
Denn es wäre nachdencklich: dass Deutschland in Gestalt dieser zweiköpsichten
Libyschen Schlange vorgestellt würde / welche man mit nichts anders / als einem
Holtze vom Wein-Stocke sollte tödten können. Dieses wäre seinem Bedüncken nach so
viel gesagt: dass Deutschland durch das wollüstige Geträncke des Weines nur zu
bändigen wäre. Diesemnach er denn schon bei sich beschlossen hätte: dass / weil
ohne diss bei den Catten die Einfuhre des Weines hochstraffbar verboten wäre /
er alle Wein-Stöcke am Rhein-Strome austilgen lassen wollte. Hertzog Herrmann
versetzte: Ihm würde nimmermehr in Sinn kommen etwas zu verteidigen / was der
Deutschen Freiheit könnte abbrüchig sein. Diss aber könnte er dem edlen Gewächse
des Weines nicht ohne Beleidigung der Natur zurechnen / welches die Weisen so
hoch hielten: dass sie es für das gröste Geschencke Gottes / für die heilsamste
Stärckung des Menschen; ja für eine Süssigkeit / wordurch das menschliche
Gemüte erfreuet / Gott versöhnet würde / rühmeten. Wie der Geruch des
Weinstocks kein giftiges Tier vertragen könnte / der Wein dem Zieger-Kraute sein
Gift benähme; und die gefährlichsten Wunden heilete; die Bitterkeit der Galle
linderte; den menschlichen Leib durch die ihm von der Wurtzel eingeflösste und
von der Sonne mitgeteilte Hitze erwärmte; die vom Wachen ermüdeten Glieder
durch den Schlaf stärckte; das ohnmächtige Alter kräfftig verjüngte; also
vertriebe sein Genuss auch das Gift der Traurigkeit / entbürdete das Hertze der
Sorgen / welches gegen ihm keine schwächere Zuneigung als der Magnet zum Eisen
hätte. Er verknüpfte die Gemüter zusammen; er brächte die Wahrheit aus den
Brunnen der verschlossensten Hertzen ans Licht; er schärffte das tieffsinnige
Nachdencken /machte die Geister der Tichter lebhaft und rege / weil sich nichts
anders so geschwinde / als der Wein in Blut verwandelte; verdiente also eine
Göttliche Feuchtigkeit / ein himlischer Tau / der Alten Milch /der Schwachen
Oel genennet zu werden. Aus diesen Ursachen hätten die Cherusker schon von
geraumer Zeit denen Galliern / Friesen und Britanniern erlaubet in ihrem Gebiete
gegen andere Waaren Wein zu vertauschen; ja weil der Wein die Tugend haben sollte
/Furchtsame behertzt / und Einfältige klug zu machen /pflegten die Cherusker und
andere Nord-Völcker bei seinem Geträncke Rat zu halten / für denen Schlachten
das Kriegs-Volck damit anzufrischen / ihre Vergleiche / Versöhnungen und
Ehe-Stifftungen zu machen / ja ihre Hertzogs-Wahlen / Kriegs- und
Friedens-Schlüsse zu vollziehen / wenn der Wein ihre Hertzen aufgeschlossen
hätte / da sie so viel besser ohne Heuchelei ratschlagen und ohne Irrtum
schlüssen könten. Der Priester / welcher mit seinem Epheu-Krantze nicht die
Liebe des Weines weggeworffen hatte / fiel dem Feldherrn bei / und wiess an dem
Fusse des Bacchus-Bildes zu dessen Bestätigung allerhand Lob-Sprüche desselbten;
welche ihm den Titul eines Hertzen-Kündigers / eines Eröffners der Heimligkeiten
/ eines treuen Ratgebers / eines Sorgentödters / eines Erhalters / und andere
in Griechischer Sprache zueignete. Daher er auch an vielen Orten des Bacchus und
der Pallas Tempel mit einander vereinbart gesehen hätte; und würde vom Nestor
und Cato erzählt: dass sie für ihren Ratschlägen ihre Geister durch Wein
erwärmet / Hecuba aber dem Hector für seinem Gefechte Wein zu trincken
eingeschenckt hätte. Die Tracier / Egyptier und Nasamonen stiffteten eben so
wohl als die Deutschen ohne Wein kein Bündnis. Bei den Griechen brächte der
Schwäher seinem Eydame für dem Altare einen Becher mit Wein zu. Ja fast bei
allen Opfern würden die Schlacht-Tiere vorher eben so wohl mit Weine dem
Merckmal der Liebe / als mit dem Saltze unversehrlicher Aufrichtigkeit
besprenget / hernach auch ins Opfer-Feuer gegossen / und wenn hiervon die Flamme
lichter würde / es für eine Wahrsagung vielen Gutes angenommen. Hertzog Arpus
aber versetzte: Er könnte leicht glauben: dass die gütige Natur den Wein eben so
wohl / als das zur Artznei brauchbare Gift zu einem guten Ende wachsen liesse.
Weil aber beider schädlicher Missbrauch gemeiner / als der angezielte Nutzen wäre
/ hielte er es für ratsam so wenig den Wein in Deutschland zu pflantzen / als
ein vorsichtiger Gärtner Napel auf seinen Beten zeugete. Sein Geträncke täte
so wohl dem Gemüte / als dem Leibe Abbruch. Daher kein vernünftiger Artzt den
Kindern biss zum achtzehende Jahre den Wein wege in sich habender Hitze nur zu
kosten erlaubte; als wordurch die hinfallende Sucht / hitzige Feber / Gicht
/Schwindsucht / Stein / und übriges Wache verursacht / auch alles Gift
vergrössert / die Jugend entkräftet /die Gestalt verterbt / die Sinnen
geschwächt / das Geblüte entzündet / die Adern verstopft würden; und daher die
Persen ihren Kindern nach der Mutter-Milch keinen andern Tropfen / als
schlechtes Wasser gäben. Bei den Massiliern und Milesiern untersagten scharffe
Gesetze allen Weibern den Wein. Zu Rom würden die Schlüssel darzu keinem Weibe
vertraut / sondern für ihnen versiegelt; ja wenn eines des Weintrinckens
überwiesen würde / wäre es ein halsbrüchiges Laster. Welches nicht so wohl für
eine Straffe dieses Geschlechtes / weil ein Weib von Croton dem Hercules einen
Trunck versaget / als für eine weise Vorsicht zu halten wäre: dass / nachdem der
Bacchus ein Waffenträger der Wollust / und die Milch der Geilheit wäre /durch
seine Hitze nicht der Schnee der Keuschheit versehret würde. Ja der Wein und das
weibliche Geschlechts vertrügen mit einander auch so schwer eine Gemeinschaft:
dass die unter dem Zeichen der gestirnten Jungfrau gepflantzten Reben nicht
geriechen. Weil der Wein auch die Fruchtbarkeit störte / hätten zu Cartago
keine junge Eheleute; und weil er den Verstand verdüsterte / keine Obrigkeiten
Wein trincken dörffen. Zu Aten aber hätte ihr Fürst durch Trunckenheit alsbald
den Hals verwürgt; bei denen Epizephyriern aber / vermöge eines vom Zalevcus
gegebenen Gesetzes / iedweder Bürger / der ohne des Artztes Befehl Wein
getruncken hatte. Sintemal diese Leute wohl wussten: dass der Wein Drachen-Galle /
ein Gift iedweden Alters wäre / welcher die Menschen in Pferde / Tiger / Affen
/ Hunde und Schweine verwandelte. Daher die Natur denselbten sonder Zweifel den
Deutschen zum besten nicht hätte von sich selbst wachsen lassen / uñ durch diese
Kargheit ihnen die gröste Wohltat erwiesen. Weil sie nun dessen so lange Zeit
hätten entpehren können / wäre wegen allzeit gefährlicher Veränderung es wohl am
ratsamsten Deutschland im alten Stande zu lassen. Der Feldherr versetzte: Die
Natur / als eine kluge Mutter / hätte die Menschen nicht zum verterbenden
Müssiggange / und dass sie nur die Hände in die Schoss legen / und mit offenen
Mäulern die Weintrauben aus der Lufft fangen sollten / in den Garten der Welt
gesetzt. Denn / wenn sie nicht arbeiten / und ihre Gaben mit Schweisse
verbessern sollten / worzu wären ihnen die Hände nütze? Nichts dörffe mühsamerer
Pflegung / als der Wein-Stock / auch in den reichesten Wein-Ländern. Das
Getreide / welches die Catten doch nunmehro fleissig säeten / wüchse eben so
wenig von sich selbst / als der Wein. Der Oel-Baum wäre zu des Tarquinius
Priscus Zeit noch in Italien unbekant; des Weines aber bei des Numa Herrschaft
so wenig gewest: dass er verboten die Holtz-Stösse oder Todten damit zu
besprengen; und Mezentius / der Hetrurier König /hätte umb wenigen Wein den
Rutilern wider die Lateiner beigestanden. Käyser August hätte allererst für
wenig Jahren die Pomerantzen in Italien zu pflantzen angefangen. Also könnte
durch Fleiss in Deutschland mit der Zeit gemein werden / was ietzt die seltzamste
Köstligkeit wäre. Alle Sachen zwar / derer Missbrauch mehr schadete / denn der
Nutz fromete / wären billich auszutilgen; wenn nur durch solche Vertilgung auch
die Wurtzel des erwachsenden Ubels gedämpfet würde. Alleine wäre der Mangel des
Weines zeiter den Catten und der durstigsten Mitternacht ein genungsames Mittel
der Nichternheit gewest. Pflegten die Scyten / Tracier und Babylonier nicht
gewisse Kräuter ins Feuer zu werffen / und durch den in Hals gezogenen Rauch
sich truncken zu machen? Würden nicht die Araber von ihrer Aloe / die Indianer
von ihren Palmen-Nüssen / die Asiaten von Mah-Saffte andere Völcker von der
Feuchtigkeit gewisser Wurtzeln / und vom Rauche unterschiedener Pflantzen voll?
Hätten die Deutschen nicht aus Getreide /Honig und Hopfen etliche Träncke zu
kochen erfunden; welche an Stärcke dem Weine überlegen / der Gesundheit aber
viel abbrüchiger wären? Ja die doch vom Weine reichlich versorgten Länder
müheten sich durch Fäulung oder Abkochung des Wassers mit vielerlei Gesäme /
Kräutern und Früchten neue Wollüste und mehr Werckzeuge der Trunckenheit zu
erfinden. Da nun iedes Volck einen gewissen Hang zu etwas hätte / was sich weder
mit Feuer und Eisen von selbigem absondern liesse; die Deutschen aber wie die
Scyten und Persen die Liebe des Trunckes zu ihrer Eigenschaft bekommen hätten;
also ihre trockene Ratschläge ins gemein übel gerieten; warumb wollten sie
ihren Landesleuten nicht gönnen ihren Durst an etwas edlerm und gesünderm zu
leschen? nachdem die ganze Welt schon die erste Speise der Eicheln verworffen
hätte / und Deutschland sich nicht mehr mit Milch und wilder Tiere Fleisch
vergnügte. Er wollte der Trunckenheit nicht das Wort reden; wormit andere Völcker
/ welche mit Geilheit / Untreu und andern Lastern beschwärtzt wären / die
Deutschen ihnen gleich zu mahlen meinten. Er wäre auch mit demselben Römischen
Zunftmeister einer Meinung / welcher es zu Rom für einen Abbruch der Freiheit
hielt /wenn einer sich durch Schwelgerei nicht selbst in Grund richten dörffte.
Nichts desto weniger wäre die Güte des Weines so gross: dass er sich nicht schämte
selbten zu verteidigen und zu bekennen: dass die Cherusker eben so ungern / als
die Scyten den Wein mit Wasser mischten; und dieses Geschöpfe der Natur dem
Menschen-Gemächte des Bieres billich vorzügen. Die fühl- und Vernunft-losen
Dinge empfinden selbst: dass der Wein ein rechtes Oel des Lebens wäre. Die darmit
angefeuchteten Wurtzeln gäben ihren Pflantzen gleichsam eine neue Seele. Die
schon halb-gestorbenen Massholder-Bäume würden von der Krafft des Weines wieder
lebhaft. Der Wein erhielte das darein geweichte Gesäme der Kräuter: dass es
nicht schadehaft würde. Die Römer netzten ihre geschornen Schafe mit Weine: dass
sie weichere Wolle trügen. Wenn man der wüttenden Ochsen Rücken damit besprengte
/ würden sie gezüge; die müden Pferde von diesem Geträncke stärcker; die zum
fallen geneigten Maul-Tiere giengen davon gewisser; die Panter aber würden gar
zahm; die darnach lechsenden Schlangen kirre; also dass die einem Menschen in
Hals gekrochene durch nichts leichter als vermittelst des Weines heraus gelocket
werden könten. Der dem Menschen von diesem himlischen Safte zuwachsende Fromen
aber wäre unzehlbar. Die Deutschen härteten zwar ihre Kinder durch Eintauchungen
in kaltes Wasser / aber oft mit ihrem Verlust / ab. Hingegen stärckte nichts
mehr und sicherer neugebohrne Kinder /und trocknete ihre übermässige
Feuchtigkeit / als wenn man sie mit Wein abwüsche. Er nährete am geschwindesten;
würde am leichtesten zu Blute; stärckte die Spann-Adern; heilete die Wunden;
wärmete den Magen; begeisterte das Geblüte; erquickte das Hertz; brächte mit
seinem durchdringenden Geruche die Ohnmächtigen und Halb-todten wieder zurechte;
verursachte den Schlaf; ja eine davon entstandene Trunckenheit hielffe
unterschiedenen Kranckheiten ab. Westwegen auch die mässigsten Römer zuweilen
für dem Abend-Essen und nach dem Bade sich damit zu überfüllen pflegten. Ja das
Gemüte und die Seele kriegte von diesem Wunder-Geschöpfe der Natur Kräfften und
Regung: wenn es die Sorgen erleichterte / die Traurigkeit vertriebe / das Leid
in das Nicht der Vergessenheit vergrübe; die Widersinnigen freundlich / wie das
Wasser die Wolffs-Erbsen süsse machte /und die Tapferkeit anzündete. Diesemnach
sich so wenig zu verwundern wäre: dass die Deutschen und alle behertzte Völcker
so gerne Wein trincken; als dass die Stadt Aten auf Anleitung ihrer
Wahrsager-Geister dem Artzte Bacchus einen Tempel bauten; und ein gewisses Volck
in Africa den Wein gar als einen Gott anbetet. Hertzog Arpus begegnete dem
Feldherrn: Der Wein wäre ein am Holtze der Reben verfaultes Wasser; und daher
seinem Bedüncken nach den Pflantzen und dem Vieh gesünder / als den Menschen.
Denn jene wüsten wohl / nicht aber diese Maass zu halten. Und wäre dem Weine fast
allein zuzuschreiben: dass der Mensch unter allen Tieren das einige wäre /
welches trincke / wenn ihn gleich nicht dürstete. Dass die Parten und Alcibiades
aus dem Vermögen viel zu trincken Ehre gesuchet; Tiberius auf solche Säuffer
gewisse Preisse aufgesetzt; Marcus Antonius von seiner Trunckenheit Bücher
geschrieben / und der junge Cicero an seines Vaters Mörder sich wohl gerochen zu
sein geglaubt hätte / wenn er ihn im Sauffen überwunden; gleich als wenn die
Menschen zum Verterb des Weines geboren / und es ein Laster wäre / den Safft
der Trauben anders / als durch den Menschen ausschütten. Die Hitze aber / welche
der Wein in des Menschen Hertze und Gehirne erregte / verdiente mehr den Nahmen
einer blinden Tollkühnheit / als der Tapferkeit / welche ohne Vorsichtigkeit
eine schädliche Mutter vieler Blutstürtzung wäre. Daher sonder Zweifel der Wein
das Trauben-Blut genennet; und / dass der erste Wein-Stock aus dem Blute der vom
Donner erschlagenen Riesen gewachsen wäre / getichtet würde. Wegen der denen
Trunckenen insgemein anhangenden Raserei mahlte man sonder Zweifel auch dem
Bacchus Hörner an die Stirne; und die Deutschen hätten vermutlich darumb Hörner
zu ihren Trinck-Geschirren erkieset. Weil nun der Wein derogestalt die Vernunft
ersäuffte; alle Geheimnisse des Hertzens aber / wie das Meer die Leichen / von
sich stiesse / wäre er niemanden mehr / als den Deutschen zu meiden. Diesen wäre
die Hertzhaftigkeit angebohren; also hätten nicht sie / sondern nur furchtsame
Völcker des Weines von nöten: dass sie ihnen ein Hertz trincken. Die streitbaren
Geier lebten ohn alles Geträncke; und von Adlern würde als ein Wunderwerck
angemerckt: dass man in der Belägerung Babylons einen habe trincken sehen. Weil
der Wein auch niemanden schädlicher als Kriegsleuten wäre / hätten die
streitbaren Spartaner die / welche vom Weine truncken worden / fast für
unehrlich gehalten; die sonst dem Weine sehr ergebenen Cartaginenser aber bei
Lebens-Straffe Wein ins Lager zu bringen verboten. Hätte Hannibal diss Gesetze
zu Capua beobachtet / wäre der Uberwinder der Römer nicht vom Weine überwunden /
und seiner Siegs-Kräntze verlustig worden. Dannenher der Lorber-Baum mit dem
Wein-Stocke nicht unbillich eine grössere Feindschaft als der Kohl hegte /
welcher aus den bitteren Tränen des dem Bacchus folgenden Lycurgus sölte
entsprossen sein. Der grosse Alexander hätte die Schädligkeit des Weines erkennt
/ da er sein Kriegsheer ohne dessen Verterb nicht über das Wein-reiche Gebürge
bei der Stadt Nysa zu führen getrauet; wiewohl er hernach mit seinem
Weinsäuffigen Heere als ein Bacchus aus Indien durch Gedrosien zurück gezogen;
nachdem er vorher das Blut seiner besten Freunde dem wüttenden Bacchus / nämlich
dem rasend-machenden Feinde aufgeopfert hatte. Hingegen hätte Scipio durch
nichts Asdrubaln mehr Schrecken eingejagt / als durch seine Nichternheit bei der
Taffel des Königs Syphax. Diesemnach glaubte er: dass es die Wohlfart
Deutschlandes erfordere seiner Vorfahren Beispiele nachzufolgen / und am
Rhein-Strome keinen Wein-Stock; zu dulden / sondern solche mit Strumpf und Stiel
zu vertilgen. Zwei vom Elico einem Helvetier über die Alpen gebrachte
Wein-Trauben hätte diese Mauren Italiens zu durchbrechen den Deutschen Anlass
gegeben / und Rom eingeäschert. Die am Rheine gepflantzten Weinberge würden auch
die Römer nicht nur ewig an diesen Strand / sondern weil die Begierde stets nach
etwas neuem lüstern wäre / mitten in Deutschland locken. Hertzog Herrmann brach
ein: Weil die aller Welt Niedligkeiten zum Zins bekommenden Römer / welche doch
ganz verächtlich von Deutschlands Herrligkeiten urteilten; so als die
Schlangen nach der Deutschen Rhein-Weine dürsteten / möchten sie ihn doch nicht
ehe zur Ausrottung verdammen / ehe sie vorher diss / was vertilgt würde /
gekostet hätten. Der Priester des Bacchus nahm bei diesen Worten aus dem holen
Fusse des Bacchus-Bildes ein Berg-kristallenes Opfer Geschirre herfür / schlug
mit einer eisernen Rute wider das Bild / worvon sich ein verborgenes Röhr
öffnete / und machte hiermit: dass dem männlichen Bacchus-Bilde aus dem Munde
/dem weiblichen aus der rechten Brust Wein; jenem aus dem Nabel / diesem aus der
lincken Brust Milch sprützte. Der Feldherr lächelte hierüber / und fieng an: Ich
sehe der Griechen Getichte hier rechtschaffen wahr werden: dass die Bacchen mit
einem Ruten-Schlage aus einem Felsen herfür strömenden Wein sollen zuwege
gebracht haben. Unterdessen fieng der Priester eine Schale voll Wein auf /
welcher an Farbe zerlassenes Gold beschämte; und reichte sie dem Feldherrn. Ehe
er ihn kostete / roch er daran / und fieng an: Die Farbe dieses Weines bewähret
seine Gemeinschaft mit dem Golde / sein Geruch aber mit den edelsten Gewächsen
der Welt. Denn ob zwar der Tasische Wein nach Aepfeln / der aus Corsica nach
Quitten / der aus dem grossen Griechenlande nach gelben / der in Latium nach
blauen Feilgen / der umb Ticin nach Pineolen / der auf dem Berge Libanus nach
Myrrhen reucht; so übertrifft doch dieser Wein den Geruch der köstlichsten
Würtzen. Daher sollte ihm der Priester sägen: Ob er von sich selbst oder durch
Kunst so wohl rüche? Dieser antwortete: Nichts züge zwar so geschwinde und
kräfftig frembden Geruch /als der Wein / sonderlich aber der Rhein-Wein an sich;
insonderheit aber wäre er ein begieriger Bräutigam des Balsams / des Weirauchs
und Rosen. Aber dieser Wein hätte nichts geborgtes; sondern er wäre eine mit
allem Beisatze unvermählte Jungfrau / wie er von der Wurtzel kommen. Der
Feldherr fuhr fort: Wo der Geschmack dem Geruche und der Farbe beikomt
/verdiente er wohl: dass er / nach Gewohnheit der Griechen / mit Lauten-Spielen /
und wie der Fisch Accipensei beim Käyser von gekrönten Dienern mit Flöten auff
die Taffel getragen würde. Hierauff tranck der Feldherr diese Schale dem Herzog
Arpus auf Gesundheit aller redlichen Deutschen zu / welche für die Freiheit des
Vaterlands so begierig ihr Blut zu vergiessen / als er diese Schale auszuleeren
geneigt wäre. Nachdem er sie ausgetruncken / fieng er an: Warlich! dieser Wein
ist ein so edler Safft: dass es Schade wäre / wenn einige Rebe davon verterben
sollte. Ja ich glaube: dass wenn schon einer von einem im Wein ersteckten Frosche
oder Aal getruncken / allerhand im Wasser gewachsene Kräuter / oder gekochte
Eyer einer für den Wein-Stöcken die gröste Abscheu habenden Nacht-Eule und Galle
von Barben geessen hätte / wie auch die Wurtzel des Persischen Baumes Amavil am
Arme trüge / dennoch alle diese Künste vergebens sein würden / für diesem
männlichen und also den Deutschen recht anstehendem Weine einen Eckel zu machen.
Unterdessen hatte der Priester schon die Schale mit dem schäumenden Weine
angefüllet / und reichte sie dem Hertzoge der Catten; welcher selbte auf
Gesundheit des Feldherrn austranck; und nachdem er ihm selbte noch einmal füllen
lassen / solche auf Tussneldens Gesundheit ausleerte; darbei meldende: Die Römer
wiedmeten ihren ersten Trunck den Haus-Göttern / die Griechen den Gratien oder
dem Bacchus / die klügsten von beiden dem erhaltenden Jupiter /den andern dem
Schutz-Geiste / den dritten wohl-verdienten Helden. Daher würde er wider seine
Pflicht der Danckbarkeit handeln; wenn er nicht dem Feldherrn / als Deutschlands
Erhalter / Schutz-Geiste und grössesten Helden mit so reinem Hertzen / als die
Cristallene Schale wäre / den ihm so hoch gerühmten Wein einsegnete. Der
Feldherr lächelte; Arpus aber sagte: Ich gestehe es: dass wo das Weintrincken
scheltbar / der Genuss dieses Weines nur eine vergebens-werte Schwachheit sei.
Sintemal ich mich zu Rom und in Griechenland nichts so köstliches getruncken zu
haben erinnere. Daher im Fall bei den Griechen ihr auff dem Eylande Chios
wachsender / bei den Römern der Surrentinische Wein verdienet: dass sie bei ihren
Gastmahlen Kräntze von Epheu auffsetzen / ihnen Ametysten auf den Nabel binden
/ auch vorher. Saltz / Milch / Oel und Kohl verzehren / umb der Trunckenheit
dadurch zu begegnen / wormit sie desto mehr solchen edlen Safftes genüssen
können; so ist dieser Wein wohl wert: dass man seiner Anmut halber Kräntze von
Rosen / weil er aber sonder Zweifel alle Weine der Welt übertrifft /
Siegs-Kräntze von Lorber-Bäumen / welche zwar andern / nicht aber den Rhein-Wein
zu entkräfften mächtig wären / aufsetzen / seiner Köstligkeit halber aber mit
ihm so sparsam /als die Juden mit ihrem bei Jericho auff der Fläche Engaddi
wachsenden Balsam umbgehe. Sintemal dieser Wein ein rechter Balsam des Lebens /
und sich darumb nicht zu verwundern ist: dass Wein und Balsam auff einer einander
ganz ähnlichen Staude wachsen / und so sehr die Hügel lieben. Der Priester /
welcher nun auch dem Feldherrn die andere Schale zu des Cattischen Hertzogs
Gesundheit eingeschenckt hatte; fieng hierüber an: Er wäre von Hertzen erfreuet
/ dass er nunmehr das edle Gewächse / wormit sich Deutschland dem Myrrhen- und
Weirauch-reichen Arabien /dem fruchtbaren Egypten und Phönicien vorzücken könnte
/ ausser Gefahr sähe. Denn da unter den Balsam-Bäumen die von seinen
abtröpfenden Tränen sich nährende Nattern und Schlangen gleichsam ihre
Reichs-Tage halten / und weder Araber noch Juden darunter sicher sind / da sie
zumal selbte / gleich als dem Balsam geheiligte Tiere nicht zu beleidigen sich
erkühnen / und sich darmit trösten müssen: dass ihre Balsam-Speise ihr Gift
etwas lindere; so verjaget hingegen die Blüte des Wein-Stocks alle giftige
Tiere / wie der Feilgen-Saamen die Scorpionen. Uber diss trägt der Balsam-Baum
nicht wie der Wein-Stock herrliche Früchte / sondern nur Saamen; und da ja seine
Tränen für eine Frucht zu achten / so beweinet er gleichsam mit seinen
sparsamen Tropfen sein süsses Armut. Daher auch des Käysers Auffseher zwantzig
Untzen für tausend Attische Drachmen verkauffen / die Kauffleute aber seiner
Wenigkeit halber ihn mit zehnfachem Beisatze anderer Säffte verfälschen müssen.
Sintemal die drei hundert umb Jericho liegenden und Balsam tragende Morgen
Erdreichs die Welt damit zu versorgen zu enge sind / und das wenige und
geringere / was in Arabien und Egypten bei Heliopolis wächst / nirgendshin
zureicht. Hingegen tragen die am Rheine nur zwischen dem Einflusse des Meins und
der Mosel gelegene Berge so viel Wein: dass es an Fässern selbigen zu fassen
gebricht; und es scheinet; als wenn die zwischen denen trockenen Steinen sich
durchflechtenden Wurtzeln der Wein-Stöcke den halben Rhein-Strom in sich saugen
/ und sein Wasser in den so edlen Wein verwandeln; welchen schon Drusus für den
besten in der Welt durch dieses Gebäue erkläret hat. Dannenher beide Hertzoge
mit diesem Geträncke nicht sparsam zu sein; sondern vielmehr ihre müden Heere
damit zu laben Ursach hätten. Denn es läge allein unter dem Tempel ein solcher
Uberfluss von Weine / welcher hundert tausend Menschen ein Jahr lang träncken
könnte. Zu desto sicherem Gebrauche dieses Reichtums hätte die Natur sonder
Zweifel fünf Meilen von dar nahe beim Rhein einen Brunnen quellen lassen /
welcher aller vom übrigen Weintrincken entstehender Beschwerligkeit abhülffe. Ja
diese Gegend an beiden Seiten des Rheines / des Meins und der Mosel wäre zum
Weine von Natur so geartet: dass bei der Zusammenflüssung des Rheines und der
Mosel / wie auch nur vier Meilen davon / wo die in den Lahn-Strom fallende
Schwal-Vach entspringt / zwei nach Weine starck schmeckende / und sich mit
demselben heilsamlich vermischende Sauer-Brunnen entspringen / welche / wie alle
gereisete Römer bekennen / das Wein-Quell auf dem Eylande Naxos / in Jonien bei
Teos / in Lycaonien bei Cybira / in Cappadocien bei Ceräsunt weit übertreffen.
Welche zwei so starck nach Weine schmeckende Brunnen auch einem von Rom in
Deutschland zurück kommenden Bürger dieses Ortes Anlass gegeben hätte etliche mit
sich gebrachte Wein-Säncker zum ersten allhier einzulegen. Der Priester drehete
hierauf an dem Fusse beider Altäre zwei Hahnen auf / und reichte beiden
Hertzogen aus oberwähnten Brunnen das weinlichte Wasser; welches sie kosteten
und lobten / Hertzog Arpus auch mit Weine vermischte. Der Feldherr aber weigerte
sich vom vermischten zu trincken / und sagte: Er hielte dafür / man sollte den
Wein trincken / wie man in Opfern brauchte / nämlich ohne Wasser. Welches so
genau beobachtet würde: dass auch der Griechische Wein / weil er wässricht / so
wenig / als der auff einem vom Blitz berührten Wein-Stocke gewachsen wäre / zum
Opfer taugte. Hertzog Arpus versetzte: Die Römer und Griechen giessen gleichwohl
mit Wasser vermischten Wein in das Opfer-Feuer des Mercur / als eines Gottes /
welcher Lebenden und Todten vorstehen sollte. Nichts weniger würde bei denen in
Griechenland für die dem Vaterlande gestorbenen Helden gehaltenen
Jahr-Gedächtnüssen mit Ochsen-Blut gemischter Wein geopfert. Jedoch wollte er
sich keines weges mit frembdem Aberglauben behelffen; gleichwohl hätte er zu
Verfechtung seiner Wein- und Wasser-Mischung anzuziehen: dass der Wein zu Rom
nicht nur mit Brunnen-Wasser / sondern des Sommers mit teuer-erkaufftem Schnee
und Eise vermählet; ja mit anfangs gewärmtem / und hernach in einem Glase
gefrornem Wasser vermengt / und der nachdenckliche Durst dardurch vergnüget
würde. Der Priester fiel ein: Er hätte zu Rom freilich wohl nichts gemeiners /
als / nach ihrer Redens-Art / die Verlobung eines feurigen Bacchus /welcher
durch den Blitz aus dem Leibe Semelens genommen / und vom Jupiter im Wasser
abgekühlet worden wäre / mit einer kalten Nymphe gesehen. Die Stadt Aten hätte
diese Gewohnheit auch dardurch deutlich gebilligt / da sie dem Bacchus und den
Wasser-Göttinnen im Heiligtum der Horen zwei Altäre neben einander gebauet.
Diesemnach denn auch die Griechen unter einander stritten: ob Melampus /
Staphylus / Amphyction / oder ein Zufall der Erfinder dieser so heilsamen
Mischung wäre / und am Ende ihrer Gastmahle einen halb mit Wein / halb mit
Wasser gefüllten Becher dem regnenden und erhaltende Jupiter wiedmeten. Ja ins
gemein würde nicht nur die Helffte von beiden / sondern zwei Drittel Wasser /ein
Drittel / oft aber auch nur ein vierdtes Teil Wein zur Vermengung genommen.
Daher zu Rom in einem Garten über einem steinernen zum Spring-Brunnen
gebrauchten Bacchus diese Worte gesetzt sind:
Ich wäre bald verbrennt / eh als ich war geboren;
Drumb hab' ich mir die Flutt zur Buhlschaft auserkohren.
Alleine unser edler Rhein-Wein hat diese unschätzbare Tugend; dass er bei seinen
Kräfften kein die edlen Eingeweide angreiffendes Feuer verbirg / also keiner
Wasser-Vermischung / wie die meisten andern Weine nicht bedarff; wiewohl es ihm
so wohl diese Vermengung / als die Eis-Abkühlung zu vertragen an Kräfften nicht
mangelt. Der Feldherr fiel diesem bei /und meldete: Er wüsste wohl: dass etliche
mehr Schwefel als Safft in sich habende Weine ohne Schnee oder Eis halbes Gift
abgäben / durch diss Erfrischungs-Mittel auch in Sicilien und Hispanien zeiter
an der sonst gewöhnlichen Zahl der Sterbenden dem Tode kein geringer Abbruch
geschehen wäre; hingegen aber brächte der Missbrauch dieser Abkältung tausend mal
mehr Schaden als Frommen. Denn diese erkältete den Magen / grieffe die Lunge an
/ verdüsterte das Gehirne / schreckte die Leber / verstopfte den Miltz / machte
die Spann-Adern starrend / und verursachte hundert anderlei Ungemach. Wenn aber
ja denen trockenen und bei welchen die Galle sich ergeust / die Abkühlung was
dienen soll; sollte / seinem Urteil nach /auch der beste Wein nicht vermengt /
und also dieses kräfftige Oel nicht durch einen schlimmen Beisatz vergeringert;
sondern nur nach Gelegenheit der Zeit und Örter der Wein / wie bei den
Egyptiern / des Nachts in die Lufft / des Tages unter die Erde gesetzt; oder
nach Gewohnheit der Griechen / zum meisten Kiesel-Steine darein geworffen / oder
das Wasser /welches den Wein auffrischen soll / mit Salpeter in Eis verwandelt
werden. Deutschland aber hätte / dieser frembden Künste / am wenigsten aber der
kalten Schlangen / welche in Africa und zu Rom so wohl die Flaschen / als den
Hals des Frauenzimmers abkühlen müsten / von nöten. Sintemal sie in Eis-Gruben
unschwer das ganze Jahr Schnee und Eyss aufheben / in ihren meist in Fels
gehauenen Kellern auch der Hitze alle Würckung benehmen könten. Der Priester
brach ein: Die Deutschen vermöchten wegen ihrer eingebohrnen Wärmbde nicht nur
den euserlich-abgekühlten / sondern auch den mit Eyss und Schnee vermengten
Tranck wohl zu vertragen. Es schadete aber auch denen Schwächern dieser
Geträncke nicht / wenn nur der mit Wasser vereinbarte Wein nach etlichen Stunden
allererst getruncken; also ihrer Einverleibung /wie allen Dingen / reiff zu
werden Zeit gelassen / insonderheit aber beides in zweien mit dem engen Munde
auf einander gesetzten Gläsern derogestalt nach und nach vermischet würde: dass
der unten stehede Wein in das oberste Wasser empor stiege / das obere Wasser
aber sich herunter liesse. Jedoch wäre er der Meinung; dass / da einiger Wein
seiner übermässigen Stärcke halber der Gesundheit zum besten mit Wasser zu
vermischen ratsam / solches mit warmem Wasser geschehen solle. Sintemal die
Seren / Egyptier / Persier / und die meisten Morgenländer die Güte ihrer warmen
Geträncke durch ihr vieljähriges und nichts von Stein / Darm- oder Glieder-Gicht
wissendes Leben bekräfftigen; ja etliche noch darzu wärmende und trocknende
Kräuter darein tun; oder gar den stärcksten Wein mit Zimmet und Pfeffer mehr
entzünden / und über der Kohlen-Glut gleichsam glüend werden lassen. Hertzog
Arpus ärgerte sich über diesem Geträncke / und sagte: Es mangelte diesen
Feuer-Trinckern nichts / als dass sie auch Eisen speiseten /wormit ihre
Strauss-Magen auch etwas Feuer-vertragendes zu verdeien hätten. Der Feldherr fiel
dem Cattischen Hertzoge bei; und gab zu verstehen: dass nur ein geringer Wein als
ein Bild der Warheit des Schmierens / wie ein hesslich Antlitz der Schmincke von
nöten hätte. Daher müste der im alten Griechenlande gewachsene schwache Wein in
Fässern ins Meer geworffen / und hierdurch wie der Massilische durch Rauch /
Cypressen- oder Muscaten-Nüsse / zerlassenen Zien / Saltz / Schwefel-Einschlag /
oder darein gegossenes Meer-Wasser verstärcket werden. Der Priester meldete:
durch dis letzte Mittel würde das Getichte wahr: das der für den aufrührischen
Riesen fliehende Bacchus sich ins Meer versteckt / und die Meer-Schweine zu
seinen Gefärten hätte. Der edle Rhein-Wein aber vertrüge wohl das Wasser dieser
zwei heilsamen Gesund-Brunnen / so wenig aber / als der von Chios / das
Meer-Wasser. Hingegen aber würde er wie die Hispanischen / Rhodischen /
Cretischen und Cyprischen Weine / durchs führen stärcker. Westwegen alle zu
diesem Altare kommenden Römer beteuerten / dass wie köstlich gleich dieser Wein
allhier wäre / er doch dem von hier nach Rom geführten nicht das Wasser reichte.
Dahingegen die aus Corcyra und Zacynt nicht einst bis in Egypten ohne
Versauerung geführt werden könten. Hertzog Herrmann brach ein: Diese geringen
Weine verdienten in den Gastmahlen zu Besprengung der Erde / und in
Schau-Spielen zu Versprützung der Elefanten verbraucht zu werden / weil in
meinem Gebiete so kräftiges Bier gebrauen wird / welches über alle Meere tauert
/ und das die Friesen in Africa / Indien / und die Atlantischen Eylande
verführen. Der Priester verfolgte seine vorige Rede und meldete: Hierinnen täte
es der Rhein-Wein nicht allein diesem Viere / und denen geistigsten Weinen
gleich; sondern auch fast allen in der Tauerung zuvor; ja sein Alter verbesserte
ihn von Jahr zu Jahr; also dass die Römer nichts von dem zu Zeiten des Königs
Numa / der Bürgermeister Frontinus / Tullus und Bibulus zu tichten / noch den
zwei-hundert-jährigen Opimianischen Wein als ein unvergleichliches Wunder zu
rühmen haben. Sintemal sie solchen durch einen härenen Sack gezwängten oder
verschnittenen Wein durch Aniss / bittere Mandeln / Rauch / Gyps /Kalck und
andere Künste kaum erhalten; der Rheinwein aber / wie der Arische in Bactriana /
durch eigene Kräften unaufhörlich an Stärcke und Geschmacke zunimmt / und / wenn
er ein altes Weib worden /mehr / als in der Jugend vergnüget; weil seine
anfängliche Härtigkeit sich abliegt / die anfangs linden Weine aber / und zwar
auch dieselben / welche in Dacien am Tibiscus wachsen / und anfangs die
stärcksten und süssesten in der Welt sind / immer härter werden. Massen denn der
aus diesem Bacchus-Bilde spritzende Opfer-Wein der allererste ist / den Drusus
allhier gepflantzet hat. Der Feldherr fragte: Wenn /und aus was für Anlass denn
Drusus allhier Wein /und dis ansehnliche Heiligtum gebaut hätte? Der Priester
antwortete: als Antonia zum Drusus in Deutschland kommen wäre / hätte derselbige
Deutsche / welcher etliche aus Italien gebrachte Weinsencker allhier eingelegt /
der verdrusslichen Antonia eine Schüssel-voll frische Trauben verehret. Weil sie
nun diese gegen dem Drusus sehr gerühmet; Er aber hierüber so viel mehr
Vergnügung / als sonst Antonia in dem ihr allzu wüsten Deutschlande Verdruss
schöpfte / verschrieb er ihr zu Gefallen aus Lessbus / Chios /Creta / aus Italien
vom Berge Gaurus / Aulon und Pausilypus / wie auch von Surrent / aus Sicilien /
und weil der Käyser August neulich den Rhetischen Wein zu trincken erwehlt hatte
/ aus Rhetien / ja gar von Chelbon aus Syrien eine grosse Menge junge
Weinsäncker und erfahrne Gärtner / welche diese Gegend in kurtzer Zeit mit Reben
überdeckte / und daraus dis edle Blut der Erde pressen liess / welches nicht nur
Drusus und Antonia / sondern letztlich auch der Käyser selbst zu seinem
Leib-Truncke erkiesete. Als Drusus auch von seinem Zuge gegen die Friesen zurück
kam / Antonia aber / welcher ein geheimer Liebes-Dorn in Augen steckte / noch
immer ihrer traurigen Einsamkeit nachhieng; suchte er alle Mittel herfür sie zu
vergnügen / und den Mangel der Römischen Ergetzligkeiten zu ersetzen. Unter
allen sinnreichen Erfindungen war ein Feier / welches er an des Käysers
Geburts-Tage allhier anstellte; aber darinnen mehr den Rhein-Wein und seinen Bau
/ als den Käyser ehrete. Alleine / sagte der Priester / es würde zu lang werden
mit dieser Erzehlung so erlauchte Ohren zu missbrauchen. Nach dem aber beide
Hertzoge alles zu wissen verlangten; Hertzog Arpus auch an diesem annehmlichen
Orte die Taffel zubereiten / den Fürsten Catumer / Franck / Marcomir und andere
Kriegs-Häupter fordern liess / verfolgte der Priester seine Erzehlung: Bei diesem
Feier führte Drusus in seinem von der Natur selbst mit Hügeln und Bäumen
umbgebenen / und auf der einen Seite vom Rheine beströmten Schau-Platze den
Geist der unter- und der über der Erde wachsenden Dinge auf / welche mit
einander umb den Vorzug stritten. Die Natur sass auf einem goldgestückten Trone
/ ihr Haupt war mit der Sonne / der Hals mit Sternen / die Brust mit dem Monden
bekleidet. Der grüne Rock war mit allerhand Gewächsen beblümet; Unter den Füssen
lag allerhand Ertzt /Korallen / Muscheln und dergleichen Dinge. Der erstere
einem Bergmanne ähnliche Geist striech die Notwendigkeit des Eisens / als den
unentpehrlichen Werckzeug aller Handwercks- und Ackers-Leute. Die Dienligkeit
des Bleies / ohne welches Gold und Silber nicht von anderem Ertzte geschieden /
noch den Edelgesteinen ihr vollkommener Glantz gegeben werden könnte. Die
durchdringende Krafft des Quecksilbers; welches als das schwerste Metall durch
keine Gewalt zernichtet / als das flüchtigste nirgends / als im Menschen-Blute
bestricket werden kann / und gleichwol nicht allein das Gold an sich zeucht /
sondern alle andere Metalle mit einander verbindet. Die Fürtrefligkeit des
Kupfers; welches seiner Geschmeidigkeit halber zu tausenderlei Gebrauche dienet
/ und die Stadt Corint mit ihren Ertzt-Seulen so berühmt gemacht hat. Den
Nutzen des Zienes; welches die Welt mit Trinck-Geschirren versorgt. Die
Herrligkeit des Silbers; und die Unschätzbarkeit des Goldes heraus; welche zwei
Metalle die Menschen fürlängst als ihre Götter angebetet hätten. In diesem
Ertzte steckten aller Pflantzen Eigenschaften / und mehr Kräfften der Artznei /
als in allen andern Dingen der Welt. Denn Kunst und Feuer hätten das Vermögen
den Stahl für die Beschwerden des Miltzes / das Kupfer für die Augen / das
Silber für die Kranckheiten des Hauptes zu einer flüssenden Artznei zu machen /
und mit dem trinckbaren Golde das Hertz zu stärcken; das Kupfer-Wasser / die
Alaun und Salpeter / ja das giftige Spiss-Glas hätten ihre heilsame Würckungen.
Das Saltz und der Schwefel wären die Erhalter aller irrdischer Dinge / ohne
welche keine einige Pflantze leben /wachsen / oder einige Krafft haben könnte.
Alle beständige Farben der Welt müste man von seiner Kreide / Lasur und Zinober
erborgen. Wer könnte die Schönheit der blauen Saphiere und Berillen / der grünen
Schmaragde und Türckisse / der braunen Ametisten / Sardonich / Chrysoliten und
Topasier / der feurigen Rubinen / und der die Sternen selbst bländenden
Diamanten beschreiben? des einigen Magnetsteines Nutzen überträffe den aus
tausenderlei Gewächsen herrührenden Fromen. Mit einem Worte: Sein
unterirrdischer Schatz müste allen Gewächsen /Brunnen und Wässern ihre Farbe /
Geschmack und Kräffte einflössen. Wenn aber an den Pflantzen einige
Vollkommenheit zu finden wäre / so wäre kein Metall / welches nicht in seiner
Blüte eine Staude abbildete. Sintemal der Trieb und Lauff des Quecksilbers und
Saltzes selbige regte: dass etliche wie Crystallen / etliche wie Corallen /
manche grün und blau / andere Gold-gelb oder scheckichte Bäume herfür wüchsen.
Ja die Künst könnte durch Hülffe des Feuers aus Ertzt alle auf Erden befindliche
Stauden in Gläsern nachwachsen lassen. Zu geschweigen: dass in denen tiefsten
Erd-Klüfften Holtz wüchse / welches an Schwerde und Härte das Ebenholtz
überträffe. Der einen Gärtner fürbildende Geist der Pflantzen hingegen sagte:
die heilsamen Kräffte seiner heilsamen Wurtzeln und Kräuter übertreffe die
Eigenschaften alles Ertztes. Durch diese reichte er mit ausgestreckter Hand
allen Tieren sein Geschencke / welche die Menschen durch Feuer und Gewalt aus
den Metallen schmeltzen oder pressen müsten / und selten ohne Gefähr brauchen
könten. Die Schönheit ihrer Blumen beschämte Zinober / Gold und Edelgesteine /
ja selbst die Gestirne. Ihre unzehlbaren Baumfrüchte reichten zu die ganze Welt
zu speisen; da die ganze unterirrdische Welt kein einiges Gerüchte herzugeben
hätte /und hiermit sich selbst verriete: dass das todte und nur ein unächtes
Wachstum habende Ertzt und Steine ein Besitztum der Todten; die Gewächse aber
der Lebenden wären. So käme auch nichts unterirrdisches ans Tagelicht / es
gereichte den Lebenden zum Verterben. Der Stahl wäre ein Werckzeug des Todes /
das Gold des Geitzes / die Edelgesteine der Hoffart und Geilheit. Nichts wüchse
auch unter der Erde / was nicht auch in Pflantzen zu finden wäre. Die
Korallen-Stauden wären so schön und harte als Edelgesteine /und zweifelhaft: ob
man sie eine steinerne Pflantze /oder einen wachsenden Edelgestein nennen sollte.
In den Atlantischen Eylanden und bei den Seren finde man Bäume / welche dem
Stahle an Härte nichts nachgäben / und so gut als daselbst auch gewisse Steine
und sonst ins gemein das Eisen zu Waffen und Pflug-Schaaren dienten; ja die
daraus gemachten Nägel länger / als die eisernen tauerten. Daselbst wüchse auch
Alaun und Schwefel auf Bäumen; bei den Trogloditen und Atlantiern rechte
steinerne Bäume; und in Pannonien windete sich das Gold wie Epheu umb die Reben.
Die Röte-Staude beschämte im Färben nicht nur den Zinober / sondern gar den
Purper; und in Mohrenland wüchsen Bäume / derer Oel blauer / als Lasur-Stein /
und gelber als Gold färbte. Wenn auch das Ertzt blühete / die Steine /Agaten /
Crystallen und andere Steine sich am schönsten ausputzten / nehmen sie die
Gestalt der Pflantzen an sich. Ja wenn nichts für die Pflantzen stritte / welche
zum teil auch ohne Berührung der Erde auf dem Wasser aus eisernen und
steinernen Bildern / und durchgehends aus beweglichen Gefässen wüchsen / so
würde doch der Geruch für ihn urteilen. Sintemal alles unterirrdische
stinckend; aller süsser Geruch aber den Gewächsen zu dancken wäre. Nach diesem
verwechselten Zwiste sprach die Natur das Urtel für die Pflantzen aus; weil die
Menschen zur Not alle in der Erde verborgene Dinge / keines weges aber der
Pflantzen entpehren könten. Der verspielende Geist hegte hierauf mit denen nach
Art der sieben Irrsterne ausgeputzten sieben Metallen / und sieben nach ihren
Farben gekleideten Edelsteinen /nämlich Diamant / Rubin / Schmaragd / Saphier
/Opal / Türckis und Sardonich einen Tantz nach Krummhörnern; darinnen sie aber
mit ihren heftigen Gebehrden ihren Unwillen zu verstehen gaben. Nach ihrem
Abzuge erschien in dem Schau-Platze Flora oder die Blumen-Göttin mit sechzig als
Jungfrauen gekleidete Blumen; und Pomona oder die Obst-Göttin mit so viel
männlich geputzten Bäumen. Alle hatten in der lincken Hand grosse Schilde /
darauf die Blumen / Kräuter / und Bäume gemahlt waren / und ihre Häupter waren
entweder mit ihren eigenen Blumen /oder mit den Blüten und Früchten ihrer Bäume
bekräntzet. Darinnen aber das Seiden-Stückwerck und die Malerei viel aushelffen
musste. Die Blumen- und Obst-Göttin fielen der Natur dancksagende zu Fusse; und
ward jene mit einem Krantze von unzehlbaren Blumen / diese von nicht wenigern
Baum-Blüten beschencket. Jedwede wollte mit ihren Gespielen einen Lobe-Tantz
hegen; sie wurden aber gleichfals umb den Vorzug strittig / und verlangten von
der Natur entschieden zu werden. Die Blumen-Göttin führte für sich an: Sie wäre
die erst-gebohrne Tochter der Natur; die holdseelige Braut des Jahres. Denn ihr
wäre der Kern und die Jugend des Jahres / nämlich der für Anmut lachende
Frühling zum Eigentume gewiedmet. Daher gebührte ihr auch / als einer Braut die
Ober-Stelle. Das Gesichte und der Geruch wäre gleichsam nur ihr zu Liebe
geschaffen; weil kein Auge sich sein Lebtage an der unzählbaren Menge schöner
Blumen satt sehen / oder ihre Wunder-Wercke ausschöpfen könnte. Wenn das blöde
Auge des Menschens vollends darzu die Vergrösserungs-Gläser gebrauche / müste es
erstarren / so oft es in der Knaben-Wurtzel Blumen alle Glieder der Menschen /
in der Stendel-Blume der Biene / in andern der Vögel / der Heuschrecken
/Meerschweine und anderer Tiere Bildungen vollkommen erkiesete; also die Natur
nirgends wunderlicher / als in Blumen und Kräutern spielete. Der in ihnen
steckende Balsam aber weckte gleichsam Todte auf / nach dem die wolrüchenden
Sachen auch so gar die Leichen für Fäulnüs erhielten. Die Obst-Göttin hingegen
warf ein: Die Blumen wären ein unzeitiger Vordrab der fruchtbaren Natur;
Baum-Früchte aber das reiffe Reichtum des Herbstes. Der Blumen geschwinde
Geburt wäre selbst ein Zeugnüs ihrer Vergängligkeit; über ihren Früchten aber
hätte die Erde lange zu kreissen / der Himmel lange zu brüten / umb sie zu einer
so nützlichen Vollkommenheit zu bringen / nämlich den Geschmack zu vergnügen /
den Magen zu sättigen. Blumen wären Wind / also für die von der Luft lebende
Camelion / Früchte aber ein wahrhaftes Wesen / und daher für die
Nahrungs-bedürfftigen Menschen. Die Blumen-Göttin versetzte: Die Blumen füllten
zwar nur die Augen / vergnügten den Geruch /aber die Zwiebeln der Tulipanen /
der Wegwart und Schlangen-Wurtz / und viel andere sättigten auch den Geschmack
/ und gäben hunderterlei niedliche Speisen ab. In der Atlantischen Insel wüchsen
unterschiedene Kräuter / derer feuchte Wurtzeln zwar giftig wären / die
trockenen aber das den Weitzen übertreffende Meel; andere auch die
vollkommensten Mandeln / wie nicht weniger einen ziemlichen Vorrat von Wasser /
Milch und Wein abgäben; und umb den allein nackt gebohrnen Menschen zu kleiden
diente der so häuffige Flachs zum Gespinste / und eine gewisse Pflantze
beschenckte ihn gar mit Leinwand. Ja fast alle Wurtzeln und Kräuter der Blumen
wären die heilsamsten Artzneien wider fast unheilbare Kranckheiten des Leibes
und des Gemütes / nämlich den Aussatz und den Zorn. Die daraus gebrennten
Wasser wären der Krancken kräftigste Stärckungen. Aus den Blättern bereitete man
die bewehrtesten Wund-Salben. Ihre Kräuter widerstünden dem Giffte; ja ihr
Schatten und ihrer Blumen Anblick könten Spinnen /Kröten / Schlangen und giftige
Schnecken nicht einst vertragen. Dahingegen der blosse Schatten des Eiben-Baums
tödtete; in Indien etlicher Bäume gegen Abend stehende Blätter selbst-ständiges
Gift wäre; im Atlantischen Eylande einige gar Schlangen / und fast alle giftige
Raupen und Ungeziefer zeugeten; daselbst auch so wohl der Kröten / als Scorpionen
Wohnstädte wären. Ihre Blumen und Blätter dienten zu den schönsten Farben;
Jupiters Bart in Indien färbte schöner /als Berg-blau; das Marsingische oder
Budorgische Röte-Kraut besser / als Schnecken-Blut. Ja die Serer wüsten aus
einem gewissen Kraute ihnen den Wind /die Atlantier aus unterschiedenen ihnen
Leben und Tod wahrzusagen. Pomone setzte der Flora entgegen: Was man von
Kräutern ässe / wären Schalen; die Bäume aber / welche nicht nur die Erd-Kugel
über chatteten / sondern im roten Meere und andern Seen ganze Wälder machten /
brächten den Kern. Blumen gäben nur Salaten / welche doch den edlen Baum-Blüten
nicht gleich kämen; Baum-Früchte rechte und unzehlbare Gerüchte ab. Die Eicheln
der Eichen / die Nüsse der Buchen und Kästen-Bäume sättigten das Vieh; die
tausenderlei Sorten des Obstes / der Zitronen / Pomerantzen / Datteln /
Kockus-Nüsse und Granat-Aepfel stächen nicht nur alle andere Speisen des
Erdreichs und des Meeres / sondern auch ihre erquickende Blüten aller
wolrüchender Blumen / ja des Ambra und Zibets weg. Wiewol auch die zwei
Königinnen aller Blumen die Serische Rose / wie nichts minder die grösten und
kräftigsten Lilgen / derer in Wasser geweichte Blätter truncken machen; ferner
auch der kräftigste Lavendel Baum-Gewächse wären; und das Serische Rosen-Holtz
die Assyrischen Rosen / das Adler-Holtz aber Hiacynten am Geruche überträffe.
Was wollte sie sich aber mit dem leicht entpehrlichen Geruche und dem Geblüme
aufhalten? Nicht nur Obst / Oel / Gummi und Wein / sondern fast alle andere
Gaben der Natur wären Baum-Früchte. In Hircanien / Pontus / Cappadocien und
Tracien fliesse aus Bäumen Honig; in einem Atlantischen Eylande wüchse auf einem
Baume Butter / auf einem andern Kohl / auf dem dritten Austern / auf dem
vierdten eine Frucht / welche man an statt des Geldes in Handlungen braucht; in
einer andern Saltz / ja auf einem andern Nehnadeln / Zwirn / und ein Saft /
welcher ohne grosse Müh Wasser / Wein / Essig / Oel /Honig und Syrup abgibt.
Eben daselbst bringt einer Seide; aus einem andern Stamme rinnt Safft / der nach
der Gerinnung zu Spiegel-Wachse dient; eines andern scharffe Blätter werden zu
tauglichen Feilen gebraucht. Auf dieser grossen Atlantischen Insel wachsen auf
einem Baume rechte Ochsen-Hörner / und darinnen Ameissen / derer Eyer für die
Ohren und Zähne bewehrte Artzneien / so wie dieses Baumes Blätter wider
Schlangen-Stiche das sicherste Gegen-Gift abgeben. Bei den Seren tragen gewisse
Bäume den schönsten Talg zu wolrüchenden Lichtern / andere Wachs / ihrer viel
Wolle / Papier und Seide. In Indien werden aus den Palm-Blättern die schönsten
Tücher gewürckt; In Caledonien wandeln sich gewisse Baum-Blätter in Endten; bei
den Seren in Schwalben; bei den Atlantiern kriechen etliche Zweige wie lebende
Tiere auf der Erde herumb. Auf dem glückseeligen Eylande Ombrion erstattete ein
unaufhörlich mit Wasser trieffender Baum den Mangel der Brunnen. Die Scytischen
Bäume gäben Meel / der Atlantischen ihre Wurtzeln das schmackhafteste Brod / ihr
Holtz die schönsten Farben; der Indier Sandal-Holtz die fürtreflichste
Hertzstärckung; das Schlangen-Holtz auf Taprobana die besten Feber-Artzneien /
der Atlantier Sassafrass die vollkommenste Blut-Reinigung; der Phönicischen
Balsam-Bäume Frucht fast eine allgemeine Artznei ab. Diesemnach denn sich über
nichts weniger zu verwundern wäre / denn dass die meisten Völcker die Bäume als
lebende Tempel der Götter verehret / die Indianer aber sie als Gotteiten
angebetet / und den / welcher sie beschädigt / zum Tode verdammt hätten. Denn
die Bäume wären der wahrhafte Sonnen-Tisch; auf welchem zu jeder Zeit tausend
Speisen / der Hungernden Verlangen nach /bereitet stünden. Die Natur sprach
wider die Blumen-Göttin für die Bäume. Jene hegte mit ihren Töchtern einen
zierlichen / aber nichts als Rache dräuenden Tantz. Nach ihrem Abzuge hegte die
Obst-Göttin mit ihren Bäumen einen Sieges-Tantz; in welchem sie so viel
Freuden-Zeichen / als die Blumen wider ihre angebohrne Anmut vorher
Verdrüssligkeit von sich hatten blicken lassen. Im Tantze kriegte jeder Baum den
Siegs-Krantz einmal aufs Haupt zu setzen. Als er nun wieder zur Baum-Göttin kam
/ und diese solchen zum ewigen Ehren-Mahle in einem Baum-Garten auf zutrönen
sich vernehmen liess / erregte sich ein Zwist / in welchem Lande / und was für
ein Stam mit diesem Gedächtnis verehret werden sollte. Sie schwermeten alle wie
die Bienen unter einander; in dem kein Baum dem andern den Vorzug enträumen
wollte; bis auf der Natur Befehl die fürnehmsten Länder der Welt auf dem
Schauplatz erschienen. Weil nun in Asien die ersten und schönsten Gärte gewest
sein sollen / erschienen zum ersten auf dem Schauplatz Syrien / Armenien /
Assyrien und Persien. Syrien schlug zu Verwahrung des Siegs-Preisses den
Engaddischen Balsam-Garten / Armenien in der Landschaft Saca die der Göttin
Anaitis gewiedmeten Gärte / Assyrien Babylon / wo Semieramis ihre hangenden
Gärte gehabt /Persien den Eckbatanischen Lust-Tal für. Diesen folgten Arabien /
Egypten / Mohrenland / und Mauritanien. Arabien schlug die Myrrhen und
Weirauch-Gärte / bei welchen der grosse Alexander seinen Königlichen Sitz zu
erbauen vor hatte / Egypten den Balsam-Garten bei Hieropolis / Mohrenland das
fruchtbare Eyland Dioscurias / oder das Vorgebürge Aroma / Mauritanien die
Hesperischen Wunder-Gärte für. Den dritten Aufzug hielten Indien / der Seren
Land /Taprobana und Scytien; den vierdten Griechenland /Italien / Hispanien und
Gallien. Den fünften Pannonien / Deutschland / Britannien / und das Atlantische
Eyland. Jedes schlug den Kern seines fruchtbarsten Landes-Striches / und
insonderheit Deutschland den Streif zwischen dem Meine und der Mosel für. Jedes
Land wusste mit schönen Farben / was es für eine gütige Mutter der Bäume wäre /
heraus zu streichen; Und ob zwar die Sudländer die frostigen gegen Nord
verkleinerlich hielten / so rühmten doch diese den Reichtum ihrer die Wurtzeln
wässernder Brunnen und Flüsse; dahingegen jene mehrmals erdürsten und
verschmachten müsten. Daher war kein Land / welches nicht an diesen Ehrenpreis /
als ein ihm gehöriges Kleinod Anspruch machte; und alle Bäume bei ihm
Bürger-Recht zu gewinnen anlockte. Zu jedem Lande aber schlugen sich nur drei
Bäume. Syrien fieng alsbald den Jüdischen Balsam-Baum über alle Gewächse der
Welt heraus zu streichen; als welchen die Natur selbst für so edel und köstlich
geschätzt: dass sie ihn allein dem edelsten Syrien gegönnt / und zwar nur zwei
kleine mit Palmen umbgebene Gärte damit beseeligt hätte. Diese kluge Mutter aber
bewehrte mit ihrer Sparsamkeit den grossen Werteines Dinges. Daher wüchsen die
Diamanten nur an wenigen Orten /und die Perlen fischte man nur in dem
Morgenländischen Meere. Cleopatra hätte zwar etliche Stauden in Egypten
versetzt; aber selbige tröpften entweder gar keinen Balsam ab / oder reichten
dem Jüdischen doch nicht das Wasser. Eine solche After Geburt wäre auch der
Arabische. Bei dieser Sparsamkeit aber leuchtete doch ihre Mildigkeit herfür /
weil der Balsam-Baum nach seiner Pflantzung schon im dritten Jahre mit seinen
weissen ein herrliches Honig in sich verwahrenden Blumen fruchtbar würde; und er
bei aufgehendem Hunds-Sterne seine zweifache Rinde öfnete / und den schätzbaren
Balsam eigenbeweglich heraus tröpfelte. Seine Tauerhaftigkeit und Kraft den
Menschen zu erhalten / bewehrte sein immer grünendes und der frischen Raute
gleichendes Laub. Ja er könnte ohne Freigebigkeit nicht leben; sintemal sein
ganzer Stock vertirbe / wenn seine heilsamen Blätter nicht alle Jahr
abgeschnitten würden. Des Balsams Reinligkeit wäre so gross: dass kein gewisser
Kennzeichen seiner unverfälschten Güte wäre / als wenn er gerinnete / aber keine
Kleider fleckicht machte. Hingegen dem Frauenzimmer zu Klärung des Antlitzes und
Zärtligkeit der Haut die vollkommenste und unschädlichste Schmincke abgäbe. Sein
Geruch wäre so durchdringend: dass er auch das Blut aus der Nasen herfür ziehe.
Sein Gebrauch aber stäche alle andere Artzneien weg. Denn er wäre die beste
Mund-Salbe / stärckte das Haupt / hülffe den Augen / vertriebe die Feber
/bewährte für der Pest / heilete alle giftige Schlangen-Bisse; Ja die giftigsten
Nattern / welche einige Balsam-Tränen ässen / würden von allem Gifte gereinigt /
und die Egyptier brauchten ihn als ein Genesungs-Mittel aller Kranckheiten.
Diesemnach denn der Balsam nicht unbillich gegen zweifach Silber abgewogen würde
/ oder vielmehr dem Golde fürgezogen werden sollte. Daher auch die Römer wider
die neidischen Juden / die die Balsam-Bäume gar zu vertilgen Vorhabens gewest
wären / mit so gutem Rechte / als Eiver / die Waffen ergrieffen hätten.
Mohrenland bot Syrien Kampf an / und sagte: Alles was vom Balsam gerühmet würde
/ käme mit besserem Recht seinem Myrrhen-Baume zu / aus dessen eröfneter Rinde
die viel edleren Myrrhen-Tränen lieffen. Dieser wüchse zwar auch nur bei seinen
Troglodyten / und wären die in Arabien / Indien und Böotien wachsende Stauden
nur unächte Kinder der Natur. Alleine der Myrrhen Köstligkeit wäre mit keinem
solchen Armut / wie der Balsam-Baum vermählet / der so wohl sehr wenige Blätter
hätte / als in zwei oder drei Monaten / wenn die Sonne im Löwen oder Krebs wäre
/ nur sein Oel /und zwar dessen so wenig heraus rinnen liesse: dass der dis genau
untersuchende grosse Alexander befunden; wie in einem Tage mehr nicht / als eine
kleine Muschel-voll / in einem ganzen Jahre dessen aber nur sechs oder sieben
Maass ausgetröpfelt; derer drei voll Wein ich beim Tiberius den Novellius
Torquatus auf einen Trunck habe ausleeren sehen. Nichts minder wäre der
Balsam-Baum auch allzu verzärtelt; in dem er alsofort vertirbe / wenn man mit
einem Eisen selbten berührte / oder mit dem darzu geschärften Steine /Beine oder
Glase tieffer / als durch die Rinde schnitte. Seine Myrrhen-Frucht aber
versorgte mit einem auskommentlichern Vorrate die Welt; Und wenn er zusammen
geronnen / hätten die Myrrhen-weisse-den menschlichen Nägeln ganz ähnliche
Flecken; welche ihre Hände gleichsam zu ihrem Genuss ermahneten. Seine safftige
Wurtzeln aber gäben nicht viel auf etliche Wunden. Dann wie sollte der
Myrrhen-Baum so leichte sterben / welcher mit seinen Tränen auch Leichen für
der Verwesung erhielte? Seines annehmlichen Geruches könnte keine Nase / und
seiner annehmlichen Schärffe keine Zunge satt werden. Seine Artznei-Kräfften
wären unzehlbar. Er verhinderte alle Fäulnüs / steuerte dem Giffte und der Pest
/ hinderte die Wasser-Sucht. Sein Oel steuerte der Gicht / hülffe dem Magen /
der Leber und dem Miltze / und heilete die Wunden. Die Myrrhen benähmen denen
Antlitzen die Runtzeln / sein Rauchwerg stiege von lodernden Altären bis in
Himmel / und gäbe den versöhneten Göttern den süssesten Geruch ab. Und wer wollte
seinem Myrrhen-Baume den Siegs-Krantz strittig machen; da die Persischen Könige
stets eine von Myrrhen bereitete Krone umbs Haupt getragen hätten. Arabien
widersprach alsofort Syrien und dem Mohrenlande / rühmte hingegen seinen
Weihrauch über Balsam und Myrrhen; welche zwei nicht allein eben so gut in
Arabien; sondern so gar in Wüsteneien wüchsen; der Balsam auch von den
Arabischen Hügeln in Syriens und Egyptens fürnehmste Gärte wäre versetzt worden.
Das Atlantische Eyland bot Arabien die Stirne / und verneinte: dass das sandichte
und von wegen der Sonnen-Hitze nicht Wasser / weniger Safft habende Arabien die
Mutter des Balsams wäre; die Ehre gebührte ihm / und zwar auch für Syrien und
Egypten. Deñ diese hätten zwar den edlen Balsam /aber nur auf niedrigen Stauden
/ und mit grossem Armute. Hingegen wüchse er auf dem Atlantischen Eylande mit
Uberflusse zwischen einer harten und weichen Rinde des Baumes Goacomar / welcher
der Fichte gleichte / grösser als die Granat-Aepfel-Bäume wäre / und Blätter wie
die Nesseln hätte. Wenn nun die euserste den Eichen gleiche Rinde mit einem
Eisen / von welchem die zärtlichen Balsam-Stauden in Syrien verdorreten /
eröfnet würde / tröpfelten die köstlichen Balsam-Tränen wie Honig-Wasser heraus
/ dessen Geruch alle andere wolruchende Dinge weg-stäche / auch nichts / als
diese scharffe Fettigkeit in dem Munde den Geschmack hinterliesse. Wiewol auch
dieser Balsam sich häuffiger / aber im minderer Güte aus den gekerbten Zweigen
dieses Baumes kochen liesse. Jener ausgetröpfelte aber gäbe dem bei Jericho an
Geruch / Süssigkeit und heilsamen Kräfften nichts nach. Im Leibe heilete er alle
Geschwüre / er benähme den schweren Atem / und das Magendrücken / steuerte der
Schwindsucht / erfrischte die Leber /öfnete die Brust / stärckte das Gehirne und
die Glieder / linderte alle Schmertzen / und gäbe dem Alter gleichsam die
frische Jugend wieder. Seine euserliche Einsalbung benähme die Lähmbde und den
Krampf /machte die Spann-Adern gezüge / beförderte auch dem Magen die Verdäuung
/ öfnete den Miltz / vertriebe das Huf- und ander Glieder-Weh / verzehrte die
Flüsse / und zertriebe in dem Rückgrade die Empfindligkeit der Feber.
Fürnehmlich aber wäre über dieses Oel kein köstlicher Wunden-Balsam in der Welt
zu finden / Arabien widersprach alsofort diesem so wohl /als Syrien und
Mohrenlande: Dieser Baum hätte Arabien den Nahmen des glückseeligen erworben /
als in welchem alleine der rechte weisse und männliche Weihrauch wüchse. Denn
die Indischen und die von Ptolomeern in Egypten gepflantzten Bäume / wie auch
dieselben / welche die Sudländischen Eylande zum Vaterlande / und den
schwarz-gelben und nicht so süsse rüchenden Weirauch zur Frucht hätten / wären
nur sein Stief-Geschwister. Weil die Natur durch dis herrliche Geschencke sich
rechtschaffen eine gütige Mutter erweisen wollte / liesse sie auch aus denen
aufgerjetzten Bäumen die Weirauch-Tränen als Mutter-Brüste neben einander kleben
/ und hiermit ihren Stamm eine viel-brüstige Isis abbilden. Sein Baum wäre nicht
allein grösser und blätterreicher / denn des Balsams und der Myrrhen; sondern
auch seine Fruchtbarkeit unerschöpflich. Denn man finde oft eine ganze Hand
füllende und das dritte Teil einer Attischen Mine wägende Stücke Weirauch an
den Stämmen kleben; ja oft schwitzte ein die Aufschneidung mit dem Messer gar
wohl vertragender Baum bis sechzig Pfund Weirauchs aus; und die wolrüchende Rinde
des Baumes wäre eben so edel / als der Weirauch selbst / also edler / als das
unkräftige Balsam-Holtz /in dem sie gleichen Geruch hätte / und in dem Feuer so
hitzig loderte / gleich als wenn dieser ganze Baum so begierig wäre sich auf
den Altären den Göttern zu Liebe zu verzehren; als der Assyrische Jüngling
Libanus / der in diesen Stamm sollte verwandelt worden sein / sein Hertze ihnen
täglich durch Andacht angezündet hätte. Westwegen der im Augenblicke
Flamen-fangende Weirauch auch der Götter liebstes Rauchwerck sein solle / und
fast alle Völcker der Welt solches zu Opfern und Reinigung ihrer Leichen
gebrauchten. Daher er auch nachdencklich auf den Bergen viel besser / als im
flachen Lande wüchse / auch nur / weñ die Soñe unter dem brennenden Hunds-Sterne
/ und am höchsten stünde / und zwar alleine von drei-hundert edlen und
destalben heiligen Geschlechtern / welchen die Arabischen Könige diese den
Göttern gewiedmete Frucht zu sammlen erlaubte /abgeerndtet werden dörfte.
Jedennoch wäre er bei seiner Köstligkeit so wolfeil: dass aller Armen Andacht
etliche handvolln Gott abliefern könnte; welcher alle Geschencke nicht wie
geitzige Menschen nach ihrem teuren Preisse / sondern als ein mildreicher Vater
sich mit einem Körnlein und dem guten Willen vergnügte. Unter allen Bäumen
dörfte keiner weniger Pflegung / als der Weirauch-Baum; vielleicht / dass seine
Wartung niemanden an dem Gottesdienste hinderte: Gleichwol aber missgönneten die
freigebigen Götter den Menschen nicht allen Genuss des Weirauchs / sondern
liessen ihn so viel häuffiger wachsen / wormit sie darmit ihre Geschwüre heilen
/ die Wunden zusammen ziehen / die Augen reinigen / die von der Geburt
entzündeten Brüste abkühlen / mit seinem Oele alle Glieder stärcken / und das
Frauenzimmer ihre verbrennten Gesichte damit weiss und zart machen könten.
Endlich gereichte auch zu seinem nicht gemeinen Ruhme: dass der Weirauch als ein
Vorbild der Andacht und Warheit sich schwerlich verfälschen liesse; und da der
reineste die helleste Flamme von sich gäbe / der verfälschte zu eitel Rauche
würde. Asien brach ein: Sein / der Weirauch-Staude zwar ähnlicher / grösserer
und edler Mastyx-Baum hätte an seinen abrinnenden und viel reinern Tränen für
die Götter ein so wolrüchendes Rauchwerck / als immer der Weirauch wäre. Ja er
rauchete auf den glüenden Kohlen noch stärcker / und zerflüsse darauf in helle
Tropfen. Dieser Mastyx machte denen Käuenden schnee-weisse Zähne / einen guten
Atem / und dem damit gebleichten Antlitze eine zarte Haut und lebhafte Farbe.
Er stärckte den Magen / das Gehirne / die Spañ-Adern / die Leber / stillete den
Husten und die Blutstürtzungen. Wer wollte nun zweifeln: dass dieses viel
heilsamere und in Artzneien mehrmals die Stelle des Jüdischen Balsams
vertretendes Hartzt / als der Weirauch wäre / nicht auch den Göttern auf ihren
Opfer-Tischen beliebter; also Asien / auf dessen Eylande Chios alleine der recht
gute und helle und in dem Munde zergehende Mastyx aus denen sich auf die Erde
beugenden und aufgerjetzten Zweigen / so lange die Sonne im Ochsen und in
Zwillingen / abtröpfte / viel glücklicher / als das glückliche Arabien zu achten
sein sollte? Sintemal die Mastyx-Bäume in Egypten nur schwartzen / auf Creta nur
gelben und bittern / in Italien und Hispanien wenig oder keinen Mastyx weineten.
Uberdis hätten seine Blätter die Gestalt der schönsten Myrten / den
durchdringenden Geruch des Terpentins / und grüneten wie die Zypressen
unaufhörlich. Wenn man sie käuete / machten sie einen wolrüchenden Atem /
leschten den Durst / beschirmten den Hals für Flüssen; und hätten wie alle
Teile dieses Wasser-liebenden Baumes eine Krafft zusammen zu ziehen. Aus diesen
Blättern / der Rinde / und der Wurtzel / diente der ausgepresste Safft wider die
rote Ruhr / wider den weissen Fluss / und befestigte die erschelleten oder
weichen Gebeine. Das Holtz gäbe die besten Zähn stach er ab. Aus dieses Baumes
grün-rötlichter Blüte wüchsen rote / zuletzt aber schwartz-werdende Beeren /
welche in sich ein köstliches Oel und Wein hätten / das dem Magen /der Blase und
den Eingeweiden eine kräftige Artznei abgäbe. Syrien / welchem die Verkleinerung
seines Balsam-Baumes unerträglich war / fiel ein: Wie möchte doch Asien seinen
Mastyx / Mohrenland seine Myrrhen / und Arabien seinen Weirauch so hoch heraus
streichen? da sein dem Balsame doch nicht gleichender Styrar-Baum alle drei
überträffe? Sintemal sie durch sein Gummi die Beschwerligkeit ihres Myrrhen- und
Weirauch-Geruches versüssen müsten; mit dessen geringschätzigem Holtze sie
kochten und raucherten; mit dem heilsamen Styrax aber aus ihren wolrüchenden
Wäldern die häuffigen Schlangen vertrieben. Dieser Baum weinete nicht nur das
kräftige Hartzt zu Vertreibung des Hustens / zu Linderung der Flüsse / zu
Beförder- und Reinigung des Geblütes /zur Hülffe klingender Ohren / und wider
alles kalte Gift; sondern die euserste Rinde verbesserte auch durch Käuung den
Geschmack und Atem; die innerste Rinde aber diente zu einem Oel; uñ sein
mässiger Gebrauch hülffe der Traurigkeit ab. Also verdiente der Styrax-Baum für
Weirauch und Myrrhen den Siegs-Krantz. Mohrenland befand sich aufs höchste
beleidigt / fertigte also Syrien mit den Worten ab; wie sie diesen stinckenden
Hartzt-Baum ihren unschätzbaren Myrrhen fürziehen möchte? Zwar wäre kein
Gewächse / ja keine Wollust so gross; dass man sie nicht zu Vermeidung Eckels
zuweilen mit etwas geringerem abwechseln müste. Man würde beim Uberflusse des
Weines nach Wasser lüstern; dis aber wäre darumb nicht besser / als jenes. Nicht
anders würdigte Arabien und Mohrenland zuweilen den Styrax zu schmecken. Wenn
aber jemanden Weirauch und Myrrhen zu wohl rüchen / hätte Mohrenland auf seiner
Insel Dioscoris den edlen Baum aufzuführen / welche über und über den Kern des
besten Aloes trüge; die viermal so köstlich / als die in Indien wachsende
gehalten würde. Ihr Geruch wäre zwar eben so scharf und widrig / als der
Geschmack ihrer Tränen bitter; aber darumb wären ihre innere Kräften desto
stärcker / und ihre rötlichte Dichtigkeit ein Kennzeichen ihrer Güte. Sintemal
die kluge Mutter die Natur fast allen sehr heilsamen Artzneien etwas widriges
eingeflöst hat /zweifelsfrei zu dem Ende; dass der ungeneussige Mensch sich in dem
guten nicht übernehmen / und sich mit so gesunden Sachen nicht vergifften solle.
Sie öfnete aber das Geäder / machte die austreibende Krafft rege / heilete
fürtreflich Wunden und Geschwüre / diente den Augen / reinigte die Galle /
stärckte den Magen / ja ohne ihre Zutat wäre alle Einbalsamung der Leichen
vergebens; Sie aber alleine genung die Fäulnüs zu hindern. Das den Obsieg ihm
fest einbildende Syrien nam dem Mohrenlande die Worte aus dem Munde / und sagte:
Wenn die Krafft etwas für der Fäulnüs zu erhalten den Preis verdienen sollte
/möchten sich nur Myrrhen / Aloe und Weirauch-Stauden / welche zum höchsten nur
fünf / etliche nur gar drei Ellen hoch wüchsen / als Zwerge für seinen
Himmel-hohen Cedern des Gebürges Libanus / und seines Eylandes Cypern
verkriechen; welche nicht selten hundert und dreissig Schuch hoch / und drei oder
vier Klaftern dicke wüchsen. Denn das aus den Cedern dringende Oel hätte wider
Fäule und Schaben eine unüberwindliche Krafft; also dass weil die Egyptier alle
ihre Mumien damit erhielten / der Ceder edles Hartzt fürlängst das Leben der
Todten genennt zu werden verdient hätte; und weil es das zu Erhaltung des
Nachruhms vom Verhängnisse bestimmte Papier nicht vermodern liesse; also dass
durch die Woltat dieses roten Lebens-Oeles die nach fünf-hundert fünf und
dreissig Jahren auf dem Berge Janiculus vom Cneus Terentius ausgegrabenen
Pytagorischen Bücher des Königs Numa ganz unversehrt gewest /könnte es mit
gutem Rechte für einen Balsam der Ewigkeit gelten. Dannenhero der Ceder-Baum
auch von der Natur mit niemals verwelckendem Laube /mit gerade gegen dem Himmel
und in wunderwürdiger Ordnung stehenden Aesten und Tannen-Zapfen versehen wäre.
Weil auch überdis seinem Holtze kein Wurm was anhätte / würde es in Asien zu den
heiligsten Tempeln / und wo in den Bäumen was göttliches / die Ceder billich für
andern zu Heiligtümern erkieset. Griechenland / welches zur Schutz-Frau des
Oel-Lorber- und des frembden Ahorn-Baumes / welchem die Deutschen und
Britannischen aber nicht zu vergleichen / bereit war / bot dem sich für allen
herfür-zückenden Syrien Kampf an; und sagte: Seine den ganzen Berg Atos
überschattenden Ahorn-Bäume wären so hoch / wo nicht höher / als die Cedern des
Libanus / dicker aber / als alle Bäume. Sintemal sie oft zehn Männer nicht
umbarmen könten; und daher die Macedonier aus einem Stücke ohne grosse Müh und
Unkosten ihre Schiffe baueten. Seine Aeste breiteten sich so sehr als fast kein
anderer aus.
    Zu Aten in der hohen Schule stünde ein solcher Ahorn-Baum / welcher sechs
und dreissig Ellen / und in Lycien an der Straffe neben einem kühlen Brunnen ein
ander / welcher ein und achtzig Schuch weit sich ausstreckte. Wormit auch bei
diesem letztern nichts zu einer lebendigen Höle mangelte; so umbarmte dieser
hole Baum in sich einen moosigten und zerteilten Steinfels; in welchem ein
Römischer Burgermeister mit achtzehen Gästen auf Römische Weise gespeiset /und
dieses natürliche allen aus Marmel gebaueten und mit güldenen Decken gewölbtem
Zimmer fürgezogen hätte. Und zu Velitea in Italien / allwo doch die anfangs vom
Dionysius aus Sicilien hernach von andern dahin über Meer geführten und in die
fürnehmsten Gärte sparsam versetzte Ahorn-Bäume nicht hoch wachsen / noch reich
von Blättern wären / hätte des Käysers Enckel Cajus sich in einen so verliebet:
dass er darunter eine Taffel mit Betten funfzehn Gäste zu bewirten prächtig
angerichtet und das Gastmahl ein añehmlich Nest genennet hätte. In Achajen an
dem Flusse Pierus aber wüchsen eine grosse Menge solcher holen Ahorn-Bäume /
darinnen die Einwohner speiseten / oder schlieffen; und in Griechenland würden
unter ihrem Schatten Berichte gehalten. Socrates hätte stets unter diesem Baume
mit dem Phödrus sich in der Weissheit / Crassus zu Rom mit dem Scävola /Antonius
/ Cotta und Sulpitius in Staats-Sachen unterredet; Ja / weil der Schatten dieses
schönen Baumes für eine sonderbare Erqvickung gehalten würde /pflegten die
Wollüstige nicht alleine seine Wurtzeln mit dienendem Weine zu erfrischen;
sondern die Römer hätten auch bei den Morinnen in Gallien auf einen dahin
gepflantzten einen Zoll geschlagen / welchen jeder geben müste / der seines
Schattens genüssen wollte. Niemand aber hätte die Würdigkeit dieses edlen Baumes
danckbarer erkennet / als Xerxes / welcher in Lydien umb einen sein ganzes Heer
gelägert /einen ganzen Tag sich darunter ergetzet / selbten auch nicht alleine
mit einem güldenen Halsbande verehret / und einem aus denen edlen Persen /
welche man die Unsterblichen geheissen / zu verwahren anvertrauet; sondern auch
sein Bild aus Golde gegossen hätte; damit er durch diesen Nachguss die
beschwerliche Entpehrung des geliebten Baumes etlicher massen ersetzte. Und
gleich als wenn kein ander Ertzt diesen Baum abzubilden würdig wäre / hätte
Eyrus nach überwundenem Asien einen güldenen Ahorn-Baum gefunden / wormit
hernach auch Darius beschenckt worden wäre. Westwegen sich nicht zu verwundern:
dass der hochverdiente Temistocles sich ihm verglichen hätte / weil die Griechen
zu beiden / bei komender Gefahr und Ungewitter / ihre Zuflucht nähmen; bei
annehmlichem Wetter aber ihnen den Rücken dreheten / ja diesen die Ceder und
Eiche übertreffenden Riesen-Baum durch Behauung des Gipfels und der Aeste gar
zum Zwerge machten; wormit es so wohl unter den Bäumen als Tieren Missgeburten
gäbe. Die Natur aber hätte ihn solieb: dass er nicht alleine mit den
geschwindesten an wässrichten Orten wüchse / ja bei den Messeniern aus einem ein
trinckbares Quell flüsse / sondern ihm auch Aexte und andere Gewalt wenig
schadete. Daher auch der über und über abgeschälete Ahorn-Baum des Antanders
nicht allein von sich selbst wieder ausgeschlagen und in einen funfzehn Ellen
hohen und vier Ellen dicken Baum gewachsen / sondern auch / als hernach der Wind
ihn zu Bodem geworffen / nach etlich abgehauenen Aesten und erlangter
Erleichterung / sich des Nachts wieder empor gehoben hätte. Westwegen er an
Alter fast alle Bäume überlebete; also / dass in Arcadien und zu Delphis noch
zwei / welche Agamemnon mit eigner Hand gepflantzt / und in der Landschaft
Aulocrene einer / daran Apollo den überwundene Marsyas aufgehenckt / zu sehen
wäre. Jedoch wäre nur nicht dieses Baumes Schatten / welcher wohl im Winter /
niemals aber im Sommer die Sonnen-Straalen durchdringen liesse / sondern auch
seine heilsame Eigenschaften verehrens würdig; dessen gänsefüssichte Blätter
/Rinde und Beeren heilsame Augen-Ohren- und Zahn-Artzneien abgäben / den Aussatz
und Schlangen-Bisse heileten; und wie die Sonne den Fleder-Mäusen ein Greuel
wäre; also dass die Störche ihre Nester mit darein gelegten Ahorn-Blättern für
Beschädigung der feindlichen Fleder-Mäuse bewahrten. Diesemnach denn die Alten
geglaubt hätten: dass dieser Baum was Göttliches an sich habe; also sie die
Bilder der Schutz-Geister mit seinen Zweigen kräntzeten / des Diomedes
Heiligtum damit umbpflantzt / und der weise Socrates nicht anders / als beim
Ahorn-Baume zu schweren gepflogen hätte; worzu Miletus ihn noch viel zu edel
gehalten; ja selbst Jupiter hätte diesen Baum gewürdigt unter ihm Europen zu
schwängern /welcher noch in Creta gesehen würde / und seine allezeit grünende
Blätter niemals verliere; also kein Baum mehr als der Ahorn den Siegs-Krantz
verdiente. Das Atlantische Eyland rüstete sich seine dicke Bäume / welche acht
ja sechszehen Männen nicht umbklaftern / und wohl tausend Menschen überschatten
/ in ihren neun und zwölff Klafftern weiten Höle eine Heerde Schafe beherbergen
könten / auf den Schau-Platz zu stellen; alleine Persien kam ihm zuvor / und
meldete: Wenn ein Baum mit seinem Schatten den Glantz des Vorsitzes verdiente /
könnte er keinen /als seinen vielstämmichten Wurtzel-Bäumen zuerkennt werden;
derer von den Aesten abhangendes Gefäser in die Erde krieche / Wurtzeln
einschlüge und in neue Stämme empor wüchse / also dass unter diesen wohl
hundertstämmichten Bäumen oder Wäldern lange Lust-Gänge gehauen / und etliche
tausend Menschen für den brennenden Sonnen-Straalen beschirmet würden.
Vermittelst dieser in einander geflochtener Bäume Befestigung hätten in
Hircanien die Marder dem grossen Alexander die Spitze geboten; und in dem am
Sud-Meere gelegenen Persien gäben diese schattichten Bäume die kühlesten Zelten
/ die heiligsten Tempel / und mit ihren blut-roten. Feigen reiche Speise-Camern
ab. Deutschland kündigte so wohl Griechenlande / als dem Atlantische Eylande
hierüber Krieg an / und setzte jenem entgege: Diese vielstämichte Bäume wäre für
keine einzele Baum / sondern wie vielköpfichte Leiber für Miss-Geburten zu
achten; von denen man glaubte: dass durch Genüssung ihrer Frucht, die ersten
Menschen den Hass gegen Gott eingesogen; und davon mit allen Lastern schwanger
worden wären. Diesem aber hielt er ein: dass der von nichts als seinem dicken und
also ungesunden Schatten berühmte Ahorn-Baum seinen Bäumen nicht den Schatten
reichte / und aus Licht gesetzt zu werden allzu düstern wäre. Apollo und Jupiter
hätten ihn auch nur zu Unehren gebraucht; und weil seine Aepflichen Gift in sich
hegten / wäre er gut genung gewest: dass die Lernische Schlange unter ihm erzogen
worden. Wie diese nun vom Hercules wäre erleget worden; so wenig könnte der
Ahorn-Baum gegen ihrer Eiche bestehen; derer zwei vom Hercules eigenhändig
gesetzte noch im Pontus bei Heraclea neben des Stratischen Jupiters Altare zu
sehen wären. Denn wie der schattichte Ahorn-Baum ein Greuel der himlischen
Götter und ihres Lichtes wäre; also wäre die Eiche ein rechter Riesen-Baum des
Jupiters / der Juno und der Trivischen Diane oder Hecatens Heiligtum. Mit den
Eicheln hätte Jupiter zum ersten sein Volck gespeiset; und die erste Welt hätte
in Wäldern den grösten Eichbaum als sein Bild angebetet. Ja Jupiter hätte die
erste und älteste Weissagung bei Dodona durch redende Eich-Bäume dem Menschen
entdecket. Juno / als die Vorsteherin der Städte hätte die Eichen ihr
geheiliget; weil ihr Holtz das beste zu Erbauung der Häuser /Schiffe / Fasse und
anderer Gefässe wäre. Sie wären Hecaten gewiedmet / zweifels-frei / weil der
Eicheln Wurtzeln so tieff in der Erde steckten / als der Gipfel gegen dem Himmel
sich erstreckte. Und die Parcen /welche dem Mensche Leben und Tod spinneten /
hätten die Eich-Blätter zu ihren Kräntzen erkieset; vielleicht weil ihre Frucht
die älteste Lebenskost; das Holtz aber / welches auch die besten Kohlen gäbe /
zu Särchen oder zu Verbrennung der Leichen am dienlichsten wäre. Aus welchem
zweifachen Absehen zu Aten auf den Hochzeiten ein mit Eicheln gekräntzter Knabe
eine mit Brodt gefüllete Wiege herumb truge; des Trojanischen Königs Ilus Grab
aber mit Eichen bepflantzet / von den Weibern zu Priene in Jonien bei einer
Begräbnis-Eiche / wo ihre fürnehmste Bürger von Milesien erschlagen worden / am
beteuerlichsten geschworen würde. Ja Socrates hätte am kräfftigsten bei den
Eichen geschworen / weil sie älter als der Griechen Götter wären. Nirgends aber
würden die Eichen heiliger verehret / als in Deutschland von den Druyden;
sonderlich aber die Stein-Eichen / worauf Mistel wüchse. Denn wie die Eichwälde
ohne diss der Druyden Tempel und ohne Eich-Zweige kein Opfer verrichtet würde; ja
sie von den Eichen den Griechischen Nahmen führten / also hielten sie den Mistel
für ein ihnen vom Himmel geschicktes Zeichen und Pfand Göttlicher Gnade. Diesen
Mistel schnitte ein weiss-gekleideter Priester mit einer güldenen Sichel am
Neu-Monde / welcher das dreissigste Jahr anfinge / vom Baume ab / und hüllete
ihn in ein weiss Kleid ein; worunter zwei weisse Ochsen geopfert / dieser Mistel
aber / welcher eben des in die Hölle steigenden Eneas güldener Zweig gewest wäre
/ wenn man davon trincke / für ein Mittel zur Fruchtbarkeit / eine Artznei wider
alles Gift / und eine Ursache vielen Glückes verwahret würde. Wie denn auch die
Eichen so viel heilsames / als irgends ein ander Baum an sich hätten / die Rinde
wider Gift und Entzündungen diente / mit den Blättern Wunden geheilet / das
Zahnweh und die rote Ruhr gestillet würde. Uber diss hätten die Götter und
Pelassgus die Griechen / an statt der schädlichen Kräuter und unverdaulichen
Wurtzeln zur gesündern und schmackhaftern Speise der süssen Eicheln angewiesen.
Ob nun wohl bei wachsender Wollust so wohl die süssen / als bittern Eicheln des
Viehes Speise worden; brauchten sie die Hispanier doch zu ihren Nachgerichten;
und zu Aten würden sie auff den zwei Feier-Mahlen in der Academia und im Lyceum
nebst Bohnen Myrten-Beeren und Feigen geröstet aufgesetzt. In Asien und
Griechenland würde mit den Eicheln / wie in Deutschland mit eichener Rinde / das
Leder zierlich ausgegärbt. Zu geschweigen: dass auf den Eichen / und zwar aus
ihrem eigenen Safte / nicht aber aus gewissen von den Vögeln dahin getragenen
Beeren der beste und zu der Artznei dienlichste Mistel; also auch gewisse Piltze
/ welche die Lüsternheit nunmehr zu einer göttlichen Speise gemacht hätte /der
zum besten Haar-Staube dienende Moos / zum färben dienende Gall-Aepfel wüchsen /
woraus man des vorstehenden Jahres Fruchtbarkeit / Misswachs und Kranckheiten
urteilen könnte. Ja dieser Baum beherberget nicht nur die Bienen / sondern der
Himmel betauete ihn auch mit einem gewissen Honige. Aus seinem verbrenneten
Holtze machte man Salpeter; und der grosse Alexander hätte erfunden im Sommer
unter eichenem Laub den Schnee lange zu erhalten. Dahero Cato die durch
besondere Güte der Natur so wohl auf Bergen / als in Tälern wachsenden Eichen
gar billich für eine unentpehrliche Zugehörung eines vollkommenen Landgutes
gehalten. Zu geschweigen: dass Italien / welches für einen Kern aller Länder in
der Welt gehalten werden wollte / durch ein eichenes Laub Blat deutlich
abgebildet wäre. Woraus die Römer ihnen eine ewige Beherrschung der Welt
wahrsagten; weil die Eichen keiner Gewalt nachgäben / die schärffsten Aexte
stumpf machten / wenn sie gleich inn-oder auswendig fast halb verbrennt würden /
dennoch grüneten / im Wasser schwartz wie Eben-Holtz /und harte wie Steine
würden / und ein lebhaftes Alter vieler hundert Jahre erreichten. Massen denn zu
Rom eine mit Hetruskischen ertztenen Buchstaben als heiligbemerckte Stech-Eiche
auf dem Vaticanischen Hügel / und zu Tibur drei andere / bei welchen ihr
Uhrheber Tiburtus sollte eingeweiht worden sein /und also alle älter / als beide
Städte wären / verehret würden. Ob nun zwar dieser nützliche Baum fast in der
ganzen Welt wüchse / auch im Turinischen Gebiete immer grünete; so überträffe
doch ihre Deutsche insonderheit die bei den Chauzen an dem Meer-Strande
wachsenden an Grösse alle andere in der Welt. Dieser Wurtzeln erstreckten sich
so weit: dass / wenn die Wellen das Land unterwüschen / sie ganze Felder mit
wegriessen / und als grosse schwimmende Eylande und vielarmichte Riesen mehrmals
die Römischen Kriegs-Flotten bestürmet / oder in die Flucht gejagt hätten. Wem
könnte nun der von der Natur den Bäumen zugesprochener Sieges-Krantz besser
anstehen als ihrer Eichen die Wolcken durchbohrendem Haupte. Der Welt
Schiedes-Richter die Römer hätten für sie schon das Urtel gefället; da sie dem
/ welcher einen Bürger erhalten / von eichenem Laube den bürgerlichen
Siegs-Krantz zu machen geordnet / welchen Krantz sie allen andern / aus Gold /
Perlen und Edelgesteinen geflochtenen Siegs-Kräntzen weit fürgezogen / und die
damit gekrönten so weit gewürdigt hätten: dass sie nicht nur bei den Ratsherren
gesessen /der Rat in Schau-Plätzen für ihnen aufgestanden /sondern auch sie und
ihre Eltern aller bürgerlichen Beschwerden entlastet worden wären. Daher auch
der Africanische Scipio / als er seinen verwundeten Vater / den Bürgermeister
und Feldherrn in der Schlacht mit Hannibaln erhalten / keinen grössern Danck /
als den eichenen Bürger-Krantz verlangt hätte. Griechenland meinte durch diesen
Gegen-Satz viel von seinem Ansehen zu verlieren / wenn es sich die deutschen
Eichen so schlecht abfertigen liesse / nicht so wohl wegen ihres verschmähten
Ahorn-Baumes / als weil ihr Oel-Baum sie gleichsam zur Rache anrejetzte / welcher
mit dem Eich-Baume eine solche Tod-Feindschaft heget: dass wenn ein Baum in des
andern Grube versetzt wird / selbter vertirbt / und der einer Eiche benachbarte
Oelbaum nicht allein keine Frucht trägt / sondern sich auch hinter andere Bäume
verstecket. Diesemnach tat Griechenland diesen Vortrag: Die wilde und nur für
Schweine fruchtbare Eiche verdiente so wenig unter die umb den Siegs-Krantz
streitende Bäume / als wegen ihres dampfenden Schattens in die Lust-Gärte
versetzt zu werden. Die Natur hätte sie destalben nicht einst einer Blüte
gewürdiget /welche doch die Freude / wie der Regen die Speise der Bäume wäre.
Sie tauerte ja eine Zeitlang / aber endlich vertürbe sie von sich selbst anfangs
am Gipfel / hernach im Stamme; also: dass Pericles die durch eigene Schuld ins
Unglück verfallenen Böotier nicht unbillich diesem Baume vergliechen hätte. Wie
wenig ihm der Himmel geneigt wäre / liesse sich daraus mutmassen: dass Donner
und Blitz an keinem Baume mehr als an Eichen ihren Grim ausübten. Und ihr Holtz
zu keinem Gottes Dienste taugte. Hingegen wäre der Oelbaum den Göttern so
beliebt: dass sein und des Lorberbaums Holtz durch irrdische Gebrauchung nicht
beflecket werden dörffte / ja zu Verbrennung der die Götter versöhnenden Opfer
allzu köstlich geachtet würde. Der Oelbaum wäre ein Bild der Reinigkeit; also:
dass er nur / wenn er von einer keuschen Hand gepflantzt würde / geriete / wenn
ihn eine Jungfrau säete / desto mehr Früchte brächte; und daher die bei der
Stadt Anazartus in Cilicien von eitel unbefleckten Knaben gepflegten Oelbäume so
fruchtbar wären. Die reineste Göttin Minerva hätte den Oelbaum darumb zu ihrem
Heiligtum erkieset; welche vermittelst ihrer Lantze ihn zu Aten auf dem
Schloss am ersten herfür bracht hätte / damit sie sich umb selbige Stadt durch
diss Friedens-Zeichen mehr / als der umb das Vorrecht streitende Neptun mit
seinem kriegerischen Pferde / wie auch mit dem durch seinen Dreizancks-Stab
erregten Brunn und See-Hafen verdiente / und sie auf Jupiters oder des
Griechischen Frauenzimmers Ausspruch wider der Männer Meinung nach ihrem Nahmen
zu nennen die Ehre hätte. Jedoch hätte auch des Apollo Sohn Aristäus durch
gezeigte Pflegung dieses edlen Baumes / und Mercur durch gewiesene Auspressung
des Oeles an solcher Ehre Teil zu haben sich beflissen. Diesemnach denn zu
Aten diss heilsame Gesetze gewest wäre: dass kein Mensch ausser zum Tempel-Bau
und zu Begräbnüssen einigen Oelbaum ausgrübe; Temistocles aber klüglich
geraten hätte / der Schiffart sich zu entschlagen / und in dem zu Oelbäumen so
geschickten Attischen Gebiete alleine derselben Pflantzung abzuwarten. Sintemal
das Oel / welches doch keine so mühsame Pflegung / als der Wein dörfte / nach
Brodt und Weine das nützlichste Ding unter allen Gewächsen wäre / als welches
Erhaltungs-Mittel aller wohlrüchenden Sachen und des Eisenwercks wäre / nebst
denen eingesaltzenen und den Geschmack schärffenden Oliven nicht nur eine
gesunde Speise / sondern eine köstliche Würtze aller Gerichte / ja eine kräftige
Artznei abgäbe / den Leib für Kälte bewahrte / von Müdigkeit erledigte / und
daher die Kämpfer in den Olympischen Spielen sich darmit eingeschmieret; der
neun und neunzig Jahr alte Democritus / und der über hundert Jahr bei Kräfften
bleibende Pollio / Romulus auch dem fragenden Käyser August dessen Ursache
gegeben hätte: dass sie viel Honig gespeiset / und sich oft äuserlich eingeölet
hätten. Nicht weniger wäre auch das Holtz der Oelbäume seiner von Würmen
unversehrlichen Dichte und Fettigkeit halber schweissicht / und daher so wohl als
Cedern und Cypressen den Bildschnitzern dienlich. Dahero die Oelbäume auch so
viel längsamer wüchsen / aber auch über zwei hundert Jahr dauerten; und wenn sie
auch schon veralterten / durch eingepfropfte Zweige / wie die aus einem wilden
Oelbaume geschnitze und an dem Flusse Alfeus in die Erde gesteckte Keule des
Hercules wieder grün und verjüngt würden. Wegen dieser Krafft wäre zu Rom das
hole Bild des Saturn stets mit Oele gefüllet gewesen / dass es nicht
wurmstichicht würde. Also tränckte das Oel auch frembdes Holtz / ja es speisete
das Feuer sanfter / als kein ander Zunder; und besänftigte so gar das unbändige
Meer; westwegen die Wasser-Taucher ihren Mund damit fülleten; ungeachtet es sich
sonst so wenig mit Saltze und Wasser vermischte / als der vom Lecken verterbende
Oelbaum den Speichel der Tiere vertrüge / sondern weil es sehr geistig wäre /
oben schwäme / und schwerlich gefrüre. Hingegen vertrüge sich das Oel wohl mit
Kalcke / und leschte den vom Wasser brennenden aus. Die gröste Freundschaft
aber unterhielte der Oelbaum mit den annehmlichen einander umbarmenden Myrten /
Weinstöcken und Bienen; welche so viel mehr Honig eintrügen / wenn ihre Stöcke
nahe bei Oelbäumen stünden; also: dass in Libyen die in Weinstock gepfropften
Oelzweige Trauben und Oliven trügen; ja in Arcadien wären in einem Heiligtum
aus einerlei Wurtzel ein Oelbaum und eine Stech-Eiche gewachsen. Diesemnach denn
billich die Oel-Zweige / welche zwar die Winde / nicht aber ohne Abbruch der
Fruchtbarkeit Schläge vertrügen /noch nahe bei dem unruhigen Meere gerne wüchsen
/für ein Friedens- und Versöhnungs Zeichen erkieset worden wären / und die
Atenienser damit dem Timocrates / die Sidonier dem Artaxerxes / Timon und
Androbolus dem Xerxes / die Cartaginenser dem Scipio entgegen gegangen / und
die Alexandriner aufs Rathaus zu Rom erschienen wären. Jedoch wären die
Oelbäume auch ein Zeichen des Sieges; daher hätte der die Gesetze des Solons
verbessernde Epimenides /an statt der ihm von Ate zu Danck angebotenen
Geschencke / nichts als einen Zweig von dem ersten auf dem Schloss daselbst
stehenden und als hochheilig verehrten Oel-Baume zur Vergeltung begehret;
welcher hernach / als ihn gleich die Persen mit sambt Aten verbrennet / eben
selbigen Tag zwei Ellen hoch wieder ausgewachsen wäre / und als Xerxes ihn zum
andern mahl eingeäschert / folgenden Tag schon wieder Früchte getragen hätte.
Die Atenienser hätten darumb ihre wider den Feind ziehenden Feld-Obersten und
die grossen / die Römer aber die kleinern Sieger mit Oelzweigen gekrönet.
Gleicher gestalt wäre bei den Milesiern der Oelbaum / welcher bei den
bürgerlichen Kriegen hernach verdorret / und der für dem Minerven-Tempel bei den
Sicyoniern stehende und mit Oel flüssende Baum / wie auch zu Rom der Ort über
der Tyber / da für wenig Zeit einen ganzen Tag aus der Erde Oel gequollen / für
ein so grosses Heiligtum als der zu Aten verehret worden; nun darumb sich
nicht zu verwundern: dass des Neptunus Sohn Hallirrhotus über Aushauung der
Oelbäume sich tödtlich verwundet hätte. Ja nicht nur diese und ihre
Fruchtsondern so gar die Oliven-Hülsen wäre zu Vertilgung schädlicher Kräuter
und zu vielen Artzneien gut. Der wilde Oelbaum aber / in welchen Appulus sollte
verwandelt worden sein / wäre zu Bekräntzung der Sieger auf den Olympischen
Spielen gebrauchet / und dieser vom Hercules gepflantzte unfruchtbare denen
Oliven tragenden Oelbäumen für gezogen worden / zur Anweisung: dass die Tugend
ihr selbsteigener Lohn wäre / und auf keinen schnöden Gewinn zu sehen hätte.
Daher auch die den Göttern gewiedmeten Gaben für den Tempeln auf wilde Oelbäume
aufgehenckt würden. Mit einem Worte: Der Oelbaum wäre Göttern und Menschen der
beliebteste Baum; und hätte unter keinem andern als diesem Latona ihren Apollo
nämlich den Vater aller Fruchtbarkeit gebehren wollen. Assyrien brach ein und
sagte: Das beste Oel schwäme zwar oben / darumb aber müste sein Oel nicht für
allen andern köstlichen Fettigkeiten oben schwimmen / dessen Unvollkommenheit
daraus zu urteilen wäre: dass das aus unreiffen Oliven gepresste Oel noch das
beste wäre / in bleiernen und ertztenen Geschirren bald vertürbe; der Oelbaum
aber selbst ohne Kern wäre / seine Wurtzel auch nur von dem aufgehenden Gestirne
der Klucks-Henne erquickt würde; aber keine Sonnen-Strahlen vertrüge / und oft
ein einiger grünender Zweig dem ganzen Baume seine Krafft verzehrete; wie auch
niemals zwei Jahr nach einander Frucht trüge; welche mit blossen Fingern
abgelesen werden müsste / und doch nicht besseres Oel gäbe / als welches in Aria
aus Dörnern rinnte / und die Welt so wohl gar / als Rom über drei hundert und
viertzig Jahr / die Gallier aber biss ietzt entpehren könnte. Zu geschweigen: dass
zu Syracusa die Urtel der Verweisungen auff Oel-Blätter geschrieben würden /
die Esseer dafür eine gäntzliche Abscheu hätten / und wenn einer unter ihnen
ungefehr mit Oel wäre befleckt worden / sich davon sorgfältig reinigten.
Hingegen flüsse aus dem den Myrrhen-Stauden ganz ähnlichen Terpentin Baume das
an Geruch und Heilsamkeit beste Hartzt in der Welt / welches gar kein Gewand
fleckicht machte / das Tericles nicht nur fürlängst dem Baumöle / ja dem
Muscaten-und Zimmet-Oele fürgezogen hätte; sondern auch dem Phönicischen Balsame
am nechsten käme / und zum Rauchwercke gar wohl die Stelle des Weirauchs
verträte. Dieses regte die Zeugungs- und Gebehrungs-Kräfften / diente wider den
Stein / Gicht und Hufweh; reinigte Miltz / Nieren und Blase / heilete die Wunden
/ wärmte und stärckte die Spann-Adern / und wäre im ganzen Leibe ein rechtes
Lebens-Oel. Sein blauer Saame überträffe an Schönheit die Zierde des Scytischen
oder aus Silber gemachten Lasurs / wäre auch für alter Zeit etlicher Völcker /
insonderheit aber der Persen einige Speise gewest. Sein Holtz wäre in Syrien und
sonst schwärtzer als Eben-Holtz / und diente den Drechslern zu der schönsten
Arbeit. Asien versätzte: Assyrien hätte mit seinem Terpentin-Baume nicht Ursache
so gross zu sprechen. Denn dieser edle Baum wüchse auch im steinichten Arabien /
in Cilicien / und insonderheit auf dem Eylande Chius. Der zu Memphis stehende
und immer grünende Terpentin-Baum aber überträfe an Schönheit und Alter alle
andere in der Welt; als welcher mit ihr selbst jung worden wäre / und mit der
Zeit in die Wette zu tauren schiene; also auch am würdigsten zum Siegs-Preise
wäre. Hingegen wären seine das Gebürge Ida beschattende Cypressen viel
lobwürdiger. Denn sie tröpfelten ein wolrüchend Hartzt von sich / welches dem
Terpentin wenig oder nichts nachgäbe / und zu einem gesunden Oel diente. Sein
Stam trüge des Jahres dreimal Früchte / nämlich seine mit den kaum sichtbare
rote Saamkörnern gefüllte Nüsse / aus deren einer viel hundert solche grosse
Riesen-Bäume nicht ohne Wunderwerck und Andeutung; dass in den kleinsten Dingen
Gott am grösten sich zeige / wachsen könten. Sein geflasertes Holtz wäre das
schönste / und so wohl zu Gebäuen als Bildern das beste. Sintemal ihm weder Wurm
noch Altertum was an hätte. Daher zu Rom auf dem Schloss das Bild des
Vejupiters fast vom Anfange der Stadt / biss zu gegenwärtiger Zeit getauret und
seinen ersten Glauben behalten hätte. Mohrenland konnte dem ruhmrätigen Asien
länger nicht zuhören; sondern brach ein: Asien möchte mit seinem fahlen
Cypress-Holtze sich für seinem Eben-Holtze / welches an Schwärtze die Kohlen / an
Härte das Eisen / an Glätte das Helffenbein überstiege / nur verkriechen. Denn
die aus diesem geschnitzten Bilder beschämten die ertzt- und steinernen. Die den
Gräbern und dem Tode gewiedmeten Cypressen gingen umb sich selbst traurende in
der Klage / und weil ihr Wachstum verstockt / ihre Aeste ohne Frucht / die
Blätter bitter / der Geschmack seiner Nüsse scharff /der Geruch widrig / ja der
Schatten selbst unangenehm wäre / seine Wurtzeln aber nach einmaliger Abhauung
nicht wieder wüchsen / wäre er nicht unbillich der Hölle gewiedmet / und sein
Holtz zu keinen andern Bildern / als der schädlichen Götter würdig. Aus seinem
Mohren-Holtze aber wäre nicht nur die Ephesische Diana gebildet; sondern die
Indianer machten alle ihre Götter daraus; und zwar so viel billiger /weil das
auf glüende Kohlen gelegte Ebenholtz ohne einigen Rauch verbrennte und einen
süssen Geruch von sich gäbe. In Indien machte man auch Speise-und Trinkgeschirre
daraus / weil es wider Gift und Zauberei eine fürtrefliche Krafft hätte. Nichts
weniger diente es zu einer köstlichen Augen-Salbe. Diesemnach die vom Cambyses
überwundenen Mohren den Persischen Königen jährlich ein gewisses von diesem
Holtze hätten zinsen müssen. Der grosse Pompejus hätte es in seinem
Morgenländischen Siegs-Gepränge als eine kostbare Seltzamkeit für ihm hertragen
lassen / und Cleopatra hätte es bei Belägerung Alexandriens unter andern
kostbaren Schätzen für dem Käyser August in der Isis Tempel versteckt. Ja es
verdiente mehr ein Ertzt / als Holtz genennet zu werden; weil es /wenns gleich
dürre würde / die erste alles andere Holtz übertreffende Schwerde behielte / und
im Wasser wie Eisen untersincke. Pannonien fiel ein: An dem Eben-Baume wäre
nichts als das Holtz preisswürdig; welchem aber die Kunst durch Beitzung fast
alles andere harte Holtz ähnlich machen könnte. Der Kern seines Citysus aber gäbe
dem meist zum teil faulenden Eben-Baume nichts nach; sein Stam gleichte dem
Balsam-Baume; und aus seinen Blüten saugten die Bienen eine unglaubliche Menge
Honigs. Der Seren Land lösete nun auch seine Zunge / und sagte: der Citysus wäre
ein Feind aller andern Bäume / weil er alle in der Nachbarschaft stehende
Pflantzen tödtete; und also vielmehr auszurotten als zu erhöhen. Das Eben-Holtz
oder vielmehr seine wachsende Kohlen aber gehörten ins Feuer oder in die Hölle.
Sein edles Rosen-Holtz aber wäre unter allen andern / wie die Rose unter den
Blumen der König. Seine annehmliche Röte gleichte den Rosen / seine Adern aber
durchstreiften es so artlich / als wenn die Natur mit allem Fleiss ihren
künstlichen Pinsel darzu gebraucht hätte. Diesemnach auch die davon gemachten
Bilder die Helffenbeinernen / die Tische aber der Mauritanier aus Ceder-Wurtzeln
gemachte beschämte. Gallien hielt es ihm nunmehr auch verkleinerlich länger zu
schweigen; daher sagte es: die Natur spielte nicht nur in vielen Bäumen /
sondern auch in Steinen und Muscheln mit ihrem Gemählde. Dieses aber wäre
wunderwürdiger: dass in seinem Narbonischen Steinfelde Scharlach- oder
Karmesin-Bäume mit Würmer-heckenden Beeren wüchsen / welche fast schöner als das
Blut der Purpur-Schnecken / Seide färbten; und weñ diese Würmlein darauf stürben
/ etliche Tage einen den Zibet / Ambra / Mosch- und Citronen-Blüte
übertreffenden Geruch von sich gäben / wie nichts weniger zu einer fürtreflichen
Hertzstärckung und Wunden Balsame gebraucht würden. Es wäre wider das
Hertzklopffen / wider Ohnmachten und Traurigkeit des Gemütes nichts heilsamers
als das hiervon gemachte Labsal. Daher wenn dieses seines Baumes zum Bauen und
allerhand Werckzeugen überaus dienliches Holtz / seine immergrünenden Blätter /
die Süssigkeit seiner Eicheln und die Pracht seiner Färbung nicht der Griechen
Gesätze / welches die Abhauung dieses bei einem Grabe stehenden Baumes bei
Lebens-Straffe verbot / rechtfertigte / würde alleine seine heilsame
Artznei-Kraft ihm alle Grausamkeit abschäumen. Armenien widersprach Gallien /
und sagte: Wenn einem Baume in der Welt der Siegs-Preis wegen der Färberei
gebührte / käme er seinen Stauden zu / derer Himelblau färbende Blätter allen
andern so weit / als der Himmel der Erde vorgienge. Ob nun zwar diese auch in
Indien und andern Orten wüchsen / täte doch von den Armenischen ein Pfund mehr
/ als anderwerts drei; und würde deswegen in kein Land der Welt mehr Gold und
Silber / als in Armenien gebracht. Gallien wollte Armenien nicht weichen /
sondern versätzte: Ihre Scharlach-Farbe wäre eine Königliche / Armeniens aber
eine Trauer-Farbe. Uberdis wüchsen in Gallien Dornstauden / welche die
annehmlichste Goldfarbe in Seide und Wolle brächten; die die Serer ebenfals nur
ihren Königen vorbehielten / und die rechte Farbe des Himmels / blau aber der
Luft / oder vielmehr nur ein Betrug der Augen wäre. Das grosse Atlantische
Eyland lächelte hierüber / und sagte: dass alle Färbe-Bäume gegen seinem
auswendig Aschfärbichten / inwendig aber roten und mit Buchsbaum-Blätter
prangenden sich entröten /und als Zwerge verkriechen müsten. Sintemal sie an
Grösse die Eichen überträffen und zum teil von drei und mehr Männern nicht
umbklaftert werden könten. Das Holtz ihres Stammes / auch seine Asche färbete
rot wie Purpur oder schwarz-braun / etliche auch gelbe und andere blau. Das
Holtz wäre Blei-schwer /Eisenharte und diente zu Seulen / Bildern und Werkzeuge
besser als kein anderes / und gäbe im Brunnen fast keinen Rauch von sich. Seine
Zweige prangeten mit bundten Meien-Blumen. Etliche trügen auch gar Früchte wie
Weintrauben / welche an köstlichem Geschmacke den Weinbeere nichts nachgäben.
Das Zeiter schweigende Italien lösete nunmehr auch seine Zunge; und rühmte
seinen Maulbeer-Baum für ein Wunderwerck der freigebigen Natur. Denn er färbete
/ speisete und kleidete die Menschen. Seine Beeren hätten einen das Blut
beschämenden Safft in sich; also: dass dieser auch für das Blut des Pyramus
gehalten würde. An der Farbe dieser Beeren hätten die Götter selbst Belieben;
daher Schäfer und Hirten niemals den Gott Pan umb Gedeien ihrer Heerde anruften;
dass sie ihre Leiber mit diesem Safte färbeten. Der Saft gäbe eine annehmliche
Speise und zugleich in vielen Schwachheiten eine Artznei ab. Die Blätter der
Maulbeer-Bäume / besonders aber der weissen / verwandelten sich in den
Eingeweiden der Seiden-Würmer in das köstliche Gefäser / woraus sie das
herrlichste Gespinste der Welt / ihnen selbst aber das prächtigste Grab webten;
daher der Nutzen dieses Baumes Weinstöcken und Oelbäumen fürgezogen würde.
Egypten begegnete Italien / und meldete: an den Maulbeeren taugte weder Farbe
noch Genuss. Jene wäre vergänglicher / als die Schmincke des Cretischen
Meerschilffes / dieser mehr schädlich / als nütze / und die Blätter so wohl / als
anderer Bäume nichts mehr /als Speise der Würmer / welchen allererst die Geburt
der Seide zuzuschreiben wäre. In Egypten aber wüchsen Bäume von zweierlei Grösse
/ welche in ihren Aepfeln köstlichere Wolle als kein Schaaf trügen. Aus Egypten
hätte sich Indien und ganz Mohrenland damit besämet / und würde die meiste Welt
nackt gehen müssen / wenn nicht diese alle Menschen zu kleiden auskommende Bäume
täten. Scytien brach ein: Alle diese Baumfrüchte wären todte Dinge gegen denen
vollkommenen Lämmern / welche bei ihm auf einer starcken Staude wüchsen. Diese
Lämmer geben die zarteste Wolle dem Frauenzimmer zu Hauben /ein niedliches
Krebsfleisch zum Essen. Und wormit man ihre Frucht für ein vollkommenes Tier zu
halten gezwungen würde; flüsse aus diesem Schaafe nach jederm Schnitte Blut; es
lebte nicht länger / als es umb sich andere Kräuter gleichsam zu seiner Speise
hätte /und nach ihm wäre kein ander Fleisch-fressendes Tier / als der Wolf
lüstern. Arabien versetzte: diese Lämmer-Pflantze wäre so wenig ein Tier / als
die Affen Menschen / auch mehr ein seltzames Spiel / als ein gross Geschencke der
Natur; weil weder das fleischichte Gewächse noch die wenige Wolle viel Nutzen
brächte. Sein Gossypischer Baum aber trüge einen so zarten Flachs / gegen welchem
Baumwolle grob und harte wäre / wiewol es noch zweifelhaft: ab die ersten
Baumwollen Bäume in Arabien oder Egypten gewachsen wären. Aus seinem Baumflachse
aber würde die köstlichste und dem Golde gleichgültige Leinwand gemacht / womit
nicht alleine das Frauenzimmer / als seiner grösten Zierde prangten / sondern
auch die Hohenpriester ihrer Reinligkeit halber sie zu ihrem heiligsten Schmucke
brauchten. Serica widersprach Arabien / und sagte: Sein Baum-Gewebe wären
Spinnen-Weben und gleichsam ein durchsichtiger Wind; welcher zu nichts als
geilen Weibern zu einer Entschuldigung diente: dass wenn sie alle Blösse ihres
Leibes zeigten / doch sich bekleidet zu sein rühmen könten. Hingegen trüge ihre
Seiden-Staude ein Gespinste / welches zärter als Baumwolle und andere Seide wäre
/ die davon gewebten Zeuge auch teuerer als beide verkaufft würden. Arabien
fieng hierüber an: Alle diese Färbe- und Wollen-Bäume dieneten fast nur allein
zu Werckzeugen der Hoffart. Sein grosser und schwartzer Dorn-Baum aber trüge
zwar auch kleine weissgelbe Wolle / aber dis wäre nur seine Blüte. Seine Blätter
geben die schönsten Kräntze ab /dienten zur Färberei und Schmitzung der Felle.
Seine Aeste trügen Schoten; ein köstliches Hartzt als seine wahre Frucht /
welches wie der Wein ausgepresst würde / und gleichsam Würmern ähnlich wäre /
aber den Blutfluss stillete / die Augen stärckte / und die Gicht von Grund aus
heilete. Sein Stamm grünete unaufhörlich / und verdiente wegen seiner so
vielfältigen Nutzbarkeit für allen den Vorzug. Egypten bezeugte über dieser
Herfürzuckung eine augenscheinliche Ungedult / und sagte / dieser Arabische
Hartzdorn wäre nichts anders als sein gemeiner Baum Acacia. Diesem aber wäre
sein an dem Nil zehn Ellen hoch und dreieckicht wachsender Papier-Baum / so weit
als Gold dem Kupfer fürzuziehen. Denn von seinen Blumen machte man nicht nur den
Menschen / sondern den Göttern und ihren Bildern Kräntze / aus seinen Wurtzeln
zierliche Geschirre / aus dem Holtze Schiffe / aus der Rinde Segel / Teppichte /
Kleider / Decken und Seide. Die Egyptischen Priester trügen aus keinem andern
Zeuge / als von seinem Baste Schuh. Viel die in Einsamkeit den Geheimnüssen der
Natur nachsiñeten / lebten auch von dem ausgesogenen Saffte dieser rohen oder
gebratenen Staude. Der gröste Nutz aber wäre allererst bei Erbauung der Stadt
Alexandria erfunden / nämlich: dass seine mit einer Nadel von sammen gezogene
Blätter das beste Schreibe-Papier abgäben. Weil nun vorher die Häute der Esel /
Kälber und Schaafe / hernach die Baum-Rinde und Palm-Blätter den Gelehrten zum
Schreiben ziemlich ungeschickt; der Perser Pergament / die Leinwandten / worein
die Schrifft gewebt / oder gemahlt werden müste; wie auch die blei- und
ertztenen Taffeln zu kostbar / die überwächsten Bretter allzu unberüglich gewest
wären; verdiente der so geschickte Papier-Baum: dass er alleine dem Apollo und
den Musen gewiedmet / und für den König aller Pflantzen erkläret würde.
Griechenlande ward durch die letzten Worte wegen seines dem Apollo geheiligten
Lorbeer-Baums aus Hertz gegriffen. Daher fieng es an: Man machte aus der
Mittel-Rinde der Maulbeer-Bäume und anderen Stauden eben so dienliches
Schreibe-Papier. Alles aber wäre ein viel zu geringes Behaltnüs dessen / was
durch Eingebung des Apollo die gelehrte Welt aus Licht brächte / sondern
verdiente in Ertzt oder in etwas geetzt zu werden; welches wie sein Lorbeer-Baum
unaufhörlich grünete. Westwegen nicht allein das Römische Volck am neuen
Jahrs-Tage ihren Obrigkeiten Lorbeer-Zweige zureichte / und diese Bäume im
anfange des Mertzens für die Häuser der Käyser und Hohenpriester sätzte / umb
darmit eine immerblühende Herrschaft anzuwünschen; sondern es wäre dieser Baum
der ewig-scheinenden Sonne /oder des Apollo gröstes Heiligtum. Denn diesen Baum
hätte er zuerst in Griechenland gepflantzet / er wäre hitzig und leichtbrennend
/ mit seinen zusammen geriebenen Aesten machte man unschwer Feuer /also wäre er
seiner Eigenschaft. Er diente zur Reinigung / und daher wie er dem reinlichsten
Gestirne so angenehm: dass er so wenig / als Adler und Meer-Kälber vom Blitze
beschädigt würde; also der ihm übel bewusste Tiberius niemals sein Haupt der
Lorbeer-Blätter beraubte. Diese hätten auch eine geheime Krafft der Wahrsagung
über vergangene / gegenwärtige und künftige Dinge / welche durch die drei
Wurtzeln des zu Delphis so hochverehrten Lorbeer-Baumes angedeutet würde. Ja
diese unter das Haupt gelegten Blätter liesse einem auch nichts unwahres träumen.
Apollo / als der Wahrsager-Gott / hätte darumb seine flüchtige und in dem
väterlichen Flusse Peneus umbkommende Tochter in keinen andern / als einen
Lorbeer-Baum verwandeln wollen / von welchem er etliche Zweige zu seinem ewigen
/ und seinen Priestern zu heiligen Kräntzen erkieset hätte / umb auch von dem
was ihn geflohen gekrönet zu werden. Auf keinem Feier müste ein Knabe einen
Lorbeer-Baum herumb tragen / und sein hochheiliger Tempel zu Delphis wäre aus
eitel Lorbeer-Bäumen des Tempischen Tales gebaut gewest. Der ihm geheiligte
Fluss Eurota und Berg Parnassus würde fast von eitel Lorbeer-Bäumen überschattet
/ wovon die Sieger auf den Delphischen / die grossen Tichter / welche von den
gekäuten Blättern vergeistert werden / sollten auf den Olympischen und Istmischen
Spielen / wie auch die Aertzte damit bekräntzet würden. Massen denn Apollo der
oberste Artzt diesen Baum mit der Kraft dem Gifte zu widerstehen / den Stein zu
zermalmen / der Leber zu helffen / die Zaubereien in Liebes- und
Verstellungs-Dingen / wie auch den Mehltau abzuwenden / und viel andern
heilsamen Würckungen versehen hätte. Der Rabe befreite sich nach Tödtung eines
Chameleons damit seiner Vergiftung. Die krancken Hüner heileten sich dadurch
aus; die Holtztauben und Rebhüner legten seine Blätter zu Vertreibung aller
Kranckheiten in ihre Nester. Daher die Egyptier einen sich selbst heilenden
Menschen mit einer ein Lorber-Blat im Schnabel habenden Aglaster abbildeten.
Jedoch wären die Lorbeer-Bäume nicht alleine dem Apollo / sondern auch andern
Göttern lieb. Bei Rom würden die Kaufleute aus dem Brunne des Mercur /wie auf
den Begräbnüssen alle Umbstehenden / mit einem eingetauchten Lorber-Zweige
gereinigt. Die vom Feindes-Blute befleckten Sieger reinigten sich durch
Anzündung der Lorbeer-Blätter. Sein Holtz aber hielte man auch auf Altären
insgemein zu verbrennen / noch vielmehr aber zu irrdischen Dingen für allzu
heilig; welches im Feuer auch ärger / als kein andres knackte / und damit
gleichsam seinen Unwillen verbrennt zu werden andeutete; wiewol auch dieses
Knacken ein Glückssein stilles Verlodern aber ein Unglücks-Zeichen den
Opferenden wäre. Dass Jupiter aber diesen Baum wehrt hielte / leuchtete genungsam
daheraus: dass ein Adler einen Beeren-reichen Lorbeer-Zweig der Livia Drusilla in
ihre Schoss fallen lassen. Woraus in weniger Zeit an der Tiber ein Lorbeerwald
gewachsen / darinnen Käyser August zum ersten / hernach alle folgende Uberwinder
zu ihren Siegs-Kräntzen und Zweigen Aeste abgebrochen hätten / umb sie auf dem
Capitolium in Jupiters Schoss abzuliefern. Könige und Priester pflantzten sie
für ihre Türen und Fenster; Für des Augustus Pallaste stünde derer eine
ziemliche Anzahl / und hienge daran ein Krantz / von einem Kornel-Baume; gleich
als er niemals Feinde zu überwinden / und Bürger zu erhalten aufhörete. Die
Bürgermeister umbhülleten damit ihre Beile / die Sieger ihre Adler und Schiffe /
die Soldaten ihre Spisse; ja die einen Sieg berichtenden Briefe. Ein Wahrsager
musste mit einer brennenden Fackel und Lorber-Zweige für denen treffenden Heeren
hergehen; ja auch die zu den Feinden geschickten Friedens-Boten reckten sie
selber entgegen. Jedoch wären zu Rom und bei andern Völckern schon für alter
Zeit diese Zweige Freudens- und Sieges-Zeichen gewest. Romulus hätte nach
überwundenem Könige Acron / und Bacchus nach eingenommenem Indien /mit einem
Lorber-Krantze sich geschmücket / ungeachtet dieser Baum mit dem Weinstocke
keine geringe Feindschaft hegete / und sein guter Geruch so wohl die Stärcke und
den Geruch des Weines niederdrückete /als seine schattichten Aeste die
Sonnen-Hitze zurück hielten. Diesemnach der weise Empedocles nicht ohne Ursache
gewünscht: dass seine sich vom sterbenden Leibe absondernde Seele in einen
Lorbeer-Baum wandern; ein Wahrsager-Geist aber den Junius Brutus das solche
Bäume tragende Erdreich / nämlich Griechenland / zu küssen ermahnet / da er über
die Tarquinier siege wollte. Also gehörete keinem / als dem Siegenden
Lorbeer-Stame der Siegs-Krantz zu. Asien / welches mit wolrüchenden und ganze
Landschaften überschattenden Myrten prangte / brach ein; und führte für den
Obsieg des Myrten-Baums an: dass seine Zweige nicht jüngere Sieges-Zeichen / als
die Lorbeer-Aeste wären. Postumius Tubertus hätte nach überwundenen Sabinern /
Papyrius Masso nach bezwungenen Corsen im Siegs-Gepränge keinen Lorbeer / sondern
einen Myrten-Krantz zu tragen verlangt; ja diese wären aller ohne viel
Blutstürtzung erlangter und also der edelsten Siege Merckmahle gewest. Bei den
Griechen wären wolverdienter Leute Holtzstösse und Gräber mit Myrten ausgeputzt
/ auf denen Gastmahlen die Sänger lieblicher Getichte damit gekräntzt gewest.
Was wäre es aber nötig für die Myrten den Beifall ihres Vorrechts von
sterblichen Menschen herzuholen. Die Mutter aller Fruchtbarkeit / welche allen
Gewächsen ihr Leben / allen Stauden ihren Safft / allen Bäumen ihre Tugenden
einflöste / würde aus allen ihr selbst nicht den einigen Myrrten-Baum
zugeeignet haben / wenn sie ihn nicht für den köstlichsten gehalten hätte.
Dahero schon der alte Pelops bei dem Flusse Hermus der Venus Bild aus einem
Myrrten-Stocke gefertigt / das älteste Rom unter dem Berge Aventinus der
Myrrtenen Venus ein Altar gebaut hätte. Die jährlich im April dieser
Liebes-Göttin opfernden Frauen müsten auch alle Myrrten-Kräntze tragen.
Sintemal dieser Baum gerne an denen ihr beliebten Meer-Ufern wüchse / einen ihr
annehmlichen und den Myrrhen gleich kommenden Geruch hätte; fürnemlich aber dem
Frauenzimmer in vielen Nöten dienlich / in den meisten Weiber-Kranckheiten
heilsam / und zu Erweckung der Liebe beförderlich wäre; also den Namen der
Liebes- und Verehlichungs-Pflantze verdiente / unter denen sich auch noch die
Geister der Verliebten in den Elysischen Feldern erlustigen sollten. Diesemnach
der Myrrten-Baum auch mit dem Rosenstocke eine geheime Liebe hegte / und neben
diesem viel fruchtbarer würde. Kein geringeres Wolgefallen müste Minerva an
diesem Baume haben / als in welchen sie die in den Griechischen Spielen so oft
siegende und aus Neid ermordete Myr sine verwandelt hätte. Uberdis besässe der
Lorbeer-Baum keine mehrere Kraft zu weissagen / als die Myrrten / derer einer
bei dem Heiligtum des Romulus viel lange Zeit das Wachstum und Aufnehmen des
Adels / der andere des Pövels / wunderwürdig angedeutet hätte. Seine Beeren
dienten nicht nur allem Geflügel zu der allerbesten Mästung; den Wachteln / wenn
sie von der Niesewurtz erkrancket / zur Genesung / und den Drosseln /dass sie mit
denen ins Nest getragenen Myrrten-Blättern die giftigen Tiere damit abhielten
/ sondern auch seine Blumen dem Menschen zum guten Geruche ihres Mundes / die
Blätter / die Beeren / sein Saft /sein ausgeprester Wein / und seine der Rinden
anwachsende After-Geburt gäben dem Magen / wider die Verletzungen giftiger
Tiere / und in unzehlbaren Kranckheiten heilsamste Artzneien ab. Panonien konnte
Asien länger nicht zuhören / und fieng an: Seine Lobsprüche würden dem
unfruchtbaren / und weder die Kälte noch Sonnenhitze wolvertragenden
Myrrten-Baume so wenig den Vorzug unter den Bäumen / als die Schmincke einem
runtzlichten Antlitze die Jugend zu wege bringen. Er möchte sich nur unter
anderer herrlicher Bäume Schatten verkriechen /weil er ohne dis zum ersten auf
des Elpenors Grabe wäre wachsend gefunden worde / und der Himel ihn nicht würdig
schätzte: dass er / ungeachtet der sorgfältigsten Pflegung auf dem Himmel so
nahverwandten Berge Olympus / oder in dem fruchtbaren Pontus wüchse. Wenn aber
einem Beeren-tragenden Baume der Sieges-Krantz gehörete / käme er keinem / als
seinem Wacholder-Baume zu / der nirgends grösser / als in seinem Illyricum / und
nirgends gemeiner / als in seinem benachbarten Deutschlande wüchse. Dieser
wüchse seiner himmlischen Eigenschaft nach / nirgends lieber / als auf Gebürgen;
weder Hitze noch Kälte versengete seine niemals abfallenden Blätter; die Würmer
trauten sich so wenig an sein Holtz / als an frische Cedern ihren Zahn
anzusetzen. Seine Frucht wäre seine Blüte; und so hätte er niemals nichts
unvollkomenes; zu jederzeit aber zugleich reiffe und reifwerdende Beeren auf
sich. Diese wären eine Artznei über alle Artzneien. Sie wärmeten den Magen
besser und gesünder / als der Indianische Pfeffer; sie zermalmeten den Stein
leichter / als die güldene Rute; sie hülffen dem Husten gewisser / als
Süsseholtz ab / ihre Glut vertriebe die Pest / und Schlangen eher als
Schlangen-wurtz; Sie sind eine Stärckung der Brust / eine Lüftung der Brust /
eine Salbe der Augen. Ihre Asche hilfft der Wassersucht ab; ihr Saltz verhindert
die Fäulnüs / ihr Oel wäre ein Balsam der Eingeweide / und also der
Wacholder-Stamm / mit einem Worte / ein rechter Lebens-Baum / und ein
allgemeiner Heilbrunn der Deutschen und Pannonier. Armenien rümpfte hierüber den
Mund / und fieng an: Es wunderte sie / dass die kalten Nordländer / wo die Natur
selbst in Gefahr zu erfrieren stünde / von der Köstligkeit ihrer Bäume / und
Pannonien von der geringen Wacholder-Staude so viel Wesens machte. Da doch sein
Schatten nicht nur schädlich / sondern seine Wurtzeln gar giftig wären / seine
Beeren erst im dritten Jahre reif würden / und er oft mit eigenen Tränen seinen
Unwehrt beweinte. Sein hartzichter Pistazen-Baum hätte alle Tugenden des
Terebintus / welcher als ein Riese die Wacholder-Staude als einen verächtlichen
Zwerg mit hohen Augen übersähe. Die Wacholdern streuten an statt der Blüten nur
einen gelben Staub in die Luft / seine Blüten aber prangten mit Purpur-Blumen.
Seine Nüsse wären von Süssigkeit /Oel / gutem Geruche und Artznei-Kraft trächtig.
Denn wie sie dem Munde nach bester Würtze schmeckten; also reinigten sie die
Lunge / erleichterten die Brust / erfreuten das Hertze / beförderten die Liebe /
stärckten die Nieren / insonderheit wären sie gleichsam ein Lebens-Balsam der
Leber. Scytien runtzelte hierüber die Stirne; dass sie denen Kastanien-Blättern
ähnlich ward / und setzte Armenien entgegen: Sein an Grösse / an Härte des
Holtzes den Eichen gleicher / sonst aber viel köstlicher Kästen-Baum wäre unter
allen Speise-tragenden Bäumen der nützlichste. Der Pistazen-Baum trüge ja wohl /
aber kleine /und den geringen Buchen-Nüssen nicht sehr überlegene / also leicht
entpehrliche Früchte. Sein Kastanien-Baum aber wäre auskommlich ganze Länder zu
speisen. Seine Kästen dienten so wohl zu Brodte; dass man des Weitzens darbei
entpehren könnte. Dahero sie auch Jupiters Eicheln / des Bacchus und der Venus
Zugemüse genennt zu werden die Ehre hätten. Ihr Kern hätte in sich ein
annehmliches Honig / und nebst dem Häutlein eine Kraft wider Gift; ihre Schaale
gäbe ein herrlich Wund-Pflaster ab. Die Natur hätte für sie sonderbare Sorgfalt;
in dem alle Räuber an ihrem Stamme von sich selbst verdorreten; und ihre Nüsse
wären / so lange sie nicht völlig reif / mit den schärfften Stacheln gewaffnet;
wormit durch Verspeisung ihrer unreiffen Frucht niemanden geschadet würde.
Hispanien lächelte / und fieng an: Weil die Kästen zwar dem menschlichen Haupte
beschwerlich / dem Magen unverdäulich / jedoch denen engbrüstigen und keuchenden
Pferden gesund sind / begehre ich / als eine Mutter guter Pferde / die
Kastanien-Bäume zwar von meinen schattichten Hügeln nicht auszurotten; aber
diesen sind meine in der Welt unentpehrlichen Mandel-Bäume weit fürzuziehen
/welche man als viel köstlicher auf die Kastanien- zu pfropfen pflegt. Denn
diese tragen mehr Mandeln als Blätter; und wider aller andern Pflantzen Art /
werden sie je älter / je fruchtbarer. Daher sie die Natur gleichsam mit allem
Fleisse zeitlicher / als andere Bäume veraltern lässt. Die Mandeln geben die
reineste Nahrung ab / und ohne ihre Hülffe können wenig niedliche Speisen
bereitet werden. Der Himmel hat eines ihrer Geschlechte mit einer annehmlichen
Süssigkeit / das andere mit einer reitzenden Bitterkeit begabt / umb diese so
heilsame Frucht jedwedem Gaumen beliebt zu machen. Das Hartzt / welches diese
Bäume weinen / hat in Artzneien eine fürtrefliche Krafft / an sich zu ziehen /
wie das Mandel-Oel alles zu lindern und zu heilen; ihre Milch aber zu kühlen /
und auf allen Fall bei den Kindern den Abgang der mütterlichen Nahrung zu
vertreten. Italien begegnete Hispanien: Ich begehre denen nährenden Mandeln
ihren Preis nicht zu entziehen / weil mein Feigen-Baum zu ihnen eine so gute
Neigung hat / als zur Raute und Meer-Zwiebeln; in derer Nachbarschaft er auch
so viel freudiger wächst. Alleine jene werden diesem sonder Zweifel so willig
das Vorrecht enträumen / als es ihm das Recht der Natur zugeeignet hat. Denn dass
die Feigen die edelste Baum-Frucht sei / geben auch die missgünstigen Länder nach
/ bei welchen keine wachsen; wenn sie solche so ferne holen lassen / und nach
ihrem Zucker alle Finger lecken. Amitrochates / der König in Indien / liess den
König Antiochus durch eine Gesandschaft nicht weniger umb süsse Feigen / als
einen Weltweisen ansprechen. Als Xerxes die Attischen Feigen das erstemal
schmeckte / tät er ein Gelübde keine mehr zu essen /bis er das eine solche
unschätzbare Frucht tragende Land unter sein Gebiete gebracht hatte. War also
eine Feige so wohl die wahre Ursache des grossen Persischen Krieges wider
Griechenland; Als die Bojen durch wenig Feigen und Weintrauben / die ein
helvetischer Schmidt über die Alpen getragen hatte / in meine Rebenund
Feigen-reiche Gegenden gelockt wurden. Denn diese zwei sind sicher die Fürsten
der Gewächse; ein Auszug der köstlichsten und so wohl dem greifen Alter als der
zarten Jugend wolbekommenden Nahrung; in denen und nichts anderm der Götter
Nectar und Ambrosin bestehet. In den Feigen stecket alleine die unverfälschte
Süssigkeit / ein Schatz der Gesundheit / ein Labsal des Leibes / ein Honig des
Lebens. Dahero nach dem die Aeste der Feigen-Bäume voller Milch stecken / von
denen damit gesegneten Ländern nicht unbillich gerühmet wird: dass daselbst Milch
und Honig flüsse. Die Griechen verehrten deswegen gar billich den Ort an dem
Flusse Cephissus / wo der erste Feigen-Baum gewachsen sein sollte / für ein
Heiligtum; den Phytalus aber mit Lob-Liedern / welcher von der Göttin Ceres den
ersten Feigen-Baum zur Belohnung seiner guten Bewirtung bekommen haben sollte.
Wiewol andere dieser göttlichen Pflantze einen noch edlern Ursprung zueigneten /
nämlich: dass die von dem süssen Bacchus geliebte Syca bei ihrer Umbarmung;
andere / dass einer von den flüchtigen Titanen Sycaus in eine Feigenbaum wäre
verwandelt worden. Wegen des ersten krönen nicht nur die Cyrener und Griechen
die Bilder des Bacchus / als den Erfinder des Ackerbaues und der Feigen / mit
Feigen / oder Feigen-Blättern / und geben ihm den Zunahmen Sycites; sondern im
Anfange der Weinlese überschmieren sie auch sein Bild mit saftigen Feigen. Auf
dem Eylande Naxes war das Antlitz des Wein-Gottes selbst aus Feigen-Holtze
gemacht; und im Feier des Bacchus wird ein aus Feigen-Holtze gemachtes Bild der
tätigen Zeugungs-Kraft offentlich zur Schaue getragen. Und zwar dis nicht ohne
erhebliche Ursache; weil die Feigen nicht nur eine kräftige / sondern die
süsseste Speise den Menschen / ihre Blätter den Seiden-Würmern abgeben / ja vom
Feuer der Feigen-Bäume das Fleisch geschwinder und mirber kochet / und daher die
Alten alle die / welche nicht Feigen zu essen hätten / für die unglückseeligsten
Leute hielten; Hingegen die Atenienser ihrer Bräutigamer Häupter mit Feigen /
als einem Sinne Bilde der grösten Vergnügung /kräntzten / und / umb derselben
Abgang zu verhüten /die Verführung ihrer Feigen bei schwerer Straffe verboten.
Sintemal nicht nur die Ringer auf den Olympischen Spielen meistenteils nur von
Feigen / als einer zur Stärckung der Glieder sonderlich dienenden Speise /
lebten / darumb auch die Griechen ihre Belohnungs-Kräntze der Arbeiter aus
Feigen und Rosen zusammen flochten; Die Spartaner auf ihren Gastmahlen jedem
Gaste noch so viel Feigen als andere Gerichte fürsätzten; die Carier nicht nur
alle ihre Speisen mit Feigen anmachten; sondern weil sie dem Giffte widerstehen
und daher vom Mitridates zu seiner berühmten Artznei genommen worden / den
Zähnen / der Gurgel / der Brust / den Nieren und vielen andern Gliedern sehr
gesund sind / sind sie auch fast die einige Speise des Zeno / Anchimolus /
Moscus / Democritus und anderer Weltweisen gewest. Ja als der geschlagene
Artexerxes des jüngern Cyrus Bruder auf seiner Flucht nebst einem Gersten-Brodte
nur ein paar Feigen zu essen bekam / beklagte er sich: dass die Persischen
Wollüster ihm dieses alle niedliche Speisen wegstechendes Gerichte so lange
vorentalten hätten. Oder vielleicht hielten die Persen die Feigen für eine
irrdische Speise zu gut. Sintemal ihre Könige / wenn sie sich bei der Stadt
Pasargada einweihen liessen /nur Feigen / als eine den Göttern annehmlichste
Kost / wie die Egyptier auf ihrem Feier des Mercur nur Feigen und Honig / als
Bilder süsser Beredsamkeit speiseten. Ja den erzürnten Göttern selbst werden bei
Versöhnungen der Städte / und für Abwendung giftiger Seuchen / annehmliche
Feigen; und in den Hunds-Tagen an dem der Philotis zu Ehren gehaltene
Mägde-Feier der Juno Milch der wilden Feigen-Bäume geopfert. Saturnus träget an
dem Feier der Venus einen Feigen-Krantz zum Friedens-Zeich n / und an seinem
Tage gibt man mit Feigen das Anfangs-Zeichen zu Samlung des Honigs. An dem
Targelischen Feste hingen die Griechen dem Menschen / welcher dem Apollo und
Dianen geopfert werden sollte / Feigen an / und schlügen das Opfer-Fleisch mit
wildem Feigen-Holtze. Die Egyptier aber kräntzten mit Feigen-Laub an dem Feier
des Serapis und der Isis alle / welche darbei Körbe oder Wasser-Krüge tragen.
Nichts weniger ist der Kriegs-Gott ein Freund der Feigen-Bäume; weil ihr Holtz
zu Schilden / der Rauch davon zu Erstechung der Missetäter / ihre Frucht zu
Siegs-Geschencken so dienlich ist; oder vielleicht weil Cato mit Vorzeigung
einer frischen aus Africa in drei Tagen nach Rom gebrachten Feige den dritten
Punischen Krieg angezündet / aller widriger Ratsherren Beredsamkeit darmit
überstimmet / und das mächtige Cartago eingeäschert hat. Ja zu Rom wird der
wunderwürdige Feigenbaum / welcher die unter ihm als Kinder liegenden Romulus
und Remus gespeiset haben sollte / und zeiter den Römern für einen Wahrsager
gedienet / gleichsam göttlich verehret. Welche Wahrsagungs-Krafft auch König
Philipp an Feigenbäumen wahrgenommen / als derer zweifache Fruchtbarkeit ihm die
Vergrösserung seines Reiches angekündiget; zu geschweigen: dass der Feigenbaum
nichts weniger / als der Lorberbaum dem Donner widerstehet / und daher so wohl
zum Schutz als zum Nutz an die Häuser gepflantzt wird / und die an einen
Feigenbaum gebundenen wilden Ochsen zahm werden. Diesemnach auch am neuen
Jahres-Tage die Obrigkeiten zu Rom nachdencklich mit der Frucht dieses
glückseligen Baumes beschencket werden. Wegen so vieler Fürtreffligkeiten des
Feigenbaums / hat sonder Zweifel die gütige Natur ihn für fast allen andern
Bäumen mit / ungemeiner Fruchtbarkeit begabt / indem sie ihn mit allem Fleisse
niemals blühen lässt; wormit alle seine Kräffte der Frucht vorbehalten bleiben.
Keine Frucht eilet so sehr zu ihrer Reiffung als die Feigen; ja die Nächte
tragen nicht ohne Wunderwerck hierzu mehr / als die heissesten Tage bei. Uber
diss schadet die unaufhörliche Fruchtbarkeit das wenigste nicht dem Stamme / wie
andern sich übertragenden Obstbäume; ja weil die Fruchtbarkeit mit einem Alter
zunimt / lässt ihn die Natur gleichsam mit Fleiss geschwinde alt werden. Denen
wilden Feigenbäumen zum besten aber zeuget diese weise Mutter eine grosse Menge
anklebender Würmlein / die ihnen durch stete Bisse den roten Safft aussaugen /
durch die zehe Haut den Sonnen-Strahlen die Türe eröffnen /und also dieses
Ungeziefer wie die nachahmende Missgunst der Tugend einen Werckzeug ihrer sonst
nachbleibenden Reiffwerdung abgibt. Scytien brach ein: Der niedrige und weiche
Feigenbaum möchte sich mit seiner letschichten Frucht nur verkriechen / welche
durch seine nach der Mittags-Mahlzeit genossene Feuchtigkeit leicht Feber
gebähre / den weisen Anchimolus und Moscus aber so stinckend gemacht hätte /dass
sie niemand bei sich hätte im Bade leiden wollen. Sein Safft wäre ja süsse; aber
nur ein Schaum von der Bitterkeit seiner in Aesten steckenden Milch; also der
Feigenbaum ein rechtes Ebenbild der vorwerts annehmlichen inwendig aber
verbitterten Heuchelei. Westwegen vermutlich die Natur diese Frucht / nicht wie
andere ins gemein / unter / sondern über den Blättern wachsen liesse / umb sie
der Beschädigung des Ungewitters so vielmehr zu unterwerffen. Seine schattichten
Blätter bildeten die Traurigkeit seines eigenen Stammes ab / welcher von keiner
Blüte etwas wüste / welche doch aller Pflantzen Freude wäre. Dahero die
Egyptier nicht nur das Feigen-Holtz meist nur zu ihren Särchen und Todten-Kisten
verbrauchten / sondern man pflegte auch mit einem Zweige von wilden Feigenbäumen
/ die doch zu der andern Fruchtbarkeit beförderlich sind / die Verstorbenen zu
verfluchen. Diesemnach denn die Feigen nur billich eine Speise der aus denen umb
ihn stets sehr beschäfftigten Ameisen dem Eacus zu Liebe entsprossener
Myrmidoner /nicht aber derselben Menschen sein sollte / welche Titan aus edlerm
Tone gebildet hätte. Sein Birnbaum hingegen verdiente den Nahmen des besten
Obst-Baumes / welcher nirgends / als bei der Meer-Enge seines Meotischen Meeres
vollkommener würde. Sein Holtz käme an Härte und Glätte dem Ebenholtze am
nechsten / weil es seine durchgehenden Aeste nicht knörnricht machte. Seine
Blüte wäre die annehmlichste Nahrung der Bienen / die Bienen aber der Menschen
/ derer Arten sich nicht zehlen liessen / oft auch auf einem einigen Stamme umb
eines jeden Geschmack zu vergnügen. Denn in seinen Stock liesse sich fast alles
pfropfen; dahero er ein Proteus unter den Bäumen genennet würde. Wie nun seine
Fruchtbarkeit mit den Jahren wächst; also ist kein Baum /wie der Birnbaum so
begierig aus seinen Wurtzeln Kinder zu zeugen. Diesemnach seine Frucht
auskommentlich wäre ganze Völcker zu unterhalten; wie denn die Argäer und
Tiryntier nichts als Bienen ässen. Welches so viel leichter sich tun liesse /
weil man aus selbtem so wohl Wein als Essig machen könnte. Weil diese nun wegen
ihrer zusammen ziehenden Krafft dem Magen gesund wären / ihre Hartz-Gestalt auch
andeutete: dass sie allerhand Zufällen des Hertzens dienten; dem Gifte
widerstünden / teils wie Zucker im Munde zerflüssen / teils am Geruche den
Musch beschämten / würden sie bei den Griechen auf den kostbarsten Gast-Mahlen
in Wasser aufgesetzt. Gallien versetzte: Es hätte zwar an köstlichen Bienen
einen solchen Uberfluss / als kein ander Land. Aber der Birnbaum wäre mit seinen
meist steinichten Früchten zu wenig den Preis unter den Obst-Bäumen zu
erstreiten. Vielmehr gehörte dieses Vor-Recht seinen Apfel-Bäumen / derer
Früchten die Natur die Vollkommenheit durch ihre Rundte / wormit sie die Sonne
und die Welt abbildeten / fürgestellet. Nach ihnen wären im Menschen die Augen
und die Brüste gebildet. Daher die Göttin der Liebe und Schönheit ihr einen
Apfel zum Heiligtum erkieset / Canachus bei den Sicyoniern der Venus herrliches
Bild in der einen Hand mit einem Mohn-Haupte / in der andern mit einem Apfel
ausgeetzet; Eris einen Apfel zum Preise der Schönheit erkieset; und Paris die
siegende Liebes-Göttin damit begabet hätte; vielleicht weil an den Aepfeln die
zwei abwechselnden Farben der Liebhaber / nämlich Röte und Blässe zu sehen ist.
Hippomenes hätte durch die Schönheit der Aepfel die Atalanta im Wettelauffen
überwunde / und sie hierdurch eben so wohl als Acontius Lydippen zur Liebe
beweget. Wege dieser Eigenschaft suchten die Persen vielleicht niemals ihre
Buhlschaft heim / wenn sie nicht vorher einen Apfel verzehrt hätten / und am
Hochzeit-Tage ässen ihre Bräutigame nichts anders als Aepfel. Jedoch gäbe an
ihnen der Geschmack so wenig den besten Früchten und denen Arabischen Würtzen /
als ihre Gestalt den Rosen nach. Westwegen sie die Römer nicht nur iedesmal zu
der andern Speisen Tracht gebrauchten / sondern die alten Archiver hätten für
Zeiten / wie ietzt die Völcker umb Meroe / von nichts anderm / als Aepfeln
gelebet. Zu geschweigen: dass in Gallien und Sarmatien unterschiedene Völcker bei
dem köstlichen Aepfel-Trancke alles Weines gerne vergässen. Zumal da von ihnen
auch kräfftige Gehirn- und Hertz-Stärckungen /wie auch Artzneien wider die Pest
/ Geschwüre und Blindheit bereitet würden. Epicurus hätte daher nicht nur aus
täglicher Speisung der Aepfel grosse Wollust geschöpft / sondern / wie wenig er
auch sonst von der Göttlichen Versehung gehalten / bekennet: dass der Himmel dem
Menschen durch selbte ein grosses Gut zugeeigt hätte. Aepfel wären nichts minder
der nackten Weltweisen in Indien köstlichste und die Weltweissheit stärckende
Gerichte. Ja die Götter hätten fast durchgehends an dieser Frucht ein sonderbar
Belieben. Die dritte der Chariten trüge einen Krantz von Aepfeln und
Weintrauben; Apollo hätte von Aepfeln den Zunahmen Meliates überkommen / und für
Verwandelung der Daphne einen Aepfel-Krantz getragen; westwegen auch bei seinem
Tempel eitel Aepfel zu Bekräntzung der Sieger auf den Pytischen Spielen
abgebrochen würden. Bacchus trüge sie auch in seinem Krantze / die Böotier
brächte sie als das allerangenehmste Opfer ihrem Hercules; und Lucullus sollte
seinen Reichtum von den fruchtbaren Einkünften der Aepfel gesamlet haben / weil
er den zehenden davon iedesmal dem Hercules gewiedmet. Gleicher gestalt opferten
die Patrenser an ihrem Laphirischen Feier /und alle Griechen der Mycalessischen
Ceres nur Aepfel / welche auf der letztern Altare ein ganzes Jahr so unversehrt
/ als wenn sie erst vom Baume gebrochen /liegen blieben. Nach der Maratonischen
Schlacht hatte Phidias dem Bilde seiner fiegenden Nemesis einen Apfel-Zweig an
statt der Palmen in die Hand gemacht; und auf die Harnische der Persischen
Leibwache wären vermutlich aus einerlei Ursache Aepfel gemahlt gewest.
Diesemnach auch das Altertum die Köstligkeit der Alcinoischen Gärte auf Corcyra
von nichts mehr / als von Bäumen zu rühmen gewusst /welche des Jahres zweimal
Aepfel getragen; hingegen wäre für den mörderischen Tantalus keine ärgere
Straffe / als das lüsterne Verlangen nach denen für seinen Lippen allzeit
flüchtigen Aepfeln auszusinnen gewest. Die Obst-Göttin hätte keine andere Frucht
/als nur die Aepfel gewürdigt von ihnen den Nahmen anzunehmen; ja die Natur wäre
den Aepfeln so geneigt: dass ihnen auch sonst schädliche Dinge dienlich sein
müsten / indem das von Wolffs-Milch gekochte und an des Apfel-Baums Wurtzel
gegossene Wasser sie fruchtbar / Würmer aber die Aepfel weicher
/wohlschmeckender und wohlrüchend machten. Persien lächelte / und fing an: Es
wäre wahr / den Aepfeln gehörte der Preis; aber keinen andern denn den
Persischen / nämlich denen in dem Munde in eitel Safft zerfliessenden
Pfirschken; welche die Durstigen nicht weniger tränckten / als die Hungrigen
speiseten. Diese wären die annehmlichen Aepfel der Liebes-Göttin /wie die Rosen
ihre Blumen / mit welchen die Pfirschken einerlei Geruch und eine solche
Verwandschaft hätten: dass sie von denen nahe zu den Pfirschken-Bäumen
gepflantzten Rosen / ein Rosen-rotes Fleisch bekämen. Unter allen Aepfeln wären
diese die gesündesten und schmackhaftesten; sie kühlten den entzündeten Magen;
sie feuchteten an die Lungen; die den Purper beschämende Blüte reinigte den
Leib; vertriebe die Wassersucht; ihr Hartz diente wider Hust und Stein / der
Kern wider Verstopfung des Miltzes und der Leber; und wäre ein kräfftiges
Gegen-Gift; also eine Verläumbdung: dass die Pfirschken in Persien giftig / und
umb die Egyptier zu tödten dahin wären fortgepflantzet worden. Die Blätter
tödteten die Würmer / und wären wegen ihrer Zungen-Gestalt von den Egyptiern
ihre Gotte des Stillschweigens Harpocrates gewiedmet. Von den Schale der Kerne
machte man die schwärzeste Farbe und Tinte; und wäre zu Rom eine Pfirschke
anfangs ihrer Köstligkeit halber umb 300. Groschen gekaufft worden. Armenien
schüttelte hierüber den Kopf / und sagte: So fern die Pfirschken Aepfeln und
anderm Obste fürgiengen; so ferne überträffen seine Morellen die Pfirschken. Die
Natur hätte sie destwegen für diesen zugleich mit Purpur und Golde bemahlet. Die
Sonne machte sie so viel zeitlicher reiff / und pflantzte ihnen eben die
Tugenden der Pfirschken ein. Sie wären aber viel gesünder und annehmlicher dem
Magen / darinnen jene mehrmals versauerten oder faulten. Hispanien brach ein:
Morellen und Pfirschken wären ihrer Ungesundheit halber ratsamer aus Gärten zu
tilgen / als in selbe zu pflantzen / und ihren eben so saftigen / aber viel
gesündern Kirschen nicht zu vergleichen. Lucullus hätte nach überwundenem
Tigranes die ersten mit grosser Sorgfalt von der Stadt Corasus im Pontus nach
Rom gebracht; aber diese reichten den Spanischen nicht das Wasser; welche gar
keine Hülsen hätten / sondern nichts als Safft und erquickendes Wesen waren. Ja
es schiene: dass die Erde ihr Blut in keine Frucht reichlicher leitete / als in
die voller Purpur-Farbe stockende Kirsche. Daher auch die Weinreben den
Kirsch-Bäumen eingepfropft werden könten / der Wein sich mit dem Kirsch-Safte
annehmlich verschwisterte / und von Kirschen das beste Blut gezeuget würde. Kein
ander Obst stärckte so sehr die Leber; daher auch den Sperlingen zur Zeit /wenn
sie reiff wären / die Lebern noch einmal so gross wüchsen. Sie leschten den Durst
/ schlüssen nach der Mahlzeit den Magen / verzehrten den gallichten Schleim /
gäben dem Munde einen annehmlichen Geruch / machten Begierde zum Essen. Das von
ihnen gebrennte Wasser stärckte das Hertze / hülffe der hinfallenden- und der
Wasser-Sucht / stopfte den Durchlauff / vertriebe den Saad / das Oel der
Kirsch-Kerne die Sprenckeln und die Gicht. Das Hartzt der Kirschbäume stärckte
die Spann-Adern und zermalmte den Stein. Pannonien begegnete Hispanien und
meldete: Es hätte zwar so gute Kirschen / als Hispanien / oder das hiervon eben
so sehr berühmte Scytien, aber diese wären fast mehr der Vortrab des Obstes /
als desselben Kern. Daher auch selbte meistens Früchte des unzeitigen Frühlings
/ und nur ein kleiner Vorschmack der so saftigen aber viel grössern Pflaumen
wären; derer etliche Arten in Pannonien die Grösse der Hüner-Eyer erlangten.
Damascus / Armenien /Iberien und die fruchtbarsten Länder kämpften mit ihren
Pflaumen umb den Vorzug; wiewohl Italien für des Cato Zeit nichts von ihnen
gewüsst hätte; aber Pannonische wären allen an Grösse / Geruch / Geschmack und
Menge überlegen; wo man ins gemein auf den Pflaumbäumen mehr Früchte / als
Blätter zehlte. Ihre unterschiedene Arten wären eben so wohl zu unterschiedenen
Artzneien dienlich / ja die Armenier vermählten mit diesen Bäumen den Safft und
die Würckung der reinigenden Kräuter. Ihr Hartzt hülffe dem Steine ab; und der
veralterten Stämme Holtz schätzten die Drechsler dem Indianischen gleich; und
die Griechen diese Frucht so wert: dass sie Uberwinder im Kämpfen damit
kräntzete. Mauritanien streckte hierüber seinen braunen Hals herfür /und fieng
an: Die Pflaumen dienten zwar auch ihrem Durste / und gleichten etlicher massen
seiner Farbe. Aber es wäre der Pflaumbaum mit seinen Früchten gegen seinem
Schatten-reichen Tamarinden-Baume nur ein Schatten; dessen Blätter zum Zeichen
seiner mit der Sonnen habenden Verwandschaft sich iederzeit dem grossen Auge
der Welt / wie die Sonnenwende zukehrten / mit dem untergehenden sich zusammen
schlüssen / mit dem aufgehenden sich wieder öffneten. Seine schneeweisse Blühte
wäre der Pomerantzen-Blühte gleich / seine schwartzen Mohren-Früchte hielte die
Natur so wert: dass sie solche nicht alleine wie die Erbsen in Schalen verwahret
hätte; sondern womit der Nacht-Frost den zarten Tamarinden nicht schadete /
hülleten so denn die sich zusammen schlüssenden Schalen die Frucht wie Windeln
die Kinder ein. In ihr wäre der Honigseim mit der annehmlichste Schärffe
vermählet; die heissen Länder hätten keine gesündere Durstleschung. Denn die
Tamarinden benehmen den Feuchtigkeiten die Schärffe / dem Geblüte die übrige
Hitze. Sie kühlten die Leber / reinigten die Galle / vertrieben die scharffen
und faulen Feber. Assyrien wunderte sich: dass Africa mit einem von ihm und
Indien geborgten Baume den Vorzug zu behaupten vermeinte / welchen die ganze
Welt seinem Palm-oder Dattel-Baume zuerkennete / und in dem sich die Natur als
an ihrem mühsamsten Meister-Stücke erlustigte. Alle andere Stämme wären viel zu
geringe / dass er darauf wüchse; und ein einiger Dattel-Kern zu wenig. Daher
ihrer wohl drei hundert zusammen in die Erde gelegt werden müsten / wormit aus
aller sich zusammen flechtenden Bäumen ein so edler Baum entsprisse / gleich als
müste er viel Ahnen zu seinem Geschlechte haben. Er wüchse nur in saltzichtem
Erdreiche / und dörffte doch vieler Begiessung / weil in den Datteln das rechte
Saltz der Erde und die Süssigkeit des Wassers vereinbart wäre. Kein Palm-Baum
wüchse irgendswo von sich selbst / wo andere Bäume wüchsen / gleich als wenn ihm
wie dem nur an unfruchtbaren Orten wachsenden Golde /die Gemeinschaft anderer
Stauden nicht anständig wäre. Er wäre nirgends fruchtbarer / als wo es niemals
regnete / entweder weil er mit keiner euserlichen Fruchtbarkeit wollte beteilet
sein; oder weil er mit den Sonnen-Strahlen sich unzertrennlich zu begatten
lüstern wäre. Diesemnach denn die in Griechenland und Italien mit grosser Müh
fortgepflantzte Palm-Bäume keine / in Cypern nur unreiffe / in Egypte und Africa
kleine und nicht tauernde / im Jüdischen Lande etwas bessere / beim dürstigen
Babylon aber die besten Datteln trügen. Der Palmbaum wäre ein solcher Freund der
Reinligkeit: dass er für dem Tinger von Vieh die gröste Abscheu trüge / das
Weinlager aber gerne annehme. Diesemnach er denn auch mehr Nahrung aus der Lufft
/ als aus der Erde an sich züge /und die Verletzung seines Hauptes / in welchem
sein Gehirne oder Kern vereinbart läge / gefährlicher / als die Verwundung
seiner Wurtzeln / sein Stam auch oben stärcker als unten wäre. Die Weisen wüsten
zwar viel vom männ- und weiblichen Geschlechte /von verwechselter Buhlschaft /
und Vermischung der Pflantzen zu sagen; aber ohne des Palmbaums Zeugnis / bei
welchem alles diss Sonnenklar herfür leuchtete / würde ihre Lehre sehr
zweifelhaft bleiben. Denn des männ- und weiblichen Palmbaums schilffichten
Zweige umbarmten und küsseten einander augenscheinlich / und mühten sich
einander in der Ferne zu erreichen. Die allzu weit entfernten aber vereinbarten
die Ackers-Leute mit einem Seile; oder bekräntzten des weiblichen Palmbaums
Haupt / aus dessen Marck oder Kerne alle Früchte entspriessen / mit denen
weissen Blühten oder der Salbe des männlichen; worvon jener nicht nur seine
Zweige empor streckte / sondern auch so viel mehr Datteln trüge. Sintemal der
nur Blühte-tragende Mann sein nur Frucht-tragendes Weib mit einem staubichten
Saamen überschüttet / und selbtes wie der wilde Feigen-Baum die zahmen / etliche
Fische die Fisch-Eyer mit Befeuchtung ihres Saamens fruchtbar macht; wiewohl
auch die gar zu weit entfernten von ihres Mannes blossem Anblicke etlicher
massen geschwängert / alle verwittibte aber / nach Abhauung des männlichen
Palmbaums unfruchtbar würden. Gleichwohl aber brächte der Palmbaum erst nach
einem hohen Alter seine purpurfarbichten Früchte. Denn köstliche Sachen brauchen
Zeit zu ihrer Vollkommenheit; ja die Datteln selbst wüchsen drei Jahr / und ihr
Fleisch würde nicht für einem Jahre reiff. Hingegen taurete der Palmbaum auch
etliche hundert Jahre / weil seinem dichten Stamme weder Ungewitter / noch Fäule
/noch Würmer etwas anhätten / seine ohne Aeste grünenden Zweige auch niemals
verdorrten. Ja zu Delos solle noch ein Palmbaum stehen / der so alt als Apollo
wäre. Diesemnach die Egyptier ihre Götzen nicht mehr aus Pantoffel- sondern aus
Palmen-Holtze schnjetzten. Seine bitter-süssen von den Zweigen wie Hirse / von
den Eeren oder Kolben hangenden Früchte wären eine höchst annehmliche / und dem
Magen dienende Speise / und daher nicht nur ein tägliches Gerichte des Käysers
August; sondern sie würden auch zu Rom an dem Feier des Saturnus von guten
Freunden einander zu beschencken geschickt. Aus den Datteln machten die Assyrier
Brodt / presten daraus einen guten Wein / der nicht alleine den Durst leschte /
sondern auch die Krafft hätte truncken zu machen /und die Leichen für der
Verwesung zu erhalten / welche die Egyptier damit wüschen. Das Marck des Baumes
wäre nichts minder ein gutes Gerichte. Die drei oder viel Ellen langen Zweige /
welche sich umb des Baumes Haupt in einen Kreis ausbreiteten / dienten zu festen
Seilen / zu geflochtenen Schuhen / Hüten und Sonnen-Schirmen. Ja die
Palmen-Zweige wären die ersten Schreibe-Federn und der Musen ältester Krantz
gewest. Aus der Palmbäume Oel und Asche machte man die schönste Seiffe / und ihr
Holtz gäbe die beständigsten Balcken ab / weil selbte keiner Last nachgäben /
sondern ihr entgegen drückten. Aus welcher Ursache alle grossen Uberwinder mit
Palmen-Zweigen prangten / seit dem Teseus nach überwundenem Minotaurus / die
Sieger auff seinen dem Apollo zu Ehren angestellten Spielen mit Palm-Zweigen
bekräntzt hätte. Ja die Palmen wären nicht nur Zeichen / sondern Wahrsager der
Siege. Sintemal ein junger Palmzweig / welcher in wenig Tagen seine Mutter
überwachsen / dem Käyser Julius den Sieg bei Munda in Hispanien / und ein auff
der Wallstadt / wo Julius des Pompejus Söhne überwunden / wie auch ein zu Rom
für seinem Hause gewachsener Palmbaum dem August seine Siege angedeutet / dieser
auch seine Uberwindung Egyptens gar nachdencklich auf vielen Müntzen mit einem
an einen Palmbaum gebundenen Krocodil bezeichnet hätte. Zu geschweigen: dass in
den heiligen Geheimnüssen der Götter die Palm-Zweige nicht weniger / als die von
Oel-Bäumen gebraucht würden; und die Persier in einem tieffnnigen Getichte so
viel Tugenden des Palmbaumes / als Tage im Jahre zu zehlen wüssten. Indien brach
hierüber sein Stillschweigen / und sagte: Verdienen die unverdäulichen den Miltz
und die Leber verstopfenden Datteln so viel Ruhm / so kann kein Mensch sein
Lebtage die Tugenden der Indianischen Nüsse und meines Kokos-Baumes erzählen.
Gegen diesem funfzig und mehr Füsse hohen Riesen-Baume / bei welchem einem oft
das Gesichte vergehet / sind die meisten andern Bäume Zwerge; welchem die
Sturm-Winde nichts anhaben / ungeachtet seine seichte Wurtzeln kaum von der
sandichten Erde / die er am meisten nebst dem Meer-Ufer liebt / bedecket
werden. Er grunet unaufhörlich / und ist das ganze Jahr nie ohne reiffe Früchte
/ welche er schon im fünften Jahre seines Alters träget / ungeachtet sein Alter
drei und vier hundert Jahr übersteiget. Ungeachtet er nun in Indien so gemein /
als in Lusitanien die Oelbäume / in Deutschland die Weiden; so ist doch seine
Fürtreffligkeit unbeschreiblich / ungeachtet so wohl seine Blätter dienliche
Schreib-Taffeln / als das Marck dieses Baumes das beste Papier abgibt. Sein
Holtz ist feste / dichte und gläntzend / wie Nussbaum-Holtz / also zum Bauen das
geschickteste. Die schilffichte aber sehr grossen Blätter dienen zu Dächern / zu
Sonnen-Schirmen und aus selbten lassen sich zierliche Kleider flechten. Aus der
aufgerjetzten ascherfarbichten Rinde / oder aus einem abgeschnittenen Zweige
rinnet ein annehmlicher / iedoch starcker Milch-Saft so häuffig: dass in einem
Tage vier Mass davon voll werden. Seine dreieckichten von den Blättern als
Schilden bedeckte Nüsse aber wären ein rechtes Wunder der Natur. Ein Baum trüge
derer zu hundert und zweihunderten / und kämen an Grösse den Straussen-Eyern und
Menschen-Köpfen gleich. Dieser Nuss euserste braune Schale wäre ganz fässricht /
dessen zärtestes Teil zu dinnem die Seide beschämenden Gewande / das gröbste
wie Hanff zu Seilen / die innerste beinichte Schale aber zu köstlichen
Trinck-Geschirren diente / und in Gold eingefasst würde. So sorgfältig hätte die
Natur diese edle Frucht verwahret / dass sie darinnen etliche Jahr tauerte. In
denen noch nicht allzu reiffen Nüssen aber wäre ein so süsser und annehmlicher
Safft / für die Dürstenden verwahret / gegen welchem man für dem besten Weine
einen Eckel bekomt / und der ein Nectar der Götter zu sein verdienet. Dieser
Safft würde nach und nach zu Honig und Zucker / endlich aber zu einem
wohlschmeckenden und einer geronnenen Milch gleichenden Kerne; welcher nicht nur
eine nährende Speise / sondern auch eine Hertz- und Nieren-stärckende und dem
Scharbock steurende Artznei abgibt; und so wohl ein Labsal der Armen / als ein
Himmel-Brodt genennet zu werden würdig ist. Massen man denn daraus nicht nur
köstliches Mehl und Brodt / sondern auch den stärcksten Brandt-Wein / eine
Mandel-Milch / und das beste kläreste Oel in die Lampen presset / welches den
Leib reinigt / die Schmertzen der Glieder stillet; denen güldenen Adern und der
Blase dienet. Insonderheit aber scheinet dieser das Saltz und das Meer liebende
Baum gleichsam ein rechtes Heiligtum der Schiffart zu sein. Denn sein Stamm
gibt die höchsten Mast-Bäume / sein Holtz die festesten Ruder und Bohlen / das
Gefässer seiner eusersten Nuss die im Saltz-Wasser unversehrlichen Seile und
Tauen / seine Blätter geben die Segel / seine Frucht aber Brodt / Wasser / Oel
/ Wein /Essig / Zucker / Milch / Honig / Brandt-Wein / und also die
vollkommenste Ladung; also: dass die Indianer nicht unbillich einen sehr
nützlichen Menschen einem Kokos-Baume vergleichen. Das Atlantische Eyland brach
ein: Wen würden sie denn meinem viel nützlichern Maguei-Baume vergleichen?
welcher den Einwohnern ihre ganze Lebens-Notdurfft zu geben reich genung ist.
Die Spitzen der Blätter geben Nägel / Neh-Nadeln ab / welche sie mit einem daran
hangenden Fademe daraus ziehen. Mit den Blättern selbst deckt man die Häuser /
machet daraus Schüsseln / Papier / Leinwand / Schuh / Kleider / Weber-Karten
/und Waffen. Ja die gekochten dicken Blätter geben nicht nur eine den
eingemachten Citronen ganz gleich schmeckende Speise / sondern auch ein
unvergleichliches Wunden-Pflaster / und heilsames Mittel wider die
Gicht-Schmertzen ab. Aus dem Stamme rinnen viel Eymer süssen und gesunden
Wassers für die Dürstenden. Welches / wenn mans siedet / zu Weine /wenn mans
neun Tage an der Sonne stehen lässet / zu Essig / wenn mans lange kochet / zu
Honig / und wenn dieser eintrocknet / zu Zucker wird. Aller dieser Safft aber
ist eine bewehrte Nieren- und Blasen-Artznei. Das Serische Land schüttelte
hierüber den Kopff / und fieng an: Man machte von dieser Staude mehr Geschrei /
als Wesens dran wäre / und müste sie sich für seinem dreierlei Rosen tragenden
Tee-Strauche ins Grass und in Staub bücken. Sein Stamm wäre zwar keine die
Wolcken durchbrechende Ceder; aber ihre selbst eigene fünferlei Blätter /
worunter die kleinsten die kräftigsten und teuersten wären / dienten ihm zum
Troste: dass die Wunder der Natur nirgends grösser als in den kleinsten Dingen
wären. Uber seine weisse Kraft-Blumen / wären seine mit heissem Wasser
getrunckene Blätter eine allgemeine Sättigung und Artznei der Morgen-Länder.
Diese trockneten die schädlichen Feuchtigkeiten aus / zertrieben den Schleim /
vertrieben die Schlafsucht / benehmen die Trunckenheit mit ihrem Ubel /
stärckten das Gehirn /erquickten die Lebens-Geister / ja wo dieser unschätzbare
Tranck genossen würde / wüste kein Mensch nicht einst von dem Nahmen / weniger
von Schmertzen der Gicht und des Steines. Diesemnach nicht nur seine Einwohner /
sondern die ganze Welt diesen Serischen Rosen-Strauch in Himmel zu erheben /
und dem ungewissen Steine der Weltweisen vorzuziehen hätten. Egypten begegnete
ihm: die Serer möchten ihnen ihre bittere und wenig rüchenden Tee-Blätter
behalten. Sein grosser und den Nuss-Bäumen ähnliche Cassien-Baum hätte so viel
mehr Tugenden / als Blätter für andern Bäumen. Seine starcke Aeste starrten
gleichsam für Blumen / welche an Gestalt vollen Rosen gleichten / an Farbe das
Gold / an Geruch die Indianischen Nägel sonderlich beim Aufgange der Sonne
übertreffen. Daher die Egyptier sich täglich früh unter diesen Bäumen mit der
hiervon eingebalsamten Morgen-Lufft erquickten. Die Blüten selbst aber wider
die hitzigen Nieren in Zucker einmachten. Aus diesen wüchsen lange Schalen wie
Röhre / welche noch grün mit Zucker eingemacht würden / und das köstlichste
Latwerg abgäben. Sonst aber reifsten sie ein ganz Jahr / brächten in ihren
schwartzen und harten Rohr-Schalen die gesündeste Frucht und Saamen; welche
entweder an sich selbst eine süsse Speise abgäbe / oder in einem Trancke von
Zucker und Süsseholtze als die allerbewehrteste Artznei wider den Stein / die
Engbrüstigkeit / den Husten / die Gicht /und alle Beschwerden der Nieren und der
Blase genossen würde. Diesem wunderschönen Baum wäre überdis diese Redligkeit
eingepflantzt; dass die ihres Honigseimes beraubte Cassia bei wehendem Winde in
den dürren Schalen durch einen artlichen Klang sich verriete. Das Eyland
Taprobana / welches alleine die ganze Lufft mit seinem Ateme einbisamte /
fieng an: Es sollte der Cassien-Baum nur seine Larve abnehmen. Sintemahl der Alten
Irrtum der Cassia / welche in Indien doch viel besser und würtzhafter / als in
Egypten wüchse / viel dem Zimmet alleine zuständige Eigenschaften zugeschrieben
/ ja solche gleichsam gar mit einander vermenget hätte / da sie doch von
einander wie die Mohren von den Deutschen unterschieden wären. Gleichwol aber
hätten auch die / welche die Cassia so sehr geschmincket / nachgeben müssen: dass
die Helffte des Zimmets so gut und kräftig / als zwei Teil Cassia wären. Denn
der Zimmet-Baum wäre ein rechtes Kind der Sonne; welcher in ihn ihre nährende
und lebhafte Wärmbde gleichsam selbstständig einflösste / die reiffe Rinde von
den Zweigen ablösete /und sie hernach durch ihre Abdörrung vollkommen brauchbar
und tauerhaft machte. Massen er denn auch dem der Sonne gewiedmeten Lorbeer-Baume
an Blättern und Beeren ganz ähnlich / und für den Indischen Lorbeer-Baum
gehalten würde. Diesemnach auch der Sonnen-Vogel Phönix von seiner Rinde sein
Nest und Begräbnüs bauen / und der statt der Sonnen verehrte Bacchus in einem
Zimmet-Walde auferzogen sein sollte. Welches nirgends als auf Taprobana sein
könnte / weil allein dieses Eyland grosse Zimmet-Wälder /und diese den
allerköstlichsten Zimmet hätten. Die Fürtrefligkeit dieser wolrüchenden und
anmutig beissenden Rinde wäre daraus abzunehmen: dass auf dem Gipfel des Baumes
die beste wüchse / die sie ablöseten / der Sonne durchs Los ein gewisses Teil
zum Opfer anzünden müsten; und der Alten Meinung nach / diese unschätzbaren
Bäume von Schlangen / wie die güldenen Aepfel von Drachen / und das güldene Fluss
von Feuer-speienden Ochsen bewachet würden. Diese trügen zwar schneeweisse und
wolrüchende Blumen /wie auch grüne und endlich schwartz-werdende Beeren; welcher
Oel der Kälte des Magens und der Spann-Adern abhülffe; aber die Natur hätte umb
etwas absonderliches auszumachen die sonst geringste Rinde zum Kerne des
Zimmet-Baumes gemacht /und in jene / besonders aber in ihr innerstes Häutlein
den ganzen Geist des Zimmet-Baumes / ja aller Würtzen verschlossen. Er wäre ein
rechtes Vorbild der kräftigen Jugend. Denn die zärtesten Bäume trügen den
kräftigsten Zimmet; und je fleissiger die Rinde abgeschälet würde / je besser und
zärter wüchse sie wieder / wiewol sie zu ihrer Vollkommenheit zwei oder drei
Jahr von nöten hätte. Diese machte durch ihre Würtzung nicht nur alle Speisen
angenehm / wärmete alles erkaltete / sondern das aus dem Zimmet gepresste Oel
gäbe den stärckesten Balsam / sein Wasser für den Magen / die Leber / den Miltz
und das Gehirne die kräftigste Stärckung / wider Gift / hinfallende Sucht /
Darmgicht und alle Erkältungen eine bewehrte Artznei ab. Deutschland brach ein:
es möchten alle Länder der Welt ihre Artznei-Bäume rühmen / wie sie wollten; so
reichte doch keiner hierinnen seinem an allen Zäunen und Gräben wachsenden
Holder-Baume das Wasser. Der unvergleichlichte Hippocrates wüste selbst seine
Tugenden nicht zu erzählen / und der klügste Narr / der jemals in der Welt
gelebt / Junius Brutus hätte sehr nachdencklich in des Holderbaums ausgehöletem
Holtze dem Delphischen Apollo oder dem Artznei-Gotte sein Gold geopfert / und
dadurch verdienet dem von dem Joche seiner Könige erlösetem Rom fürzustehen. In
dem ganzen Baume wäre nichts so geringe / das nicht sehr heilsam wäre. Seine
gekochte Wurtzel heilete die Wassersucht / und Schlangen-Bisse / seine Schale
kühlete die Hitze der Gicht und verwahrete für der Pest. Die Blätter hülffen den
Augen-Ohren- und Haupt-Schmertzen ab. Hinderten die Entzündungen / trieben den
zehen und gallichten Schleim ab. Die aufwerts abgebrochenen Knospen führten
durch Brechen / die unterwers abgenommenen durch den Stuhlgang schädliche
Feuchtigkeiten ab. Die Asche von den Blättern stillte das Nasenbluten. Die
starck und wolrüchenden Blüten reinigten den Leib / ihr Wasser kühlete alle
übermässige Hitze / benehme das Hauptweh / heilete die Geschwüre; der davon
gemachte Essig stärkte den Magen / zertriebedie rohen Feuchtigkeiten / und machte
Begierde zum Essen. Das Oel aber heilete die verbreñten Glieder. Der Safft
seiner Beeren reinigte das Geblüte / triebe den Schweiss / hülffe wider die
Wassersucht / und die rote Ruhr. Die Körner in den Beeren beförderten das
Wasser / dienten den Geburts-Gliedern / reinigten den Leib. Und ihr daraus
gebrennetes Wasser stillete die Mutter-Ersteckungen. Der aus dieses Baumes
Blättern / Blüte und Rinde mit Weine übergezogene Geist aber öfnete die
Verstopffungen der Leber und des Miltzes / triebe den zehen Schleim ab /
verjagte das dreitägichte Feber / stärckte den Magen / benehme die hitzige Röte
den Augen / heilete die alten und kalten Geschwüre / benehme das Zittern den
Händen. Die an seinem Stamme wachsenden Schwämme wären die auserlesenste Artznei
wider verschwollene Hälse. Mit einem Worte: die Natur hätte diesen Baum als
einen Feind aller Kranckheiten in das Erdreich gepflantzet / ja für erfundenem
Zinober hätten die opfernden Menschen nicht nur ihre Antlitze / sondern gar die
Bilder ihrer Götter mit Holder-Saffte gefärbet. Taprobana fragte mit einer
höhnischen Gebehrdung: ob unter dem kalten Angelsterne und dem frostigen
Deutschlande auch Bäume wüchsen? wo aber dis gleich wäre / könnte in seinen
Gewächsen so wenig was heilsames / als im Schnee Feuer verborgen sein. Indien
hingegen wäre das Auge der Welt / und Taprobana mit seinen verschwisterten
Eylanden der Aug-Apffel und sein lange tauernder / und des Jahres zwei oder drei
mal frucht-bringender Musscat-Baum ein rechtes Wunder der Natur / zumal da dieser
so gemein wäre / und ungepflantzet aus denen auf die Erde von Menschen oder
Vögeln verstreuten Nüssen wüchse. Seine lichte / gelben und denen
Pomerantzen-Blättern nicht ungleiche Blätter gäben grün und dürre / sonderlich
wenn sie gerieben würden / den annehmlichsten Geruch von sich / und eine
kräftige Artznei ab. Seine Blüte wäre lieblich; seine länglicht-runden Nüsse
aber hätten in ihrer Kleinigkeit mehr Krafft als die gröste Kokos-Nuss in sich /
welcher die euserste fleischichte Schale / wenn sie eingemacht würde / gleich
käme / und die beste Latwerck abgäbe. Unter dieser umbgäbe die rot und
goldgelbe Musscaten-Blume wie ein zierliches Netze die harte Schale. Diese Blume
wäre der edelste Kern aller Gewürtze / und nicht nur das wolgeschmackste
Vorgerichte / in niedliches Mächsel aller Speisen; sondern uch so wohl als sein
unschätzbares Oel die kräfgste Artznei kalter Magen / zusammen gezogener Sehnen
und starrender Spann-Adern. Keine schlechtere Tugenden hätte der in der harten
Schale verwahrete Kern / denn die Musscaten-Nuss stärckte das Gehirne / schärfte
das Gedächtnüs / wärmete den Magen / verbesserte den Atem / zertriebe die
Blähungen / welcher ihrer Köstligkeit halber nunmehr die Küchen- und die
Artznei-Gewölbe der Welt / weniger / als einigen andern Dinges zu entpehren
wüsten. Africa versätzte: der Musscaten-Baum redete hiermit seiner
Trauben-tragenden und keiner Pflegung dürffenden Pfeffer-Staude / als welche die
Indianischen bei weitem übertreffe / zu nahe / die eben so unentpehrlich als das
Saltz wäre /ja den Abgang dieses so nötigen Gewürtzes / ohne welches schwerlich
einig Gewächse sein Leben haben oder gezeugt werden könnte / zu vertreten
vermöchte /die Begierde zum Essen erweckte / und bei rohen Speisen die Stelle
eines Koches vertrete. Die Natur hätte seine Pfeffer-Körner mit allem Fleisse zu
einer Würtze aller Speisen / und zum Magen-Pflaster der Menschen bereitet; und
gleichsam das selbst-ständige Wesen des Feuers mit seiner Pflantze unschädlich
vermählet. Taprobana begegnete Indien: die Pfeffer-Staude verdiente nicht einst
den Nahmen eines Baumes; weil sie nicht die Kräfften hätte alleine über sich zu
wachsen / wenn sie sich nicht wie Epheu und Hopffen umb einen andern Stamm zu
flechten Gelegenheit hätte; Sein mit vielen Zweigen blühender und die dicke
eines Mannes erreichender Nägelbaum trüge nicht nur so häuffige und bei
zwantzigen die voller gesunden Feuers steckenden Nägel / sondern auch seine
Blüten biesamten nicht nur die Lufft weit und breit sonderlich bei truckenen
Jahren ein; sondern sie spielten auch anfangs mit weisslichter / hernach mit
grüner / folgends rötlich / und endlich schwartzer Farbe. Seine feurigen
Früchte / welche wie die Sonne in der Nähe ganze Tonnen Wasser in dünne Lufft
zu zerteilen und an sich zu ziehen Kräffte hätten /wären genung die Stelle
aller Würtzen zu vertreten /und so wohl allen Mängeln des Gehirnes / als des
Magens und der erkälteten Glieder abzuhelffen. Ja auch seine Blätter / Zweige /
und das von ihm flüssende Hartzt wären bewehrteste Artzneien. Indien ward gegen
sein eigen Geschwister / nämlich gegen Taprobana und seine benachbarte Eylande
eiversüchtig; fuhr also heraus: Weñ das verzehrende Feuer in der Natur das beste
wäre / würden sie mit ihren brennenden Frucht-Bäumen allerdings den Vorzug
behaupten. Weil aber diese die Eingeweide und das Geblüte allzu schädlich
entzündeten; die mittelmässig-vermischten Nahrungs-Pflantzen aber so viel mehr
Ruhm verdienten / als sie Nutzen stifteten / wäre sein schilffichter Musa-Baum
Nägeln / Musscaten und Zimmet weit vorzuziehen. Sintemal seine grünlicht gelbe
Feigen-Frucht / welche zu zweihunderten auf einem etlichen Männern kaum
tragbaren Zweige wächst / nicht nur überaus schmackhaft / sondern ganz Indiens
Semmel-Brodt ist; ohne welches viel seiner Länder erhungern müsten; von dieses
einigen Baumes Fruchtbarkeit aber ganz Morgenland sein Auskommen haben /und
aller andern Speise leicht entbehren könnte. Zumal da dieser Baum / ungeachtet
sein ganzer Stock bis zur Wurtzel abgeschnitten wird / alle Monat wieder
wächset / und des Jahres zwölfmal Früchte bringt. Africa versätzte: Es wäre wahr
/ dass dieser Feigenbaum Indiens Speise-Kammer genennt zu werden verdiente. Wenn
aber das Brodt den Vorsitz behaupten sollte /würden unterschiedene giftige-aber
gesundes Brodt abgebende Wurtzeln und Kräuter des Atlantischen Eylandes / und
Egyptens / ein Baum der Serer und der glückseeligen Inseln / und insonderheit
seine Mauritanischen Weitzen-Stengel allen Bäumen den Preis abrennen. So aber
wären Schönheit-Nahrungs- und Artznei-Kräfte zur Vollkomenheit von nöten. Alles
dieses wäre an seinem viel zweigichten Quitten-Baume befindlich / dessen
Vollkommenheit daraus erhellete / dass auf dessen Stam sich zwar vieler andern
Bäume Zweige / seine Zweige aber auf keinen andern Stamm pfropffen liessen /
seine Blüte wären vollkommene Rosen / welche die Sonne durch ihre Würckung im
Frühlinge herfür triebe: dass hiemit selbten gleichsam die Hörner des gestirnten
Wieders und Ochsens bekräntzte. Seine anfangs graurauche hernach gelbe Frucht
wären die rechten güldenen Aepffel der Hesperiden / welche von dem einen Drachen
abbildenden Mittel-Meere bewahret würden. Diese hätte Hercules in Hispanien /
Italien und Griechenland überbracht; westwegen sein marmelnes Bild zu Rom drei
Quitten-Aepffel in der Hand trüge. Sie hätten nicht allein selbst einen
erquickenden Geruch; sondern sie machten auch den Atem wolrüchend. Daher hätte
Solon in seinen Gesätzen befohlen: dass jede Braut für dem Beilager Quitten essen
müste / und sie ihr Bräutigam damit / als mit einem Merckmale ihrer unversehrten
Jungfrauschaft begabte. Es hätten sie auch die Erde der Juno und Jupitern;
dieser aber sie der Venus geschencket / welcher uraltes Bild in Deutschland drei
Quitten in Händen hätte. Sintemal die Aepffel der Liebes-Göttin sehr beliebt
sein müsten / weil ihre Blüten das Frauenzimmer schön machte / die oft von
schwangeren Frauen genossene Frucht verursachte: dass sie sinnreiche und mühsame
Kinder auf die Welt brächten / und durchgehends die menschlichen Leiber
erfreueten. Das daraus gemachte Quittenbrod wäre nicht nur die annehmlichste
Speise und kräftigste Erquickung; sondern auch eine heilsame Artznei für den
Magen und Miltz wider die Ergiessung der Galle / rote Ruhr und Wasser-Sucht. Der
Safft schlüsse für der Speise den Leib / öfnete ihn hernach / und dämpffte die
aus dem Magen ins Haupt empor steigende Dünste. Das Oel stillte die
Stein-Schmertzen / die Blüte die Hitze der Augen. Die Frucht der Kwitten
erquickte das Haupt und Gehirne /ja in ihrer blossen Anwesenheit verliere das
Pharische Gift seine Schädligkeit. Denen von Kwitten-Bäumen essenden Hirschen
schadeten die mit Niesewurtz vergifteten Pfeile nichts; und also hätten sie auch
Kräfften wider Pest und anfällige Seuchen. Assyrien fiel Africa in die Rede /
und sagte: Africa möchte sich schämen seine ohne Kochung unessbare und
gelbsüchtige Kwitten für güldene Aepffel zu verkauffen / dieser Nahme käme mit
Rechte keiner andern Frucht / als seinen Granat-Aepffeln zu; welche Africa
selbst als das herrlichste Gewächse des Berges Atlas und der Hesperischen Gärte
in der Hand trüge / die Pelassger aber sich rühmeten: dass sie den ersten
Granat-Apffel-Baum auf Cypern gepflantzt hätten. Alleine die Egyptischen /
welches aus herben Kernen süsse / und Cilicien / welches an der Bach Pinarus
Granat-Aepffel ohne Kerne zeugte / gestünde Assyrien selbst zu: dass in der
ganzen Welt keine bessere Granat-Aepffel / als umb ihr Babylon wüchsen / welche
eitel Safft ohne herbe Kerne / oder doch so weiche Kerne hätten: dass man sie mit
allem / was darinnen wäre / ässen könnte. Dis aber wäre eines jeden Baumes rechtes
Vaterland /wo er zur höchsten Vollkommenheit käme. Sein Granat-Baum aber wäre
der unschuldigste unter allen Bäumen / weil seine wenigen Wurtzeln nicht
raubrisch umb sich grieffen / und andern Gewächsen ihren Safft entzögen /
sondern sich mit weniger Nahrung der Erde / und einer freigebigen Wasser-Hand
vergnügte. Er wäre ein herrliches Bild der gleich durchgehenden Gerechtigkeit;
Sintemal jeder Baum einem jeden seiner Granat-Aepffel / wenn sie schon an Grösse
einander ganz ungleiche wären / nicht einen einigen Kern mehr oder weniger
einpflantzte / als dem andern. Zu geschweigen / dass die Granat-Aepffel nicht
ihre rechte Würckungen ausüben sollten / wenn sie nicht umb einen billigen Preis
verkaufft und bezahlet würden. Er hegete mit dem Mandeldem Oel-und Lorbeer-Baume
eine sonderbare Freundschaft; ja er verschmähte nicht die geringen Weiden;
insonderheit aber küsseten und vermählten sich seine Wurtzeln begierigst mit dem
Myrten-Baume: dass beider Blätter nicht allein einander ganz gleich; sondern
ihre Nachbarschaft auch eine Ursache mehrer Fruchtbarkeit wäre; könnte also kein
besser Sinnebild für eine fruchtbare Freundschaft ersonnen werden / als ein mit
Granat-Aepffeln durchflochtener Myrten-Krantz. Diesemnach ihr denn auch die
keusche Liebes-Göttin diesen Baum / dessen Aepffel doch der Liebes-Brunst
widerstehen / eben so wohl / als die Myrten zugeeignet / und ihn / wie den ihr
gewiedmeten Rosenstock /mit spitzigen Dornen gewaffnet / und vom Paris einen
Granat-Apffel / keine verächtliche Quitte / zum Siegs-Preisse ihrer Schönheit
bekommen hätte. Diesemnach die Vorwelt diesen Baum aus göttlichem Saamen /und
entweder selbst aus des Bacchus / oder aus des von dem Jupiter gezeugten / von
dem Bacchus aber seiner Männligkeit beraubten Adgestes Bluts-Tropffen
entsprossen zu sein geglaubet hätte; ja von einem diesem verwandelten Baume
abgenomenen und in die Schoos gelegten Granat-Aepffel solle Nana den Atys
empfangen haben. Ist sich also über die Fruchtbarkeit des Granat-Apffelbaumes /
dass er seine Kinder zu Tausenden bringt / gar nicht / vielmehr aber desshalben zu
verwundern; dass / ob wohl seine Blüte grossen teils / seine Früchte aber alle
in voller Flamme und Purper stehen / dennoch er im Schatten besser als an der
Sonne wächset / und seine Aepffel dort zeitlicher reif werden; westwegen
vielleicht getichtet worden: dass sie auch in Elysischen Feldern wüchsen / und
die geraubte Proserpina / weil sie von einem daselbst abgebrochenen drei oder
sieben Kerne gessen / auf ihrer Mutter sehnliches Verlangen nicht hätte wieder
können ans Tagelicht kommen; westwegen so wenig die Zweige von diesen Bäumen bei
den Arcadiern in Proserpinens Tempel gebracht / und die von Granat-Aepffeln
essenden Frauen zu dem Tossmophorischen Feier der Ceres gelassen; als auf
selbtem die Granat-Aepffel Kräntze verworffen würden. Wie aber dieser unzeitige
Hass der für Leide gramhaftigen Ceres; noch auch / dass bei Tebe in Boetien auf
dem Grabe des Mecänus ein Granat-Apffel-Baum mit blut-roter Frucht gewachsen /
der Würde dieses Baumes nichts benähme; also diente ihm zu grossen Ruhme: dass
ohne ihn die Elysischen Felder nicht glückseelig sein könten. Ja er verdiente
mitten in die gestirnten Gärte des Himmels gepflantzt zu werden / denn seine
teils schnee-weisse-teils Rosen-teils Feuer-färbichte Blüten / und seine
purpernen Aepffel hätten keine irrdische grüne / sondern eitel Sternen-Farben /
auswendig an den harten Schalen kräftige Pyropen / inwendig an Kernen genossbare
Granat-steine an sich. Ihr teils süsser / teils säuerlicher / teils
vermischter Safft wären die allerschmackhaftesten Rubinen /welche die
Meister-Hand der Natur so künstlich / als die Bienen den Honig / in gewisse
Fächer einteilte. Jeder dieser mit Edelgesteinen und Nectar angefülleten
Aepffel wäre ein Vorbild eines unerschöpflichen Reichtums. Daher ihm Darius so
viel treue Zopyren gewünscht hätte / als in einem Granat-Apffel-Baume Kerne
steckten. Ein Sinnbild der die Menschen den Göttern gleichmachenden
Freigebigkeit / welche umb ihren himmlischen Safft den Dürstenden oder Krancken
anzubieten für Liebe zerplatzten. Massen denn ihr Safft in allen Speisen als eine
kräftige Erquickung gemischet / und die Gerüchte mit den Kernen als
Edelgesteinen ausgezieret würden. Jedoch hätten diese Aepffel in sich mehr
Artznei als Nahrungs-Kräfften; daher auch kluge Aertzte sie denen Krancken /
welchen die Speise schädlich wäre / verschrieben. Die ihrer Süssigkeit halber
auch an Farbe und Grösse vollkommensten dienten der Brust / hülffen dem Hust und
dem Seitenstechen ab / wärmeten auch den Magen / die herben befreiten ihn von
gallichten Feuchtigkeiten / erfrischten die Leber / stillten den Durst /
benähmen das Hertzweh / der daraus gepresste Wein wäre das kräftigste Labsal der
mit Feber und Hauptweh beladenen. Die Blüten heilten die Brüche / befestigten
die Zähne / stopfften die Blutstürtzungen. Die Schalen der Aepffel geben die
schönste Farbe zu Ledern / der Stamm den Tischlern das beste Einlege-Holtz ab;
der Granat-Aepffel-Safft reinigte das Eisen und verwandelte es in Stahl; ein
einiger Zweig von diesem Baume verjagte die Schlangen; der Rauch von seinem
brennenden Holtze alle giftige Tiere. Mit einem Worte: die Natur selbst hätte
die Granat-Aepffel an ihrem obersten Nabel mit einer Krone gekräntzet / und sie
hierdurch für Könige der Baum-Früchte erkläret. Daher nicht nur Polycletus
seinem aus Helffenbeine und Golde gemachten Pallas-Bilde einen Granat-Apffel /
welchen ihr aber Venus streitig gemacht / in die Hand gegeben; sondern die
Götter-Königin Juno legte ihn auch als einen Reichs-Apffel zum Zeichen ihrer
himmlischen Herrschaft niemals von sich. Welche denn auch der Stadt Cartago
und dem davon fruchtbaren Africa nur dieser Frucht halber geneigte Schutz-Frau
gewest wäre. Weñ nun die Götter an diesem Baume so grosses Belieben hätten /
trüge die Königin der Heiligtümer zu Rom bei den Opffern einen
Granat-Apffel-Zweig an statt des Krantzes umbs Haupt und der Juden Hoherpriester
hätte zwischen den Zimbeln an dem untersten Saume seines Rockes Granat-Aepffel
hencken / wenn er in das allerheiligste ihres Tempels gienge. Hispanien trat
Assyrien verwegen unter Augen / und meinte ihres Amptes zu sein sich so wohl des
benachbarten Africa anzunehmen / als seinem Pomerantzen-Baume / welcher so wohl
seine Wälder / als der Tagus seinen Sand mit Golde bereicherte / das Wort zu
reden. Der Granat-Aepffel-Baum würde bald zum alten Weibe; hingegen tauerte der
Pomerantzen-Baum insgemein zwei und drei hundert / zuweilen gar fünf-hundert
Jahr. Der Granat-Apffel-Baum wäre alles Geruches beraubet / und also / weil der
Geruch die Seele der Pflantzen und ein bewehrtes Mittel das menschliche Leben zu
verlängern wäre / für ein schönes Aass zu halten; hingegen wäre nichts an seinem
Pomerantzen-Baume / welches sich nicht in eitel wolrüchende Geister zu
zerteilen bemühte / ja die abfallenden Blüten / und die gleichsam für ihrer
Geburt sterbenden Aepfel / weil der allzu fruchtbare Stamm nicht starck genung
wäre seine unzählbaren Kinder zu tragen oder zu säugen / balsamten ihr Grab
durch ihre ausgeatmete Seelen ein. Sein Stamm wäre seiner Güte nach ein rechter
Zärtling oder Schoos-Kind der Natur; seiner Tauerhaftigkeit nach aber ein
abgehärteter Riese /welcher umb die Kälte besser / als die allzu zärtlichen
Citron-Bäume zu vertragen / mit einer Eisenfarbichten Rinde wider Schnee und
Ungewitter verwahret wäre / und daher auch bei weitem seine Geschwister die
Limonien- und Citron-Bäume überlebte; wenn schon diese zwei auf jener Stock
gepfropfft würde. Der Pomerantz-Baum wäre überdis reicher an Aesten / seine
Blätter gäben den vollkommensten Schatten /beschämten an der Farbe die
Schmaragden / wie die Blüte die Lilgen / die Aepfel das Gold und den Scharlach.
An Fruchtbarkeit hätte er nicht seines gleichen; und prangete er nicht nur zu
einerlei Zeit zugleich mit dem Schnee seiner geistigen und selten unfruchtbaren
Blüte / und dem Feuer seiner safftigen Aepfel; sondern es trüge ein Stamm in
einem Jahre von tausend bis vier-tausend Früchten; und zuweilen wüchse eine
Pomerantze in der andern / wie Perlen-Mutter; sonderlich wo sein Hispanien die
Armen der Vorgebürge der untergehenden Sonne nachstreckte; seine See-Buseme aber
/ als Hafen der Wollüste / dem annehmlichen Westwinde / umb von ihm geschwängert
zu werden / öfnete / und das grosse Welt-Meer mit güldenem Sande bereicherte.
Jedoch dieser Baum brauchte seiner Fruchtbarkeit so behutsam: dass er /umb sich
nicht auf einmal zu erschöpfen / das andere Jahr seinen Stamm zu seiner Erholung
ein wenig verblasen liesse. Seine Früchte aber wären nicht nur auswendig
schimmerndes-sondern inwendig flüssendes Gold. Ihr Safft eine häuffige / und so
gar von der Winter-Kälte unverterbliche Süssigkeit. Die purpernen Schalen hätten
in sich eine aber gewürtzte und gesunde Bitterkeit. Also wären die Pomerantzen
ein rechtes Sinnenbild der bitter-süssen Liebe. Daher sich auch die Cyprier
rühmten: dass ihre Liebes-Göttin diese Aepfel zum ersten gepflantzt hätte; Wiewol
auch ihrer eine gewisse Art mit süssen und wolschmeckenden Schalen; andere zu
grossen Riesen-Aepfeln wüchsen /und ein im Munde zergehendes Fleisch in sich
hätten. Ja auch die unreiffen Früchte eines halben Jahres wären fürtreflich zum
einmachen; und dieser Apfel mit den Blüten nichts minder eine Erquick- und
Reitzung der Begierde zum Essen / als eine Zierde der Taffeln; alles aber an
diesem Baume heilsam. Aus den Blättern presste man ein herrliches Oel für die von
Zerquetschung herrührende Schäden. Die wolrüchenden Pomerantz-Blüten stärckten
die Lebens-Geister; das daraus gebrennte Wasser hülffe dem schwachen Magen;
diente wider giftige Fleckfeber; verursachte Schweiss; stärckte das Hertze und
die Geburts-Glieder / erleichterte die Geburt / gäbe allem anderm Geruche
gleichsam Flügel; ja ohne seine Beimischung verdiente keiner den Preis eines
himmlischen Geruches. Alle diese und noch edlere Würckungen hätte das daraus
gepresste Oel; welches gleichsam Halb-Todten alle Sinnen / dem sterbenden Hertzen
eine frische Regung wiedergäbe / und der Pest keinen Platz enträumete. Wenn man
es aber mit Rosen-Wasser vermählte / würde etwas überirrdisches daraus. Die
Pomerantz-Schalen hülffen dem Seiten-Stechen / den Blehungen /dem Durchbruche ab
/ reinigten das Haupt / und trieben den Sand. Das Wasser von denen inwendigen
Kernen zermalmte den Stein. Mit einem Worte: Ein solcher güldener Apfel wäre ein
rechtes Vorbild der ganzen Welt. Die feurige Schale stellte den Himmel /das
schwämmichte Fleisch darunter die Lufft / der kühlende Safft das Meer / die
dardurch gehenden Gefäser mit den Kernen die Erde für. Wer wollte diesemnach dem
ihn tragenden Baume mit Vernunft die Oberstelle streitig machen? Niemand mit
besserm Rechte / antwortete Italien / als mein deinem Pomerantzen zwar
verschwisterter / aber viel edler Limonien-Baum; gegen dessen Herrligkeit jener
mit seinem schädlichen Hartzte nur seine Unvollkommenheit beweinen möchte. Der
Pomerantzen-Safft wäre weder nährend / noch heilsam. Seine den Schatten liebende
Süssigkeit verwandelte sich im Magen in eitel Galle. Er verursachte Hauptweh und
den Aussatz; zeugte schwartze Feuchtigkeiten und Feber / verstopffte den Miltz
und die Leber. Und derogestalt wäre seiner Schale schönes Feuer das Bild einer
missträulichen Flamme wütender Liebe. Hingegen prangete sein viel gestreckter /
und wie der Rosenstock mit kleinen Stacheln gewaffneter Baum mit wolrüchende und
eine tugendhafte Schamröte abbildenden Blüten / und viel reinerm Golde
unzählbarer Aepfel; welche die Natur Ey-rund / wie nach Zoroasters Meinung auch
die Welt-Kugel sein sollte / bildete. Seine Schale wäre ohne Brand und Bitterkeit
/ ihr linder Geruch aber so durchdringend: dass die geistigen Seufzer seiner
Ligustischen Gärte dem liebkosenden Sudwinde zwantzig Meilweges übers Meer
entgegen flügen / und die saltzichten Lüffte einbalsamten. Sein Safft wäre aller
weibischen Süssigkeit befreit; seine männliche Schärffe aber wäre der Zunge
annehmlicher / und dem Menschen gesünder. Alle Speisen würden darvon
schmackhafter / der Durst darmit geleschet; alle Hitze abgekühlet; und wider den
Scharbock wäre keine bewehrtere Artznei in der Welt. Der allersäuerste Safft
diente zu der schönsten Karmesin-Farbe; zu Bleichung der Frauenzimmer Haare /
und zu unschuldigen Schmincken. Sintemal das daraus gebrennte Wasser die
Sprenckeln / und Flecken der Haut vertilgte; das von der Schale den Stein triebe
/ der eingezuckerte Safft die Galle aus dem Magen abführte / und giftigen Febern
steuerte. Indien konnte für Ungedult länger nicht schweigen; sondern fieng an:
Hispanien möchte mit seinen letschichten Pomerantzen / und Italien mit seinen
sauern Limonien sich gegen seinem wunder-würdigen Zucker-Schilff nur
verkriechen. Sintemal so wohl das beste an den Pomerantzen nämlich die Schalen
ohne den Zucker eine unnütze Wermut / der Limonien-Safft aber ein natürlicher
Essig wäre / welcher den Magen verterbte / den Mund zusammen züge / die
Eingeweide zerbisse / ja die härtesten Perlen zerbejetzte. Sein aus der
Zuckerstaude aber gepresster Safft übertreffe alle Süssigkeit der Welt / und den
Attischen Honig / also dass / ob zwar dis Schilff nicht über sieben oder acht
Schuh hoch / und nur zwei Daumen dicke wüchse / doch sein saftiges Marck so wohl
frisch / als wenn es in irrdenen Geschirren beim Feuer gekocht / durch Lauge
geleutert / und von der Hitze gehärtet wäre / alle Säffte und Früchte aller
hohen und niedrigen Bäume übertreffe / indem wie das unentpehrliche Saltz alles
weichliche scharff; also der Zucker alles zu scharffe linde machen müste; und
daher sonder ihn die Wollust keine Taffel bestellen /die Aertzte ihre bitteren
Artzneien keinem Krancken einbringen könten; ja der Zucker-Safft eine treffliche
Augen-Artznei abgäbe / die Brust lüftete / die Entzündungen der Leber und Nieren
abkühlete. Ja die in dem grossen den Pappel-Bäumen gleichenden Zucker-Stamme /
zwischen seinen knotichten Gliedern wie Stärcke zusammen-rinnende milchichte
Feuchtigkeit; ungeachtet sie nicht so süsse wäre / sondern einen zusammen
ziehenden Geschmack gebrennten Helffenbeins bekäme / wäre wider hitzige Feber /
die Darm-Gicht / den roten Weh / und alle Entzündungen eine so unvergleichliche
Artznei / dass sie in Persien gegen gleiches Silber ausgewogen würde. Die aus
seinem Baume aber gleichsam selbst von der Natur gemachte Nachen würden von den
Crocodilen so sehr verehret; dass sie keinen darauf schiffenden Menschen
antasteten. Diesemnach Indien / welches Africa / die glücklichen / und das
Atlantische Eyland / Syrien und Cypern mit ihrem kleinen Zucker-Schilffe nur
etlicher massen begabt hätte / wie in Edelgesteinen / also auch in
Baum-Gewächsen in allen Ländern als eine Perle der Welt vorgienge. Persien
begegnete Indien mit hochmütigen Augen und Geberden / meldende: Persien wäre
der Perlen und edelsten Bäume rechtes Vaterland; also die einige Perle der Welt.
Indien hätte sich nicht wenig vergangen / oder seine Schwachheiten verraten:
dass es den Obsieg seiner Bäume auf ein schwaches Schilff zu stützen gesuchet /
dessen gehärteter und mit beissendem Kalck oder Asche vermischter Safft im Munde
zwar Honig wäre / im Magen aber zu Galle würde / und die Eingeweide beleidigte.
Die sauern Limonien müssen zwar ihren Essig mit Zucker anmachen / welcher aber
von sich selbst zu schärffstem Essige / ja / wenn der Zucker dreissig Jahr
stünde / zu dem allertödlichsten Giffte würde. Alleine die annehmlichsten
Früchte des alleredelsten Zitron-Baumes hätte so wenig des Zuckers /als
angebohrne Schönheit der Schmincke von nöten. Die Limonien- und
Pomerantzen-Bäume / als seine Stief-Geschwister / oder vielmehr unächten Kinder
/nähmen zwar vielen Bäumen den Preis / dem Zitron-Baume aber enträumten sie /
als blosse Nachgemächte der Kunst ihm als dem vollkommensten Meister-Stücke der
Natur willigst die Oberhand. Zu dem schmückten sich Hispanien und Italien mit
frembden Federn. Sintemal diese dreierlei Aepfel / welche des Alcinous- und die
Hesperischen Gärte so berühmt gemacht / nirgends als in Persien einheimisch / in
andern Ländern aber verreisete Frembdlinge wären. Aus Persien und Meden wären
sie in Mohren-Land / von dar unter den Atlas und in Cyrene versetzt; und die
Hesperischen Gärte dieses Schatzes halber für ein von den Drachen / nämlich der
Missgunst bewachtes Heiligtum; Hercules aber / welchem Prometeus einen Anschlag
solche zu erlangen gegeben / für einen Gott und Himmel-Träger / für einen
Erwürger des von der Juno zu Verwahrung dieser güldenen Aepfel dahin gesetzten
Drachens in der Welt ausgeruffen worden /weil er diese unschätzbaren Gewächse zu
erst in Italien und Griechenland überbracht hätte. Westwegen sein ertztenes Bild
zu Rom auf dem Ochsen-Marckte drei Zitronen trüge; und nach diesem Beispiele
wäre dem Bilde des grossen Alexanders auch eine in die Hand geetzt worden. Ja es
hätte nicht nur Mauritanien / Cyrene / die glücklichen Eylande / sondern auch
alle Länder / wo diese Aepfel nur gewachsen / ihnen den Besitztum der
Hesperischen Gärte eingebildet; und Atlas sollte die Mauritanischen mit einem so
hohen Gebürge verwahret haben / weil Temis ihm wahrgesagt hätte: Es würde ein
Sohn des Jupiters ihm einige ausführen / als welche Juno den Jupiter selbst
damit als einer fürtrefflichen Schönheit zu beschencken gewürdigt hätte.
Gleichwohl aber schätzte der den Nordwind fliehende / den Sud und das Meer /
warme und feuchte Örter aber liebende Citron-Baum sich viel zu edel: dass er
sich wie die bittern Pomerantzen und herben Limonien in alle rauhe Länder / und
unter ieden ungütigen. Himmel sollte versetzten oder vielmehr verweisen lassen;
und das hochmütige Rom /welchem Erde und Meer sonst alle ihre Schätze opfern
müsste / hätte noch zur Zeit nicht die Ehre gehabt / ausser einigen Gefässen / in
Italiens Erde einen Zitron-Baum zu essen. Die Käyser und Bürgermeister schämten
sich ihre güldenen Aepfel durch Verspeisung zu verschwenden / sondern hieben sie
als Schätze / oder setzten sie als Schau-Gerichte auf; zum höchsten aber
verbrauchten sie solche zu Artzneien. Alle diese und mehrere Ehre verdiente der
mehr als güldene Zitron-Baum / aus welchem Könige zu ihrem Aufentalt lebendige
Zelten / ja ganze Palläste zusammen geflochten hätten. Seine niemals
verwelckende Blätter wären ein Ebenbild der Unsterbligkeit /bei den Medern ein
schöner Aufputz der Gerichte /und ihr Safft heilete die Wunden. Seine
weiss-gepurperten und von der Natur gleichsam schon mit Fleiss in einem Püschel
versamlete Blüten / hätten das ganze Jahr durch reiffe und unreiffe Zitronen
zu ihren Gefärten / umb Frühling / Sommer und Herbst stets mit einander zu
vermählen. Sie würtzeten mit wenig Tropfen kräfftig die Speisen ein;
verursachten Freudigkeit des Hertzens / widerstünden der Galle / und aus ihrem
geistigen Wesen würde durchs Feuer etwas so kräfftiges gezogen; welches aller
andern Gewächse Tugenden überstiege. An denen göldenen Zitron-Aepfeln wären auch
die Schalen nicht ohne Kern. Ihr lebhaftes Gold atmete nicht durch mehr
Runtzeln seinen kräfftigen Balsam aus / als es Lebens-Geister darmit unterhielte
/ und durch seinen würtzichten Geruch zu Verlängerung des Lebens hülffe; also:
dass die Alten diese Aepfel nur zum süssen Rüchen aufgehoben /nicht verspeiset
hätten. Nachdem aber die klügere Welt gelernet: dass diese anfangs purperne /
hernach Smaragdene / endlich güldene Frucht / welche funfzehn und zwantzig Pfund
schwer würde / allem Reichtume des Herbstes vorzuziehen wäre / indem ihre
Schale eine kräfftige Magen-Stärckung / eine heilsame Hertz-Erquickung / ihr Oel
ein herrlicher Balsam der Spann-Adern / ihr weisses und saftiges Fleisch eine
süsse Speise / eine Erquick?g des Magens / ihr saftiges Marck der Kern aller
andern Speisen / und die edelste Artznei in der Welt abgäbe. Ohn diesen Safft
schmeckte Fasaen / Austern / Phönicopter-Zungen und Skarus-Lebern nicht gut.
Alle Süssigkeiten verursachte ohne Zitronen Eckel; und aller niedlichen Gerichte
Uberdruss; also dass in Persien geglaubt würde: man könnte bei Zitronen weder
erhungern noch erdürsten / sondern damit ohne einigen andern Beitrag
auskommentlich leben. Hingegen leschten die zugleich kühlenden / trocknenden und
eröffnenden Zitronen den Brand der Galle / zermalmten den Stein / vertilgten
hitzund giftige Feber / leschten den Durst / dämpften die Trunckenheit /
vertrieben den Schwindel / hülffen der Traurigkeit ab / verrieteten die
Zauberei / verbesserten den Atem / verjagten die Motten / rotteten den
Scharbock aus / und gäben das allerbewehrteste Gegen-Gift ab; also: dass viel
Aertzte in einer Zitrone mehr Hertzstärckung und Heilsamkeit / als in vielen
Bezoar-Steinen / in grossen Hauffen Perlen / und in Mitridatens so berühmter
Artznei gefunden hätten. Dahero ein zum Tode verdamter / welcher nur einen
solchen güldenen Apfel vorher genossen / in Egypten aus der Gruben der giftigen
Schlangen unbeschädigt entronnen wäre. Die oft in einem Apfel befindlichen
andertalb hundert Saam-Körner widerstünden gleichfalls dem Gifte / heilten die
Bisse und Stiche giftiger Tiere / erläuterten den Verstand / und ihr Safft
stillte die Gicht-Schmertzen. Ja die aus dieser Frucht gemachten Träncke / Oele
/Saltze / Eingemachte und Säfte wären unvergleichliche Labsale / und fast wider
alle Kranckheiten unschätzbare Hülffs-Mittel; welche ohne den Tau der
Morgen-Röte den Titonus bei lebhaftem Alter /ohne der Medea Kräuter den Jason
bei einer unaufhörlichen Jugend zu erhalten vermöchten; wessentwegen diese
Aepfel / derer Safft alle Tugenden aus dem Golde an sich züge / an sich selbst
aber schätzbarer als Gold wäre / mehr himlische als irrdische Ehre verdienten;
massen denn auch die Göttin der Liebe sie und die Hesperische Gärte ihr als ein
Heiligt? für das liebste Reichtum ihrer Tempel für ein Pfand der Liebe / für
das würdigste Hochzeit-Geschencke zugeeignet; die Spartaner mit Zitron-Zweige
ihrer Götter Bilder bekränzt / die Böotier ihre Aepfel / welche vom Jupiter zum
ersten wären gesäet worden / dem Hercules geopfert / ja fast alle Völcker für
Erfindung des Weirauchs damit den Göttern geräuchert hätten. Käyser Julius hätte
nach besiegtem Gallien als einer /der die Schrancken der Sterbligkeit überflogen
/ Palmen und Lorbern verschmähet / und einen Siegskrantz von Zitron-Laube
aufgesetzt. Diesemnach wäre auch kein ander / als der Zitron-Baum den
Siegs-Krantz hinweg zu tragen würdiger. Deutschland trat hiermit lächelnde
herfür / und sagte: Die Natur hätte nichts umbsonst / und nichts unnützes
gemacht. Auch der Eiben-Baum / dessen Schatten doch tödten sollte /hätte so wohl
als der giftige Scorpion und die tödtlichen Schlangen ihren Nutzen und
Heilsamkeit an sich. Der Zitron-Baum aber wäre so vieler Lob-Sprüche wert; als
seine Zweige Blätter trügen. Nichts desto weniger klebten ihm so viel Gebrechen,
als offtmals seinem Augen-trieffenden Stamme schädliche Hartzt-Tropfen an.
Nüchternen Magen wäre nichts schädlichers als sie. Sein gerühmtes Gold oder
vielmehr Schwefel wäre so vergänglich: dass eine Zitrone die andere durch blosses
Anrühren anfäulete; und in viele andere Wege ein Muster der flüchtigen Wollust
fürbildete. Der Zitron-Baum eignete ihm ein frembdes Lob zu / wenn er die drei
güldenen Aepfel in den Hesperischen Gärten / welches drei güldene Schafe gewest
wären / für seine Frucht ausgäbe. Die heilsamsten Würckungen aber übten die
Zitronen durch Beihülffe des Weines aus; daher sie auch auf dem Feier des
Bacchus nur zu geringen Wurff-Bällen; und ihre Bäume an vielen Orten zu Zäunen
gebraucht würden. Der Wein-Stock aber wäre allein der rechte güldene Baum. Daher
auch die Persischen Könige in ihrem Schlafgemache / die Juden in ihrem Tempel
einen güldenen Wein-Stock auf einem güldenen Berge / welchen Pompejus in seinem
Siegs-Gepränge in die Stadt Rom geführt / gehabt hätten / umb dardurch
auszudrücken: dass der Weinstock güldener als Gold wäre /alle andere Bäume gelobt
zu werden verdienten / dieser aber keines Lobes bedürffte / sondern vielmehr den
Ruhm aller Zungen überstiege.
    Weil fast alle miteinander in Streit verfallenen Länder Wein bauten /
liessen sie ihnen sämtlich gefallen den Wein-Stock mit dem strittigen
Sieges-Krantz zu beschencken. Hierauff hegten die sechzig Bäume einen freudigen
Lust-Tantz / darinnen ieder mit grosser Ehrerbietung den als einen König stets
in die Mitte kommenden Wein-Stock verehrte. Die zwantzig streitenden Länder
mischten sich in diesen Tantz mit ein. Weil aber sich ieder Baum zu seinem ihm
das Wort redenden Vaterlande / und der Wein-Stock nebst der Eiche und dem
Holder-Baume sich Deutschland zugesellete; entstand zwischen den Ländern ein
neuer Zwist / und zückte sich Arabien zum ersten herfür / welches Deutschlande
fürwarff: dass in selbtem der anderwerts hergeborgte Wein kaum jung / hingegen
der Wein-Gott selbst auf seinem von Wein-Reben trächtigen Gebürge Nisa
auferzogen worden; also der Arabische Wein der beste / und also mit dem
Siegs-Krantze alleine zu beschencken wäre. Egypten widersprach Arabien /
meldende: Bacchus wäre von den Hyaden in Egypten ernähret. Denn was sollte er in
den durstigen Sänden Arabiens / wo auch geringe Stauden nicht gnungsamen Safft
für ihre Wurtzeln an sich zu ziehen hätten / für Vergnügung gefunden haben?
Dahingegen der saftige Bodem Egyptens eine rechte Amme des Wein-Stocks; sein bei
dem See Mareja wachsender weisser süsser und wolrücheder Wein ein Kern alles
andern; sein Täniotischer bei der Stadt Antylla aber ein flüssendes Gewürtze
wäre. Syrien fiel ein: Arabien wäre zu dürre / Egypten zu sumpficht den
Wein-Gott zu bewirten; alleine des Bacchus Mutter wäre aus Phönicien gewest;
und wüchse in Syrien der edelste Wein in der Welt unter dem Berge Libanus bei
Biblanus / von denen Tracien seine wohlrüchende Wein-Säncker geborgt hätte.
Eben so gut wäre sein Chebyllonischer Wein / von dessen fette Reben-Safte die
Persischen Könige allein hätten wollen geträncket sein. Africa versetzte: Wäre
des Wein-Gottes Mutter aus Syrien / da doch viel rechter die Cerauische Amaltäa
dafür gehalten würde; so wäre der Vater aus Africa / nämlich der Libysche-Amon.
Bacchus hätte auch in Africa nach überwundenem Saturnus sein Reich / und seinem
wahrsagenden Vater Ammon einen herrlichen Tempel aufgerichtet. Indien brach ein:
Der Wein-Gott möchte zwar anderwerts geboren und erzogen sein; wiewohl auch
Indien sich seiner Wiege rühmte; nachdem er aber die ganze Welt durchreiset /
hätte er kein ihm anständiger Land / als Indien / auffinden können. In diesem
hätte er 52. Jahr gewohnet und geherrschet / darinnen den ersten Wein angelegt.
Griechenland wollte diss keines weges entengen; sondern führte an: Bacchus hätte
die Stadt Tebe zu seinem Vaterlande; Indien aber als ein feindliches Land / nur
drei Jahr zu seinem Aufentalte / und zu seinem Sieges-Platze gehabt. Da nun
weder in Africa noch Indien einiger Wein / sondern dort nur wenig zum abtrocknen
dienende Trauben wüchsen; die Indianer aber Wein aus Reiss kochten /und nur bei
den Opfern zu trincken pflegten / suchten sie ihnen nicht ohne Vermässenheit den
Ruhm des Weines zuzueignen. Griechenland aber wäre gleichsam von tausenderlei
Arten des edelsten Weines überschwemmet: Sein Tracischer Chersonesus prangte
mit seinem über 200. Jahr tauerndem Maroneischem / Lesbos mit seinem bei
Metymnus wachsenden starcken / mit seinem süssen Weine bei Mitylene; Tasus mit
zweierlei / derer einer den Schlaf zuwege brächte / der ander vertriebe. Die
Könige aller Weine in der Welt aber wäre der am besten verdeiende und keine
Vermischung leidende Wein des Eylandes Chius / auf welchem der erste schwartze
Wein gewachsen / und der unvergleichliche auf Jupiters Vaterlande Creta; gegen
welchem Geträncke alle andere Weine gleichsam nur zum Fuss-Wasser tüchtig wären.
Persien brach ein: Es wäre kein geistiger Wein / als der Persische; sonderlich
der umb Persepolis und Marrasium; dessen Geruch / Farbe / und Geschmack allen
Lobsprüchen zuvor / dem Wein-armen Indien /dem sich an seiner sauren
Pferde-Milch vergnügenden Scytien wohl zu statten käme. In der Partischen
Landschaft Aria wüchsen drei Menschen Alter austauernde Weine / und in Margiana
Wein-Stöcke /welche 2. Männer nicht umbarmeten / und auf diesen zwei Ellen lange
Trauben. Scytien fuhr hierüber entrüstet heraus / die Menschen könten ehe des
Weines /als der Milch entpehren; und sein aus Honig bereiteter Met / wie auch
der aus Getreide gebrennte Wein /täte es an Stärcke und Geschmacke vielem
Trauben-Blute / wie die von Scyten entsprossenen Parten es denen überwundenen
Persen an Tapferkeit zuvor. Ob nun zwar die an seinem Boristenes wachsenden
Trauben keinen Wein trügen; so wäre doch ihr nordliches Ufer des Flusses Oxus
und ihre Landschaft Sogdiana mit männlichen Reben trächtig. Serica nahm das
Wort von den Scyten / und meldete: Wenn die Persen einmal seinen Reiss-Wein
gekostet hätten /kriegten sie für dem besten Trauben-Safte Eckel. Jedoch wüchsen
in Serica auch so köstliche Trauben /als irgendwo in Asien / welche sie aber nur
dörreten /und wie Rosinen zu unschuldiger Speise verbrauchten. Sintemal sein
missbrauchter Safft / den doch etliche Völcker als eine Gott anbeteten / die
Menschen in einen ärgern Stand versätzte / als in welchem die unvernünftigen
Tiere wären. Diesemnach die so weisen Germanas in Indien sich ihr Lebtage
klüglich des Weintrinckens entielten / und andere aus Andacht selbten als eine
beissende Schlange / als einen stechenden Basilisken / und als Drachen-Galle aus
einer heiligen Andacht verschmäheten. Assyrien begegnete dieser Verachtung nicht
ohne heftige Entrüstung: Dieses lieffe wider die Göttliche Wahrsagung / welche
den Ateniensern den Bacchus als einen heilsamen Artzt göttlich zu verehren
befohlen hätte; ja der ganze Erdkreiss wäre gleichsam wegen Erfindung des so
heilsamen Weines den Bacchus / als einen wohltätigen Gott / anzubeten
einstimmig. Der Wein wäre ein rechter Götter-Tranck; daher auch die Assyrier /
welche Syrien und andere Länder allererst die Weinpflantzung recht gelehrt
hätten / ihren bei Babylon wachsenden unvergleichlichen Wein mit gutem Rechte
Nectar hiessen. Mohrenland trat darzwischen und sagte: Die Mohren wären die
ersten Menschen in der Welt / auch also die ersten Wein-Gärtner / die Sonne /
welche andere Länder nur anschielete / Mohrenland aber mit geraden Augen
anblickete / wäre die rechte Mutter des Weines; also könnte dieser Sonnen-Safft
nirgends als in Mohrenlande seine Vollkommenheit haben; massen denn auch der den
Mohren an Schwärtze ähnliche Wein der älteste in der Welt wäre. Insonderheit
aber rinnte in den benachbarten glückseligen Eylanden mehr des edelsten Weines
als des Wassers / ungeachtet selbtes auch von Bäumen tröpfelte. Armenien
versätzte: Das erdürstete Mohrenland / welches keinen Wein-Stock zu unterhalten
Safft genung hätte / suchte sich mit seiner Nachbarschaft vergeblich zu
behelffen / und möchte sich nur mit seinem Palmen-Weine vergnügen. Armeniens
Gebürge hingegen wären die Quellen unzehlbarer Flüsse / und seine gegen Meden
gelegenen Hügel die fruchtbarsten Wein-Gärte. Taprobane konnte zwar sich keines
Reben-Saftes rühmen / gleichwohl aber striech es seinen aus den unreiffen
Kokos-Nüssen rinnenden Wein / als den besten in der Welt aus. Aus seinem Eylande
würden die edelsten Elefanten / für welchen sich alle andere ehrerbietig neigten
/ gezeuget; alldar wüchse allein der Zimmet und anderes Gewürtze; wer wollte nun
zweifeln: dass auf diesem Paradise des Erdbodens das beste Geträncke wachsen
sollte? Zumal die Alten ihre besten Weine mit Würtze anzumachen und zu verbessern
gepflegt hätten. Nichts aber hätte mehr Geist in sich / als der Zimmet / daraus
eben so wohl /als aus Amomum und Casia kräfftigen Wein zu machen. Das
Atlantische Eyland bestätigte: dass der Morgenländer Palmen-Kokos- und
Gewürtz-Wein den Reben-Safft teils am Geschmacke / teils an Stärcke / teils
an Heilsamkeit übertreffe; und wäre der Egyptier aus dem Baume Lotos / der
Cyprier aus Feigen /der Griechen aus Myrten-Beeren / der Gallier aus Narden /
der Syrier von Zedern / der Cilicier aus Isop gemachter Wein nicht zu verachten.
Aber auf seinem Eylande / welches hin uñ her 3. mal so grosse uñ süsse Trauben
als irgend ein anders Land trüge / würden aus dreien sonst nirgends in der Wrlt
wachsenden Wurtzeln / Beeren / und Früchten so köstliche Träncke bereitet /
welche die fruchtbarsten Weinländer als sonderbare Labsale von dar holen
liessen. Gallien fuhr mit geruntzelter Stirne und feurigem Antlitze diesen
letztern Ländern in Schild / und sagte: Sie möchten nur als Verwürfflinge des
gütigen Himmels / welche den Abgang des Weines als des rechten irrdischen
Nectars mit ihrem eitelen Kochwercke sich aus der Reien der gesegneten
Weinländer entfernen. Die Kunst wäre eine Magd und Aeffin der Natur / als einer
herrschenden Frauen / und also kämen alle andere Geträncke dem Weine nicht näher
/ als die Meer-Katzen den schönsten Menschen bei. Unter allen Ländern aber wäre
Gallien das Weinreichste. Die Liegeris und Garumna teilte der Welt so viel
Reben-Safft mit: dass es das Ansehn hätte; sambt alle sein Wasser zu Weine würde;
darunter ihrer viel so geistig wären: dass man sie mit vermischte Wasser
schwächen müste. Am Rhodan wüchsen die Wein-Stöcke so gross / als andere Bäume.
An dem Lattarischen Seebusem bei des Domitius Marckte aber wüchse der edelste
Muscaten-Wein in der Welt. Asien begegnete Gallien: Bei ihm wäre der Ursprung
und das rechte Vaterland des Weines. Alle Arten wären dar im Uberflusse. Der
Carynische beschämte alle schwartze süsse / der Perpyrinische alle schwartze
herbe / der Tibecinische alle dinne / der vom Berge Tmolus alle goldfarbicht-
und wohlrüchende Weine. Und Xerxes hätte die mehr dem Bacchus als Priapus
gewiedmete Stadt Lampsacus seines edlen Weines halber dem tapferen Temistocles
verehrt. Italien brach ein: Wie alle Reiche Italien unterwürffig worden wären;
also hätten auch seine Weine die Ober-Herrschaft in der Welt behauptet; als in
welchem Lande Bacchus und Ceres mit einander umb den Vorsitz stritten. Der
einige Berg Gaurus trüge dreierlei Arten des edelsten Weines umb einen iedern
Gaumen zu vergnügen. Jedoch übertreffe der Fundanische Wein noch den
weltberühmten Falernischen in der Güte; der Amiclanische an der Tauerhaftigkeit.
Der schwartze Calenische wäre der kräfftigste Magen-Wein; der Trebellische bei
Capua der schmackhafteste; der Albanische und Pictanische der gesündeste;
welchem letzteren die Käyserin Livia alleine ihr gesundes Alter zuschriebe. Die
Rhetischen verdienten den Ruhm der grösten Anmut; mit denen als den Kopf gar
nicht einnehmenden sich Käyser August am meisten erquickte. Hispanien versätzte:
Es hätten keine Gewächse mehr Verwandschaft mit einander / als Wein und Gold.
Wie nun diss in seinen Gebürgen gleichsam quälle / und von denen angezündeten
Wäldern seine Täler mehrmals überströmet hätte; also wären auch fast alle seine
Hügel Wein-Brunnen. Sein Tarraconensischer weisser wäre der männlichste / sein
Illicitanischer rote der süsseste und stärckste. Zu dem hätten gewisse
Wein-Gewächse ihres Oeles halber eine solche Schwerde: dass sie darmit alle
andere Feuchtigkeiten /wie das Gold alles andere Ertzt überträffe; und daher die
damit gefüllten Fässer untersinckten. Ja die Hispanischen Weine hätten schon von
Alters her den roten für den König aller Weine erwehlet. Pannonien brach ein:
Der rote Wein möchte unter seinen Landes-Leuten sein Königreich behaupten; für
seinem Wein-Oel aber sich verkriechen; welches / wie Pannonien an Uberflusse der
Gold-Adern Hispanien weit überlegen wäre; auch nicht nur an der Farbe / sondern
an Wesen und Tugenden das rechte flüssende oder trinckbare Gold fürbildete.
Sintemal an dem Flusse Tibiscus so gar ganz güldene Stengel sich umb die
geliebten Reben wie Epheu windeten; und das körnichte Gold oft die Trauben an
statt der herben Körner füllte. Daher man mit seinem Saffte zugleich Oel /Gold /
Wein / ja einen rechten Lebens-Balsam genüsse; welchem denn auch das edle
Trauben-Blut an dem See Peiso wenig an Kräfften / nichts aber an Anmut bevor
gäbe. Deutschland / welches dem Wein-Stocke unter allen Bäumen den Siegs-Krantz
erstritten hatte /wollte selbten nunmehr auch unter den Weinen nicht aus den
Händen lassen; fieng also an: Es wäre wahr: dass seine Nachbarin Pannonien allen
andern Ländern den Wein-Preis wegnähme. Sintemal alle andere Weine entweder zu
wenig Feuer / oder bei ihrem grossen Feuer eine Eckel verursachende
Schlüpfrigkeit /die Pannonischen Magen-Weine aber zugleich bei ihrer Stärcke
eine Anmut; bei ihrer Süssigkeit eine männliche Schärffe hätten. Sein
Rhein-Wein aber wäre ein ganz neues / und allen Weinländern unbekanntes
Geschencke des Himmels. Seine Stärcke entzündete nicht die Eingeweide;
gleichwohl aber stärckte es die blöden Magen. Sein Geschmack wäre der lüsternden
Zungen Vergnügung; gleichwohl aber umbnebelten sie nicht das Gehirne. Der
alleredelste Pannonische Wein führte seinen den Sonnen-Staub wegstechenden
Weinstein in das alleredelste Geäder zu Verursachung vieler Kranckheiten mit
sich / der Rhein-Wein aber legte seinen an die Wein-Fässer an. Daher würde er
wegen seiner nährenden und treibende Krafft als der gesündeste und
schmackhafteste auch in solche Länder verführet / derer Hügel nicht weniger vom
Weine / als die Morgen-Röte vom Tau trieffend wären.
    Der Zwist dieser streitenden Länder hätte sich noch nicht geendigt / wenn
nicht die grosse Königin aller Geschöpfe die Natur durch den vom Himmel
flügenden Frieden einen Stillstand geboten; und als die höchste Richterin
diesen Ausspruch: Unter allen Bäumen verdiente der Wein-Stock; unter den Weinen
der Rhein-Wein den Preis / gefället; und hierauf Deutschlande einen von
Weinlaube gemachten mit Golde umbwundenen / dem Wein-Stocke aber einen ganz
güldenen Krantz aufgesätzt hätte. Alle Bäume neigten in einem Freuden-Tantze
sich für dem Wein-Stocke; alle Länder für Deutschlande. Nach geendigtem Tantze
aber verfügte sich diese Sieger zu dem damal auf den Schauplaz gestelten /
hernach aber in diesen Tempel versetzten Bilde des Bacchus; oder vielmehr des
darunter fürgestellten Käysers August und Liviens; sätzten nach einem
abermaligen Tantze beide Kräntze diesen zwei Abgöttern auf. Also endigte sich
des Drusus Schauspiel zur Vergnügung der Antonia / und die Erzehlung des
Bacchischen Priesters zum Wohlgefallen der deutschen Fürsten.
    Inzwischen als der Feldherr Herrmann / Hertzog Arpus / und andere teils
sich ihees Sieges freueten /teils selbten zu einem Werckzeuge mehrer Vorteile
anzugewehren vorsaanen; hieng der eiferige Tiberius seiner Trauersucht und
Arglist nach / der Deutschen sieghaften Waffen einen andern Riegel als
aufrichtige Gegenwehr fürzuschieben. Weil Tiberius nun wohl verstand: dass / wenn
auch schon das Verhängnis ein Reich drückte / doch das Glücke der feindliche
Zwytracht wieder auf die Beine hülffe; saan er auf nichts mehr / als zwischen
die deutschen Fürsten einen Zanck-Apfel zu werffen. Der Feldherr und Hertzog
Arpus hatten schon durch tausend Merckmale bewähret: dass sie den alten Hass der
Catten und Cherusker der gemeinen Wohlfart aufgeopfert hatten / und alle seine
Scharffsinnigkeit war zu stumpf dieser vorhin gegen einander so sehr
verbitterter Völcker verrosterte Feindschaft auszuwetzen. Die grossen Siege des
Sicambrischen Hertzogs Melo / welcher bei des Quintilius Varus Niederlage nicht
einst mit gewest war / nunmehr aber gleichsam spielende mehr / als alle andere
deutsche Sieger durch ihr versprjetztes Blut gewonnen hatte / veranlassten ihn zu
mutmassen: dass Herrmann und Arpus seinen Gewiñ so vieler Festungen und die
Vergrösserung seines Gebietes ohne neidisches Auge nicht anschauen / so selten
aber wachsende Macht und Eintracht bei Bundsgenossen / als Zunehmung des Miltzes
und Gesundheit anderer Eingeweide beisammen sein könten. Sintemal viel Siege
insgemein neue Kriege und Feinde erweckten / grosse Beuten aber einen so
scheinbaren Glantz von sich würffen: dass sie auch denen Grossmütigsten in die
Augen leuchteten / welche gleich nie umb was anders / als Freiheit und Ehre zu
kämpfen gemeinet gewest. Diese Mutmassung war auch nicht gar ohne Grund. Denn
dem Hertzog Arpus war nicht wenig daran gelegen: dass die vom Drusus für achtzehn
Jahren vertilgten oder über den Rhein in Galien versätzten Sicambrer / und die
für Zeiten von den Catten verdrungenen Tencterer und Sicambrer den Catten nicht
möchten zu Kopfe wachsen; und diese fuhren mehrmals gegen ihren Hertzog durch
Ungedult heraus: die Cherusker und Catten müsten die harten Nüsse der Römer
aufbeissen; wormit die Sicambrer der Kerne genüssen möchten. Jene wären
Uberwinder der Feinde / diese der Örter. Diesen geringen Zunder wusste Tiberius
unter dem Deutschen Krieges-Heere durch seine Kundschafter meisterlich zu
unterhalten: dass er fast täglich mehr zu glimen anfieng. In den Scharmützeln
liess er den Sicambern und Tencterern / wenn sich gleich Gelegenheit ereignete /
keinen Abbruch tun /und die Gefangenen liess er ohne Lösegeld frei. Ob nun zwar
Hertzog Francke sich hierdurch nichts hindern liess den Römern mit seiner
geschwinden Reiterei einen Streich nach dem andern zu versätzen; und so wohl
Hertzog Arpus als der Feldherr des schlauen Tiberius ungewohnte Gütigkeit für
Kriegs-Künste und Saamen des Misstrauens hielten; ereignete sich doch eine
Gelegenheit / welche beiden kein geringes Nachdencken verursachte. Nemlich es
hatten der Feldherr und Hertzog Arpus für / mit ihren von bisherigem Siege
mutigen Heere den Römern entweder zu Felde einen Hauptstreich zu versetzen /
oder durch Eroberung der Festung Meintz Deutschlande den gefährlichsten Dorn aus
dem Fusse zu ziehen. Diesemnach ersuchten sie den Hertzog Melo / er möchte seine
angegfangene Belägerung des Ubischen Altares / welche allem Ansehn nach viel
Blut und Zeit bedörffen würde / unterwegen lassen / und seine völlige Waffen mit
ihnen wider den Tiberius zu Ausmachung des Hauptwesens vereinbaren; oder zum
meisten durch einen tieffen Einfall in Gallien die Römische Macht des Tiberius
und Germanicus zur Trennung nötigen. Malo aber antwortete: es wäre den
Deutschen so wenig ratsam eine so starck besätzte Festung / als das Ubische
Altar wäre / im Rücken zu lassen / als seinem Ansehn anständig die schon
angefangene Belägerung eines ganz Deutschland mit Aberglauben vergiftenden
Ortes aufzuheben. Wenn er aber dieses Wespen-Nest zerstöret haben würde /wollte
er mit allen seinen Kräfften ihnen zu Hülffe kommen. Wiewol nun diese Antwort
vorigen Argwohn vermehrete; brachen doch der Feldherr / Hertzog Arpus und die
andern deutschen Fürsten noch selbige Mitternacht von Bingen / dahin sie auf
beiden Seiten des Rheines alle ihre Macht versammelt hatten / unversehns auf /
und hatten das Glücke zwei Römischen Heere von der Stadt Meintz abzuschneiden.
Sie behaupteten mit wenigem Gefechte auch einen so vorteilhaften Ort: dass
hiermit auch alle Zufuhr auf dem Rheine der Festung / und den Römern das Hertze
sie davon wegzuschlagen benomen ward. Tiberius war in sich selbst hierüber so
viel mehr verbittert; well er diesen Streich selbst versehen / und den
Germanicus mit seinen Legionen an der Nave die Trevierer zu bedecken befehlicht
/ auch sein eigenes Lager zu weit oberhalb Meintz an den Rhein gehenckt hatte.
Germanicus stiess zwar hierauf alsofort zum Tiberius /aber beide konten weder die
Deutschen aus ihrem Vorteil locken / noch verwehren: dass sie durch Einwerffung
grosser Eichen den Rhein oberhalb Meintz unschiffbar machten / und die Stadt in
nicht geringe Not veretzten / weil die deutsche Reiterei noch darzu alle
Strassen rein hielt; Hertzog Catumer auch etliche tausend Römer schlug / die in
Meintz mit Gewalt Vorrat bringen wollten. Unterdessen hatten zwei aus Hispanien
beruffene Legionen mit zwantzig tausend Galliern sich vereinbart / und hatten
bereit über die Maass gesetzt umb das Ubische Altar zu entsetzen. Westwegen
Hertzog Melo seinem Sohne schrieb: dass er mit der Tencterischen Reiterei seine
Belägerung zu bedecken zurück über die Mosel kommen sollte. Der Feldherr und
Hertzog Arpus schöpften über dieser Abforderung ziemlichen Unwillen / weil sie
darmit ihnen die Hoffnung Meintz zur Ubergabe zu nötigen zu wasser werden
sahen. Weil nun eben selbige Nacht etliche deutsche Gefangene / die Tiberius mit
Fleiss fahrlässig hatte bewahren lassen / aus dem Römischen Läger übergelauffen
kamen / und berichteten: dass den Abend vorher Germanicus mit zweien Legionen in
möglichster Stille aus dem Römischen Läger gegen der Nave gezogen wäre / und dem
mutmasslichen Berichte der Römischen Kriegs-Leute nach / mit dem aus Hispanien
kommenden Heere den Sicambrischen Hertzog für dem Ubischen Altare überfallen
sollte. Dieses ward bestätigt durch unterschiedene deutsche Reiterei / welche
selbige Gegend ausgespüret / und von dar Gräserei geholet hatten. Solches
bewegte die deutschen Fürsten folgenden Morgen dem Tiberius eine Schlacht
anzubieten; Beredeten also den Hertzog Francke / welchem ohne dis bei jeder
Gelegenheit zu schlagen das Hertze lachte /dass er mit seiner ganzen Reiterei
der Schlacht abwarten wollte; weil er vermittelst des nunmehr in Deutscher Macht
unterhalb Meintz flüssenden Rheinstroms noch zeitlich genung seinem Vater zu
Hülffe zu kommen vermeinte / der Feldherr auch nach verhofftem Siege mit
zehn-tausend Cheruskern ihn zu begleiten versprach. So bald es tagte / führten
die Deutschen ihr Heer aus dem Lager / und stellten es eine Meilweges davon
gegen das Römische Lager in Schlacht-Ordnung. Tiberius tat dergleichen; jedoch
sätzte er sich teils auf eine sehr vorteilhafte Höhe /teils an einen
sumpfichten Ort: dass die Deutschen /welche für Begierde zu schlagen brennten /
nur an wenigen engen Orten die Römer angreiffen konten. Ob nun wohl der Feldherr
und Hertzog Arpus allerhand Erfindungen brauchten den Feind aus seinem Vorteil
zu locken / die Deutschen auch hin und wieder durch zusammen geschleptes
Reisicht sich mühten den Morast zu bähnen; war es doch durch keine Kriegs-Kunst
möglich ihr Vorhaben weiter zu bringen; als dass es an dreien Orten zu
Scharmützeln der Reiterei gedieg / darinnen Hertzog Catumer und Francke ihre
Löwen-Hertzen überflüssig zeigten / und der Römischen Reiterei grossen Abbruch
taten; jedoch sich zwischen die geschlossenen Römischen Legionen nicht
vertieffen konten; weil das deutsche Fuss-Volck weder Platz noch Raum hatte über
dem Moraste festen Fuss zu sätzen. Endlich aber behaupteten Fürst Siegesmund mit
fünf-tausend Cheruskern / welche zwar bis unter den Gürtel durch den Schlamm
wateten / einen vorteilhaftigen Hügel; daher der Feldherr alsofort das
fürnehmste Cheruskische Kriegs-Zeichen / nämlich das Pferd pflantzen liess.
Worauf nicht nur die übrigen Cherusker daselbst geraumenes Feld zu gewinnen
/sondern auch die Catten im lincken Flügel einzubrechen sich euserst und mit
ziemlichem Fortgange bearbeiteten. Denn Hertzog Jubil erstieg mit zwei-tausend
Hermundurern seitwerks und also / wo es ihnen die Römer nicht hatten träumen
lassen / einen Hügel /darauf die Deutschen gleichsam als auf Leitern klettern
mussten. Wie nun Graf Waldeck von vornen /Jubil auf der Seite die darauf
stehenden sechs Fahnen Römer und zwölf der Gallier als zwei gegen einander
blitzende Wolcken anfielen; wurden diese alsbald verwirret / zertrennt / und
kurtz darnach über Hals und Kopf bis an die Stirne der Römischen
Schlacht-Ordnung verfolget. Hertzog Arpus brachte alsofort seinen halben lincken
Flügel auf diesen Berg / von dar er in einer sich nach und nach absänckenden
Fläche dem Römischen rechten Flügel auf der Seiten in die Eisen gehen konnte. Bei
diesem vorteilhaftigen Streiche kriegte der Feldherr aus dem an Rücken
gelassenen Läger die Nachricht: dass Germanicus mit seinen zweien Legionen
zwischen dem Deutschen Läger und der Stadt Meintz durch einen besätzten Pass
gebrochen / gegen selbter eine grosse Anzahl mit Lebens-Mitteln beladener Pferde
und Esel geschickt / und sich recht gegen das Läger gesätzt hätte. Hieran war es
noch nicht genung / sondern Hertzog Francke erhielt durch einen Tencterischen
Ritter von seinem Vater Melo den Befehl: er sollte ohne Verlierung einiger Zeit /
und ohne Hindernüs der wichtigsten Ursachen / sich von seiner Rückkehr nichts
hindern lassen. Deñ Marcus Junius Silanus hatte das Fuss-Volck der zwei
Hispanischen Legionen zu Pferde gesätzt / und weil es eben folgenden Tag über
die Ruhr setzen sollte / käme ihm diese Macht unvermutet über den Hals; und
überdis würde ihm auch mit dem Uberzuge des Germanicus gedräuet. Es ist
schwerlich zu ermässen; welchem unter diesen beiden Helden am meisten
schmertzte: dass durch so unzeitige Zeitung ihrer Hoffnung und Tapferkeit ein
Zügel angelegt / ihrem Siege aber die Flügel verschnitten werden sollten. Hertzog
Francke / welcher den Cheruskern nun auch mit seinem Degen Platz gemacht hatte
den rechten Flügel über die Sümpffe zu bringen / stutzte / und wusste sich nicht
bald zu entschlüssen: ob er seines Vatern Befehl / der bei den Deutschen als
hochheilig ohne grausamste Schande nicht ausser Augen gesätzt werden kann; oder
dem heuchelnden Anfange seines Sieges befolgen sollte. Das letztere riet ihm
seine feurige Tugend / das andere seine Frömmigkeit. Nebst dieser überlegte er
vernünftig: dass mit einem guten Wurffe das veränderliche Spiel noch lange nicht
ausgemacht wäre. Sintemal das Glücke in andern Dingen zwar einen Cameleon / im
Kriege aber einen rechten Proteus und Wetterhahn fürbildete. Zudem hätten die
Deutschen noch nicht einst erfochten: dass sie gegen den Römern mit gleicher
Karte spielten; welche mitlerzeit ausruheten / als die Deutschen nur umb
Erstreitung eines Raumes ihre Schlacht-Ordnung gegen sie zu stellen /alle ihre
Kräfften erschöpften / und sich grösten teils schon aus dem Ateme gefochten
hatten. Diesemnach liess er den Feldherrn und den Cattischen Hertzog zugleich
wissen: dass seines Vaters Befehl und andere wichtige Ursachen ihn nötigten mit
seinen Tencterern und Juhonen die Schlacht zu verlassen; also sollten sie auf
eine ehrliche Zurückziehung sinnen / da sie ohne ihn des Feindes Meister zu
werden sich nicht getrauten. Er wolle aber / bis das Fuss-Volck wieder ausser
Gefahr wäre / mit seiner Reiterei den Römischen Einbruch möglichst verwehren.
    Dem Feldherrn kam zwar diese unvermutete Erklärung etwas bedencklich für /
sonderlich wenn er sie neben die Nachricht legte: dass die Hispanischen Legionen
sich gegen sie der Mosel näherten; also es mit dem Melo keine solche Not hätte
seine Hülffs-Völcker zur Unzeit abzufordern. Weil aber des Germanicus Durchbruch
ohne dis ihm schon im Hertzen beredet hatte: dass im fall er nicht das Lager in
Gefahr / ja beide deutsche Heere zwischen Tür und Angel stecken wollte / dismal
ratsamer sein würde die Hörner einzuziehen / als zu verlieren; Daher war ihm
zum teil lieb / dass er der Zurückziehung seines Heeres eine ehrlichere Ursache
/ als seiner Kleinmut zueignen konnte. Also machte er dem Hertzog Arpus so wohl
des Tencterischen Hertzogs Entschlüssung / als den Einbruch des Germanicus zu
wissen. Welche zwei Zufälle die unvermeidliche Zurückziehung ihrer Heere
erforderte. Hertzog Arpus hatte mitlerzeit Hertzog Franckens Botschaft mit
höchster Ungedult gehört /und ihm schimpflich zu entbieten lassen: Wer zu feige
wäre den Römern das Blaue in Augen zu sehen /möchte sich für ihnen in seiner
Mutter Bauch verkriechen. Er wollte nach schon gekostetem Vorschmack mit seinen
Catten diesen Tag den Sieg entweder völlig genüssen; oder auf der Wallstatt
ehrlich begraben werden. Als er nun gleich vom Feldherrn vernam: dass Germanicus
ihnen hinter dem Rücken wäre / hielt er es doch entweder für eine falsche
Zeitung der Furcht /oder für eine Erfindung der Missgunst; welche der Catten Ruhm
beneidete: dass sie diesen Tag wider die Römer das beste getan hätten.
Diesemnach tobte und wütete Hertzog Arpus / und gab endlich dem dahin
geschickten Ritter Kulenburg keine andere Antwort /als er sollte den Feldherrn
berichten was er sehe und hörte. Hiermit befahl er / dass der Graf Nassau mit
seinen zum Hinterhalt stehenden sechstausend Catten fortrücken / und sich an die
eine Römische Legion machen sollte / welche Tiberius sich selbst zugeeignet
hatte. Der Feldherr kriegte nicht so bald diese schlechte Antwort / als man ihm
zugleich andeutete: dass die Tencterische Reiterei sich geschwenckt hätte /und
über den Sumpf zurücke gienge. Der Feldherr machte ihm leicht die Rechnung: dass
Hertzog Francke vom Hertzog Arpus gleichfals müsse vedriesslich gemacht / und zu
einer so nachteiligen Entschlüssung veranlasst worden sein. Seinen hierüber
erwachsenden Kummer; da ihre Zwitracht leicht nicht nur eine schwere Niederlage;
sondern gar Deutschlandes Dienstbarkeit nach sich ziehen dörfte / verstellte er
so viel möglich / vertraute also die Oberaufsicht des rechten Flügels dem
Hertzoge Jubil mit der Verfügung dass er die Schlacht daselbst mehr mässigen / als
anzünden / und die Cherusker vom übrigen Eiver und Nachsatze zurücke halten
sollte. Hiernach rennte er selbst spornstreichs denen Tencterern zu; hielt dem
erherbeten Hertzoge Francken beweglich ein: Er möchte die Wolfahrt Deutschlandes
seiner Ungedult zur Rache nicht aufopffern; sondern seine Beleidigung dem
gemeinen Wesen zum besten vergessen. Es wäre rühmlich mit Woltaten / aber
schändlich an Beleidigung andere überwinden. Niedrigen Gemütern gienge das
Unrecht / edlen aber nur Verdienste tief zu Hertzen. Also müste man jene überhin
lauffen / diese einseigen lassen / und durch seine Tugend die Beleidiger selbst
zur Reue bringen. Solte aber durch seine unzeitige Empfindligkeit den Deutschen
einiges Unheil zuwachsen / würde es Hertzog Francke weder bei seinem Vater / der
den Degen zuerst wider die Römer gezückt / noch weniger gegen sein Vaterland zu
verantworten haben; welches von seinen Helden-Taten ihm schon so viel gutes
gewahrsaget hätte; widrigen falls aber sie ihn von nun an für einen Baum voller
Blüten / aber ohne Früchte halten würden. Hiermit brachte es der Feldherr so
weit: dass er die noch über dem Moraste stehende Reiter Stand halten / und das
deutsche Fuss-Volck bedecken liess. Er selbst machte auch umb die Römer zu
verwirren an einem andern Orte solche Anstalt / und Bezeugung / als wenn er
einen neuen Angrief vorhätte. Der Feldherr drang sich inzwischen zu dem in die
Feinde ziemlich vertieften Hertzog Arpus durch / und beredete ihn durch seine
Beteurung: dass Germanicus durchgebrochen / und des deutschen Lägers sich zu
bemächtigen im Wercke begrieffen; also selbtes des Entsatzes höchstbenötiget
wäre; da sie nicht etliche tausend Besatz-Völcker /allen ihren Lebens-Vorrat
und Kriegszeug / ja bei einem unglücklichen Streiche / den der unverhinderliche
Abzug der Sicambrer und Tencterer nebst der ihnen auf den Hals rückenden Macht
des Germanicus ungezweifelt zuziehen würde / alle sichere Zuflucht einbüssen
wollten. Hartnäckigkeit wäre das schädlichste Gift / worvon alle gute
Entschlüssungen verwürffen und unzeitige Geburten des Verterbens ans Licht
brächten. Hingegen hielten es die Deutschen für Klugheit nicht für Kleinmut dem
Verhängnisse und dem Feinde zur Zeit weichen / wenn man nur das Hertze behielte
bei besserer Gelegenheit selbtem wieder die Stirne zu bieten. Der den Deutschen
an Mannschaft überlegenen Römer laulichte Gegenwehr wäre nicht so wohl eine
Zagheit / als Arglist des Tiberius; welcher sonder Zweifel das Treffen mit Fleiss
verlängerte / und dem Germanicus zu seinem Fürnehmen so viel mehr Luft zu
machen: Von den Catten würde gerühmt: dass sie zu Ausmachung des Krieges / andere
Völcker zu Schlachten- Lieferung auszügen. Dieses hätte auch der nichts weniger
kluge als tapfere Arpus allhier zu beobachten / und eine heilsame Ansichhaltung
der eitelen Ehre eines schädlichen Sieges vorzuziehen. Ein aus dem Lager
spornstreichs ankommender Catte gab mit seinem Berichte von Germanicus
würcklichem Angriffe des Lagers des Feldherrn Rede einen solchen Nachdruck: dass
Hertzog Arpus den Abzug willigte. Beide Hertzoge wurden über der Art solcher
Bewerckstelligung alsbald eines; und wusste der Feldherr so wohl seine Cherusker
über den Morast / als Arpus die Catten und Jubil die Hermundurer von dem Berge
so behutsam zuruck zu ziehen: dass das meiste ehe / als die Römer diesen
Entschluss merckten / und alles mit so guter Ordnung vollzogen ward: das die auf
des schlauen Tiberius Befehl nachdrückenden Römer in ihre geschlossene Hauffen
sich vergebens einzubrechen bemüheten. Weil das meiste Fuss-Volck neben
sechs-tausend Cheruskischen Reitern gerade dem Lager zueilete / nam Hertzog
Catumer und Francke mit der Reiterei / und Hertzog Jubil mit drei-tausend
Hermunduren und so viel Catten auf sich der Römer und Gallier Vorbruch zu
verwehren; welches diesem auserlesenen Volcke so viel leichter war; weil es den
Feind nun eben so schwer / als anfangs die Deutschen ankam / die anfangs zu
seinem Vorteil gehabte Höhen und Sümpfe zu überwinden. Weil aber Tiberius von
des Germanicus glücklichem Einbruche und fernerem Vornehmen Wind kriegt hatte
/spahrt er weder Müh noch listige Anschläge durchzubrechen; und ging es zwar an
dreien Orten scharf genung her / nirgends aber schärffer / als wo Tiberius elbst
die zwantzigste Legion / welche er für den Kern aller andern hielt / anführete.
Gleichwol aber stand der unverzagte Jubil daselbst als eine Mauer / und mussten
ohne die Gallier / welche man vorher in die Sümpfe trieb / damit ihre Leiber den
Römern zu Brücken dienten / über tausend auserlesene Römer /welche so wohl mit
dem Orte als Feinde zu kämpfen hatten / daselbst die Lachen mit ihrem Blute
färben. Tiberius konnte seine Ungedult hierüber kaum verstellen / liess also auch
die vierzehende Legion / welche von den grösten Taten des Augustus / wie die
zehende von des Käysers Julius berühmt war / herbei rücken / und auf der Seite
den Angrif tun. Weil diese zwei Legionen mit einander umb den Vorzug eiverten;
ward auch beider Tapferkeit geschärffet / und war ihr Streit so viel
verbitterter / weil die Catten und Hermundurer nicht halb so starck / als sie /
waren. Hertzog Francke / welcher seine Reiterei wohl an zwantzig Orten zur
Besatzung der Sümpfe zerteilen musste / schickte zwar den Grafen Reckheim mit
fünf-hundert Tencterern dem Jubil zu hülffe / welche den Hermundurern ein neu
Hertze / den Römern neue Schwerigkeit machten / also: dass bei dem feurigsten
Gefechte die Römer doch eine halbe Stunde aufgehalten wurden / ehe sie disseits
der Sümpfe den güldenen Adler der zwantzigsten Legion aufstecken konten. Weil
nun die drei Hertzoge das deutsche Fuss-Volck in dreien bereit verstrichenen
Stunden schon nahe genung dem Lager zu sein glaubten / hielten sie numehr mehr
für vermessen als nötig sich länger mit den Römern umb faule Pfützen und einen
kahlen Berg zu schlagen. Dahero zohe Hertzog Francke auf der rechten / Catumer
auf der lincken Seite die Reiterei gegen Hertzog Jubils Fuss-Volck / welches er
numehr aus dem wässrichten Gestrittig Fuss für Fuss zurücke zoh /und inzwischen /
dass Catumer und Francke auf dem festen Bodeme der zwanzigsten und vierzehenden
Legion mit der Reiterei den Kopf boten / brachte Hertzog Jubil seine Catten und
Hermundurer / welche fast alle verwundet / jedoch nicht über zwei-hundert
vermindert waren / zu Pferde; welche nach dem sie ihre letzte Wurff-Spisse den
Römern vollends abgeliefert hatten / mit der andern Reiterei unter denen drei
tapfersten Fürsten der Welt dem deutschen Heere in so guter Verfassung folgten:
dass die Römische und Gallische Reiterei / nach dem die sich an den Nachzug der
Tencterer hängenden Feinde mit blutigen Köpfen abgewiesen wurden / sie zu
verfolgen keine Lust hatte; sondern sie nur mit dem ganzen Römischen Heere den
Deutschen gemachlich nachzoh. Unterdessen war der vom Feldherrn vorangeschickte
Fürst Siegesmund mit drei-tausend Cheruskischen Reitern /derer jeder noch einen
Fussknecht hinter sich auf dem Pferde führete / zu rechter Zeit beim Lager
ankommen; welches Germanicus mit der ersten Legion und acht-tausend Galliern
stürmen liess. Hertzog Marcomir tat mit seiner kaum vier-tausend Mann
ausmachenden Besatzung darinnen wohl sein bestes. Weil der Sturm aber an dreien
Orten geschah / und also sein Volck zu sehr zerteilt werden musste / hatte sich
Cäcina Severus schon der Nord-Pforte bemächtiget /und hinderte Marcomir durch
eine inwendig gemachte Wagenburg und fast verzweifelte Gegenwehr der Römer
völligen Einbruch. Hertzog Siegesmund eilte demselben Orte / wo das Getümmel und
vermutlich die Not am grösten war / selbst zu; dem Grafen von Barby aber gab
er ein Teil seines Volckes auf der andern Seiten die Belägerten zu entsetzen /
oder ins Lager zu dringen. Siegesmund kam dem Cäcina nicht unvermutet auf den
Hals / sondern fand ein grosses Teil der Römischen Reiterei und sechs Fahnen
Fuss-Volck neben drei-tausend Galliern die Stürmenden zu bedecken in
Bereitschaft stehen. Nichts destoweniger fiel Siegesmund die Römische Reiterei
/ und Graf Schwartzenburg mit seinen abgeladenen Cheruskern das Fuss-Volck
hertzhaft an; und weil beide der Brücken des Lagers mit eusersten Kräfften
zudrangen /vermischten sich die Deutschen und Römer so nahe mit einander: dass
sie Schilde an Schilde / und die Degenknöpfe einander ins Antlitz stiessen. Kein
Verzagter hatte Platz eine Spanne zurück zu weichen; die Hertzhaften aber
machten durch Erlegung ihres Feindes Raum / und auf seiner Leiche einen höhern
Stand. Kein Verwundeter hatte Gelegenheit aus dem Gedränge zu kommen / weil ihm
vorwerts der Feind begegnete / von hinten zu sein eigenes Volck fortstiess; also:
dass jeder mehr im Zweikampf / als in der Schlacht fochte. Fürst Siegesmund
vertrat nicht weniger die Stelle eines Kriegsmannes / als das Ampt eines
Obersten. Schwartzenburg / weil er durch alle ihre Tapferkeit den Belägerten
nicht geholffen sah / und die Römer von der Brücken zu verdringen für unmöglich
schätzte / befahl zwantzig Friesen: dass sie mit Aexten in den gewässerten Graben
des Lagers zu kommen trachten / der Brücke zuschwimmen / und selbte zernichten
sollten. Dieses verrichteten sie unter einem Friesischen Führer mit nicht
wenigerm Glücke / als Verwegenheit: Denn nach dem sie nur die Brücke erreichten
/ hieben sie unter selbter ganz sicher sechs Pfähle ab / wormit zwei Joch der
Brücke mit den stürmenden Römern in Graben fielen / und dadurch den Stürmenden
der Nachdruck ins Lager zu dringen abgeschnitten ward. Weil aber die schon ins
Lager gedrungenen Römer den Deutschen an der Zahl fast zweimal überlegen waren /
würde doch Schweiss und Blut ohne Nutz verspielet worden sein / wenn nicht der
Graf Barby tausend von Pferden abgesetzte Cherusker nach gegebenem Hülfs-Zeichen
durch die aufgesperrte West-Pforte ins Lager Marcomirn zu Hülffe geschickt
hätte. Dieser gewünschte Entsatz veränderte alsofort das Spiel. Denn an statt
dass die Römer vorhin sich euserst bemühten ins Lager einzubrechen /hätten sie
nun gerne den Krebsgang erwehlet; wenn nicht der behertzte Cäcina noch mit dem
Kopfe durchzudringen vermeint; und der abgebrochenen Brücken das Weichen
gehemmet hätte. Also wetzete Schande und Not der Römer / die Begierde des
Sieges aber der Cherusker Schwerdter. Inzwischen traf Siegesmund mit seiner
Reiterei auf die Gallier / Pannonier und Hispanier / welche die Sudseite des
Lagers gegen den Grafen Stollberg stürmeten. Die Furcht vergrösserte die Anzahl
der Deutschen in jener Augen /daher sie des Sturmes beizeite vergassen / und sich
zu der in Bereitschaft stehenden halben fünften Legion flüchteten. Germanicus
vernam alle diese Verwirrungen mit höchsten Unmute; und weil er von der auf
einem Berg gestellten Schildwache benachrichtiget ward: dass viel deutsche
Kriegshauffen dem Lager gerade zuzügen / hielt er für ratsamer beizeite weichen
/ als hernach fliehen / liess also vom Sturme abblasen. Der Abzug ward
allentalben leicht befolget / ausser vom Cäcina / welcher gleichsam zwischen
Tür und Angel schwebte. Nachdem aber Germanicus mit seiner ganzen fünften
Legion dahin rückte / den Fürsten Siegemund also auf die Seite zu weichen zwang
/ bekamen die Römer Lufft den Brückenbruch mit dem ohne bis zu Füllung der
Gräben bereiteten Reissichte auszufüllen; Cäcina aber sich Fuss für Fuss zurücke zu
ziehen; weil die Enge des Ortes / die ihn anfangs hinderte / numehr zu statten
kam: dass die Deutschen ihm nicht zu häuffig auf den Hals gehen konten.
Germanicus / nach dem ihn seine zurück kommende Ausspürer einmütig
versicherten: dass das ganze deutsche Heer im Anzuge wäre / wusste fast nicht /
was er von des Tiberius Beginnen urteilen sollte; und ob dieser neidische Mensch
aus einer geheimen Herrschsucht ihn mit Fleiss in der Deutschen Hände zu liefern
/ oder zum wenigsten ihm einen guten Streich versetzen zu lassen angezielet
habe. Dahero rückte er mit beiden Legionen und allen Hülfs-Völckern nahe an
Meintz an. Das deutsche Heer erreichte ohne den geringsten Anstoss sein Lager;
allwo sie an etlichen tausend feindlichen Leichen die Tugend der zurück
gelassenen Besatzung und des Fürsten Siegemunds erkenneten. Tiberius kam mit
seinem Heere allererst bei sinckender Nacht eine halbe Meilweges von dem
deutschen Lager an. Weil nun dieser daselbst ein Lager zu schlagen anfieng /
wordurch das Deutsche gleichsam eingeschlossen ward; Hertzog Francke auch noch
selbigen Abend mit seiner Reiterei aufzubrechen sich fertig machte / und die
Hoffnung Meintz zu erobern durch den Germanicus zernichtet ward / wurden die
sämtlichen deutschen Fürsten leicht eines umb Mitternacht mit dem ganzen Heere
aufzubrechen. So bald das Fuss-Volck mit dem Kriegszeuge einen Vorsprung hatte /
steckte die den Nachzug habende Reiterei das Läger in Brand; und kam die ganze
Krieges-Macht zu Bingen an / sonder dass weder Tiberius noch Germanicus auf ein
oder der andern Seite einigen Einfall zu tun sich wagen wollten.
    Tiberius rückte folgenden Tag gleichfals nach Meintz; allwo der Ritter
Stahrenberg ein Botschafter des Königs Marbod seiner wartete. Nach dreien Tagen
verlangte dieser vom Feldherrn und Hertzog Arpus Geleits-Briefe nach Bingen zu
kommen / welche mitlerzeit ein Teil ihres Heeres über den Rhein gesätzt hatten
/ umb auf allen Fall der Römer Einbruch in das Gebiete der Catten zu verhindern.
Ob nun zwar der Feldherr den König Marbod mehr für seinen Feind als Freund zu
halten hatte / weil er ihm seine Gemahlin entführet / und von geraumer Zeit her
mit den Römern in ein Horn bliess; unterliess er doch nichts den Gesandten aufs
plächtigste zu empfangen. Dieser nam bei allen deutschen Fürsten / ausser bei dem
Hertzoge Jubil Verhör / welcher seine unversöhnliche Todtfeindschaft gegen den
Marbod mit Ehren nicht ablegen konnte. Sein Vortrag war: dass Segestes frei
gelassen / mit den Römern ein billiger Friede geschlossen werden möchte; darzu
er den Tiberius geneigt befunden hätte. Diesen zu erlangen /würde kein Zweifel
sein / wenn die Deutschen den König Marbod für einen Mitler erkennen wollten /
den sie ohne dis als einen Deutschen ohne Verachtung nicht verwerffen könten.
Als die deutschen Fürsten hierüber ratschlagten / war keiner / welcher für
ratsam oder ihm anständig hielt den Frieden schlechterdinges auszuschlagen.
Sintemal die wilden Tiere nur aus einer blinden Feindschaft / vernünftige
Menschen aber des Friedens halber mit einander Krieg führten; und da ihnen der
Friede angeboten würde / welches man viel ehrlicher gäbe als annehme / könten
sie desselben Vorschläge ohne Nachteil hören. Den König Marbod / oder seine
Botschaft zum Mitler anzunehmen widerriet Hertzog Siegesmund aufs
allereivrigste. Sintemal er nicht nur gegen den Hertzog Herrmann die Waffen
ergrieffen / sondern mit dem Tiberius jederzeit zum Nachteile Deutschlandes
unter dem Hute gespielet / und durch der Römer Hülffe ihm ganz Deutschland
vollends dienstbar zu machen getrachtet hätte. Dieser behertzte Fürst bezeugte
sich hierinnen so viel eivriger / damit es nicht das Ansehen hätte / als wollte
er seinem Vater zum besten dem Vaterlande was schädliches raten / und zur Rache
seines eigenen Unrechts die allgemeine Ruhe zerstören. Hertzog Arpus aber fiel
ihm bei / und führte an: es könten die deutschen Fürsten / derer alte Häuser
auszurotten ihm gleichsam aus einer Staats-Klugheit obläge / nicht ohne ärgste
Schande einen Fürsten-Mörder für einen Schiedes-Richter erkennen. Es wäre ohne
dis allen die mitternächtige Welt beherrschenden Fürsten Schande genung: dass sie
an statt der ihnen obliegenden Rache / worauf Asien und Africa die Augen weit
aufgesperret hätte / ihre und aller Fürsten unter seinem Fürsten-Morde
verborgen-liegende Beleidigung / anfangs nur zum Scheine und zwar ziemlich
kaltsinnig geeivert / bald verstellet /und kurtz darauf vergessen hätten.
Nunmehr aber sollten sie ihn gar für einen Richter oder Schiedesmann erkennen;
welches ohne für einen gerechten Mann zu erkennen nicht geschehen könnte. Also
wäre ihr Tun nichts bessers als die Mord-Lust auf den Richter-Stuhl der
Gerechtigkeit erheben. Zudem wäre sein Friedens-Vortrag nur ein arglistiger
Grief die deutschen Bündnisse zu trennen / für ihn aber ein scheinbarer Fürwand
/ wenn man seine unbillige Bedingungen nicht annehmen würde / solches für eine
Verschmähung anzunehmen / und sich an die Deutschen zu reiben. Hertzog Jubil
aber war wider aller Vermuten ganz widriger Meinung. Niemand / sagte er /hätte
mehr Ursache als er / Marbods Fürhaben für verdächtig zu halten. Aber es wäre
leichter mit einem Verdächtigen / als oft mit Freunden zurechte zu kommen / weil
man im trüben Wasser ohne Bleimaass nicht leicht einen Schritt fortsetzte / das
klärste Wasser aber mit seiner Durchsichtigkeit uns oft seine Tiefe verhüllete.
Sie hätten den Marbod würdig geschätzt den Hertzog Ingviomer an ihn zu senden /
und ihn ersuchen lassen mit in den deutschen Bund zu treten. Wie möchte sie denn
nun Bedencken haben ihn jetzt zum Mitler zu leiden? Des Marbods Vermittelung
schlechterdinges ausschlagen / wäre eben so viel als ihm den Krieg ankündigen /
nichts aber gefährlicher als mit zwei mächtige Feinden auf einmal zu tun
kriegen. Hertzog Arpus fiel ihm ein / und sagte: Jubil redete mehr zu seinem
Ruhme / als für das gemeine Beste. Denn weil niemand mehr als er Ursache hätte
dem Marbod gram zu sein / könnte er durch keinen anderen Rat mehr Ehre aufheben
/ als wenn er für der gemeinen Ruh die Rache seines empfangenen Unrechts
schenckte. Allein es bliebe einmal ein gefährlicher Stand für einen verdächtigen
Richter rechten / wenn man schon nicht gezwungen wäre bei seinen Urteln zu
beruhen / sondern sich an einen höhern ziehen könnte. Des Ingviomers bei ihm
schlecht angewehrte Botschaft sollte ihnen billich eine Ursache mehrern
Misstrauens sein; welchen er anfangs mit dem Winde oder blossem Geruche glatter
Worte gespeiset / im Wercke aber bis jetzt nichts getan / sondern vielmehr nur
der deutschen Anschläge ausgekundschaft / und den Römern verraten / ja wohl gar
den Fürsten Ingviomer ganz umbgekehrt hätte: dass man ihn von seinem Hofe nicht
weg- und wieder die Römer in Harnisch bringen könnte. Weil aber alle andere
Fürsten dem Hertzoge der Hermundurer beifielen; gab der Feldherr / welcher eine
Stunde vorher in einem beweglichen Schreiben vom Hertzoge Ingviomer zu Annehmung
dieser Vermittelung aus vielen wichtigen Gründen ermahnet worden war / der Frage
diesen Ausschlag: Er sähe den König Marbod mehr als einen Widersacher / als
Freund der Deutschen an /und traute er ihm nicht zu: dass er aus guter Meinung um
Deutschlands Frieden bekümmert wäre. Nach dem aber Marbod gegen den Tiberius
nicht weniger missträulich / als die Römische Macht in Deutschland ihm sehr
verdächtig wäre / könnte es aus einer Staats-Klugheit Marbods Ernst sein einen
redlichen Frieden zu vermitteln. Sintemal einem Nachbar meist daran viel
gelegen; dass ihrer zwei mit einander nicht kriegen /entweder dass die aus ihrer
Kriegs-Flame fliegende Funcken nicht auch seine Länder anzünden; oder dass einer
den andern nicht gar verschlinge / und also dem Nachbar allzu gefährlich werde.
Also schickte es Gott nicht selten: dass eines Feindes Schwerdt einem Krancken
das Geschwüre öfnete / welches kein Artzt ihm aufzumachen getrauet hätte. Wenn
aber auch gleich Marbod einen Schalck im Busem verborgen hätte; würden die
Deutschen noch allezeit sich aus seinem Garne auszuflechten Vorsicht und
Gelegenheit haben; weil sie ihn für keinen Schiedes-Richter / sondern nur für
einen Mitler annehmen / der nicht wie Alexander mit seinem Degen den Gordischen
Zweifels-Knoten zerhauen / sondern durch bewegliches Zureden und Anführung
wichtiger Ursachen / welche in dem Rechte der Völcker / in der Billigkeit
vernünftiger Leute /und auf dem daraus erwachsenden Nutzen gegründet wären / die
Streitenden zur Eintracht bewegten. Weil diese nun ein so heiliges Ampt
übernähmen / schiene es einer wilden Unart ähnlich zu sein / wenn man aus dem
einigen Vorwandte: dass der sich anbietende Mitler dem andern Teile geneigter
wäre / selbten schlechter dinges verschmähete. Ihrer Freiheit würde dadurch
nichts benommen; sondern es stünde bei ihnen: ob sie seine Ursachen für
erheblich; seine Vorschläge für tulich achten wollten. In der Welt wäre keine
schädlichere Armut / als der Abgang treuer Mitler / welche so seltzam / als die
Schadenfroh gemein wären. Hundert grosse Fürsten hätten sich zwar durch Rachgier
gestürtzt; zehnmal aber so viel: dass sich kein Mittel ihnen gezeiget mit Ehren
nachzugeben / welches die blosse Anwesenheit eines Mitlers verhütet hätte; dem zu
Ehren man etwas getan / das uns doch unsere eigene Wolfahrt in geheim riete /
oder gar die Not zu tun aufbürdete. Feuer und Wasser wären die ärgsten Feinde
in der Welt; gleichwol aber liessen sie sich durch Mässigung ihrer heftigen
Eigenschaften vergleichen / und durch Vermittelung der Lauligkeit mit einander
annehmlich vermählen. Diesemnach auch niemand an der Mögligkeit des Friedens
zwischen den Deutschen und Römern verzweifeln sollte. Derogestalt kriegte des
König Marbods Botschafter / welchem ein Gesandter von Ariovisten dem allererst
in seine Herrschaft tretenden Fürsten der Allemänner mit gleicher Verrichtung
folgete /gewünschte Antwort / und wurden Hertzog Melo und Ganasch ersucht /
entweder selbst / oder durch Gesandschaften dieser allgemeinen Friedens-Handlung
beizuwohnen. Inzwischen reiseten Marbods und Ariovistens Botschafter nach
Meintz zu dem Tiberius von ihrem guten Anfange Bericht zu tun; und so bald sie
des Sicambrischen und Friesischen Gesandten Ankunft vernahmen / fanden sie sich
zu Bingen mit Cäcinen als einem Römischen Botschafter ein /und schlugen einen
allgemeinen Stillstand der Waffen für. Hingegen schickten die deutschen Fürsten
Gesandten nach Meintz an den Tiberius; wormit der Römischen Hoheit nichts
vergeben würde. Ob nun wohl einige Deutschen sich hierzu unter dem Vorwand
bereden liessen: dass bei einem erfolgten glücklichen Streiche die Sieger
hochmütiger / die Bedingungen schwerer / die Gemüter verbitterter / und also
die Abkommen / darüber man viel Zeit und Mühe angewendet / krebsgängig gemacht
würden: so gaben sich doch des Hertzog Melo und Ganasches Gesandten kurtz und
rund an: dass ihre Herren nimmermehr in einigen Stillstand willigen könten. Ihnen
wäre ohne dis die ganze Friedens-Handlung verdächtig genung: dass die Römer
durch den schlimmen Marbod nur der Deutschen Anschläge und Kräften ausspüren;
zwischen ihnen das Unkraut der Zwytracht sämen; durch die Friedens-Hoffnung ihre
Wachsamkeit einschläffen / sich aus Italien und Griechenland zu verstärcken die
Stadt Meintz fester zu machen / und das Ubische Altar den Sicambern aus den
Zähnen zu reissen / Zeit gewinnen wollten. Zu geschweigen: dass die Römer mit
einem einmal angefochtenen Volcke zu keinem andern Ende Friede machten; als dass
sie hernach selbtes in seiner Sicherheit desto unversehner und vorteilhaftiger
überfallen könten: Sie hätten der Deutschen Ruh aus Begierde des Krieges
zerstöret; wer wollte sich nun von diesen blutdürstigen Leuten bereden lassen:
dass sie aus Liebe des Friedens den Krieg beizulegen gedächten? dass diese
Lermenmacher der Welt derselben Ruh verlangten / welche glaubten: dass Rom in der
Unruh steter Kriege / wie die Kinder in geschwenckten Wiegen ihren süssen Schlaf
und Sicherheit erlangten? wäre also ein offentlicher Krieg besser / als ein
verdächtiger Friede / und nichts schädlicher / als ein Stillstand; welcher zu
nichts anderm diente / als dass der Feind Zeit gewäne seine Schwerdter zu wetzen
und mehr Holtz zu einer ärgeren Kriegs-Flamme zusammen zu tragen. Bei diesem
wurtzelten frembde Feinde in einem Lande nur mehr ein; Ihr unrechtes Besitztum
kriegte nach und nach einen Schein des Rechtes / und die Hartnäckigkeit wüchse
frembde Gütter ihren rechtmässigen Herren nicht wieder abzutreten. Wolte man
diesemnach einen sicheren Frieden haben; müste man ihn unter dem Schilde
schlüssen / und die deutschen Fürsten / wie die Griechischen Herolde / in der
einen Hand einen Spiess / in der andern einen Stab des Mercur haben; nicht aber
die tumme Einfalt der Schafe an sich nehmen / welche durch Vorhaltung eines den
Frieden abbildenden Oelzweiges sich / wohin man wollte / auch ins Feuer verleiten
liessen. Andere hingegen lachte die Süssigkeit des Stillstandes nicht wenig an /
und meinten: dass Melo nur aus Eigen-Nutz und Begierde das Ubische Altar vollends
zu gewinnen / Ganasch aber aus einer unzeitigen Verbitterung den Stillstand und
Frieden zu stören gedächten; also: dass destalben nicht wenige Zwytracht
zwischen den Deutschen hervor blickte; und der diss alles ausspürende Cäcina
hierdurch bereit viel gewonnen zu haben meinte. Gleichwohl aber brachte der
Feldherr durch sein Ansehen und vernünftige Einredungen alle Köpfe unter einen
Hut; und ward der Stillstand von den Deutschen zu nicht weniger Verwirrung des
Cäcina abgeschlagen; sonderlich als er vernahm: dass Hertzog Francke den Vortrab
der zwei aus Hispanien kommenden Legionen überfallen / geschlagen / und sie biss
an die Maass sich zu ziehen gezwungen hatte. Cäcina ward hierüber nicht nur
vedriesslich; sondern befürchtete auch: dass Melo und Ganasch den Römern das
ganze Spiel verterben / und ihr Absehen verrücken würde. Daher er sich durch
Geld / wormit sich nun auch die Deutschen betören zu lassen anfiengen / alle
Heimligkeiten auszuforschen / und zwischen die Fürsten noch immer mehr Misstrauen
zu säen bemühete. Jenes ging ihm unschwer an; weil bei den Deutschen über
kleinen Dingen die Fürsten nur allein Rat halten / zu den wichtigsten aber auch
die Priester und Hauptleute gezogen / oder diesen doch die vom Fürsten
abgehandelten Sachen hernach fürgetragen / und sie meist des Nachts unter freiem
Himmel / dahin sich iedermann leicht zuschleichen kann / erörtert werden. Dieses
versuchte er dadurch auszurichten: dass Tiberius bei denen abgewechselten
Besuchungen zu Meintz des Feldherrn und Hertzog Arpus Gesandten eben die Ehre
als König Marbods Botschafter / des Sicambrischen und Friesischen aber mehr
nicht als einen Schritt entgegen ging; den Ritter Schönberg des Hertzog Jubils
Gesandten aber unter dem Vorwand: dass er zu Rom in Diensten des Cajus ihn
beleidiget hätte / gar nicht für sich lassen wollte. Welches aber vielmehr eine
Angel sein sollte / König Marbods Gewogenheit zu gewinnen. Melo / Ganasch und
Jubil wurden dessen zeitlich benachrichtiget / und nahmen es für die gröste
Beleidigung auf; also: dass die Friedens-Versamlung wäre zerrissen worden / wenn
nicht Hertzog Herrmann und Arpus sich erkläret hätten: Sie verlangten für ihre
Gesandten keine grössere Ehre und Tittel / als der andern deutschen Fürsten
bekämen / weil sie an Uhrsprung und Würden einander gleich; auch niemanden als
Gott und dem Degen eines Uberwinders unterworffen wären / und ieder für sich
Krieg führen / Friede und Bündnis machen könnte / ungeachtet einer mehr Macht als
der andere / und Herrmann wegen seiner Feldhauptmannschaft den Vorzug für allen
hätte. Ariovistens Gesandter der Graf von Oettingen hielt beiden Teilen
vernünftig ein: Die Zeit würde durch nichts unnützer verschwendet; die
heilsamsten Friedens-Handlungen durch nichts öffter / und doch am
unverantwortlichsten gestöret / als durch eitele Strittigkeiten über den Vorsitz
/ über einen Tittel / oder einem Tritte. Gleichwohl aber müste die Erfahrung
/oder vielmehr etliche hundert tausend Menschen beweinen: dass die Gesundheit des
gemeinen Wesens /nämlich der Friede / durch diese nicht einer Wasserblase werte
Eitelkeiten viel Zeit aufgezogen / oder wohl gar die kostbarsten Zusammenkunften
durch das Gezäncke über diese Schalen zerrissen würden / da die Erörterung des
Kernes nicht einst halb so viel Schwerigkeit gemacht haben würde. Die Deutschen
und Römer hätten sich für Alters umb diese Nichtigkeiten wenig bekümmert;
sondern Zeit und Unkosten /welche andere zu unnützem Gepränge verwendet / zu
Ausübung des Hauptwercks angewehret. Durch diese und andere bewegliche
Einredungen vermittelte es auch der Gesandte dahin: dass Hertzog Jubil an statt
des Schönbergs den Ritter Reussen zum Gesandten nach Meintz schickte; und
Tiberius / wormit er dem Feldherrn und Hertzog Arpus durch Minderung voriger
Ehre nicht zu nahe träte / erklärte sich auf des Germanicus Zureden aller
deutschen Fürsten Gesandten gleichmässige Begegnung zu erzeigen. Nach Beilegung
dieses Streites spannete Tiberius durch des Marbodischen Gesandten Vortrag die
Seiten so hoch: dass iedermann an einem Schlusse zweifelte; weil er die
Wieder-Einräumung nicht nur aller am Rheine; sondern auch auf dem Gebürge Taunus
und an der Lippe gelegener und verlohrner Plätze verlangete; und dadurch die
Deutschen veranlasste: dass sie durch den Alemannischen Gesandten das ganze
Belgische Gallien biss an die Seene zurück forderten; weil desselbten Einwohner
alle deutscher Ankunft wären / und für Alters die weichen Gallier daraus
vertrieben hätten. Weil kein Teil zum ersten von seinen Vorschlägen weichen
wollte / gleich als wenn diss ein Bekenntnis seiner Schwäche wäre; ging mit
vergebenen Handlungen / ungeachtet die Mittler an ihnen nichts ermangeln liessen
/ viel Zeit hin; also gar: dass der Feldherr das sehnliche Verlangen seiner
Gemahlin Tussnelda endlich einwilligte ins Lager zu kommen. Unterdessen bat
Marbods Botschafter ihm Erlaubnis aus / in dem Rate der deutschen Fürsten zu
erscheinen; daselbst trug er ihnen für: Sie möchten doch sich zum Frieden
geneigter / als zeiter bezeigen. Wäre ihrer Tapferkeit ein und ander
glücklicher Streich gelungen; so wäre doch das Glücke wetterwendisch / die
Römische Macht unerschöpflich / alle Bündnisse auch zerbrechlich. Ein
einhäuptiges Heer taurte in die Länge eine dreimal stärckere Macht aus. Niemand
nähme sich mit beständigem Eifer frembder Wohlfart an; und aus Uberdrüssigkeit
wäre diss / was aller sein sollte / niemandens. Hätte Cartago Hannons Rate
gefolget / und nach Hannibals bei Canna erlangtem Siege Friede gemacht / stünde
es biss ietzt noch uneingeäschert. Wenn aber auch gleich die Deutschen ihr
Bündnis mit Diamantenen Ketten befestigt / dem Siege und Glücke aber die Federn
ausgeropft zu haben vermeinten; wäre ihnen doch auch der Friede dienlich / weil
sie ihn mit anständigen Bedingungen schlüssen / und das gewonnene befestigen
könten. Verlangten sie nun einen beständigen Frieden / müsten sie den Römern
nichts schimpfliches oder unmögliches zumuten. Für diss aber legte es Tiberius
nicht ohne Ursache aus: dass man an das schon vom Käyser Julius gewoñene
Belgische Gallien Anspruch machte / worauf keiner unter den deutschen
Bunds-Genossen jemals einig Recht gehabt hätte. Wenn man aber auch zugleich
durch die Waffen dem Feinde einen harten Frieden aufhalsete; springe er bei
erster Gelegenheit entzwei; weil sich iedermann einer beschwerlichen Last zu
entschütten trachtete. Dahero Privernas dem Römischen Rate unter die Augen
gesagt hätte: Ihr Friede könnte nicht lange tauren / wenn sie nicht einen
erträglichen willigten. Gleicher gestalt hätte der Römische Rat alsbald den vom
Quintus Pompejus und Mancinus mit Numantia gemachten Frieden zerrissen / weil er
der Stadt Rom nicht anständig gewest. Wenn aber auch gleich die Deutschen diss
Teil Galliens gewinnen könten / sollten sie es ihnen nicht wüntschen. Denn sie
würden über desselbten Einteilung einander selbst in die Haare geraten; und
sie würden auf allen Fall zwar mehr Land zu verteidigen / nicht aber mehr
Kräfften haben. Deñ wie die gute Gestalt und die Stärcke eines Menschen nicht
von vieler Speise; sondern von guter Verdäuung eines wenigern herrührete; also
machte nicht die gewaltsame Zusammen-Raffung unzehlbarer Länder /sondern
derselben friedsame Erhaltung einen Fürsten mächtig. Diesemnach wäre sein treuer
Rat: Die Deutschen sollten Gallien Gallien sein lassen / und ihr Deutschland in
seinen Gräntzen für den herrlichsten Gewinn ihres Sieges schätzen. Die Deutschen
wollten diesen Vortrag weder mit Zusammenschlagung schwirrender Waffen loben;
noch mit einem Getümmel verachten; sondern alle verharreten in einem
tieffsinnigen Stillschweigen; biss der Feldherr diesem wichtigem Wercke
nachzusinnen versprach / und den Botschafter ersuchte die Römer zu einem
billichen Vorschlage nachdrücklich zu bereden / und ihnen einzuhalten: dass die
Deutsche nicht wie die Asiatische Völcker gewohnt wären ihne Friedens-Gesetze
fürschreibe zu lassen / noch auch die Fürsten sich für Abnehmung ihrer Länder zu
bedancken. Starenberg versicherte dessen die deutschen Fürsten / und kam selbtem
auch redlich nach. Denn er reisete noch selbigen Tag nach Meintz; und redete dem
Tiberius aufs beweglichste ein erträglichere Vorschläge auf den Teppicht zu
werffen. Die Ordnung erforderte: dass wer den ersten Vorschlag getan / auf
erfolgte Gegenforderung selbten auch am ersten mässigte. Der gegenwärtige
Krieges-Zustand wäre auch so beschaffen: dass den Römern der Friede so wohl
nötig / als anständig wäre. Jenes / weil die Deutschen durch bisherige
Kriegs-Ubung so wohl die Waffen zu führen gelernet hätten; als sie von
Geburts-Art darzu geschickt wären. Dahero es nicht ratsam wäre mit einem
ungeübten Feinde lange Krieg zu führen / und dardurch sein Lehrmeister zu
werden. Dieses / weil die Römer nach der grossen Niederlage des Varus schon
wieder so viel Ehre aufgehoben und erwiesen hätten; dass es ihnen weder an Macht
noch Hertze mangelte den Deutschen die Stirne zu bitten. Uber diss gienge Käyser
August auf der Grube; nichts aber wäre gefährlicher / als bei Veränderung eines
Herrschers in grosse Kriege eingeflochten sein. Viel nur auf des Augustus Tod
wartende Länder würden so denn die Larve ihres scheinbaren Gehorsams vom
Gesichte ziehen / und den Römern die Klauen weisen; welche ietzt / da alle
andere Völcker gleichsam in der Dienstbarkeit eingeschlaffen wäre / mit halb
Deutschland alleine alle Hände voll zu tun hätten. Er wüste zwar: dass Rom den
Schild zu seiner Wiege / den Spiess zu seiner Kinder-Tocke gehabt hätte; und dass
diss die beste Nahrung gäbe / was anfangs auch zu der Geburt geholffen hätte; dass
der Stadt Rom mehr die langen Röcke / als die Pantzer-Hembde geschadet; dass
unter dem Geräusche der Waffen alle guten Künste aufgewachsen; und also die
Römer mit mehr Recht / als Aten seine Pallas im Harnische abzubilden Ursache
hätte: Aber des klugen Numa und des friedsamen Augustus Beispiel lehrten: dass /
wie es in der Welt nötig wäre / bald regnende / bald verschlossene Wolcken zu
haben /also auch den Römern nötig sei des Janus Tempel wechsel-weise zu sperren
und aufzutun. Es wäre schon sechs und sechtzig Jahr: dass Käyser Julius sich an
Deutschland gemacht hätte; der Gewinn aber zahlte nicht den hundersten Teil des
Verlustes an Blut und Gelde; da doch Tiberius allzu wohl verstünde /wie wenig
den Römern an unfruchtbaren Kriegen gelegen wäre / sonder sie nicht leicht einen
entschlossen hätten / wenn nicht selbter ein Bergwerck gewesen wäre / dessen
oberste Adern nur Eisen / die untersten aber Gold und Silber ausgegeben hätten.
Daher der vorsichtige August fast allemal mit Unwillen an den Deutschen und
Partischen Krieg kommen / und selbten einer kostbaren / aber unfruchtbaren
Fischerei mit einem güldenen Hamen verglichen hätte / Tiberius selbst hätte für
wenig Tagen gestanden: Er wäre nun das neundte mal in Deutschland / hätte aber
iedes mal mehr durch klugen Rat / als mit grosser Macht ausgerichtet. Dieses
sollte er nun durch Mässigung der Friedens-Vorschläge bewähren. Denn es wäre
keine grössere Klugheit / als die Räder seines Gemütes mit denen des Glückes
zugleiche stille halten und zusammen herum gehen lassen. Denn ohne Waffen
gebohrnen Menschen wäre nichts anständigers / als diss zu erkiesen / was am
süssesten zu hören / am sehnlichsten zu wünschen / am nützlichsten zu besitzen;
ja der rechte Gesundheit-Stand des menschlichen Lebens wäre / nämlich den
Frieden / welchem die Römer / als einer Gotteit Tempel und Altäre aufgerichtet
hätten. Und also ihn Tiberius / als ein so kluger Fürst nicht verschmähen könnte;
wenn er auch gleich den Sieg schon in Händen hätte. Mit einem Worte: Er sollte
behertzigen: dass die Lorber-Bäume nur unnütze Beeren / die Oel-Bäume hingegen
nützliche Früchte trügen. Durch diese bewegliche Einredungen und ofters hin und
her reisen des Marbodische und Ariovistischen Gesandten kam es endlich dahin:
dass Tiberius alles auf der Ost-Seite des Rheines vergessen / die Bataver in
ihrer Freiheit ohne einige Schatzung zu lassen; die Deutschen hingegen nichts
über der Saare und unter der Mosel nichts über der Maass zu besitzen sich
erkläreten. Wegen derer an der West-Seite des Rheines gelegenen Festungen aber
blieben beide Teile als unbewegliche Felsen stehen; also: dass die nunmehr so
weit gebähnte Seite endlich zerspringen wollte; insonderheit aber verhärtete den
Hertzog Melo die nunmehr erfolgende Ergebung des Ubischen Altares; welchen weder
die anderwertigen Einfälle der Römer / noch der schon halb vorbei gerückte
Winter / noch die verzweifelte Hartnäckigkeit der Belägerten von der
halbjährigen Belägerung dieser Festung abzuziehen vermocht hatte. Denn weil
daselbst Käyser Julius zum ersten mal sollte in Deutschland übergesetzt haben
/und dem Käyser August ein Tempel mit reichlichen Einkommen für die Priester /
darzu nur Fürsten und der älteste Adel kommen konnte / gestiftet war / hatte der
auch die Menschheit selbst überwindende Aberglauben die Gemüter der Menschen
derogestalt besessen: dass sie umb die Gotteit ihres alldar angebeteten Käysers
/ und die Beschirmungs-Macht seiner Heiligtümer nicht zweifelhaft zu machen /
fast alle menschliche Gegenwehr taten. Melo hingegen bildete ihm ein: dass er
keines seiner Länder sicher besitzen könnte / wenn durch Gewinnung des Ubischen
Altares ihm nicht der Dorn aus der Zehe gezogen würde. Dieser Vorsatz überwand
jene Hartnäckigkeit; also: dass nachdem alle Waffen der Römer zerbrochen / alle
Vertröstungen des Entsatzes zu Wasser worden waren / sie die Ubergabe willigten
/ und ihnen nichts als Augustens ertztenes Bild mit sich wegzuführen bedingeten.
An dieses hatten sie bei wehrender Belagerung mit langen von den Stadt-Mauren
hergehenden Seilen diese Festung / wie die Epheser ihre vom Crösus belagerte
Stadt der Diana / als einen Schutz-Gotte angebunden. Bei dem Abzug aber führten
sie dieses Bild auf einem vergüldeten Wagen mit güldenen Ketten angebunden weg.
Diesemnach die Römer von den Deutschen mit ihren gefässelten Göttern auffs
schimpflichste gespottet und gefragt wurden: Ob sie ihren Gott August zu dem in
Tyrus angebundenen Hercules / oder zu dem in Sparta angeschmiedeten Mars / oder
neben den wegen besorgter Flucht in Blei verwahrtem Steine zu Lyzicus setzen /
oder mit der angepflöckten Venus der Lacedemonier vermählen wollten? Ob des
Käysers Augustus Bilder so flüchtig /als des Dädalus wären? und ob dieses ihnen
auch Bürgen gesetzt: dass / ehe es nach Trier käme / und daselbst in einen
steinernen Mantel eingehüllt würde /nicht entkommen würde? Wenig Tage darnach
kam die Hertzogin Tussnelda mit der Königin Erato und anderm vornehmen
Frauenzimmer bei dem Altare des Bacchus an; und gebahr auf den nechsten Morgen
zu unbeschreiblicher Freude des Feldherrn und ganz Deutschlandes einen Sohn.
Die hierüber auf dem Gebürge Taunus und Rhetico angezündeten Freuden-Feuer waren
nicht zu zehlen; nach derer Beispiele von denen Catten / Hermundurern und
Cheruskern ihre Berge gleicher gestalt mit Feuern bekrönet wurden / umb nicht
die letzten in der Erfreuung zu sein; ungeachtet die Rheinländer dissmal den
Vorzug in Wissenschaft der Freude hatten. Das allbereit wegen strengen Winters
in die Dörffer verteilte Kriegsheer zohe sich wieder zusammen / umb durch
allerhand Waffen-Ubungen die Geburt dieses Cheruskischen Stam-Erbens zu feiern.
Unterdessen aber liess der Feldherr seinen Sohn den Tag nach der Geburt die
Druydennehmen / und aus einem Schiffe dreimal in den Rhein-Strom tauchen. Alle
deutsche Fürsten und Cäcina / welcher wegen des Tiberius und Germanicus dem
Feldherren über dieser Geburt Glück wünschte /wohneten dieser Badung bei; und
weil ihm diese bei so rauher Winters-Zeit allzu unbarmhertzig fürkam; fragte er
einen Druys: Ob dieses nur wie bei den Traciern / Jazygern und Spartanern zu
zeitlicher Abhärtung ihrer Kinder; oder wie bei denen dem Rheine zulauffenden
Galliern zu Prüfung des rechten Ursprunges geschehe; weil dieser Fluss die
geheime Eigenschaft haben solle / die Huren-Kinder zu verschlingen / die ehlich
gebohrnen aber nicht untersincken zu lassen? Der Druys lächelte hierüber und
sagte: Das letztere hätten die Deutschen nicht zu untersuchen / bei denen der
Nahme des Ehebruchs fast unbekant; das Werck aber bei Fürstlichen Häusern ein
unerhörter Greuel / nicht aber wie an vielen wollüstigen Höfen ein Zeit-Vertrieb
aufgeweckter Gemüter wäre. Das erstere wäre auch nicht das eigentliche Absehen;
wiewohl kein Volck mehr als die Deutschen der Verzärtelung ihrer Kinder gram
wäre; so gar / dass man der Strengigkeit und denen Bemühungen nach schwerlich des
Herren und seines Leibeigenen / eines Fürsten und eines Burgers Kinder
unterscheiden könnte. Das reiffere Alter machte so denn allererst unter den Edlen
/ oder vielmehr die Tugend des Standes Unterscheid. Cäcina war noch begieriger
die rechte End-Ursache dieses Kinder-Badens zu wissen /hielt also umb derselben
Entdeckung ferner an; welchem der Druys antwortete: Weil die Eintauchung vom
Priester geschehe / könnte er ihm leicht die Rechnung machen: dass diese
Abwaschung ein heiliges Geheimnis sein müste. Er möchte nur nachdencken: warumb
die Römer ihrer Götter Bilder so oft in der Tiber badeten? warumb bei den
Griechen die für todt gehaltenen und wiederkommenden / bei den Juden die
büssenden / bei den Egyptiern die Priester sich und ihre Kleider so oft wüschen
/ und warumb die Brachmanen ihre Leichen wohl zwantzig Tage-Reisen weit zu dem
geweihten Ganges-Flusse / dessen Wasser niemals faul und stinckend werden / noch
Würmer bekommen soll / führten / umb selbige darinnen für ihrer Verbrennung zu
reinigen? Die meisten aber unter diesen Leuten steckten in dem irrigen
Aberglauben: dass das irrdische Wasser einen gewaschenen von Mord / Ehbruch /
Diebstahl und andern Lastern reinigte; also sie schön genung würden nach
abgewaschenen Füssen in die grösten Heiligtümer zu gehen. Nun wäre allerdings
wahr: dass die menschliche Seele durch die Laster viel abscheulicher / als der
Leib vom Staube und Kohte besudelt / und zugleich der Leib der Ehbrecher mit dem
Schaume der Geilheit / die Faust des Mörders mit dem Blute der Unschuld / des
Diebes mit dem Peche ungerechten Gutes besudelt würde. Diese euserlichen Glieder
könten ja wohl mit Wasser abgewaschen werden / keines weges aber die Seele;
welche zwar in dem Leibe als in einer Hütten /aber nichts leibliches ist. Sie
hat keine Grösse / keine euserliche Sinnen; daher kann sie nicht gefühlt / nicht
betastet / nicht gewaschen werden. Weil aber die Seele nicht den ganzen
Menschen machte; sondern sie mit dem Leibe viel fester / als ein Mann mit seinem
Weibe vermählet wäre / und sie ihn daher inniglich liebte / liesse sie sich
verleiten: dass sie seinen Reitzungen folgete / und durch Erniedrigung zu
Wollüsten und andern viehischen Handlungen / mit welchen der Leib eine
Verwandschaft hätte / sich aufs hesslichste verstellete. Wormit aber die viel
edlere Seele nicht geringerer Beschaffenheit als der Leib sein möchte; hätte
Gott ihr so wohl als den Gliedern ein Reinigungs-Mittel verschaffet / welches
aber ihrer Eigenschaft gemäss / und also wie die Seele geistig und unsichtbar
sein müste. Wormit es der gleichsam in ein Vieh verwandelten Seele durch eine
neue Geburt ein neues Wesen zueignete. Dieses unsichtbare Mittel aber müste den
Augen des Leibes durch etwas sichtbares / wie die Gedancken durch Schrifft und
Buchstaben fürgebildet werden. Zu solchem euserlichen Zeichen wäre nun nichts
geschickter als wegen seiner Reinigkeit das Wasser / wie dieses den Leib von
Unflate sauberte; also tilgte die Gnade des grossen Gottes / der reineste Tau
seines allereinfältigsten Wesens alle Schwärtze der Seelen. Wie das
durchsichtige Wasser die Eigenschaft hätte das Licht der Sonnen anzunehmen;
also verliere eine von Gott erleuchtete Seele alle geistliche Finsternis. Wie
das Wasser Kräffte hätte die Glieder zu kühlen; also leschte der Einfluss
Göttlicher Gnade den Brand fleischlicher Lüste / und erquickte die in dem
Feuer-Ofen der Anfechtung schmachtende Seele. Bei so gestalten Sachen wäre
unschwer das Geheimnis gegenwärtiger Kindes-Eintauchung auszulegen; und zu
urteilen: dass das Wasser ein blosser Rechen-Pfennig wäre / der den verborgenen
grössern Schatz nur andeutete / nicht aber begrieffe. Cäcina hörete dem Druys
nicht nur mit Verwunderung / sondern mit einer heftigen Regung seines Hertzens
zu / und fing nach einem tieffsinnigen Stillschweigen an: Wie komt es aber: dass
ihr Deutschen die erst neugebohrnen Kinder alsobald waschet? welche noch keine
Würckung des Verstandes / keine Freiheit des Willens /weniger das Vermögen haben
sich mit Lastern zu besudeln? Der Druys antwortete lächelnde: Ob er ihm
einbildete: dass der neugebohrnen Kinder Seelen weniger mit dem Gifte ihrer
elterlichen Unart / als ihr Leib mit dem Blute ihrer Mütter befleckt wären? Die
jungen Schlangen / ehe sie starck genung wären iemanden zu stechen / hätten ihr
Gift schon in ihren Zähn-Blasen / und die jungen Eiben-Stauden in ihrer Wurtzel
/ ehe sie noch Aeste und Laub iemanden zu über chatten bekämen. Nicht anders
verhielte es sich mit der Seele der Kinder / welche nicht rein sein könnte /wenn
der Eltern ihre unflätig gewest wäre. Ihre Zeugung könnte nicht ohne fleischliche
Lust geschehen. Die Neigung zu den Lastern steckte in noch ungebohrnen Kindern /
wie die Flamme in den Feuer-Steinen / ungeachtet sie noch weder Verstand noch
Willen hätten solche zu begehen. Und daher sollte er sich nicht wundern: dass die
Deutschen Gott so zeitlich umb die Reinigung ihrer Kinder Seelen anrufften.
Diese kurtze Unterredung gab Cäcinen so viel Vergnügung: dass er bei währender
Friedens-Handlung die Druyden mehrmals heimsuchte / und sich aus ihren
sinnreichen Lehren so viel mehr erbaute / weil er von seinen Priestern / welche
ihre Heimligkeit auf die blossen Schalen euserlicher Opfer gründeten /
derogleichen tiefsinnigen Kern niemals genossen hatte. Auf den siebenden Tag lud
der Feldherr alle Gesandten und Botschafter in einen nicht allzu weit von des
Bacchus gelegene Eichwald; darinnen er 7. Ochsen für den neugebohrnen Sohn / 7.
Küh für seine Gemahlin zum Reinigungs- und 7. Wieder für das Wachstum seines
Sohnes zum Wuntsch-Opfer schlachten und verbrennen liess; und daselbst nach
deutscher Art am siebenden Tage seinem Sohne den Nahmen Tumelich zueignete.
Welche Zahl der Tage die Atenienser ebenfals / die Römer aber den achten bei
der Tochter / den 9.ten bei der Söhne Benennung beobachteten. So bald der
Feldherr sich des Nahmen halber erkläret; eileten hundert Druyden solchen in so
viel heilige Eichen einzuschneiden / welche sonst bei der Straffe ewiger
Verfluchung von keinem Eisen berühret werden dorfften. Aller Wuntsch ging
dahin: dass dieser junge Fürst diese Bäume an Alter und Grösse überwachsen; und
wie diese für der Sonnen-Hitze; also er für allem Unglücke ein Schirm des
Vaterlandes sein sollte. Eben dieses erfolgte so bald die Post dahin kam / in
allen heiligen Heinen der Cherusker /und in dem Tanfanischen Tempel; wo alle
Nahmen der Cheruskischen Eingebohrnen / wie zu Rom in dem Saturnischen Tempel
von den Vorstehern des gemeinen Schatzes nicht unbillich aufgezeichnet wurden /
weil die Mannschaft ein köstlicher Schatz / als Gold und Silber der Länder ist.
Unter den Cheruskern war keiner so arm / der nicht ein weisses Tier über diese
Geburt schlachtete / sein Haus mit Tannen-Laube kräntzete / etliche Tage
angerichtete Tische bereitete und den grossen Gastmahlen der Stände zuvor kam.
Massen denn auch der Feldherr an dem Tage /da er seinen Sohn nennte / und
folgende Nacht dem ganzen Kriegsheere ein Mahl ausrichtete / für alles Volck
offene Taffel hielt / und mit allen Fürsten und Gesandten sich durch ein zwar
reichliches / iedoch nach gegenwärtigem Kriegs-Zustand und ohne Uberfluss
ausländischer Seltsamkeiten angestelltes Gastmahl ergetzete / welche die
Verschwendung nur wegen ihrer Kostbarkeit / nicht wegen ihrer Güte herfür sucht.
Die Barden vergassen hierbei nicht ihre Glücks-Wünsche und Loblieder; und hatten
sie insonderheit an des neugebohrnen Fürsten Geburts-Stunde als ein besonderes
Zeichen seines Aufnehmens angemerckt: dass er gleich ans Licht kommen / als wenig
Augenblicke vorher die Sonne in Steinbock getreten war / und also nach der
längsten Nacht den Anfang zu Verlängerung des Tages machte. Diesemnach sie für
dem Hause / darin Tussnelda und Tumelich lag; eine zugespitzt Säule
aufrichtete. Auf ihrer Spitze stand eine Himels-Kugel / in welcher die ein Kind
in ihrem Kreisse habende Sonne in das Zeichen des güldenen Steinbocks trat. Auf
der einen Seite dieser Säule war eine grosse Sonne und in derselben Mitte eine
kleinere Sonne gemahlet. Darunter war in den Absatz geschrieben:
Sonn' / Ehbett und der Tron sind den Gefärten feind;
Die Feindschaft aber ist auf Kinder nicht gemeint.
Auf der andern Seite war ein gestirnter und mit einer güldenen Krone bekräntzter
Steinbock zu sehen / und in dem Absatze zu lesen:
    Der Steinbock ward von Gott dem Tumelich zum Licht erkiest;
    Weil er die Sonn' erhöht / der Fürsten ihr Geburts-Stern ist.
Auf der dritten Seite war eine Ehren-Pforte / und auf selbiger der gistirnte
Steinbock gebildet / durch welches auf dem Sonnen-Wagen eine geflügelte Seele
gegen dem Saturnus-Sterne in die Höhe rennte; an dem Absatze war aufgezeichnet:
    Des Himmels Steinbock ist der Sonn' und Seelen Tor
    Durch welches beides sie sich schwingen hoch empor.
    Weil Herrmann nun die Sonn' und wir die Seelen sind /
    Muss beider Glücks-Tor sein diss edle Steinbocks- Kind.
Auf der vierdten Seite stand abermals der Steinbock mit seinem Fisch-Schwantze
wie Pan sich für dem Riesen Tiphon verstellet haben soll. Alle Sternen waren in
ihm wie dem Himmel nachgebildet / und in desselben Kopfe die aufgehende Sonne /
im Schwantze ein untergehender Schwantz-Stern zu schauen; an dem Absatze aber
folgende Reimen zu lesen:
    Fisch / Sonn' und ein Comet schickt sich zusammen nicht /
    Doch stehn sie auf einmal in dieses Steinbocks Zeichen.
    Sie steigt im Haupt empor / er muss im Schwantz' erbleichen.
    Die Sonn' ist Tumelich / August das tume Licht.
    Unten umb den Fuss dieser Seule fiel des Nachtes nachfolgende Schrifft durch
ausgehölete und von dem darunter verborgenen Feuer erleuchtete Buchstaben denen
Anschauern in die Augen:
Des Unglücks lange Nacht / die Deutschland hat bedeckt /
    Und länger hat gewährt; als wo die Sternen Bären
    Mit eitel Eis und Schnee schneeweisse Bären nähren /
    Ist nun / Gott Lob! vorbei / und Rom ein Ziel gesteckt.
    Die Sonne / die zeiter hat Deutschland aufgeweckt
    Aus seinem tieffen Schlaf / und abwischt unsre Zehren
    Lässt eine neue Sonn' uns aufgehn und gebehren.
    Wenn hat vor eine Sonn' je Sonnen ausgeheckt?
Die neue Sonne tritt auch mit dem Steinbock' ein;
    Weil sie den güldnen Tag' in Deutschland wird verlängen.
    Nun wird August mit Rom für ihm die Flügel hengen;
    Der Steinbock will nicht mehr des Käysers Glücks- Stern sein;
    Nun er den Tumelich auf seine Hörner nimmet.
    Kurtz: diesem ist das Reich / und jenem's Grab bestimmet.
    Der Feldherr schöpfte aus allen diesen Freuden- / als Merckmalen ihrer
eivrigen Gewogenheit / eben so wohl / als aus dem göttlichen Geschencke seines
Sohnes grosse Vergnügung. Wiewol nun das Volck der Barden Gesänge und Schrifften
für unfehlbare Wahrsagungen annahmen und dem Käyser August schon gleichsam sein
Begräbnüs bestelleten; befahl doch der Feldherr die aufgerichtete Seule unter
dem Vorwande: dass er selbte nach Deutschburg verschicken wollte / bald mit dem
Tage abzubrechen; weil er es bei fürhabender Friedenshandlung nicht für ratsam
hielt die Römer als gehofte Freunde durch unfruchtbare Beleidigungen zu erheben;
und weil es ihm gefahr- und bedencklich schien Untertanen zu verhängen: dass sie
auch nur über frembder Fürsten Tun urteiln oder von ihren künftigen Zufällen
Wissenschaft haben sollen. Sintemal diese Erlaubnüs insgemein so fern einreisst:
dass sie hernach auch über ihres eigenen Hauptes und Vaterlandes Glücke ihre
eitele Wissenschaft gegen das abergläubische Volck ausschütten. Dahero die Römer
eine Wahrsagerin aus der Stadt verwiesen / welche sich unterstand den Sieg des
Marius wieder die Cimbern zu verkündigen; und die blosse Nachfrage bei Zauberern
oder Sternsehern über des Käysers Leben ist ein halsbrüchiges Laster. Die
Cherusker waren auf noch viel andere Erfindungen bedacht / wordurch sie den
Feldherrn ihrer hertzlichen Vergnügung über ihrem Erb-Fürsten versichern möchten
/ aber Hertzog Herrmann verhinderte alle kostbare Anstalten selbst mit dieser
Erklärung: dass nur die Heuchelei / nicht seiner Untertanen ihm allzu wohl
bekennte Liebe / so viel euserlichen Firnses bedörfte; und so wohl Zeit als
Unkosten nützlicher zu Dienste des gemeinen Wesens / als zu übrigem Gepränge /
sonderlich bei Kriegs-Zeiten angewendet würden.
    Die Freude über diesem jungen Fürsten der Cherusker verursachte keine
Hindernüs in der Friedenshandlung / sondern seine Geburt gab vielmehr eine
kräftige Beförderung desselbten ab. Denn das Cheruskische Haus hatte geraume
Zeit nur auf vier Augen bestanden / nemblich dem Feldherrn / und Hertzog
Ingviomern / also: dass vieler böse Hoffnung es schon halb für verloren gehalten
hatte. Nicht aber macht einen Fürsten verächtlicher als der Mangel der Erben;
wie der grosse Alexander selbst hierüber sich beklagte. Weil nun hingegen ein
Fürst durch seine Kinder sich gleichsam als einen Unsterblichen der Welt
fürstellt / sind diese nicht unbillich für eine Schutzwehre des Hofes / für ein
Bollwerck des Reiches / und für einen Ancker der Herrschaft zu halten. Die
Untertanen werden durch sie im Gehorsam mehr befestigt; die Nachtbarn aber
haben mehr Scheue für einem vererbten Hause. Diesemnach denn dieses noch
schwache Kind dismal der stärckste Mauerbrecher in Gewinnung des hartnäckichten
Tiberius war: dass selbter alles verlohrne am Rheine zu vergessen sich erklärte
/ausser das Ubische und des Bacchus Altar / welche nunmehr von dem Römischen
Reiche unabreisslich wären / nach dem die Römer schon darinnen ihrem Käyser
Tempel gebauet hätten. So wohl Ariovistens /als Marbods Gesandten billigten diese
endliche Friedens-Erklärung der Römer / welche sonst sich der ganzen Welt zum
Gelächter / ihren vergötterten Käyser aber zu einem Maul-Affen machen würden /
wenn sie zu ihrer ewigen Schande seine Tempel zur Verunehrung in ihrer Feinde
Hände lassen sollten. Sie selbst hätten ihnen nimmermehr eingebildet: dass die
mächtigsten Römer / für derer dräuen die Welt mehr / als die Erde vom Donner
erzitterte / so viel nachgeben sollten. Und hätten die Deutschen hierbei sich mit
Warheit zu rühmen: dass kein Volck in der Welt mit dem noch nicht einst
halb-wachsenen / zu geschweigen dem nunmehr auf den höchsten Gipffel gestiegenen
Rom jemals einen so ehrlichen und vorteilhaften Frieden gemacht hätten. Die
deutschen Fürsten / insonderheit aber der Feldherr / und des Sicambrischen
Hertzog Gesandter / wollten sich zu Abtretung dieser zwei Festungen durchaus
nicht verstehen / und Hertzog Arpus drang noch mit aller Gewalt auf die
Einräumung der Stadt Meintz / welche den Rhein und Mein bemeisterte. So lange
diese Fessel ihren Strömen angebunden wären; könnte sich Deutschland in Freiheit
zu sein nicht rühmen. Aus dem Ubischen Altare hatten die Römer ihren Gott August
nach Trier schon abgeführet; und aus Baecherach wollte der Feldherr dem Tiberius
das Bild des unter der Gestalt des Baechus vermummeten Käysers gerne verehren.
In die Tempel aber begehrten sie kein Götzen-Bild eines vergötterten Menschen zu
setzen; weil das unbegreifliche ihres einigen Gottes nicht von der ganzen Welt
/ weniger von einem Steinhauffen verschlossen werden könnte. Zudem wäre die
deutsche Freiheit älter /als diese verdächtigen Heiligtümer der Erden / welche
sie für nichts bessers ansehen könten / als die zwei Tempel der Phönicier auf
Gades / und der Zazyntier am Dianeischen Vorgebürge in Hispanien gewest wären /
mit derer Andacht beide Raub-Völcker ihre Herrschsucht bekleidet; selbte hernach
in Kriegs-Schlösser verwandelt / und die einfältigen Hispanier untergedruckt
hätten. Alleine die Mitler und Römer hatten hierzu taube Ohren. Tiberius sagte:
man würde ehe die zwei Angelsterne im Himmel verrücken / als ihn von beiden
Altären abwendig machen. Er beklagte sich hierbei selbst gegen die Mitler: dass
sie mit vertrösteter unfehlbarer Beliebung der Deutschen / ihn zu einer ohne dis
so verkleinerlichen Nachgebung verleitet hätten. Dieses zwang die Gesandten den
Deutschen diesen unannehmlichen Vortrag zu tun: weil Tiberius mehr denn zu viel
getan; die deutschen Bunds-Genossen aber den Römern einen schimpflichen Frieden
abnötigen wollten / oder vielmehr hinderten / woran doch dem Könige Marbod und
Hertzog Ariovist so mercklich gelegen wäre; müsten ihre Herren diese ihnen so
gefährliche Flamme selbst leschen helffen. Tiberius wollte nun zwar auch zurück.
Aber sie gäben beiden Teilen noch eine Bedenck-Frist von einem Monat die von
den Mitlern für billich geurteilte Bedingungen anzunehmen / oder zu verwerffen.
Dis aber wäre König Marbods und Hertzog Ariovistens gemässene Erklärung: dass sie
sich sodenn zu dem willigen nach Zulassung des Völcker-Rechtes schlagen / und
den sich widersetzenden zu einem andern Frieden zwingen helffen wollten. König
Marbod hätte zu dem Ende schon sechzig und Ariovist zwantzig tausend
Kriegs-Leute in Bereitschaft. Der Feldherr antwortete: Man würde hierüber sich
beraten / nimmermehr aber glauben: dass Marbod und Ariovist / als Deutsche wider
Deutsche / für die allgemeinen Feinde der Welt den Degen zücken / und durch
ihrer Nachbarn Graus den Feinden eine Brücke in ihre eigene Länder hähnen
würden. Hertzog Melo und Ganasch kamen gleich selbigen Tag nach Bingen / und
schoss ihnen zwar über dieser verdriesslichen Zeitung das Blat; gleichwol aber
trachteten sie zu behaupten: man könnte ohne Verlust aller durch so viel Siege
aufgehabener Ehre / welche gegen mehrere Festungen unschätzbar und
unwiederbringlich wäre /kein Haar breit weichen / noch von dem gewonnenen was
wiedergeben. Ein guter Ruf wäre die Seele des Krieges und die kräftigsten
Spann-Adern eines Heeres. Die ewige Saate der Waffen müste auf einmal durch die
Waffe mit Strumpf und Stiel ausgetilget werden / dass sie nicht wieder auswachsen
könnte. Daher wäre des Pompejus Macht gleichsam wie Butter an der Sonne
zerflossen / so bald Käyser Julius ihm nur diese durch Verminderung seines
grossen Nahmens zerschnitten hätte. Marbods und Ariovistens Dräuungen schienen
allein Schreckenberger zu sein; weil Kinder und Toren sich nur durch Dräuen /
verschmitzte Leute aber / wie sonderlich der verschlagene Marbod wäre / sich
stillschweigend rächeten; beide auch wohl verstünden / und aus gegenwärtiger
Dienstbarkeit der mit den Römern wider die andern Gallier kämpfender Heduer sich
zu spiegeln hätten: dass sie durch ihre Hülffe wider die Catten und Cherusker
ihnen das Messer selbst an Hals sätzten. Hertzog Arpus / Jubil / Siegesmund /
Marcomir / und andere aber fiengen an zu wancken / und wendeten ein: In allen
Verträgen müste jedes Teil etwas von seinem Rechte nachlassen / also auch die
Sieger von ihrem Gewinn. Dis wäre die Eigenschaft aller Friedenshandlungen /
also könnte es ihrem Ruhme nichts abbrüchig sein / den sie in gegenwärtigem
Kriege erworben / und die Römer gelehrt hätten: dass Deutsche nur von Deutschen
überwunden werden könten. Zudem müsten Fürsten eben so wenig nach dem Urtel des
Pöfels Friede machen / als Heerführer nach dem Gutdüncken der Kriegs-Knechte
Schlachten liefern. Beider Pflicht wäre wider den gemeinen Ruff mit unverrücktem
Fusse stehen bleiben. Dass Marbod und Anovist ihre Nachbarn bis auf den Untergang
zu verfolgen gemeint sein sollten / wäre freilich wohl nicht zu befürchten / aber
dis in allewege: dass sie durch ihre Waffen den Römern einen Fuss am Rheine
erstreiten helffen würden; weil Marbod den Catten und Cheruskern weniger gutes /
als einigem frembden Feinde zutraute. Fürnemlich wäre auf der Waagschale der
Klugheit wohl abzuwiegen: ob das Ubische und Bacchus Altar wohl für die Müh lohnte
noch einen vieljährigen Krieg zu führen / oder Deutschland in Gefahr zu
stürtzen; und insonderheit ratsam umb das mehrere zu behalten wenig zu
verlieren / endlich ehrlicher etwas gutwillig fahren / als es ihm mit Gewalt aus
der Hand wünden lassen. Der Feldherr aber / welchem die Abtretung des
Bacchischen Altares wegen seines daselbst gebohrnen Sohnes gleichfals tief ins
Gemüte stieg; wollte sich hierüber nichts erklären /sondern verschob den Rat
auf eine andere Zeit. Deñ weil er gewohnt war so wohl seine Gefährligkeiten und
Bekümernüsse gleichsam zu versiegeln / hielt er noch nicht ratsam mercken zu
lassen / wo ihn der Schuch drückte; besonders weil er dem Hertzog Melo keinen
geringen Unwillen ansah / und er sich verlauten liess: Er wollte ehe alle seine
Länder mit dem Degen in der Hand verlieren / als ein Dorf aus weibischer Furcht
verkauffen. Inzwischen suchte der Feldherr Gelegenheit denen Mitlern recht an
Puls zu fühlen: ob die Seite nicht weiter zu dehnen sein möchte. Er suchte alles
euserste herfür sie zu gewinnen / und hielt ihnen ein: dass das Ubische Altar die
rechte Hertz-Ader des Fürsten Melo / welche die Sicambrer und Tencterer zusammen
knüpfte / das Bacchische Altar aber die Geburts-Stadt seines Sohnes wäre; also
jenem ans Hertz / ihm an Augapffel gegriffen würde. Die Gesandten konten die
Wichtigkeit seines Einwurfs nicht läugnen; entdeckten aber dem Feldherrn vom
Tiberius: dass er gesagt hätte; es wäre ihm beides einerlei: ob die Deutschen das
Ubische Altar behielten / oder ein neuer Brennus Rom wieder einnehme. Also wäre
es nur vergebens ein Wort darüber zu verlieren. Wegen des Bacchischen Altares
aber wollten sie ihr euserstes tun noch einen Schlüssel zu solcher Schwerigkeit
zu finden.
    Eben selbigen Tag kam Hertzog Ingviomer mit wenigen Edelleuten ganz
unvermutet zu Bingen an. Der Feldherr und alle Grossen empfiengen ihn mit
ungemeinen Freuden; Er aber gab zu verstehen: dass eine Sache von grosser
Wichtigkeit die Ursache seiner Ankunft gewest wäre / und nunmehr einer reiffen
Beratschlagung sein müste. Der Feldherr redete anfangs etwas weniges in geheim
mit ihm; worauf er den Hertzog Arpus / Melo / Jubil / Catumer / Siegesmund
/Marcomier und die andern Fürsten in Rat beruffen liess. Daselbst fieng Hertzog
Ingviomer folgenden Vortrag an: Ich bin bei meiner ersten Ankunft vom Könige
Marbod mit grosser Ehrenbezeigung empfangen worden. Dieser bezeugte damals über
der Deutschen Siege nicht nur absonderliche Vergnügung; sondern machte mir auch
so wohl durch offenherzige Vertröstungen / als durch neue Völcker-Werbung /und
andere Krieges-Anstalten so scheinbare Hoffnung / die Römer von dem Dohnau-Strome
zu vertreiben; dass ich in meinem Hertzen Deutschlande schon über seiner
Eintracht und Siegen tausend Glück wünschte. Zwar stiess ihm die Wegnehmung der
ihm von ihrem Vater Segestes versprochenen Tussnelda etliche mahl nicht ohne
Unmut des Hertzens und tief geholete Seufzer auf; gleichwol aber erklärete er
sich: dass er seines erlittenen Unrechts halber die Freiheit Deutschlandes nicht
in Gefahr setzen wollte. Gemeine Leute möchten die Rache allein unter ihren Gewiñ
rechnen; vernünftige aber glauben: dass wenn Gott für jemandens Sicherheit Sorge
trüge; die Anschläge menschlicher Rache zu Wasser würden. Fürnemlich aber stünde
Fürsten nicht an die allein seiner Person /nicht aber seiner Würde und dem
Reiche angefügte Beleidigungen mit dem Blute seiner Untertanen und mit dem
Schweisse des unschuldigen Volckes auszuleschen. Er liess eines seiner
Kriegs-Heere auch gegen Carnuntum / das andere gegen der Emsse fortrücken /also
dass die Römer selbst alle Tage sich des würcklichen Einbruchs besorgten. Und ob
zwar Marbod nicht ausschlug / sondern gegen die Römer Dräu- und Vertröstungen
derogestalt mit einander vermischte: dass sie ihn weder für ihren Feind noch
Freund zu halten wussten; wuchs doch den Deutschen Bunds-Genossen dieser Vorteil
zu: dass sie die an der Donau stehende Legionen an Rhein zu ziehen nicht wagen
dorfften. Servilius kam als Botschafter des Käysers zwar zu Maroboduum mit
grossen Geschencken und grössern Versprechungen an / ja es traten die Römer ihm
die zeiter streitige und bei Zusammen-fliessung der Donau und Ems gelegene
Festung Lauriach ab; gleichwol konten sie von ihm die Abführung seines
Kriegs-Volckes vom Donau-Strome nicht erhalten. Sintemal König Marbod jederzeit
entgegen verlangte: dass die Römer auch ihr Kriegs-Volck von Carmut und Bejodurum
abführen sollten. Weil er ihnen umb so viel mehr / als sie ihm zu misstrauen /
Nachbarn aber aus blosser Besätzung der Gräntzen keinen Argwohn zu schöpfen
Ursach hätten. Ob ich nun zwar alle Erfindungen in der Welt gebrauchte: ja seine
denen Römern stets über Achsel seiende Tochter gewaan ihrem Vater vielmal der
Deutschen Freiheit zum besten ein und anders beizubringen / und ihn zum Kriege
wider die Römer zu bewegen; hielt er doch diese meist mit Schertz-Reden / mich
mit allzeit fertigen und scheinbaren Entschuldigungen auf; niemanden aber schlug
er etwas rund ab. Dahero Servilius ihn mehrmals dem Queck-Silber / welches sich
schwer einschlüssen und aufheben lässt; ich aber einem mit dem Schwantze
gehaltenen Aale vergliech. Nach dem aber die Deutschen am Meine dem Tiberius
einen zweiten Streich versätzten / Bingen und Bacharach eroberten; insonderheit
aber Hertzog Melo einen Sieg über den andern erhielt / und durch so viel
gewonnene Städte seine Macht so sehr vergrösserte; ward die Eyversucht beim
Marbod über seine bisherige Kaltsinnigkeit Meister. Denn als ich ihm die
Eroberung der Stadt Novesium zu wissen machte / antwortete mir Marbod: ich
wünschte / dass Melo so wohl im Siege Maass zu halten / als zu siegen wüste. Von
selbigem Tage an ging er mit dem Servilius vertrauter und öffter umb / als
vorher; gegen mich aber ward er zwar nicht kaltsinniger als verschlossener. Mein
Argwohn machte mich hierüber nicht wenig unruhig /reitze mich also so viel mehr
hinter diese verdächtige Verträuligkeit zu komen. Ich versäumte keine
Gelegenheit mit dem Könige und seinen geheimsten Räten zu reden / durch
allerhand Gespräche und viel entfernte Fragen ihr Urtel über der Deutschen
Siege /der Römer Zustande und des Servilius Handlung heraus zu locken; bald den
August zu loben / bald des Tiberius Türckische Eigenschaft zu schelten;
zuweilen von einem Frieden Fürschläge zu tun. Ob nun zwar keine Verstellung so
künstlich ist: dass sie sich nicht zuweilen vergisst / und der Firnis sich von dem
falschen Grunde abschälet; wusste ich doch aus allem wenig gewisses zu lesen /
ungeachtet ich alle vermeinte Nachrichten wie Stücke eines zerrissenen Briefes
zusammen klebte / bis mir endlich eine heilige Egeria durch diese Nachricht ein
Licht aufsteckte: es hätte Marbod den Servilius versichert: dass er zwar ihm den
Käyser nicht vorschreibe lassen könnte / wo er seine Kriegs-Heere hinlegen sollte;
dis aber sollte er dem August und Tiberius berichten: dass so lange die Römer
keine Festung zwischen dem Rheine und Meine belägerten / keiner seiner
Kriegs-Leute wider die Römer einen Degen zücken sollten. Diese Erklärung / wie
verborgen sie mir gleich zugebracht ward /war ein heftiger Donnerschlag in
meinem Hertzen; daher ich kein Auge etliche Tage zumachen konnte /bis ich einen
scheinbaren Vorwand ersonnen hatte /dem Könige Marbod und seinem Hofe nach
Celemantia zu folgen / und denen arglistigen Anschlägen des Servilius zu
begegnen. Sintemahl ich bereit den Tag für Marbods Erklärung bei ihm die
Abschieds-Verhör genommen hatte. Diesem meinem Vorhaben kam der an mich mit
Schreiben vom Feldherrn geschickte Ritter Blumental gleich zu rechte: dass ich
dem Könige einige neue Vorträge tun / und nach Celemantia mit reisen konnte.
Daselbst aber erfuhr ich noch bestürtzter: dass eine im Noricum gestandene
Römische Legion zu Samulocenis über die Donau gesätzt hätte / und durch das
Alemannische Gebiete sich dem Rheine und Meine zuzüge. Meine dem Marbod hierüber
geführte Beschwerde / worbei ich anhieng: dass er dem Verlaut nach den Servilius
versichert hätte wider die Römer keinen Degen zu zücken / machte ihn etwas
stutzig; bald darauf aber fragte er: woher ich diese Nachricht hätte? Ich
schützte nun zwar fürr die Geheimnisse hätten einen so heftigen Zug durch den
ängesten Ritz sich aus ihrem Kerker frei zu machen; als der Menschen Vorwitz
einen Kitzel in der Fürsten Ratstuben zu gucken. Die am wenigsten von
verborgenen Anschlägen redeten / machten sie am geschwindesten durch ihre
Einsamkeit / und am deutlichsten durch ihr Stillschweige kund. Machte man denn
von Notwendigkeit ein Ding als ein Geheimnüs zu verschweigen viel Wesens /
verriete sich es so viel ehe durch solch Geräusche. Wenn nun nur ein Auge oder
Ohr das geringste erwischt / besämte der gemeine Ruff so geschwinde die Welt:
dass desselben Urheber leicht die Köpfe unter die Menge so vieler davon redender
Menschen verstecken könnte; allein Marbod war viel zu gescheut sich durch diese
Ausflucht abweisen zu lassen; jedoch nicht wenig beschämt: dass seine Geheimnisse
so bald auskommen wären / und er weniger Vorsicht als die Bienen vorzukehren
wüste; welche / wenn sie gleich in gläserne Bienenstöcke eingesetzt würden /
doch derselben Durchsichtigkeit klüglich zu überwichsen wüsten. Fürnemlich /
weil Marbod sich eben so wie Tiberius angewöhnt hat / auch in denen nicht zu
verhölen gemeinten Dingen mit zwei deutigen Worten und verstellten Gebehrden
seine Gemüts-Meinung zu verstecken / und auch in gemeinen Dingen wenigen Räten
davon Wind zu geben. So ist er auch ein völliger Meister über seine Schamröte /
über Zorn / Liebe /und andere Gemüts-Regungen / welche in vielen geschwätziger
als die Zungen sind. Daher fieng er gegen mich an: Es wäre zwar wahr: dass ein
Fürst mit nicht weniger Kundtschaftern / als Trabanten umbgeben; seine Stirne /
seine Farbe / sein Gebehrden Taffeln wären / aus denen Mutmassung und Verdacht
seine Gemüts-Regungen lese. Alleine er wäre so neu und unerfahren nicht im
herrschen: dass er sein eigen Antlitz zum Verräter seiner Entschlüssungen machen
sollte. Auch wäre ein lächerlicher Vorwand der Verräter: dass Wände und Tapeten
Zungen / und einige Menschen Luchs-Augen hätten durch verschlossene Türen und
Mauren zu sehen. Also beschwur er mich ihm mit solcher Offenhertzigkeit meinen
Ansäger zu entdecken / als er mir die Warheit nicht zu verdrücken gedächte. Denn
sein Absehn bei gegenwärtiger Unruhe Deutschlandes wäre so aufrichtig: dass er
gar wohl seine Ratstube / wie der Zunftmeister Drusus sein Haus ganz
durchsichtig; zu bauen angeben könnte /nicht aber sie / wie die Römer das Altar
ihres Rats-Gottes Consus unter die Erde verstecken dörffte. Diesemnach ich ihn
denn auch nicht für so kleinmütig halten möchte: dass er für ehrlicher halten
sollte einen heimlich zu hassen / als offentlich ihm was zu wider zu tun; also
aus Heuchelei oder Zagheit zu leugnen /was er bei so übermässigem und
Deutschlandes Eintracht selbst schädlichem Siege mit gutem Bedachte den Römern
versprochen hätte; aber er wollte den Verräter dieser Heimligkeit / von welcher
mehr nicht als vier Köpfe wüsten / andern zum Beispiele straffen /wenn er ihm
schon näher als das Hembde wäre. Ich erschrack über dieser nachdencklichen
Dräuung und konnte sie nicht anders als auf Marbods eigene Tochter auslegen.
Daher ich denn versätzte: Botschafter wären zwar berechtigt durch alle nur
ersinnliche Weise / und so gar durch Bestechung der geheimsten Räte die zu
ihrer Sache dienlichen Nachrichten auszuspüren; und sich wie die Perlen-Fischer
in das Meer frembder Gedancken zu vertieffen / umb den viel nützlichen
Perlen-Schatz widriger Anschläge zu fangen / und selbte seinem Feinde zu
Nachteil zu verdrehen; nicht aber schuldig die Ansäger erforschter
Heimligkeiten zu offenbaren. Ich könnte ihm aber ohne Nachteil wohl entdecken:
dass ich diese Nachricht aus des Servilius Hause hätte. Hiermit sätzte ich zwar
meine geheime Wahrsagungs-Göttin ausser Argwohn; als aber Servilius Wind hiervon
bekame; liess er alle seine zur Schreiberei bestellte Leibeigenen / aber
vergebens / auf die Folter spannen; weil er Marbods Versicherung aus denen an
Käyser und Tiberius geschriebenen Briefen verraten zu sein glaubte. Unterdessen
aber richtete ich durch meine Beschwerführung so viel aus: dass Marbod dem
Servilius einen missfälligen Winck gab / als er ihm die vorhabende Abführung
zweier Pannonischen Legionen an Rhein kund machte. Mich hingegen erinnerte er
die deutschen Bunds-Genossen zu warnigen: sie möchten sich an der Befreiung
Deutschlands vergnügen / Gallien Gallien /und den Rhein der Römer und deutschen
Gräntze sein lassen. Diesen hätte die Natur zu einem grossen Bollwercke
Deutschlandes gesäzt; also könnte solchen zwar die Herrschsucht / nicht aber die
Klugheit verrücken / welche wohl verstünde: dass das Glücke mächtiger als Witz und
Tapferkeit wäre / und niemals etwas schlimmers im Schilde führte / als wenn sie
sich gegen uns am behäglichsten stellte. Wie gross und beständig aber auch das
Glücke wäre / so wüchse ihm doch der Neid zu Kopffe; und nichts in der Welt
verursachte schälere Augen / als die Vergrösserung eines Reiches bei den
Nachbarn. Alle Schwächere verknüpften sich wider den Mächtigen / als wie gegen
einen allgemeinen Feind; und wollte ein jeder von dieser Riesen-Seule ein Stücke
abhauen: dass es die neben ihm stehenden Bilder nicht zu Zwergen machte. Wenn
aber auch schon kein euserlicher Feind sich an ein Reich machte / welches wie
ein aufgemästeter Leib an seiner eigenen Grösse kranck läge / entkräftete es sein
eigener Uberfluss; und seine eigene Fettigkeit verwandelte sich in nagende
Würmer. Ja auch in gesunden aber allzu grossen Leibern und Reichen wären die
Lebens-Geister allzu sehr zerstreuet. Ein Bildhauer sätzte in Ausarbeitung des
vollkomenste Bildes dem ihm unter die Hände kommenden Marmel und Helffenbeine
das wenigste zu; sondern machte es durch Benehmung seines übrigen Wesens aus.
Also hätten kluge Fürsten nicht so wohl Sorge zu tragen ihrer Herrschschaft viel
beizusetzen / als ihr Reich /wenn es wohl gebildet sein sollte / von unanständiger
Last zu entbürden. Diesemnach wäre nichts ratsamer / als seiner Glückseeligkeit
einen Zaum anlegen. Denn ohne den würde sie ein unbändiges Pferd / und würffe
den besten Reiter aus dem Sattel. Sintemal schon für Alters denen Fürsten diese
Eigenschaft eingepflantzt gewest wäre: dass ihre Herrschsucht mit ihrem Reiche
gewachsen. Das Vermögen was grössers auszuüben / die sich anbietende Gelegenheit
juckten sodenn so wohl ihre Gemüter als Augen: dass alles / was sie sähen / ihnen
recht wäre; und sie von keinem andern Richterstule ihrer Macht und Begierden
wissen wollten / als von Waffen. Ich / fuhr Ingviomer fort / mühte mich zu
erhärten: dass die Römischen Festungen am Rheine Fuss Eisen Deutschlandes / und so
lange solche nicht abgelöset würden / die Deutschen noch nicht in versicherter
Freiheit wären. Aber Marbod begegnete mir: Es gedächte ihn / und wäre nach kein
halb Jahr: dass die deutsche Bunds-Genossen nur die Lippe / den Berg Rhetico und
Taunus von Fesseln frei gewünscht hätten. Nun wollten sie des Rheines Meister
sein? und nach Erreichung dieses Zweckes würde wenig Wasser verflüssen: dass sie
nicht auch würden die Maass beherrschen und der Ligeris auf den Rücken treten
wollen; weil für diesem der Deutschen Siege wider die Gallier so ferne ihre
Wohnungen ausgebreitet hätten. Die Natur hätte nicht ohne Ursache Deutschland
von Noricum und Pannonien vermittelst der Donau / von Sarmatien vermittelst der
Weichsel / und von Gallien durch den Rhein und den Unterschied der Sprachen
abgesondert. Wie er nun über der Donau / Weichfel und Elbe nichts verlangte;
also könten die Bunds-Genossen ohne Ehrgeitz nichts über dem Rheine suchen. Ihr
darüber ausgestreckter Arm würde wie die Schnecke / wenn sie ihr hörnricht Haupt
aus dem Schnecken-Hause hervor streckt / ihm nicht weniger Unglück als Gefahr
zuziehen; und sie als allzu hitzige Spieler / ehe man eine Hand umbdrehte /
alles verlieren / was sie nicht ohne Wunderwerck gewonnen. Wenn sie aber auch
schon den ganzen Rheinstrom von Römischen Fesseln erledigten; würde ihre eigene
Uneinigkeit selbten den Römern wieder in die Hände spielen. Denn die Ursachen
einer Eroberung wären nicht bald Werckzeuge der Erhaltung; ja die Raubfische
erstickten mehrmals gar an ihrer verschlungenen Beute. Dieser scharffe Einhalt
des sonst so sehr hinter dem Berge haltenden Marbods schien mir eine halbe
Kriegs-Ankündigung zu sein. Ich erfuhr auch aus vertrautem Munde: dass Servilius
sich erkühnt hatte beim Marbod anzuhalten: ich möchte als ein Ausspürer seiner
Geheimnüsser und als ein Störer der alten zwischen dem Käyser und Marbod
gepflogenen Freundschaft von Hofe abgefertigt werden. Daher ich gezwungen ward
meine höhern Segel zu streichen / nämlich vom Anhalten abzustehen: dass Marbod
wider die Römer die Waffen ergreiffen sollte; vielmehr aber dem Könige Marbot
weiss zu machen: dass die deutschen Bunds-Genossen keinen ehrlichen Frieden
ausschlagen; er aber durch desselbten Vermittelung seinen Nahmen unsterblich
/Deutschland glückseelig / und den Himmel ihm geneigt machen würde. Durch diesen
Vorschlag hemmete ich Marbods Neigung gegen die Römer; oder zum wenigsten seine
Hülffe / die er / allem Ansehn nach /schon in seinem Gemüte den Römern zu
loisten beschlossen hatte. Dieser mein Vorschlag / und die Einstimmung seiner
Tochter / welche er niemals aus seinem geheimsten Rate ausschleusst / sind der
erste Wirbel gewest / der gegenwärtige Friedens-Seite aufgezogen. Denn wenig
Tage hernach schickte er den Ritter Stahrenberg zum Hertzog Ariovist; und von
dar hieher einen Frieden zu vermitteln. Bei dieser währenden Handlung blieb
Marbod ganz unverändert; und hatte ich mich über seine Bezeugung so wenig zu
beschweren / als zu erfreuen Ursach. So bald aber die Zeitung kam: dass Melo des
Ubischen Altares Meister worden wäre / zerrissen auf einmal alle Stricke /
welche Marbods Schluss zeiter zurück gehalten hatten. Denn / als Servilius ihm
diesen Verlust nicht viel geringer machte / als wenn das Capitolium zu Rom
eingebüsst wäre; liess er sich gegen ihm heraus: die Römer möchten nun ungehindert
ihre Pannonische Legionen dem Rheine zu führen. Er gab auch noch selbigen Tag
Befehl: dass seine beide Heere sich von der Donau entfernen sollten umb den Römern
so viel mehr alles Misstrauen zu benehmen. Aus allem dem machte Marbod kein
Geheimnüs zu dem Ende mir eine Furcht einzujagen / und denen Bunds-Genossen
fernern Vorbruch zu widerraten. Ich meinte bei verzweifeltem Hauptwercke zum
wenigsten an der Zeit was zu gewinnen; weil man oft aus Verschiebung eines
Unglücks zweifachen Wucher macht. Daher mühte ich mich aufs euserste den König
zu bewegen: dass er die Bewerckstelligung dieses Schlusses nur so lange
verschüben möchte / bis ich einen Edelmann /durch welchen ich einen Stillstand
der Waffen zu erlangen hoffte / an den Feldherrn abschicken und mit Antwort
zurück erhalten könnte. Aber ich erfuhr an Marbods Antwort und Fortstellung
seines Schlusses: dass mächtige Herrscher keine andere Gräntzen / als ihren
Willen haben. Wie er denn auch mit seiner ganzen Hofstadt wieder nach
Maroboduum aufbrach /wormit er / seiner Auslegung nach / dem zu leschen nötigen
Feuer so viel näher sein möchte. Daselbst endlich kriegte Marbod vom Stahrenberg
die Nachricht: dass die Römer denen Deutschen alles / gegen Zurückgebung des
Ubischen und Bacchischen Altares / in Händen lassen wollten / die Deutschen aber
darüber Schwerigkeit machten. Dieses versätzte den König in solche Ungedult: dass
er mich bei Nachte beruffen liess / und sich beschwerte: ich hätte ihn unter dem
Vorwandte des Friedens und unter der Larve der Freundschaft ums Licht geführt.
Allein er wollte sich gleichwol nicht so lange als Sextus Pompejus und Lepidus
vom Octavius äffen; noch sich umb Reich /Ehre und Leben bringen lassen. Sein Hof
wäre viel zu gut: dass er mir nicht mehr zu einem Kramladen dienen sollte /
darinnen man Schmincke verkauffte. Meinten andere: dass der Rauch nur eine andern
verbotene Kaufmanns-Waare der Fürsten wäre; so wollte er sich doch darmit nicht
berämen lassen / und ich also meinen ihm unanständigen Kram anderwerts
aufschlagen könnte. Jedoch möchte ich noch bis an die Saale sein Hof-Lager
begleiten; da er mir zeigen wollte: dass er mehr von einem redlichen Kriege / als
von einem betrüglichen Frieden hielte; und dass sein Degen lang genung wäre einen
check-Stab zu der Deutschen und Römischen Gräntzscheidung abzugeben. Marbod
teilte hierauf in meiner Anwesenheit seinen Heerführern Befehle aus: dass sie
seine Macht den gerädesten Weg nach Calegia an der Saale zuführen sollten; und
entbrach sich von mir so bald: dass ich ihm nicht drei Worte zu antworten Zeit
hatte. Ich pflügte inzwischen zwar ingeheim mit seinem Kalbe / und brachte es so
weit: dass er mich zu hören willigte. Hiermit beklagte ich mich über die weder
meinem Stande noch meinem Gemüte anständige Beimässungen. Ich trüge die
Aufrichtigkeit im Hertzen / und die Warheit auf der Zunge. Den Frieden zu
schlüssen wären die deutschen Bunds-Genossen / meiner Versicherung nach /
einzugehen jederzeit begierig gewest; niemals aber hätte ich berichtet: dass sie
den Tiberius ihnen einen wollten vorschreiben lassen. Sie wären von ihrer erstern
Forderung schon weit abgewichen / ungeachtet ihre Waffen seit der Zeit ihren
Zustand mercklich verbessert hätten. Der Römer Hartnäckigkeit in Verlangung der
beiden Altäre hätte den blossen Aberglauben wegen ihres nicht ohne Aergernüs
vergötterten Käysers; der Deutschen Standhaftigkeit aber die Sicherheit
Deutschlandes zum Grunde; ohne welche kein Friede über ein Jahr tauern könnte.
Marbod hätte / wenn die Römer die Oberhand behielten / viel; bei dem Siege der
Deutschen aber nichts zu fürchten / weniger zu verlieren. Der Friede wäre durch
seine Vermittelung bei nahe auf den Fuss bracht; also möchte er doch durch keine
Einmischung in Krieg sich solchen Ruhmes und des Mitler-Amptes / Deutschland
aber seiner Freiheit und Sieges-Frucht nicht verlustig machen. Dieser letztere
Krieg hätte gewiesen: dass die sonst nicht irre gemachten Cherusker / Catten und
Sicambrer der Römischen Macht / und diese jener ziemlich gewachsen wären.
Zwischen zweien solchen Gewalten aber sollte ein Nachbar wie ein zwischen zweien
Seen gelegener Tamm unbeweglich stehen; teils /dass ihn der Widerwag
beiderseitigen Gewässers für allem Einbruche befestigte: teils / dass sein
Beifall nicht der Gleichheit zum Abbruche einem Teile einen allzu grossen
Ausschlag gebe / und er sich als die Zunge in solcher Wage nicht selbst krümmete
/oder auf die Seite neigte. Der wäre der allerglückseeligste / der dem Spiele
des Krieges zusähe / und davon gehen könnte / wenn er wollte. Ein Spieler aber
müste das Spiel wider Willen aushalten; wenn er schon alles darüber einbüsste.
König Marbod begegnete mir nun zwar glimpflicher / aber doch mit diesem
Bescheide: Wer in bürger- oder nachbarlichen Kriegen auf keiner Seite stünde /
wäre am ärgsten dran. In eintzele Streitigkeiten sich nicht einmische / wäre
eine kluge Mässigung; bei gemeinen aber eine ungiltige Ziffer abgeben /
verterbliche Kleinmut. Dieser Eigenschaft wäre alles / des Wahnwitzes aber gar
nichts zu fürchten; und ein kluger Fürst müste auch seinen besten Freunden auf
die Schantze acht geben. Er hätte durch allzu lange Nachsicht sich ohne dis
schon verächtlich gemacht: dass es schiene / einer der Kriegenden wollte ihm den
Staub auf den Hals schütten / der andere ihm mit dem Rauche die Augen
ausbeitzen. Seine Gelindigkeit hätte das ganze Spiel verterbt; also müste er es
auf einen andern Weg versuchen. Denn viel Leute / wenn man ihnen wohl täte
/würden böse; wenn man aber sie böse hielte / würden sie gut. Er hielte zwar
auch für heilsam mit seinen Nachbarn in Freundschaft leben; aber darüber
einschlaffen / oder auf selbte die Sicherheit seiner Herrschaft gründen / wäre
Einfalt; sie ihm aber gar lassen zu Kopffe wachsen / Torheit. Die beständigste
Freundschaft wäre unter seines gleichen; also könnte er gegen die Deutschen
seine Freundschaft nicht besser bewehren / als wenn er sie durch die Waffen in
den Schrancken unverdächtiger Gleichheit erhielte. Uberdis wäre er nicht nur ein
Nachtbar / sondern ein Bunds-Genosse der Römer / und also ihnen wider alle
Unterdrücker Hülffe zu leisten schuldig. Ich antwortete: Er wäre ein alter
Bunds-Genoss der Deutsche / weil er selbstein Fürst Deutschlands wäre; dessen
sämtliche Glieder ihren von Natur durch einerlei Sprache /Sitten / Recht und
Gottesdienst in eine Gemeinschaft zusammen gesätzten Leib mit gesammter Macht
auch wider die jüngern Bunds-Genossen zu verteidige schuldig wären. Welches die
Römer so viel weniger unbilligen könten / weil ihr Bürgermeister selbst denen
Campaniern eingehalten: man müsse neue Freundschaften so machen: dass sie den
alten Bündnüssen nicht abbrüchig wären. Marbod fiel ein: diese Gemeinschaft der
Deutschen wäre durch tausend bürgerliche Kriege fürlängst getrennet; und giengen
alle ausdrückliche und besondere Bündnisse denen stillschweigenden und gemeinen
für. Ich versätzte dem Marbob dis / was Ptolomeus den Ateniensern: man müste
den Bunds-Genossen zwar wider ihre Feinde /aber auch nur in gerechten Kriegen /
und zwar niemals wider unsere Freunde beistehen. Also hätte Marbod das beste
Recht die Römer / welche Urheber dieses ungerechten Krieges wären / alleine
baden zu lassen; es wäre denn: dass er den Römern mehr eine Untertänigkeit / als
ein freies Bündnüs zustünde. Marbod begegnete mir: die Deutschen / nicht die
Römer hätten zum ersten die Waffen ergrieffen. Ja /sagte ich / nach dem sie
ihnen durch ihre Grausamkeit so sehr auf die Zehen getreten / dass sie solch Joch
nicht mehr als Menschen / weniger als freie Deutschen hätten ausstehen können.
Der Beleidiger / nicht aber der / welcher am ersten den Degen zückte mehr
Unrecht abzulehnen / wäre der Urheber des Krieges. Marbod antwortete: Es wäre in
der Welt nichts schwerers zu unterscheiden / als dis / wer im Kriege Recht oder
Unrecht hätte. Ich aber hielt ihm ein: dass in zweifelhaften Fällen / oder auch
/ wenn beide Teile unrecht hätten / beider Bunds-Genosse sich aller Hülffe und
Einmischung entalten sollte. Marbod sätzte mir entgegen: Wenn auch schon die
Deutschen anfangs recht / die Römer unrecht gehabt hätten; wäre nunmehro die
Sache / da die Römer so viel nachgäben / die Deutschen aber einen billigen
Frieden verwürffen / in einen ganz widrigen Stand versätzet. Ich sagte hierauf:
Nichts wäre billigers; als dass ein gerechter Sieger das eroberte / was vermöge
des Völcker-Rechtes sein Eigentum worden wäre / behielte. Auf diese Art wären
die streitigen zwei Städte vorhin den Römern und ietzt den Deutschen
heimgefallen. Marbod antwortete: dieses strenge Recht verdiente den Nahmen einer
Grausamkeit; dis aber wäre der Vernunft und Billigkeit gemässer: dass man dem
überwundenen Feinde nur den Stachel mehr zu schaden benähme / alles andere ihm
wiedergäbe; damit es nicht scheine; man habe umb den Raub / nicht umb den
Frieden gekriegt. Die edelsten Gemüter vergnügten sich an der Ehre des Obsiegs;
und daher hätte Cyrus dem überwundenen Crösus / Alexander dem Porus / Antigonus
den Spartanern ihre völlige Herrschaft wieder eingeräumt. Ich versetzte: Wie
kommts aber / dass die vormahls obsiegenden Römer den Deutschen weder diese zwei
Städte / noch einen Fussbreit Erde wider das Gesetze ihres eigenen Königs Numa
abgetreten / welcher von den Opfern ihres Gräntz-Gottes alles Blut abschafte /
und ihre Gräntzmale zu erweitern verbot? Marbod begegnete mir: Die zwei
Festungen lägen am Rheine auf der Seite Galliens / welches ohne diese Riegel den
Deutschen zu täglichen Einfällen offen stehen würde. Zu geschweigen: dass die
Römer diese zwei Plätze ohne euserste Schmach und Abbruch ihres Gottes-Dienstes
nicht im Stiche lassen könten. Mit einem Worte: Er hätte den Römern ausdrücklich
versprochen ihnen für diese Städte zu stehen; also müste ehe alles andere
brechen / als seine Treu und Glauben Schiffbruch leiden. Mit dieser Antwort ward
ich diss und alle andere mal abgefertigt / so oft ich unterweges auf der Reise
nach Calegia mit dem Könige Marbod zu sprechen Gelegenheit fand; welches sich so
viel öffter ereignete; weil er mir nun mehr als iemals vorhero zu liebkosen
anfieng / und von der Tapferkeit der deutschen Bunds-Genossen niemals rühmlicher
/ als ietzt gesprochen hatte; vielleicht: dass sein vorhabender Friedens-Bruch
nicht den Schein einer verbitterten Feindschaft / sondern eines abgenötigten
Eivers oder eines unvermeidlichen Staats-Streiches haben möchte. Zu Calegia fand
Marbod sein dahin befehlichtes Kriegsheer und den Grafen Hohenloh als einen
Gesandten des Alemannischen Hertzogs für sich. Dieser berichtete: dass Ariovist
zwantzig tausend Kriegsleute zum Dienste ihres gemeinen Werckes stehen hätte;
dieses aber liess er in meiner Gegenwart mustern. Ich beteuere es: dass selbtes
zu Fusse 70000. zu Rosse 4000. Mann starck sei / und dass ich in Deutschland nie
ein mit so köstlicher Rüstung versehenes / und in allen Kriegs-Spielen so wohl
geübtes Heer gesehen habe. Das Blat schoss mir nun allererst / als mir diese
grosse Macht unter Augen kam; weil ich mir zugleich die bevorstehende
Unterdrückung der Hermundurer /welche mit den Cheruskern und Catten zwischen
denen Saltz-Seen ungefähr funfzehn tausend Kriegsleute zusammen gezogen hatten /
und die Verwüstung des übrigen Deutschlandes erbärmlich genung fürbildete.
Sintemal in frembden Kriegen das Geblüte nur entzündet / in bürgerlichen aber in
Gift und Galle verwandelt; dort das Blut vertröpfelt / hier / leider!
Stromweise verschwendet wird; also dass die / welche einander zu beschirmen
verbunden sind / gleichsam Ehre zu erlangen vermeinen / wenn sie sich in wütende
Panter und rasende Tyger verwandeln. Die Augen giengen mir über; und mein für
Wehmut zerflüssendes Hertze zwang mich den König Marbod im Gesichte seines
Heeres bei der Liebe des Vaterlandes /bei der deutschen Freiheit zu beschweren:
Er möchte diese herrliche Waffen nicht mit deutschem Blute besudeln / und diese
edlen Kriegsleute nicht wider ihre Mit-Glieder und in ihre eigene Eingeweide
wüten lassen. Wäre es ja ein unveränderlicher Schluss: dass die Deutschen den
Römern die zwei strittigen Festungen abtreten müssten / möchte doch der Krieg nur
so lange verschoben werden / biss ich selbst mit den Bunds-Genossen eine Stunde
reden könnte. Ich wollte sie zu Annehmung dieser Bedingung bewegen; oder mich als
ein Gefangener bei ihm wieder einfinden; er aber möchte über sein hiermit
verlobtes Haupt nach Willkühr gebahren / und selbtes der Rache zur Erstattung
dieser Versäumung auf opfern. Marbod sah mir allzu wohl an: dass in mir mehr /
als die Zunge redete / und seine neben ihm zu Pferde haltende Tochter ritt dem
sich nähernden Servilius mit Fleiss entgegen / umb ihn aufzuhalten; dass ich
alleine mit ihrem Vater ausreden könnte. Marbod aber / dessen Hertze vielleicht
auch eine Empfindligkeit fühlte / warf sein Pferd mit Fleiss herumb / umb ihm
vielleicht nicht eine Veränderung anzusehen. Inzwischen liess ich mich bedüncken
/ es gäben mir gleichsam die Antlitzer der nahe Kriegsleute zu verstehen mein
Ansinnen zu verfolgen; welches ich mit aller möglichsten Bewegligkeit
werckstellig machte. Marbod hatte sich unterdessen erholet / und antwortete: Die
Hartnäckigkeit würde durch Warnigungen eben so wenig / als ein Amboss von
Hammer-Schlägen nicht gebeugt; sondern vielmehr verhärtet. Ja sie rennte
vielmehr begierig ins Verterben / als sie durch Nachgeben ihren ersten Fehler
erkennen wollte. Er würde in seinem Vorhaben viel Zeit und Kriegs-Kosten / ja die
herrlichste Gelegenheit seinen Zweck zu erreichen; ich durch meine frucht-lose
Unterhandlung mein Ansehen / und bei meiner Versicherung den Kopf verspielen. Es
wäre schon zu weit kommen; es liesse sich den Arm / wenn man ihn zum Ausschlagen
schon in Schwung gebracht / nicht zurücke ziehen; und die allzu milde
Ungerechtigkeit wäre dem gemeinen Wesen so schädlich / als die allzu strenge.
Das Verhängnis hätte ihm Befugnüss und Vermögen nicht ohne Ursach verliehen; also
wollte er sein Werck so rüstig ausführen / als reifflich er es überlegt hätte.
Hiermit schoss er einen Pfeil über die Saale von seinem Bogen / zum Zeichen: dass
das Kriegsvolck auf denen gefertigten Brücken über die Saale fortrücken sollte.
Ich wusste nichts ferner zu tun / als die Achseln einzuziehen / und dem sich
umbwendenden Marbod noch zu sagen: Wer ihm die Freiheit nähme allezeit zu tun /
was er möchte / vergienge sich bissweilen mehr als der / welcher gleich täte /
was er nicht dörfte. Darum sollte er wohl bedencken / was er täte. Denn der
Krieg und ein Pfeil wäre nur so lange / als der Bogen nicht abgedrückt würde /
unter unser Botmässigkeit. Servilius kam inzwischen mit Marbods Tochter zum
Könige / welcher nun gleich der nechsten Brücke zuritt. Es fuhr aber aus einem
Strauche ein Hase harte für dem Marbod auf; so dass sein davon scheuendes Pferd
einen heftigen Satz auf die Seite tat. Ich / der ich nahe am Marbod ritt / und
seine Veränderung wahrnahm; brauchte mich der Gelegenheit und Freiheit dem
Könige voller Ehrerbietung zu sagen: Es wäre noch Zeit für Deutschland einen
heilsamen Schluss zu fassen. Das Verhängnis selbstsagte ihm durch Begegnung eines
unglücklichen Hasens einen widrigen Ausgang wahr. Servilius aber lachte hierzu /
und sagte: Man könnte aus ungefährlichen Begegnungen keine Wahrsagung nehmen. Das
Gebete hätte der / Andacht / und göttliche Zeichen einer vorsetzlichen Aufacht
von nöten. Diesemnach hätten die doch sonst der Hetrurischen Weissheit
zugetanen Römischen Feldhauptleute mehrmals zu ihrem grossen Glücke die
widrigen Zeichen in Wind geschlagen. Ich versetzte: Aber Claudius hat mit
Verlust seiner ganzen Schiff-Flotte; Cajus Hostilius mit Einbüssung seines
Heeres / seiner Ehre / seines Lebens; Cajus Flaminius mit einer schweren
Niederlage beim Trasimenischen See die Verachtung göttlicher Warnigung gebüsst.
Servilius fiel ein: Wer dem Hasen die Wissenschaft künftiger Dinge anvertraut
hätte? Ich versetzte: Der / welcher dem Claudius und Hostilius zur Nachricht die
Hünlein / und des Flaminius fallendes Pferd in der Wahrsagung unterrichtet. Die
Wahrsager selbst / sagte Servilius / wären über der der Auslegung solcher
Zeichen nicht einig. Ein Adler hätte dem Tarquinius Priscus die Römische
Herrschaft; dem grossen Alexander einen herrlichen Sieg; dem Dionysius aber den
Verlust seines Reiches; die Geier dem Romulus sein Aufnehmen; dem stoltzen
Tarquinius seine Verjagung angedeutet. Bei Troja wäre der Blitz für ein
Glücks-Zeichen gehalten; vom Crassus aber beim Euphrates für eine Verkündigung
seiner Niederlage angenommen worden. Ich begegnete ihm: Beides wäre wahr; aber
es wären nicht nur die Zeichen; sondern alle ihre Umbstände zu untersuchen; und
stimten die Deutschen und Hetrurischen Zeichen-Deuter überein: dass die
ungleichen Donner-Schläge glücklich / die gleichen unglücklich / die am Tage
geschehenden dem gütigen / die nächtlichen dem grimmigen Jupiter gewiedmet
wären. Wie hätten die sonst glücklichen Adler dem Dionysius / die Geier dem
Tarquinius was gutes andeuten können; da jener seinem Waffenträger den
Wurff-Spiess aus der Hand gerissen / und ins Meer geworffen; diese aber die
jungen Adler zerrissen / und ihr Nest zerstöret hätten? Hingegen gäben auch die
abscheulichsten Unglücks-Vögel /als die von der rechten Hand aufflügenden Raben
/welche Alexandern zu Babylon / und dem Cicero bei Cajeta das Grabe-Lied
gesungen / des Sylla und Marius blutige Todfeindschaft kund gemacht; die
Nacht-und andere Eulen / die dem Pyrrhus auf seinem Spiesse das Ende wahrgesagt
/ gewissen Umbständen nach mehrmahls gewisse Glücks- und Sieges-Zeichen ab.
Diese hätten der Stadt Aten imer was gutes / und de Agrippa das Jüdische Reich
zuvor gesagt. Der Schwan wäre den Schiffleute ein Glücks- und Unglücks-Zeichen /
dieses wäre der Specht eine Römischen Stadtvogte / jenes denen Sabinern gewest.
Als wir also mit einander einen Wort-Streit hegten / ward König Marbod am
allerersten über dem Heere zwei einander so grimmig bekriegende Adler gewahr:
dass die ausgezauseten Federn auf die Erde fielen. Der König liess nicht nur
Paucken und Trompeten rühren /sondern auch mit unzählbaren Pfeilen gegen sie in
die Lufft schüssen / ja gar ein Feld-Geschrei erregen; aber die Adler liessen in
ihrem blutigen Kampfe sich alles diss nicht anfechten; also: dass aller Augen sich
am Zuschauen nicht sättigen konten; und der König nebst uns denen sich gegen
West entfernenden folgte /worbei der empor sehende Servilius über eines
abgehauenen Baumes Stock so unglücklich stürtzte: dass er für todt aufgehoben /
und ins nechste Zelt getragen ward. Kurtz darauf aber kam von Ost her ein Storch
geflogen / bei dessen noch ziemlich ferner Ersehung die Adler von ihrem. Kampfe
abliessen / dem Storche entgegen flogen / und mit einander im Fluge spieleten.
Ich redete den König Marbod hierüber mit einer grossen Zuversicht an: Er möchte
die Augen nicht für so Sonnen-klaren Warnigungen Gottes verschlüssen; sondern
erkennen: dass das Auge seiner göttlichen Versehung über uns offen stünde / wenn
wir gleich das Blaster des Unglaubens uns über die Unsrigen mutwillig wachsen
liessen. Der sein Pferd schichternde Hase diente ihm zur Lehre: dass die gröste
Macht oft für der Ohnmacht flüchtig werden müsste. Der Fall des Servilius an der
feindlichen Gräntze und am Ansprunge des Krieges wäre ein leicht auflössliches
Rätzel: dass sein Zug den Römern nur zum Falle / wie ihm zur Reue gereichen
würde. Deuchtete ihn für seine grosse Macht ein solcher Ausschlag unmöglich zu
sein; so möchte er behertzige: dass aller Welt Kräfften gege das Verhängnis etwas
schwächers / als ein Käfer gegen eine Adler; und ein törichter Unglauben wäre /
der die Mögligkeit in Zweifel züge /wo die Göttliche Botschaft / die niemals
irrete / für Augen schwebte / und uns ins Hertz redete. Wie heilsam sein
Fürschlag wäre / und wie glücklich Marbod / wenn er nicht ferner fortrückte /
Deutschland beruhigen könnte / würde ihm kein Mahler deutlicher / als die von dem
Storche als einem Friedens- und Eintrachts-Vogel zu Frieden gestellten zwei
Adler fürstelle. Diese wären lebendige Bilder der Römer und deutschen
Bunds-Genossen; diss aber der Wille des Verhängnisses: dass Marbod einen
friedsamen Storch /keinen kriegerischen Habicht abgeben sollte. Hiermit redete
ich dem Könige ins Hertz; welcher nach einer kurtzen Besprechung mit seiner
Tochter Befehl erteilte; dass sein Kriegsheer ins alte Lager rücken sollte. Auf
den Morgen aber kam Marbod selbst in mein Zelt / und trug mir für: Auf mein Wort
wollte er seinen Degen so lange einstecken / biss ich anhero gereiset sein / und
von denen Bunds-Genossen die endliche Erklärung vernommen haben würde. Ich sollte
mir aber diss Werck so sehr / als die Erhaltung meines guten Nahmens und die Ruhe
Deutschlandes angelegen sein lassen. Denn wie er mir bei eintretendem
Voll-Monden diese Friedens-Erklärung entdeckte; also würde der nechst-folgende
Voll-Mond den Bunds-Genossen ein ungezweifelter Krieges-Herold sein / wenn
mitler Zeit sie nicht des Tiberius Friedens Vorschlag annähmen. Ich nahm diese
Erklärung mit so grosser Dancksagung als Freuden an / und bin in vier Tagen
anher kommen umb denen Säulen unsers Vaterlandes / den Schutz-Göttern unser
Freiheit / von der ihnen über dem Kopfe stehenden Unglücks-Wolcke aufrichtigen
Bericht zu erteilen; und sie bei der allgemeinen Wolfart zu beschweren: dass
sie zwar einen der Grösse ihres Gemütes anständigen Schluss mache / aber nicht
allein ihr bissheriges Glücke / sondern auch die für Augen schwebende Gefahr mit
in Ratschlag ziehe / sichere Ratschläge auch mehr für einen Brutt kluger als
verzagter Leute halten möchte. Hertzog Arpus erklärte sich hierauf unverwendete
Fusses: Des Fürsten Ingviomers Verrichtung verdiente unsterblichen Danck / und
in seinem Einraten wäre so wohl etwas göttliches / als ihrer aller Heil
entalten. Denn wenn des Bacchus und der Ubier Altar aus so viel Golde / als
Steinen gebaut wäre /verdienten sie nicht: dass darumb so viel unschätzbares
Menschen-Blut verspritzet / und Deutschlands Freiheit in Gefahr gesetzt werden
sollte. Hertzog Melo konnte sich nicht entalten / anderer besorglichen
Beistimmungen hiermit vorzubrechen: Die zwei Festungen wären viel köstlicher als
Gold / weil an ihnen die mehr als güldene Freiheit Deutschlands hienge; welche
die Römer so lange bei den Haaren hätten / als man ihnen diese zwei Kap-Zäume in
Händen liesse. Andern Völckern möchte ihre gäntzliche Austilgung schrecklicher
sein / als die Dienstbarkeit; ehrlichen Deutschen aber wäre die Freiheit lieber
als das Leben. Dieser Beschirmung rechtfertigte auch einen sonst ungerechten
Krieg / und machte die furchtsamsten Tiere behertzt. Er glaubte wohl: dass der
Fürsten-Mörder Marbod das Hertze hätte auch der deutschen Freiheit den Hals zu
brechen; aber er würde mit unwilligen Hunden hetzen / weil seine Deutschen durch
ihrer Landsleute Bekriegung ihnen selbst das Messer in die Gurgel setzten.
Hingegen wäre keine Feindschaft gefährlicher / als wo es ihr umb die Freiheit
zu tun wäre. Die Cherusker sollten dem Marbod / die Hermundurer Ariovisten
begegnen; er und Hertzog Ganasch trauten mit Hülffe der Catten der ganzen
Römischen Macht genungsam gewachsen zu sein; weil der Sieg schon einmal auf ihre
Seite den Hang bekommen / und sie den göttlichen Beistand zum Gehülffen ihrer
gerechten Sache hätten. Hertzog Jubil fieng hierauf an: Die Deutschen hätten
freilich eine allzu rechte Sache. Alleine / wenn der Himmel allemal für diese
kriegte / würde Marbod nicht ein Beherrscher so vieler Völcker / und kein
Heerführer einer so grossen Macht sein / für welcher sich alles zwischen der
Elbe und dem Rheine nunmehr erschütterte. Weil nun des Kriegs Ausschlag auch
unter dem Schilde der Gerechtigkeit ungewiss wäre / heischte die Klugheit und
Liebe des Vaterlandes von ihnen / lieber etwas von ihrem Rechte vergeben / als
in einem grausamen Kriege ein mehrers auf die Spitze setzen. Kriege sollte man
auch wegen wichtiger Ursachen nicht anfangen / und würde deswegen des Hercules
wieder den Laomedon und Augeas wegen vorentaltenen Liedlohns angesponnener
Krieg gescholten; und durch einen erträglichen Verlust sollte man ieden Krieg
abkauffen. Sintemal der Krieg / wenn er schon ohne Unrecht und Unglück geführt
wird / doch das gröste Elend / ja die ärgste Pest der Welt ist; und der /welcher
ohne euserste Not sich in selbten verwickelt / gleichsam seiner Sinnen beraubt
ist. Das Ubische und des Bacchus Altar wären für weniger Zeit deutsche Dörffer
gewest; die Römer hätten sie für kurtzer Zeit zu was besserm gemacht. Wie? wenn
die Römer diese Müh gesparet? Würden zwei Dörffer wohl für die Müh / für so viel
Kriegs-Kosten und Menschen-Blut lohnen? Kluge Leute aber sollten niemals in Krieg
ziehen; wenn sie daraus so viel / zu geschweige mehr Schaden zu besorgen / als
Vorteil zu hoffen hätten. Würde nicht aber der Catten / Cherusker / Sicambrer
und Friesen ganze Wohlfart durch diesen Krieg auf die Spitze gesetzt / da
unter dem Marbod und Ariovist zwei Drittel Deutschlandes / unter dem Tiberius
und Germanicus neun Legionen / und noch so viel Hülffs-Völcker auf dem Halse
lägen / und aus Pannonien noch drei Legionen im Anzuge wären? Zwar Hertzog Melo
hätte durch seine Helden-Taten bewehret: dass ein Löwen-Hertz in seiner Brust
steckte; und er glaubte: dass in dem ganzen deutschen Heere kein Kriegs-Knecht
einen Hasen in seiner Brust hegte; alleine sie wären doch keine hundertändichte
Riesen-Söhne des Himmels und der Erde. Auch die Löwen verspielten / wenn ihnen
die Klauen verhauen würden; und viel Hasen wären auch der Hunde Tod. Diesemnach
wäre nichts heilsamers / als mit einem blauen Auge und mit Ehren aus diesem
Kriege kommen; darinnen sie in einem Jahre so viel / als die Römer in dreissigen
gewonnen hätten. Hertzog Catumer / Siegemund / Marcomir und die andern Fürsten
pflichteten alle dieser Meinung bei / und setzte Catumer diss darzu: Wenn es ja
dem Hertzog Melo so sehr umb das Ubische Altar zu tun wäre / möchte er doch
einer bessern Gelegenheit erwarten / ohne welche auch der notwendigste Krieg zu
verschieben wäre. Denn die Unzeit verrückte allen klugen Ratschlägen den Compass
/ und der geschicksten Tapferkeit das Ziel. Er möchte die über der Saale und dem
Mein aufziehende Wolcken vorbei gehen / den Marbod und Ariovist ihre Hitze
abkühlen lassen. Die Römer wären so unruhig und ungerecht: dass kein Jahr vorbei
gehen würde / sonder denen Deutschen genungsame Ursache zum neuen Kriege zu
geben; und so leicht als ietzt ihre Siegs-Waffen ferner auszubreiten. Grosse
Dinge dörfften eben so wohl als gewisse erst in drei Jahren reiff werdende
Baum-Früchte Zeit zu ihrer Vollkommenheit. Melo brach ein: Bunds-Benossen wäre
nichts schädlichers / als Langsamkeit. Durch Aufschub würden die hitzigsten
Entschlüssungen lau; und weil niemand in eine Gesellschaft als seines Nutzens
halben tritt / ieder in gemein ein absonderes Augenmerck hätte / könten die
Gefärten eines Krieges niemals lange tauren. Daher wäre ungewiss: Ob in zwei
oder drei Jahren noch ein Schatten von ietziger Verträuligkeit übrig sein würde.
Wären die Römer aber so ungerechte und Frieden-brüchige Leute / so wären sie so
wenig als Räuber und Tyrannen keines Vertrages fähig. Hertzog Arpus begegnete
ihm: Das Römische Volck wäre für keine Räuber / welche weder Recht noch Gesetze
hätten / nicht zu halten; ungeachtet ein oder ander Land-Vogt mehrmals Bund und
Gerechtigkeit versehrte. Zu dem erforderte es mehrmals das gemeine Heil mit
Räubern und Tyrannen Frieden zu schlüssen; wie Flaminius mit dem Nabis /
Pompejus mit den See-Räubern / Lucullus mit dem Apollonius / August mit dem
Crocota / und die Deutschen selbst mit den Römern mehr als einmal getan hätten.
Nach einem ziemlich langen Streite gab der Feldherr den Ausschlag: Die meisten
Stimmen der deutschen Bunds-Genossen / und das Heil des Vaterlandes nötigte ihn
gleicher gestalt den Friedens-Schluss mit Abtretung der zwei strittigen Plätze
einzugehen. Es käme ihn zwar nicht weniger schwer an des Bacchus Altar den
Feinden wieder einzuräumen; sonderlich / weil es seines einigen Sohnes
Geburts-Stadt wäre. Aber Deutschland aus Gefahr und in Ruh zu setzen wäre ihm
auch sein Deutschburg / ja sein Sohn und sein eigen Haupt nicht zu lieb.
Sintemal kein Bürger / wie unschuldig er gleich wäre / sich bei dringender Not
nicht enteusern könnte dem Vaterlande zu Dienste sich selbst / wie viel mehr also
sein Vermögen in die Hände der Feinde liefern zu lassen. So höre ich wohl /
fieng Melo ungeduldig an; ich oder das so teuer erworbene Altar der Ubier sollte
das Opfer sein / wormit Deutschland die zornigen Römer zu versöhnen vermeint?
Nein sicher! weil ich dieses Altar mit so viel edlem Blute der Sicambrer und
Tencterer eingeweiht; soll es ohne viel Blut nicht wieder entweihet / noch ohne
Abschlachtung vieler Römischen Opfer mir nicht wieder aus den Händen gerissen
werden. Ingviomer fragte alsofort den Melo: Ob er denn mit seiner eigenen Macht
ohne gäntzlichen Untergang zu behaupte getraute / was die Römer / Marbod / und
Ariovist mit aller ihrer Macht bestürmen würden? Melo antwortete: Er traute
ihnen als hertzhaften Deutschen nicht zu: dass sie ihnen den Dorn aus dem Fusse
ziehen / und ihm ins Auge stechen; sondern ihm vielmehr als einem treuen
Bunds-Genossen / der den Degen zum ersten wider die Römer gezückt / den
versprochenen Beistand leisten würden. Hertzog Arpus versetzte: Ein
Bunds-Genosse wäre auch in der gerechtesten Sache und in euserster Not dem
andern zu helffen nicht schuldig / wenn keine Hoffnung und Ansehn eines
glücklichen Ausschlags verhanden wäre. Sintemal alle Bündnisse auf etwas gutes /
nicht auf verzweifelte Fürhaben ihr Absehn hätten. Uber diss könten sie ihnen an
den Fingern ausrechnen: dass die Römer anders nicht den Frieden zeichnen würden;
als dass sie sich ihm und allen Römischen Feinden zu helffen entalten sollen.
Melo begegnete ihm: Er hoffte: sie würden und könten ohn seine Einwilligung mit
den Römern keinen Frieden eingehen. Jubil antwortete: Sie hingegen könten für
Ernst nicht aufnehmen: dass nachdem der Feldherr des Bacchus Altar abzutreten
sich erklärte / Melo seines Vorteils halber den allgemeinen Frieden hindern;
oder / weil doch auch unter Bunds-Genossen die mehrern Stimmen die wenigern
überwiegen / sich selbst vom Frieden ausschlüssen / und ihm tausend Unheil auf
den Hals ziehen würde. Melo fiel ein: Es wäre kein freier Mensch / weniger ein
keinen Obern erkennender Fürst verbunden mehr einen Frembden / als seinen
eigenen Willen zur Richtschnur seines Tuns zu haben. Dahero könnte die Vielheit
der Stimmen ihm kein Gesetze des Friedens fürschreiben / weil er sich nicht
eriñerte: dass er bei Eingehung des Bündnüsses beliebt hätte / das gröste Teil
der Bunds-Genossen für den ganzen Bund zu halten / und ihren geteilten
Schlüssen zu gehorsamen. Dass aber ein Wille des andern beistimmen müste /
erforderte entweder eine ausdrückliche Einwilligung; oder dass man seinen Willen
eines andern schlechterdings unterworffen hätte. Diss wäre wider die Eigenschaft
der Bündnisse; welche Gleichheit / nicht Staffeln liebte. Jenes wäre niemals zu
vermuten. Daher wäre bei den Sarmatiern die Widersprechung eines einigen
Edlmannes genung einen ganzen Reichs-Schluss zu hintertreiben. Er aber wäre
hoffentlich der erste Sicambrische Edelmann / und Fürst Deutschlands über
dreierlei Völcker; welchem auf allen Fall eine dreifache Stimme zukäme; und
stünde der Hertzog der Ost- und West-Friesen gleichfalls auf seiner Seite. In
der Bündnisse Ratschlägen aber wäre die Rechnung nicht nach den Personen /
sondern / nachdem einer viel oder wenig zu dem gemeinen Wesen beitrüge /zu
machen. Zu geschweigen: dass es ratsamer wäre die Meinungen zu wiegen / als zu
zehlen. Catumer versetzte: Diss letztere gienge nur in der Schule der Weisen /
nicht in der Rat-Stube der Fürsten an. Denn ob zwar einer den Sachen besser /
als der andere / nachdächte / wäre doch aller Recht bei Abgebung der Stimmen
ganz gleich. Denn / weil jeder seine Meinung für die beste / und sich für den
klügsten hielte; würde man sich wegen Hartnäckigkeit der Menschen aus widrigen
Ratschlägen sonder den Vorzug des grösten Teiles nimermehr auswickeln können.
Dahero sich jeder des grösten Teiles Urtel unterwirfft / der als ein Glied
sich in eine Versammlung begibt. Sintemal er mit Fug nicht begehren kann: dass
die meisten oder alle andere seine Meinung zur Gebieterin machen / oder das
beratene Werck gar unterlassen sollten. Es wäre denn: dass er ihm solch Vorrecht
bald beim Eintritte bedungen hätte. Ausser dieser Bedingung aber wäre seine
Pflicht den meisten zu folgen; weil er hoffentlich der Sicambrer / Tencterer /
und Friesen Beitrag zum gemeinen Kriege nicht über der Cherusker / Catten und
Hermundurer sätzen würde. Oder / weil Hertzog Melo freilich nicht versprochen
hätte sich zu denen gemeinen Schlüssen so genau zwingen zu lassen; stünde ihm
allerdings frei das Bündnüs aufzugeben. Ob dis letztere ihm aber anständig sein
würde / stellte er zu eines so erfahrnen Fürsten Nachdencken. Melo brach ein:
Und ich zu gerechter Bund-Genossen Uberlegung: ob er durch seine Treue und Eyver
verschuldet; dass man ihn aus dem Bündnisse zu stossen gedächte? Ob sie etwan
lüstern wären: dass die Römer der Sicambrer Meister / und hierdurch so viel
mächtigere Glieder des deutschen Bundes werden sollten? Ob sie nicht wüsten: dass
Bündnisse mit allzu mächtigen Nachbarn willkührliche Dienstbarkeit; und daher
unter diesem scheinbaren Tittel die Tessalier der Macedonier; die Griechen der
Atenienser / die Lateiner / Acheer / Magneter und Heduer der Römer Knechte
gewest wären? der Feldherr fiel nunmehr / jedoch mit einer grossen
Leitseeligkeit ein: es wäre dieser Undanck keinem Menschen in Sinn kommen einen
so hoch verdienten Bund-Genossen / als Melo wäre / zu verstossen. Er aber
trennte sich selbst / wenn er dis verwürffe / ohne welches die Bund-Genossen /
allem Ansehn nach / zu Grunde gehen müsten. Diese Notwendigkeit sollte er
behertzigen / als das härteste und unverbindlichste Gesätze / welches auch
stählerne Bündnisse auflösete / und die niedrigsten Schwachheiten entschuldigte
/hierwider hinderte auch nichts das Versprechen: dass kein Bunds-Genosse ohne des
andern Vorbewust und Einwilligung Friede machen sollte. Sintemal dis Angelöbnüs
einen nur so lange bindete / so lange er ohne Untergang darbei stehen könnte; und
hätte es mit Bund-Genossen keine andere Beschaffenheit als wie denen auf einem
Schiffe befindlichen Bootsleuten /welche alle beim Sturme so lange / als Hoffnung
vorhanden wäre das Schiff zu erhalten / für die gemeine Wolfahrt arbeiten müsten;
wenn aber solches zu sincken anfienge / möchte jeder sich retten / so gut er
könnte. Wie nun ausser diesem Falle kein Bund-Genosse sich von dem Bunde
abzusondern befugt wäre /was für vorteilhafte Bedingungen ihme gleich der Feind
antrüge; also wäre auch ein jeder im Kriege eben so wohl / als beim Ungewitter
auf de Schiffe etwas für die gemeine Wohlfahrt in Stich zu sätzen /und ins Meer
zu werffen verbunde. Weil denn nicht nur ihr Bund sondern die Vernunft selbst
jedwedem dis Gesätze aufbürdete / durch einen kleinen Verlust grössern Schaden
abzuwenden; versähen sie sich zum Melo: dass er ihnen / und ihm selbst zu Liebe
sich darein schicken würde. Ein für allemahl wäre es besser mit einer wenigen
Verkleinerung Friede machen / als mit euserster Gefahr und grossem Nachteile
einen hartnäckichten Krieg zu führen. Gott würde auch nicht verhengen / und
Deutschland so straffen; am wenigsten jemand Ursache geben: dass die Römer die
Sicambrer überwinden sollten; welche auch auf solchen Fall nicht in die Stelle
und das Recht der Sicambrer treten; noch sich den Deutschen / wie König Philipp
als Uberwinder der Stadt Phocis den Griechen / zum Bunds-Genossen aufdringen
könten. Diesemnach hätte er denen Friedens-Mitlern bald anfangs gesagt: dass sie
mit den Römern zwar Friede / nicht aber ein Bündnüs zu schlüssen gemeint wären;
und würden sie auch wegen des Meinzischen Gebietes denen Römern keinen Sitz in
dem deutschen Fürsten-Rate einräumen; ungeachtet August sich deswegen einen
deutschen Fürsten rühmte / und sich also denen deutschen Bundes-Gesätzen
unterwerffen wollte. Daher sollte sich Hertzog Melo dis zu tun nicht schämen /
was der Käyser gerne täte / wenn er könnte. Dem beipflichten / was die meisten
dem gemeinen Heile nötig achteten / wäre keine Erniedrigung / sondern eine
Grossmütigkeit. Zu geschweigen: dass es in Deutschland von undencklicher Zeit
Herkommens gewest wäre: dass alle Streitigkeiten zwischen denen verbundenen
Fürsten / dem Feldherrn / als dem gemeinen Schiedes-Richter; wie bei den
Griechen und Lateinern dem ersten Bunds-Genossen wären untergeben worden. Er
hielte den Frieden Deutschlande für nötig und nützlich; gienge ihm auch selbst
mit seinem Beispiele vor: dass es ratsamer wäre / ein Ey zu vergessen / als die
Lege-Henne in scheinbare Gefahr zu sätzen. Alle Fürsten hätten ihrer Herrschaft
halber schwere Verantwortung bei Gott und den Menschen über sich. Deñ sie
besässen ihre Länder nicht so wohl als ihr Eigentum; sondern als ein heilig
anvertrautes Gut /oder wie Vormünden das Vermögen unmündiger Kinder. Das Volck
hätte sie ihnen nur zur Verwahrung; nicht aber die Macht gegeben solche nach
ihrer Eigensinnigkeit in Stich zu sätzen / noch sie ihrer Rache und Begierde zu
Gefallen zu verschleudern. Dem Hertzoge Melo sah die Ungedult aus den Augen;
jedoch sagte er nicht mehr: Es wäre ihm leid / dass die Deutschen mehr durch
ihren Sieg verlieren sollten / als sie durch so viel Blut gewonnen hätten.
Sintemal die wenigen Orte / die sie behielten / gegen der sie jetzt einnehmenden
Furcht die schnödeste Ausgleichung machte. Ihm gienge es aufs höchste zu Hertzen
/ dass die Deutschen nicht sähen / wie die Römer mit ihnen nicht so wohl Friede zu
machen / als die Waffen nur eine Weile einzustecken; sie also durch dieses
Bländwerck nur einzuschläffen und zu trennen anzielten; also sie ihnen durch
einen betrüglichen Frieden /unter dem Nahmen einer Artznei / schädlichstes Gift
beibrächten. Ihr Ehrgeitz gleichte dem Feber / welches / wenn schon Frost und
Hitze nachliesse / nicht vergienge / sondern immer heftiger wieder käme. Sie
versteckten das Feuer des Krieges zwar unter die Asche; leschten es aber nicht
aus; Und den Deutschen / welche durch einen so schädlichen Frieden zu genesen
vermeinten / würde es nicht besser gehen / als Ubel-Geheileten / denen die
Wunden wieder aufbrächen. Sie verrieten den Römern ihre Kleinmütigkeit / indem
sie ihnen auf einmal mehr gutwillig abtreten /als sie beim unglücklichsten
Lauffe ihrer Waffen in etlichen Jahren verlieren könten. Wormit es nun das
Ansehn nicht haben möchte: dass der Römer Macht und Marbods Dräuen das Vermögen
hätten die Hertzhaftigkeit auch ihm aus dem Hertzen zu reissen; wollte er bis auf
den letzten Tropffen Blut das Eigentum seiner Vor-Eltern verteidigen. Würden
auf allen Fall ihn seine Bunds-Genossen / so wollte er sie doch nicht verlassen;
Und wenn ihm schon genungsame Kräfften fehlten; wollte er doch seinen Feinden
zeigen: dass ihm nicht ehe / als mit seinem Ateme Mut und Hertze gebrechen
würde. Es wäre doch einmal nicht so schimpflich von etwas verdrungen werden /
als es mit Zagheit verlassen. Er hätte noch auf seiner Seiten getreue Länder /
ein sieghaftes Heer / den Glücks-Stern Deutschlands / die behertzten Friesen /
und die göttliche Rache; wenn schon alle andere Riegel zerbrechen. Hiermit zog
er drei Pfeile aus seinem Köcher / brach selbte entzwei / warf die Stücke zu
Bodem / und ging aus der Versamlung. Hertzog Arpus nam dis für eine
Aufkündigung des Bundes auf / und sagte: Weil dem Melo ja nicht zu raten wäre;
sollte man den Frieden keine Stunde mehr aufschüben; sondern mit den Römern
schlüssen / so gut man könnte. Die andern Fürsten pflichteten dieser Meinung
durchgehends bei; der Feldherr aber riet aufs beweglichste: man sollte mit
keinem Degen in dem Feuer scharren; sondern dem tapfern Melo / weil grosse
Gemüter wie das Meer am leichtesten bewegt würden / er auch nicht ohne Ursache
empfindlich wäre / seine Ungedult ausrauchen lassen. Ein für alle mal hätte doch
dieser Fürst für Deutschlands Freiheit ein grosses getan; also wären sie ausser
euserster Not nicht berechtigt ihn alleine im Stiche zu lassen. Denn er wäre
ein Glied ihres Bundes; welches von einerlei Seele sollte geregt werden / und nur
einerlei Zweck zum Absehen haben; nämlich aller und jeder Glieder Sicherheit.
Dieser aber wäre durch keinen andern / als durch einen allgemeinen Frieden;
welcher alle Bunds-Genossen einschlüsse / und mit einem auch nach dem Friede
tauernden Beschirmungs-Bündnisse / geraten. Jener wäre die unzerbrechliche
Grund-Seule der gemeinen Wolfahrt / welche dem Feinde alle Mittel einzeler Siege
abschnitte; hingegen baute man durch einzele Frieden seine Ruhe nur auf Eys;
welche mit dem von der Sonne zerschmeltzenden Eise einbräche. Dieses aber wäre
der Schild und eine Brustwehre des Friedens; welches alle Bundsgenossen wider
neue Anfall des Feindes bedeckte / und der ehrsüchtigen Nachbarn Krieg / wie ein
Tamm die Erglessung der Flüsse / und die Wellen des brausenden Meeres / im Zaume
hielte. Es wäre der einige Ancker / welcher bei neuem Ungewitter die allgemeine
Ruh befestigte. Wenn nun Bunds-Genossen eines aus diesen beiden versähen / des
andern Gefahr und Wolfahrt nicht für ihre eigene hielten / also einer nach dem
andern den Kopff aus der Schlinge zügen / die übrigen aber alleine baden
liessen; gienge es allen nicht besser / als den Schlangen und Fliegen / welche /
wenn man sie zerschnitte / zwar sich eine Weile noch bewegten; weil ihnen aber
die Kräffte des abgetrennten Gliedes / als der Ursprung ihrer Tauerhaftigkeit
entgienge / nach und nach Kräffte und Leben einbüssten. So lange nun die Römer
mit dem Hertzoge Melo Krieg führten; so lange heilten auch ihre Wunden nicht zu;
und Deutschland behielte noch einen feurigen Brand unter dem Dache. Daher hätten
sie sich für den schlauen Römern wohl fürzusehen: dass sie durch einen absondern
Frieden mit den Catten und Cheruskern nicht auf eine solche Art / wie die
Schmeltzer bei Reinigung Goldes und Silbers mit diesen das Blei vereinbarten
/damit solches mit dem andern unreinen Zusatze im Rauche aufflüge / oder sie
wenigsten nur wie Ulysses sich der vom Polyphemus versprochenen Woltat /nämlich
am letzten gefressen zu werden / getrösten dörften. Diese Trennung nun zu
hindern / hielt er für ratsam und nötig den Melo auf alle Weise zu gewinnen /
und bei den Römern das euserste zu tun: dass durch die Mittler die
Friedens-Bedingungen für den Hertzog Melo noch etwas gemiltert / wider den
neu-besorglichen Einbruch der Römer über den Rhein vorgebeuget / am allermeisten
aber die Unterdrückung der Sicambrer und Tencterer verhütet würde. Dieses
bewerckstelligte er mit Hülffe des Fürsten Ingviomers auch mit solchem
Nachdrucke: dass Tiberius sich durch den Ritter Stahrenberg endlich erklärte:
wegen des Ubischen Altares wäre kein Wort zu verlieren. Der Feldher aber möchte
des Bacchus Altar zu Ehren seines daselbst gebohrnen Sohnes behalten; jedoch mit
dem Bedinge: dass das wenigste weiter an dem Tempel des Bacchus versehret;
sondern der Römische Gottesdienst / und des Käysers Augustus Verehrung von denen
dazu gewiedmeten Stifftungen darinnen offentlich fortgestellt; dem Segestes
sein von den Cheruskern eingenommenes Gebiete wieder eingeräumt /und den
Römischen Feinden wider die Römer keine Hülffe geleistet; alles dis aber vom
Marbod und Ariovist verbürget werden sollte. Der Feldherr war über dieser
Milterung so bekümmert: dass er nicht wusste: ob er sie für eine Verärgerung
annehmen sollte. Sintemahl die Duldung des Römischen Gottesdienstes in einem Orte
/ welcher der Cheruskischen Botmässigkeit unterworffen wäre / ihme eine
Billigung der vielen Römischen Götter aufzubürden: das Volck in seinem Glauben
entweder irre / oder gegen ihn argwöhnisch zu machen schiene. Uberdis war ihm
die Uberlassung dieser Stadt bedencklich: dass Hertzog Melo nicht hieraus Anlass
zu argwohnen nehmen möchte /als wenn der Feldherr umb diesen Gewinn der
Sicambrer Ruhe und Sicherheit verkaufft hätte. Und endlich wäre weit aussehend:
dass die Deutschen sich aller Hülffe gegen die / welche die Römische Herrschsucht
für Feinde erklären würde / entalten sollten. Diesemnach denn der Feldherr mit
den Mitlern / und diese mit dem Tiberius / etliche Tage bis Mitternacht über
Abtuung dieser Schwerigkeiten arbeiteten; bis endlich mit Einwilligung aller
anwesenden Fürsten /ausser dem auf seinem Sinne verharrenden Melo / der Friede in
eben der Nacht / da der Neumonde / als das vom Marbod gesteckte / nunmehr aber
mit des Tiberius Einwilligung auf fünf Tage verlängerte Krieges-Ziel eintrat /
derogestalt geschlossen ward: die Römer sollten über den Rhein ohne der Deutschen
Erlaubnüs keinen Fuss setzen; diese aber alles / was sie auf der West-Seite des
Rheines jetzt besässen / ruhig behalten. Im Altare des Bacchus sollte der Römische
Gottesdienst unversehrt auf der Römer Unkosten verbleiben / kein Deutscher aber
zu selbtem gelassen werden. Kein Teil sollte des andern itzigen oder künftigen
Feinden beistehen; es wäre denn: dass die Römer ein deutsches Volck bekriegen
wollten. Jedoch sollten die Deutschen nicht hindern: dass die Römer sich wider des
Ubischen Altares / welches der Feldherr zu schleiffen vergebens fürschlug /
bemächtigten; dafern Melo nicht zu bereden wäre / solches gegen tausend Pfund
Silber abzutreten. Welcher / ausser dieses einigen Ortes / alles behalten / und
dieses Friedens / wie alle andere Fürsten genüssen sollte. Ins geheim ward auch
verglichen: dass auf allen Fall / wenn gleich die Römer mit dem Melo brechen
müsten / selbte weder über den Rhein einige Brücke schlagen; noch einige andere
Festung einnehmen; widrigen Falls aber alle Bunds-Genossen unbeschadet des
geschlossenen Friedens / dem Melo mit allen Kräfften / keines weges aber Marbod
und Ariovist den Römern Hülffe zu leisten berechtiget sein sollten. Die Nacht war
grösten Teils vorbei / als sie mit diesem Schlusse richtig waren; gleichwol
aber machten es die Mitler von Stund an durch den abgeschickten Ritter
Weissenwolff dem Könige Marbod; durch den Ritter Nothaft Ariovisten; der
Feldherr aber den deutschen Fürsten zu wissen; Und / weil in Deutschland die
Frieden-Schlüsse / wie alle hochwichtige Dinge / von allen beliebt werden müsten
/ liess er auf den siebenden Tag alle Obersten und Hauptleute des Heeres /Arpus
auch von denen Cattischen Ständen / so viel derer zu erreichen waren / nach
Bingen beruffen. Das Geschrei von dem Frieden aber zohe hundert mal so viel
Volckes herzu; also dass sich niemand eines so Volck-reichen Reichs-Tages
erinnerte. Das darzu für der Stadt ausgesteckte Feld ward zu enge und so voll:
dass kein Apffel zur Erde / und die Fürsten sich schwerlich zu ihren bereiteten
Sitzen durchdringen konten. Nach dem die Priester der ganzen Versammlung eben
so / wie bei den Deutschen für Lieferung der Schlachte zu geschehen pflegt / den
gewöhnlichen Eyd fürgesprochen hatten / trug der auf einem Hügel stehende
Feldherr dem von denen Priestern nach dem Stande / Alter / Verdiensten und
Geschickligkeit in gewisse Reien gestellten Volcke umbständlich die ganze
Friedens-Handlung; der Fürsten hierbei gehabte Bedencken; und die Ursachen:
warumb sie den abgehandelten Frieden einzugehen für nötig und nützlich hielten
/ für; mit einer beweglichen Erinnerung: dass ein jeder umb die Liebe des
Vaterlandes willen nach seinem besten Verstande / und Gewissen dessen sich
erklären sollte; was er Gott annehmlich /den tapferen Deutschen rühmlich / und
dem gemeinen Wesen vorträglich zu sein glaubte. Er und alle anwesende Fürsten /
ausser dem nicht erschienene Sicambrischen / beteuerten bei dem unsterblichen
Gotte /bei der Freiheit Deutschlandes; bei dem Ruhme ihrer Vor-Eltern / und bei
ihren Häuptern / welche sie widrigen Falls allem Unglücke gewiedmet haben wollten
/dass sie für dismal dem Vaterlande nicht besser / als durch diesen Frieden
geraten wüsten. Diese Erklärung tat der Feldherr zugleich im Nahmen der
gesamten Fürsten / umb dardurch die besorgliche Vorrechts-Streitigkeiten zu
verhüten; welches etliche Hohepriester allen Fürsten / welche nicht selbst ein
Volck beherrschten / oder einen Obern erkennten /streitig machten; weil sie
Diener und Botschafter des die ganze Welt beherrschenden Gottes wären / und
also alle weltliche Würden überstiegen; ja ehe in Gallien / Britannien und
Deutschlande die Spaltung des Gottesdienstes entstanden / Könige und regierende
Hertzoge ihnen gewiechen wären. Hierdurch erlangten die Priester die erste
Stimme; welche ihrer verpflichteten Friedfertigkeit halber / fast unmöglich
anders / als wider den blutigen Krieg stimmen mussten. Uberdis hatte der Feldherr
auch wegen des Bacchischen Tempels die darwider schwürigen Priester teils durch
vernünftige Unterbauung / teils durch Woltätigkeit gewonnen. Unter dem meist
aus Kriegs-Leuten bestehenden Adel / welche doch sonst dem Frieden so gram / als
dem Siege hold sind / war eine so einträchtige Einwilligung des Friedens: dass es
schien / als wenn die streitbaren Deutschen ihre alte Geburts-Art verändert und
für ihrer vorigen Belustigung / nämlich dem Kriege / einen eckelnden Uberdruss
bekommen hätten; so gar: dass sie auch einige unter sie vermischte Tencterer und
Juhonen / welche dem Melo zu Gefallen / oder umb für andern hertzhaft angesehn
zu werden / wider den Friede murreten / mit ihren Waffen / die sie ohne dis bei
allen wichtigen Zusammenkunften bloss zu tragen pflegten / das Stillschweigen
aufdrangen. Das gemeine Volck / so ohne dis dem Kriege gram ist / so bald es nur
seinen bitteren Vorschmack gekostet hat / gab mit einem grossen Freuden-Geschrei
/ wie vorher die Priester mit kleinen Glocken / das Kriegs-Volck mit dem
Geschwirre der Waffen sein Wolgefallen zu verstehen. Das Frauenzimmer war noch
übrig / welches nicht nur die Männer in Deutschland zu den Schlachten
auffrischet /und die Flüchtigen zurücke hält; sondern auch selbst die Waffen
führet; also von rechtswegen mit zu den Krieges- und Friedens-Ratschlägen
gezogen wird. Auch dieser wegen hatte der Feldherr keinen geringen Kummer.
Sintemal / wenn diese / als das schwächere Geschlechte zum Kriege rieten / die
Mäñer aus Beisorge verzagt angesehn zu werden / sich einigen Frieden zu schlüssen
schämen. Massen sie denn auch die erwachsenden Streitigkeiten zwischen
Bunds-Genossen beizulegen das gröste Ansehn haben. Uberdis war dem Feldherrn
nicht unbewust: dass Hertzog Melo hinter unterschiedene Weiber und Jungfrauen /
welche verschmitzt und beredsam waren / seine kriegrische Ratschläge versteckt
hatte. Dahero er auch seine Gemahlin Tussnelda vermochte: dass sie den Tag vorher
das Kindbette verlassen / sich im Rheine gereiniget /ihr Tauben-Opfer abgelegt /
und diesen Tag mit der Cattischen Hertzogin und anderm Frauenzimer in die
Reichs-Versamlung eingefunden hatte. Welche denn auch alle widrige Anschläge /
die Melo andern unter den Fuss gegeben hatte / teils durch ihre grosse Vernunft
/ teils durch ihre gleichsam bezaubernde Leitseeligkeit so glücklich
hintertrieb: dass auch die / welche das Widersprechen schon auf der Zunge hatten
/anfangs mit dem Hertzen und bald mit dem Munde dem durch Tussneldens Anmut
allzu sehr verzuckerten Frieden Beifall geben mussten. Ja nicht wenig aus dem
Adelichen Frauenzimmer boten sich freiwillig zu Geisseln an; da einige den
Römern zu Versicherung des Friedens gegeben werden müsten. Sintemal die
Deutschen denen Jungfrauen eine gewisse Heiligkeit / ihren Einratungen eine
göttliche Regung / und denen durch sie verbundenen Schlüssen eine besondere
Tauerhaftigkeit zueignen. Welcher uralten Gewonheit der Deutschen es schon
Cleonymus zu Sparta / Porsenna in Italien nachgetan; indem jenem die von
Metapont / diesem die Römer / wie auch noch letztin die Parten dem August
Jungfrau en zu Friedens-Geisseln liefern müssen. Die hierüber frohen Fürsten
schickten Augenblicks nach diesem Reichs-Schlusse den beredsamen Grafen von
Hanau zu dem Fürsten Melo; welcher ihm nicht nur diesen Schluss eröfnete; sondern
auch mit nachdrücklicher Vorstellung des über die Sicambrer aufziehenden
Ungewitters ihn zu Abtretung des Ubischen Altares gegen Annehmung der für ihn
bedungenen tausend Pfund Silbers zu bereden keinen Fleiss sparete. Hertzog Melo
aber hatte sich niemals ungeduldiger gebehrdet / als nunmehr /da ihm alle
Krieges-Hoffnung eben so / als wie den nunmehr von der in den Wieder tretenden
Sonne zerschmeltzenden Schnee zu Wasser werden sah. Daher er dem Grafen / als er
ihm das Gewichte dieses Silbers / worvon er zwei solche Städte / als das Ubische
Altar wäre / befestigen könnte / zur Antwort gab: Wenn er Graf Hanau wäre /
dörfte er sich noch wohl bereden lassen unnützes Ertzt für eine ihm im Hertzen
liegende Festung und seine Ehre zu nehmen. So aber wäre er weder Hanau / noch
ein Geld-dürftiger Kauffmann; sondern ein Hertzog dreier Völcker / welchem es
nicht anstünde die Sicherheit seiner Länder und den Ruhm seiner Siege umb so
schnöde Wucher zu verkauffen. Seine Länder wären ihm nicht feil / weniger sein
guter Nahme; und möchte er mit dem tapferen aber einfältigen Brennus der andere
deutsche Fürst nicht sein / der sich die Römer mit ihrem Gelde betrügen liesse.
Ja er wollte lieber / wie die verzagten Römer / ihm die Daumen abschneiden / umb
sich zu aller Eydesleistung unfähig zu machen; ehe er der Römer Freund zu sein
schweren sollte. Die redlichen Deutschen brauchten / wie die Scyten und Indier
/keine schriftliche Versicherungen ihres Versprechens; weniger eidliche
Versicherung. Ihr Treu und Glauben wäre ihr bester Schwur / die Römer aber /
welche die Menschen hinters Licht zu führen nicht scheuten /würden sich weniger
für ihren unsichtbaren / und entweder gar nicht geglaubte- oder mit zugemässene
Lastern beschwarzten Göttern scheuen. Dahero man ihrer Freundschaft sich nicht
anders versichern könnte /als wenn man sie ihm weit vom Leibe hielte. Wer nun dem
Feinde solche Festunge / die Kapzäume seines Landes wären / abträte; erkennte
sich entweder für den Uberwundenen / oder für einen allberen Sieger. Er merckte
die Kreide der Römer wohl; welche nichts anders im Schilde führten; denn dass zwar
die deutschen Fürsten den euserlichen Schein ihrer vorigen Herrschaft und
Gottesdienst / welche kluge Uberwinder auch neuen Untertanen zu lassen nötig
hätten /behalten / und unter denen dienstbaren / wie weiland Antiochus / die
Fürnehmsten / oder vielmehr Werckzeuge andern Völckern das Joch der
Dienstbarkeit aufzuhalsen sein sollten. Er verlangte aber weder durch dis ein
Greuel der Welt zu werden / noch aus der Römer Gnade zu herrschen. Der Degen und
das Glücke möchte der Richter sein / wem das Ubische Altar von rechtswegen
zukäme. Er getröstete sich aber keines schlimmern / als es zeiter gewest wäre:
und so wohl seine gerechte Sache / als des unerschrockenen Hertzog Ganasches
Vebsprechen ihn versicherten. Diesemnach sollte der Graf den Feldherrn und andere
deutsche Fürsten versichern: weil zwischen Herren und Knechten keine
Freundschaft statt hätte / und auch im Frieden sowol die Neigungen / als Rechte
des Krieges unvertilgt blieben / würde die gläserne Verträuligkeit zwischen den
Deutschen und Römern bald zerbrechen / und also er jener Freund / wenn sie ihn
gleich beleidigten / und dieser Feind / wie sehr sie ihm liebkoseten / sterben.
Der Graf von Hanau antwortete: wenn Hertzog Melo bei dieser Meinung bliebe /
wollten die deutschen Fürsten entschuldiget sein: dass sie bei ihm und für sein
Heil alles getan hätten /was der gemeine Bund und ihre Pflicht erforderte: sie
befinden sich gezwungen der Zeit zu weichen / und für dem Verhängnisse die Segel
zu streichen. Dieser ihr Schluss würde ihm auch hoffentlich selbst vorträglicher
sein; als wenn sie alle zusammen aus einer falschen Hertzhaftigkeit sich in
Grund stürtzten / und mit der Zeit zu seiner Erhaltung nichts beitragen könten.
Melo aber versätzte: Er liesse der ganzen Welt die Freiheit zu urteilen: ob
seine ihn verlassende Bundsgenossen einen Weg zu ihrer Wolfahrt oder zu ihrer
Verterben erkieseten? Ob dieses erhebliche Gründe ihres Verfahrens / oder ihre
Zagheit bemäntelnde Farben wären? Und ob sich ohne Verlust seiner Ehre in Treu
und Glaube eine solche Scharte machen liesse? Wie dem aber wäre; und was für
Notwendigkeit gleich hinter ihrem Friede steckte / bliebe doch ihre Absonderung
zum wenigsten eine grosse Schwachheit / in welche kein Fürst verfiele / der das
Maas seiner Kräften verstünde / und nichts ohne Vorsicht handelte. Denn / da sie
sich den Römern nicht gewachsen zu sein gewüst / und des herrschsüchtigen
Marbods untreue Nachbarschaft für Augen gehabt; hätten sie entweder ihn nicht
durch ihren Bund die Waffen zu ergreiffen veranlassen; oder jetzt durch ihren
unzeitigen Frieden der Welt ihr Unvermögen nicht so schimpflich verraten sollen
/ nach dem sie einmal die Beschirmung der deutschen Freiheit auf ihre Achseln
genomen hätten. Der Graf von Hanau hielt nicht für ratsam durch ausführliche
Antwort das gekränckte Gemüte des Melo mehr zu erherben /sondern brach kurtz ab
/ und sagte allein: In schweren Verwickelungen müssen Fürsten dem Glücke / wie
in gefährlichen Kranckheiten die Aertzte der Natur folgen / welche ihnen
mehrmals selbst den Weg wiese /durch welchen sie das Ubel angreiffen und den
Krancke retten sollten. Melo aber verliess die schon auf der Zunge habenden Worte
im Munde / sätzte sich im Gesichte des Grafen von Hanau zu Pferde; dessen
Leibwache für der Stadt schon in voller Bereitschaft hielt; und sein Geräte
liess er auf etliche Schiffen den Rhein hinunter führen.
    Nach des Hertzogs Melo Abzuge erteilte der Cattische Hertzog alsbald Befehl
den gefangenen und zu Maltium verwahrten Segestes nach Bingen zu holen.
Zwischen Meinz und Bingen aber ward auf einem kleinen Eylande im Rhein alles zu
Vollziehung des Friedens bereitet. Auf Römischer Seiten war Cäcina und Asprenas;
auf Deutscher der Graf Nassau und Waldeck hierzu verordnet. Für die Mitler war
ein köstlich Zelt in der Mitte des Eylandes / für die Römische Gesandten am
Sud-für die Deutschen am Nord-Ende bereitet. Die Mitler kamen mit der
aufgehenden Sonnen dahin; eine Stunde darnach aber stiegen die Römischen und
deutschen Gesandten auf einmal aus; und wurden auf ganz gleiche Art und Zeit in
das Zelt der Mitler abgeholet. Nach dem sie alle einander mit grosser
Ehrerbietung bewillkomt / und König Marbods Botschafter beiden Teilen über
dem geschlossenen Frieden Glück gewünscht; auch den abgehandelten Inhalt
wiederholet hatte; erklärten sie sich zwar beiderseits; dass sie darmit einstimig
wären. Es erwuchs aber alsbald ein Streit über der Sprache; und auf was die
Friedens-Bedingungen zum Beweis und künftigem Gedächtnis verzeichnet werden
sollten. Die Römer liessen das dinneste Papier / welches das Käyserliche genennet
ward / darlangen. Denn ob zwar schon zur Zeit des grossen Alexanders erfunden
worden war / aus denen mit einer Nadel von samen gezogenen und hernach mit
trüben Nil-Wasser zusamen geleimten Blastern oder Häutlein einer Egyptischen
Wasser-Staude Schreibe-Papier zu machen; so hatte doch Käyser August erfunden
selbtes mercklich in verbessern; indem er nur die dinnesten Blätlein aus der
Mitte des Papier-Baumes abschälen / eines die Länge / das andere die Quäre auf
einander legen / und mit einem klaren Leime zusammen kleiben liess. Welches daher
fürs beste gehalten / und nach seinem Nahmen geneñt ward. Der Graf von Nassau
aber verwarf es / als allzu sehr durchschlagend / und keine scharffe
Schreibe-Feder vertragend. Cäcina liess also das aus denen andern Blätlein / nach
Erfindung Liviens / was dicker gemachtes Papier hergeben; aber der Graf Waldeck
meldete: die Deutschen wären gewohnt lange tauernde Frieden zu schlüssen; und
also wäre ihnen hierzu alles Papier / welches so leicht als die von den Alten
zum Schreiben gebrauchten Baumrinden zerrissen / und noch ehe von Schaben
gefressen würde / zu geringe / oder eine verdächtige Wahrsagung eines
vergänglichen Friedens. Diesemnach liess er ihm eine ausgearbeitete Schweinhaut
reichen; welche denen Römern nicht unangenehm sein könnte / weil sie bei allen
ihren Bündnüssen ein Schwein oder gar eine Sau zu schlachten pflegten; und als
ein streitbar Tier ihrem Kriegs-Gotte gewiedmet wäre; nach dem solches von dem
zähnichten Sicinius / welcher hundert und zwantzig mal im Zweikampfe gefochte /
sechs und zwantzig Siegs-Kräntze / hundert und viertzig Armbänder erworben hätte
/ dem Mars zum ersten mal wäre geopffert worden. Asprenas fiel ein: dieses Tier
/ welches an Fettigkeit alle andere überträffe /schickte sich zwar gar wohl zu
opffern; und würde dem Jupiter selbst zu Aten ein Schwein geschlachtet. Alleine
die Haut dieses geilen / Kot- fressenden und unflätigen Tieres wäre viel zu
unwürdig ein Behältnüs des mehr als güldenen Friedens abzugeben; welcher auf das
reinlichste zu verfassen wäre / weil er denen Blutbefleckungen ein Ende machte.
Daher zu Rom alle Frieden-Schlüsse auf schneeweisse Leinwand gedrückt / und im
Tempel des Saturn aufgehoben würden. Man schmiedete die mörderischen Schwerdter
zum Teil aus Golde; man versätzte sie mit Edelgesteinen; ja man verwahrte wohl
gar tödtliches Gift in Schmaragd und Hiacynten; und man sollte den
unschätzbaren Frieden auf einer Schweinshaut besudeln? Wäre es nicht eben so
viel als die Perle auf den Mist werffen? oder mit jenem törichten Weibe ihren
Harn in Gold lassen / und aus Glase trincken? der Graf Waldeck antwortete
lächelnde: Er hoffte durch seinen Vorschlag nicht so sehr gesündigt zu haben.
Wäre doch der auf Schwein- und andere Häute geschriebene Homer vom grossen
Alexander unter sein Hauptküssen / und folgends in das kostbarste damascenische
Kästlein gelegt worden. Würden nicht die Schweine / etlicher Meinung nach / von
Juden / fürnemlich aber von Cretensern / weil eine Bärmutter Jupitern in seiner
Kindheit gesäugt hätte /göttlich verehret? Ja die Vor-Eltern der Römer / nämlich
die Bürger zu Lavinium hätten der funfzig Fercklein werffenden Range des Eneas /
und die Stadt Alba einem Schweine / als ihrem Urheber / wie Rom seiner Wölffin
eine Seule aufgerichtet. Zum wenigsten aber wäre diesem nützlichen Tiere das
Lob nicht zunehmen: dass es mehrmals ein Werckzeug grosser Siege gewest; und
hätten die von Megara mit überpichten und angezündeten Schweinen Antipaters /
die Römer des Pyrrhus Elefanten und Pferde / welche für ihnen eine grausame
Abscheu hätten / in ärgste Verwirrung / einen herrlichen Sieg / und dardurch
einen guten Frieden zuwege gebracht. Warumb sollte nun eines so angesehenen
Tieres; welches die Römer und andere Völcker eben so wohl / als Ochsen und
Schaafe auf ihre ältesten Müntzen gepregt hätten / nicht zu einer Schreibe-Tafel
dienen. Cäcina nam diesen Einwurff für einen höflichen Schertz auf / und sagte:
der Römische und deutsche Friede wäre ihm so ein liebes Kleinod: dass er ihn in
Diamanten und Rubinen zu schneiden würdig schätzte. Was würdigers nun hierzu zu
nehmen / und gleichwol der Deutschen Vorschläge nicht gäntzlich zu entfallen /
wollten sie hierzu etwas von einem Tiere erkiesen / welches dem Schweine am
ähnlichsten; ja dis aus selbigen Tieres Unflate entsprossen sein sollte. Dieses
wäre der Elefant. Hiermit liess er ihm zwei schöne helffenbeinerne Taffeln langen
/ welche von allen Anwesenden einmütig zu Verfassung des Friedens beliebt
wurden. Darauf wollten die Römer ihn in Lateinischer- die Deutschen aber in ihrer
Mutter-Sprache verfasset wissen. Jene / weil die Lateinische Sprache den
Deutschen wie allen Völckern kundig wäre / zu Rom aber fast niemand deutsch
könnte. Diese / weil sie auf deutschem Bodem / und unter deutschem Himmel wären;
die deutsche Sprache sich auch durch ganz Asien bis in Persien ausgebreitet /
und als eine der ältesten Sprachen den Griechen selbst ihre Buchstaben geliehen
hätte. Der Graf von Stahrenberg wollte diesen Zwist nicht zu Kräfften kommen
lassen; fieng also an: Es wäre zu wünschen: dass / der Egyptischen Priester
Wahrsagung nach / bald in der ganzen Welt / wie es von Anfange der Welt gewest
/ da alle Tiere einerlei verständliche Stimme gehabt haben sollten / eine
Sprache geredet würde. Sintemal die siebenzig oder zwei und siebenzig Sprachen /
ohne ihre noch gezeugte Töchter / als eine Straffe des Himmels in der Welt
nichts als Verwirrung und Beschwerligkeit verursachten. Weil aber hierauf nicht
zu warten / kein Augenblick aber bezahlt werden könnte / der zu Beförderung des
köstlichsten Dinges in der Welt / nämlich des Friedens nicht angewendet würde /
hielte er fürs ratsamste: dass / weil die Römer die Griechische gleichsam für
ihre andere Mutter-Sprache angenommen; die Deutschen aber darzu ihre Buchstaben
hergegeben hätten /und beide sie für ein allgemeines Band der Völcker /und die
Römer ihre Lateinische guten teils für eine Tochter der Eolischen hielten / der
Friede am füglichsten Griechisch abzufassen sein würde. Beide Teile beruheten
bei diesem Vorschlage / also schrieb ein Druys in eine; und ein Römischer
Priester mit einem spitzigen Grieffel aus Stahle in die andere Taffel die
Friedens-Gesätze; und so wohl die Mitler / als beiderseitige Gesandten darunter
eigenhändig ihre Nahmen. Ja es ward beliebet: dass an eben selbiger Stelle eine
ertztene Seule aufgerichtet werden sollte / darein die Friedens-Bedingungen
geetzet wären. Welche zu Meinz so geschwinde gefertigt ward: dass man sie den
neundten Tag auf einen dazu bereiteten alabasternen Fuss / den Hertzog Arpus aus
seinem Nordhausischen Stein-Bruche dahin eilfertig verschafte / aufrichten
konnte. Oben auf der Seule stand ein aus Ertzt gegossenes Bild des Friedens über
eitel Rosen; welches auf dem Haupte einen Krantz aus Lorbeer- und Oel-Blättern /
wie auch Weitzen-Eeren / in der rechten Hand einen Herolds-Stab / in der lincken
einen Püschel Mah-Häupter / und göldener Aepffel / an der Seiten an statt des
Köchers ein Horn des Uberflusses hatte. Die Barden wollten hierbei weder ihrer
Freude noch Pflicht vergessen; daher gruben sie die erste Nacht in die eine
Seite des steinernen Fusses über den zur Zierat darein gegrabenen Rhein-Strom
folgende Reimen ein:
Der Alpen Riesen-Sohn / du Silber-reiner Rhein /
Für dem Eridanus in Pfützen sich verkreucht.
Dem / wie auch seiner Frau der Donau / willig weicht /
Europens jeder Strom; der du schluckst Wässer ein /
Die statt des Sandes führn Gold / Perl und Edelstein.
Für dessen Hörnern selbst des Meeres Saltz erbleicht /
Und dessen Quell der Nil mit seinen Augen weicht /
Komm! lass dis Friedens-Bild stets deinen Abgott sein;
Schütt' allen deinen Schatz aus an dis Heiligtum;
Denn Fried' ist güldener als Gold; und edler Art /
Als was für Stein und Perln der Ganges-Strom verwahrt.
Nim dem gestirnten Po nun immer seinen Ruhm.
Denn solche güldne Zeit ist alles Glückes Kern /
Und Eintracht nützlicher den Deutschen / als ein Stern.
Auf der andern Seite war über dem zum Zierat eingegrabenen Römischen Adler zu
    lesen:
    Rühmt ihr Phönicier; dass ihr durch Adlers Blut /
    Nach dem Astart' es sprengt' auf des Neptun Altar /
    Den Fels geanckert habt / der vormals wanckend war /
    Auf welchem Tyrus stand ins Meeres blauer Flut.
    Wie bald fiel eure Stadt durch blossen Ubermut /
    Die an dem Himmel hieng / und lachte der Gefahr.
    Denn Keite / Marmel / Stahl reisst wie ein schwaches Haar /
    Wenn wir nicht klug / behertzt / und Gott uns nicht ist gut.
Ihr Deutschen / dieses Ertzt und dieser Friedens-Stein /
    Ist durch viel edler Blut und Oel geweichet ein /
    Das tausend Helden oft aus Wund und Adern raan.
    Soll er wie Ertzt nun stehn / muss der befleckte Rhein
    Ein Sitz der Gottesfurcht / der Eintracht Vorburg sein.
    Wer so befestigt ist / den ficht kein Sturmwind an.
    Nach dem nun der Friedens-Schluss gegen einander ausgewechselt / und so wohl
vom Tiberius / als denen deutschen Fürsten eine schrifftliche Genehmhabung denen
Mitlern eingeschickt war; bestimmten die Deutschen den Vollmond / die Römer aber
den dreizehnden April / welcher dem siegenden Jupiter und der Freiheit geweihet
ist / zu Beschwerung des Friedes; und den sechzehnden darauf / an welchem Tage
Octavius zum ersten mal als Käyser August begrüsset worden / sollten ihre
Freuden-Feier gehalten werden. Der Graf Nassau und Waldeck wurden auf bestimmte
Zeit nach Meinz abgeschickt / daselbst vom Tiberius und Germanicus herrlich
bewillkommt / und unterhalten. Der Eyd geschahe in dem zu Meinz von den Römern
erbauten Tempel des Jupiters / von dem Tiberius alleine; weil er den Germanicus
an seiner obersten Kriegs-Herrschaft ein Teil haben zu lassen viel zu neidisch
war. Die Priester opfferten zu erst ein Schwein; hernach trat Tiberius für
Jupiters Altar / und legte die helffenbeinerne Friedens-Taffel mit grosser
Ehrerbietung darauf / der Hohepriester aber gab ihm einen Kieselstein in die
rechte Hand / auf die lincke Seite führte ihm ein ander Priester ein
schneeweisses Lam / welches er mit der lincken Hand fasste / hernach zwische
diesen Worte den Stein zu Boden warf; Jupiter / Mars und Quirin seid Zeugen und
Rächer dieses Friedens; und wo ich selbtem treulich und ohne Arglist nachkome /
so wendet mir alles zum besten. Solte ich aber friedbrüchig werden; so verwerfft
mich von eurem Antlitze / wie ich diesen Stein; oder zerfleischet mich / wie der
Priester jetzt diesem Opffer-Tiere tun wird. Worauf denn Tiberius sich
rechtwerts dem Altare wieder zuwendete / mit scheinbarer Andacht der Opfferung
des Lammes auswartete / und hernach die deutschen Gesandten mit einem prächtigen
Gastmahle abfertigte. Folgenden Tag / an welchem der Vollmonde einfiel / kamen
Cäcina und Asprenas nach Bingen / allwo der Feldherr auf einem unter freiem
Himmel nahe an dem Rheine aufgerichteten Altare dem einigen Gotte des Friedens
hundert weisse Ochsen opffern liess / und hierauf neben sechs andern deutschen
Fürsten den Bestätigungs-Eyd mit grosser Andacht leistete / jeder auch mit einer
Zange aus dem Opffer-Feuer ein glüendes Eisen nam und in den Rhein warf / mit
beigesetzten Worten: Wenn unter ihnen jemand den Frieden verletzen würde / sollte
er und sein Haus wie dis glüende Eisen ausgelescht werden. Welche Eydesleistung
der Griechischen nahe komet; dabei Bündnüssen ein glüend Stahl ins Meer
geworffen / und beteuert wird: Es solle der Bund so lange tauern / als solch
Stahl nicht wieder ans Licht käme. Die Römischen Gesandten wurden hierauf nach
deutscher Art herrlich bewirtet; und allerseits gegen einander grosse
Verträuligkeit bezeuget. So seltzame Larven nehmen die Menschen nach und nach
für; also dass einer heute ein geduldiges Lam / oder eine behägliche Taube
fürbildet / der gestern ärger als ein Tieger wütete / und schärffere Klauen /
als Geier und andere Raubvögel zeigete; wormit diese Warheit ja so viel klärer
an Tag käme: dass der Mensch der veränderlichste Cameleon / die Welt ein
Schauplatz / das Leben ein anfangs lächerliches / hernach aber trauriges Spiel
sei.
 
                                    Innhalt
                              Des Dritten Buches.
Vergleichung geschminckter Angesichter mit der falschen Freundschaft; welche
Tiberius mit den Deutschen aufgerichtet. Agrippina leget bei dem deutschen
Frauenzimmer / nämlich bei Tussnelden und Erdmut ihre Besuchungen ab. Ihre
höfliche Bewillkommung geschicht in Beisein der Erato / Ismene /Catta / Zirolane
und Adelmunde. Allerseits Verwunderung über aller Schönheiten; wie auch ihre
Freundschaft und verträuliches Gespräche. Allzu viel Ehren-Bezeugungen oder
Vorzug hindern die Verträuligkeit. Ob der Krieg die alte Freundschaft aufheben
könne. Agrippine verehret im Nahmen der Käyserin Livia Tussnelden eine
Schachtel- voll Kleinodien / der Erdmut aber eine Schnure Perlen; sie trägt
Bedencken /solche wider der Catten Gesetze anzunehmen. Gespräche von der
Edelgesteine Natur und Eigenschaft. Ingleichen von allerhand mit Zeichen oder
Zahlen bemerckten Siegeln oder Müntzen / Perlen / und denen zur Pracht dienenden
Sachen. Ob man Perlen / Edelgesteine und andere Sachen zum Zierrat tragen und
sich schmücken solle? Von der Kleider Pracht. Agrippinens Verwunderung: dass in
Deutschland auch Perlen und Edelgesteine wachsen. Zirolane verehret ihr eine
Schnure derselben. Ihr Gespräche vom Gewichte der Perlen; und wie sie gezeuget
und gefischet werden. Vom Gewichte grosser Diamante. Tussnelde verehret
Agrippinen ein Halsband von Opalen / so bei den Kwaden gefunden werden.
Agrippinens abermalige Verwunderung über Deutschlands Schätzen.
    Inzwischen gibt der Feldherr dem Römischen Gesandten Sentius Saturnius
Gehör; dieser ladet die deutschen Fürsten zu des Tiberius Lust-Spielen nach
Meintz / und will den Segestes aussöhnen: Der Feldherr und Arpus entschuldigen
sich dahin zu kommen. Segesten aber verzeihet der Feldherr abermals. Segestes
wird durch den Grafen Barby eingeholet; dessen scheinbare Entschuldigung /
Abbitte und Versöhnung mit dem Feldherrn und Arpus; welcher ihn bei der Liebe
des Vaterlandes und seiner Kinder beschweret / künftig bei Deutschlande zu
halten. Siegesmund bittet Segesten kniende umb Verzeihung /dass er ihn unerkannt
gefangen bekommen. Ingviomer / Flavius / Jubil und Catumer sind über der
Aussöhnung vergnügt. Segestes unterzeichnet den Reichs-Schluss. Jubil besinnet
sich beim unterschreiben auf seinen Nahmen; worüber alle Fürsten lachen /
Segestes aber solche Stachel-Rede empfindet. Herrmann bewirtet sie allerseits.
Tussnelde bewillkomt ihren Vater tränende. Ismene seufzet nach dem Zeno.
Catumer liebt Adelmunden die Chautische Fürstin. Siegesmund Zirolanen / Flavius
die Königin Erato / und ihr Gespräche. Saturninens Einladung zu des Tiberius
Feier- und Lust-Spielen; teilt goldene Gast-Zeichen aus. Alle reisen hierauf
nach Meintz. Unterschiedliche Gast-Gebräuche. Tiberius / Germanicus und Arpus
bewillkomt die Deutschen zu Meintz herrlich. Beschreibung des Schau-Platzes
daselbst am Rhein. Des Tiberius prächtiges Schau-Spiel von der Römischen
Freiheit; in welchem bei Eröffnung des Schau-Platzes drei Herolde und Bellona
auftreten. Ferner die Stadt Rom mit ihren Königen und aller ihrer Pracht und
Herrligkeit. Die sieben Könige kämpfen umb den Vorzug / Bellona setzt dem
Romulus / als dem tapfersten den Siegs-Krantz auf. Prometeus erscheinet und
erleuchtet alles; worauf Bellona den Romulus singende überredet / solchen
Siegs-Krantz des Augustus Bilde abzutreten. Tantz der Plejaden und sieben
Irr-Sterne. Ein feuriger Steinbock trägt Augustens Bild in Himel. Hierauf kehren
die Zuschauer wieder nach Meintz. Germanicus stellt des andern Tages in eine
schönen Garten am Rhein ein ander Schauspiel vor. Der Erato und des andern
Frauenzimmers kluge Betrachtungen / Gespräche und Verwunderung von Schönheit der
Blumen und Gewächse daselbst. Germanicus vergnügt sich hierüber; Tiberius aber
zeigt und legt ihnen unterschiedene seltzame Blumen aus. Prächtiges
Garten-Gastmahl der Römer; dabei die Speisen und alles mit Blumen geschmückt
sind. Die erste Pracht der Speisen stellen die Bilder der zwölff himlischen
Zeichen / iedes in sieben Schüsseln; die andere der zwölff Götter / auf
künstlich gezierte Art für. Schertz-Gespräche und Rätzel dabei. Tiberius gibt im
Sauffen den Deutschen nichts nach. Wettsauffen eines Römers und eines Deutschen.
Des Germanicus und Agrippinens Bekümmernis hierüber. Die dritte Tracht Speisen
wird in Gestalt der Bilder der zwölff Monate auf einem vergüldeten
Speise-Gestüle aufgetragen; die wie bei vorigen zwei Trachten /iedes Bild sieben
Schüsseln oder Teller mit allerhand Speisen träget. Tiberius stellet einen neuen
prächtigen Aufzug von der Freiheit vor. Da anfangs der Müssiggang / die Freiheit
/ die neun Musen / die freien Künste erscheinen. Der Freiheit Lob-Gesang / und
der andern Personen Tantz. Auftritt des Janus / der Göttin Rom / Italien / der
Römischen Bürgermeister / des Cecrops / der Stadt Aten / in Gestalt der Pallas
/Griechenland / und dessen Helden. Der Missgunst. Der Römischen Bürgermeister und
Griechischen Helden Streit umb der Freiheit Sieges Krantz. Ein Adler mit einem
Lorber-Zweige. Die gewaffnete Liebe mit Augustens-Bilde. Die Deutschen Fürsten
stellen hingegen einen Aufzug; und zwar anfangs den deutschen Hercules mit
funfzig Riesen / die Königin Deutschland mit fünf hundert deutschen Rittern für;
deren Führer ihre alte zwölff Herrscher abbilden. Deutschland besinget
gleichfalls das Alter seiner Freiheit. Rom gibt den Kriegs-Krantz Deutschlande
die Helfte; worauf dieser Aufzug von der Freiheit beschlossen wird. Nach diesem
fodern zwei schwartze Ritter durch einen Herold den Flavius und Jubil auf den
Kampf Platz. Jubil rennt einen zu Bodem / und erkennt ihn vor den Malovend.
Flavius und der andere Ritter stossen einander zugleich zu Bodem / worauf dieser
vor den Zeno erkennt / Erato aber darüber ohnmächtig wird. Malovend lässt beim
Jubil umb Verzeihung bitten / weil ihn die Liebe wegen der Catta zu diesem
Zweikampfe verleitet. Jubil verzeihet ihm. Des Zeno und Flavius gefährliche
Kranckheit / und der Erato Betrübnüss / welche sich deswegen erwürgen will.
Tussnelde redet ihr wegen solchen verzweifelten Vorsatzes harte zu. Erato misst
die Schuld den angebohrnen Gemüts-Regungen und Gestirnen bei. Ihr beider
Gespräche: Ob die Gemüts-Regungen oder der Einfluss der Gestirne den Menschen zu
verzweifelten Entschlüssungen zwingen? Als Erato sich mit einem Messer erstechen
will / komt ihre Nebenbuhlerin Ismene darzu; die sie voller Ungeduld anfähret;
Ismene / als sie von des Zeno Tod höret / will sich gleichfalls erstechen. Jede
eignete sich den grösten Teil des Zeno Liebe zu. Tussnelde verweiset beiden die
Verzweifelung / und den Selbst-Mord ernstlich. Des Zeno Todes-Gefahr. Verlangt
die Erato zu sehen. Ihr Traum. Zeno gesegnet die Erato; welche sich höchlich
betrübet. Zeno und Flavius versöhnen sich: worbei Zeno ihm die Erato übergibt;
welcher sie höchst wehmütig von ihm annimmet; doch sich erkläret / selbte mit
ihm gleiche zu lieben. Die darzu kommende Ismene beredet den Zeno: dass
dergleichen geteilte Liebe nur Heuchelei sei: und beut sich hingegen dem Zeno
zur Liebe an. Worüber die sich eifernde Erato erstechen will; Flavius aber sie
mit beweglicher Zurede abhält. Zeno ermahnet sie gleichfalls den Flavius künftig
zu lieben / seiner aber / als eines Sterbenden zu vergessen; welche sich endlich
überwunden / und geduldig darein gibt. Ein Artzt will auf seltzame Art dem Zeno
das Blut stillen. Ein Kräuter-Mann aber zeigt Ismenen und der Gräfin von
Benteim ein besonder Mittel. Weil auch diss nicht helffen will / begehrt Ismene
von der Erato ihr das Recht auf den Zeno abzutreten / wenn sie ein besser Mittel
hätte ihn beim Leben zu erhalten. Dieses willigt Erato. Worauf Ismene dem Zeno
das Blut aussaugt / solches stillet und ihn verbindet. Flavius wird vor
übermässiger Freude die Erato zu besitzen kranck. Des Zeno Erkentligkeit gegen
seine Helfferin Ismene; diese schüttet hierdurch das Hertz ihrer heftigen Liebe
vollends für ihm aus. Erato ermahnet so wohl den Zeno als Ismenen einander zu
lieben. Zeno wird wundersam heil; Flavius aber kräncker / und Erato erst umb ihn
aufs neue betrübet. Des Flavius seltzames Genesungs-Mittel von Ismenens
Vorsorge. Tussnelde bemühet sich die Königin Erato wieder auf die erste Liebe
zum Zeno zu bringen. Der Erato Scham-Röte und Zugeständnüss: dass sie den Zeno
liebe / aber ihr Recht wegen Erhaltung seines Lebens Ismenen abtreten müssen;
wird unter heftiger Beklagung ihres Unbestandes von der fallenden Sucht kranck.
Ihr seltzames Genesungs Mittel. Des Flavius und Zeno Zurede wegen ihrer
Liebes-Veränderung und verzweifelten Vorsatzes. Ismene ist der Erato Aertzt in;
will die Kranckheit in einen Baum spinden. Etlicher Kunst-Aertzte / besonders des
Cornelius Celsus Gespräche mit einem gemeinen Kräuter-Manne von der
Heilungs-Kunst und übernatürlichen Mitteln. Fortsetzung der Römische
Schauspiele; darinnen alle Beamte und Bediente der Stadt Rom / wie auch ein
ganzes Römisches Sieges-Gepränge nebst aller Zugehör / die Stadt Rom mit ihrer
grösten Pracht; die zwölf himlischen Zeichen / die Tugend und das Glücke. Africa
/ Asia und Europa und iedes mit zehn Ländern / treten auf / opfern Rom unter
ihrem Gesange /iedes / was es hat. Das Glück und die Tugend streiten unter
allerhand Vorstellungen / mit Singen und Tantzen umb den Vorzug. Teils Länder
schlagen sich zur Tugend; teils zum Glücke; hernach auch alle Römische
Bürgermeister und Feldherren / ieder Teil die Helffte; welche allerseits die
erdencklichsten Täntze unter wunderlichen Klang- oder Seiten-Spielen halten. Die
Göttin des Sieges gibt ihrem Kampf den Ausschlag. Die Eintracht vermählet Friede
und Krieg /Tugend und Glück / Rom und Augusten zusammen. Die Ehre setzet ihnen
perlene Kronen auf; die Sibyllen singen hierzu einen Lob-Gesang vom August;
ingleichen der Sieg. Freudiger Beschluss dieser Aufzüge. Einiger Deutschen
Empfindligkeit hierüber. Germanicus bewirtet abermals die Deutschen auf einem
prächtig beschriebenen Lust-Hause herrlich; alle werden auf besondere Weise
bedienet. Aufbruch der Deutschen. Tiberius beschenckt alle deutsche Fürsten /
Agrippine das Frauenzimmer. Des Tiberius Aufbruch nach Rom / und Bewillkommung
daselbst. Hält drei Siegs-Gepränge. Schmäh- oder Stachel-Schrifften in Rom wider
den Käyserlichen Hof. Augustus Urteil / der Livie Eifer darüber. Des Germanicus
Kriegs-Sorgfalt in Deutschland. Des Melo und seiner Söhne Kriegs-Rüstung.
Klopfet den Germanicus an der Mosel. Dieser reiset nach Rom seine
Bürgermeister-Würde anzutreten; findet Rom sehr verändert und in Wollüsten
ersoffen. Hält dem Volcke Ritter-Spiele / und läst sich tapfer sehen. Der
Cheruskische Hof reiset nach Mattium. Des Feldherrn Heirat-Sorge für seinen
Bruder und Schwester. Ismene soll Catumern heiraten. Ihr Widerwill. Ingviomers
Einraten / dass die Geistligkeit ihr zureden müste. Der Feldherr fällt ihm bei.
Adgandester aber rätet den Zeno zuvor aus ihren Augen zu entfernen. Der
Feldherr trägt anfangs Bedencken; doch befiehlt er Adgandestern diese
Verrichtung zu übernehmen; und verlangt: dass Luitbrand / der oberste Druys ihr
einreden soll. Dessen anfangs gütige / hernach bedrohliche Zurede. Ismene
schützet die Unmögligkeit / dass sie ihn nicht lieben könnte /für. Der Druys
kündigt ihr den Bann an / und beschuldigt sie bei dem Feldherrn einer Ketzerei
und Gottes-Lästerung. Der erschrockene Feldherr verweiset dem Druys sein
hitziges Verfahren; dieser will sich nicht Mängel ausstellen lassen. Des
Feldherrn Verdruss über solchen Hochmut; hält Ismenen ihr Verbrechen für. Sie
verteidigt sich klüglich und entschuldigt sich: dass ihr Hertz unmöglich
Catumern lieben könnte; erzählt zugleich ihren mit dem Druys gehabten
Wortwechsel. Des Feldherrn Mitleiden; er schreibt an den Priester Libys / dass er
von der Druyden Versamlung nicht aussen bleiben möchte. Zeno nimt in einem
Briefe von Ismenen Abschied; weil ihm von Adgandestern angekündigt worden /
Deutschland zu räumen. Sie will sich darüber nicht trösten lassen. Der Erato
Wehklagen wegen des Zeno. Zirolane tröstet die Erato und Ismene. Beide schreiben
dem Zeno Antwort. Des Cattischen Hofes Unwillen über Ismenen. Adgandesters List
und zauberische Mittel. 300. versamlete Druyden halten in einem Walde
Deutschlandes über Ismenen hohes Gerichte; tun es vorher dem Feldherrn und
Arpus zu wissen; beider Antwort; fodern Ismenen; dieser Trost und Vertrauen auf
Gott. Ihr Abschied / des andern Frauenzimmers Bekümmernis umb sie. Sie kleidet
sich weiss / ihre Bedienten rot. Ursachen davon. Ismene komt im Eichwalde an.
Schrifft in den Eichbäumen. Deren Bedeutung / und Erklärung der dreieinigen
Gotteit. Erato vergnügt sich über dieser Auslegung; der Druys aber weinet
hierüber vor Freuden / und erkläret ihr ferner die Gotteit und der alten Weisen
Lehre. Der Druyden Opfer. Hegung des hohen Gerichts. Luitbrands Rede und
Anklage. Ismenens stattliche Verantwortung wider die Beschuldigung der
Gottes-Verläugnung /und Sterbligkeit der Seele. Der oberste Druys fraget nach
der Reie herumb. Diese geben sämtlich ihre Stimmen und Meinungen nach einander.
Einer will /dass die Unschuld durch Anrührung eines glüenden Eisens / ein ander
durch den Zweikampf erforschet werden soll. Einer verdammet den Zweikampf / ein
ander billicht ihn. Funfzig stimmen ihm bei; wie auch die folgenden; worauf der
Zweikampf erkieset wird. Sieben Ritter stellen sich vor den Druys zu kämpfen.
Einer aber mit sieben Waffen-Trägern für Ismenen; welcher von den sieben Rittern
einen für Segesten im Zweikampf erkennet wird. Drei neue Ritter wegen Ismenens
kommen in Schrancken; welche von ihrem Gegenteile einen vor Dagoberten / den
andern für Cariovalden / den dritten für Siegesmunden erkennen. Zwei neue Ritter
erscheinen vor Ismenen in Schrancken / fechten abermals mit den Druydischen /
davon einer vor Childerichen / und der Ismenische für Adelmunden / einer für die
Erato / und der dritte für den Flavius erkennet wird. Zwei neue Ritter fechten
ernstaft; da einer für Adgandestern erkennet wird. Luitbrand beichtet
Adgandesters und seine Bosheit /und bittet Ismenen umb Verzeihung. Hält
Adgandestern seine Schelm-Stücke für. Dieser läugnet alles; allein der ihn
überwundene Ritter / so Jubil gewesen /redet ihm gleichfalls ins Gewissen; also
dass er seine Schuld bekennet. Die übrigen Ritter geben sich auch zu erkennen.
Allerseits Freude. Auslegungen der Sinnbilder auf der Ritter Schilden / und
Liebes-Schertze zusammen. Adgandester entschuldigt sich gegen dem Feldherrn.
Dieser läst ihm und dem Druys den Hof verbieten. Ismene verzeihet beiden. Des
Cattischen Hofes Kurtzweil.
 
                                 Drittes Buch.
Die hesslichsten Angesichter dörffen die meiste Schmincke / und falsche
Freundschaft den scheinbarsten Firnis. Nirgends aber ist dieser gemeiner / als
bei Fürsten. Denn ob zwar bei gemeinen Leuten die einmal zerbrochene
Freundschaft eben so selten / als ein zerschmetterter Spiegel ergäntzet wird;
ist es doch mit der Herrscher Freundschaft viel anders bewand; als welcher
Seele nicht so wohl die Zusammenstimmung ihres Willens / als der Vorteil ihrer
Reiche ist. So oft dieses ins Auge fällt / vergisst man aller Beleidigung / und
die allergiftigsten Feinde vereinbaren sich / wie die zerhauenen Schlangen
zusammen. So lange die Freundschaft auch beiden nutzbar zu sein scheinet /
bleibet sie als der gröste Werckzeug einer sicheren Herrschaft / wordurch ein
Land besser als durch Schätze und Kriegesheere beschirmet wird / unzertrennlich;
und es muss ihr so denn Wohltat /Bluts-Freundschaft / ja Gott selbst aus dem
Wege treten. Dieses war auch das Band / welches durch einen Frieden die
Deutschen und Römer zusammen verknüpft hatte. Weil nun Tiberius wohl wusste: dass
die von Römern so oft beleidigten Deutschen / mehr als genungsame Ursache
hatten / denen Römern einen ewigen Hass zuzutrauen; ihm aber bei vorfallenden
Alter des Käysers gleichwohl an ihrer Freundschaft allzu viel gelegen war /
unterliess er kein Mittel der Seinigen die Farbe einer aufrichtigen anzustreiche.
Ob er nun zwar wohl wusste: dass die Bündnisse der Fürsten besser mit Eisen / als
Gold verknipft / und beständiger durch Waffen / als Geschencke unterhalten
würden; so verstandet doch auch / was das Frauenzimmer ihre Männer zu leiten für
einen Hacken /sonderlich aber in Deutschland auch bei Reichs-Schlüssen zu sagen
/ die Freigebigkeit aber über die edelsten Gemüter für Gewalt hätte. Diesemnach
veranlasste er selbst Agrippine / welche nicht nur ihrem Gemahl Germanicus
allentalben hin folgte / sondern auch Kriegs-Geschäffte übernahm / des
Feldherrn und des Cattischen Hertzogs Gemahlin zu besuchen / und im Nahmen
Liviens Tussnelden und der Hertzogin Erdmut gewisse Geschencke von Perlen
abzuliefern; wormit die Römer schon vorher mehrmals die gutertzigen Deutschen
geblendet und gefesselt hatten. Agrippine übernahm diese Verrichtung so viel
williger; weil sie schon zu Rom mit Tussnelden verträuliche Freundschaft
gemacht; ja sich in sie mehr / als fast bei einerlei Geschlechte geschehen kann /
verliebt hatte. Denn Agrippine suchte sich so vielmehr ihrer Keuschheit halber
in Ansehn zu setzen / als diese Tugend zu Rom seltzam / oder vielmehr gar ein
Gelächter des Hofes war. Nachdem nun Tussnelde des Tiberius Zusetzung mit fast
unerhörter Grossmütigkeit ausgeschlagen und erhärtet hatte: dass die Schönheit
und die Keuschheit / die sonst ins gemein unversönhlichen Tod-Feinde / bei ihr
verträgliche Zwillinge wären / wurden Agrippine und Tussnelde vermittelst dieser
Tugend gleichsam ein Hertze. Sintemal edle Gemüter durch dieses Band fester mit
einander verknipft werden / als die / welche unter einem himlischen Zeichen
geboren sind. Als Tussnelden nun Agrippinens Ankunft zu wissen gemacht ward
/meinte sie nicht wenig verspielt zu haben / wenn sie ihr nicht mit gleicher
Höfligkeit zuvor käme; also ritt sie in möglichster Eil mit der Königin Erato /
und der Fürstin Ismene aus Bingen Agrippinen entgegen; welche aber ihnen nur
eine Virtel Meile von der Stadt begegnete. Die Bewillkommung geschahe mit einer
so kräfftigen Ausdrückung ihrer Freuden: dass diese allein von ihrer
unverfälschten Treuhertzigkeit unverdächtiges Zeugnis geben konnte. Gegen der
Königin Erato und Ismenen gebrauchte Agrippine zwar nicht so viel Freiheit;
gleichwohl aber lidten beiderseits so wenig ihre Zuneigung / als Höfligkeit
einigen Abbruch; weil sie wohl wusste: dass eine so tugendhafte Fürstin nichts
gemeines oder unanständiges zur Gesellschaft vertragen würde; sonderlich aber /
weil Tussnelde Agrippinens Sorgfalt durch Nachricht zuvor kam: dass eine die
berühmte Königin in Armenien Erato / die andere aber des Feldherren Schwester
Ismene wäre. Sie kamen unter tausenderlei verwechselten
Freundschafts-Versicherungen ehe nach Bingen / als sie ihnen kaum einbilden
konten. Sintemal die sonst zwar an Geschwindigkeit die Pfeile überfliegende Zeit
/ bei annehmlichem Gespräche auch dem Lauffe der Sonne zuvor komt. Unter dem
Tore begegnete ihnen auch die Fürstin Catta / Zirolane die Marsingische / und
Adelmunde die Chauzische Fürstin; welche nach erfahrner Ankunft der
Käyserlichen Enckelin Agrippine auch die Ehre haben wollten ihr mit aller
Höfligkeit entgegen zu gehen; und an der Pforte des Rathauses / wo die meisten
Fürsten wohneten / empfing sie gleicher gestalt die Cattische Hertzogin Erdmut
mit grosser Ehrerbietigkeit. Der Feldherr selbst kam eilfertig dahin / und
führte sie in Tussneldens Zimmer; welcher er Agrippinens Unterhaltung
anvertraute; weil des vom Tiberius dahin geschickten Elius Sentius Saturninus
Ankunft ihm Verhör zu geben / und also sich des Frauenzimmers zu entbrechen
nötigte. Hierauf giengen zwischen Agrippinen und dem deutschen Frauenzimmer die
Umbarmungen allererst an; und ward Agrippine von so viel Schönheiten und
Höfligkeiten gleichsam ganz verwirret; dass sie sich mehrmals bedencken musste:
Ob ihr etwan von einem bezauberten Pallaste träumte. Denn ob sie wohl zu Rom aus
denen dahin gebrachten Gefangenen wahrgenommen: dass in Deutschland das rechte
Vaterland schönen Frauenzimmers / und auch die Weiber des Pöfels anderer Länder
verzärtelten Adel mit dem herrlichen Kleinode ihrer Gestalt wegstäche; so hatte
sie doch niemals solche Vollkommenheiten in einem so engen Kreisse gesehen /
noch denen Deutschen eine so rege Lebhaftigkeit zugetrauet; als sie in dieser
Versamlung fand. Bei dieser aber war Agrippinen noch mehr verwunderlicher: dass
ihre Freiheit eine gewisse Schamhaftigkeit begleitete; welche weder den Schein
eines Zwanges / oder einer Furcht; sondern ihrem Urtel nach / die verschämte
Röte der frischen Rosen zum Ebenbilde hatte; wormit es das deutsche
Frauenzimmer allem andern der Welt zuvor täte; welches ins gemein allzu
schichtern / oder allzu frech sich erzeigete. Nachdem nun Agrippine alleine bei
Tusnelden und der Fürstin Erdmut sich anmelden lassen / meinten alle andere /
ja auch selbst Erdmut eine Pflicht ihrer Bescheidenheit zu sein / nachdem sie
nunmehr die Schuldigkeiten ihrer Ehrerbietung abgestattet / Agrippinen mit
Tussnelden im Zimmer alleine zu lassen / und auf eine Zeit von ihr Abschied zu
nehmen. Aber Agrippine meinte an ihnen keinen gemeinen Verlust zu leiden;
ersuchte sie also aufs freundlichste: Sie möchten mit ihrer Entfernung nicht so
zeitlich ihre Vergnügung vergällen; am wenigsten aber für einen Gebrechen ihrer
Gewogenheit auslegen: dass sie mit ihrer alten Freundin Tussnelde freier
umbzugehen das Hertze hätte / und ihre Freude sie nötigte selbtes gegen ihr so
viel verträulicher auszuschütten. Sie traute aber durch kurtzer Zeit
Gemeinschaft ihr Gemüte bald auch so keck zu machen: dass es mit ihnen als
Schwestern umbzugehen sich bald erkühnen würde; zumal sie sich nicht mehr Augen
in ihren Stirnen / als so viel holde Gestirne zu schauen bedüncken liesse. Sie
hätte zwar von der Käyserin Livia einen Befehl bei der Hertzogin Tussnelde und
Erdmut etwas abzulegen; dieses aber wäre keine Verrichtung eines geheimen
Zimmers /oder einer sorgfältigen Einsamkeit. Alle waren zu dem unschwer zu
bereden / was sie selbst begierig verlangten. Sintemal ihnen Tussnelde nicht
allein mehrmals Agrippinen als die tugendhafteste und redlichste Römerin
beschrieben; sondern ihr Antlitz und Geberdung auch was gewisses an sich hatte /
was die Gemüter an sich zoh. Denn ihre Bräune wiess nicht mehr: dass sie viel
Geist; sondern ihr Ey-rundtes Antlitz auch: dass sie Neigung zu verträulicher
Freundschaft hätte. Ihre Stirne war zwar ernstaftig / ihre grosse schwartzen
Augen aber milterten sie durch einen annehmlichen Liebreitz. Alles ihr Tun war
ohne Beflissenheit / welche aller Höfligkeit / wie zu grosser Aufputz der
Schönheit abbrüchig ist. Alle ihre Liebkosungen redeten ihnen selbst das Wort:
dass sie keine Erfindungen ihres Geistes / sondern das Hertze Teil daran hätte /
und ihre Bemühung andern zu gefallen ein Werck der Freundschaft wäre. Tussnelde
nötigte hierauf Agrippinen einen gewissen Sitz zu nehmen; sie erkiesete aber
alsofort den nechsten bei ihr; und ersuchte Tussnelden: Sie möchte ihrealte
Verträuligkeit belieben / und in ihrem Zimmer alles Wortgepränge / und Ordnungen
des Vorsitzes durch ein allgemeines Freundschafts-Gesetze verbieten. Sintemal
sie ja von ihr allzu wohl wüsste: dass durch übrige Verehrung die Schwäche ihrer
Seele getroffen würde / und sie selbte nicht / ohne ihr selbst Weh und Gewalt zu
tun / die Heuchelei weder dulde noch üben könnte. Tusnelde antwortete: Sie
erkennte in ihrem Hause Agrippinen für die oberste Gesetzgeberin; ihr Zimmer
aber / welches so wenig Heuchelei /als gewisse Eylande giftige Tiere vertrüge /
hätte keines Verbots von nöte. Jedoch hoffte sie nicht: dass Agrippine ihr und
ihre holdselige Gespieliñen die Ehre schuldigster Bedienung gegen eine so
seltzame Freundin missgönnen würde. Diesem setzte die Hertzogin Erdmut bei: Sie
würde die ganze Gesellschaft ihr nicht wenig verbindlich machen / wenn sie
durch Annehmung des ihr anständigen Ortes andere von der sonst aufgenötigten
Unhöfligkeit entbürdete. Agrippine antwortete: Ich bin hieher kommen zu
gehorsamen; also nehme ich diesen Stuhl / nicht aber als einen Ober-Sitz /
sondern als einen angewiesenen Ort / und alles / was zu ihrer Vergnügung
gereicht / für einen Befehl an; mich bescheidende: dass Gebot und Folge zwei so
gar der Grobheit vielgültige Verteidiger sind. Erdmut begegnete ihr: Sie
wüsten wohl: dass Agrippinens Tugenden keinen genungsam hohen Stand in Deutschland
finden könnte; sie möchte aber doch die Gütigkeit haben ihnen so viel
Ehrerbietigkeit gegen sie zu enträumen; als sie ihr zu erzeigen fähig wären.
Agrippine versätzte: Weñ ihr einige Tugend beiwohnte; würde sie nirgends ihren
vergnügtern Aufentalt als in Deutschland haben / wo die Bescheidenheit ihre
unzertrennliche Gefärtin / und die Demut zu Hause wäre. Denn wie in den
meisten andern Ländern die Hoffart viel annehmliche und nützliche
Zusammenkunften hinderte / oder zum wenigsten mit Verdruss versaltzte; weil
ihrer viel aus Hochmut andern nachzusitzen sich der Gemeinschaft entschlügen;
oder sich in selbten um den Vorzug zanckten; also stritte in Deutschland die
Tugend und Würde umb die Ehre andern nachzugehen. Erato fiel Agrippinen bei /
und sagte: Sie hätte es selbst mehr denn zu viel erfahren: dass in Deutschlande
nichts kaltsinniger / als der Ehrgeitz / und nichts feuriger als die
Freundschaft wäre. Denn die grösten Frauen dieser Nord-Welt hätten sie aus
einer Gefangenen zu ihres Gleichen / und aus einer Feindin zu ihrer Schwester
gemacht. Agrippine brach ein: Wie aber bin ich denn so unglücklich: dass man mir
durch allzu viel schöntun weh tut? und dass man durch übrige Ehrerbietigkeit
/welche ich für eine Schwachheit guter Freunde / und für eine Verwürtzung der
Verträuligkeit halte / mich geringer als die viel frembdere Erato hält? welcher
ich in allem / nur aber an Aufrichtigkeit nicht zu weichen gedencke. Erato
antwortete: Sie sähe wohl: dass die unvergleichliche Agrippine sie eben so mit
unverdienten Lobsprüchen beschämen wollte / als sie sie mit ihren Leibes- und
Gemüts-Gaben übertreffe. Ismene fügte bei: Erato wäre zwar keine Deutsche;
gleichwol aber redete sie die deutsche Warheit. Dahero weil Agrippine nichts
gemeines / sondern eitel Seltzamkeiten an sich hätte / sie von rechtswegen auf
eine ganz absondere Art bedienet werden sollte / wenn Deutschland nicht hieriñen
allzu einfältig wäre. Agrippine begegnete ihr: Warlich / Deutschland kann sich
von nichts mehr rühmen / und bei der Welt beliebt machen; als durch die Einfalt;
welche in Artzneien und in der Andacht der Kern; die Seele der Freundschaft /
und der sicherste Wegweiser des Lebens ist. Warumb aber lässt man mich dieser
Einfalt nicht genüssen? Warumb beschweret man mich mit so viel Gepränge? Und
warumb entsetzet mich ihre allzu höfliche Liebkosung meines freien Willens?
Ismene gab ihr zur Antwort: Sie wüste wohl / und Agrippine bewehrte mit ihrem
Beispiele: dass die bis zum höchsten Gipfel gestiegene Tugend sich auf keine
andere Weise / als durch ihre selbst eigene Erniedrigung erhöhen könnte; und
dahero ihre Bescheidenheit geneigt wäre / alle Aufwartung abzulehnen. Alleine
man müste nicht nur seinen Ruhm befördern; sondern auch anderer Unehre verhüten.
Diese würde ihnen zuwachsen / wenn Agrippine sie nicht liesse ihre Pflicht
abstatten. Wer für der Verehrung Eckel hätte / müste sich seiner Würdigkeit
entschlagen; also Agrippine ihnen verhengen / was so wohl die Gewohnheit / als
die Vernunft ihnen zu tun auferlegte. Tugend wäre so wohl fähig Höfligkeit /
als Pflantzen den Tau des Himmels anzunehmen. Sie wäre die genaueste
Richtschnur des Lebens / ohne welcher Ordnung die Welt in eine finstere
Verwirrung einsincken würde. Diesemnach ihr auch ohne ihre Verschmähung ein
anständiger Stand eingeräumet werden müste. Aus der Tugend rührte der Ursprung
des Adels und anderer Würden in der Welt; nach derer Staffeln auch die ihnen
gebührende Verehrung unterschieden wäre. Agrippine versätzte: Sie bescheidete
sich wohl: dass die Tugend keine Unverträgligkeit mit der Ordnung / und keine
Abscheu für ihrer Wehrtaltung hätte. Dieser wäre ihr bester Zunder / jene ihr
eigener Messstab; ja das Feuer des Prometeus / welches alle Dinge beseelete /
die güldene Kette / welches alles Schöne in der Welt zusammen verbinde. Die
seltzamsten Marmel blieben unansehnliche Steinhauffen / wenn sie die Bau-Kunst
nicht zu einem Pallaste; die auserlesenste Worte / ein unverständliches Nichts /
wenn der Mensch sie nicht zu einer Rede in Ordnung setzte. Ja die Tiere selbst
wüsten ihr nicht zu entbehren / und wäre solche nicht ohne Verwunderung im
Gewebe der Spinnen / in Wachs-Zellen der Bienen / im Fluge der Kranche / im
Schwimmen der Hirsche; und im Aufzuge der Elefanten zu schauen. Alleine / es
würde ihr die ganze Versamlung verzeihen; wenn sie der verträulichen
Freundschaft die Unordnung zur anständigsten Richtschnure zueignete. Denn da
diese nur für einen Schatten zu achten wäre /durch welche man einigen Vorteil
suchte; wäre ja auch der Vorteil des Vorzugs und grosser Ehre von selbter zu
verbannen. Da keine Freundschaft für rechtschaffen zu halten / welche dem
andern nicht so viel gutes / als ihr selbst gönnete / müste unter Freunden alles
ganz gleiche hergehen. Denn so bald ein Freund einen Vorzug verlangte / oder
besser als der andere zu sein sich bedüncken liesse / kriegte die Verträuligkeit
ein Loch und die Freundschaft ihr Ende. Die Fürstin Zirolane hielt sich
verpflichtet / auch ihr Wort hierzu zu geben; fiel also ein: Es wäre wahr: dass
die Vorzückung und Einbildung mit der Freundschaft keine Verträgligkeit litte;
dis aber wäre ihre Vollkommenheit / und ihr heiligstes Gesetze: dass man dem
Frembden mehr / als ihm selbst gönnen und ihm zueignen sollte. Ja / sagte
Agrippine; aber derselbe / welcher mehr annimmt / als er zurück gibt /macht
sich nicht nur der Freundschaft unwürdig; sondern zerreisst hiermit ihr Band.
Westwegen auch zwischen Leuten allzu ungleichen Standes keine Freundschaft
bestehen / ja nicht einst gemacht werden kann. Zirolane begegnete ihr: Auch die
Gleichheit hat ihre Absätze; und es gibt Ursachen: dass einer Henne Ey dem
andern / zwischen denen doch die gröste Gleichheit der Welt sein soll / mit
Rechte vorgezogen wird. Der einige Umbstand der Zeit / oder des Ortes verbindet
die besten Freunde zu veränderten Bezeugungen; unbeschadet die Aufrichtigkeit
ihres Hertzens keines Haares breit verrückt wird. Die Verträgligkeit zwischen
dem Mercur / und der Venus wird dadurch nicht aufgehoben / ungeachtet bald
dieser bald jener Irrstern dem andern den höhern Stand im Himmel einräumt. Die
Freundschaft der Geschöpfe ist das Band des ganzen Welt-Gebäues / sonst würde
entweder das Wasser alles ersäuffen / oder das Feuer alles einäschern; gleichwol
bestehet das grosse Uhrwerck der Welt in der vollkommensten Ordnung. Die Sonne
tritt keinen Augenblick / oder eines Nagels weit über den gestirnten
Tier-Kreis. Alle Gestirne verehren sie /unbeschadet ihrer gemeinen Liebe und
Zuneigung. Was ist aber die Freundschaft im Leben geringers /als die Sonne in
der Welt? Agrippine brach ein: die Gestirne verehren die Sonne nicht als ihren
gleichen Freund / sondern als ihren woltätigen Fürsten; und die Liebe / nicht
die Freundschaft bindet alles in der Welt zusamen; welche von der Freundschaft
hierinnen am meisten unterschieden ist: dass diese in der Gleichheit / jene in
der Ungleichheit ihre Vollkommenheit erlangt. Sintemal die Liebe am höchsten
steigt / wenn sie sich am meisten erniedriget; und erlanget ein Käfer eine
grössere Woltat von der Sonne / wenn sie ihn durch ihre Wärmbde aus eines Esels
Unflate gebieret; als wenn sie zu der Geburt eines edlen Löwen beförderlich ist
/ oder ein Gestirne erleuchtet. Wenn aber auch zwischen denen Gestirnen eine
Freundschaft zu finden; so ist die Unordnung in selbten auch jedermann
sichtbar. Die der ersten und sechsten Grösse sind so wunderbar durch einander
vermischet: dass / wenn man die Weissheit der göttlichen Versehung nicht für ein
unser Auge des Gemütes nur bländendes Licht hielte / der menschlichen Einfalt
es schier fürkommen sollte: dass die Sternen GOtt nur ungefehr aus der Hand
gefallen wären /und er bei ihrer Erschaffung zu unmüssig gewest wäre / jedem nach
seiner Würdigkeit seinen Platz einzuräumen. Die vorwitzigen Sternseher hätten
sich zwar erkühnet / die Sterne gleichsam als zerbrochene Stücke zusammen zu
lesen / und ihnen gewisse Gestalten zuzueignen; alleine ihre Torheit hätte aus
dem prächtigen Schau-Platze des gestirnten Himmels / aus dem Wunder-Baue der
Natur einen hesslichen Viehstall /und wie die Egyptier aus den Göttern Ochsen /
Stiere / Schlangen / Fische und ander Ungeziefer gemacht. Nichts weniger hätte
auch die Erde an der Unordnung ihr Belieben / und brauchte die Verwirrung zu
ihrer Zierde. Flächen / Hügel und Berge wären so seltzam /als auf selbten
tausenderlei Kräuter / Blumen und Bäume durch einander vermischt; also: dass wenn
jemand jede Art an einen absondern Ort zusammen setzte / er der Erde nicht
weniger ihr Reichtum / als die Schönheit benehmen würde. Daher sich die
neubegierigen Menschen in die fettesten Wiesen unfruchtbare Klippen zu versätzen
/ anderwerts Berge abzutragen; im Meere Land / und im Lande Seen zu machen sich
erkühnen / nur umb den Vorwitz ihres Auges zu vergnügen. Das Meer dünckt uns
niemals schöner / als bei seiner stürmerischen Verwirrung zu sein / wenn eine
Welle die andere erdrückt / ein Wirbel den andern verschlingt / und das in die
Lufft gesprjetzte Wasser des Tages ein Perlen-Regen / des Nachtes ein feuriger
Tau zu sein scheinet. Nicht anders suchet die Freundschaft ihre Vergnügung in
einer verträulichen Verwirrung / in einer schlechten Rede / in einfältiger
Gebehrdung / und in einer unaufgeputzten Verträuligkeit. Zirolane hatte ihren
Gegensatz schon in Gedancken abgefasst / und auf der Zunge; aber Tussnelde kam
ihr zuvor / und fieng an: Lasset uns denn der gütigen Agrippine Urtel uns
unterwerffen; weil wir dardurch sie für unsere Lehrmeisterin erkennen / und uns
ihre Meinung zum Vorteil gereicht; teils dass wir Deutschen unser Unvermögen
sie recht zu verehren nicht verraten dörffen / teils: dass wir als kleine
Sterne die Ehre haben / den grossen gleich geachtet zu werden. Agrippine färbte
sich ein wenig hierüber / und beschwerte sich: dass Tussnelde / welche doch unter
allen Anwesenden ihre älteste Freundin wäre / ihr es näher als keine andere
gesucht hätte. Dahero beschwüre sie sie bei ihrer alten Verträuligkeit: sie
möchte sich aller Zierligkeiten und Gepränges / welche doch einmal nichts / als
unnütze Schalen / und ins gemein ohne Kern wären / gäntzlich entalten; Und wo
jemand in so edler Gesellschaft sie lieb hätte / oder sie einiger Freundschaft
wert schätzte / sollten sie mit ihr umbgehen / als wenn sie von Kind-auf
beisammen gelebt hätten. Die Zeit wäre allzu kostbar / und die Gesellschaft
viel zu edel: dass beide mit dem Bländwercke der Heuchelei und Falschheit /
nämlich geschmierten Worten und gezwungener Ehrerbietigkeit / verspielt werden
sollte. Sie lernte das deutsche Frauenzimmer diesen Tag nicht zu erste kennen;
und also hätten sie nicht von nöten mit ihrer Höfligkeit sich zu zeigen. Die
Freundschaft aber forderte weder solche Opfer; weniger gäbe sie solche Künste
jemanden ein. Der Verstand wäre gewohnt zierlich; das Hertze aber seine Meinung
gerade heraus zu sagen. Agrippine redete dis mit einer so durchdringenden Art:
dass niemand zweifelte: ob es ihr Ernst wäre; und daher jede gleichsam für der
andern die offenhertzigste zu sein sich bemühete. Also wurden aller Zwang und
alle Zierligkeiten aus dieser Gesellschaft verbañt. Was eines wollte /beliebte
dem andern; gleich als wenn ein Geist sie alle beseelte / und ein Wille sie
sämtlich regte. Diese Zusammenstimmung vergnügte Agrippinen derogestalt: dass sie
wider ihre Aufrichtigkeit gesündiget zu haben glaubte / wenn sie die Ursachen
ihrer Dahinkunft länger verschwiege. Daher sagte sie: der zwischen den Römern
und Deutschen für gefallene Krieg wäre ihr destwegen so vielmehr bekümmert
gefallen / weil sie besorgt: dass hierdurch der unschätzbaren Tussnelde
Freundschaft auch würde Schifbruch gelitten haben. Nach dem nun dieser sich
geendigt / hätte ihr Hertze nicht ruhen können / bis sie hierüber Tussneldens
Gemüts-Meinung erkundigt; und auf allen Fall ihre Freundschaft wieder auf
ihren alten Fuss versetzt hätte. Tussnelde fiel ein: Sie erkennte mit
schuldigster Danckbarkeit Agrippinens ungemeine Zuneigung / und wäre sie nicht
wenig beschämt: dass sie ihr mit Versicherung der Freundschaft dieselbe hätte
lassen zuvor kommen / welcher doch wenig daran gelegen sein könnte. Jedoch wüste
sie keine bessere Entschuldigung; denn dass sie bei sich niemals besorgt: dass der
Krieg ihrer Freundschaft abbrüchig sein könnte. Denn ob zwar der / welcher einen
Krieg führte / auch über die Bürger seines Feindes / ihre Weiber und Kinder das
Recht des Lebens und Todes hätte; so bliebe doch das zwischen zweier Feinde
Bürgern vor oder bei dem Kriege entsprossenes Recht unversehret; ihre absondere
Bündnisse würden durch die allgemeine Fehde des ganzen Volckes nicht
aufgehoben; sondern ihre Obrigkeiten wären so gar ihres Feindes Untertanen
destwegen Recht zu verschaffen verbunden. Solte nun das heilige Band der
Freundschaft schwächer / als einer gemeinen Handlung sein? Vielmehr würde es
eine der grösten Grausamkeiten abgeben / wenn ein Krieg allen Menschen beider
Länder durchgehends Hass und Freundschaft aufnötigte. Agippine versätzte: diese
Gedancken wären in gemeinem Handel und Wandel wohl gar recht; aber auf
Freundschafts-Verbündnüsse liesse sich dieses Recht schwerlich ausdehnen.
Sintemal jeder Bürger ein Glied des gemeinen Wesens / und alles zu desselben
bestem zu tun; also auch alle Glieder seines Feindes zu hassen / und durch
Vertilgung derselben dem ganzen Volcke Abbruch zu tun verbunden wäre.
Westwegen die Römischen Kriegs-Gesätze auch in Ansehung der Stadt so gar die
Bande des Geblütes aufhiebe; und ein Vater seines Sohnes / wenn dieser für Feind
erkläret worden / zu schonen nicht befugt / und unterschiedene Beispiele
verhanden wären: dass in Schlachten ein Bruder den andern auf feindlicher Seite
hingerichtet hätte. Junius Brutus hätte seinen es mit den verstossenen
Tarquiniern haltenden Söhnen die Köpfe abschlagen / und Fulvius seinen dem
Catilina zugetanen Sohn hinrichten lassen. Tussnelde fiel ein: dieses Gesätze
wäre ihrem Bedüncken nach von allzu grosser Schärffe / solches würde
zweifelsfrei auch nur die Kriegs-Leute / und zwar auch nur / wenn sie wirklich
mit dem Feinde angebunden hätten / binden. Wiewol sie / und ihr Bruder
Siegesmund / auch bei dieser Milterung des Gesätzes den Kopff verwürgt haben
würde. Brutus aber hätte als ein Burgermeister / Fulvius als ein Feldhauptmann
schwerlich ohne Verabsäumung ihres Amptes anders verfahren können. Alle diese
Umstände aber träffen bei Agrippinen und ihr nicht ein; sondern sie hätten
unbeschadet der zwischen dem Römischen und den deutschen Häuptern waltender
Feindseeligkeit / Freunde bleiben können. Wenn aber auch sie ihres Vaterlandes
Hass auf sich schuldig gewest wären / hätte dieser nunmehr durch den Frieden ein
Ende / und würde die Zeiter mehr schlaffende als ausgeleschte Freundschaft
wider sie ergäntzt zu halten sein. Agrippine versicherte sie: dass ihr Einwurff
kein Werck eines geschöpften Argwohns; sondern nur eine kleine Bekümmernüs
gewest wäre. Denn man sorgte für nichts mehr / als was man am liebsten hätte.
Sie traute vielmehr Tussnelden / als einer solchen Fürstin / welche die
Beständigkeit zum Fusse ihrer Tugenden und Keuschheit fürlängst erkieset hätte /
zu: dass wenn auch der geschlossene Friede hundertmal brechen sollte / doch ihre
Freundschaft dardurch keinen Ritz bekommen würde. Sie wollte aber von dem so
beteuerlich-befestigten Friedens-Wercke viel ein besseres hoffen. Denn beide
Völcker hätten gegen einander ihre Kräfften geeichtet / und mit in Händen
habenden Schwerdtern sich vergliechen; welche Friedens-Schlüsse wohl die
tauerhaftigsten wären. So könnte sie auch wohl versichern: dass der Käyser August
die Deutschen werter / als kein ander Volck / sie auch am liebsten zu Freunden
hätte. Der letztere Krieg wäre auch mehr Ehrentalben / als aus Hass geführet;
und von der Käyserin Livia nicht wenig zum Frieden geholffen worden; welche mit
Tussnelden gleicher Gestalt die alte Verträuligkeit zu erneuern / mit der
Hertzogin Erdmut und andern Fürstinnen Deutschlandes aber neue Freundschaft zu
stifften sich sehnte; und daher ihr an beide etliche kleine Merckmale ihrer
Zuneigung abzuliefern Befehl überschickt hätte. Hiermit zohe Agrippine eine
Schachtes-voll der seltzamsten Kleinodien herfür; darbei meldende: Sie
bescheidete sich: dass so vollkommene Frauen vollkommnere Geschencke verdienten;
es wären aber alle Gaben nicht nach ihrem geringen Werte / sondern nach
Wolmeinung des Gebers zu schätzen / und gehörete unter die Anzahl der Tugenden
auch was schlechtes nicht zu verschmähen. Mit diesen Worten überreichte sie
Tussnelden einen vortreflichen Diamanten- / der Hertzogin Erdmut aber einen
wunderschönen Perlen-Schmuck. Tussnelde nam ihr Geschencke ehrerbietig an; und
sagte: Sie hätte zwar ein so ansehnliches Geschencke / derogleichen Deutschland
schwerlich vorher besessen / so wenig jemals verdienet / als sich desselben zu
dieser Zeit versehen. Sie würde aber dasselbte danckbar anzunehmen nicht nur
durch die Höfligkeit der Uberbringerin / welche über sie völlige Gewalt hätte
/sondern auch darumb genötigt: dass es nicht den Schein hätte / als wenn ihr an
der Gewogenheit einer so grossen Frauen wenig gelegen wäre / oder sie Livien der
Ehre einer mehr / als Königlichen Freigebigkeit berauben wollte. Die Hertzogin
Erdmut aber stand an die Perlen zu empfangen / mit beigesetzter Bitte:
Agrippine möchte ihr Bedencken und Entschuldigung ja für keine Verschmähung
solcher unschätzbaren Seltzamkeiten nicht aufnehmen; sondern versichert glauben:
dass nach dem ihre Landes-Gesätze ihr solch Geschencke anzunehmen nicht zuliessen;
ihr das hieraus allzu viel erwiesene Wolwollen der Käyserin lieber / als alle
Perlen der Welt wären. Hilf Himmel! fieng Agrippine an überlaut zu ruffen: was
haben die streitbaren Catten für rauhe Gesätze; welche der Freigebigkeit den
Eintritt in ihr Land verweigern? Warumb aber nehmen sie vom guttätigen Himmel
den Tau / von trächtigen Wolcken den Regen / vom Wasser die Fische / von der
Erde die Gewächse an? denn dis alles sind nichts anders / als Geschencke der
Götter. Von jedermann alles annehmen / wäre schimpflich / von niemanden aber
etwas / eine Grausamkeit. Erdmut begegnete ihr lächelnde: die Catten wären so
wilde nicht; und weder derselben Gesätze /noch ihre Meinung erstreckte sich so
weit. Denn ihr Verbot liesse nur nicht zu Wein / und frembde Perlen oder
Edelgesteine ins Land zu bringen. Agrippine fragte: warumb sind die unschuldigen
Perlen so unglücklich / und die Edelgesteine so verächtlich in ihrem Vaterlande?
Haben nicht die vom Taue gezeugten Muschel-Töchter mehr vom Himmel / als vom
Meere? Sind die Edelsteine nicht die Sterne der Unter-Welt? Warumb will man sie
denn nicht auf der Erde dulden? Erdmut versätzte: Sie hegte zwar mit Perlen und
Edelgesteinen keine Feindschaft / sondern hielte sie für eine schöne Geburt der
Natur; Gleichwol aber würde sie nicht würdig eines Catten Tochter /weniger ihre
Fürstin sein / wenn sie keine vernünftige Ursache ihres Gesetzes zu geben wüste.
Es möchte sich Agrippine aber nur selbst erinnern / wie viel Römer / ja August
selbst sich beklagt: dass für unnütze Steine und Scherben so viel Geldes zu
frembden oder gar zu feindlichen Völckern verschleppt würde; dass die Indianer
und Serer jährlich allein über hundert tausend Sestertier aus Rom zügen. Würde
nun Rom / welchem die ganze Welt zinssbar ist /durch diese Verschwendung
erschöpffet; wie könnte der Catten Armut hierzu zulänglich sein? Agrippine fiel
ein: Es wäre kein Ding in der Welt so gut / dass es durch Missbrauch nicht
schädlich werden könnte. Und hierinnen hätten weder Perlen noch Edelgesteine kein
Vorrecht. Die Römischen Sitten wären allerdings zu schelten: dass eines
Ratsherrn Frau zweier Geschlechter Erbschaften an so viel Ohren hienge; da die
gemeinen Weiber sie umb den Hals und die Armen trügen / und sich derselben an
statt der Trabanten bedienten / welche ihnen in dem Gedränge Platz machten / und
ein teuer Halsband denen begegnenden einen Zwang auflegen sollte ihnen aus dem
Wege zu weichen. Ja es wäre Schande: dass nunmehr auch die Männer Perlen an die
Ohren hiengen / Edelgesteine an die Finger steckten / oder gar die Mohnden auf
den Schuhen damit versetzten. Diesemnach wäre des Käysers Meinung nur gewest /
dem Pöfel den Gebrauch / dem Adel die Übermass abzustellen /nicht aber diese
Köstligkeiten von Rom / oder aus der Welt zu verbannen. Erdmut brach ein: Es
hätten gewisse Dinge in der Welt eine Eigenschaft: dass mit ihnen schwerlich
Maas gehalten werden könnte. Hierunter gehörten auch diese Kostbarkeiten / derer
Gebrauch im Missbrauche / ihr Nutz in Uppigkeit bestünde. Denn worzu dienten sie
sonst / als zu Werckzeugen der Hoffart / und zu Erfindungen der Verschwendung.
Dahero ins gemein gegläubt würde: Prometeus / der nichts gutes in der Welt
gestifftet / hätte den ersten Edelgestein aus einer Klippe des Caucasus gehauen
/ und da mit zum grossen Schaden die unersättliche Begierde damit zu prangen in
die Welt gebracht. Erato nam sich Agrippinens an / und sagte: Es wäre nicht
glaublich: dass die weise Natur an unnütze und nur missbräuchliche Dinge solchen
Fleiss angewendet / und sie zu so schönen Wunderwercken unserer Augen gemacht
haben sollte. Ihr Glantz und Durchsichtigkeit stritten schier mit den Strahlen
der Sonne / und beschämten das Licht der Gestirne; und sie sollten nur würdig
sein in der Finsternüs der Klüffte und Schachte zu liegen / nicht aber ans Licht
des Tages zu kommen? Kein Kefer / keine Raupe /kein Regenwurm / kein Kieselstein
/ kein Sandkorn wäre von GOtt / wie die Deutschen selbst lehrten /umbsonst
geschaffen; Perlen und Edelgesteine aber sollten unnütze Missgeburten des Meeres
und der Erde sein? da doch dieser zweihundert vier und sechzig Sorten gezehlet
würden. Erdmut antwortete: sie müste ihre Unwissenheit gestehen: dass ihr ausser
des Gepränges kein Nutzen bekandt wäre; und dass die Zauberer ihnen träumen
liessen: dass der Indische Schneckenstein / und der in den Augen des Tieres Hiäna
befindliche Stein / wenn man ihn auf die Zunge legte / die Krafft des Wahrsagens
zu wege brächte. Dass die Korallen dem Ungewitter widerstünden; dass der Stein
Synochitis die Geister zu erscheinen zwinge / und ein ander aus dem Pontus sie
verjagte. Sie hätte auch mehrmals gehöret: dass nach gewissem Stande der Gestirne
ihre Bilder denen Edelgesteinen eingegraben / und geglaubt würde: dass sie
hiermit auch derselben Krafft eingeflösst bekämen. Also sollte der in einen
Ametist geschnittene Wieder / den / der ihn trägt / tiefsinnig; der in Berill
gegrabene Löw beredsam; der Schütze im Schmaragd ansehnlich machen. Die
Zwillinge im Goldsteine einem Freundschaft /die Wage im Carniol Gerechtigkeit /
der Wassermann im Saphiere / Eintracht zu wege bringen. Der Krebs im Topass / der
Scorpion im Sardonich / und die Fische im Jaspis / sollten den Febern widerstehen
/ aber einen zu Lügen / Unbestand und Ungerechtigkeit reitzen. Der Stier im
Hyacint / die Jungfrau im Chrysolit / und der Steinbock im Calcedonich sollten
zur Andacht und zum Ackerbau; das in Edelgesteinen befindliche Bild des Pegasus
den Kriegs-Andromache den Eheleuten zur Liebe und Versöhnung / Cassiopea zum
Schlaffe / der Schlangen-Mann wider Gift / Hercules zum Siege / Jupiter im
Schmaragde zur Annehmligkeit / Mercur im Achat zur Weissheit / Mars im Magnet zur
Hertzhaftigkeit / Venus im Türckis zur Schönheit / Saturn im Onyx wider die
Gramschaft; die Wasser-Schlange zu Reichtum / der Centaurus zur Gesundheit /
Orion zum Siege / der Adler zu grossen Ehren behülfflich sein. Agrippine brach
ein: sie begehrte in Verteidigung der Edelgesteine sich mit keinen Träumen oder
Aberglauben zu behelffen. Sie hielte von allen erzehlten Dingen so wenig als von
denen unter gewissem Scheine der Gestirne gegossenen Siegeln der Araber und
Egyptier / welche die Einfältigen beredeten: das Siegel des Saturnus aus Blei
/worauf dreimal drei Zahlen geschrieben stehen /derer jede fünfzehn austragen /
hülffe denen schwangern Frauen zur Geburt / denen Bittenden zur Erhörung.
Jupiters zinnernes Siegel mit vier mal vier / allezeit vier und dreissig
austragenden Zahlen bringe Reichtum und Liebe des Frauen-Zimmers zuwege. Des
Mars eisernes Siegel mit fünf mal fünf allezeit fünf und sechzig ausmachenden
Zahlen vermöge Zwytracht und Unfruchtbarkeit zu stifften. Der Sonne mit sechs
mal sechs Zahlen bezeichnetes Siegel aus Golde / welche sechs mal hundert und
eilfe in sich hielten / solle die Krafft haben in allen Dingen den Träger
glückseelig zu machen. Der Venus küpfernes Siegel mit sieben mal sieben Zahlen /
welche so viel mal hundert / und fünf und siebenzig zusamen machten / solle
einem Gewogenheit und Fruchtbarkeit zuziehen. Des Mercur aus Silber / Aloe /
Mastyx und Kweck-Silber zusammen gemischtes Siegel mit achtmal acht viereckicht
zusammen gesetzten Ziffern / die allentalben zwei hundert sechtzig ausbringen /
solle dem Gedächnüss helffen / künftiger Dinge Wissenschaft zueignen; das
silberne Monde-Siegel mit neun mal neun / auf allen Seiten drei hundert neun und
sechzig ausmachenden Zahlen / solle zu glücklichen Reisen / und zu Erlangung
fürtrefflicher Sachen dienen. Alle diese Geheimnisse hätte sie vom Tiberius aus
sonderbarem Vertrauen begrieffen / welcher solche abergläubische Müntzen und
bezeichnete Steine nie von sich legte / und diese aus der einflüssenden Krafft
des Himmels / jene aus der Lehre des Pytagoras / welcher alles aus den Zahlen
ergrübelt / oder vielmehr hinter sie versteckt hätte / zu rechtfertigen sich
bemühete. Alleine alles dieses / wie auch viel andere denen Steinen
zugeschriebene Eigenschaften /als dass der im Mund gehaltene Saphier Wahrsagung
eingäbe / Schlösser aufsprengte / vom Jupiter einem die Herrschaft / vom Saturn
das Priestertum zuzüge; dass der Chrysolit Gespenster vertriebe; dass der Jaspis
beliebt / der Beril weise machte / der Diamant von keinem Hammer zerschlagen /
sondern nur durch Blei / Bocks- und Löwen-Blut erweichet würde / wären
verlachens werte Eitelkeiten; hingegen durch vielfältige Erfahrung zu Rom auf
absondern Befehl des Käysers erhärtet: dass ieder Edelstein absondere und
seltzame / ob schon nicht so sichtbare Würckunge habe /als der Magnet. Jedoch
klebe der weiss-rötliche Carniol so handgreifflich am Holtze / als der Magnet am
Stahle. Uberdiss heilte er frische Wunden / vermehrte die Freude / widerstünde
der Zauberei / und stillte das Nasenbluten. Die Smaragde-Mutter / der grüne
rot-ädrichte Jaspis / welche die Natur seines viele Nutzens wegen mit Fleiss
nicht unter Klüffte verborgen /sondern über der Fläche / der Erden reichlich
zeuget /stärcket fürtrefflich den Magen / das Hertz und die Augen / stopfte den
Blut-Fluss / stillte die Geilheit /hülffe der Geburt / diente wider Feber und
Wasser-Sucht. Der allerhand-färbichte Agat / in welchem die Natur ihre
sonderbare Mahler-Kunst sehen liesse /diente dem Gesichte / stillte den Durst
verursachte Träume / heilte die Schlangen-Bisse / und stärckte den Menschen. Der
Sardonyx / auf deren einem der Käyser des langsamen Fabius Tugenden abgebildet
hat / machte freudig. Die sechseckichten Beryllen vertrieben wie der Ag-Stein
die Flüsse / hülffen der Leber / schärfften den Verstand. Der grünlicht-gelbe
des Nachts leuchtende Topass kühlte im Augenblick siedendes Wasser / vertriebe
die Mohnden-Sucht und Tollheit; widerstünde der Wasser-Sucht und Schwindung;
seine Kräfften nähmen mit dem Monden ab und zu / und bewehrte hier mit die so
wohl der Steine / als der Pflantzen Verwandschaft mit dem Gestirne. Der
Lasur-Stein aber stellete gar einen blauen Himel mit güldenen Sternen für Auge /
wäre den Augen / auch wider Schrecken und unzeitige Geburten gut. Der Chrysolit
/ der des Nachts das Feuer / des Tages das Gold eigentlich fürbildete / ja neben
welchem das Gold erblasste / und Silber zu werden schiene / hülffe der Lunge und
Lufft-Röhren / vertriebe die Traurigkeit. Der blaue Ametyst benähme die
Trunckenheit /machte wachsam / widerstünde dem Gifte. Der ihm nicht unähnliche
Hyacint kühlte den heissen Mund /triebe das Gift vom Hertzen / widerstünde dem
Blitze / und machte schläfrig. Der allerblaueste Türckis erquickte das Hertz und
Gesichte; ja wenn er in ein Glas gehenckt würde / schlüge er zu grosser
Verwunderung eigenbeweglich die Stunden. Der durchsichtig-blaue für aller
Edelgesteine Edelgestein beruffene Saphier / derer einer auff der Atlantischen
Insel in der Grösse eines Hüner-Eyes gefunden worden / heilete die
Scorpion-Stiche / innerliche Geschwüre / tödtete die Spinnen. Der alle andere
grüne Sachen wegstechende-und zu hellen Spiegeln dienende Schmaragd heilete den
Aussatz / erquickte das blödeste Gesichte /tödtete das Gift; denen ihn lange
ansehenden Schlangen / zerflüssen davon die Augen / und wäre ein Wunder-Bild der
Keuschheit; sintemal er bei Ausübung der Geilheit in Stücken springe / und daher
von den Alten der himlischen Venus gewiedmet worden wäre. Der die feurigsten
Sternen überstrahlende Rubin / welcher gegen andere Steine so viel köstlicher /
als das Gold gegen ander Ertzt sein sollte / und nicht nur in der Nacht glüende
Kohlen fürbildete / sondern auch von keinem Feuer warm-weniger beschädigt würde
/ verjagte das flügende Gift / widerstrebte der Fäulnüss / machte hurtig / und
stärckte die Lebens-Geister; ja / dass Sternen und Edelgesteine nicht nur
einander geneigt wären / sondern jene auch diesen ihr Bild eindrückten /
erhärtete eine gewisse Arabische Art der Rubinen; welche in sich sieben güldene
Sternen nach der Ordnung / wie sie in dem Kopfe des gestirnten Ochsen stunden /
hätten. Der blitzende Diamant / welcher nunmehr durchgehends für die Sonne der
irrdischen Gestirne gehalten würde / verlachte alle Gewalt des Feuers / benähme
de Magnet seine Eisen-ziehende Krafft / zernichtete die Beschwerungen
/entkräfftete das Gift / verjagte den Alp; zerschnitte alle andere
Edel-Gesteine / wie das Glas / und kriegte im Golde mehr Stärcke / gleichsam zur
Lehre: dass Königen sich nur mit Königlichem Geblüte zu vermählen anständig wäre.
Die Perlen stärckten das Hertze / erquickten die Lebens-Geister / hülffen den
Miltzsüchtigen / steuerten der Pest / stillten das Hertz-Klopfen und den
Schwindel. Die Cattische Hertzogin fieng an: Sie wären sämtlich Agrippinen für
so heilsamen Unterricht verbunden; wordurch sie erwiese: dass sie von diesen
Köstligkeiten mehr Verstand / als schwerlich alle Morgen-Länder hätten / die
doch das Vaterland der meisten Edelgesteine bewohnten. Sie würde nichts weniger
sich einer unverantwortlichen Vermessenheit schuldig machen; wenn sie an denen
erzehlten / und durch die Erfahrung geprüfeten Kräfften wider so
unverwerffliches Zeugnis zweifelte. Zumal sie sich selbst wohl bescheidete: dass
die Natur nichts umbsonst machte / und nichts auf der Erde wäre / was nicht sein
Vorbild / oder vielmehr seine Wurtzel im Himel hätte. Alleine Agrippine würde
vermutlich selbst nicht in Abrede sein: dass die gemeinen Krebs-Augen / das
Hirschhorn / die Hecht-Zähne und andere unschätzbare Dinge ja so viel Würckung
in der Artznei hätten / als die Perlen? Und manch mit Füssen getretenes Kraut
würde der Edelgesteine Heilsamkeit zweifelsfrei die Wage halten. Es wäre nur
aber in die Artznei eben die Eitelkeit / die sich der Taffeln bemeistert /
eingeschliechen: dass nichts schmeckte / nichts den Kranckheiten abhülffe / was
wohlfeil wäre. Also müste man nicht selten das beste / weil es gemein /
verwerffen / damit man das unnütze desto teurer bezahlte. Wie dem allem aber
wäre; so redete die Erfahrung für sie: dass hundert Centner Edel-Gesteine zum
Aufputz der Hoffart / zum Zunder der Geilheit / hingegen nicht ein Pfund zur
Artznei und andern heilsamen Würckungen verbraucht würden. Der Geitz hätte ja
noch die Perlen in den Schachteln der Aertzte behalten; aber nur die geringen
und in Muscheln zu zehn und zwantzig sich befindenden Staub-Perlen / umb darmit
den schändlichsten Wucher zu treiben / und diesen unreiffen Sand so teuer / als
wenn es die allervollkommensten und aus der von der Sonnen-Hitze geöffneten
Muschel von sich selbst fallenden Haupt-Perlen Indiens gewest wären /
anzuwehren; welche ihrer reinen Zärtligkeit halber in Essig zergehen sollen /
und sich derogestalt zu Artzneien besser schicken würden / als die Perlen der
Abend- und Nordländer / welche sich kaum in marmelnen Mörseln zerstossen
liessen. Nachdem nun dergestalt Perlen und Edelgesteine in der Artznei
entpehrlich / durch wohlfeilere Mittel ersetzlich / und ihr Missbrauch zum Wucher
/ zur Verschwendung /als mit derer Zerbeitzung Clodius und Cleopatra gleichsam
Königreiche in einem Löffel verschlungen /zur Hoffart und andern Lastern so
dienlich wäre /würde das Cattische Gesetze hoffentlich nicht zu verdammen sein.
Agrippine versetzte: Diss wäre so wenig ihre Meinung gewesen / als es in ihrer
Gewalt stünde anderer Völcker Satzungen aufzuheben. Weil die Menschen aber sich
nicht scheuete fast täglich die Schickunge des Verhängnisses zu tadeln / würde
sie hoffentlich zum ärgsten nicht sündigen / wenn sie das Cattische Gesetze
einer übrigen Schärffe beschuldigte. Daher das deutsche Frauenzimmer so grosse
Ursache hätte den Richter-Stul der Catten / wie die Römischen Weiber das
Rathaus / zu besetzen / und auf des Cattischen / wie diese auf des Opischen
Gesetzes Aufhebung zu dringen. Sintemal ihrem Bedüncken nach die Natur Perlen
und Edelgesteine nicht nur zur Artznei / sondern zur Augen-Lust und zum Schmucke
des menschlichen Geschlechtes gezeuget hätte. Denn wenn sie auf diss letzte ihr
Absehn nicht gehabt / zu was Ende hätte sie Perlen und Edelgesteine so schön und
gläntzend gemacht? welche sonst in die ungestaltesten Wurtzeln / in die
stachlichsten Kräuter / in die bittersten Rinden die bewährtesten
Artznei-Kräfften gesencket / ja durch ein besonder Geheimnüs fast alle Artzneien
widrig und abscheulich gemacht hätte. Solte denn / fieng Erdmut an / die Natur
selbst eine Handlangerin der Uppigkeit sein / und der Menschen Eitelkeit mit
Fleiss gewissen Werckzeug verschafft haben? Agrippine versetzte: Die Natur hätte
die Edelgesteine zwar nicht zur Hoffart und Eitelkeit / aber wohl zum Schmucke
und zur Zierde / wie die Gestirne und Blumen nicht allein zum Nutzen / sondern
auch zur Ergetzligkeit der Menschen so schön gemacht. Erdmut antwortete
lächelnde: Sie wüste von dem Schmucke der Perlen und gläntzenden Steine / welche
weder wieder den Frost dienten / noch die Sonnen-Hitze deckten / die anklebende
Eitelkeit nicht abzusondern. Ihrem Bedüncken nach sollte der Mensch sich mit
seiner angebohrnen Schönheit vergnügen /und als das edelste Geschöpfe sie nicht
von todten Dingen erborgen. Worinnen ihr der Topass zum Beispiel diente / welcher
/ wie er von Natur gewachsen /am schönsten wäre / vom künstlichen Schleiffen
aber seinen Glantz verliere. Das Fleisch der Perlen-Austern aber hätte die Natur
Zweifels-frei darumb mit einem so bösen Geschmacke versaltzen / dass den Menschen
auch die Lüsternheit nach denen in ein so unflätiges Behältnis versteckten
Perlen vergehen sollte. Diesemnach könnte sie sich noch nicht überwinden / ihrem
väterlichen Gesetze zu böser Folge so schädlichen Abbruch zu tun. Wer eines
aufhübe /schwächte alle andere. Denn sie hiengen wie eine Kette an einander /
und wäre keines so gut / das nicht etlichen missfiele; zu ihrer Rechtfertigung
aber genung: dass es den meisten beliebte / allen zu Nutz gereichte / und so
lange getauert hätte. Erato nahm sich Agrippinens unter dem Vorwande an: dass sie
als eine Morgenländerin für den Preis der Morgenländischen Schätze zu reden
schuldig wäre; sagte also: Die Hertzogin Erdmut käme der Schönheit und der
menschlichen Herrschaft über alle andere Dinge in der Welt zu nahe. Die Bäume
trügen nicht nur Früchte / sondern auch Blüten. Also wäre der Mensch in seine
Leben sich aller Dinge teils zu seiner Notdurfft / teils zur Annehmligkeit zu
gebrauchen berechtigt. Jeder Sinn hätte was besonders zu seiner Erquickung. Das
Gehöre erlustigte sich an Seitenspiele /der Geruch an Rosen und Balsame / der
Geschmack an niedlichen Speisen / das Fühlen an der Kitzelung. Warumb sollte denn
dem fürtrefflichsten Sinne / welcher alles erfindet / der mit der Seele die
festeste Verbindnüs hat / ja der Königliche Stul der Liebe ist /nämlich dem
Gesichte / sich an was schönem zu ergetzen verwehret sein? Warumb leschet die
Natur nicht die rubinenen Flammen des Morgen- und Abend-Sternes / die
diamantenen Strahlen der Sonne /den saphirnen Glantz des Himmels aus? warum
vertilget sie nicht die Schmaragden auf den Kräutern /die Ametisten auf den
Hyacinten / die Chrysoliten auf den Narcissen / die Granaten auf den Rosen?
Adelmunde fiel ein: Meinem Bedüncken nach verwirfft die Cattische Hertzogin
nicht das Wohlgefallen an angebohrner / sondern nur die eitele Annehmung
geborgter Schönheit. Denn jene ist in der ganzen Welt gerechtfertiget / und
würde sie sonst mit der Natur selbst einen Krieg anfangen müssen: dass sie ihre
und ihrer wunder-schönen Tochter Catta Lippen so reichlich mit Rubinen / ihre
Wangen mit Corallen / ihre Brüste mit Perlen übersämet; ihre Haare mit
Chrysolite besetzt / und durch die Sardonyche ihrer Haut so viel Adern aus
Türckissen durchflochten / und zwei so schöne Saphire zu Augen jhnen in die
Stirne gesetzet habe; welche eben so starck aller Anschauer Hertzen zu sich
lockten / als die schmaragdenen Augen des auf des Hermias Grabe stehenden
marmelnen Löwens die Meer-Fische verjagt hätten. Die Fürstin Catta begegnete
ihr: Erato gäbe zwar eine gute Auslegerin der Meinungen / aber eine böse
Mahlerin ab; denn sie heuchelte zu sehr: und schiene es: dass wenn sie die Welt
nach ihren Gedancken abbilden sollte /der Pinsel ihrer Gewogenheit alle Hecken zu
Rosen-Sträuchen / und alle Sand-Körner zu Diamanten machen würde. Agrippine
brach ein: Die gütige Erato hätte ein so gutes Auge über die Schönheit; dass
niemand ihrem Urteil widersprechen könnte. Aber die Schönheit ersuchte das
sämtliche Frauenzimmer wider die Catten zum Beistande: dass sie ihr nicht allen
euserlichen Aufputz aberkennen möchten. Prangete doch der Himmel oft mit den
Regenbogen / welche gleichsam von eitel Opalen zusammen gesetzet wären; die Erde
und das Meer aber den Zeug dazu leihen müsste. Die Sonne überstreute die Wolcken
früh mit Granaten / des Mittags mit Carniolen / des Abends mit Rubinen. Das
stille Meer schmückte sich mit flüssenden Schmaragden oder Ametysten. Die
Brunnen und Flüsse leckten von den Ertzt-Adern ihren Kern ab: dass sie Golde und
Perlen sich könten sehen lassen. Die Reben umbhalseten die Ulmen-Bäume mit
frembden Blättern zu prangen. Die Tauben spiegelten ihren gleichsam mit Berillen
versetzten Hals / die Pfauen ihren Schwantz an den Sonnen-Straalen / der Hirsch
wetzte seine Geweihe / der Elefant seine Zähne an den Felsen: dass sie mehr
gläntzeten. Warumb sollte dem Menschen / welchem als dem Herrn der Welt alles zu
Dienste stehet / sich nicht mit allen ihm zu gefallen gewachsenen Schönheiten
schmücken? Solte der mehr als perlene Hals der Fürstin Erdmut und Catta was
geringers als Perlen tragen? Solten ihre die Chrysoliten beschämende Haare mit
was schlechterm als Edelgesteinen eingeflochten sein? Und zwischen ihren mit
Rubinen gekröneten Brüsten was unwehrters / als Rubinen und Diamanten hencken?
Diese haben in Arabien zu der Schale ihres Wachstums das feineste Gold zu
unserm Unterrichte: dass die Schönheit nicht in Kutzen / sondern in Seide und
Gold gekleidet / eine Seule aus Porphir auf keinen leinernen Fuss gesetzt / eine
grosse Fürstin auf Agat gehen / und auf einem helffenbeinernen Wagen fahren
solle. Alles dieses geschiehet aus keiner Eitelkeit /wenn nur der Stand der
Menschen nicht vermischet würde; und nicht die / welche sich mit Zeugen aus
Ziegen-Haaren vergnügen sollten / Sammet und Silber-Stück trügen. Fürnemlich aber
wäre Fürsten unanständig / wenn ihre Kleidung sie nicht von dem gemeinen Manne
unterscheidete. Sie könten sich durch nichts mehr verächtlich machen / als durch
eine so niedrige Sparsamkeit. Westwegen des Lycurgus Gesetze: dass die Reichen
und Armen / vornehme und gemeine Bürger einerlei Kleider tragen sollten / so
geschwinde abgetan / als verlacht worden wäre. Hätte doch die Natur den Löwen /
den Elefanten und andere fürnehme Tiere auch euserlich mit einer ansehnlichern
Gestalt / als die unedlen begabt. Ja Gott selbst verschmähete bei seinem
Gottes-Dienste weder Edelgesteine noch andern Schmuck. Bei den Egyptiern hätte
so wohl der oberste Priester / als die Richter einen Saphier / als das Bild der
Wahrheit / am Halse hencken. Bei den Juden dörffte der Hohe-Priester nicht in
das allerheiligste ihres Tempels gehen / ohne einen mit zwölferlei Edelgesteinen
versetzten Brust-Schild. Wer wollte diss nun als unrecht schelten / oder darinnen
Eitelkeit suchen? Eben so wenig ist verdamlich / wenn eine edle Frau ihrer
Gestalt mit Perlen und Edelgesteinen eine Folge gibt / wie man diesen bei der
Einfassung selber unterlegt; wenn dieses nur nichts böses zum Zweck hat;
sondern sie sich nur dem zu gefallen aufputzet / der sie zu lieben Recht hat
/oder eine Fürstin sich bei einem Gepränge für was mehr als eine Bürgerin muss
sehen lassen. Die Hertzogin Erdmut fieng an: Sie müste gestehen: dass Perlen und
Edelgesteine an sich selbst untadelhafte Geschöpfe der Natur wären. Aber an
diesen schönen Aepfeln klebten zwei giftige Würme / nämlich Geitz und
Verschwendung / welche den Kern aller grossen Herrschaften aufgefressen / und
die mächtigsten Völcker entkräfftet hätten. Bei allen diesen hätten ausländische
Zierligkeiten und Trachten sich anfangs der Fürsten / hernach des Adels /
endlich des Pöfels bemächtigt. Kein Verbot / ja keine Armut wäre mächtig dem
Schwall der Kleider-Pracht zu widerstehen; wenn ihr schon nur wenig Lufft
gemacht worden. Die Weiber machten Schlüsse: dass wenn die / welche nicht besser
/ als sie wären / sich mit was neuem herfür täten; könten ihre Männer ohne
Verkleinerung sie nicht geringer halten; sollte mancher auch sein halbes Vermögen
an einen Stein wagen / der zuweilen nicht so viel Groschen / als sein Vorgänger
Talent hat. Zu geschweigen: dass lüsterne Weiber endlich bei frembden Männern zu
verdienen lernten / was sie von ihren eigenen nicht zu erbitten getraueten.
Erato begegnete ihr: Es wäre schon genung: dass die Fürstin Erdmut die
innerliche Güte der edlen Steine erkennte. Denn bei den Deutschen / derer gute
Sitten fast keiner Gesetze bedörfften / wäre keine solche Verunehrung derer nur
Fürsten anständiger Dinge zu besorgen. Sie hätte in keinem Lande grösseres
Ansehen der Herrscher / und zwischen Adel und Pöfel keinen mercklichern
Unterschied wahrgenommen. Bei dem gemeinen Pöfel hätte die Einfalt / bei den
Edeln die Bescheidenheit / bei den Gebietern die Unschuld ihre Wohnstadt. Zwar /
wenn gar niemand bei den Catten Perlen trüge / würde kein Weib darmit es der
andern vorzutun sich anmassen; aber alle Edlen sich wohl beschweren können: dass
/ was zu Rom und in Gallien schon der niedrigsten Tracht worden / in Deutschland
auch Fürstinnen zu köstlich wäre; gleich als wenn andere Völcker für den
tugendhaften Deutschen einen Vorzug hätten. Sie wunderte sich diesemnach / wie
zu den Catten ehe ein Gesetze wider übrigen Pracht kommen / ehe der Pracht bei
den Deutschen kentbar worden. Sintemal ja sonst die Erkenntnis der Kranckheit für
den Erfindungen der Artzneien vorher gienge. Erdmut antwortete: Sie hätte zwei
solche Schutz-Frauen der Edelgesteine für sich / dass man sie nur ihrentwegen
wert zu halten / die Catten aber ihnen zu Liebe ihr Gesetze aufzuheben Ursache
hätten. Wormit auch Agrippine diese ihre Erklärung keiner Heuchelei wegen
verdächtig halten möchte / wollte sie das hochschätzbare Geschencke der Käyserin
Livie von einer so holden Hand danckbar annehmen / und von ihrem Gemahl eine
Milterung des Gesetzes erbitten: dass sie diese Perlen zum Andencken einer so
freigebigen Fürstin / iedoch zu Vermeidung schädlicher Nachfolgen nur an hohen
Feiertagen tragen dörffte. Agrippine vergnügte sich höchst über dieser
Entschlüssung /und sagte: Fürsten wären für sich selbst von solchen Gesetzen /
welche übrigen Pracht und Kostbarkeit mässigten / ausgeschlossen; wiewohl sie
durch nichts bessers / als durch ihr Beispiel sie in Gebrauch bringen könten.
Uberdiss wäre bei den Catten kein einschleichender Missbrauch und schädliche
Nachfolge nicht leicht zu besorgen / weil in Deutschland keine Perlen und
Edelgesteine wüchsen / und die Catten keine darmit handelnden Kauffleute in ihr
Land liessen. Zirolane fiel Agrippinen ein / und sagte: Sie möchte Deutschland
nicht für so arm / und seinen Himmel nicht für so gar ungütig halten. Denn in
dem Gebürge / welches die Marsinger von dem Lande der Bojen / ietzt Marckmänner
schiede / führten nicht nur unterschiedene Bäche Gold / sondern man finde auch
Rubinen / Agaten und Granaten / welche schöner /als die Indianischen wären.
Zwei Meilen von der Oder grübe man Diamanten / und bei den Bojen in der Iser
finde man grössere Perlen / als Indien zeugte; ungeachtet die deutschen Perlen
freilich kein so schönes Wasser / die Diamanten auch nicht so durchdringende
Strahlen hätten. Agrippine wunderte sich hierüber / und sagte: Derogestalt wäre
Deutschland reicher / als Italien; welches nur auf der Spitze des Berges
Vesuvius wenig gespjetzte / aber ziemlich schlechte Diamanten aufzulesen hätte.
Daher wünschte sie von denen Deutschen wohl einige zu schauen. Zirolane nahm
ihre Schnure Perlen vom Halse / und reichte sie Agrippinen mit diesen Worten:
Sie könnte keine grössere Ehre / und Deutschland kein grösser Glück gemessen /
als wenn Agrippine diese geringe Miss-Geburten ihres Vaterlandes nicht
verschmähen würde. Agrippine fieng an: Soll ichs für Scherz oder Ernst annehmen:
dass diss deutsche Perlen sind. Zirolane antwortete: Diese Perlen sind in der Iser
gefischet / und die Diamanten / wormit das Schloss versetzt ist / im
Marsingischen Gebiete gegraben. Warlich diese Perlen / sagte Agrippine / sind
viel grösser / als sie im roten Meere / oder im Persischen See-Busem wachsen.
Ich erfahre nun auch: dass die Schnure Perlen /welche ein deutscher Handels-Mann
nach Rom gebracht / und der zu Rom gewesene Indianische Gesandte als eine grosse
Seltzamkeit für seinen König Pirimal umb drei hundert Talent erkauffte / nicht
/wie er vorgegeben / das Atlantische Eyland / sondern Deutschland zu ihrer
Geburts-Stadt gehabt habe. Adelmunde fiel ein: Die Friesen brächten wohl auch
aus denen Atlantischen Eylanden sehr grosse Perlen; und hätte ihr Vater Hertzog
Ganasch eine ziemlich lange Schnure von denen dahin Schiffenden zusammen
gebracht / derer keine weniger / als hundert und zwantzig Pfeffer-Körner wiege;
zwei als Birnen gestallte Perlen aber hätten iede das Gewichte von zwei hundert
und zwantzigen. Sie wären aber alle bleifärbicht. Gleicher Gestalt brächten sie
Perlen aus den Caledonischen Eylanden / welche aber denen Atlantischen und
Deutschen wiechen. Agrippine versetzte: Vermutlich würden die zu Rom
verkaufften auch Caledonische gewest sein; denn diese der Fürstin Zirolane wären
schöner und grösser / also auch würdiger gewest in Indien geführt zu werden. Sie
hätten zwar nicht einen so durchsichtigen Glantz / als die / welche im
Persischen See-Buseme / bei Taprobana / und hinter den Serischen Ländern im
eusersten Ost-Meere gefangen würden / aber eine ungemeine Rundte / und eine
wunder-würdige Grösse. Da hingegen nach dem Berichte des Indianischen Gesandten
die von Taprobana zwar die schönsten und rundtesten in der Welt /die grösten
aber nur zwölff biss sechszehn / die übrigen Indischen biss viertzig
Pfeffer-Körner schwer /und noch darzu gelblicht wären; wiewohl die Araber diese
für viel tauerhafter / als die gar weissen hielten. Ob schon diese gelbe Farbe
von nichts anderm herrührte; als wenn die Auster in der Muschel zu faulen
anfienge / ehe sie von der Sonnen-Hitze sich zu öffnen gezwungen würde. Denn
wenn man sie mit Gewalt öffnete / würden die in den Austern wachsende Perlen wie
die Eyer in den Hünern meistenteils zersprenget. Adelmunde fiel ein: Bei
solcher Beschaffenheit dörffte ich wohl glauben: dass der Indianer aus
Werthaltung / nicht aber das Gespötte damit zu treiben / die nordländischen
Perlen gekaufft habe. Diss aber ist mir noch bedencklich: dass er sie so teuer
bezahlet / da doch bei so viel Arabischen / Persischen und Indianischen
Perlen-Fischereien / und da in einer Muschel so viel Perlen jung werden / also
der Alten Meinung / als wenn die Perle das Hertze der Auster wäre / eben so wohl
/ als des Mitylenischen Clares /welcher sie für ihre Gebeine hält / falsch ist;
ja die Perlen-Muscheln im Meere so häuffig / wie die schwermenden Bienen ziehen
sollen / sie überaus wohlfeil sein müsten. Agrippine antwortete: Sie wäre in
diesen irrigen Gedancken auch gewest / biss der Indianische Gesandte sie eines
andern versichert / und erzählt / wie die grossen Perlen meist zwölff Ellen
tieff im Meere / dahin unmöglich einiger Tau oder Sonnen-Straal dringen könnte /
gefischet werden müsten / und drei hundert Fischer-Nachen kaum zwei geschickte
Täucher aufbringen könten. Ismene fragte: Ob denn diss wahr wäre: dass denen
Perlen-Fischern von den Austern mehrmals Finger und Hände abgezwickt würden?
Agrippine antwortete: Davon hätte sie nichts vernommen / schiene auch ein
blosses Getichte der Perlenhändler zu sein / weil die gefischten Muscheln feste
verschlossen / und von der Sonnen-Hitze oft kaum den funfzehenden Tag geöffnet
würden. Destwegen aber wären die Perlen im Morgenlande nichts desto wohlfeiler;
weil die Indianer sie für was himlisches hielten / und ieden glücklichen Tag mit
einer Perle bezeichneten. Massen denn ein Arabischer Fürst eine acht und
viertzig Körner wiegende Perle haben sollte / welche er seiner durchsichtigen
Klarheit halber dem Könige Pirimal nicht für siebentzig Attische Talent hätte
überlassen wollen. Weil nun diese nicht kleiner / würde sie eine
unverantwortliche Unhöfligkeit begehen / wenn sie die allzu freigebige Fürstin
Zirolane / welche eine Zins-Frau über alle Perlen zu sein verdiente / eines so
auserlesenen Schatzes verlustig machen sollte. Sie vergnügte sich aber an
derselben Anschauung und der von Deutschlandes Schätzen erteilten Nachricht;
wiewohl sie mit denen Indianern auf weisse Perlen / weisse Diamanten / weisses
Brodt / und weisses Frauenzimmer viel hielte. Zirolane aber weigerte sich ihr
Halsband zurück zu nehmen / mit dem Beisatze: dass sie die verweigerte Annehmung
für nichts anders / als ein nachteiliges Urtel über der Deutschen allzu
schlechte Schätze auslegen könnte. Agrippine antwortete: So wollte sie denn lieber
unhöflich als unrecht oder verdächtig sein / auch mehr für Ehre als eine Bürde
schätzen: dass sie einer so vollkommenen Fürstin Schuldnerin bliebe. Tussnelde
fiel ein: Für was würde nun sie sich erkennen müssen; nachdem Agrippinens
unschätzbares Diamanten-Geschencke / gegen welchen die Deutschen nur Glas oder
Cristall zu sein schienen / alle Ausgleichung überstiege. Agrippine versetzte:
Wenn die Diamanten gleich noch hundert mal so gross wären / würde Tussneldens
Freundschaft schon eine überwichtige Vergeltung sein. Livia hätte destwegen
durch diese Art Steine sich in Tussneldens Gewogenheit einlieben wollen / weil
die Diamanten ein so fürtrefliches Sinn-Bild zweier verknüpfter Hertzen abgäben.
Sintemal diese / wenn sie lange zusammen gerieben würden / an einander
unzertrennlich kleben blieben. Sonst aber wären nicht nur die Deutschen /
sondern auch die Indianischen Diamanten den Crystallen ähnlich / als welche alle
aus einer Crystallenen Feuchtigkeit gezeuget würden. Diese Deutschen müsten auch
eine ziemliche reine Mutter haben / dahingegen nicht nur die Mohrischen /
sondern auch / welche in dem Desorenischen Teile Indiens / wo doch an einem
Orte über sechzig tausend Menschen stets diese Steine suchten / und derer nicht
wenig hundert und sechzig Pfeffer-Körner schwer anträfen / gegraben würden /
nach dem Unterschiede ihres Erdbodens /rötlicht / gelblicht / grünlicht
aussähen / und wo es sümpficht wäre / aufs schwartze stächen. Welche Mängel die
Indianer des Nachts / oder unter dem dicken Schatten eines grünen Baumes viel
genauer / als andere Völcker beim hellen Tagelicht zu erkiesen wüsten. Tussnelde
fiel ein: so sollte sie der Grösse nach / denen empfangenen Diamanten dis
Vaterland zueignen / wenn ihre allzu schöne Farbe es nicht zweifelhaft machte.
Agrippine antwortete: des Indianischen Gesandten Berichte nach / welcher aus
denen Desarenischen / Mambarischen Gruben / wie auch von denen daselbst in einem
flüssenden Wasser gefundenen spitzigen Diamanten einen ziemlichen Vorrat der
Käyserin überbracht hätte / sollten diese auf Jamboli der grösten Insel der Welt
aus einem Flusse gelesen worden sein. Die Fürstin Ismene fragte hierauf: So
würde sie ihr aus dem Grunde sagen köñen: Ob die gemeine Sage wahr sei: dass in
der Welt keine grössere Diamanten / als Haselnüsse wären / gefunden würden?
Agrippine antwortete: Livie hätte selbst einige grössere; Und der Gesandte hatte
von seinem Könige versichert; dass er in seinem Schatze einen Diamant in Gestalt
eines halben Eyes besässe / welcher roh dreitausend sechshundert Pfefferkörner
gewogen hätte / und nun derselben neunhundert und achtzehn wiege. Tussnelde /
die inzwischen aus einem Schrancken etliche Kleinode gezogen hatte / fiel ein:
dieses wäre sonder Zweifel der König aller Diamanten in der Welt / ungeachtet
derer in so viel Orten gefunden würden. Jedoch hätte Deutschland noch eben so
wohl /wie Persien seine Türckisse / was besonders zu zeigen / was weder in Indien
/ noch einig ander Land besässe. Hiermit reichte sie Agrippinen ein Halsband von
Opalen / welche nur bei den Quaden zwischen dem Flusse Cusus und Grauna gefunden
würden. Agrippine sah sie verwundernd an / und beteuerte: dass sie in Rom nicht
zehn Stücke Opalen / welche diesen aber nicht das Wasser reichten / gesehen
hätte. Ihre Seltzamkeit wäre aus des Nonius Hartnäckigkeit /welcher lieber sein
Vaterland / als einen Opal hätte entpehren wollen; und daher / dass zu Rom eben
so wohl der Opalen / als Schmaragde Vaterland unbekandt wäre; ihre Schönheit aber
daraus zu urteilen: dass in selbigem des Rubins Feuer / des Ametystes Purper /
des Schmaragdes grünes Meer vereinbaret wäre. Tussnelde bat hierauf Agrippinen:
sie möchte diese geringen Steine nicht verschmähen zu behalten /wormit zu Rom
hierdurch ihr zweifelhaftes Vaterland entdecket werden möchte. Agrippine fieng
an: Ich sehe wohl: dass die Natur Deutschland mit Perlen / Rubinen / Granaten /
Opalen / Diamanten und Agstein zu bereichern allzu grosse Ursache gehabt; weil
die Freigebigkeit in seiner Einwohner Hertzen zu Hause ist; und sie sich
niemanden durch Wolchaten überwinden lassen wollen. Ich will dieses unschätzbare
Kleinod zwar annehmen / aber nicht für mich / sondern für die Käyserin; welche
zweifelsfrei solche einem Heiligtum wiedmen wird; weil sie durch ihre
immertauende Regenbogen genungsam ihre himmlische Verwandnüs erhärteten; und
also dazu würdiger /als die so genennten Ammons-Hörner wären. Tussnelde aber
bat: Agrippine möchte ihre Höfligkeit aus so schlechten Sachen / welche in
Deutschland nur Katzen-Augen hiessen / nichts so grosses machen; sondern selbte
mit denen im Flusse Achelous befindlichen Milch-Steinen bedecken / welche die
Vergessenheit würcken sollten.
    Inzwischen / als das Frauenzimmer durch diese und andere annehmliche
Unterredungen die Zeit verkürtzte / gab der Feldherr und Hertzog Arpus dem
Sentius Saturninus Gehöre / welcher zum ersten beim Fürsten Flavius abgetreten
war / und im Nahmen des Tiberius ihm mit hundert versprochenen güldenen Bergen
geliebkoset hatte. Sein Anbringen bestand in grossen
Freundschafts-Versicherungen des Tiberius / welcher zugleich alle anwesende
Fürsten und Grossen zu denen Käyserlichen Spielen nach Meinz einladen liess. Beim
Schlusse seines andern Vortrags lenckte Saturnin auf seinen Eydam den Hertzog
Segestes ab; und bat: dass weder der Feldherr seiner Widersetzligkeit halbe gege
Tussneldes Heirat / noch auch die sämtlichen Fürsten deswegen / dass er zum
andern mal die Waffen wider die Deutschen geführet / auf einige folgende Rache
gegen ihn sinnen möchten. Wenn zwischen zweien Nachbarn sich ein Krieg
entzündete; wäre nichts gefährlichers / als auf zwei Achseln tragen; nichts
schwerers / als sich auf die rechte Seite schlagen. Denn der Ausschlag des
Krieges wäre ungewiss / der Sieger aber behielte allemal Recht. Segestes hätte
zwar seiner Geburt halber Ursache gehabt /die deutsche Seite zu erkiesen; die
von den Römern empfangenen Woltaten aber hätten bei ihm / wie bei allen edlen
Gemütern das Gewichte bekommen. Da nun Segestes bei seiner Wahl etwas versehen
hätte /müste er wohl ein Teil der Schuld auf seine eigene /und ein Teil auf
seiner Gemahlin Sentia Achseln schieben. Sie selbst wären klug genung zu
urteilen /was eine beliebte Frau über ihres Eheherrn Gemüte für einen
aufgehenden Stern hätte. Der Feldherr und Arpus entschuldigten unter dem Vorwand
wichtiger Reichs-Geschäffte ihre Dahinkunft; entweder weil sie für eine allzu
gefährliche Verträuligkeit hielten / sich als die Häupter Deutschlandes in die
Hände eines unversöhnten Feindes zu trauen; oder weil die Zusammenkunften der
Fürsten / da jeder den andern an Pracht und Klugheit zu übertreffen bemühet ist;
beiderseits Hofeleute auf alle Worte und Tritte hundert Augen aufsperren / und
selbige nach ihren Gemüts-Regungen ausdeuten / ins gemein neue Zwytracht und so
viel Unglück / als die Näherung des Monden und der Sonne Finsternüs würcken.
Jedoch vertrösteten sie den Saturnin: dass unterschiedene Fürsten ihre Stelle
vertreten / und den Tiberius der Deutschen Aufrichtigkeit versichern würden.
Wegen Segestens erklärete sich der Feldherr: Er hätte an seiner Tochter
Tussnelde so viel gutes empfangen: dass er ihr zu Liebe alles empfangene Unrecht
vergessen würde; weñ er sie schon nicht dem gemeinen Wesen zum besten eben so /
wie die / welche er dem Vaterlande angetan / durch den Frieden-Schluss
ausgetilgt hätte. Hertzog Arpus aber erklärte sich hierüber derogestalt: die
Deutschen hielten es für ehrlicher / einen beleidigen / als hassen; daher wären
sie gewohnt bei ihren Versöhnungen allen Zunder der Rachgier auszuleschen /
nicht aber unter der Asche der Freundligkeit nur zu verbergen. Bei solcher
Bewandnüs möchte Segestes glauben: dass alle seine Vergehungen nicht nur in
ihren Hertzen / sondern auch in ihrem Gedächtnis verlescht wären. Jedoch würde
Saturnin ihnen nicht zumuten können eine Schlange im Buseme zu nähren; also
Segesten seiner eigenen Wolfahrt halber verwarnigen: dass er der Deutschen
Langmut und das Rad des Glückes an einer Schnure zu haben ihm nicht sollte
träumen lassen. Sintemal dieses ohne einen Schritt weiter zu tun sich auf der
Ferse umbzuwenden / mehrmals missbrauchte Gütigkeit aber in eine unversöhnliche
Raserei / wie die erzürneten Tauben in erboste Raubvögel zu verwandeln gewohnt
wäre. Saturnin erklärete sich hierauf: der Stein des Anstossens wäre mit der
Römischen Feindschaft aus dem Wege geräumet / und würde Segestes hinfort nicht
nur ein treuer Sohn des Vaterlandes / sondern auch ein Werckzeug sein der
Deutschen Verträuligkeit mit den Römern immer mehr zu vergrössern / derer Treue
und Aufrichtigkeit er Zeiter von Grund aus erkennen zu lernen mehr als jemand
anders Gelegenheit gehabt hätte. Weil nun Saturnin zugleich berichtete: dass
Segestes unweit von der Stadt des Feldherrn und des Hertzog Arpus Erlaubnüs
erwartete sich mit ihnen zu ersehen / schickte der Feldherr den Grafen von Barby
ihn einzuholen. Es ging wenig über eine Stunde vorbei: dass Segestes sich nur
mit sieben Casuariern einfand. Denn ob er zwar noch für unterschriebenem Frieden
von den Catten nach Meinz geliefert worden war / entschlug er sich nunmehr mit
allem Fleisse aller Römischen Begleitung. Der Feldherr empfieng ihn mit der
allerfreundlichsten / Arpus aber mit etwas ernsterer Gebehrdung. Segestes
mühete sich zwar seinen innerlichen Kummer mit euserlicher Freundligkeit zu
verhüllen / aber seine Bangigkeit ward durch unterschiedene Seufzer /
verbrochene Worte und Enderung der Farbe verraten. Denn weil das Gewissen
zugleich Ankläger / Zeuge und Richter ist / entfället auch dem Verwegensten der
Mut sein Gerichte mit unverwendeten Augen auszutauern. Daher sticht die Unruh
eines ihm übel bewussten Gemütes / wie der Essig in dem süssesten Weine / und die
Schwärtze durch den weissesten Gips für. Sein Vortrag war kurtz; jedoch konnte er
seine Fehler / wie die Verwundeten ihre Schäden / nicht ganz unberührt lassen
/ungeachtet weder eines noch das andere ohne Empfindligkeit geschicht. Denn wie
die Verstellung allzu sehr verratener Beleidigung den Argwohn ärgster Rache
nach sich zeucht; also hat es einen Schein ärgster Hartnäckigkeit / wenn einer
sein offenbares Laster mit gar nichts entschuldigt. Seine Verteidigung aber
bestand in der allgemeinen; da nämlich die / welche ihre Verbrechen sonst
niemanden auf den Hals zu schütten wissen / sie durch ein neues Laster dem
Verhängnisse zumässen; gleich als der Himmel gut genung wäre an seine Reinigkeit
unsere Schandflecken zu wischen / und seinen Sternen nur Gestalten giftiger
Tiere einpregen zu lassen. Er erwähnte selbst die nachdrücklichen Warnigungen
beider ihn hörenden Hertzoge; aber / sagte er / bei dem / welcher zu einem
gewissen Unglücke versehen wäre / verfiengen keine gute Ratschläge. Kein Mensch
hätte noch die Staffel dieser Vollkomenheit erreicht: dass er sich / oder jemand
andern aus dem Notzwange seines Verhängnisses hätte befreien können. Diesemnach
wäre alle Behutsamkeit vergebens / alle Versehung umbsonst. Deñ der Mensch
rennte mit sehenden Augen in sein Unglück / wie die Schafe ins Feuer. Uberdis
verfiele man bei so grossen Zufällen und Veränderungen auf so viel Scheidewege:
dass der Allervorsichtigste nicht allemal den rechten treffen könnte / sondern in
dem verwirrten Spiele der Welt wider Willen zuweilen den Blinden abgeben / und
denen Sehenden sich zum Gelächter machen müste. Nunmehr aber hätte er Gott zu
dancken: dass mit dem ausgekläreten Zustande Deutschlandes er sein ganz Gemüte
umbgedrehet zu sein fühlete / und seine bisherige Unfälle ihm allererst die
Augen aufgesperret hätten den Angelstern seines Glückes nirgends anders / als
gegen Nord zu suchen / und die Deichsel seines Fürhabens nicht anders wohin zu
kehren / als wohin ihm so wohl das Glücke /als die Liebe des Vaterlandes selbst
den Weg wiese. Hertzog Arpus kam mit allem Fleiss dem Feldherrn /welcher
Segesten mehr Ehrerbietigkeit zu erweisen Ursache hatte / zuvor / und
antwortete: Wenn eine zerfallene Freundschaft nur aufrichtig ergäntzet würde /
kriegte sie wie die zerbrochenen und wolgeheilten Beine mehr Stärcke; also / dass
beide hernach ehe anderwerts / als an dem beschädigten Orte brechen würden. In
diesem Vertrauen nehmen sie ihn zum Freunde so willig auf / so behertzt sie und
das Glücke / ja der seine eigene Kinder zur Rache wafnende Himmel ihn verfolgt
hätten. Sein / und tausend andere Beispiele erhärteten: dass noch niemand den
Degen wider sein Vaterland gezückt / den er ihm nicht selbst durch die Hand
gestochen. Mehr wäre Segesten nicht zu sagen. Denn er würde zweifelsfrei schon
in sich gegangen sein / und ihm selbst mehr eingehalten haben / als einem zukäme
/ der die Feindschaft / wie sie / schon abgelegt / oder vielmehr vergessen
hätten. Eines aber könnte er mit Ehren und Gewissen nicht unterlassen / nämlich
ihn bei der Liebe seines Vaterlandes und seiner ruhmwürdigsten Kinder / welche
keine Wildigkeit auch den Tieren abzulegen verstattete / zu beschweren: Er
möchte nicht einem Weibe zueignen / was er / vermöge des in sein eigen Hertz
geschriebenen Gesetzes der Natur / denen erstern beiden schuldig wäre. Die
Entfrembdung dieser Liebe wäre zuweilen des Vaterlandes Fall- aber allemal des
von seiner Pflicht absetzenden Leichen-Brett. Die Römer / welche ihr eigenes
Vaterland Alba eingeäschert / und mehrmals Rom zu verlassen vorgehabt hätten /
liebkoseten zwar eine Zeitlang denen / welche sich zu Werckzeugen frembder
Dienstbarkeit gebrauchen liessen / aber diese wären ihnen hernach bis zu ihrem
Untergange ein Dorn in Augen: Niemand hätte mit grösserm Eiver als Masanissa
seinem Vaterlande das Seil an die Hörner binden helffen; gleichwol hätte sein
Enckel Jugurta nackend in einem stinckendem Gefängnisse ersticken und erhungern
müssen. Die Heduer trügen nun / aber wohl verdient / ein zweifaches Joch / weil
sie im Anfange untergebückt: dass Julius die Last den andern Galliern aufbürden
können. Nichts sicheres aber könnte Segestes tun / als wenn er durch anderer
Augen in sich selbst sähe. Solte Rom die Catten und Cherusker zu Knechten
machen; so würden die Chassuarier und Dulgibiner nicht Zeit haben nach der
Freiheit sich umbzusehen. Würden sie aber für einen Mann beisammen stehen / so
hätten sie sich auf den gemachten Frieden / oder auch auf allen Fall auf ihre
Kräfften zu verlassen. Kein Riese wäre so starck / dass er einem Pferde einen
ganzen Schwantz ausrisse / oder ein Gebund Pfeile zerbräche; eintzelweise aber
wäre es auch Zwergen nicht zu schwer. Kein Feind hätte den Deutschen noch was
abgejagt / wenn sie nicht ihre Zwytracht zum Vorteil voraus gehabt: Und die
Römer hätten lernen klein zugeben / so bald nur drei oder vier deutsche Fürsten
wären unter einen Hutt gebracht worden. Daher Segestes weder aus Hoffnung /
noch aus Furcht von den Deutschen mehr abzusetzen und zu den Römern sich zu
schlagen Ursach haben würde / wenn sie nicht glauben sollten: dass er entweder aus
keinem deutschen Geschlechte entsprossen sei / oder sein ganz Geblüte sich in
Galle verwandelt hätte. Sie trauten ihm aber nunmehr nach dem Erkäntnüsse dessen
/ was das Verhängnüs und das Vaterland von ihm forderte / so viel Freundschaft
als Klugheit zu: dass er allen andern Fürsten in Deutschland ein Vorbild
unabtrennlicher Treue abgeben würde. Nicht nur alle Chassuarier und Dulgibiner
würden mit ihm in den deutschen Bund treten; sondern auch die Alemänner /
Longobarden und Marckmänner nach sich ziehen. Daher hätte er und alle Fürsten
ins künftig wohl grosser Vorsicht von nöten. Deñ es wäre mit ihnen wie mit den
Ziffern /eine eines stünde oft für tausend; und ein einiger von ihnen
begangener Irrtum gebiere ihrer unzehlich bei ganzen Völckern. Die
Anfälligkeit aber des Bösen wäre ärger / als das böse selbst. Segestes /
welcher wohl verstund: dass wenn Stahl und Stein zusammen kämen / Feuer geschlagen
würde / und also klein zuzugeben von nöten hatte / antwortete: Wie er nicht
zweifelte / dass von denen beigelegten Misshelligkeiten keine Narbe eines
beschuldigenden Gedächtnüsses übrig blieben sei; also würde seine künftige
Bezeigung dartun: dass er nichts von seinem alten Misstrauen in seinem Hertzen
behalten habe / sondern die Wolfahrt des Vaterlandes sein oberstes Gesätze / und
dessen Liebe seine Richtschnur sein würde. Hierauf umbarmte der Feldherr und
Arpus Segesten / jener händigte ihm auch den in der Schlacht verlohrnen Degen
wieder ein / mit dem Beisatze: Wenn er diesen Degen nicht wieder verlieren wollte
/ sollte er ihn nie wider sein Vaterland zücken / wider desselbten Feinde nie zu
feste stecken haben. Segestes bedanckte sich zwar hierfür / nam aber selbten
und zerbrach ihn in kleine Stücke / darbei meldende: dieser Degen wäre so
befleckt / dass sein Widerschein ihn allezeit schamrot machen würde; daher sollte
er nicht mehr an seine Seite kommen. Nach diesem kam auf ein gegebenes Zeichen
Fürst Siegesmund in das Zimmer /fiel für Segesten auf das eine Knie nieder /
und bat: Er möchte ihm zu Gnaden wenden: dass nicht so wohl sein Wille / als
Unglück ihn verleitet hätte wider das erste Gesetze der Natur zu sündigen /
nämlich ein Werckzeug zu seines Vatern Gefangenschaft zu sein. Im Kriege würden
nicht nur die Augen / sondern auch die Vernunft verbländet; und denen Rechten
der Natur der Mund gestopft. Nichts destoweniger wäre sein Gewissen viel zu zart
sich aller Straffe zu entziehen; wenn nicht die Gütigkeit seines Vatern vorher
sein Verbrechen ausleschte. Sintemal auch der seinen Vater Cajus unwissentlich
tödtende Oedipus seine Unvorsichtigkeit nicht gelinder / als mit Ausreissung
seiner Augen gestrafft hätte. Segestes konnte nicht anders tun / als seinen
Sohn aufheben / und ihm zu sagen: Er erkennete hierinnen die Schickung des
gerechten Verhängnisses; welches mehr als sein Sohn die Waffen wider ihn
geschärffet hätte. Diesem hätte er zu dancken: dass / was er als Vater dem
Vaterlande leides getan / der Sohn durch seine Treue zugleich gut gemacht
hätte. Irrtum könnte kein Werck verschlimmern / wo der Vorsatz wohl angezielet
gewest wäre. Keiner aber könnte besser sein / als der für des Vaterlandes Heil
angesehen wäre. Diesemnach müste er gestehen: dass der Sohn rühmlicher geirret /
als der Vater sein Absehn verfolgt hätte. Und wenn Siegesmund diesen Fussstapfen
nachgehen würde / könten auch seine Fehltritte nicht getadelt werden. Ingviomer
/ Flavius / Jubil / Catumer / und andere Grossen / bei denen Sentius Saturninus
inzwischen im Nahmen des Tiberius grosse Freundschafts-Bezeugungen abgelegt
hatte / traten hiermit in das Zimmer / und unterbrachen durch ihre freundliche
Begegnungen zwischen Segesten und Siegesmunden zu beider Vergnügung die
empfindlichste Unterredung; da den Sohn seine kindliche Gemüts-Regung / den
Vater das Gedächtnüs seiner Fehler schamrot machte. Fürnemlich aber nam dieser
Siegismunds Entschuldigung wider desselben Meinung für eine Beschuldigung auf;
da denn nichts gewöhnlicher / als dass man sich dis am meisten zu hören schämet /
bei dessen Vollziehung wir uns nicht einmal gefärbet / oder ein Bedencken
gemacht haben. Sentius Saturninus erinnerte hiermit: dass Segesten der
versprochene Reichs-Schluss / in welchem alle wider Segesten vorhin gemachte
Schlüsse abgetan werden sollten / ausgehändiget werden möchte. Worauf der
Feldherr auch den Aufsatz zur Stelle zu bringen befahl / und mit seiner
Unterschrifft denen andern Fürsten vorgieng. Als es aber an Hertzog Jubiln kam /
hielt er mit seiner Feder eine geraume Zeit inne. Wie nun der Feldherr dessen
Ursache erkundigte / gab dieser schlaue Fürst zur Antwort: Er könnte sich sobald
nicht auf seinen ihm entfallenen Nahmen besinnen. Hierüber entstand zwar ein
ziemlich Gelächter / aber Segestes empfand dis als die spitzigste Stachel-Rede
im innersten seines Hertzens; gleich als wenn dieser scharfsinnige Fürst allen
deutschen Fürsten unvermerckt verwiese: dass sie bei Ausfertigung dieses der
Deutschen Freiheit nachteiligen Schlusses ausser acht gelassen hätten / wer sie
Zeiter gewest wären. Gleichwol aber ward er von allen unterschrieben / und
Segesten ausgehändigt. Der Feldherr stellte hierauf Befehl die Taffel zu
bereiten / und verfügte sich mit allen Anwesenden in Tussneldens Zimmer. Wie
mächtig diese Fürstin nun ihrer war / so überfielen sie doch bei dem Anblicke
ihres Vaters und des Sentius Saturnus zwei so ungleiche Gemüts-Regungen: dass
man ihre Verwirrung ihr an Gesichte und Gebehrden ansah. Ob nun zwar die
heftigste vom Saturnin herrührte / als welcher mit Vermählung seiner Tochter
Sentia an Segesten / zwischen Tussnelden und ihres Vaters Hertzen eine ewige
Trennung gestifftet hatte; so verhüllete sie doch diese empfindliche Schwachheit
unter die lobwürdigen Freuden-Tränen / mit denen sie die geküssete Hand
Segestens als mit einem reichen Taue überschüttete. Sie selbst bat sehr
beweglich: Segestes möchte diese für einen Zoll ihrer Treue und Ergetzung über
seiner so annehmlichen Umbarmung anzunehmen würdigen. Ihr Hertze wäre Zeit
seiner währenden Entfernung von Traurigkeit / wie die Erde des Winters vom
Froste verschlossen gewest. Nunmehr aber öfnete es sich von seiner annehmlichen
Gegenwart /wie diese im Frühlinge von den Strahlen der Sonne. Ihre Augen stiessen
so viel Zähren / als einen Schweiss ihrer angefeuerten / oder als einen flüssenden
Zeug ihrer von Liebe und Treu schmeltzenden Seele herfür. Segesten giengen
gleichfals die Augen über / und sagte er: seine Vergnügung liesse sich gleichfals
nachdrücklicher mit saltzichten Tränen / als flüchtigen Worten ausdrücken; Weil
er seine liebste Tochter /die vollkommene Freude seines Hertzens / nun nicht
allein als eine Gemahlin des ruhmwürdigsten Feldherrn / sondern als eine
fruchtbare Wurtzel des Cheruskischen Hauses umbhalsen könnte. Ja wenn beides
nicht genung wäre ihn mit einem Ubermasse der Freuden zu überschütten / so käme
noch darzu: dass er sie nicht rechter seine Tochter / als seine Erlöserin nennen
müste. Denn ihr Beispiel hätte an ihr wahr gemacht: dass kein Gefängnüs so feste
verriegelt / keine Kette so hart gestählet sein könnte / welche nicht die Liebe
auf- oder zu zersprengen wüste. Bisher hätte er ihm eingebildet: dass seine
Sehnsucht alle andere Regungen überwachsen hätte; Nunmehr aber verkleinerte sie
seine Vergnügung über ihrer Wieder-Erlangung / und zernichtete den gemeinen
Irrtum: dass der Genuss eines Dinges nicht so süsse / als das Verlangen darnach
wäre. Tussnelde holete hierüber einen tieffen Seufzer / und sagte: Wolte GOtt!
dass diesen Genuss niemals mehr durch einigen Eckel vergället werde; und dass die
Liebe in Vereinbarung der Gemüter nicht schwächer sein möge / als er ihr in
Zerbrechung der Ketten und Kerker zugeeignet hätte. Segestes umbarmete sie /
und antwortete: sie sollte dieses für ein ungezweifeltes Kennzeichen seiner
unzertrennlichen Liebe annehmen; welche / weil das Wesen ihrer Seelen einander
nicht selbst umbarmen könnte /sich mit Umbfassung ihres Behältnüsses vergnügen
müste. Wie die Sonne keine Strahlen von sich liesse /welche sich nicht mit
andern Gestirnen / unserm Gesichte / Edelgesteinen und andern Geschöpffen
vermählten; Wie das Meer keinen Tropffen Wasser verwendete / ohne selbtes mit
der Erde oder Lufft zu vermischen; also könnte auch ihrer beider so reine Liebe
nicht ohne Vereinbarung der Seelen sich auslassen. Sonst würde auch die
vollkommenste eine Bewegung ohne Ziel / eine Reise ohne Ruh / und eine Verirrung
ohne Ende sein. Weil nun nichts leichters ist / als sich der Leichtgläubigkeit
eines uns liebenden Hertzens missbrauchen; ungeachtet nichts niedrigers und
schwärtzers zu finden; wurden Tussnelde und der Feldherr durch so bewegliche
Beteuerungen unschwer beredet: dass in Segestens Seele weniger Falschheit / als
in einem offtmals gereinigten Magen Galle übrig blieben sein könnte. Also
verneuerten sich ihre Umbarmungen; und / weil eines Herrschers holdes Auge die
erste Bewegung aller anderer Liebkosungen ist / war niemand nicht in
gegenwärtiger Versammlung / welcher nicht dem andern mit Ehrerbietung überlegen
zu sein sich bemühte. Inzwischen ward die Taffel in dem nechsten Saale bereitet;
bei welcher die deutschen Fürsten ihre Verträuligkeit durch Ausleerung nicht
weniger mit köstlichem Rheinweine gefüllter Hörner und Gläser verneuerten; als
wormit sie zugleich ihre Hertzen so viel aufrichtiger auszuschütten / und ihre
Freundschafts-Schlüsse am festesten zu versiegeln vermeinen. Unterdessen
befunden sich doch unter allem diesem Gepränge scheinbarer Verträuligkeit nicht
alle vergnügt. Segesten reitzete der Dorn seiner Schande und der Verdruss über
dem Genüsse so vieler unverdienter Gewogenheiten zu einer heimlichen Rache.
Sintemal die menschlichen Gemüter nichts säuerer ankommt / als die Beleidigten
zu lieben und mehr Woltaten zu Danck annehmen / als man verdienet. Ismene
seufzete / wenn schon andere Ursachen ihrem Munde das Lachen abnötigten / nach
ihrem abwesenden Zeno; konnte sich also nicht überwinden den doch mit so viel
Sieges-Kräntzen ansehnlichen Fürsten Catumer für was bessers / als für einen
Bräutigam ihrer Unruhe /und für eine Schiffbruchs-Klippe ihrer Glückseeligkeit
anzuschauen. Catumer hingegen hatte stets / jedoch Wechsels-Weise / ein Auge des
Antlitzes oder des Gemütes auf die Chaucische Fürstin Adelmunde; gleich als
diese zwei einander / wie die ihre Eyer durch blosses Anschauen ausbrütenden
Straussen / ablösen müsten / umb ihre Vergnügung reif zu machen. Fürst Siegesmund
war zwar von Zirolanen zu einer stillschweigenden Anbetung gebracht worden;
alleine seine Augen bemühten sich so viel arbeitsamer zu sein. Unter allen aber
schätzte sich Flavius noch für den glückseeligsten. Denn ob ihn sein
Glücks-Stern zwar nicht so hoch erhöhete; dass er sich in den Augen der Königin
Erato eine Soñe zu sein unterstehen dorfte; meinte er doch in der Abwesenheit
des Fürsten Zeno die Stelle des Monden zu vertreten berechtiget zu sein. Ihr
Hertze hingegen war mit so viel Zweifels-Knoten umbflochten; sonderlich nach der
letztern Schlangen-Wahrsagung: dass weder ihre Vernunft /noch ihre Neigungen
sich aus der Liebe des Zeno und Flavius auszuwickeln wussten. Der Tag ging mit
der Taffel und tausend aufwallenden Gemüts-Regungen zur Neige. Nach dem sie
aber aufgehoben war; bediente sich Flavius des Vorteils oder vielmehr der
Freiheit / welcher der Wein ins gemein den Zügel was reichlicher entengt / die
Königin Erato in Tussneldens Zimmer zu begleiten / und ihr zu sagen:
Allerschönste Königin; nunmehr hat der Himmel uns alle Pforten der
Glückseeligkeit aufgesperret. In ihrer Willkühr bestehet es nun entweder
Armeniens Königin durch Hülffe der mir geneigten Römer / und mit mir eine
Fürstin Deutschlands zu sein; oder mich in äuserste Verzweifelung zu stürtzen.
Das Verhängnis redet mir das Wort; der mit meiner Schwester vergnügte Zeno hat
mir mit Fleiss die Stelle geräumet; Ist es nun nicht ratsamer mit mir die
selbstständige Liebe zu umbarmen / als mit denen an dem abspenstigen Zeno
hangenden Gedancken ihrem Schatten und eigenem Unvergnügen nachrennen? Erato
seufzete und antwortete: Grossmütiger Flavius / es ist mir so schwer Armenien /
als ihm seine Königin zu besitzen; Und mir so unmöglich des Zeno als meiner zu
vergessen. Auch scheinet mir unglaublich: dass Flavius sich mit einer Seele
unauflösslich verbinden könne; welche sich ihn so leichte von ihrer andern
Helffte hat trennen lassen. Darumb mässige Flavius sein Verlangen von der / die
ihm so wohl will / ein mehrers zu begehren /als sie ihm zu gewehren mächtig / und
ihm anzunehmen gut ist. Liebet er mich aber / wie er vorgibt / so schone er
meiner / und mühe sich nicht meine Pflicht zu einer Dienst-Magd meiner
Schwachheit zu machen. Er ist vernünftiger als ich / darumb stehet ihm vielmehr
zu mein Hertze wider sich selbst zu verhärten / damit mich die Tugend nicht
verlasse / umb seinen Versuchungen zu folgen / und mich nach den Eitelkeiten des
verschmäheten Armeniens lüstern zu machen. Die Ankunft einer Person in das
Zimmer oder vielmehr seine eigene Verwirrung hinderte den Flavius nicht allein
in einem Gegen-Satze; sondern verstörete ihm auch durch tausenderlei Auslegungen
ihrer Worte seine ganze Nachtruh. Gleichwol aber heuchelte er seiner Begierde
so weit: dass er die Königin Erato zu erlangen nicht mehr für unmöglich hielt;
wenn er ihr nur mit sich den Besitztum Armeniens zubrächte. Die Grund-Steine
dieser Einbildung waren: dass niemand mehr nach Kron und Zepter seuftze / als der
sie aus Einfalt verschmähet hat; und dass die erste Regung der Eyversucht / damit
sich Erato schon vorher gegen dem Fürsten Zeno lossgegeben hatte / der
vergehenden Liebe letztes Atem-holen sei.
    Folgenden Morgen unterliessen Agrippine und Saturninus nicht ihre Einladung
zu dem Käyser zu Ehren angestellten Feier aufs beweglichste zu wiederholen.
Wormit auch ihnen ihre Einladung so viel mehr ein Ernst zu sein schiene /
teilten sie im Nahmen des Tiberius / an statt der sonst gewöhnlichen
beinernenhöltzernen- oder ertztenen / zierliche Gast-Zeichen aus Golde allen
Fürstlichen und andern hohen Personen aus; welche man in zwei gleiche Teile von
sammen schüben oder schrauben konnte. Worvon der eingeladene Gast die eine / der
Wirt die andere Helffte zum Merckmale des eingegangenen Gastrechtes zu behalten
pflegte. Auf dem / welches der Feldherr Hermann bekam / war auf dem einen Teile
Pylades / auf dem andern Orestes künstlich geschmeltzt. Tussnelde bekam eines /
darauf Telemachus Minerven bewirtete. Auf Ingviomers stand das vom Menelaus dem
Telemachus und Pisistratus gegebene Mahl. Auf dem der Königin Erato war geetzt;
wie die guttätige Calypso den scheuternden Ulysses bewillkomte. Ja jedes dieser
kostbaren Gast-Pfänder hatte was nachdenckliches auf sich. Uberdis lieferte
Agrippina im Nahmen des Germanicus dem Feldherrn eine güldene rundte Platte ein
/ umb welche alle Schutz-Götter der Gäste / nämlich Jupiter mit den
Donner-Keilen / Venus / Minerva / Apollo / Castor /Pollux / die Haus- und
Strassen-Götter gebildet waren. In der Mitte aber stand die schärfste
Beteuerung und Flüche / da denen Eingeladenen das wenigste Leid geschehen
sollte. Zwischen diesem Eyde war überdis durch Schmeltz aufs zierlichste
ausgedrückt /wie Jupiter den ihm von dem Menschen-Fleische seiner erwürgten
Gäste zu Essen-gebenden Lycaon in einen Wolff verwandelt. Weil der Feldherr
keinen Schein einigen Misstrauens von sich blicken / noch auch von den Deutschen
urteilen lassen wollte; dass ihre Gramhaftigkeit der Römischen Höfligkeit nicht
würdig wäre; gab er selbst Anlass: dass seine Gemahlin Tussnelde / Erato / Catta /
Ismene / Zirolane / Adelmunde / Hertzog Flavius / Ingviomer / Catumer
/Siegesmund / Marcomir / Sesitach / Sebald / Reinold / Arnold / und viel andere
deutschen Helden nach Meintz reiseten / denen Käyserlichen Ritter-Spielen
beizuwohnen. Tiberius hatte inzwischen an Pracht und anderer nötigen Anstalt
nichts vergessen / was so wohl zu würdiger Bewillkommung so vornehmer Fürsten /
als zu Andeutung seines Gernesehens nötig schien. Hierzu veranlasste ihn nicht
nur der neue Friede und Freundschaft / welche nach beigelegtem Zwist am
geschäfftigsten ist seine gute Neigungen zu bewehren / oder zu bescheinigen;
sondern auch der Deutschen Art; welche über alle andere Völcker der Welt das
Gastrecht für was gar überaus heiliges halten. Denn ob wohl die freundlichen
Griechen ihre Gäste desto ehrlicher zu empfangen absondere Aempter in Städten
hatten / die gastfreien Cretenser allemal neben ihrem Tische einen andern für
frembde Gäste / und den dritten für den bewirtenden Jupiter deckten die
freigebigen Megarenser und Corintier /so gar ihre Kriegs-Gefangenen als
angenehme Gäste unterhielten / und ohne Lösegeld frei liessen; die gutwilligen
Nachbarn des Flusses Phasis jedem Schiffbruch-leidenden über ihren Unterhalt
noch drei Minen mit auf den Weg gaben; die Calabrer das ihrige auf Gäste zu
verschwenden für Ehre hielten; ja fast allentalben das nur mit Saltz und Brod
gestifftete Gastrecht der Bluts-Freundschaft vorgezogen wird; also / dass wegen
dieser Verbindung der dem Priamus verwandte Teucer für die Griechen wider sein
Vaterland zu kämpffen kein Bedencken trug; so tun es doch die Deutschen und
Gallier in Bedienung ihrer Gäste allen andern zuvor. Denn sie nehmen nicht nur
Steinfrembde umbsonst auf / und halten es für Schande sie umb Geld wohl zu
bewirten; sondern sie gehen auch selbten entgegen / und streiten gleichsam umb
die Ehre ihnen gutes zu tun. Denn sie halten alle Gäste für heilige und GOtt
angenehme Leute / also für ärgstes Laster ihnen Leid zu tun / oder wiederfahren
zu lassen. Nichts ist in ihrem Hause für ihnen verschlossen; alles muss sodenn
bei Tische voll-auf /und denen Wegziehenden / nichts / was sie nötig haben oder
verlangen / versagt sein. Und hierinnen machen sie so gar zwischen Bekandten und
Frembden keinen Unterscheid / und gleichwol rechnen sie alles dis für keine
Woltat / machen auch daraus keine Verbindligkeit. Dieses sind die Sitten der
freigebigen Nord-Länder; woraus bei den Griechen dieses Gerichte erwachsen: dass
Toxaris und andere Scyten ihre Gäste für Götter anbeteten. Diesen wollte nun
Tiberius seinen Römern zu Ehren nichts nachgeben; als welcher bei seinen vielen
Lastern doch viel Tugenden / und darunter diese fast am vollkomensten hatte: dass
er gastfrei war / und wie vorzeiten Cajus Gracchus zu Rom / täglich offene
Taffel hielt. Diesemnach musste die deutschen Fürsten Germanicus / den Adel
Apronius zu Meintz für dem Tore mit allerhand Säiten-Spielen und vielem
Gepränge empfangen. Tiberius selbst kam ihnen mit dem fürnehmsten Römischen Adel
bis an die Pforte seines Hauses entgegen; reichte allen Deutschen die rechte
Hand; grüssete einen jeden absonderlich / denen Fürsten küssete er das Haupt
/dem Frauenzimmer die Stirne / als einen heiligen Sitz des Schutz-Geistes.
Hingegen wollte er dem deutschen Adel durchaus nicht verstatten: dass sie ihm zum
Zeichen ihrer tieffen Verehrung die Knie anrührten; beteuerte auch: dass die
Ankunft so hochgeschätzter Gäste ihm unfehlbar etwas gar gutes bedeutete. Denn
bei Fürsten wird zuweiln eine blosse Unterlassung einer geringen Zierligkeit für
einen Schimpff und Beleidigung aufgenommen. Flavius und Tussnelde mussten des
Tiberius eigene Zimmer einnehmen / und die fürnehmsten Römer denen andern ihre
bequämsten Wohn-Städte räumen. Gallien hatte von beides Meeren genungsam
zuzuführen / umb allem Mangel an kostbarer Unterhaltung abzuhelffen / oder
vielmehr den Uberfluss der Natur / und das Vermögen der Römischen Verschwendung
sehen zu lassen. Zu denen Spielen war oberhalb Meintz an dem Rheine ein weiter
Platz ausgezeichnet / und in Gestalt eines Schau-Platzes mit Gestülen für viel
tausend Zuschauer umbgeben. Agrippine führte alles deutsche Frauenzimer auf
einem Schiffe dahin / welches einen güldenen Wallfisch / die Ruderer aber
schupffichte Wasser-Götter fürbildeten. Rings umbher schimmerten viel kleine /
teils wie Sirenen / teils wie Meerschweine gebildete Nache / welche mit
annehmlichen Säiten-Spielen die Luft / wie die Sonne mit einer liebkosenden
Wärmbde erfülleten. Die deutschen Fürsten und Ritter aber wurden vom Sentius
Saturninus zu Lande dahin begleitet. Sintemal diese wohl wussten: dass die
Deutschen und Persen / welche ihre Kinder bald zum Stecken-Reiten gewöhnten /
und im gewissen Alter auch an statt der Senften sich der Pferde bedienten /für
Schande hielten dahin zu fahren / wo sie hin reiten könten. Der erkiesete
Schau-Platz bildete recht die länglicht rundte Renne-Bahn des beim
Trasimenischen See vom Hannibal erlegten Flaminius ab / welchen er neben den
bald nach vertriebenen Königen erbauten Tempel der Bellona aufgeführt hatte. Für
die Römer und Gallier waren im eusersten Umbkreisse; für die eingeladenen
Deutschen aber in der Mitte der Reñebahn zwischen den Bildern des Neptun / der
Tetis / und Achilles unter einem vergüldeten Himmel wolabgeteilte- und mit
Persischen Teppichten bedeckte Gestühle bereitet; auch eine grosse Anzahl des
Römischen Adels und Frauenzimmers diese vornehmen Gäste zu unterhalten
verordnet. An der geraden Seite des Ey-länglichtumbschlossenen Platzes war ein
Tempel des Krieges zwar nur aus Holtze gefertigt /aber so wohl gemahlet: dass er
dem ausserhalb der Stadt Rom stehenden steinernen Tempel der Bellona / welchen
Appius Claudius gebaut hatte / an Seulen / Pforten / und allem ganz ähnlich /
darmit aber unterschieden war: dass an statt der Claudier / der sieben Römischen
Könige Bilder zwischen den Seulen zu schauen waren. Für diesem Tempel stand auch
/ wie bei dem zu Rom / eine niedrige Seule / an welcher die neuen Kriege
angezeichnet wurden. Sie hatten kaum ihre Stühle besessen / als gegen über sich
die Pforte des Tempels mit einem grossen Getöne kriegerischer Hörner öffnete /
und vier Herolde zu Pferde heraussprengten / drei mal umb den Tempel rennende
allezeit rufften: Krieg! Krieg! endlich jeder an erwähnter Seule einen Spiess
aufhieng; und an die Seule mit Röte voraus gesprochene Worte anschrieb. Hierauf
folgte auf einem Feuer-roten Wagen / welchen vier Trachen zohen die Schwester
und Gemahlin des Kriegs-Gottes. Sie war in Blut-rote Seide gekleidet; in der
rechten Hand hielt sie eine brennende Fackel /in der lincken eine Sichel. Auf
dem Haupte hatte sie einen Helm / zerstreute Haare. Zu den Füssen einen Schild /
eine Peitsche und allerhand Waffen. Umb den Wagen giengen sieben nackte Priester
/ welche mit Messern ihre Armen und Beine zerkerbten; das daraus flüssende Blut
aber mit den holen Hand-Tellern auffiengen uñ einander zutrancken. Für dem Wagen
giengen zwölf Unholdinnen mit schwartzen Pech-Fackeln. Ihm folgten zwölf
einäugige Riesen / und so viel geharnschte Zwerge / jene mit grossen Käulen /
diese mit Bogen und Pfeilen. Als Bellona zu der Krieg-ankündigenden Seule kam /
riess sie nach Art der zum Kriege ausziehender Bürgermeister eine Spiess davon zu
sich / schlug damit wider die Seule und warf selbten grimig weg: dass er in der
Erde stecken blieb. Hierauf fieng sie an zu singen:
Rom / Frau und Haupt der Erde /
    Mein wohlgeraten Kind /
    Hemm' einmal deine Pferde.
    Denn deine Siege sind
    Nunmehr biss an den Rhein / und hoch genung gebracht.
    Der ist nicht Siegens wert / der keinmal Friede macht.
Du wirst mit Lorbern prangen /
    Die Welt dich beten an /
    Ob ich dir dein Verlangen
    Gleich / nicht gewehren kann:
    Dass Elb' und Weser wird dein neues Eigentum.
    Die Tugend krieget nicht umb Wucher / nur umb Ruhm.
Kein Ziel der Mord-Lust finden /
    Ist ein Cyclopen-Krieg;
    Sich selber überwinden /
    Ist aller Siege Sieg.
    Weil das Verhängnis nun steckt deinem Krieg ein Ziel.
    So sei vergnügt mit dem / was Stern und Himmel will.
Jedoch must du nicht schlaffen;
    Stets ruhen ist nicht gut.
    Der Rost frisst stille Waffen /
    Bewegung dient der Flut.
    Erörter mit dir selbst: welch Bürger deiner Stadt
    Der Tugend höchsten Preis den Krantz verdienet hat.
    Nach dem Beschlusse ihres Singens erhub sich ein abermaliges
Krieges-Getöne; und Bellona rennete zwischen denen sie umbgebenden Schaaren
gleichsam wütende hin und her. Hierauf liess sich ein annehmlicher Schall von
Seitenspielen hören / nach welchen die Unholden / die Riesen und Zwerge einen
künstlichen Tantz anfiengen. Darinnen die Riesen bald mit ihren Käulen die
Unholden / bald diese die Riesen mit ihren Fackeln verfolgten; die Zwerge sich
aber bald zu einer / bald zu der andern Seiten schlugen / und durch ihre
Geschwindigkeiten teils mit dem Bogen-Schüssen / teils mit ihren leichten
Sprüngen einem und dem andern einen Vorteil abrennten. Als dieser Tantz sich
kaum geendigt hatte / öffnete sich das Tor auf der Ost-Seite der Renne-Bahn /
durch welches der alte Arcadische König Evander; welcher auf dem Palatinischen
Berge das erste Schloss in Rom gebauet haben soll / mit einem Hauffen halb auf
Arcadisch /halb auf Römisch gekleideter Kriegsleute einzoh. Diesem folgte ein
ertztener von vielem Eisen schwirrender und von vier Wölfin gezogener
Sieges-Wagen / an dessen Hinterteile eine übergüldete Wölfin mit zwei saugenden
Kindern künstlich geetzt war. Darauf sass Rom in Gestalt eines siebenjährigen /
aber wohl-gerüsteten Kindes. Hinter dem Wagen folgte der den Romulus
fürstellende Tiberius zu Pferde / mit hundert alten Römern / welche teils
Arcadisch / teils Phrygisch / teils nach Art der alten Lateiner aufzohen. Für
ihm ward getragen das Gemählde der von ihm viereckicht-gebauten Stadt Rom mit
vier Pforten seines Vejentischen Sieges / und der Raub der Sabinischen Weiber.
Nach dem Romulus hatte Germanicus mit Vorstellung des andern Königs Numa
Pompilius auf einem von Maul-Tieren gezogenen silbernen Wagen seinen Aufzug.
Darauf war Egeria / wie sie auf ein brennendes Altar Weirauch streute /
gemahlet. Für ihm trugen vier Vestalische Jungfrauen das von Troja in Italien
gebrachte ewige Feuer / drei Priester das zu Troja vom Himmel gefallene Bild der
Pallas /zwölff Salische Priester des Krieg-Gottes in gemahlten Röcken mit
eisernen Brust-Stücken so viel Ancylische Schilde; derer einer zur Zeit des Numa
/ als ein Merckmal ewiger Herrschaft / gleicher gestalt vom Himmel gefallen
sein soll. Diesem folgten hundert wohlgewaffnete Leib-Schützen oder Celures. Den
dritten Aufzug machte der den kriegerischen Tullus Hostilius vertretende
Asprenas / auf einem von vier Luchsen gezogenen roten Wagen. An selbtem war das
Bild der Rache zu sehen; welche den Horatius zu Durchstechung seiner Schwester;
den Hostilius zu Zerreissung des Metius Fufetius anstiftete. Für ihm ward das
Bild des Kriegs-Gottes / die mit Ruten umbwundenen Bürgermeister-Beile / das
Gemählde von Uberwindung der Curatier / der Stadt Fidena / die Einäscherung der
Stadt Alba / und die Aufnehmung der Albaner in Rom fürgeträgen. Ihm folgten
hundert aufs beste gewaffnete Römer / halb zu Pferde / halb zu Fusse. Der
vierdte war Cäcina auf einem mit vier Walachen bespannten Wagen / der Vorsteller
des die Kriegs- und Friedens-Künste miteinander vermischenden Ancus Martius. An
seinem blauen Wagen war das güldene Bild des Glücks geetzt / welchem dieser
König den ersten Tempel in Rom gebaut. Seinen Ruhm stellten die vorgetragenen
Bilder des über die Lateiner erhaltenen Siege / der erweiterten Stadt Rom / der
gebauten Brücke über die Tiber / und des bevolckten See-Hafens Ostia für. Nach
ihm folgten ebenfalls funfzig Reiter / und so viel Fuss-Knechte. Der fünfte
Aufzug war des Tarquinius Priscus / oder des seine Stelle vertretenden Norbanus.
Er sass in einem ganz güldenen Sieges-Wagen auf einem helffenbeinernen Stule /
in einem mit Gold und Seide gestückten Rocke. Den mit allerhand bundten
Blum-Wercke besämten Wagen zohen vier mit einem köstlichen Zeuge belegten
Hengste. An dem Wagen war das Bild der Pallas aus Corintischem Ertzte künstlich
erhoben; weil er aus Griechenland eben so wohl allerhand Künste und
Wissenschaften / als alle obige Zierraten zu erst nach Rom gebracht. Für dem
Wagen wurden von eitel Wahrsagern getragen zwölff abgebildete Städte der
Tuscier / Sabiner und Hetrurier; welche er mit ihren Völckern überwunden; wie
auch der Grund-Riss des Capitolium / und seine Gebäue wider die überlauffende
Tiber. Die ihm nachfolgenden Kriegsleute waren mit viel bessern Waffen /als
seiner Vorgänger ausgerüstet. In dem rechten Aufzuge vertrat auf einem mit eitel
Sternen beworffenen Wagen Stertinius die Stelle des Servius Tullius. An dem von
vier weissen Ochsen gezogenen Wagen war das Bild des Verhängnisses gebildet /
welche des Tullius Haupt mit einer Flamme überschüttete; westwegen ihn des
Tarquinius Gemahlin Tanaquil / als einen künftigen Herrscher unter ihre Kinder
aufnahm. Für ihm wurden unterschiedene Taffeln getragen / auf welchen die
Abteilung des Römischen Volckes / die Unterscheidung des Adels und der Zunften
/ die Austeilung der Schatzungen / und anderer Wirtschafts-Anstalten; der Riss
von Erweiterung der Stadt und der sie umbgebenden Graben; die Uberwindung der
Sabiner / und die Demütigung der Vejenter zu schauen war. Ihm folgten hundert
gewaffnete Römer in einer bessern Ordnung / als alle vorher. Den siebenden
Aufzug hielt Lucius Apronius unter dem Nahmen des hoffärtigen Tarquinius in
einem Purpur-Kleide auf einem mit Edelgesteinen besetzten / und von drei
Pantern gezogenen Wagen; an welchem die Hoffart /die Herrsch-Sucht / und
Grausamkeit Tullien des Tarquinius Gemahlin über die blutige Leiche ihres
ermordeten Vaters Tullius mit denen Pferden zu sprengen rejetzten. Vorher ward
das bei angefangene Baue des Capitoliums ausgegrabene Menschen-Haupt; der Abriss
seines grossen Tempels; ein Verzeichnüss der von ihm gesetzten Feiertage / und
die Gemählde seiner wider die Sabiner und Hetrurier erlangten Siege getragen.
Die dem Wagen nachfolgenden Römer waren so wohl mit Werckzeugen der vom
Tarquinius ausgedachter Peinigung / als Waffen versehen. Nachdem alle diese
einmal umb die Renne-Bahn gezogen waren / machten die sieben Könige mit ihren
Aufzügen umb Bellonen einen Kreis / Rom aber stellete sich Bellonen gleich gegen
über / und fieng nach einem starcken Getöne der Kriegs-Hörner an folgendes zu
singen:
Auf festen Grund Palläste bau'n /
    Auf Stämme gute Pfropfer setzen;
    Füllt zwar das Auge / läst sich schau'n /
    schafft so viel Frommen / als Ergetzen.
    Der aber tut ein Werck / das beides übersteigt /
    Der Schlösser legt in Grund / und Stämme selber zeugt.
Mein Adler ist der Grund und Fuss
    Der ewigen Stadt Rom zu nennen;
    Das Welt und Meer verehren muss /
    Dem alle Völcker Weirauch brennen.
    So viel ein kräfftig Quell beschämt die faule Bach /
    So viel gibt iede Zeit auch meiner Jugend nach.
Und diese sieben Söhn' allhier /
    Die Erst-Geburten meiner Stärcke /
    Gehn allen andern Römern für;
    Was sie getan / sind Wunderwercke.
    Der ersten Jahre Kern hegt stets das beste Blut /
    Der Anfang ist stets heiss / der Fortgang schwächt die Glut.
Weil aber eine Sonn' allein
    Ist unter sieben Irre-Sternen;
    Und aller Blumen edler Schein
    Sich für der Rose muss entfernen;
    Die Tugend einen Krantz nur einem setzet auf.
    So zeigt / wer ihn verdient / durch euren Kampf und Lauff.
    Nach Endigung dieses Liedes rennen die sieben Könige auf ihren
zweirädrichten; iedoch sonst auf vielerhand Arten unterschiedenen Wagen mit
einander umb die Renne-Bahn die Wette; hernach stritten nicht nur sie von den
Wagen mit Werff- und Abschüssung vieler Wurff-Spiesse und Pfeile; sondern auch
die /welche sie begleiteten / aufs zierlichste gegen einander / wie beides auf
der Flaminischen Renne-Bahn in den Taurischen Spielen zu geschehen pfleget /
welche dem blutigen Saturnus und andern unterirrdischen Göttern zu Ehren pflegen
gehalten zu werden. Am wunderwürdigsten aber war bei diesem Rennen zu schauen:
dass die faulen Maul-Tiere des Numa denen andern schnellen Tieren so gleich die
Wage hielten /die unbändigen Luchse / so wohl als des Martius Walachen / den
Zügel des Hostilius vertrugen; die sonst langsamen Ochsen des Tullius der
feurigen Geschwindigkeit der den Priscus führender Hengste nichts bevor gaben;
die grimmigen Panter für dem hoffärtigen Tarquinius sich so sehr demütigten;
und fürnemlich: dass die Wölffe sich so freundlich geberdeten / als wenn sie
unter eitel beliebten Papegoyen wären; oder in ihrer Haut eitel freundliche
Latonen wohneten / und nach etlichen Rennen sie nicht alleine allen andern
Tieren zuvor kamen; sondern auch die Pferde ganz stätig und hiermit die
Meinung wahr machten: dass die angespannten Pferde / wenn sie in eines Wolffes
Fussstapfen treten / gleichsam gefroren und unbeweglich würden. In dem Gefechte
täten in allen sieben Hauffen auch ein ieder das beste; und müheten sich diese
mit geschickter Wendung ihrer Pferde; jene mit Vorteilhaftigkeit ihrer Schilde
und Waffen; viel mit Arglist durch Netze und Riemen /andere durch ihre
Geschickligkeit die Oberhand zu behaupten. Wie denn ieder Hauffe mit allen
andern Wechsels-weise zu treffen kam. Endlich erhielten doch die Gefärten des
Romulus / wie ihr Führer für allen andern so viel Vorteil; dass der andern sechs
Könige Hauffen wider den einigen Romulus ein stillschweigendes Bindniss zu machen
schiene / und mit gesamter Hand dem Romulus auf den Hals dringen wollten. Bellona
aber rennte mit ihrem Anhange darzwischen / und / nachdem für ihr nicht allein
alles die Waffen sincken liess / sondern der ganze Schau-Platz gleichsam
verstumete / fing sie an zu singen:
Nun ists / ihr edlen Helden Zeit
Von Kampf und Rennen aufzuhören;
So wohl-bewehrte Tapferkeit
Strebt nicht nach Rache / nur nach Ehren.
Der Erde Schatten reicht zum Monden höher nicht;
Kein Neid verfinstert ie der höchsten Tugend Licht.
Zieht euch nicht eures Romulus
Verdienten Vorzug zu Gemüte;
Weil ihm zum Vorteil dienen muss
Der Wölffin Milch / des Mars Geblüte.
Was Wunder? dass an dem nichts eure Tugend schafft.
Der Gott zum Vater hat / und wilder Tiere Krafft
Uhrheber meiner grossen Stadt /
Die dich zur Göttin macht auf Erden /
Und dich für längst vergöttert hat /
Dir muss mein lorbern Siegs-Krantz werden.
Nim hin der Tapferkeit verdienten Ehren-Preis;
Weil sich kein Römer dir nicht zu vergleichen weiss.
    Nach vollendetem Gesange wendete sich Bellona /und fuhr in erster Ordnung
wieder in den Tempel. Die Römischen Könige aber rennten mit allerhand zierlichen
Wendungen so geschickt durch einander: dass es nicht ohne Verwunderung zu schauen
war / wie die einander so begegnenden Wagen nicht an einander stiessen. In
diesen geschickten Verflechtungen wiechen die andern sechs Könige dem Romulus
allezeit mit Ehrerbietung aus; und am Ende beschlossen sie seinen Wagen in die
Mitte. Hierauf hielten der Könige Begleiter zu Pferde einen von den
kriegerischen Spartanern erfundenen Ross- die zu Fusse aber einen von den Cureten
angegebene Waffen-Tantz. Hiermit überfiel den Schau-Platz die finstere Nacht;
aus der Lufft aber kam in Gestalt eines fallende Sternes Prometeus gefahre;
welcher mit einer breñenden Rute sich durch die oberste rundte Oefnung in
Bellonens Tempel herab liess. Dieser ward inwendig alsofort mit viel Lichtern
erfüllet: dass es durch die Fenster und Pforten nicht anders schien / als wenn er
in vollem Feuer stünde. Kurtz darnach kam Prometeus mit Bellonen wieder auf
ihrem Wagen aus dem Tempel gefahren / und hatte für sich ein von ihm aus Golde
gearbeitetes Bild des Käysers Augustus. Bellona aber / als sie zwischen die
sieben Könige kam / wendete sie sich gegen dem in der Mitte haltende Romulus
/und fieng an zu singen:
Vergnüge / Romulus / mein Sohn /
Dich am Genüsse deines Preises;
Ich gönne dir den Tugend-Lohn /
Den Ruhm des ganzen Erden-Kreises;
Doch mein erteilter Krantz steht dir nicht länger an /
Nun mir ein himlisch Licht die Augen aufgetan.
Beschaue des Prometeus Bild /
In dem ein himlisch Feuer glimmet;
So bald die Zeit wird sein erfüllt /
Die das Verhängnis hat bestimmet /
Wird Rom durch seinen Geist beseelt und glücklich sein;
Ja ihm wird sich die Welt zum Tempel weihen ein.
Der grösten Sieger Helden-Geist
Wird sich für seinem scheu'n und flüchten.
Der / wo Nil / Ister / Tagns fleust /
Nur Wunder-Wercke wird verrichten.
Ja Rom / für dem die Welt und Mars sich bücken muss
Legt Schwerdt und Sieges-Fahn selbst für Augustens Fuss
Die Adler / welche Jupiter
Liess umb den Kreis der Erde flügen /
Wird er von Delphis bringen her /
Rom sie zum Heiligtum kriegen.
Und seines Zepters Maass wird künftig bringen bei:
Dass Rom / nicht Delphis mehr / der Erde Nabel sei.
Hat Romulus den Grund gelegt;
So wird August doch Rom erst bauen.
Wo ietzt der Leim ein Stroh-Dach trägt /
Wird Gold und Marmel sein zu schauen;
Er macht das Dorff zur Stadt / zum Meere seinen Fluss:
Drumb tritt den Preis nur ab dem andern Romulus.
    Bei wehrendem Singen stiegen sechs Könige von ihren Wagen / hoben das Bild
des Käysers August von dem der Bellonen / und setzten es mit grosser
Ehrerbietung neben den Romulus / welchem er seinen empfangenen Lorber-Krantz
aufs Haupt sätzte. Alles was sich im Schau-Platze nur regen konnte; rennete oder
tantzte. Zwischen diesen Freuden-Bezeugungen sang Bellona folgende Reime:
Der Ruhm des ersten Romulus
Wird blühend sein / weil Rom wird stehen.
Denn seine Herrschaft war der Fuss
Des Reiches / das nie wird vergehen.
Der and're Romulus / Augustus aber soll
Zum Erden-Haupt erhöhn Rom und sein Capitol.
Rom wird zwar als ein Heiligtum
Des ersten Königs Hütte preisen.
Allein Augustens Glück und Ruhm
Wird Welt und Himmel Ehr' erweisen.
Wer's nen' und alte Rom auch mit der Zeit beschaut /
Bekenn't: Dort habe Kunst / die Einfalt hier gebaut.
    Nach diesem erhellete sich die Lufft mit unzehlbaren Stern-Feuern; derer
etliche sich nach und nach der Erde näherten / und zugleich vergrösserten. Diese
wurden endlich im Schau-Platze für die sieben Irr-Sterne / und ihnen
nachfolgenden sieben Plejades erkennet. Jene gesellten sich alsofort zu den
sieben Römischen Königen; und zwar Saturn zum hoffärtigen Tarquinius; Mercur zum
geschickten Servius; Jupiter zum Kunst-liebenden Prisus; Venus zum beliebten
Martius; Mars zum streitbaren Hostilius; der Monde zu dem andächtigen Numa; die
Sonne zum Romulus; vielleicht / weil dieser der Uhrheber der lebhaften Stadt Rom
/ wie die Sonne der Brunn des Lebens / und die Seele der Welt ist. Bei der
Ankunft dieser Gestirne war niemand in Begleitung der sieben Könige / der nicht
eine weisse Wachs-Fackel / niemand wusste bei dieser Geschwindigkeit / woher / in
die Hand bekam. Das Sieben-Gestirne der Plejaden aber verfügte sich zu dem Wagen
des Romulus / und fieng nach siebenerlei Seiten-Spielen an zu singen:
Der Sterne sieben Könige
Sind lüstern worden nach der Erde.
Sie fahrn aus der saphirnen Höh':
Dass ihnen kund und wissend werde /
Was für ein himlisch Glantz die Renne-Bahn erhell't /
Was für ein göttlich Bild bestrahlt die Unter-Welt.
    Die sieben Irr-Sterne hielten hierauf einen künstlichen Tantz umb den Wagen
des Romulus / darauf Augustens Bild stand. Sie näherten sich Wechsels-weise
diesem Bilde / und zeugten ihre Begierde es genau zu betrachten. Bei dem
Schlusse fuhren die Plejaden im Singen fort:
Dass es Prometeus Diebstahl setz /
Kan diese Bildes Zeug beweisen.
Dionens Ertzt / Saturnens Blei /
Der Zien des Zevs / des Mavors Eisen /
Der Sonne Gold ist hier / des Monden Silberspur /
Und der Queck-Silber-Geist des flüchtigen Mercur.
    Die Irr-Sternen veneuerten hierauf ihren Tantz /; und nach diesen die
Plejaden ihren Gesang:
So ist's / des Himmels Feuer-Dieb
Prometeus hat diss Bild gegossen
Aus Ertzt / das durch des Himmels Trieb
Aus Sternen-Saamen hergeflossen.
Er wehrt / weil er nichts mehr vom Himmel stehlen kann /
Für Ton ietzt himlisch Ertzt zu seinen Bildern an.
    Nach wiederholetem Tantze der sieben Irr-Sternen verneuerten die Plejaden
auch ihren Gesang:
Diss Bild ist noch zur Zeit zu gut
Die Kindheit der Stadt Rom zu zieren.
Lasst's uns für die gestohlne Glut
In güldnen Himmels-Tempel führen:
Da der gestirnte Bock ihm eine Seel' einflösst /
Die güldne Zeiten bringt / und's Unglück von uns stösst.
    In einem Augenblicke kam ein feuriger Stein-Bock / welchen August für seinen
Geburts-Stern hielt / und ihn destwegen auch auff seine Müntze pregen liess /aus
der Lufft herab gefahren. Die Irr-Sternen und Plejaden aber fassten sich mit dem
Bilde des Käysers August / setzten es auf den gestirnten Stein-Bock / welcher
sich darmit gegen dem Himmel erhob. Die Sternen folgten selbten mit einem
Getöne vieler hundert Seiten-Spiele nach / biss alles sich in den Augen der
hierüber verwunderten Zuschauer verloren / und mit denen ausleschenden Lichtern
auch alles im Schau-Platze verschwand. Jedermann kehrte hierauf wieder nach
Meintz / in Meinung durch den Schlaf so viel dem Tage zu benehmen / als die
Wachsamkeit der Nacht-Ruh abgebrochen hatte. Alleine die Höffligkeit des sonst
so sauersehenden Tiberius weckte sie zeitig mit anmutigen Seitenspielen und
Griechischen Sängerinne auf. Kurtz darauf liess er alle Gäste in einen am Rheine
gelegenen Garten einladen; dahin Germanicus die deutschen Fürsten; Agrippina das
Frauenzimmer selbst abholete. Dieser Garten war vom Drusus noch angelegt / auf
dreien Seiten von eitel mit Reben belegten Hügeln umgeben / und von vielen
lebendigen Quellen angewässert. Alle Gänge waren nach der Schnur mit weissen
Buchen besetzt / welche teils mit ihrer Höhe / teils mit ihren die Gänge
zuwölbenden Aesten keine Sonnen-Strahlen einliessen /sondern recht kühle
Lauber-Hütten abgaben. Die Helffte des Gartens bestand in eitel fruchtbaren
Obst-Bäumen / welche mit denen köstlichen Früchten / die Griechenland / Italien
und Hispanien trägt / gepfropft waren. Die andere Helffte bestand in zwölff
Blumen-Feldern / welche mit hunderterlei Arten Blumen überwachsen waren / die
die Römer erst für wenigen Jahren aus Assyrien und Asien nach Rom und folgends
nach Meinz versetzt hatten. Die dahin kommenden Deutschen erstauneten: dass sie
in ihrem Deutschlande so unvermutet alle Schönheiten der Morgen-Länder
antraffen. Sie waren beschämet: dass sie der wenigsten Nahmen zu nennen / weniger
aber ihre Farben zehlen / oder ihre Gestalten unterscheiden könten. Ja die
Königin Erato selbst / welche mit dem sämtlichen Frauenzimmer alle noch von dem
Speichel der Sterne / nämlich dem Taue / bespritzte Blumen-Stücke begierig
betrachtete / ward hierüber gleichsam verzückt / und fieng an: Sie finde in
diesem Garten mehr Vergnügung / als ihr iemals einer in Meden oder Armenien
gegeben hätte. Dieses rührte auch nicht nur aus blosser Anmut der Neuigkeit her
/ sondern sie hätte darzu rechtschaffene Ursachen. Die Cypressen /wormit sie im
Morgenlande die Gänge besetzten / hätten zwar eine fettere Grüne und eine
annehmlichere Rundte; aber die sich gegen einander wölbenden Buchen wären zwar
zum Schein für die Sonnen-Strahlen viel geschickter. Die Obst-Bäume wären hier
in einer so wunderwürdigen Ordnung gepflantzt: dass / wo das Auge sich hin
wendete / man gerade Gänge für sich sähe. Die Blumen wären in Mesopotamien und
Assyrien / als ihrem rechten Vaterlande zwar zu Hause /und wüchsen ungepflantzet
auf den Feldern; aber die hier vollen Narcissen wären dort nur hohl; die
Anemonen nicht so vielblättricht; die Hyacinten hätten nicht so grosse / auch
nicht so viel- und hochblaue /am wenigsten aber volle Kelche wie in diesen
Blumen-Stücken; die Tulipanen wären dort nur rot und gelbe; hier aber spielten
sie mit so viel Farben durcheinander: dass das Auge sich kaum von ihrer Vielheit
auswickeln könnte; und die Kunst in Deutschland der Natur wärmerer Länder
hierinnen den Preis abjagte. Es ist wahr / sagte Agrippine; die Kunst ist in
Gärten ein rechter Proteus; welcher nicht nur wilde Stämme in fruchtbare Bäume;
sondern auch das ungefärbte Wasser der Blumen in Gold / Himmel-blau / Purpur /ja
gar in Flammen verwandeln kann. Durch ihre hülffliche Hand spielet die Natur mehr
in diesen flüchtigen Geschöpfen / als in Edel-Gesteinen. Etliche übertreffen
Schnee und Helffenbein; andere Flammen und Schnecken-Blut; viel das Gold / die
Türckisse und Saphire; und ihrer nicht wenig spielen vielfärbichter /als die
Tauben-Hälse / Pfauen-Schwäntze und Regenbogen. Dahero sich über denen Getichten
der Griechen nicht zu verwundern: dass die Lilgen aus der Milch des Juno / die
Hiacynten aus dem Blute des Ajax / die Anemonen aus dem schönen Adonis
gewachsen / die Rosen aber von den Wunden der Liebes-Göttin gerötet worden
wären; gleich als wenn die gütige Natur / welche in dem Blumwercke ihre
Mahler-Kunst am fürtrefflichsten sehen lässt / nicht Farben und Pinsel genung
hätte zu so unzehlbaren Blumen-Bildungen. Sintemal der menschliche Verstand
freilich nicht zu begreiffen weiss / wie die Natur durch ein einiges Röhr eines
grüne Stieles in die Häupter der Blume / Zinober / Röte / Berg-blau /Meer-grün
/ Milch / Bleiweiss und alle andere in den Ertzt-Adern verborgene Farben
einflössen / und so wohl einander zusagend vermischen könne. Man hat sich bei
der Geburt der Blumen: dass eine weisse Mutter ein braunes / eine gelbe ein
rotes Kind gebähre / mehr als über den Nicäus zu verwundern /welcher mit einem
weissen Weibe einen Mohren / wie sein Gross-Vater war / zeugte. Die widrigsten
Farben verschwistern sich in den Tulipanen so seltzam mit einander: dass ein
Teil derselbten unter den schneeichten Bären / das ander unter dem
schwärtzenden Hunds-Sterne geboren / und nicht / wie denen menschlichen
Leibes-Früchten / durch eine Nabel-Schnure / sondern durch ganz unterschiedene
Adern die Nahrung eingeflöst zu werden scheinet. Mit einem Worte: Es fällt der
beredsamsten Zunge nicht so leichte ihre bundte Pracht auszusprechen / als der
in dem Blumwercke am meisten spielenden und üppigen Natur solche so künstlich zu
mahlen. Keine Schönheit und Vollkommenheit sättigt hier das Gesichte / sondern
nur die Neuigkeit / welche täglich eine vorhin nie gesehene Seltzamkeit ans
Licht bringen / und mit diesen lebendigen Tapezereien die Erde ausputzen soll.
Ich sehe niemals die Blumen-Zwiebel ohne Verwirrung an. Sintemal mein Verstand
allzu alber ist: dass er begreiffen solle / wie diese einsame Mutter von
niemanden geschwängert wird / und noch schönere Kinder / als Helena gebieret.
Wie sich diese ungestalte Zwergin selbst befruchtet; und ohne Lehre / ohne
Verstand / ohne Erfahrung eine so grosse Künstlerin abgibt: dass Dädalus und
Apelles bei ihr beschämt steht. Euclides mag über denen so wohl abgeheilten
Wachs-Fächern der Bienen erstaunen und fragen: Wie es möglich sei: dass diese
Würmer ohne Lehre und ohne Hände so vollkommene Sechs-Ecken bauen können?
Archimedes mag ihm über der künstlichen Abteilung der Spinnen-Weben / und
Eratostenes ihm über seinen unsichtbaren Streichen den Kopf zerbrechen; alle
aber werden bei genauer Betrachtung nur einer einigen Blume mehr Kunst in der
Abteilung /mehr Wunder in genauer Zusammenstimmung finden. Der blosse Stiel /
durch welchen eine iede Blume den Safft der Erde / wie ein Kind die Milch der
Brüste / in ihre Aederlein säugt / ist ein grosses Meister-Stücke des göttlichen
Verstandes. Die Blätter sind so geschickt / und bei einem ieden Geschlechte der
Blumen in gleicher Anzahl neben einander gesetzt; in einerlei Grösse abgemässen
/ mit dem Stiele so feste verbunden / und auf einerlei Art entweder ausgebreitet
/ oder eingebogen: dass niemand vernünftiges sie anschauen kann / sondern die
unsichtbaren Hände Gottes darauf zu schauen. Der inwendige Krantz / den die
Natur nicht nur in Lilgen und Rosen / sondern in den meisten Blumen aus Golde zu
flechten gewohnt ist /stellet nicht weniger ein vollkommen Gemächte der
check-Kunst / als durch ihr Saamen-Behältnis ein Merckmal der göttlichen Versehung
für. Diese ist nicht weniger in dem Unterschiede der Blumen / als in der Anzahl
der Sternen unbegreifflich. Die Lilge strecket ihren Hals über alle andere empor
/ zur Lehre unserer Seele: dass ihr reines Haupt von dem Kote der Erden könne
besudelt werden. Die Rose / das Bild der Liebe / ist zu dem Ende mit Dornen
verwahret: dass sie durch Abhaltung der Hände nach sich desto grössers Verlangen
erwecken; oder uns lehren solle: dass Lust und Unlust aus einer Wurtzel wachsen.
Etliche wachsen mit gestrecktem Halse empor / andere bücken ihre Häupter; viel
kriechen aus Demut gar auf der Erde; andere verstellen wie Epheu durch
Umbarmung eines Gehülffen ihre Schwäche / oder lassen sich lieber wie ein Gewebe
zu Bekleidung der Wände hin und her flechte / als sie sich wollen mit Füssen
treten lassen. Etliche vergnügen sich mit einem in sich selbst gewickeltem
Blatte; andere haben ihrer wohl hundert in einem Püschel. Viel Stiele tragen nur
eine Blume; oft aber pranget einer mit Schocken. Etliche sind so zart / als
giengen sie nur im Hembde / oder als wären sie gar nackt / oder mit gewebtem
Winde bekleidet; andere hingegen tragen Samet / oder gar Rauchwerck; viel
scheinen auch gar von Gold- und Seiden-Stücken erhoben zu sein. Etlicher Blumen
Haupt ist haaricht / und entweder wie ein Wichtel-Zopff verwickelt / oder ihre
Locken zierlich ausgekämmet. Diese bilden offene Schalen / Schilde / Becher;
jene enge Pfeiffen und Schwerdter für. Nicht wenig sind mit Helmen oder
Feder-Püschen getürmet; andere sind harte / und runtzlicht; andere glatt und
weich und so zärtlich / ja gleichsam Lufft; welche nicht nur für dem Anrühren
fliehen / sondern gleichsam durch einen Anblick verwundet / durchs Anhauchen in
Ohnmacht versätzt / durch Anfühlen getödtet werden. Etliche halten ihre Knospen
stets verschlossen; etliche sperren ihre Augen nur halb auf; viel scheinen auch
wie Anaxagoras / nur zu Anschauung der Sonne / viel auch / wie die Nacht-Eulen /
sich nur im finstern Schatten zu verstecken geboren zu sein. Gewisse behalten
ihre Fische Farbe so wohl auf der Baare / als in der Wiege; andere vergrössern
mit dem wachsenden Tage ihre Pracht; viel fangen auch / so bald sie aus der
Schale kriechen / schon an zu verblassen. Erato seufzete hierüber / und fieng
an: Wolte GOtt! dass nur die Blumen / nicht aber auch die Menschen so oft ihre
Farbe veränderten! Wolte GOtt! dass man nur in Nuss- und Ahorn-Bäumen die
knörnrichten Gewächse so sorgfältig / als die Perlen in Muscheln suchte / nicht
aber auch in Gemütern die Verstellungen für was sonderliches achtete / und eine
Missgeburt für ein Wunderwerck hoch hielte! So aber ist es leider! dahin kommen:
dass / wie die ihre Farbe am seltzamsten verwandelnde Blumen für die schönsten
/also die unbeständigsten Hertzen für die gescheutesten geachtet werden. Ihrer
viel bilden sich ein: sie könten nicht die Ehre haben Rosen zu sein / wenn sie
nicht mit ihren Dornen andere Seelen beleidigten. Ismene machte ihr hierauf
diese Auslegung: dass Erato den ihr so lieben Fürsten Zeno anstäche; fieng daher
an: Ihr Hertze trüge sie so sehr zu den Blumen: dass sie eine Verteidigerin
ihrer Unschuld sein; und also auch dis / wormit die Menschen den Blumen
nachahmten / rechtfertigen müste. Unterschiedene Weltweisen hätten nicht nur dis
/ was die Königin an den Blumen tadelte / gepriesen / sondern sie gar für ihre
Lehrmeistern erkennet. Welche den Menschen zu einem viel höhern anleiteten / als
was das leibliche Auge an ihnen wahrnehme. Die stachlichsten Kräuter wären die
kräftigsten Artzneien / welche die Natur mit Disteln und Stacheln aufs
sorgfältigste gewaffnet hätte / damit selbte nicht von unachtsamen Füssen
vertreten / von vorwitzigen Händen versehret; von gefrässigen Tieren vertilget;
sondern dem Menschen zum besten aufbehalten würden; denen dis / was man an ihnen
hassete / zum besten gewachsen wäre. Die Natur hätte die Blumen so schön
gemahlet / umb ihren Nutzen desto annehmlicher zu machen; und dass die Wollust
der Augen uns zu ihrem heilsamen Gebrauche so viel mehr anrejetzte. Nach dem
Beispiele dieser Gewächse erforderte es auch oft die hohe Not: dass ein Mensch
sich gege dem andern mit spitzigen Waffen ausrüstete; wormit die Eitelkeit sich
nicht an uns vergrieffe; oder durch unsere Unempfindligkeit zu weit vergienge.
Die Klugheit erforderte von uns öfter / als die Natur von Blumen / die Farbe zu
verändern / damit andern nicht für uns zu eckeln anfienge. Ja es wäre fast Not:
dass uns der Himmel oft für dem Alter grau und runtzlicht werden / und unsere
Gestalt so geschwinde / als der Blumen verschwinden liesse. Sintemal wie die
Schönheit in den Blumen die Ursache des Todes und einer zeitlichen Abbrechung;
also unsere des Unglücks ist / dadurch wir durch anderer Liebe gestürzt werden.
Die Fürstin Tussnelda verstand allzu wohl: dass die Eyversucht beiden derogestalt
die Zunge lösete / und brach ein: Alle Blumen wären so grosse Wunder-Wercke in
der Welt: dass dieser Nahme nicht ohne grosses Unrecht nur etlichen Arten
derselben zugeeignet würde; ja alles / was sie an sich hätten / wäre etwas
göttliches; ausser / dass sie sterblich wären. Diesemnach sich der Mensch an ihnen
/ als Nach-Gemählden himmlischer Schönheiten gar wohl zu spiegeln hätte. Ihr
Glantz wäre so wohl / als der Schimmer der Sterne ihre Sprache / welche uns ins
Hertz redete: dass wie sie nur auf einen Tag; also die Menschen auf nicht viel
länger gezeugt wären / und die schönsten am geschwindesten verwelckten. Dass der
Purpur der Könige / wie der Anemonen erblasste; das Gold so wohl von gekrönten
Häuptern / als Lilgen abfiele; und die Käyser-Kronen so wohl in Pallästen / als
Gärten zu Bodem fielen. Nichts aber vergnügte und unterwiese sie an den Blumen
mehr / als ihr Geruch. Dieser wäre ihre rechte Seele / und eine Erquickung der
Seelen. Sie hätten zwar mehr Farben und Gestalten / als keine Sprache Wörter
solche zu nennen; Aber noch weniger liesse sich das Reichtum ihres Gemütes
ausdrücken; also / dass wenn gleich Indien und Arabien alle Balsame /Hartzte und
Würtzen zusammen trüge / sie doch weder die unzehlbaren Arten / noch die Krafft
des Blumen-Geruchs ausgleichten. Sie vergiengen auch zweifels-frei nur
destalben so geschwinde; weil sie durch den Geruch so begierig ihre Seele
ausatmeten. Ja etliche / wie klein sie wären / rüchen so starck /dass sie
schienen Geister ohne Leib zu sein. Der Geschmack würde zwar der köstlichen
Früchte überdrüssig: aber an den Farben der Blumen könnte sich das Gesichte / an
ihrem Bisame der Geruch niemals sättigen; also dass nur an ihnen der Uberfluss
sich seiner Unart / nämlich des sonst aus ihm erwachsenden Eckels erledigte.
Nach diesem Beispiele sollte der Mensch auch unaufhörlich den süssen Geruch eines
guten Nahmens von sich auslassen. Denn dieser wäre ein so gewisses Kennzeichen
der innerlichen Tugend / als der Geruch in Blumen eine Anzeigung ihrer
Heilsamkeit. Wenn an diesem die Farbe gleich vergienge / die Blätter verwelckten
/ bliebe doch ihr Geruch; und ihren Staub genüsse man in Artzneien; also auch
/wenn wir schon verweseten / tauerte ein wolverdienter Nachruhm nach unser
gäntzlichen Einäscherung. Und der nur im Gedächtnis übrige Schatten unsers
Lebens diente der Nachwelt zu einem Lichte.
    Germanicus / welcher in einem laubichten Gange des Gartens dem Frauenzimmer
unvermerckt genähert / und sich hinter das Bild des Bacchus gestellt hatte
/hörete diesem allem begierig zu; und als ihn Zirolanens vorwitziges Auge
ausgespüret hatte / trat er herfür / und fieng an: Er hätte noch keine würdige
Liebhaberin der Gärte / als Tussnelden gehöret. Ins gemein hielte man in ihnen
nur den äuserlichen Schein und zwar unmässig wert. Der Geist der Anschauer
schwinge sich selten über ihre Blumen-Bäte; und die meisten hegten sie nur zum
Zunder ihrer Eitelkeit /und zu Haupt-Küssen des faulen Müssigganges. Sie
pflegten eines frembden / wiewol unnützen Gewächses / sorgfältiger / als ihrer
eigenen Kinder; und giengen umb eine verwelckte Blume oder verfaulte Zwibel
länger / als Murena umb seinen Fisch / und ein ander Römer umb einen Raben im
Leide. Wenn ein ander in seinem Garten was seltzamers hätte / gienge es ihnen
näher / als dem Sulla / da er nicht Stadt-Vogt / und dem Cato / da er nicht
Bürgermeister werden konnte. In diesem Schatten der Bäume vergrübe aber die
Fürstin Tussnelde nicht ihre allzu hohe Gedancken; sondern ihre Garten-Lust wäre
die Erleichterung ihres Gemütes / und die Erbauung ihrer Tugend. GOtt hätte
alles in der Welt nicht so wohl zum blossen Anschauen / als zu unserem Unterricht
und Nutzen geschaffen; und um unsere Schlafsucht zu ermuntern /oder den
Gebrechen unserer Ohnmacht zu rühmlichem Vorsatze anzuleiten / in die kleinsten
Gewächse die gröste Kunst verwendet. Also wäre kein Kraut so unansehnlich /
keine Blume so ungestalt / welche nicht eine Artznei so wohl unser Seelen / als
unser Leiber abgäbe; und nicht weniger zu einem Spiegel des Lebens / als zu
einem Hülffs-Mittel der Gesundheit diente; welche aber niemand besser als
Tussnelde anzugewehren wüste. Tussnelde antwortete: Es wäre eine angebohrne
Höfligkeit: dass er über ihre niedrige Gedancken eine so herrliche Auslegung
machte. Dis aber könnte sie nicht läugnen: dass sie aus dem Buche der Natur GOtt
zu erkennen und sich zu erbauen jedesmahls beflissen hätte. Sie wäre zwar kein
Riese; aber darinnen doch dem Antäus nicht unähnlich: dass /wenn sie mit ihrem
Nachdencken die Blumen-reiche Erde berührte / sie jedesmahl neue Kräfften
bekäme. Erato fiel ein: sie hielte diese Regung für eine Eigenschaft aller
edlen Seelen. Daher hätten nicht nur die Könige Adonis in Cypern / Alcinous auf
Corcyra /Atlas in Africa die Dornen ihrer Reichs-Sorgen in den Blumen-Gärten
erleichtert; und Semiramis zu Babylon in ihren hängenden Gärten allen Kummer an
Nagel gehenckt; sondern ihre Vorfahren in Armenien hätten diese rühmliche
Empfindligkeit so wohl / als die Könige in Persien bei sich gefühlt / derer
Paradiese ihre Wohnstädte / die Gärtnerei ihr Handwerck gewest wäre. Nichts
weniger sollte Attalus sich so wohl auf die Blumen-Zeugung / als auf das Gewebe
der geblümten Zeuge und Kleider verstanden; auch Epicur und andere weise
Griechen / ihre Welt-Weissheit in Gärten gelehrt haben; gleich als weñ die Seele
durch den Anblick so schönen Mahlwercks / und durch den Geruch so viel kräftiger
Gewächse zu vieltiefsiñigerem Nachdencke aufgeweckt würde.
    Uber diesen Worten näherte sich auch Tiberius /welcher in diesen blühenden
Garten und bei der lachenden Jugend des Jahres gleichsam alle Ernstaftigkeit
seiner Geburts-Art und Alters von sich gelegt hatte / und alle Deutschen /
besonders aber das Frauenzimmer mit der anmutigsten Freundligkeit unterhielt;
und ihnen selbst ein und andere seltzame Blumen; also insonderheit
Purpur-färbichte Lilgen-Narcissen teils mit grossen Kelche / teils mit rundten
Blume / teils mit verschlossenen Scheide; Feuer- Jasminen aus Indien / Syrische
Früh-Rosen /und andere Wunderwercke fremder Länder zeigte und auslegte. Hierüber
ward durch die Trompeten angedeutet: dass die Taffel zur Mahlzeit bestellt wäre.
Die mit hunderterlei Blumen gekräntzte / ja darin gekleidete Chloris kam mit
zwölf umblümten Gärtnerinnen / und lud die ganze Versammlung zu der bereiteten
Mahlzeit ein. Sie bestreueten für ihnen den Weg mit so viel Blumen: dass sie
gleichsam darinnen waten mussten; gleich als wenn so viel Fürsten nicht anders
/als die Götter von einem Uberflusse der Blumen bewillkommt werden müsten. Also
näherten sie sich dreien an einander gehenckten Zelten / welche von den
seltzamsten Blumen zusammen geflochten / oder vielmehr wie die Persischen
Tapezereien gestickt waren. Deñ die weissen / blauen / roten / gelben und
scheckichten Blumen bildeten teils Landschaften /teils Tiere / teils
nachdenckliche Schrifften so künstlich ab: dass alle Mahler der Welt mit ihren
kostbaren Schildereien allhier gegen der mit einander verschwisterten Natur und
Kunst würden beschämet worden sein. Die Taffeln und die Köche waren nach
Sybaritischer Art nicht nur mit Blumen überdeckt / alle Schüsseln und Gerüchte
darmit überstreuet / alle Trinck-Geschirre mit Blumen-Kräntzen umbflochten /und
der Wein mit Blumen vermischt; sondern man ging auch so gar auf nichts / als
Rosen; und denen Gästen waren zum Sitzen Küssen und Polster aus Rosen
untergelegt; also dass dieser Ort mehr / als die Stadt Paläa der Götter
Rosen-Tisch genennet zu werden verdiente. Ob es nun zwar so wenig zu Rom / als
Griechenland bräuchlich war: dass frembdes Frauenzimmer / am wenigsten aber
Jungfrauen Gastereien beiwohneten; ausser denen Feiermahlen der Ratsherren; so
liess doch Tiberius allhier nach Art der unschuldigen und nicht argwöhnischen
Deutschen beiderlei Geschlechtes Gäste unter einander sitzen. Bei der Taffel
wurden sie von hundert der schönsten Jungfrauen bedienet; welche auf den
Häuptern grosse ihr ganzes Antlitz überschattende Kräuter trugen / und in ihren
von Blumen zusammen gehefteten Röcken eitel Blumen-Göttinnen vorstelleten / bei
derer Kräntzen die vom Pausias und der Glycera gelehrte- und dem Amasis die
Krone Egypten-Landes erwerbende Kunst / welche Blumen sich ihrer natürlichen
Eigenschaften halber zusammen schickten / aufs genaueste beobachtet war. Massen
denn auch die güldenen Harffen / und andere Säiten-Spiele alle / wie des Apollo
Leier mit Lorbeer-Kräntzen / prangten. Mit einem Worte: Es war hier nicht anders
/ als wenn es Blumen geschneiet hätte; oder sich alles / was so holdseelige
Gäste anschauten / in Rosen verwandelte / und die Laconische Blumen-Stadt
Antana in diesen Garten versätzt; ja fast jeder Krantz ein kurtzer aller auf
Erden / im Meere / und im Himmel zerteilter Schönheiten wäre. Agrippina hatte
auch allem deutschen Frauenzimmer Anlass gegeben ihnen mit eigener Hand zu
Bekräntzung ihrer Häupter / Armen und Brüste Blumen abzubrechen. Sintemal es für
einen Fehler gehalten ward / an grossen Feiern mit gekaufften Blumen sich zu
bekräntzen. Jedem Helden aber sätzten / wie bei den Gastmahlen der Götter
geschehen soll / zwölf Centauren einen Rosen-Krantz auf die Scheitel; einen von
Laube umb die Stirne; und / gleich als wenn die Kräntze nicht allein zu
Verehrung des Hauptes erfunden wären / einen von Kräutern umb den Hals. Tiberius
liess nichts an Kostbarkeit der Speisen / und an Aufmunterung zur Ergötzligkeit
erwinden; entweder weil sein altes Feuer der Liebe gegen Tussnelden wieder
glimmend ward; oder weil er durch so viel Ehren-Bezeugungen die Deutschen in
Sicherheit einzuschläffen gedachte. Die Taffeln waren am Fusse von Helffenbein;
die Blätter von Citron-Holtze; die Bette zur Lager-Stadt der Gäste mit rot
sammetenen Decken belegt. Als es zum Liegen kam / fand sich zu jedem Gaste eine
wolaufgeputzte Jungfrau; welche ihm die Schuch auflösete / und die Füsse ihm mit
wolrüchenden wärmende Hände mit kalten Wassern wusch; zum Haupte und Barte
Syrischen Balsam reichte / und einem jeden einen leichten und köstlichen
Gast-Rock von Baumwolle anlegte. Tussnelden war die lezte Stelle des mittelsten
Bettes / und also die Oberhand an der Taffel / und nach ihr allen Deutschen der
Vorsitz eingeräumt. In der Mitte der Taffel stand ein unbeweglicher Colossus /
welcher in der rechten Hand eine Schüssel voll Saltz / in der lincken ein Gefässe
von Wein hatte. Derer jenes bei Tische für ein Vorbild der Freundschaft /
dieser der Freudigkeit gehalten wird. Die Speisen einer jeden Tracht wurden alle
auf einmal auf einem vergüldeten Gestüle auf die Taffel gesetzt. In der ersten
Tracht wurden alle Speisen auf zwölf güldene Füsse gesätzt / welche die zwölf
himmlischen Zeichen abbildeten; und auf jedem dieser Füsse stunden sechs sich
darzu schickende Speisen. Auf dem mit Ametisten versetzten Wieder war allerhand
Wieder-Schaaf- und Lamm-Fleisch. Auf dem mit Hyacinten gezierten Ochsen Speise
von Rindfleische; auf dem mit Chrysopasen bedeckten Zwillingen zugerichtete
Nieren und Geilen. Auf dem mit Berillen geschmückten Löwen allerhand nur
erdenkliches Wilpret von vierfüssigten Tieren mit Africanischen Feigen belegt.
Auf der mit Chrysoliten erhobenen Jungfrau / Gerüchte von Bibern /
Geburts-Glieder von geldem Vieh und Schild-Kröten. Auf der von Sardonichen
schweren Wage alles nur ersinnliche Flügel-Werck; sonderlich aber getürmte
Schüsseln von Fasanen / Hasel-Hünern / und Gerstlingen; wie auch vielerlei
Back-Werck und Kuchen; auf dem mit Sardonichen gläntzenden Scorpion
Bären-Fleisch und Raub-Fische; auf dem mit Schmaragden bekleideten Schützen
Trappen und wilde Schweinen-Köpffe; auf dem mit Chalcedonichen bekleideten
Stein-Bocke Gemsen / Reh-Hirsch- und Elend-Fleisch; auf dem mit Saphieren
schimmernden Wasser-Manne Wasser-Wilpret / Austern / Schnecken / und vielerlei
See-Fische; auf dem mit Jaspissen ganz bedeckten Fischen hunderterlei
Fluss-Fische / und gekräntzte Milch. Der mit Topassen prangende Krebs stand in der
Mitten mit Krebsen / welche alle die Schalen abgeworffen hatten. Und auf diesem
waren wohl hundert Kräntze über einander getürmet. Nach dem sich die Anwesenden
aufs neue aus wolrüchendem Wasser gewaschen hatten /wie die Römer bei
Veränderung jeglicher Tracht gewohnt waren / ward in der andern Tracht an des
Mieders Stelle gesetzt / ein mit Eicheln gekröntes Bild Jupiters / welches
sieben mit Trappen / Stieren / Reh-Böcken / Granat-Aepffeln / Citronen und
Feigen gefüllte Schüsseln trug; die aber alle mit Saffran-Blumen überstreut
waren / auf welchen Jupiter und Juno sollen zu schlaffen pflegen. An statt des
Ochsen ward das Bild des mit Myrten gekräntzten Kriegs-Gottes gesätzt; welches
auf sieben mit Raute / Grase und Wermut überstreuten Tellern / Biber / Hechte /
Forellen / Senff / Brunntressen / und andere scharffe Kräuter den Gästen
vorhielt. Den Platz der Zwillinge erfüllete das mit Polei umbflochtene Bild der
mit einem halben Monden gehörnten Diana / mit so viel von Hirsch-Fleische /
Schneppen / Austern / Schnecken / Krebsen / und eingemachten Melonen gehäufften-
und mit Hahnen und Beifuss ausgezierten Muscheln. An statt des Löwen sah man den
mit feurigen Anemonen umbflochtenen Vulcan; welcher in sieben umbnelckten Nabben
/ Datteln / Indianische Palmen-Nüsse / Zimmet / Nägel / Muscaten / Pfeffer /und
viel andere Würtzen / darreichte. Der Jungfrau Stelle versätzte die mit
Oel-Zweigen überschattete Minerva; welche in so viel mit Rosmarin umbflochtenen
Geschirren allerhand Oele und Balsame hielt. An statt der Wage stand das mit
Reben-Blättern bekräntzte Bild der Juno; welche auf ihrer güldenen Krone sechs
empor-gekehrte Mohnden führte / und sieben mit Pfauen / Rebhünern / Lerchen und
hunderterlei Flügel-Werck gehäuffte / auch mit Lilgen gezierte Schüsseln kaum
ertragen kunte. Den Abgang des Scorpions ersetzte der mit frischen Feigen
gekrönte Saturn auf so viel mit Cypressen und Eschen-Laube umbwundenen / und mit
Aalen / Lampreten / gemeinen und Egyptischen Feigen / eingemachten Oliven
/Gurcken / Fichten-Nüssen angefüllten Schalen. Den Schützen vertrat das Bild des
Apollo mit einem Krantze von Sonnenwenden und Egyptischen See-Blumen; und war in
sieben mit Hyacinten beblümten Schüsseln mit Phasanen / Indianischen Hünern /
wilden Auer- und Birck-Hähnen / wie auch Salmen /Lachs und andern niedlichen
Speisen überladen. Die Speisen waren alle mit Goldstaube bestreuet. An der
Stelle des Steinbocks befand sich der mit dreien Narcissen / und Lorbeer-Kräntze
aufziehende dreiköpfichte Mercur; welcher in sieben künstlichgeflochtenen und
mit Bürgel-Kraute umbwundenen Körben /sieben prächtige Schau-Gerichte hielt.
Eines stellte den Atlas für; der auf den Achseln eine gläserne Welt-Kugel trug /
in welcher oben Forellen und Purpur-färbichte Salmen schwamen / unten aber
kleine Schnee-Könige herumb flohen. Das andere bildete Andromeden und den sie zu
verschlingen dräuenden Wallfisch für; welcher vermittelst eines Uhrwercks fort
für fort den Rachen aufsperrte; da denn jedesmal eine Drussel / Stiglitz /
Hämpflich / Quecker / oder dergleichen kleiner Vogel heraus geflogen kam. Das
dritte war das Bild Amphions; welches durch gleichmässige Regung / so lange als
es auf der Taffel stand /auf der vom Mercur erfundenen Leier spielte / wozu denn
2. versteckte Knaben unterm zuckernen Berge Parnassus / welcher mit dem Apollo
und den neun Musen das vierdte Schau-Essen fürstellte / mit ihrer hellen Stimme
zierlich einstimmeten. Das fünfte war das Bild der sich in einen Baum
verwandelnden Myrrha / dessen Aeste von allerlei Balsam tröpffelten. Das sechste
Schau-Essen vorbildende den Berg Aetna; welcher auf seinem Gipffel mit seinem
stetsglimmenden Zimmet-Feuer und Weirauch-Dampffe die Lufft einbisamte; auf den
Seiten aber aus den Klippen roten und weissen Wein sprützte. Das siebende
bildete den sich in einen Pfauen verwandelnden Argus für; dessen Augen bald
allerhand Edelgesteine / bald Sternen fürstellten / und solche unaufhörlich
bewegte. An der Stelle des Wasser-Mannes stand Neptun mit einem fichten Krantze
auf dem Haupte /und reckte in sieben grossen mit Wasser-Klee belegten Muscheln
denen bei der Taffel auf Römische Art liegenden Fischen alle ersinnliche
Meer-Speisen zu. An statt der Fische zeigte sich das Bild der mit Rosen
gekräntzten Venus. In sieben Porcellanen mit Anemonen überstreuten Schalen hielt
sie zugerichtete Geilen von Kapp-Hahnen / Numidische Hüner / Murenen-Milch /
eingesaltzene Eyer von Stören und Hausen /mit Wein-Essig und Oel eingemachte
Eingeweide von Makrellen / und andern zur Geilheit dienenden und destwegen so
vielmehr gewürtzten Speisen. Auf der mitlern Stelle des Krebses stand das Bild
der Ceres mit einem Weitzen-Krantze; welcher Krantz der älteste unter allen /
und ein Wahr-Zeichen eines gewünschten Ausschlages sein soll. Sie trug sieben
mit weissem Geblüme bestreute Schüsseln aus Lemmischer Erde / mit allerhand nur
ersinnlichem Obste. Tiberius und die andern Römer unterliessen das wenigste die
Deutschen aufs höflichste zu bedienen / und aufs annehmlichste zu unterhalten.
Ihre Verträuligkeit war die Erfinderin allerhand Schertzes / und dieses
Gesetzes: dass / wer ein ihm aufgegebenes Rätzel nicht auflösen könnte / ein Glas
Saltz-Wasser zur Straffe austrincken sollte. Welches aber den Gesetz-Geber
Tiberius am ersten traf / nach dem die scharfsinnige Tussnelde mit ihren
verblümten Fragen seiner Arglist weit überlegen war. Hierbei wuchs nicht weniger
seine Begierde zu trincken / als seine Vergnügung. Daher er ihm die schönsten
Trinck-Geschirre aus Edelsteinen / Berg-Krystallen und dem reinsten Glase /
darein viel Geschichte und Sinnen-Bilder künstlich geschnitten waren / reichen
und nach einander ausleeren liess. Er vergass hierbei keines deutschen Fürsten
Gesundheit in gekröneten und mit Epheu umbwundenen Gläsern zu trincken / und
hiermit zu erhärten: dass er es den Einwohnern der durstigen Mitternacht im
trincken zuvor täte. Wie er denn auch entweder aus Einbildung: dass das Vermögen
unmässig zu trincken eine grosse Tugend wäre / oder in Meinung den Deutschen zu
liebkosen / sich bei angefeuerter Stirne rühmte: dass er dreien ihm stattlich
Bescheid tuenden Sauf-Helden / nämlich dem Pomponius Flaccus die Syrische
Land-Vogtei / dem Lucius Piso die Aufsicht der Stadt Rom / und einem andern die
Ober-Einnahme der Reichs-Einkünfte beim Käyser zu wege gebracht hätte. So oft
nun Tiberius ein grosses Glas ausgeleeret hatte / steinigten gleichsam die an
der Taffel sitzenden Römer / wie die Macedonier bei Alexanders Gastmahle / den
Calistenes / und nach gemeiner Art der schwelgenden Griechen / ihn mit Blumen;
und jauchtzeten gegen ihm als einem Uberwinder / welcher auf den Olympischen
Spielen seinem Gegner alle drei Streiche angebracht hätte. Ja Tiberius war
hierüber so verträulich: dass er ihm etliche tausend helffenbeinerne Würffel /
darauf allerhand Tiere / Früchte / güldene Ketten / Silber-Geschirre / Geld /
auch zum teil lächerliche Dinge geschnitten waren /bringen liess / und über die
Taffeln / bei welchen die deutschen Kriegs-Leute gespeiset wurden / zu werffen
befahl; derer jeder hernach vom Rentmeister abzufordern berechtigt war / was
sein Würffel andeutete. Unter diesem Gläser-Kriege brachten die sie bedienenden
edlen Jungfrauen frische-zwar nur aus Eppich und Epheu geflochtene- aber mit
Edelgesteinen glänzende Kräntze; welche nicht nur von denen aus Rosen / Veilgen
und Lilgen / Myrrchen- und wilden Reben-Blättern / aus Narden und
Majoran-Wurtzeln bereiteten Oelen / sondern von Syrischem und Babylonischem
Balsam gleichsam troffen / und nicht weniger die Häupter anfeuchteten / als die
Stirnen und halben Antlitzer ganz verdeckten; vielleicht die vom Weine
verursachte Röte zu verbergen. Diese sätzten sie nicht nur denen Trinckenden
auf die Häupter; also /dass dieses Zimmer eben so wohl / als des Philippus
Philadelphus bei seinem Gastmahle die Gestalt einer mit Edelgesteinen beblümten
Wiese fürbildete; sondern denen Gästen wurden so gar aufs neue rings herumb die
Füsse aus Jasmin-Amomum- und andern wolriechenden Wassern gewaschen. Mitten in
diesem Blumen-Saale / an dessen Decke allerhand zum singen abgerichtete Vögel
angebunden waren / und aus welcher es fort für fort gleichsam Blumen schneite
/hieng ein mit Diamanten und Rubinen reich-versätzter Rosen-Krantz / welcher
sonder Zweiffel kostbarer war / als den die Persen dem Agesilaus schickten.
Inwendig war in die güldene Schiene dieses Krantzes mit zierlichem Schmeltze
köstlich eingeetzt:
Weil allen Siegern man ins Haar flicht Blumen ein /
Wie soll die Wollust denn nicht auch gekräntzet sein?
    Unter diesem abhängenden Krantz sätzte Tiberius ein Trinck-Geschirre /
dessen Zeug zwar Gold / aber gegen der Versetzung mit Schmaragden / und der
herrlichen Arbeit das geringste war. Auf diesem stand die Vermählung des Bacchus
/ der Ceres und Venus erhoben / mit beigesetzten Worten:
Ohne Wein und gute Kost
Ist die Glut der Leibe Frost.
    Tiberius erklärte sich hierbei: dass / wer dieses drei Maas haltende Gefässe
auf einen Trunck ausleeren würde / den aufgehänckten Siegs-Krantz zum Preisse
haben / und dem Alcibiades gleich geschätzt werden sollte. Ob nun zwar die
Deutschen dem Tiberius zu Gefallen / auch in dem Truncke ihren Mann ziemlich
wehrten / so hielten sie doch so viel möglich an sich umb nicht durch Verlierung
der Vernunft denen Römern sich zum Gelächter zu machen. Und ob wohl ein
Schwardonischer Edelmann sich heimlich gegen dem Hertzog Ingviomer heraus liess /
auch bei Saltz und Brodte schwur: dass er dessen Meister zu werden gar wohl
getraute; hielt er doch selbten zurück / mit der Erinnerung: Es wäre eine
unausleschliche Schande der Griechen: dass sie ihren Xenocrates wegen seines
Sauffens mit einem kostbaren Krantze beschenckt hätten; diesen und den
weibischen Sybariten / welche wollüstige Verschwender kräntzten / möchten es die
Römer nachtun. Denen Deutschen aber wäre nur anständig sich durch Tugend /
nicht durch strafbare Laster umb Ehren-Kräntze zu bewerben. Unterdessen zückte
sich Novellus Torquatus herfür / und bot sich an / nicht alleine sich an das
Trinck-Geschirre zu machen; sondern er tat auch seinem Versprechen zum grossen
Frolocken der Römer / sonderlich aber des Tiberius ein Genügen; welcher dem
Novellus alsobald den Krantz aufsätzte. Er nam hierauf seinen Krantz vom Haupte
und zerriss in kleine Stücke; gleich als er hierdurch seines höchsten Wunsches
gewehret worden wäre / oder er durch dis Zeichen aller Uppigkeit den Zügel
verhencken wollte. Er ergrief auch selbst einen Myrten-Zweig / und sang den
Anfang des dem Bacchus vom Aeschylus gemachten Lob-Gesanges; welchem seine
Nachbarn / denen er den Zweig zulangte / nachsingen mussten. Nach dem dieser
Preis vergeben war / erlaubte Hertzog Ingviomer seinem Edelmanne eben selbigen
Becher auszutrincken; welches er denn in einem Ateme zu aller Anwesenden
Verwunderung ausrichtete. Dieses vergnügte den Tiberius derogestalt; dass er
anfieng: dieser Deutsche verdiente in den Elysischen Feldern des Musäus Stelle
zu vertreten; welcher denen / die daselbst in unaufhörlicher Trunckenheit lebten
/ einen Krantz aufsätze. Er befahl auch dem Novellus: dass er / als Uberwundener
/ diesem Deutschen den Siegs-Krantz einhändigen und einer andern Vergeltung
gewärtig sein musste. Wie sehr sich dieser nun zwar des Empfangs weigerte; musste
er doch der öftern Nötigung des Tiberius sich unterwerffen. Germanicus /welcher
besorgte: dass der trunckene Tiberius sich in Wollüsten noch weiter vergehen /
und gegen das deutsche Frauenzimmer ärgerlicher Freiheit / wie auf solchen
Gastmahlen bei Zerreissung der Kräntze / Ausleschung der Lichter / Vermengung
der Bette / mehrmals zu geschehen pflegte / unterfangen würde / ward hierüber
bekümmert; sonderlich da er destwegen von der eben dis besorgenden Agrippine
einen Winck bekam / und sie Zeugung machte mit dem andern Frauenzimmer / nach
Art der Persischen Königinnen bei hervor brechender Trunckenheit von der Taffel
aufzustehen. Diesemnach machte Germanicus Anstalt: dass dis / was zu der
angestellten Lust ermangelte /nunmehr beschleuniget werden möchte. Es ward
diesemnach die dritte Tracht auf einem über und über vergüldeten Speise-Gestühle
auf die Taffel getragen. Darauf stunden die Bilder der zwölf Monate. An der
Stelle Juno stand der ihr gewiedmete Jenner / welcher in sieben Schüsseln eitel
Schnee und Eis abbildendes Zucker-Werck trug. Den Platz des Neptun vertrat der
Hornung mit sieben Schalen / welche von Eingeweiden der Meer-Barben / und
Murenen-Milch; den Raum Minervens vertrat der Mertz mit Torten / welche mit den
köstlichen Säfften / Baum-Früchten / und Marck der Tiere gefüllt waren. Die
Venus bildete der Blumen-reiche April für / welcher denn auch in sieben Muscheln
nichts anders / als einen Uberfluss des schönsten aus Zucker und Säfften
gemachten Blumwercks / wie auch allerhand Milch fürsätzte. Des Apollo Stelle
füllete der May mit sieben Schalen / welche von eingeamberten Suppen / und aus
den seltzamsten Stärck-Säfften gemachten Gallerten angefüllt waren. An der
Stelle des Mercur befand sich der Brach-Monat / mit sieben von Rebhüner-Eyern
/Drossel-Gehirne / Phönicopter-Zungen / Pfauen- und Papagoyen-Köpfen gefüllten
Pasteten. Jupiters Platz füllte der Heu-Monat / welcher auf sieben Tellern in
Eyss gefrorne Erd- und Him-Beeren / nebst andern Erfrischungen / darreichte. An
statt der Ceres liess sich der August-Monat sehen mit allerhand künstlichem
Backwercke / Melonen / unterschiedenen Piltzen und Schwämen / wie auch Samischen
/ Coischen / und Tarentinischen Kuchen aus Lesbischem Kern-Meele /Honige /
Zucker / Eyern / Flachtoter / Oel / Zibeben /Milch und Würtzen bereitet. Den
Platz des Vulcan nahm der Herbst-Monat / welcher in sieben Körben so viel Körbe
allerhand Obstes trug. Den Mars vertrat der ihm geweihete Wein-Monat / mit
sieben Schüsseln voll frischer Wein-Trauben / Wein-Beeren aus Chio / Egyptischen
Bohnen / Africanischen Feigen /und Asiatischen Gurcken. Der Winter-Monat nahm
Dianens Raum ein / mit Mandeln / Datteln / Pontischen- und Indianischen Nüssen.
Die Stelle der Vesta ward von dem letzten Monat vertreten / mit Cyntischem und
Sicilischem Käse / allerhand eingesaltzenen Fischen / und geräucherten Speisen.
Also dass Tiberius nicht ohne Wunderwerck auf einmal des ganzen Jahres Reichtum
fürsetzte. Wiewohl wenig hiervon genossen ward; weil auff des Germanicus Anstalt
kurtz darauf die oberste Spitze dieses Blumen-Gebäues mit Gewalt eröffnet ward /
und die an Achseln geflügelte mit einem Krantze aus nie verwelckendem
Tausendschön gezierte und in eine blaue Atlas mit darein gewirckten Sternen
bekleidete Göttin des Geschreies hinein drang / und denen Anwesenden andeutete:
Die güldene und unschätzbare Freiheit würde folgenden Morgen an dem edlen
Rhein-Strome / welcher der Freiheit zeiter so viel Blutes geopfert hätte /einen
Kampff und ihr Siegs-Fest halten. Diese hatte sich kaum in die Lufft geschwungen
/ als die kaum mit ihren magern Wangen die Zähne deckende / und mit Zwiebeln und
Nattern gekräntzte Missgunst / die Nachtreterin der Ehre / und Mutter der
Verläumbdung / unter der Schwelle sich hervor kratzte / und auf die Taffel einen
Granat-Apfel warff / welcher die Umb-Schrifft hatte: Dem freiesten Volck der
Welt. Dem Hertzoge Ingviomern kam dieser Apfel zum ersten in die Hände / und
nachfolgends in der andern Deutschen. Welche diese Erfindung für eine
Ausforderung der Römer aufnahmen; und alsobald darauf von der Taffel aufstunden
/ umb sich desto besser auf folgenden Tag auszurüsten. Tiberius hatte etwan eine
halbe Meile unterhalb Meinz am Rhein-Strome einen Kampf-Platz / nach Art des vom
Romulus zu Rom dem Mars gewiedmeten / und nach Verjagung der Tarquinier zu
Kriegs-Ubungen schicklich eingerichteten Feldes / bereiten / auch umb und umb
mit zierlichen Gängen umbgeben lassen. Unter welchem viel tausend Zuschauer /
und sonderlich die eingeladenen Deutschen / auf zubereiteten bequemen Sitzen /
bei vielen Taffeln mit allerhand zusammen gefrornen Fürchten und andern
Erfrischungen bedienet wurden. Denn es ist nunmehr so weit kommen: dass den
Menschen nichts / was der Natur / gefällig ist; und dass der aufbehaltene Schnee
der heissen Monate Wollust / die Straffe der Gebürge / nämlich das Eis der
Fürsten Geträncke / und nachdencklicher Leute Arbeit worden; welche durch
allerhand Künste und Kräuter den Winter zum Sommer zu machen gedacht haben. Der
Anfang der bestimmten Lust nahm den Anfang von denen allersüssesten
Seiten-Spielen / welche denen Ohren ganz nahe / denen Augen aber entfernet
waren. Unter dieser Ergetzung erschienen in dem Kampf-Platz hundert in lange
Röcke mit roten Säumen gekleidete Jünglinge / wie der Römischen Freigelassenen
Söhnen bei dem andern Cartaginensischen Kriege /wegen beigeschobenen Geldes /
zu tragen erlaubet ward. Ihr Vorgänger war der Müssiggang / den Socrates den
Bruder der Freiheit zu nennen gewürdiget; die Tracier aber für ihr höchstes Gut
geschätzet haben. Er hatte gar nichts in Händen: sein Gang war nur Fuss für Fuss;
auf dem Haupte trug er einen Brodt-Krantz /wormit auch zu Rom am Feier der Vesta
der Esel gezieret ward; weil er durch diese Göttin aufgeweckt /und sie des
Priapus sich zu enteusern gewarnigt haben soll. Diesem folgte die blaugekleidete
Freiheit auf einem von zwei Caledonischen Ochsen gezogenen güldenen
Sieges-Wagen; welche Tiere lieber sterben / als gefangen sein. Sie trug einen
Myrten-Krantz auf dem Haupte; in der Hand eine Schlange / als ein Vorbild der
Freiheit / welche lieber sich ins Feuer stürtzt / als sich in einem Kreisse von
Dornen oder Eschen-Zweigen verschlüssen lässt. Dem Wagen folgten die neun Musen /
welche mit ihren Seiten-Spielen die Freiheit preiseten / und der Zuschauer Ohren
schier bezauberten. Nach ihnen kamen die sieben freien Künste / die
Schreibe-Kunst hatte einen Krantz von Hyacinten / Bohnen-Blüten und
Pfirschken; vielleicht / weil diese Blumen und Früchte von der Natur selbst mit
Buchstaben bemahlet sind. Die Rechen-Kunst trug einen zugespitzten Krantz von
Frauen-Haare und andern fädemichten Blumen; ihre Zärtligkeit dardurch
anzudeuten. Die Beredsamkeit war mit anmutigen Rosen; die Tichter-Kunst mit
Lorbern; die Singe-Kunst mit Epheu; die Mässe-Kunst wie Cybele / mit Türmen /
und die Wissenschaft der Sterne mit Oel-Zweigen bekräntzt / wie die langsamen
Himmels-Pförtnerinnen Carpo und Tallote / welche der Sonne zu Dienste den Himmel
wölckicht und heuter machen. Die Singe-Kunst war mit Lilgen gekräntzet. Hinter
diesen kam auch die mit tausend-schön gekrönte Malerei / und die mit
Alrau-Kraut gekräntzte Bildhauer-Kunst. Den Wagen begleiteten die Eintracht mit
einem Lorber- die Freudigkeit mit einem Hyacinten- die Mässigkeit und Weissheit
mit einem Oel- die Wohlfart mit einem Rosen- die Frömmigkeit mit einem
Palmen-Krantze. Diese setzten mitten in diesem Felde aus sieben mitgebrachten
Stücken eine Säule zusammen worauf die Freiheit einen mit allerhand Blumen und
Edelgesteinen Hutt stürtzte; und darbei diese Reimen sang:
Ihr edlen Seelen / die ihr wisset:
Dass alles Glücke schlechtes Blei
Und nur die Freiheit gülden sei /
Komt / ehret mich! kommt und genüsset
Der Seele Kost! den Schatz der Erden /
Für dem das Reichtum / das die Welt
Für mehr als seinen Abgott hält /
Als Armut muss verschmähet werden.
Entfernet euer gross Gemütte
Von knecht'scher Furcht und Dienstbarkeit;
Die mit der Tugend stets hegt Streit /
Und folget der Vernunft Gebitte /
Die als des Himmels Kind die Schwächen
Der Regungen nicht herrschen lässt /
Der Wollust giftig Licht ausblässt;
Die minder Lust hat als Gebrechen.
Hass't Lufft und Glutt doch das Gedränge;
Die Flutt müht sich zu machen frei;
Die Pflantze sprengts Gefäss entzwei /
Wenn sie darinnen steht zu enge.
Kein Tier ist / das nicht lieber tragen
Wil Hunger als ein gülden Band;
Und den beperlten Elefant
Hört man die Dienstbarkeit beklagen.
Wie dass denn nur der Mensch alleine
Zu dienen scheint gebohrn zu sein?
Man hüll't ihn jung in Windeln ein;
Alt klebt er selbst an Dunst und Scheine /
Wenn er sich an der Liebe Nesseln
Und an der Ehrsucht Feuer brennt /
Sein Hertze nie von Golde trennt /
Wenn Glück' und Eitelkeit ihn fesseln.
Der aber / den kein Laster bindet /
Besjetzt mehr als ein Königreich;
Er ist sein Herr / und Gott zugleich /
Den nichts nicht zwingt / nichts überwindet.
Ja Jupiter komt selbst hierinnen
Nicht den behertzten Weisen bei.
Denn er ist von Natur nur frei /
Worzu sich jene machen können.
So lasst euch doch nichts tör'chtes bländen /
Dass ihr steht andern zu Gebot;
Es ist ja ärger als der Tod;
Die Freiheit steht in euren Händen.
Kein Herrscher ist von solcher Stärcke:
Dass nicht ein Knecht sein Herr sein kann.
Wer einen Wütterich greifft an /
Sich frei macht / übt die grösten Wercke.
So komm't nun / ihr berühmten Geister /
Die ihr der Freiheit euch geweiht;
Bewehrt mit euer Tapferkeit:
Die Freiheit sei der Fürsten Meister /
Der Tugend Kleinod euer Leben;
Für das ihr opfert Seel und Blut.
Dem würdigsten soll dieser Hutt
Zum Ehren Preisse sein gegeben.
    Hierauf hielten die ihr vortretenden hundert Freigelassene umb die
aufgesetzte Säule einen künstlichen Tantz / und legten darinnen alle ihre Hütte
derselben zun Füssen. Diesen folgten die neun Musen / und die sieben freien
Künste mit der Malerei und Bildhauer-Kunst; derer iede in einem vermengten
Tantze mit stummen Geberden ihre Fürtreffligkeit so deutlich fürbildete / als
wenn sie solche mit Worten ausdrückte; iede auch darinnen ihre Wahrzeichen mit
einer zierlichen Ehrerbietung an die Säule der Freiheit gleichsam zum Opfer
aufhienge; nämlich die mit Lorber-gekräntzte Heroldin der Helden / Clio / in
einem Goldstücke ihre Trompete; die geile Aufseherin der lustigen Schauspiele /
die mit Epheu ums Haupt und mit einem gelb-geblümten Rocke prangende Talia ihre
Larve und Stiefeln; die freudige Täntzerin /die mit Strauss-Federn auf dem Haupte
und einem von silbernem Zindel gemachten Gewand aufgeputzte Terpsichore ihre
erfundene Cyter; die ernstafte Erfinderin der Trauer-Spiele / die mit
Zypressen gekräntzte-und in braunen Sammet gekleidete Melpomene ihren Zepter und
Dolch; die hertzhafte Aufmunterin der Kämpfer / die mit denen dem Hercules
gewiedmeten Pappel-Zweigen geschmückte und geharnschte Euterpe ihre Flöte; die
annehmliche Liebes-Sängerin / nämlich die mit Rosen gezierte und mit Purpur
angetane Erato ihre Laute / die durchdringende Rednerin / nämlich die in
weisses Silber-Stück gekleidete und einen Perlen-Krantz tragende Polyhymnia ihr
Buch; die scharffsichtige Himmels-Ausspürerin / nämlich die in blauen Atlas sich
hüllende und mit Sternen gekrönte Urania ihre Himels-Kugel; die prächtige
Erfinderin der Helden-Gedichte / die mit Palme bekräntzte und sich in grünen
Atlas hüllende Calliope ihre Leier. Gleicher gestalt wiedmete der Freiheit die
Schreibe-Kunst ihre güldene Feder; die Rechen-Kunst ihre Ziffern; die
Beredsamkeit ihre Blumen; die Tichter-Kunst einen güldenen Drei-Fuss; die
Mässe-Kunst ihren Zirckel; die Sternseher-Kunst ihr fernendes Schau-Glas; die
Singe-Kunst eine Geige mit einem Ey-rundten Bauch / weil in solchen der Schall
sich am besten vergrössert; die Malerei ihren Pinsel; und endlich die
Bildhauer-Kunst ihr Schnitt-Messer. Als diese Täntze geendigt waren / rennte die
frohlockende Freiheit dreimal umb ihre Sieges-Seule; hernach stellte sie sich
auf die eine Seite des Kampf-Platzes /allwo selbter die Stirne des zu Rom auf
dem Berge Aventinus gebauten Tempels der Freiheit abbildete. Hierauf öffnete
sich gegen über ein grosses Tor /durch welches der alte kluge König Janus mit
zweien Gesichtern und einem Krantz von Brunn-Kresse herein zoh. Er sass auf einem
mit vielen Kräntzen ausgeputzten weissen Ochsen / dessen Hörner und Klauen
vergüldet waren / und hatte in der Hand eine Rute von Wein-Reben; weil Janus
der Kräntze und des Weines erster Erfinder gewest. Ihn begleitete eine grosse
Menge Ackers-Leute mit Kräntzen von Weiden-Laube / und mit allen ersinnlichen
Acker-Geschirren / weil dieser den Berg Janiculus bewohnender uhralter König
Italiens den Acker-Bau vom Saturn zum ersten gelernet haben soll. Hierauf
erschien auff einem helffenbeinernen und mit Lorber-Aesten umbwundenen Wagen /
welchen / wie den des Jupiters / zwei schneeweisse Pferde zohen / die mit einer
strahlenden Krone wie die Sonne gläntzende Göttin /Rom / in Gestalt einer
vierzehn-jährichten Jungfrauen: Auf ihrer güldenen Krone trug sie noch / wie
Juno / einen Turm und den Gürtel der Venus. Die Pferde hatten Geschirre mit
güldenen Puckeln / auf der Stirne silberne Schilde / wie halbe Monden / und
perlene Hals-Bänder. Ihre Haare waren mit silbernen Bändern eingeflochten / und
sie waren mit silbernen Huf-Eisen beschlagen. Hinter dieser Römischen Göttin /
welcher die Stadt Smyrna den ersten Tempel gebauet / und ihr geräuchert hat /
stand Italien / und hielt ihr eine Lorber-Krone übers Haupt; weil dieses Land in
diesem andern Alter von Rom überwältiget worden. Nach dem Wagen kamen vier
hundert und achzig Bürgermeister in purpernen Krieges-Röcken / mit eichenen
Bürger-Kräntzen auf dem Haupte / geritten; weil nach den Königen jährlich zwei
Bürger-Meister zwei hundert und viertzig Jahr lang biss zum ersten
Cartaginensischen Kriege den Römern vorstunden. Sie waren alle auffs beste
gerüstet / wie wenn sie als Heer-führer in Krieg zu ziehen pflegten. Jeder hatte
einen Schildträger / und auf eines ieden Schilde war das wichtigste / was er für
die Freiheit des Römischen Volckes getan / abgebildet. Tiberius hatte ihm die
Stelle des Junius Brutus / Stertinius des Fabius Maximus / und der Kern des
übrigen Römischen Adels anderer Bürgermeister Stellen zu vertreten auserlesen.
Dieser Aufzug geschah unter dem Getöne etlicher hundert Trompeten. So bald sich
aber diese Bürgermeister hinter einander in zwölff Glieder gestellt hatten /
ward im Augenblicke alles stille / und Rom fieng zu linden Seitenspielen
folgender Weise an zu singen:
Die Freiheit ist mit Rom vermählt /
So wohl / als mit der Kunst der Waffen;
Sie hat in mir den Sitz erwehlt /
In Ruh und Sicherheit zu schlaffen.
Denn Fried' und Freiheit wird in erster Blüt' ersteckt /
Wenn sie nicht Tapferkeit verteidigt und deckt.
Durch die hab' ich der Zentner-Last
Mich der Tarquinier entbrochen.
Denn Knechtschaft ist mir mehr verhasst /
Als Spinnen den / den sie gestochen /
Die recht der Erde Pest / der Tugend Wurm-Stich heisst /
Die Freiheit aber ist des Lebens Seel und Geist.
Bückt sich gleich manches Volck für mir /
Folgt Welschland meinen Grund-Gesetzen;
So schreib' ich doch nur Richtschnurn für /
Die ihre Freiheit nicht verletzen:
Begierden dienstbar sein / ist ärgste Sklaverei;
Wer aber der Vernunft dem Rechte folgt / bleibt frei.
Kein weiser Indianer will
Von eines Menschen Knechtschaft wissen;
So ist auch meiner Herrschaft Ziel /
Besiegter Fessel aufzuschlüssen-
Wer Rom und Göttern dient / sucht sich nur zu befrein;
Drumb will Fürst Prusias mein Freigelassner sein.
Wormit mir nun die ganze Welt /
Wie Smyrna / heil'ge Tempel bauet /
Mich für der Erden Gotteit hält /
Und meiner Herrschaft sich vertrauet;
So führt / ihr Helden ihr / die meine Brust genehrt /
Durch eure Waffen aus: Ich sei der Freiheit Schwerdt.
Wen unter euch der gröste Trieb
Anflamt die Freiheit zu besitzen;
Wem nicht so sehr sein Leben lieb /
Als das Gelücke / mich zu schützen;
Dem wird der Freiheit Hand aufsetzen ihren Hut /
Den schönsten Krantz der Welt / der Menschen höchstes Gut.
    Dieser Gesang war so bald nicht beschlossen / als die Trompeten und
Krum-Hörner ein Zeichen zum Kriege gaben / und ieder unter diesen
Bürger-Meistern sich zum Kampfe rüstete; weil ein ieder sich umb Rom so viel
verdient zu haben Anzeugung machte: dass ihm der Freiheit Ehren-Hut wohl
anstünde. Es erregte aber bald die Eröffnung eines andern Tores aller
Anwesenden Aufsehen. Sintemal unter dem Schalle der allerlieblichsten
Seitenspiele der alte Cecrops mit zweien Antlitzen auf einem Drachen in den
Schau-Platz geritten kam. Von welchem Aufzuge er für Alters für einen halben
Menschen und einen halben Drachen gehalten / oder aus Drachen-Zähnen entsprossen
zu sein geglaubet ward. Er war wie Bacchus / Hecate / und die Götter bei den
Egyptiern auch mit einem Drachen gekräntzet. Ihn begleitete eine grosse Menge
mit Streit-Kolben gerüsteter- mit wilden Oelzweigen / nach Gewohnheit des
Hercules und der Sieger auf den Olympischen Spielen / gekrönter- und mit Oel
eingeschmierter Fechter. Sintemal in Griechenland das Oel zum ersten gewachsen
sein soll /und für eine Hülffe und Vorbild der Tapferkeit gehalten wird. Hierauf
erschien in Gestalt der Göttin Pallas die Stadt Aten mit einem Krantze von
Oelzweigen; dessen sämtliche Blätter auf der einen Seite vergoldet waren. Hinter
ihr stand das mit Myrten gekräntzte-und mit einem gold-gestückten Rocke
bekleidete Griechenland; welches jener eine köstliche Perlen-Krone übers Haupt
hielt / wie derogleichen die sämtlichen Griechen dieser Stadt nach dem wider die
Persen erhaltenen grossen Siege / und die Byzantier und Perintier ihrem
sechzehn Ellen hohen Bilde aufgesetzet haben. Hinten am Wagen war das Gerichte
der Pallas und Neptun abgebildet; in welchem jener für diesem das Schirm-Recht
über Aten zuerkennet ward. Dem Wagen folgten vier hundert und achzig
weiss-gekleidete und darunter fürtrefflich gerüstete Helden. Denn bei den
Griechen waren solche Kleider ein Kenn-Zeichen der Freiheit; und dorffte niemand
in gefärbter Kleidung zun Schauspielen kommen. Jeden begleitete ein nackter
Fechter / welcher ihm Schild und Lantze trug. Germanicus hatte ihm erwehlet
Miltiades zu sein; auf seinem Schild war die Maratonische Schlacht mit den
Persen geetzt. Diesem zu Liebe hatte das Glücke durchs Los die fürnehmsten
Römer auf die Griechische Seite geschlagen. Saturninus bildete Temistoclen für;
auf dessen Schilde war die grosse See-Schlacht bei Salamine wider den weibischen
Xerxes / und die männliche Artemisia zu schauen. Cäcina war Alcibiades; auf
seinem Schilde stand seine mit Lorbern gekrönte Schiffs-Flotte / und die
Abbildung des ihn mit Entgegen-Tragung ihrer Götter bewillkommenden Atens.
Lucius Apronius vertrat die Stelle des den Mardonius erlegenden Aristides;
welchen Sieg das Gemählde seines Schildes ausdrückte. Asprenas hatte das Glücke
Cimon zu sein; dessen Schild nicht alleine seine in einem Tage zwei zu Wasser
und Lande beim Flusse Eurymedon wider die Meden erhaltenen Siege / sondern auch
die ihm selbst angelegte Fessel seines gefangenen Vaters fürstellten. Apulejus
hatte die Ehre den weisen und beherzten Pericles / sein Schild die grosse
Niederlage der Sicyonier am Flusse Nemea vorzustellen. Plancus hatte die Person
des Agesilaus übernommen. Sein Schild zeigte; wie er in dem Opfer-Feuer der Soñe
den anwesende Xerxes schreckte / als er nach verbreñter rechte Hand auch die
lincke freiwillig ins Feuer hielt /nachde er aus Irrtum an statt des Königs den
Mardonius erstochen hatte. Mennius / Camillus und Acilius waren die Vertreter
des Trasybul / des Harmodius und des Aristogiton; ihre Schilde aber Abbildungen
ihrer wider die dreissig Wütteriche ausgeübter Helden-Taten / die von wegen der
Spartaner das vom Pausanias eroberte Aten beherrschten. Norbanus war Conon. Auf
seinem Schilde war zu sehen / wie er mit Persischer Macht wider die Spartaner
zur See einen herrlichen Sieg / und der Stadt Aten die Freiheit wieder erwarb.
Seines tapfern Sohnes / Timoteus Person / stellte Centronius für. Auf seinem
Schilde war die Göttin des Glückes geetzt / welche mit einem Netze Städte
fischte; er aber lag schlafend zu ihren Füssen. Iphicratens Platz nahm der junge
Sulpitius Galba ein; und dessen Schild dieses zwantzigjährigen Heldens stellte
den denen Spartanern versetzten herrlichen Streich vor. Censorinus war Chabrias;
auf dessen Schild der verschmitzte Sieg bei Tebe wider den Agesilaus gepregt
war. Junius Silanus war Phocion /welcher auf seinem Schilde die Geschencke König
Philipps und des grossen Alexanders verschmähete. Mit einem Worte: Es mangelte
keiner der tapferen Atenienser; und ihre Schilde waren eitel Sinnen-Bilder
aller Griechischen Helden-Taten. Ja es fanden sich auch auf Seiten der Römer
und Griechen über die Zahl unterschiedene herrlich aufgeputzte- und in ihren
Schilden nachdenckliche Sinnen-Bilder führende Ritter / welche nicht mit in die
Rolle kommen / und also ihren eigenen Geferten unkenntlich waren. Nachdem diese
sich gleichfalls gegen die Römer in Schlacht- gesetzt hatten / fieng Aten mit
einer durchdringenden Liebligkeit an zu singen:
Wie? soll Aten nicht auch ein Teil
An diesem Freiheits-Preisse haben?
Mein Volck wünscht sich fürs Volckes Heil
Wie die Philenen zu begraben.
Der Freiheit Liebe regt und schärffet ihren Mut;
Im Hertzen wallt Begierd' / in Adern edles Blut.
Die Welt war ungeschickt und schlecht /
Biss meine Künste sie gekrönet;
Rom hat von mir Gesetz' und Recht /
Und ihren Gottes-Dienst entlehnet.
Zu Rom lag noch kein Stein / es glam noch kein Altar /
Als ich schon Griechenlands sein Augen-Apfel war.
Die Freiheit ward zu meiner Zeit
Mit mir geboren und verehret.
Mein Tempel der Beredsamkeit
Hat erst / was Freiheit sei / gelehret.
Denn ohne Weissheit ist die Freiheit Sklaverei /
In Fässeln aber bleibt Miltiades noch frei.
Wen iemals nur ein einig Blat
Von meinem Krantze wegzubrechen
Aus Eiversucht gelüstet hat /
Hat nur bemüht sich selbst zu schwächen.
Ich hab in Trojens Graus mein ewig Lob geetzt /
Und Persens Monden-Krantz mir auf mein Haupt gesetzt.
    Nach geendigte Gesange scharrte sich die mit Schlangen gekräntzte Missgunst
mitten in diesem Kriegs-Felde aus der Erden herfür / und ruffte mit heiserem
Halse unaufhörlich aus: Zun Waffen! zun Waffen! Die Trompeten munterten auch
Männer und Weiber zum Kampfe auf. Junius Brutus und Miltiades machten den Anfang
alleine drei Lantzen mit einander zu brechen; darinnen jener auch noch bei
seinem ziemlichen Alter seine Geschickligkeit / dieser eine absondere
Zierligkeit schauen liess. Hierauf traffen zwei und zwei / folgends drei und drei
/ biss endlich gar zwölff und zwölff auf einander: dass die Lufft nie von Stücken
der zersprungenen Lantzen leer war /und die Augen nicht genung sehen kunten /
umb alle Meister-Streiche der Tapferkeit wahrzunehme. Fast allen aber tat es
derselbe Römer zuvor / welcher den Bürgermeister Horatius Pulvillus fürstellte /
und in seinem Schilde die durch die Tiber schwimmende Clölia führte. Zwei guter
Stunden hatte dieses Lantzen-Brechen gewähret / als die Griechen mit Fleiss denen
sie ferner ausfordernden Römern / gleich als wenn sie sich hiermit überwunden zu
sein erkenneten / den Rücken kehrten. Hierauf verfügte sich die Freiheit wieder
auf ihren Wagen in die Mitte des Schau-Platzes / und sprach singende das Urteil
aus:
Verkreuch dich / tör'chtes Griechenland!
Dein grosser Pyrrhus mag dir sagen:
Ob du befugt seist Hals und Hand
Für Rom so hoch und stoltz zu tragen.
Das grosse Griechenland ist schon der Römer Knecht.
Was rühmt das kleine denn viel seiner Freiheit Recht?
Ihr edlen Römer aber habt
Noch mit den Waffen anzufechten:
Wer unter euch soll sein begabt
Mit dem / was Ehr' und Freiheit flechten.
Ob ich euch alle zwar des Kleinods würdig weiss;
Gebührt dem windigsten doch nur der Freiheits-Preis.
    Dieser Ausspruch war unter den Römischen Bürgermeistern ein neues
Zanck-Eisen. Jeder hielt es für eine Schande in der Liebe und Beschirmung der
Freiheit / welche zu genüssen ihnen die unvernünftigen Tiere so gar die
gefesselten Klauen abnagten / einem andern was vorzugeben. Jeder rüstete sich
mit neuen Lantzen zu einem frischen Gefechte / welches niemals grausamer / als
für die Freiheit ist. Die Römer traffen hierauf für Mann auf einander; der den
Brutus vorstellende Tiberius aber fieng nunmehr mit allen andern Römern an zu
treffen / und zwar mit solchem Glücke: dass er eitel Wunderwercke auszuüben
schien. Denn auser seiner waren alle andere Lantze durch ein sonderbares
Kunst-Stück derogestalt bereitet: dass / wenn sie Tiberius nur mit seiner
berührte / selbte so / als wenn sie Glas oder von Glase gegossene Tränen wären
/ bei Abbrechung ihrer Spitze zersprungen. Niemand war auch / der nicht durch
seine Ehrerbietung schon diesen eingebildeten Brutus für den Uhrheber der
Römischen Freiheit erkennte; welches die abermals in der Mitte dieses Feldes
erscheinende Freiheit derogestalt bekräfftigte:
Komm Brutus! dessen Weissheit sich
Vermumm't in Torheit liess verlachen;
Umb durch die Arglist einen Striech /
Durch Dienstbarkeit ein Loch zu machen;
Der du die Frau der Welt / was frei sei / hast gelehrt;
Komm! dass dich Rom und Welt für ihren Freiherrn ehrt.
Komm! und setz' auf den Freiheits-Hut
Den dir die Tapferkeit erworben!
Du wiedmest mir dein eigen Blut.
Die Knechtschaft ist zu Rom gestorben /
Als du dem Sextus triebst den Degen durch das Hertz /
Und deiner Söhne Todt war ohne Vater-Schmertz.
Du hast der Kinder dich beraubt:
Dass du des Volckes Vater würdest;
Der Freiheit Schirm / der Bürger Haupt /
Die du erleichterst / nicht bebürdest.
Apollo wehlt dich selbst; weil keiner hat gewüsst /
Wie man nach seinem Heisch zu erst die Mutter küsst.
    Die Freiheit grieff beim Schlusse nach dem zum Freiheits-Preisse aufgesetzten
Hutte; es kam ihr aber ein aus der Lufft wie ein Blitz abschüssender Adler
zuvor; nahm und führte den Hut empor / und liess hingegen der Freiheit einen im
Schnabel habenden Lorber-Zweig in die Hand fallen. Diesen händigte die Freiheit
an statt des Hutes dem Brutus ein; und sang darzu:
Nihm hin / du Sonne deiner Zeit /
Des Phöbus eignes Sieges-Zeichen.
Dir / Vater der Glückseligkeit
Muss ich hier den Gelücks-Zweig reichen /
Den dir der Himmel schenckt / die Tyber eignet zu;
Der du den Grund-Stein legst zur Freiheit / Herrschaft / Ruh.
    Bei diesem wehrenden Singen senckte sich auf ihrem güldenen Wagen / die
Göttin der gewaffneten Liebe / als eine Beschirmerin der Freiheit und
Uhr-An-Frau des Julischen Geschlechtes / mit denen drei Holdinnen gegen der
Erden. Diese brachten ein güldenes Bild des Käysers August / und setzten es auf
die mitten in diesem Kampf-Felde stehende Säule. Worzu Venus mit ihnen diese
Reimen zu denen allersüssesten Seitenspielen sang / welche die umb sie flügenden
Liebes-Götter regten:
Gar recht: dass Brutus diesen Preis
Der Freiheit als ihr Stiffter träget;
Es lebt kein Römer / der nicht weiss:
Er habe sie in Grund geleget.
Allein sie käumet nur; sie bleibt ein Zwerg und Kind /
So lange Rom der Welt das Hefft nicht abgewinnt.
Wie vielmal muss die Freiheit nicht
Sich unters Pöfels Herrschaft beugen /
Der übern Adel Urteil spricht /
Und oft heisst Bürgermeister schweigen.
Die Freiheit aber kann unmöglich bleiben rein /
Wo iedermann gebeut / Zunftmeister Herrscher sein.
Wen aber Rom die güld'ne Zeit
Sein männlich Alter wird erleben;
So wird ihm die Glückseligkeit
Auch seiner Freiheit Völle geben.
Der / dessen Bild hier steht / wird Rom erst machen frei /
Von's Pöfels Ubermut / von's Adels Tyrannei.
Wo Glück' und Freiheit sollen blüh'n /
Muss eine Sonn' / ein Fürst nur scheinen.
Wo alle sich zu herrschen müh'n /
Nagt ieder an des andern Beinen.
Wenn aber Fürst August der Freiheit Schirm wird sein /
Wird sich die Welt bei ihm gehorchend lieben ein.
Zum Zeichen dieser güldnen Zeit
Wird dieser Adler wiederkehren
Auf Liviens bepurpert Kleid /
So Henn' als Lorber-Zweig gewehren;
Aus dem ein Lorberwald wird wachsen / der das Haupt
Der Käyser / und das Haar der Siegenden / umblaubt.
    Bei wehrendem Gesange liess sich der vorhin fast wieder in der Höhe
unsichtbar gewordene Adler allgemach wieder herunter / und setzte bei dem
Schlusse den Hut / als das Kleinod und Wahrzeichen der Freiheit / dem Bilde des
Käysers August aufs Haupt. Worüber der ganze Schau-Platz ein unaussprechliches
Freuden-Geschrei bezeugte; und dem Kayser August als dem Freiheits-Geber der
ganzen Welt /viel tausend Glück zuruffte; ja ihren Gehorsam aller ungebundenen
Freiheit weit fürzohe. Das vorhin mit seine Helden der Freiden Rücken kehrende
Griechenland wendete sich nunmehr freudig umb / und fieng an zu singen:
Nim Rom mich zum Gefärten an /
Den grossen Käyser verehren /
Dem man wie Gott gehorchen kann /
Und darff die Freiheit nicht versehren.
Weil er als Vater herrscht / geh' ich der Welt voran /
Die / wenn sie ihm nicht dient / nie völlig frei sein kann.
    Die deutschen Fürsten / welche von dieser Erfindung der Römer den Tag zuvor
Nachricht und zugleich / als die grösten Eyverer für die Freiheit / Eyversucht
eingezogen hatten / waren auf eine Anstalt euserst bemüht gewest auf diesem
Kampf-Platz teils ihre Tapferkeit / teils ihre Liebe der Freiheit zu zeigen.
Wie sie nun nach und nach von dem Fortgange dieses Schauspiels Nachricht
bekamen; also rückten sie bei wehrender Verehrung des Käysers dem Platze zu /
und öffnete sich bei dem Schlusse das Nord-Tor unter einem heftigen Getöne
vieler bei den Deutschen im Kriege bräuchiger Krum-Hörner. Durch dieses trat
hinein der deutsche Hercules. Er trug einen grossen Streit-Kolben auf der Achsel
/ darein war mit Griechischen Buchstaben geschnitten: Für die Freiheit. Führete
einen gezähmten Löwen an der Hand; und er selbst war ganz nackt; ausser / dass
er einen Krantz von Pappel-Laube umb die Stirne und die Lenden hatte. Ihm
folgten funfzig wie er aufziehende Riesen / welche aus dem ganzen deutschen
Heere mit Fleiss ausgelesen waren. Hierauf kam auf einem von vielem Eisen
schwirrenden und von 4. Luchsen gezogenen Sichel-Wagen die Königin Deutschland
in Gestalt einer ernstaften Frauen. Sie trug auf dem Haupte einen Eichen-Krantz
/ in der rechten Hand einen Spiess wie Pallas; in der lincken einen Schild /
darin ein Eichen-Stam mit der Uberschrift war: Ich vertrage keine Einpropfung.
Wordurch nichts anders angedeutet ward; denn / dass die deutsche Freiheit keiner
frembden Herrschaft unterlegen wäre. Nach diesem Wagen kamen beinahe 500.
auserlesene deutsche Ritter. Die ersten 40. führte Hertzog Ingviomer unter dem
Nahmen des vom Ascenas entsprossenen Fürsten Tuisco. Er war an statt des Helmes
und Harnisches mit einer Löwen-Haut überdecket. Sein Waffenträger trug ihm einen
Schild bei / umb welchen 16. Griechische Buchstaben geetzt waren / welche
Tuiscon erfunden / und hernach den Griechen entlehnet haben soll. Zwischen
diesem stand ein Circkel / als ein Sinne-Bild / entweder des unbegreifflichen
Gottes / oder seiner unumbschrencklichen Tapferkeit. Unter ihm zohen eben so
auf: Sarmata / Dacus / Geta / Berich /Philomar / Mösa / Savus / Hister / Adulas
/ Mösias /Dalmata / Dachau / Andechs / und andere Urheber grosser Völcker. Der
andere Hauffen folgte dem Hertzoge Flavius; welcher den König Mann mit einem
Helme fürbildete; dieser war über und über mit Pferde-Haaren bedeckt. In seinem
Schilde führte er einen Phönix; vielleicht durch diesen Vogel / welcher von
keinem weiblichen Geschlechte weiss / anzudeuten: dass alle seine deutschen Männer
sein müsten. Ihm folgten in gleicher Rüstung viertzig edle Cherusker /welche die
Stellen der alten Fürsten Trevir / Ingevon /Istävon / Vandalus / Tyras / Nester
und anderer unter ihm lebenden Fürsten / vertraten. Des dritten Geschwaders
Führer war der Hertzog Jubil unter dem Nahmen Hermions. Er führte auf seinem
Helme / wie nach seinem Beispiele Pyrrhus / grosse Büffels-Hörner; in seinem
Schilde einen Löwen / welcher mit seinen Klauen Eisen zerbrach. Ihm folgten
eitel auf Amazonen Art gewaffnete deutsche Frauen und Jungfrauen / weil dieser
Fürst auch die Weiber in Waffen geübt / und eingeführt hat: dass ein Mann bei der
Heirat seinem Weibe zum Ehgelde etliche Ochsen /ein gesatteltes Pferd / einen
Spiess und ein Schwerdt einliefern müsse. Den vierdten Hauffen führte unter dem
Nahmen des Marsus Hertzog Segimer. Sein Helm hatte zu oberst einen güldenen
Sphynx / und im Schilde einen ackernden Ochsen; weil zu diesem Helden Osyris in
Deutschland gereiset sein / und ihn den Ackerbau / wie auch das Bierbrauen
gelehret haben soll. Für dem fünften ritt Hertzog Catumer und stellte den
Fürsten Cimber für / dessen Helm so glatt und gläntzend wie Feuer war / oben
einen wilden Schweins-Kopff / in dem Schilde das Bild des Libyschen Hercules /
welcher diesen deutschen Fürsten mit seiner Mutter Isis heimgesucht haben soll.
Der sechste Führer war Marcomir; welcher den König Svevus fürstellte; auf dem
Helme einen Wolff / im Schilde eine gekrönte Seule zum Wahrzeichen hatte. Den
siebenden Beherrscher Deutschlandes / nämlich den Vandalus / stellte Hertzog
Siegesmund für; dessen Helm mit einem Drachen-Kopffe gerüstet; in dem Schilde
aber ein Zweifels-Knoten zu sehen war. Der achte Führer war Fürst Sesitach / der
den sinnreichen Teutates mit einem Schlangen-Krantze auf dem Helme und einem
Schilde / darinnen ein siebenspitzigter Alb-Fuss zu sehen war / vertrat. Der
neundte war Sebald ein junger Chamavischer Fürst / der den behertzten Alemann
mit einem Löwen-Kopffe auf dem Helme / und einem Löwen im Schilde vorstellte.
Den zehnden Hauffen führte Reinold ein Marsingischer Fürst / und vertrat den
Fürsten Bojus. Auf seinem Helme führte er einen Tyger Kopff / im Schilde einen
Bär. Dem eilften ging Dagobert ein Schwäbischer Fürst für / anstatt des alten
Ingrams; welcher auf dem Helme einen Luchs / im Schilde drei Elefanten-Zähne
hatte. Der letzte Hauffen ward von Arnolden / einem Friesischen Fürsten /
geführt / der als ein Vertreter des zwölfften deutschen Herrschers Adalgers /
der auf dem Helme ein Hirsch-Geweih / im Schilde einen stossenden Stier führte.
Nach dem diese sich die Helffte gegen die Römer / die Helffte gegen die Griechen
in Ordnung gestellt hatten / küsste das sich regende Deutschland zwar die Hand /
ja ihr Kutscher die Geisel / und warffen sie ehrerbietig Rom und Aten zu; es
behielt aber darbei seine ernste und männliche Gebehrdung / und fieng hierauf an
zu singen:
Es rühme Rom und Griechenland
Die Freiheit / ihre Helden-Wercke.
Kein Volck ist mehr als ich bekand
Von mehrer Freiheit / grösser Stärcke.
Eh' als Phoroneus fieng der Griechen Herrschaft an.
War mir schon Tanais und Mosel untertan.
Als Rom in Wieg' und Windeln lag /
Herrscht' ich vom Eis-Meer bis zun Alpen /
Man suchte Hülffen und Vertrag
Bei mir von Hamus bis zu Calpen.
So Rom / als Griechenland verfiel in meine Hand
Und Asien tat mir vergebens Widerstand.
Es sehnet sich noch alle Welt /
Nach meinem Schutz und meinem Herrschen.
Weil dis die Freiheit ihr erhält
Und jeder Feind mir kehrt dir Fersen.
Bei andern Völckern ist die Freiheit nur ein Gast /
Mir ist sie angebohrn / und Dienstbarkeit verhasst.
Mein Angel-Stern wird Hunds-Stern sein /
Mein Eys-Meer wie das Rote sieden;
Eh' als die Donau und der Rhein
Wird mit der Knechtschaft sein zu frieden.
Urheber meines Reichs / wohl so bewehrt: dass frei
Und von der Deutschen Blut erzeugt sein / eines sei.
    Römer und Griechen wurden durch diese unvermutete Ausforderung genötiget
sich mit neuen Lantzen zu versehen und zum Kampffe fertig zu machen. Inzwischen
hielt der deutsche Hercules mit seinen Riesen nach Himmlichen und Sack-Pfeiffen
einen ganz besondern Tantz; welcher zwar mit dem Griechischen keine
Gemeinschaft / aber viel mehr Kunst in sich hatte. Denn sie sprungen bald über
einander /bald standen sie einander auf Achseln / bald sie selbst mit empor
gestreckten Füssen auf den Köpffen; bald flochten sie sich in einander / und
wunden sich doch ohne Verwirrung von sammen also; dass die Römer sich an dieser
neuen Tantz-Art nicht satt sehen kunten / und sich so wohl über die
Geschickligkeit / als Geschwindigkeit dieser ungeheuer-grossen Leute verwundern
mussten. Nach geendigtem Tantze traffen anfangs die deutschen Heerführer
eintzel-weise auf die Römischen und Griechischen Obersten; hernach die Geführten
/ Gliederweise so zierlich auf einander: dass der vorhin gleichsam
eingeschlaffene Schau-Platz nunmehr allererst die Augen aufzutun schien. Nichts
aber war denen Römern verwunderlich; als dass das deutsche Frauenzimmer so
behertzt und geschickt im Lantzen-brechen waren / und in diesem sich nicht nur
verhielten / als wenn es ihr gewohntes Handwerck wäre; sondern es auch an
zierlicher Werff- und Schwenckung der Lantzen fast allen Männern zuvor täten.
Unter diesen liess sich fürnemlich selbst die Fürstin Ismene / Catta / Zirolane /
eine Gräfin von Nassau / von Waldeck / von Salen / Benteim und mehr andere
tapffer sehen. Ob nun wohl Tiberius sich dieses geschwinden Streichs von den
Deutschen nicht versehen hatte / und entweder aus einer angebohrnen Missgunst /
oder weil er es dem Römischen Volcke nicht für vorträglich hielt: dass die
Deutschen zu Rom ihrer Geschickligkeit halber in so grosses Ansehn kommen sollten
/ eiversichtig ward; so verstellte er doch / seiner Gewonheit nach / diese
Empfindligkeit. Ja seiner Arglist mangelte es nicht an einer geschwinden
Erfindung und Mitteln Anstalt zu machen: dass bei geendigtem Lantzen-brechen Rom
auf seinem Wagen zwischen die gegen einander gestellten Hauffen gefahren kam /
und zu singen anfieng:
Ich gönne / Schwester / dir den Ruhm:
Die Freiheit sei dir angetreuet /
Die Tugend sei dein Eigentum /
Und bin darüber selbst erfreuet.
Ja deine Tapfferkeit hat auch zu wege bracht:
Dass mein August mit dir solch' einen Frieden macht.
Mein Krieg war nicht des Hasses Brut;
Nur eine Prüfung unser Stärcke.
Uns alle zwei regt edles Blut;
Wir üben beide Wunderwercke.
Weil gleich und gleiche nun die beste Freundschaft macht:
Wird auch die Nachwelt nicht auf Spaltung sein bedacht.
Nun wir einander sechzig Jahr
Durch Tapferkeit geeichtet haben;
Bau'n wir der Eintracht ein Altar /
Das tausend Erndten nicht begraben.
Weil Freundschaft nun für sich nichts eignes haben kann:
So nim den Lorbeer-Zweig halb von mir / Deutschland / an.
    Mit diesen letzten Worten brach Rom den Lorbeer-Zweig mitten entzwei / und
reichte die Helffte Deutschlande zu. Hierüber entstand ein allgemeines
Freuden-Geschrei; die deutschen Riesen machten sich noch mit einem seltzamern
Tantze lustig / und diesem Lust-Spiele ein Ende.
    Die Trompeten wollten gleich das Zeichen zum Abzuge geben; als ein Herold in
Begleitung zweier Waffen-Träger auf einem schwitzenden Pferde hinein kam. Er
hatte auf dem Haupte einen Krantz von Oel-Zweigen / und in der rechten Hand
einen Oel-Zweig /welchen er zum Zeichen: dass er demütig um Erlaubnüs zu reden
bäte / gegen dem Tiberius beugte. Hiernach fieng er mitten auf dem Platze an zu
ruffen: Zwei aufs euserste beleidigte Ritter haben diesen Schau-Platz zu
Ausübung ihrer gerechten Sache erwehlet: dass sie die edelsten Helden der Welt
nicht weniger zu Richtern / als Zuschauern ihrer Tapferkeit haben; die
Vermessenheit aber sich an der Straffe der Beleidiger spiegeln möge: wie
gefährlich es sei der Tugend auf die Zeen treten. Gehet diesem nach / ihr
Waffen-Träger / und bringt denen / welchen diese Rache gilt / die gleichen
Waffen: dass sie zu ihrer Verteidigung die ihnen anständige Helffte erkiesen.
Augenblicks verfügte sich der eine zum Hertzog Flavius / der andere zum Hertzog
Jubil / derer jeder ohne Befragung: wer ihnen auf den Hals wollte? eine von den
angebotene Lantzen / ein Schwerdt / einen Bogen und Köcher zu dem abgenötigtem
Kampffe erkiesete. Der Herold zerbrach hierauf den Oel-Zweig / und warf einen
Spiess von sich: dass er in der Erde stecken blieb. Ja er war kaum wieder aus
diesem umbschlossenen Felde kommen / als zwei Ritter auf zwei kohlschwartzen
Pferden und in schwartzer Rüstung auf den Platz geritten kamen; welcher von
allen Anwesenden in der Mitte mit Fleiss geräumet ward. Sie hatten beide auf
ihren Helmen Kräntze von Nesseln / welche kein Anrühren ohne Brand vertragende
Pflantze hier schicklicher ein Merckmal der Rache / als dem geilen Antigonus
einen Zepter abgab. In dem Schilde führte der eine einen Bienschwarm / welche
einen Bär mit Stechen ängstigten; Mit dieser Umbschrifft:
Honig ist so süsse Sache
Nicht / als sterben nach der Rache.
    Der ander hatte in seinem Schilde einen Hauffen glüenden Kohlen / mit der
Uberschrifft:
Wer die Rache zündet an /
Fühle / dass sie brennen kann.
    Sie hatten gar keine Waffen bei sich; sondern empfiengen dieselben von ihren
Waffen-Trägern / welche ihnen Hertzog Flavius und Jubil übrig gelassen hatten.
Diese wussten zwar nicht / konten es auch nicht aussinnen / wer ihre Ausforderer
sein müsten / jedoch machten sie sich zum Kampffe mit nicht weniger Freudigkeit
/ als zu einem Tantze fertig. Wiewol nun Tiberius über dieser Ausforderung sein
Missgefallen an Tag und bei den Fürsten zu verstehen gab: dass /weil er seinen so
werten Freunden aus Schuldigkeit des Gastrechtes Sicherheit zu verschaffen /
und sie zu beschirmen schuldig wäre / würde es an Römern nicht fehlen / welche
diesen vermässenen Ausforderern die Stirne wieder bieten würden; so baten doch
Hertzog Flavius und Jubil aufs beweglichste: man möchte ihnen die Ehre
eigenhändiger Rache in den Augen so vieler hundert Helden nicht missgönnen.
Derogestalt musste Tiberius darem willigen; worbei er sie aber beschwur: sie
möchten daraus keinen Anlass nehmen das Gastzeichen mit Bereuung ihrer ihm
erwiesenen Freundschaft zu zerbrechen. Der erste Angrief geschahe auf beiden
Teilen mit den Pfeilen / welche sie aber sämtlich mit den Schilden so
meisterlich zu versätzen wussten / als wenn sie als Schützen solche ihnen selbst
zum Ziele erkieset hätten. Nach dem alle verschossen waren / grieffen sie zu den
Lantzen / welche nicht wie in Lust-Spielen mit breitlichen Blättern verwahret /
sondern wie im Kriege mit Stahle scharff zugespitzt waren. Sie verrichteten das
erste Rennen alle mit so gutem Glücke: dass alle vier Lantzen ohne jemandens
Verwundung brachen. Im andern ward der / welcher mit dem Hertzog Jubil anband /
so heftig auf die Brust getroffen: dass er sich an die Meinen des Pferdes
anhalten musste; wenn auch der Stoss nicht so gestreckt / und des Getroffenen
Harnisch so gut gewest wäre / würde ihm Jubil damit sein Licht ausgelescht
haben. Dessen ungeachtet ergrief er / wie Flavius und sein Gegener / welche wie
das erstemal einander nichts nachteiliges angebracht hatten / die dritte Lantze
um dem Hertzoge Jubil zubegegne. Alleine dieser faste jene so wohl: dass er ihn
zwischen den Waffen durch den rechten Arm nahe am Gelencke der Achsel durchstiess
/ und derogestalt mit sambt dem Pferde zu Bodem reñte. Jubil war wie ein Blitz
vom Pferde / um seinem Feinde den lezte Streich zu versetzen. Er riess ihm daher
/ den blancken Degen in der Hand habende / den Helm vom Haupte; erkennte aber
seinen Feind mit so viel mehr Verwunderung für den Fürsten Malovend / weil er
sich nicht erinnerte: dass er ihm jemals einiges Leid zugefügt hätte. Weil nun
die Beleidigungen / welche keine rechtschaffene Ursache haben / von Seiten des
Beleidigers am heftigsten / von Seiten des Beleidigten am empfindlichsten sind;
ward Hertzog Jubil mit sich selbst streitig: Ob er das Recht seiner Rache am
Malovend vollends ausüben sollte? Gleichwol aber überwand seine Grossmütigkeit
seinen Zorn: dass er ihm nicht allein mehr kein Leides tat / sondern auch befahl
ihn aufzuheben und ihm die Wunde zu verbinden. Er sätzte sich diesemnach wieder
zu Pferde / und gab nun nebst allen andern einen Zuschauer ab des feurigen
Zwei-Kampffes mit dem Flavius. Niemand konnte noch urteilen / wer sein so
tapfferer und erbitterter Feind wäre / ausser die Fürstin Catta machte ihr
alsbald die Auslegung: dass die eiversüchtige Liebe den Fürsten Malovend wider
den Hertzog Jubil / und den Hertzog Zeno wider den Flavius in Harnisch gejagt
hätte. Die Königin Erato quälte sich mit eben diesem Kummer / und / weil beide
Kämpffer nunmehr nach gebrochenen Lantzen zu den Schwerdtern gegrieffen hatte;
geschah von ihnen kein Schlag / dass ihr nicht zugleich das ängstige Hertze
schlug: also / dass sie nicht / wie Catta / ihre Empfindligkeit verstellen konnte.
Ihre Seele verwickelte sich in einem rechten Zweifels-Knoten; den die vorherigen
Ebenteuer und Wahrsagungen hatten sie so irre gemacht; dass sie sich nicht
auszuwickeln wusste: wen sie unter dem Zeno und Flavius lieben? weniger /wem sie
den Sieg gönnen sollte? Unterdessen sätzten beide streitende Helden einander so
heftig zu: dass beide wegen einander zugefügten Wunden von Blute troffen. Am
schrecklichsten aber war zu sehen: dass ihr Atem von der Bemühung / und ihre
Kräfften von der Blutstürtzung gleichsam zunahmen. Wie nun der von den Römern
erkennte Malovend alsbald zur Pfleg- und Verbindung weggetragen ward; also
mutmaste Tiberius aus diesem den Römern vorhin zugetan-gewesten Gefärten: dass
auch der andere Ausforderer des Flavius ein Freund der Römer sein müste.
Diesemnach veranlasste er den Germanicus diesen Kampff / in welchem beide Ehre
genung erlangt hätten / zu unternehmen. Dieser verfügte sich zu dem Ende dahin;
ward aber seiner Müh überhoben /weil sie beide auf einmal von Pferden für todt
zur Erde fielen. Die Waffen-Träger sprungen bald darzu /und öfneten ihnen ihre
Helme. Wordurch denn dem ganzen Schau-Platze kund ward: dass Flavius mit dem
Zeno gefochten hätte. Erato / welche durch beider Fall Gehöre und Venunft
verloren hatte / war nicht mächtig sich zu mässigen: dass sie Tussnelden verliess
/ und denen Gefallenen zusprang. So bald sie aber beider erblassete Antlitzer
ins Auge bekam /verwandelte sie sich selbst in ein Ebenbild des Todes; und fiel
ohnmächtig zu Bodem. Die nechsten Zuschauer dieses unvermuteten Trauer-Spieles
wussten nicht / wem sie zum ersten zulauffen sollten. Die Hertzogin Tussnelde und
Agrippine drängten sich selbst herzu; und weil andere mit Entwafnung des Flavius
und Zeno beschäftiget waren; brachten diese die Königin Erato wieder ein wenig
zu Kräfften / aber nicht zur Vernunft. Denn so bald sie ihrer Hände und Zunge
mächtig war / rauffte sie ihr verzweifelnd die Haare aus / und ruffte wiewol mit
lächsender Stimme: Zeno! Zeno! Alles reiben / kühlen und einbalsamen hatte
bisher nicht zuwege bringen können: dass weder Zeno noch Flavius ein Zeichen des
Lebens von sich gegeben hätten. Nunmehr aber hatte die doch so schwache Stimme
der für Leid vergehenden Erato mehrere Krafft / als derer / welche durch das
getrunckene Wasser des Bruñen Zame selbte helle gemacht hatten. Oder sie
übertraf vielmehr die Kräfften der Strauss-Augen; welche durch stetes Anschauen
ihrer Eyer an statt des Brütens ihre Jungen lebend machen. Denn Zeno und Flavius
schöpfften zugleich Atem /und endlich öfneten sie auch die Augen. Erato
hingegen ward aufs neue ohnmächtig; und nachdem man sie wieder nur ein wenig
erfrischet / sie aber keinen der Verwundeten mehr sah / welche Agrippine zur
Verbindung wegtragen lassen; ergrief sie das auf der Erde liegende Schwerdt des
Zeno / und hätte es ihr durch den Leib gestossen / wenn nicht Homburg / ein
deutscher Ritter / ihr in die Armen gefallen wäre. Sie verlohr aber hierüber
gleichsam ihre Sinnen; ruffte mit denen nachdrücklichsten Liebkosungs-Worten
bald den Zeno / bald den Flavius; bald verfluchte sie auch einen und den andern
als Mörder / und Verstörer ihrer Vergnügung. Tussnelden stieg alles dis
mitleidentlich zu Hertzen; und begleitete sie die Königin selbst unter das Zelt;
dahin sie die sorgfältige Agrippine auf den Armen ihrer Freigelassenen / aus
diesen aber auf Bitynischen an vier Seulen frei in der Lufft hängenden Sänften
/ darauf die der Agrippine aufwartenden Römischen Ratsfrauen dahin gefahren /
und derer Pulster mit eitel Rosen gefüllt waren / bringen liess. Also endigte
sich dieses Freuden-Spiel mit vieler Trauern / wie manch schöner Tag mit Regen
und Ungewitter.
    Das allgemeine Leid über dieser dreier Fürsten Beschädigung hinderte den
Fortgang der Römischen Freuden-Spiele. Das gemeine Volck fällte von diesem
Kampffe hunderterlei Urteil / welches ins gemein so viel Meinungen als Köpffe
hat. Der deutsche Hof aber konnte ihm die Rechnung leicht machen: dass die
Eyversucht den Zeno gegen den Flavius wegen der von ihm geliebten Erato hierzu
veranlasst hatte. Malovend aber / welcher unter denen Verwundeten sich noch am
besten befand / machte sein Geheimnüs freiwillig kund / indem er durch zwei
Marsische Ritter den Hertzog Jubil umb Verzeihung seiner Ausforderung ersuchen /
wegen gerechter Bestraffung seiner Vermässenheit sich aber aufs höflichste
bedancken liess. Seinen Degen hätte ihm nicht einige Feindschaft / sondern die
Hefftigkeit seiner Liebe gegen der Fürstin Catta gezücket / welche ihm so viel
grimmiger zugesätzt / jemehr er sich selbte zu verhölen bemühet hätte. Diese
gebiehre ins gemein solche Missgeburten /wenn sie sich mehr mit der Tapferkeit /
als der Vernunft vermählte. Jedoch hätten ihn die gerechten und glücklichen
Waffen des Fürsten Jubils von der Verzweifelung wieder auf die rechte Bahne dem
Verhängnisse zu folgen / und sich über seinen Unfall nicht zu beschweren
verwiesen; ja ihn gelehret: dass der Himmel nur über unserm Unglücke lachte / das
man der Liebe halben ausstünde. Diese hätte ihn zwar so keck und vermässen
gemacht sich an einen so grossen Helden zu reiben; Er hätte aber beim ersten
Anbinden erfahren: dass ein geistiger Blick der Tugend einem Schuldigen durchs
Hertz führe / und ihr blosses Anschauen diesen schon Straffe genung wäre.
Alleine was er am Ruhme der Tapferkeit eingebüsst / hätte er durch seinen Schaden
an Klugheit gewonnen / nämlich gelernet / sich von dem bescheiden zurück ziehen;
was ein würdiger zu seinem Augen-Ziele hätte. Seine Torheit aber würde etlicher
massen von dem gemeinen Fehler verredet: dass wir an andern nur ihre Schwachen /
an uns selbst aber nur dis / was etwan das beste an uns ist / anschauen / und
uns daher andern / wo nicht überlegen / doch nichts nachzugeben einbilden; also
uns solcher Dinge unterwinden / welche weit über unsere Kräfften sind. Dis
verstünde er nunmehr / und hätte er seinem Willen schon einen Zaum angelegt /
nach der Hertzogin Catta nicht mehr lüstern zu sein; ja wenn er über sein
Gedächtnüs eine Botmässigkeit hätte / würde er seinen Gedancken befehlen ihrer
gar zu vergessen; und wünschte er ihm zum Besitz der unschätzbaren Catta so viel
Glücke /als ihrer beider Tugenden verdienten. Er hätte nunmehr mit seinem
Schaden / jedoch zu seinem besten gelernet: dass Hertzog Jubil so wohl ein Muster
eines unvergleichlichen Helden / als die Hertzogin Catta einer vollkommenen
Fürsten abgäbe. Bei diesem seinem Verstossen begehrte er keinen andern Schirm
für seine Fehler / als den unüberwindlichen Jubil zu suchen / als welcher keine
selbst zu begehen fähig wäre. Hertzog Jubil nam Malovends Erklärung mit so viel
Höfligkeit auf; mit wie vieler Hertzhaftigkeit er vorhin seinen Anfall
hintertrieben hatte. Und weil Jubil noch immer das Gedächtnüs der ihn so
hertzlich liebenden Leitolde im Gemüte / und von selbiger Zeit an / da selbte
in Wahnwitz geriet / mit allen Liebhabern grosses Mitleiden hatte / nam er
nicht alleine Malovends Entschuldigung höflich an / sondern suchte ihn selbst
heim / und schätzte nunmehr seiner Bescheidenheit halber seine Tugend höher /
als jemals vorher. Sintemal sonst selten heftige Liebe und gute Vernunft sich
mit einander vertragen; sondern durch ihren blinden Trieb auf hunderterlei
Torheiten von ihren Nebenbuhlern schimpflich zu reden / ihre Buhlschaft zu
verkleinern / oder gar in Unglück zu stürtzen geraten. Dahingegen Malovend die
Fürstin Catta zu einer Göttin; welche anzubeten er zu unwürdig /den Hertzog
Jubil aber zu einem solchen Helden machte / welcher nichts sterbliches zu
verehren fähig wäre. Hertzog Flavius und Zeno hingegen waren in einem so elendem
Zustande / der keine Besuchung vertrug; jedoch die Königin Erato in ihrem
Gemüte noch gefährlicher verwundet / als jene an ihren Leibern. Nichts desto
weniger löseten Tussnelde / Agrippine und anderes Frauenzimmer / ausser der bis
in das innerste ihrer Seele bekümmerten / und sich destwegen in eine stete
Einsamkeit versperrenden Ismene / einander bei der verzweifelnden Erato fast
stündlich ab. Als diese sich aber einst allein befand / raffte Erato alle
Uberbleibungen ihrer Vernunft zusammen / und beschwur sie bei der von den
Deutschen angebeteten Gotteit / beim Haupte ihres Jupiters / und beim
Schutz-Geiste ihres so sehr geliebten Hermanns: sie möchte ihr allemal den
Zustand des Zeno und Flavius mit ihren Veränderungen aufrichtig wissend machen.
Ob die Aertzte nun zwar dieses widerrieten / und in solchen Fällen / da einem
Krancken die unverfälschte Warheit zum Nachteile / wie einem verterbten Magen
der Zucker zu Galle geriete / die Unwarheit als eine heilsame Klugheit rühmten
/ war doch Tussnelde eines so zarten Gewissens: dass sie sich nach erlangter
Nachricht: Es könnte Zeno unmöglich von seinen Wunden genesen / zur Erato
verfügte /und ihr sagte: sie sollte nunmehr ihre Gemüte durch die Tugend so
befestigen: dass es sich durch keine Zufälle aus den Angeln einer hertzhaftigen
Beständigkeit heben liesse. Hätte Phidias ein solch Oel zu bereiten gewüst;
welches seine Bilder wider Rost / Abschüssung der Farbe / und die Veralterung bei
ihrer Neuigkeit / Jugend und Schönheit zu erhalten vermocht; so wäre es auch
keine Unmögligkeit unser himmlisches Teil / nämlich die Seele / für
Schwachheiten zu verwahren. Die Zeit und tausend seltzame Zufälle hätten die
Königin schon derogestalt abgehärtet: dass ihr nichts in der Welt zu empfindlich
und unverträglich fallen könnte. Erato sah hierüber Tussnelden mit starren Augen
an / und bat: sie möchte ihr ohne Umbschweiff sagen: welcher unter beiden
Kämpffern todt wäre. Tussnelde antwortete: keiner noch; aber umb einen wäre es
der Aertzte Urteil nach geschehen. Erato fragte alsofort: Umb welchen? diese
antwortete: umb den Fürsten Zeno. Erato erstarrete und erblasste zugleich über
diesem Worte. Diese Unbewegligkeit aber gab genung zu verstehen: dass das
Stillschweigen nicht weniger in Schmertzen / als in der Liebe eine grosse
Beredsamkeit wäre. Uber eine Weile aber ergrief sie eine seidene Schnure /
welche an dem einem Ende des Haupt-Küssens hieng / und schlingte sie ihr umb den
Hals; hätte sich auch erwürget / wenn nicht Tussnelde ihr augenblicks die Hände
ergrieffen und Salonine die Schnure lossgeschlingt hätte. Die behertzte Tussnelde
/ welche allzu wohl verstund: dass solche Krancken nicht mit linden Salben und
Pflastern / sondern mit schneidenden Messern und glüenden Eisen zu heilen wären;
fuhr die Königin mit so ernsten Gebehrden / als Worten an: Wenn sie ihr von ihr
eine solche Gemüts-Zärtligkeit jemahls hätte einbilden können / würde sie sich
niemals haben bereden lassen die Warheit ihr so lauter einzuschencken. Die Natur
hätte sie mit so viel Vernunft beschenckt / und die Zeit hätte ihre Tugend
durch so viel Ebenteuer abgehärtet; nunmehr aber vergässe sie auf einmal beider
/ und könnte ohne Verzweifelung dem Verhängnisse nicht einen rechten Streich
aushalten. Ihr Geist hätte so viel Licht aus den Gestirnen bekommen / und sie
liesse ihr die Gemüts-Regungen ärger /als unvernünftige Tiere zu Kopffe
machen. Diese müsten ja ihrem ersten Triebe / als blinde Sclaven gehorsamen; in
vernünftigen Menschen aber hätten die mit dem freien Willen aus einerlei Wurtzel
entspringenden Gemüts-Regungen eben so wohl / als er ihre Freiheit. Diesemnach
sollte sie ihrer selbst nicht auf einmal so gar vergessen / und durch ihre
scheltbare Kleinmut nicht der Welt verraten: dass sie nur einen Schein / nicht
den Kern der Tugend besessen hätte. Erato seuftzete aus der innersten Seele; und
nach dem sie ihr die aus den Augen schüssenden Tränen abgewischt hatte / fieng
sie an: O der erbärmlichen Freiheit unserer Regungen / wenn uns Liebe und
Schmertz auf beiden Seiten anfässeln! Warlich! diese sind von so niedriger
Ankunft / und von so unberührlicher Schwerde: dass sie die Vernunft so wenig /
als die Sonne die Ausdampffungen sümpfichter / Täler zertreiben kann. Rühren
aber auch gleich unsere Aufwallungen des Hertzens eben daher / wo unser Wille;
sind auch unsere Regungen weder so blind / noch so gefässelt als andere Tiere;
so sind doch diese von dem Willen so ferne / als die Granat-Aepffel-Blätter von
den gekrönten Früchten unterschieden. Sind in uns Liebe / Schmertz / Zorn und
andere heftige Aufsteigungen nicht an einem Felsen angeschmiedet; so gleichet
doch ihre Freiheit nur denen Gefangenen /welche in einem Kerker herumb gehen. Ja
so gar unsere Vernunft kann sich so wenig / als die Gestirne einer vollkommenen
Freiheit rühmen / sondern beide sind des Verhängnisses Leitung unterworffen;
also unser Verstand ein angefässelter Führer einer blinden Freigelassenen / und
eine schöne Sclavin / die den Regungen / als ihrer Königin / bei stock-finsterer
Nacht eine Fackel vorträgt. Hat die Vernunft doch nicht das Vermögen zu
hindern: dass wir beim Erschrecknüs zittern / unser Antlitz schamrot werde.
Diese Epp und Fluch unsers Geblütes kommt und verscheust ohne Erwartung einigen
Befehls von unserm Willen; ja der Schauer der Furcht bemeistert unsere Glieder
so sehr / als der des Febers. Wie soll sie denn Liebe / Zorn / Schmertz und
andere wilde Regungen bändigen oder ausrotten? die Sterne flössen sie unsern
Adern / als einen Saamen des guten und bösen / für unserer Geburt ein; wie soll
denn unsere eitele oder unvollkommene Weissheit selbige zu reinigen mächtig sein?
welche / wenn sie diese Kräfften hätte /verdiente: dass die edelsten Gestirne
sich herunter liessen / umb durch sie ihrer Flecken los zu werden. Tussnelde
brach ein: Ich hätte der Königin niemals zugetraut: dass sie ihren scharffen
Verstand zu einer Dienst-Magd der niedrigen Gemüts-Regungen machen / ihren
freien Geist aber einer eingebildeten Notwendigkeit / welche vom Himmel den
Ursprung haben soll / unterwerffen sollte. Gleich als weñ dieser nicht weniger
ein Brunn irrdischer Schwachheiten /als des Lichtes und guten sein könnte.
Alleine weil dieser gewohnt ist die Aufdämpffungen / wormit die Erde seine
schönen Gestirne zu verdüstern bemüht ist / in fruchtbare Regen zu verwandeln /
also böses mit gutem zu vergelten; will ich auch mit ihren Irrtümern
glimpflicher / als sie mit der Warheit umbgehen; indem ihre Einbildung vom
Himmel in ihre Seele solche Einflüsse zu fühlen vermeint / da man doch durch die
künstlichsten Ferne-Gläser noch nichts anders /als fruchtbare Wärmbde / und
erfreuendes Licht von oben herrinnen gesehen. Wie können aber der Sternen
Cörperliche Einflüsse Leiter der Seelen sein / welche als Geister würdiger als
die Sternen selbst sind? ist diesen aber ja einiger Reitz zu entengen; so sind
sie gewiss nur Wegweiser / nicht Kerkermeister; welche unserm Willen mit
annehmlicher Lockung zu folgen liebkosen; ihm aber nicht an die Gurgel greiffen
und den Gemüts-Regungen / welche selbst von Ankunft Leibeigene sind / zu
gehorsamen zwingen. Dieser ihr erster Anfall kann uns zwar im ersten Sturme eine
Röte abjagen / einen Schauer eindrücken; destwegen aber bleibt die sich
erholende Vernunft eben so wohl als die wohl anschlagenden Artzneien der
Kranckheiten Meisterin. Die zitternde Furcht fasste den grossen Alexander bei
angehender Schlacht zwar bei den Armen und Beinen; wenn es aber zum Handgemänge
kam / trat er sie unter die Füsse / und sein Schauer verwandelte sich wie in
Febern in eine feurige Hitze. Das Hertz geust bei Liebe / Verlangen / Freude und
Zorn / und andern tätigen Regungen sein flüssendes Feuer zwar in alle Glieder;
und rufft es bei Traurigkeit / Furcht / Verzweifelung und andern kalten Regungen
/ welche es bedrängen / zu Hülffe; Und hierinnen lässt ihm das Hertze / welches
in dem / was den Leib und das Leben angeht / keine Oberherrschaft der Vernunft
erkennet / nichts gebieten oder verwehren. Wenn aber die Vernunft die wilden
Gemüts-Regungen besänftigt / die Ohnmächtigen erfrischet /kommet das Geblüte
doch endlich wieder in sein Lager / und das Hertze zur rechten Bewegung. Dafern
aber unser Vernunft die Liebe nicht mehr als die Bewegung des Geblütes
gehorsamte / die Hemmung des Zornes so wenig / als die Ergiessung der Galle / in
der Gewalt unsers Willen stünde; was hätte die tugendhafte Erato für einer
geilen Lais / für einer unmenschlichen Tanaquil für ein Vorrecht? denn die
unablehnliche Notwendigkeit / böses oder gutes zu tun / raubet den Lastern
ihre Hässligkeit / der Tugend ihre Schönheit. Sie macht sie zu Schwestern von
einerlei Würde und Gestalt; ja sie hebet den Unterschied ruhm- und scheltbarer
Menschen auf. Die Geschicht-Schreiber könten sich der Verläumbdung nicht
entbrechen: dass sie des Tarquinius an Lucretien verübten Noch-Zwang gescholten /
die Mässigkeit des Africanischen Scipio gepriesen. Es wird kein Unterschied sein:
ob einem die Nase / oder seine Faust von des Vaters oder Bruders Blute trieffe?
Ob einer über Ehbruche / oder an einem hitzigen Feber schwitze? die Liebes-Male
des Pylades und Orestens würden für Tyestens und anderen Mord-Taffeln / derer
blosser Schatten uns auf den Schau-Gerüsten ein Grauen erwecket / keinen Danck
verdienen. Ja wir Menschen wären nicht einst von wilden Tieren abzufordern
/welchen kein Gesätze eingebohren noch geschrieben ist / welche weder Tugend
noch Geblüte kennen / und die säugenden Brüste ihrer Mütter von gemeinen Quellen
nicht unterscheiden / und mit den Füssen ihnen das Wasser trüben / daraus sie
trincken. Wenn unsere Vernunft uns so wenig / als rasende Hunde und schäumende
Wald-Schweine zurücke halten /unser Wille der hitzigen Leber folgen muss; wenn
unser Geblüte / wie der Panter / eine stets bittere Galle / und unsere Seele
ein stets hitziges Feber ist /und unser himmlischer Geist nicht verwehren kann:
dass der Leib in Unflat vielerlei Sünden fällt; dass Orestes so wohl / als hungrige
Wölffe unser Mütter Brüste zerfleischet; dass Romulus das neben ihm in einerlei
Eingeweiden liegende Blut eben so wohl / als eine wütende Löwin trincket; dass
Medea nicht weniger / als Schlangen und Nattern / aus nichts als Gift und
Bosheit bestehet; ausser / dass wir einen ohnmächtigen Verstand / und ein
überflüssiges Licht besitzen /welches nur unsere Fehler und Irrtümer scheinbar
macht. Moses / Solon und Lycurgus haben bei solcher Beschaffenheit eine grosse
Torheit begangen: dass sie Gesätze zu Richtschnuren des Lebens geschrieben. Weñ
unsere Vernunft weder Seile noch Ketten hat / unsere Neigungen von Lastern
zurück zu halten; wie viel mehr wären sie schuldig gewest unsern Schwachheiten
Pulster unter zu legen / dass wir nicht allzu harte fielen? wenn die Begierde uns
zum Besitztum gläntzenden Goldes und schimmernder Edelgesteine / zum Genuss der
aus schönen Antlitzen und schwartzen Augen fallender Strahlen anlocket; wenn
Zorn / Geitz und Ehrsucht so sehr als Stein /Geschwulst / Rose und Wassersucht
unserm Willen zu widerstreben hartnäckicht sind; weñ unser Geist nur einem
Schiffer gleichet / dessen Schiffe / Segel und Ruder fehlt / und unser Verstand
uns nur / wie jenem der Angelstern und die Magnet-Nadel den Weg zu seinem
Schiffbruche zeigt. Warlich es wäre eine unmenschliche Grausamkeit / wenn
jemahls ein Gesätz Geber was geboten hätte; was nicht der Botmässigkeit unser
Willkühr unterworffen ist. Die Natur und das Glücke erkennen keinen Menschen für
ihren Oberen / und lassen ihnen kein Gesätze fürschreiben. Kein Egyptischer
König hat dem Nil Ziel und Maas gesätzt / wie hoch er wachsen dörffe oder müsse.
In den zwölff Römischen Gesetz-Taffeln ist der Tiber die Uber-Strömung / und in
Ordnungen der Stadt Tyrus dem Meere sein Stürmen / und die Beschädigung ihrer
Schiffe nicht verboten. Der unsinnige Xerxes hat durch seine dem Meere gegebene
Streiche und durch Anlegung der Ketten sich der Nach-Welt zum Gelächter gemacht;
und seine zerschmetterten Schiffe haben seinen Aberwitz teuer bezahlen müssen.
Kein Busir und Phalaris hat jemals sich unterstanden zu gebieten: dass einer
zweimal sterben müsse / und die Leichen noch Pein und Folter fühlten. Wenn es
nun einerlei wäre einem Bürger anzubefehlen: Es sollte ihn nicht hungern /
schläffern und dürsten; oder er solle nicht geil / geitzig und zornig sein;
welche kluge Obrigkeit wollte solche Unmögligkeit dem geringsten Knechte
aufbürden? Wer diesemnach der Vernunft ihre Herrschaft über die
Gemüts-Regungen abspricht / reisst die Spann-Adern des gemeinen Wesens entzwei
/ zergliedert die menschliche Gemeinschaft; und zernichtet den Ancker aller
Städte / nämlich die Gerechtigkeit. Denn wie könnte iemand destwegen ohne Unrecht
gestrafft werden / was zu unterlassen nicht in seinen Kräfften gestanden hat?
Wenn Phryne aus unvermeidlicher Not sich so gemein als Lufft und Wasser machen
muss; wenn es so wohl des Dionysius als der Tyger unveränderliche Eigenschaft
ist grausam zu sein; wenn Pasiphae nicht keuscher sein kann als ihr Ochse / für
welcher Schand-Tat sich iedes Papier / darauf sie geschrieben stehet /schämet;
Es würde eben so unverantwortlich sein einen Dieb / als einen Schwindsüchtigen
ans Creutz zu nageln; und wenn man einen Verräter tödtete /würde man nicht
gerechter / als die Areopagiten handeln / die die Waffen / wormit einer ermordet
war /zur Zerbrechung verdamten; und die Persen / welche die Kleider der
Misshandelnden peitschten / und dem /welcher den Kopf verwürgt hatte / den Bund
abschlugen. Die Königin Erato hatte sich über dieser scharffen und
nachdrücklichen Zuredung ein wenig ermuntert / und fieng an: Da ihre
verzweifelte Entschlüssung eine so tugendhafte Fürstin so sehr verletzt hätte /
begehrte sie ihre Straffe nicht so wohl abzubitten /als die Grösse ihres Lasters
zu entschuldigen. Denn ob schon ihre Schwachheit sie beredete: dass die Vernunft
einem übermässigen Schmertze und der Verzweifelung nicht gewachsen wäre; so
könnte sie doch die Gesetze nicht tadeln / noch für unrecht schelten: dass der /
welcher ohne natürlichen Reitz / aus blosser Bosheit und mutwilligem Vorsatze
andere beschädigte / aus dem Wege geräumet würde. Also gäbe die gemeine
Sicherheit einem ieden das Recht / Schlangen / Nattern und Crocodile zu tödten;
ungeachtet diese Tiere aus natürlicher Eigenschaft und ohne Gesetz-Bruch Böses
stifteten / und durch ihre Tödtung ihre Seelen nicht mit Blute besudelten.
Uberdiss sündigte der Mensch mehrmals wider die Natur / und täte durch seine
Bosheit denen Neigungen Gewalt an; da hingegen unvernünftige Tiere niemals /
wie viel menschliche Ungeheuer / die ihrem Geschlechte schuldige Ehre verletzten
/ niemals sich durch einsame und unfruchtbare Brünste befleckten. Wölffe und
Beeren behielten immer einerlei Unart; keine Taube verwandelte sich iemals in
einen rauberischen Geier /und kein Schwan in einen Raben: Der Mensch alleine
stellte heute ein Lam / morgen einen Drachen für; er versteckte die Wolffs-Zähne
mit schönen Lippen /und die Greiffen-Klauen unter Pflaumen-streichenden Händen.
Er sinnte so gar auf neue Erfindungen der Grausamkeit nach. Auch hätte er die
Peinigung zu einer Wissenschaft gemacht / und denen Ermordungen lernen ein
Geschicke geben; also dass der Tod zur Straffe mehrmals aufgehalten / und einem
ieden Gliede ein absonderlicher angetan; ja so gar die Leichen zur Quaal der
Lebenden aufgegraben würden. An dieser Bosheit hätten weder die Gestirne / noch
die Gemüts-Regungen Schuld; und dahero wären für sie keine Gesetze zu scharff /
und keine Straffen zu grausam. Tussnelde begegnete der Königin: Diese letzteren
sind nicht würdig Menschen genant zu werden; ja gegen wilde zu rechnen ungeheure
Miss-Geburten; derer Gedächtnis so wohl als ihre Wiesen mit Strumpf und Stiel
auszurotten ist. Gleichwohl aber bleiben dieselben Vergehungen / worzu dem
Menschen seine natürliche Neigung Anleitung gibt /nicht unstraffbar. Zielten
die Straff-Gesetze auch nur dahin: dass niemand durch die Sündigenden zu Schaden
käme / würden aller Unterschied / und die Staffeln der Straffen aufzuheben / der
Vorsatz nicht geringer / als das Verbrechen zu straffen / und iedem Menschen
eben so wohl auf schädlicher Leute / als auf wilder Tiere Jagt auszuziehen
freigelassen sein. Wenn unsre blosse Sicherheit uns das Richt-Beil in die Hand
gäbe / würde man denen mit anfälligen Seuchen beladenen Kranckheiten sicherer
Gift / als Bezoar und Rhabarber eingeben; und die zur Pflegung gebauten
Siech-Häuser in Kercker und blutige Trauer-Bühnen verwandeln müssen. Da hingegen
so wohl Klugheit / als Gerechtigkeit aus diesem einigen Grunde: dass unbosshafte
Schädligkeit nicht Straffe / sondern Hülffe verdiene / befiehlet: dass man
niemanden auch in der Pest vergehen lassen soll; da doch dieser ihr blosser
Schatten schädlich / ihr Atem tödtlich ist / und man sie mehr nach ihrem Tode /
als lebend zu fürchten hat / als welche vielmal durch Anrührung eines Fingers /
oder eines Tuches / ganze Städte vergifften und wüste machen. Uber diss haben
alle kluge Gesetz-Geber sehr vernünftig die Richter-Stüle verordnet / welche die
Grösse einer ieden Missetat aus allen Umbständen genau untersuchen / und selbte
ihr eine gleichwichtige Straffe auflegen lassen. Ja ihr fürnehmstes Absehen
gienge dahin: dass andere zum bösen geneigte sich an anderer Straffe spiegeln /
und ihrer Vernunft über ihre Gemüts-Regungen brauchen lernen. Die Erfahrung
ist auch ein unverwerfflicher Zeuge: dass die wildesten Menschen / wo nicht durch
den Zaum des Gesetzes / doch durch die Schärffe der Straffen gebessert werden;
ja in etlichen Eylanden / wo der Einwohner Vernunft so / wie das Tage-Licht des
kürtzten Tages verdüstert / und von euserlichen Sinnen wenig oder nicht
unterschieden zu sein geschienen / hat vernünftiger Leute Anleitung und Beispiel
milde Sitten und Tugenden eingeführt. Die Regungen selbst kriegen mehr Zunder
von aussen /als sie uns einflössen. Der Abgang der an der Sonne der Ost-Welt
gekochten Reichtümer verstopfen dem Geitze / der Mangel des anbetenden Pöfels
der Ehrsucht leicht alle Röhren. Die Liebe hat zwar zuweilen / wo nicht vom
Himmel / doch von unser Einbildung einen so feurigen Einfluss: dass sie ihre
eigene Einäscherung für eine Ergetzligkeit hält; aber ihr Trieb kann doch nicht
heftiger sein / als der des Hungers und Durstes; beide aber hat nicht allein die
Vernunft des grossmütigen Cato im wüsten Libyen / da es wenig kältere Lufft als
in Bad-Stuben / und keine andere Feuchtigkeit / als eigenen Schweiss / und das
Gift kalter Schlangen gab / bemeistert; sondern sein einiges Beispiel
verursachte auch: dass sein ganzes Heer sich weder Hitze / Sand / Durst / noch
Drachen aufhalte liess / und so wohl seine eigene / und der Natur Gebrechen / als
die feindlichen Mohren besiegte. Keine Kirrung aber ist mächtig wilden Tieren
ihre Zähne und Klauen zu binden: dass sie sich der Gelegenheit des Raubes nicht
bedienen; und alle andere durch viel Zeit und Mühe ihnen abgewöhnte Unart komt /
ehe man sichs versieht / wieder. Der Mensch allein ist fähig durch die Vernunft
die angebohrnen Gebrechen auszurotten / und seinen Adern gleichsam ein ander
Geblüte einzugiessen. Alcibiades hatte mehr Trieb zur Uppigkeit / als hundert
Menschen; und gleichwol ward er tugendhafter / als tausend andere. Socrates war
von Geburt ein aus Hartzt und Schwefel zusammen gebackenes Bild; gleichwohl aber
war er hitzigen Regungen weniger unterworffen / als der allerwässrichste Scyte /
dessen einiges Beispiel alleine zu erhärten genung wäre: dass die Vernunft /
eine Botmässigkeit über alle Gemüts-Regungen der Gestirne habe / und ihre böse
Würckungen entweder entkräffte / ihre guten verbessere. Erato war entweder durch
die Wichtigkeit angeführter Gründe überwiesen / oder durch ihre
Gemüts-Verwirrung so geschwächet: dass sie Tussneldens Meinung nichts entgegen
zu setzen wusste. Das Andencken aber ihres Zeno und sein unschätzbarer Verlust
versetzte sie abermals in eine solche Wehmut: dass sie iedes Wort Tussneldens
mit hundert heissen Tränen bezahlte; endlich der sie nunmehr mit sanftern
Trost-Worten aufrichtenden Tussnelde antwortete: Ach! wie zierlich lässet sichs
von Uberwindung unsrer Liebe / von Mässigung unsers Schmertzens / von Verdammung
unsrer Verzweifelung reden! wie schwer oder unmöglich aber fället es eines von
diesen bewerckstelligen! Wenn aber ja alle Neigungen von der Vernunft gehemmet
werden; ist doch diese Ohnmacht der Liebe mir unbegreifflich. Denn da diese so
gar die Götter überwältiget; wie soll sie unserm Verstande unterworffen sein? Ja
da auch aller anderer Liebe sich die Gesetze der Vernunft binden lässt / ist
doch meine von einer besondern Art und von einer unüberwindlichen Stärcke. Diese
alleine weiss von sich / nur ich von den Kräfften meiner Liebe zu urteilen;
welcher ich für allen andern Ratgebern zu folgen habe. Denn ie mehr man liebt
/ ie weiter sperret man die Augen auf. Allein / ich törichte! was für eine
Zwitracht lasse ich mir zwischen meiner Liebe und Vernunft träumen? Diese
selbst redet meiner Verzweifelung das Wort / und befihlet mir mit dem zu sterben
/ welcher ohne mich nicht leben konnte / und ohne den mein Lebe ein täglicher Tod
sein würde. Keine Seele ist iemals so sehr / als Erato von Zeno geliebt worden;
sollte ich nun nicht mich mit ihm zu begraben für Glücke und Ehre / mein Leben
nach ihm aber für eine Kaltsinnigkeit des undanckbarsten Weibes halten? Könte
ich meiner gerühmten Treue einen ärgern Schand-Fleck anbrennen / als wenn ich
einen so unverwerfflichen Fürsten / einen so beständigen Liebhaber / so seichte
/ und nur biss zu seinem Grabe geliebt hätte? Die Liebe ist stärcker als der Tod;
die aber nur ihr Schatten / welche sich nicht mit dem Geliebten in die
Finsternis seiner Todten-Grufft einschleust. Gib dich also überwunden!
treuhertzige Tussnelde! nachdem mir deine eigene Zunge / und die verteidigte
Vernunft zu sterben befihlet. Missgönne mir nicht /wehrteste Freundin! dass sich
meine Asche mit den modernden Beinen dessen / der eine so süsse Flamme im Leben
mit mir vereinbart hat / vermische. Lasse mir zum unsterblichen Nachruhme auf
beider Grabe-Stein schreiben: Dass darunter die Uberbleibung zweier Leiber / aber
nur einer Seele ruhe. Erato fiel nach diesen Worten in Ohnmacht / also dass die
mitleidende Tussnelde nicht mehr vielen Tränen den Vorbruch hemmen konnte; durch
welche sie vielleicht mehr als durch Saloninens Balsame erquicket ward. Als sie
nun ein wenig wieder zu rechte kam / fieng Tussnelde mit übergehenden Augen an:
Sie hat recht Erato / ihren sterbenden Zeno zu beweinen / aber nicht Befugnüss
ihm ihr Leben aufzuopfern. Jenes ist eine Schuldigkeit reiner Liebe / dieses
aber ein scheltbares Werck der Verzweifelung. Todte sind keiner andern Verehrung
fähig / als eines ruhmbaren Andenckens. Dieses aber entzeucht sie ihrem so
würdigen Liebhaber / wenn sie ihr selbst das Tacht des Lebens auslescht. Ihre
Asche kann des Fürsten Zeno Verdiensten und Liebe kein Licht / aber wohl ihr
Leben eine brennende Fackel seines Ruhmes anzünden. Lebe diesemnach Erato! wo du
nicht wilst: dass mit dir das süsseste Gedächtnis deines Zeno sterben soll.
Verbrenne das übrige Oel deiner Seele / ihm zu Ehren! welches vorher eine
lodernde Ampel der keuschesten Liebe gewesen ist. Erato brach ein: Mühe dich
nicht /Tussnelde / mir ein erbärmliches Leben so scheinbar zu überfirnsen.
Schätzest du für verantwortlich mich zu einem Leben zu verdammen: dass ich durch
stetes Andencken meines unsterblichen Todten alle Augenblicke aufs neue sterbe?
Könte ich ohne äuserste Schande ohne den leben / der meinetwegen sich in den Tod
gestürtzt hat? Bin ich ihm zeiter in Liebe und Grossmütigkeit ungleich gewest /
so will ichs ihm zum wenigsten an der Weise zu sterben nachtun. Ich will einmal
sterben! so wird die Liebe unser Gedächtnis nimmermehr sterben lassen. Wenn ich
mich aber auch gleich überreden lassen könnte nicht zu sterben /würde mich doch
mein Gewissen zum Tode verdammen. Denn ich / nicht Flavius hat den Zeno
getödtet. Dieser ist nur mein Werckzeug / ich selbst die Stifterin des Todes
gewest. Meine Augen haben im Flavius eine verbotene Liebe / im Zeno eine
gerechte Eyversucht entzündet; dieser aber hat lieber sich selber mir zu einem
Opfer der Liebe / als mich zu seiner gerechtesten Rache abschlachten wollen. Mit
wie viel besserem Rechte hätte Flavius seinen Degen mir durchs Hertz getrieben /
als dass er die Liebe gegen mich seine Waffen auf den unschuldigen Zeno schärffen
lassen? Saget demnach dem Flavius: dass er weder seine Seele noch sein Schwerdt
von Flecken dieses edlen Blutes reinigen kann / wenn er es nicht mit meinem
abwäscht. Wie vergnügt würde ich sterben /wenn ich von der Klinge stürbe / die
in der Brust meines getreuen Liebhabers gesteckt hat! Dieses ist das einige
Mittel / welches mich / Flavius / zu deiner Gegen-Liebe bewegen kann; ausser
welchem ich für dir als einem Mörder meiner andern Seele allezeit werde Grauen
und Abscheu haben. Diss ist der einige Beweis / den Geist meines erblichenen Zeno
zu bereden; dass ich ihn mehr / als meine Neben-Buhlerin Ismene geliebt habe. Mit
diesen Worten erhub sich Erato als ein Blitz aus dem Bette / eilte einem an der
Wand stehenden Tische zu / und hätte / ehe es Tussnelde oder Salonine verhindern
können / sich mit dem darauf liegenden Messer verwundet; wenn nicht Ismene
hinter den Tapezereien hervor getreten wäre / und das Messer ihr vorher
weggenommen hätte. Erato erstarrete über dem Anblicke Ismenens / unwissende: Ob
sie sie für die selbständige Ismene oder für ein Gespenste halten sollte. Bald
aber fuhr Erato sie an: Kommest du nun auch mir die Süssigkeit des Todes zu
rauben / die du durch deinen Eintrag mir meine Liebe so sehr vergället hast?
Wie? oder wilst du die Ehre haben mir selbst das Licht auszuleschen / die du das
Hertze gehabt / die in der reinen Seele des Zeno mir angezündete Liebes-Flamme
dir zuzueignen? Wohl! wohl! vollziehe diesen deinen Vorsatz / welcher
verantwortlicher / als dein erstes Beginnen ist! Rechtfertige durch meine
Entseelung dein Verbrechen; dass du mit dem Zeno mir meine Seele zu rauben dich
hast gelüsten lassen! Tue mir die Wohltat: dass ich von deinen Händen sterbe!
denn ausser dem werde ich dir die mir im Lebe angetane Beleidigung nimmermehr
verzeihen. Durch einen so glücklichen Tod wird meine unglückliche Liebe
vollkommen werden. Ja du wirst durch einen mitleidentlichen Stoss mich dir so
verbinden: dass / wenn Zeno wieder lebend werden könnte /ich sterbende ihn dir
bescheiden wollte. Ismene / welche nunmehr ihre Liebe gegen den Zeno für
Tussnelden länger zu verhölen durch seinen ietzt vernommenen Tod viel zu
ohnmächtig war; antwortete der Königin / welche sie zeiter gleichsam mit
versteinerten Augen derogestalt angesehen hatte: dass es unmöglich zu
unterscheiden war: Ob es mehr aus eigener Bestürtzung / als aus Mitleiden gegen
der Erato geschehe: Ist Zeno todt! so hat Ismene weder Krafft noch Lust zu
leben! aber wohl mehr Recht / als Erato mit ihm zu sterben! Denn meine Liebe hat
in seinem Hertzen ihr Bild verwischet / meines aber aufs frischeste darein
gepräget. Meine Seele wohnet in seiner mit solcher Völle: dass sie weder der
Erato / noch iemand anderm den engsten Platz enträumet. Diesemnach kann man ihn
nicht begraben / sonder dass man mich mit ihm zugleich zu Grabe trägt. Stirb
diesemnach! Ismene! stirb! Denn was wären die leeren Schalen eines unbeseelten
Leibes auf der Welt nütze? Lasse dir die Erato nicht mit einem ruhmbaren Tode
zuvor kommen / die du an der Seele des verliebten Zeno mehr Teil gehabt hast.
Was für eine dem Kalck gleichende Empfindligkeit aber hat Erato: dass sie aus den
ausgelöschten Liebes-Kohlen des Zeno eine so heftige Flamme empfindet / dass sie
sich mit ihm einäschern will? Die Verschmähung ist wohl eine Mutter der Rache /
nicht aber der Liebe. Sie reitzet wohl andere / nicht aber sich selbst zu
tödten. Räche dich demnach! hier ist das Messer / an der / welche gestehet: dass
sie durch den Strom ihrer heftigen Liebe in dem Hertzen des Zeno deine ersäuffet
und ausgeleschet hat. Erato ward hierüber derogestalt entrüstet; dass sie Ismenen
nach dem Messer grieff und anfieng: Bilde dir solche süsse Träume nich ein /
Ismene: dass du am Zeno einiges Teil gehabt. Er muss mir sein ganzes Hertz haben
zugeeignet weil er ja für mich sein Leben gegeben / und mit Verlust desselben
sich an demselben zu rächen entschlossen hat / der an mir Teil zu haben sich
bedüncken liess. Wenn ich nun mit dem für mich sterbenden nicht stürbe / würde
die Welt und Ismene selbst urteilen: dass mein Hertze von aller Tugend leer /
und von Undank voll wäre. Ismene versetzte: Ich habe mehr Erbarmnis mit der
Eitelkeit ihrer Einbildung / als Missgunst gegen ihrer Begierde zu sterben.
Glaube mir Erato: dass Zeno dir allen äuserlichen Schein; Ismenen aber alles
Wesen der Liebe zugeteilt habe. Ich widerspreche nicht / er habe der Erato
gesagt: Er liebe sie mehr als mich; aber ich weiss allzu gewiss: dass er mich mehr
geliebt /als er ihr gesagt. Ich mag ihr kein Kennzeichen für die Augen legen;
denn ich habe mit ihrem Elende so viel Erbarmnis / als meine Seele gegen den
Zeno zarte Regung. Die vorhin eivrige Erato ward hierüber als ein Tuch blass;
gleichwohl erholete sie sich und fieng an: Heuchele deinen süssen Gedancken /
wie du wilt; bilde dir aber von mir die Schwachheit nicht ein: dass ich in der
Liebe einer Neben-Buhlerin glauben könne. Hätte mich aber auch Zeno gleich
niemals geliebt / als da er mir zu Liebe wider den Flavius den Degen gezückt; da
er sich umb mich zu besitzen dem Tode in Rachen gestürtzt / so wäre ich mit ihm
zu sterben verbunden und willig. Denn bei solcher Bewandnüss hätte das grösseste
Ubel der Welt / nämlich sein Tod mir das gröste Glücke zugeschantzt. Sein Tod
müste in meinem Hertzen die heisseste Liebe anzünden /wenn von ihr niemals kein
Funcken darinnen geglommen hätte. Wie sollte nun von dieser durch den Tod
gestifteten Liebe in mir die Begierde zu sterben getrennt sein? Ja wenn ich auch
zu bereden wäre: dass Zeno mich weder im Leben / noch sterbende geliebt hätte /
wurde ich so viel freudiger in Tod gehen / weil ich vielleicht die erste sein
würde / die den Ruhm erlangt: dass sie aus Liebe gegen den / der sie nicht
geliebt hätte / gestorben wäre. Ismene fiel ein: Erato ist numehr in der rechten
Meinung; aber auf einem irrigen Vorsatze. Es ist Raserei / keine Liebe / dem zu
Gefallen sterben / der uns nicht liebt. Dass dich aber Zeno nicht wie mich
geliebt habe / wirst du zu glauben gezwungen werden / wenn du dieses Pfand der
Liebe zu kennen nicht leugnest. Hiermit entblösste Ismene ihren Arm / und zeigte
der Königin ein Arm-Band / wormit sie noch zu Sinope den Zeno beschenckt hatte.
Zugleich reckte sie ihr auch das Messer / und redete ferner: Räche diesemnach /
Erato /durch einen behertzten Stich / dich so wohl an mir /als am Zeno! denn ich
werde sonst nimmermehr glauben: dass du den Zeno iemals hertzlich geliebt hast;
sintemal diss unmöglich eine rechtschaffene Liebe sein kann / welche sich nicht /
wenn sie verschmäht wird / in eivrigste Rache verwandelt. Uber diesem Anblicke
und Worten sanck Erato zur Erde; Ismene aber fuhr fort: Ich sehe wohl / Erato
habe mehr Lust zu vergehen / als sich zu rächen. Ihre Lebens-Geister sind so
bemüht von sich selbst auszulöschen; gleich als wenn ihnen mit der
ausgeloschenen Liebe des Zeno aller Zunder entgangen wäre. Ist es aber nicht
Wahnwitz / wenn es mein Ernst ist zu sterben /derselben Hand zum Werckzeuge des
Todes auszubitten / die mir die Ehre mit dem Zeno zu sterben nicht gönnet / die
aus gerechter Rache mir ein langes Lebe zur Straffe wünschet? Kan ich die Grösse
meiner Liebe mit einem kräfftigern Siegel bewehren / als wenn ich selbst
zugleich ihr und des Zeno Priester und Opfer werde? Keine Liebe ist dieses
Nahmens wert / welche nicht den Tod für den Preis ihres Sieges / und den
lodernden Holtz-Stoss für den Siegs-Wagen ihres brennenden Hertzens hält. Hiermit
holete Ismene aus / das Messer ihr selbst in die Brust zu stossen. Zu allem
Glücke aber erblickte es die nebst Saloninen umb die ohnmächtige Erato
beschäfftigte Fürstin Tussnelde / erwischte ihr den Arm / und riess ihr das
Messer aus der Hand. Erato schöpfte wieder ein wenig Lufft; Tussnelde aber gab
mit Fleiss durch alle ihre Geberden eine empfindliche Ungedult zu verstehen; und
redete zu beiden / bald eine / bald die andere ansehende: Ich weiss nicht /
welche unter euch am meisten scheltbar sei. Denn eine hat alle Vernunft /die
andere alle Sinnen verloren. Sie beweinen als einen Todten den / welcher noch
lebet; und zancken sich umb das Vor-Recht aus Liebe zu sterben; gleich als wenn
die Todten mehr Süssigkeit im Grabe / als die Lebenden in den Armen ihrer
Liebhaber zu genüssen hätten. Bist du / Erato / in der Liebe ein solcher Neuling
/ und auf dem Fusse der Tugend so übel gegründet: dass jene ihre gewohnten Stürme
/ nicht mit Hoffnung und Gedult / die zwei Heb-Ammen der Liebe / nicht
auszuwarten weiss; diese aber sich durch einen sauern Anblick des Todes von ihrer
Höhe in törichte Verzweifelung stürtzen lässt? Wer nichts verschmertzen kann /
muss nicht anfangen zu lieben; und wer dem Tode nicht behertzt in die Augen sieht
/ist ein Weichling / taugt nicht einst weder in die Schule der Liebe / noch der
Tugend. Denn beide arbeiten ins gemein mehr in Stahl / Stein und knörnichtem
Holtze / als an Wachse / Gold und Helffenbein; Ihr Hertz-Blat ist die
Beständigkeit alles /nämlich die Tugend / die gewohnt ist / was sie uns bittres
einschencken / ohne Ungedult auszutrincken /allen Verlust zu verschmertzen /
sich aber nicht selbst mit zu verlieren. Ist ihr so frembde: dass die / welche
ihrer Liebhaber Tod im Leben lange beweinen / mehr ausstehen / als die
wahnsinnige Porcia / welche doch den Tod mit glüenden Kohlen einschlingt? Sich
in solchem Zustande selbst entleiben / ist nur eine gemahlte Liebe; eine falsche
Grossmütigkeit der Kinder / welche / wenn man ihnen die Tocken nimt / sich auf
den Bodem werffen / und ihnen die Haare ausrauffen. Die aber lieben recht und
beständig / welche ihrer Liebhaber Zufälle ohne Zärtligkeit fühlen / und ohne
Härtigkeit überstehen. Auch die rechtmässige Liebe erfodert ihre Maass. Nichts in
der Welt muss uns /auser der Tugend / so annehmlich / wie etliche süsse Kräuter
den Ziegen / schmecken: dass sie durch Unersättigkeit sich dadurch selbst
hinrichten. Für was aber soll ich / Ismene / deine verzweifelte Entschlüssung
aufnehmen? Ist es iemals erhöret: dass man ein Haus ehe eingeäschert / als
brennen siht? Auch der Blitz hat die Gewalt nicht etwas ohne scheinbare Flamme
zu vernichten. Ich aber soll dich hier für Liebe sterben sehen / ehe ich weiss:
dass dein Hertz einen einigen Funcken der Liebe gefangen habe? Mit was Unrechte
aber hast du auf den Zeno ein Auge / weniger eine solche ungeheure Liebe werffen
können / welcher der Tod aus den Augen sihet / und die Verzweifelung im Busem
steckt? Aber was kann anders eine solche Chimere / wie die verbotene Liebe ist /
gebehren als Miss-Geburten? Weist du nicht: dass iede einem andern gewiedmete
Seele ein verbotener Baum sei / und man ihm an seinen Aepfeln den Tod esse? Von
seinen Blättern aber die Schande nichts als Kräntze der Schmach winde? Was für
übele Nachrede wirst du nicht nur dir / sondern allen deutschen Frauenzimmern
auf den Hals ziehen / wenn die Ausländer erfahren werden: dass die tugendhafte
Ismene ihrer Gästin keuscher Liebe Eintrag getan habe? Was für Aergernüss wirst
du dem Rheine und der Elbe geben / wenn sie hören werden: dass ihres Feldherrn
Schwester eine der zweien Weiber sei / welche umb einen Liebhaber sich gezwistet
/ und aus rasender Blindheit verzweifelt sind. Ja Zeno selbst / welchen ihr
beide so unsinnig liebt / wird von euch beschimpfet; und ihr werdet
verursachen: dass man sein Grab an statt der Cypressen und Lilien mit Disteln
bestreuen; den seine Asche verwahrenden Todten-Kopf aber an statt der Hyacinten
mit Wolle umbflechten wird / wormit die Versehrer der Ehe und keuschen Liebe
gekräntzet werden. Lebet diesemnach beide: dass Zeno / wenn das Verhängnis es ja
so habe will / mit Ehren sterbe, euer Tod aber euch nicht ein Urteil auf den
Hals ziehe: dass ihr ohne Scham und Schande euch nicht zu leben getraut / und nur
eure Unehre mit dem Grabe verhüllet hättet. Alle Verzweifelten haben in solchen
Fällen sich durch ihre eigene Hand aufgeopfert / und alle Weise sich durch ihre
Vernunft erhalten. Tussneldens Rede hatte einen solchen Nachdruck: dass Erato und
Ismene als zwei versteinerte Nioben stehen blieben. Keine rührte ein Glied /
weniger die Zunge zu ihrer Verantwortung. Die ihnen aber auf die Wangen tretende
Scham-Röte verträt die Stelle eines Richters /und sprach für Tussnelden wider
Ismenen und die Erato die Sache aus. Beide mussten endlich ihre Vergehung
gestehen / und bekennen: Die lebhafte Tussnelde hätte ihnen so viel bewegliches
ins Hertz geredet: dass sie mehr keine Begierde hätten sich zu verterben. Weil
nun die kluge Tussnelde wohl verstand: dass wie getrübte Brunnen / also auch
verwirrete Gemüter zu ihrer Ausklärung Ruh und Zeit von nöten hätten / nahm
sie so wohl als der Tag Abschied; befahl die Königin Saloninen; Ismenen aber der
Gräfin von Benteim aufs beste.
    Die folgende Nacht würckte in den Hertzen der in Meintz sonst überaus wohl
bewirteten Deutschen fast so vielerlei Gemüts-Regungen / als sie Sterne an
Himmel stellte. Erato und Ismene waren fast ausser sich selbst / und viel zu
schwach nur ihre Gedancken zusammen zu raffen / weniger was vernünftiges zu
entschlüssen. Tussnelde war nicht nur umb dieser beider Wohlfart; sondern auch
wegen Ismenen bekümmert: dass nicht ihre verzweifelte Liebe dem ihr bestimmten
Hertzoge Catumer / und dem Feldherrn Herrmann zur Wissenschaft käme;
unwissende: dass der Cattische Hertzog hierdurch eine grosse Erleichterung seiner
nach Adelmunden seufzenden Seele bekommen haben würde. An Hertzog Siegesmunds
Hertze nagte noch immer Zirolanens Liebe; und zwar so viel empfindlicher / weil
nicht nur ihm ihr so scharffes Verbot / sondern auch seine gegen ihr tragende
tieffe Ehrerbietung die Zunge schloss / nur ein Wort von Liebe gegen ihr zu
gedencken. Zeno und Flavius waren gleichsam zwischen Tür und Angel des Lebens
und des Todes; gleichwol aber fühlten sie noch mehr Schmertzen von Liebe und
Eyversucht / als von ihren Wunden. Umb Mitternacht fiel Zeno bei seiner
Verbindung in eine solche Schwachheit: dass er bei nahe ihnen unter den Händen
vergangen wäre /und sie daher ihre gewohnte Trost-Larve vom Gesichte zohen: und
weil alle euserste Mittel ihm das Blut zu stillen mehr keine Würckung tun
wollten / dem ein wenig gelabten Zeno mit Einziehung der Achseln das Todes-Urtel
ankündigten. Zeno hörte es unerschrocken an; und verlangte allein die Königin
Erato noch ein mal zu sehen; welches die nunmehr an der Genesung verzweifelnden
Wund-Aertzte wider ihre bisherige Meinung willigten. Erato war von ihrer
Abmergelung in Schlaff / oder viel mehr in eine halbe Ohnmacht gefallen. Kurtz
ehe sie aufgeweckt ward /träumte ihr: Es schwebte ein sie in die Klauen feste
einschlüssender Adler in der Lufft herumb; dieser aber würde von einem
Donner-Strahl gerühret; worüber sie ihm zwar entfiele / aber von einem Falcken
aufgefangen / und nach langer Umbschweiffung / durch neblichte Lüffte und
Gewölcke von selbtem zu Artaxata in dem Tempel Jupiters bei seinem die Leda
umbarmenden Schwanen-Bilde nieder gesetzt würde. Die unvermutete Beruffung zum
Zeno / und die hieraus fürgebildte Todes-Näherung liess ihr weder Zeit noch
Kräffte diesem seltsamen Gesichte nachzudencken. Ihr Wehklagen aber machte: dass
so wohl des Zeno euserster Zustand / als der Erato Beruffung der in einem
unentfernten Zimmer liegenden Ismene kund ward /und sie aufs neue in ärgste
Verwirrung versetzte. Die zu gehen unvermögende Erato ward zu dem krancken Zeno
getragen / welcher von ihrem ersten Anblicke sich ermunterte / ja sich
aufzurichten und sie zu umbarmen anfieng. Sie hingegen ward in seinen Armen fast
ganz entseelet / und eine gute Weile konnte weder eines / noch das ander ein
Wort sprechen. Ihre Augen klagten allein einander ihr Leid; gleich als wenn die
Glieder / in welchen sich ihre Liebe angesponnen /auch dieselben sein müsten /
in denen sie ausleschen sollte. Nach etlichen halb-verbrochenen Worten der Erato
/ welche ihn mehr / als die fertigste Beredsamkeit ihrer noch eingewurtzelten
Liebe versicherten /erholte sich Zeno / wie ein dem Ausleschen nahes Licht / und
redete die Königin an: Ich bin nunmehr an dem Ziele meines Lebens und meiner
Liebe; und meine Seele soll sich nach wenigen Augenblicken so wohl von ihrer /
als von meinem Leibe trennen. Mein Leben haben die Götter in Glück und Unglück /
wie die Sonne die Zeit / nämlich in Tag und Nacht abgeteilt; und zwar wie dis
der Welt / also jenes mir zu meinem besten. Denn das annehmliche und widrige
Glücke sind die zwei Bildhauer der Natur / durch welche sie das menschliche
Gemüte zur Vollkommenheit ausarbeitet. Meines ist jederzeit in Ruh / und mein
Hertze stets vergnügt gewest. Denn das Verhängnüs hat in seiner Gewalt keine so
bittere Galle gehabt mir einzuschencken: dass nicht das blosse Andencken der
holdseeligsten Erato mir hätte verzuckern können. Ihre Liebe ist das rechte
Saltz meines Lebens / das Marck meiner Wollust / und der Leitstern zur Tugend
gewest. Ich gestehe gerne: dass unsere Liebe nicht allezeit Sonnenschein; sondern
oft trübes Wetter / und zuweilen harten Sturm gehabt. Aber sind die schönsten
Rosen nicht mit den meisten Dornen umbgeben? Liebe und Beschwerligkeit sind
leibliche Geschwister; ja die Liebe ist nicht mehr Liebe / wenn man sie
entwaffnet und ihr die Pfeile zerbricht. Ihre gröste Süssigkeiten sind ohne
Kummer ungesaltzene Speisen; und eine vermischte Sauere gibt so wohl Liebhabern
/ als Granat-Aepffeln die schmackhafteste Anmut. Glaube mir diesemnach / Erato:
dass deine Liebe mir so gar das bitterste in der Welt / nämlich den Tod süsse
macht; und ich werde mit Freuden sterben / wenn ich noch einmal aus deinem
Munde das Wort hören werde / welches mich so viel mahl lebend gemacht hat /
nämlich: Ich liebe dich Zeno. Uber diesem Worte zerstoss Erato gleichsam in eine
Bach; und überschwemmte den krancken Zeno mit so viel Tränen / als man nicht
geglaubt hätte / dass ihrer eine solche Menge in tausend Augen sollten Raum haben.
Zeno sah ihr mitleidentlich an / wie sehr sie sich mühte zu reden / und wie
feste ihr der Schmertz die Zunge hielt. Endlich brachte sie doch gegen Himmel
sehende diese Worte heraus: Zeuget mir ihr unsterblichen Götter / die ihr
Hertzen und Nieren prüfet: dass ich mich selbst nicht so sehr / als den Fürsten
Zeno liebe! Straffet mich in den Augen des Zeno / wo sein Bild jemahls aus
meinem Hertzen kommen; und du gütige Mutter der Liebe / welche Armenien als eine
Hertzen-Wenderin anbetet / lass nimmermehr mein Hertze ein Behältnüs einer andern
Seele / als des Zeno / und seinen Tod zugleich das Ende meines Lebens sein!
Wolte GOtt! es stünde in meiner Gewalt mein Hertze zu teilen / so wollte ich es
die Helffte dir nehmen umb nur des zweifelnden Zeno Unglauben zu straffen. Aber
nur einen Augenblick; weil meine Unschuld darbei mehr als sein Misstrauen leiden
würde. Zeno ward durch diese Worte / mehr aber durch ihre ihm sein Hertz
brechende Seufzer bis in die innerste Seele gerühret; welche ihm nicht nur
etliche Zehren aus den Augen; sondern auch aufs neue mehr als vorhin Blut aus
seinen Wunden pressten; gleich als wenn eine so hertzliche und feurige Liebe mit
keiner andern / als so roter Tinte geschrieben werden könnte. Er grief sich aber
doch aufs euserste an / und sagte: Es ist genung / Erato: dass du mich bis hieher
geliebt hast! Versiegele mit dem letzten Kusse diese deine Versicherung / wie
ich mit meinem Tode: dass ich auch sterbende dich noch liebe. Keine Erklärung der
Liebe kann unverdächtiger sein / als wenn selbte nichts mehr zu erwerben hat;
nämlich auf dem Scheide-Wege des Lebens und Todes. Setze kein weiteres Ziel
deiner Liebe / als die Götter meinem Leben! bleib aber meiner Liebe ingedenck /
wenn mein erblichener Geist sich nur mit dem Schatten deines Bildes / du aber
mit einem würdigern Liebhaber dich vergnügen wirst. Dem Zeno entfiel hierüber
die Sprache /und die ihn küssende Erato fiel gestreckt für todt zur Erde. Die
Erquickungen brachten sie doch wieder zum Ateme; Zeno aber bat den an seinem
Bette stehenden Grafen von Löwenstein: er möchte beim Hertzog Flavius ihm die
letzte Gnade ausbitten; dass er sich möchte in sein Zimmer tragen lassen / umb
von ihm Abschied zu nehmen / und in einer Sachen ihm Erleuterung zu tun /
welche ihn nicht nur zu Vergessung seines ihm angetanen Unrechts bewegen;
sondern mit seiner ewigen Ruh seines Gemüts beglücken würde. Löwenstein
richtete diesen Befehl treulich aus; Flavius aber war viel zu höflich den viel
kränckern Zeno zu erwarten; sondern seine Gegenwart fand sich an statt der
Antwort ein. Als die von den Aertzten ermunterte Erato wieder die Augen auftat
/ward ihr Verstand ganz verblendet / da sie den Zeno und Flavius als
Hertzens-Freunde einander umbarmen sah / welche für zwei Tagen als Tod-Feinde
einander angefallen hatten. Nach diesen stummen Ausdrückungen ihrer Versöhnung
fieng Zeno lebhafter / als noch nie vorher den Flavius anzureden: Es ist mir
leid /tapfferer Flavius! dass / da ich jetzt sterbe / meine Wangen von Schamröte
gefärbter sein sollen / als meine Wunden von Blute. Dieses gibt einen Glantz
meinem Tode. Denn wie hätte ich rühmlicher / als von der Hand eines solchen
Helden sterben können? jenen Schandfleck aber würde mein Tod nicht ausleschen
/wenn ich von einem so grossen Geiste durch Erkäntnüs meines Verbrechens nicht
den Nachlass seiner Beleidigung zu erbitten hoffte. Mein Unrecht hat zu seinem
Ursprunge und Vorbitter die Liebe / welche sich an keiner Helffte sättiget /
keine Teilung verstattet; sondern wie geitzige Erben das ganze besitzen will.
Ja meine eigene Irrtümer reden mir bei dir das Wort / weil sie dir als
Uberwindern / wie die Wunden guten Wund-Aertzten zur Ehre ausschlagen. Traue mir
nicht zu: dass deine gegen meiner Erato angesponnene Liebe in meinem Hertzen
Missgunst gezeugt / dieser aber meine Klinge gegen dich geschärfft habe. Nein
warlich mein Hertze ist für diesen geringen Wurm allzu gross; und meine
Entschlüssung gegen sein Tun allzu feurig gewest. Denn der Neid frisst nur wie
der zubereitete Demant-Staub langsam umb sich; er zeucht wie die Schnecken die
Hörner ein / wenn Man ihm die Zähne weist. Die Liebe aber gleicht dem Blitze /
der die härtesten Eichen und Klippen angreifft /und im Augenblicke zermalmet.
Diese Stunde soll ein Verteidiger meines viel ehrlichern Beginnens / und ein
unverfälschter Zeuge sein: dass ich am Flavius nichts geneidet / und auf der Welt
ihm nichts missgegönnet habe. Ich schätzte mirs für Ehre; dass Flavius ist / was
ich liebte. Denn weil Liebe die vollkommenste Grossachtung ist / lobte er
hierdurch meine Wahl. Weil die Ereignung der Neben-Buhler den besten Wetzstein
der Liebe abgibt / machte Flavius meine Flammen so viel feuriger. Weil Adler
nicht nach gemeinen Sternen / sondern nur in die Sonne sehen /wuchs in meiner
Seele meiner Erato eine solche Schätzbarkeit zu: dass ich mich selbte zu besitzen
nicht würdig schätzte; wenn ihr ein würdiger Liebhaber / als ich wäre /
aufstiesse. Ich sah den Flavius niemahls an: dass ich mir nicht einbildete: er
wäre vom Verhängnisse mir zu einem Neben-Buhler auserkiest worden. An dessen
Tapfferkeit ich mich zu prüfen hätte: ob ich ihrer Liebe wert wäre. Die von dem
Cheruskischen Hause genossenen Woltaten hielten mich zurücke: dass ich dis /
nicht ehe / als für zwei Tagen bewerckstelligte. Ich reisete mit dem Fürsten
Malovend in Deutschlands euserste Nord-Länder / in Meinung diesen Eyver
abzukühlen. Ich erfuhr aber: dass unter dem Striche des heissen Hunds-Sternes nur
die Hitze der Leiber / unter dem gefrornen Bär aber das Feuer der Gemüter seine
Esse hätte. Also trieb mich diese kriegrische Lufft / es leitete mich der
gerechte Himmel / in dem Gesichte der zwei streitbarsten Völcker der Welt / zu
deinem Ruhme auszumachen: welcher unter uns beiden diese Perle Armeniens zum
Siegs-Preisse zu überkommen verdiente. Deine Waffen haben sie dir erworben; das
Verhängnus spricht sie dir durch mein Todes-Urtel zu; und wormit deine Liebe so
viel mehr gerechtfertiget werde / so nim hin / und empfang sie mein Leben aus
des sterbenden Zeno eigenen Händen. Erato / welcher Hand Zeno mit Gewalt ergrief
/ und in des Flavius legte / war ihr Lebtage noch nie in solcher Verwirrung
gewest / als dismal. Das grosse Leid über des Zeno Lebens-Gefahr / welches auch
eine laue Liebe wieder rege macht / hatte bis hieher den gegen dem Flavius
gefassten Zunder schier ganz erstecket. Bei dieser frembden Entschlüssung des
Zeno aber liessen sich in ihrem betrübten Hertzen wider etliche Funcken / wie
die güldenen Puncte in dem tunckelen Lasur-Steine blicken. Des Flavius Anblick
rückte ihr die von Schlangen gebildete Wahrsagung ins Gedächtnüs; ja alle
Umbstände wiesen ihr gleichsam mit den Fingern: dass sie vom Verhängnisse nicht
für den Zeno /sondern den Flavius bestimmt wäre. Als sie aber nur wieder an den
Zeno dachte / verschwunden alle diese neue Liebes-Gedancken; die Trauerwolcken
umbwülckten ihren Verstand / und zerflossen endlich in den gewohnten Regen der
Liebe und Bekümmernüs / nämlich in Weinen. Flavius hingegen / welcher ihm zwar
von einem Liebhaber eine so ungemeine Fleigebigkeit nicht hatte träumen lassen:
ja / wenn sie nicht von einem Sterbenden geschehen wäre / für Schertz oder
Verspottung ausgedeutet hätte / fasste der Erato Hand so feste: dass sie sie ihm
nicht entziehen konnte / und antwortete dem Zeno: Ist es wolmöglich
/unvergleichlicher Zeno! dass in einem Hertzen so ein hoher Geist und eine solche
Leitseligkeit wohne? dass der unüberwindliche Zeno seinem Unsterne noch liebkosen
/ und seinem Beleidiger Recht geben könne? Ist es glaublich: dass eine Seele
vollkommen lieben / und mit dem / was ihm lieber als sein Leben ist / so
freigebig zu sein vermöge? Ich erkenne mein Unvermögen gegen der Tapfferkeit des
Zeno; Ich bescheide mich: dass nicht meine Geschickligkeit / sondern meine Liebe
/ oder vielmehr etwas / in dessen Hand alle Fädeme unsers Tuns hängen / mir
meine blinden Streiche geführt habe. Ich würde niemals so vermessen gewest sein
gegen denselben den Degen zu zücken / welcher das Vorrecht der Liebe / alle
Gesetze der Freundschaft zu Beiständen seiner sonst allezeit sieghaften Waffen
hätte; wenn es dem Fürsten Zeno nicht gefallen hätte / sich unkenntbar zu
machen. Aber dis / was seinen Leib verdeckte / war das erste /das ihn verriet.
Denn seine Waffen lehrten mich bald genung: dass ich mit einem Löwen / oder dem
Zeno zu tun hätte. Ich bejammere das Unglück meines Vorteils / welcher in
Gefechten ins gemein mehr den Zufällen / als der Geschickligkeit zuzuschreiben
ist. Wolte GOtt! dass das Blut meiner Wunden / welche ich künftig als Ehren-Male
zum Gedächtnüs eines so vollkommenen Helden tragen werde / deinen Adern
eingeflösst; und nach dem man auch nunmehr Menschen-Blut zur Artznei bereitet /
dir zur Genesung dienen möchte; so wollte ich nicht nur alle Pflaster abreissen /
sondern mir selber mehr Wunden kerben umb einen solchen Helden mit meinem Blute
zu erhalten / den meine Unbesonnenheit umbs Leben bringt. Verzeihe diesemnach
demselben die Beleidigung / der sie sein Lebtage bereuen / und deine Ehre bis in
Tod verteidigen wird! Was soll aber ich zu des Fürsten Zeno unschätzbarem
Geschencke sagen? weil denen Wachenden offtmals so seltzame Dinge /als den
Schlaffenden träumen / habe ich Ursache mich gar wohl zu besinnen: ob ich glauben
soll: dass ein Beleidigter seinem Feinde seinen grösten Schatz vermachen könne.
Des Cato und Tiberius Nero Treuhertzigkeit reicht keines weges an diese. Denn
Hortensius war des Cato bester Freund / dem er die Martia überliess. Augustus
aber Fürst und Gebieter / welchem Nero ohne Gefahr des Lebens nichts versagen
konnte. Livia und Martia waren auch schon übertragene Waaren. Erato aber ist noch
eine unaufgeblühte Rose /eine Fürstin / derer Windeln schon Purpur gewest;
welche von der Natur mit der vollkommensten Schönheit eine Herrschaft ohne Zwang
über alle zarte Seelen bekommen / und durch welcher Tugenden dem Himmel eine
sichtbare Gotteit fürzustellen beliebt hat. Urteile diesemnach aus der
Empfindligkeit deiner Seele: ob die meinige von ihr keinen Zug empfinden sollen?
Uberlege; ob die Liebe einer Schönheit von so gutem Geruche / einer Heldin von
so grossem Beispiele könne verdamlich sein? Warlich! ich kann meine Liebe für dem
nicht verbergen / dessen scharfsinniger Geist aller Menschen Heimligkeit
ergründet /die er nur anschaut. Was mühe ich mich aber / meine Liebe auf den
Teppicht zu breiten? sie selbst legt sich an den Tag / und ist schwerer zu
verstecken / als das Tage-Licht. Sie redet mit stummer Zunge / und verrätet
sich mit jedem Blicke. Zeno hat sie fürlängst ausgekundschaft. Denn wie würde
er ohne Versehrung seines unschätzbaren Geschenckes gegen mich so freigebig sein
können / wenn er meiner Liebe nicht allzu gewiss versichert wäre? dieses nehme
ich mit der tieffsten Ehrerbietung so viel danckbarer an / weil die Götter
selbst mir nichts köstlichers vom Himel werffen könten. Ich kann an der Königin
Gegen-Liebe nicht zweifeln / weil ich allzu wohl weiss / wie sehr sie den Fürsten
Zeno liebt. Das erste Gesetze der Liebe aber ist / dis wollen / was der
Geliebte will. Weil nun Zeno weiss / wie heftig ich seine Liebhaberin liebe / kann
er ihm die Rechnung leicht machen: dass ich ihnen ihrer Liebe halber lieben müste
/ so lange mir die Augen offen stehen / wenn er schon durch seine Tugenden nicht
aller Welt Liebe verdiente. O eines unerhörten Beispieles der Liebe! Kommet
hieher ihr Weisen! und ändert eure bisherige Lehre: dass der Liebe Wesen in
Vereinbarung zweier Hertzen bestehe! Kommet und betrachtet mit Verwunderung
unsere Liebe! denn in dieser findet ihr so gewiss drei verknüpffte Hertzen / als
in einem Dreieck drei Spitzen / und auf einem Klee-Blate drei Blätter. O
unvergleichlicher Zeno! du alleine bist fähig solche Wunderwerke zu stifften! du
alleine verdienest: dass alle künftige Liebhaber dein Gedächtnüs verehren / und
jährlich dein Grab mit Rosen bestreuen! Kan ich aber an dein Grab ohne Seuffzen
gedencken / und von selbtem ohne Tränen reden? Wird mit dir nicht unserer Liebe
der Stiel abbrechen? Der Himmel lasse so geschwinde Verstimmelung unserer
Freundschaft nicht geschehen! sondern er erhalte dich zu Bewehrung dieses
seltzamen Ebenteuers: dass zwei Hertzen ohne Eyfersucht eine Seele lieben / wie
mehr Irrsterne in einem himmlischen Zeichen sich vertragen können. O seltsame
Missgeburt der Liebe! ruffte zu diesen Worten eine unversehene aber bald
erkennete Stimme. Denn Ismene hatte sich mit Hülffe der Nacht / und des gemeinen
Bekümmernüsses welches jedermann unachtsam macht / in einem gemeinen
Schlaff-Rocke ins Zeno Zimmer gespielet / und trat nunmehr freimütig herfür mit
wiederholeten Worten: O seltzame Missgeburt der Liebe! soll ich dich / Zeno /
zugleich so leichtgläubig und einfältig halten: dass mein Bruder Flavius von
Hertzen dein Leben / und mit dir in Gemeinschaft der Liebe zu stehen verlange?
Kleine Sterne können sich ja auch wohl vereinbaren / und gemeine Freunde einander
leiden. Aber die zwei grossen Augen des Himmels kommen nimmermehr in einem
Zeichen zusammen; und die Liebe verträgt so wenig als die Sonne / und der
Augapffel neben sich einen Gefährten. Ein geteiltes Hertze kann so wenig lieben
/als leben. Grosse Ströme / wenn sie in vielen Wasser-Betten zu flüssen anfangen
/ werden zu verächtlichen Bächen; und eine Seele / die sich ihrer zwei zu lieben
vermisst / beteilet entweder eine / oder gar beide mit eitelem Schein und
Schalen. Erato ist demnach viel zu edel: dass sie einem unter beiden zum blossen
Vorwand dienen solle; und zu aufrichtig: dass sie aus ihrer Liebe ein
gebrechliches Stückwerck machen solle. Lasse dich / liebster Zeno / daher nicht
mit solchem Winde speisen. Zerstickele nicht das Geschencke /das du meinem
Bruder gegeben hast; und lasse deine geliebte Erato durch eine so ungestalte
Liebe nicht zu einem Tiere machen / welches bald auf Erden / bald im Wasser
lebt. Nim vielmehr hier Ismenen / welche dich von ganzer Seele mit
unzerteiltem Hertzen liebt / für deine Buhlschaft; oder wo dis für sie zu viel
/ für deine Dienerin; wo es aber für dich zu geringe / für deine Anbeterin an.
Frage deine gewesene Erato / wie sehr dich Ismene liebt; wie dein verlautender
Tod sie entseelet / und zu einer festen Entschlüssung die Brände deines
Holtzstosses mit ihrem Blute auszuleschen gebracht haben. Glaube: dass Ismene
nicht mehr lebte / wenn Zeno todt wäre; und sollte das Verhängnüs was so
grausames über dich /oder vielmehr über sie beschlüssen / so stehet es in dessen
Macht zu hindern: dass Ismene nicht mit dem sterbe / in dem sie lebe. Der Erato
hatten mitlerzeit so viel Gemüts-Regungen zugesetzt; dass ihr Hertz wie ein ohne
Ruder / Segel und Mast in den Wellen wanckendes Schiff ihm nicht zu rechte
helffen konnte. Ihre Vernunft war eine Schiff-Nadel ohne Magnet; und ihre Zunge
ein stummer Buchstabe. Nunmehr aber zwang ihr die Regung Ismenens eine
Entschlüssung ab; und ihr Eintrag / welcher der stärckste Blasebalg der Liebe ist
/ lösete ihr die Zunge; dass sie einbrach: Wie? soll Ismene für der Erato ein
Vorrecht haben mit dem Zeno zu sterben? hat sie in einem Jahre sich mehr durch
ihr Liebkosen umb ihn verdienet / als die ihn von Kind an in ihrem Hertzen
angebetet? Ich gestehe es: dass ich nach dem Zeno in der Welt keinen Menschen
höher / als den Flavius schätze; und ich würde niemanden als ihn lieben / wenn
nicht Zeno sich meines ganzen Hertzens bemächtiget hätte. Aber darumb werde ich
die Verknüpffung unser Seelen nicht trennen; ja dem Tode selbst soll es so gut
nicht werden: dass er sich über uns einen Ehscheider nennen solle. Hat Ismene das
Hertze mit dem Zeno zu sterben / so will Erato ihr die Ehre nicht nehmen lassen:
dass sie / umb die Warheit ihrer Liebe mit Blute zu besiegeln / vorher sterben
könne. Hiermit grief sie nach einem auf dem Tische liegenden Pfriemer der
Wund-Aertzte / und war in vollem Stosse ihre Brust darmit zu durchbohren. Flavius
aber hielt ihr in den Arm fallend mit genauer Not diesen tödtlichen Stoss zu
rücke; riess ihr diesen zur Heilung / nicht zur Tödtung /bestimmten Werckzeug aus
der Hand / und redete sie an: Woher schöpfft sie / wunderschöne Erato / für mir
eine solche Abscheu: dass ihr das schrecklichste in der Welt lieber ist / als
meine Liebe? Aus Liebe gegen den Zeno kann weder ihr Vorsatz zu sterben / noch
ihre Enteuserung nicht rühren; weil Zeno selbst will / dass sie mich liebe. Alle
Regungen / ja alle Gedancken geben sich demselben leib-eigen / den man
rechtschaffen liebt. Unsere Seele ist unserm Liebhaber einen ganz blinden
Gehorsam schuldig; welcher nur seinen Befehl ausübet / nicht aber überleget. Ja
wenn es möglich wäre / würde sich eines Liebhaberin Seele in ihres Liebhabers /
und ihr Willen in seinen verwandeln. Liebe demnach den Zeno! so wirst du mich
notschliesslich lieben; und deinen Vorsatz zu sterben / als einen Ungehorsam
gegen den Zeno / und eine Todfeindschaft gegen den Flavius fahren lassen. Ausser
dem wird niemand anders glauben / dann dass du durch deinen Tod dem Zeno sein
Sterben zweifach bitter machen / mich aber / der ich ohne dich nicht leben kann /
vorsätzlich tödten wollest. Ist es aber eine Mögligkeit: dass man den liebe /
dessen Befehle man widerstrebet; so ist nicht zu zweifeln: dass Erato den Fürsten
Zeno liebe; so liebe sie ihn zu meinem Nachteile nicht weiter / als er und die
Natur seiner Liebe ein Ziel gesteckt hat. Könte wohl von einem ein grausamer
Gesetze ersonnen werden / als dis / das ihr Erato selbst aufhalsen will /
nämlich: dass wenn eines der Liebhabenden stirbt / das andere entweder mit
sterben / oder sich lebenslang menschlicher Gemeinschaft entschlagen / und auf
des Todten Grabesteine zu tode weinen müsse? Ein solch schreckliches
Sterbe-Recht würde beizeite die Welt zur Einöde machen. Wie viel
verantwortlicher ist derselben wahnsinnige Liebe / die an einem Bilde oder
Gemählde einen Narren gefressen; als derer / welche sich in eine Leiche
verlieben / oder mit Todten-Asche vermählen. Jede vernünftige Liebe hat zu ihrem
Zweck und Preisse die Liebe. Was nun nicht wieder lieben kann / soll man nicht
lieben / umb sich nicht selbst vorsetzlich elende zu machen. Man hat viel genung
zutun / dass man tue was man soll / und eine unfruchtbare Vermessenheit das
tun wollen / was man zu tun nicht verbunden ist. Erato fiel ein: Meine Liebe
ist so wenig / als des Zeno Tugenden nach gemeinem Mässstabe einzuschrencken. Der
Monde stehet der Sonne nie näher / als wenn sie verfinstert wird. Wie soll denn
ich / die ich von dem Glantze meines hochschätzbaren Liebhabers so viel Licht
genossen / mich dem Schatten seines Grabes entfernen? Lasse mich diesemnach
sterben Flavius! wo es dein Ernst ist mich zu lieben. Denn wenn ich den Fürsten
Zeno überlebte / würde ich mich des Flavius Liebe unwürdig / wie eines
verletzten Bündnüsses schuldig machen. Zeno begegnete ihr nicht ohne eine kleine
Eyferung: Lasse dich / Erato / nicht den Schein eitelen Ruhmes bländen / noch
übermässige Bestürtzung dein gutes Urtel verwirren. Der Tod / das alles in der
Welt zernichtende Ungeheuer / hebet alle Bündnisse auf. Der umbschrenckten
Könige Gewalt endigt sich mit ihrem Leben; alle Pflicht und Eyde der Untertanen
und Leibeigenen werden zurissen. Und hierinnen hat die sonst Tyger-und
Löwen-bändig machende Liebe keinen Vorzug. Wenn unsere Liebhaber uns nichts mehr
gebieten /unsere Verehrung nicht mehr annehmen können / gewehren wir die zarte
Regung nicht besser an / als die /welche einem Marmel-Bilde hundert Lichter
anzünden. Es ist billich: dass unser Gedächtnüs ihrer Hold nimmermehr vergesse;
dass unsere Hände ihren Tugenden Ehren-Seulen aufrichten. Aber Vernunft und
Natur wollen auch: dass der alles verzehrende Schwamm der Zeit unsere Tränen
abtrockne; dass die allen Dingen ihre Maas gebende Weissheit unsere Schmertzen
vermindere. Alle von der feurigsten Liebe aufgetürmte- und mit unverzehrlichem
Oele erleuchtete Grabmale sind zu ausgeleschten Fackeln worden /den Sterblichen
zur Nachricht: dass die Verstorbenen am Lichte / und die Lebenden an den Todten
kein Teil haben. Aller ihr Atem vermag nicht ihrer Asche einigen Geist
einzublasen / und die allerverliebtesten Seufzer ihren ewigen Schlaff zu
vertreiben. Ja alle Lebenden entsetzen sich von Natur für den Todten-Grüfften
und Geistern. Welche weder Hoffnung noch Verlangen / nach den Leibern haben /
noch auch die geringste Frucht von unser Liebe genüssen können; wiewol es auch
eine lautere Unmögligkeit ist einen Todten zu lieben / dessen Fäule uns
anstinckt /dessen Seele sich mit den Gestirnen vermählet / und alles Irrdische
verhöhnet. Also haben der Tod und die Liebe niemals mit einander Gemeinschaft.
Unsere Einbildung macht das Andencken unser Buhlschaft zu ihrem Bilde; und der
Schmertz nimmet allein die Larve einer heftigen Liebe für; welchem die Vernunft
so gerechte Gräntzen / als die Natur den Ländern setzt; also dass sich niemals
kein kluges Weib mit ihrem Manne ins Grab verscharret hat. Mit einem Worte: wie
man nicht lieben kann / was man nie gesehen; also muss man zu lieben vergessen /
was man nicht mehr sehen wird. Liebe demnach den Flavius /von dem du gestehen
must: dass er deiner Liebe würdig sei / und von dem du glaubest: dass er dich
liebe: tue dir selbst nicht Gewalt an. Denn wer gläubet: dass er geliebt werde
/ fänget schon selbst an zu lieben. Zeno hätte ihr destalben mehr Einhalt
getan /weñ seine ihn verlassende Kräften ihn nicht durch eine halbe Ohnmacht
abzubrechen gezwungen hätten. Ismene aber nam das Wort von ihm / und sagte:
siehest du wohl / Erato / dass du durch deinen hartnäckichten Vorsatz zu sterben
den Zeno für der Zeit tödtest? Erato antwortete: die Hartnäckigkeit ist Lobens
wert / uñ wird zur Tugend / weñ sie auf Behauptung der Warheit / oder Erhaltung
der Ehre feste steht. Flavius begegnete ihr: wollest du deñ nicht deiner
Hartnäckigkeit etwas Abbruch tun? weñ du dem Zeno so viel am Leben köntest
zuseze? Erato sagte: Ihm sein Leben zu verlängern wollte ich nichts in der Welt
zu tun weigern. Flavius versetzte: So würdest du auch den Flavius dich zu
lieben überwinden / wenn diss ein Mittel wäre / dass Zeno gonesete. Ja / bekennete
Erato; ich traute auf solchen Fall meiner Meister zu werden. Ismene brach ein:
Woltest du / Erato / denn auch Ismenen verstatten: dass sie der Zeno liebte /wenn
sie ihm hierdurch könnte das Leben geben? Wolte Gott! sagte Erato: dass ihn alle
Frauen der Welt durch ihre Liebe heileten. Ismene fuhr fort: Würde dir es denn
auch möglich sein geschehen zu lassen: dass Zeno Ismenen liebte. Erato stutzte /
seufzete und antwortete: Ach! Ismene! Kanst du Unbarmhertzige! mir ohne
Grausamkeit so sehr zusetzen? Aber ja! liebe du den Zeno; nur höre nicht auf
mich zu lieben. Flavius brach ein: So gestehest du / Erato: es sei einem Hertzen
möglich / und recht: dass es ihrer zwei liebe? Warumb weigerst denn du dich /
mich nebst dem Zeno ohne einige Bedingung zu lieben? Ach! Erato ich sehe es: dass
dich meine unbeschreibliche Liebe empfindlich gemacht habe. Warumb wilst du denn
nicht fühlen / was du wahrhaftig fühlest? Warumb tust du dir selbst durch eine
schreckliche Marter so viel Ungerechtigkeit an / umb nur mich und meine
Schwester zu peinigen? Hast du den Vorsatz auf diese Art dich gegen den / dessen
Liebe ohne diss nicht höher steigen kann / beliebt zu machen? Hegest du auch die
unmenschliche Meinung: dass in einer Frauen nichts beliebter sei / als die
Grausamkeit? Es ist wahr; keine Hertzen rühren die Zärte unserer Seele mehr /
als die sich / wie grosse Festungen / nicht bald ergeben. Aber sie müssen sich
doch endlich gewinnen lassen. Du bist lange genung grausam gewest; dein Hertze
hat sich lange genung gehalten; und Zeno / der es dir zu verwahren vertraut /
befihlt es selbst dich zu ergeben. Ungehorsame Tapferkeit ist nicht weniger in
der Liebe / als im Kriege straffbar. Erato antwortete: Setzet meiner Schwäche
nicht ferner zu! Störet nicht länger die Ruhe meines Zeno! und meine seiner
Verehrung gewiedmete Andacht! Vergnüget euch: dass ich Ismenen dem Zeno / und dem
Flavius die Erato zu lieben nicht verwehre. Sie gab bei diesen letzten Worten
dem Flavius einen so erbärmlichen Anblick: dass er zwar einen ungemeinen Schmertz
/ aber zugleich eine innerliche Zuneigung ausdrückte; welche er ihm / als eine
ungezweifelte Versicherung / mit unbeschreiblicher Anmut ins Hertze pregte.
Erato und Ismene nahmen nebst ihm wahr: dass Zeno zu schlummern anfieng; daher
sie auf der Aertzte Winck sich des Zimmers entäusern mussten.
    Hertzog Zeno ruhete wieder Gewohnheit biss in die dritte Stunde sanfter / als
noch niemals bei währender Niederlage; ob schon seine Wunden niemals zu trieffen
aufhöreten. Vielleicht / weil es zu Beruhigung seines Gemütes gereichte: dass er
zwei der vollkommensten Frauenzimmer in der Welt nicht allein umb seine Liebe;
sondern so gar umb die Vermählung mit seiner Todten-Asche hatte kämpfen gesehen.
Diesen Tag kam ein von dem Tiberius aus Trier verschriebener Artzt zu Meintz an;
welcher sich vermaass durch das eingebalsamte Fleisch der Egyptischen Leichen das
Blut zu stillen. Als aber diss nichts verfangen wollte / forderte er das auf einem
unbeerdigten Hirn-Schädel gewachsene Moos; welches iedermann aufzufinden auf die
Wall-Stäte der gehaltenen Schlachten viel Leute ausschickte. Inzwischen ward
Zeno immer schwächer / und geriet in einen solchen Zustand: dass die Aertzte
mehr keinen Menschen ins Zimmer lassen wollen. Ismene / welche bei so
verzweifeltem Zustande nun nicht mehr den Tod des Zeno / / sondern ihr Unglück:
dass sie ihn nicht sterben sehen dürfte / beklagte / wusste ihrem Leide kein Ende;
Und ihre Ungeberdung bewegte iedermann zum Mitleiden. Umb ihr nun den Schmertz
ein wenig aus den Gedancken zu bringen / veranlasste die Gräfin von Benteim
Ismenen: Sie möchte mit ihr über den Rhein fahren / auf dass sie nicht alleine
die müssigen wären / welche für den Fürsten Zeno die verlangte Artznei nicht
aufsuchten. Sie verfügten sich also in ein an dem Ufer des Meins liegendes
Gepüsche / wo zwischen den Catten und Römern ein scharffes Treffen vorgelauffen
war. Ismene selbst stieg vom Wagen / und mühte sich aufs emsigste einen
bewachsenen Schädel zu finden. Als nach langer Müh sie schon an ihrem Zwecke
verzweifelten / kam ein eiss-grauer Kräuter-Mann zu Ismenens Bedienten / welcher
die Ursache ihres Suchens erkundigte / und auf erlangte Nachricht sich auf einen
Hügel verfügte / von dar auch in kurtzer Zeit zwei bemoosste Köpfe zur Stelle
brachte / und damit zu Ismenen geführet ward. Ihre hierüber bezeugte grosse
Freude / und seine reichliche Beschenckung veranlasste ihn nach dem Gebrauch und
Nutzen dieses Moosses zu fragen. Als er nun vernahm: dass einem verwundeten
vornehmen Fürsten damit das Blut seiner Wunden gestillet werden sollte; lachte er
/ und fragte: Warumb sie nicht auf die Fettigkeit eines in der Geburt getödteten
Beeres / oder ein von einem noch lebenden Tiere abgelösetes Glied / oder eine
After-Geburt einer Gebährerin / und dergleichen abergläubische Dinge mehr darzu
nähmen? Ismene erschrack über diesem schlechten Troste / und fragte: Ob er denn
bewehrtere Blutstillungs-Mittel wüste? In allewege / antwortete dieser
Kräuter-Mann; ich traute mir ohne Zauberei und glüendes Eisen einem / dem gleich
ein ganzer Schenckel abgeschnitten wäre / das Blut zu stillen. Er führte
hierauf die nach solcher Arznei eine unsägliche Begierde habende Fürstin in
seine Höle / lass aus viel tausend verhandene Kräutern etliche aus / zerklitschte
sie auf einem Steine / drückte den Safft heraus in Vitriol. Hierauf erwischte er
einen Hund / schnitt selbtem das Bein ab / stillte aber mit Umbbindung dieser
Salbe im Augenblick das Blut. Ismene war für Freuden ganz ausser sich; liess
auch nicht ab / biss dieser Cattische Kräuter-Mann ihr nicht nur diese Wund-Salbe
zu geben / sondern auch sich mit nach Meintz zu verfügen willigte; unterweges
aber sie in demselben Gebrauche genau unterrichtete. Ismene verfügte sich
alsbald in des Zeno Zimmer / welcher der neue Artzt wegen mitgebrachter
bemoosten Todten-Köpfe nicht nur den Eingang verstattete; sondern weil er
vermittelst dieser Artznei dem Zeno das Blut zu stillen vorhatte / die Hertzogin
Tussnelde / Erato / und den Flavius einliess. Dem Zeno ward das Moos alsofort
aufgelegt; das Blut raan zwar etwas sparsamer; aber doch hörte es nie gar auf.
Der hierüber bestürtzte Artzt fragte: Ob etwan iemand anwesend wäre / der
einsmals von einer Schlange gestochen worden wäre? Denn solcher Menschen
Gegenwart; mehrte die Kranckheiten entkräfftete die Artzneien. Niemand aber
wollte hiervon etwas wissen / und die Wunden troffen immer stärcker. Hiermit
fieng Ismene an: Weg mit euch und euren untauglichen Mitteln! ihr elenden
Aertzte! die Liebe hat dem Zeno die Wunden geschnitten; also kann sie auch
niemand heilen / als die Liebe. Erato / nunmehr ist es Zeit dich rund aus zu
erklären: ob du deinen Liebhaber unbarmhertzig sterben lassen? oder mir deinen
Anspruch an Zeno abtreten /und dardurch ihn beim Leben erhalten wilst? Die in
Tränen sich badende Erato / welch ein sauer Apfel-Biss es ihr gleich war /
befand sich gezwungen diese Erklärung zu tun: Es ist nichts in der Welt so
schwer / was ich nicht willige / ihm das Leben zu erhalten. Ismene antwortete:
Ich nehme der Königin gütige Erklärung zu Dancke / und alle Anwesende darüber zu
Zeugen an. Es ist von ihr eine grosse Klugheit / ihrem Liebhaber und dem
Verhängnis gehorsamen. Dass dieses mich nur zur Aertztin dieser Wunden / hingegen
den Zeno zum Artzte meiner Liebe erkieset habe /wirst du selbst bald sehen / und
diese Aertzte gestehen müssen. Mit diesen Worten nahm sie alle Binden und
Pflaster nach und nach ab; und wiewohl es der fast ohnmächtige Zeno nicht
geschehen lassen wollte; soog doch Ismene mit ihrem eigenen Munde das Blut aus /
und führte an: dass dieses eine gewohnte Pflicht des deutsche Frauenzimmers / und
die beste Reinigung der Wunden wäre. Welches Weib der Tapferkeit nicht feind /
nicht ein Zärtling der Wollust wäre /könnte ihr für diesem Purpur-Schaume der
Ehren-Mahle nicht eckeln lassen. Des Zeno Hertze ward über diesem Beginnen
Ismenens derogestalt gerührt: dass er sich bedüncken liess: Ismene saugte ihm alle
Schmertzen aus den Wunden / und flösste ihm alle Süssigkeit der Liebe ins Hertze.
Sie aber bereitete aus ihrer Salbe dienliche Pflaster / verhüllete damit den
beschädigten Leib / worvon sich Augenblicks zu aller Anwesenden Verwunder- und
der Aertzte Beschämung nicht allein das Blut stillte; sondern Zeno fühlte / oder
bildete ihm zum wenigsten ein: dass sich seine Schmertzen verlierten / die
Kräfften aber erholeten. Ismene verfügte hierauf den der Ruhe hochbenötigten
Krancken alleine zu lassen / und verliess: dass sie erst folgenden Morgen in
Gegenwart der damals Versamleten ihr angemaasstes Ampt verrichten wollte. Auf
bestimmte Zeit fand sich iedermann mit grosser Begierde ein; ausser Flavius der
dem Vermuten nach / aus übermässiger Freude / über dem / dass er nun bei der
Erato einen guten Stein im Brete zu haben vermeinte / kranck worden war.
Hingegen hatte Zeno die ganze Nacht geschlafen; er befand sich zweimal so
starck /als den Tag zuvor / und er selbst beteuerte: er wäre gleichsam neu
geboren. Als auch Ismene die Wunden auffband / erstarrten alle; niemand aber
mehr / als die Aertzte / weil sie selbte schon halb geheilet fanden. Kein Mensch
wusste zu ergründen / wie und woher Ismene in so kurtzer Zeit diss Geheimnis
ergründet haben könnte? ob es mit Kräutern oder Zauberei zugienge? Zeno aber
sagte: Soll ich dich / Ismene / nun mehr für eine Tochter des Apollo / für eine
Göttin / oder mehr für die vollkommenste Liebhaberin verehren? Zu diesem leitet
mich deine hertzliche Zuneigung; zu jenem das für aller Menschen Augen
unbegreiffliche Wunder-Werck. Ismene antwortete: Ich bin froh: dass Zeio nunmehr
meinen Worten gläubet: Ich liebe ihn. Meine irrdischen Schwachheiten aber werden
mich bald verraten: dass ich nichts göttliches an mir habe. Denn wo mich Zeno
nicht zu lieben würdiget / werde ich noch heute zur Leiche werden. Ich weiss
wohl: dass er vorher an der Königin Erato etwas köstlichers / als ich bin /
geliebt habe. Ich bescheide mich: dass man keine güldene Seule zerbrechen / und
an statt derselben keine tönerne zum Abgott machen soll. Alleine dieses sind
nur Absehungen der Ehrsucht; die Liebe aber nimts so genau nicht; sie
verschmehet so bald einen Scepter für einem Hirten-Stabe / als Gold-Stück für
einen leinenen Kittel. Ich bin zufrieden: dass er die Erato anbete / wenn er mich
nur liebt. Erato hat ihn zwar ehe / kann aber ihn nicht so heftig / nicht so
geschwinde geliebt haben. Denn als ich ihn nur den ersten Blick ins Gesichte
kriegte /als ich ihn in der Schlacht mit dem Varus zu hassen verbunden war /
fieng ich ihn schon an zu lieben. Zeno ward damals unser Gefangener; ich aber
verlohr meine Freiheit / und er erwarb die Herrschaft über mich. Meine
Dienstbarkeit hielt ich Gewinn / und freute mich über den Verlust meiner
Freiheit. Etliche mal mühte ich mich zwar ihn nicht zu lieben; im Augenblicke
aber wendete sich das Blat / und mein Hertze sehnte sich ihn immer noch viel
mehr zu lieben. Ich erlustigte mich über der Unruh meines Gemütes /welche seine
Grossmütigkeit in mir rege gemacht hatte. Diesemnach kann meine Liebe nicht
verdammlich sein; weil sie seine Tugend zur Wurtzel hat / und weil meine Liebe
in mir gezeugt worden / ehe ich von der Erato Neigung gewüsst. Ihr Verfolg aber
kann nicht getadelt werden; weil Zeno sie schon eines andern Liebe gewiedmet hat.
Zeno versetzte: Ich wäre nicht bei Vernunft / wenn ich an deiner Liebe
zweifelte /die du nicht mit Worten / sondern wichtigen Wercken ausdrückst /
welches die nachdrücklichste Sprache der Welt ist. Erato aber / glaube ich /
würde an mir als ein Laster verdammen / wenn ich dich nicht liebte. Erato
lächelte / und brach ein: Ich würde undanckbarer als ein Kuckuck sein / wenn ich
Ismenen für was weniger als deinen Schutz-Stern und meine Gotteit verehrte.
Verzeihe mir / Ismene! dass ich zeiter so viel deinem Ansehn abgebrochen. Du
selbst hast Schuld daran: dass du deine Verwandschaft mit den Göttern verhölet
hast. Alleine hätte ich aus deinem Tun nicht dein Wesen zeitlicher urteilen
sollen? Nur der Helden / nicht der Götter Bildnüsse haben Uberschrifften; weil
sie schon an sich selbst kenntlich sind / oder keine Nahmen sie würdig
auszusprechen vermögen. Liebster Zeno! ersetze diesemnach mit deiner Liebe bei
Ismenen meine Fehler; und liebe / liebste Ismene / den Zeno; nur dass er lebe.
Ismene fand sich hierüber so vergnügt: dass sie sich selbst schwerlich begreiffe
konnte. Zeno hätte ihr gerne mehr seine Danckbarkeit zu verstehen gegeben / wenn
sie ihm nicht ferneres Reden / als eine Ursache der Schwachheit verboten hätte.
Er und alle folgten Ismenens Anstalten; die Aertzte liessen sich nicht gerne
mehr sehen / weniger widersprachen sie ihr im geringsten /nachdem sie durch den
Augen-Schein alle ihre Künste beschämet hatte. Folgenden Morgen fand man des
Fürsten Zeno Wunden völlig zugeheilet / und fühlte er mehr keine Schmertzen /
sondern nur noch eine ziemliche Mattigkeit; welche Beschwerligkeit aber ihm
teils die Anwesenheit / teils das Andencken Ismenens / welche er als die
einige Erhalterin seines Lebens unaufhörlich preisete / genugsam erleichterte.
Hingegen hatte sichs mit der Kranckheit des Flavius so sehr verärgert: dass die
furchtsamen Aertzte schon die Köpfe zusammen steckten / und ihn nicht auser
Gefahr des Lebens zu sein / mit gewohnten Geberden an Tag gaben. Die sorgfältige
Erato verstand am ersten diese Sprache; und grämte sich biss in die innerste
Seele. Folgende Nacht aber nahm die Hitze des Febers so überhand: dass Flavius
seinen Verstand verlohr; also die Aertzte an seinem Leben / Erato aber für
Bekümmernis verzweifelte. Ja da diese es über des Zeno Kranckheit vorher arg
getrieben hatte / war ihre Ungedult ietzt noch viel ärger. Sie schlug gleichsam
als unsinnig ihre Brüste; rauffte ihr das Haar aus / zerfleischte mit den Nägeln
ihre Wangen / fluchte dem Verhängnisse / als welches das / dem sie ihr Hertz
wiedmete / alsobald dem Tode auffopferte; dräute und verschwur sich mit dem
Flavius auf einem Holtz-Stosse zu verbrennen. Denn es würde ihr doch nimmermehr
kein Mensch diese Meinung aus dem Gemüte reden: dass eine treue Liebhaberin sich
so wenig von der Leiche ihres Liebsten / als der sich umb einen Baum windende
Epheu von seinem vertorbenen Stocke sollte trennen lassen. Nähme doch der
weibliche Palm-Baum / wenn sein männlicher vertürbe / keinen Trost / und keine
grüne Blätter an. Wie vielmehr wäre es die Pflicht einer vernünftigen Frauen:
dass sie nach Verlust ihres Liebhabers zu leben aufhörte? Mit einem Worte: Sie
unterliess keine Ungeberdung der rasenden Liebe. Ismene war zwar anfangs vergnügt
über der Königin Leidwesen / als einem deutlichen Kennzeichen ihrer nunmehr
gegen den Flavius angeglommenen Liebe. Hernach aber / als es mit ihm in einen so
erbärmlichen Zustand geriet / bemeisterte sie eine heftige Bestürtzung. Jedoch
hielt sie eine hertzhafte Sorgfalt für ihren krancken Bruder vor eine
rühmlichere Mitleidens-Art / als die unnütze Verschwendung vieler tausend
Tränen. Die glückliche Errettung des Zeno war ihr ein Wegweiser zu ihrem
Wurtzel-Manne; welchen sie nach Gewohnheit der bei dem Kohl schwerender Jonier /
bei allen heilsamen Kräutern beschwur: dass er ihrem Bruder durch seine Artzneien
das Leben retten / und zu ihm kommen möchte. Dieser Alte willigte / seinem
Vermögen nach / das erstere; weigerte aber das letztere; teils /weil er seine
Anwesenheit nicht für nötig hielt; teils / weil er dadurch ihm der andern
Aertzte Hass oder Zanck auf den Hals zu ziehen vermeinte. Er fragte aber nach
aller Beschaffenheit des Krancken aufs genaueste. Ismene sagte ihm: dass der
seiner Vernunft beraubte Flavius mit der Lantze in die rechte Achsel verwundet;
die Wunde zwar zugeheilet / nunmehr aber allererst aus derselben hitzigen
Aufschwellung geurteilet worden wäre: dass die abgebrochene euserste Spitze in
der Achsel stecken blieben / und verheilet worden wäre. Die Aertzte hätten zwar
ein Pflaster bereitet / solches mit zermalmten Magnet-Steine vermischet / und
das verhüllte Eisen damit heraus zu ziehen vermeint; weil solches aber nicht
angehen wollen / wären sie entschlossen ihm die Wunde wieder aufzuschneiden. Der
Wurtzel-Mann lachte / und sagte: dieses wären Metzger / nicht Aertzte / welche
nicht verstünden: dass der Magnet alle seine Kräffte in heissen-nassen- und
fürnehmlich in fetten Dingen verliere. Man sollte aber nur ofters hinter einander
Tauben zureissen / selbte ihm auf die Fusssolen aufbinden / so würden dardurch
das Haupt und die Lebens-Geister mercklich gestärckt werden. Hierbei gab er
Ismenen ein zerstossenes Kraut / welches umb des Flavius Achsel geschlagen
werden sollte; dass es das Eisen auszüge / auch mit Saltz vermischte und
zerflossene Wacholder-Beeren / welche ihm aufs Haupt / aufs Hertze / und auf den
Rückgrad / bis sie ganz trocken würden / aufgelegt / hernach ihm aus einer Ader
drei Löffel voll Blut gezöpfft / alle Nägel an Händen und Füssen wie auch einen
Püschel Haar abgeschnitten /und ihm wieder zugebracht werden müsten. Ismene
verrichtete alles dis mit emsigstem Fleisse / und fürtreflicher Vorsicht. Ihre
Bekümernüs kriegte eine grosse Erleichterung / als nach etliche mal aufgelegten
Tauben Flavius wieder zu sich selbst kam / daher sie ihrem Wurtzel-Manne so viel
freudiger die verlangten Sachen überbrachte / und mit ihm sich wieder über den
Rhein verfügte. Daselbst vergrub er in die frische Erde des Flavius Blut; Nägel
und Haare aber spündete er in eine junge Esche ein / von welcher er die Ründe
derogestalt gelöset hatte: dass sie wieder füglich zugebunden / und die Ritze mit
Baum-Wachse verwahret werden konnte. Hiermit meinte er seinem Ampte ein Gnügen
getan zu haben / und Abschied zu nehmen / mit Versicherung: dass in dreien Tagen
Flavius seines Febers los sein würde. Alleine Ismene lag ihm so lange mit guten
Worten an / bis er wieder mit ihr in die Stadt zu kehren willigte. Daselbst fand
sie den Flavius in besserem Stande. Denn die zugeheilte Wunde der Achsel war
schon aufgegangen; die stete Hitze des Febers liess ein wenig nach / und selbigen
Abend hatte Ismene zugleich der Königin den schlimmsten Dorn aus dem Fusse
gezogen. Tussnelden aber ward dardurch ein desto schärfferer ins Haupt
gestochen. Denn sie hatte zeiter für unmöglich gehalten; dass Erato ihre gegen
den Zeno von so vieler Zeit eingewurtzelte Liebe dem Flavius zueignen sollte.
Also ihr über Ismenens Neigung zum Zeno wenigen Kummer gemacht; als welche
anderer Gestalt nicht zu Kräften kommen könnte / da sie nicht auf den Grauss der
erstern gebauet würden. Nunmehr aber werden Tussnelden durch der Königin Erato
Ungeberden die Augen aufgesperret: dass sie den Flavius hertz- und ernstlich
liebte; also Ismene / nachdem ihr Erato beim Fürsten Zeno den Platz geräumet /
durch nichts in der Welt von ihm würde abwendig zu machen sein; und mit der
vorgehaltenen Heirat entweder die Freundschaft der Cherusker und Catten
zerrissen; oder Ismene durch eine gezwungene Eh in den erbärmlichsten Stand
versetzet werden dürffte. Wie ungerne sie nun daran kam: dass sie Ismenen in
ihrer Liebe / als in dem allerempfindlichsten Dinge der Welt / weh tun sollte /
so fand sie sich doch durch die Liebe ihres Eh-Herrn und Vaterlandes gezwungen
/selbter / wo möglich / einen Stein in Weg zu werffen. Weil nun hierzu nichts
dienlicher schien / als die Königin auf ihren ersten Weg zu bringen; versuchte
sie /unter dem Scheine ihrer Bekümmernis ein Ziel zu stecken / den Zunder ihrer
ersten Liebe wieder rege zu machen; indem sie ihr einhielt: Ob ihre
Ungeberdungen mit einem auff die Tugend geanckertem Gemüte Verträgligkeit haben
könten? Ob diss ihrem Versprechen nachgelebt hiesse; dass sie bei keinem Unfalle
mehr wider sich selbst grausam zu sein begehrte? Wie ihr Hertz zu einer Zeit
ihrer zwei so unmässig lieben könnte: dass sie ihr darüber selbst so gram würde?
An vielen Dingen könnte man wohl ein Wohlgefallen haben; aber eine nur lieben.
Jene Mutter der Liebe aber hätte so heftige Regungen nicht / als diese ihre
Mutter. Freundschaft vertrüge noch auch eine Vereinbarung mit zwei oder dreien
/ welcher Hartzt /ja zuweilen etliche Hertzen dergestalt zusammen keibte: dass
sie nichts als der Tod trennte. Aber auch diese hätte weder Gesetze noch
Beispiel sich mit einem sterbenden Freunde zu begraben. Ob sie nicht schon in
ihrer Kindheit begrieffen: dass die Beständigkeit mit Enderung der Anfechtungen /
doch nicht ihre Tapferkeit verändern müsste? Es wäre nicht genung ein oder
zehnmal / oder auch die Helffte unsers Lebens in allen Dingen wissen Maass zu
halten. Die Tugend behielte immer einerlei Antlitz / einerlei Anmut / was vor
Zufälle ihr gleich begegneten. Die Laster aber nähmen so viel Larven fürs
Gesichte / so viel mal sich die Lufft des Glückes oder der Wollust änderte.
Erato ward hierüber mit einem ganzen Strome von Scham-Röte übergossen; weil
sie ihr nicht so wohl ihren unmässigen Schmertz / als die Unbeständigkeit ihrer
Liebe für gerückt zu sein einbildete. Sie musste etliche mal Atem hohlen / ehe
sie sich erholte / Tussnelden derogestalt zu antworten: Ach! unvergleichliche
Tussnelde! sie ist ein allzu scharffer Richter / wenn sie anderer Schwachheiten
nach der Richtschnur ihrer Vollkommenheiten urteilen / und einer Taube den Flug
eines über die Wolcken klimmenden Adlers fürschreiben will. Ich erkenne mein
Unvermögen / und unterwerffe mich willig ihrer Klugheit und Tugend / dass jene
mich als einen Blinden / diese als ein Kind an der Hand leite. Ich kann die
geschwinde Verstellung meines Gemütes nicht leugnen; und es ist mit meiner
Seele heute viel anders / als für drei oder fünf Tagen / ja wie in einer neuen
Welt beschaffen. Ich habe durch tausend Pein und Schmertzen erfahren: dass die
Liebe ein unsichtbarer Proteus sei / welcher sich geschwinder als die Gestalten
der Schau-Plätze / oder die Menschen in Getichten / bald in Wasser / bald in
Feuer / bald in grosse Wall-Fische / bald in kleine Nattern zu verwandeln weiss.
Alleine die Einflüsse des Himmels / ja selbst das Verhängnis haben über
Veränderung meines Hertzens gearbeitet. Der Pfeil des dem Zwo zusetzenden Todes
hat in mir mehr gewürcket / als keine Schönheit der Welt / und keine Fackeln der
Liebe iemals in mir zu tun mächtig gewest wären. Die Furcht für des Zeno Leben
erweckte in mir die Begierde meines zu verlieren / und mit meinem Hertzen meine
Liebe für ihn / als ein Löse-Geld zu geben / für den ich / als ich in
Deutschland kam / nicht einst zu leben verlangt hätte / für den wünschte ich
nunmehr zu sterben. Die wahrsagenden Gotteiten Deutschlands haben mir den
Flavius zu lieben aufgelegt; ja der Wille meines Liebhabers und der und der
unveränderliche Zwang des Verhängnisses hat meine edle Hartneckigkeit niemanden
als den Zeno mein Lebtage zu lieben so lange bestürmet / biss sich meine Seele
gegeben. Also kann ich nicht leugnen: dass ich den Flavius liebe / und dass ich mir
vorgesetzt gehabt / ihn nicht zu überleben. Aber / gütigste Tussnelde!
rechtfertiget der Befehl dessen / den wir lieben / und ihm zu gehorsamen
schuldig sind / nicht unser neue Flamme? Leidet das Gesetze nur den /welchen wir
einmal geliebt / biss in Tod zu lieben /keinen Absatz? auch keine Bedingung? Sind
alle Veränderungen in der Liebe verdamlich? Ist unser Seele diss / was am Himmel
nicht getadelt wird / unanständig? Glaube mir aber: dass meine Seele eben wie
dieser / von der Liebe mehr beweget / als verändert sei. Meine Liebe gleichet
einem gegen Suden segelnden Schiffe; welches zwar einem neuen Angel-Stern ins
Gesichte bekomt / aber doch die Nord-Sterne nicht gar verlieret / allemal aber
die Sonne zu seinem Wegweiser behält. Ich liebe den Flavius; aber dieser stehet
mit dem Zeno so wohl: dass ich ihm nicht gram sein darff / und seine Tugend wird
mir / so lange mir die Augen offen stehen / einen so angenehmen Leit-Stern
abgeben / dass ich / wo nicht seine Liebhaberin / doch seine Freundin / seine
Verehrerin / seine Dienerin sterben werde. Kan ich aber dieses mit Ehren nicht
tun / leidet meine Keuschheit durch diese Veränderung Schiffbruch; warumb wehrt
man mir denn zu sterben? Wahnsinnige Erato! warumb hast du dir das Messer
auswinden / und dich zu leben bereden lassen / dass du andern zum Greuel / dir
selbst zur Schmach lebtest? Wolle Gott! ich hätte ehe meine Brust mit meinem
Blute beflecket / ehe ich meine Liebe mit dem Laster des Unbestandes besudelt!
es ist wahr / ich bin nicht mehr wert: dass mich weder Zeno noch Flavius liebe;
ohne eines oder des andern Liebe aber würde mein Leben ein unsterblicher Tod
sein. Warumb eile ich denn nicht zu sterben? Ich selbst kann keinen mehr lieben /
weil ich mir selbst anfange gram zu sein. Wolte Gott! ich hätte fürlängst- und
eher mein Gesichte verloren / ehe ich den Flavius gesehen / so dörffte ich
ietzt meines guten Nahmens nicht verlustig sein! Wer ohne diesen zu leben
vermeint / ist des Lebens niemals wert gewest. Stirb diesemnach / Erato! und
lasse dir in der Welt nichts so lieb sein: dass du dessentwegen schamrot leben /
nicht aber rühmlich sterben soltest. Hierüber sanck Erato auf das Bette nieder /
und bekam die hinfallende Sucht. Die bestürtzte Fürstin Tussnelde aber machte
ihr über ihrem so übel ausschlagenden Einhalte ein so schweres Gewissen: dass sie
ihrem Leide kein Ende wusste /weniger sich starck genung befand der Königin zu
helffen. Daher sie durch einen lauten Ruff auf Hülffe schreien musste. Salonine /
und das sie bedienende Frauen-Zimmer kamen aus dem Vor-Gemache voll Schrecken
hinein / traffen die mit allen Gliedern wie ein Aspen-Laub zitternde Tussnelde /
ganz erblasset und stum / die Königin aber in so erbärmlichem Zustande an.
Ismene / welche Tussneldens Stimme in ihrem Zimmer gehört hatte / folgte dieser
auf der Ferse / und wusste nicht: ob sie Tussnelden oder der Königin am ersten
zulauffen sollte. Nachdem aber jene sich ein wenig erholete / und ein Zeichen gab
/ nur dieser wahr zu nehmen; und Ismene der Erato Zustand sah / kehrte sie auff
dem Fusse umb / und holete aus ihrem Gemach weisses Birnstein-Oel / Biber-Geil
/und Wasser von schwartzen Kirschen. Durch welches Mittel denn auch Erato bald
wieder zu ihr selbst kam. Als Tussnelde nun vernahm: dass sie nach etlicher
Stunden Ruh zwar wachte / aber eine grosse Unruh ihres Gemütes spüren liesse;
verfügte sie sich zu ihr / und entschuldigte auf alle ersinnliche Weise: dass sie
durch ihre Unvorsichtigkeit ihr so viel Leides angefügt / welche doch nur auf
Mässigung ihres Schmertzens über des schon halb-genesenen Flavius Kranckheit
gezielet hätte. Sie wüsste wohl: dass die Liebe einen ganz absondern Regung- und
Schutz-Geist hätte / welcher sich von keiner menschlichen Vernunft meistern
liesse; sondern ihre Regung würde von dem ersten Bewegungs-Rade des
Verhängnisses /wie der Zeiger in Uhren / von den Gewichtern getrieben. Es könnte
ihr und dem Cheruskischen Hause kein grösser Glücke geschehen / als wenn sie den
Flavius mit einer Königin so hohen Geblüts / und solcher Vollkommenheit
vermählet sehen sollten. Sein und des Feldherrn Vater hätte ihm eine Gemahlin aus
Parten geholet. Warumb sollte dem Flavius nicht eine aus dem edlen Armenien
taugen? auff dessen Gebürge Gott mit dem menschlichen Geschlecht ein ewiges
Bündnis durch den ersten Regen-Bogen geschlossen haben soll; dass er es nicht
mehr durch Wasser verterben wollte? Dessen ungeachtet blieb der Königin Hertze
mit finsterer Traurigkeit / wie ihre Augen mit Tränen / umbwölckt. Ihre Rede
hatte keinen andern Innhalt / als eitel Wünsche und Begierde zu sterben. Ich /
sagte sie / bekenne meine Schwachheit: dass ich den Flavius liebe; iedoch kann ich
diesen Irrtum wohl verdammen / nicht aber hassen. Und die / welche werden den
Ursprung meiner Liebe schelten / werden doch mit ihrem Ausgange müssen Mitleiden
haben. Der Tod hat die Liebe des Flavius in meine Seele gepflantzt; also konnte
ich sie auch durch keine andere Merckmahle bewehren / als dass sie aus Liebe
sterbe. Ich bereitete mich dem Zeno zu Liebe mit Hertzhaftigkeit zu sterben;
nun bemühe ich mich mir selbst das Leben so herbe und vedriesslich zu machen: dass
ich des Flavius halber mit Freuden sterbe / und der Tod in meiner Person mir so
annehmlich fürkomme /so schrecklich er mir in der des Flavius geschienen hat.
Andere stürtzten sich vorsetzlich in Tod: dass ihr Gedächtnis in anderer Gehirne
leben möchte; ich aber will sterben: dass Flavius mit desto mehr Ehre lebe; und
verlange für mich kein ander Vorteil / als sein Andencken meiner hertzlichen
Liebe; welcher niemand den Ruhm wahrer Treue strittig machen kann / weil sie sich
allererst an Tag gibt / da ich verscharret werden soll / und da ich von ihm mehr
keiner Gegen-Liebe von nöten habe. Ich bin schon vergnügt mit der Hoffnung: dass
Flavius genesen und leben werde. Denn einem ohne Falschheit liebenden ist sein
eigener Tod so süsse / als seines geliebten herbe. Ismene /welche glaubte: dass
der Königin Traurigkeit zum teil von dem Zufalle der ihr zugestossenen
erbärmlichen Kranckheit herrührte; hatte mit ihrem geheimen Artzte Rat
gehalten; brachte ihr also an Hals zu hencken einen Püschel voll Beeren / welche
auf einem Holunder-Strauche / der auf einer Weide stand / gewachsen waren / mit
Versicherung: dass weil diese Sucht ihr nicht angebohren / selbte dieses Mittels
halber nicht leicht / und wenn sie ihr bei jetzt abnehmendem Monden von allen
Fingern und Zehen ein wenig ihrer Nägel geben wollte / nimmermehr wieder kommen
würde. Erato bedanckte sich für so mitleidentliche Vorsorge; meinte aber: dass
weil sie zu sterben beschlossen hätte / sie für ihre Kranckheiten den wenigsten
Kummer trüge. Die aufs euserste bekümerte Fürstin Tussnelde / und Ismene
gewehrten alle ihre Vernunft / Höfligkeit und Tränen ohne Frucht an sie zu
besänften; bis auf den folgenden Morgen sich Flavius in dem Zustande befand:
dass er sich auf einem Stule zu der Erato tragen liess / welchem denn seine über
ihrem erbärmlichen Zustand erwachsende Bestürtzung folgende Worte heraus lockte.
Wie allerliebste Erato /soll ich das verstehen: dass / da ich genese / sie zu
sterben wünschet? Ist sie nicht mehr dieselbe / welche / wenn ich stürbe / nicht
mehr leben wollte? Wie hat sich denn ihr Gemüte so bald umgewendet? Ich kann nach
vernünftigem Gegensatze anders nicht schlüssen; als dass / da ihre erste Begierde
zu sterben aus Liebe hergeflossen / die letztere meinen Hass zum Ursprunge haben
müste? Wormit hat diese Veränderung der unschuldige Flavius verdienet / welcher
lieber sterben als leben wollte / wenn bis ihre Abneigung /jenes ihre Liebe
zuwege bringen sollte? Warlich! Erato / es ist mir einerlei; ob du sagst: dass du
sterben wilst; als dass du mich sterben heissest. Woher rühret deñ nun ihre
Grausamkeit / dass sie mich durch ihren Tod aufs schrecklichste tödten will? Wie
es eine mehr / als weibische Zagheit ist / nicht sterben wollen /wenn es das
Verhängnüs befiehlet / also ist es eine Unsinnigkeit nicht leben wollen / wenn
man kann; aber etwas unmenschliches einem andern zur Pein mit Fleiss sterben.
Glimmet diesemnach nur noch ein Funcke meiner Liebe / oder nur eines Mitleidens
in ihrem Hertzen / so schone sie doch ihres Blutes; sie spare ihr Leben / umb
meines nicht zugleich zu verschütten. Erato antwortete: wie kann jemand einem
andern zu Wolgefallen leben / der ihm selbst zur Schande lebt? Lasset mich also
mit Ehren sterben: dass mein Leben nicht mir zum Laster / andern zum Aergernüs
werde! Flavius versätzte: was kleben denn ihrem Leben für vermeinte Flecken an?
diese / sagte sie / dass ich im Lieben zum Wetter-Hahne worden; dass ich den Zeno
nicht mein Lebtage geliebt; dass ich die heilige Einigkeit der Liebe zerteilt.
Lasterhafte Erato! schäme dich / dass dich die unvernünftige Turtel-Taube / und
die Eis-Vögel beschämen / welche ihr Lebtage nur einen Buhler küssen / und bis
in Tod betrauren. Meine Liebe hat sich in eine Schlange verwandelt; welche an
jedem Ende einen Kopff hat / und mit einem hin- mit dem andern her will. Lasset
mich diesemnach sterben! dass ich nicht ein Ungeheuer unter den Menschen / nicht
eine Urheberin einer so hesslichen Liebe sei! Tussnelde / welcher alle diese
verzweifelte Reden durchs Hertz giengen / brach mit einer wüsten Gebehrdung ein:
Meine übel-gedeutete Worte sind Ursache ihrer Verzweifelung; indem Erato meinen
Trost für eine Tadelung aufgenommen; die Natur und kein Völker-Recht / auch
nicht die hierinnen sonst so strengen Deutschen / welche der Wittiben andere
Heirat verschmähen / hat jemals in einem Gesetze der Liebe alle Veränderung
verboten. Sie ist eine so feurige Regung / als die Sonne / welche sich in ein
Himmels-Zeichen nicht einsperren lässt. Die zwei Angel-Sterne / welche doch die
unbeweglichen Wirbel der Welt sein sollen / sind so wenig ohne Bewegung / als
die Erde. Ja es giebet Umstände und Ursachen / welche die Liebe zum Laster
machten / wenn sie unverändert bliebe. Welche aber kann wichtiger sein / als wo
ein Liebhaber uns selbst unser Pflicht erläst; wo von der Aenderung beider Heil
hänget / und wo das Verhängnüs selbst den Wagen der Liebe wie der Sternen-Kreisse
forttreibet? Wie sollte mir denn in Gedancken komen sein / einer freien Königin
ein so scharffes Gesetze zu geben / und ihr die Hände zu binden? Wenn aber auch
Erato in Veränderung ihrer Liebe eine Schwachheit begangen hätte /müste sie
solches keines weges durch eine viel grössere abzutun ihr träumen lassen / wie
ein solcher verzweifelter Tod sonder Zweifel ist; dafern man glauben soll: dass
sie jemals den Zeno oder den Flavius geliebt habe. Denn was kann einem Liebhaber
verkleinerliches widerfahren / als wenn seine Liebste sein ihr verlassenes Bild
zerreisst? Ist es aber wahr: dass eines geliebten Bild in der Einbildung / im
Geiste im Hertzen der Liebsten seinen Stand / sein Leben / ja sein Paradiess
habe? so kann Erato nicht leugnen: dass sie durch den wilden Vorsatz eines
gewaltsamen Todes das andere Wesen des Zeno / das in die Gedancken von der Liebe
gepregte Eben-Bild des Flavius mit sich auf einmal zu vertilgen trachtet. Die
Liebe wird von denen / welche aus einer falschen Grossmütigkeit sich umbringen /
viel ärger versehret / als wenn eine / welcher Liebhaber noch auf der Baare
steht / schon in ein ander Ehbette steiget. Denn diese andere Flamme hat mit dem
Gedächtnis der ersten keine solche Unverträgligkeit: dass sie nicht ihre Bilder
in Zimmern / ihre Ringe in Händen behalten / und noch etliche Funcken in der
Asche ihrer ersten Liebe ihr Hertze anfeuren sollten. Alleine die / welche so
/wie Erato will / vergehen / leschen das alte Feuer gar aus; vertilgen so gar die
Asche und Brand-Stelle ihrer Liebe / und tödten ihre Liebhaber durch ihr
lebhaftes Gedächtnüs zum andern mal / oder für der Zeit. Wie vielmehr aber
würde Erato durch ihre Verzweifelung sündigen / welche in zweier so tapfferer
Helden Bilder mit sich auf einmal vernichten will; welche ihre Seele nicht nur
mit eines Verstorbenen Gedächtnis sich vermählen / sondern den ihr zu Gefallen
und Dienste lebenden Flavius mit ihrer lebhaften Liebe glückseelig machen kann.
Erato seufzete etliche mal /und beantwortete Tussnelden mit stillen Tränen.
Zeno aber / welcher bei erfahrnem Notstande der Erato / aus einer neuen
Aufwallung des Geblütes /bald nach dem Flavius sich in ihr Zimmer eingefunden
hatte / trat herfür / und fieng an: Wie / Erato / will sie die Asche unser so
reinen Liebe mit ihrem Blute /und unsern guten Nahmen mit einer so schlimmen
Nachrede beflecken? sintemal sich selbst erhalten wollen eine Regung der Natur /
ein Gebot der Vernunft; sich selbst aber aufreiben ein Werck der Raserei / und
ein Kennzeichen eines bösen Gewissen ist. Dahero man auch in denen Fällen / wenn
die Götter unsern Untergang beschlossen haben / man den Streich des Todes
erwarten / nicht aber selbst darein rennen soll. Das Verhängnüs aber zeigt ihr
einen viel andern Weg / als die schreckliche Strasse des Todes; welches gleichsam
durch Wunder-Wercke ihrer zwei zu ihrem Beispiele beim Leben erhalten hat / mit
derer jedem sie sich zu sterben verbunden schätzte. Warum will sie denn auch nun
mit ihnen nicht leben? da ja das Gesetze mit einem Geliebten zu leben leichter
und verbindlicher / als das des Todes ist. Sie lasse sich den eitlen Wahn einer
Hertzhaftigkeit nicht betrügen. Alle Ubermass macht auch Tugenden zu Lastern.
Ubrige Grossmütigkeit wird zur Raserei; und die unumpfälte Weissheit selbst / kann
in Torheit umschlagen. Sie mache sich diesemnach nicht unglücklicher / als sie
der Himmel hat haben wollen. Es stehen ja in ihm ohne dis Unsterne genung /
unsere Ungedult darf ihrer mehr nicht darein setzen. Sie höre die weise
Tussnelde; welche sie vor so gerne gehört hat / nicht nur als eine treue
Freundin; sondern als einen ihr zur Erhaltung vom Himmel gesendeten
Schutz-Geist. Ja wenn sie sich für sich selbst / auch für den Flavius nicht
erhalten will / so erhalte sie sich doch für den Zeno; wordurch sie den
eingebildeten Fehler ihrer abgebrochenen Liebe auf einmal ergäntzen kann. Erato
sah den Zeno so lange er redete mit unverwendetem Gesichte an; bei den letzten
Worten aber warf sie die Augen mit einer mitleidens-würdigen Wehmut auf den
Flavius; gleich als wenn sie von ihm ihr End-Urtel ausbäte. Dieser einige
Anblick zohe dem Flavius sein Hertz auf die Zunge empor; dass er sie in die Armen
schlüssende sie anredete: Allertreueste Besitzerin meiner Seele! kanst du es wohl
übers Hertze bringen mit deiner auch meine mir erst vom Himmel
wieder-geschenckte Seele zugleich mit aus der Welt zu reissen? Nein / liebste
Erato! dieses bestehet nicht in deinen Kräfften. Denn weil ich deine Seele in
das innerste meines Hertzens verschlossen habe; bist du derselben keines weges
mehr mächtig. Ich habe sie vom Himmel dir und dem Fürsten Zeno zu meinem
Eigentume bekommen; also hast du kein Recht darüber was grausames zu gebieten.
Fürwahr! deine eigene Augen verraten dein Hertze: dass es mich mehr /als sich
selbst liebe. Was für ein höllischer Geist müht sich ihr denn einzugeben: dass es
den Tod / welchen die ganze Welt hasset und fleucht / mehr als mich lieben
solle? Manche verbländet die Eitelkeit der Ehre: dass sie diesem Ungeheuer sich
verloben; aber dein Tod würde deiner Ehre selbst Abbruch tun. Was für ein ander
Schatz lieget denn in deinem Grabe verborgen? Weist du bei der Verstorbenen
Geistern eine annehmlichere Seele / als mich anzutreffen? Liebest du noch den
Zeno? diesen Lebenden suchest du vergebens unter den Todten. Alleine dein Auge /
mein und dein Hertze saget mirs: dass ich dein liebstes Teil deiner selbst bin.
Denn jedweder Sinn hat seine Sprache; und die Liebenden reden auch mit den
Gedancken zusammen. Wil sie nun nicht die Unbarmhertzigkeit selbst sein; so kann
sie sich von mir und ihr nicht auf so grausame Weise trennen. Ach! Erato /
glaube mir nur: dass ein dir aus den Augen stehender Schmertz mir anliege / für
deine Erhaltung bekümmert zu sein! Höre mich also! wo du mich und dich
glückseelig wissen wilst! nicht aber deine Verzweifelung / welche das ärgste
Ubel der Welt ist! Höre deine Vernunft und meine Liebe! so werden sie dir beide
aus einem Munde sagen: dass Erato sonder Vorsatz den Flavius zu ermorden sich zu
tödten nicht gedencken könne! Habe ich dich aber mit was so beleidigt: dass es
mit meinem Tode gebüsst sein muss /so versaltze dir nicht selbst deine Rache
durch dein sterben. Ich selber will dein Urtel an mir vollziehen /ich will deines
zu erhalten mir gerne das Leben nehmen / möchte ich nur bei Ausblasung meiner
Seele die Freude haben: dass du über meinem Tode einmal seufzen / und an mein
Leben nach seinem Ende einmal gedencken müstest. Erato schöpffte hierüber Lufft
/ und Flavius machte ihr ein Hertze zu antworten. Ist es Mitleiden oder eine
neue Art der Grausamkeit einen zwingen: dass er leben muss? Ich will / und muss ja
leben; weil es die befehlen / welchen der Himmel die Willkühr über meinen Tod
und Leben verliehen hat. Alle Anwesende waren über diesen wenigen Worten
unsäglich erfreuet; Flavius aber entzückt: dass er sich die Königin auf die
Stirne zu küssen erkühnete. Erato rötete sich hierüber / und fieng an:
Unbarmhertziger Flavius! zwingst du mich destwegen zu leben: dass du nur
Gelegenheit habest mich zu beleidigen? Flavius antwortete: wo ich sie hierdurch
beleidiget habe / ist es eine Rache / welche die Liebe mir zum besten an die
Hand gegeben hat. Mit was für einem Unrechte / sagte sie / habe ich denn einige
Rache verdienet? Flavius begegnete ihr: Ach! unempfindliche Erato! glaubt sie
denn nicht: dass eines ihrer grausamen Worte mir nicht durch Marck und Bein
gegangen sei? Erato versetzte: Ich will gerne unrecht sein / suche imer deine
Vermässenheit zu rechtfertigen / Flavius; oder berede mich es zum wenigsten
durch einen scheinbaren Vorwand. Sintemal es mir erträglicher fällt / für
schuldig gehalten sein / als dich von einer warhaften Verteidigung bloss stehen
sehen. Uberrede mich es; dass ich dich beleidigt habe; wie ich mich habe bereden
lassen / dass du mich liebest / und dass ich leben soll. Tussnelde fieng an: Es
wird dieser Streit wohl ohne Mitler beizulegen sein. Denn eine liebende Seele
kommt schwer daran das zu straffen / was ihr lieb ist; und es fällt nicht schwer
dieselben zu besänftigen / die uns lieben / und geliebt zu werden verlangen.
Zeno redete sein Wort auch darzu / und unterliessen beide nichts der Königin
Gemüte zu besänftigen. Ismene fand sich auch wieder ein; und liess nicht nach /
bis ihr Erato versprach von ihren Nägeln die verlangten Kleinigkeiten zu
schicken. Welchem sie aber die Bedingung beisätzte: dass sie ihr das Geheimnüs
dieser neuen Erfindung denen Kranckheiten abzuhelffen entdecken sollte. Ismene
sagte: die Liebe hätte ihr diese Mittel zu wege gebracht; welche die Mutter
aller Erfindungen wäre /und niemanden im Stiche liesse / der zu ihr Zuflucht
nähme. Weil aber auch die Liebe eine milde Hand und ein gütiges Hertz erforderte
/ machte sie von ihrem Geschencke so wenig Wercks; und ihr gutertziger
Lehrmeister wäre so wenig neidisch; dass sie kein Bedencken hätte frei zu
bekennen: sie wollte diese Nägel in eine Gans-Feder stecken / und solche in einer
Pappel-Weide / zu welcher die Königin nicht leicht kommen könnte / verspinden;
wie sie mit dem Blute / dem Haare / und den Nägeln des Flavius / zu Vertilgung
des Febers / auch getan hätte. Dieses hörete ein ungefehr ins Zimmer tretender
Artzt; welcher an statt: dass sich die andern darüber verwunderten /allerhand
Ursachen anführte: dass auf diese Heilungs-Art kein Krancker bauen könnte / weil
er für sie keinen vernünftigen Grund in der Natur zu finden wüste; sondern
selbte vielmehr allen bewährten Schlüssen der Artznei-Kunst zu wider lieffe.
Ismenen verdross dieses kühne Urtel / antwortete ihm also: Es ist besser einen
wider die Gründe euer Kunst gesund machen / als nach euern Richtschnuren
entweder dem Krancken nicht helffen / oder ihn gar nach der Kunst tödten. Ich
habe nichts / als die uns allen bekannte Erfahrung für meine Artzneien; die
Ursachen ihrer Würckungen aber weiss ich nicht auszuführen. Deñ ich bin nur ein
Werckzeug des Artztes / welchen ich Morgen euch Aertzten zu euer Prüfung
vorzustelle kein Bedencke trage werde / und er keine Scheu habe wird. Folgende
Nacht-Ruhe diente dem Flavius und Zeno zu mercklicher Stärckung ihrer
Schwachheiten / der Erato aber Erleichterung ihres Gemüts / in welchem die
Liebe des Flavius / wie eine Pflantze in geilem Erdreiche / fast sichtbarlich
fortwuchs. Ismene brachte auf den Morgen / dem Verspreche nach / ihren
Kräuter-Mañ in des Zeno Zimmer; welcher mit Fleiss alle Aertzte zu sich erfordert
hatte / und meldete von ihm: dass dieser redliche Alte der wäre / welchem Zeno /
Flavius und Erato / nicht aber ihr die Genesung zu dancken hätten. Einer der
Römischen Aertzte / Cornelius Celsus / welcher der Lateinische Hippocrates
genennet ward / fragte den Alten / wie er denn diese Kranckheiten geheilet
hätte? welcher ihm einfältig erzehlte: dass er sie aus denen krancken Leibern in
Bäume versetzet hätte; welche selbte wegen mangelnder Fühle besser / als die
zärtlichen Menschen erdulden können. Celsus fragte sorgfältig nach allen
Umständen: ob dabei einige Beschwerungen / oder andere zauberische Worte
gebraucht würden? welches aber der Wurtzel-Mann verneinte / und etwas
empfindlich antwortete: Er wäre zu so schwartzen Künsten viel zu einfältig und
ehrlich. Celsus versätzte: Ich finde aber / guter Freund / in der Natur keinen
Grund / welcher deine Kunst unterstützte. Denn / da ja die ganze Kranckheit
nicht in denen unempfindlichen Nägeln / nicht in Haare / nicht in einem Löffel
Bluts; sondern ins gemein in dem ganzen Wesen des Geblütes / und der
Feuchtigkeiten stecket / wie ist möglich: dass mit diesen geringen Dingen selbte
von einem krancken Leibe gesondert werden können? Steckte sie aber darinnen;
warumb höret sie nicht auch auf /wenn man Haare und Nägel nur abschneidet /
nicht einspindet? der Wurtzel-Mann antwortete: Ich bin niemals so vorwitzig
gewest / das Geheimnüs der Natur zu ergründen; als welche für mich und aller
Menschen Verstand eine gar zu grosse Künstlerin ist. Ich bilde mir aber ein: dass
/ weil freilich die Kranckheiten meist den ganzen Leib einnehmen / und das
wenigste Teil in denen abgesonderten Stücken stecket / dennoch diese in dem
Baume eben so wie die Pfropf-Reiser auf andern Stämmen beseelet werden müssen;
also / dass sie nach solcher Regung dis / was von der Kranckheit im Leibe zurück
blieben / wie der Magnet alle die Nadeln / die von ihm berühret worden / oder
Verwandschaft mit ihm haben / nach sich ziehen. Celsus begegnete ihm: Warum
zeucht aber das grössere Teil im Leibe nicht vielmehr das kleinere aus dem
Baume wieder an sich? Wie kann dieser Zug in eine solche Ferne und ausser dem
Kreisse seiner Würckligkeit würcken / da der Magnet nur ein nahes Eisen an sich
zeucht / und nichts in der Welt in etwas entlegenes / was nicht mit ihm eine
gewisse Verbindung hat / würcken kann? die Sterne haben ja wohl fernere Regungen
und Einflüsse auf die Unter-Welt; aber was ist dieser vom Leibe gesonderte und
seiner Seele beraubte Staub gegen denen die Grösse der Erde hundert mal
übertreffenden Gestirnen zu rechen? das Blut ist ja wohl der Wagen / das
Behaltnüs des Lebens /und hat etwas göttliches in sich; aber aus was für Grunde
lässet sich eine solche Wunder-Krafft den Haaren / Nägeln / und dem Harne
zuschreiben / welche fast nur Auswürfflinge unserer Leiber sind? der
Wurtzel-Mann sagte: Ich kann auf diese spitzige Einwürffe zwar nicht antworten;
gleichwol aber ist in der Natur nichts seltzames: dass das kleinere und
schwächere das grössere und stärckere an sich zeucht. Der in Katzen und Eichen
verborgene Schwefel macht; dass der Blitz auf sie gerne schlägt. Der Feigen-Baum
zähmet den wildesten Ochsen / der an ihn angebunden wird. Ein kleiner
Achat-Stein verknüpffet die Gemüter der Ehleute. Etliche kleine Körner Geldes
oder Silbers regen in der stärcksten Hand die Winschel-Rutte. So macht auch die
Ferne keine Hindernis: dass die Natur die ihr verwandte Sachen nicht mit einander
vereinbare. Das in Geschirren verwahrte Bären-Schmaltz jühret eben so wohl im
Winter / wenn die in Hölen sich vergrabene Bären fett werden; als der Wein in
Fässern zu Sommers-Zeit / wenn der Weinstock / und das Bier / wenn die Gärste
blühet. Eine aus frembdem Fleische gemachte und angeheilete Nase faulet mit dem
/ aus welchem sie geschnitten worden. Die denen Kindern aus Empfindligkeit ihrer
schwangern Mütter eingedrückte Beern und Kirschmale verändern nach
unterschiedener Beschaffenheit der wahren Gewächse ihre Farbe. Die umb das
verwundende Eisen gebundene Salbe erstrecket seine Heilungs-Krafft in weit
entfernte Wunden. Denn die durch Regung der Wärmbde aus den Leibern steigende
kleine Sternlein / aus welchen alle Cörper zusammen gesetzt sind / lassen sich
nirgends aufhalten; sondern bleiben in ihrer Bewegung so lange / und weichen
denen anders gebildeten aus / bis sie ihres gleichen antreffen / und sich
zusammen vereinbaren. Welches aus den Leibern ausschüssende Licht die Ursache
ist: dass etliche Dinge / wie das Eisen zum Magnet / die Spreu zum Agtsteine /
einen so kräfftigen Zug; andere aber wie der Diamant für dem Magnete eine rechte
Abscheu haben. Diesemnach denn nicht folget: dass wenn gleich ein Leib den andern
nicht berühret /sie nicht in einander etwas würcken können / und dass der Kreis
ihrer Würckligkeit unserm Augen-Masse unterworffen sei. Diese Warheit wird
bewehrt durch den Basilisken / welcher ohne Anrühren den Menschen durch seine
aus den Augen unsichtbar-schüssende Geisterlein tödtet. Der Wolff macht durch
sein blosses Anschaun den Menschen heiser. Der Tarantulen Gift lebt in der
gestochenen Wunde / so lange er nicht stirbt. Die Gold-Ammer heilet durch
Ansehen die Gelbesucht. Weil nun alle Leiber dergleichen ausschüssende
Geisterlein haben / wie alle Sterne ein Licht von sich geben; ist kein Wunder:
dass nicht nur das Blut / sondern auch Haare und Nägel derselben nicht mangeln /
und sie andere ihres gleichen nach sich ziehen; sonderlich / wenn ihre Bewegung
noch von aussen her eine kräfftige Regung bekommt. Derogleichen fürnemlich die
Liebe und das Verlangen desselben Menschen ist / der diese Fortpflantzung
verrichtet. Westwegen auch die Waffen-Salbe von einer Hand fruchtbarer / als von
der andern angewehret wird. Zu geschweigen: dass alle gewaltsam zertrennte Dinge
/ welche die Natur einmal vereinbart / und aus einem Saamen entsprossen sind /
entweder durch Trieb derer in jedem Stücke bleibenden Lebens-Geister oder des
die ganze Welt beseelenden Geistes einen so heftigen Zug behalten / sich wieder
zu vereinbaren / als die zerstickten Nattern haben / ihren abgehauenen Schwantz
zu suchen / und wieder an einander zu wachsen; oder als die Magnet-Nadel nach
dem Angel-Sterne sich zu wenden geneigt ist. Celsus /welcher so viel Witz in
dieser Einfalt nicht gesucht hatte / hörete diesem Wurtzel-Manne mit
Verwunderung zu / und redete ihn mit mehr Freundligkeit / als anfangs an: Es
liesse sich alles dis wohl hören; aber es wären dis alles nur scheinbare
Mutmassungen / nicht aber gründliche Ursachen / worauf ein gewisser Schluss
gebaut werden könnte. Deñ gesetzt: dass es derogleichen Neigung und Zug in den
menschlichen Gliedern gäbe / sich nach der Trennung wieder zu vereinbaren / so
folget doch nicht: dass solcher Trieb der Leiber Schwach- und Kranckheiten
aufhebe; die schon in dem noch unzertrennten Leibe ihr Wesen und Krafft hätten.
Das vom Magnet angezogene Eisen heilet nicht die Gebrechen des Magnets / noch
der Magnet des Eisens. Da die Ausflüsse der Leiber auch keinen gewissen Leiter /
keine gerade Richtschnur hätten / wie wäre es möglich: dass sie so ferne / und in
einer so kurtzen Zeit / bei ihrer Blindheit einen so glücklichen Irrtum begehen
/ und die gerade Strasse zu ihres gleichen finden können? Wie könten die wenigen
Lebens-Geister in Nägeln und Haaren so grosse Kranckheiten bemeistern / und mehr
würcken als die in Leib genommenen kräftigsten Artzneien? Es wäre überdis noch
ganz ungewiss: ob die Bäume oder Tiere / darein die Einpflantzung geschehe /
gar mit einander einigen Heilungs-Balsam / und Artznei-Krafft in sich hätten;
welchen sie denen eingespindeten Nägeln / und Haaren / und folgends ihrem
krancken Leibe mitteilen könten. Wenn aber auch durch einen solchen Zug und
eine dardurch verursachte Jährung zu wege gebracht würde; dass das Wesen der
Kranckheit zum teil aus dem Leibe käme / würde doch solcher nimmermehr so
starck sein / ihren ganzen Saamen / welcher meist in der Leber / dem Miltze /
dem Magen / der Galle / und andern unabsonderlichen Eingeweiden steckte /
auszurotten. Die Schweiss-Artzneien nehmen viel böses mit weg / destwegen aber
hörten die im Leibe zurück bleibenden bösen Feuchtigkeiten nicht auf darinnen zu
jähren und zu toben. Das aus der Ader gelassene und begrabene gute Geblüte
verfaulte; das in den Adern wallende lidte destwegen keinen Schaden. Der
allgemeine Regungs-Geist / und die grosse Seele der Welt bliebe also noch als
eine der scheinbarsten Ursachen übrig /welcher aber nichts anders wäre / als der
Einfluss des Gestirnes. Dieser regte die Geister aller Geschöpffe; er verknüpfte
nicht allein dieselben mit ihm / und dem Himmel; dass die Sonnenwende / der
Lotos-Stengel sich gegen der Sonnen wendete; der Mondenstein mit dem Monden
sich verstünde; sondern er verknüpffte auch ein Ding mit einem andern / und
erhielte unter so viel tausend widrigen Dingen eine beständige Eintracht in der
Natur. Aber aus diesem würde die Versetzung der Kranckheiten auch zu weit
hergesucht; und könnte er sich schwerlich bereden lassen: dass die Erfahrung
allemal dieser Lehre an die Seite treten sollte. Der Wurtzel-Mann begegnete ihm:
diese Einwürffe wären für ihn zu hoch; zudem liesse sich jede Meinung leichter
anfechten / als verteidigen. Seiner Artznei und Heilung halber / hätte er
alleine für sich die Erfahrung / welche sonder Zweifel nicht nur der eine Fuss /
sondern gar die Mutter der Artzneikunst wäre / welche die heilsamen
Eigenschaften der Kräuter / und die Weise zu heilen gelehrt hätte. Dass nicht
alle Kranckheiten durch Einpflantzung versetzt werden könten / wäre wahr; und
wären nur eigentlich die saltzichten dazu geschickt. Jedoch gienge es mit diesen
auch nicht allemahl an; weil darbei gar leicht ein Hand-Grief versehen werden
könnte; und hierbei freilich auf den Stand des Gestirnes / sonderlich des Monden
genau achtung gehabt werden müste. Gleichwol aber wäre der Einfluss des Himmels
mit dem allgemeinen Regungs-Geiste der Welt nicht zu vermischen / wiewol jener
unter diesem begrieffen wäre. Denn dieser hätte nicht nur seine tätige
Würckungs-Krafft in Sternen; sondern in allen Dingen der Welt /auch in denen
irrdischen. Weñ nun gleich ein Teil von einem jeden Dinge abgeschnitten würde /
behielte doch das abgeschnittene / so wohl als das grössere Teil / diesen
allgemeinen Geist in sich; welcher durch Ausflüsse sich das zertrennte doch
wieder zu vereinbaren trachtete. Was nun einem oder dem andern Teile gutes oder
böses begegnete / würde durch solche Ausflüsse dem andern mitgeteilet. Hiervon
käme es: dass wenn der Weinstock blühte / der vorhin gewachsene Wein in Fässern
prausete / und zu jähren anfienge. Der absondere Geist der Sonne und des
Gestirnes täte dis nicht unmittelbar; Denn sonst müste dis auf einen gewissen
und beständigen Tag des Jahres geschehen; so aber ereignete es sich nach
Unterscheid der Länder / hier vor- dort nach dem längsten Tage; und zwar nach
dem der Weinstock blühet /worauf der Wein gewachsen / wenn selbter schon tausend
Meilen weit verführet worden. Die zur Zeit der Blüte aus den Weinstöcken
insgemein in die Lufft steigenden Wein-Geister tun es auch nicht. Denn der
hundert Ellen unter der Erde / in einem Lande / wo kein Wein wächst / zwischen
Eis und Klippen versteckte Wein jühret so denn nicht weniger / als der in seinem
Vaterlande / wo alle Hügel mit Reben bedeckt sind. Celsus zohe hierüber die
Achseln ein / und sagte: Mein lieber Freund / ich sehe wohl: wir werden dis
Geheimnüs der Natur / wie viel andere mit einander nicht ergründen. Das Buch der
Natur ist zu gross und zu hoch / unser Leben zu kurtz / unsere Vernunft zu alber
/ es auszulernen. Wir müssen uns / wie die Nacht-Eulen an dem wenigen Schimmer
der Nächte vergnügen / unsern Nachkommen auch etwas zu ergründen übrig lassen;
und wo wir in die hellen Strahlen der göttlichen Weissheit nicht sehen können /
nur die Augen zudrücken / und durch ihre Lieder gucken. Der deutsche Wurtzel-Mañ
legte derogestalt mit seiner Einfalt nicht geringe Ehre ein / und er ward mit
einer seinen Wunsch und Hoffnung übersteigenden Belohnung von dem Hofe erlassen.
    Eben selbigen Tag kamen Tiberius und Germanicus aus dem Vogesischen Walde
zurücke; dahin sie nebst denen führnemsten Römern den Hertzog Ingviomern /
Catumern / Jubiln / und andere deutsche Fürsten / auf die Hirsch-Brunst geführet
hatten / weil sie durch des Flavius / Zeno und Malovends Unpässlichkeit die
Fortsetzung ihrer Freuden-Spiele zu verschieben veranlasst waren. Tiberius
bezeugte so viel Freude als Verwunderung über der Verwundeten Genesung; und weil
Tussnelde wieder nach Bingen zum Feldherrn zu kehren verlangte / machte er
Anstalt: dass folgenden Tag die dem Käyser zu Ehren angestellten Spiele vollends
geendiget werden sollten. Früh / ehe noch die Sonne aufgegangen war / kam
Agrippine / und forderte die Hertzogin Tussnelde /Ismenen / die Königin Erato /
und anderes deutsche Frauen-Zimer; Saturnin aber die Fürsten / und den
vornehmsten deutschen Adel ab. Sie fuhren abermals zu Schiffe dahin / weil
Tiberius abermals den Schauplatz nahe an dem Rheine / wie die Griechen ihre
Olympischen Spiele an den Fluss Alpheus verlegt hatte. Die Schiffe waren wie die
der Argonauten gebildet; und die auf allerhand zierlichen Nachen umb sie
schwärmenden Musen / Sänger und Tichter hegten einen unaufhörlichen Kampff in
Säiten-Spielen / darein die vom Maro / Horatz und Naso zu Ehren des Käysers
gemachten Lieder gesungen wurden. Der neue Kampff-Platz / war wie des Statilius
Taurus zu Rom aus Steinen gebauter Schau-Platz angelegt. Dis in weniger Zeit
aufgeführte Gebäue war zwar nur höltzern; jedoch umb ein gutes Teil geräumer /
als das des Taurus; und es ward durch unzehlbare Röhren mit Saffran-Geruch /
Narden-Oel / und Jasmin-Wasser eingebalsamet. Alle Sitze hatten für sich gelb-
und blau-seidene Vorhänge / in denen untersten Gestülen aber / wo die deutschen
Fürsten und das Frauenzimer sassen / waren sie von Purpur und Gold-Stück. Die
Trompeten erfüllten die Lufft mit ihrem Schalle / und machten den Anfang zum
Schauspiele. Unter diesem kamen zweihundert weissgekleidete Diener mit roten
Stäben in Schau-Platz / welche in Siegs-Geprängen durch das sich zudrängende
Volck Platz machten. Diesen folgten zwölf Stadt-Knechte mit aufgeschürtzten
Kleidern / mit so viel in Ruten gebundenen und mit Lorbern umbkräntzten Beilen.
Hierauf kamen die Zunftmeister / die Bau- und Geträide-Vorsteher / die drei
Männer über die Hals-Gerichte / über die Nachtruh / über die Gesundheit / über
die Müntze. Die vier Männer über die Land-Strassen / die zehn- und hundert
Männer über die Gerichte; die Schatzmeister / die Aufschauer über die
Stadt-Gebäue / über die Tyber /über die Wasser-Läuffe / über die Wächter / und
alle andere Römische Obrigkeiten / alle in weissen gegürteten Röcken / derer
Saum mit Purpur eingefasst war. Nach diesem traten hundert Römer herein; welche
in ihren langen und weiten Röcken und auf der Brust angehefften Purpur-Zierat
so viel Römische Ratsherren fürstellten. Diesen folgten funffzig mit Myrten
gekräntzte Trompeter / welche in Trompeten / und ertztene Krum-Hörner eben so
als wie zum Streite /aber ganz linde bliessen. Nach diesem fuhren sieben
silberne von vier Pferden gezogene Wagen / darauf allerhand köstliche Gemählde /
ertztene und helffenbeinerne Bilder / güldene und silberne Geschirre / Gefässe
voller Perlen und Edelgesteine / Purpur-Röcke /goldgestückte Decken / güldene
mit köstlichen Kleinodten versätzte Kronen / die Bilder der eroberten Länder /
eingenommener Städte / und bezwungener Flüsse / endlich alle nur ersinnliche
Waffen der Völcker /mit einem Worte / aller Vorrat / welcher in Siegs-Geprängen
als Beute eingeführt zu werden pflegt. Ferner trugen tausend in gehefteten
Kriegs-Röcken aufziehende Römer in silbernen Geschirren / güldene und silberne
Müntzen / kostbare Trinck-Geschire aus Golde / Edelgesteinen und Chrystall /
nach welchen funfzig Pfeiffer viel rauer aufbliessen. Hierauf wurden von
zwei-hundert Opffer-Knechten / welche alle weisse Röcke mit Feilgen-blauen
Säumen hatten / und teils Hämmer / Schlacht-Messer / Beile / Schüsseln
/Leuchter / enghälsichte Krüge / Töpffe / Rauch-Fässer / Teller / Opffer-Tische
/ und andere Opffer-Geschirre trugen / teils hundert zum Opffer bestimmte
Ochsen geführet / derer Hörner vergüldet / die Köpffe mit Cypressen gekräntzet /
die Rücken mit seidenen Gürten überlegt waren. Hernach erschienen die Priester
in ihren weissseidenen in Purpur an allen Enden eingefassten Röcken. Ihre Kräntze
waren von Oel-Blättern / und mit Golde zusamen gebunden. Nach diesen wurden vier
mit Lorbeer-Kräntzen und Persischen Decken gezierte Elephanten von so viel
nackten Mohren geleitet / derer jeder einen Palm-Zweig in der Hand hatte. Diesen
folgten noch vier andere mit Türmen / und drei übergüldete Wagen voller Kronen
/und Königs-Stäbe / hinter welchen sechzig gefangene Könige und Fürsten / derer
Hände hinter die Rücken gebunden waren / mit angenomenen Tränen giengen / nebst
einem grossen Gefolge gefangener Kriegs-Leute. Hierauf sah man hundert in
goldgestückten Kleidern / viel von Gold und Edelgesteinen bereitete Kronen
tragen / derogleichen die eroberten Länder /oder die benachbarten Bundsgenossen
ihren Siegern zu schencken pflegten. Nach diesen giengen abermals vier und
zwantzig mit Lorbern gekräntzte / und rotgekleidete Stadt-Knechte / mit bundten
Stäben. Nach diesen in kurtzen aufgeschürtzten und gemahlten Röcken / mit
güldenen Kräntzen auf den Häuptern / funfzig Sänger und Säiten-Spieler / und
eben ihrer so viel mit Rauchfässern / welche mit Weirauch und Balsam die Lufft
wolriechend machten. Eben so viel Säiten-Spieler / Sänger und Räucherer folgten
dem Sieges-Wagen / für welchem einer in einem bundten mit Golde gebrämten Rocke
/ mit einem Palmen-Krantze auf dem Haupte / und einem Zweige in der Hand
allerhand lächerliche Geberden machte / die Gefangenen spottete / und das Volck
sie zu verhönen vermahnte. Der Siegs-Wagen war rund / und auf zwei mit silbernen
Schienen beschlagenen / auch übergüldeten Rädern hoch erhoben. Das Gestelle war
von Helffenbein / der Korb von dichtem Golde / mit Rubinen / Saphieren /
Schmaragden versetzt. Diesen zohen vier Perlen-farbene Hengste / derer Zeug von
Golde /und darein gesetzten Türkissen schimerte / die Huf-Eisen auch von Silber
waren. In diesem stand Rom /als eine Frau in ihren besten Jahren. Ihr Rock war
zweifach gefärbter Purpur / in welchen auf Phrygische Art / mit der Nadel um den
Saum Palmen-Zweige / sonst aber allerhand Geschichte gemahlet waren. Ihr
Unter-Rock war blauer Samet / mit darein gewürckten güldenen Sternen. Sie hatte
auf dem Haupte einen von Diamanten schimmernden Helm /mit Oel-Zweigen
umbflochten / umb ihre Macht im Kriege / und ihre Herrligkett im Frieden / oder
die Kräffte ihres Leibes und Gemütes anzudeuten. Auf der Stirne bildeten sieben
grosse Rubinen das Sieben- / als Schutz-Sterne / der sieben Berge in Rom ab. In
der rechten Hand hielt sie einen Lorber-Zweig / in der lincken einen
helffenbeinernen Königs-Stab / auf dessen Spitze ein Adler mit sich regenden
Flügeln gebildet war. Hinter Rom stand das mit Gold-und Lorber-Zweigen
gekräntzte und einen Palm-Zweig in der lincken Hand haltende Bild des Sieges
/welches der Göttin Rom eine güldene mit Perlen und Diamanten strahlende Krone
übers Haupt hielt. Neben dem Wagen ritten in gestückten Purpur-Röcken zwei
Römische Bürgermeister. Nach ihm folgten hundert mit Lorbern gekränzte
Schild-Träger. Und fünf-hundert Römische Kriegs-Obersten zu Pferde mit einem
güldnen Adler / und zwölff andern Kriegs-Zeichen / einer Legion. Rom stellte
sich in die Mitte des Schau-Platzes: ihr Gefolge aber sich auf die eine Seite
desselben in schöner Ordnung nahe aneinander. Kurtz darauf hörte man ein
annehmliches Getöne von den allerlieblichsten Seiten-Spielen. Die Göttin des
Geschreies kam auf einem geflügelten Pferde vorher geritten / und bliess in eine
Posaune. Bald darauf sah man den Apollo mit den neun Musen und dreien Heldinnen
in Schau-Platz kommen. Die ersten hatten teils Kräntze von Flügel-Federn /
teils von Epheu /teils von Palmen / diese von Rosen auf. Diesen folgten auf
einem stählernen Wagen / welcher einen Fels gleichsam abbildete / die Tugend.
Ihr Sitz war ein Palmbaum / als seiner Nutzbar- und Tauerhaftigkeit halber das
schönste Vorbild der Tugend. Den Wagen zohen ein Kamel und ein Ochse; dieses als
ein Bild der Arbeit / jenes der Mässigkeit. Sie war in Purpur und Gold gekleidet
/ trug auf dem Haupt einen Krantz von Oel-Zweigen / in der rechten Hand eine
Lantze /in der lincken einen check-Stab. Zu ihren Füssen lag ein stählerner Schild
/ darinnen Hercules auf dem Scheide-Wege der Tugend und Wollust gebildet war.
Hinter ihr stand die in Gold Stück gekleidete / und mit einem Krantze von zwei
Oel-Zweigen gekräntzte Ehre. Hierauf kamen dreissig Römische Feldherren in
Gold-gestückten Krieges-Röcken geritten; über welchen sie einen purpernen
offenen Mantel von Purpur über den Rücken und lincke Achsel abhencken / auf der
rechten Achsel aber mit einem köstlichen Kleinode zusammen gehefftet hatten.
Jeder hatte zwei Waffenträger / derer einer ihm einen Schild / der andere
etliche Lantzen nachtrug. Hierauf hörte man neue Seitenspiele / und kam die Zeit
unter der Gestalt des mit frischen Feigen gekräntzten schwartz-bärtichten
Saturn / auf einem Drachen in Schau-Platz geritten. In der rechten Hand führte
er eine Sichel / in der lincken eine Schale voll Müntzen / weil er das erste
Geld in Italien gepregt haben soll. Ihm folgten die im gestirnten Tier-Kreisse
stehenden himlischen Zeichen. Auf dem güldenen Widder ritt Helle / und spielte
auf einer Leier / darauf sie Orpheus spielen lehrete. Auf dem gestirnten Ochsen
sass Jo / und pfieff auf einer Flöte /wormit Mercur den sie bewachenden Argos
eingeschläft. Auf zweien Pferden erschienen die gestirnten Zwillinge Castor und
Pollux / bliessen in Trompeten; auf einer Kuh Tetys die Amme der Juno; auf
ihrer Brust führte sie den Krebs / der den Hercules bei Erlegung der Lernischen
Schlange in einen Fuss gezwickt / und von der Juno unter die Gestirne versetzt
worden. Sie spielte auf einer mit Saiten überzogenen Muschel / wie auf einer
Laute. Auf dem Löwen / welchen Juno in Feldern des Monden den Hercules
aufzureiben erzogen / und als dieser bei Nemea erlegt /unter die Gestirne
versetzt haben soll / ritt die von der Mutter der Götter in einen Löwen
verwandelte Atalanta / und schlug auf einer Harffe. Dieser folgte auf einem
gelben Pferde / die Tochter der Morgen-Röte /die von der Erde unter die Sterne
geflogene Jungfrau Astrea / und sang einen Lob-Gesang des Verhängnisses. Hierauf
kam Orion auf einem zahmen Hirsche geritten / mit dem gestirnten Scorpion / von
dem er auf Dianens Anstifftung getödtet war. Er bliess ein Jäger-Horn. Diesem
folgte der vom Hercules wegen der Deianira mit einem Pfeile durchschossene
Centaur Nessus / welchen Juno als einen Schützen in Himmel erhoben. Er striech
eine Geige. Nach diesem kam der gestirnte Stein Bock mit vergüldeten und mit
Blumen umbflochtenen Hörnern; welchen Jupiter dem in Egypten darein verwandelten
Pan zu Liebe unter die Sterne gesetzt. Auff ihm sass ein Wald-Gott / bliess auf
einer Hirten-Pfeiffe. Diesem folgte auf einem Adler der Wasser-Mann / oder
Schencke Jupiters Ganymedes; welchen der in ihn verliebte Jupiter ebenfalls in
Himmel erhoben. Dieser liess sich mit einer Wasser-Pfeiffe hören. Das letzte war
ein von zwei Wasser-Pferden gezogener Wagen / auf welchem die in Egypten zu
Fischen gewordene Venus und Cupido sassen. Ihr unterstes Teil endigte sich in
einen Fisch / und beide schlugen auf zweien mit Haaren bezogenen Muscheln. Die
Wage war zu Verwunderung der Zuschauer nicht mit darbei; die weisesten aber
urteileten: sie würde destwegen nicht mit aufgeführt / weil die alten
Sternseher nur eilff Zeichen gezehlet / und die zwei Waag-Schalen für die zwei
Schären des Scorpions gehalten hätten. Diesen folgte ein von vier geflügelten
Pferden gezogener- und von eitel Gold und Edelgesteinen schimmernder Wagen;
darauf sass das Glücke in einem Königlichen Kleide. Ihr Krantz war von eitel
Perlen. Ihr Purpur-Rock starrte von Diamanten. In der rechten Hand hatte sie ein
Steuer-Ruder; gleich als wenn sie alles allein in der Welt nach ihrem Gutdüncken
richtete; in der lincken ein Horn des Uberflusses / daraus sie ihre
Schoss-Kinder überschüttete. Auf der Achsel trug sie eine Himmels- zu seinen
Füssen sass ein Liebes-Gott / und sie trat auff Kronen / Scepter / Priester-Stäbe
/ Helme /Waffen / Geld / Datteln / Nüsse / und hunderterlei andere Dinge / zur
Andeutung: dass dieses alles / auch die Liebe selbst ihren Fürsten unterworffen
sei / und die ganze Welt ihr zu Gebote stehe. Diesem Wagen folgten eben so /
wie der Tugend / dreissig Römische Feldherren nach. Beide stellten sich mit
ihrem Gefolge im Schau-Platze einander gegen über; also dass Rom in die Mitte
kam. Bald darauf ward ein neues Getöne gehöret / und es kam auf einem von
Drachen gezogenen güldenen Wagen das nackte und schwartze Africa in Schau-Platz.
Umb den mitlern Leib war es alleine mit einer purpurnen Binde umbhüllet; welche
aber nicht von dem roten Speichel der Schnecken /sonder von den Rosen-Blüten
wilder Granat-Aepfel gefärbet war. Es trug einen Krantz von Pfeilen / welche mit
Oel und Granat-Aepfel-Zweigen durchflochten waren / weil diese Bäume in ihm
häuffig wachsen. Auf ieder Seite der Stirne ging ein langes Ochsen-Horn für.
Hinten am Wagen war ein Drache / das Bild der Wachsamkeit / als sein Wappen
geetzet. In der rechten Hand hielt Africa einen Bogen; und ein Köcher hieng an
der Seite. Uber den Wagen war ein fleckichtes Panter-Fell ausgebreitet /
welchem sich das also gleichsam Fleck- oder Schuppen- weise bewohnte Africa
gleichen soll. Dieser folgten auf einem güldenen mit vier Pferden bespannten
Wagen das absondere Africa; worauf selbtes sein Haupt das glückselige Cartago
mit einem Krantze von Edelgesteinenen Türmen / und einem mit Golde
durchwürckten Purpur-Rocke fürstellte. In der rechten Hand hatte sie einen
helffenbeinernen Scepter / in der lincken eine Garbe Weitzen / welcher in Africa
nicht nur ein- sondern zwei- und drei hundert-fältige Frucht bringen /ja ins
gemein aus einem Körnlein viertzig Eeren / zuweilen gar drei hundert und funfzig
Halmen wachsen sollen. Westwegen es nicht unrecht das Eeren-Land /und eine Amme
des menschlichen Geschlechts / eine Speise-Kammer der Stadt Rom genennet wird.
Hinten am Wagen war das Vörder-Teil eines Pferdes / als sein Wappen gebildet.
Neben ihr fuhr auf einem marmelnen Wagen mit so viel Pferden das braune Numidien
/ mit einem Weitzen-Krantze auf dem Haupte /weil dessen faulender Sand mehr als
andere fetten Aecker Weitzen trägt. In der rechten Hand hatte sie einen mit
Datteln schweren Palmen-Zweig. Hinten am Wagen führte es zu seinem Kenn-Zeichen
einen Palmbaum. Diesen folgte auf der rechten Hand das schwartz-gelbe
Mauritanien auf einem von Zitron-Holtze gemachten drei-spännigen Wagen / mit
einem Krantze von Wein-Trauben umbs Haupt. Sintemal in diesem fruchtbaren Lande
die Wein-Stöcke mehr / als zwei Klafftern dicke / die Trauben einer Ellen lang /
und die Beeren so gross als Hüner-Eyer werden sollen. In der Hand führte
Mauritanien einen Zweig voller güldener Aepfel / von denen die im Tingitanischen
Mauritanien gelegenen Hesperischen Gärte erfüllet gewest. Am Hinter-Teil des
Wagens hatte es zum Wappen einen Pegasus / als ein Merckmahl seiner flüchtigen
Pferde. Auf der lincken Hand fuhr auf einem ledernen Wagen das wilde Getulien
mit vier Pferden ohne Zaum; weil dieses Volck also zu reiten pflegt. Der Krantz
war ein Kreis von vielen die Spitze empor kehrenden Pfeilen. In der Hand hielt
es einen Nab mit Saltze / welches nirgends weisser und schöner als in Getulien
gefunden wird. Zu seinem Wappen hatte es hinten am Wagen einen Löwen mit
Strahlen / als ein Bild der Sonne / welches Tier hier sein rechtes Vaterland
hat. Nach diesem erschien das durstige / aber gesunde Libyen / auf einem von
Palm-Zweigen geflochtenen Wagen. Es trug auf dem Haupt einen Krantz / von denen
in ihm allzu gemeinen Schlangen. In der rechten Hand einen Püschel Gerste /welch
Getreide hier allein wächst. Zu seinem Wappen war ein Elephanten-Kopf mit einem
langen Rissel erkieset. Neben ihm fuhr auf einem ertztenen Wagen das
Castanien-farbichte Cyrene. Auf dem Haupte hatte es einen Krantz von
Wieder-Hörnern; vielleicht / weil in dessen Anteile Marmarica Jupiter unter der
Gestalt des hörnrichten Ammon verehret wird. In der einen Hand führte es einen
Zweig mit Zitronen; weil in diesem auch ein Hesperischer Garten gewesen sein
soll. In der andern einen Püschel des heilsamen Gewächses Sylphion. Hinten am
Wagen führte es drei Elephanten-Zähne. Nach diesem fuhr das schwartze oder Ost-
und das weisse oder West-Mohren-Land neben einander. Jenes hatte einen Krantz
von Strauss Federn / in der lincken Hand einen viel grössern Bogen / als die
Persen brauchen / und an der Seite einen Köcher voll ganz kurtzer Pfeile. Neben
selbte standen helffenbeinerne Kisten voll Zimmet und Weirauch / die zwischen
denen Brunnen des Nil und am roten Meere wachsen. Am Hinterteil seines Wagens
war ein oben mit Kräutern bewachsener Drache gebildet. Das andere Mohren-Land
fuhr auff einem gold-und silbernen Wagen / weil beides in ihren Flüssen und
Bergen in Erbsen- und Bohnen Grösse gefunden wird; da doch sonst Africa für arm
an Ertzte gehalten wird. In der Hand hatte es einen Zweig mit Granat-Aepfeln und
Nüssen / welche zugleich Speise / Wein und Essig geben. Sein Wappen am Wagen war
ein Crocodil. Zuletzt kamen Egypten und Tebais. Jenes sass auf einem von Papier
oder Schilff geflochtenen Wagen / in Gestalt eines Krokodiles / woraus sie auch
Schiffe zu machen pflegen. Auf dem Haupte hatte es einen Krantz voll
Wasser-Blumen des Gewächses Lotos / die umb eine Schlange geflochten waren /
welche die Egyptier in ihren Kronen als ein Bild ihrer unüberwindlichen Macht
führten. In der Hand einen Püschel Weitzen / und Egyptischer Bohnen. Neben ihm
lag ein grosser Schild / damit die Egyptier sich von oben biss auf die Spitze zu
decken pflegen. Und zuförderst stand das Bild des Osiris / in Gestalt einer
Schlange / welche auf dem Haupte eine den Lilgen ähnliche Lotos-Blume / neben
sich einen Herolds-Stab / und ein von den Egyptischen Priestern zu gebrauchen
gewöhnliches Seitenspiel hatte. Hinten am Wagen war ein Löwe / mit Strahlen /
als der Egyptier Sonnen-Bild gemahlet. Tebais fuhr auf einem Himmel-blauen mit
Sternen besäeten Wagen; weil Egypten sich ein vollkommenes Bild des Himmels zu
sein rühmte. Auf dem Haupte hatte es einen Krantz von denenselben Pfirschken /
welche denen Mandeln und Datteln etwas gleichende Früchte tragen / in Persien
giftig / in Egypten gesund / und der Isis gewiedmet sind. In der rechten Hand
führte es ein Gebund Egyptischer Feigen; in der lincken Hand einen check-Stab
/weil allhier die check-Kunst erfunden worden. Zu den Füssen stand ein porphyrener
Krug mit Wasser / dergleichen die Priester in die Tempel zu tragen pflegen. An
selbtem war das Maass des wachsenden und abnehmenden Nils gebildet. Am
Vörder-Teil des Wagens stand das Bild der Isis / in Gestalt eines gebrüsteten
und aufgerichteten Drachens. Hinten am Wagen aber drei Schlangen / iede mit drei
Lotos-Blumen bekräntzen; wordurch die dreifache Gewalt der Schutz-Geister
fürgestellt zu werden pflegt. Alle diese Afrikanische Länder waren mit Bogen und
Pfeilen ausgerüstet. Nach diesem Afrikanischen Aufzuge erschien das edle und
reiche Asien auf einem von Edel-Gesteinen gleichsam blitzenden und von Kamelen
gezogenen Wagen. Ihr Krantz war von Perlen; ihr Kleid von Phönicischem Gewand
und auf Phrygische Art gestückt. Hinten am Wagen stand ein Löwe / aus dessen
Rachen der Blitz / als ein Bild der Göttlichen Versehung und Herrschaft / fuhr.
Dieser folgte das schwartze Phrygien / welches für Zeiten ein Haupt Asiens
gewest. In sein blaues Kleid war des Paris Urtel über die drei Göttinnen mit
Golde genehet. Auf dem Kopfe trug es eine getürmte Krone / wie die daselbst
verehrte Mutter der Götter. Es trug in der einen Hand ein Geschirre mit güldenem
Sande aus dem Flusse Pactolus; in der andern einen güldenen Apfel. Sein güldener
von vier Cappadocischen Pferden gezogener Wagen hatte zum Wappen einen Wolff /
weil sich Apollo bei ihm darein verwandelt haben soll. Neben ihm fuhr der reiche
und vom Mitridates zu einem grossen Reiche erhobene Pontus. Der Rock war
Silber-Stück mit goldenen Lilgen. Sein Krantz war von dem Kraute / welches
Mitridates erfunden / und nach seinem Nahmen genennet hat. In der Hand trug er
einen Lorber- und Myrten-Zweig / welche ihm liebe Bäume Mitridates vergebens
nach Panticapeum zu versetzen getrachtet hat. Sein silberner Wagen hatte zum
Wappen zwei Püffels-Hörner / als Kenn-Zeichen der Herrschaft. Nach ihm erschien
in einem braunen mit Silber durchwürckten- und biss auf die Füsse gehenden
Leib-Rocke Armenien. Der Krantz war aus Lorbern. In der einen Hand führte es
einen Zweig mit Morellen; in der andern einen Bogen. An dem grünen mit Rosen
beworffenen Wagen war ein gehörnter Löwe gebildet. Neben Armenien fuhr Meden in
einem gelben mit Silber durchwürckten Rocke. Das Haupt war mit weisser Wolle
umbgeben /vielleicht weil Meden die berühmteste Schaf-Trifft in der Welt ist. In
der einen Hand hatte sie einen Ast von Citronen / welche in Meden am ersten und
besten gewachsen sind. In der andern einen Nab voll Honigs /der in Meden von
Bäumen läufft. An dem weiss-zier-vergoldeten Wagen stand ein weisses Maul-Tier
gebildet / welche in diesem Lande häuffig gezeugt /denen Persen gezinset / und
nach Rom verkaufft wurden. Hierauff kam Syrien gefahren. Sein Kleid war in
Phönicischen Schnecken zweimal gefärbt- und gewässerter Damast. Sein Krantz war
von Mandel-Zweigen. In der Hand hatte es eine Indische Balsam-Staude. An dem
feuer-roten Wagen führte es zum Kenn-Zeichen einen Fisch / unter dessen Gestalt
die Syrier der Göttin Atergatis opfern. Neben Syrien fuhr Arabien in einem
klaren Gold-Stücke. Zum Krantze dienten ihr Blätter von Aloe / in der einen Hand
hatte es ein Rauch-Fass voller Weirauch; in der andern ein Gefässe voller Myrrhen
und Würtze. An dem aus schwartzen Ziegen-Haaren geflochtenen- und von drei
Arabischen Pferden gezogenen Wagen stand Arabiens Wappen / nämlich ein Kamel.
Hierauf folgte das glückselige Assyrien / in einem rosinfarbenen von Assyrischem
Seiden-Gewebe gefertigten Rocke. Das Haupt zierte ein Palmen-Krantz; in der Hand
hatte es ein Gebund Amomum. An dem aus Zypressen-Holtze gemachten Wagen war eine
Taube / darein Semiramis soll verwandelt worden sein. Neben ihm kam Persien in
einem grünen Gold- und Silber-Glücke. Es war mit einem hörnrichten Wieder-Kopfe
gekrönet. In der einen Hand hatte es das den Pfauen gleich gemahlte Kraut
Semnion; welches die Persischen Könige wider alle Schwachheiten des Leibes und
Gemütes zu essen pflegten. Den güldenen mit Türckissen besetzten Wagen zierte
ein weisses Pferd / wie man es der Sonnen opfert. Hierauf kam das Caucasische in
Colchis / Iberien und Albanien bestehende Reich / in einem von Haaren gewürckten
dreifärbichtem Rocke. Sein Krantz war von giftigen Kräutern / in der Hand hielt
es ein Wieder-Fell voll Gold-Staubes; welches die Colchier darmit aus ihren
Flüssen fischen sollen. An dem von Drachen-Häuten gemachten Wagen war das Wappen
ein güldener Wieder / und darüber der Blitz / an welchem Prometeus auf dem
Caucasus seine Fackel angezündet haben soll. Diese neun Reiche fuhren drei und
drei neben einander. Zuletzt aber kam das reiche Indien in einem seidenen- mit
güldenen Drachen gestückten Kleide. Sein Krantz war wohl von hunderterlei
Edel-Gesteinen; in der Hand hatte es ein hohles Elephanten-Horn / daraus
unzehlbare Früchte / Würtzen / Perlen / Edelgesteine / und andere Schätze hervor
ragten. An dem von Perlen und Edel-Gesteinen schütternden Wagen war das Indische
Tier Rhinoceros mit einem Nasenhorne gebildet. Nach diesem Asiatischen
Aufzugekam das ganz geharnischte Europa / auf einem gläntzenden stählernen
Wagen mit vier Lusitanischen Pferden in Schau-Platz gefahren. Jedes dieser
Länder hatte über diss an der Seiten Waffen nach seiner Landes-Art. Auf dem
Haupte trug es eine Bären-Haut und auf der Stirne zwei vergüldete
Püffels-Hörner. In der Hand die Keule des Hercules. Ihm folgte das zu erst unter
die Römische Botmässigkeit gebrachte Italien / auf einem mit vier gelben
Pferden bespannten silbernen Wagen. Es trug ein Kleid von gelber Seide / einen
Krantz von Lorbern. In der Hand hatte es / wie sein ältester König und Erfinder
des Weines gebildet wird / eine Wein-Reben-Butte; in der andern einen Schlüssel.
An dem Wagen war das Wappen das zweifache Gesichte des Janus auf der Schnautze
eines Schiffes /wie er dem aus Creta verjagten und in Italien anländenden
Staturn zu Ehren auf seine erste Müntze prägen lassen. Neben ihm fuhr das reiche
Hispanien auf einem güldenen Wagen; welchen vier schwartze Asturische Pferde
zohen. Das Kleid war Purpur der Phönicier / welche dieses Land grossen Teils
bebauet. Der Krantz war aus Blüte allerhand Ertztes / mit dessen Menge und Güte
Hispanien alle andere Länder übertreffen soll. In der Hand hatte es einen
Oel-Zweig /am Wagen drei Caninichen / von denen es auch den Nahmen soll bekommen
haben. Hierauf erschien Griechenland auf einem von Corintischem Ertzte
gegossenen Wagen. Es war wie die Venus in Meer-grün gekleidet / und mit Myrten
gekräntzet. In der Hand führte es einen Oel-Baum / an dem Wagen zwei Kronen /
vielleicht die zwei Herrschaften der Stadt Aten und Sparta anzudeuten. An
ihrer Seiten fuhr das streitbare Macedonien / auff einem von Eisen schwirrenden
Sichel-Wagen. Sein Kleid war ein gläntzender Pantzer / sein Krantz von Grase /
wie des Kriegs-Gottes. Am Wagen war des Hercules Löwen-Haut / Keule und Bogen
gebildet / von dem die Macedonischen Könige ihren Ursprung herrechneten. Nach
ihm kam auf einem stählernen Wagen das grausame Tracien. Dessen Kleid blutrot
/ seine Achseln mit einer Luchs-Haut bedecket / das Haupt / wie des alldar
verehrten Bacchus / mit einem von Epheu umbflochtenen Drachen-Kopfe gekrönet
war. In der Hand hatte es einen mit Reben und Wein-Trauben umbflochtenen Spiess.
Am Wagen war ein auf der Leder spielender Löwe gebildet; vielleicht weil Cybele
eine Schutz-Göttin der Tracier / und bei ihnen die Leier des Orpheus ein
Heiligtum ist. Nechst ihm liess sich auf einem von Kupfer geschmiedeten und mit
gold-und silbernen Bildern gezierten Wagen das streitbare Pannonien schauen. Es
hatte ein himmel-blaues Kleid / und einen kurtzen Mantel von Purpur; umb das
Haupt einen Krantz von Wein-Reben / mit denen hier allein wachsenden Opalen
geschmückt. In der rechten einen langen Spiess mit einem kurtzen Eisen und
bundten Fahne. In der lincken ein ertztenes Horn des Uberflusses / mit
hunderterlei Früchten erfüllet. Sein Wappen am Wagen war ein Ochse / als das
Bild der Fruchtbarkeit. Hierauf erschien auf einem rot- und schwartzen Wagen
das weisse und wanckelmütige Gallien in einem kermesinen Purpur-Rocke. Auf dem
Haupte trug es einen Krantz von Narcissen / wie die höllischen Götter; weil die
Gallier vom Pluto sollen entsprossen sein; und auff der Stirne zwei
Widder-Hörner. In der Hand führte es eine mit Wein-Laube und Flachs umwundene
Lantze / am Wagen das Bild eines Wolffes. Neben ihm fuhr Britannien auf einem
Wagen aus Zien / von dessen Uberflusse es den Nahmen haben soll. Ein blauer Rock
bedeckte es kaum die Helffte; was aber nackt / war mit Weid und Zinober
gefärbet. Es trug einen Krantz von scheckichten Strauss-Federn. In der Hand ein
Schaf. Am Wagen führte es ein Schiff mit einer Erd-Kugel; weil die Britannier
den ganzen Erd-Kreis umschifft haben sollen. Diesem folgte das rote und
grimmige Scytien auf einem ledernen von drei Walachen gezogenen Wagen / weil
diss Volck die Pferde zum ersten ausgeschnitten haben soll. Sein Kleid war aus
Zobeln und schwartzen Füchsen. Sein Haupt deckte ein weisser Bären-Kopf / und
darauf ein Krantz des Sieges von reiffen Pflaumen; weil Scytien noch niemals
gar von einem ausländischen Feinde überwunden worden. In der Hand hatte es ein
Horn voll Milch; am Wagen eine blancke Sebel / bei welcher die Scyten schweren
/und sie wie einen Gott verehren. Zuletzt liess sich auch Deutschland ganz
absonderlich sehen. Es fuhr auf einem zierlich-vergoldeten Wagen / und war
nackt; ausser; dass es eine Bären- und Luchs-Haut umb sich hencken / einen wilden
Schweins-Kopf mit zweien vorragenden Zähnen auf dem Haupte hatte. In der rechten
Hand trug es einen Oel-Zweig / als ein Zeichen des mit den Römern geschlossenen
Friedens. Die Schläfe waren mit einem Myrten-Krantze / als einem Zeichen der
Freiheit / umbwunden. Wordurch Tiberius den Deutschen heuchelte / und die
Aufführung. Deutschlandes in diesem Aufzuge entschuldigte. Am Wagen war der
deutsche Hercules gebildet. Alle diese fuhren langsam umb Rom mit Ehrerbietung
herumb; und legte iedes Land diss / was es in seiner rechten Hand führte / ihm zu
Füssen. Als es sich inzwischen in eine Anzahl linder Seitenspiele derogestalt
mit heller Stimme hören liess:
Ihr grossen Reiche dieser Welt /
Die ihr Zeiter durch Tugend und Gelücke
Viel Völcker habt ins Joch gestellt /
Nun aber geht / als wie ein Krebs / zurücke;
Nehmt an der Sonne wahr; kommt! schaut den Mohnden an /
Und lernet: dass man nicht stets steig- und wachsen kann.
Flucht meinem Glück und Göttern nicht;
Missgönnt auch mir nicht so viel Sieges-Kräntze /
Weil sie der Himmel mir selbst flicht /
Und Tule setzt zu meines Reiches Gräntze.
Schämt sich kein Stern doch nicht mein Schmuck und Krantz zu sein.
So flicht auch in mein Haar / mir Erd-Kreis / Lorbern ein.
Neigt euch für mir / der Königin /
Für welcher sich selbst das Verhängnüs beuget.
Weil ich der Erde Göttin bin /
So werde mir auch würdig Ehr erzeiget /
Da / wo die Sonne sich früh in dem Ganges wäscht /
Und hundert mal so gross in Gadens Meer auslescht.
Hat sich doch Welschland nicht geschämt
Mich als ein Kind schon anzubeten /
So Griech' als Mohr hat sich bequämt /
Mit mir in Bündnisse zu treten.
Wem mag nun nicht stehn an mir Weirauch aufzustreun
Nun Jahre / Stärck und Witz in mir vollkommen sein?
Rom rückt den Sieg niemanden auf /
Giebt den Besiegten besser Recht und Satzung /
Hemt strenger Herrschaft ihren Lauff /
Und mindert ihrer Fürsten schwere Schatzung /
Nimt sie zu Bürgern an / pflantzt ihnen Weissheit ein;
So ists nun Glück und Ruhm von Rom bezwungen sein.
Viel hätte längst der Schwamm der Zeit
Verlescht; ihr Nahme würde sein begraben
In Asche der Vergessenheit /
Die nur durch mich ein gut Gedächtnüs haben.
Wer seine Tugend will bewehr'n / führt mit mir Krieg.
So kämpfft der Deutsch' und Part' umb Ehre / nicht umb Sieg.
Denn seit / dass Glück und Sieg sich hat
Zu Rom gesetzt / ins Capitol gefunden /
Vernagelt' ich des ersten Rad /
Dem andern sind die Flügel abgebunden.
Dass jenes gar nicht wanckt / der nicht verflügen kann /
So betet nun mit Rom Gelück' und Tugend an.
Verehrt doch Memphis und Aten
Der sieben Sterne regenhafte Flammen /
Die an des Ochsen Stirne steh'n.
In Rom stehn so viel Sternen auch beisammen.
Jedweder Berg in ihm ist ein gross Stern der Welt /
Weil ja der Erd-Kreis mich für seinen Himmel hält.
    Die Tugend lächelte zu der Ehrerbietung so vieler Völcker / und behielt
allemal ein unverändert Gesichte / welches alleine von dem verlangen Ehre
einzulegen ein wenig auff den Wangen rötlich war. Als die Länder wieder in
ihren ersten Stand kamen / bewegte sie sich / aber mässig.
Dass ihr das Haupt der Welt so tief verehret;
Dass ihr als Göttin sie rufft an /
Ihr Tempel baut / durch sie die Sterne mehret.
Weil Titan nichts bestrahlt / das man ihr gleichen mag /
Ja er ihr Weirauch selbst zum Opffer bringt an Tag.
Alleine neben ihr bin ich
Als Mutter ihrer Grösse / zu bedienen.
Rom selbst verehrt / als Göttin mich /
Dem ich als Schutzstern tausendmal erschienen.
Ich legte Rom in Grund / und hab es ausgeführt;
So fragt nun Rom: ob mir nicht gleicher Dienst gebührt.
    Als die Tugend schloss / fieng Apollo mit den neun Musen und Gratien einen
zierliche Tantz auf Phrygische bei ihren Gastmahlen gewohnte Art an; darinnen
sie den Streit zwischen dem Apollo und Marsyas durch Geberden sehr künstlich
vorstellten. Clio stellte Minerven für / wie selbte aus dem See bei Apamea die
Schilff- Pfeiffe abschnidt und darauf spielte / als sie aber sich in einem
Brunnen spiegelnde ihrer aufgeblasenen Wangen gewahr ward / selbte verächtlich
wegwarff. Euterpe vertrat den Marsyas / welcher diese Pfeiffe fand / aufhob /
und vermöge der darinnen steckenden Krafft so lieblich spielte / dass die der
Nysier Stelle vertretende Gratien drüber erstauneten. Marsyas ward hierüber im
Gemüte mehr aufgeblasen / als seine Wangen; und forderte den Apollo zum Streit
aus / mit dem Bedinge: dass der Sieger mit dem Uberwundenen nach Belieben
gebahren möchte; die Nysier aber ihre Richter sein sollten. Apollo und Marsyas
bliessen zusammen / ein ieder in seine Pfeiffen / und tat dieser jenem es
zuvor. Worüber Euterpe wunderwürdig des Marsyas Freude und Hochmut fürstellte.
Apollo aber lächelte nur / und verlangte noch einen Versuch; und als Marsyas
pfieff / fieng er zu seinem Pfeiffen die Cyter so lieblich an zu schlagen / dass
gegen dieser sein Spielen dem Geschrei der Heuschrecken gleichte. Marsyas
erschrack / und wendete ein: dass sie nur auf den Mund und die Pfeiffe / nicht
aber auf die künstliche Finger und die Cyter einander ausgefodert hätten. Aber
Apollo versetzte: Jedermann möchte im Kampfe / wormit er könnte / sein bestes
tun. Die Nyseer aber sprachen für den Apollo wider den Marsyas das Urteil aus;
worüber er erblasste und zitterte; gleichwohl aber sich unrecht beklagte. Alleine
die Musen verlachten nicht nur den Marsyas / sondern sie banden ihn auch mit
Geberden an eine Fichte / und wusste sich Euterpe so erbärmlich / Apollo aber so
grimmig zu stellen / als wenn dem Marsyas wahrhaftig die Haut vom Leibe
geschunden wäre. Hierdurch aber ward angedeutet: dass das Glücke eben so
unrechtmässig der Tugend / als Marsias dem Apollo Kampf anzubieten sich
unterstünde. Nach geendigtem Tantze warff das hochmütige Glücke mit frechen
Geberden seine Pferde herumb; drehte wie ein Blitz etliche mahl mit seinem Wagen
ein Rad umb die Tugend / und fieng mit einer durchdringenden Stimme in die
Seiten-Spiele der himlischen Zeichen zu singen an:
Wer Rom zu ehren würdig schätzt /
Kan Ehr' und Dienst nicht weigern dem Gelücke.
Diss hat Rom auf den Fuss gesetzt /
Ja dieses ist des Glückes Meister-Stücke.
Für dem der Griechen Witz / der Africaner List /
Europens Tapferkeit hat schimpflich eingebüsst.
Numantia trug schon das Joch /
Als Scipio der Tugend Haus liess bauen.
Ich aber lag in Windeln noch /
Als schon in Rom mein Tempel war zu schauen;
Den Marz und Servius nie hat geweihet ein /
Nach denen ihrer mir wohl hundert ähnlich sein.
    Das Glücke hatte kaum seinen Gesang beschlossen; als die himlischen Zeichen
in einem sehr zierlichen Berezyntischen Tantze das Gerichte des Paris über die
drei nackten Göttinnen eben so artig fürstellten. Der Scorpion vertrat die
zancksüchtige Eris / wie sie den güldenen Apfel / als einen Preis der schönsten
unter die Hochzeit-Gäste warff. Die Jungfrau musste den geschäfftigen Mercur /
der Schütze den bekümmerten Paris / die Fische die hoffärtige Juno / der Krebs
die kluge Pallas / der Wasser-Mann die beliebte Juno fürstellen; welche
ungeachtet ihrer grossen Unähnligkeit es doch ohne einiges Wort so deutlich
ausrichteten: dass die Zuschauer keines Auslegers bedorfften. Nach dem Schlusse
dieses Tantzes fieng die Tugend wieder ihren Gesang an
Die Mutter Roms ist Tapferkeit /
Der Anherr Mars / des Romulus Gemüte /
Voll feuriger Verwegenheit /
Des Numa Gottes-Furcht / des Ancus Güte /
Des Tullus Krieges-Kunst / und's Servius sein Fleiss /
Die Klugheit des Tarquin / gab Rom so grossen Preis.
Von dieser Kindheit nahm die Stadt
An Tugenden mehr zu- als an den Jahren.
Die Helden / die der Erd-Kreis hat
Nur einzelhaft / die zehlet Rom mit Schaaren.
Die Arbeit ist sein Spiel / das Sterben seine Lust;
Ja Männer-Hertzen rührn der Römer Weiber Brust.
    Durch diesen Tantz ward von denen himlischen Zeichen / welchen das
Verhängnis eine Herrschafts-Gewalt über die irrdischen Dinge / und der Menschen
Glücke anvertraut / nichts anders angedeutet; als dass so wenig die unter der
Pallas fürgebildete Tugend /als die grosse Macht der Juno / sondern ins gemein
die glückliche Venus den Sieg erhielte. Der Gesang war kaum aus / als Apollo mit
den Musen und Gratien einen andern Tantz anhob / darinnen der Kampf der Musen
mit den Syrenen fürgebildet ward. Apollo übernam die Person der neidischen Juno
/ welche die Sirenen zur Ausforderung der Musen verhetzte. Die drei Gratien
mussten wider ihren Willen in einem geilen Cordacischen Tantze / die drei oben
Jungfrauen-unten Vögel vorbildende Ungeheuer / nämlich die drei Sirenen / mit
Geberden und lieblichem Singen vertreten. Die neun Musen aber sich selbst /
welche denn jene übertraffen / und sehr lächerrlich anzudeuten wussten / wie sie
denen überwundenen zur Straffe ihre Federn ausraufften und ihre Häupter damit
flügelten. Wordurch eben dem Glücke / als einer verführerischen Sirene / der
Sieg ab- und der Tugend / welche durch Künste und Wissenschaften geschärffet
wird /mit denen Musen zugesprochen ward. Das Glücke aber stellte sich hierüber
nur hönisch an / und machte singende diesen Gegensatz:
Ich bin sein erstgebohr'nes Kind;
Es ist mein Bild im Capito! zu schauen.
Als Sylvien Mars lieb gewinnt /
Liess sich die Sonn' auch mit dem Monden trauen.
Des Romulus Geburt traf auf Gelücks-Tag' ein /
Drumb must ein Wolff die Amm' / ein Specht sein Pfleger sein.
Das Glücke spielt' ihm in die Hand /
Durch Geier's Hafft / durch Spiele Ehgenossen.
Der Nachbarn alberer Verstand
Ist's Röhr / woraus des Numa Ruh geflossen /
War Servius nicht Knecht! doch ward er's Haupt der Stadt /
Dies Glücke zum Compass und Angelsterne hat.
    Das Ende dieses Gesangs war der Anfang eines von den Griechen wegen seiner
Heftigkeit so genennten Löwen-Tantzes / welchen die himlischen Zeichen hielten /
und darinnen mit Gebehrden den Krieg der Götter und Riesen fürstellten. Die Zeit
war Typhon der grausamen Riesen-Führer. Die Jungfrau war Alcyon / der Löw
Ephialtes / der Scorpion Clytius / der Schütze Enceladus / der Krebs Pallas /
der Wasser-Mann Polybotes. Diese jagten in einem Tantze / welchen die Griechen
den Brand der Welt hiessen / den Göttern eine solche Furcht ein: dass sie sich in
Tiere verwandelten; und wusste der Widder den in ihn verwandelten Jupiter / die
Zwillinge den Raben / und die Katze / zu welchen Phöbus und Diana ward / der
Steinbock den Bacchus / der Stier / die Juno / die Fische die Venus / und den in
den Vogel Ibis verkehrten Mercur in einem Tantze / dem die Griechen von schöner
Gestalt den Nahmen geben / und fürnemlich in Nachaffung der Tiere bestehet / so
artlich abzumahlen / als wenn sie selbst darstünden. Als hierüber die Riesen
frolockten / und schon über die bezwungenen Götter ein Siegs-Lied sangen / tat
sich der Schütze mit Vorstellung des auf einem Esel reitenden Silenus herfür;
welcher durch sein ungeheures Geschrei die Riesen schreckte / und sie über Hals
und Kopff in die Flucht jagte. Wordurch zu verstehen gegeben ward: dass ein
geringer Zufall des Glückes offtmals mehr /als eine fast göttliche Krafft
ausrichtete. Die Tugend liess sich hierdurch wenig irren; sondern vollführte
derogestalt ihren Gesang:
Das Glück ist ja ein leichtes Rad /
Das ehe sich / als man die Hand umbdrehet;
Das am Verterb Gefallen hat;
Das Reiche stürtzt / und Städt' / als Spreu verwehet.
Das Gipfel unten dreh't / und Stahl wie Glas zerschell't
So hält es Rom ja nicht / das man für ewig hält.
Das Glück ist selbst geborgtes Gut /
Die Tugend Eigentum und Waare /
Der Zeit und Rost nicht Schaden tut;
Sie tauert einen Tag / ich lange Jahre.
Mein Tun ist Nutz und Ernst / gemeines Hell mein Ziel /
Das Glück ein Wetter-Hahn / sein Absehn Schertz und Spiel.
    So bald die Tugend beschlossen; fieng Apollo mit den Musen und Gratien einen
Tantz nach Erfindung der Epizephyrier an / darinnen die den wässrichten Monden
zugeeignete Talia den Fluss Achelous bald in Gestalt eines Drachens / bald eines
Mannes mit einem Rind-Kopffe / bald eines Ochsens; und seine Liebes-Werbung bei
Deianiren; Apollo aber seinen Neben-Buhler / und folgends zwischen beiden ihren
Kampff fürstellete; darinnen Hercules jenem verstellten Ochsen das rechte Horn
abbrach / und auf flehentliches Bitten des Uberwundenen ihm das Horn Amalteens
darfür gab. Welches dahin zielte: dass die mit dem Hercules vermählte Tugend der
Stärcke des dem verschüssenden Wasser gleichenden Glückes überlegen wäre.
Gleichwol rüstete sich dieses alsofort zu folgendem Gegensatze:
Dreht sich doch der Himmel umb /
Die Sonn' ist unter irrenden Gestirnen.
Der Monde laufft verkehrt und krumb;
Was will man denn mit meinem Aendern zürnen.
Wer nur zu rechter Zeit mir reicht die rechte Hand /
Die Sitten nicht verkehrt / den drückt kein Unbeständ.
Mein Flügel-Fuss / und Feder-Kleid
Kan Assur zwar / und Persen bald verlassen.
Bein Griechen blieb ich wenig Zeit;
Well keines mich verstand mit Art zu fassen.
Well aber Rom so wohl mich ausnimt / hält / und pflegt /
Hab' ich für Kiel und Rad mir Ancker beigelegt.
    Des Glückes Gesang begleitete ein Mantineischer Tantz der himmlischen
Zeichen / in welchem der Löwe die hernach darein verwandelte geschwinde Atalanta
/ acht Musen so viel ihrer Buhler fürstellten /welche alle / als Uberwundene /
von ihr mit einem Korbe abgefertigt wurden. Apollo aber vertrat den Hippomanes /
und drückte mit Gebehrden meisterlich aus / wie er Atalanten drei von der Venus
ihm geschenckte güldene Aepffel in Weg warff / und sie zu derselben Aufhebung
verleitete; bei welchem Vortel er / ihr im Wettelauf zuvor / sie aber / als der
bestimmte Siegs-Preis / in sein Besitztum kam; zur Erinnerung: dass Tugend und
Geschickligkeit sich von dem ihnen in die Augen leuchtenden Glücke mehrmals
bländen / und über den Stock werffen lassen. Die Tugend begegnete allem diesem
durch wiederholeten Gesang:
Gar recht! die Tugend und Bestand /
Muss kein Quecksilber unbeweglich machen
Wenn's Glücke / Schwefel / Hagel / Brand /
Gleich auf uns schneit; muss unsre Hoffnung lachen.
Sie und's Verhängnüs schämt sich den zu tasten an /
Der ihm das blaue nur in Augen sehen kann.
Wie vielmal hat des Glückes Neid /
Nicht Rom bestürmt durch bürgerliche Kriege;
Durchs Brennus Grimm und Tapfferkeit;
Durch Hannibals / der Deutsch- und Persen Siege?
Durch Tugend aber wächst Rom / wenn's Gelücke kracht /
Das nur von hinten zu sich an den Käyser macht.
    Diesen Satz zu bestärcken hielt Apollo mit den Musen einen vom Pyrrhus
erfundenen Waffen-Tantz. In diesem ward von der dem Kriegs-Gotte zugetanen Clio
der Betrycische arglistige König Anycus / welchem es tausend mal gelückt hatte
die anlendenden Frembdlinge seiner Grausamkeit aufzuopffern fürgestellt; wie er
die Argonauten zum Streit ausforderte /und selbte in einen Hinterhalt locken
wollte; von dem den Pollux vertretenden Apollo aber im Kampff hertzhaft und
vorsichtig erlegt / und das Gift seiner eingesalbten Waffen zernichtet ward /
umb hierdurch zu erhärten: dass das Glücke wie ein lange zum Wasser gehender
Krugendlich zerbreche / und die arglistige Bosheit der Tugend nicht gewachsen
sei. Das Glücke vergass nicht ihren ausgestellten Mangel derogestalt zu
verteidigen:
Bei Munda lehr't ich redlich ihn:
Ob Tugend nicht für mir erblassen müsse.
Wenn Brutus muss den kürtzern ziehn;
Pompejus fällt für eines Sclaven Füsse;
Wenn Marius verspielt / ist Cassius nicht blind
Dass mit der Tugend es nur blosse Worte sind.
Was hilfft die Tugend den Sartor /
Wenn er sein Glück in Glückes-Inseln suchet.
Er heisst sie ein zerbrechlich Rohr;
Und Mitridat hat zehn mal sie verfluchet.
Sie sieht meist elend aus. Wem aber ich steh' bei /
Bekommt den Ruhm: dass er so klug als tapffer sei.
    Die himmlischen Zeichen bestätigten diese Meinung in einem Kranch-Tantze /
welchen Teseus bei dem Delischen Altare eingeführet / und damit seinen Ausgang
aus dem Cretischen Labyrint abgebildet haben soll. In diesem Tantze nahm der
Wassermann die Person der Tetis über sich; welche ihren Sohn Achilles durch den
die Stelle des Chiron vertretenden Schützen in der Weissheit / und in
Säitenspielen unterrichten liess; und selbten / dass er nicht verwundet werden
könnte / in das Stygische Wasser eintauchte. Weil aber Apollo wahrsagte: dass er
für Troja bleiben würde / versteckte ihn seine Mutter unter die Töchter des
Königes Lycomedes; welche von den Gratien vertreten wurden. Aber der den Ulysses
fürbildende Widder zohe nur den herfür / ohne dessen Tapfferkeit Troja nicht
einzunehmen war. Er erlegte zwar allda die Mauer der Phrygier / den Hector; aber
der wollüstige Paris hatte das Glücke den unüberwindlichen Achilles an dem Fusse
zu beleidigen / worbei ihn bei seiner Eintauchung Tetis gehalten hatte / und
also seine Polyxenen angezündete Hochzeit-Fackeln in Begräbnüs-Lichter zu
verwandeln; zu einem Zeugnüsse: dass die Tugend denen Verhängnüs-Schlüssen sich
zu entreissen allzu ohnmächtig sei; und das Glücke auch der Wollust die Hand
führe der Tapfferkeit Abbruch zu tun. Die Tugend war alsofort fertig zu
folgendem Gegensatze:
Wahr ists: das Glücke sicht stets an
Die Tugend / und betreugt mit ihren Künsten.
Weil es so tückisch heucheln kann /
Ist es beliebt. Es bländet uns mit Dünsten.
Lacht / wenn es leere Schal'n uns in den Händen lässt /
Uns von dem Gipffel stürtzt / uns Ehr und Licht ausbläst.
Die Tugend aber ist der Grund;
Und Klugheit die Befestigung der Reiche.
Das Glücke macht sie zwar wohl wund;
Doch sie versetzt dem Glücke bessere Streiche.
Weil nichts unwegbar ihr / nichts unbezwinglich scheint /
So ist ihr auch das Glück ein überwindlich Feind.
    Apollo mit seinen Gefährten folgte der Tugend alsofort mit einem
Mauritanischen Tantze; und stellte Polyhymnia mit ihren artlichen Gebehrden den
Libyschen Riesen Antbäus für / welcher so viel Menschen zerfleischte: dass er
seinem Vater einen Tempel von Menschen-Schädeln gelobte. Apollo aber bildete den
Hercules ab / wie er mit diesem von seiner Mutter der Erde allezeit neue Krafft
bekommenden Ungeheuer in Kampff geriet / und bei abgemercktem Vorteil ihn
schwebend in der Lufft hielt und tödtete. Wordurch zu verstehen gegeben ward:
dass wie ein starcker Riese das Glücke gleich ist; Klugheit und Tapfferkeit ihr
doch überlegen sei. Das Glücke liess sich aber nicht abschrecken der Tugend
folgenden Einhalt zu tun:
Sie ist mein Feind / doch mir zu schwach;
Mein Arm hat auch mehr Nachdruck und Geschickt.
Ihr folget Hass / mir Missgunst nach;
Doch jeder will vermählt sein dem Gelücke.
Die Freundschaft sehnet sich nach mir / nach Tugend nicht /
Und hängt / wenn ich verschwind / an Nagel Treu' und Pflicht.
Wer redet mit dem Glücke nicht
Mehr / als mit Fürsten / in geheimsten Dingen?
Ich blände der Scharffsicht 'gen Licht /
Wenn Klugheit mir will einen Streich anbringen.
Ich bin ein Gott der Zeit / die Tugenden so feind:
Dass sie halsbrüchig schätzt / wenn jemand sie beweint.
    Kaum hatte das Glücke seinem Singen ein Ende gemacht / als die himmlischen
Zeichen einen Bacchischen Tantz anfiengen. Euterpe unter der Fürstellung des Pan
foderte den Schützen / als Vertreter des Apollo / im Pfeiffen in Streit aus /
und machten einen Satz gegen dem andern. Der zum Richter erkiesete Phrygische
Berg / Tmolus / den der Stier vertrat / meinte zwar für den Apollo zu sprechen;
weil aber der Könige Regungen schwerer als Berge sind / erlangte durch des
Phrygischen Königes Midas Ausspruch der grobe Hirten-Gott für dem Fürsten der
Gestirne uno Säitenspiele den Sieges-Preis. Der Schau-Platz aber eine Lehre: dass
ein gerechtes Urteil oft eine zufällige Sache wäre; und die Geschickligkeit
oft verschmäht /der Grobheit ein gülden Halsband umbgemacht würde. Die Tugend
versetzte auf dem Fusse mit einer sittsamen Stimme:
Das Glück ist nur der Klugheit Magd;
Weil jeder ihm selbst sein Gelücke schmiedet.
Ob Hass gleich an der Tugend nagt /
Und Bosheit sich an ihr vielmal ermüdet;
So beten beide sie doch ein Gewissen an /
Und grämen sich: dass sie kein Feind vertilgen kann.
Sie ist ein unversehrlich Gut /
Der Dinge Kern; Glück aber spiel't mit Schalen.
Sie schmincket ihr versprütztes Blut /
Aus dem sie ihr kann Ehren-Fahnen mahlen.
Wenn sie ein Unstern presst / das Glück ihr sich vergällt
Verteilet sich ihr Ruhm / wie Balsam in die Welt.
    Apollo mit den Musen und Gratien führte in einem Tracischen Tantze durch
verblühmte Aufführung den Kampff wider den zu Odrysa hochangesehenen Tamyris
auf. Euphrosyne übernam seine Verrichtung; und strich mit stummen Gebehrden den
Götter-Sieg wider die Titanen so annehmlich / als er für Alters mit seinen
Getichten heraus. Die Musen selbst gaben ihm Gehöre und Beifall; welches ihn zur
Kühnheit verleitete / sie zu verachten / und auf geschehene Ausforderung zu
bediengen: dass die überwundenen Musen seiner Geilheit zu Willen leben / oder er
ihrer willkührlichen Straffe unterworffen sein sollte: die Vermessenheit aber
erlag für der Tugend. Apollo erklärte die Musen für Uberwinder / sie selbst aber
beraubten ihn des Gesichtes / und seiner Singe-Kunst. Zur Anmerckung: dass das
Glücke zwar insgemein der Verwegenen Führer / aber ihnen auch ein Bein
unterzuschlagen gewohnt sei. Das Glücke hielt es für Schande diese Verkleinerung
zu verschmertzen; sang also nicht ohne Entrüstung:
Wes dient des Ruhmes Eitelkeit /
Wenn man sie kaum mag über Achsel sehen?
Kein Hof den Eintritt ihr verleih't /
Wenn Fürsten ihr meist nur den Rücken drehen.
Das Glück ist aber stets hoch angesehn und wert /
Weil sie oft Ton in Gold / und Spreu in Purpur kehrt.
Egyptens Isis hat so viel
Nicht Brüst' / als ich / nicht so viel Milch darinnen
Es fleusst nicht so viel Saltz im Nil /
Als Schätz und Lust aus meinem Horne rinnen.
Wer mir entgegen geht / mir ausweicht / wenn er kann /
Den lach' ich unverrückt / wie Rom und Cäsarn an.
    Der Gesang war auch so bald nicht geschlossen /als die himmlischen Zeichen
in einem Trözenischen Tantze so eigentlich ausdrückten / wie der Atenienser
Feldherr Cimon schlaffen lag; das Glücke aber neben ihm stehende mit einem Netze
viel Städte ihm fischete; gleich als wenn das Glücke einem im Traume mehr als
die Tugend den Wachsamen und Arbeitsamsten zuzuwerffen vermöchte. Die Tugend
begegnete dem Glücke alsobald wieder mit folgendem Gegensatze:
Weil du mir must gehorsam sein /
Pflegt dich / Gehorsame / Rom zu verehren;
Weil Cäsars Tugend dich sperrt ein /
Und du dich nicht ihn wagest zu versehren /
Lässt Rom dein Heiligtum in seine Gärte bau'n /
Indem sich aber auch der Tugend Bild lasst schau'n.
Denn sie war Cäsars Mast und Schild /
Als Glück und Meer ihn dränte zu verschlingen.
Wenn sie gleich's Unglücks Dunst umbhüllt /
So weiss sie wie die Sonn' ihn zu durchdringen.
Sie ist verfolgter Port / sie hat oft Rom beschirmt /
Wenn's Glückes Tempel gleich vom Donner ward bestürmt.
    Apollo mit seinen Gefährten hegten hierauf einen grimigen / aber doch
künstlichen Tantz / derogleichen die Griechen dem kriegrischen Hercules zu hegen
pflegten. In diesem stellten sie für den Krieg der Götter wider den Hercules.
Euphrosyne bildete die erzürnte Juno ab / dass Jupiter ihr im Schlaffe den
Hercules an die Brüste gelegt / und durch ihre Milch die Unsterbligkeit an sich
saugen lassen. Apollo aber den Hercules; wie selbter die von der Juno über ihn
geschickte zwei Schlangen in Stücke riess; wie er den von ihr aus dem Monden
herabgelassenen Löwen im Nemeischen Walde erlegte / und seine undurchdrängliche
Haut zum Schilde brauchte; und wie er die ihn selbst angreiffende Juno mit einem
Pfeile in die rechte Brust verwundete. Urania stellte die Sonne für; wie sie den
Hercules auf der Reise zu denen Tartessischen Ochsen heftig stach / und als er
sich erkühnete / einen Pfeil in sie zu schüssen / dieser Kräffte und
Hertzhaftigkeit wegen / ihn mit einer güldenen Schale beschenckte. Terpsichore
vertrat den Oceanus / wie er den auf solcher Schale schiffenden Hercules mit
einem gewaltigen Sturme anfiel; welchem er aber durch Spannung seines Bogens ein
Schrecken einjagte / und das Meer zu besänftigen zwang. Melpomene vertrat den
auf den Hercules verbitterten Pluto; weil er ihm den Cerberus aus der Hölle
mitnam; den er aber ebenfals mit einem Pfeile durchschoss / durch welches alles
behauptet ward: dass die Tugend dem Himmel /den Sternen / der Lufft / der Erde /
dem Meere gewachsen / und die göttlichen Verhängnisse zu überstehen mächtig
wäre. Das Glücke wollte der Tugend noch das wenigste nachgeben; erhob daher seine
Stimme:
Rom hiess die starcke Göttin mich /
Die Männliche / die Tilgerin des bösen.
Verborg mein Antlitz manchmal sich /
Wust' ich doch Rom beizeite zu erlösen.
Das Glücke / welches kommt zurück / ist noch so lieb /
Versöhnter Liebe Zwist hat einen stärckern Trieb.
Wer will der Tugend mässen bei:
Dass Perseus ging durch einen Streich zu Grunde?
Wer zweifelt: dass es Glücke sei /
Dass Antioch verfiel in einer Stunde?
Die Tugend schafft ein Gut / das Glück ein gross Geschrei;
Rom selbst bekennts: dass ich sein bester Werckzeug sei.
    Die Zeit mit denen gestirnten Tieren fieng einen Jonischen Tantz an / wie
selbter in Sicilien Dianen zu Ehren geheget ward. Dariñen stellte der Schütze
den in dem Eys-kalten Flusse Evenus für Liebe glüenden Centauren Nessus; die
Jungfrau die wegen angemaassten Not-Zwanges für Angst bebende Deianira; der Löw
aber den von Eyversucht und Rache schäumenden Hercules für; wie er ihm einen vom
Blute der Hydra vergiffteten Pfeil durchs Hertze scheust / wie der sterbende
Centaur Deianiren mit seinem blutigen Kleide beschenckt / und sie beredet: dass
es ihren Ehmann von frembder Liebe abzuziehenn Krafft haben wilde. Die Zwillinge
vertraten Jolen und noch eine andere Buhlschaft des Hercules; der Krebs den
Licha / welcher von der eiversüchtigen Deianira dem opffernden Hercules des
Centauren Kleid überbrachte / von dem er rasend ward / den Licha ins Meer warf;
sich aber in die Opffer-Glut stürtzte. Worauf sich Deianira mit ihres Mannes
Keule tödtete; aus ihrem Blut aber eine See-Blume und das Kraut Heraclea wuchs.
Wordurch erhärtet werden wollte: dass die auch hundert-fach bewehrte Tugend doch
endlich ein Schlacht-Opffer des Glückes würde. Die Tugend tät durch ihren
Gesang denen Verteidigern des Glückes diesen ferneren Einhalt:
Wenn's Glück in Ohnmacht sincken will /
So stützt es sich auf des Aleidens Keule.
Wenn sich verkehrt sein Würssel-Spiel /
So lehnt es sich an meiner Klugheit Seule.
Ja Unglück schärfft den Witz / und Not die Tapfferkeit /
Da's Glücke Hochmut schafft / Verterb und Sicherheit.
Sehr selten paart sich Glück und Fleiss;
Ein Glücks-Kind und ein redliches Gemüte.
Die Drangsal ist mein Sieges-Kreis.
Ist Cato gleich von niedrigem Geblüte;
Hat Dienst-Magd und Gespenst den Servius gezeugt /
So hat doch jeder selbst sein Glück ihm zugeneigt.
    Apollo mit seinen Gefährten pflichtete der Tugend in einem Laconischen
Waffen-Tantze bei; darinnen sie den nach dem Achilles und Ajax tapffersten
Griechen Diomedes einführten / wie er mit dem Hector und Eneas so hertzhaft
kämpffte / den Tracischen König Rhesus seiner weissen Pferde entsätzte / den
Trojanern ihr Schutz-Bild nahm; ja den für das Glücke Phrygiens alle euserste
Kräffte anwendenden Kriegs-Gott in die Achsel; die den Eneas bedeckende Venus
aber in die rechte Hand verwundete; zu einem Beweise: dass Götter und Verhängnüs
durch die Beständigkeit der Tugend doch überwältiget würden. Das Glücke fieng
hierüber laut an zu lachen; und fieng an zu singen:
Die Ordnung wird von dir verkehrt /
Wenn's Glücke lacht / so macht es kluge Leute /
Bebertzt und kühn / wenn es beschwert /
Und hilfft oft eh' aus Not / als viel Gescheute.
Ein Narr / der aber nicht sein Glücke brauchen kann /
Hängt durch den Untergang mir keinen Schandfleck an.
Dis halff dem Marius aus Not /
Als es den Sylla gleich trug auf den Händen.
Des Marius bestimmten Tod /
Muss zweier Scorpionen Kampff abwenden.
Gewaan je Syllen Witz und Tugend etwas ab /
Der dem Gelücke sich leibeigen übergab?
    Die Zeit und die himmlischen Zeichen fiengen nach diesem Gesange einen
Paucken- und Zimbeln-Tantz an; darinnen wahrsagte der Wieder dem Könige Oenomaus
/ den der Stier vertrat / dass er von seinem Eidame getödtet werden würde.
Diesemnach alle /welche seine schöne Tochter Hippodamia begehrten /mit ihm oder
ihr ein Wagen-Rennen halten; die Besiegten aber über die Klinge springen mussten.
Die Jungfrau bildete Hippodamien und ihre Freude über die besiegten Buhler und
ihre Grausamkeit bei ihrer und ihrer Pferde Abschlachtung; der Wassermann aber
den schlauen Pelops für; welcher des Oenomaus Kutscher Myrtilus bestach; dass er
für seines Herrn Räder nur wächsene Nägel schlug / also mitten im Rennen ein Rad
her / das ander hinflog. Und Pelops mit der auf seinem Wagen sitzenden
Hippodamia die Corintische Meer-Enge / als das gesetzte Ziel nicht nur
erreichte / sondern der sterbende Oenomaus bat ihn auch: dass er die Untreu am
Myrtilus straffen sollte; welchem aber Pelops anfangs versprochen hatte ihm die
erste Nacht den Genuss Hippodamiens zu enträumen. Wie nun bei seiner Rückreise
der durstige Pelops auf der Seiten einen Brunn suchte / erkühnte sich Myrtilus
Hippodamien gewaltsam zuzusetzen; westwegen er auf ihre Beschwer vom Oenomaus
ins Meer gestürtzet ward. Dieses alles gaben sie den Zuschauern / und zwar zu
der Lehre zu verstehen: dass ein einiger Zufall einem / der schon dreizehn und
mehrmal gesieget / die Lorbern vom Haupte / und die hertzhaftesten Uberwinder
von Siegs-Wagen in die Grube stürtzen könnte. Die Tugend begegnete dem Glücke
aber bald wieder:
Offt würde's Glück zu Grunde gehn /
Wenn sichs mit List und Lastern nicht vermählte.
Wie würde Marcius bestehn /
Wenn ihm Betrug / nicht Witz dem Perseus fehlte.
Es ist so schädlich nicht / wenn es die Zähne bleckt /
Als wenn sein lächelnd Mund so Gift als Hass versteckt.
Dir Tugend aber macht beglückt
Wenn sie gleich nackt und ungeschmüncket sieht.
Sie darff nicht / was ein Zufall schickt /
Und wieder raubt / wenn's durch einander geht.
Sie braucht der Laster nicht; nicht Glückes / wie das Rad
Der Sonne frembdes Licht nur tilgt / nicht nötig hat.
    Apollo bildete zugleich mit seiner Laute den Orpheus; die drei Gratien die
singenden Syrenen; die Musen aber die Minyen / in einem Schiffer-Tantze ab;
darinnen die sich vom Orpheus überstimmt sehenden Syrenen aus Erbitterung
anfangs verstummten / hernach ihre Säitenspiele ins Meer warffen / und sich ins
Meer stürtzten; also die Minyen / welche schon kein Ruder mehr rührten / und
sich den Strom an die Schiffbruchs-Klippen treiben liessen / zu einem besondern
Merckmal erhalten wurden: dass Tugend und Klugheit einen aus dem Rachen der
Bosheit / und dem Abgrunde des Unglücks zu reissen mächtig genung wäre. Das
Glücke verlohr auch hierüber nicht den Mut / sondern setzte der Tugend
entgegen:
Sie richtet nichts nicht ohne mich;
Ich aber viel; voraus in ihrem Kleide.
Sie hüllt in Hauff und Haare sich;
Ich aber geh' in Purpur nur und Seide.
Sie sorgt und schwitzt umbsonst; Mein Schoos-Kind aber liegt
Und schläfft / wenn unterdess das Glücke für ihn siegt.
Wenn's Capitol steht unbewacht /
Muss eine Gans es aus Gefahr erretten.
Wenn wider Rom ein Bündnüs ward gemacht /
Liess ich wie Spinnen weben es zertreten.
Mit einem Wort: Ich bin sein Schutz-Geist stets gewest.
Mein Werckzeug war: Verstand / Kunst / Tugend / Zwytracht / Pest.
    Die Zeit mit den himmlischen Zeichen bestätigte in einem Lydischen Tantze
des Glückes Vorzug durch Fürstellung der sinnreichen aber unglücklichen Lydierin
Arachne; welche den Flachs und Netze erfunden /und im Würcken es allen mit
Verwunderung vortät. Die gestirnte Jungfrau vertrat mit artlicher Gebehrdung
ihre / der Krebs aber der neidischen Minerve Stelle; welche mit den Scheeren ihr
alle ihre künstliche Wunder-Wercke zerschnitt / und sie also sich aus Ungedult
zu hencken verleitete. Welch Unrecht doch Minerve selbst erkennte / und sie in
eine Spinne verwandelte / die noch der Welt zum Beispiel dienet: dass Kunst und
Armut / Tugend und Unglück meist einander verschwistert sind, und die
Verzehrung seiner eigenen Eingeweide vergebene Arbeit sei / wenn das Glücke
einem seine schwere Hand auf die Achsel legt. Die Tugend schiene hierüber sich
etlicher massen zu entrüsten; warf also ihre Pferde etliche mal herumb /und sang
mit mehrerm Nachdruck / als jemals vorher:
Der heut'ge Tag muss Richter sein;
Wer aber wird den Knoten uns zerhauen?
Ihr Helden! die ihr mir stimmt ein:
Dass Glücke Furcht; dass Tugend schafft Vertrauen;
Komm't! kämpfft für euer' Ehr' und für der Tugend Preis!
Lehrt: dass mein Grund sei Ertzt / des Glückes Glas und Eis.
    Dem Glücke aber sah eine viel heftigere Ungedult aus dem Gesichte. Die
Augen waren voll Feuer / die Gebehrden wilde / und ihr folgender Gesang ganz
kriegrisch:
Die Sterne kämpffen zwar für mich;
Doch unterwerff' ich euch mein Recht / ihr Helden!
Die durchs Gelück erhoben sich:
Dass sie mein Lob / und ihre Siege melden.
Rom / dessen Ruhm die Sonn' auf ihrem Wagen führt /
Mag urteiln: ob nicht mir so Danck als Preis gebührt.
    Dieser Streit erregte so wohl unter denen Römischen Feldherren; als unter
denen aufgeführten Ländern eine Verwirrung / wie unter denen schwermenden Bienen
zu sehen. Jedes rüstete sich zum Kampffe / und suchte sich auf die Seite zu
schlagen / wohin ihn seine Neigung trieb / oder gewisse Begebnüsse leiteten. Aus
dieser Verwirrung aber wickelten sich die aufgeführten Reiche derogestalt
heraus; dass aus denen Afrikanischen Mauritanien / Cyrene / Libyen / das weisse
und schwartze Mohrenland; Aus denen Asiatischen Phrygien / Syrien / Assyrien /
Meden und Arabien. Aus denen Europeischen / Italien / Griechenland /Pannonien /
Gallien und Britannien der Tugend beifielen / und also zu verstehen gaben: dass
sie durch Tapfferkeit der Römer wären überwältiget worden. Auf die Seite des
Römischen Glückes aber schlugen sich Africa / Numidien / Getulien / Egypten /
Tebais / Pontus / Armenia / das Caucasische Reich / Persien /Indien / Hispanien
/ Macedonien / Tracien / Scytien / und Deutschland / und gaben durch alle ihre
Bezeugungen zu verstehen: dass der Römer über sie zuweilen, erlangten Vorteile
blosse Glücks-Streiche gewest wären / sie auch durch ihre Hertzhaftigkeit denen
Römern ein und andern vorsetzt hätten. Insonderheit aber waren Mohrenland /
Persien / Indien / Scytien und Deutschland der güldenen Fessel befreit; wormit
die andern Länder in diesem Schau-Spiele aufgeführet wurden. Sintemal Tiberius
allzu vorsichtig war / im Gesichte so vieler deutschen Fürsten sich durch
eitelen Ruhm / als wenn sie diese Länder bezwungen hätten / zu verstellen / und
dadurch zu neuer Verbitterung zu veranlassen. Unter denen Römischen
Kriegs-Häuptern war Appius Claudius Caudex der erste / der dem Glücke als dem
grossen Schutz-Geiste mehr Anteil von seinen Siegen enträumte / als seiner
eigenen Tapfferkeit zuschrieb; als welcher durch blosse Leichtgläubigkeit der das
enge Meer besetzenden Cartaginenser Gelegenheit gefunden hatte mit seinen
schlechten Schiffen in Sicilien überzusetzen / den König Hiero zu schlagen / und
den Cartaginensern den ersten Streich zu versetzen erlangte. In seinem Schilde
führte er einen einen Kopff / mit drei-gekrümmten Beinen / und drei
Weitzen-Eeren / als das Bild des drei Vorgebürge habenden und von ihm zu erst
angegrieffenen Siciliens. Hingegen fügte sich auf die Seite der Tugend der
Bürgermeister Postumius Magellus / welcher den Hannibal in Agrigent belägert
/den dasselbe zu entsetzen vermeinenden Hanno schlug / viel Elephanten und die
Stadt eroberte. Auf seinem Schilde stand die Stadt Agrigent / und darüber ein
Belägerungs-Krantz von Grase. Diesem leistete alsobald Cajus Duillius
Gesellschaft; welcher in sechzig Tagen nach dem Muster eines Africanischen
Schiffes die erste Kriegs-Flotte der Römer baute / und vermittelst der von ihm
ersoñenen Schiffs-Hacken /die viel geschicktere Flotte des Hannibals / welcher
hernach gekreutziget ward / in die Flucht schlug. In seinem Schilde führte er
das ihm hernach zu Rom auf dem Marckte aus Marmel aufgerichtete Sieges-Zeichen /
nämlich eine Seule mit drei Krieges-Schiffen. Dem Glücke aber fiel der
Bürgermeister Cneus Cornelius Scipio zu; welcher das Eyland Corsica gleichsam
ohne Widerstand einnam; die Kriegs-Schiffe der Stadt Cartago bei Sardinien / eh
es zum Hand-Gemenge kam / in die Flucht brachte; den Hanno erlegte / die Stadt
Olbia und fast ganz Sicilien mit geringer Müh bemeisterte. In seinem Schilde
führte er das Glücke / in Gestalt eines alten Weibes / welche in der rechten
Hand Feuer / in der lincken einen Wasser- führte. Diesem gesellete sich Marcus
Atilius Regulus bei; der Hamilcarn aus der See schlug / den ersten Fuss in Africa
setzte / denen Cartaginensern in einer andern See-Schlacht dreissig Schiffe
ersäuffte /drei und sechzig eroberte / in Africa die Stadt Clupea / und
zweihundert andere Städte / ihn aber das Gift des heuchelnden Glückes einnam:
dass er den angebotenen Frieden ausschlug / und vom Xantippus gefangen ward. Auf
seinem Schilde stand das Bild des Glückes; welches auf der am Flusse Bagradas
erlegten ungeheuren hundert und zwantzig Fuss langen Schlange / derer Haut zu Rom
in einem Tempel aufgehenckt war; gleich als wenn das Glücke / welches hernach
allem Africanischen Raub mit fast dreihundert Römischen Schiffen im Meere
verschlang / der grausamsten Schlange zu gleichen wäre. Eben dahin begab sich
auch Lucius Metellus / welcher Asdrubaln mit seinem von Weine angefüllten Heere
/ meist durch Schuld der Elephanten-Leiter / und der sich nähernden
Cartaginensischen Schiffs-Flotte aufs Haupt zu erlegen das Glück hatte. In
seinem Schilde führte er einen Elephanten; weil er selbte zuerst / und zwar
derer wohl hundert und zwantzig in seinem Siegs-Gepränge zu Rom eingeführt. Nicht
weniger schlug sich auch der lahme Bürgermeister Cajus Lutatius Catulus dahin;
welcher / ungeachtet seiner Verwundung / den Hanno zur See angrief / drei und
siebzig Schiffe eroberte / hundert und fünf und zwantzig zu Grunde richtete /
zwei und dreissig tausend Feinde gefangen bekam; dem Hamilcar auch zu Lande einen
Streich versätzte / Sicilien eroberte und die Ehre hatte / mit einem
vorteilhaftigen Frieden dem ersten Punischen Kriege ein glückliches Ende zu
machen. Im Schilde war eine brennende Fackel zu sehen; welche beim Anfange der
See-Schlacht am Himmel erschienen /und mit ihrer Spitze den Cartaginensern
alles Unglück gedräuet hatte. Hingegen lenckte sich Cneus Fulvius / welcher der
tapfferen Königin Corcyra nebst andern Eylanden und fast ganz Illyricum
abgenommen hatte / auf die Seite der Tugend. In seinem Schilde stand das Bild
der Tugend in der rechten Hand mit einem Schiff-Ruder / in der lincken mit einer
Pflugschar / zur Andeutung: dass es ihr gleiche gielte zur See oder zu Lande zu
fechten. Zur Tugend hielt sich auch der Bürgermeister Lucius Aemilius / welcher
den König Aneroest mit seinem mächtigen Heere der Gallier aus dem Felde schlug /
und den gefangenen König Britomar mit reicher Beute im Siegs-Gepränge einführte
/ hernach auch den Demetrius Pharius aus Illyris jagte. Im Schilde hatte er zwei
güldene breite Gürtel / zum Gedächtnis: dass die überwundenen Könige ein
Gelübde getan hatten ihre Gürtel nicht ehe als im Capitol aufzuschnellen. Titus
Manlius Torquatus aber fiel dem Glücke zu; weil er durch ein blosses Schrecken
die Bojen in die Flucht / und nach Erlegung etlicher zwantzig tausend sie zur
gäntzlichen Ergebung brachte. Im Schilde führte er das auff einem Pegasus
reitende Glücke. Cajus Flaminius hingegen verfügte sich zur Tugend / welcher /
ungeachtet der widrigen Wunder-Zeichen / die Insubrier angrieff und überwand;
auch erst nach erlangtem Siege des Römischen Rates Brief öffnete / darinnen ihm
zu schlagen verboten ward. Im Schilde hatte er den auff dem gestirnten Eridanus
stehenden Hercules; weil Flaminius zu erst sich über den Po gewagt hatte / zur
Andeutung: dass die Tugend auch über die Gestirne herrschte. Marcus Marcellus
begab sich zum Glücke; weil er nach dem Gelübde die schönsten Waffen der
Insubrer dem Feretrischen Jupiter zu wiedmen / von ihm beglückt ward / den König
Viridomar mit eigener Hand zu erlegen / Meiland und andere Städte zu erobern
/und ihre gäntzliche Unterwerffung zu erlangen. Hernach auch bei Nola Hannibaln
drei Streiche zu versetzen / und das abgefallene Sicilien / und insonderheit das
durch Archimedens Künste verteidigte Syracusa zu erobern. Im Schilde führte er
einen güldenen Harnisch mit der Bei-Schrifft: Fette Beute. Quintus Fabius
Maximus verfügte sich unter die Fahne der Tugend / welcher durch seine
vorsichtige Langsamkeit das die Römer durch den siegreichen Hannibal drückende
Unglück überwand / den Cartaginensern unterschiedene Streiche versetzte / und
die zu Rom verfallene Hoffnung aufrichtete. Im Schilde hatte er eine an einer
Spitz-Säule empor kriechende Schnecke. Eben dahin begab sich auch Lucius
Martius; welcher nach dem Publius und Cneus Scipio in Hispanien fast mit ihren
ganzen Heeren erschlagen worden / dem Glücke durch den Sinn fuhr / und 2. Läger
der Cartaginenser einbekam / 37000. Feinde erschlug. Sein Schild ward erobert
von 130. Pfund Silber mit darein geetzte Kopfe Asdrubals. Hierauf machte der
Africanische Scipio de Beiständen der Tugend ein grosses Ansehen; dessen
Tapferkeit die Jahre und das Glücke der Feinde überflog / Asdrubaln schlug /
Cartago in eine Tage / Hispanie inweniger Zeit bezwang / in Africa festen Fuss
setzte; den König Syphax und Hannibaln überwand / und dem andern Punischen
Kriege ein sieghaftes Ende machte. Im Schilde führte er eine Schlange / in
welcher Gestalt Apollo seine Mutter geschwängert und ihn gezeugt haben sollte.
Claudius Nero aber trat zum Glücke / als welches ihm fugte: dass er in Geheim in
des Livius Lager kam / und den hiervon nichts wissende Asdrubal mit sechs und
funfzig tausend Feinden erschlug. Hierauf Annibaln / dem er seines Brudern Kopf
fürwarff / zu bekennen nötigte: Er sehe nunmehr die unverhinderliche Gewalt des
Römischen Glückes über Cartago. Im Schilde führte er das mit sieben Sternen
gekrönte Bild der Stadt Rom. Lucius Furius / der Amilcarn und drei Feldherren
der Gallier mit fünf und dreissig tausend Feinden erlegte / trat auf die Seite
des Glückes. Seinen Schild zierete ein geflügelter Fisch; weil er diesen Sieg
nicht als Bürgermeister / sondern nur als Stadt-Vogt erhalten / und durch das
dem Furischen Geschlechte gleichsam wider die Gallier angedräuten Glücke sich
gleichsam über sein Element empor geschwunge hatte. Titus Quintus Flaminius
begab sich auf die Seite der Tugend; der mit Hülffe des Atta Attalus und der
Rhodier den Macedonischen König Philip zweimal schlug / Euböen einnahm / und
durch den ihm verliehenen Frieden Griechenlande die Freiheit erwarb. Im Schilde
war ein Nemeischer Sieges-Krantz von Eppich geetzet; weil die Griechen ihm zu
Ehren fünf Tage lang in dem Nemeischen Schau-Platze allerhand Schauspiele
hielten. Diesem gesellte sich Claudius Marcellus bei; welcher in dreien Treffen
gleichsam alle streitbare Leute der Gallier vertilgte /und einen unsäglichen
Schatz nach Rom brachte. Im Schilde führte er eine grosse güldene Kette / die er
aus der eroberten Beute dem Capitolinischen Jupiter angehengt hatte. Marcius
Porcius Cato rückte nichts weniger zur Seite der Tugend / durch welche er in
einem Tage viertzig tausend Feinde erschlug / ihr Läger eroberte und das
aufrührische Hispanien beruhigte. In seinem Schilde führte er den auf dem
Scheidewege sich zur Tugend lenckenden Hercules. Marcus Acilius Glabrio verfügte
sich zum Glücke / der mit seinem blossen Nahmen den wollüstigen König Antiochus
von Euböa verjagte / ohne Müh ihn bei der Termopylischen Enge zu Land und
Wasser schlug. Im Schilde führte er das Bild des Cumanischen Apollo / welcher
als ein Schutz-Gott Asiens beim Anfange dieses Krieges heftig schwitzte.
Publius Cornelius Scipio Nasica / der zu Rom den Ruhm und Nahmen des allerbesten
Mannes hatte / fügte sich der Tugend bei; welcher denen Bojen vollends den
letzten Streich versetzte / und sich den Römern zu ergeben zwang. Im Schilde
führte er das auf einem Ancker stehende Bild der Tugend. Aemilius Regillus aber
/ welcher mit Hülffe der Rhodier und des Windes des Königs Antiochus
Kriegs-Flotte / und darauf Hannibaln zu schlagen das Glücke hatte / schlug sich
auch gar gerne zu seinen Schoss-Kindern. Im Schilde führte er ein Schiff / darauf
das Glücke das Steuer-Ruder hielt. Gleicher gestalt schlug sich der Asiatische
Lucius Cornelius Scipio auf die Seite des Glückes; welches /als er gegen des
Antiochus an sechs mal hundert tausend Männern bestehendes mit Elephanten und
Sichel-Wagen umschanztes Heer zu schlagen anfieng /durch einen Platz-Regen den
Gebrauch aller Persischen Bogen zernichtete / und ihm so wohl den Sieg /als
Asien disseits des Taurischen Gebürges in die Hand spielte. In seinem Schilde
stand das Bild des an einen Palmbaum gebundenen Asiens / darein dieser Scipio
zum ersten übergesetzt hatte. Marcus Fulvius erkiesete nun wieder für die Tugend
zu stehen / welcher durch wunderwürdige Krieges-Künste die Stadt Ambracia / des
Pyrrhus Königlichen Sitz / und die Etolier mit denen Eylanden des Jonischen
Meeres sich zu ergeben zwang. Im Schilde führte er eine güldene Krone; weil die
Ambracier ihn mit einer andertalb hundert Pfund wiegenden beschenckt hatten.
Cneus Manlius aber musste es dem Glücke dancken: dass er die unversehens
überfallenen Galater so unbereitet antraff / sie in zweien Schlachten
übermannete und ins Gebürge trieb. Im Schilde führte er einen geflügelten
Hirsch. Appius Pulcher schlug sich gleicher weise zu dem ihm liebkosenden Glücke
/ indem die Istrier /welche des Cneus Manlius Lager gestürmt und erobert hatten
/ ihre Tugend und Vernunft in Wein vergruben / und mit ihrem trunckenen Könige
Apulo leicht zu überwinden waren. Auf seinem Schilde legte seine weisse Henne
ein gülden Ey. Titus Sempronius Gracchus / welcher die Celtiberier und ihre
Bunds-Genossen vollends unters Joch / und viertzig tausend Pfund Silber nach Rom
gebracht / wie nicht weniger die Sardinier gedemütigt hatte / stand bei der
Tugend. Er führte in seinem Schilde ein Panter-Tier /welches mit seinem
annehmlichen Geruche viel andere Tiere zu sich lockte. An eben selbigen Ort
verfügte sich der Uberwinder der streitbaren Lusitanier / Lucius Postumius
Albinus. Seinen Schild zierete das Sinn-Bild der Tugend ein voll güldener Aepfel
hängender Pomerantzenbaum. Quintus Marcius Philippus konnte der Uhrheberin seines
unvergleichliche Sieges /nämlich dem Glücke nicht entfallen; welches ihn über
Berge / die kaum Vögel überfliegen konten / in das mit Waffen sorgfältig
verwahrte Macedonien leitete /und dem Könige Perseus eine solche Furcht
einjagte: dass er seine Schätze ins Meer versenckte / seine Schiffs-Flotte
verbrennte / und sich in Samotracien in einen Tempel flüchtete / woraus er aber
gelocket und zu Rom in dem dreitägichten Siegs-Gepränge eingeführt ward. Im
Schilde führte er den Castor und Pollux; welche ihm im Kriege beigestanden / und
noch selbigen Tag seinen Sieg zu Rom verkündigt haben sollten. Lucius Anicius
machte sich zum Verteidiger des Glückes; welches ihm ehe die Haupt-Stadt Scorda
/ mit dem Könige Gentius und ganz Illyris in die Hände warff / ehe man zu Rom
vom Anfange des Krieges hörte. In seinem Schilde spielte das Glücke des Balles.
Eben dahin begab sich Quintus Cäcilius Metellus / welchem des Andriscus Torheit
zum Werckzeuge seines Glückes diente: dass er ihm zwei Schlachten abgewaan /
ganz Macedonien wieder eroberte / und die Celtiberier schlug / und die
Balearischen Eylande demütigte. Im Schilde stunden die drei Parcen geetzet.
Hingegen gab dem Teile der Tugend einen herrlichen Glantz Publius Scipio
Aemilianus; welcher durch Zerstörung der mächtigen Stadt Cartago und des
hartnäckichten Numantia / der Tugend zwei grosse Schlösser gebaut. Im Schilde
führte er das an einem Granat-Apfel-Baum angebundene Africa. Lucius Mummius aber
schrieb es nicht so wohl seiner Tapferkeit als dem Glücke zu: dass er die Achäer
so leicht in die Flucht brachte / und die offengelassene Stadt Corint / oder
vielmehr das Wunder der Welt und der Kunst in kleinen Staub zermalmen konnte. In
seinem Schilde stand das Haupt der Venus /als das Wappen der Stadt Corint.
Decius Junius Brutus pflichtete der Tugend bei / welcher durch seine Klugheit
mit wenig Volcke über funfzig tausend Galläcier und Lusitanier in einer Schlacht
erlegte /und beide Völcker zum Gehorsam brachte. In seinem Schilde schmiedete
die Tugend auf einem Ambosse das Bild des Glückes. Diesem leistete Cajus Sextius
Gesellschaft / welcher die Ligurier / Vocontier und Salluvier in einem
fünfjährigen Kriege zum Gehorsam gebracht / und eine von warmen Brunnen berühmte
Stadt nach seinem Nahmen gebauet hatte. In seinem Schilde stand Hercules / wie
er die vielköpfichte Schlange tödtete. Cneus Domitius aber erkiesete seinen
Stand beim Glücke / weil er durch das Brausen der Elephanten die Allobroger
trennte / ihrer wohl zwantzig tausend erschlug / auf einem Elephanten durch
Gallien herumb zoh / und das erste Sieges-Mahl aus Steine aufrichtete. Im
Schilde ward gebildet eines siegenden Elephanten / und eines erdrückten Drachen
Streit. Eben dahin schlug sich Quintus Fabius Maximus / welchem das Glücke den
Unverstand des Königs Bituit derogestalt zu statten kommen liess: dass er mit gar
wenigem Verlust 50000. Arverner und Rulhener entweder mit den Schwerdtern
tödtete / oder im Rhodan ersäuffte. Im Schilde stand ein Falcke /welcher eine
grosse Menge Vögel jagte. Herentgegen schlug sich Marcus Drusus zur Tugend / der
die streitbaren Scordisker in Tracien geschlagen und über den Ister getrieben
hatte. Im Schilde führte er ein Schwerdt / welches den Gordischen Knoten entzwei
hieb. Eben dahin schlug sich Quintus Metellus der durch seine wachsame
Tapferkeit durch unterschiedene Siege die Scharte gegen den schlauen und
streitbaren Jugurta auswetzte / und sich guten teils Numidiens bemächtigte.
Also den Nahmen des Numidischen erwarb. Im Schilde führte er als ein Sinne-Bild
der Wachsamkeit den Drachen / welcher die Hesperischen Aepfel bewachte.
Insonderheit aber machte der sich der Tugend zugesellende Marius / welcher sich
iederzeit für einen Feind des Adels und Glückes erkläret / ein grosses Ansehen.
Sintemal dieser die unüberwindliche Stadt Capsa erobert / neuntzig tausend
Mauren / Numidier und Getulier unter dem Könige Jugurta und Bocchus erschlagen
/ und dieser jenen dem Sylla einzuliefern gezwungen / aus dem Rhodan einen
schiffbaren Graben ins Meer geführt / der Ambronen / Teutonen und Cimbern eine
unsägliche Menge erlegt / und Rom von augenscheinlichem Untergange errettet
hatte. In seinem Schilde führte er einen eisernen Ring / als ein Sinne-Bild der
nackten Tugend ohne Zierde des Adels oder anderer Glücks-Gaben / welchen Marius
auch lange / nachde er schon etliche mal Bürgermeiser gewest war / am Finger
führte. In diesem Ringe aber stand ein güldener Adler / welchen Marius am ersten
zum fürnehmsten Zeichen der Legionen brauchte. Hingegen wendete sich zum Glücke
Quintus Catulus; ob er schon an dem grossen Siege über die Cimbern mehr als
Marius Teil hätte; weil jener ein und dreissig; dieser aber nur zwei
Kriegs-Fahnen erobert / und die meisten Todten in ihren Leibern Geschoss hatten /
die mit des Catulus Nahmen bezeichnet waren. Sintemal er diesen mehr dem
anfänglichen Nebel / und der hernach die Cimbern drückenden Sonne / als der
Römischen Tugend zuschrieb; und destwegen zu Rom dem Glücke des Siegs-Tages
seinem getanen Gelübde nach ein Gedächtnis baute. Im Schilde führte Catulus
eine Angel / mit welcher ein güldener Drei-Fuss aus dem Wasser gezogen ward. Der
Tugend aber fügte sich Titus Didius bei; welcher in Tracien die Skordisker
demütigte / in Hispanien die Celtiberier / Pacceer / Termestiner / Colendenser
durch Tapferkeit überwältigte / und durch nächtliche Verbergung seiner Todten
sie zu Beliebung eines ihnen vorgeschriebenen Frieden bewegte. In seinem Schilde
führte er einen Löwen / welcher etliche Schwerdter in Stücke brach. Diesen aber
hielt die Wage das grosse Ungeheuer des Glückes Lucius Sylla / welcher die
Cappadocier und Armenier schlug; Ariobarzanen zum Könige einsetzte; vom
Partischen Könige durch Botschaft verehret ward; Aten und Griechenland
eroberte; den Archelaus und die Tracier in vielen Schlachten überwand / und dem
grossen Mitridates einen vorteilhaften Frieden abzwang. In seinem Schilde
führte er so wohl / als sonst im Siegel die ihm geschehene Ubergebung des Königs
Jugurta; an einer seiner Seite aber die ihm beistehende Minerva / an der andern
das Glücke. Hierentgegen wendete sich zur Tugend Cajus Scribonius Curio an;
welcher die Dardaner überwältigte / und unter den Römern zum ersten biss an Ister
drang. In seinem Schilde lag der sich auf einen Wasser-Krug stützende Ister /
darauf die mit ihm sich vermählenden neun und sechzig Flüsse gegraben waren.
Diesem folgte aber zum Glücke Lucius Lucullus; welchem das Glücke durch Hunger
und andere seltzame Zufälle fugte des die Stadt Cyzicus belagernden Mitridates
Heer zu vertilgen / seine Schiffs-Flotte zu schlagen / und ihn aus Bitynien zu
verjagen; den König Tigranes in Armenien zu übermeistern; Tigranocerta und die
Stadt Nisibis in Mesopotamien einzunehmen. In seinem Schilde führte er den an
Caucasus angeschmiedeten Prometeus / weil er unter den Römern am ersten über
das Taurische Gebürge gedrungen war. Eben dahin verfügte sich Quintus Cäcilius
Metellus / welcher dem Eylande Creta das Römische Joch anlegte / und davon einen
Zunahmen erwarb. Sein Schild bildete den Minotaurus im Irrgarten ab / daraus
sich Teseus durch Ariadnens Fadem ausflochte. Nach diesem gab der grosse Cneus
Pompejus der Tugend keinen geringen Glanz; der Africa zum Gehorsam brachte / die
See-Räuber ausrottete / des Sertorius Anhang vertilgte /den Mitridates des
Nachtes durch Hülffe des Monden aufs Haupt erlegte / denen Iberiern / Caspiern
und Albaniern ein Schrecken einjagte / die Colchier demütigte / die erste
Brücke über den Euphrates schlug / Artaxata und Jerusalem eroberte; Syrien /
Phönicien / Cilicien dem Tigranes wegnam / die Araber und Parter Rom zu
verehren nötigte. In seinem Schilde war abgebildet / wie der mächtige Tigranes
den Degen von sich gab / und seine vom Haupt genommene Krone dem Pompejus zun
Füssen legte. Nach ihm schlug sich Marcus Porcius Cato / welcher Cypern eroberte
und von dar grosse Schätze nach Rom brachte /zur Tugend. In seinem Schilde
führte er einen Phönix als ein Bild der Unsterbligkeit. Hingegen ward die Seite
des Glückes vom Cajus Julius Cäsar verstärcket / und von seinem Glantze so sehr
erleuchtet / als es ihm in Uberwindung Ariovistens und ganz Galliens /in
Bestreitung Britanniens / in Erlegung des Bosphorischen Königs Pharnaces / und
in seiner Erhöhung über alle Römer unabsätzlich an der Hand gestanden hätte. In
seinem Schilde waren die zwei Seulen des Hercules mit der Uberschrifft: Noch
weiter. Unter denen Römischen Feldherren liess sich auch der Vater der
Beredsamkeit Marcus Tullius Cicero sehen; welcher die Cilicier hertzhaft
übermeisterte. In seinem Schilde führte er einen mit Federn gefiederten Pfeil.
Ihm folgte Asinius Pollio / aber auf die Seite des Glückes; weil dieses ihm
einen herrlichen Sieg über die Parten und Dalmatier verlieh. Im Schilde hatte
er das Bild des Glückes / welches in einer Hand einen Mässstab / in der andern
eine Wünschel-Rutte führte. Hierauf erschien Publius Ventidius; welcher die
Parten einmal an dem Taurischen Gebürge / das andermal bei Zeugma am Euphrates
/ und mit ihnen des Königs Sohn Pacor aufs Haupt erlegte. In seinem Bilde stand
ein von der Sonn erleuchteter Mohnde; vielleicht / weil Ventidius bei diesen
Siegen vom Marcus Antonius seinen Hang hatte. Nach ihm verfügte sich Cajus
Sossius zum Glücke / der die Aradier und Juden überwand / ihren König Antigonus
kreutzigte / und ihnen Heroden fürsätzte. In seinem Schilde war das Jüdische
Land an einen Palm-Baum gebunden. Eben dahin sätzte sich auch Publius Canidius
Crassus; dessen Glücke das Caucasische Gebürge überflog / als er den König der
Iberier Pharnabazes /und den König der Albanier Zoberes zum Gehorsam brachte. In
seinem Schilde führte er den am Caucasus angebundenen Prometeus / welchem ein
Adler die Leber ausfrass. Nach ihm wendete sich auf die Seite des Glückes Lucius
Autronius Crassus; welcher über die Japyger / Dalmatier / Pannonier und
Africaner ein Siegs-Gepränge hielt. In seinem Schilde war Livia gebildet;
welcher ein Adler eine weisse in dem Schnabel einen Lorber-Zweig haltende Henne
in die Schoss fallen liess. Zur Tugend aber hielt sich Marcus Crassus; welcher der
Dacier / Bastarnen / Geten / Mysier und Scyten Meister ward. Im Schilde war
Hercules zu schauen / der an einer Kette den drei-köpfichten Cerberus führte.
Hingegen rückte Cajus Petronius / welcher die Königin Candace mit ihren Mohren
aus Tebais verjagte / in Mohrenland drang / auch nebst vielen andern Städten
ihren königlichen Sitz Tanape eroberte. Im Schilde war Ulysses gebildet; wie er
dem Polyphemus das Auge ausstach; wordurch zweifelsfrei auf den Sieg wider die
einäugichte aber behertzte Candace gezielet ward. Hingegen verfügte sich
Cornelius Cossus / der mit grosser Tapfferkeit die Getulier überwältigt und von
ihnen einen Zunahmen erworben hatte / zu dem Hauffen der Tugend. In seinem
Schilde stand ein geflügelter Löw an eine Seule angebunden. Endlich erwehlete
auch Claudius Drusus für die Tugend zu stehen; welcher die Rhetier überwunden /
und die Römischen Waffen in Deutschland bis an die Elbe gebracht hatte. Sein
Schild prangte mit der aufgehenden Sonne / welche alle andere Sternen
verdüsterte. Ein jeder dieser Römischen Kriegs-Häupter hatte zwei Waffen-Träger
/ derer einer den Schild / der andere einen Spiess trug. Wie bund nun so wohl ihre
Kleider / Binden und der Römischen Feldherren Pferde im Aufzuge durch einander
vermischt waren; so ereignete sich doch nach ihrer Absonderung: dass die Helffte
derer sich zur Tugend gesellenden Helden Pferde schwartz / mit grünen von Silber
durchwünckten Decken belegt / ihre Waffen-Träger auch alle in grünes Silberstück
gekleidet; die andere Helffte der Pferde Perlen-Farbe / ihre Decken Gold und
Silberstück / ihre Waffen-Träger auch also ausgeputzt waren. Die eine Helffte
derer zum Glücke sich schlagenden Helden hatte äpflichte Blau-Schimmel mit
Himmel-blauen Goldstückenen Decken / die andere Helffte Füchse mit
Rosen-farbicht-goldstückenen Decken. Nach welcher Art denn auch ihre Waffen-
aufzohen; und also auch allhier der vier-färbichte Aufzug des grünen Frühlings
und der Erde / des schnee-weissen Winters und des Wassers / des neblichten
Herbstes und der Lufft / des Rosen-reichen Sommers und des Feuers fürgebildet
war. So bald nun die Tugend mit einem weissen Tuche das Zeichen gab; machten
sich die grünen und blauen Schild-Träger herfür / und flochten mit ihren
Schilden / an statt der sonst von Fechtern bräuchigen ertztenen Platten aufs
zierlichste nach dem Klange der Flöten gegen einander. So bald die Tugend und
das Glücke das andere Zeichen gab; verfügten sich diese in ihre Reie; und
gerieten die weissen und roten Schild-Träger in einem künstlichen Ringen / wie
entweder von Bären oder dem Hercules soll gelernet / und vom Marcus Scaurus in
Schau-Platz gebracht worden sein / nach dem Schalle der Schallmeien an einander.
Sie hielten sich aber alle so wohl: dass unter denen ersten keiner einen Streich
versah / unter den letzten keiner zu Bodem fiel; ungeachtet sie nicht nackt und
nicht an Gliedern eingeölet waren. Nach dem dritten Zeichen machten sich die
grünen und blauen Spiess-Träger herfür / und hielten in einem zierlichen
Waffen-Tantz; derogleichen Pallas nach überwundenen Titanen erfunden und Romulus
in Rom eingeführt haben soll /mit ihren Spiessen ein künstliches Gefechte. Die
weissen und roten Spiess-Träger aber hielten von der Ost- der West-Seite einen
Wette-Lauff; darinnen aber allzugleich das dem aus Schwanen-Eyern gebohrnen
Castor und Pollux zu Ehren mit Eyern oben ausgezierte und dreigespjetzte Ziel
erreichten. Rom gab hierauf selbst ein Zeichen; worauf Africa mit seinen Drachen
/ Asien mit seinen Kamelen / und Europa mit seinen Pferden den Schau-Platz
dreimal umbrennten / und ein jedes einmal den Vorsprung erhielt. Nach diesem gab
Africa ein Zeichen; so rennten auf Seiten der Tugend Mauritanien / Cyrene /
Libyen /beide Mohrenlande / auf Seiten des Glückes Africa /Numidien / Getulien /
Egypten / Tebais zehnmal mit einander. Die von denen Richtern aber auff dem
Ziele aufgerichteten Meer-Schweine / welche entweder wegen ihrer Geschwindigkeit
/ oder weil sie dem Neptun / als dem Schutz-Gotte dieser Spiele / gewiedmet sind
/ zu Merckmaalen des Sieges erkieset worden / erwiesen: dass iedes land einmal
den Vorteil erreicht hatte. Nicht anders lieff es mit dene zehn gegen einander
rennende Ländern Asiens ab / als dies das Zeiche gab; und mit dene zehn
Europäischen / als sie gleicher gestalt zehnmal den Renn-Platz umbrennten. So
bald die Länder in ihren Stand gediegen waren /gab die Tugend aufs neue ein
Zeichen / worauf die Schild- und Lantzenträger ihren Helden die Waffen
zureichten; die Trompeten aber die Pferde zum Kampfe anfeuerten. Worauf denn ein
Trojanischer Kampf /welchen die Curetes in Creta umb den jungen Jupiter zum
ersten gehalten; Eneas und Ascanius aber aus Phrygien in Italien gebracht haben
sollen / seinen Anfang nahm. Anfangs traffen der Tugend grüne Reiterei auf des
Glückes blaue- hernach auf die rote; die weisse aber anfangs auf die rote /
hernach auf die blaue; und also ferner Wechsels-weise / dass bald einer verfolgte
/ bald flohe / bald wieder entsetzt ward / und einem andern Hauffen in die Eisen
zu gehen Gelegenheit fand. Wer auch in einem Hauffen einmal der erste gewest war
/ ward hernach der andere / und so fort / biss er endlich der funfzehende oder
letzte ward /und ein ieder mit einem ieglichen seines Gegenteils /nämlich
dreissig mal zu treffen kam. Die Angrieffe geschahen mit Pfeilen / Lantzen und
Wurff-Spiessen nicht ohne Verwunderung: dass von so vielen / wiewohl stumpff
gemachten Geschossen / niemand sonderlich verwundet ward. Als das Treffen der
Helden nach der Reihe herumb war / ging auf gegebenes Zeichen zwischen den
Ländern ein neues und zwar funfzehnsaches Rennen an. Denn die Africanischen
rennten anfangs mit des Gegenteils Africanischen /hernach mit den Asiatischen /
endlich mit den Europäischen; also dass iedwedes der Tugend beistehendes Land mit
einem ieglichen des Glücks zu rennen kam. Gleichwohl aber stiess kein einiges /
wenn es gleich dem andern durch einen engen Kreis den Vorteil abzurennen
trachtete / an die Ecken des Zieles an. Die wohl abgerichteten Pferde täten so
wohl als die Führer ihr Ampt wunderwürdig. Beim Schlusse aber ereignete sich:
dass einem ieden von denen am Ziele verordneten Richtern ein Ey oder ein
Meer-Schwein aufgerichtet / und ein Palm-Zweig in die Hand gegeben worden war;
also der Zwist umb den Vorzug der Tugend und des Glückes so zweifelhaft blieb /
als er im Anfange gewest war. Hiermit aber war weder die Tugend noch das Glücke
vergnügt; sondern sie gaben denen Römischen Kriegs-Häuptern zu einem neuen
Kampfe das Zeichen. Diese rüsteten sich auch zu einem noch heftigern Angrieffe;
es kam aber die in der Mitte der Renne-Bahn auf einer hohen Säule stehende
Göttin des Sieges zwischen beide Teile geflogen /gab mit ihrem Palm-Zweige ein
Zeichen vom Kampfe abzustehen / und fieng singende an:
Was bildet ihr / ihr Sterblichen euch ein?
Meint ihr: dass eure Macht und Stärcke
Der Herrschaft und des Sieges Uhrsprung sein?
Nein! Sie sind meiner Hände Wercke.
Ich bin / die Welt und Rom als Göttin betet an;
Weil ich nur Sieg verleihn / und Friede stifften kann.
Zwar Tapferkeit / Gelück und Tugend sind
Der Werckzeug meiner Helden-Taten.
Wenn aber nicht mein Arm die Schlacht gewinnt /
Pflegt Tun und Anstalt misszuraten.
Zevs / Phöbus und Neptun braucht selbst Blitz / Pfeil und Stab
Umbsonst / wenn meine Faust nicht ihr Geschoss drückt ab.
Drumb krönt mein Bild fast iedes Heiligtum;
Rom setzt mich Jupitern zur Seiten;
Baut mir drei Tempel / meinen Ruhm
Für andern Göttern auszubreiten;
Und des von Pessimunt gebrachten Kriegs Gotts Bild
Kam in mein Haus / eh' es ein sonderlichs erhielt.
Der Himmel hat mit Flügeln mich versehn /
Die Silber / Gold und Purpur schmücken.
Weil ja / wohin sich meine Federn drehn /
Die Sonn' und Glücks-Gestirn' hinblicken.
Wenn sich die roten rührn / so siegt man durch viel Blut /
Mein Gold schafft leichten Sieg und reiches Friedens-Gut.
Mein Fuss ist nackt und ausgestreckt / ein Ziel
Bald zu erreichen / bald zu lassen.
Mein flügend Haar und Kleid der Winde Spiel /
Weil niemand mich vermag zu fassen.
Mein Lorber-Krantz bleibt zwar vom Donner unverletzt;
Manch Sieger aber wird in Graus und Staub versetzt.
Wie flüchtig und wie schnell ich gleich nun bin /
Offt Nord / Sud / Ost und West durchreise /
So mein' ich mich doch wo zu setzen hin /
Wo man mich nicht als Gästin speise.
Ich habe 's Capitol zum Heerd und Hof erklärt /
Eh' Hiero nach Rom mein gülden Bild gewehrt.
Als ich zu Babel gleich noch Wirtschaft trieb /
In Persen mich als Gast verweilte /
In Griechenland kaum über Nacht verblieb /
Und gleichsam auff der Post durcheilte;
Trug mich bereit nach Rom mein ganzes Hertz und Sinn /
Das mich als Schutz-Geist / und wo ich Haus-Gott bin.
Wo Rom mir Spiel und jährlich Feier hält /
Mein Bild in Tempel und Gemächer /
Ins Rat-Haus / Marckt und Renne-Bahnen stellt /
Und auf der Heiligtümer Dächer;
Ist iemand auch der Zahl der Götter einzuweihn /
Der muss empor geführt auf meinen Flügeln sein.
Wo ich nun soll beständig kehren ein /
Altar und Tempel mir erwählen /
Muss Tugend und Gelück Geschwister sein /
Und dieses jener sich vermählen.
Wo Tugend und Gelück in Rom nun Hochzeit hält /
Werd' ich ein Leit-Stern sein / und mein Magnet die Welt.
Kein Volck wird sich nicht weigern Gras
Dem Sieges-reichen Rom zureichen.
Die Tiber wird verehren Phrat / Nil und Maass /
Das Meer für ihr die Segel streichen;
Der Mohr die Renne-Bahn mit Kreide machen weiss;
Dem Ganges werden warm / dem kalten Belte heiss.
    Der Sieg machte bei währendem Singen gegen Rom die freundlichsten
Bezeugungen; nach seinem Schlusse aber fieng die Tugend und das Glücke zugleich
an:
Lebt in der ganzen Welt
Ein Geist von solcher Güte?
Ein so vollkommen Held?
Ein solch erlaucht Gemüte?
Wo Tugend und Gelück vereinbart leben kann /
Das nie kein Laster schwärtzt / kein schwartzer Stern scheint an.
    Der Sieg versetzte alsofort:
Ich weiss: dass Glück' und Tugend Feinde sind /
Dass beide sich als Spinnen hassen.
Wen aber das Verhängnis lieb gewinnt /
Dem muss die Schlang' ihr Gift weglassen.
Und in der güldnen Zeit / die Rom beglücken soll /
Wird sich Wolff / Lam' / und Löw' / und Hahn vertragen wohl.
Es lebt in Rom ein Held von solcher Art /
In welchem Tugend und Gelücke
Wie Zwillinge zusammen sind gepaart
Dem nie kein Anschlag geht zurücke.
Die Ehre wird ihn euch bald zeigen mit viel Pracht /
Seid nur nach seiner Würd' ihn zu verehrn bedacht.
    Der Sieg hatte nicht so bald geschlossen / als das gegen Mittag gehende Tor
der Renne-Bahn sich öffnete / und dreissig in roten mit silbernen Borten
verbrämten Scharlach gekleidete Trompeter hinein geritten kamen. Diesem folgte
ein von sechs Löwen gezogener grosser Wagen aus Stahl. Der Fuhrmann war das
Schrecken; welches ein geharnschtes Ungeheuer mit einem Drachen-Kopfe und einem
Schlangen-Schwantze vorbildete. Oben auf dem Wagen sass der Kriegs-Gott in einem
vergüldeten Helme und Harnische. In der rechten Hand führte er eine Lantze / in
der lincken einen güldenen Schild / in welchem Romulus und Remus an einer Wölfin
saugten. Unter ihm stand die Raserei in Gestalt einer Unholdin. Ihr Leib war mit
Tyger- und Leoparder-Häuten behangen. In der lincken Hand hatte sie einen
silbernen Schild /darinnen der Blitz mit beigesetzten Worten: Mir mangelts nie
an Waffen / gebildet war. Mit der rechten Hand reichte sie dem Kriegs-Gotte von
dem vorhandenen Hauffen Waffen eine Hand-voll Wurff-Spiesse und Pfeile zu. Auf
der einen Seite des Wagens giengen die drei Unholden; auf der andern drei
Cyclopen mit Keulen. Nach diesem kamen auf Maul-Tieren dreissig in grünen Damast
und Gold gekleidete Jungfrauen geritten / welche auf Lauten / Zittern /Flöten /
und andern lieblichen Säitenspielen sich erlustigten. Ihnen folgte ein grosser
von zwölff Hindinnen gezogener Wagen in Gestalt eines Lust-Gartens. Unten sass
auf einer Seite die in weiss Silberstück gekleidete und mit einem Lorbeer-Krantze
gezierte Eintracht. In der rechten Hand trug sie einen mit Schlangen
verflochtenen Herold-Stab / wie Mercur; in der lincken zwei zusammen geknüpffte
Hertzen. Auf der lincken Achsel sass ihr eine Krähe / zu ihren Füssen stand ein
Geschirre voll Honig / und eines voll Milch. Auf der andern Seite sass die in
Purpur gekleidete /und mit Wein-Blättern gekräntzte Freudigkeit. In der rechten
Hand hatte sie drei Zimbeln; in der lincken ein Gebund Weintrauben. Zu den
Füssen stand ein gefüllter Oelkrug. Oben sass auf zwei zusammen geflochtenen
Oelbäumen der Friede in einem langen Rocke von Goldstücke. Das Haupt war mit
einer güldenen Schiffs-Krone gekräntzet; vielleicht des Augustus Siege bei
Actium zu Liebe. In der rechten Hand hatte der Friede einen Mässstab; in der
lincken Hand ein Horn des Uberflusses. Auf der lincken Achsel sass eine weisse
Taube. Den Wagen umbgab der Hirten-Gott mit zwölf Satyren / welche alle nur
ersinnliche Feld- und Garten-Früchte trugen. Nach ihnen kam ein Hauffen junger
gerüsteter Römer zu Fusse / und hernach ihrer nicht weniger zu Pferde. Sie
führten ihre gewöhnliche Krieges-Zeichen. In ihren aufgestreifften Armen waren
die eingebrennten Buchstaben M und R zu lesen; wormit die Römer ihre neuen
Kriegs-Leute zeichneten. Ihnen folgten zwölf mit zwei- acht mit sechs -und sechs
mit vier Pferden bespannte Renne-Wagen; Ein Hauffen mit Oel eingeschmierter
Ringer /gepantzerte Fechter / zwölf geflügelte Wetteläuffer /welche die zwölf
Nahmen der Winde auf der Stirne führten. Wie nun diese durch allerhand seltzame
Streiche und Gebehrdungen ihre Begierde zum Ringen / Kampfe und Rennen
andeuteten; also machten die nachfolgenden Jünglinge und Knaben durch ihre
Waffen-Täntze / die mit Epheu umbwundenen Bacchen und Wald-Götter durch ihre
seltzamen Sprünge aller Zuschauer Augen munter. Ihnen folgte eine grosse Menge
Pfeiffer mit Krumhörnern / Trompeten und Cytern / wie auch Opffer-Diener /
Priester mit Ochsen / derer Hörner und Klauen / wie auch mit Widdern / derer
Stirnen vergoldet / die Wolle aber mit Schnecken-Blute gefärbt waren. Nach ihnen
trugen immer vier und vier Römische Edelleute ertztene Bildungen; welche den
Fussfall des Lepidus / des Antonius Ermordung / der Partischen Gesandten
Zurückbringung der dem Crassus abgenommenen Adler / der Indianer Verehrung und
andere wichtigste Ehrenmale des Käysers August fürstellten. Hierauf wurden die
Bilder der zwölf grossen Götter eingeführet. Jupiters güldenen Wagen zohen zwölf
Adler / des Apollo vier schneeweisse Hengste / des Neptun zwei Wasser-Pferde /
des Mercur vier Kranche / des Vulcan drei Molossische Hunde / des Mars zwei
Wölffe / der Juno vier Pfauen / der Vesta zwei Löwen / der Minerva neun
Nachteulen / der Ceres zwei Stutten / der Diana vier Hirsche / der Venus zwei
Schwanen / zwei Tauben / zwei Sperlinge. Hierauf erschien ein ganz güldener
Wagen / welcher von schneeweissen mit silbernen Flügeln gefiederten Pferden
gezogen ward. Die Räder waren purpurfärbicht / die Schinen Silber. In desselben
Mitte stand eine über und über mit Egyptischer Bilder-Schrifft bezeichnete
Spitz-Seule; und oben darauf eine güldene Kugel / als das rechte Sinnen-Bild der
Ehre. Den Fuss dieser Seule umbarmte mit der lincken Hand die Ehre; welscher
Gold-gekrauste Haare an statt des Krantzes mit einem güldenen Ringe umbgeben
waren. Auf ihrer rechten Seite stand das Bild des güldenen Glückes / auf der
lincken das Geschrei; dessen Flügel von Golde / das Kleid von Silber / und in
dis lauter Augen und Ohren gestückt waren. Sie hatte eine silberne Trompete in
der rechten; in der lincken den gestirnten Steinbock in der Hand; darein mit
eitel zusammen gesätzten Sternen der Nahme: Augustus / geschrieben war. Hinter
ihnen sassen zehn Sibyllen / nämlich: die Delphische Daphne / die Erytreische
Heriphile / die Cumäische Deiphobe / die Samische Heriphile / die Cumanische
Amaltea / die Hellespontische / die Libysche / die Persische Sambeta Noe / die
Phrygische und die Tuhurtinische. Nach diesem sah man einen von allerhand
Edelgesteinen schimmernden zweirädrichten Wagen von sechs sehr grossen
Elephanten ziehen; welche mit Perlenen Halsbändern / Rubinenen Bruststücken /
Goldgestückten Rücken-Decken prangten; und derer Zähne / Schnautzen und Ohren
vergüldet waren. Auf diesem heiligen Wagen sass einer / der dem Käyser August /
wie er in seiner Jugend ausgesehen / ziemlich gleichte. Sein Kleid starrte von
Diamanten. Sein Haupt trug einen mit Rubinen versätzten Lorber-Zweig. In der
rechten Hand hatte er einen Palm- und Oel-Zweig / in der lincken eine
Welt-Kugel. Uber ihm stand eine Sonne / unter ihm der Mohnde von Edelgesteinen.
Nach ihm kamen zwölf Sieges-Wagen / mit der Beute der Völcker / welche solche
Wagen begleiteten. Zuletzte kamen die Priester der zwölf grossen Götter / die
Vestalischen Jungfrauen / eine Anzahl Römischer Obrigkeiten / und hundert
betagte Römer wie Ratsherren gekleidet. Dieser Aufzug nam die andere Helffte
der Rennebahn in Gestalt eines halben Mohnden ein; nach dem die vorigen sich in
dem andern zusammen gezogen hatten. Der den August führende Wagen stellte sich
mitten unter den Bildern der zwölf Götter der Göttin Rom / der Wagen der Ehre
der Tugend / der des Geschreies dem Glücke / und die zwei des Krieges und des
Friedens recht gegen über; also dass die zwei weissen das Ziel andeutende Striche
sie unterschieden. Rom und August gaben zugleich denen mit Ruten von
Oel-Zweigen aufziehenden Opffer-Knechten ein gewisses Zeichen /worauf sie zwölf
Ochsen und hundert Widder abschlachteten / abwuschen / die Priester einweiheten
/und auf denen dreien Altaren / welche in dem mitlern Rückgrade der Rennebahn
denen grossen vermögenden und mächtigen Göttern opfferten. Nach vollbrachter
Opfferung fieng der auf seine Seule geflogene Sieg zu singen an:
Komm Eintracht! komm! vergrösser' unsre Lust!
Vermähle Tugend und Gelücke /
Vermähle Fried' und Krieg / Rom dem August.
Grossmächtiges Verhängnüs schicke:
Dass ihre Eh gebähr' uns eine güldne Zeit /
Die Rom mit Ehre krönt / die Welt mit Sicherheit.
    Bald hierauf stieg die Eintracht unter dem Klange der annehmlichsten
Säitenspiele vom Wagen des Friedens / und verfügte sich zu dem des Krieges;
versätzte mit ihrem Schlangen-Stabe der Raserei / und denen Unholden einen
Streich / worvon sie sich in so viel holde Jungfrauen verwandelten. Denen
Cyclopen gab sie ein Stücke Gold / daraus sie auf einem kleinen Amboss sechs
zierliche Ringe schmiedeten. Hierauf trat die Eintracht in die Mitte / und sang:
Nun Grimm und Raserei /
Und Unhold ist vorbei /
So steht euch nichts nicht mehr / Verlobten / in dem Wege.
Weil es die Welt begehrt /
Der Himmel es gewehrt /
So nähert euch / und macht unendliche Verträge.
Hierauf rückte unter dem Schalle der Trompeten anfangs Friede und Krieg zusammen
/ dieser Hände drückte die Eintracht zusammen / gab ihnen zwei Ringe / welche
sie gegen einander verwechselten. Der Sieg sang hierzu:
Wo die Vernunft des Sieges Ruder führt /
Sein Zweck auf Schirm und Friede zielet;
Wo Unschuld bleibt von Waffen unberührt /
Man nicht mit Treu und Eyden spielet;
Da lässet Fried' und Krieg gelücklich sich vermähln /
Und unter's höchste Gut ein herrlich Sieg sich zähln.
    Hierauf rückte die Tugend und das Gelücke Rom und August zusammen; also dass
sie alle vier einander mit den Händen erreichen konten. Diese alle verknüpffte
die Eintracht zusammen / und vermählte sie mit vier Ringen / welche sie einander
selbst übers Kreutze zureichten. Der Sieg sang hierzu:
Nun jauchze / Rom! und prange ganze Welt /
Mit Palmen-Zweig- und Sieges-Pferden!
Denn / wenn Gelück und Tugend Hochzeit hält /
Geneust's der grosse Kreis der Erden.
Und Rom kriegt / wenn August schleust Janus Tempel zu.
Den Lorber-Krantz / die Welt den Oel-Zweig süsser Ruh.
    Hiermit rückten die Vermählten ein wenig von sammen / und drehten mit ihren
Wagen dreimal einen Ring. Die Ehre fuhr hierauf darzu / und sätzte der Tugend /
dem Glücke / Rom / und dem August eine perlene Krone auf. Das Geschrei bliess in
ihre Trompete /und die Sibyllen sangen darzu:
Meer / Himmel und die Erd' empfinden
Vereinbarter Gestirne Krafft.
Wenn sich nun Götter selbst verbinden /
Muss ihrer Tugend Eigenschaft
Ja wie der Perlen-Tau im Meien /
Viel gutes auf den Erd-Kreis streuen.
Wo Glück und Tugend sich vermählen /
Kan nichts als Ehr und Wolfahrt blühn.
Wen GOtt und Himmel auch erwählen
Und an so hohen Gipffel ziehn /
Von dem muss als wie von der Sonnen /
Viel Seegen kommen hergeronnen.
Der Syrer / Pers- und Griechen Reiche
Sind gegen diesem / das August
In Rom wird stifften / Zwergen gleiche.
Der so viel Hertz in seiner Brust /
Als Julius sein Vater heget /
Mehr Sanftmut aber bei sich träget.
Er war ein Fürst im Bürger-Stande;
Itzt Bürger / nun er Herrscher ist.
Ein Schrecken seinem Vaterlande /
Eh er zum Haupte war erkiest.
Nun aber wünschen Rom und Erde:
Dass Fürst August unsterblich werde.
Der zu dem Kriege war geboren /
Hat Krieg und Zwytracht todt gemacht.
Die Freiheit / die schon war verloren /
Hat seine Herrschaft wiederbracht /
Die Welt hat sich mit ihm beweget /
Und sich mit ihm zur Ruh geleget.
Mit ihm ist Rom und Welt genesen /
Sein kurtzer Krieg schafft lange Ruh.
Der Himmel hat ihn auserlesen:
Dass er den Bürger-Krieg abtu;
Dass unter seinem Schirme müssen.
Sich Friede / Glück und Tugend küssen.
Er kehrt zu Rom nicht nur die Hütten
In Schlösser / Leim in Marmelstein.
Was wilder Art / in holde Sitten;
Durch ihn wird Rom ein Abgott sein /
Den alle Völcker werden ehren /
Weil Welt und Zeit nicht auf- wird hören.
    Zu diesem Liede hegten umb den Wagen des Krieges die drei verwandelten
Jungfrauen mit denen drei Cyclopen / umb den Wagen des Friedens / der Hirten
Gott mit den zwölf Satyren / die ihm folgenden zwölf Winde / die Ringer /
Fechter und Bacchen auf allerhand Arten künstliche Täntze. Bei ihrem Schlusse
wendete sich der Sieg gegen die Römischen Kriegs-Häupter / und die sie auf
beiden Seiten mit ihren Wagen bedeckenden Länder; sang er also folgender Weise
an:
Ihr / die ihr Rom zu Pfeilern war't erwehlt /
Lasst euch nicht Eyversucht vergällen.
Wenn der / dem Glück und Tugend sich vermählt /
Als Haupt sich über euch wird stellen.
Es ist mit dem in Krieg zu ziehen wohl kein Rat /
Der's Glücke zum Compass / zum Ancker Tugend hat.
Dass Titans Gold Dianens Horn absticht /
Dient ihr zum Vorteil und zu Ehren
Denn jenes Glantz versilbert ihr blass Licht.
So kann nicht euren Ruhm versehren:
Dass über euch August vom Himmel wird gesätzt /
Ihr selbst erhöhet euch / ie höher ihr ihn sätzt.
Ihr Länder denckt: die ihr der Römer Stadt
Für eure Frau Zeiter verehret /
Dass den August / den GOtt zum Vater hat
Der Welt erkohrn / zu ehr'n gehöret.
Der Himmel zündet euch selbst neue Fackeln an:
Dass ihm der Erden-Kreis was süssers opffern kann.
    Der Sieg hatte so bald nicht geschlossen; als alle Länder nach der Reie sich
dem heiligen Wagen des Augustus näherten / und ihre Kräntze; die darauf folgende
Römischen Kriegs-Häupter aber ihre Schilde und Waffen dem Käyser zun Füssen
legten. Die Säitenspiele wechselten hierauf mit denen Trompeten ab / und fieng
alles / was zu Pferde sass / nach Erfindung der Sybariten einen Ross-Tantz an. Die
aber zu Fusse waren / tantzten alle Arten der Täntze die in der Welt erfunden
waren. Die Wagen hielten zur Verwunderung aller Zuschauer ein sehr künstliches
Kreis-Rennen. Ja das Ertzt und die todten Steine der Rennebahn wurden gleichsam
rege und lebhaft. Auf der mitlern der Sonne gewiedmeten Spitz-Seule brennte
oben der in einander gewundene Nahme der Stadt Rom und des Käysers August. Aus
der Dreizancks-Gabel des Neptun spritzte wolrüchendes Wasser. Die auf einem
ertztenen Löwen reitende Mutter der Götter schütte aus ihrer Schale Weitzen; die
Altare der grossen Götter loderten von Weirauch. Die Priester aber weihten das
Altar der Haus-Götter dem Glücke / das der Murcia der Tugend / das des
Schutz-Geistes dem August mit stets frischen Flamen ein. Der Opffer-Tisch der
Stadt Rom spielete mit allerhand Lust-Feuern. Das auf einer hohen Seule stehende
Bild der Stadt Rom sprützte roten- das des Römischen Schutz-Geistes weissen
Wein von sich. Der Oelstrauch trof von Balsam. Das Haus der Sonne ward mit mehr
als tausend Fackeln erleuchtet. Mit einem Worte: die Kunst hatte alle ihre
Erfindungen / das Reichtum alle seine Schätze erschöpfft den Käyser August zu
verehren /und die Zuschauer zu vergnügen. Die Deutschen selbst bezeugten
hierüber ihr Gefallen / ungeachtet es denen Empfindlichsten weh tat: dass unter
denen Rom und den Käyser verehrenden Ländern auch Deutschland aufgeführt ward.
Die aber / welche zur Zeit ein Auge zuzudrücken für Klugheit hielten / redeten
es jenen vernünftig aus; und hielten ihne ein: dass sich Spiele selten ohne
Gedichte fürstellen liessen; die Parten und Indianer eben so sehr / als die
Deutschen hierüber zu eifern Ursach hätten; und wider Unrecht zur Unzeit und
ohne fertige Rache zu murren Schwachheit wäre. Alle funden sich auch endlich
darein; weil sie sonst von Römern aufs höflichste und kostbarste unterhalten
wurden. Germanicus richtete noch selbigen Tag denen deutschen Fürsten auf einem
noch vom Drusus mitten im Rhein gebauten Lust-Hause ein kostbares Mahl aus. Das
Frauenzimmer ward bis an Strom von eitel schneeweissen Maultieren auf
helffenbeinernen Sänften mit güldenen Himmeln getragen / und auf einem Schiffe
/ welches den die Europa tragenden Ochsen fürbildete; die Helden aber zu Pferde
auf einer flügenden Kupffer-Brücke /welche auf einmal tausend Reiter tragen
konnte / auf das Eyland übergesätzt. Dieses Lustauss war nicht nur mit dinnen
Marmel-Blättern euserlich / wie Mamurra am ersten zu Rom eingeführt / besätzt;
sondern durchaus dichte von Marmel erbauet. Es stund auf zwölff rotmarmelnen
Seulen dreissig Fuss hoch. Der unterste Bodem war mit zwei-färbichte
Marmel-Platten eckicht und so artlich versätzt: dass man sich anfangs scheute
einen Fuss fortzusetzen / aus Furcht in die erhöhten Spitzen zu treten. Die
obersten Vorgemächer waren mit kleinen vergüldeten Kiselsteinichen gepflastert /
die Wände mit zusammen gefügten köstlichen Steinen eingelegt; welche allerhand
Geschichte der Römer fürbildeten. Und so wohl an Glätte als Widerscheine den
Spiegeln gleichten. Alle Absätze an Mauren / Fenstern / glatten Seulen und
Tür-Gerichte waren / wie Lucius Mumius das Capitol gezieret hatte / übergüldet.
In der Mitte des Saales spritzte eine nackte Diana aus weissem Marmel aus allen
Oefnungen das frischeste Brunn-Wasser in eine rot marmelne Schale / in welcher
die Verwandelung des Actäon erhoben war. Das Dach dieses Lustauses war ein mit
eitel ausländischen Gewächsen besätzter Garten; und wurtzelten dieselben in
grossen allerhand Tiere abbildenden Geschirren aus Samischer Erde / welche nach
Art der Porcellanen überglättet war. Unter diesen waren die teuren und
schattichten Lotos-Stauden; derer zehn Lucius Crassus zu Rom andertalb hundert
tausend Gülden wert schätze. Jedem Gaste war eine besondere Art der Aufwärter
zugeordnet. Die schneeweisse Tussnelde bedienten zwölf Mohren-Knaben mit
perlenen Hals- und helffenbeinernen Armbändern / Ismenen so viel Olivenfarbichte
Knaben aus Egypten mit schmaragdenen Hals- und Armbändern. Erato ward von zwölf
Caledonischen mit weissen glatten / Zirolane mit so viel Griechischen mit
krausen Haaren bedienet. Jene trugen am Halse und umb den rechten Arm aus
Agtsteine; diese an beiden Orten Corallene Bänder / und an den Zehen noch
güldene Ringe. Der Fürstin Catta warteten zwölf Indianische / Adelmunden nicht
weniger Arabische /Agrippinen so viel Bitynische und Sentien Troglodytische
Knaben auf. Die ersten hatten Hals- und Armbänder von Rubinen / die andern von
tichtem- die dritten von gesponnenem Golde; die letztern von einer Africanischen
den Corallen ähnlichen und der Liebe vorträglichen Frucht. Uberdis trugen sie
alle an den durchbohrten rechten Ohrläplein aus Perlen / Edelgesteinen und Golde
Ohrgehencke / und auf der Brust ein gülden Siegel zum Merckmale ihres Adels;
Welche teils wie Liebes-Götter / teils wie Gärtner / wie Jäger / wie Botsleute
ausgeputzt / und durch ihre Gestalt / Farben und Tracht unterschieden; die
zusammen gelesenen aber einander sehr ähnlich waren. Hertzog Ingviomer ward von
zwölf Partern / Flavius von Numidiern / Catumer von Traciern / Zeno von
Armeniern / Marcomir von Hispaniern / Sesitach von Arabern / Sebald von Mohren /
Reinold von Syriern /Arnold von Britanniern / Tiberius alleine von Römern /
Germanicus von Galliern bedienet; also dass man hier schier eine Versammlung
aller Völcker antraf. Diese unterscheidete nicht nur ihre Landes-Art in ihren
Kleidern / und derselben Farben; sondern sie hatten auch eben so wohl zum
Zeichen: dass sie alle wider ihre Feinde gesiegt und solche Preisse verdient
hatten / ihre Armbänder aus Golde / Silber oder Stahl; welche teils wie
Schlangen / teils mit Helden-Gesichtern / teils mit wilder Tieren gebildet
waren. Die Taffel war Ey-rund von Zitron-Holtze wie ein Pfauen-Schwantz
gleichsam mit Augen beworffen /und mit einem silbern vergüldeten auch mit
Edelgesteinen eingelegten Rande eingefasst. Die helffenbeinernen Füsse bildeten
vier Panter-Tiere ab. Die Bette ander Taffel waren von Silber mit zierlichem
Blum- und Bilder-Werck erhoben; ihre Füsse und Zieraten von Onix / die Küssen
von Purpur. Der Schenck-Tisch war von Delphischem Marmel / und ward von einem
ausgehauenen Löwen getragen / auch die allerkostbarsten Asiatischen
Trinckgeschirre darauf Staffel-weise aufgetürmet. Der erste Aufsatz mit sampt
denen darauf stehenden Schüsseln und Geschirren waren aus eitel Berg-Krystallen.
Zwischen vierzehn kleinern Schüsseln standen zwei grosse / in derer einer
zweitausend Fische hunderterlei Art / in der andern fünftausend Vögel
hunderterlei Geschlechtes aufgesätzt waren. In der Mitte stand eine grosse
Crystallene Wanne / mit weissem Weine gefüllt. Und darbei zwei solche Wagschalen
mit güldenen Gewichten. So bald Germanicus einen Winck gab / brachte man
Tussnelden / Ismenen / der Königin Erato / Zirolanen / Catten / Adelmunden und
Agrippinen Meer-Barben. Nach dem nun diese gewogen / und die erste sechs / die
andere sechstehalb / drei fünf /und die letzte vierdtehalb Pfund schwer zu sein
befunden ward / bat Germanicus selbst: sie möchten diesen edlen Fischen die Ehre
gönnen von ihren schönen Händen zu sterben. Jede gab dem ihrigen einen Stich;
worauf sie nach weniger Ausblutung in die Wanne geworffen wurden / umb eher mit
dieser sterbenden Fische wunder-würdiger Farben-Veränderung die Augen / als den
Geschmack zu weiden. Anfangs röteten sich die Schopffen / Fluss-Federn / und
Bärte wie Zinober; hernach erblassten sie nach und nach; also dass jedermann
bekennen musste: es wäre nichts schöners / als eine sterbende Meer-Barbe; und dass
dannenher die Verschwendung des Octavius / welcher für eine fünf tausend
Gestertier bezahlt hätte / etlicher massen zu entschuldigen wäre. Nach dem sie in
dem Weine nun ganz erblasst waren / trug man sie ab umb in der Küche / darinnen
alle Geschirre silbern waren /sie zu sieden; welche hernach mit Säitenspielen
von bekräntzten Köchen auf die Taffel getragen wurden. Die andere Tracht bestand
aus eitel güldenen Schüsseln und Geschirren; welche von Phasan- und
Pfauen-Gehirne und Eyern / Phönicopter-Zungen / Feigen-Fressern / Murenen-Milch
/ Scarus-Lebern / und allen nur in der Welt befindlichen Kostbarkeiten angefüllt
waren. In der Haupt-Schüssel aber ware Gerstlinge und Brachvögel aufgesetzt;
welche in Gallien und Deutschland gefangen werden / und Germanicus allem andern
kostbarem Geflügel der Welt weit fürsätzte. Die dritte Tracht war von
Porcellanen Geschirren / und entielt in sich eitel Ausländische Gewächse. Die
Weine zu diesem Mahl hatten wohl hundert Länder gezinset; also dass dieses weder
an Kostbarkeit noch herrlicher Anstalt dem grossen Gastmahle des Tiberius nichts
nachgab; ausser dass auf diesem so starck nicht getruncken / sondern mehr von
allerhand Wunderwercken der Natur und Sitten der Völcker geredet ward. Hiermit
verzohe sichs bei nahe an Mitternacht; da deñ alle auf köstlich-bereiteten
Schiffen zwischen mehr als hundert-tausend Fackeln den Rhein herab / nach Meintz
geführet wurden. Nichts desto weniger machten die Deutschen sich folgenden
Morgen zeitlich auf / um ihren den Tag vorher grösten teils bereiteten Aufbruch
zu bewerkstelligen. Denn /weil folgenden Tag das Jahr-Gedächtnüs des Drusus
einfiel / da die Gallier bei seinem Grabmale opffern mussten / und die Römer ihm
zu Ehren allerhand Reñen hielten; eilten die Deutschen so viel mehr fort /umb
diesen ihnen ärgerlichen Greuel nicht mit anzuschaue. Beim Abschiede beschenckte
Tiberius alle deutsche Fürsten / Agrippine alles deutsche Frauenzimmer.
Insonderheit liebkosete Tiberius dem Flavius umb ihn verträulich und also mit
der Zeit zu einem Werckzeuge des Römischen Joches zu machen; weil er ihn hierzu
sehr dienstlich / und das Vertraue für die sichersten Fessel schäzte. Zu mehrer
Beglaubigung brach er eine güldene Müntze entzwei; auf welcher einen Seite der
Kopff des Käysers und Agrippinens; auf der andern ein Krocodil von der Stadt
Nemausus in Gallien gepregt war; worvon er die Helffte dem Flavius als ein Pfand
seiner Freundschaft übergab /das andere zu seiner Versicherung behielt. Dem
Hertzog Ingviomer gab er sein und des Käysers in einen grossen Onix
geschnittenes Bild; Hertzog Catumern eine Agat-Schale / darein das Bild des
grossen Alexanders erhöhet war; dem Fürsten Zeno ein mit Edelgesteinen
versätztes Armband / welches die Haut einer Schlange umfasste. Dem Feldherrn
Herrmañ überschickte er so wohl als dem Arpus eine halbzerbrochene Müntze / wie
Flavius empfangen hatte; und jenem darbei einen fürtreflichen Sardonich von
ungemeiner Grösse. In dessen obern Teile war Jupiter auf einer / Augustus auf
der andern Seite sitzende mit einem Wahrsager-Stabe eingegraben. Die Rom
fürbildende Livia sass ihm zur lincken Hand. Beider Füsse standen auf Schilden.
Zwischen beiden stand in einem Glücks-Kreisse der Steinbock. Unter ihm war ein
Adler zu sehen. Hinter dem August stand die den Neptun umbarmende Cybele / und
sätzte dem August / als einem Sieger zu Lande und auf der See / einen
Siegs-Krantz auf. Unter ihnen lehnete sich die sitzende / und einen güldenen
Monden am Halse tragende Agrippina mit dem Arme auf den Stuhl. In der rechten
Hand hatte sie ein Horn des Uberflusses / und auf jeder Seiten einen nackten
Knaben. Für dem Käyser stand der zum Kriege gerüstete Germanicus / wie er aus
dem Illyrischen Kriege sieghaft zurücke kam. Tiberius aber trat von einem
Sieges-Wagen herab; dessen Pferde die Göttin des Sieges im Zaume hielt. Im
untersten Teile dieses Edelgesteines richteten die Römer ein Siegs-Mahl über
die Dalmater und Pannonier auf. Unter diesem sass König Pinnes mit hinter den
Rücken gebundenen Händen. König Bato Dysidiates bat kniende umb Gnade. Dem
Cattischen Hertzoge übersendete er ein köstliches Trinckgeschirre aus Topass; und
überdis jedem sieben Arabische Pferde. Agrippinens Geschencke bestunden am
Fräulichem Schmutze / Perlen / Edelgesteinen / Spiegeln / und Asiatischen
Seiden-Zeugen. Die Gesellschaft des deutschen Frauenzimers hatte Agrippinen
auch derogestalt vergnügt; dass sie Tussnelden versprach aufs Früh-Jahr in den
Schwalbacchischen Sauerbrunn zu folgen / umb bei Pflegung ihrer Gesundheit
zugleich durch annehmlichen Unterhalt ihr Gemüte zu ermuntern.
    Weil nun Tiberius durch Stillung der Cherusker Ehre genung erlangt zu haben
vermeinte / und das verschobene Siegs-Gepränge über die Illyrier und Pannonier
zu halten / auch dem grossen Gastmahle seines Sohnes Drusus / welcher daselbst
Ober-Einnehmer des Reichs worden war / beizuwohnen verlangte; überdis auch die
Wahrsager unaufhörlich den Tod des Käysers verkündigten / so gar: dass August
/welcher doch vorher den Stand seiner Geburts-Sterne selbst herausgegeben hatte
/ nunmehro alle Wahrsagungen von ihm bei Leibes-Straffe verbieten musste; brach
Tiberius bald nach der Deutschen Abschiede nach Rom auf; umb / da GOtt etwas
über den Käyser verhienge / von dem Haupte des Reiches nicht entfernet zu sein.
Uberdis schickte sichs auch nicht länger in Gesellschaft seines angenommenen
Sohnes Germanicus zu bleiben; weil er zu Rom mit dem Fontejus Capito zum
Bürgermeister erwehlet ward; ungeachtet er noch nie die Stadt-Vogtei verwaltet
hatte. Denn nach dem sich August weit über die Gesätze geschwungen hatte; waren
seine Anverwandten nicht mehr an alte Ordnungen und an die gemeinen Staffeln der
Würden gebunden. Denn wenn Fürsten über ihr Geblüte was entschlüssen wollen /
brauchen sie selten andere Ratgeber / als die Natur; und bei diesen ist das
sich übereilende Glücke nicht in Gefahr / wie bei Bürgern. Tiberius ward etliche
Tage-Reisen weit von Rom schon von grossen Mengen der Bürger mit grossem
Frolocken nicht viel anders / als wenn er schon Käyser wäre / bewillkomt / und
in dem Tempel Bellonens für der Stadt / darein kein siegender für gehaltenem
Siegs-Gepränge kommen dorffte / begleitet; ja er als die Glückseeligkeit der
Stadt Rom / wie Aristides Griechenlandes / vom Volcke ausgeruffen. Denn das
Ansehn bejährter Fürsten veraltert eben so wohl als Bäume; und man gibt auf die
woltätige Sonne niemals so genau acht / als auf neu-aufgehende Sternen
/ungeachtet es schädliche Schwantz-Gestirne sind. Tiberius fand den Römischen
Rat im Tempel Bellonens schon vor sich; welcher nicht einst / dem alten Brauche
nach / keine Verrichtungen: ob sie das Siegs-Gepränge verdienten / untersuchten;
sondern ihn selbst baten: er möchte nicht nur über die bezwungenen Illyrier und
Pannonier; sondern auch über die gezähmten Deutschen drei Tage nach einander
Sieges-Gepränge halten. Denn ob zwar August Bedencken hatte das letztere dem
Tiberius zu entengen; weil die Römer mehr eingebüsst als gewonnen hatten / und
der Käyser aus einer den Alien anklebender Furcht die Deutschen dardurch aufs
neue zu erregen besorgte; so hatte sich doch Livia des Käysers fürlängst so
bemeistert: dass er seinem Stief-Sohne nichts mehr abzuschlagen getraute. Worbei
sie sich dieses scheinbaren Vorwands bediente: dass ohne Zulassung eines
Siegs-Gepränges über die Deutschen das Römische Volck ihm eine neue Niederlage
einbilden / und die so fast eingewurtzelte Furcht für den Deutschen nimmermehr
ausgerottet werden würde. Also hielt Tiberius drei Siegs-Gepränge hinter
einander mit solcher Pracht als fast kein Römischer Feldherr jemals vorher.
Unter andern auf helffenbeinerne Taffeln geschriebenen Lobsprüchen ward dem
Tiberius sonderlich nachgerühmt: dass er in Deutschland oft auf blossem Rasen
gespeist; oft unter freiem Himmel ohne Zelt übernachtet; alle
Kriegs-Verrichtungen folgenden Tages schrifftlich von sich gegeben und befohlen
hätte: Alle an etwas zweifelnde Befehlhaber sollten ihm selbst / nicht durch
eines andern Mund ihren Rumer entdecken; und seiner auch nicht bei der Nacht-Ruh
schonen. Er hätte die alte Krieges-Zucht wieder auf die Beine gebracht /und
einen Kriegs-Obersten / der wenig Soldaten auf die Jagt über den Rhein geschickt
/ seiner Ehren entsätzt. Er hätte sein Leben etliche mal in höchste Gefahr
gegeben / und den mit des Varus Blute den Römern angehenckten Schandfleck
redlich abgewischt. Tiberius / welcher nunmehr in Hoffnung die Herrschaft des
Römischen Reiches schon verschlungen hatte / unterliess nichts das Volck an sich
zu ziehen /und seine angebohrne Gramhaftigkeit durch angestellte Schau-Spiele zu
verhüllen. Augustus machte mit seinen nach der Niederlage des Varus dem Jupiter
gelobten grossen Spielen den Anfang / und suchte damit zu bezeugen: dass Jupiter
seinem Wunsche nach das Römische Reich in einen bessern Stand versätzt hätte. Auf
diesen brachte Tiberius bei Wahrnehmung: dass der Adel in Schauplätzen zu fechten
gelüstete / beim Käyser zu wege: dass er denen Ritters-Leuten / welchen es bei
Verlust ihrer Ehre verboten war / solches erlaubte / umb destwegen an statt
voriger Schande nun mit dem Tode gestrafft zu werden. Nach dem auch die Laster /
wenn sie wo schon anfangen Sitten zu werden; bald die Verwegenheit bekommen sich
auf den Stuhl der Tugend zu setzen; so ging es auch mit dieser Begierde zu
fechten; und schämten sich die Edlen nur nicht von dem Stadt-Vogte in
offentlichem Schauplatze Geschencke hierfür anzunehmen; sondern auch nicht
August denen Austeilungen der Preisse persönlich beizuwohnen. Ja zum Kennzeichen
der verterbten Stadt mangelte es nicht an Leuten / welche diese und andere im
Schwange gehende Laster öffentlich lobten; und aus ihrer Schande Wolfahrt
schöpften; welches die zwei eusersten Ende der Bosheit sind. Man nennte den
Tiberius den neuen Hercules; welcher dem Käyser / wie der alte dem Jupiter zu
Ehren in Creta mit seinen Brüdern Peoneus Epimedes / Jasius und Idas gleiche
Spiele zum ersten gehegt /und solche hernach unter dem Berge Olympus alle fünf
Jahr von ganz Griechenland zu feiern eingesetzt hätte. Die damals gewesene
güldene Zeit käme mit diesem Hercules wieder; und man tichtete noch darzu: dass
sich umb selbige Zeit in Arabien / wie nachgehends kurtz für des Tiberius Tod in
Egypte ein Phönix habe sehen lassen. Drusus kriegte den Nahmen Iphitus / welcher
die eine Zeitlang gelegenen Spiele der Griechen wieder in Ruff und Ubung
gebracht hatte. Ohne diese Ubungen würde die Tapferkeit des Römischen Adels
verrostern / die Jugend wie stehendes Wasser faul und stinckend werden; nachdem
sie mit der gebändigten Welt nicht mehr so viel zu schaffen hätten. Das niemals
stille stehende Meer wäre das rechte Vorbild edler Gemüter; welche stets etwas
zu tun / und wo nicht mit andern / doch mit sich selbst zu kämpfen haben
wollten. Gleichwohl aber wächset die Bosheit der Tugend niemals so sehr zu Kopfe:
dass sie mit Strumpf und Stiel ausgerottet würde. Unter einer solchen Welt-voll
Menschen / wie Rom hausete / blieben gleichwohl ihrer viel / welche im Hertzen
diese Bländungen der Hertzhaftigkeit mit andern Lastern verfluchten. Und wie
das euserste eines Lasters offtmals einer Tugend nahe kömt / also vergehet sich
zuweilen eine tugendhafte Empfindung auf einen Abweg der Laster. Dieses
ereignete sich zu Rom damit: dass / weil es nicht halff die Bosheit mit gutem
Beispiele zu schelten / sie ihren Worten und Buchstaben eine Krafft der
Verbesserung zutrauten /und durch allerhand Stachel-Schrifften / welche sie des
Nachts an das Haus des Käysers / des Tiberius anheffteten / und insonderheit bei
dem Grabe des Cato mehrmals mit vielen Lichtern Nacht-Opfer hielten / und die
Götter anrufften: Sie möchten aus der Asche des Cato einen neue Sittenrichter
entsprüssen lassen. Insonderheit aber suchten sie es Livien und dem Tiberius
offtmals so nahe: dass ihnen solche Anstechungen / weil sie meistenteils wahr
waren / nicht nur im Hertzen weh taten; sondern sie auch ihre Ungeduld beim
Käyser empfindlich ausliessen. Der kluge August aber lächelte nur anfangs
darüber / und sagte Livien: Es stünde zwar in unser Gewalt tugendhaft zu sein;
aber nicht / dass uns iedermann darvor ansähe. Dem Tiberius aber: Es wäre keine
nachdrücklichere Rache wider die Verläumbdung / als wenn man sie durch rühmliche
Wercke zu Lügnerin machte. Und als sie noch heftiger darwider redeten / sagte er
beiden: Das Papier wäre weich und vertrüge alles. Solche Schmäh-Karten würden
ehe vertilget durch Veracht- als Bestraffung. Wenn man sie abriesse /wären auch
die Vernünftigen vorwitzig nach ihrem Innhalte zu fragen. Wenn man sie aber
stehen liesse; schämten sich auch die / welche unter dem Pöfel was sein wollten /
solche als Lästerungen zu lesen. Wer wider den Schaum des lästernden Pöfels sich
seiner höchsten Gewalt gebrauchte / täte nicht besser / als der / welcher mit
güldenen Pfeilen nach Fliegen schüsse; oder bei der Erndte sich das Geschrei der
Heuschrecken von nötiger Arbeit abhalten liesse. Insonderheit müsten Fürsten
sich dieser Empfindligkeit entäusern; und die aus Leichtsinnigkeit herrührende
Schmähungen verachten; die aus bosshaftem Vorsatze verzeihen; mit denen aus
Wahnwitz herflüssenden aber Mitleiden haben. Denn nach des grossen Alexanders
Urteil / wäre Königen nichts gemeiners / als dass von ihrem besten Tun am
übelsten geredet würde. Welcher Held nur drüber gelacht; und er hätte
unterschiedene mal selbst sie belohnet / wenn sie etwas sinnreiches in sich
gehabt. Alleine Livie / welcher das Ansehen des Tiberius mehr / als ihr eigenes
an die Seele gebunden war / lag dem Käyser Tag und Nacht in Ohren / und hielt
ihm ein: Wer recht täte /hätte zwar übele Nachrede zu verlachen. Aber diese
Geduld stünde nur gemeinen Leuten / nicht Herrschern wohl an; und müsten
aufrührische Schmach-Schrifften von wörtlichen Schmähungen gewisser Leute
unterschieden werden. Der Stachel-Schrifften Geringstes Absehen wäre den
Gescholtenen zu schimpfen; das eigentliche durch Ausholung des Urtels derselben
Gemüter zu erforschen / welche mit der Herrschaft übel zufrieden wären; umb
ihnen zu vorhabendem Aufruhre einen Anhang zu machen. Sie kleibten diese
gifftige Papiere nicht an ihre Galle auszulassen / sondern sie in andere
Gemüter zu sämen. Sie gebrauchten sie zu rechten Wetter-Hähnen / welche ihnen
Nachricht gäben: Woher / und wohin die Liebe und der Hass des Volckes wehete? um
bei ersehener Gelegenheit das ganze gemeine Wesen zu verwirren. Durch diese
tägliche Beschwerführungen ward August endlich erweicht: dass er wider die
Fertiger solcher Stachel-Schrifften ein scharffes Verbot eröffnete / solche von
denen Bauherren aufs fleissigste zusammen suchen / und ausserhalb der Stadt
verbrennen / etliche Uhrheber auch ernstlich straffen liess.
    Unterdessen meinte der Bürgermeister Germanicus seine neue Würde mit einem
herrlichen Siege so viel mehr ansehlich zu machen. Besetzte daher Meintz und
andere oben am Rhein und an der Mosel habende Orte mit der andern / dreizehnden
und sechzehndten dem Cajus Silius untergebenen Legion aufs beste; schickte den
Asprenas mit der 21.sten Legion und 12000. Hülffs-Völckern gege de Hertzog Melo
voran; umb alle seinem Nachzuge etwan im Wege stehende Hindernüsse auf die Seite
zu schaffen. Er folgte mit der ersten / fünften und zwantzigsten Legionen / und
noch zweimal so vielen Hülffs-Völckern nach. Denn mit der ganze Römischen Macht
gegen einen oder zwei deutsche Fürsten aufzuziehen / hielt er ihm und dem
Römischen Volcke zu verkleinerlich; und das Misstrauen gegen die Noricher /
Pannonier und Illyrier nötigte ihn auch ein Teil des Römischen Heeres oben am
Rheine stehen zu lassen. Ein Teil des Cherusk- und Cattischen Heeres zohe auf
der Ost-Seite des Rheines gleichfalls biss an die Sicambrische Gräntze hinunter /
den Römern auf allen Fall die Uberfahrt über den Rhein / und andere besorgliche
Widerkommungen des Friedens zu verwehren. Alleine Hertzog Melo / und sein Sohn
Francke hatten inzwischen durch Verhauung der Wälder / Besetz- und Verschantzung
der Ströme / Hinwegnehmung der Pramen und Schiffe sich mit Hülffe der Chauzen
und Friesen / welche noch bei denen Sicambern und Juhonen feste hielten / in so
gute Bereitschaft gesetzt: dass Asprenas sich nicht einst einen verhauenen Wald
zu öffnen wagte; sondern den Germanicus erwartete. Aber beide fanden an der
Mosel grössern Widerstand / als sie ihnen eingebildet. Denn Hertzog Franck hatte
alles sein Fuss-Volck zu Pferde gesetzt; also dass es nach Bequämligkeit des Ortes
zu Fusse und zu Rosse fechten konnte. Wormit sie beim alle Anstalten der Römer an
unterschiedenen Orten überzukomen zernichteten; ja selbst durch ihre geschwinden
Ein- und Uberfälle die Römer ermüdeten; denen Galliern aber grossen Abbruch
taten. Hierüber verspielte Germanicus wohl zehn Tage / und wie sauer es ihn
ankam /musste er zwei Tage-Reisen weit gegen Trier an der Mosel hinauf rücken /
umb daselbst überzusetzen; wiewohl es nicht ohne scharffes Gefechte abgieng
/weil der jüngste Sohn des Sicambrischen Hertzogs /Dietrich / mit vier tausend
auserlesenen Reitern noch dahin kam; als die Römer kaum drei tausend Hülffs-und
ein tausend eigene Völcker über den vom Regen sehr angelauffenen Strom gebracht
hatten. Daher das meiste Teil der Hülffs-Völcker entweder in Stücken gehauen /
oder in die Mosel zurück getrieben ward. Endlich aber / als diese Handvoll Volck
der ganzen Römischen Macht Ubersetzung nicht länger verwehren konnte; wendete
sich der Hertzog Dietrich gegen die verhauenen Wälder / bei welchen Germanicus
abermals einen sauren Apfel aufzubeissen bekam. Es fiel aber eine so grimmige
Kälte ein: dass die Römer gegen deren des Frostes gewohnten Deutschen nicht mehr
im Felde stehen konten; also sie ihnen in diesen Wildnüssen so viel weniger was
abzujagen getrauten. Germanicus musste sich also an dem behaupteten Strome der
Mosel / von welchem sich nun auch Hertzog Franck und seines Vatern Bruder
Bertorit zurück zohen / vergnügen lassen. An diesem baute die Römer eine grosse
Anzahl von Holtz geschrotener / und nur euserlich / teils mit Erde / teils mit
Häuten gegen das Feuer verwahrte Schantze / um nur den Einfall der Sicambrer
gegen die Orte / worinne das verlegte Römische Heer überwintern sollte / zu
verwehren. Nachdem nun Germanicus dissfalls alle gute Anstalt gemacht hatte /
sich auch auf die Vorsicht des Cajus Cäcina / dem er das Heer untergab / zu
verlassen wusste; eilte er als Bürgermeister selbst nach Rom. Denn weil er in
viel Wege wider die alte Gewohnheit diese Würde bekommen hatte / indem er noch
nicht über zwei und viertzig Jahr alt / auch nicht Stadt-Vogt gewest / und noch
dazu abwesend erwehlet worden war; hielt er es für eine Notwendigkeit durch
seine Gegenwart seine Fähigkeit zu diesem höchsten Ampte in Rom zu bewehren;
welches im Richten /Einraten / Vorgehen / Gesetz-geben / Krieg führen das
höchste Hefft führte / und noch gewisser massen der Gewalt der Fürsten / auch
nach schon veränderter Herrschens-Art überlegen war. Germanicus traff zu seiner
Verwunderung Rom in weniger Zeit so verändert an: dass ers fast nicht mehr
kennte. Also übereilet die Zeit zwar die Vernunft; aber die hinreissenden bösen
Sitten die Zeit; ob sie zwar flüchtigere Flügel /als die Gestirne hat. Das
meiste und wichtigste Fürnehmen zu Rom war Wolleben; und die Wollust /wormit die
Römer vorher andern Völckern mehr als mit ihren Waffen Schaden getan hatten /
hatte nicht nur bei dem lüsternen Pöfel / sondern auch beim Adel das Ansehn
eines aufgeweckten Gemütes bekommen. Beide Meere rauschten von unzählbaren
Schiffen / welche nichts als aus fremden Landen Würtzen der Uppigkeit / und
teuren Vorrat zu verschwenderischen Gastmahlen zuführten. Die Reichsten der
Stadt meinten hochgesehen zu sein / wenn sie ihrer Vor-Eltern gesamleten Güter
mit neuen Uppigkeiten durchbrächten. Fürnemlich war eine unersättliche Begierde
der Schauspiele eingerissen; da für diesem solche nur an gewissen Tagen und nur
von höchsten Obrigkeiten gehalten wurden / unterstanden sich nunmehr einzele
Edelleute / ja Gauckler ausser der Zeit dem Römische Volcke selbte fürzustelle.
Also ward Germanicus durch den Strom der Wollüste gleichsam gerissen sich auch
darinnen sehen zu lassen. Denn / wenn ein Fürst was weniger / als andere tut /
ist er dem Volcke verächtlich; wenn er sich andern gleich hält / verwundert es
sich über ihn; wenn er es aber mit was besonderm andern zuvor tut / betet es
ihn an. Weil nun Germanicus die Zuneigung des Römischen Volckes wider den
neidischen Tiberius /welcher seine fürtreffliche Taten und Siege stets
vernichtete und gar schädlich schalt / zu seiner Schutz-Wehre hoch von nöten
hatte; richtete er selbtem unterschiedliche Mahle / und teilte ihm etliche mal
Weitzen aus. Insonderheit aber wollte er / ehe er des Sicambrischen Krieges
halber wieder in Deutschland reisen müste / sich mit etwas ungemeinem sehen
lassen; also machte er Anstalt den neuen Marckt des August mit grossen dem
Krieges-Gotte gewiedmeten Spielen einzuweihen. Darinnen er sich fünf Tage
hintereinander mit Rennen so wacker sehen liess / dass das Volck ihm ohne
Heuchelei zuruffen konnte; er hätte es allen andern zuvor getan. Endlich
beschloss er die Spiele am Mittage desselben Tages / da der von Livien dem Cajus
und Lucius zu Ehren gebaute Gang eingesegnet ward / mit einer Jagt in der
grossen Renne-Bahn; darinnen er fast alle Tiere der Welt hetzen / und alleine
zwei hundert Löwen tödten liess; gegen welche auch Edle zu streiten sich nicht
schämten; da vorher die / welche durch grosse Laster den Hals verwürgt hatten /
zu solchem Kampfe verdamt wurden.
    Unterdessen brach der Cheruskische und Cattische Hof nach Mattium der Catten
Haupt-Stadt auf; teils denen Römern durch ihre Verharrung am Rheine keinen
Argwohn zu verursachen / teils auch daselbst das Beilager des Fürsten Catumers
mit Ismenen zu vollziehen. Weil die Römer auch wegen frühen Winters ihr Heer in
Gallien zu überwintern verteilten /fand sich daselbst auch Hertzog Ganasch /
und mit des Feldherrn Erlaubnis Adgandester ein. An statt voriger Kriegs-Händel
spielte die Liebe nunmehr bei den Cheruskern und Catten den Meister; und schien
es: als wenn die der Liebe gewiedmeten Tauben in alle Helme der in dem Kriege so
wohl verdienten Helden Nester gemacht hätten. Jedoch behielt die Liebe eine
grosse Eigenschaft von dem Kriege / nämlich die Unruh / welche gleichsam das
oberste zu unterste drehte; gleich als wenn Deutschland so wenig als das Meer
ohne Bewegung bestehen könnte. Weil die Zunge ein Blat des Hertzens ist / welches
diss / was in der Wurtzel steckt / leicht mercken lässt; ja Wände und Teppichte
gleichsam Zungen haben Fürsten Geheimnisse zu entdecken / ist unschwer zu
ermässen: dass diss nicht konnte dem Feldherrn verschwiegen bleiben /was zwischen
dem Flavius und der Erato / zwischen dem Zeno und Ismenen zu Meintz fürgegangen
war; als wo die Not alle Vermummungen der Liebe von den Antlitzern gerissen /
und sie sich alle so bloss gegeben hatten. Ja Ismenens einiger Unmut verriet
unterwegens: dass sie gleichsam mit den Haaren nach Mattium gezogen würde. Beide
neue Verbindungen /so wohl des Flavius als Ismenens / erregten ihm keinen
geringen Kummer / und verrückten ihm viel heilsame Absehen für die gemeine
Wohlfart Deutschlandes; weil er nicht weniger den Flavius der Chaucischen
Fürstin Adelmunden / als Ismenen Catumern bestimmt hatte. Er verstand zwar / was
die obersten Herrscher zu Heiraten ihrer Fürsten und Anverwandten zu sagen
hätten; aber auch die dissfalls für andern Völckern den Deutschen zukommende
Freiheit / und die Hartnäckigkeit der Liebe / welche /wenn sie sich einmal auf
die Hinter-Füsse gesetzt hat / weder mit Gewalt sich über einen Hauffen werffen
/noch die Vernunft mit der Hand leiten lässt; sondern die einige Zeit eine
kleine Botmässigkeit über sie habe. Alleine Ismenens und Catumers Heirat ins
weite Feld zu spielen / liesse sich in keinerlei Weise tun. Denn weil zu sagen
hohe Häupter auf Erden keinen andern Richter-Stul / als der eigenen Scham-Röte
hätten; blieben die Verlobungen zwischen Fürsten nur so lange verbindlich / als
sich keine anständigere Heirat der Herrschens-Klugheit ereignete; und besorgte
der Feldherr: dass nicht Hertzog Arpus diesen Verzug für eine Verachtung
aufnehmen / und mit seinem Sohn Catumer ein Auge auf König Marbods Tochter
werffen dörffte; welch Bindnüss mit der Zeit den völligen Untergang des
Cheruskischen Hauses nach sich ziehen könnte. Nachdem er sich lange mit seinen
Gedancken geschlagen hatte; seine Klugheit aber keine aus diesem Irrgarten ihn
leitende Handhabe finden konnte; entschloss er sich dieses wichtige Werck alleine
mit seiner Gemahlin Tussnelde / Hertzog Ingviomern und Adgandestern zu beraten;
unwissende: dass der letzte selbst ein Auge auf Ismenen hätte. Tussnelde sagte
aufrichtig: Es schiene: dass das Vehängnüss bei der Liebe Ismenens und des Zeno
die Hand mit im Spiel hätte; weil die Königin Erato ihr so festes Band wider
aller Menschen Vermuten zerrissen / und dem Zeno Ismenen zu lieben freigelassen
hätte. Das bewegliche Einreden des Feldherrn hätte bei Ismenen nichts verfangen;
sondern sie eine unüberwindliche Abscheu für dem Fürsten Catumer bezeuget; als
sie auf den Zeno entweder noch kein Absehn gehabt / oder zum wenigsten sie sich
auf ihn /wie ietzt / keine Hoffnung machen können. Weil man nun wider das
Verhängnis mit keinem Rate aufkäme / würde das ratsamste sein die angezielte
Heirat von sich selbst wieder zerrinne lassen. Eben dieser Meinung pflichtete
der schlaue Adgandester bei /welcher bei Beratschlagung über frembdem Glücke
sein eigenes allemal zu seinem Augen-Ziel hatte. Ingviomer aber / welcher diese
Heirat für ein festes Band des Cheruskischen und Cattischen Hauses hielt / und
bei ihrer Zergehung besorgte: Catumer würde sich nach König Marbods Tochter
umbschauen / riet nur stracks das Widerspiel. Die Jugend hätte zwar zu grosse
Zärtligkeit und wenig Vernunft in der Liebe; also dass sie nicht übers Hertze zu
bringen getrauten was schöners oder bessers zu verehren / als das Bild /welches
ihre Einbildung zum ersten in ihre Seele gedrückt hätte. Aber der Vernunft wäre
kein Ding unmöglich; und das älteste Gesetze der Cherusker wäre: dass iedermann
fürs gemeine Beste sein Leben / wie vielmehr seine Liebe aufopfern müste. Wolten
bei Ismenen keine Gründe der Vernunft und der Ehre verfangen; dass sie mehr
Ursache hätte einen zur Herrschaft gebornen Fürsten der welt-berühmten Catten
/als einen seinen eigenen Uhrsprung nicht wissenden Frembdling zu heiraten;
müste man durch die Geistligkeit sie gewinnen; welche durch ihren
Gewissens-Zwang die härtesten Gemüter zu entsteinern wüsten. Der Feldherr fiel
Ingviomern bei / und hielt für nötig keinen Augen-Blick zu versäumen; weil dem
Hertzog Arpus Ismenens Liebe unmöglich lange verborgen bleiben könnte.
Adgandester / als er sich überstimmet sah / fieng an: Wo Ismene gewonnen werden
sollte / würde für allen Dinge Zeno von ihr zu entfernen sein. Denn was man
täglich im Auge hätte /liesse sich schwerlich aus dem Hertzen verbannen. Der
Feldherr und Ingviomer hielten diesen Vorschlag nicht für undienlich; dessen
Ausübung aber fiel ihnen nicht nur bedencklich; weil es eine Unart wilder
Völcker wäre / einen Frembden nicht aufnehmen / noch viel grausamer aber eine
angenomenen verstossen; sondern auch in einem frembden Gebiete schwer / und ohne
Vorbewust des Cattischen Hertzogs unverantwortlich. Was sollte man aber bei
diesem gegen einem so klugen Fürsten für einen Vorwand gebrauchen? Würde es
Arpus nicht für einen Eingrieff in sein Schirm-Recht annehmen? Würde Zeno sich
nicht auf seine Unschuld beruffen; und die Ursache seiner schimpflichen
Verjagung wissen wollen? Adgandester antwortete: Man sollte diesen Kummer ihm
lassen; ob zwar ins gemein ihrer viel begierig zum Ratgeben /aber furchtsam zur
Verrichtung wären / erheischte doch seine Treue die Gefahr aller seiner
Ratschläge über sie zu nehmen. Zeno hätte durch Missbrauch der genossenen
Wohltaten sich der Gast-Freiheit verlustig gemacht; da er sich erkühnet mit des
Hauptes in Deutschland Schwester heimliche Buhlschaft zu pflegen. Da er doch
wohl wüste: dass bei den Deutschen und den meisten wohl-gesitteten Völckern die
Verlöbnüsse ohne der Eltern Einwilligung ungiltig; sonderlich aber die Töchter
nicht fähig wären ihrem Gutdüncken nach einen Mann zum Nachteile des gemeinen
Geschlechtes zu erkiesen. Ein Fürst aber wäre aller Vater; ja seine Gewalt
erstreckte sich weiter / als die väterliche. Hertzog Arpus könnte es nicht übel
aufnehmen: dass der Feldherr wider einen / der ihn beleidigt hätte / sich seines
Rechtes so glimpflich gebrauchte. Für wenig Jahren hätte Vocione in König
Marbods Gebiete gar ein Blut-Gerichte über einen ihr nicht untertänigen
Ausländer ausgeübt: Die Fürstliche Hoheit klebte der Fürsten Person
unzertrennlich an; also dass sie auch unter frembdem Gebiete sich nicht von ihm
absondern liesse; es wäre denn: dass ein Fürst zum Gefangenen würde. Zu dem
hätten die Feldherren in Deutschland eine durchgehende Botmässigkeit in allen
Ländern / wo sie hinkämen. Diese scheinbare Ursachen / und Adgandesters Ansehen
/welches er gleichsam durch eine Regung der Gestirne beim Feldherrn überkommen
hatte / bewegten ihn: dass er Adgandestern heimstellte den Zeno auf die beste Art
aus Deutschland zu bringen; nach dessen Erfolg Adgandester so denn bei Ismenen
halb gewonnenes Spiel zu haben vermeinte. Mitler Zeit beruffte Hertzog Herrmañ
aus Veranlassung Adgandesters Luitbranden / den fürnehmsten derer am Hofe sich
stets aufhaltenden Druyden zu sich; welcher zwar von Ursprung ein Carnut aus
Gallie; aber durch Adgandesters Hülffe in höchstes Ansehn beim Feldherrn und am
Cheruskischen Hofe kommen war. Diesem vertraute er die wichtigen und von ihm
selbst vorher gebilligten Ursachen der zwischen seiner Schwester Ismene und dem
Cattischen Fürsten geschlossenen Heirat / und wie sie aus einer gegen einem
Ausländer gefassten tumen Liebe / welcher doch bereit seinen Wanckelmut durch
Verlassung der mit ihm versprochenen Erato verraten hätte / sich so
widerspenstig erzeigte: dass alle sein Einreden bei ihr nichts verfangen hätte;
und er ohne der Geistlichen Einredung sie zu vernünftiger Entschlüssung zu
bringen nicht getraute. Der Druys lobte des Feldherrn Vorsicht /danckte für das
Zutrauen / und übernahm willig Ismenen einzureden; ob er schon vorher unter der
Hand Ismenen zur Gewogenheit gegen Adgandestern zu leiten bemüht gewest war;
auch etlicher massen sich durch Ismenen widrige Neigung beleidiget zu sein
hielt: dass Ismene von ihm nicht sollte gewonnen werden / in dessen Hertzen die
Gerechtigkeit ihren Sitz zu haben geglaubt / dessen Urtel als heilig von
ganzen Völckern befolgt würden. Gleichwohl liess er es an seinem Fleisse nicht
erwinden; gleich als wenn es sein wahrhafter Ernst wäre Ismenen niemanden in
der Welt / als Catumern zuzudencken; vielleicht weil er von Adgandestern schon
versichert war: dass Ismene sich niemals von ihrem einmal gefassten Vorsatze
abwendig machen liesse. Luitbrands Beredsamkeit diente ihm zu einen kräfftigen
Werckzeuge seiner Sache eine Farbe anzustreichen; und er hätte sie zu allem
beredet / wenn es in Ismenens Gewalt gestanden hätte des Zeno zu vergessen / ihr
auch nicht vom schlauen Adgandester unter einem Scheine grosser Freundschaft
wäre unter den Fuss gegeben worden: Sie sollte sich zum Catumer nicht zwingen
lassen; er wollte in geheim alle wider sie destalben zusammen ziehende Wolcken
schon zu vertreiben wissen / auch alle seine einen andern Schein habende
Bezeugungen sich nicht anfechten lassen. Diesemnach schützte sie / wiewohl mit
grosser Bescheidenheit die Unmögligkeit für / und könnte ihr nichts mehr gesagt
werden / als ihr der Feldherr schon zu Deutschburg eingehalten hätte. Ja sie
hätte ihr selbst vielmal Gewalt angetan / und ihr Hertze zwingen wollen
Catumern zu lieben; aber sie hätte empfunden: dass wie süsse Gewächse / wenn man
sie zu sehr presste / bittern Safft von sich gäben; also ihr Zwang nur mehr
Abneigung gegen den Fürsten Catumer verursacht hätte / welchem sie keinen Mangel
ausstelle könnte / als dass er vom Verhängnisse für sie nicht bestimmt wäre. Der
Druys ward hierüber seiner Anstellung nach empfindlich; masste sich numehr eines
gleichsam gebietenden Ampts-Eivers an / und redete nicht mehr wie ein Priester
mit einer Fürstin; sondern nicht viel besser als eine Herrschaft mit ihrem
Dienst-Boten. Er beschuldigte ihre Entschuldigung; dass sie den verdamlichen
Irrtum der Eubagen zum Grunde hätte; welche den freien Willen der Menschen /
als einen Kettenhund an die Gestirne anpflöckten. Er dräute ihr mit der Ungnade
des Feldherrn / mit der Rache der Catten / und mit dem Zwange des oberkeitlichen
Armes. Aber Ismene hatte sich so feste gesetzt: dass sie mit unverändertem
Gesichte antwortete: Kein menschlicher Zwang wäre mächtig einer freien Seele was
aufzudringen. Zwar könnte sie und Zeno wohl entfernt / aber ihre Gemüter nicht
getrennt; sie Catumern zwar mit Gewalt beigelegt / aber ihn zu lieben nimmermehr
genötigt werden. Sie traute aber diese Grausamkeit / für welcher auch wilde
Völcker Abscheu hätten / den freien Deutschen nicht zu; welche Gott sonst mit
dem Verluste ihrer Freiheit bestraffen würde. Die Catten hätten auch keine
Ursache an ihr Rache auszuüben / wenn sie sie nicht wollten vom Zaune brechen /
weil sie den Fürsten Catumer iederzeit als einen grossen Helden verehret / ihn
aber zu lieben nicht in ihrer Gewalt stünde. Denn Liebe rührte nicht so wohl aus
Regung eigener Willkühr / als wie der Tau aus dem Einflusse des Himmels her.
Warumb hegt der Wein-Stock mit dem Kohle und Epheu / der Oel-Baum mit Gurcken /
der Diamant mit dem Magnet / das Schilff mit Farren-Kraute / das Zieger-Kraut
mit der Raute / eine solche Unverträgligkeit. Warumb haben die Ameissen für
Wolgemut / die Ziegen für Heidekorn / die Schafe für einer Art Eppich / die
Crocodil für einer Feder vom Vogel Ibys / solche Abscheu? Warumb fürchtet sich
der Elephant und Hirsch für dem Wieder / der Affe für der Schnecke / der
Scorpion für der Maus /der Löwe für dem Hahne / der Elephant für dem Schweine /
der Panter für dem Tiere Hyena / der Trappe für dem Pferde? Warumb könten
manche Menschen keine Katze / andere keine Maus / oder auch was annehmlichers
nicht sehen? Und wer wüste nicht: dass ein Mensch zu einem einen heftigen Zug /
für de andern aber eine unüberwindliche Abneigung hätte? Es wäre fürwahr nicht
die sterbliche Schönheit / nicht die Hurtigkeit des Geistes / nicht die Übermass
der Tugend die Angel / an welcher unsere Seele hencken bliebe; sondern das
wunderbare Gesetze des Verhängnisses / welches uns diesen oder jenen zu lieben
leitete / oder durch einen Notzwang gleichsam mit den Haaren darzu züge. Keinen
grössern Verlust könnte sie zwar in der Welt leiden / als durch die Gnade des
Feldherrn; aber nicht glauben: dass ein so liebwerter Bruder eine unschuldige
Schwester zu hassen sich überwinde könnte. Auf allen ununverhofften Fall müste
sie sich aber trösten: dass mehrmals die Verwürfflinge der Welt Schoss-Kinder bei
Gott wäre. Der mehr zu gebieten als bitten gewohnte Druys begegnete ihr: Sie
möchte ihr diesen süssen Traum aus den Augen reiben. Wer die gemeine Wohlfart
des Vaterlandes hinderte / welche unser allgemeine Mutter / wie der König unser
Vater ist; also ihr alle andere Verwandschaft der Natur und eigener Willkühr
aus dem Wege treten muss; stürmte den Himmel /kriegte wider Gott; und seines
Amptes wäre solche Leute von der Gemeinschaft der Opfernden / und von Ubung
alles Gottesdienstes auszuschlüssen / welcher das einige Band wäre / das Gott
und die Menschen mit einander verknüpfte. Ismene erschrack über dieser Dräuung
so sehr / als wenn sie vom Blitze gerühret würde / teils weil sie glaubte: dass
diese Ausschlüssung sie auch von Gott trennte; teils weil sie so denn aller
Gemeinschaft der Menschen / ja auch ehrlicher Beerdigung würde verlustig
werden. Sie erholete sich aber bald / und fieng mit Begleitung vieler Tränen
an: Sie traute denen von Frömigkeit so beruffenen Druyden nicht zu: dass sie an
einer Tochter eines deutschen Feldherrn / welcher für sie mehrmals sein Blut
aufgesetzt / sie mit so ansehnlichen Stiftungen versorgt hätte / ein so
grausames Urteil ausüben sollten. Wenn es aber ja geschehen solle / würde sie
Anlass nicht wenig zu zweifeln bekommen: Ob Gott so ungerechten Leuten die
Schlüssel des Himmels und der Erde anvertrauet hätte. Der Druys ward über diesen
Worten derogestalt entrüstet: dass seine Augen Feuer ausstreueten / sein Mund
schäumte / und seine Hände die eigenen Kleider zerrissen; er auch mit Fluch und
Dräuen sich erhob / und davon machte. Weil nun Ismene wohl verstund: dass diesen
Leuten alles geglaubt würde; und es daher höchst gefährlich wäre / sie zu
beleidigen / mühte sie sich ihn durch mildere Auslegung ihrer Worte ihn zu
besänftigen; aber sein Eiver ward / wie alle Rasenden / durch die Schwäche der
ihn zurück haltenden Fürstin nur mehr angezündet. In diesem Wüten kam der Druys
zum Feldherrn; welcher nichts als Galle und Gift auf Ismene auszuschütten wusste
/ und nach lange Schnauben endlich fürtrug: Ismene hätte ein rechtes
kieselsteinernes Hertze / welches weder auf böse noch gute Worte was gäbe / und
würde ihr kein Mensch unter der Sonne Catumern in /und den Zeno aus ihrem
Hertzen bringen. Es wäre aber zu wünschen: dass diese Hartnäckigkeit und seine
Verachtung ihre grösten Laster wären; so aber könnte er nicht ohne Schrecken
verschweigen: dass Ismene alle Druyden als ungerechte Leute verworffen / und
ihnen die Gewalt den Frommen den Himmel auf / die Boshaften vom Gottes-Dienste
auszuschlüssen / und ihre Seelen zur ewigen Pein zu verweisen / abgesprochen
hätte. Hierdurch würffe sie teils die Unsterbligkeit der Seelen / teils die
priesterliche Gewalt / als die zwei fürnehmsten Gründe ihres Gottes-Dienstes
übern Hauffen; sie machte sich hierdurch zur Ketzerin / und würde sie erfahren:
dass sie dadurch nicht einen Menschen / welcher empfangenes Unrecht leicht
verschmertzen könnte; sondern Gott / der ein strenger Rächer der Gottes-Lästerung
wäre / beleidiget hätte. Der Feldherr erschrack hierüber nicht wenig; und ob er
zwar wegen Ismenens Widersetzligkeit gegen sie ziemlich entrüstet war; so hatte
er doch damit sein Bruderhertz nicht abgelegt. Ihre Tugenden / und sonderlich
ihr im Gottes-Dienste iederzeit wahrgenommener Eiver liessen ihn auch schwerlich
begreiffen /wie sie in ihrem Hertzen so verwerffliche Meinungen hegen / oder
solche so lange hätte verbergen können. Die Ungestüme des Druys machte ihm auch
seine Erzehlung verdächtig / und aus allem nahm er wahr: dass er diese
Verrichtung einem allzu hitzigen Kopfe vertraut hätte. Welches letztere er auch
dem Druys zu verstehen gab / und ihm sagte: Er hätte mit Ismenen /seiner
Erzehlung nach / allzu feurig verfahren / und wäre das erste mal zu weit
gegangen. Die Liebe wäre ein Kind der Zeit; sie wüchse wie der Monde nicht in
einem Augenblicke / sondern nach und nach / und nähme auch also ab. Edle
Gemüter liessen sich auch leichter mit Oel erweichen / als mit Schwefel und
Feuer zerschmeltzen. Sonst traute er seiner Schwester keine so verdamliche
Meinung zu. Die Ungeduld lockte einem verwundeten Gemüte oft ein
unbedachtsames Wort aus; welches unverantwortlicher aufs ärgste gedeutet / als
hervor gebracht würde. Jedoch wollte er sie hierüber in seiner Gegenwart
rechtfertigen; er aber sollte für der Zeit hiervon nicht viel Geschreies / noch
aus allem Holtze Pfeile machen. Alleine der Druys empfand ein neues Feuer der
Rache: dass ihm in seiner Verrichtung Mängel ausgestellet werden wollten. Zu dem
letztern aber wollte er sich nicht verstehen. Sintemal er ohne eigene
Verunreinigung mit Ismenen keine Gemeinschaft mehr unterhalten könnte. Den
Feldherrn verdross dieser Hochmut nicht wenig; weil aber in Deutschland die
Priester mehr Glauben und Ansehn / als die Fürsten / jene auch die Gewalt über
Verbrechen zu erkennen und zu urteilen haben; ja sie alleine selbst die
Verurteileten eigenhändig straffen / und weil sie für Werckzeuge Gottes
gehalten werden / welche den Willen Gottes wüssten und ausübten / leicht bei
denen zum Aberglauben geneigten Gemütern ein grosses Feuer anzünden können /
mässigte er seine Empfindligkeit; liess aber alsofort Ismenen für sich erfordern;
welcher er ein sauerer Gesichte machte / als sein Gemüte war / und hielt ihr
ein und das andere beweglich für; stellte ihr auch die Gefahr / in die sie für
der Druyden Richterstuhle besorglich verfallen würde / für Augen. Aber Ismene
verteidigte sich mit so grosser Hertzhaftigkeit / als sie mit Ehrerbietigkeit
sich gegen dem Feldherrn demütigte. Sie entschuldigte mit Tränen: dass sie aus
einem geheimen Triebe des Verhängnisses den Zeno zu lieben begonnen; sie würde
aber niemals so vermessen sein / ihn ohne Einwilligung des Feldherrn / als ihres
andern Vatern / zu ehligen. Dem Fürsten Catumer verehrte sie seiner Tugend
halber mehr / als vielleicht kein ander Frauenzimmer; sie wollte ihm wohl / und
wünschte ihm als ihrem Freunde den Himmel zuzuneigen / aber es wäre ihr leid /
und sie könnte nicht darfür: dass es ihn zu lieben ihr unmöglich wäre. Sie traute
aber dem gerechten Himmel zu; er würde durch einen merckwürdigen Ausschlag an
Tag geben: dass die Hindernüs der Cattischen Heirat von seinem allerweisesten
Schlusse / nicht von ihrer Hartnäckigkeit herrührte. Hierauf erzehlte sie alles
aufrichtig / was sie mit dem Druys geredet; was für Worte er ihr abgenötigt /
mit was für Beding-und Umbschrenckung sie solche vorgebracht hätte. Ihr wäre die
Gewalt und die Strengigkeit ihrer Gerichte wohl bekandt; aber sie hätte in ihrem
Gewissen einen ihr unentfallenden Zeugen / und bei dem betrübtesten Ausschlage
die süsseste Verzuckerung der bittersten Wermut / nämlich die Unschuld / und
die Hoffnung: dass das Unrecht / welches einem auf der Erden angetan wird / ihm
im Stande der Unsterbligkeit zu eitel Ehre gedeie; ja dass der / welcher einem
andern mit dem Fusse aufs Haupt trit / insgemein des Unterdrückten Gnade noch in
diesem Leben bedörffe. Wolte dieser hochmütige Druys durch Stürtzung einer
Cheruskischen Fürstin an ihr seinen Mut kühlen / oder vielmehr der Geistlichen
Gewalt eine in die Welt leuchtende Fackel aufstellen; würde sie ihre Sanftmut
zwar leicht bereden / solches ihm zu vergeben; aber GOtt würde es mit einer
desto strengern Vergeltung rächen. Dieses redete sie mit einer so
nachdrücklichen Bewegung: dass des Feldherrn voriger Eyver sich nun in Mitleiden
verwandelte. Weil er nun besorgte: es dörffte über Ismenen ein trübes Wetter
aufziehen / schrieb er noch selbigen Tag an den obersten Priester Libys: dass er
von bevorstehender Versammlung der Druyden ja nicht aussen bleiben möchte. Durch
dessen Vernunft und Bescheidenheit er alle Widerwärtigkeiten abzulehnen oder zu
überwinden getraute. Ismene war kaum in ihr Zimmer kommen / als ihr durch einen
Edelmann des Rhemetalces folgendes Schreiben wegen des Fürsten Zeno eingehändigt
ward: Ich bin befehlicht / noch vor der Sonnen Untergange Mattium / und in
dreien Tagen Deutschland zu räumen; Mein Verbrechen kann schwerlich was anders
sein / denn dass ich sie / als die Sonne Deutschlandes angebetet / und für meinen
Glücks-Stern erwehlet. Gleichwol werde ich diese Sünde nimmermehr bereuen /
vielmehr aber nach Art der Mohren so wohl der für ihnen verborgenen als der über
ihrer Scheitel stehenden Sonne opffern. Wenn ich mich versichert weiss: dass sie
an meiner unausleschlichen Liebe niemals zweifeln / und nebst einem wenigen
Wolwollen nur mein Gedächtnüs behalten werde / so traue ich mir noch zu / die
nach ihrer Entfernung mir nur noch übrige Nacht meines Lebens /und alle andere
finstere Unglücks-Wolcken noch zu überstehen. Ich leiste gleich meinem Unglücke
Gehorsam; weil es gefährlicher ist Herrschern / als der Natur widerstreben; und
wünsche der unvergleichlichen Ismene: dass alle Sternen ihr Ehre und Vergnügung /
alle Ströme ihr Seegen und Uberfluss zuflössen /alle Winde ihr annehmliche
Zeitungen zutragen mögen; wormit ich sie / wenn die Götter mich jemals mit ihrem
wiedersehen würdigte / für die oberste Beherrscherin Deutschlands verehren
müsse. Ismenen war noch nie was empfindlichers begegnet. Des Zeno Abschied kam
ihr als eine Trennung des Leibes von der Seele für. Sie erstarrete: dass sie
weder Mund noch andere Glieder rühren konnte. Endlich verwandelte sich ihre
Bestürtzung in eine Wehmut; also dass sie so viel milde Tränen auf den
empfangenen Brief fallen liess / als darinnen Buchstaben waren. Mit genauer Not
kunte sie sich erholen / den Edelmann zu fragen / wenn und wo er das Schreiben
vom Zeno empfangen? dieser antwortete; Es wäre noch keine Stunde /dass es ihm der
mit seinem Herrn dem Fürsten Rhemetalces aus der Stadt reitende Zeno / und noch
ferner dis zu berichten anvertraut hätte: Ihm wäre anfangs dieser Befehl im
Nahmen des Feldherrn / unter des Fürsten Adgandesters Hand zukommen / nach
etlichen Stunden wäre ein gleichmässiger vom Hertzog Arpus gefolget. Rhemetalces
hätte auch an dem Cattischen Hofe ausgespüret: dass den letztern Befehl
Adgandester ebenfalls ausgewürcket / und dem Hertzoge Arpus fürgebildet hätte:
dass die Anwesenheit des Zeno alleine Ursache gewest wäre an der Kaltsinnigkeit
Ismenens gegen den Fürsten Catumer / und an verzügertem Beilager. Also hätte der
Feldherr durch nichts bessers / als durch Verschreibung des Zeno sein Missfallen
zu erweisen / und der Sache zu raten gewüst. Dieses hätte Rhemetalces dem Zeno
alles eröffnet. Flavius wäre darzu kommen / hätte hierüber grossen Unwillen
bezeuget / und ihn in seinen Schutz zu nehmen sich erboten. Aber Zeno hätte
diese Woltat anzunehmen dancknehmig sich entschuldigt / und eingewendet: Er
würde sich der so viel Zeit genossenen Beherbergung unwürdig machen / wenn er
zwischen zweien so ruhmwürdigen Brüdern zu einigem Unvernehmen Anlass geben
sollte. Er wolle der Zeit und dem Verhängnisse sich unterwerffen; die Hoffnung
aber nicht verlieren / in dem angenehmen Deutschlande seine Vergnügung wieder zu
finden. Ismenen gab jedes Wort dieser Erzehlung einen Stein ins Hertze; sie
schlug die Hände über ihrem Haupte zusammen / und tät destalben / dass auch
Hertzog Arpus den Zeno aus dem Lande verbannet hätte / so kläglich: dass es einen
Stich / wie vielmehr aber den Uberbringer dieser traurigen Zeitung / und die
gleich ins Zimmer kommende Königin Erato / und Zirolanen hätte erbarmen müssen.
Beide wussten noch nichts von des Zeno Verstossung; sondern bildeten ihnen ein:
Ismene wäre wegen besorglichen Zwanges zu der Cattischen Heirat in solcher
Gemüts-Verwirrung; so bald aber Rhemetalcens Edelmann ihnen die Ursache / und
der Erato vom Zeno ein Scheiben einhändigte /verfiel diese in eben so grosse
Ungebehrdung; und nach vielem Wehklagen stiess sie diese Worte heraus: Straffet
mich! nicht den Zeno / ihr gerechten Götter! ich bin der erste Zunder / der in
dem Hertzen des Flavius gefangen / und die Flamme gezeuget hat / welche die
Kette unsers so heiligen Bündnüsses zerschmeltzet hat. Ja ich empfinde schon die
Quaal in meinem Hertzen / und den fressenden Wurm in meinem Gewissen: dass ich
meiner ersten Treue habe vergessen /und aus ihren ausgeleschten Kohlen einem
andern ein Opffer-Feuer seiner unzulässlichen Liebe bereiten können. Lasset mich
meinem Zeno folgen! ehe man mich auch mit Spott und Schmach aus dem Lande jagt.
Ismene fiel ein: Ist dis ein Beispiel der von den Deutschen in der ganzen Welt
berühmten Gast-Freiheit? Oder stehet diese Tugend nur gemeinen Leuten an: dass
sie alle Frembden freundlich aufzunehmen /aufs beste zu unterhalten / zum
Nachbar zu begleiten /sie als heilige Leute für allem Unrecht beschirmen /und
sie zu beleidigen / oder ihnen nur ihr Dach zu versagen für ärgstes Laster
halten? Ist die widrige wilde Unart aber ein kluger Staatsstreich der deutschen
Fürsten? Werden die Spartaner und Serer nicht von aller Welt gescholten: dass sie
Frembden in ihre Stadt und Land die Einkunft so schwer machen? Was werden denn
andere Völcker von Deutschen urteilen: dass sie angenommene Gäste / fürtrefliche
Helden unverhörter Sache so schimpflich verstossen / und ihnen Lufft und Wasser
verbieten? Die Römer reichen denen ankommenden und wegziehenden Gästen die Hand;
die Persen den Mund; und fast alle Völcker lassen sie mit einem
Abschieds-Truncke / mit Speisen auf den Weg / mit Gelde / mit
Gedächtnüs-Geschirren / und mit einem besondern Merckmale des gernesehens und
gewünschten Wiederkommens von sich. Wir aber leider! versagen ihnen Laub und
Grass! Wird man uns Deutsche nicht den Hesperiern vergleichen /die ihre
geschlachteten Gäste verspeisen? Oder dem Phrygischen Ungeheuer Celänas / der
die an sich und zu seiner Erndte gelockte Frembdlinge des Nachts entauptete.
Was hat Zeno verbrochen? durch was für ein Laster hat er das bei allen Völckern
eingeführte Gastrecht verschertzet? Hat er aus feindlichem Gemüte die
Geheimnisse Deutschlandes ausgespüret? Hat er jemanden an Ehre / Gut oder Leben
den geringsten Schaden zugefügt? Nein sicher! Warum brennet man ihm nicht gar /
wie König Philip einem solchen undankbaren Gaste getan / Schandmale an die
Stirne? Seine Feinde und Verläumbder / und der boshafte Adgandester werden
hiervon keinen Sonnenstaub aufzubringen wissen. Sein keiner Verteidigung fähig
gewesenes Laster ist: dass er Ismenen und sie den Zeno geliebt. Höre und räche
es! du gewaltige Liebe; dass man dich / die du die Erhalterin der ganzen Welt
bist / in Mattium als ein so schweres Laster verdamet! Hielten es die Babylonier
nicht für Ehre / wenn sie der Liebe ihrer Gäste fähig wurden? Schämen sich doch
in Morgenländern der Könige Töchter nicht ihren Gästen die Füsse zu waschen.
Ward es des Königs Nannus Tochter Gyptis nicht mehr zum guten als argen
ausgedeutet / als sie den Griechen Protis allen Galliern fürzoh / und ihn zum
Manne erkiesete? Wo bleibet aber deine so beschriehene Freiheit / O Deutschland?
Unglückseelige Ismene! hochbeleidigter Zeno! die Wehmut hemmete Ismenen die
Zunge / dass sie nicht mehr reden konnte; und Erato zerfloss gleichsam in Tränen;
also dass Zirolane an beiden die ganze Nacht genung zu trösten hatte. Der
Königin hielt sie ein: sie wäre in den Zufällen der Liebe / in Abwechselung des
Glückes so erfahren: dass sie sich wunderte / wie was neues ihr könnte so seltzam
/ oder so gar empfindlich fürkommen. Sie hätte zwar als eine Unerfahrne
Bedencken /ihr hierinnen was einzureden. Denn die Erfahrenheit redete
nachdrücklicher / als der beste Redner der Welt; Nichts desto weniger nötigte
sie das Mitleiden ihr Erinnerung zu tun: dass sie wider sich selbst grausam
wäre; indem sie ihre veränderte Liebe verdammte / da es noch keinem Menschen
wäre in Sinn kommen / sie destwegen anzuklagen. Jedermann müste gestehen: dass
die Abwechselung ihrer Liebe nicht von Leichtsinnigkeit ihres Gemütes / sondern
vom Triebe des Verhängnisses herrührte; dessen Ursachen allezeit wichtig / und
zwar anfangs geheim wären / endlich aber aus Tagelicht kämen; und so denn müste
unsere törichte Vernunft ihrer eigenen Blindheit lachen; und dis / was wir
vorher bitterlich beweinet / wo nicht gar verflucht hätten / für Werckzeuge
unsers Glückes preisen. Sie solle wohl behertzigen / wie sie durch diese Ungedult
des Zeno Kummer vergrössern / den Flavius aber in Argwohn einer seichten und
wanckelbaren Liebe versätzen würde; also ihr Tun mit Vernunft / und ihr Hertze
mit Grossmütigkeit fassen. Ismenen aber hielt sie für: sie wäre in einem grossen
Irrtume / wenn sie ihr einbildete, der Himmel der Liebe bliebe allezeit heiter
/ und würde mit keinen Betrübnüs-Wolcken umbhüllet: Es regnete nicht immer Rosen
/ sondern vielmal schneiete es Dornen und Hagel; Alleine eben diese Abwechselung
wäre am Himmel die Ursache seiner beliebten Schönheit / und in der Liebe ihrer
so durchdringenden Süssigkeit. Das Meer hätte niemahls eine beliebtere Gestalt /
als wenn es beim Sturme Silber und Perlen schäumte; und die Liebe / welcher
Mutter destwegen aus dem Meere entsprossen zu sein getichtet würde / wäre in
Anfechtungen am herrlichsten. Dahero / wie auf der See die Artzneien bei den
Schiffenden nichts würckten / wenn sie derselben nicht zweimal so viel als sonst
zu Lande genüssen; also müsten Liebhaber auch das Aloe des Unglücks in
vergrössertem Gewichte verdeien können / und sich nur bescheiden: dass die
Widerwärtigkeit das rechte Saltz der Liebe sei. Ohne Müh überkomene und in Ruh
besessene Güter wären bei weitem nicht so angenehm /als die uns anfangs viel
Schweiss / hernach viel Sorge zu erhalten gekostet. Gefahr und Angst gäben nicht
weniger als die Seltzamkeit vielen Dingen einen höhern Preis. Die Liebe hörete
auf Liebe zu sein / wenn man sie entwaffnete / und ihr die Pfeile zerbräche /aus
Furcht sich darein nicht zu stechen. Also darf sich Ismene keine Liebhaberin
rühmen / wenn sie zu zärtlich ist ein und andere Bekümmernüsse zu verschmertzen
/ welche uns zwar eine zeitlang das Leben versaltzen / hernach aber die Liebe
desto kräftiger einzuckerten. Bilde dir nicht ein: dass weil die Liebe im weichen
und kein hartes Bein habenden Hertzen wohnet / auf weichen Wangen und zarten
Brüsten spielet; sie destwegen ein Weichling sei. Sie muss oft über entfleischte
Beine / kahle Hirnschädel und glüende Kohlen wandern. Keine Liebe hat jemal eine
vollkommene Vergnügung / und den Preis einer Tugend erlangt / die nicht wie die
Rosen auf dörnrichten Stöcken gewachsen. Viel süsse Gewächse werden mit
stachlichten Blättern verdeckt. Lasse deine Unschuld in dir keine Wehmut
gebähren / sondern brauche sie vielmehr zum Ancker deiner Hoffnung. Herbergen
doch die Bienen / welche aus Tau und Saffte der Blumen das nützliche Honig
bereiten / in harten Eichen / die holden Turtel-Tauben in Steinklippen; da
hingegen Raben und Geier ihnen von Stroh und Federn weiche Bette bereiten. Jene
saugen nicht immer an süssem Klee und Rosen / sondern sie kriechen auch über
Dornen / speisen sich an bittern und stachlichten Kräutern. Was soll denn ihr
und uns die Natur was besonders machen? die Liebe würde von der Wollust wenig
entfernet sein / wenn sie stets unter einem Sonnenschirme und auf Rosen gehen
wollte. Niemals aber käme sie der Tugend näher / als wenn sie baarfüssig über
heissen Sand und scharffe Felsen wandern / auf harter Erde liegen / des Nachts
sie Regen / Wind und Reif zerweichen / des Tages sich Staub und Hitze stechen
lassen / Pantzer und Harnisch tragen / Schild und Waffen ergreiffen / in Ketten
liegen / ihr die Augen ausreissen / und wider Neid /Verläumbdung / Eyversucht /
Geilheit / Misstrauen /Unglück und hundert andere Feinde bis auf den Tod kämpffen
müste. Also wäre dis / was Ismenen begegnete / nur noch Kinderspiel; was dem
Zeno widerführe / ein gemeiner Zufall. Die Gewogenheit der Herrscher nehme mit
dem Mohnden ab und zu / und oft müsten sie einem weh tun / den sie liebten /
einem andern Pflaumen streichen / dem sie von Hertzen gram wären. Das Rad des
Hofes aber verdrehte sich leicht / und wären ihrer nicht wenig mit
Siegs-Gepränge eingeholet worden / die man vor zum Tore hinaus gestossen. Alles
dis benehme auch nichts mehr der Ehre und Würde ihres Zeno / als der Staub
schönen Gemählden / derer Bilder er zwar eine Zeitlang verdeckt / aber sie weder
frisst noch verwischet. Diesemnach würde Ismene durch ihre ungerechte Ungedult
das Verhängnüs nur erherben: dass es ihr noch viel bitterer Colochinten in den
Becher der Liebe einzuschencken gerejetzt würde. Mit diesen / und andern
beweglichen Zureden / brachte es Zirolane ja endlich gegen Morgen dahin: dass
Ismene an den Fürsten Zeno folgendes schrieb: Ich bin ohne ihn / liebster Zeno /
ausser mir; also weiss ich nicht was ich schreiben soll. Höre die nicht auf zu
lieben / die durch dich allein lebet / und ehe zu leben / als dich zu lieben
aufhören wird. Deine Abwesenheit wird mich zwar aller Freuden berauben / aber
meiner Liebe den geringsten Abbruch tun; sondern vielmehr / wie die am
fernesten vom Mohnde stehende Sonne sein Licht /sie ihr Wesen vergrössern. Der
Himmel hat dich zweifelsfrei uns beiden zum besten auf eine zeitlang von hier
entrissen / dass weder du ein trauriger Zuschauer meiner Anfechtunge sein; noch
ich / in Anmerckung deines Betrübnüsses / zweifaches Leiden empfinden möge. Lebe
wohl! meine Seele! und gedencke: dass niemals kein so grausames Ungewitter gewest
sei / nach welchem nicht die Sonne geschienen habe. Die Königin Erato schrieb
auf Zirolanens Gutbefinden nur diese Zeilen darunter: Unser Leben ist eine Uhr;
du die Sonne; die Liebe der Zeiger / und ich der Schatten gewest. Mit dieser
Ehre habe ich mich vergnügt; werde auch bis in Schatten des Todes dieses
verbleiben; insonderheit aber bei deiner Ismene /so lange sie deines Lichtes
entpehren wird / durch mich als deinen Schatten dein süsses Gedächtnüs zu
erhalten / bemühet sein. Lebe wohl! und lasse uns beide in unserem Betrübnüsse
niemals aus dem Gedächtnis / wie die Sonne die zwei denen finstern Ländern
leuchtende Angelsterne aus ihrem Gesichte. Hiermit fertigten sie den Edelmann ab
/ mit welchem Zeno verlassen hatte: dass er ihn in den Uberbleibungen der vom
Drusus auf dem Berge Taunus gebauten /und von den Deutschen eingeäscherten
Festung antreffen würde. Zirolane schrieb zugleich an Rhemetalcen: dass er dem
Fürsten Zeno mit Troste und gutem Rate an der Hand stehen / aber seines Traumes
/ dass er in dem Lande der Marsinger am Oderstrome einen Schatz auszugraben hätte
/ nicht vergessen sollte. Hingegen war der Cattische Hof über vernommener
Widersätzligkeit Ismenens nicht wenig unruhig: noch vielmehr aber / als selbter
vernahm: dass Ismene einen Druys / der ihr solcher Heirat halber hätte einreden
wollen / so schimpflich abgefertigt hätte; dass deswegen nicht nur aus deutschen
Landen / sondern auch aus dem Carnutischen Gallien viel Druyden zusammen
verschrieben würden. Die Erzehlung des beleidigten Druys / das Urtel des Pöfels
/ und das Geschrei / welche / wie das Auge in die Ferne alles verkleinert / alle
kleine Dinge vergrössern / hatten alles viel ärger gemacht / als es war. Und
weil ohne dis die Käntnüs der Warheit zu den Ohren der Fürsten / eben so wohl als
ihre Einkommen zu ihren Schatz-Kasten niemals ohne Verminderung kommen; so war
kein Wunder: dass Hertzog Arpus darüber nachdencklich ward / und mit allerhand
Entschlüssungen zu Rate ging; hingegen aber kehrte der Feldherr alle mögliche
Mittel für / dem Cattischen Hertzoge alle ungleiche Nachrichten auszureden;
insonderheit aber allen Argwohn zu benehmen: dass das Cheruskische Haus hinter
Ismenens Widerspenstigkeit steckte / und den Catumer verächtlich hielte.
Tussnelde hatte auch mit der Hertzogin Erdmut niemals schöner getan / als jetzt
/ ja sie mühte sich umb das gute Verständnüs der beiden Fürstlichen Häuser zu
erhalten / ihre angebohrne Holdseeligkeit noch zu überwinden. Denn ob zwar die
Catten keine äuserliche Merkmale ihres Unwillens noch spüren liessen; so war dem
Cheruskischen Hause diese Verstellung nur desto verdächtiger. Sintemal das Tun
der Herrscher ins gemein ein ander Gesichte macht / als die innerliche Gestalt
ist. Auch ware so wohl der Feldherr als seine Gemahlin destwegen so viel mehr
sorgfältig; weil sie wohl wussten: dass die Geringschätzigkeit grossmütige Fürsten
bis in die Seele beisse; die Catten auch weder an Altertum noch Macht den
Cheruskern was nachgeben; und daher zwischen diesen zweien Völckern fast
unaufhörliche Kriege gewesen / also der Feldherr die alte Wunde der Eyversucht
mehr verbunden als geheilet hatte. Adgandester / als der führnehmste Werckzeug
aller Unterhandlungen / spielete hierbei meisterlich unter dem Hute / und es
seinem Bedüncken nach dahin: dass Zeno und Catumer von Ismenen zwei
Muschel-Schalen; er aber alleine die Perle zur Beute bekommen sollte. Massen er es
denn schon so weit gebracht hatte: dass nicht nur sein Neben-Buhler Zeno das Land
räumen müssen; sondern auch der Graf von Catten-Ellenbogen im geheimen Rate
gegen dem Hertzog Arpus aufwarf: Ob es ohne Verkleinerung der Catten geschehen
könnte: dass wenn schon Hertzog Herrmann seine Schwester auf einen bessern Sinn
brächte / Catumer sie heiratete? Nichts weniger spielte er mit denen Druyden
unter der Decke / nicht zwar in Meinung ihren gäntzliche Untergang zu befördern;
sondern nur sie ins Gedrange und in Not zu bringen; dass sie seiner Hülffe von
nöten hätte. Denn weil Ismene sich zu hoch dünckte / ihn zu lieben /wäre kein
ander Mittel ihrer Liebe fähig zu werden /als dass er sie vorher durch den
gewaltigen Arm der Druyden erniedrigte. Bei so schlauen Anstalten blähte sich
sein Gemüte von grosser Hoffnung auf: dass wenn diese das Wasser Ismenen am
ärgsten getrübt haben würden / er sie durch seine Verschlagenheit heraus fischen
wollte. Ja er bediente sich aller aberglaubisschen Mittel / durch welche er die
Gewogenheit Ismenens sich zu erwerben bedüncken oder bereden liess. Unter andern
liess er seinen Nahmen beim Neumonden in gewisse Küchel Kräuter stechen / und den
Vollmonden hernach abschneiden: dass solche alsdenn auf Ismenens Tische
verspeiset wurden. Er mischte sein Blut in das Hünerass / durch welches die für
sie aufgehobenen gemästet wurden. Er verfügte sich im Vollmonden zu einem
Schlangen-Beschwerer / welcher ihrer umb Mitternacht in einem Eichwalde eine
unzehlbare Menge zusammen zauberte. Diese bliessen unter einem erschrecklichen
Zischen / für dem Adgandestern die Haare zu Berge stiegen / aus ihrem gifftigen
Speichel ein Ey zusamen; welches / so bald es in die Lufft empor kam / von dem
darauf lauernden Druys erwischet / dem zu Pferd sitzenden Adgandester
zugeworffen ward; wormit er spornstreichs für den ihn verfolgenden sämtlichen
Schlangen davon rennte / und nicht ehe zur Ruhe kam / als bis er durch den
Lahnstrom gesätzt hatte. Dieses Zauber-Ey sollte die Krafft haben einem aller
Fürsten und Frauenzimmer Liebe zu erwerben. Weil der Aberglauben aber selten
ohne Misstrauen ist; opfferte er zu der Zeit / als der Hunds-Stern aufgieng / und
weder Sonne noch Monde über der Erde stand / der Erde Bohnen und Honig; umbgrub
hernach eine Staude Farren-Kraut mit ungenütztem Eisen / und riess selbtes mit
der lincken Hand vollends heraus. Welch Kraut so denn aller Menschen
Freundschaft zu wege bringen / und allen Kranckheiten helffen soll. Der einige
Fürst Catumer und Adelmunde schöpfften ins geheim aus denen Schwerigkeiten der
Ismenischen Heirat eine unschuldige Vergnüg- und Hoffnung / dass hierdurch der
Himel ihrer Liebe einen Weg zu einer vollkommenen Genüssung bähnete. Also weinet
selten jemand über etwas / darüber nicht ein ander lachet; und wie es in der
Welt zu einerlei Zeit an vielen Orten Sommer und Winter ist; so widrig wittert
es auch jederzeit in Gemütern der Menschen. Alleine diese Regungen mussten sie
im verborgenen ihres Hertzen verkochen /wie etliche Berge das Feuer in ihren
Eingeweiden verglimmen lassen. Der Druyden Eyver aber ward je länger je mehr
sichtbar; derer sich nunmehr über dreihundert / teils aus Deutschland / teils
aus dem Carnutischen Gallien an der Weser / in einem grossen Eich-Walde
eingefunden hatten. Dieser Wald war in Deutschland / wie die Carnutische Gräntze
in Gallien / von Alters her zu dem hohen Gerichte der Druyden gewidmet. Ehe noch
ihr oberster Priester Libys zu Mattium ankam / fertigten sie eine Gesandschaft
an den Feldherrn / und an Hertzog Arpus ab / durch welche sie beiden eröffneten:
es wäre die Fürstin Ismene beschuldigt: dass sie nicht nur wider die Würde und
die Macht des heiligen Priestertums geredet hätte; sondern dass sie auch von dem
Grunde des uralten Gottesdienstes in Deutschland / welche Tuiscon allen seinen
Nachkomen so fleissig eingebunden / und darauf die Erhaltung der Freiheit
gegründet hätte /abgewichen wäre; also erforderte die Ehre Gottes /das gemeine
Heil / ihr Gewissen und Pflicht / ein heiliges Gerichte zu hegen / der
Gerechtigkeit ein Genügen zu tun / und zu hindern: dass auf allen Fall solch
Gift nicht andere mehr ansteckte. Denn weil das menschliche Gemüte nicht
weniger zu neuen Irrtümern / als alle schwere Dinge den Hang gegen der Erde
hätten / wäre die Ketzerei anfälliger als die Pest. Hertzog Arpus / weil er dem
Eubagischen Gottesdienste zugetan war / beantwortete sie: Es wäre ihnen
unverwehrt / an denen ihnen zustehenden Orten nach ihren Gesätzen zu leben; denn
er hätte an die Fürstin Ismene kein Recht. Der Feldherr bescheidete sie: Ismene
wäre zwar seine Schwester / aber die Gemeinschaft der Gottesfürchtigen seine
Mutter / und der Gottesdienst sein Leitstern. Also begehrte er wider diese seine
Schwester nicht zu verteidigen / noch in ihr Gerichte Eingrief zu tun; Er
erinnerte sie aber /als ihr Fürst: dass die Gerechtigkeit der andere Pfeiler der
Reiche / eine Seele des gemeinen Wesens / ja ihre Ausübung ein Teil des
Gottesdienstes wäre; dadurch der Menschen Gut / Ehre und Blut / eben so wohl GOtt
dis / was ihm zustünde / gegeben würde / und dahero die Gerechtigkeit auch dem
Himel ein süsserer Geruch / als alle Opffer der Farren / alle Rauchwercke von
Weirauch und Zimmet wäre. Und so wohl in Deutschland von den Druyden / als zu
Delphis / einerlei Messer zu Abschlachtung der Opffer-Tiere und verdamter
Menschen gebraucht würde. Die Menschen kämen durch nichts GOtt näher / als durch
die Gerechtigkeit / und könten sich durch nichts von ihm mehr entfernen / als
durch Ungerechtigkeit. Ein Richter wäre ein Stadtalter Gottes; ohne
Gerechtigkeit aber nichts besser / als ein ausgetrockneter Fluss ohne Wasser.
Nach genomenen Abschiede schickten sie Ismenen ein einiges Blat von einer Wispel
zu / darauf war der Tag des nechst-folgenden Neumonden mit Röte / in einen
solchen fünfeckichten Stern / den man einen Druyden-Fuss nennet / geschrieben.
Dieses war die allerschärfste Erforderungs-Art; also dass wer der nicht
gehorsamte / seines Lebens verlustig erkennet ward. Ismene hatte ihr bisher noch
imer eingebildet: dass die Druyden wider sie so ferne nicht verfahren würden;
nunmehr aber stieg es ihr gleichwol nicht wenig zu Hertzen; dass sie als eine
Fürstin von so hohem Geblüte / für den Augen ganz Deutschlandes /als eine
Gottes-Verächterin verklagt und geurteilet werden sollte. Sintemal selbten auch
die reineste Unschuld das Geblüte nicht derogestalt eintämen / und die Geister
so stärcken kann: dass jenes im Hertzen nicht aufwalle / und das Antlitz mit
Schamröte überströme; diese aber nichts kleinmütiges blicken lassen / weñ
hundert tausend Augen auf ein Gesichte ihre Strahlen zusamen schüssen / der jeder
selbtem das innerste der Seele ausspüren will. Sie erholete sich aber /so bald
sie sich erinnerte: dass der Himel selbst über der Unschuld Hand hielte;
bereitete sich also dahin zu reisen / ohne einigen Menschen anzusprechen / der
sie begleiten sollte. Teils weil ohne dis bei denen Deutschen in Gerichten kein
Vorredner verstattet / noch andere Zierligkeiten beobachtet werden / teils weil
sie in Sorgen stund: dass niemand gerne in derselben Gemeinschaft würde sein /
und sich allem Volcke zeigen wollen / welche von der Gemeinschaft des
Gottesdienstes ausgeschlossen werden wollte. Erato konnte diese Hertzhaftigkeit
Ismenens nicht begreiffen / fragte sie also: auf wen sie sich denn so sehr
verliesse / nach dem sie keinen Menschen zum Beistande verlangte? Ismene
antwortete: wer sein Gewissen zum Zeugen / GOtt zum Helffer hätte / dürffte
keinen Menschen zum Beistande. Das Vertrauen auf Menschen gleichte dem
stillstehenden Wasser / welches man mit vielem Künsteln und Unkosten durch Röhre
an durstige Örter führen müste. Das Vertrauen auf GOtt wäre dem Regen-Wasser
des Himels gleich /welches von sich selbst aus den fruchtbaren Wolcken sanfte
und doch durchdringend allentalben hintröpfelte. Die Andacht aber ist / das
wunderwürdige Wasser-Geleite der Seele. So tief unsere Demut das Gebete
hinunter steigen lässt / so hoch und höher steiget es in der Wasser-Kunst der
Tränen in die Höh. Diese wird mein Werckzeug / Gott auf meine Seite zu bringen
/ GOtt aber allen meinen Feinden gewachsen sein. Gleichwol aber erboten sich
Erato und Zirolane selbst an / sie zu begleiten. Sie nam vom Feldherrn
/Tussnelden / Adelmunden / der Hertzogin Erdmut /Catta / und andern in Person
so freudigen Abschied /als wenn sie zu ihrem Hochzeit-Feier verreisen sollte.
Also jedermann ihr an der Stirn ansah / dass das Vertrauen auf Gott das rechte
Hertze der Seele wäre. Dahingegen das sie gesegnende Frauenzimer sie mit viel
Tränen von sich liess. Dem Hertzoge Arpus liess sie durch den Graf Effren sich
bestens empfehlen /und ihn versichern: GOtt würde ihr aus ihrer Verläumbdung so
rühmlich helffen: dass es dem Cattischen Hause nicht würde verkleinerlich sein /
wenn gleich alle Welt erfahren würde: dass Ismene einst im Vorschlage gewest wäre
/ einen so tapferen Fürsten als Catumer wäre / zu heiraten. Sie hatte sich bei
ihrem Aufbruche ganz weiss gekleidet / und ihr Haupt war niemals ohne einen
Krantz von weissen Blume; alle sie Bedienenden aber zohen rot auf. Zirolane
fragte: aus was für Absehn sie ihren Aufzug auf so neue Art eingerichtet hätte?
Welcher Ismene antwortete: durch die Kleidung ihrer Bedienten wollte sie ihre
Richter erinnern: dass sie über Fürstlich Geblüte zu urteilen hätten / durch
ihre eigene; dass ihre Unschuld nicht unreiner / als der Druyden Heiligkeit wäre.
Erato fügte bei: Es wäre auch in Morgenland die Röte ein Merckmal des Adels /
die weisse Farbe der Unschuld / der Gnade und der Keuschheit; als eine Kleidung
der Priester Jungfrauen und der Pallas. Den dritten Tag kamen sie an die
bestimmte Gegend; den Abend aber vorher begegnete ihnen eine Gräfin von
Hohenstein / welche sie in ihr an den heiligen Eichwald anstossendes- und
wolbestelltes Haus einlud /und hernach wohl bewirtete. Es war aber an diesen Ort
aus halb Deutschland ein solcher Zulauff: dass der Wald in wenigen Tagen mit
grossen Herren umlagert ward. Hertzog Arpus stellte selbst nicht ferne davon
eine Jagt an / lud den Feldherrn und die andern Fürsten dazu / unter diesem
Scheine entweder dem Gerichte unferne beizuwohnen / oder doch alsbald dis /was
dabei vorgienge / zu vernehmen. Am bestimmte Zeit fuhr Ismene mit der Erato /
Zirolanen und der Gräfin von Hohenstein / bis an das Gräntzmal des heiligen
Waldes; daselbst mussten sie absteigen / ihre Haare lossflechten / und die Schuch
/ als das Sinnenbild fleischlicher Begierden und irrdischer Gedancken /
ausziehen. Sintemal niemand als baarfüssig / und kein Tier in diesen Wald kommen
dorffte; auch zu jedermanns Verwunderung das hierumb doch so häuffige Wild
niemals die Gräntze überschritt. Daselbst waren auch schon einige Opfer-Diener
bestellt / die sie durch das Gedränge des Volckes zu dem Orte des Gerichtes
leiteten / welcher rings herumb mit dreifachen Schrancken umbgeben war. Sie
mussten aber bei dem ersten stehen bleiben. Sie kamen dahin / als es begunte
finster zu werden; denn der Neu-Mond fiel erst eine Stunde in der Nacht ein;
welches von den Druyden für gar glücklich gehalten wird / welche die Zeiten
nicht nach Tagen / sondern nach den Nächten rechnen; weil die Welt aus der Nacht
/ und die Deutschen vom Dis oder Teut entsprossen sein sollen. So bald nun der
oberste Priester mit schlagen in ein messenes Becken die Erscheinung des
Neumonden andeutete / ward der Wald von viel tausend Lichtern erleuchtet; nichts
desto weniger ward alles so stille: dass man gemeint hätte / im ganze Walde wäre
kein Mutter-Mensch zugege. Ja es rührete sich nicht ein Blat auf den Bäumen /
denn die Druyden lehren wie Pytagoras: dass Gott eben so wohl durch heiliges
Stillschweigen / welches gleichsam eine andächtige Verzuckung abgebe / als durch
Gebete verehret würde. Also sah man nicht ohne Schauern fünf hundert Druyden
unter dreien ungeheuren in meinem vollkommenen Drei-Eck stehenden Eichen
unbeweglich sitzen. Sie waren die grösten im Walde / und /der Druyden Meinung
nach / die gröste in der Welt; alswelche mit der Welt selbst solle entsprossen
sein. Ihre einander begegnenden Wurtzeln / standen nicht alleine sohoch über der
Erden heraus: dass sie gar füglich darauf sitzen konten; sondern etliche beugten
sich gar biss zu den Aesten empor: dass man darunter weggehen konnte. Westwegen sie
die Griechen auslachen /wenn sie die Grösse derer zwei vom Hercules bei Heraclea
gepflantzten Eichen viel rühmen wollen. Alle drei Eichen waren häuffig mit
Mispel bewachsen / von welchen die Druyden glauben: dass er als was Göttliches
vom Himmel entsprosse / alle Kranckheiten heile / die Unfruchtbarkeit und alles
Gift vertreibe / und das Zeichen eines von Gott auserwehlten Baumes sei. An
iedem Baume waren zwei Aeste gegen einander zum mitlern Gipfel gezogen / und
daselbst zusammen gebunden. Am Gipfel stand mit Purpur-Farbe geschrieben: Tau.
An dem Aste gegen Morgen: Hesus. Am mittlern Stamme: Toramis. Am Aste gegen
Abend: Belenos. Erato sah alles dieses mit grosser Befrembdung an / also: dass
sie einen von denen ausser den Gerichts-Schrancken neben ihr stehenden Druys
anfangs / ob ihr etwas frei stünde zu erkundigen / mit linder Rührung ihrer
Lippen / und als er es verjahete / wenn es nichts irrdisches wäre /fragte: Was
diese Nahmen bedeuteten? Der Druys antwortete ihr: Es sind diss alles uhralte
Celtische Worte / und bedeuten nichts anders als Gott. Wie denn auch das Wort
Tau der oberste Priester der Druyden / wie der der Juden / zu gewisser Zeit an
einem güldenen Stirn-Blate trägt. Die Britannier insonderheit halten das Wort
Taramis für den anständigsten Nahmen Gottes / und bedeuten damit den Schöpfer
der Welt. Die Gallier halten für den heiligsten den Nahmen Hesus / und zielen
eigentlich auf Gott den Herren der Heerscharen / den die Römer Mars / die
Phönicier Esnum heissen. Die Noricher und Carner nennen Gott insgemein Belenos /
dessen Kleid die Sonne / der Fuss-Schemel die Erde ist. Welchen die Assyrier Bel
und Baal genennet / und unter diesem Nahmen an statt Gottes seinen Schatten /
nämlich die Sonne angebetet haben. Warumb aber / sagte Erato / werden diese
Göttliche Nahmen / wenn sie einen Gott bedeuten / in einer so wohl abgemässenen
Drei-Eck mit einander vereinbaret / und durch ein Band zusammen geschlingt? Der
Druys antwortete: Hierinnen stecket ein sehr tieffsinniges Geheimnis. Diese
Nahmen deuten mit ihrem Dreieck eine dreieinige Gotteit an. Wie wir / dass
unmöglich mehr als ein Gott sein könne / aus vielen unumbstosslichen Gründen
behaupten; also ist dessen Drei-Einigkeit dem / der nur sein Hertze der Andacht
/ sein Auge der Vernunft / dem Lichte der Weissheit öffnet / leicht sichtbar.
Denn wie Gottes Geschöpfe der Mensch ausser sich gewisse Gemächte fertigt / aus
sich aber seines gleichen zeugt; also muss der allervollkommenste Gott / der als
ein Künstler / ausser sich das grosse Welt-Gebäude aus nichts erschaffen / als
ein allgemeiner Vater aus sich selbst seines gleichen / nämlich Gott zu Zeugen /
nicht nur vermögend; sondern auch /weil diese Zeugungs-Art die alleredelste /
und in Gott können / wollen / und tun / einerlei und unzertrennlich sind /
geneigt sein; und also wahrhaft und wirklich von Ewigkeit her / ein göttlich
Wesen zeugen. Gottes Liebe gegen irrdische Dinge ist aus derselben Erhaltung
gleichsam mit den Händen zu greiffen; wie sollte nun Gott seinem können nach
/nicht seines gleichen zeugen / damit er etwas habe /was der Völle seiner
unermässlichen Liebe gemäss und würdig sei? Aus dem / dass Gott mit den Menschen
/da sie noch nicht so böse waren / geredet / und verträulich umbgegangen /
lässet sich seine Neigung zur Gemeinschaft schlüssen. Wer wollte aber so alber
sein / und ihm einbilden: dass er für Erschaffung der Welt in der auch nur mit
der langen Schnure der Gedancken unermässlichen Ewigkeit / in seiner Einsamkeit
geblieben sein sollte? Wer wollte glauben: dass der so tätige Gott / dessen Auge
niemals über den elendesten Menschen / über den geringsten Wurm schlummert; ohne
dessen Vorbewust uns kein Haar vom Haupte fallen kann / der in der Welt alle
Augenblicke neue Pflantzen / Tiere und Menschen zeuget /so viel tausendmal
tausend Jahre ohne Tun in Müssiggang solle zubracht haben / ehe er in wenig
Tagen der Welt Grund gelegt? Nichts in der Welt hat ein Wesen / Leben / Sinnen /
oder Vernunft; es zeuget seines gleichen / auch die / wie Gott / einzele Sonne
doch die Strahlen ihr Bild / das sonst alles verzehrende Feuer die Wärmbde / ja
iedwedes unfruchtbares Ding zum wenigsten im Spiegel sein Fürbild. Ob nun zwar
der Mensch seines ihm eingeflössten Verstandes halber in der Welt ein Ebenbild
Gottes ist / weil er unter allen irrdischen Dingen alleine Gott erkennen kann; so
ist er doch nicht gezeugt aus seinem Wesen /sondern er hat nur in den
zubereiteten Ton durch den Atem seiner Gnade ihm einen Funcken des himlischen
Lichtes eingeblasen. Also ist unglaublich: dass der reiche und vollkommene Gott
nicht ein Ebenbild seines eigenen Wesens haben sollte. Seine Freude /seine
Vergnügung würde nicht ihre Vollkommenheit haben / welche in der Einsamkeit
unmöglich zu finden ist. Wie die Sonne ihre Strahlen in sich selbst nicht
einsencken kann / also auch nicht Liebe und Freunde. Also kann die Ergötzligkeit
nur mit Gesellschaft sich vermählen. Welche Gesellschaft aber kann
rechtschaffen angenehm sein / wenn sie nicht von seines gleichen bestehet?
Welche Liebe aber ist nicht unvollkommen / da man das geliebte nicht so sehr
liebt / als sich selbst? Lässt sich aber wohl etwas vernünftig auf diese Art
lieben / als seines gleiche? Wie könnte sich nun die göttliche Liebe in solcher
Vollkommenheit auslassen / wenn Gott nicht seines gleichen zeugte? Ja ohne diese
Zeugung würde der unerschöpflichen Wohltätigkeit Gottes der allergrösseste
Brunn verstopfet sein. Gott hat in der Welt nichts geschaffen /was nicht zu was
gut / und also wohltätig sein könne. Die Sterne flössen ihr fruchtbares Oel
nicht nur in die Unter-Welt; die grossen Pflantzen und Tiere bringen nicht nur
ihr Gewächse und Kefer; sondern auch der Isop an der Wand / die Regen-Würmer das
Geschmeisse / die Käfer die giftigen Kröten /die todten Steine / und das Ertzt
üben in der Natur ihre ihnen von Gott eingeflösste Wohltätigkeit aus /und
teilen sich andern zum Nutzen / und zur Vergnügung mit. Und der Brunn alles
Guten der wohltätige Gott sollte sich alleine ihm selbst vorentalten /und sich
selbst niemanden mitteilen? Solte seine Wohltätigkeit allererst mit der etwan
vier tausend Jahr stehenden Welt den Anfang genommen haben? Nein sicher! Gott
kann niemals gewest sein / dass er nicht wohltätig gewest wäre / denn er ist die
Wohltätigkeit selbst. Da aber für Erschaffung der Welt keine Geschöpfe gewest /
welchen er hätte wohltun können / so hat er notwendig seine Wohltätigkeit
inner sich selbst ausüben müssen. Dieses aber hat nicht geschehen können / ohne
eine ewige Zeugung /in und aus sich / welche aber nichts anders sein können /
als seines gleichen / nämlich eine ewige selbstständige Gotteit. Das höchste
ist / welches / weil es das höchste ist / mitteilbar hat sein / und also sich
selbst einem mitteilen; und damit iemand diese Mitteilung hat empfangen können
/ seines gleichen dem Wesen und Willen nach / iedoch unbeschadet seiner
unzertrennlichen Einigkeit / hat zeugen müssen. Denn die gebende Hand kann ja
nicht zugleich schlechter dings sein die empfangende. Gleichwol aber ist in Gott
nichts zerteilbares / nichts ungleiches / nichts zeitliches / sondern alles
eines / unermätzlich / ewig /und hat diese warhafte Zeugung weder Anfang noch
Ende. Weil auch Gott in seinem Wesen eitel Verstand ist / hat die Zeugung auch
nur durch solchen Verstand / und wie der Sonnen-Strahl von der Sonne / also die
selbstständige Weissheit Gottes / von dem selbstständigen Verstande gezeuget /
und wegen Gottes Unzertrennligkeit / nur einem das ganze Bild des Zeugenden
eingedrücket werden können; welches wir / weil es die menschliche Zunge nicht
besser aussprechen können / das Wort / die Wessheit / und den Sohn Gottes nennen.
Demnach nun die Eigenschaft eines ieden Zeugenden ist: dass er diss liebe / was
er zeuget / und des Gezeugten / dass er den Zeugenden liebt; so muss aus Gott dem
Zeugenden / und aus Gott dem Gezeugten / etwas drittes gezeugt werden / nämlich
die Liebe / welche aber / weil Gott aus sich selbst ihm nichts ungleiches zeugen
kann / eben so wohl / als das / was allein der Zeugende zeugt / der
selbstständige Gott /und weil Gott unzertrennlich / mit denen zwei Zeugenden
einerlei Wesen sein / und in dem Zeugenden bleiben muss. Lasse dir biss nicht
frembde fürkommen / und erinnere dich: dass dein Verstand in sich viel Gedancken
zeuget diese aber zeugen vermittelst des Urtels den Willen; alles aber bleibet
doch im Verstande / und kommet ausser ihm nicht. Weil nun Gott das
allereinfältigste Wesen ist; so sind und bleiben diese drei eines. Es ist in
ihnen wohl eine Ordnung / aber kein Vorzug oder Trennung; sondern alle drei sind
ewig / unermässlich / und nicht mehr / als dem Wesen / dem Verstande / und Willen
nach / ein Gott. Kanst du es anderer Gestalt nicht fassen; so dencke: dass deine
Seele nur ein einfaches Wesen / gleichwohl in ihr drei besondere Dinge / nämlich
der Verstand / der Wille und das Gedächtnis begrieffen sind; und dass auf diese
Art deine Seele wo nicht ein Ebenbild / doch ein Schatten des dreieinigen Gottes
sei. Die Königin Erato ward über dieser Erzehlung ganz vergeistert /und fieng
an: O welch eine Tieffe der Weissheit und des Verstandes! Wer kann seine von der
schweren Eitelkeit angefeuchtete Flügel der Gedancken in solche alle Vernunft
übersteigende Höhe empor schwingen? Höre auf / weiser Druys / meine Einfalt mit
so tieffsinnigen Lehren zu überschütten / oder vielmehr meinen albern Verstand
zu erstecken. Mein Haupt schwindelt mir; meine Augen werden düstern; gleichwohl
aber werde ich durch eine brennende Andacht zu diesem dreieinigen Gotte
entzücket: dass ich nicht mehr in mir selbst bin. Der Druys fragte sie mit
freudigen Geberden: Ist es wahr: dass dein Hertze eine solche Bewegung fühlt /
und deine Seele einen solchen Zug empfindet? Erato antwortete: Es ist in alle
Wege wahr. Aber meine Gedancken haben sich verstiegen: dass sie wie die nach den
Gemsen kletternden keinen Rückweg wissen. Mein Verstand schwimmet auf einem
unermässlichen Meere / da ich nirgends kein Ufer sehe / und zu meiner Leitung
keinen Compass habe. O glückselige Seele! fieng der Druys weinende an; die du
durch ein so geschwindes Licht der Göttlichen Barmhertzigkeit in einem
Augenblicke so sehr erleuchtet worden bist / als ich durch funfzehn-jähriges
Nachdencken kaum kommen bin. O glückselige Seele! die du von dem ersten Funcken
deiner Erleuchtung durch das heilige Feuer der Andacht schon bist angezündet
worden. Freue dich! dass du mit dem alleine wahrhaften dreieinbaren Gotte
vereinigt bist! denn eine solche brennende Andacht ist das rechte Band zwischen
Gott und der Seele; und deine Verzuckung ist schon ein Vorschmack deiner
künftigen Unsterbligkeit; da dein ietzt verdüsterter Verstand verkläret werden /
und den unsichtbaren Gott allererst recht sehen wird; da deine Seele in einem
Meere solcher Wollust schwimmen wird / aus welchem ein verteilter einiger
Tropfen allen Menschen für der Bitterkeit ihres Lebens einen heftigen Eckel
erregen würde. Erato seufzete / und liess sich bedüncken: dass sie in ihr Hertze
vom Himmel einen so süssen Tau flüssen fühlte / welche alle Anmut der Welt
überträffe. Dahero sie auch sich nicht entalten konnte / ziemlich laut zu
ruffen: Wie wird mir? ich vergehe für Wollust! Der Druys sah sie nur an; weil
er entweder für Freuden /oder für Wehmut nicht reden konnte. Seine Augen aber
hatten sich in zwei Brunnen verwandelt / welche zwei häuffige Trähnen-Ströme
auf die zur Erden gesunckene Erato ausschütteten. Nach einer langen Weile kam
Erato gleichsam aus einem Traume wieder zu sich selbst / und fieng an: Weisester
Druys! Nimmermehr werde ich deinen Unterricht aus meinen Gedancken / und keines
andern als des dreieinigen Gottes Anbetung in mein Hertz kommen lassen. Aber /
sage mir / wie es zugehe: dass diese heilsame Lehre in der Welt so seltzam und
verborgen ist? Haben alleine die Druyden hiervon Wissenschaft? Hat kein ander
Weiser der Welt dieses Geheimnis erblickt? Der Druys antwortete ihr: Diese
Sorgfalt hat mich lange Jahre gequälet / und ich habe nicht Ruhe gehabt / biss
ich alle Bücher der Griechen und Britannier / die wir in unsern Schulen haben /
durchblättert. Da ich denn wohl gesehen: dass Orpheus von dem wesentlichen Worte
Gottes / welches Gott zu erst herfür gebracht /und die Welt erschaffen /
gesungen habe. Hieraus hat man hernach die Zeugung Minervens aus dem Gehirne
Jupiters auf die Bahn gebracht; Pherecydes hat gelehrt: dass als Gott die Welt
schaffen wollen / habe er sich in die Liebe / welche der Anfang aller Dinge wäre
/ verwandelt; und Pytagoras schrieb solch Werck der Weissheit Gottes / und die
höchste Vollkommenheit der dreifachen Zahl zu. Zeno hat gelehrt: Das Wort sei
Gott / und der Geist Jupiters. Socrates aber und Plato: Es wäre ein
selbständiges Bild / ein Verstand Gottes / welchen Gott durch Erkenntnis seiner
selbst gezeuget. Durch solch Bild / durch solch allergöttlichstes Wort aber die
Welt geschaffen hätte. Gott wäre die unsichtbare Sonne / und der Brunn des Guten
/ das Bild / der Verstand / und das Wort aber der Sohn des Guten durch dessen
Mitteilung die Menschen sähen / iedoch wäre der Herr / als der Ursprung aller
Dinge / und dieses Herren Vater nur eines. Uber das göttliche Gute / und den
göttlichen Verstand lehrt Plato noch die Seele der Welt; zielet also wohl auf
unsern dreieinigen Gott; aber die Griechen reden hiervon mit verborgenen Retzeln
/ und verstecken die Wahrheit hinter ihre Getichte; dass zwar ein Erleuchteter in
ihren Schifften ein Licht findet; ein Unerleuchteter aber darinnen im finstern
tappet. Weil aber Orpheus / Pherecydes / Pytagoras und Plato alles von den
Egyptischen Priestern / wir aber von diesen keine Bücher haben / kam mich die
Lust an / selbst dahin zu reisen / umb die Reinligkeit aus dem Brunnen zu
schöpfen; denn ie weiter das Wasser und die Lehre vom Quelle entfernet ist / ie
mehr haben beide Beisatz. Ich bekam daselbst die Schrifften des weisen
Zoroasters zu Gesichte / und fand darinnen: dass Gott der Vater alles gemacht /
und seinem andern Verstande gegeben hätte auszuteilen / welchen das menschliche
Geschlechte wie den ersten verehrte. Dieser göttliche Verstand habe alleine die
Blume des Verstandes abgebrochen / aus dem Vermögen des Vaters / besitze also
die Krafft des Verstandes und die Tugend den väterlichen Verstand dem Anfange
und denen Brunnen der Dinge auszuteilen. Aus dem Verstande aber wäre die sich
in Feuer kleidende Liebe entsprossen: dass sie zwischen ihnen ein brennendes Band
wäre / und mit ihrer ausgebreiteten Wärmbde die Ströme der Brunnen milterte. Als
ich mich aber bei meinem Lehrer über diese Tunckelheit beschwerte / legte er es
mir derogestalt aus: Gott habe durch blosses Dencken gezeugt den Verstand / und
den menschlichen Gemütern eingesämet eine Gleichheit oder Bild dieses
Verstandes / durch den blossen Willen aber wäre die Liebe allen Dingen zu ihrer
Erhaltung eingeflösst worden. Nach diesem wiess man mich zu dreien porphyrenen
Säulen in Memphis /darein der dreimal grosse Hermes seine Lehre geschrieben /
wenn ja seine Bücher durch Ergiessung des Nils verterbet würden. An der ersten
Säule stand: Gott / welcher der Verstand / das Leben / das Licht / und beiden
Geschlechtes ist / hat geboren das Wort / welch Wort der Verstand und aller
Dinge Schöpfer ist / und mit ihm noch einen / welcher ein feuriger Gott / und
seine Gotteit Geist ist. Dieser Verstand / weil er alle Fruchtbarkeit in sich
hat / hat das Wasser bebrütet / und es fruchtbar gemacht. Also ist er viel älter
/ als die wässrichte Natur / welche aus dem Schatte entsprossen. An der andern
war zu lesen: Gott und der Verstand sind nicht von sammen unterschieden. Beider
Vereinbarung ist die Vereinbarung des Lebens. Der Verstand ist der einige
wahrhafte erst-gezeugte Sohn Gottes / von Gotte herkommend / unerschaffen /
unendlich / ewig / unveränderlich / unverterblich / mit Gott eines / ihm gleich
/ und mit selbstständig. An der dritten war eingegraben: Gottes Geist ist dem
Wollen Gottes /wie sein Werckzeug unterworffe. Dieser macht alles lebendig / er
erfüllet alles / er ernähret die Seelen / wie die Welt die Leiber. Nichts kann
dieses Geistes entpehren / denn er wärmet / beseelet alles / und aus seinem
Brunnen entspringt die Hülffe aller Geister / und alles dessen was lebt. Durch
ihn ist die Welt entsprossen / und er hat iedem Gestirne seinen Platz
zugeeignet. An dem Fusse der erstern stand: Hilff mir / du Anfang aller Dinge;
ich beschwere dich durch den Himmel das weise Gemächte des weisen Gottes. An der
andern: Ich beschwere dich Wort / welches der Schöpfer der Welt zum ersten
fürbracht. An der dritten: Ich beschwere dich durch den alles in sich
begreiffenden Vater / und durch sein eingebohrnes Wort! Endlich brachte ich bei
meinem Lehrer mit vielen heissen Tränen zuwege / dass er mir in einer
unterirrdischen Höle des grossen Serapischen Tempels die in Marmel eingegrabene
Antwort zeigete / welche Serapis dein Könige Tuclis gab / als er fragte: Was
für Könige für ihm in Egypten geherrscht hätten / und herrschen würden: Der
erste Gott / hernach das Wort /und mit diesen der Geist. Alle diese sind
einander verwand / und in eines eingewickelt. Seine Macht ist ewig. Fleuch!
fleuch geschwinde von hier / o Sterblicher! der ist viel besser als du / der in
Unwissenheit sein Leben führt. Die Königin Erato fiel nach seiner geendigten
Erzehlung ein: O was ist diss für eine Finsternis gegen deinem Lichte! Ich
verstehe ja wohl etwas von ihrer Meinung / nach dem du vorher mein Leitstern
gewest. Sie sagen zwar etwas; darzu aber ein grosser Glaube gehöret. Allein dein
Lehren bestehet auf eitel Gründen; und du leitest die blinde Vernunft bei der
Hand / und führest sie zu dem Lichte /da Grieche und Egyptier im Schatten der
Unwissenheit sitzen. Der Druys versetzte: Es ist wahr die klügsten Weltweisen
vieler Völcker haben in etlichen tausend Jahren nicht so viel / als du heute in
einer Viertel-Stunde begrieffen. Sie wissen nicht / was sie aus Gott machen
sollen. Sie nennen ihn ein Ding / weil unter ihm alle Dinge sind / aber auch ein
Unding /weil ihm kein ander Ding gleich / und er von keinem Menschen begriffen
werden könne. Ja etliche nennen ihn alles / welches nichts ist / und nichts ist
/ welches doch alles ist. Sie heissen ihn so bald eine Finsternis / als ein
Licht / weil ihr düsterner Verstand den unbegreifflichen nicht begreiffen kann.
Erato fiel ihm bei /und sagte: Sie hätte noch von ihrem Lehrmeister gehöret: dass
Simonides / als er gefragt worden / wer Gott eigentlich wäre / biss an seinen Tod
immer Aufschub gebeten hätte. Und ihr Lehrmeister hätte sie beredet: Die Natur
wäre wohl ein Spiegel Gottes / aber weil kein menschlich Auge ihn genung zu
betrachten und zu verehren wüste / liesse er sich nur wie eine Neben-Sonne im
Segen-Scheine einer Wolcke sehen. Alleine er hätte ihr heute das Fell der
Blindheit von ihre Auge abgezogen / dass sie mehr wüste als alle Weltweisen im
Morgenland. Der Druys begegnete ihr: In keinerlei Weise. Diss wenige / was er
wüste / hätte er von einem Juden zu Jerusalem gelernet / aus welcher Schule die
Chaldeer und Egyptier alles gelernt hätten / was sie iemals gewüsst. Aber alles
diss / was er und die allerweisesten von Gott wüsten / wäre nur ein Sonnen-Staub
von dem / was Gott wahrhaftig wäre / und was man durch seine Anschauung in der
Unsterbligkeit zu sagen wissen würde. Bei diesen Worten schlug der oberste
Priester dreimal an das schwirrende Becken / worauf alles Augenblicks zu Bodem
fiel / und mit den Antlitzen auf der Erde im Staube Gott mit andächtigem Gebete
eine halbe Stunde lang verehrten. Niemand rührte darbei einige Hand oder Fuss /
und man hörete nichts / als viel Seufzer der Betenden. Als der oberste Priester
das Zeichen gab /kam ein ieder wieder an seinen ersten Ort; die Opfer-Knechte
brachten drei schneeweisse Ochsen / welche geschlachtet / und auf dreien unter
denen drei Eichen stehenden Altaren geopfert wurden. Nach vollbrachtem Opfer
ward von dem obersten Priester mit diesen Worten das Gerichte gehegt: Gott / der
die Gerechtigkeit selbst ist / hat kein grösser Geschencke den Menschen gegeben
/ als die Gerechtigkeit. Ohne diese kann die Welt nicht bestehen / ohne sie wären
alle Reiche Schlacht-Bäncke / ja Räuber und Mörder selbst könne ihr nicht gar
entpehre. Weil aber der Menschen Irrtum oft wider Willen von der Richtschnur
der Gerechtigkeit abschreitet / oder die Bosheit derselben Gewalt anfügt / muss
sie durch Gerichte in ihrem Stande erhalten / und dardurch die gemeine Ruh und
Wohlfart befestigt werden. Dieses geschihet / weint einem ieden diss / was ihm
zustehet / zugeeignet wird /dem Gläubiger die Schuld / den Verdiensten der Lohn
/ den Lastern die Straffe. Unser Vaterland hat für Alters den Priestern das
Erkenntnis hierüber anvertraut /weil es sie für Gottes Stadtalter und Redner
gehalten. Erweget diesemnach: dass ihr / die ihr hier den Richter-Stul betretet /
an Gottes Stelle sitzt. Urteilet daher nach der Göttlichen Erleuchtung eures
Verstandes / nach der Zärte eures Gewissens / und wie ihr selbst von Gott und
Menschen geurteilet zu werden verlanget. Im Nahmen Gottes geschehe einem ieden
/was recht ist. Hiermit wurden die äusersten Schrancken geöffnet / und durch
einen Gerichts-Vogt ausgeruffen: Die Geladenen / und wer sonst der Rechts-Hülffe
von nöten hat / sollen erscheinen. Es wird iedem wiederfahren / was Recht ist.
Hiermit trat so wohl Ismene als der Druys Luitbrand in den mitlern Schrancken.
Beider Antlitzer und Geberde waren aber von einander weit entfernet. Ismenens
ware voller Freudigkeit / Luitbrands voller Schwermut. Denn Unschuld zeigt sich
zwischen Blitz und Erdbeben unglaublich klug und behertzt. Was kann aber der in
Gefahr für Vor- und Zuversicht haben / welcher von seinen Untaten in seinem
Gemüte unaufhörlich gequetscht und genaget wird? Gleichwohl hob dieser eine
hochtrabende Rede an / darinnen er ausführte: Der Gottes-Dienst wäre der erste
und fürnehmste Pfeiler aller Reiche / und so notwendig zu ihrer Erhaltung: dass
ihrer viel ihn für eine Erfindung der Staats-klugen gehalten. Die Gottes-Furcht
wäre der Ancker der gemeinen Wohlfart. Deñ wer wollte sich für Menschen scheuen
/ ihren Gesetzen sich unterwerffen / der Gott verachtete? Niemanden aber wäre
die Gottesfurcht nötiger als den vorleuchtenden Sternen dieser Welt / nach
derer Beispiele sich die Untertanen mehr richteten / als nach ihren Geboten.
Denn dieser Schärffe verhärtete sie nur / jene aber flössten ihnen einen
liebkosenden Zwang zur Nachfolge ein. Dahero die göttliche Versehung auch auf
sie stets ein genauer Auge hätte / als auf gemeine Leute /nicht weniger / als
die Natur über Bildung des Auges mehr Fleiss anwendete / als über andern
Gliedern; weil jene sollten dieser Wegweiser sein. Gott und die Sonne beteilten
zwar die ganze Welt mit ihren Wohltaten; wie aber diese einen gekrönten
Granat-Apfel-Baum mehr / als einen Hage-Dorn; also jener mehr die Herrscher /
als den Pöfel. Sie wären die Ringe oder Nadeln / welche unmittelbar von dem
Magnet-Steine bestrichen würden; und daher viel mehr Krafft / als die erst von
ihnen bestrichenen hätten /das Eisen zu ziehen / und den Angelstern zu zeigen.
Diesemnach erforderte Gott und ihr eigen Gewissen von ihnen eine desto grössere
Frömigkeit / umb tausend andern diss zu sein / was ein Leuchte-Turm den
Schiffenden ist. Daher hätten kluge- sonderlich aber die Cheruskischen Fürsten
sich iedesmal einer besondern Heiligkeit beflissen. Denn diese umbstrahlte mit
ihrer Schönheit die Menschen / und hätte eine mächtige Krafft durch Verwunderug
über ihrem Glantze /die Gemüter an sich zu locken. Diesemnach wäre ihrer vielen
die Gottes-Furcht eine Treppe auf den Tron / und dem Könige Philipp der Krieg
wider die Gottsvergessenen Phocenser eine Ursache des bemeisterten Griechenlands
gewest; weil iedermann ihn für den nechsten bei den Göttern hielt / der der
Götter Beleidigung rächete. Die Römer gestünden / dass die Hispanier an Menge /
die Africaner an List / die Gallier an Stärcke / die Griechen an Kunst / die
Deutschen an Hertzhaftigkeit überlegen wären; und dass sie alleine durch eivrigen
Gottes-Dienst sich zu Meistern der Welt gemacht hätten. Viel Völcker hätten
destwegen wie noch jetzt die Römischen Käyser / die oberste Priesterschaft mit
der Herrschaft vereinbart. Midas in Phrygien hätte sich vom Orpheus zum
Priester einweihen lassen. Bei den Egyptiern könnte keiner König sein / der nicht
auch Priester wäre; und in Cappadocien vermöchte der Bellonen Priester fast mehr
/ als der König. Nachdem die meiste aber gesehen: dass diese Würde einen ganzen
mit weltlichen Händeln unbeschäfftigten Menschen erforderte / hätten doch fromme
Fürsten iedesmal die Priesterschaft / als den Aug-Apfel Gottes / in Ehren
gehalten / insonderheit die Deutschen sie zu allen wichtigen Ratschlägen
gezogen / und sie zu beleidigen für gröstes Laster und ihren Untergang gehalten.
Allem diesem aber hätte die Fürstin Ismene zu wider gelebt. Nach dem sie mehr
ihrer eitelen Liebe nachgehangen / als das gemeine Beste Deutschlands durch
Eingehung anständiger Heirat befördern wollen / wäre er von dem ihr zu gebieten
habenden Feldherrn erkieset worden / ihr bescheidentlich einzureden. Das ihr
übel bewusste Gemüte aber hätte seine wolgemeinte Erinnerung wie glüendes Eisen
das Kühlwasser mit sprüen und schäumen angenommen / welches das gewisseste
Zeichen getroffener Bosheit wäre. Das Oel seiner sanften Worte hätte ihren
verkehrten Sinn nur verärgert. Denn ein solch Hertze wäre unempfindlicher als
Marmel. Treue und bewegliche Ermahnungen versteinerten es / an statt dass sie es
zu weichem Wachse machen und schmeltzen sollten. Seine eigene Verachtung wollte er
gerne verschmertzen. Deñ die Erkäntnüs seiner Schwachheiten hielte ihn selbst
für den allerverächtlichsten. Er wüste die genaue Verwandnüs zwischen dem Gliede
und Leibe wohl: dass die jenem angetane Unehre diesen notwendig berühre; aber er
bäte selbst seines nicht mit auf die Wagschale ihrer Schuld zu legen. Dass sie
aber den heiligen Orden der Druyden / in welchem er der geringste wäre / als
gottlose Leute verläumbdet / wäre ihm durchs Hertz gegangen; und könnte von ihm
nicht verschwiegen werden / ob er schon mit Ismenens Vergehung ein Mitleiden
hätte. Denn was könnte dem Gottesdienste mehr Abbruch tun / als wenn dessen
Vorsteher in der Welt einen so schlimmen Ruff haben sollten? Aber auch diese
Beschwärtzung würden die heiligen Druyden leicht verachten können. Die reinesten
Flammen wären nicht ohne Rauch; und denen / welche den besten Nahmen in der Welt
hätten / würde bisweilen übel nachgeredet. Wolte GOtt! Ismene hätte sich hiermit
nur vergangen. Alleine sie hätte den Druyden die Schlüssel zum Himmel und zur
Hölle aus den Händen gerissen /welche ihnen der grosse GOtt gegeben hätte. Die
Schlüssel / welche kein irrdischer Mensch ohne Schrecken anrühren könnte; ohne
welche die Druyden ohne Priesterschaft / die Welt ohne Gottesdienst wäre. Denn
zu was Ende würde GOtt von den Frommen verehret / von den Bösen gefürchtet; als
dass diese ihre unsterbliche Seele nach Ablegung des leiblichen Kleides befreit
/ jene sie aber mit GOtt und unaufhörlicher Wollust vereinbart wünschen?
sintemal in diesem Leben die Lasterhaften mehrmals auf Rosen / die
Gottsfürchtigen auf Dornen giengen? Wenn die Priester keiner Seele den Himmel
oder die Hölle aufzuschlüssen hätten / was wäre es anders / als dass sie mit dem
sterblichen Leibe verschwinden müste? Wer aber nicht die Unsterbligkeit der
Seelen glaubte / glaubte auch nicht / dass ein GOtt wäre. Denn nichts sterbliches
wäre fähig was unsterbliches zu begreiffen. Und wenn unvernünftige Tiere GOtt
abbilden sollten / würden sie ihres gleichen mahlen. Zwischen GOtt und der Seele
wäre eine feste Verknüpffung. Wie die Wurtzel der Sonnenstrahlen in der Sonne /
ihre Spitzen aber auf der Erdkugel wären; also wären die Seelen zwar in
menschlichen Leibern /aber sie wären doch mit GOtt als ihrem Brunnquell
verknüpfft. Wer nun von diesem Bande und Ursprunge nichts wüste / könnte auch
nichts von GOtt wissen. Wer aber den nicht glaubte / der könnte unter der
Gemeinschaft ihres Gottesdienstes / ja schwerlich der Menschen geduldet werden.
Ismene hörete dem Luitprand mit Gedult / und ohne einige Veränderung des
Antlitzes und Gemütes zu / als er auf die Beschuldigung kam: dass sie nicht die
Unsterbligkeit der Seelen / und endlich gar nicht GOtt glaubte / überlief sie
der Eyver / und die Galle / und das Geblüte. Sie mühte sich aber / alle diese
Regungen bald nieder zu schlagen / umb bei ihrer Verteidigung in keine
Verwirrung zu geraten. So bald er nun geschlossen / fieng sie mit einer grossen
Freimütigkeit an: Ich habe hier einen Ankläger zu hören vermeint / so aber habe
ich gehört einen Verläumbder. Ich dachte für mir einen weissen Druys zu finden /
so sehe ich einen schwartzen Werckzeug der Finsternüs. Er meint  ihm zwar durch
das Lob des Gottesdienstes / der Gottesfurcht und der Priesterschaft eine Farbe
anzustreichen; aber in seinem Tun finde ich nichts Priesterliches / auf seiner
Zunge keine Gottesfurcht / und in seinem Hertzen keinen GOtt. Denn da er wüste /
was GOtt wäre /würde er nicht glauben: dass ein so rasender Mensch in der Welt
lebte / welcher ihm aus dem Sinne reden könnte: dass kein GOtt wäre. Ich glaube
nicht: dass ein Mensch jemahls gelebt habe / dem sein Hertze nicht gesagt / sein
Gewissen nicht überzeugt / seine Vernunft nicht überwiesen habe: dass ein GOtt
sei. Wer GOtt nicht erkennet / muss nicht nur seines Verstandes / sondern seiner
Sinnen beraubt sein. Er muss nicht wissen: dass er eine Seele habe. Denn der Seele
Wesen ist GOtt / von dem sie und ihr Wissen entspringt. Ich weiss wohl: dass für
Zeiten Diagoras / Teodorus von Cyrene und Eyhemerus Tegeates dessen
beschuldiget worden / aber sie haben mehr die Abgötter verhöhnet / als GOtt
verleugnet. Welcher Mensch ist so alber /den nicht der Strom zu seinem Brunnen
leitet? Wer will glauben: dass ein Fluss ohne Quell / ein Baum ohne Wurtzel sei?
Und ich sollte nicht wissen: dass dieses grosse Weltgebäue einen Schöpffer / einen
Erhalter haben müsse? Was aber sollte der anders als Gott sein? Wer sollte die
unbegreifliche Kreisse des Himmels / die Sonne / die Sternen / in so
wunderwürdigen Ordnung bewegen? da doch keines in sich so viel Leben als eine
Mücke / und noch weniger Vernunft hat. Wer sollte zwischen dem kalten Wasser und
heissen Feuer / zwischen der leichten Lufft / und der schweren Erde / in so
langer Eintracht erhalten /da ihre Eigenschaften einander so zu wider sind?
Welche verstimmte Laute stimmet sich selbst? Geschiehet aber alles nur ungefehr?
Woher treffen unsere Zeiten-Rechnungen so genau ein? Wie können wir auch
künftige Finsternüsse / den Stand und die Würckungen der vereinbarten Sterne
auf tausend Jahr hinaus ausmässen? Warumb überschreitet die Sonne niemals die
zwei Kreisse der zwölf himmlischen Zeichen? Warumb wechseln Frühling / Somer /
Herbst und Winter so richtig mit einander ab? Wer giebet so vielen tausend
Pflantzen Leben und Wachstum? Wer unterscheidet sie und die Tiere mit
tausenderlei Gestalten und besondern Eigenschaften? Wer bereitet den
menschlichen Leib in Mutterleibe; also dass ihn kein Seidenstücker künstlicher
und schöner weben und mahlen könnte? Wer flösset ihm so eine vernünftige Seele
ein; welche alle dis nicht ohne Wunderwerck begreiffen / ja sich selbst zu dem
unbegreiflichen GOtte schwingen kann? Warlich! der alleralberste Mensch muss
hierüber die Augen auftun / und glauben: dass dis Reichtum aus einer
fruchtbaren und unerschöpflichen Macht herriñen; diese Ordnung von einer
unermässlichen Weissheit / welche für die Richtschnur aller Dinge in der Welt zu
halten wäre / fürgeschrieben werden müsse. Und ich / wenn ich gleich nur aus
diesem Brunnen den hundersten Teile meiner Vernunft geschöpfft hätte / würde
durch diese einige Eichel (diese hob Ismene von der Erde auf) überwiesen werden:
dass ein GOtt sei. Sintemal alle Menschen in der Welt mit versammleter Krafft
nicht eine einige machen können. Was verteidige ich mich aber destwegen wider
diesen Verläumbder? Solche Schutz-Reden kommen nur Unsinnigen zu statten. Denn
diese alleine können nur an dem zweifeln / was alle wilde Völcker der Menschen
bekennen / nämlich dass ein Gott sei. Kan aber meine Seele den unsterblichen Gott
begreiffen / wie kann ich glauben: dass sie sterblich sei? Nichts in der Natur
sättiget sich mit was besserm / als es selbst ist / wie sollte sich denn eine
sterbliche Seele an dem unsterblichen GOtte durch Verstand und Andacht speisen?
Weil aber meine Seele an dieser unversehrlichen Warheit vergnüget /wäre ich
unvernünftig / wenn ich sie nicht für unsterblich hielte. Es ist in alle wege
merckwürdig / dass ausser dem einigen Menschen sich kein ander Tier des
Gebrauches des Feuers bedienet / welches etwas himmlisches und den Sternen
gemässes / und daher von den Persen für einen GOtt verehret worden ist. Dieses
dient zu einer nachdencklichen Erinnerung: dass der Mensch gar was besonders für
andern Tieren / und eine Verwandschaft mit GOtt und dem Himmel haben müsse.
Wie denn auch unsere Seele unwidersprechlich ein geistiges Wesen ist / und
nichts leibliches an ihr hat / welches allein der Veränderung und Vergängligkeit
unterworffen sei. Sie beweget sich von sich selbst; also kann die Bewegungs
Krafft von ihr nicht getrennet werden / worinnen das Leben besteht. Ja sie ist
selbst das wesentliche Leben des Menschen / wie wäre es nun möglich: dass sie
sterben könnte? Sie bestehet für sich selbst / und ziehet in den Leib / wie in
ein Gastauss nur auf eine kurtze Zeit ein; darf also keines andern Wesens /
welches sie beseele. Und weil sie einfach und unzerteilbar / kann ihr nichts /
was zu ihrem Leben und Vollkommenheit nötig wäre / benommen werden. Unsere
Seele hat drei Kräfften. In der Finsternüs des mütterlichen Leibes lebt und
wächst sie nur mit den Pflantzen. Wenn die Natur die vollkommene Frucht wider
Willen von sich stösst / fängt die Seele in dem Bauche dieser Welt /und in dem
Kerker des Leibes an zu fühlen / zu sehen / zu hören. Sie erblickt zwar durch
das Schauglass der Vernunft in dem Buche der Natur etlicher massen den Schöpffer
aller Dinge / aber das Gefängnüs seiner irrdischen Hütte hindert sein rechtes
Erkäntnüs. Wenn aber der Mensch durch den Tod sich solcher Beschwerde
entschüttet / kommet die Seele allererst durch diese andere Geburt in ihre
Freiheit / und ihr drittes vollkommenes Leben des Verstandes. Unsere Eitelkeit
kann sich hierbei des Zweifels gar schwer entledigen / denn die Last des Leibes
hemmet allzu sehr den Flug der feurigen Seele. Aber würde doch eine in
Mutter-Leibe beschlossene Frucht auch schwerlich ihrer Mutter Glauben beimässen /
wenn sie selbter schon beibringen könnte: dass sie aus einem so engen Gefängnisse
/ bald in eine so weite Welt / und an das Licht der wundersamen Sonne versätzt
werden würde. Also ist uns die Glückseeligkeit des künftigen Lebens auch in
diesem Kerker unbegreiflich. Gleichwol aber ist die Seele niemals reger und
aufgeweckter / als wenn sie dem Sterben als ihrer Erledigung am nechsten ist. Ja
wenn die Augen uns schon brechen /oder durch Verzückung sich schon gleichsam des
Leibes gar entäusern / so schärffet sich ihr Gesichte: dass sie bis in die
Ewigkeit / und in das Buch des Verhängnisses blicket / also nicht selten
künftige Dinge wahrsaget / ihrem Seegen oder Fluche einen grossen Nachdruck
gibt. Ja wenn auch jemals im Leben ein Epicurer an Unsterbligkeit der Seelen
gezweifelt hat /wird seine Seele wie ein Maulwurff beim Sterben sehend /
schwimmet aus denen sie ersäuffenden Wollüsten empor / erblickt ihr künftiges
Leben / und erkennet seine Todesstunde für den andern Geburts-Tag seiner Seele /
also sich nicht zu verwundern: dass Cleombrotus aus Begierde bald der
Unsterbligkeit zu genüssen / sich ins Meer stürtzte; dass die Nachfolger des Plato
wie auch Cato von Lesung seines Buches Phedon von der Unsterbligkeit der Seele
eine unmässige Begierde bald getödtet zu werden bekamen: dass die nackten
Weltweisen in Indien mit so freudigem Geiste auf die lodernden Holtzstösse
steigen / und mit Einäscherung ihrer Glieder die Unsterbligkeit der Seelen so
nachdrücklich behaupten. Sintemal sie wohl wissen: dass es mit ihrem sterbenden
Leibe wie mit Zerbrechung eines Brüt-Eyes zugeht / aus welchem ein Hühnlein /
und also was köstlichers heraus kreucht / als es selbst ist. Und wollte Gott! dass
ich allhier durch einen so rühmlichen Tod diese Warheit bewehren / und dich
hieran allem Ansehn nach zweifelnden Luitprand überzeugen sollte. Ich wünsche dir
aber nur einen Funcken von dem sehnlichen Verlangen /welches ich nach dem
künftigen Leben meiner Seele in mir unterhalte / und mir ein unfehlbares
Kennzeichen einer den Leib überlebenden Seele ist; welche Begierde bei dem Tode
am allerfeurigsten wird. Welches Menschen Geist ist so niedergeschlagen: dass er
nicht nach seinem Tode / wo nicht anders / doch durch rühmliche Taten / oder in
Gebäuen und Grabeschrifften / gerne sein Gedächtnüs / nämlich einen Schatten
seines Lebens verlassen wollte? Dieser unterscheidet uns von andern Tieren / die
an kein künftiges Leben gedencken / weil sie es ganz mit ihrem Blute
ausschütten / und versichert uns unser Unsterbligkeit. Denn warum schwindelt uns
bei ihrer Betrachtung nicht so sehr / als wenn wir zurück an die Ewigkeit
gedencken? Sicherlich nur darumb / weil dieser nur Gott / jener aber auch unsere
Seele fähig ist. Wie sollte diese aber sterblich sein / welche die vergangene und
niemals wiederkommende Zeit durch ihr Gedächtnüs unter ihre Botmässikeit bringt
/ und sie ihr in ihrem Spiegel als gegenwärtig vorstellt? ja / welche dis / was
schon für tausend Jahren vergraben und vermodert ist / lebendig / auf künftige
Fälle Anstalt machen; also der Zeit und dem Tode / und ihrer beider Verzehrung
nicht unterworffen sein kann. Der Leib muss ja wohl vergehen / wenn er veraltert /
und durch seine Nahrung nicht mehr verneuert wird. Aber die Seele nimt mit dem
abnehmenden Leibe / wie die Feuchtigkeit der Zwiebeln mit dem abnehmenden Monden
zu; je weniger Leib / je mehr Verstand / sie speiset sich mit nichts irrdischem;
sondern an sich selbst / an tieffem Nachsinnen / und an himmlischen Dingen. Die
Sinnen des Leibes würcken nicht in sich selbst / sondern ausserhalb sich; das
Auge sieht / und das Gehöre höret sich nicht selbst; der Verstand aber tut
alles / wie Gott in ihm und mit sich selbst; also dass die Seele ohne den Leib
ihre Verrichtungen vollenden / und nach dessen Trennung bestehen kann. Der Leib
überfüllet sich leicht mit den Trebern der Erde; je mehr aber die Seele mit
ihrem Verstande fasset / je begieriger und hungriger ist sie nach der Weissheit.
Jemehr der Verstand sich der euserlichen Sinnen entschläget / und die leiblichen
Augen zuschleusst / je höher schwingt er sich empor. Je weiter etwas von der Erde
entfernet ist / je leichter begreifft es die Seele. Sie entfernet sich von dem
Leibe / trennet sich von den Sinnen / umbsegelt in einem Augenblicke ganz
Africa / sie umbfähret mit ihrem Verstande den Himmel tausend- ehe die Sonne auf
ihrem Wagen einmal. Sie begreiffet den Himmel und die Erde mit ihrem Verstande /
welcher die Seele der Seele / wie der Augapffel das Auge des Auges ist / und
selbst Gott / wo nicht mit ihrem Erkäntnüsse / doch mit Liebe und Andacht. Wie
der Leib eine keine Welt / oder ein Begrief der grossen ist; also ist die Seele
ein kleiner Gott /und ein Tempel oder Wohnstadt des grossen Gottes. Wie sollte
sie denn nicht tauerhafter sein / als die irrdische Seele des Viehes? die
Sinnen des Leibes haben Abscheu für allzu heftiger Empfindligkeit; das Fühlen
fleucht den Brand / der Geschmack die Schärffe des Saltzes und Pfeffers / das
Gesichte die Strahlen der Sonne; aber die Seele ist das höchste und
tiefsinnigste / das angenehmste. Denn diese leidet nicht / sondern sie tut und
würcket; sie bildet und beseelet den menschlichen Leib: dass er ein Mensch ist;
sie aber selbst hat für sich keinen verterblichen Talg an sich; also kann der nur
irrdische Dinge überwältigende Tod ihr auch nichts benehmen. Behalten doch die
verbrennten Kräuter in ihrer Asche ein grosses Teil ihrer kräfftigen
Eigenschaften; ja einige Künstler haben die Rosen aus ihrem Staube wieder
auferweckt / und zum ersten Wesen bracht. Mit dem Leibe des Menschen aber sollte
der ganze Mensch sterben? Haue mir / Luitprand / zur Sättigung deiner Rache
einen Arm / beide Füsse ab! reiss mir die Augen und die Zunge aus; und
zerstimmele meinen Leib: dass man ihn von einem zerfleischten Rehe nicht
unterscheiden kann! glaube mir: meine in einem jeden Gliede so wohl als im ganzen
Leibe ganze Seele wird ganz unzerstückt / und gesund so lange bleiben / bis
das Gebäue des Leibes / darinnen sie ohne dis kleiner ist / als sie an sich
selbst ist / gar nicht mehr zu bewohnen taug / und sie also sich über den
fürlängst in sich begrieffenen Himmel zu ihrem Ursprunge empor schwingt. Also
ist der Mensch ein Wunderwerck /welches den Himmel und alle Geschöpffe weit
übertrifft; Wie die Pflantzen das Sein und das Leben / die Tiere das Leben und
die Sinnen mit einander verbinden; also verknüpfft der Mensch das Vergäng- und
Unvergängliche zusammen. Er ist ein Eckstein des irrdischen und des himlischen.
Sein Leib ist ein kurtzer Begrief der grossen Welt / die Seele des
unbegreiflichen Gottes. Weil nun nur jene / nicht aber dieser vergänglich ist /
kann auch am Menschen nur der Leib / als eine leimerne Hütte eines himmlischen
Gastes / als ein höltzern Futter eines köstlichen Kleinods / als eine Larve
eines schönen Antlitzes vergehen /nicht aber die Seele sterben; welche nicht so
wohl des Leibes Geselle / als sein Herr / ja eigentlich nur der Mensch ist / und
des Leibes sich nur als eines Werkzeuges / oder vielmehr nur als eines Ambosses
gebrauchet. Weil nun der Mensch derogestalt besser ist / als das grosse Gebäue
der Welt; dieses aber so viel tausend Jahr tauert; wer wollte glauben: dass der
grosse Schöpffer das Edlere nur auf zehen / zwantzig oder zum höchsten hundert
Jahr geschaffen habe? dass dis /was dem Menschen dienet / nämlich die Gestirne
und Elemente / lebhafter als der Mensch / dem sie dienen sein sollten? Diese
Dienstboten der Menschen haben zwar über seinen Leib / vermöge ihrer kräftigen
Einflüsse / eine grosse Gewalt / sie schwächen / ändern und stärcken ihn nach
ihren unterschiedenen Regungen / aber über den Verstand und den Willen der Seele
/ haben alle Sterne zusamen nicht die geringste Botmässigkeit. Muss also der Leib
ein geringer Knecht / die Seele aber eine edle Herrscherin sein. Ja wenn die
Seele stürbe / würde sie weniger als der Leib werden / und also geringer sein;
denn der Leib wird durch den Tod nicht gäntzlich zernichtet / sondern sein
Verterb ist eine andere Dinges-Zeugung. Was aber könnte wohl aus der Seele für ein
ander Wesen werden / wenn sie stürbe / als eine Seele? Ist es nicht wahr: dass
wenn man in Wachs oder andern Talg ein Bild eindrückt / das vorher darinnen
gewesene Bild zernichtet werde? Aber unser Verstand bildet tausendmal tausend
Bilder in sich / ohne dass die erstern Bilder in ihm verlescht werden; wie könnte
aber eine solche Unverterbligkeit in dem Verstande sein / wie könnte er
vergängliche Dinge in sich unvergänglich machen und erhalten / wenn die Seele
selbst verterblich wäre? Zu was Ende wären Tugend und Laster von einander
unterschieden? dieser himmlisches Verbot / jener Befehl von Natur unsern
Gewissen eingeschrieben / wenn nicht diese nach dem Tode bestrafft /jene
belohnet würden? Wie könnte aber die Seele Straffe oder Belohnung empfinden /
wenn sie mit dem Leibe vergienge? Was würde das allgemeine Gesätze der Völcker:
dass man sein Leben für des Vaterlandes Erhaltung aufzuopffern schuldig wäre /
für einen Grund haben; Wenn diese Aufopfferung nach dem Tode uns keinen Gewinn
bringen sollte; weil wir keinen für den Tod im Leben genüssen können? Woher würde
zwischen der vernünftigen Seele / und denen fleischlichen Reitzungen des Leibes
ein unaufhörlicher Krieg sein; jene zu Frömigkeit und Gerechtigkeit / dieser zu
viehischen Ergötzligkeiten einen steten Zug haben / wenn nicht dieser irrdisch
und schwer /jene himmlisch und empor steigend / also unvergänglich wäre? Sage
mir nun Luitprand / ob du an meiner Meinung was zu schelten findest? Urteile
selbst: ob du durch Verleumbdung der Unschuld dich nicht selbst verdächtig
machst: dass du von Unsterbligkeit der Seelen nicht viel hältest? Deñ wenn du
glaubtest: dass die boshaften Seelen nach dem Tode gepeinigt /die Tugendhaften
erquickt würden / so würdest du heute nicht mein Ankläger sein; so würdest du
selbst dis / was dich so sehr wieder mich entrüstet hat / und was mein so
grosses Laster sein soll / glauben: dass der gerechte GOtt ungerechten Leuten /
welchem sie ein Greuel in Augen sind / die Schlüssel zum Himmel und der Hölle
nicht anvertrauet habe. Denn würden nicht so ungerechte Richter / weil sie
selbst böse sind / den Boshaften den Himmel / den Frommen die Hölle aufsperren?
Erkühnest du dich aber meine Worte auf den ganzen Orden der Druyden auszudehnen
/ so schmähest du ihn selbst / als Leute voller Ungerechtigkeit / welche mich /
sonder etwas wider Gott und sie gesündigt zu haben / von gemeinem Gottesdienste
ausschlüssen würden. Von diesen war meine Rede / nicht von jenen! Siehest du
mich so für alber an: dass ich nicht wisse / es könne in einem heilsamen
Granat-Apffel ein fauler Kern / und in einem Garten ein gifftig Kraut sein?
Redete ich aber nicht nur auch von einem Anlasse zu zweifeln / ob so ungerechte
Leute Gottes Pförtner sein könten? Dann ich will nicht gäntzlich verneinen: dass
GOtt sich nicht an so wohl eines unwürdigen als gebrechlichen Werckzeugs bedienen
könne; Sintemal die Ungeschickligkeit des Werckzeugs einem Werckmeister selbst
zu Ehren /und seiner Kunst zu desto grösserm Ruhme gereicht. Mein Anlass zu
zweifeln aber / war nichts anders / als das mir von dir gegebene Aergernüs; wie
ich dich denn noch jetzt nicht für einen Werckzeug des gerechten Gottes halte /
ja nicht einst / wenn ich schon sterben sollte / von dir einen Brief an deine
Verstorbene zu bringen übernehmen wollte; sondern ich glaube vielmehr: dass die
göttliche Rache und das Gerichte der heiligen Druyden / dich noch als ein
faulendes Glied von seinem lebhaften Leibe abschneiden werde. Mich aber wird
weder deine Verläumbdung /noch anderer Schwermer Wahnwitz von dieser Meinung
abwendig machen: dass Gott der Mittelpunct unser Glückseeligkeit / die
Gottesfurcht der Leitstern darzu sei / sonder welche der klügste Mensch eine
Biene ohne Stachel ist / und daher keinen Honig machen kann. Ismenen sah bei
dieser Rede die Unschuld aus den Augen; und sie nahm ihrem Gegenteil damit sein
ganzes Hertze / und die Helffte der Beredsamkeit. Wie sehr er sich nun gleich
wandt / und seine Worte verflochte; so war doch aus allem deutlich wahrzunehme:
dass Ismene weder Gott noch die Unsterbligkeit der Seele in Zweifel gezoge hätte
/ sondern Luitprand nur durch seine Schlüsse beides daraus erzwinge wollen: dass
Ismene den Druyden die Gewalt der Schlüssel verneinet hätte. Auf dieser
Beschuldigung aber blieb er feste bestehen / und wollte sich keines
vorgeschützten Absatzes erinnern. Aber Ismene widersprachs / und sagte: wo ein
böses Hertz wäre / wäre auch ein böses Auge / und ein böses Gehöre. Sein böses
Hertz hätte er durch seine Ungebehrdung verraten / da er von ihr keine
Auslegung ihrer Meinung verlangt / weniger die ihm angebotene angenomen; da doch
jeder Mensch / zu geschweigen ein Priester / anderer Vergehungen mit Widerwillen
vernehmen / furchtsam glauben / mit Schamhaftigkeit mercke lassen / oder so viel
möglich mit Entschuldigung zum besten deuten / und weñ es ohne Aergernüs
geschehen könnte / mit Stillschweigen begraben / oder doch niemals darüber
urteilen sollte / sonder sich seiner eigenen Schwachheiten dabei zu erinnern.
Der Druys versätzte: Verbrechen wider das gemeine Wesen / und die Grundfesten
des Gottesdienstes / liessen sich nicht unter die Banck stecken. Gott trüge nicht
weniger Gefallen an einer tödtenden Barmhertzigkeit / als an einer barmhertzigen
Gerechtigkeit. Daher wäre es Liebe / nicht Rache dazu behülflich sein. Denn
neben dem Gebete wäre kein besser Opffer / als das Blut der Ubeltäter / und wer
die Bestraffung der Ubeltäter auch nur durch Verschweigung hinderte / machte
sich ihrer Sünden teilhaftig. Insonderheit wäre nötig wie bei Verrätereien /
die Schlange in ihrem Eye zu tödten / also das erste Unkraut ärgerlicher
Meinungen im Gottesdienste mit Strumpf und Stiel auszurotten. Deñ anfangs könnte
man mit einer Hand-voll Wasser ein Feuer ausleschen / worzu hernach ganze
Ströme Blutes nicht zulangten. Ismene begegnete ihm: Es wäre keine grössere
Ungerechtigkeit in der Welt / und kein schrecklicher Greuel im Himmel / als
einem Laster aufhalsen / der sie nie auf der Zunge / weniger im Hertzen hätte.
Luitprand beruffte sich auf die Glaubwürdigkeit seiner Würde; aber Ismene auf
ihre Unschuld. Wie sie hier nicht als eine Fürstin / sondern als eine Beklagte
erschiene; also stünde Luitprand nicht als ein Priester / sondern als ein
Ankläger für Gerichte. Dieses hätte nur Ohren zu Uberlegung der Sache / aber
keine Augen zu Unterscheidung der Streitende. Hier würde Beweis erfordert; deñ
sonst würde niemand unschuldig bleiben. Der Druys näherte sich einem Aste der
einen Eiche / und rührte den darauf stehenden Mispel an / welches eine dem
kräftigsten Eyde gleich gehaltene Beteuerung bei den Druyden ist. Ismene aber
legte die Hand auf ihr Hertze / wormit das Frauenzimer in Deutschland die
Warheit bestätigt. Der Priester Libys aber nam seinen Mispel-Krantz vom Haupte /
wormit beiden Teilen ein Zeichen zum Stillschweigen gegeben ward. Weil nun die
offenhertzigen Deutschen die Gewohnheit haben bei Gerichten ihre Meinungen
offentlich zu sagen; fragte der oberste Priester / welcher die letzte Stime hat
/ nach dem Alter / und der Reie herum. Des ersten Druys Meinung war: man sollte
Ismenen schlechter dings als unschuldig losssprechen. Deñ ob zwar die Druyden
eine grosse Mutmassung der Warheit für sich hätten /also dass sie auch in Sachen
/ welche sie selbst angäben / oder klagten / Zeugnüs geben könten / so wäre doch
hier du Beklagte eine Fürstin / welche ihrer hohen Ankunft / und berühmter
Tugend halber / eben so glaubwürdig wäre / und fürtrefliche Mutmassungen der
Unschuld für sich hätte. Zudem wäre ihre Erklärung mit einem so heiligen Eyver /
und mit so bewährten Gründen abgefasst / dass man zur Gnüge wahrnähme / es sei ihr
ihr Bekäntnüs von GOtt / und Unsterbligkeit der Seelen / und ihre gute Meinung
von den Druyden ein rechter Ernst; also / dass wenn sie ja wo gefehlet / nur ihre
Zunge / nicht ihr Hertze gesündiget hätte. Der andere und dritte fiel dem ersten
bei / der vierdte aber sagte: die Losssprechung könnte ohne Verkleinerung der
Druyden so schlechter dings nicht geschehen; zumal Luitprand zum Zeugnüsse den
heiligen Mispel angerühret hätte; welches GOtt an ihm durch augenblickliche
Rache gestrafft haben würde / weñ er wissentlich was unwahres geredet hätte.
Gleichwol aber liesse sich aus solchen geheimen Prüfungen der Warheit niemanden
verdamen. Die verborgenen Verbrechungen rächete Gott / nicht die Menschen. Keine
andere Zeugen wären zu führen; weil Luitprand und Ismene sich von allen
entrissen gehabt. Gleichwol aber müste der Richter auf den Grund kommen / und
daher beide ein glüendes Eisen in die Hand nehmen / und dardurch die Warheit
bewehre. Wie unterschiedene Weiber in Deutschland /welche des Ehbruchs
fälschlich beschuldigt worden wären / auf diese Art ihre unversehrte Keuschheit
erhärtet hätten. Diesem pflichtete der fünfte und sechste bei. Der siebende
aber hielt diese Art des Beweises zu grausam / und riet: Es sollte Ismene von
der Auflage sich mit einem Eyde reinigen. Ihrer vier stimeten ihm ein / aber der
dreizehende meinte: beide Teile hätte schon solche Beteuerungen getan /welche
den schärffsten Eyden gleich zu achten / und also nicht zu wiederholen wären.
Man sollte aber die allerälteste Art / wordurch die Deutschen die Warheit
beigemässener Laster / oder die Unschuld zu erforschen pflegten / nämlich den
Zweikampff für die Hand nehmen. Deñ ob zwar weder der Kläger als ein Priester /
noch die Beklagte als ein Frauenzimer /selbst zu solchem Streite verbunden
werden könten /so gäbe ihnen die Freiheit doch das Recht andere zu Kämpffern und
Verteidigern zu erkiesen. Dieser Fürschlag beliebte neun nachfolgenden Druyden.
Der drei und zwantzigste Druys aber fieng mit einer gewaltigen Heftigkeit an /
wider den Zweikampf zu reden. Dieses wäre mehr als eine viehische Grausamkeit;
sintemal kein Wolff / Tyger oder Drache wider seines gleichen wütete. Die Welt
wäre etliche tausend Jahr dieser Raserei befreit gewest / bis die auch mit dem
Meere kämpffenden Cimbern sie aus der / aller Wärmbde und Liebe dürftigen
Mitternacht / oder vielmehr aus der Finsternis der Hölle an Tag und unter andere
Völcker bracht hätten. Die Natur hätte den Menschen ohne Waffen / als zum Friede
geschaffen /an statt der Hörner / Kreile und Klauen / ihm die Vernunft
eingeflösset / welcher Herrschaft in Ruhe und Eintracht bestünde / und die
aufwallenden kriegrischen Regungen der Gemüter dämpffte. So wenig der
Eigen-Mord zu verantworten stünde / so wenig wäre auch die Beleidigung eines
andern besonders aber eines Bürgers zulässlich. Deñ wir wären alle Glieder eines
Leibes / nämlich eines Reiches / oder auch der menschlichen Gemeinschaft. Weil
aber der Mensch freilich darinnen von Tieren unterschiede wäre; dass er aus zwei
unverträglichen Dingen / nämlich einem irrdischen Leibe / und einer geistigen
Seele bestünde; Also diese zwei nicht nur in Menschen stets einen bürgerlichen
Krieg mit einander führten /sondern auch / weit der sich selbst selten
begreiffende Mensch sich nicht / wie die Tiere mit ihrem Auskomen vergnügte /
er bei Verlangen der Ubermasse an Ehre und Vermögen andern bald zu nahe käme /
also hieraus Zwytracht erwüchse; so wäre doch deswegen die eigene Rache
niemanden erlaubt. Denn diese würde niemals Maas und die Gräntzen der Gleichheit
halten; sondern aus einem Sonnenstaube weniger Beleidigung würde grosse Berge
Unrechtes entspriessen / und der Blutstürtzung nicht ehe / als mit gäntzlicher
Vertilgung des menschlichen Geschlechtes ein Ende werden. Zu Verhütung dieses
Ubels hätten alle Völcker ihrer ausser der Beleidigung und daher aufschwellenden
Gemüts-Regungen sich befindenden Obrigkeit die auf der Wag-Schaale der
Gerechtigkeit wohl abgewogene Rache des Unrechts hinein gegeben / und sich der
eigenen enteusert. Wenn sich nun jemand anders dieser anmaasste / versehrte er
das gemeine Recht der Völcker / und grieffe den Herrschern an ihren Richterstab.
Da nun derogleichen Zweikampff nicht einst zur Vergeltung des erlittenen
Unrechts / welche doch sonst der Natur und der Billigkeit gemäss wäre /bei
bestellten Richter-Stüle könnte verhangen werde; wie viel weniger wäre einem
Gerichte anständig sich seiner anvertrauten Gewalt zu entschlagen / derogleichen
Zweikampff statt des Beweises zu billigen / und derogestalt das durch Bestellung
der Richter verbannte Faustrecht über die Gewalt der Obrigkeit zu erhöhen.
Würden die Druyden durch ein solch Urtel nicht gleichsam mit allem Fleisse das
Laster eigener Rache rechtfertigen und in Schwung bringen? welche unrechte und
rasende Tapfferkeit ihr ohne dis fürlängst den Ruhm der Tugend zugeeiget hätte;
welche viehische Kranckheit weder durch die Artznei die Welt-Weissheit nach der
Gottesfurcht geheilet werden könnte. Würde in Deutschland die Gerechtigkeit nicht
völligen Abschied nehmen / und jeder durch lange Kriegsdienste umbs Vaterland
wolverdienter Held nicht seine erworbene Ehre jedem frechen Narren / der ihm auf
dem Fechtbodeme eine zum Kriege undienliche Fertigkeit den andern zu stossen
durch lange Ubung zu wege gebracht / zur Kurtzweil aufsetzen müssen? Würde das
eitel hertzhafte Leute zeugende Deutschland nicht täglich im edelsten Blute
schwimmen? und bei ermangelnden Kriegen seine Tapfferkeit durch solche
Zweikampffe bewehren wollen? welche Missgeburt der Grossmütigkeit mehr edles Blut
/ als keine euserliche Feinde fressen würde. Sintemal die viel Weitzen-tragende
Aecker eben so wohl von vielem Unkraute bei nachbleibender Saate fruchtbar wären.
Diese Wahnsinnigkeit wäre ohne dis schon allzu sehr eingerissen; da doch die
männlichen Spartaner hiervon nichts gewüst / die Römer / welche sich aller Welt
Meister machen wollten / diese Raserei in eigene Eingeweide verlachten; und ein
Scytischer Feld-Hauptmann zwei einander ausfordernde Kriegs-Leute mit dieser
Frage nicht weniger beruhiget / als ihren eingebildeten Ehren-Ruhm beschämt
hätte: Ob kein Feind mehr übrig wäre: dass sie nicht an ihm /sondern an sich ihre
vermeinte Tapfferkeit ausüben müsten? Es würde bei einmaliger Billigung mehr
kein Mittel sein / diesem Ubel der kitzlichen Jugend /welche aus jedem
unbedachtsamen Worte einen Spiess und eine Antastung der dem Leben vorzusetzen
nötigen Ehre machte / zu steuern / welche ohne dis zu Verachtung der
Gerechtigkeit und Abbruche der herrschaftlichen Gewalt einander immer in die
Haare fielen. Mit einem Worte: es wäre unverantwortlich etwas böses zu verhängen
/ dass was gutes daraus folgen solle. Die zwei folgende pflichteten diesem bei /
und der sechs und zwantzigste setzte noch darzu: der Zweikampff wäre in
gegenwärtigem Falle so viel weniger zu verstatten / weil nicht die Zwistigen
selbst /sondern andere statt ihrer sich schlagen sollten. Denn was könnte
unvernünftigers sein / als dass die / welche von dem Rechte und Unrechte eines
oder des andern Teiles nichts wüsten / welche kein Teil an der Beleidigung
hätten / ja einander vielleicht nicht kennten / einander blind / und gleichsam
rasend anfallen sollten? Wen könten die Streitenden anders / als ihre besten und
tapffersten Freunde hierzu bereden? Wäre es aber nicht Grausamkeit einen
destwegen / dass er unser Freund ist / in Gefahr des Lebens setzen? und /weil er
hertzhaft ist / ihn in Verterben stürtzen? jedoch wären die / welche ihren Grim
andern liehen /noch viel ärger. Deñ keine Schlange liesse wie sie /ohne Zorn und
Kentnüs ihres Feindes / ihr Gift aus. Könte wohl Deutschland / welches so viel
gewaltige Feinde auf dem Halse hätte / das Blut seiner Kinder wohl liederlicher
verspritzen? Die Cartaginenser hätten der ihrigen Leben ihren Göttern zwar
aufgeopffert / aber in Meinung sie damit zu versöhnen; die Deutschen aber wollten
ihr eigen Fleisch denen höllischen Geistern abschlachten / um Gott dardurch mehr
zu erzürnen. Sie wären ja nicht aus denen von Cadmus geseeten Drachen-Zähnen
entsprossen. Sie wären auch keine ungeheure Menschen-Fresser. Diesemnach sollte
man das edle Blut / dessen übrige Weglassung den Leib und das Haupt schwächte /
zu Beschirmung des Vaterlandes aufheben; welches das rechte Bollwerck
Deutschlandes / der Schild und der rechte Arm der Herrscher wäre. An der Spitze
der Römischen Legionen / auf dem Walle der am Rheine gebauter Festungen seine
Tapferkeit ausüben / wäre die Pflicht und die Ehre des Adels; nicht aber / wenn
er sich selbst zerfleischte / und das Vaterland seiner Dienste beraubte. Der
sieben und zwantzigste aber billigte aufs neue den fürgeschlagenen Zwei-Kampf /
und hielt diesen entgegen: Er verdamte nicht allein / als eine scheinbare
Narrheit / sondern er verfluchte auch die aus eine Rauch der Eitelkeit und einer
flügenden Hitze der Ehrsucht erwachsende Balgerei; da einer /welcher von dem
andern nicht recht wäre angesehen worden / oder dem einander unversehens ein
Hünlein ertreten / mit selbtem alsbald umb Leib und Leben fechten wollte.
Gleichwohl aber wäre der Zwei-Kampf eben so wenig / als der Krieg durchgehends
und schlechter dings zu verwerffen. Durch den unaufhörliche Streit der Kälte und
der Wärmbde / der Trocken-und Feuchtigkeit erhielte die Natur das grosse
Welt-Gebäue in seinem Wesen. Was wäre im Menschen selbst lobwürdiger / als der
Krieg der Vernunft wider die aufrührischen Gemüts-Regungen? Gott nennte sich
selbst den Herrn des Streits und der Heerscharen / führte wider die
Himmel-stürmende Riesen und andere Gottes-Verächter mit Schwefel-Regen /
Sünd-Fluten / Hagel und Blitz / Krieg / ja brauchte die Menschen oft zu Butten
seines Zorns / und befehlichte sie die Waffen zu ergreiffen. Diesemnach auch die
sittsamsten Völcker aus vernünftiger Art Krieg zu führen eine Kunst / aus
desselben unerschrockener Forstellung eine Tugend gemacht / und beide mit
gewissen Gesetzen / umbschränckt hätten. Wie nun unlaugbar wäre: dass die Häupter
eines Reiches nicht nur denen / die ihre Freiheit ihnen ihres Schutzes halber
unterworffen / sondern auch ihnen selbst wider andere Herrscher Recht
verschaffen können / also wäre kein Zweifel: dass auf dem Meere in Wüsteneien /
und allentalben / wo man über den Beleidiger keinen Richter haben könnte auch
durch einzelen Streit sein Unrecht zu rächen berechtiget ware. Nicht weniger
wäre der Zwei-Kampf unscheltbar / wenn die Obrigkeit solchen verstattete; und
sich also der ihr vom Volcke gegebenen Gewalt zu richten entäuserte und dissfalls
die Untertanen in ihre erste Freiheit versetzte. Jedoch wäre wahr: dass
Obrigkeiten ausser wichtigen Ursachen den Zwei-Kampf und nicht anderer Gestalt /
als zu Verhütung eines grössern Ubels verstatten sollten. Also hätten zu
Vermeidung grösserer Blutstürtzung der Römer Asellus und Jubelius aus Campanien
/ die zwei Etolier wider zwei Eleer / die drei Horatier wider die drei Curatier
von Alba / die dreihundert Spartaner wider so viel Argiver rühmlich gefochten.
Ja noch mehr Ehre legten die umb die Herrschaft oder was anders zanckende
Fürsten ein /wenn sie das Blut ihrer unschuldigen Untertanen spareten / und
ihren Ehrgeitz mit eigenem Blute abkühlten. Dahero der Zwei-Kampf des Menelaus
mit dem Paris umb Helenen / des Eneas mit dem Turnus um Lavinien / des Hyllus
mit dem Euristeus umb den Peloponnesus / des Hyperochus und Phemius umb das
Land am Inachus / des Pyrächma und Degmenus umb Elis / des Corbis und Orsua umb
Iba / des Cyrus mit Artaxerxen umb Assyrien / mehr zu loben als zu schelten
wäre. Bei denen alten Deutschen und Galliern wäre es unerhört und abscheulich
gewest: dass Fürsten ihrer Zwistigkeiten halber ganze Länder in Brand / und ihre
Völcker in Krieg hätten vertieffen sollen; sondern die Fürsten selbst hatten im
Angesichte beider Heere mit ihrem Degen ihr Recht eigenhändig ausführen müssen /
sintemal es der Vernunft gemässer / und dem gemeinen Wesen dienlicher wäre: dass
einer wegen aller / als alle wegen eines Menschen / umbkäme. Da nun dieses in
solchen Fällen zulässlich / und Gott die Waffen der Kriegenden nach der
Richtschnur seiner Gerechtigkeit an- und ausschlagen liesse; warumb sollte nicht
auch einem Richter frei stehen in dem Falle / da er durch keine
Scharffsichtigkeit eines oder des andern Teiles Recht aus seinem verdrehten
Zweifels-Knoten auswickeln könnte / den Aus-Spruch dem Glücke oder der
Gerechtigkeit der Waffen heimzustellen? Stünde es doch Kriegern frei /ihren
Zwist durch Los zu erörtern. Wie vielmal müssen die Richter sich des Loosses
bedienen? Was wäre der Zwei-Kampf anders als ein Los? In welchem der gerechte
Gott den Sieg dahin fallen liesse /wo man es am wenigsten hin gedacht. Vielmal
wären darinnen Zwerge Meister der Cyclopen; und die / welche vorhin nie einen
Degen in der Hand gehabt /Uberwinder der geschicktesten Fechter worden. Der
allein vom Verhängnisse hängende Ausschlag einer Schlacht und einzelen Streites
wäre mehrmals ein billiger Richter / als der / welcher nach Spitzfindigkeit der
Rechts-Lehrer urteilte / welcher die Rechte derogestalt verwirrete; dass ein
gutes Urteil unter zufällige Dinge gerechnet würde. Wenn aber auch gleich das
Verhängnis über die Unschuld zuweilen was verhienge / würde solches / wo nicht
wegen der strittigen / doch wegen einer andern Ursache / und also niemals ohne
Gerechtigkeit geschehen. Wie vielmal muss der gerechteste Richter die Folter
gebrauchen / sonder dass er weiss: Ob der gepeinigte schuldig oder unschuldig
leide? Durch Erlaubung gewisser Zwei-Kämpfe würden die andern aber keines weges
gebilliget / noch zu solchen mehr Anlass gegeben, sondern sie vielmehr und besser
/ als durch die allerschärffsten Straff-Gesetze abgebracht werden / welche
zeiter nicht ohne grossen Abbruch des oberkeitlichen Ansehens tausendmal wären
durchlöchert worden. Denn die / welche auch dieser Stachel der eitelen Ehre
kitzelte / würden sich solcher liederlichen Ursachen nicht gebrauchen / ihrer
schnöde Vorwande mehrmals schäme /oder doch allemal: Ob selbte erheblich genung
wären / dem Urteil bescheidener Richter unterwerffen müssen; widrigen falls
aber nicht beklagen können: dass ihnen der Weg ihre Ehre zu retten / ihre
Beleidigung zu rächen verschränkt wäre / noch auch: dass sie die ihnen so denn
auf den Hals fallenden Straffen nicht genungsam verschuldet hätten. Man könnte
die / welche zum Zwei-Kampfe gelassen werden sollten / mit scharffen Eyden
verfassen: dass sie eine gerechte Sache zu haben glaubten. Also würde manchen das
Hertz klopfen / die Angst des Gewissens / die Gegenwart des Fürsten / das Ansehn
so vieler tausend Zuschauer von einer liederlichen Schlägerei zurück halten. Mit
einem Worte: Wie gewisse giftige Kranckheiten durch nichts als Gift geheilet
werden könten /also dünckte ihn kein besser Mittel zu sein liederlichen
Balgereien zu steuren / als wenn man selbte in wichtigen Zufällen zuliesse; alle
unzugelassenen aber mit Verlust der Ehre und des Lebens unnachlässlich straffte.
Diese Ausführung billigten über fünfzig nachfolgende Druyden. Der achzigste
allein meldete: dass / wenn er ein weltlicher Richter wäre / würde er kein
Bedencken haben ihnen beizustimmen. So aber wären sie Priester / welche die
Menschen nicht nur mit Gott / sondern auch untereinander selbst zu versöhnen;
keines weges aber zur Feindschaft zu veranlassen hätten. Der nachfolgende aber
antwortete: So wären sie auch nicht fähig iemanden zum Rechte zu verlassen / in
welchem mehrmals mehr Groll gehegt /und mehr Galle / als in offentlichen
Schlachten ausgelassen würde. Daher unterschiedene mal vorher grössere
Versamlungen der Druyden / als gegenwärtige wäre / strittige Sachen durch
einzelen Kampf zu erörtern verstattet hätten. Der ihm folgende fiel ein: Diese
Zulassung wäre zu der Zeit geschehen / da diese einzelen Kämpfe in Deutschland
noch nicht wären so gemein / und bei den klügsten Leuten nicht so verhasst
gewest. Nunmehr aber hätte der Missbrauch selbte so schwartz gemacht: dass man
ohne Abscheu von keinem fast mehr hörte. Die Zeit und die Unzeit aber machten
einerlei Ding zulässlich und verwerfflich / und verliere sie ihren Preis. Aus
diesem Absehn hätte der Elefant und das grosse Nasenhorn-Tier aus Indien ihren
bestimmten Zwei-Kampf eingestellt / als sie auf dem Kampf-Platze gewahr worden
wären: dass eine Maus und ein Frosch eben so / wie sie vorgehabt / mit einander
stritten. Sein Nachbar aber begegnete ihm: Wenn tapfere Leute sich dessen
schämen sollten / was geringschätzige fürhätten /würde niemand arbeiten müssen /
weil die Ameissen so geschäfftig wären. Man müsse den Missbrauch guter Dinge
durch Zeigung ihres rechten Gebrauches abtun / wie man neben rechten
Edelgesteinen die falschen am besten kennen lernte. Diese und andere Gründe
drangen so weit durch / dass zwei Teil der Druyden den Zwei-Kampf billigten /
iedoch derogestalt: dass desselben Einrichtung dem Hertzog Herrmann / als
Feldherrn überlassen werden sollte. Der oberste Priester Libys / welcher wohl
gerne Ismenen gäntzlich lossgesprochen gesehen hätte / musste nur den meisten
Stimmen beifallen / und selbten gemäss ein Urtel eröffnen.
    Es begunte schon zu tagen / als das Gerichte beschlossen ward. Die
begierigen Zuschauer trennten sich zwar in unzehlbare Ende vonsammen; iedoch
waren sie nunmehr lüsterner nach dem Kampfe / als vorher nach diesem Gerichte.
Der nur drei Meil weges entfernte Feldherr ward noch selbigen Tag umb Anstalt
zum Zwei-Kampfe ersuchet; welcher denn auch nahe an dem heiligen Heine die
Schrancken aufrichten / und ausblasen liess: dass die Ritter / welche ein oder des
andern Teiles Sache mit der Lantze und dem Degen verteidigen wollten / aufs
nechst folgenden Voll-Monden dar erscheinen sollten. Er verschrenckte hierdurch
mit allem Fleisse denen streitenden Teilen die Auslesung ihrer Beschirmer;
damit der menschliche Witz so viel weniger in dem die Hand zu haben scheinen
möchte / was alleine von dem Erkäntnüsse des Verhängnisses herflüssen sollte. Es
ist unglaublich / was so denn für ein Zulauff des Volckes war. Der Feldherr /
Hertzog Arpus / Ganasch / Segimer / Flavius / Marcomir / Tussnelde / Erdmut /
Catta / und viel andere Fürstliche Personen mit einem unsäglichen Gefolge des
Adels kamen dahin: An der einen Seite der Schrancken befand sich der Druys / auf
der andern Seite Ismene unter einem Zelt; die andern fürnehmsten Zuschauer aber
seitenwerts in der Mitte / auf einer erhobenen Bühne. So bald dreimal der Kampf
ausgeblasen / und die Schrancken eröffnet waren / kamen auf des Druys Seiten
sechs Ritter / alle auf weissen Pferden; vielleicht weil diss die Farbe der
Priester ist / in den Platz. Der erste hatte in seinem Schilde einen güldenen
Schlüssel / mit der auf des Druys Klage zielenden Uber-Schrifft: Er öffnet und
sperret. Der ander führte im Schilde einen blühenden Wein Stock / von welchem
Schlangen und Kröten sich entfernten / mit einer Ismenens Ausschlüssung vom
Gottes-Dienste bedeutenden Uber-Schrifft: Er duldet nichts gifftiges. In des
dritten Schilde stand die Sonne; welche auf einer Seite mit ihren Strahlen eines
Adlers Augen schärffte / auf der andern eine Nacht-Eule verjagte / mit der
Uber-Schrifft: Sie erleuchtet und bländet. Der vierdte hatte im Schilde einen in
einem Brunn stehenden und den Monden anschauenden Elephanten. Darüber stand: Umb
ihn reinlich anzubeten. Der fünfte führte einen im Neste stehenden Storch mit
einem Massholder-Zweige im Schnabel / mit beigesetzten Worten: Wider alles
schädliche. Der sechste hatte im Schilde die gestirnte Ziege / mit der Ismenen
anstechenden Uber-Schrifft: Je höher / ie schädlicher. Ihr Einzug und alle ihre
Geberdung war hochtrabend. Ihre Schild-Träger alle vermummet. Sie ritten alsbald
für die Bühne des Feldherrn / und ererklärten sich /dass sie für Gott / für den
reinen Gottes-Dienst / und für die Würde des Priestertums zu fechten / und
wider derselben Feinde das Recht auszuführen erschienen wären; von dem Feldherrn
aber ein gerechtes Urtel über den Obsieg erwarteten. Auf Ismenens Seiten war
eine ziemliche Zeit kein Ritter zu sehen noch zu hören; also dass die hierüber
aufs höchste bestürtzte Ismene dem Pralen ihrer Feinde länger nicht zusehen
konnte; sondern sich selbst für die grosse Bühne der Fürsten verfügte / und
daselbst fürtrug: Sie sähe wohl: dass niemand von ihrer Unschuld mehr
Wissenschaft / also auch niemand mehr Hertze hätte solche gegen ihre Feinde zu
verteidigen. Sie scheuete sich auch einigen Menschen mit ihrer Beschirmung /und
mit dem vielleicht eingebildeten Hasse der Druyden zu bebürden. Diesemnach bäte
sie umb Erlaubnis sich selbst zu rüsten / und ihnen die Stirne zu bieten. Sie
traute allen sieben sattsam gewachsen zu sein. Denn ihr Hertze stünde ihr für
einen Mann / und ihr gut Gewissen für sechs Beistände. Die Ritter aber
widersprachen Ismenens Verlangen durch ihren Herold; welcher denn fürtrug: dass
sie mit Männern zu kämpfen / nicht an eine schwachen Weibe sich zu vergreiffen
gefasst wären. Wenn aber niemand wäre / der Ismenen zu beschirmen getraute /
bäten sie ihre verzweifelte Sache für verspielt zu erkennen. Der Feldherr war
bekümmert sich aus dieser Schwerigkeit mit Ehren und Vernunft auszuwickeln / als
ein Schall der Trompeten ein neues Aufsehn verursachte / und auf Ismenens Seiten
ein Ritter mit sieben Waffenträgern in die Schrancken einritt. In seinem Schilde
war ein brennender Berg gemahlt / welcher auf den ihn umbdeckenden Schnee viel
Feuer-Flammen auswarff /mit der Uber-Schrifft: Nicht aus / noch ohne Liebe. So
bald sich nun der erste von denen sieben Rittern gegen ihm stellte; schickte er
ihm mit seinem Waffen-Träger zwei Lantzen und zwei Degen / die Helffte davon zu
erkiesen. Nachdem sie nun beiderseits ihr Teil davon hatten / rennten sie auf
einander so starck: dass nicht allein von beiden Lantzen die Spitzen in die Lufft
/ sondern auch dem Ritter mit dem güldenen Schlüssel der getroffene Helm vom
Haupte floh. Der mit dem brennenden Berge kriegte im Augenblick seinen Degen in
die Faust; als er aber selbtem auff das entblösste Haupt gleich einen Streich
versetzen wollte / ward er gewahr: dass es Hertzog Segestes war; dahero er den
Streich nicht allein zurücke zoh; sondern vom Pferde sprang / und ihm den Helm
aufhob / mit grosser Ehrerbietigkeit überreichte / und entschuldigte: dass er aus
Unwissenheit sich an den gemacht hätte / welchem er zu dienen iederzeit
verbunden wäre. Segestes ward hierüber beschämt /wendete sich / ritt aus den
Schrancken / und liess sich nicht mehr schauen. Der Feldherr und Tussnelde wurden
hierüber nicht wenig bekümmert / und gewahr: dass es Segesten doch unmöglich
wäre seinen Hass wider sie und ihr Haus abzulegen. Ismenens Ritter machte sich
fertig mit dem andern des Druys / welcher den Wein-Stock und die Kröten führte /
anzubinden; als drei neue Ritter in die Schrancken ritten. Der erste hatte in
seinem Schilde einen mit einem Weinstocke umflochtenen Ulmen-Baum / und darüber
diese Worte: Aus Liebe der Liebenden. Der andere führte im Schilde eine eiserne
Nadel mit einem Magnete an der Spitze / welche sich mit einander gegen dem
Angelsterne kehrten / darüber war zu lesen: Aus Liebe des Liebenden. In des
dritten Schilde stand eine der Sonnen nachsehende Sonnen-Wende / und darauf ein
Laub-Frosch mit der Uberschrifft: Den Liebenden zu Liebe. Die zwei mit den
Weinstöcken traffen mit gleicher Heftigkeit auf einander / aber mit sehr
ungleichem Ausschlage. Denn die Lantze des für den Druys fechtenden sprang auf
dem Schilde des andern in stücken; der für Ismenen streitende aber rennte sie
seinem Feinde zwischen den Kürass und dem Helme durch den Hals / dass er todt vom
Pferde stürtzte. Die zu Unternehmung des Streites bestellten Ritter eilten
herzu; aber der vom Pferde springende Ritter kam ihnen zuvor / riess seinem die
Seele ausblasenden Feinde den Helm vom Haupte / eilte damit zu Ismenen / legte
selbten ehrerbietig zu ihren Füssen / sätzte sich hiermit wieder zu Pferde; und
nach dem er für dem Feldherrn sich tief gebeugt / blieb er bei den Schrancken
als ein Zuschauer halten. Der Todte ward für Segestens Schwester-Sohn Dagobert
erkennet / welcher lange Jahre zu Rom beim Tiberius sich aufgehalten /und mit
den Römern stets wider die Deutschen gefochten hatte. Hierauf kamen des Druys
Ritter mit der Sonne / und Ismenens mit der Magnet-Nadel an einander. Sie
brachen die Lantzen beide ohne einige oder des andern Beschädigung. Hiermit kam
es zum Degen-Gefechte; worinnen aber Ismenens Ritter bewiess: dass er so wenig
seines Feindes / als seine Magnet-Nadel des Angelsterns fehlen konnte. Der des
Druys kriegte in die rechte Seite etliche Wunden /worvon sein silberner Harnisch
fast über und über bepurpurt ward. Zuletzt versätzte jener diesem einigen
Streich in das Gelencke zwischen der rechten Hand und dem Arme; dass ihm der
Degen entfiel. Worauf Ismenens Ritter zuritt / seines Pferdes Zügel erwischte
/und ihm selbst den Degen zwischen die Fuge des Harnisches / wo der Arm mit dem
Bruststücke sich vereinbart / an Leib sätzte / und sich erkennen zu geben und
das Leben zu bitten befahl. Dieser befand sich derogestalt im Gedrangen: dass er
sich seines Uberwinders Gesätze unterwerffen und bekennen musste: Es würde
Cariovalda der Bataver Fürsten / welchen nicht so wohl seine Zagheit als
vielleicht seines beschirmten böse Sache diesen Tag so unglücklich machte /
einem so tapffern Ritter / wer er auch wäre /das Leben schuldig sein. Die Reie
kam nun auf Seiten des Druys an den Ritter mit dem Elephanten; auf Ismenens
Seite aber an den mit dem Laub-Frosche. Dieser aber rennte jenen im ersten
Lauffe samt dem Pferde über einen Hauffen / und verletzte ihn noch darzu mit der
Lantze in die lincke Achsel. Jedoch raffte sich das Pferd wieder auf / und
meinte der Ritter des Druys nun zum Degen zu greiffen / weil aber im Fallen der
eine Gurt dem Pferde / und ihm der Gürtel zersprungen war / sass er ganz
wackelnd / und konnte noch darzu hinter dem Rücken seinen Degen nicht ergreiffen.
Ismenens Ritter hatte bei dieser Gelegenheit ihm zehen Streiche für eine zu
versätzen Gelegenheit genung; aber einen / der sich nicht wehren konnte /allzu
viel Grossmütigkeit. Dahero redete er ihn an: Siehest du wohl! dass bei
Beschirmung einer gerechten Sache ein Frosch einen Elephanten zu Bodem werffe.
Steig aber ab / und versuche: ob eine böse Sache zu Fusse nicht so sehr hincke /
als zu Pferde. Aber sein Gegenteil bekennte: dass eine böse Sache auch auf
stählernen Rädern nicht fortzubringen sei. Er erkennte Ismenen für unschuldig /
er gäbe ihr die strittig gemachte Ehre wieder / und es würde ihn nimmermehr
weder der Schein der Heiligkeit / noch der blinde Eyver der Gotesfurcht / noch
der Gehorsam zu Verteidigung einer Sache verleiten / von welcher Gerechtigkeit
er nicht selbst eigene Wissenschaft hätte. Ismenens Ritter wollte mit dieser
Erklärung nicht zu frieden sein / sondern er sollte seinen Helm zu Ismenens
Füssen niederlegen. Der Ritter gab mit aufgehobenem Helme seinem Uberwinder
allein sich für den Fürsten Siegesmund zu erkennen; und antwortete: Ich weiss:
dass Ismene selbst aus meiner Schande ihr keine Ehre zu suchen verlange. Hier
aber liefere ich ihr und dir meinen Degen; mit der Versicherung: dass ich ihn
niemals mehr wider euch beide / und eine gerechte Sache zücken werde. Ismenens
Ritter brachte ihn Ismenen zum Kennzeichen seines Sieges / und ihrer Unschuld.
Des Druys Ritter aber wendete sich zum Druys / schalt ihn einen Ungerechten /
und sprengte über die Schrancken. Unterdessen erschienen auf Ismenens Seiten
noch zwei Ritter in Kampff-Platz. Der eine hatte in seinem blauen Schilde eine
Africanische Ziege; welche den brennenden Hundsstern anbetete /mit der
Uberschrifft: Aus Liebe des nicht Geliebten. Der andere führte im Schilde die
Sonne über einem Weinstocke und Oel-Baume / und darüber die Auslegung: Aus Liebe
der nicht Liebenden. Sintemal diese beide Gewächse einander zu wider sind / und
doch beide von der Sonne fruchtbar werden. Als nun derogestalt Ismenens ander
Ritter mit dem Weinstocke gewahr ward: dass es mit Ismenen mehr keine Not /
sondern sie so schlechte Feinde und so tapffere Beschirmer hatte / sprengte er
über die Schrancken / und ritt mit zweien sich zu Pferde begebenden
Waffen-Trägern spornstreichs davon. Hierauf machten sich gleichwol des Druys
Ritter / mit dem Storche / und der mit der gestirnten Ziege herfür. Mit jenem
band Ismenens Ritter mit dem Weinstocke und Oelbaume /mit diesem der mit der
Ziege / die den Hundsstern anbetete / an. Die ersten zwei kamen nach gebrochenen
Lantzen mit den Leibern so nahe an einander: dass sie einander mit den Armen
umbfassten / und einer den andern von den Pferden zu reissen trachtete. Weil aber
des Druydischen Stärcke; des Ismenischen Geschickligkeit solches nicht
verstatten wollte / liessen sie von einander ab und grieffen zu den Degen. Alleine
das Hispanische Pferd gab dem Druydischen wegen seiner gelencken Geschwindigkeit
einen grossen Vortel. Daher entschloss der Ismenische dieses zu verletzen; gab
ihm auch einen Schneller aufs Maul / worvon es etliche Sätze in die Lufft / und
so ungeschickte Sprünge tät: dass er selbst entschlüssen musste herab zu springen.
Dieses aber geschahe mit einem so heftigen Falle: dass er an dem lincken Beine
gelähmt ward / und ihm der Helm vom Kopffe sprang. Wordurch er für Childerichen
/ der Carnuten Fürsten in Gallien / erkennt ward. Ismenens Ritter sprang auch
vom Pferde / weil aber sein Feind nicht aufstehen konnte / tat er ihm kein Leid;
sondern nach dem er sich für überwunden erkennet hatte / brachte er seinen
verlohrnen Helm Ismenen zum Siegs-Zeichen. Die andern beiden Ritter hatten mit
den Lantzen ihre Pferde derogestalt beschädigt: dass sie mit beiden sich
überstürtzten. Ismenens aber hatte das Unglück: dass ihm der Helm absprang / und
er nicht allein den Helm einbisste; also zu des Schau-Platzes insonderheit aber
Hertzog Ganasches höchster Verwunderung für die Chaucische Fürstin Adelmunde
erkennet ward; sondern ihr auch im Fallen der Degen entzwei brach. Gleichwol
sprang sie eilfertig auf die Füsse / und ging mit halbem Degen ihrem Feinde
unerschrocken unter Augen. Dieser feierte auch nicht / und waren sie beide mit
ihrer Behendigkeit denen zweien in ihren Schilden stehenden Ziegen zu
vergleichen. Niemand unter den Zuschauern war / der nicht für Adelmunden Sorge /
und gegen ihren heftigen Feind heftigen Hass trug; ja als ihr folgends bei
Versätzung eines gewaltigen Streiches die halbe Klinge aus dem Grieffe floh /sie
für verloren schätzte. Ihrem Vater Arpus wallete am meisten das Hertz; und ob
wohl unterschiedene Zuschauer rufften; dass es nicht nur Grausamkeit / sondern
Schande wäre / ungewaffnete anzutasten / liess doch der Druydische Ritter
Adelmunden keinen Augenblick Frist zu verblasen; also / dass sie bei Versetzung
des entblössten Hauptes in den lincken Arm /und in die rechte Seite verwundet
ward. Sie war nunmehr nahe / bis an den innern Schrancken getrieben /und schien
es umb sie geschehn zu sein / als ein Habicht aus der Lufft geschossen kam /
welcher dem Druydischen Ritter in die Augen floh / mit seinen Klauen ihn ins
Antlitz kratzte / und die Augen verbländete. Adelmunde kriegte durch diese
himmlische Hülffe zwei Hertzen / und zugleich Lufft eine abgebrochene halbe
Lantze zu ergreiffen. Gleichwol aber war sie viel zu grossmütig ihren Feind zu
beleidigen /weil er durch solchen Tod die Ehre erworben hätte unüberwunden zu
sterben; und dass er nicht durch Tugend / sondern nur durch List hätte gefället
werden können. Der Habicht entfernte sich / so bald nur Adelmunde gewaffnet war
/ gleich als wenn ihre Tapfferkeit nunmehr keines Beistandes mehr bedürffte. Ob
nun zwar der Feind an seinem hauend und stechenden Degen noch einen ziemlichen
Vorteil hatte / grief sie ihn doch nunmehr eifrig an / und versätzte ihm mit
der Lantze einen Stoss durch das Gegitter des Helmes ins Antlitz: dass er wie von
einem Donnerschlage zu Bodem fiel. Adelmunde säumte nicht ihm den Helm vom
Häupte zu reissen / das Angesicht aber war vom Blute ganz unkenntlich. Weil sie
nun Ismenen den eroberten Helm und Degen überbrachte / ward ihr Feind gerieben /
gekühlet / abgewaschen / und zu unsäglicher Bestürtzüng des ganzen
Cheruskischen Hauses und Hofes für die Königin Erato erkennet. Die hierzu
kommende Ismene und Adelmunde erschracken hierdurch derogestalt: dass sie ausser
sich selbst kamen. Der Ritter mit der Magnet-Nadel warff seinen Helm gleichfalls
vom Haupte / und gab sich für den Liebhaber der Erato Flavius zu erkennen. Bei
diesem wollte kein Trost / bei jenem kein Einreden verfangen / bis die hierzu
beruffenden Wund-Aertzte versicherten; dass Erato nicht gefährlich in die Stirne
verwundet / und nur vom Schwindel zu Bodem gefallen wäre. Erato kam zwar wieder
zu sich; aber als sie Ismenen / Adelmunden und den Flavius für sich sah /färbte
sie nunmehr ihr Antlitz so sehr / mit Schamröte / als vorher mit Blute / und
dis vermischte sie mit einem Strome voll Tränen. Ob nun wohl Ismene /was sie
wieder ihre Unschuld / und Flavius / was sie wider seine Schwester zu fechten
veranlasst hätte? fragten; war doch der Erato kein Wort abzubringen. Als sie aber
bei allem / was ihr im Himmel oder auf der Erde lieb sein konnte / beschwuren /
fieng sie an: Wolte Gott! ich hätte einer solchen Gottes-Verächterin / als
Ismene ist / und allen / die durch ihre Verfechtung sich ihres Lasters
teilhaftig gemacht / das Licht ausleschen können! Wolte Gott! dass sich meine
Rache an dem Blute des Flavius abkühlen / und sein kaltes Hertze dem Fürsten
Zeno aufopffern könnte / in dessen Seele er die zu mir tragende reineste Liebe
ausgelescht hat. Sie fiel hierüber in Ohnmacht / und wussten die Bestürtzten
keinen andern Rat; als dass sie die Königin zur Ruhe und Heilung in das nechste
Jäger-Haus tragen liessen. Jedermann meinte: dass mit diesem seltsamen Ebenteuer
der ganze Kampf ausgemacht / für Ismenen der Sieg estritten wäre. Massen denn
auch der Druys sich im Kopfe rauffte / und wie eine Nacht-Eule sich in die
Finsternis seines Gezelts versteckte. Hingegen kam auf Ismenens Seiten ein
frischer Ritter in die Schrancken / welcher auf einem kohlschwartzen Pferde /
einen blauen Harnisch / mit eitel Blitz und Feuer-Flammen; im Schilde aber einen
von Zwibeln ringsher umbgebenen / und mit denen allervollkommensten Rosen
angefüllten Rosen-Stock mit dieser Uberschrifft führte: Der Widerwertigen zu
Liebe. Sintemal die widrigen Rosen von denen dabei wachsenden Zwibeln / eine
schönere Farbe /und einen stärckern Geruch bekommen. Als dieser in der Mitte des
Kampf-Platzes sein Pferd tummelte /und seinen Herold ausruffen liess: Ob niemand
wider ihn und seine gerechte Sache zu fechten das Hertz hätte? sprengte an einem
absondern Orte ein Ritter auf einem falben Hengste mit schwartzen Mähnen über
die Schrancken. Sein Harnisch war mit eitel Sternen besämt. In dem Schilde
führte er eine Welt-Kugel / mit einer über die sie mitten in zwei gleiche Teile
unterscheidende Schnure gesetzten Magnet-Nadel; darüber war in güldener Schrifft
zu lesen: Uber der Schnure ohne Tugend. Jener liess diesem durch sieben
Waffen-Träger vierzehn Lantzen / und so viel Schwerdter fürtragen / daraus ihm
sein Teil zu erwählen; er erkiesete aber nur drei Lantzen und ein Schwerdt /
und liess ihm zurück entbieten: dass diss ohne dem ein Uberfluss wäre seiner Meister
zu werden. Im ersten Rennen sprangen beider Lantzen wie Glas auf den Schilden
entzwei. Im andern Rennen traffen sie einander auf ihre Harnische; sie
verrückten aber selbte so wenig / als wenn sie auf einen Fels getroffen hätten.
Im dritten Rennen aber fasste der Ritter mit der Welt-Kugel den mit den Zwibeln
so wohl: dass er ihn mit der Lantze aus dem Sattel hob / und über das Creutze des
Pferdes zu Bodem warff. Dieser mühte sich zwar wieder auf die Füsse zu kommen;
aber jener dräute ihn mit der noch in der Hand habenden ganzen Lantze zu
durchstechen / da er nicht Helm und Degen von sich legen würde. Der liegende
Ritter liess sich vernehmen: Er würde es für eine Wohltat annehmen / wenn er
getödtet würde. Dieses machte dem andern Nachdenken / und veranlasste ihn sich
vom Pferde zu schwingen / und ihn zu erkennen. Welches auch unschwer zu
vollziehen war. Denn ob sich der mit den Zwibeln zwar inzwischen aufraffte; war
er doch so sehr auf die Hüfften gefallen: dass er mit Not sich auf den Beinen
erhalten konnte. Dahero warff der mit der Welt-Kugel ihn leicht wieder zu Bodem;
nahm ihm das Schwerdt / und riess ihm den Helm vom Kopfe. Ismenen bebte hierüber
das Hertz; und sie wusste ihrem Leide kein Ende; dass ihr der schon in Händen
gehabte Sieg so unvermutet ausgewunden / und ein so herrlicher Anfang durch ein
so schlimmes Ende verstellt werden sollte. Ja weil man bei widrigen Fälle meist
sehr missträulich gege sein Glück uñ anderer Tugend ist / geriet sie schon in
Furcht dieser feindliche Uberwinder würde ihren vorigen Siegern die Palmen aus
der Hand reissen. Der Druys aber kam voller Freuden zugesprungen / umbarmete
dieses Siegers Füsse; mit welchen er ihn aber von sich stiess / und ihm also
diese Freude versaltzte /und sein Gemüte verwirrete; warum der / welcher so
rühmlich für ihn gestritten / ihn so schlecht abfertigen könnte. Hierauf warff er
die Augen auf den Uberwundenen. Als er nun seinen auf der Erde liegenden Feind
für den Fürsten Adgandester erkennte; zitterte er wie ein Aspen-Laub; hernach
erstarrete er / wie ein Scheit. Unterdessen machten sich Ismenens Ritter fertig
diesem Uberwinder die Stirne zu bieten. Alleine dieser nahm Adgandesters Helm
und Degen / legte sie zu aller Zuschauer unbegreifflicher Verwunderung Ismenen
zu Füssen / mit beigesetzten Worten: Es wäre zu wenig / unvergleichliche Ismene
/ wenn sie heute nur ihre Unschuld retten / nicht aber zugleich über die
Verläumdung und Verräterei siegen sollte. Dieser Adgandester ist der Uhrheber
beider Laster; und nicht weniger bosshaft / als unverschämt / wenn er ihrer
Unschuld ein Bein unterschlägt; gleichwohl aber den Ruhm haben will: dass er
solche mit seinem Degen verteidigt hätte. Ismene danckte für diese Gewogenheit
/wiewohl ihr alles / was von Adgandestern gesagt ward / unbegreiffliche Rätzel
ware / biss der erstaunete Druys nach eine verzweifelten Stillschweige von freie
Stücke Adgandesters und seine eigene Bosheit zu beichten anfieng. Denn Rache und
seltsame Zufälle lösen offtmals denen / derer verstockten Verschwiegenheit man
sonst durch einen glüenden Ochsen kein Wort auspressen würde / die Zunge: dass
sie Verräter ihres Hertzens wird; und ehe / als der Richter / wieder sie ein
Verdammung-Urtel spricht: O gerechter Gott! rieff Luitbrand / wie
unbegreifflich sind deine Gerichte! O du albere Bosheit! die du zur Närrin wirst
/wenn du mit deiner Arglist die Tugend und Weissheit zu verwirren gedenckest!
hast du Wahnwitziger nicht gelernt: dass die Verläumbdung eine Miss-Geburt der
Höllen / eine Brutt der Lügen / eine Mörderin der Seele / und ein Brunn-Quell
alles Unglücks sei? Hast du Ehrloser nicht daran gedacht: dass alle uns
einnehmende Laster nur eine gefirnste Stirne / eine heuchlerische Zunge / aber
einen abscheulichen Rücken /einen Stachel haben; dass ihrem Liebhaber nach
derselben Begehung selbst darfür grauet. Ich bekenne mein wider Ismenens
Unschuld verübtes Verbrechen; und also darff weder ich noch sie eines Urtels.
Denn eines Richters Erkentnüss befreite sie nur von der Schuld / mein Bekenntnis
aber reinigte sie von allem Verdachte. Ich unterwerffe mich ärgern Straffen /
als mir der schärffste Richter auflegen kann. Denn dieser kann nimmermehr hinter
so viel Bosheit kommen / als ihm ein Bosshafter selbst bewust ist. Ich habe
vorgehabt Ismenen umb Ehr und Leben zu bringen / ohne dass sie mich iemals
beleidiget. Mein Laster hat an sich nichts unverantwortliches / als mein
Zugeständnüss / welches im Bösen so gut / als die Hertzhaftigkeit im Guten. Ich
würde mein Verbrechen / und meine Straffe nur verärgern / wenn ich bei meiner
Bosheit noch wollte für from angesehen sein. Denn wer dem Strome der göttlichen
Gerechtigkeit entschwimmen will / muss in dem greulichsten Abgrunde ersauffen.
Ihre Straff-Pfeile werden alle von der Hand des unverhinderlichen Verhängnisses
abgeschossen /welche niemals fehlen kann. Die Straffe ist der Sünde so ähnlich /
als wäre sie ihr aus dem Gesichte geschnitten. Meine weiss keine Entschuldigung;
es wäre denn diese: dass ich nur der Werckzeug / Adgandester aber der Urheber
dieser Verräterei gewesen sei. Diesen hätte seine aus wahnsinniger Liebe
entsprossene Rache / wider die ihn verschmähende Fürstin Ismene / ihn aber sein
schändlicher Ehrgeitz / welcher ihn durch Adgandesters Beistand dem obersten
Priester Libys an die Seite gesetzt zu werden beredet hatte / verleitet. Dieser
kann nun anderer Gestalt nicht vertilgt werden / als durch eine tieffe
Abstürtzung. Weil ich durch Laster habe wollen einer der obersten Priester
werden / bin ich nicht würdig der geringste zu sein. Kein gewisser Zeichen ist:
dass einer ungeschickt sei zu einem Ampte / als wenn er solches allzu eivrig
sucht. Ein böse Werckzeug beschimpfet nur ein gut Werck / Gott höret nicht / will
ihm auch nicht rauchern lassen durch besudelte Hände. Hiermit zerriess Luitbrand
seinen Mispel-Krantz / und sein leinenes Kleid; und fuhr fort: Glücke und
Gleissnerei haben zeiter meinen Unflat des Hertzens / wie der Schnee einen
Mistauffen bedecket. Nun aber beides zerschmeltzet / lieget die stinckende
Fäulnüss am Lichte der Welt. Ich habe mit einer himlischen Larve mein höllisch
Antlitz verdecket; verdamme mich also selbst / und enteusere mich meiner Würde:
dass ich das heilige Ampt der Priesterschaft nicht in meine Missetaten
einflechte. Aergert euch nur nicht an mir! ihr Anschauer meiner Schande! und
gedencket: dass wie das Alter einen Priester nicht heiligen / also die
Unreinigkeit eines Dieners kein Opfer besudeln könne. Wie aber ist dir zu Mute
/ Adgandester? Schämestu dich deine Bosheit so deutsch heraus zu sagen? Ich weiss
wohl: dass zwischen den Gewissen ein so grosser Unterschied / als zwischen den
Magen ist / etliche sind zart / und können kaum leichte Speise und Laster /
etliche auch gar grobe verdräuen; aber glaube mir / beide werden blöde und
übergeben sich /wenn man sie überfüllet. Dein Hertze hat so viel Gift in sich:
dass es anders nicht / als durch ein aufrichtig Bekenntnis / durch die Vorbitte
Ismenens / und durch die Gnade des Feldherrn genesen kann. Verlasse dich nicht
auf List und Leugnen. Die scharffsichtige Klugheit verblindet / und die
schwärtzeste Finsternis wird sichtbar / wenn das durchdringende Auge Gottes
schon einmal beginnt ein Einsehn über uns zu haben. Deine eigene Vergehung leite
dich zu rechte. Denn was hättest du törichters unter der Sonne begehe könne;
deñ dass du dich mit mir durch Bosheit so sehr verknipft weist; gleichwohl aber
dich wider mich die Waffen zu ergreiffen erkühnest? Sind dir die Zufälle der
Streite; und dass böse Dinge selten wohl von statten gehen / unbekant? Alleine
der närrische Vogel leimet sich auf der Leim-Stange selbst mit dem an / was aus
seinem eigenen Unflate gewachsen ist. Wie? oder hat dich deiner angesponnenen
Verräterei gereuet? Hast du durch Ismenens Beschirmung die Scharte der ihr
geschehenen Nachstellung auswetzen wollen? Warlich! du wirst diss keinen Mensche
in diesem Schau-Platze bereden. Auch die Einfältigsten werden mutmassen: dass du
nur / als du von schlechtem Zustande meiner Sache Wind bekommen / zu guter
Letzte an Ismenens Siege habest Teil haben / deiner Falschheit eine Farbe
anstreichen / und mich Fallenden vollends erdrücken wollen. Denn die Laster
gleichen dem Stein-Saltze / beide / wenn sie unter der Erde / und im Verborgenen
liegen / sind leichte /wenn sie aber ans Tage-Licht kommen / werden sie schwer;
und daher gebiehrt die Gemeinschaft der Missetaten die ärgste Feindschaft.
Wie viel mal aber hab ich aus deinem Munde gehört; dass man einem nur biss an
Gürtel im Schlamme steckenden Feinde heraus helffen / einem biss an Hals
versinckenden aber mit dem Fusse vollends in Abgrund stossen sollte? Erkenne dich
also nur / Adgandester / nachdem du ohne diss schon allzu sehr bekant bist. Denn
woher würde dieser für Ismenen stehender Ritter dich / da du dich auf ihre Seite
geschlagen hast / zu bekämpfen Anlass bekommen haben? Weist du nicht: dass er ihr
schon deine Verräterei offenbart? Wundere dich nicht: dass unsere Anschläge mit
so unzeitigen Missgeburten verworffen worden. Die Bosheit kann eine Weile wohl
vermäntelt / aber nicht lange verhölet werden; sie sieht solchen Leuten aus den
Augen; unsere Zagheit schreibet sie uns an die Stirne: dass sie auch die
Einfältigen lesen können. Zeit und Argwohn ziehen auch die am künstlichsten
versteckte / wie die Hirschen mit ihrem Geruche und Atem die verborgenen
Schlangen aus tieffsten Löchern herfür. Adgandester biess die Zähne zusammen /
murrete unterschiedene mal auf der Erden; und ietzt hiess er den Druys als eine
Wahnsinnige schweigen; aber er liess sich nichts irren / sondern fuhr fort: Lasse
dich / Adgandester / deine Eigen-Liebe nicht verführen: dass du leugnest / oder
dir träumen lässt unschuldiger / als ich / zu sein. Ich weiss ihre Eigenschaft
wohl: dass sie das Schau-Glas umbwendet / und frembde Schwachheiten für den
Blocks-Berg / eigene Verbrechen für Maulwurffs-Hauffen ansiehet. Aber hiermit
ist der Sache nicht geraten. Unsere Richter sehen nicht durchs Blaster; und
nehmen für eine Verminderung der Laster ihre Bereuung an. Lasse dich von dieser
deinen hohen Stand nicht zurücke halten. Denn wer sich vergehet wie der Pöfel /
verdienet in der Straffe keinen Vorzug. Du hast deinen Helm und deinen Degen;
das ist / deine Ehre und deine Tugend schon eingebüsst; was ist dir mehr mit
einem schimpflichen Leben gedienet? Ich will lieber einmal sterben / als immer.
Denn es ist erträglicher todt / als lebendig begraben sein. Adgandester
ermunterte sich endlich / und bat: Man möchte diesen verzweifelten Verläumbder
ihm aus den Augen schaffen. Kein Verräter könnte durch seine Beschuldigung einen
andern mit Verdacht eines gleichmässigen Lasters bebürden. Es wäre keine neue
Erfindung: dass Missetäter durch Einflechtung anderer / sich mit ihrer Gnade zu
beteilen vermeinten. Er hätte seine Treu gegen das Cheruskische Haus mehrmals
mit seinem Blut besiegelt; welche Farbe sich durch blosse Angeifferung eines
Läster-Maules nicht schwärtzen liesse. Hingegen hätte Luitbrand von seinem
Gross-Vater Induciomar den Hass wider die Deutschen; insonderheit aber wider das
Cheruskische Haus geerbet; weil es sich wider die Römer und den Cingetorich
nicht in seine verzweifelte Händel hätte einflechten wollen. Der Ritter /
welcher ihn überwunden hatte / redete ihn an: Brenne dich nicht weisser
/Adgandester / als du bist; und erinnere dich: was du mit Luitbranden für Briefe
gewechselt? Sind sie dir nicht auf der Reise nach Mattium von Händen kommen?
Hast du in selbten Ismenen einen andern Nahmen gegeben / als: Der Widerwertigen.
Von welcher du in deinem Schilde bekennest / dass du in sie verliebt seist?
Zwinge mich nicht dich mehr zu beschämen / der ich aus eines andern Schande
keine Ehre zu suchen gemeint bin. Demütige dich unter die Hand des gütigsten
Fürsten der Welt / des grossmütigsten Feldherrn. Es ist Torheit lieber wollen
überwiesen sein / als umb Gnade bitten. Adgandestern schoss hierüber das Blat;
daher er nicht ohne merckliche Kleinmut antwortete: Es stünde ihm als einem
Uberwundenen nicht zu mit seinem Sieger zu rechten. Sieger gäben die Gesetze;
die Besiegten hätten sie nur anzunehmen. Er unterwürffe sich seinen Befehlen
ohne einigen Vorbehalt. Ja er würde ihn nicht minder für einen Uberwinder seiner
Seele / als seines Leibes verehren / wenn er die Schande seiner Niederlage durch
Entdeckung / von was für einem so tapferen Helden er bemeistert worden wäre /
etlicher massen verwischen würde. Der Ritter sagte: Ich darff mich für keinem
Menschen in der Welt scheuen: dass er mir nicht dörffte unter Augen sehen.
Hiermit nam er den Helm ab: dass ihn iedermann für den Hertzog Jubil erkennte.
Weil nun Ismenens Ritter mit der Magnet-Nadel / der mit dem Laub-Frosche auf der
Sonnenwende / der mit dem brennenden Berge / der mit dem Wein-Stocke und
Oel-Baume darbei hielten / ersuchte sie Hertzog Jubil und Adelmunde aufs
ehrerbietigste: Sie möchten doch als Beschirmer einerlei Sache /und als
Gefärten gleiches Glückes nicht den Vorzug unbekant zu bleiben ihnen wegnehmen.
Die Tugend hätte ein so beliebtes Gesichte: dass sie sich nirgends schämen
dörffte; und die Bosheit selbst könnte sie zwar neiden / aber nicht schelten. Der
mit der Magnet-Nadel machte den Anfang den Helm abzunehmen; welchem also die
andern zu folgen gezwungen wurden / da denn der erste für den Hertzog Flavius
/der ander für Rhemetalcen / der dritte für Catumern /der vierdte für die
Fürstin Zirolane erkennet ward. Es ist unbeschreiblich / was diese Erkenntnis für
Freude erweckte / für Umbarmungen zwischen ihnen untereinander / und Ismenen
verursachte; welche einem ieden ihrer Beschirmer nicht ohne viel Freuden-Tränen
Danck sagte. Unter dieser Vermengung hatte Rhemetalces seine Zirolane / Catumer
seine Adelmunde zu umbfangen nicht minder einen Schein der Freiheit / als
Gelegenheit. Ja Ismene selbst konnte sich nicht entalten / den Fürsten Catumer
zu umbhalsen /und zu bekennen: dass sie keinem mehr als ihm verpflichtet wäre /
weil er der erste ihrer Verteidiger gewest / da er doch / weil sie ihn nicht
hätte lieben können / keine Ursache sich ihrer anzunehmen; sondern vielmehr
wider sie den Degen zu zücken Ursach gehabt hätte. Der Feldherr / Hertzog Arpus
/ Ganasch /Tussnelde und andere vornehme Zuschauer wurden hierdurch veranlasst
von der Bühne herab zu steigen /um alles desto genauer zu ergründen. Unter so
viel annehmlichen Bezeugungen fragte der Feldherr: Wer denn der allein mangelnde
Ritter mit dem Ulmenbaume gewest wäre? niemand aber konnte oder wollte davon
einige Nachricht gebe. Hierauf betrachteten sie ieden Ritters Sinne-Bild / und
beschwur Tussnelde ieden seine wahrhafte Auslegung darüber zu tun. Flavius
bekennte aufrichtig heraus: dass seines auf den die Ismene liebenden Zeno zielte;
und dass sein Hertze als das Eisen mit des Liebenden / als einem Magnete sich
gegen Ismenen / als des Zeno Angel-Stern ziehen liesse. Rhemetalcens Auslegung
zielte mit seinem Laub-Frosche / welcher auf der in die Sonne verliebten
Sonnenwende nachsah / auf beide Liebende /nämlich den Zeno und Ismenen. Zirolane
sagte: Ihr Sinnen-Bild drückte durch ihr den widrigen Wein-Stock und Oel-Baum
bescheinende Sonne ihre Gewogenheit gegen die einander nicht liebenden / nämlich
den Fürsten Catumer und Ismenen aus. Hertzog Jubil legte seine Magnet-Nadel über
der Mittel-Schnure der Welt-Kugel auf Adgandestern aus: dass die Geschickligkeit
/ wenn sie über ihre Mittel-Schnure haute / untüchtig würde. Catumer und
Adelmunde wollten alleine mit ihrer Deutung nicht heraus. Weil aber jenen Arpus /
diese Ganasch befehlichten / den unverfälschten Verstand zu sagen / fieng
Catumer an: Er könnte auf so heiligen Befehl nicht leugnen: dass sein
Feuer-auswerffender Berg so viel sagen wollte: Er kämpfte nicht aus Liebe gegen
das schneene Hertze Ismenens; gleichwohl aber wäre er nicht unverliebt.
Adelmunde sagte: Sie müste gestehen: Ihre den sonst wegen seiner versängenden
Hitze verhassten Hunds-Stern anbetende Ziege bedeutete so viel: dass ihr Hertze
einem sonst unbeliebten nicht unhold wäre. Tussnelde aber sagte: Diss hiesse ein
Rätzel durch Rätzel auslegen /drang also auf beide: dass Catumer seine Geliebte
/und Adelmunde ihren Ungeliebten nennen sollte. Adelmunde sah hierüber Catumern
/ und Catumer Adelmunden an; worüber sie sich beide röteten. Tussnelde fieng
hierüber an: Es darff keines ferneren Bekäntnüsses. Ich kenne die Sprache / und
die rote Tinte der Liebe schon. Jene stecket in den Augen /diese fleust auf den
Wangen. Zirolane färbte sich hierüber auch; und als sie Rhemetaleen ansah / auch
dieser. Tussnelde lächelte / und sagte zu Zirolanen: Sie hätte gehöret: dass wenn
man einem Schlafenden einen gewissen Stein unter die Zunge legte / selbter alle
seine Heimligkeiten entdecken müste. Sie sähe aber wohl: dass eine freudige
Vertrauligkeit ein viel bewehrter Mittel wäre / auch Wachenden ihre Geheimnis
auszulocken. Hertzog Arpus und Ganasch stellten sich an / als wenn sie nichts
von der verratenen Liebe ihrer Kinder angemerckt hätten. Adgandester aber
näherte sich dem Feldherrn / und bat: Er könnte seinen Fehler nicht läugnen: dass
er Ismenen geliebt /und ihre Kaltsinnigkeit für eine Beleidigung angenommen.
Niemals aber hätte er sich so ferne vergangen; als der gottlose Luitbrand ihn
beschuldigt hätte. Das Wachstum des Cheruskischen Hauses wäre iederzeit der
Zweck seines Vorhabens gewest. Er wollte aber so wenig seine Verdienste loben /
als seine Vergehung entschuldigen; sondern beides zu seinen Füssen werffen. Denn
er wüsste wohl: dass des Feldherrn Hertze ein Altar wäre / auff welchem kein Feuer
der Rache / sondern der Liebe flammete / und wo alle Demütigen Gnade und
Erhörung anträffen. Der Feldherr aber wendete sich von ihm weg / und befahl: Man
sollte so wohl dem Druys als Adgandestern andeuten: sie sollten sich seines Hofes
und Gesichtes entäusern. Denn es wären keine abscheulichere Miss-Geburten in der
Welt / als ein gottloser Priester / und ein untreuer Diener. Ismene aber
erklärte sich: dass sie beiden ihre Beleidigung verziehe; und da ihre Vorbitte
ihrem Verbrechen etwas zu benehmen kräfftig sein könnte / würde sie solche für
sie einzulegen kein Bedencken haben / die durch ihre Abneigung ihrer Unschuld /
wie die Mahler durch den Schatten ihren Gemählden nur mehr Licht gegeben hätten.
Der ganze Schau-Platz hatte Teil an der Freude dieser Fürsten; und Hertzog
Arpus unterhielt seine vornehmen Gäste mit Jagten und andern Fürstlichen
Lustbarkeiten.
 
                                    Innhalt
                              Des Vierdten Buches.
Krafft der Augen in der Liebe. Flavius bewachet das Jägerhauss / darinnen sich
Erato aufhält / wird aber gewahr / dass sie des Mitternachts mit einem Aufzuge
vieler Wald-Götter in Gestalt Dianens mit Saloninen von drei Rittern weggeführt
wird. Des Flavius Kummer hierüber / und Gespräche: Ob und was Satyren sein?
Catumer wird mit der Chaucischen Fürstin Adelmunde verlobet. Ismene liefert
ihnen einen sinnreichen Tantz; darinnen anfangs der Streit der göttlichen / der
Tugend / der ehlichen und fleischlichen Liebe; hernach der Kampff der Wollust /
der Ehrsucht / des Geitzes / und der Vernunft umb den Vorzug in der ehlichen
Liebe / endlich der Zwist zwischen der Geblüts- der Freundschaft und der
ehlichen Liebe vorgestellt wird. Allerhand Urtel über Adgandesters Fall /
welcher sich mühet beim Feldherrn / und endlich beim Herzog Arpus ans Bret zu
kommen / welches Hertzog Ganasch hindert. Adgandester zeucht heimlich davon /
und mit Segesten und Sentien zum Könige Marbod. Diese bringt es dahin / dass
Marbod Adgandestern zum Staats-Diener annimmt / und ihn in Botschaft zu den
deutschen Fürsten nach Mattium schickt / allwo er durch Geschencke und vielerlei
Wege die Gemüter gewinnet / beim Germanicus durch den Grafen Kinsky / und durch
den Ritter Laschansky beim Cäcina anhält mit dem Kriege wider die Sicambrer inne
zu halten. Als ihm vom Arpus und Ganasch Verhör gegeben / vom Feldherrn aber
verweigert wird / nimmt er dis wohl auf / und schreibt an Marbod umb einen andern
Gesandten. Fürnemlich zeucht er den Flavius an sich / und macht ihm Hoffnung
Marbods Tochter zu heiraten. Diesem lässt er eine Abschrifft eines väterlichen
Willens / darinnen ihm das dritte Teil der Cheruskischen Länder vermacht ist /
durch einen Druys einliefern / welcher im Tanfanischen Tempel liegen sollte.
Flavius ersucht Ingviomern / dass er den Feldherrn zu dessen Abholung bewegen
sollte. Dieser widerrätet es / aber vergebens / ungeachtet er die
Unzertrennligkeit des Cheruskischen Reiches für Augen stellt. Der letzte Wille
wird aufgesucht / aber für verfälscht erkennet. Ungeachtet nun der Feldherr dem
Flavius ein Stück Landes einräumen will / ist er doch damit nicht vergnügt
/sondern zeucht auf Adgandesters Anstifftung im Zorne zum Germanicus. Der
Feldherr rätet Ingviomern sich des betrüglichen Adgandesters zu entschlagen.
Graf Windisch Grätz als Botschafter vom Marbod kommt beim Feldherrn an /
Germanicus vertröstet mit den Waffen bis auf den Mei wider die Sicambrer inne zu
halten. Es wird bewilligt zu Mattium zwischen den Römern und Sicambern einen
Frieden zu vermitteln. Segestes / Sentia und Cäcina kommen destwegen dahin.
Sentia schlägt für Adelmunden unfruchtbar zu machen / und dadurch ihre Heirat
an Catumern zu hindern. Segestes muss auch darein willigen. Sentia erkiest
hierzu eine Griechin Astree / die beim Ganasch und Adelmunden in grossem Ansehn
war. Diese hatte Adelmunden Cariovalden einem Fürsten der Bataver heimlich
verheiraten wollen. Weil es ihr aber misslingt / dencket sie auf Rache. Sentia
lässt durch einen Bataver Astreen ein falsches Schreiben unter Cariovaldens
Nahmen einhändigen / der sie durch Geschencke bewegt Adelmunden durch ein
gekochtes Wasser unfruchtbar zu machen. Als sie es Adelmunden eingeben will /
träumet ihr / dass sie einen Brunn vergifftete / und von einer sich umb den Hals
windenden Schlange erwürgt würde. Hierüber / und vielen andern wahrsagenden
Träumen schlägt sich die Griechin mit Gedancken / gleichwol treibt sie ihr Geitz
das vorhabende Laster zu begehen. Ihr traumt aber noch einmal / dass sie ihres
Nahmens Buchstaben versätzte / und daraus das Wort: ARTHSH brächte /welches
bedeutet: du wirst gehenckt werden. Sie ändert daher ihren Vorsatz / schickt
aber Cariovalden einen Brief / darinnen sie ihr schlimmes und mitkommendes
Wasser beschreibt / und es Adelmunden beigebracht zu haben berichtet. Dis bringt
der Bataver Sentien. Adgandester beratschlagt hierüber / schlägt dem Grafen von
Hohenstein für Marbods Tochter an Catumern zu verheiraten; weil Flavius an der
Erato hienge / und mit dem Feldherrn zwistig worden wäre /sich auch zu den
Römern geschlagen hätte. Als diese Hindernüs wegen ihm verlobter Adelmunde
einwirfft /entdeckt er der Hertzogin Erdmut / dass jene durch die Griechin
unfruchtbar gemacht worden wäre. Erdmuts und des Hertzogs Arpus hierüber
erwachsende Gemüts-Kränckung. Jener wird durch Adgandesters grosse
Versprechungen verleitet / dass er sich zu grossem Leidwesen des Catumers / und
zu Bekümmernüsse Ingviomers und des mit der Catta versprochenen Jubils an
Adelmunden seinen Sohn nicht verheiraten will. Worüber Ganasch unwillig wird /
und durch Sentiens Unterhandlung die hierüber höchstbestürtzte Adelmunde an
Cariovalden zu vermählen verspricht. Inzwischen bringt der Felderr den Hertzog
Arpus so weit / dass er mit Bedinge: dass Adelmunde / wenn sie in fünf Jahren
nicht schwanger würde / ins Aurinische Heiligtum sich verloben solle / in
Vollziehung des Beilagers willigt. Ob nun wohl Arpus mit Segesten und Sentien
aus Mattium unverhofft gezogen / zeucht doch Herrmann nach / und sucht aber
vergebens den Hertzog Ganasch zur Rückkehr und zu Vollziehung der Heirat mit
Catumern zu bewegen / und von Cariovalden abwendig zu machen. Hingegen folget
Catumer mit dem Grafen von Solms / Isenburg / Witgenstein / Lichtenberg und
etlichen hundert Catten Adelmunden nach / trifft auf einem Steinfelse des Nachts
zwei Priester bei dem heiligen Brunnen an / welche für das Eresburgische
Heiligtum / dariñen Adelmunde mit Cariovalden vermählt werden soll / Wasser
schöpffen. Seine ihnen gefällige Andacht und Gespräche / darinnen er sich
Adelmundens Bräutigam zu sein angibt. Folgenden Tages überfällt er den von
Fürstenberg nach Eresburg ziehenden Cariovalda und Segesten / hält beide im
Walde gefangen / und kommt des Nachts bei einbrechendem Neumonden in das
Eresburgische Heiligtum. Dessen und der Hermians-Seule Beschreibung. Er wäschet
sich im Flusse / wird von denen zwei Priestern / welche ihn vor Cariovalden
halten / zur heiligen Höle geführet; dahin sich Adelmunde / welche sich wegen
Ehzwanges zu Cariovalden im Dymel-Strome erträncken wollen / aber von Priestern
errettet worden / sich endlich auch einfindet. Catumer gibt sich ihr beim
Opffer-Feuer zu erkennen / und werden beide vom obersten Priester zusammen
vermählt. Catumer nimt Adelmunden mit sich / lässt Segesten und Cariovalden los
/ und kehret zurück. Hertzog Ganasch / Segestes und Cariovalda verfolgen ihn /
und schüsst jener nach einem langen Gespräche seine Tochter Adelmunde durch den
Arm. Worüber die Catten die Chauzen anfallen / und / nach dem Segestes und
Cariovalda entfliehen / wird Ganasch heftig verwundet. Adelmundens Wehklagen
hierüber. Catumer lässt Ganaschen auf das Schloss Winterberg bringen /ihn daselbst
heilen / er zeucht aber heimlich davon. Catumer begibt sich nach Battenberg /
schickt den Grafen von Solms nach Mattium voran / welcher aber von den wegen
Catumers Heirat erzürnten Arpus ins Gefängnüs geworffen wird / umb dem
Adgandester /welcher von Sentien diese Heirat zu erst erfahren /zu vergnügen.
Ob nun wohl sich Adelmunde schwanger befindet / und Arpus dadurch gegen Catumern
etlicher massen versöhnet wird / lässt er doch den Grafen von Solms zum Tode
verdammen. Catumer kommt dazu / hindert des Grafen Entauptung / und als
hierüber zwischen Catumern / den Zuschauern und der Leibwache ein Blutvergiessen
entstehen will / verhütet es ein Bataver mit vertrösteter Offenbarung eines
grossen Geheimnüsses. Dieser entdeckt dem Arpus / dass Adgandester und Sentia
durch ihn Astreen bestochen hätten Adelmunden unfruchtbar zu machen. Arpus wird
hiermit gestillet / und aller Unwille gegen den Grafen von Solms / Catumern und
andere mit ihm gewesene Catten aufgehoben / und Adelmunde von Witgenstein
prächtig eingeholet. Adgandestern aber als einem Verräter der Eingang ins
Schloss / und hernach der Wegzug verwehret. Beratschlagung der deutschen Fürsten
/ ob er als ein Botschafter da gestrafft werden sollte. Wird aber beschlossen /
ihn ziehen zu lassen / und sein Verbrechen dem Grafen von Windisch Grätz
entdeckt. Graf von Wenteim aber erkohren zum Ganasche zu ziehen / ihm
Adgandesters und Sentiens Laster zu erzählen / und ihn zu versöhnen. Adgandester
muss bei Sonnenscheine aus Mattium. Hertzog Melo und Ganasch schlüssen ins geheim
einen Vertrag mit dem Germanicus. Melo lässt ins Ubische Altar das Bild des
Käysers wieder einführen. Weil Germanicus Coblentz befestigt / baut Arpus gegen
über die Festung Hermanstein. Germanicus ist beim Feldherrn und Arpus zu Embs
auf der Jagt.
 
                                 Vierdtes Buch.
Das Hertze ist das erste / was am Menschen in Mutter-Leibe zu leben anfängt /
und am letzten stirbt. Die Augen aber kriegen am längsamsten Wesen und Leben /
sterben aber am ersten. Dieser widrige Unterscheid ist so viel merckwürdiger /
weil die Augen nach dem Hertzen mehr Geister als kein ander Teil des Leibes
haben / weil alle Gemüts-Regungen als in einem Spiegel der Seele darinnen
gelesen werden; ja die Seele selbst in ihnen lebendig abgemahlt steht /und sie
eine warhafte Wohnstadt des Gemütes / und eben dis in der kleinen Welt nämlich
dem Menschen sind / was die Sonne in der grossen; welche mit Rechte das Auge und
das Hertze der Welt heist. Weil die Natur aber das geringste nicht ohne
erhebliche Ursache und wichtiges Absehn stifftet; ist schwerlich ein anderes zu
ergründen / als dass das Hertze als der Brunn aller Lebens-Kräffte den Augen
solche am längsamsten mitteile / und am geschwindesten entziehe / weil diese so
wohl das eigene als frembde Hertzen so fälschlich betrügen / und so oft mit
einem reicheren Strome unsäglicher Schmertzen überschwemmen / als selbtes den
Gliedern mit dem Blute Lebens-Oel einflösst. Denn saugen die Augen nicht wie
Feuer-Brunnen den Schwefel der Liebe an sich / damit sie mit diesem höllischen
Zunder das ihnen woltätige Hertz in Brand stecken? Spielet sich nicht aus ihnen
wie aus Basilisken Augen durch anderer Auge wie durch ein Fenster oder Pforte
das Gift der Begierden in unschuldige Seelen? sintemal die Augen der Schönen
beredsamer als die Zungen der Redener sind / und die Liebhaber ärger als
Beschwerer die Schlangen bezaubern. Sie sind nicht so verschämt / wie die
allzeit mit Schamröte gefärbten Lippen; haben also nicht weniger das Hertze als
das Vorrecht Herolden der Liebe / und Ankündiger menschlicher Neigungen mit
ihren stummen Blicken zu sein. Sind sie nicht Meckler zwischen dem Hertzen und
der gesehenen Schönheit umb einen Kauff mit der so schädlich als törichten
Wollust zu treffen? Wann dem Munde die Zunge gebunden / dem Willen ein Riegel
vorgeschoben ist /geben sie geheime Werber der Liebe ab; ja sie sind selbst
gleichsam unsere einige Liebe und ganze Wollust. Diesemnach sich nicht zu
verwundern ist; dass nicht weniger Menschen diese süsse Flammen im Hertzen / als
Augen an der Stirne tragen / ja dass diese Schwachheit so gemein / gleich als
wenn sie wie das Feuer ein gemeines Element in der Welt wäre. Zu welchem Ende
denn die Natur sonder Zweifel die Augen so wohl zu Quellen der Tränen als der
feurigen Liebe gemacht hat; damit sie mit ihrem Saltze solche Vergehung
bereueten / als mit ihrem Wasser so schädliche Brände ausleschten.
    Diese Schmertzen empfanden zwar unterschiedene an dem Cheruskisch- und
Cattischen Hofe / niemand aber nunmehr ärger / als Flavius / welcher zwar auf
dem Kampff-Platze die unvermutete Enteuferung der Königin Erato mit
unaussprechlicher Bestürtzung erfahren hatte / aber fast in Verzweifelung
geriet / als sich Erato in eine solche Einsamkeit verschloss / dass sie / ausser
Saloninen / keinen Menschen vor sich liess. Ja Tussnelden selbst / welche sie
besuchen und wieder nach Hofe bringen wollte / mit Entschuldigung /dass ihr Kummer
keines Menschen Antlitz vertrüge /abzuweisen kein Bedencken hatte / vom Flavius
aber gar nichts mehr hören wollte. Sein Bekümmernüs war desto empfindlicher /
weil er durch kein Nachdencken die Ursache einer so plötzlichen und heftigen
Veränderung aussinnen konnte / er sich auch schon in der Königin Gewogenheit und
in der Schoos des Glückes gesehen hatte. Denn ungewisse Dinge / wie sehnlich man
sie gleich verlangt / lassen sich noch leichter vergessen / als die / von derer
Süssigkeit man schon einen Vorschmack genossen / entpehren. Alle Härtigkeit
Saloninens / welche ihre Königin wie ein hundert-äugichter Drache bewachte / war
so vermögend nicht /den Hertzog Flavius von der Wüstenei / in welchem das die
Erato beherbergende Jägerhauss lag / zu entfernen / ungeachtet er sich einiger
Ungedult und Wegzuges annam. Denn er konnte ihm die Rechnung leicht machen: dass
Erato in dieser Einöde keine immerwährende Wohnung aufschlagen würde / sondern
weil sie mit der woltätige Tussnelde und dem so beliebten Hofe mehr keine
Gemeinschaft pflegen wollte / einen heimlichen Wegzug im Sinne führete. Er blieb
daher unvermerckt in selbiger Gegend / und übernachtete in einer nahe dabei
gelegenen Kohlen-Hütte / gleich als wenn der Unstern seiner Liebe keine Herberge
von ander Farbe vertrüge. Er hatte bei sich nur Gladebecken einen mit ihme lange
gereiseten Edelmann / welcher des Tages das Jägerhauss / wie er selbst des
Nachtes beobachtete. Entweder weil er dergestalt desto besser seine Anwesenheit
daselbst zu verhölen getraute / oder die gefährliche Zeit / da Erato entkommen
könnte / selbst beobachten wollte. Denn es kam ihm nach der Zeit immer für / als
wenn Zeno eben so wohl sein Gemüte von Ismenen ab / und ihr wieder zugewendet
hätte; und sie daselbst ihre Abholung erwartete. Westwegen er auch mit einem
denen vom Hertzog Arpus zu ihrem Dienste bestellten Jäger ein geheimes
Verständnüs machte / ihm / wenn er vom Aufbruche das wenigste merckte / davon
Wind zu geben. Ausser dem entschlug sich Flavius zu Vermeidung Verdachts / aller
Gesellschaft / und musste ihm sein Wirt der Kohlmann die tägliche Notdurfft
zubringen. Wiewol er sich mehr mit dem traurigen Andencken seiner Erato / als
mit andern Lebens-Mitteln speisete. Denn weil seine Liebe nicht nur aus ihrer
Schönheit / sondern aus ihrer Tugend den Ursprung hatte / war sie so viel
heftiger. Sintemal diese über die Gemüter eine übermenschliche Krafft hat /
und über unsere Seele die gewaltigste Oberherrschaft führt. Es war schon die
siebende Nacht / da er umb Mitternacht auf seiner Wache in der Ferne des Waldes
ein Licht erblickte / welches er anfangs für den aufgehenden Mohnden hielt. Es
näherte und vergrösserte sich aber je länger je mehr / bis er eine Anzahl mehr
als hundert Fackeln erkiesete. Endlich nam er / dem doch vorhin noch nie kein
Schrecken in sein Hertz kommen war / nicht ohne Gemüts-Veränderung wahr / dass
alle Fackeln von rauchen Wald-Göttern getragen wurden / welchen ein von vier
Hirschen gezogener aber leerer Wagen / und drei von Fuss-auf geharnschte Ritter
folgten. Flavius hielt dis Gesichte anfangs für ein Gespenste / sah aber mit
Schrecken /wie bei dem Jägerhause der ganze Aufzug stille hielt / und als die
Wald-Götter mit ihren Jägerhörnern ein grausames Getöne machten / die Königin
Erato wie Diana aufgeputzt mit der als einer Jägerin angekleideten Salonine
heraus kam / auf den Wagen stieg / und /weil Flavius mit sich selbst zanckte /
ob ihm träumte /oder wachte / mit unglaublicher Geschwindigkeit davon rennte.
Als er sich wieder besaan / mühte er sich diesem Aufzuge nachzueilen. Aber er
watete gleichsam im Sande / dass er wenig oder nichts von der Stelle / ihm aber
seine flüchtige Diana wie ein Irrlicht aus dem Gesichte kam. Denn wie die Furcht
einem Reh-Füsse macht / also bindet uns ungemeines Schrecken alle Glieder / und
hencket uns schwere Blei-Klötzer an die Fusssohlen. Also musste er nur seiner
Verfolgung vergessen / und in seiner rauchichten Hütten den in tieffen Schlaff
versunckenen Gladebeck aufwecken. Dieser ward so bald nicht munter / als er dem
Flavius eine heftige Bestürtzung ansah / aber /ohne Erkundigung der Ursache /
auf seinen Befehl zwei Pechfackeln anzündete / und mit seinem Herrn gerade dem
Jägerhause zugieng. Dasselbe fanden sie offen / das Zimmer der Erato und
Saloninens unverschlossen / die darinnen sonst wohnenden drei Jäger zwischen
dreien brennenden Lichtern schlaffend. Wie sehr sie nun an selben rüttelten /
war doch keiner zu erwecken / also / dass wenn sie nicht alle starck geschnarcht
hätten / sie selbte für Leichen würden gehalten haben. Gladebeck fieng hierüber
an. Diese Lichter sind den Schlaffenden nicht ohne Ursach angesteckt; und ich
will nicht schweren / dass diese Jäger nicht erwachen / so lange diese Lichte
brennen. Flavius sagte; ich weiss wohl / dass etliche Menschen wider alle Vernunft
fest und lange / und zwar Mecenas drei / Nizolius zehn Jahr geschlaffen haben
sollen / auch /dass man einen durch Mahsafft einschläffen kann / dass er so bald
und leicht nicht erwache; aber durch was für Krafft sollten wohl diese Lichter der
Schlaffenden Siñen binden? Gladebeck antwortete: Er wüste zwar nicht / ob durch
natürliche Kräfften ein einschläffendes oder das Erwachen hinderndes Licht
gemacht werden könnte; dieses aber wäre gar gewiss: dass boshafte Leute durch
Anzündung überpechter Menschen-Hände solches auszurichten wüsten. Dahero der
Zauberei vielleicht auch nicht unmöglich fallen dörffte / aus Menschen-Fett /
oder gewissen mit Kräutern vermischten Hartzte eben so kräfftige Lichter zu
fertigen. Flavius fiel ein: Erato wäre viel zu tugendhaft /dass sie sich mit
Zauberei beflecken / und derogestalt ihre Flucht zum Laster machen sollte.
Gladebeck entschuldigte sich: dass ihm diese Auflage nie in Sinn kommen wäre;
zumal er auch von ihrer Flucht nichts wüste; und könten vielleicht andere die
Hand mit im Spiele haben. Alleine die Erfahrung wäre der beste Prüfungs-Stein
der Warheit; daher wollte er es mit eines Lichtes Ausleschung versuchen. Mit
grosser Müh leschte er endlich eines aus; da denn selbigen Augenblick der darbei
liegende Jäger mit Ungestüm auffuhr / und den Hertzog Flavius / welchen er aber
nicht kennte / umb Schutz anflehete. Flavius fragte; wer ihm einiges Leid antun
wollte? der Jäger antwortete: die Bock-Menschen. Flavius urteilte hieraus
selbst: dass es mit Kräutern zugienge; gab sich also dem Jäger zu erkennen / und
fragte / was ihm geträumt hätte? der Jäger kam hiermit zu sich selbst /und
erzehlte; dass ihn im Traume eine grosse Menge wie rauche Böcke gebildete
Menschen überfallen /und / weil er ihnen nicht ein zahmes Reh wollen folgen
lassen / zu ermorden getrachtet hätten. Flavius antwortete: du hast das dir
anvertraute Reh übel bewacht. Denn die Königin Erato ist nicht mehr hier. Der
Jäger rauffte ihm hierüber die Haare aus dem Kopffe / und beteuerte: dass er die
wenigste Anzeigung einiger Flucht gemerckt / darzu alle Nacht von ihnen ein
Jäger Wechsels-weise gewacht hätte. An dem neben ihm liegenden wäre die Reie
gewest / also müste er dafür Red und Antwort geben. Er mühte sich auch / aber
vergebens / seinen Nachbar zu erwecken /bis Gladebeck das neben ihm stehende
Licht ausleschte; worauf auch dieser Jäger noch ungestümer aufsprang / seinen
Hirschfänger entblöste; und / wenn ihm nicht in die Armen gefallen wäre / umb
sich gehauen hätte. Nach seiner Ermunterung aber fiel er dem Hertzog Flavius zu
Fusse / und nach dem dieser Rechenschaft forderte; wo die ihm zu bewachen
anbefohlne Königin hinkommen wäre / erzehlte er: dass er an der Pforte die Wache
gehalten / es wäre aber Salonine mit einem Lichte aus der Königin Zimmer komen /
hätte ihm unter Augen geleuchtet und gefragt: Ob er nicht schlieffe? hiervon
wäre er so bezaubert worden: dass er sich keines Dinges mehr erinnerte / auch
nicht wüste / wie er zu seinen Gesellen / und woher diese frembden Lichter komen
wären. Im Schlaffe aber wäre ihm vorkommen; als wenn eine Menge böckichter
Menschen einbrächen und Gewalt übten. Nicht viel anders berichtete der dritte
auf eben solche Art erweckte Jäger. Hertzog Flavius ward je länger je mehr
hierüber bestürtzt / und sagte: Ich muss euren Worten Glauben geben; weil ich
selbst mit Augen gesehen: dass eine grosse Menge Satyren die Königin mit einem so
grossem Getöne / welches auf eine Meilweges die Schlaffenden zu erwecken starck
genung gewest wäre / auf einem mit Hirschen bespañten Wagen weggeführt hätten.
Gladebeck schüttelte den Kopff / und sagte: Er hielte diesen Raub für eine
Bländung / und käme ihm so unglaublich für / als dass die Hexen durch Böcke auf
den Blocksberg / und die umb das Nordliche Vorgebürge Ruben wohnenden Finninger
von den Renntieren an den Ort / den sie ihnen ins Ohr sagten / geführet werden
sollen. Ich glaube auch nicht; dass ein Satyr in der Welt / weniger in diesen
Wäldern zu finden sei. Flavius begegnete ihm: was er mit Augen gesehen / liesse
er ihm nicht ausreden / noch für Bländung verkauffen; an dem /dass Satyren wären
/ dörffte auch niemand zweifeln. Sylla hätte bei Apollonia in einem heiligen
Heine einen gefangen bekommen / dessen unartige Sprache aber kein Mensch
verstanden. Osiris hätte ihrer eine grosse Anzahl in Mohrenland gefunden / und
in Indien würde das Gebürge Coruda von so vielen bewohnet / dass sie mit
Abstürtzung der Steine die Jäger aus den Tälern vertrieben. In Africa hätte man
ihn versichert; dass es ihrer auf dem Berge Atlas nicht wenig gäbe / welche mit
ihrem Gepfeiffe und Getümmel viel Wesens machten / und im grossen Meere bei
Africa lägen gewisse Eylande / die von ihrer Mänge die Satyrischen genennet
würden. Gladebeck brach ein: weil Africa ein rechtes Wohnhauss der Missgeburten
wäre /glaubte er / dass derogleichen Ungeheuer aus Vermischung unterschiedener
Art Tiere zuweilen entsprüssen / oder aber die abergläubische Schiffer aus der
Ferne vielmal Affen und Katzen für Satyren ansehen; welche aber keines weges für
Menschen / am wenigsten aber mit den alberen Griechen für Halb-Götter zu halten
wären. Flavius versätzte: Ich begehre die Satyren nicht zu vergöttern / noch
alle mit ihnen vorgegangene Irttümer zu rechtfertigen; aber wären sie nur
unvernünftige Tiere; wie kann denn der mit dem weisen Midas in so grosser
Verträuligkeit gestandene Silenus für einen der Natur und des Altertums
kündigen Mañ gerühmet werden? Soll nicht das schlaue und mächtige Volck der
Hunnen in Scytien von Satyren entsprossen sein? Wie hätten die Griechen ihren
Pan / die Garamanter ihren Ammon / die Egyptier ihren Monde als einen Gott in
Gestalt eines Bockes oder vielmehr eines hörnrichten Satyrus bilden können?
Gladebeck antwortete: haben diese abergläubischen Völcker ihnen nicht Hunde /
Mäuse und Katzen zu Göttern auffgeworffen? die Hunnen wären seinem Bedüncken
nach so wenig Kinder der Satyren / als die Cimbern der Beeren. Midas wäre allen
Umbständen nach ebenfals ein Zauberer und entweder gar kein Silenus / oder mehr
ein Gespenst als Mensch gewest. Der älteste unter diesen Jägern fiel ein: Er
könnte gleichwol auch nicht verschweigen / dass er in denen Hercynischen Gefülden
ein und andermal solche Wunder / welche oben Mensch unten Böcke gewest /und wie
sie ihn diese Nacht gequälet / gesehen hätte. So wenig sie sich nun hierüber
vercinbaren konten /so wenig wusste sich Flavius zu entschliessen / was er bei so
seltzamen Ebenteuer zu tun hätte. Die Königin in einer solcher Wildnüs zu
verfolgen / würde nicht nur wegen eines so grossen Vorsprungs und so vieler
Irrwege vergebene Müh / sondern auch gegen eine solche Menge Räuber / sie wären
gleich Gespenste / Menschen / oder was anders / gefährliche Verwegenheit sein.
Daher musste er sich nur entschlüssen wieder dem Hofe zu folgen / welcher sich
nunmehr beim Hertzog Arpus an der Fülde in der vom Drusus gebauten Festung und
Stadt aufhielt. Sein Gemüte aber war über dem Verluste der Königin derogestalt
niedergeschlagen / dass er ihm selbst in seinem Hertzen gram / und in anderer
Augen unähnlich war. Er schalt seine Torheit / dass er sich Saloninen mit blossen
Worten abweisen / und den Betrug ihrer Entführung unverhindert karten lassen.
Kein verzagter Liebhaber hätte jemals den güldenen Apffel der Vergnügung
überkommen. Er schämte sich; dass er die Augen zwar im Vorder-Haupte / aber nicht
im Hertzen gehabt hätte / und sich nur nicht wie jene Vögel durch gemahlte
Trauben / sondern durch gemahlte Worte Saloninens hätte betrügen lassen. Seine
Einfalt wäre grösser als derselben Leute / welche in die Ferne sehende / ihnen
einbildeten / dass die Schwiebogen des Himmels mit der flachen Erde vereinbart
wären; wenn sie aber auf solch ihr Augen-Ziel kämen / wäre der Himmel von ihnen
und der Erde so weit entfernet / als vorher. Also hätte ihm seine Eigen-Liebe
geheuchelt: dass er mit der himmlischen Erato unauflösslich verbunden wäre / nun
aber sehe er sich von ihr weiter entfernet / als niemals vorher. Er verdammte
seine Trägheit und Kleinmut / dass er die Räuber der Königin / welche vielleicht
mehr Schatten als wesentliche Dinge gewest wären / nicht angefallen / oder /
weil ohne dis sein Leben ohne sie nur ein langer Tod sein würde / solches nicht
mit mehr Ruhme ihrer Liebe aufgeopffert hätte. Diese seine Klage schüttete er
bei niemanden offenhertziger aus / als bei Rhemetalcen und Zirolanen; weil ausser
ihnen wenig seine Liebe billigten. Zirolane aber wusste ihm mehr als weiblich
einzureden / und sagte ihm: Er wäre ein allzu verzärtelter Liebhaber. Der Himmel
hienge nicht immer voller Geigen; Er hätte / wie der andere / zwar seine
anmutige Lust- aber auch seine schwartze Unglücks-Sterne / welche Donner und
Blitz / Hagel und Ungewitter / Misswachs und Schiffbruch verursachten. Wer nicht
wüste zu leiden / sollte oder könnte nicht lieben. Denn diese wurtzelte erst recht
von Widerwärtigkeit /wie die Eichen von Sturm-Winden: Unter diesen wäre zwar am
empfindlichsten die Kaltsinnigkeit der geliebten Seele; aber auch am
nützlichsten. Denn diese machte die Liebe allererst reiff und vollkommen / wie
der Reiff den Kohl. Je kälter es wäre / je kräfftiger wäre das Feuer / und die
Flamme frässe im Winter mehr und geschwinder das Holtz / als im Sommer. Also wäre
keine Liebe feuriger / als welche auf eine unempfindliche Schönheit anträffe.
Wie uns dis / was uns selbst in die Armen laufft / bald Eckel erweckt /also
macht die Weigerung dessen / was man liebt /unsere Begierde unersättlich. Sie
gleichet dem Zitron-Saffte / der mit seiner Schärffe unsern Gaumen so lieblich
kitzelt / und den Geschmack auf der Zunge verzuckert / dass die / welche ohne
Hunger zur Taffel sitzen / sich kaum ersättigen könten. Diesemnnah müste es ihm
Flavius nicht lassen so seltzam fürkommen / sondern / umb seine Liebe vollkommen
zu machen / ihm lassen lieb sein / dass das Verhängnüs durch derogleichen
Hindernüsse seine Treue prüfete /welches öffter Hertzhaften durch Sturm / als
Weichlingen durch eine gäntzliche Windstille in Hafen verhülffe.
    Als es derogestalt mit dem Flavius witterte / schien dem Hertzoge Catumer
und Adelmunden die Sonne. Sie liebkoseten ihnen nun nicht mehr mit ihrer eigenen
Hoffnung / sondern das Glücke schien alle Winde in ein Ende bezaubert zu haben /
dass sie in die Segel ihrer Begierden blasen mussten. Denn nach dem der Feldherr
nicht weniger mit seiner Aufrichtigkeit ihm Freunde zu machen / und durch seine
Holdseligkeit ihre Gemüter an sich zu ziehen / als mit seiner Tapfferkeit
seinen Feinden schrecklich zu sein wusste / fiel es ihm nicht schwer dem Hertzoge
Arpus glaublich zu machen: dass weder Ismenens Schwerigkeiten von ihm herrührten
/ noch auch Ismene selbst aus Verachtung des Cattischen Hauses oder seines
Sohnes sich der Vermählung widersetzt hatte. Sie war durch die wunderbare
Ausführung ihrer Unschuld bei jedermann in ein solch Ansehn komen / dass Arpus
selbst glaubte; was ihr / müste zugleich dem Himmel zu wider sein. Also muss das
Gefieder von denen auf die Unschuld geschossenen Pfeilen ihr selbst zu
Schwungfedern dienen. Hertzog Arpus sah es auch so wenig den Catten für gut /
als ihm anständig an / seinen einigen und so tapfferen Sohn mit einem so harten
Gesätze zu belästigen / als die Aufnötigung einer unbeliebten Gemahlin ist.
Also ward mit beider Hertzoge gutem Willen / und mit grösserer Vergnügung
Catumers und Ismenens ihr Heirats-Schluss zerrissen / als vielleicht hundert
andere getroffen werden. Derogestalt geht es mit den Zufällen wie mit der Zeit
her. Einen lachet oft mehr der Abend mit seinen braunen und traurigen
Hiacynten / als der Morgen mit seinen frischen und freudigen Rosen an. Weil dis
letztere nun Arpus an seinem Sohne / Hertzog Ganasch an seiner Tochter Adelmunde
wahrnahmen; Eltern aber mehr Freude aus ihrer Kinder / als aus ihrer eigenen
Vergnügung schöpffen / konnte sich auch in Mangel wichtiger Ursachen ihr Wille
von derselben Belieben schwerlich entfernen. Die Hertzogin Erdmut / welche aus
dem Chaucischen Hause ohne dis entsprossen war / hatte fürlängst ein Auge auf
Adelmunden gehabt / und also stritte sie nunmehr gleichsam in Zuneigung gegen
diese vollkommene Fürstin mit ihrem eigenen Sohne. Weil nun beide einander an
Geschlecht und Tugend gleich waren / und überdis Schönheit und Freundligkeit
Adelmunden / Tapfferkeit und Anmut Catumern das Wort redeten / dorffte es
keiner Werber und Meckler. Nichts desto weniger verstunden es der Feldherr und
Tussnelde wohl; dass diese Heirat ein der Deutschen Eintracht sehr dienliches
Band sein würde; daher halffen beide mit Händ und Füssen dazu; ja der Adel und
das gemeine Volck der Catten gaben mit Wünschen und Freuden-Zeichen ihr
Verlangen nach diesem Bündnisse zu verstehen; und ward die Verlobung in kurtzer
Zeit mit allgemeinem Frolocken geschlossen. Die kluge Ismene / welche dieses
Werck zu befördern alle ihre Kräfften angespannt hatte / meinte ihrer
Schuldigkeit zu sein dem für ihre Unschuld fechtenden Catumer ein Merckmal ihrer
Freundschaft und Gewogenheit abzuliefern / weil es in ihrer Gewalt nicht
gestanden hatte sich ihm als ein Opffer der Liebe zu liefern. Wie nun Hertzog
Arpus an dem Verlobungs-Tage allen Fürsten und dem ganzen Hofe ein köstliches
Mahl ausrichtete; darauf die deutsche Verträuligkeit offenhertzig mit einem
reichen Uberflusse des bei dem Altare des Bacchus gewachsenen Weines verneuert
ward; also brachte Ismene ihnen auf einem dazu bequämen Saale einen zierlichen
Tantz. Aus den Wolcken liess sich auf den darzu bereiteten Schauplatz bei
annehmlichen Säitenspielen ein überaus grosses Ey / wie dieses aussiehet /
wormit Zoroaster die ganze Welt fürgestellet hat / welcher Ebenbild auch
warhaftig ein Ey ist / indem das Erdreich durch die Schale / das Wasser durchs
Weiss-Ey / die Lufft durch desselben geistige Bewegung / das Feuer durch den
Toter fürgebildet wird. Wie denn auch nach der Stellung die Schale das Gewölbte
des Himmels / das Weiss-Ey die Lufft / der Toter die Erdkugel entwerffen kann.
Wiewol Ismene durch dieses Ey mehr die allgemeine Fruchtbarkeit vorhatte
anzudeuten. Sintemahl nicht nur das Geflügel / Krebse / Fische / sondern auch
Menschen und durchgehends alle Tiere aus Eyern ihren Ursprung haben sollen.
Dieses Ey ward vom Himmel durch einen Strahl gerühret / wovon es sich öffnete
/und kamen daraus viererlei Liebes-Göttinnen. Die erste hatte eine Krone von
Diamanten / einen Rock von Goldstück / am Rücken und an Füssen Flügel /damit sie
stets in der Lufft schwebte und die Erde nicht berührte. In der rechten Hand
führte sie zum Zeichen der Ewigkeit einen güldenen Rincken; in der lincken Hand
den Vogel Phönix. Durch diese ward abgebildet eine nur GOtt liebende Seele. Die
andere hatte einen Krantz von Rubinen / einen Rock von Silberstück / sie war nur
am Rücken / aber mit kleinern Flügeln gefiedert. Sie berührte die Erde / aber
niemals mehr als mit einem Fusse / und zwar nur mit den Zehen. In der rechten
Hand hatte sie eine Kristallene Lampe mit brennendem Oel; in der lincken einen
in und von der Lufft lebenden Paradis-Vogel. Durch diese ward eine nichts als
die Tugend liebende Seele abgebildet. Die dritte hatte einen Krantz von Saphier
/einen Rock aus blauem Atlas / und nur auf der einen Seite einen Flügel; durch
welchen sie sich doch zuweilen von der Erde erhob. In der rechten Hand führte
sie ein brennendes Hertze / in der lincken eine Turtel-Taube. Diese stellte die
ehliche Liebe für / welche eine Vereinbarung der Hertzen und Leiber / und zum
Teil geistig / zum Teil irrdisch ist. Die vierdte hatte einen Krantz von
Schmaragd / einen Rock von grünem Damast als der allein irrdischen Farbe mit
darauf geflückten Tieren / und verbundene Augen. Ihre Schuch waren von Blei. In
der rechten Hand hatte sie eine Fackel aus Wachse der aus einem Ochsen-Aasse
gezeugter Bienen; auf der lincken Hand einen Raben. Diese stellte die ganze
irrdische Liebe der Leiber für / welche allein dem Viehe / oder wollüstigen
Menschen eigen ist. Jede unter diesen tantzte Wechsels-weise nach ihrer
Eigenschaft; die erste nach den lieblichsten Sängerinnen / die andere nach
eitel Lauten /die dritte nach Geigen / die vierdte nach Flöten. Hierauf
erschienen die vier Elementa. Das Feuer gesellte sich zu der göttlichen Liebe /
weil das Feuer vom Himmel den Ursprung hat / und ein Bild des grossen GOttes
ist; die Lufft zu der Tugend-Liebe / welche /wie die Lufft / zwar nicht den
Himmel übersteiget /aber sich auch nicht unter die Erde versäncket; gleichwol
aber sich von dem reinsten Lichte der Seelen speiset. Das Wasser gesellte sich
zu der ehlichen Liebe / welche wie das Wasser zwar ihre Schwerde und
Fruchtbarkeit hat / aber doch ihre Klarheit nicht verlieret. Die Erde erwehlte
die fleischliche Liebe zur Gefärtin; welche wie die Erde so schwer als finster
/und kaum eine Liebe genennet zu werden würdig ist. Des Feuers und der
göttlichen Liebe Tantz war nichts / als ein künstlicher Flug / durch welchen sie
sich endlich zusammen in die Wolcken empor schwunge und verschwanden. Die Lufft
und die Tugend-Liebe flohen bald wie geschwindes Geflügel in der Lufft herumb /
bald tantzten sie am zierlichsten auf dem Bodeme. Zu letzt kam die Göttin des
Nachruhms auf einem mit Adlern bespannten Wagen / reichte dieser Liebe die
rechte / der Lufft die lincke Hand / wormit sie beide von ihr in die Wolcken
geführet wurden. Die Erde gestellte sich zu der fleischlichen Liebe /welche zu
bedienen nun zwölff kohl-schwartze aber ungeflügelte und nur mit bleiernen
Pfeilen und Pech-Fackeln gewaffnete Liebes-Knaben aus der Erde herfür krochen.
Nach einem zusamen gehegten ziemlich frechen Tantze ward die Liebe / wie Actäon
/ in einen Hirsch / die Liebes-Knaben in Hunde verwandelt /welche ihn zerrissen
und zerfleischte. Zu letzt ward die Erde zu einem Drachen / und verschlang
zusammen Hirsch und Hunde. Also behielten das Wasser und die ehliche Liebe den
Schauplatz alleine sich zu breiten. Welcher denn zwölf geflügelte mit güldenen
Bogen / Köchern und Pfeilen gerüstete Liebes-Götter zuflogen / und mit ihr einen
künstlichen Fackel-Tantz hegten. Bei dessen Beschluss erschien auf einem von vier
weissen Kühen gezogenen Wagen die Fruchtbarkeit. Sie hatte auf der Stirne einen
vollen Monden / im lincken Arme ein Horn des Uberflusses. Sie reckte der Liebe
die rechte / dem Wasser die linke Hand / und führte sie durch eine Ehren-Pforte
/ über welcher die Worte: Die Unvergängligkeit der Natur / zu lesen waren /
zwischen dem Frolocken der Liebes-Götter vom Schauplatze. In dem andern Aufzuge
dieses Tantzes erschien die ehliche Liebe allein und gab nach dem Falle der
süssesten Säitenspiele in einem zierlichen Tantze ihre Sehnsucht nach etwas
Liebes-würdigem zu verstehen. Hierauf fanden sich auf dem Schauplatz die Wollust
/ die Ehrsucht / der Geitz /und die Vernunft. Die erste stellte in einem
üppigen Tantze ihr die Schönheit / in Gestalt der annehmlichen Phryne / die
andere in einem hochtrabenden die Ehre / in Gestalt einer gekrönten Königin /
der magere Geitz in einem langsamen das Reichtum in Gestalt eines mit Gold und
Perlen behangenen alten Weibes in einem Affen-Tantze / die Vernunft aber die
Tugend in einem ernstaften für Augen. Als keines aber dem andern weichen
wollte; gab ihnen die ehliche Liebe zu verstehen; dass jedes einen
Schiedes-Richter erwählen sollte. Die Schönheit erkiesete hierauf die Jugend /
die Ehrsucht das männliche / der Geitz das greise Alter / die Vernunft die
Klugheit. Diese erschienen und vermischten sich mit denen Tantzenden. Jedes aber
stritt für seinen Kührmann /konten sich also nicht mit einander vergleichen / ob
es am ratsamsten sei der Schönheit / der Ehre / dem Reichtume oder der Tugend
zu heiraten. Die Ehrsucht meinte / die Bauern heirateten nur nach Schönheit /
edle Gemüter aber nach Ehren; der Geitz urteilte: die auf Ehre sähen /
speisten sich mit Schale / er aber mit Kernen; die Schönheit hingegen: die nach
Reichtum freienden vermählten sich mit einem todten Aasse / die nach Schönheit
aber mit Engeln. Die Klugheit erkennte: wer nach Schönheit strebte /sättigte
sich mit Eitelkeit / wer aber nach Tugend /vermählte sich mit GOtte. Diesen
Zwist beizulegen erschien auf dem Schauplatz das Glücke / wormit den Deutschen
die absondere / wie durch die Natur die ordentliche Schickung Gottes für
gebildet wird. Diese gab mit Gebehrden in einem annehmlichen Tantze zu
verstehen; dass eine gewünschte Eh nicht von menschlicher Wahl / nicht vom
Einflusse der Gestirne / sondern von Göttlicher Versehung herrührte. Sie stellte
zu derselben Muster die glückseelige Verlobung des Fürsten Catumers mit
Adelmunden für / als welche beiderseits Schönheit / hohen Stand / Reichtum und
Tugend zum Heirat-Gute mitbrächten und empfiengen. In dem dritten Aufzuge kam
die Liebe der Bluts- / der Freunde und die Liebe der Ehleute auf den Schauplatz.
Die erste war in blutroten Damast gekleidet / und mit Rosen gekräntzt. Die
andere hatte einen schwartz-seidenen Rock mit weiss eingewürckten Todten-Köpffen
/ und einen Krantz von unverwelcklichen Amaranten. Die dritte war mit grünem
Atlas angetan / und mit Oel- und Lorber-Zweigen gekräntzt. Jede Liebe meinte es
im Tantze der andern an Zierligkeit vorzutun / und mit Gebehrden ihre Stärcke
und Vortreffligkeit abzubilden. Die Liebe des Geblütes gab zu verstehen: das
Hertz wäre der Sitz der Liebe und zugleich der Brunn des Blutes /also müste das
Blut auch die Wurtzel rechtschaffener Liebe sein. Was wäre brünstiger als die
Liebe der Eltern gegen ihre Kinder? was eivriger als die Liebe der Kinder gegen
Vater und Mutter? was zärter als die Liebe der unter einem Hertzen gelegenen
Geschwister? Ihre Mutter wäre die Natur / der andere aber die Gewohnheit. So
viel stärcker nun die Natur wäre als die Einbildung / so viel mächtiger wäre die
Geblüts-Liebe / als andere. Die Freundschaft zeigte an: Die Neigung des
Geblütes würde mehrmals durch Rache und Ehrsucht in Gift und Galle verwandelt.
Es hasste niemand ärger einander als Brüder; und die Feindschaft der Kinder und
Eltern endigte sich niemals als mit dem Tode; ja es steche ein Sohn wohl ehe
seinem erblassten Vater die Augen aus / und eine rasende Tochter sprengte
frohlockend mit Pferd und Wagen über die Leiche ihres Vaters. Die Freundschaft
aber täte es allen andern Verbindungen zuvor. Sie machte aus zwei Hertzen
eines. Zweier Wille gleichte sich eines Menschen zwei Augen; wo eines hinsähe
/müste das andere folgen. Ja das Grab und die Todten-Asche behielte noch in sich
treuer Freunde Gedächtnis und Zunder. Alle andere Liebe gleichte einer
überlauffenden Hitze / oder einem Feber / welches bald kalt / bald heiss machte.
Die Beständigkeit aber wäre die Seele der Freundschaft / sie liesse ihren
Freund niemals aus den Gedancken / ihre Neigung niemals aus dem Hertzen; wie ein
Steuer-Mann den Compass niemals aus dem Gesichte. Die Liebe wäre meistenteils
einseitig; sie liebte ins gemein Dinge /die nicht wieder lieben könten / und der
Liebe nicht wert wären; oder Menschen / welche nur von der Liebe / wie jener
Africanische Brunn von den Sonnen-Strahlen kalt würden. Die Freundschaft aber
wäre eine verwechselte Liebe zweier Hertzen / und sie also im Leben diss / was
die zwei Angel-Sterne in der Welt / welche die Hertzen / wie diese zwei
unbewegliche Sterne den ganzen gestirnten Himmel an einander verknipfte. Sie
liebte nicht alleine diss / was der Verstand ihr zu lieben würdiges riete; und
also ins gemein die Tugend. Die Geblüts-Liebe wäre nur ein einfacher Ton; die
Freundschaft aber eine vollkommene Zusammen-Stimmung / von welcher die
Glückseligkeit des Menschen / wie von der Sonne der Wohlstand der Welt
herrührte. Das Bündnis des Geblütes wäre nur was zufälliges / Freundschaft aber
rührte aus wohlbedachtsamer Wahl ungezwungenen Willens her. Bluts-Freunde wären
uns vielmal ungleich / und also unanständig. Niemand vernünftiges aber erwehlte
ihm was ungleiches / dahero wäre es verantwortlicher eines Bruders / als eines
Freundes sich zu enteusern. Jenes wäre zum höchsten nur eine Leichtsinnigkeit;
diss zum wenigsten ein Unrecht /oder vielmehr eine schwartze Untreu. Keine
Neigung in der Welt wäre auch so tauerhaftig / als wahrhafter Freunde. Alle
Liebe gleichte dem Helffenbeine /Freundschaft aber dem Marmel. Denn jene hätten
/wenn sie neue / diese aber / ie älter sie wären / den schönsten Glantz. Wein
und Freundschaft / ie älter sie wären / ie stärcker würden sie. Die ehliche
Liebe drückte mit ihren Geberden aus: Die Geblüts-Liebe wäre die Liebe wilder
Tiere / die Freundschaft eigentlich nur der Geister / und daher in der Welt so
ungemein oder so unvollkomen; die ehliche Liebe aber die eigentliche Liebe der
Menschen. Diese wäre die Mutter der Geblüts- und die Tochter der
Freundschafts-Liebe; also hätte sie ihr heiliges Feuer zum Ursprunge; und aus
ihrem Quelle rinnte nichts als Flammen / dahero schmeltzte die ehliche Liebe
zwei Hertzen gleichsam als Wachs zusammen / dass sie schwerer als Silber und Zien
von einander getrennt werden könten. Wenn die Freundschaft auch vollkommen sein
wollte / müste sie ihr darinnen gleich werden / dass sie nicht zwischen mehrern
als zweien Seelen unterhalten würde. Daher die Scyten eine Freundschaft mit
vielen für so verächtlich hielten /als eines geilen Weibes mit vielen Männern
pflegende Gewohnheit. Weil aber kein Nachdruck niemals dem wahren Bilde gleich
käme / erreichte keine Freundschaft iemals die Vollkommenheit der ehlichen
Liebe. Aufrichtige Freundschaft wäre über diss in der Welt so seltzam / dass man
nicht ohne Ursache zweifelte: ob iemals ein Beispiel nach allen Gesetzen der
Freundschaft in der Welt befindlich gewest wäre. Da sie aber ie gewest /
liessen sie sich wie die in Arabien gesehenen Phönixe zehlen. Zuweilen hätte es
ja einen Schein gehabt: dass ein Freund für den andern sein Leben in die Schantze
gesetzt; aber man wäre doch niemals versichert gewest: ob er mehr aus Liebe
seines Freundes / als aus Ehrsucht sich in Tod gestürtzt. Der Eigen-Nutz mischte
sich in alle Freundschaften /wie das Queck-Silber in alles Ertzt / und daher
wären sie auch wie jenes ins gemein kaltsinnig und durchsichtig / schwer / und
gleichwohl beweglich und unbeständig. Die ehliche Liebe aber / welcher Gesetze
zweien Menschen die Unzertrennligkeit der Leiber und Seelen biss in Tod
aufbürdete / machte aus zweien Menschen gleichsam nur einen / und also wäre sie
fast aller Mängel und Gebrechen der Freundschaft entübrigt. Ja wenn ihr nicht
von der Vernunft eingehalten würde; dass ein Ehgatte seinem verstorbenen kein
lieberes Opfer als sein unaufhörliches Andencken liefern könnte; würde man einen
treuen Ehgatten niemals beerdigen; dass sich nicht der andere mit ins Grab legte.
Welche tugendhafte Frau würde nicht mit der vortrefflichen Alcestis mit ihrem
freiwilligem Tode ihrem Ehmanne / wie sie ihrem Admetus das Leben erhalten?
Welch tapferer Ehmann würde nicht wie Gracchus sich gerne eine Schlange tödten
lassen /dass er seine Cornelia errettete? Welche treue Frau würde nicht nur mit
Artemisien sich zum Sarche ihres Ehmannes machen / mit Hipsicrateen ihrem
Mitridates über Gebürge und Meere durch Eis und Schweiss folgen / sondern wie
Julia bei Erblickung des grossen Pompejus ihres Ehmanns blutigem Rocke ihren
Geist aufgeben? mit Porcien wegen ihres umbgebrachten Cato glüende Kohlen
verschlingen / und mit denen Indianischen Eh-Frauen sich für unehrlich schätzen;
welche sich nicht in die glüenden Holtz-Stösse ihrer lodernder Ehmänner
stürtzte? Welch Ehmann würde nicht seiner treuen Ehgattin / wie Cajus und Marcus
Plautius seiner Orestillen Todten-Asche mit seinem Blute bespritzen? umb mit
ihnen den Ruhm zu haben in einem Grabe mit der Uberschrifft: der Geliebten /zu
ruhen. Nachdem aber keine dieser dreifachen Liebe der andern ein Vorrecht
entängen wollte; bezohen sie sich aufs Recht. Die Geblüts-Liebe schlug den Leib
/ die Freundschaft die Seele zu Schiedes-Richtern für. Beide erschienen / und
hegten wiewohl tantzende ihr Gerichte. Der Leib / aus dessen Adern als aus ihrem
Brunnen die Geblüts-Liebe entspringt /gab für sie den Ausschlag; die Seele aber
/ welche nach dem Gutachten ihres Verstandes aus freiem Willen ihr erkieset /
wen sie zu lieben würdig schätzt / urteilte für die Freundschaft. Hierauf
erwehlte die ehliche Liebe beide den Leib und die Seele zu ihren Richtern / gab
auch mit ihren stummen Geberden sehr verständlich zu verstehen: dass sie alleine
eine wahrhafte Vereinbarung beides der Leiber und der Seelen wäre / iedes ihrer
Gegenteile nur an einem einfachen Bande hienge. Sie beruffte zum Zeugen die
fünf Sinnen / und fünf Tugenden / nämlich / die Klugheit / die Geduld / die
Beständigkeit / die Mässigkeit / und Hertzhaftigkeit. Jene stellte sie dem Leibe
/ diese der Seele für Augen. Jene suchten in einem besondern Tantze den Leib zu
bereden / dass er von keiner Liebe so viel Ergetzligkeit genüsse / als von der
ehlichen /welche alle Sinnen aufs höchste anspannete / umb seinen Eh-Schatz zu
vergnügen / ja diese Liebe wäre gleichsam die Seele aller Sinnen / und die erste
Regung des Leibes. Die Tugenden hielten in ihrem Tantze der Seele für; dass die
Klugheit aus nichts mehr /als in Erwehlung eines Ehgatten zu prüfen wäre; dass
kein Unglück in der Welt zu finden / welches die ehliche Liebe nicht durch
Geduld verdauete / das Erzt am Marmel und Diamant gegen ihre Beständigkeit
zerbrechliche Banden wären; dass sie die heftigsten Gemüts-Regungen mit einem
annehmlichen Blicke /wie die Sonne mit ihren Strahlen den Nebel zu Bodem
schlüge. Dass sie stärcker als der Tod / und mächtiger als die Einflüsse des
Gestirnes wäre. Leib und Seele gaben hierauf durch einmütiges Urtel zu
verstehen: dass die Geblüts-Liebe fast nur die Leiber / Freundschaft nur
Gemüter / ehliche Liebe aber Leiber und Seelen zugleich miteinander
vereinbarten; also auch dieser der Siegs-Preis gebührte. Die Sinnen und Tugenden
hielten hierauf einen vermengten Tantz; darinnen sich allezeit bei iedem
Schlusse das Gesichte mit der Klugheit als dem Auge des Gemütes / das nur
allzeit leidende und nie nichts würckende Gehöre mit der Geduld / das tauerhafte
Fühlen mit der unempfindlichen Beständigkeit / der zum Eckel geneigte Geschmack
mit der annehmlichen Mässigkeit / der kräfftige Geruch mit der Hertzhaftigkeit
paarte / welche auch die Asche ihrer Liebhaber mit der edlen Würtze
unsterblichen Nachruhmes einbalsamet. Nach dem Ende dieses Tantzes fiengen die
drei Lieben einen neuen an / darinnen die Geblüts- und Gemüts-Liebe / nämlich
die Freundschaft der ehliche Liebe ihre zwei Kräntze aufsetzten. Diese aber
näherte sich denen für dem Schauplatze sitzenden schauern / und setzte den
Rosen-Krantz auf Adelmundens / den Amaranten-Krantz auf Catumers Haupt / und
endlich zerteilte sie ihren eigenen zweifachen Oel- und Lorber-Krantz entzwei /
und satzte jenen dem Hertzog Arpus / diesen dem Feldherrn Herrmann auf. Welches
nicht nur die spielende Sinnen und Tugenden / sondern auch alle Zuschauer mit
einem grossen Freuden-Geschrei billigten / und niemand war / der nicht diese
Erfindung der sinnreiche Ismene lobte.
    Höret aber / was in einem so heitern Himmel sich aus einem geringen Dampfe
für Sturm-Wolcken zusammen ziehen können? Adgandester / welcher ihm eingebildet
hatte ein unbeweglicher Stern im Himmel des Cheruskischen Hofes zu sein / machte
nicht nur sein unvermuteter Fall verzweifelt; sondern auch desselben
glücklicher Lauff gleichsam rasend. Denn die / welche eine Weile das
Steuer-Ruder des gemeinen Wesens geführt / lassen ihnen ins gemein träumen: dass
mit ihrer Hand-Abziehung alles würde zu Grunde gehen. Hierinnen heuchelten ihm
ihrer viel /teils weil auch die ärgsten Ubeltäter bei Ausstehung ihrer Straffe
mitleidende Auge zu Zuschauern bekome; teils weil solche grosse Diener /
ungeachtet sie nur von ihrem Fürsten / wie der Monde von der Sonne ein geborgtes
Licht haben / doch viel unter ihnen stehende mit ihrem wohltätigen Einflusse
beteilen / und daher ihnen auch viel Gemüter verbinden. Diese Gewogenheit war
bei vielen so viel mehr eingewurtzen; weil Adgandester nicht nur etwan durch
euserliche Geschickligkeit / wohlgestalte Bildung / welche allein die Augen des
Fürsten füllen /und mit der Zeit abnehmen / weniger durch an die Hand gegebenen
Wollüste und Laster / welche doch endlich einem Fürsten zur Abscheu werden;
sondern durch seine fürtreffliche Gaben des Gemütes und nicht wenig Tugenden;
ja grosse Verdienste die Gewogenheit des Feldherrn erworben hatte. Diesemnach
fielen ganz unterschiedene Urtel über Adgandesters Fall; und ob wohl desselben
Ursache am hellen Tage lag; dass er nehmlich Ismenen so hoch beleidiget hatte /
hielten solches doch die meisten nur für einen Vorwand; Gleich als wenn es so
viel nicht zu bedeuten hätte / seines Fürsten Schwester nach Ehre und Leben zu
strebe. Die Bescheidensten giengen in ihrem Urtel nicht zu weit / sondern
bliebe nur in dem Schrancke gemeiner Zufälle / und wollte weder dem Feldherrn
noch Adgandestern alleine die Schuld beimässen / sagten also: Es wäre sich über
dem Falle eines so grossen Dieners so wenig zu wundern / oder nach absonderen
Ursachen zu fragen / als warumb der Blitz meistenteils in hohe Spitzen der
Berge und in die Gipfel der gestracksten Eichen einschlüge: das Verhängnis hätte
eine besondere Lust daran / wenn es die / welche sich gleichsam über ihre
Fürsten empor schwingen / in Staub treten sähe. Ein Fürst wenn er einem Diener
alles / was er geben und der Diener verlangen könnte / zugeeignet hätte / würde
/umb nicht müssig zu sein / fast genötigt auf einmal ihm alles zu nehmen; damit
er teils wahr machte: Fürsten könten aus Staube Gold / und aus Golde nichts
machen; teils seinen in Ungnade fallenden Diener durch gäntzliche Stürtzüng zu
entkräfften /dass er ihm nicht schaden könne; wie / wenn er ihm nur ein und
andere Feder ausropfte / der Fürst nicht ohne Ursach zu besorgen hätte. Fürsten
würden alter Diener / wie die Magen zu oft genossener Speisen überdrüssig / und
ihre Gemüter wären nichts minder als andere zur Neuigkeit / und fürnemlich zu
Gebährung neuer Brutten begierig. Diese wären auch unaufhörlich mit Neid und
Eiversucht belägert; dahero die /welchen ein Fürst wohl wollte / stets in Kummer
stünden; des Fürsten Schosskind beschnitte ihnen seine Gnade: die in Ungnade
stehenden aber bildeten ihnen ein: Er wäre Ursache des Fürstlichen Hasses. Also
schriebe man so hohen Dienern alles böse / wie dem Gestirne Hagel und Misswachs
zu. Ja es wäre noch an keinem Hofe ein so grosses Licht / wie an dem Himmel kein
berühmtes Gestirne gewest / dem man nicht die Gestalt eines ungeheuren Tieres
gegeben / und ein grosses Laster zugeschrieben hätte. Das Glücke wäre alle
Augenblicke zur Veränderung geschickt /nirgends aber mehr als bei Hofe / bei
welchem es ein Irr-Stern bleiben würde / wenn es gleich anderwerts einen festen
Stern abgeben könnte. Mit einem Worte: Wer dem Fürsten eivrig diente / beleidigte
den Hof. Wer dem Hofe zu gefallen lebte / täte seinem Ampte keine Ausrichtung /
dem Fürsten kein Vergnügen. Also müste er unvermeidlich an ein oder der andern
Ecke austossen / und sein Schiff zerscheitert oder verschlungen werden; wenn er
nicht für seinem Ziele des Untergangs / entweder an das Ufer des Todes anlendet
/ oder die Segel selbst einzeucht / und sich so wohl seiner hohen Würde / als
des Neides durch zeitliche Abdanckung entschlägt. Die aber / welche für eine
Scharffsichtigkeit halten Herrschern Mängel auszustellen / oder auf Adgandesters
Seite hiengen / beschuldigten die erstern / dass sie mit ihrem Urteile auf
beiden Achseln trügen / liessen sich also verlauten: Hertzog Herrmann hätte
Adgandesters Verstand und Tapferkeit nicht mehr vertragen können; weil er durch
derselben Licht seinen Glantz zu verdüstern geschienen. Adgandester wäre in
seinen Diensten zu wachsam / in seinem Gottesdienste zu eivrig gewest /weil er
nicht gewüsst: dass ein Staats-Diener auch in Dingen / die Gott angiengen / den
Mantel nach dem Winde hengen musste / und bei aufgeweckten Fürsten Schlafsucht
eine Klugheit / und Nachlässigkeit ein grosses Verdienst wäre. Unter andern
hätte er dem Feldherrn in einer Schlacht das Leben errettet; dieser Verdienst
überstiege das Vermögen aller Vergeltung /und daher / weil Hertzog Herrmann
allzu grossmütig wäre / sich seines Dieners Schuldner / sich aber unvermögend
zur Zahlung zu wissen / hätte diese und andere grosse Wohltaten mit nichts als
seinem Falle ausgetilget werden können. Des Feldherrn Eiversucht wäre schon
damals abzunehmen gewest / als er Adgandestern unter dem Scheine einer
Stadtalterei zu Hause gelassen / und ihm die Ehre sich in dem letzten Kriege
wider die Römer sehen zu lassen nicht gegönnet hatte; gleich als wenn eines
Fürsten Ruhme so viel abgienge / als ein Diener durch tapfere Taten erwürbe;
und einem Herrscher nichts verkleinerlicher wäre /als wenn eines Untertanen
Nahme für seinem bekandt und von denen Untertanen oder dem Ruffe der Nachbarn
einem Diener ein Bild aufgerichtet würde; welches seinen Schatten nur biss zu den
Fuss-Sohlen seines Herrn würffe. Andere schalten hierbei zum Scheine Adgandesters
Unvernunft / oder vielmehr des Feldherrn Missgunst / indem sie ihm für Mangel
ausstellten: dass er nicht ein und andern Fehler mit Fleiss begangen hätte / damit
der Fürst diese seinem Diener / ihm aber alle glückliche Ausschläge hätte
zueignen können. Welches seinem Ansehen nichts entzogen haben würde; weil die
Klugen wohl wüssten: dass ruhmsichtige Fürsten grosser Diener Irrtümer gerner
sähen / als strafften. Kluge wüssten / dass Dienern auch blosse Zufälle und
Schickungen der Natur als Fehler beigemessen würden; der Pöfel aber verstünde
nicht selben Fehler von klügsten Verrichtungen zu unterscheiden. Bei dieser
Trennung der Gemüter und Urteile fehlte es Adgandestern weder an Freunden /
noch auch an andern Leuten / welche teils aus Neigung zu ihm / teils aus
anderm Absehen /entweder unter dem Scheine der allen Menschen anklebenden
Schwachheiten / oder einem Eiver für die gemeine Wolfart den Feldherrn mehrmals
umb die Begnadigung Adgandesters behelligten / und anführten: Weil allen
Menschen gewisse Schwachheiten angebohren würden / müste man von keinem lauter
Vollkommenheiten fordern. Jene erkieseten wir nicht selbst / sondern die
Gestirne oder eine höhere Gewalt drückten sie unserm Geiste ein; oder in unserm
Fleisch und Blute steckte auch oft eine Eigenschaft /welche die Seele
befleckte / man aber so wenig als die Adern aus dem Leibe reissen könnte. Dieser
Hertzog /welcher die Vergessenheit einer Beleidigung einem Fürsten für so
eigentümlich hielt / als den Tau im Meien fruchtbaren Wolcken; hätte
Adgandestern mit der allzu gütigen Ismene Belieben unschwer begnadigt / oder gar
wieder auf seinen ersten Gipfel getürmet; wenn nicht andere Räte / welche
entweder den Feldherrn und das gemeine Wesen eivrig liebten /oder von
Adgandestern gäntzlich unterdrückt zu werden fürchteten / hierwider sorgfältig
eingewendet hätten: Verstand und Tapferkeit rührte zwar nicht von des Mensche
eigner Wahl / sondern wie die Gesundheit und gute Bildung vom Himel her. Alleine
wenn man gleich mit so herrlichen Gaben nicht vermöchte dem gemeinen Wesen zu
dienen / wäre doch so wohl uns möglich als wir verbunden in unserm Tun
unschuldig und unserm Herrn treu zu sein. Adgandester aber wäre zweifach
strafffällig / weil die Natur ihn zu so viel gutem fähig gemacht; sein böses
Gemüte aber alles diss in Gift und Galle verwandelt hätte. Er hätte sich über
seinen Fall nicht zu beklagen / denn unsere eigene Fehler wären das einige
Unglücke / das uns begegnete. Der Feldherr aber hätte zu bedencken /dass zu
grosse Gunst und Barmhertzigkeit eine Tochter wäre / welche oft ihre eigene
Mutter tödtete. Ein gefallener Staats-Diener taugte so wenig an Hof / als der
von denen sich reinigenden Lufft-Sternen abgeworffene Unflat im Himmel. Unter
tausenden wäre nicht einer / der die Begnadigung seines Fürsten nicht mehr für
eine Erkantnüss eigenen Undancks / als für eine Wohltat achtete; also die
Gelegenheit sich zu rächen so wenig als eine einmal getretene Natter vergessen
würde. Adgandesters Bosheit wäre am Tage. Ein Fürst aber sollte so wenig sich
lasterhafter Diener / als ein Bau-Meister schlimmen Werckzeugs gebrauchen.
Sintemal wenn was in der Herrschaft versehen würde / man nicht sagte / dass es
der Diener / sondern der Fürst getan hätte. Seine neue Erhöhung könnte auch
weder ohne des Feldherren Verkleinerung / noch ohne seiner andern Diener
Unterdrückung geschehen; gleich als jener ihn nicht entraten / diese nicht
seinen Abgang ersetzen könten / und alleine von seinem Einflusse geregt werden
müsten. Damit auch dieser Rat so viel mehr Nachdruck hätte / mangelte es nicht
an Leuten / welche dem vorhin gleichsam angebeteten Adgandester tausend Fehler
und hundert Laster auszustellen wussten / denn ie grösser ein Licht / ie mehr
gibt es bei seinem Auslesche Rauch und bösen Geruch von sich. Sie führten an:
dass er zwar mit Demut / Gehorsam und Treue sich in die Gnade des Feldherrn
eingespielet / hernach aber durch Hoffart /Eigen-Nutz und arglistige Ratschläge
verraten hätte: es wären solches nicht Tugenden / sondern nur derselben Larven
/ oder auf eine Zeitlang entlehnt gewest. So bald Hertzog Herrmann seine
Gewogenheit gegen ihm blicken lassen / hätte er seiner selbst vergessen; und die
Glückseligkeit seine Laster verraten. Seine Vernunft verwirret / und nachdem er
als ein Diener nichts grössers werden können / sich des Feldherrn
Reichs-Gefärte zu sein eingebildet / oder wohl gar Hertzog Herrman des blossen
Nahmen eines Fürsten zu lassen; Ihm aber das Hefft der Herrschaft zuzueignen
sich erkühnet. Zwar hätte Adgandester in zwei oder drei gefährlichen Läufften
sein Leben für den Feldherrn in die Schantze geschlagen; aber es wäre nicht so
wohl aus so grosser Liebe und Treue gegen ihn als aus Triebe seines Ehr geitzes
geschehen. Sintemal einer ihm anfangs wehtun / und durch etliche kecke Taten
einen Nahmen machen müste /der eines Fürsten Schoss-Kind / oder sein Gebieter
werden wollte. Hernachmals aber hätte er seinen Herren durch Freundligkeit und
Freigebigkeit aus frembdem Vermögen die Hertze der Untertane und sein Ansehn
gestohlen; indem er die beliebten Geschäffte über sich genommen / die verhassten
aber dem Fürsten auf dem Halse gelassen. Durch welcherlei Verdienste ein Diener
mehr sündigte / als durch offentliche Beleidigung seines Fürsten. Ihrer viel
gaben ihm auch Schuld: Er hätte zwischen dem Feldherrn und Segesten nach
erfolgter Versöhnung Oel ins Feuer zu neuer Zwietracht gegossen / und durch
allerhand Erfindungen dem Hertzog Inguiomer / als wenn er mit dem Könige Marbod
sich in ein geheimes Verständnis vertiefft hätte / verdächtig zu machen sich
bemüht; wormit er bei Vertreibung aller Fürsten des Geblütes alleine den Meister
über Deutschland und den Feldherrn spielte. Er wäre ein gebohrner Catte / welche
es niemals mit den Cheruskern recht verträulich meinten. Dahin hätte er auch
allezeit den Mantel gehenckt / und aus dem so blutigen Kriege ihnen den meisten
Nutzen zugewendet. Hingegen die Cherusker wie Knechte / und so verächtlich als
Frembde gehalten. Durch scheinbare Fürwand / dass ja dieses unverantwortlich und
höchstschädlich wäre die tapferen Sicambrer alleine baden zu lassen / die
getreusten Leute des Landes / und die ältesten Diener des Fürsten durch
Verleumdung aus de Sattel gehobe / oder durch angetane Verdruss den Hof und ihre
Aempter zu verlassen genötigt. Uber diss hätte Adgandester den Feldherrn
anfänglich mit Geschäfften überladen / damit er darüber vedriesslich würde /
hernach ihn durch die Süssigkeit der Jagt / der Ritter-Spiele / und andere
Belustigungen von der beschwerlichen Herrschaft abzuziehen getrachtet / damit
nur alles durch seine Hände gehen möchte. Ja er hätte schon mehrmals den mit den
Römern gemachten Frieden zu untergraben Anstalt gemacht / nicht so wohl dem
Hertzoge Melo zu Liebe / als dass ganz Deutschland wieder in Unruh geriete / er
bei erregtem Sturme für einen desto nötigern Steuer-Mann gehalten werden müste
/ und er seine Geschöpfe desto füglicher ans Bret bringen könnte. Also wäre ihm
nichts weniger bedencklich; als dass er hundert tausend Cherusker seinem
Ehrgeitze und die Ruhe des Vaterlandes seiner Vergnügung aufopferte. Er würde
auch in weniger Zeit gar die Klauen an seinen Fürsten einzuhauen / und sich nach
ausgerotteten Fürsten des Geblütes die Herrschaft an sich zu reissen nicht
gemässigt haben / nachdem er schon die Vermässenheit gehabt seines Herrn
Schwester ihm zur Buhlschaft auszusehen / und nachdem diese eines frechen
Dieners unverschämte Liebe verschmähet / sie durch die schwärtzeste Verläumbdung
umb Ehre und Leben zu bringen sich bemühet / also seine vermeinte Freiheit zu
sündigen nach der Grösse seines Glückes abgemässen / und alles ihm gefällige für
zulässlich geschätzt hätte. Diese Beschuldigungen / weil sie grossen teils wahr
und dem gemeinen Volcke angenehm waren / auch von den mächtigsten am Hofe
herrühreten / hatten mehr Nachdruck als diss / was für Adgandestern geheim / und
von Tag zu Tag immer furchtsamer geredet ward. Ja seine Verteidiger
verschwanden fast auf einmal / als der Feldherr dem Grafen von Nassau / welcher
ihm von Adgandestern eine Bitt-Schrifft einhändigen wollte / in Beisein vielen
Adels sagte: Es wäre nichts gefährlicher als einer sinckenden Wand seine Achseln
unterstützen. Diese Empfindligkeit rührte fürnehmlich daher: dass sich
Adgandester in seine Fall nicht mit Bescheidenheit zu schicken wusste / sondern
dass ihm zu viel geschähe / und sein einiger Fehler für schwerer / als tausend
seiner Verdienste geachtet würde / sich beklagte. Sintemal in solchen Fällen die
demütige Erkenntnis seiner Schuld einen gefallenen Diener die einige Staffel zur
Erhöhung / die Rechtfertigung aber / wie viel mehr also die Klage erlittenen
Unrechts ein neues und grösseres Laster / und der gerädeste Weg zum völligen
Untergange ist. Denn wie soll ein Fürst den nicht als einen Unwürdigen in Kot
treten; der ihm für genossene Ubermasse der Gnade noch Undanck aufhalsen will?
Hiemit verschwand auf einmal alles Mitleiden gegen Adgandestern. Die besten
seiner Freunde zohen von ihm seine Hand ab / und vergassen seiner als eines nie
gewesenen. Welche aber am klügsten sein wollten / mühten sich ihn vollends gar zu
vertilgen /und gaben mehrmals dem Feldherrn zu verstehen: Man hätte sich für
einer getreten-aber nicht ertretenen Natter sehr wohl fürzusehen; aber für
keinem todten Löwen nicht mehr zu fürchten. Denn wenn eine grosse Säule
baufällig ist / meinen alle ihres Amptes zu sein / dass sie sie niederstürtzen
helffen / womit sie ihne nicht selbst auf den Hals falle. Niemand wollte fast für
so unwissend angesehen sein / der nicht ein absonderlich Laster Adgandestern
nachzusagen wusste; gleich als wenn die ihn abmahlenden Kohlen Zinober wären ihre
Tugenden sichtbar zu machen. Diesemnach sich der Feldherr fast schämte / dass er
sich eines so boshaften Menschen so lange gebraucht hätte / und nun allererst
gleichsam durch seine Verstossung zum Fürsten worden wäre. Westwegen er verbot /
dass in seiner Gegenwart niemand Adgandesters mehr gedencken sollte. So
veränderlich sind der Menschen Gemüter / dass wir oft von dem nicht mehr hören
können / ohne den wir vorher nicht zu leben vermochten. Adgandester erfuhr
gleichwohl alle diese Veränderung des Hofes und der Gemüter / und nachdem er
erfuhr; dass er durch seine Ruhmrätigkeit seine Sache gewaltig verschlimmert
hatte / schlug er die Segel auf die andere Seite / und liess sich vernehmen: Er
hätte nun allererst / was es für eine Herrligkeit wäre / keines andern Diener zu
sein / schmecken lernen. Daher eckelte ihn der Hof an / und gelüstete ihn nichts
weniger / als in vorigem Stande zu sein /und nichts mehr / als in Einsamkeit nur
Gott und ihm zu leben. Ein vergnügter wäre ihm die ganze Welt /wie Cato ihm
selbst die ganze Stadt Rom. Von niemanden als nur von sich selbst den Hang
haben müste die gröste Glückseligkeit sein / weil man auf diese Art dem höchsten
Wesen nämlich Gott am nächsten käme. Wer sich derogestalt selbst begrieffe /
wäre der gröste Herrscher / und wer ohne andere zu leben wüste / hätte nichts
mit dem Vieh / alles von einem Weisen / und viel mit Gott gemein. Er nam sich
auch einer solchen Lebens-Art an / dass er nicht wenig Einfältige beredete: Es
gelüstete ihm nach nichts weniger als nach Hofe. Aber keine Bländungen halten
beständig die Farbe / und der Ehr-Geitz / wenn er einmal in ein Hertz
eingewurtzelt ist / lässt sich schwerer als Saal-Weiden aus Wiesen ausrotten.
Weil nun Adgandestern der Kützel unaufhörlich nach der Herrschaft stach /
untersuchte er hundert Künste / weil es ihm beim Feldherrn unmöglich zu sein
schien / sich beim Hertzog Arpus ans Bret zu bringen. Denn so vielmal sich ein
Antlitz in den Stücken eines zerbrochenen Spiegels durch seine Bildung vervielet
/ so viel Entschlüssungen gebieret das Unglück in unserm Gehirne. Nach vielem
Nachsinnen und mancherlei Anstalt gewan er etliche beim Hertzog Arpus
wohl-gesehenen Räte / welche anfangs Adgandesters nur schlechterdings erwähnten
/ und nach dem Arpus keine Empfindligkeit hierüber spüren liess / ihn nach und
nach zu loben anfingen / endlich sagten: Adgandester wäre gleichwohl ein Fürst
aus Cattischem Geblüte / ein in Staats-Sachen erfahrner Mann / und im Kriege ein
tapferer Held / welcher durch seine kluge Ratschläge und hertzhafte Taten ein
grosses zu der gegenwärtigen Höhe des Cheruskischen Hauses beigetragen hätte. Er
wüsste alle seine Geheimnisse / welche Wissenschaft mit der Zeit dem Cattischen
Hause ein Licht zu grossem Glücke anzünden könnte. Sintemal ietzige
Verträuligkeit zwischen den Cheruskern und Catten mehr durch Furcht für den
Römern / als aus eigentlicher Zuneigung zusammen geknüpft wäre. Die festesten
Bündnisse der Fürsten hienge an dem Fademe des Eigen-Nutzes / wenn dieser
zerriesse / wäre weder Eyd / noch Geblüte / noch Ehre / noch Wohltat so mächtig
/ dass sie nicht zu Grunde gienge. Es wäre nicht ohne / Adgandester hätte sich
vergangen /und Hertzog Herrmann / welcher in seiner Schwester beleidiget worden
/ hätte / wie er aus Staats-Klugheit vielleicht gerne getan sich mit Ehren
nicht entbrechen können ihn aus seiner Gnade zu lassen. Ein Fürst würde eben so
wohl bissweilen gezwungen wider seinen Willen ausser dem Schrancken seiner
Gütigkeit / als ein Diener aus der Gräntze seiner Klugheit zu schreiten / wider
sein ihm gesetztes Absehn zu handeln; ja was Böses zu erkiesen; welches sie in
ihrem Gemüte verdammen und nimmermehr tun würden / wenn sie eine
Botmässigkeit über die Geschäffte und das allzu gewaltige Verhängnis hätten.
Diesen Notzwang unterschieden ihrer wenig von dem Vorsatze böses zu tun; und
ins gemein wüsste so grossen Staats-Dienern niemand mehr als der unvernünftige
Pöfel / wie die Nachen-Fahrer auf kleinen Flüssen denen Schiffleuten auf dem
unzähmbaren Meere / die grösten Mängel auszustellen. Alleine Adgandester wäre
auch noch keines Fehlers wider sein Ampt überwiesen; sondern die Wurtzel seines
Verbrechens wäre die Liebe; von welcher sich kein Weiser rühmen könnte / dass sie
ihn nie betört hätte. Diese wäre das gemeine Fallbret in der Welt / und
Ismenens Schönheit redete seinem Falle selbst das Wort. Denn diese bemeisterte
zum ersten und in einem Augen-Blicke den Kopf / wie der Wein die Füsse. Die
Vergessenheit seiner selbst wäre der tieffste Schlaf; niemand aber vergesslicher
als ein Liebhaber. Ismenens gegen ihm als einem Cattischen Fürsten gleichwohl
allzu strenge Verachtung aber hätte ihn vollends gar der Sinnen beraubt. Weil
nun bei ihm sein niedriges Teil wider die Vernunft aufrührisch worden / und
die Begierden der Seele zu Kopfe gewachsen / was hätten für andere / als
Miss-Geburten verzweiffelter Anschläge können ans Licht kommen? Nunmehr aber
hätte er sich an dieser Flamme so verbrennt; dass er nicht so bald die Hand
wieder hinein stecken würde. Es wäre eine grosse Wissenschaft /wenn ein Mensch
in seiner Erkäntnüs so weit käme; dass er den König unter seinen Schwachheiten
kennen lernte. Denn dis wäre schon so viel / als ihn halb überwunden haben.
Niemand gienge hernach vorsichtiger / als der zuvor gefallen wäre; daher würde
Adgandester nach der Zeit durch Behutsamkeit vorige Scharte auszuwetzen so viel
mühsamer sein. Er hätte niemals mehr / als bei und nach seinem Falle seine
grosse Fähigkeit gezeugt; und wie ein aus der Höhe in ein tieffes Tal
gefallener Colossus nichts von seiner Grösse verloren. Das Unglück wäre die
beste Streich-Nadel eines Menchsen Tugend zu prüfen; Welche guten Teils zu
keiner andern Zeit / als wenn es stürmet / geübt werden könten. Wer niemals
unglücklich gewest / verstünde sich nur auf die Helffte des Lebens / und wer
allezeit den Wind hinter dem Schiffe und ein ruhiges Meer gehabt / dörffte sich
keinen Steuermann rühmen. Wie wenig Sachen nun wären / die beim Tage und beim
Nachtlichte einerlei Farbe / und wie wenig Menschen / die beim Sonnenschein und
Gewitter einerlei Gesichte behielten; so müste doch jederman Adgandestern
nachrühmen; dass sein Fall sein Gemüte so wenig niedergeschlagen /als sein
Wolstand es vorher aufgeblasen / sondern er in allem seinem Tun eine kluge und
behertzte Gleichheit bezeigt hätte. Diesemnach wäre es ja ewig Schade / wenn
dieser Fürst / dem das Unglück nichts hätte anhaben köñen / ungebraucht bleiben
/ oder gar zur Verzweiffelung gebracht / und sich bei denen Römern einzulassen
verursacht werden sollte. Einem zu dienen geschickten Manne wäre der Tod nicht so
empfindlich / als wenn man sein nicht achtete; und sein erster Eyver dem
Vaterlande zu dienen verwandelte sich hernach in eine feurige Begierde selbtem
zu schaden. Jenen hätte er durch viel dem gemeinen Wesen Deutschlandes
geleistete nützliche Dienste fürlängst bewehret. Wie viel embsiger würde er ihm
nun die Wolfahrt der Catten angelegen sein lassen /weil er ja als ein Fürst
Cattischen Geblütes mehr Verbindligkeit empfinde seine Landsleuten treulich zu
dienen / als denen alten Feinden der Catten / nämlich den Cheruskern. Hertzog
Herrmann hätte es auch nicht übel aufzunehmen / dass ihn Arpus in seine Dienste
züge; weil er gegen ihn nicht als ein Diener /sondern als ein Mensch gesündigt /
auch über die Verstossung seine Ungnade auf keine andere Straffe erstreckt
hätte. Zudem wäre es besser / dass ein verstossener Diener einem Freunde diente /
als dass er sich zum Feinde schlüge. Jenes wäre ein Kennzeichen: dass er keine
Rache im Schilde führte; dieses aber wäre das ärgste Mittel zu schaden.
Adgandester wäre auch viel zu grossmütig Rache zu üben / welcher Begierde nur
eine Schwachheit niedriger Gemüter wäre. Mit diesen Fürbildungen brachte sie es
so weit: dass Adgandester sich nicht nur in dem Cattischen Gebiete aufhalten /
sondern auch zuweilen nach Hofe komen dorffte. Der Feldherr erfuhr dieses
zeitlich genung /jedoch liess er es geschehen / sonder darüber ein Unvergnügen
mercken zu lassen; als welcher die Erhaltung guten Verständnüsses mit den Catten
für den Grundstein der Deutschen Wolfahrt hielt. Bei dieser Nachsicht liess
Hertzog Arpus sich endlich berede: dass er Adgandestern vor sich liess; welcher
die Gabe sich bei andern einzulieben in höchster Vollkommenheit besass. Seine
Beredsamkeit war ein geschickter Pinsel allen Dingen eine annehmliche Farbe
anzustreichen / und daher nicht zu verwundern: dass Hertzog Arpus seinen Schein
für Tugenden / wie jene Vögel das Mahlwerck für wahrhafte Trauben anzuschauen
verleitet ward. Es war schon an dem / dass Adgandester in den Cattischen Rat
eingeführet werden sollte / als Hertzog Ganasch durch den Fürsten Catumer /
welcher hierüber als einem zu seiner höchsten Verkleinerung gereichenden
Fürhaben seinen grösten Unwillen ausschüttete / hiervon Wind bekam / und aus
Beisorge: dass Adgandester aus Ehrsucht seinen künftigen Eydam verdüstern oder
gar unterdrücken / aus Rache aber gegen das Cheruskische Haus die Catten von dem
Bündnisse abziehen / oder doch der Feldherr hierüber Argwohn und Unwillen
schöpffen würde / sich solches zu hindern entschloss. Er verfügte sich diesemnach
zum Hertzoge Arpus /und nachdem er ihm durch allerhand andere Unterredungen den
Weg auf Adgandestern zu kommen gebähnet hatte / stellte er sich / als wenn er
von dem Vorhaben des Cattischen Hertzogs nichts wüste / sondern brauchte das
Meisterstücke an Segestens Beginnen / auch des Arpus Fehler zu schelten. Denn
er wusste wohl: dass wie die Sonnen-Finsternüsse am Himmel nicht ohne Versehrung
der Augen / in Wasser und Gegenscheine aber ohne Schaden betrachtet / also der
Fürsten Vergehungen an ihnen vergebens und gefährlich / an drittern aber
klüglich gestrafft und sie durch anderer Blindheiten am ehsten auf den rechten
Weg geleitet würden. Ganasch entdeckte diesemnach seine grosse Bekümmernüs über
dem / dass Segestes / der doch kaum etliche mal mit dem Feldherrn hätte
ausgesöhnet werden können / mit dem seines Verbrechens wegen gar billich
verstossene Adgandester so grosse Verträuligkeit machte / welche deswegen so
viel verdächtiger zu halten / weil Adgandester vorhin dem Segestes in allem zu
wider und Spinnenfeind gewest wäre. Ihr geheimes und zu Schaden des
Cheruskischen Hauses angesehenes Verständnüs liesse sich daraus schon urteilen;
dass sich Segestes selbst und der mit den Römern unter dem Hüttlein spielende
Hertzog der Bataver Cariovalda sich in den Kampff für den verläumbdischen Druys
wider die unschuldige Ismene hätte in Kampff einflechten lassen. Daher besorgte
er / Segestes und der rachgierige Adgandester würden aufs neue in Deutschland
ein Feuer anzünden / welches mit vielen Strömen Blut nicht würde zu leschen
sein. Hertzog Arpus fieng an: Er wäre darüber gleichfals bekümmert / und
destwegen hätte er auf ein Mittel gesonnen Adgandestern von Segesten
abzuziehen; nämlich / er wäre entschlossen ihn in seine eigene Dienste zu
nehmen. Hertzog Ganasch antwortete: diese Artznei wäre gefährlicher als die
Kranckheit selbst. Deñ die Freundschaft zwischen Adgandestern und Segesten
wäre so feste / dass seine Dienste selche nicht trennen; also Segestes von ihm
alle Heimligkeiten des Cattischen Hofes erfahren / und / so lange die zaubrische
Sentia lebte / seinen gifftigen Hass wider die Catten und Cherusker nicht ablegen
würde. Wenn aber auch diese grosse Gefahr seine andere Erhöhung nicht
widerriete / wäre doch seine wider Ismenen und den Feldherrn verübte
Verläumbdung und Untreu am Tage liegende Laster; ein lasterhafter Mensch aber
ein so gefährlicher Staatsdiener /als der gifftige Scorpion ein schädlicher
Stern / also selbten erheben so viel als die Bosheit ausrüsten /dass sie so viel
mächtiger werde Arges zustifften. Denn ein lasterhafter Bürger könnte nur
etlichen ihres gleichen / wie eine Ziege wenigen Bäumen / ein solcher hoher
Diener aber ganzen Völckern Schaden tun; wie die gestirnte Ziege im Himmel bei
ihrem Aufgange alle Wein-Gärte / die sie bescheinet / beschädigte. Es wäre
sehlim genung / dass in hohen Aemptern auch ehrliche Leute / wie die aus Tälern
auf die Spitzen der Gebürge versätzten Gewächse vertürben / wie viel mehr müste
sich nun die Bosheit in einer so anfälligen Gegend verärgern. Wer würde sich
mehr befleissen mit beschwerlicher Tugend zu überladen; Wenn jedermann
offenbaren Lastern die Pforten der Ehren / welche zu Rom den Tempel der Tugend
zum Vorgemache hätte / aufsperren / sie in Gold und Purper prangen / und der
Unschuld zu Kopffe wachsen sähe. Diesemnach möchte sich Hertzog Arpus wohl
fürsehen: dass er ihm mit Adgandestern nicht eine Schlange in Busen sätzte /
welcher darumb nicht mehr zu lieben / sondern mehr für verdächtig geachtet
werden müste / dass er ein abgefundener Fürst des Cattischen Hauses wäre. Denn
die Laster behielten ihre knechtische Ungestaltnüs / wie die Kefer und Raupen
ihre Unflat / wenn jene gleich am Adel / diese an wolriechenden Bäumen klebten.
Sie könten wohl erhöhet /aber niemals zu Würden werden. Uberdis könnte Adgandester
sein Recht der Anwartschaft leicht in Lüsternheit sätzen etwas bald lieber zu
besitzen / als ungewiss zu hoffen. Der Ehrsucht stünde weder Woltat noch Geblüte
im Wege undanckbar und grausam zu sein / welcher er Füsse und Flügel durch
Erhöhung Adgandesters ansätzen würde; da doch die fürsichtige Natur die
allergifftigsten Tiere weder geflügelt noch mit Füssen / sondern kriechende
geschaffen hätte /damit sie desto längsamer und ohnmächtiger zum Schaden wären.
Er gestünde es: dass Adgandester an Scharfsinnigkeit und Streitbarkeit wenig
seines gleichen hätte. Aber diese Fähigkeit gäbe der Bosheit /wie der sonst
heilsame Wein dem eingenommenen Giffte so vielmehr Nachdruck. Er sollte
behertzigen: dass ein Staatsdiener eines Fürsten / wie der Monde der Sonne
Ebenbild wäre / und weil beide nicht stets allentalben sein könten / ihre
Stelle verträten. Wer aber würde zu bereden sein: dass ein fleckichtes
Nachgemälde ein reines Vorbild haben könnte? und also würde Hertzog Arpus seinen
bisherigen Ruhm durch ein so übel rüchendes Gesässe stinckend / seine Untertanen
aber entweder unwillig oder böser machen. Deñ die Tugendhaften würden ihre
Gehorsam einem so schlimen Vorsteher nicht ohne scheinbares Recht entziehen; und
die Herrschaft leicht in Verwirrung bringen. Sintemal oft auch ehrliche Diener
ihnen verdächtig sind / und ein Fürst genung zu tun hat selbtem sein Ansehn zu
behalten / weil Untertanen einen Zug zum Misstrauen und zu Scheltung ihrer
Verrichtungen hätten / ja aus Zufällen Laster oder Fehler machten. Die zum bösen
geneigten aber / welche Zeiter zu sündigen für einem so guten Fürsten sich
geschämet / würden nu spornstreichs in Adgandesters Laster rennen / welche die
Heuchelei bald auf den Stul der Tugend setzen würde. Sintemal von Vorgesetzten
nichts so schlimes getan werden könnte /welches sie ihren Untergebenen nach zu
tun nicht zu gebieten schienen. Ihr Beispiel hätte eine gar zu grosse
Beredsamkeit / dass sie einem auch die Hässlichkeit einlobte. Daher wäre die
Nach-Affung auch in Lastern eine Art heiligen Gehorsams beim Volcke / und also
Fürsten und ihre Augen / nämlich die Diener vorleuchtende Tugend-Fackeln sein
sollten; welchen zu dessen Anzeigung in Persien allemal brennende Lichter
vorgetragen würden. Weil nun derogestalt eben so wohl blühende Bosheit als Tugend
Leute findet / welche andere darinnen zu übertreffen bemüht sind / meint  sie /
es wäre ihr eine Schande / wenn sie nicht bis zum höchsten Gipffel stiege / und
ein Diener meint  /er zeugte eine grosse Schwäche / wenn er nicht einem jeden
wiese / wie hoch sich auch in bösen seine Gewalt und Vermögen erstreckte. Bei
welcher Beschaffenheit es dem gemeinen Wesen viel schädlicher wäre einen guten
Fürsten und schlimme Diener / als einen schlimmen Fürsten und gute Diener haben.
Denn jene missbrauchten nur seine Gütigkeit / diese aber wendeten seine
Vergehungen eben so zum besten / wie die niedrigern und gütigen Irrsterne des
wilden Saturns schädliche Einflüsse verbessern. Der klügste Fürst wäre nicht
allemal mächtig seiner Diener Bosheit zu steuern / weniger sie zu straffen;
wiewol es unvergleichlich besser wäre nicht sündige zu erwählen / als nach
Vergehungen die Erwellten zu verdammen. Wann aber auch gleich Adgandester am
Cattischen Hofe tugendhaft / wie die Feigs-Bohnen im Wasser süsse würden /
könnte ihm doch Arpus leicht die Rechnung machen; dass dis dem Feldherrn nicht nur
sehr nahe gehen / sondern auch grossen Argwohn erwecken müste. Denn es lieffe
wider die Gesätze der Freundschaft einen verstossenen Knecht in Dienste ziehen;
also noch vielmehr wider Verträuligkeit hoher Bunds-Genossen. Es wäre so unrecht
als schädlich eines andern Fürsten Diener zur Untreue verleiten /ihrer Untreue
halber verstossene aber an sich locken eine unläugbare Billigung ihres
Verbrechens / eine Anreitzung zur Verräterei / und eine öffentliche Ankündigung
der Feindschaft. Was könnte aber bei jetzigen gefährliche Läuffte / da die Römer
an einer /Marbod zur andern Seite auf der Deutsche Bundsgenosse Zweitracht
Schildwache hielte / dem Cattischen Hause nachteiligers begegnen / als mit dem
Feldherrn in Zwyspalt gerate? Ein solcher Freund wäre einem alles mit einander
der sicherste Schild wider das widerspenstige Glücke / der herrlichste Werckzeug
einer guten Herrschaft / und ihn wissen zu erhalten mehr / als ihrer viel zu
erwerben. Diesemnach sollte er wohl überlegen: ob es nicht ratsamer sei
Adgandestern nicht in Diensten / und den Feldherrn zum Bunds-Genossen / als
Adgandestern zum Diener / und den Feldherrn mit den Cheruskern zum Feinde zu
haben. Mitleiden wäre rühmlich / aber vernünftige Liebe fienge bei sich selbst
an. Daher müsse man einer verwundeten Schlange vollends den Kopff zertreten /
sie aber nicht in Busame wärmen. Grausamkeit wäre leichter zu entschuldigen als
unzeitige Barmhertzigkeit. Denn jene tödtete andere / diese sich selbst. Durch
diesen nachdrücklichen Einhalt brachte es Hertzog Ganasch so weit: dass Hertzog
Arpus ihn nicht allein versicherte sich Adgandesters gäntzlich zu entschlagen /
sondern ihm an eben selbigem Tage / da er das Hefft über ein ganz Volck wieder
in die Hand zu bekommen die gröste Hoffnung hatte / sich des Hofes zu enteusern
andeuten liess.
    Adgandester / welcher sonst eine ungemeine Geschickligkeit hatte
Verwückelungen zu verrichten /stand hierüber so betäubt / als wenn er von einem
unversehenen Donnerstrahle gerühret wäre. Denn wenn auch das allergrösseste
Gemüte sich durch eine fest eingebildete Hoffnung allzu hoch empor heben lässt;
fället es bei derselben Fehlschlagung / wie ein empor geworffener Stein / viel
tieffer / als es vorher in die Höhe gestiegen. Seine Bestürtzung verwandelte
sich in die heftigste Ungedult / weil er sich allemal selbst beredet hatte: dass
das Glücke nur niedrige Gemüter zu Bodem treten / mit Edlen spielen / aber
Hohen nicht gebieten könnte. Aus solcher Ungedult aber konnte nichts linders
wachsen / denn die giftigste Rachgier /welche also bald in verzweiffelte
Entschlüssungen ausgebrochen wäre; wenn sie nur gewüst hätte / auf wen sie ihre
meiste Galle auszuschütten Ursach hätte. Also wandelte sich dieses Feuer
abermals in eine Sorgfalt / von wem eigentlich die Hindernüs seiner Beförderung
herrühren müste. Sintemal ihn weder die dem Hertzog Arpus angebohrne Güte noch
seine Beständigkeit in Entschlüssungen ihn glauben liess: dass diese Veränderung
aus des Cattischen Hertzogs eigenem Gehirne herrühren könnte. Weil nun Argwohn
die Gemüter / wie Gift die Magen aufrührisch macht /schlug er sich in einem
Augenblicke mit zehnerlei Gedancken; welche ihm so viel Hinderer seines neuen
Glückes fürbildeten / als kluge Leute an dem Cattischen / Cheruskischen und
Chaucischen Hofe sich nunmehr wieder zu Mattium befanden / dahin alle Fürsten
sich wegen des nähernden Frühlings / und des vermuteten Römischen Krieges wider
die Sicambrer verfügt hatten. Adgandester erforschte durch seine Vertraute alle
Begebnüsse des Cattischen Hofes /welche zwischen seiner ihm vom Arpus gegebenen
Hoffnung und seiner schlechten Abfertigung fürgegangen waren / konnte aber doch
nichts in den Kram deines Verdachts dienendes erfahren; als dass Hertzog Ganasch
etliche Stunden mit dem Hertzog Arpus geheim geredet hätte. Dieses war dem
argwöhnischen Adgandester schon genung diesen Schluss zu machen; dass niemand als
der Chaucische Hertzog auf Anstifftung des Feldherrn ihm ein Bein
untergeschlagen hätte. Und / weil die Rache keine Augen hat / verfiel er hiermit
auf den blinden Vorsatz sich an allen dreien Fürstlichen Häusern auf so grimmige
Weise / als es ihm möglich sein würde / zu rächen. Hierüber Rat und Einschlag
zu bekommen / wusste er niemanden geschickters als Segesten oder vielmehr seine
gifftige Sentia; welche alsbald nach Adgandesters Falle ihn zu einem Werckzeuge
der deutschen Bündnüs zu zerreissen bestimmet / und ihn dem Könige Marbod zu
einem Staats-Rate fürgeschlagen hatte /und zwar fürnemlich darumb / weil er
nimmermehr keinen tauglichern seine Feinde Herrmann Abbruch zu tun bekomme
könnte. Denn die Zähne / welche durch ihre Liebes-Bisse anlockten / wären
tödtlich /wenn sie hernach die Rache vergifftete. Adgandester verlohr sich nach
wenigen Tagen in der Stille aus dem Cattischen Gebiete / und reisete nur mit
einem Cassuarier verkleidet zum Segestes; dass niemand wusste oder erfahren konnte
/ wo er hin verschwunden war; entweder weil er besorgte; dass man aus Misstrauen
ihn gar in Hafft ziehen würde / oder weil die Heimligkeit eine Eigenschaft
bitterster Rachgier ist. Er ward von Segesten und Sentien aufs freundlichste
bewillkommt; welche eine Meisterin war anglimendes Feuer der Gemüts-Regungen
aufzufachen. Segestes goss gleichfals Oel ins Feuer / weil er entweder als
bezaubert oder ganz nach ihrem Willen hängende / nach Art der Zug-Uhren so oft
zu ihrem Vorhaben einstimmen und schlagen musste / so oft sie den Strick zoh.
Bei solcher Bewandnüs musste Segestes mit ihr und Adgandestern ohne einige
Zeit-Verlierung auf sein / und auf umgewechselten Pferden sich an des Königs
Marbods Hof verfügen. Alldar machte sie mehr denn zu sehr wahr / dass nichts
betrüglicher als die Zunge eines arglistigen Weibes sei / als welche auch die
Lufft in Bertrug verwandeln kann. Sie wusste Hertzog Herrmanns unschuldigstes Tun
zu grössern Beleidigungen zu machen / als sie Marbod jemals selbst in dem ersten
Eyfer aufgenommen hatte / und von seiner meist verglommenen Eyversucht die vor
der Zeit darüber gestreute Asche so künstlich wegzuwehen / dass er zu einem
hellodernden Feuer der Rache ward. Hingegen hätte kein Mahler Adgandesters
Tugenden so abzubilden gewüst / als sie mit lebendigen Farben ihn als den
einigen Grundstein /worauf der Feldherr Zeiter seine glücklichen Ratschläge
getürmet hätte / herauszustreichen. Was Herrmann getan / hätte Adgandester vor
erfinden müssen. Dieser wäre die Unruh / jener der Weiser in der Uhr seiner
Herrschaft gewest; und es würde sich im kurtzen ausweisen / wie unrecht sie
gehen würde /nach dem sie mit dieses Helden Klugheit und Tapfferkeit den besten
Drat und das Gewichte verloren hätte. Marbod hätte für ein gross Glücke zu
achten; dass ihm der Himmel eine so herrliche Gelegenheit /und zugleich den
Verstand die Gemüter auszunehmen und das beste zu erwählen gegeben hätte.
Solche Wahl wäre ein Werck vollkommenster Klugheit; darinnen ihrer viel / die
gleich an Tiefsinnigkeit fruchtbar wären / und ein scharffes Urteil hätten /
verstiessen /sich mit dem schlimmsten überladete / und gleichsam zu irren
nötigten; dass er aber Adgandestern keinen blossen schlagen / sondern einen
seinem grossen Reiche gemässen Staatsdiener haben würde / der es durch seinen
nicht kleinern Geist zu beseelen vermöchte /wollte sie mit Segesten Bürge sein.
Marbods selbst eigene Ehre erforderte auch Adgandesters Aufnehmung. Denn Fürsten
müsten die Eigenschaft der Elemente haben; was eines verdrückt und verfolgt /
das nehme das andere auf / und beschirmte es. Weil nun Adgandestern an Vermögen
sich zu zeigen / was hinter ihm steckte / nichts abgieng; man auch für Königen
in dem besten Aufputze zu erscheinen gewohnet und der kein vollkommener
Staats-Diener ist / der nicht anderer Gemüter zu bezaubern weiss / fand König
Marbod am Fürsten Adgandester mehr ihn in seinem Dienste zu ziehen / als dass es
vieler Beredsamkeit dorffte ihn darzu zu bereden. Seine hohe Ankunft dünckte
Marboden zu Vermehrung seines Ansehns / die Wissenschaften um die Cheruskischen
Heimligkeiten zu Befestigung seiner Herrschaft keine geringe Pfeiler; und dass
er verstossenen Leuten zur Zuflucht diente / Flügel seines Ruhmes zu sein;
Sintemal die Kricken eines geheileten Krippels einem heiligen Bilde mehr Ehre
zueigneten / als die Anbetung vieler Gesunden. Uberdis war Marbod so wohl als
Adgandester eines sehr hohen Gemütes / welche Aehnligkeit die einige Ursache
verborgener Zuneigungen ist; und weil Fürsten von grossen Gedancken
Steuer-Schiffleute / welche in andern Meeren geseegelt haben / höchstbegierig
suchen / ward Adgandester vom Marbod allen seinen andern Staatsdienern
vorgezogen / alsobald mit recht Königlicher Freigebigkeit verbunden / und bald
darauf in Botschaft an die sämptlichen mit einander im Bunde stehende Fürsten
abgeschickt; allwo er / Sentiens Gutachten nach /für Königs Marbods Nutzen
Wunder tun würde. Alles dis ging so geschwinde her: dass ehe der Feldherr /
Arpus und Ganasch vom verschwundenen Adgandestern die wenigste Kundschaft
kriegten / er an dem Cattischen Hofe als ein Botschafter des Königes Marbods
mit sehr grossem Gepränge ankam. Denn ob zwar die Botschaft zeitlich genung
dem Hertzog Arpus / als sie seine Gräntze berührte / angekündigt ward / so gab
sich doch Adgandester allererst bei seinem Einzuge in Mattium zu erkennen. Der
Feldherr und Hertzog Ganasch / so bald sie hiervon Wind kriegten / liessen zwar
den Hertzog Arpus ersuchen; er möchte Adgandestern für keinen Botschafter
erkennen. Sintemahl das Recht der Völcker jedem Fürsten die Gewalt einräumte /
die ihnen entweder nicht anständigen oder beliebigen Gesandten ab- und zurück
zuweisen. Am meisten aber wären sie dessen befugt / wenn einem ein verstossener
Untertan / oder der gegen uns vorhin sein feindlich Gemüte bezeigt hätte /
über den Hals geschickt würde. Weil nun beides Adgandestern anklebte / könnte
Marbod / wenn er mit seiner Botschaft was gutes anzielte / für kein Unrecht
annehmen / weñ Arpus und andere verbundene Fürsten sich disfals ihres Rechtes
gebrauchten. Arpus aber möchte auch hierbei wohl behertzigen /dass nichts mehr
eine böse Meinung verriete / als schlimme Werckzeuge. Keine als die selbst
unflätig wären brauchten unreine Tücher zu Wischung ihrer Angesichter. Allein
Arpus konnte sich zu seiner Verstossung nicht entschlüssen / weil es seine
Adgandestern entgegen geschickten Räte schon versehen / ihn aufs höflichste
bewillkommt / und offentlich in Mattium eingeführt hatten. Uberdis drückte
Marbods an Hertzog Arpus geschriebener Brief sehr nachdrücklich seine Neigungen
zu dem Cattischen Hause aus /vertröstete / dass Adgandester mit selbtem sich
fester zu verbinden / und zwischen den Römern und Sicambern vollends einen der
Deutschen Tapferkeit und Freiheit anständigen und sichern Frieden zu vermitteln
so viel Begierde zeigen würde / als er von ihm Befehl hätte. Diese Gütigkeit
würde nun gleichsam mit Füssen weggestossen / und Marboden solche in Rache zu
verwandeln Ursache oder zum wenigsten ein scheinbarer Vorwand an die Hand
gegeben werden / wenn er Adgandestern derogestalt beschimpffen würde; welcher
endlich noch mehr dörffte erhärtet /und gar zu denen noch verdächtigen Römern
sich zu schlagen genötiget werden. Also ward Adgandester zur Verhör gelassen /
welcher nicht nur vom Marbod viel güldene Berge versprach / selbtem ein festes
Bündnüs wider alle Feinde der Catten zu Beschirmung der Deutschen Freiheit anbot
/ sondern auch für sich den Hertzog Arpus versicherte: Er könnte es GOtt
nimmermehr verdancken; dass er ihn zum Werckzeuge dieser Botschaft erkieset
hätte; damit er gegen die Catten seine zum Vaterlande tragende Liebe / gegen die
Cherusker seine Danckbarkeit für so viel genossene Woltaten durch seine treue
Dienste bezeugen könnte. Dieses wäre sein unverrücklicher Vorsatz / die einige
Richtschnur seines Tuns / welche ihm keine Gemüts-Regung / kein eigen oder
frembder Nutz nimmermehr verrücken würde. Dieses wäre so wohl seine Art / als
seine und eines jeden ehrlichen Mannes Verbindligkeit; welcher ihm niemals weder
dem Wesen / noch dem Scheine nach unähnlich werden /sondern in allem guten stets
der bleiben müste / der er vorher gewest; wenn ihn schon gewisse Zufälle oder
auch anderer Gemüts-Veränderungen auf einen widrigen Pfad locken wollte. In
Treue und Klugheit wäre alle Veränderung so wohl des Verstandes als des Willens
hesslich; welche ohne ärgste Verstellung heute nicht für schwartz schelten könten
/ was gestern das weisse in der Scheibe gewest wäre / darnach sie gezielet
hätten. Der Feldherr und Hertzog Arpus würden allezeit in seine Ohren heilige
Nahmen / und so lange ihm die Augen offen stünden / seine zwei irrdischen Götter
sein / welche er mit gröster Ehrerbietigkeit anbeten / und ihrem Heile sein Blut
opffern würde /wenn sie ihn schon beleidigten; welches er von keinem mit Warheit
sagen / sondern vielmehr in seiner erholeten Verwerffung ihre Gnade preisen
müste. Deñ der wäre keiner Woltat wert / der wege eines darauf empfangenen
Unrechts des ersten vergessen / das letzte räche wollte. Er wäre nun zwar dem
Könige Marbod verpflichtet / aber er würde selbigen Tag seine Dienst niederlegen
/ da ihm der König etwas dem Catt- uñ Cheruskischen Hause nachteiliges auftragen
wollte. Selbter aber meinte es mit Deutschland nunmehr so gut; dass er alle seiner
Kräfften wider ausländische Gewalt und innerliche Zwyspalt zu seiner Ruhe und
Freiheit anspannen würde. Adgandester wusste diesem allem eine so schöne Farbe
anzustreichen / dass Hertzog Arpus das gröste Teil seines wider ihn habenden
Argwohns fahren liess / bei der andern Verhör ihm halben / bei der dritten fast
völligen Glauben gab / mehr / weil aufrichtige Leute alle andere nach ihrer Elle
mässen / als aus Unverstande: dass die meisten einen grössern Zug haben auch nur
eingebildetes Unrecht / als warhafte Woltaten zu vergelten. Weil dis für eine
Beschwerligkeit / jenes für Gewiñ gehalten wird. Hierbei war er nicht weniger
ein Meister durch Geschencke und Höfligkeit dem Hof / und sonderlich die zu
gewinnen / von welchen er doch wusste: dass sie ihm waren am meisten zu wider
gewest. Er machte keinem Mensche ein übel Gesichte / und liess bei seiner
Botschaft zwar den Glantz aber niemals einen Blick seiner Würde sehen /sondern
wusste bei Erhaltung seines Ansehns jedermann als seines gleichen zu unterhalten;
also dass ihm nunmehr auch seine vorigen Feinde das Wort redeten / und ihn hoch
hielten. Denn je weniger sich einer befleisset hoch angesehen zu sein / je
ansehnlicher wird er. Hierbei aber war er noch so vorsichtig / dass er seine
Pfeile nicht alle auf einmal verschoss / sondern sich so wohl in Angewehrung
seines Verstandes als Vermögens mässigte / und weñ er ein Gemüte gleich mit was
gewaan / doch selbtes stets mit Erwartung eines bessern speisete / und seiner
Verbindligkeit immer zuvor kam. Nach dem nun Adgandester mehr als einen guten
Stein bei den Catten am Brete zu haben meinte / liess er bei des Feldherrn
Obersten Hofemeister dem Grafen von Nassau durch den Ritter Zierotin anmelden:
dass er vom Könige Marbod an den Feldherrn Schreiben und Befehl Verhör zu suchen
erhalten hätte. Hertzog Arpus bat auch selbst den Feldherrn ihm solche zu
verstatten. Aber dieser war hierzu nicht zu bereden; sondern liess Adgandestern
grossmütig zu entbieten. König Marbods Briefe und alle seine andere Gesandten
würden ihm allemal annehmlich sein. Adgandester aber würde bei ihm wohl gelernet
haben: dass es ihm anständiger wäre zu Grunde zu gehen / als sein Wort zurücke zu
nehmen. Weil er nun wohl wusste: dass er ihn niemals für sich zu lassen einmal
geredet hätte / sollte sich Adgandester nur selbst bescheiden. An statt / dass
Adgandester sich über dieser Antwort als einer Beleidigung seines Königs hätte
beschweren können / bedanckte er sich gegen den Grafen von Nassau / meldende:
Sein König würde mit des Feldherrn Erklärung wohl vergnügt / er aber bei ihm
bemüht sein; dass Marbod den Feldherrn mit einem beliebtern Botschafter
verehren möchte. Denn Fürsten hätten auf sich nicht zu ziehen / was nur die
Person nicht das Ampt ihrer Gesandten angienge /und Gesandten nichts zu
empfinden / was nicht zum Schimpffe ihrer Fürsten angezielt wäre. Uberdis hätte
der Feldherr eben so viel Recht als Gewalt ihn von seinem Gesichte zu verbannen;
doch wäre sein Trost: dass seine Macht nicht zu hindern vermöchte / dass er nicht
dem Feldherrn Gehorsam / und den Cheruskern treue Dienste leisten sollte. Alle
Cherusker / ja der Feldherr selbst mussten diese Entschlüssung Adgandesters rühmen
/ und ihn für einen gescheuten Botschafter gelten lassen; sonderlich / da er
noch selbigen Tag einen seiner Edelleute Tschirnhauss an den König Marbod
abfertigte / und ihm einriet an den Feldherrn einen andern Botschafter zu
senden. Nach dem auch Hertzog Melo an Feldherrn / an Hertzog Arpus und Ganasch
durch den Grafen von Meppen berichtete; dass Cöcina nicht allein an der Mosel
sich zu einem frühen Feldzuge rüstete / sondern auch Cajus-Silius die an der
Sare und Maass verteilten Legionen allgemach sich den Sicambrischen Gräntzen
nähern liesse / schickte er alsobald den ihm zugegebenen Grafen Kinsky an den
Germanicus nach Massilien / dahin er von Rom bereit umb zum Sicambrischen Kriege
Anstalt zu machen ankommen war / und den Ritter Laschansky an den Cöcina / umb
im Nahmen des Königs Marbod Ansuchung zu tun / sie möchten mit den Waffen sich
nicht übereilen / weil er noch zwischen den Römern und Sicambern einen Frieden
zu vermitteln getraute. Hiermit verdiente Adgandester das allgemeine Lob / dass
er nicht nur sinnreich reden könnte / aber noch besser in Wercken wäre / und mit
jenem die Vollkommenheit eines guten Kopffes / mit diesem des Hertzens besässe /
worinnen die ganze Oberherrschaft des Gemütes bestehet. Tiefsinnige Reden
sind dis im Leben / was im Mahlwercke der Schatten / Taten aber die lebhaften
Farben; jene eines Menschen Zierat / diese sein rechtes Wesen; jene vergehen
und sind leichte / diese aber sind schwer und lassen grossen Nachdruck nach sich
/ jene sind Blüten der Weissheit / diese Früchte der Tugend. Bei so gestalten
Sachen ward Hertzog Ganasch gewonnen / dass er Adgandestern auch bei sich für
Marbods Gesandten aufnam und ihm Gehöre gab; sonderlich / weil Hertzog Arpus ihm
einhielt: dass er / wie der Feldherr / Adgandestern keine Beleidigung fürzurücken
hätte / und würde der Feldherr Zweifelsfrei mehr von seinem Worte und seiner
Schwester Ismene gebunden / dass er ihn nicht vor sich liesse; welcher deswegen
auch verhienge und ein Auge zudrückte; dass sein Bruder Flavius mit ihm umbgieng.
Diesen auf seine Seite zu bringen brauchte er alle Meisterstücke kluger Leute.
Er gab ihm im Nahmen seines Königs zwölff auserlesene Pferde / drei grosse
Acarnanische Wallachen / drei feurige Armenische und drei leichte Arabische
Hengste / drei Scytische und drei Cappadocische Stutten / vier Arcadische
Maul-Esel / eine lange mit Opalen versätzte güldene Kette bis auf die Füsse /
einen solchen Degen / und einen zu Damaskus geschmiedeten Harnisch. Weil nun
durch den Hamen der Geschencke nicht nur die Gemüter der Menschen insgemein
gefangen / ja GOtt selbst versöhnet wird / sondern auch die Deutschen sonderlich
für grosse Ehre schätzen / wenn sie von benachbarten Völckern öffentlich
beschenckt werden; Adgandester auch Ismenen die allerdemütigste
Abbitte-Schrifft / die eine geschickte Feder jemals abfassen konnte / und kurtz
darauf von der Tochter des Königs Marbod ein Schreiben mit dem kostbarsten
Opalen-Schmucke überschickte / sie auch beides mehr umb ihre Grossmütigkeit zu
bezeugen / als ihre Eitelkeit zu vergnügen annam / vergass Flavius nach und nach
Adgandesters Ismenen angefügtes Unrecht / und meinte / dass es besser sei andere
durch Woltaten uns zu verbinden / als von andern verbunden werden /und gegen
Empfang entpehrlicher Dinge die viel wichtigere Freiheit des Willens verlieren.
Dieses letztere aber geschahe dem Flavius / ehe er es selbst inne ward / und er
geriet mit Adgandestern in ungemeine Verträuligkeit / also dass der Feldherr
dieses vernehmende über der Taffel ihm Gelegenheit von Geschencken zu reden /
und diesen Schluss machte: die einem als eine Schuld abgelieferten wären
anzunehmen / die uns aber zu Schuldnern machen sollten / zu verwerffen. Alleine
Adgandester gab aller seiner Freigebigkeit den Nahmen einer Bezahlung / sein
Tun hatte nichts gezwungenes / und seine Freundschaft schien nichts weniger /
als was gleissnerisches in sich zu haben. Seine Aufrichtigkeit hatte mit der
Einfalt /seine Klugheit mit Arglist keine Verwandschaft; also meisterlich wusste
er alles zu spielen / dass keine seiner Künste / dem Ansehn nach / für was
betrügliches gehalten ward / sondern wenn man auch gleich zuweilen auf Spure kam
/ ward er doch für keinen Betrüger gehalten / sondern damit entschuldigt: dass
niemand kluges ohne alle solche Künste leben könnte. Ob nun zwar eine solche
eingebildete Offenhertzigkeit ein gewaltiger Magnet der Gemüter ist / hätte
doch Adgandester weder damit noch mit andern Verbindungen den Hertzog Flavius
schwerlich so weit / als es ihm gelückte /bezaubern können / wenn er ihm nicht
diese künstliche Angel angeworffen / nämlich einen Vorschlag getan hätte Königs
Marbods Tochter zu ehlichen / welche halb Deutschland zum Braut-Schatze
mitzubringen hatte. Denn ob wohl seine Liebe gegen der Erato in seinem Hertzen
noch lichterloh brennte / so kitzelte ihn doch dieses nicht wenig / dass ihm
eines so mächtigen Königs Tochter angetragen ward. Wiewol der unvergleichlichen
Erato niemals aus seinen Gedancken komende Gestalt / bald diesen Entwurff
verwischt hätte. Deñ das Andencken an das / was wir lieben / ist eine
lebendigere Fürbildung / als das ähnlichste Gemählde von Farben. Und weil der
Pinsel seiner sie in sein Hertz mahlenden Liebe sehr zart gewest war / war auch
der Erato Bild seiner Seele so viel tieffer eingeschnitten. Adgandester merckte
dis wohl / und ob schon Flavius ihm viel von Hefftigkeit seiner unveränderlichen
Liebe sagte / unterliess er doch nicht seinen ersten Vorschlag wieder auf den
Teppicht zu werffen; hielte zu seinem Nachdencken: Ob er nicht Ursache genung
hätte seine Liebe gegen der Erato zu mässigen / welche sich heimlich geflüchtet
/ und ihre Abneigung gegen ihn öffentlich an Tag gegeben hätte: hingegen stünde
ihm zu erwegen: Ob eine Fürstin von fürtreflicher Schönheit / von grosser Tugend
/ mit einem Königreiche und funfzig Fürstentümern nicht so liebens wert wäre /
als eine verjagte Frau ohne Land und eines Frembdlings Braut / welche ohne
Laster nicht den andern Bräutigam lieben könnte. Der Pöfel allein vergnügte sich
nur die Stirne eines Dinges überhin anzuschauen / einem Klugen aber müste nichts
ins Gesichte kommen / worüber er nicht nur ein besonder Nachdencken haben / und
mit dem Grunde den Kern eines Dinges erforschen sollte. Fürnemlich aber müste ein
Fürst die Augen auftun sein Glücke zu machen / denn nicht alle welche was
schauten / hätten offene Augen / oder sich zu rühmen / dass sie sähen. Niemand
aber sähe recht / der taub wäre gute Vorschläge zu hören. Flavius hätte Witz
genung seine zu prüfen / also sollte er sich den Zweifel nicht aufhalten lassen
was gewisses zu entschlüssen. Denn es wäre schwer einem den Verstand eines
Dinges beizubringen / der keinen Willen hätte / oder keinen Schluss machen könnte
/ iedoch schwerer einem den Willen einzureden / der ohne Verstand wäre. Als
Adgandester diesen Zweifels-Knoten aufzulösen bekam / ereignete sich: dass der
Feldherr an statt Adgandesters den Grafen von Nassau zum Hauptmann seiner
Leibwache erklärte / welcher Würde in Deutschland iederzeit diese angehenckt
hatte: dass er der oberste Staats-Diener gewesen war. Hertzog Flavius wusste
dieser Wahl keine Mängel auszustellen; weil der Graf von Nassau an Tapferkeit
und Klugheit wenig seines gleichen hatte / auch so wohl Deutschland als den
Feldherrn liebte; welche vereinbarte Liebe der Fürsten Stütze / der Länder
Wohlfart ist; da hingegen die / welche den Fürsten allein liebten /den Nahmen
abgöttischer Heuchler / die / welche nur auf Wachstum einer Herrschaft ihre
Ratschläge einrichteten / der Verläugner Gottes / und die nur sich liebenden
Epicurer gescholten zu werden verdienen. Nur allein ging dem Flavius nahe / dass
der Feldherr über Bestellung dieses wichtigen Wercks ihn gar nicht zu Rate
gezogen / oder vielmehr den Grafen Waldeck / welcher dem Flavius besser anstund
/ hierzu nicht befördert hatte. Weil nun Adgandester nicht weniger die Regungen
aus Gemütern / als Bergleute das Ertzt aus Bergen zu ziehen wusste / brachte er
den Flavius unschwer zu Entdeckung dieser seiner Kränckung. Dieses war das
rechte Wasser auf seine Mühle. Daher fieng er an: Ihn wunderte / dass irgendwo
ein Fürst des Geblütes einem frembden und niedrigern die Stelle des obersten
Staats-Dieners enträumte. Denn /wenn man die Sache beim Lichten besähe / wäre
dieser wirklich der Herrscher / ein Fürst aber führte nur den Nahmen. Jener
sollte der Schatten / der Monde und der blosse Werckzeug / der Fürst das Licht /
die Sonne / und der Uhrheber aller Reichs-Schlüsse sein /ins gemein aber
bezeugte die Erfahrung / dass dieser ein Diener seines Dieners / und ein Fürst
vom Volcke nur für einen Götzen / sein Diener aber für das im Reiche / was ein
Steuermann im Schiffe ist / gehalten würde. Ja wenn ein Diener auch mit der
grösten Unschuld das Hefft der Herrschaft in die Hand bekäme /wäre dieses doch
so süchtig / dass der allerbeste einen Gran der Begierde bekäme die Gewalt seines
Fürsten zu mässigen / und ihn von den Herrschens-Sorgen abzuziehen. Denn / weil
der Pöfel und die Heuchelei ihres Eigen-Nutzes halber einen solchen erhobenen
Menschen alsbald durch Kniebeugen / Weirauch- und Bilder-Anzündung zu einem
Götzen machten / bildete er ihm endlich selbst ein / dass er ein Gott wäre; und
daher suchte er alle Mittel herfür die dem Fürsten gehörige Ehre / wie einen
Strom durch einen neugemachten Graben aus seinem Wasser-Bette zu leiten.
Derogestalt geschehe Fürsten des Geblütes weh /wenn sie fähig eines so hohen
Dienstes wären / wie Flavius vorlängst gewiesen hätte / gleichwohl aber
übergangen würden. Sie müsten so denn einem ihrer Untertanen nicht nur in die
Hand sehen / oder gar ihn über ihren Köpfen herümb gehen / ja wohl gar über ihr
Leben urteilen und das Fürstliche Blut ihrer Ehrsucht aufopfern sehen; sondern
sie erhielten bei Ausländern das schlimste Urteil / dass sie als Schöpse oder
Kälber zu keinen Geschäfften tauglich wären. Da doch die Fürsten von so höher
Ankunft allzeit die Vermutung für sich hätten; dass sie / wie die Löwen /mit
offenen Augen geboren würden / also in Geheimnüssen der Klugheit mehr Licht als
gemeine Leute oder dieselben Tiere hätten / welche / wie die Hunde / lange /
oder / wie die Maulwürffe / biss in ihren Tod / blind blieben. Weil nun ein
unruhiges Gemüte wenig eingeflösster Galle bedarff selbtes in völlige Verwirrung
zu setzen / fieng Flavius an seine Ubergehung als eine grosse Beleidigung zu
empfinden / ungeachtet noch niemals ein Fürst des Geblütes beim Cheruskischen
Hause Hauptmann der Leibwache gewest war. So bald nun der Graf von Nassau in
Anwesenheit des Flavius seinen ersten Dienst verrichtete / konnte dieser seine
Empfindligkeit nicht verdäuen / noch sich entalten dem Feldherrn auf seine
Frage: Ob er nicht seine Wahl für gut hielte / mit einer verdriesslichen
Gebehrdung zu antworten: Weil kein Cheruskischer Fürst dazu fähig gewest wäre /
könnte er und niemand des Grafen von Nassau Herfürziehung tadeln. Der Feldherr
empfand diesen Vorruck nicht so geschwind / als er dem Flavius antwortete: Er
schätzte sein Haus zu gross und sich zu klein / dass er den Anfang machen sollte /
Fürsten seines Geblütes für Diener zu gebrauchen: Adgandester hatte so viel
Zuträger an allen Höfen / dass er noch selbigen Tag diss erfuhr / daher er bei
erster Gegenwart des Fürsten Flavius Anlass nahm von Künsten der Staats-Klugheit
zu reden / unter denen eine der fürnehmsten wäre; dass sie Leuten hohen Ursprungs
die vergüldeten Schale grosser aber leerer Titul / geringern aber unter
schlechten Nahmen der Diener den Kern meister Gewalt zueignen; und zwar entweder
aus Einbildung /dass jene allzu verzärtelt wären sich mit täglichen Bemühungen
abzumatten / oder aus Eiversucht: dass wenn die Gewalt mit de Ansehe edle
Geblütes sich vereinbarte / das Volck so denn ihn allzu gross machte / und also
das Hertze und Reich eines Fürste niemals in der Hand eines so grossen Riesen
sicher wäre; da doch niemand nach der Herrschaft begieriger stünde /als welcher
vom Mist-Hauffen an Hof kommen / und die Süssigkeit des Gebietens einmal
schmeckte. Es wäre diss Misstrauen aber eine grosse Grausamkeit /und edlern
Gemütern die Erhöhung des Pöfels über den Adel / des Adels über Fürsten / so
beschwer- und unerträglich / als einem Tiere / wenn man seine Füsse empor / den
Kopf gegen den Boden kehrte. Flavius seufzete hierüber / und schüttete nach der
Taffel seine Ungeduld in die Schoss Adgandesters aus; welcher aber dem Flavius
riet / dass weil sein Bruder ihn für seinen Diener zu hoch halte / sollte er ihn
auch an seinem väterlichen Erbe Teil haben lassen / dass er mit Ehren einen
Fürsten in der Welt fürstellen könnte. Flavius aber antwortete: Es wäre nicht nur
aller gescheuten Völcker Gewohnheit / und ihr erster vermutlicher Wille / dass
ihr einem Fürsten anvertrautes Reich auch bei seinen Nachkommen nicht zerteilt
/und durch Zerspaltung unter viel Erben entkräfftet /also denen Nachbarn zum
Raube ausgestellt werden sollte; sondern es hätte auch bei den Cheruskern
allezeit der älteste Sohn die Herrschaft über alle Länder alleine bekommen /
denen jüngern Brüdern und Schwestern aber eine Abstattung nach seinem
Gutbedüncken gemacht. Also stünde ihm nicht zu zum Nachteil des Cheruskischen
Reiches diese durchgehends beliebte Ordnung des Alters und der Natur zu
unterbrechen / und die unteilbare Herrschaft zu trennen. Adgandester
versetzte: Es wäre das vermeinte Recht der Völcker für das einige Erb-Recht des
Erstgebohrnen noch nicht ausgemacht / und hätte solches König Marbod als das
gröste Unrecht in allen seinen Ländern unter dem Adel ganz aufgehoben. Wenn
aber auch diss schon wäre / hätte zwar der älteste Bruder das Recht der
Oberherrschaft ihm alleine vorzubehalten / alleine es stünde ihm doch zu die
jüngern mit einem auskommentlichen Teile und so vielen Einkünften zu
versorgen: dass er nicht Not lidte /und seinen Voreltern zu Spotte leben müste.
Hiermit brach Adgandester dissmal mit Fleiss ab; es fand sich aber noch selbigen
Tag beim Flavius ein unbekandter und von dem verstossenen Luitbrand
angestiffteter Druys ein / und überlieferte ihm eine Ab-Schrifft eines letzten
Willens / welchen sein Vater Segimer im Tanfanischen Heiligtum eingelegt haben
sollte / darinnen er verordnet hatte: es sollte Flavius nach seinem Tode das
dritte Teil der Cheruskischen Länder zu seinem Erbteile haben. Flavius war
über der Warheit dieses Berichts zwar sehr zweifelhaft / weil wir aber /was wir
fürchten oder wüntschen / leicht glauben / der Druys auch viel Umbstände / und
insonderheit / dass Segimers letzter Wille mit Griechischen Buchstaben in der
Höle unter dem grossen Altare verwahrt wäre /zu erzählen wusste; liess er sich
etwas zu seinem Besten unschwer bereden; als er es aber Adgandestern vertraute /
machte er zum Scheine hierüber allerhand Schwerigkeiten / wollte ihm auch nicht
ehe raten etwas von dieser letzten Ordnung zu gedencke / biss der Druys ihm
vorher mit dem kräfftigste Eyde beteuert: dass Segimers letzter Wille an dem
bedeuteten Orte des Tanfanischen Tempels befindlich wäre. Dieser Druys war
hierzu nicht schwer zu bereden / entweder weil er bei einem Leichtglaubigen mit
weniger Furcht und desto grösserer Hoffnung des Gewinns zu sündigen kein
Bedencken trug / oder weil er vom Luitbrand allzu sehr eingenommen war. Als
Flavius diese Beglaubigung hatte / zeigte er dem Fürsten Inguiomer die
Abschrifft der Segimerischen Verordnung mit Bitte / er möchte den Feldherrn zu
Aufsuchung der Haupt-Uhrkunde / und hernach zu Vollziehung des väterlichen
Willens bewegen. Denn wie leutselig gleich der Feldherr gegen iedermann / und
vertraulich gegen seinem Bruder war / verstand doch Flavius gar wohl: dass man
Fürsten unangenehme Dinge durch Mittels-Personen / wie saugenden Kindern die
Artzneien durch Einnehmung ihrer Ammen / beibringen müste / umb beide nicht sehr
zu beunruhigen. Hertzog Inguiomer hätte sich auch gerne dieser Verrichtung
entschüttet / weil niemand gerne Herrschern verdrüssliche Vorträge tut; daher
machte er über der Wahrheit tausend Zweifel / und riet: Flavius sollte vorher
die Gewissheit beim obersten Priester Libys erkundigen; aber Flavius war dessen
so sehr beredet; dass / wenn er über einer ihm so fest eingedrückten Sache
zweifelte / einer Leichtsinnigkeit schuldig werden würde. Als diss ihm nicht
auszureden war / warff Inguiomer ein: Diese auf allen Fall befindliche
Verordnung Segimers würde doch nicht kräfftig sein /welche wider die
Grund-Gesetze der Cherusker und das Recht des Erstgebohrnen lieffe; Flavius aber
antwortete: Er versähe sich zu der Frömigkeit seines Bruders / dass er dem
väterlichen Willen nicht widerstreben würde / welchen er in tausend andern
Dingen als was heiliges zu seiner Richtschnur erwehlet hätte. Die meisten
Völcker pflegten wie die Cherusker zwar durch des ältesten Sohnes Erbfolge ihre
Reiche unzertrennt zu behalten; aber diese Gewohnheit hinderte in erblichen
Reichen gar nicht / dass ein Fürst seinen jüngern Sohn dem ältern fürziehen
dörffte. Also hätte bei den Persen Artaban für dem Xerxes das Nachsehn haben
müssen / in Egypten hätte Ptolomeus Lagidas seinen jüngsten Sohn auf den Tron
gesetzt / und als Pyrrhus wäre gefragt worden / welche seiner Söhne sein
Reichsfolger sein sollte / hätte er gesagt / der /welcher den schärffsten Degen
haben würde. Inguiomer setzte ihm entgegen: In Recht-Erblichen Reichen / welche
ein Fürst nicht vom freien Willen eines Volckes / sondern durchs Recht der
Waffen bekommen / liesse es vielleicht noch wohl tun; dass er aus seinen Söhnen
zum Erben erkiesete wen er wollte /nicht aber in den erstern. Da dennoch die
Frage sein würde / welcher Art das Cheruskische Reich sei. Alleine auch in
beiden wäre die Zersplitterung des Reiches hauptschädlich / und also weil das
gemeine Heil für das oberste Gesetze zu halten / unzulässlich. Denn die Gesetze
der Natur und der gemeinen Wohlfart giengen allen letzten Willen für / ja wenn
ein Sohn diesen nicht nachlebte / täte er recht und löblich. Zu dem wäre ein
Reich nicht so in eines Fürsten Vermögen / wie andere Güter / oder eine andere
Erbschaft. Jenes müste unzerteilt bleiben / sonst hörte es auf ein Reich wie
die Teile eines zerspaltenen Schiffes ein Schiff zu sein. Oder wenn wegen
seiner Grösse die Stücke gleich den Nahmen eines Reiches verdienten / würden aus
einem zwei oder mehr Reiche / welches weder das Volck noch der Reichs-Gründer
von Anfang gewollt hätte. Denn wenn schon die Teilung mit dem Bedinge geschehe;
dass alle für einen Mann stehen; und die Erhaltung des Reichs befördern sollten;
so würde doch hierdurch die Einigkeit des Reiches nicht erhalten / sondern nur
ein Bündnis oder eine vielköpfichte Herrschaft dadurch gestifftet; welche beide
nichts als Zweitracht und Untergang nach sich zügen. Ein Reich müste nur wie der
menschliche Leib von einem Geiste beseelet werde / und daher wären alle andere
Kinder auser einem / aus der Eigenschaft eines ieglichen Reiches / und aus dem
Willen dessen / der es zum Reiche gemacht / es sei gleich ein Volck oder Fürst /
so weit ausgeschlossen; dass der Reichsfolger nicht aus Schuldigkeit / sondern
aus blossem gutem Wollen und blosser Billigkeit ihnen aus dem Reichs-Vermögen
ihren Unterhalt und Abstattung / iedoch dass das Reich am wenigsten entkräfftet
werde / verschaffen / auch die vorher gemachten Schulden nicht zahlen dörffte.
Flavius versetzte: Das Cheruskische Reich wäre sonder Zweifel ihres Fürsten
Erb-und Eingetum; weil es vom Tuiscon gegründet / und keiner unter dem
Cheruskischen Volcke seine Erbligkeit widerspräche. Dass es auch teilbar wäre /
erhellete daraus / dass ietzt so viel vom Tuiscon herstammende Fürsten der Catten
/ der Chaucen / der Alemänner / der Sicambrer der Hermundurer besässen / was des
einigen Tuiscon Eigentum gewest wäre. Ja Inguiomer wäre ihm selbst Beweises
genug / welcher ohne Widersprechung seines Bruders Segimers das Hertzogtum der
Bructerer zu seine Erbteil bekommen hätte / und durch seine vermeinte
Unzertrennligkeit der Reiche ihm selbst einen schwere Anspruch auf sein Land
erwecken würde. Auch hätten sie zum Beispiele das benachbarte Britannien /
darinnen so gar die Töchter mit den Söhnen am väterlichen Reiche Teil hätten:
Also hätten die Römer Laodicen so wohl / als ihrem Bruder Alexander Asien
zuerkennt / und Cleopatra hätte mit ihrem Bruder Ptolomeus in Egypten zu Teba
die zwei Brüder Zetus und Amphion /in Attica Pandionis Kinder / auf Rhodus
Camirus /Jalysus und Lindus / zu Argos vier Söhne des Perseus / zu Troja
Dardanus und Loesius / auf Creta Minos und Rhadamantus / zu Alba Numitor und
Amulius die Herrschaft mit einander geteilet. Warumb sollte denn er wider den
Willen seines so klugen Vaters Segimers / welcher so wohl die alten Rechte der
Cherusker / als was seinem Reiche und Nachkommen heilsam wäre / verstanden hätte
/ schlechterdings von dem ihm vermachten dritten Teile der Cheruskischen Länder
ausgeschlossen sein / und allein seines Bruders Gnade leben: Ob er ihm zu seinem
Unterhalte oder Abstattung was oder nichts geben wollte? Inguiomer begegnete ihm:
Was Flavius aus dem Altertume Tuiscons anführte / steckte in einem so tieffen
Finsternüsse der Vergessenheit; dass niemand sagen könnte / ob Deutschland durch
brüderliche Erbteilungen / oder durch Gewalt der Waffen so wäre zergliedert
worden / wiewol nicht ohne augenscheinlichen Schaden der gemeinen Wohlfart.
Sintemal wenn es unter einem vollmächtigen Haupte stünde / die Römer gerne von
ihm Frieden kauffen / und es kühnlich allen Kräfften der Welt die Stirne bieten
könnte. Das ihm verordnete Hertzogtum der Bructerer wäre kein altväterliches /
sondern ein vom Feldherrn Segimer neu-erworbenes Gut / auch von ihm nie dem
Cheruskischen Reiche einverleibt worden. Solche Landschaften aber wären den
letzten Willen und Erbteilungen eben so wohl als andere bewegliche Dinge
unterworffen / wenn kein Reichs-Gesetze / wie in Gallien verordnete: dass alle
neu-erworbene Länder dem Reiche unabsonderlich zuwüchsen. Uberdiss hätte auch
sein Vater dem Herrscher der Cherusker die oberste Gewalt der Bructerer
vorbehalten / derer sie und er sich gegen dem Feldherrn Herrmann noch nicht
entäuserten. Dass die Britannier durch Zerspaltung ihrer Länder und ihre daraus
erwachsene bürgerliche Kriege den Käyser Julius und August auf den Hals
gelocket; andere angezogene Reiche in Asien und Africa aber dadurch sich zu
Knechten der Römer gemacht hätten / läge am hellen Tage; also möchte doch
Flavius durch Verlangung eines sehr zweifelhaften Dinges seinen Bruder / der
zugleich sein Fürst wäre / nicht in Verdruss / und sein so liebes Vaterland nicht
in Gefahr setzen. Es wäre eine grosse Klugheit wissen / was man andern
abschlagen / eine grosse Tugend aber verstehen / was man ihm selbst versagen
sollte. Insonderheit aber sollte niemand die Gewissheit seines mittelmässigen
Glückes für den Schatten eines grössern aus den Händen fahren lassen. Flavius
aber blieb auf seinen Gedancken / und versetzte: Mit seinem Zustande unvergnügt
sein / wäre zwar eine Dürfftigkeit des Gemütes; aber sich damit völlig sättige
eine Torheit. Wer gar auf keine Verbesserung sinnte / verstünde entweder nicht
sein Glücke / oder wäre von einem knechtischen Geist niedergeschlagen. Er
vergnügte zwar sich / wäre aber nirgends in Ansehen / auch so gar bei demselben
nicht / welchem seine armselige Vergnügung zum Vorteil gereichte. Er hätte zwar
von seinem Bruder allen guten Willen zeiter genossen; es wäre aber gleichwohl
eine grosse Beschwerligkeit von eines andern Gnade leben und diss genüssen / was
man mit Rechte besitzen könnte. Vermöge der in seinen Händen habender Abschrifft
hätte er für sich den Willen ihres gemeinen Vaters. Ob dieser über die Schnur
seiner Macht geschritten sei / müste künftig untersucht und erkennt / nun aber
nur die Wahrheit dieses Willens erkundigt werden. Westwegen er sich iedem
gerechten Richter willigst unterwerffen würde. Inguiomer sah wohl / dass dem
Flavius dieser Anspruch nicht auszureden / niemanden aber sein wohl-gemeintes
Gutachten aufzunötigen wäre. Denn eine Ratgebung gleichte dissfalls einer
Artznei; beide müsten unvermerckt beigebracht werden /wenn sie was würcken
sollten; wenn man sie aber einem eckelen Munde mit Gewalt einzwinge / wären sie
mehr schädlich als nütze. Also übernam Inguiomer lieber selbst dem Feldherrn des
Flavius Verlangen zu entdecken / als dass es ihm durch iemanden verdrüssliches
vorgetragen / und die brüderliche Neigung etwan durch Unbescheidenheit oder
unzeitigen Eiver zerstöret werden sollte. Der Feldherr sah die ihm überbrachte
Abschrifft mit Verwunderung / hörte aber Inguiomers Vortrag / darinnen er des
Flavius Verlangen mit grosser Behutsamkeit verzuckerte /ohne einige Entrüstung
an. Inguiomer hatte auch nur geschlossen / als er sich aus dem Steigereiffen
erklärte: Er wollte ein paar ehrliche Leute in den Tanfanischen Tempel zu
Aufsuchung des vermeinten väterlichen Willens abfertigen / und er stellte seinem
Bruder frei / umb allen Verdacht der Vertuschung zu verhüten: dass er / wen er
wollte / dahin senden möchte. Wenn er auch durch einen unverdächtigen Beweis
erhärten könnte: dass sein Vater Segimer ihm die ganze Herrschaft über die
Cherusker zugeeignet hätte /wollte er sie ihm freiwillig auch wider seines
Volckes Meinung abtreten. Bei so einstimmiger Meinung ward die Abfertigung in
Tanfanischen Tempel folgenden Morgen beschleunigt. Der Feldherr schickte den
alten Grafen von Mannsfeld und den Ritter Burg /welche beide noch in Hertzog
Segimers Diensten gewest waren / Flavius aber den Grafen Stolberg und Ritter
Schöneiche dahin. Diesen letztern aber war ins geheim und verkleidet der Druys
zugegeben / welcher dem Flavius die Abschrifft gebracht hatte. Sie lendeten in
vier Tagen im Tanfanischen Tempel an / über gaben dem obersten Priester Libys
ihre Vollmachten /und verlangten: dass das Altar eröffnet / und Segimers letzter
Wille daraus aufgesucht werden möchte. Nachdem der Priester Libys nach der
End-Ursache dieses Begehrens gefragt / auch die ihm eingehändigte Abschrifft
überlesen hatte / fieng er an: Ich bin wohl versichert / dass dem klugen
Feldherrn Segimer diss zu verordnen nie in Sinn kommen sei; als von welchem ich
viel ein anders denselben Tag gehöret habe / als er von dem vergifteten Briefe
seinen Geist aufgab. Ich kann auch gar nicht ergründen / wie diese Schrifft ohne
mein als damals schon gewesten obersten Priesters Wissenschaft in diss
Heiligtum hätte verborgen werden können. Die Deutschen pflegten zwar wie andere
Völcker in ihre Heiligtümer / wie die Römer in Tempel der Vesta ihren letzten
Willen / Bündnisse / Frieden-Schlüsse und Schätze beizulegen / aber nicht
heimlich zu vermauern. Denn zu was würde ihre Verbergung nütze sein. Uber diss
hatte Libys nicht wenig Bedencken an dieses Altar die Hand zu legen / weil ins
gemein so wohl dieser als der Gräber Öffnung denen Eröffnern zu grossem Unglück
ausgeschlagen; so drangen doch beider Teile Abgeschickte darauf; weil solche
Öffnung nicht aus Vorwitz und zur Entweihung / sondern zu Ergründung der
Wahrheit angesehen wäre. Westwegen Libys sieben der ältesten Priester erforderte
und mit ihnen darüber ratschlagte; welche alle denen Abgeschickten ihre
Beisorge des daraus erwachsenden Unheils für Augen stellten. Weil aber die des
Feldherrn nicht gerne einen Argwohn erwecken wollten / als wenn sie etwas
verdrücken wollten / die des Flavius aber ihres Herren Wohlfart daran gelegen zu
sein glaubten / waren sie beiderseits hierinnen einmütig: dass des Feldherrn
Segimers letzte Verordnung darinnen aufgesucht werden müste. Sie führten an: dass
so wohl die oberste Gewalt eines Fürsten / als das Recht des Siegers
Heiligtümer entweihen / und zu weltlichen Dingen machen könnte. Denn kein Ding
würde durch seine Einweihung schlechterdings dem menschlichen Gebrauche
entzogen; ob es schon zum gemeinen Nutzen bestimmt würde. Diesemnach wäre der
Feldherr so wohl berechtigt ein Altar abzubrechen / als Stenelus befugt wäre
gewest aus dem eroberten Troja das Bild des Herceischen Jupiters / dem Fabius
das Bild des Hercules von Tarent nach Rom / dem Sylla aus den Heiligtümern zu
Olympia / Epidaurus / und Delphis viel heilige Gefässe wegzuführen / und dem
Portius Cato den Göttern gewiedmete Bäume und Haynen auszuhauen / und dem
grossen Pompejus nicht allein in das heiligste des Jüdischen Tempels zu gehen /
sondern auch den Römischen Adler darein zu setzen. Ja alle von den Römern
bezwungenen Städte und Länder müsten nicht nur Menschen und Vermögen / sondern
auch ihre Götter und Tempel übergeben / derer Bilder sie ins gemein mit in
Siegs-Geprängen einführten. Der eine Priester antwortete: Ihres Feldherrn
Frömmigkeit wäre viel zu gross / dass er über den von ihm oft so andächtig
beschrittenen Tempel das Recht der Waffen ausüben sollte / dessen sich ohne dis
nur solche Sieger ohne Unrecht gebrauchen könten / die der überwundenen
Gottesdienste nicht beipflichteten /und in Heiligtümern nichts göttliches zu
wohnen glaubten. Mannsfeld aber sätzte ihm entgegen: Eines Siegers Recht und
Gewalt erstreckten sich nicht weiter als eines Herrschers. Jener erlangte
solches eben dadurch / dass er durch den Sieg dieses würde; ja eines rechtmässigen
Fürsten Gewalt erstreckte sich / was den Gehorsam des Volckes anreichte /
disfalls noch ferner / als eines Uberwinders / weil dieser insgemein / um nur
seine Rache zu kühlen / zu weit gienge /jener aber seine Botmässigkeit zum
gemeinen Besten ausübte. Daher könten beide wie Pericles zu Aten /Mago in
Hispanien / die Syracuser zur Zeit Tincoleons / die Schätze ihrer Tempel zum
Nutzen des gemeinen Wesens verwenden. Insonderheit hätten sie sämptlich als
Deutsche ihnen über der Oefnung dieses Altares so viel weniger kein Gewissen zu
machen / weil sie noch besser / als die der Sonne alleine dienende Persen
verstünden / dass der unbegreifliche Gott in kein Altar oder Tempel vermauret
werden könnte. Westwegen die aufs ärgste verbitterten Griechen selbst nachgeben
mussten / dass er mit Zerdrümerung ihrer heiligen Bilder nichts wider das
Völcker-Recht gesündigt hätte. Am allerwenigsten aber wäre die Verletzung der
Heiligtümer auf derselben blosse Eröfnung zu ziehen. Alles Beginnen wäre nach
unser Meinung und nach Beschaffenheit unsers Absehns auszulegen. Die Güte der
End-Ursache machte eine sonst bedenckliche Sache zulässlich / wie das Weisse in
einer schwartzen Scheibe das Ziel sichtbar. So wenig als es sündlich wäre ein
baufälliges Heiligtum abtragen und ergäntzen; so wenig wäre auch die Oefnung
dieses Altares scheltbar / welches der Feldherr köstlicher ergäntzen lassen
würde / als es jetzt beschaffen / und von dem Altertume schon etlicher massen
beschädigt wäre. Weil der Feldherr nichts fester glaubte / als dass der
Gottesdienst die Litte der menschlichen Gesellschaft / die Stütze der
Gerechtigkeit uñ der Grundstein der Reiche wäre; Hielte er es auch die
vornehmste Pflicht seines Amptes zu sein /dass der Gottesdienst keinen
Schiffbruch und Heiligtümer keinen Abbruchlitten; also möchten sie doch
glauben: dass der so gewissenhafte Feldherr / welcher ein Vater des Volcks und
ein Pfleger der Priester wäre / ihnen nichts ungebührliches zumuten würde. Der
Priester Libys / welcher an den redlichen Absehen des Feldherrn am wenigsten
zweifelte / und solcher Fürsten Wort selbst für ein gross Heiligtum hielt / war
hierdurch leichte zu gewinnen / nicht allein diese Oefnung zu verwilligen /
sondern auch die andern Priester zur Beipflichtung zu bewegen. Sie mussten selbst
an das von eitel viereckichten Steinen zusammen gesätzte Altar die Hand anlegen
/ weil keine ungeweihte es anrühre dorffte. So bald sie aber das oberste aus
einem ganzen Steine gehauene Blat nur recht angrieffen / wurden sie gewahr: dass
sich selbtes ohne grosse Müh auch von einem Menschen wegschüben liess. So bald es
nun die Priester abnamen / wurde sie an dessen unterster Seite dieser alten
eingegrabenen Schrifft gewahr: Künftige Öffnung dieses Altares wird ein
Vorbote gäntzlicher Zerstörung dieses Heiligtums sein. Hilf Himel! fieng der
eine Priester laut an zu ruffen: Sollen wir / die wir zu diesem Heiligtum
gewiedmet sind / die Werckzeuge oder Verursachung seiner Einäscherung sein?
Sollen wir dem Vaterlande durch unsern Aberwitz so viel Unheil auf den Hals
ziehen; weil dieser Tempel ohne vorhergehenden Fall der Cherusker schwerlich
zerstöret werden kann? Gerechter GOtt / straffe an uns unser Verbrechen umb
dieses dein Heiligtum zu erhalten / oder lasse zum wenigste uns diesen Greuel
der Verwüstung nimermehr erleben. Deñ auch der Verzug dieses Unglücks ist eine
Gnade / weñ solches ja nicht gar abzuwenden ist. Oder lasset uns vielmehr der
Göttlichen Rache auf diesem Altare unser Blut opffern / wormit sein dadurch
ausgeleschtes Zorn-Feuer dieses Heiligtum nicht zermalme. Der oberste Priester
war zwar hierüber gleichfals bekümmert / jedoch zeigte er keine Kleinmut / und
sagte: da wir GOtt dadurch beleidiget / lasset ihn uns nicht mehr durch
Verzweifelung verbittern / sondern durch demütige Andacht versöhnen. Deñ nichts
als der Rauch eines hertzlichen Gebetes kann die Sturm-Wolcken göttlichen Eyvers
zertreiben / und die von Missetat angesteckte Lufft reinigen. Ein ander
Priester fiel ihm bei / und hielt vor nötig / dass das Altar unverzüglich mit
dem Blatte wieder bedeckt würde. Graf Stolberg aber widersätzte sich / und
sagte: die Eröffnung dieses Altares würde irrig für eine Ursache künftiger
Zerstörung des Tanfanischen Tempels gehalten / da sie vielmehr eine nützliche
Nachricht / und eine Erinnerung vorsichtig zu sein diente. Der diese Wahrsagung
eingeetzt /hätte dis zu dem Ende aufgeschrieben / dass man vorher von diesem
Falle Wissenschaft kriegte / und dieses Verhängnüs uns so viel weniger seltzam
vorkäme. Dieses wäre die Ursache der Weissagung / nicht die Weissagung des
Verhängnisses. Nach dem sie nun schon so weit kommen wären / könnte er nicht
verantworten: dass er ohne Aufsuchung dessen / westwegen die Oefnung geschehen /
die Verschlüssung geschehen liesse; weil jeder Macht man aufs genaueste an die
Schnure seines habende Befehls gebunde wäre. Voriger Priester antwortete ihm:
wenn Herrmann und Flavius selbst zur Stelle wäre / und diese Schrift sähen
/würden sie sonder Zweifel sich ferner Nachsuchung entalten. Es könnte wohl sein
/ sagte Stolberg; ein Fürst könnte nach Belieben wohl seinen Vorsatz / aber ein
Machtaber nicht des Fürsten Befehl ändern. Ein anders erlaubet die Macht eines
Gebieters / ein anders die Vollmacht eines Dieners; welcher / wenn er auch aus
Hoffnung des Sieges und Nutzes für seinen über die Schrancken schritt / sich der
obern Gewalt strafbar anmaasste. Der Priester begegnete ihm: Wer einen andern zu
gewisser Verrichtung erkiesete / sätzte auf seine Treue und Klugheit ein
absonderes Vertrauen /er verwandelte ihn gleichsam in sich selbst / also dass der
Machtaber kein eigenes / sondern sein eigenes Werck zu befördern schiene / und
also auch über ja wider den habenden Befehl den Machtgeber verbindlich machte /
daher steckte allezeit in der Vollmacht eine geheime Zulassung bei verändertem
Stande eines Dinges / oder bei sich herfür tuender Schwerigkeit und Gefahr
eines Werckes nach seiner Weissheit aus den Gräntzen des Befehls / dem Machtgeber
zum besten zu schreibe / wie einem Schiffer bei umschlagendem Winde oder herfür
blickender Klippen die gerade Schnur seines Lauffes zu ändern / damit man an
statt gehofften Vorteils nicht scheutere oder eine selten wiederkomende
Gelegenheit nicht aus den Händen gehe. Stolberg aber versätzte: der / welchem
alleine aus blossem Vertrauen zu seiner Treue eine Verrichtung befohle würde /
möchte vielleicht noch sich etlicher massen entschuldigen köñen / weñ er seinem
Machtgeber zum beste das anvertraute Werck auf die Wagschale seiner Vernunft
legte / und etlicher massen über die Schnur schritte. Deñ dis wären meist Sachen
von geringer Wichtigkeit / und gereichten nicht zu so bösem Beispiele. Wiewol
auch solche Vollmächtiger / die nur aus Willkühr einem ihres gleichen ihren Treu
und Glauben verpflichteten / auch das geringste Versehen vertreten wüsten / und
schlechte Unfleiss für ein Laster gehalten / ja wie ein Diebstal mit Unehre
gestrafft würde. Viel andere Bewandnüs aber hätte es mit denen Befehlen der
Gebieter und Obrigkeit. Dieser Befehle wären Gesätze / welcher Meinung niemand
anders / als der Buchstaben fürschriebe / auslegen könnte. Denn wenn Untertanen
über empfangenen Befehlen grübeln und / dass selbter entweder einen andern
Verstand gehabt hätte / mutmassen / oder / dass solcher durch eine andere nichts
minder nützliche Art ausgeübt werden könnte / urteilen möchten / würde unter so
scheinbarem Vorwande das Band des gemeinen Wesens nämlich der Gehorsam / und
darmit auch die Herrschaft verschwinden / und die / welchen nur die Ehre des
Gehorsams übrig blieben / zu Gefährten der Herrscher werden / also in die
Straffe der Widersätzigen fallen. Der Priester brach ein: die Zufälle wären so
seltzam und so verkehrt / wie gegenwärtige Wahrsagung zeigte / dass keine
menschliche Vernunft alle vorsehen / und seine Maassgebung auskomentlich
einrichten könnte. Daher / wenn die Vollmacht zu allgemein wäre / müste ein
Gesandter aus der Sache und derselben Umbständen einen Schluss machen. Weñ sie
aber noch so genau abgefasst wäre / schiene doch dieser Beisatz dessen / was Zeit
und Klugheit einriete /unverboten und allezeit mehr darunter verstanden als
geschrieben zu sein / zumal es etwas wäre / welches kein weiser Mañ nicht tun /
weniger verdammen könnte: Stolberg antwortete: Es liesse sich dis leichter sagen
als tun; und wäre eben so gefährlich eines Fürsten Befehl ausdehnen oder enger
einspannen / als desselben Geheimnisse / und wohin er mit diesem oder jenem
ziele / ergründen wollen. Diener wären nur Schatten / also müsten sie sich nicht
weiter ausdehnen / als ihre Bilder. Etliche Sachen schienen wie die
unbeweglichen Sterne Kleinigkeiten zu sein / und hätten doch hinter sich eine
unsägliche Grösse und einen gewaltigen Nachdruck. Wer wollte nun auf eine so
gefährliche Brücke treten / die Verantwortung so wichtiger Dinge auf seine
Hörner zu nehmen? denn alle Ratschläge / also auch dis / was ein Befehlhaber
für sich selbst täte / würde / nach dem es geriete /gelobt oder gescholten.
Der Hof sähe mehr auf den Ausschlag einer Verrichtung / oder urteilte mehr nach
seiner Neig- und Einbildung / als dass es den Grund der Dinge untersuchte / und
dem / der sich in seiner Hoffnung betrogen befinde / beipflichtete. Daher kriegte
einerlei tun einmal den Nahmen der Klugheit und Tapferkeit / das andermal der
Unvernunft und eiteler Vermessenheit. Also wäre niemand besser dran / als der
entweder sich an den todten Buchstaben seines Befehls / oder an grosse Pfeiler
des Hofes hielte / und also sicherer durch übermässigen Gehorsam seinem Fürsten
schaden / als durch angemaasste Freiheit Nutzen tut; weil auch Väter ihre Söhne
am Leben gestrafft / die wider Kriegs-Ordnung gesieget / und Käyser Julius den
Sulla gelobt / dass er lieber ihm genau gehorsamet / als es mit den Galliern gar
ausgemacht. Der Priester wollte sich hiermit noch nicht beruhigen / sondern
wendete ein: Kein Befehl hätte die Krafft eines Gesätzes wider dis / was
entweder die Natur oder die Tugend für unmöglich erklärte. Denn jene wären die
Richtschnur menschlichen Willens und der Gemeinschaft. Daher könnte man einem
dis / was unerbar / ungezühmend oder unmöglich wäre / durch keinen Notzwang
aufbürden: Weil nun aber GOtt und das Verhängnüs allem Ansehn nach wollte / dass
die verborgenen Geheimnisse dieses Altars keines weges an Tag kommen sollten;
erforderte ihre Bescheidenheit die Ergrübelung als ein unmögliches und
unehrliches Fürhaben zu unterlassen. Denn wie es straffbarer Vorwitz wäre / wenn
man in alles Verborgene zu schauen gelüstete / also wäre in gewissen Fällen eine
beflissene Unwissenheit eine rühmliche Gemüts-Mässigung. Altäre wären sonder
Zweifel grössere Heiligtümer als Gräber / gleichwol aber wäre dieser
Verunehrung vieler Verterb gewest. Nach dem Cambyses zu Saim des Amasis Grab
geöffnet /und die geprügelte Leiche verbrennt / hätte er von Mohren und
Ammoniern / und Xerxes / weil er des Belus Grab aufgemacht / und den gläsernen
Todten-Topff nicht mit Oele füllen können / in Griechenland grosse Niederlagen
erlitten. Hannibal wäre wegen abgebrochener Grabstädte in Belägerung der Stadt
Agrigent mit viele Cartaginensern durch die Pest umbkomen. Das nur zufälliger
Weise eröffnete Grab des Capys hätte dem Käyser Julius seinen gewaltsamen Tod
und Italien viel Elend zugezogen. Ja wenn es am erträglichsten abgelauffen /
wären die Eröffner / wie der in der Semiramis Grabe viel Schätze suchende Darius
/ mit der langen Nase abgewiesen worden. Dieses dörffte ihnen auch besorglich
begegnen / und sie sich also andern zum Gelächter machen. Stolberg aber brach
ein: Wir finden gleich was oder nicht /können wir nicht irren / denn beides wird
zu steuer der Warheit dienen / und weil GOtt die Warheit selbst ist / sie uns
auch ihm ähnlich macht / kann unsere dafür habende Sorgfalt weder als unmöglich
verworffen / noch als unehrlich gescholten werden. Democritus hat der Warheit
ihre Wohnung in einen tieffen Brunn zugeeignet; also ist es nichts seltzames;
dass wir sie in der Tieffe dieses Altares suchen. Wie GOtt nicht der Bau aller
Altäre gefällt / also kann ihm nicht alle Versehrung derselben missfallen. In
Griechenland hätte er unterschiedene Altäre aus bald zerfliessendem Opffer-Blute
/ oder aus leicht verfaulendem Holtze / etliche auch zwar aus Steinen aber nur
auf ein Jahrlang aufrichten sehen. Der grosse Alexander hätte des grossen Cyrus
/ August des grossen Alexanders / Cicero Archimedens Grab / zu Syracusa aus
gutem Absehen / und also auch ohne das wenigste Nachteil eröffnet; ihres aber
wäre allhier noch viel besser / und also noch weniger Unheil zu besorgen. Des
Feldherrn Abgeschickte stimmten diesem bei /und die des Flavius wollten nicht
einst willigen: dass die Durchsuchung auf wenige Tage / bis man beide Hertzoge
vorher darüber vernehmen könnte / aufgeschoben würde. Libys selbst meinte: dass da
die Wahrsagung dieses Steines mit dem Schlusse des Verhängnisses übereinstimmte
/ würde die nachbleibende Aufsuchung des Segimerischen letzten Willen selbten zu
hintertreiben viel zu ohnmächtig sein. Daher grief er selbst in die Tieffe des
holen Altares und brachte heraus ein seiden Partisch Tuch / worinnen Persische
Schrifft gewürckt war. Als sie dieses aufwickelten / fanden sie darinnen eine
Rolle von dem Blaster der Egyptischen Papier-Stauden; und ein daran gehencktes
Siegel mit dem Cheruskischen Pferde. Auf diesem waren folgende Worte zu lesen:
Mein Sohn Herrmann soll zwar die oberste Herrschaft über alle Cheruskische
Länder / mein Sohn Flavius aber das Eigentum und den Genuss des dritten Teiles
aller meiner Länder und Güter haben. Darunter stund mit einer andern Hand
geschrieben: dis ist mein letzter Wille. Segimer. So bald des Flavius
Abgeschickten dieses gelesen hatten / zeigten sie eine überaus grosse Vergnügung
/ und verlangten / dass dieses Papier mit dem Partischen Tuche von allen
Anwesenden versiegelt / und nach Mattium gebracht werden sollte. Weil nun niemand
mit rechtschaffener Ursache solches widersprechen konnte; ward dieses Verlangen
erfüllet; und reisete der Priester Libys eigenbeweglich mit dahin. Zu Mattium
ward dis Geheimnüs mit des Feldherrn und des Hertzog Flavius Belieben in
Anwesenheit ihrer / Hertzog Ingviomers / Jubils / Marcomirs / des Grafen von
Nassau und des obersten Priesters Libys eröffnet. Ehe aber noch das Partische
Tuch aufgehüllet ward /fieng Ingviomer an: Es mag in diesem Tuche verborgen sein
/ was da wolle / so hat nichts bei Lebzeiten Segimers darein gehüllet / oder in
Tanfanischen Tempel eingelegt werden können. Denn dieses neben viel andern von
Asblasten mit aus Persien gebrachte Tuch / darein in Partischer mir zwar nicht
bekandten Sprache Sprache diese Worte gewürcket sein sollen. Die Sonne ist der
Schatten GOttes / das Licht der Welt /und des Menschen Leitstern zu Gott / ist
nach Segimers Tode noch in seinem Zimer / und darein Asblastens helffenbeinernes
Bild eingewickelt / und von mir selbst Adgandestern zur Verwahrung anvertrauet
worden. Flavius rötete sich hierüber / und fieng an: Kan nicht aber meine
Mutter Asblaste oder mein Vater Segimer mehr als ein so beschriebenes Tuch aus
Parten mitgebracht haben. Ingviomer war fertig gewisse Kennzeichen anzudeuten /
dass eben sein berührtes wäre; aber der Feldherr fiel ein: Lasset uns nicht die
Schale / sondern den Kern wahrnehmen; hüllete damit das Tuch auf / und reichte
die Innlage dem obersten Priester Libys. Dieser lass allen Anwesenden den Innhalt
/ und bekennte / dass die Unterschrifft Segimers Hand sehr ähnlich / aber die
erste Schrifft Luitbrands selbsteigene wäre / welche er aus gewissen Merckmalen
unter tausend andern erkennen wollte. Ingviomer fügte hierbei: dass das Egyptische
Papier zu Zeiten des Feldherrn Segimers in Deutschland eine nie gesehene Sache /
und vom Hertzog Herrmann zu erste dahin gebracht / vorher aber Wachs und
Baum-Rinden zu Schreiben gebraucht worden wären. Uberdis wäre dieser letzter
Wille mit Gotonischen Buchstaben geschrieben / da doch Segimer nicht nur selbst
/ sondern auch seine Schreiber durchgehends Griechische hätte brauchen lassen.
Hertzog Flavius ward hierüber in sich selbst derogestalt entrüstet / dass Antlitz
und Gebehrden solches nicht verbergen konten. Weil er nun durch diese sich schon
verraten sah /hüllete er selbst die Schrifft in ihr Tuch / steckte sie ein /
und sagte: Er wäre kein Erfinder unwahrhafter Schrifften / also wüste er
bedacht sein entweder die Warheit / oder die Verfälscher an Tag zu bringen.
Hertzog Herrmann hätte zwar Ursache gehabt darüber empfindlich zu sein; aber es
hielt ihn so wohl seine brüderliche Zuneigung als seine grosse Vernunft von
aller Verstellung zurücke; welche wie mit dem abwechselnden Glücke sein Gesichte
veränderte / noch seine Hertzhaftigkeit ihn mit allzu hitzigen Entschlüssungen
übereilen liess. Als nun gleich Flavius im Eyver davon ging / beschwur doch der
Feldherr die Anwesenden / dass sie ohne einiges Absehen auf seiner Würde bei
ihrem Gewissen sagen sollten: Ob sie die aufgefundene Schrifft für was
unverfälschtes und für eine kräfftige Verordnung seines Vaters halten könten.
Alle aber beteuerten das Widerspiel / und Libys hielt dafür: dass diese
Verfälschung eine Erfindung Adgandesters und ein Gemächte des meineidigen
Luitbrands wäre / jener / welcher alle Handschrifften nachzumahlen wüste /
Segimers Nahmen unterschrieben / das Partische Tuch und das Siegel darzu
hergegeben; Luitbrand aber es in das Altar /worzu er als ein Priester
hundertfache Gelegenheit gehabt / verborgen / und dem Flavius eine Abschrifft
davon zugestellt hätte / welche / woher sie sonst hätte kommen können / nicht zu
ersinnen wäre. Der Feldherr erklärte sich hierauf ferner weit disfalls allen
Richtern sich zu unterwerffen / Hertzog Ingviomern aber klagte er: Es wäre ihm
nicht so leid / dass sein Bruder durch Adgandesters Bosheit und Leichtgläubigkeit
zu einem so ungegründeten Anspruche hätte verleiten / als seine Schwachheiten
des Gemüts durch seinen Eyver blicken lassen / unwissende: dass die
Gemüts-Regungen Flüsse des Gemütes wären /und grössere Unordnung in der
Klugheit / als die des Kopffes im Leibe machten / wenn sie aber gar in Worte
ausbrächen / dem Ansehen abbrüchig wären. Hierbei ersuchte er ihn dem Flavius
die handgreifliche Falschheit dieser Handschrifft für Augen zu stellen / ihn von
der Gemeinschaft des arglistigen Adgandesters und des nunmehr nach seiner
Verstossung in seinem Brodte lebenden Luitbrands abmahnen und erinnern möchte:
dass wie einem die anfangs zu Gesichte kommende Hässlichkeit abscheulicher
Missgeburten ein Grausen und Schrecken verursachte / die Gewonheit aber nach und
nach ihnen ihre Ungestalt benähme / und endlich sie gar unsern Augen beliebig
machte; also es auch mit den Lastern derer / mit denen man umgienge / beschaffen
wäre. Zuerst hätte man dafür einen Abscheu / hernach drückte man ein Auge bei
ihnen zu / bald vertrüge man sie mit unverwendetem Gesichte / endlich verliebte
man sich in selbte /und vermählte man sich mit ihnen gar. Diese zwei Werckzeuge
der Hölle würden umb ihre brüderliche Eintracht zu treñen ihm Zweifels frei viel
blaue Dunst für köstliche Reichtümer für die Augen mahlen / und ihre
Verläumbdung ihm noch mehr Unwarheiten unter den Fuss geben. Aber die Zeit klärte
doch endlich die Warheit von Lügen / wie die empor kommende Sonne die Lufft von
Dünsten aus. Daher möchte er sich doch nicht ihre gezwungene Verehrung und
übermässige Versprechen betören lassen. Wer alles oder allzu viel zusagte /
verspräche im Hertzen wenig / und hielte im Wercke nichts. Die einen mit Strömen
ihrer Höfligkeit überschütten / wären falsche Müntzer /welche es schon so zu
spielen wüsten / dass ihre Waare niemals zur Prüfung käme. Die ihm untergesteckte
falsche Schrifft diente ihm schon genung zur Warnigung mit was er für Leuten zu
tun hätte / und zur Wahrsagung / was er vor gutes und redliches sich zu versehe
hätte. Einmal irren liesse sich entschuldigen / zweimal züge den Verlust unsers
Ansehns /dreimal unser Wolfahrt nach sich. Er wollte ja nicht hoffen / dass sein
Bruder derselben Art Menschen nachschlagen würde / welche ihr Lebelang mit ihren
Fehlern zu tun haben wollten / und weil sie einmal geirret / der Verfolg ihres
Irrtums für die Tugend der Beständigkeit hielten / ja / ob sie schon in sich
selbst ihr Vorhaben verdammten / ihm doch bei andern das Wort redeten. Niemand
wäre an sein irrsames Versprechen oder an eine übereilete Entschlüssung gebunden.
Ungeachtet sich auch Flavius gegen ihn vergangen hätte / wollte er es doch nicht
ihm / sondern seinen Verleitern zuschreiben / und wenn er es vor eine
Unverbindligkeit erkennen wollte / ihm den Strich Landes zwischen der Elbe und
dem Flusse Luno nebst denen daran liegenden Saltz-Brunnen auf sein Lebtage zum
Genuss abtreten. Der über dieser brüderlichen Zwytracht nicht wenig bekümmerte
Hertzog Ingviomer übernam diese beschwerliche Verrichtung nicht mit grösserer
Willfährigkeit / als sein Glimpff und Verstand bei derselben Ausübung hervor
leuchtete. Er überwand des Flavius Einbildung mit so durchdringenden Schlüssen /
dass er sich fast selbst gefangen geben / und des Segimers Schrifft als etlicher
massen verdächtig erkennen musste. Insonderheit drang Ingviomer starck darauf dass
er ihm den / der ihm die Abschrifft zugebracht / und den Ort der Beilegung
eröffnet hätte / nennen möchte / so würde vielleicht heraus kommen: dass seine
und anderer Mutmassung wider den boshaften Luitbrand und Adgandestern des
Zwecks nicht weit gefehlt hätte. Flavius aber blieb disfalls ganz verschlossen
/ und weil entweder die /welche am meisten irren / es am wenigsten inne werden /
oder weil man insgemein für Schande hält von einer Meinung allzu bald
abzuweichen / gleich als wenn die Hartnäckigkeit zur Entschuldigung der Fehler
diente / nam er des Feldherrn gutwilliges Anbieten zum Bedencken / und zu
Untersuchung der Segimerischen Verordnung eines Tages Befristung. Ingviomer
konnte ihm weder eines noch das andere versagen / bat ihn aber / er möchte
hierüber zwar andere unverdächtige Freunde / aber zugleich seine Ehre und
Vernunft mit zu rate nehmen. Er sollte behertzigen / dass er sein so naher
Vetter / als Herrmanns / die auch / welche die Schrifft vor falsch hielten /
seine treue Freunde wären. Der Eigennutz wäre eine Mutter vieler Schein-Gründe /
und überwiege nicht selten das Recht und die Klugheit; oder gebühre die
Einbildung / dass beide auf ihrer Seite stünden; da doch keines auf beiden
Achseln tragen könnte. Daher müste der / welcher ihm der Warheit beizupflichten
vorgesätzt hätte /nicht nur Ursachen herfür suchen sich in seiner Meinung zu
stärcken / sondern sich eine Zeitlang auf die widrige Seite schlagen / und
seines Gegenteils Einsagen überlegen; so würde er auf der Wage der Vernunft
leicht den Ausschlag finden / also auch Flavius unschwer sich bescheiden: dass er
ihm wohl riete und Hertzog Herrmann ihn brüderlich liebte. Flavius schlug sich
die ganze Nacht mit seinen Gedancken /und war nun grösten Teils schlüssig
gegen des Feldherrn Anbieten seinen Anspruch fahren zu lassen. Adgandester aber
/ welcher von dieser Handlung Wind bekomen hatte / schickte ihm noch etliche
Stunden für Tage König Marbods Bild reich mit Diamanten versätzt / welches ihm
einer seiner Edelleute zwar in einem goldgestückten Beutel überbrachte / solches
aber war in ein Papier eingehüllt / darauf diese Worte sauber geschrieben waren:
Niemand soll in wichtigen Dingen alleine mit sich zu rate gehen / noch selbte
über das Knie zerbrechen. Zwei Augen sähen mehr als eines / und die allzu zeitig
reiffende Früchte verfaulten am ersten. Die Unwissenheit ist mit der Welt /und
die Torheit mit jedem Menschen jung worden. Alle / die ihnen einbildeten für
sich selbst weise zu sein / sind Toren / und die Helffte derer / auch die sich
nicht klug zu sein däuchten. Wer was alleine auf seine Hörner nimmt / scheint
zwar dem Pöfel weise zu sein; Aber es ist zur Weissheit nicht genung / wenn
andere / weniger wenn einer sich selbst für weise hält. Der klügste aber ist /
der ob er gleich sieht / was andere nicht sehen / dennoch sich weder für sehend
noch einen Weisen hält / sondern eines andern Achsel zu Gehülffen seiner
Schultern und Vergrösserungs-Gläser zu Schärffung seiner Augen brauchte. Wer
nicht weiss / muss andere Wissenden hören. Ohne Verstand ists unmöglich / dass
jemand glücklich sei; daher /wenn man ihn selbst nicht hat / muss man ihn
entlehnen. Die aber sind am übelsten dran / welche nicht wissen / dass sie nichts
wissen / also sich nicht bekümmern umb dis / was ihnen mangelt. Jedoch
verstossen die noch ärger / welche ob sie zwar nichts verstehen / ihnen doch
grosse Weissheit einbilden. Ja etliche wären weise / wenn sie nicht wüsten / dass
sie es wären. Diesemnach ist die gröste Klugheit sich mit der Vernunft / und
nicht mit dem Glücke zu überwerffen. Hertzog Flavius hielt dieses Papier für
etwas / welches zwar nur ungefehr und zu Einhüllung dieses Kleinods gebraucht /
von dem Verhängnisse aber mit Fleisse zu seiner Unterweisung in seine Hände
gespielet worden wäre. So verbländet Heuchelei / und unsere eigene Neigung die
Augen unsers Verstandes. Daher fügte er sich ohne Aufschub zu Adgandestern ihm
für die Freigebigkeit König Marbods Danck zu sagen. Adgandester aber gab dem
Flavius zu verstehen / dass seine Dancksagung für so geringschätzige Dinge so wohl
seiner als Marbods Hoheit verkleinerlich wäre / weil diesem mehr zu geben obläge
/ Flavius aber viel grössere Woltaten verdiente / mit Versicherung: dass / wenn
sein König nicht zwischen dem Flavius und Feldherrn Missträuligkeit zu erwecken
besorgte / er zum Kennzeichen / wie hoch er das Cheruskische Haus und des
Flavius Verdienste schätzte /ihm mehr / als eine Helffte des Cheruskischen
Gebietes austrüge / an Landschaften zueignen würde. Dieser Vortrag kützelte
nicht wenig des Flavius Ohren /gleichwol aber wendete er ein: Er wüste nicht zu
begreiffen / woher des Königs Marbods so grosse Freigebigkeit entsprissen müste
/ welchem sein Bruder so viel Leid / er aber niemals was gutes getan hätte
/noch zu leisten vermöchte. Adgandester aber wusste einen grossen Sack voll
Lobsprüche / welches die ärgste Art zu betrügen ist / über den Flavius
auszuschütten. Er sagte: es wäre kein so geringes Kraut auf dem Felde / kein so
schlechtes Laub in dem Walde /welches man des Jahres nicht unterschiedene mal
brauchte / und in dem grossen Hause der Welt von nöten hätte / also / dass wie
schlecht es gleich geschätzt würde / man doch ohne Ungelegenheit dessen nicht
entpehren könnte; wie sollte denn der kluge König Marbod so unverständig sein /
dass ihm ein so hoher und fürtreflicher Fürst nicht zu Befestigung seines neuen
Stules viel sollte dienen können? Der verstünde wenig oder nichts von der
Herrschens-Kunst / welcher sich vergnügte Recht und Verstand auf seiner Seite zu
haben; Freunde und der Nachbarn Wolwollen müsten die mächtigsten Stütze der
Reiche sein / was könnte Marbod ihm aber für bessere Freunde als die
Cheruskischen Fürsten machen / welche von undencklicher Zeit das Hefft in
Deutschland geführet / für allen Häusern den unstrittigen Vorzug hätten / und
auch von ihren Feinden hochgeschätzt würden? weil nun Heuchelei und
Freigebigkeit zwei Eymer sind / welche das Wasser der Gedancken aus den
verschlossensten Hertzen empor zu ziehen wissen / zeigte Flavius Adgandestern
die aus dem Tanfanischen Tempel empfangene Verordnung des Feldherrn Segimers /
und eröfnete ihm treuhertzig / was so wohl wider selbte eingewendet / als ihn
durch den Hertzog Ingviomer wäre angeboten worden / mit Verlangen / er möchte
ihm in dieser Sache / welche seinen Wolstand machen sollte /mit gutem Rate an
der Hand stehen. Adgandester nam mit grosser Ehrerbietung das zu ihm habende
Vertrauen danckbar auf / lobte seine Klugheit / dass er ein so wichtiges Werck
nicht ohne frembden Rat entschlüssen wollte. Denn Gott allein dörffte in seiner
vergnügten Einsamkeit keinen Ratgeber / dem Menschen aber hätte er fürnemlich
zu dem Ende Vernunft und Sprache gegeben / sich durch diese Werckzeuge anderer
Rates zu gebrauchen / nicht aber / wie unvernünftige Tiere ihrem geschwinden
Triebe zu folgen / und sich mit dem ersten besten Dinge zu vergnügen. Der Mensch
hätte so wohl aus zwei Ubeln das kleinste / als aus zwei Vorteiln den grösten zu
erkiesen / und aus dem vergangenen das gegenwärtige zu überlegen / und aus dem
künftigen Ausschlage zu entschlüssen. Daher wäre die Beratung das grosse Rad /
welches die Mühle des bürgerlichen Lebens treiben müste / und also eben so
nötig als Feuer und Wasser. Weil ein Ratgeber aber den / welchen er umb Rat
fragte / gleichsam zu seinem Oberherrn und Richter seiner Gedancken erhiebe /
und ihn lieber / als sich selbst hätte / könnte dieser durch keine grössere
Untreu sich besudeln / als weñ er jenem nicht redlich und vorsichtig riete.
Hierauf besah Adgandester Segimers Schrifft so sorgfältig / als wenn er sie
niemals in Händen gehabt / versicherte hierauf den Flavius /dass die
Unterschrifft Segimers warhafte Handschrifft wäre / welche wegen gewisser ihm
am besten bekandter Merckmale der allerkünstlichste Verfälscher in der Welt
nicht nachmahlen würde. Des Egyptischen Papiers hätte Segimer einmal bei
Wegnehmung etlicher mit des Drusus Geräte beladener Maulesel viel Rollen
erobert / und wenn er gar was wichtiges zu schreiben gehabt / dasselbe
gebrauchet. Zu geschweigen /dass die Friesischen Kauffleute selbtes ins gemein zu
Schiffe / und die von Carnutum hauffenweise in Deutschland führten / also ein
grosser Irrtum wäre /dass Hertzog Herrmann es zu erst in sein Vaterland gebracht
haben sollte. Libys könnte weder von Einlegung dieses letzten Willen in den
Tanfanischen Tempel / weil er damals noch nicht oberster Priester gewesen / was
wissen / noch von einer widrigen Meinung Segimers dem Flavius zu Nachteile was
zeugen. Denn wenn er schon nach der Zeit Siñes worden wäre seinem Sohne Herrmann
alle Länder zuzueignen /hätte doch diese im Gemüte behaltene Aenderung keine
Krafft eine in ein Heiligtum beigelegtes und bis an seinen Tod gelassene
Verordnung aufzuheben. Das vom Hertzog Herrmann ihm getane Erbieten gebe auch
gnungsam an Tag / dass er sich durch den väterlichen Willen verbunden fühlte.
Aber das angebotene hätte mit dem / was er haben sollte / keine bessere
Gleichheit / als ein Schnee-König gegen einem Adler. Daher hielte er dafür / dass
dem Flavius sich damit zu vergnügen so wohl verkleinerlich als schädlich wäre;
Weil er davon schwerlich seinen Fürstenstand führen könnte / und jedermann
urteilen würde /dass er dis / was ihm von Gott und Rechtswegen gebührte / nicht
zu behaupten wüste / welches doch die erste Tugend eines Fürsten wäre. Wenn er
aber sich mit einer solchen Kleinigkeit zu vergnügen / und gleichwol sich seinem
Bruder als Oberherrn zu verpflichten gezwungen werden sollte / riete er ihm mit
Verachtung dessen sich unverbindlich zu halten; auf welchen Fall er ihm nachmals
nicht nur dreimal so viel Landes vom Könige Marbod verspräche; wordurch ihm der
Weg zu der anfangs schon vorgeschlagenen grossen Heirat so viel mehr gebähnet
würde. Der sonst so kluge Flavius ward durch Adgandesters grosse Versprechungen
gleichsam wie durch überzuckerte Zauber-Kräuter so eingenommen / dass / ob er
zwar wegen selbter keinen andern Bürgen als Adgandesters Wort hatte / er sich
doch zum Ingviomer versügte / und sich gegen ihm ausliess; Es könnte ohne seine
und des Feldherrn Segimers Verkleinerung nicht geschehen: dass dessen letzter
Wille als eine untergesteckte Schrifft verworffen / oder ihm / als wenn es über
etwas nicht in seiner Gewalt seiendes unkräfftig verordnet hätte / beigemessen
werden sollte. Daher könnte er weder mit Ehren noch ohne Verlust seines Wolstandes
von dem etwas entengen / was ihm sein holder Vater zugedacht hätte. Ingviomer
suchte alle ersinnliche Ursachen herfür ihn von einer so hochgespannten
Anforderung / welche nicht wenig die Cheruskische Macht zerspalten und ihr
Ansehn verkleinern würde / abwendig zu machen. Es wäre rühmlicher und sicherer
was mittelmässiges mit anderer gutem Willen und Tittel besitzen / als zehnmal so
viel mit Gefahr und übeler Nachrede erobern wollen. Die Zeiten und der Zustand
des Cheruskischen Hauses widerrieten dem Flavius Ursach zu einigen Spaltungen
zu geben. Denn die Herrschaft gleichte denselben Bäumen / welche verdorrten /
oder zum wenigsten nicht höher wüchsen / wenn ihre Gipfel abgehauen würden. Also
sollten lieber alle Aeste etwas dem Gipfel zu Liebe entpehren / als mit
desselbten Beschädigung ihnen selbst den gäntzlichen Untergang zu ziehen. Aber
Flavius blieb auf seiner Forderung ganz verhärtet / jedoch wollte er des
Feldherrn endliche Meinung darüber vernehmen / und dem Flavius unverlängt
entdecken. Ingviomer / welcher niemals seiner guten Vernunft bei anderer
Schwachheiten vergass / trug des Flavius Begehren dem Feldherrn mit einer solchen
Art für / wie die Aertzte Aloe und andere bittere Kräuter ihren Krancken /
nämlich mit einem süssen Beisatze eingeben. Aber Herrmann war allzu verständig
das Wesen vom Umbschlage zu unterscheiden / sagte daher: Ich sehe wohl / dass mein
Bruder seinen Glücksstern nicht kennet / und dass ihm ein schädliches
Schwantz-Gestirne annehmlicher in die Augen leuchtet / als dasselbe / welches
ihn täglich wärmet und nähret. Ich ziehe meine vorige Gutwilligkeit zurücke /
damit er ihm nicht einbilde: ich habe mich dazu als aus einer Schuldigkeit
erboten. Ingviomer erschrack über dieser Erklärung / weil er wohl sah: dass
derogleichen entfernte Entschlüssungen zwischen beiden Brüdern einen
unversöhnlichern Hass /als unter Frembden / verursachen würde: daher redete er
dem Feldherrn beweglich zu / und gebrauchte sich aller Gründe / welche ihm die
Nähe des Geblütes und die Staats-Klugheit an die Hand gaben umb ihn zu was
mehrern zu bewegen / als sein erstes Erbieten in sich begrieffen hätte. In
Vergleichen gewäne es den Schein einer Zurückziehung des Erbietens / weñ man auf
dem ersten Gebote stehen bliebe. Flavius wäre nicht nur sein Bruder / sondern
ein bei den Römern hochgesehener Fürst / welchen es an Lock-Beeren nicht mangeln
würde. Also sollte der Feldherr lieber ein übriges tun / als durch Sparsamkeit
ein mehrers /nämlich seinen Bruder und eine Stütze der Cherusker verlieren. Es
wäre rühmlicher nicht einmal fehlen / als hundertmal den Zweck treffen. Denn wie
man die Sonne in ihrer Verfinsterung fleissiger als in ihrer höchsten Erhöhung
betrachtete / also wären der Fürsten seltene Irrtümer durch Beschwerden
keñtbarer /als ihre Verdienste durch Ruhmsprüche. Je heller ein Spiegel wäre /
je klärer zeigte sich darinnen der kleinste Fleck. Er wüste gar wohl / dass der
Feldherr hierinnen so viel Recht als Gewalt hätte. Aber die Anmassung höchster
Gewalt / und die Ausübung schärffster Rechte wäre der Fürsten Fallbrett / und
der Reiche Verterb. Die Freigebigkeit gegen Brüder erforderte ein ander Maas /
als gegen Frembde; und sie hätte durchgehends diese Belohnung: dass sie durch
Beschenckung eines eintzelen Menschen ihr ihrer hundert verbindlich machte.
Alleine der Feldherr war weiter nicht zu bringen / als zu Verwilligung der
Helffte dessen / was er ihm vorher angeboten hatte. Ingviomer machte sich aufs
neue an Flavius / und meinte ihn zu Annehmung des erstern zu bereden / in
Meinung /dass so denn der Feldherr wohl zu Einhaltung seiner ersten Erbietung
würde zu bewegen sein. Nach dem aber Flavius inzwischen von Adgandestern mehr
verbezt / also von seiner hartnäckigen Begierde des Cheruskischen Gebietes
Drittel zu haben nicht gebracht werden konnte; sagte ihm Ingviomer aus Verdruss
über seiner so übel angewehrten Vermittelung: Es wäre ihm leid / dass Flavius
durch seine Härte sich bereit umb die Helffte dessen gebracht hätte / was ihm
der Feldherr anfangs ohne Verbindligkeit gewilligt. Wenn er ihm aber seine
itzige schlechte Verrichtung zu wissen machte / würde der Feldherr Zweifelsfrei
vollends seine Gutwilligkeit zurück ziehen. So höre ich wohl / versätzte der
hierüber entrüstete Flavius /mein Bruder bilde ihm ein / dass er allein vom
Feldherrn Segimer / ich aber von einer Eiche entsprossen /und wie ein Maulwurff
mit weniger Erde zu vergnügen sei. Ich dancke aber meinem Vater / dass ich von
ihm sein Hertz und den Degen geerbet / wormit ich mir eine Herrschaft zu
erwerben getraue / welche hoffentlich meiner Freiheit und dem Gemüte wird
auskommentlicher sein / als die wenigen Spañen Landes / welche man mir noch aus
Gnaden mehr einzuräumen als zu lassen gedacht hat. Hiermit entbrach er sich des
Fürste Ingviomers / und weil die Begierden Mütter der Vorsichtigkeit sind /
verfügte er sich unverwendeten Fusses zu Adgandestern / welcher sich über seiner
Zerfallung mit dem Feldherrn und Ingviomern so sehr erfreute / dass er Not hatte
solche mit angemaasstem Mitleiden über seine so wenige Werthaltung zu verhüllen.
Er vergrösserte seine vorige Vertröstungen: damit er aber bei den Catten und
Cheruskern nicht verdächtigt / noch ihm seine habende Verrichtungen schwer
gemacht werden möchten / riet er dem Flavius sich für seiner Abfertigung nicht
zum Könige Marbod / sondern zu dem nun wieder zu Trier angekomenen Germanicus zu
verfügen / welcher ihn mit offenen Armen bewillkommen / und in aller Vergnügung
unterhalten würde. Weil nun Adgandester ihn schon einmal gekirret hatte / liess
er sich wie die gezähmten Löwen / wohin er winckte / gleichsam an der Schnure
führen / reisete also folgenden Morgen /sonder von jemanden Abschied zu nehmen /
mit wenigen Edelleuten gerade nach Meintz zu. Der Graf von Nassau kriegte zwar
hiervon Wind / und riet dem Feldherrn: er sollte den Flavius / weil er gegen
Inguiomern sich bedraulicher Worte vernehmen lassen /mit Adgandestern geheimes
Verständnis gepflogen hätte / in Mattium oder unterweges anhalten / und
verhindern: dass er ihm nicht irgendswo ein böses Spiel machte. Ein versperrtes
Feuer müste in sich selbst ersticken / wenn es aber Lufft kriegte / wäre es mit
möglichster Zutat vieler Hände nicht zu dämpfe. Der Feldherr aber verwarf
diesen Rat und sagte: Er könnte sich an seinem unvergnügten Bruder nicht wie an
einem lasterhaften vergreiffen. Er traute seinem Bruder nichts feindliches zu /
sollte er sich aber seine Begierden überwinden lassen / wollte er doch die
Ober-Herrschaft über seine behalten / worinnen die gröste Hoheit der Gemüter
bestünde / sonderlich bei Fürsten / welche wenn sie gleich einige Entrüstung in
ihrem Hertzen fühlten / doch solche nicht biss an ihr Ampt sollten steigen lassen.
Er wünschte / dass sein Hof die Eigenschaft seines Hertzens und des Meeres hätte
/ und wie das erste keine Zagheit / das andere keine Leiche / also der Hof
keinen ihm Ubelwollenden in sich lidte / sondern diese als todte Dinge
auswürffe.
    Adgandester ward über Stiftung dieser brüderliche Zwytracht so vergnügt /
dass er durch eine Edelmann solches als einen herrliche Sieg dem Könige Marbod
/und durch einen andern dem Germanicus zu wissen machte. Gleichwohl aber stellte
er sich allentalben an / als wenn er weder von der eigentlichen Ursache noch
dem Vorhaben des Fürsten Flavius das wenigste wüsste / ja er erbot sich gegen
Inguiomern dem Flavius nachzuschicken / und das Unvernehmen zu vermitteln.
Nachdem auch der Feldherr seines Bruders hinterlassenes Geräte aufmercken und
verwahren liess /ward darinnen ein Schreiben Adgandesters gefunden /darinnen er
dem Flavius riet mit dem Feldherrn nicht zu brechen / sich auch erbot / da er
ihm die eigentliche Beschaffenheit ihres Streites eröffnen wollte / er den neuen
Botschafter seines Königs bewegen wollte solchen brüderlichen Zwist zu
vermitteln / oder er möchte belieben den Hertzog Arpus und Ganasch zu
Schieds-Richtern zu erwählen. Aber der Feldherr war viel zu nachdencklich / dass
er ihm diesen blauen Dunst sollte für die Augen mache lassen / als wenn
Adgandester nicht der Rädelsführer dieser Treñung wäre / und daher sagte er
Inguiomern / es würde ihm lieb sein / wenn er sich aller Gemeinschaft
Adgandesters gäntzlich entschlüge / als welcher durch das Gift seiner Bosheit
das Blut der nechste Anverwandte und den Honig der reinesten Liebe und
Freundschaft zu vergällen wüsste. Er wollte auch allen Cheruskern und seinen
Hofe-Leuten derogleichen bei hoher Straffe verbieten. Ob nun zwar Inguiomer
nicht umbsehen konnte / dass der Feldherr zu solchem Verdacht / und /weil die
Bosheit anfälliger als die Pest ist / zu vorhabendem Verbote mehr denn zu viel
Ursache hatte /so lag doch Inguiomern ein grosser Stein seiner heimlichen Liebe
auf dem Hertzen / welcher ihn zurück hielt Adgandestern zu beleidigen. Daher
liess er sich gegen dem Feldherrn heraus: Er täte recht klug / dass er einem
Menschen / wie Adgandester wäre / nichts glaubte. Denn weil Heuchelei und Lügen
so gemein wäre / müste die Leichtglaubigkeit desto ungemeiner sein. Alleine man
müste seinen Unglauben / so viel möglich / nicht mercken lassen / denn diss wäre
nicht viel besser / als dass man denselben / dessen Worte man nicht für Wahrheit
annimt / einen Betrüget oder einen Betrogenen hält; Hertzog Herrmann aber
versetzte: Wenn Adgandesters Lügen nur in Worten bestünden / könnte man
vielleicht noch derselben Wahrnehmung verstellen / so aber steckte sein Betrug
in Wercken / zu welchen man mit Ehren und ohne unverwindlichen Schaden kein Auge
zudrücken könnte. Er wäre ein solcher Ertz-Feind des Cheruskischen Hauses / dass
er es ärger nicht werden könnte. Solchen aber müste man nicht Pflaumen streichen
/ sondern ihnen ihre Bosheit umb ihnen die Scham-Röte abzujagen / in die Augen
sagen / und damit ihnen ihr Hertze nicht so gross wüchse als ihre Galle ist / den
Kopf bieten. Zumal ein offenbarer Feind nur einer Schlange / ein verborgener
aber einem Basilisken zu vergleichen wäre. Er hielte es für keine Klugheit sich
ohne Antung beleidigen lassen / sondern vielmehr für eine Kleinmut / durch
welche ihrer viel zu Grunde giengen / welche wenn sie mehr dem Einraten ihres
Hertzens als denen künstlichen Räncken der Vernunft folgen / ihre Feinde würden
vertilget haben / derogestalt würde der Feldherr noch selbigen Tag sein Verbot
bewerckstelliget haben / wenn nicht gleich vom Könige Marbod ein neuer
Botschafter der Graf von Windisch Grätz ankommen / und zugleich vom Germanicus
die Erklärung eingelauffen wäre: dass er dem Könige Marbod zu Liebe biss zum
Anfange des Mayen mit den Römischen Waffen gegen die Sicambrer und Chaucen
stille halten wollte / wenn sie mit gehörigem Nachdrucke einen billigen Frieden
zwischen ihnen vermitteln wollten. Bei welcher Ereignung sich denn auf Inguiomers
Veranlassung Hertzog Arpus und Ganasch euserst bemühten den Feldherrn zu
besänften /und ihn zum Verschube seines Eivers gegen Adgandestern zu bereden.
Der Feldherr liess dem gemeinen Wesen zum besten sich hierinnen zwar überwinden
/iedoch gab er den Fürnehmsten des Hofes durch den Grafen von Nassau; welcher es
aber als für sich selbst tät / zu verstehen / dass wer von ihm ein gutes Auge
bekommen wollte / müste sich nicht bemühen in Adgandesters gesehen zu sein.
Hingegen empfieng er den Grafen Windisch Grätz mit desto grösserer Freundligkeit
/ und unterliess nichts / was zwischen ihm und Adgandestern Eiver-Sucht zu
erwecken dienlich war. Alleine dieser bekümmerte sich mehr umb nach erst
gelungenem Streiche sein übriges Gewebe auszuwürcken / als mit iemand andern zu
eivern /gleich als wenn auch eine knechtische Unterwerffung /wenn selbte nur zur
Herrschaft den Weg bähnete /nicht unanständig wäre. Der Feldherr / Hertzog
Arpus und Ganasch hielten täglich Unterredungen mit dem Windisch Grätz / wie und
wo der Friede mit dem Hertzoge der Sicambrer am besten vermittelt werden könnte.
Die ersten schlugen Bingen zur Zusammenkunft vor / Marbods Botschafter aber
meinte es ratsamer zu sein diss Werck in Mattium zu versuchen / wo ohne diss so
viel deutsche Fürsten versamlet wären / entweder / weil Adgandester ihm daselbst
schon mehr Werckzeuge seine Anschläge durchzutreiben ausgearbeitet hatte / oder
weil er und Windisch Grätz die Näherung dem Sicambrischen Gebiete / wo das
Kriegs-Feuer zum Schwunge kommen sollte / für eine Gelegenheit hielt die so nahen
Cherusker und Catten durch dessen Funcken anzustecken. Hertzog Arpus und Ganasch
liessen diesen Vorschlag ihnen auch so viel leichter gefallen / weil jenem es in
seinem Eigentume bequämlicher fiel / beide aber ihrer Kinder Beilager auf den
April oder Oster-Monat / in welchem die Deutschen Gotte / wegen Befruchtung der
Erde ein grosses Feier zu halten pflegen / bestimmt hatten. Unter dem Scheine
dieser Friedens-Handlung nam ihm auch Segestes mit seiner Sentia Anlass nach
Mattium zu kommen. Wegen der Römer fand sich auch Cäcina / und wegen des
Hertzogs Melo sein Sohn Franck zu Mattium ein. Die Zusammenkunft Adgandesters
und Sentiens gleichte sich der Vereinbarung zweier schädlicher Sterne / welche
ihren schädlichen Einflüssen einen zweifachen Nachdruck gibt. Die Ursache ihrer
Ubereinstimmung in der Begierde Deutschlande zu schaden ist nicht nötig zu
erforschen / weil die Gemüts-Verknipfung allezeit aus der Gleichheit der
Neigungen den Ursprung hat / Sentia aber solche Begierde mit der Mutter-Milch an
sich gesogen / und Adgandester mit seinen Lastern eingeschluckt hatte. Nachdem
nun beide ihrem Vorhaben nichts vorträglicher zu sein hielten / als Catumers und
Adelmundens Heirat zu hindern schlug die mit allen Bosheiten schwanger gehende
Sentia für / Adelmunden durch gewisse Artzneien unfruchtbar zu machen. Denn /
wenn diese Unfruchtbarkeit offenbar würde /welches sie zu entdecken riete /
würde weder Catumer Adelmunden verlangen / noch Arpus ihre Heirat zugeben.
Bliebe sie aber verschwiegen / hätte Adgandester zum wenigsten Hoffnung / dass
wenn Catumer ohne Erben stürbe / er oder seine Kinder grosse Hoffnung zur
erblichen Herrschaft über die Catten bekämen. Adgandester liess ihm diesen
Vorschlag leicht gefallen / und machten sie eine Gemeinschaft in dieser Bosheit
zusammen / dass Adgandester die Unkosten / Sentia ihre Müh beitragen sollte. Und
wie schwer gleich Segestes dazu kam / musste er doch zugleich mit in ihr Horn
blasen / und einen Handlanger ihren Lastern abgeben. Also gleichet nichts besser
einer Aegel / als ein Weib / welche zwar zuweilen unser Gesundheit zum Besten
unser böses / aber mehrenteils zu unserm Verterb unser bestes Blut / nämlich
die Liebe zur Tugend aussauget. Sentia maasste sich ihres übernommenen Wercks
schlau und vorsichtig an / und / weil der Werckzeug dem Werckmeister gemäss sein
muss / erkiesete sie eine aus Tessalien bürtige Griechin Astree / welche von
einem in Asien dienenden Chauzen geheiratet / und auf den Friesischen Schiffen
von Smyrna in sein Vaterland gebracht / hernach vom Hertzoge Arpus Adelmunden
ins Frauenzimmer gegeben worden war / dass sie ihr die Fertigkeit der
Griechischen Sprache beibringen sollte. Diese hatte mehr Witz / als ihr gut war.
Denn wenn Weiber allzu verschmitzt / Melonen zu reiff werden / taugen sie beide
nichts. Sie hatte durch ihr Singen und Lauten-Spiel ihr alle Höflinge geneigt
/durch ihre Heuchelei und Dienstfertigkeit / welche hei dem Volcke den Nahmen
einer Zauberei / bei der Fürstin aber ihre Würckung hatten / Adelmunden sehr
angenehm gemacht / und durch ihre verschmitzte Erfindungen sich über ihr
Geschlechte und beim Hertzog Arpus in grosses Ansehn gesetzt; so gar dass sie
endlich die Vermessenheit hatte sich in die wichtigsten Geschäffte der
Herrschaft einzuflechten. Weil nun ein Fürst der Bataver Cariovalda durch
allerhand Erfindungen sie gewonnen hatte / war sie bemüht gewest zwischen ihm
und Adelmunden eine Heirat zu stifften / hätte auch sie beinahe dazu beredt
gehabt /wenn nicht Hertzog Ganasch Cariovaldens Anschlag bei Zeiten erfahren /
und solchen unterbrochen hätte /wiewohl Astree sich so rein zu brennen wusste /
als wenn sie selbten mehr verhindert / als befördert hätte. Unterdessen hiess sie
es im Hertzen nicht wenig / entweder weil sie weniger Macht am Hofe zu haben
erfuhr / als ihre Vermessenheit ihr eingebildet hatte /oder weil sie den vom
Cariovalda verhofften Vorteil zu Wasser werden sah. Denn die / welche ihnen
allzu viel zutrauen / halten alle ihre wiewohl törichte Anschläge schon für ein
Teil ihres Vermögens / und daher alle Misslingungen für grossen Verlust. Sentia
war hiervon nichts verborgen / weil sie mit Cariovalden in grosser
Verträuligkeit lebte / und die Hand selbst mit im Spiel gehabt hatte. Weil sie
nun wohl verstand / dass Rache und Geitz mächtig wären / auch sonst nicht böse
Leute in Unmenschen zu verwandeln / dieser Astree Gemüte zu ergründen / und ihr
Vorhaben durch sie auszurichten. Weil die Bosheit aber in ihrem Tun allezeit
missträulich ist / und die ärgsten für tugendhaft angesehen sein wollen / traute
sie ihr nicht selbst iemanden ein so grosses Laster zuzumuten. Einem boshaften
Weibe aber mangelt es niemals an Werckzeugen ihres gleichen. Sentia erkiesete
hierzu einen Bataver / welcher der Astree in Cariovaldens Nahmen ein falsches
Schreiben mit einem paar kostbaren Ohrgehencke von Opalen / einhändigte
/darinnen er von ihr nichts anders verlangte / als dem Uberbringer in allem
völligen Glauben zu geben. Die Geschencke sind eine Mutter der Leichtgläubigkeit
/und dieses bländete Astreen so sehr die Augen / dass sie nichts weniger als
Cariovaldens Hand und Siegel prüfete. Als dieser Bataver sich von Astreen so
bewillkomt sah / sagte er ihr / die übergebene Kleinigkeit würde ein geringer
Vorschmack gegen der Nachfolge sein / wenn Cariovalda Astreen noch für seine
alte vertraute Freundin schätzen möchte. Diese liess sich hingege nicht nur mit
Beteur- und Anbietung grosser Dienste / sondern alsbald ihren Unwillen aus; dass
es ihr missgelückt hätte Cariovalden die Fürstin Adelmunde zuzuschantzen / und
sie wüste nicht /ob sie für Grämung ihr bevorstehendes Beilager mit Hertzog
Catumern überleben würde. Diese Offenhertzigkeit war dem Bataver rechtes Wasser
auf Sentiens Mühle / daher hielt er nicht ratsam mit seine habende Befehle
lange hinter dem Berge zu halte / sonderlich weil die Geschwindigkeit böser
Ratschläge Steuerruder ist. Er sagte daher / ihre Bekümmernis wäre eben der
Stein / welcher Cariovalden auf dem Hertzen läge / also die Ursache seiner
Dahinkunft umb von der klugen Astree Rat zu holen / was für ein Mittel seiner
Verzweifelung abhelffen sollte / weil seine vergällete Liebe und verletzte Ehre
ohne vorhergehende Rache Adelmunden unmöglich vergnügt in frembden Armen sehen
könnte. Seine Zuneigung wäre zwar verloschen / und er sehnete sich nach einem
widrigen Sterne nicht; aber hingegen brennte in seiner Seele die Rachgier
lichterloh / und die Eiversucht fienge nun schon auch an zu lodern. Hierauf zohe
er noch eine lange Schnure Bohnen- grosser Perlen herfür / und meldete; dass
diese auf Adelmundens Beilager zu einem Sieges-Zeichen dienen sollten. Astree
antwortete: Sind sie so starck vergifftet; dass ihre Umblegung tödtlich ist? Der
Bataver sagte: In keinerlei Weise / weil diss Geschencke für Astreen / nicht für
Adelmunden bestimmt wäre / welche Cariovalda auch nicht zu vergiften oder zu
tödten verlangte. Was für ein ander Leid ausser dem Tode meint er denn zu
Abkühlung seiner Rache auskommentlich zu sein? Ihre Meinung wäre: dass Rache /
welche seines Feindes Tod überlebt / und sich nicht will mit in seinen Sarch
versperren lassen / unmenschlich / welche aber sich mit weniger als des Feindes
Tode vergnügte / keine Rache / sondern nur eine Neckerei sei / welche den
Beleidigten reitzete uns Schaden zu tun. Der Bataver schützte für: Cariovalda
würde vergnügt sein / wenn Adelmunde nur durch Astreens Beistand unfruchtbar
gemacht würde. Denn diese Rache würde ihrer langsamen Würckung halber schwer zu
ergründen / Adelmunden aber ein geschwinder Tod weniger / als die Grämung über
ihre Unfruchtbarkeit empfindlich sein; weil sie bei den fruchtbaren Deutschen
für eine grosse Schande gehalten würde. Wenn Astree nun dieses ihrem hohen
Verstande nach ausrichten könnte / versicherte er sie / dass Cariovaldens bekandte
Freigebigkeit gegen sie reichlich überströmen sollte. Astree erklärte sich: Diese
Kunst hätte sie schon längst an Schuhen zerrissen / und wenn diese Verrichtung
ihr nicht ein Kinder-Spiel wäre / würde sie ihres Vaterlandes Tessalien nicht
würdig sein / wo die Zauberei eigentlich zu Hause wäre / und die giftigen
Kräuter ganze Berge überschatteten. Der Bataver möchte sich den siebenden Tag
bei ihr wieder angeben / so hoffte sie Cariovaldens Begehren schon erfüllet zu
haben. Astree sparte inzwischen weder Kunst noch Mühe ein Wasser zu bereiten /
welches die allerfruchtbarste Frau unfruchtbar zu machen vermocht hätte. Wie sie
es nun auf den Morgen und so fort nach und nach Adelmunden unter dem
Brunnen-Wasser /damit sie bei Tische ihren Wein zu mischen gewohnt war /
beizubringen vorhatte / traumte ihr die Nacht vorher sie wäre in Tessalien /
samlete daselbst allerhand giftige Kräuter / und vergiftete einen Brunn; über
dieser Beschäfftigung aber käme zu solchem Brunnen eine überaus schöne Schlange
/ welche auf dem Rücke gleichsam mit Perle überstückt war / und am Kopfe zwei
Ohrgehencke trug. Diese streichelte Astree / und weil sie so kirre war / hieng
sie selbte umb den Hals; von welcher sie aber im Augenblicke erwürgt ward.
Astree fuhr über diesem Traum mit Schrecken auf / und hatte darüber allerhand
Nachdencken. Bald kam ihr in Sinn / dass weil einem in der Nacht ins gemein
träumte / was man des Tages dächte oder täte / hätte dieser Traum wenig auf
sich weil sie etliche Tage und Nächte sich ihres Wassers halber mit vielerlei
Gedancken geschlagen hätte. Wie nun in Africa kein Wunder wäre / dass weil wegen
Sparsamkeit des Wassers so viel unterschiedene Tiere an wässrichten Orten den
Durst zu leschen zusammen kämen / daselbst so seltzame Vermischungen erfolgten /
und so abscheuliche Missgeburten geboren würden; also hätte sie auch dieser
ungemeine Traum nicht zu befrembden. Sintemal im Schlaffe die vielen Gedancken
in das enge Gewölbe des Gehirns / wie die Dünste der Erden in die Lufft empor
stiegen / und wenn sich ein Gedancke an den andern stiesse / so seltzame Träume
gezeugt würden. Bald aber erinnerte sie sich / dass Gott ihrer vielen grosse
Geheimnisse im Traume entdeckt / und sie von gefährlichen Vorhaben abgemahnet /
oder auch was heilsames entdeckt hätte. Insonderheit fiel ihr ein / dass der
grosse Alexander im Traume das Kraut / wormit hernach Ptolomeus geheilet ward um
Rachen eines Drachens gesehen hätte. Dass der noch sehr junge Sophocles im Traume
vom Bacchus ein Trauer-Spiel zu schreiben war erinnert worden / welches ihm über
seine Einbildung wohl geraten. Ja dass Minerva im Traum seines Artztes den
krancken Käyser August ermahnet der Schlacht bei Philippis beizuwohnen / welcher
sonst im Läger verloren gegangen wäre. Ihr kam auch für / dass ein Traum dem
Sylla seinen Tod angedeutet / und dem Pompejus die Pharsalische Schlacht zu
liefern dadurch deutlich widerraten hätte / indem ihm fürgebildet vorkam; wie
er den Tempel der siegenden Venus /von welcher der Käyser seinen Ursprung
herführte /mit allerhand Beuten ausputzte. Ja es klang der Astree stets in ihren
Ohren die vom Sylla dem Lucullus gegebene Warnigung: Er sollte von niemanden
einen treuen und mehr den Stich haltenden Rat erwarten /als was die Götter ihn
im Traume erinnerten. Hierbei erinnerte sie auch ihr Gewissen / dessen Regung
sich in Boshaften nicht bald auff einmal verlieret / dass die Verursachung der
Unfruchtbarkeit so viel Todschläge in sich begrieffe / als die Unfruchtbare
sonst hätte gebehren können. Denn es wäre im Wercke einerlei /das lebende tödten
/ oder hindern / dass es nicht lebte /ja es wäre eine unmenschliche Grausamkeit /
das ungebohrne / welches uns nie beleidiget hätte / ermorden. Nichts desto
weniger leschte die Gewinn-Sucht bei Astreen alle diese Gedancken aus / ihre
Scharffsinnigkeit heuchelte ihr mit dieser Beredung: Wie die Natur uns des Tages
mit wahren Bildern ermunterte /damit wir nicht einschlieffen; also unterhielte
sie uns des Nachts mit falschen Erscheinungen / womit man nicht zu zeitlich
erwache. Zu dem könnte man an dem /was kein Mensch wäre oder nicht lebte / ja gar
nicht in der Natur wäre / keinen Todschlag begehen. Wenn aber ein Weib gleich
schon empfangen hätte / wäre das empfangene noch lange kein Mensch / sondern
anfangs Blut / hernach so viel als eine Pflantze / denn erst ein Vieh / und
endlich machte es die Vernunft allererst zum Menschen. Diesemnach lehrten die
Welt-Weisen / dass Eh-Leute / welche mit mehrern Kindern / als ihr Vermögen oder
die Gesetze zuliessen / überlegt würden / solche abzutreiben befugt wären. Ja
die Gesetze selbst strafften mit einer schlechten Geld-Busse diesen schlechten
Fehler / oder vielmehr Fürsichtigkeit. Wie viel weniger könnte scheltbar sein
/wenn sie die blosse Empfängnüss bei Adelmunden hinderte / und ihr nur diss / was
viel Weiber ihnen selbst antäten / welche sich unfruchtbar machten /dass ihre
Bäuche nicht runtzlicht / ihre Brüste nicht aufgeschwellet / und ihre Antlitzer
nicht entfärbet würden / sie auch so viel mehr ohne Hindernis ihrer Geilheit
abwarten könten. Eine solche verfluchte Unterredung hielt Astree mit sich selbst
/ und hiermit schlug sie alle vorige Furcht zu Bodem / also dass sie ihr
folgenden Tag das vorgenomene Laster auszuüben festiglich fürsetzte. Ihr träumte
aber selbige Nacht /dass sie ihres Nahmens: AASTRHH güldene Buchstaben versetzte
/ und daraus das Griechische Wort: ARTHSH welches heisset: du wirst gehenckt
werden / heraus brachte. Dieser Traum schreckte sie derogestalt / dass sie ihren
höllischen Vorsatz Adelmunden unfruchtbar zu machen gäntzlich änderte. Weil sie
aber entweder für Schande hielt auch in Lastern unbeständig zu sein / oder weil
sie die empfangenen und noch zu erwarten habenden Geschenke sonst nicht mit
Ehren zu behalten oder ferner anzunehmen getraute / schrieb sie an Cariovalden
einen Brief / darinnen sie seine Freigebigkeit wegen überschickter unschätzbarer
Perlen und Opalen / hingegen ihren Gehorsam in seinen Befehlen rühmte / und
hierbei erzehlte; dass sie aus dem Harne eines Wieders / aus Weine / in welchem
ein Meer-Barbe wäre erstickt worden / aus Eppich / Hirsch-Zunge und
Farren-Kraute / ein so kräfftiges Wasser bereitet / und der Adelmunde zubereitet
hätte; dass sie ihr Lebtage nicht schwanger werden könnte. Wormit sie auch diesen
Betrug so viel mehr bescheinigte / händigte sie dem Bataver eine ziemliche
Flasche dieses verdamten Wassers ein; dessen Kräffte er an einem vorher
fruchtbar gewesenen und zeitlich gebehrenden Tiere prüfen möchte / da er es
denn bewährt befinden würde. Der Bataver brachte den Brief / und das Wasser
Sentien /diese es Adgandestern / der Bataver aber machte sich aus dem Staube.
Adgandester / dessen Bosheit / Sieg und Glücke gleichsam auf ihren Flügeln
trugen / ward hierüber so hochmütig; dass er mit sich selbst ratschlagte: Ob es
für ihn dienlicher wäre; dass Catumer eine unfruchtbare Gemahlin heiratete / und
er dadurch Hoffnung bekäme mit der Zeit zur Cattischen Herrschaft zu gelangen;
oder dass durch Entdeckung dieses Lasters die Heirat zwischen Catumern und
Adelmunden / und zugleich die Freundschaft zwischen den Catten und Chaucen
unterbrochen würde. Er schlug sich hierüber eine ganze Nacht mit seinen
Gedancken / wie das Meer mit seinen eigenen Wellen / endlich aber gab seine
Beisorge; dass der jüngere Fürst Catumer ihn aller Vermutung nach überleben /und
damit die Hoffnung seiner Erbschaft zu Wasser machen würde / den Ausschlag; dass
gegenwertige Mispeln besser als künftige Datteln waren / also er ihm lieber aus
alsbaldiger Zwytracht / denn aus künftiger Herrschaft Nutzen schaffen sollte. So
bald es tagte / verfügte sich Adgandester zum Grafen von Hohenstein / durch
welchen Hertzog Arpus Zeiter das meiste mit ihm hatte handeln lassen. Diesem
gab er zu verstehen: König Marbod hätte ihm Befehl zugeschickt dem Fürsten
Catumer seine Tochter und einige Reichs-Erbin zur Gemahlin anzutragen.
Hohenstein warff ein: Ihm wäre bewust: dass Adgandester ja dem Hertzog Flavius
hiervon Hoffnung gemacht hätte; dazu wäre ja Catumer schon mit Adelmunden
verlobet / und der Tag zum Beilager bestimmet. Adgandester versätzte: beides
wäre wahr; aber keine Hindernüs seines Vorhabens. Denn weil bei seiner Ankunft
Catumer schon mit Adelmunden wäre vertiefft gewest; hätte er nicht ihm / sondern
dem Flavius seines Königs Tochter antragen können; welcher aber an der ihn
verlassenden Königin Erato so angefässelt wäre: dass er sein Glücke zu begreiffen
/ und sich eines gewissen zu entschlüssen nicht wäre mächtig gewest. Uberdis
hätte sein König durch solche Heirat nichts mehr gesucht / als mit dem ganzen
Cheruskischen Hause in verträuliche Freundschaft zu geraten; nach dem aber
Flavius / seines Einratens ungeachtet / mit dem Feldherrn öffentlich gebrochen
und sich zu den Römern geschlagen hätte; wäre seinem Könige / welcher wider die
Römer die deutsche Freiheit bis aufs Blut verteidigen würde / die Verbindung
mit dem Flavius nicht mehr anständig. Wegen Adelmunden aber hätte er ein solch
Geheimnüs auf seinem Hertzen / welches sich niemanden / als dem Cattischen
Hertzoge offenbahren liesse. Diesem Vortrage gab er durch Geschencke und
Vertröstungen einen solchen Nachdruck / dass Hohenstein solchen alsbald / und ehe
er noch die Hindernüs der mit Adelmunden geschlossenen Vermählung erfuhr /
seinem Hertzoge als eine zu überlegen nötige Sache vortrug. Hertzog Arpus sah
anfangs den Grafen von Hohenstein sauer an / so dass er ihm sagte: Wer Fürsten
was riete / müste nicht irren; Fürsten aber in Sachen / die ihre und der
Ihrigen eigene Person angiengen / niemanden als ihre eigene Ehre zu rate nehmen
Hohenstein konnte ohne Undanck Adgandestern diese schlechte Abfertigung nicht
verschweigen / welcher sich aber in seinem Vorhaben dadurch wenig irre machen
liess. Denn er wusste bei Fehlschlagung eines Streiches / aus dem Steigereiffen
bald eine ander Fahrt zu finden. Weil Hertzog Arpus ihm nun allzu männlich war /
machte er sich an das Geschlechte / welches von der Natur mehr Schwachheit des
Verstandes / aber mehr Kräfften der Begierden empfangen haben soll. Er hatte
vorhin schon durch seine Freigebigkeit die Gräfin von Regenstein gewonnen /
welche in dem Cattischen Frauen-Zimmer bei der Hertzogin Erdmut den meisten
Stern hatte. Durch diese brachte er der Hertzogin bei / dass er ihr ein Geheimnüs
zu entdecken hätte / daran ihres ganzen Stammes Wolfahrt und Untergang hienge.
Weil nun die Neubegierigkeit ein solch Verlangen auch nach bösen Zeitungen hat /
als schwangere Weiber an Kreide und andern Dingen Geschmack finden /worvor
gesunde Magen Abscheu haben; kriegte er noch selbigen Abend bei der Hertzogin
Erdmut Verhör. Dieser reichte er alleine Astreens an Cariovalden geschriebenen
Brief mit dem dazu gehörigen Wasser /mit Bitte selbten zu lesen; und hierauf zu
urteiln: Ob er als ein Fürst und Freund des Cattischen Hauses ferner gehört zu
werden verdiente. Erdmut erblasste und erstaunete bei Uberlesung dieses
Schreibens so sehr /dass sie die empfangene Flasche Wassers aus der Hand fallen
liess. Welche aber Adgandester auffieng /und sich beklagte / dass durch
Verwahrlosung dieses zauberischen Wassers ein grosser Abbruch der Warheit und
seiner Aufrichtigkeit geschehen sein würde. Erdmut hatte inzwischen die Gedult
nicht den Brief auszulesen / sondern rauffte ihr die Haare aus / und stellte
sich so ungeberdig / dass ihr Frauen-Zimmer aus dem Neben-Zimmer zugelauffen kam.
Adgandester suchte sie möglichst zu besänften / und sagte ihr: Ungedult wäre
keine Artznei / sondern eine Verärgerung des Ubels. Dieses würde auch unheilbar
werden / wenn es die Hertzogin nicht mit dem Pflaster der Geheimhaltung zu
verbinden wüste. Er wollte aber ihrem Schmertzen Zeit / und ihrer Vernunft sich
zu erholen Lufft lassen / und so deñ hoffentlich dieser Kranckheit noch eine
lindernde Artznei an die Hand geben. Erdmut lief mit tränenden Augen und
schlagendem Hertzen zum Hertzog Arpus / und weil sie der Schmertz stumm gemacht
hatte / musste Astreens Brief Redner für sie sein. Arpus ward hierüber gleichfals
wie von einem Donnerstrahle gerührt. Er stand eine gute Zeit ohne Bewegung / und
die erste war ein aus dem innersten Hertzen geholeter Seuffzer. Hierauf brach er
in diese Worte aus: Ist es möglich /dass der Himmel so verteufelte Gemüter einen
Tag Lufft schöpfen lässt / welche der Natur Gewalt antun? Warumb lässet diese zu
ihrer eigenen Entkräfftung so schädliche Kräuter wachsen? Welch höllischer Geist
hat der menschlichen Bosheit so schädliche Geheimnisse entdeckt? Welches wird
uns anständiger sein; unsere Zusage zu brechen / oder unser Geschlechte vergehen
zu lassen? Noch viel kläglicher gebehrdete sich Erdmut / also / dass ob zwar
Arpus ihr einen ihm selbst nicht hertzlichen Trost zusprach / sie nicht zu
besänftigen war / und er sie also zur Ruh zu bringen befehlen musste. Er selbst
verschloss sich in sein innerstes Zimmer / sonder einigen Menschen fürzulassen:
Seine Einsamkeit aber war mit etlichen tausend Gedancken und Ratschlägen
beunruhigt. Bald schien ihm Astreens Laster /welche er und Catumer nie beleidigt
/ ihr aber oft Woltaten erzeugt / unglaublich / und Adgandesters Angeben
verdächtig zu sein. Aber Astreens ihm mehr als zu wohl bekandte Hand verstrich
leicht dieses Bedencken. Er konnte Cariovalden als einem Fürsten eine so
schwartze Bosheit nicht zutrauen / aber weil er von seiner zur Adelmunde
getragenen Liebe gute Wissenschaft hatte / schien ihm nichts zu abscheulich zu
sein / was die Eyversucht nicht gebehren könnte. Mit Adgandestern wäre zwar
vorsichtig umbzugehen; aber seiner Offenbarung Aufrichtigkeit zu prüfen /
welcher aus einer unfruchtbaren Eh des Fürsten Catumers so viel Vorteil zu
hoffen hätte. Ein Gran Misstrauens wäre wohl gut / aber mehr eben so wohl als Gift
in Artzneien schädlich. Nach dem nun Arpus lange mit sich selbst gestritten /
aber sich nicht zu vergleichen vermocht hatte; berief er den Grafen von
Hohenstein / ob er gleich verstand: dass Fürsten bei grossen Gemüts-Regungen
sich niemanden sollen sehen lassen. Diesem wiess er Astreens Schreiben /und
sagte: dieses ist das vermutete Geheimnüs Adgandesters. Hohenstein lass selbtes
mit grosser Entsetzung / und ob wohl kluge Räte ihrer Fürsten / was sie wollen /
an den Augen ansehen sollen / wusste er ihm doch aus des Hertzogs Anzeigungen
nichts zu nehmen. Hohenstein aber / welcher nicht weniger Hertze als Vernunft
hatte / fieng zum Hertzoge Arpus an: Es ist in Warheit dieses ein so
unvermutetes Unglück /welches einem bei klarer Lufft sich ereignendem
Donnerschlage zu vergleichen; bei welchem es auch hertzhaften zu verzeihen ist
/ wenn sie darüber auffahren. Alleine ein Weiser muss doch solche Veränderungen
sich nicht ganz aus den Angeln seines gesätzten Gemütes heben lassen / sondern
bei Epp und Flutt der menschlichen Zufälle ein so gleiches Gesichte und einen
unerschrockenen Geist behalten als ein Schiffer beim Sturme / welcher das
Steuer-Ruder nicht aus der Hand fallen / noch selbtes der Höfligkeit der Wellen
überlässt / sondern des Ungewitters Meister zu werden sich bemühet. Die
schleichenden nicht die mit grosser Hefftigkeit ansätzenden Kranckheiten wären
die gefährlichsten; und in diesen verführte uns auch öffter Verzweifelung als
Hoffnung. Die / an welchen man stürbe / und daran man genesete / hätten einerlei
Ursprung. Daher / wenn man alle mögliche Mittel angewendet / wäre am ratsamsten
Gott ohne knechtische Zagheit den Ausschlag heimzustellen /und sich in gutem
Vertraue in die Hände des Verhängnisses zu werffen. Fürnemlich hätte Hertzog
Arpus in diesem nicht aus seiner Schuld / sondern frembde Bosheit herrührendem
Ubel guten Mut zu schöpffen Ursache. Denn nichts als unsere Fehler wären unser
Unglück. Wer durch anderer Arglist nicht durch eigene Unvernunft umb etwas käme
/wäre viel glücklicher / als der durch Laster grosse Dinge ausübte. Zu
geschweigen / dass oft was die Stirne keines geringen Unglücks hätte / uns zum
besten gereichte. Daher müste man nicht allemal das Glücke rechtfertigen / aus
was Ursachen sie dis oder jenes schickte. Weiter wollte sich der Graf von
Hohenstein dismal nicht vertieffen / sondern die ersten Gegungen durch die Zeit
ein wenig abkühlen / wie auch des Hertzogs und des Hofes Neigungen besser herfür
kriechen lassen. Weil nun Hertzog Arpus der Sache nachzudencken / und folgenden
Morgen mit ihm Rat darüber zu halten sich vernehmen liess / bat er den Hertzog;
er möchte zum wenigsten den klugen Fürsten Jubil / welcher wegen der ihm
verlobten Fürstin Catta an dieser Sache nicht wenig Teil hätte / dazu ziehen;
teils weil er ein so wichtig Werck / und damit alle Gefahr nicht allein seinen
Schultern aufzuhalsen / teils den Fürsten Catumer zu dem / wohin er zielte /
ohne grosse Zutat zu bringen getraute. Die Nacht hatte Hertzog Arpus und die
fürnehmsten des Frauen-Zimmers mehr denn zu viel mit der Hertzogin Erdmut zu
schaffen / umb die heftigen Aufblehungen ihres Unmuts nur ein wenig zu
besänftigen. Welches diesen desto schwerer fiel / weil sie die Ursache einer so
ungemeinen Bestürtzung weder wussten / noch darnach fragen dorfften. Daher wussten
sie der mehrmals in Ohnmacht fallenden Hertzogin wenig anders einzuhalten; als
dass der neue Schmertz zwar wehklagens würdig wäre / uñ die Trauernüs endlich zum
Troste diente / gleichwol aber auch bei eusersten Ubeln das Gemüte zu
befestigen / insonderheit aber von Fürsten ein Unglück viel hertzhafter als von
gemeinen Leuten aufzunehmen wäre. Hertzog Catumer kriegte von diesen
Verstellungen zwar Wind / weil aber der Graf von Hohenstein gegen ihn seine
Unwissenheit fürschützte / wusste ihm keine Seele die Ursache zu sagen. Früh als
sich Hertzog Arpus mit dem beruffenen Jubil und Hohenstein in der Hertzogin
Gemache mit einander verschlossen / ward ihm die Sache / dass sie ihn angehen
müste / weil er wider Gewonheit von dieser Heimligkeit ausgeschlossen würde /
ihm auch von etlichen Tagen her das Hertze sehr schwer gewest war / desto
verdächtiger; daher er sich mit tausenderlei Gedancken zu schlagen anfieng.
Unterdessen wiess Hertzog Arpus dem Fürsten Jubil der Griechin Brief und Wasser.
Es ist unschwer zu ermässen / was dieser Fürst / welcher mit der Tugend in festem
Bündnisse stand / und die Fürstin Adelmunde überaus hoch hielt / hierüber für
Empfindligkeit fühlte. Seine erste Frage war: Ob eine so schwartze Tat möglich
zu glauben wäre / woher dieser Brief käme /und ob auch dis die wahre
Handschrifft der Griechin wäre. So bald er nun vernam / dass er aus Adgandesters
Händen käme / sagte er: es wäre dis sonder Zweifel eine Verfälschung dieses
betrieglichen Feindes aller redlichen Leute. Aber die Hertzogin Erdmut brachte
mehr als zwantzig von dieser Griechin an sie abgelassene Briefe herfür / welche
an Schrifft und Siegel mit dem ihr Laster bekennenden Schreiben auf ein Haar
überein kamen / also dass Hertzog Jubil daran zwar nicht zweifeln konnte / aber
urteilte: die Erfindung dieses Schelmstücks rührte sonder Zweifel von
Adgandestern her / welcher die Bosheit erfunden / welche jene ausgeübt. Hertzog
Arpus mühte sich ihm dis auszureden; weil Adgandester selbst der Entdecker
dieses Bubenstücks; niemand aber so unsinnig wäre sein eigenes Laster zu
verraten. Alleine Jubil antwortete: es wäre nichts neues sein eigenes Laster
mit anderer Beschuldigung verhüllen / und seinem Werckzeuge vom Brodte helffen.
Hertzog Arpus fieng an: dieses würde nielleicht die Zeit und das peinliche
Gerichte über die Griechin eröffnen; nun aber wäre zu beratschlagen / was zu
tun; ob beizeite nach der Griechin zu greiffen / und Catumern dis Geheimnüs zu
entdecken wäre? Sie waren im ersten leicht einig sich alsbald der Ubeltäterin
zu versichern; weil einer Ubeltat ihnen bewusste Leute stets furchtsam / und bei
jedem sich rührenden Winde argwöhnisch wären /also sie leicht entkommen / und
dardurch die Warheit dieses Lasters zu unsäglichem Nachteile des Cattischen
Hauses streitig machen könnte. Hertzog Jubil übernam auch selbst beim Hertzog
Ganasche ihre Bestrickung zu verschaffen; und diesem Laster auf den Grund zu
kommen. Ob nun wohl Hertzog Arpus dis /was er auf erwiesenen Fall solcher
Unfruchtbarkeit zu entschlüssen willens wäre / nicht mercken liess; so spürete
doch Hohenstein zum teil seine Neigung aus. Denn wie ein Fürst wissen soll sein
Gemüte zu verbergen / also ist der kein kluger Diener / der es nicht zu
ergründen weiss. Diesemnach warf Hohenstein inzwischen alsbald zu überlegen auf /
ob es nicht ratsam wäre / dieses wichtige Ding dem Fürsten Catumer alsbald zu
entdecken / und dafern das Laster wahr gemacht würde / ihn beizeite zu gewinnen
von dieser Heirat abzustehen; ehe er durch andere Meinung eingenommen würde.
Denn die erste / wie irrig sie gleich wäre / meinte stets im menschlichen
Hertzen ein Vorrecht zu haben / und wäre so schwer als der Geruch aus einem mit
was angemachten Gefässe zu bringen. Insonderheit wäre nichts hartnäckichter als
die einem zarten Hertzen eingedrückte Liebe /welche sich insgemein so schwer aus
dem Gemüte /als ein Geburtsmaal aus dem Gesichte bringen liesse /und öffter
verdeckt als vertilgt würde. Erdmut / welche nicht nur wusste / wie heftig
ihres Sohnes Liebe gegen Adelmunden loderte / sondern auch selbst sie inbrünstig
lieb hatte / fieng hierüber an: Was würde durch Zerstörung dieser dem Fürsten
Catumer nicht für Hertzeleid / und der unschuldigen Adelmunde nicht für unrecht
angefügt werden? Ich gestehe es /antwortete Hohenstein; aber / würde durch
Vollziehung einer unfruchtbaren Heirat nicht dieses Cattische Haus über einen
Hauffen geworffen werden? Dieses zu erhalten / müste man alle vermeinte
Vergnügungen zerstören / und alle seine Behägligkeit der gemeinen Wolfahrt
aufopffern. Jubil ward dem Hohenstein beizupflichten gleichsam gezwungen / damit
er nicht den Schein von sich gäbe / als wenn er bei ausleschendem männlichen
Stamme die Cattische Herrschaft in der Fürstin Catta an sich zu ziehen lüstern
wäre. Daher sätzte er bei: Hohenstein riete hierinnen als ein treuer Diener.
Ein Fürst müste ihm weh tun / dass seinem Hause und Reiche wohl sei. Und also
würde auf allen Fall sich nur auch Catumer bescheiden müssen; dass / weil er der
einige Sohn des herrschenden Hauses über die Catten sei / er diesen ihm von GOtt
zu geworffene Vorteil nicht zu desselben Untergange missbrauchen müste. Hertzog
Arpus fieng hierauf an: Fürsten sind keinem Gesätze unterworffen als diesem
Höchsten; dass er sein Haus uñ sein Volck erhalte; Er befahl auch dem Grafen von
Hohenstein / dass er bei Catumern deshalben das Eis brechen sollte. Ob er nun zwar
bei diesen Fürsten einen schweren Stand zu haben vorher sah / verliess er sich
doch auf den Befehl seines Herrn / uñ auf sich selbst. Hertzog Jubil verfügte
sich gerade Weges zum Herzog Ganasch / Hohenstein aber zum Fürsten Catumer.
Diesen fand er in seinem Zimer einsam und schwermütig. Hohenstein hatte nur die
Schwelle überschritten / als der Fürst anfieng: Ob er ihm käme das Verbrechen zu
sagen: warumb man einen Erb-Fürsten aus dem geheimen Rate ausschlüsse / darein
man einem Frembden und einem Untertanen den Eingang erlaubte! Hohenstein
antwortete: Seine Ehrerbietigkeit gegen ihn wäre nicht geringer als sein
Gehorsam gegen seinen Herrn; daher würde er sich nimmermehr unterstehen einen so
schädlichen Werckzeug abzugeben. Seine Verrichtung aber würde nicht weniger
seine Unschuld / als des Hertzog Arpus Vorsicht rechtfertigen / warumb er den
Fürsten nicht so bald ihrer Bekümmernüs teilhaftig gemacht; Weil sie ihn am
meisten angienge / und daher ihm am empfindlichsten sein würde. Catumer erholete
sich hierüber / und sagte: So sollte er ihm denn ohne ferneren Umbweg solches
länger nicht verschweigen; weil der verborgene Vorschmack eines Ubels allezeit
unleidlicher wäre / als das Ubel selbst. Hohenstein antwortete: Es wäre leider
grösser / als die Beisorge es ihm fürbilden könnte. Denn es hätte eines
zauberischen Weibes Bosheit die unvergleichliche Fürstin Adelmunde in einen
solchen Zustand gesätzt / dass sie ihn zuheiraten nicht mehr fähig wäre. Catumer
fuhr hierüber auf: Was für einen blauen Dunst will man mir für die Augen mahlen?
was für ein Laster weiss die Verläumbdung der tugendhaftesten Fürstin in der Welt
anzutichten; von welcher ich erst für wenig Augenblicken ein eigenhändiges
Zeugnüs ihres Wolstandes und ihrer Treue empfangen habe. Es wäre dis der erste
Streich derselben Diener / welche ihrem Herrn zu Kopffe wachsen wollten; dass sie
den Lasterhaften die Pforten der Eyre öffneten / für Tugendhaften aber die des
Hofes versperrten. Hohenstein aber verhörte dis als eine ihn nicht angehende
Beschuldigung / und sagte: Wolte Gott! die tugendhafte Adelmunde wäre so frei
von Gebrechen des Leibes als des Gemütes. Sie trägt leider ohne ihre und der
Natur Schuld was an sich / was sie nicht weiss / und / wenn wir es nicht wüsten /
unser und Catumers euserstes Unglück wäre. Wir sind aber dem göttlichen
Verhängnisse hoch verbunden / dass er es uns hat lassen zur Wissenschaft kommen.
Catumer konnte es gar nicht begreiffen / und daher stiess er nicht ohne Ungedult
aus: so lasse man mich doch auch dis seltzame Ubel wissen / welches durch die
Wissenschaft seine Schädligkeit verlieren soll; da sonst die Unwissenheit der
Ubel und der Gefahr insgemein ein Teil der Glückseeligkeit und ein Mittel des
Heiles ist. Hohenstein wollte nicht länger hinter dem Berge halten / sagte ihm
also: dass die zaubrische Astree Adelmunden unfruchtbar / und hiermit zu ihrer
höchsten Bestürtzung und ganz Deutschlandes Unheile ihrer beider Heirat zu
Wasser gemacht hätte. Catumer erblaste / erstarrte und verstummte hiermit auf
einmal / konnte sich auch nicht erholen / sondern liess Catumern stehen / und
verschloss sich in sein innerstes Gemach / in welchem er /nach dem er aus seiner
Gemüts-Verwirrung nur ein wenig zu sich selbst kam / mit den Anfechtungen der
Liebe und der Staats-Klugheit so viel zu kämpffen bekam / dass er sich aus
solcher Verwirrung nicht auszuwickeln wusste.
    Mitler Zeit kam der Hermundurische Fürst zum Chaucischen Hertzoge / und
sagte ihm: dass die Wolfahrt Deutschlandes und die Ehre seines Hauses erforderte
Astreen wegen eines grausamen Lasters / dessen er sie im Augenblicke überzeugen
wollte / für sich zu erfordern / und bei ihrer Erscheinung augenblicks Anstalt zu
machen all ihr Geräte zu versiegeln. Dem Hertzoge Ganasch kam zwar dis
bedencklich für /weil er aber wegen des mit Cariovalden gepflogenen
Verständnüsses Zeiter ein argwöhnisches Auge auf Astreen gehabt hatte / und
gegen dem Hertzoge Jubil nicht gerne einig Misstrauen blicken lassen wollte /
befahl er alsbald Astreen zu erfordern. Diese war in ihrer Bosheit schon so
abgehärtet / dass ihr Gewissen mehr keine Regung fühlte / und daher fand sie sich
mit lachendem Munde und freudigem Geiste ins Zimmer ein. Hertzog Jubil fragte
sie alsofort: wie lange es wäre / dass sie vom Fürsten Cariovalda das letzte
Schreiben bekommen hätte? bei dieser Frage schoss Astreen derogestalt das Blat /
dass ihr Antlitz alle Röte / und ihre Zunge die Sprache verlohr; also dieses
ihrer Frechheit sonst ungewohnte Schrecken sie auch beim Hertzog Ganasch eines
bösen Gewissens schuldig machte. Nach einem langen Stillschweigen antwortete sie
endlich: Sie hätte seit der Zeit / dass Cariovalda dem Chaucischen Hause für
unanständig wäre geachtet worden / mit ihm keine Briefe gewechselt. Denn sie
hätte allezeit für Klugheit geachtet sich nicht weniger der Unglücklichen zu
entschlagen / als im Spiele böse Karte wegzuwerffen / weil das Unglück insgemein
ein Kind und Laster der Torheit /dis aber nicht allein anfällig wäre / sondern
auch die Unart hätte / dass mit einem ihrer hundert einschliechen. Jubil hielt
für ratsam bei ihrer Bestürtzung mit Nachdruck auf sie zu dringen / und dieser
arglistigen Meisterin schlimmer Tücke nicht viel Lufft zu lassen /zohe daher
ihren Brief herfür / und fragte: Ob sie solchen nicht für ihre Hand und Siegel
erkennte? Astreen war dieses zwar ein Donnerschlag ins Hertz / aber nach dem die
erste Heftigkeit des unversehnen Sturmes vorbei war / behielt sie wie die einmal
von dem Froste bereifften Gewächse einerlei Farbe; Leugnete also mit frecher
Gebehrdung beides Hand und Siegel. Jubil brachte alsbald unterschiedene andere
Briefe herfür / und fragte: Ob sie denn auch in diesen ihre Schrifft und
Petschaft leugnete? Astree ward hierüber aufs neue blass; denn ob sie ihr zwar
das mit Gefahr begangene Laster mit Hartnäckigkeit auszuleschen vermeinte /
stehet doch die Bosheit niemals auf festem Fusse. Insonderheit traute sie in
diesen ihre Hand und Siegel nicht zu verneinen / weil die Ausschrifft ihr
zeigte: dass sie an die Hertzogin Erdmut geschrieben waren. Jubil nam ihr
Zugeständnüs alsofort für bekandt an / hielt also den ersten Brief gegen diese;
und sagte: Ob sie nunmehr ohne euserste Unverschämigkeit nicht bekennen müste:
dass eine Schrifft so wie eines Menschen Auge / oder ein Ey dem andern ähnlich
wäre! Astree versätzte: die Bosheit der Menschen wäre in Nachmahlung anderer
Hände so hoch gestiegen; dass einer selbst eine falsche Schrifft für seine eigene
ansehen sollte. Jubil aber begegnete ihr: Wenn diese Ausflucht gielte / würde
niemand mit seiner eigenen Hand / welche in Rechten der kräfftigste Beweis wäre
/ überwiesen werden können. Weil sie aber die Aehnligkeit beider Schrifften
zugestünde / wäre sehr verdächtig / dass sie den ersten Brief geschrieben zu
haben geleugnet hätte / ehe sie ihn gelesen. Astree schützte für: weil sie an
Cariovalden nie geschrieben / hätte sie den Inhalt zu erforschen nicht nötig
gehabt. Aber / sagte Jubil / hätte sie doch nicht einst die Uberschrifft / dass
sie an Cariovalden lautete / gesehen. Astree versätzte: Weil er sie bald anfangs
umb die Briefwechselung mit Cariovalden befraget / hätte sie kein anders von dem
vorgezeugten mutmassen können. Jubil fieng hierauf an: Weil denn deine Schrifft
dich zu überweisen nicht genung sein soll; so wollen wir das Siegel durch
Aufdrückung deines eigenen Siegel-Ringes prüfen. Astree trug selbten am Finger /
und also konnte sie sich nicht weigern selbten herzugeben: welcher sich denn in
das gedrückte Wachs vollkommen schickte. Sie aber schützte für; dass sie schon
für zwei Jahren einen verloren hätte. Welchen jemand zu ihrem Nachteile hätte
missbrauchen können. Aber Jubil hielt ihr ein: Was denn dis für ein grosser
Künstler gewest wäre /der den letztern dem ersten so gleich hätte machen können;
dass er keines Sonnen-Staubes gross vom vorigen verändert wäre! Astree warf zu
ihrer Ausflucht ein: Auch das neue hätte ihr niemand nachstechen köñen / weil
die Künstler so gar das aufgedruckte Wachs in Ertzt einzudrücken wüsten. Jubil
aber hielt ihr ein: Woher sie diese Träume erweisen wollte? die am Tage liegende
Warheit liesse sich auf diese Art nicht verfinstern / und alle ihre Glieder
würden die Bosheit ihrer Zunge verfluchen; dass sie durch unverschämte Verneinung
der Warheit ihnen so viel Pein zuzüge. Hierauf liess er auch die von ihr gefüllte
Flasche Wasser herbringen / mit beigesätzter Frage: Ob dieses nicht ihr
Gemächte; und zu was für einem Laster selbtes bereitet wäre? Aber auch dis waren
Astreen nie gesehene und gleichsam aus der Höle der Monden Berge hergeholete
Dinge. Hertzog Ganasch hatte Zeiter allein zugehöret / nunmehr aber konnte er
seine Begierde Astreens Laster zu erfahren nicht mehr hinterhalten. Welchem denn
Hertzog Jubil Astreens an Cariovalda geschriebenen Brief mit diesen Worten
einhändigte: Wolte Gott! ich dörffte einen so redlichen Fürsten nicht mit einem
so grausamen Bubenstücke betrüben! Hertzog Ganasch erblasste über diesem
Schreiben / und wäre mit den Worten: O höllische Unholdin / Astree! gleich als
er vom Schlage gerühret würde / zu Bodem gefallen / wenn ihn nicht Jubil noch
gefangen hätte. Weil dieser sich mit jenem armte / schlingete ihr Astree ein
Tuch um den Hals /und war bemüht sich zu erwürgen. Also hat nicht nur innerlich
das Gewissen / sondern auch in verzweifelten Wercken jedes Laster die Straffe
der Bosheit in sich / und sie hält es noch für Gewinn / wenn sie das andern
eingeschenckte Gift auszutrincken das Glücke hat. Aber Jubil / welcher den
Hertzog Ganasch auf einen Stul brachte / ward Astree gewahr / und hinderte ihr
verzweifeltes Vorhaben / gab auch zugleich ein Zeichen / dass die im Vorgemache
aufwartenden Edelleute ins Zimmer kamen. Ganasch hatte inzwischen ein wenig
Lufft geschöpfft / befahl / dass man die verfluchte Zauberin Astree mit Händ und
Füssen in Fessel schlagen / und den Schlüssel zu ihrem Gefängnisse ihm selbst
zur Versicherung einhändigen sollte. Er selbst verfügte sich mit dem Hertzoge
Jubil in ihre Zimmer / bei welcher Durchsuchung sie nicht nur die in Astreens
Schreiben angezogene Perlen und Opalen / sondern auch gar noch eine ganz
gleiche Flasche des verfluchten Wassers fanden. Ganasch konnte bei so gestalten
Sachen am verübten Laster nicht mehr zweifeln; daher bemeisterte ihn der
Schmertz so sehr /dass er ihm die Haare ausrauffte / mit dem Kopffe wider die
Wand lief / und von einem unsinnigen Menschen wenig unterschieden war. Bald
schüttete er die grausamsten Flüche auf Astreen aus / bald beklagte er das
Unglück seiner so lieben Tochter / bald sein eigenes Elend. Bald wandelten seine
bösen Wünsche sich in Wüten / seine Ohren waren gegen allen Trost verstopfft /
Hertzog Jubil hielte ihm zwar ein: die Verzweifelung als die letzte Raserei der
unvernünftigen Unglücks-Kinder stünden keinem ehrlichen Manne /weniger Fürsten
an / und sie hülffe dem Unheile nicht ab / sondern sie vergrösserte es / und
machte aus einem zwei. Er sollte nicht vergessen / dass er Ganasch wäre / nämlich
derselbe Hertzog / der vielen ihr Unglück so kräfftig auszureden gewüst hätte.
Es wären aber schlechte Aertzte / die andere nicht sich gesund zu machen wüsten.
Das törichste Genesungs-Mittel aber wäre eine Bestürtzung / die keine Hoffnung
hätte. Alleine seine Brust kochte von den holen Seufzern / die Augen aber waren
versteinert / dass sie mit dem Schmertze nicht eine Träne ausschütten konten.
Weil nun Hertzog Jubil mit dem Hippocrates einerlei Meinung war / dass man
verzweifelte Leute nicht mit Artznei übereilen sollte; überliess er zweien seiner
vertrautsten Edelleute die Beobachtung des Chaucischen Hertzogs / mit der
Erinnerung: dass weil seine Ungedult aus einem grossen Geheimnisse herrührte /sie
niemanden anders keinen Zutritt erlauben sollten. Hiermit verfügte sich Hertzog
Jubil an den Cattischen Hof / und erzehlte dem Hertzoge Arpus; wie leider!
Astree / ungeachtet ihres Leugnens / durch so viel handgreifliche Merckmaale
ihres Lasters überwiesen worden / und ihr vorgehabter Eigen-Mord an statt des
Bekäntnüsses wäre. Dem Hertzoge Arpus und seiner Gemahlin wurden hierdurch aufs
neue ihre Wunden aufgerissen / und diese wollte nun fast in Tränen zerrinnen.
Jener aber sagte: Es wäre dieser Zufall leider zwar ein grosses Unglück / aber
man müste aus einem nicht ihrer zwei machen. Adelmunde wäre deswegen von aller
Welt würdig zu beweinen / wie von denen vollkommensten Fürsten zu lieben / aber
von dem /der einen Stamm fortpflantzen sollte / nicht zu heiraten. Liebe wäre
zwar das Siegel der Ehren / aber nicht ihre End-Ursache. Daher ersuchte er den
Fürsten Jubil / er möchte dem Hertzoge Ganasch vernünftig vorstellen: dass bei
so gestalten Sachen Catumers und Adelmundens Heirat ihren Fortgang nicht haben
könnte / und dem Grafen von Hohenstein befahl er Catumern diesen seinen Schluss
vernünftig beizubringen. Dieser machte die bisher stumme Fürstin Erdmut
redende / dass sie anfieng: Werden wir aber nicht auf solche Weise unsern Sohn
aller Vergnügung / die unschuldige Adelmunde aber ihrer Ehre und Lebens
berauben? Hertzog Arpus aber antwortete ernstaft: Es wäre ein Urteil der
Wahnsinnigen ihm lieber an wolschmeckenden Sachen den Tod / als an Rhabarbar
sich gesund essen. Erdmut verlohr hiermit das Hertze was ferner einzuwenden;
verfügte sich aber dem Hohenstein zum besten zu ihrem Sohne / und brachte ihm
nichts wider die Warheit des Unglücks als den Vorschmack des väterlichen
Schlusses bei / durch welchen er so verwirret war / dass er selbigen Tag und
Nacht keine Menschen / und darunter auch den Grafen von Hohenstein nicht vor
sich lassen wollte. Folgenden Tag liess er ihn vor / er war aber so verstellt /dass
niemand frembdes ihn für den sonst so freudig und freundlichen Fürsten angesehn
hätte: Hohenstein gab sein Mitleiden über Catumers Traurigkeit zu verstehen /
und ersuchte ihn selbte zu mässigen. Denn diese wäre eine der gefährlichsten
Schiffbruchs-Klippen eines Fürsten. Catumer fragte: Ob es denn gewiss wäre / dass
Adelmunde von Astreen wäre unfruchtbar gemacht worden? Hohenstein antwortete:
Sie leugnete es zwar / aber Hertzog Jubil hätte mit solchen Gründen sie
überwiesen: dass sie sich selbst hätte erwürgen wollen / und Hertzog Ganasch sie
in Band und Eisen schlüssen lassen. Hilf Himmel! Ist dieses wahr; wie mag man bei
dem grösten Unglücke der Welt meinem Trauren Mängel ausstellen! Es ist ein
grosser Irrtum sich über dem nicht bekümmern / was durch kein Mittel zu heilen
wäre. Hohenstein versätzte: Hoffnung wäre des menschlichen Lebens Zehr-Pfennig /
und er hätte am Hertzoge Arpus einen so holden Vater / welcher alle seine Sorgen
zu Verminderung eines so grossen Unglücks anwendete. Catumer fiel ein: Was für
eine Verminderung wäre wohl in einem so unermässlichen Ubel auszusinnen!
Hohenstein gab zur Antwort: Freilich wohl keine andere / als wenn Hertzog Arpus
mit dem Chaucischen Hertzoge ein freundliches Vernehmen träffe / dass er mit der
unglücklichen Adelmunde die Eh nicht vollziehen dörffe. Catumer fuhr hiermit
auf: Was! will man meine Bestürtzung durch ein so grausames Mittel in
Verzweifelung verwandeln! Wil man nach verlohrner Hoffnung und Freude meiner Eh
/ mir nun auch mit meiner Treue meine Ehre rauben / und mit Adelmunden mir das
Hertze aus dem Leibe reissen! Wil man mich unglückliche hierdurch nun auch zu
einem Eydbrüchigen machen; welchen Hertzog Ganasch anzufeinden / Adelmunde zu
verfluchen / die Welt zu verachten / der Himmel zu verdammen das beste Recht
haben würde. Hohenstein begegnete ihm: Catumer möchte doch kein schärffer
Richter wider sich selbst sein; als kein Mensch in der Welt wäre. Das Recht der
Völcker stünde auf seiner Seite; die Billigkeit redete ihm das Wort / und alle
Chaucen würden bekennen müssen: dass ein Mann so wenig eine wissentlich
unfruchtbare Braut / als ein Weib einen unvermögenden Mann zu heiraten
schuldig; ja die zwischen solchen Leuten vollzogene Ehen ungiltig wären / und
ein unfruchtbar Weib mit gutem Fug verstossen würde. Dieses wäre Bürgern ja dem
Pöfel verstattet / wie sollte es denn Fürsten unanständig sein / da die
Fortpflantzung ihres Stammes die Wurtzel der allgemeinen Wolfahrt wäre. Catumer
brach ein: dis möchte vielleicht noch verantwortlich sein / wenn eine schon für
ihrer Eh-Versprechung unfruchtbar gewest / und wissentlich diesen Gebrechen
verschwiegen hätte. Was aber hätte der vollkommenen Adelmunde bei ihrer
Verlobung gemangelt? Wäre diese tugendhafte Fürstin nicht an diesem Unglücke
unschuldig? daher erkennete er sich in seinem Gewissen überwiesen / von der
Tugend verurteilt: dass er Adelmunden heiraten / oder den Verlust seiner Ehre
und Unglücks ihm auf den Hals ziehen müste. Daher sollte sich Hohenstein wohl
bedencken /dass das Hertze seines Vaters / welches er zu besitzen das Glück hätte
/ ein Siegel-Ring Gottes wäre / welches man durch Einratung etwas unrechten
nicht versehren sollte. Es wäre ein Kennzeichen eines untreuen Dieners / wenn er
dem Unrechte und den Lastern eine Farbe des Rechtes und der Tugend anstrieche /
oder den Fürsten beredete: Weil die Frömmigkeit allzu schwer drücke / wäre es
nicht nötig / dass er so gar fromm wäre / sondern vielmehr genung / wenn er nur
nicht euserst böse wäre. Ihm wäre nicht unbekandt /dass wohl ehe Diener ihre
Fürsten beredet; es gielte gleich: ob sie für sich selbst sich mit der Tugend
überladen wollten oder nicht; es wäre genung / dass sie vom Volcke für tugendhaft
angesehn / und nur die Untertanen dazu angeleitet würden; gleich als wenn die
Perlen einer Magd anständiger / als einer Königin wären. Er wüste den Grief wohl
/ damit etliche alle gute Gesätze vertilgten / wenn sie nämlich als das oberste
Gesätze Fürsten vorbildeten / ihre Hoheit überflüge allen Zwang der Gesätze; und
das oberste Königs-Gesätze wäre: dass einem Fürsten alles gefällige zulässig /
hingegen seiner unumbschränckten Gewalt abbrüchig wäre; wenn er von seinem
Vorhaben Rechenschaft tun; und mit was anderm als dem Degen seine Schlüsse
rechtfertigen sollte. Alleine wie solche Leute viel ärger wären / als die /
welche in einem Lande Brunnen und Flüsse vergiffteten; Sintemal nichts in der
Welt ist / dessen Gewalt zu schaden und zu nutzen sich so weit erstrecket / als
ein Fürst; also wäre kein so schmählicher Tod zu ersinnen / den solche Ratgeber
nicht verdiente / derer keiner auch noch nie der Rache des Himmels / des Volckes
und der Hölle entkommen wäre. Hohenstein zohe hierüber die Achseln ein / und
sagte: Er hätte sich so böser Diener nicht anzunehmen / welche er selbst so sehr
hasste / als er seinem Hertzoge redlich zu dienen und treulich zu raten sich
jedesmals beflissen hätte. Dass Fürst Catumer Adelmunden nicht heiraten könnte
/wäre seines Herrn Vaters weise Vorsorge / und er seinen so wolgemeinten Willen
fürzutragen befehlicht. Dieses hätte er müssen befolgen / ob er schon die
Unannehmligkeit dieses Vortrags vorher gesehen. Denn Diener / welche nichts
reden wollen / wordurch sie ihren Fürsten aus der Wiege werffen könten / wären
Heuchler / welche für den eitelen Wind der Gewogenheit / des Fürsten und des
Volckes Wolstand in die Schantze schlügen. Ihr ganzes Absehen bestünde darauf
dem Fürsten zu gefallen; und durch ein geheimes Verständnüs mit seinen Begierden
sich bei ihm einzulieben / oder vielmehr seines Geistes sich zu bemeistern. Dass
er hernach keinen andern Ratgeber höre / oder auf seinen einmal gefassten
Meinungen feste stehet / und sein selbst nicht mächtig ist; sondern sich dem
Wille solcher Sachredner der Wollust gänzlich unterwirfft; welche denn wider die
Tugend mehr ausrichten / als die Wollust selbst / da sie auf dem Scheidewege den
jungen Hercules zu verführen sich vergebens bemühte. Alleine diese Art zu raten
liesse weder seine Ehre noch sein Gewissen zu. Zwar wäre er nicht aus der Schule
des Zenon / welcher alle Ergetzligkeit verwürffe / und denen so viel sauere
Schleen zu verdäuen habenden Fürsten keine Wollust gönnte. Die Königs-Blume die
Rose hätte so viel Anmut als Dörner; und wäre ein Mensch in der Welt /so wäre
er es / der dem tapfferen Fürsten Catumer das Besitztum Adelmundens wünschte;
als in welcher die vereinbarte Schönheit und Tugend dennoch umb die Oberhand
kämpfften. Aber er sollte nur selbst behertzigen: dass Fürsten schon in
Mutter-Leibe eine andere Braut angetrauet würde / nämlich sein Reich. Dieses und
der Fürst machten eine richtige Eh. Dieser wäre Mann / jene Frau / gegen welcher
seine Gemahlin nur für ein Kebs-Weib zu achten / und wenn sie der ersten im Wege
stünde / der Ehscheidung unterworffen wäre. Insonderheit wäre derselbe Fürst
nicht für verehlicht zu halten / der seinen Nachfolger nicht wüste / und der nur
ein halber Fürst / der keine Erben zu hoffen hätte. Diese wären die rechten
Schutz-Gatter einer Herrschaft; ohne welche sich Diener und Untertanen nach
fremder Sonnen für der Zeit umbsähen / und alle Nachbarn auf solch Land Augen
und Ohren spitzten. Es wäre arg genung: dass insgemein Fürstliche Häuser mehr /
als gemeine Mangel an Erben hätten; oder die sie gleich hätten / gleichsam mehr
als der Pöfel dem Gesätze der Sterbligkeit unterworffen wären. Man hätte
Beispiele: dass in drei Jahre sieben / und mehr Reichs-Erben verloschen wären;
und in dem doch so fruchtbaren Deutschlande wären in hundert Jahren zehn
Fürstliche Geschlechter gar ausgestorben. Wie würde denn Fürst Catumer gegen
seine Catten und die Nachwelt verantworten: dass er wissentlich seinen Stam durch
eine unfruchtbare Eh erstecken wollte? welcher ohne dis auf so wenigen Augen
bestünde. Würde er sich nicht mit der übelen Nachrede belästigen: dass er dem
verhassten Adgandester die Herrschaft über die Catten in die Hände spielen wollte?
Niemand würde die Heirat mit Adelmunden für eine rechtschaffene Eh gelten
lassen /welche von der Natur zu Fortpflantzung der Geschlechter gestifftet wäre.
Jedermann würde sie als eine unvernünftige Vergehung schelten. Deñ was wider
die Ordnung der Natur lieffe / könnte der Richtschnur der Vernunft nicht gemäss
sein. Catumer seuffzete hierüber etliche mal aus dem innersten Hertzen / und
stiess diese Worte heraus: Warum sehnet sich deñ jedermann ein Fürst zu sein /
wenn wir uns den Zahn der Vergnügung ausschlagen müssen / welchen gemeine Leute
nach ihrer Lüsternheit sättigen mögen? Nein sicher! es ist vergebene Müh das von
dem Verhängnisse angezündete Feuer gegen Adelmunden in meinem Hertzen
auszuleschen; und eine Unbarmhertzigkeit mich zu Verlassung dessen leiten wolle
/ ohne welches ich nicht leben kann. Und wer weiss / ob der gerechte Himel über
die Tugend der Bosheit so viel verhängt habe; dass sie durch ihre Zauberei
Adelmunden was habe schaden köñen! Alles bestehet auf blossen Mutmassungen. Zumal
da Astree ihr Laster leugnet; dessen sich liederliche oder gewinnsichtige Leute
wohl ehe ohne Grund zu rühmen pflegen. Uberdis hat Frömmigkeit mehrmals Schlangen
ihr Gift / und bösen Kräutern ihre Schädligkeit benomen. So lange nun die
Würckung der angegebenen Bosheit nicht völlig erwiesen; so lange wird uns
Hertzog Ganasch mit Rechte beschuldigen: dass wir an dem / was wir ihm heilig
versprochen / waren Bundbrüchtig worde. Diesemnach sollte er dem Hertzoge Arpus
vernünftig für Auge stellen; dass es so wenig recht als ihm möglich wäre
Adelmunden so schimpflich zu verlassen; es liesse sich nicht alles auf Schrauben
der Staats-Klugheit bauen / sondern in zweifelhaften Dingen es der Göttlichen
Versehung heimstellen / welche durch einen unverhofften Zufall oft Rat
schaffte / wo die menschliche Weissheit im blinden tappte / oder alles für
verspielt schätzte. Hohenstein nam für dissmal Abschied / und versprach dem
Hertzoge Arpus alles Haar-klein vorzutragen; allein es sollte auch Fürst Catumer
nicht seinen Willen mit der ersten Meinung sich so gar einnehmen lassen; dass er
nicht seiner eigenen Wohlfart und seiner treuesten Freunde Rate keinen Raum
mehr übrig liesse. Beide schieden mit nicht geringer Schwermut vonsammen. Denn
Gespräche von solcher Wichtigkeit sind Speisen / an welchen die stärcksten Magen
genung zu verdäuen haben. Unterdessen liess Hertzog Jubil ihm angelegen sein den
Hertzog Ganasch in bessere Verfassung zu setzen / welcher inzwischen so ferne zu
sich selber kommen war: dass er sein Bekümmernis / umb selbtes nicht iedermann
kund zu machen / so viel möglich verhiess; ja es selbst für Adelmunden sorgfältig
verhölete. Zweifels-frei aus dem Absehen: dass nicht nur Adelmunde sich hierüber
für Leid in die Erde scharren / sondern auch die Entdeckung sein Leid wie
aufgerissene Wunden verärgern würde. Denn meistenteils fühlet man die Streiche
des Glückes mehr in dem / dass sie andern sichtbar sind /als in den Schmertzen /
die man darüber leidet. Solches nun in der Enge zu halten / nam Hertzog Ganasch
und Jubil Astreen selbst für umb nicht so wohl die schon fest-gesetzte Wahrheit
/ als ein Bekenntnis von ihr heraus zu bringen. Nachdem ihr Jubil alle sie
überweisende Umbstände für Augen gestellt / fiel sie auf den Bodem ihnen zu
Füssen / und ehe sie ein Wort aufbringen konnte / netzte selbten mit einem Strome
vieler Tränen; vielleicht in Meinung den durch ihr zauberisches Wasser
begangenen Greuel durch das Saltz-Wasser ihrer Augen auszuwischen. Hierauf fieng
sie an: Ich gestehe mein Laster / ich habe den Brief geschrieben / diese
Kleinodien mich verbländen lassen / dieses schädliche Wasser gekocht / und gebe
mich der grausamsten Straffen schuldig /die iemals über Ubeltäter ergangen. Ich
begehre nicht zu leben / denn diss würde mir mit Erinnerung meiner Bosheit meine
ärgste Straffe sein. Eines aber habe ich / nicht zu meiner Entschuldigung / weil
in so grausamen Lastern der Vorsatz wie die Tat bestraffet werden muss; sondern
zu Adelmundens Wohlstande /zu ihres Vaters Troste / und zu ihres Bräutigams
Vergnügung nicht zu verschweigen; dass mir die Götter selbst die Hände gebunden
das Wasser Adelmunden nicht zu geben. Diese / weil ich keinen Menschen habe /
müssen mir zeugen / dass sie mich durch zwei nachdenckliche Träume von
Vollziehung einer so schwartzen Tat abgeschreckt haben. Hertzog Jubil fuhr sie
hierüber scharff an / und sagte; Ihre Hand-Schrifft redete viel ein anders; und
betrüge sie sich in ihren Gedancken gar sehr / wenn sie ihr durch ersonnene
Träume ihre gerechte Rache zu lindern träumen liesse. Astree aber antwortete:
Sie verlangte keine gelinde Straffe / sondern sie wünschte ein denckwürdiges
Beispiel gerechter Grausamkeit zu werden; dass sich die Bosheit der Welt und
Nach-Welt an ihr spiegeln könnte. Weil sie aber die Wahrheit anders nicht denen
Beleidigten bewehren könnte / wünschte sie /dass ihre Todten-Asche tausend Jahr in
den Lüfften herumb getrieben und nimmer beerdiget würde / dass ihr Geist als ein
Schreck-Gespenste ewig herumb schwermen / und ihre Seele aller verdamten
höllische Quaal tausendfach ausstehen müste; wo Adelmunde von dem Wasser einen
Tropfen in ihren Mund bekommen hätte. Hertzog Ganasch befahl ihr die Träume zu
erzählen / welches sie auch so beweglich tat /dass beide Hertzoge einander
ansahen / und weil man ohne diss geneigt das angenehme zu glauben / solches nicht
mehr ganz für falsch hielten. Gleichwohl aber schalt Jubil ihre Erzehlung für
handgreiffliche Lügen / dräuete ihr mit der Folter die eigentliche Wahrheit
heraus zu pressen. Astree versetzte: Sie hätte umb ihre Pein keine Sorge / nur
leid wäre es ihr / wenn dadurch ihrer Zunge wider die Wahrheit was ausgepresst
werden sollte / welches dem Chaucischen Hause und Adelmundens Verehligung
nachteilig sein sollte. Sie hätte zwar Cariovalden geschrieben: dass sie
Adelmunden das Gift der Unfruchtbarkeit eingegeben; aber nur darumb / dass sie
für seine Geschencke etwas getan zu haben ihn bereden wollen. Es wäre aber die
lautere / iedoch die glücklichste Unwahrheit. Darauf wollte sie leben / darauf
würde sie sterben. Hiermit ward sie wieder in Kercker gebracht und angefässelt.
Sie war kaum weg als die Gräfin von Ortenburg als eine todte Leiche ins Zimmer
kam / und dem Hertzoge Ganasch andeutete; wenn er seine Tochter Adelmunde noch
einen Augenblick wollte leben sehen / hätte er Zeit zu eilen. Beide Hertzoge
folgten auf ihr Wort /und fanden diese rächelnde Fürstin auf dem Bette ohne
Regung und Vernunft. Alles Kühlen und bestreichen mit stärckenden Wassern war
Frucht-los; biss der von einer edlen Jungfrauen hiervon benachrichtigte Fürst
Catumer auch darzu kam. Dieser war einem Todten mehr ähnlicher als einem
Lebenden /und fast ausser sich. Daher er auch / in Meinung / Adelmunde wäre schon
eine Leiche / über sie fiel; sie küssete / und hierdurch seine Seele gleichfalls
auszuschütten / und in seine Liebste zu giessen ihm vorsätzte / entweder ihren
Leib wieder zu beseelen / oder sich ihr auch durch den Tod einzuverleiben. Wo
nun Küsse iemals die Eigenschaft des Geldes haben / dass oft einer für viel /
und viel nicht für einen gelten; so traff es gewiss allhier ein. Denn in gar
weniger Zeit öffnete Adelmunde ihre Augen / und ob sie ihr gleich wieder
zufielen / so ermannete sie doch Catumer noch durch einen Kuss / und bewehrte
dadurch; dass küssende Lippen was geistiges aus sich dampfen / welches das
geküsste lebhaft macht / und seine Seele wie der Magnet Eisen / und Agstein
Spreu an sich zeucht. Sie regete ihren Mund / weil er aber zum reden nicht
Kräffte genung hatte / redete sie desto nachdrücklicher mit den Augen / und
drückte zugleich gegen Catumern ihre Liebe / gegen dem Hertzoge Ganasch ihr
Hertzeleid / gegen dem Fürsten Jubil ihre Schamhaftigkeit wegen empfangener
Küsse aus. Uber eine Weile brachte sie doch das halb-verbrochene Wort Astree
zuwege; welches dem Hertzoge Jubil und Ganasch schon genung war die Ursache
ihres Zufalls zu wissen; weswegen dieser ausser denen zweien Fürsten alle
Anwesenden aus dem Zimmer zu gehen willigte. Wie er aber Adelmunden umb solche
fragte /seufzete sie / und reichte ihm einen in der rechten Hand feste
verschlossenen Brief; darinnen er folgende Worte lass: Lasse dich nicht bereden /
Adelmunde /dass eine zaubrische Astree einer solchen Gotteit /wie du bist /
einigen Abbruch tun könne. Die Hölle selbst ist zu schwach dieselbe unfruchtbar
zu machen / welcher die Natur so viel Vollkommenheit beigelegt / und die das
Verhängnis aus einem so edlen Stamme entspriessen lassen. Glaube viel mehr / das
weder Verläumbdung / noch Staats-Klugheit / noch einige menschliche Gewalt so
vermögend sein können / den standhaftigen Catumer von der unvergleichlichen
Adelmunde und Vollziehung unserer Eh abzuhalten /sollte gleich mein Stam darüber
zu Grunde gehen. Denn es ist besser mit Ehren zu Grunde gehen / als mit Schande
sein Glücke und Geschlechte verewigen. Catumer ward alsbald gewahr / dass diss
sein Schreiben wäre / und ihm wurden nunmehr die Augen aufgesperrt / dass eben
biss eine so gewaltige Veränderung in Adelmunden verursacht hätte; welche zarte
Empfindligkeit in ihm die Heftigkeit seiner vollkommenen Liebe zwar nicht mehr
vergrössern konnte / ihr Feuer aber doch mehr sichtbar machte. Denn er sah
Adelmunden aufs beweglichste an / und sagte: Glaube / meine Seele / dass dieser
mein Vorsatz nicht so wohl mit Tinte auf dis Papier / als mit Blute in meine
Seele unversehrlich geschrieben sei: dass Catumer ehe in sich als ein dürrer Ast
an einem Baume vergehen / als von Adelmunden sich trennen lassen werde.
Adelmunde regte sich hierüber mehr als vorhin / und Catumer bewehrte damit; dass
wie das Licht der Sonne alles erstorbene in der Welt lebend macht; alles
beseelte fortpflantzet / also auch die Strahlen der Augen in der Liebenden
Hertzen unbegreiffliche Süssigkeit und kräfftige Regung erwecke. Adelmunde regte
hierüber ihre Hand / ergrieff damit Catumers / und küsste sie so geschwind / dass
er es nicht verhindern konnte. Weil sie aber die Aufmerckung des Hertzog Ganasch
und Jubils gewahr ward / überschüttete die Scham-Röte in einem Augen Blicke
ihre blasse Wangen /als wenn es mit Schnecken-Blute überströmet würde /gleich
als wenn ihr Antlitz eine zugleich Perlen und Purpur beherbergende Muschel wäre.
Hierüber ward sie noch mehr verwirret / und bemühet ihr Gesichte mit einem
seidenen Tuche zu verdecken; aber Catumer fieng an: Sie möchte doch diese schöne
Farbe als das Kenn-Zeichen ihrer Lebhaftigkeit und die Ursache seiner Vergnügung
nicht so missgünstig verbergen. Die Tugend gienge ja nie ohne Schamhaftigkeit auf
/wie die Sonne nie ohne Morgen-Röte. Diese wäre eine Heroldin des Tages / jene
zarter Regungen und eine Wegweiserin / welche Anleitung gäbe / wo reine Liebe
sicher einkehren könnte. Denn sie hätte die Erbarkeit zur Mutter und die Ehre zum
Vater. Wenn man ihr die Türe öffnete / folgten ihr alle Tugenden nach / und
alle Finsternüsse üppiger Regungen verstüben. Hertzog Ganasch / welcher
Adelmunden nun ausser Gefahr sah / und wohl wusste / dass die Anwesenheit der Väter
ihren Kindern nur eine Hindernis freier Unterhaltung wäre; liess die Gräfin von
Ortenburg ins Zimmer kommen / und verfügte sich mit dem Hertzog Jubil in sein
Gemach. Gegen diesen liess er sich heraus: Er sähe aus Catumers Schreiben / und
hätte noch mehr aus seinen Worten und Geberden angemercket: dass Hertzog Arpus
nicht nur zwischen Adelmunden und seinem Sohne die Heirat zu vollziehen
anstehen / sondern auch diesem deswegen heftig zugesetzt haben müste. Welches
bei ihm allerhand Nachdencken verursachte / woher eigentlich die angestiftete
Beunfruchtbarung seiner Tochter den Ursprung nehmen möchte. Sintemal ihm fast
unglaublich schiene / dass Fürst Cariovalda / dessen Gemüte ihm ziemlich bekandt
wäre / ein so schändliches Laster anzuspinnen fähig sein sollte. Es wäre diss das
künstlichste Meister-Stücke der Bosheit / eigene Laster auf frembden Schlag
ausüben / und eine der verschmjetztesten Arglist / selbte zum Vorwand seines
verborgenen Absehens angewehren. Mit welchen Worten Hertzog Ganasch einen Zettel
hervorsuchte /darinnen er gewarnigt worden: Es würde am Cattischen Hofe über
einer Heirat zwischen Catumern und König Marbods Tochter und über Auffindung
einer Ursache Adelmundens los zu werden ins geheim gearbeitet / also sollte er
wohl zuschauen; dass er mit seiner Hoffnung nicht einen blossen schlüge / noch
seine Tochter beschimpft würde. Hertzog Jubil erschrack über diesem Vortrage /
und sagte: Es wäre auf solche Schmäh-Briefe ungenennter Leute kein Glauben zu
setzen / und Hertzog Arpus viel zu redlich und grossmütig / sich so böser Künste
zu gebrauchen. Cariovalden begehrte er unverhört nicht zu verdammen; gleichwohl
aber wäre sein Brief unter Astreens Papieren gefunden worden / dessen Schrifft
Ganasch selbst für Cariovaldens Hand erkennet hätte. Dieses aber könnte er
freilich nicht leugnen; dass Hertzog Arpus / als er vergewissert worden wäre /
Adelmunde wäre unfruchtbar gemacht / sich nach überaus grosser Bestürtz- und
Betauerung Adelmundens heraus gelassen hätte: Hertzog Ganasch würde bei so sehr
verändertem Stande der Sache Zweifels-frei nicht begehren: dass sein einiger Sohn
als Erb-Fürst der Catten eine unfruchtbare Gemahlin etlichen sollte. Nachdem aber
Arpus hören würde / wie beteuerlich Astree die Beibringung des Giftes läugnete
/ würde er vermutlich bald auf andere Gedancken kommen. Ganasch fieng an: Es
wären ihm in dieser Verwickelung viel Dinge sehr verdächtig; also ersuchte er
den Hertzog Jubil allen ihm verkleinerlichen Entschlüssungen des Cattischen
Hofes vorzubauen / und dardurch schädliche Zerfallungen beider Häuser zu
verhindern. Denn er würde nebst seinen Chauzen sich ehe mühen mit ihrem
benachbarten Meere alle Catten zu ersäuffen / ehe er einen seiner Tochter
angefügten Schimpf nicht biss auf den letzten Blutstropfen rächen würde. Denn die
Ehre wäre in seinem und der Chaucen Gemütern eine grössere Gotteit / als die
Römer aus ihr gemacht hätten. Alle tapfere Völcker zügen sie aller Wollust /
allem Reichtume / und dem Leben; die Chauzen aber auch ihren Kindern und der
gemeinen Wohlfart für. Diese wäre der Glantz und der Geruch / der aus Ubung der
Tugend hervor leuchtete / und wie ein Balsam sich in alle ehrliche Gemüter der
Welt zerteilte. In der Ehre bestünde allein das wahre Leben / daran keine
andere Tiere Teil / vernünftige Menschen aber zu selbter / umb dardurch ihr
Wesen so viel edler zu machen / einen unsäglichen Zug hätten. Weil sie ein
unzertrennlicher Anhang der Tugend wäre / würde sie billich über alles geschätzt
/ was in dem Reiche des Glückes für hoch gehalten würde /und daher hätte der
keine Tugend / keine Vernunft /sondern wäre sein eigener Feind / und wider
seine Kinder grausam / der sein Leben nicht für sie aufsetzte / und alles
euserste dran wagte. Hertzog Ganasch redete seiner Gewohnheit nach solches mit
einem so grossen Eiver; dass Jubil / welcher aus dieser aufziehenden Wolcke viel
Ungewitter besorgte / darüber in grossen Kummer verfiel. Hertzog Ganasch
erkundigte sich auch alsofort / wo Cariovalda sich zur Zeit aufhielte / und weil
er vom Segestes erfuhr / dass er ihn an seinem Cassuarischen Hofe verlassen /
fertigte er noch selbigen Tag einen Edelmann mit denen zwei verschlossenen
Briefen des Cariovalda und Astreens /sonder einigen andern Buchstaben an ihn ab.
Hertzog Jubil ging inzwischen mit sich selbst zu Rate / wie er in diesem
wichtigen Wercke das Hefft recht fassen sollte. Denn er verstand gar zu wohl /
dass meistenteils der Glück- und unglückliche Ausschlag daran läge; ob man ein
Ding beim rechten Stiele ergreiffe /und ob man was zur Zeit oder zur Unzeit tu.
Selbst der Verstand ist einmal tätiger und die Schönheit ansehnlicher als das
andere mal; und in einer Stunde lässet sich ein Gemüte mit einem Worte gewinnen
/dessen Hartnäckigkeit in einer andern durch die nachdrücklichsten Gründe nicht
von seinem Stande zu bringen / gleich als wenn ieder Augenblick seinen absondern
Stern oder Unstern hätte / und es mehr an der Zeit als der Klugheit gelegen wäre
glücklich zu sein. Diesemnach liess er anfangs nur durch den Grafen von
Hohenstein den Hertzog Arpus und seine Gemahlin zur guten Zeitung wissen; dass
Astree zwar den Brief für ihre Hand erkennet / aber mit gar glaublichen
Umbständen und mit allen nur ersinnlichen Beteuerungen versichert hätte / dass
von dem schädlichen Wasser kein Tropfen Adelmundens Lippe berühret hätte; umb zu
sehen / was dieser Vorschmack für Würckung nach sich ziehen würde. Es ging aber
hiermit / wie mit einem Kraute / aus welchem auf einmal die Biene was süsses /
die Natter was bitteres saugt. Denn die Hertzogin Erdmut hörte diss mit Freuden
/ und glaubte es so viel leichter; Hertzog Arpus aber sagte zum Hohenstein: Wenn
Astree so wohl eine Närrin als eine Zauberin wäre / wollte ich auch glauben; dass
sie von der gemeinen Art der Ubeltäter abwieche / nämlich ihr Laster gutwillig
bekennte; allein er warff auch einen Argwohn auf den Fürsten Jubil / als wenn er
durch Verblümung der Unfruchtbarkeit wegen der ihm verlobten Fürstin Catta einen
Weg zum künftigen Erbrechte bähnen wollte. Hohenstein verschwieg dem Hertzoge
Jubil zwar das letztere / nicht aber das erstere / iedoch wusste Jubil aus diesem
noch das beste zu saugen. Denn er gab dem Chaucischen Hertzoge an die Hand / dass
er Astreen in Anwesenheit Hohensteins auf die Folter spannen / und ihre Aussage
zu Ablehnung alles Verdachts / als wenn jene nur ein scheinbarer Vorwand wäre /
durch Pein erhärten lassen. Hertzog Arpus hatte zwar nicht unbilliges Bedencken
/ weil die Unerträgligkeit der Schmertzen offtmals nie gedachte /weniger verübte
Laster bekennet. Hertzog Jubil aber war der Meinung: Die Natur hätte dem
schwächeren Geschlechte ein grösseres Vermögen Pein auszustehen als dem
männlichen eingepflantzt / vielleicht dass sie fähiger wären die
Geburts-Schmertzen zu überstehen. Insonderheit hätte er es Astreen angesehen;
dass sie in der ärgsten Marter eine zehe Wiete abgeben /und eh die Schrauben des
Folter-Pferdes brechen / eh alle Bande zerreissen / als sie was mehrers bekennen
würde. Ungeachtet nun auf die in der Folter geschehene Bekäntnüsse oder
Leugnungen wenig festes zu bauen wäre / weil etlicher Zärtligkeit nach des
Philotas Beispiele mehr sagte / als man verlangte / anderer Verstockung aber
sich von getanen Ubeltaten durch eine hartneckichte Verstummung reinigte; so
würde es doch beim Hertzoge Arpus vermutlich keinen geringen Nachdruck haben /
wenn Astree in der scharffen Frage erhärtete / dass sie ihr Laster nicht
vollbracht hätte. Wenn sie aber auch über Hoffen gleich was bekennte / würde es
doch als ein ausgeprestes Zugeständnüss niemand für eine unzweifelbare Wahrheit
annehmen. Diesemnach ward der Graf von Hohenstein und Witgenstein / welche beim
Hertzoge Arpus das meiste galten / erbeten / und mit Astreen die Folter
fürgenommen. Welcher Hertzog Ganasch / ungeachtet er sonst eine lobwürdige
Abscheue hatte Hinrichtungen der Verdamten zu schauen / deswegen beiwohnte / dass
er durch Schärffe allen Verdacht Astreen zu heucheln von ihm ablehnete. Als
Astree nun entblösset war / fieng sie an: Ich habe in meinen Kleidern die nackte
Wahrheit gesagt; soll ich nackt sie nun verhüllen? wie sie nun die
Scharffrichter auf die Folter-Banck warffen / und daran schwebende ausdehneten /
ihr die Huf-Eisen anschraubten / fieng sie an: Es jammert mich meiner nicht /
die ich diss / und ein mehrers / als ihr mir antun könnt / verdienet habe / aber
der unschuldigen Adelmunde / die ihr durch meine Peinigung zu einer
gebrechlichen Fürstin machen wollet. Hierauf peitschten sie die Hencker mit
Ruten / dass alle Glieder von Blute troffen / Astree aber behielt die völlige
Gewalt nicht nur über ihre Zunge / sondern auch ihre Seufzer / ob ihre Finger
gleich mit Schrauben zerquetscht / und ihre Fuss-Solen mit geschwancken Stecken
aufs grausamste geprügelt wurden / ja sie fieng gleichsam als eine schlafende
sich zu stellen. Hohenstein fieng hierüber an: Bist du / verstockte Unholdin /
ein nichts fühlender Stein / oder eine Zauberin? Sehet nach; ob die verstockte
ihr wie Anaxarchus die Zunge abgebissen habe / dass sie nicht reden kann. Astree
fieng an: Zu was Ende soll ich reden? Mich kann ich nicht verteidigen. Denn ich
bin aller Tode schuldig; Adelmunden kann ich nichts verkleinerliches aufbürden /
denn sie ist die vollkommenste Fürstin in der Welt. Warlich / bildet euch nur
ein / dass ich eine Schülerin des Pytagoras bin; und dass das Stillschweigen /
wenn es der Wahrheit zum besten komt / etwas göttliches sei. Hiermit ward
befohlen sie mit brennenden Pech-Fackeln zu brennen; worauf sie zu winseln / und
über eine Weile zu reden anfieng: Lasset nach / ich will bekennen. Als diss
geschahe / sagte sie: Ist iemand unter euch / der der unschuldigen Adelmunde an
Hals will; so sagt mir / mit was für einem Laster ich sie beschwärtzen soll / wie
ihr mich mit diesem schwartzen Feuer zur Kohle macht. Soll sie eine Zauberin
/oder eine Ehbrecherin sein? Denn / wenn ich sie schon der Unfruchtbarkeit
beschuldigte; würde doch der neundte Monat nach ihrer Verheiratung mich zu
einer Lügnerin machen. Hertzog Ganasch befahl die Pein zu schärffen; daher sie
mit glüenden Blechen gebrennt ward. Astree winselte erbärmlicher als vorhin /und
fieng an: Tödtet mich / oder sagt; was ich für Laster mehr begangen haben soll.
Ich bin eine Ehbrecherin / ich habe mir Kinder abgetrieben / und gebohrne
ermordet. Auf Adelmunden wollte ich euch zu Gefallen gerne was bekennen; ihr wisst
ja / dass wie lebende dessen / der sterben muss / also ein sterbender nicht der
Lebenden schonet / ja ins gemein auch die Unschuld beschuldigt. Aber auf
Adelmunden weiss ich nichts glaubliches zu ersinnen / und den sinnreichsten
Henckern soll ehe die Krafft mich zu quälen / mir auch ehe der Atem / als der
Vorsatz mangeln die von mir ohne Not so sehr beleidigte Fürstin Adelmunde ietzo
durch Zwang mehr zu verunehren. meint ihr dass ich eine Griechin / alle Griechen
aber verzärtelte Weichlinge sein? Solte ich für die Unschuld der tugendhaftesten
Adelmunde nicht so viel Geduld haben / als der Griechische Knabe / der umb des
grossen Alexanders Opfer nicht zu stören / an dem glüenden Rauch-Fasse seinen
Arm biss aufs Bein ohne Zucken verbrennte. Hohenstein fuhr sie an: du Verruchte
sollst nichts auf unschuldige / sondern dein eigen zugestandnes Laster bekennen;
und Hertzog Ganasch befahl / sie sollten nunmehr die glüenden Zangen brauchen.
Mit diesen ward sie zerrissen / dass sie ohnmächtig ward / Ganasch aber liess sie
mit Weine kühlen und verblasen. Als Astree sich erholete / fieng sie an:
Grausame Richter / macht ihr mich todte wieder zu dem Ende lebendig; dass ich die
lebhafte Adelmunde mit Lügen tödten soll. meint ihr nicht / dass ich so viel
Hertzens als mein Landsmann Hiperides habe; der in der Folter seine abgebissene
Zunge zerkäuete /dass er dem Wütterich Antipater nichts zum Nachteile seines
Vaterlandes bekennen dorffte? Die Hencker fuhren ihr hierauf mit glüenden Zangen
an ihre Brüste; sie aber reckte nach einem grausamen Geschrei ihre Zunge weit
aus dem Halse und fieng an: Was brennt ihr meine Brüste / die Brunnen und
Sinnen-Bilder der Fruchtbarkeit / weil Adelmunde nicht unfruchtbar ist! Brennet
meine Zunge; dass ich sie durch lügenhaftes Bekenntnis nicht missbrauche; wie
sonst die Zunge wege ihrer Schlipfrigkeit gebrennt wird. Wolte Gott / ich hätte
eine verschwiegene Zunge der Fische / umb selbte auch sterbende nicht zu
missbrauchen. Ach! aber leider! ich bin für Schmertzen derselben nicht mehr
mächtig! Alleine ist der nicht sein eigen Mörder / und ein Beleidiger der Götter
/ der aus Zärtligkeit und Pein ein falsches Laster bekennet /und der ein noch
ärgerer Ubeltäter / der einem unschuldigen in der Folter was verkleinerliches
antichtet? Verführischer Cariovalda! Verfluchter Bataver! Wolte Gott / du wärest
damals stum / und ich taub gewest! Ihr Götter / verleihet mir aber nunmehr / da
meine Richter taub sind / stum zu sein! Göttliche Adelmunde; was soll ich dir
sterbende für ein Versöhn-Opfer liefern? Mein Blut! diss ist zu befleckt. Mein
Fleisch! diss ist schon eine stinckende Kohle! iedoch haben die Mensche
durchgehends den Göttern nichts bessers zu liefern als Rauch von brennenden
Wiedern und Tauben. Verlangest du meine Seele? die ist zu unrein / und die Hölle
hat schon auf sie ein Vor-Recht. Meine Reue und Zunge ist allein noch übrig.
Alleine / wenn jene sich mit unserm Opfer-Rauche vereinbaret / und aus dem
Hertzen die Flamme der Liebe darzu schlägt / erleuchtet Gott mit dem Lichte
seiner Barmhertzigkeit die Finsternis unser Seele /und das stinckende Unschlit
unser Farre ist ihm ein süsser Geruch. Vergnüge dich daher an den Brände meines
zerfleischten und versengeten Leibes. Nachdem auch die Zungen dem Mercur und
andern Göttern gewiedmet sind / und zum Opfer dienen / so nim sie von mir zur
Versöhnung an; und so oft du die schädliche Verräterei meines Gemütes
verfluchest; so oft rühme an meiner Zunge das nützliche Stillschweigen. Hiermit
biess Astree ihr die Zunge ab / zerkäuete sie im Munde / und spie zugleich Blut /
Zunge und Seele aus. Niemand war / der sich nicht über Astreens Beständigkeit
verwunderte / und ihre Ausssage für wahr hielt / dass Adelmunde nicht von ihr wäre
unfruchtbar gemacht worden. Hertzog Ganasch befahl Astreen auf einer dürren
Küh-Haut aus Mattium zu schleppen /und dass ihr ihre Träume wahr würden / mit
sambt ihren Perlen an einen Baum aufzuhencken. Hohenstein geriet nunmehr aus
ganz andere Gedancken und den Vorsatz seinem Hertzoge alles Bedencken wegen
Adelmundens Unfruchtbarkeit auszureden. Witgenstein verfügte sich auch alsofort
zur Hertzogin Erdmut / und erzehlte ihr umbständlich so wohl Astreens zwei
Träume / durch welche die göttliche Versehung Adelmundens Unglück wunder-würdig
abgewendet hätte / und ihre merckwürdige Verschwiegenheit in der Folter. Sie
hörte es mit höchster Freude / und brachte beides unverzüglich dem Hertzoge
Arpus bei / welches der dazu kommende Hohenstein bestätigte. Arpus aber hörte es
/ sonder einiges Zeichen der Freude oder anderer Gemüts-Regung von sich zu
geben. Gleichwohl aber hatten sie alle noch Hoffnung / Arpus würde sich noch wohl
geben / und Jubil riet der Hertzogin: sie sollte ihm zu Verrauchung seiner
Schwermut Zeit lassen. Denn gewisse Gemüter wären so geartet: dass sie eine
Zeitlang nichts anders als nein sagen könten / und durch Einhaltung der
vernünftigsten Ursachen nur mehr widerwärtig gemacht würden. Daher müste man
der Zeit /bis sie in einer guten Laune wären / erwarten / und so dann zu
Erreichung seines Zweckes weder Vorsicht noch Bescheidenheit verabsäumen. Es
hätte so wohl Zwirbelwinde in menschlichen Gemütern als auf dem Meere / und
Sturmwinde im Willen. Daher müste man beiderseits die Segel abwerffen / stille
sitzen /und die Unruhe / wie getrübte Brunnen sich von sich selbst ausklären
lassen. Sintemal durch unzeitige Mittel ein Ubel ehe verärgert / als gedämpfft
würde / und es so grosse Wissenschaft eines Artztes wäre Artzneien ein
zuschlüssen / als auszugeben. Inzwischen kriegte Adgandester hiervon Wind. Denn
wie war es möglich / dass an einem Hofe dis / was sieben Menschen wussten /
verborgen bleiben konnte / sintemal Höfe rechte Wachtürme sind anderer Vorhaben
auszuspüren / allwo die allgemeine Begierde in der Fürsten Geheim-Stuben zu
sehen die Heimligkeiten so übel verträgt / und die / welche sich selbte zu
verdrücken am meisten bemühen / sie am ersten durch übrige Sorgfalt verraten /
insonderheit aber Adgandester ein Meister in solcher Ausfischung war / und
hierzu keine Mittel sparete / welche von einem Fürsten und Botschafter nicht
nützlicher angewehret werden können. Weil nun Adgandester unterschiedene leere
vom Marbod aber unterschriebene Papiere hatte; schrieb er nach seinem
Wolgefallen alles darauf / was den Hertzog Arpus aufs Seil zu führen dienlich
war / ob schon Marbod nichts davon wusste / noch Adgandester zu bewerckstelligen
willens war. Für jetzt fertigte er in Marbods Nahmen ein Schreiben / darinnen er
seinem Sohne Catumer / wenn er seine Tochter Adelmunde heiratete bis er mit der
Zeit alle seine Länder erbte /alles was er zwischen der Mulde / Eger und Nab
besässe / abtreten / bei der Geburt des ersten Kindes ihm alle seine Untertanen
die Erbholdigung leisten / auch mit den Catten und Cheruskern einen ewigen
Schirm Bund wider die Römer aufrichten wollte. Damit auch Adgandester diesem
Betruge mehr Nachdruck gäbe /vermischte er seine Vertröstung mit höflichen
Dräuungen / dass / wenn so vorteilhafte Erbietungen verschmähet würden / König
Marbod es für die schimpflichste Verachtung anziehen / und sich wider die für
ihm solche Abscheu habende Catten durch ein Bündnüs mit den Römern in Sicherheit
setzen müste. Nach dem nun ihrer wenig uns helffen / alle aber schaden könten /
so gar dass der Adler in Wolcken oder in der Schoss Jupiters nicht sicher wären /
sollte man nicht leichte mit einem Schwachen / am wenigsten mit einem so
mächtigen Könige zerfallen / noch durch Geringhaltung gute Freunde zu ärgsten
Feinden machen. Ihm wäre die Tapfferkeit der Catten nicht unbekandt / und so
lange das Bündnüs mit den Cheruskern hielte / hätten sie sich für der ganzen
Welt Kräfften wenig zu fürchten. Aber wie vielen Anstössen wären die Bündnisse
unterworffen / und viel Hasen würden endlich auch der Hunde mächtig. Wie nun die
/ welche wenig oder nichts wären / ihnen das meiste einbildeten; also wäre es
eine grosse Klugheit der Vermögenden / wenn sie ihren Kräfften was weniger
zutrauten / und mit ihrem Geschosse umb desto gewisser nicht zu kurtz zu schüssen
etwas über dem Ziele abkämen. Wie nun Hertzog Arpus sich durch eine solche
Verbindung mit dem Marbod in ewige Sicherheit / und in grosses Ansehn in der
ganzen Welt setzen würde / also ereigneten sich solche Gelegenheiten sein Haus
mehr als zweifach zu vergrössern in fünfhundert Jahren kaum einmal / welche mit
einem male nicht auf ewig versäumt werden müsten. Wiewol nun dem sonst so
vorsichtigen Hertzoge Arpus Adgandesters Anbieten seiner Grösse halber hätte
verdächtig sein / und / weil es nicht nur durchgehends in der Welt viel Tieffen
/ absonderlich in Verrichtungen der Staats-Leute hat / sondern auch Marbods
künstliche Streiche und Adgandesters Arglist niemanden verborgen waren / er
keinen Schritt ohne das Bleimaass in der Hand / und weñ er nicht Grund fühlte /
hätte fortsetzen sollen; so liess er sich doch durch solche güldene Berge
derogestalt einnehmen: dass in seinem Hertzen kein Glaube dessen mehr Raum hatte
/ was ihm gleich Erdmut / Hohenstein / Witgenstein und endlich der Hermundurer
Hertzog Adelmundens halber einreden wollten. Die boshafte Sentia brachte mitler
Zeit einen allgemeinen Ruff von Adelmundens Unfruchtbarkeit aus / dass die Catten
sich über ihrer Ehlichung anfangs in Gesprächen sehr schwürig erzeigten /
hernach gar durch einen Barden im Nahmen des ganzen Volckes ihrem Hertzoge eine
Bittschrifft einhändigen liessen: er möchte durch Catumers Heirat seinen Stamm
nicht dem Untergange / sein verwaysetes Volck aber frembder Herrschaft nicht in
Rachen stecken. Die Hertzogin und Catumer mühten sich zwar dieses falsche
Geschrei durch bessere Nachrichten zu dämpffen; aber unter hundert wolrüchenden
Kräutern sticht ein stinckendes für / und übele Nachrede wird meistenteils der
Warheit Meister. Mitler Zeit fand sich auch der Bataver Fürst Cariovalda zu
Mattium ein / und liess durch den Grafen von Delmenhorst dem Hertzoge Ganasch
beibringen: Er wäre über so schwartzem Laster Astreens erstaunet / über seiner
fälschlichen Einmischung aber bei nahe zum Steine worden. Seine und seines
Geschlechtes Ehre erforderte solchen Schandfleck / sollte es auch mit vielem
Blute geschehen / von sich abzuwischen. Weil er aber keinen gerechtern Richter
in der Welt wüste / als den / welcher guten Fug hätte sein Ankläger zu sein /
nämlich den Hertzog Ganasch; hätte er kein Bedencken gehabt sich selbst in seine
Hände zu liefern. Die Unschuld liesse sich unschwer verteidigen / und seine
Sache wäre so gerecht / dass auch seine Feinde ihn nicht verdammen könten. Denn
er hätte an so grausames Laster nicht gedacht; und die Heftigkeit der Liebe
gegen Adelmunden / welche er unerloschen mit zu seinem ewigen Grabelichte in die
Erde nehmen würde / müste seiner Unschuld Zeuge und Verteidigerin sein. Sein
hertzlicher Wunsch wäre gewest Adelmunden den Himmel zuzuneigen /sein Wille sie
als seine Gotteit zu verehren / und seine Hoffnung wäre noch nie verschwunden
gewest /durch sie der Bataver Fürsten-Stamm zu verewigen. Wer vernünftiges
wollte sich nur von ihm eine so verfluchte Tat bereden lassen! der
selbstständige Argwohn würde ihn ausser Verdacht / und die beschämte Verläumbdung
zu Ehren sätzen müssen. Der ihm vom Hertzoge Ganasch überschickte und in seinem
Nahmen an Astreen lautende Brief wäre eine in der Hölle erfundene Falschheit;
daran ausser der angekleibten Unterschrifft nicht ein Buchstabe seine; und der
welcher ihn überbracht ein höllischer Geist kein Bataver gewest wäre. Ihm wäre
nur leid / dass die Unholdin Astree nicht mehr beim Leben wäre / dass er sie
teils als eine Zeugin seiner gegen Adelmunden tragenden hertzlichen Liebe
fürstellen / teils durch ihre Bekäntnüs überwinden könnte / dass sie mehr durch
seine Einflechtung / als durch das Laster selbst sich besudelt hätte. Alleine
diese Verteidigung bestünde nur in Worten / dem Hertzoge Ganasch aber wollte er
seine Unschuld durch den Augenschein beglaubt machen. Weil Hertzog Ganasch über
denen bei dem Cattischen Hofe sich ereignenden Schwerigkeiten ohne dis
vedriesslich war / erhielt der Graf von Delmenhorst beim Hertzog Ganasch für den
Fürsten Cariovalda so viel leichter Verhör. Dieser wusste allem / was er vorhin
durch den Delmenhorst vortragen lassen / einen mehrern Nachdruck zu geben /
insonderheit die alte Verträuligkeit zwischen dem Chaucischen und Batavischen
Hause heraus zustreichen. Wie nun alle Dinge in der Welt einen innerlichen Trieb
hätten ihrem Ursprunge gleich zu werden / so gar / dass die gezeichnete Bäume
ihren Blättern und Früchten ihr Merckmal einflösseten / die aus einem verreckten
Stiere entspriessenden Bienen an ihnen sein Bildnüs trügen / also wäre sein
einiger Zweck sich wie seine Ahnen in die beide Häusern so vorträgliche
Freundschaft eines so grossen Fürsten einzusencken. Diese Neigung wäre der
erste Zunder seiner gegen Adelmunden gefangener Liebe gewest / welcher zu seiner
Entschuldigung dienen würde; wenn ihn schon nicht der allgemeine Glaube
verredete: dass nichts in der Welt so gemein / als die Liebe wäre. Nicht nur die
unverständigen Pflantzen / sondern der unbeseelte Magnet und andere ihren Zug
habende Steine wären selbter unterworffen. Je edler und geistiger aber was wäre
/ je kräfftiger wäre die zarte Regung der Liebe in ihm. Sie regte die Tiere
mehr als die Gewächse / die Menschen heftiger als das Vieh; und die in keinem
irrdischen Leib eingesperrten Geister sollten in der Liebe die eifrigsten / Gott
aber das Quell alles guten / ein warhaftiger Brunn der Liebe / ja die Liebe
selbst /und ganz und gar Feuer sein. Den allergrösten Brand aber hätte seine
Seele gefangen aus Adelmundens eigener Schönheit und ihrer Tugend. Wo er nun
durch seine Liebe was gesündigt hätte / müsten diese als Verleiter seine
Schadloss-Bürgen sein. Denn solche Schönheit beraubte uns im Augenblicke aller
unser Seelen-Kräffte. Die aus so holden Augen steigenden Geister bemächtigen
sich unser durch unsichtbare Ketten / und zügen uns so unvermerckt / oder so
gewaltig / dass man nötig hätte ihr ohne geringstes Widersprechen zu folgen. Am
allermeisten aber führte die Tugend unser Hertze im Siegs-Gepränge gefangen /
und ob zwar ein tätiges Auge geschwinder an Bort käme / dass man eine Weile
Verstand und Urtel verliere; so verursachte doch eine tugendhafte Seele in uns
mehr Kitzelung / als alle Künste des Liebreitzes und das von ihr erwachsende
Feuer hätte ein unversehrliches Tacht / und eine weder durch Zeit noch
Widerwärtigkeit ausleschliche Flamme. Also hätte sie in seinem Hertzen unmöglich
verglimmen können; sondern sie wüchse mit seinen Jahren. Adelmunde wäre für
diesem der Angelstern seiner Seele gewest / nunmehr wäre sie seine Sonne / ja
seine Gotteit worden /und es sagte es ihm sein Hertze / oder es heuchelte ihm
wenigstens sein Verhängnüs; dass niemand als er Adelmunden zubesitzen das Glück
haben würde. Hieraus möchte nun Hertzog Ganasch urteilen: ob es einigen Schein
der Warheit haben könne / dass eine so reine Liebe durchs Laster sich selbst /
und durch Beleidigung die geliebte Seele versehren könne? ob der /welchem die
Notwendigkeit nicht zu sündigen obgelegen / ihm selbst einen Notzwang zu
sündigen habe aufbürden können? damit aber Hertzog Ganasch nicht den geringste
Schatten einigen Verdachts wider ihn in seinem Gemüte behalten möchte / zohe
Cariovalda seinen vom Chaucischen Hertzoge mit eigener Hand gezeichneten Brief
herfür; und wiess ihm / wie seines Nahmens eigenhändige Unterschrifft so wohl /
als sein von einem andern Schreiben abgeschnittenes Siegel an selbtes so
künstlich angekleibt wäre / dass solche Falschheit kaum durch das schärffste
Gesichte erkennet werden könnte. Wie nun Hertzog Ganasch seine eigene Augen für
Zeugen der angezogenen Unschuld gelten lassen musste; also begegnete er
Cariovalden mit freundlichster Höfligkeit / und bat ihn die Ubersendung beider
Briefe nicht für eine Beschuldigung /sondern für eine wolgemeinte Nachricht der
auf ihm erwachsenden Verläumbdung anzunehmen. Cariovalda war mit so holder
Empfangung überaus zu frieden / gab aber zu verstehen / dass er nicht ruhen /
oder seine Unschuld nicht für sattsam gerechtfertiget halten könnte / bis er
hinter den Urheber dieser Falschheit kommen wäre. Hertzog Ganasch mühte sich
Cariovalden zwar damit zu besänften: dass Tugend und Wolverhalten falsche
Nachrede wie die Sonne den Nebel zu Bodem drückte / und die Verachtung so wohl
der Verläumbder ärgste Pein / als eines grossen Gemütes Kennzeichen /
insonderheit Fürsten ein zum Schirme ihrer Herrschaft dienender Werckzeug wäre.
Alleine es lag ihm doch selbst Tag und Nacht im Sinne / wer gleichwol wider
seine Tochter eine so unmenschliche Freveltat angestifftet haben müste. Worbei
er sich denn nicht erwehren konnte / dass die ärgste Pest unter den Menschen
nämlich der Argwohn ihm zwar nicht wider den Cattischen Hertzog / doch wider
seinen Hof und Räte allerhand Verdacht an die Hand gab. Weil es nun so schwer
fällt Argwohn in seinem Gemüte / als das Feuer in einem Hause zu verbergen / ja
beides ausserhalb sichtbarer als inwendig ist; nahmen jene dieses Misstrauen
leichte wahr /und hiermit erfolgte dis / was bei allen zum Verdacht geneigten
Gemütern sich ereignet / nämlich / dass die furchtsamen gleichfals gefürchtet
werden. Dieses so kalte Gift / als nimmermehr Schierling ist / machte /dass fast
alle Gewogenheit zwischen beiden Hertzogen und ihren Dienern erfror. Gleichwol
mühte sich der Graf von Hohenstein durch guten Rat / welcher wie Bezoar nicht
nur das verhandene Gift verjagt /sondern auch das befreiete Hertze stärcket /
die Trennung des Cattisch- und Cheruskischen Hauses möglichst zu verhüten. Ja
als er den Hertzog Arpus gegen alle Einredungen verhärtet fand / hielt er es
nicht ratsam länger zu verschweigen / was zwischen der ohnmächtigen Adelmunde
und Catumern sich begeben hatte / und dass beider so tieff eingewurtzelte Liebe
durch keine Schwerigkeit / und durch keine Gesätze der Staats-Klugheit sich
würde ausrotten lassen. Catumer hätte nie keine heftigere Liebe gegen Adelmunden
blicken lassen / als seit dass man ihm ihre Ehligung wegen beigemässener
Unfruchtbarkeit hätte schwer gemacht. Denn es steckte nichts in der Welt unsere
Begierden mehr an / als die uns in Weg geworffene Hindernüs. Jupiter wäre
schwerlich nach Danaen so lüstern worden / wenn sie nicht hätte im Turme
gesteckt. Ja das Verlangen / welches man durch vorgestellte Gefahr verjagen
wollte / vergrösserte selbtes / und wie man das uns an die Hand gehende oder
begegnende Gute verschmähete; also rennte man gleichsam rasende nach dem
verbotenen. Ihm wären zwar die grossen Erbietungen Adgandesters unverborgen; und
er wünschte keine grössere Ehre in der Welt /als dass durch seine eigene Asche dem
Cattischen Hause eine Vergrösserung zuwüchse. Aber es wäre nicht ausser Augen zu
setzen / wie viel Fürsten schon Marbod mit Anbietung seines Tochter umbs Licht
geführt / Marbod mit ihr zu Mattium gleichsam ein Gewerbe getrieben habe. Grosse
Erbietungen wären die gäng- und gebe Müntze dieser Zeit. Blätter und Worte
müsten insgemein die Stelle der Früchte und Wercke vertreten. Was für einen Hass
und Misstrauen würden ihnen nicht auch die Catten bei allen andern Deutschen auf
den Hals ziehen / und wie würde der mit der Fürstin Catta versprochene Hertzog
der Hermundurer seines Vater-Mörders Tochter für seine Schwägerin vertragen
können? dahero / wenn es schon Marbods Ernst / Adgandesters Versprechen wahr /
und Catumers Gemüte zu ändern wäre / das Cattische Geblüte mit dem Marbodischen
so schwer / als das Blut der Hirsche mit sich selbst zusammen rinnen würde. Ja
wenn auch zwischen diesen einige Verträgligkeit zu stifften wäre; was wollte ein
so tapferer Fürst vom Zufall eines Reiches hoffen / welches Marbod durch Laster
erworben / mit Blute befestigt / und das bei der ganzen Welt einen so bösen
Nahmen / als vieler Völcker und Fürsten Fluch auf sich hätte? Arpus / weil er
vom Hohensteine genung versichert war / dass er es niemanden als ihm selbst zu
Liebe redete / vertrug zwar seine Einredung / antwortete ihm aber: Catumer wäre
sein Sohn / ihm also wo er seinen Vater nicht hasste zu gehorsamen schuldig. Denn
Liebe und Gehorsam wären leibliche Geschwister / würde er aber sich gelüsten
lassen sich hiervon abzusätzen / so würde er auch aufhören Vater zu sein /
dessen Verbot vernünftigen Kindern etwas nicht nur schwer / sondern unmöglich
machte. Die Heftigkeit seiner Liebe würde nach und nach wohl ausrauchen. Denn
Verliebte wären vergesslich / die Empfindligkeiten widriger Liebes-Zufälle aber /
wie die Mutter-Beschwerden schrecklicher als gefährlich / und ihre Wunden /
welchen anfangs das Anrühren mit der weichsten Seide unleidlich wäre / vertrügen
hernach hart Pflaster und starcke Betastungen. Sonderlich aber müsten Fürsten im
Lieben niemals die Zärtligkeit des Pöfels haben /sondern so oft es ihr Zustand
erforderte / davon abstehen oder selbte verwechseln können. Daher er auch dem
Könige Marbod so sehr nicht verargen könnte /bei sich ereignender Gelegenheit
einen Erb-Fürsten für einem Abgefundenen zum Eydame zu erkiesen. Er hätte sich
nunmehr in einen Stand gesätzt; dass alle Häupter der Welt ihn für einen grossen
König erkennen / mit Botschaften verehren / und umb seine Freundschaft und
Bündnisse sich bewerben müsten. Das Hefft des Degens gielte in Aufrichtung der
Reiche mehr als die Wagschale des Rechtes / und würden wenig grosse Reiche in
der Welt sein / welche nicht durch Unrecht zusammen gewachsen. Es hätte mit
ihrem Ansehen gar eine andere Beschaffenheit / als mit dem eintzeler Leute.
Dieser Ehre rührte nur von der Tugend / jener mehr vom Glücke her / und wäre
mehr ein Gemächte der Zufälle / oder des Verhängnisses als ein Verdienst der
Menschen. Die Nachbarn beugten sich mehr für einem glücklichen / als einem
tapfferen Fürsten. Andere Leute schätzte man mehr wegen ihrer Tugend als wegen
ihrer Würde; Reiche und Könige aber mehr wegen ihrer Macht / als wegen ihres
Ruhmes. Der Persen Reich wäre in seinem Ansehen blieben / da gleich ein
Verschnittener zwei Leichen seiner ermordete Häupter mit ihrem Stame den Katzen
zur Speise fürgeworffen / und aus ihren Gebeinen Degen-Grieffe machen lassen. Da
hingegen Brutus / Pompejus und Hannibal den Ruhm grosser Kriegs-Leute behalten /
ungeachtet die ersten mit Verlust der Schlachten die Römische Freiheit / der
letzte das Ansehen der mächtigen Stadt Cartago verspielet. Also mag vom Könige
Marbod man insgemein verkleinerlich reden / wie man will / so bleibt doch
unverneinlich / dass er von uraltem edlen Geblüte entsprossen / nicht mehr an
Leibes- als an Gemüts-Kräfften vermögend / hohen Verstandes sei / und dass er
sein Reich nicht / wie vorige Herrschaften in Deutschland gewest / auf das
Gefallen des veränderlichen Pöfels /sondern auf eine feste Staats-Verfassung
nämlich die Königliche Hoheit gegründet habe. Die Römer selbst bekennten / dass
er sein Kriegs-Volck nach Römischer Art abgerichtet / seine Gewalt nicht nur der
Römischen als gleich wiegend entgegen gesätzt / sondern durch seine öfftere
Dräuungen in Italien einzubrechen Rom in grössere Furcht versätzt hätte / als es
jemals für dem Pyrrhus und Antiochus / Aten für dem Könige Philipp gehabt. Wer
könnte nun mit Vernunft ihm für verkleinerlich auslegen / wenn er seinen Sohn an
eine tugendhafte Tochter eines so grossen Fürsten verheiratete? Hohenstein /
ob er zwar sonst Hertze genung hatte / und wohl verstand / dass eines Dieners
Zagheit so viel wo nicht mehr / als Untreue / Schaden tun könnte / und man nicht
weniger schuldig wäre gegen seinen Herrn ehrerbietig zu sein / als ihm treu zu
dienen / traute ihm nicht mehr einzureden / teils weil er alle Einwendung
fruchtloss zu sein vorsah /teils dass er nicht darfür möchte angesehen werden
/dass er mehr seines Fürsten Hofemeister als sein Rat sein wollte. Gleichwol
offenbarte er es der Hertzogin Erdmut und dem Fürsten Jubil. Weil diese nun
solche Beschwerligkeit zu heben keinen Heber zu finden wussten / Adgandester aber
täglich mit dem Hertzoge Arpus geheime Unterredung hielt / die bestimmte Zeit
zum Beilager auch für der Türe war / schlossen sie Catumern und Ingviomern
hiervon Nachricht zu geben / und durch den Feldherrn Herrmann den Cattischen
Hertzog von seiner Meinung abwendig zu machen. Catumer ward hierüber so
bestürtzt / dass er eine gute Weile kein Wort aufbringen konnte / endlich fieng er
an: Mein Vater hat zwar die Gewalt über mein Leben / aber nicht über die
Regungen meiner Seele. Diese sind dem Triebe des Verhängnisses unterworffen. Ich
bescheide mich / dass ein Sohn seines Vaters Feinde für die seinigen zu halten /
und von Eltern so wohl Hass als Güter zu erben schuldig sei / aber die Reue eines
Vaters kann den Sohn von seinem einmal gebilligten Gelübde nicht befreien. Denn
welch Volck in der Welt eignet Vätern ein solch Recht zu; dass sie ihren Kindern
etwas aufnötigen sollten / was an sich selbst unzulässlich ist? Ich habe mit
seiner Einwilligung mich Adelmunden verlobet; also kann ich wider ihren Willen
mich von ihr nicht entbrechen; ja wenn sie auch wollte / würde mir doch
erträglicher sein sie zu lassen / als ein Beispiel versehrter Treue zu werden.
Zumal auch die Freiheit unser bestes Erbteil ist / welche mit uns geboren wird
/ also auch nicht als mit dem letzten Ateme versätzt werden soll. Ingviomern
aber war die verlautende Heirat Catumers mit Marbods Tochter ein rechter
Donnerschlag ins Hertze. Weil nun eigener Vorteil das stärckste Rad in dem
Uhrwercke unser Verrichtungen ist / versprach er ihm dieses Werck wie sein
eigenes ihm angelegen zu halten. Mitler Zeit aber vergassen Sentia und der durch
sie verleitete Segestes nicht am Chaucischen Hofe das Garn der Zwytracht
meisterlich zu spinnen. Insonderheit war jene eine Meisterin den Cariovalda als
den vollkommensten Fürsten der Welt /und die Herrschaft der Bataver als die
ansehnlichste in den Augen der Römer / welche sie mit dem Nahmen der
Bundsgenossen und dem Römischen Bürgerrechte verehrten / herauszustreichen. Ob
nun wohl des Chaucischen Hertzogs einiges Bedencken noch war Adelmunden an
Cariovalden zu versprechen; dass die Bataver weder die Fürstliche noch des Adels
Herrschaft erkennten / sondern das gemeine Volck insgesampt das Hefft in Händen
hätte / und Cariovalda nur von ihnen zum Heerführer erkieset war; so versicherte
ihn doch Sentia / dass / weil Cariovalda aus dem Geblüte ihrer alten Hertzoge
entsprossen wäre / denen Römern im Kriege grosse Dienste geleistet / denen
Batavern einen so vorteilhaftigen Bund beim Käyser zu wege gebracht hätte;
nicht nur jene ihm zu seiner Ahnen Herrschaft zu helffen versprochen / sondern
die Bataver selbst / und zwar der Adel aus Verdruss dem Pöfel unterworffen zu
sein / das andere Volck aber wegen beschwerlicher Zwistigkeiten hierzu geneigt
wären. Dieses würde sich auch so viel mehr-erleichtern / weñ Cariovalda in das
den Batavern benachbarte und mächtige Haus der Chaucen heiraten / und denen
Widersinnigen vorwerts die Römischen / am Rücken die Chaucischen / und in ihrem
Hertzen die ihm selbst untergebenen Heerspitzen der Bataver zeigen würde. Diese
Heirat würde auch ein Mittel sein / dass die Sicambrer und Chaucer durch
Vermittelung der hochangesehnen Bataver mit den Römern durch einen
vorteilhaften Frieden zur Ruhe kommen würden. Ob nun wohl Hertzog Ganasch allzu
wohl verstand / dass die der Freiheit gewohnten Bataver ihre Häupter nicht so
leicht unter Cariovaldens Joch beugen würden; und er noch immer ein Auge auf die
ansehnlichere Heirat Hertzog Catumers hatte; so zohe doch Segestes endlich
einen Brief Adgandesters herfür; darinnen er ihm schrieb: dass selbigen Tag er
auf Befehl seines Königs die Fürstin Adelgunde an Catumer zu verheiraten mit
dem Hertzoge Arpus wäre eines worden. Ihm wäre zwar leid / dass dadurch die Eh
mit der Fürstin Adelmunde zurück gesätzt würde. Alleine / wenn Hertzog Ganasch
seine Tochter dem tapfferen Cariovalda verloben wollte / versicherte er ihn / dass
König Marbod nicht nur den Cariovalda zum Haupte der Bataver zu erheben /
sondern auch den Sicambern und Chaucen einen vorteilhaften Frieden bei den
Römern zu wege zu bringen / und da so denn diese den Bogen zu hoch spannen
würden / ihnen Lufft zu machen mit einem mächtigen Heere in Noricum einbrechen
würde. Wie angenehm nun dem Hertzoge Ganasch diese Vertröstungen waren / mit so
grosser Ungedult hörte er des Arpus Heirats-Schluss mit Marbods Tochter; also /
dass er unverwendeten Fusses bei der Eiche / welche in einem geweihten Heine an
der Weser als ein Zeichen des grossen Gottes und bei dem Mohnden / welcher als
ein Sinnebild der göttlichen Nahrungs-Krafft von den grossen und kleinen Chaucen
verehret wird / schwur / er wollte diese Verschmähung seiner unschuldigen Tochter
am Hertzoge Arpus rächen / sollte es gleich seinen Hals kosten /und die
Chaucischen Ströme mehr Blut als Wasser ins Meer zu führen haben. Cariovalda
ward hiervon durch Sentien benachrichtiget / und sich dieses guten Windes zu
seinem Glücke zu gebrauchen erinnert. Dieser bat den Grafen von Ortenburg / er
möchte mit ihm aus Mattium auf eine kleine Jagt reiten; nach einer wenigen
Kurtzweil führte er diesen in den nechsten Hein / daselbst schüttete er gegen
ihm sein Hertz derogestalt aus: Es wäre in der Welt niemand / der ein
Frauenzimmer so inbrünstig liebte / als er die unschätzbare Adelmunde. Niemand
als Catumer hätte ihrer Gegen-Liebe und seinem Glücke im Wege gestanden; weil er
aber sich seiner Unwürdigkeit beschieden / hätte er nicht nur alle Eyversucht
und Missgunst aus seinem Hertzen verbannet / sondern er würde auch Adelmunden zu
Liebe alle seine Kräfften zu Catumers und der Catten Diensten angewehret haben.
Nach dem er aber den Abend vorher aus dem Cattischen Hofe die gewisse Nachricht
erlangt hätte /dass zwischen des Königes Marbods Tochter und Catumern eine
Heirat geschlossen / also die Fürstin Adelmunde allen Chaucen zu Schimpff
verschmähet wäre / hätte die Rache sein Hertz derogestalt angefüllet; dass selbte
nicht ehe als mit Catumers Blute ausrauchen könnte / denn wo die Ehre verletzt
wäre / hätte nichts als der Tod genungsame Kälte das Feuer der Rache abzukühlen
/ und seine Kohlen mit der Asche des Mitleidens zu bedecken. Hiermit streckte er
seinen Arm gegen einem aus einer Ulme gehauenen zugespitzten Stocke / welchen er
also zum Zeichen der Nehalenia hatte ausarbeiten lassen. Unter diesem Nahmen und
Bilde verehrten die Bataver und Taxandrer die göttliche Allmacht / wie die
Ephesier ihre Diana / und die Paphier unter einem fast eben so gedrechselten und
keine menschliche Gestalt habendem Holtze ihre Venus. Hiermit fieng er an: Ich
schwere bei unser Nehalenia / dass wenn die Chaucen gleich ihr erlittenes Unrecht
verschmertzen / und ich mein Lebtage kein Teil an Adelmundens Liebe haben soll
/ ich doch solches bis auf den Tod an Catten rechen will / welcher durch dis /
dass er allen Menschen gemein ist / sie lehren soll; dass Arpus und Catumer zwar
mächtiger / nicht aber besser als Cariovalda sei. Der Graf von Ortenburg fasste
über dieser Zeitung einen so heftigen Eyver gegen die Catten / dass er nicht so
bald in Mattium kam / als er alles dem Fürsten Ganasch haarklein erzehlte. Ob
ihm nun zwar dieser vorgesätzt hatte bis auf den zur Heirat bestimmten Tag mit
seiner Entschlüssung hinter dem Berge zu halten; damit er die seiner Tochter
zugefügte Beleidigung desto scheinbarer anten könnte; so schien es ihm doch nun
länger unerträglich zu sein; dass so viel Leute von seiner Beschimpffung / nichts
aber von seiner Empfindligkeit hören / also ihn endlich auch der Pöfel
verächtlich halten sollte. Diesemnach liess er noch selbigen Morgen Cariovalden
und Adelmunden für sich / und deutete ihnen an: dass er beider Heirat beliebte /
und sie sich zu dem auf folgenden Tag bestimmten Aufbruche aus Mattium bereiten
sollten. Es ist schwerlich aus zu drücken / mit was für widrigen Gemüts-Regungen
Cariovalda und Adelmunde diesen unvermuteten Ausspruch vernomen. Jenem war es
die annehmlichste Freuden-Stimme der Welt /daher er auch für dem Hertzoge
Ganasch niederfiel /und mit Umarmung seiner Knie für diese unermässliche Gnade
danckte. Dieser hingegen wäre ein Todes-Urtel viel erträglicher gewest; daher
ihre verstummte Zunge auch kein Wort aufbringen / ihre versteinerte Augen keine
Tränen vergiessen konten / sondern sie auf Befehl des Hertzogs von zweien
Adelichen Jungfrauen in ihr Zimmer gebracht ward / welche / weil sie daselbst
etliche Stunden lang aus einer Ohnmacht in die ander fiel / an ihr genung zu
reiben und zu kühlen hatten. Unterdessen waren nicht nur Ingviomer und Jubil /
sondern der Feldherr selbst aufs euserste beschäfftigt den Hertzog Arpus von
seinem neuen Heirats-Schlusse abwendig zu machen / und zu Vollziehung der
Chaucischen Heirat zu bewegen. Arpus aber hatte anfangs so wenig Gehöre und
Empfindligkeit als ein Fels / ungeachtet sie ihm die Betrügligkeit Adgandesters
/ Marbods Wanckelmut und Herrschens-Sucht die aus solcher gezwungenen Eb
notwendig entstehende Trennung der Deutschen / die Verfeindung und Gefahr der
Catten / und hunderterlei Nachteile für Augen legten / bis ihm der Feldherr
einhielt / dass wenn Hertzog Arpus einen Sohn nicht nach seinem Wilkühr heiraten
liesse / würde er zu empfinden Ursache haben / dass die erstere zwischen Catumern
und Ismenen von ihnen abgehandelte Eh nicht ihren Fortgang gehabt. Hertzog Jubil
und seine Gemahlin aber brachen nunmehr los / der hierüber ganz verzweifelte
Catumer hätte mit den höchsten Schwüren sich vermässen ihm ehe den grausamsten
Tod als Marbods Tochter zur Gemahlin aufbürden /und Adelmunden nehmen zu lassen.
Weil nun er keine andere Ursache der verweigerten Chaucischen Ehe /als die
ungewisse Beisorge seines untergehenden Stammes anzuführen gewüst hätte / wäre
es ja unverantwortlich durch eine neu erzwungene Eh seinen einigen Stamm-Erben
in so gewissen Untergang / sich aber in übele Nachrede bei der Welt / und in
Fluch hei seinem Volck zu stürtzen. Wie sie nun sein Hertze nur ein wenig
erweichet sahen / gleichwol aber seine Gedancken noch wie eine schadhafte
Magnet-Nadel hin und her flatterten / brachte Erdmut den Fürsten Catumer ins
Zimmer / welcher für dem Hertzog Arpus fussfällig ward / und in folgender Weise
anredete: Ich bin schon zweimal Bräutigam und soll es nunmehr auch das drittemal
werden / ehe ich noch das erstemal Ehmann worden. Die erste Verlobung hat die
Staats-Klugheit / die andere das Verhängnüs geschlossen. Dass die wolmeinende
Vater-Sorge die dritte belieben wolle / muss ich glauben / denn sonst wäre ich
nicht würdig eines so holden Vaters Kind zu sein. Sintemal ich Gottlob verstehe
/ dass ob wohl die Liebe dem in die Höhe steigenden Feuer verglichen wird
/gleichwol aber die der Eltern dis besondere an sich habe / dass sie abwerts
steige / und sie ihre Kinder ungleich mehr / als diese ihre Eltern lieben /
vielleicht weil diese fühlende Flamme in Fleisch und Blut / welches Eltern in
ihren Kindern für sich sehen / mehr Gewichte hat / als die welche nur den Geist
zu ihrem Wagen erkieset. Allein ich bin wohl versichert / dass die Arglist meine
dritte Verlobung aus der Hölle herfür gesucht und zum ersten auf den Teppicht
geworffen habe / weil solche der andern im Himmel geschlossenen Verbündnüsse /
ja seiner Ehre / da er sein Angelobnüs brechen sollte / und der Vernunft
widerstrebte / weil er die nie gesehene Tochter Marbods lieben sollte. Er könnte
zwar nicht umbstehen / dass die Klugheit dem Hertzog Arpus viel wichtige Gründe
an die Hand gebe solche Heirat zu raten. Aber der Bodem aller Heiraten müste
Liebe / nicht die Vernunft sein. Diese wäre gewohnter die Liebe auszuleschen /
als anzuzünden / oder die brennende zu unterhalten. Sie wäre eine ernstafte
Zuchtmeisterin / welche alle Sinnen unter ihren Füssen / den Willen zu ihren
Sclaven / und aller Dinge Gedächtnüs und Einbildung vertilget wissen wollte /
welche nicht einen güldenen Fuss und oben Kronen und Sieges-Kräntze zum Deckel
hätten. Allein weñ man dieser klugen Liebe die Larve abzüge / würde man gewahr /
dass solche nicht ihre Braut / sondern Reichtum und Würden liebten / ja solches
keine Liebe sondern vermumter Geitz und Ehrsucht / aber auch mehr eine Quaal /
als eine Vergnügung wäre. Denn die weisen Liebhaber / welche allemal ihr gutes
Urteil zu rate nähmen / und mit ihren Neigungen Krieg führten / beraubten die
Liebe ihrer Eigenschaft / verlangten / dass sie aufhören sollte eine
Gemüts-Regung zu sein /und schmeckten nicht die Süssigkeit der Liebe. Ihre
Gewinnsucht wäre viel zu gross / dass sie reine Gegen-Liebe für ihren besten
Schatz halten / dass ihre einige Freude aus dem Besitztum einer treuen Seele
schöpfen sollten / und dass weder Vorteil noch Ansehen so viel Gran / als die
Vereinbarung zweier Hertzen Pfunde Wollust zu zeigen vermöge. Wie nun diese
unter die Zahl wahrer Liebhaber nicht zu rechnen wären / also verschwinde auch
ihre scheinbare Eitelkeit; so bald ihr Nutz oder Stand einen Anstoss bekäme / und
ihre Buhlschaften würden als unnütze Werckzeuge ihrer Glückseeligkeit kaum mehr
über Achsel ansehen. Wie leicht aber könnte ein Zufall alle Hoffnung seines
Vaters verrücken; weil Marbods Reich auf die blosse Gewalt / und auf Unvergnügen
hundert bemeisterter Völcker gebaut wäre; solche Herrschaften aber allezeit wie
die auf Quecksilber gegründeten Türme wackelten. Viel andere Beschaffenheit
hätte es mit rechtschaffener Liebe. Denn diese würde nicht von tiefsinnigem
Nachdenken geboren /und mit schweren Wehen zur Welt gebracht; sondern das
unvermeidliche Verhängnüs flösse dieses Feuer wie ein Blitz in unsere Seele. Der
erste Blick unsere Liebste zu schauen / wäre zugleich der Anfang unserer
Dienstbarkeit. Ehe man sie recht kennen lernte /oder wüste wer sie wäre / wäre
man schon ihr Eigentum. Man erkiesete Freunde / aber die Liebe erkiesete uns;
und liesse uns nicht Zeit noch Vermögen ihre Güte zu untersuchen. Denn unsere
Scharfsichtigkeit würde blind / unsere Vernunft verbannet / unser freier Wille
gefässelt / also dass die schwächste des schlechteren Geschlechtes über uns aufs
strengste zu gebieten mächtig wäre. Nicht anders wäre es mit dem Ursprung seiner
Liebe gegen Adelmunden hergegangen. Er hätte vorher nicht gewüst / was Liebe
wäre /weniger ihre Regung gefühlet. Alle vorhin ihm die Augen leuchtenden
Schönheiten / und selbst die von ganz Deutschland angebetete Fürstin Ismene
wären ihm Sterne ohne Einfluss gewest; mit dem erste Anblick Adelmundens aber
hätte er nicht so bald einen heftigen Zug ihres Hertzens gefühlet / sondern sie
zugleich für die Beherrscherin seiner Seele erwehlet. Seine Seele hätte es nicht
nur gefühlet / sondern seine Augen es gleichsam gesehen / dass aus ihren
liebreitzende Augen gleichsam ein zaubrischer Strahl in ihn gefahren wäre / und
durch eine so unbegreifliche Weise die Lieb in ihm lebhaft gemacht hätte / wie
die Sonne in den Eingeweiden der Erde Ertzt bereitete /der Neu- und Vollmond das
Meer aufschwellete / und der Angel-Stern den Magnet bewegete. Die
unvergleichliche Issmene bemeisterte meinen Verstand zu urteilen / dass sie die
Liebenswürdige Fürstin der Welt wäre; aber Adelmunde bezwang meinen Willen sie
allein ewig zu lieben; ehe ich ihre Gestalt / und ihre Tugend gegen Issmenens auf
die Wag-Schale legte. Er urteile demnach / gebietender Vater / ob das
Verhängnis oder die Vernunft uns das unauslöschliche Oel der Liebe einflösse?
und ob über uns nicht eine verborgene Regung eine von der Vernunft / von
Ratschlägen der Freunde / und vom Gehorsam der Kinder unüberwindliche
Botmässigkeit habe? Ob die blinde Leiterin nämlich unsere Neigung nicht
stärcker und von der scharffsichtigsten Klugheit entfernet / ja ihre stete
Widersprecherin sei? Sintemal umb diese durch ihre künstliche iedoch fruchtlose
Beredsamkeit meist zu dem / was uns missfällt / jene beliebte Blinde aber nach
ihrem Gutdüncken zu eitel Annehmligkeit / und was ich nicht leugnen kann / oft
zu ungebildeten Antlitzen / zu höckrichten Leibern /zu besudelten Seelen / und
zu dem / was wir gerne nicht lieben wollten / leitet / oder vielmehr wie ein
Zwirbel-Wind wider Willen ins Verterben reisst; oder auch von dem / wornach
tausend andere Seelen säufzen / darzu uns unsere Vernunft und Hertzens-Freunde
wohlmeinende raten / abwendig macht: Ohne diese geheime Regung würde ich ein
unwürdiger Klotz der Erden sein / wenn ich nicht der unschätzbaren Fürstin
Ismene die Hände untergelegt /und ihr meine Seele zu ihrem Tempel eingeweiht
hätte / gleichwohl aber hat mich / Gott Lob / der Himmel so lieb gehabt / als
ich Adelmunden / dass er mein Hertze zu einer solchen Fürstin geleitet / welcher
auch die Verleumder / alle Leibs-Glücks- und Gemüts-Gaben zugestehen müssen /
und der man keinen andern Mangel als ein frembdes Laster ihrer griechischen Magd
ausstellen können; von welchem sie aber nunmehro so rein gewaschen worden / als
ihre Unschuld ist. Also billiget meine Liebe nicht nur meine Neigung / sondern
auch die Vernunft und Staats-Klugheit; weil sie eine schöne tugendhafte und so
vornehme Fürstin zu ihrem Zweck erkieset. Ich leugne nicht von glaubhaften
Leuten gehört zu haben / dass Marbods Tochter Adelgunde meiner Adelmunde so nahe
an Schönheit und Tugend / als im Nahmen verwand sei. Aber darumb kann ich mich
nicht überwinden sie zu lieben. Denn wahrhafte Liebe verträgt keine Teilung /
und es geht mir mit Ismenen und Adelgunden / wie denen / welche den Geruch der
Rose nicht vertragen können. Ihre Augen müssen sie für die Königin der Blumen
verehren / aber ihre Seele fleucht für ihr wie für einem stinckenden Aasse oder
Todten-Bruche. Die Schwachheit meiner Neigung zwingt mich zu tun / was sie /
nicht ich will / und zu verschmähen / was mir doch so wohl gefällt / und seiner
Würde noch mehr geliebt zu werden verdienet /als ich Kräffte zu lieben habe.
Nachdem nu unsere Klugheit nicht die Mutter der Liebe ist / und unser Verstand
wenig Gewalt über sie hat; geschieht es oft / dass man für Liebens-wert hält /
was man nicht liebt / ja was man vielleicht liebte / wenn es nicht allzu
liebreich wäre / und also die Ubermasse der Güte unsere Liebe / wie zu vieles
Licht unsere Augen verdüstert. Aus diesem Ursprunge rühret her / dass die Liebe
Zepter und Hirten-Stäbe mit einander verbindet / dass Königinnen sich nicht
überwinden können /Mohren und Zwerge für wohlgebildeten Helden zu verschmähe /
dass ein verliebter Römer lieber den Sieg und die Herrschaft der Welt / als
seine flüchtige Buhlschaft im Stiche läst. Ausser dieser uns vom Verhängnisse
eingeflössten Neigung ist alles andere Absehn ein Angel-Hacken / an dem sich die
eitele Schein-Liebe / nachdem die Winde der Ehrsucht und Geitzes wehen / wie ein
Wetter-Hahn herumb kehret. Dahingegen die Liebe / welche nichts anders als die
Gewissheit geliebt zu werden verlangt / und wie ein enges Hertze alle ihre
Behägligkeiten verschliessen kann / ihre Fessel und Dienstbarkeit für ihr einiges
Glück hält / und sich nicht satt lieben kann. Dieser edlen Schwachheit muss ich
mich sonderlich schuldig geben; weil ich an Adelmunden nichts als sie selbst
anbete / weil ich mir alle süsse Gedancken / ausser denen gerade auf sie
gehenden aus dem Sinne schlage / und sie zu lieben nicht aufhören würde / wenn
sie gleich keine Fürstin wäre. Denn mit ihr besitze ich meinem Bedüncken nach
alle Schätze Morgenlands und die Krone der Perser; Ausser ihr aber mangelt mir
alles / und nichts ist / das mich vergnüget. Bei ihren Augen traue ich mir auch
in den Cimmerischen Nebeln und Finsternüssen genungsames Licht / unter der
eusersten Nord-Spitze Wärmde / und in der einsamsten Einöde Ergötzligkeit / ohne
sie aber in den Hesperischen Gärten und denen von allen Wollüsten bezauberten
Pallästen keine Vergnügung zu finden. So lasse demnach / mein holdseliger Vater
/ mich diss lieben / was der Himmel will / und was er als der Ursprung aller
Fruchtbarkeit sonder Zweifel mit reichem Segen überschütten wird. Ist aber diss
zu erlauben sein Vater-Hertze unerbittlich / so erlaube man mir doch ehe in
Adelmundens Liebe vergnügt zu sterben / als mit Adelgunden verzweifelt zu leben.
Dieses wusste Catumer mit einer solchen Bewegung fürzutragen /dass es dem Hertzoge
Arpus zu Hertzen ging / und durch seinen Vorsatz einen mercklichen Ritz machte.
Denn nachdem er es zu überlegen Catumern beschieden hatte / erklärte er sich /
im Fall Hertzog Ganasch willigen wollte / dass wenn Adelmunde in fünf Jahren nicht
fruchtbar befunden würde / sie sich ins Aurinische Heiligtum verloben / und
derogestalt seinem Sohne sich anderwerts zu verheiraten Raum machen wollte /
wäre er folgenden Tag seines Sohnes Beilager mit Adelmunden zu vollziehen
entschlossen. Der Feldherr übernahm willigst diese Vermittelung / und weil
Catumer hierinnen durch seine Mutter Wind kriegte / gab er Adelmunden hiervon
schrifftliche Nachricht und Versicherung: dass sein Hertze mit dem ihrigen auf
ewig so feste verknipft wäre: dass es weder Unfruchtbarkeit noch andere Zufälle
so wenig zu trennen / als die Zeit das Hertze der Welt die Sonne ausser dem
gestirnten Tier-Kreisse zu ziehen fähig sein würden. Ihr Wille würde allezeit
biss in Tod der seinige sein / und das Verhängnis selbst sollte so wenig Macht
haben sie zwistig zu machen / als die Natur Augen in einer Stirnen zu schaffen /
derer eines auf einmal recht- das andere linckwerts sähe. Daher möchte doch sie
seines Vaters allzu sorgfältige Bedingung sich nicht irre machen noch den
Hertzog Ganasch solches empfindlich aufnehmen lassen. Der Feldherr wollte keine
Zeit versäumen / sondern war schon unterweges zum Hertzog Ganasch zu reiten /als
ihm der Graf von Embden begegnete / und wegen Hertzog Ganasches / welcher eine
Virtel-Stunde vorher mit seinem ganzen Hof unversehens aus Mattium aufgebrochen
war / von ihm und dem Cheruskischen Hofe Abschied zu nehmen. Der Feldherr war
hierüber nicht wenig bestürtzt / und weil er mehr auff den Kern der Dinge und
die gemeine Wohlfahrt / als auf Eitelkeiten des Ansehens sah / ritt er mit
wenigen seiner Leibwache nach / und ereilete ihn auf der Meile /allwo er
zugleich Segesten / Sentien / und Cariovalden mit einer ziemlichen Anzahl
Casuarischer Reiter antraff / Adelmunden aber nicht zu Gesichte bekam. Ganasch
und seine Gefärten sprangen alsbald bei Ersehung des Feldherrn von ihren
Pferden / und entschuldigten: dass ihr geschwinder und unversehener Aufbruch
ihnen nicht persönlich Abschied zu nehmen verstattet hätte. Nach gewöhnlichem
Wort-Gepränge zohe der Feldherr den Hertzog Ganasch auf die Seite /und fragte:
Was doch die Ursach seines so plötzlichen Aufbruchs wäre / da doch numehr mit
den Römern wegen des allgemeinen Friedens zu handeln / und andere wichtige
Geschäffte / daran die Wohlfahrt Deutschlandes hienge / noch zu erörtern wären.
Ganasch antwortete: Er hätte mit Ehren den folgenden zu seiner Tochter Heirat
bestimmten Tag in Mattium nicht erwarten können; nachdem Hertzog Arpus zu ewigem
Schimpfe des Chaucischen Hauses eine Ursache vom Zaune gebrochen hätte / seine
Tochter zu verschmähen / umb für Catumern eine reichere Braut an Marbods Tochter
zu erkiesen. Der Feldherr versetzte: Er käme eben zu dem Ende ihm diesen Irrtum
zu benehmen und zu versichern; dass auf den nechsten Morgen Catumer mit
Adelmunden feierlich sollte vermählet werden / wenn Ganasch nur eine erträgliche
Bedingung belieben wollte. Ganasch fragte: Was denn diss für eine sein sollte;
welchem der Feldherr beibrachte: dass ihr Adelmunde belieben lassen wollte /im
Fall sie in fünf Jahren über alle Hoffnung nicht schwanger würde / sich in das
Aurinische Heiligtum zu verloben. Dem Hertzoge Ganasch stieg hierüber das
Geblüte ins Antlitz / und er fieng an: Ich wollte meine Tochter ehe alsbald in
diss scheinbare Gefängnis einsperren / oder sie / wie Agamemnon mit seiner
Iphigenia und Marius mit seiner Tochter Calphurnia getan haben soll / blutig
aufopfern / ehe ich mit den Catten / derer Geblüte ich keines Haares besser als
der Chauzen schätze / solche schimpfliche Verbindung eingehn / und denen /
welche unter des unschuldigen Cariovalda Nahmen Astreen zu einem so grausamen
Laster bestochen / meine Tochter zu vergiften in die Hände spielen sollte. Der
Feldherr brach ein: Wer denn diese ruchlose Leute wären? Er möchte sie zu
gerechter Straffe und umb die Unschuld alles Verdachts zu befreien doch nicht
verschweigen. Ganasch begegnete ihm: Kleine Verbrechen würden nur gestrafft /
grosse aber würden nur zu Tugenden / wie die ihres gleichen verschlingenden
Schlangen zu Drachen; und würden belohnet. Zu dem mangelte offtmals einem / der
das beste Recht hätte / der Beweis /und also wäre es besser sein Unrecht
verschmertzen /als ohne Frucht zu ahnten. Der Feldherr hielt ihm ein: Es wäre
kein gemeiner aber auch kein gefährlicher Irrweg im menschlichen Leben / als
Argwohn. Wer darinnen am scharffsichtigsten zu sein ihm einbildete /der würde am
leichtesten wie die Sternseher durch die Fern-Gläser betrogen / welche die im
Glas oder in ihren blöden Augen befindlichen Flecken den reinesten Sternen
eindrückten. Er wollte für die wohlmeinende Redligkeit des Cattischen Hauses
stehen /und die Zeit als der gröste Verräter der Heimligkeiten würde den
Anstiffter eines so abscheulichen Lasters eben so wenig als Wolcken und Nebel
die Sonne immer verhüllen lassen. Wenn aber auch Hertzog Ganasch des Cattischen
Hertzogs Bedingung so gar für verwerfflich hielte; traute er auch noch diesen
Stein des Anstosses aus dem Wege zu räumen / und daher möchte er doch wieder
zurück kehren. Neue Freundschaft wäre wie Most / der süsse eingienge / aber mit
Schaden truncken machte. Alte Freunde und alter Wein aber wären zwar herber /
iedoch gesünder und beständiger. Ganasch aber antwortete: Seine Ehre /welche die
Seele des Lebens wäre / liesse ihm nicht zu nach einer solchen Beleidigung einen
Fuss zurück zu setzen. Der Feldherr fiel ein: Diese Umbkehrung würde mehr für ein
Zeichen verträulicher Freundschaft gelten / als für eine unanständige Reue
können ausgedrucket werden. Zu dem / es wäre besser mit gutem Vorteil zurück
treten / als mit Gefahr seinen Lauff vollenden und mit Schaden seinen Mut
abkühlen. Offt wäre es auch eine Klugheit Schwachheiten zu zeigen / dass man das
Glücke seinen Zweck zu erreichen dadurch erleichterte / und rühmlicher ohne
grosses Geschrei gewinnen / als mit dem Ruffe eines trefflichen Spielers
verlieren. Denn ein gewünschter Ausschlag vergüldete alle Brüche schlechter
Anstalt /wie die guten Sänger und Täntzer eine schlechte Schaubühne. Dahero denn
noch niemals iemand an seinem guten Nahmen Schiffbruch gelitten hätte / der mit
Siege aus der Schlacht kommen wäre. Hertzog Ganasch entschuldigte sich: In der
Welt gäb es allzu seltzame Köpfe / viel Auge / die eine Sache auf zweierlei Art
aussähen / und die meisten Zungen wären geneigt übel zu urteile. Eine einige
Verleumdung hätte Vermögens gnug einem eine solchen Schandfleck / mit denen sich
der Pöfel so gerne als der Ross-Käfer mit seinem Mist weltzte / anzuhencken /
welchen er sein Tage durch Wohlverhalten nicht auswischen könnte / also dass oft
eine schlimme Nachrede mehr Schaden nach sich züge / als ein grosses Versehen /
weil das Böse gar zu gerne geglaubt würde / und schwerer als Eisen-Maale
auszulöschen wäre. Damit er aber einen so grossen Fürsten nicht vergebens und
mit anderm Vorwande aufhielte / wollte er kein Blat für den Mund nehmen / sondern
seiner deutschen Aufrichtigkeit nach entdecken: dass Adelmunde nicht mehr
Catumers / sondern Cariovaldens Braut wäre. Der Feldherr erschrack hierüber mehr
als seine Gewohnheit war; weil er aus diesem Bündnisse eine ewige Trennung und
Tod-Feindschaft zwischen den Catten und Chauzen erwachsen sah / darein
unvermeidlich die Cherusker eingeflochten / und ganz Deutschland in Zerrüttung
gestürtzt werden müste. Daher redete er den Chaucischen Hertzog mit ziemlicher
Bewegung an: Er möchte sich in einem so wichtigen Wercke / welches seiner
Nachkommen Heil auf dem Rücken trüge / nicht übereilen; sondern es dreimal
überlegen / ehe er es einmal entschlüsse. Der Catten Freundschaft und
Feindschaft wäre keinmal ausser Augen zu setzen / und er glaubte in seinem
Leben nichts heilsamers ausgeübt zu haben / als dass er ihre ewige Zwytracht mit
seinen Cheruskern beigelegt. Hertzog Arpus hätte gleichwohl wegen verlauteter
Unfruchtbarkeit Adelmundens mit seines einigen Sohnes Heirat sich nicht zu
übereilen Ursach gehabt. Was aber auf Vernunft gegründet wäre / liesse sich
nicht bald für Unrecht annehmen. Niemand müsse in menschlicher Gemeinschaft /
am wenigsten aber Freunde die Eigenschaft zerbrechlichen Glases noch die
Zärtligkeit der kein Anrühren vertragenden Augen / sondern das Mittelmaass eines
Diamants in der Tauerhaftigkeit und Widerstehung haben. Wenn aber auch schon
Hertzog Arpus mit seiner Vorsicht ein wenig zu weit gegangen wäre / hätte man
solches für einen Fehler / nicht für eine Beleidigung auszulegen /auch seine
Erklärung darüber nicht zu verwerffen. In wohl überlegten Schlüssen möchte der
Wille unveränderlich / aber unser Urteil wider bessere Meinungen nicht
hartnäckicht / und unsere Einbildung niemals eines Dinges allzu gewiss beredet
sein. Ja wenn man auch wahrhaftig beleidiget würde / sollte man doch
/insonderheit ein Fürst / keinen Sonnen-Staub einiger Niedrigkeit / worunter
Empfindligkeit und Rachgier den Vortrab führten / ihm in Sinn kommen lassen
/sondern wenn Treue / Grossmütigkeit und Höfligkeit in der Welt verloren
giengen / sollte sie doch in edlen Gemütern ihre Wohnung behalten. Unsere
Klugheit müste anderer Unvernunft / unsere Geduld anderer Vergehung zu statten
kommen / und wir niemals unsern ersten Regungen glauben / denn diese redete eine
viel andere Sprache als die Vernunft / mahlte eine Sache viel anders ab / als
sie an sich selbst wäre / und wandelte selten einerlei Weg mit der Wahrheit.
Seine ietzigen Regunge rieten ihm ietzt seine Tochter Cariovalden zu vermählen
/ dem er sie bei aufgeräumtem Gemüte versagt hätte; und wenn diss sich wieder
würde ausklären / würde er für Cariovalden Catumern wüntschen zum Eydame zu
haben / dem er sie ietzt zu geben Bedencken trüge. Es wäre eine der grösten
Klugheit im Leben / Freunde ihm nicht ungefehr beilegen / sondern erkiesen. Denn
eines Zustand und Gaben könten uns mehr dienlich sein / als tausend andrer
Wohlwollen. Jedermann ohne einiges Bedencken wohltätig sein / erforderte unsere
Höfligkeit; aber wenn man mit einem ein solch Bündnis zu schlüssen gedächte /
müste man zu Uberlegung seiner Beschaffenheit und des Glücks alle Vernunft
zusammen raffen / und die Zeit zum Ratgeber brauchen /also nichts übereilen.
Cariovaldens Ankunft hätte an sich keinen Tadel / sondern er wäre guten
Fürstlichen Geblüts; sein Glücke aber wäre Catumers nicht zu vergleichen / indem
jener in Diensten des Volckes /dieser der Catten Erbschaft wäre. Ob auch
Ganasch seine Eigenschaften genungsam und so wohl als des nicht weniger von
seiner treuen Liebe als vielen Helden-Taten bewehrten Cattischen Fürsten
geprüfet habe / würde er am besten wissen; aber nicht ausser acht lassen; dass
sich iedermann Fürsten nur im Gemählde und mit den besten Farben zeige / als er
kann /und dahero schwerer Leute als zu Kauffe stehende Waaren erkennen / auch
mehr daran gelegen die Eigenschaften der mit uns umbgehenden Menschen als der
Kräuter und Wurtzeln zu ergründen. Mit einem Worte / Ganasch sollte den Fürsten
Catumer und Cariovalda wohl gegen einander auf die Waage legen /und glauben / dass
er mit einem oder dem andern seines Hauses Glück oder Unglück abwiegen und
erwählen würde. Hertzog Ganasch aber antwortete gar kurtz: Es wäre niemand /
dessen Rat er höher schätzte als eines so grossen und verständigen Fürsten.
Allein er hätte alles schon reifflich überlegt Catumern könnte er weder Mängel
ausstellen / noch ihm einige Schuld beimässen. Aber Hertzog Arpus hätte ihn so
geringe / seine Tochter so verächtlich gehalten / und hinterrucks mit
Adgandestern so arglistige Ratschläge gepflogen / dass der aller
unempfindlichste ihm solche Beleidigung hätte empfinden müssen. Wer einmal
derogleichen ungeahntet liesse / reitzete noch geringere ihm es noch näher zu
suchen. Solche Antaftungen liessen sich auch mit linden Worten nicht wieder gut
machen. Denn der Schweiss des Gemütes müste mit andern Tüchern abgewischt werden
/ als der des Leibes. Umb den aufrichtigen Catumer wäre es ihm selbst leid; aber
da ihm hieraus eine Kränckung erwüchse / hätte er es nicht ihm / sondern seinem
eigenen Vater / und da aus dieser Trennung ferner Unheil erwüchse / Deutschland
es alleine dem Arpus beizumässen. Er wäre aber viel zu aufrichtig / dass er es
andere Häupter des Vaterlandes sollte entgelte lassen. Ja er hätte nicht nur
keinmal die Rate wider die Beleidiger unter sein Vermöge gerechnet / sondern
auch für Kleinmut gehalte eine beissende wieder beissen. Weil aber die
Beleidiger gewohnt wäre / den Beleidigten gram zu werde / und er sich von den
Catten wenig gutes zu versehen hätte / würde ihm niemand verargen / wenn er für
seine Sicherheit einen andern Ancker suchen würde / damit die Chauzen nicht noch
einmal einen solchen Uberzug wie vom Tiberius bekommen möchten. Cariovalda wäre
aus eben dem Hause / woraus Catumer / wie alle Bataver / von Catten entsprossen.
Seine Person wäre bei selbigem Volcke in so grossem Ansehen / dass ihm mehr der
Tittel / als die Gewalt ihres Fürsten mangelte. Sein Gemüte aber hätte er so
wohl von Aufrichtigkeit gegen iedermann /von Tapferkeit gegen die Feinde des
Vaterlandes / als von Liebe gegen seine Tochter befunden / dass er durch ihn
Catumers Verlust reichlich ersetzt glaubte. Uber diss wäre es mit ihm schon eine
geschlossene Sache / und darüber von einem so grossen Fürsten kein Wort mehr zu
verlieren / weil diese allzu köstlich wären / er aber ihm mehr Gewissen machte
über Haltung seines Versprechens zu zweifeln / als Arpus seines zu brechen.
Hertzog Herrmann antwortete hierauf: Ich habe getan so viel als ein Freund /
und mehr als der Deutschen Feldherr schuldig ist. Wem aber nicht zu raten / dem
wäre auch nicht zu helffen. Hiemit schwang er sich zu Pferde / und kehrte nicht
ohne Verdruss nach Mattium / allwo der Cattische Hof /wegen so geschwinden
Aufbruches der Chaucen und nicht genommenen Abschieds / in nicht weniger
Verwirrung / Catumer ganz Trost-los / Inguiomer und Jubil aber aus Beisorge /
es würde numehro Arpus mit Marbods Tochter die Heirat über Hals und Kopf
schlüssen / aufs euserste bekümmert waren. Alles dieses verwehrte die Rückkunft
des Feldherrn und die Nachricht; dass Ganasch gegen die Catten grosses
Unvergnügen bezeugt / und seine Tochter Cariovalden verlobet hätte. Folgenden
Morgen fand sich auch bei Hofe ein Chassuarischer Edelmann ein / welcher von
Segesten und Sentien Entschuldigungs-Schreiben dem Hertzoge Arpus und andern
Fürsten einlieferte /dass des Chauzischen Hertzogs unvermuteter Aufbruch /
welcher durch ihr Gebiete seinen Rückweg nehmen wollte / sie mit weggezogen / und
persönlichen Abschied zu nehmen verhindert hätte. Ein gemeiner Chaucischer
Reiter aber brachte vom Ganasch einen heftigen Brief an Arpus / darinnen er ihn
nicht allein des gebrochenen Bündnüsses / sondern auch seinen Hof etlicher
massen beschuldigte / dass durch dessen Leute Astree wäre bestochen worden /
Adelmunden unfruchtbar zu machen. Hertzog Arpus nam dieses nicht nur für einen
Undank gegen so viel genossene Höfligkeiten / und für die gröste Verachtung /
sondern gar für eine Ankündigung des Krieges an. Dahero er allen seinen
Kriegs-Häuptern Befehl zuschickte / dass sie sich zum Aufbruch fertig machen
sollten. So bald der Feldherr aber hiervon Nachricht erhielt / verfügte er sich
mit Inguiomern und dem Hertzog Jubil zum Hertzog Arpus und hielt ihm ein: Er
möchte sich mit keine unnötigen Kriege übereilen. Ein grosses Gemüte sollte
sich nicht bald entrüsten / weniger mit andern brachen. Denn die heftigen
Gemüts-Regungen wären das Glat-Eis der Vernunft / worauf die Klugheit leicht
zu gleiten / und das Glück zu fallen pflegete. Eines Feldhauptmañs Pflicht wäre
es / im Kriege keine Gelegenheit zu versäumen /sondern zu schlagen / eines
Fürsten aber / dass er alle euser sie Mittel versuche / nicht in Krieg sich
einzusencken / dessen Anfang leicht und behäglich /selbten aber zu endigen weder
in unser Gewalt noch Willkühr / sondern in unsers Feindes und des Verhängnisses
beruhete. Hertzog Arpus antwortete: Was denn für ein ander Mittel wohl zu
ersinnen wäre / das ihm wider den Ganasch wegen so grossen Unrechts Recht
verhelffen würde / als durch Krieg. Sintemal ja aller Völcker Recht Fürsten
selbsteigene Rache erlaubete wider die / welche in der Welt keinen Richter über
sich erkenneten. Gott / welcher die Gerechtigkeit selbst wäre / und die / welche
ärger als wilde Tiere ihres gleiche antastete / nicht ungestraft wissen wollte /
hätte Fürsten nicht nur über ihr Volck und zwische ihre Untertane / sondern
auch ihnen selbst wider andere Fürsten Recht zu sprechen erlaubet; also dass
gerechte Waffen so heilig als die Gesetze der Krieg der rechte Arm der
Gerechtigkeit und dessen Führung eine der grösten Fürstlichen Tugenden wären /
und dahero keines weges übel getan hätten / dass man aus dem Kriege eine Kunst
gemacht / selbten wie andern Wissenschaften gewisse Richtschnuren
vorgeschrieben / und die Kriegs-Helden auf die höchste Staffel der Ehren erhoben
hätte. Ja / wenn der Krieg aus dem Quelle rechtmässiger Ursach herrinnete / und
nicht ausser den Schrancken des Völcker-Rechts schritte /wäre er das lebhafte
Merckmaal / dass Fürsten Gottes Bilder auf Erden wären / welcher wider die
Boshaften mit Hagel / Donner / Misswachs / Erdbeben / Pest und andere Straffen /
ja oft durch grimige Häupter und Peitschen der Welt / Krieg / und den
schrecklichen Nahmen eines Gottes der Heerschaaren führte: GOtt / die Natur /
und das sich unterwerffende Volck hätten allerdings Fürsten wider ihre
Beleidiger / wie der Vernunft und Tugend wider die Begierden / Gewalt gegeben /
Krieg zu führen. Sintemal wenig Menschen wären / derer Gemüter nicht ein
Kampff-Platz der Vernunft und Begierden abgäbe / die sie als zwei Feinde in
einem Leibe beherbergten / derer jene allezeit wie das Feuer die Seele / gegen
dem reinlichen Himmel / diese aber zu den besudelten Wollüsten der Erde
herabziehen; und also selten in ihr Friede und heimlich Wetter anzutreffen ist;
da nämlich die Regungen sich der Herrschaft der Vernunft unterwerffen. Denn
wenn schon diese von jenen bemeistert wäre / und die Begierden den Kapzaum der
Vernunft zerrissen hätten / wendeten sie ihre Waffen wider sich selbst / der
Ehrgeitz bestürmte die Liebe / der Geitz besänftete die Rache; also dass die
Seele durch einen steten Bürger-Krieg ärger als das Meer von Stürmen beunruhiget
würde. Nichts anders wären die Menschen unter sich geartet. Jeder hätte fast
mehr einen Zug dem andern zu Schaden / als sich zu erhalten. Die Ursachen des
innerlichen Krieges wären eben auch dieselben / die zwischen ein und dem andern
Volcke und ihren Häuptern so grosse Unruh erweckten. Dahingegen die wilden
Tiere einerlei Art und Geschlechtes niemals so töricht wären; dass sie sich umb
einander zu zerfleischen und aufzureiben versammleten. Sintemal ihre Seele nur
einfach / nicht aber wie die menschliche gleichsam in Himmel und Erde aber in
zwei Welten zerteilt ihre Begierden mit wenigen / darzu sie die Natur mit
einem richtigen Lichte leitete / ihnen auch allentalben ihre Notdurfft mit
einem unerschöpflichen Uberflusse darreichte / vergnügt / hingegen der
menschliche Wille unersättlich wäre / und sein Verlangen weder Ziel noch Maas
hätte. Weil nun dieses nicht ohne Versehrung eines andern geschehen kann / diesen
aber eben so wohl das Verlangen glückseelig zu sein ins innerste ihrer Seele
eingepflantzet ist / ja das erste Gesätze der Natur auf seines Lebens / seiner
Freiheit / Ehre und Güter Erhaltung zielet / scheinet die Natur auch zu dem Ende
dem Menschen den Verstand / und die Hände / als den Tieren Klauen / Zähne und
Hörner /und die Geschickligkeit zu streiten gegeben zu haben / nämlich: dass er
nur nicht durch Beschirmung frembde Gewalt / sondern auch durch Angrief anderer
Unrecht ablehne. Alleine die Vernunft hätte dieses Recht nicht einem jeden
unter dem Volcke wegen ihrer mehrmals blinden Begierden / und verfinsterten
Verstandes / sondern einig und alleine denen / welchen ein Volck ein Teil ihrer
Freiheit aufgeopfert um ihrer Gerechtigkeit und Schutzes zu genüssen deswegen
enträumet / weil die Begierden in der herrschenden Zimer keinen Eintritt haben /
ihre Gemüter so ruhig als die höchste Gegend der Lufft sein / und in derselben
Ratschlägen die Klugheit allen Entschlüssungen mit ihrem reinsten Lichte
vorleuchten sollte / denn bei solcher Bewandnüs müste der fürgenommene Krieg
allemal recht und auch vorträglich sein. Wenn aber Geitz oder Rache selbten
anzündete / wenn man umb ein beschwerliches Wort / und wenig Stangen Erde oder
eine geringe Bach / und etliche Steinhauffen hundert tausend Menschen auf die
Schlachtbanck lieferte / schlüge die Wage der Gerechtigkeit greulich über / und
der unglückliche Ausgang ins gemein einen blossen; da doch jeder Fürst allemal zu
behertzigen hätte: dass er zwar im Leibe des Reiches das Haupt / der geringste
aber aus dem Pöfel sein Mitglied wäre. Arpus brach ein: Er wollte die ganze Welt
urteilen lassen: ob Ganasch ihm durch sein Verfahren nicht zu viel getan / und
seine Ehre welche allein in anderer Leute Einbildung von seiner Fürtrefligkeit
bestünde / angetastet hätte. Ob sein Schäumen und Dräuen was anders als Vorboten
seiner Feindseeligkeit wären / und also die Ergreiffung seiner Waffen nicht mehr
den Nahmen einer Notwehre / als eines Anfalls verdiente? Einem Fürsten läge
nichts mehr ob / als seinen guten Nahmen von allen Flecken der Verunehrung zu
saubern. Denn diese wäre die Seule seiner Krone / mit welcher des Volckes
Wolfahrt stünde und fiele. Der Feldherr begegnete ihm: Er wollte nicht sagen /
dass Ganasch aus aller Schuld wäre / ins Hertze könnte er ihm auch nicht sehen /
ob er solche Feindseeligkeit im Schilde führte. Seinem Urteil nach aber wäre
des Chaucischen Hertzoges Beginnen mehr einer Verachtung / als einer
Beschimpfung ähnlich / welche zwar schmertzte / aber uns keinen Schaden täte.
Gegen ihn hätte er sich auch ausdrücklich erkläret / dass er seiner Tochter
vermeinte Verschmähung zu rächen nicht begehrte / und die Staats-Klugheit würde
ihm schwerlich einen neuen Krieg raten / da die Chaucen und Sicambrer noch mit
dem Römischen beladen wären. Die Ehren-Antastung eines Fürsten / da man nämlich
ihm das Hefft der Herrschaft streitig / auf seine Länder Anspruch / seinen
Reichs-Apfel wurmstichig und unansehnlich machte / und dadurch seine Untertanen
vom Gehorsam abzuziehen / seine Nachbarn ihm in die Haare zu hetzen anzielete /
wenn man andere uns geneigte oder verbundene Fürsten oder sich unter unsern
Schirm begebenden Völcker überzüge / wäre freilich wohl eine erhebliche Ursache
eines Krieges / und rechtfertigte unsern ersten Angrief. Denn wenn ein Fürst
hierzu ein Auge zudrückte / verliere er dadurch so viel als Kauffleute durch
ihren Glauben. Das Ansehen aber eines Reiches oft mehr / als seine Macht die
Herrschaft / wie der Glaube mehr als Geld die Handlung unterstützte. Wenn aber
nur eines Fürsten seine natürlichen oder Gemüts-Gebrechen für gerückt /oder von
seinem Tun verkleinerlich geredet würde; lohnete es nicht für die Müh und
Kosten so viel Geld und Menschen-Blut deswegen zu verschwenden. Denn dieses
Geschrei täte der Würde der Krone /der Ehre / der Herrschaft und dem Wolstande
des Volckes keinen Abbruch / ja diese Beschmitzung liesse sich nicht durch den
allerglücklichsten Krieg /sondern vielmehr durch des verachteten Fürsten kluge
Anstalten und Wachsamkeiten abwischen. Hertzog Arpus brach ein: Die Gewonheit
hätte nicht nur das Recht eingeführet dergleichen das Maas einer blossen
Verachtung weit überschreitenden Beschimpfung mit den Waffen zu rächen / sondern
Pöfel und weise Leute wären auch darinnen einig / dass die Ehre ein solch
unschätzbar Kleinod sei / welches zu erhalten nichts müste unterlassen werden.
Und da wegen eines verunehrten Botschafters alle Völcker / ja auch einzele
Leute für Recht hielten ihr Unrecht durch Krieg oder Zweikampff zu rächen / wie
könnte solche Rache beleidigten Fürsten für Mängel ausgestellet werden? Wenn es
aber auch gleich nur den Nahmen einer Verachtung haben sollte; täte doch diese
weher / als eine Beschädigung ja diese wäre leibeignen Knechten so empfindlich:
dass sie lieber wollten mit Ruten gepeiniget als mit Maulschellen gezüchtiget
sein. Der Feldherr fiel ein: Allerdings wäre der aus Verachtung entspringende
Schmertz nur eine Regung niedriger Gemüter / Grosse aber verlachten sie wie
Löwen das Anbellen der kleinen Hunde. Die Beleidigung der Botschafter aber
giengen nicht nur der Fürsten Person / sondern ihre Hoheit und ein Reich an;
weil nun diese Leute die einige Werckzeuge wären zwischen zweien Völkern
Gemeinschaft zu unterhalten / liesse sich zu ihren Beleidigungen nicht leicht
ein Auge zudrücken. Uberdis wären auch hundert der wichtigsten Ursachen zu
Anhebung eines Krieges nicht genung /sondern kein kluger Fürst sollte den Degen
ausziehen /wenn er nicht aus Uberlegung seiner und der feindlichen Macht / ihrer
Bündnisse / und allen Umbständen vernünftig mutmassen könnte / dass selbter ihm
rühmlich / seinen Untertanen erträglich / und seinem Reiche nützlich sein
würde. Denn das gemeine Heil wäre das oberste Gesätze der Fürsten; alle andere
/welche nicht aus diesem Brunnen den Ursprung hätten / wären After-Geburten und
verwerflich. Nun wollte er zwar nicht widersprechen / dass die Kräfften der
Chaucen denen der Catten nicht gewachsen wären. Aber von denen für einem
Hahnen-Geschrei sich erschütternden Löwen / und denen für einer Ratze lauffenden
Elefanten / hätte ein Fürst zu lernen / dass niemand so starck wäre / welchem
nicht ohnmächtige Werckzeuge Gefahr erwecken / oder ihn zum wenigsten
beunruhigen könten. Uberdis sollte nur Hertzog Arpus die Augen auf den
gegenwärtigen Zustand Deutschlandes werffen / da auf einer Seite die Römer / auf
der andern Marbod die deutsche Freiheit zu verschlingen lüstern wären. Würde nun
er mit seinen Catten den Chaucen in Rücken gehen / so würden die Sicambrer der
Chaucischen Hülffe entblöst sein / und weil die vom Marbod und Germanicus
beliebte Friedens-Handlung nur ein Spiegelfechten wäre / die Catten über beide
streitbare Völcker gewonnen Spiel haben / oder jene doch eine den Catten und
Cheruskern schädlichen Frieden einzugehen nötigen / ja so denn den Römern einen
scheinbaren Vorwand geben; den Chaucen als ihren neuen Bundsgenossen Hülffe zu
leisten / und sich an die Catten aufs neue zu reiben. Darzu denn Cariovalda
wegen des zwischen den Batavern und Römern obhabenden Verständnüsses nicht
feiern würde Oel in das Feuer zu giessen / Marbod aber sich wieder die bedrängten
Catten seines Vorteils zu bedienen / und von dem fallenden Baume auch Aeste
aufzulesen trachten. Der Feldherr nam hiemit seinen Abschied / und bat / Arpus
möchte diesem allem nachdencken / und glauben / dass man öffter durch Ubereilung
als durch Langsamkeit sich vergienge / und in Unheil stürtzte / ja das Glücke
ihm gleichsam ein Kurtzweil-Spiel aus grosser Fürsten Demütigung machte.
Hertzog Ingviomer und Jubil stimmeten dem Feldherrn bei / und erinnerten den
Cattischen Hertzog / dass wolgemeinter Rat treuer Freunde / für welchen er den
Feldherrn so vielfältig erkennet hätte / für eine halbe Wahrsagung / hingegen
wenn das Verhängnüs einem Fürsten die Ohren verstopffet selbten nicht anzunehmen
/ für einer Herrschaft Todes-Zeichen zu halten wäre. Wiewol nun Arpus vermeinte
/ dass Furcht ein Heil-Mittel unvernünftiger Tiere / nicht der Fürsten wäre /
brachten sie es doch so weit / dass Arpus ohne ihren guten Rat des Krieges
halber nichts ferner fürzunehmen willigte. Gleichwol aber war er nach Art der
meisten Fürsten und der Liebhaber furchtsam und argwöhnisch gegen den Hertzog
Ganasch. Daher er ihm nunmehr gäntzlich fürsatzte mit Adgandestern die Heirat
zu schliessen / in Meinung / dass / nach dem Adelmunde nunmehr Cariovalden zu
Teile worden wäre / Catumern nach dem nicht mehr die Zähne wässrig sein würden
/worzu ihm die Mutter aller Lüsternheit / nämlich die Hoffnung ganz
verschwunden wäre. Allein so eifrig vorhin Adgandester dieses Heirats-Werck
getrieben hatte / so kaltsinnig war er darinnen: Wenn gleich Arpus was hiervon
aufwarff / brachte Adgandester was anders darein; so dass Arpus hierüber unwillig
ward / und mit Adgandestern das Gespräch abbrach /dem Grafen von Hohenstein aber
befahl / er sollte von Adgandestern ein für allemahl vernehmen: Ob er Willen und
Vollmacht hätte / seines Königs Tochter zu vermählen oder nicht? Denn
Adgandester käme ihm von drei Tagen her so verändert und so verdächtig für: dass
er nicht wüste / was er von ihm urteilen sollte. Es wäre aber wider die Waffen
solcher Künste zu kämpffen am sichersten sich keiner Kunst zu gebrauchen;
sondern weil die unvermummte Aufrichtigkeit die stärckste wäre / der heilsamste
Rat gerade zuzugehen. Adgandester suchte gegen dem Hohenstein allerhand
Ausflüchte; und als dieser von ihm eine richtige Erklärung forderte / bat er umb
Aufschub. Hohenstein aber sagte ihm rund heraus: dass Hertzog Arpus selbigen Tag
entweder ja oder nein zu wissen von nöten hätte / umb auf allen Fall seinen
Entschlüssungen ein ander Ziel und Maass auszuflecken. Die Deutschen wären nicht
gewohnt so lange hinter dem Berge zu halten / sondern ihnen alle Vertröstungen
verdächtig / wo die Erklärung selbst nicht aus der Schale kriechen will.
Insonderheit müste was besonders darhinter stecken: dass Adgandester diss hinter
die Decke des Aufschubs verstecken wollte /was er zum ersten so eifrig auf den
Teppicht gebracht. Adgandester liess sich hierauf heraus: weil man ihn so sehr
presste / müste er nur gestehen: dass weder seines Königs Ansehen / noch seine
Sicherheit nunmehr die Heirat zu schlüssen verstattete / nachdem er vom
Hertzoge Ganasch schrifftliche Nachricht / welche er zugleich hervor zohe /
erlangt hätte: dass Hertzog Arpus durch den Feldherrn / als er schon von Mattium
aufgebrochen gewest / seinen Sohn Adelmunden aufs neue hätte antragen lassen.
Weil aber selbte schon dem Fürsten Cariovalden verlobt wäre / und nach wenigen
Tagen in dem Eresburgischen Heiligtum ihm vermählet werden würde / gewinnte es
nunmehr den Schein / als wenn König Marbods Tochter Catumers Notnagel sein
sollte. Daher würde ihn Hertzog Arpus nicht verdencken: dass er dis / was doch
Marbod auch von Segesten und Sentien erfahren würde /umb sich ausser
Verantwortung zu setzen / an seinen König / jedoch ohne Aufmutzung / berichten
müste. Denn jede Zeit schlüge ihre besondere Müntze. Einmahl würden wolgemeinte
Sachen gelobt / treue Dienste belohnet / das andere mahl gescholten und
gestrafft. Hohenstein brachte dis nicht nur dem Hertzoge Arpus / sondern auch
Catumern bei. Wie empfindlich es nun jenem war / so sehr vergnügte es diesen;
sonderlich weil Adgandesters Nachricht von Adelmundens zu Eresberg angestellter
Vermählung mit einer ihm eine Stunde vorher durch einen Chassuarier zugebrachten
unbekandten Hand übereinstimte / und ihme zugleich die Zeit des Neumonden
benennte.Catumer foderte alsbald den Grafen von Solms und Isenburg zu sich / und
befahl ihnen dreihundert der auserlesensten Cattischen Ritter / und darunter
etliche / welchen die Gegend umb Erensburg wolbekandt wäre / zusammen und
geraden Weges an die / wie der Tagus und Pactol Gold-Körner führende Eder zu
ziehen / allwo er ihrer zu Sassenberg gewärtig sein würde. Er selbst nam nur den
Grafen von Witgenstein und Lichtenberg neben zehn teils Cheruskische teils
Cattische Ritter zu sich / riet noch selbigen Abend stillschweigend aus Mattium
/ und kam den dritten Tag nach Sassenberg. Weil er nun die Nachricht erhielt /
dass zwei Tage vorher Ganasch und Segestes daselbst durchgezogen wären /
schickte er den Cheruskischen Ritter Willich und Bielefeld über den Fluss Dymmel
vom Ganasch /Segesten und Cariovalden einige Nachricht zu bringen. Folgende
Morgen fanden sich Solm und Isenburg mit vierdtehalb hundert auserleseneñ
Rittern zu Sassenberg ein; weil die Begierde ihrem Fürsten zu dienen die Zahl
vermehret hatte. Den andern Tag darauf kam Willich von Roden zurück / und
berichtete / dass Ganasch und Segestes sich daselbst getrennt / dieser mit
Cariovalden und Sentien sich nach seinem Schloss Fürstenberg begeben / Ganasch
aber mit seinen Chaucen in das ihm vom Segestes angewiesene Schloss Warburg
eingezogen wäre. Daselbst wäre die gemeine Rede / dass auf den Neumonden /
welcher auf die dritte Nacht einfiel / Adelmunde in dem nur andertalb Meilen
davon gelegenen Eresburgischen Heiligtum dem Cariovalda vermählet werden
sollte. Dieses bekräfftigte der drei Stunden darnach zurück kommende Bielefeld /
welcher selbst in Forstenberg gewest war / und den Hertzog Ganasch daselbst mit
dem Grafen von Spiegelberg / welcher im Nahmen Segestens ihn daselbst bediente
/ gesehen hätte. Catumer war hierüber sehr froh / hielt sich noch einen Tag in
Sassenberg so eingezogen / dass er keinen Menschen weder aus noch ein liess / und
befahl / dass jeder sich aufs beste zum Streite versehen sollte. Er brach aber mit
der Nacht auf / und kam / wie finster es auch war / vermittelst seiner Wegweiser
umb Mitternacht an den Ort / wo der aus der obersten Spitze eines Felsens
Spiegel-helle Brunn des Stromes / welcher oberhalb Erensberg sich mit dem
Dymel-Flusse vereinbart / entspringet. Weil er nun seine Leute und Pferde nicht
übertreiben wollte / liess er etliche Gewende davon in einem Dorffe sie verblasen;
er aber stieg mit dem Grafen von Solm und einem Cheruskischen Ritter den Felsen
hinauf / um bei diesem seiner Heiligkeit wegen berühmten Brunnen GOtt umb
glückliche Ausführung seines Vorhabens anzuruffen. Daselbst fand er zwei
weissgekleidete Leute / welche Wasser schöpfften. Auf Catumers Frage sagten sie;
dass sie zwei Priester des Eresbergischen Heiligtums wären / und daselbst zu
einem grossen Feier und Opffer Wasser holen müsten. Catumer fragte: ob sie in
selbigem Heiligtum kein näher Wasser hätten / dass sie es auf vier Meilweges
holeten? In allewege; antwortete der älteste. Die Natur hätte selbtes mit
unterschiedenen Strömen und Brunnen umbgeben / und eben das hier entspringende
Wasser flüsse bei ihrem Heiligtum vorbei. Alleine GOtt dienten so wenig alle
Wasser / als alle Tiere zum Opffer. Dieses Brunnens Wasser aber wäre eines der
heiligsten in der Welt / daher auch die / welche es zu gemeinem Trincken oder
Waschen verbrauchten / selten ohne Unglück davon kämen. Catumer danckte für
diese Nachricht und Warnigung / jedoch wäre er nicht aus blossem Vorwitze aus
diesem Brunnen zu trincken / sondern aus Andacht hinkommen. Gleichwol aber
möchte er wohl wissen: ob die Chassuarier wie die Carier den Brunn Salmatis / die
Syracusier den Brunn Aretusa /die Samier einen gegrabenen Brunn der Juno / die
Griechen das Quell Hippocrene / die Römer den Brunn der Camönen und der
Blandusia göttlich verehrten / diesem Böcke opferten / und des erstern Wasser
nur zum Vestalischen Gottesdienste brauchten? Der Priester antwortete: In
keinerlei Weise eigneten sie auch den heiligsten Brunnen eine Gotteit zu.
Sintemal nur eine / und eben dieselbe / welche die Gestirne bewegte / auch die
Brunnen entspringen / und die Flüsse ins Meer lauffen liesse. Wenn er aber die
rechte Ursache wissen wollte / warumb dieser / und ein Brunn für dem andern / für
heilig gehalten würde /sollte er sie an dem Felsen lesen. Hiermit nam der
Priester seine Fackel / und zeigte Catumern folgende darein gegrabenen Worte:
Ihr Hertzen / die ihr nichts von GOtt und Andacht wisst
Solt diesen Fels fuhln an / und diesen Brunn verehren /
Den nie die Sonn' austrinckt / kein Regen kann vermehren;
Der nie im Winter wächst / im Sommer nie nichts misst.
Sagt: wenn kein GOtt nicht ist / woher sein Wasser flüsst?
Wer seine Adern säugt / wer aus dem Meere Röhren
Bis auf den Berg geführt / die keine Zeit kann stören?
Wer in dem Abgrund' ihn mit Zucker angesüsst?
Dass er die Lippen tränckt / den Augen dient zum Spiegel;
Der Ohren Säiten-Spiel ist sein geringster Preis /
Weil ein gottseelig Mensch ihn mehr zu nutzen weiss /
Wenn seine Seele kriegt / wie hier das Wasser Flügel;
Wenn / wie dis Quell Berg-auf / so er zu GOtt sich schwingt /
Aus einem Felsen-Hertz' ein Andachts-Brunn entspringt.
    Auf der andern Seite des Brunnen wiess er ihm folgende Reime im Felsen:
Wer dieses Brunnes Aug' in Augenschein genommen /
Und wie sein enger Mund ausspritzet einen Fluss /
So Meer als Weser zinsst des Silbers Uberschuss /
Welch häuffig Schopfen-Vieh in selbten kommt geschwommen /
Wie Sonn' und Heerden hier oft in die Träncke kommen;
Nicht aber 's Aug' aufsperrt / ausrechnet diesen Schluss';
Dass GOtt der Brunnen Brunn / des Guten Quell sein muss /
In dem muss alles Licht der Weissheit sein verglommen.
Lässt aus den Nägeln sich von Löwen Urteil fällen /
Verrätet Nutz und Krafft des Elends Klau' und Horn /
Der Bisam-Maus ihr Schwantz / Granaten-Frucht' ein Korn /
Ein Punct Euclidens Kunst / ein einig Strich Apellen;
So flosst ein kleiner Brunn uns auch die Weissheit ein:
Wie Schatz-reich die Natur / wie GOtt so gross muss sein.
    Catumer laass diese Reimen nicht ohne eine sondere Regung der Andacht / und
nach dem er drei Hand-voll Wasser aus dem Brunne geschöpfft und getruncken hatte
/ fieng er an: Es ist wohl kein Geschöpfe in der Welt / welches nicht ein Zeugnüs
für Gottes wesentliche Warheit ablege / und im Menschen den Zunder der Andacht
anzünden könne; aber auf dem Erdboden sind die Brunnen wohl eines seiner grösten
Wunderwercke / sonderlich aber dieser; welcher auf eines Felsens höchsten
Gipffel aus einem so truckenen Munde so viel und so köstliches Wasser (welches
auch bei der ersten Welt statt Milch und Wein zu sein würdig gewest wäre)
ausspritzet / also dass der /welcher hier keinen Zug zur Andacht kriegte /
steinerner als dieser Fels sein müste / und mit der Straffe des mitten im Wasser
erdürstenden Tantalus belegt zu werden verdiente. Der Priester antwortete: Wie
seelig sind die / welche die uns zu seinem Lobe lockende Stimme des auch durch
Brunnen mit uns redenden GOttes verstehen und hören! Alleine es wären die
meisten Menschen so taub / dass sie weniger als unvernünftige Tiere / oder
unbeseelte Geschöpfe höreten. Sintemal die Sterne durch die Herrligkeit ihres
Lichtes / die stummen Fische / die tauben Schlangen ihres Lebens halber GOtt
preiseten / da die Menschen alleine GOtt fluchten. Die tummen Falcken liessen
sich die Jäger so abrichten / dass sie umb zu gehorsamen ihrer Freiheit vergässen
/ und aus den hohen Lüfften wieder auf dessen Hand sässen / der ihnen doch mit
Verbindung der Augen den Genuss des angenehmen Tagelichts raubete. Die Menschen
aber / welche GOtt mit dem himmlischen Lichte des Verstandes erleuchtet hätte /
sähen weniger als Maulwürffe / ja vieler ganzes Leben wäre seiner Blindheit
halber den ersten neun Tagen junger Hunde / oder denen neun finsteren Monaten in
Mutter-Leibe zu vergleichen. GOtt hätte sie mit dem Kapzaume der Vernunft
versorgt / sie wären aber unbändiger und widerspenstiger als kollernde Pferde /
und die meisten an diesen heiligen Ort kommenden Leute bei denen lieblichen
Rauschen dieses Brunnen tauber / als die am Nil wohnenden Mohren / welche von
der schrecklichen Abstürtzung selbigen Flusses ihre Gehöre verlieren sollen.
Catumer fieng hierauf an zu fragen: Zu was für einem Feier sie denn dis Wasser
geschöpfft hätten /welchem der Priester zur Antwort gab: Es sollte die andere
Nacht bei einbrechendem Neumonden Cariovalda ein Batavischer Fürst mit des
Chaucischen Hertzogs Tochter vermählet werden. Catumer fieng hierüber an: So
wäre er für ihre Bemühung ihnen mehr verbunden / als sie beiderseits gewüst
hätten. Warum? sagte der Priester / weil ich / versätzte Catumer Adelmundens
Bräutigam selbst bin / und zu Beglückseeligung dieser Heirat eben allhier meine
Andacht verrichten und GOtt für das Geschencke einer so tugendhaften Braut
dancken will. Dem Priester gefiel dis so wohl / dass er den im Gürtel steckenden
Sprengwedel alsbald herfür zoh / in Brunn tauchte / Catumern damit bespritzte /
und zu ruffen anfieng: O seltzame Frömmigkeit eines Fürsten! In welchem Hofe ist
diese Andacht nicht erstöckt worden; weil fast alle so wohl Brunnen der Bosheit /
als Begräbnüsse der Lebenden / und Werckstädte des Todes sind! O tapferer Held!
O kluger Fürst! O glücklicher Bräutigam! Andere bilden ihnen ein / weil sie auf
Erden für Götter angebetet werden / wäre es ihnen verkleinerlich sich für GOtt
zu demütigen. Wie weisslich aber urteilest du: dass Gottesfurcht und
Gerechtigkeit die zwei unbeweglichen Angelsterne eines Reiches sind / und dass
die / welche von GOtt die meiste Gewalt bekommen haben / sich auch GOtt durch
Andacht und Gütigkeit am meistern nähern sollen. Wie nützlich opfferst du GOtt
die fettesten Färren deiner danckbaren Lippen. Sintemal Dancksagung bei GOtt die
kräfftigste Art des Bittens ist; denn wie ein Landwirt den viel Früchte
bringenden Acker am fleissigsten pfleget; also reitzet jene die milde Hände
GOttes zu mehrer Freigebigkeit an. Ja GOtt will darumb nur von uns den ihm sonst
weder nötigen noch nützen Danck haben / dass er nur mehr Anlass habe uns mehr zu
geben. Der Priester beschloss seine Rede mit einem Wunsche tausendfältiger
Glückseeligkeit. Catumer danckte diesem guten Alten / und beklagte /dass er an
diesem einsamen Orte so unvermögend mit einiger Würckligkeit seine Pflicht zu
bezeugen / weil Worte mehr ihr Rauch und Schatten / als die Danckbarkeit selbst
wären. Hierauf fragte er um alle Beschaffenheit / und wie es in dem Heiligtum
bei solchen Vermählungen gehalten würde. Welchem der Priester antwortete: Sie
hätten ihm nichts danckwürdiges erzeiget / wenn solches aber auch gleich
geschehen wäre / hielten sie es für billiger / dass der Gäber als der Empfanger
dafür danckte; weil dieser hierdurch zum Schuldner würde / und durch derselben
Annehmung jenem Gelegenheit eröffnete seine Woltätigkeit anzugewehren. Das auf
einem ziemlich hohen und breiten Berge stehende Eresbergische Heiligtum aber
hiesse eigentlich Hermions-Berg / und wäre für Zeiten des dritten Beherrschers
über Deutschland Königlicher Sitz gewest. Diesen Nahmen hätten hernach die
Deutschen und Ausländer auf allerhand Art verderbt / und bald Eresberg /
Heresberg / bald Hermesberg und Mersberg genennt; insonderheit aber wäre von den
Römern ausgesprengt worden: das auf selbigem Berge stehende steinerne und
geharnschte Bild des tapfferen Hermion wäre ihr Mercur oder Mars / und würde von
den Deutschen angebetet; da doch dieses Bild / welches in der rechten Hand eine
Kriegs-Fahn und darinnen eine Rose / in der lincken eine Wage / im Arme einen
Schild mit einem Löwen / auf der blossen Brust einen Beer führte auf Gutachten
des aus Egypten in Deutschland kommenden Osiris von seinem Sohne Marsus seinen
Nachkommen nur zum Gedächtnis und Vorbilde rühmlicher Nachartung wäre
aufgerichtet worden. Weil nun bei und umb dieses Bild die Deutschen zu
unterschiedenen Jahres-Zeiten allerhand Rennen / Gefechte und Ritter-Spiele
gehalten / hätte die andächtige Vorwelt Gelegenheit genommen diesen Ort zu einem
besonderen Heiligtum einzuweihen / um das aus irrdischen Ursachen sich
daselbst in grosser Menge so oft versammlende Volck zur Gottesfurcht als dem
wahren Grunde der Tapferkeit anzuleiten. Sintemal irrdische Ergetzligkeiten ins
gemein einen kräftigern Zug über menschliche Hertzen haben / als Andacht. Weil
aber die hier des Gottesdienstes pflegende vielmal in ihrem Vorhaben erwünschten
Fortgang verspüret hätten / wäre dis Heiligtum eines der berühmtesten in
Deutschland / und in der ganzen Welt / wiewol mit falschem Ruffe kund worden;
dass sie den Eresberg / wie die Syrier ihren Carmel göttlich verehrten.
Insonderheit würden die Bündnisse / welche man allhier machte / für feste und
unzertrennlich gehalten / dazu denn eine ziemlich geraume Höle gewiedmet wäre /
darinnen die Heiratende oder andere sich Verbindende den Eyd leisteten / und
ihr Opffer anzündeten; nach dem vorher die Weiber in dem Dymel-Strome / die
Männer aber in der Bach / welche gegen Sud den Eresberg bei nahe ganz umbflüsse
/sich gebadet hätten. Uber diese zwei Wasser dörffte so denn niemand anders /
ausser den Priestern / der Verbindung beiwohnen. Catumer erklärte sich über so
guter Nachricht hoch verbunden zu sein; und bat /der Priester möchte ihm
folgende Nacht wenn er etwan wo irren möchte / mit guter Nachricht aushelffen /
und ihn zugleich mit seiner Andacht bei GOtt vertreten. Denn er glaubte: dass man
in irrdischen Dingen durch heiliger Leute Gebete zuwellen mehr ausrichten könnte
/ als durch sein eigenes. Und daher wäre einem viel daran gelegen solche zu
Freunden und Beiständen haben / welche in dem Hofe des Himmels wohl gesehen
wären. Der Priester versprach ihm mit seinem ganzen Vermögen zu dienen / und
weil beiden ihr Vorhaben das Gespräche zu verlängern nicht erlaubte / namen sie
von sammen mit Umarmung freundlichen Abschied. Die Priester giengen mit ihrem
Wasser zwischen der Dymel und Itter gerade nach Eresberg zu / Catumer aber wiess
der aus diesem Brunnen lauffende Strom die Helffte des Weges gegen Fürstenberg /
welches rings umbher mit dem Wisieberger- und Scheide-Walde umbgeben ist. Als es
begonte zu tagen / erreichte er den Brunnen des Alme-Flusses. Daselbst teilte
er sein Volck. Den grösten Teil nam er / und ging damit in den Scheide-Wald /
durch welche die Strasse von Fürstenberg nach Eresberg gelegt war. Das andere
Teil liess er unter dem Grafen von Solm näher gegen Eresberg rücken und den
Dymel-Strom verwahren / dass wenn ja Catumer Cariovaldens fehlte / er daselbst
den Catten in die Hände fallen müste. Catumer hielt sich im Walde von der
Strasse entfernet und in dem dicksten Gehöltze an einer in die Alme lauffenden
Bach verdecket / schickte den Ritter Bielefeld wieder nach Fürstenberg / und
liess etliche wie Kohl-Bauern verkleidete Cherusker nicht ferne von der Strasse
auf alle Begebnüsse acht haben. Umb den Mittag brachte ihm einer dieser
Kohl-Bauern die Kundschaft; dass die Fürstin Sentia in Begleitung etlicher
funfzig Chassuarier sich auf einer Senfte nach Roden hätte tragen lassen / allwo
Hertzog Ganasch und Adelmunde schon selbigen Morgen würde ankommen sein. Drei
Stunden hernach fand sich Bielefeld ein mit Berichte: dass eine Stunde vor Abend
Segestes und Cariovalda ungefehr mit zwei hundert Edelleuten aufbrechen und
eben selbigen Weg durch den Scheide-Wald nehmen würde. Catumer machte sich mit
seinen Leuten aufs beste fertig / teilte selbte in vier Hauffen / umb auf
beiden Seiten vor- und hinterwerts den Angrief zu tun. Isenburg und Lichtenberg
sollten vorwerts den Anfang machen / er und Witgenstein würden schon am Rücken
das ihrige tun; und sollten sie alle wohl wahrnehmen / dass Segestes und
Cariovalda ihnen nicht entwischten. Catumern ward diese kurtze Zeit zu einem
Jahre / endlich aber brachte einer der angestellten Kohlbrenner ihm die Zeitung;
Segestes und Cariovalda wären kein Gewende weit entfernet. Daher er selbst in
einem Kohl-Rocke auf einen Baum stieg / und ihren Zug beobachtete. Sie zohen
ohne Sorge einigen Feindes vorbei; und ritten Segestes und Cariovalda in der
Mitte ihres Volckes neben einander. Wenige Zeit darnach hörte man ein Getümmel /
denn Isenburg grief den Vordrab an. Weder Segestes noch Cariovalda mutmassten /
dass solches was feindliches wäre / bis der Vordrab mit Verwirrung zu rücke
gejagt ward. Lichtenberg fiel hiermit auf der Nord-Seite den Chassuariern so
unvermutet ein / dass sie kaum Zeit hatten die Waffen zu ergreiffen. Cariovalda
sprengte mit seinem Pferde gegen selbige Seite umb den Feinden den Kopff zu
bieten. Aber Segestes / so bald er aus der Tracht und Haaren erkennte /dass die
Feinde Catten waren / ruffte Cariovalden: Sie wären verraten / und also es
ratsamer zurück nach Fürstenberg sich in Sicherheit zu flüchten / als durch
eitele Ehre der Gegenwehr sich mit einer Hand-voll Volckes in augenscheinliche
Gefahr zu stürtzen. Hiermit wendeten sich beide mit ihrem Nachzuge / sahen sich
aber alsofort vom Fürsten Catumer auf einer /und vom Witgenstein auf der andern
Seite angetastet /und also zwang sie die Not und der Mangel aller Ausflucht die
Waffen zu ergreiffen. Diese und die Liebe sind die zwei schärffsten Wetzsteine
der Waffen / daher ward beiderseits nichts vergessen / was zu einem eifrigen
oder verzweifelten Schlagen erfordert wird; sonderlich da die vielen Bäume
hinderten: dass Glieder auf Glieder gegen einander nicht treffen konten / sondern
durchgehends fast eitel Zweikämpffe gehalten wurden. Catumer / nach dem er auf
den Seiten gewisse Catten bestellt hatte acht zu geben / dass niemand entkommen /
und dem Hertzoge Ganasch hiervon Zeitung bringen könnte / mühte sich aufs
euserste Cariovalden in die Haare zu komen / und so bald er sein ansichtig ward
/ ruffte er ihm zu: Er wäre Catumer / und dis der vom Verhängnisse erkiesete
Kampf-Platz mit einander auszumachen: wer der würdigste Bräutigam Adelmundens
wäre. Diese Ausforderung zündete nicht weniger Cariovalden zur Tapfferkeit an /
als sie ihm seinen warhaften Feind entdeckte. Daher machte er ihm gleichfals
Raum an Catumern zu kommen. Die Enge des Waldes verhinderte beide sich der
Lantzen zu gebrauchen / also mussten sie nach angewehrten Wurff-Spissen nur zu den
Schwerdtern greiffen. Beide aber versätzten alle Streiche so meisterlich: dass
diese zwei hertzhafte Kämpffer die ganze Welt zum Zuschauer zu haben verdient
hätten. Nach einem langen Gefechte zersprang Cariovalden der Degen / also
Catumer so gute Gelegenheit gehabt hätte ihn aufzureiben / als er Ursache hatte
sich an Cariovalden wegen entführter Braut zu rächen. Alleine Catumer hatte so
viel Grossmütigkeit als Tapfferkeit / daher wollte er keinem Catten nicht
erlauben sich zugleich an Cariovalden zu machen; sondern er selbst hielt auch
stille und sagte zu Cariovalden: Er sollte ihm einen andern Degen reichen lassen
/ weil er ihm verkleinerlich hielte sich eines ungewaffneten Feindes zu
bemeistern: Cariovalda ward hierüber beschämt: dass er einen Fürsten eines so
edlen Geistes beleidiget hatte; gleichwol aber wollte die Heftigkeit seiner Liebe
ihm nicht erlauben sich seines Anspruchs an Adelmunden zu begeben. Weil nun im
Rate der Liebe und des Zornes kein ander Beisitzer als die Vollziehung seiner
Begierden zugelassen wird / ergrief er einen ihm von einem Bataver zugereichten
Degen / und nach dem er zu Catumern gesagt: Ich gestehe es / dass du mich an
Glücke und Grossmütigkeit überwindest; aber ich werde bis auf den Tod verfechten
/ dass mein Vorrecht und meine Liebe gegen Adelmunden dir überlegen sei /fielen
sie einander aufs neue wie zwei Löwen an: Alleine wie sich nichts leichter als
Hoffnung betrüben lässt / also ward auch Cariovaldens Einbildung zeitlich zu
Wasser. Denn nach dem Catumern ein Streich auf seines Feindes Pferd in Hals
abgieng / prellte es hinter sich / und stürtzte über eines abgehauenen Baumes
Stock über Rücke; dass Cariovalden der rechte Arm aus der Pfanne verrückt ward.
Weil nun Cariovalda sich unter dem Pferde nicht herfür weltzen konnte / befahl
Catumer zweien Waffen-Trägern ihm auf die Beine zu helffen / und nach
wahrgenommenem Schaden ihm den Arm einzurencken. Unterdessen hatte sich auch der
Ritter Schallenberg Segestens bemeistert / und die Helffte der Chassuarier war
schon erlegt / die übrigen in einem engen Kreisse umbringet /also dass ihnen zwar
noch nicht allen die Waffen / den meisten aber bei Verlust ihrer Häupter das
Hertz entfallen war. Catumer ruffte daher ihnen zu: Sie möchten sich geben /
weil er ohne dis keine Feindschaft zu Segesten und die Chassuarier / sondern
nur gegen den schon gefangenen Cariovalda hätte. Es sollte ihnen das wenigste
Leid widerfahren. Diese Vertröstung und die Unmögligkeit sich durchzuschlagen
nötigte sie Catumers Erinnerung zu befolgen / welcher denn alle Gefangenen
selbige Nacht in diesem Walde aufs sorgfältigste zu verwahren dem Grafen von
Isenburg und Lichtenberg anvertraute / und funffzig Catten anbefahl mit denen
erlegten Chassuariern und Batavern die Kleider zu verwechseln. Hierauf fragte er
Cariovalden: Ob er sich nunmehr seines Anspruchs an Adelmunden begeben wollte?
dieser antwortete: Sein Leben stünde zwar in Catumers Händen / aber in seiner
Gewalt nicht Adelmundens sich zu begeben. Catumer versätzte: So werde ich mich
denn meines zu ihr habenden Rechtes gebrauchen; welchem Cariovalda begegnete:
Glücke und Gewalt kann einem wohl eines Dinges Besitztum / aber kein Recht geben.
Catumer / nach dem er gesagt hatte: der Himmel hat heute durch verliehenen Sieg
für die Gerechtigkeit meiner Sache das Urtel gefällt / gab seinem Pferde die
Sporne / und befahl / dass die auf Chassuarisch und Batavisch gekleideten Catten
ihm folgen sollten. Eine Stunde darauf traffen auf ihn ein Hauffen derer dem
Grafen von Solm untergebener Catten; durch derer Geräusche sein Anschlag wegen
Nähe des heiligen Berges / von dem man auf selbige Fläche sehen konnte / leicht
hätte verraten werden können / wenn es nicht schon in der Dämmerung gewest wäre
/ und Catumers Vorsicht alles zeitlich gestillet hätte. Dem Grafen von Solm /
der diese Catten zur Kundschaft ausgeschickt hatte / ward hiervon alsbald Wind
gegeben / und er befehlicht / sich nunmehr bis auf drei Bogenschüsse selbigem
Platze zu nähern. Catumer kam mit seinen Catten an der Dymel an; und waren von
dem obersten Priester zu seinem Glücke eben die zwei beim Brunnen angetroffene
Priester dahin bestellet / Cariovalden zu empfangen / und ihn nach verrichteter
Abwaschung in die heilige Höle zu führen. Diese bewillkomten mit grosser
Ehrerbietung Catumern / und unterhielten ihn mit den annehmlichsten Gesprächen
/biss etwan eine Vertel-Stunde darnach auf dem Berge mit Anzündung vieler Fackeln
ein Zeichen des erscheinenden Neumonden gegeben ward. Hiermit musste der mittler
Zeit nur mit einem Schlaf-Rocke seine Blösse deckende Catumer in den Dymel-Fluss
steigen / und daselbst sich biss über das Haupt dreimal untertauchen / und auf
der andern Seite heraus steigen; allwo ihn die Priester selbst trockneten / ihm
ein schnee-weisses Kleid anlegten; und ihnen baarfüssig zu folgen ermahneten.
Sie giengen mit zwei weissen Wachs-Fackeln zuvor; so bald sie aber an den Fels
des Heiligtums kamen / musste er mit ihnen aufs Antlitz niederfallen und beten.
Nach diesem stiegen sie den Berg hinauf / allwo auf der mit unzehlbaren Blumen
bestreuten Fläche gegen Morgen noch ein absonderlicher Hügel aus einer Klippe zu
sehen war. Auf dieser stand das von den Priestern beschriebene Bild Hermions /
welches sie ihn eigentlich betrachten liessen / weil die Braut ohne diss noch
nicht zur Stelle war; unter diesem Bilde lass der älteste ihm auch die in den
Fels gegrabenen Reime für:
Ihr wilden Sterblichen! die ihr voll Grausamkeit /
In menschlicher Gestalt vermummte Tiere seid /
Im Munde nichts / als Gift / im Hertzen eitel Galle /
In Augen Feuer hegt; nicht glaubt: dass Gott gefalle /
Wenn ihr nur Pfeile schleifft / und Spiss' und Schwerdter wetzt /
Und täglich eure Faust mit warmem Blute netzt /
Ja selbst von Bär' und Luchs nicht woll't sein unterschieden.
Ihr Tör'chten! weicht von hier! Gott ist ein Gott des Frieden.
Er hört hier keinen Wunsch und nimt kein Opfer an /
Von dem / der nicht die Hand in Unschuld waschen kann.
Kein Weirauch brennet hier / den nicht die Sanftmut bringt;
Kein Blut ist angenehm / als das aus Lämmern springet /
Und dass ein Wolff kein Lamm hier aufs Altar gewehrt /
Kein Feuer taug hier was / das irrdisch Zunder nährt /
Und nicht von Andacht brennt. Lasst euch hier nicht betören!
Das Bild / das ihr hier seht / als Gottes Bild zu ehren.
Der grosse Gott lässt sich nicht bilden Ertzt und Stein;
Nichts / als der Mensch kann nur sein Nach-Gemählde sein /
Wenn sich sein himlisch Geist mit Unschuld nicht beflecket /
Wenn Geitz und Ehr-Sucht nicht verdamte Zwytracht hecket /
Wenn ihn sein reiner Sinn nicht zu der Wollust trägt /
Und er so mit sich selbst / als andern Friede hegt.
Weg / Seufzer! die wie Pech in Brust und Hertze kochen /
Umb dass sich einer nicht genüglich hat gerochen!
Weg / Andacht! welche zielt auf euer Feinde Tod!
Weg / Hände! welche sind von Menschen Blute rot!
Von Raub und Brande schwartz / die fremde Güter liefern
In dieses Heiligtum. Weg! mit den Ungeziefern!
Die nur durch Blut das Land / mit Mord-Lust sich beschwern /
Ja das Gebete selbst in eine Sünde kehrn.
Lasst diss geharnschte Bild euch / Blinde! nicht verleiten /
Lasst seine Waffen nicht euch Anlass sein zum streiten /
Noch euch zu Ehrenburg den Wahnwitz nehmen ein:
Es könne sonder Mord kein tapfrer Held nicht sein;
Es sei der rechte Weg zum Tempel wahrer Ehren /
Gesetze / Bindnüsse / Natur und Recht versehren /
Den Nachbarn fallen ein / umb Kron und Zepter spieln /
Den Blutbegier' gen Stahl in Eingeweiden kühln /
Die Länder äschern ein / die Welt zur Wüste machen /
Die Völcker tilgen aus / und zum Ermorden lachen /
Und endlich Sieg-Gepräng' und Feier fiellen an /
Wenn niemand lebet mehr / den man zerfleischen kann.
Es ist der starcke Gott ja wohl ein Gott des Krieges /
Der Heeres-Schaaren Herr / ein Held und Fürst des Sieges;
Die trächt'gen Wolcken sind sein Rüst-Haus / wenn sie Glutt
Und Donner-Keile spei'n; ja eine Schwefel-Flutt
Auf böser Leute Köpf' und schnöde Städte regnen.
Die Sterne müssen selbst als Feinde dem begegnen /
Der wider Gott sich lehnt / wenn sich in tödtlich Gift
Ihr heilsam Einfluss kehrt. Und wen der Blitz nicht trifft /
Den muss der Sturm-Wind falln / das wilde Meer verschlingen;
Die Gräber müssen ihm an's Licht Gespenster bringen /
Des Abgrunds grause Nacht selbst Geister stelln ins Feld /
Wenn Gott zu Felde zeucht und sein Gerichte hält.
Er heisst auch / die er liebt / die Waffen vielmals schärffen /
Lässt Feinde tilgen aus / und Türme nieder werffen /
Strafft die / die alles nicht verkehrn Brand und Graus;
Lässt Alexandern's Meer zum Durchziehn weichen aus /
Wenn er mit Persen zürnt. Soll Canaan vergehen /
Muss einem Josua die Sonne stille stehen
Den Sieg zu machen aus; und der Trompeten-Schall
Verursacht's Feindes Flucht / der Mauren Nieder-Fall.
Es müssen Helenens zwei Brüder in den Schlachten
Den Römern stehen bei. De Gänse halten Wachten /
Wenn's Capitol schläft ein. Der Weiber zarte Brust
Beseelt ein Månner-Hertz / und kühne Waffen-Lust /
Wenn Gott bestimmt aus Rom ein Haupt der Welt zu machen.
Allein er billigt nicht / wenn Menschen sich in Drachen /
In ärgste Panter-Tier / in Habichte verstelln;
Wenn Krieg' aus Herrschens-Sucht und gift'ger Rache quelln;
Wenn Willkühr Recht vertritt / und frembde Reiche rauben /
Der Fursten Tugend heisst; wenn man Vergleich auf Schrauben
Zu einer Falle stellt; durch seine Waffen nicht
Sucht Recht und Sicherheit; wenn man vom Zaume bricht
Ursachen Krieg zu führn / und Frieden abzubrechen;
Blut-Freundschaft zu versehrn / der Völcker Recht zu schwächen;
Wenn man die Tugend auszurotten sich nicht scheut;
Ja mit den Riesen selbst dem Himmel Sturm andreut.
Gott billiget den Krieg / und heisst die Schwerdter schleiffen
Auf diese / die ihm selbst an Augen-Apfel greiffen;
Die sein Erkenntnis-Licht sich zu verfinstern mühn;
Der Tugend setzen zu / die Unschuld überziehn.
Er schaffet: dass der Stahl so wohl zu Pfeil und Degen /
Als Eisen zum Gebrauch der Pflugschaar' und der Egen
In den Gebürgen wächst. Und ob der Mensch gleich nicht
Gewaffnet von Natur / vertritt bei ihm das Licht
Der heiteren Vernunft / doch stärckster Löwen Rachen /
Der Tiger-Tiere Klau / den gift'gen Dampf der Drachen /
Der wilden Ochsen Horn / der Elephanten Zahn;
Die lehrt euch: dass man Spiss' und Schwerdter schleiffen kann;
Dass man aus Stahl und Haar weiss Bogen zu bereiten;
Aus Riemen Schleudern macht; dass man aus Därmern Seiten
Aus Seiten Seenen dreht; durch Böcke Mauern zwingt /
Und durch geflügelt Schilff den Tod zum flügen bringt.
Gott heisst das Vaterland mit Waffen euch beschützen;
Und die fürs Volckes Heil ihr edles Blut versprützen /
Sind Ritter seiner Fahn / ein Werckzeug seiner Macht;
Und ihre Beute wird mit Fug hieher gebracht
In diss sein Heiligtum. Kein Opfer / das hier rauchet /
Kein Weirauch / den man sonst Gott zu versöhnen brauchet /
Kein Lamm und Farren-Fleisch / kein Oel reucht Gott so gut /
Als wilder Feinde Fleisch und schuldig Menschen-Blut.
Hier stehet Hermion! Ihr Helden! euch zum Bilde:
Das euch sein Beispiel lehrt / wie man mit Schwerdt und Schilde
Kan heilig gehen umb / und wie zu kriegen sei:
Dass eure Bilder man setzt Heiligtümern bei.
Die Wage / die diss Bild in seiner lincken träget /
Lehrt: dass / wer eh' er kriegt / sein Recht nicht überleget /
Blind in sein Unglück rennt. Die Ros' im Fahne stellt
Diss Bild des Friedens für / den man durch Krieg erhält /
Wie jene durch den Dorn. Der Löw' in seinem Schilde /
Der Bär auf seiner Brust / dient euch zum Ebenbilde:
Dass eines Löwen Hertz und eines Bäres Krafft
Der Fürsten Kleinod sei / der Helden Eigenschaft.
Doch ist das Feld rings umb mit Blumen überschüttet /
Weil Tapferkeit nicht stets als wie ein Unmensch wuttet.
Der Sanftmut Blumwerck muss sich Lorbern flechten ein /
und Krieg die Saate nur der Friedens-Erndte sein.
Folgt diesem Hermion! ihr Götter auf der Erden!
Doch muss sein Vorbild euch durchaus kein Abgott werden.
Denn Aberglaube macht die schärffste Klugheit blind.
Die Säulen Herculens / Achillens Bilder sind
Als Lichter ihres Tuns der Nach-Welt aufgesetzet.
Wer / wenn er sie schaut an / mit Tränen 's Antlitz netzet /
Und tieffe Saufzer läst / dass er es beiden nicht
Noch hat zuvor getan / in dem brennt 's Tugend-Licht.
Sein Hertze kann nicht ruhn / Gefahr kann ihn nicht schrecken /
Kein Riegel halten auf / was grosses zu vollstrecken;
Der krönt mit Ruhm sein Haus / mit Lorbern Sarch und Grab /
Und gibt der Nach-Welt selbst ein herrlich Vorbild ab /
Wie Hermion allhier. Aus seiner Taten Ruhme
Rührt her: dass Bresberg Gott ward zum Heiligtum
Und ihm zur Ehrenburg. Wer seinen Fuss-Pfad drückt /
Dem ist iedweder Berg zur Ehrenburg geschickt.
    Alleine Catumer hatte wenig Gedancken bei diesen Reimen / sondern sein wegen
der so lange aussen bleibenden Adelmunde unruhiges Hertze stiess einen tieffen
Seuffzer nach dem andern aus. Dem in der Höle wartenden obersten Priester ward
die Zeit gleichfals lang; daher er einen Priester an die Bach schickte die
Ursache des so langen Aussenbleibens zu vernehmen /welcher in kurtzer Zeit mit
der Nachricht zu rücke kam: dass Adelmunde in der Bach bei nahe ertruncken wäre /
wenn sie nicht die Priester heraus gerissen hätten. Nach dem sie nun zwar
errettet wäre / und wieder Lufft schöpffte / weigerte sie sich ins Heiligtum
gutwillig zu gehen; weil sie zu dieser Eh niemals ihren Willen gegeben hätte /
und ehe in des Todes als Cariovaldens Armen geraten wollte. Der oberste Priester
hielt dis Catumern als dem vermeinten Cariovalda für; und zugleich ein: dass
dieses Heiligtum keinen Zwang vertrüge. Catumer antwortete: Sein Gemüte hätte
eben die Eigenschaft dieses Heiligtums. Deñ er wollte ehe ein Gelübde tun
nimmermehr zu heiraten / als eine wider ihren Willen zu ehligen. Sintemal der
nicht aufrichtig liebte / wer von seiner Geliebten etwas / das ihr zu wider wäre
/ verlangte. Ja der Zwang wäre der rechte Krebs der Liebe / welcher auch der zum
Teil schon beraseten die Hertz-Wurtzel abbisse / und sie nicht nur zernichtete
/ sondern in gifftigen Hass und Galle verwandelte. Daher möchte der oberste
Priester Adelmunden nur für sich beruffen / mit der Versicherung: dass wenn dis
ihr beständiger Vorsatz wäre / und sie selbten an dieser heiligen Stelle in
seiner Anwesenheit fürbrächte / wollte er nimmermehr ihr etwas von Liebe sagen /
weniger sich ihr zum Ehmanne aufdringen. Alles dieses ward beliebt /und die
durch solche Erklärung nicht wenig getröstete Adelmunde in die heilige Höle
gebracht / welche von dem darinnen brennenden Opffer-Feuer / von welchem der
Rauch eben durch ein in den Fels gehauenes rundtes Loch ausfuhr / erleuchtet.
Catumer trat auf der andern Seite hinein / und damit Adelmunde ihn desto
eigentlicher erkennen konnte / nam er Adelmunden bei der Hand / führete sie nahe
zum Opfer-Feuer / und fieng an: Schönste Adelmunde / ist es ihr Ernst gegen dem
so kalt zu sein / dessen Seele eine feurigere Werckstatt ihrer Liebe ist / als
dieser Herd! in dessen Hertze viel reinere Flammen brennen / als diese heiligen
/ welche unser Opfer Gott zu einem süssen Geruche machen sollten! Sintemal meine
keinen Rauch einiger Falschheit in sich haben / wie diese doch Gott gefälligen.
Wilst du mit deiner Gegen-Liebe eckeler /als Gott mit seiner Wohltätigkeit
sein? Zweifelst du an meiner Aufrichtigkeit; so würdige nur mein Antlitz recht
zu betrachten. Meine Augen werden dir nachdrücklicher als die Zunge die
tieffsten Geheimnisse meines Hertzens entdecken. Meine Blicke werden dir die
Begierden meiner Seele edler und lebhafter ausdrücken / als meine todte Worte.
Würdige mich nur eines einige Anblicks / so werde deine Auge / welche sich
selbst nicht sehn / in meinen als einem Spiegel /sie und dich selbst / ob du
nicht meine holde Braut seist / erst recht erkennen lernen. Die von Leid und
Schwermut fast ausser sich selbst versetzte Adelmunde hatte Zeiter ihre Augen
allezeit zur Erde niedergeschlagen / und Catumers Stimme nicht erkennt. Seine
letzten Worte aber machten ihr ein Nachdencken / und verursachten; dass sie einen
Blick auf ihn warff / und er ihr wie Catumer vorkam. Weil sie aber nicht
ersinnen konnte / wie Catumer hier die Stelle Cariovaldens vertreten könnte /
misstrauete sie ihren Augen / und hielt es ihre Einbildung entweder für einen
Traum / oder eine Bländung ihrer Liebe. Daher fieng Catumer aufs neue an:
Zweifelst du / kluge Adelmunde / an dem was du siehest? Wem wilst du denn sonst
glauben / wenn du mit deinen Augen so missträulich umbgehest? Wilst du dem
Verhängnisse widerstreben / welches diese Nacht zu dem Morgen deiner Vergnügung
und Glückseligkeit bestimmet hat! Kommen dir seine Wege seltsam für / so
gedencke; dass kein scharffsichtiges Auge selbte nimmermehr ausspüren wird.
Glaube / dass dieses Heiligtum uns vom Himmel bestimmet sei einander recht zu
erkennen / durch die Verknipfung dieses würdigen Priesters alle Knoten unser
Widerwertigkeit aufzulösen / und durch seinen Segen die Unfruchtbarkeit
Adelmundens in die Wüsteneien des Sand-Meeres zu verbannen. Adelmunde sah
nunmehr den Redenden mit unverwendeten Augen an / und hatte Mühe sich selbst zu
überreden; dass der selbständige Catumer für ihr stünde. Dieser streckte den
lincken Arm gegen dem Feuer / dass Adelmunde ein ihm von ihr zu Mattium gegebenes
Haar-Band erkennen möchte / und sagte: Diese Flamme muss mir zum Zeugnüsse / und
dir zu einem Lichte mir ins Hertze zu sehen dienen. Warumb quälest du mich denn
mit deinem kaltsinnigen Unverstande! Adelmundens Augen flossen bei diesem
Anblicke mit Tränen über / welche nicht seltener Töchter der Freuden / und
Vor-Redner der Liebe / als Gefärten der Traurigkeit sind. Endlich bekam ihre
Zunge gleichwohl so viel Gewalt auszuspreche: Falscher Cariovalda! Warum
peinigst du mich so sehr umb deine aufrichtige Liebe! Catumer ward durch
Adelmundens wenige Worte gleichsam ganz verzückt / und durch ihre Tränen seine
Liebe hell lodernd. Denn wie bei den Mohren ein gewisser Brunn anzünden soll /
also haben die Tränen auch die Eigenschaft eines flüssenden Feuers. Denn sie
machen durch ein besonderes Vorrecht der Natur beliebt / und vermischen ein
ertrinckendes Feuer und ein anzündendes Feuer durcheinander. Adelmunde ward
nunmehr beredsamer als Catumer / fieng also zum Priester an: Ich erkenne mit
grosser Ehrerbietung die Wunderwercke dieses Heiligtums! Ich gedachte in seinem
kalten Wasser Cariovaldens Liebe mit meinem Leben zu ersäuffen; so fühle ich die
Flamme seines Opfer-Feuers den kalten Zunder meiner Liebe in lichten Brand
versetzen. Ich unterwerffe mich diese nach den Gesetzen der Vermählungen; und
dem Willen dieses Bräutigams. Catumers Hertze ward hierüber zu enge seine
Glückseligkeit zu begreiffen / seine Zunge aber stum selbige auszusprechen /
daher drückte er ihre Hand an seine Lippen / gleich als wenn jene eben so wohl
das Gehöre / als diese die Sprache der Liebhabenden vertreten könnte. Der über
dieser seltzamen Veränderung vergnügte Priester fieng an: Lernet nun / ihr
holden Kinder / dass Gott ein Leiter der Hertzen / Andacht ein Heil-Brunn der
Liebe / eine Mutter der Vergnügung sei! Versäumet diesemnach nicht auch Gott diss
zu liefern / was ihm eure Liebe schuldig ist. Hiermit brachte ein Priester
Catumern einen gewaschenen. Wieder / Adelmunden ein Lam / welche sie beide mit
tieffer Ehrerbietung auf den Opfer-Tisch legten. Der oberste Priester stach
beiden die Gurgel ab / und bespritzte die Verlobten mit ihrem Blute. Hernach
schnitt er ihnen den Bauch auf / und warff die heraus gerissenen Gallen hinter
das Altar / umb anzudeuten; dass Ehen ohne Bitterkeit sein sollten. Er betrachtete
alles Eingeweide / fand alles in seiner Vollkommenheit / und wahrsagte ihnen
daher viel Glückseligkeiten. Hierauf sonderte er nach abgezogenen Fellen das zum
Brenn-Opfer gehörige Fleisch von denen zu der Speise der Priester bestimmten
Stücken ab. Catumer und Adelmunde mussten so lange / als das Opfer brennte / auf
den Knien Gott anruffen; hernach besprengte sie der Priester siebenmal mit
Wasser; und endlich band er beider in einander geflochtene Hände mit seinem
Gürtel zusammen; und beide mussten einander unabsätzliche Treue biss in Tod
eidlich zusagen. Nach aufgebundenen Händen sagte er: Euer Geschlechte blühe so
lange / als dieser Fels stehen wird! Zeuget mit einander so viel Kinder und
Kindes-Kinder / als dieses Feuer Funcken / und der Dymel-Strom Tropfen hat! Bei
diesem Schlusse winckten die andern Priester ihnen zur Andeutung / dass nun alles
vollendet / und es Zeit wäre aus der Höle sich zu verfügen. Ausserhalb derselben
ward auf dem Berge mit Schwenckung der Fackeln gleichfalls ein Zeichen gegeben /
dass die Vermählung glücklich vollendet wäre. Daher nicht nur über der Dymel von
den Catten / sondern auch über der Bach von den Chauzen sich ein heftiges
Freuden-Geschrei erhob / und dem Hertzog Ganasch / welcher in grossem Kummer
gestanden hatte: Ob seine Tochter sich noch zu Cariovaldens Heirat gutwillig
bequämen würde / ward ein schwerer Stein vom Hertzen gewältzt. Die vier Priester
leuchteten den Vermählten von dem heiligen Berge herab / und / ob sie wohl
Catumern andeuteten; dass Hertzog Ganasch auf seiner Seite unterschiedene Zelten
zu ihrem Beilager hätte aufschlagen lassen / und Sentia ihrer an der Bach
wartete / führete doch Catumer. Adelmunden über die Dymel seinen Catten zu /mit
Vermelden: dass seiner Landes-Art nach die Heimführung der Bräute in des
Bräutigams Haus geschehe. Catumer setzte daselbst sich und Adelmunden zu Pferde
/ schickte etliche Catten umb dem Grafen von Isenburg und Lichtenberg
anzudeuten: dass sie Cariovalden / Segesten und alle Gefangene los lassen und
ihm eben den Weg / den sie herkommen wären / nach Sassenberg an die Eder
nachfolgen sollten. Die ihn begleitenden Priester aber ersuchte er dem Hertzog
Ganasch beizubringen: dass Adelmunde aus sonderbarer Schickung des Verhängnisses
mit Catumern dem ersten und rechten / nicht aber mit ihrem verwerfflichen
After-Bräutigame vermählet wäre. Wenn er ihm nun diss gönnen würde / was der
Himmel ihm geschencket / dieses Heiligtum ihm unauflösslich angetrauet hätte;
würde er von ihm die tieffste Ehrerbietung / von den Catten verträuliche
Freundschaft / und von Gott unersitzlichen Segen zu erwarten haben. Dieses
brachten die Priester Sentien /welche ihr inzwischen wenig Gutes an der Bach
hatte träumen lassen / und folgends dem Hertzoge Ganasch zu. Jene wollte hierüber
von Sinnen kommen / und verfluchte die Priester / dass sie einem falschen
Bräutigame Adelmunden verknipft hätten. Dieser aber kannte sich für Zorne nicht;
also wusste er auch nichts zu entschlüssen; und beide nicht zu erraten / wo
Segestes und Cariovalda blieben sein müsten; und wie Catumer sich so künstlich
für jene eingespielt hätte. Nicht weniger ging es unter den Chauzen durch
einander. Etliche schäumeten Galle und Schmach auf Catumern; andere aber blieben
zweifelhaft: Ob nicht dieser Zufall mehr für ein Glücke als Unglücke der
Chauzen zu halten wäre? Einmal stünde auf Catumers Seiten das Vor-Recht; und
durch diesen künstlichen Betrug hätte er gewiesen; dass er nicht weniger klug als
hertzhaft wäre. Endlich befahl Hertzog Ganasch auf Sentiens Anstiften / dass
alles / was reiten könnte /aufsitzen / und nebst ihm seine geraubte Tochter
Catumern abschlagen sollte. Sintemal diese Vermählung wegen Irrtums und
ermangelnder väterlichen Einwilligung unkräfftig wäre. Dieses aber konnte in so
geschwinder Eil nicht geschehen / weil Catumer einen guten Sprung vorher hatte /
und die Finsternis in der Verfolgung nicht wenig hinderte. Nachde aber Hertzog
Ganasch über den Dymel-Fluss komen war / begegnete ihm ein Herold von Catumern /
welcher dem Chaucische Hertzoge beibrachte; dass er nicht aus Furcht / weil er
mit einer genungsamen Macht versehen wäre / sondern aus Ehrerbietigkeit des
Heiligtums zurück gewiechen wäre. Die Gerechtigkeit seiner Sache wäre auch so
beschaffen / dass er für der ganzen Welt darumb Rechenschaft geben / und wenn
Hertzog Ganasch ihm Gehöre geben wollte / er bei dem heiligen Brunnen / der ihn
zu Adelmundens Heirat mit seinem Wasser geleitet / seiner erwarten /und sich
als seinen Eydam nicht als seinen Feind erweisen wollte. Hertzog Ganasch / der
ihm nicht einbildete: dass Catumer mit einer solchen Macht gefasst wäre / ward
hierüber noch mehr verbittert; sagte also dem Herolde: Er möchte sich nur
kümmern zeitlicher bei Catumern zu sein / als er seine Rache an ihm als eine
Rauber seiner Tochter auszuüben verhoffte. Dieser Herold kam wegen bekandter
Wege noch für Tage an den bestimmten Ort / und kurtze Zeit darnach auch Isenburg
und Lichtenberg mit denen zu Bewahrung Segestens und Cariovaldens gelassenen
Catten bei Catumern an. Weil dieser nun von der Nachkunft der Chauzen hörte /
stellte er unter einem Berge sein Volck in eine richtige Schlacht-Ordnung.
Hingegen liess sich eine Stunde nach der Sonnen Aufgange nicht nur Hertzog
Ganasch / sondern auch Segestes und Cariovalda sehen / welche sich nach
erlassener Hafft gerade nach Eresberg gewendet hatten / und dem Hertzoge Ganasch
gefolgt waren. Ob nun zwar Ganasch einen Kern des Cattischen Adels für ihm
stehen sah / welchem seine Chautzen weder an der Zahl /weniger an Kräften
gleich waren / hätte ihn doch sein blinder Eiver solche anzugreiffen verleitet /
wenn nicht Segestes und Cariovalda / als von denen ihre Tapferkeit schon den
Tag vorher genungsam geprüfet worden war / solches ihm beweglich widerraten und
eingehalten hätten: dass es nicht ratsam wäre / umb einen Irrtum zu verbessern
/ sich in mehrere zu vertieffen / sondern vielmehr eine der grösten Klugheiten
den ersten zu vermänteln. Denn eines könnte zwar der allervorsichtigste versehen;
aber zweimal hinter einander irren / verspielte einem alles Ansehen. Diesemnach
rieten sie unter dem Scheine einer von Catumern und Adelmunden geforderten
Rechtfertigung ihres Beginnens sich aus dieser gefährlichen Enge mit Ehren an
auszuflechten. Hertzog Ganasch liess sich hierdurch bereden / dass er mit Catumern
und Adelmunden in freiem Felde zu reden verlangte; welches diese an einem Orte
willigten / da die zwischen zweien hohen Ufern flüssende Iter sie trennete.
Gleichwol aber war der Chaucische Hertzog seiner so weit nicht mächtig; dass er
in seinem Vortrage Catumern nicht einen Rauber seiner Tochter / einen Versehrer
des Heiligtums schalt / und von ihm Adelmunden als eine ungehorsame Verächterin
der väterlichen Gewalt wieder in seine Hände zu liefern verlangte / da sie beide
nicht anders so wohl die göttliche als seine und aller gerechten Fürsten Rache
auf den Hals ziehen wollten. Hertzog Catumer aber erinnerte sich; dass er mit
seinem Schweher-Vater redete / und daher Adelmunden zu Liebe / und ihm selbst zu
desto grösserm Ruhme mit ungemeiner Bescheidenheit antwortete: Es lieffe den
Rechten zu wider / dass jemand an seinem Eigentum / das er niemande verpfändet
hätte / einen Raub begehen könnte. Dass aber Adelmunde sein eigen worden wäre /
könnte Hertzog Ganasch nicht leugnen /welcher seine Tochter ihm selbst ohne
einiges Bedinge und mit ihrem guten Willen versprochen hätte. Solche
Verbindligkeiten verstatteten keine Reue. Denn sonst würde aus Heiraten eine
Handlung gemacht / oder vielmehr Treu und Glauben / welche unter Fürsten in
Ubermasse sein sollten / aus der Welt verbannet werden. Seines Vaters des Hertzog
Arpus erwachsenes Bedencken wäre nicht ohne alle Erhebligkeit / iedoch keine
Aufhebung ihres Verlöbnüsses /am wenigsten aber ihm sein an Adelmunden habendes
Recht zu benehmen mächtig gewest. Auch gemeine Versprechen könten von keinem
dritten / sondern müsten von denen selbst / die einander Hand und Mund gegeben /
aufgehoben werden. So aber hätte weder sein noch Adelmundens Wille iemals
gewancket. Diesemnach wäre ihm keine Schuld / Adelmunden kein Ungehorsam
beizumässen. Denn er hätte durch seine Heirat getan / was ihm das Recht / und
Adelmunde / was ihr der väterliche Wille erlaubt hätte. Hertzog Ganasch aber
eiverte aufs höchste über den ihm und seinem Hause angetanen Schimpf / dass
Hertzog Arpus mit Adgandestern eine andere Heirat behandelt hätte / welches die
Zerreissung des mit Adelmunden geschlossenen Verlöbnüsses an der Stirne trüge;
Dem aber / welcher nicht Glauben hielte / wäre man keinen zu halten schuldig.
Catumer bestünde noch unter väterlicher Gewalt / und wäre an seines Vaters /wie
Adelmunde an seine Handlungen und Schlüsse gebunden; also könnte er sich von
Vertretung dessen /worinnen sein Vater sich vergangen hätte / nicht ausflechten.
Hierauf fiel er auf Catumers bei der Verlobung gebrauchte / und von Adelmunden
gebilligte Arglist; welche auch die gerechtesten Sachen böse machte / und daher
Fürsten unanständig / dem Heiligtum verkleinerlich / und ganz Deutschlande
ärgerlich sein müste. Sonderlich da er die Priesterschaft /welche alle Völcker
als Wahrsager der Warheit verehrten / unter einem falschen Scheine hinters Licht
geführt hätte. Fürnemlich hätte Adelmunde wider das Recht der Natur / wider die
Schamhaftigkeit ihres Geschlechtes sich vergangen; welche er für Augen zu sehen
sich nicht würde überwinden können; weil er sie schon aus dem Ansehn der
Kindschaft gesätzt hätte / wenn sie nicht Augenblicks durch Reue und Demut von
einem so schändlichen Abweg zurück kehrete. Adelmunde kam mit ihrer
Verteidigung Catumern zuvor in folgender Antwort: Es stünde ihr als einer
gehorsamen Tochter nicht an mit ihrem so holden Vater zu rechten. Denn / was sie
zum besten ihrer Sache anführte / gereichte der väterlichen zum Abbruche. Kinder
aber wären verpflichtet auch mit ihrer Unehre der Eltern guten Nahmen zu
unterstützen. Ihre Frömmigkeit hiesse sie also sich schuldig zu geben. Hätte sie
nun sich durch die Vermählung vergangen; so möchte er doch als Vater
behertzigen; dass die Liebe als ein ihr vorgehendes Irrlicht sie verführt hätte /
welcher Regung über die Vernunft / ausser den Gesätzen / und der Weissheit zu
wider wäre. Der von dieser blinden Regung herrührende erste Seuffzer wäre ins
gemein der letzte Atem der Klugheit. Die Gewalt hielte sie für ihr Recht / ihre
Begierde für ihre Richtschnur / und das Besitztum des Geliebten für ihren
Zweck. Es wäre ihr unmöglich gewest / die dem weiblichen Geschlechte
eigentümliche Süssigkeit gegen den auszuziehen / den sie der Himmel und mein
Vater hatte lieben heissen. Die Gelegenheit / oder vielmehr die wunderwürdige
Schickung des Himmels hätten ihr geraten in dem nichts unrechtes erlaubenden
Heiligtum den gefundenen Bräutigam nicht zu verstossen / da man sie der
Vermählung halber vorher nicht hätte wollen ertrincken lassen. Wäre es denn nun
ein unversöhnlich Verbrechen: dass sie ihr die Fessel gutwillig angelegt; welche
man ihr anzuschmieden so grosse Gewalt gebraucht hätte / dass sie nicht hätte
eine abtrünnige Liebhaberin oder eine Uberläufferin werden wollen! Ihr liebster
Vater sollte behertzigen / ob sie ein ander Laster begangen / als dass sie mit
Cariovaldens Ehlichung nicht habe ein grösseres begehen wollen? dass sie den
ersten und gegenwärtigen Bräutigam für den letzten und abwesenden erkieset. In
der Liebe wäre nichts mächtiger / als die Gegenwart / denn die Augen wären die
Brunnen der Liebe / die Werber der Wollust / alle andere Sinnen nur ihre
Dienst-Mägde. Alle Brunnen führten den Nahmen ihres Ursprungs / nicht der Länder
/ derer fruchtbare Felder / heilsame Ertzt-Adern sie durchstriechen. Weil nun
von Catumern die erste Liebe in ihr Hertz geflossen; wie hätte sie sich dessen
erwehren können / der ihr die Liebe zum ersten eingeflösset? Wolte man sie
beschuldigen / dass sie die Pflicht einer Tochter / die Blödigkeit ihres
Geschlechtes auf die Seite gesätzt hätte; so möchte man darbei nicht vergessen /
dass das Verhängnüs ihr Catumers Liebe zum ersten eingeblasen / ihr Vater solche
gebilligt habe /und dass / je mehr ein Liebender sich zu mässigen zwingen wollte /
er sich nur mehr entzündete / solch Feuer aber nirgends als in anderm Feuer Ruhe
/ wie das geschmeltzte Glas in dem Kühl-Ofen seine Vollkommenheit anträffe. Sie
verehrte mit tieffster Demut das Recht väterlicher Gewalt / aber dieses hübe so
wenig als das der Hoheit die Gesätze der Natur /und die Botmässigkeit der Liebe
auf. Diese hätte sie nun einer andern Gewalt unterworffen / dass sie ihrer nicht
mehr mächtig wäre / und in einen Stand versätzt / der weder Reue noch Aenderung
vertrüge. Daher sollte ihr holdester Vater mit angemaasster Uberwindung der
Unmögligkeit durch ihre Hertzens-Kränckung sich doch nicht selbst in ewige Unruh
sätzen. Klugheit gründete sich nie auf ungewisse Glücks-Fälle / weniger nähme
sie ihr was für / an dessen Ausgange sie verzweifelte; sondern sie verhüllete
vielmehr ihrer Kinder Schwachheiten / als eigene Wunden. Weil aber Ganasch nach
Art derer von auf sie gesprjetztem Wasser nur mehr breñenden Stein-Kohlen sich je
länger je mehr ungebährdig stellte / je beweglicher Adelmunde redete / nam
Catumer das Wort von ihr und sagte: Wenn sich mit ihrer Heirat einiges Unrecht
vermählt hätte / wäre von selbtem nichts der von seinem Vorhaben nichts
wissenden Adelmunde /sondern ihm alleine zuzumässen. Ganasch hätte sie gezwungen
in dem Eresbergischen Heiligtum sich zu vermählen; darinnen sie keinen andern
Bräutigam gefunden / als ihn. Also wären Gelegenheit und Liebe / ja das
Verhüngnüs selbst Stiffter dieser Heirat gewest; bei keinem Volcke der Welt
aber eine Sünde den zu ehligen / den man liebte. Sintemal ja die Liebe der Kern
aller Weissheit wäre auf Erden und im Himmel. Er hätte auch nichts anders
verbrochen / als dass er seinem Nebenbuhler Cariovalda wie an Rechte und
Verdiensten / also in desselben Ausführung wäre zuvor kommen / worinnen der
künstlichste Streich der Klugheit bestünde / weil sonst Recht und Verdienste
denen aus dem Glücks-Topffe gezogenen Zetteln zu vergleichen wären / und
mehrmals keine Giltigkeit hätten. Hätte er nun gleich bei seiner Heirat einige
List gebraucht / so wäre doch diese für kein Laster zu halten / weil ihm das
Recht der Liebe und des Krieges wider Cariovalden solches erlaubte / der durch
Entführung seiner Braut sich für seinen Feind erkläret hätte. Im Kriege und in
der Liebe wären aber Arglist /Künste / ja die Betrügereien selbst unverboten.
Alles / was zum Siege diente / bliebe Unschuld / und wäre es eines / ob man
andern durch eine kluge Erfindung /oder mit Gewalt Lorbern und Myrten vom Kopfe
riesse; ob man eine Stadt mit Sturme oder durch Verständnüs einbekäme; ob man
seiner Liebsten sich auf eine oder andere Art bemächtigte. Denn alles / was
Kriegs-Leuten und Liebhabern zu ihrem Zwecke diente / wäre zulässlich / alles
ihnen schädliche / ein Verbrechen. Was schiene unrechter zu sein als frembde
Kronen zu rauben / was grausamer / als Städte einäschern / Länder verwüsten /
was wäre unmenschlicher / als Ströme aus Blut / Berge aus Leichen machen?
Gleichwol aber wäre dis eine so gemeine Sache / dass es fast niemand mehr Königen
übel auslegte /sondern Brand und Blutstürtzung für ihr Handwerck /und die
Grausamkeit für ihre erste Tugend / und für ein Meisterstücke hielte / wenn man
in einer Schlacht den Wind und die Sonne gewänne / und dem Feind den Staub in
die Augen jagte / oder ihn auf die Fallbrücke eines Hinterhalts lockte. Warumb
sollte denn in der Liebe die zumal aufs Vorrecht gegründete Gewalt / oder die
Bländung unser Widerwärtigen so verdamlich sein? Warumb sollte die mit so viel
Freiheiten versehne Liebe nicht eine unschuldige Anstalt zu dem seinigen zu
gelangen rechtfertigen? die Herrschaft der Liebe hätte nicht engere Gräntzen /
als die des Krieges; nämlich sie vertrüge keine Schrancken /wie ihre Gesätze
keine Richtschnur / ja sie giengen über alle andere / und hielten derselben
Unterdrückung für ihre Ehre. Die Oberhand machte alle ihre Vornehmen gerecht;
wer darinnen Glück hätte / wäre zugleich weise und unschuldig. Wenn man erhielte
/was man gesucht / wäre niemand mehr umb die Mittel und Wege bekümmert. Alle
Uberwinder werden rechtmässige Könige; und die Vermählten untadelhafte Ehleute.
Der Geitz machte nur entweder frembder Güter zu Dieben / die Begierde zu
herrschen aber sie zu grossen Helden. Also würden alle Verrichtungen nach dem
Ursprunge der ersten Regung für Laster oder Tugenden / wie alle Dinge so gefärbt
angesehen / wie das Glas ist / dadurch man sie betrachtet. Diesemnach möchte ihn
Hertzog Ganasch gleich als einen Liebhaber / oder Cariovalda als seinen Feind
ansehen; so würde er doch vom ersten mit Rosen / vom andern mit Palmen zu
kräntzen / und wegen seiner Loslassung für einen der gütigsten Sieger zu rühmen
sein. Alleine er hätte nicht Not sich mit dem Rechte des Krieges und der Liebe
zu verteidigen. Des Chaucischen Hertzoges eigenes Versprechen redete ihm das
Wort / welches bei ehrlichen Leuten so viel als die Gewehrung selbst wäre.
Dieses wäre man auch dem Feinde zu halten schuldig / und unter vernünftigen
Menschen Treu und Glauben nichts gemässer / als / was man zugesagt / halten /
wenn schon dis dem Versprecher schädlicher / als dem andern nützlich wäre. Keine
Reue könnte jemanden sein daraus erworbenes Recht entziehen / und Fürsten wären
auch ihren Untertanen / wie viel mehr ihres gleichen ihre Zusagen zu erfüllen
durchs Recht der Natur und Völcker verbunden. Ja alle Worte der Fürsten sollten
so wenig auch bei widrigen Zufällen / als das Gold im Feuer versehrlich sein.
Daher hätte Hertzog Ganasch mit Cariovalden nichts schlüssen / weniger ihm
Adelmunden durch Vermählung zueignen können / auf welche er vorher schon Recht /
und sein Vater Arpus es ihm zu entziehen keine Gewalt gehabt. Hercules hätte
wider den Eurytus / Darius wider die Scyten zu kriegen / die Römer denen
Sabinen ihre Töchter mit Gewalt zu nehmen für recht gehalten; als ihnen die
Heiraten wären versagt worden. Wer wollte nun ihm verargen /dass er sich
Adelmundens bemächtigt hätte / welche Deutscher Ankunft / seines Standes / und
seine versprochene Braut gewest wäre? Wo man keinen Richter über seinen
Schuldner hätte / und man in Gefahr geriete des seinen verlustig zu werden /
wäre jeder ihm selbst Recht zu verhelffen berechtigt. Dieses würden auch die
Priester des Eresburgischen Heiligtums billigen müssen / welche nicht ihm / wohl
aber Cariovalden die Vermählung zu verweigern würden Ursach gehabt haben. Diesen
hätte er / wie man ihn beschuldigt / nichts falsches angebunden / wiewol es ein
nicht geringer Werck der Klugheit wäre / durch falschen Vorwand einen in die
Schrancken der Billigkeit / als durch einen Seiten-Weg einen geräder zu seinem
Ziele bringen. Er hätte sich bei den Priestern niemals für Cariovalden / wohl
aber / der Warheit gemäss / für Adelmundens Bräutigam ausgegeben / ja seine Braut
im Heiligtum selbst / dass er der falsche Cariovalda wäre / entdeckt. Wären nun
gleich die Priester in den Gedancken gewesen / dass sie mit Cariovalden zu
schaffen hätten / so hätte sie ihre irrige Einbildung /nicht seine falsche
Beredung verleitet. Niemand wäre dis / was ihm nachteilig sein könnte / zu sagen
schuldig. Denn wie ein Fürst niemals lügen / aber wenig und langsam glauben
sollte / also wäre die unzeitige Verratung der Warheit eine so gefährliche als
einfältige Aufrichtigkeit; Stillschweigen aber eines der fürnehmsten Werckzeuge
der Herrschaft. Zudem wäre das Werck der Vermählung nicht die Priester /
sondern Adelmunden und Cariovalden angegangen. Jene klagte über keinen Betrug /
dieser als sein Feind und Gefangener hätte über keinen zu klagen. Sintemal die
weisesten Leute für rühmlich und nützlich hielten dem Feinde durch Betrug
Abbruch zu tun / und die Spartaner hätten über einem solchen Siege mehr als
über einer gewonnenen Schlacht Opffer geschlachtet. Am allermeisten aber wäre
löblich zum Schutze der Unschuld und der Gerechtigkeit zu steuer Unwarheit
sagen; Derogleichen doch auf ihn nicht zu bringen wäre / der sich seines Rechtes
gebraucht / also niemanden Unrecht getan hätte. Nach dem nun die Eh /der andere
Grundstein menschlicher Glückseeligkeit /die festeste Verknüpfung zweier
Geschlechter sein sollte / bäte er / es möchte Hertzog Ganasch selbige nicht
einen Apffel der Zwytracht sein / und an statt väterlicher Hold nicht Galle und
Hass auf sie beide /die nunmehr eines worden wären / fallen lassen. Durch dieses
Band wären vielmal unaussöhnliche Tod-Feindschaften aufgehoben worden; ja die
einander so widrigen Feuer und Wasser würden bei ihrer Vermengung mit einander
einträchtig; wie könnte er denn übers Hertz bringen / dass die Ehlichung seiner
Tochter gegen ihn eine Quelle bitterer Feindschaft sein sollte? Catumer hätte
noch länger geredet / wenn ihm nicht Ganasch mit folgenden Worten in die Rede
gefallen wäre: die Verteidigung des bösen ist ärger als die Begehung. Jene kann
aus Schwachheit / diese muss aus Vorsatze geschehen; die Ubersehung eines
Verbrechens aber ist das allerärgste. Also bildet euch nur nicht ein / dass ich
durch eine Versöhnung mit euch mich lasterhafter machen werde / als ihr selbst
seid. Ich werde euch hassen / weil mir die Augen offen stehen; und ich werde
euch zu trennen nicht vergessen / so lange meine Rache nicht euer / oder der Tod
das Bündnüs meiner Seele und des Leibes getrennt hat. Bei diesen Worten spannete
Ganasch unversehens den Bogen / und schoss die sich dessen am wenigsten
versehende Adelmunde in Arm. Catumers Hertze ward hierüber auf einmal mit Rache
und Liebe überfalle / dass er nicht wusste / ob er vorher dem Hertzoge Ganasch
solche Beleidigung vergelten / oder Adelmunden zu hülffe kommen sollte. Aber
diese gewaan die Oberhand / indem er Adelmunden zueilte / sie vom Pferde hob /
ihr das Blut abwischte / den Pfeil mit grössern Schmertzen / als sie selbst
fühlte /aus der Wunde zoh / und Kräuter sie zu verbinden suchte. Bis ein ander
Wund-Artzt zur Stelle kam; unterdessen aber waren die Catten nicht zu erhalten
/dass sie nicht die Chaucen mit grosser Verbitterung anfielen. Segestes machte
sich alsbald aus dem Staube / und auf dessen Ermahnung auch Cariovalda /weil
jener ihm leicht die Rechnung machen konnte: dass es mit diesem Gefechte schlecht
ablauffen und er durch fernere Erzürnung der Catten sein ganzes Fürstentum zu
verlieren in Gefahr sätzen würde; bei diesem aber / der wegen ausgefallnen Armes
ohne dis nicht fechten konnte / nunmehr alle Hoffnung zu Adelmunden verloschen
war. Hertzog Ganasch hielt mit seinen Chaucen zwar Stand; aber weil der Catten
ein gutes Teil mehr / und ihre Schwerdter von einer heftigen Rachgier erwetzet
/ ihre Gemüter durch den Sieg vorhergehenden Tages aufgeschwellet waren
/fiengen sie bald an zu wancken und in Unordnung zu geraten. Hertzog Ganasch
selbst / welcher von Zorn und Unwillen schäumte / tat zwar nicht nur dis / was
einem tapfferen Helden / sondern auch einem verzweifelten Feinde zukomt / und
bot denen die Stirne selbst / welche sich am weitesten hervor zückten und
durchbrachen. Aber auch Hercules ist ihrer vielen nicht gewachsen. Adelmunde /
welche bei ihrer Verbindung nicht das geringste Merckmaal einigen Schmertzens
spüren liess / ward / als sie das blutige Gefechte zwischen den Catten und
Chaucen ins Gesichte und Gehöre bekam / mit einer unsäglichen Wehmut
überschüttet / also dass ihre kindliche Liebe eine grosse Menge Tränen als ihr
reinestes Hertz-Geblüte und das kräftigste Wesen ihrer ängstigen Seele durch die
zarten Röhren ihrer Augen herfür trieb. Nach dieser stummen Vorbitte beschwur
sie Catumern bei ihrer beider Liebe: Er möchte ihrem Vater nichts gewaltsames
oder verkleinerliches begegnen lassen / und auf ihre Lands-Leute keine so grosse
Rache / welche ihr als der allein beleidigten viel empfindlicher als die
Verwundung fiele / verhengen. Hätte sie Hertzog Ganasch gleich verwundet / so
wäre diese Beleidigung nur ein Sonnenstaub gegen denen ihr erzeigten Woltaten /
wiewol Eltern ihre Kinder nur züchtigen /nicht beleidigen könten. Wenn aber auch
dis gleich geschehe / höreten sie doch nicht auf Vater und Mutter zu sein; und
ihre Liebe bräche doch endlich aus Zorn und Hass / wie die Sonne aus dem Gewölcke
herfür. Dieser einige Eyver könnte in ihr den Trieb und das Gesätze der Natur
nicht ausleschen / welches auch wilden Tieren eingepflantzt wäre: dass / wie die
Bären und Schlangen ihre Jungen leckten / die sonst unbendigen Waldschweine für
sie aus Liebe in die Eisen und Netze der Jäger rennten; also trügen die Störche
und Meerschweine ihre Eltern auf dem Rücken. Er möchte doch nicht etwas
geschehen lassen /welches ihr eine Gleichheit eines Wasser-Pferdes /eines
Scorpions und einer Natter eindrückte / welche Untiere alleine beschuldigt
würden / dass sie ihren Eltern weh täten. Es wäre der Grossmütigkeit
Eigenschaft frembdes Unrecht ungerochen lassen / aber eine Pflicht der
Frömmigkeit Eltern nichts böses vergelten. Denn diese könten Kindern kein
Unrecht anfügen; weil die Scyten jenen das Recht diese viermal zu verkauffen /
die Seren sie nach Belieben zu ersäuffen / die Egyptier und Römer auf allerhand
Art zu tödten frei liessen. Kein Volck aber hätte eine mehrere Gewalt über ihrer
Kinder Blut / als die Gallier und Deutschen. Wie in einem schlechten hätte nun
Ganasch durch eine geringe Wunde seine väterliche Gewalt an ihr ausgeübt! wie
könnte sie nun ohne Greuel wider ihren Vater einige Rache verhengen / von dem sie
ihr Wesen hätte / und gegen den jedes Kind mehr als gegen seinen König
verpflichtet wäre! Würde sie nicht ein Mensch zu geschweigen eine Tochter zu
sein aufhören / wenn sie sogar in seinem ihr für Augen schwebenden Tod willigte!
Sintemal die Persen nicht glaubten: dass ein warhaftes Kind seine Eltern am Leben
anzutasten sich überwinden könnte /sondern die / welche solches täten /
untergesteckte Kinder sein müsten. In welchem Glauben auch die alten Gesätzgäber
gewesen sein müsten / die auf Vater- und Mutter-Mord keine Straffen ausgesätzt;
wo sie anders auch darauf eine genungsame Pein zu erdencken sich getraut haben.
Kein Kind wäre so vermögend / Eltern ihre Woltaten gut zu tun / wie wäre es
nun möglich ein Recht des Todes über sie zu bekommen. Alle Gesätzgäber müsten
hier an sich halten / weil die Gesätze des Geblütes unausleschlich wären / und
ein Vater kein solch Laster begehen könnte / was ein Sohn durch Vater-Mord zu
rächen befugt wäre. GOtt als der Vater des menschlichen Geschlechtes hätte
hieran Teil / und würde in den Eltern beleidigt / also wäre nichts / in der
Welt keine dem Vaterlande / keine dem Ehmanne schuldige Verbindligkeit / welche
ein Kind von jener als der ersten los machen könnte. Kein Kind aber wäre mehr als
sie ihrem Vater verpflichtet; welcher Zeiter alle Strahlen der väterlichen
Liebe auf ihr als der einigen Tochter gleichsam als auf einem Puncte vereinbaret
hätte; und daher nicht zu verwundern / dass seine so heftige Liebe / welche er
durch ihre Heirat verletzt zu sein glaubte / in solche Ungedult verfallen wäre.
Würde sie nun bei so gestalten Sachen der Coloquinten-Frucht / welche die Galle
der Erde / der Tod der Gewächse hiesse / nicht billich zu vergleichen sein /
welche am giftigsten wäre / wenn ihrer nicht mehr als eine auf einer Staude /
oder nur eine Staude auf einem Felde wüchse. Mit einem solchen Schandflecke
ihres Nahmens wäre ihr unmöglich auch in den annehmlichsten Armen ihres Catumers
zu leben; und weil Kinder überdis nach dem rühmlichen Erbieten und Beispiele des
jungen Aquilius Florus bei Aetium mit ihrem Tode der Eltern Leben zu lösen
schuldig wären; würde ihr unmöglich fallen; wenn ihr Vater Ganasch allhier an
seinem Leben einigen Schiffbruch litte / den Untergang der Sonne zu überleben.
Catumer stiegen die letzten Worte bis ans innerste seines Hertzens /daher sagte
er: zweifle nicht / frömmste Adelmunde /dass ich nicht nur meine Rache deiner
kindlichen Liebe / sondern auch mein eigenes Leben deiner Vergnügung willig
aufopffere. Hiermit verliess er sie in der Aufsicht des Grafen von Lichtenberg
und etlicher zwantzig Ritter / in willens sich in das durch das Weichen der
Chaucen einen ziemlichen Weg entfernte Treffen zu verfügen. Es begegnete ihm
aber der Ritter Bickenbach / durch den ihm der Graf von Solm zu wissen machte:
dass die Chaucen in euserster Not wären / und sie nicht einige Hoffnung des
Sieges /sondern nur die Hartnäckigkeit ihres Hertzoges Leiche von dem
Kampff-Platze zu bringen von der Flucht zurücke hielte. Catumer erschrack
hierüber mehr / als wenn seine Catten geschlagen wären / rennte also
spornstreichs fort / und erteilte bald aller Orten Befehl / dass bei
Lebens-Straffe kein Catte mehr gegen einigem Chaucen keinen Streich mehr tun /
sondern sie sich eines Bogenschusses weit zurück ziehen sollten. Dieses war ohne
einige Gefahr leicht zu vollziehen / weil die noch übrigen Chaucen weder Atem
noch Kräffte zu fechten mehr hatten. Diese zohen den Hertzog Ganasch unter einem
Hauffen todter Menschen und Pferde herfür / welchen der Graf von Solm zu erst
vom Pferde gebracht hatte. Sie verspürten aber an ihm noch etlicher massen ein
Leben. Daher Hertzog Catumer dem Grafen von Delmenhorst zu entbieten liess: Es
wäre dieses Treffen ohne seinen Befehl fürgegangen / und wäre ihm nichts leider
/ als dass der tapffere Hertzog der Chaucen durch seinen Eifer in solch Unglück
verfallen wäre. Diesemnach wäre er erbötig ihm und allen verwundeten Chaucen mit
allen möglichen Heilungs-Mitteln zu dienen / und zu ihrer Pflegung das nahe
dabei liegende Schloss Winterburg einzuräumen / wie er denn auch von Adelmunden
den Wund-Artzt zu holen anbefahl. Delmenhorst musste diese Guttätigkeit ihres
selbst gesuchten Feindes zu Danck annehmen. Wie nun Hertzog Ganasch bei
abgenommenen Waffen und Abwischung des Blutes /darein er gleichsam getaucht war
/ noch mehr Lufft schöpffte; also befand der Wund-Artzt an ihm zwar sieben
frische Wunden; jedoch machte er Hoffnung /dass derer keine tödtlich sein würde /
wo nur die auf der Brust empfangene Tritte von Pferden / welche ihm schweres
Atemholen verursachte / und die Rede hinderte / nicht inwendig grösseren
Schaden getan hätte. Es hatte ihm aber der Artzt kaum das Blut gestillt / und
die grösten Wunden verbunden / als Adelmunde / welcher das Geschrei den Tod
ihres Vaters zugebracht hatte / mit grossem Wehklagen und Ausrauffung der Haare
dahin gerennet kam / vom Pferde herab sprang / den auf einem Hügel liegenden
Hertzog Ganasch umbarmte / die Pflaster von ihrer Wunde riess / und so wohl mit
ihm den Geist auszublasen / als sein Blut mit dem ihrigen zu vermischen
beteuerte; Gleich als wenn Adelmunde mit ihrem Blute dem Vater das seinige /
wie jene Griechische und Römische Tochter mit der Milch ihrer Brüste ihrem Vater
das Leben ersätzen / und mit ihrer Frömmigkeit die Ordnung der Natur verkehren
oder vielmehr überwinden wollte. Weder des Grafen von Delmenhorst /noch ihres
eigenen Catumers Einredung verfiengen etwas bei ihr / sondern ihre Tränen
vermehrten sich wie die Flüsse / je weiter sie lauffen / weil sie entweder der
Schmertz verblendet hatte / dass sie ihren Vater nicht leben sah / oder weil sie
diesen ihren Saltz-Perlen / welche der Natur eigene Hand in den Augen
zerschmeltzet / und durch die auch die unfühlbareste Seele beweget wird / ihres
Vatern todtes / wie Cleopatra mit ihren in Essig zerlassenen / des Antonius
kaltes Hertze gewinnen wollte. Dieser heftige Schmertz presste dem Chaucischen
Hertzoge das erste Wort aus / oder ihre Liebe gab ihm vielmehr neue Krafft zu
reden / dass er sagte: Gönne mir die Ruh /und die Zeit mich zu erholen. Worauf
ihr denn Catumer ferner einhielt: dass aller Kummer / welcher sich nicht mit
Bemühung der Hülffe vereinbarte und nur den Zweck auf sich selbst hätte /
vergebens wäre. Ihre Ungedult beunruhigte und beleidigte ihren Vater / und sie
frässe durch unzeitige Traurigkeit ihr das Hertze /wie die Würmer das Holtz und
die Mutten die Kleider. Allezeit wollen glücklich sein wäre eine Unwissenheit
der Helffte der Natur / ja die gröste Unglückseeligkeit niemals unglücklich
gewesen sein; weil man bei dieser Beschaffenheit nichts von der Helffte der
Tugend wüste / und künftigen Unfällen behertzt zu begegnen ihm weder Rechnung
noch Vorsatz machen könnte. Dahingegen das Unglück den Geist ermunterte / den
Verstand schärffte / und das Gemüte abhärtete / ja durch Gedult und
Standhaftigkeit das Verhängnüs auf uns länger zu wüten beschämte / oder gar auf
seine Seite brächte / oder zum wenigsten die schwereste Last erträglich machte;
sintemal doch die Gedult ein sehr erleichterndes Trageband abgäbe. Zudem wäre es
noch Unzeit so kleinmütig sich zu erweisen; weil die Hoffnung von ihres Vaters
Genesung sonst noch niemanden entfallen wäre / dis aber eine mehr als weibliche
Schwachheit ehe Leid tragen /als es nötig wäre. Adelmunde ward hierdurch
gezwungen ihre Seuffzer zu verbeissen / und ihre Tränen zu verstopffen / auch
des Wund-Artztes Gutbefinden nach / sich ihres Vaters zu enteusern / damit durch
ihre Anwesenheit nicht das Geblüte und Gemüts-Regungen unruhig gemacht würden.
Hertzog Ganasch ward also von Adelmunden mit vielen Küssen und unzählbaren
Tränen / welche nicht weniger ein Dampff hertzlicher Liebe / als das Blut
verwundeter Seelen sind / gesegnet / und nach Winterburg getragen / Catumer und
seine Gemahlin aber blieben mit ihren Catten zu Hallenberg an der Orcke / allda
sie von dem Fürsten Ganasch alle zwei Stunden Nachricht haben konten. Also war
der Anfang dieser annehmlichen Heirat mit so viel Unvergnügen / als imermehr
eine Rose mit Dornen vermenget. Und wie ausser Rhodis und Alexandrien fast kein
Ort in der Welt sein soll / da alle Tage des Jahres die Sonne scheinet; also
werden auch schwerlich mehr Menschen zu nennen sein / derer Freuden niemals die
Trübsaals-Wolcken verdüstert hätten. Ob nun wohl Adelmunden die ihr von der Liebe
zubereitete Lust durch diesen Zufall mercklich versaltzen ward; auch sie zu
Hallenberg keine einem Fürstlichen Beilager anständige Anstalt fanden; so konnte
doch die Vollkommenheit ihrer Liebe keinen Abbruch leiden; sondern sie und
Catumer lieferten nunmehr in den Tempel der Treue die Gelübde ihrer feurigen
Begierden ab / sie bauten auf den Fels ihrer Beständigkeit der Liebe ein Altar /
und flössten durch das Röhr ihrer Schönheit und Freundligkeit die unschuldigste
Wollust darauf. Ihre Augen bildeten Catumern auf einmal durch die daraus
rinnenden Tränen Wasser- und die daraus schüssenden Anmuts-Strahlen
Feuer-Brunnen ab /gleich als wenn für dieser Werckstadt der Liebe die Seelen
allzu zeitlich zu Asche werden würden / wenn sie keine Abkühlung bekämen. Das
lebendige Feuer ihrer Lippen erweckte in ihm einen unausleschlichen Durst durch
hundert Küsse / oder vielmehr durch die feurigsten Ausdampfungen des Hertzens
seine mit ihrer schon auf den Lippen schwebenden Seele zu vermischen. Wiewol
ihre Brüste / welche zwei aus geronnener Milch gewachsene Berge und mit Rosen
besteckte Knospen fürbildeten / so wohl den Lippen als Augen sich mühten Eintrag
zu tun / und durch ihre schnelle Aufschwellung nicht weniger ihren eigenen
Hunger verrieten / als Catumers Mund zum Genuss ihres Labsals auf sich lockten.
Also erndteten beide die reiffen Früchte der Liebe mit einer so
unaussprechlichen Vergnügung ein / dass Adelmunde so wenig des vorhergehenden
Tages Unlust / als man in einem grossen Kessel-Honigs einen Tropffen Galle
schmeckte. Ja ihre Wollust kriegte durch diese Verdrüssligkeit gleichsam eine
annehmliche Schärffe; sintemal die Liebe eben so wohl als der Geschmack eine
allzu grosse Schlüpfrigkeit verschmähet / und sie so denn wie der mit Aloe und
Wermut verjohrne Wein desto annehmlicher ist. Die schmertzlichen Braut-Tränen
der ersten Nächte waren in dem Heiligtum der Liebe ein süsser Opfer / als
aller Weirauch der Araber / und die Baum-Säffte der Morgen-Länder / ja der
lieblichste Lebens-Balsam in den Hertzen der Liebhaber. Die feurigen Rosen ihres
Hochzeit-Bettes stachen desto schöner ab; weil sie mit den tunckelen
Cypressen-Zweigen unterflochten waren. Adelmundens Schwermut verzuckerte so
vielmehr ihre geistige Küsse und andere Speisen / welche die Liebe und Jugend
hier aufzusätzen pflegt. Sintemal Küsse ohne Bisse für Eyver ohne Toter gehalten
werden / die Traurigkeit aber wie die Feuchtigkeit der Leim der Vereinbarung /
der Talg der Beständigkeit und das zu Unterhaltung der Liebe dienlichste Oel
ist. Wegen welcher Eigenschaft auch dem weiblichen Geschlechte zugeeignet wird
/ dass sie im Lieben siebenmal heftiger als das männliche sei. Wie denn auch
Adelmunde sich nicht gefroren zu sein bezeigte / sondern das Saltz ihrer Tränen
Catumern zur Würtze der allerempfindlichsten Ergetzligkeit angewehrte. Und ob
sie wohl noch für Aufgange der Sonne den Brand unter die Blässe ihres Antlitzes
vergraben wollte / stellte sich doch auf den Morgen die Purpur-Farbe als die
Abendröte der vertagten Jungfrauschaft zu einem Zeugen ihrer im Hertzen
lodernden Flammen dar. Ihr verschämter Mund musste gestehen / dass der Himmel ihr
zwar vorigen Tag zu einer betrübten Nacht / die darauf gefolgte Nacht aber zu
dem annehmlichsten Tage ihres Lebens gemacht hätte. Catumer beklagte sich über
die Kürtze dieser so süssen Nacht / über die Sonne / dass sie beide allzu früh
aufweckte / und über die Kürtze der vergänglichen Wollust. Adelmunde aber /
welche nicht verschlaffener als die Morgenröte sein wollte / sondern mit ihr zu
einer Pein ihres Gemahles aufstand / hielt ihm ein: Ob er denn die Rosen
geringer als Epheu hielte / weil jene so vergänglich wären / dieses aber auch im
Winter grünete? dieses eben wäre das niedlichste in der Wollust der Liebe /dass
sie weder sättigte / noch Eckel verursachte / sondern die Kürtze ihrer Tauerung
mit der Grösse der Sehnsucht nach ihr reichlich erstattete. Weil nun die
Jungfrauschaft in Deutschland wie bei den Mohren /welche das mit ihrem Purpur
gefärbte Gewand wie ein Heiligtum aufheben / so hoch / als in den meisten
Morgen-Ländern geringe / und für einen Gebrechen geschätzt wird / und daher
denen Bräuten nach dem ersten Beischlaffe eine Morgen-Gabe geschickt werden muss
/ übersendete Catumer seiner Gemahlin ein aus weissem Agsteine überaus künstlich
gedrehtes Bild der Liebe / und eine Schnure der vollkommensten Perlen. Zu dem
ersten legte er einen Zettel mit diesen Reimen:
Ist's wahr: dass Agstein sind der Sonnen-Töchter Zähren /
Die mit dem Phäeton fiel'n in das heisse Meer /
Muss ich der Liebe Bild aus Agstein dir gewehren.
Denn Liebe rinnt / wie er / aus Meer und Tränen her.
    Die Perlen waren in ein Papier und darauf geschriebene folgende Worte
eingehüllet:
Bekümmere dich nicht / dass unser' Eh mit Sehnen /
Und unsre Liebe sich mit Tränen hebet an;
Weil sie die Glückes-Sonn' in Perlen wandeln kann.
Sind doch die Perlen auch der Morgenröte Tränen.
    Adelmunde küssete dis angenehme Geschencke /und benetzte selbtes mit einer
ziemlichen Anzahl Freudens-Tränen; weil sie zugleich die Nachricht kriegte /
dass ihr Vater zu Winterburg die Nacht mit ziemlicher Ruh hingelegt / sich auch
sein Zustand mercklich gebessert hatte. Damit sie auch in der Eil ihre
Erkenntligkeit dieses Geschenckes mit etwas zu verstehen gäbe / flochte sie aus
ihren Haaren mit darein gefädemtem Agsteine und Perlen ein Armband /und schickte
solches Catumern mit beigelegten Reimen:
Nimm dieses Haarband hin / bist du nicht Schnee und Eis /
Weil nichts als Frauen-Haar den Fisch zu fangen weiss
Der in dem Meere brennt. Verachte nicht die Waare /
Verschmähn die Sternen doch nicht Berezintens Haare.
    Unter seine ersten Reime aber schrieb sie folgende:
Ich will / dass Agstein wächst aus Tränen / nicht verneinen /
Wenn Liebe sie gebührt / und Sonnen sie versteinen.
Wird mich dein Auge nun / o Sonne / stets bescheinen;
Kan meine Liebe nichts als Edelsteine weinen.
    Unter Catumers andere Reime aber schrieb sie ihm diese:
Soll bitter Tränen-Saltz der Perlen Mutter sein /
So muss auf Zungen es der Purpur Schnecken rinnen.
Nimmt meine nun dein Mund in seine Muschel ein /
So wird mein Auge nichts als Perlen weinen können.
    Catumer fertigte daher noch selbigen Tag den Grafen von Solms nach Mattium
ab / mit Befehl: dass er seine seltzame Verrichtung anfangs seiner Mutter der
Hertzogin Erdmut und dem Fürsten der Hermundurer / und nach dieser beider
Anleitung / seinem Vater dem Hertzoge Arpus erzählen / also ihm den Weg zu
seiner Wiederkunft bähnen sollte. Sintemal er nicht ausser grossem Kummer war /
was der arglistige Adgandester inzwischen bei Hofe gesponnen / und wie Arpus
seinen heimlichen Wegzug aufgenommen haben / und am meisten wie er seine Heirat
auslegen würde. Nach dessen Abfertigung war Catumers gröste Sorgfalt / wie er
Adelmunden vollends durch allerhand Zeitvertreib die noch übrige Dämmerung ihres
Bekümmernüsses aus dem Gemüte vertreiben / Adelmundens aber / wie sie durch
ihren Liebreitz und Anmut das Feuer der Liebe in Catumers Hertzen erhalten oder
vielmehr vergrössern möchte. Hierzu dorffte sie aber keine andere Erfindung als
ihre eigene Liebe / denn Lieben ist der beste Zunder der Gegen-Liebe; und dieses
Oel einer ganz andern Eigenschaft als anders. Denn da in gemeinem Feuer sich
der Zunder verzehret und einäschert / so vermehret sich das Oel der Liebe mit
ihrem wachsenden Feuer. Alle Lockungen / woraus andere Frauenzimer eine Kunst
und Wissenschaft machen / oder sich oft selbst zwingen müssen ihre Männer zu
vergnügen / besass Adelmunde von Natur / ja was sie nur ungefehr tat / hatte in
sich einen Liebreitz / oder vielmehr eine Krafft der Bezauberung; Gleich als
hätte sie sich ihr Lebtage keines andern Dinges / als solcher Liebkosungen
befliessen. Die annehmlichsten Erfindungen fielen ihr so häuffig zu / dass sie
selbst nicht wusste / wo sie ihr herkamen / und Hertzog Catumer / wenn er auch
nicht dran gedacht / oder ihm auch fürsätzte eine Weile unempfindlich zu sein /
ward durch einen einigen Blick ihrer lebhaften Augen gezogen und aufgeweckt.
Sintemal von den ihren allzu wahr war / dass weder Zunge noch Feder dis so
nachdrücklich andeuten könten /was diese treue Dolmetscher ihres Hertzens mit
einem Winck redeten. Die Geheimnisse / welche sie ihrer süssen Zunge zu
vertrauen sich schämte oder nicht getraute / schütteten ihre Augen ihm ins
Hertze / und machten seine Seele feuriger als sie selbst waren. Jedoch beruhete
sie keines weges bei dieser sparsamen Unterhaltung / sondern / wie es ihrem
sinnreichen Geiste niemals mangelte was behägliches aufzuwerffen / also brachte
ihr Mund niemals was für / worüber Catumer sich nicht ergetzte / und jedermann
verwunderte. Denn alle ihre Erfindungen waren nachdencklich / ihre Urtel
scharfsichtig / und ihre Erzehlungen hatten so viel Zierden als Warheiten.
Hierzu ward sie über ihren natürlichen Trieb noch mehr durch den Geist ihres
Gemahles aufgemuntert. Denn Catumer besass soviel Anmut als Tapferkeit / dass er
mit dieser die Gemüter aller Männer / mit jener die Hertzen alles Frauenzimmers
gewan / also Adelmunden an gleichmässige Vergnügunge keine Mangel leide liess.
Unter ihrer beider Ergetzligkeiten war auch absonderlich die Erzehlung
Adelmundens; wie heftig Sentia ihr teils noch zu Mattium / am allermeisten aber
unterweges und zu Warburg zugesetzt hätte / Catumern nicht nur aus ihrem Gemüte
/ sondern auch aus ihrem Gedächtnis zu verbannen / hingegen den viel tapferen
Cariovalda lieb zu gewinnen. Hierzu hätte sie unter andern zur Ursache
angeführet: Sie würden in weniger Zeit erfahren / dass die Römer und König Marbod
das Gebiete der frechen und unbändigen Catten unter ihre Gewalt bringen und mit
einander teilen würden. Weswegen zwischen ihnen der Fluss Fulde schon zu ihrer
Reichsscheidung abgeredet wäre. Auf welchen Fall sie denn eine Gefangene; oder
zum wenigsten eine Frau eines verlauffenen Fürsten ohne Land / bei Cariovalden
aber eine grosse Fürstin und Bunds-Genossin des Käysers und König Marbods werden
würde. Nachdem sie aber Cariovalden nicht einen Anblick / weniger ein gutes Wort
gegönnet /sondern ihm und Sentien in die Augen gesagt: dass sie ihn ietzt als ein
Mensch hasste / wenn sie ihn zu heiraten aber gezwungen werden sollte / würde sie
ihn ärger als eine Schlange hassen; hätte ihr Vater ihr gedräuet: dass er an ihr
der ganzen Welt ein Beispiel einer väterlichen Rache wider seine ungehorsame
Tochter für Augen stellen wollte. Weil sie nun besorgt hätte / ihr Vater möchte
aus Verhetzung Sentiens mit ihr etwas beginnen / welches ihn der Nach-Welt zu
einem Greuel machen könnte / hätte sie ihr feste fürgesetzt sich entweder im
Baden zu erträncken / oder ins Opfer-Feuer zu stürtzen / also ihre vorige
Härtigkeit gelindert / und sich angestellt / als wenn sie sich dem väterlichen
Befehle und Cariovaldens Vermählung unterwerffen wollte. Als sie nun zu ihrer
Abwaschung in die Bach gestiegen / hätte sie die Tieffe gesucht /und sich zu
erträncken nichts an ihr erwinden lassen. Weil sie Cariovalden durch ihren Tod
eben so sehr als die Seren ihre Feinde zu kräncken vermeint / welche umb ihnen
Spott anzutun sich für ihre Türen zu hencken gewohnt wären. Es wäre ihr aber
im Wasser sonder Zweifel ihr Schutz-Geist erschienen / welcher ihr das Haupt mit
Gewalt empor gehoben und eingeredet hätte: Wilst du zugleich an dir / deinem
Vater und deinem Bräutigam ein Mörder werden / und an Grausamkeit alle wilde
Tiere übertreffen / derer keines iemals sich selbst vorsetzlich des Lebens
beraubte? Weist du nicht / dass der welcher einen andern tödtet / ihm nur den
Leib / wer aber sich selbst umbbrächte / Leib und Seele zugleich ermordet?
Verstehest du nicht: dass ieder Mensch eine Müntze und ein Bild Gottes sei! Da
nun es ein halsbrüchiges Laster ist / eines kleinen Fürsten Müntze verfälschen /
sein küpfernes Bild verunehren / was meinst du wohl /was der grosse Gott denen
für Ungnade zudencke /die an ihnen selbst seine Müntze und sein Bild versehren
oder zernichten / welches er in Mutter-Leibe mit grösserm Fleiss und Kunst / als
ein Seidenstücker seinen Teppicht bereitet? Gott hat im Anfange der Welt der
Erde die Krafft Menschen; den Wässern Fische hervor zu bringen / und sich selbst
zu besämen eingeflösset; aber den Menschen als sein Ebenbild hat er mit eigener
Hand auszuarbeiten ihm vorbehalten. Denn ob zwar sein Geschlechte hernach von
Vater und Mutter durch Zeugung fortgepflantzet wird / so rühret doch von Eltern
nur alleine der Kinder Leib her / die himlische und unsterbliche Seele aber wird
allemal von Gott unmittelbar erschaffen. Da nun in deiner Macht nicht bestehet:
dass dir ein Haar mehr / oder dein Leib eines Quer-Fingers höher wächst / was
meinst du: ob du nicht mit dem allmächtigen Gotte einen mutwilligen Krieg
anfängst / wenn du seinem edelsten / seinem unsterblichen Geschöpfe Gewalt
antust? Uber diesen Worten wären ihr die Priester zu Hülffe kommen / hätten sie
aus dem Wasser gezogen /und mit Ausredung allen Zwanges sie in das Eresbergische
Heiligtum geführet. Worüber Hertzog Catumer / weil das Gedächtnis überstandenen
Ubels eine der schmackhaftesten Süssigkeiten im menschlichen Leben ist / sich
nicht weniger mit Adelmunden erfreute / als sich über denen unbegreifflichen
Schickungen göttlicher Versehung wunderte. Dieses waren / ausser / dass Catumer
auf dem Astenberge etliche mal jagte /ihr achttägichter Zeit-Vertreib in dieser
Einsamkeit; mit welcher sie aber die künstlichsten Aufzüge des Römischen oder
Persischen Hofes nicht gerne verwechselt hätten. Denn ob es zwar nicht ohne /
dass wie die Indianer durch ihre anhabende Blei-Schuh kleine Füsse behalten; also
die an grossen Höfen erzogenen grossen Gemütes werden / und der Kleinigkeiten
sich schämen; so ist doch die Veränderung dem Menschen so angenehm / dass der
Unter-Lauff gewisser Dinge / welche gleich nicht was besonders sein / ihm mehr
belieben / als in einem unveränderlichen Zustande Dinge von der grösten Pracht
und höchsten Würde. Diesemnach denn nichts ungemein ist / dass Fürsten /welche
zwischen Alabaster wohnen / auf Marmel gehen / und Porphyr speisen / auf Sammet
und Geld-Stück liegen / mehrmals in einer mostigen Höle oder auf Rasen grössere
Ergetzligkeit suchen. Sonderlich aber hat die Liebe eine genaue Verwandschaft
mit der Einsamkeit des Feld-Lebens / also dass / wenn die Vor-Welt oder
Königliche Höfe iemals haben die vollkommensten Vergnügungen der Liebe
vorstellen wollen / sie sich in Hütten und Kleider der Schäfer verhüllet / oder
wohl gar mit dem verliebten Paris dem hoffärtigen Troja den Rücken gekehrt / und
ein Ideisches Gebürge dafür erkieset haben; gleich als wenn die Liebe so wohl als
Freiheit und Unschuld nirgends als in einer so lieblichen Einsamkeit unversehrt
bleiben könnte. Dieses einige Unvergnügen bekümmerte Adelmunden / dass ob sie wohl
dem Hertzoge Ganasch alle ersinnliche Bedienunge verschafte / ja sich alle Tage
ihre Wohltaten mit neuen zu erfrischen bemühten / damit nicht die ersten
vergessen /oder ihr Verdienst eingebüsst würde / sie auch durch vertrauten Mund
erfuhren / dass er sich schon ausser des Bettes halten könnte / er doch weder ihr
noch Catumern eine Besuchung erlauben wollte / sondern solche stets mit
vorgeschütztem Verbote der Wund-Aertzte ablehnen liess. Den neundten Tag
kriegten sie die unvermutete Zeitung / dass selbige Nacht Hertzog Ganasch mit
allen seinen Chauzen in möglichster Stille aufgebrochen wäre. Ob nun wohl dieses
Adelmunden tieff zu Gemüte stieg / so fehlte es doch Catumern nicht an
beweglichen Gründen ihr Gemüte zu beruhigen; sonderlich damit / dass man sich
mehr umb Abgeltung seiner eigenen / als andern obliegender Pflicht zu bekümmern
/ und dass die Zeit wohl-gemeinten Dingen doch endlich ihren Preis beilegte / wie
übel sie auch anfangs ausgelegt würden. Ihm wäre nur leid / dass Hertzog Ganasch
ihm mehr als ihnen weh täte /indem er sich sein- und seines eigenen Kindes
gäntzlich entschlüge / und wider sie einen unverdienten Groll im Hertzen
behielte. Ihr Trost müste sein / dass diss ihnen so wenig / als den Speisen die
Bitterkeit zuzurechnen wäre / welche gewissen Krancken / ie mehr sie Süssigkeit
hätten / so viel bitterer schmeckten. Weil nun Liebe eine süsse Herrschaft /
und eine süssere Dienstbarkeit ist / gab Adelmunde sich guten teils zu Frieden
/ wiewohl sie ins geheim noch manchen stillen Seufzer aus ihrer Brust
verrauchte. Denn diese sind die Jäger-Hörner des Kummers / welche nicht
öffentlich geblasen werden dörffen. Damit aber Hertzog Ganasch so viel mehr
seiner Härte sich zu entäusern Ursach haben möchte / schickte Catumer den Ritter
Dietz mit seinem und Adelmundens Schreiben dem Hertzoge Ganasch nach / welche
mit dem Wunsche völliger Genesung ihn ihrer Verbindligkeit aufs kräfftigste
versichern sollte. Denn dieser kluge Fürst verstand gar wohl / dass Zorn und Hass
durch Sanftmut gebrochen / wie der Schwefel von Oel / das Gold vom Geiste des
Saltzes aufgelöset würden / welchen doch das pressende Scheide-Wasser nichts
anhätte. Damit nun Adelmunde ihr den neuen Kummer desto leichter aus dem Sinne
schlüge / entschloss sich Catumer biss nach Sassenberg fortzurücken / allwo er
ohne diss vom Grafen von Solms die Nachricht von Hofe zu erlangen mit ihm
abgeredet hatte. Weil nun Adelmunde weder Wagen noch Senfte annehmen /sondern
allezeit zu Pferde sich an der Seite ihres Gemahles befinden wollte / wollte ihr
Catumer für dem Aufbruche eine Lust machen. Hierzu gab ihm die Gewohnheit der
Deutschen Anlass / dass bei ihnen so wohl als bei denen mit ihnen in vielerlei
Sitten überein kommenden Seren nicht die Weiber den Männern / sondern die Männer
den Weibern ein Heirat-Gut zu bringen; vielleicht aus dem Absehen; dass das
deutsche Frauenzimmer sich nicht so wohl durch ihr Vermögen feil bieten / als
von dem männlichen Geschlechte ihrer Tugenden halber gesucht sein wollen.
Sintemal / wenn Reichtum verhanden / nach diesem zum ersten / nach guten Sitten
zuletzt gefragt / und bei vielem Gelde kein Laster für hesslich gehalten würde.
Zu geschweigen / dass es bei Ausätzung eines grossen Eh-Geldes schier das Ansehn
hätte / als wenn ein Vater dadurch mit seiner Tochter ihm ein grosses Ubel vom
Halse kauffen müste; die mit der Armut ins gemein vermählte Tugend übel daran
wäre / wo man das Geld zur Hertz-Wurtzel der Liebe machte. Sintemal heute zu
Tage ihrer wenig zu finden sein würden / welche mit der Tochter des armen Homer
seine Cyprische Getichte zum Braut-Schatze annehmen würden. Daher der kluge
Lycurgus zu Sparta der Tugend nicht wenig auf die Beine geholffen hätte /dass er
nicht nur / wie die Egyptier und Hetrusker /dem Heirat-Gute ein Maass
fürgeschrieben / sondern solches gäntzlich abgeschafft hätte. Denen deutschen
Sitten nun nachzuleben / und sich seiner Schuldigkeit los zu machen / verehrte
Catumer Adelmunden den Tag für dem Aufbruche ein Perlen-farbenes Pferd /welches
/ wenn sie aufsteigen sollte / niederkniete / mit Sattel und Zeug / einen Spiess /
und mit Edelgesteinen versetztes Schwerdt / zwei weisse Ochsen mit vergüldeten
Hörnern und Klauen; und auf selbten eine Pflugschaar / einen angelegten Rocken
mit Spindel und Wirbel. Wie nun Catumer bat solche Kleinigkeiten nicht zu
verschmähen / weil es eine so grosse Freigebigkeit wäre / wenn man kleine
Geschencke annehme / als wenn man grosse gäbe / also empfieng Adelmunde diese
Gaben mit einem so geneigten Auge und freudigen Hertzen / als wenn ihr ein
halbes Königreich wäre verehrt worden; und sagte denen ihr solches
überbringenden Rittern: Catumer und die alten Deutschen hätten durch nichts mehr
als durch Geschencke eines Pferdes / der Waffen / und anderer zum Kampf und
Arbeit dienender Dinge das Frauenzimer höher erheben können. Denn hierdurch
sagten sie so viel; dass der Unterschied des Geschlechtes nur den Leib nicht die
Seele angienge / und dass die Frauen nur dem Leibe nach Weiber / in der besten
Helfte des Menschen aber eben so wohl Männer wären. Ob sie sich nun zwar dieser
Vorteile dieses Geschlechtes nicht zu rühmen / noch für eine streitbare Amazone
auszugeben hätte; so würde sie doch dieses Pferd ihr zum Vorbilde dienen lassen
/ dass sie gegen ihren Gemahl ebenso tieffe Demut / als diss für ihr kniende
Pferd gegen ihr täte / bezeugen würde. Wären die Pferde so gelehrig durch
Kniebeugen ihre Herren anzubeten; wie vielmehr würde dis ihre Pflicht gegen ihr
Haupt und Eh-Herrn sein; und diss Pferd würde sie so wert als Andromache ihres
Hectors Pferde halten /welchen sie mit eigener Hand Haber fürgeschüttet und Heu
fürgelegt hätte; ja selbtes gerne mit trockenen Weintrauben und Mandel-Kernen
speisen / ihm güldene Küssen unterlegen und es wie ein Siegs-Pferd mit
köstlichen Hals-Bändern und güldenen Spangen ausputzen; wenn sie wüsste / dass ihr
Eh-Herr an diesen Eitelkeiten einiges Gefallen hätte. Folgenden Morgen nahmen
Catumer und Adelmunde ihren Weg nach Sassenberg; allwo er bis auf etliche wenige
alle Catten von sich liess / weil ihm ein vom Grafen von Solms aus Mattium
zugeschickter Edelmann wissend machte / dass er vom Hertzoge Arpus bei seiner
Ankunft übel empfangen und gefangen gesätzt worden wäre. Dahero er ihm nach
Hofe zu kommen nicht riete; Catumer verhölte diese kummerhafte Zeitung für
Adelmunden aufs möglichste / sonderlich da ihm dieser Edelmann ein mehres nicht
zu sagen wusste / und ihm der Graf von Solms bei seiner Verhaftung nur so viel
in ein Ohr zu sagen hatte Zeit gehabt. Weil er aber nicht für ratsam hielt von
Mattium und dem Hofe weit entfernet zu sein / reisete er mit Adelmunden / dem
Grafen von Witgenstein und nur dreien Rittern / nämlich Boineburg /
Greiffenstein und Hertzberg des Nachtes an die Eder / und hielt sich auf dem vom
Hertzoge Bato für hundert und dreissig Jahren erbaute Schloss Battenberg
verborgen auf / allwo er aber zur Not alle Tage von Mattium durch seine
wechsels-weise ab und zu reitende Ritter Zeitung erlangen konnte. Denn zu Mattium
ging es gewaltig durch einander. Arpus war über Adgandesters Aufschube und
kaltsinnigen Antwort wegen der Heirat mit Marbods Tochter überaus unvergnügt
gewest; sintemal Fürsten die Erfüllung der geschehenen Vertröstungen mit
grösserer Ungedult / als Liebhaber die Gewogenheiten von ihren Buhlschaften
erwarten /und ihre zu Wasser werdenden Anschläge sie mehr verungnügen als
hundert Beleidigungen. Noch viel mehr aber hatte er ihm Catumers heimliche
Entfernung vom Hofe zu Gemüte gezogen; weil er wohl verstund / dass verzweifelte
Liebe wie die kollernden Pferde sich über Stock und Stein in euserste Gefahr zu
stürtzen gewohnt wäre. Die Hertzogin Erdmut machte ihm auch darzu den Kopff
warm / dass sie bei Vernehmung der zwischen Cariovalden und Adelmunden
vorstehenden Heirat als ein grosses Unglück für das Cattische Haus aufnam / dass
man diese unvergleichliche Fürstin aus den Händen gelassen /die Chauzen zu
Feinden / und Catumern verzweifelt gemacht hätte. Nichts desto weniger befahl
Arpus dem Grafen von Hohenstein Adgandestern aufs höflichste zu unterhalten /
damit der angesponnene Fadem der Marbodischen Heirat nicht abgerissen werden
möchte. Als nun wenige Tage hernach Hohenstein dessen gegen Adgandestern
gedachte / antwortete ihm dieser: Er verstünde nicht / was man ihm für einen
blauen Dunst für die Augen machen wollte / und wie man mit seinem Könige
umbgienge; welcher nicht gewohnt wäre sich mit falscher Müntze glatter Worte
zahlen / und mit Einkünften wilder Granat-Aepfel abspeisen zu lassen / welcher
nichts als wild Honig / und nur zur Schmincke dienende Rosenblüte / aber keine
Früchte trüge. Wie nun Hohenstein nochmals die aufrichtige Meinung des
Cattischen Hertzogs verteidigen wollte / zohe er einen Brief von Sentien herfür
/ und lass ihm daraus / dass Catumer sich in dem Eresbergischen Heiligtum mit
Adelmunden vermählet hätte. Hohenstein stutzte hierüber / versicherte aber
Adgandestern: dass es dem Hertzoge Arpus so wenig als ihm wissend wäre. Weil
dieser nun wohl wusste / dass es gefährlicher wäre einem Fürsten wichtige
Geheimnisse verschweigen / als ihn beleidigen / hielt er es für nötig solches
dem Hertzoge Arpus unverwendeten Fusses zuzubringen. Arpus verstummete über
dieser Zeitung / also dass er den Hohenstein ohne einiges Wort von sich liess. Ob
nun wohl es ein grosses Kunst-Stück ist; wenn ein Fürst seinen Zorn zu mässigen
mächtig ist / also er weder seinen Verstand verfinstert / noch einem andern die
Schlüssel zu seinem Hertzen einliefert; so war doch diss Stillschweigen dem
Hohenstein so sehr als eine gäntzliche Meer-Stille verdächtig / welche ins
gemein in einen heftigen Sturm ausbricht. Diese Vermutung ward auch noch
selbigen Tag wahr. Denn so bald er vernahm / dass der Graf von Solms in Mattium
ankommen / und Catumers Gefärte gewesen war / liess er selbten auf dem hohen
Schloss in einen Turm versperren / die Hertzogin noch sonst iemand trauten
sich im ersten Eiver gegen Catumern ein Wort zu verlieren; weil sie nicht für
ratsam hielten mit einem blancken Degen im Feuer zu scharren / nämlich durch
Einredung ihn noch mehr zu ergrimmen. Sintemal der Zorn durch die süssesten
Worte wie der Schmiede Feuer-Aessen durch darein gesprengtes Wasser nur mehr
angezündet wird / beide aber bei Ruh und Einsamkeit gleichsam in ihrer eigenen
Asche ersticken /und ein ausgerauchtes Gemüte alle Dinge mit einem viel andern
Auge ansiehet / als der erste Schmertz. Nachdem aber Arpus Zorn nicht bei einem
blossen Eiver blieb / sondern er Befehl erteilte aller / welche mit Catumern
auf seinen Anschlag heimlich weggereist wären / sich zu versichern / und
etlichen seiner Räte mitgab zu untersuchen: ob er von Catumers Vornehmen
Wissenschaft gehabt hätte / ihn auch für sich zu lassen unerbittlich war /
redete ihm / weil niemand von den Räten das Hertze hatte / die Hertzogin
Erdmut ein / er möchte doch gegen diesen wohl-verdienten Helden so scharff zu
verfahren seinen Zorn sich nicht verleiten lassen. Denn es wäre einem Fürsten
unanständig / wenn nur eine Falte seines Rockes verrückt würde / wie vielmehr /
wenn er sein Gemüte durch so heftige Gemüts-Regungen verstellte. Sein
Verbrechen könnte ja nichts anders sein als dass er seinem Fürsten gehorsamt
hätte. Wäre nun dieses gleich ein Fehler / so möchte ihm der Hertzog zwar seine
Hold entziehen / aber nicht so beschimpfen. Denn geheime Ungnaden verwundeten so
sehr als offenbare /sie verkleinerten aber den gestrafften nicht so sehr beim
Volcke / und täten dem andern Adel nicht so weh / welcher an dem Grafen als
einem ihrer fürnehmsten Häupter wie an einer Klette hienge. Die Gerechtigkeit
wäre zwar das schöne Feuer / welches ein Land erleuchtete / und von bösen
Dünsten reinigte; wenn man aber seiner Schärffe einen ungezäumten Lauff liesse /
legte es ganze Königreiche in die Asche. Denn der Adel nehme diss / was einem
widerführe / für allen geschehen an / und weil nur die Schwachen an dem / dass
alles nach der Schnure des Rechtes und der Billigkeit abgemässen würde /
verlangten / hielte jener es für Dienstbarkeit so wohl den Gesetzen unterworffen
sein / als im Friede leben. Nichts aber entkräfftete ein Reich mehr / als wenn
die Vergnügung des Fürsten und des Volckes nicht auf gleicher Wag-Schale läge /
sondern ein oder das andere überschlüge. Jedoch wäre das Unvergnügen des
gemeinen Volckes so sehr nicht schädlich / als das des Adels / welcher die Lufft
/ wie jenes die Erde in einem Staat fürstellte. Denn vom Erdbeben liedten wenig
Orte / von ansteckender Lufft viel und grosse Länder. Arpus sah seine Gemahlin
wider Gewohnheit mit einem ziemlich schälen Auge an / und antwortete nichts mehr
/ als / ob sie nicht verstünde; dass ein Fürst ohne Ehre / eine Miss-Geburt ohne
Kopf / sein Ansehn aber das fürnehmste Teil des gemeinen Wesens / der Ancker
eines Reiches und das gröste Kleinod der Krone wäre. Daher könnte kein Fürst ohne
seinen und des Volckes Verterb zu dessen Beschwärtzung ein Auge zudrücken /
sondern sie müsten derogestalt geheilet werden / dass man keine Narbe nicht sähe
/ sollte es gleich seiner liebsten Diener / ja seiner eigenen Kinder Blut kosten.
Es wäre vorträglicher / dass Volck und Adel seinen Fürsten fürchtete / als
verehrte. Denn jenes wäre ein gewisser Kenn-Zeichen als dieses / dass er
hochgeschätzt würde; dieses ins gemein / jenes niemals ertichtet wäre. Die
Hertzogin erschrack über dieser Antwort aufs höchste / weil sie wohl verstund;
dass Arpus ehe würde seinem eigenen Blute wehe tun / als den Nahmen haben
wollen; dass er Catumers Heirat gebilligt / und Adgandestern nur mit Vorwand der
Marbodischen hinters Licht geführt hätte. Sie schrieb daher dem Grafen von Solms
alle Worte des Hertzogs / und beschwur ihn / er möchte seiner Grossmütigkeit nach
bei Untersuchung der Sache sich also bezeigen / dass der Hertzog wider ihren
einigen Sohn und den Erb-Fürsten der Catten nicht mehr Eiver zu schöpfen Anlass
nehmen möchte. Sonst hätte er nur zu behertzigen: dass wenn man eines Fürsten
Zorne mit der Flucht nicht entkommen könnte / man selbten mit Demut überwinden /
mit Seufzen mässigen / und wenn beides nicht verfienge / der Fürst keine Fühle
hätte /man sich seiner Unschuld trösten / sich dem Verhängnisse unterwerffen /
und Gott vertrauen müste. Diesen Zettel spielte sie in einem gebackenen Brodte
dem Grafen zu; welcher hierüber ziemlich bestürtzt ward. Nachdem er aber mit
Hertzog Catumern erwachsen war / und daher von Kind auf seine Liebe in sich
getruncken hatte; fasste er diese grossmütige Entschlüssung / dass er ihm zum
beste nicht nur sein Leben /sondern seine Ehre in die Schantze zu setze / und
aus dem Verlust seiner Ehre die gröste Ehre zu erwerben entschloss. Wie er nun
fürs Gerichte erschien / und befragt ward: Ob er nicht mit dem Fürsten Catumer
bei Eresberg gewest; ob er von seinem Anschlage Adelmunden zu heiraten gewüst;
ob er zu dessen Vollziehung geholffen hätte; verjahete er nicht nur dieses
alles; sondern setzte auch freiwillig bei: weil er die mit ihr geschlossene
Verlobung zu vollziehen nicht nur für Catumers Schuldigkeit; sondern auch für
der Catten Wohlfart geachtet; hätte er dem wegen besorgten väterlichen
Unwillens zweifelhaften Catumer Tag und Nacht in Ohren gelegen / dass er mit
Adelmunden nicht die Vergnügung seines ganzen Lebens / die Ehre des Cattischen
Hauses / und das güldene Glücks-Bild Deutschlandes entführen lassen / sondern
sich derselben bemächtigen sollte. Der Himmel hätte sein hieran habendes
Wohlgefallen durch Beglückseligung seines Vornehmens über seinen Wunsch und
aller Hoffnung zu verstehen gegeben; also dass er seine wenige Zutat für das
edelste Werck seines Lebens hielte. Die Räte des Hertzogs erstauneten über
seiner so freimütigen Bekenntnis / weil sie ihnen unschwer an Fingern ausrechnen
konten / dass Hertzog Arpus / wie auch erfolgte / dieses würde für einen
frevelhaften Trotz annehmen / und Arpus das Urtel auf seinen Tod erstrecken. Ob
nun wohl Erdmut und Jubil / welche des Grafen von Solms Bezeugung für eine
Grossmütigkeit ohne Beispiel rühmten / und daher alle euserste Mittel ja selbst
Adgandesters Vorbitte und Erklärung / dass er an des Hertzog Arpus angezogener
Unwissenheit von Catumers Heirat im geringsten nicht zweifelte / ihn zu
besänftigen anredeten / so konten sie doch sein Hertze nicht erweichen /noch
verhüten: dass der Graf von Solms wenig Tage hernach sein Todes-Urtel empfing /
welches den dritten Tag durchs Beil an ihm sollte vollzogen werden. Der Graf
hörte diss mit unverändertem Antlitze / mit unerschrockenem Hertzen / und sagte
darzu: Meines Hertzogs Wille geschehe / und der Himmel setze seinem Lebe so viel
Jahre bei / als meinem durchs Beil werde abgekürtzt werden. Alle die diss höreten
/ giengen die Augen über / der Adel aber ward biss aufs Hertze beleidigt. Ihrer
viel / welche ihn vorhin nie so eigentlich gekennt / schlugen sich erst auf
seine Seite. Denn iedermann ist bemühter die / welche von einem Fürsten verfolgt
werden / als seine Schoss-Kinder zu kennen. Denn das Unglück selbst macht einen
ansehlicher / als grosser Fürsten Gnade / ja die Ubeltäter selbst sterben
selten ohne Mitleiden. Und ihrer viel verschwuren sich; dass da der Graf seinen
Kopf verlieren würde / Adgandester / welchem dieser nur zu einem
Versöhnungs-Opfer springen müste / seinen nicht auff seinen Achseln aus Mattium
bringen sollte. Eben selbigen Tag lieff vom Fürsten Catumer ein Schreiben an
Herzog Arpus ein / darinnen er seine Heirat aufs demütigste entschuldigte /
und behauptete: dass die Liebe mächtiger als die Ehrerbietigkeit /heiraten auch
mehr Würckungen des Verhängnisses als des freien Willens / die Irrtümer also
hierinnen eine Notwendigkeit / also selbte zu übersehen zugleich Klugheit und
Billigkeit wäre. Dieses zu tun würde Hertzog Arpus von seiner Gemahlin die
allerwichtigste Ursache erfahren. Zuletzt war angehenckt eine bewegliche
Vorbitte für den Grafen von Solms /welcher von ihm mitzureisen ohne die
geringste Wissenschaft seines Anschlags wäre befehlicht worden. Unwissende
könten nun zwar etwas übersehen / aber nichts halsbrüchiges sündigen; und durch
nichts könnte sich ein Fürst Gott mehr nähern als durch Barmhertzigkeit / durch
nichts aber mehr entfernen / als allzu grosse Schärffe. Hertzog Arpus empfieng
diss Schreiben in Anwesenheit seiner Gemahlin / welcher der Ritter Müntzenberg
zugleich eines von Adelmunden einhändigte / fing also nach dessen Durchlesung
an: Es wäre so töricht dem Verhängnisse seine Verbreche / als den Gestirne
Flecken beimässen / und noch törichter / wenn ein im Peche steckender
Misshandler durch sein Zeugnis und Vorbitte einem seines gleichen heraus helffen
wollte. Erdmut aber konnte ihre Freude über Lesung ihres Briefes nicht verbergen
/sondern ihre Augen und Wangen redeten / ehe sie den Mund mit diesen Worten
öffnete: Gott sei ewiger Danck gesagt / welcher den Verläumdungen den Mund
gestopft / unsern Kumer ein Ziel gesteckt / und den Catten heutigen Tag zum
Freuden-Feier gemacht hat! Arpus wusste nicht / was für eine Begäbnüss so viel
Gutes nach sich ziehen / oder die zeiter mehr Seufzer als andern Atem
auslassende Hertzogin zu so lebhafter Ausdrückung ihrer Freude ermuntern könnte.
Erdmut aber kam seiner Frage zuvor / und zeigte ihm von Adelmunden ein an sie
gerichtes Schreiben folgenden Innhalts: Wenn sie die wunderwürdige Geschichte
von des Fürsten Catumers und ihrer Erzehlung vernehmen würde / glaubte sie nicht
/dass iemand zweifeln würde / es habe das göttliche Verhängnis darinnen seine
Hand gehabt / welches sie aus dem Rachen des Todes gerissen / und wider alles
ihr Dencke in die Armen des geliebten Catumers gleichsam mit Gewalt geworffen
hätte. Dieses hätte nun auch so viel mehr sein Gefallen an ihrer Heirat
augenscheinlich erwiesen / da sie sich zu Zernichtung aller Verläumdung
schwanger befindete / und der Himmel sie für das schwache Gefässe erwehlet hätte
/durch welches der erlauchteste Fürstenstam der Catten fortgepflantzt und
verewigt werden sollte. Darbei lag ein absonderes Schreiben der Gräfin von
Witgenstein / welches gewisse und ganz unfehlbare Zeichen und Zeugnüsse des
gesegnete Leibes von Adelmunde ausdrückte. Dem Hertzoge Arpus lieffen hierüber
die Augen voll Wasser / und er fing an: Wolte Gott! dass anderer Leute Laster uns
weder die Circkel unsers Verstandes / noch unsers Glückes verrücket hätten! Ich
erkenne aber die unaussprechliche Güte Gottes /der auch Gift zu unser
Hertzstärckung / und unsern Wahnwitz zu unserm Glücke mache kann. Es ist diss eine
blosse Wohltat seiner Gnade / nicht meines Verdienstes. Denn wir schicken ja
wohl bei widrige Zufälle einige gute Bewegunge zu ihm hinauf; aber sie habe
insgemein Misstraue / oder andere Schwachheiten an ihne klebe / dass sie
unterweges verschmachten. Die Hertzogin Erdmut wusste sich hierbei der
Gelegenheit meisterlich zu bedienen / und das Wasser auf ihre Mühle so
vorteilhaftig zu leiten; dass Arpus seines Sohnes Heirat mit Adelmunden genehm
hielt / und er alles empfindliche in die Vergessenheit zu vergraben willigte.
Erdmut meinte / dass hiermit auch der Graf von Solm in die Gnade eingeschlossen
sein würde / sie erfuhr aber folgenden Morgen / dass er an ihm das gesprochene
Urtel in alle wege ausgeübt wissen wollte. Ob sie nun zwar für diesen Gnade
auszubitten sich eifrig bemühte / war doch Arpus unerbittlich / und gab ihr zur
Antwort / dass der gute Ausschlag einer bösen Sache die Vergehung eines Dieners
nicht rechtfertigte. Keine Vorbitten anderer Fürsten verfiengen etwas /
vielleicht darumb / dass Hertzog Arpus entweder durch seine Begnadigung ihm nicht
den Nachklang einer Ubereilung zuziehen wollte / oder weil er des Grafen
Hertzhaftigkeit / und wenn seine Ungnade nicht wie das Gift tödtlich wäre /
für seine Verkleinerung ausdeutete. Folgenden Tag ward der Graf von Solms auf
das zu Vollziehung des Todes-Urtels gebaute Schaugerüste gebracht / welches
Hertzog Arpus zu Verhütung besorglichen Aufruhrs mitten in den Lohn-Strom hatte
bauen / und noch darzu mit seiner ganzen Leibwache besätzen lassen. Niemand
unter der unzählbaren Menge der Zuschauer war / dem nicht die Mitleidens-Tränen
über die Wangen lieffen / und welche Adgandestern nicht als einen Mordstiffter
hundert mal verfluchten. Die meisten lobten auch als eine Helden-Tat / und als
ein dem gemeinen Wesen heilsames Werck / westwegen der tapfere Solms sterben
sollte. Daher sie auch urteilten / dass dieses nur ein Vorwand / etwas in dem
Hertzen des Arpus verborgenes aber die wahre Ursache des Todes sein müste.
Sintemal es nichts seltzames wäre / dass Fürsten etliche Jahr einen Groll /wie
die Feuer-Berge ihre geheime Glut in ihren Eingeweiden verbürgen / hernach einen
kleinen Wind zur Gelegenheit ihre Flammen auszuspeien gebrauchten. Hingegen
bezeugte sich der Graf von Solms auf der Todten-Büne so freudig / als wenn er
darauf ehe einen Siegs-Krantz als vom Scharfrichter einen tödtlichen Streich
bekommen sollte. Er redete denen bestürtzten Zuschauern selbst ein Hertz ein /
und verwies ihnen teils ihre Kleinmut / teils ihr schlechtes Urteil. Dieses
/ weil man die Gerechtigkeit göttlicher Schickungen nicht allezeit nach dem
euserlichen Augenscheine / und gegenwärtiger Gelegenheit ausmässen müste. Denn
GOttes Gerichte / wenn sie schon der Vernunft unbegreiflich wären / blieben
doch gerecht /und wäre er niemanden Rechenschaft zu geben schuldig / warumb er
mit seiner Straffe den Menschen an Bort käme. Eben so wenig stünde es
Untertanen zu ihnen Gewalt zu nehmen über Erkäntnüsse ihrer Fürsten Urtel zu
fällen. Was diese aussprächen / wäre schon recht; weil sie Brunnen der Gesätze
wären; und dis was zu allgemeiner Ruh / zu Befestigung einer Herrschaft diente
/ müste der Allerunschuldigste mit Freuden leiden / ja für Ehre schätzen / dass
er würdig geachtet würde ein Versöhn-Opffer zwischen dem Fürsten und Volcke /
und ein Werckzeug ihrer Vergnügung zu sein. Wer ein Glied einer Gemeinschaft
wäre / müste die Eigenschaft des Geblütes haben /welches jeder Wunde zueilete
umb selbte nicht kraftlos zu lassen. Dieses wünschte auch seines / welches er
jetzt willig aus allen seinen Adern ausjähren wollte; weil es dem tapferen Fürsten
Catumer / und dadurch allen Catten zu statten kommen würde. Uber seinen Zustand
hätte niemand nicht Ursache wehmütig zu werden. Es widerführe ihm nichts
besonders / sondern es wäre die gemeine Art des menschlichen Lebens; dass es mit
Kurtzweil beginnte / mit Trauren sich endigte / wie das Jahr mit dem freudigen
Wieder anfienge / mit den eckelen Fischen den Abschied nehme. Seine Sterbens-Art
würde nicht so viel Aufsehns verursachen / wenn nicht sein Stand und die Gnade
seines Fürsten sie veranlasst hätte ihnen von ihm eine ganz andere Rechnung zu
machen. Alleine ins gemein verführte solch Glücke das menschliche Urtel /wie
Höhe und Ferne das Gesichte. Er aber hätte wohl gewüst / dass Glücke und Fürsten
mit ihrer Gnaden die Gedult ihre Diener wie Kinder zu prüfen / und wie Fische
ihrer Abschlachtung halber zu mästen pflegten. Ein Untertan wäre fürs Vaterland
und seinen Fürsten alle Augenblicke das Leben zu lassen verpflichtet / er hätte
seines auch bereit hundertmal in Schlachten an die Spitze gesätzt. Was wäre nun
daran gelegen / ob er / nach dem Willen des Glückes / in freiem Felde / oder
nach dem Befehl seines Fürsten auf einer Schau-Büne sein Leben beschlüsse. Nicht
die Art des Todes / sondern Furcht und Hertzhaftigkeit zu sterben / machte einen
Unterscheid der Schande und Ehre. Diesemnach wäre die gröste Weissheit der Welt
sich wissen auf alle Fälle geschickt zu machen / und zu trösten: dass ehrliche
Leute aus dem Staube ihres Todes einen guten Nachruhm / wie die Phönixe aus
ihrer Asche ein verjüngtes Leben zügen. Nach dem Schlusse dieser Rede legte der
Graf von Solms das Haupt auf eine höltzern Klotz / und der Nachrichter hob das
Beil schon auf den Streich zu vollziehen / als Catumer / welcher bei vernommener
Gefahr des Grafen von Battenburg eilfertig nach Mattium kommen war / und sich
zum Gerüste gedrungen hatte / mit lauter Stimme dem Nachrichter zurief: Er sollte
bei Verlust seines Kopffes den Streich nicht vollziehen. Der Streich sollte aus
hochwichtigen Ursachen hinterzogen werden. Der zu dessen Vollziehung ohne dis
wenig lustabende Nachrichter folgte diesem Zuruffe / sonderlich weil er den ihm
mit blancken Degen dräuenden für den Cattischen Fürsten erkennte. Der Ritter
Reiffenberg / welcher über die Besatzung des Gerüstes und die Vollstreckung des
peinlichen Gerichtes Befehlhaber war / wusste wie eifrig Hertzog Arpus in dieser
Sache sich bezeugt hatte / und bei nachbleibender Vollziehung sich der grösten
Ungnade besorgte / ruffte dem Scharffrichter zu / er sollte sein Ampt tun / und
was Hertzog Arpus befohlen hätte. Hertzog Catumer aber sprengte mit seinem
Pferde gegen dem Reiffenberg und hätte ihn durchstochen /wenn nicht der Ritter
Traxdorff ihn mit seinem Schilde bedeckt / und geraten hätte / mit der
Entauptung inne zu halten / bis hierüber des Hertzogs Arpus neue Verordnung
eingeholet würde. Catumer sagte dem Traxdorff; er möchte seinem Vater sagen /
dass er des Solms Unschuld auszuführen / oder mit demselben zu sterben schlüssig
wäre. Ungeachtet nun dieser dem Hertzoge Arpus den Eyver des Fürsten Catumers
und den Unwillen des zuschauenden Volckes / welches bei nunmehr erlangtem Haupte
leicht Gewalt üben /und ein grosses Blutbad anrichten dörffte / vortrug /so zohe
dieser doch die Augenbrauen zusammen /runtzelte die Stirne / sah gegen Himmel /
stiess mit den Füssen auf die Erde / und befahl / dass nicht nur Solms gerichtet /
sondern auch Catumer selbst durch den Grafen von Ziegenheim in Hafft genommen
werden sollte. Als nun dieser und Traxdorff zurück kamen / fanden sie Catumern
auf dem Schau-Gerüste den Solms mit beiden Armen umfangen. Wie sie aber des
Hertzogs Arpus Befehl andeuteten / fieng Catumer an: so bald Solms in Freiheit
und Sicherheit sein würde /wollte er sich und seinen Degen zu seines Vaters
Füssen legen. Den aber / welcher den Grafen mit einem Finger anrühren würde /
den wollte er mit seinen Klauen zerreissen. Hiermit gab er dem Nachrichter ein so
grausames Gesichte / dass er für Furcht vom Gerüste herab sprang. Solms fiel
hingegen Catumern zu Fusse / und bat ihn: er möchte ihn doch sterben lassen /
und sich nicht in die Ungnade seines Vaters stürtzen. Catumer antwortete ihm:
Ich wäre nicht würdig ein Fürst der Catten / ja nicht ein Edelmañ zu sein / wenn
ich den darumb / dass er meinem Befehle gehorsamet / so schimpflich Ehre und
Leben einbüssen liesse. Solms versätzte: beide bin ich meinem Fürsten schuldig.
Catumer fiel ein: das Leben sind Untertanen wohl fürs Vaterland und den Fürsten
aufzuopffern verpflichtet / aber nicht die Ehre. Dieser kann einen befehlichen
sich unter tausend gewaffnete Feinde zu stürtzen / eine unzwingbare Festung
anzugreiffen / und also dem Tode in Rachen zu lauffen. Denn hierdurch erwirbet
er für das ohne dis flüchtige Leben die Unsterbligkeit eines viel edlern Lebens
und des unschätzbaren Nachruhms. Aber dis übersteigt die Gewalt aller Könige;
dass sie der Tugend einen stinckenden Rock der Bosheit anziehen / den Lastern
aber Bilder und Siegs-Bogen aufrichten / dass sie die Verräterei und
Verleumbdung nicht nur der Treue auf dem Kopffe herumb gehen / sondern selbte
auch mit ihrem Giffte begeifern lassen sollten. Kein Fürst ist befugt / dass er zu
Abwendung seiner eigenen Schande / zu Rechtfertigung seines Tuns / zu
Ubermahlung anderer Fehler / oder zu Versöhnung seines Feindes einem
Unschuldigen die Ubernehmung eines Lasters aufdringen / seinen guten Nahmen bei
der Welt stinckend machen / oder ihn gar als einen Ubeltäter hinrichten lasse.
Der Graf von Solms begegnete Catumern: Noch viel weniger beruhet in der Gewalt
eines Untertanen eines Fürsten Urtel / ob es recht oder unrecht / zu
untersuchen. GOtt hat Fürsten so viel erlauchten Verstand / als Macht /
Untertanen aber keine grössere Ehre / als die Blindheit des Gehorsams gegeben.
Machen doch gemeiner Richter Erkäntnüsse aus schwartz weiss / und aus weiss
schwartz. Wie heilig sind nun nicht die Urtel der Fürsten zu halten / welche
nur Knechte Gottes / aber Götter auf Erden / keinem Gesätze unterworffen / ja
Brunnen des Gesätzes sind; also die / welche von den Banden der Verbrechen frei
/ und Krafft ihrer eigenen Gewalt sicher sind / wider kein Gesätze sündigen /
noch mit Worten oder auf andere Art gestrafft werden könten! diesemnach ist
niemand befugt einen für unschuldig zu halten / den der Fürst verdammet. Es ist
straffbar der Fürsten geheime Gedancken ausfischen wollen /also noch viel
straffbarer seine Schlüsse schelten. Was dem / welcher das oberste Hefft in der
Hand hat /nützlich zu sein scheint / ist schon von aller Unbilligkeit
abgeschäumt. Denn im höchsten Glücke geht die Gewalt fürs Recht; und keine
Herrschaft kann der Ungerechtigkeit / wie kein Artznei-Gewölbe oder Mitridatens
Tisch nicht alles Gifftes entpehren. Daher auch die / welche ihnen einbilden /
dass ihnen weh oder zu viel geschehe / doch alles Unrecht nicht nur geduldig
leiden / sondern auch mit freudigem Gesichte annehmen und sich bescheiden
sollen: dass auch gütige Fürsten oft durch Verläumbder oder aus Staats-Klugheit
grausam zu sein genötiget werden / und des wegen gute stets zu wünschen / alle
aber / sie sein wie sie wollen / zu vertragen sind. Sintemal doch die
Herrschaft eine heilige Stifftung Gottes bleibt /wenn gleich die Herrscher
weder Tugend noch Gottesfurcht an sich haben. Und wie die Gesellschaft der
Rauber / wenn sie gleich Gesätze unter sich machen und halten / keine Stadt
macht / weil ihre Verfassung nur auf Raub und Laster das Absehen hat; also höret
ein Fürst nicht auf Fürst zu sein / wenn er gleich in ein und anderm der
Gerechtigkeit zu nahe tritt / so lange nur Gerichte / Gesätze / und die Gestalt
einer wiewol krancken Herrschaft bestehen. Catumer brach ein: Was machstu aus
Fürsten für Ungeheuer! derer Gewalt zwar gross / aber nicht unendlich ist. GOtt
selbst kann nichts wider die Eigenschaft seines göttlichen Wesens; und Fürsten /
welchen gleich das Volck sich ohne Bedingung unterworffen / nichts wider die
Gesätze der Natur / das Recht der Völcker / noch auch dis / was zu Vertilgung
des Volckes / der Tugend / und zu Benehmung der Ehre eines redlichen Mannes
gereichet / mit einem Worte / was wider die gesunde Vernunft laufft. Denn
dieser gehorsamen ist so viel als GOtt folgen. Dis ist das nicht geschriebene /
noch in Holtz und Stein / sondern das ins Hertze gegrabene Gesätze / und die
Herrschaft des Gemütes /von welchem kein Fürst / kein Rat weder sich noch
andere entbinden kann. So wenig nun ein Herrscher seine Untertanen zu zwingen
Recht hat / dass sie Meineide / Ehbruch und Mord begehen müssen / oder ihnen
verbieten kann / dass sie gottsfürchtig und erbar leben; ob er zwar ihre Tugenden
zu belohnen und zu erheben nicht verbunden ist / so wenig er ihre Töchter und
Ehweiber zu schänden berechtigt ist; so wenig kann er ehrliche Leute zu Verräter
/ zu Schelmen und Dieben machen / der Redligkeit falsche Laster aufhalsen / die
Unschuld verunehren / und an ihnen straffen / was sie nie begangen haben / oder
was Tugend ist. Denn Fürsten / wie unumschrenckt gleich ihre Gewalt ist / können
solche doch nicht weiter und über was mehres ausdehnen / als über das / wie weit
solche die Untertanen auf ihren Fürsten übertragen haben. Es ist aber gar nicht
der Warheit ähnlich / dass sie des Gröste aller Güter / der herrliche Erndte
ihrer Tugend / nämlich ihrer Ehre / wie ihrer von der Natur empfangenen Freiheit
sich begeben / und mit ihrem guten Nahmen / so wie mit ihren Gütern und dem
Leben zu gebahren ihm frei gegeben haben sollten. Denn wo keine Ehre nicht ist /
kann auch keine Tugend sein /und selbige Herrschaft nichts edles an und unter
sich haben. Der einige Schatten der Ehre macht / dass man in der Arbeit unermüdet
/ in Gefahr hertzhaft ist /und auch mit seinem Blute des Fürsten Ehre verficht.
Gut und Blut muss man freilich wohl daran setzen /weil die / derer Schirme man
beide Stücke anvertraut / solche sonst nicht wider Geitz und Gewalt schützen kann
/ und es der Vernunft und der Billigkeit gemäss ist; dass ihrer wenig arm werden
/ oder umbkommen /umb das ganze Volck zu erhalten. Alleine zu dieser
Beschirmung hat er nicht von nöten jemanden seine Ehre zu rauben / und solche
fürs gemeine Heil aufzuopffern. Niemanden ist damit geholffen / wenn er die
Unschuld zum Laster macht / sondern die Sicherheit seiner Herrschaft beruhet
vielmehr an Verteidigung der Tugend / und der Ehre; welche kein Fürst jemanden
wider ihren Willen geben oder zuschantzen / also auch nicht nehmen kann. Am
allerwenigsten aber sind dessen die Fürsten Deutschlands befugt. Asien / welches
die Dienstbarkeit zu vertragen gewohnt ist / Meden und Assyrien / welche die
Leibeigenschaft anbeteten / und die zur Sklaverei gebohrnen Morgen-Länder
würden nicht einst den Raub ihrer Ehre vertragen; und die Deutschen / welche
schwerer der Freiheit als des Atems entpehren könten / derer Herrschaft mehr
im Einraten als im Befehlen bestünde / sollten sich so schändlich unterdrücken
lassen. Bei denen doch der Dienstbarkeit nähern Macedoniern dorfften die Könige
nach den Gesätzen nicht nach ihrer Gewalt herrschen / ohne des Volckes Billigung
hatte ihre Macht keinen Nachdruck / und im Friede mussten alle Bürger / im Kriege
das ganze Kriegs-Heer über eines Menschen Kopff richten. In Deutschland hätten
sich die Fürsten allezeit / besonders in ihren eigenen Sachen enteusert jemanden
binden / schlagen / straffen zu lassen / am wenigsten aber hätten sie über ander
Leben Hals-Gerichte geheget; sondern dis verrichteten die Priester / nicht als
zur Straffe oder dem Fürsten zu Gefallen / sondern gleichsam auf Befehl GOttes.
Hier aber verfähret Hertzog Arpus auf eine ganz andere Art / und schleust die
Priesterschaft vom Gerichte aus / und verfähret durch wenig Leute / die allen
seinen Befehlen zu gehorsamen mit Eyden verbunden sind. Wie aber kann ein Richter
recht urteilen / der seines Fürsten Willen /wie ein Mahler ein Vorbild zu
seiner Nachmahlung vor sich hat? der Graf von Solms gab zur Antwort: Also möchte
Catumer als ein Fürst wohl von der Macht der Fürsten reden / ihm aber als einem
Untertanen stünde dieses nicht an. Denn solche Gedancken schmeckten bei diesen
nach Aufruhr. Wenn aber auch schon Fürsten über der Untertanen Ehre so wenig /
als über ihre Gewissen zu gebieten hätten / so wäre doch diesen unverboten / dass
sie / um des Fürsten Ehre zu retten / das gemeine Heil zu befördern /ihre Ehre
in Stich sätzten / und sich mit unanständigen Farben befleckten. Denn / weil die
Ehre nur ein Anhang und der Schmeltz der Tugend wäre / dieser Wesen auch ohne
jene wie ein Edelgestein ohne Folge gar wohl bestehen könnte / täte einer ihm und
der Tugend keinen Abbruch; weil beide doch in der Warheit unschuldig blieben /
und es ohne dis nur bei uns stünde ehrliche Leute zu sein / nicht aber dafür
angesehen werden. Es wäre eine Pflicht der Freundschaft /dass man auch mit
angenommenen Schwachheiten seinem Freunde einen Vorteil schaffte. Wie viel
höher aber erstreckte sich die Pflicht gegen den allgemeinen Vater des Volcks /
als gegen einen Freund! Bei diesen Worten trat der Graf von Ziegenheim mit
etlichen Gewaffneten von der Leibwache auf die Schau-Büne; und deutete dem
Fürsten Catumer an / dass er auf seines Vaters des Hertzogs neuen Befehl den
Degen von sich geben sollte. Nach ihnen fand sich auch wieder der Nachrichter /
und näherte sich dem Grafen. Catumer entblösste über dieser Ansprache den Degen;
und sagte: dieser Degen ist mir angebohren / und werde ich ihn zwar zu meines
Vaters Füssen / aber niemals in die Hände meines Untertanen liefern / so lange
ich ein Glied rühren kann / und einen lebendigen Atem in mir fühle. Bei dieser
Begäbnüs drang sich der Graf von Witgenstein / und die drei von Battenburg mit
nach Mattium gebrachten Ritter gegen der Schau-Büne; umb dem Fürsten Catumer
beizustehen. Hingegen hielt die Leibwache sie zurücke / und wurden beiderseits
die Waffen entblösst. Unter den Zuschauern zohen auch ihrer viel vom Leder / das
gemeine Volck grub die Steine aus dem Pflaster / also dass es nunmehr zu einer
grausamen Blutstürtzung gekommen wäre / wenn nicht ein Bataver unversehens sich
aufs Gerüste gespielet hätte / für Catumern und dem Grafen von Ziegenheim auf
die Knie gefallen wäre /mit Bitte: Sie wollten nichts tätliches gegen einander
beginnen / bis er dem Hertzoge Arpus ein grosses Geheimnüs entdeckt hätte /
welches alle diese Missverständnisse / wie die Sonne den Nebel zu Bodem schlagen
würde. Ziegenheim fragte diesen Frembdling mit ernstem Gesichte: wer er wäre?
und was er in so wichtige Geschäffte zu reden hätte? dieser antwortete: Er wäre
ein Bataver; und an seiner Heimligkeit / die er für Hinrichtung des verdammten
Grafen von Solms zu eröffnen hätte; wäre die Wolfahrt des Cattischen
Fürsten-Hauses gelegen. Ziegenheim und die Häupter der Leibwache steckten
hierüber die Köpffe zusammen / und wurden mit einander eines den Grafen von der
Schau-Büne ab / den Bataver aber zum Hertzoge führen zu lassen. Diesem missfiel
zwar die Hinterziehung des peinlichen Gerichtes / gleichwol liess er den Bataver
für sich / und sagte ihm: Würde seine Nachricht nicht von angedeuteter
Wichtigkeit sein / so sollte er sich nur geschickt machen / dass er seine
Vermässenheit der Gerechtigkeit in Zügel zu fallen / mit dem / was ein ander
leiden sollte / beständig büssen möchte. Der Bataver antwortete: Wenn er ihm
nicht vorgesätzt hätte als ein Schuldiger an statt des Unschuldigen zu sterben;
würde er seinen Mund nicht eröffnet haben / noch sich allhier als einen
Sterbenswürdigen Ubeltäter angeben. Andern würffe man ihre Fehler ins gemein
für / oder tichtete auch Missetaten der Unschuld an / weil die
allerunverschämteste Verläumbdung nie so vermässen gewest wäre die Tugend unter
ihrem Nahmen in ihrer rechten Gestalt und ausser der Larve der Bosheit
anzutasten; aber niemand wäre leicht so bescheiden oder gewissenhaftig seine
Fehler ehe zu erkennen als zu überfirnsten. Ja das Recht selbst bürdete
niemanden die Schuldigkeit auf ein Verräter seiner eigenen Laster zu sein; aber
dis wäre doch das nachdrücklichste Kennzeichen einer wahren Reue. Diese und das
Mitleiden über dem Grafen von Solms wären krafftiger als keine Folter sein würde
/ ihm dis Bekäntnüs auszupressen / dass er der Bataver wäre / welcher Astreen
verführt hätte die Fürstin Adelmunde unfruchtbar zu machen. Für dieses
abscheuliche Laster wollte er den grausamsten Tod willig leiden / den ihm Arpus /
Catumer / Cariovalda /Adelmunde oder andere Beleidigten zuerkennen würden / ja
er wünschte / dass er für jede / die er gekränckt / einen absondern ausstehen
könnte. Denn die Straffen wären die Seiffe der Bosheit / je schärffer sie wären /
je mehr reinigten und befreieten sie die besudelten Seelen von der Pein des
folgenden Lebens. Aber / es wäre dem Hertzoge Arpus nicht so viel an seinem
schrecklichen Ende / als an der Wissenschaft des Urhebers seines Lasters
gelegen / und dass der unschuldige Fürst Cariovalda alles Argwohns entlastet
würde. Dieses allzu redlichen Fürstens Nahmen hätte er gegen Astreen aufs
schändlichste missgebraucht; da doch Adgandester und Sentia die zwei Wirbel
dieses verfluchten Anschlags gewest wären / und hierdurch entweder durch
Catumers unfruchtbare Heirat seinen Stamm auszutilgen / oder zwischen den
Catten und Chaucen eine unversöhnliche Feindschaft zu stifften angezielet
hätten. Hieraus hätte nun Hertzog Arpus zu urteilen; ob es jemals Adgandesters
Ernst gewest wäre des Königs Marbods Tochter an Catumern zu verheiraten? Ob
seine Beschwerde wegen geheirateter Adelmunde nicht nur ein falscher Vorwand
sei / dis / was ihm niemals ein Ernst gewest / zurück zu ziehen? und ob ein
solcher Verrater verdiente; dass ihm ein so tapfferer Ritter / als der Graf von
Solms wäre / aufgeopffert / und dadurch über der Catten Einfalt und Unglücke zu
kitzeln Anlass gegeben würde. Damit Hertzog Arpus auch an der Warheit dessen
nicht zweifelte / zohe er unterschiedene Schreiben Sentiens und Adgandesters
heraus / welche die Anstiftung dieser schändlichen Tat deutlich ans Licht
stellten. Hertzog Arpus besah die vorgewiesenen Briefe aufs genaueste; und weil
ihm Adgandesters und Sentiens Hand mehr denn zu wohl bekandt waren /konnte er an
warhafter Erzehlung dieses Batavers im geringsten nicht zweifeln. Uber dieser
Betrachtung liess sich eine Spinne aus der Decke des Zimmers etliche mal an einem
Fademe auf Sentiens Brief herunter / und stach in selbten / wie sie auf die
Schlangen zu tun / und sie zu tödten pflegen; gleich als wenn diese Schrifft
ein gifftiger Brut der Schlangen wäre. Nach dem Hertzog Arpus hierüber eine gute
Zeit nachgedacht hatte / fieng er endlich an: Ist es möglich / dass ein so
schwartzes Hertze in einem deutschen Fürsten stecken / dass Agandester seinen
Verstand zu nichts als anderer Verterb angewehren / und ein so grosses Gemüte
sich mit nichts als Bosheit vermählen könne! Müssen denn die besten Sachen /
wenn sie umbschlagen / die schlimmsten werden! und in der reinesten Lufft / wenn
sie angesteckt wird / die Pest am grausamsten wüten. Wie viel nötiger ist es
die Menschen als Bücher auswendig zu lernen! Warumb hat die Natur das Hertze so
tief in den Leib versteckt? Sonder Zweifel zu keinem andern Ende / als dass /weil
die meisten voller Bosheit stecken / bei Ergründung so vieler Falschheiten nicht
täglich Mord und Blutvergiessen erfolge. Welche Natter ist so schlau und grausam
/ dass sie / wie Adgandester / uns zugleich küsse und steche; uns oben umbhalse /
und unten tödte! Was für eine Undanckbarkeit gegen seinem Vaterlande ist es /
dass Adgandester darinnen das Wasser trübet / nur dass die Römer darinnen fischen
können! dass er Gift und Zauber-Künste zum Werckzeuge seiner höllischen Rachgier
angewehret! Aber o der allergütigsten Versehung Gottes! dass die allerschlaueste
Bosheit / wenn sie ihre Arglist am geheimsten zu halten vermeinen / ins gemein
ihr eigener Mund / oder ihre Feder ihr Verräter werden muss! Sie verwickelt sich
zum ersten in die Schlingen / welche sie andern gelegt hat. Und du Bosshafter
hast nun auch gelernet / dass die Laster nicht so zeitlich in einer Seele
ausgebrütet / als der nagende Wurm in dem Gewissen gross werde; dass die Bosheit
ihr erster Hencker sei / die Rache der Menschen und Gottes aber ihr auf der
Fersen nachfolge. Jedoch will ich / deines Bekäntnüsses halber / meine
Beleidigung an dir nicht straffen; sondern ich will dich dem Urtel derselben
übergeben / derer Rat zur Bosheit du gefolget hast. Sentia soll deine Richterin
sein / die du dir selber zu deinem Leitsterne erkieset hast. Der Bataver fiel
für dem Hertzoge nieder; und bat / er möchte ihn doch mit einer so grausamen
Barmhertzigkeit verschonen. Wolte er doch gerne alle Tode der Welt ausstehen;
wenn er nur seiner Verführerin Sentia nicht die Freude machen dörffte / dass sie
sich an ihm wegen ihrer offenbarter Laster rächen möchte. Arpus befahl den
Bataver fort und in ein Gefängnüs zu führen / hingegen verordnete er; dass die
Leibwache von dem Schaugerüste abgeführet / der Graf von Solms auf selbtem durch
einen Herold für unschuldig erkläret / und neben dem Fürsten Catumer mit grosser
Ehrerbietung auf das Schloss geholet werden möchten. Alles Volck verwandelte sein
voriges Wehklagen in ein hertzliches Frolocken / und ungeachtet sie die Ursache
einer so plötzlichen Veränderung nicht bald erfahren konten /begleiteten sie den
Fürsten und Grafen mit einem allgemeinen Freuden-Geschrei nach Hofe. Daselbst
wurden sie vom Hertzoge Arpus / der Hertzogin Erdmut / der Fürstin Catta / dem
Hertzog Jubil und andern Grossen aufs freundlichste bewillkommet. Arpus aber
schickte noch selbige Tag den Grafen von Hohenstein und Solms nach Witgenstein /
umb die daselbst gelassene Fürstin Adelmunde von dar abzuholen; zu welcher
Einzuge alle nur in der Eyl mögliche Anstalt gemacht ward. Folgenden Tag zohe
ihr Catumer mit einem prächtigen Gefolge bis auf den halben Weg / Hertzog Arpus
mit seinem ganzen Hofe etliche Feldweges Adelmunden entgegen; welche nunmehr
mit anbrechender Nacht zwischen so viele tausend Freuden-Feuern und unzählbaren
Glückwünschen in Mattium einzoh / als mit wie vielen Tränen sie für wenigen
Wochen daraus geschieden war. Der Feldherr / die Hertzogin Tussnelde und alle
andere deutsche Fürsten kamen gleichfals an den Cattischen Hof /und mühte sich
jedermann seine Vergnügung und Wolwollen aufs nachdrücklichste verstehen zu
geben. Ungeachtet nun Adgandester alle seine Künste angewehret hatte hinter das
Geheimnüs zu komen / was denn des Hertzog Arpus grossen Eyver gegen den Grafen
von Solms in einem Augenblicke niedergeschlagen / und Catumers mit Adelmunden
vollzogene Heirat mit so grossem Gepränge zu billigen verursacht haben müste /
konnte er doch das wenigste erfahren / da doch sonst die Freude eine
unvorsichtige Verwahrerin der Heimligkeiten ist. Weil er nun von Art argwöhnisch
war / und einer / der ihm eines Verbrechens bewust ist / stets in Furchten lebt
verraten zu werden / liess Adgandester ihm zwar nichts gutes träumen; nichts
desto weniger hielt er für tulich bei so allgemeiner Freude den Mantel nach dem
Winde zu hencken / und nach Hofe zu reiten seinen Glückwunsch abzulegen / oder
vielmehr ein und anderes auszufischen. Wie er aber an die euserste Schloss-Pforte
kam / ward selbte für ihm zugesperrt. Adgandester ward hierüber beschämt /
fragte also den über die Wache bestellten Hauptmann Falckenberg / was dis
bedeutete? kriegte aber von ihm diese Antwort: sein Hertzog hätte ihm befohlen
keinen Verräter ins Schloss zu lassen. Adgandester versätzte: Ob man ihn denn
für einen Verräter / nicht aber für des mächtigen Königs Marbod Botschafter
ansähe? dieses würde sein Hertzog / und er selbst am besten wissen /begegnete
ihm Falckenberg. Adgandester ward also gezwungen mit Zorn und Schande
umbzukehren. Hingegen brachte der Cattische Hof die ganze Nacht bei einem
herrlichen Mahle in gröster Vergnügung durch. Früh vor der Sonnen Aufgange hatte
Adgandester schon aufgepackt / und wollte aus Mattium sich auf die Reise begeben;
aber Hertzog Arpus liess ihm vorher durch den Schencken von Schweinsberg
andeuten; dass / ehe und bevor er wegen seiner Verräterei Red und Antwort
gegeben hätte / er aus Mattium nicht gelassen werde würde. Adgandester
antwortete diesem: Er hätte sich zu dem Herzoge der von Freiheit und
Gerechtigkeit berühmten Catten nicht versehen: dass er wider den grossen König
Marbod / dessen Antlitz und Ansehen er mit sich nach Mattium gebracht hätte /
das Recht der Völcker an ihm als seinem Ebenbilde verletzen sollte! Schencke
versätzte: Sein Hertzog wäre ein so gerechter Herr / dass er nicht ohne
genungsamen Grund dis entschlossen haben würde. Und wäre nichts billiger / als
dass einer wegen seines Verbrechens antwortete. Ja / sagte Adgandester / aber
nirgends / denn für seinem Richter. Botschafter aber erkennten keinen andern /
als den / der sie geschickt hätte: Schencke versätzte: Es wäre noch weder von
Urtel noch von der Straffe / sondern allein von dem /ob er sein Laster zustünde
/ zu reden. Wiewol / wenn ein Botschafter vorher wider die Hoheit und den Staat
desse / zu dem er unter dem Scheine der Freundschaft geschickt würde / handelte
/ also wider das Recht der Völcker sündigte / er aus selbtem keiner Freiheit zu
genüssen hätte. Denn da es erlaubt wäre einen König / wenn er eines Reiches Feind
worden wäre / zu tödten / warumb sollte ein Botschafter mehr Recht haben / wenn
er nicht einzele Personen / sondern den Fürsten und ein ganzes Volck beleidigte
/und aus einem Gesandten sich selbst zum Feinde machte? Adgandester fiel ihm
ein; Wer nicht verurteilt werden könnte / der wäre auf Beschuldigungen auch
nicht zu antworten schuldig; sintemal er für einen / der sich gar nicht in dem
Cattischen Gebiete aufhielte / und für einen Einwohner zu Marobodunum zu achten
wäre. Daher könnte niemand als sein König sprechen / dass er das Völcker-Recht am
Hertzoge der Catten verletzt hätte. Bei diesem müste er überwiesen / und von
selbtem entweder seine Bestraf- oder Ausfolgung erlangt werden. Dieses wäre das
Recht der Fürsten / welche mit einander Krieg führten; wie vielmehr müste ihm /
der des friedsamen Königs Marbods Stelle verträte / dis Recht zu statten kommen.
Meinte man / dass er etwas verbrochen hätte / so stünde es zwar in des Cattischen
Hertzogs Gewalt ihm zu sagen: dass er aus seinem Gebiete weichen sollte; aber
anzuhalten wäre er nicht befugt; sondern hierdurch würde die Ehre und die
Heiligkeit der Gesandschaft versehrt / und dardurch dem Könige Marbod die
gerechteste Ursache gegeben die Catten mit Krieg zu überziehen. Schencke gab ihm
zur Antwort: Sein Fürst würde sich diese Dräuung so wenig schrecken lassen / als
er glaubte / dass König Marbod Adgandesters Verbrechen billigen / oder sich gar
dessen durch Verfechtung teilhaftig machen würde. Er hätte auch keinen Befehl
mit ihm sich in Zwist einzulassen / sondern nur zu warnigen / dass er / umb die
Schande an dem Stadt-Tore zurück gewiesen zu werden / zu vermeiden / seinen
ohne dis sonder gewöhnlichen Urlaub vorhabenden Abzug aufzuschüben. Mit diesen
Worten kehrte er zurück; der Feldherr aber hatte auf des Hertzog Arpus Ersuchen
alle deutsche Fürsten in der ihm eingeräumten Burg versamlet. Diesen trug er
Adgandesters und Sentiens Verbrechen für / legte ihnen auch nicht alleine ihre
Schreiben als unlaugbare Zeugnüsse für / sondern liess auch den gefangenen
Bataver in die Versammlung kommen / der mit allen Umständen die an Adelmunden
begangene Bosheit erzählete /und nur umb die Gnade des Todes bat / weil sein
Gewissen ihm eine unaufhörliche Folterbanck abgäbe. Niemand war / der sich nicht
über dieser Greuel-Tat entsätzte / und beide Urheber derselben verfluchte. Der
Feldherr riet für allen Dingen / dass man den Bataver dem Hertzoge Ganasch nicht
so wohl zu willkührlicher Bestraffung / als zu Abwendung alles wider andere
ehrliche Leute gefasste Verdachtes zu schicken / und ihn in gute Vertrauligkeit
zu versätzen trachten sollte. Zu welchem letztern denn der Graf von Werteim
erkieset ward. Hertzog Arpus aber warf zu erwegen auf / wie mit Adgandestern zu
verfahren wäre. Worüber denn alle leicht eines wurden / dass Hertzog Arpus ihm so
wohl Sentiens als seine eigene Briefe vorlegen / ja gar den Bataver ihm unter
Augen stellen lassen sollte. Zu diesem Ende wurde die Ritter Reckrode und
Altenberg von Stund an zu Adgandestern abgefertigt. Diese besprachen ihn im
Nahmen des Hertzogs Arpus und Catumers: ob er leugnen könnte / dass er und Sentia
durch einen Bataver Astreen bestochen hätte Adelmunden unfruchtbar zu machen?
diesem war solche Anfertigung nichts unversehnes /weil er die Offenbarung dieses
Geheimnüsses schon vorher geargwohnet hatte. Daher er ohne einige Veränderung
antwortete: hätte Sentia was gemisshandelt /so möchte sie darfür stehen / für
sich hielt er diese Nachrede für eine Verläumbdung und Vorwand / dadurch das
durch seine Anhaltung verletzte Völcker-Recht zu beschönen. Reckrode zohe
Adgandesters und Sentiens Schreiben heraus / und fragte: ob er solche nicht für
seine und ihre Hand und Siegel erkennen müste? Adgandester rötete sich hierüber
/ weigerte sich aber selbte anzuschauen / vorschützende: Seines Königs Hoheit /
und seine Würde vertrügen nicht /dass er auf solche Beschuldigungen antwortete /
und sich einem frembden Gerichts-Zwange unterwürffe. Altenberg fiel ein: Weil er
seine eigene Handschrifft nicht zu leugnen wüste / auch der verleitete Bataver
bei der Hand wäre ihm unter Augen zu sagen; dass er der Urheber dieser so
schändlichen Tat wäre / ja zu Astreens Bestechung die Perlen und andere
Edelgesteine selbst hergegeben hätte / würden alle redliche Deutschen seinen
Einwurff für eine blosse Ausflucht auslegen / und / wenn schon Hertzog Arpus sich
keiner richterlichen Gewalt über sein Haupt anmaasste /dennoch sein Nahme
verdammet / und sein Gedächtnüs bei den Catten vertilgt werden. Adgandester
versätzte: Ein Botschafter müste seinen guten Nahmen /seine Ehre und sein Leben
ehe in Stich sätzen / als seines Königs Hoheit eines Haares breit versehren.
Reckrode hielt Adgandestern ein; Er würde bei so gestalten Sachen niemanden
verdencken / dass sie ihn /welcher weder seines Angebers Gesichte vertragen könnte
/ noch seine Handschrifft ansehen wollte / für schuldig und überwiesen halten
würden. Denn die ihnen übel-bewussten hätten die Eigenschaft falscher Müntzer /
welche ihr Geld niemals wollten zur Prüfung kommen lassen. Es würde aber Hertzog
Arpus zu entscheiden haben; ob Adgandester in einer Sache / welche sein König
ihm nie anvertraut und befohlen /nimmermehr auch rechtsprechen würde / an dem
Orte seines Verbrechens nicht würde recht leiden müssen. Unter diesen Worten
ward der gefangene Bataver unvermerckt ins Zimmer gelassen / welcher
Adgandestern alles mit grosser Freimütigkeit unter Augen sagte / wie er und
Sentia ihn zu Astreens Bestechung beredet / was für Danckbarkeit sie ihm
versprochen /und wie er selbst ihm die kostbaren Geschencke für Astreen
eingehändigt hätte. Adgandester aber / nachdem er mit grosser Empfindligkeit für
die gröste Beleidigung annahm; dass man ihm einen so frechen Ubeltäter zu seiner
Beschimpfung unter Augen stellte / trat zurück in sein innerstes Gemach; und
sagte: dass es zwar in des Arpus Gewalt stünde ihn zu tödten / aber nicht; dass er
durch was vekleinerliches seines Königs Hoheit was vergeben würde. Nachdem beide
Ritter nun dem Cattischen Hertzoge von ihrer Handlung Nachricht erstattet hatten
/ trug er alles in der Versamlung der Fürsten für / und erklärte sich / dass er
derer Gutbefinden / welche in diese Sache gar nicht eingewickelt wären / sich in
dem / wie mit Adgandestern zu verfahren wäre / sich willigst unterwerffen wollte.
Es wurden auf des Feldherrn Gutachten etliche der obersten Priester / und
unterschiedene alte in Gesandschaft gebrauchten Ritter mit in den Fürsten-Rat
erfordert. In diesem suchten Hertzog Siegemund / welcher ohne diss seiner
Stiefmutter Sentia Spinnen-feind war / Marcomir und andere zu behaupten:
Adgandester wäre als ein Feind seines Vaterlandes /wordurch er das Merckmal
seiner obhabenden Botschaft ausgelescht hätte / fürs Gerichte zu stellen.
Würden doch Gesandten / welche nur eines Bürgers Eh-Bette befleckten / ihrer
Freiheit verlustig; wie viel mehr könnte es dem nicht ungenossen ausgehen / der
des Fürsten Braut und Schwäher-Tochter / zu dem er gesandt worden wäre /
unmenschlich beleidiget und die zur Wohlfart ganz Deutschlandes gereichende
Heirat / die gute Verständnis zwei hoher Fürstlichen Häuser zu zerstören sich
bemüht hätte. Lieffe es nicht wider die gesunde Vernunft; dass ein Botschafter
Fürsten zu beleidigen / Fürsten aber nicht Botschafter deswegen zu bestraffen /
und sich wider Mord und Verräterei in Sicherheit zu versetzen berechtigt sein
sollten? Wenn aber auch gleich ein Botschafter wegen derer wider ein gemeines
Wesen verübter Ubeltaten nicht an dem Orte seines Versprechens bestrafft werden
könnte / worwider doch vieler Völcker Beispiele stritten und durch solche
Unsträfligkeit die Verräterei gleichsam Böses zu stifften eingeladen würde; so
würde doch dieses ärgerliche Recht zum wenigsten in denen einen Absatz leiden
/welche sich in frembde Dienste begäben / und bei übergenommenen Gesandschaften
wider ihr eigenes Vaterland und Landes-Fürsten sich vergrieffen. Denn einem
ieden wäre eine genauere Pflicht gegen diese seine heilige Mutter / als gegen
seine Eltern angebohren. Seine Liebe schlüsse in sich alle andere in einen engen
Kreis ein / also dass der / welcher sich dieser entäusern könnte / für einen
Unmenschen / oder doch für den Undanckbarsten gehalten zu werden verdiente; als
für dessen Wohltaten man den der Natur schuldigen Tod mit so grossem Ruhme als
obliegender Schuldigkeit ausstünde. Da nun keiner dieses erste Verbündnüs wie
die Schlangen ihre alte Haut ausziehe / noch durch eine neue Verbindung seine
Eltern umbzubringen sich verpflichte könnte / wie viel weniger wäre Adgandester
sich dem Könige Marbod durch Annehmung seiner Dienste derogestalt zu verknipfen
befugt gewest; dass das Vaterland und Hertzog Arpus als Landes-Fürst und Vater
seines Vaterlandes über ihn keine väterliche Gewalt behalten haben sollte.
Diesemnach sollte man wider diesen abtrünnigen Beleidiger seines Vaterlandes und
seines Fürsten nach dem Verdienste seines Verbrechens verfahren / und der
Nach-Welt ein nützliches Beispiel gestraffter Bosheit zum Gedächtnis
hinterlassen. Sintemal es dem Hertzoge der Catten / dass er Adgandestern
anderwerts verklagen sollte / unanständig; auch beim Marbod Recht zu erlangen
wenig Hoffnung wäre; weil es unumbschrenckter Gewalt schwer fiele sich der
Billigkeit zu unterwerffen / Marbod auch zeiter gegen die Verbrecher zu grosse
/ gegen die Catten und Cherusker allzu schlechte Neigung hätte blicken lassen.
Hertzog Inguiomer hingen schalt zwar aufs ärgste Adgandesters Ubeltat;
gleichwohl aber behauptete er: dass sie von niemanden / als dem Könige Marbod
bestrafft werden könnte / weil das Recht der Völcker alle Botschafter ohne
Unterscheid ihrer Ankunft und Standes von allem auswertigen Gerichts-Zwange
befreiete. Denn ob zwar denen meisten ein innerlicher Zug gegen seinem
Vaterlande angebohren und für selbtes Gut und Blut aufzusetzen löblich wäre; so
lieffe es doch wider die natürliche Freiheit und die Erfahrung / dass einer nicht
sollte sein Vaterland verlassen / seines sich wegen der Eingebohrenschaft
habenden Vorteils verzeihen / und ein anders ihm in dem entferntesten Winckel
der Welt aufschlagen können. Niemand wäre durch die Nabel-Schnure seiner Mutter
an die Erd-Schollen seiner Geburts-Stadt angebunden / und / wenn ein Fürst nicht
aus absondern Ursachen einem sich anderwerts niederzulassen verboten hätte /
begäbe er sich stillschweigende alles Rechtes / wenn er schon eine solche
Dienstbarkeit auf ihn zu suchen hätte. Sintemal niemand zweier Ober-Herren
Untertan / wie kein Glied zweier Häupter Anteil sein / noch iedem seine
gehörige Treue und Pflicht abstatten könnte. Die dissfalls widrigen Rechte der
Römer hätten mit den Sitten der freien Deutschen keine Verwandschaft / bei
welchen auch der Pöfel nichts von Leibeigenschaft zu vertragen wüsste. Hingegen
wäre ihrer Fürsten Gewalt umbschrenckt / und ob schon sonst die Gesetze des
Kriegs-Rechts die strengsten wären / stünden doch die Heerführer dem Volcke mehr
mit ihrem Beispiel / als mit Befehlen für. Wenn auch die Geburt für ein fester
Band / als Eyd und Verbindungen zu halten wäre / zu was Ende liessen Fürsten
ihnen ihre Eingebohrne huldigen? Warumb müsten sie sich / wenn sie sich unter
ihre Kriegs-Fahnen bestellen liessen / ihnen mit Eyden der Treue verpflichten?
Am allerwenigsten aber könnte Hertzog Arpus Adgandestern als seinen Untertanen
anhalten / weil er ihn für einen Botschafter des Königs Marbod selbst angenomen
/ und dadurch alle sein etwan habendes Recht auf ihn einem andern Fürsten
abgetreten hätte. Ob nun wohl diese Frage hin und wieder geworffen ward / so gab
doch der Feldherr Inguiomern Beifall / und fügte bei: dass es ratsamer wäre in
zweifelhaften Dingen von seinem Rechte etwas vergebe / als durch desselbe allzu
genaue Wahrnehmung einen andern Fürsten beleidigen / oder ihm Anlass geben sich
beleidigt zu achten. Welches hier so viel nötiger / da Marbod ihnen stets ein
so verändertes Gesichte machte / dass niemand zu sagen wüste; ob er es mit ihnen
gut oder böse meinte / und da das Römische Kriegs-Feuer mehr verdeckt als
ausgelescht wäre. Es wäre Adgandesters Schande ihm Straffe / und den Catten
Vorteils genung / wenn sie dieses schädlichen Menschen sich entladeten / und
dem Könige Marbod ihn durch habenden Beweis derogestalt abmahlten / dass er ihn
mit Ehren nicht in Diensten behalten / weniger bei der Römischen
Friedens-Handlung zu einem schädlichen Werckzeuge gebrauchen könnte. Diese
heilsame Meinung ward von der ganzen Versamlung als die schimpflichste und
sicherste gebilliget / und der Graf von Coppenberg an den Grafen von
Windisch-Grätz als des Königs Marbods Botschaftern an den Cheruskischen Hofe
geschickt; dass er ihm Adgandesters schöne Meister-Stücke durch seine eigene
Handschrifften für Augen stellte; und zugleich ihm vermeldete; dass ob zwar
Adgandester als ein gebohrner Catte seines zu Mattium begangenen Lasters halber
angehalten werden könnte /wolle doch Hertzog Arpus und Catumer den König Marbod
selbst zum Richter erkieset / und ihm Adgandesters Bestraffung schlechterdings
heimgegeben haben. Windisch-Grätz bezeugte nicht nur einen besondern Unwillen
darüber; dass Adgandester sein hohes Ampt mit einem solchen Schandflecke besudelt
hätte / sondern versprach auch seinem Könige hiervon umbständlichen Bericht zu
erstatten. Der Cattische Hertzog aber liess Adgandestern andeuten / dass er noch
für Sonnen-Schein Mattium / und für Ablauff dreier Tage das Cattische Gebiete
räumen sollte; welchem er denn mit so grosser Ungeduld als Schande gehorsamen
musste. So schlipfrich sind die Wege der Bosheit. Sie geht zwar eine Weile auf
Rosen / aber im Gewissen fühlet sie doch ihre Dornen / und endlich gerätet sie
auf den Mist-Hauffen der Unehre.
    Diese Verwickelunge des Cattischen und Cheruskischen Hauses hinderten
gleichwohl den klugen Feldherrn nicht das heilsame Friedens-Werk zwische de
Römern und Sicambern fortzutreibe. Er hatte nicht nur durch den Grafen von
Windisch-Grätz zuwege gebracht / dass Germanicus den Lucius Apronius zu dem Ende
nach Mattium schickte; sondern er benam auch durch des Grafen von Schwalenberg
vernünftige Erläuterungen dem Hertzoge Melo allen Argwohn; dass man mit ihm das
gemeine Spiel der Bund-Genossen /da nämlich etliche den Kopf bei Zeite mit ihrem
Vorteil aus der Schlinge ziehen / und dem letztern die Last und den Verlust des
Krieges auf dem Halse lassen / zu treiben gemeint wäre. Nach welchem auch Melo
den Grafen von Hammer-Stein zur Friedens-Handlung nach Mattium geschickt / der
Feldherr aber alle wegen des Vorsitzes / der mangelhaften Vollmachten sich
ereignende Schwerigkeiten aus dem Wege geräumet / denen Botschaftern des Königs
Marbod und Hertzog Ariovistes beweglich zugeredet hatte: Sie möchten doch als
Deutsche diesem Feuer /welches halb Deutschland schon eingeäschert hätte /und in
welches Argwohn und Zwytracht zeiter so viel Oel und Schwefel gegossen hätte /
allen Zunder zu entziehen trachten. Sintemal sichs zwar in Irrgarten des Krieges
leicht eingienge; schwer aber heraus zu finden wäre / und die Ausländer in ihrem
Hertzen über die Einfalt der streitbaren Deutschen lachten; dass sie so wenig
sich ihres Vorteils zu gebrauchen wüsten / und durch unaufhörliche
Missverständnüsse bei ihrer Tapferkeit Feinde ihrer eigenen Wohlfart würden. Ob
nun zwar Apranius nunmehr den Bogen ziemlich hoch spannete / nun nicht nur von
dem Hertzoge Melo die Wieder-Abtretung des Ubischen Altars / sondern aller über
dem Rheine gelegenen Orte / von dem Hertzoge der Chauzen aber das der ins Meer
flüssenden Emse gegenüber liegende Eyland Burchanis verlangte / so hielt doch
der Feldherr ihm ein / dass diss alles wider den mit den andern Deutschen Fürsten
getroffenen Frieden lieffe / welche wenn die Römer etwas über das Ubische Altar
/ ja gar biss an die Emsse / also weit über den Rhein festen Fuss zu setzen
begehrten / solches allen einen Floch ins Ohr / und in grosses Misstrauen gegen
die Römer versetzen würde. Nichts aber wäre gefährlicher / als nicht Maass zu
halten wissen. Deñ hierdurch würden auch die heilsamste Dinge zu Gifte. Rom
hätte in weniger Zeit so viel in der Welt gewonnen / welches sie unmöglich
behalten könten / wenn es nicht durch den Frieden berasete; welches die Könige
zu Babylon durch das Sinne-Bild ihres mit einem Pfluge gekrönten Zepters
angedeutet hätten. Hingegen weil der Graf von Hammerstein wegen seines Hertzogs
wegen des Ubischen Altars so feste hielt; stellte er ihme die der ganzen Welt
schreckliche Macht der Römer für Augen / welche niemand / als das Verhängnis
aufzuhalten mächtig /also selbte zu tämen Torheit / ihr aber auszuweichen
Klugheit wäre. Es wäre viel ratsamer etwas weniges als alles / und rühmlicher
etwas mit gutem Willen weggeben / als ihm mit Gewalt abdringen lassen. Denn
jenes würde für eine Grossmütigkeit gelobt /dieses aber machte als eine
Schwachheit verächtlich. Müssten doch Fürsten ihren Untertanen oft etwas
willigen; und der Römische Rat hätte sehr klüglich dem Kriegsheere ihren Sold
als eine Freigebigkeit ausgesetzt; da sie die Unmögligkeit ihrer Bürger sahen
von eigenen Mitteln zu kriegen. Hingegen wäre es eine grosse Unvernunft die in
Händen habende Glückseligkeit des Friedens wegwerffen / umb sich mit künftigem
Elende des Krieges zu armen. Die Begierde viel zu gewinnen / oder seine
Hertzhaftigkeit zu erweisen strieche dem Kriege zwar eine schöne /die Erfahrung
aber eine sehr hessliche Farbe an / sein Glücke wäre immer zweifelhaft / seine
Beschwerligkeit aber gewiss / und auch dem Sieger selten vorteilhaftig. Denn
vergrössert gleich ein Fürst sein Gebiete / so vermindert er doch sein Volck;
nähme er gleich mehr Städte ein / kriegte doch seine weniger Bürger; würde er an
Untertanen reicher / so würden doch diese ärmer / die gemeinen Kasten erschöpft
/ die Beschwerden erhöhet / das Armut gedrückt / die Gesetze geschwächet / also
dass der mit so viel Siegen prangende Hannibal doch endlich gegen dem glücklichen
Scipio hätte bekennen müssen: dass ein gewisser Friede ungleich besser / als ein
ungewisser Sieg wäre. Diesemnach die alten Könige aus einem besondern
Geheimnisse und zu ihrer Lehre / dass ihr fürnehmstes Absehn der Friede sein
sollte / bei ihrer Krönung mit dem Oele desselben Baumes wären gesalbet worden
/welcher des Friedens Sinnen-Bild wäre. Nachdem auch unterschiedene vorhin
aufgeworffene Vorschläge von ein oder dem andern Teile verworffen wurden
/schlug der Feldherr als ein Friedens-Mittel für; dass die Römer zwar das Ubische
Altar wieder bekomen /aber über den Rhein keine Brücke zu baue berechtigt /
hingegen dessen Zugehörunge die nur eine Meile darvon auf einem gähen Felsen
liegende Festung Gottesberg und Bröl / wordurch jenes genungsam im Zaume
gehalten werden könnte / dem Hertzoge Melo verbleiben sollte. Das erste und
letztere hatte Hammerstein schon eingewilligt / und ob er zwar wegen Gottesberg
grosse Schwerigkeit machte / sonderlich / weil die Römer schon darauf den Mercur
ein Altar und Heiligtum gebaut hatten; so wäre man dennoch allem Vermuten nach
darüber noch eins worden; wenn nicht über alles Vermuten Hammerstein vom
Hertzoge Melo und Apronius vom Germanicus wären befehlicht worden / sich ohne
einige Säumung nach Siburg zu erhebe. Dem Feldherrn und den andern deutschen
Fürsten kam diese Abforderung sehr verdächtig für / sonderlich / da Germanicus
bereit zu Meintz ankommen war / und Cäcina mit drei Legionen schon an der Mosel
stand / und ihrer noch mehr von der Maass gegen das Ubische Altar im Anzug waren.
Dieser Verdacht aber vergrösserte sich noch mehr / als wenig Tage hernach der
Graf von Werteim berichtete / dass Hertzog Ganasch auf seinem Rückwege wieder an
der Rohr mit Segesten und Cariovalden vereinbart / und sie drei ihren Weg nach
Siburg genommen hätt? Daselbst hin wäre er ihm nachgefolgt / und ob er ihm zwar
Sentiens und Adgandesters Schreiben / wie auch den gefangenen Bataver
überliefert / und ihn der beständigen Freundschaft von dem Cattischen Hause
versichert hätte / wäre er doch sehr schlecht empfangen und kaltsinnig
beantwortet; ja folgenden Tag der Bataver los gelassen /und er beschieden
worden: Er dörffte keiner Antwort erwarten / noch sich in Siburg länger
aufhalten. Sintemal der Hertzog Ganasch in denen überbrachten Nachrichten
allerhand Bedenckligkeiten gefunden /den Bataver aber für einen Wahnsinnigen
erkennet /wegen Adelmundens aber / die er nicht mehr für seine Tochter erkennte
/ wider iemanden zu verfahren / oder Rache auszuüben keine Ursache hätte. Wie er
nun nicht hätte begreiffen können; dass ein Vater auf solche Art seine angebohrne
Liebe ausziehen / und gegen die / welche ihm durch sie so grimmig ans Hertz
gegriffen hatten / unempfindlich sein könnte; ja ihm daselbst Melo und andere
Grossen in allem Tun als Rätzel vorkämen / derer Absehn er nicht zu erraten
wüste; also hätte er hernach ausgeforschet; dass Adgandester sich ins geheim beim
Hertzoge Melo aufhielte / und des Nachts etliche mal mit dem Chauzischen
Hertzoge / Segesten und Cariovalden geheime Unterredung gehalten hätte. Hertzog
Arpus beklagte numehr / aber zu spat / dass er wider des Feldherrn treues
Einraten Adgandestern an seinem Hofe gelitten / und so viel zu Schaden enträumt
hätte. Sintemal freilich Fürsten dissfalls / wenn sie so schädliche Sterne nicht
ausleschen können / solche vom Leibe zu halten und es der Natur nachzutun haben
/ welche den schädlichsten Irr-Stern am weitesten von der Erde entfernet hat.
Der Feldherr aber sah noch ferner hinaus / nämlich dass der rachgierige
Adgandester alle seine Künste anwenden würde die Römer mit den Sicambern zu
vergleichen / denen Cheruskern und Catten aber den Krieg wieder auf den Hals zu
werffen. Daher er dem Grafen von Windisch-Grätz aufs neue anlag / er möchte doch
seinen König bereden; dass /da er Adgandestern ja nicht seines Verbrechens halber
straffen wollte / ihn doch nicht mehr zu einiger Botschaft gebrauchen / und
selbten nicht allerhand Zwitracht anspinnen lassen möchte. Er riet auch dem
Hertzoge Arpus / dass er den Grafen von Werteim Vollmachten bei dem
Friedens-Wercke der Catten Anlegenheiten zu beobachten nach Siburg schickte /und
er selbst fertigte auch den Grafen von Nassau dahin ab. Dieser war kaum dahin
kommen / als er erfuhr: dass die Römer das Bild und das Ubische Altar des Käysers
Augustus mit Belieben des Hertzogs Melo wieder aufrichteten / und dass selbiger
Festung ein neuer Nahme nämlich Bonn gegeben werden sollte / Nassau und Werteim
schickten umb die eigentliche Wahrheit dessen zu erkundigen zwei ihrer Edelleute
dahin / welche denn mit eigenen Augen zu sehen bekamen; wie das von den
Deutschen zerstörte Altar bereit von Marmel erbauet war / und man über einem
herrlichen Bogen arbeitete / darunter des Käysers Bild gesetzt werden sollte /
welches den Tag hernach auf einem güldenen Sieges-Wagen von Trier durch etliche
Römische Priester zu dem Ubischen Altare gebracht ward. Es war aus Ertzte
gegossen / hatte auf dem Haupte einen Krantz mit Strahlen und Sternen / und in
der Hand den Blitz wie Jupiter. An dem Fusse stand: Gallien dem Gott Augustus.
    Diese Nachricht beredete den Grafen Nassau und Werteim / dass der Römische
Friede mit dem Hertzoge Melo und Ganasch unter der Hand so gut als geschlossen
sein müste; weil man zumal alle Handlungen für ihne aufs sorgfältigste verbarg /
ihne auch der Ritter Warsperg in Vertrauen eröffnete / dass Adgandester und
Cariovalda selbige Nacht zum Germanicus / welcher den Tag vorher nach Coblentz
kommen wäre / sich aufgemacht hätten / und von dar gar nach Rom reisen würden.
Beide Grafen berichteten diss nach Mattium / allwo der Feldherr und Arpus
schlüssig wurden / ihre Besatzungen am Rheine zu verstärcken / auch ihre Macht
dahin zu ziehen. Damit nun dieses so viel weniger Misstrauen erwecken möchte
/verfügten sie sich nach Embs am Lohn-Flusse / umb daselbst zum Scheine sich der
gesunden warmen Bäder zu gebrauchen / in Wahrheit aber an diesem nur zwei Meilen
von Coblentz gelegenen Orte auf den Germanicus ein wachsames Auge zu haben. Von
diesem Orte schickten beide Hertzoge den Grafen von Tenckelnburg und Ordnungen
nach Coblenz den Germanicus allda zu bewillkomen und auf eine Hirsch-Jagt
einzuladen / hierbei aber sein Vorhaben alldar zu beobachten. Diese berichteten
bei ihrer Wiederkunft /dass selbige vom Drusus zu erst angelegte Festung mit
Römern so angefüllt wäre / dass ihrer viel unter Zelte übernachten müsten. Unter
diesen arbeiteten ihrer etliche tausend an einer steinernen Brücke über die
Mosel; andere aber baueten umb die Stadt eine Mauer mit vielen Türmen. Wie
bedencklich nun gleich dieses / und sonderlich / weil Hertzog Melo alles so
ruhig geschehen liess / beiden Hertzogen vorkam; so liessen sie doch gegen dem
drei Tage hernach zu ihnen kommenden Germanicus den wenigsten Argwohn mercken /
als wordurch offtmals eine Feindschaft bei denen / die nie daran gedacht hätten
/ erwecket wird. Sie täten ihm alle ersinnliche Ehre an /unterhielten ihn vier
Tage nacheinander mit Jagten /in welcher über vierhundert Hirsche geschlagen
wurden. Germanicus betrachtete hierbei die zwei harte an dem Lohn-Strome
entspringende warme Brunnen /wie auch den eine halbe Meile davon gelegenen
Sauer-Brunnen; wunderte sich aber über nichts mehr /als dass mitten in der Tieffe
des Lohn-Flusses ein starckes heisses Quell daselbst empor drang. Bei dieser
Lust ward weder auf ein noch dem andern Teile an einige Staats-Sachen gedacht /
ausser dass beide Hertzoge ihn den geschlossenen Frieden treulich zu unterhalten
versicherten / und zuletzt Hertzog Herrmann beim Abschiede bat; er möchte durch
einen billigen Frieden mit den Sicambern und Chaucen die völlige Vertrauligkeit
zwischen den Römern und Deutschen verneuern. Sintemal der Krieg ein solcher
Brand wäre / dass dessen Flug-Feuer leicht die allerfriedlichsten Nachbarn mit
anstecken könnte. Weil sie nun ohne diss die letzte Stallung mit allem Fleisse nur
eine Meile von Coblentz angeordnet hatten / begleiteten sie den Germanicus biss
an den Rhein / umb unter diesem Scheine der Ehren der Römer Vorhaben zu Coblentz
selbst desto füglicher in Augen-Schein zu nehmen. Germanicus liess sich zwar des
Abends mit Fleiss eine halbe Meile oberhalb Coblentz über den Rhein setzen; aber
der Feldherr und Arpus ritten noch selbigen Tag den Rhein hinunter / in einem
Jäger-Hause zu übernachten. Des Morgens für Tage befanden sie sich schon auf dem
der Stadt Coblentz gegenüber liegenden Felsen und sahen / mit was Eiver die
Römer wie die Ameisen über Befestigung selbiger Stadt beschäfftigt waren. Der
Feldherr / nachdem er stillschweigende der Arbeit ziemlich lange zugesehen hatte
/ fieng an: Ich besorge / leider / dass dieser emsige Bau nicht nur der beiden
hier zusammen rinnenden Flüsse / sondern ganz Deutschlandes Kap-Zaum sein
solle. Es scheinet aber / als wenn die Natur mit diesem Felsen den Catten schon
einen Grund zu einer Gegenwehre geleget hätte. Daher riete ich; dass Hertzog
Arpus auf diesem Berg eine Festung anlegen sollte / von welcher ohne grosse Müh
den Römern eine Brücke über den Rhein zu bauen verwehret / und dem Germanicus
der Compass verrücket werden könnte. Hertzog Arpus antwortete: Dieser Ort wäre
freilich wohl einer der allergelegensten / aber ihm wäre stets der Festungs-Bau
sehr bedencklich gewest; denn man verriete dadurch gleichsam seine eigene
Schwäche den Feind von den Gräntzen abzuhalten. Die Deutschen aber hätten
allezeit den Ruhm gehabt / dass sie wider alle Feinde in freiem Felde hätten
stehen können. Festungen aber / so gut sie Kunst und die Natur verwahret hätte /
könten / wenn der Feind Meister im Felde wäre / nicht austauern / sondern / wenn
nicht Hunger oder Versehen sie öffnete / findete der Feind endlich einen
güldenen Schlüssel darzu. Die schlauen Römer hätten auf dem Berge Taunus / an
der Fulde /an der Lippe unterschiedene / und am Rhein alleine funfzig Festungen
/ als Fässel der deutschen Freiheit angelegt gehabt; nachdem aber die einige
Schlacht wider den Quintilius Varus gewonnen worden / wären selbte in weniger
Zeit gleichsam über Hals und Kopf übergegangen. Ihre Besatzungen und
Bauständigkeit erforderten zur Kriegs- und Friedens-Zeit fast unerschwingliche
Unkosten; verursachten; dass man sich mehr auf selbte als eigene Tapferkeit
verliesse / und wenn der Feind einmal eine eroberte / hätte man ihm selbst einen
solchen Dorn in Fuss gestochen / den man schwerlich heraus ziehen könnte; und
schiene es gleichsam / als wenn man seinem Feinde mit Fleiss ein Nest in eigener
Schoss gebauet hätte. Diesemnach hätten die Lacedämonier niemals Sparta zu
befestigen ratsam geachtet; und als einem die Mauren zu Aten gewiesen und
gerühmet worden / hätte selbter geantwortet / dass eine so feste Stadt von
Rechtswegen nur Weiber zu Einwohnern haben sollte. Der Feldherr antwortete: Er
würde keiner andern Gedancken sein /wenn nicht die Römische Macht alles Gewichte
anderer Völcker überstiegen / und in Deutschland den Saamen der Zwytracht
eingestreuet hätte / dass selbter allem Ansehn nach nicht mehr auszurotten wäre.
Diesemnach erforderte der Deutschen veränderter Zustand / dass sie nunmehr auch
auf Vorteile ihrer Erhaltung vorsinnen müsten. Er selbst hielte von Festungen
wenig oder nichts / durch welche ein verhasster Fürst seine Untertanen im Zaume
halten wollte. Denn hierzu würde Klugheit und Sanftmut erfordert; und wäre das
Gemäuer darzu viel zu schwach / und die Furcht viel zu gefährlich; welche die
Unwilligen nur verbitterter und halsstarriger machten. Auch wären sie in der
Mitte eines Landes wider Feinde wenig nütze /und den Untertanen verdächtig;
wiewohl auch nicht selten eine einige wohl-verwahrte Stadt ein ganzes Reich
erhalten / derselben Belägerung die Früchte vieler gewonnenen Schlachten
zernichtet / und zu einer Schiffbruchs-Klippe des Feindes gedienet hätte. Allein
an den Gräntzen wäre es der höchsten Notwendigkeit an vorteilhaften Orten
wenige aber gute Festungen zu haben / umb durch selbte die unversehenen
Einbrüche zum wenigsten so lange aufzuhalten / biss man im Hertzen einer
Herrschaft die Kräfften zusammen ziehen / dem Feinde daselbst die Stirne bieten
/ die Verwüstung des Landes verhüten / oder /da selbter sich vermässentlich in
die Mitte eines Landes wagte / selbtem in Rücken gehen / und die Wiederkehrung
abschneiden könnte. Mit diesen Festungen hätte es auch gar eine viel andere
Bewandnüss / als mit denen / welche man ins Feindes Lande zu Kap-Zäumen baute /
welche / wenn der Feind das Feld räumen müste / rings umb niemanden hätten / der
ihnen die Lufft oder das Wasser gönnte. Jene hingegen hätten sich auch in den
eusersten Unglücks-Fällen von dem Land-Volcke alles Vorschubs zu verstehen.
Dahero die Römer bei Einnehmung eines neuen Landes desselben Festungen ihrer
Mauren entblösset; wo ihre Herrschaft aber schon eingewurtzelt gewest / die
Gräntzen befestigt hätten. Alle ihre Macht hätte mit so vielen der Stadt
Cartago unterworffenen Ländern nicht so viel zu tun gehabt / als mit der
einigen Stadt Cartago / als selbter gleich alle Federn ihrer Macht ausgerissen
/ und alle Spann-Adern verschnitten gewest wären. Ein Feind würde sich auch so
leichte nicht an ein Land reiben / wo er so viel harte Nüsse der von Natur oder
Menschen gebauten Festungen aufzubeissen / und ehe an den Steinen als Schilden
ihm die Stirne zu verstossen hätte. Dahero Käyser Julius in Hispanien die
Einwohner des Berges Herminius die Fläche / die zwischen ihren Sümpffen
befestigten Menapier auf der Ubier Anhalten in Gallien über dem Rheine /
Augustus die Asturier gleichfals auf ebenem Lande eine neue Wohnung zu erkiesen
gezwungen hätte. Hertzog Arpus versätzte: Würde dieser unser Festungs-Bau nicht
aber den missträulichen Römern ein Dorn in Augen / ein Merckmaal unsers Argwohns
/ oder nach dem mit den Sicambern geschlossenen Frieden nicht ein scheinbarer
Anlass zum neuen Kriege sein? der Feldherr begegnete ihm: durch dis / was man zu
seiner Beschirmung fürnähme / fügte man niemande kein Unrecht an / ausser diesem
aber gäbe es keine rechtschaffene Ursache des Krieges. Und wie könnte von Römern
die Bewahrung der Gräntzen / sonder dass hierüber nichts widriges verglichen
worden / übel aufgenommen werden / da sie selbst gegen über den Anfang machten.
Vorhin hätten die Römer den Jupiter Elicius auf eine besondere Weise angeruffen
/ dass er doch den Rhein und die Donau als die Vormauern des Römischen Reichs
durch lange Trockenheit nicht versäugen / oder durch grosse Kälte zu gefrieren
lassen wollte. Ja sie nahmen solches für eine Dräuung der erzürnten Götter an
/welche sie mit diesen tieffen Flüssen gleichsam verliessen / und denen Deutschen
in Gallien / Noricum und Pannonien einzubrechen den Weg bähneten. Dahingegen die
Ergiessung dieser Ströme für eine Gnade der Götter und ihre Sicherheit durch
Opffer erkennet worden wären. Wie sollten denn die Römer von den Deutschen die
Verwahrung des Rheines / dass sie daselbst nicht überfallen würden / übel
aufnehmen? Vorhin hätten die Römer Deutschland über dem Rheine eine neue und
unbekandte Welt genennet; warumb sollten sie nun die Schlösser dieser Geheimnisse
mit schälen Augen ansehen? Die Römer pflegten auch bei Friedens-Zeiten keinen
gewaffneten Deutschen über den Rhein oder die Dohnau zu lassen / ja denen
Reisenden sie stets begleitende Gefärten aus blossem Misstrauen an die Seite zu
stellen. Wie möchten sie nun den Deutschen verargen / dass sie so missträulichen
Leuten wenig trauten / und auf ihrer Hut wären. Also dörffte das schon alt
wordene Misstrauen der Römer nicht erst aus diesem Festungs-Baue jung werden.
Wenn es nun den Römern in Sinn kommen wäre zu kriegen / würde es ihnen niemals
an scheinbarem Vorwandte mangeln / ob sich die Deutschen schon noch so friedlich
hielten / und diese Festung ungebauet bliebe. Vielmehr würde diese
Gegen-Verfassung darzu dienen / dass die Römer weder an der Deutschen Vorsicht
noch Vorsatze ihrer Gewalt auf allen Fall zu begegnen zu zweiffeln hätten.
Hertzog Arpus liess ihm diesen Rat allerdings gefallen / liess noch selbigen Tag
seine Baumeister verschreiben / und nach wenig Tagen den Bau ausstecken / Steine
/ Kalck / Ziegeln und andern Zeug mit allem Ernste zuführen. Dahero denn sich
beide Hertzoge nebst etlichen andern Fürsten sich von Embs wieder dahin
verfügten. Nach dem nun der Feldherr den ersten / Hertzog Arpus den andern / und
jeder Fürst einen Stein zum Grunde gelegt hatte / ward der Bau durch etliche
hundert Bau-Leute / wobei drei tausend Cattische Kriegs-Leute handlangten / und
die Gewehre stets zu Beschirmung dieses Baues an der Hand hatten / eifrig
befördert und diese Festung vom Arpus dem Feldherrn zu Ehren Herrmannstein
geneñet. Germanicus war inzwischen wieder nach Meintz gereiset / weil die Römer
und Sicambrer nunmehr selbst gestunden / dass zwischen ihnen ein Stillestand
getroffen wäre. Von dar schickte er den Pedo an Hertzog Arpus nach Embs / umb
sich zu beschweren / dass gegen Coblentz den Römern durch einen neuen und den
Deutschen ungewöhnlichen Festungs-Bau eine Prille für die Nase gesätzt würde /
da doch er den geringsten Anlass zu einigem Misstrauen nicht gegeben hätte.
Hertzog Arpus empfieng den Pedo aufs höflichste / und beantwortete ihn: dass kein
gegenwärtiges Misstrauen / sondern der Römer eigenes Beispiel und sein Ampt /
welches ihm zur Zeit des Friedens auf Krieg zu dencken aufbürdete / ihn zu
diesem Baue veranlasst hätte / mit der Versicherung; dass so lange die Römer den
geschlossenen Frieden halten würden / diese Festung kein Zeug-Haus der Waffen /
sondern ein Tempel der Eintracht sein sollte. Germanicus / weil er weder Recht /
noch bei unausgemachtem Frieden mit den Sicambern genungsame Kräfften diesen Bau
zu verwehren hatte /musste selbten nur geschehen lassen; Hingegen aber kam er
selbst von Meintz wieder nach Coblentz / besah von dem Altare des Bacchus den
Rhein-Strom hinunter / und baute gegen dem in den Rhein sich ergiessenden
Lohn-Flusse gegen über an den Ambiativischen Flecken eine neue Festung; worzu er
gleichfalls den ersten Stein zu einer von seinen Sternsehern mit Fleiss
ausgesehenen Zeit legte / gleich als weñ so wohl die Geburts-Stunden der
Festungen als der Menschen dem Glücks-Einflusse der Sternen unterworffen wären.
Denn ob zwar Germanicus vorher wenig von den Wahrsagungen der Sternseher
gehalten / und offtmahls gesagt hatte: diese Kunst wäre eusserlich wohl anzusehen;
inwendig aber wäre so wenig an ihr / als an dem vom Prometeus Jupitern
geschenckten Ochsen / welcher auswendig eine schöne Haut gehabt hätte / inwendig
aber mit Heu und Stroh wäre ausgestopfft gewesen; so hatte ihn doch des Tiberius
Gemeinschaft mit Aberglauben nach und nach auch eingenommen. Denn wie man in
Mohren-Land nicht wohnen kann ohne schwartz zu werden / also nimmt man durch
Gewonheit endlich die Sitten derer an / mit welchen man lange umbgehet. Ja der
Mensch ist ins gemein sinnreich etwas zu erfinden / umb sich selbst zu betrügen.
Germanicus ward in seiner Meinung zugleich bestärckt und in seinem Hertzen
dadurch erfreuet / dass die Werck-Leute den ersten Tag daselbst einen Stein
ausgruben / auf dessen einen Seite zwei männliche Geburts-Glieder kreutzweiss /
auf der andern diese Worte gegraben waren:
Wer hier den Grundstein legt / und diesen aus lässt graben
Wird einen Sohn allhier / Rom ihn zum Käyser haben.
    Germanicus legte das erste für ein Zeichen der männlichen Tapfferkeit aus /
welche an diesem Orte ausgeübt werden würde. Welch Sinne-Bild der
Hertzhaftigkeit die Griechen und Römer Zweifelsfrei vom Sesostres entlehnet
haben / welcher in allen sich tapffer haltenden Städten Bilder der männlichen /
in allen ohne Gegenwehr übergehenden der weiblichen Geburts-Glieder aufrichten
liess. Die Reime laass Germanicus etliche mal; Ob selbte nun zwar zweideutig waren
/ ob er oder sein Sohn die Käyserliche Würde überkommen würde / so liess er doch
aus besorgter Eyversucht diesen Stein alsbald wegtragen und selbten so wohl
verbergen / als den Ruff davon durch ein scharffes Verbot gegen denen / die ihn
gefunden hatten / verdrücken. Gleichwol aber gelobte er der Eugeria / Fluonia /
Alcmena / dem Vitumnus Sentinus und andern Geburts-Göttern allerhand Gelübde /
liess auch nach etlichen Monaten seine schwangere Gemahlin Agrippine an diesen
Ort kommen; An welchem sie ihm einen Sohn gebahr / welcher von Kriegs-Leuten
nach der Zeit Caligula genennet / und nach des Tiberius Tode an seine Statt
Käyser ward. Es ist nicht zu sagen / was Germanicus und Agrippina über dieser
Geburt für Vergnügung im Hertzen empfunden / das Römische Heer aber für
Frolocken ausliess. Denn ob zwar er schon zwei Söhne Nero und Drusus im Leben
hatte / war doch dieser neugebohrne wegen der Wahrsagung / und weil er
Agrippinens neundtes Kino war /der liebste. Und Käyser August selbst schrieb
seiner Enckelin Agrippine; Er wünschte bald ihren im Lager gebohrnen Sohn an
statt ihres abgebildeten ältesten verstorbenen Sohnes zu küssen / dessen Bild
Livia in Gestalt des Cupido der Capitolinischen Venus gewiedmet / der Käyser
aber in seinem Schlaff-Gemache verwahrt hatte / und / so oft er hinein kam / es
küssete. Massen er denn auch zu Rom seinen vernommenen Nahmen alsbald durch den
Schatz-Meister in dem Tempel des Saturn in die Bücher eintragen liess / eine
ganze Woche lang so wohl / als Germanicus am Rheine / der Göttin Juno zu Ehren
eine freie Taffel hielt /ihr zu Liebe ein goldgestücktes Bette aufsätzte / in
ihren Schatz tausend mit der Uberschrifft der Fruchtbarkeit neu-gepregte Müntzen
aus Golde einlegte /dem Rate und Volcke ein Gastmahl ausrichtete / allerhand
Spiele hielt / und in allen Tempeln für dieses Kindes Glückseeligkeit beten liess
/ das Kriegs-Volck hieng wie Germanicus an seinem Hause / an allen Zelten
Kräntze von Lorber-Zweigen und Epheu aus /gleich als wenn einem jeden selbst ein
Sohn geboren wäre. Sie drängten sich umb das Haus der Kindbetterin / aus
Begierde sie und ihren neuen Sohn zu sehen /ungeachtet sie sich hernach reinigen
mussten / weil die Häuser der Kinder-Gebährenden so wohl zu Rom als zu Aten
viertzig Tage für unrein gehalten wurden. Sie brachten dem Kinde eine grosse
Menge Bilder des Priapus mit Knobloch umbwunden wider die Zauberei und
Wechselbälge. Uberdis liess es drei grosse steinerne Altare an dem Ufer des
Rheines aufrichten /und in das mitlere eingraben: Wegen Agrippinens Genesung;
ins andere: Agrippinens Fruchtbarkeit; ins dritte: des Cajus Glückseeligkeit.
Agrippina hob dieses Kindes mit auf diese Welt gebrachte Haut als einen grossen
Schatz auf / und sagte / dass sie an seinem andern Geburts-Tage / wordurch sie
die Zeit seiner erlangten Herrschaft verstand / es damit krönen wollte. Sie liess
es mit eitel köstlichen Balsamen waschen / die Erde / darauf sie es zum ersten
mahl stellen und es dem Germanicus aufheben liess / mit vielerlei Blumwercke
bestreuen / es in eitel Purpur-Windeln / welche hernach den Priestern zukamen /
einwickeln / und als es am neundten Tage nach der Geburt mit Staub und Speichel
gereiniget und eingeweiht ward / liess sie auf dem Opffer-Tische Lucinens ein
Feuer von eitel Zimmet und Sandel-Holtze brennen und dem ganzen Kriegs-Volcke
ein Mahl ausrichten. Sie zündete hundert grosse Wachs-Kertzen / und hieng einer
jeden einen Nahmen an. Weil nun die /welche den Nahmen Cajus führte / am
längsten brennte; ward ihm dieser Nahme zugeeignet. Agrippine steckte über dis
eine eichene und pappelne Gärte in die Erde / und weil beide in wenig Tagen
beklieben und aussprosseten / beredete sie sich festiglich / dass aus ihrem Sohne
nichts wenigers als ein Herr der Welt werden könnte. Sie gelobte der zeugenden
Venus in Rom eine Seule / Dianen ihren mit Perlen und Edelgesteinen gestückten
Gürtel / Hecaten opfferte sie ihren liebsten Hund / Lucinen eine weisse Kuh /
und ein paar Zwilling-Lämmer. Germanicus liess zu Rom im Tempel des Hercules
seines neuen Sohnes Schutz-Geiste ein Altar bauen / und dem Glücke eine Seule
einweihen / den Parcen Kräntze winden / die Wächter des Hauses / in welchem
Agrippina lag / giengen alle Nächte unzählichmal mit einem gekrönten
Esels-Kopffe darum den Sylvan zu vertreiben.
    Hierüber ging eine gute Zeit hin / und nachgehends war Germanicus teils
mit den Chaucen und Sicambern / teils mit dem Käyser und Tiberius wegen des
Friedens und anderer geheimen Anschläge wider die Catten und Cherusker / der
Feldherr und Arpus aber mit andern Anstalten beschäfftigt. Denn das gemeine
Wesen und die Herrschaft gleichet einer Uhr. So wohl jene als diese kann nicht
ohne Unruhe sein. Es gibt immer was damit zu tun / und wenn sie einmal stehet
/ ist mit ihrer Nachricht ihr ganzer Nutzen verrücket.
 
                                    Innhalt
                              Des Fünften Buches.
Agrippine / Tussnelde / Erdmut und ander Frauenzimmer kommen beim
Schwalbacher-Sauerbrunnen zusamen. Ein Barder beschreibt selbten. Ariovist der
Alemänner Hertzog komt dahin. Sie ziehen in den denen Barden zum Heiligtum
erkieseten Garten. Ein Barde lehret aus Garten-Gewächsen die ganze
Herrschens-Kunst. Als Ariovist seinen Edelknaben Ehrenfried bei den Barden
einweihen lassen will /wird Ehrenfried für den Sohn / Zirolane für die Tochter
des Gotanischen Hertzog Gottwalds und Hedwigens der Bojischen Princessin / der
Barde aber für den Hertzog Gottwald erkennet; worüber dieser für Freuden stirbt.
Weil Zirolane den Ehrenfried inbrünstig umbarmet und küsset / wird Rhemetalces
aus Irrtum eiversichtig und reitet im Zorne davon. Weil nun Siegesmund dis
gegen ihn antet / geraten sie in scharffes Gefechte / darinnen Siegemund
heftig verwundet /aber von Barden geheilet wird. Dehnhof ein ander Barde
erzählt; wie Gottwald nach der vom Marbod erlittenen Niederlage der Bojen und
König Critasirs Auszuge mit seiner Gemahlin Hedwig über das Sudetische Gebürge
gezogen / mit dem Hertzog der Marsinger und seiner Gemahlin Mechtildis / wie
auch mit Reinharden der Burier Hertzoge Freundschaft gemacht; wie Hedwig / und
ein paar Tage darnach Mechtildis eine Tochter geboren / eine davon aber in der
Oder / als sie vom Priester abgewaschen wurden /ertruncken / die andere vom
Volcke heraus gerissen und errettet worden sei / wie bei der Ungewissheit /welche
lebend blieben / Hedwig und Mechtildis mit einander in Streit geraten / für
Gerichte kommen /sie sich aber mit einander verglichen hätten / sie beide für
ihre Tochter zu halten; wie selbte am Marsingischen Hofe unter Zirolanens Nahmen
blieben /weil nach überrumpelten Semnonern / erschreckten Marsingern /
überwundenen Lygiern Marbod wider den Gottwald / welchen die Gotonen und Estier
wider seine Schwester Marmeline zum Hertzoge aufnahmen / auf Anstifftung
Marmelinens / in die er sich verliebt einen mächtigen Krieg angefangen / ihn bei
der Weichsel geschlagen / und Godanium erobert /aus welchem sich Döhnhof mit der
Fürstin Hedwig und ihrem neugebohrnen Sohne geflüchtet; in Godonium aber
Gottwald erschlagen sein sollte; allwo ihm Marbod / wie auch Radziviln ein
Grabmahl aufgerichtet / und mit Marmelinen Beilager gehalten habe. Döhnhof und
die Hedwig kommen in die Festung Pillau / welche aber stürmender Hand übergeht /
und Hedwig im Sturme ritterlich fechtende erschlagen wird. Döhnhof bringt
gleichwol Gottwalds Sohn auf die Insel Glassaria davon / errettet den daselbst
scheuternden Hertzog Gottwald; wird aber von dem dahin kommenden Marbod in der
Gestalt eines Agstein-Fischers mit nach Gedanium genommen / allwo dem Marbod und
Marmeline viel Ehrenmahle / und insonderheit zwei von Deutschlande und der Ehre
gekrönte Agsteinerne Bilder aufgerichtet werden. Der Fürstl. Personen
Abend-Mahlzeit in dem Garten der Barden. Des Hertzog Gottards Begräbnüs und
Grabe-Schrifft. Döhnhof erzählt seine Reise mit dem Ritter Ahlefeld von
Godanium / welche an der Svianischen Kiste stranden / von dar zum neunjährigen
Feier nach Upsal reisen. Allwo in dem güldenen Tempel Hertzog Gottwald geopffert
werden soll / aber wunderlich errettet wird. Dieser zeucht mit dem Svianischen
Könige Erich wider die Norweger / welche sich wider seinen Bruder den König
Roller aufgelehnet haben. Der Cimbern König Froto verlieret wider sie seine
Kriegs-Flotte / rettet sich zwar aufs Land / zeucht aber greulich den kürtzern.
Endlich kommt ihm König Erich und Roller zu Hülffe. Torismund der neu
aufgeworffene König erlegt den Roller /Erich den Torismund / und Hertzog
Gottwald des Torismunds Feldherrn Harald. Hierauf folgt der Nordmänner völlige
Niederlage. Die Finn-Märcker und Biarmier entfliehen / nach dem aber Erich und
Froto das Reich Norwegen geteilet / werden sie vom Fechter Argrim bekrieget /
und vermählet ihm Froto seine Tochter Osura. Döhnhof kommt an Cimbrischen Hof /
findet daselbst den Hertzog Gottwald / welcher nach vergebens verhoffter Hülffe
davon zeucht. Sie länden zu Treva an / ziehen durch Deutschland gegen Bojodun /
ihnen wird aber im Gabretischen Walde der junge Gottwald mit Gewalt genommen.
Sie kommen zu Cisara oder Augusta der Vindelicher an / und reisen mit dem Könige
Critasir nach Bojodun / allwo aber Hertzog Gottwald nicht ruhen kann / sondern
seinen Sohn im Gabretischen Walde vergebens suchet. Endlich kommen sie ins
Taunische Gebürge in Garten der Barde / werden daselbst Barde und Gottwald
endlich oberster Priester. Hertzog Ariovist erzählet / dass Eudämon ein
Griechischer Artzt die Fürstin Vocione durch ein Bad aus Mensche Blut / und
folgends durch Einzöpfung ihres Blutes heilen wollen / viel Knaben und darunter
auch den jungen Gottwald habe raube lassen. Weil aber Vocione diese Cur
verschmähet /wären alle Knaben lossgelassen / der junge Gottwald nach Cisaris
geschickt / und / weil alldar seine Verlierer nicht zu finden gewest / an
Vocionens und folgends an Ariovistens Hof genommen und wohl erzogen worden. Sie
ziehen alle wieder nach Schwalbach. Agrippina nach Meintz / der Cheruskische und
Cattische Hof nach Mattium / und mit diesen auch Ariovist / welcher daselbst den
jungen Gottwald Fürstlich ausstaffieret / und Zirolanen seine Liebe eröffnet /
welche / ob zwar alle und sonderlich Tussnelda dazu helffen / doch ihren
Rhemetalces nicht lassen will. Siegesmund wird wegen Tussneldens für Ariovisten
getane Hülffe ungeduldig / und reiset zum Segestes /Ariovist aber voller
Hoffnung noch nach Hause. Adgandester grämet sich hierüber / macht / dass
Germanicus und Marbod durch Gesandten Ariovisten Zirolanens Heirat widerraten
/ stiftet zwischen den Römern / dem Hertzoge Melo und Ganasch wider die
Cherusker und Catten ein Bündnüs / und bringt zuwege / dass Melo die Stadt der
Ubier dem Cäcina / Ganasch das Eyland Burhanis und den einen Einfluss der Ems
einer Legion Römer einräumt. Worauf denn auf Adgandesters Einschlag Germanicus
über den Rhein eine Brücke und am Meine eine neue Festung zu bauen anfängt; der
Römische Priester zu Meintz auch ein Teil der Catten zu den Opffern und Spielen
nach Meintz zu dem Jupitern und dem August gebauten Tempel erfordert. Ob nun wohl
beides der Feldherr und Hertzog Arpus durch den Grafen von Teckelnburg und
Hohenstein hintertreiben wollen / können sie doch nichts erhalten / bis für dem
Abschiede /weil Germanicus ins geheim durch einen ankommenden Freigelassenen des
Käysers August Tod erfähret; welcher durch Liviens Gift gestorben / und
Tiberius ans Brett kommen war / nach Erzehlung eines Batavischen Edelmannes.
 
                                 Fünftes Buch.
Jedes empfindliches Ding in der Welt / besonders aber der Mensch / gleicht dem
Magnet-Steine / welcher nach dem Unterschiede seiner Ecken seines gleichen bald
an sich zeucht / bald gleichsam aus einer Eyversucht von sich stösst. Denn jener
hängt das Hertze bald zur Gemeinschaft / bald zur Einsamkeit. Diese sieht er
so denn an / als die erste Gefährtin der Warheit / als eine andere Wohnung der
Morgenröte /als einen Friedens-Platz der Seele / und stille Freude des Gemüts
/ da man weder über anderer Unglücke lachet / noch über seinen Beleidigungen
weinet. Da man von der Unruh der Welt nichts weiss. Da einem der Ehrgeitz den Tag
nicht verkürtzet / noch der Kummer ihn verlängert. Da weder die Heuchelei uns
/noch unsere Unwarheit andere betreuget. Alleine dieser Zug kann in die Länge
nicht tauren. Wir sind unserer selbst zeitlich überdrüssig. In einem Augenblick
verwerffen wir unser Urtel / und noch geschwinder ändern wir unsern Willen. Die
die Sonne überlauffende Zeit wird uns bei uns zu lange / und die uns kurtz
vorher so schöne Einsamkeit machet uns ein abscheulich Gesichte. GOtt alleine
findet seine Vergnügung in sich selbst / und gleichwol hat er zu derselben
Erweiterung die Welt geschaffen. Wir Menschen aber sind nur Scherben von diesem
grossen Leibe / und daher für uns selbst nichts vollkommenes / müssen also nicht
weniger unsere Vergnügung als Ergäntzung ausser uns suchen. Wir leben mehr
anderen als uns; und wenn uns die zwei süssen Bänder der Liebe und Freundschaft
mit andern nicht vereinbarten / würden wir für uns selbst wenig mehr als nichts
sein. Ohne unsere Liebe des andern Geschlechts würde die unfruchtbare Welt bald
aufhören Welt zu sein. Wenn man aber dem Menschen die Freundschaft nähme /würde
es so viel sein als die Welt der Sonne berauben. Denn in beiden bestehet ihr
Leben / und also dörffen wir dieses fünften Elements so nötig als des Feuers
und Wassers. Wenn die Freundschaft in der Welt alleine durchgehends unterhalten
würde / wären keine Gesätze nötig. Denn weil sie die Hertzen so vollkommen mit
einander verbindet / würde niemals zwischen jemanden Zwist weniger Beleidigung
sein. Diesemnach ist sich nicht zu verwundern / dass je zärter eines Menschen
Seele / je heftiger Zug der Gemein- und Freundschaft sie in sich fühle; und dass
ein tugendhaft Gemüte mit so grosser Sorgfalt sich mit seines gleichen zu
vereinbaren bemühet sei. Denn zeucht doch aus einerlei Erde der Weinstock den
süssen / die Koloquinten den bitteren / Wolffs-Milch den giftigen / Zwiebeln den
schwefelichten / die Nessel den brennenden Safft / und die Rhabarbar sauget aus
unserem Leibe die Galle an sich. In einem geschüttelten Siebe sammlen sich gerne
die Körner / und am Ufer des Meeres die Steine von einerlei Art zusammen. Bei
solcher Beschaffenheit war nicht zu wundern / dass nach dem Agrippine mit
Tussnelden und dem andern Fürstlichen Frauenzimmer so verträuliche Freundschaft
schon einmal angefangen hatte / sie beiderseits sich mit einander zu ersehen so
grosse Begierde trugen. Denn weil ein Freund des andern bester Spiegel ist / und
man sich in sich selbst nicht so als wie in dem Ebenbilde eines treuen Freundes
sieht /ist die Ersehung wohl unser bester Unterhalt / und die grösseste
Erquickung der Freundschaft. Eines Freundes erblicktes Antlitz entzücket uns
gleichsam als was göttliches. Denn ob zwar GOtt eigentlich unsere Seele zu
seinem Bilde geschaffen / so hat er doch auch einen Strahl von seinem Glantze in
unser Antlitz gepräget. Die Seele ist zwar durchs Geblüte in alle Glieder
ausgegossen / aber nirgends sichtbarer als im Angesichte. In diesem lesen wir
alle Geheimnisse eines andern / und schöpffen daraus viel Vergnügung unsers
Hertzens. Weil nun nach diesem sich Agrippina /Tussnelde / Erdmut / Adelmunde /
Ismene / Catta /Zirolane und anderes Frauen-Zimmer überaus sehnte /verfügten
sich die Deutschen / der mit Agnppinen genommenen Abrede nach / so bald es das
Frühlings-Wetter zuliess / nach Schwalbach zu dem Sauerbrunnen. Sie liessen ihre
Ankunft nach gemachter nötigen Anstalt Agrippinen nach Meintz alsbald wissen
/welche sich auch wenig Tage darnach einfand. Bei ihrer Empfahung ward nichts
vergessen oder unterlassen / was so wohl die Aufrichtigkeit ihrer gemachten
Freundschaft als die Hoheit ihres Standes erforderte. Denn ob zwar den
Deutschen gleichsam ein Misstrauen gegen die herrschsichtigen Römer angebohren
war / der Feldherr und Hertzog Arpus auch selbst dem Germanicus nicht allzu viel
trauten / und daher auf alle seine Bewegungen ein wachsames Auge hatten /so nam
sich doch dessen das Frauen-Zimmer nicht an / und Agrippine wusste durch ihre
Offenhertzigkeit allen Verdacht von sich abzulehnen. Die Empfangung Agrippinens
war vom Grafen von Hohensteine am Rheine Meintz gegen über geschehen / das
Frauen-Zimmer aber bewillkommte sie bei Schwalbach / von dar sie selbigen Abend
auf das nahe darbei auf einem spitzigen Felsen liegende Schloss des Hohensteins
begleitet / und von der Hertzogin Erdmut ihr zur Wohnung übergeben ward.
Alleine Agrippine wollte sich weder von Tussnelden / und anderm Fürstlichen
Frauen-Zimmer / welches zur Ubernachtung andertalb Meilen davon das Schloss
Katzen-Ellenbogen erkieset hatte / trennen lassen / brachte es auch dahin /dass
alle sich auf Hohenstein beisammen zu behelffen willigten. Sintemal die
Einsamkeit das Ecbatanische Schloss und die Hessperischen Lust-Gärte in bängsamste
Gefängnisse / annehmliche Gesellschaften aber die finstersten Einöden in
annehmlichste Lust-Häuser verwandelte. Daselbst brachten sie die halbe Nacht bei
der Taffel und darnach mit vergnügten Gesprächen zu / gleichwol aber weckte sie
früh ehe ihre Begierde einander zu umbarmen als die Sonne auf. Sie kamen also
zeitlich nach Schwalbach / allwo die Sorge für die Gesundheit / mehr aber der
Vorwitz eine grosse Menge Volckes versamlet hatte / zwischen dessen Gedränge sie
sich dem berühmten Weinbrunnen unter allerhand Urteln und Lobsprüchen näherten.
Viel der Zuschauer / welche so viel versammlete Schönheiten über einem Hauffen
sahen / wurden gleichsam über ihrer Betrachtung versteinert / also /dass der Graf
von Hohenstein / welcher vom Hertzog zu Bedienung Agrippinens befehlicht war /
bei Wahrnehmung der begierigen Zuschauer / Schertzweise anfieng: Die Natur müste
wohl notwendig eine Frau sein / weil sie das Frauenzimmer für den Männern mit so
vielen Schönheiten begabt hätte. Ein sich alldar befindender Barde fiel ihm ein
/ und sagte: Wolte GOtt! dass alle / die diese schöne Geschöpfe der Natur ins
Gesichte bekämen / nicht das eine Auge mit Eitelkeit / das andere mit Begierde
verblendeten / das Hertze aber mit Gift ansteckten. Tussnelde nam dis an / als
wenn der Barde die Schädligkeit des weiblichen Geschlechts damit anstäche /
antwortete daher: Unreine Liebe kann die Güte unsers Geschlechts so wenig
vergeringern; als die Speisen dadurch vergifftet werden / wenn gleich böse und
ungesunde Leute davon essen. Der Barde versätzte: Es ist nichts reiner / nichts
unschuldiger / nichts ehrlicher als die Liebe /so gar / dass die / welche nur
wissen was Liebe sei /oder von ihr wohl reden können / geliebt zu werden würdig
sind. Aber diese muss dem Beispiel der Bienen folgen / welche aus den Blumen
Honig saugen sonder sie wie Spinnen zu beflecken / oder sich wie die aus Raute
Gift käuende Würmer zu beschädigen. Tussnelde begegnete ihm: Wir wissen / dass
das weibliche Geschlechte so viel schädliches als die Wiesen Napell auf sich
haben. Aber / wie kein Winckel des Erd-Kreisses / wo gleich die Angelsterne dem
Menschen über dem Wirbel stehen / immer alles Lichtes beraubet ist; Also ist
keine so böse Seele /darinnen sich nicht zuweilen ein Strahl der Tugend /wie in
einem Schlacken ein Funcken guten Ertztes finde. Der Barde merckte nun allererst
/ dass seine Rede für eine Scheltung des Frauenzimmers und für eine Verdammung
der zu selbtem tragender Liebe aufgenommen würde / daher brach er ein: Es sind
wenig Brunnen oder Kieselsteine / welche nicht Gold in sich haben / und kein
schönes Weib / welches nicht mit dem Schatze ihrer Gaben einer reinen Seele
durch ihre Beschauung und die Liebe den Weg bähne selbter zum Erkäntnüsse Gottes
zu verhelffen. Aller Menschen insonderheit aber einer Frauen Antlitz wäre ein
Spiegel GOttes. Denn weil das Angesichte ein Bild der Seele / diese ein Ebenbild
GOttes ist / hat GOtt auch sonderlich jenem einen besonderen Strahl seiner
Gotteit eingedrücket / und wie in dem einzelen Menschen als eine kleine Welt
die Vielheit aller seiner Geschöpfe; also dem Antlitze den ganzen Menschen mit
allen Sinnen / in die sich die Seele verteilt / eingedrückt / also dass man dis
nicht nur den kurtzen Begrief des Menschen / sondern einen Strahl von der
Klarheit GOttes nennen kann / welcher ebenfals in seiner Einzelkeit die Vielheit
aller Dinge beschleusst. Ja /sagte Tussnelda / aber wollte GOtt! dass alle
Antlitzer die Krafft so gute Gedancken und Liebreitz zu erwecken; und alle Augen
ein so unschuldiges Licht in sich hätten. Agrippine fiel seuffzende ein: Wolte
vielmehr GOtt! dass GOtt in Menschen sein Ebenbild so / wie Phidias seines an den
Schild der helffenbeinernen Minerva gefügt hätte / welches ohne Zerdrümmerung
des ganzen Kunststückes nicht abgesondert werden könnte! Der Barde antwortete
Agrippinen: Allerdings hat GOtt sein Bild so unabsonderlich in Menschen
gedrückt. Denn so bald er GOtt fängt an unähnlich zu werden / so bald hört er
auf ein Mensch zu sein. So ein grosses Wunder er von Anfang ist / so ein
hessliches Ungeheuer wird er nach seiner Verstellung. Er ist zuerst dis auf Erden
/ was GOtt im Himmel / nämlich ein Herr über alles. Ihm zu Liebe hat GOtt die
Erdkugel auf die Achseln des Abgrundes gegründet /umb selbte das Gewölbe des
Himmels gezogen / sein blaues Dach mit Sternen besäet / die Fenster darin Sonn
und Monde eröfnet / den Morgen und Abend mit Purpur / den Tag mit Golde / die
Nacht mit Silber ausgezieret / und lässet durch eine annehmliche Abwechselung
den ganzen Himmel an den zwei Angelsternen / wie an zwei unbeweglichen Wirbeln
herumb. Ihn zu Gefallen hat er die Erde mit den Mauern der Gebürge unterschieden
/ mit Meer und Flüssen gewässert / mit Blumen und Kräutern gepflastert / mit
unzehlbaren Tieren bevolcket / damit der Mensch als das Bild dieses
allmächtigen Werkmeisters oder vielmehr als der andere GOtt / dem alle Geschöpfe
dienen / für dem alle Tiere sich fürchten / dem die Natur zu Gebote stehet / in
der Mitte dieses grossen Schauplatzes nur desto mehr zu beherschen habe. Wenn er
aber durch Verlierung seines Verstandes / durch Missbrauch seines Willens /
nämlich durch sündliche Schwachheiten sich GOtt unähnlich macht / verwandelt er
sich selbst in ein unvernünftiges Tier. Der Neid macht einen zum Hunde / die
Arglist zum Fuchse / die Grausamkeit zum Löwen / die Hoffart zum Pfauen / die
Geilheit zum Schweine. Agrippina fiel ein: Auf solche Art sind die Laster
warhafte Circen /welche Ulyssens Gefärten / oder die grausamen Titanen /
welche die Götter selbst in Tiere verwandeln. Auf diese Art glaube ich dem
Pytagoras / dass die Seelen aus dem Menschen in Kühe / Katzen / Bäre /Vögel und
Schlangen wandern. Hieraus lerne ich sein Verbot verstehe; dass man GOttes Bild
nicht an einem Finger-Ringe tragen solle / umb solches nicht zu verunehren.
Wolte nun GOtt / dass wir sein Bild nicht an uns selbst / die wir Siegel-Ringe
Gottes sind / durch den Kot unserer Sinnen besudelten / oder gar vertilgeten!
Der Barde fieng an: Welche schöne Merckmaale des göttlichen Ebenbilds sind
solche Meinungen! Was für viel edlere Schönheiten der Seele sind unter den
Schalen ihrer zierlichen Glieder beschlossen! der Barde kniete hiermit für
Agrippinen nieder /küssete ihr die Hände / und wollte solche Liebkosung gar bis
zu ihren Füssen erniedrigen. Aber Agrippine wollte solches keines weges
verschmertzen / hob diesen schneeweissen Greiss selbst auf / und sagte: Solche
Ehre stünde nur GOtt / nicht Menschen zu? der Barde antwortete: Muss man nicht
gegen die Bilder der Fürsten so grosse Ehrerbietigkeit bezeugen als gegen sie
selbst? Eine solche Seele aber ist nicht ein schlechtes Bild / sondern ein
lebhafter Spiegel GOttes / welcher nicht nur seine Aehnligkeit / sondern auch
sein Tun nachbildet. Wolte GOtt! dass eitel solche Spiegel Gottes sich in diesem
hellen Brunnen bespiegeln sollten / und dieses flüssende Glas so wohl ein Mittel
sich selbst zu erkeñen als eine Artznei wider so viel Schwachheiten des Leibes
wäre. Denn jetzt gleich kamen sie an den so genennten Weinbrunnen /welcher nahe
bei der Müntzenbach unter einem Berge auf einer lustigen Wiese mit einem
rauschenden Sieden entspringet. Er war mit einem steinernen Munde zierlich
eingefasst / mit darumb gepflantzeten Weinstöcken und darunter vermischten
Rosen-Sträuchen umbgeben / also dass man unter diesem lebendigen Gewölbe für der
Sonnen-Hitze beschirmet war / und die gleich reiffen Rosen bysamten die Lufft
mit dem süssesten Geruche ein. Dieses Brunnes Adern sind überaus starck / sein
Wasser an Farbe den Berg-Cristallen / die Kälte dem Schnee / sein Geschmack
säuerlichem Weine / sein Geruch dem Berg-Kampfer und Agsteine gleich. Umb den
steinernen Mund waren folgende Reimen eingegraben:
Nicht rühme Weinstock dich: dass Trauben nur und Reben
Weinbrunn und Quellen sind: hier quillet milder Wein /
Kein Wein-Gebürge bringt so grossen Vorrrat ein /
Als dieser edle Brunn nur einen Tag kann geben.
Weil Berg-Saltz-Vitriol / Stahl / Schwefel-Berg-Agstein /
Alaun und ander Marck in diesem Wasser sein /
Und ihr vermischter Geist verlängert uns das Leben.
Der Wein scheint selbst fast ihm den Vorzug zu entengen /
Weil er sein Wasser ihm so glücklich lässt vermähln /
Ja es scheint ohne dis dem Weine was zu fehln /
Wodurch Geschmack und Heil sich ihm pflegt zu vermengen /
Sagt: ob ihr nun nicht hier dem Brunnen unrecht tut /
Wenn ihr hier Wasser sucht? denn hier quillt Wein / nicht Flut.
    Agrippine war so begierig dieses Wasser zu schmecken / dass sie ihr nicht
Zeit nam diese Reimen auszulesen / sondern sie schöpffte selbst mit einem
Cristallenen Geschirre Wasser heraus / und hätte es auf einmal ausgetruncken /
wenn sie nicht die Schärffe und das Kriebeln in der Nase sich zu mässigen
gezwungen hätte. Daher sie anfieng: Ich sehe wohl / dass dieses Quell auch
darinnen dem Weine überlegen sei / wenn sich jenes nicht mehr / als die Natur
das Maass geschätzt hat / trincken / dieser hingegen sich durch Übermass
missbrauchen lässt. Sie sätzte aber bald wieder an / und sagte: Ich muss gestehen /
dass dieser Brunn mit gutem Rechte den Nahmen des Weinbrunnen führet; weil sein
Geschmack warhaftig weinlich schmeckt / hingegen man mich versichert hat / dass
die Weinbrunnen auf dem Eylande Naxos / im Aquitanischen Gallien / in Hispanien
nur deswegen so heissen / weil sich ihr Wasser mit dem Weine so annehmlich
vermischen lässt / der Brunn Lyncestis aber / weil er wie der Wein den Kopf
ringlicht macht. Der Barde fiel ihr bei / und sätzte zu / dass da einig
Sauerbrunnen mit dem Weine Verträgligkeit hätte / wäre es gewiss dieser / welcher
eben so wohl als der starcke Bruñ bei Lugdun dem Weine nichts an Geschmack
benehme / wenn schon das vierdte Teil dieses Wassers darein gegossen würde.
Agrippine / nach dem sie mit dem sämptlichen Frauen-Zimmer das dritte mal einen
guten Zug getan hatte / sagte: dieser nicht weniger annehmliche als gesunde
Bruñ gibt ein herrliches Zeugnüs und Vorbild ab / dass die Ströme der göttl.
Woltaten unerschöpflich / insonderheit aber im Wasser am allerwunderwürdigsten
/ und unergründlich sind. Deñ welcher Mensch weiss nur alle Wunder-Brunnen zu
erzählen / weniger die wahrhaften Ursachen zu ergründen; warumb in der
Landschaft Hestiäobis alle aus dem Brunnen Ceron trinckende Schafe schwartz /
aus dem Brunnen Melas weiss / aus beiden bund würden? Warumb im grossen
Griechenlande die Bach Cratis wie Aliacmon in Macedonien dem Viehe eben eine
weisse / Sybaris und Axius eine schwartze Farbe zueigne? Warum der Fluss Eritris
denen daraus trinckenden den ganzen Leib häricht /der rote Brunn in
Mohren-Land unsinnig / der Aphrodisische Fluss Pyrrha unfruchtbar mache? Warumb
in Böotien ein Brunn ein gut Gedächtnis / der andere Vergessligkeit / in Cilicien
die Bach Nun Scharffsinnigkeit / in dem Eylande Cea ein Brunn Blödsinnigkeit /
bei Zama in Africa ein Quell eine helle Stimme verursache? Warum in Lusitanie
eine auf eine Berge liegende See mit dem stürmenden Meere zugleich schäume und
brause? Warumb ein in selbigem Lande befindlicher und nur eines Fusses tieffer
Brunn Aeste und alle darein geworffene Sachen verschlinge? Warumb der Brunn
Navor nicht weit vom Ursprunge des Flusses Anas ein befleischtes Glied eines
Tieres in einer Stunde biss auf die Knochen verzehre? Warumb in einem andern
Hispanischen Brunnen / das Wasser oben süsse / unten beissend sei? Warumb der
Cicycische Brunn des Cupido die Liebe vertreibe? die Wasser in Trözene Schäden
in Schenckeln / ein Brunn bei Sustis die Zähne / in Egypten unterschiedene
Wasser dem Vieh Haare /Hörner und den Huf / die Wasser der Carner und Taurisker
meist kröpficht / ausfallend / und der Elitorische See Eckel für dem Weine
machen. Der Barde fiel ein: Dieses Sees Wasser würde sich schwerlich mit unsern
Wein-Brunnen vertragen / weil beider Würckungen einander schnurstracks zuwider
sind. Dem andern aber ist ein Brunn in Deutschland gegen dem Meere gleich / von
welche denen trinckenden in 2. Jahren ebenfalls die Zähne ausfallen. Jedoch hat
sich Deutschland mehr von einer grossen Menge heilsamer / warmen- und
Sauer-Brunnen / als so schädlicher Quelle zu rühmen. Wiewohl nun freilich
niemand so genau in das geheime Buch der Natur sehen / und mit seinem Verstande
die Eingeweide der Erde durchkriechen kann; so muss die wenig sorgsame
Unwissenheit doch nicht alle Eigenschaft einem verborgenen Einflusse
zuschreiben. Wir wissen ja / dass der Bauch der Erde mit allerhand Ertzte /
Steinen / Saltze / Kupferwasser / Alaun / Schwefel uñ dergleichen kräftigen
Dingen angefüllt / ja in der Natur nichts geringes zu finden sei / was nicht
eine Artznei-Krafft / und mit einem gewissen Gliede eine Verwandschaft oder
einen Zug habe; und dass Feuer und Wasser unter der Erde mit einander in
verträulichster Eintracht leben /damit jenes alles beseele und bewege / dieses
alles nähre. Wie nun so viel Flüsse / welche in Ertzt-reichen Gebürgen
entspringen / viel Gold-Sand mit sich führen / welche durch Saltz-Gebürge
lauffen / saltzig sind / etliche das Eisen ganz mit Kupfer überziehen /also
haben auch Bäder und warme Brunnen einen solchen Zusatz / welcher wie die durch
Kunst aus Ertzt /Alaun / Kampfer / Schwefel / Spiess-Glas bereiteten Artzneien in
den menschlichen Leibern eine kräftige Würckung haben muss; zumal die Natur in
Ausarbeitung der Dinge die rechte Meisterin / Kunst aber nur eine Handlangerin
ist. Wer nu die Kräfte dieser Dinge verstehet / kann unschwer schlüssen / dass
alaunichte und stählichte Wasser wegen ihrer trocknenden Zusammenziehung der
Wunden / kupfrichte den Augen /salpetrichte und saltzichte wegen ihrer Reinigung
/wie sonderlich der Nil den unfruchtbaren und unsinnigen / schweflichte den
Gichtbrüchtigen dienen / hingegen hartzichte töricht / kupferwässrichte niesend
/und die Wolle schwartz machen / die steinichten und kalkichten das Geblüte
versteinern und die Eingeweide angreiffen / Quecksilbrichte Kröpfe zeugen.
Wiewohl freilich die allernachdencklichsten gestehen müssen; dass sie nicht alle
Mischungen der Natur und die nähesten Ursachen derer in Wässern steckenden
Eigenschaften erforschen / sondern sich allein durch die Hand der Erfahrung
leiten lassen müssen. Agrippina brach ein: Von was rühret aber eigentlich in
diesen Brunnen die sauere Schärffe her? Der Barde antwortete: Etliche schrieben
sie dem Kupfer-Wasser /andere diesem / und dem Alaun / nicht wenige dem Kupfer /
dem Eisen / dem Berg-Saltze oder Schwefel zu. Alleine ob wohl die Sauer-Brunnen
von diesen allen eine gewisse Krafft bekommen / so ziehen doch die säuresten
ihren Geschmack vom Kupfer-Wasser /die gelinderen vom Alaun / die wenig
schärffern vom Kupfer / und endlich vom Eisen. Die nach Weine schmeckende
Brunnen aber rinnen aus süssen / sauern und scharffen Adern zusammen. Agrippine
begegnete ihm: Ich begreiffe zwar wohl / dass das die Gebürge durchdringende
Wasser sich leichte mit denen Erd-Säften und aus Feuchtigkeit zusammen
geronnenen Dingen / wie Alaun / Saltz / Berg-Saltz / Kupfer-Wasser / Schwefel /
Hartzt und dergleichen sind /nicht aber / wie sie sich mit dem härtesten Ertzte
aller Steine vermischen könne. Wenn Gold zwantzig und mehr Jahr im Wasser läge /
oder in Marmel stünde /würde selbtem nichts abgehen. Der Barde sagte: Freilich
ist die Vermischung des Ertztes schwerer als der Säfte / aber doch nicht
unmöglich. Denn schmecket nicht das in Blei und Zien lange stehende Wasser
darnach? Greifft der Essig nicht das Kupfer scharff an? Frisst nicht die
Feuchtigkeit durch den Rost gar das Eisen? Läst der im Wasser abgekühlte
glühende oder gefeilte Stahl nicht viel von seiner Krafft darinnen? Zudem sind
die Metalle in ihren Adern nicht so dichte und harte / als wie die
geschmeltzten; also dass sie nicht nur ihre Eigenschaften / sondern auch gar
ihren Talg den Quellen mitteilen können. Uber diss dampfet aus ihrer Mutter
stets ein metallischer Geist /welcher das durchdringende Wasser anmacht und
ihnen mehr Krafft einatmet / als der Metallen-Staub /welcher sie auch trüber
macht / beisetzt / also dass sie viel nachdencklicher und geschwinder würcken.
Diese Geister sieht man in dem sehr klaren Wasser der starcken Sauer-Brunnen
bei dessen Eingiessung empor steigen / eben wie beim Weine. Und von ihnen rühret
so wohl in diesem / als einem an der Eger / am Necker / und bei Antoniach
entspringenden Sauer-Brunnen das gewaltsame Getöne des Quelles her. Agrippine
war mit dieser Antwort vergnügt / und sagte: Weil ich von so viel metallische
Brunnen in Deutschland höre / müssen die Gebürge ja voll Ertztes sein; warumb
aber wird dessen so wenig gesucht? Der Barde antwortete: Ja es sind nur allein
in Deutschland 50. warme Bäder und nicht viel weniger Sauerbrunnen bekandt; und
ihr Schluss kann nicht fehlen. Denn wie die Rose / die Zwiebel / der Knobloch
einen ihrem Wesen gleichen Safft an sich ziehen /ohne welchen sonst Pflantzen
und Gewächse ganz anderer Art / als ihr Saamen sein würde; und dahero nichts in
einem Erdreich wachsen kann / welches derogleichen Nahrung einem Saamen nicht zu
geben hat; massen denn das in Libyen von sich selbst wachsende Silphium in
Griechenland gar nicht zu pflantzen ist; also kann auch aus einem Ertzt
mangelndem Bodeme kein Sauer-Brunn entspringen. Alleine die Deutschen haben
zeitero wahrgenommen; dass das aus der Erde gegrabene Gold und Silber nur
Anreitzungen zum Bösen sind / und dadurch mehr Menschen als durch Stahl und
Gift getödtet worden. Diesemnach sie denn diese Metalle klüger und sicherer
unter der Erde liessen als ausgrüben / weil sie in ihrer Mutter heilsam /ausser
ihren Adern so gar verführisch wären. Agrippine und das andere Frauenzimer
schöpfte aus dieses Barde Gespräch grosses Vergnügen / namen aber für dissmal von
ihm / nachdem sie sich mit dem Sauerbrunnen gesättiget hatte / Urlaub / und
verkürtzte den Tag einander mit allerhand Kurtzweilen. Der Graf von Hohenstein
hatte weiter hinunter am Bach unter etlichen breiten Linden bei einem andern
Sauer-Brunnen / welcher wenn er über Nacht in steinernen Geschirren / in denen
schweflichte Kellern stehet / stärcker ist / als wenn er erst aus dem Brunn
geschöpfet wird / die Taffel mit einem so reichen Vorrate an Fischen und
Wildprete bereitet / dass Agrippina sich höchlich verwunderte. Die Fürstin
Erdmut aber entschuldigte den vermeinten Abgang / weil die / welche den
Sauer-Brunnen zu ihrer Gesundheit trincken wollten / mässig leben müsten / und
weil zwischen dem bäurischen Feld-Leben und denen wollüstigen Höfen ein
Unterscheid sein müste / zumal nicht so wohl die Köstligkeit als die
Abwechselung das Saltz des Geschmackes wäre. Agrippine aber wusste den Uberfluss
und die gute Anstalt nicht genung zu rühmen; vorwendende / dass die Höfligkeiten
einer dienstbegierigen Freundschaft so wenig recht erkennet / als
vollkommen-schöne Gesichter vom Pinsel der Mahler abgebildet werden könten.
Daher hätte sie wohl Ursache auf ein Mittel vorzusinnen / dass sie der Cattischen
Fürstin nicht so viel Kosten und Ungelegenheit verursachte. Alleine die
Annehmligkeit dieser Gesellschaft / der Deutschen welt-bekandte Gast-Freiheit /
entschuldigten immer die Unhöfligkeiten / derer sie sich selbst schuldig
erkennte. Ja aller ihrer holdselige Augen redeten ihr ein: dass der Uberfluss
dieses Landes / wie alles Reichtum / keinen andern Gebrauch als die
Wohltätigkeit hätte; das übrige nichts als Wahn / ja die Tugend eines edlen
Gemütes wäre; dass man wider sie sündigte / wenn man ihr nicht Gelegenheit gäbe
uns zu statten zu kommen. Gegen Abend dieses und folgender Tage fuhren sie
wieder auf das Schloss des Grafens von Hohenstein. So oft sie nun des Morgens
wieder zum Sauer-Brunnen kamen / fand sich der alte Barde wieder ein / und
unterhielt das Frauenzimmer mit Gesprächen und seiner Weltweissheit; gleich als
wenn es ein Verbrechen wäre so heilsamer Brunnen zu geniessen / ohne den Bruñ
alles Guten daraus erkennen zu lernen. Agrippine kam selbst auf des Barden
Schluss / und fragte: Weil gleichwohl die Vermischungen der unterirrdischen Dinge
so schwer zu erkennen; viel Brunnen auch so schädlich und giftig wären / schiene
es nicht wenig zweifelhaft zu sein / ob man die Sauer-Brunnen sicher trincken
könnte. Sintemal ja das Wasser den nüchternen Magen schwächte / das Gehirne
erkältete; im angefüllten aber die Verdäuung hinderte; im Ertzte viel Gift und
fressende Schärffe steckte / ihr trocknendes Wesen gleichsam unverdäulich wäre /
und die nährende Feuchtigkeit verzehrte. Uber diss wären sie so wohl als die
innerste Erde dem Frost / der Hitze /Winden / Dünsten und Erdbeben unterworffen
/ lieffen gar oft durch Adern des Quecksilbers und Hütten-Rauchs / also dass die
/ welche gestern heiss und heilsam gewest / heute kalt und ungesund sein könten.
Der Barde versetzte: Dieses Wasser müste so wohl als alle andere Artzneien
vorsichtig gebraucht werden. Er wollte nicht leugnen / dass etliche Sauer-Brunnen
gefährlich / und dahero keiner ohne lange Prüfung zu brauchen wäre. Zudem könten
auch nicht alle / sonderlich derer edle Eingeweide anbrüchig wären / sich
einiger / weniger aller Sauer-Brunnen ohne Unterscheid gebrauchen. Wäre doch ein
Kraut dem einen gesund / dem andern schädlich. Die Erfahrung erhärtete / dass
ihrer viel / an welchen Aertzte nur ihre Schande erheilet / durch Sauer-Brunnen
sich von Verstopfungen der Eingeweide / der Nieren und Kriess-Adern von
Miltz-Sucht / eingewurtzelten Febern / von Gelb-Sucht und Entzündung der Leber
sich glücklich befreit hätten. Der Erfahrung als dem besten Lehrmeister /
welche erhärtete / dass auch die besten Artzneien in einem Leibe und
Land-Strieche nicht wie in dem andern würckten / und dem Augenscheine wäre mehr
zu glaube / als mit vielen scheinbaren Gründen verfochtenen Meinungen / und wäre
auch mit guten Gründen aus den Eigenschaften ihres Zusatzes zu behaupten / dass
Sauer-Brunnen sicher /geschwinde / und ohne Schmertzen übrige Feuchtigkeiten
austrockneten / das verstopfte eröffneten / das angefüllte ausleereten / das
schwache stärckten / Fäulnüss hinderten. Dem blöden Magen könnte man bei derselben
frühem Gebrauche durch Stärckungen zu statten kommen. Das Ertzt hätte mehr
Heilsamkeit als Gift in sich / und würde der Staub und Saffran des Stahles /
die Blumen und der Balsam des Schwefels /das Saltz und die Butter des Saturn /
der Geist des Kupfer-Wassers / des Berg-Saltzes / ja gar das zugerichtete
Spiess-Glas / und die aus allen andern Metallen gezogene Kräffte nützlich
gebraucht. Warumb sollten die / mit derer Geistern die Natur die Sauer-und warmen
Brunnen so künstlich angemacht hat /ohne Krafft oder schädlich sein? Sie
truckneten aber nur übrige Feuchtigkeiten / wenn sie nicht übermässig gebraucht
würden. Denn man müste aus Artznei keinen täglichen Trunck machen. Wegen dieser
nötigen Mässigung hätte die Natur zwar allen andern Sinnen zwei Werckzeuge /
nämlich dem Sehen zwei Augen /dem Gehöre zwei Ohren / dem Geruch zwei
Nasen-Löcher / aber dem Geschmack nur einen Mund und eine Zunge gegeben / weil
so wohl Schmecken als Reden nicht ohne Sparsamkeit geschehen sollte. Zu dem wäre
das trockene gesünder als das flüssige. In etlichen Kranckheiten / als scharffen
Febern / im Durchbruche und trockenen Naturen wären sie freilich schädlich / wie
der so heilsame Teriack und der Wein den Alten / Milch den Kindern / der Essig
den Weibern. Die Lufft und die Erd-Gewächse wären wie diese Wässer veränderlich
/ deswegen aber wäre ihr Gebrauch nicht zu verwerffen. Das Altertum und fast
aller Völcker Ubereinstimmung redeten diesen heiligen Wassern das Wort. Die
Magnesier die Lesbier /Araber und Mitileneer hätten sich dieser / insonderheit
die letzten in der Wasser-Sucht nützlich gebraucht. Agrippine versetzte: Warumb
er denn sie heilige Wasser nennte? Der Barde antwortete: Weil Griechen und alle
Völcker den Schwefel / welcher das Oel und die Fettigkeit der Erde / der Vater
alles Ertztes wäre / für heilig hielten / und ihn deswegen zum opfern brauchten
/ die Artznei-Wasser aber schwerlich ohne Schwefel sein könten. Daher würde auch
der schweflichte Blitz / ungeachtet er den Wein vergiftete / und viel Gutes
verterbete / für heilig ausgeruffen. Am meisten aber verdienten diese Brunnen
diesen Nahmen / weil sie heilsame Wunder-Geschencke des hochheiligen Gottes /
und daher die Hermopylischen Bäder dem Hercules / die zu Abbula der
Gesundheits-Göttin / die Avernischen dem Pluto / die Cumanische See Sibyllen /
die Calderianischen Wässer der Juno / ein Brunn in Libyen dem Ammon / das
Elusinische Bad dem Esculapius / in Latium der Nymphe Juturna / ein Brunn der
Tloglodyten der Sonne / die Schwefel-Wasser dem Mephitio / alle Brunnen den
Nymphen / das Meer dem Neptun gewiedmet worden wären. Die Deutschen aber
weiheten alle Gesund-Brunnen dem Ursprunge aller Brunnen /nämlich dem einigen
und unsterblichen Gotte zu. Alle fromme Seelen könten ohne einige heilige Regung
sie weder beschauen noch geniessen. Denn Gott hätte allen Geschöpfen eine
innerliche Neigung ihren Schöpfer zu loben eingepflantzt. Wenn die Seele nun nur
nicht in einer so schlimmen Herberge / als der wollüstige Leib wäre / wohnte /
würde sie niemanden als diesen ersten Ursprung anbeten. Weil aber der Leib von
einem so schlechten Teige gemacht wäre /besudelte sich in ihm die Seele / wie
das kläreste Wasser in einem sumpfichten Bodeme / und machte ihr zu einem
Abgotte / was ihr Wollust und Torheit scheinbares für Augen stellte. Agrippine
fiel ein: Dieser ist freilich das rechte Quell dieses und alles Guten. Aber /
sagte sie / was ist diesem Brunnen für eine besondere Eigenschaft eingeflösset?
Der Barde antwortete: Diese uhralte Reimen beschreiben uns sein Wesen deutlich
genug / und man hat von geraumer Zeit diese Prüfung: dass er den Schwindel /
kalten und hitzigen Flüssen des Haupts / übelem Gehöre /der hinfallenden Sucht /
der Schlafsucht / Leber-Schwachheit / Wasser-Gelbe-Sucht / und Engbrüstigkeit
abhelffe / der Lunge diene / den Mage stärcke /den Miltz befreie / die Nieren
reinige. Agrippine sagte hierauf: Wenn so viel Tugende in diesem Wasser
vereinbaret sind / kann man diesen engen Brunn mit Wahrheit ein grosses
Wunderwerk heissen. In alle Wege / versetzte der Barde. Deñ der Wert göttlicher
Geschöpfe bestehet nicht in ihrer Grösse. Ein Diamant ist schätzbarer als eine
grosse Klippe; ein Lydischer Prüfungs-Stein / oder nur ein Stein von einer Kröte
oder Spinne hat mehr Tugend in sich / als manch ganzes Gebürge. Ja ein einiger
Mensch begrieffe in sich so viel Wunder / als das grosse Geschöpfe der ganzen
Welt. Nur ist es Schade / dass da er ein kurtzer Begrieff alles Wesens ist /
seine Einbildung sich mit so viel Eitelkeit aufzublähen bearbeitet. Agrippine
schöpfte so grosses Vergnügen aus dem Gespräche mit diesem Barden / dass sie fast
ohn ihn nicht sein konnte / und wenn sie ihrer ändern Unterhaltung überdrüssig
war / sie mit ihm die Zeit verkürtzte / und sich von denen Eigenschaften der
andern sieben sich alldar befindlichen Brunnen unterrichten liess. Als auch
Agrippine das zwei Meilweges davon gelegene warme Bad Wissbaden / welches eines
unter den drei wärmsten Deutschlandes ist / in Begleitung des sämtlichen
Frauenzimmers zu besuchen schlüssig ward / musste dieser Barde stets an ihrer
Seite sein /gleich als wenn ihm von der Natur die Schlüssel zu der
unterirrdischen Welt anvertraut wären / oder als wenn die Süssigkeit / welche
sie aus den kurtzweiligen Spielen und anderm Zeit-Vertreibe des annehmlichen
Frauenzimmers genoss / ohne den etwas herben Bei-Satz der Weltweissheit / keinen
annehmlichen Geschmack hätte.
    Als sie von Wissbaden zurück kommen / fanden sie bei dem Schwalbachischen
Brunnen den Hertzog Jubil / Rhemetalces und Siegemund mit einer grossen Anzahl
Cheruskischer und Cattischer Ritter / welche unter dem Scheine Agrippinen und
das mit sich habende Römische Frauenzimmer zu bedienen auf den Rhein und die
Festung Meintz ein wachsames Auge haben sollten. Beides beobachteten diese
Fürsten /indem sie öffters unter dem Scheine der Jagt sich an dem Rhein-Strome
finden liessen / dem Frauenzimmer mit allerhand Ritter-Spielen die Zeit kürtzten
/und so wohl Hertzog Jubil von der Fürstin Catta / als Rhemetalces von Zirolanen
alle Vergnügungen einer tugendhaften Liebe genassen. Drei Tage hernach fand
sich auch Ariovist der Allemanner Hertzog beim Sauer-Brunnen ein / welcher
wenige Tage vorher vom Hertzoge Arpus durch den Grafen von Zollern Erlaubnis
dahin zu kommen und seiner Gesundheit zu pflegen hatte bitten lassen. Diesem
hatte Hertzog Arpus in der Eil die Grafen von Solms und Isenburg biss an den Mein
entgegen geschickt / umb ihn aufs höflichste zu bewillkommen und zu bedienen.
Sintemal dieses einer der mächtigsten Fürsten Deutschlandes war /Arpus aber
nicht glauben konnte / dass / weil in den Alemannischen Landen sich eine so grosse
Menge der köstlichen Sauer-Brunnen befand / Ariovist des Schwalbachischen
Brunnes halber dahin kommen sollte. Dieser Fürst war des mit dem Käyser Julius
schlagenden Ariovistens nechster Bluts-Verwandter /nämlich seines Brudern
Henrichs Enckel. Weil nun Ariovistens Tochter Vocione sich zum teil aus Verdruss
/ dass die Stände sie nicht einen nach ihrem Gefallen / sondern nur einen aus
Ariovistens Geschlechte heiraten lassen wollten / meist aber / weil sie mit
einer beschwerlichen Kranckheit befallen ward / in ein Heiligtum eingesperrt
hatte / ward dieser junge Ariovist mit Vocionens und der Stände gutem Willen ein
Erbe aller zwischen dem Brigantinischen See /dem Rheine und Mäyne gelegenen
Länder. Sintemal König Marbod nach erobertem Reiche der Bojen ein grosses Teil
der Marckmännischen Länder Vocionen wieder abgetreten hatte. Alleine Ariovistens
Länder waren auff zweien Seiten von der Römer / auf der dritten von Marbods
Macht ganz umbschrencket. Insonderheit hatte Drusus die Stadt Cisara am Lech
nach überwundenen Vindelichern / Tiberius aber Bregnatz an dem See / welchen der
Rhein durchfleust / und der Bürgermeister Lucius Munatius Plancus der Rauracher
Haupt-Stadt am Rhein / ferner den Brisacher Berg / Drusus drei Städte der
Tribozer / zwischen dem Rheine und der Breusche / wie auch der Mater-Strome
Drusenheim / und an der Sorre Toberna / bei den Nemetern Käyser Julius
Germersheim / Drusus die Stadt Noviomagum / bei den Vangionen Barmetomagus und
Bonconia teils aufs neue gebaut /oder mit Römischen Bürgern bevolcket / mit
Kriegs-Volck besetzt / etliche auch nach dem Käyser Augustus genennet.
Derogestalt lagen Ariovistens Länder gleichsam an Römischen Fässeln; und auf der
Morgen-Seite war der schlechte Fluss Radenitz gegen den Marbod eine schwache
Gräntze. Diesemnach denn die Alemannischen Fürsten stets auf zweien / oder wegen
der an dem Mäyne angräntzten Catten und Hermundurer auf drei Achseln tragen
mussten. Weil aber gleichwohl so wohl der Feldherr als Hertzog Arpus mit
Ariovisten als einem so vornehmen und mächtigen Fürsten gutes Verständnis
aufzurichten für nötig hielten / ward dem Hertzog Catumer die Beobachtung des
Rheines gegen die Sicambrer und der neue Festungs-Bau anvertraut. Dieser tapfere
Fürst übernam diese Verrichtung mit der grösten Wachsamkeit; und damit er hieran
so viel weniger verhindert würde / schickte er seine Gemahlin Adelmunde auch
nach Hohenstein /umb zu bezeugen: dass die Deutschen auch dem eivrigen Anfange
ihrer Liebe abzubrechen wüsten / und sie nicht / wie der grosse Antiochus in der
Wanne der Wollust das gemeine Heil zu ersäuffen pflegten / welcher von der
erheirateten Tochter des Cleoptolomus nicht aus ihrem Bette und Armen zu
bringen war /darüber aber schimpflich besieget ward. Der Feldherr und Arpus aber
verfügten sich unter dem Scheine sich des warmen Bades zu bediene / nach
Wissbaden / von dar sie fast alle Stunden mit Ariovisten / welchem das Schloss
Epstein eingeräumet war / sich ersehen konten. Beide Hertzoge kamen das erste
mal beim Sauerbrunnen mit Ariovisten zusammen / umb alle Schwerigkeiten / welche
sich bei Empfängnüssen grosser Fürsten zu ereignen pflegen / zu verhütten. Alle
Fürstliche Personen küsten einander bei der Bewillkommung auf den Mund / nicht
so wohl / weil diese Grüssungs-Art unter dem diss zu tun gewohneten Käyser
August aufkommen / als weil es eine alte Gewohnheit der aufrichtigen Deutschen
war. Die anwesenden Ritter aber küsten ihm alle auswerts die Hand / und die
Bürger breiteten ihm gar die Kleider unter /alles Volck der Catten aber war
befehlicht / wo er durchzohe / eben so wohl als wie dem Feldherrn zu geschehen
pflegete / die rechten Hände zum Zeichen eines ankommenden Freundes aufzuheben.
Hertzog Arpus gab ihm allzeit die Ober-Stelle / also dass er mit zweien gehende
ihn allezeit in die Mitte nam / alleine aber ihm allezeit die Seite deckte.
Sintemal eben so wohl bei den Deutschen / als Persen und Römern die rechte für
die Oberhand gehalten wird; vielleicht /weil diese die stärckste und zu allen
die geschickste /ja auch andere Glieder des Menschen auf der rechten Seite mehr
Wärmbde an sich ziehen. Denn ob zwar die Alemänner nach etlicher Asiatischen
Völcker Gewonheit die lincke Seite für die ehrlichste hielten /weil sie nämlich
an dieser den Degen tragen / auch wider aller andere Tiere Art des einigen
Menschen Hertze sich gegen der lincken Seiten abwendet; So hielt doch Hertzog
Arpus dafür / dass Ariovist in dem Cattischen Gebiete nach der Landes-Gewonheit
verehret werden müste; damit aber diese Höfligkeit nicht zum Nachteile des
Cattischen Hauses / welches sonst keinem als dem Cheruskischen wiech /
ausgedeutet werden möchte / enträumte Arpus auch allen andern deutschen Fürsten
als Wirt in seinem Gebiete den Vorgang. Er stellte bald an einem bald am andern
Orte Jagten / Ritterspiele und andere Kurtzweilen an /worbei Ariovist nicht
weniger seine Höfligkeit als Stärcke und Geschickligkeit sehen liess. Sein Adel
bestand auch insgesamt aus jungen wohl gewachsenen Leuten / gleich als wenn sie
aus allen Nordländern zusammen gelesen wären. Denn keiner unter ihnen hatte
andere als weisslockichte Haare. Ihr Aufzug war kostbar / und über die gemeine
Art der Deutschen prächtig / daher er sich bei allen Aufzügen wohl sehen liess.
Die Anwesenheit so vieler vollkommenen Fürsten /und der Ausbund des deutschen
und Römischen Frauen-Zimmers / welches Agrippine mit sich gebracht hatte /
munterte sein ohn dis reges Gemüte noch mehr auf / also dass er es für einen
Abbruch seiner Ehre hielt / wenn er nicht alle Tage entweder in einem Rennen /
Gefechte / Tantze / oder durch ein sinnreiches Gespräche einen neuen Ruhm
einerndtete / dass er ein Fürst ohne Furcht und ohne Tadel / sein Leib von so
grosser Geschickligkeit als sein Geist voller Verstandes wäre. Damit er nun den
letzteren sehen zu lassen desto mehr Gelegenheit hätte / liess er sehr oft den
weisen Barden / und den Dionysius Periogetes zu sich kommen / umb durch dieser
weisen Leute Unterredungen die Zeit zu kürtzen. Dieser Dionysius war aus Susiana
von Alexandria einer am roten Meere zwischen dem Tiger und Euläus gelegenen
Stadt bürtig / und beim Käyser August in grossem Ansehn; Massen er auch auf sein
Begehren die Morgen-Länder durchreiset und beschrieben hat. Hernach ward er ein
steter Gefärte des Germanicus / welcher bei Angürtung des Degens niemals die
Weissheit von sich legte. Weil nun so wohl der Barde als Ariovist den Dionysius
fertig Griechisch ansprach / fragte er: ob er in Griechenland gewest wäre? der
Barde antwortete lächelnde: Solte man in Deutschland nicht sowol als zu Rom
Griechisch lernen können? Dionysius antwortete: Pflegen doch die Römer fast alle
selbst nach Aten zu reisen umb diese gelehrte Sprache der Welt und der Griechen
Weissheit zu lernen. Der Barde versätzte: wir glauben / dass der Griechen Weissheit
mit vielen Aberglauben und andern Irrtümern verunreiniget /der Deutschen aber
nicht weniger älter als reiner sei. Dionysius fragte: von wem die Deutschen denn
ihre Weissheit bekommen hätten? der Barde antwortete: vom Uhr-Ahn-Herrn aller
Deutschen dem Fürsten Tuiscon. Denn dieser war des Ascenas Sohn / welcher in
Phrygien seine Ascanier beherrschte; als aber der Assyrische König Belus in Asien
mit Unterdruckung vieler andern Völcker das Assyrische Reich stifftete und seines
Sohnes Ninus Gemahlin Zoroastern der Bactrianer König / mit welchem Ascenas
verträuliche Freundschaft pflegete / und von ihm seine in zwei tausend mal
tausend Reimen verfasste Wahrsagungen bekam / überwand / sätzte dieser aus Asien
in Europa / und sein Sohn Tuiscon kam vollends in Deutschland / und mit ihm die
Weissheit / worvon Zoroaster so berühmt war / und welche schon Belus durch sein
ganzes Reich in unterschiedenen Schulen lehren / solche auch in einer heiligen
Bilder-Schrifft / von welchen Democritus ein ganzes Buch geschrieben / in Stein
eingraben liess / von denen man etliche noch in Deutschland zeigt. Über dis
pflegten die weisen Chaldeer / eben wie wir Barden / die Geschichte tapfferer
Fürsten und Helden zu singen; dieses bestand eigentlich in Erkäntnüs und in
Verehrung des einigen Gottes / in der Sitten-Lehre / der Nachen- und
Sternseher-Kunst; zu welchem Ende in Babylon ein in die mitlere Lufft reichender
Turn gebauet ward / dass die aufsteigenden Dünste nicht das Gesichte an steter
Betrachtung des Sternenlauffes hinderten. Massen denn daselbst schon zur Zeit des
Belus der Lauff von siebenzehen hundert Jahren und also von Erschaffung der Welt
her aufgezeichnet war. Hernach haben die Griechen sich zwar auch mit der
Chaldeer Weissheit durch die Hand der Phönicier und Egyptier beteilet /und hat
der Syrer Pherecydes ihnen zum ersten von Unsterbligkeit der Seele / von
Ursachen der Finsternüsse was gesagt / Tales und Pytagoras hat sie vom
Pherecydes und vom Priester Sonchedi / Plato vom Sechnuphi / Eudoxus vom Conuphi
/ dieser vom Hermes / oder aus seinen beschriebenen Seulen / Hermes aus den
Schrifften Moses / welcher zum ersten die Bilder in eine Schrifft von deutlichen
Buchstaben verwandelt; und sie die Juden und Phönicier gelehret /begriffen.
Wiewol auch Pytagoras der erste gewest /welcher den Morgen- und Abend-Stern für
einerlei Sterne erkennet / zur Zeit des Plato am ersten zu Aten die Rechnungs-
und Feldmesser-Kunst gelehret worden / Esculapius nichts mehr als Zähne
auszubrechen / und den Unterleib zu reinigen gewüst / bis Hippocrates die
Artznei-Kunst auf festen Fuss bracht /für dem Draco und Solon / Aten / für dem
Lycurgus / Sparta nichts von Gesetzen gewüst / Tales zum ersten den Griechen
den gestirnten Bär gewiesen / von den Sonn- und Mond-Finsternüssen was gesaget
/wiewol sie doch in einer grossen Finsternüs der Unwissenheit blieben / also dass
so wohl ihre als der Römer Heere darüber erstauneten / nach derselben Begebung in
drei Tagen nichts täten / solche aber natürlichen Ursachen zuzuschreiben für
ein sterbens-würdiges Laster hielten / und deswegen Anaxagoras schwerlich vom
Perycles vom Gefängnisse und Tode errettet ward. Nichts weniger wissen die
Grieche von der vor dem Teseus und Darius gewesenen Zeiten nichts als Träume
und Gedichte zu erzählen. Hiervon sind auch des Römers Varro ersten Bücher
angefüllet / allwo man langsam genung zu schreiben angefangen. Atticus hat nur
von sieben hundert Jahren zurück etwas zu schreiben. Und Diodorus aus Sicilien
weiter nicht als auf den Inachus zu kommen gewüst. Alleine sie haben allererst
die Hefen davon bekommen / nach dem sie die Egyptier schon getrübet hatten. Und
ob zwar zur Zeit des grossen Alexanders der Priester Berosus sich von Babylon
nach dem Eylande Cop verfügte / und die Weissheit mit so grossem Ruhme lehrte;
dass Aten sein Bild aus Ertzt mit einer güldenen Zunge aufsetzte / ob auch wohl
Callistenes zu Babylon alle Schrifften der Weisen aufgesucht / und selbte mit
einer Geschicht-Beschreibung von neunzehen hundert drei Jahren dem Aristoteles
zugeschickt /woraus er den Safft gezogen / und unter seinem Nahmen heraus
gegeben / hatte doch die Heuchelei auch schon unzählich viel Menschen vergöttert
/ die Anbetung des Feuers eingeführt / und die Stern-Kunst in eine eitele
Wahrsagung verwandelt; also dass sie mit dieser Weissheit mehr Schlacke als Gold
bekommen /so gar / dass die Juden nach des grossen Alexanders Zeit den
verfluchten / welcher seinen Sohn der Griechen Weissheit lernen liess. Daher / als
gleich Socrates / welcher für den Brunn der Weissheit in Griechen-Land gehalten
ward / solche von der Vielheit der Götter auslautern wollte / musste er seine
Frömmigkeit wieder mit einem Glase Gift verschlingen. Nicht besser ging es zu
Rom her / allwo Numa zwar vom Pytagoras seine Weissheit schöpfte / und durch
sein Verbot zuwege brachte / dass hundert und siebenzig Jahr in Rom keines Gottes
Bild gemahlet / geetzet oder gestochen ward / weil Gottes Wesen unbegreiflich
ist. Alleine nunmehr hat es in dieser Stadt mehr todte Götter als lebende
Menschen. Dahingegen ist vom Tuiscon an / die Weissheit bei den Deutschen
/sonderlich was die Verehrung des einigen Gottes und die Sitten-Lehre betrifft /
viel reiner als in ihrem Brunn nämlich in Asien verblieben. Und wir haben durch
unsere Lieder das Gedächtnüs unserer wolverdienten Vorfahren besser als die
Chaldeer / welche nach dem Sardanapal nicht einst den Nahmen ihrer Könige wüsten
/ als die Phönicier mit ihren Seulen /die Egyptier mit ihren Bilder-Türmen /
die Griechen mit ihren Schrifften; unsere Tugend reiner durch gute Sitten als
die Juden / Griechen und Römer durch ihre strenge Gesätze erhalten. Dionysius
kunte sich über diesem Barden nicht sattsam verwundern; und musste er bekennen /
dass er von der Chaldeer Weissheit so viel als er selbst / der er ein gebohrner
Chaldeer wäre / und mehr als alle Griechen wüste. Er warf ihm aber ein: Weil die
Deutschen gleichwol zum Schreiben eitel Griechische Buchstaben brauchten / viel
Wörter in beiden Sprachen mit einander überein kommen sollten; auch er an ihm und
dem deutschen Fürsten wahrnehme / dass die Griechische Sprache bei den Deutschen
gemeiner und in grösserem Ansehen wäre als die Lateinische / hätte es fast das
Ansehen / dass die Weltweissheit / welche in Griechenland und Italien nicht über
tausend Jahr alt wäre / in dem von ihrem Ursprunge noch viel weiter entfernten
Deutschlande /welches niemals keine eigene Schrifft gehabt / ohne welche doch
selbte schwer zu lernen und fortzupflantzen wäre / keine so greise Einwohnerin
sein könnte /sondern mit den Griechischen Buchstaben allererst dahin gewandert
sein müste. Der Barde begegnete ihm: Es hätte dieses wohl einen Schein / aber es
verhielte sich doch viel anders. Denn sonder Zweifel hätte die Welt / welche
sechzehen hundert und fünf und funfzig Jahr für der unter dem Ogyges gestanden
/nicht der Weissheit gar ermangelt; weil die Menschen der erstern Welt als in dem
Frühlinge der Zeit die lebhaftesten müssen gewest sein / von dem erstern ihnen
eingegossenen Lichte das beste überkommen gehabt haben müssen / und weil GOtt
dem Menschen eine so grosse Begierde die Warheit zu wissen eingepflantzt hätte /
welche Wissenschaft der Seele süsseste Speise ja ihre Vollkommenheit wäre /
durch welche der Mensch mit seinem Ursprunge nämlich Gott der selbstständigen
Warheit sich vereinbarte. Gleichwol aber hätte man keine glaubhafte Nachricht;
dass die damaligen Weisen einige Schrifft oder Buchstaben gehabt hätten. Denn das
Buch Enochs / welches in Mohrenland noch zu finden sein sollte / wäre einem
Gedichte gar zu ähnlich. Nach dem Ogyges auch mit seinen Söhnen und Töchtern auf
dem Gebürge Ararat aus dem ersten Schiffe ausgestiegen und von der
Uberschwemmung der Erde übrig blieben wären /hätte kein Mensch ausser der
Bilderschrifft / welche die Gestalten allerhand Tiere vorstellete / acht
hundert Jahr von einigen Buchstaben nichts gewust / bis sie GOtt dem Moses /
Moses den Juden / die Juden den Phöniciern mitgeteilet; gleichwol aber wäre die
Weltweissheit niemals aus dem Gehirne der Menschen vertilget / sondern auch nach
erfundenen Buchstaben von den Egyptiern und Seerern in einer geheimen
Bilder-Schrifft sorgfältig erhalten worden. Denn ob zwar die Egyptier zu
Heliopolis in Egypten / Tebe / und in dem Grabmaale des Simandes viel Bücher
hatten /dorffte doch niemand als die Priester derselben Geheimnisse lesen / was
aber allem Volck ihrer Wolfahrt halber zu wissen nötig war / schrieben sie mit
gemeinen Buchstaben an steinerne Seulen an / wie nun die von Juden verjagte
Phönicier die Weissheit in Africa / der wegen Hungers-Not aus Canaan in Egypten
entweichende Abraham sie daselbst hin; Sesostres und Osiris aber von dar in viel
Länder der Welt gebracht / daselbst in Tingitana Seulen mit gelehrten
Uberschrifften aufgerichtet; und den in der Sternen-Kunst erfahrnen Atlas sehr
hoch geachtet hätten; also wären vom Cadmus lange Zeit für dem Homerus aus
Phönicien ihre Buchstaben in Griechenland gebracht worden / welche man noch
lange Zeit hernach in des Ismenischen Apollo zu Tebe Drei-Füssen / und bei
Erwehlung des Agamemnon zum Heerführer wider Troja gefunden hätte / so denen
Janischen ziemlich gleich gewest wären. Aus Griechenland hätte der aus dem
Peloponnesus vertriebene Evander die nach und nach veränderte Buchstaben in
Italien gebracht / die zum Reisen geneigte Deutschen aber sie selbst aus
Griechenland geholet. Welche nunmehr sich sonder Zweifel vollends in alle Ende
der Welt ausbreiten würden / nach dem die Deutschen aus alter Leinwand ein so
bequämes und wolfeiles Papier zum Schreiben zu machen erfunden hätten. Denn die
Schrifften in Ertzt und Stein wäre zu langsam / zu kostbar und unbeweglich; die
Baumrinde gar zu grob / die Blätter zu unbeständig / das Egyptische Papier zu
seltzam / die Häute der Tiere zu teuer / die Blei- und Wachs-Taffeln zu
ungeschickt. Wie nun aber Moses die ersten Hebreischen Buchstaben fürgeschrieben
/ Abraham die Syrischen und Chaldäischen / die Phönicier die Griechischen /
Nicostrata die Lateinischen / Isis die Egyptischen erfunden / also würden die
Deutschen auch mit der Zeit aus den Griechischen ihre eigene machen. Wenn aber
auch nicht Tuiscon der Deutschen Lehrmeister wäre / würde es für den Griechen /
ehe Sesostres oder Osiris Tules sein müssen / welcher bis in Deutschland zu den
Brunnen der Donau gedrungen wäre / ja gar das Eyland Tule nach seinem Nahmen
genennet / und in allen Landen Seulen mit weissen Schriften hinterlassen hätte.
Dass aber die Griechische Sprache und Schrifft nicht weniger in Deutschland als
sonst in der Welt so gemein worden wäre / dörffte keines Wunderns; nach dem die
Griechische Sprache nunmehr so vielen Völckern gemein und die Dolmetscherin
aller anderen Sprachen worden wäre. Sintemals sie König Psammetichus in Egypten
/Anacharsis bei den Scyten / die Massilier in Gallien /Evander in Italien
eingeführt / der Priester Jason zu Jerusalem eine Griechische Schule gestifftet
/ zu Tarsus in Cilicien eine bessere wäre als zu Aten und Alexandrien / die
Cartaginenser / die Britannier / die Iberer / die Syrer selbte ins gemein
redeten / und so wohl die nackten Lehrer in Indien als die Priester in
Deutschland solche für ihre heilige Sprache brauchten; ja zwischen Messina und
Italien die Fische die Griechische Sprache verstehen sollten. Ungeachtet nun
dieser Gemeinschaft der Sprachen / erhärtete doch die grosse Widerwärtigkeit
der Deutschen Weissheit mit der Griechischen / dass jene von dieser den Ursprung
keines weges habe. Sintemal die Deutschen nur einen / die Griechen unzehlbar
viel Götter anbeten / diese die Götter zu bilden / für heilig; jene für Greuel /
die Griechen die Welt für ewig / die Deutschen selbte kaum vier tausend Jahr alt
zu sein halten / jene viel / diese keinen Tempel bauen / vieler andern
Gegensätze zu geschweige. Insonderheit aber wäre die Weltweissheit selbst bei
Griechen und Deutschen in einem ganz ungleichen Ansehen; denn jene hielten sie
für Blei / jedermann aus dem geringsten Pöfel möchte bei ihnen lehren und lernen
/ und lehrten sie den geringsten Pöfel / daher auch Socrates / Euripedes /
Demostenes und andere Weisen geringer Leute Kinder gewest wären / die Deutschen
aber schätzten sie für Gold / und dahero würde nur der Adel und Fürsten in die
Schule der Barden aufgenommen / und niemand als die Priester dörffte sich bei
den Deutschen wie bei den Armeniern und Scyten unterfangen sie zu lehren.
Diesemnach sie denn für dem gemeinen Volcke nach Anleitung der Natur / welche
Gold und Edelgesteine in die Eingeweide der Erde /die Perlen in der Tieffe des
Meeres verbirgt / ihre Lehren eben so wohl unter tiefsinnige Sprüche und Rätzel /
als die Egyptier unter ihre gebildeten Tiere /Pytagoras und Plato hinter ihre
Zahlen versteckten /insgemein aber spotteten die Griechen / wie auch die Römer
mehrmahls der Weltweisen als alberen Jäcken / die Deutschen aber verehrten sie
wie die Egyptier als heilige / und bestellten durch sie wie die Persen die
Herrschaft der Länder. Niemand könnte in Deutschland wie bei den Seren und
Priestern ein Reichs-Rat und Richter sein / wer nicht ein Weltweiser wäre.
Dionysius / Ariovist und die dazu gekommene Agrippine hörete diesem Barden mit
höchster Lust zu / der erste fragte auch: weil die Barden ihre Weissheit nicht so
hoch und so geheime hielten / würde ihm eine Gnade geschehen / wenn er einmal in
eine solche Schule kommen könnte. Der Barde antwortete: Ihre Schule könnte für
ihnen nicht verschlossen sein / weil sie allen Edlen offen stünde. Und ob sie
gleich dem Pöfel diese Kleinodte nicht fürwürffen; bezeichneten sie doch ihre
Heiligtümer nicht wie die Egyptier ihre Tempel mit Sphynxen / weniger zwängen
sie ihren Lehrlingen wie Pytagoras und Hippocrates Eyde ab ihre Lehren
niemanden zu offenbahren. Agrippine fragte: Wie weit denn eine ihrer Schulen von
dar entfernet wäre? Weil nun der Barde berichtete: dass eine der fürnehmsten nur
eine Meile davon gelegen /machten sie den Schluss / dass sie sämptlich folgenden
Morgen sich mit dem Barden dahin begeben wollten. Die Hertzogin Tussnelde /
Erdmut / Zirolane und alle andere Grossen leisteten ihnen Gesellschaft /ohne
die / welche selbigen Tag mit dem Feldherrn nach Bingen / und zum Altare des
Bacchus reiseten /umb daselbst alles in gute Verfassung zu stellen /weil ihnen
die Römer je länger je mehr verdächtig wurden; sie auch ins geheim von
vertrauter Hand aus Rom gewarniget wurden; dass Adgandester alle Kräffte
ausspannete / den Käyser zu einem neuen Kriege wider die Catten und Cherusker zu
verhetzen. Damit es auch den Römern an scheinbarem Vorwandte nicht mangelte /
hätte Adgandester dem Tiberius allerhand Nachrichten zugestellt / was für
Landschaften für Alters schon zu dem von Triern erbauten Meintz gehöret hätten
/ ehe selbtes vom Käyser Julius und Drusus zur Festung gemacht worden wäre; denn
diese konten unbeschwert des Friedens / die Römer als alte Zugehörungen der
ihnen im Frieden-Schlusse mit allen Rechten überlassener Örter mit gutem Rechte
fordern / und auf den vermuteten Verweigerungs-Fall mit den Waffen suchen.
Unterdessen führte der Barde die andere hochansehnliche Gesellschaft in das
Taunische Gebürge / da sie anfangs die vom Drusus gebaute / von Deutschen aber
zerstörte Festung besahen /hernach aber in einem Tale einen von den Barden wohl
angelegten Garten antraffen. Uber dem Eingange stand in einen Stein gegraben:
Der Mensch ist GOttes Bild. Doch ist dis Bild verstecket
Wie ein geschicktes Werck in rauhen Marmelstein.
Es schleusst so Satyren als Phronen in sich ein /
Wenn aber Phidias daran die Hände strecket /
Wird der geheime Schmuck uns allererst entdecket.
Die Diamante selbst / die nicht geschliffen sein /
Die Kiesel ohne Stahl sind ohne Glut und Schein /
Die Bäre schier kein Tier / bis sie die Mutter lecket.
So bleibt der Mensch ein Klotz / ein unvernünftig Tier /
Bis ihn die Weissheit schleifft / zu Gottes Bilde schnitzet /
Ja ohne sie ist nichts / das in der Welt was nützet /
Drum ziehet diesen Schatz so Gold als Perlen für.
Sie macht / dass ihr euch könt reich / schön und edel nennen /
Und durch ihr Auge muss man sich und GOtt erkennen.
    Alle Barden mit sampt ihren Lehrlingen / darunter unterschiedener Fürsten /
vieler Ritter und Edelleute Söhne waren / empfiengen diese vornehmen Gäste mit
keiner geringen Höfligkeit / als wenn sie alle an der fürnehmsten Könige Höfen
wären auferzogen worden. Unter den Barden war fürnehmlich der Oberste von
grossem Ansehn / ungeachtet die Zeit noch nicht seine Haare mit Schimmel bedeckt
/ und er also noch seine Lebhaftigkeit hatte. Er hatte wie die andern ein weiss
leinenes Kleid an / welches alleine von andern damit unterschieden war / dass in
dem Saume viel kleine messene Glöcklein und Schällen in Gestalt der
Granat-Aepffel hiengen / welche / wenn er sich nur rührte / einen hellen Klang
von sich gaben. Auf dem Haupte hatte er einen Krantz von fichtenem Laube / wie
bei den Griechen dem Pan zugeeignet ward. Welches Agrippinen anfangs zwar
verächtlich fürkam / weil zu Rom alle Priester Kräntze von Oel-Zweigen oder
Lorber-Blättern und Hauben von Golde trugen; Nach dem aber ihr Tussnelde sagte:
dass die Barden durch dis gemeine Laub so wohl ihre Demut als durch die stets
grünen Blätter die Unsterbligkeit der Seele fürbildeten / zohe sie diese Kräntze
denen viel kostbaren der Römer für. Dieser erteilte nach solcher Bewillkommung
alsbald denen andern Befehl: dass sie sich an ihrem Ampte nichts irren lassen
sollten. Denn er könnte ihm unschwer einbilden / dass so grosse Lichter in der Welt
sich keiner andern Ursach halber in ihre finstere Einsamkeit verfügt hätten /
denn dass sie von ihnen Rechenschaft fordern wollten; ob sie auch der edlen
Jugend den künftigen Lichtern der Nachwelt /der einigen Hoffnung der Lebenden /
ihrer Pflicht nach vorstünden. Hiermit nam jeder Barde etliche von den Knaben /
lehrte sie die vorhandenen Kräuter und ihre Eigenschaften kennen. Ob nun zwar
alle Anwesenden diesem Unterricht eine gute Weile mit Lust zuhörten / fieng doch
endlich Dionysius zu dem ältesten Barden an: Ich höre hier zwar mehr Geheimnisse
der Natur ans Licht stellen / als ich mir in ganz Deutschland zu erfahren
gemeint / die Lehr-Art ist auch so gut / dass ihr kein Weiser zu Aten oder
Alexandria eintzigen Mangel würde ausstellen können. Nach dem aber unter den
Lernenden ihrer Zweifelsfrei sehr viel sind / welche nicht Priester / weniger
Aertzte / sondern Beherrscher der Länder und Staats-Diener abgeben sollen /
nicht aber alles wie gut es auch ist / einem jeden zu lernen anstehet / weiss ich
nicht / warumb diese letzteren in dem eigentlichen zur Artznei dienenden
Erkäntnüsse der Kräuter und Gewächse unterwiesen werden. Für die zum
Priester-Ampte bestimmte halt ich diese Wissenschaft ebenfals für nötig / als
welche eine Teil der Lehre von GOtt ist. Sintemahl die Natur wo nicht selbst
GOtt /doch sein Spiegel ist / daraus er erkennet werden kann. Es ist kein
Geschöpfe so klein / welches nicht eine Staffel abgibt zu GOtt empor zu
steigen. Daher Pytagoras die Betrachtung des grossen Eines / und Architas des
Anfangs aller Anfänge für den einigen Zweck der Weltweissheit gehalten hat.
Alleine denen /welche andern fürstehen sollen / scheint die Sitten-Lehre viel
nützl- und nötiger; daher auch Socrates /wie begierig er in seiner Jugend die
Geheimnisse der Natur zu ergründen / bei seinem tiefern Urteil dieses
verächtlich und sich allein an die Weissheit hielt / welche wohl und glücklich zu
leben lehrte / vielleicht /weil GOtt für seine Ehre und uns für nützlich
gehalten / nur die Würckungen nicht die Eigenschaften seiner Geschöpfe zu
entdecken / und daher unsere Pflicht wäre in der Natur nach GOttes Willen nicht
nach seinen Ursachen zu fragen / oder weil / nach der Lehre des Plato / die
Natur der niedrigste Werckzeug der göttlichen Versehung wäre / und in der
grossen Welt nichts so edles als in der kleinen / nämlich die Vernunft und eine
unsterbliche Seele steckte. Der älteste Barde antwortete: Es ist sonder Zweifel
kein besser Buch in der Welt / als das der Natur und es uns zur Verteidigung
genug / dass du gestehest / man könnte aus selbtem GOtt erkennen. Denn wer diesen
kennet / kann ihm selbst nicht unbekandt sein. In Erkäntnüs seiner selbst aber
bestehet des Menschen ganze Glückseeligkeit / und dis ist seine vollkommenste
Richtschnur / daher auch die Amphictianer auf des Apollo Befehl die Worte: Kenne
dich selbst / über die Pforte seines Tempels zu Delphis mit güldenen Buchstaben
geschrieben. Diesemnach haben die Fürnehmsten / sonderlich die Ionischen
Weltweisen / und die Essener / Pytagoras / Aristoteles und andere für das
höchste Teil der Weissheit gehalten / die Natur kennen und für eine Bemühung
grosser Gemüter mit seinem Verstande durch die Eingeweide der Erde in die
Kreisse der Gestirne ja in die Heimligkeiten der Götter dringen / der weise
König der Juden Salomo hätte mit dem der Tyrier sich in dieser Weissheit
vertieffet / dadurch etliche Phönicische Städte als aufgesetzte Preisse erworben
/ und die Königin Makeda wäre dieser zu Liebe aus Mohrenland in Salomons Schule
kommen. Wenn aber auch die Sitten-Lehre /welche doch viel jünger als die
Weissheit der Natur /und in Griechenland erst vom Socrates eingeführet ist / für
dieser beim Adel einen Vorzug zu haben verdiente / würden wir Barden doch durch
unsere Lehr-Art solche nicht vernachlässigen. Sintemal wir dafür halten / dass
eben so wohl das Buch der Natur das beste sei / woraus man die Sitten-Weissheit
und die Staats-Klugheit begreiffen könne. Ja ich unterstehe mich noch weiter zu
gehen und zu behaupten / dass / wie in den Griechischen Schulen eine mit Staube
bestreute Taffel auskommentlich war / alle Risse der Feld-Messer- und
Rechen-Kunst darauf zu bilden / also dieser enge und schlechte Garten / dieser
geringe Winckel Deutschlandes / oder vielmehr dieses Sand-Korn der Erde in sich
soviel Dinge verwahre / welche einem die halbe Welt beherrschenden Fürsten
genungsame Richtschnuren an die Hand geben können. Dionysius fieng an: Er müste
gestehen / dass er von dieser Art zu lehren noch nichts in ganz Morgenland /
noch auch zu Rom gehört hätte. Der Barde aber versätzte: Er wollte die Barden
nicht für derselben Erfinder ausgeben / sondern vielmehr erinnern: dass
Trasybulus Milesius und nach seinem Beispiele Tarquinius zu Rom allbereit diese
Weissheit in seinem Garten gelehret /da er durch Köpffung der höchsten Mahhäupter
oder Lilgen seinem Sohne die Fürnehmsten der Gabier aus dem Wege zu räumen
eingeraten. Weil nun kein Gewächse wäre / welches nicht für ein Staats-Gesätze
dienete / geriete er auf die Gedancken; dass so viel kluge Fürsten nicht so wohl
aus blosser Lust / als aus angemerckter Anleitung zur Herrschens-Kunst sich
geraume Zeit in Gärte eingesperrt hätten. Hertzog Ariovist fiel ein: Ich muss
gestehen / dass wenn ein Fürst in annehmlichen Gärten die Herrschens-Kunst lernen
kann; ihre Dörner und Diesteln so denn nicht aller Rosen ermangeln können. Weil
ich mich aber in dieser Kunst / welche niemals jemand ausgelernt hat /noch für
einen Lehrling erkenne / möchte ich wohl gerne / wie ein Fürst sich sein Lebtage
zu verhalten habe / durch eine so annehmliche Lehr-Art begreiffen. Der Barde
begegnete ihm mit einer besondern Anmut / und sagte: Wenn er einer Menge so
grosser Fürsten nicht beschwerlich zu fallen besorgte / wollte er durch einen
schlechten Vorschmack die Warheit seiner Rede zu bescheinigen / hierdurch aber
zugleich der klugen Natur und den beliebten Gärten ihr Wort zu reden sich
unterstehen. Alle Anwesende versprachen ihm ein geduldiges Ohr / und ihre grosse
Verbindligkeit. Sintemal derogleichen Unterricht nicht eine Milch für Kinder /
sondern eine Speise für erwachsene Fürsten wäre. Diesemnach denn dieser
behägliche Barde alles / was im Garten war / zusammen beruffte / und sich
derogestalt mit einer annehmlichen Fertigkeit heraus liess: Der erste Purper-Keim
einer Hyacinte weiset schon die bevorstehende Geburt einer Königlichen Blume;
und ein Kind in der Wiege das Merckmaal eines edlen Gemütes; welches wie die
Nessel bald mit dem ersten Ursprunge zu brennen / und mit dem nützlichen
Mandel-Baume für allen andern Bäumen am geschwindesten zu blühen anfängt. Wie
edel aber gleich ein Gemüte ist / dörffe es doch einer klugen Leitung / wie der
köstliche Weinstock der Unterstützung. Die wilden Stämme aber gäben uns
Anleitung: dass man durch fleissige Auferziehung auch in unartige Gemüter edle
Eigenschaften einpfropffen kann. Wenn man die bittern Mandel-Bäume umbhacket /
und die Wurtzeln vom Schleime reinigt /oder in Stamm einen eisernen Nagel
schlägt / tragen sie süsse Mandeln; und ein mit einem fichtenen Keile
gespalteter Granat-Aepffel-Baum bringt / statt voriger sauern / süsse Früchte.
Die aus Indien und Assyrien an den Rhein versätzte Lilgen Narcissen / die aus
Persien geholten Zitron-Bäume bescheinigen: dass die Zärtligkeit selbst endlich
der Härte gewohne; und dass auch die in Seide und Purper gebohrne Kinder bei
Zeite durch Arbeit und Bemühung abzuhärten ratsam ist. Die Dornen und weichen
Blätter an den Rosen lehren: dass junge Fürsten nicht allein im Fechten / Reiten
/Schüssen / Jagen / und in Kriegs-Künsten / sondern auch in Sprachen / im
Feldmässen / in der Bau- und Rechen-Kunst / und andern Wissenschaften
unterrichtet sein müssen / welche nicht nur die Feinde zu schlagen / sondern
auch ihre Untertanen in Fried und Ruh zu erhalten haben; jedoch müssen die
Leiter mit jungen Fürsten / wie die Gärtner mit Epheu umbgehen; welche diese auf
ihrem eigenen Stängel sich aufzurichten unvermögende Gewächse an starcke Bäume
pfropffen: dass sie durch dieser Stützung mit ihrer Umbwindung sich empor brechen
/ und ihnen die Müh aus der Unwissenheit empor zu klimmen ihnen nicht zu schwer
gemacht werde. Massen so gar einem Fürsten das Lesen / das Rechnen / die Bau- und
Mässe-Kunst durch die darzu mit Fleiss abgeteileten Blumenstücke spielende
beigebracht / und derogestalt die Gärte zu rechten Büchern der Weissheit gemacht
werden können / in welchem ihm jeder Baum einen klugen Lehrmeister abgibt; dass
er sich nicht nur mit dem Seegen der Früchte Nutzen zu schaffen / sondern auch
mit annehmlichen Blüten anderer Künste und Ubungen / welche in die Augen lauffen
/ gleichwol aber nicht zu kostbar oder gefährlich sein müssen /beim Volcke
beliebt zu machen gedencken; hingegen vermeiden soll / sich auf solche
Wissenschaften zu legen / welche schläffrig / offene Zusammenkunften verhasst /
und die Einsamkeit beliebt machen. Denn hiermit verwandelt er sich in die
verschämte Pflantze /welche für einer sich nähernden Hand die Blätter zusammen
zeucht / ja nicht einst der Menschen Antlitz vertragen kann. Dahingegen ein Fürst
eine allen andern Gewächsen sichtbare Zeder sein soll. Nach dem Beispiele der
Gärtner sind aus Fürstlichen Gemütern die heftigsten Regungen zwar nicht wie
das Unkraut / ehe es wurtzelt und zu Kräfften kommt / auszurotten; aber jedoch /
wie das zu Bekleidung der Gärten-Gänge gepflantzte Mundholtz unter der Schere zu
halten. Ja wie die Gärtner so gar die allzu starck empor schüssenden
Pfropfreiser verschneiden / dass sie sich nicht überwachsen; Also müssen Fürsten
dem Zorne und andern Ubereilungen / dass sie sich nicht schädlich vergehen / bei
Zeite vas Wachstum benehmen; keinmal / ehe der Zorn verraucht / einen Schluss
vollziehen; insonderheit das ihnen / nicht ihrer Würde angetane Unrecht lieber
vergessen / als rächen. Jedoch ist die Entrüstung einem Fürsten wie der Dorn den
Rosen anständig / wenn die Laster die Tugend zu Bodem drücken wollen; wie auch
wenn ein Fürst den Zorn zum Rittersporne macht / und zu Ausübung tapfferer
Helden-Taten angewehrt. Eines Fürsten Aufrichtigkeit in allem Tun muss alle
Schamröte der Jugend / wie die weisse Farbe der Jassminen ihre erste Färbung
vertreiben; also dass gleichwohl noch etliche Strahlen übrig bleiben / und ein
Fürst nach gäntzlicher Vertilgung dieses Tugend-Hütters nicht unverschämt wird
in alle Laster zu rennen. Seine Erbarmnüs muss dem Majoran gleichen / dessen
Geruch süsse / aber doch scharff ist / also dass ein Fürst durch seine
Empfindligkeit nicht der Gerechtigkeit Gewalt tut /noch den Lastern Lufft
machet. So wenig sich die Palmen für etwas bückten / so wenig muss er vor einigen
Menschen Furcht oder Scheu haben / und sein Ansehn dardurch verstellen. Welches
aber durch Freundligkeit und Demut so wenig / als die auf der Erde kriechenden
Blumen durch ihre Niedrigkeit von ihrer Güte nichts einbüsst. Eine niedrige
Feilge bringt mehr Nutzen als eine ungeheuere Sonnen-Blume; und ein bescheidener
Fürst erwürbet in einem engen Landstrieche mehr Ehre als ein Hochmütiger bei
seiner Herrschaft über die halbe Welt. Bei solcher Beschaffenheit hätte ein
Fürst nur zu lachen / wenn er bei seinem Glücke und Wohlstande beneidet wird.
Der Neid gleicht in Quellung seines Hertzens den Zwiebeln /derer Safft mit dem
wachsenden Mohnden abnimmt. Hohe Gemüter aber müssen sich so wenig durch den
Neid / als die Lilgen durch umb sie wachsende Diesteln aufhalten lassen / ihren
geraden Hals gegen dem Himmel und zu ruhmbaren Taten auszustrecken /sondern
sich vielmehr erfreuen: dass wie das Gold und der Schnee der Lilgen von keinem
Staube der Erden /also grosse Helden von keinem Unrate der Missgunst befleckt
werden könten. Jedennoch aber / weil die Raupen auch auf Himmelhohe Bäume
steigen / und die Sturmwinde an ihren geraden Wipfeln ihre Gewalt am liebsten
ausüben / ist es nicht unratsam: dass ein Fürst für seinen eiversüchtigen
Nachbarn so wohl seine zu wachsen anfangende Gewalt / als das Ansehen etlicher
massen verkleinert / und gleichsam mit denen höchsten Blumen das Haupt gegen der
Erde neigt / umb durch seine Erniedrigung sich in mehr Sicherheit zu versätzen.
Wenn ein Fürst aber / wie eine Zeder / schon alle benachbarte Bäume überwachsen
hätte / vergehet dem Neide ohne dis seinen Gipfel zu übersehen / das Gesichte /
und die Missgunst verwandelt sich in Furcht / von seinem Schatten untergedrückt
zu werden. Keines weges aber soll ein Fürst mit jemand anderm als mit seinen
ruhmbaren Vorfahren / denen er es an Tugend vorzutun sich befleissen muss /
eivern; sondern vielmehr seiner Diener und Untertanen tapferen Bemühungen / wie
ein fruchtbarer Baum dem umb sich windendene Hopfen empor helffen. Die geringen
Tannen-Bäume dämpfen alleine mit ihrem neidischen Schatten anderer Pflantzen
Wachstum; die lebhaften Eichen aber beschirmen die unter ihrem Schatten
wachsenden noch mit ihren Aesten. Nichts weniger hätte ein Fürst acht zu haben:
dass unter dem Adel und seinen Dienern weder Neid noch Eiversucht erwachse. Denn
beides stifftet im Reiche Zwytracht / hindert des Fürsten Dienste / und verterbt
die vorsichtigsten Anstalten. Denn ob es zwar das Ansehen hätte: dass diese
Eiversucht ein Wetzstein der Tugend sei / und einer dem andern zu desto
rühmlichern Taten aufmuntere; so steckt doch hierunter so viel Gift / als
unter dem kühlen Schatten des Eschbaumes. Oben hätte dieser Eiver zwar wie die
Epheu-Blätter eine lebhafte Grüne tapferer Entschlüssungen; unten aber die
Blässe tödtender Feindschaft; welche in Rache und Schmähungen ausbrächen.
Diesemnach hätte ein Fürst gar wohl zu unterscheiden /wenn er dieser scheinbaren
Gemüts-Regung das Tor öffnen oder zusperren soll / nach Anleitung der dissfalls
klugen Massholder-Bäume; welche im Somer keine Sonnen-Strahlen durchstechen / im
Winter aber sie willig durchlassen. Die sich auch mit dem Tage aufmachenden /
und mit dem Abende wieder zuschlüssenden Blumen weisen einen Fürsten an / zur
Zeit kurtz und nachdrücklich zu reden / und bei Auslassung seiner
Gemütsregungen mit unzeitigen Dräu- und schädlichen Versprechungen an sich zu
halten / und nicht alle Geheimnisse an Tag zu geben. Noch weniger muss er ihm
einbilden seiner Arglist durch Unwahrheit eine Farbe anzustreichen. Denn wie die
unvernünftigen Tiere das blühende Gold des giftigen Napels / die einfältigen
Schafe das Aegel-Kraut von heilsamer Weide auszuschlüssen wissen; also macht
oft die einfältigste Redligkeit die spitzsinnigsten Betrügereien zu Schanden.
Wenn er aber sich der Reinligkeiten der Tugend befleisst / muss er sich kein
unzeitiges Urtel des Pöfels / noch keine böse Nachrede der Verläumdung irre
machen lassen / sondern sich an Mäyen-Blumen und Klee erinnern: dass jene die
Käfer beflecken / aus diesem die Kröten Gift saugen; ja von falschem Urtel ihm
diese vorträgliche Rechnung machen: dass wie die Schäre durch Abkürtzung der zu
gähe empor schüssenden Zweige /und das Messer durch Wegschneidung der Räuber nur
der Pflantzen Wachstum befördert / und insonderheit dem immer-grünenden
Myrtenbaume seine vollkommene Schönheit gibt / also jenes einen Fürsten in den
Gräntzen und im Aufnehmen löblichen Fürhabens erhalte. Gleichwohl aber muss ein
Fürst nicht einen guten Nahmen bei der klugen / und den Nach-Ruhm bei der
Nachwelt in Wind schlagen / als wormit auch die Liebe zur Tugend verraucht:
sondern ihm zum Spiegel dienen lassen; dass kein Gewächse sei / welches sich
nicht durch Tragung seines Saamens verewige; ja dass auch die Asche der Blumen
eine Geschickligkeit behielte / durch Kunst ihr erstes Wesen fürzustellen.
Fürnemlich aber hat er sich zu schämen /wenn er seinen wohl-verdienten Ahnen
ungleich werden sollte / sondern wahrzunehmen: dass edle Gewächse selten
Miss-Geburten / hohe Cedern niemals Zwerge zeugen; und dass / wenn die
scheckichten Tulipanen ihre vielfärbichte Schönheit in gemeines Rot oder gelbe
verwandelen / sie als unartige vertilgt werde. Wie er sich nun zwar durch
tapfere Tate selbst den Nachkommen zum Vorbilde macht; also muss er das
Aufkommen derer / welche durch Tugend / besonders aber im Kriege durch bewehrte
Tapferkeit sich aus ihrem Staube empor zu schwingen gedencken / nicht hindern /
sondern / wie zwei an einander geriebene Lorber-Zweige Feuer geben / und zwei
begegnende Schönheiten Liebe verursachen / also edlen Gemütern vielmehr auf die
Beine helffen. Denn die Tugend wächst oft gleichsam aus sich selbst / wie viel
heilsame Kräuter ungesäet / oder ohne Pflantzung. Ja die bergichten
Balsam-Stauden / die ungestalten Wein-Stöcke erhärten: dass die Tugend mit der
Niedrigkeit offtmals Verwandschaft habe / und in einem geringen Kleid nicht
ihren Werh verliere. Welches er so viel fleissiger beobachten wird / wenn er
sich seiner eigenen Niedrigkeit erinnert und bedencket / dass alle seine Pracht
nicht so wohl aus eigenem Ursprunge / als von Gott / wie der Glantz der
herrlichsten Blumen nicht so wohl aus eigener Wurtzel / als aus Beseelung der
Sonnen herrühre / und ohne dieser gütige Anstrahlung sich schwerlich eine Knospe
aufzuschüssen Vermögen habe. Ob nun zwar ein Fürst sich des irrdischen
derogestalt nicht entbrechen kann / dass er seinen Fuss nicht in Schwachheiten /
wie die Pflantzen ihre Wurtzeln in der Erde vertieffen müste / so hat er doch
sein Hertze Gott / wie die Wegewarte ihre Blätter stets der Soñe / und durch
Gottesfurcht die Würde des Priestertums mit seine Fürstenhutte zu vereinbaren.
Denn diese ist die Wurtzel aller Tugenden / der Tau des Himmels / durch welche
allein ein Reich befestigt und fruchtbar gemacht würde. An diese muss sich ein
Fürst iederzeit beständig halten /wie ein iedes Erd-Gewächse an sein Gestirne /
von dem es seinen absondern Einfluss zu genüssen hat. Denn die Staats-Klugheit
beherrschet zwar die Welt /und die Natur sie / aber beide der Gottes-Dienst. Wie
sich auch keine Blume anders / als sie die Natur gebildet hat / mahlen läst;
also soll sich auch ein Fürst niemals mit Larven der Tugend / weniger gar mit
Lastern behelffen. Das Meer-Kraut / dessen Blume früh weiss / des Mittags rot /
des Abends blau ist / bildet einen Heuchler und Wetter-Hahn / keinen Fürsten ab
/dessen Tugend wie die Raute niemals ihre unverwelckliche Farbe verändern muss.
Sintemal doch diese Hitze und Schnee austauert die Bosheit aber niemals
beständig glücklich sein / ja ohne Hülffe etlich angenommener Tugenden nicht
einen Tag bestehen kann /wenn sie sich auch noch so schön ausputzte. Wenn sie die
Klugheit nicht von der Tugend zu unterscheiden weiss / verraten sie doch ihre
bösen Früchte / wie das giftige Honig das Pontische Kraut / welches zwar Rosen
trägt / aber denen Bienen nur tödtliche Nahrung zu saugen gibt. Ob nun zwar ein
auf dem Grunde der Gottesfurcht und Tugend stehendes Reich sich keines Falles
versehen dörffte / so haben sich doch sterbliche Fürsten mit denen tauerhafteste
Palmen und Eichen zu bescheiden: dass sie nicht ewig stehen könten. Diesemnach
ein ieder bei Zeite vorzusinnen hat /seine gute Eigenschaften künftigen
Nachfolgern / wie die Gärtner durch Einäugung jungen Stämme der fruchtbaren
Bäume Köstligkeiten einzuverleiben. Nichts gewissers aber muss ihm ein Fürst
einbilden /als dass Kronen mit so viel Dornen als die Königin der Blumen / und
die Spanischen Feigen mit Stacheln umbgeben; ja der Fürsten-Stand gleichsam wie
die Kastanien-Nüsse in stechende Spitzen eingehüllet sind. Es bedarff in einem
Reiche mehr Schweisses und Arbeit / als in keinem Garten / welcher ohne
tägliches jäten / abraupen / ausputzen / stützen / abschaben / und tausenderlei
Arbeit zeitlich verwildert. Unter diesen ist eine der fürnehmsten / durch
Beisetzung gerader Stöcke und mit Wercke junge Bäume zu zwingen: dass sie nicht
krum / sondern gerade wachsen. Man muss durch Verschneidung übriger Zweige oder
Räuber die Stämme erhalten: dass sie durch allzu reichliche Verteilung ihres
Saftes nicht Krüpel werden / oder die Wurtzel zu sehr erschöpfen. Nichts anders
hat ein Herrscher durch heilsame der Vernunft gemässe / deutliche / und nicht
übrige Gesetze / und durch sein sich denselben unterwerffendes Beispiel von
Unrecht / Lastern und Verschwendung des Vermögens / als der Lebens-Geister des
gemeinen Wesens zurück und für Verterb zu erhalten. Jedoch soll ein Fürst weder
alte Gesetze ohne euserste Not abtun / noch denen erstarrten Missbräuchen neue
schreiben / welche er nicht trauet in Schwung und in Gebrauch zu bringen. Denn
durch das erste gibt man gleichsam denen Untertanen Anlass die Gesetze mit
Füssen zu treten / durchs letztere aber entsetzt sich der Fürst selbst seines
Ansehens. Ob er nun zwar allen schädlichen Ansatz und oft viel anbrüchige
Glieder / wie die Gärtner von den Bäumen die dürre Rinde / die unartigen Knörner
/ als Hindernüsse des Wachstums und der Fruchtbarkeit abschneiden /auch
mehrmals ganze Aeste absägen muss / wo anders der ganze Baum nicht angesteckt
oder verdorren soll; müssen doch beide genau die Hertz-Wurtzel zu verschneiden
sich hüten / sondern vielmehr die Wunden mit Baumwachse und Gelindigkeit
verbinden /und iedweder ehe das Pflaster / als das Messer brauchen; ausser im
Kriege / wo es sich nicht zweimal sündigen lässt / wo iemand gar den Kopf über
die Gesetze empor zu tragen / oder sich gar wider die Verfassung eines Reiches /
und sein Haupt aufzulehnen erkühnet. Mit einem Worte: Eines Fürsten Tun muss dem
Majoran und den Myrrhen gleichen / derer Geschmack bitter / aber heilsam ist.
Jedoch wird das schärffste Recht / wie die Oliven im Saltz-Wasser /seine Säure
verlieren / wenn ein Fürst in wichtigen Sachen selbst den Richter-Stul betritt;
und wenn heimliche Verbrechen in geheim / die aber / welche zum Aergernüsse in
die Augen lauffen / offentlich bestrafft worden. Demnach aber der Himel mit
Reiff und Schnee nicht nur die Pflantzen beschirmet / und durch Winde ihre
Wurtzeln befestigt; sondern auch mit seinem süssen Taue ihre Zeugung in der
Erde zuwege bringt / und sie gleichsam säuget: also muss ein Fürst nicht nur
durch Straffen der Tugend Sicherheit / sondern auch durch Belohnung Wachstum
und Unterhalt verschaffen. Die aus dem Gärten und Wäldern geholeten Lorber- und
Eichen-Kräntze leiten einen Fürsten schon selbst nicht allein hierzu / sondern
auch zur Klugheit an ein geringes Blat / für Gold und Edelgesteine anzuwehren.
Wie aber die Rutten umb die Bürgermeister-Beile vieles Flechtens bedörffen / zur
Anweisung: dass man sich in Straffen nicht übereilen soll; also muss ein Fürst
auch nicht für erhaltenem Siege / und für würcklichen Verdiensten die
Belohnungs-Kräntze abbrechen lassen. Denn sonst werden sie verdorren / und die
für der Zeit gegebene Belohnung den Belohnten träge und hoffärtig / andere
vedriesslich und neidisch machen. Wiewohl auch weder Straffe noch Belohnung so
lange zu verschieben ist: dass es nicht das Ansehen gewinnet / als wenn die
Verdienste schon durch Vergessenheit / die Verbrechen aber durch die Zeit
vertilgt wären. Beide Straffe und Belohnung müssen auch gegen Schuld und Tugend
wohl abgewogen sein / und diese allezeit den Geschmack einer Gnade / wie die
Nelcken den Geruch der Würtzen / nicht aber einer verbindlichen Zahlung
behalten; also dass ein Diener sich iederzeit seines Fürsten Schuldner zu sein
erkennen / und ihn als eine wohltätige Sonne anzuschauen Ursach hätte. Hingegen
sind die der Sonnen mit unverwendetem Auge nachsehenden Sonnenwenden / der
Fürsten Leitsterne: dass das unerschaffene Auge und Hertze der Welt / nämlich
Gott / ihr einiges Augen-Ziel / die Fortpflantzung des Gottesdienstes / die
eivrigste Bemühung / die Vermehrung der Ehre Gottes / der Zweck ihres Lebens /
die Schätze der Heiligtümer /unversehrliche Gottes-Kasten / geistliche
Stifftungen seine nutzbarste Sparsamkeit sein soll. Deñ die Gottesfurcht gleicht
denen Lorber-Zweigen / welche das Reich für Unglück / wie diese die Nester der
Holtz-Tauben für Zauberei und giftigem Geschmeisse verwahre. Nachdem man aber in
der Welt den Gottes-Dienst zum Betruge / wie den Saffran / nebst gewissen
Purpur-Blumen / zur Schmincke hesslicher Antlitze / das Scharlach-Kraut zu
Anmachung geringen Weines braucht / muss er weder hierdurch sein böses Fürhaben
eine falsche Farbe anstreichen / noch sich andere durch solchen Anstrich
betrügen lassen. Ihm liegt wie einem Gärtner ob / aus Erinnerung des durch Frost
/ oder andere Zufälle empfangenen Schadens /die Gewächse für künftigem zu
verwahren / nach Beschaffenheit gegenwertiger Jahres-Zeit / nichts zu
verabsäumen zu säen / und nach Vorsehung künftiger Witterung und Zufälle / wider
Misswachs und Verterb kluge Anstalt zu machen. Aus der in Knospen stecken
bleibenden Blüte der geringen Schleen-Sträuche weiss ein Gärtner / die noch
verborgene Kälte; aus dem Gefässe der Blumen-Zwibeln künftige Dürre /aus
Geratung der Mandeln eine fette Weitzen-Erndte wahrzusagen; eben so muss ein
Fürst nicht nur bei seiner Herrschaft auf Gestirne und hohe Dinge / sondern
auch auf die für seinen Füssen acht haben / und daraus sein Glück und Unglück
wahrnehmen. Ihrer viel scheinen kleine Moh-Körner zu sein / aus welchen doch
ungeheure Buchen und Oerlen wachsen. Die Bevolckung frembder Länder / die
Vielheit der Verheirateten / die übermässigen Gelübde / die nachlässige
Wirtschaft bei gemeinen Einkünften /die auf Zinss erborgten Gelder / die
Ausführung des Geldes / die Bevorteilung in der Müntze scheinen in einem Reiche
schlechte Schwachheiten zu sein / welche wenig zu bedeuten hätten; die Erfahrung
aber lehret: dass sie die Länder / wie Holtz-Würmer die grösten Kiefern /
ausfrässen / und zu Bodem stürtzten. Wie auch ein Gärtner aufs genaueste die
Eigenschaft des Bodens / worinnen dieses oder jenes besser wächst / auch die
Eigenschaft dieses oder jenen Himmel-Strieches unterscheiden / sich aber nicht
allemal auf selten sich ereignende ungemeine Fruchtbarkeit verlassen muss; also
hat ein Fürst nicht gewiss auf das Beispiel seiner Nachbarn und Vorfahren / noch
auch auf die Gesetze der Staats-Klugheit / welche mehrmals im finstern tappet /
auf gleichen Bodeme stulpert / und über einen Strohalm fällt / zu bauen /
weniger auf einen glücklichen Streich / mehr blinde zu wagen / sondern auch bei
seiner Herrschaft ihm die Rechnung zu machen: dass unter hundert tausend
Weitzen-Körnern kaum eines einen Halm mit drei Eeren / und unter tausend
Zwiebeln der Persischen Bünde kaum eine funfzig Blumen / und wenig Rosen-Zweige
zwei Rosen auf einem Stiele trügen. Ob nun wohl der klugen Vor-Eltern Spure den
Nachkommen dienliche Wegweisung ist / so muss sie doch nicht ihr Gefängnis oder
Irr-Garten sein / aus welchem sie keinen Fuss setzen dörffen. Die Zeiten ändern
die Umbstände / und die Welt werde von Zeit zu Zeit scharffsichtiger. In Gärten
mühet sich nunmehr die Kunst es der Natur vorzutun; und die meisten fruchtbaren
Bäume sind vorhin wilde / oder ihre Aepfel kleiner gewest. Daher ist es einem
Fürsten unverwehrt / die alten Fehler abzutun / das Gute zu verbessern / und
seine neue Erfindungen der Nach-Welt zur Nachfolge zu verlassen. Aus solcher und
vieler Zufälle Anmerckung wird die Erfahrung / aus dieser aber die Klugheit
erlangt. Ins gemein ist das Unglück hierinnen der nachdrücklichste Lehrmeister;
und es zwar glücklicher aus frembden / aber empfindlicher aus eigenem Misswachse
vorsichtiger säen und pflantzen lernen; und so wohl eines Fürsten / als Gärtners
grosse Klugheit / alle Kranckheiten seiner Bäume und Untertanen kennen. Hierbei
muss dieser verstehen: Ob eine oder andere Frucht sich besser einäugen / von dem
Kerne fortpflantzen /oder auf diese oder jene Art Stämme glücklicher pfropfen
liesse; ein Fürst aber sich nicht auff spitzsinnige Weissheit legen / sondern den
Unterscheid der Gemüter und der Geschäfte erforschen. Denn beide haben so
unterschiedene Gestalten und Eigenschaften / als die Gewächse. Etliche
Geschäffte sind wie die Hecken / anfangs von der Geschwindigkeit leicht zu
bestreiten / wenn sie aber zu Kräfften kommen / fast unmöglich zu überwinden.
Andere schüssen wie das Schilff mit Gewalt empor. Diesen muss man mit Geduld Zeit
lassen. Denn sie brechen hernach von sich selbst ein. Etliche sind wie die
Disteln / wo man sie auch angreifft / stachlicht; dörffen also Vorsicht und
Hertzhaftigkeit. Andere sind wie das keine Anrührung vertragende Kraut / und
müssen unvermerckt untergraben werden. Unterschiedene Dinge lassen sich nur zu
gewissen Zeiten angreiffen / wie die Oel- und Weiden-Blätter sich nur im
längsten Tage des Jahres einmal umbwenden / zu derer Ausmachung man alles in
Bereitschaft haben müste. Etliche Geschäffte werden so langsam reiff / als der
doch so köstliche Wein /welcher fast die letzte Frucht im Jahre ist / haben also
Fleiss und Geduld von nöten. Andere werden / ehe man sichs versieht / wie die in
einer Nacht wachsenden Piltze / zeitig / dörffen also einer sorgfältigen
Aufsicht und Fertigkeit / sie nicht zu versäumen. Etliche sind zärtlicher / als
die Pöonien / welche von dem geringsten Anfühlen Blätter fallen lassen / müssen
also gleichsam mit Pflaumen-Streichen gewonnen werden. Andere hingegen muss man
harte angreiffen /und wie den Flachs durch Zancken und Brechen gehen lassen /
oder wie den Saffran mit Füssen treten. Jedoch sind wenig Dinge mit Ungestüm /
mehr mit Bescheidenheit / alle mit Fleiss und Vernunft zu handeln / insonderheit
aber die gelegene Zeit / und die sich zeigende Gelegenheit aufs genaueste
wahrzunehmen; und iedem Geschäffte sein anständiger Kopf zuzueignen. Denn diese
sind ja so mancherlei / als die Pflantzen; und einem ieden nicht alles
anständig. Kein geringer Unterscheid ereignet sich unter den Gemütern. Etliche
sind grossmütig / und den Zedern gleich / welche sich mit dem hohen Gipfel der
Ehre vergnügen. Andere gleichen den Zwerg-Bäumen / und ergetzen bei ihrer
Niedrigkeit sich an einkommentlichen Früchten. Etlichen treibt die Hoffart die
Sprossen so spitzig empor: dass / da sie der Wind nicht zerbrechen soll / sie
müssen zerschnitten werden; umb sich mit mehr Kräfften der Vernunft zu fassen /
und in die Dicke zu wachsen. Andere kriechen wie Winde aus Zagheit auf dem
Bodeme / biss man ihnen einen Halt verschafft / und so wohl ihr Vermögen / als
die Mögligkeit der Verrichtungen zeigt. Etliche sind knechtischen Gemüts / und
müssen wie die Nuss-Bäume mit Prügeln und Schärffe ausgearbeitet / andere ganz
wilde / und müssen / wie die an einen wilden Feigen-Baum gebundenen Ochsen
gezämet / und ihnen die Arbeit aufgehalset werden. Viel haben so viel Einbildung
in sich selbst / als die eingeschlossenen Quitten Geruch; derer Eitelkeit durch
Verachtung verrauchen muss. Etliche sind so geschwinde und feurig / wie die
Mandel-Blüte / welche aber nach der ersten Ubereilung / gleichsam mit einem
Froste befallen und vertilget werden; und dahero anfangs des Schattens / hernach
der Sonne / nämlich die Warnigung und Aufmunterung bedörffen. Andere hingegen
stecken so voll Zweifels / als die Pfeffer-Stäbe voller Knoten; welche man mit
dem Schaden ihrer Versäumnüss klug machen muss. Es gibt auch zum Teil so
ungeschickte Stöcke / in welche sich / wie in Eichen nichts bessers pfropfen
lässt. Diese muss man mit handgreifflichen Uberweisungen zu rechte bringen.
Etliche versteigen sich in sich selbst / und alle ihre Anschläge sind so spitzig
/ als die Kastanien-Nüsse; diese muss man ihnen selbst lassen / biss sie sich
ihrer Schwerigkeiten / wie die Kastanien ihrer stachlichten Nüsse erledigen.
Andere verwerffen alles Einraten / wie etliche wilde Bäume alle Verbesserung;
manche haben einen herrlichen Schein / und ist doch nichts hinter ihnen /wie die
Blume / welche Hispaniens Wunder genennet wird; und ausser dem Glantze ihrer
Farbe weder Geruch / Geschmack / noch einigen andern Nutzen hat; hingegen
scheinen einige so unansehnlich / als die reiffen Feigen / die unter ihrer
Schwärtze so viel Süssigkeit verbergen. Die wenigsten aber haben die
Vollkommenheit der Palmbäume / nämlich im Gesichte Ansehen / in Geberden Anmut
/ in Worten Wahrheit / auf der Zunge Verschwiegenheit / im Hertzen Redligkeit /
welche mit Bescheidenheit reden /mit Geduld hören / mit Nachdruck widerlegen /
durch die Erfahrung behaupten / mit Gründen überweisen /mit Klugheit alles
überlegen / und mit Hertzhaftigkeit ausführen; iedoch bei ihrer Geschickligkeit
nichts nachlässig handeln / noch andere drücken / oder die Unerfahrnen mit Fleiss
anlauffen lassen. Dieses sind die Werckzeuge der gemeinen Glückseligkeit / und
die Säulen / welche den Garten eines Reichs schmücken / und den Fürsten in
Ansehn setzen. Dieses zu behaupten / muss er von denen immer-grünenden Cypressen
/ und denen die Blätter niemals verlierenden Pomerantzen-Bäumen lernen / allemal
/ besonders bei Unglücks-Stürmen und rauhen Winter des Krieges sein Ansehn
behalten; ohne welches er von seinem eigenen Volcke so verächtlich / als ein
entblätterter Baum gehalten / von den Feinden aber als ein zerbrechlicher Stock
und geringes Brenn-Holtz leicht angetastet wird. Solch Ansehn befestigt auch ein
Fürst durch anständige Kleidung und Aufzüge / durch prächtige Schlösser /
starcke Leibwachen / am meisten aber durch Gerechtigkeit / Klugheit und gute
Haushaltung; hingegen wird es verloren / wenn ein Fürst sich mit iedermann zu
gemein macht / bei Unglück / durch Kleinmut und ängstliche Hülff-Bittungen /
durch Verratung seiner Schwachheit / und durch knechtische Laster. Gleichwohl
aber muss er hierbei nach dem Vorbilde der Wein-Stöcke / welche in ihrem
hesslichen Holtze den edelsten Safft der Welt zeugen / in seinem Tun mehr auf
den nützlichen Kern / als auf den äuserlichen Schein sehen; und wenn sein
Vorhaben nur nicht von der Tugend / von Treu und Glauben ablenckt / sich das
tumme Urtel des eitelen Pöfels / welches nur nach den euserlichen Schalen
urteilt / und weder die Ursachen / noch das Absehn eines Fürsten ergründet /
nicht irre machen /weniger ihm die / welchen nur die Ehre des Gehorsams zukomt /
Gesetze vorschreiben lassen; welches nach einem glücklichen Ausgange sich seiner
Torheit schämet / und sich selbst aufs Maul schlägt. Wiewohl es iederzeit
sicherer ist: dass ein Fürst in seinem Vorhaben des Volckes Beifall hat / welches
so denn auch bei widrigen Ausschlägen des Hofes Irrtümer entschuldigen hilfft.
Wie nun die Amaranten bei Frost / die Palm-Bäume beim Ungewitter und
Sonnen-Scheine einerlei Gestalt behalten / ja gegen der sie drückenden Last sich
noch mehr empor klimmen /das Kraut der Bären-Klau so viel mehr wächst / ie mehr
es getreten wird / und das Saltz-Wasser den Palm-Bäumen zur besten Nahrung
dient; also muss ein Fürst sich beim Glücke nicht überheben / beim Unglücke den
Mut nicht sincken lassen / sondern wie die vom Winde bestürmte / und vom
Einschneiden verwundete Myrten-Staude desto mehr Früchte seiner Grossmütigkeit
zeigen; iedoch auch nicht wie das Eisen-Holtz unempfindlich sein / sondern nach
Art der fühlenden Pflantzen so wohl ihm selbst das gemeine Elend lassen zu
Hertzen gehen / als dem Volcke die mit aller Zutat abzuwenden nötige Gefahr
für Augen stellen. Von denen Dattel-Bäumen / welche die sorgfältigste Wartung
brauchen / und doch erst im hundertsten Jahre Früchte tragen / muss ein Fürst
lernen unermüdet arbeiten / mit Geduld hoffen; und wenn es gleich mit seinen
Anschlägen nicht bald fort will / keines weges die Hand abziehen / weniger
verzweifeln. Denn die Herrschafts-Sachen brauchen so wohl Zeit zu ihrem reiff
werden / als die Mispeln. Was oft lange stecken bleibt / ersetzt hernach seinen
Verzug desto reichlicher / und komt frühzeitiger Ubereilung zuvor / wie die
Maulbeer-Bäume / welche zwar langsam blühen / aber desto eher und häuffiger
Früchte bringen. Wenn ein Werck reiff wird / öffnet es sich von sich selbst /
wie die Granat-Aepfel. Dahero muss ein Fürst nichts zur Unzeit erzwingen. Denn
die Ubereilung leidet ins gemein von Zufällen / wie die allen andern zuvor
kommende Blüte der Mandel-Bäume vom Reiffe Schaden. Noch weniger muss er sich
die Widerwertigkeiten lassen abschrecken; sondern sich vielmehr getrösten: dass
der Reiff die zähen Kräuter mirbe / Würmer die Feigen reiff machen / der
Platz-Regen die Raupen ersäufft / und die Glückseligkeit aus Ungemach / wie die
Rose aus Dornen herfür blüht. Was in weichen Lilgen-Blättern alsbald verfault /
bleibt viel Zeit in brennenden Nesseln gut. Wie die Kastanien-Bäume besser im
Schatten / und auf Gebürgen / als an der Sonne / und in fetten Flächen stehen /
die Feigen des Nachts mehr reiffen / als am Tage / also geraten ihrer mehr bei
Ungemach / als wenn sie immer auf Rosen gehen / und denen die Sonne stets
schiene. Denn wie dieses holde Licht denen Nesseln allererst die Krafft zu
brennen einflösst / und sie solche nicht aus der Erde / und ihrer Wurtzel
bekommen / also verärgern sich die Menschen bei stetem Wohlstande / durch
schädliche Wollüste und Vermessenheit. Man will so denn allentalben mit dem
Kopfe durchdringen / da es doch eine der grösten Klugheit ist / sich lernen in
die Zeit schicken / den Mantel nach dem Winde hängen / im Fall der Not /wie die
Blätter der Ulmen-Bäume / wenn die Sonne in den Krebs tritt / sich umbwenden /
die Segel heftiger Gemüts-Regungen niederlassen / dem stürmenden Unglücke einen
Schritt auf die Seite / nicht in Weg treten / und iedes Wetter ihm zu Nutze
machen. Worinnen ihm dieselbigen Blumen zur Richtschnur dienen / welche bei
rauher Lufft ihre Blätter in die Schale ihrer grünen Knospen verstecken / bei
linder sie öffnen / und die Sonne sie färben lassen. Diese Veränderung aber muss
ohne Kleinmut geschehen; Sintemal diese die Furchtsamen ihrer Vernunft beraubt
/ und die Gefahr vergrössert. Wer dieser Rat folgt / wird niemals aus zweien
Ubeln das geringste /sondern lieber den tödtlichen Schatten des Eiben-Baumes
erwählen / als sich die Sonne stechen lassen. Ein der Klugheit beigesetzter Gran
der Verwegenheit zernichtet oft grosse Berge der Schwerigkeiten. Ob auch zwar
die Gefahr zuweilen von sich selbst verraucht / wird doch selbte durch
Unachtsamkeit vielmal aus einem Mah-Korne zu einem gossen Baume. Dahero muss ein
Fürst selbte niemals fürchten / noch verachten / sondern vernünftig
unterscheiden. Denn die Unterscheidung ist die Zunge an der Wage der Klugheit.
Dieser Barde hatte schon das Wort auf der Zunge weiter zu reden / als der Schall
einer geleuteten Glocke ihn nicht allein stum machte / sondern auch alle Barden
einer in der Mitte des Gartens in eine Steinfels befindliche Höle zuzueilen
nötigte. Diese hatte einen Umschweiff inwendig von 100. Schritten; sie war über
und über mit kleinen vielfärbichten Kiesel-Steinen zierlich besetzt / also dass
sie allerhand Tiere / Vögel und Fische fürbildeten. Aus vier Stein-Ritzen
spritzte eiss-kaltes Quell-Wasser in eine unten in den Stein-Fels gehauene / oder
vom Wasser selbst ausgehölete Wanne / die Catten insgesamt folgten dem Barden zu
dieser Höle / und küsten sie sämtlich nicht allein die Pfosten des Eingangs /
sondern das Frauenzimmer band sein Haar auff / und wischte damit die Schwelle
dieses Heiligtums ab. Hierauf wuschen alle in der ziemlich finstern Höle / ihre
Scheitel / Hände / und nackten Füsse. Agrippine wollte diesen folgen / aber
Tussnelde zohe sie zurücke / und meldete: dass niemand / welcher nicht baarfüssig
/ und von Barden eingeweiht wäre / wie kein Frembder in den Tempel der Juden /
und bei den Griechen in das Heiligtum der Ceres gelassen würde. Agrippine hielt
sich also an dem Eingang zurück / und fragte: Warumb denn die Barden einen so
finstern Ort zu ihrem Gottes-Dienste erkieset hätten / weil / nach des Agesilaus
Urtel die Finsternis bösen / das Licht aber löblichen Verrichtungen anständig
wäre. Tussnelde antwortete: Sie halten dafür / dass diese Finsternis den
vorwitzigen Augen verbiete / nach irrdischen Dingen zu schauen; und dass der /
welcher für dem Antlitze Gottes stehe / und von selbtem erleuchtet werde /
keines andern Lichts bedörffe. Hierüber fieng der oberste Barde an seine an den
Hals gehenckte Glocke zu leuten / wie auch die kleinen an seinem Saume zu
schütteln; worauf alle in der Höle sich befindenden zu Bodem fielen / und so gar
ihre Antlitze auf die Erde legten. Agrippine fieng abermals an / und sagte: Sie
hätte sich anfangs bald über die Glocken des Barden verwundert / nunmehr aber
hätte sie so viel mehr Ursache zu fragen / was sie bedeuteten? Sie wüste zwar /
dass auch bei andern Völckern im Gottes-Dienste dem Ertzte eine besondere Krafft
zugeschrieben würde / dass die Priester zum opfern nicht eiserne / sondern
ertztene Messer brauchten / dass Medea eine solche Sichel geführet / dass in dem
Feier der Haus-Götter / und bei den Gräbern der Verstorbenen ein altes Weib mit
dem Geschwirre des Ertztes die höllischen Geister und Gespenster vertriebe / dass
die Einfältigen damit dem verfinsterten Monden zu Hülffe kommen / ja Donner /
Hagel und Ungewitter abwenden wollten; und dass dadurch die schwermenden Bienen
vereinbart und beruhigt würden. Sie erinnerte sich auch / dass die Begräbnüsse zu
Rom gewisse Glocken-Träger begleiteten / teils die Leute zum Zuschauen des
Gepränges zu beruffen / teils den Priester des Jupiters für der Zunäherung zu
warnigen / als welcher keine Todten-Klage hören dörffte. Alleine diese Glocken
müsten sonder Zweifel ein viel ander Absehen haben. Tussnelde antwortete: Sie
wüste zwar so genau nicht die Geheimnisse des Bardischen Gottes-Dienstes; sie
glaubte aber / dass wie in Feld-Lägern oder Festungen die / welche die Wachen
besichtigen / Glocken trügen / umb die Schläfrigen zu ermuntern / also auch
diese Glocken die Menschen zu mehrer Andacht erwecken sollten. Welches sie dieser
Glocken Uber-Schrifft so viel mehr beredete / als an welche folgende Reime
gegossen wären:
        Ihr Menschen / denen Gott Zung und Vernunft gegeben /
    Die er zu seinem Lob und Seiten-Spiele weiht /
    Doch beim Verstande tumm / und stumm beim Reden seid;
    Denckt wie des Schöpfers Preis die Morgen-Stern' erheben /
    Wie Pflantze / Rab' und Wurm nach Gottes Ehre streben /
    Wie Blitz und Wolcke lobt des Höchsten Gütigkeit /
    Ja wie der stumme Fisch des Höchsten Ruhm ausschreit /
    Wie bleibt euch Menschen denn die Zung' am Gaumen kleben?
        So weck' euch nun todt Ertzt / wenn euch nichts anders kann;
    Denn Gott das Wort hat mich beteilt mit einer Zungen /
    Durch meinen Klang wird er gepriesen und gesungen;
    Ich deut' euch auch die Zeit Gott zu verehren an.
    Wie könn't ihr denn sein stumm / und so viel Stimmen hören /
    Wenn Stern / Wurm / Pflantze / Fisch / Blitz / Wolck / und Ertzt Gott ehren?
    Agrippine fieng hierauf an: Ich erinnere mich nun /dass in den Tempeln der
Syrischen Göttin ebenfalls solche Glocken aufgehenckt sind / derer sollen auch
zu dem Ende nicht wenig in des Porsenna prächtigem Begräbnüs-Maale an denen die
vier grossen Spitz-Seulen zusammen knüpffenden Ketten gehenckt haben / wie auch
dass in des Dodoneischen Jupiters Eichwalde eine Glocke Tag und Nacht
unaufhörlich geläutet worden / über dis auf einer hohen Seule ein ertzten Becken
/ und auf einer andern / dabei eines Knaben Bild gestanden habe / welcher bei
wehendem Winde mit seiner in der Hand habenden Rute auf solch klingendes Becken
geschlagen. Käyser August hat auch auf das Haus des donnernden Jupiters /
welcher für den Pförtner des Capitolium verehret wird /durch Anleitung eines
Traumes mit Glocken versehen. Welcher Glocken Gebrauch allerdings heiliger als
unser zu Rom / da sie die Verschwendung zur Erweck- und Zusammen-Ruffung der
unzählbaren Haus-Gesinder / und zur Andeutung der Bade-Zeit erfunden hat. Aber /
sagt sie / pflegen denn die Barden nach Anleitung dieser Reime auch andere / als
die zum Gottesdienste bestimmte Stunden mit Glocken anzudeuten? Tussnelde
antwortete Ihr; In alle Wege /alle. Denn eine jede wäre einer besondern
Verrichtung / und sehr wenig dem Schlaffe bestimmet. Sie hielten den Schlaff für
die Wiege der Wollust / und Müssiggang für das Haupt-Küssen der Laster. Agrippina
fragte ferner / in wie viel Stunden die Barden Tag und Nacht einteilten?
Tussnelde sagte: Sie stimmten mit den meisten Völckern überein / dass sie so wohl
dem Tage als der Nacht zwölf Stunden zum Maasse aussätzten / jedoch wollten sie
weniger den Babyloniern /noch weniger den Egyptiern diese Erfindung enträumen /
welche letztere sich rühmten / dass sie der Hunds-köpfichte Affe ein dem Serapis
gewiedmetes Tier / welches wenn die Sonne in Wieder oder in die Wage tritt /
und also des Jahres zweimal bei Gleichheit des Tages und der Nacht zwölf mal
sein Wasser gelassen hätte / solche Abteilung und die darnach gerichtete
Wasser-Uhren gelehret hätte; sondern sie lehrten vielmehr / dass der erste Mensch
schon solche gemacht hätte. Denn weil die Zeit die Zahl der Bewegung und also
der Mässstab menschlichen Verrichtungen wäre / hätte der erste und Zweifelsfrei
klügste Mensch dieser notwendigen Wissenschaft die Zeit zu teilen nicht
unwissend sein köñen. Jedoch hätten sie ein ganz ander Stunden-Maass als die
Römer. Deñ da diese nach der Länge des Tages / und nach der Kürtze der Nacht
jenes Stunden verlängerten / dieser verkürtzten / also dass im Somer zwölf lange
Tages /und zwölf kurtze Nacht-Stunden wären; so machten die Barden aus Tag und
Nacht zwar auch zwei mal zwölf Stunden / aber durchgehends eine so lang als die
andere. Diese Abteilung hielten sie auch für die allerälteste. Sintemal sonst
keine Uhr / sonder dass sie alle Tage nach dem Auf- und Untergange der Sonne
verändert würde / eintreffen könnte. Agrippine fiel ein: Es ist dis freilich wohl
eine richtigere Abmässung der Zeit als unsere zu Rom / allwo man anfangs nur den
Tag in Morgen und Abend zu teilen gewüst / hernach dem Mittag beigesätzt;
welche drei Zeiten ein Aufwärter des Bürgermeisters / nach gewissen Anmerckungen
der Soñen-Strahle am Rathause / und also nur bei heitere Wetter ausruffen musste
/ bis man im erste Punischen Kriege / auf einer Seule die erste Sonn- oder
Schatten-Uhr / welche Anaximenes Milesius zu Sparta erfunden haben soll /
hernach Scipio Nasica die vom Etesibius zu Alexandria ausgedachte Wasser-Uhr
aufgerichtet hat. Wiewol wir dessen selbst nicht allerdings gewiss sind / und
einige / dass die erste Uhr ans Capitolium / andere dass es an Dianens Heiligtum
angemacht / und aus Sicilien gebracht worden wäre / vermeinen. Alleine auf was
für Art wissen sie / besonders bei trübem Wetter / uns des Nachts die Stunden so
gar genaue zu treffen. Sintemal unsere über die Wasser-Uhren gestellte Knaben so
selten als die Meinungen der Weltweisen mit einander eintreffen. Tussnelde
beantwortete sie: die Barden hätten zwar eben solche Wasser- und Sonnen-Uhren.
Sie zeigte ihr auch nahe darbei ein Blumenstücke / da eine in der Mitte stehende
Stange den Schatten auf die mit grünem Buchsbaume gesätzten zwölf Stunden-Zahlen
warf. Uber dis hätten sie an statt der Wasser-Uhren Sand-Seiger / welche
richtiger als jene wären. Ja sie pflegten an Bewegung der Sonnen-Wenden und
anderer Gewächse / insonderheit aus dem Schatten des in dem Garten stehenden
spitzigen Steinfelsens / wie die Egyptier aus der Regung der Lotosblume / aus
dem Schatten des grossen Sonnen-Pfeilers bei Memphis und der Spitz-Seule zu
Heliopolis so wohl die Tages-Stunden / als die Jahres-Zeiten / wenn Tag und Nacht
gleich / oder die Sonne zurück kehrt / abzumässen. Allein die Barden hätten
etwas erfunden / welchem weder Rom / Egypten noch Babylon was gleiches zu zeigen
hätte / nämlich eine von Stahl gemachte Uhr / derer Räder von wohl abgeteilten
Gewichten / ein die Stunden weisender Zeiger aber von den Rädern bewegt würde;
dass die Barden also / wenn sie nur des Tages einmal die Gewichte aufzügen / das
ganze Jahr durch zu Tag und Nachte bei jedem Wetter eine jegliche Stunde genaue
wissen / und ein wachsamer Barde durch so viel Schläge an die Glocke selbte
allen andeuten könnte. Agrippine wunderte sich hierüber / und weil auf
Tussneldens Begehren sie mit ihr zu dieser Uhr auf den über der Höle gebauten
Turm empor stieg / konnte sie diese Erfindung nicht genung loben; dieses aber
wusste sie noch nicht zu begreiffen / warum der Oberste Barde selbst eine Glocke
am Halse trüge; da man solche doch anderwerts wilden Tieren / und denen zum
Tode Verdammten anzuhencken pflegte. Diesen zwar / dass sie niemand anrührte /
und sich an ihnen verunreinigten / jenen aber / dass die Raub-Tiere von den
Zahmen schichtern gemacht / das Vieh insonderheit die Falcken und Habichte desto
leichter wieder gefunden / ja durch den Klang der Glocken desto besser zu weiden
und fetter zu werden angerejetzt werden möchten. Sintemal fast alle Tiere an
süssem Klange grosses Gefallen haben / und daher die Meer-Schweine denen
Säiten-Spielern auf den Schiffen begierig nachfolgen / die Nachtigalln den
Lautenschlägern nachschlagen; und die flüchtigen Hirsche durch die
Hirten-Pfeiffen feste gemacht werden. Tussnelde versätzte: Es könnte einerlei
Ding zu zwei widrigen End-Ursachen / oder gar bei einem zur Schande / beim
andern zur Ehre gebraucht werden; Insonderheit wäre dis /wormit man die Tiere
ausputzte / nicht bald eine Verstellung der Menschen. Sie hätte in etlichen der
Diane gewiedmeten Heinen Hirsche mit Edelgesteinenen Ohrgehencken gesehen. Der
grosse Alexander hätte nicht nur sondern schon Diomedes einem Hirsche ein
köstliches Halsband mit darein gegrabener Schrifft: Diomedes Dianen / umbgemacht
/ welches hernach in Hals eingewachsen / vom Könige Agatocles in Sicilien aber
gefunden / und in Jupiters Tempel verwahret worden. Sie hätte zu Baje gesehen
/dass Antonia / wie für ihr Crassus / einer Murene Perlene Ohrgehencke angehenckt
habe. Sie wüste auch /dass im Bruñen des Labrodischen Jupiters die Aale
Halsbänder trügen / ja denen Ochsen hienge man ertztene Ringe an die Ohren.
Dieses aber hinderte nicht / dass die Ohrgehencke ein Kennzeichen des Adels sind
/ ob schon die Durchbohrung der Ohren auch ein Merckmal der Knechtschaft ist /
ja dass August die zerschnittene Perle Cleopatrens im Panteon dem Bilde der
Venus / Callidius silberne Ohrgehencke Minerven angehenckt. Massen denn auch das
an dem Trojanischen Vorgebürge zur Verehrung aufgesätzte Bild Achillens eben so
wie ein Weib an seinen durchlöcherten Ohren Edelgesteine hencken gehabt. Eben so
unterschieden wäre der Gebrauch der Glocken / welche so wohl an den Siegs-Wagen
als an den Hälsen der Missetäter hiengen / umb die Uberwinder auch in ihrem
grösten Glücke des menschlichen Elends zu erinnern. Niemanden aber käme Glocken
besser zu tragen als Priestern zu. Denn solche wären ein rechtes Sinnebild ihres
Amptes / weil sie der Mund Gottes / die Stimme der Warheit / ein Wecker der
Andacht / ein Beispiel der Frömmigkeit wären. Hierüber endigte sich das Gebete;
da denn Ariovist so begierig war des Barden Unterweisung vollends zu vernehmen /
als dieser seine Rede zu vollführen. Weil aber er ihrer Gedult halber sorgfältig
war / nach dem er noch mehr als zwei Drittel fürzubringen hätte /hielt die
Hertzogin Erdmut für ratsamer vorher mit den Barden zu speisen. Der Oberste
Barde nam es für eine grosse Gnade auf / wenn so hohe Fürsten mit ihrem Armute
vorlieb nehmen / und vielmehr mit ihnen fasten als essen wollten. Alleine / weil
nicht nur die Aertzte bisweilen zu fasten dem Magen für zuträglich / sondern
auch der meisten Völcker Geistlichen für eine Reinigung der Seele hielten / und
daher auch die Egyptier offtmals dem Osiris und der Isis /die Römer der Ceres zu
Ehren fasteten / würde vielleicht der heutigen Mahlzeit Abgang ihnen so viel
erträglicher sein. Der Barde gab hierbei dem ihm gegen über stehenden nur einen
Winck / umb alles zu bestellen / und ersuchte hierauf die fürnehmen Gäste sich
in eine zu Ende eines langen Ganges aufgerichtete Lauber-Hütte zu verfügen /
welche so künstlich geflochten war / dass sie ein zierliches Zelt fürstellte. In
diesem fanden sie zwei Taffeln mit Speisen / aber auf eine ganz absondere Art
bedecket. Denn die eine hatte die Hertzogin Erdmut auf einer Seite nach
Römischer Weise mit hohen Betten zum Liegen / auf der andern Seite aber mit
Stülen bereiten lassen. Denn ob zwar die Römer ihre alte Gewohnheit beim Tische
zu sitzen fürlängst verändert / und das Liegen erkieset hatten / auch wenn sie
nicht aus dem Bade kommen /wesshalben doch anfangs nie unbequäme Art bei Tische
zu liegen war eingeführt worden / so behielten doch alle ehrbare Frauen / wie
auch edle Knaben die Art des Sitzens. Die andere für die Barden bestimmte Taffel
aber hatte nur Bäncke von Rasen / jedoch war sie mit einem sauberen Tuche von
gezogener Leinwand bedeckt / und jedem Barden auf einmal nur eine kleine
irrdene Schüssel und ein Krug mit Wasser zum trincken vorgesätzt. Diese aber
waren von einer weissen Gläte übergläset / und darein blaue Landschaften und
Geschichte gebildet / dass sie Agrippine für Serische Porcellanen / derer nur
sechs der grosse Pompejus als eine grosse Seltzamkeit aus Morgenland nach Rom
gebracht und dem Capitolinischen Jupiter eingeweiht hätte / ansah / also sich
wunderte / woher so viel kostbare Geschirre / derer etliche zu Rom umb achtzig
Sestertier wären verkaufft worden / in diese Wüstenei komen wären? Einer der
Barden aber meldete ihr alsofort: dass diese Gefässe von ihnen selbst nur aus
deutscher Erde gemacht / und mit einer aus Blei geschmeltzten Gläte gefertigt /
auch aus ihrer undurchsichtbaren Dickligkeit von Porcellanen zu unterscheiden
wären. Agrippine betrachtete sie mit grosser Vergnügung / und sagte: dieses
wären sonder Zweifel die schönsten irrdenen Geschirre in der Welt; wo anders
nicht auch die Porcellanen aus einem gebackenen Tone / sondern aus einer unter
der Erde von der Wärmbde zusammen geschmeltzten Feuchtigkeit oder aus Steine
bereitet würden. Die in Samos und zu Aretium gebrennten Schüsseln / die Bächer
von Surrent / Asta und Pollentia / die Geschirre von Sagunt und Pergamus / die
Coischen Gefässe / welche doch zum Teil schon den Wert der Porcellanen
überstiegen hätten / verdienten mit diesem gar nicht verglichen zu werden / und
wären nicht nur zu des Numa / sondern auch bei jetziger Zeit würdig / dass aus
ihnen Bilder der Götter gemacht würden. Nach dem Agrippine auch die Barden ganz
allein speisen und ihnen nichts anders als in der ersten Schüssel ein Ey / in
der andern ein wenig Bohnen / in der dritten Kräuter / in der vierdten einen
Apffel aufsätzen sah /fieng sie an: wenn sie nicht die Bohnen auf ihrem Tische
sähe / würde sie in Gedancken kommen; dass sie dem Pytagoras und den nackten
Lehrern in Indien beipflichteten / welche wegen eingebildeter Heiligkeit ausser
ihres gleichen mit keinem Menschen speiseten /und das Fleisch-Essen für die
gröste Sünde hielten. Der Oberste Barde aber antwortete ihr: GOtt würde sie für
solchem Hochmute behüten / dass sie sich heiliger als andere Menschen halten
sollten. Diese Einbildung wäre die gröste Verkleinerung ihres Schöpfers /gegen
welchem alle Menschen elende Würmer wären. Ihre Absonderung von andern Tischen
rührte allein aus Demut und diesem Absehen her; dass sie nach niedlichen Speisen
nicht lüstern würden. Des Fleisches entielten sie sich zwar meist ihr Lebtage /
aber nicht darumb / dass / nach des Pytagoras und der Indianer Meinung /
zwischen Menschen und Vieh eine allgemeine Verwandschaft wäre / ja der
verstorbenen Seelen in dieses wanderten / also kein Tier zu seiner Wollust ohne
Grausamkeit geschlachtet werden könnte. Denn sie wüsten wohl / dass der vernünftige
Mensch ein Ebenbild Gottes / also wilde Tiere selbtem gar nicht gemäss wäre /
und seine himmlische Seele keinen Habicht / keine Schlange / keinen Ochsen zur
Herberge haben könnte. Wir sind auch mit den Juden nicht einig / welche zwar von
widerkäuenden und gespaltenen Klauen habenden Tieren das Fleisch / das Marck /
Milch und Butter / aber kein Blut essen; weil in dem Blute die Seele des Viehes
steckte / und ihm GOtt dis zu seiner Versöhnung vorbehalten hätte. Aus welchem
Absehen vielleicht auch Jupiters Priester zu Rom kein rohes Fleisch anrühren
dörffte. Alleine / warumb sollte dis in dem Munde den Menschen verunreinigen /
damit der Priester in der Opfer-Schale das Volck reinigte? dieses aber ist ausser
Zweifel; dass bei anwachsender Wollust und Verschwendung das Fleisch-Essen zum
grossen Schaden und Aergernüsse in Missbrauch geraten; indem unterschiedene
Völcker dis / wofür andere ein Grauen haben / nämlich die Araber Kamele / die
Phrygier weisse Holtz-Würmer mit schwartzen Köpffen / die Libyer Heuschrecken /
die Africaner Heidächsen / die Scyten Pferde und Füchse / ja gar
Menschen-Fleisch für ihre Leckerbisslein erkiesten. Insonderheit aber hat der
ersten Welt Sparsamkeit im Fleisch-Essen / welches ohne dis allererst zur Zeit
Pygmalions den Anfang genommen haben soll / sich nunmehr so vergrössert / dass es
scheint / als wenn die Natur keine andere Nahrung als Tiere zeugte / und dass
man ohne Blut und Zerfleischung unzählbarer Tiere keine Mahlzeit halten könnte.
Die Römer hätten lange Zeit des Abends nur Brod / früh aber allein gebraten
Fleisch / die Parter kein ander Fleisch gessen / als was sie auf der Jagt
erlegt / nun aber würde für kein Gastmahl gehalten /wenn man einem jeden Gaste
nicht ein ganz gebraten Reh oder wildes Schwein / und in einer Schüssel sieben
tausend Vögel / und zwei tausend Fische / von mehr als hunderterlei Sorten
Fische fürsätzte. Hieraus erwüchse die zu allen Lastern insonderheit zur
Geilheit leitende Schwelgerei. Weil nun Priester GOtt so wohl mit reinem Hertzen
und Händen dienen sollten; liege ihnen ob allen Zunder der Brunst / und darunter
so wohl das Fleisch als den Wein aus dem Wege zu räumen. Daher pflegten die Römer
/ nach dem Beispiele des Numa / der sich für den Opffern des Fleisches und
Beischlaffs enteuserte / in heiligen Feiertagen nur Kräuter und Gesäme / die
Wahrsager Jupiters in Creta keine gekochte Speisen weniger Fleisch /die
Brachmanen und Sonnen-Priester in Indien nichts als Aepfel und Reiss / die Weisen
in Persien nur Mehl und Kränticht / die Mysischen nur Honig / Milch und Käse zu
speisen / die Egyptischen zehn Tage für ihren Feiern sich des Weines und
Fleisches zu entalten. Und dieses Absehen / kein ander Aberglaube aber wäre es
/ dass die Barden sich so wohl des Fleisch-Essens als starcker Geträncke
enteuserten. Agrippine fragte: wie sie denn bei Kräfften blieben / oder einen so
grossen Zwang / in die Länge ausstehen könten? der Barde versätzte: die Natur
wäre mit wenigem vergnügt würde / vom Uberflusse geschwächt / und gewohnte Dinge
machte keine Beschwerligkeit. Hätten doch Diogenes und andere Weltweisen oft
lange Zeit sich gar ausgehungert / die Hierophanten zu Aten sich durch
gifftiges Schierling-Kraut / die Priester Cybelens durch ein Semisch Scherben
gar entmannet /umb die bösen Lüste zu tödten. Wie sollte denn ihnen schwer fallen
bei so grossem Uberflusse der Natur den Fleisch- und Wein-Zahn auszuschlagen?
Alle schöpfften über dieser Erklärung / und bei der köstlichen Tafel der Fürstin
Erdmut so wohl an seltzamen Speisen als sinnreichen Unterredungen grosse
Vergnügung. Ob sie nun zwar eine Stunde für der Sonnen Niedergange von dem
Barden Abschied nahmen; so verliessen sie doch den dritten Tag sich wieder
einzufinden.
    Dieses erfolgte auch auf bestimmte Zeit; und Ariovist lag fast beim ersten
Eintritte in den Garten dem Barden an seinen aus Gewächsen genommenen Unterricht
der Fürsten zu völligem Ende zu bringen. Der Oberste Barde war hierzu so fertig
/ als Ariovist und andere ihn zu hören begierig; fieng also an: die Natur hat
uns nechstin gelehrt / wie ein Fürst erzogen werden / und wie er sich ins
gemein in seinem Tun verhalten solle. Heute wird sie uns hoffentlich Nachricht
geben / wie er sich besonders gegen seine Untertanen / gegen Frembde / gegen
seine Diener / und sonst im Wolstande seiner Herrschaft zu verhalten habe. Die
uns allhier im Gesichte stehenden Mandelbäume /welche teils bittere / teils
süsse Früchte tragen /weisen einen Fürsten alsbald an / dass er gegen seine
Untertanen teils mit Schärffe / teils mit Gelindigkeit verfahren müsse. Denn
etliche Menschen gleichen den Nussbäumen / welche von vielem Schlagen fruchtbarer
werden; Andere dem kein Eisen vertragenden Gersten-Isop und Krausemüntze. Weil
aber die Menschen ins gemein mehr zu Lastern als zu Tugenden einen Zug haben;
ist die Schärffe meistenteils nötiger als die Gelindigkeit. Diese erweckt zwar
Liebe /jene aber Furcht und Liebe zugleich gege dem Fürsten / so wie die
Pflantze / welche man das keusche Lamm heisst / zwar der Unkeuschheit widerstehet
/ gleichwol aber die Frauen-Brüste mit Milch bereichert. Jedoch muss solche
Furcht von knechtischen Schrecken unterschieden / und ein Fürst kein trauriger
Baum sein /der seine Blüten / nämlich die Freudigkeit seines Gemüts stets in
die Finsternüs der Nacht versteckt. Es ist ja ein ansehnlicher Baum / welchen
nicht das andächtige Altertum einer gewissen Gotteit gewiedmet / ja selbten
gar als etwas göttliches verehret hat. Eben so muss ein Fürst sich jederzeit
mühen / auch bei Ernst und Unglück ein freundliches Gesichte und gütiges Ansehen
zu zeigen / wordurch er von dem Volcke so viel mehr für eine irrdische Gotteit
verehret und bei selbtem als einem stets offenen Heiligtum Zuflucht zu suchen
veranlasst werde. Wenn ihm aber ja des Volckes oder der Diener Vergehung eine
Empfindligkeit abnötigt / muss er ihren Fehlern ihre vorige Verdienste entgegen
setzen / und also sie sich für sich selbst zu schämen zwingen. Dieser linde
Verweis hatte wie die sanften Regen mehr Nachdruck als unmässige Schärffe und
Wolckenbrüche. Sie fruchtet so viel gutes / als wie wenn man im Frühlinge mit
einem Steine die euserste Schale der Egyptischen Feigenbäume ein wenig verwundet
/ wormit ihr zu Artzneien so dienliche Safft daraus rinne. Ist aber ein Fürst
nicht mächtig seinen Eyver zu mässigen / ist es ratsamer durch seine Diener zu
straffen / und gleichsam wie der Eschbaum mit seinem Schatten dem giftigen
Ungeziefer beschwerlich zu fallen. Ausser dem ist es eine Grausamkeit / wenn ein
Fürst entweder gar niemanden vor sich lässt / oder bei Verhören hinter Tapeten
sich versteckt / und die ihn verehrenden entweder der Ansprache oder tröstlicher
Antwort noch auch der Anschauung seines Antlitzes würdiget. Denn weil dieses die
Untertanen / wie das holde Auge der Welt die Tulipanen und andere vom Regen
erzogene Blumen stärckt und erquickt; müssen beide beim Abgange ihres kräfftigen
Anblickes matt und bekümmert werden. Ein einig gutes Wort / ein freundlicher
Anblick des Fürsten zeucht einen Betrübten oft aus dem Wasser der Trübsal / wie
ein Sonnenblick die Seeblumen aus der Tieffe des Nilus. Am allermeisten aber
verknüpfft er ihm die Gemüter durch Freigebigkeit. Diese Tugend ist vom Himmel
so gesegnet / wie die Egyptischen Feigenbäume; wo man die Frucht kaum
abgebrochen / stehet bald eine andere und bessere in der Stelle. Er muss aber die
Verdienste der Vermögenden mit Würden und Ehren-Aemptern / der Armen mit
beifälligen Einkünfte / niemanden mit den Gütern seiner Krone beschencken /
und durchaus nicht wie die Aloe-Staude sein Vermögen mehr zu geben auf einmal
erschöpffen / welche auf einmal uns mit so viel hundert Blumen beschencket: dass
sie hernach verdorret und verachtet steht. Dieser Verschwendung wird am besten
begegnet; wenn ein freigebiger Fürst seinen Einnahmen und Ausgaben sparsame
Verwalter fürsetzt / diese aber jährlich dem Fürsten seine Geschencke für Augen
stellen / um ihn durch solche Übermass zur Maasshaltung anzuleiten. Jedoch muss
ein Fürst sich hüten jemanden etwas schlechter dings abzuschlagen. Denn er soll
/ wie die Zitronbäume / allezeit Blüte und reiffe Früchte im Vorrate haben. Weñ
er nun nicht alsbald einen versorgen kann / muss er ihn zum wenigsten mit Blüten /
nämlich mit guten Vertröstungen speisen; welche doch aber endlich nicht gar leer
ausgehen müssen. Deñ wie die Mandelbäume insgemein mehr Mandeln als Blätter
tragen /also müssen Fürsten reicher von Wercken als von Worten / und in ihren
Reden denen Pfirschkenbäumen gleich kommen; derer Blätter die Gestalt der Zungen
/ihre Früchte aber der Hertzen haben; nämlich Mund und Meinung soll bei ihnen
mit einander überein stimmen. An den Pflantzen und Saaten / welche ein linder
Tau erquickt / ein Platz-Regen zu Bodem schlägt / hat er wahrzunehmen: dass so
wohl in Belohnungen als Straffen allzu viel schädlich / das Mittel aber in allen
Gemüts-Regungen vorträglich sei / und an den Balsam-Stauden: dass die Verwundung
der Schale die Abtrieffung des Balsames / die Beleidigung des Stammes selbst
aber desselbten gäntzlichen Verterb verursache. Ihrer viel werden durch allzu
heftige Schärffe nur hartnäckicht / durch linde Züchtigung leicht gebessert /
wie die Egyptischen Feigenbäume / welche von weniger Zerquetschung einen
heilsamen Safft / wenn man sie aber allzu sehr verwundet / nichts heraus rinnen
liessen. Er muss den allzu heftigen Trieb der Furcht / des Ehrgeitzes / der
Herrschens-Begierde / ja das Recht seiner unumbschrenckten Gewalt / wie die
Ackers-Leute den sich überwachsenden Weitzen beschneiden; und in seinem Reiche
keinen Baum so hoch wachsen lassen: dass er mit seinem Schatten andere erstecke.
Ja der allergröste Fürst hat bei seiner Hoheit eine Niedrigkit zu ermässen / und
mit seinem gekrönten Haupte wie die Lilgen auf seinen irrdischen Fuss zu schauen
und zu behertzigen: dass die Beherrscher der Welt wie die Eichen ihre Wipfel zwar
gegen dem Himmel / ihre Wurtzeln aber gegen der Hölle strecken; dass ihre Hand so
wohl als eines Bettlers dem Aussatze unterwürffig; dass seine Würde zwar von GOtt
/ seine Verrichtung aber menschlich / er der Untertanen Vater /nicht ihr
Halsherr; dass er unter seinem Volcke zwar in höchstem Ansehen / nicht aber der
beste und geschickste / und / wenn es aufhöret zu gehorsamen /ihres gleichen
sei; ja / dass oft zwischen Herrschaft und Henckerstreichen / zwischen
Königlichen Stülen und selbst eigenen Kniebeugen wenig Augenblicke den
Unterscheid machen; und dass so wohl in Pallästen als Gärte die Käyser-Kronen in
ihrer Mitte milde Tränen zeugen. Uber dieses weiset seine Hoheit einen Fürsten
an: dass eine Frucht so viel süsser sei /jemehr sie von der Erde entfernet ist.
Daher muss ein Fürst / der über alle andere Menschen erhaben steht /auch dem
Volck beliebt sein / und wie die Rosen mit ihrer Farbe nicht nur ergetzen /
sondern auch mit ihrem Geruch das Hertz stärcken; unterschiedene Bäume nicht nur
mit ihren Früchten nutzen / sondern auch mit ihrer purpernen Blüte die Augen
füllen; also muss er auch durch erlaubte Schauspiele und andere Erlustigungen
seine Herrschaft dem Volcke annehmlich / und den an sich selbst beschwerlichen
Zwang des Gehorsams erträglich machen. Nach dem aber in der Welt viel
Kranckheiten durch Gift geheilet /durch das giftige Zieger- und Bilsen-Kraut
anderes Gift zernichtet wird / viel schädliche Anschläge nicht alsbald mit dem
Schwerdte und den Klauen euserlicher Kräffte / sondern durch schlaue Begegnung
zernichtet werden müssen / hat ein beleidigter oder entrüsteter Fürst eben so
wohl scheinbarer Gebehrdung als das giftige Napell / weñ es zu Ausziehung der
Pestdrüsen nützlich gebraucht werden soll / einer Himmel-blauen Blume von nöten
seine Eigenschaft zu verbergen. Denn umb sich zu erhalten / und anderer Arglist
krebsgängig zu machen stehet einem Fürsten so wohl an schlau zu sein / und sich
wider den Betrug entweder mit einer Larve zweideutiger Erklärung oder mit
Verschweigung gewisser Geheimnisse zu verwahren / als einem Gärtner den zur
Artznei abtreibenden Sadelbaum zu pflantzen. Wiewol vielmal ein Fürst / wenn er
die Warheit so offenhertzig heraus sagt / als ein zerborstener Granat-Apfel den
geheimen Schatz seiner Kerne zeugt / die missträuliche Bosheit am leichtesten
verführet / weil sie ihr nach ihrer eigenen Beschaffenheit einbildet: dass sie
was anders redeten als gedächten. Zuweilen muss auch ein für gar zu klug
gehaltener Fürst sich seiner Vorsicht enteusern /wie man die Weinstöcke
entblättert: dass die Ratschläge und Trauben desto besser reiffen. Sintemal
jeder mit einem allzu scharfsichtigen etwas zu schlüssen Bedencken trägt; ja das
Misstrauen alle Dinge nicht nach ihrer eigenen / sondern nach ihres ihnen in die
Augen fallenden Schattens zu mässen pflegt. Ob es nun zwar derogestalt ratsam
ist zuweilen Einfalt und Fehler zu zeigen / so muss er doch weder hierinnen /
noch sonst ihm in seinen Anschlägen in die Karte sehen lassen / sondern selbte
wie die Egyptische Seeblume ihre Blätter für allen andern Sternen /ausser der mit
ihr vertrauten Sonne / zusammen hüllen und unter das Wasser verstecken; dass
niemand seine Geheimnisse sehen könne. Niemanden aber muss er mit den Waffen
überfallen / den er nicht wegen angetanen Unrechts umb Vergnügung angesprochen
/und bei derselben Verweigerung ihm den Krieg angekündigt hat. Wenn er aber
eines andern heimliche Tücken ergründet / ist er nicht verbunden seine
Wissenschaft zu entdecken / sondern sich vielmehr heimlich wider alle böse
Anschläge in gute Verfassung zu stellen. Hingegen muss er seiner Ohnmacht eine
Farbe anstreichen / wie die Holtz-Aepfel-Bäume die Bitterkeit ihrer Frucht mit
Purper verhüllen / und seiner Schwäche durch euserlichen Schein / wie die
Spanischen Feigenbäume / welche eine kleine Frucht bringen / aber mit desto
grössern Blättern prangen / ein Ansehen machen. Jedoch hat ein Fürst in allen
diesen Anstellungen bescheidene Maass zu halten. Denn Vermumungen sind
Staats-Dienern anständiger als Fürsten / und kein besser Mittel Liebe und
Ansehen zu erhalten / als wie die ihre Blätter weit ausbreitenden Lilgen
offenhertzig zu sein. Gleichwol aber hat er allen frembden Glantz nicht für Gold
anzunehmen /sondern aus Prüfung der Tulipanen / welche mit denen bundtesten
Farben spielen / und ihrem Scheine nach fast alle Blumen wegstechen / zu lernen:
dass grosses Gepränge oft keinen Geruch und Krafft habe / also die Einbildung
uns oft hinters Licht führe / und die / welche mehrmals den grösten Schein der
Treue und Geschickligkeit von sich geben / nicht selten die betrüglichsten sind.
Ja die / denen auch gleich anfangs kein Mangel auszustellen ist / schlagen
hernach aus dem Geschirre / und die Veränderung des Alters / des Glücks / die
Gemüts-Regungen / der Eigen-Nutz verursachen: dass die Gemüter wie die
Tulipanen ihre Gestalt verändern / und aus weiss-streiflichen endlich /wenn man
sie zumal nicht zu rechter Zeit versätzt /gemeine rote oder gelbe werden.
Welche Blumen-Veränderung einem Fürsten ferner weit zur Warnigung diene: dass die
Verläumbdung vielmahl die Tugend vergeringere. Welches sie so meisterlich zu
spielen weiss: dass der Scharfsichtigste diese Verwandelung nicht gewahr wird.
Denn der / welcher einen andern schwartz machen will / klagt ihn durch scheinbare
Entschuldigung seiner Fehler an / er lobt ihn vorher aufs mühsamste: dass seine
Beschuldigung hernach desto glaubhafter werde / oder er rühmt an ihm heldtbare
Dinge aus einem angenomenen Unverstande / oder durch Stachelreden; ja er müht
sich ihm auch durch Beförderung zu grössern Ehren dem Fürsten von der Seite zu
bringen / und hernach wie Epheu den / welchen er vorher gezieret hat / zu
stürtzen. Nicht weniger müht sich der Eigennutz durch allerhand Vorschläge / wie
die Herrschaft zu verbessern / die Einkünfte zu vermehren / viel Ausgaben zu
ersparen wären / dem Fürsten einen blauen Dunst zu machen. Wenn alle diese
Tiefsinnigkeit aber beim Lichten besehen wird / giebet es sich: dass selbte sich
wohl auf dem Papiere sehen aber nicht bewerckstelligen lasse; oder es gleichen
diese Vorschläge dem Schatten der Fichtenbäume / welcher zwar dem Vieh zur
Kühlung dient / aber keinen Baum neben sich aufkomen lässt /und der gegebene Rat
in einem zwar nützlich / im andern aber umb ein grosses schädlicher ist.
Diesemnach muss ein Fürst so wohl die Beschaffenheit der Ratgeber / als die
Umbstände der Sache selbst untersuchen; also sich weder andere betriegen lassen
/ noch sich selbst weder durch Leichtgläubigkeit noch durch eigenes Wolmeinen
verführen. Hierbei ist zwar denen Schwachen unter die Armen greiffen / denen
Bedrängten hülffbar beispringen eine ruhmbare Grossmütigkeit / ein Fürst aber
muss an denen Bäumen / welche dem Epheu zur Stütze dienen / von ihm aber des
Safftes beraubet werden / und ihm zu Liebe verdorren / sich spiegeln; dass er
sich selbst nicht in ein frembdes Garn / wenn nicht sein grosser Nutzen oder
scheinbare Gefahr in selbtes mit eingeflochten ist /entweder aus blossem
Mitleiden oder Grossmütigkeit verwickele / oder einer schon fallenden Wand die
Achseln unterschiebe / weniger einem falschen Freunde den Dorn aus dem Fusse
ziehe / und ihn ihm selbst ins Auge stäche; wo nicht durch unzeitigen Beistand
des fallenden Untergang befödere. Er hat wohl zu untersuche / von was für einer
Art der sei / welche er sich woltätig erweist. Deñ ihrer viel haben eine so
undanckbare Eigenschaft wie die Feigenbäume; jemehr man ihrer durch Begiessung
pflegt / jemehr verärgern sie sich; oder sie sprossen wohl hernach gar gegen
ihren Helffer wie der Klee gegen den ihn erfrischenden Regen die Spitzen. Noch
viel weniger aber muss sich ein Fürst durch Liebkosungen einschläffen /und durch
Heuchelei in Trägheit / Wollüsten und Lastern stärcken lassen / sondern glauben:
dass die / welche dem Fürsten alles / auch das Böse loben / denen giftigen Blumen
und Fliegen-Schwämen gleich sind /welche mit ihrer hohen Farbe zum Verterb
anlocken /und mit ihrem Bisam-Geruche und süssen Geschmacke tödten; oder unter
ihren Purpurblättern Schlangen verhölen. Sie sind dem Schilffe am ähnlichsten /
welches inwendig hol ist und keinen Kern hat / doch zu Pfeiffen dient / und
einen hellen Schall macht. Diese aber sind von treuen einen Fürsten wert
haltenden Dienern anders nicht zu erkeñen / als dass diese nur das Gute / jene
alles loben / diese allezeit eine / jene nach Veränderung der Lufft und des
Hofes vielerlei Meinungen verteidigen. Insonderheit muss sich bei ihrer Prüfung
ein Fürst seiner Selbst-Liebe entschlagen / sich in Geschichtbüchern umschauen /
ausgeworffene Schmähkarten lesen / und zuweilen von Frembden und Einfältigen
Nachricht einziehe. Denn die niedrige Einfalt gleicht dem Flachse / die
abgerichteten Höflinge aber der Wolle. In dieser nistet der Wurm der Heuchelei
gerne ein / jenen aber lässt er unberühret. Es muss ihm aber ein Fürst nicht
lassen missfallen / weniger empfinden / wenn ihm die ins gemeine bittere Warheit
gesagt wird. Deñ Wermut ist wider die Bitterkeiten der Galle / und
unverfälschte Warheit wider die Schwachheiten des Gemüts die sicherste Artznei.
Wiewol es der Klugheit gemäss: dass man einem Fürsten die Warheit mit
Bescheidenheit beibringt / also keinen Dorn ohne Rosen überreicht /nicht aber
ihn mit Stachelreden verächtlich anstreicht. Am allerfleissigsten aber hat ein
Fürst seine Staatsdiener und Räte zu untersuchen / welche ihm nicht anders als
Zwiebeln Rosensträuchen an der Seiten stehen müssen. Denn wie diese machen: dass
die benachbarten Rosen röter und wolrüchender wachsen / sie selbst aber nicht
nur ihren Gestanck behalten / sondern ihn auch gegen jenen Blumen vergrösseren;
also muss ein Diener alles gute seinem Fürsten zueignen /alles dem Volcke
verhasste und beschwerliche aber auf seinen Achseln behalten. Uber dis ist nicht
ratsam /dass ein Fürst einen Diener zu gross mache / als dessen unmässige Gewalt
ihn verkleinert / wie der Monde abnimt / wenn die Zwiebeln wachsen und safftiger
werden. Er möge zwar ihn den nechsten an seiner Seiten sein lassen / aber dieser
muss wie die wilden Feigenbäume / welche andere schwängeren / selbst aber keine
Früchte bringen / nur dem Fürsten / nicht ihm selbst nütze sein. Ein Diener hat
zu erwegen: dass er die Gnade seinem Fürsten so wenig als ein Baum die Woltat
der Sonne vergelten oder gegen andere ausgleichen köñe. Deñ jenes sind himlische
Strahlen /sein Tun aber nur ein Schatten. Jemehr er auch sich durch Ansehen dem
Fürsten nähert / je näher ist er auch dem Falle / wie der Gipfel hoher Zedern
dem Donner. Wie hoch er imer klettert; hat er doch eine schwache Wurtzel wie
Erbs- und Hopfenstengel / und der geringste Zufall ist mächtig ihn aller seiner
Macht / wie der gelindeste Wind die Anemonen ihrer Blätter zu beraube. Der Fürst
sei gleich gütig oder grausam /hänge ihnen doch einerlei Gefahr / wie den
Päonien so wohl von der Sonnen-Hitze als dem Platz-Regen zu. Sich nun beim Stande
und am Brete zu erhalten ist kein besser Mittel als den Feilgen nachzuarten /
nämlich den süssen Geruch eines guten Nahmen zu behalten / und in ihrer
Niedrigkeit der Demut zu bleiben /nicht aber wie die Ringel-Blumen grosser
Pflege- und Wartung / noch wie Epheu des Emporsteigens begierig / sondern den
Apfel-Bäumen gleiche zu sein; welche auf denen zur Erde gebogenen Aesten die
meisten Früchte tragen. Auch muss er in seinem Ampte nicht müde werden / noch die
Hände sincken lassen / sondern nach Anweisung der Feigenbäume / welche mit denen
zunehmenden Jahren immer fruchtbarer werden / seine Treue und Fleiss von Tage zu
Tage vergrössern. Er wird sich auch nicht leichte vergehe / weñ er nur stets
eingedenck lebt: dass die Gnade des Fürsten den Cypressenbäume gleichte / nach
derer Abhauung ihre Wurtzel nicht wieder auswachse. Es muss aber ein Fürst wegen
eines geringen Fehlers / wegen eines unvorsätzlichen Schadens / aus unzeitigem
Misstrauen einen Diener nicht alsbald verwerffen / oder gar stürtzen. Denn es
beherbergen ins gemein die süssesten Aepfel Würmer / und die geschicktesten
Leute gewisse Gebrechen. Ja wie die Würmer das reiffwerden des Obsts befördern /
also dient zuweilen eine Vergehung zu desto eifriger Abwartung des Amptes;
läufft er aber mehr als einmal an / oder ist sein Verbrechen ärgerlich / so muss
er zwar empfindlich gestrafft /nicht aber bald gar vertilgt sein. Deñ eine
solche Züchtigung schlägt nicht selten so wohl an / wie die Zerkerbung der Rinde
an den Tannen-Bäumen / zwischen welcher sich Würmer hecken / und den verdeckten
Stam ausfrässen / hernach aber freudiger wachsen. Wenn er aber ja seinem Dienste
fürzustehen unfähig ist / muss der Fürst es mit einem andern versuchen. Denn die
Versetzung hat so gar die in Persien giftigen Pfirschken in andern Ländern essbar
gemacht. Wenn aber ein Diener einmal den Fürsten vorsetzlich beleidigt / und ihm
an den Regiments-Stab gegrieffen hat /ist es nicht nur Unsicherheit / sondern
Torheit selbtem iemals mehr zu trauen; deñ sie sind alsdenn wie die Mispeln und
die Früchte der Sper-Bäume am dienlichsten / nämlich wenn sie zu faulen
anfangen. Ihr Leben bringt nur Gefahr / und die Begnädigung gebieret ins gemein
Undanck. Weil die von den Nattern aufgefangene Balsamtropfen ihnen zwar wohl das
Gift / Wohltaten aber von Rachgierigen die Galle zu benehmen nicht mächtig
sind. Keines weges aber ist es ratsam: dass ein Fürst lasterhafte Leute höher
befördere / oder anfangs wissentlich in Dienst nehme; wenn selbte gleich grosse
Geschickligkeit an sich haben. Ist doch kein Gärtner so unvorsichtig: dass er
giftiges Farren Kraut in Garten unter andere Gewächse pflantzt / ob es schon zu
Augen-Salben dienlich ist; wie viel weniger muss es ein Fürst sein. Die Bosheit
hat mit dem Palmbaume keine Verwandschaft /als diese: dass sie wie eine
umbgekehrte Spitz-Säule unten am dinnesten und schwächesten / oben aber am
dickesten und stärcksten ist / und ein böser Mensch in hohen Würden wie der
Krebs im Himmel mehr / als auf der Erde Schaden tut. Seine Geschickligkeit
dient nur / wie etliche gläntzende Blumen zur Schmincke / oder wie der sonst
gesunde Klee zur Nahrung der Schlangen / zu Werckzeugen der Laster; und die
angebohrne oder angewöhnte Unart lasse sich schwerer als die Wicken aus dem
Weitzen / und die Seide aus dem Flachse ausrotten; welche die Uberbleibungen der
Tugend / wie diss zweifache Unkraut die fruchtbaren Stengel zu Bodem reisst. Ja
wie der Safft des weiblichen Farren-Krautes seine eigene Wurtzel nicht schont /
sondern sie tödtet; da hingegen die unter die Erde erniedrigten Wurtzeln des
Zirnen-Baumes / welche das Gift der Basilisken übertreffen /nicht allein zu
schaden nicht vermögen / sondern selbst den Schlangen widerstehen. Wenn ein
Fürst aber auch schon untadelhafte Diener bestellt / muss er selbte nicht leicht
verwechseln / sondern ieden in seine rechte Stelle setzen / nach Anleitung der
Gärtner / welche genau untersuchen: Ob diese oder jene Pflantze in fettem oder
sandichten Erdreiche am besten wachsen. Wie die Kapern im steinichten / die
See-Blumen im wässrichten / die Palmbäume im dürren Bodeme wohl fortkommen / im
andern verterben /diese die Sonne / die Granat-Aepfel den Schatten lieben / ja
der Flachs in leichtem Bodeme gerätet / den fetten aber ohne Nutz noch darzu
aussaugt; also ist es auch mit denen wohl oder übel versetzten Gemütern
beschaffen. Kein Acker aber / wie gut er immer ist /taugt für alle Gewächse /
und der geschickteste Kopf hat nicht das Vermögen allen Geschäfften alleine
vorzustehen. Fürnemlich muss ein Fürst sorgen / dass er über seine Einkünfte
solche Diener setzt / die denen gebildeten Garten-Gefässen gleichen / welche
zwar Augen auf alles genau acht zu haben / keine Hände aber das geringste
abzubrechen haben. Der Schatz eines Fürsten gleicht den Lilgen / welche / wenn
sie angerühret werden / viel von ihrem Geruche und Reinligkeit der Farbe
einbüssen. Nichts desto weniger schont der Geitz weniger seines Fürsten / als
Epheu seines ihn tragenden Baumes solchen auszusaugen. Welches etlicher massen
zu verhüten ist / wenn ein Fürst die Aempter nicht verkaufft / die Diener
auskommentlich besoldet / und nicht zu notdürfftige über sein Vermögen setzt.
Weil die ausgedorrten Wurtzeln doch am durstigsten sind / das Marck der Erde an
sich zu ziehen. Seine eigene Fürstliche Hoheit muss er niemals ablegen / und sie
keinem auch der bewehrtesten Diener anvertrauen. Denn die in mit Erde gefüllten
Körben geschehende Absägung der Aeste / welche nach ihrer Einwurtzelung von dem
Stamme abgeschnitten werden / tue ihm die Augen auf; dass ein Diener / welcher
die Süssigkeit des Herrschens einmal gekostet hat / lieber sein eigen Herr sein
/ als von einer höhern Gewalt abhängen will /sonderlich wenn er mit dem Fürsten
in Verwandschaft steht / oder einen alten Anspruch ans Reich vorschützen kann.
Daher müssen sie offters / wie die Tulipanen-Zwiebeln versetzt werden / wenn sie
Farbe haben sollen. Weil ein Fürst auch allezeit auf Örter und Menschen
scharffsichtig zu sein von nöten hat / muss er ihm Diener erkiesen / die wie der
Fenchel seine Augen schärffen / nämlich mit ihren Ratschlägen seinen
Entschlüssungen ein Licht aufstecken / welche denen Schlangen ihre alte Haut
abziehen / nämlich die Schwachheiten ihres Fürsten verdecken; und in Brüsten
viel Milch zeugen / nämlich das Reich mit Uberfluss erfüllen. Sie müssen in ihrem
Hertzen die gemachten Schlüsse / als einen geheimen Schatz / wie Lilgen und
Rosen in ihrer Mitte ihr Gold verwahren / welche letztern ohne diss niemals
schöner sind / als wenn sie noch nicht ganz aufgeblüht / sondern die Blühten
halb verschlossen stehen. In allem ihrem Vorhaben müssen sie ihr Absehen auf den
Fürsten haben / und alles seiner Regung zuschreiben nach Art der Sonnenwende /
welche nicht so wohl von ihrer Wurtzel / als von der Soñe beseelt zu werden
scheinet / und ihr Haupt vom Morgen biss zum Abende aus hertzlicher Zuneigung ihr
zuwendet / ja in der Nacht alle andere Sterne verschmäht / und mit gebogenem
Halse unter der finstern Erde ihr und der Welt Auge sucht / und derogestalt zwar
müde / aber nicht satt wird. Wenn sie schon das gröste Werck ausgerichtet haben
/ sind sie schuldig dem Volcke beizubringen / es sei wo nicht das Werck / doch
die Erfind-und Angebung der Fürsten. Denn hierdurch benehmen sie nichts ihrem
Ruhme / sondern sie vergrösseren sich vielmehr / wie der Geruch des
Rhodis-Holtzes /wenn ein Regen-Bogen seine Pflantze berührt. Wenn ein Fürst in
Ratschlägen die unverfälschte Wahrheit beobachtet wissen will / muss er selbten
nicht beiwohnen. Denn wie die Feilgen von weitem am lieblichsten rüchen / also
reden Diener bei Entfernung ihres Fürsten am offenhertzigsten; verlangt er aber
nichts / als ihren Beifall / so hat er nichts anders zu tun / als anwesend
seine Meinung am ersten zu sagen; und also kann er gar leicht widrige Würckungen
verursachen /wie die Milch in Feigen-Bäumen / welche die dinne Küh-Milch
gerinnend / die geronnene flüssend macht. Ob nun wohl die Tugend / wie die so
genennte Käyser-Krone unter den Blumen ihr selbsteigener Krantz ist; so muss doch
ein Fürst von denen gekrönten Granat-Aepfeln ein Beispiel nehmen: dass er grosse
Verdienste niemals ohne Belohnung lassen solle. Denn die nicht in Ansehn
kommende Tugend verschrumpft wie die Tulipanen im Schatten. Diese aber muss nicht
so wohl an Gütern als Ehre bestehen; westwegen die Alten ihre Siegs-Kräntze von
denen unfruchtbaren Lorber-Bäumen abgebrochen haben. Sintemal zwar die Ehre die
Tugend / wie der Saffran das Gemüte aufmuntert; beider übermässiger Genuss aber
würcket eine solche Ausschüttung der Freudigkeit; dass man sich darüber zu Tode
lacht. Gleicher Gestalt muss die Belohnung nicht so wohl auf den Verrichter / als
auf das Werck schauen / und daher nach dem Gewichte der Verdienste abgewogen /
auch nicht nur der Adel /sondern auch des niedrigsten Menschen Helden-Taten
wert gehalten werden. Denn vielmal hat die Tugend so wohl aus geringem
Herkommen / als die wohlrüchende Lilge aus einem stinckenden Stengel ihren
Ursprung. Wie gross aber iemals die Verdienste sein mögen / muss die Belohnung
doch weder des Fürsten Vermögen / noch sein Ansehn erschöpfen /und er
insonderheit niemals den Krantz seiner Hoheit auf eines andern Scheitel setzen.
Worinnen so wohl die Natur treuen Dienern / als kluge Gärtner Fürsten
vorsichtige Lehrmeister abgeben. Jene in den Lilgen /welche mit den Rosen
niemals zugleich kommen /sondern ihren Silber-Glantz allererst / wenn jene
vergangen sind / der Welt zeigen / damit sie mit ihrem Golde nicht etwan ihren
Königlichen Purper beschämen. Diese pfropfen zwar von einem guten Baume auff
wilde Stämme / sie nehmen aber hierzu nur kleine Schnaten / welcher Abgang
seinem Stamme nicht einst angesehen wird. Ein Fürst aber muss nicht alles die
Diener machen lassen / sondern sich der Herrschaft selbst anmassen / und das
Reich / welches mit so viel Dornen als die Rose umbgeben ist / durch Klugheit zu
erhalten bemüht sein. Viel haben sich so wohl über desselben Erlang- und
Erhaltung blutig gestochen / auch / wenn sie es nicht beim rechten Stiele gefasst
/ oder die Finger mit Handschuhen wieder die Spitzen verwahret / gar aus der
Hand fallen lassen. Wenn man die Nesseln furchtsam anrührt / brennen sie / nicht
aber / wenn man sie hertzhaft antastet. Nicht anders ist es mit dem Volcke
beschaffen / welches die Fähigkeit ihres Fürsten bald kennen lernet; nichts aber
zeucht mehr Verwirrung und den Verlust des Reiches leichter nach sich / als wenn
ein neuer Fürst allzu plotze und heftige Veränderungen fürnimt. Diese sind
empfindlich und verhasst / wenn sie gleich dem Volcke zum besten angesehe sind;
und er hierdurch das Reich in einen bessern Stand versetze will. Daher muss alle
Verbesserung nach und nach unvermerkt geschehe / wie es die Gärtner mit
Versetzung der Pflantzen machen / an derer Wurtzeln sie einen grossen Klumpen
ihrer mütterlichen Erde lassen / und bei der Einsetzung genau in acht nehmen /
dass sie mit allen Seiten gegen eben die Himmel-Strieche zu stehen kommen / wie
sie zum ersten gewachsen gewest. Ja / wenn auch ein Fürst bei Antretung seiner
Herrschaft alles in ärgster Zerrüttung / und eitel unnütze Diener in Aemptern
antrifft / muss er nur ein Stück nach dem andern verbessern / und die
untauglichen Amptleute zum Teil eine Zeitlang dulden / biss die neuen nötig
unterrichtet werden. Denn also lassen auch die Gärtner bei Pfropfung gewachsener
wilden Bäume etliche wiewohl unnützliche Aeste stehen / dass sie denen auf andern
Aesten gepfropften Reisern den Safft helffen zuziehen. Wenn aber diese beklieben
sind / segt er jene billich vollends ab. Sintemal ein Fürst nicht nur die
Erhaltung / sondern auch die Verbesserung des Reiches zu seinem Augenziele haben
muss. Denn so bald diss zu wachsen aufhört / nimt es ab / wie die schon gleichsam
in ihrem Wachstume veralternden Rosen. Auch dieselben Königreiche /welche
tausend Jahr geblühet / und der Unvergängligkeit überlegen zu sein geschienen /
legt Gott endlich in Staub; wie die unsterblichen Amaranten zuletzte doch
verdorren. Wider diesen Verhängnis-Schluss hilfft keine menschliche Klugheit; und
es werden von diesem auch durch den Blitz die unversehrlichen Lorbern getroffen.
Ausser dem wird von Fürsten auch viel versehen / wenn sie neuen Gottes-Dienst
und frembde Diener einschleichen lassen / die Ehre der Untertanen durch Laster
/ ihr Vermögen mit unerschwinglichen Beschwerden versehren / auf ihr Blut durch
Grausamkeit wüten / denen Wollüsten / welche dem Reiche / wie die Sud-Winde den
Lilgen / mehr als kein Nord viel Unglücks-Schaden tun / den Zaum lassen /
geringe Verluste nicht achten / welche doch allezeit grössere nach sich ziehen /
und schwer zu ersetzen sind / wie der Abfall der Blätter von Pomerantzen-Bäumen
/ die ein ganz Jahr wieder zu wachsen haben / und inmittelst keine Frucht
ansetzen. Nichts aber kann zum Untergange beförderlicher sein / als wenn ein
Glied des Reiches mit dem andern nicht überein stimt / wenn der Adel das gemeine
Volck drücket / der unbändige Pöfel denen höhern auf die Zehen tritt / der Hof
dem Volcke ärgerlich / und die Obrigkeiten ihm verhasst sind. Daher muss ein Fürst
sie derogestalt wie ein Gärtner die Bäume setzen / dass eines neben dem andern
wie die Myrten neben den Oel- und Granat-Aepfel-Bäumen zu stehen Luft hat /nicht
aber wie der Wein-Stock und Oelbaum mit einander Feindschaft hegt. Alldieweil
die herrschsüchtigen Nachbarn / welche um aus unserm Schiffbruche sich zu
bereichern wache / und auf nichts tieffsinniger gedencken / als die Heimligkeite
und Schwäche unsere Herrschaft auszuspüren; dient der Jasmin / welcher nur bei
finsterer Nacht offen / gegen dem aufgehenden Auge der Welt allezeit
verschlossen steht / und seine rote Farbe in weiss verwandelt / einem Fürsten
zum Beispiele: dass er auch gegen denen / die sich ihm die Sonne zuzuneigen
anstellen / nicht zu offenhertzig sein / und nach Gelegenheit der Zeit und
Zufälle seine Ratschläge oder vielmehr seine Irrtümer ändern müsse / welche
ihnen so gemein / als den Bäumen die Räuber sind / und aus derer einem ihrer so
viel / als aus einer Raupen Neste Geschmeisse zu werden pflegt. Die Natur weist
ihm hierinnen selbst den Weg; welche an den Fichten die untersten Zweige
verdorren lässt / damit sie so viel höher wachse. Die Verbesserungen aber der
Fehler muss er nicht mercklich machen / sondern sie / wie die Gärtner ihre
Schnitte mit Baum-Wachse verkleiben. Wiewohl er sich nicht iedes kleine Gefässer
und iede von sich selbst hernach verschwindende Hindernis aufhalten /weniger gar
von seinem Zwecke abwendig mache lasse muss; sondern was er mit Klugheit beraten
/ hat er mit Fleiss abzuteile / und mit Beständigkeit auszuführe. Denn Fleiss und
Bestand wachsen auch der Unmögligkeit zu Kopfe / und haben die Krafft des wilden
Feigenbaumes / welcher so gar die sein Wachstum hindernden Marmel-Felsen mit
seinen Käumen durchbohrt. Nachdem aber die menschliche Klugheit an einem
unzerreisslichen Fademe des Verhängnisses hängt / muss er keinen schlimmen
Ausschlag einem klugen Ratgeber zum Fehler aufdringen / sondern nur mit den
Ackersleuten geduldig leiden: dass der beste Lein auf einem wohl zugerichteten
Felde doch oft sich in Toter und Winde verwandele / und aus den besten Kernen
die schlimsten Melonen wachsen. Vielen Misslingungen aber wird durch
Geschwindigkeit des Vollziehens vorgekommen / welche ihre Seele ist / wie die
Langsamkeit kluger Ratschläge. Also bringt die Aloe über ihrem Wachsen bei nahe
hundert Jahr zu / wenn sie aber zum gebehren komt /übereilt sie mit ihrer
geschwinden Frucht alle frühzeitige Bäume. Wie diese aber ins gemein grosser
Wartung dörffen / also muss ein Fürst auch seine Untertanen nicht verwildern
lassen. Denn ob zwar etliche Herrscher auf ihre Unwissenheit ihre grimmige
Gewalt gründen / geht doch diss nur bei wilden Völckern an / welche wie die
Tannen durch Wartung nur verschlimmert werden. Sonst aber wird durch Pflegung
alles / was nur eine gute Ader in sich hat / unglaublich besser; und die
gröbsten Gemüter durch Auferziehung geschicket / wie die bittersten
Feigs-Bohnen im Wasser süsse. Fürnemlich wächset ihnen durch Reisen / wie die
Zitron-Bäume durch Pfropfung / und die Erdbeeren durch Versetzung nicht wenig
Köstligkeit zu. Dahero die Jugend / welche mit der Zeit dem gemeinen Wesen
fürstehen soll / bei Zeite in Herrschafts-Künsten / wie junge Bäume abgerichtet
werden sollten / aus welchem Absehn vermutlich bei den Römern ein Gebund Ruten
mit Beilen den Bürgermeistern fürgetragen ward / wormit sie sich erinnerten: dass
sie nun zwar grosse Eichen / aber auch geschwancke Ruten gewest wären / und
taugliche zu ihrer Nachfolge bei Zeiten aussehen sollten. Weil aber nicht aller
Saamen wohl gerätet; und viel Armen zu Beschirmung eines Reichs von nöten sind
/ ja die Menge der Untertanen wie der Bäume einander Schatten geben / muss er es
an Volcke / und fürnemlich am Adel volckreich zu mache / wie die Gärtner mit
Sägung unzehlbarer Kerne von den edelsten Bäume / des Saamens von den weisseste
Tulipane /mit Zersätzung der Blumen-Zwiebeln gleichsam junge Wälder zu pflantzen
sich befleissigen. Also wilde Stämme im Garten / Ausländer / ausser in äuserster
Not und nur zum Acker-Bau / in ein Land zu sätzen sich hütten; sondern vielmehr
unzeitige Heiraten /übrige Keuschheits-Gelübde / häuffige Pflantz-Städte und
andere Ursachen der Einsamkeiten zu hindern vorsinnen. Die Lilgen / welche aus
einer Wurtzel oft funfzig Stengel treiben / und sich von ihren eigenen Tränen
sämen / dienen hierinnen mit ihrer Fruchtbarkeit so wohl zu einem Spiegel
beflissener Fruchtbarkeit / als sie an sich selbst mit Golde gekrönte
Königs-Blumen sind. Demnach aber kein Reich und Garten ohne Unkosten erhalten
werden kann / sind Fürsten berechtigt / von Untertanen Schatzung wie von Bäumen
Früchte abzunehmen; aber nichts ist auch ratsamer / als dass er sie mit ihrem
guten Willen bekomme. Denn diese sind die austräglichsten / wie der Balsam und
Myrrhen / welche von sich selbst aus dem Stamme tröpfen / die besten. Nachdem
aber viel wie die Palmen geartet sind / denen kein Blat entfällt /sondern man
muss sie gleichsam mit Gewalt abreissen / ist ein Fürst auf solchen Fall
allerdings befugt /ihnen auch wohl einen Beitrag abzunötigen. Alleine auf
diesen Fall ist doch euserst zu verhüten; dass das Volck seinen Schweiss nicht zu
eitelen Wollüsten /sondern zum gemeinen Besten anwenden schaue / und dass man
darmit dem Adel nicht schwer falle. Denn wie die Oelbäume die Wunden vom Eisen /
nicht aber die Schläge von Holtze unbeschadet vertragen / als versprjetzt der
Adel lieber gegen Feinden das Blut / als dass er sich mit Steuern als einer in
seinen Augen knechtischen Last bebürden lasse. Er beschwere wie der Wurtzel und
Hertz-Blätter sorgfältig schonende Gärtner ja nicht die zur Lebens-Notdurfft
und dem Armut unentpehrliche / sondern nur die zur Wollust dienenden Dinge; und
mit einer solchen Vorsicht: dass die Ausländer nicht leer ausgehen. Am meisten
aber gewinnet ein Fürst / wenn er nach Anleitung des Bildes aller klugen Fürste
/ nämlich der Soñe / welche aus dem Nil die köstliche Egyptische See-Blume empor
zeucht / aus dem Wasser durch die Schiffarten nach dem Beispiel der mächtigsten
Herrschaften Schätze zu samlen trachtet. Denn wenn diese mangeln / gehen der
Herrschaft die Spann-Adern / dem Fürsten alles Ansehen ab / welcher wie die
Lilge Gold und Silber mit einander versamlen / seiner Vorfahre Vorrat aber
nicht liederlich verschwenden / sondern von denen nur Tropfen- weise rinnenden
Balsam-Bäumen die kluge Haushalterin nämlich die Sparsamkeit kennen lernen / und
mit sein und seines mässigen Hofes Beispiele das Volck von Verschwendung
abhalten muss. Keine grössere Schwachheit aber kann einem Reiche begegnen / als
wenn selbtes unter die Erben zerteilt wird. Die vielen Aeste eines Baumes tun
dem Gipfel Abbruch / daher wachsen die Cedern und andere sich nicht in Zweige
ausbreitende Bäume so gerade und hoch empor / und keiner unter ihren Zweigen ist
so ehrgeitzig / dass er sich dem Gipfel zu gleichen begehrt. Welche Ehrerbietung
auch die Bruder dem erstgebohrnen Sohne des Königs zu erweisen schuldig /
Fürsten aber aus Verdacht oder Eiversucht auf ihr Geblüte zu rasen / und
dardurch ihne vermeinte Sicherheit zu verschaffen nicht berechtigt sein. Niemand
wird ihnen auch dieses Vorrecht missgönnen / wenn man sie täglich über der so
wohl im Reiche als Gärten saueren Arbeit schwitzen sieht. Hingegen macht beiden
der grosse Nutzen die beschwerlichste Arbeit leichte / denn wie mag einem etwas
vedriesslich sein / wenn er sieht / wie die sandichten Wüsteneien in fruchtbare
Aecker / die stinckenden Sümpfe in wohlrüchende Wiesen / die wilden Hecken in
fruchtbare Bäume / durch den alles überwindenden Fleiss verwandelt / und bei des
Fürsten mühsamen Wachen das Volck gleichsam in Schlaf gewieget wird. Jedoch ist
einem Fürsten so wohl eine ruhende Verblasung wie dem etlich mal gesäeten Leine
das Ruhen nötig / und eine ehrliche Ergetzung zulässlich. Sintemal der Garten
eines Reiches eben so wohl Lust- haben / und ein Fürst durch einen Stillestand
seiner Unruh sich zu desto mehrer Hurtigkeit vorbereiten muss. Denn / wie die
eine Zeitlang verhaltenen Spring-Brunnen zu grosser Vergnügung das Wasser
hernach desto höher treiben / also kann ein ausgeruhter es auch einem müden weit
zuvor tun. Aber auch seine Erquickungen müssen wie die heilsamen Blumen nicht
gar ohne Nutzen: und derogestalt / nicht üppige Wollüste / verschwendende
Gewinn-Spiele /Narren- und Affen-Gemeinschaft / sondern Ritter-Spiele als
Auffmunterungen der Tapferkeit sein Zeit-Vertreib sein. Und zwar diss nach
Anleitung des unfruchtbaren Zirnen-Baumes / welcher nur zum Ansehn gewachsen zu
sein scheint / aber das geschickteste Holtz zu den Kriegs-Waffen abgibt. Der
Barde schöpfte hierauf Lufft umb ein wenig zu verblasen. Daher die Hertzogin
Erdmut anfieng: Es ist ohne diss schon 7. Uhr / und also die rechte Stunde zur
Mittags-Mahlzeit / und wir haben nicht einst etliche Bissen Brodt / Honig oder
Oliven zum Frühstücke genossen. Daher wird wohl für des guten alten Atem und
unsere Magen am ratsamsten sein uns zu einer schlechten Kost zu verfügen.
Agrippine fiel ein: Ich befinde mich zwar so willig als verpflichtet den
Gesetzen unser Wohltäterin und dem Wohlgefallen der annehmlichen Versamlung in
allem zu bequemen / aber die allersüsseste Speise der gestern und heute
genossenen Weissheit hat mir alle leibliche Speise versaltzen / und meinem Magen
auch gegen des Apicius Tisch einen Eckel verursacht. Weil nun die Alten ohne diss
nur einmal zu Speisen gewohnt gewest / und dass die Speisen sich des Nachts
besser als im Tage zurichten liessen / vermeint / wüntschte ich wohl /dass wir
uns zu desto besser Genüssung der köstlichen Speisen / wormit uns die Hertzogin
der Catten zu überschütten pflegt / biss auf den Abend ein wenig aushungerten /
und diesen nichts minder klugen als heiligen Mann ersuchten / uns mit seinen
Köstligkeiten inzwischen zu sättigen. Ariovist fiel Agrippinen bei / nur
besorgte er / dass der Barde durch längere Rede zu sehr abgemattet werden würde.
Dieser aber versetzte: Wir Barden haben heut ohne diss einen Fast-Tag / weil der
Neumonde einfällt / und meine Lehre ist ohne diss meine beste Speise. Daher
erwarte ich nur Befehl umb zu gehorsamen. Die Hertzogin Erdmut fieng an: Ich
bescheide mich wohl; dass unser einfältiges Deutschland nichts von künstlicher
Zubereitung der Speisen verstehe / und daher meine Taffel freilich wohl den
Hunger zu Würtzung der schlechten Gerichte / wie sie uns unser Armut giebet /
von nöten habe. Agrippine versetzte: Ich gestehe es / dass zu Rom die Art zu
speisen mehr Kunst und Schalen / Deutschland aber viel mehr Wesen und Kern habe.
Was ihnen an Wildpret und zu Rom nie gesehenen Fischen / wormit alle Cattische
Wälder und Flüsse / insonderheit der unerschöpfliche Rhein /die Fulde / die Lohn
/ die Neda uñ andere Bäche erfüllet sind / müsse Cicero / Gallus Asinius uñ
andere mit der Seltzamkeit ihrer aus Missgeburten der Nuss-und Zitronbäume
Wurtzeln / geschnittener Tische /darinnen die Männer so sehr als die Weiber in
Perlen verschwenderisch sind / ersetzen / gleich als wenn sich daran so wohl der
Magen als die Augen sättigen könten. Das Kochen ist zu Rom eine so sinnreiche
Kunst worden / dass sie die Köche ihr Lebtage nicht auslernten / und weil einer
mit einer Art Speisen kaum zurechte käme / würden in eines Ratsherrn Hause
ihrer ganze Herden unterhalten / darunter ihrer etliche so teuer / als ihrer
viel nicht im Vermögen haben / gekaufft sind. Diese verschwendeten hiebei so
viel Nägel / Muscate-Blüte und Nüsse / Ingwer /Pfeffer und Casia / dass Indien
kaum so viel tragen /und das rote Meer mit seinen Schiffen aus Taprobana
zuführen konnte. Die heissen Speisen müssen so wohl als die Dünste warmer Bäder
mit Zimmet abgekühlet sein. Hingegen mangelt es zwar in Deutschland / und
sonderlich an Fürstlichen Höfen nicht an köstlichen Würtzen / weil man aber ihr
Feuer zu essen der Gesundheit für abbrüchig hält / und die natürliche Güte ihrer
Speisen keinen frembden Beisatz darff / übertrifft diss / was man dieser Orten in
seine eigene Sade / Saltze / Fettigkeit und andern Kräutern zurichtet / alle
Vermischungen der Römer und Griechen / bei denen man offtmals nicht weiss / was
man speiset. Diese einfältige Art ist auch der Natur gemässer und daher
gesünder. Denn wie die Vielheit der Speisen die Verdäuung hindert / den Verstand
verdüstert; also muss es noch viel schädlicher sein / wenn man aus einer Schüssel
zwantzigerlei Tiere Fleisch /dreierlei Elementen Brutt / und noch mehr Gewächse
unterschiedener Länder isst. Zu Rom braucht man Tisch- und Handzeug aus Seide und
nicht verbrennender Leinwand; alleine die Gäste müssen ihre Handtücher selbst
mitbringen; aber der Deutschen leinene Geräte / und die Höfligkeit der Wirte /
welche damit eine ieden versorgt / sticht jene weit weg. Zu Rom hat noch für dem
Sylla die Verschwendung silberne Schüsseln hundert Pfund schwer aufgesetzt /und
nun ist es dahin kommen / dass man auf einer Taffel ein paar tausend Pfund
haltende Silber-Geschirre und 500. Pfund wiegende Schüsseln / welche zu arbeiten
man absondere Werckstädte und Silber-Hämmer baue muss / sieht / da dessen doch
der Africanische Jupiter nur aus dem überwundenen Cartago 1470. Pfund nach Rom
gebracht hat. Gracchus hat zwar Trinck-Geschirre / da er wegen künstlicher
Arbeit 14. Pfund Silber für eines geben müssen / und Crassus noch 100. mal
teurer eingeführt. Aber nunmehr ist es dahin kommen / dass das Gold hierzu zu
geringe ist / ja dass weder die Corintischen und Delische noch auch die aus
Helffenbeine gedreheten Gefässe / und mit Edelgesteinen versetzten Becher der
Syrischen Könige / an denen das Gold doch das geringste ist / mehr taugen /
sondern man aus Crystallenen und ganz schmaragdenen Geschirren trincken will.
Deutschland hingegen sihet nicht so wohl auf die Eitelkeit des Behältnüsses /
als was einem darinnen fürgesetzt wird. Ihre Art aus Hörnern zu trincken ist
zweifelsfrei die gemeinste und älteste. Denn die Tracier / Scyten / Britannier
/ Macedonier hätten eben so wohl aus Ochsen- und die Colchier aus wilden
Eselshörnern getruncken; daher auch Bacchus mit Hörnern gebildet würde. Die
Indianer sollen aus Greiffen-Klauen trincken / welche denen Hörnern nicht
ungleich sind. Nach diesem haben andere Völcker ihnen so gar aus Gold und Silber
Hörner zu Trinck-Geschirren fertigen lassen / und zu Aten ist auf dem Schloss
ein silbernes nebst einem zu eben solchem Ende gemachten Hirschen an einer
marmelnen Seule. Jedoch habe ich auch von Agstein und anderen Steinen von
künstlich gegossenen oder ausgearbeiteten Auer-Hörnern so zierliche Geschirre
gefunden / welche Rom für grosse Wunderwercke halten würde. Ja ich habe
Deutschland Glück zu wünschen / dass es mit so viel ausgeetzten Schalen nicht wie
Rom angefüllet ist / worauf man ins gemein nichts anders als Ehebrüche der
Götter zu sehe hat / gleich alswenn der draus getrunckene Wein ein zu schwacher
Zunder in Laster zu verleiten wäre. Ich weiss wohl / dass man zu Rom eine Auster
für tausend / einen Fisch für acht ja dreissig tausend Groschen gekaufft / der
doch kaum zwei Pfund gewogen / dass man einen Apfel für so schweres Gold
eingetauscht habe. Allein das sind vielmehr Kennzeichen des Römischen Mangels /
hingegen die Wolfeilkeit allhier entweder des deutschen Uberflusses / oder dass
sie nicht wie die Römer in dem Laster der Verschwendung ersoffen sind. Massen
ich denn mehr für scheltbar als ruhmwürdig halte / dass Käyser Julius einst in
einem Gast-Mahle hundert und funfzig tausend Menschen über zwei und zwantzig
tausend Taffeln gespeiset / und ihnen alleine sechs tausend Pfund Muränen
aufgesätzt; dass Bürgermeister oder wohl gar Freigelassene in einer Mahlzeit eines
Jahres Einkünfte verschwendet / eines Gaucklers Sohn seine Uppigkeit in nichts
als an in Essig zerlassenen Perlen zu kühlen gewüst habe. Ich beteuere aber /
dass wie ich niemals köstlicher als in Deutschland gespeiset; also mir die
holdseeligen Lehren dieses weisen Mannes besser als alle Köstligkeiten und
selbst Cleopatrens zerschmeltzte Perlen schmecken. Welche einmütige
Ubereinstimmung den gutertzigen Barden bewegte / dass er in seiner Rede
fortfuhr: Es ist kein Reich in der Welt / wie die Bäume dieses Gartens ohne
Kranckheiten. Es giebet so wohl in jenem als in diesem Brand / Fäulnüs / Ameissen
/ Holtz-Würme und andere Geschmeisse / welche die Blätter und Blüten abfressen /
den Stamm und die Wurtzeln verterben. Es mangelt weder an Dürre noch Nässe /
noch an Hagel und Ungewitter / welche Herrschaften unersätzlichen Schaden tun.
Der Aufruhr gleichet einem Raupen-Neste / welches / wenn selbtes nicht zeitlich
zerstöret wird / nicht nur einen Baum / sondern viel Gärten zu Grunde richtet.
Diesemnach muss so wohl ein Fürst als ein Gärtner darauf Luchs-Augen haben. Deñ
anfangs kann man Raupen und Aufruhr wohl verwehren / beides aber hernach unmöglich
dämpffen /denn er gleicht denen aus einer Eichel gewachsenen Sprossen / welche
man umb einen Finger winden /und mit dem Fusse vertreten / hernach aber tausend
Armen sie nicht beugen können. Sie verlachen die Sturm-Winde / spotten des
Blitzes / der Jahre / und der Eitelkeit. Wenn der Aufruhr nun aber schon
ausgebrochen / muss man ihm keine Lufft lassen; sondern mit Geschwindigkeit zuvor
kommen / denn er wüchse geschwinder als eine gebährende Aloe. Wenn er aber zu
Schwunge kommen / ist der beste Rat die Aufrührer zu zerteilen. Denn eintzel
Weise kann ein Kind tausend Senden zerreissen / kein Gebund aber der stärckste
Riese. Wenn man Aufrührern nicht garwol überlegen ist / muss man ihnen nicht den
Kopff bieten / weil ihre Verzweifelung der Tapferkeit überlegen ist. Durch
Widerstand werden sie nur mehr hartnäckicht und stärcker / wie der Saffran / der
vom Zertreten destomehr wächsst / und wie die Tartoffeln / denen Doñer und
Platz-Regen vorträglicher als Sonnenschein sind / mehr ist tulich ihnen
entweder etwas /wie den knörrichten Bäumen eine Krümme zu verhengen / und dass
sie sich selbst abmatten Zeit und Lufft zuzulassen; oder ihnen durch Bestraffung
eines verhassten / wiewol nicht gar zu schuldigen Dieners den Zunder wie die
Gärtner durch Verschneidung einer Wurtzel denen sich überwachsenden Pflantzen
den Trieb zu benehmen. Nach dem der Aufruhr gestillt /muss man mit dem törichten
Volcke doch gelinde wie mit schadhaften Bäumen verfahren / und mit dem
Tarquinius nur die über andere empor ragende Mah-Häupter abhauen. Nach dem der
Friede der Vernunft und des Menschen / der Krieg aber der Wildnüs und Tiere
Eigenschaft ist / hat ein Fürst diesen als den fruchtbaren Sommer seiner
Herrschaft wert zu halten / und für sich dem alle Gewächse gleichsam tödtenden
Winter des Krieges zu hüten. Weil die Menschen aber oft in grimmige Tiere
verwildern / ja im Kriege Panter und Drachen übertreffen / muss er seine
Untertanen für Beleidigung / wie ein Gärtner seine Gewächse für Frost / Hagel /
Krebs und Raupen zu beschirmen bedacht sein / niemals aber als aus dringender
Not und hochwichtigen Ursachen und allein umb hernach einen desto sicheren
Frieden zu genüssen wider einen andern und gar niemals wider zwei den Degen
zücken; stets aber den Oelbaum als das rechte Krieg- und Friedens-Bild für Augen
haben. Denn wie aus seinem überaus bitteren Stamme süsses Oel wächsst; also solle
auch das Honig des Friedens die Frucht des gallichten Krieges sein. Diese aber
wird desto zeitlicher erlangt / und auch für die Nachkommen befestigt / wenn der
abgenötigte Krieg nicht schläffrig / sondern mit Anwendung euserster Kräfften
geführt / die Waffen nicht zerbrochen / oder dem Roste geopffert / sondern die
edlen Wein-Reben des Friedens umb die Lantzen geflochten werden. Dessen aber hat
sich der nicht zu getrösten / der / um von anderern Unglücke Ruhe zu erndten /
zwischen benachbarten Fürsten den Saamen der Zwytracht ausstreuet. Denn dieser
breitet sich wie die Wurtzel der Dornhecken weit und breit aus / und kommt eben
so wohl als jenem die Kefer / Ameissen und Staaren zu Haus und Hofe / der sie in
seines Nachbars Garten und Weinberg bannet. Nebst diesem muss er sich auch nicht
seine an der Seite oder bei andern Fürsten habende Diener leicht mit jemanden zu
brechen verleiten lassen / welche entweder meinen; dass sie ihre Treue nicht
besser als durch hitzige Ratschläge bewehren /wie die Palmbäume mit
Saltz-Wasser am glücklichsten zur Fruchtbarkeit gebracht werden köñen / oder aus
andern Regungen durch ungleiche Auslegung zwischen Königen Missverstand erregen /
weñ sie nämlich wie die Granat-Aepfel sich verändern / aus der sänften Grüne
Blut uñ Feuer herfür bringen. Ob nun wohl dis Ubel verhütet werden kann / wenn
Fürsten so glücklich sind / einander ihre eigentliche und gute Meinung
gegenwärtig zu entdecken; so ist doch ihre Zusammenkunft / so viel möglich / zu
verhüten / als welche Dienern Anlass zur Vergleichung ihrer Geschickligkeit /
diese zur Eyversucht / und endlich zum Kriege gibt. Daher sind ihre Umbarmungen
meistenteils gefährlicher als die des Epheu / und zwar so denn so viel mehr /
wenn sie allzu grosse Vertrauligkeit zeigen. Dahero ist mehr einer mässigen
Bezeugung zu trauen / und gleiche Häupter müssen einander keine mehrere
Verträuligkeit anmuten / als die Palmbäume unter sich haben / welche nicht mit
den Wurtzeln / sondern nur mit den eusersten Aesten sich vermählen und
befruchten. Die Lilge lehrt dieses jeden Fürsten / welche mit ihrem langen Hals
zwar alles ihr untertänige Geblüme beschauet und bestrahlt / mit der Rose aber
niemals Zusammenkunften halten will. Eben so wenig muss sich ein Fürst anderer
Liebkosungen / Beteurung und scheinbaren Vorwand durch Leichtgläubigkeit
verführen lassen. Daran es denen am wenigsten fehlt / die Untreu und Veränderung
im Schilde führen; und den Myrtenbäumen gleich komen / die an Zierde schier
alle Bäume wegstechen /mit ihren annehmlich grünen Zweigen die edelsten Früchte
versprechen und doch niemahls die geringsten bringen. Kein Vorwand aber ist der
Herrschsucht gemeiner als Gottesfurcht und Freiheit / da sie doch selbst keines
aus beiden lieben / sondern ohne sie wie das Farren-Kraut ohne Blume und Saamen
ist / also auch mit ihm nur Unfruchtbarkeit und unzeitige Geburten zeugen kann.
Hingegen muss ein Fürst / wie die Pomerantzen aus ihrer Schwerde / die Melonen
aus ihrem Geruche und Gewichte / aus seiner euserlichen Bezeigung die
Aufrichtigkeit seines Gemüts kenntbar machen; ja / wie die Feigen inwendig
süsser als euserlich ansehnlich sein. Wenn aber ein rechtmässiger Anschlag
anfangs andern verdächtig scheinen /und auf was Arges ausgedeutet werden will /
stehet es einem Fürsten so wohl frei seiner redlichen Sache einen frembden
Anstriech zu geben; als der Natur Rosen zu zeugen / welche früh weiss / des
Mittags rot sind. Denn saugte der Argwohn gleich was schlimmes heraus / so hat
der Fürst doch so wenig Schuld daran als die Rose; wenn ihr denen Bienen so
süsse Safft den Kefern zu Giffte wird. Niemals aber soll sich ein Fürst gelüsten
lassen / durch einigen Vorwand oder auch aus ziemlichen Ursachen die
Beschaffenheit seiner Herrschaft zu ändern und auf einen andern Fuss zu sätzen.
Denn dieses dienet nur zu Beförderung seines Falles / und geht so wenig von
statten / als wenn man eine Hyacinte auf einen Narcissen-Stiel / und den Gipfel
einer Ceder auf einen Lerchenbaum sätzen wollte. Hingegen stehet einem Fürsten
nicht nur frei / sondern ist auch seines Amptes anderer betrügliche Anschläge
durch Kundschaft auszuforschen / wie die Gärtner das Saamenwerck in Gefässen
vorher zu prüfen / auch anderer List durch sinnreiche Künste zu zernichten. Also
dienen die zarten Baum-Zweige denen Papegoyen zu einem Mittel ihre Nester daran
zu hängen / dass die schweren Schlangen sie nicht bekriechen können. Ubrigens
sind die Maulbeer-Bäume eines Fürsten Lehrmeister / dass / wie sie ihnen zu ihrem
Ausschlagen und Blühen gute Weile nehmen / unter allen Bäumen die längsamsten
und wegen noch immer besorgter Kälte die vorsichtigsten sind / hernach aber in
Tragung der Früchte gleichsam spornstreichs forteilen / er auch in denen Dingen
/ welche Zeit leiden / gleichsam nur denen im Grase kriechenden Schnecken
gleiche gehen; jedoch hierbei nicht Zeit und Gelegenheit ein Ding auszumachen
versäumen solle. In Sachen aber / welche einen /wie der Hagel die Gärte
unversehens überfallen / muss er mit denen den zarten Gewächsen zulauffenden
Gärtnern aus den Steigereiffen einen Ratschluss machen; und wenn etwas mit
Vernunft überlegt / denen zur Vollziehung befehlichten Dienern keine Grübelung
verstatten / noch ihnen zu sehr die Hände binden / wenn ihnen ein wichtiges
Werck in der Ferne / besonders aber im Kriege vertraut wird / da in einem
Augenblicke die Gelegenheit verschwindet. Denn bei so gestalten Sachen muss man
ihrer Gewalt nach Art der Gärtner Lufft machen / welche denen jungen Bäumen die
Rinde aufkerben / dass sie desto besser in die Dicke wachsen. Seine Ratschläge
aber können unmöglich wohl von statten gehen / wenn er nicht die Eigenschaften
derer Völcker / mit denen er gräntzet oder zu schaffen hat / so wohl / als ein
Gärtner die der Pflantzen verstehet. Denn iedes Volck hat seine absondere Art /
wie jedes Land unterschiedene Gewächse. Die Deutschen sind gewohnt in Glück und
Unglück Farbe zu halten / wie das Frauen-Haar bei dürrer Hitze zu grünen / und
bei der Kälte nicht zu verwelcken. Auf ihre Treu und Glauben mag man sich sicher
verlassen. Denn ihre Freundschaft gleicht den Wein-Reben / welche auch den
verdorrten Ulmenbaum zu umbarmen nicht unterlassen. Die Gallier haben wie das
Schilf-Rohr in der Beweg- und Nachgebung ihre Stärcke / und hengen ihren Mantel
nach dem Winde; jedoch bleiben sie bei ihrer Schwäche unzerbrechlich / denn sie
weichen / umb nicht zerstossen zu werden. Die Britannier gleichen dem Pfeffer /
welcher von der Zerquetschung mehr Kräffte bekommt. Der Hispanier Fürhaben ist
wie der Eichen langsam / aber tauerhaft / also dass sie Sturm und Ungehemach
mehr befestigt als erschüttert. Die Griechen gleichen den weichen Myrten / die
Asiatischen Völcker den Cypressen / beide aber dienen mehr zur Wollust als zu
was anderm / und wie dieser Wurtzeln mit dem Stamme vergehen / also können sie
sich nach einem unglücklichem Streiche nicht wieder erholen. Die Römer aber sind
Palm-Bäume / welche aller andern Völcker Tugenden besitzen / und die
Sieges-Kräntze sind ihnen ängebohren. Sie tragen ihre Hertzen im Kopffe / die
Bataver in Lenden / die Deutschen in der Brust. Jedoch schlägt zuweilen ein und
ander Mensch eben so wohl als die Pflantzen aus der Art ihres Geschlechts / dass
sie Frembden mehr als ihren Landes-Leuten gleich sind. Daher ein Fürst nicht
alles nach einer allgemeinen Richtschnur abmässen / sondern gleichsam alle
Strieche der Antlitzer /wie Gärtner alle Adern und Farben der Gewächse
unterscheiden; auch ein schwaches Volck nicht allezeit verächtlich halte / noch
für einem mächtigern sich zur Unzeit fürchte / oder ihm imer misstrauen muss. Deñ
wie schwach die Steinbreche gleich ist / hat dis Kraut doch die Krafft im
Wachsen die Klippen / und die Goldwurtz im menschlichen Leibe Steine zu
zermalmen / hingegen ist oft eine vier grieffige Riesen- inwendig nichts als
ein ausgefressenes Aass /welches ein schwacher Wind zu Bodem wirfft. Ja etliche
Reiche scheinen klein und unansehnlich zu sein /haben aber so viel oder mehr
Kräffte als die weit ausgespannten; wie in dem kleinsten Granat-Apfel gerade so
viel Kerne sind / als ihrer der grösseste selbigen Baumes hat. Wenn es nun zum
Kriege kommt / hat ein Fürst von denen mit zierlichen Dornen so wohl prangenden
als geharnschten Rosen zu lernen; dass seines Kriegs-Volcks Pracht in sie
beschirmenden Waffen bestehet; dass Rosen-Kräntze und Dornen /nämlich Belohnung
und Straffe die Erhalt- und Heilungs-Mittel aller Heere sind / durch das erste
die Tapferkeit aufgemuntert / durch das andere der Bosheit ein Kapzaum angelegt
/ und wenn auch schon ein ganzes Kriegs-Heer durch übrige Nachsicht liederlich
und vergewöhnt worden wäre / selbtes doch teils durch aufgesätzte Tugend-Preisse
/ teils durch blutige Striemen wieder zurechte gebracht werde. Welchen Nutzen
empfindlicher Streiche die Römer dardurch fürbildeten / da sie durch die
Feldwebel denen sich vergehenden oder ungelernigen Soldaten ins gemein mit
Reben-Holtze so bittere Streiche versätzten / aus welchem doch der süsseste
Safft wächsst. Das im Haupte der Rosen befindliche Gold aber ist eine Erinnerung:
dass ohne Sold kein Kriegs-Knecht leben /und ohne viel Unkosten so wenig als ohne
Waffen kein Krieg geführet werden könne. Gleichwol muss ein Fürst niemals das
Hertz fallen lassen / wenn der Kriegs-Hagel gleich lange Zeit auf ihn los
schlägt. Denn hierdurch werden Länder / worüber nicht der gemeine Mann / sondern
ein Fürst oder der Adel die Herrschaft haben / vielmehr befestigt / welches bei
stetem Sonnenscheine der Ruh / welche Missgeburten der feigen Wollüste zeuget /
vielleicht zu Grunde gienge. Die vergänglichste Blumen erhalten sich zwischen
dem Brande der Nesseln / und die Egyptischen Feigen werden nicht reif / bis man
sie vorher mit einem Eisen verwundet hat. Wenn aber ein Fürst mit seiner Macht
dem Feinde nicht gewachsen ist / muss er durch verschmitzte Erfindungen seine
Schwachheit unterstützen / umb die Frucht des Friedens einst einzuerndten. Also
kommen in kalten Ländern die Gärtner der Natur / ja ihrem Hertzen / nämlich der
Sonne selbst zu Hülffe / wenn sie Gläser über die Melonen stürtzen / dass der
Zurückschlag der Sonnen-Strahlen durch Vergrösserung der Hitze sie reif mache.
Keines weges aber hat ein Fürst für Klugheit zu halten / dass er / wie zwar in
den Richter-Stülen und in der friedlichen Beherrschung der Untertanen gar wohl
getan ist / im Kriege / wo er ihm entweder den Freund mehr zu verbinden / oder
einen Feind zu versöhnen vor hat /oder / wo ihrer viel zu bestraffen sind / sich
mittelmässiger Ratschläge bediene. Denn der Freund wird es annehmen; dass er von
ihm die Hand abzüge / der Feind aber es für eine Freundschaft erkennen / und
also ihm wenig Danck wissen / dass er ihn nicht beleidige. Diesemnach ist viel
ratsamer / besonders in denen keinen Verzug leidenden Begäbnüssen einem die
Hand / dem andern die Spitze bieten / und mit der Lilge die Bienen an sich zu
locken / die Schlangen zu verjagen. Im Garten eines Reichs sind Untertanen
Gewächse / der Fürst die Sonne. Keines aber muss er so verächtlich halten / das
er nicht mit seinen Strahlen erfreue / sondern / dass kein Teil des Gartens
unbeschienen bleibe / wie das grosse Welt-Licht nicht auf einer Stelle bleiben.
Gleichwol aber ist nicht ratsam / wegen kleiner Gefährligkeiten / oder auch bei
grossen / daran aber das Heil des Reichs nicht hänget /ausser seinem ordentlichem
Lauffe schreiten / und den ganzen Leib mit dem Haupte in Gefahr der
Verfinsterung stürtzen. Wie vorsichtig aber ein Fürst gleich seinem Reiche
vorstehet / muss er ihm doch nicht träumen lassen / dass die Klugheit eine
unausreissliche Wurtzel der Glückseeligkeit sei. Vom göttlichen Verhängnisse
rühre her; dass das nur an der Erde klebende Kraut des Frauen-Haares und des
Majorans fast ohne alle Wurtzel so schön grünet / und viel schwache Reiche bei
einfältiger Anstalt tauern. Daher auch die Gärtner / welche keine Pflantze ohne
Beratung /ob es ein gutes Zeichen sei / einsätzen / mehrmals von denen
übertroffen und verlacht werden / welche sich weder umb die Gestirne noch das
Gewitter bekümmern. Nicht anders gelinget es mehrmals denen Fürsten am
allerbesten; die besonders in verzweifelten und unaufschüblichen Fällen nicht
alles auf die Wage legen / sondern auf gutes Glück etwas wagen / und oft dem
allerklügsten durch Vermässenheit einen unversehenen Streich versätzen. Wenn
aber alle Fädeme der Klugheit und Tugend zerreissen / und ein Fürst alles getan
hat / was er gesolt und gekönnet / gleichwol aber alles misslingt / oder den
Krebsgang geht /muss er sich nur mit Gedult und Hoffnung gürten / und seinen
Willen nach Leitung der Sonnenwende in die Schickungen des Verhängnisses geben /
welche sich niemals von der Sonne abwendet / wenn gleich die von ihr empor
gezogene und in Zorn-Wolcken verwandelten Dünste der Erden mit Hagel und Blitz
auf sie stürmen. Jedoch muss er hierbei nicht die Hand gar abziehen. Denn sein
Glücke vom Zufalle erwarten ist eine albere Trägheit / die Einbildung aber / es
sei umb einen schon getan / Verzweifelung. Wie viel Sturmwinde gehen ohne
sonderbahren Schaden überhin / welche alle Bäume mit ihren Wurtzeln auszureissen
gedräuet haben? Solche Ungewitter zu überstehen kann ein Fürst nichts heilsamers
tun / als wenn er durch Erhaltung einerlei Gottesdienstes / wolfeiler
Lebens-Mittel / der Gerechtigkeit / guter Künste /Gleichheit des Vermögens und
anderer Dinge unter den Untertanen die Eintracht befestigt; damit einer nicht
dem andern / wie der Lorberbaum den Reben /der Nussbaum denen Morellen die Sonne
benähme /und sie mit schädlichem Schatten unterdrücke / oder mit zu geitzigen
Wurtzeln ihnen den Safft entziehe. Westwegen er / wie kluge Gärtner / einem
jeden seinen rechten Stand zugeben / den Herrschsüchtigen die Flügel / den
Geitzigen die Adern zu verschneiden; den unverträglichen Kohl- und Lorber-Baum
vom Weinstocke / die feindliche Eiche vom Oelbaume / die Feigsbohnen von
Feigenbäumen zu entfernen hat. Hingegen muss er die durch Vermengung ihrer
Wurtzel und Schattens einander fruchtbar machende Myrten-Oel- und
Granat-Aepfel-Bäume neben einander sätzen. Denn die besten Dinge / wenn sie
zusammen zwistig sind / beschädigen einander / hingegen macht die Eintracht
schädliche Sachen nütze. Also tut der fruchtbare Maulbeer-Baum und die gesunde
Raute dem Granat-Aepfel-Baume Abbruch / die giftige Wolffs-Milch aber macht ihn
fruchtbar. Aufrührer muss er mit ihres gleichen / wie Unkraut mit Unkraut
/Schlangen mit dem giftigen Schatten des Eschbaumes / und Schilff mit
Farren-Kraute vertilgen / welches /wenn ein schilffichter Acker mit einer
Pflugschar umbgerissen wird / daran Farren-Kraut hängt / jenes besser als Eisen
und Feuer ausrottet: Auf gleiche Weise ist ratsam und zulässlich seinen Feinden
/nicht aber Nachbarn aus blosser Missgunst ihres Wolstandes / einen andern Feind
auf den Hals zu hetzen /und also seine Kräffte zu zerteilen. Denn hiermit
verlieren sie / wie der Eibenbaum / wenn man einen Nagel darein schlägt / das
Vermögen Schaden zu tun. Auf die Freundschaft seiner Nachbarn / ja auch seiner
Bluts-Verwandten hat ein Fürst nicht grosse Türme zu bauen. Denn ein schlechter
Wind bricht diesem Baume leicht einen Ast ab. Weil aber der Fürsten
Verträuligkeit auf eitel Nutzen zielt / lässt sie sich wie ein noch am Stamme ein
wenig hängender Ast leicht wieder verbinden und ergäntzen. Seinen Freunden und
Bunds-Genossen aber muss er auch ohne Absehen einigen Vorteils treulich
beistehen / denn uneigennützige Freundschaft ist die edelste / wie ungewässerte
Salate die süsseste. Fürnemlich hat man ihnen Hülffe zu leisten Ursache / wenn
man dardurch den Krieg ferne von seinen Gräntzen halten kann / der uns sonst zu
Haus und Hofe käme. Es wäre aber nachdrücklicher und destwegen ratsamer ihnen
mit Volcke als Gelde zu helffen. Denn Fürsten können leichter Waffen / wie die
Rosen ihre Dornen / als das Gold entraten / welches so wohl dieser Blume als
eines Reiches Hertzblatt ist. Jedoch muss er durch seine Unterstützung die ganze
Last nicht derogestalt ihm aufhalsen / dass ein ander den Kopf aus der Schlinge
zeucht. In Wäldern sieht man vielfallende Bäume blühen / die sie stützenden
aber verdorren; und die Undanckbarkeit hat mehr Beistände im Stiche- und fallen
lassen / als die dem Epheu zur Stütze dienende Bäume verdorret sind. Wenn ein
Fürst aber selbst Hülffe von nöten hat / muss er selbte von dem / welcher ihm
wegen spaltigen Gottesdienstes / oder seines auf sein Reich habenden Auges oder
Anspruchs verdächtig sein kann / nicht leicht suchen /weniger angebotene / oder
solche / welche ihm selbst zu Kopffe wachsen könten / annehmen. Denn / wenn man
im Fallen ist oder den Schwindel kriegt /umbarmt man mit seinem Schaden so bald
eine stachlichte Dornhecke als einen Ulmenbaum / und die Klugheit lehnt sich
selbst oft auf einen zerbrechlichen Rohrstab / der sie in die Hand schifert. Am
allermeisten aber muss er / ausserhalb des Gewerbes / mit denen Bündnisse zu
machen sich hüten / welche Feinde mit GOtt sind. Die Seeblumen und Jasminen
können nicht neben einander wachsen / derer jene die Sonne / dieser die Nacht
mit Aufschlüssung seiner Blätter verehrt. Wie ansehnlich gleich sonst ein solcher
Bundsgenosse ist / würde er doch ohne den Einfluss der Gottesfurcht einem Reiche
so viel als der Schatten eines Lorberbaums denen Weingärten Schaden zuziehen. Am
wenigsten aber muss er sich wider GOtt und das Licht des Gottesdienstes selbst
auflehnen / sondern vielmehr nach dem Beispiele der in dem Phrat wachsenden
Wasser- und derselben Blume / welche die Indianer das Auge der Sonne heissen /
diesen Spiegel der Gotteit bückende verehren; und von dem Gottesdienste
glauben; dass er die Krone eines Reichs sei / und dem Gipfel der Tannen gleiche /
mit dessen Abhauung der ganze Baum zernichtet wird und verdorret. Bei welcher
Beschaffenheit er zugleich die Priester zu beleidigen sich wohl fürzusehen hat.
Denn diese sind die vom Blitz unversehrlichen Lorberbäume / welche die Häupter
der Fürsten selbst für vielen Donnerkeilen behüten und krönen; aber auch ihre
Antastung / wie das im Feuer am allermeisten knackende Lorber-Holtz / am
empfindlichsten und unverträglichsten aufnehmen; und in einem Reiche / wie zwei
an einander geriebene Lorber-Zweige /unschwer ein grosses Feuer anzünden können.
Von den Palmbäumen bekommen die Sieger ihre Kräntze /aber auch ihre Lehren.
Diese tragen erst im hundersten Jahre / also muss ein Fürst den Sieg nicht mit
Ubereilung und vielem Blute der Bürger erzwingen /sondern die Gelegenheit darzu
mit Vernunft erwarten. Der Palmbaum hat einen Stamm gleichsam mit einer Leiter
umb die Hinaufsteigung zu erleichtern. Der Sieg ist vorsichtiger Tugend / auch
so schwer nicht; wenn man sich darinnen nicht übereilt / die darzu führenden
Wege nicht verachtet / und umb die Ehre allein davon zu tragen / nicht mit
Ausschlagung der Gehülffen / den Sieg aus Ehrsucht / oder auch /wenn man ihn
schon in Händen hat / aus Geitz und Begierde der Beute liederlich verspielt. Des
Palmbaums Süssigkeit wächsst auf seinem gekröneten Gipfel und des Sieges an seinem
völligen Ende / daher muss dieser bis aufs euserste verfolgt / und nur nicht
tapfer erworben / sondern klüglich zu nütze gemacht /jedoch die mit süssen
Früchten bereicherten Sieges-Palmen denen Uberwundenen durch Grausamkeit nicht
zu Schleen und Wermut gemacht werden. Wie aber die Palmbäume weder Blätter noch
Datteln abfallen lassen / sondern sie in fester Verwahrung halten; also muss ein
Uberwinder nicht stets und ohne seine Versicherung die eroberten Festungen / umb
gleichsam Frieden ihm zu kauffen / aus den Händen fahren lassen / noch sich
seiner Waffen und Besatzungen entblössen. Und wie die Palme der Last nicht weicht
/ sondern so gar durch ihre Krümm- und Erhebung derselben entgegen kommt; also
ist es eine schädliche Sanftmut im Kriege sich und seine Gräntzen nur
verteidigen / nicht aber den Feind durch Einbruch in sein Land zu sehr erherben
wollen; wie endlich auch der Palmbaum so wohl seinen eigenen Gipfel / als auch
mit seinen abgerissenen Zweigen ihre Sieger krönt / also muss ein Fürst die
Helden-Taten derer / die durch ihre Tapfferkeit Werckzeuge seines Sieges gewest
sind / mit Belohnung und Ehren-Kräntzen; ja die fürs Vaterland erbliechen /
durch Siegsmaale mit der Krone unsterblichen Nachruhms verehren / und wie die
Lilge ihre güldene Krone für dem Himmel gegen der Erden / also ein Fürst alle
seine Palmen- und Sieges-Kräntze für GOtt als dem obristen Siegs-Herrn demütig
neigen. Wie über dis der Palmbaum mit einer harten Rinde gleichsam gewaffnet
ist; also muss ein Fürst auch nach dem Siege den Harnisch nicht wegwerffen. Ja
selbst die Rose des güldenen Friedens wächst nirgends sicherer als unter dem
Schilde vieler auch nach dem Abfalle der Blumen stehen bleibender Dornen /
welche sonst Vorwitz und Hass / noch ehe sie aufblühen kann / in den Knospen
abzubrechen begierig ist. Ein Fürst muss sich auch im Lauffe seiner Siege nicht
unter dem Scheine des Friedens irre machen / noch für die Friedens-Rose ihm eine
schläfrige Mohblume eines betrüglichen Stillestandes aufbinden lassen. Er aber
muss andern den Frieden erträglich machen; denn welcher den Feind allzu sehr
drückt / kann nicht tauerhaft sein; sondern veraltert in der Wiege wie die
Rosen. Wie die Aertzte auch aus denen alle andere Blumen an Schönheit und Geruch
übertreffenden Rosen viel heilsame Artzneien und Erquickungen bereiten; so muss
ein Fürst den erlangten Frieden zum Labsal des Volcks /und zur gemeinen Wolfahrt
anwehren. Denn dieser ist ja das recht nährende Oel der Länder / wie der Krieg
das sie einäschernde Feuer. Mit jenem blühet der Ackerbau / die Gärtnerei / die
Handlung und alle Künste; dieser aber macht nichts als Wildnüs und Wüsteneien.
Jener ist der Vater des Reichtums und des Lebens; daher die Egyptier sein Bild
mit Lorbern und Rosen bekräntzten; dieser ein Stiffter der Armuts-und
Werckmeister des Hungers / der Pest und des Todes. Westwegen ein Fürst diesen
heiligen Schatz mit beiden Händen halten / und unter keinem Vorwand selbten von
dem giftigen Wurme des Kriegs abfressen lassen muss. Also sollte der Lauf eines
Fürsten sein / und da sonst ins gemein Herrscher je länger je boshafter werden
/ insonderheit Hartnäckigkeit /Hoffart / Geitz und Grausamkeit bei ihnen
unaufhörlich wachsen / muss er mit seinem wachsenden Alter und Schwachheit sich
denen von Zeit zu Zeit immer ihren guten Geruch vergrössernden Lilgen / oder
denen reiffen Granat-Aepfeln gleichen / welche zwar so denn von Zerberstung
löchricht / aber auch durch die hervorblickenden Purper-Kerne so viel schöner
werden. Nach dem aber keine Pflantze so kräfftig ist /dass sie nicht mit dem
Alter abnimt / muss er auch nur bei Zeite seine Schwachheiten fühlen / also sich
kluger und bewehrter Räte Leitung anvertraue / nicht aber durch eigene
ungeschickte Anstalten denen / die ihn gleichsam anbeten sollten / zum Gelächter
machen. Wie nun der Granat-Apfel in sich seinen Saamen /und die Wurtzel seiner
vollkommenen Nachkommen besitzt; also liegt einem verlebtem Fürsten ob / dem
Reiche aus neidischer Ehrsucht keinen schlimmern Nachfolger aufzudringen;
sondern umb noch einen bessern durch fleissige Ausarbeit- und kluge
Umbschrenckung seines Erbfolgers / zuweilen auch mit Ausschlüssung seines
ungeratenen oder untüchtigen Blutes bekümmert / auch wormit nach seinem Tode
das Reich zu keinem Zanck-Apfel werde / noch bei seinem Leben umb seine
Befestigung bemüht zu sein. Endlich hat er von der Rose und Granat-Aepffeln zu
lernen: dass der Purper weder das Leben verlängere / noch die Unsterbligkeit zum
Gefärten habe / und daher sich zu einem behertzten Abtritte aus dem
Schau-Platze der Welt fertig zu machen; jedoch sich zu trösten / dass auch die
abgefallenen Rosenblätter und tugendhafte Todten einen guten Geruch und die
Liebe der überlebenden behalten. Diesemnach denn auch ein also lebendig und
sterbender Fürst vergewissert sein kann / dass er / wenn gleich der Kern seines
himmlischen Geistes sich der Schale des sterblichen Leibes entschütten wird /
dennoch wie ein von seinen Kernen ausgeleerter Granat-Apfel mit einer herrlichen
Krone / nämlich eines unsterblichen Nachruhms /welches der letzte Geist des
menschlichen Tuns ist /prangen; und also in der Grufft seine Vollkommenheit
erreichen werde. Sintemal / wenn diese nicht mit Ehren blühet / die Wiege sich
keiner Purper-Rosen zu rühmen hat. Mit einem gekröneten Ende aber verwandeln
sich alle Dornen der im Leben begangenen Fehler in wolrüchende Blumen / und sein
Reich in den allervollkommensten Garten. Also schloss dieser Barde zu unsäglicher
Vergnügung aller Zuhörer. Ariovist aber ward hierüber gleichsam verzücket / dass
er den Barden umbarmte / und anfieng: O der unschätzbaren Weissheit! Es ist doch
sicher in der Welt kein grösser Wunderwerck / als der Mensch / und im Menschen
nichts wunderwürdigers als der Verstand! Wolte GOtt! ich und alle Fürsten der
Welt sollten diesen Weisen zu unserm Lehrmeister und geheimsten Rate haben. Ist
es möglich / dass in dieser Einsamkeit ein unbegreiflicher Verstand die ganze
Welt zu beherrschen versperret sei? Warumb lassen die Catten diesen grossen
Cyneas in einem leinenen Kittel allhier verschimmeln / welcher mit Goldstücke
belegt / und im geheimen Rate zu Mattium oder gar zu Rom die Hand zu führen
verdienet? dem Barden fielen etliche Tränen aus den Augen / und er antwortete:
Eines Freundes Auge ist durchdringender als die Sonne. Es reget das Hertze / und
erkieset den Kern eines Dinges unter seinen Schalen. Es nimt wahr / dass der
ansehnliche und von schlechter Ankunft herrührende Musch und Zibet der beste
Geruch in der Welt sei. Alleine ich bescheide mich meiner Unvollkomenheit / weil
auf Erden keine Vollkomenheit anzutreffen. Weissheit ist ja wohl der sicherste
Leitstern eines Fürsten / aber die Geschäffte sind wie gewisse Gläser / welche
so vielerlei Farben zeigen / so oft man selbte gegen dem Lichte umbwendet.
Daher kann Phorcino besser vom Kriege reden / als der erfahrne Hannibal solchen
führen. Ja wenn gleich Witz und Erfahrung überein stimmen / schlägt doch das
göttliche Verhängnüs die Hand darein / und man sieht im Herrschen oft so wohl
Toren als Bosshafte den Zweck erreichen / als Kluge und Fromme dessen fehlen.
Ariovist fiel ein: Es ist nicht ohne / dass kluge Schiffer zuweilen scheutern /
aber nur an blinden Klippen und bei schrecklichem Ungewitter; Unerfahrne gehen
hingegen auch bei Sonnenscheine zu Grunde. Daher benimmet ein und ander Zufall
nichts der Güte und dem Nutzen der Weissheit. Sie ist das Steuer-Ruder / ohne
welches ein Reichs-Schiff ein Spiel und Raub der Wellen / und ein unfehlbares
Opfer des Untergangs ist. Mehrmals erkieset man auch aus Irrtum an statt der
eingebildeten Weissheit ihren Schimmer oder Schatten / ja zuweilen gar ihre
Feindin die Bosheit. Diese / wenn ein Aristippus unter dem Scheine des höchsten
Gutes die hesslichste Wollust einflösst. Dieser Weisen Lehren gleichen den Büchsen
/ welche Uberschrifften heilsamer Artzneien / inwendig aber nichts als Gift
haben. Mit dem Schatten armet man sich / wenn die Missgunst selbte mit Fleiss
hinter Bilder / Rätzel und Zahlen verstecket / und wie der seine gelehrteste
Schule verschlüssende Aristoteles beschuldigt wird / nach der Art desselben
Meerfisches / welcher umb nicht gefangen zu werden das Wasser mit einer von sich
gelassenen Farbe schwärtzet / seine Lehren mit Fleiss verdunckelt / dass sie
niemand verstehe. Welche Weissheit dem Pech-Feuer gleiche kommt / welches mehr
Rauch als Licht hat / und mehr schwärtzet als erleuchtet. Den Schimmer der
Warheit lassen sich die bländen /welche die Hülsen für den Kern erkiesen. Aber
die allhier gelehrte Weissheit hat nicht weniger Grund als Licht. Sie versteiget
sich nicht in unfruchtbaren Nachgrübelungen / sondern sie beschäfftigt sich
alleine mit Dingen / die man täglich zu sein und des Volckes Nutzen angewehren
kann. Sie ist so tiefsinnig und doch so verständlich / und / wie ich mir einbilde
/ nicht weniger woltätig. Keine grössere Woltat aber köntest du mir /
holdreicher Vater / leisten / als wenn du diesen edlen Knaben / welchen ich als
meinen Augapffel und vielleicht lieber als meine künftige Söhne habe /zu einem
Zuhörer deiner Weissheiten aufzunehmen würdigen woltest. Dieser Knabe war
ungefehr zwölff oder dreizehn Jahr alt / ungeachtet man ihn seiner Länge halber
für etliche Jahr älter geschätzt hätte. Sein Antlitz war für sein Geschlechte
bei nahe zu schön / und eine genungsame Ursache das Frauenzimer darüber
eiversüchtig zu machen. Seine Haut war von solcher Zärte und Reinligkeit / dass
zu zweifeln; Ob der seiner Klugheit halber für alle Menschen gepriesene Salomon
ihn wie die von der Mohren-Königin Nicanna verkleideten Knaben unter den Mägdgen
aus dem Wasche der Hände und Trübung des Handwassers würde erkennt habe. Seine
schneeweisse Locke spielten ihm umb den Hals / dass sie keines Mahlers Pinsel
zierlicher hätte bilde köñen. Sie hatten einen herrlichen Glantz / dass sie weder
mit gemahlne Golde bestreut / noch mit Gold-Drate durchflochten werden dorfften.
Das Haupt war ganz rund. Dieses aber soll ein Zeichen eines grossen Geistes und
Verstandes / wie spitzige Häupter Merckmaale der Narren sein. Alle Glieder
hatten mit einander eine wohl-abgeteilte Gleichheit / und nicht weniger eine
erbare als geschickte Bewegung. Aus seiner Freundligkeit blickte etwas
heldenmütiges / wie aus vollkommenen spielenden Diamanten eine durchdringende
Schwärtze. Mit einem Worte: Er schien ein rechtes Meister-Stücke der Natur zu
sein / und diese Helden-Mutter hatte ihm einen nachdrücklichen Zug aller Augen
und Gemüter an sich zu locken eingepflantzt. Der Barde sah diesen auf
Ariovistens Befehl für ihm auf den Knien liegenden Knaben lange Zeit an. So sehr
nun die Augen auf ihm erstarreten / so sehr wallete des Alten Hertze / und
hemmete ihm gleichsam die Zunge. Endlich zwang er doch diese Worte heraus:
Unsere Schule stehet allen Edlen offen / diesem Knaben aber hat die Natur das
Zeugnis seines edlen Ursprungs an die Stirne gepreget. Unsere Weissheit hat
nichts verdächtiges oder ärgerliches. Daher haben wir nicht von nöten von
iemanden den Eyd der Verschwiegenheit abzuheischen. Ich sehe ihn für einen
Deutschen an / aber die Barden verschmähen keinen Ausländer / weil die Sitten
Eigenschaften der Gemüter / nicht der Länder / die Weissheit an kein Volck
gebunden / und aus Morgenland in die kalte Mitternacht gereiset ist. Diesemnach
nehme ich diesen Knaben (wormit er ihn zugleich mit beiden Armen umbfasste) mit
Freuden und diesem Wunsche an: dass ich nur ein so guter Werckzeug ihn
auszuarbeiten sein möge / als er als der Zeug gut zu sein scheinet. Ariovist
bedanckte sich für seine Willfährigkeit aufs verbindlichste / und versätzte:
Jedes Holtz ist zwar nicht geschickt zu zauberischen Hermes-Säulen / aber aus
allem Marmel kann man Bilder der Liebe und des Todes / Helenen und Affen machen.
Es liegt nur an der Kunst und Willen des Werckmeisters / ob er diss oder jenes
daraus machen will. Weil hier aber der Lehrer so gütig als weise ist; hoffe ich
aus seinen Händen einen kurtzen Begrieff der Vollkommenheit zu erlangen.
    Hiermit namen sie für dissmal zwar wieder Abschied; aber wenig Tage hernach
begab sich Ariovist abermals in diss Behältnis der Barden / umb seinen Knaben /
welcher den Nahmen Ehrenfried führte /ihnen auf sieben Jahr völlig zu übergeben.
Tussnelde / Agrippine / Zirolane / Jubil / Rhemetalces / Siegismund und alle
andere anwesende Fürsten meinten / es dörffte für eine Verletzung ihrer
gemachten Verträuligkeit ausgelegt werden / wenn sie dissmal sich seiner
Gesellschaft entschlügen. Da zumal dieser edle Knabe fast alle ihm wohl zu
wollen bezauberte / und die Annehmung der Jugend bei den Barden / wie /wenn sich
iemand in einem Heiligtum einweihen liess / nicht ohne besonderes Feier zu
geschehen pflegte. Sintemal die Barden eben so wohl als die alten Chaldeer /
Egyptier und Griechen die Weissheit für heilig / ihre fürnehmste Lehren auch für
Offenbarungen Gottes hielten / und daher selbte im Tempel oder an Felsen
geweihter Hölen einschrieben. Sie kamen bald nach der Sonnen Aufgang an
bestimmten Ort; da die Barden den Ehrenfried bald an der Pforte empfiengen / ihm
Kräntze von vielen wohlrüchenden Blumen nicht nur auff das Haupt setzten /
sondern auch den Leib und alle Glieder damit umbwunden. Also führeten sie ihn zu
einem Spiegel-hellen Brunnen / darinnen sich alle neue Lehrlinge für ihrer
Einweihung baden mussten / gleich als wenn sie daselbst allen Unflat der
Unwissenheit abzuschweiffen hätten. Welches bei den Barden nichts neues / weil
derogleichen Abwaschungen fast bei aller Völcker Weihungen bräuchlich / und so
wohl zu Rom als zu Aten so gar in Bädern die Jugend unterrichtet / dabei
gebadet und eingesalbet ward. Der beim Brunnen stehende oberste Barde fragte den
Knaben: Ob er auf sieben Jahr Gehöre / Stillschweigen und Gehorsam zu
versprechen getraute? Denn das erste würde ihn weise /das andere vorsichtig /
das dritte demütig machen. Ehrenfried antwortete mit einer grossen Freudigkeit:
Weil er hörte / dass wer nicht weise wäre / sich keinen wahrhaften Menschen
nennen könnte / wünschte er ehe zu sterben / als ein Mittel-Ding zwischen
Menschen und Vieh zu sein. Nach dieser Erklärung befahl er dem Knaben sich nackt
auszuziehen / und in dem Brunnen zu waschen. Die darbei stehende Agrippine wollte
sich entfernen / als sie den Knaben von Barden entkleiden sah. Tussnelde
lächelte / und fragte: Warumb sie dieser Einweihung nicht zuschauen wollte?
Agrippine antwortete: Weil die Blösse in ihren Augen ein sehr hessliches Ding
wäre. Und wunderte sie sich /dass die Barden / von denen sie doch sonst so viel
Weissheit gehört hätte / sich derselben nicht schämeten; zumal ihrem Bedüncken
nach sich in Schulen nichts weniger schickte / als nackt sein. Der ihr gegenüber
stehende Barde hielt ihre Sitten zu verteidigen der Notwendigkeit / und fiel
ihr ein: Wir leben in dem unschuldigen Deutschlande / wo die meisten Einwohner
nackt gehen / und dennoch keuscher / als die bekleideten sind. In Indien gehen
die Weltweisen selbst bloss / und in der Welt die meisten Leute nackt /besonders
unter den hitzigen Land-Striechen. Gleichwohl weiss man von allem diesen nicht so
viel Uppigkeiten zu erzählen / als von denen wollüstigen Persen und Griechen /
bei denen nicht die Schamhaftigkeit /sondern Hochmut und Eitelkeit die Kleider
erfunden zu haben scheinet. Denn wie nichts mehr als die Blösse den Menschen
seines Armuts und Elends überzeuget; also ist der mühsame Aufputz des
Frauenzimmers in gesponnenes Gold / künstlich gewebte Seide und Wolle / in die
Krausung der Haarlocken / die Beblümung des Antlitzes nur eine ausgedachte
Entzündung der Begierden; und scheinet / dass daselbst die Frauen ihre Brüste nur
verdecken umb selbte mit mehrer Regung zu weisen / und die Männer durch ihre
gezwungene Missgunst mehr aufzubringen. Es ist damit beschaffen / wie mit den
Sonnen-Strahlen. Die auf die Seite schüssenden verursachen viel grössere Hitze
als die gerade untergehenden. Also entzündet ein wenig von einer nackten Brust
oder von einem entblösten Fusse lüsterne Gemüter viel kräfftiger /als was uns
ganz bloss für Augen liegt. Für dem letztern hingegen eckelt selbst die Wollust
/ als wie dem Munde für allzu sehr gezuckerten Speisen. Die Begierde gleichet
dem Winde. Denn beide stürmen am meisten / wo sie gehemmet werden / und legen
sich bald in vollkommener Freiheit. Diesemnach man in Deutschland die Blösse für
das beste Genesungs-Mittel wider die Geilheit hält / und besorget; dass nachdem
unser Adel von den Nachbarn das Gespinste der Würmer zu Kleidern erborget / mit
selbtem auch die Würmer der Wollust eingeschleppt werden dörfften. Rhemetalces
pflichtete dem Barden bei / und sagte: Seine Tracier wären eben der Meinung als
die Deutschen / und ihn wunderte / dass Agrippine als eine Römerin für nackten
Knaben eine solche Abscheu trüge /und mit Livien ganz nicht übereinstimte /
welche /als er zu Rom gewest / und der mit ihr fahrende Käyser die auf der
Strasse in einem Feier nackt herumb lauffenden Knaben wegjagen lassen wollte /
ihm eingefallen wäre: Ein nackter Mann wäre in den Augen einer ehrlichen Frauen
ein todtes Bild. Agrippine ward hierüber beschämt / dass sie den Kleidern das
Wort zu reden mehr nicht getraute / sondern vielmehr die Barden / welche kein
Blat für den Mund zu nehmen gewohnt sind / zu einer gerechten Durchhechelung der
Römischen Kleider Uppigkeiten zu veranlassen befürchtete. Hiermit war sie
gleichsam gezwungen bei dieser Einweihung festen Fuss zu setzen / und weil sie
selbst mit einer Hand in den Brunn fühlte /das Wasser aber kälter als den Schnee
befand / und gewahr ward / dass die Barden den Finger-nackten Ehrenfried /
nachdem sie ihn vorher mit Eichel-Oel übergossen und mit Saltze bestreuet hatten
/ gleich darein eintauchten / konnte sie sich nicht entalten überlaut zu ruffen:
Ob sie diesen zarten Knaben in dem Quell der lasterhaften Kälte / durch welches
der schwartze Nord seinen Frost ausstiesse / tödten wollten? Sie aber lachten
darzu / und einer antwortete: Könten die neugebohrnen Kinder solche bei den
Deutschen gewohnten Bäder ausstehen / würde es diesem erwachsenen und
Zweifels-frei in kaltem Wasser abgehärteten Knaben nichts schaden. Er aber
selbst lachte ebenfalls darzu /und verbiess darbei alle Empfindligkeit. So bald
er nun wieder aus dem Wasser gezogen ward / musste er für dem obersten Barden
nieder knien / welcher eine Schale voll aus Blumen gedrückten wohlrüchenden
Oeles in der Hand hatte / und zu Stärckung des Gehirnes ihm den Wirbel und die
Schläfe einsalbete. Als er nun eben diss auf der Brust verrichten wollte / liess er
die Schale aus der Hand fallen / ergrieff mit beiden Armen den Ehrenfried; sagte
mit holer Stimme: Ach! mein Sohn! fiel aber überrücke zu Bodem / und ich hielt
den Knaben so feste / dass er mit ihm über einen Hauffen fiel. Jedermann
erschrack über diesem plötzlichen Zufalle; und war bemühet mit Kühl- und
Stärckungen dem guten Alten beizuspringen. Ein Barde raffte sich auch mit dem
Ehrenfried / solchen aus des ohnmächtigen Armen zu reissen. Zirolane / welche so
wohl als das andere Frauenzimer mit ihre bei der Hand habenden Balsam hierbei
beschäfftigt war /kriegte den Knaben hierüber vorwerts recht ins Gesichte;
worauff sie des Barden vergass / den nackten Knaben umbarmte / selbten mit einer
ungemeinen Entzückung unaufhörlich sonderlich auf die Brust küssete. Dieser
Knabe stand hierüber erstarret; Tussnelde / Agrippine und andere wussten nicht
was sie destwegen dencken sollten / Rhemetalces aber / als er Zirolanen in einer
so heftigen Brunst gegen diesen Knaben entzündet / und des Umbarmens und Küssens
kein Ende machen sah / entrötete sich anfangs / hernach erblasste und zitterte
er / endlich riess er sich mit den Worten: O verdamte Untreu der Weiber! wie ein
Blitz davon. Niemand als Hertzog Siegesmund / weil aller Augen teils auf den
sterbenden Barden / teils auf die entzückte Zirolane gleichsam angepecht waren
/ nam Rhemetalcens Verstell- und Entfernung so eigentlich wahr / daher er ihm
auf dem Fusse folgte / er konnte aber weil Liebe und Zorn die geschwindesten
Flügel haben / selbten kaum ausserhalb des Gartens /wo alle Pferde verwahret
waren / ereilen / als er sich schon mit seinen Reisigen und Schildträger zu
Pferde gesetzt hatte. Hertzog Siegesmund fragte: Wer die Ursache seines so
plötzlichen Eivers und heimlichen Abschiedes wäre? Rhemetalces antwortete: Ist
dieses wohl Fragens wert? Aller anwesenden Augen werden Zungen der Untreu wider
die mich aufs ärgste beschimpfende Zirolane sein? Soll ich dennoch zu meinen
Beleidigungen mich unempfindlich / und zu ihren Vergehungen blind anstellen?
Hertzog Siegesmund versetzte: Die Fürstin Zirolane hätte zeiter ein so
vollkommenes Muster der Tugenden fürgebildet; dass ohne Unrecht sich nichts böses
von ihr argwohnen liesse. Das unschuldigste Vorhaben hätte zuweiln einen Schein
des Argen / wie das ärgste Laster die Gestalt des Guten. Man müste also einer
Sache auswarten /und mehr auf die Wurtzel als Blätter acht geben. Rhemetalces
brach ein: Man mache mich nur nicht mit sehenden Augen blind / und verrede nur
in solchen Schwachheiten kein Weib. Sie gleichen in allem dem Meere / welches
bei stillem Wetter die Annehmligkeit selbst / wenn es aber vom Sturme / und
Weiber von Begierden beunruhigt werden / sind sie schädlicher und abscheulicher
als die Hölle. Sie gleichen dem Brunne des Ammons / welcher des Tages eisskalt
/des Nachts siedend heiss ist. Diesemnach mir denn Zirolanens Tugend wider meine
eigene Augen eine viel zu ohnmächtige Verteidigerin ihrer Untreu ist. Die
Sitten ietziger Welt sind so beschaffen; dass niemand /welcher ein Weib
verdächtig hält / für zu leichtgläubig gescholten werden kann. Hertzog Siegesmund
begegnete ihm: Ich kann mich nicht genungsam wundern; wie ein so tapferer Fürst
sich eine so niedrige Schwachheit / als die Eiver-Sucht ist / bemeistern lassen
könne. Ich erstaune / dass Rhemetalces die Tugend / welcher er sein eigenes
Hertze aufgeopfert hat /durch eine so seltsame Einbildung zum Laster / sich aber
zum Leibeigenen so unzeitiger Regungen machen mag. Weiss er nicht / dass dieser
Eigenschaft und steter Vorsatz ist / sich an Tugend zu rächen / weil sie von
ihr so sehr im Zaume und unter der Rute gehalten wird? Die Ströme wenden ihre
euserste Kräfften an die sie hemmenden Tämme zu durchbohren; Neid /Argwohn und
Verläumdung aber rätet der Unschuld am meisten Dampf anzutun. Ist es aber wohl
der Vernunft gemäss / dass / wenn Zirolane ihrer Ankunft und ihrer Ehre zu
vergessen und die ihr angebohrne Scham-Röte auszuziehen fähig wäre / sie in den
Augen Rhemetalcens und der ganzen Welt / in dem Gesichte so vieler / welche den
Lastern Spinnen-feind sind / ihre Untreue ausüben / und an einem Kinde ihre
rasende Brunst ausüben sollte? Warlich / die Laster scheuen das Tage-Licht / wie
die Eulen / ja die / welche gleich keinen Funcken Keuschheit mehr im Hertzen
haben / sondern ihre Ehre feil bieten / sind so unverschämt nicht / dass sie
ihrem Laster iedermann lassen zusehen. Fürnemlich aber ist die Schamhaftigkeit
dem deutschen Frauenzimmer angebohren; diese aber ist der Bodem der Erbarkeit /
wie die Morgen-Röte der Sonne. So tolle Begierden sind in diesem Lande ganz
unbekannte Wahre / und daher muss die heftige Regung Zirolanens gar was besonders
sein. Er erwarte diesemnach die Auslegung ihrer Entzückung / ehe er sie
verwirfft / und verdamme seine Zirolane nicht ehe / als sie sich verantworten
kann; wo er nicht selbst seine Liebe der Falschheit / sein Gemüte des
Unbestandes halber verdächtig machen will. Das euserliche Ansehn eines Dinges ist
ins gemein betrüglich / und unser Verstand so schwach / dass man von anderer Tun
niemals ohne sich selbst misszutrauen urteilen soll. Der ist noch etlicher
massen Entschuldigungs-wert / der durch Verläumdung eines Nebenbuhlers seine
Liebe in Galle verwandelt; wer aber sich durch eigenen Argwohn verführet / kann
sich keiner aufrichtigen Liebe rühmen / welche den Glauben zum Grunde hat / dass
seine Liebste keiner Untreue fähig sei. Alle widrige Zeugen / ja die Augen
sollen ihr verdächtig /und sie allemal Meisterin über die Eiversucht sein. Wäre
Zirolane gegen diesen Knaben mit unziemlicher Brunst entzündet / glaubt er /
dass sie so unvorsichtig sie gegen ihn ausschütten würde? meint er / sie sei so
einfältig und verstünde nicht / dass ein Weib / welches einem andern die Liebe
einflössen wollte / die ihrige nicht ganz zeigen müste? Denn derer Seelen gleich
wie Schwefel und Hartzt lodern / müssen doch einen Schatten der Kaltsinnigkeit
behalten / wenn sie sich nicht wollen verhasst machen / an statt / dass sie einen
andern verliebt zu machen gedencken.
    Allein ist denn Zirolanens Eigenschaft Rhemetalcen so unbekant?
Uberschwemmete sie ihn mit so viel Küssen / als diesen Knaben / da sie
Rhemetalcen zu lieben anfieng / oder am heftigsten liebte? Oder war ihre Liebe
nicht vielmehr eine Flamme ohne Rauch /und eine Gemüts-Regung ohne Ungestüm?
Hat er iemals den wenigsten Schatten solcher Leichtsinnigkeit an ihr
wahrgenommen / durch welche sie sich der Welt als eine anrichtige zur Schmach
und zum Aergernüsse vorstellen sollte? Rhemetalces brach ein: Hätte Zirolane mich
so inbrünstig geliebt und gehalset / so würde ich mit diesem Knaben weniger
Ursache zu eivern haben. So aber leschet ihre Lauligkeit gegen mir allen Zunder
meiner Liebe aus / und ihre Brunst gegen einem andern entzündet in mir die
Eiversucht / welche die Beständigkeit selbst wie der Schwefel den Stahl
zerschmeltzet. Hingegen müste dieser Jüngling kälter als Eyss und unempfindlicher
als Eisen sein / wenn er von Zirolanens Flamen nicht Feuer fienge. Denn Küsse
haben nicht nur die nachdrücklichste Macht einen zu entzünden / sondern eine
verborgene Eigenschaft zu bezaubern. Sie gleichen an der Anfälligkeit dem
Schaume eines tolle und beissende Hundes / welcher aus einem Zahne sein Gift
allen Adern einsäuget. Ja wie die Auge der Basilisken diss / was sie anstrahlen /
vergiften / also werden die dem Küssen zuschauende Augen von selbtem angesteckt.
Siegesmund ward hierüber ungeduldig / sprang auf sein Pferd / und fieng an:
Fürwahr / Rhemetalces /die Ehre der unscheltbaren Zirolane zwinget mich für sie
nachdrücklich zu reden. Seine allzu scharffsichtige Augen verraten eine grosse
Blindheit seines Verstandes / und seine Abtrünnigkeit einen Vorwand seines
leichtsinnigen Gemütes oder seiner Falschheit; welche Zirolanen geheuchelt /
sie aber niemals hertzlich geliebt hat. Sintemal Liebe wohl eine Schwachheit /
niemals aber eine solche Niedrigkeit werden kann. So lange ich nun meine Augen im
Kopfe haben werde / will ich nicht aufhören / die tugendhafte Zirolane zu bereden
/ dass sie aufhören sollte ihn zu lieben / um keinem undanckbaren die Ehre eines
Obsiegs über ein so edles Hertze zu enträumen / welcher verdiente in Verwirrung
und ihrem Hasse zu sterben. Ich kann diese Beschuldigung Zirolanens nicht für
einen Fehler der Liebe / sondern muss sie für eine Bosheit sie zu beschimpfen
annehmen. Sie würde Schiffbruch an ihrer Ehre / ich aber an meinem guten Nahmen
leiden / wenn ich darüber unempfindlich wäre; dass Rhemetalces die unschuldige
Zirolane verschmähet / welcher den so aufrichtig liebenden Siegesmund bei ihr
verdrungen hat. Meine Liebe hätte wohl Ursache sich über dieser Entziehung
Rhemetalcens zu freuen / aber meine und ihre Ehre befiehlet mir ihn so lange
allhier anzuhalten / biss er sich erkläre Zirolanen entweder ohne Argwohn zu
lieben / oder zu gestehen; dass sein Verdacht nicht weniger ohne Vernunft als
sein Hertze ohne aufrichtige Liebe sei. Mit diesen Worten zohe Siegesmund von
Leder / Rhemetalces aber hatte als ein Ausländer Bedencken sich mit einem
deutschen Fürsten zu schlagen / fieng also an: Ich weiss nicht was ich fürnehmen
soll / den Fürsten Siegesmund mir vom Leibe zu halten. Vorhin bin ich mit ihm
zerfallen / weil ich Zirolanen und sie mich geliebt / nunmehr werde ich
angefochten / da sie mir Ursache gibt sie nicht zu lieben. Tue ich Zirolanen
durch meine Eiversucht Unrecht / so hat sie zum wenigsten mehr / als ich Schuld
daran. meint Fürst Siegesmund aber ihre Unschuld mit dem Degen zu behaupten /
so stehet niemanden weniger als mir an sie durch meine Waffen schuldig zu
machen. Es verbeut mir solches auch das in Deutschland lange Zeit genossene
Gast-Recht / und es ist wohl eine seltzame Art auf eine solche Weise die
Unschuld erhärten / wo der stärckste der gerechteste ist; wo man / umb nicht
getödtet zu werden / zu tödten gezwungen wird / wo der Ausschlag von einem
gewandten oder gestrauchelten Pferde / von einer festen oder springenden Klinge
herrühret / und das Recht gezwungen wird auf des glücklichen Seite zu treten.
Hertzog Siegesmund brach ein: Die Waffen hätten in Deutschland schon das Ansehn
erlangt; dass ihr Sieg bei keiner ungerechten Sache stehen könnte. Diesemnach wäre
der unvermeidlichen Notwendigkeit / dass Rhemetalces entweder sein Zirolanen
angefügtes Unrecht gestünde und verbesserte / oder dass er sein vermeintes Recht
gegen ihn mit dem Degen behauptete; welcher ihre Ehre zu verteidigen auf sich
genommen / weil er durch seine Liebe sie beleidigt hätte. Er sollte sich daher
nur kurtz erklären / denn es wäre ohne Not viel Worte zu machen / wo man mit
der Faust was auszuführen hätte. Siegesmund drang hiermit Rhemetalcen so nahe
auf den Hals / dass er seinen Degen zur Gegenwehre auszuziehen und ihm zu sagen
genötigt ward: Die Ehre in einem Feinde wäre eben diss / was der Stahl in einem
Degen. Beide müsten springen / wenn man diesen zu sehr beugte / und jenem es zu
nahe brächte. Weil diese Fürsten nun mit einander tapfer anbunden / hatten die
Barden / oder vielmehr das Frauenzimmer den obersten Barden mit ihren
Stärckungen ein wenig wieder zurechte gebracht; dass er Atem schöpfte /und die
Augen öffnete. Diese aber versetzten ihn in eine neue Erstaunung / als er die
Fürstin Zirolane mit Ehrenfrieden fast unzertrennlich verwickelt sah. Die Liebe
lösete auch endlich diesem von Verwirrung des Gemütes / wie bei der über dem
Haupt des Crösus schwebenden Gefahr seinem von Natur stummen Sohne die Zunge /
dass er anfieng: Wil mir denn diese Fürstin das Vorrecht meinen gefundenen Sohn
zu küssen wegnehmen? Wie schwach er nun gleich war /erhob er sich doch / und
umbarmte den Knaben Ehrenfried mit der empfindlichsten Weichmütigkeit. Zirolane
ward hierüber gleichsam eiversüchtig und sagte: Ich glaube / dass niemand als ich
zu ihm besseres Recht habe. Welch Recht / fiel der Barde ein /geht der Gewalt
eines Vaters für? Der Zeiter gleichsam ein Gauckel-Spiel abgebende Ehrenfried
tat nunmehr auch seinen Mund auf / und fragte: Wil mich der Himmel heut so
glücklich machen / dass sich ausser meines Fürstens iemand meiner als eines
Sohnes annehmen will? Der alte versetzte: Er machet mich und dich heute viel
glücklicher / als du meinst. Denn er schencket mir meinen wahrhaften Sohn / und
dir deinen rechten Vater. Hiermit riess er sein leinenes Kleid auf / zeigte ihm
auf seiner nackten Brust eine kleine schwartze Bären-Tatze / und sagte wider
ihn: Sihest du nun / liebster Sohn / das Merckmal / welches die Natur dir und
mir auf die Brust gedrückt /und das Glücke darmit unwidersprechlich erhärtet
hat: dass du mein ungezweifelter Sohn / ich aber dein wahrer Vater sei.
Ehrenfried erstarrete zwar hierüber ein wenig / bald aber fiel er dem Barden umb
seine Knie /und klebte daran wie eine Klette / iedoch war er nicht mächtig ein
Wort aufzubringen / sondern seine Tränen mussten Vorredner seiner kindlichen
Liebe sein. Der Barde aber schüttete umb seinen aufgefundenen Sohn so viel mehr
zu vergnügen alle Geheimnisse seines Hertzens aus / und sagte: Lasse dichs nicht
gereuen / dass du deinen Vater in dieser unschuldigen Einsamkeit / in dieser
heiligen Einfalt gefunden hast. Die Gestirne werden aus Tälern eigentlicher
gesehen / als von Bergen / und in solcher Niedrigkeit des Lebens kommet man
Gotte am nechsten / welche doch edler Ankunft den geringsten Abbruch tut.
Dieses auf deiner und meiner Brust stehendes Siegel ist dir ietzt eine
genungsame Versicherung / dass wir so wenig aus Knechten entsprossen / als Perlen
und Purpur-Schnecken in gemeinen Muscheln wachsen. Die Zeichnungen der Natur
sind unfehlbare Anweisungen inwendiger Kräffte. Das wider die Schlangen-Stiche
dienende Schlangen-Kraut hat die Gestalt der Schlangen / das Leber-Kraut die
Farbe der Leber / die dem Krebse widerstehenden Erd-Beeren das Feuer des Krebses
an sich. Die Früchte der den Stein zermalmenden Steinbreche gleichen den
Nieren-Steinen. Lerne diesemnach aus meiner Bären-Tatze deinen Vater / dass er
kein furchtsames Tier gewesen / und die auf deiner Brust erinnere dich / dass
darinnen nur wie in dem ebenfalls mit einem Löwen von der Natur bezeichneten
Pyrrhus ein unerschrockenes Löwen- wohnen solle. Zirolane war über dem auf des
Barden Brust erblickten Merckmale schier zum Stein worden / gleichwohl aber
fasste sie seine Rede mit genauester Aufmerckung; iedoch konnte sie sich länger
nicht entalten / dass sie mit einem Arme dem Barden / mit dem andern dem
Ehrenfried aufs neue umb den Hals fiel / und Wechsels-weise bald einem / bald
dem andern die geistigsten Küsse als anklebende Siegel ihrer Liebe aufdrückte.
Der Barde wusste sich hierein nicht zu finden; fragte also / was denn sie für
Lust aus Störung ihrer Ergötzligkeit schöpfte / oder was sie für Recht hätte /
sich mit ihrer Freude und Verwandschaft zu beteilen? Zirolane eröffnete an
statt verlangter Antwort ihren mit den schönsten Brüsten der Welt angefülleten
Busem / und zeigete zwischen ihren zweien schnee-weissen Paradis-Aepfeln eine so
eigentlich gebildete Bären-Klaue / als immer die des Barden und Ehrenfrieds war.
Dieses Merckmal / sagte sie / wird meinen Anspruch an beide hoffentlich zur
Gnüge rechtfertigen; und wo mir mein Hertze ein falscher Wahrsager ist / mich
heute zu eines Tochter / zu des andern Schwester machen. Der Barde fiel
Zirolanen nunmehr so begierig umb den Hals / als vorher dem Knaben / er
erstarrete aber und erkaltete an ihr wie Eis / also / dass sie dieses zum ersten
wahrnehmende / zu ruffen anfieng: Hilff Himmel! hast du /holdseliger Vater / zu
dem Ende hier deine Tochter gefunden / dass dir deine Tochter zur Baare werden
muss? Ehrenfried / welcher den Barden umbarmte /und Zirolanen küsste / erstarrte
bei Wahrnehmung /dass der Barde als ein Todter verblasste / wie ein Scheit
erstarrete. Die umbstehenden kamen ihr zwar aufs neue mit Reiben und Kühlen zu
Hülffe / aber umbsonst. Denn der Barde war eisskalt und steintodt. Zirolane und
Ehrenfried warffen sich auf seine niedergesänckte Leiche / betränten und küssten
sie unaufhörlich / gleich als wenn die Tränen die versiegene Feuchtigkeit des
Lebens einem Todten einflössen / die Küsse aber die verlassene Wärmbde des
Geblütes wieder anzünden könnte. Hierzu kam ein ander eissgrauer Barde / welcher
als er den obersten Barden auf der Erden todt liegen sah / sich durch Haar
ausrauffen und andere den Barde sonst ungewohnte Ungeberden nicht wenig
verstellte / und zu ruffen anfieng: O grausames Verhängnüs! Warum lässest du den
Wütterich Marbod leben / und warumb muss der tapfere Hertzog Gottwald für ihm
seinen Geist aufgeben? Wo bleiben die glaubhaften Wahrsagungen / dass dieser
weise Fürst der Gotanen für seinem Tode noch aufs höchste sollte erfreuet
werden. Tussnelde fragte alsofort: Ob denn dieser todte Barde der berühmte
Hertzog Gottwald des Bojischen Königes Sicannir Eydam wäre / welcher durch
Ehrgeitz seiner Schwester Marmeline und die Gewalt ihres Ehmanns Marbod seiner
väterlichen Herrschaft wäre beraubet worden? Freilich ist er es / antwortete
der Barde; Aber ach! der betrüglichen Wahrsagungen / wo leider! ist die Freude /
mit welcher Hoffnung und Schatten wir uns manchmal frühzeitig gekitzelt haben!
Wir Alberen wollen weise sein / und lassen uns durch vermeinte Vorsehung
künftiger Dinge wie durch Träume betrügen / welchen man aus törichter Einfalt
wie den Calender-Schreibern glaubt / ungeachtet sie unter hunderten kaum
einmal eintreffen. Tussnelde begegnete diesem Barden: Wenn die angezogenen
Wahrsagungen nichts anders als von dieses Todten Freude gemeldet; haben sie mehr
denn allzu sehr eingetroffen; sintemal er wie die zwei Mütter zu Rom / welche
ihre für erschlagen gehaltene Söhne unverhofft ins Gesichte bekamen / für
Freuden gestorben ist. Der Barde fragte: Ist denn aber der Brunn seiner Freude
mit seinem Leben versiegen? Und was für eine wichtige Ursache ist es denn
gewest; dass diesen grossmütigen Fürsten die Freude erstecket / welchen kein
trauriger Unglücks-Strick aus seinen Angeln zu sätzen weniger zu erwürgen
vermocht hat. Tussnelde antwortete: Wie es leichter ist beim Unglücke als Glücke
Farbe zu halten / also werden die Menschen ehe durch die von übermässiger Freude
sich ausbreitenden Lebens-Geister entseelet / als das Hertze durch das von
Schrecken oder Furcht zusammen lauffende Geblüte ersäuffet. Seine Freude aber
ist billich grösser als der zwei Römischen Mütter gewest; weil jede derer nur
einen Sohn / Hertzog Gottwald aber zugleich Sohn und Tochter wieder gefunden.
Hilf Himmel! rief der Barde / hat Gottwald seine Kinder wieder gefunden? welche
sind es denn? Hiermit sah er Zirolanen / bald den Ehrenfried / welche noch
immer auf Gottwaldes Leiche lagen / starck an / und endlich sagte er: Es ist
wahr / ich finde alle Striche der Aehnligkeit mit Gottwalden in dieses Knabens /
und der Mutter Hedwig in dieser Fürstin Gesichte. Aber ich will die Warheit bald
aus einem gewissern Kennzeichen erfahren. Hierauf riess er dem Ehrenfried sein
Kleid auf / und als er auf seiner Brust die Bären-Tatze erblickte / umbarmte er
ihn mit nicht weniger Empfindligkeit als vorhin sein Vater / nennete ihn seinen
Sohn / seinen Enckel / den Stab seines Alters / seine Hertzens-Lust / welche
nunmehr auch das bitterste in der Welt / nämlich den Tod ihm versüssen würde.
Also gebahrte er auch wechselsweise mit der Fürstin Zirolane. Alle Anwesenden
konten sich hierüber dieser seltzamen Verwickelung der Freude und des Leides
nicht genungsam verwundern / ja ihre Gemüter nahmen bald der Wehklagenden
Schmertz / bald der einander küssenden Ergötzligkeit / wie der Cameleon die
Farbe dessen / worauf er lieget / an. Sie vergnügten sich über Zirolanens /
Ehrenfrieds und dieses steinalten Barden verwechselten Umbarmungen; wurden aber
bald durch diese unvermutete Trauer-Post bestürtzet / dass Fürst Siegesmund vom
Rhemetalces bis auf den Tod verwundet worden wäre / und nicht ferne vom Garten
läge. Am meisten aber erschrack seine Schwester die Hertzogin Tussnelde / welche
auch unveränderten Fusses aus dem Garten ihm zueilte / die meisten Anwesenden
auch ihr folgten. Sie fanden ihn in einem verzweifelten Zustande auf der Erde
liegend / denn sein ganzer Leib war gleichsam voller Blut-Quellen / sein
Antlitz dem Schnee ähnlich / seine Glieder eiskalt / und er rechelte nur noch
ein wenig. Tussnelde wehklagte über den Unfall dieses in ihren Augen schon
todten Bruders aufs beweglichste / betauerte und machte sich selbst Gewissen /
dass / da sie doch zwischen ihm und Rhemetalcen die Eyversucht wegen Zirolanens
gewüst / sie ihre natürliche Liebe von der Höfligkeit hätte überwiege lassen /
und nicht auf Mittel gesonnen sie zwei von einander zu entfernen. Sie schalt
ihren Unverstand / welcher nicht nachgedacht / dass Neid und Eyversucht dem
Staube zerstossener Diamanten gleichete / welcher zwar langsam / aber endlich
doch tödtete; und dass Rhemetalcen die genossenen Woltaten an solchen
Tätligkeiten nicht hindern würden / weil doch niemand wäre / der seine
Vergnügung nicht seiner Verbindligkeit vorzüge. Unter ihren Wehklagen waren zwei
Barden umb den Fürsten Siegesmund sehr beschäfftigt / stillten ihm auch mit
einem Steine und gewissen Kräutern eben so geschwinde / als der Wurtzelmann zu
Meintz dem Flavius das Blut / und weil nach etlichen Stärckungen sich der Puls
wiederfand / trösteten sie / dass an seinem Leben noch nicht gäntzlich zu
zweifeln wäre. Dahero deñ auf aller Gutachten Siegesmund in Garten zu tragen /
und den flüchtigen Rhemetalces zu verfolgen beschlossen ward. Tussnelde /
ungeachtet sie diese Beleidigung am nechsten angieng / war gleichwol aus
Erinnerung voriger Händel für Rhemetalcens Unschuld bekümmert / liess also
Siegesmunds Waffenträger vor sich kommen / und befahl ihnen: Sie sollten ohne
Heuchelei gegen ihrem Herrn den warhaften Verlauff erzählen. Wie aber jedweder
Sinn seine besondere Sprache hat / und bisweilen einer /der die wenigsten
Werckzeuge zu reden hat / die besten Redner in der Beredsamkeit übertrifft /
also gaben ihre Gebehrden ehe zu verstehen: dass Siegesmund sich an Rhemetalcen
gerieben hätte / ehe sie noch dis / was für ihrem Gefechte vorgegangen war
/erzählten. Dieses hätte Rhemetalces zu seiner blossen Notwehre eingegangen wäre
dem Fürsten Siegesmund sich alleine verteidigende ein ziemlich Stück gewiechen
/ und hätten endlich sie beide aus Müdigkeit gegen einander verblasen. Zwischen
dieser Zeit wären etliche Alemännische Ritter dazu kommen /welchen zwölf
beladene Maulesel gefolget; die ersten vier wären mit schwartzen Sammeten Decken
/ darauf das Cheruskische Pferd von Golde gestückt gewest /die andern mit blau
Sammeten Decken und dem darauf von Silber gestückten Cattischen Löwen / die
letztern vier mit rot Sammeten Decken und dem darauf von Golde gestückten Adler
der Marsinger beleget gewesen. Die ersten wären / der Führer Ansage nach
/Tussnelden / die andern der Hertzogin Erdmut / die letzten Zirolanen vom
Fürsten Ariovist zugeschickt worden; welche auch noch ausserhalb des Gartens
dieser Gelegenheit erwarteten / solche denen drei Fürstinnen zu überliefern.
Diese Nachricht wäre gleichsam ein Lermenhorn gewest; dass Siegesmund und
Rhemetalces einander aufs neue viel grimmiger als vor angefallen / Rhemetalces
auch nicht mehr sich nur beschirmet / sondern auch nach ausgestossenen Worten:
Ich will heute mich an der untreuen Zirolane und an ihren zweien Liebhabern
rächen / den Fürsten Siegesmund zu fällen sich eivrigst bemühet hätte. Gleichwol
aber wäre Siegesmund so glücklich gewest ihn am ersten in die Achsel zu
verwunden. Aber Rhemetalces wäre bei Erblickung seines Blutes nur eifriger und
behertzter worden. Uber dis hätte ihn die Güte seines schnellen und gewandten
Pferdes für dem Fürsten Siegesmund einen mercklichen Vorteil gegeben /
Siegesmunden einen Hieb in den rechten Arm /und / weil durch desselben
Schwächung er keine rechte Gegenwehr mehr tun können / folgends einen ins Haupt
und in die Seite zu versätzen / worvon er auch auf dem Pferde gesuncken / und
von ihnen vollends herab genommen worden wäre. Rhemetalces hätte hierauf dem
Pferde die Sporne gegeben / und wäre mit seinem Reisigen davon geritten.
Tussnelde hörte dis mit nicht wenigem Unwillen / sagte aber: Sie müste
Rhemetalcen abermals recht geben / und wäre ihr leid / dass er durch seine Flucht
gegen den Deutschen ein so grosses Misstrauen / gegen Zirolanen aber eine so
unbegründete Eyversucht geschöpfft / ihm also einen so unschätzbaren Verlust
zugezogen hätte. Hertzog Jubil / welcher mit Rhemetalcen jederzeit in grosser
Verträuligkeit gelebet hatte / schlug ihr daher für /ihm den Ritter Limpurg
nachzuschicken; Welches sie und alle andere beliebten / Limpurg auch willigst
übernam. Hierauf kehrten sie alle wieder in Garten /fanden aber daselbst die /
welche sie in Umbarmung Ehrenfrieds und des alten Barden verlassen hatten / in
einer ganz anderen Verstellung. Deñ nachdem Zirolane vernommen / dass
Rhemetalces den Fürsten Siegesmund so gefährlich verwundet hätte / verwandelte
sich ihre mit Leid vermischte Vergnügung in ein heftiges Schrecken; seine
verlautende Flucht verwirrte ihren Verstand / die Nachricht aber / dass
Rhemetalces ihr Untreue beigemässen und sich an ihr zu rächen gedräut hätte /
überschwemmete ihr Hertz auf einmal mit so viel Liebe / Wehmut / Rachgier und
Ungedult / dass selbtes ärger als ein von Blitz und Wellen bestürmtes Schiff
beängstiget / und sie ihr selbst nicht mehr ähnlich war. Nach vielem Seufzen
fiel sie ihr selbst in die Haare / zerkratzte ihre Wangen / schlug ihre Brüste /
gleich als weñ sie durchs lezte alle Gemüts-Regungen daraus verjagen / mit dem
andern ihren Spiegel der Schönheit umb nicht mehr geliebt zu werden / verterben
/ mit dem ersten das zwischen ihr und Rhemetalcen verknüpffte Band zerreissen
wollte. Endlich kam ihr / niemand wusste woher / ein Messer in die Hand / mit
welchem sie ihr besorglich ein Leid angetan hätte; wenn nicht der alte Barde
ihr in die Armen gefallen wäre / und solches ihr mit Gewalt ausgerissen / und
ihr eingeredet hätte: Ob sie nunmehr alle Vernunft und Grossmütigkeit ausziehen
wollte / nachdem sie erfahren: dass sie des unerschrockenen Hertzog Gottwalds /
und der tugendhaften Fürstin Hedwig Tochter wäre? Ob ihr unbekandt wäre / dass
Leuten von so hoher Ankunft nichts unanständiger wäre / als eine so grosse
Gemüts-Schwachheit. Sintemahl sie sich denen Begierden unterwürffen / welche so
kühn wären / dass sie sich nicht scheueten GOtt zu widerstreben. Ob sie nicht
wüste / dass die Angst ein niederfallender Blasebalg wäre / welcher uns das Licht
des Lebens ausbliesse; Hoffnung aber einer / der aufgezogen würde / wordurch
bedrängte Seelen Lufft schöpfften? Ob sie so neu in der Liebe wäre; dass sie
nicht wüste; die Bekümmernüs wäre in ihr / was das Saltz in Speisen und die
Schärffe in der Süssigkeit? Rhemetalcens Zorn würde eine Verneuerung seiner
heftigen Liebe sein; welche eben so wohl als das Meer zuweilen eines Sturmes
vonnöten hätte / wenn sie nicht veraltern / wie dieses vom Stillstehen faulen
sollte. Diesem nach verdiente der Schmertz in der Liebe eben so wohl als die
bittere Aloe in vergüldeten Pillen ihrer heilsamen Würckungen halber mit
besserem Rechte den Nahmen des Goldes / als das sie bedeckende Gold selbst.
Seine Ungedult / welche ohne dis das rechte Kennzeichen einer heftigen Liebe
wäre / rührte aus einem blossen Irrtume her; welcher durch vernommene Warheit /
weswegen der Ritter Limpurg ihm den Traum recht auszulegen schon abgeschickt
wäre / wie ein Nebel von der Sonne würde zu Bodem gedrucket werden. Wahre Liebe
vertrüge tausend Fehler; daher machte sie die ihrige verdächtig / dass sie an
Rhemetalcen nicht einen vertragen wollte. Denn eines jeden Tun wäre ein Pinsel
seines Gemütes. Also gereichete ihre Ungebehrdung nicht nur zu ihrem Verterb /
sondern auch zu ihrer Verkleinerung. Daher müste sie gedultig leiden / und mit
Hertzhaftigkeit hoffen. Sintemahl Misstrauen ein Gift der Liebe / Schmertz des
Lebens / Gedult und Hoffnung aber ihr Bezoar wäre. Zirolane gab eine gute Weile
nichts anders zur Antwort als Seuffzer / hernach übermeisterte der Zorn abermals
ihre Wehmut / gleich als wenn alle Gemüts-Regungen ihr Hertze zu ihrem
Kampf-Platze erkieset hätten. Aus ihren Augen sprüeten Funcken der Rache / und
ihr Mund konnte nichts anders / als / O untreuer und undanckbarer Rhemetalces!
herfür bringen. Aber weder Mund noch Augen konten verstellen / dass aus jenem nur
die Süssigkeit /aus diesem nur der Zunder der Liebe entspringen könnte. Sie
runtzelte zwar die Stirne / und wollte mit Senckung der Augenbraunen die Anmut
ihrer Augen verdüstern; weil aber die Liebe schon ihre Meisterin worden war /
und die Aug-Aepffel als ihre Gestirne besessen hatte / liess sie doch ihre
Holdseeligkeit daraus nicht vertilgen. Diesem nach denn ihre Wehmut bald wider
ihre Entrüstung ablösete / und nach dem sie ihre Wangen aufs neue mit einer Bach
voll Tränen bewässert hatte / fieng sie mit einer grossen Schwermütigkeit an:
Liebe und Schmertz hätten für allen andern Gemüts-Regungen eine besondere
Freiheit / dass an ihnen so wenig als am beweglichem Schilffe die Schwachheit
scheltbar wäre. Sie hätte Rhemetalcen unzählbare und unfehlbare Merckmaale ihrer
hertzlichen Liebe gezeiget / sie hätte sich eifrig bemühet ihm sein Begehren an
den Augen anzusehen / nun aber entbräche er sich ihrer als einer Untreue. Sie
hätte ihm fast mehr Versicherungen ihrer Aufrichtigkeit getan / als die
Eigenschaft / welche sonsten nie ohne Wehen geboren würde / und die Gesätze
ihres Geschlechtes zuliessen / welches seine Liebhaber durch Härtigkeit wie das
Gold durchs Feuer prüfete. Rhemetalces hätte unter tausenden alleine das Glücke
gehabt an ihr Rosen ohne Dornen zu finden. Aber ins gemein lieffe das Wasser /
welches zur Glückseeligkeit führte / ins Meer der Vergessenheit. Rhemetalces
müste nichts mehr von Zirolanens Treuhertzigkeit wissen / da doch sonst selten
der Liebe und dem Hasse das Gedächtnüs entfiele. Wolte GOtt aber / die
Vergessenheit wäre sein gröster Undanck; und er schwärtzete nur nicht seine
Woltäterin mit übeler Nachrede! Alleine diese wäre ins gemein das Messer /damit
der Undanck seine Verbindligkeiten zerschnitte. Denn diese wären
Geburts-Schmertzen derer / welche wegen genossener Woltate sich Schuldner zu
sein wüsten. Die Einbildung wäre zwar fähig in ihrer Schoos tausend Ungeheuer zu
empfangen; gleichwol aber dis nicht / was von aller glaubwürdigen Mögligkeit
entfernet wäre / wie dis / dass sie einen so vollkommenen Fürsten aus ihrem
Hertzen bannen und sich mit einem unmannbaren Kinde so schändlich vergehen
sollte. Aber vielleicht brütete Rhemetalcens Hertze die Eyer der Untreu aus / die
er ihrem unterlegen wollte. Ein Verliebter schriebe aufs Papier der Gelegenheit
sein Verlangen; und eignete der das Laster gebrochener Treue zu / mit welcher er
zu brechen Lust hätte. Aber wie möchte sie den einen Verliebten nennen / welcher
mit der Farbe der Liebe nur seine Wollust überfirnst hätte / welche niemals
nichts suchte / als was sie nicht besässe. Tussnelde fiel Zirolanen ein: Es gäbe
in der Menschen Hertzen und im Verstande so viel Klippen und Sandbäncke / als im
Meere. Die menschlichen Regungen wären so wilde als die Sturmwinde / welche die
Klügsten nicht zu bändigen wüsten / ja es erfoderte eine zweifache Klugheit klug
zu sein / wenn die Begierden zu Pferde sässen; daher sollte sie von Rhemetalcen
nichts übermenschliches fordern / und seinen aus allzu grosser Liebe
herrührenden Fehltritt nicht als eine unvergebliche Beleidigung aufnehmen. Wahre
Liebe hätte die Eigenschaft köstlichen Balsams / welcher Fäule und Leichen vom
Gestanck und Verwesung bewahrte. Sie wendete alles zum besten / entschuldigte
und verhüllte die Gebrechen der Geliebten. Die / welche alle ihre Schwachheiten
zu verstellen wüsten / wären so wenig die redlichsten als die kläresten Wasser
die gesündesten. Die Natur hätte ihr zwar eine Beeren-Tatze auf die Brust
gepreget / aber diese müste keine Erinnerung zur Grausamkeit weniger ein Anlass
ihren Liebsten zu zerfleischen / welche ihren Voreltern ein Merckmaal der
Tapferkeit / und ein Sporn zur Tugend gewest wäre. GOtt hätte sie heute mit
einem Vater und Bruder beschencket / und sie wollte ihren Liebsten verstossen?
Wie es oft heilsam wäre den Ursprung eines Zufalls nicht wissen / also
gereichten oft / besonders in Lieben / Unfälle zu desto grösserer Vergnügung.
Ein trächtiger Elefant müste zwölf Jahre tragen / die Dattelbäume blüheten erst
im hundersten Jahre / also müsten auch die edlen Früchte der Liebe Zeit zu ihrer
Reifwerdung haben. Agrippina redete ihr Wort auch hierzu / und sagte: Vielleicht
wäre Rhemetalcens Entfernung auch nur eine kluge Erfindung Zirolanens Liebe zu
prüfen / oder sie noch mehr anzuzünden. Denn Liebhaber gleichten wie in vielen /
also auch hierinnen den Jägern / welche nach gestellten Netzen davon giengen /
umb durch ihre Flucht das einfältige Wild in die Schlingen zu locken. Zirolane
ward hierüber mehr schamrot als getröstet / daher musste sie nur ihre Seufzer in
ihrem Hertzen / aber mit so viel mehr Pein verstecken / und die Tränen zwangen
sie / dass sie in ihren Augen gefrieren mussten. Gleichwol aber stiess ihre
Ungedult noch diese Worte heraus: Gehe immer hin / grausamer Rhemetalces / zu
deinen rauhen Traciern / derer Weiber von Raserei und Zerfleischung des
liebwehrten Orpheus berühmt sind; derer Grausamkeit abzumahlen du deine Zunge
selbst für einen unvermögenden Pinsel gehalten hast. Gehe hin / und suche deine
Ergetzligkeit an einer andern / weil meine keusche Liebe dir vielleicht zu
kaltsinnig gewest; damit eine heissere dein Vergnügen einäschere / und statt
meiner unschuldigen Bitterkeit dich mit ihrer Süssigkeit vergiffte! Gehe hin! und
weil du dich für einer Fürstin entsätzest / welche auf der Brust mit einer
Bärentatze bezeichnet ist; so erkiese dir eine / welche Greiffen-Klauen oder
Schlangen im Hertzen hat! der alte Barde fiel Zirolanen ein / und sagte: Sie
möchte doch ihrer hohen Ankunft durch solch Wehklagen kein so grosses Unrecht
tun; gleich als weñ sie ausser diesem frembden Fürsten keine vergnügende Liebe
und keine anständige Heirat zu hoffen hätte. Das von der Natur auf ihre Brust
gedruckte Ehrenmaal diente ihr zu einem unfehlbaren Zeugnüsse / dass sie aus dem
uralten Hause der Gotonischen Fürsten entsprossen wäre / derer Herrschaft sich
bis über die Nord-Spitze und unter den Nordlichen Angelstern erstrecket hätte;
derer Brust sie gleichsam rechtfertigte / dass der Himmel dis / was unter denen
zwei gestirnten Bären gelegen wäre / ihrer Botmässigkeit unterworffen hätte.
Käyser August hätte zwar die Merckmaale des gestirnten Bäres oder Drachens an
seinem Leibe gehabt; aber der Gotonischen Fürsten ganzes Geschlechte hätte
dieses herrliche Vorrecht von Natur / dass selbtem kein falsches Reiss
eingepfropfft werden könnte. Diesemnach möchten alle Fürsten für ein grosses
Glück schätzen / welche mit einem Zweige von diesem hochansehnlichen Stammbaume
ihr Haus ansehnlich machen könten. Ariovist fragte: Ob denn die Gotonischen
Fürsten alle und jederzeit mit solchen Bärentatzen wären bezeichnet gewest? Denn
ob er zwar davon mehrmahls gehöret /hätte er es doch neben die Erzehlung
gerechnet; dass alle Nachkommen des Pelops eine helffenbeinerne Schulter / wie
sie ihm Ceres angemacht / und alle des aus den gesäeten Drachen-Zähnen des
Cadmus entsprossenen Geschlechtes einen Drachen am Leibe haben sollten; der alte
Barde beteuerte: dass dis Kennzeichen von undencklichen Jahren her bei diesem
Hause gewest wäre / und er selbst solches an etlichen alten Gotonischen Fürsten
angemercket hätte. Dionysius Perigetes / welcher Agrippinen begleitete /sagte:
Es wäre an derogleichen angebohrnen Maalen nicht zu zweifeln; sintemal auch
ganze Völcker ihre unveränderliche Kennzeichen hätten / der Mohren Kinder
blieben lange schwartz in Nord / und die Deutschen weiss in Süd-Ländern. Diese
alle hätten gelbe Haare / wie die Cimbern weisse; und alle Veneder Himmel-blaue
/ die Albaner graue Augen. Zu Rom hätten alle Damitier rote Bärte: aus der
Cincinnater Geschlechte krause Haarlocken; alle Crassen wären dicke / und alle
Plancken breitfüssigt. Der Barde fiel ein: dieses wäre etwas gar gemeines / und
rührte aus der allgemeinen Aehnligkeit zwischen Eltern und Kindern her / welche
sich so gar auf die Gemüter erstreckte / also dass zu Rom alle Appier für
grausam / alle Asinier für wilde / alle Brutier für beständig / alle Cassier für
ernstaft; alle Claudier für hoffärtig / alle Ledier für frölich; alle Manlier
für hartnäckicht / alle Valerier für gütig / alle Scipianer für kriegrisch /
alle Fabier für Liebhaber des Vaterlandes / und in Deutschland alle Cattische
Fürsten für hertzhaft / alle Sicambrische für verwegen / alle Alemannische für
klug / alle Cheruskische für gütig; und wegen gewisser Eigenschaften in diesem
oder jenem Landesstrieche alle von Aten / Sparta und Rom für ehrsüchtig; alle
aus Asien für wollüstig / alle Campanier für hoffärtig / alle Gallier für
leichtsinnig / alle Griechen tiefsinnig / alle Hispanier für ruhmrätig /die
Italiener für rachgierig / alle Sicilier für böse / die Syrer für geitzig / die
Mauritanier für betrüglich / die Deutschen für friedliebend / und doch für
behertzt gehalten würden. Alleine diese Sitten änderten sich doch mit dem Orte
und der Zeit / wie die Farbe der weissen und schwartzen Völcker. Denn der in
Africa wohnenden Deutschen Kinder würden in dem andern Gliede doch gelbe; im
dritten braun / in dem vierdten schwartz / die Africaner hingegen auf gleiche
Art weiss. Diese Eigenschaft der Gotonischen Fürsten aber wäre unaustilglich
und was gar besonders. Tussnelde fügte bei: und alle Cheruskische Hertzoge
hätten aufgeworffene Lippen / lange Kine und auf dem Rücken gelbe über zwerch
gewachsene Haare /welche gleichsam ein gülden Kreutz fürbildeten. Dionysius
versätzte: Ich sollte auf die seltzamern Maale ganzer Völcker noch kommen und
erzählen: dass aller Dacier im vierdten Gliede mit ihrer Voreltern Flecken auf
dem Arme / wie die Lepiden zu Rom in eben dem Gliede mit einer Haut über dem
Auge geboren würden / dass alle Spartaner am Leibe das Zeichen eines Spiesses
hätten / und dass alle Marsen und Psyllen mit der Krafft begabt wären Gift
auszusaugen. Der Barde antwortete: dieses ist freilich was sonderliches / und
dem letzten kommet bei / dass gewisse Fürsten in Gallien eben so / als wie der
siebende Sohn einer keine Tochter darzwischen gebährenden Mutter kropfichte / in
Britannien aussätzige / die Cheruskischen Hertzoge stammelnde / die Flamier zu
Rom blinde Leute durch blosses Anrühren sollen heilen können. Agrippine brach
ein: Sie könnte nichts weniger versichern: dass Agrippa mit des Augustus Ringe
viel Kranckheiten vertrieben hätte. Dionysius fügte bei: dass auch Pyrrhus mit
der Krafft denen Miltzbeschwerenden / durch Aufdrückung seines rechten Fusses /
dessen grosse Zehe hernach weder verfaulen noch verbrennet werden können /
abzuhelffen begabt / und mit denen zweien Griechischen Worten: Löwe und König
von der Natur bezeichnet gewest wäre. Jedoch wäre seinem Bedüncken nach niemand
mit seinen Geburts-Zeichen denen Gotonischen Fürsten näher kommen / als des
Antiochus und Leudicens Sohn Selevcus / dessen Mutter träumete /sie würde vom
Apollo geschwängert / und er gäbe ihr seinen Ring mit einem Ancker? Sintemal
Selevcus und alle seine Nachkommen hernach im dicken Beine das Zeichen eines
Anckers mit aus Mutter-Leibe gebracht hätten; denn Teseus hätte zwar auch ein
Geburtsmaal gehabt / und Tiberius könnte bei der Nacht / wenn er erwachte / eine
Weile alles sehen; aber dieses wären keine Eigenschaften ganzer Geschlechter.
Hertzog Jubil berichtete hierbei / dass in Scytien auch ein Königlich
Geschlechte mit einem schwartzen Adler bezeichnet wäre. Ariovist fragte hierauf
den Dionysius: woher denn diese Geburtsmaale ihren Ursprung eigentlich nehmen?
dieser antwortete: der Sternseher Meinung nach mahlten die drei Irrsterne Saturn
/ Mars und der Mohnde / wenn sie bei der Geburt in denen himmlischen Zeichen des
Wieders und der Wage zusammen kämen / die Leiber auf so seltzame Weise. Der
Barde lachte hierzu / und sagte: Wie kömmt es denn / dass diese Sterne denen
Gebohrnen nicht vielmehr ihre eigene / als anderer mit ihnen keine Gemeinschaft
habender Dinge Aehnligkeit eindrücken? Viel glaublicher aber halte ich /dass ins
gemein solches von heftiger Einbildung der empfangenden oder schwangeren Mütter
herrühre. Denn die Frucht ist anfangs weicher als zerlassenes Wachs / dahero
sich nicht zu verwundern / dass die Gedancken der Mutter sich durch das Röhr der
Geister derselben einpregen. Welches die Geburt des verstorbenen Hertzog
Gottwaldes bestätigt / dessen Mutter Hedwig sich an Mohren versehen; und ihn
also schwartz geboren hätte. Destalben würden bei den Sarmatern und
Britanniern; welche ihre nackte Leiber zu mahlen pflegten / so viel Kinder mit
solchen Flecken; die Kinder der nach Kohlen lüsternen Mütter mit schwartzen
Sprenckeln / nach Kirschen und Bären mit solchen Maalen geboren. Die ganzen
Geschlechter aber anklebende Maale rührten insonderheit bei derselben anderer
Fortpflantzung weder von dem Gestirne / welches bei so vielen Geburten nicht
einerlei Stand haben könnte / noch von starcker Einbildung /welche unmöglich
allemal gleich einzutreffen vermag / sondern teils von einer schon dem Saamen
eingepflantzten Eigenschaft / oder von einer absonderen denen gemeinen Wegen
der Natur nicht stets nachgehenden Schickung Gottes her; worüber die albern
Menschen sich demütigst zu verwundern / nicht vorwitzig zu grübeln haben.
Westwegen die Mutter des Selevcus Zweifelsfrei durch Vorgeben: Apollo hätte beim
Beischlaffe ihren Leib mit einem Ancker besiegelt / nur diese übernatürliche
Ursache der göttlichen Versehung ausdrücken wollen.
    Ehrenfried hatte seine Ohren bei dieser Erzehlung /seine Augen aber
unverwendet auf den alten Barden. So bald nun dieser seine Rede geschlossen /
redete er ihn an: Sage mir / Vater / wenn wir des Hertzog Gottwaldes Kinder sind
/ wie denn meine Schwester Zirolane eine Marsingische Fürstin / ich aber ein
Schooskind des Alemannischen Hertzogs worden sei? und ob du wahrhaftig Hertzog
Gottwalds Vater und unser Gross-Vater bist? der Barde antwortete: Zu dem letztern
ist mein Geblüte zu wenig / aber meine Treue rechtfertiget diesen angemaassten
Titel. Denn ich bin Dehnhof / welcher der Auferziehung halber dieses leider
allzu frühzeitig erblichenen Hertzogs Vater / in vielen Gefährligkeiten sein
Gefärte / in seiner gottseeligen Einsamkeit sein Diener zu sein sich beflissen
hat / und wollte GOtt! ich hätte können auch sein Vertreter im Tode werden. Ich
habe mir des ersten halben zwar nicht zuzumässen / dass meine Pflegung ihn zu
einem so grossen Fürsten gemacht habe. Sintemal so edle Gemüter ihre selbst
eigene Meister sind / und wie die Künstler mehr aus anderern Irrtümern / als
niedrige aus ihren Meisterstücken / oder wie die Seefahrer aus den Stücken
zerschmetterter Schiffe schädliche Klippen und eigene Vorsicht lernen. Alleine
mein unabsätzlicher Gehorsam wird wenigstens ein Vorsprecher meiner Warheit /
und dieses klugen Fürsten nie veränderte Gnade ein Zeugnüs meiner Treue sein.
Nachdem der Bojen König Critasir vom Könige Marbod die grosse Niederlage
erlitten / und weder seine Klugheit noch Hertzog Gottwalds Tapferkeit dem Strome
seines Glückes zu widerstehen Kräffte hatte / sondern die Hauptstadt Boviasmum
und das ganze Reich übergieng / Critasir auch mit seinen Bojen den Marckmännern
das Land räumete; war doch Hertzog Gottwald durch keine Vertröstungen Critasirs
/ durch keine Bitt-Tränen seiner Gemahlin /und Schwehers Mutter zu gewinnen;
dass er mit denen entwaffneten Bojen sich über die Donau verfügt hätte. Denn er
hielt solche Demütigung für eine grosse Keinmut / und sagte: das Glücke hätte
zwar in der Veränderung und in der Herrschaft über den Leib so viel Gewalt als
die Sternen; beide aber über die Gemüter keine Botmässigkeit. Weil nun Gottwald
seine Gemahlin / und ich wie die Bojen unser Gefangenschaft erlassen wurden /
beriet er sich mit mir /wo wir unsere Deichsel zuwenden sollten; weil nun sein
Vater der Gotonen Hertzog alt war / wusste ich nichts bessers zu raten / als in
mein an der Warte unter denen Sidinen liegendes Eigentum uns zu verfügen / umb
auf den Todesfall des Arnoldes bei Zeite an der Hand zu sein. Wir stahlen uns
gleichsam den Bojen ab; verkleideten uns in Marsinger / und reiseten den Abend
für der Bojen Aufbruche auf Boviasmum /liessen uns auch noch über die Elbe
sätzen. Sintemal uns zwei vom Ritter Bercka mitgegebene Marckmännische Edelleute
allentalben die Pässe öffneten. Dieser Ritter hatte den Hertzog Gottwald
zweimahl gefangen bekommen / aber dieses Fürsten Tugenden verwandelten seine
Bestrickung in ein festes Band verträulicher Freundschaft; also dass Bercka die
Sicherheit unserer Reise unsern Begleitern als ihr eigenes Heil anbefahl. Diese
brachten uns in vier Tagen /weil Hertzog Gottwalds hochschwangere Gemahlin nicht
stärckere Reisen vertrug / auf das Sudetische Gebürge / allwo sie zwischen denen
evlf Brunnen /woraus die Elbe entspringet / und wo das Marsingische Gebürge sich
anfängt / von uns Abschied nahmen / wir aber waren gezwungen bei dem einen
Brunnen in des Marsingischen Fürsten Jägerhause zu übernachten / weil die
hochschwangere Hertzogin Hedwig vielleicht ihres Bekümmernüsses und
beschwerlichen Reise halber mit allerhand weiblichen Schwachheiten überfallen
ward / und diese Fürstin Zirolane / welcher Gottwald aber damahls den Nahmen
Tuiscena gab / noch selbige Nacht zur Welt gebahr. Dieser Zustand nötigte uns
mit Erlaubnüs des Jägermeisters zu entschlüssen / eine Zeitlang daselbst zu
verbleiben. Den dritten Tag aber kam Bolko / der Marsinger Hertzog / mit seiner
Gemahlin Mechtildis des Sarmatischen Königs Jagello Schwester / und
unterschiedenen Fürsten der Marsinger und Burier dahin; zwar unter dem Scheine
einer grossen Hirsch-Jagt daselbst abzuwarten / warhaftig aber die Zugänge über
das Sudetische Gebürge gegen die Bojischen Gräntzen wider die Marckmänner zu
bewahren. Ob nun wohl dieses Jägerhauss eine allzu enge Behaltnüs des
Marsingischen Hofes war / wollte doch die Hertzogin Mechtildis nicht verstatten /
dass Hertzog Gottwalds Gemahlin / ungeachtet er / und ich / uns nur für
Sidinische Edelleute ausgaben / das eingenommene Zimmer räumete / sondern es
wurden zu Bewirtung so vieler Gäste Lauber-Hütten aufgeschlagen. Hertzog Bolcke
liess uns selbst für sich kommen / und weil wir dem Könige Critasir im Kriege
gedient zu haben entdeckten; mussten wir ihm alle Umbstände der Schlachten und
aller Zufälle erzählen /welches Hertzog Gottwald mit einer so guten Art und mit
einem so vernünftigen Urteil verrichtete / dass er alsbald von ihm was
besonders zu halten anfieng /sonderlich da er entdeckte / wie wir für Schande
gehalten hätten / mit den überwundenen Bojen über die Donau einen neuen Sitz zu
suchen / und für unsere Sicherheit uns unterweges für Marsinger auszugeben /als
welche mit den Marckmännern in Friede lebten. Er lobte unsere Grossmütigkeit /
und gefiel ihm wohl /dass wir uns als Marsinger ausgekleidet hätten; fragte auch
nicht wenig von Marbods Bezeugungen gegen die überwundenen Bojen. Gottwald
rühmte diesen König überaus / und sagte / dass ihm nichts als die Mässigung
seiner Herrschsucht abgienge / und er wie Pisistratus und Cäsar alle
Geschickligkeiten hätte /ausser nicht andern Bürgern oder Fürsten gleich zu sein.
Daher er / wenn er ein Fürst wäre / wohl sein Freund aber nicht sein Nachbar zu
sein wünschte. Bolcko seuffzete hierüber / und fieng an: das menschliche Hertz
ist ein so klein Stücke Fleisch / dass es nicht einen Habicht sättiget /
gleichwol aber ist die ganze Welt nicht gross genung seinen Begierden den Rachen
zu füllen. Auf den Morgen mussten wir mit auf die Jagt / in welcher Gottwald bei
Fällung etlicher Hirsche seine Geschickligkeit / und bei Erlegung eines überaus
grossen Bäres seinen Helden-Mut genungsam bewehrte / und darmit aller
Anwesenden Gemüter bemeisterte; und zuwege brachte: dass kein Fürst nicht war /
welcher nicht ihn stets umb sich zu haben verlangte. Weil auch Vorwitz die
gemeinste Schwachheit des Frauen-Zimmers ist / suchten etliche edle Frauen /
welche Mechtilden bedienten / Gottwaldes Gemahlin / Hedwig heim / welche umb
ihren Stand zu verhölen / sich mit ihnen / als ihres gleichen / gemein machte /
und sich aller Pracht enteuserte. Aber ihre Höfligkeit gewaan nicht nur ihre
Gemüter / sondern ihre Gestalt bezauberte zugleich ihre Augen. Denn
Unachtsamkeit des Aufputzes erhöhet die Schönheit; wie der Schmeltz das Gold.
Weil diese Frauen nun von ihr nicht genung gutes zu erzählen wussten / wollte sie
Mechtildis selbst sehen. Weil Fürsten nur einander am besten kennen / fand
Mechtildis an Hedwigen ganz was anders / als sie ihr eingebildet hatte. Denn ob
diese zwar / welcher so wohl die Beredsamkeit als Schönheit angebohren war / alle
Kunststücke einer demütigen Ehrerbietung gegen der Marsingischen Fürstin hervor
suchte / und sich nicht genung beschämt zu zeigen anstellte / dass eine so grosse
Fürstin durch ihre Besuchung sich so tief erniedrigte; so liessen sich doch die
Merckmaale ihres hohen Standes so wenig als das Tage-Licht von schwartzen
Wolcken so gar verdüstern / dass nicht ein Schimmer übrig blieben wäre. Die aus
der Höhe gestürtzten Seulen / und tugendhafte Fürsten kriegen in ihrer
Erniedrigung nur mehr Ansehen / sonderlich in so scharfsichtigen Augen als
Mechtildis hatte / welche ihres hohen Verstandes halber für ein Wunder ihres
Geschlechtes gehalten ward. Daher das Ansehen und alle Gebehrden der Fürstin
Hedwig ihr stumme Verräter abgaben / dass sie was mehr als adeliches an sich
hätte. Uberdis erweckte Mechtilden nicht wenig einen Argwohn das umb sich
habende kostbare Geräte / und fürnemlich zwei grosse wie Zwiebeln gebildete
Perlen / welche in einem Flusse des Bojischen Gebietes / aber sehr selten
gefunden / und bei Lebens-Straffe alleine dem Könige geliefert werden müssen.
Nichts desto weniger verbarg Mechtildis ihre Mutmassung oder vielmehr ihr Urtel
/ gleichwol aber brauchte sie sich gegen Hedwigen einer grösseren Höfligkeit /
als sonst ihr Stand gegen Leute von ihrer Beschaffenheit / worfür sie sich
ausgab / erforderte. Hedwig suchte solche Ubermaasse aufs möglichste abzulehnen /
umb sich desto weniger zu verraten. Denn sie war ebenfals so unachtsam nicht
/dass ihr nicht Mechtildens Bezeugung einiges Nachdencken machte / wiewol ihre
selbst eigene Leutseeligkeit solches einer angebohrnen Güte Mechtildens
zuschrieb / welche zu ihrer steten Richtschnur die Sternen hatte; unter denen
die höchsten und grösten unvergleichlich kleiner als der kleineste Mohnde zu
sein schienen. Nach derer Beispiele sie denn selbst für die ansehnlichste
Tugenden fürnehmster Leute hielt / wenn sie sich am kleinesten machten.
Mechtildis unterliess auch ihrem Gemahl ihre Gedancken von Hedwigen zu entdecken;
welcher gleicher Gestalt wahrgenomen hatte; dass der ältere Ritter dem jüngern
mehr Ehrerbietigkeit bezeugte als einem Vater / worfür er sich ausgab /
anstünde. Daher beide so viel begieriger waren sie zu erkennen / und destwegen
ihnen so viel mehr gutes zu tun. Folgenden Tag kam zum Hertzoge der Burier ein
von dem in seinem Schutz lebenden Fürsten der zwischen der Warte und Netze
wohnenden Burgundier geschickter Edelmann / mit der Nachricht; dass der Gotonen
Hertzog Arnold gestorben wäre. Ich ward durch diese unvermutete Zeitung so sehr
verstellt; dass mir jedermann / fürnemlich aber Hertzog Bolcko / welcher auf mich
und Gottwalden ein genaues Auge hatte / meine Gemüts-Aenderung allzu sehr
wahrnam. Hertzog Bolcko ward hierdurch so vielmehr lüstern / untere Geheimnisse
zu wissen; Zumal er und Mechtildis schon halb beredet waren; dass Gottwald dem
Königlichen Bojischen Hause nahe verwand sein müsten. Er liess mich hierauf
erfordern / führte mich an einer auf selbigem Gebürge entspringenden und hernach
über hohe Felsen abstürtzenden Bach ganz alleine mit sich / und sagte mir: Ich
möchte ihm aufrichtig die Ursache meiner über Hertzog Arnoldes vernomenen Tode
empfundenen Bestürtzung / und weil er uns für was grösseres /als wir fürgaben /
hielte; wer Gottwald und seine Frau eigentlich wären / entdecken. Er versicherte
mich bei seinem Fürstlichem Worte / dass / wenn wir auch seinen Feinden zugetan
wären / uns kein Haar gekrümmet werden sollte. Ich ward über dieser unvermuteten
Anfertigung noch mehr verändert; und weil Bolcko dem Hertzoge der Burier wider
die Gotonen mehrmahls Hülffe geleistet / auch durch seine Waffen die Burgundier
aus dem Schirmrechte der Gotonen gerissen hatte / nicht wenig zweifelhaft / ob
ich diesem Fürsten / ungeachtet er so viel Redligkeit als Leitseeligkeit von
sich spüren liess / das Geheimnis vom Hetzoge Gottwald entdecken sollte. Die
bisherigen Zwistigkeiten widerrieten es mir auf blosse Worte zu trauen / welche
meisten teils Blätter und zwar unnützer als dürre wären. Zumal da in
Deutschland sich nunmehr auch die Sitten mercklich zu verändern anfiengen / und
man nicht mehr den / welcher ein anders redete / ein anders im Schilde führete /
für einen Betrüger / sondern / welcher dis nicht könnte / für einen Narren
hielte. Ich wusste daher nichts zu antworten /und musste eine ziemliche Weile
schweigen; also dass mich auch Bolko fragte: Warumb ich ihme nicht antwortete?
Ich versätzte: Seine ungemeine Gnade befähle mir / meine Antwort vorher zu
überlegen / seine Hoheit aber gar zu schweigen. Denn aus Ehrerbietigkeit zu
schweigen wäre eine tiefere Verehrung / hätte auch mehr Verdienst als
Beredsamkeit. Ich dachte der Sachen inzwische weiter nach / weil mir nun des
Hertzog Bolko Stirne viel zu ehrlich / sein Hertze viel zu grossmütig fürkam /
die Marsinger auch unter allen Deutschen für die offenhertzigsten gehalten
werden / und meinem Bedüncken nach Hertzog Gottwald bei dem Falle seines Vaters
wohl seiner benachbarten Fürsten Freundschaft von nöten haben würde / beredete
mich mein Vertrauen durch eine grossmütige Offenhertzigkeit / welche wohl ehe
Tod-Feinde besänftiget / sein Gemüte zu gewinnen. Diesemnach antwortete ich ihm
nach einem kurtzen Nachdencken freimütig: Wie sich ehrliche Leute niemals eines
vorteilhaften und verbotenen Gewehres gebrauchten; also die Unschuld und
Redligkeit keines Pantzers und keiner Larve. Daher würde er entweder durch
Misstrauen eines so tapferen Fürsten Ruhme Abbruch tun / oder sie sich selbst
ohne Ursache verdächtig machen; wenn er von ihrem Zustande das wenigste
verhölete. Sein Gefärte wäre der berühmte Gottwald / der durch seine Helden
Taten ein Hector der Bojen genennet /und mit König Critasirs Tochter vermählt
zu werden verdient hätte. Sie wäre eben die Fürstin Hedwig Gottwalds Gemahlin /
welche in dem Gebiete des Marsingischen Hertzogs / welcher als ein Beschirmer
der Notleidenden Unschuld berühmt wäre / ihr erstes Kind zu gebähren das Glück
gehabt hätte / umb unter seinen Schutz-Flügeln solches für den Klauen des
räuberischen Marbods mit sich zu verwahren. Wie Gottwald sich nicht hätte
überwinden können / denen Gesätzen / welche Marbod denen auswandernden Bojen
fürgeschrieben / zu unterwerffen / also hätte diese Fürstin sich aller Wehmut
über Entfernung ihrer Eltern entäusert / umb so viel mehr ihre Treue gegen ihrem
unglückseligen und doch unverzagten Gemahl zu erhärten; welcher doch / nach
Einbüssung dessen / was ihm die Tugend und der Degen zugeworffen hätte / in
ihren Augen der ärmste Edelmann hätte scheinen können / weil er selbst nicht
wüste /wer er wäre. Wormit aber Hertzog Bolko die Grösse meines zu ihm habenden
Vertrauens ermässen könnte; wollte ich ihm ein Geheimnis entdecken / welches in
und mit meinem Hertzen verfaulen würde / wenn nicht Gottwalds Wohlstand solches
einem so grossmütigen Fürsten zu entdecken rieten / denn dieser Gottwald wäre
Hertzog Arnolds wahrhafter Sohn /dessen Tod er für weniger Zeit nicht ohne
heftige Gemüts- Verwirrung vernommen hätte. Ich erzehlte hierauf umbständlich /
was seine Mutter genötigt hätte seine Geburt zu verschweigen / und ihn durch
mich auferziehen zu lassen. Nicht nur seine bei den Bojen bewehrte Tapferkeit /
sondern ein unfehlbares Geburts-Maal der Gotonischen Fürsten wäre ein
unwiderleglicher Beweis seiner hohen Ankunft; weil aber dieses denen Gotonen
frembde Zeitungen sein würden / und ihm die gefährlichen Absehen etlicher
Grossen im Lande bekant wären / besorgte ich für diesen rechtmässigen
Reichs-Erben keine schlechte Steine des Anstossens; welche ihm niemand besser
/als der grossmütige Hertzog Gottwald aus dem Wege räumen helffen könnte. Das
zwar in der Mitte der Brust liegende Hertze fühlte man doch auf der lincken
Seiten am stärcksten schlagen; und die Kräfften der Freundschaft und Tapferkeit
würden in Not und Unglücke am besten geprüfet. Hertzog Bolko hörte mir mit
einem verwundernden Stillschweigen zu / bei meinem Schlusse aber fragte er mich:
Ob er auf diesen seltzamen Bericht als auf eine unverfälschte Wahrheit trauen
dörffte? Ich versetzte ihme; dass Lügen bei den Sidinern ein Laster der Sclaven
wäre /und der nicht ein Edelmann zu sein verdiente / wer sich damit besudelte.
Zudem hätte ich keinen gemeinen Mann aus dem Pöfel / welchem die Unwahrheit wie
die Finsternis blöden Augen am annehmlichsten wäre / sondern einen grossen
Fürsten für mir / welcher sich so wenig betrügen / als die Sonne verhüllen
liesse. Dass Gottwald der berühmte Bojische Feldhauptmann / Hedwig König
Critasirs Tochter wäre /würden Zweifels-frei einige Marsinger zeugen können /
welche iemals am Bojischen Hofe sich aufgehalten hätten. Dass Gottwald aber
Hertzog Arnolds Sohn wäre / bescheinigte ich ihm alsobald durch unterschiedene
Schreiben der Gotonischen Hertzogin / und beziehe mich auf sein allen
Gotonischen Fürsten von der Natur eingepregtes Merckmal der Bären-Tatze. Meine
Liebe zum Gottwald drückte diss mit einem solchen Nachdrucke aus / dass niemand
leichte solches für was ertichtetes hätte annehmen können. Uber diss begrieff
Hertzog Bolcko alles was ihm vorkam / und keine Schwerigkeit hatte solche
Tieffen / dariñen sein Urteil nicht den rechte Grund fand. Er wusste alle
Verwickelungen zu zerlegen / alle Leute auszunehme / und iede Geheimnisse zu
entzieffern / daher er auch mit sich selbst nicht lange zu beraten hatte; ob er
meiner Erzehlung Glauben beimässen sollte. Er drückte mich hierauf bei der Hand /
und sagte: Er schätzte es ihm für ein grosses Glücke / dass er den weltberühmten
Helden Gottwald zu bewirten die Ehre hätte; denn wenn dieser auch sein Feind
wäre /würde er ihn hoch schätzen. Sintemal es solcher Helden fast so wenig in
der Welt / als Fenixe gäbe / und alle fünf hundert Jahr würde kaum ein Alexander
oder Cäsar geboren. Uber seines Nachbars des Königs Critasirs und seiner
Tochter Unfalle hätte er seiner Pflicht nach nicht geringe Bekümmernis / denn
die Sorge eines Fürsten umb der Nachbaren Zustand dienete zur gemeinen Wohlfart
/ wie die uns umbgebende gute Lufft zur Gesundheit des Leibes. Solche
Bekümmernis aber verstünde schon / dass der Wind keinen grossen Baum umbwürffe /
welcher nicht die Benachbarten entweder mit zerschmetterte oder ihre Wurtzeln
beschädigte. Zumal es schiene; dass wie aller herrschsüchtigen Fürsten / also
auch Marbods Handwerck in Raubung frembder Länder / als einer nur edlen
Gemütern anstehenden Kunst bestünden; und bei grossem Glücke Gewalt das beste
Recht / mit dem seinen sich vergnügen gemeiner Leute / umb frembdes Gut kämpfen
der Könige Ruhm wäre. Gottwald und seine Gemahlin verdiente diesemnach nicht nur
hertzliches Mitleiden / sondern weil sie auch unter der Presse so vielen
Unglücks nichts verkleinerliches entschlüssen wollten / aller tapferen Leute
Beistand. Wie schmertzlich nun zwar dem Fürsten Gottwald und seiner Gemahlin der
Verlust so vieler Sieges-Kräntze und der Bojischen Herrschaft fallen müste; so
hielte er doch den Gewinn / dass Fürst Gottwald des Gotonischen Hertzogs Arnold
Sohn würde / für viel grösser. Denn ob die Tugend zwar an sich selbst der
Ursprung und das wahre Wesen des Adels wäre; so gäbe doch eine hohe Ankunft
selbter etwas mehr /als was ein zierlicher Fuss einem schönen Bilde und eine
geschickte Folge einem Edelgesteine / ab. Nichts desto weniger würden ihre
grosse Besitzer gegen niedrigen geschätzet / wie grosse Diamante gegen kleine:
denn ob sie beide gleich einer Güte wären /hätten sie doch ein ganz ungleiches
Gewichte. Ja die Fürsten-Würde und die Herrschaft wären ihrer Beschwerligkeit
ungeachtet ein unschätzbares Gut in der Welt. Sintemal die Göttliche Versehung
doch über sie so viel mehr Gutes ausschüttete / als die Natur über Ausarbeitung
der Augen / als anderer Glieder / und die Sonne über Auskochung des Weines als
der Schleen mehr beschäfftiget; ja Fürsten denen Ringen /welche der Magnet
unmittelbar bestriechen / ihnen also einen kräfftigen Zug / als welche allererst
wieder von ihnen bestriechen würden / zugeeignet hätte / zu vergleichen wären.
Uberdiss wäre ihm und ganz Deutschlande daran dass die Gotonen nicht unter einer
ohnmächtigen Weibes-Herrschaft verfielen /sondern der streitbare Arnold einen
hertzhaften Nachfolger am Gottwald bekäme / mehr gelegen / als es vielleicht
übersichtigen zu sein schiene / oder die Staats-Klugheit sonst urteilte /
welche aus ungeschickter Fürste Nachbarschaft nicht weniger Vorteil als
Handelsleute aus einfältiger Kinder Kaufmannschaft Nutzen zu ziehen wusste.
Daher gäbe er mir sein Fürstliches Wort / dass er in seinen Ländern Gottwalds und
seiner Gemahlin Beschirmer / und in Betretung seiner väterlichen Herrschaft
sein treuer Gehülffe sein wollte. Ich möchte ihm aber doch die Ehre und
Ergetzligkeit gönnen / dass er Gottwalden seinen Stand eröffnen dürffte. Ich
konnte nichts weniger tun / als dem Hertzoge für solche Gnade gegen mich / und
für ein so grossmütiges Fürhaben demütigsten Danck zu erstatten / welche wir
alle so viel höher zu schätzen hätten / ie weniger ich mich erinnern konnte: dass
das Marsingische Haus dem Gotonischen oder Bojischen zu einer so grossen
Freundschaft verbunden wäre. Hertzog Bolcko antwortete lächelnde: Wer nach
Verbindligkeit einem dienete /der täte selbtem nichts gutes / sondern er
zahlete nur seine Schuld. Wer aber mit seiner Wohltat andern zuvor käme /
dringte sich edlen Gemütern durch einen unvermerckten Grieff zum Gläubiger auf.
Zu dem hätten alle Fürsten meistenteils eine allgemeine Verwandschaft mit
einander. Verknüpfte selbte gleich nicht das Geblüte / wie doch zwischen den
Gotonen und Marsingern dieses Band nicht ermangelte; so machte sie doch ihre
Hoheit und Würde zu Brüdern / und die Staats-Klugheit erforderte; dass man kein
hohes Haus sollte lassen zu Grunde gehen. Hertzog Bolcko suchte noch selbigen
Abend Gelegenheit dem Fürsten Gottwald in einem Gepüsche zu begegnen / und
redete ihn daselbst an: Was er in einer beschwerlichen Einsamkeit für Vergnügung
suchte? Gottwald antwortete ihm: Die Einsamkeit hätte zwar so wenig Ansehen /
als geschrumpene Weinbeeren /nichts desto weniger hätten beide die meiste
Süssigkeit. In Gemeinschaft müste man sich bemühen andere / in Einsamkeit sich
selbst zu vergnügen / und hielte er es für eine Eigenschaft der Weisen mit sich
selbst zu reden wissen. Denn mit andern könnte ieder aus dem Pöfel sich
besprechen. Hertzog Bolcko versetzte: Niedergeschlagene Gemüter könten sich
zwar an Traurigkeit laben / wie die Wachteln an Nieselwurtze / die Staare am
Zieger-Kraute mästen. Alleine grosse Gemüter müsten keine Zufälle ihnen die
Freudigkeit ihres Geistes noch angenehme Gemeinschaft versaltzen lassen.
Gottwald begegnete ihm: Kein Unglücke würde iemals mächtig sein die Ruhe seines
Gemütes zu verstören / weder ihn in eine verdrüssliche Einsamkeit einzusperren.
Dieses täten nur die /welche ihren Feind zwischen ihren eigenen Rippen
beherbergten; und nicht wüssten; dass das Glücke nach Eigenschaft geiler Weiber
den Wechsel liebte / ihm aber würde keine traurige Begäbnüss viel graue Haare
machen. Denn wie kein Meer so bitter oder gesaltzen wäre / darinnen man nicht
süsse Adern und Quelle findete / also wäre ihm noch kein Ubel zugestossen /das
nicht einige Ergetzligkeit ihm geschafft hätte. Es stünde in eines ieden Gewalt
sich Glück- oder unglücklich zu machen. Denn wie in der Welt daraus keine
Verwirrung erwüchse / es sei gleich / dass die Sonne umb die ruhende Erd-Kugel /
oder diese in sich selbst gegen der in der Mitten stillstehenden Sonne sich
herumb weltzte; also wäre es einerlei Wohlstand: Ob dem Menschen alles begegnete
/ was er wünschte; oder ob er sein Verlangen nach dem Maasse dessen /was er
haben könnte / einschrenckte. Diesemnach wären alle Vernünftige / weil sie nichts
unmöglich wünschten / Glück-alle unersättlichen aber unglücklich. Hertzog Bolcko
fiel ein: Es wäre nicht ohne dass ein gesetztes Gemüte sich nicht leicht einen
Anstoss aus dem Angeln heben liesse; aber auch die weisesten wären Menschen / und
die unempfindlichsten hätten ihre Fühle. Keine Bekümmernis liesse sich ohne
Schmertz im Gemüte / wie kein Eisen ohne Drücken im Magen verdäuen; hingegen
wäre keine heilsamere Erleichterung des Kummers / als wenn man selbten in eine
andere Schoss ausschüttete. Dieses würde er auch empfinden / wenn er dem /
welchem er sich und seine Gemahlin kein Bedencken zu vertrauen gehabt hätte
/auch dass / welchem er nicht hold sein könnte / nämlich sein Unglück vertrauete.
Es wäre ein Wahrzeichen aufrichtiger Freundschaft einem andern sein Anliegen
ansehen; und ein halber Notzwang / dass ein ander uns helffen müste / welchen
man zu seinem Schirm erwehlete? Gottwald konnte den Zweck dieser Ansprache nicht
wohl ergründen; warff also ein: Er wüsste wohl von keinem sonderbaren Anliegen /
indem zwar die Bojen / welchen er als ein Kriegs-Mann gedienet /vom Glücke mit
den Füssen wären getreten worden; er aber dabei weder Ehre noch sonst viel
verloren hätte. Denn dem Verhängnisse widerstehen / wäre etwas
übermenschliches. Denn hätte das Glücke gleich den Boje; so hätte er doch
niemals dem Feinde den Rücke gekehrt. Sonst aber wäre seine Niedrigkeit keines
hohe Falls fähig gewest; ausser dass seine Hoffnung in etwas Schiffbruch gelitten
/ welcher Verlust der gemeinste und daher auch der unempfindlichste wäre. Aber
ausser dem schätzte er es für eine reichliche Ausgleichung des Glückes / dass ein
so grosser Fürst ihm nicht nur den Schatten seiner Beschirmung verstattete /
sondern auch die Aeste seiner Hülffe auszubieten die Gnade antäte; welche er
ihm auf allen Notfall feierlich vorbehalten haben wollte. Hertzog Bolcko brach
ein: Er wüste wohl / dass nur niedrige Gemüter nach Art der Blase-Bälge / vom
Winde des Glückes sich aufbliessen / und wieder nieder; grosse aber wie die
obersten Sterne an sich selbst fühlte keine Verminderung; und dass derselbten
Reichtum keine Schiffbruche unterworffen wäre; es müste aber ihnen doch
schmertzhaft fallen / wenn sie eben so wohl als die Sonne in anderer Augen
Verfinsterung lidten. Was könnte aber den tapferen Gottwald für eine grössere
Finsternis befallen; als dass er seinem Schwäher die erbliche Krone der Bojen aus
den Händen gewunden / seine Helden-Taten aber so fruchtloss angewehret sehen
musste. Er sollte sich aber trösten / dass wie seine Tugend kein Beispiel unter den
Bojen zur Nachfolge hinter sich gehabt / er doch auch seinen Feinden ein Vorbild
der Tapferkeit zu werden verdienet hätte. Gottwald ward nicht wenig verstellet /
als er sich mit seinem Nahmen / und noch mehr / als er sich König Critasirs
Eydam nennen hörte. Er erholete sich aber bald / und weil er die entdeckte
Wahrheit zu umbstehen so wohl für vergebens / als ihm für unanständig / gegen
diesen Fürsten aber ein Misstrauen blicken zu lassen für seine selbsteigene
Verdächtigung hielt / fieng an: Er könnte nicht leugnen / dass er Gottwald / und
seine Gemahlin des unglücklichen Critasirs Tochter wäre. Ein so kluger Fürst
aber würde ihm nicht übel auslegen / dass er bei einer so grossen Verstellung
sich nicht hätte zu erkennen gegeben. Verhüllete doch die Sonne bei ihrem
Niedergang mit Gewölcke ihr Antlitz / das veralternde Frauenzimmer zerbräche
seine eigene Spiegel / weil es seine eigene Hässlichkeit zu sehen Abscheu trüge /
und unglücklicher Fürsten Gegenwart wäre andern / wo nicht gefährlich / doch
eine Uberlast. Hertzog Bolcko umbarmte Gottwalden / nennte ihn seinen Bruder und
angenehmsten Gast; mit Bitte: Er möchte ihm die Kleinmütigkeit nicht zutrauen /
dass er nach dem ärgerlichen Beispiele eines benachbarten Fürsten nicht aus
Furcht / sondern aus Absehen eines Vorteils einem grausamen Wütteriche durch
ein Bündnis angelobt hätte: Seine nechsten von jenem verjagte Bluts-Freunde aus
seinem Reiche zu verbannen. Marbods Macht / welchen vielleicht nach Eigenschaft
der Schwantz-Sterne seine eigene Flamme bald einäschern würde / wäre ihm so
wenig schrecklich / als er Recht hätte für eine Verletzung des Friedens und der
Nachbarschaft anzuziehen / wenn er einen vertriebenen Fürsten aufnähme / da er
ja selbst das ganze Volck der Bojen ihr Vaterland mit dem Rücken anzusehen
gezwungen hätte. Sintemal das Völcker-Recht / welches doch einem Teile des
Volckes Hauffenweise auszuwandern verwehrte / einzele Bürger /über welche alle
Botmässigkeit mit ihrer Abgliederung von einem Reiche ausleschte; vielmehr also
niemanden unterwürffige Fürsten aufzunehmen iedermann Recht und Gewalt
enträumte. Der Marsingischen Fürsten Hof wäre iederzeit eine Zuflucht bedrängter
Leute gewest; und dieses Recht würde er / so lange er lebte / mit seinem Degen
verfechten. Diesenmach möchte Fürst Gottwald nur alles Misstrauen und allen
Kummer auf die Seite setzen / und gläuben / dass er in den Armen eines Feindes
wäre / welcher mit dem Glücke nicht die Farbe zu verändern pflegte. Wormit ihm
auch Hertzog Bolcko seine Wohltat nicht eintröpfelte / sondern ihn mit
derselbten vollem Strome überschwemmete / fuhr er fort: Er möchte sich keinen
Verlust bei den Bojen allzu tieff zu Hertzen gehen lassen / sondern für ein
Zeichen künftigen guten Vernehmens mit den Marsingern aufnehmen / dass er bei ihm
einen überaus grossen Schatz / nämlich die Wissenschaft seiner Ankunft zu
finden hätte. Er sollte sich nicht gereuen lassen / dass er nicht mehr ein
angenommener Fürst unter den Bojen wäre / nachdem er ein gebohrner Hertzog der
Gotonen / und des verstorbenen Arnolds Erbe worden wäre. Bolcko umbhalsete ihn
aufs neue vertraulich / wünschte nicht nur zu seiner Herrschaft ihm
tausendfaches Glücke / sondern erbot sich auch zu derselben Behauptung kräfftig
ihm an der Hand zu stehen. Hertzog Gottwald liess hierüber und hernach das
geringste Merckmal eines verwirrten oder freudigen Gemütes blicken; weniger war
in seinem Antlitze was hochmütiges / noch in seinen Geberden was neues. Gleich
als wenn er nichts mehrers hätte werden können / denn er vorhin gewest / und der
nur zum Herrschen würdig wäre / der die Herrschaft verschmähen könnte / oder ob
er leichter herrschen könnte / als er es verlangte. Gleichwohl aber gab er seiner
Geberdung und Antwort eine solche Anmut / dass er gegen den Hertzog Bolcko seine
Verbindligkeit nicht verdrückte / oder er solche Würde für verächtlich zu halten
/ oder auch daran zu zweifeln schiene. Diesemnach Hertzog Bolcko geglaubet haben
würde; dass Gottwalden sein Ursprung nicht unbekant gewesen wäre / wenn er nicht
nach einer höflichen Dancksagung gefragt hätte: Aus was vor Grunde sein
Gotonisches Erb-Recht zu behaupten wäre? Hertzog Bolcko legte Gottwalden die
vom Dehnhof empfangene Uhrkunden seiner Mutter für /und sagte ihm: Er trüge den
Beweis dieser seiner hohen Geburt / nämlich eine Bären-Klau auf seiner Brust.
Gottwald antwortete: Er könnte diesen angebohrnen Fleck nicht leugnen / wie
befrembdet ihm vorkäme / woher Hertzog Bolcko so wohl von seines Leibes / als
des Gotonischen Fürsten-Hauses Geheimnisse Wissenschaft habe. Nachdem aber
Fürsten / wie Bolcko / in der Welt Götter wären / also auch Wahrsagungen redeten
/ müste er solchem Berichte Glauben beimässen. Bolcko versetzte: Der Himmel
hätte ihm zur Vergnügung und dem Fürsten Gottwald zum besten solches eröffnet.
Hiermit gab er dem hinter einem Hügel sich verbergenden Dehnhof einen Winck;
welcher sich gleichsam ungefehr ihnen näherte; für Gottwalden auff das eine Knie
niederfiel /ihn für seinen und der Gotonen Fürsten verehrte /und zu seinem
durch Hertzog Arnolds Tod erledigten Erbe Glück wünschte. Denn er zwar zeiter
durch sein eigen Beispiel bewehrt hätte / dass das Gemüte /nicht das Reich einen
Fürsten machte / so hätten doch auch die kräfftigsten Sterne einen geraumen
Kreis zu Einflüssung ihrer Würckungen von nöten / und Alexander würde bei
ermangelnder Herrschaft nicht den Nahmen des grossen erworben haben. Zu dem
wäre in der Welt zu Abwischung des im Kriege und andern Beschwerligkeiten durch
Sorgen und Müh verursachten Schweisses kein weicheres Tuch zu finden / als der
Königliche Purpur. Nach unterschiedenen Freundschafts-Versicherungen nahm
Bolcko von ihnen Abschied / mit allgemeinem Belieben: dass dieses Geheimnis noch
zwischen ihne verschwiegen bleibe sollte. Ich aber erzehlte Gottwalden
umbständlich /wie es mit seiner Geburt und Erziehung hergegangen wäre; und
entschuldigte; dass ich für Hertzog Arnolds Tode Bedencken gehabt hätte / diese
Heimligkeit zu entdecken. Denn umb sicher zu leben und Unheil abzuwenden müste
man zuweilen stum und taub sein. Hertzog Bolcko befahl noch selbigen Abend zum
Aufbruche vom Gebürge Anstalt zu machen / weil er nach zweien Tagen von dem
Hertzoge der Gotonen heimgesucht werden würde. Alle anwesende Fürsten wussten
nicht / was sie hiervon urteilen sollten / weil alle glaubten: dass Hertzog
Arnold nur eine Tochter verlassen / und der Gotonische Stam mehr keinen
männlichen Erben hätte. Auf den Morgen geschahe gleichwohl der Auffbruch nach
einem am Queisse gelegenen Schloss; darinnen die fürnehmsten Zimmer für die
neuen Gäste bereitet / und sonst allerhand Anstalten zu ihrer herrlichen
Bewillkommung gemacht wurden. Ihnen ward auch unter dem Ritter Warnsdorff und
Zettritz eine ziemliche Anzahl des Marsingischen Adels entgegen geschickt; bei
derer Ankunft denn alle gewahr wurden / dass solche der auf dem Gebürge
verlassene Ritter und seine Gemahlin war. Weil aber Hertzog Bolko entdeckte: Es
wäre der berühmte Gottwald Hertzog Arnolds Sohn / sie König Critasirs Tochter /
wurden sie von allen Fürsten ehrerbietig empfangen / und vom Adel aufs beste
bedienet. Ihre höfliche Bezeugungen verwandelten sich nach kurtzer Zeit in
grosse Verträuligkeit; und insonderheit lebten Hedwig und Mechtildis nicht
anders als zwei Schwestern / Bolcko und Gottwald als zwei Brüder zusammen. Als
nun Bolcko nach andern Ergetzungen seinen Gästen durch eine Forellen-Fischerei
eine Lust machte; wurden von den Fischern viel Muscheln mit heraus gezogen. Wie
nun derer eine Hedwig aus blossem Vorwitze öffnete / fand sie darinnen eine
Perle einer ziemlichen Bohne gleich. Worüber sie sich als was seltzames
verwunderte; und sagte: Sie hätte gemeint /dass allein die Iser in Deutschland
die Ehre hätte Perlen zu zeugen; so aber schiene es der Queiss ihr zuvor zu tun.
Mechtildis aber berichtete sie nicht allein: dass sie in grosser Menge daselbst
gefangen würden /sondern versicherte sie auch / dass die drei Schnuren umb ihren
Hals / welche iedermann für Morgenländische angesehen hätte / kein ander
Vaterland als den Queiss zu nennen wüssten. Hedwig und Gottwald wurden hierüber so
begierig / dass sie selbst am Ufer / wie Scipio und Lälius / Muscheln zusammen
lasen / und in den meisten Perlen fanden. Bei dieser Beschäfftigung fand
Mechtildis einen Agat-Stein / auf welchem in einem richtigen Stande die Sterne
des grossen Beeres gebildet waren. Niemand war / der nicht diese Aehnligkeit mit
grosser Verwunderung erkennte / und Henrich der Burier Hertzog berichtete / dass
bei den Lygiern / wo die in die Weichsel laufende Bach Brendnitz entstünde /
kleine mit Sterne bezeichnete Steinlein in grosser Menge gefunden würden; aber
diss wäre etwas gar sonderlich / und wenn der auf der Brust eben so bezeichnete
Käyser August diese Stein besässe / würde er ihn nicht mit de des Pyrrhus
vertauschen / darauf Apollo mit den neun Musen gebildet war. Hertzog Bolko fiel
ein; dieser Stein sollte der Fürstin Hedwig / welchen der Himmel ihr ohne dis
nicht aus einem blinden Zufalle in die Hand gespielet hätte / viel lieber als
dem August sein; weil ihr Gemahl auf seiner Brust das Zeichen des irrdischen wie
dieser Stein des himmlischen Bäres führte. Es ist wahr / sagte Gottwald / und
weil alle himlische Geschöpffe einen Zug zu seines gleichen auf die Erde haben /
saget mir dieser gefundene Stein wahr; dass Hedwigens zu mir getragene Liebe aus
einer Würckung des Gestirnes hergerührt habe. Mechtildis fragte: Was deñ Hertzog
Gottwald für ein Zeichen des Bäres auf der Brust führte? Gottwald entblöste an
statt der Antwort selbte / da denn alle Anwesende sich nicht genung über die so
eigentlich gebildete Beerenklau als ein künstliches Mahlwerck der Natur /
welcher die Weisen ihrer verborgenen Würckungen halber nicht unbillich den
Zunahmen Elevsis geben /nicht sattsam verwundern / Mechtildis aber sich nicht
entalten selbte zu betasten / ja sich darein zu beissen kaum enteusern konnte.
Sie unterredeten sich hierauf von vielen andern wie Schnecken und
Schlangen-Zungen gebildeten Steinen / welche nicht nur auf dem Eylande Melita /
sondern auch bei denen Marsingern und Hermunduren gefunden würden. Hertzog Bloko
saan hierauf alle Tage einen neuen Zeit-Vertreib aus /welche Lust aber dem
Fürsten Gottwald durch eine dem Burier Hertzoge zukommende Zeitung / dass seine
Schwester Marmeline zur einigen Erbin und Hertzogin der Gotonen von den Ständen
erklärt wäre / etwas versaltzen ward. Daher er denn von Stund an alles zu seiner
Reise fertig machte; und ob wohl der Marsinger und Burier Hertzog Hülffe zu
Behauptung seines Erbes anboten / hielt ich doch für ratsamer unbekandter
Weise nach Godonium zu ziehen / und mit seiner noch lebenden ihn auch hertzlich
liebenden Mutter einen Weg auszusinnen / wie er ohne Waffen seine Herrschaft
überkommen könnte. Ich will mit Erzehlung der Welt-bekandten Geschichte / wie
Gottwald durch kluge Anstalt seiner Frau Mutter / der herrschsüchtigen Marmeline
/ das Hefft aus den Händen gewunden und ihm zugeschantzt / der Marmelinen
heiratende Marbod aber die Gotoner / Sidiner und andere benachbarte Völcker
überwältiget haben /nicht beschwerlich sein; sondern es dienet hieher nur: dass
die Hertzogin Mechtildis dem Fürsten Gottwald beweglich anlag seine Gemahlin
Hedwig so lange am Marsingischen Hofe / und zu ihrer Gefärtin zu lassen / bis
er bei den Gotonen seine Herrschaft zu Stande gebracht hätte / und sie also
ihrer Hoheit gemäss und ohne Gefahr zu Godonium einziehen könnte. Gottwald
willigte in diese Bitte so viel leichter / weil er ohne dis Vorhabens war sie im
Sidinischen Gebiete zurücke zu lassen. Die Verwirrung am Gotonischen Hofe
währete so lange / dass die Fürsten Hedwig zu Brigitz einer an der Oder gelegenen
lustigen Stadt der Marsingen darnieder kam / und eine Tochter gebahr / welcher
sie den Nahmen Klotildis zueignete. Hertzog Bolko und seine Gemahlin wurden über
so glücklicher Genesung dieser holdseeligen Fürstin so sehr /als wenn solche
ihnen selbst geboren wäre / erfreuet. Sie beschenckten dis Kind und die
Kindbetterin auch Fürstlich / sonderlich mit dem Reichtume ihres Landes /
nämlich auserlesenen Queis-Perlen und Geschmeide von Golde / welches aus dem
Sande des Bobers und der Katzbach gewaschen wird. Sie liessen allentalben über
dieser Geburt Freuden-Feuer anzünden; hielten destwegen ein kostbares Gastmahl
und Freuden-Täntze. Des Fürstlichen Schlosses Pforten wurden mit Laubwerck
bekräntzt / die Bödeme mit Blumen bestreuet / die Zimmer mit Leichtern behangen
/ welche mehr als ihre brennende Lichter Glantz von sich gaben; sintemal alle
über und über mit Diamanten besetzt waren / welche drei Meilweges von Brigitz in
grosser Menge und Grösse aus der Erde gegraben werden. Zwei Tage darnach brachte
die Hertzogin Mechtildis auch eine junge Tochter zur Welt; welche Bolko Zirolane
hiess. Zu aller Verwunderung und Mechtildens nicht weniger Verwirrung hatte diese
auf der Brust eine so vollkommene Bärenklau als Gottwalds Kind. Sintemahl ihr
die vom Hertzoge Arnold erzehlte Eyversucht / und das dem jungen Fürsten
Gottwald zugewachsene Ungemach ins Gedächtnüs fiel. Als Hertzog Bolcko von
dieser Bekümmernüs Nachricht erhielt / kam er den siebenden Tag / denn für so
viel Tagen dorfften die Deutschen wie die Römer nicht der Kindbetterinnen Zimer
beschreiten / wo sie nicht für unrein gehalten werden wollten / zu seiner
Gemahlin / liess seine nackte Tochter neben Hertzog Gottwalds legen / und nach
dem beide ganz gleiche gezeichnet befunden wurden /sagte er zu ihr lachende:
Sie sollte sich / wenn sie am Kreisse mehr Perlen und Steine lesen würde / über
Betrachtung der Bildungen so sehr nicht vertieffen /sonst würden unvernünftige
Leute von ihr urteilen /dass sie ihren Gemahl aus dem Zeichen der Zwillinge in
Steinbock versätzte. Mechtildis rötete sich hierüber / er aber küssete sie /
und sagte: Es hätte die Natur diese zwei Kinder durch eine besondere Aehnligkeit
für Geschwister erkläret / also wären sie verbunden nicht nur eines sondern
beide als die ihrigen zu lieben. Ich würde auch ein absonderes Beispiel
ungemeiner Kinder-Liebe an diesen Fürsten fürzustelle haben / weñ ich nicht nur
die Hauptstücke meiner habenden Erzehlung oben hin berühren müste. Alleine wie
das göttliche Geschencke dieser beiden Kinder das Maas aller Freuden überstieg /
und die Sorgfalt künftiger Erziehung erleichterte; also ward durch einen
Unglücks-Fall auch ihre Freude so viel mehr verbittert. Denn wie die Spartaner
ihre neugebohrne Kinder mit Weine / die Griechen mit Taue / die Cimbern mit
Schnee abwaschen / also war es bei den Marsingen eben so wohl als bei denen am
Rhein wohnenden Deutschen bräuchlich / die neugebohrnen Söhne den achten / die
Töchter den zehnden Tag in der Oder zu baden / und ihrer ehrlichen Ankunft
halber durchs Schwimen / wie die Psyllen ihre unter den Schlangen / die Mohren
unter den Vögeln zu prüfen /und demnach wurde auch diese zwei in so viel
stählernen Schilden an den hierzu bestimmten heiligen Ort gebracht. Hertzog
Bolko und die Fürnehmsten des Hofes verfügten sich auch zu dieser Prüf- und
Einweihung. Es war alles glücklich vollbracht / beide Kinder auch schon mit Oele
eingesalbt / mit Saltze besprengt / und der oberste Priester legte sie in die
von einem andern gehaltene zwei Schilde. Wie dieser nun beide ans Ufer tragen
wollte / dass sie daselbst durch Steuerung auf die Erde gleichsam ihre Mutter zum
ersten grüsseten / trat er mit einem Fusse auf den in diesem Strome gemeinen
Trübsand / worüber er zu Grunde / beide Kinder auch mit sampt den Schilden in
Strom fielen. Hertzog Bolko sprang augenblicks in Fluss und erwischte das eine
Kind; das andere aber war ungeachtet vieler ins Wasser schwimmender Leute
Fleisses nicht zu finde / sondern ward zu aller euserster Bestürtzung vom Strome
weggerissen. Weil nun beide Kinder einander ganz ähnlich / und nur anfangs
durch die Windeln und Schilde zu Vermeidung der Verwechselung unterschieden
waren / geriet Hertzog Bolko / ob er sein oder Gottwalds Kind zu retten das
Glücke gehabt hätte / selbst in solchen Zweifel / dass er nicht wusste: Ob er sich
mehr über dem Verlohrnen betrüben / oder über dem Erretteten erfreuen sollte /
daher er denn mit dem traurigsten Stillschweigen zurück kehrete. Zu Brignitz
aber ging der Kummer erst an / welcher Mutter sie das übrig gebliebene Kind
geben oder entziehen sollten. Wie ungewiss nun Bolko / und kein Mensch verhanden
war /der ein den Stich haltendes Kennzeichen hätte andeuten können / so gab doch
Eigen-Liebe und die Einbildung / dass das Verhängnüs ihm ehe sein eigenes als ein
frembdes Kind zugeworffen haben würde / in des Hertzog Bolcko Hertze den
Ausschlag / dass er das Kind als das seinige Mechtilde einzuliefern befahl. Der
Hertzogin Hedwig wusste aber niemand keinen Vorwand zu erdencken / wo ihr Kind
blieben wäre /und niemand wollte ihr doch eine so herbe Zeitung beibringen. Nach
verflossener Zeit zur bestimmter Wiederkunft fragte sie eivrig nach ihrem Kinde
/ und als sie die sie bedienenden bestürtzt und verstummen sah / warff sie sich
ganz verzweiffelt aus dem Bette; und befahl mit vielen Dräuungen ihr die
Ursache seines Aussenbleibens anzusagen / sie wollte auch gar des Zimmers sich
entbrechen / da doch die Frauen bei den Marsingen wie bei den Mohren und Juden
nach der Geburt eines Knaben nicht für dem viertzigsten /eines Mägdleins nicht
für dem achtzigsten Tage die Türe überschreiten dörffen. Weil Bolcko nun von
dieser zarten Mutter die heftigste Gemüts-Kränckung besorgte / ward ein
Priester befehlicht / ob er zwar durch Heimsuchung einer Kindbetterin eben so
wohl als durch Anrührung einer Leiche unrein ward /ihr den Trauer-Fall aufs beste
als er könnte / und wider Verzweifelung allen ersinnlichen Trost beizu bringen.
Wiewol dieser nun mit dem Absterben des Kindes heraus musste / so hielt er doch
mit der eigentlichen Art des Unfalles hinter dem Berge / aber der einige Nahme
des Todes verrückte ihre Vernunft / dass sie nicht wusste / was sie tat / er
hemmete ihre Zunge /dass sie mit keinem Worte ihren Schmertz aussprechen konnte /
damit alle andere Glieder Redner ihres Schmertzens würden / er versteinerte ihre
Augen / dass kein Tropffen heraus floss. Aber ihr todtes Antlitz drückte mit
lebendigern Farben ihren Schmertz aus /als einiger Schatten der Sprache gekont
hätte. Das Hertze schlug ihr mit solcher Heftigkeit / als wenn es sich der
Ersteckung des ihm zuschüssenden Geblütes zu befreien sich durch die Brust
arbeiten wollte / die Hände stritten in Zerfleischung der Wangen uñ Ausreissung
der Haare mit einander. Mit einem Worte: Diese sonst so freudige Fürstin ward
ein lebendiges Bild der erbärmlichsten Traurigkeit. Nach einer langen Raserei
fiel sie in stete Ohnmachten; daraus sie das Gedächtnüs ihres Verlustes mit
öffterem Zucken und schnellem Auffahren unzähliche mahl erweckte. Also brachte
sie einen Tag und die ganze Nacht zu /also dass ihr weder Stärckungen des Leibes
noch des Gemütes beizubringen waren. Den andern Tag quälte sich ihre rächelnde
Seele mit holen Seufzern / und endlich fiengen die Augen an wie ein lange
verstopffter Spring-Brunn häuffige Bäche der Tränen auszuschütten. Bei dieser
Veränderung meinte es jedermann hohe Zeit zu sein Trost zuzusprechen; welcher
aber lange Zeit von ihr mit tauben / wie die Beschwerung von Schlangen mit
verstopfften Ohren angenommen ward. Ihre erstern Worte waren: Lasset mich
sterben; und die andere Antwort: Wil denn auch der Tod durch Ablegung seiner
Grausamkeit mich ausädern! Wil er sich mir nicht nähern / weil er mich schon für
eine Leiche / oder meines Elends halber für ein ihm unwürdiges Opffer ansiehet!
Der sie wieder besuchende Priester redete ihr ein: dass weder ihr Stand noch ihre
Tugend eine solche Kleinmut vertrüge. Ob sie nicht wüste / dass eine beständige
Hertzhaftigkeit nicht eine Tugend der Weltweisen / sondern der Fürsten wäre? Sie
antwortete ihm: Er wüste nicht / weil er kein Weib weniger eine Mutter wäre /
was Mütter in ihrem Hertzen für besondere Regungen / in ihren Adern für Geblüte
hätten. Der Priester fiel ein: Ihm wäre die Heftigkeit der mütterlichen Liebe
nicht unbekandt / und wäre seine Meinung nicht alle Betrübnüs über dessen
Verluste / was sie neun Monat unter dem Hertzen getragen / augenblicks aus dem
Gemüte zu jagen; oder den Schmertz über dem zu verdammen / was sie mit so
grossen Schmertzen zur Welt gebracht. Aber dieses hiesse die Natur beleidigen /
dem Verhängnisse widerstreben / wenn eine durch unsinniges Leid wider sich
selbst solche Grausamkeit ausübte: dass sie nicht wieder Mutter werden könnte.
Daher müste das Betrübnüs die Vernunft zum Zaume / das Maas zur Richtschnur
haben. Die Fürstin versätzte: Sollen denn vernünftige Menschen weniger Fühle
als wilde Tiere haben? die ungeheuren Wallfische nehmen nicht nur / wenn sie
von einem andern Raubfische verfolgt werden / ihre Jungen / wie die Schlangen
ihren Brut in den Mund umb sie der Gefahr zu entreissen / sondern dieses
gefrässige Tier /welches wie andere Fische seine Kinder zu tausenden zehlet /
betrauret auch eines jeden Verlust mit dreitägigem Hungerleiden. Und ich sollte
mir wegen meines einigen und viel edlern Kindes nicht weh tun? Männer hätten
härtere Hertzen; möchten also der Todten indenck leben; aber Weibern stünde auch
bei den Deutschen das Trauren wohl an. Der Priester begegnete ihr: Kein Tier
verscharrete sich mit seinen Jungen /aber wohl die Fürstin. Denn ein mit solcher
Traurigkeit beladener Leib wäre ein Grab der Seele. Diese machten nach den
Sitten ganz Deutschlandes dem Wehklagen und den Tränen bald ein Ende / dass ihr
Betrübnüs desto länger tauerte. Denn unmässiger Schmertz müste bald verrauchen.
Die Fürstin brach ein: die ihre Kinder nach den gemeinen Gesätzen der Natur
verlierenden Mütter könten sich vielleicht noch zu frieden geben; aber
gewaltsame Todes-Arten machten viel tieffere Hertzens-Wunden. Der Priester
antwortete: Auch diese wären Schickungen des Verhängnisses / und oft es
leichter gewaltsam zu sterben / als auf der Folterbanck des Siechbettes viel
Zeit gepeinigt werden. Warumb verhölet man mir denn /sagte Hedwig / wie mein
Kind erbliechen sei? Warumb gönnet man mir nicht seine Leiche mit meinen Tränen
einzubalsamen? hierüber ward sie wieder ohnmächtig / und als sie sie wieder
durch Kühlung zu sich selbst brachten / tat sie doch so ungeberdig / als jemals
vorhin / und sagte dem Priester: Sie wollte ihn mehr nicht hören / weniger sollte
er ihm einbilden / ihr einigen Trost fruchtbarlich beizubringen / wenn er ihr
nicht aufrichtig ihres Kindes Tod entdeckte / und ihr seine Leiche einlieferte.
Hierdurch ward er gezwungen die wahre Begäbnüs zu entdecken / dass ihr Kind
ertruncken wäre. Ob nun zwar dieser Tod so viel Tränen verdiente / als die Oder
Tropffen in sich hätte; so sollte sie doch glauben / dass weil dieser Zufall sich
über der Einsegnung begeben hätte / solches für eine GOtt gefällige Opfferung
anzunehmen / von ihr also von rechtswegen kein Auge nass zu machen / sondern von
denen hertzhaften Müttern ein Beispiel der Befriedigung zu nehmen wäre / welche
ihre Kinder mit trockenen Augen und freudigem Hertzen auf glüende Röste gelegt
hätten. Aber die Hertzogin Hedwig ward hierüber gleichsam wahnsinnig / und
ruffte: Schaffet mir die Leiche meines ersäufften Kindes / dass sein Geist nicht
hundert Jahr als ein Gespenste umb die Gräber schwermen müsse. Schaffet mir
seine irrdische Uberbleibung / dass ihr Fleisch nicht in Magen der Fische /
sondern ihre Asche wieder in ihren Ursprung /nämlich in meinen Leib vergraben
werde. Mit solchen Heftigkeiten mattete sie sich den Tag ab / dass sie des Nachts
in einen tieffen Schlaf fiel. Auf den Morgen war die Fürstin nicht nur ruhig /
sondern auch ohne alles Betrübnüs. Jedermann war darüber verwundert /so dass
niemand die Ursache begreiffen konnte / und die sie bedienenden einander fragten;
Ob jemand der Fürstin im Weine Hirschzunge oder das Kraut Nepentes / wormit
Helena ihr die Traurigkeit vertrieben / beibracht / oder einen Schmaragd in Mund
gesteckt hätte. Endlich fragte sie die Rosenbergin eine ihres Frauenzimmers;
wordurch sie ihr Gemüte beruhiget hätte? die Fürstin antwortete: weil sie ihr
verlohrnes Kind wieder gefunden hätte. Jene erschrack / und bildete ihr ein: die
Hertzogin wäre wahnwitzig / fragte aber: wo sie es denn hätte? die Fürstin
antwortete: Es wäre in Mechtildens Zimmer und Armen wohl versorget; sie
bejammerte aber / dass diesen Tag diese Fürstin die Leiche ihres lieben Kindes
nach Hause bekommen würde. Die Rosenbergin fragte: woher sie denn dis erfahren?
Ob die alte Wahrsagerin Lamia des Neptun Tochter oder eine von Delos zurück
geschickte Priesterin ihr solches kund getan hätte? die Fürstin antwortete:
GOtt hat mir im Traume dis so deutlich gezeigt / dass ich die unverständigste
wäre /wenn ich daran zweifelte / und die undanckbarste /wenn ich für ein so gross
Geschencke GOtt nicht mein Hertze selbst aufopfferte. Denn Mechtildis und ich
fuhren mit dem Hertzoge Bolcko auf der Oder; aus welcher eine Wasser-Göttin
empor kam / und so wohl ihr als mir in einer Muschel eine wunderschöne Perle
verehrte. Beiden aber fielen sie ins Wasser / von welchen Bolcko zwar eine
erwischte / und sie seiner Gemahlin zustellte. Den vierdten Tag aber kam diese
Wasser-Göttin / brachte Mechtilden die verlohrne leere Muschel ohne Perle / und
befahl mir die vom Bolcko aufgefangene als mein Eigentum zuzustellen. Die
Rosenbergin konnte sich über diesem nachdenklichen Traume nicht genungsam
verwundern / und weil sie diesen für keine ganze Eitelkeit hielt / liess sie die
Fürstin bei ihren Gedancken / und erzählte solches dem andern Frauenzimmer.
Selbigen Abend brachten die Fischer das ertrunckene Kind nach Hofe / welches
zwei Meilweges am Strome hinab gefunden worden /und / ungeachtet es drei Tage im
Wasser gelegen /wenig verstellet war. Diesemnach es denn Hertzog Bolcko in
weisse Seide kleiden / mit Blumen kräntzen und bestreuen / in einen küpffernen
Sarg / welcher oben mit einer Berg Cristallenen Taffel zugemacht war / legen /
also der Gotonischen Hertzogin mit beweglicher Ausdrückung seines Mitleidens zu
bringen / und dass er dieses Kind in die Grufft seiner Vor-Eltern beisätzen wollte
/ sich anerbieten liess. Sintemal die Marsinger eben so wohl als die Römer Kinder
/welche noch keine Zähne hatten / nicht zu verbrennen pflegten. Alleine die
Fürstin Hedwig bestreute dieses Kindes Leiche mit Rosen / schickte es dem
Fürsten Bolcko wieder zu / mit dem Beisatze: dieses hätte er zu beweinen und zu
betrauren / ihr aber ihr noch lebendes Kind nicht vorzuhalten. Bolcko ward
hierüber nicht wenig bestürtzt / sonderlich / da er von anfangs bald mit sich
selbst angestanden / ob er sein oder Gottwalds Kind gerettet hätte. Mechtilden
wollte er mit diesem Anspruche auf das lebende Kind nicht erschrecken / forschte
aber bei der Heb-Amme und denen Wärterinnen genaue nach: Ob Mechtildens Kind
kein besonderes Merckmaal ausser der Beerenklau gehabt hätte? Ob diese nun zwar
ihn / dass es ihr Kind unfehlbar wäre / versicherten; wussten sie doch ihre
Meinung durch kein Zeichen / welches nicht auch dem andern Kinde gleiche war /
zu behaupten. Weil nun beides das lebende und todte Kind offters gegen einander
gehalten ward / mutmaasste Mechtildis /dass umbs lebende sich ein Streit ereignen
müste /fragte daher nachdrücklich hiernach / erfuhr also ihre Mutmaassung wahr
zu sein. Worauf sie erbärmlich zu wehklagen anfieng: Ob man sie zur Mutter des
todten Kindes machen und damit selbst tödten wollte? Sie kennete ihr Kind allzu
eigentlich; und ihr Hertze /ihre heftige Liebe sagte es ihr: dass es keines
andern Menschen sein könnte. Ihr Gemüte nun zu beruhigen musste man der
Gotonischen Hertzogin Anspruch kleinerer und die Sache weniger zweifelhaft
machen /als sie an sich selbst war. Jedoch war Mechtildis des Kindes halber so
eiversüchtig / dass sie es nicht mehr aus ihren Armen / weniger aus ihrem Bette
geben wollte. So bald aber die Fürstin Hedwig nach denen Sitten der deutschen
Kindbetterin aus ihrem Zimmer gehen konnte / kam sie unvermerckt in Mechtildens
/und nam das Kind daraus. Diese aber ward dessen augenblicks gewahr / verfolgte
sie auf dem Fusse / und sagte: Ist dis nicht eine Verletzung des Gastrechtes und
der Freundschaft; dass sie mir mein Kind / welches ich mit meinen Brüsten
gesäuget habe / gewaltsam wegnehmen will? Hedwig liess sich daran nichts irren /
sondern antwortete: Ein Kind bis in zehnden Monat mit dem aus den Milch-Adern
komenden Saffte durch die Nabelschnure speisen / und selbtes gebähren / ist mehr
als säugen / und das Recht der Mutter geht dem der Ammen für. Daher würde ich
unbarmhertziger als die unmenschlichen Mütter sein /welche zu Aten auf dem
Platze Cynosarges / zu Rom auf dem Kohl-Marckte bei der Milch Seule ihre Kinder
weglegen / wenn ich nach dem meinigen nicht fragen sollte. Mechtildis versätzte:
Es hat nicht weniger aus meinem Geblüte den Ursprung / als von meiner Milch den
Unterhalt. Hedwig fiel ein: die Natur hat es gezeichnet; dass es eine Gotonische
Fräulein und meine Tochter sei. Mechtildis begegnete ihr: Meine heftige
Einbildung hat ihm durch einen Beistand der Natur dis eingepreget; was dem
Gotonischen Stamme gemein ist; und daher kann die Beerenklau wohl ein Merckmaal
unser Freundschaft / nicht aber ein Zeugnüs wider meine wahrhafte Geburt
abgeben. Hedwig brach ein: Für ihre Geburt und dass dis so bezeichnete Kind aus
dem Gotonischen Stamme sei / werden alle Mitternächtige Völcker urteilen.
Keines weges /sagte Mechtildis / wenn man ihnen die Gleichheit unser Kinder und
die Ertrinckung des Marsingische sagen wird. Mechtildis versätzte: das letzte
liesse sich nicht sagen / weil die Rechte den Untergang des schwächsten / also
des jüngsten vermuteten. Und der Himel würde ja nicht so grausam sein / dass er
dem behertzten Bolcko in dem Strome ein frembdes Kind für sein eigenes zu retten
geschickt haben sollte. Hedwig antwortete: der Himel hätte ihr schon selbst
offenbaret: dass er ihr Kind erhalten / Mechtildens ertrincken lassen. Durch was
fragte Mechtildis? Welcher Hedwig ihren Traum erzählete / und sich auf ihres
Frauenzimers Wissenschaft von der Vorhersagung der wieder gefundenen Leiche
beruffte. Mechtildis versätzte: Träume sind Schatten unser süssen Einbildungen /
und ein Nachschall unsers sehnlichen Verlangens. Für mein Mutter-Recht aber
giebet das Kind selbst Zeugnüs / indem es aus meinen Brüsten die schon in
Mutter-Leibe angewohnte Nahrung so begierig schöpffet; welches sonst bei
gesogenen andern Brüsten für meinen einen Eckel gehabt haben würde. Hedwig fieng
hierauf an: Ich nehme diesen Weg der Prüfung an / und bin versichert / dass wie
mir meine Brüste nicht wie den Tieren ihre Eyter unter dem Bauch / sondern für
meinen Mund und Augen /dass ich mein saugendes Kind anschauen und küssen könne /
gewachsen sind / also dis meiner mütterlichen Liebe und ihrem Oele / nämlich
meiner Milch-Zunge und Lippen nicht entziehen werde. Hiermit entblöste sie ihre
Brüste / an welchen dis Kind so begierig zu trincken anfieng / als wenn es
etliche Tage Durst gelitten hätte. Mechtildis ward hierüber so eiversüchtig /
dass ihr die Tränen aus den Augen fielen / und sie Hand anlegte das Kind der
Fürstin Hedwig aus den Armen zu reissen. Diese hingegen mühete sich von allen
Kräfften dessen Besitztum zu behaupten / und zwischen beider Frauenzimmer
entspaan sich ein Zwyspalt / also hierüber ein kleiner Auflauff bei Hofe
entstand. Hertzog Bolcko vernam solchen alsbald /und seine Augen zeigten ihm
zugleich dessen Ursache. Ob er nun zwar mit einer wenig lauern Schwachheit der
Liebe als Mechtildis befallen war / wollte er doch die übele Nachrede nicht haben
/ dass in seinem Hofe der Gotonischen Hertzogin einiges Unrecht oder Gewalt wäre
angefügt worden. Daher fieng er zu beiden an: Sie möchten doch ihre Kinder-Liebe
nicht zum Werckzeuge des Hasses und zu Zerspaltung ihrer Freundschaft
missbrauchen. Auch im guten wäre die Ubermaasse böse / und wie die Soñe denen
unter dem heissen Mittel-Striche des Erdkreisses wohnenden Völckern / wenn sie
über ihrem Würbel stünde /ihnen nicht den Somer / sondern / weil ihre allzu
heftige Strahlen die Dünste allzu gewaltig empor ziehen /einen regenhaften
Winter verursachten; also gebühre auch das übermässige Feuer die Liebe vielerlei
Ungewitter / und eine Erkältung der Gemüter. Mechtildis antwortete ihm: Soll
ich mich denn meines einigen Kindes entsätzen / und darmit alle Liebe in meinem
mütterlichen Hertzen gefrieren lassen? Würde meine Seele nach diesem Verluste
nicht aller Ruh / mein guter Nahme nicht alles Nachruhms verlustig werde. Alles
Ertzt wird durch Kälte kleiner / und einer Mutter kann nichts verkleinerliches
nachgesagt werden /denn dass sie ihre Kinder nicht genung liebe. Hedwig
versätzte: Kan eine / die ihr nur einbildet Mutter zu sein / so sehr lieben; wie
viel hertzlicher muss bei der solche Flamme sein / die / wie ich / wahrhaftig
die Mutter ist; welcher der Himmel selbst diese verlohrne Perle wieder
schencket; welcher der redliche Hertzog Bolcko selbst zum besten gestehen muss;
dass er nicht wisse: Ob er sein oder mein Kind dem Rachen des Wassers entrissen
habe. Der Hertzog brachte es nach einem langen Wort-Streite und vergebenen
Vorschlägen / entweder die Wahrsager zu Rate zu ziehen /oder den Zwist durchs
Loos zu erörtern / gleichwol dahin: dass beide Hertzoginnen sich dem Urtel der
Priester zu unterwerffen / und inzwischen das strittige Kind einen Tag umb den
andern zu besitzen willigten. Das Gerichte ward auf einen gewissen Tag in dem
Fürstlichen Saale besätzt; darinnen über dem Richter-Stule Cambyses gemahlet war
/ wie er das seinen durch Geld bestochenen Richter Sisamnes abgezogene Fell über
den Richter-Stul ziehen / und seinen Sohn Otanes solchen besitzen lässt. Gegen
über stand Darius / wie er einen nicht bessern Richter in Eolis Sandoces
destwegen zu kreutzigen befiehlt. Umb den Saal waren unterschiedene Gemählde
merckwürdiger Urtel aufgestürtzt. Zu erst stand das Gerichte des Jüdischen
Königs Salomon / da er durch Befehl ein streitiges Kind mitten entzwei zu hauen
die wahre Mutter für der / welche ihres im Schlaffe erdrückt hatte /
unterscheidete. Das andere Gerichte war des Paris / wie er die drei zwistigen
Göttinnen durch den güldenen Apfel entscheidet / das dritte und vierdte /wie die
Areopagiten den Mars wegen des erschlagenen Hallirrotius und Orestes wegen
ermordeter Mutter lossgesprochen ward. Das fünfte Gerichte stellte Phrynen für
dem Richter-Stule für / wie sie / nach dem sie ihr Beistand Hyperides durch
seine Beredsamkeit nicht erweichen konnte / ihre Brüste entblöste / und durch
derselben Schönheit die Areopagiten gegen sie barmhertzig zu werden zwang / aber
dardurch ein Gesätze zuwege brachte / dass hernach die Richter keinen Beklagten
ansehen / weniger sich seiner erbarmen dorfften. Das sechste Gemählde stellte
den Tracischen König Ariopharnas für / welcher von dreien sich für des
Cimmerischen Königes Söhne Ausgebenden zum Schiedes-Richter erkieset ward /und
sie sämptlich nach des aufgehenckten Königs Leiche zu schüssen befehlichte / mit
der Erklärung; dass der / welcher das Hertz treffen würde / Erbe und König sein
sollte. Er erklärte aber den darfür / welcher mit Fleiss der Leiche fehlte / und
den Pfeil in die Erde schoss. Das siebende Gerichte war eines Scytische Königes
/ welcher einem Gläubiger / von dem er umb ein Urtel angeflehet ward / dass er
seinem Schuldner wegen nicht inne gehaltener Zahlung Krafft habender
Verschreibung ein Pfund Fleisches aus dem Leibe schneiden möchte / ein Messer
mit dem Ausspruche reichte: Er möchte schneiden / aber was der Gläubiger mehr
oder weniger schneiden würde / sollte hernach der Schuldner ihm ausschneiden. Die
Stüle des Richtplatzes besassen die zwölf fürnehmsten Priester / des Obersten
Stul aber war so gesäzt / dass die Soñe ihm gleich ins Antlitz scheinen konnte /
nicht zwar dass sie sie / wie die Bitynier die Soñe für den Schutzherrn /sondern
für ein Sinnebild der Gerechtigkeit hielten /welche alle Finsternis der
Unwissenheit vertreiben müste. Die Fürstin Hedwig und Mechtildis traten selbst
für / und jede meinte das auf den Richter-Tisch gelegte Kind durch ihre nichts
minder tiefsinnige als nachdrückliche Rede für das ihrige zubehaupten. Diese
sonst weisen Leute wurden aber hierdurch zweifelhafter / wem das Kind zugehörte
/ als sie waren / da noch kein Vortrag geschehen war. Ob sie nun zwar gerne
diese Streitigkeit vermittelt hätten; weil ihrem Erachten nach durch keine
menschliche Vernunft zu ergründen wäre / wessen Kind Bolcko aus dem Wasser
errettet hätte / so war doch beider Fürstinnen Liebe so gross / dass sie so viel
derselben zu entziehen vermeinten / als eine der andern darauf Recht enträumte;
daher denn auch jede auf das Urtel drang: denn sie waren beide aufs kräfftigste
überredet / dass sie die rechte Mutter wäre / und die Marsingischen Priester
hatten bei jedermann den Glauben: dass die in den Himmel geflogene Gerechtigkeit
ihnen die Wage zu Uberlegung der Rechts-Sachen / und das Schwerdt zu
Abschneidung der Streitigkeiten anvertraut hätte. Alleine weil die Sache den
Priestern ein unauflösslicher Knoten war / gebrauchten sie sich eben des
Kunst-Stückes der Areopagiten / welche /als der Land-Vogt in Asien Publius
Dolabella ein Weib von Smyrna / das ihren Mann und Stieff-Sohn wegen ihres
vorher getödteten Sohnes hinrichtete /ihrem Urtel unterwarf / sie weder als
eine von Blut besudelte losssprechen / noch als eine Rächerin ihres Sohnes sie
verdammen wollten / sondern ihr über hundert Jahr einen andern Rechts-Tag
ansätzten. Denn die Marsingischen Priester erkenneten: dass diese Sache so lange
/ bis die Natur entweder durch die Aehnligkeit / oder durch die eigene Neigung
dem Kinde / wer seine eigentliche Eltern wären / entdecken würde. Wie nun die
untadelhafte Verwaltung der Gerechtigkeit eben so bitter ist / als wenn ein
Artzt mit Brand und Messer von Grund aus alte Schäden heilet / und noch so wenig
gerechter Richter Verfahren beliebt worden / als Krancke nach des Esculapius
Salben und Pflastern die Finger geleckt haben; also ging es auch allhier der
Gotonischen und Marsingischen Fürstin. Eine war so unvergnügt / dass sie nicht
gewonnen als die andere / dass ihr Gegenteil nicht verspielt hatte. Mechtildis
fragte gleichwol die Priester; welche denn mitler Zeit das Recht haben sollte das
Kind zu erziehen? und kriegte zur Antwort; die / welche es am meisten liebte.
Hedwig erkundigte sich hierauf: Wer denn über die Grösse ihrer Liebe Richter
sein sollte? und ward beschieden: Ihre eigene Woltaten / welche jede dem Kinde
leisten würde. Mechtildis ward hierüber vedriesslich und zugleich wehmütig /fiel
der Fürstin Hedwig umb den Hals / und fieng an: Warumb haben wir uns gerechtere
Richter aufzufinden eingebildet / als unsere eigene Liebe? Warumb wollen wir
nicht lieber mit Wercken als Worten streiten / wer dieses Kindes Mutter sei;
welcher Ampt in der Wohltätigkeit nicht im Nahmen bestehet! leidet es die Natur
nicht: dass ein Kind wie Bacchus aus zwei Leibern geboren werde; so ist doch
derselben nichts gemässer / als dass ihrer zwei durch Wohltun an ihm die Pflicht
der Mütter verrichten. Sie hat destwegen den Müttern zwei Brüste wachsen lassen
/ dass sie den Kindern durch mehr als ein Quell Milch und Liebe einflössen. Lasse
es unser beider Pflegung genüssen / und noch ferner / wie es zeiter geschehen
/an unser beider Brüsten saugen. Hat eine unter uns nicht ihr Blut zu seiner
Empfängnüss beigetragen; so ersetze selbige diesen Mangel durch den nährenden
Schaum / oder vielmehr das aus den Röhren der Brüste rinnende Oel des Geblütes /
welches in diesen zwei Lebens-Brunnen von der Natur so weiss geleutert wird / dass
die Kinder nicht mit ihrem ersten Trancke die Blut-Begierde in sich saugen. Wil
sie / liebste Schwester / mich nicht würdigen / dass ich dieses Kindes Mutter sei
/ so lass sie ohne Eiversucht mich die Stelle einer Amme vertreten. Der Fürstin
Hedwig ward durch diese Worte das Hertz derogestalt gerühret: dass sie Mechtilden
mit nicht lauerer Gemüts-Regung in ihre Armen drückte und antwortete: Es ist
wahr / hertzliebste Schwester / dass wir unserer Mutter-Liebe einen grossen
Schandfleck anhencken würden / wenn wir selbte mit giftiger Eiver-Sucht
vergälleten. Lasse uns versuchen / ob unsere Liebe so glücklich zwei Mütter
eines Kindes abgeben / als die Natur in einer Mutter Zwillinge zeugen könne.
Können unfruchtbare Männer durch ihre Wahl frembden /welche sie für ihre Kinder
annehmen / die Kindschaft so kräfftig eindrücken / dass die Gesetze jenen die
väterliche Gewalt / diesen das Recht zu erben zueignen; warumb sollte nicht eine
fruchtbare Mutter eines von ihr nicht gebohrnen Kindes Mutter zu werden fähig
sein. Hat eine unter uns diss Kind nicht aus ihrem Leibe geboren / so gebähre
sie es täglich in ihrem Hertzen durch Liebe und Wohltätigkeit. Sollen doch
Gross-Mütter / weil die sonst die Eigenschaft des Feuers habende Liebe wie Blei
ihren Zug abwerts hat / ihre Enckel mehr / als ihre Kinder lieben. Warumb nicht
auch wir dieses / welches iede glaubt ein Teil ihrer Eingeweide gewesen zu
sein. Diesemnach wollen wir es einen Tag umb den andern säugen / aber es keinen
Augenblick aus unsern Gedancken und Gewogenheit lassen. Wir wollen mit einander
selbtem wohlzutun nicht abwechseln / sondern es einander vorzutun beemsigt
sein; und durch das Beispiel unser unveränderlichen Liebe das Verhängnis
bezaubern / dass es das Glücks-Rad diesem unserm Schoss-Kinde niemals verrücken
könne. Hiermit namen beide das Kind von dem Richter-Tische / überschütteten es
mit einer unzählbaren Menge hertzlicher Küsse; vergnügten also diese zwei mit
einander rechtende Mütter ihre Richter durch so wundersame Eintracht mehr / als
die Richter sie durch ihren Ausspruch / derer keiner noch beide Teile
vollkömlich vergnügt / sondern ieder stets ein Misstrauen gegen sich behalten
hat; also dass Alcibiades zu sagen pflegte: Er traute seiner eigenen Mutter nicht
/ wenn sie seine Richterin sein sollte. Jedermann fürnehmlich aber Hertzog Bolcko
ward über einem so glücklichen Ausschlage dieses Gerichtes zum höchsten erfreuet
/die Verträuligkeit zwischen der Fürstin Mechtildis und Hedwig wuchs mit der
Liebe gegen diss Kind /welches / weil sie es beide für das ihrige hielten
/zwischen ihnen gleichsam eine neue Ehstands-Art und Zusammenknipfung ihrer
Gemüter verursachte. Unterdessen hatte Herzog Gottwald durch seine Tapferkeit
und seiner Frau Mutter Klugheit alles in gewünschten Stand versetzt / indem
alles Volck ihn für den rechtmässigen Hertzog der Gotonen erkennte /ausser
seine Schwester Marmeline / welche von dem unheilbare Ubel der Herrsch-Sucht so
eingenommen war / dass sie diss / was alle andere Menschen der Welt billigten /
nicht für Recht halten konnte / und daher von dem Apfel der Herrschaft lieber
nichts als die Schalen genüssen wollte. Hertzog Gottwald hörte den Unfall des
ertrunckenen Kindes höchst mitleidentlich / seine Gemahlin wusste ihn aber so
beweglich zu bereden / dass er daran / ob das lebende seine wäre / zu zweifeln
für eine Undanckbarkeit gegen das Verhängnis hielt. Hierzu diente nicht wenig /
dass in seinem Gebiete auf dem Eylande Glessavia / welches nicht in einem langen
Land-Striche durch die vom Rheine hieher gezogenen Estier bewohnet wird / aus
dem Erd-Boden ein etliche Pfund schweres Stücke Agstein gegraben worden war /
welches ganz eigentlich vorbildete / wie die Wellen des Meeres ein auf einer
Muschel liegendes Kind ans Ufer antrieben. Hertzog Gottwald reisete hierauf mit
seiner Gemahlin in sein Land / wurden aber von Mechtilden mit vielen Tränen
beweget / dass sie ihre Tochter noch unter ihrer Pflegung liessen. Hedwig ward
von Gotonen /Estiern und Lemoriern aufs prächtigste empfangen /und Hertzog
Gottwald machte daselbst allerhand heilsame Anstalten zu einer glücklichen
Herrschaft. Ehe sichs aber iemand versah / brach Marbod mit einer grossen
Heeres-Krafft gegen die Semnoner und Longobarden auf / brachte selbte auch ehe
unter seine Gewalt / ehe die Benachbarten von dem gegen sie angehobenen Kriege
Nachricht erlangten / oder ein Mensch von so streitbaren Völckern ihm immermehr
eingebildet hatte. Hingegen verfielen die Burier mit den abtrünnigen Burgundiern
/ und die Marsinger mit den Lygiern in einen schweren Krieg / dahero denn beiden
Fürsten die Unterwerffung der streitbaren Semnoner ein heftiger Donner-Schlag
ins Hertze war. Wie aber Fürsten nichts mehr als Furcht und Argwohn zu verbergen
haben; also ward Hertzog Bolcko und Reinhard der Burier Hertzog genötigt den
Ritter Hohberg und Haugwitz zum Könige Marbod nach Budorgis / allwo er alle
Semnoner zu Ablegung der Huldigung versamlet hatte / abzuschicken / und ihm zu
den Siegen / welche allem Ansehn nach die Fall-Stricke ihrer eigenen Freiheit
waren / Glück zu wünschen. Denn ob zwar der / welcher auf solche Weise einem
Pflaumen streicht / sich der Heuchelei teilhaft macht; so ist doch der /
welcher in solchen Fällen sich in die Zeit und Leute nicht zu schicken weiss /für
einen Toren / am wenigsten für einen klugen Fürsten zu halten. Marbod nam diese
Ehre sehr wohl auff / und ob zwar diese Fürsten den König wissen liessen / dass
sie gegen die Burgundier bereit einen ansehnlichen Sieg gewonnen hätten / also
sie ihren Feinden selbst genungsam gewachsen wäre / schickte er doch den Vannius
zum Hertzog Bolcko und Reinhard /bot seine ganze Krieges-Macht ihnen nicht
allein zu Hülffe an; sondern liess auch sechzig tausend Marckmänner biss an den
Queiss und die Spreu / unter dem Vorwand selbige gegen die Lygier zu führen /
anrücken. Weil nun Hertzog Bolcko seine meiste Macht gegen den Lygiern stehen
hatte / also er einem so unversehnen und mächtigen Feinde nicht gewachsen war /
und ihm leichte die Rechnung machen konnte; dass wenn er des Königs Marbods Hülffe
gar ausschlüge /würde dieser es für eine Verschmähung und Misstrauen annehmen /
und daraus einen scheinbaren Vorwand zum Kriege wider ihn bekomen; musste er
/nebst dem Fürsten der Burier / ungeachtet beide allzu wohl verstunden / dass
kein Falcke einen Adler zu Hülffe ruffen sollte / nicht allein willigen zehn
tausend Marckmänner zu Hülfs-Völckern in ihr Land anzunehmen / sondern auch auf
des Vannius Beteuerung: dass König Marbod viel zu grossmütig wäre von seinen
Freunden und Bundsgenossen einiges Schutz-Geld zu suchen / oder sonst ihnen
beschwerlich zu sein / ihn für ihren Schutzherrn zu erklären. Ungeachtet nun
Bolcko und Reinhard ihren Feinden genungsam für Augen stellten / wie gefährlich
beiden wäre /dass sie einem dritten zum besten / welcher bereit mit seiner
geharnschten Hand in ihren Krieg grieffe / ihre Kräfften gegen einander
aufrieben; so rennten doch die Lygier und Burgundier durch ihre Hartnäckigkeit
spornstreichs in ihr Unglück / indem sie ihrer alten Freunde wohlgemeinte
Warnigung für Würckung ihrer Kleinmut annahmen; weil entweder die Rache sie
verbländet / oder das sie zu stürtzen vorhabende Verhängnis sie guten Rat
anzunehmen unfähig gemacht hatte. König Marbod führte seine übrige funfzig
tausend Kriegsleute durch einen nicht kleinen Umbweg / damit er den Marsingern
mit einem Durchzuge so vielen Volckes die neue Freundschaft nicht beschwerlich
oder verdächtig machte / an der Neisse und Spreu hinauf über das Hercinische
Gebürge in der Bojen Land / und durch selbtes längst der Elbe hinauf / also dass
er durch der Oser Gebiete den Lygiern in die Seite fiel. Ob nun wohl diese
Völcker mehr als menschliche Gegenwehr taten / und noch niemand den
Marckmännern so viel zu schaffen gemacht hatte / als die Arier / Helveconer /
Manymer /Elysier und Naharvaler; so wurden sie doch endlich durch die Macht so
vieler Feinde untergedrückt / und Marbod hielt zu Carrodun ein Siegs-Gepränge
über alle zwischen der Warte und Weichsel gelegene Völcker. Gleichwohl aber liess
er daselbst auf zweierlei Art spüren; dass die Herrschsucht nicht alle andere
Gemüts-Regungen ersteckt hätte. Denn er gab dem Vannius fast die Helffte seiner
ganze Kriegsmacht /dass er damit sein väterlich Reich der Quaden eroberte / dem
Marsinger und Burier Hertzoge aber räumte er ein gross Stücke von der Lygier
Landen als eine Siegs-Beute ein. Zu eben selbiger Zeit fand sich die Gotonische
Fürstin Marmeline mit dem verräterischen Leutertal zu Carrodun ein; weil ihr
so wohl die Peucinischen als Wendischen Sarmaten / welche doch die Gotonen und
Estier von der Ost-See vertrieben hatten / wider ihren Bruder Beistand zu
leisten verweigerten. Marmeline erschien für dem Könige ohne den geringsten
Aufputz / entweder weil sie ihn durch so schlechten Aufzug so viel leichter zum
Mitleiden zu bewegen getraute / oder weil sie ihre vollkommene Schönheit durch
Beisatz zu verstellen besorgte. Ihre Worte hatten so viel Schein der Wahrheit /
als ihr Mund Holdseligkeit / und was dieser nicht erbärmlich genung aussprechen
konnte / wiewohl ihre heuchlerische Zunge alle ihre Worte vergiftete / und seine
Ohren bezauberte / drückte sie mit desto grösserm Nachdrucke durch die in
anderer Seelen rinnende Buchstaben der Tränen aus. Denn diese haben die
Eigenschaft des Meer-Wassers / welches in der See als seinem Ursprunge bitter
ist / wenn es sich aber durch die Adern der Berge in die Brunnen durchdringt /
vollkommen süsse wird. Denn die in den Augen saltzichten Tropfen der Weinenden
werden das süsseste Geträncke unserer Seele in unsern Hertzen / welches uns
gleichsam truncken macht / dass wir unsers eigenen Willens nicht mehr mächtig
sind. Oder es sind die Tränen vielmehr dem Geiste gleich / welcher durch Feuer
und Kunst aus vielen Kräutern Tropfen-weise gezogen wird. Denn so viel diese für
andern Artzneien würcke / so viel haben auch die Träne mehr Krafft andere zu
bewegen als Worte / und in ihrem Wasser die entfernten Hertzen wie das
Babylonische Ertzt anzuzünden. Jedoch war Marmeline nicht nur ihres aus den
Augen flüssenden Wassers halber den Bildern der Wasser-Künste zu vergleichen;
weil aus ihrem Munde / ihren Brüsten / allen ihren andern Gliedern gleichsam
eitel Balsam der Anmut spritzte. Ja sie war in des Königes Augen ein Sabeischer
Wald / welcher nichts als Ergetzligkeit von sich hauchte; und daher blieb er
auch mit seinen Augen und Hertzen eher an ihr / als eine Fliege an dem Netze der
Spinnenweben hencken. Seine Seele erklärete ihr Antlitz für ihren Abgott / als
sich Marmeline des Königs Magd nennte / und seine Begierden steckten sie ihr
zueiner unausleschlichen Fackel an. Er stieg selbst zu ihr von seinem Stule
herab / hob sie von der Erden auf / und gab ihr nicht längsamer seine Liebe als
sein Mitleiden zu verstehen. Sie hatte den König ihre Sonne genennet / weil er
alleine durch die Strahlen seiner Hülffe sie todte wieder lebendig machen könnte;
er aber erklärte sie für seinen ersten Bewegungs-Kreis / für die Richtschnur
seiner Lebens-Tage / für seinen Angel-Stern / nach welchem sich sein Wille
genauer als die Magnet-Nadel gegen dem gestirnten Beere wenden würde. Er eignete
Marmelinen zu / dass sie durch ihre Holdseligkeit die Liebe selbst entwaffnet
hätte; weil diese so lange Zeit sein Hertze durch nichts anders als ihre Augen
zu verwunden wäre mächtig gewest. Ja alle seine Worte waren übersteigend; weil
seine heftige Liebe nichts mittelmässiges ausrauchen konnte / oder / weil er
Marmelinens Gegen-Liebe zu verschertzen besorgte / wenn ihr seine Zuneigung zu
lau oder zu kaltsinnig fürkäme. Die schlaue Marmeline hingegen mühte sich auf
alle Weise kaltsinnig zu sein / da ihr doch alles in der Welt umb die
Herrschaft feil / und destwegen alle Adern in ihr voller Schwefel waren. Denn
sie verstand allzu wohl / dass man nur so lange einem nichts abschlüge / weil man
selbst umb etwas anzuhalten hätte / und dass kein Fisch mehr an die Angel
anbiesse /worvon er schon den angehenckten Wurm zu seiner Speise weg bekommen
hätte. Diesemnach redete sie den König an: Er möchte durch seine Zuneigung sich
nicht zu seiner Verkleinerung so tieff erniedrigen /und sie zu ihrer Verwirrung
so sehr beschämen. Denn da die Persischen und Indianischen Könige iedes Wasser
zu trincken ihnen für verkleinerlich hielten /wie viel würde ein so grosser
Herrscher / als Marbod wäre / sich verstellen / wenn es etwas niedrigers als
eine Fürstin liebte. Sie aber schätzte sich so lange für keine / als sie ihre
zugefallene Fürstentümer nicht in Besitz hätte. Sintemal Fürsten ohne Land nur
ein Schatten derselben und Bilder ohne Leben wären. Am allermeisten aber gienge
ihr durchs Hertze / dass ein Irr-Licht / welches Zweifels-frei aus den
niedrigsten Sümpfen seinen Ursprung hätte / sie als das einige Licht des
Gotonischen Stammes verdüstern / und eines schlechten Sidinischen Edelmanns
oder vielleicht noch eines geringern Menschen Sohn die rechtmässige Erbin
verdringen sollte. Würde sie aber sich in den Stand versetzt sehen / da sich des
Königes Gewogenheit an ihr nicht wie die Spiegel von unreiner Weiber Augen
beflecken könnte; würde so wohl ihre Freude als Pflicht sein / das innerste ihrer
Liebe gegen ihn als den Alexander ihrer Zeit auszuschütten. Keine seichte
Bezeugung wäre weder seiner Würde noch Liebe anständig. Denn nach der
Eigenschaft der in Ammonischen Brunn gesteckten Fackeln / leschte die brennende
Liebe / wo Gegen-Liebe nur auf den Lippen schwimme / aus; wo sie aber im Hertzen
brennte / zündete sich auch die fast erloschene an. Diesen Vortrag bekräftigte
sie abermals mit frischen Tränen / und gab darmit / weil die Tropfen auf ihren
Wange gleichsam den Tau auf den Morgen-Rosen abbildete / ihrer Schönheit einen
mercklichen Beisatz. Marboden waren alle Worte Marmelinens eine Beschwerung /
ihre wässrichte Augen sah er wie ein Finsternis 2. von ihm angebeteter Sonnen an
/ und bildete ihm ein: dass durch ihr ausgeweintes Saltz /alle Zierden ihres
Antlitzes würden zerbejetzt oder weggeschwemt werden / wenn er nicht mit dem
linden Schweiss-Tuche des Purpers Marmelinen die Tränen abtrocknete. Daher
erklärte er sich seinen Degen nicht einzustecken / biss er sie zu Godonium auf
ihren väterlichen Stul erhoben haben würde / wenn sie nach überwundenen Feinden
sich ihn zu lieben und zu ehligen überwinde könnte. Marmeline fiel für dem Könige
abermals nieder / umbarmte seine Knie / neñte ihn ihren und der Gotonen
Schutzgott / einen Vater der Waysen / und den einigen Beschirmer der
Gerechtigkeit auf der Welt; Marbod aber liess Marmelinen das eine Schloss über der
Weichsel einräumen / sie königlich unterhalten / und trug noch selbige Tag im
Kriegsrat für / wie die verjagte Marmeline aufs leichteste wieder in ihre
Herrschaft einzusetzen wäre. Unter allen geheimen Räten war nicht einer /
welcher nicht diese Einsetzung / da Marmelinens eigene Mutter den Fürsten
Gottwald für ihren Sohn / alle Land-Stände für ihr Haupt erkennet hätten / für
bedencklich / und wegen vorteilhafter Gelegenheit der Gotonischen Länder /
wegen selbiger Völcker Streitbarkeit für sehr schwer hielten / also mehr zu
einer gütlichen Vermittelung als zun Waffen rieten. Die Kriegsobersten / welche
doch entweder umb nicht für zaghaft angesehen zu werden / oder / weil sie
besorgen / ihr Ansehn möchte bei der Ruh verschwinden / selten zum Friede raten
/ stimten meistenteils denen andern Räten bei; sonderlich redete der
unverzagte Vannius / welcher bei Beratschlagung über seines Fürsten Glücke doch
auf seines mit ein Auge hatte / und besorgte / dass der Gotonische Krieg dem
Quadischen einen Stoss geben würde / nicht weniger klug als eivrig: Die
Gerechtigkeit wäre die Sonne eines Reiches / der Anfang und Grund-Stein aller
Herrschaften / die Seele und der Ancker der Staats-Klugheit; welcher Fürsten zu
Göttern machte / und daher auch ihre Kriege / welche sonst viehische Rasereien
wären /rechtfertigen müste. Denn ob zwar das Recht der Waffen nicht allezeit aus
dem Ausschlage eines Krieges zu urteilen wäre / müste doch ein Fürst auf seinen
guten Nahmen und Nachruhm / dass er nicht ein Rauber der Welt / eine Peitsche
Göttlicher Rache heisse / sein Absehn haben / und niemals vergessen: dass einem
Fürsten auch in euserster Not Unrecht nicht anständig / ja diss ins gemein das
Fall-Bret vorigen Glückes / und der gebähnte Weg zum Untergange sei. Für
beleidigte Bunds-Genossen wäre man zwar verbunden den Degen zu zücken / wenn nur
einiger Schein und Hoffnung eines guten Ausschlages verhanden wäre; aber
Marmeline und ihre Eltern hätten mit dem Könige Marbod niemals im Bindnüsse
gestanden / noch auch sie die Natur durchs Geblüte mit einander verbunden. Zu
dem wäre man auch dem /welchem uns entweder die Natur oder unser Wille verknipft
hätte / nur in gerechter Sache Hülffe zu leisten schuldig / welche hier überaus
zweifelhaft wäre /weil Marmeline Volck und Mutter zum Gegenteil hätte. Der
König hätte bereit mit den Gotinen angebunden / wider die Quaden den Krieg
feste gesetzt; und nun wollte er auch mit den streitbaren Gotonen /Lemoviern und
Estiern anbinden / an welche weder die von Marmelinen angeflehten Peuciner noch
die Wenden zu reiben sich getraut hätten / da doch diese die Rache und Begierde
im Hertzen hätten ihr so reiches und fruchtbares Land wieder zu erobern. Alle
kluge Fürsten aber und insonderheit die Römer hätten sich für zweien Kriegen als
für höchstgefährlichem Vorhaben / auch bei sich zeigendem Vorteil äuserst
gehütet. Denn viel Zwerge machten auch einem Riesen zu schaffen / und wenn der
gröste Fluss zerteilt würde / könnte man dadurch waten. Marbod hätte zwar die
Semnoner durch seine Geschwindigkeit ihm unterworffen; aber selbte nur wie den
Wolff beim Ohre. Denn kein Fürst müste ihm einbilden / dass bezwungene Völcker
ihm ohne heimliche Gramschaft gehorsamten. Und allen benachbarten Völckern wäre
Marbods anwachsende Macht schon ein Dorn in Augen /welche bei einem
unglücklichen Streiche zu seinem Untergange in ein Horn blasen dörfften. Daher
nötigte ihn sein Gewissen / und seine Treue dem Könige zu raten / er möchte
zwischen beiden zwistigen Geschwistern einen Mittler abgeben / oder / wenn er ja
die Gotonen bekriegen wollte / mit denen Gotinen und Quaden Friede halten. Mit
diesem letzten redete Vannius dem Könige in seine Ehre / weil er ihm schon
dreissig tausend Mann zu der Quaden Uberwältigung versprochen hatte / mit dem
ersten unwissentlich ins Hertze / weil Marbod seine gegen Marmelinen
angesponnene Liebe in höchster geheim hielt; auch niemand mutmasste / dass einer
/ der täglich unter den Waffen sich mit Staube verstellte / in seinem Schweisse
badete / so zarte lieben könnte. Weil nun Fürsten diss / was ihr Hertz rührt / so
empfindlich ist / als was ihrer Ehre und Ansehn nahe komt / war Marbod drüber so
verwirrt / dass er sich nicht leicht ausgeflochten hätte / wenn nicht Alarich ein
vom Leutertal bestochener Krieges-Rat sich bei vermerckter Zuneigung des
Königs mit einer ziemlichen Frechheit / ihm im Rate den Ruhm eines
Unerschrockenen /beim Könige eines treuen Dieners / durch folgenden Gegen-Satz
zu machen sich erkühnet hätte: Gottwalds Vorwand des Gotonischen Hertzogs Sohn
zu sein wäre so unglaublich / als es weltkündig wäre; dass kein Mohr / wenn er
hundert Jahr gebleicht würde /weiss werde könnte. Arnold hätte sein Lebtage einen
Sohn zu haben nichts erfahren / also wäre höchst verdächtig / dass man selbten
einem Todten / und unwissenden Volcke aufdringen wollte. Dass er Gertrudens Sohn
wäre / könnte wohl sein / weil sie so sehr wider ihre Tochter auf seiner Seiten
stünde / aber zu Hertzog Arnolds würde er sich nimmermehr rechtfertigen können.
Was hätten aber benachbarte Fürsten mehr zu anten / oder zu verhindern / als
dass nicht Eyer der Wiedehopfen Adlern zum Ausbrüten untergelegt /oder Leute vom
Schlamme des Pöfels Ländern für ihre Fürsten eingeschoben würden. Dieser Betrug
hätte in der Welt gleichsam nunmehr Bürgerrecht gewonnen / und die Künste würden
so zart eingefädemet; dass die scharffsichtigsten sich nicht aus so scheinbaren
Irrtümern auszuflechten wüssten. Sintemal noch kein grosser Alexander / kein
tapferer Ariarates gestorben wäre / dass sich nicht ein böser Mensch oder
Gespenste für seinen Geist oder Erben angegeben hätte. Daher gehörte es zu der
Wohlfart Deutschlandes / und zur Ehre des Königes Marbod /dass er durch sein
Urtel ausspräche / wer der rechtmässige Herrscher über die Gotonen und Estier
wäre. Hätte er am Hertzoge Arnold keinen Bluts-Freund oder Bund-Genossen gehabt
/ so wäre Marmeline doch ein Mensch / Menschen aber wären einander zur Hülffe
geschaffen / sonderlich wären Fürsten desshalben Gottes Stadtalter auf Erden; zu
denen bedrängte / wie das Wild in die Hölen / Knechte zu Altären ihre Zuflucht
nähmen. Wer nun diese für Unrecht nicht beschützte / handelte nicht besser / als
der Bund-Genossen / Eltern und das Vaterland verliesse; hingegen wäre die
Beschirmung der Schwachen eine zweifache Tapferkeit / und eine Ubermasse der
Gerechtigkeit. An so heilsamem Wercke müste er sich aber die für ihm furchtsame
Peuciner und die von Estiern verjagte Wenden nicht irre machen lassen. Sintemal
diese Völcker in dem Antlitze des mächtigen Königs Marbod so wenig als andere
Sternen im Angesichte der Sonne sich sehen lassen / aber / wenn Marbod sich
gegen selbte Feind erklärte / ihre Waffen gerne beitragen wollten. Also hätte der
mit gemeinen Fürsten nicht vergleichbare König Marbod so wenig Ursache sich zu
bedencken / ob er an zweien Orten Krieg führen sollte; als die Sonne; ob sie
beide Seiten der Erd-Kugel zu erwärmen mächtig wäre. Er wüste wohl / dass
furchtsame den Ruhm ins gemein erlangten / dass sie vorsichtige Ratschläge
gäben; es mangelte ihnen auch nicht an Verstande und Erfahrung; aber sie hätten
ins gemein schärffere Augen als ein gutes Hertze. Ihre Weissheit endigte sich in
sich selbst / ihre Gewalt am guten Willen / und die Frucht alles ihres
Nachdenckens wären unfruchtbare Gedancken. Alle Entschlüssungen hätten ihren
Ursprung aus dem irrdischen Teile des Menschen / und ihre Seele keinen edlern
Zug als eines Kauffmanns nach Eigen-Nutz / welcher bei ihnen Ehre und Vernunft
überstiege. Wiewohl diese nun / dass sie es übel meinten /nicht beschuldigt
werden könten; so bliebe doch gewiss / dass durch Zagheit mehr als Untreu / und
von einer schlafenden Schildwache mehr als von einem Kundschaffer geschadet
würde. Dieses hätte der König in gegenwärtigem Falle wahrzunehmen / und die
niemanden zweimal das Antlitz zuwendende Gelegenheit nicht zu vernachlässigen;
da ihm die Schlüssel zur Ost-See entgegen getragen / und mit der Erndte des
Agsteins die Schätze der Mitternacht von sich selbst in die Hände gespielet
würden. Niemand könnte sich einen grossen Herrscher rühmen / der nicht Meister
zur See wäre; und welch Reich nicht den güldenen Wieder / nämlich
Kaufmannschaft besässe /wäre nicht für reich zu achten. Vannius sah es zwar
dem Könige Marbod an Augen an / dass Alarichs Zunge nach seinem Hertzen redete;
gleichwohl aber hielt er es seinem erworbenen Ruhme unverträglich zu sein / dass
er dazu stille schweigen sollte. Diesemnach versetzte er mit entrüstete Geberde
und feurige Augen: Es wäre wohl wahr / dass kühne Ratschläge wie das Unkraut oft
eine schönere Farbe hätten / aber die für Furcht geschmähte Vorsichtigkeit
diente zu mehr Ruhe und Sicherheit. Jene hätte nach Art wilder Tiere mehr Mut
/ diese mehr Vernunft / stünde also dem Menschen besser an; sintemal man oft
die Heftigkeit der Regungen nach Gelegenheit der Zeit und Veränderung der
Umbstände beugen / ja oft mitten in dem hitzigsten Lauffe einer Verrichtung die
Deichsel wenden müste. Dahingegen jene lieber den Kopf zerschellten / als selben
bückten; an statt die Mauren des Feindes heimlich zu untergraben / lieber die
höchsten Türme übersteigen / bei neuen Zufällen keinen neuen Rat fassen /
sondern wider die Unmögligkeit selbst mit dem Kopfe durchdringen wollten / gleich
als wenn das Verhängnüs Zeit / Menschen und Geschäffte unter ihre Füsse
geworffen hätte. Keine Furcht hätte sein Lebtage ihr eines Haares breit Raum in
seinem Hertzen gemacht; aber seine Treue erforderte es: dass er mehr zu des
Königes Besten redete / als sich mit verwegenen Ratschlägen sehen liesse. Seine
Dienste möchten gegen die reden / welche mehr mit der Zunge / als dem Degen
auszurichten getrauten. Marbod brach ein / und wollte weder den Vannius /dem er
so hoch verbunden war / für den Kopf stossen / noch auf den Alarich / weil er
sein Wort redete / mit dem Vannius zerfallen lassen; sagte also: Beider Rat
wäre wohl gemeinet / und mit wichtigen Gründen unterstützt; aber dem Vannius
wären gewisse Geheimnisse verborgen / welche ietzt noch nicht zu sagen wären /
wenn sie aber würden an Tag kommen /würde auch er gestehen: dass Marbod Ursache
habe den Krieg wider die Gotonen anzufangen / Vannius aber den wider die Quaden
nicht zu unterlassen. Also ward wider des ganzen Kriegs-Rats Meinung der Krieg
beschlossen / dahero keiner war / der nicht über Marbods berührtem Geheimnisse
seine besondere Gedancken hatte; Vannius sonderlich / dem er noch nie ein
Geheimnis verschwiegen hatte. Alarich alleine hatte durch den Leutertal etwas
von Marbods Liebe erschnoben / und sich gegen dem Vannius /welchen er auf
Marbods Befehl zu versöhnen getrachtet / diese Worte schüssen lassen: Wenn
Vannius so viel als er gewüst hätte / würde er im Rate wie Alarich geredet
haben. Dieses erfuhr Marbod / und ward hierüber derogestalt entrüstet / dass er
ihn für sich fordern / ihm die Zunge lähmen liess / dass er gar nicht mehr reden
konnte / und ihm sagte: Wer nicht schweigen könnte / wäre nicht würdig eine Zunge
zu haben. Also ist es gefährlicher eines Fürsten Heimligkeit wissen / als ihn
ihm sehr verbunden haben. Sintemal Fürsten zuweilen gezwungen werden / die aus
dem Wege zu räumen / welche gleich nichts verraten haben / aber nur was
geheimes entdecken können. Daher des Königs Lysimachus Schoss-Kind ihm sehr klug
zur Gnade ausbat / er möchte ihm doch keine Heimligkeit vertrauen. Inzwischen
hatte Gottwald die Anwesenheit Marmelinens zu Carrodun erfahren / und den Ritter
Gabelentz an Marbod abgeschickt ihren betrüglichen Anschlägen zu begegnen; er
ward aber mit der Verhör so lange aufgezogen / biss der Krieg wider Gottwalden
erkläret ward; und man ihm nicht nur sagte: dass sein Anbringen zu spat käme /
und der König sein Lebtage keinen Schluss widerruffen hätte /sondern ihm auch
andeutete / dass er in dreien Tagen sich aus Carrodun begeben sollte. Des Hertzogs
Bolcko und Reinhards Gesandten taten zwar ihr euserstes für den Gottwald dieses
Ungewitter abzuwenden /konten aber zu Vermeidung des Krieges nichts anders
erhalten / als dass Gottwald selbst nach Carrodun kommen / Marmelinens Klage
beantworten / und sich Marbods Urteil unterwerffen sollte. Gottwald / als er diss
vernahm / sagte: Er wollte lieber Land und Leben verlieren / ehe er sich dem
Gotonischen Hause zu Spotte Marbods Urtel unterwerffen wollte / wenn er auch
schon bei ihm Gerechtigkeit zu finden trauen könnte. Beide Teile rüsteten sich
hiermit eivrig zum Kriege. Marbod gab dem Vannius nur funfzehn tausend von
seinem Kriegsheere; noch so viel aber musste er aus der Bojen Lande an sich
ziehen. An der Gräntze der Burier und Marsinger liess er zehn tausend Marckmänner
/ welche / wenn sich am Rücken iemand rühren wollte / auf alle ein wachsames Auge
zu haben unter dem Grafen Erpach befehlicht waren. Hingegen lass er aus den
Lygiern / Ariern / Naharvalen sechs tausend Kriegs- und meist Edelleute aus
/welche er unter die Marckmänner untersteckte. Ehe er nun fortrückte / sendete
er den Ritter Würben an der Peuciner / den Ritter Dietrichstein an der Veneder
oder Wenden König mit kostbaren Geschencken / und der Versicherung: dass sein der
verjagten Fürstin Marmeline zu Eroberung ihres väterlichen Erbes abgetretenes
Kriegs-Volck für ihn keinen Fuss breit Erde einnehmen / denen Nachbarn in seinem
Zuge kein Huhn versehren / und schlechterdings alles von Marmelinens Befehle
hängen sollte. Marmeline liess auf Marbods Anstifften auch den Wenden versprechen
/ dass /wenn sie ihr kräfftig beistehen wollten / sie ihnen alles / was auf der
rechten Seite des Flusses Alla-Täge /von der Estier Gebiete abtreten wolle.
Marbod sätzte hiermit funfzehn tausend Fuss-Knechte auf Schiffe und Flössen / und
liess sie die Weichsel hinunter schwimmen / verbot auch bei Lebens-Straffe / dass
weil dieser Fluss die Gräntze mit den Sarmaten hielt / kein Mensch auf der
rechten Seiten anlenden / weniger einen Fuss auf die Erde setzen sollte. Er aber
schickte Marmelinen mit fünf tausend Reitern unter dem Asciburgischen Gebürge
gerade der Weichsel zu / wo der die Estier und Wenden unterscheidende Bugstrom
in die Weichsel fällt. Er aber folgte mit zwei tausend Reitern und zehn tausend
Fuss-Knechten nach; und befahl seinem Stadtalter bei den Semnonern / dass er zehn
tausend Marckmänner und Semnoner zusammen ziehen / und an der Warte gegen die
Gotonen bis auf ferneren Befehl stehen lassen sollte. Wie nun Marbods Völcker an
die bestimmten Orte ankamen / liess er alles vom Wasser aussteigen / stellte sein
ganzes Krieges-Heer zwischen der Weichsel und dem Bug in Schlacht-Ordnung / und
nach dem die Fürstin Marmeline auf Amazonisch und Königlich ausgerüstet / und
mit hundert eben so ausgeputzten Marckmännischen Jungfrauen erschien / erklärte
der König Marbod sie anfangs mündlich für das Haupt dieses ganzen
Krieges-Heeres; alle Obersten mussten ihr Treue und Gehorsam angeloben / hernach
liess er es durch viel Herolden mit Trompeten-Schall allentalben ankündigen und
ausblasen; und Marmeline kündigte durch einen Herold den Gotonen und Estiern
als ihren meineidigen Untertanen / da sie in drei Tagen nach dessen
Wissenschaft nicht mit Niederlegung der Waffen sich für ihr demütigten / den
Krieg an. Denn den Fürsten Gottwald wollte sie als einen Verfälscher und Betrüger
nicht einmal eines Herolds würdigen. Dieser / weil er nicht wusste / wo Marbod
einbrechen würde / hatte die mit ihm verbundenen Sidiner und Cariner zu
Besätzung der Warte bestellet / und unter dem Bug eine Schiffbrücke über die
Weichsel geschlagen; damit er sich / wohin ihn die Not erforderte / wenden
könnte. Nichts weniger hatte er allentalben die Wälder verhauen / umb allen
Einbruch ins Land zu verhüten oder schwer zu machen. Marbod sätzte unter dem
Grafen von Witgenstein ein Teil seines Heeres über die Weichsel und den Bug /
und er selbst stellte sich /als wenn er zwischen der Weichsel und dem
Viper-Flusse durchdringen wollte; sein Absehen aber war den Feind von der
Schiffbrücke wegzulocken / und sich nach und nach des Flusses Meister zu machen.
Aber Gottwald war ihm zu klug; und ob wohl der König durch die verhauenen Wälder
mit Gewalt / jedoch ziemlichem Verluste bei den Gotonen / Witgenstein durch
Anzündung des Waldes bei den Estiern einbrach / liess sich doch Gottwald aus
seinem Vorteil nicht locken / sondern ging auf beiden Seiten der Weichsel dem
Marbod an der Seite nach; und mühete sich ihm am Rücken die Lebens-Mittel
abzuschneiden; befahl auch / dass in den Gegenden / wo der Feind sich näherte /
alles / insonderheit das Getreide / welches bei den Estiern und Gotonen
häuffiger als sonst in Deutschland wächset / verbrennet ward. Ob nun zwar dem
Marbod hierdurch sein Absehen ganz und gar verrückt / und er stutzig ward: Ob
er tieffer ins Land gehen sollte / zumal da Gottwald so meisterlich als jemals
Fabius zu verhüten wusste / dass er mit seinem Feinde nicht schlagen dorffte / ihm
aber gleichwol stets auf dem Halse war / und ihn was wichtiges vorzunehmen
hinderte. Nachdem aber in Kriegen einiger Schade dem Pöfel weher tut / als ihn
der daraus erwachsende gemeine Nutz vergnüget /wussten die / welche es ins geheim
mit Marmelinen hielten / dem murrenden Volcke durch eine künstliche Arglist die
Fehler des Krieges vorzumahlen / und zwar euserlich ihren beiden Feldhauptleuten
Poppo von Orselen und Kinproden Mängel auszustellen /dass sie den anziehenden
Feind in ihrem Lande erwartet hätten / nicht ihm selbst in seinem eigenen zuvor
kommen wären / ja ihn in dem Eingeweide des Reiches nach Belieben rasen liessen /
sonder dass sie das Hertz hätten ihm mit dem zum Schlagen behertzten Kriegs-Heere
die Stirne zu bieten. Durch solche furchtsame Langsamkeit würden die Tapffersten
zaghaft gemacht. Sintemal die Furcht mehr daraus entspringe / dass man ihm
selbst zu wenig als dem Feinde zu viel zutraute. Wer im Kriege das seine nur
beschirmte / dem Feinde nicht selbst in seinem Lande auf den Hals gienge /
gestünde selbst seine Schwachheit / und gäbe ihm halb verloren. Die Gotonen
und Estier hätten noch niemals umb was eigenes / sondern stets umb frembdes Gut
Krieg geführt; nun aber liessen sie durch Brand und Mord das ihrige ohne eine
Hand zu rühren verterben. Marmeline alleine schiene die Tapferkeit ihrer
Vor-Eltern behalten / und von Männern solche auf ihr Geschlechte versätzt zu
haben / welche unter der Schwerde der Waffen nicht müde würde / sondern täglich
an der Spitze ihres Heeres sich sehen liesse / und gerne mit ihrem Feinde schlüge
/ wenn sie nur einen könnte zu Gesichte bekommen. Hierdurch machte sie sich der
verlangten Herrschaft würdig; wenn sie gleich sonst kein Recht darzu hätte.
Hierdurch aber tasteten sie nicht nur unvermerckt den Fürsten Gottwald selbst
an; Sintemal Diener auf solche Art nicht sündigen können; dass nicht entweder der
Fürst Schuld des Unverstandes oder der Unachtsamkeit dabei habe; sondern sie
rejetzten auch das Völck zum Abfalle. Massen denn in weniger Zeit der schlaue
Leutertal durch seinen Anhang über drei tausend Gotonen und Estier auf
Marmelinens Seite lockte; welche dem Marbod von aller Verfassung des Landes
Kundschaft brachten. Hingegen weil das Geschrei im Kriege oft mehr als viel
tausend geharnschte Leute tun / liessen Marmeline und Marbod ihre Siege und
erlangten Vorteil allentalben zehnmal grösser machen als sie an sich selbst
waren /brachten auch darmit bei den Wenden zuwege / dass sie nicht allein die
Schwerdter der Scyren / welche dem Hertzoge Gottwald zu Hülffe zu ziehen schon
fertig gestanden / in der Scheide behielten / sondern sie fielen auch mit 12000.
Reitern den Estiern ein /und sätzte durch ihre Grausamkeit alles in Flucht und
Schrecken. Dieses nötigte den Fürsten Gottwald seine Ratschläge zu ändern;
liess also nur drei tausend Estier in einem vorteilhaftigen Orte gegen den
Grafen von Witgenstein stehen; alles übrige Volck zohe er des Nachts in
möglichster Stille über die Weichsel an sich / und machte Anstalt folgende Nacht
bei aufgehendem Monden den König Marbod mit allen Kräfften anzugreiffen. Alleine
dieser Anschlag ward durch Wernern einen im Kriegs-Rate sitzenden Obersten /
welcher mit dem Leutertal heimliches Verständnüs hatte / zeitlich verraten /
daher Marbod / welcher etliche Tage vorher das gröste Teil seiner Reiterei mit
einem Ausschusse des besten Fuss-Volckes gegen die Carnier und Sidiner geschickt
hatte /umb selbte von der Warte abzuziehen / dass die Semnoner desto leichter
über den Fluss kommen könten; hierüber nicht wenig verwirret ward. Deñ ob er zwar
sein Läger an einem vorteilhaftigen Orte hatte / oder auch selbtes fortrücken
konnte / traute er doch dem streitbaren Gottwald mit seiner verminderten Macht
nicht gewachsen zu sein / und durch das letztere Mittel wollte er keinen Schein
der Flucht von sich geben. Diesemnach er denn sein Volck augenblicks zurück
beruffen / alles auch bereiten liess die Gotonen tapfer und vorteilhaftig zu
empfangen. Gleichwol aber schrieb er durch Leutertalen an den Verräter / und
versprach selbtem goldene Berge / da er durch ein Mittel Gottwalds Vorschlag nur
auf ein paar Tage hinterziehen könnte. Werner saan der Sache nach / und weil die
Bosheit ins gemein tiefsinnig ist / machte er sich an Monheimen den fürnehmsten
Priester der Estier im Lager / und gab selbtem mit vielen Tränen des Hertzogs
Anschlag zu vernehmen / welcher der Gotonen Untergang Zweifelsfrei befördern
würde / weil er gleich den ein und zwantzigsten Heumonats-Tag träffe / welchen
die Goten und Cimbern jederzeit für einen der unglückseeligsten gehalten
hätten. Hingegen / wenn er nur zwei Tage verschoben bliebe / fiele der
glückseelige und ihrem Siege so viel heller leuchtende Monde ein. Alle
verständige Kriegs-Häupter wären destwegen nicht weniger furchtsam als
bekümmert; jedoch traute sich keiner es dem Fürsten zu sagen /weniger den
Anschlag zu widerraten. Der Priester /welcher selbst auf die Wahl der Tage viel
hielt / nam Werners Tränen für unfehlbare Zeichen seiner Treue an / und
vertröstete ihn hierwider Rat zu schaffen. Denn dieser nam alsbald darauf ein
Absehen / dass die Estier / so oft sie zu Feld zohen / oder eine Schlacht
lieferten / einem Priester eines wilden Schweines Bild / fürtragen liessen.
Dieses war aus Agstein so gross als ein ziemlicher Kirbs und an der Estier Ufer
aus dem Meere gefischet worden / daher es die Estier nicht nur für ein
Geschencke Gottes / sondern wie die Römer den aus Phrygien gebrachten Stein für
ein Schutz-Bild ihres Reiches und für das Wahrzeichen ihres Gottesdienstes
hielten. Diesemnach die Nachbarn glauben /dass sie durch diesen Schweins-Kopff
entweder die Mutter der Götter / wie die Egyptier durch den Hunds-Kopff den
Anubis abbilden. Andere sind beredet / dass sie unter diesem Bilde den
Kriegs-Gott /welchen durch ein wild Schwein der Adon tödten lassen / verehren;
weil in der ersten Welt die Menschen nicht selbst / sondern durch wilde Tiere /
und sonderlich wilde Schweine / welche wie die Elefanten von der Natur mit
vorragenden Zähnen ausgerüstet sind / und sie es oft mit Löwen und Tiegern
annehmen / mit einander Krieg geführt haben. Dahero auch Helden ihre Helme mit
ihren Zähnen ausrüsteten / und sie wie Tydeus in ihre Schilde mahlen liessen /
viel bildeten ihnen ein / sie dienten unter dieser Gestalt dem Hercules / weil
er das Erymantische wilde Schwein gefangen / und auf seinen Achseln lebendig
nach Aten gebracht hat. Nicht wenig hielten dieses Agsteinene Schwein für ein
Bild der Sonne / weil der Agstein aus den Tränen der Sonnen Töchter sollen
entsprossen / die wilden Schweins-Zähne aber / wenn sie sie wetzen / so feurig
sein sollen / dass die daran gehaltene Haare davon sich versängen / und zusammen
lauffen. Ins gemein aber hält man es für ein Bild des Monden / welcher auf Erden
den Nahmen Dianens und das Ampt einer Jägerin hat. Alle Estier aber sind
beredet: dass sie es für ein mächtiges Schutz-Bild wider die Feinde fürtragen
liessen / destwege beruffte Hertzog Gottwald auch die Priester zu dieser
Verrichtung. Unter diesen gab Monheim dem Fürsten zu verstehen: dass sie diesen
Tag das göttliche Bild nicht von der Stelle rücken dörfften. Warumb? fragte
Gottwald; welchem Monheim antwortete: weil es einer der unglücklichsten Tage im
Jahre wäre. Gottwald gab ein Lachen darein / und sagte: Es wäre entweder eine
grosse Einfalt / oder ein nicht kleiner Aberglaube Glück und Unglück an gewisse
Tage binden. Die Tugend wäre Meister der Zeit und Mutter unsers Glückes. Der
Priester versätzte: Ob er in der Welt der einige wäre / welcher dem Glücke
keinen Tisch sätzte /und ihm darauf keinen Weirauch anzündete? Gottwald
begegnete ihm: die Unwissenheit der Dinge und ihrer Ursachen hätte den Nahmen
des Glückes eingeführt / und die Toren hätten es ihnen gar zum Gotte gemacht.
Der Priester fiel ein: das Glücke wäre zwar kein Gott / aber wie die Natur die
allgemeine / also jenes die besondere Ordnung Gottes. Die Natur hätte ihre
gewisse und beständige Richtschnur / daher könten ihre Würckungen von Weisen;
des Glückes Schickungen aber / welche niemals auf geraden Wege fortrücken / von
niemanden vorgesehen / sondern nur aus dem Schatten der Erfahrung gemutmasset
werden. Weil aber hieran so viel gelegen wäre / würde man kein so unachtsames
Volck zu nennen wissen / welches nicht zu Unterscheidung der Glück- und
unglücklichen Tage ihre Begäbnüsse genau angemerckt hätte. Die Egyptier hätten
in jedem Monate zwei Tage / und sonderlich die / an welchen Typhon geboren und
Osiris zerfleischet worden / die Juden nur den siebenden Heu- und den achten
Herbst-Monats-Tag / die Römer den andern / sechsten und vierzehenden Tag eines
jeden Monats / das Feier der verstorbenen Geister / insonderheit den Tag / da
des erschlagenen Remus Geist versöhnet wird / und an welchem Romulus
verschwunden / wie auch da Hannibal die Römer bei Canna geschlagen; die
Chalcedonier den ein und zwantzigsten Tag jeden Monats / weil an diesem des
Darius Land-Vogt ihre Söhne ausgeschnitten und in Persien geschickt / die Persen
zwei Tage / da sie von Griechen bei Platea und Mycale / vom grossen Alexander
beim Flusse Granicus geschlagen worden; die Griechen den fünf und zwantzigsten
Heu-Monats-Tag / und das Feier des Adon / die Cartaginenser den ein und
zwantzigsten Tag ihres Monats Metagitinon als schwartz gezeichnet / an welchem
sie zu heiraten oder den Feind anzugreiffen für höchstschädlich hielten. Nichts
weniger hätten die Gallier / Cimbern und Goten drei und dreissig Tage des Jahres
/ als an welchen alles krebsgängig würde oder übel ausschlüge /angemerckt.
Hingegen hätte die Syracusaner auf den vier uñ zwantzigsten Mei / an dem sie die
Atenienser aufs Haupt erlegt / die Sicilier auf den siegreiche Geburts-Tag
ihres Timoleon / Käyser Julius auf seinen eigenen / Xerxes auf den / an welchem
er König worden / die Parter auf ihren ersten Freiheits-Tag /da Arsaces den
Selevcus überwunden / Cyrus auf den / an welchem er die Scyten und Sacken
geschlagen /die Atenienser auf den vierdten Tag des der Sonne gewiedmeten
Monats / da sie bei Leuctra und Gerest so glücklich gefochten / und auf den / da
sie den Artabazes / und die Persen aus Griechenland gejagt / so grosse Türme
gebauet / gleich als wenn das Verhängnis sich an selbte durch einen
unzerreisslichen Glücks-Fadem verknüpfft hätte. Hertzog Gottwald begegnete ihm:
Ein und ander auf einerlei Zeit ungefehr eintreffender Zufall hätte diesen
Irrtum geboren / und die Arglist Verzagten oder Hertzhaften ihre Furcht oder
Hertzhaftigkeit zu benehmen sie auf die Beine bracht. Daher niemand kluges
wider die Vernunft sich daran nicht binden / die Zeit versäumen und die
Gelegenheit aus den Händen gehen lassen sollte. Der Priester fiel ein: die
Erfahrung / dass einerlei Tag allemal Glück- oder unglücklich gewest wäre /wäre
unlaugbar / und daher könnte dis / was tausend mal geschehen / für nichts
zufälliges gehalten werden. Die Zeit und das Rad des Glückes hätte vermutlich
eben so wohl ihren gewissen Lauff als die Gestirne; nur dass die Menschen noch
nicht so eigentlich jenes als dieser Geheimnisse ergründet hätten. Wie lange
wäre es / da man eben so wenig die Sonn- und Monden-Finsternüsse als jetzt den
Ausschlag der Kriege vorher zu sehe gewüst hätte: Alleine / wie man schon aus
den Gestirnen und gewissen Zeiten viel Zufälle mutmassen könnte / also würde
vielleicht Nachdencken und Erfahrung hierinnen der Welt mehr Licht aufstecken;
Gottwald sätzte ihm entgegen: Wann die widrigen Beispiele / da einerlei Tage
Glück und Unglücke ausgebrütet hätten / gegen die mit einander übereintreffenden
gezählet werden sollten / dieser nicht einer gegen jener hundert kommen;
diesemnach hätten kluge und tapffere Leute zwar die Witterung dieser oder jener
Jahres-Zeit nach ihren gewöhnlichen Eigenschaften / wie die Ackers-Leute
heimliche Tage zur Einerndtung / und die Schiffer die Sommers-Zeit zur
Absegelung zu gebrauchen gewüst; ausser dem aber die Wahl der Tage als eine
schädliche Eitelkeit glücklich verlachet. Also hätte Käyser Julius zur Zeit / da
ihm jedermann den Schiffbruch wahrsagte / sein Volck glücklich in Africa
übergesätzt; Lucullus an dem Tage / da vorhin die Römer von Cimbern eine
schändliche Niederlage gelitten / den Tigranes und die Armenier aufs Haupt
geschlagen; Crassus wäre an dem glücklichen Siegs-Tage des Ventidius von eben
den Parten schimpflich in die Flucht gebracht / Pompejus an dem Tage / da er
die See-Räuber und Mitridaten überwunden / in Egypten ermordet worden. An des
Romulus Geburts- und Sterbe-Tage wäre eine Sonnen-Finsternüs gewest. Plato und
Attalus wären an ihrem Geburts-Tage gestorben. Odion hätte bei einem
Monden-Finsternüsse / Pelopiclas den Alexander Phereus / und Alexander den
Darius überwunden; und alle diese hätten die Wahrsagungen des Unglücks
verlachet. Und wie könnte es im Kriege anders sein; als dass des einen Unstern des
andern Glücksstern sein würde / das eines Verlust den andern mit Sieg und Beute
bereicherte? hingegen wäre es mehr denn allzu gewiss; dass die Zeit so geschwinde
als die Sonne fortlieffe / aber niemals wie diese wieder käme; daher müste ein
Kriegsmann so wohl als ein Weiser keinen Augenblick versäumen; denn an so wenigem
hienge oft so wohl jenem der Sieg / als diesem die Ewigkeit. Dessen allen
ungeachtet / blieben die Priester / entweder weil sie selbst allzu sehr beredet
waren / dass das Glück und Unglück den Hang von der Zeit / nicht von eigenem Witz
und Geschickligkeit den Hang hätte /oder weil sie für nicht irrende gehalten
werden wollten / auf ihrer Meinung / berufften sich auf die unstreitige Gewissheit
/ dass bei Aufgehung gewisser Sterne Ungewitter entstünden / und auf die
unwiderlegliche Erfahrung der Schiffleute; dass es am sechsten / zwölfften /
funffzehenden / siebzehn neunzehend- und zwantzigsten Tage des Hornungs / am
fünften / sechsten / zwölfft- und zwantzigsten April / am ersten /siebenden /
vierzehnden / siebzehn / neunzehn- und fünf und zwantzigsten Mertz jedesmahls
gefährlich schiffen wäre. Die widrigen Beispiele benähmen ihrer wahrhaften
Meinung nichts. Denn weil jeder Mensch und jedes Volck einen ihm vom
Verhängnisse zugeeigneten Schutz-Geist / die Gestirne auch nach dem Unterschiede
der Örter widrige Würckungen / ja die Örter selbst ihre gewisse Glück- und
Unglückseeligkeit an sich kleben hätten; wäre kein Wunder / dass der / welcher
für einem Jahre an diesem Tage gesiegt hätte / heute an einem andern Orte und
gegen einen andern / dessen Glücks-Tag es vielleicht träffe / verspielte. Das
Geburts- und Sterbe-Licht könten gar wohl einen Tag treffen / weil dieses einen
Menschen glücklicher als jenes machte. Sie begehrten zwar ihrem Fürsten in
seiner Herrschaft und Krieges-Anstalt nicht einzugreiffen / weniger Mängel
auszustellen; aber ihnen wäre unverantwortlich ihr göttliches Bild an einem mit
Kohlen gezeichneten Tage dem Heere fürzutragen / und dessen Ansehen gleichsam
mutwillig in die Schantze zu sätzen. Also hätten die klugen Atenienser an dem
Plynterischen Feier das Bild der Götter Ceres nicht sehen lassen / sondern mit
allem Fleisse versteckt / und mit ihrem heiligen Geräte verwickelt. Hertzog
Gottwald fiel ein: die glücklichen Römer aber hielten den Tag / da sie den
Kriegs-Gott in seinem Tempel durch Bewegung ihrer Amylien erweckten / für
unglücklich / so dass sie an selbigem nicht reiseten / nicht heirateten / keine
Bündnisse schlossen. Monheim fiel dem Hertzoge Gottwald zu Fusse / und bat ihn:
er möchte doch der Priester heilsamen Rate / welche umb nichts anders als des
Volckes Heil und des Fürsten Ehre bekümmert wären / statt geben. Es wäre eine
der grösten Klugheiten seine Meinung nach Beschaffenheit der Dinge ändern /
nicht aber durch blinde Hartnäckigkeit sich selbst zum Märterer seiner Meinung
machen / und lieber mit Schaden einen angefangenen Irrweg verfolgen / als
unvorsichtig was angefangen zu haben beschuldigt sein wollen. Und wenn er nicht
dieses Tages Unglück besorgte / doch seine Tapfferkeit desto heilsamer auszuüben
nur zwei Tage / da mit dem Vollmonde sein Glück sich vergrösserte / verschieben.
Sie zweiffelten an seiner Klugheit und Tapfferkeit nicht /aber hätten doch die
streitbarsten unter den Griechen nämlich die Spartaner von ihrem Lycurgus ein
Gesätze gehabt und als heilig beobachtet: dass sie für dem Vollmonden ihr Heer
nicht ausgeführet hätten. Wenn aber frembde Beispiele ihm nicht anstünden /
möchte er alleine behertzigen: dass des mächtigen Königes Ariovist vom Käyser
Julius erlittene Niederlage aus nichts anderm herrührte; denn dass er für dem
Neumonden wider seiner Priester Warnigung dem Feinde die verlangte Schlacht
geliefert hätte. Ob nun zwar Hertzog Gottwald wohl besorgte / dass die Gelegenheit
seines Anschlages ihm aus den Händen gehen / oder dieser gar verraten werden
würde; so musste er doch besorgen / dass / wenn kein Priester seiner Völcker
Gewohnheit nach das Kriegs-Volck zur Tapferkeit anrejetzte / noch das so grossen
Glauben habende Bild vortrüge / solchen zugleich Mut und Hertz entfallen /also
der geringste Zufall das ganze Spiel verterben würde / und daher mit dem
höchsten Unwillen seinen Anschlag zurück sätzen. Inzwischen hatte Marbod das
Glücke nicht allein sein gegen der Warte geschicktes Kriegs-Volck zurück zu
bekommen / sondern auch die Semnoner / welche bei den zerteilten Carinern
durchgebrochen waren / an sich zu ziehen /ohne dass Gottwald hiervon einigen Wind
/ Marbod aber vom Werner Nachricht kriegte; dass er auf den Vollmonden vom
Gottwald überfallen werden würde. Diesemnach er auf bestimmte Zeit alle seine
Kriegs-Künste nicht allem zu einer vorteilhaften Gegenwehr / sondern auch
seinen Feind mit seinem eigenen Fallbrete zu stürtzen hervorsuchte. Er zohe alle
euserste Wachen umb sein Läger ein / und die letzte befehlichte er beim ersten
Angrieffe zu fliehen; hingegen versteckte er auf beiden Seiten zehn tausend
Marckmänner und Semnoner mit der weissen Reiterei unter dem Ritter Zierotin und
Dietrichstein in die Wälder / und sechs tausend andere liess er unter dem Ritter
Hoditz und Weltz durch einen Umbweg sich dem Gotonischen Läger nähern. Er und
Marmeline sparten sich mit der übrigen Macht das Hauptwerck auszuführen.
Gottwald hatte zu seinem Vorhaben alle kluge Anstalt gemacht / und Feuchtwangen
führte mit sechs tausend Gotonen den Vortrab / Hertzog Gottwald folgte mit zehn
tausend Gotonen und Estiern /und Radzivil war mit vier tausenden zum
Hinterhalte bestellt. Der Vortrab rückte ohne einige Hindernüs bis ans Läger
unverhindert fort / also dass Hertzog Gottwald / welchem Marbods Wachsamkeit
bekand war / alsbald eine Kriegs-List besorgte / als er die vorhin verhauenen
Wege offen und unbewacht fand. Westwegen er augenblicks dem Feuchtwangen einen
Stillestand gebieten liess; welcher gleich auf die letzte Wache für dem Läger
traf und selbte ohne Müh über Hals und Kopff zurücke trieb. Im Lager rührte sich
noch kein Mensch / weniger wehrete jemand / dass die Gotonen mit bei sich
habenden Reisig-Gebünden den Graben füllten / und die Zug-Brücke abliessen. Ja
der erste Lermen im Lager entstand allererst / als mit einem kleinen Sturmbocke
das Tor aufzusprengen angefangen ward. Feuchtwangen kriegte vom Gottwald gleich
den Befehl sich nicht zu übereilen / als das Tor aufsprang; daher er dem
Hertzoge zu entbieten liess / das Lager wäre schon gewonnen / also könnte er ohne
ärgste Schande sich aus einem Sieger zu keinem Flüchtlinge machen. Inzwischen
hatte Hertzog Gottwald noch mehr Ursachen seines Argwohns ausgespürt / daher
noch ein Befehl auf dem Fusse folgte /Feuchtwangen sollte sich unverrückten
Fusses zurück ziehen. Aber diesem verstopffte die Ehrsucht seine Ohren / gleich
als wenn ihn seines Fürsten Befehl nicht angienge. Er antwortete daher: Es
stünde nun wohl das Lager in seiner Gewalt / aber nicht sein hitziges Volck
zurücke zu ziehen / welches vom Verhängnisse durch Verwölckung des Monden
gleichsam mit den Händen zu Uberwindung des Feindes geleitet würde. Ihm stimmten
auch die meisten des Adels bei / entweder weil jedermann im Fechten lieber kühn
als bedachtsam gescholten sein will / oder weil aller hohen Häupter Irrtum mit
Ansehen und einem Befehle ihm beizupflichten gewaffnet ist; also auch
unvernünftige Würde allezeit ihre Nachtreter behält. Mit dieser Einbildung
drang er unbedachtsam zur Pforte und über den Wall in das ganz finstere Läger;
in welchem er aber auf einmal etliche hundert Kienfeuer anzünden sah / welche
ihm die Augen öffneten / dass der Feind für ihm in voller Schlacht-Ordnung stand
/ und ihn mit Pfeilen und Wurff-Spiessen gleichsam überschneiete. Feuchtwangen
verlohr mit überkommenem Gesichte das Hertze / daher er sich gerne gewendet
hätte / aber die Enge des Ortes / weil auf der einen Seite ein Sumpff / auf der
andern alles verhauen war / und der aus zweien Pforten ausfallende und ihm auf
den Hals gehende Feind nötigte ihn Stand zu halten. Wie nun die gröste Furcht
eine Hebamme der Tapferkeit ist / also musste Feuchtwangen /der ohne dis den Hals
mit seinem Ungehorsame verwürckt hatte / aus der Not eine Tugend machen /und
sich auf dreien Orten zur Gegenwehre stellen /wiewol er sich im Gedränge kaum
rühren konnte / die Marckmänner aber alles zu ihrem Vortel hatten. Hertzog
Gottwald schäumte zwar für Zorne über seines Feld-Obersten tollkühnen Blindheit
/ gleichwol aber konnte er übers Hertze nicht bringen / noch traute er es ohne
Verlust alles vorhin erworbenen Ruhmes seinen umbzüngelten Vordrab im Stiche zu
lassen /sondern suchte durch ein Gepüsche weil hinter dem Vortrabe die
versteckten Marckmänner noch die Brücken teils abwarffen / teils anzündeten /
seinem Volcke Lufft zu machen. Er hatte sich aber mit grosser Müh kaum
durchgearbeitet / als der sich aus dem Gewölcke hervor machende Monde ihm das
Marckmännische Haupt-Fahn mit dem roten Löwen / der Gotonen roten Adler aber
zum andern Kriegs-Zeichen / hiermit auch alsbald den König Marbod und Marmeline
mit dem Kerne ihres Volckes ihm die Heer-Spitzen zeigen sah. Hertzog Gottwald
ward über diesem Anblicke so sehr erfreuet / gleich als ihm der Himmel darmit
schon die Siegs-Palmen zureichte. Jedoch fiengen in seinem Hertzen Ehre und
Rache den ersten Streit an; indem diese ihm seine Schwester /jene dem
grossmächtigen Marbod anzugreiffen rieten. Diese behielt gleichwol in seinem /
wie in allen edlen Gemütern die Oberhand / also dass er sich mit dem lincken
Flügel an Marbod machte / mich aber befehlichte an Marmelinen und dem rechten
Flügel sein Unrecht zu rächen; weil sein Geblüte gegen sie zu weich / oder seine
Rachgier gegen sie zu strenge sein dörffte. Sintemahl es so schwer wäre nach
rechtem Maasse zu lieben und zu hassen / als zu verwunden. Marbods und
Marmelinens Seelen loderten hingegen teils von Liebe / teils von Ehrsucht /
welche beide die schärfsten Wetzsteine der Waffen sind. Die Marckmäñer und
Gotoner schärften ihre Schwerdter auch an keinem geringern Stahle. Denn jene
fochten umb die uns so sehr kitzelnde Herrschaft / diese umb die mehr als
güldene Freiheit. Also gerieten beide Heere mit höchster Verbitterung an
einander / weil jedes glaubte / dass es an Hertzhaftigkeit dem andern überlegen
wäre / und der nunmehr helleuchtende Monde eines jeden Helden-Taten ein Licht
anzündete. Beide Kriegs-Häupter waren an ihren güldenen Waffen / und Marbod mit
seinen über dem Helme stehenden und vergüldeten Püffel-Hörnern / Gottwald aber
mit einem vergüldeten Elends-Geweihe / welches gemeinen Tieres Hörner die
Estier fast alle im Kriege zu führen pflegen / genungsam kenntlich. Ob sich nun
zwar sonst kleine Fürsten so ungerne Grössern / als Häringe den Wallfischen
nähern; verhält sichs doch im Kriege viel anders als im Gepränge /und Gottwald
kam für Begierde mit dem Marbod selbst anzubinden fast ausser sich. Weil nun
dieser an jenen nicht weniger Lust hatte / und die zu ihrer Leibwache bestellten
Grafen beiden durch das Gedränge Raum machten / kamen sie zeitlich an einander.
Sintemahl bei den Deutschen die Kriegs-Häupter nicht wie die der Binen sich in
die sichere Mitte ihres Heeres einsperren / sondern an die Spitze stellen / und
der /welcher nicht mit dem Haupte seines Feindes gefochten / seinem Ampte keine
Ausrichtung getan hat. Beide wiesen durch die Geschickligkeit ihres Kampffes /
dass dis ihr lange getriebenes Handwerck wäre /und durch dessen Heftigkeit / dass
mehr als Löwen-Hertzen in ihren Brüsten steckten. Lantzen und Wurf-Spiesse waren
ohne eines oder des andern Beschädigung verbraucht / also grieffen beide zu
ihren Schwerdtern; und wie verbittert sie gleich gegen einander waren / indem
Marbod für Marmelinen und ihren herrlichen Brautschatz / Gottwald aber für seine
Hertzogtümer als die eigentliche Braut eines Fürsten fochte; so vergieng sich
doch keiner durch einige Ubereilung / also dass ihr Streit auch in einem
Schauplatze einen Lust-Kampff hätte abgeben können / wie es hier zu einem
Beispiele anderer Kriegs-Leute sonderlich aber der umb sie her sich mit einander
schlagenden Ritter diente. Ob nun zwar / als es in die Länge wehrete / der
jüngere Gottwald an Geschwindigkeit dem Könige Marbod es vorzutun schien / so
fochte dieser doch mit einer solchen Behutsamkeit /dass es schien / er wüste alle
künftige Streiche des Gottwalds vorher / und sie hätten es mit einander
abgeredet / wie sie einander angreiffen und begegnen wollten. Bei dieser Vorsicht
aber nam keiner wahr /dass sich unzählbare Schlangen teils umb ihrer Pferde
Beine schlingeten / teils auf der Erde wider ihre angewohnte Eintracht wider
einander stritten / bis ihre Pferde durch ungewöhnliches Schäumen ihnen solches
anzumercken Anlass gaben. Gottwald / welchem die Menge der Schlangen in selbiger
sümpfichten Gegend nicht unbekand war / liess sich dis nichts irren /und da dis
ja was bedeuten sollte / legte er es wie Lucius Sylla / als er bei Nila wider die
Samniter kriegte / für ein Zeichen des Sieges aus. Marbod hingegen /welcher sich
erinnerte / dass der Schlangen Erscheinung dem Croesus / dem Cajus Hostilius
Mancienus im Numantischen / dem Cajus Gracchus in Laconien /und dem Titus
Gracchus zu Rom den Untergang gedräut hatten / ward hierüber so erschreckt / dass
er seine Schantze versah / und vom Gottwald in die rechte Achsel heftig
verwundet ward; und weil er dardurch den Arm zu brauchen unfähig ward / hätte
ihm Gottwald das Licht auszuleschen das Glücke gehabt /wenn nicht der Ritter
Schlawata darzwischen gesprengt / und durch seine Gegenwehr den König auf die
Seite zu bringen Gelegenheit gemacht hätte; welcher nunmehr allererst dem Ritter
Zierotin und Dietrichstein Befehl zubringen liess / dass sie mit ihren versteckten
Völckern die Gotonen am Rücken angreiffen sollten. Inzwischen hatte der Ritter
Schlieben das Glücke gehabt Marmelinen aus dem Sattel zu heben /und ich den ihr
zur Seite verordneten Grafen von Meranien gefährlich zu verwunden / also dass er
sich musste aus dem Treffen führen lassen / und bei nicht weniger Bestürtzung der
Marckmäñer und Verlust der einen feindlichen Haupt-Fahne uns ein Blick des
Sieges anlachte. Alleine die bei uns an zwei neuen Seiten einbrechenden
Marckmänner und Semnoner machten uns anfangs an dem guten Anfange die für uns
stehende Feinde in Unordnung zu bringen irre; hernach wendete sich das Blat gar
/ weil die Gotonen und Estier von Feinden nicht nur mehr als zwei oder dreifach
übermannet waren / sondern sie fürnemlich von Gegenwart der gleichsam aus den
Wolcken gefallener Semnoner / und dass die Reiterei auf langen Spiessen
angezündete Pechpfannen führte / worvon der uns widrige Wind Gestanck und Rauch
in die Augen führte / in einen sehr harten Stand versätzt wurden. Nichts desto
weniger verlohr Gottwald nichts von seiner Klugheit weniger von seinem Mute;
sondern er teilte sein Volck vor und rückwerts in eine zweifache
Schlacht-Ordnung; also dass der selbst vor und hinterwerts uns andringende Feind
den Gotonen und Estiern zu weichen verbot. Es ward mehr als menschlich / ja
grimmiger als von wilden Tieren / ich will von höllischen Geistern nicht sagen /
gegen einander gewütet. Der sterbenden Feinde Mord-Geschrei war der andern
Freuden-Getöne; die Lebenden bildeten ihnen ein auf Leichen fester zu stehen
als auf der blossen Erde; und der fühlte keine Bitterkeit des Todes /der mit
seinen Armen den Feind mit zu Bodem riess. Gottwald war bald hinten bald vorwerts
/ und wo die gröste Not uns anstiess / der erste. Seine von feindlichem Blute
bespritzte Waffen hatten ihre erste Farbe /und er selbst drei Pferde unter dem
Leibe verloren /seine Degen wurden stumpff / dass er sie mit der Feinde
verlohrnen Schwerdtern verwechseln musste. Gleichwol aber er weder müde noch
kleinmütig /weil sein Gemüte keiner Furcht / wie das Oel keines Untersinckens
fähig war. Sein Kriegs-Volck war dem Haupte nicht ungleich / und kein Edelmann
tät in dieser grimmigen Schlacht seinen Fürsten einen Spott an / sondern alle
wollten mit ihm sterben; weil mit ihm zu siegen wenig Hoffnung mehr dar war;
sonderlich /als man gegen der Weichsel ein grosses Feuer aufgehen sah / und der
geschwinde Ruff die Gotonen vergewisserte: dass Bercka mit sechs tausend auf
Gotonisch gekleideten Marckmännern sich des Lagers und der Schiffbrücke
bemeistert hätte. Vieler Tapfferkeit verwandelte sich nun in Verzweiffelung /
wie der bisher helle Himmel in eine wölckichte Finsternüs / also dass Feind und
Freund nicht mehr aus ihren Kriegszeichen / sondern nur aus dem Unterscheide des
Wortes zu erkennen waren / auch wenn einer es nicht bald von sich gab / offtmals
selbter von seines Freundes eigener Spitze fiel. Gottwald und seine
Ritterschaft übte gleichwol unzählbare Wunderwercke der Tapferkeit aus / welche
ich zwar nach Verdienst nicht rühmen kann / aber doch so wenig von ihrer Würde
verlieren / als die verborgenen Edelgesteine in den uneröfneten Adern der Erde /
die ungefischten Perlen im Bodeme des Meeres / und die unsichtbaren Sternen der
Milchstrasse. Wie kein Unglück ohne Gefärten komt / also verlautete nun auch /
dass Feuchtwangen mit seinem Vortrabe zwar die Scharte ihrer Ubereilung mit mehr
als menschlicher Gegenwehre auszuwetzen bemüht gewest / aber biss auf den letzten
Mann in die Pfanne gehackt worden wäre. Dahero die Kriegs-Obersten und
sonderlich ich dem bisher unbeweglichen Gottwald einredeten: Es wären nun nicht
mehr umb die Ehre des Sieges / sondern umb das Heil der Fürsten / und umb
Rettung seiner im brennenden Lager gelassenen Gemahlin zu tun; daher müste man
sich / weil sich schon am Morgen der Tag etwas zeigte / der noch währenden
Finsternis durchzubrechen bedienen. Dieses letztere drang ihm endlich zu Hertzen
/ weil die Liebe doch König über alle Könige ist; dass er etlichen seiner
Kriegs-Obersten die oberste Befehlhabung überliess / er aber mit seiner Leibwache
anfangs mit Gewalt sich gege dem Läger durchzuschlagen mühte / als aber diss
unmöglich schien / und der Tag ihm auf den Hals kam / durch Gebrauch des
feindlichen Wortes mit ungefehr hundert Rittern glücklich durchkam / aber weil
für Hitze kein Mensch im brennenden Läger bleiben / weniger durch die lodernden
Tore eindringen konnte / ward er ganz verzweifelt / weil er seine Gemahlin
darinnen den grausamen Tod Semelens erlitten zu haben besorgte. Er erblickte
aber in einem etwas entfernten Gepüsche eine ziemliche Menge brennender
Kühn-Fackeln / und in seinem Hertzen fühlte er einen gewaltigen Zug sich
daselbst hinzuwenden. Er setzte daher mit seinem Gefolge Spornstreichs dahin /
und vernahm bei seiner Näherung ein nicht kleiner Wehklagen von denen mit Gewalt
auf Pferden gesetzten Frauen / als ein Schwirren der Waffen. Seine Ankunft
zeigte ihm Augenblicks / dass es Gotonisches Frauenzimmer war /welche teils der
Feind / teils der Brand aus dem Lager und dem Weltz in die Hände gejagt hatte.
Gleichwohl aber mühete sich der Ritter Dohna und Schlieben / welche noch etwan
fünf hundert Estier aus der Besatzung des durch Krieges-List eroberten Lägers
zusammen gerafft hatte / ja das Frauenzimmer selbst mit ergrieffenen Waffen sich
zu retten. Hertzog Gottwald ward hierdurch aufs eivrigste entzündet /daher er
auch als ein Blitz die Feinde anfiel / und nicht ruhen konnte / biss er nach
Zerstreuung etlicher Hauffen seine Gemahlin an einem Baume angelehnet /und sich
gegen zwei Marckmänner mit einer aufgelesenen Lantze beschützend antraff.
Alleine Gottwalds Anblick und Schwerdt-Streich waren eines / damit er beider
Feinde Leben seiner rachgierigen Liebe aufopferte. Der Ritter Weltz und die /
welche sich mit der gefährlichen Waare des Frauenzimmers betastet hatten /
mussten meist mit ihrer Beute das Leben lassen /und die übrigen die Flucht zu dem
das Lager besetzt haltenden Hoditz nehmen. Hertzog Gottwald ward hierüber so
sehr erfreuet / als wenn er mit der Schlacht nichts verloren hätte. Und weil er
vernahm / dass Radzivil mit seinem Hinterhalte dem Zierotin und Dietrichstein in
die Eisen gegangen wäre / befahl er dem Ritter Truchses Arfberg / und Kniprode
seine Gemahlin und das andere Frauenzimmer an dem nechsten besten Orte über die
Weichsel und nach Godanium zu bringen. Er aber ging mit den Seinigen den
Fussstapfen Radzivils nach / welcher mit dem Grafen von Heldrungen / den Rittern
Passenheim /Osternau / Schwenden / Erlichshausen und andern durch ihren
unversehenen Einbruch und Tapferkeit die Semnoner zerstreuet / und denen noch
übrigen Gotonen und Estiern ein Loch sich durchzuschlagen und sich mit ihm zu
vereinbaren eröffnet hatte. Ich bekam hierüber so viel Wunden / dass ich mich mit
Not auf dem Pferde halten konnte; als wir aber schon uns halb genesen schätzten
/ indem wir in dem gewonnenen Walde durch Umbhauung der Bäume des Feindes
Verfolgung hemmeten / kam uns ein neuer Feindes Schwarm / welcher Feuchtwangens
Meister worden war / auff den Hals / also dass vom ganzen Heere kein Gebeine
davon kommen wäre / wenn nicht Hertzog Gottwald uns gleichsam vom Himmel zu- und
den Feinden auf den Hals gefallen wäre / dessen einige Gegenwart den Feinden
schrecklicher als tausend andere waren. Wie glücklich er nun zwar allhier zu
sein schien / war es doch nicht Zeit mit denen gewaltsamen Wellen sich lange zu
schlagen / oder mit eiteler Einbildung der Ehre zu überlasten / sondern nur nach
Art der scheiternden Schiffer sein Leben zu retten. Daher befahl Gottwald dem
Verhängnisse zu weiche / und die Tugend besserm Glücke vorzubehalten; kamen also
mehr nicht als drei tausend Gotoner und Estier über den nechsten in die
Weichsel flüssenden Strom davon / biss zu welchem uns der Feind verfolgte; und
ehe wir über die Weichsel setzten / fanden sich der Flüchtigen noch biss neun
hundert zu uns. Alles andere Volck war erschlagen oder gefangen /alles
Kriegs-Geräte verloren oder verbrennet / alle Kriegs-Fahnen biss auf die
Haupt-Fahne der Estier /und das agsteinene Schwein / wormit Marmeline schon
alles für gewonnen hielt / ward eingebüsst; ja wenn nicht die wenigen Estier /
welche sich aus dem gewonnenen Lager flüchteten / unsere Schiff-Brücke hinter
sich angezündet hätten / wäre es dem Marbod schlechte Kunst gewest / dem
Hertzoge Gottwald den Weg vollends zu verbeugen / und die aus dem Schiffbruche
entkommene Uberbleibung vollends zu ersäuffen. Gleichwohl hatten die Marckmänner
keine Seide gesponnen / sondern Marbod selbst gestand zehn tausend Todte / und
fast keinen Unverwundeten zu haben. Nichts desto weniger stellte er nach völlig
erhaltenem Siege sein ganzes Heer in Schlachtordnung / die Gefangenen gegen
über / rühmte die in der Mitte gegen ihm zu Pferde haltende Marmeline für eine
der grösten Heldinnen in der Welt / welcher er grossenteils den so herrlichen
Sieg zu dancken hätte. Er nennte sie die Semiramis der Nord-Welt / eine andere
Pentasilea; erklärte sie für die Herrscherin der Gotonen und Estier / welche
Länder ihr alleine durchs Recht des Geblütes und der Waffen zustünden. Und
endlich für seine Gemahlin und Königin der Marckmänner. Worüber das ganze Heer
mit einem dreifachen Feld-Geschrei seine Freude / und mit Senckung der Waffen
gegen Marmelinen seinen Glück-Wunsch und Ehrerbietung zu verstehen gab. Marbod
vergass hierbei nicht sich der im Kriege so nötigen Geschwindigkeit und des
alles vergrössernden Geschreies zu bedienen / schickte also denen an der
Lygischen und Marsingischen Gräntze hinterlassenen zehn tausend Marckmännern
Befehl / dass sie am Oder-Strome herunter und denen Sidinern und Carinen auf den
Hals gehen sollten. Sintemal er wohl wusste / dass ein solch Sieg nicht nur eines
andern Werckzeug / sondern auch der festeste Ancker des Gehorsams wäre /und
weder die Lygier einen so mächtigen Uberwinder Aufstand zu machen / noch die
Marsinger und Burier sich zu rühren das Hertz haben würden. Er selbst schlug
allein an dem See / woraus der mit der Warte sich hernach vereinbarende
Niperstrom entspringet /ein festes Läger / uñ besetzte es mit denen / welche
wegen harter Verwundung nicht im Felde Dienste leisten konten / beschloss darein
auch alle Gefangene /welche sich weigerten Marmelinen als ihrer einigen
Gebieterin Treue und Gehorsam zu schweren. Seine übrige Macht aber setzte er
teils auf seine eigene von Carrodun auf der Weichsel herunter gebrachte teils
im Gotonischen Läger eroberte Schiffe / umb das Haupt beider Länder nämlich
Godanium im ersten Schrecken / und ehe Gottwald zur Gegenwehr Anstalt machen
möchte / zu überrumpeln / als mit welchem alles diss was von selbtem hängt / für
gewonnen geachtet wird. Leutertal / welcher durch entdeckte Heirat des Königs
Marbod mit Marmelinen seines Sohnes Hoffnung zu Wasser werden / seine Ehrsucht
aber in Rauch verschwinden sah; kochte in seinem Hertzen gegen den König Marbod
und Marmelinen zweimal so viel Gift und Galle / als Mund und Augen vorhin
Gewogenheit ausgelassen hatte. Denn er hatte noch nicht dran gedacht / dass
Betrug gewisser eine Fall-als Glücksbrücke wäre. Und der Rauch der Hoffart wohl
aufwerts stiege / aber im steigen verschwindete und zu nichts würde. Weil nun
Leutertal von denen ihm zugetanen Gotonen und Estiern meiste Reiterei unter
sich hatte / welche auf der Seite den schiffenden Marbod begleitete / fehlte es
ihm nicht an Gelegenheit die Gemüter von Marbod abwendig zu machen /welcher
unter dem Scheine Marmeline einzusetzen denen streitbare Gotonen und Estiern
das Joch der Dienstbarkeit an Hals zu werffe trachtete / welcher sich jetzt zwar
als Marmelinens Bräutigam anstellte /nach völligem Siege aber ihr ärgster Feind
und Verfolger sein würde. Bei so gestalten Sachen wäre es ratsamer einem
einheimischen Edelmann / wie Gottwald wäre / als den Räuber der Welt Marbod zum
Wütterich zu haben. Auf solche Art stolpern die Boshaften über die Stroh-Halmen
frembder Fehler wie die ohnmächtigsten Würmer / welche ihren Leib kaum
fortschleppen / sprengen aber über die Pflöcke eigener Laster / wie die Gemsen
über die Felsen. Nichts desto weniger aber fand Leutertal entweder weil seine
Beredsamkeit und der Schein guter Meinung so viel würckte / oder weil der
Marckmänner Glücke sie schon gar zu hochmütig / und denen Gotonen unerträglich
gemacht hatte / so viel Glauben: dass zwei tausend auf Marmelinens Seite zeiter
gestandene Gotonen und Estier in einer Nacht den Marbod verliessen / und zum
Hertzog Gottwald übergiengen / welcher wo die Weichsel sich in zwei Armen
teilt /und dem Ostlichen den Nahmen Nagot zueignet / mit seinem
übergebliebenen und etwas verstärcktem Volcke sich verschantzte. Leutertal aber
ward mit so gnädigen Augen nicht bewillkomt / als seine Gefärten / und als er
ihm eingebildet hatte. Sintemal Hertzog Gottwald besser wusste / dass er
Marmelinens Verführer und der Uhrheber alles Unheiles wäre / als Leutertal
daran gedachte / dass die Verräterei sich durch Verräterei so wenig rein wasche
/ als Kohlen einen Mohren weiss mache; sondern dass auch der /welchem die
Verräterei nutzet / dem Verräter Spinnenfeind sein müste. Die / derer Gemüter
von Rache aufwalleten / schalten ihn ins Antlitz einen Ertzt-Verräter /
stifteten auch die Priester an dem Gottwald zu raten: Er sollte einen se bösen
Menschen / welcher nicht nur zweizüngicht wäre / sondern die Gotonische
Herrschaft so schädlich zerspalten hätte / von zweien gegen einander gebeugten
und wieder lossschnellenden Bäumen zerreissen / oder zum wenigsten nach
Deutschlands Gewohnheit am Ufer der Weichsel / umb Marmelinen ein annehmliches
Schauspiel vorzustellen / an einen Baum aufhencken lassen. Ihr Anherr Brennus
hätte bei Belägerung Ephesus einer gemeinen Dirne / welche umb etliche güldene
Geschmeide ihm ihren Leib und die Stadt feil geboten /geschmoltzen Gold in Hals
giessen lassen. Was für Pein und Tod würde nun für den genung sein / den man zu
einer Seule des Landes erhoben / er aber sich zum Verräter des Vaterlandes
gemacht hätte? Was wäre für Gutes dem zuzutrauen / der aus Ehrsucht zweimal
umbgesattelt hätte / und seinem Fürsten meineidig worden wäre! Seine
Kriegs-Obersten hingegen rieten ihm Gnade zu bezeugen: Bei euserster Not müste
man zun grösten Lastern ein Auge zudrücken / und dem gemeinen Wesen zum besten
Verräter belohnen; nicht so wohl ihrentalben / dass sie es wert wären / als dass
man künftig solcher Leute mehr bedörffte. Wer würde von Marmelinen mehr
übergehen / wenn sie Leutertalen so übel ankommen sähen? wenn ihre Reue wie
Verräterei sollte gestrafft werden; zu welcher sich niemand aus tugendhafter
Regung / sondern nur aus Rache und Eigennutz gebrauchen liesse. Die Priester
hätten wohl recht / und sie würden nichts gelinders raten / wenn sie in einem
ruhigen Stande / und zu einer Zeit lebten / da die Laster nicht schon überhand
genommen hätten. Der Priester Ampt wäre es freilich die Menschen im Guten
vollkommen zu machen / und da müste die Vernunft schlechterdings unterkriechen.
Aber in Ratstuben liesse sie sich so nicht gefangen nehmen; wo man Völcker
glücklich machen / und eine wackelnde Herrschaft befestigen sollte. Alles nach
der Wage der Gerechtigkeit abmässen hätte sich nur im güldenen Altar der ersten
Welt tun lassen / und würde vielleicht in der andern Welt tunlich sein /weñ
die Seelen ihrer Leiber würden entlastet / die Regungen vor ihren Schwachheiten
gesaubert sein. Nun aber wäre die Tugend selbst unvollkommen / die Natur hätte
ihre Kräfften / die Welt ihre Unschuld verloren; daher müste man sich in die
verärgerte Zeit schicken / und mit den Menschen / wie Aertzte mit Krancken
umbgehen / welche einen ganz verterbten Leib unangerührt liessen / damit sie
den Tod selbst mehr beförderten / ihre Artzneien verächten / und sich selbst
andern zum Gelächter machten. Denn es rührten so wohl im Leibe eines Staats /
als in Siech-Häusern gewisse Seuchen vom Verhängnisse her / welche sich nicht
heilen / nur aber meiden liessen. Die Priester aber verharreten auf ihrer
Meinung / und wendeten ein: Sie verstünden wohl / dass wenn die Verräterei noch
nicht ausgebrochen wäre / ein Fürst sich anstellte / als wenn er davon nichts
wüste / ja gar mit dem Käyser Julius der die ihm widrige Briefe ins Feuer würffe
/ umb der zu straffen gefährlichen grossen Verbrechen nicht einst zu erfahren;
welche beflissene Unwissenheit die alleredelste Verzeihung wäre. Wenn auch
gleich ein Aufstand schon ausgebrochen / die Uhrheber aber dem ganzen Volcke
bekant wären; müste man die Niedrigen straffen / den grossen aber es eine
Zeitlang nachsehen / biss man sie ohne Gefahr straffen könnte. Alleine wo die
Verräterei ein Land mit voller Flamme schon angezündet hätte / wo die ganze
Welt auf den Uhrheber mit Fingern wiese; müste man / ungeachtet seines Anhangs
und hervorblickender Gefahr / hertzhaftig mit der Schärffe des Rechtes gegen ihn
verfahren. Denn die Verräter zügen bei erster Gelegenheit ihr ausgespeites
Gift wieder an sich / wie die Schlangen / wenn sie nach dessen Benehmung nur
wieder die Erde erreichen. So offene Laster übersehen verriete eines Fürsten
Furcht / machte die Bosheit verwegener / und lockte andere zu schädlicher
Nachfolge an. Denn eines Fürsten Ansehn gleichte den Flüssen / wenn man in ihnen
den Grund sähe / watete iedermann durch. Die andern Räte aber sätzten entgegen:
Diss alles liesse sich sicher tun / wenn ein Verbrecher in des Fürsten Hände
verfiele / nicht selbst eigenbeweglich sich aus Reue zu seinen Füssen legte /
und etliche tausend Abtrüñige zum Gehorsam brächte. Diss Vertrauen gielte so viel
als ein freies Geleite / welches zu versehre so verkleinernd als gefährlich
wäre. Hertzog Gottwald war seiner Entschlüssung halber mit ihm selbst überaus
zwistig / damit er nun durch einen Mittel-Weg beiden genung täte / liess er
Leutertalen nach der Gotonen Gesetzen aufhencken; seinem Sohne Garrest aber
schenckte er alle väterliche Güter / und versprach ihn in alle Würden seines
Vaters zu versetzen. Garrest fühlte den Strick mehr in seinem Hertzen / als sein
Vater im Halse; und weil er keiner verliehenen Würde so viel Kräfften zueignete
/ dass sie die vons Vaters so schmählichen Hinrichtung auf den Sohn fallende
Schande tilgen könnte / verbarg er den unausleschlichen Zunder der Rache mit
grosser Vorsicht im Hertzen; und die mit dem Leutertal angekommenen Gotonen
und Estier hielten alle gegen sie bezeugte Gewogenheit ihres Fürsten mehr für
eine listige Aufschübung ihrer Straffe / als für eine Verzeihung voriger
Beleidigung. Hertzog Gottwald lag zwischen dem zerteilten Strome so wohl der
Zufuhr als Festigkeit halber in einem mercklichen Vorteil / und hatte nicht nur
die unbeströmte Seite mit tieffen Graben und hohen Schantzen / sondern auch den
Strom mit eingeworffenen Eichbäumen versehen / dass kein Schiff ohne euserste
Gefahr vorbei gehen konnte; alleine / weil der Graf von Witgenstein nicht über
vier tausend Mann für sich / und viel Estier selbst zu Wegweisern hatte; fiel es
ihm nicht schwer mit Zerteilung seines Heeres sich durch das mit Wäldern und
Seen angefüllte Land durchzuarbeiten; gestalt er denn an eben selbigem Tage beim
Drauser-See sein Lager aufschlug / als Marbod eine Meile oberhalb der sich
zerteilenden Weichsel sein Heer zerteilte / und auf ieder Seite des Flusses
mit der Helffte den Fürsten Gottwald vorbei ging. Dieser sah wohl / dass Marbods
/ welcher über den Nogat-Strom eine Brücke zu schlagen anfieng / Anschlag war
ihn von Godanium abzuschneiden / woraus er Zeitung bekam / dass seine Gemahlin
Hedwig ihm einen wohlgestalten Sohn /welcher hier unter dem falschen Nahmen
Ehrenfried zu sehen ist / indem er den väterlichen Nahmen Gottwald bekam /
geboren hätte. Dieser neue Schatz /und weil er mit Godanium alles auf einmal zu
verlieren besorgte / bewegte ihn diesen Platz unter den tapferen Rittern Zupea
und Oppalin mit zwei tausend Estiern besetzt zu lassen / sich aber mit der
völligen Macht an die unterste Zwiesel der Weichsel zu setzen / wovon der rechte
Arm nach dem frischen Haff / der lincke nach Godanium zufleusst / und sich
daselbst ins Ost- oder Godanische Meer ausschüttet. Dieses ware nicht allein
glücklich bewerckstelligt / sondern als gleich Marbod das verlassene Lager der
Gotonen /weil es ihn hinderte seine nötigen Schiffe die Weichsel herunter zu
bringen / dreimal heftig stürmte /ward er doch durch die Tapferkeit des Zupea
und Oppalin mit grossem Verlust abgeschlagen. Garrest /darmit er seinen bösen
Vorsatz auch so viel mehr verbürge / tat dem Grafen von Witgenstein / welcher
nun auch über die Nogat gesetzt hatte / einen glücklichen Einfall. Aber Marbod
liess sich diese widrige Fälle an dem Haupt-Wesen nicht irre machen / weniger
entfiel er ihm selbst / wie die meisten Menschen /wenn sie Unglück haben / meist
zu tun pflegen /sondern / weil er wusste / dass nach Eigenschaft der Schafe auch
die Unglücke dahin Hauffen-weise folgten / wohin eines den Anfang machte / und
also selten ein Ubel ohne Nachtrab wäre / ward er so viel wachsamer und
begieriger in Godanium seinen Feind mit Strumpf und Stiel / wie der Adler im
Neste mit seinen Jungen zu vertilgen; zumal da die Sidiner und Carmer / teils
durch Schrecken für den Marckmännischen Waffen / teils durch den zwischen diese
Bunds-Genossen gestreuten Saamen der Zwitracht / da er einen mit Geschencken
gewan / den andern durch eingeflössten Verdacht vom andern abspenstig machte /
mit dem Marbod einen Frieden nach dem Beispiele der Marsinger und Burier
einzugehen / und mit dem Gottwald die gemeine Freiheit zu verlassen / verleitet
/ die Gotonen und Estier aber nicht wenig kleinmütig gemacht wurden. Also
gereichte diesem tapfere Fürsten seine Bundsgenossen / derer keiner iemals
seinen Vorteil durch das gemeine Beste überwiegen lassen /mehr zum Schaden als
Frommen / und Marbod erlangte den Ruhm / dass er / wie alle Weisen ihm seine
Feinde nützer machen könnte / als viel Fürsten ihre Freunde; ja dass er alle gegen
ihm gezückte Messer beim Hefte ergreiffen / und sie seinem Gegener ohne
Verletzung auszuwinden wüsste. Bei diesem erlangten Vorteile und da die Wenden
am Pregel alles mit Schwerdt und Feuer verheereten / liess der König Marbod alle
seine Heere geraden Weges auf Godanium andringen. Der Graf von Witgenstein
sätzte über den ins frische Haff sich ausgiessenden rechten Arm der Weichsel /
Marbod selbst ging zwischen der Weichsel und Nogat gerade gegen der Zwiesel des
Weichsel-Stromes zu / unter dem Scheine den Hertzog Gottwald mit seinem Volcke
darinnen zu belägern; aber dieser war allzu scharfsichtig / dass er seines
Feindes Absehen auf Godanium sollte übersehen haben. Daher vertraute er selbigen
Platz seinen tapfersten Kriegs-Obersten dem Ritter von Galen / von Plettenberg
/Vittinghofen und Burg; er selbst aber ging mit dem Kerne seines Volckes nach
Godanium. Dieses ist der berühmteste Ort an der Ost-See / weil von etlichen
hundert Jahren nicht nur die Svionen / Friesen und Britannier / sondern auch die
Cartaginenser mit ihren Schiffen in dem Munde der Weichsel eingesegelt / und in
dieser daran liegenden Handels-Stadt sich mit dem hier die Niederlage habenden
Agsteine beladen / hiergegen Deutschland und Sarmatien hierdurch mit ihren
Kaufmannschaften versorget haben. Ungeachtet nun bei beiden Völckern keine
sonderbare Festungen zu finden / sondern wie bei den Spartanern die Brüste des
Adels ihre Mauern waren / so hatte doch die Ankunft so vieler Ausländer denen
Gotonischen Hertzogen Anlass gegeben der sie durchs Meer und etliche Ströme
befestigenden Natur durch Erbauung einer starcken Mauer zu helffen. Weil nun
Marbod mit keinen Schiffen gefasst / Godanium mit überflüssigen Lebens-Mitteln und
von einer auserlesenen Besatzung versorgt war / wünschte Gottwald nichts mehr /
als dass Marbod ihm daran den Kopff zerstossen möchte. Alleine Marbod / welcher
entweder das Glücke nicht weniger für seine Dienst-Magd als für die
Schiedes-Richterin der Kriege und für die Gebieterin über alle böse und gute
Anschläge hielt /oder sich auf seine in Godanium habende Verständnüsse verliess /
machte ihm alle Schwerigkeiten leichte / und liess sich die Bedencke seiner
Kriegs-Obersten gar nichts irre machen; sondern sagte dem Grafen von Witgenstein
/ der ihm das er dem Glücke nicht allzu viel trauen sollte / erinnerte: Er hätte
so viel vom Glücke schon gutes genossen / dass es / wenn er ihm etwas misstraute /
keine gemeine Undanckbarkeit wäre. Man müste nicht allezeit sich an die Schnure
binden / sondern / umb glückseelig zu sein / verwegen werden / und dem Glücke /
das uns so viel gegeben hätte / wieder eine danckbare Vergeltung abstatten. Denn
wo dis und die Flüsse einmal ihren Hang hin hätten / da giengen sie lange Zeit
hin / sonder Zweifel durch geschwinden Absatz den Danck für vorige Woltaten
nicht zu verlieren. Godanium hätte freilich den Ruff einer starcken Festung /
und Gottwald eines unvergleichlichen Kriegsmannes. Aber es wäre nichts neues /
dass die Einbildung sich übereilte /und die Sachen grösser machte als sie an sich
selbst wären / wie die Sonne den Schatten grösser machte als die Leiber. Man
stellte ihm oft nicht nur für Augen / was einem entgegen wäre / sondern auch
was sein könnte. Die Bilder wären in der Ferne immer vollkommener als in der Nähe
/ und die / welche wie für Wunder angesehen / schienen wie wir Menschen zu sein
/ wenn man mit ihnen umgienge. Daher müste sich niemahls unsere Einbildung /
weniger das uns zuerst ins Auge fallende Ansehen unsers Hertzens bemeistern. Auf
diesen Ancker und die Tapferkeit seines durch so viel Kriege abgehärteten
Kriegs-Volckes gründeten auch endlich Marbods Kriegs-Obersten ihre Hoffnung /
welche aus der Erfahrung gelernt hatten: dass in grossem Glücke mehr durch Rat
und Verwegenheit als durch Hände und Waffen ausgerichtet würde. Gleichwohl
kriegte Marbods Glücke anfangs einen gewaltigen Stoss; sintemal ihn teils die
Gelegenheit des Ortes / teils der Mangel des Schiffzeuges / teils Gottwalds
öfftere Ausfälle mercklich an seiner vorhabenden Belägerung hinderten. Hierbei
legte Garrest etliche mal so grosse Ehre ein / indem er das Lager des Grafen von
Witgenstein nicht allein aufschlug / alle zusammen gebrachte Pramen / und die
darauf gebaute Schiffbrücke anzündete / sondern auch den Witgenstein selbst in
Godanium gefangen brachte. Mit dieser Verrichtung gewaan Garrest derogestalt
Gottwalds Hertze / dass er ihm das eine Tor der Stadt zu verwahren anvertraute /
sonder sich zu erinnern /dass derer wider ihre Fürsten aufgestandener Leute
Kindern eben solche Lust eingebohren wäre / dass sie sich im Geschlechte des
Brutus und Cassius auch in etlichen hundert Jahren nicht verzehret hätte. Wenig
Tage darnach erteilte ihm Gottwald selbst Befehl /dass weil Marbod der Stadt an
zweien Orten ziemlich nahe kam / und sich in den Graben einzuschneiden anfieng /
er des Nachts auf der einen / Radzivil an der andern Seiten ausfallen / der
Ritter Eichstädt und Querfurt aber an zweien andern Orten Lermen machen sollte.
Garrest zohe nunmehr gegen die / mit welchen er am vertrautesten war / seine
Larve vom Antlitze / stellte selbten so wohl des Hertzogs Gottwald gegen seinen
Vater verübte Grausamkeit / als des ihn drückenden Verhängnisses gegen
Marmelinen und den mächtigsten Marbod hervor blickende Neigung für Augen / laass
ihnen von beiden ungemeine Verheissungen für / da sie Marmelinens Rechte und dem
Willen des Glückes weichen würden. Denn er wusste wohl / dass / wenn man einen zu
seinem Willen bringen wollte / man das Wasser zugleich auf die Mühle seines
Nutzens wenden müste. Hiermit und durch den Vorschmack seiner Geschencke war es
ihm leichte die zu gewinnen / welche ohne dis ihrem Fürsten nicht so wohl hold /
als denen Gotonischen Heerführern aufsätzig / und bei verwirrter Herrschaft
selbst herrschsüchtig worden waren. Die Ausfälle waren / Gottwalds Anstalt nach
/ mit grosser Behutsamkeit fürgenommen; aber weil wegen Garrestes Verräterei
dis Geheimnüs dem Könige Marbod ein offener Brief und ein vorgesehener Streich
war / hatte er darwider die klügste Versehung getan. Gegen Querfurts und
Eichstädts vorgehenden Lermen liess er ein so grosses Geschrei und Geräusche
machen / als wenn er daselbst hin alle seine Kräfften züge. Für dem Radzivil
aber gab alles nach schlechter Gegenwehre die Flucht /also dass dieser in des
Grafen von Erpach Lager drang / daselbst allen Sturmzeug zernichtete / die
ausfallenden Kriegs-Leute sich mit dem besten Kriegs-Geräte beladeten / ja
Radzivil den Hertzog wissen liess; dass /weil der Feind in höchster Verwirrung
wäre / er mit einem wenigen Nachdrucke des ganzen Marckmännischen Lagers auf
der Ost-Seite der Weichsel Meister zu werden getraute. Unterdessen sollte Garrest
auf der West-Seite Marbods eigenes Lager angreiffen / aber die mit ihm in
angenomener Stille ausfallenden Estier befanden sich ehe rings herumb mit mehr
als zehn tausend sich zusammen ziehenden Gotonen umbgeben / als sie an Feind zu
kommen gedacht hatten. Garrest steckte hier seinen Degen ein / und sagte zu
seinen Estiern: hier wäre keines Fechtens von nöten; denn sie wären alldar
mitten unter ihren aufrichtigsten Freunden; und für ihnen stünde selbst der
unüberwindliche Marbod / welcher alle nach Würden und Verdiensten belohnen würde
/ welche ihre Waffen wider den blutdürstigen Wütterich Gottwald wenden / und
Marmelinen auf ihren väterlichen Stul setzen würden. Denen / welche von diesem
Betruge nichts wussten / band die Neuigkeit und vielen die für ihnen stehende
grosse Macht die Hände. Die Mit-Verräter aber rufften: Gottwald vergehe /
Marmeline lebe! Die Ritter Ulsen / drei Läuen / Lütge und etliche andere
grieffen zwar zu ihren Waffen / und ermahnten die ihrigen sich in die Stadt
durchzuschlagen / aber die meisten wurden von ihren nechsten Gefärten
durchstochen. Ehe nun die / welche gleich noch Treue im Hertzen hatten / sich zu
entschlüssen wussten / was sie unter ihren verräterischen Häuptern zu tun
hätten / vermischten sich die auf Art der Estier gerüstete Marckmäñer unter sie;
dass sie sich selbst schwerlich unterscheiden konten / und nach dem sie einen
blinden Lermen erregt hatten / wendete sich Garrest mit seinen Mitverrätern und
der ganzen Marckmännischen Macht gegen das Tor seines Ausfalls / und stellte
sich an / als wenn er von dem stärckeren Feinde zurück getrieben würde. Der zu
desselben Bewachung gelassene Kriegs-Oberste hatte eben an der Verräterei Teil
/ und also drangen die Marckmänner durch das offene Tor gleichsam unverhindert
in Godanium. Hertzog Gottwald ward dieses Schelmstücks nicht ehe gewahr / als
wohl zwei tausend Marckmänner schon in der Stadt und auf den Mauern waren. Der
Ritter von Baysen / Zehma / Mortangen / Konnepart / Wolckau und Schmolangen
waren die ersten / welche mit ihrem Gefolge die eindringenden Marckmänner
aufhielten / und durch ihre ruhmwürdigste Gegenwehr wie Tämme diese feindliche
Wasser-Flut aufhielten. Gottwald folgte selbst mit den Rittern Ostrowitz /
Kostka / Dschalin / Ballenheim / Liebenstein / Sensenheim / Borischau und
fünfhundert Gotonen; wordurch den / weil die Marckmänner mit aller Gewalt in
die Stadt drangen / und der Fallenden Stellen ersätzten / die Gotonen aber für
Heerd / Altar und ihren Fürsten in seiner Gegenwart fochten / durch mehr als
menschliche Raserei ein grausames Blut-Bad erreget ward. Die euserste Not
schärffte aller Tapferkeit / fürnemlich des Hertzogs /welcher für die Seele
seines Lebens nichts als die Ehre hielt / und hier / wie die ausleschenden
Lichter /mit einem Glantze sterben oder siegen und erhärten wollte; dass nicht das
Reich / sondern das Gemüte einen grossen Fürsten mache. Fürnemlich geriet er
ganz ausser sich; als er nach angezündeten vielen Pech-Pfannen Garresten auf
einem fürtreflichen Pferde und mit den Waffen erblickte / die er ihm noch
selbigen Tag geschenckt hatte. Daher drang er wie ein Blitz durch Feind und
Freund durch / bis er an Garrest kam / welcher diese Nacht solche Taten ausübte
/ welche der ganze Welt Anschauung verdient hätten / wenn sie nicht wider
seinen Fürsten und Vaterland wären getan worden. Aber so bald ihm Hertzog
Gottwald auf den Hals kam / entfiel ihm zugleich Hand und Hertze; entweder weil
nicht nur die Fürsten / sondern so gar ihr Schatten etwas an sich hat / welches
einen jeden zur Ehrerbietigkeit zwinget / und ihren Feinden ein Schrecken
einjagt / dass sie / wie der den Marius zu tödten abgeschickte Gallier das
Mordeisen wegwerffen müssen; oder auch / weil das böse Gewissen nichts weniger
eine Mutter der Zagheit / als eine Henckerin bewusster Bosheit ist. Daher war er
viel zu feige und ungeschickt / dass er hätte verhindern sollen / wormit ihm
nicht Gottwald seine Lantze mitten durchs Hertze gerennt hätte. Sein Fall war
allen andern Verrätern eine Erinnerung: dass böse Taten einen kläglichen
Ausgang nähmen / und der Blitz göttlicher Rache die Verräter mitten unter den
Lorber-Zweigen der Sieger nicht fehlete. Bei so gestalten Sachen würde Gottwald
den ziemlich verwirrten Feind / auf welchen man zumal aus einem Turme und
etlichen dem Tore nahen Häusern viel Steine /Flugfeuer und andere schädliche
Dinge ausschüttete /zurück getrieben haben; wenn nicht die wie Gotonen
verkleidete Marckmänner mit so grosser Macht und Arglist auf das Tor / woraus
Radzivil ausgefallen war / gedrungen / und nach Erlegung der Ritter Lubheim /
Felde / Maul / Legendorff / Silsslau und anderer sich des Tores bemächtiget /
die Semnoner aber den Radzivil / dessen Hertzhaftigkeit und Eyver ihn zu weit in
die Fallstricke der Feinde verleitet hatten /gänzlich abgeschnitten hätte. Ich
kam zwar nebst den Rittern Pfeilsdorff / Schelen / Krixen / Russkau /Schönfeld /
Alden / Nogat / Rakusch / Schillingsdorff / Eichholtz / Flessenstein uñ andern
mit dem letzten Hinterhalte diesem verlohrnen Orte zu Hülffe / und sagte: dass
Gottwald auf der andern Seite den verworrenen Feind mit Gewalt durchs Tor
zurücke triebe. Also siegte unsers Hertzogs Glücke zugleich uns zum besten;
daher würde ja unsere Treue denen / welche schon anderwerts flüchtig wären /
gewachsen sein. Aber die uns wohl zehnfach überlegene Macht der Feinde legte bei
Zeite die Tapfersten zu Bodem; zwang uns zu weichen / und ob wohl endlich Hertzog
Gottwald selbst dahin kam / um an dem gefährlichsten Orte sein euserstes
vollends zu wagen / weil Fürsten allezeit / besonders im Kriege was sonderlichs
tun müssen / damit sie die Gemüter ihrer Untertanen gewinnen oder ermunteren;
so war doch hingegen der Eyver zu siegen bei den Marckmännern so gross /dass sie
lieber in Godanium ihre Grabstädte haben /als einen Fuss darinnen zurücke sätzen
wollten / wo König Marbod ihnen geschworen hatte so wie Hercules auf Gades das
Ziel seiner Siege zu stecken. Wie nun Gottwald den Ausbund seines Adels fallen
sah /er selbst schon etliche Wunden bekommen hatte / und erfuhr / dass von
Feinden auch das dritte Tor aufgesprengt wäre; näherte er sich mir und sagte
mir in ein Ohr: Unsere Hertzhaftigkeit ist zu schwach wider das uns drückende
Verhängnüs. Wie müssen ihm weichen / wo es uns nicht zermalmen soll. Rette
meinen Sohn mit meiner Gemahlin zu Wasser auf das Eyland Glessaria. Ich will / so
lange GOtt und meine Kräfften es zulassen / hier noch mein euserstes tun. Ja /
sagte ich ihm / aber der Hertzog verspäte sich auch nicht länger / als es seine
Ehre und Wolfahrt haben wollen. Ich zohe mich unvermerckt ab / weil aber an dem
West-Tore selbst mit voller Macht durchgedrungen / und der Estier Kriegs-Volck
in Flucht gebracht war / hatte ich Not bis an den Hafen mich durchzudrängen /
auf dessen Turme die Hertzogin Hedwig mit ihrem zarten Sohne den Ausschlag des
Krieges mit so viel Hertzens-Stichen erwartete / so vielmal ihre Ohren mit dem
Geschwirre der Waffen oder dem Mord-Geschrei der Sterbenden geschlagen wurden.
Die Fürstin wollte anfangs meinem habenden Befehle nicht Gehöre geben / sondern
mit ihrem Gottwalde lieber vereinbart sterben als abgesondert leben. Allein ich
erweichte ihr Hertze und brach ihre tugendhafte Hartnäckigkeit mit Zeigung
ihres Kindes / welches sie der blutdürstigen Marmeline Rachgier selbst gleichsam
mit Fleiss aufzuopffern schiene / wenn sie dem Verhängnisse / welches der ihm
nachgebenden wie der Blitz niedriger und weicher Dinge schonte / die Stirne
bieten wollte. Gottwald selbst würde zu rechter Zeit seinen Vorteil sich zu
retten schon ersehen. Keine todte Hunde könten mehr beissen / aber entfliehende
wohl wieder kämpffen und siegen. Dahero wäre Ubermanneten / am meisten aber dem
schwächern Geschlechte / die Flucht so wenig eine Schande als einem Verzagten /
der aus Verzweifelung überwindet / der Sieg eine Ehre. Also brachte ich mit Not
die bestürtzte Fürstin / welche mit ihren Tränen gleichsam die Ost-See zu
vergrössern suchte / mit ihrem kaum sieben Wochen alten Kinde zu Schiffe. Wiewol
sie nicht ehe die Ancker heben lassen wollte / bis sie alles in Godanium von
wütenden Feinden angefüllet sah / und derer etliche schon die Schiffe zu
plündern anfiengen. Wir fuhren also mit höchster Bestürtzung aus dem Munde der
Weichsel aufs hohe Meer / wie aus dem Sitze der Vergnügung ins Verderben. Weil
nun kurtz darauf in der Stadt ein gross Feuer aufgieng / lag mir die Hertzogin an
die Segel einzuziehen / und weil bei unser Abfahrt alle frembde Schiffe sich zu
gleichmässiger Flucht fertig machten / noch aus der Stadt und sonderlich vom
Hertzoge Gottwald was gewisses zu erfahren / oder vielmehr dessen vertröstete
Nachkunft zu erwarten; als an welchem der Fürstin Hertze und ganze Vergnügung
hieng. Ob uns nun zwar viel Schiffe folgten / wollten oder wussten uns doch wenige
einige andere Nachricht zu geben; denn /dass Marbod der ganzen Stadt Meister /
und mit Raub und Mord alles erfüllet / das Feuer aber / weil Marbod sein Volck
selbst mit blanckem Schwerdte zum Leschen antriebe / vermutlich von denen in
einen Winckel der Stadt zusammen getriebenen Gotonen angesteckt wäre / welche /
unerachtet der angebotenen Gnade / sich lieber mit ihrem Vaterlande begraben als
der Marckmäñer Knechte wissen wollte. Weil auch die übrigen Schiffe schon
zugleich mit in vollem Brande stünde / würde allem Ansehen nach von so tapferen
Helden kein Gebeine davon kommen; weil ein nicht weniger von verzweifelter
Gegenwehr verbitterter als vom Siege aufgeblasener Feind eben so wenig in seiner
Gewalt hätte seinen blutdürstigen Zorn / als ein von einer gehen Höhe rennender
seinen Lauff zu hemmen wüste / und Marbod bei den Naharvalen nicht ehe in der
Menschen Eingeweide zu wüten aufgehöret hätte / bis niemand / den er hätte
tödten können /mehr verhanden gewest wäre: Keine Zunge ist fähig der Hertzogin
Hedwig hierüber erwachsendes Leidwesen zu beschreiben / wiewol selbter Zunge
dazu ein unvermögendes Werckzeug war. Nach vielem Hertzklopffen und stummen
Seufzern vergieng sie ihren zwei mitgenommenen Edel-Frauen durch stete
Ohnmachten unter den Händen; bis ihr die Verzweiffelung ihre vorhin durch
Schmertz gelähmte Zunge lösete /und sie / weil ich mit vollem Segel nach
Glessaria zulief / und ihrem unsinnigen Befehl wieder nach Godanium zu schiffen
nicht gehorsamen wollte / sich ins Meer zu stürtzen bemühte. Nach Mittage änderte
sich der gute Wind / und verschlug uns durch einen ziemlichen Sturm auf die
Nord-Seite / dass wir allererst den vierdten Tag bei besserem Winde den
Glessarischen Hafen erreichten / wo das frische Wasser sein süsses Wasser durch
einen engen Mund in die Ost See ausschüttet. Die den Hafen bewahrende Festung
war aber schon mit Marckmännern umgeben / welche selbte im Nahmen Marmelinens /
weil Hertzog Gottwald ohne dis todt wäre / mit grossen Bedräuungen aufforderten.
Ob nun zwar die Ritter Donaulsen und von der Schewe solches nur für eine schlaue
Erfindung annahmen; so spielten sich doch selbige Nacht noch zwei Estische
Edelleute hinein / welche umbständlich erzählten; dass Godanium durch Brand über
die Helffte ein Scheuter-Hauffen / die Weichsel und der Rhodan aber von vielem
Blute blutrot geflossen wäre / weil nicht funfzig Gotonen und Estier sich
gefangen geben wollen / sondern alle bis auf den letzten Bluts-Tropffen
gefochten / und von ihrem Feinde lieber Grausamkeit als Leben und Gnade hätten
annehmen wollen. Nach dem die Marckmänner nun vom Ermorden mehr müde als satt
worden / hätte Marbod den Fürsten Gottwald unter den Todten sorgfältig suchen /
seine gefundene Leiche auch / ungeachtet Marmeline solche ins Meer zu werffen
verlangt / aufs prächtigste verbrennen / und seine Asche in einem Agsteinenen
Kruge in das Begräbnüs der Gotonischen Hertzoge beisätzen / und alle edle
Todten / über welche Marmeline mit ihrem Siegs-Wagen in Godanium einzufahren
verlangte / verbrennen / die gemeinen beerdigen lassen. Uber dis hätte Marbod
zwei Sarmater in Stücken zu hauen befohlen / weil sie den unvergleichlichen
Helden Radzivil am Ufer der Weichsel / durch welche er nach Ausübung unzählbarer
Helden-Taten mit seinem Pferde geschwommen war / mit Rudern erschlagen und
beraubet hatten. Ja er verordnete / dass seiner Löwen-mässigen Tapferkeit zu Ehren
ihm am Strande ein steinern Gedächtnüs-Maal aufgerichtet werden sollte. Die
verbitterte Marmeline hätte zwar hierüber einiges Unvergnügen mercken lassen /
Marbod aber ihr eingehalten: dass der Krieg so wohl als der Friede sein Recht
hätte / und man nicht weniger gerecht als hertzhaft müste kämpffen lernen / und
man dem Kriege kein edler Ende als durch Verzeihung machen könnte / und wenn nach
dem Kriege niemand mehr über Elend klagte / sondern die Erbarmung auch dem Neide
das Maul stopffte. Hingegen besudelte die Grausamkeit nicht nur den Sieg /
sondern auch eine gerechte Sache / und die Schuldigen kriegen für sich ein
Ansehen der Unschuld. Nichts aber wäre ungnständigers als auf Todte wüten /
welche nichts fühlten / aber doch die Lebenden zu Mitleiden und Rache bewegten.
Gleichwol aber hätte Marmeline nach der Hertzogin und ihrem Sohne sorgfältig
forschen lassen / und wäre die gemeine Rede gegangen /dass sie auf einem
Cimbrischen Schiffe nach Wineta abgesegelt wären. Ob nun gleich Marbod bei
Eroberung dieser Stadt einen so blutigen Sieg befochten hätte / dass der Feind
selbst gestünde / es wäre kein edles Geschlechte unter den Marckmännern /
welches nicht einen Anverwandten zu betrauren hätte / ja ob gleich die
überbliebenen so abgemattet gewest wären / dass sie für Wunden oder Ermüdung kaum
den Kopff auf den Schultern hätten tragen können; so hätte doch Marbod noch
selbigen Tages sein Volck in vier Teile abgesondert / eines alleine zum
Gepränge seines und Marmelinens Beilagers / welches in dreien Tagen königlich
sollte vollzogen werden / in Godanium behalten. Die andern drei aber zu Eroberung
der am Rücken gelassenen zweier Festungen an der sich teilenden Weichsel / und
dieses Hafens abgeschickt /und das hierüber sich beklagende Kriegs-Volck
beschieden hätte: Im Kriege richtete man mit Geschwindigkeit mehr aus als mit
Tugend. Alexander hätte mit einer Hand voll Volck durch jene sich in geschwinder
Zeit Meister der Welt gemacht / als ein ander sie vielleicht nicht durchreiset
wäre / indem man ihn ehe gesehen als von ihm gehöret / und er wie der Blitz ehe
zermalmet als gedoñert / also dass man oft grosse Städte vergraben zu sein
vernommen / ehe man von ihrer Belagerung gewüst. Die Marckmänner wären unter den
Waffen geboren / mit Staub und Schweisse ernähret / an Hertzhaftigkeit
unzerbrechlich / in Arbeit unermüdlich / an Ruhmsucht unersättlich. Also müsten
sie nun nicht stehen / da sie schon völlig überwunden / und an ihrer Siegs-Fahne
nur noch etliche Kleinigkeiten auszumachen hätten; und da ihre Geschwindigkeit
nicht nur die Helffte der Zeit / sondern auch der Bemühungen ersparen würde.
Diese Zuredung und die Austeilung reicher Beuten hätte dem Kriegs-Volcke viel
besser als Oel und warme Bäder ihre Müdigkeit ausgezogen; und sie wären so
hurtig /als weñ sie nie gefochten / aufgebrochen / Marbod aber hätte dem wider
die Quaden nicht weniger siegenden Vannius / den Römern nach Carnuntum und
Meintz / dem Käyser nach Rom / und allen deutschen Fürsten Marmelinens völligen
Sieg über die aufrührischen Gotonen und Estier durch flüchtige Reiter zu wissen
gemacht / seine wiewol schon vorhin ruchbare Heirat aber noch verschwiegen;
damit der erste Ruff nicht alsbald die Ehre seiner hülffbaren Waffen durch
Eigennutz verkleinerte. Es ist unschwer zu ermässen /was diese Zeitung denen in
der Festung / welche nirgendsher einige Hülffe zu hoffen hatten / für Verwirrung
verursacht habe / und was sie unser Hertzogin für ein Donnerschlag gewesen sein
müste. Denn weil sie aussteigen / und an diesem vorteilhaften Orte die
zerstreuten Völcker zusammen ziehen wollte / ward ich genötigt ihr die trockene
Wahrheit zu entdecken /welche ohne diss ihr unmöglich lange verschwiegen bleiben
konnte. Die Herzogin flochte nach dem ersten Sturme ihrer Ungeduld ihre
Haarlocken auff / und verschwur sich selbte nicht ehe auffzubinden / biss sie
ihres Gemahls Tod gerochen hätte. Daher sie wider meine Meinung durch so
traurige Zeitung auszusteigen mehr gerejetzt als abgeschreckt ward / sonderlich
da der Ritter Ulsen selbst auffs Schiff kam / und sich mit grosser Beteuerung
vermass / dass die Sonne niemahls ihn die Einäscherung der ihm anvertrauten
Festung würde überleben sehen. Sintemahl der Untergang des verbrennenden
Vaterlandes iedem tapffern Gemüte einen Holtzstoss für seine Leiche abgeben
müste. Noch selbigen Tag kamen fünff hundert Estier aus dem Glessarischen Eylande
in die Festung / daher Ulsen bewegliche Ansuchung tat / die Fürstin möchte den
jungen Gottwald darein bringen / so würde der Estier Tapfferkeit mehr als um die
Helffte wachsen /und sie denen Marckmännern wie die Macedonier in Gegenwart
ihres in der Wiege liegenden Königes den Illyriern mit Verwunderung obsiegen.
Alle meine widrige Erinnerungen waren nicht mächtig zu verhindern / dass die
Hertzogin mit ihrem Kinde nicht in die Festung sich verfügte / und noch darzu
die Haupt-Fahne der Gotonen und Estier auff dem Walle aussteckte. Der Ruff des
sich alldar befindlichen Gotonischen Erben verursachte / dass Marbod alle Macht
hieher zu rücken befahl / und er folgte den Tag nach seinem Beilager selbst.
Dessen ungeachtet / wuchs denen Belägerten so vielmehr das Hertze; welche ohne
eine Schiffs-Flotte diesen Platz zu belägern für die gröste Torheit Marbods /
und selbten zu gewinnen für unmöglich hielten; besonders da die Schiffe der
Hirren /Fennen / Svionen und Cimbern täglich aus- und einfuhren / alle
Notdurfft dahin brachten und über dem angefangenen zu Godanium gegen den König
Marbod schon eiversüchtig worden. Noch vielmehr aber ward Marbod verlachet / dass
er grosse Eichen- und Tännene Kasten zusammen schroten / solche ins Meer säncken
/ und mit grossen Steinen füllen liess / in Meinung damit den Hafen zu stopffen.
Sintemahl / was er in acht Tagen gebauet hatte / in einer Nacht die wilde
Ost-See über einen Hauffen warff. Gleichwol liess sich König Marbod an diesem
Vorhaben nichts hindern /gleich als wenn sein Gelücke nicht weniger dem Meere
als so viel Völckern ein Gebiess anzulegen /und ihn über den Xerxes und Alexander
zu erheben fähig wäre. Massen denn ihm auch die See mehr als keinem unter beiden
gehorsam zu sein / ja für ihn Wind und Wellen in Krieg zu ziehen schienen.
Sintemahl ein fünff Tage hinter einander mit grossem Sturme wehender Nord-West
nicht alleine den Hafen fast ganz versändete / sondern auch ein grosses Stücke
am Walle abspülete. Die Belägerten erschracken bei aufhörendem Sturme über
diesen schädlichen Sandbäncken in dem Meere / welches niemals Epp und Flutt hat
/ nicht wenig. Einige kamen in den Aberglauben / dass er ihm den Wind wie sein
Glücke zaubern könnte; andere urteilten / dass sie nicht so wohl mit dem Marbod
als mit dem Verhängnisse / welches durch ihn als seinen Werckzeug mit einem
unauffhaltbaren Strome die Herrschaften der Welt über einen Hauffen werffen /
und wie Ertzt in andere Gestalten gissen wollte. Bei welchem unversehnen
Begebnüsse /welches auch den Helden das Hertz nimmt / waren nicht wenig / welche
anfiengen: Es wäre Unsinnigkeit / nicht Tugend / mit dem Verhängnisse ringen /
und keine Schande sich dem unterwerffen / welchen das Glücke über alle erhoben
wissen wolle. Marbod aber / welcher nicht nur der sich ereignenden Gelegenheit
zu gebrauchen wusste / sondern selbter wie die Raub-Fische mit auffgesperrten
Rachen vorwartete und wegelagerte / hatte bei noch nicht ganz gelegtem
Ungewitter schon seine ganze Kriegs-Macht in die Waffen gestellt / und so lange
der Sturm gewehret / grosse Kasten fertigen / Steine zu führen / leichte
Wurffbrücken zusammen klammern / und alles zum Sturm und Stopffung des Hafens in
Bereitschaft halten / ja nebst seinem arbeitenden Heere zehntausend Estische
Bauern auff dem Eylande Glessaria und eine Meile gegen Godanium / aus dem
frischen Haff in das Ost-Meer zwei breite Graben machen lassen / wormit diss die
zehn in sich verschlingende Flüsse sonder Beschädigung seines vorhabenden
See-Tammes durch diese zwei neue Münde ausspeien könnte. So bald nun die
Sandbäncke bläckten / liess er die Bauleute seinen Meer-Tamm auffs neue mit
grosser Gewalt anfangen /er aber führte durch die Pfützen das Kriegs-Volck
selbst gegen der von Wellen beschädigten Festung zum Sturme an. Weil er selbst
mit einer Springstange voran ging / oft biss an Gürtel watete / und / wo die
Brücken und Sturm-Leutern zu legen wären / anwiess /war niemand / der nicht mit
Begierde folgte / oder vielmehr für Schande hielt / dem denen gemeinen Knechten
es zuvortuenden Könige folgen / und nicht für ihm sich der Gefahr entgegen
stellen. Der Ritter Dona und Ulsen sprachen zwar allen zweiffelnden so wohl mit
Worten als seinem ihrem Beispiele ein Hertze zu; und der Adel wartete des
Feindes ohne Schrecken; der gemeine Mann aber erstaunete so wohl über der Menge
und Verwegenheit der anlauffenden Feinde / als über dem ganz neuen Anblicke des
von ihnen gewichenen Meeres / zumahl da der Wind nun schnurstracks umschlug /
und weil er von Sud-Ost bliess / fast alles Wasser von der Festung abtrieb.
Gleich als wenn dem Marbod die Ost-See / wie dem Moses das rote / und
Alexandern das Pamphylische Meer aus dem Wege weichen müste. Die wachsame
Fürstin Hedwig aber hatte von ihrer ersten Ankunft ihr Leid durch Kriegs-Sorgen
vertrieben; ja die Rache fast alle Eigenschaften ihres Geschlechtes und ihrer
Sanftmut verändert / und sie mit ihren Weibes-Kleidern auch alle weibliche
Furcht von sich geworffen. Sie ging stets gerüstet / ermahnte die verzagten
/lobte die hertzhaften / begabte die tätigen / stärckte die willigen /
besuchte des Nachts selbst die Wachen /und stellte sich anders nicht an / als
wenn sie viel Jahre das Haupt eines Kriegs-Heeres gewest wäre. Nach dem sie nun
bei diesem Sturme die Not recht ankommen sah; verfügte sie sich mit mir an den
gefährlichsten Ort / nämlich / wo der Wall abgespület /und Marbod die gröste
Macht anführte: Lasset uns /sagte sie / hier als Ehrliche stehen; und dem in den
Pfützen abgematteten Feinde unverzagt die Stirne bieten. Lasset euch diese Menge
der Feinde nicht schrecken / welche ins gemein eine Mutter der Fahrlässigkeit /
und der Verwirrung ist. Sie hindert im Gedränge mehr / als sie fördert / und
unsere Pfeile und Streiche können desto weniger fehlen. In der Schlacht bei
Philippis wäre die Ubermaasse des Volckes der gröste Verderb des so grossen
Pompejus / wie die unmässige Kriegesrüstung vorher des Antiochus Niederlage
gewest. Nichts / was mit seiner Grösse ihm selbst / wie des Antonius Schiffe bei
Aotium überlegen wäre /stünde wohl / am wenigsten aber ein Kriegs-Heer. Was das
Mittelmaass überstiege / wäre ihm selbst überlästig. Hingegen hätten die Griechen
mit einer Hand voll Volck das ganze vom Xerxes in Griechenland geschleppte
Asien / Lucatius Catulus mit seinen Nachen das auff ungeheuern See-Städten
schwimmende Cartago erlegt; und Alexander mit einem bereglichen Heere die
unzählbaren Morgenländer überwunden. Wir haben nicht nur / wenn wir Männer sind
/eben diese Hoffnung / und über den Feind zwei Vorteil / nämlich des Ortes /
und dass wir nicht weichen können. Wir fechten auff festem Fusse / unsere Feinde
aber köñen sich kaum aus dem Schlamme heraus weltzen / und nicht die Helffte
ihre verderbte Waffen gebrauchen. Glaubet mir auch / dass wenn wir wenige Stunden
ihre erste Hitze werden ausgestanden haben /die Marckmänner mehr mit dem Wasser
als mit uns werden zu kämpffen bekommen. Denn das Meer ist so ungewohnt Marbods
Rügel und Schleussen / als Xerxens Ketten und Ruten zu vertragen. Marbod selbst
trauet seiner Macht nicht zu / unser Meister zu werden / denn zu was Ende liesse
er bei habender Hoffnung ihm selbst zu Schaden an Vertämmung des Hafens
arbeiten! Ist es aber des Himmels unwandelbahrer Schluss übermannet zu werden /
so lasset uns doch der Schande entgehen / dass wir einige Wunden am Rücken
bekommen. Die in Godanium ausgeübte Raserei / da alles männliche über die Klinge
springen müssen / was länger als der Unholdin Marmeline Degen war / dienet euch
schon zur Lehre / dass ihr hier siegen / oder hernach sterben müsst. Wenn man nun
fallen muss / trete man der Gefahr lieber entgegen / als dass wir für ihr weichen
und die Augen zumachen. Lasset euch nicht wie tummes Vieh abschlachten; sondern
dencket / dass ungerochen sterben auch den Hasen verächtlich / fürs Vaterland und
seinen Fürsten das Blut vergiessen ein gemeiner und würdiger Tod der Helden sei.
Mit diesem will ich heute der Estier Freiheit besiegeln. Folget diesem nach
meinem Beispiele / und lasset euch zu ewiger Schande nicht nachsagen: dass ihr an
dem Tage / da ich ein Mann zu werden angefangen / ihr es zu sein aufgehört
hättet. Hedwig redete diss mit einem so feurigen Geiste / dass auch die
kaltsinnigsten dardurch rege wurden / und die kleinmütigsten die Furcht des
Todes aus dem Hertzen verbannten. Ehe die Marckmänner nun sich aus dem Schlamme
arbeiteten / wurden sie aus der Festung mit einem steten Platzregen von Steinen
und Pfeilen überschüttet / und blieben derer so viel / dass ihre Leichen an
unterschiedenen Orten den Gebrauch der Wurffbrücken ersparten. Als aber die
Sturmleitern angeworffen / die beim verfallenen Walle in Eil eingegrabenen
Säulen und Sturm-Pfäle teils untergraben / teils angezündet wurden / und es
zum nahen Handgemenge kam / sah man hunderterlei Sterbens-Arten. Bald brachen
die Leitern / und mit ihnen die darauff kletternden die Hälse entzwei. Diesen
wurden die Hirnschalen von Schleudern / jenen die Armen von Steinen
zerschmettert. Anderer Brust durchbohrten die Brüste / andern schmiedten die
Schwerdter ein Glied ab. Viel verwickelten sich in brennendes Pech /und Schwefel
/ welches die Belägerten teils ausgossen / teils in angezündeten Fässern unter
ihre Feinde von oben herab weltzten. Nicht wenigen zerqvetschten die Fall-Gatter
und Balcken ihre Leiber / also / dass sich hier ein rechter Schauplatz des
menschlichen Elendes und Rasens zeigete. Einem stand der Blutschaum des Todes /
dem andern ein Jäscht von Galle und Rache auff dem Munde. Dieser fallende /
welcher seine Hand verloren / erwischte seinen Feind mit den Zähnen / jener biss
sie für Grimm zusammen / und wen man mit den Waffen nicht erreichte / den wollte
man mit den Augen tödten; so dass mancher sich / wenn es in seiner Gewalt
gestanden / gerne in einen Basilisken verwandelt hätte. Des einen Mord-Geschrei
war des andern Freude /und es war nichts so erbärmliches / worüber nicht iemand
lachte; gleich als wenn hier die Erde es der Hölle an Pein und Wütten vorzutun
bemüht wäre /denn der wilden Tiere Zerfleischungen waren gegen diese Raserei
Kurtzweil und Kinderspiel; drei Stunden währte diese grausame Blutstürtzung /
ehe ein oder ander Teil die geringste Hoffnung des Sieges ihm zu machen hatte.
Auf beiden Seiten waren viel /und zwar die edelsten gefallen; aber ihre Lücken
wurden sonder der einige Not der Ermahnung augenblicks ersetzet / und mit
solcher Verzweiffelung ie länger ie mehr gefochten / gleich als wenn ihnen die
Austilgung des menschlichen Geschlechtes von der Natur geboten / und die Liebe
des Todes an statt des Lebens eingebohren wäre. Um diese Zeit wendete sich der
Wind / und fing das Wasser zu grosser Freude der Belägerten zu wachsen; welche
denn auch aus dem innersten Hafen etliche mit Schwefel / Hartzt / Pech /Hanff
gefüllte Nachen auff die Werckleute des Marbods ausfahren liessen / und all ihr
Gemächte anzündeten. Die im Wasser schon über die Knie und teils biss über den
Gurt watenden Marckmänner und Semnoner begunten schon zu wancken / und wären
abgewichen / wenn nicht der für Kot und Blute kaum kenntbare Marbod dem Grafen
von Witgenstein ein Zeichen auf der festen Land-Seite die Festung gleicher
Gestalt zu stürmen gegeben / und nach dem Beispiele des wider die Phalisker
streitenden Similius Priscus den Hauptleuten / dass sie den ersten weichenden
durchstechen sollten / und dem Ritter Saltza befohlen hätte / das Haupt-Fahn auf
den Wall zu werffen. Hiermit stunden die Marckmänner nicht nur zwischen Feind
und Flut als Mauern / sondern die Anwachsung des Wassers und die Furcht der
Schande zwang sie zu einem neuen und mehr als männlichem Angrieffe /also / dass
weder Glut / Schneide und Spitzen sie hemmeten / sondern sie / wenn kein ander
Weg war / wie die schäumenden Wald-Schweine in die Eisen rennten / biss sie
ungeachtet eusserster Gegenwehre der Estier / welche ihre viel kleinere Macht
nun halb gegen den Witgenstein teilen mussten / nach dem die daselbst ritterlich
kämpffende Dona / Hohenbach / Dumpeshagen / und Rautenberg todt blieben / ein
Stücke des Walles eroberten. Zu einer wichtigen Nachricht: dass wie ihrer mehr
aus Furcht der Straffe als aus Liebe der Tugend nicht sündigten / also die
Furcht der Schande vielmehr Kräfften habe als die Vegierde der Ehren. Welche
letztere nur edle / jene auch unedle Gemüte ermuntert. Weil nun den Fürsten
selbst oder die Haupt-Fahne im Stiche lassen einerlei Schande bei den Deutschen
ist / welche nimmermehr biss ins Grab durch keine Helden-Tat ausgewischt werden
kann / ist nicht zu verwundern: dass die Marckmänner die auffs höchste gespañte
Seite ihrer Tapfferkeit noch höher ausdehnten / und lieber das Leben als ihre
Ehre mit der Fahne verlieren wollten. Sintemahl auch Servius Tullius den Sabinern
/ Furius Agrippa den Herniken / Emilius Capitolinus den Phaliskern durch eben
diss Mittel des dem Feinde zugeworffenen Fahnes die zweifelhaften Schlachten
abgewanen. Der Ritter Ulsen meinte dieser eussersten Not zwar durch ein
eusserstes Mittel zu raten / in dem er funffzig Beeren auf die Marckmänner los
liess / damit an dieser unmenschlichen Wütten die wilden Tiere ebenfalls ihr
Teil haben / und nicht auf einmal von Menschen an Grausamkeit überwunden werden
möchten. Diese Beeren fielen die stürmenden anfangs grausam an / und weil sie
keine Stiche von Spissen und Degen achteten / ihrer nicht wenig zerfleischten /
und allen kein schlechtes Schrecken einjagten. Alleine der schlaue Marbod /
welcher wohl wusste / dass die Estier und Hirren eben so wohl mit Beeren / als die
Molossen uñ Fennen mit Hunden Krieg zu führen pflegten / hatte diesen schon vor
gesehen / und etliche Drommeln mit Pferde-Häuten überziehen lassen. So bald nun
Marbod diese schlagen liess / vergassen die Beeren wegen der für Pferden habender
Abscheu ihrer Lust zu kriegen / und wären lieber im Gedränge für Furcht gerne in
Bocks-Hörner gekrochen / als dass sie einigem sie durchstossenden Marckmanne sich
wiedersetzt hätten. Nach derogestalt gedemütigten Beeren drangen sie desto
verbitterter auf die Estier los. Weil diese nun kaum einen Mañ zehn Feinden und
zwar nunmehr auf gleichem Boden entgegen setzen konten / und der tapffere Ulsen
mit Ercken / Frymersen / Ostofen / Dumpeshagen und andern Rittern erschlagen /
die übrigen zum weichen gebracht wurden /kam die Fürstin Hedwig / ungeachtet ich
sie / sich /und ihr Kind / durch die Flucht zu retten fussfällig anflehete / mit
dem letzten Hinterhalte dahin / das eusserste vollends zu wagen. Sie verrichtete
daselbst das Ampt eines Kriegs-Hauptmanns so klug und männlich / dass keiner der
Feinde sie für eine Frau gehalten hätte. Sie durchstach auch mit eigener Hand
einen Marckmännischen Hauptmann / welcher dem fallenden Gattersleuen die Fahne
der Estier aus der Hand riss / und nicht besser machte sie es einem andern / der
an des Ulsen Stelle tretenden Ritter Tierburg erlegte. Diese Tapfferkeit aber
verursachte / dass aller Feinde Augen und der kühnesten Schwerdter auff sie
gerichtet wurden; und ob zwar Hirtzberg / Grünbach / Reichemberg / Baldersheim
und Schippen nur auff Beschirmung ihres Leibes acht hatten; woran sie doch
endlich / weil zumahl auch Witgenstein den Wall eroberte / von der Menge der
Marckmänner / als wie mit einem Bienen-Schwarme umgeben / und nachdem fast alle
um sie gefallen / vom Ritter Reuss durch die Gurgel gestochen / dass sie todt zur
Erden fiel. Mit dieser Heldin entfiel denen noch fechtenden Estiern das Hertze /
und ihre Tapfferkeit verwandelte sich in ein jämmerliches Mordgeschrei. Der
Ritter Seine und Sangerhausen stachen ihnen selbst aus Verzweifelung / dass sie
ihrer Herzogin Tod überlebet hätten / die Degen in die Brust / so dass Marbod
hieraus was ungemeines vermutende / herzu drang / und als ihm ein Estier sagte:
dass Gottwalds Gemahlin Hedwig todt für seinen Füssen läge / sich darüber aufs
höchste entsätzte / sie aufheben / der Waffen entblössen / und ob sie schon todt
erforschen / auch weil alles nur auf der Flucht / und niemand mehr zu fechten
gesinnet war /alles fernere Morden verbieten liess. Ich / als ich Hedwigen fallen
/ und die Unmögligkeit dem Feinde länger zu widerstehen sah / eilte mit dem
Ritter von Tieffen dem jungen Gottwald zu / und brachten selbten durch Hülffe
etlicher Fischer auf einem Nachen in ein mit Schilff umbwachsenes Gesümpffe /
biss wir bei folgender Nacht sicherer über den Strom fahren konten / welcher die
Festung und das Eyland Glessaria von einander scheidet. Daselbst stiegen wir aus
/giengen zu Lande zwei Meilweges / und versteckten uns an dem Agstein-Ufer in
eine Höle der daselbst liegenden Berge / darinnen wir alle Augenblicke nach
einem frembden Schiffe säuffzeten / weil wir an diesem volckreichen Strande
nicht lange sicher sein /noch auch das Kind / ungeachtet wir eine Adeliche Frau
zur Amme mich genommen hatten / in dieser Wildnüss unter der Erde tauern konnte.
Allein unsere Hoffnung liedt bald Schiffbruch / weil ein heftiger Sturm sich
erregte / und die Wellen biss an Eingang unser Höle spielten / von welchen zum
teil diese ausgeschweifft zu sein schienen. Bei dieser Beschaffenheit mussten
wir auf ein ander Mittel unser Sicherheit gedencken; da sich denn der Ritter
Tieffen erbot /Kundschaft einzuholen / und für uns Bauer-Kleider und
Lebens-Mittel einzukauffen. Dieser war kaum fort / als ich an dem Eingange der
Höle stehende / den Wind ein Rede- und Ruderloses Schiff gegen dem Ufer
antreiben / und auf einer nahen Sand-Banck stranden sah. Die
Schiffbruch-Leidenden suchten allerhand Wege sich zu retten / etliche kamen auf
den Nachen / andere erwischten ein stücke Brett oder Mast / einige suchten
vollends durch Schwimmen sich zu retten. Unter diesen letzten war einer /
welcher sich durch die rasenden Wellen mit seinen Armen ziemlich biss ans Ufer
gearbeitet hatte / zuletzt aber war er so abgemattet; dass er ihm selbst nicht
mehr helffen /sondern nur die Flutt mit ihm ihr Spiel treiben lassen musste. Mich
regte / ich weiss nicht / was für ein Erbarmnis / oder für ein heimlicher Zug /
dass ich meines jungen Fürsten vergass / und unbedachtsam in die See sprang /
diesem Notleidenden zu helffen. Der Himmel segnete meine Verwegenheit / indem
die Flutt mir diesen Notleidenden gleichsam selbst in die Hände spielete / und
ich ihn vollends sonder grosse Müh ans Ufer in unsere Höle brachte. Er war von
Sand und Schlamme aber so verstellet / und er hatte so viel See-Wasser in sich
getruncken / dass er weder kenntlich / noch zu reden mächtig war. Dahero ich ihn
denn meinen Waffenträger absaubern / bei einem kleinem Feuer abtrocknen / und
nach dem Vermögen unserer Dürfftigkeit seiner pflegen liess. Der zurück kommende
Ritter brachte zwar die verlangten Kleider und Lebens-Mittel / aber auch diese
schlechte Zeitung mit / dass an diesem sonst volckreichen Ufer sich aus Furcht
der Marckmänner / welche bereits hauffenweise auf diss Eyland übergesätzt hätten
/ alles verlauffen hätte. Wir verkleideten uns daher alsobald / in Meinung / uns
folgenden Morgen weiter ins Land zu begeben. Wiewol er nun nicht billigte / dass
ich einen frembden Menschen in unser geheimes Behältnis gebracht hätte / trieb
ihn doch / als er ausgeschlaffen hatte / gegen Tage der Vorwitz / dass er den
Schlaffenden mit einer Kühn-Fackel genau betrachtete. Hilf Himmel! fieng er
augenblicks an zu ruffen / hat das Meer den zu unser Freude hier wieder ans
Licht gebracht / welcher in Godanium vom Tode verschlungen worden! denn hier
finde ich unsern Fürsten Gottwald. Träumet dir? sagte ich / oder was hast du für
Lust mich in meinem Kummer noch zu äffen? der Ritter von Tieffen aber beteuerte
noch vielmehr / mit grossem Frolocken: Es wäre Hertzog Gottwald / so dass ich
mich nicht nur ihm zu nähern veranlasst / sondern auch der Schlaffende erweckt /
und bei Vernehmung seines Nahmens sich aufzurichten verursacht ward. Mein erster
Anblick gab ihn mir numehr deutlich zu erkennen / daher ich mich nicht entalten
konnte / ihm mit tränenden Augen umb den Hals zu fallen. Gottwald aber kennte
einen unter uns so wenig / als er wusste / wo er sich befindete / und wo er in
diese Höle kommen wäre. Bin ich / fieng er an / in dem Behaltnüsse der
Verstorbenen? Seid ihr meine gute Geister? Ich antwortete ihm: Wir sind deine
getreue Diener /du unser liebwertester Fürst. Gottwald versätzte: Legen denn
die sterbenden Fürsten mit ihrem Purpur nicht auch ihre Würde ab? Hebet der Tod
nicht allen Unterschied des Standes auf? Oder herrschen Fürsten auch im andern
Leben / wie in der Welt? Ich fiel ihm ein: der Tod würde niemahls mächtig werden
ihre zu ihm tragende Liebe auszuleschen / weniger die Zeit /so lange sie lebten.
Gottwald fragte: wo sie denn lebten? und warum sie in einer so engen Finsternis
/ von anderer Verstorbenen Geistern abgesondert / und aus was für einem
Verbündnüsse sie drei nur mit einander vereinbart wären? Wir möchten sich doch
ihm zu erkennen / und die Ursache so vieler Tränen-Vergiessung zu verstehen
geben? Ich sah wohl / dass Gottwald sich vor todt hielt / und daher konnte ich
mich nicht entalten / ihm zu sagen: Unserer keiner wäre noch gestorben /
sondern ich sein treuer Döhnhoff /und mein Gefährte der Ritter von Tieffen; also
wir zwei eine schlechte Uberbleibung seiner getreuen Untertanen / welche der
Himmel nur zu dem Ende erhalten hätte / dass sie ihn nach Strandung des Schiffes
aus dem Abgrunde des Meeres erretteten. Gottwald fieng sich nun an seiner
Schiffahrt zu erinnern / und uns beide lange Zeit starr anzusehen / biss ihm
zuletzt viel Tränen aus den Augen schossen / und er anfangs mich / hernach
meinen Gefärten / mit vielen Küssen umarmte / und fragte: Was für ein Unglück
uns denn in Bauern verwandelt hätte? Ein solches / antwortete ich / als wir in
der nechsten Festung erlitten / wäre wohl fähig einen zum Steine zu machen; da
nämlich der letzte Kern seiner getreuen Estier / und sein liebstes Kleinod in
der Welt vom rasenden Marbod auf der Fleisch-Banck seiner wüttenden Herschsucht
abgeschlachtet worden. Jedoch scheinet solch Unglück dazu gut gewesen zu sein /
dass wir hier den sonst ertrunckenen Fürsten Gottwald aus dem Wasser erretteten.
Gottwald seuffzete und fieng an: Ich weiss nicht / ob ich euch für diesen
Liebes-Dienst dancken / oder ihn unter die Woltaten / welche wir hassen /
rechnen soll. Sintemahl das Verhängnis mich gleichsam zu einem Ziele seiner
Grausamkeit ausgesehen / oder mich zu einem Ebenbilde eines Unglückseeligen
auszuarbeiten erlesen hat. Ich bin den wilden Wellen darum nur entkommen / dass
ich denen viel wildern Menschen in ihre Klauen fallen / und zu meiner
Hertzens-Kränckung nur alle Stunden neuen Jammer hören solle. Wolte GOtt / ich
wäre in diesem Meere /oder in diesem edlen Ufer begraben / so hätte ich die
Trauer-Post von meinen getreuen Estiern / meiner Gemahlin / und Kinde nicht
hören dörffen; nach welchen ich zu leben / weder Lust noch Ursache habe. Lasset
mich also noch sterben / ehe ihm Marbod und Marmeline noch aus meinem Tode eine
Kurtzweil macht. Es ist ja besser / einmal einen Tod leiden / als im ängstigen
Leben alle Arten des Todes fürchten. Hiermit erhob sich Gottwald im Augenblicke
aus der Höle /und sprang ins Meer. Ich / und der Ritter von Tieffen folgten
demselben auf dem Fusse ins Wasser / und wie sehr er sich wehrte / brachten wir
ihn wieder heraus. Wir waren aber noch im Meere / als wir das Ufer von einer
unzählbaren Menge Menschen bedeckt sahen / welche unserm Menschen-fischen
zuschauten /und uns beim Aussteigen umbringten. Ihr Aufzug wiess / dass es alles
Marckmänner wären / und als ich nur aufsah / fiel mir König Marbod und
Marmeline ins Gesichte / das Schrecken aber in alle Glieder / dass mir Arm und
Beine davon zitterten. Dieses würde mich / und die bekandte Gestalt / den
Fürsten Gottwald verraten haben / wenn nicht dieser entkleidet /und vom
Schlamme sehr verstellt gewest wäre / ich aber Frost geklagt hätte. Marbod
selbst rechtfertigte uns / wer dieser ins Meer springende Mensch / und wir
wären? Ich antwortete: Wir wären Agstein-Fischer / dieser aber ein wahnsinniger
/ welcher / weil sein Vater den vorigen Abend ertruncken / in solche
Verzweiffelung geraten wäre. Marbod fragte weiter: wo denn alle Leute aus denen
leeren Häusern hinkommen wären? Ich antwortete: Sie wären alle aus Furcht für
dem Marckmännischen Kriegs-Volcke entlauffen /und auch wir würden nicht blieben
sein / wenn wir diesen uns verwandten Menschen hätten fortbringen können / und
uns nicht unser Armut sicher gemacht hätte. Marbod lächelte und fieng an: Weil
Armut einen so freudigen Gefärten hat / sind die Geten nicht zu verdencken /
dass sie es unter die Gemächligkeiten des Lebens zählen / und die Verachtung
aller Reichtümer alleine fürs rechte Reichtum halten. Warumb aber sind wir
denn so unersättlich / wenn die Grösse unsers Besitztums nur unsere Sorgen und
Furcht vergrössert? Marmeline fiel ein: Armut lässet sich leichter loben / als
ertragen / und wenn Armut eine Glückseeligkeit ist / kann es der Reiche alle
Tage erlangen / schwerlich aber der Arme / wo das Reichtum dafür zu halten. Sie
wollte lieber todt als arm sein / weil Armut die Menschen lächerrlich / Reichtum
aber geschickt / freudig / und ansehnlich machte / ja dieses allein woltätig
sein könnte. Unter diesem Gespräche schlepten wir den Fürsten Gottwald in die
Höle / ich aber kehrte gleich um damit niemand uns darein zu folgen Anlass haben
möchte; und fiel Marmelinen einfältig ein: Ich könnte nicht glauben / dass
Reichtum besser / als Armut wäre; weil die / welche was gehabt / die Müh haben
müssen / zu entlauffen / er aber das Glücke zu bleiben. Daher hätte er die
Reichen / diese ihn aber auszulachen niemals Ursache gehabt. Denn weil die Not
einen zu arbeiten nötigte / ja die Papegoyen sollte reden lehren / müste sie
auch die Menschen geschickter machen. Wie er denn sein Fischer-Handwerck besser
gekönt hätte / als die / welche mit dem Agsteine gewuchert. Dass aber auch Arme
woltätig sein könten / hätten sie an Errettung dieses blödsinnigen Menschen
gesehen / welchem zu Liebe sich schwerlich ein reicher in die Tieffe des Meeres
gewagt haben würde. Wiewol / ungeachtet sie sich noch so sehr in acht nehmen /
dass Reichtum eben so viel Menschen / als die Fettigkeit dem Mast-Viehe eine
Ursache des Todes abgäbe. Dass das Reichtum aber vielmehr lächerrlich wäre /
hätte ich an diesem Ufer tausendmahl verspühret / und die am Rande noch
liegenden Stücke des scheiternden Schiffes wären seine Zeugen; dass Leute aus
Africa und Indien / wo Gold und Edelgesteine ihr Vaterland hätten / an diese
Kiste nach Agstein kämen / und darüber nicht nur Kälte und Ungewitter ausstünden
/ ja das Leben einbissten. Dass keine edle Frau zu Rom sich glücklich schätzte /
wenn sie nicht Arm- und Hals-Bänder von Agstein zu tragen hätte / wormit sich
hier alle Grase-Mägde behiengen / und darein sich Spinnen / Bienen / Ameissen /
und zuweilen Frösche begrüben. Ja dass grosse Käyser und Könige der Welt diss /
was in der Erde und im Meere am tiefsten läge /nämlich / Gold / Perlen und
Agstein / sich nicht schämten für das höchste in ihren Augen / und im Hertzen
für ihren Schatz zu halten / also den Indianischen Ameissen ähnlicher / als den
Menschen wären /von denen ihm die Schiffer erzählt hätten / dass sie daselbst das
Gold / wie hier die Hamster das Getreide /in ihre Löcher zusammen trügen. Dem
Könige Marbod gefiel es überaus wohl / dass ich in meiner Einfalt Marmelinen so
trocken die Warheit sagte. Daher fieng er an: Sonder allen Zweiffel ist Armut
nicht nur eine Schwester guter Gemüter / sondern auch ein Wetzstein des
Verstandes / guter Künste / ja eine Aushelfferin der Reichen. Sintemal die
Vermögende bei ihrem gewohnten Müssiggange Not leiden würden /weñ die Dürfftigen
nicht arbeiteten. Westwegen die Einwohner der Stadt Gadare dem Armut als einer
Kunsterfinderin gar sinnreich ein Altar gebauet hätten. Es wäre auch ausser
Zweifel / dass einem vergnügten Gemüte viel wöller bei seinem müssigen Armute /
als Geitzigen bei ihrem traurigen und mühsamen Vermögen wäre / ja insgemein ein
Tagelöhner auf einer härenen Kutze / oder auf einem Strohsacke sanfte schlieffe
/ wenn ein grosser König sich auf Sammet und Seide unruhig herum weltzte. Daher
glaubte er selbst festiglich: dass ein mässiges Vermögen und Glücke / welches dem
Besitzer weder zur Schande / noch andern zur Uberlast diente / das gröste; und
Reichtum in Händen übel aufgehoben wäre /aus denen es ohne Schwerigkeit nicht
wieder gebracht würde. Hierauf fragt er mich: welcher gestalt der Agstein
bekommen würde? Ich / weil ich voriger Zeit hierumb ebenfals bekümmert gewest
war / antwortete: dass für gar alten Zeiten niemand dessen geachtet /weniger
selbigen gesucht / sondern nur / wenn an dieser Seite der West- an der andern
dieses Eylandes der Nord-Wind selbten mit den Wellen auf den Sand ausgespület
hätte / wäre er von Kindern / wie anderwerts Kieselsteine und Muscheln zum
Spielen; hernach aber / als dessen guter Geruch durch ungefährliches reiben und
am Feuer verspüret worden / zum Rauchern aufgelesen worden. Zu diesem Ende
hätten ihn auch der benachbarten Völcker Schiffe / welche in diesem fruchtbaren
Lande Getreide geholet / mitgenommen. Sein ander Gebrauch wäre gewest / dass die
Estier /und folgends andere Völcker ihn statt Myrrhen und Aloe auf die
Todten-Holtzstösse gestreuet / und in den Leichen-Krügen mit ihrer Asche
vermischt hätten. Wie denn insonderheit die Cartaginenser Asdrubals /und
anderer Edlen Todten-Beine damit verehret hätten. Nach kurtzer Zeit hätten die
Africaner / Egyptier /Griechen und andere Völcker embsig nach diesem Agsteine
gefraget / und selbten gegen ihre Früchte /und Handwercks-Gemächte eingetauschet
/ welches die Estier veranlasst / den Auswurff des Meeres /und das trockene
Schilf fleissiger zu durchsuchen. Weil die Ausländer aber selbtes von Jahr zu
Jahre teuerer gemacht / und die Einwohner zu dessen Aufsuchung / wiewol sie
dessen Gebrauch durchaus nicht entdecken wollen / mit grossem Versprechen
ermahnet hätten / die Fischer auch zuweilen mit den Fischen ein und ander stücke
in Netzen heraus gebracht / hätten sie anfangs ihn mit langen Zangen im Wasser
gesucht / und heraus gehäckelt / hernach aber auf den Wind acht gegeben / und
zur Fischung des Agsteins gewisse Netze bereitet. Massen sie denn nach und nach
klüger worden / und für die beste Fischzeit erkennet / dass die starcken Sturm /
durch Antreibung des hertzblättrichten Meer-Schilffes eine kleine /durch das
krause und kleinere eine was bessere /durch das den Rebenblättern ähnliche
Gewächse aber den allerreichsten Agstein fang / da in drei oder vier Stunden
oft dreissig Tonnen herausgebracht würden /bezeichneten / da denn / wo diese
Blätter schwimmen / alsbald gefischet / und mit dem untersten Reiffen der Netze
strenge an dem Bodem hingefahren werden müste / damit der von den Wellen aus dem
Grunde gebohrte Agstein sich nicht wieder versändete / und man mit dem Netze
nicht überhin züge. Es wäre aber der Estier Hertzog einmal an diss Ufer kommen /
und keinen Agstein mehr an frembde zu vertauschen verboten / biss sie dessen
Gebrauch entdeckt hätten. Hierauf hätten diese Ringe / Müntzen / Geschmeide /
Gefässe / Bilder / und dergleichen aus Agstein durch Drechsler und Bildhauer
gemachte Sachen vorgewiesen / welche Gold und Edelgesteine beschämt / und also
auch dem Estischen Frauenzimmer damit zu prangen / den Männern aber solchen
gleichfals zu drechseln / und glatt zu machen / Anlass / diesem Auswürflinge des
Meers aber allererst einen Nahmen gegeben. Als nun überdiss von Rom absonderliche
Gesandschaften an der Estier Fürsten wegen freien Agstein-Handels ankommen /
wäre dessen Preis nicht allein gestiegen / indem man zu Rom ein Agsteinen Bild
eines Fingers lang teuerer / als einen lebenden Menschen verkaufft hätte;
sondern die sorgfältige Verschwendung hätte auch den Agstein nach seinen Farben
in weisse / in Wolcken-farb- und blaulichte /in Pfirschkenblüt-farbichte / in
Wasser-klare / durchsichtige / geflammte / tunckel- und licht-gelbe / grünlichte
/ rote / braune / und schwartze unterscheiden lernen / und gewiesen: dass die
Kunst-Hand der Natur nicht weniger in Agsteine / als im Agat spielte / und
dadurch den Künstlern zu Einlegung ganzer Bilder gnugsame Arten darreichte;
wiewol zum Frauen-Schmucke die weissmilchernen / grünlichten / hochgelben / und
wasserstriemichten den höchsten Wert erlangt hätten. Nach der Zeit wäre
entweder die menschliche Begierde so sorgfältig worden / oder ein unserm Vorwitz
heuchelnder Zufall hätte Anlass gegeben / den Agstein auch ausser des Ufers / in
denen Glessarischen Sand-Bergen / wiewol mit höchster Lebens-Gefahr zu suchen /
und mit selbtem diese Nachricht zu finden / dass er wie Ertzt seine Adern in der
Erde habe. Dem Könige Marbod gefiel meine Erzehlung nicht alleine wohl / sondern
beglaubte ihn / auch so vielmehr / dass wir Agstein-Fischer wären / daher er denn
ferner fragte: Ob denn der Agstein in seinen Berg- und Meer-Adern anfangs weich
und gleichsam flüssend wäre / hernach aber allererst vom Saltz-Wasser oder der
Lufft gehärtet würde? Ich verneinte aber beides mit gutem Grunde / und
berichtete / dass gar selten etwas / welches noch in seiner Unvollkomenheit wäre
/ zwar nicht flüsse / aber weichem Wachse gleichte / und vielleicht von der Sonne
schmeltzte /aus den Bergen gegraben würde / welch gegrabenes denn auch ins
gemein klärer als das gefischte wäre. Wiewol auch bissweilen Agstein / an welchem
Muscheln / Pech und Schiff-Holtz angebacken wäre / gefischet würde. Diesemnach
wäre der Agstein / darinnen kleine Tiere lägen / so seltzam / und weil er
keines weges / wie etliche tichteten / durch Feuer und Oel nach Eigenschaft des
Ertztes geschmoltzen werden könnte / hätten frembde Künstler nach der Zeit
ausgesonnen / in die von Natur unterschiedene / von ihnen aber fast unsichtbar
zusammen gefügten Stücke Agstein / Laub-Frösche / Heidächsen / Heringe / und
andere kleine Tiere zu vergraben. Wordurch denn die einfältigen Ausländer nicht
allein in ihrer Einbildung / sondern auch um ihr Geld oft mercklich betrogen
würden. Biss hieher kunte ich dem Könige Marbod genugsamen Bescheid geben / als
er aber von mir bei wehendem Westwinde einen Zug zu tun verlangte / ward ich
nicht wenig bekümmert / durch unsere Unwissenheit verraten zu werden. Alleine
die Not lehrete uns aus derselben eine Tugend zu machen /und nach dem ich von
Marbod um eine Wache des blödsinnigen Menschen halber / für unsere Höle zu
stellen / erlangt hatte / suchten ich / und der Ritter von Tieffen aus denen
andern Hölen ein Netze herfür /und versuchten mit Hülffe etlicher uns auf die
Nachen gegebener Marckmänner unser Heil / hatten auch mehr aus Güte des Himmels
/ als unser Geschickligkeit das Gelücke / im andern Zuge ein siebenzehn Pfund
wiegendes Stücke des edelsten Agsteines heraus zu ziehen. Wordurch Marbod mehr
vergnügt ward / als die Fischer des Eylandes Chio / da sie den güldenen Dreifuss
fiengen. Diesem nach liess er von Stund an einen Künstler aus Godanium beruffen /
und befahl ihm aus diesem seltzamen Stücke des Kaysers Augustus Bild zu fertigen
/ welches hernach auch durch den Ritter Wolckenstein nach Rom geschickt / und
daselbst als etwas unschätzbares geachtet / vom Kayser aber unter dem Nahmen
Jupiters ins Panteon auff einen güldenen Fuss gesetzt ward. Uns gab Marbod
zweihundert güldene Müntzen / und liess allentalben ausblasen: dass die
Agstein-Fischer nicht nur völlige Sicherheit wider alle Gewalt / sondern auch
jährlich einen ergebigen Sold von ihm genossen / hingegen aller Agstein / da ein
Stücke über drei Pfund wiege /ihm als Könige der Estier geliefert werden sollte.
Hierbei aber kränckte und erschreckte mich auffs eusserste die angebotene Gnade
Marbods / dass ich mit ihm nach Godanium zurück ziehen sollte; weil ich nicht so
sehr fürchtete / erkandt zu werden / als mir durchs Hertze ging / dass ich den
Fürsten Gottwald und sein Kind verlassen sollte / welcher inzwischen durch
Unterricht der Amme solches hatte kennen lernen / und bei dessen tausendfacher
Küssung den Gebrauch seiner verstörten Vernunft wieder bekommen / und die
Helffte seines Hertzeleides gestillet hatte. Weil mir Marbods Auffbruch nicht
viel Zeit zur Unterredung verlaubte / verliessen wir alleine mit einander / dass
wir in der Stadt Wineta / oder wenn Marbod ja ihr Meister werden sollte / in der
See-Stadt Treva am Flusse Chalusus uns wieder vereinbaren wollten. Nach deme mir
Marbod nun ein besser Kleid und ein Pferd geben lassen / musste ich stets hinter
ihm reiten / und ihm vom Agsteine / darein er sich ganz verliebt / und einen
Tempel an diss Ufer zu bauen gelobt hatte /mehr / als ich selbst wusste / zu
erzählen genötiget ward. Insonderheit wollte er dessen eigentlichen Ursprung /
und ob selbter vom Harne der Luchse / oder dem Saamen der Wallfische herkäme /
oder ob er ein Schaum / ein fetter Schweiss / oder ein geliefferter Auswurff dess
sich reinigenden Meeres wäre / welcher wie Froschlach auff dem Meere schwimme /
und wie das Hartzt im todten Meere gezeugt würde / wissen. Als ich aber nur
darzu lachte / und berichtete / dass um das ganze Estische Ufer kein Luchs zu
sehen wäre / und der Agstein aus Bergen / dahin weder das Meer-Wasser / noch
einiger Fisch kommen könnte /gegraben würde / fieng er an: Er hielte diss selbst
für Getichte / aber ihm schiene aus dem Geruche / der Farbe / und der Fähigkeit
zu brennen / am glaublichsten zu sein: dass das von Kiefern / Zedern / oder
Fichten trieffende Hartzt durch das Saltz-Wasser ausgeleutert / und durch die
Krafft der Sonne zu Agsteine bereitet würde. Als ich ihm nun einwarff: dass an
dem Ufer keine solche Bäume / welche sich mit dem Meer-Wasser auch nicht
vertrügen / zu finden wären; fiel er ein: Aber vielleicht finden sich derselben
an denen gegen über liegenden Ufern der Svionen und Fennen /und wird der bei dem
West- und Nord-Winde angetriebene Agstein durch die See herüber geführt? Ich
antwortete: bei diesen Völckern wüsten sie nichts vom Agsteine. Marbod aber
versätzte: dem Berichte nach / hinderten ihre hohen Ufer dessen Ausspülung; und
gäbe seiner Meinung einen ziemlichen Schein /dass bissweilen Tannen-Knospen in
oder an dem Agsteine klebend gefunden werden / auch dieser zuweilen die Gestalt
der Tannzappen für bilden sollte. Uber diss hätten ihm etliche Scyten glaubwürdig
erzählt /dass weil in Indien der Agstein höher als Gold geschätzt würde / die
Seren aus Tannen- und Zeder-Hartzte solchen künstlich nachzumachen wüsten.
Gestalt denn auch diss von denen Ameisen in ihren Hauffen so zubereitet würde /
dass es den Geruch der Myrrhen bekäme / und vom Weirauche kaum zu unterscheiden
wäre. Ich hielt ihm aber entgegen / dass dem Agsteine eben so oft Eisen / Ertzt
/ Kupffer-Wasser /Steine / und Meer-Schilff / aus welchem es gleichsam gewachsen
zu sein schiene / als etwas tännenes anhienge / ja ins gemein der gegrabene in
eine höltzerne Schaale als in seine Mutter eingehüllet wäre; Deswegen aber wäre
der Agstein so wenig ein Baumgewächse / als eine Art des Ertztes / von welchem
er darinnen / dass er sich nicht schmeltzen liesse / hauptsächlich entfernet
wäre. König Marbod hörte mir ie länger ie begieriger zu; sagte daher / weil
meine Gründe ihn seines Irrtums genugsam überführten /sollte ich ihm doch meine
Meinung / die ich für recht hielte / nicht verschweigen. Ich entschuldigte meine
Einfalt / welche dieses grosse Geheimnis der Natur nicht zu ergründen wüste / so
viel aber hätte mir wohl der Augenschein gewiesen / dass es wie Schwefel /Ertzt /
Berghartzt / Saltz / Steine / ein Erd-Gewächse wäre / welches seiner
unerweichbaren Härte halber aus dem truckenen Rauche fetter Erde zusammen
wachsen / doch seiner Fettigkeit halber / und weil man es zuweilen noch weich
findet / und dessen Staub leicht Feuer fängt / anfangs etwas von wässrichten
Dünsten an sich ziehen müste / welche aber hernach bei seiner Vollkommenheit
gäntzlich austrockneten. Marbod fiel ein: So bliebe der Agstein gleichwol ein
Erd-Hartzt? Ich verneinte es aber und sagte / dass er zwar mit Hartzte und
Schwefel etlicher massen eine Verwandtnüss hätte / aber doch von beiden / so wohl
als von Saltz und Ertzte unterschieden wäre / und daher weder vom Feuer wie
Wachs und Ertzt / noch wie Schwefel und Hartzt vom Oele zerlassen werden könnte /
sondern an Härte und Dichtigkeit beide weit überträffe. Sein eigentliches Wesen
aber brächte sein gemeiner Nahme mit / nemilch / dass der Agstein ein Stein /
aber nicht unter Marmel / Alabaster / und Porphier / sondern unter die edelsten
der Welt zu rechnen sei; dahero auch die sparsame Natur den Agstein so wenig /
als andere Edelgesteine zu Klippen / und Bergen auswachsen liesse / diese
künstliche Mahlerin auch den gelben dem Hyacinte / den weissen den Perlen / den
feurigen dem Chrysolit / den blauen dem Saphier / andern dem Topass / gleich
gemacht /und daher in die Arten des Agsteines alle Farben gleichsam eingeteilet
/ wie in die Opalen vereinbaret hätte / so dass aus Agsteine die schwärtzeste
Tinte /der schönste Glantz-Firns gemacht / und damit die Zobel gefärbet würden.
Marbod fieng hierauff an: Es wäre unlaugbar / dass der Agstein an Schönheit und
Härte wenigen Edelgesteinen was nachgäbe; diss aber schiene ihm doch bedencklich
zu sein / dass die vom Agstein abgedrechselten Späne so leicht als Weirauch auff
glüenden Kohlen schmeltzte und Feuer fienge. Als ich ihm aber einhielt / dass der
im Flusse Ganges und in Britannien gefundene schwartze Stein /so gar vom Wasser
nur vom Oel / unausleschliches Feuer fienge; dass auch gewisse Ertzt-Steine / und
die Steinkohlen brennten / ward er gäntzlich meiner Meinung / rühmte auch / dass
er durch eine Magnetische Krafft viel kräfftiger als Schwefel / Mastix / und
Siegelwachs / Spreue / Gesäme / Ertzt-Griess / und alle andere kleine / besonders
dichte und nicht nasse Sachen / bei trockenem und wässrichtem Wetter an sich züge
/ dass sein Würtz-Geruch an Annehmligkeit dem Kampffer / an Stärcke den Myrrhen
überlegen wäre /und dem Mastix am gleichsten käme. Dass ie mehr er rüche / ie
schärffer er auch schmeckte / und bei seinem Saltze doch eine stumpffe Süssigkeit
behielte. Ich bestätigte diss / und setzte bei: dass der edle Agstein fürnehmlich
seiner heilsamen Artznei-Krafft halber /allen Edelgesteinen den Preis abrennte /
als welcher die Geburt / Monats-Blume beförderte / Gift und Pest widerstünde /
den Stein zermalmete / die Augen und den Magen stärckte / die Flüsse zertriebe /
die Rose heilte / der Fäulnüss widerstünde / und daher ein allgemeines
Genesungs-Mittel / und sein Oel Europens Balsam genennet zu werden / verdiente.
Marbod fragte ferner: Ob denn das Land der Estier alleine das glückselige
Vaterland des Agsteines wäre? welchem ich zur Nachricht beibrachte / dass zwar in
Deutschland hin und wieder dessen gegraben / und sonderlich an der Heruler und
Lemovier Gestade angespület /endlich in Morgenländern eine gewisse Art gefunden
würde / welcher an Farbe und Geruch dem Estischen am nechsten käme; Aber des
ersten wäre wenig / der letztere aber wäre weder so wolrüchend noch so harte /
sondern zerflüsse vom Feuer / liesse sich nicht drechseln / wäre also mehr ein
Hartzt / als ein Stein. Der König schöpffte hieraus ie länger ie mehr
Vergnügung; weil er alleine Herr und Besitzer des Agsteins war / und die ganze
Welt ihn von ihm nunmehr betteln musste. Unterweges ward seine Freude zweifach
vergrössert durch die Nachricht: dass beide Gotanische Läger an den beiden
Zwiseln der Weichseln nach vernommenem Tode Hertzog Gottwalds sich er geben
hätten. Daher er denn / weil noch nicht alles zu seinem und Marmelinens Beilager
in Godanium fertig war / die Gefangenen selbst in Pflicht zu nehmen /und diese
zwei vorteilhafte Pässe zu versichern /dahin reisete. Unterdessen sparte
Marmeline um so wohl Marbods Hoheit nach Würden zu verehren / als ihre Ehrsucht
zu vergnügen / weder Fleiss noch Kosten / und machte Anstalt zu Wasser den Einzug
in Godanium zu halten. Hierzu liess sie in den Hafen alle frembde und
einheimische Schiffe versamlen / die Masten mit Blumen bekräntzen / mit
köstlichen Tapezereien behängen; für den König aber / welcher zwei Meilweges vom
Munde der Weichsel ins Meer mit Marmelinen zu Schiffe ging / eines über und
über vergolden / und an dessen Spiegel Europen mahlen /wie sie von dem beblümten
Ochsen durch das schäumende Meer entführet ward. Der Steurmann bildete den
Nereus für / und die Schiff-Leute waren alle wie Meer-Götter ausgeputzt. Als er
ein wenig auf die Höhe kam / begegnete ihm Marmeline in Gestalt der Venus / auf
einem nach Art einer Perlen-Muschel bereiteten Schiffe / um welche die drei
Holdinnen und zwei Liebes-Götter eitel seidene Rosen streueten /und andere
Liebeskosungen erwiesen; und sie folgends dem Marbod in sein Schiff liefferten.
Auf denen unzählbaren Nachen schwärmten die edelsten Jungfrauen der Gotonen und
Estier wie Wasser-Nymphen mit den annehmlichsten Seiten-Spielen herum / also
/dass diese Schiffart der / welche Cleopatra auf dem Flusse Cydnus zum Anton
tat / nichts nachgab. Kurtz darauf liess sich auf seinem von zwei Wasser-Pferden
gezogenen Wagen Neptun mit dem ihn anblasenden Triton / und um ihn schwimmenden
Nereiden sehen; welcher den auf dem Vorderteile seines güldenen Schiffes
stehenden Marbod den Dreizancks-Stab zureichte. Beim Einflusse der Weichsel
stand auf ieder Seite eine sehr hohe Säule; und auf der Ostlichen das Bild König
Marbods in Gestalt des mit der Keule und Löwen-Haut ausgerüsteten Hercules;
Welchem die zur rechten Seite auf einem Segel-fertigen Schiffe stehende Ehre mit
ausgestrecktem Arme die Ost-See zeigte / zur lincken aber die Liebe in Arm fiel
/ und den Hercules zurücke hielt.
    Unter der Ehre war zu lesen:
Die Tugend hat kein Ziel. Drum immer weiter fort.
Unter der Liebe aber:
Hier heisst die Liebe stehn. Sie ist der Arbeit Port.
Auf der Westlichen Säule stand ein mit Agstein überlegtes Bild / welches auf
einer Seite die Semiramis /welcher Haare auf der rechten Hand aufgeflochten /auf
der lincken zerstreuet hiengen / fürbildete. Ihr Aufzug war männlich und
kriegrisch / auf ihrem Spiesse sass eine wilde Taube / ihr Schild aber lag zu
ihren Füssen / damit sie den Ninus umarmen konnte. Darunter war zu lesen:
An mir ist alles Mann / nur nicht Schoos / Brust und Leib;
Doch werd ich weibischer durch Lieben / als ein Weib.
Auf der andern Seite stellte eben diss Bild die den König Marbod umarmende
Marmeline / in Gestalt einer Amazone / und darunter diese Worte für:
Entmann't die Lieb' in Sud gleich Helden / ist in Norden
Die Liebe doch durch mich zum Mann' und Helden worden.
Um die erste Säule des Hercules waren folgende Reimen desto besser bei
angehender Finsternis zu lesen / weil alle Buchstaben durch die hole Säule
geschnitten / inwendig aber brennende Fackeln angezündet waren / diese Schrifft
zu erleuchten:
Lasst wo das enge Meer bei Gadir einen Zaun
Mohr und Iberern macht / Alciden Seulen stecken /
Dort lässet Hanno sich nicht Wind und Wellen schrecken /
Der anfängt / wo sich hin nicht Hercules will traun /
Und Länder sucht / wo wir die Sonn' ertrincken schaun;
Hier lässt sich mit mehr Ruhm des Marbods Lauff umpflöcken /
Nicht weil wo Eis und Nacht den Welt-Kreis uns verdecken /
Weil für den Bären scheint der Sonne selbst zu graun.
Weils Meeres Nabel ist in unser Nachbarschaft.
Des Himmels Angelstern / der Wirbel der Gestirne /
Das Ende der Natur / weil Hertze / weil Gehirne
Kein Schiff hat weiter fort zu dringen Mut und Krafft.
Weils Eis hemmt Fisch und Flut / hier Tag und Stern verschwindet /
Nein! weil ihn Marmelin' und ihre Liebe bindet.
    An der Semiramis Säule aber stand auf gleichmässige Art folgende feurige
Schrifft:
Man schreib in Adler Holtz / in Ertzt / und in Porphier /
Wo in dem heissen Sud die schwartzen Mohren braten
Und wo der Araber hegt Myrrh- und Weirauch-Saaten
Wo Aloe sich zeugt / und Balsam rinnt herfür.
Wo's Erdreich Zimmet trägt / und Bezoar ein Tier /
Wo Diamant / Rubin und Perlen wohl geraten.
Semiramcus Geluck und ihre Helden-Toten
Sie mach' aus Gold ihr Bild und setze Säulen ihr:
Weil Marmelinens Geist Semiramen nicht weichet /
So hat auch jener Bild hier einen Stand erreichet /
Dem keiner ist in Sud und Osten vorzuziehn.
Denn Nordens rotes Meer / der Belt hat und gebiehret
Mit Agstein alles diss was Ind und Ganges führet /
Gold / Myrrhen / Aloe / Perl / Amber und Rubin.
    Nach dem Marbod und Marmeline unter grossem Frolocken des die Ufer füllenden
Volckes durch diese zwei Säulen gefahren waren / schwamm der Geist des
Weichsel-Stromes auf einem versilberten Schiffe entgegen. Zwischen jedem Arme
und den Beinen hatte er einen Wasser-Krug / weil dieser Fluss mit dreien
Ausgüssen ins Meer fällt. Auf der rechten Seite stand Sarmatien / auf der linken
Deutschland / und lehnte sich jede mit einem Arme auf die Achseln dieses ihres
Gräntzmannes. Um sein Schiff schwamm eine unsägliche Menge abgerichteter
Schwanen / ein mit Najaden angefüllter Nachen / welche dem folgende Reime
singenden Weichsel-Geiste mit allerhand Säiten-Spielen einstimmten:
Grossmåcht'ger Held / und Schutz-Herr meiner Brunnen /
Und meines Vaters Carpatus /
Ans dessen Fels- und Adern kommt geronnen
Mein fruchtbar und Schiffreicher Fluss /
Vergnüge dich an meiner Flutt /
Weil sie in mir / was in den Tieren ist das Blut.
Ist dieser Zinss denn gleich ein schlecht Geschencke /
Dem Iser / Katzbach / und der Kweiss /
Der Riesenberg / Sudetens reich Gesäncke /
So Perl als Gold zu zinsen weiss.
Dem Agstein auswirfft Nordens Meer /
So rührt mein Opffer doch von treuen Hertzen her.
Mein süsser Strom tränckt deiner Ost-See Fische /
Und ihre Wunder nicht allein /
Er trägt der Nord- und Westen-Welt zu Tische /
Die sonst oft hungrig würde sein.
Denn Isis hat um meinen Strand /
Wie um den Nil / gemacht den Ackerbau bekand.
Kein Fluss / als ich / und mein Gemahl der Pregel /
Hat so viel Vorrat bei der Hand /
Mein Weitz- und Korn belastet tausend Segel /
Das stets nach Westen wird gesand.
Dass man den Marbod dem Osir
Und Marmelinen muss der Isis ziehen für.
Der Himmel hat nicht auszusinnen wissen
Ein glücklicher Vermählungs-Band /
Denn Marbod herrscht / wo ich fang' an zu flüssen /
Und Sie / wo sich verliehrt mein Strand /
Damit mein Haupt und Silber-Fluss
Nur denen / die ein Hertz / nicht zweien dienen muss.
Es hüpfft und springt des Carpatus Gefielde /
Und unser' Ost-See sammlet ein /
Den schönen Agstein euch zu einem Bilde
Der wegsticht jeden Edelstein!
Ach konnte doch sich meine Flutt /
Zu Diensten euch verkehrn in Perl und Schnecken- Blut.
Was aber kann euch unser Armut geben /
Ihr reichen Götter dieser Welt?
Der Himmel geb euch Sieg / Vergnügung / Leben /
So lang es selber euch gefällt.
Und euer Stamm vergehe nicht /
Biss dass der Ost-See Saltz / und Wasser mir gebricht.
    Unter dieser Begleitung lendeten Marbod / und Marmeline zu Godanium an /
allwo der Gotanische und Estische Adel auf einer der Marckmänner / und
Hermundurer Kriegs-Heer auf der andern Seite in Bereitschaft stand. So bald sie
ans Ufer traten / wiese man sie unter dem Getöne der Kriegs-Waffen und
Krummhörner / wie auch des zuruffenden Volckes einen künstlich gedrechselten und
mit Agstein überlegten Sieges-Wagen zu besteigen. Auf diesem fuhren beide
zwischen fünfhundert Blumen ausstreuenden Jungfrauen / einer wohl hundert
Ellenbogen hohen Ehren-Pforte zu / welche auf jeder Seite sechs Absätze hatte /
und darauf die zwölf berühmtesten Helden-Taten des Hercules / aber statt dessen
allentalben den Marbod fürstellten. Auf dem ersten Absatze zerriess er die zwei
von der Juno wider den Hercules geschickte Schlangen; darunter stand: Julia und
die Wollust. Auf der andern erwürgte er den dreiköpfichten Cacus; darunter war
zu lesen: Britton / welcher dreier grosser Völcker Fürst gewest / und vom Marbod
untergedrückt war. Auf dem dritten verjagte er den Stymphalus / und seine
gefrässigen Vögel; darunter stand: Jubil. Auf dem vierdten tödtete er den
funfzig-köpfichten Lerneischen Drachen; die Unterschrifft hiess: die Hermundurer.
Auf dem fünften brach Hercules dem in einen Ochsen verwandelten Achelous das
Horn ab / welches dieser mit Amalteens fruchtreichem Horne auslösete; darunter
stand: Critasir. Auf dem sechsten fegte er des Augia Stall aus; darunter war zu
lesen: die Bojen. Auf dem siebenden entsätzt er Diomeden seiner Pferde; darunter
war geschrieben: die Semnoner. Auf dem achten erschlug er den Albion und
Bargion; diese waren bezeichnet: Häupter der Lygier. Auf dem neundten tödtete er
den Busir und zerstörte seine von Menschen Blute trieffenden Altäre; darunter
lass man: die Naharvaler. Auf dem zehnden erschlug er das wilde Schwein des
Erymantischen Gebürges / worunter zu lesen war: Carrodun / weil Marbod derer
daselbst dreihundert erlegt hatte. Auf dem eilfften Absatze brachte er den Sohn
der Erde und Riesen Anteus umb; darunter stand der Nahme: Gottwald; weil man ihm
vielleicht nicht den Gotonischen Hertzog Arnold zugestehen wollte. Auf dem
zwölfften eroberte er nach erlegtem Drachen in Hesperischen Gärten die güldenen
Aepffel. Hierunter war geschrieben: Agstein. Auf der obern mitlern Spitze ward
Hercules von der Sonne mit einem Trinck-Geschirre in Gestalt eines Schiffes
beschenckt / als auf welchem er durchs Meer gefahren sein soll; darunter stand:
die Ost-See. In der Mitte dieser Ehren-Pforte aber stand Marbod in Gestalt des
Hercules / und lösete der wie eine Amazone ausgeputzten Marmeline den Gürtel
auf; darunter war zu lesen: Verträuliche Kriege. In dieser Ehren-Pforte waren
allerhand Trompeten und Krumhörner versteckt / welche sich tapffer hören liessen.
Als auch Marbod durchfuhr / bückte sich der mitlere Hercules herab /reichte dem
Könige seine Oelbäumene Keule / und legte ihm die Löwen-Haut über die Schultern.
Hierauf kamen sie auf den grösten Platz der Stadt Godanium /und fanden daselbst
eine eben so hohe Ehren-Pforte. Auf derselben höchster Spitze stand Marmeline in
Gestalt Hesionens / welche Hercules aus dem Rachen eines Wallfisches errettete.
Auf der rechten Seite stand Marmeline wie Andromeda an einen Steinfelss
angebunden / wie sie vom Perseus aus den Klauen des sie zu fressen eilenden
Meer-Wunders erlöset / und mit selbtem vermählet ward. Auf der lincken Seite
stellte Marmeline die von ihrem Bruder Ptolomeus verfolgte / vom Julius Cäsar
aber in ihr Reich eingesätzte Cleopatra für. Weiter herunter stand auf der
rechten Seite Marmeline in Gestalt der Scytischen Königin Talestris / wie
selbte den grossen Alexander umarmte / und gegen über in Gestalt der Pontischen
Königin Hypsicratea mit abgeschornen Haaren / wie sie zum flüchtigen Mitridates
auf sein Pferd sass. Zu unterste war auf einer Seite die Vermählung Hebens
/welche aus der Trinck-Schale / darinnen sie den Göttern das Nectar zureichte /
selbtes ins Meer goss / welches sich in eitel Agstein verwandelte. Auf der andern
Seite stand ein loderndes Altar der Liebe / worbei Marmeline ihr Hertze /
Berenice aber ihre abgeschnittene und auf den Fall glücklicher Zurückkunft des
Ptolomeus Evergetes aus Asien verlobte Haare verbrennte. Alle diese Bilder /
sagte Döhnhoff / hatten ihre besondere Uberschrifften; mir ist aber nur noch die
zum letztern im Gedächt nüsse blieben:
So viel ein lebend Hertz geht todten Haaren für /
So viel gebührt auch Preis für Berenicen mir.
Hat nun ihr Haar als Stern' im Himmel Platz gewonnen
Muss Marmelinens Hertz sich gar verkehrn in Sonnen.
    In der Mitte aber sassen Marmeline und Marbod /wie Omphale und Hercules
spinnende neben einander. Jene aber spaan eitel güldene Fädeme / dieser eisernen
Drat. Hierunter waren folgende Reimen mit feurigen Buchstaben zu lesen:
Was Hercules für Ruhm durch tausend Müh gewaan /
Verspielt bei Omphalen er durch verzärtelt Küssen;
Wenn der / der's grosse Meer mit Bergen kann verschlüssen /
Der's Himmels Bogen stützt / in Abgrund weiss die Bahn /
Den Hund dem Pluto raubt / der Geister schrecken kann
Durch den Löw / Drache / Ries und Schwein den Geist einbissen /
Ja der schon als ein Kind zwei Schlangen hat zerrissen
Als Magd am Rocken leckt' / als Weib am Rade spaan.
Alleine Marbod dreht allhier mit Marmelinen
Viel herrlicher Gespinst'. Ihr Flachs ist güldner Drat /
Den Tugend und Gelück ihr angeleget hat /
Stein Stahl-Garn aber kann zu Tartsch und Pantzern dienen;
Was nun Alciden schimpfft / verewiget sie zwei /
So wisst nun / dass er Mars / sie aber Cloto sei.
    In dieser Ehren-Pforte waren die allerlieblichsten Seitenspiele versteckt.
Als nun Marbod und Marmeline für die Pforte kamen / nam Berenice ihren von
schimmernden Rubinen und Diamanten leuchtenden Sternen-Krantz vom Haupte / und
sätzte solchen Marmelinen auf. Das gröste Teil der Nacht / und der folgende Tag
/ an welchem die Vermählung mit grossem Gepränge nach der Gotonen und Estier
Art durch Einsegnung der Barden geschah / ward mit köstlichen Gastereien
vollbracht / worbei das Meer / die Flüsse / die Wildnüsse / und die Lufft
gleichsam mit einander stritten / wer die niedlichsten Speisen herzugeben im
Vermögen habe. Sintemal gegen das Reichtum dieser Länder / so wohl an seltzamen
Meer-Fluss- und Gebirge-Fischen / als seltzamen Wilpret / die übrige Welt
gleichsam für arm zu halten ist; Also dass weder Colchis / noch Chio / sich ihnen
vergleichen darf. Folgende acht Tage wurden teils mit Fischereien im Meere / in
der Weichsel / und andern Strömen / teils mit Jagten zugebracht / in welchen
dreihundert Bären / tausend Hirsche / so viel wilde Schweine / fünfhundert
Elends-Tiere / so viel Püffel-Ochsen / dreihundert Luchse / ohne unzählbare
Füchse / Wölffe / Rehe / Hasen / Reiger / geschlagen und gebejetzt wurden /also
die Römer mit den Jagten ihrer grossen Schauspiele hier nur würden ausgelacht
worden sein. Diese und andere Belustigungen wurden endlich mit einem von den
Barden erfundenen Schauspiele beschlossen. Der Schau-Platz stellte ein überaus
lustiges mit Bergen umkräntztes / mit Flüssen durchwässertes Land /und darunter
einstürmendes Meer für / in dessen Ferne sich die Augen / der Einbildung nach /
auf etliche Meilen vertiefften. Aus denen sich öffnenden Wolcken tat sich das
geflügelte Geschrei herfür /und sang folgenden Reimen:
Kein grösser Glück ist Deutschland nicht erschienen
Seit Alemann vergrössert ward /
Als dass der Schluss des Himmels Marmelinen
Dem grossen Marbod zugepart.
Denn Ehr und Tugend wird vermählet durch sie zwei
Und Deutschland Braut / weil sich ihm legt das Glücke bei.
    Hierauf liess sich auf einer blauen und geflügelten Kugel das Verhängnis
zwischen Donner und Blitz aus dem mit denen Nordlichen Gestirnen besämten Himmel
herab. Diss war mit einem blauen Rocke voller Sternen bekleidet / auf dem Haupte
hatte es zu seiner Krone einen Krantz von sieben sich stets bewegenden Sternen /
in der rechten Hand einen stählernen Königs-Stab / in der lincken einen güldenen
Rincken. Aus der berstenden Erde sprangen zwischen Feuer und Flammen Brontes
Steropes und Pyragmon herfür / welche ein eisernes Altar zusammen schmiedeten.
Auf der rechten Seite kam ein von vier Perlen-farbenen Pferden gezogener
Sieges-Wagen / und führte die auf einem Palm-Baume sitzende / mit einem
Oel-Krantze gekrönte und mit einem gestickten Rock gekleidete Tugend auf den
Schau-Platz. In der rechten Hand hatte sie einen Palmzweig / in der lincken eine
stachlichte Kastanien-Nuss. Gegen über erschien auf einem von sechs
kohlschwartzen Pferden gezogenen Sieges-Wagen das wie eine Königin in Purper und
Gold gekleidete / oben aber geharnschte Deutschland. Auf seinem güldenen Helme
streckte sich ein zweiköpfichter Adler herfür. Die rechte Hand hielt einen
gläntzenden Spiess / die lincke ein Grabescheid. Beide bückten sich gegen dem
Verhängnisse / stiegen beim Altare vom Wagen / zündeten daselbst ein Feuer von
Agstein an / und sangen kniende zusammen:
Verhängnis grosse Gotteit aller Götter /
Beherrscherin des Himmels und der Welt.
Wend' einmal ab von uns die Unglücks-Wetter /
Weil dir doch Krieg und Laster nicht gefällt.
Die uns nun hundert Jahr geädert haben aus /
Schlag diese Natterzucht der Höllen-Brutt in graus.
Ist gleich dein Schluss in Diamant geetzet /
Kan Jupiter selbst nicht verkehrn dein Los /
Ist die Natur dir untern Fuss gesetzet /
So bist du doch nichts minder gut als gross.
Unschuld und Demut wird ja deinen Zorn entfernen /
Ob ein weiss Lamm gleich nicht entkräfftet deine Sternen.
Die Tugend ist der Kern ja alles guten /
Warum ist ihr denn Erd und Himmel feind?
Warum muss Deutschland immer leid- und bluten /
Da es kein Volck so gut und redlich meint?
So lass uns Göttin doch nicht stets elende sein /
Nach Schnee folgt ja Geblüm' / auf Regen Sonnenschein.
    Bei dem letzten Reime senckte das Verhängnis seinen Stab / und fieng an zu
singen:
Wie recht tut ihr / und glaubt dass meine Schlüsse
Nicht unrecht / blind / ich unerbittlich sei.
Wisst aber / dass oft Saltz und Welle müsse
Euch und Korall was gutes legen bei.
Was in den Rosen fault / bleibt in den Nesseln gut /
Die Ruh macht Sicherheit / und Wollust Ubermut.
Jedoch gehn euch aus Nordens Finsternüssen
Nun zwei Gelücks- und Eintrachts-Sternen auf /
Wenn zwei so grosse Häupter Ehen schlüssen /
Verändert selbst der Himmel seinen Lauf.
Komm / Ehre komm / und nimm die Tugend dir zur Braut /
Komm / Glücke / denn durch sie wird Deutschland dir vertraut.
    Bei diesen letzten Worten hob das Verhängnis nicht so geschwinde den Stab
empor / als die mit Adlers Flügeln versehene Ehre / auf der einen: das mit
Pfauen-Federn geflügelte Glücke aber aus der andern Ecke des Himmels geflogen
kam. Die Ehre hatte einen ganz güldenen Rock an / auf dem Haupte einen fast
unsichtbaren Krantz von zwei kleinen Oel-Zweigen / vielleicht weil die
herrlichste Ehre in Gedancken der Menschen besteht / in der rechten Hand einen
Lorber-Zweig / in der lincken einen güldenen Apffel. Das Glücke war über den
ganzen Leib mit Edelgesteinen und Perlen behängt / auf dem Haupte hatte es
einen Krantz von flüchtigen Tulipanen / in der Hand ein Ruder / unter dem
lincken Arme ein Horn des Uberflusses. Das Verhängnis wiederholte singende die
zwei Reime:
Komm Ehre / komm und nimm die Tugend dir zur Braut /
Komm Glücke / denn durch sie wird Deutschland dir vertraut.
    Zwischen diesem singen nahm es allen vieren die Hände / verknüpffte die
Tugend und Ehre / Deutschland und das Glücke mit einander. Deutschland und die
Tugend warffen hierauf etliche handvoll Weirauch und Agstein ins Feuer / und
sangen:
Der ganze Nord / Meer / Himmel / Erde / springen /
Dass Marbod Marmelinen ist vermählt;
Weil sie der Welt hierdurch zu wege bringen /
Dass Ehre und Gelück uns hat zur Braut erwehlt.
Drum blüh ihr Ruhm und Haus / biss dass dem Himmel Licht /
Dem Erden-Kreisse Frucht / dem Meere Saltz gebricht.
    Inzwischen fanden sich auf den Schau-Platz zur Bedienung der Tugend ihre
Gefärten Eintracht /Klugheit / Heil; zur Bedienung der Ehre Ruhm /Liebe /
Ergetzligkeit; zur Bedienung Deutschlandes Tapfferkeit / Redligkeit / und
Beständigkeit; und des Glückes Freundschaft / Freude / Fruchtbarkeit. Nach
geendigtem Gesange wurden die Ohren aller Zuschauer mit dem Schalle der
lieblichsten Säitenspiele erfüllet; nach welchem die Tugend / Ehre / Deutschland
/und das Glücke auf der Erde; Neptun und Tetis / Nereus und Amphitrite mit
zwölff Nereiden auf dem Meere / sechzehn Nordliche Himmels-Zeichen / nämlich der
kleine und grosse Bär / mit ihrem Bären-Hüter Arcas / der die güldenen Aepffel
bewachende Drache / der grausame Mobren-König Cepheus mit Cassiopen und der
gekrönten Ariadne / nebst ihrem Erlöser Perseus und seinem geflügelten Pferde
Pegasus / Hercules mit der umgekehrten Keule / der in Schwan verwandelte Jupiter
mit seinem Schencken Ganymedes / Esculapius in Gestalt einer Schlange /der
Wagen-Erfinder Erichton / Prometeus mit dem an ihm nagenden Adler einen sehr
künstlichen Tantz hegten. Orpheus und der schlangichte Phorbas spielten auf
ihren gestirnten Leiern / damit jener alle Tiere zu sich gelockt / dieser die
Schlangen bezaubert hatte / wie auch der auf dem gestirnten Meer-Schweine
sitzende Arion auf seiner Laute / und ein Egyptier auf dem gestirnten Drei-Ecke.
Wie nun die zwar auf der Erde / und im Meere tantzenden durch ihre zierliche
Abwechselungen die Hefftigkeit ihrer Liebe und Freude neben ihren Eigenschaften
wohl auszudrücken wussten / also überstieg alle Kunst und Geschickligkeit der
Himmels-Zeichen Gebehrdung. Denn der stets in der Mitte der Reiens sich
befindende kleine Bär wusste so artlich anzudeuten / wie er Jupitern auf Creta
gesäuget / und deswegen den ersten Stand unter den Gestirnen verdient hätte. Der
grosse Bär stellte Jupiters Buhlschaft mit der Callisto / ihre Beschämung im
Bade Dianens / der eiversichtigen und sie in einen Bär verwandelnden Juno Grimm
/ und der Callisto Versetzung in Himmel / nicht ungeschickter für. Ihr Sohn
Arcas gab sein Schrecken / dass er seine Mutter bei einem Haar erschossen hätte /
eben so wohl zu verstehen / als er bei seiner Wache kein Auge von ihr abwendete
/ gleich als die Weiber auch im Himmel nicht ohne Wächter keusch bleiben könten.
Mit diesem strit der Drache in Wachsamkeit gleichsam um die Wette / und hatte er
sonderlich auf den Hercules stets ein Auge / aber auch für ihm so viel Furcht im
Hertzen / sonderlich weil dieser alle seine Kämpffe / und endlich auch die von
dem blutigen Hembde des Nessus ihm verursachte Raserei fürstellte. Cephus aber
wiess seine Eyversucht wider Cassiopen / seine Grausamkeit wider seine weisse
Tochter Andromeda; jene ihr Hertzeleid / diese ihre Furcht / für dem sie zu
fressen eilenden Meer-Wunder / Pegasus sein Schäumen / Perseus seine Begierde
sie zu retten / und alle ihre Freude über dem erlegten Ungeheuer. Der Schwan
wusste sich so erschreckt zu stellen / als wenn der ihn verfolgende Adler selbten
schon in Klauen hätte / und sich zu schmiegen / als wenn er in Ledens Schoos
verborgen läge / welche er hernach mit seiner arglistigen Geilheit berückte /
und aus einem weissen Schwane sich in was ärgers / als einen schwartzen Raben
verwandelte. Die Schlange wand sich und zitterte / als wenn in ihr Esculapius
noch einmal vom Donner erschlagen werden sollte. Prometeus drückte mit Gebehrden
nicht weniger seine Schmertzen wegen des an ihm nagenden Adlers / als seine
Freude aus: dass Hercules ihn mit einem Pfeil erlegte. Ganymedes aber wiess sich
überaus geschäfftig und freudig / als wenn er Jupitern bediente / oder von ihm
geliebkoset würde. Nach geendigtem Tantze verschwand in einem Augenblicke alles
auf dem Schau-Platze / ausser der Ehre und Deutschlande. Jene schwebte in der
Lufft / und fieng an zu singen:
Ihr Schwestern der Natur / durch derer Pinsel-Feder
Verewigt wird die Sterbligkeit /
Die ihr die Zeiten hemmt / und der Gestirne Räder /
Auch abhelfft der Vergessenheit /
Vergesset ihr / was Marmeline
Und Marbod für ein Maal verdiene?
    Bei wehrendem Singen fanden sich die Malerei /die Bildhauer- und
Tichter-Kunst auf den Schau-Platz. Die Malerei hatte einen bundten Rock / einen
Krantz von Lorbern auf / in der Hand ein Gebund Pinsel. Die Bildhauer-Kunst
einen weissen Rock /einen Krantz von eisernen Zancken / in der Hand einen
Meissel und Zirkel. Die Tichter-Kunst einen blauen Rock / einen Krantz von Epheu
/ und unter dem Arme eine Leier. Alle drei bezeugten sich rüstig der Ehre zu
gehorsamen / und sahen sich allentalben begierig nach dienlichem Zeuge um / und
fiengen / so bald die Ehre schwieg / singende an:
Ist Deutschland so sehr arm uns Werckzeug vorzustrecken?
Wächst kein Lasur und Helffenbein?
Man weiss dass Gold in Berg' und Perl'n in Flüssen stecken /
Ja ihm gebricht kein Edelstein.
Lasst uns in Mahlwerck / Säul- und Schrifften
Nun ihnen ein Gedächtnis stifften.
    Deutschland lächelte / wendete sich gegen den sich in Gebürge vertieffenden
Schau-Platz / und sang:
Ihr Geister die ihr wohnt in Bergen und in Flüssen /
Und ihr Geäder schwanger macht /
Müsst nunmehr rede sein / und eure Schätz' aufschlüssen /
Auf eure Schutzherrn sein bedacht.
Den Vorrat bringen her / denn euer Reichtum kann
Nicht besser / als für sie / gewehret werden an.
    Alsobald sah man aus den Gebürgen sich vier Waldmänner herfür tun / welche
bei ihrer Näherung so vielgrosse Riesen vorstellten. Ihre Kleider waren aus
eitel Fichten-Laube zusammen geflochten / auf dem Haupte hatten sie auch solche
Kräntze / welche aber von Diamanten / Granaten und andern Edelgesteinen
reichlich prangten. Jeder trug auf der Achsel eine ungeheure und noch rohe Seule
von Marmel. Die eine war rot und weiss / und stand darauf: Aus dem Carpatus;
die andere war schwartz / und daran zu lesen: Aus dem Hercynischen Gebürge; die
dritte war schneeweiss / und stand darauf aus dem Sudetischen; die vierdte war
blau-ascherfarbicht mit der Beischrift: Aus dem Zopten-Berge. Ihnen folgte eine
ziemliche Anzahl kleiner Berg Geister. Nach ihnen stiegen aus den fernen Flüssen
nicht viel kleinere Wasser-Geister. Der gröste bildete eine Frau ab / welche auf
dem Haupte sechs Hörner / vielleicht wegen so vieler Ausflüsse ins Meer / um
dieselben einen Krantz von Rohr und Edelgesteinen / unter dem Arme einen grossen
Wasserkrug hatte / daran stand: die Donau. Der andere Geist war nicht viel
kleiner / und eben so gebildet / nur dass er auf dem Haupte nur ein Horn / und an
seinem Wasser-Kruge den Nahmen: Elbe führte. Der dritte grosse Geist hatte drei
Hörner / und auf seinem Wasser-Kruge stand: die Weichsel. Der vierdte Geist war
diesem an Hörnern / und anderem Aufzuge so gleich / als wenn sie Geschwister
wären; sein Krug aber führte den Nahmen den Oder. Nach diesem kam eine grosse
Menge kleiner mit Schilff gekrönten Wasser-Geister / darunter die Iser und der
Kweiss mit perlernen Hals-Armbändern und Ohrgehencken / der Bober und die
Katzbach mit vielem Golde / und eine kleine in die Ohlau fallende Bach der
Marsinger mit unzählichen Diamanten behengt waren. Nach diesen Wasser-Geistern
fanden sich auch gewisse Feld-Geister / welche nicht nur um das Haupt Binden von
schneeweisser Leinwand / derogleichen auch die Könige tragen / sondern auch
Ballen Leinwand unter den Armen trugen / weil durch Flachs und Leinwand die Erde
fürgebildet wird. Diese letztere spannten nicht so geschwinde ihre Leinwand auf
eine Räme auf / als etliche kleine Berg-Geister /Zinober / Lasur-Stein /
Berggelbe / und andere Farbe / der Oder-Geist auch sein berühmtes Röte-Kraut zu
der Malerei Füssen legte / diese aber mit einer zauberischen Geschwindigkeit
des grossen Alexanders /und Roxanens Hochzeit / die Gesichter aber nach dem
Könige Marbod und Marmelinen mahlte / und nach dem Beispiele des Mahlers Aetion
/ welcher eben diss Gemählde auf die Olympischen Spiele brachte / solche dem
Urtel der Zuschauer fürhielt / und / ob es im Tempel der Ehre und des
Gedächtnüsses aufzuheben wäre / fragte. Die Bildhauer-Kunst aber machte sich
über die von den Riesen abgeladene vier stücke Marmel / aus dem schwartzen und
ascherfarbichten bereitete sie zwei Fuss-Gestüle / aus dem roten Marbods /aus
dem weissen Marmelinens Bilder / und zwar mit einer so vollkommenen Aehnligkeit
/ als unglaublicher Geschwindigkeit. Die Tichter-Kunst sah diesem allem zu /
und sang nach ihrer Harffe / und der Bildhauerin ganz ordentlichen
Hamerschlägen folgende Reimen:
Ihr holden Schwestern tut / was euer Pflicht geziemet /
Wenn ihr den Preis der Tugend zahlt /
Protogenes hat recht / wenn seine Faust sich rühmet /
Dass sie der Ewigkeit nur mahlt.
Minerve selbst will sein vom Phidias geetzt /
Weil beider Kunst den Tod selbst seiner Macht entsetzt.
Die Welt und Nachwelt ehrt in eurem Bild und Schatten
Der Helden-Taten und Verdienst /
Ja euer Pinsel kommt Vergötterten zu statten /
Und Tugend hat von euch Gewienst.
Es reisst nicht Zeit und Neid die Sonnen-Pfeiler ein /
Die nur den Wurdigen von euch gesetzet sein.
Des grossen Marbods Bild der edlen Marmeline /
Wird länger als Lysippens stehn /
Weil niemand leugnen kann / dass er und sie verdiene /
Sie biss zur Sonne zu erhöhn.
Macht Alexanders Bild Apellen so bekand
Wird dieser Fürsten Ruhm auch Adeln eure Hand.
Der Himmel / welcher selbst in Bilder pflegt zu fassen /
Was er der Ewigkeit will weihn /
Hat bei dem Hercules destwegen Platz gelassen /
Dass beide dar versternt solln sein.
Denn Marbod wird so denn den Adler fesseln an /
Und Marmeline sein Astreen zugetan.
Inzwischen werd ich hier für sie die Leier ruhren /
Um zu verewigen sie zwei.
Denn Orpheus kann hiermit aus Tod und Hölle führen
Ich vom Vergessen machen frei.
Ja Schwan und Leier / die nechst dem Alcides stehn /
Sind schon bedacht ihr Lob wie seines zu erhöhn.
    Inzwischen wurden diese zwei Ehren-Bilder von denen Geistern aufgerichtet /
hernach hegten alle Berg-Wasser- und Feld-Geister um sie zierliche Täntze. Die
Ehre gab aber nach etlichen Abwechselungen ihnen ein Zeichen zu ruhen / und
fieng an gegen sie auf nachfolgende Weise zu singen:
Vergesset ihr allhier die Bilder zu bekräntzen?
Sind Kräntze nicht der Ehren höchster Preis?
Es ist nichts würdiges in dieses Welt-Baus Gräntzen /
Was die Natur nicht auszukrönen weiss.
Der Himmel ist zugleich ein Kreis und Krantz der Welt /
Der aber in sich selbst noch sieben Zirkel hält.
Die Milch-Strass und der Kreis / wodurch die Sonne rennet /
Ists Himmels und kohlschwartzer Nächte Krantz /
Wird auch die Sonne nicht des Tages Krantz genennet
Die Finsternis bekräntzt des Monden Glantz.
Ja Sonn' und Mohnde hüllt in Hof und Kreis sich ein /
Wenn sie am schönsten wolln im Stern-Gewölbe sein.
Des Mohnden zweifach Horn / der Sonne Regen-Bogen /
Sind Kronen der zwei Augen dieser Welt.
Auch wird der Erde Dunst durch sie empor gezogen /
Zu kräntzen der gewölckten Lüffte Feld.
Die Morgenröte kräntzt mit Rosen ihr Gesicht /
Und der Cometen Haar ist ein sie kräntzend Licht.
Der Himmel prangt in Nord mit Ariadnens Krantze /
Und setzt ihn auf der Berenizen Haar /
Auch prangt ein Sternen-Krantz beim Scorpionen- Schwantze /
Und überstrahlt des Himmels Stern-Altar.
Ja um den Erden-Ball gehts ungeheure Meer /
Als wie ein weisser Krantz um seine Flutten her.
Wie soll die Erde nun nicht auch mit Kräntzen pralen /
Die man mit Fug der Krantze Mutter nennt /
Sie pflantzt ein einen Krantz Berillen und Opalen /
In Schwefel / Saltz / wird oft ein Krantz erkennt /
Jedwede Rose / Lilg' und Nelcke zeigt an /
Wie herrlich die Natur die Blumen kräntzen kann.
Auf den Granaten ist kein Apffel ungekrönet /
Kein Baum / kein Stengel unbekränzt /
Nichts / was der Ehre Hand zu Kräntzungen entlehnet
Ist / das nicht selbst mit einem Krantze gläntzt.
Der Palmen Blüt und Frucht / des Weinstocks Trauben sind
Die Kräntze / die den Herbst um ihre Schläffe wind't.
Die Hörner auf den Gems- auf Hirschen / Ochsen / Rehen /
Sind ihrer Häupter Kräntzelwerck und Zier /
Man sieht auf Papegoy und Pfauen Kronen stehen /
Die Schnecke reckt so Krantz als Horn herfür.
Der Phönix bild ihm nichts mit seinen Kräntzen ein /
Weil Schlangen / Muschel / Fisch / auch teils gekrönet sein.
Eh als der Mensch die Milch der Mutter noch kann saugen /
Umkräntzt ihn schon in Mutterleib ein Hut /
Die Augenbranen sind ein Krantz der Helden Augen /
Die Brüste sind gekrönt von Wartz' und Glut /
Der Nabel krönt den Bauch / ja was bekräntzt nicht steht /
Hat zur Vollkommenheit die Natur nicht erhöht.
Wie mögt ihr Geister denn / die ihr hieher erschienen /
Zwei hochgekrönte Häupter zu verehrn /
Die Bilder ihres Ruhms mit Kräntzen nicht bedienen?
Durch Trägheit kann man Fürsten leicht versehrn;
Eröffnet euren Schatz / tragt allen Reichtum bei /
Dass ein anståndig Krantz fur sie bei Handen sei.
Weil die Ehre noch sang / schütteten die Gebürge /Wasser- und Erd-Geister
etliche Berge von Edelgesteinen / Perlen und Gold zusammen / und als die Ehre
beschloss / sangen sie mit grosser Ehrerbietigkeit folgendes nach:
Wahr ists: nichts in der Welt ist würdiger zu krönen /
Als die der Reiche Häupter sein /
Es scheint uns die Natur nur Perl und Gold zu lehnen /
Um selbte Königen zu weihn;
Gemeines Blumwerck dient fur and'rer Leute Ruhm;
Nur edle Steine sind der Fursten Eigentum.
Weil nun ihr Schatten auch ist an das Licht zu heben
So muss man krönen beider Bild /
Wenn aber wir gleich mehr hierzu an Golde geben
Als Ptolomeens Krone hielt /
Wenn wir Simandens Kreis gleich setzten auf ihr Bild /
So wäre doch von uns nicht unsre Pflicht erfüllt.
Jedoch was die Natur für Marck und Kern der Dinge
Hat unsern Adern eingesämt /
Das tragen wir hierbei. Ist diss auch zu geringe /
Und wird ihr Ruhm dadurch beschämt.
So wird der Himmel uns was bessers flössen ein /
Das für sie zwei zur Not ein tüchtig Krantz kann sein.
    Unter währendem Singen rafften sich die Feld-Geister mit Perlen und
Edelgesteinen um solche zwischen ihre zusammen gebogenen Lorber- und
Myrten-Zweige zu Bekräntzung der aufgerichteten Bilder einzuflechten. Es tat
sich aber aus dem brausenden Meere ein alle andere an Grösse übertreffender
Geist herfür /welcher wie Neptun mit einem Dreizancks-Stabe gerüstet war / und
auf einer grossen von Wasser-Pferden gezogenen Perlen-Muschel eine schwartze in
eitel Edelgesteine gleichsam eingewickelte Königin führte. Diese hatte einen mit
Diamanten umflochtenen Krantz aus Narden-Blättern / welche von köstlichem
Balsame troffen. Auf ieder Seite lag ein ungeheurer Elephanten Zahn. Auf ihrem
Schilde war von Rubinen der Nahmen Indien zusammen gesetzt. An denen
Chrystallenen Zancken dess Wasser-Geistes war eingeetzt: Das grosse Welt-Meer.
Beide stiegen aus / und bückten sich für denen zwei Bildern. Der Geist des
Meeres schwenckte seinen Dreizancks-Stab / zerstreute damit die von Flüssen
zusammen geschüttete Perlen / und schüttete derer unter folgendem Singen in
nicht weniger Menge aber in viel grösser Vollkommenheit aus:
Wer untersteht sich mir mit Perlen fürzuzücken /
Der ich der Perlen Vater bin?
Geht Flüsse / die ihr wolt hier die zwei Bilder schmücken /
Mit euren Wasser-Perlen hin.
Die Sonne zeuget nur das Licht / die Perlen ich /
Warum erkieset man zum kronen denn nicht mich?
Wie wenn der Tag anbricht / der Sternen Heer verschwindet /
So werden solche Perlen bleich /
Für denen / welche man in Persens Busem findet /
Und um Taprobanens sein Reich.
Da nun kein falscher Schmuck von reinem Hertzen rührt /
So schimpfft man beider Bild / wenn mans so spöttisch ziehrt.
Eben so machte es Indien mit denen versamleten Edelgesteinen / überstreute
hingegen den Schauplatz mit so schönen / dass er mit eitel Feuerflammen
gepflastert zu sein schien / und sang dazu:
Wer will mir greiffen für? bin ich nicht der Rubine /
Der Diamante Vaterland?
Gib Marbod doch nicht zu / verwehr' es Marmeline /
Dass man dir lieffert schlechten Sand /
Und Affter-Edelstein hängt euren Bildern an /
Da euch mein reicher Arm viel edler putzen kann.
Die Ehre und alle Geister wurden über diesem Reichtume gleichsam entzückt /
aber es stieg ein ander Geist aus dem nähern Meere herfür. Er führte eine Gabel
von zwei Zancken aus Agsteine / darauf der Nahme des Ost-Meers geetzt war / ihn
begleiteten zwölf andere Meer-Götter / welche alle grosse Stücke Agstein von
zwantzig und mehr Pfunden nachtrugen. Dieser sang folgendes:
Wahr ist es: Indien gebiert die schönsten Steine /
Die klärsten Perlen zeugt das Meer.
Die Sterne werden selbst entzückt von ihrem Scheine /
Und sehnen sich zu blicken her.
Allein in meiner Schoss wird ein solch Schatz gezeugt
Der Diamant / Rubin und Perlen übersteigt.
Ein Schatz / mit welchem selbst die Sonne scheint zu pralen /
Und der verliebte Venus-Stern /
Wenn er und sie sich kräntzt mit ihren güldnen Strahlen /
Der Perl- und Edelsteine Kern /
In dem des Himmels Gold / der Wässer Silber brennt /
Für dem das Aug' erstarrt / und den man Agstein nennt.
Der Diamanten Blitz / das Feuer der Rubinen /
Der Perlen Wasser und ihr Schnee /
Bleibt allzeit einerlei; dem Agstein aber dienen /
Die Farben all auf Erd' und See.
Der rote gleicht Rubin / der blaue dem Saphier /
Der gelbe geht Gold' / und Hyacinten für.
Wenn Perl und Diamant allein das Auge füllen /
Geneust es gar kein ander Sinn /
Der Agstein aber weiss auch den Geruch zu stillen /
Ja sticht so Myrrh / als Kampffer hin /
Dass iederman ihm muss den grossen Ruhm verleihn /
Er sei so kräfft'ge Würtz' als ein schön Edelstein.
Es mag Gagat die Spreu / Magnet das Eisen ziehen /
Der Agstein hat nicht mindre Krafft /
Für keinem Steine sieht man so viel Seuchen fliehen /
Als diesem / dessen Eigenschaft
Ist Hauptweh / Rose / Gift / Stein / Fäul' und Pest zu heiln /
Die schwere Not zu stilln / und Flüsse zu zerteiln.
So dass die Aertzt ihn recht den Lebens-Balsam nennen /
Und die im Himmel sind bekand /
Aus seinen Würckungen gewisser Zeit erkennen /
Dass er dem Mohnde sei verwand.
Wiewohl das Alter ihn wie Perlen nicht entfärbt /
Er keine Speisen auch wie Diamant verterbt.
Zu dem stellt die Natur in Perl' und Edelsteinen
Sich nur als eine Zwergin dar /
Mit Agstein aber spielt sie nicht so sehr in kleinen
Dass man darmit nur kräntzt sein Haar.
Sie hat besonders den für beider Bild erkiest /
Weil Marmel viel zu schlecht für solche Fürsten ist.
Unter währendem Singen tät sich noch eine mit einer Agsteinenen Krone gezierte
/ und über den ganzen Leib mit Agsteine behangene Fürstin mit zwölff ihr fast
ähnlichen Dirnen herfür. Sie hatte in der Hand eine Agsteinene Gabel / unter dem
Arme einen solchen Krug / und um die Stirne war in Agstein eingegraben:
Glassaria. Sie sah sich allentalben wilde um / insonderheit die Ost-See scheel
an / und sang mit ziemlicher Entrüstung folgende Reime:
Für solche Häupter sind ja freilich zu geringe /
Zu Bildern / Ertzt und Marmelstein /
Was euch das Welt-Meer zeigt / und Indien für Dinge /
Die sind zwar kostlich / doch zu klein /
Der Agstein ist nur wert nach seiner Gröss und Pracht
Dass Phidias aus ihm Gedächtnis-Säulen macht.
Allein / ich fasse nicht / mit was für Fug sich mische
Die Ost-See frembden Gütern ein /
Ich gonn' ihr gern ihr Saltz / Cristall / und ihre Fische /
Der Agstein aber ist mein Stein.
Er ist kein Schaum der Flutt / nicht Nordens güldnes Eis /
Kein Saamen grosser Fisch' / auch nicht des Meeres Schweiss.
Nicht wilder Luchse Harn / kein Brutt von Elephanten /
Von Meleagers Vögeln nicht;
Nicht der Heliaden / die voller Liebe brannten /
Ihr Tränen-Saltz und wässricht Licht.
Er ist der Erde Kind / er wächst in meiner Schoss /
Die Flutt macht ihn allein von seinen Adern los.
Weg also Alabast / Ertzt / Marmel / und Rubine /
Und äschert beide Bilder ein /
Wo Marbod nach Verdienst mit seiner Marmeline
Soll von der Kunst gebildet sein.
Durch Agstein wird ihr Bild viel edler ausgedrückt /
Nichts ist / was sich hierzu für Helden besser schickt.
Der Fürsten Adel hat den Ursprung aus der Sonnen /
Und Agstein schreibt sich auch daher.
Er und die Perlen sind vom Himmel hergeronnen /
Was rühmt sich seiner denn das Meer.
Ich habe's Mutter-Recht. Kein Teil der Welt als ich
Kan für das Vaterland des Agsteins rühmen sich.
Bei dem vierdten Satze zerschmetterte sie auch so wohl Marbods als Marmelinens
Bild / wiess hingegen der Bildhauer Kunst auf die abgelegten Stücke Agstein an;
welche mit ihren Handlangern augenblicks darüber embsig zu arbeiten anfing. Die
Ost-See hingegen grieff mit seinen Meer-Geistern zun Waffen /und ihr fielen die
Flüsse mit ihren Wasser-Nymphen /hingegen der sich zur Gegenwehre rüstenden
Glassaria die Berg-Geister zu; Welche alle mit einer wunderwürdigen Ordnung und
Geschickligkeit in einem kriegrischen Tantze einander bald mit ihren Gabeln und
andern Waffen antasteten / bald mit einander rungen / bald diese / bald jene
verfolgten / und verfolgt wurden. Die Flüsse fiengen an zu schäumen / das Meer
mit toben Wellen zu rasen / als wenn jene alle Ufer zerreissen / dieses alle
Länder ersäuffen wollte. Das trübe Gewölcke stürmete / und die Klippen der
Gebürge rieben sich an einander / gleich als wenn Erde und Wasser einander den
Untergang geschworen hätten. Als dieser Kampff aber am heftigsten / und alles
unter einander vermischt war / klärte sich in einem Augenblicke der Himmel aus /
alle Wolcken verschwunden / die Wasser flossen wie geronnene Chrystallen / und
alle Streitenden verwandelten sich gleichsam in unbewegliche Marmel-Bilder /
weil auf einem Regenbogen sich die Iris mit einer Krone von Agstein / und ihrem
Rosenen Munde sehen liess / und mit einer himmlischen Süssigkeit folgender Weise
sang:
Welch Wahn verleitet euch zu so unnützem Kampffe /
Meints Meer / dass Agstein Tränen sind?
Die Erde: dass er komm aus Hartzt und Schwefel- Dampffe /
Der Agstein ist des Himmels Kind.
Der Vater ist die Sonn / ihr Saame schwängert euch
Wie's Mohnden Horn mit Perln macht Meer und Muscheln reich.
Die Sonnen-Töchter sind die Gold-gestammten Strahlen /
Der Agstein ist der Tränen Tau /
Kein Erd-Safft könnte sonst ihn zeugen / und so mahlen
Sein Sternen-Gold / sein Himmel-Blau.
Ja selbst die Sonne wird ihr Zeugnuss fugen bei /
Dass Agstein etwas mehr als irrdisch Wesen sei.
Mein Deutschland ist allein gewürdigt auf der Erde /
Dass seine Schoss den Saamen fängt /
Und dass fur Indien sein Ruhm gesetzet werde /
Des edlen Agsteins Brutt empfängt.
Kan nun ein edler Talg fur deutsche Fürsten sein /
Als Agstein / dass man gräbt ihr Ebenbild darein?
Bei währendem Singen ward der Himmel über und über mit Rosen beschüttet; hierauf
erschien die ihren Eyss-grauen Titonus umarmende Morgenröte auf einem von zwei
weissgeflügelten Pferden gezogenen Wagen von Golde. Ihre Finger und ihre Watigen
waren gleichsam aus frischen Rosen gebildet; auf dem Haupte hatte sie eine Krone
von Agstein. Dieser folgte die Sonne auf einem Agsteinenen Wagen / welchen vier
Rosen-farbichte Pferde zogen. Ihr Haupt hatte gleichfalls einen geflammten
Krantz von Agstein auf /und der helle Himmel fing an über den ganzen
Schau-Platz Agstein zu regnen. Inzwischen als die Bildhauer-Kunst unten das Bild
des Königs Marbod und Marmelinens fertigte / die Dirnen der Glassaria aber
solche auf die Marmelnen Pfeiler erhoben /umkreissten sie langsam den Himmel /
die Sonne spielte auf einer Leier / die Morgenröte auf einer Harffe / und beide
sangen darzu mit einer bezaubernden Süssigkeit:
Den Agstein mahlt mein Mund / die Sonne gibt ihm's Wesen /
Das Erdreich nur den Auffentalt /
Und unsre Hand schenckt ihn darum nur auszulesen /
Dass grosser Könige Gestalt
Darein gebildet sei. So tut nun eure Pflicht /
Wer Fürsten nicht verehrt / dient auch den Göttern nicht.
Die Häupter die die Kunst in schönsten Agstein setzet
Sind unser Schatten euer Heil.
Wenn Ehr und Deutschland nun ihm ihre Kräntz auffsetzet;
So hat daran der Himmel Teil /
Und Deutschland schwingt sich auf / biss / wo die Sonne fährt /
Kein ander Perlen-Krantz ist sie zu krönen wert.
Hierdurch ward Deutschland und die Ehre aufgemuntert / dass jene des König
Marbods / diese Marmelinens Bilde den von ihrem Haupte genommenen Krantz
auffsätzten / und darzu sungen:
Olympens Jupitern / aus Gold und Helffenbeint /
Und der Schmaragdenen Osir /
Praxitelens Cytee' aus Alabaster Steine
Gehn diese beide Bilder für.
Pompejens Perlen-Bild / das Asien ihm macht /
Ist gegen diese zwei nichts als geschickte Pracht.
Es sei des Haminons Horn ein Heiligtum der Mohren /
Der Sirier der Adads-Stein.
Für beide Häupter ist was edles ausserkohren /
Weil sie ganz was besonders sein.
Wie mag man unsern Krantz nun besser bringen an /
Als wenn man ihn gewehrn auf beider Häupter kann.
Nach diesem Gesange ward alles auf dem Schau-Platze / und im Himmel rege. Alles
was sich nur rühren konnte / hegte einen Tantz um die gekrönten Bilder. Die
Morgenröte und die Sonne aber hielten am Himmel zusammen ein Wette-Rennen. Nach
desselben Vollendung aber / fiengen sie auffs neue an zu singen:
O mehr als güldne Zeit / wo selbst Natur und Sterne
Verdienste sich zu kräntzen mühn /
Wo man die Tugend macht zur Ehre / Grund / und Kerne /
Und Kronen voller Lorbern blühn.
Doch weil Gedächtnis-Mal als irrdisch Ding vergehn /
Ist Tugend und Verdienst in Himmel zu erhöhn.
Beim letzten Reime fuhren sie als ein Blitz herab /und nahm die Sonne des
Marbods / die Morgenröte Marmelinens Bild auf ihren Wagen / fuhren darmit empor
/ und stellten jenes auf die rechte / diss auf die lincke Seite des gestirnten
Hercules. Hiermit verschwand alles / ja der Schauplatz selbst / für der
Zuschauer Augen / welche nicht zu sagen wussten / ob sie wahrhaftig was gesehen
/ oder es ihnen nur geträumet hätte.
    Döhnhoff musste hierüber Atem schöpffen / iedoch hätte er / ungeachtet
seiner Müdigkeit / seine Erzehlung vollends ausgemacht; wenn nicht ein ander
Barde ihm durch ein Zeichen zu schweigen geboten /und die ganze Versamlung zur
Abend-Mahlzeit eingeladen hätte. Tussnelde fieng hierüber an: Es ist in alle
Wege Zeit diesem holdreichen Weisen Lufft zu gönnen / welcher sich unser Augen
und Ohren dergestalt bemeistert / dass unsere Begierde ihn zu hören weder seine
Müdigkeit / noch die ins Mittel getretene Finsternis wahrgenommen haben.
Döhnhoff aber entschuldigte vielmehr dass die gegen den Fürsten Gottwald und
seine Kinder eingepflantzte Liebe ihn verleitet hätte / durch seine
Weitläufftigkeit so vielen zarten Ohren überlästig zu fallen. In keinerlei Weise
antwortete Agrippine. Für unser Geschlechte will ich Bürge sein. Denn das
Frauenzimmer liebt zwar die Verschwiegenheit der Geheimnisse / aber sie reden
gleichwol gerne / und sind begierig was annehmliches zu hören. Ja / sagte
Döhnhoff / aber Worte ohne Nachdruck sind Spreu ohne Körner / und also besorge
ich / so würdige Ohren mit nichts als Hülsen gefüllet zu haben. Uber diss habe
ich noch diesen Kummer; dass auf eine ungesaltzene Rede eine so kalte Mahlzeit
folgen werde. Ariovist fiel ihm ein / und sagte / es wäre keine süssere und
auskommentlichere Speise als die Weissheit / bei welcher man so wohl als bei
Freunden mit Saltz und Brodt könnte vor lieb nehmen. Agrippine fieng an: Es ist
wahr / dass das Hertze der Brunn der Woltätigkeit / Mund und Hand aber die
Werckzeuge der Seelen sind / durch welche die menschliche Liebe rinnet. Alleine
/ jener ist meines Erachtens dieser / wie freigebig sie gleich ist / weit
fürzuziehen / weil durch ihn die Seele / durch diese nur der Leib Nahrung
bekommen kann. Unter diesen und andern annehmlichen Wortwechselungen / kamen sie
zu einem von lauter Stauden zusammen geflochtenen und rings umher von weissen
Buchen überschatteten Lust-Hause. Die Taffel war wie dieses rund / der Trachten
drei / und iede bestund von nicht mehr als sieben Speisen. Die von Tussnelden
herbei geschaften Speisen einfältig / und ohne viel / oft mehr Eckel als
Anmut verursachende Künste / und Vermischungen der Köche / aber sauber
zugerichtet. Die aus weissem Tone gebrannten Schüsseln waren ins gesamt mit
Blumwerck überflochten / daran eine iede Speise ihre besondere Uberschrifft
hatte.
 
                            Bei den Forellen stand:
1. Der Himmel prange nicht mit den gestirnten Fischen /
Hier stehn gefischte Stern' auf armer Leute Tischen.
                              Uber denen Gründeln:
2. Durch Klippen und durch Glut vollziehn wir unsern Lauf /
Die Kälte nehret uns / die Hitze reibt uns auf.
                        Uber eine Schüssel voll Eschen:
3. Kein Fisch hat diss / was wir in Flüssen / Meer und See
Wir essen meistens Gold / und rüchen wie der Klee.
                                 Uber Murenen:
4. Die Frauen buhlen uns / man hängt uns Perlen an /
Ob unsre Geilheit gleich nicht Nattern lassen kann.
                                Uber einen Aal:
5. Ich bin die Helena der Fische. Beider Glücke
Ist eines. Denn ich sterb an Angeln / sie am Stricke.
                                Uber eine Barbe:
6. Je älter als ich werd' / ie besser soll ich sein /
Doch legt den besten Ruhm mein Mund wie Frauen ein.
                          Uber rot gesottene Krebse:
7. Der Tod zeucht Sterbenden den Purper aus / uns an /
Ob er alleine gleich nicht wie ein Krebs gehn kann.
                       Uber einen grossen Braten von einem
                                  Auer-Ochsen:
1. Kein Tier nutzt mehr als ich; Im Leben schaff ich Brodt /
Und wenn man Fleisch verlangt / so schläget man mich todt.
                         Uber einer Hirsch-Keule stand:
2. Die Schlangen nehren mich / ich habe mich an Eise /
Doch gibt mein Hora Artznei / mein Fleisch gesunde Speiste.
                                 Uber ein Reh:
3. Man schärfft auff meinen Tod und Unschuld Pfeil und Fleiss /
Weil ohne Leichen nicht der Mensch zu leben weiss.
                               Uber einer Gemse:
4. Ich machte doch umsonst durch Wurtzeln feste mich /
Denn keine Festigkeit hält wider'n Tod den Stich.
                       Uber einen wilden Schweins-Kopff:
5. Wie grausam ist die Lieb' / in dem für den Adon
Viel tausend solche Köpff ihr sind geopffert schon.
                          Uber einen Bieber-Schwantz:
6. Zu stilln die Jäger biss ich mir die Geilen ab /
Allein mein Balg und Schwantz verdiente noch das Grab.
                                Uber den Hasen:
7. Ich bin das fruchtbarste der Tiere mit vier Füssen /
Dass man nur meiner Kost vergnüglich kann genüssen.
                                 Uber Rebhüner.
1. Dem fehlet der Geschmack / wer unser nicht begehrt /
Weil eines Aristipp hält funffzig Stuber wert.
                                Uber Haselhüner:
5. Für uns kann kein Apitz nichts niedlichers gewehren /
Uns sollte sonst kein Mensch als Könige verzehren.
                          Uber einen wilden Auer-Hahn:
3. Kein köstlich Flügelwerck kommt mir an Grösse gleich
Und gleichwohl ist mein Fleisch so wohl geschmack und weich.
                        Uber eine Schüssel voll Lerchen:
4. Von andern Vogeln wird das beste nur geklaubt /
Da uns mit Fleisch und Bein ist zu verzehrn erlaubt.
                               Uber Brach-Vögel:
5. Rühmt Vögel / welche nichts als Traub und Feigen fressen /
Wer süssen Speck verlangt / kriegt ihn an uns zu essen.
                                  Uber Phasan:
6. Mich schätzet Ptolome sehr köstlich / doch so schön /
Dass er sich mich nicht will zu schlachten unterstehn.
                                Uber Schnöpffen:
7. Nichts heget Berg und Wald was so sehr niedlich schmeckt /
Weil man die Finger gar nach meinem Miste leckt.
Nach Aufhebung dieser Speisen wurden sieben grosse Schalen mit Garten-Obst
aufgesetzt. Die Aepffel und Birnen waren von vielerlei Arten / und hatten über
dem einhüllenden Laube diese Beischrift:
Wir sind ein Bild der Welt / die oft mit Würmern speisst /
Wenn sie reucht noch so wohl / uns Gold und Purper weisst.
                          Uber denen Pfirschken stand:
Ist unsre Frucht ein Hertz / das Laub der Zungen Bild /
So lernet: dass der Mund nichts ohne's Hertze gilt.
                        Uber denen Mandeln war zu lesen:
Wir sind der Nüsse Kern / wir geben Oel und Mehl /
Wenn wir geraten wohl / schlägt nie die Erndte fehl.
                             Uber die Weintrauben:
Gold ist der Erde Marck / der Rebensafft ihr Blut /
Der Wein des Alters Milch / des Lebens höchstes Gut.
                                Uber die Nüsse.
Es steckt ein süsser Kern in unsern bittern Schalen /
So muss der Ehre Lohn der Arbeit Säure zahlen.
                               Uber die Mispeln.
Wir Mispeln werden reiff in Spreu / und mit der Zeit /
Die Güter bringt ein der Früchte Langsamkeit.
 Uber der Schale voll Pomerantzen und Zitrotronen /welche alle in diesem Garten
                                   der Barden
                                gewachsen waren:
Hier dieser Aepffel Gold bewehret Deutschlands Segen
Und lehrt dass Pflegung sei dem Wetter überlegen.
Uber diese Taffel sätzten sich allein die Fürstlichen Personen / welche die
Barden bedienten / ihr Armut entschuldigten / und so wohl der Hertzogin Erdmut
als Tussneldens Freigebigkeit den meisten Vorrat zuschrieben / und von ihnen
rühmten / dass sie von Barden / wie die Götter von Menschen ihre eigene Gaben
wieder zurücke mit Danck annähmen. Niemand war / der nicht eben so begierig /
mit Auslegung der Uberschrifften das Gemüte / als mit den Speisen den Leib
vergnügte; und durch andere anmutige Gespräche denen Traurigen das Andencken
der widrigen Zufälle aus dem Sinne zu bringen sich bemühete. Also / dass solcher
Tag des Memnons Seule recht entgegen zu setzen war. Denn wie diese früh lachte /
des Abends weinte; also wurden unterschiedene diesen Abend zum Lachen veranlasst
/ derer Augen früh voller Wasser gestanden. Nur Zirolane und Ehrenfrid
vermochten teils Leides / teils Ehrentalber niemandens Gesichte zu vertragen
/ sondern hatten sich in ihre Einsamkeit verborgen. Hierüber ging ihnen mehr
als die halbe Nacht unvermerckt unter den Händen weg / dass sie kaum drei oder
vier Stunden zum Schlaffe übrig behielten. Denn weil die Barden folgenden Morgen
den verstorbenen Hertzog Gottwald zu begraben gesinnet waren / wollte niemand von
eines so grossen Fürsten letzter Verehrung abwesend sein. Zirolane / welcher ihr
Hertze hätte in Stücken springen mögen / weil es zugleich ihres Vaters Tod /und
ihres Liebsten Flucht auffs grimmigste aufschwellte / hatte gleichwohl nicht
ihre Sorge für ihres liebsten Vaters Leiche vergessen / und so viel es die Zeit
/ und der Barden Gewohnheiten verstatten / darzu Anstalt gemacht. Alleine weil
diese alle Pracht im Leben / und noch mehr der Leichen verdammen / und Hertzog
Gottwald sich diesem Heiligtum gewidmet hatte / konnte er nicht anders / als
ein ander Barde begraben werden. Seine Leiche ward von dreien Barden aus einem
Brunnen gewaschen / mit einem weiss leinenen Kittel angetan / um das Haupt ein
Krantz von Rossmarin geflochten / und einem in einen Fels gehauenen Grabe /
welches die tausend Tränen vergissende Zirolane und Ehrenfried mit allen Arten
der im Garten befindlicher Blumen erfüllet hatten /eingesäncket. Auf den das
Grab deckenden Stein gruben die Barden folgende Reimen ein:
Der Bojen Säul und Schild / der Stab des Critasir /
Den Deutschland nicht begrieff / hat Raum in einem Steine /
Sein Leben ist nicht wert / dass man es viel beweine /
Denn sein Gemüte ging dem Glücke zehnfach für.
Und der niemahls geruht / ruht in dem Grab' allhier /
Der Himmel hat den Geist / die Grufft nur sein Gebeine /
Sein Ruhm wird taurend sein mit der Gestirne Scheine /
Die Seel' hat einen Sitz erkiest bein Sternen ihr.
So balsamt ihn nur nicht mit kostbarn Tränen ein /
Lasst seine Tugend euch ein ewig Vorbild sein /
Und wuntschet / dass auch ihr / so euren Geist aufgebet /
Denn wer will nicht den Tod ihm halten für Gewien /
Wenn uns der Todt verehrt / was Glück und Zeit entziehn
Wenn man für Freuden stirbt / mit Wehmut aber lebet?
Wiewol nun dieser im Leben unglückliche Fürst dieses ungemeine Todes-Glücke
hatte / dass er für Freuden gestorben war / so war doch nicht leicht ein Grab mit
mehren und köstlichern Tränen benetzet worden. Uber seinem Tode hat sich gewiss
niemand als Marbod und Marmeline zu erfreuen gehabt; welche seines Lebens halber
noch immer in höchsten Sorgen standen / weil niemand zu sagen wusste / wo dieser
sich in die Einsamkeit dieses Heiligtums versteckende Fürst hinkommen war /
hingegen unterschiedene Wahrsager dem Marbod verkündiget hatten / dass er von
einem /dessen Nahme sich von einem G. anfienge / seines Reiches würde entsetzet
werden.
    Die unterschiedenen Gemüts-Regungen dieser hohen Versamlung hemmeten
übrigens ihre Begierde nicht / vom Barden Döhnhoff vollends zu vernehmen / wie
Hertzog Gottwald und er in diss Heiligtum / Zirolane an den Cheruskischen und
Ehrenfried an Alemannischen Hoff kommen wären. Tussnelde / Erdmut / Ismene /
Ariovist / und alle andere Fürsten verfügten sich daher folgenden Morgen zu
einem Steinfelsen / aus welchem drei Qvelle sprungen / und nach dem sie sich
daselbst niedergelassen / verfolgte Döhnhoff seine Reise folgender massen: Als
ich zu Godanium unter der Fülle des gemeinen Volckes aus dem Schau-Platze ging
/ kam ein Edelmann zu mir /zohe mich auf die Seite / und sagte: Mein Freund
entferne dich von hier / und bilde dir nur ein: dass wie alle nicht einen
einzelnen Menschen / also einer nicht alle betrügen könne. Du bist der Ritter
Döhnhoff; welchem Marbod gram zu sein / und Marmeline biss auf den Tod zu hassen
Ursache hat. Weistu aber nicht / dass der blosse Unwille der Fürsten ein rechter
Löwen-Kreil sei? Fürchte dich nicht von mir verraten zu werden / denn ich bin
hierzu viel zu edel /und ich habe es denen / welche für dich diss / was du bist /
angesehen / mit Not ausgeredet. Sein Gesichte kam mir mit seiner Rede so
aufrichtig für / dass ich ihm gerade zusagte / ich wäre Döhnhoff. Ich fürchtete
aber nicht / dass meine dem Fürsten Gottwald geleisteten treuen Dienste den König
nach eroberter Herrschaft gegen einen Diener zu absonderer Rache verleiten
sollten; da zumahl ein seinen Untertanen verfolgender Fürst jenen nur
vergrösserte / sein eigen Ansehen aber verminderte. Dieser Edelmann antwortete
mir: Du irrest in deiner eingebildeten Sicherheit sehr. Ist doch der Fürsten
Gnade vielmahl ein Schatten des Todes; und du bildest dir ein: dass ein
Beleidigter bei Ausübung der Rache so viel Licht als Feuer in Augen habe / oder
der Grimm wie gewisse Winde über niedrige Sträuche überhin streiche. Folge mir
aber / wo du dich ausser Gefahr wissen wilst. Ich trennte mich also so wenig von
ihm / als der Schatten vom Lichte / kam also in ein nahe dem Strome gelegenes
Haus / da er mich selbige Nacht wohl unterhielt / iedoch / wer er wäre / nichts
mercken / sondern mir des Morgens eines von seinen eigenen Kleidern reichen /
und auf ein Cimbrisches Kauffmanns-Schiff bringen liess / welches gleich die
Ancker lichtete / die Segel ausspannte / und sich Meer und Winde vertraute. Auf
dem Schiffe ward ich von den Cimbern sehr wohl gehalten / insonderheit erwies
mir ein Cimbrischer Ritter Ahlefeld alle Gewogenheit und Wohltaten / von diesem
erfuhr ich auch / dass der mich aufdingende Edelmann ein Heruler gewest wäre /
welcher sich bei dem Ritter Ranzau / des Cimbrischen Königs Froto Gesandten
aufhielte / durch welchen er den Marbod gewarniget hätte / sich der
Krieges-Schiffe auf dem Baltischen Meere zu entalten / als über welches die
Herrschaft alleine den Cimbern zustünde. Weil dieser Ahlefeld ein Mann von so
grosser Leitseeligkeit war / hatte ich kein Bedencken ihm zu sagen: Ich besorgte
/ dass der nunmehr so mächtige Marbod / welcher von der Donau biss ans Ost-Meer
herrschte / und den Römern selbst ein Schrecken wäre / ihm die Hände nicht würde
binden lassen. Ahlefeld antwortete: Sein König Froto wäre sonder Zweiffel noch
viel mächtiger / als welcher hundert und siebenzig Nordische Könige zu
Lehns-Leuten / und ihrer allezeit dreissig zu seiner Bedienung um sich / auch
stets über dreitausend Kriegs-Schiffe im Vorrat hätte /solche
Meeres-Herrschaft zu behaupten / welche die Britannier / Gallier / Hibernier /
die Rutenen / Finnen / und andere benachbarte Völcker auch teils durch
Ablegung eines Schiff-Zolles in der Codononischen Meer-Enge / teils durch
Reichung einer jährlichen Schatzung erkennten. Er erzählete mir hierauf /wie
Froto durch seine Heerführer den Svionischen Fürsten Roller den König Artorius
erlegt / die Länder Summorien und Normorien durch Olimarn Hestien / Olandien und
Curetien nebst vielen Eylanden /durch den Ritter Onev und Glomer aber die
Orcadischen Inseln ihm unterwürffig und zinssbar gemacht hätte. Wegen Verstossung
seiner Gemahlin Hannuda wäre er mit dem Hunnen-Könige Hun in einen grausamen
Krieg verfallen / und mit Hülffe des Sveon-und Gotischen Königs Erich denen
Ripheischen Völckern bis in die innersten Eingeweide gedrungen /nach dem sie
sieben Tage nach einander Schlachten geliefert hätten. In dem ersten Tage wären
so viel Hunnen todt geschlagen worden / dass man über die zu einer Brücke
dienenden Leichen die drei grösten Ströme Russiens gleiche gehen und reiten
können. Folgende Tage wären der Hunnen so viel geblieben /dass das Land / wie
weit man in dreien Tagen reiten könnte / über und über mit Erschlagenen bedeckt
gewest. Am siebenden Tage hätte Erich der Svionen König / welcher vorher des
Froto Tochter die streitbare Gunwara durch besondere List zur Gemahlin bekommen
/ den König Hun mit eigener Hand erlegt /worauf denn des letzten Hunnischen
Heeres Schlacht-Ordnung abermals getrennet worden wäre / und sich mit des
Königes Bruder noch hundert und siebentzig Hunnische oder den Hunnen beistehende
Könige ergeben hätten. Froto und Erich hätten denen Hunnen und Rutenen Gesätze
fürgeschrieben / welcher letztere gleichfals ein Herr von tiefsinnigem Verstande
/unglaublicher Beredsamkeit / und wunderwürdigen Tapfferkeit. Dieser hätte mit
seinem Bruder Roller unglaubliche Taten getan / in dem Kriege wider den
Norwegischen König Gestublind den sich zum Könige der Svionen aufgeworffenen
Alarich im Zwei-Kampffe erleget / hierdurch sein Reich / und von dem sterbenden
Könige Gestillus das Gotische überkommen. Des zauberischen Königs Oddo in
Norwegen /welcher ohne Schiff das Meer durchwandern / durch blosse Gesänge Stürme
erregen / und die feindlichen Schiffe wie Nectabis stürtzen konnte / ganze
Schiffs-Flotte durchbohrt / seinem Bruder Roller des Froto erste Gemahlin
Hannuda des Königes Hun Tochter vermählet / und ihn zum Könige in Norwegen
eingesätzt. Die Slawischen See-Räuber mit Strumpff und Stiel ausgerottet / und
mit dem Froto eine unauflössliche Freundschaft gestifftet / also dass die ganze
Nord-Welt für diesen zwei Häuptern zitterte. Mit diesen und andern Erzählungen
brachten wir bei gutem Winde zwei Tage vergnügt zu / den dritten aber erhob sich
ein grausamer Sturm aus Sudwesten / welcher fünff Tage tauerte / und uns alle
Augenblicke in den Rachen der unersättlichen See zu stürtzen dräuete. Endlich
ward unser ohne diss leckes Schiff an das Ufer in der Gegend / wo der Fluss Meler
sich ins Meer schüttet / getrieben und zerstossen. Die meisten im Schiffe aber
hatten das Glücke / weil es Tag war /durch schwimmen auf eine aus dem Wasser
hervor ragende Stein-Klippe dem Tode zu entkommen / von dar uns die am Ufer
wohnenden Svioner bei sich etwas legenden Winde auf ihren Fischer-Nachen in
Hoffnung grosser Beute ans feste Land abholeten. Sintemahl dieser Orten eben so
wohl / als bei den Siciliern und denen Armorichern die böse Gewohnheit
eingerissen ist / dass man einem Schiffbruch-Leidenden diss / was ihm das wilde
Meer übrig gelassen / zu rauben / für ein Recht des Strandes hält; Gleich als
wenn der Himmel und die Wellen nur den vernünftigen Raub-Vögeln zu gefallen
nicht grimmiger gewest wären. Weil aber alle Cimbern waren / welchen das
geringste Leid zu tun / ein halssbrüchiges Laster war / genoss ich unter ihrem
Schirme nicht nur der Freigebigkeit / sondern auch von denen ohne diss gastfreien
Svionen / welche sich unter einander zanckten / wer uns beherbergen sollte /
vielerlei Woltaten. Massen denn diese Völcker eine Gesetze haben / dass dessen
Haus verbrennet werden sollte / wer einem Frembden die Herberge versagte. Der
Hauptmann auf dem nahe darbei liegenden Schloss kam selbst den Ritter Ahlefeld
dahin abzuholen / und versprach uns zu unser Reise ein Schiff und alle
Notdurfft. Weil uns aber dieser berichtete / dass nach dreien Tagen in der
Haupt-Stadt Upsal das Neunjährige grosse Opffer gehalten werden sollte / welches
diss Jahr so viel prächtiger sein würde / weil es das erste des König Erichs wäre
/ und dieser darauf dem Könige Froto und Roller in Norwegen zu Gefallen einen
grossen Zug wider die Norweger oder Sitonen tun sollte / war ich vom Ahlefeld /
als sonder dessen Vorschub ich ohne diss nicht zu reisen wusste / leicht zu
bereden / dass ich mit ihm nach Upsal zu reisete. Der Hauptmann verschafte uns
noch selbigen Tag ein Schiff mit erfahrnen Schiff-Leuten / welche uns teils zu
Lande / teils zu Wasser über viel Seen und Flüsse durch unzählbare Steinfelsen
den fünften Tag glücklich nach Upsal brachte / welche Stadt mit unzählbaren
Menschen angefüllet war / also dass ich mir keine Hoffnung hätte machen dörffen /
in Tempel zu kommen / wenn nicht der König für den Ahlefeld / dieser aber für
mich absondere Vorsorge getragen hätte. Auf den zum Opffer bestimmten Tag begab
sich der König mit seiner ganzen Hofstadt sehr früh zu dem Weltberühmten Tempel
/ welcher auf einem Hügel an einem lustigen Orte gelegen / und mit einem Krantze
der Berge umgeben ist. Die Einwohner geben zwar für / dass er nur vierhundert
Jahr nach allgemeiner Ersäuffung der Welt gebaut wäre / es ist aber nicht
glaublich / weil jedermann weiss / dass die so alten Völcker weder Bilder der
Götter gemacht / noch auch sie hernach zwischen Gemäuer eingeschlossen / sondern
selbte in Heinen verehret / ja nach Erfindung der Bilder / selbte doch nur unter
Schopffen in freie Lufft gestellet haben. Dahero glaublicher / dass diesen Tempel
König Frejus gebauet habe / wiewol er auch schon einmal vom Grimer alles Goldes
beraubet worden. Allhier legte der König seinen von übergoldeten Kupffer
gemachten Harnisch ab / welche Art der Waffen nicht nur hier / sondern auch zu
Rom / und sonst in der Welt älter gewest ist / als die von Stahl und Eisen.
Nachdem er sich in dem am Tempel hinlauffenden Flusse gebadet / ging er hernach
baarfüssig in einem weiss leinenen Gewand / jedoch weil niemand ungewaffnet in
diesem Tempel erscheinen dorffte / mit Helme /Schild / Spiess / und Schwerdte
gerüstet / ins Heiligtum. Für dessen Eingange ihn alle Priester mit grosser
Ehrerbietung bewillkommten / sich und ihren Gottesdienst seinem Schirme
unterwurffen / und auf solchen fall ihn Göttlichen Schutzes und unzählbarer
Siege versicherten. Denn die Gottesfurcht gäbe beides Hertz und Waffen. Andere
Mittel wären irrdisch /und dienten zwar zum Gebrauch / nicht aber zum Vertrauen
/ also dass man Tapfferkeit und Gewalt wohl anwenden / sich aber darauf nicht
verlassen müste. GOtt hätte ihn nicht an diesem Ende der Welt zum Könige erwählt
/ weil er seiner Tugenden halber so geschickt wäre / sondern weil Gottes Beruff
einem jeden die vollkommenste Fähigkeit eindrückte / wäre er als sein
auserwählter Werckzeug so geschickt. So heilsam nun ein frommer Fürst wäre / so
vielmehr und grössern Schaden täte ein Lasterhafter im Reiche /als ein
gifftiger Baum ist einem Garten / dessen Schatten auch die edelsten Pflantzen
ersteckte. König Erich fiel auf seine Knie / legte sein Haupt auf die Schwelle
des Tempels / schwur bei dem Nahmen des ersten Königes Swenno / wie die Cimbern
bei dem Könige Dan / die Nord-Männer beim Niordur: dass er den alten Gottesdienst
beschützen / die Ehre und Wolfahrt seines Volckes biss auf den Tod verteidigen
wollte. Nach diesem Beispiele des Königs ergriffen alle ihn begleitenden
Reichs-Räte und Heerführer einen grossen ertztenen und vom geschlachteten
Opffer-Viehe befleckten Rincken an einem nahe darbei stehendem Altare / schwuren
eben diss / und noch darzu: dass sie alle Augenblicke für ihren König eben so wohl
wie die Opffer-Tiere ihr Blut zu verspritzen begierig wären. Der in den Tempel
wollende Adel musste auf dem Rücken eines der Freja zu schlachten bestimmten
Ebers zwischen die Borsten ihre rechte Hand legen / und ihren Göttern Andacht /
ihrem Könige Treue / ihrem Vaterlande Liebe schweren / welcher Eber auch als was
gar heiliges für den König gebracht ward. Nicht ferne von diesem Altare stand
ein breit-ästiger Baum / dessen schafft schwerlich von sechs Männern umbgriffen
werden konnte / welcher Sommer und Winter grün blieb / und ob wohl in Nord-Ländern
die Bäume viel grösser / als anderwerts wachsen / alle die / welche ich mein
Lebtage daselbst gesehen / an Grösse übertraf. Also dass die berühmten Zypressen
zu Patra in Achaien / welche achtzehn Schuch in die rundte wachsen / ihm nicht
zu vergleichen sind. Westalben er auch / wie nicht weniger darum / dass kein
ander Baum seines Geschlechtes irgendswo zu finden war / für ein grosses
Heiligtum gehalten ward. Denn ob sie zwar köstliche Bilder ihrer Götter hatten
/ gestanden sie doch: dass Wälder die heiligsten Tempel der Götter / auch die von
Gold und Helffenbeine gemachten Seulen keine so herrliche Bilder / als lebende
Bäume wären. Sie hatten auch keinen Baum / der nicht einem ihrer Götter / wie
die Eiche Jupitern / der Oel-Baum Minerven / der Myrten-Baum der Venus / der
Weinstock dem Bacchus /die Fichte Cybelen gewiedmet war. Nach diesem ganz
absondern und unkentbaren Baume / welcher weder Oel- noch Palm- noch
Myrten-Bäumen was nachgab / ward insonderheit die Fichte für so heilig geschätzt
/ als die Celten und gewisse Catten den Eich-Baum für Jupiters Behältnis / und
die Tribozen ihre drei Buchen für Säulen ihrer Andacht und Wolfart halten. In
welchem Absehen die Rhodier sonder Zweiffel ihrem Jupiter / die Beotier ihrem
Bacchus den Nahmen des Gebäumten zugeeignet haben. Wie denn auch so wohl bei
diesen Nord-Völckern / als bei denen Indianern halssbrüchig ist / einen solchen
geweiheten Baum zu beschädigen. Gleichwol ward niemand in solchen Tempel
eingelassen / der nicht ein Blat darvon fürzuzeigen hatte / wiewol alle diese
Blätter von sich selbst abgefallen sein mussten / weil diese Völcker eben so wohl
als die Phönicier die blosse Anrührung gewisser Bäume für das ärgste Laster
hielten / und / dass einer von denen solche bewohnenden Gotteiten alsbald
getödtet würde / gläuben / ungeachtet sie darunter ihre Gefangenen zu schlachten
kein Bedencken haben / gleich als wenn nach dem Befehle des die Tebaner
ausrottenden grossen Alexanders verantwortlicher wäre / auf Menschen als Bäume
zu wütten. Uberdiss ward ein jeder Eingelassener von den Priestern gebunden / um
dardurch anzudeuten: dass alle Sclaven und Knechte dieser Götter zu sein sich
erkenneten / daher auch kein Fallender darinnen aufstehen / sondern sich zu tode
treten lassen musste /gleich als wenn selbter von einem Schlage der Götter
gerühret und zu sterben verdammt worden wäre. Dieser Tempel war aus eitel
schneeweissen und Spiegel-glatten Marmel in die rundte gebaut / und wo die
Felder nicht mit Goldbleche bedeckt waren / stellte der durch unvergleichliche
Bildhauer-Kunst ausgeätzte Marmel in erhobener Arbeit die Taten der alten
Helden für. Die Absätze / die vier Tore / und die rings herum um den Fluss des
Tempels gehenden fünf Staffeln aber / und die auf Corintische Art selbten
umgebenden hundert Säulen / welche das Gesimsse des Daches unterstützten / waren
aus rotem Marmel. Sein Umkreiss hatte siebenhundert Schritte / und so lang war
auch die eines starcken Armes dicke Kette / aus dichtem Golde / welche über
jedem Tore nebst einem grossen güldenen Schloss vom Dache herab hieng / und
unter dem Gesimsse den ganzen Tempel umbschloss. Ich fragte den / welcher
Ahlefelden und mich anzuweisen bestellt war / um die Auslegung /kriegte aber
nichts mehres zur Antwort / als: ob ich nicht wüste / dass die Mohren ihre
Ubeltäter güldener Ketten würdigten. Dass auch andere Völcker ihren
Opffer-Tischen gleichsam güldene Halsbänder umhiengen? dass des Janus Tempel zu
Rom jährlich mit einem von Blumen und Blättern gemachten Krantze umflochten
würde. Dass GOtt alles in dem grossen Tempel der Welt mit einer festen Kette
zusammen gebunden hätte? sollten sie nun ihr Heiligtum nicht eines solchen
Ertztes und eines so festen Bandes zu ihrer Erinnerung wert achten: dass alle
die / welche in diesem Tempel zusammen kämen / mit unzertrennlicher Liebe
einander vereinbart sein sollten. Das Dach war von dichtem Goldbleche / in dessen
Mitte eine rundte Öffnung zwantzig Schuch breit den sonst kein Fenster habenden
Tempel lichte / und zugleich dem Rauche von dem Opffer-Feuer zur Ausfahrt Raum
machte. Für jedem Tore des Tempels war ein viereckichtes Vorgemach / oder
vielmehr ein herrlicher Saal; in welchem ausser der glatten Marmel-Säulen alles /
ja so gar auch das Pflaster mit güldenen Platten belegt war. Inwendig war der
Tempel über und über mit Golde bezogen / dessen ich so viel in allen Nordischen
Ländern und Gebürgen zu sein kaum geglaubt hätte. In dem Mittel dieses
Heiligtums sass allein an einem erhobenen Orte auf einem güldenen / und mit
zwölff Sternen umgebenen Stule oder vielmehr einem den gestirnten Bär
abbildenden Wagen der höchste Gott aller Nord-Länder Tor / in Gestalt eines
nackten Knabens / welcher wie Jupiter /in der Lufft / Donner / Hagel / Winde und
Wolcken beherrschen / der gütigen und schädlichen Gestirne Einflüsse austeilen
/ Pest und Unfruchtbarkeit abwenden soll. Daher ihm auch der erste Monat des
Jahres / und ihr erster Tag der Woche / nämlich der Donnerstag gewiedmet ist. Ob
nun zwar in diesem güldenen Tempel des höchsten Gottes Bild nur aus Holtze war /
weil die Nord-Völcker eben so wohl als Griechen und Römer den schlechtesten und
übel ausgearbeiteten Zeug seines Altertums halber / dem köstlichsten Ertzte
weit fürzohen / so war doch an seinem Bilde nichts höltzernes zu sehen / weil er
über und über voller Edelgesteine; sein Haupt mit einer güldenen Krone / und
darauf zwölff Sternen gläntzten. In der rechten eisernen Hand führte er einen
Königs-Stab / und darauf das ewige Feuer / in der lincken nebst sieben Sternen
einen grossen ertztenen Hammer oder vielmehr eine Streit-Kolbe / mit welcher er
alle Harnische soll zermalmet haben. Auf seiner rechten Hand aber viel niedriger
stand das Bild des geharnschten und mit güldenen Waffen ausgerüsteten Otin /
oder Wodans / welcher ein Gott des Krieges sein / und den Sieg verleihen / auch
sich in Schlachten offtmahls in Gestalt eines einäugichten Alten zu Pferde mit
einem weissen Schilde sehen lassen soll. Ihm ist der letzte Tag in der Woche
gewiedmet / und soll ein Cimbrischer Fürst sein güldenes Bild nach Byzantz
geschickt / ein anderes aber gefertiget haben / welches vom Anrühren eines
Menschen / wie die Egyptische Memnons-Säule von Bescheinung der Sonne geredet
/vielleicht zum Andencken: dass dieser Otin dem Scyten Mimer sein Auge für
einen Trunck Wasser / dadurch er aber die höchste Weissheit eingesogen / gegeben
/ nach Mimers Tode aber seinen eingebalsamten und ihm überschickten Kopff durch
Zauberei zugerichtet haben soll: dass es ihm alles kunftige Ding wahrgesagt
hätte. Uberdiss erzählen die Nord-Länder von diesem Otin / dass er ein mit viel
ertztenen Füssen versehenes Pferd / welches er Schleipner genennet / durch die
Welt mit unglaublicher Geschwindigkeit geritten / auch endlich auf selbtem auf
der Land-Strasse der Götter nämlich einem Regenbogen sich in Himmel begeben
hätte. Wie sie denn mit dem Bilde dieses Pferdes als einem grossen Heiligtum
ihre werteste Sachen bezeichnen. Dieser Otin soll bei den Scyten oberster
Priester und in solchem Ansehn gewesen sein / dass ihm ein jeder Scyte jährlich
von seinem Kopffe einen Groschen bezahlen müssen / und nach seinem Tode haben
sie ihn gar göttlich verehrt /König Freier aber sein Bild zum ersten in Tempel
gesätzt. Auf der andern Seite stand die ganz nackte Frigga oder Freja / welche
aber wie ein Zweidorn mit beiderlei Geschlechts-Gliedern / in der rechten Hand
mit einem Degen / in der lincken mit einem Bogen gebildet war. Sie wird für
Otins Gemahlin / für die mitternächtige Venus / und eine Vorsteherin der Liebe
gehalten / daher ihr auch der Freitag gewiedmet ist. So bald König Erich für
diesen dreien Bildern den Sitz genommen hatte / brachten die Priester einen
grossen ertztenen Kessel / hoben selbten gegen dem Gotte Tor in die Höhe; der
oberste Priester aber /welcher im Reiche keine geringere Gewalt als der König
selbst hatte / hob des Tors lincken Arm dreimal empor / und liess selbten auf
den davon schwirrenden Kessel fallen; worauf die Opffer-Knechte mit ihren
Hämmern auf derogleichen Glocken schlugen /und ein lautes Getöne damit
erweckten. Dieser Priester war ein Knabe allem Ansehen nach nicht über zehn Jahr
alt. Sintemahl allhier der oberste Priester /wie bei Elatea in Griechen-Land der
Craneischen Minerven Priester / nicht unter sieben und nicht über vierzehn Jahr
alt sein / auch für diesem Alter sich seines Priestertums entäusern muss /
vielleicht weil es von allen wollüstigen Reitzungen befreit sein soll. Sein
Antlitz war wie Milch und Rosen / sein Haupt mit schneeweissen Haarlocken
umfangen / und sein ganzer Leib so wohl gebildet / dass ich mein Lebtage einen
schönern Knaben gesehen zu haben mich nicht erinnere / welches mich aber nicht
wunderte / weil in diesen Nord-Ländern die weissesten Leute der Welt wohnen /
und wie bei den Agiensern des Jupiters /also allhier das hohe Priestertum dem
schönsten Knaben / der im Reiche zu finden ist / aufgetragen wird. Hierauf
brachte man neun hundert und neuntzig Gefangene in Tempel / welche rings umb die
Götter gestellet wurden. Der oberste Priester nam neun geschälete Rutten / und
eine ungeschälete / schnitte daraus so viel viereckichte Stücke als Gefangene
waren; steckte solche in einen ledernen Beutel / rührte sie durch einander /
zohe eines nach dem andern heraus /und gab jedem Gefangenen unbesehens eines in
die Hand. Wie diese nun ihr empfangenes Loos vorweiseten / wurden die neun und
neuntzig / welche ungeschälete bekommen hatten / von den andern abgesondert /
und zum Opffer verdammet. Alles Volck bückte sich für diesen / und jedermann
priese sie für die glückseeligsten Menschen / welche durch ihre Opfferung
unmittelbar sich der Unsterbligkeit vereinbarten. Die Priester sätzten ihnen
Kräntze von allerhand Blumen auf / wuschen sie aus einem hinter dem Bilde des
Gottes Tor befindlichen- wohl hundert Klafftern tief in Stein-Felsen gebrochenen
und mit dem besten Wasser erfüllten Brunnen. Unterdessen wurden ausserhalb des
Tempels neun und neuntzig Pferde / so viel Ochsen / und in gleicher Anzahl
Wieder / Renn-Tiere / Wölffe / Hunde / Habichte geopffert. Denn ob zwar die
Lappen der Sonne nur eitel Tiere weiblichen Geschlechtes schlachten / so taug
doch hier nichts / was nicht männlich ist. Am angenehmsten aber sollen diesen
Göttern die häusslichen Tiere sein / so dass auch die zum Opffer bestimmten
Habichte oder Falcken vor gekirret / oder statt ihrer Hausshahne geopffert werden
müssen. Jedoch gehen diesen allen noch die Pferde für / welchen man die Köpffe
abschneidet / und sie teils mit bürckenem Holtze verbrennet; Die geschlachteten
Hunde aber gar in den neben dem Tempel gelegenen Heine zu den geopfferten
Menschen aufhencket. Denn diesen grausamen Gottesdienst hat der König Fro / oder
der Zauberer Mitotys / wie Otin der Tiere Blutstürtzung in diesen Ländern als
einen heiligen Gottesdienst eingeführet. Gleich als wenn GOtt nicht anders als
durch grausam sein zur Barmhertzigkeit bewegt werden könnte. Ich sah dieser
Zerfleischung mit Zittern und Hertzklopffen zu. Denn denen durchs Loos abzutun
Verdammten wurden anfangs die Köpffe an den Pfeilern des Tempels zerschmettert /
hernach schleppte man sie auf die Erde zu einem Ertztenen Kessel /schnitt ihnen
die Gurgel ab / und liess ihr Blut darein. Nach dem nun diss geschwinde oder
langsam heraus lieff / frolockten oder wehklagten die Priester darüber / weil
jenes was gutes / dieses was böses bedeuten soll. Von diesem Blute ward das
erste in das ewige Feuer gespritzet / welches auf einem für dem Gotte Tor
stehenden und mit dickem Eisen belegten Altare mit grosser Sorgfalt unterhalten
ward. Sintemahl durch den Tor eben so wohl / als bei den Assyriern durch den Bel
nach des Ninus Stifftung das Feuer verehret wird. Hernach bestrich man mit
diesem Menschen-Blute die Bilder der drei Götter und den Stuhl des Tor / wie
auch die Wände des Tempels; ja alle Anwesende wurden entweder mit darein
getauchten Schwämmen gewaschen / oder durch einen Sprengwedel besprützet. Das
übrige Blut ward teils zu Bestreichung der Segel zu glücklichen Schiffarten
aufgehoben / teils an die im heiligen Heinestehende Bäume ausgegossen / an
welche die geopfferten Menschen / nach dem sie die Priester vorher in dem
geweihten Brunnen fleissig abgewaschen hatten / aufgehenckt wurden. Nach welcher
Begiessung alle Bäume als Ebenbilder der sie bewohnenden Götter / ja alle ihre
Zweige für unversehrlich gehalten und angebetet wurden. Ich ward aber gleichsam
vom Blitze gerührt /als ich den / welcher nun gleich nahe neben mir
zerschmettert werden sollte / für den Hertzog Gottwald erkennte. Das Schrecken
und die Verbitterung beraubte mich wo nicht aller Sinnen / doch des Nachdenckens
/ was mir aus Störung dieses Opffers für Unheil zuwachsen könnte. Ich sprang
daher gleichsam wahnsinnig hinzu / fiel denen den Fürsten Gottwald zu beleidigen
vorhabenden Priestern in die Armen / und fieng über laut an zu ruffen:
Grausamste Un-Menschen! scheuet ihr euch nicht euren Göttern einen so grossen
Fürsten abzuschlachten? Fürchtet ihr euch nicht eure Hände mit so edlem Blute zu
besudeln /welches so wohl als euer Erich vom Getar den Ursprung hat?
Unsinniger! antwortete mir einer dieser blutigen Priester / was für
Verzweiffelung reitzet dich unser heiligstes Opffer zu entweihen! Weistu nicht
/dass es so schwer sei hier ein Opffer zu erledigen / als der Sonne gebieten
stille zu stehen! Meinestu / dass das Los ungefähr auf die Menschen gefallen!
dieses ist nicht unsere Wahl / sondern die selbst eigene der weisesten Götter /
welche am besten wissen / wer ihnen zum Opffer anständig sei. Wir können auf
Erden nichts wollen / was nicht zuvor im Himmel uns unwissende beschlossen ist.
Es ist bei Untertanen halssbrüchig / wenn sie Fürstliche Befehle in der
Wagschale seiner Vernunft prüfen wollen. Ein ieder muss ihm wichtige Ursachen
solcher Schlüsse einbilden / die ihm gleich nicht beifallen oder gesagt werden.
Und du elender Frembdling bist so vermässen die Göttliche Versehung zu meistern
/ welche immer verborgen / niemahls ungerecht ist! Vollbringet diesem nach unser
Opffer / und straffet diesen Ubeltäter / wo er nicht als ein Wahnsinniger
Mitleidens wert ist. Ja ja / versetzte ich / übet nur an mir / nicht an diesem
unschuldigen Fürsten eure Grausamkeit aus. Ich / nicht er / ist vom Himmel zu
eurem Opffer versehen. Ich will ihm / und euch zu Liebe / für ihn willig sterben
/ um euch von einem so ärgerlichen Fürsten-Morde zu befreien. Denn dieser ist
der unvergleichliche Hertzog der Gotonen und Estier / welche Völcker ihr für
eure Brüder haltet. Wisset ihr nun aber nicht / dass Fürsten selbst irrdische
Götter / und unversehrliche Bilder derer im Himmel sind! der Priester brach mir
ein: Meinestu / törichter / dass die Hefen des Pöfels unsern Göttern gut genung
/ Fürsten aber zu Opffern zu edel sind! der grosse König Haqvin hat / um den
Sieg zu erhalten / zwei; und König Aune um sein Leben zu verlängern neun Söhne /
ja die Sviones zuweilen ihre eigene Herrscher dem GOtt Otin geopffert. Meinestu
nun / dass dieser angegebene Gottwald besser / als diese sei; welchen GOtt nur
darum das Eisen der Marckmänner nicht aufreiben lassen / dass er hier heiliger
sterben könne! Ich fiel ihm in die Rede: Sollen eure Götter gerecht sein / so
macht sie nicht zu was grausamern / als der Wütterich Marbod ist. Hütet euch den
zu tödten / den das Verhängnis zur Ausübung seiner Rache wider den Marbod
aufgehoben hat. Glaubet nur gewiss / dass diss eine mehr als höllische Bosheit sei
/ welche mit Gottesfurcht überkleidet ist. Andere Völcker und eure Nachbarn die
Cimbern opffern aus hundert Gefangenen nur einen / und zwar nur in dem Falle /
wenn Otin sich nicht durch Blut des Viehes versöhnen läst; ihr aber wollet / da
ihr doch in keiner Not oder Gefahr gesteckt / aus hunderten nicht einen beim
Leben lassen. Glaubet nur gewiss / dass eurem Otin ein gemästeter Ochse einen
süssern Geruch / als ein mager Mensch abgäbe. meint ihr aber / dass das Los
eine versicherte Nachfolge des Göttlichen Willens sei / so ist mein Wille für
den Gottwald zu sterben vielmehr ein vom Verhängnisse herrührende Regung.
Verschmehet mich nicht als einen vom Pöfel. Denn dieser Fürst und der Ritter
Ahlefeld werden mir zeugen: dass ich so edel / als vielleicht einer unter diesen
zum Opffer bestimmten Frembdlingen sei. Man hat mir gesagt / dass in Mangel
gefangener Feinde hier oft Knechte geopffert werden / und dass die Erstlinge der
Gefangenen euren Göttern am angenehmsten sein sollen. Ich aber bin ja besser als
etliche Knechte / hingegen ist Gottwald nie euer Feind gewest / also nicht euer
rechtmässiger / weniger euer erster Gefangener. Der Priester aber begegnete mir:
Meinest du / dass die Götter so veränderlich als wir Menschen sind / und dass sie
ihnen diss / was das unbetrügliche Loos ihnen als ihr liebstes Wahlstücke schon
zugeeignet hat /austauschen lassen? Ich antwortete: Eine solche Auswechselung
kann GOtt nicht missfallen; wo einer aus heisser Andacht und Liebe sich selbst
GOtt zum Opffer bestimmet. GOtt ist diss am gefälligsten / was ihm aus freiem
Willen gewiedmet wird. Meinest du aber nicht / dass ein so blutiges Loos ins
gemein auf Unwillige falle? Hast du niemahls gehöret: was des Dodonischen
Jupiters Tauben denen fragenden Calydoniern geraten: durch was für ein Mittel
sie der Raserei los werden könten / welche ihnen der erzürnte Bacchus wegen
seines von Callirhöen verschmäheten Priesters Coresus zugeschickt hatte? dieses
nämlich /dass ihm die unerbittliche Callirhöe oder jemand / der für sie willig
stürbe / geopffert werden sollte. Hast du nicht vernommen; wie bald der
Calydonier Plage aufgehöret / als der verliebte Priester Coresus sich statt der
auf dem Altare liegenden Callirhöe abgeschlachtet. Sind nun erzürnte Götter mit
einem ausgewechselten Opffer zu frieden; wie mögen es eure gütige verschmähen!
Lasset mich also für Gottwalden sterben /der ich ihn mehr als Coresus seine
halsstarrige Callirhöe zu lieben Ursache habe. Der Priester brach mir ein: Ist
denn aber Callirhoe der Abschlachtung entronnen? nein / sagte ich / die durch
den Tod bewehrte Liebe des Coresus entzündete ihr kaltes Hertze derogestalt: dass
sie ihr selbst sein blutiges Messer in die Brust stach / und nunmehro sich
selbst zum Opffer und Priester des todten Coresus machte / da sie sich vorher
des lebenden Liebhaberin zu sein zu gut dünckte. Hertzog Gottwald hatte biss
hieher als eine steinerne Säule ganz unbeweglich gestanden / und mit allem
Volcke unserm Streite zugehört / nunmehr aber fieng er an: Liebster Döhnhoff /
hat dich mein guter oder böser Geist hieher geführet! Ich erkenne zwar deine
ungemeine Liebe / da du mein Leben durch Verlust des deinen erhalten wilst; Aber
/ weil du alle meine Zufälle weist / kanst du wohl selbst glauben / dass mir mein
Leben mehr eine Uberlast als eine Ergötzligkeit sei! der Himmel will vielleicht
hier mit mir meine Unglücks-Sternen in diesem Brunne ersäuffen. Lebe diesemnach
zu meinem Andencken / und lasse mich sterben zu meiner Erleichterung. Gegen diss
/ was von Menschen herrührt / gilt unsere Vorsicht; wider das aber / was das
Verhängnüs schickt /hat man keinen andern Schild / als die Gedult. In keinerlei
Weise / antwortete ich / du solst / um des Verhängnisses Schluss durch eigene
Rache noch auszuüben / leben. Mich aber hat Meer und Sturm mit Gewalt hieher
getrieben für dich zu sterben; dass ich meine Treue durch mein Blut / meinen Tod
aber mit was ruhmwürdigem besiegele. Ich ward durch einen besondern Trieb
gereget / dass ich mit aller Gewalt dem Brunnen zueilte / und mich mit höchster
Vergnügung darein gestürtzt hätte; wenn nicht die darbei stehenden Priester mir
in Weg getreten wären; der oberste Priester aber gerussen hätte: haltet ihn /
weder einer noch der ander kann geopffert werden. Allerweisestes Verhängnüs! Dein
Licht ist eine Eröffnung unser blinden Augen / und die seltzamsten Zufälle
müssen uns zu Verbesserung unser Irrtümer dienen. Zählet die / welche geopffert
worden und noch zu opfern sind. Als dieses geschahe / ereignete sich / dass schon
siebentzig abgeschlachtet / und mit dem Fürsten Gottwald ihrer noch dreissig
übrig waren. Diese Zehlung geschahe dreimal / und zwar so wohl der ungeschäleten
Höltzer / als der durchs Loos getroffenen Menschen-Opffer / es kam aber jedes
mahl diese Zahl und also diss / dass einer übrig wäre / heraus. Sintemahl ihrer
nicht mehr als neun und neuntzig geopffert werden dorfften. Der oberste Priester
fieng hierauf an: Ich habe in Zerkerbung der Rutten geirret; aber auch die
Irrenden fehlen nicht / wenn das Verhängnüs ihnen zum Irrtume die Hand führt.
Ich nam dieses Bekäntnüs alsbald zu meinem Vorteil an / und sagte: Wenn wir aus
Schickung des Himmels irren / ist es besser / als wenn wir aus eigener Klugheit
was treffen. Jene Fehler dienen andern / wie frembde Wunden denen Wund-Aertzten
zu Ehren / und dieser Irrtum erhärtet euren Opffern zum besten; dass die Götter
ohne einigen Abgang an Abschlachtung dieses Fürsten kein Gefallen / sondern
selbten zu ihrem wichtigen Werckzeuge bestimmet haben. Die anwesenden Priester
und der mir vor widrige schienen nunmehr stillschweigende meine Seite zu halten
/ und Gottwalden zu erlassen; unter denen aber / welche geopffert werden sollten
/ tat sich ein Widersprecher herfür /welcher behaupten wollte: dass dieser
Irrtum nicht dem einzelen Gottwald / sondern ihnen allen zu statten kommen /
und wer von ihnen frei sein sollte / aufs neue geloost werden müste. Kein Stand /
kein Geblüte hätte in Sachen des Gottesdienstes einen Vorzug. Hätten die Götter
ihn für uns zum Leben versehen / so könnte ihm das Loos nicht misslingen / und er
es ohne uns unrecht zu tun nicht ausschlagen. Ich erkennte diesen nunmehr für
Hotebroten einen Gotonischen Edelmann / welchem Gottwald eines Verbrechens
halber das abgesprochene Leben geschenckt hatte / und hielt ihm nicht ohne
heftige Gemüts-Bewegung ein: Bosshafter / hast du so geschwinde deiner Treue
und dieses Fürsten Woltat vergessen! Weist du nicht /dass ein Untertan keinen
Bluts-Tropffen in Adern zu haben würdig ist / den er nicht für sein Haupt willig
verspritzen will! du aber bist so unverschämt ihm sein Leben anzusprechen / der
dir dein verlohrnes aus Gnaden geschenckt hat! Ich wundere mich / dass dich
dieser heilige Ort in sich hauset; weil die Erde kein boshafter Tier
beherbergt / als einen undanckbaren Menschen. Hertzog Gottwald aber fiel mir in
die Rede / und sagte: Lasse diesen Undanckbaren nicht unsere sondern der ihm
verächtlichen Götter Rache empfinden. Eigene Woltaten soll man bald
verschimmeln / über frembde Beleidigungen aber Grass wachsen lassen. Ich will den
Namen nicht haben / dass mir zu Gefallen jemand wider Willen sterben müste. GOtt
und sein Loos mag unser Richter sein. Jedermann und am meisten die Priester
wunderten sich über dieses Fürsten hertzhaftem Vertrauen / und weil ich nicht
erlangen konnte / statt seiner mich dem Loos zu unterwerffen / behielt ich mir
doch zuvor auf allen Fall statt seiner mich aufzuopffern. Der oberste Priester
hüllete darmit 29. ungeschälte Looshöltzer mit einem weissen in Wolle / und nach
dem er selbte in einem von ölbäumenen Holtze gemachten Kästlein durch einander
gerühret / teilte er sie mit verbundenen Augen aus. Es ereignete sich aber zu
aller Zuschauer Erstaunung / dass alle weiss geschälte / der einige Hotebrodt
aber ein ungeschältes Loos-Holtz vorzuzeigen hatten. Ich / als ich den Fürsten
Gottwalden das seinige vorzeigen sah / ward für Freuden ausser mir selbst
entzückt; weil ich glaubte / dass an seinem Leben und Glücke niemand mehr als ich
Teil hätte. Aber ein ganz Eys-grauer Priester / welcher sich Diceneus nennte /
und bei den Geten oberster Priester der Göttin Disa / wegen Verfolgung des
Königes Byrebistas aber durch Scytien hieher kommen war / hatte für mir so viel
Kräfften als Jahre seine Freude hierüber auszulassen. Sein vorhin blasses
Antlitz kriegte eine lebendige Farbe / alle seine Glieder wurden gleichsam
verjüngt / seine Gebehrden zeugten mehr Vergnügung als die alle / welche dieses
Wunder-Loos vom Tode errettet hatte; und er fieng mit heller Stimme überlaut an
zu ruffen: diss ist der Tag /welcher alle Finsternüsse der traurigen Mitternacht
erhellet. O glücklicher / O erwünschter Tag! Ihr Betrübten / lasset alle trübe
Wolcken euer Schwermuts aus euren Hertzen verrauchen. Aber von der Ursache
unser grossen Freude / unsers allgemeinen Heiles /muss der nichts mit schmecken /
den das Verhängnüs zu seinem letzten Blut-Opffer auserwehlt hat. Mit diesen
Worten gab er denen dazu bestellten Priestern einen Winck / welche denn den
Hotebrodt alsofort in den Brunn stürtzten. Hierauf fieng der alte Priester
wieder an: Traget nun / ihr Priester / die Bilder euerer Götter zu dem nechsten
Strome / und waschet von selbten das sie mehr besudelnde als versöhnende
Menschen-Blut ab. Die Priester stutzten darüber / er aber fuhr gleichsam in
einer Entzückung und heiligem Eyver fort: Lasset euch nicht befrembden / dass
diese heilige Bilder gewaschen werden sollen / habet ihr nie gehöret / dass
fünfzehn Römer alle Jahr das Bild der Cybele im Flusse Almon / die Argivischen
Weiber die Bilder der Pallas und Diomedens in dem Flusse Jeachus / die Latier
das Bild der Aricinischen Diana in dem bei selbigem Heiligtum gelegenen See /
die Frauen zu Aten / in dem Plynterischen Feier / das Geschmeide der
vergötterten Agraulos / des Cecrops Tochter / waschen müssen! denn wie heilig
gleich was ist / kann es doch durch Missbrauch / wie die helle Sonne von Dünsten
beflecket werden. Er redete diss mit einem solchen Nachdrucke / dass kein Priester
mehr das Hertze hatte die Abwaschung ihrer Götter aufzuschüben. Nach dessen
Vollziehung fieng Diceneus abermals an: Vernehmet nun ihr glückseeligen
Nord-Länder; dass ich euch keinen blauen Dunst einer eitelen Freude für die Augen
mache. Ich will nicht meine Zunge / sondern todte Steine diese Warheit
aussprechen lassen. Hierauf liess er das Bild des Otin mit seinem Fusse von dem
Pflaster fortrücken / da man denn auf einem viereckichten Marmel-Steine diese
mit Runischen Buchstaben eingegrabene Wahrsagung fand:
Wenn für den Fürsten wunscht ein treuer Knecht zu sterben /
Ein Ungetreuer fällt / der ihn sucht zu verterben /
Und sich das schwartze Los in eitel weisse kehrt /
Darff mehr kein Menschen-Blut den Göttern sein gewehrt.
Weil nun niemand im Tempel war / der nicht diese alte Weissagung durch
vorgegangene Begäbnüss erfüllet zu sein glaubte / erhob sich ein allgemeines
Frolocken. Der König selbst mühte sich auf alle Weise seine Vergnügung über
Aufhebung dieser grausamen Menschen-Opffer an Tag zu geben. Der alte Priester
aber gab ihnen ein Zeichen zum Stillschweigen / und hierauf zu verstehen / dass
er noch mehrere Glückseligkeit ihnen anzukündigen hätte. Die Begierde solches zu
vernehmen hemmete allen ihre Zungen / öffnete aber ihnen Augen und Ohren gegen
dem Unterrichte dieses annehmlichen Götter-Botens / welcher /nach
hinweggerücktem Bilde des Gottes Tor / auf einem andern Marmelsteine folgende
Reime zeigte:
Wenn GOtt hier wird befehln / nicht Menschen mehr zu tödten /
Und noch ein Streich geschicht / der Erd und Meer wird roten /
Wird viertzig Jahr diss Reich voll Fried' und Glücke sein /
Der König erndten Ruhm / das Volck viel Segen ein.
Ob nun zwar die Nordländer streitbarer / wie die Sudländer tieffsinniger als
andere Völcker sind; so konten doch die hertzhaften Svionen und Goten ihre
Freude über vertröstetem Frieden nicht in ihren Hertzen ersticken lassen;
sondern sie jauchzeten über dieser gewünschten Zeitung als über Ankündigung
einer güldenen Zeit; verfielen damit in Lobsprüche des güldenen Friedens / dass
selbter eine Erhohlung abgematteter Völcker / der Könige Schatz-Kammer und
Spaar- / ein Balsam der Königreiche / ein Paradiess der Herrscher / und ein
Himmel-Brodt der Erde wäre. Aber der alte Priester war begierig dem andächtigen
Volcke noch die dritte Freude zu machen / liess also auch der Freja Bild etliche
Schritte weit fortrücken /und wiese selbtem auf einem andern Marmelsteine
folgende Weissagung:
Wenn Dam und Schwenno wird zusammen sich vermähln /
Und beide Schwerdt und Schild in Eeg und Pflug- Schaarn kehren /
Wird GOtt ein Fürsten-Haus der Mitternacht gewehren /
Dem es an Zweigen nicht kann tausend Jahre fehln.
Volck und König schütteten hierüber alle Uberbleibung ihrer im Hertzen noch
übrigen Freuden aus; preiseten diesen Tag für den glückseligsten in der Welt /
als in welchem das Unglücke ihnen mehr einigen Schaden zu tun entkräfftet
würde. Der König verfügte sich hierauf zu dem Bilde des Gottes Tor /und
opfferte in seine auf der Schoss habende weite Schale einen güldenen Teller /
auf welchem sein Bild gepregt war / die Königin / ausser welcher kein Weib zu
opffern oder nur in Tempel zu kommen befugt ist /einen nicht viel kleinern mit
ihrem Bilde. Alles Volck / das im Tempel war / musste etwas Gold einlegen. Die
verhandenen Lappen aber / bei welchen zwar Perlen in Flüssen / wie auch Silber /
Kupffer und Eisen in Gebürgen gefunden werden / legten statt dieses Ertztes eine
gelbe steinerne Müntze ein / dergleichen bei ihnen am Ufer eines Flusses gelesen
werden. Der oberste Priester sprach hierauf alle zum Opffer bestimmte ihrer
Wiedenung / König Erich sie der Gefangenschaft los; den Hertzog Gottwald
verehrte er als seinen Bruder / mir liebkosete er als einem Werckzeuge
allgemeiner Wohlfart / nach dero Gestalt vollendetem Gottesdienste wurden in
allen vier Vorsäulen des Tempels köstliche Mahlzeiten bereitet / und darzu
gewisse Stücke von denen Opffer-Tieren / besonders aber das für das herrlichste
Gerichte geachtete Pferde-Fleisch genommen. Der König zohe Hertzog Gottwalden
und mich zu seiner und der Reichs-Räte Taffel /er tranck aber nicht ehe als biss
der oberste Priester kam / und aus dreien güldenen Hörnern / darauf allerhand
Sinnen-Bilder ausgeetzt waren / dem Könige den ersten Tranck in Weine / zu Ehren
des segnenden Tor / den andern des die Feinde stürtzenden Otin /den dritten
der fruchtbaren Freja zutranck. Denn dieses waren / wie bei den Griechen und
Römern / der Becher des Hercules / und Bacchus / die notwendigen Heil-Trincke.
Der König nahm sie mit grosser Ehrerbietigkeit an / und nach dem er sie mit
einem Creutze / welches den Hammer des Tor bedeuten soll / bezeichnet hatte /
tranck er selbte; die Reichs-Räte aber grosse Püffel-Hörner auf glücklichen
Sieg des Königes / auf Ausbreitung des Reiches / und auf reichen Zuwachs der
Erd-Gewächse herum. Hernach war niemand / der nicht zum Gedächtnis abgelebter
Helden / und auf Gesundheit guter Freunde etliche Trinckgeschirre ausleerte.
Endlich kamen gar in Gold eingefaste Hirnschädel ihrer erschlagenen Feinde
herfür / daraus sie zu Ehren des Gottes Otin bei singung gewisser Gedichte sich
zu trincken nicht scheueten. Nach vollbrachter Mahlzeit wurden auch / wie in
Griechenland von Ringern und Fechtern / welche in diesen Nordländern in so hohem
Ansehen sind / als ihre Riesen-Grösse sich erstrecket / allerhand Spiele
gehalten / über welche der oberste Priester gleichfalls zum Aufseher bestellt
war. Ich kann ihre künstliche Wendungen / Streiche und Versetzungen so wenig als
ihre Kräfften beschreiben; aber wohl versichern / dass der Nord die rechte hohe
Schule der Ringer und Fechter sei / zu letzt warffen sie mit abgefleischten und
knötichten Ochsen- und Pferde-Knochen auf einander so gerade / als wenn sie
Pfeile von Bogen abschüssen. Zu letzt wurden vom obersten Priester / gleich als
wenn Spiele und Abgötterei allezeit unzertreñliche Schwestern sein müsten /
denen / welche sich wohl gehalten Kräntze von Oelzweigen mit Gold umwunden /vom
Könige aber Streitkolben und Schwerdter ausgeteilet / derer iedem er einen
besondern Nahmen zueignete. Wie denn kein Held in Norden ist / dessen Degen und
Pferd nicht einen eigenen Nahmen so wohl als des grossen Alexanders Bucephalus
führet. Wer nun einmal hier den Preis erwarb / ward so hoch /als die in
Olympischen Spielen siebenmahl siegende Griechen geschätzt / reisete in die
benachbarten Länder der Cimbern / Fennen und Scyten herum / und mit allen
berühmten Ringern / Fechtern / wie auch Sängern der alten Helden-Taten / welche
sie tieffsinnig zu singen sich von Kind auf befleissen / und einige wegen
nachdencklicher Grabeschrifften Kron und Zepter erworben haben sollen / sein
Heil zu versuchen / und die Kräfften zu eichten. Wo sie auch in der Frembde
einen Sieg erhalten / wird ihnen das Recht der Eingebohrnen / wie in
Griechenland denen in Singen / in Lust-Spielen und andern obsiegenden das
Bürger-Recht / und die Rats-Würde vieler Städte /zugeeignet. Bei ihrer
Wiederkunft werden sie / wie zu Rom auch geschiehet / von Königen zu Auffsehern
ihrer Väder / vielleicht weil sie zu Abwaschung des Staubes und Schweisses
derselben am meisten bedörffen / wie auch ihrer Rüst-Kamern mit reichlichem
Unterhalte bestellet; und sie müssen die jungen Fürsten am Hoffe in ihren
Künsten unterrichten. Sie werden auch alle in die küpffernen Zeit-Register der
Svionen mit allem Fleiss aufgeschrieben / welche nicht nur wie zu Ephesus ihrem
Archon / zu Sparta denen Ephoren /zu Argos den Priestern der Juno / zu Smyrna
ihren Kräntze-tragenden Ratsherren / sondern dem Könige selbst zugeschrieben
wurden; Welcher alleine darüber / wie der Kayser über das Haus der Musen zu
Alexandria einen Priester zu setzen Macht hat. Dahero / ob zwar die Fecht-Kunst
/ wegen ihrer zum Kriege dienenden Geschickligkeit bei den Griechen allen andern
Ubungen des Leibes vorgezogen / mit dem Nahmen der Tugend beehret / ja der
Fechter Cleomedes von Assypala und ein ander von Tasus vergöttert / und dem
Apollo der Zunahme eines Fechters zugeeignet ward / wie nicht weniger zu Rom
Rats-Herren / Bürgermeister / und die sich Nachkommen des Eneas rühmen / sich
Fechter abzugeben nicht schämen / doch die Fechter in Norden noch in viel
grössern Ehren gehalten werden / und eben so wohl als zu Rom von allen Zöllen /
Steuern und bürgerlichen Verwaltungen frei sind. Nach der Zeit machte König
Erich mit den Fürsten Gottwald verträuliche Freundschaft und ihm zu Liebe
erzeigte er auch mir alle Gnade / ja er zohe uns beide in seinen Kriegs-Rat /
wiess und entdeckte uns alle seine Anstalten und Zurüstungen; und weil Hertzog
Gottwald ohne diss mit seinem kleinen in Upsal habenden Sohne nirgends hin wusste
/ waren wir so viel leichter zu bereden / dass wir dem Könige versprechen gegen
die wider den König Froto und seinen Bruder Roller aufrührische Norweger und
Sitonen mit in Krieg zu ziehen / nach dem Gottwald zumahl feste beredet war /
dass das Ungewitter ihn auf seinem Schiffe nicht ohne sonderbahres Verhängnis an
die Svionische Küste verschlagen / dieses aber ihn durch ein grosses Wunderwerck
von der Aufopfferung erlöset hätte. Weil nun König Erich von seinem Bruder
Roller neue Posten bekam / welche seinen Notstand / und dass die Norweger mit
denen an sich gehänckten Lappen und denen an der eussersten Nord-Spitze
wohnenden Strick-Finnen und Biarmiern ihn auffs gefährlichste bedrängten / sich
auch Nidrosiens bemächtigt hätten / berichteten / der Schweonen Sud-Völcker
schon für einem Monat aufgebrochen / die Fennen aber über den Botnischen
See-Busem übergesetzt hatten / brach der König mit seinem in Upland gesamleten
Heere und uns gleichfalls auf. Nach dem auch der Cimbern König Froto den König
Erich vergewissern liess / dass er aus seinen Hafen schon mit drei tausend
Schiffen ausgelauffen wäre / bediente er sich vieler von seinen getreuen Lappen
ihm zugebrachter Renn-Tiere / mit denen man zur Not in vier und zwantzig
Stunden hundert Meilweges fortkommen kann. Unser Zug ging durch diese gleichsam
andere Welt des grossen Scandinaviens / welches falsch für ein Eyland gehalten
wird /nach Nord-West / und kam der König mit uns wohl vierzehn Tage für seinem
hinter sich gelassenen Heere an der zu Musterung seiner Krieges-Heere bestimmten
Norwegischen Gräntze an / wiewohl er daselbst schon funffzig tausend Goten und
so viel Lappen in Bereitschaft / und seinen Bruder in Bewahrung des Passes über
das Norwegische Gebürge Sevo fand. Dieses ist wohl dreihundert Meilen lang / und
an Höhe gibt es weder den Alpen noch dem Rypheischen Gefilde nach. Nach weniger
Tage-Rastung liess Erich sein verhandenes Heer über das beschneite und wegen
steter Winde und Schnees ganz kahle / also aller Bäume mangelnde Gebürge
fortrücken / welches seinem Volck so viel sauerer ankam / weil die ersten sich
durch eitel Schnee und Eis durchgraben / die folgenden aber auf einen Monat
Lebens-Mittel nebst ihren schweren Waffen tragen mussten. Die Lufft aber vielmahl
mit so dickem Nebel verdüstert war / dass man weder den Weg erkiesen / noch
weiter sehen als greiffen konnte. Inzwischen folgten Erichs andere Heere / und ob
uns schon das Wetter ziemlich fugte /brachten wir doch mit Ubersteigung des
Gebürges drei Wochen zu / ehe das Heer in das Sitonische Gebiete übergesetzt
werden konnte. Wir konten uns hierüber der veränderten Gegend nicht genungsam
verwundern. Denn da wir den Tag vorher auf dem Gebürge nichts als grausame Kälte
empfunden / ja die schnellesten Flüsse und tieffsten Seen durch drei Ellen
dickes Eis gehemmt gesehen hatten / fanden wir die Täler voll Grasses / welches
den Pferden nicht nur biss an die Bäuche ging / sondern auf ihre heftige
Abmattung sehr gedeilich war. Denn ie weiter man gegen Mitternacht komt / ie
weniger findet man Frühling- und Herbst-Wetter / sondern es scheiden sich in
wenig Tagen Winter und Sommer / eusserste Kälte und mächtige Hitze; Sintemahl in
der Nord-Spitze zwar drei Monat eine einige Nacht sind / welche aber von dem
hohen Mohnden und dem vielen Schnee ziemlich erleuchtet werden; so haben sie
doch auch im Sommer so viel Monate steten Tag; noch länger empfindet man statt
der Nacht nur einige Demmerung /also / dass die ihnen so lange scheinende Sonne
nicht nur grosse Hitze / sondern auch zeitliche Reiffung der Erd-Gewächse
verursacht. König Erich fand zu seiner grossen Verwunderung nirgends keinen
Widerstand /da doch Harald ein Norwegischer Fürst den König Roller nach
erobertem Nidrosien in dem Gebürge mit einer grossen Macht besetzt gehalten
hatte / und man aus Lapland gewisse Nachricht bekam / das Egter der Biarnier /
Tengill der Finnmärcker König / mit einem unzählbaren Heere / aus der eussersten
Mitternacht / die Eissländer aus Tule und denen Oriadischen Eylanden aber denen
Nordmännern mit mehr als tausend Schiffen waren zu Hülffe kommen. König Erich
und Roller richteten mit möglichster Vorsicht /nirgends überfallen zu werden /
ihren Zug gerade gegen Nidrosien zu / als in welcher Gegend auch König Froto
mit seinen Cimbern zu landen bestimmt hatte; weil zumahl alle Gefangenen
einmütig berichteten / dass Torismund / welchen die Nordmänner für ihren König
an statt des seiner Strengigkeit halber verstossenen Rollers dem Harald Befehl
zugeschickt hätte mit seiner ganzen Macht zu ihm zu stossen /das sie für Erichs
Ankunft den Froto mit seinen Cimbern erdrücken möchten. Nach etlichen
Tagereisen kamen wir an einen Berg / allwo auf einen kleinen Hügel eine lange
Stange oben mit einer höltzernen Taube steckte. An den nahe darbei
abgeschliffenen Steinfelss waren zwei einander sich umarmende Löwen / und darüber
zwei Creutze / mit diesen Reimen ganz frisch eingegraben:
Für Freunde sterben ist der Freundschaft höchste Pflicht /
Das aber reicht ans Tun des hier verscharrten nicht /
Der mit dem Todten sich lebendig liess begraben /
Als könt' er in der Welt mehr kein Vergnügen haben.
Hertzog Gottwald und ich war bekümmert über der Bedeutung; da uns denn ein
Norwegischer Priester diese Auslegung machte: Die Taube wäre ein Merckmahl eines
an solchem Orte liegenden liebwerten Freundes; die Löwen tapfferer Helden / die
Creutze der Unsterbligkeit / welche nirgends fester als von Nordmännern geglaubt
würde / daher wäre bei ihnen niemand so undanckbar / der nicht einem
verstorbenen Helden oder sonst ums gemeine Wesen wolverdienten Manne an einen
Steinfelss sein Gedächtnis einhauen liesse. Ich fragte den Priester um die
Ursache der durch ein Creutz bezeichneter Unsterbligkeit /welcher mir antwortete
/ ob ich nicht wüste: dass das Creutz fast bei allen Völckern ein grosses
Geheimnis wäre! Die Araber drückten darmit die vier Elemente / und den Einfluss
der Sternen / die Egyptier die Ewigkeit aus / nennten es ein unaussprechliches
Zeichen / und schrieben es in die Hände ihres Gottes Serapis; die Svioner
bildeten damit den Hammer des Gottes Tor / und die Nordmänner den sich in alle
vier Teile der Welt ausbreitenden Ruhm der Tugend ab. Dieses Grabmahl aber wäre
für weniger Zeit zweien unvergleichlichen Freunden aufgerichtet worden. Nehmlich
dem Aswit des Fürsten Biorno in Wick / und Asmunden des Fürsten Alff in Hetmarck
Sohne. Diese zwei wären nichts minder zusammen ein Hertz als Gefärten der Jagt
und vieler Heldentaten gewest. Nach dem nun der erste gestorben / hätte sich
Asmund lebendig mit einem guten Vorrate von Lebens-Mittel in diese dem Aswit
zum Grabe erkiesete Höle versperren lassen. Denen Svionen machte diese
verdächtige Erzehlung Argwohn / dass die Nordmänner daselbst einige Schätze
vergraben hätten; welcher sich so vielmehr vergrösserte / als sie nach hinweg
geschorrener Erde und aufgehobenen breiten Steine eine überaus grosse Höle
fanden. Ein junger Svionischer Edelmann Tott bot sich alsbald an / dass er sich
an einem Seile in einem Korbe hinab lassen /und die Geheimnisse erkundigen wollte.
Kurtz hierauf hörte man in der Höle ein Geschrei / und empfand am Seile ein
Zeichen / welches zu Heraufziehung des Korbes abgeredet war. Mit diesem aber
erschien ein verschimmelter / im Gesichte zerfleischter / und sonst allentalben
scheusslicher Mensch; welcher als ein vermeintes Gespenste aus Einbildung / dass
der Todte lebendig worden wäre / alle Anwesende verjagte / und ob dieser zwar
winckte und ruffte / sie hätten sich für ihm als einem lebendigen Menschen
nichts zu befürchten / so war doch ausser uns beiden niemand ständig zu machen /
biss endlich König Erich selbst hierzu kam / welchem er erzehlte: dass er der für
einem Monat lebendig begrabene Asmund wäre. Erich fragte / wer ihn denn in
dieser Einsamkeit der Todten so grausam verstellet hätte? Asmund antwortete: der
mich im Leben mehr als sich selbst liebende Aswit hat sich in diesem Grabe /
nach dem er das Pferd und den Hund / welche man hier zu Lande mit den Helden zu
begraben pflegt / aufgefressen / als meinen verbittersten Todfeind erwiesen /
mich meinem Bedüncken nach alle Mitternacht ich weiss nicht ob aus Hunger / oder
weil den Todten die Gemeinschaft der Lebenden wie das Licht den Nacht-Eulen
unerträglich ist / wie ein rasender Bär überfallen / mit seinen Nägeln und
Zähnen zerfleischet / und gar das lincke Ohr abgerissen. Nach dem ich ihm aber
den Kopff zerspalten / den Leib mit seinem eigenen Dolche durchstochen / habe
ich zwar Ruhe vor ihm / aber keine von der bängsamen Einigkeit und
verzweiffelnden Gedancken gehabt / daher ich die für meine Götter und Erlöser
lebenslang verehren will / welche diese meine Hölle eröffnet / und mich an statt
dessen / der aus eben so grosser Torheit als ich sich mehr Vergnügung bei den
Todten als Lebenden eingebildet und hinunter gelassen / an das erfreuliche
Tagelicht empor gezogen / und mich gleichsam von den Todten auferweckt.
Jedermann fieng hierüber an zu lachen /der König aber befahl den Tott wieder
empor zu ziehen / und sagte: Ich weiss nicht / welcher unter euch beiden für den
grösten Toren zu halten sei. Denn es ist ja so grosse Narrheit in der
stinckenden Todten Gräbern Schätze / als aus mutwilliger Verschleuderung seines
Lebens Ehre suchen. Wie es weibisch ist /wenn es die Not erfordert / nicht
sterben wollen /also ist es mehr als viehisch ihm ohne Not und Nutzen das Leben
nehmen / wenn man es dem gemeinen Wesen zum besten erhalten kann / ja ein
Wahnwitz solches einem verstorbenen Freunde aufopffern / der es weder erfähret /
noch dardurch wieder lebendig wird. Beide erkeñten ihre Irrtümer / und ob wohl
Asmund noch so übel zugerichtet war / entschloss er sich doch nach Verbindung
seiner Wunden dem Könige zu folgen und im Kriege zu dienen. Bei Verfolgung unser
Reise fanden wir in dem fast alles Mannes-Volckes entblösten Lande gar keinen
Widerstand / ja Nidrosien selbst war ohne Besatzung / also / dass König Roller
mit seinem Vorzuge sich ohne Schwerdtschlag desselben Meister machte. Weil wir
aber daselbst vernahmen / dass Torissmund unterhalb des Nidrosischen Sees in
Halogien alle Kräfften zur See und zu Lande zusammen gezogen hatten; auch für
selbigem Ufer die Cimbrische Seeflotte kreutzte / eilte König Erich dahin / in
Meinung zwischen selbigen Seebusemen den Krieg und dessen Ausschlag in die Enge
zu spannen. Wir erreichten nach einer überaus beschwerlichen Reise zwar unsern
Zweck / nämlich das felsichte Gestade des tiefsten Welt-Meeres / alleine der
Nord-Männer Landes-Macht hatte sich zwischen denen Armen der Seebusame so
vorteilhaftig gesätzt / dass wir bei Mangel der Schiffe von ihnen nur
ausgelacht wurden. König Froto schwermte mit seinen dreitausend Schiffen zwar
um das Ufer / aber wegen Höhe desselbten und Mangel eines Hafens / konnte er / wo
wir standen / weder aussätzen / noch denen zwischen denen Felsen steckenden
Schiffen der Feinde beikommen. Von dieser Schiffs-Flotte kann ich mit Warheit
sagen / dass selbter gleichsam das Meer schien zu enge zu sein / und als wenn
alle Schiffs-Baumeister der Welt an selbter gearbeitet hätten. Denn hier waren
zu sehen Eriotetens erfundene Schiffe mit zwei / Amimoelens mit drei / der
Atenienser mit vier / Nesictons mit fünff / des Zenazoras mit sechs /
Mnesigetons mit acht / und zehn / des grossen Alexanders mit vierzehn / des
Ptolomeus Soters mit funfzehn / des Demetrius mit dreissig / des Philadelphus mit
viertzig / des Philopators mit funfzig Ruderbäncken. Aber die meisten Schiffe
waren ohne Ruder mit drei grossen Masten / oder vielmehr schwimmende Berge und
Eylande / und zum teil mit langen eisernen Spitzen am Vörderteile / welche
schnäbelchte Schiffe Gryphon der Scyte in dem Nord-Meere erfunden. Sintemahl
die Schiffe mit Rudern denen ungeheuren Wellen dieser Meere zu schwach sind.
Ausser diesen Kriegs-Schiffen sah man auch eine ziemliche Anzahl der vom Hippius
Tyrius erdachten Laft- und der Salamienier Pferde Schiffe für die Reiterei.
Jedes hatte auf dem Vörderteile des Schiffes ein gewisses Tier / zu seinem
besonderen Zeichen; das Königliche Schiff /wie das des die Andromeda raubenden
Perseus einen Wallfisch. Uber diss waren nicht nur alle Schiffe mit Wachse / Pech
oder Hartzt überzogen / dass sie weder Fäule / Saltz noch Sonne so leicht
beschädigen konnte / sondern sie waren auch noch zierlich gemahlet. Folgenden
Morgen sahen wir von unsern Felsen aus denen Norwegischen Klüfften eine
unzählbare Menge Norwegischen Schiffe herfür kriechen / welche mit der am Lande
gestandenen Macht wohl zweifach besätzt waren. So bald Torismund seine
Schiffs-Flotte gestellet hatte / schlachtete er dem König Froto gegen über drei
gefangene edle Cimbern / dem Odin /wie Temistocles in der See-Schlacht mit den
Persen des Sandauces drei gefangene Söhne / dem gütigen Tor aber / wie
Mitridates für seinem Kriege wider die Römer ein weisses Pferd / stürtzte auch
einen geweiheten Wagen mit vier weissen Pferden ins Meer. Ob nun wohl die
Nordmänner den Wind zum Vorteil hatten / wollte es ihm doch König Froto nicht
zur Schande tun mit so einer grossen Krieges-Macht zu weichen / stellte also
selbte wider Wind / Wellen und Feinde in Schlacht-Ordnung. Wie es nun anfangs
das schönste Schau-Spiel der Welt war zu sehen / welcher gestalt das grosse Meer
mit unzählbaren Segeln sich regte / und gleichsam lebendig ward; Schiffe
zusammen geflochten und mit Leder überzohen / oder wie die Böotischen von
ausgehölten Bäumen gemacht waren; so eine grausame Gestalt bekam es hernach /da
die Schiffe einander mit flügenden Feuern anzündeten / und auf einmal Feuer /
Wasser und Schwerdt einem jeden dreierlei Tode für Augen stellten; oder da die
Schiffe sich an einander mit Hacken feste machten / und auf dem Meere ein so
scharffes Gefechte als auf festem Lande anfiengen. Den halben Tag währte diese
See-Schlacht / ohne dass man urteilen konnte / welchem Teile die Tugend oder das
Glücke den Sieg zuwerffen würden. Denn auf der Nord-Männer Seite stand der Wind
/ auf der Cimbern die Tapfferkeit. Daher auch die Nord-Männer ihrem Glücke nicht
trauen wollten / sondern den See-Streit abbrachen / und sich auf eine starcke
Meilweges weit zurück auf das hohe Meer legten. König Froto aber /weil er wider
den Wind nicht segeln konnte / schickte etliche seiner künstlichen Wasser-Treter
aus / welche unter dem Meere so weit schwamen / und mit einem besondern Feuer
etliche der grösten Schiffe in Brand steckten / und um die andern Norwegischen
anzuzünden unter Wasser die Ancker-Tauen abhieben. Dahero ich nicht weiss / ob
diese Cimbern nicht so wohl zu Letra in dem Heiligtum der Herta / als der
Sciowische Scyllis und seine Tochter Cyana in dem Delphischen Tempel
Ehren-Säulen verdient haben / welche letztern zwar der Sciowische Scyllis mit
seiner Tochter Cyana wohl achtzig Stadien weit / aber in keinem so tieffen und
grausamen Meere unter Wasser schwamen / und bei stürmendem Wetter durch
Zerhauung der Seile und Steuer-Ruder die Persische Flotte zernichteten. Gegen
den Mittag aber sah man aus Norden etliche hundert Biarmische und Orcadische
Schiffe / welche aber klein / und auf Britannische Art meist von Schilffe mit
vollem Winde gelauffen kommen; nach derer Ankunft die wegen des Brandes sich
zerstreuenden Schiffe der Nordmänner wieder zusammen zohen / und bei so
vorteilhaftem Winde einen neuen Angrief täten. Hingegen wurden die Segel der
Cimbrischen Schiffe wie bei der grösten Windstille schlaff / also dass sie sich
weder regen noch wenden konten / da doch die Norwegischen /Tulischen und
Orcadischen Winde volle Segel behielten. Dieses erregte unter denen von ferne
zuschauenden Svionen ein grosses Schrecken / welche uns versicherten / dass diese
Nord-Völcker durch Zauberei gewisse Schiffe unbeweglich machen könten; worwider
nichts als das monatliche Geblüte von Jungfrauen / wenn darmit Maste und Segel
bestriechen würden /hülffe. Hingegen wüsten sie durch Auflösung dreier Knoten so
grausame Stürme zu erregen / dass alle Schiffe sich umkehren und zu Grunde gehen
müsten. Die Cimbern taten zwar eine geraume Zeit ihr euserstes / ihrer viel
umarmten auch die Mast-Bäume /wendeten sich behende gegen das Hinterteil der
Schiffe / darauf das Bild ihres Gottes Odin / wie bei andern Völckern der Isis /
Minervens / Cybelens / des Apollo / Neptuns / des Castors / Pollux und anderer
vermeinten Schutz-Götter aufgetürmet stand / aber endlich war doch die Zauberei
ihrer vermeinten Andacht und Tapfferkeit überlegen / und musste der für Zorne
schäumende König Froto aus der Not eine Tugend machen / und sich noch des
nahen Ufers zu seinem Hafen / seiner flachen Schiffe aber zu einer Brücke ans
Land zu setzen bedienen / seine Schiffe also dem Feinde und Feuer zur Beute
überlassen. Bei welchem Unglücke denn noch diss das gröste Glücke war / dass König
Froto ein etwas flaches und zum Aussteigen geschicktes Ufer am Rücken und die
Tieffe des Meeres zum Vorteil hatte. Denn ausser diesem wäre schwerlich ein
Bein von seiner mächtigen Schiffs-Flotte entronnen; und der Nord-Welt wie denen
Egyptiern / als ihr König Nectanebus durch Umdrehung gewisser Wachs-Bilder in
einem mit Wasser gefüllten Becken so viel im Meere erscheinender Schiffe zu
Grunde richtete / grosses Nachdencken im Kopffe geblieben: Ob das Verhängnüs
sich auch zaubrischer Mittel zu Ausübung seiner Schlüsse bediene / oder ob
selbtes mit der Tugend zu schwach sei einem boshaften Hexen-Meister zu
begegnen. Bei dieser Aussätzung aber stiess dem Könige Froto die gröste Gefahr
zu. Denn weil er mit seinem grossen und fürtreflich-ausgerüsteten Schiffe die
andern beschirmte / und die Ehre der letzte unter den Fliehenden zu sein
behaupten wollte / ward er durch ein mit Schwefel und Pech gefülltes aber mit
einer Königlichen Haupt-Fahne ausgeputztes und vergüldetes Schiff angezündet;
also / dass er / welcher vorher mit so viel tausend Masten dem Meere beschwer-
und schrecklich war / sich eben so wie der flüchtige Xerxes mit Kummer und Not
auf einem Fischer-Kahne konnte ans Land sätzen lassen. Ob nun zwar Froto
derogestalt sich und sein Kriegs-Volck mit wenigem Verluste rettete / so blieben
doch seine dreitausend Schiffe / ausser hundert und siebentzigen / welche sich
zwischen etliche in die See vorgehende Felsen versteckten / mit einem
unglaublichen Vorrate im Stiche / dass also dieser Verlust weit über des Xerxes
/welcher nur dreizehn hundert Schiffe gegen dreihundert und achtzig der Griechen
einbisste / zu schätzen war. Nichts desto weniger meinten die Cimbern sehr viel
aus diesem Schiffbruche gebracht zu haben / weil sie ein in Gestalt eines
Drachen gebildetes Schiff /welches doch seines Altertums halber nichts nütze
/aber weil die Cimbern damit die ganze Erdkugel umsegelt haben sollten / für ein
grosses Wunder und Heiligtum gehalten ward / davon gebracht hatten. Bei welcher
Bewandnüs ich mich nach der Zeit nicht wunderte / dass die Egyptier ihr aus
Bintzen oder Senden und Dörnern geflochtenes Schiff / darauf sie alle Frühlinge
mit einer lichten Kertze / einem Ey und Schwefel die Isis versöhneten / wie auch
das absondere Sonnen-Schiff / in dessen Hinter- und Vörderteile Osiris auf
einem Krokodile riett / Aten das alte Schiff des Teseus / welches sie alle
Jahr nach Delos /um solch Eyland zu reinigen / absegeln liessen; wie auch das
Salaminische / darauf alle Beklagte zum Gerichte fuhren; die Lemnier ihres / auf
welchem wegen der Weiber wider ihre Männer verübten Grausamkeit das von Delos
geholete Feuer neun Tage ausgelescht ward; die Römer das Schiff / worauf
Saturnus in Italien / und das Bild der Götter-Mutter von Pessinnut /des
Esculapius aus Epirus nach Rom kommen war /Antigonus das dem Apollo gewiedmete
Schiff / darauf er die Ptolomeer bei Laucolla überwunden / und Sesostris sein
aus Zeder-Holtz zweihundert und achtzig Ellen lang gebautes / inwendig
versilbert / auswendig vergoldetes und dem Tebanischen Gotte gewiedmetes Schiff
für so grosse Heiligtümer aufhoben. Hingegen steckten die Nord-Männer auf allen
Klippen Freuden-Feuer an / und feierten nicht ebenfalls all ihr Kriegs-Volck ans
Land zu sätzen. Der Cimbern Unglück aber war / dass ein langer Meer-Arm uns von
ihnen und den Nord-Männern scheidete / und zum Ubersätzen weder Fahrzeug noch
ander Mittel verhanden war. König Erich und Roller liessen daher ihre
Kriegs-Hauffen über Hals über Kopff umb diesen See-Arm forteilen / um sich mit
dem Froto zu vereinbaren / dessen Kräfften augenscheinlich denen vom erstern
Siege hochmütig und daher tapfferern Nord-Männern / Finn-Marcken / Biarmiern
und Orcadern unmöglich gewachsen sein konten. Unter König Erichs Heere war ein
Svionischer Riese Argrim / welcher niemahls im Fechten und Ringen verspielt /
und deswegen des Unüberwindlichen Nahmen erworben hatte. Dieser hatte bei Nachte
denen Norwegern etliche Fischer-Kahne abgezwungen; bot sich also beim Könige
Erich aus / mit hundert auserlesenen Fechtern über den See-Arm zu fahren / und
dem Könige Froto von ankommender Hülffe Nachricht zu bringen. Diese zohen
Norwegische Kleider an / und weil bei Aussätzung der Feinde es ziemlich
verworren hergieng /kamen sie durch das Lager der Biarmier glücklich durch / biss
sie zuletzt von der Nord-Männer Vorwache erkennt und aufgehalten wurden. Aber
diese hundert Svioner / derer Riesenstärcke sich durch stete Ubung mit
Geschickligkeit vermählt hatte / schlugen sich durch zweitausend Nordmänner so
männ- und glücklich durch / dass ihrer nicht mehr als zwei im Stiche blieben /
und wenige verwundet wurden /dahingegen zweihundert Feinde ins Grass biessen und
ihrer noch mehr fast tödtlich verwundet wurden. Denn Argrims und seiner
Gefärten Streiche durchdrangen alle Pantzer / zerspalteten alle Schilde / und
zermalmeten alle Waffen. König Froto war über dieser wenigen Ankunft so sehr
erfreuet / als wenn ihm König Erich ein ganzes Heer zu Hülffe geschickt hätte.
Denn die Nord-Männer waren so sehr bestürtzt / als beschämt / dass eine solche
hand-voll Volckes durch ihr Heer gedrungen war; die von dem unglücklichen
See-Treffen erschrockenen Cimbern kriegten wieder ein Hertze / und wegen
vertrösteter Ankunft der Svioner grosse Hoffnung. Aber nachdem selbigen Tag und
ganze Nacht Torismund alle seine und der Hülffs-Völcker Macht aus den Schiffen
gebracht / und mit Haralds und Hilderichs zwei Heeren vereinbart hatte / rückte
er ohne einige Lufft-schöpffung mit anbrechendem Tage gegen die Cimbern an / in
Hoffnung eher dieser Meister zu werden / ehe die Svionen zu den Cimbern stossen
könten. Froto hätte zwar gerne die Schlacht vermieden / aber er konnte auf einer
Seite wegen eines steilen Gebürges / auf der andern wegen des Meeres nicht
weichen / wenn er aber die dritte offene erkiesete / konnte er mit leichter Müh
und geringer Macht von denen erwarteten Svionen gar abgeschnitten werden. Diesem
nach musste er / ob der Feind schon noch mehr als zweimahl so starck war /
entschlüssen zu schlagen. Er liess daher seine Feld-Obersten sein Heer eilends in
Schlacht-Ordnung stellen; wiess selbtem am Rücken Meer und Klippen / und also bei
abgeschnittener Flucht die Notwendigkeit ritterlich zu fechten / oder zu
sterben. Insonderheit hielt er ihnen ein: dass die Zauberei auf dem festen
Erdbodeme keine Winde knipffen / und der / welcher sich mit so schwartzen
Künsten behülffe / kein Hertze haben könnte. Weil er sich aber gleichwohl so
vielfältig übermannet sah / stellte er seine Schlacht-Ordnung in einen zwischen
den Klippen und dem Meere gelegenen Winckel / damit der Feind ihn nur an der
Stirne antasten / und mit seinen ausgebreiteten Flügeln nicht umgeben konnte.
Dieser Vorteil war das einige Mittel zur Verhindernüss / dass nicht das ganze
Cimbrische Heer in die Pfanne gehackt ward. Denn nach dem Torismund durch die
Finnmarcken /Biarmier / Orcader und Tuler / welche Nord-Völcker kein Saltz
essen / und deswegen an Geschwindigkeit ihres gleichen nicht haben / die Cimbern
neun Stunden lang abgemattet hatte / dass das dritte Teil entweder wegen
empfangener Wunden oder Müdigkeit nicht mehr die Waffen halten konnte / führte er
/ und Harald allererst die frischen Nordmänner an / welche so wohl ihrer
angebohrnen Tapfferkeit halber / als weil ihr Siegs-Preis die Freiheit / ihr
Verlust die Dienstbarkeit nach sich zoh / alle eusserste Helden-Taten ausübten.
König Froto hingegen behertzigte /dass es um sein Heer / sein Leben / seine und
der Cimbern Ehre / ja wohl gar um ihr Reich zu tun wäre /und daher versprach er
alle gemeine sich tapffer haltende Knechte zu Edelleuten / alle Edle zu Rittern
zu machen / die Ritter mit Lehnen und Ehren-Aemptern zu versorgen / einem ieden
fürs Vaterland sterbenden aber ein steinern Grabmahl mit einer ihn verewigenden
Lobschrifft aufzurichten. Er selbst war auch mehr mit seinem Beispiele als mit
Worten ein Anführer der Seinigen / von denen dieselben sich für die schönsten
hielten / welche für Staub und Blute unkenntlich waren. Er führte / nach der
Cimbern Art / auf seinem Helme einen Löwen mit aufgesperrten Rachen / aber er
war es selbst mehr im Gemüte und an Taten. Nach dreien Stunden brach endlich
Torismund wie ein starcker Eber / dessen Bild seinen Helm krönte /durch die
Netze durch / und brachte der Cimbern lincken Flügel in Verwirrung / nach dem
dessen Häupter / Ranzau / Ahlefeld / Seestädt und Göldenstern gefallen waren /
und er / welcher diesen Tag sich zum Nordischen Zepter würdig machen musste / wie
ein Blitz alles / was ihm in Weg kam / zermalmete. Dieses verursachte kein
geringes Schrecken / weil bei den Cimbern nicht wie bei den Römern und Egyptiern
der rechte / sondern der lincke Flügel eben so wohl als bei den Tebanern den
Vorzug hatte / nach dem sie bei Leuctra die Spartaner mit dem lincken Flügel zu
erste getrennt hatten. Daher auch die von Aten in ihrem mit den Lacädemoniern
aufgerichtetem Bündnisse ihnen die Ehre vorbehielten allezeit den lincken Flügel
zu führen. Froto / welcher im Hertzen des Heeres alles ordnete / liess den
rechten Flügel unter der Auffsicht Uhlefelds / Hoegs / Munck und Rosen-Krantzes
/ und eilete mit hundert zu seiner Leib- erwehlten Cimbrischen Rittern denen
Notleidenden zu. Des Königs Gegenwart gab nicht nur denen noch kämpffenden /
sondern auch denen verzagten ein neu Hertze / wie die Sonne der etliche Monat
verfinsterten Nord-Welt ein neues Leben. Die vorhin weichenden / welche die
Ritter Split / Goze /Dure / Hube / Schawgard / Baggen / Rosengard / Totten /
Rannow / Krimpen / Must / Griss / Normann /Brune / Laxmann / Duram / Falcken /
Matre / und andere Hauptleute / kamen nun wieder zu Stande / sonderlich als sich
Froto selbst an Torismund rieb. Jener hatte mit sich selbst schon einen Bund
gemacht / auch mit seinem Tode zu bekräfftigen / dass niemand würdiger wäre / als
er die streitbare Mitternacht zu beherrschen; und Torismund hatte ein Gelübde
getan diesen Tag seinem Leben ein Ende / oder seiner Herrschaft einen
ruhmwürdigen Anfang zu machen. Beide verdienten die ganze Welt zu Zuschauern
ihrer Tugend und Geschickligkeit zu haben / und ihre um sich habende Ritter
fochten gegen einander so verbittert / als wenn sie alle Nordländer Volck los zu
machen sich verschworen / oder der Himmel sie als Werckzeuge zu Ausrottung des
menschlichen Geschlechtes erkieset hätte. Eine Stunde und länger tauerte diese
Hitze / als Ulpho mit dreihundert aus den Nordmännischen Riesen ausserlesenen
Fechtern dazu kam / und des Froto Leib-Wache grösten Teils fürnehmlich die
Ritter Bodde / Poldessen / Reuter /Schwabe / Sandbarch / Gram / Lutke / Ugrup /
Spegel / Bammelberg und Rosenspart aufrieb / dem Torismund auch einen Vorteil
machte / des Königs Froto drittem Pferde an beiden Hinterschenckeln die
Spann-Adern zu zerhauen / dass es mit ihm Knall und Fall zu Bodem stürtzte.
Dieses verursachte bei den Cimbern ein jämmerliches Mord-Geschrei / aber statt
des Schreckens einen verbitterten Vorsatz nun nicht mehr ihren König zu
überleben / sondern nach ausgeübter Rache ihm ihr Blut zu opffern. Es war
erbärmlich die Raserei und Zerfleischung um den gefallenen Froto anzuschauen /
indem die Nordmänner ihn zu fangen /die Cimbern besonders Gruppe / Duram /
Walckendorff / Schramm / Passberg / Below / Hardenberg und Ulstand ihn oder
wenigstens seine Leiche zu retten fast übermenschliche Arbeit täten. Diese
grieffen und lieffen gleichsam blind in die schärffsten Schwerdter / in die
spitzigsten Spiesse / um nur ihre Leichen zum Schilde ihres Königs an zu
gewehren /und alle kriegten eine zweifache Seele / als der verwundete Froto
unter dem Pferde und den Leiche wieder herfür und auf die Füsse kam. Alleine
Froto geriet bald wieder ins Gedränge der Riesen / und wäre weder von ihm noch
seiner Leib-Wache ein Gebeine davon kommen / wenn nicht zu rechter Zeit der
Riese Argrim mit seinen Gefärten Ofren / Podebussen /Uren / Blick / Galle / Fassi
/ Daac / Ruten / Wolde /Spar / Falster / Worm / und Bockhold darzu kommen wäre /
und weil er mit seiner Streitkolbe alles zerschmetterte / die Norwegischen
Riesen auch gegen ihm ohnmächtige Leute waren / den Einbruch des Feindes
verhindert / und dem Könige Froto wieder auf ein neues Pferd geholffen hätte.
Wesswegen auch der König den streitbaren Argrim versicherte; dass er sich auf drei
ihm beliebige Ansuchungen keiner abschläglichen Antwort versehen sollte.
Unterdessen aber trennte Harald / nach dem Jensen / Banner /Luck / Krusen /
Kwitrow / Standbeck und andere tapffere Hauptleute gefallen waren / auch den
rechten Flügel / und ward das Cimbrische Heer einem allentalben baufälligen
Hause gleich / welches wegen verfaulter Schwellen und Säulen mehr keine Stütze
leidet. König Froto und Argrim eilten mit den Rittern Beck / Kragge / Achsel /
Negel / Wittfeld / und Appelgard diesem Einbruche zu Hülffe / hiermit geriet
der lincke Flügel wieder in Unordnung. Mit einem Worte / alles schien nun über
einen Hauffen zu gehen / Tugend und Tapfferkeit unfruchtbare Wehen zu sein / als
der Himel / welcher ins gemein am sichtbarsten zu helffen pflegt / wenn man an
allen andern Mitteln verzweiffelt / wieder aller Menschen Hoffnung sich der
Cimbrischen Tugend erbarmte. Denn die aus der See sich empor-ziehenden Wolcken
machten die Lufft kohlschwartz / den übrigen Tag zu Nachte / dass man gleichsam
blind / ohne wenn es blitzte / einander ins Gesichte grieff / und niemand seinen
Feind vom Freunde erkennen konnte. Bald darauf fielen check zweimahl so gross
als Tauben-Eyer / welche denen Nordmännern gerade ins Gesichte schlugen / gleich
als wenn das Verhängnis sich nunmehr selbst auf die Cimbrische Seite geschlagen
hätte / und sich an den Nordmännern die vorher gegangene Zauberei abzustraffen
ausgerüstet hätte. Torismund und Harald hielten zwar diesem Ungewitter eine
ziemliche weile aus / um nicht das Ansehen und die Schande der Flucht auf sich
zu laden / sondern vielmehr durch ungemeine Wercke der Nordmänner Reue
vorzukommen / dass sie zu ihren Häuptern wären erwehlet worden. Aber es ist mehr
eine törichte Verstockung / als Grossmütigkeit / dem Hagel die Stirne bieten /
mit dem Xerxes das Meer peitschen / die Wellen fässeln /mit den Scyten dem
Nord-Winde Krieg ankündigen /mit den Riesen den Himmel stürmen wollen. Denn das
Ungewitter wuchs mit den check / und die Nordmänner hatten so wohl Not als
die Cimbern Zeit / sich statt feindlicher Pfeile und Schwerdter mit ihren
Schilden für dem Geschoosse der Wolcken zu decken. So bald dieser Sturm überhin
war / liess König Froto ins geheim durch seine Obersten und Hauptleute den
Abgang seines Volckes erkundigen /welcher sich auf dreissig tausend belieff / und
er selbst besuchte die Verwundeten / und machte Anstalt zu ihrer Verbindung /
wiewohl im ganzen Heere nicht hundert Kriegs-Leute unverwundet waren / welche
auch deswegen / gleich als es ihnen eine grosse Schande wäre ohne dergleichen
Ehren-Maal zu sein /nicht wenig beschämt waren. Auf der andern Seite waren ihrer
nicht weniger blieben / aber meist nur von denen in Anfange der Schlacht
angefühbten Hülffs-Völckern. Diesem nach Torismund mit anbrechendem Tage seine
Biarmier / Finnmärcker und Orcader schon wieder in Schlacht-Ordnung stellte.
Dieses jagte denen Cimbern ein so grosses Schrecken ein /dass König Froto und
Argrim weder mit bitten /dreuen / noch beschweren ihre vorhabende Flucht zu
hindern vermocht hätte / wenn nicht Froto durch einen falschen Boten den
Cimbern weiss gemacht hätte / dass in ein oder zwei Stunden König Erich und Roller
mit ihrer ganzen Reuterei auf dem Kampff-Platze stehen wollte. Hiermit liessen
sie sich bereden zu stehen / und eine neue Schlacht-Ordnung zu machen. Torismund
schickte hierauf einen Herold an Froto / und liess ihm und allen Cimbern das
Leben anbieten / da sie alle sich gefangen / und Froto für ieden Köpf ein Pfund
Silber / für sich aber tausend Pfund Goldes gebe wollte. Alle Cimbrische
Kriegs-Obersten knirschten zwar über diesem schimpflichen Vortrage mit den
Zähnen / aber die gemeinen Knechte wiesen ihnen ihre verstümpelte Glieder / ihre
aufgähnende Wunden / und das augenscheinliche Unvermögen /dem sie so vielfach
übermannenden Feinde zu begegnen. Diesem fiel endlich Rugo / ein Hauptmann bei
/welcher sagte: Es liesse sich wohl prächtig hören /und wäre auch an sich selbst
was grosses / fürs Vaterland sterben / aber nur so denn Lobens wert / wenn dem
Vaterlande durch unsern Tod geholffen würde; Ohne dieses Absehen wäre es mehr
eine tumme Raserei / hingegen rühmlicher mit denen zwischen den Caudinischen
Berg-Engen eingeschlossenen Römern und dem Bürgermeister Lentulus halb nackt
unter der Samniter Joch gehen / und sich vom Feinde verspotten lassen / wenn des
Vaterlandes Heil nicht ehrlicher erhalten werden könnte. In diesem hier
eingesperrten und auf der Schwelle des Untergangs stehendem Heere aber bestünden
die Kräfften / und die Wolfahrt des Cimbrischen Reiches. Daher müste man dieses
mit jenem aus dem Schiffbruche retten / es geschehe gleich mit Ehre oder
Schande. Bei dieser gefährlichen Verwirrung / da es weder einem noch dem andern
abzulegen tulich / auch mehr auf kluges Tun als tiefsinnige Uberredung zu
dencken war / machte der nicht weniger schlaue als hertzhafte Froto durch
Ergreiffung eines roten Schildes / welcher bei diesen Völckern ein Zeichen des
Friedens ist / dem Herolde Hoffnung den Vergleich einzugehen / da Torismund die
unerschwingliche Grösse des Löse-Geldes mässigen / und sich mit der Helffte
vergnügen wollte. Sintemahl die Würffel des Glückes noch auf dem Teppichte lägen
/ und Gott ins gemein die sich überhebenden Sieger zu stürtzen Lust hätte. Denn
ob er zwar ehe sich würde in tausend Stücke haben zerhacken lassen / als sich
durch so schändliche Kleinmut verstellen /so hielt er es doch für einen Streich
der Klugheit / und dass es der Tugend so wenig abbrüchig wäre / seine Tapfferkeit
mit einer Larve der Zagheit verhüllen / als der Natur unanständig / wenn sie die
reinesten Diamanten mit rauhen Schalen umgäbe. Diese im Kriege zulässliche List /
wenn man nur nicht wider gegebene Treu und Glauben handelt / ging ihm auch
durch Uberschickung dreihundert Pfund Goldes so glücklich an / dass er darmit
zwei Stunden Zeit gewaan. Denn / ob zwar ein hochmütiger Feind sich durch
Demut nicht besänften / noch durch Gaben sättigen lässt / sondern je mehr man
ihm weicht / und nachgibt / je mehr er uns auf die Zähen tritt / und darzu bei
den Nachbarn als ein ohnmächtiger oder furchtsamer Freundschaft und Ansehen
verlieret / und daher ein kluger Fürst nichts sorgsamer als seine Schwäche durch
hertzhafte Anstalten zu verdecken hat / so verstand Froto doch gar wohl / dass
ihm / seinen Feind eine Zeitlang vom Leibe zu halten / oft ein unschätzbarer
Gewien / und eine Stunde um tausend Pfund Goldes erkauffen / mehrmahls nicht zu
teuer sei. Denn mitler Zeit ward dis / was Froto getichtet hatte / wahr /
indem sich auf dem nechsten Hügel Svionische Reiter sehen liessen / und die
Ritter Brahe und Oxenstirn mit zwei tausend Pferden zu den Cimbern stiessen.
Wiewol nun diese wegen Müdigkeit zum Fechten wenig geschickt waren / und die
Cimbern / welche ohne diss an Reiterei den grösten Mangel liedten / ihnen mit so
wenigem Volcke schlecht geholffen zu sein / noch auch / dass die übrige Reiterei
mit dem ganzen Fuss-Volcke / welches Wechsels-weise mit den Reitern die Pferde
gebraucht hätte /bald dar sein würde / glaubten; so brach doch König Froto
nunmehr seine schimpfliche Handlung glatt ab / und liess dem Torismund bedeuten:
dass er ohne verlaubten frei- und sicheren Abzug ihm für verlangtes Gold und
Silber seine Heer-Spitzen zeigen wollte; hingegen beredete er seine Cimbern / dass
Torismund zwar die Helffte des anfangs geforderten Löse-Geldes annehmen / aber
jeder Cimber wider die Nord-Männer sein Lebtage einen Degen zu zücken schweren
/der ihm nicht untertänig bleiben wollte / ein Ohr müste abschneiden lassen / um
auf widrigen Fall die Meineidigen zu erkennen. Wie nun den Tag vorher sie die
Einsperrung des Meeres und der Klippen zu so verzweiffelter Gegenwehr gezwungen
hatte; so sehr und noch mehr verbitterte sie diesen Tag die zugemutete Schande.
Denn diese zwei Dinge sind die schärffsten Waffen / und die eussersten
Wetzsteine der Tapfferkeit; welche zwei heftigste Versuchungen des Leibes und
der Seele König Froto ihm nunmehr gewaltig nütze zu machen wusste; denn er
feuerte ihre Regung durch seine Beredsamkeit zur rechten Zeit an und erzehlte;
dass Claudius Pontius auf die Not wider die unversöhnlichen Römer zu fechten nur
nicht eine eitele Hoffnung des Sieges / sondern die würckliche Besiegung eines
viel mächtigern Feindes gegründet / dass die eingesperrten Vejenter aus
mangelnder Gelegenheit zu fliehen / den Cajus Manlius mit seinem Römischen Heere
erschlagen hätten. Aller Krieg aber würde durch die Not gerechtfertigt / und
diss wären gesegnete Leute / welche nur auff heilige Waffen nicht der Feinde
Gnade zu bauen hätten. Alleine die Furcht gienge nur niedrige Gemüter an /
welchen von der Not die Waffen abgenötigt / von der Schande aber nur eine
Röte abgejagt würde. Hingegen wäre die Ehre nach ihrer Geburts-Art der Cimbern
Augapffel / welchen anzurühren / weniger durch Schande versehren zu lassen / sie
ganz unleidlich wären. Nunmehr aber wäre es nicht um einzeler Cimbern / sondern
um des ganzen Volckes Unehre zu tun / mit welcher der hochmütige Torismund
auf einen Tag sie bebrandmahlen wollte. Alle / welche nun nicht sich des
Cimbrischen Nahmens und ihrer Ahnen durch tausend Siege in die Welt
ausgebreiteten Ruhmes unwürdig machen wollten / sollten nun selbst urteilen: Ob
es ratsamer sei in Schande und Dienstbarkeit leben / als mit Ehren sterben?
Weil alle Weisen zumahl wohl verstünden; dass die unsterblichen Götter den Tod
über die Menschen nicht als eine Straffe / sondern als eine Notwendigkeit der
Natur /als eine Ruh von Arbeit und Elend verhangen hätte; und ihrer viel darnach
vergebens seuffzeten / was sich ihnen mit Gewalt und zu grossem Ruhme
einnötigte. Diese Rede tilgete in den Cimbern alle Empfindligkeit ihrer Wunden
/ verjagte aus ihren Hertzen alle Furcht / und zündete in ihnen eine solche
Begierde zum Kampffe an / dass sie / welche vorher die kleinmütigsten gewest
waren / das Zeichen den Feind selbst anzugreiffen verlangten. Froto riet selbst
durch alle Hauffen seines Kriegs-Volckes / stärckte selbtes in seinem tapfferen
Vorsatze / und befahl: dass / wenn er rote Röcke auf Lantzen würde empor stecken
lassen / sollten sie Fuss für Fuss gegen den Feind rücken / und nur das erste Glied
seine Pfeile und Geschooss abdrücken / die andern aber / biss der Feind sich
verschossen hätte / zurück halten / und so denn ihr bestes tun. Wormit aber
Torismund noch einige Zeit verspielen / und des Königs Froto Absehn so viel
weniger ergründen möchte; schickte ihm dieser selbst einen Herold / nebst dreien
Rittern Biorn /Strenge und Rastorp um zu vernehmen: Ob er den Cimbern einen
freien Abzug ohne Lösegeld willigen wollte. Torismund / welcher Nachricht erlangt
hatte /dass König Erich durch Bestechung einiger Nordmänner einen kürtzern Weg
gefunden / auch durch täg-und nächtliche Forteilung sich ihnen bereit sehr
genähert hätte / ergrieff die vorteilhafte Gelegenheit mit beiden Händen sich
eines Feindes zu entbürden / um dem andern desto besser gewachsen zu sein / weil
ihn zumahl des vorigen Tages Schlacht gelehrt hatte: dass es ratsamer wäre einem
behertzten Feinde zum Entkommen eine güldene Brücke zu bauen / als selbten durch
derselben Abbrech- und Abschneidung der Flucht zur Verzweiffelung zu bringen.
König Froto /welcher inzwischen noch vier tausend Finnische und Gotische
Reiter in Rücken bekommen hatte / liess in seinem Heere drei rote Röcke und
zugleich drei gläntzende Schilde auf Lantzen fürtragen / und rückte mit
niedergeschlagenen Waffen Fuss für Fuss gegen die Nord-männer / wormit man in Nord
wie bei den Indianern mit entgegen getragenen Bechern / und der auf dem
Sonnen-Altare angezündeter Fackeln / bei den Griechen mit Verhüllung ihrer
Häupter / oder Oelzweigen / bei den Römern mit Versteckung der Häupter unter
ihre Schilde / bei den Galliern und Hispaniern mit Ausbreitung der Armen / bei
den Persen mit Vortragung Brodt und Wassers / bei den Spartanern mit
Niederlegung der Schilde / und Darreichung grünen Grases / oder Kräuter seine
Ergebung anzudeuten pflegte. Torismund nahm diss / seiner Landes-Art nach / für
ein Zeichen des Friedens und der Demütigung an; aber Froto verstand diss nach
der Auslegung anderer Völcker. Sintemahl so wohl bei den Römern / bei den
Cartaginensern und Illyriern ein roter Rock / als bei den Lysandern ein
aufgesteckter Schild / bei den Persern aber das in einen Chrystall verschlossene
Bild der Sonne über dem Zelte des Königes das Zeichen der Schlacht war.
Torismund ward über diss noch dardurch hinters Licht geführt / dass im ganzen
Cimbrischen Heere Froto weder Paucken schlagen / noch einiges Horn blasen /
viel weniger nicht den Ertztenen Ochsen empor tragen liess / welcher bei den
Cimbern / wie bei den Römern anfangs ein Gebund Heu / hernach ein güldener / und
unter dem Marius ein silberner Adler / bei den Persen ebenfalls ein Adler von
Golde oder das ewige Feuer /bei den Ateniensern die Nacht-Eule / bei den
Tebanern ein Sphynx / bei den Einwohnern des Egeischen Eylands eine Meertaube /
dem Eumenes der Ceres und Alexanders Bild / dem Craterus und Neoptolemus Minerva
/ dem Cyrus ein güldener Hahn /dem Osiris ein Hund / dem Porus das Bild des
Hercules / den Indianern Paucken und Glöcklein / den Egyptiern und Deutschen
allerhand Tiere / die Kriegs-Fahnen waren. So hatten sich auch die Cimbern
nicht so ausgeputzt / und gekämmet / wie sie sonst bei vorhabender Schlacht eben
so wohl als die Spartaner zu tun gewohnt waren. So bald nun die Cimbern denen
Nordmännern das blaue in Augen sehen konten / ergrieffen die fördersten Glieder
ihre Bogen und Wurff-Spisse / und weil ieder seinen Mann wohl gefasst hatte /
fehleten wenig Schüsse. Die darüber verbitterten Nordmänner grieffen hierauff
alsofort zu ihrem Geschoos / aber weil selbte mehr ihr Zorn als Vorsicht in
grosser Unordnung abdrückte /hingegen die Cimbern mit ihren teils aus
Baum-Rinde / teils aus Bretern wässrichter Bäume / teils aus Wieten
geflochtenen und mit Leder überzogenen Schilden sich gleich als mit einem
Gewölbe überdeckten / tat der ungestüme Hagel ihrer Pfeile den Cimbern wenig
Schaden. Als sie sich nun verschossen hatten / überschneieten die hinteren
Glieder der Cimbern sie eine gute Stunde mit ihrem Geschooss unaufhörlich / weil
ein Glied das ander immer fort ablösete; so dass die Nordmänner weder die andern
Waffen brauchen / noch die Kriegs-Befehlhaber ihre Untergebenen zum Gehorsam und
Gefechte bringen konten. Als nun die Cimbern mit unsäglichem Schaden ihrer
Feinde die Köcher geleeret hatten / grieffen sie zu den Schwerdtern und
Streit-Kolben / so dass gegen dieser Zerfleischung das erste Gefechte nur ein
Kinderspiel gewesen zu sein schien. Torismund und Harald schäumten für Grime /
verfluchten nicht weniger ihre Einfalt / als die Arglist der Cimbern / dräuten
den Furchtsamen / tödteten selbst etliche Flüchtigen / ermahnten die Tapfferen /
und mussten um die weichenden Biarmier und Finn-Märcker nur wieder in Stand zu
bringen den Kern seiner Nord-Männer für sie an die Spitze stellen / da sie doch
sonst eben so wohl als die Römer ihre ältesten Kriegs-Leute in die letzten /die
Neukömmlinge aber in die ersten Glieder zu stellen pflegten. Weil aber diese
feindliche Macht wohl dreimal so starck als die Cimbern waren / kam es in weniger
Zeit nach Verrauchung des ersten Schreckens zu einem gleichen Gefechte:
Gleichwol aber ward Torismund selbst nicht wenig bestürtzt / dass sein Pferd auf
gleicher Erde strauchelte / weil es sein Volck für ein böses Zeichen annam.
Daher er sich gegen der Sonne wendete / und / um alles Unheil abzuwenden /sie
anbetete. Wie er nun durch diesen Aberglauben alles widrige abgelehnt / ja
gleichsam einen erleuchteten Verstand überkommen zu haben vermeinte / also
erteilte er seinem Heere Befehl / sich um die aus ihrer vorteilhaften Enge
des vorigen Tages herfür gerückten Cimbern an beiden Flügeln auszubreiten /dass
er sie mit seiner Schlacht-Ordnung wie eine Sichel umgab / und nach einer Stunde
derogestalt ins Gedrange brachte / dass sie sonder Zweiffel in offene Flucht
gediegen wären / wenn die vorwärts und auf beiden Seiten angegriffenen / und
derogestalt einander den Rücken wendenden Cimbern / zum Fliehen Platz gehabt /
oder die bei dem Kriegs-Geräte gelassenen mit zerstreuten Haaren nicht ihnen in
Rücken gekommenen Weiber sie mit jämmerlichem Geheule und empfindlichen
Schandflecken zum Fechten angefrischt hätten. Sintemahl die Cimbern eben so wohl
als für Zeiten Bacchus / die Triballer und Persen ihre Weiber als die wehrtesten
Pfänder ihrer Tapfferkeit mit sich ins Feld zu führen / und sie zu denen
Kriegs-Zeichen zu stellen pflegten. Ja Froto hatte auch der besorgten Flucht
noch durch ein ander Mittel vorgebeugt / indem immer tausend und tausend mit
eisernen Ketten umschlossen waren / und also keiner aus seinem Kreisse weichen
konnte. Alleine hierdurch ward gleichwol die Cimbrische Reiterei / welche sich
nicht eines wenden konnte / unbrauchbar gemacht / und weil ohne diss die keckesten
und fürnemlich Bing / Wepfert / Schelen / Holcke und Friesen das Leben / die
Hertzhaftigsten die Hoffnung eingebisst hatten / ging bei nahe alle gute
Anstalt verloren / und ein und ander Teil der Schlacht-Ordnung übern hauffen /
ja Froto selbst / welcher alle Lücken mit seiner Gegenwart ergäntzen wollte /
wäre durch Haralds Reiterei von seinem Heere abgeschnitten worden / wenn nicht
der Riese Argrim / welcher vom Könige diesen Tag nach des Ritter Trolles Tode
zum Hauptmann seiner Leibwache gemacht war / durch die brausenden Pferde und
ergrimmten Feinde seinem Fürsten zu jedermanns Erstaunung einen Weg gebähnet /
und zugleich die vom Könige Erich voran geschickten / und noch zur Zeit zum
eusersten Stichblatte gehaltenen sechs tausend Reiter denen Nord-Männern mit
grausamem Geschrei in die Seite gefallen wären / welches das Getöne beider
streitenden Heere überschallete / und grösser war / als man von zehnmahl so viel
Menschen hätte mutmassen können / zumahl sie zugleich ihre Schilde an einander
wetzten / und nicht wie die Römer aus einem gleichstimmigen; sondern wie die
Deutsche /Gallier und Mohren aus dem allerverstimtesten und ungeheuersten
Geschrei ihnen ein glückliches Ende der Schlacht einbildeten / und destwegen ins
gemein auch der Weiber Geheule untermischten. Torismund ward durch diesen Anfall
wenig bekümmert / weil die Cimbern schon derogestalt umzüngelt waren / dass ohne
diss die Reiterei sie vollends zu bestreiten nicht Platz hatte / und es mit ihnen
grösten teils getan /hingegen es ihm unmöglich zu sein schien / dass das ganze
Svionische Heer und sonderlich das Fuss-Volck diesen Tag schon vorhanden sein
könnte. Er sätzte daher dem Brahe und Steinbock zwölff tausend Reiter entgegen /
und liess sein halbes ohne diss zum Fechten nicht nötiges Fuss-Volck gegen selbige
Seite eine neue Schlacht-Ordnung / welche nun mit der erstern gegen die Cimbern
ein Dreieck machte / stellen. Welche sich wie ein halber Mohnde krümmete / und
diese hand-voll Volckes eben so wohl als die Cimbern umarmet hätte / wenn nicht
König Roller mit zwölfftausend Pferden / jedes mit zwei Männern besätzt ankommen
wäre. Denn weil die Deutschen und andere Nordländischen Reiter allezeit ein oder
zwei Bei-Pferde zu führen pflegten / dass sie bei des einen Ermüdung abwechseln
konten; kam dieses zu schleuniger Beförderung des Fuss-Volckes auch hier dem
Könige Roller und Erich mercklich zu statten. Dem Torismund schoss hierüber zwar
das Blatt / als er nunmehr zwölfftausend neue Reiter / und eben so viel
abgesprungene Fuss-Knechte gegen ihm eine neue Schlacht-Ordnung machen sah. Aber
/ er verstellte diss aufs möglichste / redete seinem Volcke ein Hertze dadurch
ein: dass sie zwar die von Müdigkeit schon entkräffteten Svionen zu erschlagen
wenig Mühe /aber doch wegen Menge der überwundenen Feinde desto grössere Ehre
erwerben würde. Wiewol nun freilich diese Völcker / welche in dritten Tag weder
Schlaff noch Ruhe genossen hatten / nicht wenig abgemattet waren / so munterte
sie doch die Not zu fechten / das Beispiel ihres Königs und die Begierde zu
siegen so auf; dass auch die wachsamsten Völcker die denen Deutschen und
Nord-Einwohnern wegen ihrer langen Nächte beigemässene Schlaffsucht schwerlich
geglaubt hätten. Denn sie hielten auf dieser Seite die Schlacht in gleicher Wage
/ ungeachtet bei den Cimbern noch alles in schlechtem Zustande /König Froto und
Argrim harte verwundet / und mit dem meisten Cimbrischen Adel mehr als die
Helffte des Heeres erleget war. Alleine die Ankunft König Erichs mit dem
ganzen Svion- und Gotonischen Heere versätzte augenblicks alles in einen
bessern Zustand. Denn er schickte dem Könige Froto alsbald unsern Fürsten
Gottwald mit zehntausend Goten und viertausend Finnen zu / welcher selbtem
andeuten liess: er möchte tausend oder mehr Schritte weichen /um seinen frischen
Völckern Raum zum Treffen zu machen. Aber Froto war so hertzhaft oder
verzweiffelt / dass er dem Hertzoge Gottwald zu entbot: Er wollte ehe mit seinen
Cimbern biss auf den letzten Mann / dass von seiner Niederlage niemand die Zeitung
nach Hause bringen könnte / auf der Wallstadt todt bleiben / als ihm bei
ankommender Hülffe zu Schande tun / dass er einen Fussbreit dem Feinde weichen
sollte. Gleichwol aber suchte Gottwald durch einen Umweg ihme Gelegenheit an die
die Cimbern umringende Nord-Männer zu kommen / wordurch denn jene / welche kaum
mehr atemen / weniger fechten konten / alsbald Lufft schöpfften. Und war sicher
diese Hülffe des Königs Froto Errettung /welcher ihm mehr zutraute / als die
Mögligkeit ihm enträumte. Sintemahl er kurtz nach seiner vermässenen Antwort vom
Pferde gerennet / umringt / und schon in der Feinde Händen war / Argrim aber
sonder Atem und Geist / auf der Erde mehr todt als lebendig unter den Leichen
lag. Das hierüber erwachsende Jammer-Geschrei der Cimbern gab dem Hertzoge
Gottwald und mir so viel mehr Sporne daselbst hin /wo der zugleich herunter
gerissene küpfferne Ochse die gröste Not andeutete / zu dringen. Da ich denn
sonder Heuchelei unserm Gottwald mit Wahrheit nachrühmen kann / dass die
sieghaften Nord-Männer für seinen Helden-Taten erstauneten / und der wüttende
Harald durch ihn alleine gezwungen ward den gefangenen König der Cimbern fahren
zu lassen um sein eigenes Leben zu beschirmen. Inzwischen rückte König Erich
noch weiter als Roller fort / dass er den Nord-Männern gleichsam in Rücken kam.
Daher musste Torismund dem die Cimbern drückenden Harald Befehl erteilen zu
weichen / und die Helffte seines rechten Flügels gegen die Svionen zu schicken
/dass sie nicht umringt würden / und sie ihre drei Schlacht-Ordnungen an einander
hencken konten. Dieses geschahe gleich als die Sonne im Mittel des Himmels stand
/ aber es schien nun allererst der Anfang der grausamsten Schlacht / und der
Himmel nur destwegen so schön zu sein / weil es auf der Erde so hesslich hergieng
/ wormit die Natur nicht auf einmal eine so greuliche Gestalt bekäme. König
Erich unterliess nichts / was eines klugen und tapfferen Heerführers Ampt war /
Egter der Biarmier und Tegill der Finnmärcker König machten ihm mit ihrer
besondern Art Fechten zwar viel zu schaffen / indem diesen Völckern es an Kunst
die Pfeile abzuschüssen kein anders zuvor tut. Und ob ihre zwar aus Mangel des
Eisens nur mit Beine gespitzt / auch sehr lang und breit sind / so fahren sie
doch durch die Schilde / wenn sie nicht auserlesen gut sind. Uberdiss hatten sie
im Gefechte nicht festen Fuss / sondern wenn sie ihre Pfeilen oder Wurffspisse
angewehret / wenden sie sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit / und /
wenn sie sich aufs neue gerüstet / fallen sie den Feind wie ein Blitz wieder an.
Ja sie wissen auch so gut als die flüchtigen Parten mit ihren Pfeilen und
Wurff-Spissen ihre Verfolger zu treffen. König Erich machte daher aus seiner
Reiterei einen Ausschuss von denen / die am leichtesten und besten beritten waren
/ welche nur darauf wartete / biss sie sich wendeten / und so denn ihnen in Eisen
lagen. Inzwischen gewaan er mit dem Fuss-Volcke und der schweren Reiterei
allemahl ein stücke Feld; wordurch die Nordmännische Schlacht-Ordnung ganz
verrückt und gekrümmet ward; ja sie wären nach einem stündliche Gefechte gar in
die Flucht geraten / wenn nicht Botwild der Orcader Heerführer auf einer / und
Roderich Torismunds Bruder auf der andern Seite mit zehntausend frischen
Völckern sie entsätzt / und Torismund durch ein ausgesprengtes Geschrei / dass
König Froto gefangen / und ihr küpfferner Ochse erobert wäre / seinen
Hülffs-Völckern neuen Mut gemacht hätte. Denn es ist unglaublich /was in einer
hitzigen Schlacht eine falsche Zeitung oder andere Neuigkeit für Nachdruck und
Würckung habe. Der schon in einem Flügel zertrennte Quintius erhielt durch einen
ertichteten Sieg des andern Hornes nicht allein die weichenden Römern im Stande
/ sondern auch den völligen Sieg wider die Volsker / und mit denen für
Kriegs-Leute ausgerüsteten und hinter einem Berge hervor kommenden Stall-Buben
brachte Cajus Sulpitius die Gallier in die Flucht. Aber König Erichs Klugheit
zernichtete bald diese Arglist / wie der König in Indien der Semiramis falsche
Elefanten /derer ausgestopffte Bilder sie mit darunter verborgenen Camelen
aufführte. Denn er liess alsbald durch alle Hauffen sein Volck des widrigen
versichern und warnigen: dass man im Kriege nichts dem Feinde /sondern nur seinen
Häuptern glauben müste / und dass es schon ein Bekäntnüs der Schwachheit wäre /
wenn man sich mit Träumen speisete / und mit Getichten behülffe. Weil nun König
Erich mit der Orcadern und Eissländern im rechten / Hertzog Gottwald mit dem
wilden Harald im lincken Flügel verwickelt war /sätzten in der Mitte König
Roller und Torismund / als um derer Herrschaft und Krone es fürnemlich zu tun
war / einander so heftig zu / dass es schiene / es stritten nicht Menschen /
sondern zwei Heere Bären mit einander. Nach dem nun ihr Kriegs-Volck etliche
Stunden einander grausam zur Ader gelassen hatte /drang Torismund mit seiner aus
hundert Fechtern und Riesen bestehenden Leibwache gegen Rollers blaue
Haupt-Fahne / welche die Reiterei / wie die Rosen-farbene das Fuss-Volck leitete
/ mit allen Kräfften zu /nicht so wohl sich derselben zu bemeistern / als
daselbst seinen Todfeind König Rollern zu finden. So bald er auch seiner
ansichtig ward / rief er ihm zu: was versteckst du dich Roller? weist du nicht /
dass das Hauptwerck mich und dich angehet? meinst du /dass so viel tapffere Leute
um sich unsertwegen zu erwürgen geboren sein? hast du die Ehrsucht über die
streitbaren Nord-Männer Menschen zu herrschen /must du deinen Degen nicht so
feste stecken haben. Stecket aber dir angebohrne Furcht im Hertzen; warum hast
du nicht für der Schlacht von einem Löwen oder Bären das Hertz gessen / oder
sein Blut getruncken / um nicht so weibisch zu sein? oder hat dich eine Zauberin
eingeschläfft / so will ich dir mit meiner Klinge die Schlaffsucht aus den Augen
streichen. Halt also nur Stand / denn wenn du schon des Odin und Hadingus über
das Meer lauffendes / des Bellerophon / des Marmaridius und Arnuphis durch die
Lufft fliegendes Pferd / Circens und Medeens Drachen-Wagen / und des Exagonus
Artznei / dass die Schlangen dich nicht stechen könten / hättest / wenn du schon
von deiner Amme durch Seegen für alle Verwundung wie Hagward / oder durch
Gemsen-Wurtzel wie Melappus feste gemacht / oder nur wie der von Göttern selbst
gehärtete Sigtrug mit güldenen Waffen zu erlegen wärest / sollst du doch meinen
Klauen nicht entrinnen. Denn glaube nur / dass meine eiserne Streit-Kolbe mehr
Gewichte als des Gramus hat / ungeachtet in selbte kein Gold gegossen ist / noch
eine güldene Kugel daran hängt. Der hitzige Roller dorffte keiner so
schimpflichen Ausforderung / sondern war selbst begierig mit Torismunden
anzubinden. Daher er denn seinem Volcke selbst befahl seinem Feinde Raum zu
machen. Hierauf fielen diese zwei Könige einander so grimmig an / dass man daraus
schlüssen konnte: es mache nichts in der Welt keine grössere Verbitterung / als
wenn man um Kron und Zepter ficht. Kein weisser Nordischer Bär / kein gelber
Libyscher Löwe / kein fleckichtes Pantertier / ja keine vergiffte Schlange kann
mehr Gift und Galle auslassen / als diese zwei wüttende Kämpffer ausschüttete
/kein Stahl der Schilde und Harnische war ihren Schwerdtern zu harte / und kein
versprietztes Blut der einander beigebrachten Wunden kühlete des andern Rache /
oder hemmete ihr Gefechte. Denn sie hatten die Fühle mit dem Menschen
ausgezogen. Das Kriegs-Volck vergass / um aus Begierde den Ausschlag zu sehen /
sein eigen Gefechte / und verwandelte gleichsam bei einem beliebten Stillstande
von ihnen kein Auge / weniger unterstand sich jemand etwas darbei zu tun / weil
die Nord-Völcker ein uraltes Gesätze haben: dass in einen Zweikampff sich niemand
mischen / noch wider den Hercules selbst ihrer zwei fechten sollen. Endlich
stürtzte Rollers Pferd; welches Unglück ihm Torismund durch einen geschwinden
Streich / wormit er Rollern den Kopff zerspaltete / meisterlich zu nütze machte.
Torismund fieng hierauf an zu schreien oder vielmehr zu brüllen: Sieg / Sieg /
Sieg. Ergebet euch / leget eure Waffen nieder / denn keinem Ungewaffneten soll
kein Haar gekrimmet werden. Aber die auf Rollers Seite stehenden Norweger und
Goten wurden durch ihres Königes Fall mehr ergrimmet / als kleinmütig / daher
sie durch ein ungeheures Geschrei einander zur Rache aufmunterten / und sich als
träge Zuschauer ihres ermordeten Königs verurteilten / dass sie sonst in ihren
Häusern wie die Füchse in ihren Löchern verbrennet zu werden verdienten /
welches in Mitternacht für die gröste Schande gehalten wird. Diesemnach begonte
allhier das Gefechte viel grimmiger als zuvor / und musste der Ritter
Goldenstirna Rollers Stelle vertreten / dessen Leiche auf einen erhobenen Stuhl
gesätzt ward / um das Kriegs-Volck durch diss erbärmliche Schauspiel so viel
rachgieriger zu machen. König Erich hatte inzwischen die Biarmier / Finn-Märcker
/Orcader und die Eissländer aus Tule / welche alle mit weissen Bären-Häuten
bedeckt waren / biss an den Seebusem getrieben / als er von seines Bruders Tode
die betrübte Zeitung bekam; daher liess er den Oxenstirn und Bannier hier das
Spiel ausmachen / weil zumahl die Feinde sich schon auf ihre Schiffe zu flüchten
anfiengen. Er aber eilte mit fünfhundert Edelleuten dem mitleren Leibe ihres
Heeres zu / und liess ihm noch dreitausend auserlesene Svioner folgen. Wie er es
nun daselbst in besserem Zustande fand / als er besorgt hatte / trachtete er nur
sich an Torismund zu reiben / welcher auch leicht zu erkiesen war / weil er
wegen seiner Grösse und hohen Pferdes mit seinem Kopffe über alle Nordländer
vorragte / und daher diesem falschen Könige kein geringer Ansehn machte /als der
falsche Philipp unter den Macedoniern hatte. Sintemal die euserliche Gestalt ein
grosses Gewichte der Hoheit des Gebitters beilegt / und daher nicht ohne Ursache
in Mohrenland der gröste / und zu Meroe der schönste zum Könige erhoben wird.
Wie nun den König Erich die Rachgier an Torismund zu kommen reizte / westwegen
er auch um desto gewisser erkennt zu werden sein vom Helme entblöstes Haupt
zeigte / also verleitete diesen der Hochmut /so bald er die Svionische
Haupt-Fahne mit drei Kronen als ein Zeichen des anwesenden Königs flügen sah /
auf Erichen mit gröster Ungestüme losszugehen. Aber Torismund hatte mit ihm kaum
angebunden / als er erfuhr: dass nicht Riesen-Stärcke sondern geschickte
Tapfferkeit den Meister spielte / und in einer Mutter Schoos zweierlei Kinder
empfangen werden könten. Denn ob zwar König Roller ein nicht gemeiner Fürst /
auch mehr durch den Fehler des Pferdes als den eigenen geblieben war / so war
doch zwischen ihm und dem Könige Erich ein so grosser Unterscheid als zwischen
einem rechten und einem Stein-Adler. Hierzu kam / dass Torismund schon von
Rollern heftig verwundet war / und mit seiner Verblutung viel Lebens-Geister
verloren hatte / daher ihn mehr seine aus dem Glücke erwachsende Vermässenheit
als die Vernunft in andern Zweikampff verleitete / darinnen er durch seinen
Sieg / wie jener durch einen Zufall umkam. Denn König Erich sätzte dem sich wie
eine Schlange windenden Torismund auf allen Seiten wie ein geschwinder Falcke zu
/ und hieb ihm nach weniger Gefechte durch einen so Glück- als künstlichen
Streich seinen Kopff von den Achseln; entband ihn also seines hochmütige
Gelübdes / dass er seine gerötete Haare und Bart ihm nicht ehe als nach Erlegung
Rollers / Erichs und des Froto abnehmen lassen wollte. Mit Torismunds Kopffe
entfiel den Nordmännern zugleich das Hertze / welche / für wen sie mehr fechten
sollten / mit einander nicht eines waren. So ein grosser Unterscheid ist es /
wenn ein rechtmässiger König / oder ein Rädelsführer der Aufrührer fällt. Denn
dort ist der Erbe allezeit gewiss / hier aber wird die Herrschaft zu einem
Zanck-Apffel / und die ihres Hauptes entblöste Glieder verfallen in Furcht und
Zittern. König Erich liess alsbald zu desto grösserm Schrecken der Feinde
Torismunds Kopff auf eine lange Stange spissen / für welchem sie nunmehr als
einem Scheusal flohen / den sie kurtz vorher als ihren Abgott in Himmel gehoben
/ und ihm mehr edles Blut als einem ihrer Götter geopffert hatten. Eben dieses
Unglücke betraff kurtz darauf den ungeheuren Harald / welchem / weil er in der
Herrschaft Torismunds Gefärte sein sollte / durchs Verhängnis auch einerlei
Todt bestimmt war. Denn Hertzog Gottwald geriet mit diesem Riesen gleicher
Gestalt in Zweikampff / welcher mit seiner Stärcke allen in der Welt überlegen
zu sein glaubte / auch mit seinem stählernen Wurffspisse / welchen er mit denen
ihm an Arm gebundenen Riemen allezeit zurück ziehen konnte / in dieser Schlacht
über funffzig Cimbern und Goten getödtet hatte. Dieses mördliche Gewehre aber
ward endlich der Werckzeug seines eigenen Todes. Denn als er solches sehr tieff
in den stählernen Schild des Hertzog Gottwalds geworffen hatte / dass er es nicht
wieder heraus ziehen konnte / eilte dieser wie ein Blitz auf ihn zu / und
versätzte ihm mit seinem Schwerdte zwischen den Helm und den Pantzer einen so
tieffen Streich in Hals / dass Kopff und Leib nur mit weniger Haut an einander
hencken blieben. Die Goten schnitten den Kopff bald vollends ab / und steckten
ihn auf einen nicht kürtzern Spiss. Hiermit giengen alle Glieder der Feinde
vollends über einen Hauffen / und war gleichsam mit einer Hand alles getan / so
dass es fast keines Fechtens mehr bedorffte. Die noch übrigen Kriegshäupter
mühten sich zwar sie dort und dar wieder zu ergäntzen / und ihnen einzuhalten /
dass er die gröste Torheit wäre in der Flucht sein Heil zu suchen / in welcher
weniger entkämen /als fechtende blieben / weil aber allen die Hoffnung zu siegen
/ den meisten der Mut entfallen war / war alle Anstalt vergebens. Etliche
Hauffen warffen auf der Stelle das Gewehre weg / und baten mit gewundenen Händen
um Genade. Ob auch wohl das Fliehen bei den Nordmännern halssbrüchiger als bein
Römern war / hielten es doch die meisten mehr für kein Laster / und ausser wenig
Hauptleuten und Geschlechtern /welche dem Torismund oder Harald mit
Blutfreundschaft zugetan waren / wollte niemand diese Schande durch einen
ehrlichen Tod verhüten / ungeachtet sie wegen des sie umgebenden Meeres nirgends
hin zu fliehen wussten. Denn die Furcht ist allemahl unbedachtsam / wie die
Hertzhaftigkeit vorsichtig. Durch die Flucht derer / welche der Gefahr am
nechsten waren / wurden auch die angesteckt und mit fortgerissen / welche gleich
noch im Hinterhalte zur Hülffe bestellt und fertig waren. Alleine das Schrecken
/ welches der Flucht Ursache war / war auch derselben Hindernis / weil ein ieder
der erste sein wollte / und also sich einer in andern verwickelte. Hingegen
verfolgte König Erich und Hertzog Gottwald die Feinde klüger / als begierig /
liessen also nichts feindliches hinter sich oder auf der Seite / sondern die
sich ergebenden liessen sie entwaffnet in Verwahrung nehmen; Denn sie wussten wohl
/ dass das Meer ihrer Flucht schon selbst einen Riegel fürschieben würde. Endlich
gerieten die flüchtigen Nordmänner denen Biarmiern / Finnmärckern und Orcadern
/ welche sich zu denen Schiffen drängten / selbst in die Haare / welches das
eusserste Unglück dieser Bundgenossen / und die schönste Lust der Svioner /
Goten und Cimbern war. Diese letzten aber hätten bei nahe das Spiel verderbt.
Denn weil sie dieser Sieg so viel Schweiss und Blut gekostet hatte / schenckten
sie keinem sich Ergebenden das Leben / und waren ihre abgemattete und verwundete
Glieder zum verfolgen und tödten unermüdlich; da doch die von vielen Bissen
abgeschliffenen Zähne der Schlangen zu letzte nicht mehr schaden können. Es war
nicht genung: dass sie aus ihren Leichen Brücken über die Graben machten /
sondern sie änderten auch nunmehr ihre Losung / und brauchten dazu die Worte:
Kein Gebeine soll von Nordmännern davon kommen. Weil nun die wenigen Schiffe von
Biarmiern und Finnmärckern angefüllt waren / und beide Könige damit über den
Seebusem setzten / die Nordmänner also im Meere ersauffen oder von Cimbrischen
Waffen sterben sollten / ruffte Torismunds Bruder: Wenn wir ja sterben müssen /
solasset uns nicht wie das tume Vieh ungerochen abschlachten. Hiermit warff er
einem Cimbrischen Hauptmanne einen Spiss durch die Brust. Allen Nordmännern war
diss ein Zeichen wieder zu den Waffen zu greiffen /welches sie denn auch mit
einer solchen Raserei taten / dass die / welche vorher ihre Waffen weggeworffen
hatten / ihren Feind wie Hunde mit den Zähnen antasteten / und mit den Fingern
die Augen ausgruben. Wie nun nichts grimmiger ist / als eine Rache /welche bald
ausleschen soll / also ist nichts gefährlicher / als die antasten / welche
sterben müssen / und gleichsam schon mit dem Tode ringen / oder keine Pforte zum
entrinnen offen finden. Denn die Cimbern gerieten hierüber in die Flucht / und
die flüchtigen Nordländer wurden ihre Verfolger. König Erich aber kam mit seiner
Reuterei ihnen bald zu Hülffe / verwies denen Cimbrischen Hauptleuten ihren
zweifachen Fehler / dass sie nämlich ihre gute Sache mit Grausamkeit verderbt /
und durch hartneckichte Verfolgung eines verzweiffelten Feindes den eroberten
Sieg in Gefahr gesätzt hätten. Temistocles hätte nach gehaltener grossen
See-Schlacht den flüchtigen Xerxes selbst gewarnigt / dass die Griechen seine bei
Abydes über den Hellespont geschlagene Schiff-Brücke zerdrümmern / also ihm die
Rückkehrung abschneiden wollten / damit seine Verzweifelung nicht die noch viel
stärckern Persen zur Gegenwehr und der Griechen Sieg zu verterben anreitzen
möchte. Und sie wollten den sich demütigenden Feind zur Wiedersetzung zwingen!
denen Nordmännern aber versprach er das Leben / da sie alsbald die Waffen
niederlegten /und Torismunds Bruder als ein Haupt der Aufwiegler heraus gäben.
Sein Wort / und ihr Tun war eines /aber Roderich fiel selbst in sein Schwerdt /
benahm also den Siegern die Lust an seiner Straffe oder Verzeihung. Der Sieg
beschloss sich mit dem Tage / welcher wegen so unzählbarer Todes-Verstellungen
mehr den Nahmen einer Nacht verdiente. Hingegen ging noch etlichen zwantzig
tausend Gefangenen mit anbrechender Finsternüs durch König Erichs Begnadigung
das Lebens-Licht auf / und statt der etliche Stunden für Abend Wasser-ziehenden
Sonne / damit sie vielleicht mehr als hundert tausend Tode beweinen könnte /
ging der Mohnde nun wie reines Silber auf. Alle drei Heere übernachteten auf
der Wallstadt / und machten sich mit denen im Nordmännischen Lager und etlichen
Schiffen gefundenen Lebens-Mitteln lustig. König Erich / und Gottwald suchten
den verwundeten und vom verblutten ziemlich matten König Froto unter einem
schlechten Zelte heim / welcher neben dem übel beschädigten Argrim zwar den
Verlust seines Heeres / von dem nicht das drittel übrig war / beklagte / aber
sich doch mit dem blutigen Siege / welcher dem Sieger für den Besiegten sich wie
die Maus aus dem Peche arbeitenden wenigen Vorteil oder Ursache zur Freude gab
/ vergnügen / und beide für so treue Hülffe dancken musste. Auf den Morgen
schleppte das Kriegs-Volck die Leiche der Feinde zusammen / und bauten daraus um
ihren Sieg zu vergrössern hohe Berge; ihre meiste Todten aber hatten sie des
Nachts in aller Stille begraben. König Erich aber liess gegen Abende auch diese
ins gesamt ausser denen dreien zu Trinck-Geschirren vorbehaltenen Köpffen des
Torismund / Haralds und Roderichs beerdigen /weil diese Völcker eine Abscheu
haben Leichen den Raub-Vögeln zur Speise zu lassen. Denen vornehmsten Cimbern /
Svionen und Goten aber richtete er steinerne Begräbnüssmaale / und seinem Bruder
Roller eines von hundert steinernen Säulen und vielen Lobschrifften auf. Ob nun
zwar dieser Sieg so gross war / dass die Nordmänner selbst gestunden / es wäre das
fünfte Teil der streitbaren Mannschaft aus ihrem ganzen Volcke erlegt oder
gefangen worden /so hatten doch auch die Uberwinder / sonderlich aber die
Cimbern darbei nicht Seide gesponnen. Gleichwohl lieff die Zeitung hiervon nicht
so geschwinde durch Norwegen / als sich alles zu König Erichs und Froto Füssen
demütigte / welche dieses Reich mit einander gleichsam brüderlich teilten /
von welchem das Nordliche Teil dem Svionischen / das Sudliche dem Cimbrischen
Reiche zufiel. Argrim forderte nunmehr vom Könige Froto / dem er zweimahl das
Leben erhalten hatte / sein Versprechen / und zwar seine Tochter Osura; welcher
sie ihm auch iedoch mit dem Gedinge versprach / da er das erlittene Unrecht
vorher an den entflohenen Königen der Biarmier und Finnmärcker gerochen haben
würde. Argrim übernahm dieses Bedinge / und weil mit Norwegen alle Schiffe /
ausser die / mit welchen sich die über den Seebusem entkommenen Orcader und
Eissländer geflüchtet / in der Sieger Hände kamen / gaben ihm beide Könige
dreissig tausend Kriegs-Leute / davon er das Fuss-Volck zu Schiffe sätzte / mit
der Reuterei aber zu Lande durch Hologien und das Trondanische Gebiete in die
Finnmarck / Strick-Finnland und Biarmien einfiel. Weil nun Hertzog Gottwald vom
Könige Erich und Froto seiner grossen Heldentaten halber überaus hoch
geschätzt und gewisser Hülffe wider den König Marbod und Marmelinen vertröstet
ward /und er daher mit dem Könige Erich wieder nach Upsal reisete / der Hülffe
daselbst zu erwarten; trieb mich der Vorwitz mit dem Argrim die eussersten
Nordländer zu besehen / und mit ihm alldar mein Heil zu versuchen. Aber weder
Argrims noch meine Verrichtungen dienen zum Lebens-Lauffe des Fürsten Gottwald.
Dieses allein habe ich mit wenigen Worten zu melden / dass ob wir zwar unsere
Waffen biss an das eusserste Nordhaupt / wo der Angelstern drei und siebenzig
Staffeln über der Erden Fläche stehet / und zum weissen Meere an Scytien
geführet / ich weder einige mit Vögeln streitende Zwerge / noch Cyclopen und
Menschen mit Hunds-Köpffen / wie ins gemein getichtet wird / sondern Leute
durchgehends dreier Ellen hoch / mit was grossen Häuptern / breiten Stirnen /
blauen Augen / kurtzen Nasen / langen Kinnen /dinnen Bärten / und etwas gebückt
gehende / iedoch geschickt und geschwinde / die Weiber auch weiss und rot /
schön / geschlanck / und sehr fruchtbar angetroffen. Sie sind woltätig /
gastfrei / hassen den Ehebruch als das gröste Laster / aber darbei argwöhnisch /
aberglaubisch / und Zauberer. Sie beten die Sonne an / und den Gott Tor / dem
sie Renn-Tiere schlachten / mit derer Blute und Unschlitt sie sein mit zwölff
Edelgesteinen gekröntes Bild einschmieren /die Hörner und Gebeine ihm zu Ehren
aufrichten und darum rote Fädeme mit Zien oder Silber winden. Ihr gemeinstes
Handwerck ist die Jagt und das Fischen /ohne welches sie erhungern müsten.
Gleichwol aber sätzen sie ausser der eussersten Not keinen Fuss über ihre
Gräntzen / geben also ein kräfftiges Zeugnüs für die Gewalt der Vaterlands-Liebe
ab / welche so wenig in diesen Eissländern erfrieret / als bei den Schwartzen
zerschmeltzet. Die schnellen Füsse der Renn-Tiere / die geschwinden Flügel der
Eis-Vögel sind ihnen vergebene Mittel sich dieser kalten und finstern Welt zu
enteussern; und das Geflügel / welches gleich auf eine zeitlang sich entfernet /
vergisst oder verlernet doch nicht auf die ungeheuersten Klippen in sein
mütterliches Nest wieder zu kehren. Ungeachtet nun diese Völcker furchtsam sind
/ und die Kälte alle Hertzhaftigkeit mit den Geistern in ihnen erstecket / so
machten sie doch dem Argrim in ihrem Schnee- und steinichten Lande / da sie alle
Schliche wussten / und sich bald in ihre Berghölen versteckten / bald aus selbten
uns unversehns überfielen / mehr zu schaffen / als er ihm hatte träumen lassen.
Denn wir wurden von ihnen zweimahl geschlagen. Also machet der öfftere Gebrauch
der Waffen auch die ungeschickten fertig / und die Liebe der Freiheit die
Verzagten hertzhaft. Nach dem aber auf König Erichs Befehl die ihm
untertänigen Lappen auch in Biarmien einfielen / und sich unsere Feinde teilen
mussten / erlitten sie vom Argrim /welcher den König Egter im Zweikampffe
erlegte /eine solche Niederlage / dass sie sich nicht erholen konten / sondern
sich nur der Gnade des Uberwinders unterwerffen / und ieder Einwohner ein Fell
von einem wilden Tiere zur jährlichen Schatzung abzuliefern angeloben musste.
Wir brachten damit gleichwohl andertalb Jahr zu / und weil mir Hertzog Gottwald
zu wissen machte / dass er nach verlohrner Hoffnung einiger Hülffe mit seinem
Sohne sich nach Letra an den Cimbrischen Hoff / welch prächtiges Schloss König
Rolro gebaut / verfüget hätte / segelte ich mit dem tapffern Argrim geraden
Weges nach dem grossen Cimbrischen Eylande Seeland zu; Bei welchem sich das
grosse Welt-Meer durch eine tieffe Enge in die Baltische See ausgeust.
Unterweges besahen wir von ferne / wiewohl mit Furcht und Zittern /den an der
Norwegischen Küste gelegenen Meelstrom; oder vielmehr den grausamen und grösten
Strudel in der Welt / welcher um einen hohen Felsen dreizehn Meilweges im
Umkreisse einen Wirbel macht / die grösten Schiffe und Wallfische sechs Stunden
lang verschlinget / die sechs folgenden aber alles wieder ausspeiet. Von diesem
berichten die Einwohner der dabei liegenden Eylande / dass das grosse Meer durch
unterirrdische Gänge mit dem Botnischen Seebusem vereinbart wäre / welcher zu
der Zeit / als jener einschlünge / ausgüsse / hingegen einschlünge /wenn jener
ausgüsse. Wir kamen nach Wunsch zu Letra an / und König Froto vermählte mit
grossem Gepränge und Frolocken seine Tochter Osura dem sieghaften Argrim.
Hertzog Gottwald ward an diesem Hofe nicht weniger als am Svionischen mit vielen
Hülffs-Vertröstungen gespeiset / aber er befand endlich / dass eben so wohl seine
als andere dem gemeinen Wesen erwiesene Woltaten zwar Häuser mit prächtigen
Stirnen wären / aber viel Winckel und Eitelkeiten in sich hätten. Denn der kalte
Brand des schändlichen Eigennutzes hatte in diesen frostigen Ländern eben so wohl
als in wärmern die Gemüter der Fürsten eingenommen / dass alles Andencken
gröster Verdienste darinnen erkaltete. So wohl Froto als Erich taten lieber
vielen Leuten wohl / nach ihrer Einbildung / als einem nach seinen Verdiensten;
vielleicht / weil sie im ersten ihre Macht bezeugten / im andern ihre
Schuldigkeit bekennten. Wiewohl hieran nicht so wohl die zwei Könige selbst als
ihre Staats-Diener Schuld zu haben schienen. Sintemahl das meist allen Fürsten
gemeine Elend auch allhier Bürger-Recht gewonnen hatte / dass ihre Gemüter sich
nicht über das Hefft ihrer Diener erstreckte / sondern sie denen / welchen sie
mit Ehren zu gebieten hatten / zu gehorsamen für keine Schande achteten. Die
Svionischen Räte erweckten dem Könige Erich allerhand Misstrauen gegen dem
Froto. Um welche kleine Insel die Cimbern und Svionen mehrmahls / wie die von
Aten und Megara um Salamine biss aufs erste Verderben gestritten hatten. Sie
nennten es also eine Grausamkeit /wenn ein Fürst ihm sein eigenes Fett
ausschnitte einen andern damit zu mästen / als wenn dieser nach Gottland
strebete. Und diesen verhetzten die Seinigen zu einem Kriege wider die Orcader /
Eissländer und Hibernier als Gehülffen der aufrührischen Nordmänner an. Sintemahl
man ehe seine eigene als frembde Beleidigungen rächen müste. Uberdiss befiel um
selbige Zeit die ganze Welt eine allgemeine Begierde des Friedens / wie das
Meer eine Windstille / dass es schien / als wenn allen Fürsten ihre Degen in den
Scheiden angefroren wären / oder wenn das güttige Verhängnüs selbst allen
Völckern einen Stillstand der Waffen geboten hätte; zumahl da bei dieser
allgemeinen Ruh der Welt die Sternseher alleine in Ergründung der Ursache im
Himmel unruhig waren / aber keinen so kräfftigen Einfluss des Gestirnes finden
konten / sondern ihre Unwissenheit / und eine übernatürliche Ursache zugestehen
mussten. Mit einem Wort: man gab dem so hochverdienten Hertzoge Gottwald gute
Worte ohne einige Würckligkeit / damit sich alleine Kinder und Toren abspeisen
lassen / daher ihn endlich die Ungedult überlief / so dass er mir befahl das
erste nach der Trave oder Elbe gehende Schiff für uns zu bedingen. Denn er war
viel zu grossmütig /dass er um diss / was er vielfach verdient hatte / betteln
sollte; sagte auch mehrmahls: dass ein Weiser und Hertzhafter keines andern
bedörffte. Ja ich kann ihm mit Wahrheit nachrühmen: dass seine Tugend recht der
Sonne und den höchsten Sternen gleichte / welche zwischen denen Gewölcken viel
grösser / als bei ganz heuterem Himmel erscheinen. Hertzog Ariovist / welcher
in einem nicht ferne von dem Garten gelegenen Lust-Walde zwischen dreien
rauschenden Qvellen eine köstliche Mahlzeit hatte bereiten lassen /fiel
Döhnhofen ein / und sagte: Ich höre wohl / wir werden mit unserm Hertzoge
Gottwald noch eine ziemliche Reise zu tun haben / welche wir heute schwerlich
vollenden können. Daher wird wohl nötig sein sie bis Morgen zu verschüben / und
biss wir vorher so viel Beschwerligkeiten dieses mehren Glückswürdigen Fürstens
mit einer wenigen Erfrischung werden versüsset haben. Die Fürstin Zirolane und
ihr Bruder wollten sich von der Gesellschaft ausschlüssen / aber Ariovist
beklagte sich / dass ihr Abgang ein grosser Abbruch aller Vergnügung / die
Einsamkeit aber mehr eine Vergrösserung als Artznei ihres Leides sein würde /
wormit den Lebenden nur geschadet / den Todten nichts geholffen würde. Westwegen
die behertzten Deutschen auch am weiblichen Geschlechte die Beklagung der Todten
geunbilliget hätten. Einem Manne diente zu Vertreibung seiner Traurigkeit nichts
besser / als der Krieg / einem Frauenzimmer die Gesellschaft. Tussnelde und
Agrippine lagen auch selbst Zirolanen beweglich an / dass sie sich nicht ihrer
Gemeinschaft entschlagen / noch dem Kummer so viel entängen sollte. Worbei
derselbe Griechische Weltweise / welchen Ariovist bei sich unterhielt /
versicherte / dass Zirolane am bestimmten Orte ein heilsames Mittel für ihre zwar
unscheltbare aber auch unfruchtbare Bekümmernüs finden würde. Ob nun wohl
Zirolane vorschützte: dass ihr als einer Deutschen zwar Tränen und Wehklagen
zeitlich abzulegen angebohren wäre / würde sie doch mit ihrem traurigen Antlitze
und wehmütigen Stime ihnen alle Lust verterben; so liessen sie doch nicht ab /
biss Zirolane Gesellschaft zu leisten willigte / und Ehrenfried musste ohne diss
Ariovisten gehorsamen. Sie fuhren also zusammen dahin. Bei dem Eingange des
Waldes begegnete ihnen der Waldgott Pan und seine Satyren mit grosser
Ehrerbietung / begleiteten sie auch mit ihren siebenröhrichten Pfeiffen / Böcken
und Hümmelchen biss an das von Laub und Blumen bereitete Zelt. Unterwegens fragte
Tussnelde; warum man dieses Getöne denen Waldgöttern zueignete? Agrippine
meldete: Ihrem Bedüncken nach geschehe es darum /weil nicht nur bei den Griechen
Pan für den Erfinder der ersten Pfeiffen und der vom Mercur gebrauchten Leier /
Apollo als ein Hirte des Admetus für den Fürsten der Säitenspiele; sondern auch
Terambus für den Urheber der Hirten-Lieder gehalten würde. Bei dem Zelte /
welches in zwölff runde Zimmer abgeteilet war / und in der Mitte einen grossen
Speise-Saal hatte / begegnete ihnen Apollo mit den neun Musen / welche in alle
Arten der Säitenspiele vielerlei Lob-Lieder des anwesenden Frauenzimmers /
fürnemlich aber Zirolanens sangen / worzu die auf beiden Seiten rauschenden
Bäche und die gleichsam eiversüchtigen Vögel mit voller Kehle einspieleten. Die
Satyren bereiteten die Taffel / und versorgten selbte mit den seltzamsten
Speisen / damit sich nicht nur Deutschland /sondern auch frembde Länder sehen
lassen. Mit einem Worte / es mangelte hier nichts / was eine so vornehme
Gesellschaft von einem so grossen Fürsten /als Ariovist war / auch in seinem
Hofflager hätte verlangen können. Weil aber Zirolane stets in einem traurig
blieb / vergass Ariovist keine Erfindungen ihren Geist zu ermuntern. Daher auch
Tussnelde den Griechschen Weisen seiner Versicherung erinnerte /dass er durch das
versprochene Mittel nunmehr Zirolanens Schwermut abhelffen sollte. Dieser war
hierauf emsig beschäfftigt / durch annehmlichste Abwechselung des Singens und
der Säitenspiele / Zirolanen aufzuwecken / welche aber beständig ihre traurige
Gebehrdung behielt; also dass er endlich sich heraus liess / ihm wäre noch nie
kein Mensch von solcher Unempfindligkeit für Augen kommen. Sintemahl Singen und
Säitenspiele sonst eine so grosse Krafft nicht nur über den Leib und die Seele
des Menschen / sondern auch über Tiere und Pflantzen / ja so gar über
unbeseelte Steine / und Orpheus durch seine Leier Tyger und Löwen gezähmet /
Amphion die Fische bezaubert /und an den Tebanischen Mauern die Steine rege
gemacht haben sollte. Wenn aber auch diss gleich in einem verblümten Verstande zu
verstehen wäre /könnte doch nicht geleugnet werden / dass Clinias durch die Leier
seinen Zorn / Achilles seinen Unwillen / Pytagoras durch die Laute / alle
heftige Gemüts-Regungen gestillet / ja dieser durch die Flöte einen
entrüsteten Jüngling von Anzündung eines Hauses / Empedocles mit der Cyter
einen andern vom Mordt / Asclepiades und der destalben auf des wahrsagenden
Apollo Befehl aus Lesbos nach Sparta geholete Terpander / den Pöfel vom
Aufstande abgehalten / hingegen Timoteus Alexandern mit seiner Pfeiffe zum
Grimm / die Spartaner ihre Bürger wider die Feinde angefrischt hätten. Daher
denn fast niemand zweiffelte / dass durch eine so süsse Regung der Hochmut
gedämpft / die Grausamkeit gemiltert / die Schlaffsucht aufgeweckt / die
Wachsamkeit beruhigt /die Geilheit gestillet / dem Hasse gesteuert / und
insonderheit die Traurigkeit aus dem menschlichen Hertzen verjaget würde.
Zirolane aber begegnete ihm: Sie wäre zu wenig von andern Würckungen zu
urteilen; bei ihr aber hätte diese Lust eine Eigenschaft des Erdsafftes. Denn
wie dieser in den Wurtzeln der Pflantzen ihre Farben und Eigenschaften annähme
/also hätten Säitenspiele in ihrem Gemüte allezeit die Art / dass sie ihre
Freude und ihr Trauren nur häufften. Sie bildete ihr auch nicht ein / dass sie
die einige wäre / bei welcher diese Ergötzligkeit eine so widrige Würckung
hätte. Denn sonst würden so viel Völcker sie nicht zu ihren Begräbnüssen
brauchen. Der Grieche fiel ein: weil Singen und Säitenspiele eine Gewalt über
alle Gemüts-Regungen hätten / wäre unläugbar / dass sie auch die Frölichen
betrübt und die Traurigen trauriger machen könten. Sie heuchelte so wohl unser
Wehmut / als sie unser Freudigkeit liebkosete; sie richtete sich nicht weniger
nach den Krancken als Gesunden / um sich durch ihre Süssigkeit zum Meister aller
Gemüter zu machen. Alleine es wäre damit beschaffen / wie mit Gewächsen / an
denen ein Teil der Frucht reinigte / das andere stopffte / an einem der Safft
gifftig / der Kern heilsam wäre. Nicht anders leitete ein trauriges Lied zur
Traurigkeit / ein freudiges zur Freude an. Die Erfahrung wäre hierinnen selbst
Vorredner; und wer wollte daran zweiffeln / da Säitenspiele über den Leib eine so
sichtbare Gewalt hätten /indem dadurch vom Arion und Terpander die Jonier und
Lesbier von der hinfallenden Sucht / vom Ismenias die Beotier am Hufweh / vom
Teophrastus die Schlangenbisse / vom Asclepiades die Unsinnigkeit und Taubheit
/ vom Ulysses die Blutstürtzung der Wunden / vom Tales die Pest / von andern
andere Kranckheiten geheilet worden wären. Und es wäre unläugbar / dass die von
Tarantulen verletzte Menschen durch nichts als Säitenspiele geheilet werden
könten. Welches so viel weniger zu verwundern / weil die Kranckheit nichts
anders als eine Verstimmung des menschlichen Leibes wäre. Einer der ältesten
Barden nam sich Zirolanens an und versätzte: die durch Pfeiffen und Säitenspiele
geheileten Schwachheiten müsten meines Erachtens entweder sehr schwach / oder
die Einbildung der Geheileten dabei sehr starck gewesen sein. Denn ob ich zwar
weder ein Spartaner noch Egyptier / welche diese Kunst als unnütze und schädlich
verwerffen / sondern ein Barde / also ein /Liebhaber des Singens / der
Säitenspiele / und ihrer Seele nämlich sinnreicher Getichte bin / wir auch mit
unsern Liedern Betrübte zu trösten / und insonderheit Furchtsame aufzumuntern
pflegen / kann ich doch nicht ergründen / wie selbte denen leiblichen Gebrechen
abzuhelffen / und durch was für ein Röhr sie krancken Gliedern die Gesundheit
einzuflössen / mächtig sein können. Der Grieche antwortete ihm: durch das Gehöre
dringet die annehmliche Stimme / welche in Ohren mehr Nachdruck / als die
Schönheit in Augen hat /und der liebliche Schall nicht nur in den Leib / sondern
in das innerste der Seele. Die unvernünftigen Tiere werden dadurch gereget /
dass der Ochse beim Gesange seines Treibers geduldiger zeucht / die Maul-Esel
nach dem Schalle ihrer angehenckten Glocken besser fortgehen / und die Kamele
bei einem annehmlichen Liede keines Spornes bedörffen. Dahero nichts
unglaublichs ist / dass die deren Säitenspielen so holden Meerschweine Arions
Harffe so gehorsam gewest. Der Barde begegnete ihm: Er wollte nicht widersprechen
/ dass die Tiere keine Fühle bei den Säitenspielen haben sollten / wiewol die
Stimme des Stellers und Jägers meist ihr Todten-Brett wäre / und die Schlangen
so wohl durch das Lied des Zauberers zerrissen / als die klügsten Leute wie der
hundert-äugichte Argus derogestalt eingeschläfft würden. Aber darum kann ich sie
für keinen Artzt gelten lassen. Sintemahl das Gesichte / der Geruch / der
Geschmack und das Fühlen nur dem Leibe dienete / der einige Sinn des Gehöres
aber unser Seele und Sitten bestimmt und vorentalten wäre. Der Grieche brach
ein: die Schwachheiten des Gemütes wären unheilbarer /als die des Leibes. In
jenen aber hätten Säitenspiele eine so grosse Krafft / dass die sich des
singenden Arcadiens entbrechenden Cynetenser in kurtzer Zeit die wildesten und
lasterhaftesten Leute in Griechenland worden wären. Westwegen alle Weltweise
nicht allein grosse Liebhaber derselben gewest / Socrates auf Befehl der Götter
/ gleich als wenn diese Kunst und die Weissheit Geschwister wären / sich solcher
beflissen /und auf dem Gastmahle des Xenophon gesungen /sondern auch Plato in
seinen Gesätzen befohlen hätte / in Liedern nichts zu ändern / als mit welchen
Sitten und Gesätze auch notwendig verändert werden müsten. Aus welchem Absehn
auch sonder Zweiffel wider die / welche die Würde der Singe-Kunst verletzten /
eine Straffe ausgesätzt / und zu Sparta Timoteus verwiesen worden wäre / weil
er seiner Harffe noch eine Säite beigesätzt / und die männliche Art zu weich und
weibisch gemacht hätte. Nicht weniger hätten Hercules / Achilles / Epaminondas
und andere fürtrefliche Helden sich des Singens und der Säitenspiele beflissen;
und weil Temistocles auf einem Mahle nicht auf der Leier spielen wollen / hätte
er den Schandfleck eines ungelehrten davon getragen. Welches sonder Zweiffel
daher rührte / dass der gestirnte Himmel so wohl / als unsere eigene Seele /
nichts anders / als eine süsse Zusammenstimmung wäre / oder dass sie wenigstens
dadurch im Stande erhalten würde. Der Barde lächelte hierüber und fieng an: Ich
will dieser edlen und uralten Kunst nichts von ihrem Lobe entziehen / bin auch
gar einer andern Meinung als jener Schytische König / welcher lieber sein Pferdt
wiegern / als die künstlichsten Seitenspiele hörte; aber des Pytagoras Traume /
dass er die sieben Irr-und die andern Sterne wie Sirenen zusammen stimmen gehört
hätte / kann ich mich eben so wenig bereden lassen / als dass des Orpheus und des
Terpanders sieben-seitichte Leier nach dem Schalle und Stande der sieben
Irrsterne sollte gestimt worden sein; dass Saturn den Dorischen / Jupiter den
Phrygischen Klang haben / der scharffe mit dem Sommer / der harte mit dem Winter
/ der niedrigste mit der Erde / der folgende mit dem Wasser / der hohe mit der
Lufft / der höchste mit dem Feuer überein stimmen solle. Denn Pytagoras müste
zu seinem leisen Gehöre eben solche Hülffs-Mittel / wie man an den Fern-Gläsern
zum Gesichte braucht / gehabt haben / da man auf die vermeinte Zusammenstimmung
der Gestirne einiges Absehen setzen sollte; oder alle andere Menschen müsten wie
die bei dem Nil-Fall wohnenden betäubt sein /weil sie von diesem eingebildeten
Schalle der Sterne nichts höreten. Der Grieche brach abermals ein: Es wäre in
der Welt nichts seltzames / dass ein Auge weiter sähe / als das andere. Ein
Mahler treffe oft viel Kunst in dem blossen Schatten eines Bildes an / welchen
wir kaum überhin anzuschauen würdigten. Die /welche die Wunderwercke der Natur
nur nicht überhin ansähen / würden die Ubereinstimung des Himmels und der
menschlichen Seele leicht begreiffen. Mit dem Mohnden käme ihre wachsende / mit
dem Mercur ihre nachdenckende Krafft / mit der Venus ihre Begierde /mit der
Sonne ihre Lebhaftigkeit / mit dem Mars ihr Trieb / mit Jupitern ihre
angebohrne Regung / mit dem Saturn die Fähigkeit etwas anzunehmen / und endlich
der Wille mit der ersten Bewegungs-Krafft überein. Nicht weniger hätten der
Seele eusserliche Sinnen mit der Erde / ihre Einbildung mit dem Wasser / ihre
Bewegung mit dem Feuer / die Vernunft mit der Lufft / und der Verstand mit dem
Gestirne eine Verwandtschaft. Der Barde mässigte sich und sagte: Es würde den
Schein gewinnen / als wenn er ein Feind der Eintracht und der zusammen
stimmenden Seitenspiele wäre / wenn er das minste noch der aufgeworffenen
Meinung entgege sätzte. Die in seinen Ohren klingenden hätten auch bei ihm
derogleichen Nachdruck / dass er ihrer durchdringenden Krafft nicht ablegen
könnte. Auch könnte er für sich leicht nachgeben / dass die Verträgligkeit der
natürlichen Dinge mit einander für eine Zusammenstimmung / und die Welt für eine
allgemeine Harffe gehalten würde. Am allermeisten aber wünschte er / dass ganz
Deutschland eine zusammenstimmende Leier abgäbe / so würden alle eusserlichen
Feinde selbtem kein Haar zu krimmen mächtig sein. Zirolane behielt mitler Zeit
einerlei Gestalt / gleich als wenn sie weder singen noch Seitenspiele hörete /
und ob wohl Ariovist alle nur ersiñliche Mittel sie freudiger zumachen herfür
suchte / behielt sie doch ihre Unempfindligkeit / iedoch in einer so leitseligen
Art / dass sie mit ihrer Traurigkeit niemanden beschwerlich war. Auf den spaten
Abend kehrten sie wieder bei einer unzählbaren Menge weisser Wind-Lichter in den
Bardischen Garten / umb vom Döhnhoff den Verfolg seiner Erzehlung vollends zu
vernehmen; weil zumahl Tussnelda und das andere Frauenzimmer wieder in den
Sauer-Brunn Verlangen trug; Agrippina aber sich an der Mosel einfinden sollte.
Auf den frühen Morgen fand die ganze Gesellschaft sich im Garten bei der
denselben wässernden Bach ein; welcher Döhnhoff folgenden Vortrag tat. Hertzog
Gottwald segelte mit seinem fünffjährigen Sohne / seiner Hoffmeisterin und mir
aus Seeland mit gutem Winde der Stadt Treva glücklich zu / stiegen daselbst aus
/ und weil er sonst nirgends keine Zuflucht wusste / entschloss sich Hertzog
Gottwald sich zu seinem Schwäher dem Könige der Bojen Critasir zu verfügen / von
welchem uns die Variner versicherten / dass er seine Herrschaft zwischen der
Römer und Marckmänner Gebiete mit ziemlichen Vorteil befestiget hätte. Wir
schlugen uns von Treva aus gerade gegen der Elbe zu / und kamen durch das
Cheruskische und Hermundurische Gebiete glücklich in den Wald Gambreta. In
diesem überfiel uns die Nacht /und wir verirrten uns darinnen / dass wir weder
hinter noch vor uns kommen konten / und unsere Knechte ein Feuer machen mussten.
Worauf sich zwei Jäger zu uns fanden / und uns in ein nicht ferne davon
gelegenes Jäger-Haus einladeten. Diese aber führten uns die ganze Nacht durch /
über Berg und Tal / durch dickes Gehöltze / wo kein Fusspfad einiges Menschen zu
spüren war. Gegen Morgen erreichten wir dass verlangte Jäger-Haus / darinnen wir
freundlich bewillkommt / und besser / als wir uns in einer solchen Wildnüs
hätten einbilden können / bewirtet worden. Als wir uns aber zur Ruhe begaben /
wurden uns bei währendem Schlaffe unsere Waffen und Gottwalds fünffjähriger Sohn
entfrembdet. Wie wir nach der Erwachung darnach fragten / wurden wir in ein
Zimmer geführet / und uns etliche zwantzig der schönsten jungen Knaben gezeuget
/ darunter sich Gottwalds Sohn zugleich befand / für uns aber die Türe mit
Gewalt zugeschlossen. Der hierüber nicht weniger ungedultige als sorgfältige
Gottwald fragte; zu was Ende so viel Knaben da versamlet / und mit was Rechte
ihm sein Sohn vorentalten würde! Ihm aber gab ein alter Ausländer in Römischer
Sprache zur Antwort: dass sie auf ein gewisses Feier alldar verwahret würden /
und hätte die Gotteit dieses Ortes auf Kinder mehr Gewalt / als ihre eigene
Väter. Gottwald bildete ihm nichts anders ein / als dass alle diese gefangene
Kinder sollten geopffert werden / daher ward er gleichsam unsinnig / ergrieff
diesen Alten / und hätte ihn erwürget / wenn nicht mehr als zwantzig Jäger bei
der Hand gewest wären / und ihn aus seinen Händen errettet hätten. Er fieng
hierauf an die Menschen-Opffer auffs grausamste zu verfluchen. Ob nun wohl dieser
Alte uns versicherte / dass die Kinder keines Weges geopffert /sondern nach einer
Monats-Frist ihren Eltern an denen von ihnen selbst bestimmten Orten wieder
eingeliefert werden sollten / und er darzu nur einen gewissen Platz benennen
sollte / war doch der missträuliche Gottwald nicht zu besinnen / sondern erwischte
eine bei dem Feuer liegende eiserne Zange / und hätte dem Alten einen heftigen
Streich damit versätzt / wenn die Jäger ihm nicht in die Armen gefallen wären.
Hierdurch gewanen wir aber nichts anders / als dass die sämtlichen Jäger auf des
Alten Befehl uns mit Gewalt drei Tage lang durch dicke Wälder / wir wussten nicht
wohin / fortführeten / und uns endlich am Necker eine Meile von Schultzen
verliessen. Uns auch daselbst unsere Waffen und Geräte treulich einhändigten.
Hertzog Gottwald war hierüber so erbittert / dass er diese lange Zeit weder aass /
noch redete / also wie die Spinnen von der Lufft lebte / ich aber redete sie
beim Abzuge an: da sie anders den Nahmen redlicher Leute nicht Menschen-Räuber
verdienen sollten / möchten sie den vorentaltenen Knaben in Monats-Frist zu
Cisaris in das Heiligtum der Göttin Cisa lieffern. Denn weil der alte Ariovist
des Vindelischen Königs Tochter geheiratet / König Critasir aber die
Vindelicher zum teil vertrieben hatte / und sie daher mit den Alemännern nicht
zum besten stunden / wollte ich ihnen nicht die Stadt Bojodur / dahin wir
trachteten / vorschlagen. Sie versprachen diss als ehrliche Leute zu erfüllen.
Dieses veranlasste uns / bei Samulocenis über die Donau / und von dar geraden
Weges nach Cisaris zu gehen / welche Stadt aber für dreizehn Jahren schon ihren
Nahmen und Gestalt verloren hatte. Denn nach dem Tiberius und Drusus den
Rhetiern und Vindelichern auf dem Lechfelde den letzten Streich versätzt hatte /
ward die Stadt Cisaris / welche ihren Nahmen von der daselbst verehrten Göttin
Cisa bekommen / ihrer tapfersten Einwohner beraubet /und sie mit vielen Rhetiern
in das wüste Mösien versätzet / hingegen diese Stadt mit sechs tausend Römischen
Bürgern bevolcket / und nach dem Kayser Augusta genennet. Alle Sitten und
Gesätze waren nach Römischer Art eingerichtet / daselbst an den Lech ein festes
Schloss zum Zaume der Vindelicher gebauet /der Göttin Cisa Tempel von der Flavia
Veneria dem Pluto / und Proserpinen eingeweiht / und ihnen mit Not erlaubet /
ausserhalb der Stadt an einem verborgenen Orte der Cisa Bild / welches ein
grosser steinerner / auf der Stirne mit zwei Flügeln versehener /unten am Halse
mit Schlangen umwundener Kopff war / zu verehren. Der Kayser liess alldar Geld
müntzen / und darauf einen Tannzapffen pregen / welcher dieser Stadt / wie der
Dattelbaum der Stadt Tyrus und Alexandriens / die Frucht der Fichtenbäume / der
Mamertiner Zeichen war. Der Römische Rat aber hatte dieser besiegten Völcker
halber dem Kayser ein prächtiges Sieges-Maal aufgerichtet. Wir blieben zu
Augusta und giengen alle Tage in der Juno Tempel /und an den Ort / wo Cisa noch
verehret ward; wir konten aber das allergeringste von unserm verlohrnen Sohne
nicht erfahren. Worüber sich Hertzog Gottwald bei nahe zu tode grämete / auch in
ein hitziges Fieber fiel; von welchem er nach dreien Monaten allererst mit Not
errettet ward. Aber nach dessen Verschwindung war seine Traurigkeit so viel
grösser / und sein Wunsch nichts anders / als dass er durch den Tod mit dem
Geiste seines Sohnes / welchen doch der verfluchte Mord-Priester würde
geschlachtet haben /möchte vereinbaret werden. Ich tröstete ihn so viel möglich
/ wiewol ich selbst wenig oder keine Hoffnung hatte / das Kind wieder zu sehen.
Alleine bei ihm fiel aller Trost in Brunnen. Ich riet ihm sich zu seinem
Schwäher dem Könige Critasir zu begeben; aber hierzu konnte er sich auch nicht
entschlüssen /einwendende / dass nach dem Verlust seiner Gemahlin und dieses von
ihr herrührenden unschätzbaren Pfandes er in seine Augen nichts als ein Greuel
sein könnte. Nach dem ein Vindelischer Edelmann mit uns Bekanntschaft gemacht /
und Gottwalds Kummer erfahren hatte / riet dieser uns auffs beweglichste / wir
sollten die Göttin Cisa über den Zustand umb Rat fragen. Weil nun niemand
leichter als ein Hülff- und Trost-loser Bekümmerter zum Aberglauben zu bringen
ist / wurden wir endlich beredet / der Cisa einen schwartzen Wieder zu opffern /
und mit dessen Blute auf einen küpffernen Teller unsere Frage: Wie der junge
Gottwald sich befindete? zu schreiben. Nach vollbrachtem Opffer reichte uns der
Priester / welcher unser Anmerckung nach den auf dem Altare liegenden Teller nie
angerühret hatte / wieder zu. Darauf fanden wir mit Blute geschrieben:
Dein Gottwald lebt vergnügt. Doch wünsch ihn nicht zu sehen.
Denn / wenn du ihn wirst schaun / so ist's um dich geschehen.
Gottwald wusste nicht zu entscheiden: Ob er sich über dieser Antwort mehr zu
erfreuen / oder zu betrüben hätte. Endlich machte er diesen Schluss: Ich bin
meinem unglücklichen Leben so gram / dass ich ihn alle Augenblicke zu sehen
verlange / umb nur vergnüget zu sterben. Wenig Tage hernach kam König Critasir
biss an den Lech / allwo er sich mit dem Römischen Landpfleger zu Augusta / dem
Lucius Aqvilius Florus / über der Gräntze vergliech; welche denn auch durch eine
steinerne Seule / auf welcher ein Marmelner Tannzapffen fünff Füsse hoch stand /
bezeichnet ward. Als die Einweihung dieser Seule / und die Opffer der Römer /
oder vielmehr die Zauberei / dadurch sie die Feinde von ihren Gräntzen
abzuhalten vermeinen / vorbei waren / welchen Gottwald nicht beizuwohnen / noch
sich zu erkennen geben wollte / verfügte ich mich selbst dahin / und traff
daselbst den Ritter Zäringen / und Burghuss an / welche mich erkennten /umarmten
/ und bald voller Freuden zum Könige Critasir führten. Dieser nahm mich gar
genädig auf / und sein erstes Wort war die Frage: ob ich ihm keine Nachricht zu
geben wüsste / wo denn sein Eydam Hertzog Gottwald aus der Welt hin gestoben
wäre? Ich sagte ihm in ein Ohr; Er wäre in Augusta. Hierüber ward er so erfreut
/ dass er beide Ritter befehlichte ihn auffs beweglichste zu ihrer Ersehung
einzuladen. Also brachte ich ihm beide auf den Hals / und Gottwald konnte
Ehrentalben sich nicht länger verstecken. Ihre Zusammenkunft bestand in eitel
Umbarmungen und Küssen / der Rückweg nach Bojodur in angenehmen Erzehlungen der
teils kläglichen /teils erfreulichen Gelücks-Fälle / welche dem alten Critasir
nicht weniger Tränen auspresten / als Verwunderung verursachten. Hingegen
versicherte uns dieser / dass seine Herrschaft über die Bojen in besserem
Zustande wäre / als wir uns von einem verjagten Könige einbilden könten. Denn
Marbod hätte zwar bei der Bojen Austreibung gegen ihn sehr strenge verfahren;
nachmahls aber hätte er sich gegen sie sehr gütig bezeuget / und so wohl die
Noricher als Vindelicher durch seinen Beistand gezwungen; dass sie zwischen dem
Flusse Jovarus / und dem Lech / alle Aecker mit den Bojen teilen / und den
Critasir für ihren König erkennen müsten. Die Römer / welche von diesen beiden
Völckern wo nicht als Herrscher / doch als Schutz-Herren gute Zeit waren
verehret worden / hatten zwar vermeint / sich den Bojen zu wiedersetzen /aber
König Marbod hatte dem Kayser durch eine Gesandschaft für Augen gestellt: dass
die Bojen zu diesen Ländern das gröste Recht hätten. Denn nach dem die Bojen
Italien gereumet / hätte ihr König der ältere Critasir mit des Kaysers August
Einwilligung in dieser Gegend seinen Sitz genommen. Es hätte aber Bärebistes der
Dacier König / welch Volck iederzeit eine Tod-Feindschaft gegen die Bojen und
ihre Anverwandten die Bastarner geheget / durch eine sonderbare Arglist oder
vielmehr einen abscheulichen Aberglauben / sie ohne Ursach ausgerottet. Denn
dieser hätte sich mit einem lange in Egypten gewesenen Nachfolger des Zamolxes
Decäneus verbunden / dem Volcke alles Weintrincken verboten / sich aber in einer
Höle gleichsam zum Gotte gemacht / und endlich sie dadurch in eine solche
Raserei verleitet / welche nicht ehe / als durch Ausrottung der Bojen wäre zu
stillen gewest. Alleine diese Einwendung hatte beim Kayser August nicht so viel
Nachdruck gehabt /als die siebenzig tausend ausserlesenen Kriegsleute /welche
Marbod an der Donau denen Römern allezeit mit ihren gegen Italien gewendeten
Heerspitzen zeigete / auch zu mehrer Sicherheit der Bojen oberhalb Jovisum
zwischen dem Uhrsprunge der Drave und dem Flusse Jovavus ein vorteilhaftes
Lager mit zehntausend Marckmännern besätzte. Wordurch denn erfolget wäre / dass
August zu Unterdrückung der Noricher und Vindelicher ein Auge zugedrückt hätte /
sonderlich / da ohne diss die schwermenden Bojen / an welchen die Cimbern alleine
nicht ihren Mut hatten kühlen können / ein an Italien nagender Wurm etliche
hundert Jahr gewest waren / und es dem Kayser vorträglich zu sein geschienen
hatte / zwischen den Römern / und dem Marbod / gleichsam einen Mittel-Tamm zu
haben / welcher verhinderte / dass sie einander nicht so bald möchten zu nahe
kommen. Den fünften Tag kamen wir nach Bojodur; allwo die Königin ja so sehr
als Critasir über Hertzog Gottwalds unvermuteter Ankunft / den sie fürlängst
in einer andern Welt zu sein geglaubt hatte / erfreuet ward /wiewohl ihre Augen
beim traurigen Andencken ihrer so Helden-mässig gestorbenen Tochter no comma?
überlieffen. Ob nun wohl der König / und die Königin durch allerhand Anstalten
ihn zu vergnügen trachteten / blieb doch die Schwermut in seinem Hertzen so
feste gewurtzelt / dass sie keine Ergetzligkeit der Welt verdrücken konnte. Weil
seine Zunge aber entweder zu wehmütig war / den Verlust seines einigen Sohnes
zu erzählen / oder er damit die Gross-Eltern nicht noch mehr betrüben wollte /
liess ich mich endlich durch das stete Anliegen der Königin bewegen selbten als
die wahre Ursache seiner heftigen Bekümmernüs zu eröffnen. Welche Wunde ich
aber mit diesem Balsame überstriech / dass Gottwald an dem Marsingischen Hofe
eine holdselige Tochter leben hätte. Dieser Bericht erweckte in Critasirs und
seiner Gemahlin so seltzame Aufwallungen des Gemütes / als nimmermehr ein von
wiedrigen Winden bestürmtes Meer haben kann. Aber alles diss war gegen Gottwalds
Unruhe nichts. Je schöner ihm getan ward / ie wehmütiger ward er / sonderlich
da König Critasir zwar unterschiedene Leute aus dem Gabretischen Walde beruffen
liess / niemand aber weder von dem beschriebenen Jäger-Hause / noch von dem Raube
so vieler Knaben das wenigste wissen wollte / weniger berichten konnte. Critasir
und die Königin verstellten hierüber ihren eigenen Schmertz / und redeten ihm
aber vergebens ein / welcher sie hiervon abzustehen ersuchte / weil es doch in
keiner menschlichen Gewalt stünde die Neigungen zu unser Frucht aus unsern
Lenden zu reissen. Bald fieng er auch an / ihm hunderterlei Beschuldigungen
aufzubürden / dass er sein Kind so liederlich im Stiche gelassen hätte / da doch
die Störche / umb ihr brennendes Nest auszuleschen / sich selbst verbrennten /
umb ihre Jungen zu retten. Daher wäre kein Tier so unnatürlich / als welches
den Nahmen des Vernünftigen führte / wenn es seine angebohrne Liebe ablegte.
Uns allen ward hierüber ie länger ie bänger / weil wir eine gäntzliche
Verrückung der Vernunft an ihm besorgten / sonderlich als er sich entschloss /
in dem Gabretischen Walde entweder seinen Sohn / oder seinen Tod zu finden / und
selbten so lange zu durchkreutzen / biss er das verlassene Jäger-Haus wieder
gefunden hätte. Alles Bitten des Königes und der Königin / welche an dem
Gottwald einen mächtigen Pfeiler ihrer Herrschaft zu haben vermeinten / war
vergebens / und weil traurige Leute iederzeit böses wahrsagen / wendete Gottwald
ein / dass seine Anwesenheit ihm nur eine neue Verfolgung des Marbods auf den
Hals ziehen würde; welcher ihn biss auf den Tod hassen müste / weil er ihn
allzusehr beleidiget hätte. Weil nun Gottwald unmöglich länger zu erhalten war /
musste nur Critasir in seinen Abzug willigen / und ich sein Gefärte zu sein mich
entschlüssen. Critasir versah uns mit mehren Knechten und aller
Reise-Notdurfft. Unsere Reise ging nach Reginum die eusserste Gräntze der
Bojen / und von dar in den Gabretischen Wald. In diesem brachten wir über vier
Monat zu / und ist darinnen schwerlich ein Dorff zu finden / dahin wir nicht
kamen / und uns umb das verlohrne Jäger-Haus befragten. Aber kein Mensch wusste
uns davon weniger von denen versammleten und zu einem gewissen Opffer oder
Gottesdienste bestimmten Knaben etwas zu sagen / also dass wir endlich in die
Gedancken kamen / unsere Augen müsten bezaubert worden sein. Nichts desto
weniger war Gottwald aus diesen Wildnüssen nicht zu bringen /wie er denn selten
in einem Hause / sondern im Gehöltze / oft mit nicht geringer Gefahr / für
Wölffen / Luchsen / und Bären / übernachtete / weil vielleicht die Traurigkeit
mit Einöden / wie die Nacht-Eule mit der Finsternis eine Verwandschaft hat.
Massen es denn mit ihm in Wüsteneien erträglich / ausser selbten aber fast nicht
auszustehen war / und / nach der Egyptier Meinung / sein Leib wohl ein rechtes
Trauer-Grab seiner Seele fürbildete. Die lange Zeit / welche sonst allen
Heftigkeiten ein geschwindes Ende macht / verlohr in seiner Bekümernüs alle ihre
Kräffte. Ich eriñerte ihn seiner vorigen Hertzhaftigkeit /und stellte ihm die
ihn verkleinernden Schwachheiten für Augen; ich hielt ihm ein / dass wer nur in
gutem und nicht auch in widrigem Glücke grossmütig wäre /das Hertze wider die
Eigenschaft der Menschen in der rechten Brust hätte; dass ein jeder Tritt seiner
Kleinmut ihn drei Schritte von der Vernunft / und zweimahl so weit von seinem
Ruhme entfernete / aber ich predigte nur tauben Ohren und einer rauen
Hartnäckigkeit. Wir verwilderten in dieser Einöde mit den Bäumen und Tieren /
wir verlernten fast alles was menschlich war / nur Gottwald nicht das Gedächtnüs
dessen / was ihn betrübte; sintemahl die Vergessenheit zwar eine Artznei der
meisten Ubel / aber mehr ein Glücke als eine Kunst ist. Endlich kamen wir über
den Mayn in das Teil des Hercynischen Waldes /welches der Spesshart genennt wird
/ und folgends über die Bintz in das Taunische Gebürge / wo wir von zweien
Barden angetroffen / und weil diese uns so viel von ihrer glücklichen Einsamkeit
zu sagen wussten / in diesen Garten zu folgen beredet wurden. Daselbst nam uns
der oberste Priester freundlich an / und weil die Barden sich für Aertzte der
Gemüts-Kranckheit ausgeben / liess er ihm alsbald angelegen sein /den Fürsten
Gottwald an seiner die Seele tödtenden Traurigkeit gesund zu machen. Er beredete
ihn alsbald ihm die Ursache seiner Schwachheit zu eröffnen / welcher
Wissenschaft eine halbe Genesung ist. Nach dem ihm nun teils Gottwald / teils
ich seine unzählbaren Unglücks-Fälle kürtzlich entworffen hatte / sagte Eginhard
der Barde: Es mangelte Gottwalden an der Erkäntnüs seiner selbst. Dieser Abgang
wäre das Qvell aller Unvergnügungen / und die Ursache aller Vergehungen.
Diesemnach das Gebot sich selbst kennen zu lernen nicht nur verdient hätte eine
güldene Uberschrifft in dem Delphischen Tempel zu sein / sondern es sollte auch
billich in aller Menschen Hertzen eingegraben stehen. Denn ob zwar diese
Selbst-Erkäntnüs an sich nicht wenige Schwerigkeit hätte / so ersätzte doch die
daraus erwachsende Vergnügung alle Müh und Beschwerligkeit. Sintemahl sich
selbst kennen aller Weissheiten Weissheit / ja selbst der Gotteit höchste
Ergötzligkeit in ihrer eigenen Betrachtung bestünde. Durch unsere Erkäntnüs aber
würden wir beim ersten Anblicke gewahr werden / dass wir aus zwei ganz widrigen
Helfften zusammen gesätzt wären / unter denen die irrdische stets die göttliche
unter den Fuss zu bringen trachtete / und darzu sich der Gemüts-Regungen wie die
Buhler der Kuplerinnen gebrauchte. Ob nun zwar unser himmlisches Teil einen
viel edlern Ursprung und das Recht der Herrschaft hätte / so geschehe selbtem
doch durch das irrdische ein grosser Eintrag / weil jenes durch eitel leibliche
Werckzeuge würcken müste / und in diesen bleiernen Röhren meist alles ihr vom
Himmel eingeflöstes Gold kleben bliebe / ihres Tuns Reinigkeit aber wie das
Wasser in küpffern- oder zienernen Gefässen allerhand schädliche Eigenschaften
an sich ziehen müste. Unter diesen wäre nun eine der ärgsten / dass wir die
Liebkosungen des betrüglichen Glückes / nicht aber die no comma? ihren Nahmen
oder ihr Wesen verändernde Tugend für unser höchstes Gut erkieseten. Alle andere
Güter wären nach dem Unterscheide ihres Gebrauchs / oder gewisser Zufälle bald
gut / bald böse. Bei hohen Würden könnte man dem Vaterlande viel dienen / aber
diese wären oft unser Fallbrett / wie das der Freigebigkeit allein nützliche
Reichtum / ins gemein ein nagender Wurm in unserm Hertzen. Unsere Kinder wären
unsere selbsteigene Ebenbilder / und gleichsam Pfänder der Unsterbligkeit /
dahero nichts natürlicher wäre / als sie zu lieben / weil wir in ihnen nicht nur
unsers gleichen / sondern uns gleichsam selbst liebten / gleichwol aber
vergessen wir unserer eigenen Sterbligkeit /wenn wir über ihrem Tode aus der
Haut fahren / und ihnen wider aller Menschen Eigenschaft die Unsterbligkeit
zueignen wollten. Warum zürnen wir nicht auch / dass die Bäume im Herbste ihre
Blätter fallen liessen? dass die Sonne das lebhafte Bild der Ewigkeit verfinstert
würde? Wer könnte die vom Silen dem Midas gegebene Lehre schelten: dass der
beruhigende Tod dem beschwerlichen Leben weit fürzuziehen wäre? Insonderheit
wären wir versichert / dass unsern Kindern / je zärter sie stürben / so viel
weniger Weh geschehe / und ihnen desto weniger Flecken anklebte /hingegen ganz
ungewiss / wie sie geraten / oder was ihnen für Unheil im Leben begegnen würde.
Natürliche Zufälle wären leichter zu verdeien als Unfälle des Glückes.
Traurigkeit und unmässige Sorgen hätten ihre Wohnung in dem Vorhofe der Höllen /
also versätzten sie die Seele in den Zustand der Verdammten /und ein trauriger
machte sich gleichsam zum Selbst-Mörder unwissende / weil er weder sich selbst /
noch sein eigenes Ubel / am wenigsten aber seine Artznei kennte / welche
darinnen bestünde / sich dem unveränderlichen Verhängnisse unterwerffen / das
böse mit Gedult leiden / das bessere hoffen / und sich damit trösten; dass wenn
die Zeit die böse Unreinigkeit unsers Lebens abgeschäumt hätte / das gute übrig
bliebe. Mit diesen und andern Erinnerungen hielt Eginhard so lange an / biss er
im Fürsten Gottwald seine mir unerweichliche Härte mässigte / und handgreiflich
wahr machte / dass die unverfälschte Weltweissheit die wahrhafte Hertzstärckung
einer zu Bodem geschlagenen Seele / und das gewisseste Mittel die
Gemüts-Aufwallungen zu dämpffen wäre / worinnen die eigentliche Gesundheit
bestehet. Ich nam aber auch hierbei wahr / was es für ein Unterscheid wäre /
wenn zwei einerlei Ding sagten. Denn auch diss / wormit ich nichts mehr
gefruchtet / als wenn ich einen Schlag ins Wasser getan hätte / war / wenn es
aus Eginhards Munde kam / nicht ohne wichtigen Nachdruck /gleich als weñ die
Worte auf zweierlei Lippen / eben so wohl als die an unterschiedenen Enden der
Welt gewachsenen Kräuter auch ganz unterschiedene Würckung haben müsten. In
weniger Zeit verliebte sich Gottwald in die Lebens-Art der Barden so sehr / dass
/ungeachtet Eginhard ihm ihre Weissheit als eine scharffe Zuchtmeisterin
fürstellte / er sich als einen Barden einweihen liess / und mich mit eben dieser
Begierde ansteckte. Er ward hierauf ein ganz ander Mensch / unter allen Barden
war keiner freudiger als er. Seine Verträuligkeit vergnügte alle so sehr / dass
er nach Eginhards Tode einstimmig zum obersten Priester erwehlt ward / in
welcher Würde ich ihn niemals habe an seine Fürstliche Hoheit dencken gehöret
/noch ihn sich über etwas bekümmern / wohl aber mit dieser hochansehnlichen
Gesellschaft für Freuden sterben gesehen.
    Niemand war der nicht über Döhnhofes Erzehlung ein besonderes Gefallen
bezeugte. Hertzog Ariovist aber bat ihm der Anwesenden Gehör aus / seiner
Erzehlung wegen des verlohrnen jungen Gottwalds /oder Ehrenfrieds / ein wenig
Licht zu geben. Weil nun aller Augen ihn hierum durch ihr Stillschweigen
ersuchten / fieng er an: Ich selbst kann Zeuge sein / dass dieser Ehrenfried in
dem angedeuteten Jägerhause des Gabretischen Waldes gefunden worden sei. Allen
Deutschen ist bekand / wie meines Gross-Vaters Bruder für sechs und sechtzig
Jahren in der Schlacht gegen den Julius Cäsar seine Gemahlin Berchtolds eines
Schwäbisschen Fürsten Tochter mit einer ihrer Töchter einbisste. Seine andere
Gemahlin Vocione /des Norichischen Königs Vocion Schwester / welche ihm mein
Gross Vater zu heiraten riet / ward zwar anfangs gleichfalls für todt geschätzt
/ es ereignete sich aber hernach / dass Vocione mit Ermegilden / Ariovistens
ältesten Tochter / gefangen war. Der König Vocion aber / welcher aus seinem
schneeichten Gebürge einen Einfall in Italien dräute / brachte es so weit / dass
Julius Cäsar nicht allein Vocionen und Ermegilden / welche aber kurtz hernach
starb / ohne Lösegeld Ariovisten zuschickte / sondern auch / gegen Begebung
alles auf die Heduer und Seqvaner habenden Rechtes / wider Ariovisten nichts
feindliches zu beginnen sich erklärte. Nach einigen Jahren gebahr Vocione
Ariovisten eine Tochter ihres Nahmens /welcher das nach der Zeit von ihm
verlassene Reich zufiel / und sie / wiewol nicht ohne Unwillen / der einem Weibe
zu gehorsamen ihnen verächtlich haltender Alemänner / die Herrschaft überkam.
Es ging ihnen aber wie den Bürgern zu Aten / welche das vom Phidias gemachte
Minerven-Bild als grob und ungestalt verachteten / hingegen aber des Alcmenes
zierliches nicht sattsam loben konten. Denn wie jenes / als beide auf den
bestimmten Stand des Tempels kamen / dieses bei weitem wegstach / also befunden
die Alemänner / dass / als Vocione die Höhe der Herrschaft erlangte / niemand
darzu geschickter wäre / als sie. Denn ob zwar ihr Reich durch den Abfall der
Marckmänner in nicht weniges Abnehmen und Zerrittung geriet / wusste doch die
kluge Vocione zu grosser Verwunderung der Welt / das Steuer-Ruder ihrer
Herrschaft so meisterlich zu führen / dass selbtes weder auf einer Seite von der
Römer- noch auf der andern Seite von Marbods Macht zerschellet ward.
Insonderheit wusste sie auf beiden Achseln so künstlich zu tragen / dass ihr
keiner auf die Fersen zu treten sich unterstund / und wenn auch einer auf seiner
Seite zu nahe kommen wollte / verwickelte sie des andern Nachbars Vorteil in
ihre nötige Erhaltung / dass dieser jenem alsofort die Spitze zeigte. Um nun
keinem zu grosse Eyversucht zu verursachen / war sie nicht zu bereden sich an
einen grossen Fürsten zu vermählen / welcher die Feindschaft wider die Römer
oder den Marbod mit in ihr Haus brächte; kleinere aber verschmähete sie als ihr
unanständig. Sie hatte an ihr nichts weibisches als ihr Geschlechte / und bewiess
durch ihre glückseelige Herrschaft / wie falsch eine Frau für nicht klug
gehalten würde / welche mehr als ein Weib verstünde. Und dass sie so viel mehr
sich von ihnen selbst entferneten / als sie den Männern nahe kämen. Ihr Absehn
war stets auf Friede gerichtet / und wenn sie die Catten oder Cherusker mit in
Krieg einflechten wollten / schützte sie für; einem Weibe stünde so wenig der
Degen / als einem Manne der Spiegel an. Gleichwol erwarb sie durch ihre Ruh mehr
/ als andere Fürsten durch verderbliche Kriege / und der doch so herschsüchtige
Marbod / als er mit seinen Marckmännern die Länder der Bojen besätzte / trat ihr
dis alles gutwillig ab / was er von ihres Vaters Ariovist Gebiete besessen
hatte. Derogestalt blühete das Alemañische Reich unter ihr lange Jahre mehr /
als vorhin unter keinem Fürsten. Bei dessen Wolstande aber ward sie mit keinen
gemeinen Leibes-Schwachheiten befallen. Vocione geriet hierüber in Gedancken
sich ihrer Herrschaft zu enteusern / welche von einem siechen Leibe / und
dardurch abgemergeltem Gemüte / nicht gnugsam beseelet werden könnte. Zu welchem
Ende sie mich denn auch in einer Reichs-Versamlung mit gutem Willen aller
Landes-Stände für ihren Sohn und Erbfolger erkiesete /weil mir die Herrschaft
ohne diss nach ihrem Tode von rechtswegen zugehörte. Nach dem mein Alter aber
noch nicht zur Herrschaft reif / sie aber bei jedermann überaus beliebt war /
beschwuren sie sie nicht alleine auf alle ersinnliche Weise zwischen ihr und dem
gemeinen Wesen keine Ehscheidung fürzunehmen / sondern sie verschrieben auch aus
Rom und Griechenland die berühmtesten Aertzte ihrer Fürstin Kranckheit
abzuhelffen. Alle aber / ausser einem Griechen Eudämon / hielten ihr Ubel für
unheilbar. Dieser versicherte hingegen Vocionen mit grossen Beteuerungen ihr zu
helffen; wenn ihm die benötigten Mittel und Gelegenheit darzu verschafft
würden. Als ihm nun in allem zu fugen versprochen / ja alles selbst nach
Belieben anzugeben enträumet ward / erkiesete er hierzu die tieffste Einöde des
Gabretischen Waldes / allwo ihm nach seinem Entwurff ein so genenntes Jägerhauss
gebauet / und allen Jägern seinen Willen zu erfüllen anbefohlen ward. Auf
bestimmte Zeit verfügte sich Vocione mit sehr wenigen ihrer getreusten Leute
dahin / und / weil sie mich als ihren wahrhaften Sohn liebte / und niemahls
gerne von sich liess /musste ich ihr Gefärte sein. Alldar führte sie Eudämon den
Morgen nach ihrer Ankunft in ein Zimmer / in dessen Mitte eine leere Wanne
eingesencket / darum aber hundert Knaben angebunden waren. Diesen Ort wiese
Eudämon Vocionen zu ihrem Bade an. Diese lachte und fragte: Ob sie sich mit der
Lufft waschen /und mit den Steinen trocknen sollte / weil nirgends kein Tropffen
Wasser zu sehen wäre? Eudämon antwortete: Wasser wäre sie zu heilen viel zu
ohnmächtig / für ihre Kranckheit hätte sie einen viel kräfftigern Safft von
nöten. Vocione versätzte: Woher denn dieser Safft kommen sollte? Eudämon wiess
auf die gefässelten Knaben / und sagte: Aus den Adern dieser Kinder / derer Blut
als ein rechtschaffenes Lebens-Oel alleine ihre Kranckheit wegnehmen könnte.
Behüte mich mein GOtt / fieng Vocione an / für einer so grausamen Genesungs-Art!
Ich habe bei meiner Herrschaft mich für nichts mehr als für Blutstürtzung
gehütet /ich habe nie ohne Zittern / auch wider die lasterhaftesten Menschen /
ein Todes-Urtel unterschrieben / ja mir mehrmahls gewünscht / dass ich nicht
schreiben könnte; und ich sollte nun / um die Hefen meines Alters zu läutern /
dieser unschuldigen Kinder Blut verschwenden? Eudämon wollte einwenden: Wären
Untertanen schuldig um die Ehrsucht ihrer Fürsten zu vergnügen ihr Leben für
sie im Kriege / da vielmahl etlichen tausend Menschen zur Ader gelassen würde
/aufzuopffern / so wäre vielmehr verantwortlich / dass eine Anzahl Kinder ihr
Blut den Fürsten zu ihrer Genesung zinseten / welches wohl ehe ein Römischer
Bürger zu Mästung der Murenen verbraucht hätte. Fürsten wären die Angelsterne
des gemeinen Heiles /um dieses aber müste man alles geben / wie köstlich es auch
wäre. Vocione brach ein: du mühest dich umsonst / mich zu einer so henckrischen
Heilungs-Art zu bereden. Deine Artzneien gehören in die Werckstadt des Busiris /
und in Diomedens Stall / nicht auf meinen Tron / welchen ich vom Blute so rein
/ als das Altar der Paphischen Venus ist / zu erhalten / mich euserst bemühet
habe. Gehe mit deinem verdammten Blut-Bade in deine Heimet / wo die geilen
Weiber an statt der Esels-Milch sich aus Milche gefangener Frauen zu baden nicht
schamrot werden / um ihre Haut zart und weiss zu machen. Meinestu in diesem
nicht so wilden Lande mit dieser holden Kinder Lebens-Oele deine abergläubische
Artznei-Kunst / und dein schwartzes Gedächtnüs wie Draco seine Gesetze / und
Otryades seinen Sieg mit Blute aufzeichnen? Eudämon erblaste über diesem
scharffen Einhalte /und fieng an: Wenn die Hertzogin ihr ja ein Gewissen machte
über Verspritzung so vielen zum Bade nötigen Blutes; so sollte sie doch durch
das verhandene silberne Röhrlein nur aus einem oder zwei Knaben das Blut in ihre
Adern einzöpffen lassen. Vocione wollte diesen vermeinten künstlichen Werckzeug
das Blut aus einem Leibe in andern zu bringen nicht einmal des Ansehns würdigen
/ sondern hob an: Wenn schon dieses ohne Zauberei durch natürliche Handgrieffe
zu vollziehen möglich wäre / könnte sie doch nicht glauben / dass diese neue
Heilungs-Art der Natur gemäss / und einem Krancken dienlich wäre. Eudämon
antwortete: Sie dörffte so wenig an der Heilsam- als Mögligkeit zweiffeln. Er
hätte hierinnen auch die Natur selbst zur Lehrmeisterin / welche aus den Stämmen
den Safft oder ihr Blut in die darauf gepfropfften Zweige leitete / ja allen in
Mutter-Leibe noch beschlossenen Kindern das Blut ihrer Mütter zur Nahrung durch
die Nabelschnure einflössete. Dieses wäre der kürtzeste Weg einen Menschen zu
nähren /und von Kranckheiten zu befreien / weil das gute frembde Geblüte
vermittelst der unaufhörlichen Herumkreissung des Geblütes / welches durch so
enge Aederlein dringet / dadurch nicht einst die Lufft gehen würde / geraden
Weges allen Adern und Eingeweiden unmittelbar mitgeteilet / hingegen alle durch
den Mund empfangene Artzneien durch den Magen und andere einen grossen Umweg
machende Gänge geleitet / auch in ein und andern anbrüchigen Orte verderbt
würden / ehe sie einmal in die Blut-Adern kämen /darinnen gleichsam das Leben
selbst schwimmet. Vocione sätzte ihm entgegen: Wenn diese Blutzöpffung mit der
Pfropffung eine Verwandschaft hätte; müste das gute Blut in einem kräncklichen
Leibe bald auch verderben / weil der Safft der Stämme alsbald in den
Pfropffreisern derselben Eigenschaft annähme. Die wunder-würdige Nährung der
Kinder aber wäre dem grossen Schöpffer durch keine Kunst nachzutun. Eudämon
versätzte; die Kunst wäre nicht weniger eine Aeffin als eine Magd der Natur /
und der Mensch ein Ebenbild Gottes / seine Vernunft etwas himmlisches. In den
Pfropffreisern müste der Stämme Safft seine Eigenschaft verändern / weil er
sich durch das Holtz allzu sehr und enge durchdrängen / und sich gleichsam
ausläutern müste. Hier aber gienge das Blut durch das Röhr ohne einig Gedränge /
und daher behielte es alle seine gute Eigenschaften. Damit die Fürstin auch
hierbei so viel weniger zweiffeln möchte / wollte er ein kranckes Kalb durch
übergezöpfftes Blut eines gesunden Kalbes / oder eines andern Tieres / in ihrem
Angesichte wieder zu Kräfften bringen. Vocione willigte hierein / worauf denn
Eudämon einem Kalbe so viel Blut wegliess / dass es für Schwachheit nicht mehr auf
den Füssen stehen konnte. Hernach band er ein anderes auf gewisse Art / ritzte
beiden Kälbern eine Ader so wenig / dass er mit Not das silberne Röhrlein darein
stecken konnte / brachte also aus dem starcken in das matte ein ziemlich Teil
Blutes / worauf dieses nach verbundener Wunde und Auflösung sich so frisch als
anfangs für verlohrnem Blute bezeigte. Ob nun zwar Vocione diss nicht ohne
Verwunderung ansah / wollte sie sich doch keines weges bereden lassen / einiges
Menschen Blut zu ihrer Gesundheit zu gebrauchen / sondern sie erklärte mit einer
ernsten Gebehrdung: sie wollte lieber heute ihres Reiches und Lebens entpehren /
als sie es durch unschuldig Blut hundert Jahre verlängern sollte. Eudämon ward
hierüber bestürtzt und fieng an: Wenn sie ja über Menschen-Blute eine so zarte
Empfindligkeit hätte; sollte sie sich nicht weigern / ihren Adern gesundes
Kälber-Blut einzöpffen zu lassen. Vocione fiel ihm ziemlich entrüstet in die
Rede: Wilst du Törichter mich denn aus einem Menschen zu einem wilden Tiere
machen? weil du selbst das Blut für den Wagen des Lebens und der Seele / und
dafür hältest /dass das eingezöpffte Blut seine erste Eigenschaft in des andern
Leibe behalte. Eudämon antwortete ihr mit grosser Demut: Unser Fleisch und Blut
hat mit andern Tieren eine grössere Verwandschaft und Gleichheit / als unsere
Seele mit GOtt. Scheuen wir uns nun nicht ihr Fleisch zu essen / und selbtes in
unsern Safft und Blut zu verwandeln; warum hat man Abscheu ihr Blut in unsern
Adern zu beherbergen? Ja ich traute schier zu behaupten / dass das Blut der
Tiere zu diesem Zwecke fast tauglicher als Menschen-Blut sei / weil Menschen
ihres durch hunderterlei Regungen / worvon andere Tiere befreit sind /
verterben / ja mit ihrer Mutter-Milch nicht selten Gift und Galle einsaugen. Ja
weil eine Kranckheit für der andern bald hitziges / bald kaltes / bald dinnes /
bald dickes Geblüte erfordert / hätte man aus so vielen Arten der Tiere das
geschickste auszulesen. Alleine Vocione fuhr heraus: Sie möchte nichts
viehisches in ihrer Seele / noch in ihren Adern haben. Mit diesen Worten ging
sie aus dem Zimmer / liess dem bestürtzten eine Verehrung reichen / und ihn
wieder in Gallien führen / woher er kommen war. Die Knaben wurden alle
lossgebunden / und an die Örter / wo sie waren weggenommen worden / wieder
gebracht. Diesen Ehrenfried schickte Vocione zwar auch nach Cisaris / weil aber
kein Tempel der Cisa mehr dar zu finden / weniger iemand / dem dieser Knabe
gehörete / zu erfragen war / brachten die Abgeschickten ihn wieder zurücke /
daher ihn Vocione bei Hofe behielt /wegen seiner Anmut ihm den Nahmen
Ehrenfried zueignete / und als ein Kind von edler Ankunft rittermässig erziehen
liess. Durch seine gute Art wuchs er alle Tage mehr in der Genade der Fürstin als
im Leibe. Gegen mir zeigte er eine so grosse Begierde mir zu dienen / dass er mir
/ was ich wollte / an Augen ansah / also meinen Befehlen mit seinem Gehorsame
allezeit zuvor kam. Mit dieser untadelhaften Zauberei stahl er mir derogestalt
das Hertze / dass als nach der Zeit die länger zu herrschen unerbittliche Vocione
die Herrschaft mir übergab / ich ihr für die Zueignung dieses Knabens mich
absonderlich verknipffet zu sein befand. Meine Gewogenheit gegen ihn ist auch
biss auf heutigen Tag gewachsen / und der vorgestrige gewiesen / dass weder
Vocione ihre Wahl /noch ich meine bisherige Zuneigung zu eines so grossen
Fürsten Sohne zu bereuen Ursach habe. Jederman / insonderheit aber Döhnhoff
schöpffte über dieser seinen Bericht bekräfftigenden Erzehlung grosses
Vergnügen; mit welchem auch der übrige Tag vollends hingebracht ward. Auf den
Morgen nahmen alle Gäste von den Barden Abschied / und reiseten wieder zu dem
Schwalbachischen Sauerbrunnen / in welchem sie noch etliche Wochen mit den
annehmlichsten Ergötzligkeiten zubrachten / weil der Feldherr Herrmann und
Hertzog Arpus am Rheine teils auf die Römer / teils auf den ihnen verdächtigen
Melo ein wachsames Auge hatten / und durch Befestigung Herrmansteins / wie auch
andere gute Anstalten für die allgemeine Sicherheit wacheten. Die Sonne war
schon in Löwen getreten / als Agrippine zu Schwalbach Abschied nahm / und über
Verlassung einer so holdseligen Gesellschaft nicht weniger Wehmut bezeugte /
als über die Beständigkeit ihrer unzertrennlichen Freundschaft Versicherung
tat. Sie sagte / ihr wäre nicht unbekandt / dass Freunde dieser Zeit zwar meist
Antlitze der Menschen / und Hertzen wilder Tiere hätten / aber sie wüste nichts
von diesen Verstellungen / sondern ihr klebte vielmehr diese unschuldige
Schwachheit an / dass sie weder Hass noch Liebe / weder Freude noch Leid verbergen
könnte / ungeachtet sie damit schon vielmahl bei Livien / und dem Tiberius
angestossen hätte. Tussnelde schüttete ihrer aufrichtigen Offenhertzigkeit nach
gegen Agrippinen ebenfalls ihr Hertz aus / und sagte: Sie wäre der
Vollkommenheit ihrer Freundschaft so sehr versichert / dass selbte keinen
Beisatz wörtlicher Versicherung wie ein fürtrefflicher Edelgestein keine Folge
bedürffte. Hingegen würde Agrippine an ihr iederzeit ein deutsches Gemüte
finden / welches keinen falschen Schein / wie die Porcellane kein Gift
vertrüge; und ihr Mund wäre niemahls mit zweierlei Zungen trächtig. Keine
geringere Versicherungen erfolgten zwischen Agrippinen / der Hertzogin Erdmut /
Adelmunden und Zirolanen / und wünschte Agrippine allen so scharffe Augen / wie
sehr sie alle liebte / weil sie so unersättlich nach ihrer Liebe lüstern wäre.
Sintemahl sie die Liebe für den kräfftigsten Zunder der Gegen-Liebe hielte /
also dass der / welcher sonst zu lieben ein allzuhartes Hertze hätte / doch
Liebende zu lieben erweichet würde. Zuletzt nahm Agrippine vier goldene Müntzen
heraus / welche ihr Vater Agrippa als Bürgermeister hatte schlagen lassen. Auf
der einen Seite stand desselben Nahmen / auf der andern die zwei Häupter des
Julius und Augustus. Diese liess sie in der Mitte entzwei segen / gab die Helffte
davon zum Pfande ihrer unzerbrechlichen Treue / die andere Helffte aber behielt
sie als ein Pfand ihrer Hold und Gewogenheit bei sich. Sie begleiteten
Agrippinen biss auf den halben Weg nach Meintz / allwo Germanicus ihrer mit
Verlangen erwartete. Wenig Tage nach ihrem Abschiede wendete sich auch die
Hertzogin Erdmut / und mit ihr alles andere Frauenzimmer an den Cattischen Hoff
nach Mattium. Ariovist / dessen Liebe zu Zirolanen durch Erfahrung ihres
Uhrsprunges / und weil sie des von ihm so sehr geliebten Ehrenfrieds Schwester
war / hatte sich bei ihm dergestalt vermehret / dass er ohne sie nicht zu leben
getraute / konnte sich auch nicht überwinden sie zu verlassen / reisete also auch
damit nach Mattium / allwo er vom Feldherrn / dem Hertzoge Arpus / Catumern und
Siegesmunden seinem Stande gemäss empfangen ward. Daselbst rüstete er den jungen
Gottwald recht Fürstlich aus / liess ihn auch wie sich selbst bedienen / und
versäumte die geringste Gelegenheit nicht durch Ritterspiele / annehmliche
Unterhaltung / und alle ersinnliche Bedienungen sich in Zirolanens Gewogenheit
zu versätzen / ungeachtet er ihr von Liebe zu sagen allzu ehrerbietig war. Denn
wahrhafte Liebe hat die Bescheidenheit allezeit zur Gefärtin; und wer das
Geliebte hoch hält / wird sich nicht leicht unterstehen ihr offentlich von Liebe
zu sagen. Alleine gegen alle seine Liebkosungen blieb Zirolane im Hertzen
unempfindlich / als welches sie noch ihrem Rhemetalces als ein Altar / welches
sein erstes Feuer niemahls ausleschen läst / vorbehielt. Gleichwohl bezeigte sie
gegen Ariovisten alle Höfligkeit / durch welche sie ihm alle Tage nur mehr
Angelhacken ans Hertze warff. Denn ein gutes Wort / ein Lächeln / ein geringes
Kennzeichen des Wohlwollens eines tugendhaften Frauenzimmers würckt in einem
ehrlichen Gemüte mehr / als andere durch die nachdrücklichsten und freiesten
Liebes-Bezeugungen. Zirolane merckte diss zwar / und hätte diese Würckung gerne
verhütet /aber ihr stund eine sauersehende Ernstaftigkeit und die Entziehung
von seiner Gemeinschaft noch weniger an / weil diese scheinbare Art zu leben
ins gemein von denen angenommen wird / welche für tugendhaft angesehen sein
wollen / was sie nicht sind. Zumal da Zirolane geschickt war durch ihre
holdselige Bezeugungen nicht weniger Ehrerbietigkeit als Liebe andern
einzudrücken. Als sie einsmahls in dem Garten zu Mattium in einer tieffsinnigen
Einsamkeit herum ging / machte ihm Ariovist einen Weg / dass sie ihm gleichsam
ungefähr begegnen musste. Wie er ihr nun unvermutet auf den Hals kam / fasste er
ihm den Mut Zirolanen durch seinen Mund zu eröffnen / was ihr seine Augen und
Anstalten schon tausendmahl verraten hatten. Er redete sie demnach an:
Unvergleichliche Zirolane: Ich würde wider ihre Vollkommenheit und meine
Ehrerbietigkeit sündigen / wenn ich mich / dass ich sie liebte / zu erklären
erkühnte /wenn mein Hertze länger dieselbe mit verborgenen Seuffzern zu
verdrücken mächtig wäre. Denn ich weiss wohl / dass Bescheidenheit eigentlich die
zum Wesen der Liebe gehörige Tugend sei / und dass wer gefallen will / verstehen
müste / ehrerbietig zu sein / und wer in der Liebe vergnügt werden wollte / müste
lange Zeit schweigen können. Zirolane färbte sich nicht allein über dieser
unvermuteten Freiheit / sondern sie konnte sich auch so geschwinde nicht aus
ihren Gedancken auswickeln / dass sie ihre Zunge was anders zu antworten hätte
unterrichten köñen / als: Sie wüste wohl / dass Ariovist zu schertzen gewohnt /
aber / wenn er einem gemeinen wohlwollen den Titel der Liebe zueignete / allzu
freigebig mit einer so köstlichen Sache wäre. Ariovist nahm diss Wort zu seinem
Vorteile / und sagte: Er gestünde / dass das Wort der Liebe den Brand seiner
Seele auszudrücken zu wenig Nachdruck hätte / aber weil diese ihrem eigenen
Urteil nach was so köstliches wäre / sollte sie es doch in ihrem Hertzen nicht
so verächtlich halten. Zirolane versätzte: Dieses hält die Liebe so hoch / als
das gröste Heiligtum / und wird sie / so lange als ihr Hertze schlagen kann / in
ihr nicht ausleschen / auch keine andere Flamme sie daraus vertreiben lassen.
Welche Gotteit / sagte Ariovist / lässt ihr nur von einer einigen Hand Weirauch
streuen? welche verschmehet alle andere und zwar reinere Flammen? Zirolane
antwortete: Ich weiss wohl / dass etliches Frauenzimmer sich an Vielheit ihrer
Liebhaber ergetzet / entweder aus einem Uberflusse die Wahl zu haben / oder aus
einem so reichen Vorrate ihrer Schönheit ein desto prächtiger Sieges-Zeichen
aufzurichten. Aber die Menschen sind in der Art der Liebe so unterschieden als
im Geschmacke. Sie hielte die erzählte aber für die schnödeste Eitelkeit / durch
welche sie so viel mehr verspielten / ie reicher sie an Buhlern würden. Eine
Frau hätte mehr nicht als ein Hertze / also könnte sie auch mehr nicht als eine
Seele damit beteilen / wenn sie nicht den Apffel ihrer Ehre zugleich zerteilen
/ ihre Liebe aber zum Laster machen wollte. Ariovist seuffzete /und beklagte sich
über ihre Unempfindligkeit gegen seiner Liebe. Er wüste zwar / dass Frauenzimmer
aus der Unempfindligkeit eine Tugend machte / und daraus Ehre suchte; aber diese
müste nach geprüffter Beständigkeit sich endlich in Mitleide verwandeln / weñ
sie nicht den Nahmen der Grausamkeit verdienen wollte. Zirolane versätzte mit
einer etwas ernstlichen Gebehrdung: Er verstünde gar wohl / dass sie über ihr
Hertze nicht mehr zu gebieten hätte / also sie nicht mehr geliebt zu werden
geschickt wäre / und weil die Liebe ohne Hoffnung eine vergebene Beunruhigung
seiner und ihrer wäre / möchte er doch ihm selbst nicht wehtun / wenn er ja mit
ihr kein Erbarmnüs haben wollte. Ihre Ernstaftigkeit war ein Blitz / und ihre
Worte ein Donnerschlag in Ariovistens Hertze; gleichwohl sätzte er ihr entgegen:
keine Liebe wäre ohne Hoffnung / oder zum wenigsten seine nicht. Zirolane
begegnete ihm; wenn sie sich auf Unmögligkeit gründete / wäre sie ein schlechtes
Abend-Brodt der Elenden. Ariovist fragte: Ob es denn unmöglich wäre / einen
Undanckbaren aus seiner Liebe verstossen / da alle Rechte der Welt billigten dem
nicht Treu und Glauben zu halten / der vorher treubrüchig würde? Dieses /
antwortete Zirolane / ist allentalben verantwortlich / nur nicht in der Liebe.
Ariovist begegnete ihr: Ach unbarmhertzige Zirolane / was für grausame Gesätze
schreibestu dir selber für! was für ein unerträgliches Joch machet sie aus der
Liebe / welches der lindeste Balsam der Seele sein soll! was für einen
unverdienten Vorteil schantzet sie der Untreue zu / dass man die lieben soll /
welche / wenn es möglich wäre /aus der ganzen Welt mit Strumpff und Stiel
ausgerottet werden sollten! Sie sperret hierdurch dem Meineide Tür und Tor auf
/ wenn die Leichtsinnigkeit das Glücke verdienet geliebt zu werden. Zirolane
brach ein: Sie redete der Untreue nicht das Wort / weniger liebte sie selbte /
ungeachtet sie dem treubrüchigen nicht gram würde. Die vollkommensten Menschen
wären auf eine zeitlang gewissen Schwachheiten unterworffen / wie die grösten
Sterne der Verfinsterung. Ihre beständige Treue und das Rad der Zeit / welche
alles umwendete / würde auch das Gemüte ihres Rhemetalces verändern / und
wieder in alten Stand sätzen. Sintemahl die Grösse seiner Liebe das Qvell der
Eyversucht / die aber eine Ursache seines Irrtumes und Unwillens gewest wäre.
Ach! Zirolane /fieng Ariovist an / wie heuchelt sie frembden Lastern / wie
betreugt sie sich selbst mit vergebener Einbildung! wie unrecht urteilt sie /
wenn sie die bittere Eyversucht zum Kinde der Liebe macht! Eyversucht bestünde
aus eitel Gift und Galle / sie qvälte sich mit Furcht und Neide / wie sollte sie
denn aus dem Honige der Liebe flüssen? Ihr Fürhaben verriete sie / dass sie die
bitterste Feindschaft in der Welt wäre. Denn sie glaubte nicht / dass sie
geliebt würde / sonst hätte sie sich ja um nichts zu grämen Ursache / wie sie
gleichwohl täte. Daher wäre es ein grosser Irrtum / wenn man diese Pest der
Liebe für eine schlechte Furcht das liebende zu verlieren hielte. Rhemetalces
würde nicht im Grimme sich aus dem Staube gemacht haben /wenn ein Füncklein der
Liebe in ihm steckte / und diss / was er liebte / für dem Verluste zu verwahren /
die wenigsten Gedancken hätte. Zirolane antwortete; Also würde ich vielleicht
auch urteilen / wenn ich nicht mehr als ein Mann liebte. Ariovist fiel ein:
Wie? sollte das männliche Geschlechte dem weiblichen an Hefftigkeit der Liebe was
bevor geben? Zirolane versätzte: Niemand würde daran zweiffeln / der einen Blick
in die vergangene Welt zurück schickte / und das Gewebe Penelopens / den Rach-
und Gift-Becher der Camma / Artemisiens Glas mit der Todten-Asche /Porciens
Kohlen / Arriens Dolch / und die Holtzstösse der sich mit ihren Männern
verbrennenden Weiber in Indien betrachtete; dahingegen schwerlich viel Männer zu
nennen wären / die aus Liebe für seine Frau oder Buhlschaft gestorben wären.
Ariovist fiel ein: Er wäre nicht gemeint dem Ruhme des weiblichen Geschlechtes
den geringsten Abbruch zu tun; gleichwohl nötigte ihn die Ehre des seinigen /
und die Grösse seiner Liebe den Gracchus / den Cajus und Marcus Plautius als
Muster männlicher Treue auf die Schaubine zu bringen. Der erste hätte aus zweien
in seinem Hause gefangenen Schlangen nach vernommener Auslegung der Wahrsager
die männliche tödten / die weibliche leben lassen / nur dass ihn seine Cornelia
überleben möchte; der andere hätte nach seiner Eh-Frauen das Leben für
beschwerlicher als den Tod gehalten / und es ihm durch seinen eigenen Degen
verkürtzet. Der dritte wäre zu Tarent unter dem Küssen und einbalsamen auf der
Leiche und dem Holtz-Stosse seiner Orestilla verblichen / weil seine hertzliche
Liebe für besser gehalten / mit ihr durch den Tod vereinbaret / als durchs Leben
getrennet zu werden. Zirolane versätzte: dieses wären die einigen drei
Wunderwercke der Römer / jedoch müste sie hierbei enträumen / dass die Männer
auch so sehr / als Weiber / zu lieben weder Ursache noch Fähigkeit hätten. Denn
der Schutz / und die Bedienungen der Männer sind solche Angeln der Hertzen und
Ketten der Seelen / dass ein Frauenzimmer ihren auch vergehenden Beschirmer nicht
weniger zu lieben / als Epheu seine Stütze /wenn sie schon verdorret / zu
umarmen verbunden ist. Nach dem auch ein trauriger Geist der beqvemste Zeug der
Beständigkeit / und das tauglichste Oel der Liebe ist / hat man für kein Wunder
noch die Männer für verkleinerlich zu halten / dass unser feuchter und trauriger
Geschlechte heftiger und hartnäckigter in Liebe sei. Zumahl da die uns
eigentümliche Tugend der Zucht und Keuschheit / auch von uns derogleichen
Beständigkeit / und die Eigenschaft des Palmbaumes erfordert / welcher / nach
dem sein männlicher Nachtbar stirbet / oder wegkommt / mehr keine frische
Blätter zu bekommen fähig ist. Zu geschweigen / dass das Frauenzimmer auch sich
mit keiner andern Gemüts-Regung / als der Liebe zu überwerffen / diese also in
ihrem Hertzen eine vollmächtige Königliche Gewalt hat. Hingegen haben Liebe /
Ehrsucht / Rache und dergleichen im Hertzen der Männer eine geteilte
Herrschaft / also dass jede Regung stückweise nicht so viel / als bei uns die
eintzele Liebe würcken kann. Es haben aber destalben die Männer diesen Vorteil
für uns / dass da wir uns der einigen Keuschheit und Treue zu rühmen haben / sie
Treue / Tapfferkeit / Gerechtigkeit und andere Tugenden hauffen-weise
aufzuführen haben. Ariovist säufftzete und fieng an: Grausame Zirolane / hat die
Natur sie nur darum so scharfsinnig gemacht / dass sie unter dem Scheine des
Lobes unserm Geschlechte den Gebrechen der Untreue aufrückte? hat die Natur sie
darum nur so schön gebildet / dass sie an mir ihre Unbarmhertzigkeit ausübe?
Alleine sie glaube mir / dass da gleich alle andere Männer laulichter lieben /
als das Frauenzimmer; dieses alles zusammen laulichter liebe / als ich. Bei
diesen Worten färbte sich Zirolane abermals / zumal da sie Tussnelden und
Adelmunden wenig Schritte für ihr sah. Sie brauchte daher ihre Ankunft zum
Vorteil sich Ariovistens zu entbrechen; aber indem Zirolane mit Adelmunden
Gelegenheit zu sprechen nam / und Tussnelde schertzweise fragte / wormit
Ariovist Zirolanen eine solche Röte abgejagt hätte / beichtete er ihr seine
Liebe gerade aus / ersuchte sie um ihren Beistand / weil er wohl wüste / dass
niemand in der Welt einen solchen Stern über Zirolanens Hertze / als sie /
hätte. Tussnelde / welche diss Geheimnüs Ariovistens fürlängst ausgespüret hatte
/ weil die Liebe ohne Zunge schon ihre Verräter hat / nam die verträuliche
Ausschüttung seines Hertzens mit Danck und Freundligkeit an / und sagte: Sie
wünschte mehr / als Zirolanens Beständigkeit sie hoffen liesse / ihm hierinnen
einen guten Dienst zu tun; weil sie dieses angezielte Bündnüs dem allgemeinen
Wohlstande Deutschlandes für überaus verträglich hielte. Ihm würde zwar
vielleicht kund worden sein / dass ihr Bruder Siegesmund auf diese tugendreiche
Fürstin stets ein Auge gehabt / und destwegen mit Rhemetalcen etliche mahl
zerfallen wäre; aber ihre Schwester-Liebe wäre niemahls mächtig gewest / sie zu
der Schwachheit zu verleiten / dass so lange Rhemetalces Zirolanen treu verlieben
/ sie bei ihr für ihn kein Wort verloren. Sie versicherte ihn auch / alles
euserste vorzukehren / dass im Fall der in Zirolanens Seele so tieff
eingewurtzelte Rhemetalces daraus zu heben wäre / einem so vollkommenen Fürsten
ihr Bruder keinen Eintrag tun sollte. Ariovist ward hierdurch so sehr in seinem
Vorhaben gestärcket / dass / wie schlechten Trost er von Zirolanen gleich
bekommen / er nunmehr auf sie eine grosse Rechnung machte. Er suchte daher die
verbindlichsten Worte her Tussnelden für eine so übermässige Gnade zu dancken;
dass sie aus blosser Grossmütigkeit sich auf seine als die schwächste Seite
schlüge; Ja was alle Staffeln der Grossmütigkeit überstiege / sie für ihn wider
sich selbst zu kämpffen übernähme. Tussnelde eröffnete Ariovistens Vorhaben
alsbald dem Feldherrn / und dieser dem Hertzoge Arpus und seiner Gemahlin. Weil
nun niemand war /der nicht Zirolanen von aller Verbindligkeit freisprach / und
ihre Heirat an Ariovisten für ein Mittel hielt ihn vom Marbod / wider welchen
Zirolane die Feindschaft mit ins Haus brächte / wie auch den Römern abzuziehen
/ arbeiteten alle an Zirolanen sie zur Vernunft zu bringen. Weil nun diss so
geheim nicht geschehen konnte / dass nicht Fürst Siegesmund hiervon Wind kriegte /
Tussnelde auch ihm rund abschlug / für ihn bei Zirolanen gut in Worten zu sein
/ward er darüber so ungeduldig / dass er ohne Abschied aus Mattium zoh / und sich
zu seinem Vater Segestes verfügte. Inzwischen liess ihr Tussnelde fleissig
angelegen sein Rhemetalcens Untreu mit den hesslichsten / Ariovistens Hoheit und
Tugenden mit den schönsten Farben abzumahlen / und das Recht / einem
Eydbrüchigen nicht glauben zu halten / behauptete sie unwiderleglich. Alleine
wenn Zirolane ihren Gründen nichts mehr entgegen sätzen konnte / fieng sie an:
Ich habe Untreue zu begehen eine viel zu zarte Seele /noch weniger stehet es in
meinen Kräfften dessen zu vergessen / den ich einmal so feste ins Hertze
verschlossen; Auch habe ich von Kind auf gelernet / dass der Unbestand in sich
eine grosse Schwachheit und wenig Vernunft habe; dass man sich langsam
entschlüssen solle / sein Hertz einem andern zu verpfänden / wenn diss aber
geschehen / stünde es einem nicht wohl an / ja nicht einst in unser Gewalt das
Pfand wieder zu rauben / und einem andern seines darauf habenden Rechtens zu
entsätzen. Kein Gesätze noch Vorteil könnte uns auch ohne des Pfandhabers
Einwilligung diese Macht geben. Tussnelde hielt ihr zwar ein: Rhemetalces hätte
sich seines Rechtes und Besitztums selbst begeben / und ihre Hertze / welches
er als das edelste Kleinod der Welt in dem innersten seiner Seele verwahren
sollen / selbst von sich gestossen. Jedermann aber wäre berechtigt frembdes Gut
/ wenn es vom Besitzer weggeworffen würde /aufzuheben. Wie machte denn sie ihr
es so schwer ihr eigenes und verschmähetes Hertze wieder zu nehmen? Aber
Zirolane blieb darbei / dass Rhemetalces an nichts / als an Ubermaasse seiner
Liebe schuldig wäre / und dass er die vermeinte Verletzung ihrer Pflicht durch
seine Abwesenheit an ihr hätte straffen / keines weges aber sich ihrer Liebe
entbinden wollen. Als nun Tussnelde gleichwol nicht abliess ihr einzureden und zu
pressen / fieng sie an: holdseeligste Tussnelde; sie untersuche ihr eigenes
Hertze / und urteile / ob ohne meine Schande an meinem die Ehrsucht mehr Teil
haben sollte / als treue Liebe. Rhemetalcen habe ich für die einige
Glückseeligkeit erkieset / missgönnet mir nicht / dass / wo er ja untreu worden /
auch mein einiges Unglücke sei / und ich durch meinen leichtgläubigen
Wanckelmut mir nicht das zweite selbst auf den Hals ziehe / bei welchem ich des
Trostes meiner Unschuld beraubt sein würde /den ich bei dem erstern habe / dass
ich in meinem Elende doch vergnügt sein könne / weil mich mein Gewissen keines
Lasters anklagt. Weil nun mein Verhängnüs und mein Hertze an Rhemetalcen so
feste verknüpfft ist / so gönne sie mir doch / gerechteste Tussnelde / die
Glückseeligkeit der Sclaven / welche / ob sie wohl unter ihren Ketten mehrmahls
verschmachten / dennoch die Freiheit haben zu lieben und zu hassen / wen sie
wollen. Hierüber fielen Zirolanen die Tränen aus den Augen / welche in
Tussneldens Seele eine so mitleidende Wehmut erweckten / dass sie an beiden
Höfen / Zirolanens mit mehrern Zumutungen zu verschonen / bewegliche Vorbitte
einlegte. Sie selbst nam auch über sich Ariovisten mit der allen Dingen
abhelffenden Zeit zu trösten / weil neue Wunden und neuer Schmertz nicht harte
angerühret werden dörffte / und das Leid am geschwindesten verrauchte / welches
am heftigsten anfienge. Es wäre in der Liebe kein geringer Anfang /weñ einer
sich bei der / welche er zu lieben ihm erkieset / sich in ein so hohes Ansehn
versätzte; als Ariovist in den Augen Zirolanens wäre. Die Not zwang Ariovisten
/ dass er für dissmahl mit der Hoffnung /und denen vielen vom Feldherrn / und
denen Cattischen Fürsten erwiesenen Ehren-Bezeugungen sich vergnügen musste. Den
Tag für seinem Abzuge hielt Ariovist noch einen prächtigen Turnier / darinnen er
nebst sechs Alemännischen Rittern wider alle andere verteidigte: dass seine auf
eine Seule des Reñplatzes gesetzte Buhlschaft / welche Zirolanens
augenscheinliches Ebenbild war / die schönste uñ tugendhafteste Fürstin der
Welt wäre. In diesem legte er so grosse Ehre ein / dass wie vorhin das
Frauenzimer Ariovisten den Ruhm eines höflichen / also der Cheruskisch- und
Cattische Adel ihm das Lob eines tapfferen Fürsten geben mussten. Dieser Turnier
ward mit einem Kopff und Ring-Rennen beschlossen / darinnen er den vom Feldherrn
aufgesätzten Degen mit vielen Edelgesteinen gewaan / bei dessen Uberlieferung er
sagte: diesen wollte er für die Freiheit Deutschlands so viel freudiger führen /
weil er von einem so grossen Helden herkäme. Beim Abschiede verehrte ihm der
Feldherr zwölff Cimbrische und Hertzog Arpus so viel Friesische Pferde. Ariovist
aber liess an beiden Höfen vom obersten bis niedrigsten niemanden unbeschenckt.
Bei Zirolanen war er nicht mächtig viel Worte zu machen / sondern er bat
alleine: weil er unwürdig wäre ihr Liebhaber zu sein / möchte sie ihn doch nicht
verschmähen zum Diener zu haben. Zirolane antwortete: wenn ich so viel Gewalt
über meinen Willen hätte ihm zu gebieten / als mein Verstand erleuchtet ist
Ariovisten für einen der vollkommensten Fürsten zu schätzen / würde ich mich
glückseelig schätzen von ihm die kleineste Gewogenheit zu genüssen. Diese
Verträuligkeit zu Mattium war denen Römern / noch mehr aber dem von Rom zurück
gekommenen Adgandester ein scharffer Dorn in Augen. Dannenhero er dem Germanicus
stets in Ohren lag /mit den Cheruskern und Catten aufs neue zu brechen /nachdem
er nicht nur die Sicambrer und Chaucen von ihnen getrennet / sondern auch des
Feldherrn eigenen Bruder Flavius auf seiner Seiten hätte. Aber Germanicus dachte
viel weiter hinaus / und sagte Adgandestern / dass es bei instehendem Winter /
und da man Ariovistens noch nicht versichert wäre / nicht Zeit wäre Krieg
anzufangen / da die Deutschen zumahl so wohl auf ihrer Hutt stünden. Damit auch
diese so viel weniger Verdacht hätten / zerteilte er die am Rheine stehenden
Legionen in Gallien. Der Feldherr zohe hierauf mit seinem Hofe und meisten
Teile des Kriegs-Volckes wieder nach Teutschburg / allwo ihn die Cheruskischen
Stände als den glücklichen Beschirmer der deutschen Freiheit mit tausend
Freuden-und Glücks-Wünschen empfiengen.
    Wie vergnüget man nun an dem Cheruskischen Hofe lebte / so unruhig war
Adgandester und Sentia /welche den Untergang beider Fürstlichen Häuser
beschworen / und durch verwechseltes Austrincken ihres eigenen Blutes so
schändlich / als Catilina die Vertilgung der Stadt Rom / bekräfftigt hatten.
Nach dem sie lange mit einander geratschlaget / reisete Adgandester zum Marbod
/ und weil er alle in der Barden Garten eröffnete Geheimnisse durch seine
Kundschafter ausgespüret hatte / stellte er dem Marbod für Augen /was für
Gefahr seiner Herrschaft ihm von Ariovisten / welcher seines Todfeindes des
Gotonischen Fürsten Sohn / als sein Schoos-Kind bei sich erhielte / auch seine
Schwester Zirolane zu heiraten schlüssig wäre /zuhienge. Eben so wenig feierte
Sentia Segesten anzustifften / dass er dem Germanicus für Augen stellte /was
diese Heirat für eine kräfftige Kette das Alemannische Haus / welches zwischen
der Donau und dem Mayn über so viel streitbare Völcker herrschte /mit den
Cheruskern und Catten zu verbinden abgeben / den Römern aber für Nachteil
zuziehen würde. Hierdurch ward verursacht / dass Marbod Adgandestern / und
Germanicus den Statilius an den Alemannischen Hof schickte. Da denn jener durch
viel Verläumbdungen Zirolanens / und durch gewohnte Feilbietung der Marbodischen
Tochter Adelgunde /dieser aber durch vielerlei Staats-Gesätze und untergemischte
Dräuungen dieser Heirat vorbeugten. Nach dem diese nun die besorgte Verbindung
in ihrer Blüte ersteckt zu haben vermeinten / drang Adgandester mit aller Gewalt
beim Germanicus auf den Friedenbruch / und weil dieser ihm zu kaltsinnig vorkam
/handelte er unter der Hand mit dem Tiberius / welcher aber wegen hohen Alters
des Käysers / uñ sich ereignende Schwachheit von seiner Seite nicht weichen
wollte / und weil er auch dem Germanicus den versicherten Sieg nicht göñete /
hierüber nicht wenig Schwerigkeit machte. Weil dieser Stein nun auf solche Art
nicht fortzuweltzen war / vertröstete er den Tiberius / dass dafern die Römer mit
den Catten und Cheruskern brechen / und den Flavius in ein Teil seines
väterlichen Erbes einsätzen wollten / traute er die Sicambrer und Chautzen selbst
wider sie mit in die Waffen / durch ihr Gebiete einen freien Durchzug /und noch
über diss zu wege zu bringen: dass Hertzog Melo den Römern die Stadt oder das so
genannte Altar der Ubier wieder abtreten würde. Diese Vorschläge waren in des
Tiberius Ohren ein so süsser Klang / dass er von Stund an dem Germanicus schrieb
/ er möchte zwar mit dem Kriege noch zurück halten /inzwischen aber alles dahin
richten / dass es auf allen Fall ihm an scheinbaren Vorwand eines rechtmässigen
Krieges nicht mangelte. Adgandester verfügte sich hingegen zum Hertzoge Melo /
und Ganasch / zeigete selbten eine ihm vom Tiberius zugeschickte Vollmacht /
unter des Kaysers Hand und Siegel / dass er mit ihnen wider die unruhigen Catten
und den nach der Herrschaft Deutschlands strebenden Herrmann ein Bindnüs
schlüssen / und in des Kaysers Seele schweren sollte; dass er über dem Rheine
keine Spañe Erde besitzen / sondern alles / was er eroberte / dem Melo / Ganasch
und Flavius abtreten und einräumen /mit den Deutschen einen ewigen Friede machen
/ und durch die kräfftigste Einsegnung und Eydesleistungen den Rhein zur
heiligen Gräntze machen wollte. Zu Versicherung seiner Gewogenheit wollte er auch
auffs neue eine deutsche Leibwache aufrichten / und hierzu eitel Sicambrer und
Chauzen nehmen; welche Hertzog Melo und Ganasch selbst auslesen / und ihnen
gewisse Hauptleute fürstellen möchten. Durch diese beteuerte Vorschläge / die
mitgebrachten Geschencke /und das Geld / wormit Adgandester beider Hertzoge
Kriegs-Hauptleute und Räte bestach / erlangte er nicht nur alles / was er dem
Tiberius versprochen hatte / sondern brachte auch zu Erstaunung ganz
Deutschlandes zu wege; dass Hertzog Melo nicht allein gegen Auszählung
fünffhundert Pfund Silbers den Cäcina mit der ersten und zwantzigsten Legion in
die Stadt der Ubier einziehen liess / sondern Hertzog Ganasch räumte gegen
tausend Pfund Silbers den Römern das Eyland Burchanis / den einen Mund des
Flusses Ems mit einem Stücke Landes ein / welches die Römer mit etlichen
Batavischen Schiffen und einer Legion besätzten. Diese erwünschte Verrichtung
benahm dem Tiberius alle vorige Bedencken mit den Deutschen zu brechen. Daher
schrieb er an Germanicus; er sollte diese gewünschte Gelegenheit nicht aus der
Hand lassen; iedoch vorher einen scheinbaren Vorwand für die Gerechtigkeit der
Römischen Waffen auffinden. Germanicus hielt hierüber Rat / und wurden der
Herrmansteinische Festungs-Bau / das Erb-Recht des Flavius und allerhand andere
Vorschläge auf den Teppicht gebracht / welche aber Germanicus alle verwarff.
Endlich wischte Adgandester mit seinem fürlängst ausgedachten Vorschlage herfür:
Germanicus sollte auf den Tag / da zu Meintz der dem Jupiter und August erbaute
Haupt-Tempel wäre eingeweiht worden / ein allgemeines Opffer-Feier und Spiele
durch den Obersten Priester ausschreiben / und alle / welche aus Gallien und
Deutschland dahin von Anfang gewiedmet worden / unter gewisser Straffe
verschreiben. Weil nun die Deutschen biss an Mattium an / vorhin darzu gehöret
hätten / würde sich Arpus zweiffelsfrei wiedersätzen und seinen Catten zu
erscheinen verbieten / welches so denn für eine Versehrung des Römischen
Gottesdienstes ausgelegt / und zum Vorwande des Krieges gebraucht werden könnte.
Uber diss sollte Germanicus zu Meintz eine Brücke über den Rhein und zu derselben
Versicherung an die Spitze des zusammen flüssenden Rheines und Meines eine
Festung anlegen. So denn würde alles bei den Catten und Cheruskern brennen / und
wenn Germanicus nicht selbst zum ersten lossschlagen wollte / würden die Deutschen
am ersten den Degen ausziehen. Dieser Vorschlag ward von allen gebilliget / und
auch beides alsofort für die Hand genommen. Hertzog Arpus ward über die
Erforderung seiner Untertanen /als einen weit aussehenden Eingrieff seiner
Herrschaft / überaus erbittert / und noch mehr / als er vom Brücken- und neuen
Festungs-Bau Nachricht erhielt. Daher ers durch den Grafen von Hohenstein dem
Feldherrn alsbald zu wissen machte / welcher deñ vor ratsam hielt durch
Gesandten dem Germanicus die Unbilligkeit dieses den Frieden störenden Vorhabens
fürzustellen. Er schickte zu dem Ende auch den Graffen von Teckelnburg bald
mitte / und Hertzog Arpus /der inzwischen bei Lebens-Straffe verboten hatte /dass
kein Catte nach Meintz / unter was Schein solches auch wäre / reisen sollte /
fertigte gleicher Gestalt den Hohenstein an Germanicus ab. Diese beschwerten
sich über diese Neuerungen / welche dem getroffenen Frieden schnurstracks zu
wider lieffen / und suchten daher um Erhaltung des so viel Blut gekosteten
Friedens willen so wohl ein als des andern Abstellung. Germanicus antwortete
beiden: Er wäre nie gesonnen gewest den Frieden zu brechen / hoffte auch nicht
/dass solches durch seinen Bau und des obersten Priesters Beruffung geschehen
wäre. Denn seine Brücke und Festung rührte nicht an das Cattische weniger an das
Cheruskische Gebiete / weil jenes durch den Mein vom Alemannischen abgeschieden
wäre. Die Alemänner aber / welche denen Römern beide Ufer des Rheines entiengen
/ hätten darüber keine Beschwerde. Wegen der andern Beschwerde aber verwies er
sie an den obersten Priester. Die Gesandten sätzten dem Germanicus entgegen: Der
neue Festungs-bau berührte dass Sudliche Ufer des Meins /welches die Alemänner
allezeit den Catten zugestanden hätten. Und wenn auch selbtes denen Catten nicht
zugehörte / so würde doch kein klüger Fürst gestatten / dass der Nachbar ihm
harte an seiner Gräntze durch eine so verdächtige Festung eine Prille auf die
Nase sätzte / daraus er ihn alle Tage überfallen könnte. In wenig Stunden wäre
eine Schiffbrücke über den Mein zu bauen / und also würde Hertzog Arpus nicht
sicher sein ungewafnet einen Fuss aus Mattium zu sätzen. Mit dem obersten
Priester zu handeln hätten sie weder Vollmacht / noch ihre Hertzoge einigen Sinn
/ weil sie demselben keine obere Gewalt zustünden / sondern alleine mit dem
Kayser und dem Germanicus zu tun haben wollten. Germanicus nahm diss alles zum
Bedencken / verordnete aber den Lucius Apollinaris einen der fürnehmsten
Priester / mit dem Grafen von Teckelnburg und Hohenstein sich zu vernehmen. Sie
kamen unterschiedene mahl zusamen / und mühte sich Apollinaris auf alle Wege das
Recht des Meintzischen Tempels über ein Teil der Catten zu behaupten. Er führte
zum Behelff an / dass alle Griechen / welche gleich unter hunderterlei
Herrschaften zerteilt gewest / sich alle Jahr nach Elis zum Haupt-Tempel des
Olympischen Jupiters / und nach Doris zu dem Triopischen Apollo / das ganze
kleine in so viel Königreiche zerteilte Asien sich zu der Ephesischen
Magnetischen / und Pergeischen Diana / und nach Smyrna zu Jupiters Heiligtum /
alle Eylande des Mittelländischen Meeres nach Co zu dem Esculapischen / und viel
andere Länder nach Priene zu dem Heliconischen Neptun erscheinen / Opffer
bringen /und denen daselbst angestellten Spielen beiwohnen müssen; sondern dass
eines oder des andern Volckes Ober-Herrschaft dardurch das wenigste wäre
benommen worden. Weil nun unlaugbar wäre / dass bei Einweihung dieses
Meintzischen Haupt-Tempels die Catten / welche damahls unter Römischer
Botmässigkeit gewest wären / solchem wären zugeschlagen worden / könten sie sich
dieses Heiligtums nicht entbrechen. Die Gesandten wendeten ein / dass die einen
ganz absondern Gottesdienst habenden Catten sich nach andere dem Griechischen
und Römischen beipflichtenden Völckern / welche zweiffels-frei auch mehr aus
eigener Regung als aus Zwange dieses oder jenes Heiligtum besuchten / nicht zu
achten hätten. Uber diss wäre Welt-kündig / dass Griechenland und Asien zwar in
viel Ober-Herrschaften zerteilt gewest wäre / aber diese und jene hätten doch
einen allgemeinen Bund in Geist- und weltlichen Sachen mit einander gehabt /
wären alle Jahr bald zu Smyrna /bald zu Ilium / bald zu Ancyra / bald in andern
vornehmen Städten zusamen komen / hätten über allgemeiner Wolfart
geratschlaget / und gewisse Fürsten zu Pflegung der gemeinen Haupt-Tempel und
des Gottesdienstes bestellet und die nötigen Unkosten beigetragen. Dergleichen
brüderliche Gemeinschaft zwischen den Römern und Catten nicht wäre. Apollinaris
aber versätzte: Es rührte das Recht solcher gemeinen Tempel nicht aus einem
solchen Bunde / sondern aus der Eigenschaft des Gottesdienstes her / und wäre
diesem Genüge geschehen / wenn schon Sparta und Aten mit einander Krieg geführt
/ Nicäa und Nicomedia / Smyrna mit allen andern Städten in Asien sich um den
Vorzug gezancket hätten. Diesem nach wäre die Besuch- und Opferung bei solchen
Tempeln in alle Wege eine Not und Pflicht / nicht aber eine blosse
Gutwilligkeit. Deshalb wären zwischen denen sich in zwei Herrschaften
teilenden Juden für Alters so blutige Kriege erwachsen / weil die meisten Stäme
nicht mehr hätten wollen in alten allgemeinen Tempel nach Jerusalem kommen /
sondern ihnen zu Samaria einen besondern aufgerichtet; welchen Herodes nunmehr
dem Kayser August eingeweiht hätte. Die Gesandten warffen ein: Also wäre
gleichwohl der Samarische Tempel wider den alten behauptet / von Römern selbst
gebilliget / ja / wie sie nicht anders wüsten / in Phönicien bei Stratons Turme
und bei dem Brunnen des Jordans dem Kayser noch zwei besondere Tempel aus
weissen Marmel gebauet / und also der alten Tempel Umkreiss geschmälert worden.
Wie dem aber wäre / so hätte Germanicus im Nahmen des Kaysers sich alles Rechtes
über dem Rheine verziehen. Apollinaris wendete ein: der Kayser hätte sich nur
aller weltlichen Botmässigkeit / nicht aber der geistlichen / welche ohne des
obersten Priesters Einwilligung ohne diss auf allen Fall ungültig wäre / begeben.
Der Graf von Teckelnburg zohe etliche Müntzen des Kaysers August / darauf der
Kayser zugleich als grössester Priester / mit vielen Opffer-Geschirren /herfür
und fragte: Ob denn der Priester zu Meintz mehr / als der zu Rom Macht hätte?
Die Römer verstumten hierüber / endlich fieng Apronius an: Germanicus hätte vom
August nur als vom weltlichen / nicht als vom geistlichen Haupte der Römer
Gewalt empfangen gehabt. Denn in Sachen der Heiligtümer könnte er nur Priestern
Gewalt auftragen. Hohenstein aber antwortete: derogleichen Spitzsinnigkeiten
wären rechte Fallbrete Treu und Glaubens / welche bei Fürsten unversehrt bleiben
müsten / wenn sie gleich sonst aus der ganzen Welt verbannet würden. Es würde
dem Germanicus auch zu schlechtem Ruhme gereichen / wenn er sich mit Mangel
habender Gewalt entschuldigen wollte; die gerade zugehenden Deutschen aber würden
künftig hunderterlei Bedencken haben auf der Römer Wort uñ Friedenschlüsse zu
trauen. Hertzog Herrmann und Arpus würden auch biss auf den letzten Blutstropffen
gefochten und von keinem Friede gehöret haben / weñ sie ihnen hätten träumen
lassen / dass Kayser August / wider welche sie gekriegt / dass er nicht ihr König
würde / durch den Frieden ihr Gott werde sollte. Dahero würde ehe Himel und Erde
brechen / ehe die nur einen einigen Gott gläubenden Catten den August / welchen
sie für einen sterblichen Menschen hielten / wie die Gallier zu Lugdun / die
Spanier zu Tarracon / die Asier zu Ancyra anbeten / oder zum Bau des ihm zu
Aten von den meiste Völckern der Welt bestimmte Tempels /welcher vorher dem
Olympischen Jupiter heilig gewest / einen Scherff oder Stein beitragen würden.
Apronius brach ein: Es wäre der Römer Meinung nicht /dass die Catten in diesem
Tempel ihren Glauben abschweren und nebst dem Jupiter den Kayser anbeten sollten.
Dieser hätte seiner Bescheidenheit nach allezeit die Ehre und den Bau der ihm
von Ländern angebotenen Tempel mehr verhindert / als befördert; des obersten
Priesters Verlangen wäre alleine diss / dass diesem Tempel die gehörigen
Opffer-Tiere geliefert /die Unkosten zu dessen Erbauung beigetragen / den
Opffern und denen heiligen Spielen die Ehre der Beiwohnung geleistet würde;
welches ohne Abbruch ihrer im Hertzen habenden Glaubens gar wohl geschehen könnte.
Hohenstein brach ein: die Deutschen sind zu solcher Heuchelei ungeschickt / dass
sie einen andern GOtt im Hertzen / einen andern eusserlich ehren. Wenn sie auch
einem andern Herrn zinssen und Dienste leisten sollten / würde Hertzog Arpus nur
ihr halber Herr sein / da sich doch die Herrschaft nicht teilen läst. Und
warum hätten die Römer nicht das erste Jahr nach geschlossenen Frieden von den
Catten derogleichen verlangt? Apollinaris sagte: dass die allgemeinen Opfer und
Spiele bei solchen Haupt-Tempeln nur alle fünff Jahr gehalten würden. Daher
würde diese Beiwohnung denen Catten mehr zur Lust als Beschwerde dienen. Alleine
die Gesandten stunden auf ihrer Meinung / verfielen aber auf den verdächtigen
Brücken- und Festungs-Bau / welchen Statilius /der darüber gesätzte Auffseher so
klein machte / dass er nur die zu Handel und Wandel nötige Brücke und das vom
Germanicus an selbtes Ufer aus einer gewissen Andacht gelobtes Bild der Göttin
Juno für einem Anlauffe der Räuber und Mordbreñer beschützen sollte / und daher
den Deutschen keinen Argwohn verursachen könnte. Aber Tecklenburg begegnete ihm:
Auch den blossen Brückenbau / welcher ein Zeichen einer über den Fluss habenden
Herrschaft wäre / könten sie keines Weges verhengen. Sintemahl der Rhein eine
Gräntze der Deutschen und Römer / also beiden gemein / und in gemeinen Sachen
niemand ohne des andern Willen was zu bauen befugt wäre. Hätten die Römer mit
den Deutschen was zu verwechseln / würden wie vorhin hierzu genungsame Schiffe
verhanden sein. Zumal da denen deutschen Fürsten ohne diss mit der Römischen
Handlung wenig gedienet wäre / weil die Kauffleute nur Wein und andere zur
Wollust und Verterb ihres Volcks dienende Waaren wider das alte Herkomen ins
Land brächten. Jedoch / weil Hertzog Arpus es einmal wiewol nur stillschweigend
beliebt hätte / wären sie nicht gemeint den Römischen Handelsleuten den offenen
Marckt zu verwehren / noch die daselbst zu einem Freibilde aufgesätzte Säule des
handelnden Mercur / welche die Römer der nutzbaren Kaufmannschaft halber als
einen Erhalter der Welt verehrten / zu versehren begehrten. Ausser dem gereichte
es dem heiligen Rheinstrome zur Verkleinerung / dass selbter seinen Rücken unter
das Joch einer Römischen Brücke wie eine gemeine Bach stecken sollte. Bei nun
unzulässlicher Brücke wäre disseits keine / Befestigung nötig / und der Juno
Bild könnte an dem viel höhern Ufer der andern Seite ansehlicher aufgesätzt
werden. Es wären dergleichen Heiligtümer den Deutschen allzu verdächtig / nach
dem sie gehöret / dass es die einfältigen Hispanier viel Blut /und bei nahe die
Freiheit gekostet habe / weil sie die Phönicier einen Tempel des Hercules / die
Zacynter ein ander Heiligtum an ihrem Ufer bauen / und sich aus diesen
verdeckten Festungen bekriegen lassen. Apronius sätzte diesen entgegen; dass
Germanicus nie kein Wort verloren / noch einigen Argwohn geschöpffet ungeachtet
die Deutschen der Mosel gegen über die Festung Herrmanstein gebaut / und
gleichsam beiden Flüssen eine Zaum angelegt hätten. Teckelnburg antwortete:
diese wäre auf dem deutschen Ufer einer neuen Römischen Festung gegen über
gebauet / uñ wäre den Römern unverwehrt an dem Rheinufer Galliens zu denen vom
Drusus angelegten funfzigen noch hundert neue Festungen aufzuführen. Mit
derogleichen Sätzund Gegensätzen giengen ein paar Monat hin / und ob wohl
Germanicus auf der Deutschen Seiten Recht und Billigkeit zu stehen befand /
blieben doch die Römer / welche ungewohnet waren ihnen Gräntzmaale setzen zu
lassen / bei ihrer Meinung. Massen denn auch Germanicus den Gesandten endlich
selbst Bescheid gab: Es wäre des Käysers Wille die Brücke über den Rhein zu
bauen und zu versichern; also müste er warten / wer solchen Bau ihm zu verwehren
sich an ihn reiben würde. Dafern auch die zu Jupiters und des Augustus Tempel
gewiedmeten Catten durch ihre Besuchung des Feiers ihrer Pflicht kein Genügen
tun sollten / würde es dem grösten Priester zu Rom an Mitteln nicht fehlen
/einen Tempel dem August auf die oberste Spitze des Taunischen Gebürges zu
sätzen. Der Graf von Teckelnburg antwortete dem Germanicus mit einer
unerschrockenen Freiheit: Und dem Hertzoge Arpus wird es weniger Müh kosten /
einen Tempel vom Taunischen Gebürge herab zu werffen / als es ihm schwer gewest
ist / eine besätzte Festung darauf zu schleiffen. Und über die neue Rhein-Brücke
würde er sich mühen ehe in Gallien / als die Römer in Deutschland zu komen.
Germanicus hatte sich dieser hertzhaften Antwort so wenig versehen / dass er
nichts anders zu versätzen / als zu fragen wusste: Ob ihm sein Fürst diss zu sagen
befohlen hätte / und ob er als ein Gesandter oder als ein Herold den Römern den
Krieg anzukündigen nach Mäyntz kommen wäre. Teckelnburg aber versätzte
unerschrocken: Er und Hohenstein hätten als Botschafter sich um Friede und
Eintracht lange genung beworben; nach dem sie aber des Germanicus Erklärung für
nichts anders als eine Fehde hätten annehmen können / wäre er genötigt gewest
ihm eben diss / was ihre Vorfahren dem grossen Alexander zu verstehen zu geben /
nämlich; dass die Deutschen sich für nichts als für dem Einfalle des Himels
fürchteten. Die Catten führten eben so wohl / als der nach Cartago geschickte
Fabius Maximus in ihrer Schoos Friede und Krieg. Jenen wollten sie mit den Römern
gerne unterhalten / diesen aber könten sie nicht ausschlagen / wenn es anders
nicht sein könnte. Germanicus fiel ein; So höre ich wohl / ihr verlanget / dass ich
aus euer Schoos eben diss / was der Rat zu Cartago nehmen soll / nämlich Krieg.
Nein sagte Teckelnburg / wir lassen dem Germanicus eine freie Wahl / und dazu so
viel Zeit / als er selbst verlangt. Denn wie streitbar gleich die Deutschen sind
/ halten sie doch den Friede für ein so schätzbares Kleinod / dass man Ursache
habe sich hundert mahl zu bedencken / ehe man es wegwerffe. Also verlangen sie
nicht / dass sich jemand hierüber aus dem Steigereiffen entschlüsse /und begehren
niemanden wie Popilius Länas den Antiochus zu dem Ende in einen Sand-Kreis mit
ihrem Stabe einzuschlüssen. Germanicus / welcher ihm einbildete / dass keines
Volckes Gesandter in der Welt gegen einem Römischen Feldherrn mit solcher
Freiheit / und ohne mehr Erniedrigung zu reden befugt wäre / ward hierüber
vedriesslich / und antwortete: Arpus mag ihm selbst nehmen was er will / und ich
werde tun / was mir gefället. Und hiermit ging er in sein inneres Gemach. Die
Gesandten zohen hierüber sich gleicher gestalt unvergnügt zurücke / wären auch
noch selbigen Abend aus Mäyntz gereiset / wenn nicht die Pforten schon wären
geschlossen gewest. Um Mitternacht aber kam ein Freigelassener des Germanicus
für der einen Pforte an / welchem auf sein ungestümes Verlangeñ sie wider
Gewohnheit eröffnet werden musste. Auf den Morgen aber blieben alle Pforten
länger geschlossen als sonst gewöhnlich war; welches in der Stadt bald einen
Ruff machte / dass was sonderliches sich müste ereignet haben / sonderlich /weil
man die ganze Zeit nach des Freigelassenen Ankunft in des Germanicus Zimmer
Licht gesehen hätte. Ehe auch die Tore geöffnet waren / liess Germanicus beide
Gesandten noch einmal zur Verhör abholen /und fragte: Ob sie sich eines andern
bedacht / und kein Mittel ihre Zwistigkeiten beizulegen vorzuschlagen hätten?
Teckelnburg antwortete; Sie wüsten in beiden Sachen / welche wider den Frieden /
die Freiheit und die Ehre der Deutschen lieffen / nichts nachzugeben / trauten
auch solches bei ihren Herren nicht zu verantworten. Germanicus fiel ein / und
sagte: Ich aber habe der Sache nachgedacht / und weil ich vielleicht am längsten
hier Feldherr der Römer gewest /will ich zeigen / wie hoch ich ihre Tugend und
die Eintracht mit ihnen schätze. Daher verlange ich / so lange die Gewalt bei
mir steht / keinen Catten zu unserm Tempel und Opffern zu nötigen / und ich
habe bereit befohlen / dass / was an dem Brücken- und Schantzbau angefangen
worden / wieder abgetan werden solle. Bei so gestalten Sachen hat kein Catte
wider die drei unschädlichen der Juno zu Ehren aufgerichte Bilder kein Wort zu
sagen / welche wieder abzubrechen weder die Hoheit des Römischen Volckes / noch
meine Andacht verstattet. Er händigte ihnen zugleich Schreiben an beide Hertzoge
ein / welche voller Freundschafts-Bezeugung und Höfligkeit waren. Beide
Gesandten waren über dieser unvermutet-guten Abfertigung wohl vergnügt / eilten
also desto mehr über den Rhein nach Mattium / allwo man dieser geschwinden
Veränderung Ursache nicht zu erraten wusste / sonderlich da in wenig Tagen
Nachricht einlief / dass der neue Bau bei Mäyntz völlig abgetan wäre. Vierzehn
Tage darnach aber kam ein Gerichte aus Noricum / dass Käyser August wo nicht
schon todt / doch zu Nola in Campanien todt-kranck wäre / die Römer auch wegen
vieler Wunderzeichen an seiner Genesung verzweifelten. Deñ die Sonne wäre zu Rom
ganz verfinstert / ein grosses Teil des Himmels in vollem Feuer gesehen /
brennende Höltzer aus den Wolcken geworffen / blutige Schwantz-Gestirne
wahrgenommen / als der Rat für ihn zu beten sich versamlet / das Rathauss
verschlossen gefunden / und einer darauf sitzenden Nacht-Eule hessliches Geschrei
gehöret worden. In dem verstriechenen Rosen-Monate hätte der Blitz des Käysers
ins Capitolium gesätztes Bild gerühret / und im Worte CÆSAR den ersten
Buchstaben vertilget; welches die Wahrsager bald dahin gedeutet hätten / dass /
weil ÆSAR in Hetrurischer Sprache Gott hiesse / August in hundert Tagen durch
Ablegung seines sterblichen Leibes zum Gotte werden würde. Eben so ungewisses
Geschrei kam aus Gallien / wiewol Germanicus zu Mäyntz sich anstellte / als weñ
alles dieses ein falscher Ungrund wäre. In vierzehn Tagen aber brach des Käysers
Tod endlich allentalben heraus / und kam aus Noricum der junge Brederode ein
Batavischer Edelmann zu Mattium an; dieser berichtete den Hertzog; dass er unter
der Batavischen Leibwache des Käysers bedient gewest wäre / auch seine Leiche
selbst gesehen hätte. Weil der Hertzog nun sich begierig stellte die Art seines
Todes zu hören / erzehlete Brederode: der Käyser hätte von einem Jahre her sich
der Herrschaft wenig mehr angenommen / sondern Livien und den Tiberius alles
nach ihrem Wolgefallen einrichten lassen / auch vom Rate einen Schluss
ausgewürcket / dass Tiberius insgemein mit dem Käyser alle Länder verwalten
möchte. Seines Todes hätte er mehrmals erwehnet /und an dem Reinigungs-Tage der
Stadt Rom / als ein Adler ihm etliche mal ums Haupt geflogen und sich an einem
Hause über den ersten Buchstaben des Nahmens Agrippa gesätzet / gemeldet / die
zwei A würden bald mit einander vereinbaret werde. Hierauf wäre er mit dem
ganzen Hofe in Campanien verreiset / und weil er von dar den Tiberius in
Illyricum verschicket / hätte er ihn diss Benevent begleiten wollen /und als ihm
solches seiner Schwachheit halber widerraten worden / hätte er heraus gefahren:
Lasset mich / denn ich werde ohne diss nicht wieder nach Rom kommen. Zu Neapolis
/ dahin er dissmal viel stärckere Tagereisen / als vormals bei besseren Kräfften
getan hätte / wäre sein Zeitvertreib anfangs gewest; dass er die daselbst
befindlichen Römischen Knaben Griechisch / die Griechischen Römisch kleiden /
derogestalt in verwechselter Sprache um aufgesätzte Preisse mit einander streiten
lassen. Hernach hätte er sich mit Umfahrung des Meer-Ufers erlustigt / und weil
ihn in dem Puteolischen Seebusem die Egyptischen Getreide-Schiffe mit tausend
Frolocken / Glücks-Wünschen und Lobsprüchen / dass sie durch ihn lebten / durch
seine Hülffe schifften / ihm Freiheit und Glücke zu dancken hätten / empfangen /
sich und ihre Mosse bekräntzet / ihm Weirauch angezündet / hätte er vierhundert
güldene Müntzen den Schiffleuten jedoch mit dem Bedinge / dass sie sie an Würtze
/ Lein / Papier /Glas und andere Egyptische Waaren anlegen sollten /ausgeteilet.
Nachmals wäre er bald auf einen / bald auf den andern Caprischen Eylande
angefahren / und darauf geschlaffen. Und hätte der Käyser meist den Salustius
Crispus bei sich gehabt / welchen August nunmehr eben so / statt des Mecänas /
zu seinem geheimsten Ratgeber gebraucht hätte / wie er mit dem Tiberius an
statt des Agrippa seine Sorgen geteilet. Zuweilen hätte ihn auch Sejus Strabo
der Hauptmann über die Leibwache und Fabius Maximus / wie Livien sein Weib
Martia unterhalten. Dieser hätte Livia durch besondere Arglist ausgefischet; dass
der Käyser für wenig Monat auf dem Eylande Planasia gewest /lange mit dem jungen
Agrippa gesprochen / ihn vielmahl umarmet / und mit Tränen gesegnet / also des
Maximus Urteile nach / ihn nicht nur wieder nach Rom zu nehmen / sondern wohl
gar auf den Käyserlichen Stuhl zu erheben bei sich beschlossen hätte. Zwei Tage
darnach wäre Maximus todt in seinem Bette gefunden / und weil Martia ihren
unverschlossenen Mund den Mörder ihres Ehmañs gescholten / geglaubt worden / dass
ihm Livia durch Gift fortgeholffen hätte. Diese hätte hierauf Post über Post in
Illyricum dem Tiberius nachgeschickt / dass weil August kranck wäre / da ihm doch
dazumahl das geringste nicht gemangelt hätte / er sich nichts auf der Welt
hindern lassen sollte / nach Hofe zu kommen. Kurtz darnach wäre der Käyser zu
Neapolis am Durchlauffe kranck worden / welches er vom Giffte hergerührt zu
haben glaubte / weil er einsmahls Livien selbst betreten / als sie im Garten die
schönsten Feigen mit etwas angeschmieret / wo August sie alle Morgen selbst von
Bäumen abzubrechen und zu essen gewohnt gewest wäre. Weil nun diese Kranckheit
angehalten / hätte er / oder vielleicht Livia nicht länger in einer so grossen
Stadt bleiben / sondern die Lufft ändern / und sich nach Benevent wollen tragen
lassen. Zu Nola aber wäre er so schwach worden / dass er nicht weiter
fortzubringen gewest. Aber Livia hätte das Haus / darinnen der Käyser gelegen /
mit so vielen Wachen besetzet / und die Zimer verschlossen /dass die Leibwache
selbst nicht eigentlich hätte erfahren können / ob August noch lebe oder todt
sei. Deñ man hätte keinmal einen seiner geheimsten Freigelassenen aus dem Zimer
kommen sehen / welchem nicht die Augen voll Wasser gestanden. Gleichwol hätte
Livia an Rat nach Rom geschrieben und sonst ausgesprenget / dass es sich mit dem
Käyser bessere. Endlich wäre Tiberius den sechzehnden Tag des vom August den
Nahmen führenden Monats früh für Tage zurück kommen / und etliche Stunden
alleine beim Käyser nebst Livien geblieben / und mitler Zeit alle Liebste und
Getreuste des Käysers abtreten müssen. Drei Stunden für Abende wäre Enceladus
des Käysers liebster Freigelassener ganz verzweiffelt und trostloss zu ihm
kommen / und ihm in Vertrauen entdecket: dass August gleich verschieden wäre /
Livia aber hätte bei Leib- und Lebens-Straffe verboten keinen Menschen hiervon
das wenigste mercken zu lassen. Tiberius hätte / als er vom Käyser Abschied
genommen gehabt / vier Bücher mit aus dem Zimmer gebracht. Als er Enceladus
nebst etlichen andern geheimsten Freunden aber hinein kommen / hätte August
angefangen: Meine lieben Kinder es ist mit mir am Ende / was meint  ihr / habe
ich auf der Schaubine dieser Welt auch einen tüchtigen Gauckler abgegeben? Ich
hoffe /weñ die Menschen mir ja nichts guts nachsagen wollten / mir doch die
Mauern in Rom Zeugnüs geben werden; dass da ich sie von gebrennten Ziegeln
gefunden / Marmeln verlassen habe. Er wünschte den Römern zwar einen bessern
Fürsten als er gewest wäre; aber er hätte ihnen nur einen lassen müssen /
welcher niemahls zweimahl über einer Sache ratschlagen sollte. Nur wäre ihm leid
/ dass das Römische Volck von so langsamen Kinnbacken sollte zerkäuet werden. Wie
stehet es aber ausserhalb des Hauses? Rühret sich noch niemand meines Todes
halber? Wird auch jemand sein / der mich beweine? Hierauf hätte ihm Enceladus
den Spiegel geben / und nachdem er seine Haare verwirret / die Waagen verstellet
gesehen /hätte er ihm jene kämmen / die schmincken ja ihm seinen mit Golde
durchwürckten schneeweissen Rock /welche Todten-Tracht ihm der Käyser vorher
selbst zu fertigen bestellt gehabt / anziehen müssen / vielleicht dass er noch
wohl gebildet und lebhaft verstorben zu sein scheinen möchte. Als er auch
gehöret / dass gleich Briefe von Rom komen wären; hätte er gefraget: ob nicht die
krancke Livilla des Drusus Tochter gesund worden wäre? hierauf wäre er
eingeschlaffen /und nach einer Viertelstunde aufgefahren sich beklagende: dass
ihn viertzig Jünglinge wegtragen wollten. Er hätte sich aber bald wieder besonnen
/ und verlanget / dass alle entweichen / Enceladus aber Livien holen sollte. Als
diese komen / und ihn umarmet /hätte er angehoben: Gehab dich wohl / Livia / und
vergiss in nichts / dass dein Ehmann Käyser August gewesen sei; und wenig
Augenblicke darnach wäre er unter Liviens Küssen an eben dem Tage / da er vor
Jahren das erste mahl seine Bürgermeister würde angetreten / erblichen und ohne
einig geklagten Schmertz / seinem offteren Wunsche nach / wie ein Licht
ausgeloschen; Nach dem er sechs und siebtzig Jahre seines Alters weniger fünf
und dreissig Tage /und nach der Schlacht bei Actium vier und viertzig seiner
Oberherrschaft hingelegt. Livia / weil sie des Freigelassenen Anwesenheit
wahrgenommen / hätte sie dem Käyser seinen Nahmen etliche mahl starck in die
Ohren geruffen / die Leiche mit vielen Tränen genetzet / und ihm unzählbare
Küsse auf den Mund gegeben / gleich als weñ sie seine durch den Mund ausfahrende
Seele mit ihren Lippen auffangen und sich mit derselben aufs neue vermählen
wollte. Endlich hätte sie dem Käyser den Siegelring / in welchen des grossen
Alexanders Bild gestochen gewest / vom Finger gezogen / und dem Tiberius
gleichsam als ein Kennzeichen der geerbten Herrschaft mit ziemlich freudigem
Antlitze überbracht; nach dem sie vorher dem Käyser die Augen zugedrückt hätte /
damit man derselben Sterne nicht hernach weiss werden sähe. Tiberius hätte
alsbald fast in alle Länder der Welt viel Posten / die allererste aber durch den
nach Neapolis reisenden Salustius Crispus mit einem Jagt-Schiffe von dar aus
nach Planasia abgeschickt. Damit des Käysers Tod inzwischen geheim bleiben
möchte / hätteste niemanden als ein Weib aus Egypten / welch Land alle andere
die Leichen mit Saltz / Zedersafft /Hartzt / Honig / Wachs / Kalck und
dergleichen verwahren gelehrt / zur Gehülffen gebraucht / und sie teils aus
Gewohnheit / teils die Leiche für Gestanck und Fäule zu bewahren / mit ihr ehe
sie erstarret und erblasset / abgewaschen / die Därmer herausgenommen / selbte
in einem Kästlein vergraben / den Leib mit Aloe / Myrrhen / Casia erfüllet /
alle Glieder eingebalsamet / in den Hals auch die edelsten Oele und Salbe
gegossen; gleich als der Mensch auch nach dem Tode nicht der Wollust entpehren
könnte. Deñ Livia hatte bei Zeite alle Notdurfft herbei geschafft / dass sie
selbte nicht allererst im Libitinischen Tempel dorffte kauffen lassen / als in
dessen Schatz-Kamer sie den Todten-Pfennig abzuliefern sie noch nicht für
ratsam hielt. Zu so niedrigen Diensten erniedriget sich die Ehrsucht / wenn es
um die Herrschaft zu tun ist. Bei der Leiche aber hätte sie / um ihr Geheimnüs
nicht zu verraten / kein Altar mit Rauchwercke unterhalten. Vierzehn Tage
hernach wäre sein Tod doch ziemlich verdrückt geblieben / und hätte Livia und
Tiberius von Rom noch Aertzte und Artzneien verschrieben / und in dem Hause /
darinnen auch sein Vater Octavius verstorben / alle Anstalt gemacht / als wenn
der Käyser noch lebte. Als aber sein Tod sich fast nicht mehr hätte verhölen
lassen wollen / hätte Sejus Strabo der Oberste die ganze Leibwache für das Haus
erfordert / und ihnen angedeutet: der Kayser hätte die Sterbligkeit verlassen.
Sie sollten aber weder ihm seine Vergötterung / noch dem vom August erwehlten
Erben und Reichsfolger die Herrschaft missgöñen. Dieser wäre Tiberius / der
ihnen genungsam bekañte Vater der Kriegsleute; welche schon für geraume Jahre
der Kayser als seinen Gehülffen neben sich auf den Tron gesätzet / und welcher
vom Römischen Rate schon durch einen Schluss hierzu wäre erkieset worden. Dahero
nicht so wohl durch ihn eine neue Herrschafts-Art angefangen / als die
löblichste des glückseligsten August im alten Gange fortgeführet werden würde.
Denn sein Alter wäre schon allen Schwachheiten und Versuchungen entgangen; in
seinem geführten Leben wäre nichts zu entschuldigen / sein Gemüte wäre durch
beiderlei Glücke geprüfet / niemand lebte / welcher ein klügerer Bürgermeister /
und ein tapfferer Feldherr gewest wäre / also / dass weñ gleich der unausmässliche
Leib des Reiches ohne ein Haupt bestehen könnte / dessen Unmögligkeit doch die
blutigen Bürger-Kriege erhärteten / wäre doch Tiberius würdig / dass die
einhäuptige Herrschaft über das freie Rom mit ihm anfienge. Kayser August hätte
Rom unverdanckbare Woltaten erwiesen / aber diss wäre die gröste / dass seine
Liebe frembdes seinem Geblüte vorgezogen / und den Tiberius zum Sohne angenomen
hätte / nur dass er dem Vaterlande einen guten Fürsten gäbe. Denn von Fürsten
geboren werden / wäre ein blosser Zufall / und schlügen ihrer nicht wenig aus
der Art; die Wahl aber hätte das Vor-Recht den besten im ganzen Reiche zu
erkiesen. Also würde niemand als ein böser ein ander Haupt wünschen / weniger
vorschlagen können. Hierauf hätten sich Livia und Tiberius an der Pforte sehen /
und zugleich iedem von der Leibwache dreihundert güldene Müntzen austeilen
lassen. Weil die Hauptleute nun auf unverwendetem Fusse den Tiberius als ihr
neues Haupt gegrüsset / hätte iemand unter der Leibwache / denen allen die
Tränen häuffig aus den Augen geflossen / den Sinn / weniger das Hertze gehabt
sich nach einem andern Herrn umzusehen. Nachgehends wäre die eingebalsamte
Leiche des Kaysers auf einem prächtigen Ehrenbette mit einem weissen Goldstücke
angetan in einem purpernen Mantel liegende und mit Lorbern gekräntzt / mit
Blumen und Oelblättern bestreut / von vierzigen aus der Leibwache aus dem Hausse
auf offentlichen Platz getragen und iederman gewiesen worden. Eben diesen Tag
wäre der Hauptmann / welcher auf Planasia vom Kayser August wäre bestellt gewest
auf den jungen Agrippa acht zu haben / nach Nola ankommen / und hätte dem
Tiberius in Anwesenheit des Salustius Crispus und anderer Römer gemeldet:
Agrippa wäre todt / und also sein Befehl vollzogen. Tiberius aber hätte dem
Hauptmanne ernstaft geantwortet: Er hätte ihm nichts befohle / sondern er
würde seines Tuns halber dem Rate Rechenschaft zu geben haben. Salustius /
welcher die Hand mit in diesem Morde gehabt / und mit in das peinliche Gerichte
eingeflochten zu werden besorgt hätte / wäre hierüber erblasset / und / wie ihn
des Kaysers freigelassener Polybius verständigt / voller Bestürtzung zu Livien
komen / und ihr gesagt: So würde Tiberius nicht lange Kayser sein / wenn er die
Heimligkeiten seines Hauses / die Ratschläge seiner Freunde / die Dienste der
Kriegsleute offenbahren /und alles an Rat zu Rom verweisen wollte. Hierdurch
enteusserte er sich der Gewalt eines Fürsten / welcher Grund kein ander wäre /
als dass einer alles anordnete. Folgende Tage wäre von Neapolis und andern Orten
ein so grosser Zulauff des Volckes gewest / dass sie in Nola bei der Leiche des
Kaysers einander zum Teil erdrückt hätten. Niemand aber wäre dahin kommen /der
ihm nicht ein reichliches Tränen-Opffer gezinset hätte. Denn wie es eine
seltzame Glückseligkeit wäre unter einem guten Fürsten zu leben / also langten
aller Welt Tränen nicht zu desselben Verlust auskommentlich zu beweinen.
                   Ende des fünften Buchs des andern Teils.
 
                                    Innhalt
                              Des Sechsten Buches.
Aller Welt Gedancken über Augustens Tod; Und wer sein Nachfolger im Reich werden
solle. Tiberius verwaltet es indessen. Alles Volck leistet ihm Gehorsam.
Augustus Leiche wird in Begleitung vielen Volckes nach Rom getragen; daselbst
verehret und angebetet. Tiberius lässt den Rat beruffen / und des Käysers
letzten Willen eröffnen. Der Römer insonderheit des Valerius Messala Gedancken
und Heuchelei wegen seines Begräbnüsses und des Tiberius Verdruss darüber. Die
Herolde ruffen drei Tage hinter einander sein Begräbnüs aus. Die Gassen werden
besetzt. Grosse Menge Zuschauer und seltzame gute und böse Reden von seinem
Tode. Der Anfang des Begräbnüsses geschicht aufm Ochsen-Marckte. Durch die Stadt
werden allentalben prächtige Ehren-Säulen / Siegs-Bogen und Altäre mit
nachdencklichen des Augustus Taten und ganzes Leben abbildenden Sinnbildern
und Uberschrifften aufgesetzt. Beschreibung des prächtigen Leichbegängnüsses.
Drusus lieset dem Volcke vor dem Rathause eine Lob-Rede vom Käyser ab.
Dergleichen tut Tiberius auf der andern Seite des Marckts; worüber alles Volck
weinet. Endlich wird die Leiche unter Pfeiffen und tausenderlei Klag- oder
Römischen Leich-Gebräuchen verbrennet; Und hernach die Asche in seinem
Begräbnüs-Tempel beigesetzt. Beschreibung des Grabmaales. Livia bleibet fünf
Tage bei der Leiche sitzen; Lässt Altäre bauen / flehet das Volck an dem Augustus
nicht zu fluchen. Der Leiche wird geopffert. Tiberius ordnet gewisse Verwalter
und Einkünfte dis Begräbnüs bauständig zu halten. Setzet des Augustus güldnes
Bild ins Capitolium unter andere Götter-Bilder; Der Römische Rat aber erkläret
Livien zu des Käysers Priesterin / und ordnet an / dass in Rom und allen Ländern
dem Käyser Ehren-Tempel gebauet werden sollten. Tiberius lässet allerhand Spiele
halten / ein Trauer-Mahl und Bäder ausrichten. Eine ertztene Taffel mit einer
Lobschrifft wird ins Grabmaal gesetzet. Schmäh-Schrifften auf Livien und den
Tiberius. Weissagung von dem gebohrnen grossen Gott der Juden. Tiberius schickt
davon eine Abschrifft dem Judischen Land-Pfleger. Den dreissigsten Tag wird das
Trauren aufgehoben. Der Rat bittet im Tempel der Eintracht den Tiberius das
Käysertum zu übernehmen. Tiberius entschuldigt sich. Seine und der andern
Ratsherren Ursachen. Des Tiberius Misstrauen gegen den Germanicus / und Vorsatz
den Krieg zu seinem Vorteil wider die Deutschen zu führen. Worzu Adgandester
und Sentia tapffer helffen. Aufruhr in Pannonien. Tiberius sucht ihn zu stillen
/ und schickt seinen Sohn Drusus zu ihnen. Dessen Lebens Gefahr; der ihm aber
ein Monden-Finsternüs zu nütze zu machen weiss. Verweiset ihnen ihr Verbrechen /
und bringt sie zur Erkäntnüs. Aufruhr unter des Germanicus Legionen in
Deutschland. Hertzog Herrmanns /Ingviomers und Jubils Ratschläge mit dem Arpus
über Deutschlands Nutzen. Welcher aber mit seinen Räten den Krieg wider den
Germanicus widerraten. Des Feldherrn Taffel-Gespräche mit den deutschen Fürsten
von furchtsamen und hertzhaften Räten. Effern bringt von Agrippinen Antwort
auf Tussneldens Glückwunsch; und erzehlt wie sie dem Germanicus vergebens in
Ohren gelegen / dass er ihm die Legionen schweren lassen solle. Germanicus eilet
nach dem Ubischen Altare / die aufrührischen Legionen zu bestillen / redet ihnen
desshalben beweglich zu. Dieser Verantwortung; wünschen dem Germanicus Glücke /
und erbieten sich ihm zum Käysertum beforderlich zu sein. Dessen Unwillen
hierüber. Die Aufruhr wird gefährlicher. Germanicus Vorsicht und Klugheit.
Etliche Legionen schweren dem Tiberius zu Meintz. Ein neuer Aufruhr an der Emse.
Germanicus rettet den Obersten Memmius aus der Aufrührer Händen; und stillet
auch diesen Aufruhr. Hält mit dem Melo heimliche Gespräche; welches den Soldaten
verdächtig ist /der Aufruhr regt sich von neuem / Germanicus und Plancus sind in
Lebens-Gefahr; sendet seine Gemahlin und Kinder aus dem Lager. Germanicus
stillet unterschiedliche Aufrühre unter den Römern klüglich /aber auch mit
Gefahr seines Lebens. Zu Rom wird das Volck über dem Tiberius schwierig; welcher
ihnen listig begegnet. Die Rädelsführer in des Germanicus Aufruhr straffen
einander selber ab. Flavius bringt vom Tiberius dem Germanicus Befehl / die
Legionen wider den Feind zu führen. Germanicus schlägt mit Hülffe der Sicambrer
eine Brücke über den Rhein. Arpus bereuet: dass er des Feldherrn Rat nicht
geglaubt; dieser aber schickt ihm Cherusker zu Hülffe. Germanicus überfällt
zuerst die das Fest der Herta feiernden Marsen / und hauset übel mit ihnen.
Malovend muss die Flucht nehmen. Hertzog Hermann schlägt unweit des Tanfanischen
Tempels des Germanicus Vordrab in die Flucht / trifft auch das ganze Römische
Heer in Schlacht-Ordnung an / teilt sein Volck in vier Hauffen. Dergleichen
tut auf Römischer Seite auch Stertinius / und lässt durch den Emilius den
Tanfanischen Tempel verbrennen. Des Priesters Libys bewegliche Rede gegen ihn /
worüber die Römer bestürtzt werden. Der Feldherr Herrmann tödtet Cariovaldens
Bruder / der Graf Nassau den Fürstenberg im Gefechte / und jagen die Römer /
Bataver und Tencterer in die Flucht. Germanicus muss auf Einraten seiner
Obersten das Monden-Altar verlassen. Steinfurt / Malovend / Benteim und
Ingviomer fallen die Römer in Gepüschen an. Germanicus redet den furchtsamen
Römern ein Hertz ein. Dergleichen Ingviomer seinen Deutschen. Der Ritter
Wimental verwundet den Centronius. Des Stertinius Kriegs-List durch Aufsteckung
falscher Adler-Fahnen. Der Feldherr entsetzet den Ingviomer; und warnigt ihn
wegen des Stertinius; fodert auch den Germanicus zur Schlacht aus. Dessen
Entschuldigung / und heimliche Flucht. Malovend will ihnen nachsetzen. Herrmann
und Ingviomer widerraten solches zu seinem Verdruss. Dem Flavius fällt seine
Hoffnung. Tiberius lobt im Rat des Germanicus Taten. Ingviomer / Arpus
/Catumer / Jubil und Malovend halten zu Deutschburg mit dem Feldherrn Rat; und
bekräfftigen ihren vorigen Bund über der Taffel mit Wein. Malovend kriegt vom
Graf Diepholt aus Rom Schreiben / dass es dem Käyser kein Ernst sei mit den
Deutschen Krieg zu führen / sondern nur dass Germanicus dadurch umkommen möchte.
Der deutschen Fürsten Gedancken hierüber; und ob solches zu glauben sei. Der
Feldherr beredet aufs beweglichste die Deutschen zu Fortsetzung des Krieges;
welche ihm alle beistimmen / und die Einteilung / was jeder gestellen soll /
machen /auch unterschiedene Gesandten an andere Fürsten abfertigen. Germanicus
rüstet sich gleichfals. Bekommt vom Tiberius Hülffs-Völcker / sucht die
Deutschen in einander zu hetzen. Worzu Tiberius sich des Adgandesters und
Sentiens sich bedienet; diese fangen es mit Ganaschen / Bojocaln / dem Melo und
Malorich an / welche die andern Fürsten gegen den Herrmann zu verhetzen suchen.
Die Cheruskisch- und Cattischen Gesandten reden es ihnen klüglich aus / und
stellen ihre Gefahr für Augen / nämlich Arenberg dem Melo / der Graf von Lingen
dem Ganasch / Graf Hohenstein dem Malorich / und der Graf von der Lippe dem
Bojocal. Der Römer List und Kunstgriffe die Deutschen zu gewinnen. Adgandester
und Cariovalda schreiben falsche Brieffe vom Könige Froto an den Ganasch und
Herrmann. Worüber Ganasch sich aus Ungedult zu den Römern schlägt / und den
Domitius mit guter Antwort abfertigt. Dieser reiset hierauf zum Malorich und
bekommt gleichfals gewünschte Antwort. Sentia bemühet sich Bojocaln durch
Geilheit zu gewinnen. Hält für ihn vier schöne funfzehn jährige Mägdlein / eine
Scytische Amazonin / eine Britanniern / eine aus Gottland / und eine Mohrin.
Als er aber mit selbigen seine Begierden gesättiget; stellet sie sich ihm selbst
auf; lehnet aber doch seine Anmutungen klüglich ab / also dass Bojocal
verliebter und lüsterner wird. Beider Liebes-Gespräche; und in was die Schönheit
der Menschen bestehe. Bojocal beschreibet Sentien den Unterscheid der Geilheit /
so er mit ihren vier Jungfrauen gepflogen / und zeucht Sentiens Schönheit allen
vor. Woher der Mohren Schwärtze kommet / und welche Farbe die beständigste oder
lebhafteste ist. Bojocal wird aufs heftigste verliebet / und beteuret gegen
Sentien seine Liebe durch Schwüre / worinnen die Schönheit bestehet. Sentia
verläst den verliebten Bojocal in grosser Verwirrung / worüber er in grosse
Traurigkeit gerät. Eine von ihm bestochne Grichische Sklavin lässt ihn in ihr
Schlafzimmer / welcher sie küsset und umarmet; also dass sie mit zorniger
Gebehrdung aufwachet / und über Bojocaln heftig entrüstet ist; dieser aber ihr
kniende Abbitte tut. Sentia begehret / dass er auf Römische Seite sich erklären
solle; welches er ihr verspricht / und auf ihr Verlangen schrifftlich
versichert. Dieses Bündnüs wird durch beider geile Brunst besiegelt. Die Liebe
ist eine Urheberin / so wohl des bösen als guten. Sentia verfügt sich zum Hertzog
Melo / allwo Domitius vom Hertzog Ganasch und Malorich mit guter Verrichtung
angelangt. Sie legt ihnen Bojocals schrifftliche Bündnüs für Augen. Beide Teile
rüsten sich gewaltig gegen einander. Germanicus führet sein Kriegsheer auf und
ab / um die Deutschen irre zu machen. Hertzog Arpus begegnet ihm zwar tapffer /
muss sich aber wegen zerteilt er Macht über den Lohn-Strom flüchten. Germanicus
bauet auf dem Taunischen Gebürge die von den Catten zerstörte Festung wieder
auf. Arpus entgehet dem Germanicus und Melo / und stösset bei Berleburg zum
Catumer. Germanicus äschert Mattium ein. Ganasch und Bojocal stossen an der Weser
zusammen. Der Feldherr sätzt ihnen entgegen. Segestes will sich in diesen Krieg
nicht mischen. Der Graf von Schaumburg kommt den Catten zu Hülffe. Ingviomer und
Malovend stehen auch mit ihren Völckern fertig. Der verliebte Siegesmund nimmt
Sentien gegen Zirolanen zu Hülffe; welche ihm Rat und Hülffe verspricht. Er
auch im Deutschburgischen Walde unter währender Andacht / Tussnelden nebst ihrem
Sohne Tumelich /Ismenen / Zirolanen / die Gräfin von der Lippe und Nassau / wie
auch den Priester Libys raubet. Die Cherusker setzen ihnen nach; der Graf von
Schaumburg und Limburg halten sich tapffer / und verwunden den Siegesmund;
belägern auch Arensberg; dahin der erfreute Germanicus die Gefangenen zu schauen
kommt. Segestes empfängt ihn / übergibt ihm etliche dem Varus abgenommene Beute
/ und bezeuget seine Treu gegen die Römer durch eine trefliche Rede. Germanicus
versichert ihn alles guten / und grüsset die Gefangenen. Diese bezeigen sich
grossmütig und freudig. Ihr Gespräch mit dem Germanicus. Er lässt sie mit
Versprechung der Sicherheit nach dem Ubischen Altare führen. Hertzog Herrmann
greifft bei Trintenstad den Melo hertzhaft an; dieser aber entgeht ihm.
Arensberg wird entsätzt. Schaumburg getödtet. Rittberg und Limburg harte
verwundet. Der Feldherr ist über Wegführung der Gefangenen heftig entrüstet;
seine Cherusker ermahnen ihn die Römer zu verfolgen. Limburg und Ritberg
widerraten den Angrief. Des Feldherrn Antwort / und tapffere Rede. Sesitachs
Gegen-Antwort. Graf Limburg und Nassau fallen ihm bei. Des Feldherrn Schluss
entweder zu sterben oder zu siegen. Unterschiedliche Cheruskische Ritter bringen
Völcker zusammen. Setzen über die Ruhr. Der Feldherr stellet sein Heer in
Gestalt einer Sichel oder halben Mohnden in Schlacht-Ordnung. Tapffere Rede zu
seinen Soldaten. Sesitach und Eberstein greiffen der Deutschen Hülffs-Völcker;
Steinfurt aber das Römische Läger an. Des Germanicus tapffere Gegenwehr.
Sesitach wird im Römischen Lager zwar eingesperret / er entkommt aber wieder
daraus / verliert den Lautenberg und Wenden. Die Deutschen fodern mit Vorzeigung
der eroberten Beute das Römische Lager aus. Germanicus ziehet sich auf
eingelauffene böse Zeitung des Nachts stille aus dem Lager. Arpus / Catumer und
Jubil beschliessen den Silius in einem Walde. Germanicus aber macht ihm Lufft.
Schreibt an den König Marbod seine Verrichtungen. Agrippine bewillkommt an dem
Ubischen Altare die Gefangenen mit Tränen. Ihr allerseitiges Gespräche und
Trost-Reden über dem unbeständigen Glücke. Sie bitten Agrippinen zu helffen /
damit sie nicht im Siegs-Gepränge eingeführet werden möchten. Agrippine weinet
aus Mitleiden / und vertröstet sie alles guten. Cäcina lässet mit Uberschickung
des gefangenen Fürsten Dietrich den Germanicus seinen Notstand wissen / worüber
er bekümmert ist. Adgandester wünschet im Nahmen König Marbods ihm Glück / und
bittet ihn / dass er dem Flavius zu seinem väterlichen Erbteile helffen möchte.
Zu welchem Ende sein König ein gross Teil seines Volckes an der Hermundurer
Gräntze führen würde. Dergleichen tut auch Flavius selber. Germanicus macht
Anstalt darzu / und rüstet eine grosse Schiffs-Flotte aus; vertrauet dem Flavius
alle Deutsche und Ausländer. Der Feldherr rüstet sich dargegen. Gibt dem Grafen
von Regenstein / Schauenberg / Spiegelberg / Benteim und Mannsfeld Befehl an
unterschiedenen Orten gute Aufsicht auf der Römer Vorhaben zu halten. Die Römer
machen an unterschiedenen Orten Lermen und Spiegelfechten. Germanicus und
Flavius setzen an der Flevischen See aus. Ingviomer und Mansfeld kriegen davon
Zeitung. Der Feldherr trachtet der Römer und des Melo Zusammenstossung zu
verhindern. Ingviomer mühet sich dem Cäcina den Weg zu verbeugen. Malovend macht
dem Stertinius genung zu schaffen. Bekommt aber einen Streich / weil ein
verräterischer Bructerer den Römern alle Wege zeigt. Malovend ermuntert seine
Deutschen tapffer zu fechten; stellt sie in Schlacht-Ordnung. Nortingen und
Groben schlagen die Gallier und Menapier. Der Graf von Zutphen empfängt die
Ubier und Trierer tapffer / und schlägt sie in die Flucht. Scharffes Treffen der
Deutschen und Römer. Die Römer machen den Deutschen Lufft. Und erobern eine
vorhin verlohrne Adler-Fahne. Ihr Frolocken. Cäcina erreicht den Vider-Strom.
Das ganze Römische Heer ziehet sich zusammen. Germanicus läst die Ursachen
seines Kriegszugs ausruffen / und dass er den Flavius nur in sein väterlich
Erbteil einsetzen wolle. Kein Cherusker will sich zum Flavius finden. Sesitach
bittet für seinen Vater Segimer / dass der Feldherr ihm das Heer an der Weser
anvertrauen möchte. Dessen Entschuldigung. Worauf sich Sesitach verlieret.
Germanicus ziehet sich an den Ort / wo Varus umkommen. Klägliches Anschauen über
der Wallstadt und den Gebeinen. Alle denckwürdige Gelegenheiten werden dem
Germanicus angewiesen; weswegen ihm die Augen übergehen. Er gräbet den ersten
Rasen zu der Gebeine Beerdigung / welches ihm alle Römer nachtun. Tiberius
tadelt solches. Der Feldherr entschleust sich sie daselbst noch einmal
anzugreiffen; tut solches auch durch den Ritter Ingelheim dem Ingviomer zu
wissen. Germanicus stellet sich den Deutschen entgegen. Sacrovir macht ein gross
Geschrei. Der Ritter Löwenburg schlägt die Gallier. Kwerenfurt tödtet den
Sacrovir. Julius Florus bricht ein Bein; muss weichen; ingleichen auch Flavius.
Falckenstein hält sich tapffer. Waldeck erlegt den Derulach. Unterschiedliche
Grafen und Ritter halten sich tapffer. Der Graff von Ascanien sticht mit der
Lantze dem Flavius ein Auge aus. Worüber dessen untergebenes Heer in Unordnung
und Flucht gerät. Pedo und Silius müssen ihnen zu Hülffe rücken. Beide
Feldherren ziehen sich mit guter Art von samen. Flavius ist in Todes-Gefahr.
Arpus belägert den Visellius Varro auf dem Taunischen Gebürge; und Catumer den
Aviola. Der Soldaten abergläubische Erzehlungen. Seltzame Vorbedeutungen; welche
Germanicus den Seinigen ausredet. Des Varus Geist erscheinet ihm /und heisst ihn
weichen; welches er auch tut / und dem Cäcina eben diss befiehlet. Dieser aber
wird vom Ingviomer und etlichen Rittern tapffer angegriffen / dass er die Flucht
nehmen muss. Herrmann und Ingviomer wundern sich über des Germanicus und Cäcina
Flucht. Unterschiedliche deutsche Ritter setzen ihnen nach / und jagen sie
weiter. Nach diesem auch der auf Chauzische Landes-Art verkleidete Graf Lingen
mit funffzig ausserlesenen Reutern; welcher durch Hülffe etlicher bestochenen
Fischer die Römischen Schiffe anzündet. Der Ritter Gespräche mit den Fischern
über der Fürsten Zustande / und dass sie oft Unwahrheit und List dem Staat zum
besten gebrauchen müssen. Ganasch ertapt sie / und erfähret / dass sie die
Römische Schiffe in Brand gesteckt. Germanicus leidet bei Epp und Flutt
Schiffbruch. Segimer und Sesitach fallen auf der Römer Seite. Cäcina leidet vom
Herrmann und Ingviomer in den Tämmen und Sümpffen mit den Römern Not. Apronius
wird verwundet. Die Deutschen zernichten der Römer aufgeworffene Schantzen / und
Tämme mit Auffschwellung der Gewässer. Cäcina leget selber Hand zur Besserung
an. Die Deutschen machen sich des Nachts darauf lustig; die Römer aber sind
traurig. Dem Cäcina erscheinet im Traume Q. Varus. Herrmann und Ingviomer gehen
auffs neue auff die Römer los. Grausame Schlacht beider Teile. Herrmann rennt
den Cäcina vom Pferde. Der Deutschen Begierde zur Beute macht den Römern Lufft
zu entweichen. Ein entrissenes Pferd verursacht im neugemachten Römischen Lager
ein Lermen und Schrecken. Cäcina verweiset den Römern die Furcht und
Unbesonnenheit / und ermahnet sie zu beständiger Tapfferkeit. Das deutsche Heer
verlangt das Römische Lager zu stürmen. Herrmann aber wiederrätet solches.
Ingviomer ist der Gedancken / der Römer Furcht sich zum Vorteil zu bedienen /
und ihr Lager zu stürmen. Welchem Malovend beifällt. Worauff der Sturm mit
grosser Hefftigkeit fortgesetzt wird / unter Anführung des Ingviomers / Grafens
von Horn / Benteim / und Tecklenburg. Der Römer tapffere Gegenwehr / und
Gespötte mit den Deutschen. Ingviomer wird verwundet. Des Cäcina Kriegs-List;
kommt mit den Seinigen davon. Bauet an der Lippe und Elsse die Festung Aliso /
und kommt nach dem Ubischen Altar; allwo Agrippine die Legionen mit grossem Lobe
empfängt / ihnen Kleider / Waffen /Artzneien / und Geld austeilet; welches den
Tiberius heftig verdreust; und in grossen Argwohn gerät; Sejanus auch solchen
vermehret. Wesswegen Tiberius den Soldaten Geld austeilet. Der Scharbock reisst
unter ihnen wegen der gesaltzenen Lufft und schlechten Kost heftig ein. Eines
Friesischen Artztes Mittel dafür. Des Tiberius Künste die Soldaten zu gewinnen;
verstattet dem Cäcina / Apronius / und Silius ein Sieges-Gepränge. Der Deutschen
Vergnügung wegen der über den Rhein gejagten Römer. Der Feldherr beschenckt sie
mit Waffen und Pferden. Ingviomer erinnert den Melo / Malorich / und Bojocal /
als Feinde des Vaterlandes übern Hauffen zu werffen; Herrmann aber meint / man
solle sich lieber mit ihnen vertragen. Worauff Gesandten an sie geschickt
werden. Jubil erzehlt seine und der andern Deutschen Verrichtungen /und was
Adgandester gegen der Hermundurer Gräntze für Spiegelfechten gemacht. Auch was
Arpus verrichtet; Und wie der Römer Läger / und des Drusus Festung erobert
worden; Wie Catumer die Gallier geschlagen / und durch was List er das von den
Römern den Deutschen zur Schmach aufgerichtete Gedächtnüs-Maal erobert; Und
nebenst der Uberschrifft / ungeachtet des Römischen Priesters beweglicher Zurede
und Verdammung derer / welche Gräber und Ehren-Maale verstören / auf Einraten
des Ritters Kronberg und anderer Catten zernichtet / auch solche Festung besetzt
habe. Ferner erzählt er / wie Germanicus nach verrichtetem Opffer auf dem
Ebersteine ins Wasser gefallen sei / und alle Weinstöcke auszurotten befohlen
habe.
 
                                 Sechstes Buch.
Alle Welt sperrte die Augen auf / als sie Augustus geschlossen hatte. Denn wie
niemand so unachtsam ist /der sich nicht beim Aufgange oder Verschwindung eines
grossen Sternes am Himmel um die Deut- und Würckung bekümmere; also war kein
Fürst oder Volck auf Erden / welches ihm nicht über dem Tode des Kaysers
Augustus Gedancken machte / der als ein vorhin nie seines gleichen habendes
Gestirne ganzer vierzig Jahr die Welt mit seinem Glantze erfüllet hatte. Kein
so grosser Stern war noch nie irgendswo aufgegangen; keiner hatte einem Volcke
so lange geschienen / und also war kein solcher noch gefallen. Daher wahrsagten
alle Frembden dem Römischen Reiche eine Verfinsterung; die an Ketten liegenden
Völcker meinten nun Lufft zu bekommen / ihren Hals aus dem Joch zu ziehen; Rom
erinnerte sich zwar /aber nur wie im Traume seiner verlohrnen Freiheit. Ein
Volck sah das andere / und zu Rom ein Bürger den andern an. Jeder bildete ihm
ein / der andere würde sich der gemeinen Not annehmen / niemand aber hatte das
Hertze etwas selbst zu tun; Und darmit verschwand allen die Gelegenheit / sich
in bessern Stand zu setzen / unter den Händen. Zu Rom hatte das Römische Volck
bei so langer Herrschaft des Augustus ohne Furcht gelebt: dass er iemahls
sterben würde; Nunmehr aber erschreckte sie sein Fall so sehr: dass sie ihnen
weder zu raten / noch zu helffen wussten. Denn es lebte niemand / welcher das
freie und tugendhafte Rom mit Augen gesehen hatte; in welchem ein Bürger so
viel sagen dorffte als der ander / und ieder fähig war einem Könige zu gebieten.
Die ältesten waren bei den jämmerlichen Bürger-Kriegen / alle andere unter der
Herrschaft eines Menschen geboren. Also wurden die wenigen für Toren gehalten
/ welche meinten: es wäre nu Zeit sich der alten Freiheit wieder zu bemächtigen;
welcher die knechtischen Römer selbst nicht mehr fähig waren. Die Reichen /und
welche bei der neuen Herrschaft ans Bret kommen waren / fürchteten sich für
nichts mehr / als Zwytracht und Kriege / welchen nur die / so nichts zu
verlieren hatten / wünschten. Hierüber machte ihm nun iederman zwar leicht die
Rechnung; dass das Reich nicht anders / als durch ein Haupt könnte beherrschet
werden; Aber ob man zwar zu Rom Augustens Tod / und dass Tiberius sich des
Hefftes anmasste / zugleich vernahm / mangelte es doch nicht an Leuten /welche
Wahrsager abgeben wollten; ob Agrippa / Tiberius / oder Germanicus das Reich
behaupten würde. Unter diesen waren die wenigsten / welche es dem noch zu jungen
und unerfahrnen / aber wilden und erzürnten Agrippa zutrauten; vielmehr aber /
welche es mit ihren Wünschen dem Germanicus zuschantzten. Denn dieser wäre aus
dem rechten Geblüte des Kaysers; Tiberius aber allein durch Liviens Räncke dem
Kayserlichen Hause eingepfropffet. Germanicus hätte in seiner Hand acht Legionen
/ unzählbare Hülffs-Völcker / und wegen seiner Tugenden eine unmässige Liebe des
Volckes; welches hingegen den Tiberius /ob er schon bei reiffem Alter war / und
im Kriege viel getan hatte / wegen der den Claudiern angebohrnen Hoffart / und
seiner versteckten Grausamkeit / und Unzucht / welche er auch in seinem
betrübten Zustande auf Rhodis nicht hätte lassen können / eusserst hasste / und
dass es nebst ihm seiner ihr selbst nicht mächtigen Mutter Livia Knecht würde
sein müssen /sich bescheidete. Dem Tiberius selbst lag nach ermordetem Agrippa
kein schwerer Stein / als die Furcht für dem Germanicus auf dem Hertzen / dass
dieser das Reich lieber bald würde haben / als von ihm als Vater erwarten
wollen. Sintemahl auch die Bande wahrer /wie vielmehr einer ertichteten
Bluts-Freundschaft viel zu schwach wären die Herrschensbegierde zu hemmen.
Diesem nach schrieb er von Nola an den Rat nach Rom ziemlich demütig: Sie
würden nicht übel aufnehmen / dass er aus übermässiger Liebe gegen den
Verstorbenen bei des Augustus Leiche bliebe / und dissfalls sich eines
offentlichen Amptes anmasste; im übrigen so zweifelhaft / als wenn er zu
herrschen mit ihm selbst noch nicht eines wäre. Gleichwol aber gab er der bei
sich habenden Leibwache das Wort / liess sich bewachen / teilte Waffen aus /
liess ihm die mit Lorbern umwundenen Beile fürtragen / wie vorhin der Kayser;
insonderheit aber schrieb er an alle Heere / und Länder / und bestätigte die /
welche über selbte gesätzt waren. Als diss zu Rom kund worden / der dahin in Eyl
ankomende Oberste der Leibwache Sejus Strabo auch versicherte: dass selbte den
Tiberius für den Fürsten der Römer verehrte / stürtzte sich alles über Hals und
Kopff in seine Dienstbarkeit / am allermeisten aber die hohen Standes waren. Die
Ratsherren wollten es dem Adel /der Adel dem Rate zuvor tun; und weil niemand
wollte darfür angesehen sein: dass er sich entweder über Augustens Tod nicht
genugsam betrübte / oder über des Tiberius Nachfolge erfreute / befliess sich
iederman Tränen und Freude / Wehklagen und Heuchelei mit einander zu
vermischen. Die ersten an Würde / nehmlich die Bürgermeister Sextus Pompejus /
und Sextus Apulejus / waren auch die ersten /welche von freien Stücken / wie die
Fechter oder Kriegs-Leute allen Worten des Tiberius sich zu unterwerffen
schwuren. Dieser Beispiele folgten alsbald Sejus Strabo / und der Getreide
Meister Cajus Turranius / das zu Rom verhandene Kriegs- und das ganze Volck.
Unterdessen samlete sich zu Nola halb Italien und Griechenland / des grossen
Kaysers Leiche teils aus Vorwitze zu sehen / teils aus Liebe zu begleiten. Von
Nola ward er auf dem güldenen mit purpernen Tüchern umhengten Bette / des Nachts
wegen der Hitze bei viel tausend Wind-Lichtern nach Acerra /von Acerra nach
Capua / und so fort von einer Stadt zur andern / biss nach Bavilla auf den
Achseln derselben Rats-Herren getragen. Alle Nacht aber in einem Heiligtum
beigesätzt; gleich als wenn seine als eines Gottes Leiche keines verunreinigen
könnte. Zu erste ritt ein Teil Reuterei / dieser folgte eine grosse Menge
Pfeiffer / Sänger und Trompeter / welche wechselsweise seinen Todt bejammerten.
Hierauff folgte die Leiche / um welche tausend Edelleute so viel Wachs-Fackeln
trugen. Hinter der Leiche ging Tiberius / Livia aber liess sich auff einem Stule
tragen. Nach diesem kam die ganze Kayserliche Leib-Wache; Rings herum aber zohe
eine unzählbare Menge Volckes / also dass man glaubte: es sei der des Sylla
Leiche eben diesen Weg nach Rom mit grosser Pracht begleitender Aufzug / gegen
diesem kalt Wasser gewesen. Eine Meile für Rom ward die Leiche vom Römischen
Adel empfangen / und getragen. Drusus ging alldar neben seinem Vater Tiberius
in schwartzer Kleidung. Jeder hatte ein goldenes Rauch-Fass in der Hand / und
räucherten mit Weirauch des Kaysers Leiche / welche durch die Stadt in sein Haus
getragen ward. Denn weil die Leichen nicht den Göttern unter die Augen gebracht
werden dörffen / und daher auch die der Vergötterung bestimmten Kayser /wenn sie
einem Begräbnüsse beiwohnen / zwischen ihnen und der Leiche einen Vorhang tragen
lassen /wollte sich niemand unterstehen zu raten / dass Augustens Leiche auf das
mit so viel Götter-Bildern angefüllte Capitolium getragen wurde. Tiberius blieb
die ganze Nacht bei der Leiche / auf den Morgen aber beruffte er den Rat auffs
Rat-Haus; welche Beruffung er aber nur als Römischer Zunftmeister ausgefertigt
hatte. Die Bürgermeister schickten auch bald früh zwei Rats-Herren den Tiberius
in Bewachung der Leiche abzulösen / welche hernach von Tag zu Tage / biss zum
Begräbnüsse abgewechselt wurden. Es musste auch stets ein Priester zur Stelle sein
/ der neben der Leiche auf einem Altare das wolrüchende Feuer unterhielt /
welche mit unzählbaren Bildern /der Julier / Octavier / Pompejer / und anderer
vornehmen Geschlechter in einem prächtigen Saale umgeben stand / und Tag und
Nacht von dem zulauffenden Römischen Volcke angebetet ward. In versammletem
Rate sass ieder an seiner Stelle / nur die Bürgermeister nicht. Denn Sextus
Pompejus setzte sich / wo die Stadt-Vögte / und Apulejus / wo die Zunftmeister
zu sitzen pflegten / wie bei einem grossen Trauren des ganzen Römischen Volckes
bräuchlich war. Tiberius / welcher die Leiche angerührt und begleitet / also
sich verunreiniget hatte / entielt sich des Rates. Alleine der Rat liess ihn
demütig einladen / und ihm melden: dass an ihres Gottes des Augustus Leiche sich
niemand verunreinigen könnte; also er nicht von nöten hätte / dass er vom
Priester mit einem Oelzweige besprenget würde. Tiberius erschien hierauf mit
einer traurigen Bescheidenheit im Rate / und bat zu erlauben; dass des Kaysers
bei den Vestalischen Jungfrauen eingelegter letzter Wille von diesen in Rat zu
bringen erlaubet / und es eröffnet werden möchte. Diss geschahe / und ob zwar ein
Ratsherr solches selbst abzulesen bereit war / wollte er es doch / als seiner
Würde unanständig / nicht geschehen lassen. Daher lass es Polybius / einer aus
des Kaysers Freigelassenen ab. In diesem war Tiberius für zwei / die darinnen
zugleich ins Geschlechte der Julier aufgenommene Livia in ein Drittel zum Erben
eingesätzt; worbei er den Rat aber um Verzeihung bat; dass er wider das
Voconische Gesetze seiner Ehfrauen mehr / als das erlaubte vierdte Teil
zugeeignet hätte. Nach ihnen waren Augustens Enckel zu seinen andern / und
endlich etliche wiewohl ihm verhaste Grossen in Rom /zum dritten Erben
eingesetzt. Also ist die Ehrsucht so wohl / als der Geitz / eine nie veralternde
und sich mit den Sterbenden ins Grab legende Regung. Güter und Geld waren
ziemlich vielen der Seinigen / auch ganz fremden / und zwar nicht nur
Ratsherren und Rittern / sondern auch Königen / und darunter dem Marbod und
Ariovisten etliche köstliche Trinck-Geschirre von Berg-Kristallen / Edelsteinen
/ und Murrhinischem Gefässe; dem Römischen Volcke die Gärte an der Tyber / und
viermahl hundert und fünff und dreissig tausend Sestertier / iedem von der
Leib-Wache tausend / und iedem unter denen bürgerlichen Legionen dreihundert
silberne Pfennige vermacht. Hierauf liess Tiberius vier Bücher des Käysers in
Rat bringen. Im ersten war die Bestellung seines Begräbnüsses / im andern die
Erzehlung seiner Taten / welche er in Ertzt zu etzen / und die Säulen für sein
Heiligtum zu stellen befahl; das dritte war ein Verzeichnüs aller Kriegs-Leute
/ Einkünfte / Ausgaben / und des Schatzes; das vierdte hielt in sich allerhand
Staats-Lehren; darunter sonderlich diese war: dass man / wie er in letzten Jahren
getan / die Gräntzen des Römischen Reiches nicht weiter auszuspannen trachten
/selbtes also wegen seiner ungeheuren Last nicht von sich selbst zerfallen
möchte. Alle im Rat verfielen hierüber in Lobsprüche des Käysers; dass selbter
nicht allein im Leben ein Vater des Vaterlandes gewest wäre; sondern auch / nach
dem er schon der Sterbligkeit entbunden / durch seine Sorge für ihr Heil sich
einen rechten Gott der Römer erweisete. Nach diesem ward beratschlaget / wie
das Begräbnüs des Käysers bestellet werden sollte; da denn einer sagte: es sollte
am Begräbnüs-Tage niemand einen güldenen Ring /sondern auch die Ratsherren
eiserne tragen. Ein ander: es sollte der Monat August mit dem Herbst-Monate
verwechselt und beide versätzt werden / weil der Käyser in diesem geboren / in
jenem gestorben wäre. Ein ander / man sollte die Zeit von Augustens Geburt biss zu
seinem Tode / das Alter des Käysers August nennen / und also in die Jahr-Bücher
eintragen. Ja fast niemand war / der nicht / um dem Todten und dem Tiberius zu
heucheln / was ungemeines aussaan / und vorschlug; und alle stellten Liviens und
des Tiberius Willkühr alles heim. Denn es könnte nichts so prächtiges erdacht
werden / der gütigste Käyser hätte ein mehrers verdienet / nach dem der grausame
Sylla auf einem von den Ratsherren getragenen güldenen Bette / auf den von
eitel wolrüchendem Holtze bereiteten / mit Zimmet / Amomum und Weirauch
angefüllten Holtz-Stoss gebracht / von den Römischen Frauen alleine zweihundert
und zehn Tragen-voll Indianische Würtzen darein geschüttet / auch sein und
seines Aufwärters in Lebens-Grösse aus gestossenem Zimmet und besten Weirauch mit
Balsam von Jericho zusammen gebackenes Bild darauf gestellet / und mit
verbrennet / ihm zweitausend güldener Kronen fürgetragen worden / sein Begräbnüs
auch von allen Priestern / den Vestalischen Jungfrauen / vom ganzen Rate /
allen Obrigkeiten / vom Adel / in güldenen und silbernen Waffen / von allem
Kriegs-Volcke wäre begleitet / und ihm hunderterlei Lobsprüche zugeruffen worden
wären. Absonderlich fieng Messala Valerius an: der grosse Alexander hätte seinen
Feld-Hauptmann Hephästion durch sein ganzes Reich betrauren / und / um im
Kriegs-Heere sein Gedächtnüs zu erhalten / die ihm untergebengeweste Reiterei
Hephästions Flügel nennen / seine Kriegs-Fahnen nicht verändern lassen / noch
selbten einen andern Führer gegeben. Er hätte vorhin nie gesehene Spiele ihm zu
Ehren angestellet / und hierzu aus aller Welt dreitausend Künstler verschrieben;
die andern Feld-Obersten hätten auch sich und ihre Waffen dem Verstorbenen
einweihen / und ihn als einen Gott verehren müssen; also dass Agatocles Samius /
weil er bei seinem Grabe geweinet / von Alexandern wäre getödtet worden; wenn
nicht Perdiccas ihm zu Liebe bei allen Göttern und dem Hephästion selbst
geschworen hätte / Hephästions Geist wäre ihm auf der Jagt erschienen / und
gesagt: Agatocles hätte ihn keines weges als einen verstorbenen Menschen
beweinet / sondern das Andencken ihrer verträulichen Gemeinschaft hätte ihm
alleine diese Liebes-Tränen ausgelocket. Mit einem Worte: Alexander hätte auf
sein Begräbnüs zwölff tausend Talent verwendet. Was aber wäre Hephästion / ja
Alexander selbst gegen dem Käyser? dahero könten ohne höchsten Undanck die Römer
zu des vergötterten Augustus Ehren weder Kosten noch Erfindungen sparen. Der
Mittelpunct der Erde sollte mit allen dahin versammleten Edelgesteinen das
Behältnüs seiner Todten-Asche sein. Die Begräbnüs-Fackeln sollten von eitel Blitz
brennen / oder vielmehr die Sternen selbst mit ihrem Glantze davon alle
Düsternheit vertreiben. Die Flüsse sollten ihren Tränen-armen Augen ihre Wasser
leihen / eines so unschätzbaren Fürsten Verlust sattsam zu beweinen / und alle
Welt ihre Kräffte zu seinen Gedächtnüs-maalen beitragen. Ihrer viel mussten über
dieser knechtischen Heuchelei sich in die Zunge beissen; und der hierüber selbst
beschämte Tiberius hielt für ratsam ein und anders zu mässigen. Für sich alleine
schlug er als ratsamer für: dass die Leiche auf dem Marckte / als auf dem Felde
des Kriegs-Gottes / verbrennet / auch vorgesorgt werden möchte / damit das Volck
aus übermässiger Liebe nicht eben so / als für Zeiten des Keiser Julius gestöret
werde. Jedoch stellte er auch diss dem Rate heim / wie es denn auch nachgehends
bei dem Felde des Kriegs-Gottes verblieb. Uber diss unterwarf er alles der
Willkühr der Bürgermeister; gleich als wenn die alte Freiheit des Rates
unverloschen / und er zu herrschen nicht gemeint wäre. Denn er wollte den Nahmen
haben: dass er mehr vom Rate und Volcke beruffen / zur Herrschaft kommen / als
durch Liviens Ehrgeitz und eines Verleiteten alten Wahl eingeschlichen wäre. Ob
nun zwar Tiberius ausser dem Begräbnüsse nichts zu beratschlage fürtrug; verfiel
doch Valerius wieder in seine Heuchelei / und riet einen Ratschluss zu machen:
dass der Rat alle Jahr dem Tiberius / als der Römer Fürsten /schweren müste.
Tiberius fragte ihn nicht ohne Entrüstung: Ob er zu einem solchen Vortrage ihm
einigen Anlass gegeben hätte? Nein / antwortete Valerius. Denn in denen zum
gemeinen Wesen dienenden Sachen pflegte er sich keines fremden Einschlags zu
bedienen / sondern / ohne Furcht jemanden zu beleidigen / die Notdurfft gerade
heraus zu sagen. So weit war es nunmehr mit der Heuchelei zu Rom kommen.
    Drei Tage nach einander für dem Begräbnüsse /ritten unterschiedene Herolden
durch alle Gassen der Stadt / welche ankündigten: der Fürst / oberste Priester /
und Vater des Vaterlandes wäre gestorben; diesem würde das Römische Volck das
Begräbnüs auf gemeine Unkosten ausrichten. Daher sollten auf solche Zeit alle
Rechts- und andere Händel ruhen / alle Kräme und Werckstädte geschlossen / und
also jeder Bürger zugegen sein. Auf den Begräbnüs-Tag aber /wurden bald nach
Mitternacht alle Strassen und Plätze / durch welche die Leiche getragen werden
sollte /starck mit Kriegs-Volck besätzt. Ihrer nicht wenig lachten ins geheim /
welche sich des Tages der noch rohen Dienstbarkeit / und der unglücklich
wiedergeholeten Freiheit erinnerten; an welchem nämlich die Ermordung des
Käysers Julius einem der schlimsten /andern der schönsten tat in der Welt neue
Zeitung war. Und es war in Warheit auch Lachens wert: dass ein Fürst / für
welchem sich viertzig Jahr tausend Völcker gebückt hatten; für welchem niemand
am Ende der Welt sicher gewest war; welcher dem gemeinen Wesen und vielen
absonderlich so grosse Schätze vermacht hatte / sein Begräbnüs für Beunruhigung
zu beschirmen / so vieler Kriegs-Leute bedorffte. Alle Dächer und Fenster waren
von allerhand Völckern der Welt angefüllet / und eine schlechte Stelle um ein
ziemliches Geld vermietet. Waren nun die Zuschauer unzehlbar; so war ihr Urtel
auch gewiss vielerlei. Etliche wussten allerhand Wahrsagungen zu erzählen: dass das
Verhängnüs ihm das sechs und siebentzigste Jahr seines Alters zu seinem
Lebens-Ziele gesteckt hätte / sonderlich weil er den Tempel des Qvirin mit sechs
und siebentzig Säulen ausgezieret hätte. Andere wunderten sich / dass August in
seinem eigenen Monate / und zwar an desselben vierzehnden Tage / welcher auch
der Anfang seiner Herrschaft gewest wäre /hätte sterben müssen. Gleich als wenn
nicht einerlei Tage dem Glücke und Unglücke unterwürffig wären /und diss / was in
allen andern Tagen kein Wunder wäre / nicht eben auch heute / oder an unserm
Geburts-Tage geschehen könnte. Andere suchten Geheimnisse aus der Zahl seiner
erlangten Würden; da er nämlich so oft alleine / als Valerius Corvinus und
Cajus Marius zusammen / nämlich dreizehnmahl Bürgermeister / ein und
zwantzigmahl oberster Feldherr / und sieben und dreissig Jahr Zunft-Meister
gewest wäre. Die Bescheidensten liessen sich in Augustens Lob heraus; priesen
seine Liebe gegen den Vater Julius / dessen Tod zu rächen er sich kein
Staats-Gesätze hätte zurück halten lassen. Zu den bürgerlichen Kriegen / welche
zwar ohne Unrecht und Unheil weder angehoben noch ausgeführt werden könten /
wäre er mit den Haaren gezogen worden; weil der verderbte Zustand des gemeinen
Wesens keinem Gesätze und Gerichte über die Mörder Raum gelassen hätte. Er habe
wegen des gemeinen besten dem Antonius bei Ausübung der Rache wider die
Käyser-Mörder / wie auch dem Lepidus viel Fehler und Beleidigungen übersehen.
Nach dem dieser durch Trägheit / jener durch Wollüste verfallen / wäre kein
ander Mittel das zwistige Vaterland zu beruhigen übrig gewest; als dass seine
Glieder unter einem Haupte vereinbart würden. Gleichwol hätte er nicht die
Königliche oder eine andere verhasste Gewalt an sich gerissen / sondern unter dem
holden Nahmen eines Fürsten das gemeine Wesen erhalten; Mit dem Meere und
grossen Strömen die Reichs-Gräntzen befestigt / und durch eine kluge Verteilung
der Legionen und Schiff-Flotten so viel Länder mit einander verbunden; das Recht
unter den Bürgern / die Bescheidenheit unter den Bundsgenossen erhalten; die
Stadt mit Gebäuen prächtig ausgeschmückt; alles mit Glimpff / wenig mit Gewalt
ausgerichtet / um alles in Ruh zu erhalten.
    Die Scharfsichtigern hingegen sagten: August wäre nur in der Julier
Geschlechte eingeschoben / für sich schlechter Ankunft / seines Gross-Vatern
Vater eines Freigelassenen Sohn / sein Gross-Vater ein Wechsler /seiner Mutter
Gross-Vater aus Africa gewest / welcher sich zu Aricia von einem Salben-Krahme
und Brod-Banck ernähret hätte. Er selbst hätte die Liebe gegen seinen Vater
Julius / des gemeinen Wesens verwirrten Zustand / und die Notwendigkeit der
Rache nur zu einem Vorwand gebraucht. Denn warum hätte er sich anfangs zum Rate
geschlagen / wider den des Julius Mord rächenden Antonius die Waffen ergriffen;
ja den von dem Antonius zu Mutina belägerten Decius Brutus einen der Mörder
erlöset? Seine Begierde zu herrschen hätte ihn verleitet das zu Capua liegende
alte Kriegs-Volck / durch Bezahlung zweitausend Sestertier für jeden Kopff / auf
seine Seite / und als ein Jüngling ein eigen Heer auf die Beine zu bringen. Dem
Bürgermeister Antonius hätte er die vierdte und Martialische Legion abspenstig
gemacht / sich gestellet / als wenn er auf des Pompejus und des Rates Seite
stünde; also zuwege gebracht: dass der Rat ihm die Stelle des Stadt-Vogts / und
eines Ratsherrn Stimme enträumet hätte. Den Pansa hätte er durch Gift / den
Hirtius durch seine bestochene Kriegs-Leute aufreiben lassen / um sich ihres
Volckes zu bemächtigen. Dem Rate hätte er die Bürgermeister-Würde abgetrotzt /
und die gegen den Antonius empfangene Waffen wider das gemeine Wesen gebraucht.
Viel unschuldige Bürger hätte er Vogelfrei gemacht /ihre Aecker verteilt /
welches auch die nicht loben können / welche solche gleich selbst geschenckt
bekommen.
    Ob man wohl seinen eigenen Hass dem gemeinen besten aufopfern sollte / hätte er
doch den demselben so nützlichen Cassius und Brutus nur aus eigener Rachgier /
den zur See mächtigen Pompejus unter falschem Scheine des Friedens / und durch
seine Heirat neugemachter Verwandnüs / den Lepidus unter dem Betruge falscher
Freundschaft / den Antonius durch den Tarentin / und den Brundusischen Bund /
wie auch durch Vermählung seiner Schwester Octavia gestürtzt / oder hinters
Licht geführt. Als er allen alles abgedrungen / und alle ihm verdächtige Köpffe
abgehauen / hätte er zwar endlich Frieden / aber mit viel Blutstürtzung gemacht.
Seine gerühmte Glückseeligkeit aber wäre mit des Lollius und des Qvintilius
Varus Niederlage dem Römischen Volcke empfindlich versaltzen worden. Andere
wussten nicht weniger sein häussliches Leben / als vorige seine Herrschaft
durchzuhecheln: Er hätte dem Nero wider alle Rechte sein Ehweib genomen / und
die Priesterschaft noch spottweise gefragt: ob es auch recht wäre / dass / ehe
sie ihre im Leibe habende Frucht geboren hätte / er sie ihm beilegte? da die
Rechte auch nach ihrer Männer Tode die für Ausgang des zehnden Jahrs
heiratenden Wittiben für unehrlich erklären. Was für andere Unzucht hätte er
dem Lucius Antonius und Hirtius verhangen / mit wie viel Ehbrüchen hätte er die
Tertia / Terentia / Rufa / und Tertulla beflecket? Ja Ovidius Naso hätte in
Pontus müssen das Elend bauen / weil er darzu kommen wäre / als er mit seiner
eignen Tochter Julia sich besudelt hätte. Livien hätte er verhangen: dass selbte
nicht nur dem gemeinen Wesen /sondern seinem eigenen Hause durch Ausrottung
seiner Kinder eine schwere Stief-Mutter gewesen. Ja den Göttern hätte er nichts
zuvor gegeben; sondern in vielen Ländern ihm Tempel / Altäre / Bilder mit
Strahlen / Spissen und Blitze aufrichten / sich anbeten / und ihm durch Priester
opffern lassen. Ja den hoffärtigen und grausamen Tiberius schiene er mit allem
Fleisse ihnen aufgedrungen zu haben / nur dass man nach ihm auch nach dem Tode
sich sehnen / und ihn bis in Himmel erheben sollte.
    Das Begräbnüs begonte in dem Hause / darinnen August geboren war / auf dem
Palatinischen Berge /bei den so genennten Ochsen-Köpffen / an dem Ochsen-Marckte
/ weil Romulus daselbst angefangen hatte mit den Ochsen zu der Stadt-Mauer die
Furche zu ziehen. Daher auch auf selbigem Marckte ein grosser aus Ertzt
gegossener Ochse zu sehen ist. Dieser war mit Zypressen umflochten. Darneben war
eine Spitz-Säule aufgerichtet. Auf diesem stand zu oberst ein Adler mit einem
güldenen Ringe im Schnabel. Unten stand daran:
Rom und Augustus hat den Anfang hier genommen;
Was Romulus hob an / hat Cäsar ausgeführt.
Der hier gelegte Grund ist nun zur Spitze kommen.
Nun urteilt: wem der Danck und erste Preis gebührt.
Für dem darbei gelegenen Hause / welches hernach zu seinem Heiligtum bereitet
und eingeweiht ward / stand ein Cypressen-Baum mit abgehauenen Wipffeln / um
diese war zu lesen:
Der Wipffel ist gefalln! Augustus wird begraben!
Ihr Götter! lasset nicht mit ihm den Stamm vergehn!
Wird Rom doch ohne diss nicht seines gleichen haben /
Biss ein frisch Wipffel wird auf halben Fichten stehn.
An der oberste Türpfoste hing ein Püschel von des Kaysers abgeschnittenen
Haaren. Die Türe aber über und über war mit Lobgetichten des Kaysers benagelt
/und es war kein Marckt und keine Strasse in der Stadt / da dergleichen nicht
von denen berühmtesten Römischen und Griechischen Tichtern dem Volcke abgelesen
wurden. Dem Hause des Kaysers gegen über / in und für dem sich alles versammlete
/ stand ein grosser Bogen mit drei weiten Durchgängen aufgerichtet. Uber dem
mitlern war das Bild der Natur erhoben /welches in vier unterschiedene Kasten /
aus der einen Brust Milch / aus der andern Oel / aus dem Munde weissen / und aus
dem Geburts-Gliede roten Wein spritzte. Uber der Natur stand die Sonne / welche
den über dem rechten Eingange stehenden Steinbock /dessen Hörner mit viel Blumen
und Früchten umflochten war / und die über dem lincken Durchgange stehende
Astrea oder die gestirnte Jungfrau / als die zwei Geburts-Zeichen des Kaysers /
bestrahlete. Darunter war mit einer zur Auslegung schicklichen Einteilung
geschrieben:
Mit dem Augustus kam Saturnus güldne Zeit /
Des Uberflusses Horn / Gerechtigkeit zurücke;
Durch ihn floss Milch und Oel / des Weinstocks Süssigkeit /
Ja er vermählte Rom auf ewig mit dem Glücke.
Von dar sollte die Leiche auf den Marckt des Kaysers Julius geführt werden. Auf
dessen Mitte war der vom Julius der Mutter Venus erbaute Tempel mit vielem
Lorber-Laube ausgeschmücket. Für diesem stand ein überaus breiter und herrlicher
Bogen mit einem Durchgange / aber vielen Säulen unterstützet. In der Mitte
umarmten Anchises uñ Venus einander. Nach diesem standen in etlichen Reien /
Eneas / Ascanius /Julius und alle Nachkommen derselben / biss auf den Kayser
Julius / welcher einem Bilde des Kaysers August die Hand reichte. Darunter stand
diese Uberschrifft:
Dass Rom aus Troja wuchs / ist Trojens höchste Pracht.
Nichts edlers kont' auch wohl aus edler Asch' entstehen.
Das Blut der Julier halff Cäsarn zwar erhöhen;
Glaubt aber; dass August sie erst recht edel macht.
Gegen über sah man eine sehr hohe Spitz-Säule /und auf derselben Gipffel das
Bild der güldenen Glücks-Göttin. Die ganze Säule war auf allen Seiten mit
nachdencklichen Gemählden gezieret. Anfangs war die Stadt Veliträ zu sehen / in
welche der Blitz schlug / wegen wessen für Alters dieser Stadt / aus welcher die
Octavier den Uhrsprung hatten / gewahrsagt worden war; dass einer ihrer Bürger
ganz Italiens Haupt werden würde. Darüber war ein Sibyllinisches Buch gemahlet
/ und darinnen von der Zeit seiner Geburt zu lesen: dass die Natur mit einem
Könige des Römischen Volckes schwanger gienge. Welches auch damahls den Rat
veranlasst hatte / einen Schluss zu machen; dass niemand seinen in selbigem Jahre
gebohrnen Sohn erziehen sollte. Welcher aber nicht zu Kräfften kommen; weil die
Ratsherren / derer Frauen damahls schwanger waren / solchen in die
Schatz-Kammer zu bringen verhindert. Auf der andern Seite war die schaffende
Mutter des Kaysers / Atia / gemahlet; und in der Höhe bei der Sonne ein Adler /
welche ihre Därmer biss an Himmel empor zoh. Und an einer andern Seite war sie
gebildet / wie aus ihrem Leibe ein Sonnenstrahl hervor ging / welches dem
Octavius geträumet haben soll. Darüber stand der für seinen Sohn opffernde
Octavius in Tracien / da die Flamme von dem in das dem Bacchus brennende Feuer
gegossenen Weine über die Höhe des Tempels in Himmel empor stieg / und der
Priester beteuerte: dass diss Wunder für ihm niemanden als dem grossen Alexander
begegnet wäre. Nahe darbei war August als ein Kind gemahlet / wie er die Frösche
durch seinen Befehl stumm machte / dass sie nicht mehr auf seinem Vorwerge
schreien konten. Darüber war zu sehen /wie August in der Schoss des
Capitolinischen Jupiters sass / und dem Catulus andeutete: dass er diesen zu
Beschirmung der Römer erkieset hätte. Welches dem Catulus nach Einweihung des
Capitolium geträumet. Auf der letzten Seite war gebildet / wie dem August /als
er bei seinem ersten Bürgermeister-Ampte sein Gelücke aus dem Fluge der Vögel
prüfete / eben wie dem Romulus zwölff Geier sich zeigten; und darbei /wie in
allen seinen Opffertieren / zweifache Lebern gefunden worden / und noch viel
andere glückliche Zeichen / welche dem Kayser die Römische Herrschaft
wahrgesagt hatten. Unten war geschrieben:
Die Tugend säugte Rom / das Glücke zoh es gross /
Diss war auch's Kaysers Stern / er sass in seiner Schoss
Der weissen Henne Kind. Der muss ja Kayser werden /
Dem das Verhängnüs dient / den's Glück' hebt von der Erden.
Von Cäsars Marckte ward der Aufzug bestellt / gegen dem Tempel des Apollo. Für
diesem war ein hoher zweigespjetzter Parnassus / mit dem geflügelten Pegasus /
aufgerichtet / und floss eine kleine Bach aus dem Hippocrenischen Brunnen. Darauf
stand das Bild des Kaysers / in Gestalt des Apollo; Um ihn sassen die neun Musen
/ welche nach den süssesten Seitenspielen das Lob des Augustus sangen. Hierbei
waren auch Virgilius und Horatius zu sehen; jener überreichte dem Apollo seine
Eneis / dieser seine Lieder; wofür Apollo iedem einen Lorber-Krantz auffsätzte.
Unten war an der einen Seite die Stadt Apollonia / wo August der Welt-Weissheit
obgelegen / und sein Lehrmeister Apollodor und Areus gebildet / und am Fusse mit
güldener Schrifft verzeichnet:
Es ist viel / Kayser sein / mehr des Apollo Sohn.
Der erste stimmt die Welt / der ander auch die Sternen;
Rom hat von dem August erst Römisch reden lernen.
Er hat nach Rom versetzt der Griechen Helicon.
An dem Tempel des Apollo stösset das Wohn-Haus des Kaysers August / welches
vorher des Hortensius gewest war / und August / weil er es nach seinem Brande
vom gemeinen Gelde als oberster Priester köstlicher wieder erbauet / dem
gemeinen Wesen zugeeignet / hingegen das vom obersten Priester Lepidus ihm
zugekommen ordentliche Priester-Haus den Vestalischen Jungfrauen eingeräumet
hatte. An dem Hause des Kaysers war der Sieges-Bogen / welchen August seinem
Vater Octavius zu Ehren aufgerichtet /und darauf das köstliche Werck des Lysias
/ nämlich auf einem mit vier Pferden bespannten Wagen den Apollo und Dianen
erhoben hatte / mit eitel Lorberzweigen umflochten. Unter dem Bilde des Octavius
war diese Ubeschrifft daran eingegraben:
Dein Sohn und dein Verdienst weiht dir den Bogen ein
Octav / allein sein Tun reicht dir zu grösserm Ruhme.
Sind's Himmels Bogen ihm bestimmt zum Heiligtum /
So bistu doch auch gross / weil dich dein Sohn macht klein.
Für der Pforte seines Hauses standen die zwei gewöhnlichen Lorber-Bäume mit dem
grossen Bürger-krantze aus eichenem Laube / welche der Rat schon vor vielen
Jahren ihm wegen überwundener Feinde und erhaltener Bürger hatte sätzen lassen.
Dieses mahl aber waren die Blätter alle auf einer Seite vergoldet / und der
Krantz konnte wegen der daran schimmernden Edelgesteine kaum angesehen werden. Um
die Lorber-Bäume war diese Schrifft gewunden:
Zwei Dinge liegen ob dem / der soll's Reich verwalten /
Die Feinde schlagen todt / die Bürgerschaft erhalten.
Jedwedes tat August. Für diese Woltat hat
Die Lorbern GOtt geschenckt / den Eich-Krantz gab die Stadt.
Dem Hause des Kaysers gegen über / mitten auf dem Marckte des August / stehet
der von ihm nach Uberwindung des Brutus und Cassius erbaute und dem Rächer Mars
gewiedmete Tempel. An diesem waren die grossen Bilder des Kriegs-Gottes / des
Eneas und folgender Lateinischer Könige biss auf den Romulus mit Lorber-Kräntzen
gezieret; und neben iedem Bilde brennten zwei grosse Wachs-Fackeln eines
Schuches dicke. Für diesen Bildern standen drei Spitz-Säulen; auf der
fünff-eckichten war oben Kaysers Augustus Bild / wie der gewaffnete Mars mit
einer Fackel in der Hand ausgerüstet. Auf der ersten Seite waren des Kaysers
Taten in dem Mutinensischem Bürger-Kriege gemahlet; insonderheit August als ein
Jüngling in der Schlacht zu sehen / wie er den Römischen Adler /welchen der
verwundete Fähnrich nicht mehr halten konnte / mit seinen Achseln unterstützte.
Auf der andern Seite standen die Geschichte des Philippensischen Krieges / und
die Uberwindung des Brutus und Cassius. Fürnehmlich war August zu sehen / wie er
des Brutus Kopff / des Julius Säule untern Fuss legte. An der dritten Seite war
der dritte Bürger-Krieg / und die Eroberung der Stadt Mutina abgebildet / bei
welcher er dreihundert Ergebene auf dem Altare des Julius abschlachtete. Auf der
vierdten Seite waren die Begebnüsse des Sicilischen Krieges / und insonderheit
wie August den Sextus Pompejus zur See bei Milä und Nauloch überwand / und vom
hoffärtigen Lepidus zwantzig Legionen abwendig machte. Die fünfte Seite hatte
in sich die Schlacht bei Actium / des Antonius und Cleopatrens Flucht / und die
Erbauung der Stadt Nicopolis. Unten war August abermals in Gestalt des den
vielköpffichten Drachen tödtenden Hercules / mit dieser Beischrift gebildet:
Gib Drachen hundert Köpff / Auffrührern tausend Waffen /
Sie sind denselben nur zu mehrern Toden gut.
August ist Hercules / sein Rachschwerdt tilgt ihr Blut.
Wie gut gleich Jupiter ist / muss sein Blitz doch straffen.
Die andere Spitz-Säule war dreieckicht. Auf derselben stand gleichfalls August /
wie ein geharnischter Krieges-Gott mit einem Schwerdte in der Faust. Auf der
einen Seite war der von ihm selbst in Dalmatien geführte Krieg / und sonderlich
wie er mit beiden Armen eine brechende Brücke hielt / und mit einem Steine aufs
rechte Knie geworffen ward / zu sehen. Auf der andern Seite war der Egyptische
Krieg / die Belägerung Alexandriens / die Ergebung Cleopatrens / und seine
nützliche Schlemmung der Nil-Graben gemahlet. Auf der dritten Seite sah man die
Geschichte des Cantabrischen Krieges / und wie diese Völcker aus Schrecken für
ihm teils sich selbst über den Mahlzeiten mit dem Degen / teils mit dem aus
ihren Tax-Bäumen gepressten Giffte aufrieben. Unten war mit Golde daran
geschrieben:
Ihr Feinde / wisst ihr nicht mit wem ihr habt gekriegt?
Es ist der Erde Mars / der Römer Alexander /
Des grossen Cäsars Sohn. So einer als der ander
Hat den Gebrauch an sich: Er kommt / er siht / und fiegt.
Die dritte Spitz-Säule war siebeneckicht. Zu öberste stand Augustens Bild in
Gestalt Jupiters / wie er aus seinem Gehirne die geharnschte Pallas gebahr. Auf
den Seiten waren alle tapffere Taten und Siege seiner Feld-Obersten wider die
Aqvitanier / Pannonier / Dacier / Dalmatier / Illyrier / Rhätier / Vindelicher /
Salassier / die Deutschen / Gätulier / Mohren / Araber /und Parten gemahlet.
Unten war mit güldener Schrifft angemerckt:
Erstaunstu grosse Welt: dass allen / die Rom schickt
Um dich zu bändigen / iedweder Streich gelückt?
Sie sind Augustens Brutt des Jupiters auf Erden.
Aus ihm kann nichts gebohrn als eine Pallas werden.
Hinter diesen Spitz-Säulen stand ein kleiner Sieges-Bogen / daran hiengen zwei
Myrten-Kräntze. Wordurch auff die zwei kleinern Siegs-Gepränge gezielet ward /
welche August nach dem Philipp- und Sicilischen Siege gehalten hatte. Ein wenig
weiter hin aber war ein dreifacher Sieges-Bogen zu schauen /weil August drei
grosse Sieges-Gepränge nach dem Siege in Dalmatien / bei Actium / und nach
eingenommenem Alexandrien gehalten hatte. Über denen dreien Pforten der
Sieges-Bogen stand diese güldene Uberschrifft:
Die Tugend ist zwar selbst ihr allergröster Preis /
Doch sieht die Ehr' ihr zu / weil man nichts bessers weiss.
Wie dass denn Cäsarn Rom nicht mit mehr Pracht begabt?
Weil er hätt' ieden Tag zu prangen recht gehabt.
Von dar sollte die Leiche um den Tempel des grossen Kriegs-Gottes herum biss auf
die vierdte Seite des Marcktes geführet werden. An der andern Seite dieses
Marcktes stand ein fürtrefflicher Brunn / welcher vom Agrippa bei seinem
geführten Bau-Ampte aus Africanischem Marmel gebauet war. Der Umkreiss dieses
Brunnen war durch die Kunst fürtreflich erhoben /und in sechs Felder
abgeteilet; diese sagten denen sechs Tugenden / nehmlich der Gerechtigkeit /
der Gütigkeit / der Klugheit / der Freigebigkeit / der Tapfferkeit / und
Beständigkeit zu. Welche in das unterste Behältnüs des Brunnen / aus Münden /
Naselöchern / Brüsten und andern Orten / durch viel hundert verborgene Röhrlein
durch einander mit grossem Geräusche einen ziemlichen Vorrat Wasser spritzten.
In oberwähnten erhobenen Marmelfeldern hatte Agrippa alles merckwürdige / was
August in ein oder andern Tugend getan hatte / ausdrücken lassen. Uber denen
sechs Tugenden hatte dieser Brunn noch eine Marmelsteinerne Muschel / in dieser
war des Kaysers Einweihung in dem Elevsinischen Heiligtum zu Aten ebenfalls
durch Kunst erhoben. Uber dieser Muschel stand die Gottesfurcht / welche nicht
nur aus den Brüsten / sondern aus zweien in den Händen habenden
Opffer-Geschirren / eine unglaubliche Menge Wassers viel Ellen hoch über sich in
die Lufft spritzte /und die Behältnüsse des Brunnen reichlich anfüllte. Diesen
Tag aber spritzten alle diese Tugend-Bilder eitel Wein / und um das Gesimse oder
Einfassung des Brunnen war diese güldene Schrifft zu lesen:
Augustens Tugend hat mehr Röhren die uns nützen /
Als die in Marmel hier für Wasser Wein ausspritzen.
Wie glücklich hat doch Rom zum Brunn-Qvell ihn erkiest!
Kein Fürst ist Fürst / der nicht ein Brunn des guten ist.
Von dar war der Aufzug gegen dem Tempel des Janus mit allem Fleisse bestimmet;
weil August diesen / welcher vom Anfange der Stadt Rom mehr nicht / als zweimahl
zum Zeichen habenden Friedens geschlossen worden war / bei seiner Herrschaft
dreimal zugesperret hatte. Und weil er den Ruhm in der ganzen Welt haben
wollte: dass er niemahls einiges Volck ohne rechtmässige Ursachen bekriegt hätte /
war neben selbigem Tempel ein güldenes Zelt mit vielen Seulen nach dem Abrisse /
wie August ihm einen Tempel des Friedens zu bauen vorgenommen / und nach der
Zeit allererst Vespasian gebaut / aufgerichtet. Oben auff der Spitze stand das
güldene und geflügelte Bild des Friedens / hatte einen Oel-Krantz auf dem Haupte
/und in der rechten Hand / in der lincken Hand einen Oelzweig. Es war so
gestellt / als wenn es allererst vom Himmel geflohen käme. Auf ieder Seite des
Zeltes stand oben ein güldener Adler. Unter dem Zelte lag das Bild des Friedens
in einem Ey-rundten güldenen Bette / an welches sich das Bild des Kaysers
lehnete. Auf allen Seiten standen güldene Rauch-Fässer. An der einen Ecke lag
der auf seinen Arm gelehnte Hercules auf einem beblümten Rasen / seine in die
Erde gesteckte Keule grünete mit frischen Oel-Knospen. An der andern Ecke
schlieff der Kriegs-Gott /und hatte den Helm zum Hauptküssen / mit seinen Waffen
aber spielten die Liebes-Götter. Am dritten Ecke spielte Orpheus auf der Leier /
und hatte allerhand verträgliche Tiere um sich. Am vierdten Ecke sass Mercur mit
seinem Stabe und in einander geflochtenen Schlangen. Um den Krantz dieses
Frieden-Zeltes war mit Golde diese Schrifft gestückt:
Aus Kriege spinnen Krieg ist ein Cyclopen Spiel.
Wer nur um Friede kämpfft / hat von den Göttern viel.
So ehrt nun den August für euren Gott und Herren /
Weil er / so oft ihr's wünscht / kann Janus Tempel sperren.
Von dar war der Weg gegen dem Tempel der Freiheit bestimmet. Bei diesem war ein
schöner Sieges-Bogen aufgerichtet / auf welchent des Kaysers und der Stadt Rom
Bilder stunden. Jener reichte ihr einen Hutt als das Zeichen der Freiheit /
diese aber weigerte sich solchen anzunehmen. Darunter war zu lesen:
Ist Friede Gold / so muss der Freiheit edler Schatz
Sein güldener als Gold. Die beut August euch an.
Rom aber weigert ihr zu geben Raum und Platz /
Weil es vergnügter ihm gehorcht / als frei sein kann.
Nachgehends war zwischen denen Getreide-Speichern und dem Schau-Platze des
Statilius Taurus /welches dieser auf Augustens Veranlassung gebaut hatte / ein
Bogen aufgerichtet / mit des Kaysers und der Stadt Rom Bildern. Neben diesen
lagen unterschiedene Marmel-Taffeln / Spiel-Kleider / und aufgehauffte
Getreide-Maasse. Darunter stand diese Schrifft:
Das Leben ohne Lust ist ein lebendig Tod.
Drum müht Augustus sich es euch zu zuckern ein.
Wo Leim und Stroh vor stand / gläntzt nunmehr Marmelstein.
Auch mangelts Rom nicht mehr an Spielen und an Brodt.
Biss hieher waren wenig Todes- oder Trauer-Zeichen in Rom zu sehen; sondern alles
war vielmehr derogestalt aufgeputzt / nicht als wenn des Kaysers Leiche auf den
Holtz-Stoss getragen / sondern er selbst als ein Bezwinger der ganzen Welt im
Siegs-Gepränge auffs Capitolium fahren sollte. Nunmehr aber sah man auff dem
Felde des Kriegs-GOttes einen schwartzen Siegs-Bogen des Todes einem in die
Augen fallen. Uber desselben grosser Pforte stand der Tod in Gestalt eines
abgefleischten Gerippes / hatte in seiner Hand einen eisernen Hammer / und
zerschlug auf einem Ambosse eine Mütze des obersten Priesters. Unter seinen
Füssen lagen schon zermalmet und zerrissen dreizehn paar Bürgermeister-Veile /
drei Lorber-zwei Myrten-Kräntze / etliche güldene Kronen / Zepter /Degen / Stäbe
/ Helme / Harnische / Schilde / güldene Adler / Sieges-Zeichen / Bücher und
hundert andere Merckmaale hoher Würden und der Eitelkeit. Unter diesem war mit
kohlschwartzen Buchstaben geschrieben:
Gestalt / Gelücke / Stand / Kunst / Tugend / Würd' und Ehren /
Sind Dinge / die die Welt stets bländen / uns betören.
Ein Todes-Strich dadurch lehrt: es sei Eitelkeit:
Die Knecht- und Kayser-Asch / hat keinen Unterscheid.
Uber der rechten Pforte stand das mit sieben Sternen gekräntzte einen güldenen
Rincken in der lincken /eine stählerne Feder in der rechten Hand und für sich
ein eisernes Buch habende Verhängnis. Mit der ausgestreckten lincken Hand und
Finger wiess es in einem Kalender auf den vierzehenden August des Kaysers
Sterbe-Tag. Unter demselben war mit Golde geschrieben:
Eh als die Welt und Rom Augusten lernte kennen /
 Schrieb ich mit Diamant schon in mein Jahr-Buch ein:
 August soll diesen Tag zwei Hand-volln Asche sein.
 Kein Mensch verwundre sich. Wird doch ganz Rom verbrennen.
Uber der lincken Pforte stand in Gestalt eines Eis-grauen Alten die Zeit; welche
ihre Sand-Uhr zerbrochen / ihre Sichel um / eine Hand voll Kräuter gesetzet /
und unten lag ein zerrissenes Blat / darauf stand geschrieben: Kayser August /
dreizehnmahl Bürgermeister / fünff und dreissig Jahr Zunftmeister / oberster
Priester / Vater des Vaterlandes. Unter diesem Bilde stand folgende fahle
Uberschrifft:
Die Zeit / die Stein und Stahl sich selbst und alles frisst /
Hat nichts zur Welt gebracht / was sie nicht muss verzehren /
Versincken Städt' und Land? falln Sterne? was beschweren
Sich Menschen? derer Ziel man nur nach Spannen misst.
Zu oberst an diesem Bogen blickte ein teil des gestirnten Tier-Kreisses /
fürnehmlich aber das Zeichen des Krebses herfür. Gegen diesem trieb der auf
einem goldenen Wagen sitzende Phöbus seine schäumende Pferde an / welche aber
bei Erblickung des Sternen-Krebses scheue wurden / und zurücke prellten.
Darunter dienten folgende Worte zur Auslegung:
Wie hoch war nicht August vom Glück' aus Brett gehoben?
Wie tieff verfällt er nun? Es läst sich leicht verstehn.
Muss doch die Sonne selbst beschämt den Krebsgang gehn;
Und alle Jahr wird ihr ein Riegel vorgeschoben.
Hinter diesem Bogen stand mitten auff dem Kriegs-Platze an eben dem Orte / wo
Sylla verbrennt worden war / der Vermöge der Römischen Gesetze sonst ausserhalb
der Stadt gehörige Holtz-Stoss. Dieser war in Gestalt eines vereckichten Altares
so hoch als ein ziemlicher Turm aufgerichtet. Alles Holtz war gleiche behauen
und gehobelt: dass es sich desto besser und zierlicher zusammen schickte.
Inwendig lag Eichen und Büchenes; alles auswendige aber / welches man sehen
konnte / war wolrüchend Zypressen / Myrten- und Lorber-Holtz / und noch darzu mit
Gold und silbernen Blumen gemahlet. Damit ein Römischer Kayser ja nicht durch
schlechtern Zeug / als Calamus / ein sich selbst verbrennender Weltweiser / zu
Asche gemacht würde. Uber diss standen oben auf dem Holtzstosse vier aus Zimmet /
Weirauch / Myrten und Aloe zusammen gebackene und vergüldete Bilder / Liviens /
des Tiberius / Germanicus und Drusus; welche nicht nur mit ihrem süssen Geruche
den Gestanck verdrücken / sondern andeuten sollten: dass diese durchs Feuer der
Liebe mit dem August gleichsam selbst mit verbrennet würden. Uber diss ware der
Holtzstoss / wo sich nur einige Lücke zwischen dem Schicht-weise gelegten Holtze
ereignete / mit etlichen tausend Schüsseln aus wohlrüchendem Holtze voller
Würtzen und Balsame angefüllet. Sintemahl keine edle Frau in Rom war / die nicht
den Ruhm haben wollte / mit etwas des Kaysers Begräbnüs beehret zu haben. An der
ersten Seite des Holtz-Stosses war unten am Fuss mit Golde geschrieben:
Muss hier August der Glutt das Oberrecht enträumen?
Nein. Gold und Tugend kann kein Feuer äschern ein.
Diss wird die Schlacke nur von seiner Seele schäumen.
Der Fürsten Fenix muss in Glutt vergraben sein.
Auf der andern Seite:
Der Stamm der Julier rührt von der Venus her /
Und diesen Seelen-Brand gebahr das kalte Meer;
Was wundert man sich denn: dass des Augustus Leiche
In Flammen Schiffbruch leid' / und in der Glutt erbleiche?
Auf der dritten Seite lass man:
Es kämpfft ums Käysers Leib der Römer Ang' und Hertz;
Weils Ang' ihn will in Flutt / das Hertz in Glutt begraben.
Allein die Liebe heisst die Glutt den Vorzug haben.
Denn jenes zeigt nur / diss aber fühlt den Schmertz.
Auf der vierdten Seite:
Hier brennet nichts als diss / was faulet und vermodert.
August hält durch die Glutt hier seine Himmelfart.
Die Sternen haben selbst so eine Sterbens-Art /
Und Tugend räucht erst wohl / wenn sie zerschmeltzt und lodert.
Dem Siegs-Bogen des Todes und dem Holtz-Stosse gegen über auf der andern Seite
des Kriegs-Feldes nicht weit von der Tyber stand der allerprächtigste
Sieges-Bogen der Ewigkeit. Zu oberste stand das mit Sternen gekräntzte Bild der
Ewigkeit / welches in der einen Hand einen güldenen Rincken / in der andern ein
Gefässe mit dem ewigen Feuer hatte. Auf der einen Seite stand ein Adler / auf der
andern ein Pfau / weil jener der Helden / dieser des Frauenzimers Seelen in
Himmel tragen soll. Der Bogen selbst war in sechs Felder abgeteilet. Im ersten
Felde war des Octavius Traum entworffen / wie er nämlich seinen Sohn auf einem
mit Lorber-Zweigen geschmückten / und von zwölff weissen Pferden gezogenen Wagen
/ mit Zepter und Blitz in Händen / einem strahlichten Krantze auf dem Haupte und
anderm Aufzuge des Jupiters durch die Lufft fahren gesehen. Im andern Felde war
der in Campanien unter freiem Himmel speisende August abgemahlet / wie selbtem
ein Adler das Brod vom Tische nam / und / gleich als wenn er Jupiter bedienen
sollte / wiederbrachte. Im dritten Felde war nach des Cicero Traume der an einer
güldenen Kette vom Himmel fürs Capitolium nieder gelassene August gebildet / wie
ihm Jupiter eine Peitsche überreichte. Im vierdten war zu sehen / wie der
Sternseher Teogenes zu Apollonia für dem August / als ihm dieser seine
Geburts-Zeit eröffnete / niederfiel und ihn anbetete. Das fünfte Feld hielt in
sich Augustens Einzug zu Rom / bei welchem sich ein Regenbogen um die Sonne
zeigte / und der Blitz in das Grabmaal Juliens schlug. Im sechsten Felde war zu
sehen der Strauss-Stern / welcher dem August am Himmel sich sieben Tage lang
zeigte / und für des Käysers Julius Seele gehalten ward / als er der Mutter
Venus gewisse Spiele hielt. Unten neben den Pfosten der Pforte stand auf einer
Seite die Tugend; welche mit dem Finger auf das Tor wiess / auf der andern Seite
August / wie Hercules mit der Keule und Löwen-Haut ausgerüstet. Uber dem Tore
stand diese güldene Uberschrifft:
Diss ist der Tugend Bahn / die Pforte zu den Sternen /
Der Weg zur Ewigkeit. Wer diesen nicht will lernen;
Der wird aus Mensch ein Vieh / ist weil er lebt schon todt.
Wer aber ihn nicht fehlt / wird / wenn er stirbt / ein Gott.
    So bald es nun beginnte zu tagen / ging das Leich-Begängnüs an. Denn ob
zwar die alte Gewohnheit die Todten zu begraben abkomen war / so ward doch
dieses mal noch bei der Dämmerung der Anfang gemacht / entweder weil die Leiche
weit herum zu führen war / die Zeit zu gewinnen / oder anzudeuten; dass der
Käyser nicht so wohl gestorben / als aus Liebe von dem Tage und der aufgehenden
Sonne weggerafft worden wäre. Massen denn auch die Eltern ihren verstorbenen
Kindern um diese Zeit die bitteren Begräbnüsse auszurichten pflegten. Für der
Pforte des Trauer-Hauses stand ein gross irrden Gefässe mit reinem Wasser / damit
alle Herausgehenden sich besprengten. Am ersten ritten drei Römer mit Zweigen
von Feigen-Bäumen / welche eben so wohl als Zypressen und Fichten Trauer-Bäume
sind / um den Aufzug zu führen. Ihnen folgte eine so grosse Menge Pfeiffer
/Trompeter und Sänger: dass man hätte gemeint / es wären ihrer genug einen vom
ewigen Schlaffe aufzuwecken. Sie hatten teils Pfeiffen aus Beinen / teils aus
Ertzte. Diese sollen auf das harte Gesätze des Verhängnisses zielen / jene die
Menschen erinnern /dass sie bald ins Beinhauss kommen und zu Asche werden sollen.
Die Trompeten waren weiter und länger / als die / welche man sonst zur Freude
gebrauchte / damit sie einen gröbern und kläglichern Schall von sich gaben. Mit
diesen machten sie nach Lydischer Art ein scharffes Getöne / welches auf dem
Begräbnüsse des Pyton zum ersten soll eingeführet worden sein. Es waren hierzu
auch die besten Künstler in Rom genommen / welche sonst auf Begräbnüssen sich
gar nicht brauchen liessen / und die Leichen-Pfeiffer ihnen nicht für gemäss
hielten. Sie bliessen bald so erbärmlich: dass sie einen Stein hätten mögen zum
Mitleiden erwecken; bald aber / wenn das Lob des Käysers gesungen ward / zohen
sie auch den Betrübtesten vom Leidwesen ab. Sie glaubten auch: dass durch solch
Getöne nicht allein die Gespenster verjagt /sondern auch des Verstorbenen Seele
erqvickt / und zu ihrem Ursprunge / nämlich in Himmel zu steigen /aufgemuntert
würde; wiewol auf gemeinen Begräbnüssen dem Priester des Jupiters sie zu hören
verboten war. Diesen folgten etliche hundert Klage-Weiber aus Phrygien / wo die
Begräbnüs-Pfeiffen sollen erfunden worden sein. Dieser ihr Handwerck war zwar:
dass sie ihre scharffe Stimme zum Wehklagen bei Leich-Begängnüssen vermieteten /
und also frembde Todte wie die Schwanen ihre eigene besangen. Hier aber war
ihnen ihr Geheule ein rechter Ernst / und solches daher desto erbärmlicher; weil
August eine besondere Neigung zu Phrygien hatte / daraus die Julier ihre
Ankunft herrechneten. Sie sangen in ihren Liedern tausend Lobsprüche des
Käysers / und preiseten darunter oft seltzame Sachen / welche recht lächerrlich
heraus kamen. Nach den Klage-Weibern kamen dreitausend Freigelassene / mit ihren
teils im Leben / teils im letzten Willen vom Käyser erhaltenen Freiheits
Hütten. Unter diesen aber waren nicht wenig Römische Edelleute; welche weil sie
vom August so grosse Woltaten genossen hatten / ihnen so wenig als vor Zeiten
auf des Scipio Begräbnüsse / Qvintus Terentius Culleo / für Schande hielten /
für des Käysers Freigelassene angesehen zu werden. Diesen folgten die Gauckler;
darunter der Fürnehmste dem Käyser alle Geberden nachtat / uñ was er jemals
denckwürdiges geredet hatte / erzählte; die andern tantzten auf kriegrische Art
/ und machten allerhand närrische Stellungen. Hierauf kam eine neue Anzahl
Pfeiffer /welche in gemahlten Schüsseln Weirauch / Myrrhen /Zimmet / Muscaten /
Nelcken; in Flaschen Balsam /Narden-Oel und wolrüchende Salben / und auf Tragen
die Schau-Essen trugen / woraus auf dem Holtz-Stosse des Verstorbenen Geiste das
letzte Todten-Mahl bereitet ward. Etliche trugen auch auf Stangen des
Verstorbenen Kleider / Harnisch / Helm und Schilde. Hinter diesen erschienen auf
sechs tausend güldenen Betten / welche der Römische fürnehmste Adel trug /so
viel aus weissem Wachse gemachte und guten teils vergüldete auch mit
Lorber-Zweigen bekräntzte Brust-Bilder / mehr als in Lebens-Grösse. Denn ob zwar
August auf des Marcellus Begräbnüsse ihrer mehr nicht als sechs hundert hatte
vortragen lassen /und gesagt: dass selbige Zahl auch für einen Käyser genung
wäre; wollte doch allhier der Rat nicht geschehen lassen: dass der Käyser mit
wenigern Bildern / als Sylla / begraben werden sollte. Unter diesen waren nun
nicht alleine alle berühmte Römer / welche der Käyser in seinem väter- und
mütterlichen Geschlechte zu zehlen hatte; sondern alle von grossen Taten
berühmte Römer / und darunter auch Scipio /Fabius / Sylla / der grosse Pompejus;
gleich als wenn die Tugend eben so wohl untern tapffern Helden / als das Geblüte
zwischen Freunden eine nahe Verwandschaft machte. Des Käysers Julius Bild aber
war nicht zugegen / weil selbter nicht mehr unter die Menschen / sondern unter
die Götter gerechnet / und daher auch vom Rate kurtz darauf geschlossen ward:
dass auch des Augustus Bild hernach keiner Leiche vorgetragen werden sollte.
Gleichwol aber war neben denen Albanischen Königen Eneas und Romulus auf zweien
Betten zu schauen / vielleicht weil diese nur für halb-Götter gehalten wurden /
und sie nicht / wie Julius / einen Stand unter den Sternen hatten. Auf diese
folgten aller derselben Völcker ertztene Bilder /welche bei Augustens
Herrschaft unters Römische Joch waren gebracht worden. Diese alle trugen
gewisse Leute selbigen Volckes; und zuletzte fuhren die drei Teile der Welt /
Africa mit vier Löwen / Asien mit vier Elephanten / Europa mit vier
Perlen-farbenen Pferden. Hierauf wurden mehr als zwei tausend güldene Kronen /
welche die untertänigen Länder dem Käyser geschenckt haben sollen / der
Cimbrische Opffer-Kessel / die dem Crassus abgenommene / von Parten zurück
geschickte / und aufs Capitolium in den Tempel des zweifachen Rächers Mars
gelieferten Adler und denen Feinden abgenommene Fahnen getragen. Alsdenn kamen
allererst die Bürgermeister-Beile; der Stab und die Insel des obersten
Priesters; die erworbenen Sieges-Kräntze / aus Lorber- und Myrten-Blättern; die
Belägerungs-Mauer / Schiffs-und Lager-Kräntze / und andere Merckmaale seiner
gehabten Würden / aber alle um- und / wie die Spiesse und Schilde / gegen der
Ehre gekehret. Endlich erschien auf den Achseln der jüngsten Rats-Herren das
Prange-Bette mit des Käysers Leiche. Dieser Träger waren wohl viertzig / und zwar
in ihren purpurnen Röcken; ungeachtet sonst die Todten-Bette ihrer nur sechs
trugen / und die Ratsherren bei Begräbnüssen die Purpur-Röcke ablegten / und
gemeine Kleider des Adels trugen. Diese wurden der Ausländischen Könige
Gesandten vom Rate fürgezogen / welche die Ehre den Käyser zu tragen nach dem
Beispiele der Macedonischen / die den Paulus Emilius zu Grabe trugen /
verlangten. Das Bette war aus helffenbeinernen Taffeln mit erhobener
Bildhauer-Arbeit / welche des Käysers fürnehmste Taten ausdrückten. Diese waren
in Gold eingefasset / und stand das Bette auf sechs güldenen Greiffen-Klauen /
derer jede eine helffenbeinerne Kugel hielt. Von diesem Bette ging unten ein
Tuch von Purper und darüber eines von Goldstück biss auf die Erde. Auf diesem lag
die Leiche des Käysers / weil sie geschmücket war / zimlich lebhaft. Das Haupt
war mit einem Lorber-Krantze umgeben / der Leib mit einem weissen Silberstücke
bekleidet / und mit einem Purper-Mantel umgeben. Für dem Bette sass ein eben so
geziertes Wachs-Bild des Käysers. Hinter dem Bette standen zwei in Gold
gekleidete Knaben / welche dem Käyser / gleich als wenn er nur schlieffe / wie
Tetis des Patroclus Leiche die Flügen mit Pfauen-Federn wehrten. Rings um
dieses Prange-Bette waren viel tausend nicht / wie sonst gewöhnlich / aus
Schilff und Egyptischem Papiere / sondern aus eitel gebleichtem Wachse bereitete
Fackeln mit daran gebundenen Sinne-Bildern getragen. Hinter diesem Leichen-Bette
liess sich Livia auf einem Stule tragen / Tiberius und Drusus aber giengen zu
Fusse / und als Söhne des Verstorbenen mit verdeckten Häuptern / wie weñ man die
Götter verehret / damit nicht frembde in die Augen fallende Dinge die Gedancken
von der Andacht ableiten. Livia aber hatte das Haupt mit einem viereckichten
Schleier umhüllet / unter welchem doch ihre aufgeflochtenen Haare vorhingen;
auch weder Purper noch Gold /noch andere Zierat einer Käyserin an ihr zu sehen
war. Man hörte sie auch öffters dem Verstorbenen mit seinem Nahmen wehmütig
ruffen. Alle ihre Kleidung war kohlschwartz; welche Farbe zum ersten von
Egyptiern nach zerfleischtem Osiris zur Trauer / wie die weisse zur Freude
erkieset / und hernach von allen Völckern also beliebet worden. Diesen folgte
der ganze Römische Rat in gemeiner Tracht der Ritterschaft alle Obrigkeiten
in Rom / wie auch die ganze Priesterschaft / die Vestalischen Jungfrauen / und
hierauf alle vornehme Adeliche Frauen. Aber alle waren ohne güldene Ringe / ohne
Perlen / Edelgesteine / Purper / oder andern Schmuck / und in ganz veränderter
Kleidung. Kein Bürgermeister / Ratsherr /oder jemand anders hatte an- oder bei
sich einiges Merckmaal seiner Würde. Die Mäñer hatten ihnen die Bärte wachsen
lassen / welches vor diesem bei keines Menschen Tode / sondern nur / wenn Rom in
einer grossen Gefahr war / zu geschehen pflegte. Das Frauenzimmer welches keine
Verwandschaft mit des Käysers Hause hatte / ging in blauen Trauer-Röcken /
worüber sie dünne weisse Leinwand trugen / welche nunmehr vom weiblichem
Geschlechte zur Klage erkieset war. Die Frauen hatten das Antlitz halb verhüllet
/ die Jungfrauen giengen unbedeckt / aber mit aufgeflochtenen Haaren. Nach dem
Adel kam Strabo mit der ganzen Leibwache / welche alle Zeichen eingewickelt /
alle Waffen umgekehrt hatten / und so deñ die gemeine Bürgerschaft in einer
unzählbaren Menge / und nach ihnen auch viel tausend Fremde /alle mit
unbedeckten Häuptern. Denn ob es zwar zu Rom so ungewöhnlich / als zu Aten vom
Pittacus verboten war / ein frembde Begräbnüs zu begleiten /so war doch niemand
/ dem August unbekand war /und welcher nicht um Augusten zu trauren eine Ursach
anzeigte. Endlich wurden auch des Käysers Pferde / welche teils zu Anzeigung
grossen Traurens eben so / wie Alexanders auf dem Begräbnüsse Ephästions
beschoren waren / und andere Tiere / die er geliebt hatte / geführt / welche
alle mit Eppich gekräntzt waren. In dieser Ordnung ging das traurige Rom bei
allen denen aufgerichtete Gedächtnis-Maalen vorbei / oder auch durch / sonder
sich irgends wo zu verweile / bis man auf den grossen Römischen Marckt kam /
über welchen alle grosse Leichbegängnüsse geführet worden / seit dem Valerius
Poblicola für dem Rathause auf dem erhobenen Platze / welcher von den Schnäbeln
der Antiatischen Schiffe über zwei ertztene Löwen gebauet / und als ein
Heiligtum eingeweiht ward / den Brutus gelobet hatte. Denn dieser hatte
dadurch nicht alleine den Römern an eben selbigem Orte / sondern auch den
Griechen / welche vorher nur den Verstorbenen zu Ehren Spiele hielten /Anlass
gegeben / wolverdiente Todte zu loben. Diese Lob-Reden wurden von den Söhnen und
nechsten Anverwandten / oder in Mangel derselben von gelehrten Leuten / zuweilen
auch auf des Rates Erkäntnüs von Ratsherren gehalten. Wie des Käysers Leiche
nun fürs Rathauss kam / ward selbte mit dem Bette aufgerichtet / Drusus aber
stieg auf erwähnte Schnäbel /und nach dem die Pfeiffer und Klage-Weiber daselbst
ein klägliches Getöne gemacht hatten / lass er vom Papiere folgende Lob-Rede:
    Weil das Glücke / ihr Bürger in Rom / mich zum Enckel des grossen August
gemacht hat / ist mir auch die Ehre zugewachsen / heute dem Verstorbenen das
Wort zu reden. Der grosse Alexander wollte nur vom Apelles gemahlt / nur vom
Lysippus in Ertzt gegossen / und Käyser August nur von tiefsinnigen Leuten
gelobet sein. Aber meine Zunge ist ohne / sein Ruhm über alle Beredsamkeit.
Jedoch verschmähete auch Alexander nicht des Chärilus ungeschickte Getichte. Das
einfältigste Lob ist das wahrhafteste; und diss das zierlichste / welches gar
keine Farben hat. Alle /welche für mir auf dieser Stelle geredet / würden genung
zu tun haben / den Käyser nach Würden zu loben / und ich zweifte: ob ein Mund
ausser Augustens eigenen / der Sache würde genung tun / welcher im zwölfften
Jahre seines Alters auff dieser Stelle seine Gross-Mutter Julia dergestalt lobte:
dass Rom darüber erstaunete. Alleine lobet ihn nicht seine eigene Zunge / so
loben ihn seine eigene Taten / ohne welche aller Redner Beredsamkeit eine
vergängliche Schmincke ist. Jedoch ist es leichter etwas mittelmässigem eine
Farbe anzustreichen / als grossen Verdiensten ihr Recht zu tun. Doch wäre das
Lob nur ein Zinss der Menschen; Götter aber liessen sich nicht so wohl preisen /
als anbeten. Aber Augustens gütiger Geist verträgt auch jenes; damit ihn niemand
einer hoffärtigen Verachtung / oder dass er jetzt noch über Gemüter und Zungen
herrschen wolle / beschuldigen könne. Kleine Lichter dienen uns zu Leitsternen /
aber in der Sonne vergehet uns das Gesichte. Wer aber ist unter euch / der nicht
wisse: dass der Stadt Rom noch nie ein solch Licht / als am Kayser August
aufgegangen sei. Jedoch hat diese Sonne noch diss besondere an sich gehabt: dass
sie die vom Anschauen ihrer Wunder-Wercke müde Augen nicht vollends verbländet /
sondern geschärfft und ermuntert habe. Nach dem wir seines Glantzes gewohnet /
hat er allen Nebel des Misstrauens vertrieben. Verwirrte Zeiten verwirren auch
das menschliche Urtel / dass man das göttliche Absehen nicht ehe als nach
desselben Ausschlage erkiesen / ja auch so denn allererst das Auge der Klugheit
seinen Schluss ergründen kann. Dass aber August vom Verhängnisse zu eurem Haupte
versehen war /haben auch Einfältige zeitlich wahrgenommen. Die Sonne selbst hat
am Himmel gewiesen / dass mit ihm Rom eine Sonne aufstiege; denn er ward mit der
aufgehenden geboren. Er hat seines gleichen nie in der Welt / weniger in Rom
gehabt wie die Sonne nicht im Himmel. Ich finde für ihm unter allen Römern kein
Beispiel / und er wird auch keines der künftigen Zeit sein. Folgende Kayser
werden an ihm wohl ein Vorbild haben / diss und jenes ihm stückweise nach zutun
/ aber keiner wird ein ganzer August sein. Niemand komt ihm näher als sein
Vater Julius. Aber es ist zwischen beiden eben der Unterschied / als zwischen
dem grossen Alexander und dem Philipp. Dieser legte zur Herrschaft der Welt den
Grund / jener aber hatte die Ehre das Werck auszumachen. Augustens Wiege war ein
Schild / das Spielwerck seiner Kindheit die schwirrenden Waffen. Hiermit war er
schon viel / als er noch wenig war; und in seinem Anfange mehr als andere
Fürsten / wenn sie es zu sein aufhören. Das Gelücke sätzte ihn / als er noch
weniger als ein Jüngling war / Riesen entgegen; aber er zeigte sich männlicher
als ein Mann. In den Jahren /da andre noch zu sagen mit Poppen spielen / schlug
er schon die Heere der jungen Pompejer in Hispanien. Er zohe sein männliches
Kleid noch für geendigter Kindheit / und mit selbtem auf einen Tag den Harnisch
und den Sieges-Rock an. Unterweges lernte er die ihm unbekandte Wissenschaft
des Krieges; so wohl; dass da er als ein Kind aus Rom zoh / in Hispanien als ein
Hauptmann ankam. Unterweges überwand er das Meer / den Schiffbruch und seine
Kranckheit /und in Hispanien die Feinde. Sein erster Versuch war das beste
Meisterstücke. Und wiewohl es unmöglich schien seinen ersten Tugenden etwas
beizusätzen /sah man ihn doch biss in Tod unaufhörlich wachsen. Er siegte zu
erst über seinen Unstern / und erlangte von dem erzürnten Verhängnisse mehr
Vorteil / als andere von dem gütigen. Im Kriege aber versäumte er nicht die
Zeit guten Künsten und Wissenschaften obzuliegen. Unter den Waffen schweigen
die Gesätze /er aber lernte sie bei dieser Verschwiegenheit. Sein Degen und sein
Buch waren stets unzertrennliche Gefährten / und sein Schild war zugleich seine
Schreibetaffel. Kayser Julius schrieb des Nachtes auf / was er im Tage getan;
er aber tat des Tages / was er des Nachtes gelernt hatte. Vom Kayser Julius
schien er nicht so wohl sein Vermögen / als seinen Helden-Geist geerbt zu haben
/ wiewol niemand ein so gross Gemüte in einem so kleinen Leibe gesucht hätte
/wer nicht weiss; dass himlische Seelen nicht gerne in Riesen-Beinen wohnen. Denn
sonst müsten die Römer grösser / als die Deutschen sein. Seine Augen hatten
einen so durchdringenden Glantz: dass man sie weniger als die Sonne vertragen
konnte. Seine Strahlen schreckten so wohl / als die des Marius den Gallier ab ihn
auf den Alpen in Abgrund zu stürtzen. Aber sein Geist war noch viel lebhafter.
Mit diesen nahm er den feindlichen Kriegs-Heeren das Hertze / und gab es den
Seinigen / dass sie mit einem zweifachen gegen die / welche keines hatten /
fochten. Seine Schlachten lieffen allezeit besser aus / als es jemand glaubte;
seiner Wercke Nachdruck überstieg immer den Wunsch seiner Freunde; Und sein
Gelücke oder Sieg kam no comma? ins stecken. Er führte ganz auf eine andere Art
Krieg / denn die berühmtesten Kriegs-Häupter. Antonius verlohr gegen ihm seinen
Mut / Lepidus seinen Verstand / Sextus Pompejus seine Macht / und alle drei ihr
Ansehen. Denn er vermählte die Kunst mit seinem Glücke / die Vorsichtigkeit mit
seinem Eyver / und die Klugheit mit Grimm und Rache. Der Gelegenheit nahm er
auffs sorgfältigste wahr; dass er dem geneigten Verhängnisse allezeit die Schoos
öffnete; wenn selbtes aber irgendswo sich verflechten und hemmen wollte / wusste
er seine Schlingen meisterlich aufzulösen. Er rächte am Brutus und Cassius den
Mord des Julius; aber mehr / weil er des Volckes / als sein Vater gewest war /
nicht so wohl zu seiner Vergnügung / als dem gemeinen Wesen zum besten. Denn
ausser dem wusste er von keinem Hasse / oder Liebe. Seines Vaters Baare
verwandelte er in seinen Sieges-Wagen / seine Zypressen in Lorbern / dem Volcke
aber in Oelzweige. Er hatte kein Absehen auf einiges Bündnis oder Freundschaft
/ ausser auf die /welche zum Heile der Römer dienten. Auf diesem hatte er das
Auge so starr / dass er damit für dem Krachen aller Welt Waffen nicht eines
nickte; und hingegen war nichts so köstlich und scheinbar / welches ihn hätte
versuchen können. Keine Macht war nicht fähig ihn zu bezwingen / keine Kitzelung
zu gewinnen. Cleopatra liedt so wohl mit ihrem Liebkosen /als Antonius mit
seinen schwimmenden Schlössern an ihm Schiffbruch. Mit diesem wollte er lieber
Feind /als sein Gefährte und zugleich ein Unterdrücker der Freiheit sein. Daher
hielt er auch ihm anständiger mit dem Anton die angemasste herrliche Gewalt über
die Römer auszuleschen / als sie mit ihm zu teilen. Also rottete er die
bürgerlichen Kriege mit Strumpff und Stiel aus / bei welchem die ärgsten Laster
den Rahmen der grösten Tugend; mit dem Giffte des Goldes Treue zu kauffen und zu
schänden / die Gangbarkeit eines Gewerbes bekommen. Rom sich auch für nichts
mehr als für sich selbst und seiner eignen Tapferkeit zu fürchten hatte. Nach
überwundenen Feinden würde er auch lieber ein Bürger zu Rom / ja ein
unschuldiger Verwiesener / als der Römer Haupt / und ein herrschender Sieger
worden sein / wenn er nicht gesehen hätte: dass er zum Steuer-Manne so nötig /
als dem Volcke ein beliebter Fürst wäre. Also wusste August seine Siege nicht
weniger dem Vaterlande heilsamlich anzugewehren / als sie hertzhaft den Feinden
abzuringen / und ihm selbte nütze zu machen. Durch jenes gewan er so wohl die
Hertzen der Bürger / ja so gar seiner Feinde / welche gleich unempfindlicher als
Stein und Eisen waren / als durch dieses der Kriegs-Leute. Ja zwischen beiden
verursachte seine Liebe eine Eyversucht. Diese wollten gerne ohne Sold ohne Beute
dienen / und einen Feind ihnen am Ende der Welt suchen / umb nur durch den
Frieden nicht ihren August zu verlieren. Sie verdammten ihre Siege / weil sie
dadurch ihres Siegers verlustig worden. Der Rat hingegen ruffte den Kayser zum
Steuer-Ruder / welches in den Händen so vieler zerbrochen war / und von
niemanden als ihm ergäntzet werden konnte. Der zerspaltene Leib des Reiches konnte
durch keinen andern Geist / als Augustens vereinbaret werden / welcher alleine
diese grosse Last zu beseelen mächtig war. Das Römische Volck war lüstern dessen
Antlitz einmal zu sehen / welcher ihnen den güldenen Frieden zu wegen gebracht
hatte / von dessen Süssigkeit ihnen ihre Gross-Eltern so viel gesagt / sie aber
ihn nie gekost hatten. Rom forderte ihn zum Sieges-Gepränge / nicht so wohl wegen
des über seine Feinde / als der Bürger unzählbare Hertzen erhaltenen Sieges;
welches ein viel herrlicher Schauspiel abgiebet / als grosse Berge abgesebelter
Köpffe. Dieses ist der rechte Zweck der Kriege / die rechte Art zu siegen;
hingegen alles Sieges-Gepränge zu verfluchen / auf welches so ein gross Teil des
menschlichen Geschlechtes verwendet / so viel Blut der Unschuld verschwendet /
der Erd-Kreis vom Rasen der Waffen erschüttert / das Recht durch die Gewalt des
Eisen verkehret / die Felder von Todten-Gebeinen besäet / die Meere von Leichen
besudelt / die Tempel mit Asche und Saltz bestreuet / grosse Städte in Aesser
und Wüsteneien verwandelt werden. Aber August wäre lieber selbst gestorben / als
dass er hätte sollen anderer Verderben sein. Wie ihm nu über jeden Bürgers Tode
das Hertze brach; also ward der / der aller Waffen überwunden hatte / durch
Bitte gezwungen / Rom zu schauen /welchem nun allererst die Augen aufgetan
wurden zu sehen / was am August zu tun wäre. Das Lager nam von ihm Abschied mit
Wehmuts-Rom aber bewillkommte ihn mit Freuden-Tränen. Er kam dahin fast ohne
alle Waffen / ausser seiner angebohrnen Freundligkeit / und des durch seine
Taten erworbenen Ansehns. Diese richteten mehr durch guten Rat / als mit
Gewalt / mehr durch Tugend als schlaue Künste aus; also dass die Herrschaft mehr
ihn / als er sie suchte; welche sonst für einer strengen Hand / wie der Schatten
für seinem Verfolger fleucht. Durch solche Lindigkeit machte er ihm die
hartnäckichsten Eyverer für die Freiheit dienstbar / und alle Römer untertänig.
Er hätte mit allen Legionen in zehn Jahren so viel nicht ausgerichtet / was er
in einer Stunde mit seiner Holdseeligkeit zuwege brachte. Denn die Waffen des
Krieges / wie feurig er gleich ist / haben eine grosse Schwerde und Langsamkeit
an sich; bemeistern auch nur euserliche Glieder; Aber die der Liebe und des
Ansehns dörffen / wie Gott / weder Zeit noch Werckzeug oder Gehülffen. Sie
würcken so unsichtbar dass man von ihnen sich ehe überwunden / als angegriffen
fühlet. Ein Augenwinck und ein Wort hat mehr Nachdruck / als alle Reden des
donnernden Demostenes. Deñ sie besänftigen die wüttenden Wilden / sie
erstecken den Aufruhr in seiner Geburt / sie dringen den Verbrechern durchs
Hertz / sie legen den Lastern ein Gebiss an: dass ihrer viel nicht sündigen mehr
aus Furcht einem August zu missfallen / als von ihm gestrafft zu werden. Die
Beleidiger werffen sich für ihm auf die Knie / und bitten ihnen als eine Gnade
aus /sie ehe zu verderben / als für der ganzen Welt schamrot zu machen. Die
Frommen aber klopfften mit ihrem Bitten fast ehe beim Käyser als bei Gott an
/weil er durch Hülffe und Gerechtigkeit Gotte ganz nahe kam / und er sich so
sehr erniedrigte / als wenn er weniger denn ein Mensch wäre. Also übte seine
Leitseeligkeit über Feind und Freund mehr Gewalt aus / als das Recht über Tod
und Leben in sich hat. Seine blosse Anwesenheit führet alle gute Ordnungen wider
mit sich ein / und verjagete alle Verwirrung und Finsternüs. Sein Beispiel
erinnert einen jeden seiner Pflicht / und niemand schreitet mehr über keine
Schrancken. So viel gutes zwang den Käyser seiner Tugend den Lauff zu lassen /
und den ihn zum Haupte verlangenden Römern ihre Bitte nicht zu versagen.
Sintemahl es mehr eine Grausamkeit als Demut ist /einem Volcke diss zu
verweigern / ohne was es weder ruhig noch glücklich sein kann. Es ist mehr eine
Unvernunft / als Bescheidenheit den Platz der Ehren denen Boshaften zum
Vorteil leer lassen. Und ein Abgang des gemeinen Sinnes lieber wollen böse
geführt sein / als selbst einen guten Führer abgeben. Wer konnte aber ein
besserer sein / als August? welchen das Verhängnüs nur so hoch erhoben hatte /
um zu versuchen / was die höchste Tugend im höchsten Glücke ausrichten könnte.
Unter ihm kriegten die Gesätze ihre Krafft / die Rechte ihren Gang / der Rat
sein Ansehn / die Obrigkeiten ihre Gewalt / Rom seinen alten Glantz wieder;
welches nur darum sich einem heiligen Haupte unterworffen zu haben schien: dass
aus einer Hand allen ihr Teil zugestellet würde /und jeder wüste / was seine
Pflicht am Rocken des gemeinen Wesens abzuspinnen hätte. Hiermit genassen die
freie Gemüter so wohl der alten Freiheit / als Unbändigen ein Gebiess angelegt
ward. Denn das Römische Volck hatte bei den langen Bürger-Kriegen sich so
seltsam vermischet / und seine Eigenschaft so verändert: dass es weder eine
vollkommene Freiheit /noch eine knechtische Dienstbarkeit vertragen konnte. Die
Vermögenden nutzten nicht weniger ihrer Güter /als dem gemeinen Volcke durch
verschaften Uberfluss geholffen / und durch tägliche Schauspiele die Zeit
verkürtzet ward. Zu Rom mangelte niemanden Brod /in Ländern niemanden Schutz.
Erde und Meer sass in stoltzer Ruh und ungekränckter Sicherheit. August alleine
war die Unruh in der Uhr des gemeinen Wesens. Alles sein Beginnen war frei von
einer kaltsinnigen Schwerde / und von einer vermässenen Ubereilung. Alle
Widerwärtigkeiten vertrug er mit so grosser Freudigkeit als Gedult. Alle Sorgen
ladete er sich selbst auf; und das Ubel / was seine Klugheit nicht ablehnen
konnte / nahm er auf seine Schultern. Er wachete / damit andere schlaffen konten.
Und damit ja diese allgemeine Eintracht nicht verstimmet würde /machte er ihm
ein Gewissen über dem kleinsten Fehler; ja er meinte alle zu beleidigen / wenn
er das geringste versähe. Er maass die Zeit seines Lebens nicht nach der Anzahl
der Bürgermeister / sondern nach dem er was gutes gestifftet hatte. Ein dem
gemeinen Wesen wohl angewehrter Tag war ihm lieber / als ein ganzes Jahr
Zeitvertreib; und einen Augenblick erlangten Ruhmes schätzte er über
hundert-jährige Wollüste. Er hielt alle Tage für übel angewendet / und für
verspielet / da er nicht zugleich einigen Bürgern und dem gemeinen Wesen eine
Woltat erwiesen hatte. Andere glücklich machen / war seine einige
Glückseeligkeit; und er schätzte für sein bestes Besitztum /wormit er andere
beschenckt hatte; wiewol er nichts ohne Ursache weg gab / damit der den aus
Ehrsucht geleerten Kasten des gemeinen Wesens nicht durch Laster füllen durffte.
Denn alles Absehn seines Tuns zielte dahin / im Leben die Liebe der Bürger /
nach dem Tode ein gutes Gedächtnüs zu erwerben. Wie köstlich er nun gleich die
Zeit hielt / und also mit den Ameissen nie müssig war / so übereilte er sich doch
so wenig / als die Schnecken / und durch seine langsame Bewegung brachte er das
grosse Gemächte des Römischen Reiches das erste Wunder der Welt zuwege. Ausser
dem war ihm alles verächtlich / nichts aber mehr als Reichtum. Denn wie sollte
der / in dem alles lebte / sich in ein todtes Aas verlieben / welches weder
Sinnen noch Verstand hat / also mit seinem Bubler nicht reden kann? Wie sollte der
/ dessen Geist ganz himlisch war / an der Erde kleben / welche von gemeiner
nichts als die Farbe unterscheidet? und gleichwol der Untertanen ander Blut ist
/ und mit vielem Schweisse und Gefahr erworben wird. Was ihm aber entweder seine
Siege / oder der gewöhnliche Zinss der Länder einbrachte / legte er zum gemeinen
besten an / oder teilte es der Bürgerschaft aus. Durch Cleopatrens Schätze
stellte er den Wucher ab; der Verdammten Güter gab er wolverdienten Bürgern /
nicht unnützen oder boshaften Bürden der Erde. Denn wenn diese sollten
Belohnungen genüssen / wer wollte ohne Entgeld gut sein? Mit Egyptens Getreide
beteilte er das Armut / mit andern Einkünfte die Gelehrten; und dass andere
wohl leben könten / lebte er mässig; und dass die gemeine Schatz-Kamer vermögend
wäre / befliess er sich der Sparsamkeit / der sonst an Höfen unbekandten Tugend;
dardurch er aber der Verschwendung gleichsam selbst eine Schamröte abjagte /
Länder / Häuser / und so viel unverdäulichen Ertztes zu verschlingen. Ja er
würde alle Schatzungen aufgehobe haben / weñ es möglich gewest wäre / die Ruhe
der Welt ohne Waffen / die Waffen ohne Sold zu unterhalten / der Sold aber ohne
Gaben zu erschwingen. Weil nun aber ein so weit ausgespañter Leib des Reiches /
sonder eiserne Klamern nicht feste und bauständig bleiben konnte / dieses Eisen
zu kauffen und sauber zu halten / Gold von nöten war /machte er so wohl nach dem
Vermögen der Untertanen / als der Notdurfft des Reiches / einen Uberschlag /
liess also die Notdurfft mit so kleinen Stücken zusammen tragen / wie es in
Indien die Ameisen samlen / dass der Beitrag niemanden empfindlich war. Er hatte
auf die Land-Vögte und Einnehmer ein scharffes Auge; dass die / welche den Klauen
des Krieges entkommen waren / nicht von diesen Friedens-Aegeln ausgesogen / und
weder die Schatz-Kammer /noch ihr Rachen / mit Tränen und Blute des Volckes
angefüllet würden. Er machte aus dem ziegelnen Rom ein marmelnes / aber aus
seinem eigenen Vermögen; und mehr durch sein Beispiel / als gemeine Kosten. Er
erweiterte den Marckt; aber er wollte selbten lieber schlimm lassen / als einem
Handwercks-Mañe sein Haus ohne Bezahlung und wider Willen abdringen. Wenn das
Volck seinen Kindern einige Würde zudachte / liess er sie derselben nicht fähig
werden /wenn sie sie nicht verdienten. Auf ihre Fehler hatte er Luchs-Augen /
die er auf andere zudrückte. Er straffte an Tochter und Enckel mit Schärffe /
was er Frembden übersah. Nach der Herrschaft war er so wenig lüstern / dass er
dem Volcke zweimal seine Freiheit anbot. Und ob zwar Rom frei zu sein sich
weigerte /so verfluchte er doch so wohl die Heuchler / welche ihm den Titel eines
Herrn aufnötigten / als die Fürsten / welche ihnen einbildeten: sie büsseten so
viel von ihrer Herrschaft ein / als sie derselben Mässigung beisetzen; oder dass
sie aufhörten Fürsten zu sein /wenn sie etwas / wie Ratsherren / ausrichteten.
Ja seine Neig- und Bemühung mühete sich stets neben dem Fürsten ein Bürger /
neben dem Herrscher ein Vater / und neben dem Herrn aller Freund zu sein. Mit
den Ratsherren ging er nicht anders um als mit seines gleichen / und mit den
Bürgern wie mit seinen Kindern. Weñ er Bürgermeister war / ging er meist zu
Fusse aufs Rathauss / sonst aber liess er sich auf einem offenen Stule tragen /
dass ihn jedermann anreden konnte. Wenn er in Rat kam / dorffte niemand
aufstehen; und bei seiner Ankunft und Abschiede grüsste er jeden absonderlich.
So wenig hatte Glück und Würde an ihm verwandelt / welche die Menschen ins
gemein so verstellen / dass sie sich selbst nicht mehr kennen. Gleichwol aber
wusste er Ansehn und Freundligkeit so künstlich zu vermischen; dass die /welche
ihn als einen Vater liebten / ihn eben so wohl /als die Glieder ihr Haupt
verehrten. Wie er durch seinen Glantz den Schimmer des Rates nicht ausleschte /
also benahm auch dessen Schein seinem Lichte nichts; sondern jedermann sah: dass
der Rat nicht /wie für Zeiten / sein eigenes Licht hatte / sondern es wie der
Mohnde von des Kaysers Strahlen entlehnen musste. Meistenteils sah man zwischen
dem alten und gegenwärtigem Rate keinen Unterscheid; Wenn es aber von nöten
war / vereinbarte sich alles Ansehen in dem eintzeln August. Denn diss und einen
guten Nahmen hielte er für den fürnehmsten Werckzeug der Herrschens-Kunst / für
welche er auffs eifrigste sorgte / dass beide sich niemahls eines Haares breit
verminderten. Diesem nach er denn stets für ratsamer hielt / sich sicherer
Ratschläge zu bedienen / ungeachtet die ihm gleichsam zu Gebote stehende
Glückseligkeit ihn stets zu verwegenen Entschlüssungen anrejetzte. Er hielt für
ratsamer / das Reich durch Friede zu befestigen / als durch Krieg zu erweitern
/ das Volck glückselig als sich gross zu machen. Hingegen war niemand / der nicht
gerne mit ihm das Hertze / wie vielmehr das Vermögen geteilet hätte. Dieses
gaben sie damit zu verstehen / da das Volck alle Jahr aus einem Gelübde für des
Kaysers Heil einen Pfennig ins Curtius See warff / und am Neuen Jahrstage ihm
auffs Capitolium Geschencke ablieferte. Die Ritterschaft feierte allemahl zwei
Tage seinen Geburts-Tag. Seine Ankunft in die Stadt ward allemahl für ein
Glücks-Zeichen gehalten / mit Liedern gepriesen / und an selbigem Tage dorffte
kein Ubeltäter abgetan werden. Diese Liebe der Bürger war das Labsal seiner
Sorgen / der Balsam seines Lebens /und die Verlängerung seiner Jahre. Darüber
brach ihm sein Hertz: dass als Rat und Volck ihm aus einem gemeinen Schlusse /
als den Vater des Vaterlandes grüssete / ihm die milden Tränen aus den Augen
brachen. Wer wollte nun unter euch diesem wehmütigen Fürsten heute nicht tausend
Tränen opffern / der ihrer so viel aus Liebe gegen euch verschüttete? ja der
euch zu Liebe würde Blut geweinet /seine Eingeweide ausgeschüttet haben / wenn
euch damit wäre geholffen oder gedienet gewest? Wer wollte nicht heute seine
Asche mit Tränen anfeuchten / der als ein fruchtbarer Regen / als ein Brunn der
allgemeinen Wolfart / das Reich mit so viel Woltaten gewässert hat? Und aus
der Asche des Bürger-Krieges die Pflantze des Friedens und Uberflusses herfür
gebracht hat? Alleine was nützen die unfruchtbaren Tränen? Welche oft in ihren
eigenen Brunnen vertrocknen; welche Römern als Männern über etliche Tage nicht
anstehen; ja welche mehrmahls Trauer-Larven freudiger Hertzen sind. Mit diesen
ist dem Kayser nicht mehr gedienet / und sein vergötterter Geist darff derselben
nicht mehr / wie gemeine Seelen / zum Geträncke. Lasset uns vielmehr / um ihn zu
vergnügen / diss liefern / was der Kayser / welcher in sonst nichts geitzig war /
unersättlich verlangte /nehmlich ein gutes Andencken. Dieses war bei ihm der
Wetzstein der Tugend. Lasset es bei euch nunmehr dessen Danck sein / der für den
grösten Wucher hielt dem Vaterlande umsonst zu dienen! Richte ein ieder in
seinem Hertzen dem eine Ehren-Säule auf /der in Rom die Herrschaft der Welt
befestiget hat /für der Helffte seines Alters das Ziel eines ewigen Nahmens
erreichet / und an der Ehre den einigen süssen Geschmack und die Belohnung
grosser Verdienste fand. Der Ruhm allein ist derselbe Schatz / mit dem man einen
beschencken kann / der / wie August vorher alles hat / und den auch die der
Tugend nicht strittig machen können / welche ihr gleich wie Schlangen gram sind.
Dieses wenig-kostbare Reichtum hat Rom zum Haupte der Welt / und ihren Bürgern
die Unmögligkeit selbst leichte gemacht. Um ein paar Lorbeerzweige / um eines
Tages Gepränge / um ein zu keinem Gebrauche dienliches Bild aus Ertzte / um
einen Zunahmen von Africa / Numantia / Macedonien / Achaien zu bekommen / haben
so viel Helden mit Freuden ihr Blut verspritzet / und ihr Leben in Stich
gesätzt. Diese unschätzbare Unfruchtbarkeit verlangte auch alleine August von
dem edlen Saamen seiner so vielen Tugenden einzuerndten; als welcher wohl wusste:
dass Rom keinen würdigern Preis hatte / seine grossen Dienste zu vergelten. Es
war ihm die liebste Zahlung eure Erkenntligkeit / dass Rom auch nach seinem Tode
würde seine Schuldnerin bleiben; und dass die Römer ihm nichts bessers geben
könten / als wormit sie auch die unsterblichen Götter vergnügten. Schlüsset
demnach seine Asche in Gold! hebet sie als eine köstliche Uberbleibung auf!
nicht zwar in Meinung; dass die Asche kostbarer Dinge auch köstlich sein müsse;
sondern dass sie nur eine Gehülffin eures Gedächtnüsses sei. Verehret seine
Bilder mit der lieblichen Einstimmung eurer Liebe und Verwunderung! Ihr
Geschichtschreiber werdet Rot haben seine Tugenden und Verdienste so
abzumahlen; dass euch entweder die gegenwärtige Welt nicht einer Unvollkommenheit
/oder die künftige einer Heuchelei beschuldige. Euch selbst wird ehe das Tacht
des Lebens ausleschen / ehe ihr von ihm nichts mehr zu sagen finden werdet;
damit man ja von dem nicht zu schreiben aufhöre /der niemahls / sich um das
menschliche Geschlechte zu verdienen / aufgehöret hat. Nennet dannenher nach
seinem Nahmen alle künftige Fürsten / welche so löblich als August herrschen
werden. Diese eure Verehrung des Verstorbenen wird eine Aufmunterung der
Lebenden in seine Fussstapfen zu treten / und eine Abgeltung eurer Schuldigkeit
sein. Ja weil ein guter Nahme das einige Vermögen der Todten / das Verlangen
darnach aber ein kräfftiger Beweis der Unsterbligkeit ist / wird diese
Danckbarkeit mit dem August in Himmel steigen / und euch mit ihm verewigen. Die
Welt und Nachwelt wird so denn zu beider unsterblichen Ruhme erzählen: dass
August sich der Tugend wegen ihrer eigenen Köstligkeit befliessen / die Römer
aber seine Ehre wegen der Tugend befördert haben.
    Das Römische Volck ward durch diese Rede nicht wenig beweget / als die
Leiche aber auf die Sudseite des Marcktes für den Tempel des Käysers Julius
gebracht ward / richtete man sie daselbst wieder auf /und Tiberius stieg auf die
neuen Schiffs-Schnäbel /welche Julius daselbst zwischen der zu Pferde sitzenden
Sylla und Pompejens Bildern aufgerichtet hatte. Seine Rede zum Volcke war
folgende:
    Was Drusus / ihr Römer / vom Käyser August gutes gesagt / hat ihm seine
Liebe eingegeben; was ich aber sagen soll / rühret vom Römischen Rate her. Wie
nun jenes euch seiner Verwandschaft halber verdächtig sein könnte / wenn iemand
unter euch so unwissend wäre; dass August grösser gewest / als ihn die Heuchelei
zu machen wüste; also bescheide ich mich: dass mein Lob weit unter des Kaysers
Verdiensten und unter eurer Einbildung sein werde. Denn nicht nur das Volck und
der Adel hat ihn für den grösten Römer geschätzt / sondern auch der so unmässig
hassende als heftig liebende Pöfel hat seine Zunge nie zu seiner Unehre /
sondern allein zu seinem Preisse geschärfft; weil er nicht mehr ein als des
andern Heilbrunn gewest. Die ganze Welt hat einen Schau-Platz seiner Taten
abgegeben; und auch die / welche ausserhalb des Römischen Gebietes gelebt / haben
ihn mehr als ihren eigenen geliebt / denn als einen Frembden gefürchtet. Zwar
den Geist des Käysers zu vergnügen / habe ich keine / den Menschen aber genung
zu tun / grosse Sorge. Denn Götter verschmähen auch nicht die einfältigste Art
der Verehrung. Wer eine handvoll Weirauch ins Opffer-Feuer wirfft /ist ihnen so
lieb / als wer mit tausend geschlachter Ochsen vielem Blute ihre Altäre
überschwemmet. Wenn ich nun zu Frembden redete / würde ich in Sorgen stehen /
meine niedrige Rede würde den Käyser verkleinern und verächtlich machen; so aber
rede ich zu Römern / welche selbst Anschauer und Zeugen seiner Taten sein / und
die Lücken meiner Rede mit ihrem Gedächtnis ausfüllen können. Worte verrauchen
ohne diss in die Lufft; gutes Andencken aber wird auf Kinder und Enckel
fortgepflantzt / und es kann solches weder gegenwärtige Gewalt / noch der Bilder
und Ehren-Säulen fressende Rost der Zeit aus geneigten Gemütern ausleschen.
Dieser Tag würde auch zu seinem auskommentlichen Lobe nicht zulangen / wenn ich
mir mehr als alleine die Hauptstücke zu berühren / euch aber die Ehre eines
längern Nachklanges zu lassen / für gesätzt hätte. Ich bin unbekümmert; dass ich
hierdurch mein Unvermögen verraten / euch aber mehr lüstern machen als
vergnügen werde. Denn ich glaube / ihr selbst werdet euch gemässen haben / und
wissen: dass alle eure in einen Menschen vereinbahrte Beredsamkeit eben so wenig
den Gipffel seines verdienten Ruhmes erreichen; als jemand unter den Römern sich
mit Augusten vergleichen könne. Seine Verdienste haben alles Maass /seine Grösse
alle Missgunst überstiegen. Je mehr ihr auch euch vom August fürbildet / je mehr
liebkoset ihr euch selbst. Denn seine Grösse bestehet in dem: dass er euch so
viel gutes getan hat. Daher lebet wohl niemand / der nicht mehr seine Verdienste
danckbar zu verehren / als seine Höhe zu beneiden geneigt sei. Ich bin willens
nur zu erzählen / was er beim gemeinen Wesen ausgerichtet hat; aber hierdurch
bin ich genötigt / von seiner zarten Jugend anzufangen. Denn er war mit Not
aus seiner Kindheit getreten /als er schon die Waffen fürs Vaterland mit
männlicher Stärcke in die Hand nahm; Als er die ihm und der Stadt Rom gestellte
Garne / wie Hercules die Schlangen in der Wiege / zerriess; und als ein junger
Adler denen Verwirrern gemeiner Ruh die Klauen wiess / als sie nach zerfleischtem
Julius ihr Mord-Messer auch der Römischen Freiheit an Hals sätzten. Weder die
Schwäche seines Alters / noch die Grösse des Werckes / und die Vielheit der
Feinde schreckten ihn ab / seines Vaters Tod zu rächen / ohne welche Rache weder
die Tugend sicher / noch die Welt ruhig sein konnte. Alexander und Romulus haben
in ihren jungen Jahren zwar auch Taten getan. Aber wenn ich sie den
Wunderwerken des Käysers an die Seite sätzte; würde ich diese so sehr verstellen
/ als Augusten zum Zwerge machen.
    Alexander hatte mit Weibern / August mit Männern zu tun. Je mehr Alexander
siegte / je mehr bemeisterten sich seiner die Laster / welche Reiche zu Grunde
richten; August aber ward je länger je besser. Alexander bliess bald von Anfang
das Glücke in sein Horn; Aber wider Augusten und das Römische Volck verschwuren
sich gleichsam alle Ungewitter zusammen. Gleichwol aber verlohrer nie das
Steuer-Ruder aus der Hand. Er erhielt ihm das Reich / und sich dem Reiche.
Romulus kriegte wider rohe / August wider die ausgearbeitesten Leute der Welt.
Hercules möchte noch einiger Weise gegen ihm auf die Wagschale zu legen sein.
Aber sein Hirsch / sein Schwein / sein Löwe sind so abscheuliche Ungeheuer nicht
/ als die waren / mit denen August zu ringen hatte. Hercules musste aus Zwang /
und gleichsam zur Straffe mit seinen Verfolgern anbinden; Aber August tat es
aus Liebe das Vaterland zu erhalten. Er schnitt denen Aufrührern nicht nur ihre
Drachen-Köpffe ab / sondern er versiegelte auch ihre Wunden mit dem glüenden
Eisen guter Gesätze / dass sie nicht wieder wachsen konten. Dieses richtete
August als ein Lehrling aus. Denn was andere lernen mussten / war ihm angebohren.
Zwischen seinem Anfange und der Vollkommenheit war kein Mittel. Die reiffen
Früchte und Blüten wuchsen mit einander. Dieser Riesen-Anfang verdiente: dass das
Römische Volck ihn bei solchen Jahren zum Stadt-Vogte und Bürgermeister machte /
da andere noch nicht gerne den Harnisch anziehen. Sein männliches Alter aber
kriegte noch mäñlichere Taten auszuüben. Lepidus / Antonius / Sextus Pompejus
/Brutus und Cassius / waren so gewaltige Wallfische; derer ieder ihm das Recht
Rom zu verschlingen einbildete. Seine Kräfften waren nicht einem unter ihnen
gewachsen; seine Liebe des Vaterlandes aber war stärcker / als aller ihre
Feindschaft / und seine Klugheit übertraff ihre gesamte Stäcke. Denn er
streuete unter sie den Saamen der Zwytracht: dass sie einander wie die aus des
Cadmus Drachen-Zähnen gewachsenen Menschen selbst aufrieben. Er schlug sich auf
die eine Seite / die andern zu dämpffen / keinem aber nicht wider die Römische
Freiheit beizustehen. Denn als die Verwegensten aufgerieben waren / zerbrach er
den schädlichen Werckzeug / und warff ihn ins Feuer. Weil der Grossen Geitz
weder durch Geschencke /noch ihre Ehrsucht durch Ehren-Aempter zu sättigen; die
Bürger auch durch Rachgier in einander so verwickelt waren: dass ein ieder lieber
mit ganz Rom /als in seinem einzelnen Hause verbrennen wollte. Aus allen diesen
Siegen vergnügte er sich an der Ehre /dem gemeinen Wesen aber eignete er den
Nutzen zu. Und versalzte denen verwähnten Gemütern die eingebildete Süssigkeit
und Bemühung andere und sich selbst zu verterben. Was halte ich mich aber mit
den bürgerlichen Kriegen auf / welche / wollte GOtt! nie gewest / oder mit ihrer
Asche schon in den Staub der Vergessenheit vergraben wären! August selbst hörte
derselben auch nicht gerne zu seinem eigenen Ruhme gedencken. Denn in
einheimischen Kriegen ist es so erbärmlich siegen / als es jämmerlich ist
verspielen; weil / was an beiden Orten verloren wird / dem Vaterlande abgeht.
Der eusserlichen Kriege sollte ich wohl gedencken. Aber diese haben vorhin ihren
Redner /nämlich die Reichtümer / mit welchen der Kayser die Tempel / die
gemeine Schatz-Kammer / und die Kisten der Bürger durch so viel Beuten erfüllet
hat. Mit dem Nil hat er die Tore der unbekandten Ost-Welt eröffnet; dass die
Natur gleichsam ihren Fräulichen Schmuck / nämlich die in den Eingeweiden der
Erde verschlossenen Diamanten / und die im Schlunde des Meeres versteckten
Perlen in eure Schoos ausschütten konnte. Aber ich will hiervon so viel weniger
Worte machen; weil vielleicht an diesen Siegen so wohl andere Römer und
Hülffs-Völcker / als das Glücke /welches an der Herrschaft über den Krieg auch
selbst nicht die Tugend will Teil haben lassen / Teil hat. Es ist an Augustens
eigenen Wercken ein genugsamer Vorrat bei handen / daran niemand keinen
Anspruch machen / noch sich etwas dergleichen getan zu haben rühmen kann. Dieser
ist es / welcher Rom aus dem Untergange / und aus Armut gerissen hat. Dieser
ist es / welcher Rom so mächtig gemacht hat / als es am schwächsten war. Dieser
hat seine Herrschens Art in eine solche Forme gegossen / welche denen Alten zur
Ergötzligkeit / denen Jüngern und Nachkommen zur Richtschnure dienet. August ist
es; diesen Zunahmen habt ihr ihm nach vertilgten Bürger-Kriegen selbst
zugeleget; welcher nicht seine Begierden / sondern das Richtscheit des
Verhängnisses / und den Ancker gemeiner Ruh die Richtschnur seiner Einrichtungen
sein liess. Er war glücklicher als der glückliche Sylla / weil er weniger grausam
war. Er gründete nicht / wie Marius / seine Herrschaft aufs Blut / sondern auf
Liebe der Bürger / ja seiner eigenen Feinde. Denn sonst würde das letzte Tule
schon unter unserm Gebiete sein / und die Irrsterne nichts bescheinen / was
nicht den Römern gehorchte. Er vergab dem Sessius / Scaurus / Pompejus seine
Beleidigungen /und liess den Lepidus sein Lebtage oberster Priester sein / dem
gemeinen Wesen zum besten. Also verdiente er wegen erhaltener Bürger und Feinde
eine neue Art von Sieges-Kräntzen; welche ihm Rom von Eichen-Oel- und
Lorberzweigen zusammen flochte. Ja die auch auf Treu und Glauben sich ihm nicht
ergeben wollten / überwand er mehr mit Gerechtigkeit als mit Waffen / welches die
schönste Weise zu siegen ist. Ja dem Siege Maass und Ziel stecken / übertrifft
alle Siege; und in dem bestehet die höchste Spitze eines unüberwindlichen
Gemütes / wenn es den Zorn hemmet / der Rache Süssigkeit abbricht / die an die
Gurgel gesetzten Schwerdter zurücke hält; also sich selbst und das Gelücke
überwindet. Seine Gehülffen beschenckte er nach seinen Würden / und ihren
Verdiensten; aber er enträumte ihnen so wenig / als ihm selbst der Stadt durch
Hoffart und Ehrsucht überlästig zu sein. Sylla und Marius wüteten so gar auf
unschuldige Kinder ihrer Wiedersacher. Pompejus und Cäsar verziehen zwar ihren
Feinden; aber sie verhingen ihren Freunden allen Mutwillen. Niemand als nur
August haute weder in einem noch dem andern über die Schnur. Seinen Feinden
schlug ihre Niederlage zum Siege / allen aber ihre Tugend zum Gelücke aus. Ohne
jene kam niemand bei ihm ans Bret / und sie war der Grund-Stein dem Mecänas und
Agrippen zu geneigter Gnade. Dieser war seine rechte / jener seine lincke Hand /
dieser halff ihm kriegen / jener gute Ordnungen / beide aber Rom glückselig
machen. Denn die Erhöhung grosser Reiche darff eben so wohl / als die
Auffsätzung Egyptischer Spitz-Säulen tauglichen Werckzeug. Daher lieget viel
daran / und ist es eine der wichtigsten Klugheiten eines Fürsten geschickte
Diener wissen auszulesen. Als nun August ihm das Kriegs-Volck durch Geld / das
Volck durch Getreide / seine Wiederspenstigen ihm durch seine Leutseligkeit
verknipfft / und er die zwei Spannadern der Herrschaft / Waffen und Schätze /
in seinen Händen hatte / meinte iederman / August würde sich zum Herrn in Rom
machen. Aber sein Gemüte war freier von solchem Hochmute / als der Niedriger
ihre Gedancken. Er erwies sich als einen gütigen Artzt / welcher nach der
Genesung den Krancken seines ersten Wollebens genüssen lässt. Pompejus und
Metellus wurden von Römern als Wunderwercke angesehen; dass sie nach verrichteten
Feldzügen die ihnen auf gewisse Zeit anvertrauten Kriegsheere freiwillig
abdanckten. Worzu sie aber vielleicht durch andere konten gezwungen werden. Aber
August war Meister aller Römischen Kriegs-Heere / alles Geldes; ihm war niemand
mehr schrecklich noch verdächtig; iederman war willig ihm alleine zu gehorsamen.
Gleichwol aber wollte er nicht herrschen / da er so wohl konnte; sondern er legte
Waffen / Länder und Schätze in die Schoos des Rates / übergab alles / ja sich
selbst / der Willkühr des Volckes. Warlich! ich habe der Sache mehrmahls
nachgedacht: ob ich es menschlicher Klugheit /oder der gütigen Versehung des
Verhängnisses zuschreiben sollte: dass ihr den Kayser nicht wollet lassen einen
gemeinen Bürger sein / der zu einem Fürsten nicht weniger geschickt / als
geboren war. Dass ihr die Eigenschaft des gemeinen Wesens so genau erkundigtet;
welches nunmehr sich durch einen beherrschen zu lassen geschickt war; und dass
durch Wiedereinführung der vielköpffichten Herrschaft ihr nur den vereinbarten
Leib des Reiches in vielerlei Spaltungen und Aufruhr trennen würdet. O der
überschwenglichen Weissheit! welche so wohl die Zeiten /als die Gemüter der
Menschen unterscheiden kann. Junius Brutus hat unsterblichen Ruhm verdienet: dass
er den Tarqvinius der Herrschaft entsätzte / und dem Volcke die nötige
Freiheit zuschantzte. Ihr aber habt es dem Brutus weit zuvor getan: dass ihr den
August anfangs auf eine zeitlang / und nach seiner geprüfeten Fähigkeit biss an
seinen Tod zu herrschen zwanget. Denn Junius Brutus hing in seinem Fürhaben dem
Eingeben der Natur nach / welcher Trieb sich auf die Seite der Freiheit hängt;
ihr aber suchtet Ehre und Heil im Gehorsame; welche niemahls / ausser unter
einem August / ohne Beschwerligkeit ist. Denn dessen Botmässigkeit hatte keine
Gemeinschaft mit der Person eines scharffen Herrn / sondern eines gütigen
Vaters. Er sorgte nicht nur euch zu beglückseligen /sondern er arbeitete auch
für euch / dass ihr die müssigen Hände in die Schoos legen kontet. Die der Gefahr
und den Kriegen unterworffenen Länder behielt er für sich / aus derer eussersten
Gräntzen er durch seine bestellte Post-Reuter in wenig Tagen erfuhr / was im
ganzen Reiche sich zutrug; die Friedlichen aber gab er dem Rate zu verwalten.
Er hielt so viel Heere auf den Beinen / nicht euch im Zaume zu halten / sondern
eure Feinde zu schrecken; nicht das Hefft in Händen zu behalten / sondern euch
Sicherheit zu verschaffen. Seine Leib-Wache war mehr im Friede zur Zierde /als
ihm ein Schirm für Gefährligkeiten. Ungeachtet es auch guten Fürsten an Feinden
nicht mangelt / denen ihre Tugend verhast ist / wenn sie an ihnen keine Laster
zu schelten finden. Als gleich das Glücke den Bogen seiner Herrschaft am
höchsten gespannet hatte / behielten doch die Rats-Herren so wohl das Recht
Ländern und Kriegs-Heeren vorzustehen / als ihr altes Ansehn. In Ratschlägen
dorfften sie ungescheuet sagen / was sie dem gemeinen Wesen für vorträglich
hielten; nicht wormit sie des Fürsten Ohr zu kitzeln vermeinten. Ihrer Freiheit
sätzte er deswegen Versicherung / und der Tugend vorhin ungewohnte Preisse aus.
In Versammlungen des ganzen Volckes tilgte er die Spaltungen der
zusammenhaltenden / und lehrte sie statt der Zwistigkeiten freigebig sein. Die
Gerichte befreiete er ihrer langsamen Verwickelungen. Aempter und Würden liess er
keines der Ehrsucht zu feilem Kauffe stehen / sondern er weisste; dass man nicht
anders / als durchs Heiligtum der Tugend in den Tempel der Ehren eingehen
könnte. Er mühte sich mit der alten Tracht auch die alten Sitten wieder in Rom
einzuführen / ja die Stadt selbst von unnützen Hefen der vielen Knechte
abzuschäumen; welche nach dem Einschlage des Salustius so wenig als ein Schiff
gesund und reinlich sein könnte / wenn beides nicht von der stinckenden
Grund-Suppe gesaubert würde. Mit seinem Vermögen gebahrte er so sparsam / als
wenn es des gemeinen Wesens wäre; die Stadt-Güter aber verwaltete er so fleissig
/ als seine eigene / oder er machte vielmehr unter beiden keinen Unterscheid;
denn er verschenkte keine / sondern wendete alle zum gemeinen besten an. In der
Stadt besserte er alles aus / was den Untergang dreuete / eignete ihm aber
darüber keine Titel zu / und beraubte die Vergängligkeit zwar ihrer Gewalt /
nicht aber die Uhrheber alter Gebäue ihrer Ehre. Er bauete viel ansehliche
Gebäue /und war ein Liebhaber der Pracht / aber noch mehr ihrer Nutzbarkeit. Zu
nicht wenigen gab er die Unkosten; schrieb aber daran anderer verdienter Leute
Nahmen / teilte also mit ihnen die Ehre / welche andere alleine verschlingen
wollen. In Bestraffung der Laster seines Hauses war er unerbittlich / frembde
aber übersah er gar / oder straffte sie nicht zur Helffte nach dem Aufsatze der
Gesätze; wiess also: dass er dort das Ampt eines Richters / hier eines Vaters
verrichtete. Von denen / die ihm nach dem Leben standen / tödtete er nur wenige
/ derer Leben ihnen selbst beschwerlich / dem gemeinen Wesen nichts mehr nütze
war. Aber auch in diesen Fällen kam er schwer daran / und war ihm ein wenig
kummerhaft: dass seine Herrschaft auch so wenigen und Boshaften sollte
vedriesslich sein. Da doch eines frommen Fürsten Tugend nicht nach dem vergällten
Geschmacke lasterhafter Leute / sondern aus ihrer eigenen Güte zu urteilen ist
/ und selbst Jupiter nicht allen gefällt. Tapffere Leute hielt er so hoch / als
sich selbst / und dünckte sich keines Menschen zu gut sein. Er verhälete die
Fehler seiner Freunde; und wenn sich diese gleich so vergingen / dass seine Liebe
gegen sie lau werden musste / verwandelte sich selbte doch wider die gemeine Art
hohen Glückes / welches von keinem Mittel weiss / niemahls in Hass. Als Mecänas
nicht mehr seine Freundschaft verdiente / begnadigte er ihn doch noch mit
derselben Scheine. Allen Fremden aber setzte er das gemeine Wesen für. Dieses
war sein einiger Aug-Apffel / welchem er alle seine Sorgen und Vergnügung
opfferte. Des Volckes Wolfart war sein oberstes Gesetze; für welchem alle
andere des Geblütes und der Freundschaft biegen oder brechen mussten. Jedermans
Vergnügung war seine einige Freude / und die Hoffnung / bei euch in gutem
Andencken nach dem Tode zu bleiben / sein niemanden nichts entziehender Gewinn.
Wer unter euch wollte durch Vergessenheit ihn so unglücklich / sich aber so
undanckbar machen? Welch Rats-Herr wollte sein Bild nicht stets für Augen / sein
Beispiel im Hertzen behalten? Welcher nicht unter die Unwürdigen sich selbst
zehlen wollte / welche er zu keinem andern Ende absätzte / dass sie durch ihre
Ungestaltnüs die Würdigen nicht verdüsterten. Welcher erinnert sich nicht / wie
August dem Rate mehr Einkommen gestifftet / einen ieden mit Geld und Gütern
beschencket / und in Abgebung seiner Stimme / den letzten ihm gleich gemacht
habe? Wer weiss nicht: dass der Kayser nichts wichtiges übers Knie zerbrochen /
sondern auch über mittelmässigen Dingen des Rates Meinung vernommen / und seinen
Willen denen unterworffen habe / welchen er zu gebieten hatte? Welch Fürst oder
Römer hat für ihm die Macht mit der Bescheidenheit /die Gewalt mit der Tugend /
als Dinge / welche sich sonst gar nicht mischen lassen / so künstlich vermenget?
welcher durchaus nicht gross sein wollte / wenn er nicht seiner Grösse würdig wäre.
Welches Fürstens Gemüte hat sich so hoch über alle Einblasungen der Knechte und
Freigelassenen geschwungen? daher fiel es auch den Edelsten nicht schwer ihm zu
gehorsamen / weil er selbst herrschte / weil sein Verstand der oberste Kreis der
ersten Bewegung war / weil sein Geist alle andere regte und beseelte. Welch
ander Römer könnte ohne Undanck den ausser acht lassen /welcher alle mit Gebäuen /
Gelde / Getreide / Spielen / Freiheiten / Uberfluss / Sicherheit wider Feinde und
Zufälle erfreuet oder begabet hat? Welch Bundsgenosse wollte sein vergessen /
welchen er ohne Gefahr ihrer Freiheit / ohne Beschwerligkeit seiner Hülffe /so
redlich beigestanden? Welch Untertan wollte sich nicht erinnern: dass er nicht
einem aus ihnen ein Haar gekrimet / weder Unrecht noch Schaden getan? Ihr alle
aber seid in euren Gewissen überzeugt: dass August ihm selbst in vielem
abgebrochen habe / dass er gegen euch konnte freigebig sein; dass er sich arm
gemacht / um das gemeine Wesen und die Bürger zu bereichern. Bei derer
Notleidung kein Fürst vermögend bleiben kann. Dass er alle Bemühungen von euren
Achseln auf seine Schultern gelegt / und in Gefährligkeiten für den Riss
gestanden? dass er mit wiedergebrachtem Frieden alle Künste / fürnemlich Handel
und Wandel eingeholet; ohne welche die Einwohner zwar ohne Krieg / aber auch
ohne Nahrung sind / und keines Friedens genüssen? dass er den Mangel mit Uberfluss
ersätzet / man also in der ganzen Welt nicht findet / was zu Rom mangelt? dass
er durch die Schiffahrt beide Angelsterne / und das Ost- mit dem West-Ende der
Welt vereinbart hat? dass er der Welt-Weissheit den hesslichen Rock ausgezogen /
die Musen aus Licht gehoben / dass sie nicht mehr am Hunger-Tuche nagen / noch
sich mehr unter dem Pöfel drücken dörffen? ja denen Gelehrten gleichsam ein
ander Verhängnüs ohne Mangel und Unfruchtbarkeit zugeeignet? darmit durch sie
das Gedächtnüs seiner Tugend erhalten würde; ausser welchem er sonst von keiner
Pracht etwas hält / und um euch nicht beschwerlich zu sein / sich im Wegziehen
weder begleiten /noch beim Wiederkommen ihm entgegen ziehen lässt? dass in
Feiertagen sein Haus und Zimmer jedem aus dem Volcke offen gestanden / und
seiner Gemächligkeit halber / niemals / als wenn er gekrancket / ausser dem
Rathause Rat gehalten? Wem können aus dem Gedächtnis falle seine heilsame
Gesätze / durch die er den Beleidigten Trost verschafft / der Bosheit durch wohl
abgewogene Straffen einen Riegel vorgeschoben? durch die er den Ehen Freiheiten
/ der Fruchtbarkeit gewisse Vorteile ausgesätzt? durch die er ohne jemandens
Schaden / die welche fürs Vatersland fechten und gleichsam Soldner des Todes
abgeben / mit Belohnungen versorget / und ihnen zu rechter Zeit das Kauff-Geld
für ihr Blut bezahlet? welches die allezeit williger aufopffern / denen man
nichts schuldig bleibt. Wer wollte so vergesslich sein nicht zu gedencken: dass er
mit seinen Freunden alle Ergötzligkeiten geteilet / und das gröste ihres
Kummers auf sich genommen habe? dass er jedermann fürs gemeine beste frei reden
heissen / die Heuchler als Spinnen und Gift gehasset / den Bedrängten geholffen
/ den Notleidenden beigesprungen / die Vermächtnüsse den rechtmässigen Erben
wieder zugeschantzt habe? Ja seine heilige Vorsorge hat sich über seinen Tod
erstrecket / da er so heilsame Ratgebungen unter seiner Hand / zu unser
Richtschnur hinterlassen / wie man das von der Natur mit dem Rhein und Euphrat
befestigte grosse Reich durch weitere Ausdehnung nicht zersprengen / und aus
unersättlicher Begierde nach einem Schatten schnappen / das Wesen aber
verliehren solle. O der unvergeltbaren Woltaten! welche kaum geglaubt werden
könten / wenn sie nicht in Augen der Welt / im Munde des Nachruhms schwebten! O
des himmlischen Gemütes! welches aller Geschäffte fähig gewest / und durch
seine Unruh die Wache für die Ruhe der Welt verrichtet / ja der Natur gleichsam
selbst zu gebieten gehabt hat! O des grossen und unvergleichlichen Fürsten!
dessen gleichen niemand gewünscht / oder jemahls zu haben ihm hat träumen
lassen! der so wohl sein als seines Reiches mächtig ist / der keinem unterworffen
gewest / und über alle geherrschet hat! Ihr habet in ihm zwar alle Würden
vereinbaret / ihm den Nahmen eines Vaters des Vaterlandes beigeleget; und ihr
sätzet ihn heute durch die Vergötterung ausser den Schrancken der Sterbligkeit.
Aber dieses ist mehr ein Werck seiner Tugend / als euerer Erkäntligkeit. Jenes
aber ist eine armseelige Danckbarkeit. Denn ihr gebet ihm Schalen für Kerne /
Worte für Wercke; Ihr habet ihm durch die durch seine Woltaten wieder
lebendwordene Mahler- und Bildhauer-Kunst zwar seine euserliche Gestalt der
Nachwelt aufzuheben euch beflissen; aber beiden sind darüber Pinsel und Meissel
entfallen /weil sie ihr Unvermögen gesehen / so wohl ihn / als andere Götter aus
irrdischem Wesen zu bilden. Saget diesemnach euren Nachkommen: dass sie ihnen
Augusten nicht anders einbilden sollen / als wie Phidias Jupitern gebildet hat.
Weil die Lebenden aber ja den Todten nichts bessers zu opffern haben; so
verwahret zum wenigsten das ewige Feuer eures Andenckens in eurem Hertzen so
fleissig / als die Vestalischen Jungfrauen Vestens auf ihrem Opffer-Heerde / mit
welchem die Vorfahren der Julier die ewige Herschaft in Rom gebracht haben.
Opffert ihm den glimmenden Weirauch euer Liebe; der euch so sehr geliebt / und
nichts mehr gefürchtet hat / als dass er von euch gefürchtet würde. Beweinet euer
Unglück: dass ihr keinen August mehr zum Haupte habt; die Welt auch schwerlich
mehr seines gleichen haben wird; nicht seinen Tod; denn dieser hilfft seinem
Leibe zur Ruhe /seiner Seele zur Vergrösserung / seinem Nahmen zur
Unsterbligkeit; welcher der Nachwelt heilig sein wird / es tue es gleich jemand
ihm nach / oder nicht. Den Leib krieget seine Mutter die Erde / die Seele der
Vater der Himmel wieder. Hebet seine Asche zu keinem Aberglauben / wohl aber zu
euerer Erinnerung auf. Bringet durch eure Andacht zu wege; dass wie August im
Leben euer Schild und Schutzherr gewesen / also sein Geist nach seinem Tode euer
Schutz-Gott bleibe. Tut durch weibisches Wehklagen dem Verstorbenen nicht weh /
euer Tapfferkeit aber keine Schande an. Gönnet seiner Asche die Ruh / seiner
Seele die Wohnung unter den Sternen in der Gemeinschaft seines Vaters Julius;
welcher alleine dem August zu vergleichen; jedoch so viel niedriger ist / als
der Krieg dem Frieden nachgibt. Nehmet eures Heiles / euerer Pflicht wahr;
verzweiffelt in keinem Rotstande / trauet dem Verhängnisse / und lasset die
unsterblichen Götter alles übrige machen. Dieser ihr Schluss ist es: dass Fürsten
sterben müssen / Rom aber ewig stehen solle.
    Diese Rede hatte eine so widrige Würckung / als das Wasser im Kalck. Dieses
/ welches ihn leschen soll / zündet ihn an / und jene sollte das Weinen stopffen
/ so erregte sie es. Denn unter so viel hundert tausend Antlitzern war nicht
eines trocken; und man hätte hier ganze Fässer voll Tränen sammlen können.
Denen / welche entweder sich über des Tiberius Erhöhung erfreuten / oder welche
meinten steinerne Hertzen zu Augen haben / schwamm doch die Augen in ihrem
eigenen Brunnen. Vielen presste die Wehmut und Liebe die Zähren ihrer vielen
auch das Erbarmnüs über den veränderten Zustand und den schädlichen Wechsel aus;
da sie nämlich für den holdseeligen und offenhertzigen August den gramhaften
und versteckten Tiberius / und für einen Pelican eine Aegel zum Herrn bekamen.
Fürnemlich sah man das Frauenzimmer gleichsam als versteinerte Nioben in
Tränen zerflüssen / weil diesem vielleicht ahnete: dass ihm das Weinen nur noch
diesen Tag frei stehen /künftig aber es auch an Müttern ein halssbrüchiges
Laster sein würde. Von dem Marckte ward die Leiche durch die übrigen
Sieges-Bogen nach dem Krieges-Felde zu getragen. So bald die Pfeiffer und
Klage-Weiber nun den Bogen des Todes erblickten / fiengen sie ein so grausames
Geheule an: dass einem davon die Haare zu Berge stunden. Die Gesätze mussten hier
ihrer Unsinnigkeit aus dem Wege treten. Denn sie zerkratzten darwider mit den
Nägeln ihre Wangen / sie zerfleischten mit Messern ihre Armen / zerrissen ihre
Kleider / schlugen ihre nackten Brüste / schnitten mit Scheren und Schermessern
/ oder raufften ihre Haare ihnen auf dem Haupte / ja so gar die Augenbranen aus
/ und stiessen die Köpffe an die Pfosten des Trauer-Bogens; teils weil sie mit
ihrem Blute des Verstorbenen- und die höllischen Geister versöhnen / teils
ihrem Leidwesen eine völlige Ausrichtung tun wollten. Endlich streueten sie
ihnen auch Staub und Asche auf den Kopff / besudelten ihre Antlitzer / dass sie
nicht mehr Menschen ähnlich sahen; vielleicht / weil sie bald darauf wider die
unbarmhertzigen Götter abscheuliche Flüche ausschütteten / ihre Tempel zu
steinigen / ihre Altäre abzubrechen / ihre eigene Kinder wegzuwerffen / welches
kein Tun vernünftiger Menschen ist. Das Frauenzimmer / welches bisher mit
brennenden Lichtern gegangen war / leschten numehr selbte / und ihrer viel
zugleich die Vergnügung ihres Lebens aus. Durch die Pforte des Todes kam man nun
zu dem Holtzstosse / um welchen die Leiche dreimal herum / und hierauf auf den
Holtzstoss getragen ward. Auf diesen stiegen anfangs die / welche den Vorrat zu
der letzten Mahlzeit trugen / welche des Verstorbenen Geiste oben bereitet war.
Dieser ward um des Verstorbenen Bette gesätzt / und für einen Greuel gehalten /
wenn jemand solche Speise kostete / welche nicht einst die gefrässigen Habichte
und Sperber anrührten. Es verfügten sich aber auch Livia / Tiberius /Drusus /
und die Bürgermeister hinauf. Livia balsamte des Käysers Leiche hier im Gesichte
/ in Schläffen an Pülssen aufs neue ein; küssete selbten vielmahl und ruffte
abermals dreimal seinen Nahmen / und gehab dich wohl. Hierauf schnitte sie ihr
etliche Spitzen von ihren Haarlocken ab / legte solche auf seine entblössete
Brust / und sagte: Nim hin / liebster Schatz / diss mein letztes Geschencke /
nach dem ich dir nichts mehr geben kann. Denn mein Hertze ist fürlängst bei
deinem Leben dein Eigentum worden. Nach diesem steckte sie ihm wieder die
abgezogenen Ringe an / und öffnete ihm den Mund / und goss ihm gleichsam zum
Reise- oder Abschieds-Truncke darein ein ziemlich Teil des besten mit Myrrhen
vermischten Weines / wie solcher in hohen Feiern denen Bildern der Götter pflegt
fürgesätzt zu werden. Als sie ihm nun auch die wolrüchenden Speisen vorgehalten
hatte / steckte sie ihm eine güldene Müntze unter die Zunge zu des Charons
Fahr-Lohne / legte ihm die Kleider zu rechte / machte ihm die zu Nola
zugedrückten Augenlieder Angelweit auf; gleich als sollte er nun das Ziel seiner
Seele / nämlich den Himmel anschauen. Livia wollte ihm zwar auch einen Finger
abschneiden / und zum Gedächtnis aufheben / aber Tiberius verwehrte es / als
einen dem Gesätze widrigen Aberglauben. Endlich küssete Livia / Tiberius /und
die zwei Bürgermeister ihn noch zu guter letzte einmal / stiegen vom
Holtzstosse herab / und nach dem Tiberius / Drusus / und die Bürgermeister mit
ihren hinter den Rücken an den Holtzstoss gehaltenen Fackeln das Zeichen gegeben
hatten / zündeten die Hauptleute mit abgewendetem Gesichte den Holtzstoss rings
herum an. Als auch die Priester / der Rat und die Leidtragenden mit
angezündeten Schwefel-Kertzen durch dreimahliges herumgehen den Holtzstoss
eingeweiht / oder gereiniget hatten / gossen die Priester wider Königs Numa
Verbot / viel Krüge Wein / Hartzt / Jasminen- und ander Oel in Holtzstoss / das
Feuer desto lebhafter zu machen; Jedermann wünschte auch der Flamme sie
aufblasende Winde /damit der Leib desto zeitlicher in seinen ersten Talg
verwandelt / die Seele aber zu ihrem Ursprunge gelangen möchte. Livia warff ihre
besten Röcke / viel Perlen und Edelgesteine / Tiberius des Käysers Purper- / und
seine Waffen in brennenden Holtzstoss. Die Römischen Frauen riessen ihre Kleider
vom Halse / und warffen sie nebst vielem Schmucke nach; ja sie hätten / wie das
Corintische Frauenzimmer vom Periander bei seines Weibes Begräbnüsse gezwungen
ward / freiwillig alle ihre Kleider verbrennet / wenn sie nicht die Scham ihrer
Blösse zurück gehalten hätte. Die Römischen Bürger aber schütteten noch so viel
Weirauch und Würtzen ins Feuer / als Arabien und Indien kaum in einem Jahre
träget. Die Tichter warffen ihre Lob-Getichte / die Kriegs-Leute allen ihren
Schmuck / Waffen / Kräntze / und dergleichen im Kriege vom Käyser Augusten
empfangene Geschencke / und endlich auch ein fettes Weib in die Flame / weil von
ihrem Fleische die Glut mehr als zweifache Krafft bekommen soll: dahero wenn in
Pest-Zeiten viel Leichen verbrennet werden / die Todten-Gräber zehn Männern
allezeit eine Weibes-Leiche beizufügen gewohnet sind. Die Leibwache hielt auch
linckwärts um den lodernden Holtzstoss ein Rennen /und das Trojanische Spiel /
der Adel aber ein Gefechte. Des Käysers Freigelassene und Knechte schlachteten
auch zwei seiner liebsten Pferde / und stürtzten selbte mit einem Adler /
etlichen Papegoyen und andern singenden Vögeln in die rasende Flamme. Ein Hund
des Käysers aber / welcher seine Leiche stets bewachet und begleitet hatte /
stürtzte sich von sich selbst darein / wordurch Ulpius Martialis ein
Freigelassener und gewester Mundschencke des August angereitzet ward: dass er
nach dem Beispiele des Catienus Philatinus demselben in der Glut das Leben
aufopfferte / von dem er die Freiheit bekommen hatte. Etliche andere taten es
ihm gleichsam aus Schamröte nach / damit die Mohren und Scyten nicht alleine
die Ehre hätten: dass jene sich auf ihrer Könige Holtzstösse tödten / diese sich
mit denen Geliebten begraben liessen. Die Knechte mussten überdiss das Los
werffen / da denn die / welche es traf / von Kriegs-Leuten geschlachtet / und zu
des Todten Versöhnung in die Flamme gestürtzt wurden. Der Holtzstoss brennte in
so weniger Zeit zu Grunde / als kaum jemand glauben konnte. Als er aber am
schreiten loderte / sah man aus selbtem einen Adler empor fliegen; welchen
Livia und Tiberius sonder Zweiffel auf dem Holtzstosse versteckt / und mit einem
langen Bande angebunden hatten / nach dessen unten geschehener Abbrennung er
sich rettete; das abergläubige Volck aber beredete: dass er die Seele des Käysers
zu Jupitern in Himmel trüge. Nach der Zeit machte man / um diese Himmelfahrt
desto mehr zu bekleiden / denen wächsernen Bildern der Käyser ein blindes
Begräbnüs / und baute ein zu diesem Adler-Fluge geschicktes Zelt in Gestalt der
in See-Hafen stehender Leucht-Türme; denen vergötterten Käyserinnen aber
eignete man an statt des Adlers einen der Juno gewiedmeten Pfauen zu. Wie nun
der des Mordes nicht wenig verdächtige Rat zu Rom bei Vergötterung des Romulus
den Julius Proculus anstiffteten / dem gemeinen Volcke weiss zu machen; Romulus
wäre ihm erschienen /hätte ihm befohlen: dass sie ihm ein Heiligtum bauen sollten
/ weil er ein Gott worden wäre / und Ovirinus hiesse; also hatte Livia den
Numerius Atticus mit zehntausend Sestertiern erkaufft; dass er eidlich
beteuerte: er hätte den August sehen in Himmel fahren / und den Jupiter ihm die
Hand zu reichen. Denn ob zwar nach dem Romulus ein und ander Römer von den
Seinigen vergöttert / und sein Bild in Gestalt des Bacchus / des Apollo / des
Mercur oder eines andern Gottes in seinem Hause verehret und bei desselben Asche
geschworen ward; so war doch diss / dass man einen dem ganzen Römischen Volcke zu
einem Gotte aufdrang / ziemlich neu / und war Käyser Julius der ander / August
der dritte. Daher durffte dieser Betrug einen guten Schein / wie August bei
Vergötterung des Julius den erscheinenden Schwantz-stern zu seiner Schmincke
meisterlich angewehrte. Livia / Tiberius /Drusus und alles Volck wartete biss auf
den spaten Abend dem Feuer aus / biss alles zu Asche gebrennet war; da doch
sonsten die vornehmsten vom Marckte nach gehörter Lob-Rede / oder zum höchsten /
wenn der Holtzstoss zu brennen anfieng / weggiengen. Endlich ruffte ein jeder
Weggehender dreimal: Lebe und ruhe wohl! die Erde sei dir leichte. Wir alle
werden nach der Ordnung / wie uns die Natur abfordern wird / dir folgen. Ihrer
viel giengen auch / sich gleichsam zu reinigen / über die gluenden Kohlen. Die
Nacht über ward der verbrennte Holtzstoss ganz unbeirret gelassen / aber starck
bewachet. Auf den Morgen aber kam Livia mit dem vornehmsten Adel in schwartzer
Trauer-Tracht zeitlich dahin. Alle zohen allhier ihre Schuch aus / und wuschen
so wohl ihre Füsse als Hände. Diese mussten die noch glimmenden Brände mit dem
besten Rhetischen Weine / weil ihn August am liebsten getruncken hatte /
ausleschen / und die warme Asche abkühlen. Livia hatte wenig Müh des Käysers
Asche und Gebeine von andern zu unterscheiden. Denn ob zwar auf den bürgerlichen
Begräbnüssen solche nur ungefehr aus der Mitte / wo die Leiche gelegen /
gesammlet werden konnte / so hatte doch Livia des Käysers Leiche in ein von
gesponnenem Amianten-Steine gewürcktes Tuch welches nicht verbrennet /
eingehüllet; also dass sie in diesem Beine und Asche über einen Hauffen beisammen
fand. Sie hob sie mit grosser Ehrerbietung auf / legte sie in ihre Schoss /
betete solche mit vielem Glückwünschen an / küsste und netzte sie mit ihren
Tränen / ruffte dem August abermals dreimal. Hernach wusch sie solche mit
Wein und Milch / und nach dem sie die Feuchtigkeit durch eine dünne Leinwand
abgeseugt hatte / schüttete sie die Asche in ein klein Gefässe aus Berg-Kristall
/ füllete hernach solches teils mit Egyptischem Balsame / teils mit ihren
Tränen. Die Gebeine tät sie mit Aloe / Myrrhen /Amomum / Casia und Zimmet in
ein golden Geschirre. Alles beides aber steckte sie hernach in einen grossen
Todten-Kopff / aus Jaspis. Dessen übrige Höle füllete sie mit Myrten-Oel- und
schwartzen Pappel-Blättern voll; Den Topff aber selbst umwand sie mit so viel
Kräntzen aus Wolle / Seide und Blumen / dass man kaum etwas vom Steine sah.
Hiermit kam Tiberius und Drusus auch darzu / um zugleich mit denen /welche die
Leiche angerührt hatten / von Priestern gereiniget zu werden; weil Tiberius
zumahl sich des sonst vom August bei Octaviens Begräbnüsse gebrauchten Vorhanges
nicht hatte bedienen wollen. Der Priester nahm also einen zusammen geflochtenen
Lorber- und Oelzweig / tauchte selbtes in reines Brunnen-Wasser / besprengte
damit alle Anwesenden dreimal / hernach beraucherte er sie auch mit Weirauch /
Schwefel / Cretischen Zypressen / Farren-Kraut / und sagte: Es ist aus / ihr
mögt gehen. Livia trug in Begleitung des Tiberius / Drusus / des Rates / und
Adels / Augustens Uberbleibung / durch den Sieges-Bogen der Ewigkeit / in das
köstliche Grab-Maal / welches ihm August schon / als er das sechste mahl
Bürgermeister war / zwischen der Flaminischen Strasse und der Tiber gebauet
hatte. Dieses war über und über mit weissen Marmel besätzt / alles von der
besten und mit Milch eingemachter Erde aus Chio zusammen gefügt / und bestand in
drei rundten mit Coryntischen Säulen umsätzten Umfängen. Auf der innern und
höchsten stand das Bild des Käysers August sehr gross und künstlich. Auf denen
Flächen der zwei Absätze derer von vielfarbichten kleinen Kieselsteinen zusammen
gesätztes Pflaster allerhand Spiele der Venus mit Schwanen / Tauben / Gänsen /
und des Cupido kurtzweilige Ergetzligkeiten fürbildete / standen allerhand
frembde aus Assyrien / Persien und Indien gebrachte Bäume und Gefässe / mit
seltzamen Narzissen / Hyacinten / Tulipanen / und die Farbe verwandelnden
Rosen. Zwischen diesen waren hundert Marmelne Füsse zu sehen / darauf die
Ertztenen Säulen gesetzt werden sollten / in welche August seine Taten zu etzen
befohlen hatte. Uber dem Tore waren in Ertzt mit güldenen Buchstaben
eingelassen: C. Octavius August. Zum sechsten mahl Bürgermeister /
Zunft-Meister / Oberster Priester /Vater des Vaterlandes / baute diss ihm und
seinem Geschlechte zum Begräbnüsse. Für dem Eingange standen zwei aus Egypten
gebrachte und hundert Ellen hohe Spitz-Säulen / aus einem einigen Porphirsteine
gehauen. Hinter demselbigen waren weitschweiffige Lust-Wälder / in denen die
Lorber-Myrten-Oelbäume alle nach der Schnure gesätzt waren /und dem Volcke zu
annehmlichen und Schatten-reichen Spatzier-Gängen dienten. Daher auch diesen
Platz niemand leer fand; und selten kam iemand dahin / der nicht zugleich auf
des Käysers Grabmaal stieg. Sintemahl die Menschen gleichsam einen geheimen Zug
haben / so wohl eingeäscherter Menschen / als Städte Grab-Maale zu betrachten.
Wie denn selbst Kayser Julius und August des grossen Alexanders /Cicero
Archimedens / Gräber sorgfältig beschauet hatten. Die darzu bestellten Türhüter
waren auch befehlicht / einen ieden ohne Entgeld einzulassen / und herum zu
führen. Dieses Grab-Maal hatte noch eine besondere Umfassung von Marmel-Säulen /
und darzwischen künstlich geflochtenen Gegittern aus Eisen. Darinnen stand ein
Altar aus Porphier. Die Marmelnen Wände waren auch in besondere Felder
abgeteilet / und durch Bildhauer ausgearbeitet; worinn des Augustens Taten mit
denen des Hercules verglichen waren. Zwischen diese Bäume wurden des Augustus
Haussgenossen begraben / und allhier auch dem Ulpius Martialis ein Marmeln
Gedächtnis-Maal aufgerichtet. In diesem Grab-Maale aber in dem untersten und
eussersten Behältnüsse / war des Marcellus /Agrippa und Drusus Asche schon
verwahret / ihnen auch daselbst Uberschrifften gemacht. In der mittelsten Runde
waren mehr nicht / als zwei Gewölbe /und inwendig mit Sardonichen / Ametisten /
Chrysoliten und dergleichen Steinen versetzten Behältnüsse für Augusten und
Livien bereitet / und darein ein güldener Stul und Krone gesetzet. In dieser
eines lieferte Livia des Kaysers Uberbleibung ab / und sätzte noch in zweien
Gläsern wolrüchende Wasser / wie auch eine Ampel mit ewigem Feuer dazu. Sie
blieb auch fünff ganzer Tage mit einigen aus dem Adel alldar /liess bei dem
Grab-Maale zwei neue Altäre / eines der Juno / das andere des Kaysers Geiste
aufrichten / und hielt daselbst nicht nur Versohn-Opffer für sich; gleich als
wenn sie sich einer grossen Beleidigung schuldig wüsste / und sie im Traume vom
Kayser mehrmahls erschreckt und aufgeweckt würde; sondern sie opfferte auch den
Geistern dess wegen Augustens umkommenen Brutus / Cassius / und Antonius; weil
auch die Todten mit einander Krieg führen / und in Gräbern einander beunruhigen
sollen / wie von zweien zu Tebe und auf dem Berge Garganus beerdigten Brüdern
gegläubt wird; dass ihre Gräber noch die Todfeindschaft gegen einander hegen
sollen / weil sie selbst einander nicht mehr ermorden können. Uber diss flehete
Livia diese Tage alle dahin kommende Bürger und Frembdlinge an: Sie möchten doch
des Verstorbenen Geiste nicht fluchen / noch sein Grab steinigen / oder ohne
Segen und Wunsch verächtlich vorüber gehen / sondern ihm mit Wunsch und Segen zu
Hülffe kommen; sonder Zweiffel / weil sie ihr des Gifftes halber übel bewust war
/ und nicht nur glaubte: dass die / welche eines gewaltsamen Todes gestorben /
ohne ausgeübte Rache an den Mördern / oder Söhn Opffer / zu ihrem Uhrsprunge
nicht kommen /vielmehr aber so lange / als sie sonst gelebt hätten /ums Grab
herum schwermen müsten / sondern weil sie nach dem Tode mit des Kaysers Geiste
einen Krieg zu bekommen besorgte. Dieses / oder vielmehr die sich täglich
mehrende Liebe gegen dem August verursachte: dass das Volck bei diesem Grab-Maale
ein besonderes Altar aufrichtete / und ihm mit nicht wenigerm Eyver / als für
Jahren dem erschlagenen Julius bei seiner Säule opfferten. Inzwischen wurden in
beiden Häusern des verstorbenen Kaysers denen Haus-Göttern Hammel geopffert /
und alle Zimmer von einer darzu bestellten Priesterin mit Schwefel und Wasser
gereinigt. Tiberius bestellte über diss gewisse Verwalter über die zu diesem
Grab-Maale gestifftete Einkünfte / welche solches bauständig erhalten /alle
Hornunge und August-Monate / wie auch am Geburts-Tage dem Kayser neugemolckene
Milch / und Blut von Opffer-Tieren / auch ungemischten Wein opffern / Rosen /
Tausendschön / Hiacynten und Mah-Blätter streuen / Nüsse auswerffen / Fleisch
und Brodt austeilen / dem Todten wohl zu sein wünschen / dem Volcke auf hundert
Taffeln / dem Verstorbenen durch hundert verbreñte Speisen / wie auch von Bohnen
/ darinnen der Verstorbenen Seelen gerne weiden / Eyern / Gegräupe / und
Saltz-Kuchen / ein Leichen Gast-Maal ausrichten / sein Grab mit dem auch in
Istmischen und Nemeischen Spielen beliebten Eppiche bekräntzen / die mit zwei
und mehr Lichtern brennende silberne Lampen unaufhörlich mit Oel unterhalten /
und mit allem dem des Kaysers Geist versöhnen und seine Asche erqvicken sollten.
Uber diss sätzte Tiberius Augustens Bild aus Golde / mit Strahlen / einem
Sternen-Krantze / und dem Blitze in der Hand ins Capitolium unter die andern von
den Römern angebeteten Götter / eignete selbtem ein güldenes Bette / ein Altar
und Priester / und diesem gewisse Gefährten zu / in derer Anzahl er sich / den
Drusus / Germanicus / und Claudius einschreiben liess. Der Römische Rat erklärte
auch Livien selbst zu des Kaysers Priesterin. Uber dieses machte er Anstalt dem
Kayser in Rom noch einen prächtigern Tempel zu bauen / als Julius bekommen
hatte; und alle Länder wurden erinnert / diesem Beispiele nachzufolgen.
Insonderheit ward zu Nola das Haus / worinnen August gestorben war / in einen
prächtigen Tempel verwandelt / und zu Tarracon in Hispanien ein kostbarer
erbauet / darzu sich diese eigenbeweglich anboten. Den neundten Tag nach dem
Begräbnüsse liess Tiberius den Drusus / dem August zu Ehren / allerhand Pferd- und
Wagen-Rennen / Trojanische Spiele halten / Gefechte zwischen Menschen und
Tieren / welche in silbernen Kefichten dahin gebracht wurden / und andere
Kurtzweilen bei des vergötterten Augustus Grabe und Brennstadt halten / welche
er vorher gemahlet in Dianens Lust-Walde dem Volcke vorstellte. Denn nach dem
Acastus zu Jola / Teseus Melicerten im Istmus / Atreus die Olympischen Spiele
/ dem Pelops zum Gedächnüsse gestifftet hatte / war die Gewohnheit durchgehends
allen Helden zu Ehren / welche man für Götter hielt / solche Spiele anzustellen.
Die Leidtragenden selbst sahen nicht allein in Trauer-Kleidern denselben / Livia
und das Frauenzimmer nur alleine denen Fechtern nicht zu; sondern des
verstorbenen Kaysers güldenes und gekräntztes Bild ward selbst in Schauplatz
gebracht / und ihm darinnen die fürnehmste Stelle eingeräumet. Nach derselben
Endigung aber speiseten sie in weissen Kleidern mit dem Rate und dem
fürnehmsten Adel ins Castors Tempel; folgenden Tag aber liess Tiberius fürs Volck
ein Früh-Maal auf tausend Tischen bereiten; Worbei niemand /der nicht mit Eppich
gekrönt war / und nicht dem Todten oder seinen Vorfahren was rühmliches
nachzusagen wusste / sitzen dorffte. Nachfolgende Tage wurden dem Pöfel Bäder
ausgerichtet / und Oel ausgeteilet. Es kam auch ein Ratschluss heraus: dass die
Salii des Kriegs-Gottes Priester alle Jahr nach den Spielen ein gross Maal halten
/ und seine Taten in Getichten singen sollten; welches zu Rom eine so grosse
Ehre war / als wenn sein Nahme zu Aten in Schleier der Minerva gewürcket ward.
Uber diss ward befunden: dass ieder Bürger Augustens Bild als ein Heiligtum in
seinem Hause haben / niemand bei Lebensstraffe einige Müntze / darauf er
gepreget wäre /zerschmeltzen / noch bei seinem Nahmen falsch schweren sollte. In
selbiger Nacht ward eine Ertztene Taffel ins Kaysers Grab-Maal abgeliefert / mit
einer darein von Golde eingelassenen Lob-Schrifft. Ob nun zwar dessen Erfinder
nicht zu erforschen / solche auch dem Tiberius und folgenden Kaysern etwas
verkleinerlich war; so wollte doch Tiberius sich nicht erkühnen solche
unterzudrücken. Daher er denn solche auf die Türe zum Behältnüsse seiner Asche /
auf die sie sich so eigen schickte / als wenn sie mit Fleiss dazu gemacht wäre /
anfügen liess. Es bestand aber solche in folgenden Worten:
                               Octavius Augustus
                             liegt hier begraben /
                Welcher vorher in Rom alle Bürger-Kriege begrub.
                     Dieses erkieste ihn zu seinem Haupte /
                     Um sich dadurch vieler zu entbürden /
                     derer es mehr als Berge in sich hatte.
        In seinem Leibe war die Annmt / im Gemüte die Tugend lebhaft;
                   um diese durch jene annehmlich zu machen.
 Seine Jugend hatte in sich nichts unreiffes / sein Alter nichts verdrüssliches.
              Als er noch Bürger war / stellte er einen Fürsten /
                  und als er Käyser worden / einen Bürger für.
     Also verdiente er / was er erlangte; und er erlangte was er verdiente;
          Wiewol Rom mehr durch ihn / als er durch Rom glücklich ward.
      Denn Fürsten machen glücklich; wenn sie es gleich selbst nicht sind.
           In seiner Kindheit schien er zum Kriege geboren zu sein;
            nach dem er aber aller Waffen in die Hand kriegt hatte /
                             warf er sie alle weg;
               um den Krieg zu verjagen / den Frieden zu umarmen.
              Er war stets unruhig / die Welt in Ruhe zu erhalten;
                des Janus Tempel schloss er zu / des Apollo auf /
    gleich als hätten die Götter ihm den Schlüssel zu ihren Heiligtümern /
             wie das Verhängnüs zu seinen Geheimnüssen zugestellt.
                Er rauffte den Lastern die Schwung-Federn aus /
              und liess die Haare der Gelegenheit nie aus Händen /
                  dem Siege und Glücke band er die Flügel ab /
                         und hefftete sie den Musen an;
                     dass jene in Rom mussten Stand halten /
                 diese aber aus Griechenland in Latium flohen.
           Seine Feinde halffen ihm / Er aber der Tugend ans Brett /
                          und der Ehre an rechten Ort.
                  Also verzuckerte er dem Volcke den Gehorsam;
              dass selbtem für der Freiheit wie für Galle eckelte.
            Hierdurch ward er ein glücklicher Vater des Vaterlandes;
                           aber nicht seines Hauses;
      vielleicht weil er alle Sorgen für jenes / keine für dieses führte.
               Er verwandelte die eiserne Zeit in eine güldene /
                  dass wo vor Blut / jetzt Milch und Oel floss /
                um den Nahmen eines güldnen Käysers zu bekommen.
 Und / weil er durch Künste und Wissenschaft aus Vieh Menschen gemacht hatte /
          sich durch Woltaten aus einem Menschen zum Gotte zu machen.
                     Ja er wäre noch was grössers worden /
           wenn jemand höher steigen könnte / der dem Glücke zu Kopffe
                     und der von der Geburt an bis ins Grab
                            alle Tage gewachsen war.
               Jedoch ward er durch den Tod allererst am grösten.
   Denn Rom erfuhr so denn: dass er zwar unter Fürsten ein eintziger Phönix /
                aber aus seiner Asche kein ander zu hoffen wäre.
                   Dieses wird nach ihm so lange seufftzen /
                 biss er seines gleichen bekomme / nämlich ewig.
      Denn keinen bessern hat Rom zu wünschen / noch die Natur zu geben /
              und also Rom nicht ihn / wohl aber sich zu beweinen.
                                  *** *** ***
Auf der andern Seite dieser ertztenen Taffel war eine Weissagung: Augustus würde
seinen letzten Enckel zwar aus seinem Grabe ruffen; aber dieser würde nicht die
Ehre haben darein zu kommen. Und wenn der dritte Käyser würde sollen vergöttert
werden /würde es sich von sich selbst auftun.
    So viel nun jetzt dem August nach der Eigenschaft des menschlichen Gemütes
/ welches die Güte einer Sache allererst nach derselben Verluste zu schätzen
anfängt / zu Ruhm ersonnen und geschrieben ward /so viel stachlichte Schrifften
kamen auf Livien und den Tiberius heraus. Insonderheit fand man an einem Morgen
an dem Tempel Proserpinens folgendes angeschrieben:
Der Mord-Geisi der Stadt Rom stieg in den Pful der Höllen /
Und nahm die Furien ihm zu Gehülffen an /
Kommt! sagt Er / helffet mir einst den Augustus fällen
Weil Arglist / Gift und Stahl ihn nicht verletzen kann.
Sie aber wollten sich nicht dessen unterfangen /
Was Furien zu arg / hat Livia begangen.
    Am Rathause aber war folgendes angeschlagen:
August der Vater stirbt durch seines Weibes Rencke;
Die uns von anfangs her Stief-Mutter ist gewest /
Schwingt jetzt der Stief-Sohn sich ins Röm'schen Adlers Nest /
Nur / dass er Rom und uns als ein Stief-Vater kräncke.
Er ist im guten stumpf- im schlimmen scharffer Sinnen
Ein Schoss-Kind des Gelücks / der Tugend stärckster Feind;
Er denckt nie / was er sagt / und sagt nie / was er meint
Ist Füchsen gleich an List / an Neide Molch- und Spinnen.
Die Aegeln dürsten nicht / wie Er / nach Menschen Blute.
Er schäumt kein wiegernd Hengst von Geilheit so / wie er;
Sein Kopff ist voller Wind / sein Hertz erbarmens-leer;
Er nagt / doch sättigt er sich nie an frembdem Gute.
Er sieht Tag und Nacht wie Nacht-Euln und wie Geier /
So werden nun sein Raub so Schuld als Unschuld sein;
Aus diesem bilde / Rom / dir dein Verhängnüs ein;
Doch 'brüttest du selbst aus die Basilisken-Eyer.
Du bist noch sehr bemüht zum Käyser ihn zu machen /
    Und machst zum Sklaven dich / wenn du / O Tör'chte! meinst:
Dass Er nicht herrschen will. Doch / die du jetzt gleich weinst /
Sei nur getrost! du wirst zu seinem Tode lachen.
Unter denen Spatzier-Gängen des Panteons aber ward an dem Bilde des Käysers /
welches Agrippa dahin gesätzt hatte / unten an dessen Porphierenen Fusse
folgende Uberschrifft künstlich eingegraben gefunden:
Zwei Wunder sieht die Welt in dieser schnöden Zeit
Der Juden grosser Gott wird Mensch / und kommt auf Erden;
Der schwache Mensch August meint aber Gott zu werden;
Wie dass ihr denn so blind und abergläubisch seid!
Dass ihr den wahren Gott für keinen Gott erkiest /
Und den zum Gotte macht / der Asch' und Unflat ist?
Niemand konnte begreiffen / wie es möglich gewest wäre: dass in einer Nacht / und
ohne dass es die Hütter dieses Tempels gewahr worden / in einen so Eisen-harten
Stein so viel habe gegraben werden können. Noch unbegreiflicher aber war ihnen
der Innhalt / und zerbrachen ihnen nicht nur die Priester darüber ihren Kopff /
sondern auch der Rat befahl / darüber die Sibyllinischen Bücher aufzuschlagen.
Tiberius liess zwar unter dem Scheine: dass Augustens Bild nunmehr in den Tempel
neben die andern Götter zu sätzen wäre / welches August im Leben nicht hätte
verstatten wollen / den ihm ärgerlichen Fuss wegnehmen; gleichwol schickte er dem
Jüdischen Land-Pfleger die Abschrifft hiervon mit Befehl: dass er von den
Jüdischen Priestern eine Auslegung hierüber fordern sollte. Den dreissigsten Tag
hob Tiberius bei den Männern alles Trauren auf / liess einen jeden seiner
Ampts-Geschäffte und Nahrung abwarten / und sagte: die Klage hätte eines Maasses
nötiger / als die Freude. Die tapffern Spartaner hätten nur eilf Tage / und
andere kluge Völcker zum längsten einen Monat unterschiedene Völcker auch gar
nicht wolverdiente Todten betrauret; ja die Tracier beweinten der Ihrigen
Geburts- und feierten mit Lust-Spielen ihren Sterbe-Tag. Viel tapffere Römer
wären von ihrer Eltern oder Kinder brennendem Holtzstosse aufs Rathauss in ihre
Aempter gegangen / und hätten bei Verrichtungen ihnen das Betrübnüs aus den
Sinnen geschlagen. Der Verstorbenen Seelen würden so wohl durch übermässiges / als
durch unterlassenes Trauren beleidiget. Die edlen Frauen aber giengen nicht
weniger um den Käyser /als für Zeiten um den Junius Brutus den so eifrigen
Rächer der versehrten Keuschheit ein ganz Jahr im Leide / wiewol im Hertzen
viel verständige Bürger ihr Lebtage.
    Nach derogestalt geendigtem Trauren kam der ganze Rat im Tempel der
Eintracht zusammen. Niemand war in selbtem / welcher nicht gegen dem Tiberius
ehrerbietiger als vorhin gegen dem August war; alle aber fleheten ihn / und zwar
etliche mit Tränen an: dass er doch die schwere Last der Herrschaft über sich
nehmen möchte. Aber Tiberius stellte sich hierzu ganz kaltsinnig / machte ihm
die Sache schwer /schützte die Mässigkeit seines mit wenigem vergnügten Gemütes
und Unvermögen / und am meisten die Grösse des Reiches für / welches zu
begreiffen / alleine Augustens Geist fähig gewest wäre. Gleichwol aber hätte
dieser ihn mit einem Teile seiner Sorgen beleget / und er bei diesem wenigen
durch Erfahrung gelernet; wie diese Last auch dem Vermögensten zu Kopffe wachse
/ und wie im Herrschen keine menschliche Klugheit alle Zufälle vorher sehen /
weniger verhüten könnte. Rom wäre mit so vielen erlauchten Leuten ausgerüstet;
als hätten sie nicht von nöten alles einem auf den Hals zu schieben. Ihrer viel
könten mit gesamtem Rate und geteilter Arbeit besser als einer dem gemeinen
Wesen vorstehen. Mit diesen und andern zweideutigen Reden und schlauer
Langsamkeit versteckte Tiberius seine Gemüts-Meinung; dass einer den andern
ansah / und keiner wusste / was er eigentlich daraus nehmen sollte. Die meisten
kennten zwar des Tiberius Art / und konten sich leicht bescheiden / dass dieser
Vorwand sein Ernst nicht wäre; aber sie mussten aufs künstlichste sich verstellen
/ als wenn sie seine Künste nicht merckten. Daher verfiel ihre Zunge in
Wehklagen / ihre Augen in Tränen /ihre Andacht in seltzame Gelübde / da die
Götter des Tiberius Hertze erweichen würden. Etliche umarmten das Bild Augustens
/ etliche des Tiberius Knie /drückten ihm die Hände / und baten ihn: er möchte
sie doch nicht hülff- und trostloss lassen. Aber Tiberius liess an sich die
geringste Veränderung nicht spüren; sondern befahl das vom August mit eigner
Hand geschriebne und hernach in zwei ertztene Seulen geetzte Verzeichnüs über
das auf den Füssen stehende Kriegs-Volck / die Schiffs-Flotten / die den Römern
untertänige Reiche / Länder / derselben Einkünfte /und die nötigen Ausgaben
abzulesen. Aus diesem /sagte Tiberius / habt ihr die Schwerde dieser Last zu
urteilen. Und als einige Ratsherren ihm so gar knechtisch zu Fusse fielen /
fieng er an: Er wäre der ganzen Last nicht gewachsen; was sie ihm aber für ein
Teil davon auftragen würden / wollte er treulich verwalten. Asinius Gallus fiel
ihm ein: Was meint denn Tiberius / welch Teil des Reiches ihm anständig sei?
Italien / die Heere / oder die eroberten Länder? Tiberius befand nicht ohne
Bestürtzung sich durch diese unvermutete Frage gleichsam zwischen Tür und
Angel. Nach einem kurtzen Stillschweigen aber fasste er wieder ein Hertze und
sagte: Er würde so unverschämt nicht sein: dass er ihm von dem selbst was
auslesen sollte / damit er sich lieber gar verschont wissen wollte. Gallus /
welcher dem Tiberius seine Entrüstung an Augen ansah / versätzte: Er hätte ihn
nicht in der Meinung gefraget: dass er diss / was sich nicht zertrennen liesse / zu
teilen gedächte; sondern dass er den Tiberius durch sein eigen Bekäntnüs
überwiese: das Römische Reich bestünde in einem Leibe /also müste es auch durch
nicht mehr / als einen Geist beseelet werden. Dieses hätte Käyser August durch
sein Beispiel schon erhärtet; unter welchem alles /und so gar die entferntesten
Sachen an der Schnur gegangen wären; gleich als ein Atem und eine Hand alle
Räder des Reiches herum drehete; in welchem vormahls ein Kopff hier / der andere
dort hinaus gewolt; jeder Land-Pfleger seinen Gemüts-Regungen gefolgt / und
diese Zwytracht die Harffe der Herrschaft schädlich verstimmt hätte. Diese
Kunst hätte Tiberius / welcher Augustens Gefärte gewest / von ihm begriffen /
durch so viel Siege und mühsame Aempter bewiesen; und andere würden in vielen
Jahren nicht begreiffen / was Tiberius aus Erfahrung wüste / und sein
scharffsinniger Geist von Grund aus verstünde. Aber diese Heuchelei war ein zu
schlechter Schwam die Beleidigung auszuwischen. Denn Tiberius war ihm schon
vorher über Achsel / weil Asinius die vormals dem Tiberius verheiratet geweste
Vipsania Agrippens Tochter zur Eh / und keinen Zug zur Dienstbarkeit / sondern
vielmehr seines Vaters Pollio Sinn hatte / der als im Kriege bei Actium gleich
ganz Rom und Italien auf Augustens Seite stand / alleine stille sass / und sich
zur Beute des Uberwinders aufhob; hernach auch den Geschicht-Schreiber Timagenes
in sein Haus aufnahm / als ihn August wegen heftiger Stachel-Schrifften aus
seinem verstiess / auch wider die vom August in Schwung gebrachte Trojanische
Spiele heftig redete / weil sein Enckel Aesernin darauf ein Bein gebrochen
hatte. Lucius Arnutius stiess beim Tiberius an eben diesen Stein an / als er
anfieng: wenn sich auch gleich das Reich teilen liesse / wer würde des Tiberius
würdiger Gefärte sein / den er nicht selbst aus seinem eigenen Hause nehme.
Denn ob zwar Tiberius keinen alten Groll auf den Arnutius / oder eine andere
Ursache ihn zu hassen hatte / als dass er reich / hurtig / gelehrt / und in Rom
hoch gesehen war / so ging ihm doch dieser Einwurff durchs Hertze; weil seine
Rede dem ohne diss verdächtigen Germanicus das Wort zu reden schien / und August
den Arnutius selbst so keck als geschickt zum Herrschen geurteilt hatte. Daher
antwortete ihm Tiberius: Die Stadt Rom wäre das grosse Haus / daraus die
Vorsteher des gemeinen Wesens genommen werden könten. Haterius ward dieser
Verstellung überdrüssig / und fuhr heraus: Wie mag sich doch Tiberius so lange
bitten lassen / da er selbst wohl weiss: dass ausser ihm niemand zum Haupte des
Römischen Volckes geschickt sei? Scaurus aber sätzte bei: Er würde ja die
Hoffnung des ganzen Rates nicht lassen in Brunn fallen / da er denn / was
vorher die Bürgermeister verlangt hätten / als oberster Zunftmeister nicht zu
wider gewest wäre. Tiberius verhörte diss / weil er sich über den Scaurus
unversöhnlich erzürnte / den Haterius fuhr er an: Wenn hat das Römische Volck
iemahls ein Haupt über sich begehret? und wenn ich nach der Herrschaft strebte
/würde ich mich so lange nicht bitten lassen. Endlich ward er durch so vieler
demütiger Bitte ermüdet: dass er sich darein gab; iedoch sollte seine
Einwilligung mehr den Schein haben: dass er nicht mehr wollte gebeten sein / als
dass er die Herrschaft wahrhaftig übernähme. Gleichwohl kostete es nach und
nach alle / die diesen Tag bei ihm angestossen / das Leben; Ausser Haterius /
welcher dem Tiberius in seinem Hause einen Fussfall tat / ward endlich durch
Liviens bewegliche Bitte kaum ausgesöhnt. Wiewohl auch Tiberius Livien mit
schälen Augen ansah / und sich derselben so viel möglich entschlug /
insonderheit aber lange und geheime Unterredungen meidete: dass es nicht den
Schein haben sollte / als wenn er sich derselben Rates bediente / die ohne diss
sich nebst ihm zu herrschen unterstund / und sich rühmte: Sie hätte den Tiberius
zum Kayser gemacht. Daher er auch die Ratschläge zu bestätigen weigerte /
Krafft welcher Livia die Mutter des gemeinen Wesens / Tiberius ein Sohn Juliens
genennt / und deswegen dass Augustus sein Ehweib Livien in das Geschlechte der
Julier und zu seiner Tochter angenommen hatte / ein Altar der Einkindschaft
erbauet werden sollte. Ja er wollte ihr nicht einst einen Schergen / derogleichen
doch den Vestalischen Jungfrauen vortraten / oder auch / dass sie bei Augustens
Säule dem Adel ein Gast-Maal ausrichtete / erlauben; sondern er redete im Rate
dawider: Man müsste die Ehren des weiblichen Geschlechtes mässigen / derogleichen
er selbst gegen sich tun wollte. Hingegen bat er für den ihm nicht wenig
verdächtigen Germanicus beim Rate aus: dass er sein Lebtage in allen Ländern /
wo er hinkäme / die völlige Botmässigkeit haben sollte / um ihn hierdurch zu
besänftigen / und von der Lüsternheit nach dem Kaysertume abzuhalten. Den
Elius Sejanus aber machte er zum Gefärten seines Vaters Strabo / und zum
Hauptmanne über die Leibwache / wie auch zum Hofemeister seines Sohnes des
Drusus.
    Unterdessen kochte das Misstrauen gegen den Germanicus unaufhörlich in des
Tiberius Hertzen; und es ging weder Tag noch Nacht fürbei: dass er nicht auf
Mittel sann / ihn in etwas zu verwickeln / bei dessen Verrichtung er so viel zu
schaffen kriegte; dass er weder nach Rom / noch an die Herrschaft gedächte.
Hierzu aber fand er nichts dienlichers als den Krieg mit den Deutschen; zu
welchem Feuer Adgandester und Sentia auffs fleissigste Holtz trugen; welche nach
vernommenen Tode Augustens auff der Post nach Rom kommen waren / um zu
verschaffen: dass der von ihnen angesteckte Krieges-Zunder mit Augusten nicht zu
Asche werden möchte. Diese rieten dem Tiberius: dass er teils zu seiner
Sicherheit / teils einigen deutschen Völckern einen Dunst für die Augen zu
mahlen / die vom August abgeschafte deutsche Leibwache /der mit dem Hertzoge
Melo und Ganasch getroffenen Abrede nach / nunmehr wirklich aufrichten / und
mit ihnen das Bündnüs verneuern sollte. Welches denn auch ohne Verzug geschahe;
und wurden tausend Bataver zu Pferde / zwei tausend Sicambrer und Chautzen zu
Fusse / und der Graff von Diepholt zu ihrem Hauptmanne angenommen. Sentia und
Adgandester wollten auch für anbefohlnem Kriege von Rom nicht verrücken / sondern
lagen dem Tiberius täglich an Ohren: dass er bei so glücklich gesämten Kraut der
Zwytracht unter die Deutschen / mit den Catten und Cheruskern zu brechen / die
Gelegenheit nicht versäumen sollte. Es war schon alles abgeredet / an den König
Marbod / Hertzog Melo / Ganasch / und Cariovalda Gesandten und Geschencke / um
sie in guten Gedancken gegen die Römer zu erhalten / auch an Germanicus /
welcher / um sich alles Argwohns zu entschütten / nach erster Nachricht von des
Kaysers Tode sich tieff in Gallien verfügt hatte / und mit Einnahme der
Schatzung unmüssig war / Befehl abgeschickt / alles zu einem mächtigen Kriege zu
bereiten. Damit auch dieser Schluss durch kräfftigen Aberglauben bestärckt würde
/ tichtete Tiberius: Qvintilius Varus wäre ihm des Nachtes in blutiger Gestalt
erschienen / und ihm den Untergang gedräuet / da er die unbedeckten Beine der
erschlagenen Römer nicht beerdigen / und die im Tanfanischen Tempel zu seiner
ewigen Schande aufgehenckten Adler nicht zu denen /welche die Parten wieder
geschickt / in des rächenden Kriegs-Gottes Heiligtum liefern würde. Aber diesen
Schluss verrückte eine unvermutete Zeitung vom Julius Bläsus: dass die ihm in
Pannonien untergebene achte / neundte / und funffzehende Legion bei veränderter
Herrschaft in dem Sommer-Lager auff Anstifftung eines Gaucklers Percennius /
und eines gemeinen Lands-Knechtes Vibulenus sich wider ihn aufgelehnet / ihren
Stand und Wache verlassen / die Adler und sich unter einander vermischet / ihren
Befehlhabern Spott und Gewalt angetan hätten. Wenige Tage darnach kam des
Bläsus Sohn / welchen sie zu dieser Gesandschaft gezwungen hatten / selbst nach
Rom / mit ihren Beschwerden; welche darinnen bestunden: dass sie teils dreissig
und viertzig Jahr im Kriege gedient hätten / und mit ihren gebrechlichen
Gliedern nicht zur Ruh kommen könten / da die Gesätze sie doch nach zwantzig
Jahren losssprächen. Wenn sie auch schon hohen Alters halber der Wache und
Schantz-Arbeit befreit würden / müsten sie doch unter den Fahnen und wider den
Feind dienen; oder endlich in wüsten Ländern Sümpffe austrocknen / und Felsen
fruchtbar machen. Ihr Leib und Seele würde jeden Tag nur für zehn küpfferne
Heller geschätzt; für ein so schnödes Kauffgeld müsten sie ihnen Kleider /Waffen
/ Zelte schaffen / der Hauptleute Grausamkeit / Schläge / Wunden / Frost / Hitze
/ und endlich einen unfruchtbaren Frieden vertragen. Jeder von der Leibwache
hingegen / der doch nach sechtzehn Jahren seinen Abschied zu erwarten hätte /
bekäme täglich zwei Silber-Groschen / also noch einmal so viel; da doch diese in
der Stadt ihre gute Beqvämligkeit / sie gegen die wilden Völcker tausend
Ungemach und Gefahr auszustehen hätten. Welchem allem sie von dem neuen Fürsten
abgeholffen wissen wollten. Dieser schlimmen Botschaft folgte täglich ärgere
Nachricht; nämlich: dass die Aufrührer die Fahnen von den Stangen gerissen /
etliche Flecken / ja gar die Stadt Nauport geplündert / die Hauptleute
beschimpfft / den Aufseher über das Lager Aufidienus zu Bodem geworffen / und
bei nahe erstecket / den Bläsus selbst geschmähet / die Gefangenen mit Gewalt
aus den Fesseln gerissen / den Hauptmañ Lucilius getödtet / also alle Scham und
Gehorsam ausgezogen hätten. Tiberius ward hierüber aufs euserste bestürtzt / in
Meinung: dass des Kriegs-Volckes Verlangen nur ein Vorwand /das rechte Absehn
aber auf seinen eigenen Kopff gemüntzet wäre. Ihm war über diss bekandt: dass die
Pannonier ihm grämer / als einer Spinne waren / und daher leicht wider ihn in
Gemeinschaft der Waffen treten / die zu Carnuntum an der Donau liegenden
Legionen mit aufwiegeln / und wohl gar dem Könige Marbod sich Pannoniens zu
bemächtigen / den Bojen / Marckmännern und Schwaben in Rhätien einzubrechen
Anlass geben möchten. Ob nun zwar Tiberius wie alle / also auch diese Wunde für
Rat und Volcke meisterlich zu verbergen wusste; so konten doch alle Klugen
leicht urteilen: dass die Sachen ziemlich schlecht stehen müsten; weil er seinen
eigenen Sohn Drusus mit dem Sejan / vielen Ratsherren / zweien Fahnen zu Fuss /
und fast aller Reiterei der Leibwache / und funfzehn hundert Deutschen dahin
schickte. Aber der übel beredete Drusus hatte bei denen Aufrührern schlechtes
Ansehn / seine Verströstung dass der Rat ihren Sold verbessern / ihnen
zeitlichere Erlassung willigen würde / keinen Glauben. Sie störten ihn in seinem
Vortrage / verhöhneten den abgelesenen Brieff des Tiberius; welcher sie schon
mehrmahls hinters Licht geführet hätte; und weil sie glaubten: dass Eneus
Lentulus dem Drusus wider sie alle Anschläge / und sich zurück in das
Winter-Läger zu ziehen / an die Hand gäbe / riessen sie ihn von der Seite des
Drusus weg / umringten / verwundeten ihn am Haupte mit einem Steine / und hätten
ihn gar erwürgt / wenn nicht die Deutschen zugeeilet / und ihn ihnen / und dem
Tode aus den Klauen gerissen hätten. Es würde aber zweifelsfrei mit dem Drusus
selbst schlecht abgelauffen sein / wenn nicht der Himmel durch Verfinsterung des
Mohnden / oder vielmehr der einfältigen Kriegs-Leute Aberglauben / seinem
Unsterne abgeholffen hätte. Denn sie bildeten ihnen ein: dass die Götter ihr
Vorhaben verdammten / und durch den beängstigten Mohnden ihnen ihr künftiges
Elend fürbildete. Uber welcher Einfalt des Römischen Kriegs-Volckes sich nicht
zu verwundern war / weil sie dessen natürliche Ursache nicht wussten; nämlich dass
der Mohnde durch den zwischen die Sonne und den Monden kommenden Schatten der
Erde / die Sonne aber durch den zwischen die Sonne und die Erde tretenden
Mohnden nur in unsern Augen / nicht aber in ihnen selbst wesentlich verfinstert
würden. Aus welcher Unwissenheit auch Nicias bei einem solchen Finsternüsse der
Stadt Aten Kriegs-Flotte nicht aus dem Hafen führen wollte / Hannibal für der
letzten mit dem Scipio gehaltenen Schlacht / Perseus / und seine Macedonier / in
der Schlacht mit den Römern so sehr erschreckt wurden / als die unvernünftigen
Tiere sich bei Finsternüssen entsetzen. Hingegen kam Sulpitius Gallus bei
seinen Römern / der mit den Africanern kriegende Agatocles bei seinen Siciliern
durch Auslegung der wahren Beschaffenheit / allem Schrecken klüglich zuvor / und
benahm ihnen den gemeinen Aberglauben: dass die verfinsterten Sterne kranck
würden / oder gar stürben; dahero die Leute insgemein / und auch dissmahl allhier
die Römer dem notleidenden Mohnden mit klingendem Ertzte zu Hülffe kommen
wollten. Drusus machte ihm diesen Zufall meisterlich nütze; liess durch den
Hauptmann Clemens und etliche andere Gutgesinnte ihnen ihr Verbrechen und die
Torheit / wenn sie glaubten: dass Percennius und Vibulenus an statt der Neronen
und Drusen das Hefft des Reiches behaupten würden / zu Gemüte führen. Nach dem
diese die Gemüter ziemlich gewonnen / beruffte sie Drusus selbst für sich / und
hielt ihnen ein: Ihr Aufruhr wäre ein solcher Greuel in den Augen der Götter /
dass sie auch den himmlischen Lichtern ihre Krafft benähmen / um solche Laster
nicht zu schauen. Der unerträgliche Winter / die heftigen Platz-Regen / der
stete Hagel / die Ergiessungen der Wässer rührten nicht ungefehr her; sondern
wären gerechte Straffen des erzürnten Himmels. Diese würden sich noch
vergrössern / wenn sie nicht ihre Hartnäckigkeit in Gehorsam verwandelten. Auf
solchen Fall aber wollte er für ihr Verlangen selbst bei seinem Vater / und dem
Rate eine Vorbitte einlegen. Hierauf gab sich das Kriegs-Volck / schickte aufs
neue den jungen Bläsus /den Lucius Apronius aus des Drusus Leibwache / und den
ersten Hauptmann Justus Catonius nach Rom. Drusus liess die Rädelsführer
aufsuchen / und durch die Deutschen; den Vibulenus und Percennius aber in seinem
eignen Zelt hinrichten. Die drei Legionen verliessen das Sommer-Lager / gleich
als wenn dieser Ort ihnen stets ihr Verbrechen fürrückte / verfügten sich in das
Winter-Lager / Drusus aber nach Rom.
    Ehe aber Drusus diese Verwirrung in Pannonien verrichtete / ward Tiberius
fast durch eine viel ärgere Zeitung bei nahe entseelet; nämlich: dass alle neun
auf die Gräntzen Deutschlands verlegten Legionen in vollem Aufruhre begriffen
wären. Sintemahl er diss für eine Anstifftung des Germanicus hielt; wech er doch
noch in Gallien die Schatzung einsammlete / und alle Städte / wo er hinkam /
besonders die Seqvaner und Belgen dem Tiberius schweren liess. Zu und um Mäyntz
lag die andere / dreizehnde / viertzehnde und sechtzehnde Legion. Ihr Haupt war
in des Germanicus Abwesenheit / Cajus Silius. Von der Reiterei dieser Legionen
ward bei Trier / Effern / ein deutscher Edelmann abgehalten / welcher von
Tussnelden Brieffe an Agrippinen zu bringen hatte / in Meinung: dass er ein
Kundschafter wäre. Wie er aber für den Römischen Rittmeister Sergius gebracht /
und seiner Verrichtung halber befragt ward / rechtfertigte er sich teils durch
seine Brieffe; teils durch vorgewendeten Befehl: dass er wegen des deutschen
Feldherrn dem Germanicus zum Erbteile des Römischen Reichs Glück wünschen
sollte; Also ward Effern frei; Sergius aber saan der Sache nach / und liess sich
hierauf gegen etliche vertraute Römer heraus: Es wäre ihnen wohl eine Schande:
dass ein Deutscher sie ihrer Pflicht erinnern sollte; welchem allerdings für dem
Tiberius so wohl sein / als seiner Gemahlin halber das Käysertum zugehörte / und
welcher es auch für einem gramhaften Sauer-Topffe verdiente. Diese Meinung
breitete sich in wenig Tagen durch alle vier Legionen aus: dass in Mäyntz die
Hauptleute und gemeine Knechte täglich für des Silius Wohnung kamen / und
fragten / was ihn hinderte oder aufhielte / dass er die Legionen nicht zusammen
führte / und sie dem Germanicus vereidete? welcher ihm ja nimmermehr den
gramhaftigen Tiberius die Beherrschung des Römischen Volckes würde wegnehmen
lassen / welche ihm so wohl das Erb-Recht / als die Liebe der Legionen / die für
ihn alles euserste tun würden / zueignete. Aulus Cäcina aber lag mit der ersten
und zwantzigsten Legion in der Stadt der Ubier; die fünfte und ein und
zwantzigste war nahe herum verlegt. Diese waren eben so gut für den Germanicus
gesinnet; und weil beide ihnen einbildeten: dass gut ihnen die Kräfften des
Römischen Reichs beruheten / von denen deutschen Legionen die Käyser ihre
Zunahmen entlehnten / stünde ihnen die Erwehlung des Hauptes zu. Weil ihnen aber
zu solcher Erklärung ein verwegener Führer mangelte / und ihnen des Germanicus
Gemüte unbekandt war / stiffteten die Verschlagensten die gemeinen Knechte an /
mit welchen nach des Varus Niederlage die Legionen waren verstärckt worden: dass
sie in Kriegs-Diensten mehr Freiheit / grössern Sold / und zeitlichere Erlassung
forderten. Ehe aber ihnen was gewehret oder verweigert ward / fielen sie ihre
Hauptleute mit blossen Degen an / schlugen selbte zu Bodem / und warffen sie
todt entweder über den Wall / oder in Rhein. Septimius meinte sich bei den
Füssen und unter dem Stuhle Cäcinens zu retten; aber sie machten des Dräuens
kein Ende / biss er ihnen zu Abstraffung seiner Grausamkeit / nämlich zum Tode
ausgefolgt ward. Cassius Chärea / welchen das Verhängnüs zu Abtuung des
Unmenschen Caligula aufheben wollte /machte ihm mit dem Degen einen Weg durch die
Aufrührer. Niemand gehorchte mehr den Obersten und Befehlhabern; sondern die
gemeinen Knechte bestellten die Wachen / besätzten den Stand / und verrichteten
alles in unglaublicher Ordnung und Eintracht.
    Weil nun Augustens Tod die ganze Welt / und sonderlich Deutschland rege
gemacht hatte / hätte es ihm der Feldherr für die gröste Schande geachtet /wenn
er nicht bei diesem grossen Staffel-Jahre der Welt und einer so mercklichen
Veränderung beide Augen aufgesperret / und die Römischen-Heimligkeiten
auszuspüren alle euserste Mittel fürgekehret hätte. Daher säumte er sich nicht
nach erfahrnem Absterben des Käysers mit dem Hertzoge Ingviomer und Jubil nach
Mattium zu eilen / und beim Hertzoge Arpus auf den Teppicht zu werffen / was bei
gegenwärtiger Gelegenheit für Deutschlands Sicherheit zu beobachten nötig wäre.
Zumahl er ihn nicht etwan aus selbst gemachtem Argwohne / sondern aus
glaubhaften Nachrichten versichern könnte: dass Germanicus nicht aus Liebe des
Friedens seinen Anspruch auf die Catten und den Brücken-Bau über den Rhein
abgetan; sondern allein Augustens Tod ihm die Zirckel verrückt / und ihn von so
schädlichen Anschlägen zurück gehalten hätte. Er wäre von vertrauter Hand auch
versichert: dass Adgandester auf des Tiberius Anstifftung beim Hertzoge Melo und
Ganasch wider die Cherusker und Catten eine solche Glocke gegossen hätte /welche
man in kurtzem zu ihrem Schaden durch ganz Deutschland würde leuten horen. Des
Melo und Ganasches gäntzliche Abziehung von dem Leibe des übrigen Deutschlandes
gäben diss nicht nur zu verstehen; sondern die den Römern geschehene Räumung des
Ubischen Altares / und des Emsse-Stromes machten hierüber eine so klare
Auslegung: dass man sie billich Leute ohne Augen nennen könnte / wenn sie diese
Gefahr übesähen. Hertzog Arpus hatte ein so gutes Gemüte für die gemeine
Wolfart / als ein tapfferes Hertze was Helden-mässiges zu entschlüssen. Aber
weil er von Rom Nachricht hatte: dass alle Winde in des Tiberius Segel bliessen /
hielt er nicht für ratsam / ausser eusserster Not einen gefährlichen Streich
zu wagen / sondern meinte: es wäre das sicherste nur auf guter Hut zu stehen.
Hierüber kam die Nachricht nach Mattium; dass das Römische Heer am Ober-Rheine
den Germanicus zum Kayser haben wollte / das am Nieder-Rheine aber in dem grösten
Aufruhre begriffen wäre. Der Feldherr wusste ihm diese Begebnüs wohl nütze zu
machen / und hielt dem Hertzoge Arpus für: dass die Zwytracht der Feinde eines
Staats heilsamstes Genesungs-Mittel wäre / und das Verhängnüs dieses den
Deutschen zweiffelsfrei zur Rettung ihrer sonst dem Schiffbruche ziemlich nahen
Freiheit zuschickte. Daher riete er treulich: man sollte den Germanicus auf alle
Weise trachten zu einem bürgerlichen Kriege anzufrischen; oder denen auf
Deutschlands Ungedeien am Rheine liegenden Heeren einen solchen Streich wie dem
Varus zu versetzen. Diese würde das kräfftigste Mittel sein / den Hertzog Melo
und Ganasch zu bessern Gedancken zu bringen / die Römer aber ausser denen
Gräntzen Deutschlands zu halten. Hertzog Arpus nahm diss zum Bedencken / und
überlegte es mit seinen Räten. Diese aber fanden in dem Wercke hundert
Schwerigkeiten / iedoch kein Ende; weil einige die Furcht / andere der Eigennutz
/ und etliche vielleicht auch das Römische Geld verbländete. Keiner unter ihnen
kunte zwar die gute Meinung des Feldherrn / und die besorgliche Gefahr von
Römern umstehen; aber der meisten Schluss ging doch dahin: dass wenn die Deutschen
wider den gemachten Frieden gegen die Römer was beginnten / diss ihrer Feinde
Friedens-Bruche eine vortreffliche Farbe anstreichen /und so denn nicht nur die
Sicambrer und Chauzen /sondern auch den Marbod wider sie in Harnisch bringen
würde / welche vielleicht sonst sich noch no comma? bedencken würden / sich
auff die Seite öffentlicher Friedensstörer zu schlagen. Sie hätten zur
Feindseligkeit noch keinen andern Grund / als den Argwohn; Und was Germanicus im
Schilde führte / die wenigste Nachricht. Ihn zu was anzureitzen wäre eine
offenbahre Beleidigung des Kaysers; auch an sich selbst ärgerlich die Glieder
eines Reichs wider ihr Haupt zu verhetzen. Einen zwistigen Feind aber
anzugreiffen diente nur zu seiner Eintracht. Also wäre dieses Werck allentalben
stachlicht / wo man es angriffe / wie scheinbar es auch wäre. Der
allertieffsinnigste Verstand betrüge sich in solchen Fällen / und die klügsten
Schlüsse kämen ins stecken / die vorsichtigsten Anschläge verschlügen. Sie
kitzelten anfangs wohl die Ohren / und hätten die Annehmligkeit der ersten
Liebe; und so lange sie auf dem Teppichte in der Rat-Stube blieben / wäre man
derselben Meister; und niemand wäre so nachdenklich; dass er solchen Erfindungen
Mängel ausstellen könnte; aber wenn es zum Wercke selbst käme / täten sich
allererst die Schwerigkeiten herfür; alle Dinge kriegten eine andere Gestalt /
und man lernte so denn allererst: dass es sich leichter in Land-Karten / als
durch die Welt reisen / und im Zimmer sicherer / als im Felde kriegen liesse.
Weil ein schlechter Umstand den man übersehen / und die geringste Hindernis das
ganze Spiel verterben / wie die Zerreissung einer Seite die beste Uhr hemmen
könnte. Niemahls aber hätte man mehr Ursache / alles genau abzuwägen / als wenn
man mit den Römern zu tun hätte / in derer Wagschale das Gelücke die Zunge wäre
/ und meistenteils für sie den Ausschlag gäbe / wenn schon wider sie Klugheit
und Tapfferkeit zu Felde zöge. Auch hätten die Catten / als die nechsten
Nachbarn der Römer / mehr als die Cherusker von nöten / auf ihrer Hut zu sein /
und sich vorzusehen. An die mehr entlegenen Cherusker und Bructerer könnte
allererst die Reie kommen / wenn der Römer Waffen schon wären stumpff worden.
Hertzog Arpus ward von den Seinigen / und dieser Meinung ganz eingenommen;
iedoch wollte er / aus Beisorge beim Feldherrn anzustossen / nicht mit heraus /
und suchte bald unter einem / bald dem andern Scheine Befristung. Hingegen drang
Hertzog-Herrmann auff eine gewisse Erklärung; damit auf allen Fall nicht Zeit
und Gelegenheit verspielet würde. Es wäre ratsamer / etwas böse / als gar
nichts entschlüssen; und einer Uhr besser / dass sie ginge / als stünde; nichts
aber schädlicher als eine Tieffsinnigkeit / welche nur Schwerigkeiten auf die
Bahn zu bringen / oder sie gar vom Ende der Welt oder den Nachkommen herzuholen
/ aber keine zu verrichten wüsste. Man müste niemals den Verstand gar angewehren
/ oder erschöpffen / sondern gedencken: dass wir Menschen wären; und also etwas
von andern Tieren an uns behalten / und das Licht unser Vernunft niemals gar
vom Schatten entfernen. Aber Hertzog Herrmann brachte hierdurch mehr nicht zu
wege; denn dass Arpus endlich mit allen ihm eingegebenen Ursachen herfür brach /
und sich entschuldigte: dass sein Zustand ohn eusserste Not mit den Römern in
Krieg zu geraten nicht liedte. Würden sie aber selbst brechen / wollte er für
Deutschlands Freiheit das eusserste tun / und so denn mit desto grösserer
Hoffnung des Sieges / seine grauen Haare willig in die Schantze schlagen; weil
doch so denn die ganze Welt die Gerechtigkeit ihrer Sache erkennen würde /diese
aber ein guter Gefärte und Beistand im Kriege wäre. Hertzog Herrmann und Jubil
müheten sich zwar ihn mit allerhand Vorstellungen auf eine andere Meinung zu
bringen; als aber nichts verfing / zohe er die Achseln ein / und sagte: Ich sehe
das Verhängnis Deutschlandes. Es werden nicht drei Monat vergehen / so wird uns
allen diese unsere Furchtsamkeit leid sein. Jedoch will ich mich gerne in Ruh
halten / dass mir die Schuld nicht gegeben werde / dass ich Deutschland ohne Not
in Gefahr und Krieg gestürtzt hätte. Weil er aber vom Fürsten Catumer / der
seiner hertzhaften Meinung beipflichtete / erfuhr: dass hieran allein gewisse
Räte Schuld hätten / stiess ihm solches bei der Taffel / als alle Räte und
Kriegs-Obersten zu gegen waren / auf; und weil Hertzog Arpus in einem mit dem
Hertzoge Ingviomer führenden Gespräche die Glückseligkeit des Kaysers August der
des grossen Alexanders fürzoh / fiel der Feldherr ein: Beider Glückseligkeit
hätte daher gerühret: dass sie keine furchtsame Räte / sondern dieser den
behertzten Parmenio / und Hephästion / jener den tapffern Agrippa zu Beiständen
an der Seite gehabt; und beide nicht alleine die gar zu sichern Ratschläge als
Verzagte verworffen / sondern seine Diener ihm niemals was geraten hätten / was
der Grösse seines Gemütes nicht wäre gemäss gewest. Daher auch alles diss / was
Furchtsame an ihnen für Vermessenheit gescholten / einen gewünschten Ausschlag
gewonnen hätte. Hertzog Arpus nahm sich dessen an / und antwortete: Es wären
kluge Räte allerdings die rechten Glücks-Sterne eines Fürsten / und wären
Parmenio und Hephästion freilich bei Alexandern / Agrippa beim August die
rechten Werckzeuge ihrer Siege gewest. Aber seinem Bedüncken nach / hätten alle
diese ihre Fürsten mehrmahls von hitzigen Entschlüssungen zurücke gehalten /
Parmenio den Persischen Krieg wiederraten / und August sich grösten teils nach
des vorsichtigen Mecänas Gutachten gerichtet. Daher seines Bedünckens einem
Fürsten verwegene Räte schädlicher / als etwas furchtsame wären. Denn weil der
Fürsten Geist und Geblüte ins gemein ohne diss feurig wäre / dienten selbigen
mehrmahls ein Hemmeband / als die Wagenschmiere. Uber diss hätten auch furchtsame
Räte nicht selten die Art: dass wenn sie nur nicht selbst die Schlüsse ausüben
müsten / lieber vor hertzhaft als vorsichtig wollten angesehen sein. Der
Feldherr versetzte: Es könnte sein / dass man zuweilen durch Verwegenheit irrte;
aber dieser Irrtum /weñ er auch schadete / täte er doch der Ehre keinen
Abbruch; Furchtsame Leute aber brächten Fürsten um Herrschaft und guten Nahmen.
Daher wären hertzhafte Ratschläge allemal sicherer / diss aber ein grosser
Irrtum / als wenn Furcht die rechte / Kühnheit aber die Stieff-Schwester der
Weissheit wäre. Sintemahl man eine Gefahr der andern zu Hülffe ruffen /und aus
dem Ubel durch ein anders entkommen müste. Die Furcht aber liesse einen im Peche
/ und in der Not stecken / liesse die Hände sincken / und wollte / ehe sie einen
Streich wagte / und ihrer Pflicht ein Genügen täte / lieber ersticken. Gleich
als es erträglicher wäre gewiss unterzugehen; als eine ungewisse oder unsichere
Rettung für die Hand zu nehmen. Sie verzweiffelte / ehe sich was furchtsames
hervor täte / und wenn sich nichts schreckliches zeigen wollte / machte ihr ihre
Einbildung eines. Sie läst ihr träumen: dass kein Unfall / welcher denn und wenn
sich ereignet hätte / aussenbleiben könnte; gleich als wenn weder das Verhängnis
/ noch unsere Behutsamkeit / ein oder anders zu verhüten vermöchte / oder unser
Feind nicht eben so / als wir irren / und durch seine Unvorsichtigkeit uns
unserer Fehler entladen könnte. Ja wenn das Gelücke die Furchtsamen auch gleich
mit den Haaren auf einen guten Weg bringt /und der Anfang sie anlacht / haben
sie doch nicht das Hertze ihr Glücke zu verfolgen / oder etwas auszumachen;
sondern ihre kalte und schwere Weissheit misstrauet nicht weniger ihren Kräfften /
als dem lachenden Munde des Gelückes. Daher halten sie für ratsamer Zeit zu
gewinnen / als die Gefahr abzutun / den dreuenden Fall zu stützen / als ein
Reich auf festen Fuss zu setzen. Der gegenwärtige Zustand / wie schlecht er ist /
fällt ihnen erträglicher / als dass sie sich einer Aenderung erkühnen sollten; und
ehe sie sich umwenden / lassen sie lieber das oberste zu unterste drehen. Ja sie
verlieben sich endlich in ihre alte Gefahr so sehr / und befinden sich bei ihrem
Ubel so wohl; dass sie kein kleiners an die Stelle rücken / oder davon genesen
wollen; machen also aus ihrem Siech Bette eine Ruhstadt / oder gar eine Senfte
der Wollust. Also hielten sie ihre sie anfäulende Faulheit für einen Frieden /
und die durch Kunst gemachte Düsternheit für einen Schlaff; und meinten wie
jener Artzt / der seinem Krancken eine schöne Farbe anstrich / dem gemeinen
Wesen viel genutzet zu haben /wenn sie es unter der Larve des Friedens ohne
Zucken liessen den Geist ausblasen. Hertzog Arpus meinte so wohl seinem Tun /
als seinen Dienern das Wort zu reden; hielt also dem Feldherrn entgegen: Es wäre
nicht zu leugnen / dass eine furchtsame Behutsamkeit /wenn sie zu einer
knechtischen Zagheit würde / mit ihrer Kaltsinnigkeit nicht viel gutes
ausbrütete. Alleine diss bliebe doch wahr: dass die Furchtsamen die Sicherheit /
und den Nutzen eines Staats zu ihrem Absehn / die Vernunft zu ihrer Richtschnur
/ und bei ihrer langsamen Fahrt allezeit das Blei-Maass in der Hand hätten / also
ihre Schiffe selten auf Sand-Bäncke oder Klippen gerieten. Sie betrügen sich
zuweilen selbst / aber nicht leicht jemand anders: sie verspielten bissweilen /
weil sie gar zu sicher spielen wollten /aber niemahls so viel als die Wagehälse.
Diese aber verschütten alles gute auf einmal; hencken das gemeine Heil an Nagel
/ und halten für eine Tugend die Wolfart des Volckes ihrer Ehrsucht aufopffern.
Wenn sie schon ihrer Fehler wahrnehmen / und die Unmögligkeit ihrer Hitze in
Zaum fällt / will doch ihre blinde Hartnäckigkeit ehe mit dem Kopffe durchdringen
/ und selbten lieber zerstossen / als durch Umkehren ihren Irrtum erkennen. Sie
halten für rühmlicher Märterer ihrer Meinungen zu werden / wenn schon ein
ganzes Volck selbte verwirfft / andere mit handgreiflichen Gründen / und dem
Augenscheine sie widerlegen. Sintemahl auch die euserlichen Sinnen ihrer
Einbildung aus dem Wege treten. Sie dünckt eine grössere Hertzhaftigkeit zu
sein / wenn sie auf gerader Fahrt Schiffbruch leiden / als einen Steinfels
umfahren; gleich als wenn es nicht eine so nützliche Klugheit wäre / Fehler
verbessern / als niemahls fehlen. Hertzog Herrmann brach ein: Es wäre diss ein
Fehler der Verwegenen: dass sie ihr Vornehmen mit einem feurigen Eyver
fortsätzten / und sich nicht leicht die ersten Hindernüsse / oder auch niedriger
Leute Einreden zurück halten liessen. Sie suchten zwar aus ihren Helden-Taten
Ehre / aber keinen Eigennutz / und wenn sie tausend Hälse hätten / würden sie
solche fürs gemeine beste hingeben / wenn sie nur eines guten Nachruhmes
versichert wären. Aber der Furchtsamen Tun bestünde in eitel todten Ohnmachten;
jede Schwerigkeit wäre in ihren Augen eine Unmögligkeit. Sie schadete mit ihrer
Schwachheit mehr / als andere mit ihrer Untreue. Ihr Stillschweigen stifftete
wie das einer Schildwache mehr Unheil / als eines Uberläuffers Verräterei. Wenn
sie von der Wolfahrt des Reiches ratschlagten / steckte allezeit ihr Glücke mit
darunter. Sie hätten die zärteste Fühle für ihr Glücke / und wären von ihrem
Eigennutze so wenig /als von sich selbst entfernet. Dahero trösteten sie sich
auch bei gäntzlichem Untergange eines Reiches /wenn nur der Nachen ihres Hauses
entkäme / und sie aus dem allgemeinen Schiffbruche ihre Waare retteten. Jeder
erzürnter Diener dünckte sie ein mächtiger Feind zu sein; und damit sie nirgends
anstössen / rieten sie Leuten grössere Aempter zu geben / welche man aus dem
Lande verweisen sollte. Sie scheueten sich eine Verräterei zu entdecken: dass sie
ihren Kindern keine Feinde erweckten. Die Warheit bliebe ihnen im Daumen kleben
/ wenn sie ihrem Glücke schiene nachteilig zu sein. Ja es wäre ihnen
bedencklich ihres Fürsten offenbahre Feinde zu beleidigen / um sie nicht
unversöhnlich zu machen. Also liessen sie lieber die Bundsgenossen im Stiche /
rechtmässige Ansprüche verschlaffen / die Gelegenheit dem Feinde Abbruch zu tun
/ unter dem Vorwand was zu ersparen / und weil das euserliche Ansehn das
innerliche Elend eines Reiches nicht ersätzte / vorbei streichen; als dass sie
ihrer Schlafsucht Abbruch tun / und hundert Siege und Vorteile einerndten
sollten. Wolte GOtt aber! diese Zärtlinge bissten nur ihr / nicht aber zugleich
ihres Fürsten Ansehn durch ihre Kleinmut ein! So aber erniedrigten sie selbten
so sehr: dass er mit einem aufrührischen Untertanen schimpfliche Vergleiche
machte / seine Empörung als einen Eyver für die Freiheit des Volckes
entschuldigte / sich durch unzeitige Begnadigungen übereilte / dass er hernach
entweder seiner Ehre oder Worten zu nahe komen müste / die Missetäter zu
straffen bedencken / treue Verdienste zu belohnen Sorge hätte / oder diese wohl
gar seinem untreuen Nachbar zu Liebe straffte / seinen Ubelwollenden jährliche
Besoldungen gäbe /denen feindlichen Kriegs-Heeren / um sie eine Weile von sich
abzuhalten / Unterhalt verschafte / einem Feinde / der gleich schon wider ihn
Bündnisse gemacht / und die Hand am Heffte des Degens hätte /destwegen mit
Vorteil vorzukommen / ihm Gewissen machte / weil der Krieg Tempel und Gesätze
enteiligte / Länder und Völcker verzehrte; und weil den Angrief zu erwarten
nicht nur zur Gerechtigkeit der abgenötigten Gegenwehr / sondern auch im Kriege
zu einem mercklichen Vorteile diente. Sintemahl man in seinem eignen Lande dem
Feinde / welchem insgemein Lufft / Wasser und Menschen zuwider sind / durch
Abstrickung der Lebensmittel / Abzwackung der Uberläuffer / und Ausreitenden
mehr Abbruch tun; hingegen mit gesammten Kräfften des Reiches auf den Hals
gehen / allerhand Fall-Bretter stellen /also den von seinem Lande entfernten
Feind eben wie der kluge Hercules den aus seinem Vorteile gelockten Antäus /
erlegen könnte. Da doch so wohl Scipio als Hannibal die klügsten Kriegs-Häupter
der Welt durch ihr Beispiel gelehrt: dass weder Rom ausserhalb Italiens / noch
Cartago anderwerts als in Eingeweiden Afrikens bestritten werden könnte.
Sintemahl man ins Feindes Lande auf dessen Unkosten zehret / das Vaterland nicht
aussaugt / zum geben willig behält; der /welcher angreifft / allezeit ein besser
Hertz hat / als der nur die Streiche versätzt. Daher Crösus dem Eyrus gar
weisslich riet / als ihm die Scytische Königin Tomyris die Wahl liess: er sollte
sie im Hertzen angreiffen. Mit einem Worte: furchtsame Hertzen liessen ihrem
Vaterlande lieber das Joch der Dienstbarkeit unter dem Scheine des Friedens an
Hals werffen /als dass sie sich zu einer Gegenwehre schickten; weñ gleich andere
darzu ihre Armen und Blut leihen wollten. Hertzog Arpus begegnete dem Feldherrn:
Er müste gestehen: dass die Verwegenheit ein viel besseres Ansehn hätte / als die
Furchtsamkeit. Aber jene wären in einem Fürsten / diese in einem Diener besser.
Denn ob die Kühnen sich zwar nicht eben vorsätzlich wider ihren Herrn
auflehneten / und nicht leicht aus Bosheit untreu würden; sätzten sie doch wegen
einer schlechten Beleidigung oder Misstrauens durch eine Ubereilung oft von ihm
ab. Denn sie meinten es zwar mit dem gemeinen Wesen gut; aber sie könten keinen
Befehl oder Gesätze vertragen / keinen Obern über sich leiden. Sie wollten nicht
anders /als nach ihrem eigenen Gutdüncken gehorsamen / und allezeit die freie
Willkühr über ihren Willen haben; also nicht Räte sondern Vormünden ihres
Fürsten sein. Ja sie verfielen zuweilen wohl gar in die Torheit: dass sie
zwischen dem Fürsten und dem Staat eine Ehscheidung machen / und durch Aufstand
und Widersätzligkeit den Nahmen treuer Diener zu verdienen vermeinten. Sie
wüsten aber nicht nur in ihrem eigenen Tun / sondern auch in ihren Einratungen
kein Mittel zu halten; welches doch die Seele aller Tugenden wäre. Deñ wie sie
in jenem entweder alles / oder nichts behaupten / überwinden / oder zu Grunde
gehen / lieber zehn Staffeln herunter stürtzen / als eine herab steigen wollten;
also rieten sie niemahls zu einem Vergleiche; verderbten lieber etwas / als sie
es teilten / und hielten nichts von dem edlen Geschencke des Himmels / dem
güldenen Frieden; welcher dem Sieger so nötig / als dem Besiegten nützlich
wäre. Da doch die Schickungen des Verhängnisses /und die Zufälle in der Welt
oft so seltzam lieffen: dass die edelsten Gemüter oft für der Not die Achseln
einziehen / und die Klugheit aus Nachgebung einen Nutzen ziehen müsten / denn
die Wolfahrt des gemeinen Wesens wäre der einige Zweck der Staats-Klugheit.
Dieser müste Ehre und Gerechtigkeit nachtreten. Ihr zu Liebe müste man Rache /
Straffe der Laster /und sein Ansehn vergessen / und ausser Augen sätzen / und
oft aus seiner eignen Schande / wie die Aertzte aus Harn und Miste Artzneien
machen. Sintemahl so denn seine eigene Brandmaale schön / wie das Gift gut wäre
/ wenn sie nur hülffen. Der Feldherr färbte sich hierüber etwas / und brach ein:
Es könnte nichts sicher / nichts dem gemeinen Wesen nützlich sein /was den bösen
Geschmack einiges Schimpffes / und den stinckenden Geruch der Unehre hätte. Wäre
die mit einem Gran der Verwegenheit vermischte Hertzhaftigkeit einem Fürsten
anständig / so könnte sie an seinen Räten nicht scheltbar sein. Wenn auch die
Kühnheit irgendswo einbisste / verursachte es mehr Lermen als Schaden. Die Furcht
aber täte wie die an den Ufern nagenden Ströme unempfindlich no comma? mehr
Schaden. Sie wäre viel schimpflicher / als die Flucht aus einer Schlacht. Denn
diese würde oft durch Sonne / Wind und Ungelegenheit der Örter verursacht.
Alle diese Zufälle aber dienten zu keiner Entschuldigung in Sachen / welche in
der Ratstube fürkämen; ja welches niemand glauben sollte / wüste sie bei ihrer
stillen Bosheit grausamer als kein Phalaris zu sein. Denn sie machte ihre Worte
mit so viel Hütten-Rauch als Zucker süsse; sie überfirnsste ihre geheime
Verfolgungen mit schönsten Farben der Vertröstungen und falscher Lobsprüche;
welches die schlimmste Art der Feindschaft wäre. Sie wäre ein stiller Wirbel /
welche die Reiche ohne Geräusche verschlinge. Das Assyrische / Persische und
Griechische wären durch die furchtsamen Ratschläge ihrer Weichlinge vergangen /
welche ihrer Fürsten Ansehn verschertzet / von rauen Völckern Friede gekaufft
/ihren Nachbarn unter dem Nahmen der Geschencke Schatzung gegeben / ihren
Fürsten die Gefahr und Niederlagen verschwiegen / und in dem ihre Herrscher und
das Reich verraten / und verkaufft / daraus noch ein Geheimnüs der
Staats-Klugheit gemacht; dass sie die Ruhe der Welt / und den Frieden der Völcker
unterhalten hätten. Eben diese Zagheit wäre die einige Ursache: dass Rom der
Stadt Cartago und nicht Cartago der Stadt Rom Meister worden. Denn an statt:
dass jene nach der Niederlage bei Canna vollends sich aufs euserste angreiffen /
Hannibaln mit Geld und Volcke verstärcken sollen / um den Römern den letzten
tödtlichen Streich zu versätzen. So aber hätte es im Rate zu Cartago Leute
gegeben / welche die denen Römischen Edelleuten abgezogene und ausgeschüttete
eiserne Ringe mit sambt Hannibals Siegen verhöhnet; gleich als wenn diese elende
Beute ihr eingebisstes Volck / ihre aufgewendete Schätze zu ersätzen / viel zu
wenig wären. Daher hätten sie die Hände sincken lassen / und bei der höchsten
Blüte ihres Reiches sich für ohnmächtig geschätzt. Ja Hannibal selbst hätte
seinen Sieg mit einer hesslichen Zagheit besudelt; als er für eine alle Hoffnung
übersteigende Unmögligkeit gehalten: dass er folgenden Tag im Capitolium speisen
sollte. Hingegen hätten die Römer bei verzweifeltem Zustande nicht verzweiffelt /
sondern dem Bürgermeister / welcher aus der Cannischen Schlacht entkommen / noch
Danck gesagt / und durch solche Hertzhaftigkeit sich aus dem Rachen des
Unterganges gerissen. Und wollte GOtt! wir Deutschen hätten nach des Varus
Niederlage für keine Unmögligkeit gehalten: dass wir so wohl als unsere Vorfahren
die Alpen übersteigen / Rom einäschern / und dieses von dem Raube der Welt
gemästete / vom Blute der Völcker trunckene Tier zur Freude des menschlichen
Geschlechtes / der Rache abschlachten könten. Hertzog Ingviomer hörte dem
Feldherrn mit Lust zu; weil er aber wahrnam: dass seine Reden stets feuriger
wurden; also beim Hertzoge der Catten eine Empfindligkeit besorgte / hielt er
für ratsam allem Unvernehmen durch folgenden den Vortrag fürzukommen: weder die
furchtsamen noch die verwegenen Ratschläge wären gut / sondern kluge und
hertzhafte. Dieses Mittel aber wäre so schwer zu treffen / als ein Zirckel ins
gevierdte zu bringen. Ins gemein würden alle Einratungen eben so wohl / als die
Wercke nach derselben Glück- oder unglücklichem Ausschlage für gut oder böse
gehalten / und diss / was durch Zufall geriete / der vernünftigsten Meinung
vorgezogen /und was fehl schlüge von andern getadelt / welche nichts für klug
hielten / was nicht aus ihrem Gehirne entsprossen wäre. Ja das einen zu
verderben gesinnte Verhängnüs selbst mischte sich nicht selten mit ins Spiel /
verrückte den Verständigsten die Vernunft /und gebe denen / die es am besten
meinten / das schlimmste / oder so denn allererst / wenn die Zeit und
Gelegenheit schon vorbei wäre / was gutes ein; daher könnte ein Fürst / auch wenn
etwas aufs schlimmste ausschlüge / seinen Diener nicht schelten /weniger
straffen; wenn er nur nichts betrüglich oder wider die gesunde Vernunft
eingeraten hätte. Denn sonst würde jeder Diener nie aufrichtig seine Meinung
sagen / sondern allemahl den Kopff aus der Schlinge ziehen. Wenn aber ja die
Verwegenheit und Furcht gegen einander abgewogen werden sollten / hätte seinem
unvorgreiflichem Gutdüncken nach / diese eben so wohl als die Langsamkeit in dem
Rat geben / jene wie die Beständigkeit in Ausübung der Ratschläge den Vorzug.
Hertzog Jubil verfiel mit Fleiss auf andere Gespräche / um sie von so
stachlichtem vollends abzuleiten. Der Feldherr vergnügte sich auch daran: dass er
den Cattischen Räten die Warheit so trocken gesagt / und ihnen ihre
Schwachheiten vorgehalten hätte. Denn ausser dem / brach er seiner vorigen
Verträuligkeit mit dem Cattischen Hause nichts ab / und verbarg seinen
entworffenen Vorschlag / sich in den Römischen Aufruhr zu mischen; ungeachtet
selbter dem Ruffe nach sich täglich vergrösserte.
    Eben selbigen Tag brachte Effern / welcher den Germanicus zu Tolbiacum
verlassen hatte / von Agrippinen eine Antwort an die Cheruskische Hertzogin
zurücke; darinnen sie den Glückwunsch danckbar annam / und das zum Käysertum
habende Erb-Recht deutlich billigte; aber darbei schrieb: dass weder des
Germanicus Gemüts-Mässigung / noch das Verhängnüs ihr diese Würde zu gönnen
schiene. Es erzählte auch Effern hierbei: dass Agrippina ihn aufs freundlichste
bewillkomt / und aufs fleissigste geforscht hätte: ob die deutschen Fürsten es /
wenn Germanicus die Römische Herrschaft bekäme / gerne sehen / und ihm auf
benötigten Fall darzu behülfflich sein würden. Wie er nun dessen sie beständig
versichert / hätte sie / so viel er von ihr selbst vernehmen können / dem
Germanicus etliche Tag und Nächte in Ohren gelegen: dass er die Römischen
Legionen für sich selbst in Eyd und Pflicht nehmen / dem verhassten Tiberius /
welcher nebst Livien ihr todtfeind wäre / die Spitzen weisen / und durch
angemaasste Herrschaft sich in Sicherheit setzen / das sich nach ihm sehnende
Römische Volck aber vergnügen sollte. Nach derselben Verlauff hätte er Agrippinen
auf ihre Erforderung sehr stürmrich angetroffen; welche aus grosser sie
übereilenden Ungedult heraus gefahren wäre: dass Germanicus wohl für andere /
aber für sich kein Hertze hätte; und ungeachtet die Legionen ihm anbieten
liessen / für ihn Gut und Blut aufzuopffern /wollte er doch lieber des Tiberius
Knecht / als der Römer Haupt sein; und lieber sich durch ihn tödten /als kluge
Leute zur Herrschaft bereden lassen. Sintemahl nicht nur denen Herrschenden die
Tugend ihrer Untergebenen verhasst / sondern auch dem Germanicus von einem Druys
wäre geweissaget worden: dass er entweder den Tiberius / oder dieser ihn
aufreiben müste. Also müsse sie das verborgene Gesätze des Verhängnisses nur
auswarten / welchem nichts zu schwer wäre / und so wohl über der Menschen willen
als Gelücke herrschete. Folgenden Tag hätte sie ihn mit dem überbrachten
Schreiben abgefertigt / ihm etliche güldene Müntzen mit des Germanicus und ihrem
Bildnüsse geschencket / und ihm mit gegeben Tussnelden ihrer beständigen
Freundschaft zu versichern / weñ gleich Tiberius wider die Deutschen Himmel und
Hölle aufwiegeln sollte. Germanicus wäre auch eben selbigen Tag von Tolbiacum
aufgebrochen / und hätte nach der Ubier Altare geeilet / wo die Sachen im
allerschlimsten Zustande sein sollten.
    Unterdessen eilete Germanicus mit der in Gallien eingenommenen Schatzung dem
Ubischen Altare zu. Denn er verstand allzuwol: dass Empörungen / ie länger sie
währeten / wie die Flüsse / ie weiter sie lieffen / immer grösser / und die
unsichtbaren Dünste endlich zu hagelnden Wolcken würden; also solchen im Anfange
leichte / zu letzt aber schwerlich begegnet werden könnte. Sintemahl die Ursache
eines Aufruhrs zu erst eine Kleinigkeit wäre / hernach aber spielten sich
wichtige Sachen mit ein; und es wüchse denen Widerspenstigen alle Tage der Mut
was neues und nachteiligers zu begehren; also dass die / welche sich bei Zeite
mit Nuss-Schalen vergnügt hätten / hernach nicht mit dem Kerne zu frieden wären.
Es kamen ihm aber gleichwohl die vier aufrührischen Legionen biss an den
Erffte-Fluss entgegen. Sie hatten aber aus Schamröte nicht das Hertze ihn
anzuschauen; sondern sie schlugen die Augen gleichsam aus Reue zu Bodem. Als er
aber mit ihnen ins Sommer-Lager kam / machten sie mit ihrem Wehklagen ein
Gemurmel; ieder grieff nach des Germanicus Hand sie zu küssen / und sie in ihren
Mund zu leiten; dass er fühlen sollte / wie sie von Zähnen leer / ihre Glieder von
Alter und Wunden krieplicht wären. Einen so kräfftigen Nachdruck hat die
Gegenwart eines Fürsten / wenn selbter nicht verhasst ist / und er so zeitlich
einem Ubel zu steuren /wie das Blut eine Wunde zu heilen / zueilet. Germanicus
befahl; es sollte ieder sich zu seinem Fahne verfügen / um sie von einander zu
unterscheiden / und ihr Verlangen desto verständlicher zu hören. Nach dem sie
zwar / aber langsam / gehorsamten / striech Germanicus den August / und die
Taten des Tiberius /die Treue Italiens / und Galliens / ja aller Länder
treflich heraus; welche mit einander gleichsam um den Vorzug stritten / gegen
dem neuen Kayser ihre Verbindligkeit zu bezeigen. Als sie hierzu nun kein
Freudens-Zeichen von sich blicken liessen / sondern vielmehr darwider murmelten
/ berührte Germanicus ihren Auffstand und fragte: wohin der vorige Gehorsam /
und die alte Bescheidenheit des Kriegs-Volckes verschwunden? Wohin ihre obersten
Hauptleute vertrieben worde wären? Nach dem sie nun die über sich habende Gewalt
zernichtet / würde er auch nur so lange / als es ihnen gefiele / sollen ihr
Feldherr sein. Derogleichen Abfall wäre unerhöret. Die liederlichsten Knechte
verliessen nicht auf einmal ihre schärffste Herren. Hier aber würde ein ganzes
Heer abtrinnig. Alle Siege / welche er durch sie zu erlangen verhofft hätte /
fielen nun nicht allein auf einmal in Brunn / sondern sie stürtzten sich selbst
in Gefahr /und öffneten die Pforten den wilden Nord-Völckern in des Römischen
Reiches Eingeweide zu dringen. Aber die guten Tage / die sie bei so reichlicher
Verpflegung aus Gallien genossen / hätten sie unsinnig gemacht. Weil sie solche
nun selbst von sich stiessen /möchten und würden sie in schlimmern veralten /
weil sie zu schwache Beine hätten / bessere zu vertragen. Statt der Antwort aber
/ wiesen sie die Narben feindlicher Wunden / und die Striemen der von
Befehlhabern bekommener Streiche. Hierauf beschwerten sie sich über ihren
schlechten Besold / die langen Dienste / und die schwere Arbeit. Sonderlich aber
forderten die alten Kriegs-Knechte eine ehrliche Erlassung aus dem Kriege; und
dass sie nicht am Hunger-Tuche nagen dörfften / eine auskommentliche Versorgung
und Augustens Vermächtnüs. Endlich rufften sie entweder aus Liebe / oder um ihm
das Hertze zu erweichen: Die Götter lassen den Germanicus lange leben /siegen /
und über die Römer herrschen. Denn wir wissen und wollen von keinem andern
Haupte hören / als vom Germanicus. Bei ihm wollten sie leben / für ihn wollten sie
Leib und Leben auffsätzen. Germanicus sprang hierüber / gleich als wenn er mit
ihrem Laster angesteckt würde / vom Stule. Sie aber hielten ihm die Waffen für:
dass er sich ihrer nicht einbrechen konnte. Germanicus zohe hiermit vom Leder /
sätzte ihm den Degen selbst an die Brust / und sagte: Er wollte ehe sterben / als
gegen seinem Vater Tiberius untreu werden. Ob nun zwar die nechsten darbei ihm
den Degen wegschlugen / so waren doch etliche so ruchlose / dass sie ihn
ermahnten: Er sollte immer stechen; ja Calusidius reckte ihm gar seinen blossen
Degen und sagte: diesen sollte er brauchen / er wäre schärffer. Die Seinigen aber
brachten den Germanicus aus dieser verzweiffelten Menge ins Zelt. Nach dem er
dem Kriegs-Volcke gesagt hatte: Sie möchten ihm nur aus den Augen gehen / die
Pforten stünden ihnen offen. Sie würden zu Rom als Ausgerissene sehr willkommen
sein. Er traute in weniger Zeit ihr Bekenntnis zu hören: dass er ehe ihrer / als
sie eines Feldherrn entbehren könten. Also glücket es nicht allemahl einem
tapffern Fürsten / wie dem grossen Alexander /welcher im Grimme sich in die
Mitte seines gewaffneten Heeres stürtzte / die frechesten / welche er ihm
gemercket / erwischte / und sie zur Hinrichtung wegführen liess; ohne dass ein
einiger der Aufrührischen das Hertz hatte / gegen ihm einen Finger zu rühren /
sondern alle erwarteten mit Zittern / auch ihre Straff-Urtel. Hierbei aber liess
es das Kriegs-Volck nicht bewenden; sondern es erwehlte Gesandten an die um
Meintz liegende Legionen sich mit ihnen zu verbinden. Es ward auch beschlossen /
das Ubische Altar und hierauf auch Gallien auszuplündern. Germanicus geriet
hierüber in grossen Kummer; dass nicht nur hierdurch das Römische Reich zerrüttet
/ die Sicambrer und Chauzen von Römern abspänstig gemacht /sondern auch die
Cherusker und Catten über den der Besatzung entblösten Rhein zu setzen / die
Bojen und Schwaben aber in Noricum und Rhätien einzubrechen veranlasst werden
möchten. Bei darüber gehaltenem Rate schien es so bedencklich / denen Aufrühren
den Willen zu verhängen / als die Gallier / Bataver / und Sicambrer wider sie zu
führen / und dadurch einen Bürger-Krieg anzuzünden. Ihm war nicht minder
gefährlich mit der Schärffe zu verfahren / als schimpflich ihnen das Verbrechen
nachzusehen. Also wusste er nicht; ob er ihnen nichts / oder alles willigen
sollte. Endlich schiene das ratsamste zu tichten; dass Tiberius in einem
Schreiben verwilligt hätte: dass nach zwantzig Jahren alle Kriegs-Leute erlassen
/ nach sechzehnen der Wache / und Arbeit entladen / und diss / was ihnen August
vermacht hätte / bezahlet werden sollte. Ob sie nun zwar wohl merckten: dass diss
nur ersonnen wäre / fielen sie ihm doch mit grossem Geschrei in die Rede / und
drangen auf die Erfüllung des Versprechens. Die Loslassung derer / die
ausgedient hatten / musste auch bald erfüllet werden / und dass sie die Zahlung
biss ins Winter-Lager verschoben / musste Germanicus der fünften und ein und
zwantzigsten Legion / welche sich nach Vetera begeben sollte / ein ergebiges
Reise-Geld bezahlen. Cäcina aber führte die erste und zwantzigste Legion /
welche sich des dem Germanicus zustehenden Geldes bemächtigte / wieder in das
Altar der Ubier. Deñ weil schwürige Leute wie die Schaafe dahin rennen / wo das
erste hinlaufft /wenn es schon ins Feuer wäre; ist nichts heilsamer /als sie wie
die schwermenden Bienen zu teilen /damit so wohl ihre Laster als Kräfften
zertrennet / geschwächt / und die einfältigen Glieder von ihren Häuptern
abgesondert werden. Wiewohl diese nun noch Aufruhr und Ungedult ausschäumeten /
hielt doch Germanicus für ratsam denen Aufrührern zu ihrer Besänftigung Zeit
zu lassen; welche sich wie die Wellen ins gemein einander selbst erdrücken
/hingegen für nötig / sich der vier obern Legionen zu versichern / ehe sie auch
angesteckt würden / oder die Catten mit ihnen was gefährliches anspinnten.
Sintemahl der Empörung leichter vorzukommen / als hernach zu begegnen ist;
derselbe denen / wider welche er einen so schädlichen Anschlag hatte / nichts
gutes zutrauen kann. Die andere / drei- und sechzehnde Legion schwuren zu Meintz
dem Tiberius alsobald willig. Die vierzehnde sperrte sich etwas / als Germanicus
ihnen aber Geld und Vertröstung wegen zeitlicher Loslassung gab / Silius auch
sie schreckte: dass die Cherusker und Catten sie bei solcher Zwytracht zu
überfallen im Wercke begriffen wären / leisteten sie auch dem Tiberius den Eyd
der Treue. Mitler Zeit entpörte sich auch die Römische Besatzung an der Emsse bei
den Chauzen. Memmius der Oberste selbigen Lagers meinte den Aufruhr zwar durch
zweier Rädelsführer Hinrichtung zu stillen; aber sie wurden hierüber desto
ungestümer; so dass Memmius fliehen und sich verstecken musste. Als sie ihn aber
ausspüreten /sagte er ihnen keck: Sie möchten tun / was sie nicht lassen könten
/ aber doch behertzigen: dass sie nicht an ihren Obersten / sondern selbst an
Germanicus /und dem Tiberius die Hand legten. Hierauf riess er den Fähnriche den
Römischen Adler aus der Hand / steckte selbten an das Ufer der Emsse / und sagte:
Er gebiete dem Trotz / der von selbtem sich entfernen würde. Denn dieser sollte
ohn alle Gnade als ein Flüchtling gestrafft werden. Es würde ihm an getreuen
Römern nicht mangeln / und auf allen Fall würden die Chauzen und Bataver des
Tiberius Bundgenossen an ihnen so schändlichen Meineid rächen. Diese Kühnheit
gelang ihm so wohl: dass keiner sich rührte / weniger wiedersätzte / sondern sich
alle friedlich ins Winter-Lager einfanden; und hiermit wahr gemacht ward: dass
die / welche ein blinder Trieb erregte / durch einen Schatten beruhigt würden /
und der schwürige Pöfel bald gefürchtet sein wollte / bald selbst zitterte und
bebte. Nach dem Germanicus zu- und um Meintz alles in gute Sicherheit gestellt
hatte / eilte er wieder nach dem Altare der Ubier; welchem gegen über Hertzog
Melo mit etlichen tausend Sicambern den Abend vorher ankommen war. Ehe nun
Germanicus in die Stadt einzoh / fuhr er zum Hertzoge Melo über den Rhein / und
brachte bei ihm den halben Tag mit heimlichem Gespräche zu. Dieses war der
ersten und zwantzigsten Legion nicht wenig verdächtig / und mangelte es nicht an
unruhigen Köpffen / welche anfangs besorgten / hernach aussprengten: dass
Germanicus und Melo mit einander ihren Untergang abgeredet hätten. Dieser
Argwohn vermehrte sich bei denen / welche ihnen übel bewust waren / noch mehr /
als den Tag darauf der gewesene Bürgermeister Munatius Plancus mit noch zwei
andern Ratsherren als Gesandten vom Tiberius / und dem Römischen Rate ankamen.
Weil nu einem schuldigen das Gewissen stets das schlimste wahrsagt / und Plancus
für einen scharffen Eyverer für die Gesätze gehalten ward; rotteten sich des
Nachts dort und dar die vertrautesten zusammen / und unter unzählbaren Urteiln
ersaanen etliche / Plancus wäre nicht nur diss / was ihnen Germanicus versprochen
/ zu nehmen / sondern auch sie ernstlich zu straffen ankommen. Weil nun die
Furcht leichtgläubig und unruhig ist / auch alles vergrössert /wurden beide
Legionen mehr durch ihr Misstrauen als durch iemanden glaubhaftes beredet: der
folgende Tag würde allererst der rechte Anfang ihres Elends /oder das Ende des
Lebens sein. Hierdurch verfielen sie in eine solche Raserei: dass sie des Nachts
beim Germanicus die Haus-Türe erbrachen / und ihm mit Andreuung des Todes / die
Purper-Fahne abzwangen /darmit er pflegte das Zeichen zum Treffen zu geben. Sie
wüteten durch alle Strassen und beschimpfften mit den ärgsten Schmähungen die
durch solchen Auffstand erweckten und zum Germanicus sich flüchtenden Gesandten
von Rom. Sie waren auch schon begriffen / Hand an sie zu legen / und
insonderheit wäre Plancus / welcher seiner Würde halber ihm für schimpfflich
hielt zu fliehen / von ihnen zerfleischet worden / wenn er nicht dem Lager der
ersten Legion zugeeilet / den heiligen Adler als ein Schutz-Bild umarmet / und
zwischen selbtem und dem Altare sich erhalten hätte. Auf den Morgen kam
Germanicus dahin / sätzte den Plancus neben sich / und fieng an zu wehklagen:
dass diese Nacht bei nahe Adler und Altar im Römischen Lager von Römern mit eines
Bürgermeisters Blute wären besudelt worden. Diss wäre eine so abscheuliche Tat:
dass sie nicht von Unsinnigkeit des Kriegs-Volckes / sondern vom Zorne der
gehässigen Götter herrühren müste. Nichts desto weniger würde jenes den
Schandfleck seines Meineides nimmermehr austilgen / und die Legion / welche die
erste an der Zahl wäre / die letzte durch ihre Untreu / oder sie gar mit Strumpf
und Stiel ausgerottet werden. Das Kriegs-Volck hörte diss mit mehrer Erstaun- als
Beruhigung. Daher führte Germanicus die Gesandten selbst zum Tore hinaus / und
liess sie durch fünf hundert Sicambrische Reiter / welche Hertzog Melo über den
Rhein setzte / nach Trier in Sicherheit bringen. Weil das Kriegs-Volck nun wohl
sah: dass die Treue der Deutschen / welche doch unlängst der Römer Feinde gewest
waren / sie aufs ärgste beschämte /fieng ihr Unmut aufs neue an zu jähren.
Dahero des Germanicus Freunde ihm teils übel auslegten: dass er die Meineidigen
durch ein und des andern Nachgebung verwehnet und hochmutig gemacht / und sie
nicht durch die vier treuen Legionen zum Gehorsam gebracht hätte. Teils rieten
ihm: er sollte diesen Unsinnigen nicht länger trauen / oder zum wenigsten seinen
Sohn Cajus und seine schwangere Gemahlin nicht länger unter der Gewalt derer
lassen / welche schon alle Rechte der Völcker versehrt hätten. Agrippina /welche
als des Käysers August Enckelin für Schande hielt / sich für Römern zu fürchten
/ weigerte sich zwar anfangs für der Gefahr zu fliehen; aber nach langer
Beratung musste sie sich doch in des Germanicus Willen geben. Also nam sie ein
Kind auf den Armen /das andere in der Schoos habende vom Germanicus /und andere
vornehme Römische Frauen / als flüchtige für ihrem eigenen Volcke / von ihren
Männern mit Küssen und Tränen Abschied. Der Abzug war wegen des weiblichen
Wehklagens überaus jämmerlich; so dass so wohl diese Bestürtzung / als dass die
Deutschen abermals die Ehre hatten des Römischen Feldherrn Gemahlin und Sohn
nach Trier zu führen /auch denen wildesten Kriegs-Leuten tief zu Gemüte stieg.
Also hatte Schmertz und Schmach bei ihnen mehr Nachdruck / als Vernunft und
Tugend. Einer hielt dem andern ein; wie alle rauen Völcker sie verspeien würden;
dass des Germanicus Gemahlin / des Käysers Enckelin / Agrippens Tochter / des
Drusus Schnur / und ihr im Lager gebohrner / zeiter unter dem Kriegs-Volcke
erzogener Sohn / aus dem Römischen Lager unter deutschem Schirme in Gallien sich
flüchten müste. Daher rennte ein Teil Agrippinen nach / vertrat ihr den Weg /
sie mit Tränen bittende: Sie möchte doch bleiben / sie nicht verlassen / und
ihnen so grossen Spott antun. Die meisten aber verfügten sich zum Germanicus /
demütigten sich / und erboten sich zu gehorsamen; welcher aber für Zorn und
Schmertz schäumete / und ihnen einhielt: Seine Gemahlin und Sohn wären ihm nicht
lieber als Rom /und sein Vater Tiberius; allein diesen würde schon seine Hoheit
/ jenes andere Krieges-Heere beschirmen. Sein Weib und Kinder / welche er für
des Kriegsvolckes Ehre willig aufopffern würde / hätte er nur darumb den Händen
der Wüttenden entzogen: dass sie nur durch sein / nicht durch der Seinigen
Blutstürtzung ihr Laster verärgerten. Denn welche Bosheit hätten sie diese Tage
unterlassen? Sie verdienten den Nahmen der Kriegs-Leute nicht; weil sie ihres
Käysers Sohn gefangen gehalten hätten. Sie wären nicht würdig / Bürger genennt
zu werden; denn sie hätten des Rates Ansehn mit Füssen getreten. Käyser Julius
hätte mit dem einigen Worte: Qvirites /einen Aufruhr gestillt. Augustens Antlitz
hätte die Legionen bei Actium gebändigt. Dieser Bilder hätten sie nicht alleine
in ihren Kriegs-Fahnen für Augen / sondern er wäre von ihnen entsprossen; er
aber würde von denen so verächtlich gehalten / welche Tiberius aufgerichtet /
die seine Gefärten gewest / und von ihm so offte beschencket worden wären. Die
Macedonier wären durch das blosse Zelt des grossen Alexanders / welches die
Kriegs-Heere nach seinem Tode allezeit mit sich geführet hätten / nicht nur im
Gehorsame erhalten / sondern auch zur Tapfferkeit aufgemuntert worden; Sie aber
scheueten sich nicht für denen sichtbaren Bildern derer / welche nicht nur Rom
/sondern die Welt als Götter verehrten. Diss würde dem Tiberius eine fröliche
Zeitung sein / der aus allen Orten von nichts als Gehorsam hörte. Könte wohl von
ihnen was schlimers verlauten / als dass sie ihre Haupt-Leute erschlagen / die
Obersten verjagt / die Gesandten eingesperrt / Lager und Flüsse mit Blut
besudelt / und ihm mit Not das Leben übrig gelassen hätten? wie ungütlich
hätten seine Freunde mit ihm den ersten Tag durch Auswindung seines Degens
gehandelt? wie gut aber hätte es der mit ihm gemeint /der ihm zu seiner
Entleibung den Degen angeboten? denn so hätte ich nach der Zeit nicht ein
Anschauer so vieler Laster sein dürffen. So würden sie ihnen ja einen Feldherrn
erwehlt haben / der wo nicht meinen doch des Varus Tod / und der drei Legionen
Niederlage gerächet haben würde. Die Götter möchten ja nicht verhengen: dass die
Römer die sich hierzu anbietenden Velgen zu ihrem Schutze und zu Zäumung der
Deutschen bedörfften! Augustens himmlischer Geist /des Drusus aus ihren Hertzen
noch nicht vertilgtes Bild und Gedächtnüs / welche beide ihr in euren
Kriegs-Fahnen führet / und mit den heiligen Adlern anbetet / möchte ja sie als
ihre gewesene Kriegs-Gefärten / in welchen sich schon Scham und Ehre wieder
regte / dieses Schandmahls befreien / und den wider sich selbst gefasten Zorn
auf der Feinde Köpffe abwenden! Er sähe / Gott Lob! nun ganz andere Gesichter
als vorhin / und ihre Hertzen schiene eine ganz andere Neigung zu regen /
nämlich denen Gesandten ihre Ehre / dem Kayser den Gehorsam / ihm Gemahlin und
Kinder wieder zu geben. Wäre diss nun ihr Ernst / so sollten sie ihn nicht
anrühren / biss sie sich der unruhigen Aufwiegler entschlagen hätten. Diss alleine
wäre die rechte Busse / und das einige Band der Treue. Wo eine heldenmässige
Beredsamkeit jemahls grosse Würckung getan hat / geschah es gewiss allhier. Denn
Germanicus sagte kein Wort /welches nicht wie der Blitz ihnen durch Marck und
Beine drang. Die Scham überfiel sie so sehr: dass fast keiner das Hertz hatte die
Augen gegen einander aufzuheben. Sie selbst sahen einander nicht recht an. Ihr
erste Rede bestund in Seufftzern. Endlich fieng Cajus Centronius der Oberste der
ersten Legion an: es ist kein ander Mittel sich eines Lasters zu entschütten
/als Bekäntnüs und Reue; und keine grössere Torheit als sich schämen ein
Verbrechen abzubitten / über dessen Begehung man nicht schamrot worden. Jedoch
ist euer Stillschweige schon ein Zugeständnis euerer Ubeltat; dass Germanicus
aber euch noch würdigt anzureden / ein Zeichen seiner nicht gar erloschenen
Gnade. Gehet und fallet für seinem Stuhle nieder /umarmet seine Knie / bittet um
Gnade / ohne welche ihr weder glücklich sein noch leben könnet. Hiermit drang
sich alles zum Stuhle des Germanicus als zum Ancker der Wolfart. Einer ruffte:
er sollte die Schuldigen straffen / den Unschuldigen verzeihen; der ander; er
möchte doch seine Gemahlin / seinen Sohn das teure Pfand der Legionen zurück
fordern / und ihnen nicht weniger als den Galliern zutrauen. Germanicus ward
über diesem glücklichem Streiche sehr vergnügt; entschloss sich also aus dem
Steigereiffen und ohne Beratschlagung dem Auffruhre zu steuren; welcher wie er
sich im Augenblicke anspinnt / auch ohne einige Zeitverliehrung ehe er Wurtzel
kriegt ausgerottet / und darinnen so verfahren werden muss: dass das Mittel
solchen zu stillen vom Fürsten selbst /nicht von seinen Räten herzurühren
scheine. Er lobte daher ihre Erkäntnüs; entschuldigte das Aussenbleiben
Agrippinens mit der Unzeit des Winters / und ihrer herbei nahenden Geburt;
vertröstete sie auf die Rückkunft seines Sohnes; die Straffe der Verbrecher
aber stellte er dem Kriegs-Volcke selbst heim / welches am besten wissen würde /
wer ihre Verführer gewest wären. Denn hiermit traute er ohne seinen Hass /und den
Schein der Grausamkeit zu erlangen: dass die Rädelsführer nicht ungestrafft
blieben / weil doch seine und des Tiberius Hoheit verletzt worden war. Welche
Vermessenheit nicht mit so linden Fingern /als ein ander gemeiner Ungehorsam zu
überstreichen war. Dieses Meisterstücke einen Aufrührischen wider den andern zu
verhetzen / und einen Aufstand mit dem andern zu stillen / geriet so wohl: dass
ein jeder wollte der erste sein / die Urheber des Aufstandes herfür zu suchen.
Diese fassten sie mit Gewalt an / und schlepten sie für den Centronius; welcher
die zum Gehorsam nun ganz willigen Legionen in richtige Schlacht-Ordnung
stellte. Wenn nun ein herzugeschleppter auf einem erhobenen Orte gewiesen ward
/und die Legionen rufften: dieser wäre einer ihrer Verführer; ward er alsbald
abgetan. Uber dieser Bestraffung frolockten die andern; gleich als wenn anderer
Tod ein Zeugnüs ihrer Unschuld wäre. Germanicus liess dem Kriegs-Volcke hierinnen
ihren Willen / und die ihm nützliche Rache. Diese übten nun nicht alleine die
neugeworbenen / sondern auch die alten und ausgedienten Kriegs-Knechte gegen
einander aus; von welchen Germanicus einen ihm verdächtigen Ausschuss in Rhetien
zu Bewachung der Gräntzen wider die Bojen und Schwaben schickte; etliche ihm
unanständige gar ausmusterte / und die Stellen der erschlagenen Hauptleute mit
denen / welche am längsten und rühmlichsten gedient hatten / ersätzte.
Unterdessen war das Volck zu Rom sehr schwürig: dass Tiberius mit dem Rate und
dem ungewaffneten Volcke sich verwickelte / jener unbedachtsame Worte auffienge
/der Bürgerschaft Fürhaben durchhechelte / und nach genungsam befestigter
Dienstbarkeit in der Stadt gleichwol das unsinnige Kriegs-Volck nicht zu
bestillen trachtete; da doch August im hohen Alter etliche mahl wegen nicht so
wichtiger Ursachen in Deutschland gereiset wäre. Tiberius aber kehrte sich wenig
daran / und hielt gar nicht für ratsam / sich durch des nicht so weit / als er
/ sehenden Volckes übele Nachrede von seinem beständigen Vorsatze abwendig
machen zu lassen / und mit Rom das Haupt und Hertze des Reiches / das Capitolium
und das Palladium zu verlassen; ausser welchem / damahligem Glauben nach / weder
der Sitz der Welt Herrschaft sein / noch ein Käyser erwehlet werden konnte. Wenn
aber auch diss ohne Gefahr zu tun gewest wäre / stand ihm doch im Wege: dass er
ein Kriegs-Heer dem andern nicht fürziehen / er auch leichter diss / was Drusus
oder Germanicus / als was er selbst willigte / mässigen oder zurück ziehen könnte;
und / dass / wenn er anwesend verachtet würde / kein Mittel mehr die Sache
beizulegen übrig wäre / und ein Fürst ins gemein in der Ferne als in der Nähe
ein grösser Ansehn hätte. Gleichwol aber machte er ansehliche Anstalt; gleich
als wenn er alle Tage reisen wollte; bald ertichtete er ihm neue Hindernüsse /
äffete also anfangs auch kluge Leute / den Pöfel länger / und die Länder am
längsten. Germanicus aber wollte allentalben mit seiner Anwesenheit das Feuer
ausleschen. Weil nun die zu Vetera liegende fünfte und ein und zwantzigste
Legion die Anfänger des Aufruhrs waren / an ihren Obern und denen Römischen
Gesandten sich vergriffen hatten /sich auch die Straffe der andern nicht
bestillen liessen; sätzte Germanicus andertalbe Legionen / sechstausend
Sicambrer / zu Schiffe / fuhr auf dem Rheine hinab / und auf einer Seite zohen
sich auch sechstausend Gallier / so viel Bataver / und dreitausend Chauzen dahin
/ um die Halsstarrigen mit Gewalt zum Gehorsam zu bringen. Gleichwol schickte er
einen Dräu- an Cäcina voran / und deutete den Widerspenstigen an: dass wenn sie
für seiner Ankunft nicht die Rädelsführer aufgerieben haben würden / sollten die
Unschuldigen mit den Schuldigen in Stücke zerhauen werden. Der schlaue Cäcina
lass diesen Brief nur denen fürnehmsten und redlichsten als ein gross Geheimnüs;
riet also ihnen ihrer Ehre und Lebens wahrzunehmen. Denn im Friede liesse sich
nur Schuld und Verdienste unterscheiden; wenn es aber zun Waffen und Handgemenge
käme / schönte das Schwerdt weder des guten noch des bösen. Diese sagten es
ihren Vertrauten; und also machte das allgemeine Schrecken über dem Anzuge der
beruhigten Legionen: dass die meisten dem Cäcina zu gehorsamen angelobten / und
auf seinen Anlass folgende Nacht die Köpffe der Unruh abzuschneiden beschlossen.
Als nun hierzu das abgeredete Zeichen gegeben ward / fielen sie in die Häuser
und Hütten ein / schlugen nach ihrem Gutdüncken ihrer viel / welche ihnen in
Wurff kamen /todt; ohne dass iemand die Ursache / oder den Zweck dessen wusste;
weil zumahl kein Befehlhaber sich dessen anmaste / oder dem Würgen widersätzte.
Als auch gleich endlich gesagt war: dass es nur den Urhebern des Aufruhrs gielte;
fielen doch viel unschuldige; weil mehr der Zufall / als die Vernunft die Hand
im Spiele hatte; ihrer viel auch unter dem Scheine der allgemeinen Wolfart sein
eigen Unrecht rächete / und die Schuldigen nicht ungerochen sterben wollten. Die
Rache hatte sich noch nicht gesättigt / sondern alles war noch voller
Blutstürtzung / als Germanicus ins Lager kam / dem Wütten einen Stillestand bot
/ und diese grimmige Artznei für was schlimers schalt / als wenn Aertzte Sege /
Feuer und Messer brauchen. Nach dem er alle Unruh / in welcher ins gemein der
geringste und schlimmste die meiste Macht an sich zeucht / die Häupter und
Klügsten am wenigsten zu sagen haben / gestillet waren / liess er die Leichen
verbrennen / und ieden wieder sein Ampt verrichten.
    Eben selbigen Tag kam Hertzog Flavius vom Tiberius mit einer ziemlichen
Anzahl vornehmer Römer ins Lager / mit Befehl: dass Germanicus / so bald es sich
tun liesse / die Legionen wider den Feind führen sollte. Denn es wäre nichts
anders die Ursache ihres Auffstandes / deñ dass sie eine zeitlang keinen Feind
gehabt; ihr Müssiggang sie lüstern / und der Mangel der Gefahr sie hochmütig
gemacht hätte; gleich als wenn ihrer Macht weder einiger Feind noch selbst das
Römische Reich gewachsen wäre. Dahero müste man die unruhigen Köpffe in einen
ausländischen Krieg verwickeln / dass sie keinen bürgerlichen anfingen. Uber diss
versicherte Flavius: dass Hertzog Segestes sich mit seinen Chassuariern wie
vorhin / auf die Römische Seite zu schlagen willens wäre / so bald die Römischen
Adler über den Rhein flügen / und ihn von der Furcht der Cherusker befreien
würden. Hertzog Melo und Ganasch liessen an ihnen ebenfalls nichts erwinden /
den Germanicus wider die Cherusker zu verhetzen; welche lieber ihre Rachgier
vergnügen / als ihrer Sicherheit raten wollten; Endlich schien es: als wenn
alles auf einmal sich zum Kriege wider die Deutschen verschworen hätte.
Sintemahl die aufrührisch gewesenen Legionen alle Tage vom Germanicus mit
Ungestüme verlangten: Er sollte sie wider den Feind führen / weil sie den
Schandfleck ihres Lasters durch nichts / als durch desselben Blut abwischen
könten. Ihrer in dem Auffstande umgebrachter Kriegs-Gefärten Geister könten
auch nicht andern Gestalt versöhnt werden / als durch ehrliche Wunden / welche
sie vorwerts bekomen würden. Damit nun der Eyver des Kriegs-Volckes nicht
verrauchte / oder lau würde / schlug Germanicus mit Hülffe der Sicambrer in Eil
eine Brücke über den Rhein / sätzte die vier Legionen / acht Flügel der
Römischen Reuterei / sechs und zwantzig Fahnen Menapier / Ubier / und Trierer /
wie auch zweitausend Batavische Reuter darüber. Und weil Melo noch nicht den
Nahmen haben wollte: dass er gegen die Cherusker offentlich brechen wollte / liess
er zu: dass etliche tausend Sicambrer und Tencterer sich zum Flavius schlugen;
welcher unter dem scheinbaren Vorwande sein väterliches Erbteil zu behaupten /
wider seinen Bruder und Vaterland die Waffen zu führen sich nicht scheuete.
Hertzog Melo zohe sich mit einem ziemlichen Heere an seine Gräntzen / unter dem
Scheine solche zu bewahren / in Wahrheit aber das Römische Heer auf den Notfall
zu bedecken. Silius hingegen baute bei Meintz eine neue Brücke über den Rhein /
gleich als wollte er daselbst den Catten alle Tage einfallen / damit sie denen
von unten angegriffenen Cheruskern nicht zu Hülffe kommen könten. Hertzog Arpus
bereuete nunmehr: dass er des Feldherrn Herrmanns Wahrsagung nicht geglaubt /und
seinem treuen Rate nicht gefolgt hatte. Alleine die zu späte Klugheit hat
keinen Nutzen / sie verursacht aber desto mehr Grämung. Der Feldherr war noch zu
Mattium / halff also nicht allein dem Cattischen Hertzoge zu tapfferer Gegenwehr
gute Anstalt machen / sondern befahl auch: dass / was von seinen Cheruskern in
der Eil nur auffsitzen könnte / denen Catten zu Hülffe kommen sollte. Zu welchem
Ende denn auch Hertzog Ingviomer zu seinen Bructerern /Jubil zu den Hermundurern
/ Cattumer mit denen Mattiachern zu Besetzung des Mein-Stromes eilete.
Unterdessen rückte Germanicus mit Wust und Willen des Hertzogs Melo durch das
Gebiete seiner untergebenen Tencterern unverhindert fort / biss an den zwischen
der Rohr und Lippe gelegenen Cäsischen Wald / welchen Tiberius vormahls zur
Gräntze zwischen den Römern und Marsen gemacht und verhauen hatte; weil nun
durch diese Wildnüss zwei Wege waren /ward beratschlagt: ob sie den gerädesten
uñ engen /oder den geräumern Umweg nehmen sollten. Weil nun die Tencterer /
welche Melo dem Germanicus zu Wegweisern und Kundschaftern mitgegeben hatte
/ihn versicherten: dass das Römische Heer in etlichen Tagen sich schwerlich durch
den geraden / leicht aber durch den weitern Weg durcharbeiten würde / ward
dieser erkieset. Zumahl etliche Tencterer auch Kundschaft brachten: dass die
sich so wenig eines Feindes als des Himmels-Falls versehenden Marsen ohne alle
Wache in stoltzer Sicherheit lebten / und auf die andere Nacht das Feier der
Herta mit vielen Gastmahlen feiern würden. Cäcina musste mit denen der Wege
kundigen Tencterern / mit welchen er die Beute zu teilen versprach / und etlich
tausenden mit Aexten und Sägen gerüsteten Hülffsvölckern voran; welche die
verhauenen oder sonst im Wege liegenden Bäume zerhauen / aus dem Wege räumen /
also denen langsam nachfolgenden Legionen Platz machten. Folgenden Tag gegen
Abend hatten sie sich völlig durchgearbeitet / aber Germanicus wollte nicht ehe
die Marsen überfallen / als biss er aus ihren des Nachtes aufgehenden Feuern
sehen würde: dass sie sich bei ihren Gast-Maalen mit Speise und Tranck schon
ziemlich würden überladen haben: und weil die Nacht ohne diss den Einbruch eines
Feindes schrecklicher macht /auch solche so wohl als die Trunckenheit gute
Anstalten und den Gehorsam auch williger Leute verhindert. Germanicus teilte
unter dess sein ganzes Heer in vier Teil / und als eine Stunde für Mitternacht
kam / liess er selbtes derogestalt ausgebreitet die Marsen überfallen; welche
weil sie teils schlaffend / teils schläffrig oder truncken; also weder zu
gutem Rate / noch zu einiger Verfassung fähig waren / entweder gar keine
Gegenwehre taten / oder doch von denen viel stärckern Feinden leicht übermannet
wurden. Das Andencken des nicht ferne von dar erschlagenen Varus machte die
Römer so verbittert: dass sie weder der schwachen Weiber noch zarten Kinder
schonten; sondern alles / was lebte / durch die Schärffe der Schwerdter
aufgerieben / und alle Wohnungen durchs Feuer eingeäschert wurden. Diese
Verwüstung erstreckte sich bei nahe auf funffzig Römische Meilen /im Umkreisse /
ehe die Maasen fast ihre Feinde erfuhren / und sich irgendswo setzen kunten. Ja
Fürst Malovend musste / um der Gefahr zu entkommen / durch die Lippe sätzen.
Germanicus / ob er zwar sonst zur Grausamkeit nicht geneigt war; verhing doch
diese dissmahl seinem Volcke / teils durch diese sie zur Rache aufzufrischen /
teils den Feinden bald anfangs ein Schrecken einzujagen. Denn wenn im Anfange
des Krieges man entweder mit einer grossen Gewalt und Hefftigkeit verfährt; oder
ein Feind dem andern / wie Brennus der Stadt Rom ganz unvermutet auf den Hals
kommt; oder man eine neue Art zu kämpffen wie die Cartaginenser mit den
Elephanten / die Römer mit ihren Schiff-Angeln gebrauchet / oder auch alsbald
etwas grosses / wie Xerres mit seinem Brücken-Bau über das Meer / und
Durchgrabung des Berges Atos / ausrichtet / kann es nicht fehlen: dass seinem
Kriegs-Volcke das Hertze wachsen / den Feinden es abnehmen müsse. Daher war es
hier den Marsen nicht zu verargen: dass sie bei einem so geschwinden Uberfalle
keine andere Hülffe als die Flügel der Flucht zu ergreiffen wussten. Germanicus
aber ward hierdurch so vermässen: dass er daselbst / wo sein Vater Drusus dem
Mohnden ein Altar gebauet hatte /drei Brücken über die Lippe schlug / und mit
seinem ganzen Heer darüber ging; ja sich alldar nicht alleine zu verschantzen
anfieng / sondern auch alles / was er konnte / zu Pferde sätzte / und dem
Stertinius mit solcher Reuterei den Tanfanischen Tempel einzuäschern anbefahl.
Ungeachtet solcher nun sieben oder acht deutsche Meilen von dar entfernet war /
kam doch dieser Schwarm / welchem die Tencterer die ganze Nacht durch die
Wälder die geradesten Wege gewiesen hatten / des Morgens mit dem Tage eine halbe
Meile vom Tempel an. Daselbst stiess der Feldherr Herrmann mit tausend Pferden
auf die Römer /welcher nach verlautetem Einbruche der Römer von Mattium nach
Deutschburg mehr geflohen als geritten / auch allererst selbige Nacht zu Hause
ankommen war. Denn diese Reuterei hatte er in höchster Eil zusammen gezogen / um
des Feindes Vorhaben auszuspüren; weil alle Stunden von Marsen und Bructerern
reitende Boten ankamen und Hülffe begehrten. Ob nun zwar ihm Hertzog Hermann
nicht hätte träumen lassen / so nahe Römer aufzustossen; grieff er doch ihren
Vordrab mit unsäglicher Tapfferkeit an / und brachte selbten ohne grosse Mühe in
die Flucht. Als er aber diesen in Eisen lag / und die Flüchtigen durch einen
kleinen Eich-Wald verfolgte / traff er hinter selbtem auff einer freien Fläche
die ganze Römische Reuterei / welche über fünff tausend starck war / in voller
Schlacht-Ordnung an. Dieses Gesichte schiene ihm eine Zauberty zu sein; nichts
desto weniger hielt er es ihm für die ärgste Schande schlechter Dings zu
fliehen. Als er nun selbst einem gefangenen Römer mit Ansetzung seines Degens
ans Hertze die Bekenntnis ausgepresst hatte: dass kein Römisches Fuss-Volck darbei /
sondern dieser Reuterei Vorhaben alleine wäre / den Tanfanischen Tempel zu
zerstören /schickte er spornstreichs dahin: dass die Priester mit allem
köstlichen Vorrate / insonderheit aber mit denen aufgehenckten zwei Römischen
Adlern des Varus sich nach Deutschburg flüchten sollten. Hierhin aber befahl er:
dass ihm alles / was nur zu entraten wäre / zu Hülffe kommen sollte. Er teilte
sein Volck auch alsbald in vier Hauffen. Einen untergab er dem Grafen von
Benteim / den andern dem von Steinfurt / und den dritten dem von der Lippe /
der Graff von Nassau mit der Leib-Wache aber blieb bei dem / welchen der
Feldherr selbst für sich behielt; welcher denn sich auch des Eich Waldes / und
eines Sumpffes zu seinem Vorteil bediente; dass er von der Menge der feindlichen
Reuterei nicht umringet werden konnte. Stertinius hingegen hatte sich eben so
wenig eines ihm begegnenden Feindes versehen; also stutzte und bedachte er sich
auch wegen besorgten Hinterhalts eine weile: ob er den Feind antasten sollte.
Weil er nu mit eitel Reuterei versehen / also von dem auf allen Fall von dem
versteckten deutschen Fuss-Volcke keine so grosse Gefahr / welcher er sich nicht
hätte entziehen können / zu besorgen war / teilte er seine Reiterei gleichfalls
/ und liess anfangs des Cariovalda Bruder mit zweitausend Batavern auf die
Cherusker treffen. Diese hatten die Einbildung von sich / dass sie der Kern aller
Völcker am Rheinstrome / und insonderheit ihrer Reiterei niemand gewachsen wäre.
Aber sie fanden an dem Kerne dieser Cherusker / welcher fast an eitel Edelleuten
bestand / nicht nur gnungsame Gegenwehre / sondern diese würden auch bei zeit
der Bataver Meister worden sein; wenn nicht Flavius mit etlichen Fahnen der
Tencterer / welche zu Pferde so berühmte Krieger / als die Catten zu Fusse sind
/ sie entsätzt hätte; zumahl ihre abgerittene Pferde ohne diss nicht recht fort
wollten; hingegen die Cherusker von ihrem Hertzoge nach Gelegenheit des Ortes /
und Erforderung der Not bald auf Partisch fliehende /und im geraumen mit
Pfeilen / bald auf Sarmatisch im Gedrangen mit Lantzen und kurtzen Degen / bald
mit geschlossenen Hauffen auf Römisch / bald eintzelich hinten und vorwerts auf
deutsch zu fechten gelehrt waren. Weil die Deutschen sich derogestalt mit
einander abmatteten / wollte Stertinius den ihm vom Germanicus anbefohlnen
Hauptzweck / nämlich die Zerstörung des Tanfanischen Tempels nicht versäumen.
Daher schickte er den Emilius mit tausend Pferden gerade dem über die Eich-Bäume
herfür ragenden Tempel zu. Diese fanden denselben leer und offen / insonderheit
aber keinen Schatten mehr von denen Römischen Adlern oder Kriegs-Fahnen. Wie die
Römer nun solchen auf allen Ecken anzündeten; trat der eisgraue Priester Libys /
welcher nicht zu bewegen gewest war das Heiligtum zu verlassen / aus der
heiligen Höle an derselben Türe herfür / und redete den nicht ferne davon
stehenden / und zur Einäscherung Befehl erteilenden Emilius dergestalt an: Ich
weiss nicht: ob wir Deutschen euch Römern für diese Arbeit dancken oder fluchen
sollen. Denn ihr zerstöret den Tempel / welcher zwar euch ein Dorn in Augen /
aber uns / die wir in der alten Einfalt einen viel reinern Gottesdienst als in
Gold und Marmel finden / kein geringes Aergernüs gewest. Also schaffet ihr uns
hierdurch mehr Nutz als Schaden; und ihr seid nicht mächtig unser Andacht den
geringsten Abbruch zu tun / so lang ihr in der Welt nicht alle Bäume / Stauden
und Kräuter auszurotten / oder alle Tiere und Würmer zu vertilgen / alle
Brunnen / Bäche und Felsen zu zernichten vermöget / denn das geringste unter
allen diesen Dingen lehret uns die Warheit unsers Gottes; ja er ist nirgends
grösser als in den kleinsten /und nirgends sichtbarer / als in denen
verstecktesten Geschöpffen. Diese finstere Höle / in der ich stehe /und das
daraus rinnende Qvell / ist wie der nechste Hein ein viel herrlicher Tempel
Gottes / als der / welchen ihr zerstöret. Denn jener ist Gottes Werck / diss aber
nur ein Gemächte der Menschen / welche ins gemein mehr zum Gepränge ihrer
Eitelkeit / zu Ausübung ihres Hochmuts / als aus Andacht / und zur Ehre Gottes
Heiligtümer aus köstlichen Steinen und Ertzte bauen / und nichts anders
wünschen; als dass sie darinnen die Götzen / wie der Egyptischen Könige Leichen
der stinckende Schatz ihrer kostbarer Spitz-Säulen sein mögen. Brennet demnach
wie ihr wollet! lasset keinen Stein auf dem andern; glaubt aber: dass ich um
diesen vorteilhaften Verlust keinen Seufftzer / keine Tränen verliehren
werde. Nichts desto weniger bildet euch nicht ein: dass euch dieser Frevel
ungenossen werde ausgehen / ob ihr schon unsern reinern Gottesdienst gegen eurem
besudelten / da ihr so viel gestorbene Menschen anbetet / für unvollkommen
haltet. Es ist Bosheit auch eines irrigen Gottesdienstes Heiligtümer versehren.
Wisset ihr nicht / wie übel es dem Cambyses bekommen / als er sich an der
Egyptier Aberglauben ärgerte / des Apis / Osiris / und der Isis Bilder
zerstörte? Wie sein Heer vom Ungewitter und Sande verschlungen ward / welches er
zu Vertilgung des Ammonischen Tempels ausschickte? Habet ihr nie gehöret / wie
alle viertausend Perser /welche Xerxes zu Beraubung des Delphischen Tempels
aussendete / durch Regen und Blitz vertilget / er auch selbst so schimpflich aus
Griechenland gejagt ward? Zu einer Erinnerung der Nachwelt! wie töricht der
Mensch Gott Krieg ankündige / und aller Welt Kräfften gegen seiner Hand
verglommene Strohalmen sind? Nicht besser ist es den Kirchen-rauberischen
Phocensern / und noch ärger soll es dem Brennus /den Galliern / und Tectosagen /
der Griechen Berichte nach / beim Delphischen Heiligtum ergangen sein. Wider
den Antiochus haben sich alle Nachtbarn verschworen / und ihn erschlagen / als
er des Didymeischen Jupiters Tempel beraubt. Und mit Alexander in Syrien hat es
einen kläglichen Ausgang gewonnen; welcher zu Antiochia das güldene Bild des
Sieges aus einem Tempel nam / und als er es zu Bezahlung seines Kriegs-Volcks
zerschmeltzte / GOtt noch spottete / mit Vorgeben: Jupiter hätte ihm des Sieges
Bild geliehen. Wie viel einen ärgern Krieg aber führet ihr Römer wider GOtt; die
ihr mit diesem Heiligtum unsern ganzen Gottesdienst auszurotten euch träumen
lasst! Bildet euch dannenher nur festiglich ein: dass diese Einäscherung keinem
unter dessen Werckzeugen ungenossen ausgehen werde. Saget eurem Germanicus; dass
er mit dieser Flamme seinen Glücks-Stern verdüstere; und dass er / ehe vier Jahr
vergehen werden / seinen Geist durch Gift und Zauberei aufgeben; Rom auch aus
seinen Augen hierüber mehr Wasser schütten werde / als man zu Leschung dieses
Brandes bedörffte. Denn GOtt ist zwar barmhertzig; wenn er aber durch Verachtung
beleidigt / oder er gar zum Streite ausgefordert wird / ist er gerecht; und
zermalmet alles / was ihm den Kopff zu bieten sich erkühnet. Rechtschaffenen
Feinden ist es nicht zu verargen: dass sie ihnen im Wege stehende Festungen /
Städte /Hafen / Schiffe und Früchte verderben / und Waffen zu tragen-fähige
Leute tödten; aber die ihnen nichts schädliche Tempel / Lust-Häuser /
Gedächtnüs-Maale zerstören / Weiber und Kinder ermorden / ist eines Rafenden /
oder gar eines Unmenschen Werck. Emilius und andere Römer hörten den Priester
anfangs mit grosser Verbitterung; hernach aber mit so grossem Schrecken: dass
allen denen / welche ihn zu tödten und in der Asche des Tempels zu vergraben
fürsätzten /Hertze und Vernunft entfiel; ja endlich alle mit Einreissung des
lodernden Tempels beschäfftigte Römer /in eine so unvermutete Zagheit
gerieten: dass /gleich als wenn jeder Feuer-Funcken ein Donnerkeil wäre / oder
ihnen die göttliche Rache schon im Nacken sässe / sie sich in gröster Verwirrung
von dem einsamen Tempel flüchteten. Bei ihrer Rückkunft fanden sie den
Stertinius und das Treffen in viel anderer Beschaffenheit / als es bei ihrem
Wegzuge gewest war. Denn als in Deutschburg das Gerüchte erschollen: dass der
Feldherr so nahe mit den Römern schlüge / und man daselbst vom brennenden Tempel
den Rauch aufgehen gesehen / hatte sich alles / was nur streitbar war / auf- und
ins gemein sich ihrer zwei auf ein Pferd gesätzt; also war der Feldherr mit mehr
als dreitausend Cheruskern verstärckt worden / welche den Streit mit denen
stärckern Feinden bald gleich gemacht hatten. Bei Ankunft der Tempel-Störer
aber hatte sich das Spiel mercklich verkehret. Denn der Feldherr hatte mit
eigener Hand Cariovaldens Bruder getödtet; von seinen Batavern hatte mehr als
die Helffte ins Grass gebissen; Nassau hatte auch den Führer der Tencterer
Fürstenberg erlegt / und denen Römern / welche sich an einen vorteilhaften Ort
gesätzet / ward nicht wenig zugesätzt. Emilius ermahnte seine Römer zwar den
Cheruskern tapffer in die Seite zu gehen; aber das Schrecken stackte ihnen nicht
nur in Hertzen / sondern sah ihnen auch aus den Augen. Und also war ihr Angrief
lau / ihr Verfolg kalt / da sie denen gegen einer viel grössern Menge
abgematteten Cheruskern einen gewaltigen Streich zu versätzen fähig gewest
wären; wenn der ungewaffnete Priester Libys ihnen nicht eine so nachdrückliche
Furcht eingejagt hätte. Dem Stertinius schwindete daher für einer grössern
Niederlage; und weil er die ihm befohlne Verbrennung des Tempels verrichtet
hatte / hielt er nicht für ratsam / sein Heil aus einer eitelen und
zweifelhaften Ehre ferner auf die Spitze zu setzen. Er zohe sich diesem nach
Fuss für Fuss in den am Rücken habenden Wald / und befahl dem Emilius dergleichen
zu tun. Der Feldherr aber lag ihnen beständig in Eisen. Weil sich aber in
selbtem etliche zum Hinterhalte gelassene Römische und Chassuarische Hauffen
blicken liessen / und der Feldherr eine Arglist besorgte / vergnügte er sich mit
neun denen Batavern / drei den Tencterern / und zwei den Römern abgeschlagenen
Fahnen; liess also seinem Volcke das Zeichen geben einzuhalten; wolwissende: dass
ein mässiger Sieg besser sei / als mit Gefahr seinen Feind biss zum Untergange
verfolgen. Stertinius war über dieser Vorsicht des Germanicus sehr vergnügt; und
ob wohl sein Volck für Müdigkeit sich zum teil kaum mehr regen konnte / mussten
sie doch den Wald des Nachtes verhauen; dass sie / so bald die Pferde nur ein
wenig verblasen hätten / desto sicherer ihren Rückweg nehmen / oder vielmehr
fliehen konten. Stertinius kam also zwar mit einem blauen Auge / die Bataver
aber und Tencterer mit grossem Verluste und noch grösserem Unwillen beim
Germanicus an. Denn sie beschwerten sich: dass die Römer sie nicht ehrlich
entsätzt / sondern sie allein im Bade gelassen hätten; als welche noch nicht
wussten: dass es der Römer Eigenschaft wäre / mit frembdem Blute frembde Völcker
zu überwinden.
    Germanicus hatte inzwischen das Monden-Altar wieder aufgerichtet / und zu
Befestigung selbigen Platzes einen Anfang gemacht. Als er aber vernam: dass der
Feldherr die Cherusker / Tubanter und Dulgibiner aufs fleissigste zusammen zohe;
Hertzog Ingviomer auch mit einer ziemlichen Macht der Bructerer und Usipeter ihm
im Rücken stünde; über diss weder Chauzen / Chassuarier und Sicambrer mit den
Cheruskern und Bructerern völlig zu brechen das Hertz hatten / sondern gleichsam
auf beiden Achseln trugen / und das Römische Heer mit Einbissung des Kernes
ihrer Reiterei und Verlust ihrer ersten Hertzhaftigkeit die wenig rühmliche
Verwüstung eines Tempels /welchen nur seine Heiligkeit und GOtt beschützte / so
teuer bezahlet hatte / geriet er in nicht geringen Kummer. Ob nun wohl in
gehaltenem Kriegs-Rate Germanicus der Meinung war / dass er ohne Abbruch seines
guten Nahmens / und ohne Verkleinerung der Römischen Waffen nicht zurück weichen
könnte; Sintemahl ein guter Ruff im Kriege mehr als viel tausend Kriegs-Leute
machte / und meist mehr in der Einbildung und in einem scheinbaren Schatten als
im Wesen eines Dinges bestünde / so war doch Cäcina /Stertinius / Cetronius /
und alle andere Kriegs-Obersten widriger Meinung; welche alle einhellig rieten
/dass nach dem ihnen die Bructerer und Usipier im Rücken alle Zufuhre an
Lebens-Mitteln abschneiden könten / sie / dafern sie tieffer in Deutschland
rückten / bei dem ohne diss so rauen Wetter erhungern und umkommen würden / wenn
ihnen gleich nicht der besorgliche Untergang des Varus von den Deutschen
zuhienge. Auf die Sicambrer und Chauzen wäre sich nicht zu verlassen; wo Fürsten
ja jemahls fähig wären einige Freundschaft zu stifften / oder zu unterhalten
/wäre auf selbte länger nichts zu bauen / als so lange sie der Eigennutz
unterhielte und beseelte. Denn dieser wäre aller Fürstlichen Verträuligkeiten
und Feindschaften Mässstab. Daher ob wohl Melo und Ganasch mit dem Hertzoge der
Catten und Cherusker zerfallen / die Freundschaft gemeiner Leute auch schwerer
als Ton und Ertzt zusammen zu löten wäre / so hätte es doch mit Bündnüssen der
Herrscher viel eine andere Beschaffenheit; welche / wie liederlich sie gleich
vorher wären zerrissen worden / doch bei sich hervor tuendem Vorteil sich so
geschwinde als die Stücke zerhauener Nattern zusamen fügten. Daher müste man mit
verbundenen Fürsten nicht anders umgehen / als wenn sie morgen unsere Feinde
werden sollten. Die schläfrigen Sicambrer / und die gefrornen Chautzen hätten
bereits sich schon verraten / wie wenig Eyver sie für die Römer hätten / und
wie leichte sie ihr Kleid umwenden würden / wenn den Römern nur ein schlechter
Streich noch versätzet werden wollte. Wie schimpflich dieses nun zwar dem
Germanicus schien /traute er doch weder dem Glücke noch den Deutschen / am
allerwenigsten dem Tiberius; welcher das geringste Versehen zu einer grossen
Schuld machen würde. Daher ward beschlossen das Monden-Altar wieder zu verlassen
/ und weil auf der lincken Seiten der Lippe alles verbrennt / der dicke Cäsische
Wald auch ihm allzu verdächtig war / sich geraden Weges gegen dem Rheine und
Vetera zu wenden. Weil aber Hertzog Ingviomer mit seinen Bructerern / Tubandten
und Usipetern / wie auch Malovend mit einem Teile seiner Marsen den Römern
aufwartete / musste Germanicus / wo er Raum hatte / in voller Schlacht-Ordnung
fortrücken. Die Helffte der Reiterei und Hülffs-Völcker hatte den Vorzug; diesem
folgte die erste Legion / hernach zohe die ein und zwantzigste auf der lincken-
die fünfte auf der rechten Seite; und zwischen inne alles Kriegs-Geräte / den
Beschluss machte die zwantzigste Legion / welche von der andern Helffte der
Reiterei und Hülffs-Völcker bedeckt ward. Die Deutschen aber / weil sie einer so
grossen Macht nicht gewachsen waren / trauten sich selbte nicht im flachen Felde
anzugreiffen. So bald aber die Römer zwischen die Wälder und Püsche kamen / fiel
der Graf von Steinfurt mit tausend Usipetern zu Pferde den an den übrigen
Batavern bestehenden Vordrab /Malovend mit zwölffhundert Marsen die ein und
zwantzigste / der Graf von Benteim mit so viel Tubanten die fünfte Legion an.
Aber dieses war nur angesehen den Feind irre zu machen. Denn Hertzog Ingviomer
tat mit zwantzig tausend Bructerern und Usipetern den rechten Angrief von
hinten zu. Die Römische und Gallische Reiterei war in einem Augenblicke über den
Hauffen geworffen / und zwischen die Legionen gejagt. Ob nun wohl die zwantzigste
Legion sich wendete / und festen Fuss hielt; so sätzten ihr doch die Bructerer so
heftig zu: dass die fördersten Glieder von einander giengen / und die ältesten
Kriegs-Leute ihre Lücken erfüllen mussten. Germanicus merckte alsbald: dass am
Rücken die Kräfften der Deutschen stünden / an andern Seiten aber die Angrieffe
nur ein Spiegelfechten wären; daher liess er die erste Legion auf beiden Seiten
um das Kriegs-Geräte sich an die zwantzigste Legion ziehen; und er selbst
sprach denen Wanckenden einen Mut zu / und sagte: die Feinde wären nicht halb
so starck / als sie die Römer / und nur ein zusamen gerafftes übel gewaffnetes
Volck; daher sie auch nicht das Hertze gehabt hätten / sie im freien Felde
anzugreiffen. Dieses aber wäre der Tag und die gewünschte Gelegenheit /da sie
Schande ihres Aufruhrs in den Ruhm eines herrlichen Sieges verwandeln könten.
Dieser Einhalt hielt die wanckende zwantzigste Legion im Stande /welche wenn sie
von der ersten und dem hertzhaften Cetronius nicht so zeitlich wäre entsätzt
worden /durch den einem Löwen gleich fechtenden Ingviomer in weniger Zeit würde
sein in Stücken gehauen worden. Sintemal er selbter sein fünft Krieges-Zeichen
abgenommen; die auf ihren Seiten stehende Fuss-Völcker aus Gallien grösten teils
erlegt hatte. Nunmehr aber / da Germanicus selbst allentalben gute Verfassung
machte / und mit Mund und Hand die Römer zu tapfferer Gegenwehre aufrischte /
kam es zu einem gleichen und scharffen Gefechte / sonderlich da Germanicus an
allen dienlichen Orten Bäume aushauen liess: dass die Bructerer zu Pferde nicht
auf den Seiten einbrechen konten. Gleichwol aber sprang Ingviomer selbst vom
Pferde / und gab den Seinigen ihm solches nachzutun ein Beispiel / ihnen
meldende: dieses wäre eben der Tag des Jahres / an welchem Qvintilius Varus mit
einem zweimahl so starcken Heere wäre erschlagen worden. Wenn die Bructerer nun
alle es dem Germanicus so mit spieleten / würden sie zehnmahl mehr Ehre darvon
tragen. Sie sollten also eilen ihren Sieg zu befördern / ehe der ihnen nahe
Hertzog Herrmann mit seinen Cheruskern dazu käme / und die Helffte des Sieges
und Ruhms ihnen wegnähme. Also verbitterte die Deutschen die Ehrsucht / die
Römer das Andencken ihrer Schande: dass sie desto verzweiffelter gegen einander
fochten; und ein jeder lieber das Leben / als einen Fussbreit Erde verliehren
wollte. In dieser Hartnäckigkeit verharreten sie wohl drei Stunden / ehe die
Bructerer einen rechten Einbruch in die erste Legion tun konten. Als aber
Cetronius vom Ritter Winnental heftig verwundet ward /geriet sie in
Verwirrung: dass Germanicus Not hatte sie zu erhalten; daher er dem Stertinius
befehlen musste / mit der halben fünften und halben ein und zwantzigsten Legion
ihm einen Weg zu suchen / die Bructerer auf der Seite anzugreiffen / um ihm mit
der ersten und zwantzigsten Legion Lufft zu machen. Stertinius richtete diss
glücklich aus / und kam denen Bructerern an einem ganz unvermuteten Orte über
den Hals. Uber diss gebrauchte sich Stertinius dieser Krieges-List: dass er drei
falsche güldene Adler / wie solche die dem Silius untergebenen Legionen führten
/aufsteckte / und unter seine zwei halbe Legionen alle übrigen Gallier mischte.
Hierdurch wurden die Bructerer verführet; dass sie glaubten / es käme Silius dem
Germanicus zu Hülffe. Als diss nun dem Hertzoge Ingviomer / welcher dem
Germanicus im Hertzen der ersten und zwantzigsten Legion heftig zusätzte
/angedeutet ward / musste er seinem Siege nicht anders / als einem rennenden
Pferde in Zügel fallen; und mehr auf Sicherheit seines Volckes / als auf
Eitelkeit eines gefährlichen Sieges bedacht sein. Daher bebefahl er: es sollten
seine Kriegs-Obersten und Haupt-Leute sich allgemach aus dem Gedränge der Wälder
ins geraume zurück ziehen / damit sie wieder zu Pferde kommen könten. Dieses
ward von den Bructerern auch ohne Unordnung vollzogen; und ob wohl der hierüber
erfreute Germanicus und Stertinius so weit / als die Wälder währeten / denen
Deutschen folgten / wollten sie sich doch nicht unterstehen / ihnen ins flache
Feld zu folgen / aus Beisorge: dass der so wohl angeschlagene Betrug verraten
werden / und sie sich in neue Gefahr vertieffen möchten. Eine Stunde darauf kam
der Feldherr mit sieben tausend Cheruskern zu Pferde beim Ingviomer an; und ihm
folgten auch zehntausend Cherusker zu Fusse. Er war über seine Langsamkeit: dass
er nicht zurechte kommen wäre / so wohl als seinen Irrtum sehr ungeduldig. Denn
weil er vermutet hatte: es würden die Römer beim Altare des Mohnden entweder
noch stehen / oder daselbst wieder über die Lippe gehen / war er auf der
Sudseite dieses Stromes herab kommen; und nach dem er das Monden-Altar aufs neue
über einen Hauffen geworffen / hatte er daselbst über den Fluss gesätzt / und
also dieses Treffen durch solchen Umweg versäumet. Er wollte sich auch gar nicht
bereden lassen: dass Germanicus den von den Catten starck besätzten Rhein und
Mein ganz entblösset / und einige von des Silius Legionen herunter gezogen
haben sollte. Ob nun wohl Fürst Malovend / und der Graf von Benteim / Ingviomers
Meinung hielten / weil gegen ihnen der fünfte und ein und zwantzigste Adler
beständig blieben wäre / und sie am Einfalle verhindert hätte; so sagte doch der
Feldherr: Es wäre den Römern nichts neues; dass wenn sie sich klein machen wollten
/ um den Feind verwegen zu machen / zwei Legionen einen / und wenn es die Not
erforderte / sich gross zu machen /einer Legion zwei oder drei Adler zu geben.
Und hätte er in Asien selbst gesehen: dass die Römischen Feldherren stets drei
oder vier dieser ihrer Lager-Götter mit sich in einer Kiste führeten / und
dadurch einfältige Feinde blendeten. Uberdiss hätten des Silius Legionen / seinem
Urtel nach / flügen müssen / da sie beim Germanicus an der Lippe stehen sollten;
weil er für fünf Tagen noch zu Mattium gewest / und Hertzog Arpus gewisse
Nachricht gehabt hätte: dass alle 4. Legionen daselbst / und zwar meistenteils
am Meine gestanden hätten. Ingviomer musste solcher gestalt des Feldherrn Meinung
billigen / und seine Leichtgläubigkeit schelten; dass er durch eine KriegesList
ihm den Sieg hätte aus den Händen spielen lassen. Daher wollte er selbigen
Augenblick zu einem neuen Angriffe das Zeichen geben / ungeachtet es schon
stockfinstere Nacht war. Hertzog Herrmann aber widerriet es; teils wegen der
zum Betruge dienlichen Finsternüs; teils weil so wohl die Bructerer als
Cherusker der Ruhe / welche dem Kriegs-Volcke neue Hurtigkeit gäbe / und in
diesen Wäldern des erwarteten Fuss-Volcks hoch vonnöten / welches auch nach zwei
Stunden ankam. Des Morgens früh für Tage musste zwar alles in die Waffen / um die
Römer aufs neue anzugreiffen / sonderlich als etliche Bructerer in dem Gepüsche
zwei Römer erschlichen / und von ihnen das Bekäntnüs ausgepresst hatten: dass
Stertinius sich falscher Adler bedient hätte / und mehr nicht als vier Legionen
/ welche ohne diss zimlich abgenommen hätten / gegenwärtig wären. Der deutsche
Vordrab aber traf nur etliche Stallbuben an / welche die Römischen Wach-Feuer
unterhielten / und in Wäldern alle Wege und Eingänge / wordurch die Römer sich
aus dem Staube gemacht hatten / verhauen. Der Feldherr und Ingviomer wurden
alsbald schlüssig: dass dieser mit der Reiterei ihm auf der rechten Seiten um die
verhauenen Wälder einen Weg suchen; Ingviomer und Malovend aber sich mit dem
Fuss-Volcke durchhauen / und den Römern auf der Ferse folgen sollten. Germanicus /
welcher von des Feldherrn Ankunft ebenfals Wind kriegt / hatte sich dieses
Streiches wohl versehen / und daher seinen Weg auf Einraten der in selbiger
Gegend wolbekandten Tencterer / gerade gegen der Lippe / auf ein von den Marsen
verlassenes Dorff Dorsten eingerichtet / welches an einem zu geschwinder
Befestigung beqvemen Orte gelegen / und vorher schon von Marsen mit
Schlag-Bäumen / und einer Brücke über die Lippe versehen war; also dass der
Feldherr / welcher aus Irrtum zu weit auf die rechte Hand abkommen war / mit
seiner Reiterei mehr nicht ausrichten konnte / als dass er etliche hundert Gallier
/welche gegen den im Rücken habenden Feinde den Nachdrab führen mussten / teils
in Stücken hauete /teils gefangen nahm. Germanicus liess sein ganzes Heer /
ohne Verschonung der alten und sonst hiervon freien Kriegs-Leute / den ganzen
übrigen Tag und folgende Nacht an Verschantzung selbigen Dorffes /und an noch
zwei Brücken über den Fluss / arbeiten; Und als der Feldherr ihr Heer gegen ihm
in Schlacht-Ordnung stellte / und ihn zum Gefechte ausforderten /ihnen zu
entbieten: Sein Absehn wäre nicht gewest /mit den Deutschen einen Krieg zu
führen / sondern nur die Marsen wegen ihres offtern in Gallien geholeten Raubes
zu züchtigen / und der Römer Spott mit dem Taufanischen Tempel abzutun. Wenn
aber die Bructerer und Cherusker / denen er kein Leid getan hätte / sich an die
Römer nötigten / würde es dem Käyser nicht an Kräfften / ihm nicht an Mute
fehlen ihnen zu widerstehen. Malovend wendete bei dem Feldherrn ein: dass seinen
Marsen unrecht geschähe /und dieser Vorwand nur vom Germanicus zu Bekleidung des
gegen ihn gefassten Hasses vorgeschützt würde / weil er nach seiner
Gefangenschaft die Römische Seite verlassen / und sich mit seinen Marsen unter
den Römischen Schutz begeben hätte. Hätte Germanicus nur nicht einen blossen
geschlagen / so würde er / wie niemand seines Sieges halber / keine
Rechenschaft gegeben / sondern solchen mit Recht und Unrecht verfolget haben.
Nach dem ihm aber sein Anschlag misslungen / wollte er seiner unverantwortlichen
Feindseeligkeit eine so falsche Stirne anstreichen. Dahero verlangte er: dass der
Feldherr diesen gewaltsamen Uberfall an den Römern rächen / und ihm die
Erstattung des unverwindlichen Schadens zuwege bringen sollte. Hertzog Herrmann
und Ingviomer billigten zwar die Gerechtigkeit seines Gesuches / und versprachen
ihm so viel Hülffe / als die Mögligkeit zulassen würde; zu welchem Ende sie
ober- und unterhalb des Dorffes Dorsten eine Brücke zu bauen anfiengen.
Germanicus sah wohl / wenn sein Feind mit einem Teile übersätzte / und den
Cäsischen Wald aufs neue verhiebe und besätzte / mit der grösten Macht aber auf
der Nordseite der Lippe stehen bliebe / dass er entweder in seinem Lager wege
gesperrter Zufuhre erhungern / oder an ein oder anderm Orte einen gefährlichen
Streich würde wagen müssen. Daher liess er noch selbige Nacht ein Teil seiner
Reiterei zwei Durchgänge des Cäsischen Waldes besätzen / sein Kriegs-Geräte und
die Schwachen folgen /sonder dass es die Deutschen inne worden. Folgenden Morgen
tat er unterschiedene Ausfälle / und stellte sich als wenn er den Deutschen
eine Schlacht zu liefern Lust hätte. Denn er wusste wohl: dass im Kriege nichts
gefährlicher / als der Abzug wäre / wenn man schon einmal dem Feinde
verächtlich worden wäre. Auf die andere Nacht aber zohe er mit seinem ganzen
Heere in unglaublicher Stille aus dem Läger; also dass die Deutschen allererst
früh seinen Abzug gewahr worden / und das Nest der Römer leer funden; welche bei
erfolgendem Nachsatze den Wald schon allentalben verhauen fanden / und nach
dessen Öffnung erfuhren: dass die Römer schon grösten teils über den Rhein
gesätzt hätten; mussten also sich nur damit vergnügen / dass eine so grosse Macht
der Römer / welche mehrmals mit einer viel kleinern ganze Völcker unters Joch
gebracht hatten / denen in der Eyl zusamen gerafften Deutschen nicht Stand
halten wollten; sondern so wohl aus ihrer Flucht / als ihrem nur am Mord-Brande
bestehenden Siege / nichts als Schande erlangten. Malovend drang zwar starck
darauf: dass man die flüchtigen und verzagten Römer über den Rhein verfolgen
sollte; aber weder der Feldherr noch Ingviomer hielten es vor ratsam / weil das
deutsche Heer weder mit nötigem Vorrat versehen / noch denen in Waffen
stehenden Sicambern / Chassuariern und Chauzen / welche sich verlauten liessen:
dass sie des Germanicus Einfall für keinen Friedens-Bruch mit den Cheruskern und
Bructerern halten könten / sie aber den Friede in Deutschland auch wider die
Deutschen mit ihren Waffen erhalten wollten / am wenigsten aber dem Könige Marbod
/ und seinem Ohrenbläser Segestes zu trauen wäre. Zu geschweigen: dass auch das
einfallende raue Wetter / bei welchem sie mehr wider die Natur als Menschen zu
Felde ziehen müsten / alle fruchtbare Krieges-Rüstungen hinderte. Uber biss /
sagte der Feldherr / müste man keinen Feind / am wenigsten aber die in Waffen
erzogenen Römer / welche nicht allzuweit davon vier andere Legionen stehen / und
ganz Gallien zu ihrem Dienste hätten / nicht verachten / noch zu vermässen sein;
ungeachtet sie jetzt zu fliehen schienen. Sintemahl verschmitzte Kriegs-Leute wohl
ehe durch angenommene Furcht und Flucht ihre Feinde ins Netze gelockt hätten.
Niemand könnte leichter berückt werden / als wer nichts fürchtete; Sicherheit und
Verwegenheit wäre der gemeinste Anfang zum Untergange. Daher hätte man niemals
mehr Ursache sorgfältig und wachsam zu sein / als wenn einen das Glück im Kriege
mit Sieg anlachte / und man ins gröste Ansehn kommen wäre. Es wäre ein grosser
Unterschied in einem Treffen Meister sein / und den Feind überwinden / auch
nichts seltzames: dass im Kriege sich das Blat wendete / und der / welcher sich
wegen eines vorteilhaftigen Anfangs den Sieg schon durch Einbildung
verschlungen hatte / hernach unten gelegen hätte. Sintemal der Verlust ins
gemein behutsam / der Gewinn aber unachtsam machte. Dieses hätte her geschlagene
Mechanides dem siegenden Philopamen / Pontius und Calovius den Samnitern / nach
der Römer Niederlage vernünftig eingehalten; und der Samniter Vertilgung hätte
dessen Warheit erhärtet. Er wüste zwar / was er sich auf der Deutschen Tugend zu
verlassen hätte /welche den Römern an Hertzhaftigkeit und Begierde der Ehre
eben so wie die Spartaner denen Ateniensern überlegen wären; aber die Römer
hätten auf ihrer Seite das Verhängnüs / welches sie unüberwindlich machte / und
so wohl Cartago als Samnium / ja auch sie Deutschen hätten erfahren: dass die
Römer niemals mehr zu fürchten wären / als wenn man sie geschlagen hätte. Sie
stünden wie Antäus von ihrer Niederlage allezeit stärcker auf. Daher hielte er
für ratsamer gegen die Römer die alte Gräntze des Rheines zu behaupten / als
über demselben eitelen Ruhm und Saamen neuer Kriege suchen. Malovend musste für
dissmahl sein Unglücks dem gemeinen Wesen zum besten verschmertzen / die Rache
der Zeit und dem Verhängnisse anvertrauen; Sie aber alle sich bescheiden: dass es
keine geringere Tugend wäre / seinen Sieg / als seine Begierden mässigen. Aus
diesem zweifelhaften Troste aber schöpffte Fürst Malovend schlechten Trost;
daher er / weil das Unglück nicht weniger die Zunge zum Klagen löset / als das
Hertze unwillig macht / er sein Unvergnügen nicht verbeissen konnte / sondern
heraus fuhr: Er sähe wohl: dass die / welche sich auf anderer Barmhertzigkeit
verliessen / nicht wüsten / wie bald die Tränen zu verseigen pflegten / und auf
was für schwachen Füssen frembde Hülffe bestünde. Endlich aber musste er sich
doch in den vernünftigen Einhalt des Feldherrn und Ingviomers finden / und sich
an dem seinen abgebrennten Marsen verwilligtem Vorschube vergnügen / und mit
ihnen die Völcker wieder nach Hause führen. Dem Flavius aber entfiel hiermit
alle Hoffnung / die ihm Adgandester / Sentia /und die Römer zu Eroberung seines
eingebildeten Erbteils gemacht hatten. Und ob er zwar beschämt war: dass er so
vergebens wider sein Vaterland den Degen ausgezogen hatte; so hielt er doch für
ehrlicher die angefangene Tat mit Gefahr ausüben / als mit Abstehung seinen
Fehler bekennen. Hingegen machten nicht nur die Römer von ihrer Verrichtung ein
so grosses Wesen / als wenn sie halb Deutschland bemeistert hätten; sondern
Tiberius rühmte auch deswegen im Rate den Germanicus so sehr / als vorher den
Drusus; wiewol jedermann leicht abmerckte: dass des letzten Ruhm ihm mehr Ernst /
des ersten aber nur ein blosser Schein war. Gleichwol aber hatte er alles genehm
/ was Germanicus dem Kriegs-Volcke verwilliget hatte. Der Rat und das Volck
wurden über des Germanicus Verrichtung / von welcher man / wie von allen fernen
Sachen ins gemein mehr glaubte / als daran war / auch so erfreuet / dass sie ihm
/ wiewol nicht ohne Kränckung des Tiberius / ein Siegs-Gepränge zuerkennten.
    Der Winter hemmete nun zwar nicht weniger den Krieg / als die zugefrierenden
Flüsse; daher die Römer und Gallier ihr gewohntes Opffer dem Rheine
schlachteten: dass er nicht zu starck gefrieren / und den Deutschen eine Brücke
in Gallien abgeben möchte; Aber auf beiden Seiten war man im Kriegs-Rate nie
geschäfftiger gewest / als nun. Die Catten / Cheruskerer und Bructerer biess
nicht wenig die Niederlage der mit ihnen verbundener Marsen / noch mehr aber:
dass man zu Rom / und in Gallien so sehr über ihnen frolockte. Und ob wohl
Germanicus durch diesen Einfall nicht den Frieden gebrochen haben wollte; war
doch den aufrichtigen Deutschen es eine unbegreiffliche Scharffsinnigkeit; dass
man ohne Verletzung gemachter Freundschaft / gegen iemanden sollte mit Feuer und
Schwerdt wüten / und / wo kein Krieg gewest wäre / Sieges-Gepränge bereiten
könnte. Nach dem nun Silius seine Legionen in Gallien eben so wohl als Cäcina
seine in die Winter-Lager verteilt hatten / kamen Ingviomer / Arpus / Catumer
/ Jubil und Malovend / zu Deutschburg beim Feldherrn zusammen / welcher ihnen
für Augen stellte: wie liederlich die Römer an die Catten Ursache des Krieges
gesucht; und als sie keine finden können / wie tückisch sie die friedsamen
Marsen überfallen / und wie undanckbar sie dem Fürsten Malovend seine Dienste
belohnet hätten. Dass Silius nicht auch bei den Catten eingebrochen wäre / hätte
die Wachsamkeit ihrer Hertzoge verhindert. Daher wäre auf des Germanicus
einschläffernde Versicherung: dass die Römer mit den Deutschen keinen Krieg
begehrten / nicht zu trauen /sondern es gereichte ihnen vielmehr zum Schimpffe
/da er sie in die Augen schlüge / und ihnen gleichwohl als alberen Leuten weiss
machen wollte: dass er es nicht böse meinte. Brand und Mord wäre die
nachdrücklichste Kriegs-Ankündigung; welche mehr keiner Worte bedörffte. Ihre
Beleidigung aber desto empfindlicher / und die Feindschaft der Römer desto
grösser / weil die Deutschen ihnen darzu keine Ursache gegeben. Daher sie auf
das Früh-Jahr sich eines so viel stärckern Anfalls zu besorgen hätten. Die Römer
hätten vorzeiten die Deutschen beschuldigt: dass sie ihre Rechte im Degen-Knopffe
führten; und dass / ihrer Meinung nach / die Zeug-Häuser die besten Richterstühle
/ das Faust Recht aber aller tapfferer Leute Richt-Scheid wäre. Alleine / da die
Römer iemahls gerechte Leute gewest wären / hätte sich diese Eigenschaft gewiss
mit Uberkommung mehrer Gewalt verloren. Ihr Geld-Durst / ihre Begierde biss an
der Welt Ende zu gebieten / hätte das Recht der Natur /dessen sich Adler und
Habichte gegen die Tauben /grosse Raub-Fische gegen die kleinern gebrauchten
/eingeführt; also / dass sie bei allen Völckern billich des grossen Alexanders
Nahmen / den ihm unsere Vor-Eltern in die Augen sagten / nehmlich der grossen
Welt Rauber führten / und ihre zeiter glücklichen Laster Tugenden hiessen. Ihre
grösten Lichter und Helden hätten diss nicht nur wider Frembde / sondern wider
ihr eigenes Vaterland ausgeübt; ja Kayser Julius den Metellus und andere Freunde
ausgelacht /als sie ihm wider den Rat und die Gesetze etwas vorzunehmen / und
den gemeinen Schatz-Kasten zu erbrechen / wiederraten hätten / vorwendende:
Sein Recht steckte in seiner Scheiden / sie sollten schweigen / denn der Krieg
vertrüge nicht die Freiheit seine Meinung zu sagen. Marius hätte seine
Gewalt-Taten damit gerechtfertiget: dass er unter dem Geräusche der Waffen die
schlaffenden oder gar zu linde redenden Gesätze nicht gehöret hätte. Andern wäre
das Lob der Gerechtigkeit eben so wohl / als die hiervon geschriebenen und dem
Antigonus zugeeignete Bücher / eine unzeitige und tapfferen Leuten unanständige
Weissheit gewest. Da nun das Königliche Gesetze der Römischen Kayser auch wider
die Römer in dem Rechte der Faust bestünde / sollten die Fürsten Deutschlandes
selbst ermässen: was sie vom Tiberius dem geschwornen Feinde der deutschen
Freiheit zu hoffen oder zu fürchten; am meisten aber / was sie hierwider vor
Mittel vorzukehren hätten. Als nun alle zusammen der einhelligen Meinung waren:
dass / nach dem die Römer schon einmal die blutigen Würffel auf den Tisch
geworffen hätten / sie das angefangene Spiel so bald nicht abbrechen würden /
sie sich unfehlbar eines heftigen Krieges zu besorgen hätten. Daher beschlossen
sie: dass ein ieder sich eussersten Kräfften nach ihnen zu begegnen rüsten sollte.
Sie sassen hierauf zur Tafel / und bekräfftigten nach deutscher Art ihren
verneuerten Bund / und gemachten Schluss / durch den Wein. Weil die Deutschen für
allen andern Völckern der Welt der offenhertzigen Redligkeit sich befleissen /
haben sie so viel weniger Bedencken ihr Hertz gegen einander auszuschütten; und
also sich bei Ratschlägen und Bündnüssen im Truncke zu übernehmen; ungeachtet
ihnen nicht unwissend ist: dass diss / was einem nüchternen im Hertzen liegt /
einem trunckenen auf die Zunge komme / und diese alle Heimligkeiten /welche man
sonst einem nicht leicht durch Folter und Pein auspressen würde / ausschütte; ja
trunckene Leute ehe glüende Kohlen / als ihre Gedancken im Munde zu behalten
vermögen. Wesswegen der Wein /ungeachtet Marcus Crassus durch selbten denen
Bastarnischen Gesandten alle ihre Ratschläge gleichsam mit einer Zange aus dem
innersten ihres Hertzens hervor gezogen / bei den meisten Deutschen nicht als
eine die Wahrheit auszwingende Marter verachtet; sondern als ein Spiegel des
menschlichen Gemütes gerühmet wird. Die Fürsten waren kaum von der Taffel
aufgestanden / als Malovend durch einen Chauzischen Edelmann aus Rom vom Grafen
von Diepholt /welcher über des Kaysers deutsche Wache bestellt war / ein
Schreiben empfing / darinnen er ihn im Vertrauen versicherte: dass es dem
Tiberius / mit den Deutschen Krieg zu führen / kein Ernst wäre; sondern er den
Germanicus nur zu dem Ende in Deutschland zu fallen angestifftet hätte: dass er
wie Varus darinnen sein Begräbnis finden möchte. Die Deutschen könten auch den
Tiberius durch keine Woltat ihnen mehr versöhnen / als wenn sie / auf was Weise
es immer sein möchte / durch den Tod des Germanicus ihm einen so beschwerlichen
Dorn aus dem Fusse zügen. Hertzog Arpus / als er diesen Brieff ablesen hörte /
fing an: O schalckhafter Tiberius! sollen die ehrlichen Deutschen die
Werck-Leute deiner Meichelmörderischen Verräterei sein? Hertzog Jubil fiel ein:
Ich glaube wohl / dass der grausame Tiberius wider den Germanicus / welcher
alleine seinem Sohne Drusus in der Reichs-Folge im Wege stehen wird / nichts
gutes im Schilde führe / und es ist einer der verschlagensten Staat-Streiche /
wenn man einen Feind durch den andern aufreiben kann. Alleine dieses schiene ihm
allzuweit gesucht / und hergeholet zu sein: dass Tiberius deswegen den Germanicus
wider die Deutschen kriegen liesse / dass er von ihnen erschlagen würde. Er hätte
hundert andere leichtere und minder gefährliche Mittel / dem Germanicus das
Licht auszuleschen /und müste in Rom oder Gallien kein Gift oder Dolch mehr zu
bekommen sein / welche zeiter sein gemeinster Handwercks-Zeug gewest wären /
und wodurch er noch neulich den Sempronius Grachus hätte hinrichten lassen.
Diesem nach hielte er diss / was Diepholt schriebe / nicht für glaublich; und
wenn man sich in Auslegungen fremden Tuns zu sehr überstiege / verliere man ins
gemein die Wahrheit / wie die allzuhoch fliegenden Falcken die Reiger aus dem
Gesichte. Allzutieffes Ausgrübeln einer Sache hätte zwar anfangs einen Schein
grosser Wahrheit; alleine ein Lot mässiger Klugheit wäre besser / als eine
ganze Last Spitzfinnigkeit. Malovend hingegen versicherte sie: dass Diepholt so
verschmitzt / und gegen ihn so verträulich wäre / dass er ihm nichts ohne Grund /
weniger ihn dadurch zu verführen / schreiben würde. Hertzog Jubil antwortete: Es
kann diss alles wohl sein; und Tiberius hat wohl ehe einem was falsches / um den
dritten dadurch zu betrügen / angebunden. Wie ich denn vielmehr glaube: dass man
hierdurch die Deutschen einwiegen / und sie von einer mächtigen Gegenrüstung
abhalten / oder deutscher zu sagen / unter dem scheinbaren Namen des Friedens
betrügen wolle. Denn ich kann dem arglistigen Tiberius nicht zutrauen: dass nach
dem er den Frieden einmal aus Liebe des Krieges verletzet / er den angefangenen
Krieg aus Verlangen des Friedens so bald endigen solle. Der Feldherr fiel Jubiln
bei / und eriñerte sie dessen / was er ihnen zu Mattium von diesem Kriege
wahrgesaget hätte; weil solches nun so genau eingetroffen / würden sie ihm
hoffentlich dissmahl so viel leichter glauben / und sich von der geschlossenen
Bereitschaft durch keine Friedens-Vertröstungen zurück halten lassen / welche
die Römer am meisten im Munde führten / wenn sie im Hertzen den gifftigsten
Krieg kochten. Im Kriege liesse es sich nicht zweimahl irren; Ein einiger
Streich könnte einem die Spann-Adern so verhauen: dass man hernach durch keine
Klugheit oder Tapfferkeit wieder zu Kräfften käme. Wenn ein Fürst einmal was
wichtiges versähe / oder versäumte / verspielte er nicht nur sein Gelücke /
sondern wenn er schon das Leben / und das gröste Teil seines Volckes erhielte /
doch alles Ansehen: dass weder der Feind ihn mehr fürchtete /noch die Seinigen
mehr was von ihm hielten. Sintemahl uns mit dem Glücke / auch der Menschen
Gewogenheit verliesse; zumahl da auch die Glücklichen ihrer Schantze wahrnehmen
müsten; weil man wohlgeratene Dinge ins gemein nur Zufällen / misslingende aber
unserm Versehen zuschriebe. Ja ein einig Versehen wäre im Kriege mächtig auch
tapfern Leuten Hertze und Verstand zu benehmen / wie dem grossen Pompejus
begegnet / welchen zu überwinden / es dem Kayser Julius eine schlechte Kunst
mehr war / nach dem er auf einmal allen seinen Witz und Hertze verloren / das
Gelücke ihn auch verraten / oder wenigstens verlassen hatte. Daher müste man in
allen unvermuteten Begebnüssen sich nicht selbst verlieren /sondern auf den
schlimsten Fall vorher / oder auch /wenn er uns übereilet / alsobald was
gewisses entschlüssen. In Uberlegung der Friedens-Geschäffte wäre die
Langsamkeit / in denen des Krieges aber die Geschwindigkeit die Seele der
Ratschläge. In diesen geriete meistenteils am besten / was man sich aus den
Steigereiffen entschlüsse; Denn diss könnte weder vom Feinde vorgesehen / oder ihm
verraten; also darwider keine Anstalt gemacht werden. Daher auch der grosse
Alexander so unglaubliche Taten ausgeübt / weil er / seinem Wahl-Spruche nach /
sich über nichts lange bedacht hätte. Was für einen unverwindlichen Streich
hätten die Deutschen den Römern versetzen können / wenn sie seinem Rate nach /
sich der aufrührischen Legionen bemächtiget hätten. Diese schöne Gelegenheit
aber hätten sie mit ihrem Zweifel und Schwerigkeiten versäumet. Diese wartete
nicht auf unsere Langsamkeit / sondern entschlippte / wenn man nicht bald
zugriffe / wie ein Aal dem Fischer aus den Händen. Sie würden auch lange warten
müssen /biss sie wieder käme / als welche dieselben verschmähte / die ihrer nicht
wahrnähmen. Jedoch müsten sie sich nicht zum andern mahl an diesen Stein stossen
/ sondern niemahls ausser acht lassen: dass Langsamkeit dem Glücke und der
Gelegenheit; die Geschwindigkeit aber der grösten Macht vielen Abbruch täte /
und eine ausgemachte Sache erst einen Kopff hätte / eine unausgemachte aber
einer unzeitigen Geburt gleichte. Unsern Zweck aber zu erreichen / werden unser
Haupt / unser Hertze / und unsere Hände / redlich ihr Ampt verrichten müssen.
Das Haupt wird als die Burg der Seele sein Gedächtnis zu Betrachtung der
vergangenen Zeit / unser Fehler /unsers Unglücks / und der Römischen Ehrsucht /
seinen Verstand auf künftige Jahre / und was uns nicht weniger vom Verhängnisse
/ als dem Feinde zuhenge /anwenden / also wie ein Janus / oder Kluger vorwerts
und hinter sich sehen müssen. Unser Hertze muss als der Brunn des Lebens unserm
Vornehmen eine lebhafte Tätigkeit / als ein stets in Flammen schwebender
Phönix / einen feurigen Eyver einflössen / als der Sitz des Willens / und der
Liebe / alle unsere Regungen zur Eintracht und Liebe des Vaterlandes leiten; und
wie nur ein Hertze im menschlichen Leibe ist /diss auch an sich selbst rein ist /
und nicht wie andere Glieder einigen Unflat auswirfft; also muss auch unser aller
Wille ein Wille / und unsere Aufrichtigkeit von aller Falschheit / und dem Kote
des Eigennutzes geläutert sein. Unsere Hände / welche die Natur zu Gehülffen
aller Sinnen / zum Werckzeuge der Vernunft und des Willens gemacht / und ihnen
Zahl / Gewichte und Maass anvertrauet hat / müssen durch tapffere Helden-Taten
unsern itzigen Reden das Leben geben; und wir mit Warheit alles wohl abmässen /
mit Scharffsinnigkeit überrechnen / unsere und der Feinde Kräfften mit
Standhaftigkeit abwiegen. Auf solche Art wird von unsern Armen / als aus
Brunnen / der köstliche Helden-Schweiss / und die güldene Tinte ewigen Nachruhms
rinnen. Diese Ermahnung hatte bei denen andern Fürsten einen solchen Nachdruck:
dass sie folgenden Morgen nicht allein eine richtige Einteilung machten / was
ein ieder Fürst auff das erste / andere und dritte Aufgebot für Kriegs-Volck
gestellen / und für Vorrat liefern sollten; sondern es ward auch der Graf von
Arenberg zum Hertzoge Melo / der von Lingen zum Hertzoge Ganasch / Graf von
Hohenstein an Malorich der Friesen / und den Grafen von der Lippe an Bojocal der
Angrivarier Hertzog abgeschickt / um selbte zu bewegen / dass sie für die
deutsche Freiheit nur einen Schirm-Bund mit ihnen aufrichten möchten.
    Auf der Römer Seiten feierte Germanicus eben so wenig; und weil die Legionen
teils durch den Aufruhr / teils durch den Zug in Deutschland zimlich
zerschmoltzen ware / schrieb er an Tiberius um Verstärckung derselben / und
darbei; dass solches durch alte abgehärtete Kriegs-Leute geschehen müste / weil
die Neulinge nicht einst die ernsten Gesichter der Deutschen zu vertragen
vermöchten. Eben solche Anstalt wachte er in Hispanien und Gallien; welche ihm
unter denen Hülffs-Völckern niemanden schicken sollten / der nicht zum wenigsten
fünf Jahr die Waffen getragen hätte / liess daher auch ihnen an der Zahl ihrer
Schuldigkeit ein ergebiges nach. Denn er verstund allzu wohl: dass nicht viel
Nahmen / sondern streitbare Armen den Feind schlügen / nicht die Anzahl vieler
Menschen / sondern die Tugend weniger Kriegs-Leute den Krieg ausmachten / und
mit einem mässigen und geübten Heere Miltiades den Xerxes /Alexander den Darius /
Lucullus und Pompejus den Mitridates geschlagen hätten / von derer Heere ganze
Flüsse wären ausgetruncken worden. Sintemahl einer so unmässigen Menge weder die
Länder auskomentliche Verpflegung schaffen / noch die klügsten Feldherren ihrer
Unordnung und Uppigkeit steuern können / welche Laster als Feinde in eigenen
Busem und Lager unterhalten werden / also uns am nechsten und schädlichsten
sind. Uber diss sind auch grosse Heere eben so wohl / als ungeheure Leiber
unberüglich. Sie lassen sich mit ihrem vielen Geräte schwer über enge Gebirge
und Flüsse bringen; also hindern sie nicht selten die besten Anschläge durch
ihre Langsamkeit. Zu geschweigen: dass unter so vielerlei Volcke die Eintracht
nicht lange bestehen kann / und des einen Eyversucht dem andern nicht nur sein
Unglücke gönnet / sondern selbst darzu beförderlich ist. Der aufachtsamste
Feldherr kann auch unmöglich so viel Leute / und ihre Tugend und Unarten kennen;
also weiss er nicht / was er diesem oder jenem vertrauen soll; und es derogestalt
vonnöten wäre: dass einem jeden seine Eigenschaft an die Stirne / wie sein
Nahme auf den Schild geschrieben wäre. Dem Germanicus ward vom Käyser auch sein
Wille erfüllet; und musste Junius Bläsus aus seinen Pannonischen / Sabinus
Poppäus aus seinen Mäsischen Legionen zwölf tausend der besten Kriegs-Leute
hergeben / welche durch Neugeworbene ersetzt wurden. Diese brachte Lucius
Domitius mit zweien Fahnen von des Tiberius Leibwache / wie auch fünf tausend
auserlesene Rhätier und Vindelicher zu Hülffe. Die Hispanier und Gallier
stritten auch mit einander / wer unter beiden mehr alte Soldaten / die besten
Pferde / das meiste Geld und Getreide beitragen könnte. Es war dem Germanicus
aber noch nicht genung / aus dem Kerne anderer Völcker etliche Heere
aufzurichten; sondern er brauchte alle nur ersinnliche Kunststücke / sparte auch
keine Unkosten die Sicambrer und Chauzen mit in Krieg zu verwickeln. Denn ob es
zwar sonst nicht ratsam ist / des Feindes Lands-Leute wider ihn zu führen; weil
sie sich leichte mit einander verstehen und vereinbaren; also die Heimligkeiten
verraten /und im Fall der Not einen nicht selten im Stiche lassen; so wusste
doch Germanicus: dass die Deutschen alle andere Völcker an Treue überträffen /
jedoch insgemein mit einander zwistig- und wider einander zu kriegen gewohnet
wären. Daher auch die Römer so wohl zu Rom / als zu Mayntz / und im Lager / diese
gewohnte Art zu beten hatten: die Götter möchten doch die Deutschen in ihrem
gegen einander habenden Hasse erhalten / wenn sie ja den Römern nicht gut sein
wollten. Sintemahl das Verhängnüs dem Römischen Reiche keine grössere Woltat
leisten könnte /als wenn es seine Feinde in Zwietracht erhielte. Daher hatte er
diese Gefahr nicht gross zu besorgen; sondern er wusste vielmehr: dass Cäsar ohne
die Bataver die Heduer und Arverner nicht zum Gehorsam gebracht /weniger sich
ohne die deutsche Reiterei Galliens so leichte bemächtiget; er auch ohne die
Vangionen / Bataver / Menapier / nicht den Pompejus / noch August den Antonius
überwunden haben würde; ja er selbst hatte schon erfahren: dass es die Deutschen
ohne Deutsche zu überwinden unmöglich wäre. Tiberius bediente sich auch hierzu
Adgandesters und Sentiens / als zweier recht in seinen Kram dienender
Werckzeuge; wiewol diese nirgends offentlich als Gesandten erschienen / sondern
nur heimlich / und also desto gefährlicher ihr Gift ausschütteten. Germanicus
aber schickte den Domitius an Hertzog Ganasch / und an Bojocal den Fürsten der
Angrivarier / den Stertinius zum Hertzoge Melo / und Malorich der Friesen
Hertzoge. Beide versicherten die deutschen Fürsten: dass die Römer über dem
Rheine keinen Kloss Erde eigentümlich verlangten. Es hätte Käyser August auch in
einer besondern Schrifft seine Nachfolger nachdrücklich beschworen: dass sie die
Gräntzen des Römischen Reichs nicht über den Eufrat und den Rhein in Deutschland
/ welches ohne diss den Römern eine neue Welt zu sein schiene / nicht erstrecken
sollten. Welche Warnigung er / dem Vermuten nach / in den Sibyllinischen Büchern
gelesen hätte / darinnen stehen sollte: dass Rom ewig blühen würde / wenn es nicht
von Deutschen zerstöret würde. Dass diese Mässigung auch Augustens rechter Ernst
gewest wäre /könnte man daraus ermässen: dass er diss / was Ventidius über dem
Eufrat / und Käyser Julius in Britannien behauptet / ohne einige Not gutwillig
hätte fahren lassen. Nach dem aber die unruhigen Cherusker und Catten alle
Mittel und Wege suchten / sich an die Römer zu reiben / andere deutsche Völcker
wider sie verhetzten / und Gallien zu beunruhigen oder zu erobern; ja der
hochmütige Herrmann / welcher mit dem Varus das halbe Römische Reich
verschlungen zu haben ihm träumen liesse / eine allgemeine Herrschaft über
Deutschland im Schilde führte / würden die Römer mit den Haaren darzu gezogen:
dass sie die Cherusker und Catten demütigen / Gallien also Ruhe / und
Deutschlande Sicherheit schaffen müsten. Also wäre dieses eine gemeine Sache; es
hienge so wohl anderer Deutschen Völcker / als der Römer Wolstand daran; daher
sollten sie die Waffen mit ihnen wider diese Frieden-Störer vereinbaren. Die
Römer wollten sich an der Ehre des Sieges vergnügen / der Deutschen sollte die
Beute und das Land sein / welches sie erobern würden. Hingegen hielten die
Cherusk- und Cattischen Gesandten denen deutschen Fürsten ein: die deutsche
Freiheit stünde nun auf der Spitze / sie entweder durch Tapfferkeit zu erhalten
/ oder durch Zagheit zu verlieren! die Römer zügen am Rheine eine solche Macht
zusammen / dergleichen sie zu Bezwingung der übrigen Welt nicht gebraucht oder
bedörfft hätten. Griechenland wäre mit dreie / ganz Asien kaum mit vier
Legionen gewonnen worden. Auf den Gräntzen Deutschlandes aber stünden zwölff
Legionen. Noch vielmehr Völcker aber gäben andere Länder her / welche die noch
allein übrige Freiheit der Deutschen mit neidischem Auge ansähen; und die
Schande ihrer Dienstbarkeit durch Unterdrückung der Deutschen auszuleschen
vermeinten. Die Römer schielten die Deutschen für Barbern / schätzten sie kaum
für halbe Menschen; und die / welche gleich mit ihnen Freunde und Bundsgenossen
/ oder rechter zu sagen ihre Zinss-Bauern- oder Dienst-Knechte wären /und an
allen Enden der Welt / wo sie ihre Herrschaft auszuspannen gedächten / ihnen
die Bahn brechen /den Kopff zerstossen / und durch ihr Blut den unersättlichen
Römern Länder erwerben müsten / dörfften nicht einst des Nachtes / und gewaffnet
/ ihrer Notdurfft halber über den Rhein / oder die Donau fahren; gleich als
wenn sie Nacht-Diebe oder Degen zu tragen unwürdig / oder Meuchel-Mörder wären.
Ja wenn ein Kauffmann aus Deutschland seiner Geschäffte halber irgends wohin
reisete / müste er an der Gräntze einen Römer zum Aufseher seines Vorhabens mit
sich führen und bezahlen; gleich als wenn sie Unkraut säen /Brunnen und Bäche
vergifften würden. Welch Deutscher könnte denn zu so missträulichen und gehässigen
Leuten sich was gutes versehen? Sie wären zwar Meister ihre Herrschenssucht mit
dem Firnsse der Freundschaft und Bündnisse zu überziehen; Mit diesem hätten sie
die über dem Rheine wohnenden Tribozen /Vangionen / Nemeter / Trirer / Nervier /
Ubier / und andere Deutschen beredet / dass sie ihnen Gallien hätten helffen
einnehmen; aber diese Römischen Wallfische hätten hernach auch von ihnen einen
nach dem andern verschlungen. Eben biss wäre des Germanicus itziges Kunststücke:
dass er durch die Sicambrer und Chauzen / die Cherusker und Catten / er aber als
ein viel schlauerer Cyclope / hernach jene verschlingen wollte. Dahero seine
vertrautesten Freunde sich keiner grössern Woltat / als welche Polyphemus
Ulyssen viel redlicher vorher gesagt / sich zu getrösten hätten. Germanicus gäbe
für: die Römer verlangten keinen Fussbreit Erde über dem Rheine zu besitzen. Zu
was Ende hätten sie denn die Festung Alison an der Lippe und Ambre / auf dem
Berge Taunus / und an der Fulde erbauet; und nachdem diese Kapzäume der Freiheit
nach des Varus Niederlage abgestreifft worden / zu was Ende hätte Germanicus das
Monden-Altar an der Lippe / das Lager am Munde der Emsse /und am Munde des in den
Rhein fliessenden Mäyns einen so grossen Umkreiss zu befestigen angefangen? Zu was
Ende verneuerte er seinen Anspruch auf das beste Gebiete der Catten / nämlich
die ganze Landschaft der Mattiacher; welche für Zeiten nach Mäyntz gehöret
haben sollten. Warum machte er Anspruch an den Streiff am Rheine zwischen der
Ruhr und Lippe /als ein gewesenes Eigentum ihrer Ubier? Absonderlich aber
stellte der Graf von Arenberg dem Hertzoge Melo für Augen: dass die Römer mit der
Zeit gegen ihn einen viel scheinbarern Anspruch machen würden; teils weil er
das meiste Gebiete der Ubier / welches sie noch zur Zeit des Käysers Julius
eigentümlich besessen / und wegen des mit den Römern gehabten Verständnüsses /
für denen sie verdringenden Catten und Sicambrern verlassen müssen; teils auch
die Aecker der vom Agrippa in Gallien versetzter Sicambrer / welche nun so wohl /
als die Ubier / Römische Untertanen wären / inne hätte. Eben dieses Joch würde
er mit seinen noch freien Sicambrern / Tencterern und Juhonen anziehen müssen.
Würde dieses aber wohl denen unbändigen Sicambern erträglich sein; welche mit
seinem hertzhaften Vater Bäoris am ersten dem über den Rhein setzenden Julius
den Kopff geboten /und ihn die Brücke abzubrechen gezwungen hätten? Also könnte
er nicht glauben: dass die Sicambern jetzt eine dem Germanicus über den Rhein
bauen sollten. Die Sicambrer hätten mit den Tencterern und Usipetern den Lollius
aufs Haupt und Rom eine bis ans Hertz gehende Wunde geschlagen. Sie hätten das
Hertze gehabt: dass als alle Völcker der Welt sich für dem August gedemütigt /
in Gallien einzubrechen /und ihn an Schlüssung des Janischen Tempels zu hindern.
Nun aber wollten sie dem Tiberius / welcher Augusten nicht das Wasser reichte /
die Pforten ihres eigenen Vaterlandes angelweit aufsperren? Niemand wäre von
Römern so sehr als Hertzog Melo vom Varus an seiner Tochter beleidigt / und er
wollte mit denen Ehrenraubern in so schändliche Verträuligkeit treten? Hertzog
Melo hätte den Ruhm: dass er wider den Varus zum ersten den Degen gezuckt; und
die Sicambrer hätten wegen ihrer unverträglichen Dienstbarkeit den Nahmen Franck
/ und freier Völcker / und der Urheber der Freiheit in Deutschland erworben.
Also wäre dem Feldherrn unglaublich / und unbegreiflich: dass sie den Cheruskern
und Catten wollten helffen Römische Fessel an-ihnen aber selbst Fuss-Eisen legen.
Dem Hertzoge Ganasch hielt der Graf von Lingen für: dass ihm weder die Cherusker
noch Catten einiges Unrecht getan / wohl aber Adgandester uñ Sentia ihn
beleidigt; der Hertzog aber über seinem Eydame dem Fürsten Catumer sich mehr zu
erfreuen als zu betrüben hätte. Wenn er aber ja vom Fürsten Catumer wahrhaftig
beleidiget wäre / sollte er diss nicht alle Catten / weniger die Cherusker / noch
alle Deutschen entgelte lassen / und das seinem Hause angetane Unrecht sich
nicht zur Rache wider das gemeine Wesen anreitzen lassen; sondern von denen bei
ihm so hochgeschäzten Römern ein Beispiel nehmen / und Catumern wie Fabius dem
Papyrius / wie Grachus dem Scipio die Beleidigung der Deutschen Wolfart halber
verzeihen / oder zum wenigsten den Zorn wie Aristides und Temistocles so lange
an Nagel hencken / biss er ihn ohne Deutschlandes Gefahr auszuleschen Gelegenheit
bekäme. Keine grössere Helden-Tat aber könnte er sein Lebtage ausübe / als wenn
er seinem Feinde nicht nur vergäbe; sondern ihn gar wider unrechte Gewalt
beschirmte. Wie viel Schaden aber seines Unwillens halber er ihm und
Deutschlande schon getan habe / würde er bei genauer Uberlegung selbst
befinden; da er nämlich durch die den Römern geschehene Einräumung des Eylands
Burhana und des Emse-Mundes ihm einen Dorn in Fuss gestochen / welchen er seinen
Chauzen so bald nicht heraus ziehen würde / die doch den Drusus von ihrem
Gestade mit so grossem Ruhme abgetrieben / und zu Erlegung des Varus ein so
merckliches durch ihre Helden-Taten beigetragen hätten. Es wäre aber viel
verkleinerlicher von der Tugend absetzen / als derselben niemahls habhaft
worden sein. Den Hertzog der Friesen Malorich erinnerte der Graf von Hohenstein:
dass sie ein Teil der mit so viel Siegen gekrönten Sicambrer wären; Sie auch
durch ihre Schifffarten sich zu Meistern des grossen Meeres und der Winde
gemacht hätten; also stünde ihnen als freien Leuten und unerschrockenen Land-
und See-Helden die Römische Knechtschaft nicht an. Die Römer hätten sie mit
ihrem Liebkosen / die Bataver mit ihrem Beispiele verführet; dass sie unter dem
Scheine einer freiwilligen Beisteuer / von Rind-Ledern den unvergnüglichen
Römern wären zinssbar worden. Sintemahl sie dieses Geschencke nunmehr jährlich
als eine Schuldigkeit forderten / ja sich numehr nicht an gemeinen Ochsen-Häuten
vergnügten / sondern nur von wilden Auer-Ochsen den Zinss annehmen / und ihr Land
allemahl zu kriegerischen Durchzügen offen- und die Sümpffe mit Brücken
ausgebessert haben wollten. Die Römer wüsten diese Dinge zwar mit dem scheinbaren
Nahmen freier Verwilligungen / Geschencke und Gutwilligkeit zu bekleiden; es
wären aber warhaftig Schatzungen und Frohndienste. Die gebohrnen Knechte würden
nur einmal Dienst-Boten / aber von ihren Herren unterhalten; die hertzhaften
Friesen aber kauften sich alle Tage in die Dienstbarkeit. Sie meinten: es wäre
derselben Völcker / welcher das Verhängnüs schonete / grosses Unglück / wenn sie
nicht von Römern überwunden würden; gleich als wenn sie mit Anlegung ihres
Joches den Deutschen noch eine Gnade täten / und sie nicht aus Begierde zu
herrschen / sondern aus Liebe ihres bestens sie bekriegten / und sie alleine die
Ehre haben wollten: dass sie die Barbarn auch wider ihren Willen in einen bessern
Stand versätzet hätten. Uber diss stäche die geitzigen Römer in der Welt nichts
mehr in die Augen als die Schiffart der Friesen / weil sie wohl wüsten: dass
durch diese die Griechen das goldene Fluss aus Colchis geholet; die Tyrier so
grosse Schätze gesammlet /Cartago sich so schrecklich gemacht hätte. Diese
mächtige Stadt wäre durch die Missgunst der Römer gefallen; und ihr Neid würde
auch der Friesen Fallbret sein / die Römer zu Herren der Ost- und West-See /der
noch für ihren Augen und Waffen verschlossenen Atlantischen Eylande / und
folgends der ganzen Nord-Welt machen / die sie auf die Brücke der Römer treten
/ und ihnen sonderlich mit Schiffen behülflich sein; also die Deutschen an dem
Orte / wo sie die Natur mit dem Meere am meisten befestigt hätte / anzugreiffen
den geringsten Vorschub tun würden. Dem Fürsten Bojocal machte der Graf von der
Lippe die von den Cheruskern genossene Woltaten indenck; welche vorlängst von
den Chauzen wären vertrieben worden / wenn sie nicht die Cherusker zu
Rückenhaltern gehabt hätten. Da die Römer auch den Meister in Deutschland
spielen sollten / wären die Angrivarier schon ein dem Hertzoge Ganasch zu
schlachten bestimmtes Opffer / jetzt aber der Wurm an der Angel / mit welchem
Domitius ihn als einen lüsternen Fisch fangen wollte. Alle Gesandten zusammen
wussten auch nachdrücklich zu entwerffen; wie die Römischen Bürger nach nichts in
der Welt mehr lüstern wären; als dass gekrönte Häupter und Fürsten für ihnen die
Knie beugen möchten; ja alle Römer wären den ersten Tag höfliche Gäste / den
andern vedriesslich / den dritten unerträglich; von welchen schon Mitridates
vernünftig geurteilet hätte: weil die Urheber der Stadt Rom von einer Wölffin
wären gesäugt worden / hätten alle Römer Wolffs-Magen / welche weder mit Gelde /
noch Ländern / noch Blute zu ersättigen wären.
    Es ist schwerlich zu glauben / was diese widrige Handlunge der Römischen und
Deutschen Gesandten an allen Höfen für widrige Regungen erweckten; sintemahl
Domitius und Stertinius kein Geld spareten /so wohl der Fürsten Räte zu
bestechen / als sie selbst durch Anbietung vielen Geldes zu Unterhaltung der auf
den Beinen habenden Kriegs-Völcker zu gewinnen. Denn weil die Römer nach
Jugurtens Urtel und Erfahrung selbst so geartet waren: dass man wider sie mehr
mit Golde als mit Eisen ausrichtete / verstanden sie so viel besser / wie mit
diesem mächtigsten Geschütze / nämlich Gelde und silbernen Spissen / andere zu
gewinnen / und durch heimliche Freigebigkeit ein und anderm Volcke die Stricke
der Dienstbarkeit anzuschlingen wären. Wenn jemand so redlich war /dass er seinen
freien Willen ihnen nicht ums Geld verkauffen wollte / mit dem fiengen sie ein
Spiel an; weil sie genugsame Nachricht hatten / wie die Deutschen hierzu einen
so heftigen Hang hatten. Hiermit brachten sie durch befliessenes Verspielen auch
den Ehrlichsten / oder auch ihren Frauen durch Geschencke ihren betrüglichen
Vogel-Leim der Gemüter bei. Uber diss beteuerten sie ihre gute Meinung gegen
Deutschland durch viel Schwüre / bei dem Geiste und Glücke des Tiberius / und
sätzten darbei ihnen selbst die Schwerdter an die Gurgel. Welche Art bei denen
mehr die Straffe der Menschen / als die Rache der Götter fürchtenden Römer die
kräfftigsten Eyde sein sollten. Wordurch sie aber den Deutschen einen ziemlichen
blauen Dunst für die Augen mahlten; als derer redlichen Einfalt unwissend war:
dass ehrsüchtige Fürsten mit Eyden / wie die Kinder mit Seiff-Blasen oder Bällen
spieleten. Nichts desto weniger würden diese Streiche mehr nicht gewürcket
haben; als dass Melo /Ganasch / Malorich / und Bojocal mit den Händen in der
Schoss beider Teile Krieges-Spiele zugesehen /oder zum höchsten Melo nur seine
tausend Tencterische Reiter / vermöge vorigen Bündnüsses den Römern beigefügt /
durch diese für angehendem Kriege versprochene Hülffe aber mit den Catten und
Cheruskern nicht gebrochen haben würde. Sintemahl es numehr aufkam: dass solche
nach gewissem Maasse geschehende Angriffe für keinen Krieg oder Feindschaft
angenommen werden dorffte; gleich als wenn abgemässene Wunden keine Verletzung
abgäben. Denn ob zwar die Römischen Gesandten diesem besorglichen Ausschlage
vorzukommen meinten / und denen deutschen Fürsten vorstellten: dass die Furcht
ein böser Ratgeber; diese aber der Vater mittelmässiger Entschlüssungen wäre /
welche im Kriege dem Feinde Zeit und Hertze zur Gegenwehr gäben; weder einen
noch den andern vergnügten: sondern bei unsern Freunden den Nahmen der
Undanckbarkeit bekämen / die Feinde uns aber für diese Kaltsinnigkeit nicht
verbunden würden / und man sich in einheimischen Kriegen / wenn man weder auf
einer noch der andern Seite hienge / sich nur in Gefahr sätze / des Uberwinders
Beute zu werden. Dahero sie nach dem Beispiele der Aertzte / welche in
zweifelhaften Kranckheiten für ratsamer hielten / eine ungewisse-als gar
keine Artznei zu gebrauchen / in Sachen welche die Herrschaft angiengen / und
zwischen Höhe und Tal kein Mittel vertrügen / sich auf eine oder andere Seite /
welcher sie den Sieg zutrauten / schlagen möchten; so steckte doch allen auf
einer Seite die Macht der Römer / auf der andern die Gefahr der Deutschen
Freiheit so tieff im Kopffe: dass beide sich mit einander zermalmeten / und sie
einander wie ein Schwerdt das andere in der Scheide hielten; also allerdings die
Erfahrung erhärtete: es liessen sich mittelmässige Ratschläge leichter tadeln /
als im Wercke verwerffen. Alleine dieser Mittel-Punct ward durch Arglist ehe /
als ihnen die Römer selbst einbildeten /verrückt. Denn weil Adgandester und
Sentia vernahm: dass weder Melo noch Ganasch / welche denen andern zum Beispiele
der Nachfolge dienen sollten / von ihrer Meinung durch keine Vorbildung in der
Welt abwendig zu machen sein würden / kamen sie auf ihre gewohnte Springe der
Sache durch Betrug und Verfälschungen zu helffen; welche als verborgene Stricke
so viel schwerer zu vermeiden sein. Worzu ihnen deñ sonderlich die angebohrne
Leichtglaubigkeit des Cheruskischen Hertzogs so viel mehr Anlass gab / und
weniger Furcht machte / wiewol ihre Bosheit vergrösserte. Diesem nach verfügte
sich Adgandester nach Niemegen der Bataver Haupt-Stadt an der Maass /welche
Kayser Julius mit einem Schloss versehen hatte; daselbst hielte er mit dem
Fürsten Cariovalda über seine Zurüstung wider die Cherusker allerhand
Ratschläge / und schwuren einander in dem nahe darbei gelegenen heiligen Heine
auff dem Altare der Leva / welche der Bataver gröste Göttin war / einen teuren
Eyd: dass sie nicht ehe ruhen wollten / als biss sie die Cherusker unter der Römer
Botmässigkeit gebracht hätten. Von dar zohen sie mit einander nach Lugdun / von
welchen nicht weit der mitlere Arm des Rheines bei dem Brittischen Schloss ins
grosse Meer fällt. Daselbst erkaufften sie ein Cimbrisch Schiff / und etliche
Cimbrische Schiffer / diese richteten sie ab: dass sie mit Fleiss auf denen
Chauzischen Sand-Bäncken stranden und berichten sollten: dass auf dem Schiffe ein
vornehmer Cheruskischer Ritter /welcher beim Könige Froto in Botschaft gewest
wäre / mit seinen Leuten / weil sie nicht hätten schwimmen können / ertruncken
wäre. Wenn sie nun von den Chauzen würden angehalten und befragt werden; sollten
sie denselben eine stählerne Schachtel /welche ihnen der Gesandte als einen
besondern Schatz dem Cheruskischen Herzoge zu überbringen anbefohlen hätte /
zustellen. Diese Cimbern richteten den Befehl fleissig aus / segelten dem Munde
der Weser zu; und nach dem sie sich in einen kleinen Nachen begeben / liessen
sie früh das Schiff auf eine Sandbanck anlauffen / und von Wellen zerschlagen
/und nach dem sie auf einem Eylande festen Fuss bekomen / durchbohrten und
ersäufften sie diesen Nachen; welchen Vorwand ihnen der dicke Nebel und der
ziemlich starcke Nord-Ost Wind bei denen Chauzen ziemlich beglaubt machte /
welche sie / als die Sonne den Nebel unterdrückte / in Hoffnung einer reichen
Strand-Beute gefangen nahmen / und zu dem Chauzischen Befehlhaber in die nahe
darbei liegende Cattenburg brachten. Daselbst wurden sie von ihrem Schiffbruche
befraget / ihre Kleider durchsucht; und weil die stählerne Schachtel was
besonders in sich zu haben schien / ihre Nachrichten wegen des Cheruskischen
Gesandten / den sie hätten an der Ostseite der Elbe zu Marionis aussätzen müssen
/ bedencklich schienen / wurden sie mit der verschlossenen Schachtel nach
Fabiranum zum Hertzoge Ganasch geschickt. Als dieser solche öffnete / fand er
darinnen zwei Schreiben vom Könige Froto / eines an Hertzog Herrmann / das
andere an Arpus. Beide aber waren dess Inhalts: Es täten beide Fürsten rühmlich;
dass sie denen Römern / derer Macht auch numehr der eussersten Nordwelt
verdächtig zu werden anfienge / mit einem so tapffern Helden-Mute begegnen
wollten. Nach dem aber Deutschland zwei so gefährliche Nattern / als Hertzog Melo
und Ganasch wäre / in seinem Busen nehrte / wäre ihr Anschlag gar gut: dass sie
beide so lange mit guten Worten und Einladungen in ihr Bündnis unterhielten /
biss sie beide mit ihrer Macht / ehe die Römer zu diesen Verrätern ihres eigenen
Vaterlandes stossen könten / als ein Blitz überfielen und erdrückten. Er wollte
bei ihrem vernommenen Einfalle / so viel die Sicherheit seines Reiches wegen der
ihm verdächtigen Caledonier / Orcader /und Svioner liedte / eine ergebige
Schiff-Flotte an das Chauzische Gestade schicken / die ihnen verdächtigen / ihm
aber in der Schiffart / und seiner über das West- und Ost-Meer habender
Herrschaft keinen geringen Eintrag tuenden Friesen im Zaume halten /und zu
Züchtigung dieser Völcker / welche ihrer eigenen Freiheit / und der Deutschen
Sicherheit so gram wären / behülfflich sein. Es ist nicht zu sagen / wie Ganasch
über diesen Schreiben anfangs bestürtzt /hernach auf den Feldherrn und Hertzog
Arpus entrüstet ward. Wie dieser Betrug so scheinbar angesponnen war; also
verstatteten ihm seine so heftige Gemüts-Regungen nicht: dass er das Siegel und
die Handschrifft des Cimbrischen Königes genau untersucht hätte. Zu allem
Unglücke war auch den Tag vorher der Graf von Hohenstein mit dieser
vergnüglichen Abfertigung: dass er weder den Römern noch Deutschen helffen / auch
keinem den Durchzug durch sein Gebiete verstatten wollte / abgereiset. Domitius
machte aus Unvergnügen sich ebenfalls Reise-fertig. Diesem liess Hertzog Ganasch
zu entbieten: dass er für seinem Wegzuge ihm noch einmal Verhör geben wollte. Weil
nun Domitius dem Hertzoge zu liebkosen Ursach hatte / um durch seine
Empfindligkeit nicht noch zu einer schlimern Entschlüssung zu veranlassen / fand
er sich ungesäumt ein / und den Hertzog zwar in ziemlicher Verwirrung / aber
freundlicher als iemahls zuvor. Er hielt auch nicht lange hinter dem Berge;
sondern sagte dem Domitius: Er hätte nicht ohne erhebliche Ursache etwas gutes
biss auf den letzten Augenblick seiner Abreise versparet. Nunmehr aber erklärte
er sich nicht nur für einen treuen Bundgenossen des Tiberius; sondern auch für
einen Feind der Cherusker und Catten; wenn die Römer ihm zu seiner Rüstung die
angebotenen Waffen und Hülffs-Gelder lieferten. Ihnen sollte die Weser und Emse
mit ihren Hafen / und sein ganzes Land offen stehen. Er wollte den Domitius auch
in seinem Gebiete herum führen lassen: dass er anwiese / wo es sich am besten
schickte durch die Sümpffe Tämme zu führen / um die Reuterei / das Geschütze und
das Kriegs-Geräte desto besser fortzubringen. Er wollte ihm auch Schreiben an
den Friess- und Sicambrischen Hertzog mitgeben / und Gesandten nachschicken /
welche einen unfehlbaren Nachdruck haben würden / sie zu gleichmässiger Erklärung
zu bewegen. Domitius glaubte fast seinen eignen Ohren nicht; so unvermutet kam
ihm diese annehmliche Zeitung / vielleicht weil die Furcht leichtglaubiger ist /
als die Hoffnung. Nach dem aber Ganasch seinen guten Willen gegen die Römer /
und den Hass gegen die Cherusker und Catten ie länger ie mehr mit ziemlicher
Offenhertzigkeit heraus liess; wusste Domitius kaum Worte genug zu finden ihm zu
dancken / und ihn aller vorigen Anbietungen zu versichern. Absonderlich nahm er
seine Erklärung wegen der hochnötigen Tämme an; und versprach die zu solcher
Arbeit mehr geschickten Chauzen mit Römischem Gelde alle Wochen richtig zu
bezahlen. Hiermit nahmen sie von einander ohne eusserliche Friedens-oder
Liebesbezeigung Abschied / damit ihr Bündnis nicht denen in guter Verfassung
stehenden Cheruskern zu zeitlich kundig würde. Domitius reisete folgenden Morgen
mit Ganasches eigenhändigen Briefen aus Fabiranum / und besah unterweges mehr
zum Scheine / als aus Not / die Gelegenheit zu den Tämmen ab; Weil er bei
seiner Anwesenheit teils selbst / teils durch seine bei sich unter der Gestalt
schlechter Diener habenden Feldmesser und Bauleute / bei Jagten und
Spazierfarten / das ganze Chauzische Gebiete ausgekundschaffet hatte / derer
er etliche dem Hertzoge Ganasch zu Angebung des Baues zurücke liess. Domitius kam
unvermutet nach Manarmanis an dem Flevischen See zum Hertzoge Malorich / bei
welchem der Graf von Hohenstein sein Ansuchen derogestalt unterbauet hatte: dass
er mehr auf die Seite der Cherusker und Catten als der Römer hienge / und den
Domitius gar schlecht und kaltsinnig bewillkommen liess. Nach dem er aber das vom
Domitius überbrachte Schreiben Hertzog Ganasches gelesen hatte / tat er ihm
alle ersinnliche Ehre an; und nach dem der Ritter Ludingshausen zween Tage
darauf ankam / und dem Malorich des Cimbrischen Königes Schreiben vorzeigte /
war dieser in dreien Tagen mit dem Domitius richtig; welcher denen Friesen den
alten Zinss der Ochsen-Häute erliess / alle Monate fünff hundert Pfund Silber /
die benötigten Waffen zu reichen / hingegen Malorich seinen Vetter Cruptorich
mit fünff tausend Friesen den Römern zu Hülffe zu schicken / tausend Boots-Leute
zu geben /freien Durchzug zu Wasser und Lande zu verstatten /auch zwischen der
Isel und Emsse durch die Moräste auf Römische Unkosten Tämme bauen zu lassen
versprach. Der Graf von Hohenstein kriegte zwar hiervon Wind; aber weil die
Ursache dem Malorich und Domitius alleine bekandt war / konnte er sie durch kein
Geschencke oder andere Künste erfahren; also sie weniger als Aertzte verborgene
Kranckheiten heilen; zumahl ihm auch Malorich kein Gehöre mehr geben wollte /
sondern ihn bescheiden liess: dass / nach dem sein Begehren eine lange Bedenckzeit
bedörffte / er sich zu Manarmanis nicht länger aufhalten dörffte.
    Unterdessen befand sich Sentia zu Techelia an dem Hofe Hertzog Bojocals.
Dieses war ein junger wolgewachsener Fürst von zwei und zwantzig Jahren / und
hatte nach Gewohnheit der was frembdes zu sehen begieriger Deutschen etliche
Jahr in Gallien und zu Rom zubracht / wo die meisten Sachen fürlängst ihre
rechte Nahmen verloren hatten / und die ärgsten Laster im Goldstücke der Tugend
hergiengen. Sintemahl man die Verwegenheit alles Böse zu stifften Tapfferkeit
/die Hoffart eine Grossmütigkeit hiess / die Verschwendung zur Freigebigkeit /
den Geitz zur Sparsamkeit / die Grausamkeit zur Gerechtigkeit / den Aberglauben
zur Gottesfurcht machte / und die / welche in Wollüsten andern es zuvor täten /
für aufgeweckte Leute / unkeusche Bälge für den Ausbund des Frauenzimmers hielt;
also in der Welt mehr kein so genanntes Laster zu finden war / und die Römer
ihnen einbildeten: dass sie mit Uberwindung so vieler Völcker auch die
Botmässigkeit überkommen hätten / zu sätzen / was künftig Sünde oder Ubeltat
sein sollte. Da sie vielmehr sich hätten bescheiden sollen: dass Laster bei
grossen Leuten kein besser Ansehen bekämen / und ein hesslicher Fleck mehr Purper
und Seide / als ein hären Kleid verstellte. Von diesen bösen Sitten hatten ihm
einige insonderheit den Hang zur Wollust angeklebt; welche seine gute Geburtsart
uñ die Unschuld der Deutschen Sitten mercklich verterbt /und ihn gleichsam zu
einer Missgeburt / welche halb Tugend / halb Laster war / gemacht hatten. Nach
dem er auch nach seines Vaters Tode gleich wieder in Deutschland kommen war /
konten die guten Beispiele das Böse / welches ihn gleichsam wie ein scharffer
Geruch ganz durchzogen hatte / ihn so bald nicht wieder in ersten Stand
versätzen. Denn die Begierde findet sich wie ein Fremdling ein; welcher nur auf
wenige Augenblicke Herberge suchet; sie machet sich aber bald zum Gaste / uñ
wird endlich gar ein Herr vom ganzen Menschen. Also war Bojocal nicht mehr
seiner selbst mächtig: sonderlich weil er in die Hände der Zauberin Sentia durch
die mit Segesten habende nahe Anverwandnüss geraten war; welche auf Betrug und
Uppigkeiten alle ihre Scharffsinnigkeit angewehrte / und es dem Bojocal niemahls
an Oel der Wollust ermangeln liess / die Ampel seiner Begierden damit zu
unterhalten. Mit diesen Künsten führte sie ihn gleichsam an einer Schnure. Ob
sie ihn nun zwar eben so zu ihrem Willen hatte / so war sie doch niemals mächtig
gewest / ihn zu bewegen: dass er um so schnöden Liebe / die des Vaterlandes
ausgezogen / und sich mit den Römern wider selbtes verbunden hätte. Weil aber
Sentia sich nur frembder Geilheit zum Werckzeuge /ihre Anschläge der Römischen
Herrschaft zum besten auszuführen gebrauchte / hatte sie doch niemahls ihre
eigene Ehre versehret / ungeachtet sie so schön war / als eine Römerin sein
konnte; und sie war mit so viel Geiste ausgerüstet / als zehn greuliche Frauen zu
ihrem Liebreitze von nöten hatten. Bojocal hatte bei seiner mit Sentien
führenden Verträuligkeit wohl no comma? sie versucht / und an sie gesätzt /
aber auch so vielmahl in seinem Begehren Schiffbruch gelitten /und von ihr mehr
als einmal die Antwort erhalten: dass eine Frau / welcher die Seele der
Keuschheit / und der hieraus flüssende Geruch eines guten Nahmens abgienge / ein
stinckendes Aass wäre; also dass man wegen ihrer mit so viel andern Lastern
vermängter Keuschheit und Klugheit sie füglich mit dem Egyptischen Acker
vergleichen konnte / in welchem die edelsten und gifftigsten Kräuter wachsen.
Alleine / wie ist es möglich / dass die Tugend in die Länge unter so viel Lastern
unversehrt bleiben solle? Scharffer Knobloch und Zwibeln verterben zwar nicht
die neben ihnen stehenden Gewächse / sondern die Rosen bekommen vielmehr davon
einen stärckern Geruch / der Spargel einen bessern Geschmack. Denn die Laster
sind viel schädlich- und anfälliger / als beschwerliche Eigenschaften
natürlicher Gewächse / derer keines zu finden / was nicht seinen guten Nutz /
wie unangenehm oder auch gifftig es zu sein scheinet; Laster aber sind von ihrer
Wurtzel und in allen Würckungen böse. Dahero sie nicht nur die Tugend
entkräfften /sondern wie die Wicken den Weitzen zu Bodem reissen und erstecken.
Wohlrüchende Rosen und Sandal-Holtz zeucht durch Beherbergung stinckender Dinge
den Gestanck an sich / also wird das edelste Gemüte / wenn es sich zu einem
Gefässe nur eines Lasters gebrauchen läst / angesteckt. Ja die Tugend hilfft den
Lastern / wenn sie selbte vergesellschaftet / noch mehr auff die Beine / wie
der köstliche Balsam den Bockintzenden Gestanck und die Amber- und Zimmet-Kuchen
den faulen Atem noch unerträglicher machen. Bei solcher Bewandtnis konnte
Sentiens Keuschheit nicht lange den Stich halten / sondern sie kam nach Techelia
mit dem Vorsatze den Bojocal zu gewinnen / sollte es gleich mit Verlust ihrer
Ehre geschehen. Nach dem sie aber gleichwohl lieber eine Kuplerin / als
Ehbrecherin sein wollte; vielleicht weil alle andere Laster unsern Leib nicht
berühren / die Unzucht aber ihn und uns inwendig besudelt / nahm sie mit sich
vier schöne Mägdlein von funffzehn Jahren. Die erste war eine Amazonin aus dem
Caspischen Sarmatien / welches Ostwerts das Caspische Meer / gegen Mittag
Albanien / gegen Abend den Caucasus / gegen Nord den Fluss Rha zur Gräntze hat.
Dieses Land ist bei nahe das schönste in der Welt. Auf den Feldern wachsen von
sich selbst Tulipanen /Narcissen / und Hiacynten / die wilden Bäume tragen die
vollkommensten Früchte / die Schaafe bessere Wolle als die Spanischen. Ihre
Pferde holen die Hirschen im Lauffe ein / welche sie mit Hauffe jagen /und davon
das Marck als die kräfftigste Stärcke des Leibes essen. Fürnehmlich aber hat es
das schönste Frauenzimmer in Asien / und diese die schönsten Augen in der Welt /
gegen welche aller andern schönen Weider Augen / wie Sterne gegen der Sonne
erbleichen. Aus diesem schönen Volcke war nun die /welche Sentia ihr über
Alopecia / und das Euxinische Meer hatte bringen lassen / eine nicht der
gemeinsten. Sie war lang gewachsen / geschlanck / hatte braune Haare / weisse
und zarte Haut / Rosenfarbichte Wangen / einen engen Mund mit
Corallen-farbichten Lippen / schwartze und grosse Augen / welche gleichsam mit
Blitze spielten / weit heraus stehende und doch kleine und rundte Brüste. Die
andere war aus Britannien / von gleicher Länge. Ihre Haare waren goldgelbe / die
Augen braun und lebhaft / die Wangen nur ein wenig / der Mund aber mit reicher
Röte beschüttet / ziemliche grosse / doch rundte Brüste. Die dritte war aus
Gottland / und gleichsam ein Ebenbild der schneeichten Nord-Welt. Denn sie war
zwar nicht so lang als die ersten; aber ihre Haut war so weiss / als der Schnee
immer sein konnte; also / dass Anaxagoras /welcher behaupten wollte: dass der Schnee
schwartz wäre / schwerlich diesem Frauenzimmer ihre Weisse würde strittig gemacht
haben. Ihre Himmel blaue Augen hatten zwar nicht so viel Feuer / aber doch eine
liebreitzende Anmut. Jhre Wangen gleichten flüssender / ihre Brüste geronnener
Milch / dieser Höhe schienen gleichsam mit zwei roten Erd-Beeren besteckt / und
jener Lippen von Zinober bereitet zu sein. Die vierdte war eine schwartze Mohrin
/ von einer rechten Gestalt und holdseligen Gebehrdung. Sie hatte wie die Mohren
ins gemein im ganzen Leibe weder Flecke noch Wartzen. Hingegen war sie länger /
als jetzt die Mohren ins gemein zu sein pflegen / also nach der Beschaffenheit /
wie sie zu Cambysens Zeit sollen gewesen sein. Ihr Haupt war nach Mohrischer Art
vollkommen rund / die Wangen fleischicht / die Haare ziemlich lang; wiewol die
Mohren nicht wie andere Völcker zu Bedeckung ihrer eingefallenen Schläffe und
Wangen / und der Gruben im Haupte / derselben benötigt sind. Welches für
weissen Leuten sonder Zweiffel eine Schönheit sein muss; weil die Liebes-Götter
mit so rundten / die Unholden aber mit höckrichten Köpffen und Schlangen-Haaren
gemahlet werden. Sie hatte einen gestreckten Hals /und eine längere / und nicht
überbogene Nase / wie die Mohren sonst ins gemein haben; dass man ihnen in die
Hölen der Nasen-Löcher schauen kann; wiewohl diese Lufftschöpffung zum Atem
holen / zu Bewegung der Maus in Gliedern / und daher zur Geilheit dienlich ist.
Sie hatte zwar nicht gar grosse / aber keinen Augenblick stillstehende Augen /
welche ihr wie eine Unruh im Kopffe herum lieffen. Ihre Zähne waren weisser als
Helffenbein / und keinem Dinge ähnlicher als Perlen. Ihr Mund war auch nicht wie
sonst aufgeworffen / ihre Brüste aber strutzten für Härte / und alle ihre
Bewegungen hatten einen gewissen Liebreitz / und ein Merckmaal heftiger
Begierden an sich; Also / dass diese am ersten und tieffsten Bojocaln verwundete;
zweifelsfrei weil die Seltzamkeit verursacht / dass weisse Männer nach schwartzen
/ und Mohren nach weissen Frauen am meisten lüstern sind. Sentia war mit dieser
holdseligen Gesellschaft ihm eine angenehme Gästin; weil Gleichheit eben wie
das Feuer sich an neuem Zunder ergötzet /und nach selbtem begierig ist. Dahero
geht es der Schönheit wie den Kleidern / wenn diese schon von köstlichem Sammet
und Goldstücke auch geschickt gemacht sind / wirfft man sie doch weg / wenn sie
der neuen Art nicht gemäss sind; und für gebrauchten Helenen krieget Paris
endlich einen Eckel. Eben so ging es Bojocaln; diese vier / an welchen er sich
anfangs nicht ersättigen konnte / machten ihm / weil er mit ihnen keine Maass
hielt / ein Grauen; Sintemahl kein Ding in der Welt ist / welches / wenn es uns
auf einmal allzuhäuffig überschüttet / nicht Eckel verursache. Denn es geht
damit wie mit den Speisen / wenn wir damit den Magen überschütten / müssen wir
sie wieder wegbrechen. Weil nun Sentia durch diese Frauenzimmer Bojocaln nicht
an Bort kommen / und ihn zu Erkiesung der Römischen Seite bewegen konnte; fieng
sie an / ihm nunmehr mit den Beeren ihrer eigenen Keuschheit durch Entblössung
ihrer Brüste / und hunderterlei Liebkosungen zu stellen. So verschwenderisch ist
die Ehr- und Herrschenssucht! Jedoch ist sich über Sentiens so schändlicher
Feilbietung ihres Leibes nicht so sehr zu verwundern; weil auch Kayser Julius
und August mit dem Netze der Unzucht nach der Herrschaft gefischet; Ja in
Indien kein Weib so züchtig ist / welche ihre Keuschheit nicht um einen
Elephanten verkauffet / und in Asien sich ihrer viel / um bei ihrem Könige /
oder nur seinem obersten Verschnittenen aus Bret zu kommen /sich haben entmannen
lassen. Weil die Lüsternheit nun zugleich scharffsichtig und leichtglaubig ist /
und Bojocal längst nach Sentiens Genüsse geseuffzet hatte / sätzte er auffs neue
an sie. Aber die schlaue Sentia war nicht willens ihre Waare so wolfeil
anzugewehren / ob sie sie ihm gleich feil geboten hatte. Sie verhüllete ihre
Brüste / und auch numehr ihr Antlitz / und bezeugte sich kaltsinniger / als sie
nie vorhergewest war; Wolwissende: dass wie unser Geist mehr Vergnügung in
Retzeln und tieffsinnigen Dingen findet /als derer seichter Verstand auch
Einfältigen am Tage liegt; also in Wollüsten die Schwerigkeit des Uberkommens
das schärffste Saltz und die beste Würtze; die Kaltsinnigkeit des Frauenzimmers
auch der stärckste Blasebalg sei / damit es in den Hertzen der Männer das Feuer
der Begierden lebend / seine Schönheit aber zweimahl so schön machen könne.
Worüber sich aber nicht sehr zu verwundern ist. Sintemahl auch ein männlich
Hertze denselben Sieg wenig achtet / welcher nicht Schweiss kostet / und mit
Blute erfochten ist. Eben so hat die Wollust an sich wenig ergötzliches / welche
nicht mit einem Saade der Hindernüsse angesüsset worden. Sie sätzte seinen
Anmutungen ihre Ehre / die dem Segesten schuldige Pflicht / und anders
Bländwerck der Tugend / endlich auch diss entgegen: dass sie durch Verhängung der
wenigsten Vergnügung sie nur ihr Ansehen bei ihm verspielen / und sich
verächtlich machen würde / nach dem sie wahrnehme: dass er der vier Schönheiten
/welche sie ihm aus allen Ecken der Welt zusammen gelesen / so bald überdrüssig
worden wäre. Denn wir Frauenzimmer gleichen den Rosensträuchen; wenn wir voll
Rosen stehen / erweiset man uns alle ersinnliche Ehrerbietung; wenn man sie uns
aber einmal abgebrochen hat / sieht man uns nicht über den Zaun an. Unser
anfangs angebeteter Leib wirfft nach dem Genüsse den Schatten der Verachtung
hinter sich; und unsere vorher vor himmlisch gepriesene Schönheiten werden in
einer Stunde in den Augen unser Liebhaber / wie die Farben der Regenbogen zu
Wasser. Bojocal antwortete Sentien: Sie sollte diese Schuld ihr nur selbst /
nicht ihm zuschreiben / und sich bescheiden: dass die ihm mitgebrachten vier
Sterne in ihrer / als seiner Sonnen Anwesenheit / in seinen Augen den Glantz
verlieren müssen. Sentia gab nur ein Lachen darein / und sagte: Er sollte ihr
nicht weiss machen: dass er von so frischen Morgen-Rosen / als ihre ihm
aufgeopfferten vier Jungfrauschaften wären / nicht mehr Vergnügung schöpffen
sollte / als von ihr / welche vor so viel Jahren schon die Knospen ihrer Jugend
aufgeopffert / und schon dreissig Jahre auf dem Halse / von ihrer Schönheit aber
nicht wenig Blätter eingebüsst hätte. Bojocal seuffzete / und fieng an: Ach
unbarmhertzige Sentia! weist du nicht: dass die hesslichen schon alt sind / wenn
sie geboren werden? Die Schönen aber behalten ihre Jugend und Anmut
unaufhörlich. Dieser ihr Herbst lachet uns mehr an /als jener ihr Frühling. Wie
magstu aber Sentia deine Jahre zum Herbste / zwischen diesen unreiffen
Unvollkommenheiten und dir / eine Vergleichung / deine unvergleichliche
Schönheit aber mir zu einer Höllenpein machen? Ich traue dir selbst diesen
einfältigen Glauben nicht zu: dass die nur noch Blüte tragenden Bäume denselben
/ welche mit denen süssesten Früchten belastet sind / vorzuziehen sein. Also
schone meiner / und missbrauche mich nicht zum Vorwand deines anderwärtigen
Unvergnügens. Ach! Sentia / sagte Bojocal / du bist allzuschön / und hast allzu
viel Geist /dass du mir zu einem blossen Vorwande dienen soltest. Du kennest dich
selber allzuwohl / und weist es: dass du nicht nur mir / sondern der ganzen Welt
/mehr als eine gemeine Liebe einzuflössen / mächtig seist. Wie töricht habe ich
getan! dass ich mich zeiter durch deine Hand mit schlechtern Körnern habe
speisen lassen / und dass ich meine Liebe in Ketten gelegt / wormit sie nicht mit
grösserm Ungestüme die Härtigkeit deines Hertzens zu erweichen getrachtet hat!
Alleine mein Fehler ist aus diesem Irrtume geflossen: dass heimlich und
bescheiden lieben das sicherste Mittel wäre / uns Gegen-Liebe zu erwerben /oder
in erlangter Gnade zu erhalten. Wie schädlich habe ich gefehlet! dass ich mich
mehr auf die Schickung der Zeit / als auf deine Hülffe verlassen; also meiner
Liebe nach meiner Einbildung / nicht nach deiner durchdringenden Schönheit ein
Ziel gesteckt /unwissende / dass die der beste Lehrmeister sei / wie sehr man
lieben solle. Freilich wohl! fiel Sentia ein /ist die Schönheit der Mässstab /
nach welchem die Männer ihre Liebe abteilen sollen. Weil ich mich nun selbst
bescheiden: dass ich so schön nicht sei / als die vier dich zu vergnügen
unvermögende Schoos-Kinder der Liebe / würde ich sonder Zweifel mehr Sorge haben
müssen / bei deinen Flammen nicht zu erfrieren / als zu zerschmeltzen. Grausame
Sentia! fing Bojocal an. Wie viel milder würdest du von deiner und anderer
Gestalt urteilen / wenn du durch meine Augen sähest. Ist dir so frembde / dass
wie ein Ding / nach dem es gewendet wird / vielerlei Farben /also einerlei
Schönheit in unterschiedenen Augen vielerlei Gestalten haben könne. Wir Männer
werden über dem / welch Frauenzimmer das schönste sei /längsamer als die
Menschen über dem Geschmacke der Speisen eines werden. Wie die Orcader und
andere Nordländer an dem Fischtrane von Wallfischen /die eussersten Africaner
an unflätigen Rind-Därmern /die Scyten an Pferde-Fleische / die Geten an
Hausen-Rogen / was gar schmackhaftes zu essen vermeinen / andere Völcker aber
dafür ein Grauen haben; Also weit fället auch das Urtel in der Liebe von
einander. Die Einwohner der Rhätischen und Noricher Gebürge halten die Kröpffe
für eine Zierrat; In Hesperischen Eylanden zerkerben sie die Haut / färben sie
mit Kräutern / und prangen mit solchen Flecken. In Indien durchbohren sie die
Nasen / und halten die darein gehenckten Rincken für was schöners / als
Ohrgehencke. Der Mohren strumpfichte Nasen rühren zwar jetzt von der Geburt her;
anfangs aber hat man sie aus Einbildung der Schönheit mit Gewalt so
aufgeschürtzt / wie die Serer die Füsse einzwängen /dass sie klein bleiben
müssen. In Italien hält man lange Nägel / bei den Samojeden gekrümte Leiber für
schön / da andere Völcker ihre Kinder in Wiegen so feste einwickeln: dass sie
gerade und geschlanck werden sollen. Hingegen zwängen andere ihre Köpfe /dass sie
länglicht / wie das getürmte Haupt der Cybele wachsen. Die Mohren / und die
zwischen dem Flusse Tyras und Borystenes wohnenden Völcker schätzen die weit
vom Haupte abstehende Ohren / welche auch wohl wegen Rundtung ihrer Hölen zum
Gehöre am dienlichsten sind / für schön / gleichwohl aber meinen wir dadurch
verstellet zu sein / und mühen sich unsere Mütter sie an die Fläche des Hauptes
anzugewöhnen. Die Mohren bilden die höllischen Geister weiss; wir weissen sie
schwartz ab. Also / dass alle Schönheit mehr in eines ieden Liebhabers Einbildung
/ als in einem gewissen Wesen bestehet. Wiewol ich von dir beredet bin; dass der
ganzen Welt Beifall über der unvergleichlichen Sentia Vollkommenheit meiner
Wahl beipflichte / die aber / welche in deinen Augen schöner / als in meinen
sind / dir den Vorzug strittig zu machen / selbst für eine unverschämte
Vermessenheit halten würden. Sentia brach ein: Ich muss gestehen: dass ich mich in
meinen Gedancken sehr betrogen befinde. Denn ich hätte mir eingebildet: dass ich
mit meinen vier Liebes-Kindern nicht nur Bojocaln / sondern alle gefrorne
Nord-Völcker anzünden sollte. So aber finde ich Bojocaln bei ihnen
unempfindlicher / als der ernstafte Cato würde gewesen sein. Diesemnach möchte
ich wohl gerne hiervon die Ursache ergründen. Bojocal antwortete: Ich muss
gestehen: dass ich zwischen ihnen wie zwischen Schnee und Kohlen gelegen / mit
der einen Hand eine unbeseelte Marmel-Säule / mit der andern einen stachlichten
Rosenstrauch umarmet habe. Oder mich deutscher zu erklären / so mangelt der
einen die Anmut / der andern der Geist / der dritten das Fühlen /der vierdten
die Schönheit. Daher wenn man sie alle zusammen schmeltzte / würde man mit Not
eine einige Sentia daraus machen. Sentia lachte hierüber /und fragte: welcher er
denn ein oder andern Gebrechen zuzueignen hätte? Er sollte ihr doch diese Rätzel
auslegen. Bojocal sagte / der Scytin. Denn ob zwar diese mit ihrem Leibe ein
vollkomen Lustauss der Schönheit vorstellet / und es ihr an Heerd und Feuer
nicht fehlet; so ist sie doch ein unbewohnter Pallast /nämlich ein Weib ohne
Sitten; ich will nicht sagen: dass durch ihre wilde Gebehrden sie mehr ein wildes
Tier als eine holdseelige Liebhaberin fürbilde. Sie ist geschickter zu einer
Kämpferin ins Feld / als ins Bette / und mit einem Worte / eine Amazonin. Die
Britannische hingegen hat keinen Mangel an Holdseeligkeit / und sie hat auch den
nötigen Vorrat an Feuer in sich. Aber sie scheinet: dass sie aus den weissen
Felsen der Kreide-Bergen ihres Albions gehauen sei / weil sie nichts geistiges
an sich hat; und ihr inwendiges Feuer mit so grosser Gewalt / als die Funcken
aus den Feuer-Steinen geschlagen werden müssen. Dahero würde sie wohl eine
anständige Buhlschaft des in sein eigenes helffenbeinernes Venus-Bild sich
verliebenden Pygmalions / aber nicht des lebhaften Bojocals sein; welcher von
Sentien selbst gelernet: dass die Liebe mehr Grund und Bestand habe / wenn sie
sich nicht nur an die euserliche Schönheit /sondern an die innere Vollkommenheit
eines aufgeweckten Geistes hänge. Denn welche nur an denen durch Alter und
Kranckheit vergänglichen Strichen eines wolgestellten Antlitzes und Leibes hängt
/ hat sich täglich für Zufällen zu fürchten / welche durch alle seine
Ergötzligkeiten einen Strich machen. Wer aber seine Vergnügung an einer
himmlischen Seele und ihren Tugenden suchet / kann sein Lebtage ohne Unruh und
Furcht des Verlustes / und biss in Tod lieben. Die Gotische aber hat so viel
Schnee im Hertzen / als auf ihrer Haut. Sie hat weder Empfindligkeit für sich;
weniger kann sie sie andern geben. Ihrer Adern Blut ist eben so starck gefroren /
als die Flüsse ihres Vaterlandes; Und ob ich zwar allemahl für glaubhafter
gehalten: dass die Liebe vom Feuer entsprossen / so glaube ich doch numehr: dass
die in Norden aus seinem Eis-Meere den Ursprung habe. Sie hat keine Fühle wenn
man sie küsset / sie ist taub zu allen Liebkosungen / todt bei den
ansehnlichsten Liebes-Seuffzern / und in der Wollust selbst eine sich nicht
rührende Leiche. Die Mohrin hingegen ist eitel Feuer; also dass ich glaube: dass
der törichte Satyrus / der sich in die Flamme verliebet / und solche umarmende
sich darinnen eingeäschert haben soll / in einer verliebten Mohrin Hände
verfallen sei. Ich muss ihr den Preis für allen lassen / und ihr nachsagen: dass
sie Eis erwärmen / Steine erweichen / und Todte beseelen könne. Aber ihre Liebe
dienet nur für die Nacht / oder für Blinde. Denn wenn ich auch bei der grösten
Lust sie anschaue / fället mir ihre Todten-Farbe in die Augen / welche die
lebhaftesten Begierden ersterben lässt. Ihre Kohlen-Gestalt machet: dass das
Feuer meiner brennenden Liebe zu ausgeloschenen Kohlen wird. Ihre traurige und
der gemeinen Meinung nach von einer väterlichen Verfluchung herrührende
Schwärtze machet: dass mir im Augenblicke das Hertze / und in dem grösten Eyver
alle Mannbarkeit entfällt / weil sie gleichsam meiner Liebe einen kläglichen
Ausgang wahrsagt; dahingegen deine weissen Flammen der Schönheit / O holdseelige
Sentia! mich zur Freude aufmuntern / meine Kräfften ergäntzen. Sentia begegnete
ihm mit folgender Antwort: O kaltsinniger! O einfältiger Bojocal! können dich
diese vier Liebes-Göttinnen nicht erwärmen / so wirst du gewiss bei allen andern
und noch mehr bei einer einzelen erfrieren. Wer hat dich überredet: dass die
Schönheit in der Farbe / nicht aber vielmehr in geschickter Bild-Einteilung der
Glieder / und in richtiger Zusammenstimmung des ganzen Leibes bestehe? Wer hat
dir einen solchen Irrtum aufgehalset: dass alles / was schwartz / hesslich sei?
Sind nicht die tunckeln Früh- und Abend-Stunden des Tages die behäglichsten?
Suchen wir nicht bei ihrer liebkosenden Kühle frische Lufft / wenn wir uns für
dem lichten Mittage versteckt haben? Verstecken wir uns nicht in den Schatten
der Wälder und Hölen / ja bauen wir nicht selbst zu unser Ergötzung künstliche
Finsternüsse? Mühen wir uns nicht hingegen für der Sonnen / als dem Brunnen des
Lichtes / nicht nur die Türen /sondern auch die Fenster zu versperren? Sind die
tunckelen Hiacynten / die blauen Veilgen / die schwartzen Tulipanen nicht die
schönsten? Rüchen die schwartzen Nelcken nicht am stärcksten? Gläntzen die
schwartzesten Haare nicht am meisten? Spielen die schwartzen Augen nicht am
stärcksten mit dem Blitze der Liebes-Strahlen? Verzeihe mir / kluge Sentia /
versätzte Bojocal / dass ich deinem Urtel /welches ich sonst so hoch achte /
hierinnen nicht beifalle. Andere schwartze Sachen können wohl / aber schwartze
Menschen nicht schön sein; ob gleich ein und ander Stücke in der Schönheit
schwartz sein muss. Die Natur hat einem jeden Gliede seine anständige Farbe
ausersehen / derer Versätzung alles verstellet. Die den Mund zierende Röte ist
in Augen /das die Augen so annehmlich-machende Himel-blau ist auf dem Munde und
der Nase ein Schandfleck. Eben so machet die denen Augensternen uñ Augenbranen
dienende Schwärtze die Haut sonder allen Zweiffel so hesslich / als sich ereignen
würde / wenn jemand grüne Haare / gelbe Augen / leinfarbene Wangen hätte /
ungeachtet die grünen Haare der Bäume /nämlich die Blätter / allen Pflantzen /
die gelbe dem Golde als dem Augapffel der Welt / die leinfarbe aber den Anemonen
so wohl anstehen. Denn ob zwar ich wohl weiss: dass ein grosses Teil der Welt mit
eitel von der Natur so schwartzgemahlten Menschen angefüllet sei; so ist doch
diss nicht die urspringliche Gestalt der ersten-sondern die Affter-Farbe
nachfolgender Menschen. Wir haben unsere Ankunft vom Himmel / welcher in sich
so viel tausend Lichter beherbergt / dass er ja alles schwartze ausschlüsse. Uns
ist die Nacht nur zum Schlaffe / der Tag aber zum Leben bestimmet. Daher sollten
die mit der Farbe der Nacht verstellten Mohren nur des Nachtes / wie wir am Tage
/ leben / die wir mit der Farbe des Tages geschmücket sind. Die Mohren selber
müssen diss nachgeben; denn sie verfluchen die sie so aussaugend und verbrennende
Sonne; Sie wünschten zweiffelsfrei selbst in einem andern Ecke der Welt geboren
zu sein / als in ihrem; welches / ungeachtet ihrer so vielen Sonne / mehr als
das der Cimbern / ein Land des Schattens ihrer finsteren Menschen halber
genennet zu werden verdienet. Sentia fiel ein: Ich wundre mich nicht: dass du von
schwartzer Schönheit so übel zu urteilen weist / weil du auch in dem alten
Irrtume steckest: dass der Mohren Schwärtze von der Ungütigkeit ihrer Sonne
herrühre. Wie sollst du es aber jener sparen / nach dem du nicht der Sonne des
Brunnens der Schönheit / aus welcher das Licht und Glantz so wohl der Farben als
anderer Dinge herfleusst / nicht schonest; gleich als wenn sie ein solch
rauchichtes Feuer in sich hätte / als ihr Deutschen auf eurem Heerde und
Rauch-Stuben anzündet / welches durch seinen finsteren Schwefel alles schwärtzet
und zu Kohlen macht. Ist dir nicht wissend: dass die Sonne mit ihren lichten
Strahlen das Wachs / die aus der Erde gegrabenen Steine die rohe Leinwand / die
gelben Lilgen nach und nach weiss bleiche? Sintemahl sie mit Zutat des Taues /
oder salpetrichten Wassers die Unsauberkeit zerteilt: dass sie wie das im
Schaume dinne gemachte Wasser weiss werden müssen. Dahero würde dieses gütige
Gestirne auch die Menschen ehe weiss als schwartz machen /wenn nicht die
bewegliche Wässrigkeit in der Haut ihre Würckung verhinderte. Bojocal brach ein:
wie sollte er die Sonne in Mohrenland nicht für schwärtzend halten / da sie auch
in Deutschland und in Cimbrien die schneeweissesten Einwohner / wenn sie sich
eine Weile bescheinen liessen / färbte? Sentia antwortete: die Sonne färbte sie
zwar / und machte die Haut so wohl gelbe / als sie sie härtete / trocken und
runtzlicht machte. Weisse Leute aber würden auch in den Ländern / wo sie gleich
die Sonne über der Scheitel haben / wenn sie schon von drei Sonnen beschienen
würden / so wenig die Schwärtze der Mohren an sich ziehen / so wenig als die von
Mohren in Deutschland gebohrne Kinder allhier weiss werden. Ja dieser Schwärtze
vergehet auch in ihren Kindern nicht /wenn sie solche gleich mit
Schwanen-weissen Menschen zeugen; und wird man auch in kalten Ländern die
Merckmaale des Mohren-Ursprunges noch wahrnehmen. Wie nun diese Tauerhaftigkeit
ein unbeweglicher Beweis ist: dass die Mohren nicht von Verbrennung der Sonne /
sondern einer innerlichen Eigenschaft schwartz sind; also erhärtet der
Augenschein: dass nicht allentalben / wo die Sonne am heissesten scheinet / die
Menschen am schwärtzesten sind. Die in dem Mund des Persischen See-Busems
liegende Insel Nasora soll der heisseste Ort in der Welt sein; weswegen sie auch
der Sonnen gewidmet ist: gleichwol gibt es dar keine Mohren. Die an dem
Mittelländischen Meere wohnenden Mauren / Sicilier und Hispanier sind wegen
Seltzamkeit des Wassers schwärtzer als andere Völcker / die in Asien und andern
Ländern / so nahe und näher der Mittags-Sonne liegen / ja ihre Haut ist
ramprichter / als der glatten und gläntzenden Egyptier / wie auch derer / welche
gerade unter dem Sonnen-Zirckel wohnen. Und ob diese zwar schwartz sind / so ist
doch die sie nach der Schnure unterwerts bescheinende Sonne ihnen viel
erträglich-und gütiger / als die sie um den Kreis des Krebses und Steinbocks
seitenwerts haben. Denn hier brennet sie mehr; dort aber zeucht sie aus Seen und
Flüssen eine unsägliche Menge salpetrichter Feuchtigkeiten /als die kräfftigsten
Mittel der Nahrung und Fruchtbarkeit empor / und der wolausgekochte Tau
erfrischet Lufft und Land häuffig. Daher auch / wenn die Sonne über ihrem Haupte
steht / ihr Winter / und daselbst alle Tiere voller Safft / die Menschen
fruchtbarer /stärcker und tauerhafter als irgend anderswo / ja so fett / als
die um den nahrhaften und ölichten Nil wohnenden Egyptier und Meroiten sind; wo
sich doch die fettesten Leute der Welt befinden sollen. Im Nordteile der
Atlantischen Eylande sind die Einwohner schwärtzer als die gegen Suden. Und eben
daselbst scheidet an etlichen Orten ein Fluss die schwartzen und weissen Menschen
von sammen / welche doch unter einerlei Himmels-Streiche gelegen sind. Eben so
sind in unserm Italien zu Mävania und um den Fluss Clitumnus die Menschen weisser
/ die Ochsen fetter / als in der Nachbarschaft. Ja ich traute mit besserm
Grunde zu erhärten: dass ehe die Kälte als Sonnenhitze schwartz mache; Sintemahl
grosser Frost eben so wohl als das Feuer anbrennet / und weisse Dinge gelbe / das
kältende Saltz und Qvecksilber rot / endlich schwartz macht. Denn werden nicht
die in der Sonne weiss werdende Gebeine in der kalten Erde schwartz? Verwandeln
sich nicht die Kohlen selbst in freier Lufft zu weisser Asche / die in
versteckten Orten nichts von ihrer Farbe ändern? Bojocal fiel ihr in die Rede /
und sagte: Ich muss gestehen: dass in den eussersten Nord-Ländern fast alle Tiere
und Vögel mit der Farbe der Nacht bekleidet sind; und zwischen dem weissesten
Schnee und Eise weltzen sich die schwartzen Wallfische in so grosser Menge
herum: dass sie die ganze Welt auskomentlich mit Fettigkeit versorgen. Ja auch
die nahe bei dem Rubeischen Vorgebürge / und an der Nordspitze wohnenden
Menschen sollen der Cimbern und Svionen Berichte nach ziemlich berauchert
aussehen / weil die finstere Kälte die von Dinnigkeit des Blutes und der
Lebensgeister herrührende weisse Farbe zusamen zeucht / und das lichte Häutlein
schwärtzet; wiewol auch der viele Pechrauch in ihren unterirrdischen Holen nicht
wenig zu ihrer Ungestalt helffen soll. Aleine dass dieses keine angebohrne /
sondern nur eine zufällige Farbe sei / ist daraus deutlich abzunehmen: dass diese
Mitternacht-Kinder ziemlich weiss geboren / hernach aber erst schwartz / wie
unsere rotgebohrnen weiss werden. Bei dieser Beschaffenheit ist gleichwol
seltzam: dass in denen kalten Ländern / besonders bei den Skaniern und über dem
Flusse Taruntus die Hasen und etliche andere Tiere weiss werden / und tieffer
gegen Mitternacht bei den Lappionen und Hiperborischen Eissländern die Raben
selbst so weiss als ihre Bären sein sollen. Sentia fiel ein: dieser Unterschied
der Farbe rühret nicht von der Kälte. Denn sonst würden alle Tiere weiss sein /
sondern von dem Wasser und der besondern Speise her; Sintemal auch das Wasser
des Flusses Clitumnus machet: dass alle solches trinckende Kühe weisse Rinder
zeugen. Hingegen macht das Kupffer-Wasser im Geträncke die Haare der Tiere
schwartz / und soll ein solcher Tranck den Calchas über Nacht aus einem Raben in
einen Schwan verwandelt haben. Eben so ist es mit der Speise beschaffen; welche
/ besonders das Saltz /zu Veränderung der Farben viel beiträgt / und erhärtet
die Erfahrung: dass die im Frühlinge untermischten Eichen-Knospen die Pferde eben
so wohl schwartzäpflicht als der eichene Safft Hände und Nägel der Gärber
schwartz machen. Aber alles diss ist nicht die Ursache der Schwärtze an den
Mohren / sondern sie wird von den Eltern ihren Kindern in der Zeugung
eingepflantzt. Diese Eigenschaft steckt schon in dem Eyerstocke der Mütter /
und im Saamen der Väter; welcher / ob er gleich nicht schwärtzer als anderer
Männer ist / doch diese Färbungs-Krafft eben so verborgen / als den gewissen
Unterschied der Gestalt in sich stecken hat. Weil nun bei uns ins gemein weisse
Leute weisse / schwartze Eltern schwartze Kinder zeugen / ist sich so viel
weniger zu verwundern: dass auch die Mohren-Kinder schwartz geboren werden.
Bojocal hatte hierüber noch allerhand Bedencken; daher fragte er: weil die
Schwärtze denn in den Eltern stecken soll / so müssen die Mohren notwendig
einen andern Vater zum Urheber gehabt haben; also die gemeine Meinung falsch
sein: dass das ganze menschliche Geschlechte von einem Vater und Mutter
herrühre. Welches denen Mohren etlicher massen zu statten kommt / welche sich
die ersten Menschen /und durch die bei ihnen am meisten brennende Sonne aus der
Erde geboren zu sein rühmen. Sentia antwortete: Unsere Weltweisen sind mit den
Deutschen einerlei Meinung: dass alle Völcker einerlei Gross-Eltern haben; und
deswegen ist dein Einwurff / wie nämlich diese Schwärtze oder Krafft dem ersten
Mohren-Vater / und eben zugleich auch seiner Mutter eingeflösst worden sei / ein
ziemlich schwerer Knoten /die sonst ziemlich machtige Einbildung der sich
versehenden Mütter / da auch weisse zuweilen Mohren-Kinder / und trächtige
Schaaffe nach für gelegten Stäben scheckichte Lämmer gebracht / kann schwerlich
hier zu Hülffe geruffen werden; weil vom Anfange kein Mohr / also noch weniger
eine schwartz-gemahlte Andromeda in der Welt gewest / daran sich eine Mutter und
zwar so nachdrücklich hätte versehen können: dass sie so viel hundert Völcker auf
so viel tausend Jahre eine so beständige Schwärtze hätte eindrücken können. Denn
ob man zwar weiss / dass auch gewisse Geschlechter ihre absondere Geburts-Maale
ziemliche Zeit gehabt haben / so sind sie doch endlich verschwunden. Also muss
ich nur meine Unwissenheit bekennen; wiewol ich nicht glauben kann: dass diese mir
so sehr beliebende Farbe zum ersten dem Cham oder Ammon durch seines Vaters
Fluch solle eingebrennet worden sein. Denn ich wollte mir / nach dem ich keine
Deutsche bin / kein grösseres Glücke wünschen / als eine Mohrin zu sein. Bojocal
lachte hierüber überlaut / und fragte: ob sie denn auf die Natur erzürnet wäre /
dass solche sie hätte lassen eine Römerin geboren werden / da so viel tausend
Leute so mühsam nach dem Römischen Bürgerrechte strebten. Sentia versätzte: weil
ich die Mohren und Deutschen alleine für recht schön halte. Denn diese können
sich alleine weiss zu sein rühmen; und ihre Wangen können wegen ihres
durchschimmernden Geblütes alleine den Rosen einen Kampff anbieten. Aber der
Mohren Farbe / welche mit der gleichsam durchschimmernden Nacht / jene als den
Tag abzustechen bemühet ist /hat diese Vorteil für der weissen: dass sie nicht
so geschwinde durch Gift und gallichtes Geblüte grün und gelbe / durch
versteckte und dumpfichte Lufft blass und leichenhaftig / wie sich bei
Bergleuten und Eingekerckerten ereignet / oder durch dessen Erhitzung des Blutes
/ oder wenn bei denen Gemüts-Regungen zu viel Geblüte in die kleinen Haar-Adern
steiget / zu rot gemacht-noch durch andere Kranckheiten verstellet wird.
Bojocal brach mit abermahligem Lachen ein / und sagte: Schönste Sentia / ich
sollte nach deinem Vortrage dich wohl nicht mehr schön heissen; weil du mit nichts
als den weissen Zähnen einer Mohrin ähnlich bist; aber ich will / um deiner
gerühmten Nachtfarbe ihre Schmach zu verkleinern / noch einen Fürniss anstreichen
helffen; nehmlich dass sie nicht / wie die weisse / einiger Schmincke von nöten
hat. Denn sonst würde man Tinte und Kohlen darzu brauchen müssen. Sentia
versätzte: Es ist dieses sicher ein grösser Ruhm der Mohren / als dass er mit
Hohnlachen zu verwerffen / hingegen ein grosser Gebrechen der weissen Farbe: dass
sie nicht einen einigen Tag ohne ihre Verminderung die Sonnenstrahlen vertragen
kann /sondern diese in der ausgesaugten und verbrennten Haut den linden Tau
verzehren / das Geblüte gleichsam jährend machen / dass diss / was gallichtes
darinnen ist / sich an das Netze der dinnen Haut anlegt. Worauf sich denn
ereignet: dass weisse Weiber ihre offtmahls sich wie in Hälsen der Indianischen
Hahne entzündende Röte mit Melonen-See-Blumen- und Wege-Warte-Wasser / und
andern kühlenden Schmincken / die grünlichte Gallen-Farbe und Sprenckeln mit
zertreibenden Salpeter-Salben- und Gewürtz-Wassern / die den Glantz benehmende
Rauigkeit der Haut mit lindernden Balsamen erweichen / die Gruben des Gesichtes
/ die Hölen der Schläffe und eingefallenen Wangen / mit denen die rundköpfficht-
und fleischichten Mohren nicht verstellet sind / weder mit Bleiweiss ausfüllen /
noch mit gekrausten Haaren verdecken / die hesslichen Zähne mit Zinober beitzen /
ja Gift und Qvecksilber in ihren Schmincken zu Hülffe nehmen müssen. Weil das
Hispanische Papier / die Kermes-Körner aus Gallien / der Safft aus Sonnen-wenden
/ und andere aus der andern Welt geholeten Gewächse zu so viel Mängeln nicht
zulangen; wiewohl diese Künste doch in die Länge nicht den Stich halten /
sondern die durchbejetzte Haut desto ehe schäb- und runtzlicht / den Mund leer
und übelrüchend machen. Dass also die Farbe der Mohren / welche weder der
Veralterung / noch anderer Verfallung unterworffen ist / weder von Mahlern ihre
Zierrat erborgen / noch mit frembder Gestalt prangen / sondern sich vielmehr
für der weissen Farbe mit Recht eines grossen Vorzugs / die Mohren auch sich
rühmen können / dass sie wegen ihrer balsamischen Safftigkeit weichere Haut / als
der Sammet ist / haben. Bojocal antwortete: Ich kann nicht läugnen / dass die
Mohren-Farbe beständiger als die weisse sei; aber wie die Flüchtigkeit ins gemein
der vollkommensten Schönheit anklebt / die Rosen und Tulipanen am geschwindesten
veraltern; also ist die Tauerhaftigkeit dieses eben die Eigenschaft der
Hässlichkeit / welche zumahl durch keine Zufälle hesslicher werden kann. Jener
Vergängligkeit macht: dass man sie zu genüssen so viel mehr wahrnehmen / für
dieser niemahls besorglichen Verlust so viel weniger Kummer haben darff. Diss
aber muss ich nachgeben: dass nach dem weiche und rundte Sachen die Liebkosungen
unsers Fühlens / der Mohren Haut aber weich / das Fleisch rundt ist / der Mohren
weiche Haut / welche gegen der weissen wie die Lilgen- und Sammet-Blumen sich
angreiffen lässet / unsere Fühle überaus kützele / und uns bei nahe bezaubere.
Wenns aber an die Augen kommt / welche in der Liebe den Richterstuhl besitzen /
so ist es sonder Zweiffel mit der traurige Schwärtze aus; daher auch die Mohren
sich ins gemein weiss mahlen / und mit bundten Federn oder Tüchern schmücken.
Sintemahl die freudige Silber-Farbe / welche auch in Bildern einen Liebreitz an
sich hat / und uns nachstellet /das Gesichte auffs freundlichste anlacht / und
ihr darein fallendes Licht vielfältig zurücke wirfft; hingegen werden die sich
zusammen ziehenden Strahlen vom schwartzen in Augen verschlungen. Sentia
begegnete ihm: hingegen kleiben weisse Weiber schwartze Flügen und andere
ausgeschnittene Kleinigkeiten auf ihre Stirne und Wangen; also muss ja die
Schwärtze an ihr selbst nicht greulich sein. Ja die weissesten Sachen /wenn sie
glatt sind / nehmen gewissen Strichen nach eine Schwärtze an sich; Der Schnee /
weil in ihm die Augen-Strahlen allzu heftig zurück prellen / verdüstert das
Gesichte / und scheinet uns schwartz zu sein / schwartze Dinge aber und
fürnehmlich die Mohren /geben wie der Sammet aus ihren Tieffen einen weissen
Schein von sich. Ja die Natur spielet mit diesen zweien Farben so artlich durch
einander / dass sie keiner gram zu sein scheinet / und wenn man beides beim
Lichten besiehet / so ist die Mohren Silber-Haut / welche gleichsam wie die zum
Schwimmen deswegen geschickte Fische mit einem Oele überfirnsset ist /gläntzender
als die der Deutschen; weil jene weniger Blut und Geister in sich hat / auch
eine flügende Salbe sie gleichsam einbalsamet / und erhobene Dinge das Licht
kräfftiger / als flache zurück werffen. Bojocal brach ein: Dieses der Schwärtze
zugeschriebenes Licht ist nur ein betrüglich und vergänglicher Schein / kein
Wesen. Ich kann mich / schneeweisse Sentia / nicht darein finden / warum du die
Waffen deines Verstandes so wider dich selbst brauchst. Ich kann anders nichts
mutmassen / als dass du entweder meine Vernunft durch deine Scharffsinnigkeit
zu bländen / oder meiner Einfalt zu missbrauchen gedenckest / um mich nur deiner
Liebe verlustig zu machen. Du scheinest aus der Schale Ledens gekrochen zu sein
/ und wünschest eine schwartze Andromeda /oder aus einem Schwane ein Rabe zu
werden / nur dass du mir missfallen sollest. O grausame Sentia! Ich glaube; dass du
deiner Schönheit selbst gram bist /und du nur mir zur Pein deine weisse Haut mit
einer beraucherten der schwärtzesten Mohrin gerne vertauschen würdest. Sentia
tät zwar / als wenn sie die Hefftigkeit seiner Liebe weder merckte / noch
verstünde; sie liess aber aus dem Zeug-Hause ihrer Liebes-Reitzungen einen
ganzen Sturm ihrer Anlockungen aus: dass das Feuer in seinem Hertzen mehr
wachsen musste / als verschwinden konnte. Hierauff fing sie an: Ich sehe wohl /
Bojocal: dass du die Haut der Mohren schwartz zu sein glaubst / da sie doch
weisser als meine / oder als allen deutschen Frauenzimmers ist. Bojocal ward
nach der denen Verliebten gemeiniglich angewohneten Hefftigkeit hierüber ein
wenig entrüstet / und bat; Sie möchte doch seine Schwachheit nicht für einen
Verlust seiner Sinnen /ihn auch nicht für ein solch Kind halten / welcher
schwartz und weiss nicht zu unterscheiden wüsste. Sentia vermehrte ihre Anmut /
und sagte: Es ist mir leid / liebster Bojocal! dass du von nicht geringerem
Argwohne / als Irrtume verleitet wirst. Meinestu denn: dass die Mohren eine
schwartze Haut haben? Glaube mir / dass in einem dich deine Unwissenheit / wie
sehr ich dich liebe / im andern dein Auge betrüge. Es ist mehr denn allzuwahr /
und zu gewiss: dass an Mohren weder das eusserste Häutlein / noch die innere dicke
Haut schwartz / sondern ihr auswendiges eben so /wie die Umhüllen der Eingeweide
durchsichtig / und so weiss / oder weisser als in uns sei. Es lieget aber
zwischen der Menschen Haut und Häutlein / oder es hänget vielmehr in diesem ein
so dinnes Netze als die Spinneweben sind / und keinem Dinge besser als dem
Häutlein der Augen verglichen werden kann. Ob nun dieses eben so wohl lichte ist;
so leget sich doch bei den Mohren an dessen fettes und klebrichtes Blaster etwas
schwartzes / gleich einem Rauche an; welches /weil zumahl der Mohren Häutlein
und Netze klärer und durchsichtiger als bei uns ist / den Schein einer solcher
Schwärtze verursacht; Also / dass wenn man bei Zerschneidung der Mohren-Leichen
dieses Netze von der Oberhaut / oder auch nur den Rauch vom Netze absondert /
sie ganz weiss anzusehen sind. Wie denn auch solch Netze / wenn man es
ausspannet / um ein gutes lichter ist / als gefalten. Und der neugebohrnen
Mohren Kinder anfangs eine rötlichte Tunckelheit haben / weil so wohl ihre als
unsere Kinder eusserlich viel Blut haben. Je röter aber die Kinder anfangs sind
/ ie weisser werden sie bei uns / und ie schwärtzer bei ihnen. Denn das
eusserste Häutlein ist in beiden so viel dinner. Daher rühret es auch: dass in
der inwendigen Hand / und in Fusssolen / wo die dicke Haut engere Schweisslöcher
macht / also die Schwärtze am Netze nicht so wohl durchleuchten kann / wie auch wo
die gehabten Blattern Haut und Netze durchbrochen / besonders wenn sie lange
gestanden / die Haut der Mohren weisser / als anderwerts ist. Hingegen macht ihr
fettes Netze: dass sie keine so zarte Fühle als weisse Leute haben / und das
Feuer länger vertragen können. Bojocal hörte Sentien mit Verwunderung zu / und
fragte: Woher sie so eigentlich diese Wissenschaft geschöpfft hätte? und wie
sie dessen vergewissert wäre? Sentia antwortete: Meine eigene Augen; als der
Artzt Musa zu Rom in Anwesenheit des Kaysers / Liviens / und vieler vornehmen
Leute /etliche Mohren-Leichen zergliedert / die Schwärtze von dem feuchten Netze
(denn wenn es trocken / ist sie weder mit Seiffe noch Scheide-Wasser davon zu
trennen) abgesondert hat. Uber diss können wir diese veränderliche Beschaffenheit
an unser eigenen Haut wahrnehmen / durch welche das in das kleine Geäder sich
ergissende Geblüte mit seinem Purpur / wie der Wein durch das Glas /
durchleuchtet. Ja das mit der sich ergiessenden Galle vermengte Blut streichet
oft unser Gestalt eine wiewohl vergängliche Schwärtze an / und besämet unser
Antlitz mit Sprenckeln. Bojocal fragte ferner: Woher denn diese sich aus Netze
anhängende Schwärtze den Uhrsprung? und ob die Mohren schwärtzer Blut als weisse
Menschen hätten? oder ob schwartze Dünste aus ihrem innern Leibe ausdampfften /
und am Netze kleben blieben? Sentia gab ihm zur Antwort: Sie hätten weder solche
Dünste noch schwärtzer Blut als die weissesten Deutschen /sondern in dem Netze
selbst steckte eine besondere Krafft die daran kommenden Feuchtigkeiten durch
eine Jährung schwartz zu machen. Sintemahl sich das helle Wasser im Menschen
nicht weniger / als in den Zwiebeln der Tulipanen / in den Gängen der Kräuter in
alle Farben der Welt verwandeln kann. Das grüne Kupffer-Wasser macht alles
schwartz / das grüne Papier in Hispanien färbet hoch rot / und der Geist von
dem weissesten Weinsteine kleidet sich in Purper / ja in denen gläsernen Kolben
derer das Ertzt ausziehenden Aertzte verstellen sich die Farben der
schmeltzenden Dinge mehr / als kein Proteus. Bojocal versetzte: Ich bin aber der
Meinung: dass sich niemand mehr verstelle als Sentia / wenn sie ihr gerne
unähnlich / und minder schön / als eine Mohrin werden wollte / um mich nur meiner
an ihr findenden Vergnügung zu berauben. Ich glaub dir zwar / Sentia /ehe: dass
die Mohren eusserlich weiss sind / als dem Anaxagoras / dass der Schnee schwartz
sei; aber diss mustu doch selbst gestehen: dass ihr berauchertes Netze ihre
Silber-Haut mit einem hesslichen Schatten verstelle; und dass sie in aller unser
Augen schwartz sind. Diese aber sind die Richter über die Schönheit. Verarge mir
daher nicht: dass sich meine Liebe bei den Kohlen dieser Mohrin so geschwinde
einäschere; dass alle andere Sterne für dir / als meiner einigen Sonne erbleichen
/ als mit welcher mir alle Schönheit der Welt aufgeht / in meinem Hertzen aber
die süsseste Wärmbde einflösset. Schöneste Sentia! hastu in dir keine Fühle? die
du doch mein Hertze / meine Seele / und mein Leben bist; die du durch deinen
Liebreitz mich doch selbst ausser mir raubest; die du mich meiner Vernunft und
Hertzhaftigkeit entsätzest / und mich auf einmal verbrennen / erblassen /
verstummen / und sterben lässt. Aber diese / und alle andere Mässigkeit
übersteigende Worte waren noch die kaltsinnigste Ausdrückungen seiner Liebe.
Seine Augen redeten mehr als sein Mund; denn jene verstehen sich besser auf die
Sprache der Liebe / als dieser. Wiewohl sie beredsamer ist / als andere heftige
Gemütsregungen / denen ihre eigene Gewalt die Zunge bindet. Nach diesem
verschwur er sich: dass in seinem einigen Hertzen mehr Liebe als sonst in der
ganzen Welt steckte / und sie nimmermehr aufhören würde. Er demütigte sich für
ihr mehr / als der geringste Sclave gegen seinem Herrn tun kann; und betete sie
als seinen Abgott an. So vielmahl als Sentia ein Auge verwendete / oder so oft
ihre Brüste sich auffschwellten / veränderte er seine Gebehrdung; gleich als
wenn seine Liebe nach der alten Meinung ein Kind des veränderlichen Windes und
des Regenbogens wäre. Weil aber Sentia noch nicht gemeint war ihn zu vergnügen /
hielt sie mit allem fernem Liebreitze an sich / und sagte: Mein lieber Bojocal!
du übereilest dich mit deinen Begierden; darum kann ich denselben nichts
verhängen / was du als eine irrige Vergehung / und als eine böse Wahl hernach
bereuen möchtest. Sintemahl ich / die ich mich selbst am besten kenne / an mir
nichts finde / was dich so sehr nach mir lüstern machen sollte. Bojocal
antwortete: Ich aber finde es / und du wirst mir Beifall geben / wenn du dich
nur selbst betrachten / oder einen Spiegel zu Rate nehmen wirst. Keine andere
Ursache bin ich dir zu geben schuldig / als dass du in meinen. Augen die schönste
bist. Sintemahl es eben so ungeschickt zu fragen ist: warum man die Schönheit
liebe / als warum das Feuer brenne? denn der Liebreitz ist so wohl eine
Eigenschaft der Schönheit / als das Brennen des Feuers. Sie ist ein Strahl und
Bild von der göttlichen Vollkommenheit / wie soll sie uns nicht durch Marck und
Adern dringen? Sentia versätzte: Lasse dich / Bojocal / deine Einbildung nicht
verführen / welche in nichts leichter irret / als in der Liebe / und im Urtel
der Schönheit. Sie ist ein rechtes Vergrösserungs-Glas /welches allem / was sie
begreifft / einen mercklichen Beisatz gibt / ja gar denen Sachen eine andere
Gestalt / und eine Schönheit zueignet / worvon ihr etwan getraumet hat / oder
worzu ihre Neigung einen Zug hat. Diese falsche Mahlerin hat eben die
Eigenschaft der Mahler insgemein: dass sie uns schöner mahlet / als wir sind;
nur dieses ist der Unterscheid: dass diese andern / jene ihr aber selbst darmit
heuchelt / und zwar derogestalt: dass Leute / welche doch sonst freien Gemütes /
und in andern Dingen scharfsichtig sind /hierinnen Sklaven ihrer Begierden / und
so wohl ihrer Augen / als Vernunft beraubt werden / und durch ihre Einbildung
der Hässlichkeit eine Farbe anstreichen /und einer eingeschlaffenen die
kräfftigsten Regungen eindrücken. Zeit und Abwesenheit sind alleine das Mittel /
sich dieses annehmlichen Irrtums zu entschütten; daher vergönne mir: dass ich zu
deinem eigenen besten mich von hier wieder entferne. Mit diesem Worte ergrief
sie die Türe / trat aus dem Zimmer /und verfügte sich zu der Frauen von
Ardenberg; liess also Bojocaln in der grösten Verwirrung / darein jemahls ein
Verliebter geraten kann. Nach dem nun die Schönheit für sich selbst / ohne dass
sie von Liebreitz angefeuret wird / genugsames Vermögen zu gefallen oder zu
bezaubern hat; ist unschwer zu ermässen /was Sentia durch die Waffen ihres zu
Hülffe geruffeten Liebreitzes in Bojocals Hertze für eine tieffe Wunde
geschlagen hatte. Er war von ihr so sehr eingenommen: dass alle andere
Annehmligkeiten ihm Verdruss erweckten. Er verschloss sich für aller Menschen
Gemeinschaft / und unterhielt sich mit seiner Einsamkeit und Stillschweigen. Er
hassete das Licht und die Menschen / liebte nur die Finsternis / und die an
seinem Schloss liegende Einöden / besprachte sich alleine mit den Bäumen /
Bächen / Winden und Sternen; gleich als wenn diese seinen unkeuschen Gedancken
neue Flügel geben / und zum Zwecke helffen sollten. Gleichwol aber schalt er sie
für taub und unempfindlich / und dass sie ihm für den Verlust seiner Seufftzer
und Tränen Rechenschaft geben sollte. Aus dieser Unsinnigkeit erwuchs in
Bojocaln eine solche Ungedult: dass er an Sentien seine Begierden zu sättigen
entschloss / sollte er hierfür gleich alle seine Wolfart aufopffern. Diesemnach
bestach er eine ihrer Griechischen Sclavin; dass sie ihm / wiewol mit Vorbewust
Sentiens / ihr Schlaff-Gemach zu öffnen versprach / darinnen Sentia allemal auf
vier Chrystallenen Leuchtern so viel Wachs-Kertzen brennen hatte. Bojocal ward
von der Griechin auf bestimmte Zeit eingelassen / und fand die zum Scheine
schlaffende Sentia in einer solchen Gestalt liegen: dass seinen Augen wenig
verborgen blieb / was ein Weib liebreitzendes an sich hat. Bojocal ward über
diesem Anblicke anfangs verzückt; bald aber darauf in eine solche Raserei
versätzt: dass er sie auf alle ihre Schönheiten küssete; und weil sie entweder
keine Fühle hatte /oder mercken liess / sie fast verzweiffelnd umarmte. Sentia
fuhr hierüber als aus einem tieffen Schlaffe mit Ungestüme auf / nahm sich einer
zornigen Gebehrdung an; und als sie Bojocaln ihrer Anstellung nach erblickte /
sagte sie ihm mit einer heftigen Entrüftung: Für was er sie ansähe? Ob er sich
so verloren hätte / dass er nicht wüste / wer sie wäre? Ob er sich nicht
erinnerte: dass sie des Sentius Saturninus Tochter und Hertzog Segestens
Gemahlin wäre? Ob diss der Angrivarier Unart wäre / ihre auff guten Treu und
Glauben angenommene Gäste so zu beleidigen? Weil nun ein ieder / der auff dem
Steige der Laster sich vergehet / mit Kleinmut und Schrecken angefüllet ist;
ward Bojocal durch Sentiens Einhalt wie vom Blitze gerührt. Er fiel für ihr auf
die Knie / und bat anfangs zwar um Verzeihung seines Verbrechens; aber er
brauchte diss alsobald zu einem Beweise seiner heftigen Liebe. Er gestand seinen
Fehler / aber er entschuldigte selbten mit der Grösse ihrer Schönheit; welche
sich durch ihre Gütigkeit zwar seiner Seele eingesänckt; aber sich zugleich
ihrer Eigenschaft nach als eine Königin der Herrschaft über sein sie
aufnehmendes Hertze bemeistert hätte. Daher wäre sein Verbrechen nichts anders /
als ein Gehorsam gegen ihre Herrschaft / und eine Folge eines Gefangenen. Für
dieses erkennte er sich nicht nur / sondern er schätzte es ihm auch für eine
Ehre ihrer Willkühr unterworffen zu sein. Sentia sah nunmehr wohl: dass es mit
Bojocaln auffs höchste kommen / und er /ihrem Belieben nach / um einen Finger zu
winden wäre. Daher leerte sie nunmehr gegen ihn vollends alle liebreitzende
Pfeile ihres gefüllten Köchers aus /und sagte hierauf: Solte ich mich wohl
bereden lassen: dass Bojocal eine Römerin auffrichtig liebe / welcher zeiter
eine so grosse Abscheu für allen Römern gehabt hat? Ich weiss allzuwohl: dass kein
Fürst so sehr ein Weib / als seine Herrschaft lieben könne; aber alle die vom
Germanicus angebotene Vorteile haben deinen Hass gegen Rom nicht aus dem Hertzen
bannen können; Wie soll ich mich denn bereden lassen: dass du mich so sehr
liebest / da ich dir nichts als eine Vergnügung geben kann / welche in wenig
Augenblicken verrauchet / mich aber mein Lebtage beunruhiget. Meinestu: dass die
Deutsche mit den Römern keine verträuliche Freundschaft hegen können? Mit was
Vertrauen sollen wir denn unser Geblüte mit einander vermischen? Höre mich
diesem nach auf zu lieben /oder vielmehr zu versuchen; weil du Römisch zu sein
nicht anfangen kanst / ich aber es zu sein nimmermehr aufhören werde. Bojocal
ward durch Sentiens Liebkosungen nicht so wohl gefangen als bezaubert; dahero sie
ihm nicht nur Bedingungen den Römern beizufallen / sondern sich selbst für ihren
Sklaven wie Attalus einen Freigelassenen der Römer zu erkennen hätte /
fürschreiben dörffen. Er beteuerte diesemnach: dass wie alle Adern in seinem
Leibe Sentien liebten / also keine in selbigem Raum hätte / welche ihrem
Vaterlande und Landes-Leuten gram sein könnte. Er erklärte sich auch ohn ihr
Verlangen: dass er nicht alleine / so lange ihm Sentia ein gut Auge geben würde /
keinen Degen gegen die Römer zücken; sondern wenn sie ihn nicht unvergnügt
sterben liesse /wider die Catten / Cherusker und alle ihre Feinde zu Felde
ziehen wollte. Die Zeiter kaltsinnige Sentia fiel Bojocaln nunmehr selbst um den
Hals / und nach dem sie ihn durch ihre Küsse mehr als verzückt / fieng sie an:
Ich weiss wohl: dass deine Worte so wenig einer Versicherung / als vermögende Leute
einiger Bürgen dörffen; aber schreib mir zu deinem eigenen besten deine Meinung
in dreien Zeilen auf; dass ich dir vom Käyser und Germanicus so viel gutes
zuneigen könne / als deine Tugend um Rom / und deine Liebe um Sentien verdienet.
Der wahnsinnige Bojocal hätte seiner Verführerin zu gefallen alle sein Blut
verschrieben; also fiel es ihm nicht schwer / die schärffste Verbindung
aufzusetzen / bei den Römern zu leben und zu sterben. Das Siegel dieses
schändlichen Bündnüsses war die seiner tolle Brunst aufgeopfferte Ehre Sentiens;
welche aus dem Verluste dieses unersätzlichen Kleinods den Römern einen grossen
Gewinn erworben; Bojocal aber durch Sättigung seiner Geilheit viel erwuchert zu
haben vermeinte. In eine so grausame Unholdin kann sich die Liebe verwandeln!
welche doch ihrer ersten Art nach eine Urheberin aller tugendhaften Regungen /
ein Brunn alles guten ist; ohne welche die Tugend keine Nachfolger / wir zur
menschlichen Gemeinschaft keinen Zug haben; und weil sie der Werkzeug aller
Glückseeligkeit / das von ihr unverzuckerte Leben eitel Gift und Galle sein
würde. Wenn sie aber so / wie in Sentien / umschlägt / rottet sie die Tugend aus
/ und zerstöret die Gemeinschaft. Sie versehret die heiligsten Bande; sie
erstecket das göttliche Feuer in unsern Seelen; sie machet tausend Ungewitter /
von Furcht / Schmertz und Verzweiffelung in unserm Gemüte / und ein ewiges
Nagen in unserm Gewissen. Sie äschert Städte und Königreiche ein / stürtzet die
freiesten Völcker in Dienstbarkeit; Sie stifftet Mord und Blutvergiessen /und
verleitet die edelsten Gemüter zu knechtischen Entschlüssungen. Diese Würckungen
alle erfolgten auf das einmal begangene Laster Sentiens und Bojocals. Denn
dieser ward von Sentien dergestalt eingenommen: dass er gegen ihre Pfützen
stinckender Wollust alle ehrliche Ergötzligkeit verschmähete / sich von ihr um
einen Finger winden / von dieser Zauberin nicht nur alles Blut / sondern selbst
Marck und Gehirne aussaugen; ja ihn von der Seite des Vaterlandes zum Dienste
der herrschsüchtigen Römer ziehen liess; und also beide die zwei unvernünftigsten
Gemüts-Regungen nämlich Liebe und Hass wider Deutschland ausrüsteten.
    Nach dem Sentia Bojocaln nun derogestalt gefesselt hatte: dass er wie ein
Fisch an der Angel ihrer Geilheit hieng / verfügte sie sich nach Siegburg zum
Hertzoge Melo; bei welchem Domitius vom Chauzisch- und Friesischen Hertzoge
allbereit ankommen war / und ihn teils durch Adgandesters falschen Brieff /
teils durch Hertzog Ganasches und Malorichs Erklärung auf die Römische Seite
gebracht hatte. Hierinnen ward er so viel mehr gestärcket / als Sentia vom
Fürsten Bojocal / welcher wegen Nähe der Cherusker die gröste Ursache gehabt
hätte / hinter dem Berge zu halten / eine schrifftliche Versicherung des
Römischen Bündnüsses vorlegte. Alles dieses würckte bei denen nicht allzu weit
sehenden Deutschen / die in ihren Gedancken sich schon in der Cherusker und
Catten Länder teilten / eine ungemeine Freude; welche nicht wussten: dass böse
Ratschläge in einem Reiche so viel würckten / als die aus Ertzt gezogenen
Geister / damit unverständige Aertzte die Krancken zu stärcken vermeinen / ihnen
aber das Leben verkürtzen. Es wurden nichts minder bei diesen hinters Licht
geführten Deutschen / als bei den Römern selbst grosse Kriegs-Rüstungen für die
Hand genommen / und in denen See-Hafen des Belgischen Galliens an den
Kriegs-Schiffen unaufhörlich gearbeitet. Hingegen legten der Feldherr / Hertzog
Arpus und Jubil / die Hände nicht in die Schoss; sonderlich da sie von ihren
Gesandten am Sicambrischen / Chauzisch- und Friesischen Hofe so schlechte
Zeitung von weniger Verrichtung und verdächtigen Anstalten vernahmen. Jedoch
konnte diesen Fürsten nicht träumen /weniger sie durch Klugheit vorsehen: dass so
viel Deutsche sich sollten betören lassen / ihre Eingeweide mit ihren eigenen
Nägeln zu zerreissen; Ungeachtet sie auch wider unterschiedene benachbarte
Fürsten /besonders aber Segesten / dessen Verwandschaft mit dem Feldherrn eine
Anreitzung zu unversöhnlichem Hasse war / genugsame Ursachen eines rechtmässigen
Verdachtes hatten / sie auch selbte mit schlechter Müh hätten über einen Hauffen
werffen können / so wollten sie doch lieber ihre Gefahr vergrössern / als durch
eine unzeitige Rache denselben einen scheinbaren Vorwand ihres Abfalles / den
Römern aber ihrer abgenötigten Hülffe geben.
    Nach dem nun Germanicus durch seltzame Hin-und Wiederführung seiner
Kriegs-Völcker die Deutschen gäntzlich irre gemachet hatte / dass sie unmöglich
urteilen konten / wo er einbrechen würde; sammlete er zu Mäyntz eine grosse
Menge Schiffe /mit ausgesprengtem Geschrei: dass er seine vier oberste Legionen
den Rhein hinab führen wollte; wie denn auch die Schiffe mit allerhand gerüstetem
Dross und vier aufgesteckten Adlern wirklich abführen / und Apronius die Catten
versicherte: dass die Römer mit ihnen nichts zu schaffen haben wollten. Hertzog
Arpus ward dadurch verleitet: dass weil er vom Feldherrn gewisse Nachricht bekam
/ Cäcina hätte zwischen der Ruhr und Lippe mit Hülffe der Tencterer und
Sicambrer eine Brücke über den Rhein geschlagen / er den Fürsten Catumer mit der
besten Reiterei / und dem Kerne des Fuss-Volckes / gegen dem Siege-Strome
schickte. So bald Germanicus diss erfuhr / setzte er seine in Meinz versteckte
Legionen / und sechzehntausend auf den Ufern der Gallier wohnende Deutschen mit
dreien flügenden Brücken so geschwinde und unvermutet über: dass Hertzog Arpus
nicht ehe /als biss das ganze Römische Heer festen Fuss gesätzt hatte / von
diesem Einfalle Nachricht erhielt / und da rief er zwar seinen Sohn zurücke /
und benachrichtigte es dem Feldherrn. Dieser war zwar willens den Catten Hülffe
zu senden / aber weil ringsumher alles gegen die Cherusker / Bructerer und
Marsen aufstand / fand er auf allen Seiten alle Hände voll zu tun. Catumer aber
ward an so geschwinder Rückkehr verhindert; weil Hertzog Franck mit zehntausend
Sicambern und Catten über den Siege-Strom gegangen war / und den Catten den Weg
verleget hatte. Als nun Hertzog Arpus sah: dass er dem Feinde mit seiner
zerteilten Macht nicht gewachsen wäre / befahl er: dass sich alles über den
Lohn-Strom flüchten / und was Waffen tragen könnte / entweder zu ihm stossen /
oder sich an solchem Fluss sammlen sollte. Also kriegte Germanicus Lufft: dass er
auf dem Berge Taunus die von seinem Vater Drusus erbaute / von den Catten aber
zerstörte Festung wieder aufführen konnte. Bei währendem Bau wollte Germanicus die
beqveme Zeit / da wegen grosser Dürre fast alle Flüsse ausgetrocknet waren /
nicht versäumen / sondern er eilte mit seinen Legionen / allen Nemetern /
Vangionen / und andern Deutschen / ohne die auf dem Gebirge gelassenen Trierer
über den Lohn-Strom zu kommen; welches Hertzog Arpus teils wegen Mangel des
Wassers /teils weil Hertzog Melo sich mit zwölf tausend Tencterern und Juhonen
an dem Flusse Sein ankommen war / und den Catten bei Verteidigung des
Lohn-Flusses in Rücken kommen wäre. Jedoch traute Germanicus in diesem sonst
regenhaften Lande weder dem Wetter noch den weichenden Catten. Diesemnach musste
Lucius Apronius mit zweitausend Römern / dreitausend Tribozen / und sechstausend
Galliern zurücke bleiben / über alle Ströme Brücken bauen / und selbte wie auch
andere Pässe mit Schantzen versehen / damit er auf allen Fall sich wieder ohne
Hindernüs gegen dem Rheine wenden könnte. Bei solcher Beschaffenheit wendete sich
Hertzog Arpus / als er bei dem Schloss Dietz durch Befestigung seines Lägers an
dem Lohnflusse den grösten Schein von sich gab / dar festen Fuss zu setzen. Er
brach aber mit angehender Nacht in aller Stille gegen der Eder auf /teils zu
seinem Sohne zu stossen / teils sich der Cheruskischen Macht zu nähern.
Germanicus und Melo wurden hierüber vedriesslich; weil sie den Hertzog Arpus in
ihrer Hoffnung schon im Netze oder gar verschlungen hatten. Hingegen stiessen
Arpus und Catumer bei Berleburg an der Eder glücklich zusammen; Hertzog Jubil
aber kam an dem Flusse Knitz mit funfzehn tausend Hermunduren und Nariskern zu
Hülffe. Also wurden die Römer und Sicamber zwar des Landes zwischen dem Sieg-
und Lohn-Strome Meister / ihre Siege aber erstreckten sich nicht weiter / als
über eine Menge Weiber und Kinder / und etliche verlassene Schlösser / welche
den Sicambern eingeräumt wurden. Der gröste Schade war der Verlust der
unbesetzten Stadt Mattium; welche Germanicus zu grossem Unwillen des Hertzogs
Melo / und zur Freude der Catten einäscherte. Denn jener legte diesen Brand aus:
dass ihm Mattium nicht gegönnet würde; jene aber / dass die Römer selbst an
Behauptung ihres Landes verzweiffelten. Weil nun Germanicus derogestalt bei den
Catten hausete / und Anstalt machte /über die vom Regen nun ziemlich
angelauffene Eder zu sätzen / hatte Cäcina seine vier Legionen über den Rhein
geführt / Cruptorich auch ihm fünf tausend Friesen / und Cariovalda sechstausend
Bataver zu Hülffe gebracht. Mit diesen dräuete er bald den Marsen / bald den
Bructerern einzufallen. Hertzog Ganasch und Bojocal stiessen auch an der Weser
bei Tuliphurd zusammen / und dräueten den Cheruskern daselbst einzubrechen. Der
Feldherr sätzte diesen letztern Feinden sechstausend Chamarer / acht tausend
Dulgubiner / und zwei tausend Cherusker unter dem Hertzoge Segimer entgegen. Er
aber ging mit seiner Macht halb auf der einen / halb auf der andern Seite der
Lippe hinunter / um wider den Cäcina so wohl den Marsen als Bructerern und Catten
auf ein und andern Notfall beizustehen. Weil Segestes den Feldherrn versichern
liess: dass er sich in diesen neuen Krieg nicht mischen wollte / auch die geringste
Kriegs-Anstalt nicht machte; liess er bei Deutschburg / und gegen die Chassuarier
den Fürsten Sesitach Segimers Sohn / und den Grafen von Ritberg nur mit
zweitausend Cheruskern stehen / und schickte den Grafen von Schaumberg mit
sechstausend Cheruskern den Catten zu Hülffe. Hertzog Ingviomer hatte nicht nur
seine sumpfichte Gräntzen gegen die Chauzen und Friesen besätzt; sondern stand
auch mit zwantzig tausend Bructerern / und Malovend mit acht tausend Marsen
fertig. Fürst Siegesmund lag inzwischen noch so heftig als jemand an dem Feber
der Liebe kranck darnieder; und hatte bei ihm diesen unveränderlichen Schluss
gemacht / sich Zirolanens zu bemächtigen /sollte es gleich sein Blut und Leben
kosten. Ob er nun zwar Sentien / welche nach ihren geheimen Verrichtungen ganz
stille nach Hause kommen war / gleich als hätte sie nirgends das Wasser getrübt
/ im Hertzen hassete / nahm er doch in seinem Anliegen zu ihr /und ihren
glücklichen Betrügereien Zuflucht; vielleicht weil der Betrug selbst eine
angebohrne Schwachheit der Verliebten ist. Sentia versprach ihm nicht nur ihre
Hülffe / sondern auch einen gewünschten Ausschlag / er sollte nur tausend Reiter
in verborgener Bereitschaft halten / und sich umb einen sichern Ort bekümmern /
wo ihm niemand leicht seine Zirolane wieder nehmen würde. Sie wüste ihm aber
keinen sicherern Auffentalt / als bei den Römern /zu verschaffen. Siegesmund
warf zwar hierwider ein: dass ihm keine Zuflucht verdächtiger sein könnte als die
Römische; weil er des Käysers Priestertum bei dem Ubischen Altare verschmähet
hätte / und ihm beigemessen würde: dass er mit des Qvintilius Varus Leiche seinen
Spott sollte getrieben haben. Aber Sentia war eine Meisterin ihm alles
bedenckliche auszureden / und sie stellte sich für seine gute Aufnehmung ihm
selbst zum Bürgen. Gleich als wenn es in niedriger Leute Gewalt stünde / des
mächtigern Willen zu hemen; oder man beim Unglücke die Verbundenen zwingen
könnte: dass sie nicht ihren Kopff aus der Schlinge zügen. Diesen Beteuerungen
gab er völlige Glauben / hielt auch zweitausend Pferde insgeheim fertig zum
Aufsitzen / ohne Nachdencken: dass man an Pferden und von Weibern am meisten
betrogen würde. Sentia schickte hingegen nach Deutschburg unterschiedene ihrer
stets an der Hand habender Kundschafter / welche aufs sorgfältigste erkundigen
und ihr aufs geschwindeste berichten sollten / wenn Ismene sich jemahls
ausserhalb Deutschburg würde finden lassen. Diese brachten ihr in dreien Tagen
Nachricht: dass / seit dem der Feldherr zu Felde gezogen wäre / Tussnelde /
Ismene / Zirolane / und das fürnehmste Frauenzimmer alle Morgen in die unter dem
eingeäscherten Tanfanischen Tempel liegende Höle der Andacht halber sich
verfügten. Sentia erinnerte hierauf ihren Stief-Sohn: dass er noch selbigen Abend
sein Volck zusammen ziehen sollte; denn sie wäre bereit folgenden Morgen ihm
selbst seine Buhlschaft in die Hände zu lieffern. Sie wollte ihm schon Nachricht
geben / wenn und wo er sich ihrer bemächtigen sollte; Er möchte sich nur dem
Tanfanischen Tempel nähern / und in dem Walde darbei sich verdeckt halten. Sie
selbst aber zohe von Stund an dahin / verrichtete in der heiligen Höle ihre
Andacht / liess allda viel Opffer abschlachten / und wollte durch ihre
Scheinheiligkeit alle Welt bereden: dass sie für die Ruhe Deutschlands sich auf
einen Monat in selbiges Heiligtum verlobet hätte. Also muss die Gottesfurcht den
Lastern / wie der Glantz bundten Schlangen zum Deckel ihres Gifftes dienen. Denn
als den ersten Morgen die Fürstin Tussnelda mit ihrem Sohne Tumelich / Ismene /
Zirolane / die Gräfin von der Lippe / von Nassau / und ander adeliches
Frauenzimmer / welches vom Fürsten Sesitach mit fünffhundert Pferden begleitet
ward / in dem Heiligtum ankamen / machte Sentia ihnen die demütigste /
Tussnelda aber Sentien als einer bekandten Verräterin eine kaltsinnige
Begegnung. Sentia gab hierbei einem ihrer Diener nur einen Winck; welcher
spornstreichs dem Fürsten Siegesmund die abgeredete Nachricht brachte. Dieser
war mit seinen zwei tausend Pferden in einer Stunde verhanden /welcher alsbald
die Höle und den ungewaffneten Fürsten Sesitach besätzte / das Frauenzimmer
ingesamt /wie auch den alten Priester Libys mit Gewalt zu Pferde brachte / und
ungeachtet vieler von den Priestern wider diese Räuber und Versehrer des
Heiligtums ausgeschütteter Flüche / und angedreuter Göttlichen Rache / davon
führte. Die Cheruskische Reuterei /welche ein gutes Stücke auf der Seite hielt /
ward des Raubes zwar zeitlich genung gewahr / und tat alles eusserste die
Geraubten zu retten; aber Siegesmund und Sentia liessen tausend Pferde mit den
Cheruskern fechten / und verfolgten mit ihrer herrlichen Beute die Flucht ohne
Versäumung einigen Augenblicks; welchen die übrigen Chassuarier / wiewohl nach
einem ziemlichen Verluste endlich / nach dem sie die schwächern Cherusker zum
weichen gebracht hatten / aus Beisorge von grösserer Macht aus Deutschburg
überfallen zu werden / folgten. Das Geschrei von diesem Raube kam nicht so bald
nach Deutschburg / als alle daselbst befindliche Kriegs-Leute und Einwohner
/welche Waffen tragen konten / zu Pferde sassen / und den Räubern nachsätzten.
Sie holten sie auch an einem Furte des Mönstromes ein / da es denn zu einem
scharffen Gefechte kam / an welchem die Chassuarier / welche doch wenig schwächer
als die Cherusker waren / ziemlich einbüsten / weil diese so wohl der Verlust
schmertzte / als Gerechtigkeit und Rache ihre Schwerdter schärffte. Diesem nach
riet der Graff von Arnsberg Segesten / welcher mit fünffhundert Pferden zum
Siegesmund gestossen war: dass er / und Sentia mit dem Raube sich auf sein nur
zwei Meilen davon an der Ruhr gelegenes Schloss Arnsberg flüchten wollten.
Siegesmund und er wollten inzwischen den Feind am Mönstrome noch so lange als
möglich auffhalten; Dieser Rat ward für gut befunden / und befolgt. Aber der
Graf von Schaumburg und Limburg sätzten mit solchem Grimme durch den Fluss: dass
sie in einer halben Stunde dess von den Chassuarien verteidigten Ufers / und
kurtz darauf des Feldes Meister wurden. Denn nach dem Siegesmund von Schaumburg
eine Wunde in den Arm bekam: dass er nicht mehr den Degen halten kunte / riet
ihm Arnstein / es wäre nunmehr Zeit / auch auf seine Sicherheit zu dencken; also
wiech er anfangs allgemach; endlich aber gerieten die Chassuarier in völlige
Flucht / und kam kaum ihr halber Teil in Arnsberg. Etliche wurden auch / und
darunter Siegesmund vom Schloss abgeschnitten / und gezwungen / durch die Ruhr
zu schwemmen / und sich nach der Else zu flüchten. Die übrigen wurden erschlagen
oder in die Ruhr gejagt. Denn die ergrimmten Cherusker würdigten als Räuber
keinen gefangen zu nehmen / und die /welche auch lebendig in ihre Hände fielen /
liessen sie ihre Ross-Buben an Bäume binden / und nach ihnen mit Pfeilen zum
Ziele schüssen. Die Cherusker / ob sie zwar nicht den geringsten Sturmzeug bei
sich hatten / machten doch alle möglichste Anstalt / Arnsberg zu belägren /
taten auch dem Feldherrn so wohl den Raub / als ihr Vorhaben zu wissen. Die
meisten Chassuarier verdammten auch selbst Segestens und Siegemunds Beginnen /
und war keiner / welcher / die Belägerten zu retten / nachziehen wollte.
Segestes und Sentia waren hingegen in grossem Kummer / weil sie wohl wussten:
dass der Feldherr sich nichts in der Welt würde irren lassen / seine Gemahlin /
Sohn / und andere Gefangene zu retten. Er verkleidete daher vier Edelleute in
Bauern / schickte derer zwei mit Schreiben und Befehl: dass Siegesmund / welcher
seine Entkommung nach Iserbon berichtet hatte / sie begleiten sollte zum
Germanicus / einen zum Cäcina / und einen zum Hertzoge Melo; welche ihren
Notstand / und die Herrligkeit der Beute berichten / und durch Versprechung
alles dessen / was die Römer verlangen würden / sie zu erretten bewegen sollten
Die Gesandten Segestens kamen mit seinen und Sentiens Briefen am ersten beim
Germanicus an; welcher schon drei Tage hinter einander über die Eder zu kommen
sich bemühet hatte / aber allemahl vom Hertzoge Arpus und Catumer glücklich
abgeschlagen worden war. Melo und Franck sollten zwar den Catten in Rücken gehen;
aber die Lust ward ihnen teils durch das verbrennte Mattium / teils durch die
böse Zeitung versaltzen: dass der Feldherr Herrmann zwischen der Ruhr und Lippe
mit zwantzig tausend Cheruskern in das Gebiete der Sicamber eingefallen wäre /
und des Melo zu Beschirmung selbiger Gräntze gelassene Bruder Dietrich mit acht
tausend Sicambern und Tencterern sich zum Feldherrn geschlagen hätten. Daher
meinten sie: die Liebe seiner selbst hätte das Vorrecht / und das Hembde wäre
ihnen näher / als der Rock; also eilte Melo und Franck nach schädlicher
Gewohnheit eigennütziger Bundgenossen nach Hause / ihr eigenes Feuer zu leschen.
Germanicus nahm die Gesandten wohl / und den Fürsten Siegesmund freundlicher an
/als dieser ihm eingebildet hatte; und weil er aus Arnsberg eine köstlichere
Beute zu bekommen hoffte / als er durch etlicher Jahre Kriege zu erlangen ihm
kaum hätte träumen lassen können / liess er gegen der Eder /und denen Catten nur
die vierzehn und sechzehende Legion unter dem Silius stehen / und schickte dem
Apronius Befehl zu / mit denen zurück gehaltenen Völckern / welche nicht zu
Besätzung der Brücken und Schantzen nötig wären / diese zwei Legionen zu
verstärcken. Er selbst aber wendete sich mit der andern und dreizehenden Legion
/ wie auch mit seiner ganzen übrigen Macht / die er grossen teils zu Pferde
sätzte / gegen der Ruhr; und weil sein starcker Vordrab die Cherusker von
Arnsberg schon abgetrieben hatte / als er mit beiden Adlern nachkam / verfügte
er sich selbst aus Begierde die Gefangenen zu schauen alsbald darein. Segestes
kam dem Germanicus an dem Tor freudig entgegen / überlieferte ihm etliche
Stücke der dem Varus abgenommenen / und vom Siegesmund aus der heiligen Höle mit
weggerafften Beute; redete den Germanicus auch mit einer grossen Zuversicht an:
diss ist nicht der erste Beweis meiner beständigen Treue / damit ich dem
Römischen Volcke zugetan gewest. Nach dem mich August mit dem Bürger-Rechte
beschencket / ist des Römischen Reichs Wohlstand die Richtschnure alles meines
Tuns gewest; nicht zwar / dass ich als ein deutscher Fürst von meinem Vaterlande
absätzen wolle; Denn Verräter sind auch euch Römern verhasst / sondern weil
Deutschlands Heil an dem Römischen hängt; Weil auch ein sicherer Friede besser
als ein ungewisser Sieg ist / riet ich / mit den Römern lieber Friede zu halten
/ als zu brechen. Ich habe den Rauber meiner Tochter / den unruhigen Herrmann /
als einen Aufrührer beim Varus angegeben; Ich habe ihn ums gemeine Heil
beweglichst gebeten / mich mit ihm gefangen zu nehmen; Aber Varus hatte hierzu
keine Ohren / entweder weil er nicht klug genung / oder vom Verhängnisse zum
Untergange versehen war. Folgende Nacht aber / welche ich mit meinem Blute gerne
zurück kauffen wollte / erhärtete aber zu spat die Wahrheit meiner Unschuld / und
das Wolmeinen meiner verachteten Warnigung. Was hierauff dann und wann erfolgt /
ist mehr zu beweinen / als zu entschuldigen. Wie wenig Verständnis und
Verträuligkeit zwischen mir und dem Herrmann die Römer zu besorgen haben / ist
daraus zu ermässen: dass ich ihm / und die Seinigen mir Ketten angelegt haben. So
bald ich auch nur ein wenig Lufft bekommen / habe ich mit ihm die mir
aufgedrungene Versöhnung abgebrochen / und bin dir zu gefallen nicht aus
Knechtischer Begierde einigen Gewinnes / sondern nur meine Treue gegen die Römer
zu bezeigen / und Deutschland mit euch zu versöhnen; wo es mit dir lieber
friedlich sein / als zu Grunde gehen will. Für meinen Sohn Siegesmund bitte ich
Gnade / wo seine zu fallen gewohnte Jugend / und meine Verdienste es wert sind.
Meiner Tochter Hertze / ich kann es nicht läugnen / hängt an ihrem Manne / aber
gleichwohl ist ausser Augen nicht zu sätzen: dass sie zwar Herrmannes eures
Feindes Gemahlin / aber doch euers treuen Segestes Tochter sei. Germanicus
umarmte Segesten / nennte ihn seinen Bruder / des Kaysers Freund / versprach
ihm /dass seinen Kindern kein Haar gekrümmet / und er bei seiner alten
Herrschaft mit eussersten Kräfften geschützet werden sollte. Hierauf ward
Germanicus von Sentien bewillkommt / und in das Zimmer geführet /wo Tussnelda
mit ihrem kleinen Sohne / Ismenen /und Zirolanen verwahret wurden. Die zwei
letztern hatten die Augen nieder geschlagen / und konten nicht gar ihre
Traurigkeit / oder vielmehr ihre Entrüstung gegen die Räuber verbergen;
Tussnelda aber hielt anfangs die Hände in der Schoos zusammen geschlossen / und
sah nur ihren schwangern Leib an; gleich als wenn sie nicht so wohl um sich /
als um diss / was das Tagelicht noch nicht beschienen hatte / bekümmert wäre;
Jedoch liess keine weder eine Träne aus den Augen / noch einigen Seuffzer aus
dem Hertzen steigen / und sie nahmen sich auch / so bald sie des Germanicus
gewahr wurden / einer freudigern Gestalt an. Germanicus grüssete sie mit
gewohnter Freundligkeit; ihre Gegenbezeigung aber war ziemlich kaltsinnig.
Germanicus meinte hierauf sein Mitleiden zu bezeugen: dass er sie in solchem
Unvergnügen antreffe; Welchem Ismene mit einer weder zu schwachen noch zu
heftigen Stimme / sondern welche der Ruhe ihres Geistes / und der Gegenwart
ihrer Hertzhaftigkeit genugsames Zeugnis gab / antwortete: Wenn ihm sein
Mitleiden ernstlich wäre / stünde es in seiner Gewalt sie aus den Händen ihrer
Rauber zu erlösen / und durch ihre Erlassung vergnügt zu machen. Germanicus zohe
die Achseln ein / und antwortete: Er wäre wohl ihr Freund / aber zugleich ein
Kriegsmann / welche scharffe Gesätze und gebundene Hände hätten. Zirolane ward
durch eine so geschwinde und rundte Abschlagung ihres Gesuchs übereilet: dass sie
ihm mit einer kleinen Entrüstung begegnete: Sie hätte nicht gewüst / dass der
Römer Kriegs-Recht sich auch über ungewaffnete Weiber erstreckte / und
verräterischer Leute Raubereien billichte. Germanicus versätzte: Sie sollten
sich darüber nicht ärgern; giengen doch anderer Völcker Kriegs-Gesätze noch viel
weiter; welche auch das unvernünftige Vieh auszutilgen Befehl erteilten / und
die Griechen hätten auch durch Zerbrechung über die Waffen ihren Grimm ausüben
müssen. Diesemnach möchten sie nicht übel empfinden: dass er /als ein
Feld-Hauptmann des Tiberius / so holdseliges und ihm so liebes Frauenzimmer für
Römische Gefangene aufheben müste; So fern er aber Germanicus wäre / hätte er
die gröste Begierde / ihnen alle Annehmligkeiten der Welt zu erweisen / und ihr
Gefängnis in das annehmlichste Lust-Haus zu verwandeln. Zirolane fiel ein: Es
gibt kein ehrlich oder behägliches Gefängnis in der Welt; und dem kann man
nichts behägliches antun / den man der unschäzbaren Freiheit nicht genüssen
lässt. Ismene / welche ihre sittsame Unerschrockenheit behielt / und nicht
weniger zum Germanicus / als gegen ihr selbst / ein behertztes Vertrauen
bezeugte / versätzte: Ich bin dissfalls ganz anderer Meinung / und will gerne
eine Römische Gefangene sein / wenn ich versichert bin: dass ich nur nicht der
Willkühr meines Raubers übergeben werde; welchem ich zwar mein Tage nie hold
gewest / ihm aber nunmehr grämer als einer Spinne worden bin. Denn ausser dem /
würde ich mich ehe in den nechsten und besten Brunn stürtzen / ehe ich diesem
verdrüsslichem Liebhaber das wenigste zu Willen leben sollte. Ja ich wünschte
nichts mehr / als mit Verlust meines Lebens an ihm sein so schwartzes Laster zu
rächen. Eine solche Süssigkeit gewinnet die Rache in einem verliebten
Weiber-Hertze / so / dass man zugleich muss ein Weib und verliebt sein / wenn man
ihren Kern recht schmecken will. Germanicus versprach Ismenen / und allen
völlige Sicherheit. Tussnelde verlohr hierbei weder ihre erste Anstellung / noch
ein Wort; weil aber der Fürsten Bilder nicht wie andere stumm / sondern
lebhaftig und beredsam sind / gab sie ihre Grossmütigkeit auch ohne Sprache
genugsam zu verstehen. Denn sie veränderte weder Farbe noch Gebehrden / sondern
blieb immer in einem: Ihre Stirne und Augen gaben mit ihrer Beständigkeit
genungsam zu verstehen: dass ihr Hertze ganz unerschrocken / und ihre Vernunft
ohn alle Verwirrung wäre. Ihre Ernstaftigkeit war nicht aller Anmut entblöst;
und ihre Kaltsinnigkeit erstreckte sich nicht weiter / als gegen das Ubel /
welches sie zu besorgen hatte; wiewohl ihr aus den Augen sehender Geist auch dem
Unglücke selbst Trotz zu bieten schien. Germanicus wendete sich hierauf zu ihr
alleine / und bat: Sie möchte ihm doch zutrauen; dass / so viel bei ihm stünde /
er und Agrippine ihre Bekümmernis zu erleichtern / bemüht sein würde. Tussnelde
nahm diss Erbieten zwar für bekandt an / antwortete aber: Sie wäre nicht würdig
Hertzog Herrmanns Gemahlin zu sein / wenn sein und ihres mit ihm überkommenen
Gelückes Andencken nicht ihren gegenwärtigen Ubelstand zu versüssen vermögend
wäre. Wiewohl sie in eines so grossmütigen Helden Hände zu geraten für keinen
Unfall halten würde / wenn es ihr nicht durch Vergehung ihres eigenen Vaters /
und durch das Laster ihres Bruders begegnet wäre. Sie wäre wohl ehe
unglücklicher gewest / als dissmahl / und daher käme dieser Zufall ihr weder
seltzam noch unerträglich vor. Denn sie bescheidete sich: dass / wer lange auf
Rosen gegangen /für nichts seltzames aufnehmen könnte / wenn er einmal in einen
Dorn träte; Ja der wüste nicht einst von Süssigkeit den rechten Geschmack zu
ziehen / wer ihm die Zunge nie vergällt hätte. Ein Absatz des Glückes diente uns
ehe zum besten / als zum Schaden. Denn wenn es uns mit einem Strome auff einmal
überschüttete / könnte auch das gröste Gemüte solches nicht fassen. Dieses / und
der Krieg würde müde und vedriesslich / wenn sie sich stets auff eine Seite
hencken sollten. Daher hoffte sie den Tag ihrer und der Deutschen Freiheit / wie
auch die Wiedersehung ihres Gemahles / noch wohl zu erleben. Weil doch das Glücke
ein für allemahl der Tugend wie eine Magd nachtreten müste / auf den ärgsten
Fall aber /würde doch ein ehrlicher Tod sie dem Spotte der Gefangenschaft
entreissen. Germanicus befahl die Gefangenen aufs ehrlichste zu halten / liess
sie aber noch selbigen Tag mit fünf hundert Pferden gerade nach dem Ubischen
Altare führen.
    Unterdessen hatte so wohl Cäcina als Hertzog Herrmann von Arnsberg Nachricht
eingezogen / und jeder mühte sich daselbst hin gleich als zum Mittelpuncte alles
ihres Vorhabens zu gelangen. Der Feldherr liess beim Fürsten Malovend und Marsen
den Hertzog Dietrich und viertausend Cherusker / gegen Cäcinen ein wachsames
Auge zu haben. Mit sechzehn tausend Cheruskern aber wendete er sich gerade gegen
Arnsberg / er wäre auch dem Germanicus sonder Zweiffel zuvor kommen / wenn er
nicht über alles Vermuten an dem Ursprunge der Emser / bei Trintenstad den
Hertzog Melo für sich gefunden hätte. Des Feldherrn Eyver war so gross: dass er
diesen ihm am Wege liegenden Feind von Stund an angrief. Aber Melo / welcher
entweder meinte: dass die ganze Cheruskische Macht im Anzuge wäre; oder weil er
mit den Deutschen es selbst nicht wollte auf die Spitze kommen lassen / zohe sich
nach etlicher Stunden heftigem Gefechte / darinnen er den kürtzern zohe / bei
anbrechender Nacht auf Siegburg an die Ruhr zurücke. Der Feldherr blieb die
Nacht auf der Wahlstatt stehen; und als er auf den Morgen keinen Feind mehr fand
/verfolgte er unverhindert seinen Weg nach Arnsberg. Er hätte aber für Grimm und
Hertzeleid vergehen mögen / als er nach Mittage von etlichen ihm begegnenden
Cheruskern die traurige Nachricht bekam: dass selbigen Morgen Plancus mit
zweitausend Römischen / und Eberhard / der Vangionen Fürst / mit drei tausend
Nemetischen und Vangionischen Reitern das Schloss Arnsberg entsätzt / Segesten /
Sentien / mit Tussnelden / Ismenen / dem jungen Tumelich heraus genommen
hätten. Der Graf Schaumburg / Ritberg /und Limburg hätten zwar mit allen
Cheruskern / als Löwen gefochten / und drei Stunden die dreimal stärckeren
Feinde an der Einkunft in Arnsberg / daraus gleicher gestalt ein Ausfall
geschehen wäre / verhindert; aber nach dem Schaumburg todt blieben /Ritberg und
Limburg harte verwundet / die Ankunft zweier Römischen Legionen auch von ferne
erkieset worden wäre / hätten die bestürtzten Cherusker nur der Not und dem
Feinde weichen müssen. Der Feldherr erblaste und verstummete auf einmal über
dieser bösen Zeitung. Hernach ward er Feuer-rot; seine Augen brannten / er
runtzelte die Stirne / liess die Augenbrauen bald niederfallen / bald zoh er sie
wieder in die Höh / die Haare stunden ihm zu Berge / die Nasenlöcher weit offen.
Die Lippen schwollen ihm auf /und zitterten. Er knirschte mit den Zähnen /
schäumte mit dem Munde / die Zunge ward ihm trocken; er redete nur verbrochene
und unverständliche Worte; und weil er mit seinem Stammeln nicht fort konnte
/seuffzete er nur. Die Adern lieffen ihm auf der Stirne und am Halse auf / der
Puls schlug ihm starck und gefach / und er musste noch einmal so oft als
sonsten Atem holen. Aus welcher Verstellung leicht zu urteilen war: dass dem
sonst so freundlichen und unveränderlichen Fürsten wohl sein Lebtage nichts
schmertzlichers begegnet sein müste. Und alle diese Veränderung überfiel ihn in
einem Augenblicke. Denn der Zorn kommet nicht nach und nach / sondern schlägt
wie der Blitz unversehens / dass Knall und Fall ein Ding ist. Die Rachgier
ergeusst sich wie ein feuriger Strom in alle Gedancken / brennet wie eine
fressende Flamme in allen Adern / scheinet aus den Augen und allen Gebehrden auf
einmal; indem der Zorn alle Glieder auf einmal zu seinem Werckzeuge gebrauchen
will. Weil der Feldherr nur / wie alle tapffere Fürsten / ein Bild war / dem sich
alle seine Untertanen ähnlich zu machen befliessen / ward sein ganzes
Krieges-Heer mit einem gleichmässigen Feuer von Schmertz und Tapfferkeit
angezündet / dass sie alle riefen: der Feldherr möchte sie nur als Männer wider
die Räuber des unbewehrten Frauenzimmers / und als Verehrer des unsterblichen
Gottes wider die Mord-Brenner und Versehrer der Heiligtümer führen. Sie wollten
für ihn / für seine Gemahlin / und seinen Sohn ihren Erb-Fürsten / freudiger ihr
Blut / als andere Rinder und Schaafe aufopffern. Nach dem sich nun Hertzog
Herrmann von seiner ersten Bewegung ein wenig erholet hatte / und er an allen
Cheruskern eine freudige Begierde zu fechten sah / erteilte er Befehl; dass
Männer und Pferde sich ein paar Stunden erholen / ein jeder sich zum Streite
fertig machen / und man in Eyl für das Fuss-Volck Steige und Brücken über die
Ruhr legen sollte: denn er wollte die Römer noch selbigen Abend angreiffen. Er
schickte auch hin und wieder wolberittene / und selbigen Landstriches kundige
Leute aus / die von Arnsberg abgetriebene Cherusker zusammen zu lesen / welche
sich an ihn hencken sollten. Dieses erfolgte zu grossem Glücke. Sintemal nicht
ferne davon gegen Werle / der Graf von Ritberg und Limburg mit funfzehn hundert
Pferden angetroffen / und ehe es jemand vermutete / zum Feldherrn gebracht
wurden. Wie diese nun zwar angenehme Gäste waren / und von ihm ihrer Tapferkeit
und empfangener Wunden halber gerühmet wurden; also unterliessen bei
versammleten Kriegs-Rate Ritberg und Limburg nicht / dem Feldherrn den Angrief
zu widerraten. Sintemahl sie von etlichen Römischen Gefangenen und deutschen
Uberläuffern / die sie auch ihm eintzelweise fürstellen / die einstimmige
Nachricht / ja mit ihren Augen von einer Höhe gesehen hätten: dass Germanicus mit
zwei Legionen / und mehr als sechzehntausend Hülffs-Völckern bei Arnsberg
ankommen wäre. Der Feldherr antwortete ihnen: Er wüste es wohl; und sie hätten es
mit ihren Helden-Taten erhärtet: dass in ihren Hertzen so wenig als in seinem
eigenen Furcht steckte. Er glaubte auch: dass die Römer zweimahl so starck wären;
aber sie hätten darbei zu viel Vernunft / welche allezeit zu missträulich / und
daher auch zu langsam und vorsichtig wäre. Er würde selbst mit ihnen
bedachtsamer zu verfahren für gut befinden / wenn nicht der Zeit Verlust ihm
alle Hoffnung die unschätzbare Beute sein Lebtage wieder zu erlangen benähme /
ohne welche er lieber todt sein als leben wollte. Hundert künftige Siege könten
ihm nicht ersätzen / was diesen Tag ein einiger geben könnte / weil Germanicus
mit denen Gefangenen über Hals und Kopff nach Rom eilen / und zu Deutschlands
ewiger Schande eines Feldherrn Gemahlin zur Magd / seinen Sohn zum Sclaven
machen würde. Diesen vorhin nie empfangenen Schandfleck würde Deutschland
nimmermehr mit so viel Blute ausleschen / als der Rhein und die Elbe Wasser
führte. Also müste so wohl die Not als die Hertzhaftigkeit in ihrer aller
Seelen nicht so wohl die Zag-als übrige Klugheit ausleschen / und durch kühne
Entschlüssung / durch tapffere Verrichtung ihm den Weg zur Glückseeligkeit /
ihnen zur Ehre bähnen. Gleiche gegen gleiche fechten wäre ein Werck der
Kleinmütigen. Helden aber müsten ihre Feinde nicht zehlen; denn einer stünde
gegen hundert. Der Feinde Menge blähete hertzhafter Leute Hertze mehr auf /
ihre Rüstigkeit ermunterte die Lebens-Kräfften / und ihre Seele wüchse mit der
Grösse ihres Gegenteils. Ja es wäre gewisser; dass die Seele auf dem Stuhle der
Tapfferkeit /von welchem sie alle andere Gemüts-Regungen beherrschte / als die
Krafft der Sonne in dem Hause des himmlischen Löwen vergrössert würde. Denn so
denn führte sie nichts als hohe Gedancken / sie sätzte ihr nichts gemeines für /
sie träte alle Gewalten mit Füssen / sie verachtete so wohl alle Gefahr als
Dräuungen / sie freute sich bei Näherung ihres Feindes / und hielte den Angrief
für den Anfang ihres Sieges. Durch solche Regungen sonderte sich der Adel vom
Pöfel ab. Denn die Hertzhaftigkeit hätte alle Würden erfunden / alle Reiche der
Welt in Grund gelegt / alle grosse Fürsten gemacht / den Weg der Ehre und der
Unsterbligkeit eröffnet. Die Macht bildete ihr zwar ein /und das Glücke rühmte
sich / dass sie Ausgäber in der Sieges-Kräntze wären; aber diss wäre ein Eingrief
ins Recht der Tapfferkeit / ja wenn auch diese je zuweilen den kürtzern züge /
müsten doch jene der Tugend das beste vom Siege / nämlich den Ruhm einer
unverbesserlichen Gegenwehre / und dass der Feind heldenmässig gefochten hätte /
oder gestorben wäre / überlassen. Lasset uns diesem nach lieber ritterlich
sterben /als uns mit der Schande beladen / dass wir als feige Leute den Römern
unsere geraubte Kleinodter nicht einst strittig gemacht hätten. Hertzog Sesitach
/ welcher die Reiterei führte / fieng hierauf an: Ich weiss wohl: dass es der
meisten Kriegs-Leute Art sei alle furchtsame Anschläge zu verwerffen; weder
abschüssige Klippen noch Schiffbrüche / oder die schrecklichsten Ungeheuer und
Zufälle der Welt zu achten / oder ins Auge zu fassen; ja den sich in
tausenderlei Gestalten ihnen fürstellenden Tod für eine Bländung oder Gespenste
zuhalten / damit sie selbst nicht für furchtsam angesehn werden. Aber er wollte
lieber: dass er an seinem Ansehn / als das Vaterland an seiner Wolfahrt eine
Verminderung leiden sollte. Allem Ansehn und Umständen nach würden sie nun zwar
durch ihren Angrief eine herrliche Gelegenheit rühmlich ihr Leben zu schlüssen /
aber nicht die Gefangenen zu befreien haben; hingegen würde ihr Untergang
Deutschland mit sich in Dienstbarkeit reissen. Wenn es aber ja geschlagen sein
müste / wollte er nicht der letzte sein / sondern ihm die Ehre ausbitten / den
ersten Angrief zu tun. Der Graf von Limburg und selbst der von Nassau waren
eben dieser Gedancken: dass es menschlicher Vernunft nach wohl vergebne Müh /
aber ein gefährlicher Streich sein würde. Alleine weil dieser letztere wohl
wusste: dass ein entrüsteter Helden-Geist alle widrige Gutachten für Kleinmut
/alle böse Wahrsagungen für Aberglauben / alle für ihn führende Sorgen für
Beleidigung und Beneidung seines Ruhmes hielte / und wie ein vertämter
Bergstrom mit desto grösserem Ungestüme alle Hindernüsse über einen Hauffen
würffe / zohe es die Achseln ein / und sagte: Wir sind ohne diss mit so viel
Feinden verwickelt: dass weder menschliche Vorsicht noch Stärcke / sondern nur
das göttliche Verhängnüs uns zu rechte helffen kann. Und diss / was Diener nach
Verstande einraten / muss allezeit auf Sicherheit / was aber ein Fürst
entschleust / auf einen unverzagten Helden-Mut gegründet sein. Ich rate daher
als ein Diener / nicht alles auf die Spitze zu sätzen; wenn ich aber Hertzog
Herrmann wäre / weiss ich nicht / was ich täte. Weil nun Rachgier und
Verwegenheit ohne diss gewohnt ist / langsame wiewol gute Ratschläge zu
verachten / das Vertrauen auf sich selbst / und übereilende Begierden sie aller
Vorsicht berauben / ja das Gedächtnüs ausgeübter Helden-Taten und die
vorgesetzte edle Sterbens-Art seiner Verwegenheit ober Unvernunft alle Flecken
abwischen; Waren alle eingeworffene Bedencken / ja die eigene Einbildung alles
zu verspielen / beim Feldherrn nicht so vermögend / etwas von seiner
Hertzhaftigkeit zu verliehren / oder von seinem Vorsatze nachzulassen. Diesem
nach sagte er: es bleibt einmal darbei: wir wollen diese Nacht / und ehe wir
vom Cäcina und Melo mehr Feinde über den Hals bekommen / siegen oder sterben.
Der Feldherr hatte hiemit kaum den Ratschlägen ein Ende gemacht / als ihm
Woldenburg und Ludingshausen zwei Cheruskische Edelleute die erfreuliche Zeitung
brachten / dass die Ritter Arnstein /Wippra / Sittberg / Hoya / Weda / Kappenberg
/ Arnburg / Deipholtz / und Wintzenberg / nach erfahrnem Raube in Eyl
viertausend Mann zusammen gezogen hätten / und selbte keine viertel Meile mehr
entfernet wären. Der Feldherr fieng hierüber an: Höret und sehet ihrs nun! dass
GOtt selbst durch Zusendung so unvermuteter Hülffe an unserm hertzhaften
Schlusse ein Gefallen habe. Lasset uns also unerschrocken verrichten / was das
Verhängnüs zu befördern uns anbeut! hiermit sass alles zu Pferde / und schwämete
durch die Ruhr; das Fuss-Volck aber ging teils über die Brücken und Steige /
teils schwam es aus Begierde durch / teils sätzte es sich hinter die Reiter
auf die Pferde; also dass ehe die Nacht anbrach / alles übergesätzt war. Die
ausgeschickten Kundschaffer brachten die Zeitung: dass Germanicus im Schloss
Arnsberg wäre / das Römische Heer sich aber nahe darbei / zwischen zweien in die
Ruhr flüssenden Bächen / gelagert hätte / die Wachen auch allentalben wohl
bestellt wären. Kurtz darauf fand sich auch von den Nemetern ein Uberläuffer
ein; welcher berichtete: dass die Vangionen und Nemeter zu diesem Kriege wider
ihre Lands-Leute mit den Haaren gezogen wären / und zu fechten wenig Lust
hätten; diesen Abend wäre ihnen das Wort: Livia / zur Losung gegeben worden. Der
Feldherr ward hierüber nicht wenig froh: stellte bei dem ziemlich hellen
Mohnden-Scheine sein Heer in Gestalt einer Sichel in Schlacht-Ordnung. Man sah
ihm an seiner Gestalt und Gebehrdung an: dass die Hertzhaftigkeit seinem
Antlitze einen besondern Glantz eingedrückt / seiner Seele eitel edle Regungen
und Entzückungen eingeblasen /alle Adern mit aufschwellendem Geblüte erfüllet
/allen Gliedern eine kräfftige Bewegung zugeeignet hatte; also dass ihn in dieser
Stellung billich einer der fürtreflichen Mahler hätte abbilden sollen / derer
Pinsel nur Götter und Helden fürstellte. Diesem nach redete er die Cherusker /
und die sich zu ihm gefundenen Chassuarier mit desto grösserem Nachdrucke
folgender Gestalt an: dieses ist die Stunde ihr Fürsten /ihr Helden und Brüder /
da wir es dem Germanicus wie dem Qvintilius Varus mitspielen / jetzt aber so viel
mehr Ehre als damahls einlegen sollen / so vielmehr Germanicus des Tiberius Sohn
vornehmer als jener sein will. Es ist nicht der erste Tag / dass ihr mit ihm die
Kräfften geeichtet / und ihm über dem Rheine gewiesen habt: dass dieser freche
Jüngling euch zu bekriegen zu unerfahren sei / die Römer aber kaum euer Gesichte
/ weniger eure Schwerdter vertragen können. Die zwei gegen uns liegenden
Legionen gehen mehr mit Aufruhr schwanger / als sie Lust zum fechten haben; und
die den Römern folgende Deutschen warten nur auf eine Gelegenheit wieder über
den Rhein zu fliehen. Segestes / mein stattlicher Schwäher / ist der Urheber
dieses Einbruchs; der Zweck ihrer fürtreflichen Verrichtung ist eine schwangere
Frau / und etliche unbewehrte Jungfrauen zu rauben. Dieses haben sie mit Not /
und zwar durch Verräterei und Arglist kaum zuwege gebracht. Ich aber habe drei
Legionen mit ihren Obersten für freier Faust erlegt. Denn ich halte es auch im
Kriege nicht für ehrlich / jemanden zu betrügen / und für weibisch ungewaffnete
anzutasten. Der Blitz schämt sich Leichen oder Schlaffende zu versehren; also
reibet sich ein tapffer Gemüte nicht an die / welche ihres Geschlechts halber
sich nicht wehren können / oder welche kein Hertz haben. Ihr Cherusker habt euch
der noch in dem Deutschburgischen Heine aufgehenckten Sieges-Zeichen / die ihr
über die Römer erlangt / zu erinnern. Solche müsst ihr diese Nacht zu vermehren
/ nicht zu verlieren trachten. Ihr ehrlichen Chassuarier aber! entschüttet euer
Vaterland so wohl aller Schande / als Dienstbarkeit; weil ihr euch des Lasters
nicht teilhaftig machet / wormit der kleinmütige Segestes sich befleckt;
welcher / um seinem Sohne das Knechtische Priestertum wieder zu erlangen /
Deutschland und die Freiheit mit dem Rücken ansehen / und auf der bezwungenen
Seite des Rheines dienen will. Alle aber gedencket: dass Deutschland nimmer genug
Segesten verspeien wird / als welcher die Römischen Beile und Stecken zwischen
den Rhein und die Elbe gelockt hat. Denn dieses ist denen Deutschen gegen andere
Nord-Völcker keine geringe Schande / welche von der Römischen Herrschaft ihrem
Joche und ihrer Schatzung nichts wissen. Der vergötterte Augustus / der neunmahl
in Deutschland zu ziehen erkohrne Tiberius / hat so vielmahl den kürtzern
gezogen / und unverrichteter Dinge abweichen müssen; nun aber soll ein
unerfahrner Jüngling / ein aufrührisches Kriegs-Herr Deutschlands Meister
werden? Da ihr nun alle euer Vaterland / eure Eltern / eure alte Freiheit und
Sitten / scharffen Herren und der Dienstbarkeit vorziehet / werdet ihr sonder
Zweiffel eher mir / als dem Beschirmer eurer Ehre und Freiheit / denn Segesten
folgen / welcher euch mit sich in ein lasterhaftes Joch zu stürtzen gedencket.
Der Feldherr vertraute hierauf das dritte Teil seines Heeres dem Fürsten
Sesitach / und dem Grafen von Eberstein / damit er die deutschen Hülffs-Völcker
der Römer zum ersten angreiffen sollte. Er selbst übernahm mit dem Grafen von
Nassau / Teckelnburg / Rittberg / Steinfurt / und andern / die Römischen
Legionen anzufallen / und der Graf von der Lippe / und Ludingshausen mussten mit
dreitausend Cheruskern zum Entsatz im Hinterhalte bleiben. Fürst Sesitach ging
vermittelst des ihm bewussten Losungs-Wortes mit seinem Vordrabe bei den
eusserlichen Wachen der Nemeter und Vangionen vorbei; als die letztere aber ihn
viel rechtfertigen wollte / machte sich ein Teil der Cherusker an selbte;
Sesitach und Eberstein aber brachen an zweien Orten ohne einigen Wiederstand in
das schlecht verwahrte Lager der deutschen Hülffs-Völcker ein; welche meist in
voller Sicherheit schlieffen / und bei ihrer Erweckung mehr auf die Flucht / als
Gegenwehr dachten. Daher geriet alles in Verwirrung; die Cherusker hatten mehr
zu schlachten / als zu fechten / und die Sterbenden wussten nicht / ob ihnen die
Feinde vom Himmel auf den Hals gefallen wären. Der Graf von Steinfurt ging
zwar mit fünffhundert Cheruskern / welche meist alle gut Römisch redeten / auch
die verlohrne Schild-Wache der Römer vorbei; weil aber immittelst sich im
deutschen Lager bei Sesitachs Einfalle ein grosses Getümmel entstund / machte
die andere Wache nicht nur Lermen / sondern das ganze Römische Lager ward auch
wache / und kam in die Waffen / ehe der Feldherr mit dem deutschen Fuss-Volcke
solches erreichte. Dieses befand er so vorteilhaftig geleget /und mit
Schantzen so wohl versehen: dass er selbst /solches zu bestürmen / für eine
verzweiffelte Sache hielt. Denn gegen Morgen war es mit der Berg-Festung
Arnsberg / auf den andern Seiten mit einer tieffen und hohe Ufer habenden Bach /
und darhinter noch mit einem tieffen Graben umgeben. Der wachsame Germanicus
liess alsobald rings umher eine grosse Menge brennender Pech-Kräntze auswerffen /
um die zum Sturme fertigen Feinde desto besser zu erkiesen. Jedennoch wagte er
sich nicht / iemanden in das deutsche Lager / darinnen Sesitach nach Willen
wütete / zur Hülffe zu schicken / sondern er öffnete allein in seinem Lager die
eine Pforte / gab mit Feuer und andern Kennzeichen denen Nemetern und Vangionen
zu verstehen: dass sie sich zu ihm flüchten sollten. Wie nun die Nemeter und
Vangionen über Hals und Kopff dem Römischen Tore zueilten / liess er dem
Feldherrn wissen: dass er mit den Flüchtigen ins Römische Lager zu dringen
verhoffte / und da gab der Feldherr Befehl / solches an dreien Orten zu stürmen.
Unterdessen lag Sesitach dem Feinde so scharff in Eisen: dass er selbst mit
dreihundert Cheruskern ins Lager drang / und würde er sich leicht des Tores
bemächtiget haben / weil die Römer ihn und die Seinigen für Nemeter hielten /
wenn nicht Germanicus selbst alldar auf den Wall kommen / und den eindringenden
Feind zu erste wahrgenommen / und durch den Fall-Gatter das Tor schlüssen / auf
die Nachdringenden aber Pfeile / Wurff-Spiesse / Steine / und Feuer ausschütten
lassen. Wie nun der Feldherr durch den versuchten Sturm wenig ausrichten konnte /
sondern bei erfahrner Einsperrung Sesitachs / wie weh es ihm auch tat /selbten
musste abblasen lassen; also ward der tapffere Sesitach mit seinen wenigen
Cheruskern im Lager vom grösten Teile der Römischen Reuterei umringet;
gleichwohl liess er das Hertze nicht sincken / und sätzte ihm für / ehe biss auf
den letzten Blutstropffen zu fechten / als sich zu ergeben; weil er für allen
andern bei den Römern verhasst war / und Tiberius hundert Pfund Goldes dem zum
Preisse aufgesätzt hatte /welcher ihn lebendig lieffern würde. Weil er aber wegen
mangelnden Werckzeugs zu Eröffnung des Fallgatters kein Mittel daselbst zu
entkommen sah /über diss die Römische Reuterei dar stärcker als das Fuss-Volck war
/ sprang er vom Pferde / und befahl seinen mit ihm versperrten Cheruskern / sie
sollten ihm alles nachtun. Hiermit kletterte Sesitach mit ihnen inwendig im
Walle hinauf; und ob sie zwar daselbst auch auf beiden Seiten von Römern
angefallen wurden / kam ihnen doch dessen Schmäle zur Gegenwehr / und dass sie
nicht so gleich umringet werden konten / zu statten. Sesitach gab zwar von dem
Walle seinen Deutschen etliche Zeichen / dass er auf dem Walle mit den Römern im
Gefechte wäre / um sie daselbst zum Sturme anzufrischen. Diesen mangelte es zwar
nicht am Hertzen und Willen / aber am Sturmzeuge; weil Sesitachs nur zu
Auffschlagung der unverschantzten Deutschen bestellter Vordrab nicht damit
versehen war; welcher / wenn er alsbald hätte zur Hand gebracht werden können /
wie der Feldherr bei erlangter Nachricht wohl eifrig verfügte / würde das
Römische Lager an diesem Orte grosse Gefahr ausgestanden haben. Nach dem aber
Sesitach mit seiner Hand voll Volcks ohne Erlangung gewünschter Hülffe lange
genung ausgehalten / ein grosses Teil der Cherusker / und darunter den tapffern
Lautenberg / und Wenden / verloren; er selbst etliche Wunden empfangen hatte /
ihnen auch nunmehr die Cretischen Schützen und Balearischen Schleuderer von
unten her mit Pfeilen und Steinen heftig zusätzten / sprang Sesitach auf die
Brustwehre des Walles / und rieff seinen Deutschen zu: Ihr Brüder! wir haben
unserer Ehre ein Genügen getan! hier sind nunmehr zwar wohl Tod und Wunden /
aber weder Sieg noch Ruhm mehr zu erlangen; sondern ein ieder suche sich / so
gut er kann /aus den Händen seiner Feinde zu retten. Hiermit machte er den Anfang
von dem Walle heraus zu springen; welches die meisten ihm nachtäten; die aber
alle grosse Mühe hatten / sich durch den Graben zu arbeiten / besonders weil die
Römer mit Steinen /Pfeilen und Wurff-Spiessen sie gleichsam von dem numehr
befreieten Walle überschütteten. Sesitach kam also mit einem ziemlichen Teile
davon / welcher seine Rache auf die noch übrigen Nemeter / Vangionen und Gallier
ausschüttete / derer dritter Teil kaum durch die Flucht entkam / die übrigen
sprangen über die Klinge der erbosten Cherusker / oder wurden gefangen. Weil nun
das Römische Lager mit so weniger Macht zu erobern für eine Unmögligkeit
gehalten ward / satzte sich der Feldherr an der Ruhr an einen vorteilhaften
Ort / um daselbst den Germanicus zu beobachten / biss seinem bereits
abgeschickten Befehle nach die über der Lippe stehende Cheruskische Macht zu ihm
stiesse. Folgenden Tag ritten die Cherusker mit denen eroberten Fahnen / und
Kriegs-Zeichen / unaufhörlich ums Lager herum / forderten die Römer heraus / um
sich der verlohrnen Beute zu bemächtigen. Inzwischen lieffen so wohl dem
Germanicus / als dem Feldherrn schlechte Zeitungen ein; jenem vom Silius /
welcher mit zweien Legionen von Catten / und denen zu ihm gestossenen Hertzoge
Jubil umringt war / diesem aber / dass die Marsen mit denen ihnen zugegebenen
Hülffs-Völckern vom Cäcina und Melo geschlagen / Hertzog Dietrich gefangen /
Malovend aber mit Not über die Lippe entkommen wäre. Jenes verursachte: dass
Germanicus / um seinen Feind zu verführen / an Befestigung seines Lagers aufs
fleissigste arbeiten liess / gleich als wenn er lange dar zu bleiben willens wäre.
Auf die Nacht aber führte Germanicus ohne Rührung einigen Spieles seine Legionen
davon / und liess im Lager nur die Stall-Buben / welche die gewöhnlichen Feuer
unterhalten; und andere im Lager bräuchige Dinge zum Scheine verrichten mussten.
Folgenden Morgen wurden die Cherusker zwar des Abzugs gewahr; und ob zwar die
Römer einen Vorsprung von sechs oder sieben Stunden hatten / würde er sie doch
verfolgt haben / wenn nicht die im Läger und auf dem Schloss Arnsberg bekommene
Gefangenen einträchtig berichtet hätten: dass Tussnelda / Ismene / Zirolane /
Tumelich / und Libys schon vor vier Tagen über den Rhein zum Ubischen Altare
wären geschickt worden. Diese Nachricht und die Beisorge / dass Cäcina und Melo
gegen die Bructerer / oder die andere Helffte seines Heeres /ihren Sieg
verfolgen / und tieff ins Land einbrechen würden / zwang den seinen Unstern
verfluchenden /Feldherrn den Germanicus unbeirret ziehen zu lassen /und sich
gegen der Lippe zu wenden. Germanicus hatte hingegen hohe Zeit / denen
verlassenen zwei Legionen unter dem Silius zu Hülffe zu kommen. Denn ob solche
zwar Stertinius mit zehntausend Hülffsvölckern verstärcket hatte / so waren sie
doch denen vereinbarten Catten und Hermunduren nicht gewachsen; welche sie bei
ihrem weichen Tag und Nacht mit Einfällen beunruhigten / und ihnen fast alle
Lebens-Mittel abgeschnitten. Endlich beschlossen Hertzog Arpus / Catumer und
Jubil sie gar in einem Walde / und würde es dem Silius und Stertinius nicht
besser / als dem Varus gegangen sein / wenn Germanicus nur noch einen Tag aussen
blieben wäre. Mit seiner Ankunft aber machte er ihnen auf der Seite /wo die
Hermundurer stunden / Lufft: dass sie sich aus diesem Gefängnisse aushauen konten.
Gleichwohl aber hatte Germanicus mit seinen vier Legionen / und so vielen
Hülffs-Völckern nicht das Hertze / gegen die Catten und Hermundurer zu stehen;
sonderlich weil er besorgte / der Feldherr würde ihm in Rücken gehen. Weil nun
bei den Catten biss an die Eder alles verheeret war / musste er seines
Bundsgenossen Melo Lande beschwerlich fallen / und an dem Sieg-Strohme sich
hinab ziehen / und beim Ubischen Altare über die Brücke gehen. Wie nun seinen
Anzug die grosse Dürre erleichtert hatte; also kam das nasse Wetter den Römern
im Abzuge zu statten. Denn weil sie hinter sich alle Brücken abwarffen / alle
Wälder verhieben /konten die Catten sie unmöglich einholen / wiewohl Catumer mit
der Reuterei ihnen noch mehr / aber denen im Nachzug geordneten Galliern
ziemlichen Abbruch tat. Germanicus schrieb hierauf an König Marbod: dass / nach
dem er die unruhigen Catten ein wenig gezüchtigt / den Hertzog Melo in
Sicherheit gesätzt hätte / wäre er / zum Zeichen / dass Tiberius nichts über dem
Rheine verlangte / zurück über den Rhein gekehret. Seine künftige Sorgfalt
würde auch nichts anders sein / als die Sicambrer / Chauzen und Friesen wider
die Cherusker und Bructerer zu beschirmen.
    Eben selbigen Tag kam Agrippine von Meintz beim Ubischen Altare an. Sie
hatte sich nur wenige Zeit mit dem Germanicus ersehen / als sie zu der
gefangenen Tussnelde und anderm deutschen Frauenzimmer eilte / und selbte nicht
ohne Tränen bewillkommte. Sie fand sie aber alle mutiger / als sie ihr hatte
einbilden können / und sie konnte sich fast nicht darein finden / wie sie bei dem
Verluste ihrer Freiheit einerlei Gesichte / wie sie bei gutem Glücke gewohnt
waren / machten. Tussnelda / welcher nebst dem andern Frauenzimmer mit dem
Anblicke Agrippinens gleichsam eine Schale voll Freuden-Oeles ins Hertze
gegossen ward / danckte mit einer annehmlichen Ehrerbietung Agrippinen für ihr
Mitleiden / und dass sie bei so sehr verändertem Glücke nichts an ihrer alten
Zuneigung verändert hätte. Bei dieser Versicherung würde ihre Gefangenschaft
mit wenigen Sorgen / und keinem Betrübnüsse bebürdet sein; weil sie unter dem
Schirme einer so tugendhaften Frauen keinen Anstoss an ihrer Ehre zu befürchten
hätten. Denn wenn diese in Sicherheit wäre / würden sie ohne Ungedult alle trübe
Wetter über ihre Häupter gehen lassen / weil sie von Kindheit auf gesehen / und
die Erfahrung sie gelehrt hätte: dass hohe Häupter ihre Tränen / wie die Gebürge
ihr Wasser hätten; und dass das Glücke über seinem Bestande niemanden Bürgen
sätzte; diesem müste man wie einem Narren alles zu gute haben / weil es gewohnt
ist aller zu spotten; und gleichwol müste man der Ehrerbietigkeit gegen das
Glücke nicht vergessen / weil es so grosse Gewalt und Freiheit hat; und auch /
wenn es einen am ärgsten mit Füssen tritt / den Elenden noch zuweilen Lufft lässt
/oder einen holden Blick gibt. Dieses geschehe ihnen durch die tröstliche
Heimsuch- und Erklärung der unvergleichlichen Agrippine. Diese antwortete: Sie
wünschte von Hertzen: dass sie so ungebundene Hände als ein verknüpfftes Hertze
hätte / so würde ihre Bestrickung in einem Augenblicke aufgehoben /und ihre
Füsse so frei als ihre grossen Gemüter sein. Es gereichete aber ihr / welche
dem Glücke ebenfalls wenig gutes zuzutrauen verborgene aber erhebliche Ursachen
hätte / zu einem mercklichen Troste: dass sie an ihrem Beispiele sähe / wie
vollkommene Tugend allezeit gerade bliebe / und sich durch die schlimmsten
Unglücks-Fälle nicht krumm beugen liesse. Sie erfreute sich: dass die Tugend
durch Widerwärtigkeit wie das Eisen vom Schleifsteine geglättet und geschärfft
werde / und also falsch sei derer Meinung / die die Tugend eben so für ein
unnütze Ding als das Glücke für unbeständig halten / weil jene so wenig Früchte
trüge / als diese Treu und Glauben hielte. Ja / sagte Tussnelde / dieses ist
freilich ein grosses Vorrecht der Tugend: dass sie auch dem Unglücke durch den
Sinn fährt; und dass diss niemanden keine so feste Stricke lege / welche nicht ein
tapfferes Gemüte wie Spinnen weben zerreisse; ja dass es ihm keinen so
hartnäckichten Kopff fürsätzen könne / welchen nicht Gedult und Beständigkeit zu
erweichen wisse. Aber diss ist noch ein viel grösseres Werck /und an der
grossmütigen Agrippine zu verwundern: dass nach dem die / welchen das Glücke
alles verhängt / so gerne auf Abwege geraten / und weil man so wenig in die
Länge grossen Wolstand als starcken Wein vertragen kann / die Tugend gleichwohl
die Gemüter so befestige: dass sie gegen die / denen das Glücke auslescht /
dennoch die Freundschaft nicht verschwinden lässt; welche ins gemein an die
Speichen des Glückes angehefftet ist / und mit seinem Rade sich herum wältzet;
also dass sie die Gefallenen nicht mehr kennet / oder zum höchsten mit einem
kaltsinnigen Mitleiden ihre Seele ausbläset. Agrippine färbte sich ein wenig
über diesem zwar scheinbarem Lobe /welchem aber des Beisatzes halber kein
geringes Misstrauen anzukleben schien; gleichwol verhüllte sie diss selbst / und
fieng an: Weil die vollkommene Tussnelde allen / denen sie wohl wollte / das Maass
ihrer Vollkommenheiten zueignete / machte sie aus einer so geringen Bezeugung
ihrer grossen Schuldigkeiten gar zu viel Werckes. Sie müste vergesslicher als
Heidächsen sein / wenn sie in so weniger Zeit ihrer Verträuligkeit nicht mehr
indenck leben sollte. Es müsten in ihrem Hertzen alle Funcken der Tugend
verglommen sein / wenn sie eine so reine Freundschaft mit einer so undanckbaren
Abbrechung beflecken sollte. Eine edle Seele büssete durch das Abnehmen seines
Glückes so wenig / als der alte Mohnde an seiner Grösse ein; und sie verliehre
wie ein von seinem marmelnen Fusse gestossenes Bild zwar etwas an seinem Ansehn
/ nichts aber an seiner Güte. Ihr eigen Hertze weissagte ihr mehr als alle
Wahrsager: dass sie in weniger Zeit mehr als Tussnelde Mitleidens bedörffen
würde. Der aber wäre nicht klug / und nicht wert glücklich zu sein / der sich
auf gegenwärtigen Sonnenschein verliesse / und mit dem Winde den Mantel der
Liebe und Freundschaft umwendete. Ihr wäre zwar vieler irrige Meinung
unverborgen: dass hoher Stand für die zarten und süssen Regungen der Liebe /
sonderlich aber wahrer Freundschaft zu viel Härte und Aufblähungen hätte. Sie
wüste wohl: dass die Freundschaft keinem sich auf die Gipfel der Zedern setzenden
Adler sondern den Bienen verglichen würde / welche in Tälern aus denen sich von
dem Morgen-Taue bückenden Kräutern die Seele der Blumen /und den Geist der
Gestirne zu ihrem süssen Unterhalte sammleten. Alleine Tussnelde und die andern
Fürstinnen würden ihrer eigenen Ankunft und Hoheit Abbruch tun / wenn sie die
Freundschaft / durch welcher Flügel sich viel Helden biss auf die höchste Spitze
der Ehren und Gewalt geschwungen / welche die beste Schutz-Säule eines Reiches
ist / nur in leimerne Hütten verbannen / sie dem Adel absprechen /und dem Pöfel
zueignen wollte. Sie halte diesem nach Tussnelden für ihre alte Freundin / und
zweifle nicht: dass Freundschaft sich nirgends ausschlüssen lasse /wo die Tugend
einen Zutritt hat; und dass keine grössere gefunden werde / welche ihr nicht
weiche /und aller Eigennutz ihr aus dem Wege treten müsse. Tussnelde begegnete
Agrippinen mit ihrer gewohnten Offenhertzigkeit; Sie wüste gar zu wohl / dass
aufrichtige Freundschaft mit Fürsten eine so gute Verträgligkeit / als das
reine Silber der Lilgen mit dem sie krönenden Golde haben könnte; ja wenn sie
auch bei andern nicht wohnen sollte / würde sie doch von der aufrichtigen
Agrippine unabtrennlich sein. Sie hätte solche schon so viel mahl geprüfet / dass
ein einiges ihrer Worte als das sicherste Pfand überflüssig darfür stünde / weil
ihre Zunge nichts reden könnte / was mit ihrem Hertzen nicht überein stimmte.
Unterdessen hörte doch Agrippinens beständige Freundschaft nicht auf ein
Wunderwerck in der veränderlichen Welt zu sein / wo die auf den Gipffel der Ehre
und des Glücks steigenden Menschen ins gemein sich denen auf einen Baum empor
kletternden Affen gleiche machen / welche Kopff und Leib zwischen das Laub
verstecken / und denen Untenstehenden nur ihr garstiges Hinterteil weisen. Wenn
aber auch zwei beisammen im Nachen einerlei Würde und Freundschaft sitzen
/einer aber ins Wasser fällt / gibt es nur einen Eutydicus / welcher ihm mit
Gefahr nachspringt / seinen sinckenden Damon zu retten. Hingegen mangelt es
nicht an falschen Freunden / welche dem sich ans Schiff anhaltenden / aus
Beisorge umgestürtzt zu werden / die Hand abhacken. Daher sätze ich die
Beständigkeit eines glückseeligen Freundes / gegen einem gefallenen / auf die
höchste Staffel der Tugenden. Agrippine versätzte: die Beständigkeit ist sonder
Zweiffel die Seele und Krone aller Tugenden; welche Stückwerck und ein
unausgemachtes Werck bleiben /weñ jene sie nicht aus- und vollkommen machte.
Fürnemlich aber ist die Freundschaft ohne behertzte Austauerung ein blosser
Schatten und Spiegelfechten. Alleine / ich halte für viel leichter bei gutem
Glücke gegen Mitleidens-würdige Elende Farbe zu halten /als dass ein
Unglücklicher nicht den Mut sincken und sich keine Kleinmut bemeistern lässt.
Diese letztere Beständigkeit sticht allen andern die Augen aus / und ist etwas
mehr als menschliches. Sie sieht ihren Feind ohne Furcht und Schrecken an; sie
betrachtet ihn ohne Unruh und Verwirrung; und traut sie ihn gleich nicht zu
überwinden / so ist sie doch sicher / von ihm nicht überwunden zu werden; und
traut ihrer Tugend zu: dass an ihr alles böse der Welt / weniger als die
wüttenden Wellen an felsichten Ufern ausrichten könne / ja / dass wenn gleich der
Himmel einfiele / sie doch von zerbrochenen Stücken nicht würde zermalmet
werden. Sie hat bei ihrer Stille und Mässigkeit diss besondere: dass sie nicht nur
alle Gemüts-Regungen und die Vernunft / sondern das alles sonst zu Bodem
tretende Glücke / und ihre Uberwinder überwindet. Sie fühlet keinen Schmertz /
Schiffbruch / Armut / Tod / Dienstbarkeit / Verläumbdung / und der Verlust der
Ehre hält sie mehr für schreckende Gespenster als rechtschaffene Feinde; denn
wenn sie diss / was sie am liebsten hat / einbisset / kommt es ihr für / als wenn
sie dem Glücke ein Vorlehn bezahlte. Wenn sie ihre Glieder zerfleischen sieht /
bildet sie ihr ein: es treffe nicht ihr Fleisch / sondern nur ihre Kleider. Die
Dienstbarkeit erstrecket sich bei ihr nur auf den Leib / niemahls über das
Gemüte. Keine Schmach kann ihrer Unschuld Abbruch tun / und ihre Ehre schätzet
sie so hoch über alles Urtel der Menschen / als die Sonne über die Dünste der
Erde erhöhet zu sein. Die sonst unabtrennliche Gefärtin des Elendes / nämlich
die Traurigkeit / kommt ihm entweder nicht zu Leibe / oder wächset ihm
wenigstens nicht zu Kopffe / sondern je mehr es stürmet und donnert / je mehr
wächset ihr der Mut alles auszustehn; ja wenn der Tod sich ihr endlich so
grausam für Augen stellt: dass einem andern daran nur denckenden das Hertze
klopfft / die Haut schauert / und die Haare zu Berge stehn / behält sie ihre
Freudigkeit. Welches wahrhaftig eine Sache über die Vernunft und die Natur /
und den Gedancken unbegreiflich ist. Tussnelde begegnete Agrippinen: Sie hätte
zwar ein Bild einer so vollkomenen Beständigkeit aufgestellt; welches nicht nur
ihr und andern Gefangenen / welche bei einer so holdseeligen Fürstin ehe im
Rosen-Garten als im Gefängnisse sässen / mit keinem Striche ähnlich / auch
vielleicht nirgends als in der Giss-Forme ihrer tiefsinnigen Gedancken zu finden
wäre. Nichts desto weniger bliebe es doch eine unhintertreibliche Wahrheit; dass
es schwerer wäre gegen die uns liebkosenden als uns mit Sturm anfallenden
Gemüts-Regungen auszuhalten. Ein Meuchel-Mörder liesse sich übeler als ein
trotziger Feind vom Leibe halten. Wollust / Ehre und Eigennutz wären diese
Zauberinnen / welche uns unaufhörlich mit Versprechung vieler Glückseeligkeiten
zusätzten / und unsere Sinnen selbst zu Beiständ- und Gehülffen hätten. Von
diesen nun nicht erweichet zu werden / erforderte eine Beständigkeit / welche
die Klugheit allezeit zur Schildwache / die Unempfindligkeit zum Beistande
hätte. Jene müste ihr das Gift vom Honige / den Betrug von der Wahrheit
unterscheiden; diese ihr für den Irrlichtern die Augen bländen / und für den
verführischen Zauber-Liedern die Ohren zustopffen / damit sie mit einer
ernstaften Verächtligkeit alle liebkosende Versuchungen abfertigte. Mit einer
so fürtreflichen Beständigkeit ist Agrippine und die gerüstet /welche ihrem
fallenden Freunde die Hand reichen. Denn was kann Agrippinen ergötzlicher
begegnen / als dass sie ihren Germanicus mit Lorbern über die bezwungenen
Deutschen / und mit so viel erlauchten Gefangenen zu Rom im Siegs-Gepränge
einziehen sieht? Was könnte ihren Ehrgeitz mehr kitzeln / als wenn sie sich auf
dem Capitol von gefangenen Fürsten als Sclavinnen bedienen sähe? So aber trauen
wir uns diese Schande nicht zu erleben / da Agrippinens Güte uns mit dem
Schatten ihrer Freundschaft zu beschirmen würdiget. Auf die Abwendung dieser
einigen Schmach zielet alleine unsere demütigste Bitte; Diese Gewehrung werden
wir für ein Werck der allerbewehrtesten Freundschaft annehmen / und für was
grössers schätzen / als dass Harmodius / ehe er seinen Freund Aristogiton
verraten will / sich ehe auf der Folter zerreissen; Dindamis / ehe er seinen
Freund in der Sarmatischen Gefangenschaft lassen kann / ihm statt des Lösegeldes
die Augen ausstechen liess. Ich bescheide mich wohl: dass keine Bande der
Freundschaft so feste sind / dass sie diese / wormit wir uns an das gemeine
Wesen verknipfft wissen / auffzuschlingen vermögen sollten. Alleine deine
unvergeltbare Freundschaft wird weder der Vergnügung der Römer / noch der Ehre
des Germanicus das geringste nicht entziehen. Denn / glaube mir / Agrippine /
dass unter meinen / und meiner Mitgefangenen Brüsten keine knechtischere Hertzen
/ als in der wollüstigen Cleopatra stecken; und dass es der Römischen Macht doch
am Vermögen fehlen werde / mir die Werckzeuge / wormit ich mich und meinen Sohn
vor dem Siegs-Gepränge tödten könne / aus dem Wege zu räumen. Denn wir Deutschen
dörffen unserm beschwerlichen Leben abzuhelffen / weder Messer / noch Feuer
/noch Gift / sondern wir wissen mit unserm verhaltenen Atem uns zu erstecken.
Ismene und Zirolane umfassten mit tränenden Augen bei diesen Worten Agrippinens
Knie / und sagten: Dieses wäre auch ihre beständige Meinung / ihr höchster
Wunsch / und die einige Glückseligten / welche sie in ihrem Leben einzubüssen
hätten. Agrippinen giengen hierüber die Augen über / und sie versicherte sie:
dass sie weder die Verkleinerung des Germanicus / noch der Unwille des Römischen
Volckes / noch der Zorn des Tiberius /noch einig ander menschliches Absehen von
dem ihrer Freundschaft obliegenden Vorsatze sie dieser besorgten Schande zu
überheben abwendig machen sollte. Sie wollte hierzu nicht nur alle Kräfften
anwenden /alle Mittel hervor suchen / sondern sie wollte ihr selbst ehe Weh und
Leid antun / als sie solche Freund- und Heldinnen sollte lassen einen Spott /
und Schauspiel des Römischen Pöfels werden. Hierüber umarmten alle drei
Agrippinen inbrünstig / und gaben durch solche Kennzeichen gnugsam zu verstehen;
dass ihnen daran mehr / als am Leben gelegen wäre. Tussnelde absonderlich mühte
sich ihre Danckbarkeit nicht so wohl mit Worten / als andern Ausschüttungen
ihres Hertzens / Agrippinen zu verstehen zu geben / hernach sagte sie: Sehet
ihrs nu / liebe Schwestern / dass unser Agrippine beständige Freundschaft ein
zweifaches Wunderwerck sei / weil sie nicht nur damit ihr Hertze wider die
heuchelnden Anlockungen verhärtet; sondern auch die stürmenden Regungen sich an
ihrer Gedult vergebens abmärgeln / und sich so wenig durch Hass / Neid / Zorn und
Verläumdung anderer /als durch die Ehre und Liebe des Germanicus / von ihrer zu
uns tragenden Neigung ableiten lässt; also mit ihren gütigen Würckungen sich der
Sonne gleichet /welche mit ihren woltätigen Strahlen etliche Dinge härtet /
etliche zerschmeltzet. Agrippine nahm hierauf mit wiederholter tröstlichen
Versicherung Abschied /und ersah sich niemahls mit dem Germanicus: dass sie
nicht Tussneldens / und ihres artlichen Knabens /wie auch Ismenens und
Zirolanens zum besten gedachte / ihre Tugenden und Vollkommenheit heraus
striech; hingegen die verräterische Entführung Sentiens und Siegemunds auffs
ärgste schalt; also auch mit beiden alle Zusammenkunft sorgfältig vermeidete.
Weil sie nun beim Germanicus in keinem geringern Ansehen stunden / war es bei
ihm leicht zu erhalten: dass sie nicht allein als angenehme Gäste Fürstlich
unterhalten worden / sondern auch in der Stadt und daherum aller Freiheit / ja
täglich der beliebten Gesellschaft Agrippinens genassen. Diesen zu Liebe ward
auch der Priester Libys / welcher ohne diss auch bei den Römern seiner Weissheit
und Heiligkeit halber wohl gesehen war / und daher seinen Raub ihrer wenig
billichten / mit andern Gefangenen wohl gehalten. Ob auch wohl Germanicus
anfangs willens war / den Tumelich mit einer Anzahl Catten nach Ravenna / wohin
ins gemein die Kriegs-Gefangenen voran geschickt / und im Fechten geübt zu
werden pflegten / zu versenden / um dardurch seinen vermeinten Sieg zu
bescheinigen / so legte sich doch Agrippine mit aller Gewalt darwider / ihm
einhaltende: dass er mit einem vierjährigen Kinde seinen Sieg ehe verkleinern und
verdächtig / als wahr machen / hingegen Tussnelden mit ihm das Hertz aus dem
Leibe reissen / und sich mit dem Nahmen eines grausamen belasten würde.
    Wenig Tage nach des Germanicus Rückkunft schickte ihm Cäcina den gefangenen
Fürsten Dietrich / welchen sein Bruder Melo in dieser Bestrickung selbst gerne
sah / iedoch mit dieser schlechten Zeitung zu: Er hätte zwar mit den Sicambern
den Marsen einen Streich versätzt / wäre aber numehr mit seinen vier Legionen
sehr im Gedrangen / und Hertzog Melo nebst denen andern deutschen Bundsgenossen
fiengen an zu wancken; weil der Feldherr Herrmann mit seinen zusammen gezogenen
Cheruskern auf der einen /Ingviomer und Malovend mit den Bructerern / Dulgibinen
/ Tubanten / und den ihren Hertzog und Siegemund als Rauber verfluchenden
Chassuariern auf der andern Seite ihm auf den Hals / und dem Melo ins Hertze
seines Landes gerucket wären. Uber diss wäre der Graff von Manssfeld und Stolberg
des Nachtes mit der durch die Weser schwämmende Reuterei den Chauzen eingefallen
/ hätten das ganze Lager in Brand und Verwirrung gebracht / etliche tausend
niedergehauen / und wenn Segimer dem Verlass nach mit dem Fuss-Volcke nachgedrückt
hätte / wäre selbigen Tag Hertzog Ganasch mit allen Chauzen und Römern
erschlagen worden. Der Feldherr Herrmann hätte deswegen Segimern abgesätzt / und
das Heer dem Manssfeld vertraut. Uber diss sprengte er allentalben aus: dass
Germanicus nach grossem Verluste für den Catten und Hermunduren flüchtig worden
/ und mit genauer Not über den Rhein entkommen wäre. Am allermeisten aber
trachtete er die zwischen und um das Beltische Meer herrschende Fürsten wider
die Römer in Harnisch zu bringen / und aus der unerschöpfflichen Scheide der
Völcker / nehmlich aus den Nordländern / Gallien und Italien zu überschwemmen.
Zu welchem Ende denn schon sechstausend Cimbern beim Manssfeld ankommen / und
Hertzog Ganasch mit Sack und Pack biss nach Fabiran zurück gewichen wäre.
Germanicus geriet hierüber in keinen schlechten Kummer / weil seine vier
abgemattete Legionen der Ruh von nöten / er auch zu besorgen hatte: dass wenn er
solche unten in Krieg einflöchte / die Catten oben über den Rhein setzen / und
in Gallien einbrechen würden. Mit dieser Zeitung fand sich der zum Unsterne
Deutschlands gebohrne Adgandester auch wieder ein; welcher im Nahmen des Königs
Marbod dem Germanicus wegen der wider die frechen Catten ausgeübten Rache Glück
wünschte / und ihn seiner beständigen Freundschaft mit gewohnten Heucheleien
versicherte. Hierbei rühmte er die treuen Dienste des Fürsten Flavius / und wie
seine Tugend nicht nur würdig wäre / sondern auch König Marbod gerne sehen würde
/ wenn Germanicus ihn in sein väterliches Erbteil einsetzen; also den Ruhm
seiner Siege und Gerechtigkeit vergrössern / und mehr deutsche Fürsten zur
Verträuligkeit anlocken würde / Germanicus könnte nichts grössers tun; denn es
wäre was über-Fürstliches einen Fürsten in seine Herrschaft einsätzen. Flavius
/ welcher beim Cäcina die deutschen Hülffs-Völcker führte / in der Schlacht
wider die Marsen das beste getan / und selbst den Fürsten Dietrich gefangen
bekomen hatte / erinnerte den Germanicus mehrmahls seines ihm getanen
Versprechens. Germanicus sah wohl: dass an diesem Nagel der Abfall aller
Deutschen / und nicht nur sein / sondern der Römischen Waffen Ansehen hieng /
iedoch traute er aus Furcht der Catten nicht / den Ober-Rhein zu verlassen. Weil
aber der schlaue Adgandester diesen ihm im Fusse steckenden Dorn allzuwol merckte
/versicherte er den Germanicus / er wollte beim Marbod zu Wege bringen: dass er
ein grosses Teil seines Kriegs-Volckes gegen die Gräntze der Hermundurer ziehen
/ und durch andere Anstalten den Catten keinen geringen Argwohn eines Uberfalls
einjagen wollte: dass diese ohne diss durch Krieg und Brand ausgesogene Völcker
wohl Galliens vergessen würden. Weil nun aus Italien und Hispanien auffs neue
etliche tausend neugeworbene Völcker ankamen / die bei den Batavern gebaute
Schiffs-Flotte auch fertig lag / und bei der Ubier Stadt angelendet war /
entschloss sich Germanicus endlich die Cherusker im Hertzen anzugreiffen / und
den Flavius zum Fürsten zwischen der Weser / und der Elbe einzusätzen. Er befahl
diesem nach: dass die neundte Legion / welche in Gallien am Britannischen Ufer
lag / gerade gegen der Mosel fortrücken / und Acilius Avola / und Julius Judus
sich mit zwantzig tausend Galliern an Rhein setzen sollte. Lucius Domitius
verfügte sich nach Meintz / samlete daselbst von Rauracern / Tribochen /
Vangionen / und Nemetern ein neues Heer / und sprengte aus: dass er daselbst zwei
in Noricum und bei denen Vindelichern liegende Legionen erwartete. Visellius
Varro ward mit drei tausend Römern / und sechstausend Trierern auf das Taunische
Gebürge in ein fest verschantztes Lager gelegt. Nach dem nun Germanicus diese
und andere gute Anstalten am Rheine gemacht hatte /brach er unvermutet auf /
sätzte seine vier Legionen bei der Ubier Stadt in die fertigen / und teils mit
Friesischen / teils Batavischen Bootsleuten versehene Schiffs-Flotte. Die
Helffte derselben führte Römische Adler / die andere Cheruskische Pferde in
Flacken; und Hertzog Flavius / welchem alle Deutschen und Ausländer untergeben
waren / liess von seinem vergoldeten Schiffe eben so wohl / als Germanicus / eine
Haupt-Fahne wehen. Die Absegelung geschahe mit grossem Geschrei und Frolocken.
Die Boots-Leute hatten alle Mast-Bäume mit Laube bekräntzt / und die Schiffe
waren mit köstlichen Teppichten bedeckt. Auf der Vahalis kamen noch zweihundert
teils mit Galliern und Batavern / teils mit Lebens-Mitteln beladene Schiffe
herauf. Gantz Nieder-Deutschland war bekümmert / wohin denn diese mächtige
Schiffsrüstung angesehen wäre / und erwartete nicht ohne Schrecken / wohin denn
dieser Blitz einschlagen würde. Der kluge Feldherr sah aus allen Umständen wohl:
dass es auf niemanden als ihn gemüntzet wäre; und dass Germanicus durch den
Flavius seinem Kriege einen Schein / und den Cheruskern einen blauen Dunst für
die Augen machen wollte; also entweder wie für Zeiten sein Vater Drusus in die
Elbe oder Weser einfahren / und daselbst aussetzen würde. Daher schickte er in
höchster Eyl den Grafen von Regenstein / von Schauenberg / und Spiegelberg über
die Weser; dass sie daselbst alles für dem Einfalle warnigen / in Waffen bringen
/ die Weser und Elbe durch eingeworffene Bäume unschiffbar machen sollten. Den
Grafen von Benteim / Steinfurt / schickte er mit zehntausend Cheruskern und
Dulgibinen dem Manssfeld an die Seite / um die Weser zubeobachten. Denen nähern
Orten meinte er selbst bei Zeite beizuspringen. Er schrieb an Hertzog Arpus und
Jubil um so viel Hülffe / als sie bei Entfernung fast aller Römischen Macht
entbehren könten / weil das Geschrei von denen ankommenden Legionen aus Noricum
nach Meintz / und das Schwermen der Gallier am Rheine /ein blosses
Spiegelfechten wäre / und mehr aus eigener Furcht / als in Hoffnung die Catten
damit zu schrecken / geschehe. Die Catten auch sich so viel weniger eines
Römischen Einfalls zu versehen hätten / weil kein Feind zwischen dem Rheine /
und der Eder in dem verwüsteten Lande stehen könnte. Cäcina und Melo warteten bei
dem Einflusse der Lippe in Rhein auff den Germanicus; weil ihr Lager in dem
Cäsischen Walde nicht ferne davon stund. Nach seiner Ankunft und Unterredung
ward geschlossen: man sollte dem Feinde bald dar bald dort einzubrechen dräuen;
Und zu dem Ende wollte Germanicus seine und des Cäcina meiste Reiterei / welche
des Nachts in möglichste Stille eingeschifft ward / auf dem Flevischen See
aussätzen: dass sie den Bructerern am Rücken ein Schrecken einjagte. Melo solle
mit seinen Sicambern und Tencterern zwischen der Lippe und Ruhr den Chassuariern
und Catten dräuen; Cäcina das für sich selbst feste Lager nur mit einer Legion /
mit den neu anziehenden Ubiern unter dem Stertinius besätzt / und auf allen Fall
den weichenden Feind verfolgen lassen; Cäcina selbst aber sollte drei Legionen
unvermerckt aus dem Lager ziehen / mit selbten durch das Gebiete der Bructerer
gegen dem Vider-Strome durchbrechen; und an der Emse sollte die ganze Römische
Macht zusammen stossen / um den derogestalt irre gemachten und zerteilten Feind
desto leichter aufzureiben / weil Germanicus / ungeachtet seiner ungeheuren
Macht und so vieler auf seine Seite gebrachter Deutschen / sich dennoch für den
Cheruskern /Catten und Bructerern / wenn sie zusammen stiessen /nicht wenig
fürchtete. Der Anschlag ging anfangs wohl von statten; denn Germanicus und
Flavius kamen bei hohem Wasser auf dem Rheine durch den Drusischen Graben und
die Isel in wenig Tagen glücklich auf die Flevische See / allwo er beim
Einflusse des Vieder-Stroms viertausend Römische Reiter aussätzte / welche sich
mit tausend Batavischen und des Fürsten Cruptorichs fünftausend Friesen
vereinbarten. Pedo führte diese auf denen vom Domitius angegebenen Tämmen von
hinten zu an dem Vider / und Cäcina auf der Seite seine drei Legionen mit zwei
tausend Menapischen und fünff hundert Römischen Reitern den Bructerern über den
Hals; also dass diese Zeitung auf einen Tag dem Hertzog Ingviomer einlief. Eben
selbigen Tag kam der Ritter Horstmar vom Grafen von Mansfeld mit der Zeitung: Er
hätte aus unterschiedener gefangener Römer und Chauzer Aussagen und andern
Anstalten starcke Vermutung: dass die Römische Schiffs-Flotte in die Weser
einfahren / und an selbigem Strome die ganze Macht zusammen ziehen würden. Denn
Hertzog Ganasch liesse daselbst alles / was nur die Hände brauchen könnte / an
Besserung der Wege und Brücken / wie auch Räumung des Flusses arbeiten / und
eine grosse Menge Brod und Lebens-Mittel ausladen / welche mit Batavischen
Schiffen nebst einem Teile Römischen Kriegs-Volckes in selbigem Strome schon
eingelauffen wären. Der Feldherr und Ingviomer waren beschämet: dass sie des
Cäcina und dreier Römischen Legionen Abzug aus dem Lager nicht wahrgenommen
hatten; also beschlossen sie mit ihrer Macht sich rückwerts zu ziehen; Ingviomer
sollte Cäcinen und die Friesen / der Feldherr den Germanicus und die Chauzen
beobachten / Malovend alleine mit seinen noch übrigen Marsen und drei tausend
Bructerern der Endes stehen bleiben / den ihren Heeren folgenden Vorrat
bedecken / und wenn er für einer feindlichen Macht weichen müste / alles hinter
sich verbrennen. Alle aber sollten wohl zuschauen: dass der Feind nicht zwischen
sie kommen / und von einander abschneiden könnte. Der Feldherr eilete so viel er
immer konnte die Weser zu erreichen / ehe Germanicus und Melo zusammen stiessen;
und Ingviomer mühete sich Cäcinen den Weg zu verbeugen / ehe er die Vider
erreichte / und zum Pedo und Cruptorich stiesse. Weil aber diese einen guten
Sprung voran hatten / und die zu Hause gebliebenen Bructerer zu schwach waren
einer solchen Macht die Stirne zu bieten / war diese Vereinbarung zu verhüten
unmöglich. Malovend liess zwar sein Teil des gemeinen Schlusses ihm sorgfältig
angelegen sein; und machte dem ihm mit wohl zweifacher Macht folgenden Stertinius
genugsam zu schaffen /und hielt ihn bald mit Abwerffung der Brücken / bald mit
Verhauung der Bäume / bald mit kleinen Treffen auf. Weil er aber gar zu wohl
wirtschaften / und Ingviomern nicht gerne viel Land verderben wollte /
versätzte ihm Stertinius / nicht so wohl weil er es versah /sondern weil er zum
Unglücke gleichsam versehen war / einen unvermuteten Streich. Denn ein
boshafter Bructerer / welcher wegen Abbrennung seiner Hütte erzürnt war / lief
zum Stertinius und weisete ihm des Nachts um ein schnödes Geld einen kurtzen Weg
über gewisse Tämme; also dass Malovend mit anbrechendem Tage den Feind ihm die
Stirne bieten sah / welchen er hinterm Rücken zu haben vermeinte. Weil nun
weder Zeit noch Platz zu entkommen übrig war; also musste er nur stehen / seinen
Bructerern und Marsen ein Hertz zusprechen: dass sie hier für ihr Leben und
Freiheit tapffer fechten / und zum wenigsten ihre Haut teuer verkauffen sollten.
Denn hertzhaften Leuten wäre es so viel als ein Sieg / wenn sie nicht
ungerochen stürben. Er eilete diesemnach sein Volck zum ersten in
Schlacht-Ordnung zu bringen; welch Vorkommen den Seinigen ein Hertz gibt /dem
Feinde vermindert / und keinen geringen Vorteil gibt / weil man sich der
Gelegenheit des Ortes bedienen / und dem Feinde / ehe es zum Treffen kommt
/schaden kann. Malovend sätzte sich also unverhindert zwischen einen Sumpff /
damit die Seinigen weder auf die Flucht eine Hoffnung sätzen / noch Stertinius
ihnen in die Seite einbrechen konnte. Die vorangeschickten Gallier konten kaum
das Gesichte der Bructerer vertragen; die darauf folgenden Menapier hielten auch
kurtze Zeit Stand / und wurden sie vom Ritter Nortingen und Groben / welche der
Bructerer Vordrab führten / dreimal über Hals und Kopff zwischen die Flügel der
ein und zwantzigsten Legion getrieben; also dass Stertinius / die übrigen
Hülffs-Völcker nicht mehr verzagt zu machen / mit denen Trierern und Ubiern
zugleich seine halbe Legion durch den Cajus Valerius anführen musste. Der Graf
von Zutphen empfieng mit seinem rechten Flügel die Ubier und Trierer nicht
freundlicher als es vorher den Menapiern gegangen war. Denn er schlug sie nach
einem halbstündigen Gefechte in völlige Flucht / wie die Gallier; gleich als
wenn diese deutschen Völcker eben so wohl / wie die Weinstöcke durch Versetzung
in einen frembden Bodem / die edle Eigenschaft ihres Ursprunges verloren
hätten. Malovend / welcher mit den Römern härtere Nüsse aufzubeissen hatte /
musste den Zutphen erinnern lassen / mit dem Nachsatze sich nicht zu übereilen /
damit sie nicht von samen abgeschnitten würden. Massen denn auch Stertinius aufs
neue die sich widersetzenden Gallier / folgends die Menapier und andere
Hülffs-Völcker auf der Bructerer rechten Flügel treffen / und selbtem wo nicht
grossen Abbruch tun / doch ihn abmatten liess. Im lincken Flügel war zwar keine
solche Abwechselung / aber der Kampff viel beständiger und schärffer. Denn
Valerius meinte / dass keine Macht für den Römischen Legionen unzerbrechlich
stehen könnte; und die Bructerer und Marsen / welche ohne diss den Tod für Augen
sahen / also nur nicht ungerochen sterben wollten / stunden wie Mauern / und
fochten wie Löwen / die zum ersten anfallenden zwei Reien der Römischen Schützen
/ Schleuderer und leichten Kriegs-Leute richteten auch wenig aus / und machten
den Deutschen nicht viel zu schaffen; also dass Valerius die zwei andern Reien
der geharnschten und alten Kriegs-Leute mit den Spiessen und andern schweren
Waffen beizeite anführen musste. Hierauf ging der Streit allererst an / gegen
welchen der vorige ein Spiel gewesen zu sein schien. Der Deutschen Waffen
schärffte die Not / der Römer die Ehre; zumahl Stertinius ihnen zurief: sie
sollten sich schämen / dass eine so grosse Macht die handvoll Deutschen nicht
längst verschlunge hätte. Valerius hatte zwar an seiner Schlacht-Ordnung die
Glieder zuförderst zugespitzt /um durch die an eine Ort flügende Geschoss die
deutsche Ordnung zu zertrennen. Dessen ungeachtet hatten sich die Römer in
dreien Stunden keines Vorteils zu rühmen: sondern weil der Graf von Zutphen
seinem Feinde übrig gewachsen war / trennte er von seinem Flügel ein gutes Teil
ab / mit welchem er unter dem Ritter Brunckhorst und Berkelen Malovends lincken
verstärckte / und dieser sich gegen die Römische Spitze wie eine geöffnete
Schere stellen / und das Durchbrechen verhüten konnte. Stertinius ward hierüber
hitzig / und führte die andere Helffte des lincken Flügels auf der Bructerer
rechten. Ungeachtet dieser nun schon lange gefochten hatte / zeigte er doch
gegen seine frischen Feinde keine Müdigkeit. Gleichwol aber liess Malovend den
Ritter Hecklingen und Hammersleben mit der Helffte seines Hinterhalts von
dreihundert alten Marsen ihn zeitlich verstärcken; also ward das Gefechte recht
grausam / und grossen teils verzweiffelt; die Römer hatten zwar zum Vorteil
/dass sie anfangs etwas höher stunden / aber Malovend hatte in Stellung seiner
Schlacht-Ordnung vorsichtig Wind / Sonne und Sumpff zu Gehülffen erkieset. Denn
als sie recht an einander rückten / mussten die meisten biss an die Schienbeine
oder Knie im Kote oder Wasser fechten / dessen die Römer nicht wie die
sumpfichten Bructerer gewohnt waren. Weil nun die Römer nicht weichen wollten /
die Deutschen nicht konten / war dieser Streit so hartnäckicht / als wenn jeder
Kriegsmann sich mit seinem absondern Todfeinde zu schlagen hätte. Dahero sah
man die grausamsten und seltzamsten Gestalten des Todes / und mehr eine rasende
Abschlachtung als einen Kampff. Weil Stertinius nun sah: dass er mit seiner
Menge zwar endlich die Bructerer und Marsen wohl aufreiben /hierüber aber seine
ganze Legion und so viel tausend der besten Hülffs-Völcker zu Schanden richten;
und es ihm nicht besser als jenem Löwen gehen würde /der einen tollen Hund und
rasenden Wolff erbiess /sich also mit seinem eigenen Siege selbst hinrichtete;
führte er seine Legion ab / und alleine die Hülffs-Völcker an; welche aber /
nach dem der Ritter Schwalenberg und Poppenburg mit dem letzten Hinterhalt
herfür rückten / solche so viel leichter zum weichen brachten / weil Stertinius
sie nicht mehr anfrischen liess. Denn er sah für sich nichts heilsamers / als so
verzweiffelten Leuten ein Loch zu öffnen / wormit sie ihre Hartnäckigkeit in die
Flucht verwandelten / und an statt ihrer grausamen Gesichter ihnen den Rücken
zuwendeten. Weil nun Malovend dieses Absehn merckte / seine Marsen und Bructerer
auch das euserste getan hatten / und sie in diesen Pfützen in die Länge nicht
stehen konten / befahl er: Sie sollten / weil die Römer sich auf einer Seite
sätzten / die andere erkiesen / und über die nicht gar weit entfernte
Berckel-Bach / folgends die Lippe zu erreichen trachten. Die Reiterei der Römer
verfolgte sie zwar / aber mehr zum Scheine und ohne andern Abbruch / als dass sie
die allzu sehr Verwundeten / das wenige Geräte mit ihren Last-Pferden im Stiche
lassen mussten. Malovend hatte zwar die Helffte seines Volckes eingebisset; und
er selbst war auch wie fast alle übrig gebliebenen verwundet; der Anzahl aber
nach hatten die Römer zweimahl so viel verloren / und Valerius selbst zwei
Wunden bekommen. Gleichwol machte Stertinius hieraus ein so gross Wesen / als
wenn er der Bructerer ganzes Kriegs-Heer geschlagen hätte; sonderlich weil in
dem eroberten Geräte ein Römischer Adler gefunden ward / welcher vom Varus mit
der ein und zwantzigsten Legion / an welcher Stelle gegenwärtige vom August
aufgerichtet worden war / sollte verloren worden sein. Ob nun zwar die rechten
nach zerstörtem Tanfanischen Tempel in Verwahrung des Feldherrn Herrmañs / der
bekommene aber nur wahrhaftig ein nachgemachter war / um sich desselben zu ein
oder andern Kriegs-List zu bedienen; so hatten die Römer doch über dieser Beute
kein geringer Frolocken / als wenn sie Deutschland biss an die Elbe / oder alle
Morgenländische Schätze erobert hätten. Sie zündeten Freuden-Feuer an / hielten
Gefechte / Pferde-Reñen und andere Spiele darbei; bauten dem Adler ein
absonderlich Altar / opfferten und stellten ihn darauf / bückten sich für diesem
todten Vogel / beteten ihn an / und weil eine Legion nicht mehr als einen Adler
führen darf / schlossen sie ihn endlich in ein geweihtes Behältnüs ein.
Gleichwol ersuchte Stertinius hernach den Germanicus / aber umsonst / er möchte
diese Legion beim Tiberius verbitten: dass sie beide Adler führen möchte. Denn
Germanicus wusste wohl: dass Tiberius keinem Dinge grämer als Neuerungen wäre; und
dass das Vorrecht dieser Legion mehr zum Neide und Schaden / als zu Ehren
gereichen würde. Inmittelst erreichte Cäcina / welcher so wohl als Stertinius das
Gebiete der Bructerer verwüstete / den Vider-Strom. Germanicus aber lief über
alles Vermuten der Deutschen / insonderheit aber des Feldherrn / welcher schon
die Landschaft der Tubanter und Chamaver / und mit dem Vordrabe die Weser
erreicht hatte / in der Ems ein; führte auch auf der unzählbaren Menge
mitgebrachter kleiner Schiffe und Nachen alles sein Fuss-Volck auf selbigem
Flusse /biss wo der Hase-Strom hinein fällt; die Reiterei aber ging auf der
lincken Seite herauf / und wo die Aa sich mit der Emsse vermischet / kamen
Germanicus /Cäcina / Stertinius / Pedo / Cruptorich / mit acht Römischen
Legionen und mehr als vier und zwantzig tausend Hülffs-Völckern zusammen.
Bojocal aber hatte mit seinen / und Plancus mit drei tausend Römischen Völckern
das an der Weser wieder hinauf ziehende Kriegs-Herr der Chauzen verstärcken
müssen. Germanicus liess zwar aller Orte ausblasen / offene Briefe anschlagen /
und schickte sie mit Herolden herum: dass er nicht kommen wäre / die Cherusker
und andere Deutschen zu bekriegen / sondern ihren nichts minder den Römern
beliebten / als den Cheruskern anständigen Fürsten Flavius in sein Erbteil
einzusätzen / welches der unruhige Herrmann wider seines Vaters willen und das
Recht des Geblütes vorentielte. Daher sollten sie ihre Waffen mit denen des
Flavius vereinbahren. Auf gleiche Weise schrieb Flavius selbst an alle Kreisse
des Cheruskischen Gebietes /mit der Versicherung: dass so bald sie ihn für ihren
rechtmässigen Fürsten aufnehmen würden / Germanicus die Römischen Adler zurück
über den Rhein führen / und der Deutschen Freiheit nicht im geringsten
bekräncken würde. Die Liebe und das Ansehn gegen den Feldherrn / und der Hass
gegen den Flavius und die Römer war aber so gross: dass zu grosser Verwunderung
des Germanicus sich nicht ein einiger Cherusker zum Flavius fand; da doch sonst
kein Fürst in der Welt so löblich herrschen kann / welcher nicht seiner Tugend
halber den Bösen beschwerlich / und wegen unvermeidlicher Straffen unerträglich
heisse. Der Feldherr sätzte sich bei vernommener Ankunft der Römer an den Hase-
und Ingviomer oben an den Emsse-Strom / wo er vom Einflusse zweier anderer
schiffbar wird; weil sie nun nicht begreiffen kunten /wohin es mit dieser
ungeheuren Macht angesehen wäre / blieben sie daselbst feste stehen / um ihr
Volck ohne Not nicht ferner abzumatten. Sie erfuhren aber bald / dass der ganze
Schwarm auf der lincken Seite der Emsse hinauf zoh; westwegen Ingviomer auf die
rechte Seite übergieng / und der Feldherr sich selbigem näherte; auch von dem
Grafen von Mansfeld an der Weser so viel Volckes an sich zoh / als er seinem
Bedüncken nach entpehren konnte; weil doch dem Ansehen nach / es weder dem Melo
noch Bojocaln ein rechter Ernst war / für die Römer grosse Taten zu tun.
Sesitach hielt zwar bei dem Feldherrn an: dass seinem Vater das Heer an der Weser
wieder vertraut werden möchte / aber der Feldherr entschuldigte es: dass er
solches ohne Ursache dem Grafen von Mansfeld / welcher sich so wohl gehalten
hätte / nicht wieder nehmen könnte. Wenn aber Segimer bei ihm selbst fürs
Vaterland fechten / und die Scharte auswetzen wollte / würde er ihm in seinem
Kriegs-Heere einen anständigen Platz anvertrauen. Denn Hertzog Herrmann hielt
darfür: dass Segimer nicht so wohl aus Versehen als Vorsatz des Mansfeldes Sieg
nicht verfolgt hätte / entweder weil er diesem die Ehre nicht gönnte /oder mit
seinem Bruder Segestes und dem Melo ein heimliches Verständnüs hätte. Daher
wollte der Feldherr mit Segimers neuer Erhöhung ihm keinen nagenden Wurm des
Misstrauens in Busem sätzen. Sesitach schied also mit Verdruss vom Feldherrn / und
sagte dem Nassau: Ich sehe wohl: dass man dem Sohne wenig zutrauen wird / dessen
Vater man für einen Verräter hält. Und noch selbigen Abend verlohr sich
Sesitach: dass niemand wusste wo er hinkommen war. Als der Feldherr diss erfuhr /
sagte er: Es ist unser Glück: dass sich die / welche es mit uns und dem
Vaterlande nicht wohl meinen / unser entäusern. Denn ein es nicht redlich
meinender Mann kann in einem Kriegs-Heere mehr schaden als tausend aufrichtige
nützen. Germanicus liess inzwischen sich nirgends was auf halten; sondern eilte
geraden Weges dem Deutschburgischen Heine / wo Varus erschlagen war / zu / die
Uberbleibungen der daselbst umgekommenen Legionen zu begraben. Cäcina /
Stertinius und Pedo wunderten sich über diesem Schlusse / und meinten: es wäre
diesen heiligen Vorsatz zu vollziehen noch Zeit genung /aber diese nicht zu
verliehren: dass man in Eyl über die Emsse sätzte / zwischen den Feldherrn und
Ingviomer eindringe / dass sie sich nicht zusammen ziehen könten; auch dem Feinde
/ ehe er von Cimbern / Catten oder andern Völckern Hülffe bekäme / auf den Hals
gienge. Uber diss dörffte auch das Kriegs-Volck durch einen so traurigen Anblick
der Leichen und Gebeine verzagt gemacht / und von vielen Abergläubigen für ein
unglückliches Zeichen angenommen werden: dass einer so grossen Macht erste
Verrichtung sein sollte Todten begraben. Aber Germanicus / wie gerne er sonst
guten Ratschlägen folgte / liess ihm hierinnen nichts einreden. Daher
gemutmasset ward: es rührte dieser Eyver entweder aus einem hinterlassenen
Befehle des Käysers August oder aus eigenem Geliebde her. Etliche erzehlten: es
wäre Varus dem Germanicus im Traume erschienen / und hätte ihn um Beerdigung der
unbedeckten Gebeine ersuchet. Also musste nur Cäcina mit seinen Legionen voran;
die von fliehenden Einwohnern allentalben abgeworffenen Brücken und verderbten
Tämme wieder machen / und die Wälder ausspühren / damit sie nicht von
verstecktem Volcke unversehens überfallen würden. Die ganze Römische Macht kam
also unverhindert zwischen der Ems und Lippe in den Deutschburgischen Hein
/welcher so wohl seiner Düsternheit / als des kläglichen Andenckens halber / an
sich selbst grausam genug aussah. Alles rückte auch ganz stille fort; gleich
als wenn diese traurige Einsamkeit niemanden zu reden /weniger ein Spiel zu
rühren verboten hätte. Anfangs gerieten sie an den Ort / wo für sechs Jahren
des Varus Lager gewesen war / drei damals durch die Wälder noch entkommene
Kriegs-Knechte zeigten dem Germanicus die noch kentbaren Hügel / worauf die drei
Adler gestanden hatten; und die Ausmässung der Weite rechtfertigte ihr Sagen /
weil in Römischen Lagern und Schlacht-Ordnungen alles auf einen Fuss genau
ausgerechnet wird / und eintreffen muss. Das Kriegs-Volck verehrte noch diese
alte Stellen / wo die Adler gestanden / weil sie ihnen heilig sind / und bei
selbten was böses zu tun / für zweifaches Laster /und schlechterdings für
halsbrüchig gehalten wird. Hierauf kamen sie zu den eingerissenen Wällen /
verfallenen Gräben / worein die Uberbleibung des geschlagenen Heeres geflohen
war. Als sie aus dem Gepüsche kamen / fielen ihnen die von unzählbaren Gebeinen
weiss schimmernde Felder der Wahlstadt ins Gesichte; Uber welchem Anblick jedem
die Haut schauerte / und die Haare zu Berge stunden. Mit den Menschen-Beinen
waren auch die Pferde-Knochen und zerbrochene Waffen vermischt. An den
Strimpfeln der Bäume sah man unzählich viel Hirnschädel stecken / woran die
Deutschen die abgehauenen Köpffe gespisst hatten. Die entrunnenen Römer /und noch
besser etliche Chauzische Kriegs-Leute /weisten auch alle Orte an / wo der erste
Angrief geschehen; wo die Römer hätten Stand halten müssen; wo Herrmann / wo
Arpus / wo Ganasch / Segestes und andere Fürsten gefochten; wie sie die
Römischen Obersten erlegt / und dem Varus die erste Wunde versätzt; und wo er
ihm selbst den Degen in Leib gestossen hätte. Endlich wurden den Römern auch die
Höhe / wo der Feldherr nach erlangtem Siege zu dem Heere geredet / wo man die
heiligen Adler verspottet hatte /gewiesen. Und in dem nechsten Heine waren die
aus Rasen gemachten Opffer-Tische / darauf man die vornehmsten Gefangenen
geschlachtet hatte / die Gruben und andere Merckmaale noch kentlich. Das über
dieser Dinge Betrachtung entstandene Schrecken wandelte sich endlich in eine
Wehmut / als Germanicus /welchem selbst die Augen voll Wasser stunden / ihm ein
Grabescheit reichen liess / und den ersten Rasen zu einem Grabe ausstach. Niemand
war / der es ihm nicht begierig nachtat / die Beine ihrer vermeinten Brüder und
Bluts-Verwandten mit bitteren Tränen netzte / und ohne Sorge: dass es vielleicht
frembde wären / unter die Erde verscharrete / hierüber aber wider die Deutschen
im Hertzen sich heftig erzürnten. Welch Beginnen Tiberius / entweder weil
Germanicus ihm nichts recht machte / oder weil er eben wie Cäcina gesinnet war /
zu Rom aufs ärgste auslegte /und ihn beschuldigte: dass ihm als einem geweihten
Priester des vergötterten August / und als einem Wahrsager nicht geziemet hätte
Todten-Beine anzuschauen / weniger zu berühren. Er hätte sich ja zu erinnern
gehabt / wie er Tiberius und August bei ihren Begräbnüs Reden zwischen sich und
die Leiche einen Vorhang sätzen lassen / um sich durch ihren Anblick nicht zu
verunreinigen. Ja Sylla hätte sich von Metellen seiner dem Sterben nahen Ehfrau
geschieden / dass er sie mit Fug aus dem Hause brächte / ehe sie eine Leiche
würde / und ihn oder sein Priester-Haus unrein machte. Der Feldherr Herrmann /
welcher inzwischen bis an die Lippe / wo die Else darein fällt / sich genähert
hatte / verstand allzu wohl: dass im Kriege nichts so geringe wäre / was nicht was
grosses nach sich ziehen könnte; und also wusste er bei seinem Kriegs-Heere dieses
Fürnehmen der Römer ihm gewaltig nütze zu machen. Denn / sagte er: diese Römer
haben wohl Ursache der erschlagenen Legionen Gebeine zu begraben / damit ihre
daselbst desto besser Raum / und ihre Nachfolger gegen ihre Leichen gleiche
Barmhertzigkeit haben. Lasset uns sie an eben diesem für uns so heilsamen / für
sie so unglücklichen Orte angreiffen! nicht alleine / weil das Verhängnüs eben
so an einerlei Orten einerlei Wercke auszuüben / wie der Blitz oft in einen
einmal berührten Baum einzuschlagen pflegt / sondern weil ich weiss: dass den
Römern daselbst für Schrecken alle Glieder zittern / und das Hertz im Leibe
bebet. Diesen Vorsatz liess er durch den Ritter Ringelheim dem beim Brunnen der
Ems stehenden Ingviomer wissen / und ihn ermahnen / er sollte gleicher gestalt
geraden Weges auf die Römer lossgehen. Der Feldherr ruckte auch mit seinem zum
Streite begierigen Heere biss an die zwischen der Lippe und Ems flüssende Bach
fort. Weil ihm aber der Ritter Spiegelberg sieben Römische Gefangene brachte /
welche bekennten: dass Cäcina und Cruptorich auf die Bructerer / Germanicus aber
/ Silius und Pedo gerade auf die Cherusker los gingen / und das Römische Heer
hinter dem nechsten Gehöltze in vollem Anzuge wäre / befahl der Feldherr: dass
sein Heer sich in den nechsten Eichwald zurück ziehen sollte /um dem Feinde desto
unvermuteter einzufallen. Jedoch kam der Römische Vordrab ehe durch das
Gehöltze / als die Cherusker sich mit dem Walde decken / und des Feldherrn
Befehl gar vollzogen werden konnte; daher liess Hertzog Herrmann die noch etwan in
der Fläche sichtbaren zehntausend Cherusker stehen; befahl aber dem Grafen von
Waldeck und Falckenstein: dass so bald die Römer sie mit ihren Legionen
angreiffen würden / sie gegen dem Walde weichen / und so wohl sich flüchtig als
furchtsam anstellen sollten. Germanicus / als ihm die Anwesenheit des Feindes
angesagt ward / befahl: dass die Legionen durch das Gehöltze forteilen /
inzwischen aber die Gallier sich an den Feind / dass er ihnen nicht entwischte /
hencken / und Flavius mit den Tribochen /Rauracern / Vangionen / Trierern /
Nemetern / und Ubiern / solchen mit Gewalt angreiffen sollten. Sacrovir / welcher
in dieser Zeit an Adel und Tapfferkeit der vornehmste in Gallien sein wollte /
machte mit einem schrecklichen Geschrei / welches bei vielen Völckern gleichsam
des Krieges Tochter und der schimmernden Waffen Vorklang ist / den Anfang /weil
sie sich einbilden: dass dem Feinde dadurch eben so wohl als durch feurige
Helden-Augen die erste Furcht eingejagt werde. Er führte zwei tausend Heduer.
Diese sätzten zwar nach Eigenschaft aller Gallier / welche nicht wie die Römer
nach Anweisung ihrer Befehlhaber und in guter Ordnung / sondern nur aus einem
blinden Triebe / nach ihrer Willkühr fechten /tapffer an. Nach dem aber der
Ritter Löwenburg nur mit vierhundert Cheruskischen Reutern ihre erste Hitze
unerschrocken austauerte / überlegte sich ihr Eyver wie die Schneide in gar zu
scharffen Messern /hingegen wuchs die Hefftigkeit bei den Cheruskern /also: dass
nach dem Kwerenfurt dem Sacrovir die Lantze durch den Arm gerennet hatte / er
mit samt seinen Galliern biss zwischen das Fuss-Volck gejagt ward. Noch ärger ging
es auf der andern Seite dem Julius Florus mit seinen zwei tausend Trierern und
Bellovacken / welchen der Ritter Groben mit dreihundert Chassuarischen Pferden
über Hals und Kopff zurück jagte / worüber Florus selbst stürtzte / und ein Bein
brach; Beide aber wahrmachten: dass die Gallier im Anfange mehr als Männer / in
Verfolgung des Streits aber weniger als Weiber wären. Wiewohl auch Orgentorich
mit den Seqvanern den Sacrovir / und Holderich mit den Aqvitaniern den Florus
ablösete /waren doch vorige Deutschen genung / auch diese mit blutigen Köpffen
abzufertigen. Nach dem aber Flavius mit denen über dem Rheine wohnenden
Deutschen anrückte / ging es zwar etwas schärffer her; aber ein Cherusker war
doch ihrer zweien gewachsen; also /dass ob zwar Flavius zweimahl so starck als
die ausserhalb des Waldes fechtenden Cherusker war / er doch weichen musste /
weil der Graff von Falckenstein mit seinen tausend Reutern wie ein Blitz bald
auff einer / bald der andern Seite ein- und durchbrach. Cariovalda und
Cruptorich kamen mit tausend Batavischen und fünffhundert Friesischen Reutern
zwar dem Flavius zu Hülffe / und bot dem Falckenstein die Stirne / machten also
bei der Reuterei ein ziemlich gleiches Gefechte; der Graff von Waldeck aber
erlegte beim Fuss-Volcke den Führer der Vangionen und Nemeter / Dorulach; worüber
der ganze lincke Flügel in Verwirrung / und als der Ritter Woldenburg mit
fünffhundert Angrivarischen Reitern solchen zugleich auf den Hals ging / in
offenbahre Flucht geriet; also dass Germanicus dem Lucius Apronius und Publius
Vitellius mit der andern und vierzehenden Legion anzurücken / und dem Pedo die
Helffte der Römischen Reuterei auf den Feind los gehen zu lassen / befahl. Bei
diesem Erfolg brach auf der einen Seite der Grass von Schwartzenberg / Barby /
Eberstein / und die Ritter Gebigenstein / Mulingen / Arnburg / Ardenberg und
andere; Auf der andern Seite der Graf von Oldenburg / Rietberg / und
Schwalenberg / die Ritter Osterburg / Gutzkott / Deipholtz / Wintzenberg
zusammen / mit fünftausend Reutern herfür. Der Graf von Nassau aber rückte mit
sechstausend Cheruskern gegen die andere / und der Graf von der Lippe mit so
vielen gegen der vierzehenden Legion heraus / und grieff selbte auff der Seiten
an: also / dass Apronius und Vitellius die Schlacht-Ordnung wenden mussten.
Inzwischen ging es zuförderst scharff her; und Flavius unterliess nichts am
Ampte eines klugen und tapffern Feld-Hauptmanns; weil dieser Tag ihn entweder
zum Fürsten über die Cherusker / oder zu einem ewigen Auswürfflinge machen
sollte. Sechs Fahnen von der andern und vierzehenden Legion hatten auch zwar den
Riss der Vangionen und Nemeter zugestopfft / und sie wieder zum Stande gebracht;
alleine es wollten nun auch die Rauracer / Tribochen / und Ubier brechen. Wie nun
Flavius dahin eilte vorzubeugen / sprengte ihn der Graf von Ascanien an; und
weil er ihn aus den Cheruskischen Helmbinden erkennte / schrie er auf ihn: Halt!
halt! du Verräter des Vaterlandes / meinestu nicht: dass die Göttliche Rache auf
so undanckbare Kinder ein stets wachendes Auge habe? Meinestu nicht: dass / nach
dem du so blind wider die Freiheit Deutschlands streitest / du zugleich in dein
Verterben rennst? Allen so verbländeten Kindern muss man bei Zeiten die Augen
ausstechen. Flavius musste also Stand halten / und seinem Feinde begegnen;
welcher aber im Zusammenrennen mit seiner Lantze / wie der gegen den König
Philip in Macedonien fechtende Asterus mit seinem Pfeile das Gelücke / oder die
Geschickligkeit hatte / dass er durch das Gegitter des Helmes ihm das lincke Auge
ausstach / wovon er mit vieler Blutstürtzung vom Pferde fiel / und von denen zu
seiner Leibwache bestellten Rittern / und denen zwischen die Pferde vermischten
leichten Läuffern /mit genauer Not aus dem Gedränge / und zum Germanicus
gebracht ward. Hierüber giengen die Rauracer / Tribochen / und alles dem Flavius
untergebene Kriegs-Volck über einen Hauffen / und ward von den Cheruskern in
einen Sumpff getrieben / worinnen die meisten entweder durch lange Spiesse
erstochen wurden / oder erstickten; weil zumahl das eben gewachsene Gras machte:
dass man es für festen Bodem ansah / hiermit liess sich allererst der Feldherr
sehen /welcher mit grossem Geschrei sein Volck auf die zwei Römischen Legionen
anführte. Dieses nötigte den Germanicus: dass er den Pedo mit der völlige
Reuterei / und den Silius mit der noch verdeckten dreizehnden und sechzehenden
Legion ins Blancke herfür rücken liess. Der Feldherr / welcher nicht eigentlich
wusste / wo Cäcina stünde / ob er gegenwärtig wäre / und allezeit ein Auge hinter
sich haben musste /dass er nicht von Cäcinen rückwerts angegriffen würde / ward
zweifelhaft: ob er so spat / und nach dem die Cherusker meistenteils einen
halben Tag sich mit unaufhörlichem Gefechte ermüdet hatten / mit allen vier
Legionen anbinden sollte. Zumahl durch die Legionen das flache Feld ziemlich
angefüllet; also der Cheruskischen Reuterei / worauf Hertzog Herrmann sich am
meisten verliess / der Raum sich zu schwencken ziemlich enge gemacht ward.
Zugeschweigen: dass er auch nicht gerne / wie starck er wäre / dem Feinde
verraten wollte / und auf einmal alles auf die Spitze zu sätzen / sondern die
Römer in diesem harten Lande nach und nach abzumergeln / und ihnen die
Lebens-Mittel abzuschneide für sicherer hielt. Eben dieser Kummer hielt den
Germanicus zurücke: dass er den Silius die drei und sechzehnde Legion nicht
angreiffen liess; sonderlich / weil er über einen Hügel etliche Fahnen Cimbrische
Reuter und Cattische Fussknechte zu dem Treffen eilen sah / welche der Graf von
Manssfeld dem Feldherrn zuschickte. Sintemahl er besorgte: dass von beiden
Völckern eine grosse Verstärckung dörffte in der Nähe sein; Weil zumahl die
Bataver einen Hermundurer mit Brieffen an Feldherrn aufgefangen hatten /
darinnen Hertzog Jubil berichtete: dass er mit sechstausend Hermunduren / und so
viel Catten / in der Nähe wäre. Nach dem nun beide Feldherren auff einerlei
Zweck zielten / nämlich sich mit guter Art von einander los zu machen /ward es
so viel leichter vollzogen. Die Deutschen übernachteten nahe der Wahlstadt / in
eben selbigem Walde / und machten sich über ihrem Siege / mit ihren Pfeiffen /
Drommeln / und Lob-Liedern des Feldherrn lustig. Und Hertzog Herrmann sprengte
den Feind so viel mehr zu schrecken / eine Ruff aus: dass selbigen Abend zwantzig
tausend Catten / Hermundurer und Cimbern ihm zu Hülffe ankommen wären. Hierdurch
ward verursacht: dass die Römer sich durch das Gehöltze zurück zohen / und sich
aus Furcht des Nachtes überfallen zu werden verhieben. Weil Flavius auch von
seiner empfangenen Augen-Wunde sich in Gefahr seines Lebens befand / schickte er
ihn auf einer Senfte zurück auf die in der Emsse gelassenen Schiffe / daselbst
der zur Heilung nötigen Ruhe besser zu genüssen. Germanicus war über dem
Verluste selbigen Tages nicht wenig bekümmert / sonderlich weil er noch selbigen
Abend Schreiben bekam: dass Hertzog Arpus den Visellius Varro auf dem Taunischen
Gebürge belägert / der bei dem Altare des Bacchus über den Rhein gegangene
Hertzog Catumer aber dem Aviola und Indus einen gewaltigen Streich versätzt /
und biss an Trier in Gallien / wie die Römer bei den Marsen und Bructerern /
gehauset hätten. Uber diss erzählten unterschiedene Kriegs-Leute so seltzame
Begäbnüsse / welche ihnen entweder aus besonderer Schickung Gottes begegnet /
oder von Furcht und Aberglauben ihnen vorgebildet worden waren; Denn einige
meinten: sie hätten unter den Deutschen feurige Reuter auff weissen Pferden
wider sich streiten sehen / für welchen kein Mensch hätte stehen können /
sondern alles wie für dem Blitze zu Bodem gefallen wäre. Derogleichen Gehülffen
die Locrenser wider die Crotonienser / die Römer wider die Lateiner bei dem
Regillischen See / in Macedonien / wider den König Perses / und Marius auf den
Alpen wider die Tuguriner am Castor und Pollux gehabt haben sollen. Andere
sagten: sie wären von Bären / Luchsen und Wölffen / welche ungeheure Jäger auf
sie gehetzet und verfolget; etliche von wütenden Weibern welche mit zerstreueten
Haaren sie angefallen / zerkratzet worden; davon sie die Merckmaale weiseten.
Uber dieses / schlug der Blitz harte bei dem Adler der sechzehenden Legion in
eine Eiche ein; und gegen Mitternacht erhob sich um das Römische Heer ein
grausames Geschrei und Gehetze / als wenn etliche tausend Jäger und Hunde Wild
verfolgten / da doch nirgends etwas zu sehen war / und das Kriegs-Volck so viel
mehr in Schrecken verfiel / und einer dem andern das klägliche Beispiel des
Varus für Augen stellte. Germanicus meinte zwar dem Kriegs-Volcke auf solche Art
/ wie Chabrias seiner Schiffsflotte das vom Blitz entstandene Schrecken /
auszureden / meldende: Sie hätten niemahls mehr Ursache gehabt / ein gut Hertze
zu haben / als nun / da der gröste der Römischen Götter Jupiter mit einem so
hellen Strahl seine Ankunft und vorhabende Hülffe / durch die Jagt aber zu
verstehen gäbe: dass die Römer ihre Feinde / welche von wilden Tieren wenig zu
unterscheiden wären / in die Flucht jagen würden. Aber dem Germanicus selbst war
nicht wohl darbei / und er ward bald mit einem nachdencklichen Begäbnüss
beunruhigt. Denn als er in seinem innersten Zelt an Tiberius / und seiner
Gewohnheit nach / wie Kayser Julius / die Begäbnüss des vorher gegangenen Tages
auffschrieb / stellte sich ihm Qvintilius Varus ganz blutig für den Tisch.
Germanicus erschrack; iedoch erholte er sich / dass er nach seinem Verlangen
fragte /welchem des Varus Geist antwortete: Er käme ihm für die Beerdigung der
unbedeckten Römischen Gebeine Danck zu sagen / und zur Vergeltung zu raten: dass
er ohn einigen Verzug von diesen Orten / derer Schutz-Götter sich selbst wider
ihn wegen Abhauung gewisser heiliger Bäume verschworen und gerüstet hätten /
weichen sollte / wo er nicht auf seine Art umkommen wollte. Germanicus besaan sich
eine gute weile / ob er schlieffe / und ob ihm träumte. Nach dem er aber seines
Wachens / und wahrhaften Gesichtes / allzuwol sich versichert befand / überfiel
ihn ein solch Schrecken: dass er von Stund an Befehl erteilte / das Heer sollte
aufbrechen / und sich wieder über die gemachten Brücken an die Ems ziehen. Damit
es aber bei seinem ohne diss zaghaften Volcke nicht den Schein einer Flucht
hätte / gab er für: Cäcina hätte den Ingviomer über die Emsse getrieben; also
sollten sie den flüchtigen Bructerern disseits den Weg verbeugen. Hingegen
schickte er dem Cäcina eben diss zu tun / und dass er keinen vermeinten Befehl
oder sonst etwas sich darvon sollte abhalten lassen / scharffen Befehl zu.
Ingviomer war auf des Feldherrn Erinnerung aus dem Tale / darinnen die Emsse
entspringt / dem Cäcina so unvermutet auf den Hals gerückt: dass der Ritter
Ravensberg und Arnburg mit tausend Reutern seitwerts in die fünfte / Ansleben
und Wippra aber mit sieben hunderten in die erste Legion einbrachen / ehe Cäcina
von Anwesenheit eines Feindes wusste; und hierauf allererst hatte der Graf von
Teckelnburg den Römischen Vordrab / welcher an Batavischer und Menapischer
Reuterei bestand / biss an das voranziehende Ubische und Trierische Fussvolck
zurück gejagt. Ob nun zwar dieser Anfall mehr Schrecken als Schaden machte /
weil die Bructerer sich bei gemachter Verfassung zur Gegenwehr wieder zurück
ziehen mussten; So wollte doch Cäcina ehe er von Beschaffenheit seines Feindes
besser Nachricht erhielt / nicht fortrücken / sondern sätzte sich an einem
vorteilhaftigen Orte zwischen der Ems und dem Vurle-Strome. Des Nachtes aber /
so bald er vom Germanicus die Nachricht erhielt / brach er unvermutet auf / und
stiessen auf den Morgen beide Römische Heere zusammen / welche allen
ersinnlichen Fleiss anwendeten / geschwinde über die Brücken zu kommen. Ja ihre
Flucht so viel mehr zu beschleunigen / mussten die noch übrigen Hülffs-Völcker /
und die meiste Reuterei bei diesem Sumpffe und Brücken durch die Ems sätzen /
und auf der rechten Seiten dieses Flusses hinab ziehen / und zwei Meilen
unterwerts aufs neue übergehen. Der Feldherr und Ingviomer / welche ihnen von
einer so ungeheuren Macht nichts weniger / als die Flucht konten träumen lassen
/wurden auf den Morgen allererst des verhöleten Aufbruchs gewahr / und kunten
sich nicht genung über denen verhauenen Wegen / und dem im Stiche gelassenen
Kriegs-Geräte und Vorrate verwundern; daher beide zwar ein Teil der Reuterei
/ und der fertigsten Läuffer mit Aexten nachschickten; iedoch weil ein ieder
grober und sichtbarer Fehler des Feindes einem vorsichtigen Kriegshaupte
allezeit verdächtig sein soll / gab Hertzog Herrmann ihnen genauen Befehl: Sie
sollten sich die übermässige Begierde zu siegen nicht verbländen lassen / sondern
sich wie ihre Vorfahren unter dem Brennus / welche einen ganzen Tag und Nacht
aus Beisorge einer Hinterlist sich nicht in die angelweit offenstehende Stadt
Rom wagen wollten / wohl in acht nehmen: dass sie durch diese unbegreifliche Flucht
nicht in ein Netze gelocket würden. Der Graf von Ravensberg / die Ritter
Stromberg / Eckerstein / und Wiedenbrug / welchen diese Gegend aufs genauste
bekandt war / arbeiteten sich zwar durch: dass sie um Mittag an die Römer kamen;
und weil sie nunmehr ihrer Flucht allzugewiss versichert waren / hiengen sie sich
an den Römischen Nachzug /welcher das noch immer übergehende Fuss-Volck bedeckte;
und kam es alldar zu einem harten Treffen /ob schon die Gelegenheit des Ortes
den Deutschen den Angriff schwer machte / welche durch eitel Sümpffe sätzen
mussten; dahingegen die Römer einen Hügel zum Vorteil hatten / welcher gewiss
ihnen zur Rettung diente / und hernach auch zum Gedächtnis der Rettberg
genennet ward. Also kamen die durch ein Panisches Schrecken gleichsam
entmanneten Römer dissmahl mit genauer Not zwar ohne grossen Verlust ihres
eigenen Volckes davon / sie verspieleten aber alle ihr Ansehen bei den Deutschen
/ welche auf sie viel spöttische Lieder machten / und den Germanicus einem
trächtigen Elephanten verglichen / welcher mit grossem Wehen eine Maus geboren
hätte.
    Germanicus und Cäcina sahen sich / biss sie die Schiffe in der Ems erreichet
hatten / nicht um; ausser / dass sie hinter sich alle Brücken und Tämme
verterbten. Der Feldherr und Ingviomer empfanden bei ihrer Vergnügung alleine
diese Unlust: dass sie den fliehenden Feind wegen zernichteter Wege nicht
einholen konten; also dass Germanicus bei Zusammenflüssung der Emse und Hase sein
Fuss-Volck von vier Legionen wieder zu Schiffe brachte / und nach dem Meere Tag
und Nacht zu rudern / die Reuterei aber auf der lincken Seiten der Ems
fortrücken liess; dem Cäcina aber Befehl erteilte: er sollte über die Tämme des
Domitius / so gut und geschwinde er könnte / gegen dem Rheine forteilen. Zu
dessen kluger Bewerckstelligung er ihm deñ den Lucius Apronius an die Seite
sätzte. Beim Feldherrn gab sich der Graf von Lingen an; dafern ihm an Aufhaltung
des Germanicus was gelegen wäre / bäte er um funffzig auserlesene Reuter; denn
mit diesen traute er auf der rechten Seite der Ems dem schiffenden Germanicus
und seiner Reuterei vorzukommen. Und wollte er versuchen / die bei Amisia
liegenden Schiffe der Römer in Brand zu stecken. Dem Feldherrn schien dieser
Anschlag zwar schwer und gefährlich zu sein; weil aber Lingen seine Anstalt
ziemlich glaubhaft entwarff / wie er nehmlich sich und die Seinigen für Chauzen
ausgeben / und seiner bekandten Leute sich bedienen wollte / willigte der
Feldherr: dass er ihm die verlangten Reiter selbst auslesen / und sein Heil
versuchen sollte. Der Graf erkiesete ihm solche noch selbige Stunde / schwämmete
des Abends mit dem Ritter Ludingshausen und Kappenberg an einem entlegenen Orte
durch die Ems /dass es niemand inne ward. Weil nun alle Chauzisch redeten / und
auf ihre Landes-Art aus Häuten von See-Fischen Schilde führten / kamen sie ohne
alle Hindernüsse des folgenden Tages Abend eine Meile von der Stadt Amasia an /
allwo sie in einem Eich-Walde auf einem Hügel / unter dem Scheine: dass sie wegen
sich anschwellender Flutt nicht weiter / und nach Amisia hätten kommen können /
bei etlichen Fischern ihr Lager aufschlugen. Diesen zahlten sie reichlich die
Fische und das Grass / welches die armen Leute für ihr Rindvieh gesammlet hatten.
Der Graf von Lingen fieng hierauf mit Ludingshausen und Kappenbergen an von den
Römern verkleinerlich zu reden; und dass sie diesen frembden Völckern zu Gefallen
so viel Ungemach ausstehen / ihre Brüder und Bluts-Freunde die Bructerer und
Cherusker bekriegen sollten / nach dem die Chauzen / wie vormahls schon unter dem
Drusus und Tiberius geschehen wäre / eben so wohl zu Knechten gemacht werden
würden. Ihr gutertziger Fürst Melo bereuete schon: dass er sich mit diesen
furchtsamen Frembdlingen so vertieffet hätte /welche über Hals und Kopff für den
Cheruskern und Bructerern lieffen / und ihn numehr im Stiche lassen würden.
Daher sein gröster Kummer wäre / wie er diese flüchtige Bunds-Genossen nur so
lange aufhalten könnte / biss er sich unter der Hand mit den Cheruskern und
Bructerern wieder aussöhnen möchte / welche sonst über die verlassenen Chauzen
ihre Rache so viel grimmiger ausüben würden. Ludingshausen verjahete in allem
seine Meinung / sagte aber: Es stünde ja ins Hertzog Melo Gewalt: ob er die
Römer fortlassen wollte oder nicht. Lingen fragte: Welcher gestalt? Ludingshausen
versätzte: Weñ er ihnen die bei der Stadt Amasia am Strande liegenden Schiffe
nicht abfolgen lässt. Kappenberg fiel ein: So kriegten wir mit den Römern selbst
Händel / und also auf einmal zwei Feinde. Der eine mit allem Fleiss zuhörende
Fischer redete darzwischen / und sagte: Es liegen die wenigsten Römischen
Schiffe zu Amasia / sondern die meisten bei denen zwei Schantzen / welche die
Römer unterhalb Amasia auf beiden Seiten der Emse gebauet haben / und die
grösten bei dem Eylande Burhanis. Ludingshausen fieng an: Welch einen guten
Dienst würde einer dem Hertzoge Ganasch und dem Vaterlande tun / der den Römern
ein Teil der Schiffe anzündete: dass sie bei uns Stand halten müsten /und ich
selbst wollte einem hundert güldene Müntzen geben. Lingen sätzte bei: Ich wollte
ihrer wohl zwei hundert darzu schüssen. Der Fischer fieng an: Wenn er versichert
wäre: dass seinem Fürsten dadurch ein Dienst geschähe / und er eine so stattliche
Belohnung gewiss zu gewarten hätte / traute er ihm mit seinen zwei Gefärten
solches unschwer auszurichten. Der Graf von Lingen versicherte ihn dessen; und
dass des Fürsten Ganasch Belohnung noch grösser sein würde; daher sollte er sich
mit seinen Gefärten bereden / er wollte ihnen die Helffte der Belohnung vorher
geben. Dieses geschah / und kamen die drei Fischer mit dem Erbitten den Brand
der Schiffe auszuüben; weil selbte grossen teils unbesätzt; sie aber / weil sie
täglich dahin Fische zu verkauffen brächten / bekand /und ausser alles Argwohnes
wären. Nach empfangenem Gelde fülleten sie einen ihrer Nachen mit Pech und
Holtze aus / die andern zwei beladeten sie mit Fischen / und fuhren gegen Morgen
ihrer Gewohnheit nach zu der nechsten Schantze / wo mehr als ein Drittel der
Römischen Schiffs-Flotte lag. Zwischen diese fuhren sie mit ihren Nachen hin und
wieder / und boten denen wenigen darauf befindlichen Römern ihre Fische an. Weil
sie nun mit dem dritten handelten /fuhren die zwei andern zwischen zwei nahe an
einander liegende grosse Schiffe / und weil sie keinen Menschen da sahen /
schraubte der Fischer die Kette des mit Pech gefüllten Nachens an das eine
Schiff an /legte darzu einen glimmenden Lunten / und ein gutes Teil
Schwefel-Lichter. Hiermit fuhren sie / gleich als wenn sie ihre Fische verkaufft
hätten / fort / welchen der dritte alsofort folgte. Sie waren aber kaum eines
Bogenschusses weit von der Flotte / als sie sahen das Feuer aufgehen / welches
im Augenblicke beide grossen Schiffe ergrief. Es ward zwar alsbald über dem
aufgehenden Brande Lermen / und die in der Schantze und am Strande sich
befindenden Boots-Leute eilten zwar den Schiffen zu / hoben die Ancker /
spannten die Segel auf / aber wegen eingefallner Eppe standen /ausser fünf oder
sechs im Strome liegender kleinern Schiffe / alle andere auf dem Bodem feste und
unberüglich; also: dass diese ganze Flotte mit einem grossen Vorrate / sonder
dass jemand den Ursprung des Feuers zu ergründen wusste / in die Asche gelegt
ward. Die Fischer sahen sich nicht einst um / sondern fuhren in Meinung eines
löblich verrichteten Werckes / und mit Begierde ihren Lohn zu bekommen / nach
Hause zu; weil sie aber die Römischen Legionen ihnen von ferne entgegen kommen
sahen / eilten sie zu Rande /versänckten ihre Nachen / und brachten ihren Gästen
die fröliche Zeitung / welche ihnen aber der aufsteigende Rauch und die
schreckliche Flamme schon vorher angekündigt hatte. Der Graf von Lingen zahlte
denen Fischern für dieses kostbare Freuden-Feuer mehr / als er ihnen versprochen
hatte / und gab beim Abschiede ihnen die Warnigung: Sie sollten ja keinem
Menschen in der Welt offenbahren; dass sie die Werckzeuge des Brandes wären. Denn
ob zwar dem Hertzoge Ganasch dadurch ein grosser Gefallen geschehen wäre /
dörffte er es doch die Römer nicht mercken lassen; und würde er wider Willen
genötiget sein / gegen die Urheber mit der schärffsten Straffe und Pein zu
verfahren. Den guten Fischern kam dieser Einhalt bedencklich für / daher einer
anfieng: Haben wir dem Fürsten einen Dienst getan / wie könnte er übers Hertz
bringen uns zu straffen? Ludingshausen versätzte: Fürsten müssen oft reden /was
nicht ihre Meinung ist / und tun / was sie nicht wollen. Der Fischer
antwortete: So ist es wohl eine elende Sache ein Fürst sein / wenn sie wider
Willen falsch sein / und böses tun müssen. Ist aber unter euch auch ein Fürst /
der mit dieser Notwendigkeit behaftet / und mit solchen Künsten gefüttert ist?
der Graf von Lingen lachte / und sagte: Ich bin wohl kein Fürst / aber eines
Fürsten Diener. Der Fischer begegnete ihm: Es sollte mich wunder nehmen / da ein
so verschmitzter Diener nichts von seines Herrn Griffen begriffen haben sollte.
Ich weiss nicht / ob es mir mein Hertz sagt / oder was mir sonst einen Argwohn
macht: dass auch ihr unsere Einfalt hinters Licht / und uns Unschuldige zu einem
strafbaren Laster verführet habt. Ludingshausen antwortete: Gebet euch ihr
redlichen Leute zu frieden. Denn wir müssen euch zum besten wohl entdecken: dass
ihr zwar eurem Vaterlande aber nicht eurem von Römern verführten Fürsten einen
guten Dienst habt getan. Ihr seid aber so wenig als wir zu schelten / denn eure
gute Meinung befreit euch / und der Dienst unsers Fürsten / welcher Hertzog
Herrmann und der Römer Feind ist / uns von allem Laster. Der Fischer verblasste
hierüber /und fieng an: O ihr Lügner! ist euch unsere Einfalt gut genung gewest
/ uns zu Mordbrennern zu machen? Gehet euer Fürst mit so betrüglichen Künsten um
/ so hat unser redlicher Fürst wohl recht getan; dass er sich von ihm getrennet
hat. Ludingshausen lächelte / und sagte: Ihr guten Leute verstehet nicht: dass es
bissweilen der Notwendigkeit und allemahl verantwortlich sei / einem Lande zum
besten sich mit einer Notlüge behelffen. Die Warheit ist wohl gut; wenn aber die
Unwarheit dem gemeinen Besten dienlicher ist / sticht diese jene weit weg. O
verfluchte Klugheit! versätzte der Fischer. Wie lieb ist es mir: dass ich kein
Fürst / oder eines Fürsten Diener bin / also ein ehrlicher Mann sein kann. Der
Graf von Lingen fiel ihm ein: du kanst aber ohne Vorteil und Betrug kein
Fischer sein / und du hast ohne eine betrügliche Angel /ohne einen verführischen
Hamen zweiffelsfrei wenig Fische gefangen. Was hast du es denn Fürsten und uns
für übel: dass sie ihren Zweck zu erlangen andere was bereden / und zuweilen über
die gemeinen Leuten gezogene Schnure schreiten? Die Not bricht alle Gesätze /
und ist ein bewehrter Schirm der menschlichen Schwachheit. Daher kein so
redlicher und frommer Fürst in der Welt leben kann / der nicht zuweilen das Recht
beugen müsse. Der gemeine Nutz aber / dessen vorgehender Fahne ieder kluger Mann
nachfolgen muss / muss die unvermeidliche Beugung des Rechten auswetzen. Gehet /
und backet euch / sieng der andere Fischer entrüstet an / aus unser
Gemeinschaft und Augen / dass ihr uns nicht mit euren betrüglichen Lehren noch
mehr vergifftet. Betrug und Laster sind an sich selbst so böse: dass sie durch
kein Absehen des guten zulässlich / weniger zur Tugend werden. Entfernet euch nur
von uns / wo wir euch als Verführer und Stiffter des Mord-Brandes nicht angeben
/ und denen gleich vorbei schiffenden Römern zur Rache einlieffern sollen. Wir
wollen mit euch und eurem verdamten Gelde keine Gemeinschaft haben. Hiermit
warff er / und folgends die andern zwei das empfangene Geld in denen harte an
dem Hügel vorbei fliessenden Arm der Emsse. Der Graf von Lingen sah wohl / dass
es hier länger sich aufzuhalten nicht gut wäre; gab also dem Pferde die Sporne /
und seinen Cheruskern ein Zeichen ihm zu folgen. Unterwegens lobten sie gegen
einander die Aufrichtigkeit und Unschuld dieser einfältigen Fischer / beklagten
hingegen ihre und der Fürsten Unglückseligkeit / welche ohne Betrug weder klug
noch glücklich sein könten / und sich der Laster wie die Aertzte gifftiger
Kräuter zu ihrer Genesung bedienen müsten. Sie kamen ohn allen Anstoss biss an die
Chauzische Gräntze / allwo ihnen etliche Chauzen begegneten / und meldeten: dass
Hertzog Ganasch / Segimer und Sesitach mit tausend Pferden ihnen auf dem Fusse
folgten. Weil es nun gleich eine blancke Fläche traff / da sie sich nirgends
verbergen konten / mussten sie sich entschlüssen / daselbst durch die Emsse zu
schwämmen / wie breit und tieff sie gleich war. Ganasch kam zwar darzu / und
weil er sie für Chauzen ansah / liess er ihnen zuruffen: Warum sie mit solcher
Gefahr seine Gegenwart vermeideten? Der Graff von Lingen aber gab zur Antwort.
Sie wären Cherusker / und dieselben / welche bei Amisia die Römische Flotte
angezündet hätten / damit ihnen der flüchtige Germanicus nicht entlauffen könnte.
Ganasch ward hierüber bestürtzt / und entrüstet; weil sie aber das feste Ufer
schon zum Vorteil hatten / von dem sie die Chauzen / weñ sie hätten
überschwemmen wollen / leicht hätten abtreiben können / musste nur Ganasch diesen
Hohn verschmertzen / und kamen sie derogestalt ohne Verlust eines einigen Mannes
glücklich beim Herrmann an; Ganasch aber nach Amisia /als der über dem Verluste
seiner Schiffe noch mehr bestürtzte Germanicus schon das meiste Kriegs-Volck auf
die übrige Flotte gebracht hatte. Ganasch wendete alle mögliche Mittel an / ihn
zu bereden: dass er seine Bundsgenossen mit so grosser Verkleinerung der
Römischen Waffen nicht verlassen sollte; aber Germanicus hatte keine Ohren /
sondern vertröstete den Ganasch: die Römer würden ihren gemeinen Feinden an
einem gelegenern Orte so viel zu schaffen machen /dass sie denen Chauzen und
Friesen einiges Ungemach anzutun wohl vergessen würden. Germanicus fuhr also mit
seinen vier Legionen auf der Emse hinab /dem Meere zu; er ward aber zeitlich
inne: dass er die Schiffe überladen hatte / und er durch das seichte Meer /
besonders bei der Eppe unmöglich fortkommen würde. Dahero sätzte er auf Nachen
den Publius Vitellius mit der andern und vierzehnden Legion ans Friesische Ufer
an / dass er solche zu Lande gegen der Isel / und dem Rheine führen sollte.
Vitellius hatte anfangs einen trockenen Weg / und als gleich die Flutt kam /
durfften die Römer nur hin und her / biss an die Knöchel durchs Wasser waten. Die
erste Nacht aber /mit welcher zugleich Tag und Nacht einerlei Länge bekam / und
um welche Zeit die Flutt des Meeres am höchsten sich zu ergiessen pfleget /
trieb ein Nordwind das Meer über alle Ufer und Tämme / überschwemmete das ganze
Land / also; dass so weit man sehen konnte / Meer / Ufer und Feld das feste Land
/die Tieffen und Sand-Bäncke nicht zu unterscheiden /sondern alles Welle und
Wasser war. Von diesen wurden die Legionen gleichsam überschwemmet und
fortgerissen / viel Menschen und Vieh ersäuffet; also dass man weit und ferne
Bürden und Leichen schwimmen sah. Die auch gleich noch an den höhern Orten
stehen blieben / wurden von einander zertrennet / und stunden bis an die Brust
oder den Mund im Wasser; ja / wenn sie am sichersten zu stehen meinten /
versancken sie im Schlamme; oder der Triebsand wiech ihnen unter den Füssen weg
/ und die Wirbel verschlungen sie. Keine Warnigung / kein Zusprechen halff hier
wider die taube Flutt. Der kluge und behertzte war in so elendem Zustande als
der erschrockene und unverständige. Vernunft und Hertzhaftigkeit waren hier
unnütze Dinge / denn die Zufälle zernichteten die klügsten Ratschläge; die
Gewalt des Wassers und die Verwegenheit stürtzten einen so wohl als den andern
ins Verderben. Endlich erreichte ja Vitellius eine kleine Höhe / auf welcher er
die Uberbleibungen seines zu Lande gelittenen Schiffbruchs zusammen lass. Die im
Wasser halb erfrornen mussten daselbst ohne Speise / Geschirre / Heerd und Licht
übernachten. Die am Leibe keinen Schaden bekommen hatten / waren doch nackt und
bloss / ja zehnmahl elender / als welche vom Feinde umgeben sind. Denn diese
können ja noch ehrlich sterben / jene aber gehen verächtlich unter. Mit dem Tage
aber kamen etliche Friesen zu ihnen / halffen ihnen aufs feste Land / und biss an
den Vider-Strom / wo Germanicus kurtz vorher angelendet war. Unterdessen hatte
sich der Ruff biss an Rhein-Strom und in Gallien ausgebreitet: dass Germanicus mit
allen vier Legionen ersoffen wäre / und wollte niemand glauben: dass jemand übrig
blieben wäre / biss Stertinius mit etlichen Schiffen zu Manarmanis am Friesischen
Hofe ankommen war / und im Nahmen des Germanicus mit dem Fürsten Segimer und
Sesitach / welche Cruptorich auf einem Friesischen Schiffe mit dahin gebracht
hatte / weil sie in der Cheruskischen Gräntze dem Wetter und dem Feldherrn nicht
mehr trauten / die Bedingungen abzuhandeln / auf welche sie ebenfalls auf die
Römische Seite treten wollten. Mit Segimern war alles leichte getan; Sesitach
aber sollte dem Germanicus einen Fussfall tun / und sich seiner gnädigen Straffe
unterwerffen /weil er des Qvintilius Varus Leiche beschimpfft zu haben
beschuldiget ward. Malorich und Cruptorich aber vermittelten es: dass ihnen und
dem Segestes zu Ehren / es bei einer schrifftlichen Entschuldigung und Abbitte
blieb. Weil nun die kaum übrig gebliebene Helffte der vom Vitellius geführten
Legionen so übel zugerichtet war / dass sie unmöglich zu Fusse weiter fortkommen
konten; Germanicus ihren schlechten Zustand auch gerne verhölet hätte / musste er
sie nur wieder in seine Schiffe nehmen. Hierüber brachte er einen ganzen Tag
zu; kam also erst den andern Tag nach Manarmanis / empfieng daselbst Segimern /
nam seinen Sohn zu Gnaden an / und fuhr durch die Isel und des Drusus Graben in
Rhein.
    Wie Germanicus und Vitellius nun mit dem Wasser zu fechten hatte; also
kriegte Cäcina mit dem Feinde alle Hände voll zu tun. Denn ob er zwar mit
seinen vier Legionen die durch den sich längst der Emse nahe biss ans Meer sich
erstreckenden Sumpff gemachten Tämme erreichte / und zwischen selbten sich so
sicher als über dem Rheine oder den Alpen schätzte; so liessen doch der Feldherr
und Ingviomer nur ein Teil ihrer Heere den Römern am Rücken /welches auf denen
Tämmen ihnen nachfolgte. Sie aber zohen mit dem Kerne ihres Kriegs-Volckes an
der Emse acht Meilen hinauf biss an den Vider-Strom; an diesem wendeten sie sich
Westwerts / kamen also durch Leitung des Grafen von Benteim / dem Cäcina /
dessen schwer beladenes Heer auf den leimichten Tämmen langsam fortkommen konnte
/ um einen halben Tag noch zuvor / zerrissen also die Tämme /warffen die Brücken
ab / worüber die Römer aus den Sümpffen kommen sollten / und verbargen sich
hierauf in die auf denen herum liegenden Hügeln gewachsene Wälder. Cäcina /
welcher gleichwol die Anwesenheit ausspürte / ward hierüber sehr bekümmert / und
gewahr / was für einen unsäglichen Vorteil oder Schaden es brächte / wenn einem
Feld-Hauptmann die Gelegenheit der Örter bekandt oder unbekandt wäre. Er sah
wohl: dass ihm auf einmal die Last obliegen würde / Tämme und Brücken zu bauen /
und gegen den ihn daran hindernden Feind zu fechten. Gleichwol musste er einen
Schluss fassen; weil es besser ist / auch was schlimmes / als gar nichts
entschlüssen. Also sätzte er ihm vor / sich an selbigem Orte zu verschantzen:
dass er nach und nach ihm so viel sicherer eine Weg bähnte. Zu dem Ende erkiesete
er gewisse Leute zu Schantzarbeitern / und gewisse zu ihren Beschirmern. Die
Römer aber fiengen nicht so geschwinde an Rasen zu stechen / auf den
Schubekarnen Erde herbei zu führen / als die Deutschen sie mit grossem Geschrei
allentalben anfielen / und / weil die Römer eben so wohl keinen festen Bodem zu
stehen hatten / sich den schilffichten Grund / das glatte und leimichte Erdreich
/ und endlich die Sümpffe / darinnen sie biss an Gürtel oder unter die Armen
waten mussten / nichts aufhalten liessen. Denn sie wussten wohl: dass diese Art zu
kämpffen / und die schweren Spisse mit Nachdruck zu werffen / die kleinern und
schwerer gerüsteten Römer viel säuerer ankommen würde / als die länger
gewachsenen Cherusker und Bructerer /welche an schlammichten Orten und in
Brüchen zu fechten gewohnt waren / und an ihren langen Spiessen geschicktere
Waffen hatten einen in die Ferne zu erreichen. Dieser Anfall geschahe mit so
grosser Hefftigkeit / dass alle vier Legionen / welche an einem so schlimmen Orte
keine Glieder schlüssen / keine Ordnung halten konten / an welcher doch alleine
aller Nachdruck der Römischen Waffen hänget / in Verwirrung gerieten / und
Cäcina mit dem Apronius nicht hindern konnte: dass sie etliche hundert Schritte
weit mit Hinterlassung vieler Todten zurück weichen mussten. Denn der Feldherr
und Ingviomer scheueten sich selbst nicht / nach dem zu Pferde nichts
auszurichten war / zu Fusse durch alle Pfützen ihr Kriegs-Volck anzuführen; also
dass der vornehmste Adel es ihm für Schande geachtet hätte / wenn sie für
gemeinen Knechten den geringsten Vorteil hätten haben sollen / wohl wissende:
dass eine solche Besudelung die schönste Purper-Farbe beschämete / und der
vollkommenste Fürniss der Tapfferkeit wäre. Apronius ward selbst heftig
verwundet / und mit genauer Not durch das Schilff aus der Deutschen Händen
gerettet. Es würde auch dissmahl ausser Zweiffel von den Römern kein Gebeine davon
kommen sein / wenn die Finsternüs der einbrechenden Nacht nicht den verzagten
und müden Feind aus den Händen der Deutschen gerissen / und sie an der
Verfolgung gehindert hätte. Wie die Not nun die Römer zwang sich des Nachtes /
so gut sie konten / zu begraben; also ermunterte die Deutschen der Sieg selbigen
Tages: dass sie keine Müdigkeit fühlten / und an keine Ruhe dachten; sondern weil
auf den nechsten Bergen viel Bäche entspringen /und sich hin und wieder
verteilen / führten sie alles Wasser durch mühsame Schützen in neu gemachten
Gräben zusammen / und leiteten es denen ohne diss gleichsam im Wasser schwimenden
Römern auf den Hals. Hierdurch wurden ihre aufgeworffene Schantzen zerrissen /
uñ da sie nicht ersauffen wollten / mussten sie solche mit zweifacher Arbeit
ergäntzen und erhöhen. Cäcina selber legte mit Hand an das Werck / um fein von
Müdigkeit erliegendes Volck bei gutem Willen zu erhalten / welches ohne einen so
mühsamen und hertzhaften Feld-Hauptmann gewiss die Hände hätte sincken / und
alle Hoffnung fallen lassen. Er selbst gestand nach der Zeit: dass er in viertzig
Jahren / seit dem er im Kriege teils gedienet / teils Befehlhaber gewest /
niemahls keinen härtern Stand gehabt hätte. Weil er aber so wohl der widrigen als
glücklichen Begäbnüsse gewohnt war / liess er an sich den wenigsten Kleinmut
mercken. Sintemahl aus der trauer-oder freudigen Bezeugung eines Feld-Hauptmanns
und Schiffers ein ganzes Heer und Schiff ihm / wie aus Aufgehung gütiger oder
schädlicher Gestirne / sein Heil oder Untergang wahrsagt. Diesemnach ein jeder
Feld-Hauptmann / wie starck und glücklich er gleich ist / sein Gemüte allezeit
so fasten soll /wie er sich zu verhalten habe / wenn sein Vorhaben noch
schlimmer ausschlüge / als es menschliche Vernunft ihr einbilden könne. Denn
welcher ihm nur eitel gutes träumen lässt / verlieret bei widrigen Zufällen nicht
nur das Hertze / sondern auch den Verstand; also dass ihm auch der grosse
Pompejus / nach verspielter Pharsalischen Schlacht / weder zu raten noch zu
helffen weiss; da er doch auch damahls noch stärcker als sein Uberwinder war.
Weil nun der wie ein versuchter Fechter auf alle Fälle gefasste Cäcina wohl sah:
dass er an diesem schlimmen Orte nicht in die Länge austauern / sondern auch
ohne Schwerdstreich würde verderben müssen; worauf es nunmehr der Feldherr zu
spielen schien / entschloss er sich sein euserstes zu tun / und sein Heer in
bessern Stand zu sätzen / und es zum wenigsten auf die kleine Fläche zu bringen
/ welche sich zwischen den Sümpffen und Bergen befand / und auf den Notfall zu
einer Schlacht-Ordnung zureichte. Diss nun zu erlangen /und so wohl die
Verwundeten als das Geräte fortzubringen / machte er Anstalt / wie sein Heer
auf den andern Morgen fortrücken sollte. Die erste Legion sollte die Spitze führen
/ die fünfte auf der rechten /die ein und zwantzigste auf der lincken Seiten
dem anfallenden Feinde begegnen / und er selbst mit der zwantzigsten wollte den
Rücken verteidigen. Die Nacht ward mit ganz ungleicher Unruh hingebracht. Denn
die Deutschen feierten den Neumond mit Gastmahlen und freudigen Gesängen /
worvon die herum liegenden Täler und Wälder in den Ohren der Römer einen
schrecklichen Widerschall von sich gaben. Bei den Römern hingegen war ein
trauriges Stillschweigen / ausser dass sie ihre schlechte Feuer aufbliessen /und
eitel verbrochne Worte mit stetem Seufftzen und Wehklagen ausstiessen. Die gleich
nicht zur Wache bestellt waren / giengen wie die umirrenden Gespenster von einem
Zelte zum andern / und aus Furcht überfallen zu werden / waren die wenigsten vom
Walle zu bringen; wiewol sie nicht so wohl wachten /als wegen Bangigkeit nicht
schlaffen konten. Cäcina selbst ward mit einem schrecklichen Traume beunruhigt;
in welchem der mit Blut und Kote besudelte Qvintilius Varus aus den Sümpffen
empor stieg / Cäcinen die Hand reichte / und ihn / ihm zu folgen / befehlichte.
Aber Cäcina stiess die ihm gereckte Hand von sich weg / und weigerte sich ihm zu
folgen. Gleichwol wollte er auf den Morgen die Legionen beschlossener massen
ordnen; die aber / welche die Seiten bewahren sollten / verliessen ihren Stand /
und lieffen aus Zagheit oder Hartnäckigkeit zum ersten über den Sumpf. Ob nun
gleich der Feldherr bei dieser Unordnung die Römer anzufallen Vorteil genung
hatte / hielt er doch sein begieriges Volck zurücke /weil er wohl sah: dass sich
noch eine bessere Gelegenheit ereignen würde. Als nun die Wagen und Last-Pferde
in Sumpff kamen / und in Gräben stecken blieben / also sich das Kriegs-Volck
trennen / die Glieder zerreissen musste / ein jeder mehr das seinige
fortzubringen als der Hauptleute Befehl zu vollbringen bedacht war; gab Hertzog
Herrmann seinem Volcke zum Angriffe das Zeichen / und er selbst ruffte mit
heller Stimme: Sehet dar / ihr tapfferen Deutschen! den andern Varus / und die
durch gleiches Glücke überwältigten Legionen! Hiermit giengen die Cherusker und
Bructerer auf die Römer los / und Herrmann selbst mit dem Grafen von Nassau und
hundert auserlesenen Rittern brach zum ersten in die fünfte und Ingviomer mit
dem Grafen von Benteim / und hundert auserlesenen Bructerern in die zwantzigste
Legion ein. Pedo mit der Römischen Reiterei meinte diesen Einbruch zwar zu
perhindern / aber er ward vom Grafen von Lingen und Teckelnburg übel bewillkomt;
und weil die Römischen Reiter mit Pantzern und Harnischen sehr wohl verwahret
waren / dass weder Degen noch Spiess durchdringen konten / rief ihnen der Feldherr
zu / sie sollten ihnen nur die Pferde durchstechen. Auf diesen Erfolg fielen sie
teils wegen verlohrnen Blutes / und des glatten Bodems über einen Hauffen /und
ihren Reitern auf den Hals / teils wurden kollernd / rennten das Fuss-Volck
übern Hauffen / und zertraten die Fallenden. Mit einem Worte: diese Schlacht
hatte weder Ordnung / noch der Befehlhaber gute Anstalt einigen Nachdruck.
Hertzog Herrmann und Ingviomer brachen wie der Blitz allentalben durch / wo sie
hintraffen. Cetegus der Oberste über die fünfte Legion ward auch vom Feldherrn
heftig verwundet; und ob zwar die Römer ihre Adler weder feste in die Erde
stecken / noch weniger sie der Gewalt der Deutschen entgegen setzen konten; so
kamen doch beide Hertzogen dem fünften und zwantzigsten Adler so nahe: dass
jenen der Ritter Nordheim schon mit der Faust zu fassen kam / und Hoye den
Fähnrich des zwantzigsten zu Bodem schlug. Hier musste der doch verwundete
Apronius / und dort Cäcina mit seiner Leibwache zueilen / umb die in gröster
Gefahr stehenden Adler zu retten. Als der Feldherr nun den Cäcina so weit voran
/ und die Römischen Glieder ergäntzen sah / sprengte er gegen ihm / durchstach
ihm das Pferd; also dass er zu Bodem fiel / und von der Cheruskischen Leibwache
umringet ward. Das auf ihn gefallene Pferd diente ihm zu allem Glücke so lange
zum Schilde / biss die zum Hinterhalt noch übrige erste Legion herzu drang / und
den Römischen Feld-Hauptmann aus den Händen der Cherusker und des Todes
errettete. Dieser erfahrne Krieges-Held verzweiffelte gleichwol nicht / als
schon alles verzweiffelt / drei Legionen zertrennet / und die vierdte nun unter
der Schmiede war. Weil aber seine Kräfften nicht zulangten / musste er ihm mit
einer Krieges-List raten. Daher zohe er alles Volck von dem Geräte weg; und
befahl / nach dem Beispiele des von Jägern verfolgten und ihre abgebissene geile
im Stiche lassenden Biber / diese Schalen für den Kern des Lebens Preis zu
geben. Sein Anschlag gelang ihm nach seinem Wunsche. Denn anfangs fiengen die
Bructerer /hernach die Cherusker an zu plündern; und also hinderte die allzeit
schädliche Begierde der Beute / welche doch dem Uberwinder nicht entlauffen kann
/ dass die Deutschen ihren zweiten Sieg nicht vollkommen machten. Denn die Römer
kriegten dadurch Lufft sich wieder an einander zu ziehen / und mit dem Abende
arbeiteten sie sich aus den Sümpffen und Pfützen auf den festen Bodem. Gleichwol
war diss noch lange nicht ihres Elendes Ende. Sie sollten ein neu Lager schlagen /
neue Wälle bauen / und sie hatten das meiste Teil der Grabescheite und Hacken
im Stiche gelassen. Für die Krancken war kein Zelt / für die Verwundeten kein
Pflaster verhanden. Das wenige übrige Brod war gleichsam aus Blut und Schlamme
gezogen. Die Nacht war zwar stockfinster; aber / weil sie sie für ein Vorbild
des Todes hielten / so viel schrecklicher; und des Tages erwarteten sie mit
keiner bessern Hoffnung / als dass er so viel tausend Menschen der letzte ihres
Lebens sein würde. Gleichwol liess der durch so viel Ungemach mehr abgehärtete
als kleinmütig gemachte Cäcina an seinen Kriegs-Sorgen und guter Anstalt nichts
erwinden / und er war allemahl der erste / der die Schauffel und das Grabescheit
in der Hand hatte / also sich diese Nacht aufs neue vergrub. Nichts desto
weniger aber hatte sich dem Ansehn nach nicht weniger das hartnäckichte Glücke
/als der Feind auf seinen Untergang verschworen /welches vermittelst eines
schlechten Zufalls oft durch die klügsten Ratschläge und Anstalten einen
Strich /und die wichtigsten Anschläge zu Wasser zu machen pfleget / dass zuweilen
ein Hase den Löwen Furcht einzujagen / und Gelegenheit die grösten Städte
einzunehmen geben kann. Dieses würde dem Römischen Heere auch dissmahl allhier
begegnet sein / wenn Cäcina nicht allem Unglücke die Stange zu bieten / ja dem
Verhängnisse selbst die Wage zu halten / fähig gewest wäre. Denn es hatte
ungefehr ein Pferd den Zügel abgestreifft / und weil es vom Geschrei der ihm
nachlauffenden Leute noch mehr wilde gemacht ward / rennte es etliche ihm
begegnende übern Hauffen. Aus diesem Lermen entstand ein Geschrei / und zugleich
ein Schrecken; die Deutschen hätten sich des Lagers bemächtigt. Diesemnach
geriet alles in die Flucht und in Schrecken. Jedermann wollte bei der Pforte /
welche am weitesten vom Feinde und der Haupt-Pforte gegen über war / der erste
sein / um sich zu retten. Cäcina eilte im Augenblicke dahin dieses Panische
Schrecken zu stillen. Nach dem er aber weder mit Bitte noch Dreuen / weder mit
aufgehobenen Händen noch mit dem Degen die Flüchtigen hemmen konnte / warff er
sich auf die Schwelle des Tores darnieder; also / dass sie hätten über ihren
Feldhauptmann rennen und reiten müssen. Die Flüchtigen hielt das Erbarmen
zurücke / und er verriegelte denemit seinem Leibe die Pforte / welche vorhin
blind / taub /und durch nichts aufzuhalten waren / biss die Obersten und
Hauptleute ihnen die Augen auffsperreten / und die Unerhebligkeit dieses tummen
Schreckens entdeckten. Cäcina forderte hierauf das Kriegs-Volck auf den
Hauptstand des Lagers zu dem ersten Adler / und für seinen Stul; und nach dem er
allen ein Stillschweigen geboten / verwies er ihnen; dass ein ganzes Heer sich
ein schichternes Pferd hätte mit in die Flucht reissen lassen / und sie ohne
Ursache und Vernunft sich in gröste Gefahr gestürtzet hätten. Alleine begangene
Fehler müsten Wegweiser zu künftiger Klugheit sein. Sie wären in einem solchen
Zustande / da sie der Zeit wahrnehmen / und nichts an dem / was nötig
/versäumen müsten. Ihr Heil bestünde zwar in den Waffen / weil der Feind aber
viel stärcker wäre / müsten sie durch kluge Ratschläge alle Vortel zu Hülffe
nehmen. Daher hielt er vor ratsam / im Lager zwischen dem Walle zu bleiben /
und eine falsche Furcht anzunehmen; wenn der vermässene Feind aber solches
vermutlich stürmen würde / sollten sie unversehens ausfallen / und ihnen den Weg
zum Rheine bähnen. Was unvermutet geschehe / machte so wohl kluge als behertzte
irre. Auf die Flucht aber sollte sich nur keiner verlassen. Denn wie sie die
schimpflichste Schwachheit eines Kriegs-Mannes wäre; also hiebe das Unglück den
Augenblick die Hand auff seinen Rücken zu verletzen / da er denen Gedancken
davon sein Hertz öffnete. Sie hätten noch durch mehr Wälder und Sümpffe zu
ziehen / als sie derer hinter sich gelegt hätten; und in denen übrigen so
grausame Feinde / als in vorigen / zu erwarten. Dieser Händen würden sie nicht
entrinnen / wenn sie sich nicht durchschlügen. Also sollten sie sich ihres
eigenen Heiles /ihrer Pflicht und ihres Vaterlandes eriñern. An einem einigem
Siege hienge ihre Wolfart und ihre Ehre. Also munterte Cäcina seine Römer auf;
verschwieg aber so wohl diss / was ihm abging / als was er schon eingebüsst
hatte. Denn die Erinnerung grossen Verlustes machet die Menschen nur verzagt.
Weil die übrige Reuterei auch schlecht oder gar nicht beritten war /teilte er
der Obersten und Rittmeister Pferde denen tapffersten aus; und dass diese
hierüber nicht unwillig würden / fieng er von seinen eigenen an: Diese sollten
beim Ausfalle die Bahn brechen / und das Fussvolck so denn nachdrücken. Mitler
Zeit kriegte der Feldherr Nachricht: dass Cruptorich mit fünftausend Friesen
/und drei tausend Römern dem Cäcina zu Hülffe / und denen Cheruskern und
Bructerern in Rücken käme; daher befand er für nötig / den Grafen von
Steinfurt / und Ravenstein mit vier tausend Bructerern / und so viel Cheruskern
ihm entgegen zu schicken. Ob nun zwar das deutsche Heer hierdurch mercklich
geschwächet ward / weil es aber von dem im Lager entstandenen Schrecken und der
törichten Flucht Wind kriegte / so wuchs bei den Deutschen die Begierde und
Hoffnung die Legionen aufzureiben / ehe die Sicambrer auf der andern Seiten /
und vielleicht auch vom Rheine neue Hülffe ankäme; Also verlangten sie / man
sollte denen abgematteten Römern keine Lufft / noch sie ausruhen / oder sich noch
mehr befestigen lassen /sondern das übel verwahrte Lager stürmen. Der Feldherr
war ganz widriger Meinung / und sagte: Sie hätten den Feind in einer solchen
Falle hinten und vorwerts besätzt: dass er ihnen weder entrinnen / noch einige
Hülffe an sich ziehen könnte. Der Hunger aber würde sie zwingen: dass sie sich
auffs neue würden in die Sümpffe machen müssen / in welchen ein Deutscher dreien
Römern überlegen wäre. Hielten sie aber noch länger im Lager aus / so würde die
Helffte ihres zurückgelassenen Heeres folgen / und sie so denn den Feind
zweimahl übermannen. Man sollte seinen Feind niemahls in seinem Vorteil
angreiffen / wie schwach er gleich zu sein schiene. Die Wissenschaft / ein
Werck und seine Verrichtungen wohl und in die beqväme Zeit einzuteilen / wäre
ins gemein der Weg zur Glückseligkeit. Wer sich aber einmal übereilte /und die
Pflicht seines Lebens auf einmal ausmachen wollte / könnte ohne Nachteil
niemahls zurücke. Es liesse sich in einem Tage nicht so viel verschlingen /als
man in seinem Leben kaum verdäuen könnte. Denn wie tapffere Leute nichts zu
fürchten hätten; also müsten sie auch niemanden / weniger aber sie die Römer
verachten; denen mit Abnehmung des Gelückes allezeit Hertz und Vorsicht / wie
bei abnehmendem Mohnden dem Knobloche und Zwibeln der Safft wüchse. Die
Geringhaltung des Feindes verursachte Unachtsamkeit / diese aber gäbe ihm ein
gut Teil mehr Kräfften. Ingviomer hingegen riet: man sollte sich den Feind vom
Schrecken / welches sich wie die Ohnmachten nach und nach verliere / nicht
erholen lassen / sondern weil das Kriegsvolck noch vom Eyver warm wäre / das
Lager stürme. Wie durchgehends die Gemütsregungen erkalteten / und das
annehmlichste Neue die Unschätzbarkeit täglicher Dinge annähme; also verrauchten
viel mit grossem Ernst angefangene Kriege / wenn man nur die erste Hitze
überstünde / und selbten in die Länge ziehen könnte. Zumahl man den Deutschen
Schuld gäbe: dass sie zwar tapffer / Kälte und Hunger / aber ihre zerflüssenden
Leiber nicht Hitze noch Durst weniger in die Länge sauere Arbeit ausstehen
könten. Daher müste man mit wichtigen Sachen nach einander verfahren / und sich
des Vorteils / den die allentalben angesehene Neuigkeit an sich hätte /
gebrauchen. Wenn man einmal mit einem Last-Wagen stille hielte / schnitte er so
tieff hinein: dass er unbeweglich würde. Insonderheit wäre nötig zu eilen / wo
die Ruhe schädlicher / als die Verwegenheit wäre. Und das verwüstete Land der
Bructerer die Krieges-Last nicht länger auszustehen hätte. Seine Vergnügungen
sollte man niemahls / Heldentaten aber ie ehe ie besser ausmachen. Solte der
Sieg auch gleich etwas schwerer zu erlangen sein / so würde hingegen mit dem
Lager alles in ihre Hände fallen / und ihnen weder von Gefangenen noch von der
Beute etwas entgehen. Weil die verwegenen Ratschläge nun scheinbar / und daher
ins gemein angenehmer sind; fiel Malovend und die meisten Kriegs Obersten /
derer keiner für furchtsam angesehen sein wollte / Ingviomern bei. Der Feldherr
musste es also geschehen lassen / fürnehmlich weil sie in Ingviomers Gebiete
waren; und daher überliess er auch Ingviomern / und denen ihm beipflichtenden
Kriegs-Obersten die Einrichtung des Sturmes. Die Römer wurden aus
Zusamenschleppung des Reisichts zu Füllung der Gräber / aus Fertigung der
Leitern / und andern Anstalten leicht inne / was die Deutschen im Schilde
führeten / und daher belegten sie den Wall mit Fusseisen / und Tafelwercke / auf
welche wegen der herausragenden spitzigen Nägel niemand treten konnte. Sie
stelleten unterschiedene Fallbrücken / samleten eine grosse Menge Wasser-Steine
zum werffen und schleudern / und andere sehr grosse / mit welchen sie den
Sturmzeug zerschmetterten. Sie spanneten hin und her Balcken auf / welche sie
auf die stürmenden Feinde abwältzen / und durch gewisse Räder mit Seilen wieder
empor ziehen konten. Die Tore bekleideten sie wider das Feuer mit nassen
Ochsen-Häuten / versahn sie mit Fallgattern /und oben mit Löchern: dass sie auf
allen Fall dadurch löschen konten. Hingegen bereiteten sie Pechkräntze
/zerschmoltznes Blei / und glüendes Eisen / Sand und fette Erd-Schollen / welche
daselbst zu graben / und zum brennen geschickt waren. Sie versahn sich auch mit
Netzen und Schlingen / die empor steigenden damit zu fesseln / oder zu
verwickeln. Ja den sonst nur acht Füsse breit- und eben so tieffen Graben
vergrösserten sie noch selbige Nacht um fünff Schuch /welches auch um so viel
den Wall erhöhete / welcher rings herum mit spitzigen Sturm-Pfälen verwahret
ward. Gleichwohl verbargen die Römer alle diese zur Gegenwehr gemachte
Anstalten. Als nun gleich auf den Morgen an unterschiedenen Orten blinder Lermen
gemacht / das Lager aber auf der einen Seite vom Ingviomer und Grafen von Horn /
auf der andern vom Grafen von Benteim und Teckelnburg ernstlich bestürmet / die
Graben gefüllet / die Wälle erstiegen wurden / liessen sich doch die Römer sehr
sparsam und kaltsinnig in der Beschirmung des Lagers spühren / gleich als wenn
ihnen schon Hertze und Hoffnung entfallen wäre. An zweien Orten ward auch schon
der Wall erstiegen / da sich denn allererst die Römer recht sehen liessen / ihre
gute Anstalten angewehrten / und dem Feinde die Spitze wiesen; wiewohl meist nur
die verwundeten und schwächsten den Wall verteidigten. Als die Deutschen nun
teils in Gräben steckten / teils am Walle hinauf kletterten / teils zwischen
die Sturm-Pfäle verwickelt waren / liess Cäcina auf seinem Zelte eine blutige
Fahn ausstecken / und an allen vier Seiten des Lagers die Krumm-Hörner und
Trompeten blasen. Auf diss Zeichen wurden im Augenblick alle vier Pforten
geöffnet. Zu der einen fiel Apronius / zu der andern Pedo / zur dritten Cetegus
/ zur vierdten Cäcina selbst aus / und blieben mit den Hülffs-Völckern kaum
zweitausend im Lager. Die stürmenden Bructerer und Cherusker hatten sich ehe des
Himmelfalls / als eines Feindes im Rücken versehen / welcher ihnen mit seinen
gläntzenden Waffen und Harnischen nicht weniger die Augen bländete / als mit
Rührung der vielen Spiele die Ohren betäubte; also / dass der Feind ihnen für
zweimahl so starck fürkam / als er war / und ehe sie sich von Wällen und aus den
Gräben zusammen raffen konten / ihrer nicht wenig ins Grass biessen / ja ihrer
mehr zu fliehen / als zu fechten geneigt waren. Die Römer rufften auch denen
Deutschen zu: Sie steckten hier nicht im Schlamme / noch würden sie in Wäldern
überfallen /sondern hier stünden sie unter freiem Himmel / auf festem Bodem;
also hätte keiner für dem andern einen Vorteil des Glückes / sondern die Tugend
würde den Ausschlag des Sieges geben. Ingviomer und Benteim mühten sich zwar
ihr Volck in richtige Schlacht-Ordnung zu stellen / aber weil sie allzuweit von
einander zerteilt / und die / welche vor am meisten gross gesprochen hatten /
die kleinmütigsten waren / blieb es bei einem zerstreuten Kampffe / wo zwar ein
ieder sicht / aber alle überwunden werden. Ingviomer / welcher die Schande nicht
haben wollte zu fliehen / und daher das Ampt eines tapffern Feldherrns und eines
gemeinen Kriegs-Manns verrichtete / ward selbst in die Schulter heftig
verwundet: dass ihn der Ritter Engern und Welpe auf die Seite / und aus der
Gefahr bringen musste. Uber diss gebrauchte sich Cäcina dieser Kriegs-List: dass er
auf der Ost-Seite aussprengen liess / die Deutschen wären auf der West-Seite
auffs Haupt geschlagen / und in voller Flucht. Auf der West-Seite aber / es
verhielte sich auff der Ost-Seite also. Wordurch denn die Deutschen irre gemacht
/ die Bructerer auch nach den Bergen zu weichen / verursacht worden. Ja auch den
Cheruskern mangelte nichts mehr zur Flucht / als dass sie dem Feinde den Rücken
kehren sollten. Also schadet im Kriege nicht nur die Wahrheit / und diss / was
schrecklich ist / sondern auch der Schatten / und diss / was man ihm schrecklich
einbildet. Aus diesem Irrtume würden die Deutschen einen unverwindlichen
Streich bekommen haben; wenn nicht der Feldherr seine zum Hinterhalte fertigen
zwölfftausend Cherusker halb auf der einen Seite selbst / halb auf der andern
Seite durch den Grafen von Nassau / gegen die Römer geführet /ihren Sieg
gehemmet / und den Deutschen sich wieder zu setzen Lufft gemacht hätte. Weil
aber ein grosses Teil schon den Bergen zugeflohen / und mit einmal schon
kleinmütig gemachten Leuten wenig Ehre zu erjagen war / musste sich der Feldherr
an dem vergnügen / dass die vom Sturme ablassenden Völcker sich vollends aus den
Gräben und dem Gedränge arbeiten; und gleichwohl gewonnen die durch diesen Sieg
gleichsam wieder lebendig gewordenen Römer hiermit ein grosses Teil ihres
Ansehens wieder / und zugleich ihren Mut und Wolfart. Sie vergassen darbei
alles erduldeten Ungemachs / und ihres noch nicht aufhörenden Mangels; aber
nicht / ihnen diesen Sieg nütze zu machen. Denn sie hatten numehr weder Essig
noch Brodt / sondern sie mussten nur faules Wasser trincken / und ungemahlenes
Getreide / das von dem aus Gallien bekommenen noch übrig war / roh oder gekocht
essen. Ob auch wohl etliche Kriegs-Leute was weniges von schwartzem und
verschimmelten Brodte Cäcinen anboten / wollte er es doch nicht besser / als
gemeine Knechte haben; und sonder verstattete lange Ruh / rückte er noch selbige
Nacht fort /und kam auf den Morgen ohne alle Hindernis über den Aastrom zwischen
andere Sümpffe; also / dass ob wohl der Feldherr seinem Heere wieder ein Hertze
einsprach / und folgenden Tag den Römern den Weg abzuschneiden eilte / er doch
zu spat kam / und wegen abgeworffener Brücken sie wieder einzuholen / alle
Hoffnung verlohr / bei diesem Verluste aber mehr Ehre / als fast vorher durch
seine Siege erwarb; weil er den unglücklichen Ausgang dieses wiederratenen
Sturmes ihnen so treulich wahrgesagt hatte. Cäcina kriegte von den Friesen für
sein Kriegs-Heer nötigen Vorschub von Lebens-Mitteln / Pferden und Wagen /kam
also wider aller Menschen Vermuten an dem Rheine bei dem Einflusse der Lippe an
/ wo er mit seinen vier Legionen anfangs gelegen / und eine ziemlich starcke
Festung erbaut / und solcher den Nahmen der an der Lippe und Elsse vom Herrmann
zerstörten Aliso gegeben hatte. Von dar zohe er durch das Sicambrische Gebiete
biss zu dem Ubischen Altare. Daselbst empfieng sie Agrippine am Anfange der
Brücke / lobte die Tapfferkeit der vier Legionen / welche aber nicht mehr zwei
ganze ausmachten. Sie danckte Cäcinen für seine kluge Hertzhaftigkeit / und
dass er niemahls seinen Mut auch bei verzweiffeltem Zustande hätte sincken
lassen. Es war fast kein über die Brücke kommender Römer / welcher nicht die
Erde küste /und die über dem Rheine wohnenden Völcker empfiengen sie mit so
grosser Freude und Verwunderung; als wenn sie aus dem Lande der Todten zurück
kämen. Sintemahl das Geschrei schon den Rheinstrom und ganz Gallien erfüllet
hatte: Cäcina wäre mit seinen vier Legionen erschlagen / dass nicht ein Mann
davon kommen wäre / und die Deutschen wären unterweges / mit einer ungeheuren
Macht in Gallien einzubrechen / wo alles schon für ihnen zitterte und bebte.
Dahero hätten auch die Römer ihre bei dem Ubischen Altare über den Rhein gebaute
Brücke eingerissen / weñ es die behertzte Agrippine nicht verhindert hätte /
welche unterdess am Rheine / bei Abwesenheit des wenig Tage vorher ebenfalls
angekommenen Germanicus / das Ampt eines Feldherrn verwaltet hatte / und nun
denen abgerissenen Kriegs-Leuten mit Kleidern / den unbewehrten mit Waffen /den
Krancken mit Artzneien aushalff / und durchgehends allen Geld austeilte / sie
teils tröstete / teils lobte / und nicht anders als ein Feldherr anredete / da
doch dieses niemanden als dem Kayser oder Feldherrn verstattet / sondern allen /
wess Würden er gleich war /das Heer zu beruffen / selbtem was vorzutragen / oder
an Rat zu schreiben bei Lebens-Straffe verboten war. Dem Tiberius / als er diss
zu Rom erfuhr / stieg dieses heftiger zu Gemüte / als da Livia Rat und Volck
an sich zoh / selbtem Gehöre gab / und dass sie den Tiberius zum Kayser gemacht /
also neben ihm zu herrschen Recht hätte / sich rühmte. Sintemahl diese seine
Mutter doch in Rat zu kommen / oder ein versamletes Kriegs-Heer / wie Agrippina
/ anzureden /oder sich der Kriegs-Sorgen anzumassen / niemahls unterstanden
hätte. Denn wer hierinnen das geringste tat / grieff dem Tiberius ans Hertze /
wie wenig Eyversucht er sonst gleich gegen ihn zu fassen hatte; weil das
Kriegs-Volck alleine an ihm hencken / seine Befehle zur Richtschnur haben / und
seiner Freigebigkeit genüssen sollte. Je länger er nun der Sache nachdachte / ie
mehr wuchs sein Argwohn / und schien ihm unglaublich: dass diese männliche Sorgen
/und die den Weibern sonst ungewöhnliche Freigebigkeit ein gemeines Absehen
haben sollten / weil es die Gemüter der Römer gegen verhasste frembde Völcker zu
gewinnen unnötig wäre. Es schiene dem Kayser selbst zur Verkleinerung zu
gereichen: dass Agrippine die Legionen musterte / zwischen den Adlern stünde /und
nichts zu tun unterliesse / was einem Feldherrn obläge / ja ihren kleinen Sohn
in einem Rocke eines gemeinen Kriegs-Knechtes im Lager erzüge / und ihm dadurch
die Hertzen der Kriegs-Leute stähle. Sie selbst wäre schon bei diesen in
grösserm Ansehen /als die Feldhauptleute und Obersten. Sie hätte schon die
aufrührischen Legionen besänftiget / welches Germanicus selbst nicht vermocht
hätte. Was würde sie nicht künftig ausrichten können / und zu tun sich
erkühnen / nach dem sie sich täglich durch kirrende Woltaten ihr mehr anhängig
machte. Welchen Argwohn der des Tiberius Art und Neigung gewaltig wohl kennende
Sejanus meisterlich zu vergrössern / in eben diss Horn zu blasen / auf ein fernes
Absehen in des Kaysers Hertze die Wurtzeln des Hasses gegen Agrippinen und den
Germanicus / einzupflantzen wusste. Deñ auch dieser vergass nichts / so wohl
Cäcinens / als des Silius zwischen den Rhein uñ die Mosel verlegten Legionen
gutes zu tun. Er liess denen gemeinen Knechten den Sold / so hoch ihn Kayser
Julius und August vergrössert hatte / drei Monate nach einander mit fünff und
zwantzig Pfenningen täglich zweifach bezahlen / und monatlich an statt der
monatlichen vier Maass Getreides / ihnen acht zu mässen /welches alles auch bei
denen Befehlhabern und Reitern stieg; dass nämlich jene gewöhnlicher massen zwei-
diese dreimal so viel als ein gemeiner Fussknecht bekamen. Uberdiss beschenckte
er sie über das ausgesätzte Schweinen-Fleisch / mit etlichen hundert Ochsen /
verstattete denen Krancken und Verwundeten nicht nur gebratenes / sondern auch
gekochtes Fleisch zu essen / und ein wenig Wein zu trincken /welches beides
sonst den Kriegs-Leuten verboten war. Welche Pflegung aber das Römische Heer wohl
hoch von nöten hatte; denn die saltzichte Lufft / das faule Wasser / und die
schlechte Kost hatte selbtes durchgehends mit einer das Geblüte verderbenden
Kranckheit / nämlich dem Scharbocke / wovon die Römer vorher nie gehöret hatten
/ derogestalt angesteckt: dass fast allen Römern im Munde die Zähne ausfielen /
im Leibe hessliche Flecken ausschlugen. Es würde an dieser frembden Kranckheit /
worwider aller Römischen Aertzte Mittel mehr schädlich als dienlich waren / auch
sonder Zweiffel das ganze Römische Heer gestorben sein / wenn nicht ein
Friesischer Artzt dem Germanicus das so genennte Britannische Kraut oder den
schwartzen langblättrichten Wasser-Ampffer / und den bitteren Wasser-Klee als
die zwei heilsamsten Mittel / wider diese gefährliche Kranckheit entdeckt hätte.
Westwegen ihn der halb verzweiffelnde Germanicus auch reichlich beschenckte.
Damit ihm aber hierinnen Tiberius keine Verschwendung / oder eine Verzärtelung
des Kriegs-Volckes beimessen konnte / verwendete er hierzu seine eigene Mittel /
liess das Kriegs-Volck täglich üben und arbeiten / und sagte ihnen: dass diese
Ergetzligkeit auf keine Nachfolge und langes Leben angesehen wäre. Im übrigen
war er auch gegen den geringsten freundlich / er besuchte die Krancken / war
selbst darbei / wenn die Verwundeten verbunden worden / und war sorgfältig /dass
ihnen nichts an der Heilung abgienge. Nach dem die meisten auch genesen waren /
zohe er zu Meintz des Silius / zu Vetera Cäcinens Legionen zusammen /verrichtete
mit selbten den Gottesdienst / lobete nicht nur aller Gedult und Beständigkeit /
sondern auch absonderlich viel / die sich für andern tapffer gehalten hatten.
Einem gab er einen Spiess / dem andern einen zierlichen Degen / dem dritten ein
gülden Arm oder Halsband / dem vierdten gepregt-oder ungepregtes Geld / dem
fünften ein Kleid / dem sechsten ein purpern oder goldenes Fahn / dem siebenden
einen Krantz / dem Cäcina / Silius / Apronius und Vitellius eine güldene Krone.
Ja nicht ein einiger blieb unbeschenckt; die unglücklich gewesten richtete er
mit gemachter Hoffnung besseren Glückes auf / denen Uberwindern liebkosete er
mit Herausstreichung ihres Wolverhaltens / lockte also alle zu seiner
Gewogenheit / und zu künftiger Tapfferkeit an. Damit nun Tiberius sich nicht
mit Verdachte des Neides beladete /oder er dafür / als wenn er nichts bei der
Sache zu tun / angesehen / fürnemlich aber die grosse Niederlage der Römer zu
Rom verdrückt würde / befand er im Rate: dass Cäcinen / dem Apronius und Silius
ein Siegs Gepränge verstattet werden sollte. In solche ruhmrätige Eitelkeit war
die alte Tugend der Römer verfallen: dass sie über ihre eigene Niederlagen
frolockten / und die Feld-Hauptleute Zunahmen der Völcker anzunehmen sich nicht
schämten / von denen sie Schläge bekommen hatten.
    Der Feldherr Herrmann und Ingviomer spieleten nicht mit solchen Schalen und
Bländungen / sondern vergnügten sich an dem rechten Kerne ihres Sieges /und
ihrer behaupteten Freiheit. Denn / was konnte Deutschlande erspriesslicher /
diesen zweien Fürsten rühmlicher sein; als dass sie die ungeheure Macht
/derogleichen von Römern noch niemahls wider ein eintzeles Volck ins Feld
geführt worden war / über den Rhein gejagt / und die zu Bezwingung der ganzen
Nordwelt angesehene Zurüstung zu Wasser gemacht hatten. Da zumahl die Römer sich
wohl ehe gerühmt hatten: dass sie mit wenigern Legionen glücklicher als die alten
Riesen den Himmel zu stürmen sich getrauten. An diesem Preisse / als der edelsten
Frucht des Sieges / vergnügten sich die Deutschen / welche in ihrem Kriege für
nichts anders / als für ihre Freiheit / und die Ehre ihres Hertzogs zu kämpffen
/ und niemahls weder Sold noch Belohnung zu fordern gewohnt waren. Gleichwol
aber wurden die tapffersten vom Feldherrn mit denen eroberten Pferden und Waffen
beschenckt. Hertzog Ingviomer erinnerte nach Verjagung der Römer: man sollte
numehr den Fürsten Melo / Malorich und Bojocaln / als Feinde des Vaterlandes /
mit gesamter Hand übern Hauffen werffen /und das Kriegs-Volck / welches nach
erlangtem Siege zwei Hertzen im Leibe hätte / nützlich angewehren /nicht aber
durch Trägheit den Sieg im Sieg verliehren / oder in einem Tage den erworbenen
Ruhm wieder begraben. Die Versäumung eines Tages hätte oft einem verlohrnen
Feinde zurechte geholffen / und Hannibal / indem er den Verfolg seines Sieges
wenig Stunden aufgeschoben / Cartago zerstöret / Rom errettet. Hertzog Herrmann
aber war viel anderer Gedancken / welcher riet: Man sollte mit denen mehr durch
der Römer Arglist / als durch eigenen Hass abspenstig gemachten Deutschen sich
lieber vertragen /und sie zu Gefärten des gemeinen Bundes wider die Feinde
ihrer Freiheit machen / als durch einen bürgerlichen Krieg sich mit ihnen
schwächen. Die Römer wären wohl geschlagen und verjagt / aber nicht überwunden;
und sie hätten keine Bürgen / dass diese Raub-Vögel der Welt nicht wiederkommen
würden. Germanicus wäre noch unversehrt / welcher aus seinem Nahmen ihm einen
Aberglauben Deutschlands Meister zu werden eingebildet / und sich wider selbtes
gleichsam verschworen hätte. So lange nun ein solcher Schlangen-Kopff lebte /
würden die Glieder nicht ruhen. Der hurtigste Falcke machte sich auf einmal
nicht an zwei Reiger; und der allerstärckste täte töricht / der lieber zwei
als einen Feind haben wollte. Die schlauen Römer / mit denen sie zu tun hätten
/wären jederzeit bemühet gewest / nur mit einem Feinde zu kriegen / die übrigen
zu versöhnen. Daher hätten sie Asdrubals Zunötigungen verschmertzt / biss sie
mit den Galliern überein kommen wären. Und diss täten sie noch / da sie mit der
ganzen Welt Friede hielten / weil sie mit den Deutschen uneines wären. Krafft
dieses Einhalts ward beliebt: dass alle drei Hertzoge durch Gesandten wieder auf
die deutsche Seite zu bringen; also die innerliche Zwietracht in Deutschland /
welche den Römern ein gefundener Handel wäre / zu erstecken / möglichster Fleiss
angewendet / die Uberläuffer Flavius / Segestes / Segimer / Siegesmund und
Sesitach aber für den gemeinen Richterstuhl der deutschen Fürsten erfordert / da
sie aber nicht erschienen / für Verräter des Vaterlandes /auch ihrer Länder und
Güter verlustig erkennet werden sollten. Diesen Schluss billigte auch Hertzog
Jubil / welcher etliche Tage nach dem letzten Treffen mit dem Cäcina / an der
Emsse ankam. Denn Adgandester hatte an der Elbe von des König Marbods
Kriegs-Heere ein grosses Teil zusammen gezogen / und sich immer gestellet / als
wollte er bei den Hermunduren einbrechen; also ihn eine Zeitlang zurücke gehalten
/biss er daselbst auf allen Fall Vorsehung getan / auch endlich ergründet hätte:
dass es nicht in Adgandesters Macht stünde / was feindliches anzufangen / sondern
Marbod nur zu diesem Spiegelfechten ein Auge zudrückte. Dieser fiel in allem des
Feldherrn Meinung bei; und wie er über des Feldherrn und Ingviomers Siegen hoch
erfreuet war; also hielt er nötig Rechenschaft zu geben / was inzwischen die
Catten und Hermundurer ausgerichtet hätten. Dass Germanicus /sagte er / mit des
Silius vier Legionen von den Catten und Hermunduren über den Rhein getrieben
ward /schien dem Hertzoge Arpus / Catumer und mir gegen die Verwüstung des
zwischen dem Rheine und der Eder verwüsteten Landes / eine allzu schlechte Rache
zu sein. Jedoch kränckete uns noch mehr: dass dem Feldherrn seine Gemahlin und
Sohn / Ismene / Zirolane / der Priester Libys / und andere von dem Cheruskischen
Adel waren geraubet worden / und dass Arpus auf dem Berge Taunus eine neue
Festung schauen sollte / mit welcher den freien Catten gleichsam ein Kapzaum
angelegt war. So bekümmerte uns auch nicht wenig: dass denen Cheruskern und
Bructerern die ganze Last der Römischen Waffen auf den Hals geweltzet ward. In
dem hierüber gehaltenen Kriegs-Rate ward / was hierbei zu tun / reiflich
überlegt /und waren bei nahe so viel Meinungen als Stimmen. Endlich ward doch
beschlossen / Arpus sollte den Berg Taunus belagern; Catumer aber nach dem
Beispiele des Africa bekriegenden / und Hannibaln aus Italien ziehenden Scipio /
in Gallien einfallen / ich die Gräntzen gegen den Marbod besätzen / und wo
möglichst zwölff tausend Catten und Hermundurer den Cheruskern zu Hülffe führen.
Der arglistige Fuchs Adgandester machte mit zwantzig tausend Hermunduren gegen
mich so seltzame Verstellungen: dass ich seine Gänge so wenig als einer Schlangen
im Gestrittich erforschen konnte / gleichwol aber besorgen musste / dass er alle
Tage feindlich einbrechen würde. Endlich merckte ich doch: dass er zwar einen
bösen Willen /aber gebundene Hände hatte; und es Marbods Meinung nicht wäre /
uns von Römern unterdrücken zu lassen / sondern vielmehr sie und die Deutschen
in gleicher Wage zu halten: dass sie einander die Stange bieten könten / und
keiner ihm zu Kopffe wüchse. Unterdessen streute ich doch einen Ruff aus: dass
ich käme / und schon unterweges wäre / um die Bunds-Genossen zu trösten / den
Feinden Kummer zu machen; biss ich endlich mich einzufinden für nötig hielt /
aber zu desto grösserem Ruhme der Cherusker und Bructerer zu späte kommen bin /
und an ihren Siegen ausser der Freude kein Teil habe. Hertzog Arpus rückte mit
achtzehntausend Catten unter den Berg Taunus / welcher auf einer Seite die
wieder erbaute Festung des Drusus / auf der andern / das vom Visellius Varro
besätzte Lager hatte. Welches alle zum ersten und zwar mit dem Degen in der
Faust /nicht aber durch langsame Krieges-Künste anzugreiffen für ratsam
hielten. Nach dem nun ein genugsamer Vorrat von Reisicht / Fässern / und andern
/ zu Füllung der Gräben nötiger Vorrat verhanden war /stellte Arpus rings um
das Läger / so weit es auf der einen Seite die abschüssige Höhe nicht hinderte /
sein Heer in die Waffen. In der ersten Reie war das mit schweren Waffen
versehene Fuss-Volck / in der andern die Schützen und Schleuderer / und zuletzt
die zu Verteidigung des Rückens / und wider die Ausfälle bestellte Reiterei.
Zwischen dieses Volck stellte er vier grosse Schleudern / derer zwei auf einmal
etliche hundert Feldsteine auf den Wall wurffen / zwei nicht viel weniger Pfeile
abschossen. Mit diesen liess Arpus den Anfang machen / und als die Schützen und
Schleuderer auch nicht feierten / machte man zwar /um den Feind zu zerteilen /
allentalben Lermen; der Sturm aber ward eigentlich an dreien Orten vom Grafen
von Waldeck / Hanau und Hohenstein angeführt. Jeder Kriegsmann hatte seinen
Schild und eine Axt /oder eine Hacke auf dem Rücken / in Armen ein Fass /oder ein
grosses Reisig-Gebund / welches ihm so lange zum Schilde diente / biss er es in
Graben warff. Hinter diesen trugen ihrer zwei und zwei immer eine Leiter /
welche teils von Holtze / teils von Riemen /Bast oder Stricken gemacht waren /
und oben eiserne Hacken hatten / dass man sie im Walle feste machen konnte. Vier
und vier aber trugen eine auf vier starcken Pfälen stehende / oben aber mit
nassen Rind-Ledern bedeckte Hütten / unter denen die Stürmenden ohne Gefahr des
Feuers / der Steine / und Pfeile / sicher am Walle arbeiten / und die Tore
zerhauen konten. Weil nun an denen drei Orten der Graben genugsam gefüllet war:
dass die Catten an Wall unverhindert ankamen / wurden die Leitern angeworffen /
und feste auch mit den Hacken in den Rasen rechte Stuffen gemacht / die
Sturm-Pfäle zerhauen / und selbter mit grossem Eyver erstiegen. Wo auch der Wall
nicht allzuhoch war /gab sich eine Menge des Kriegs-Volckes harte am Walle
zusamen / welche über ihren Köpffen die Schilde so feste und artlich zusamen
fügten: dass andere Kriegs-Leute darauff steigen / sicher stehen / und fechten
konten. Welche Erfindung zwar alt / und schon für Troja üblich gewest / und
folgends zu den Römern gekommen sein soll; aber die kräfftigen Deutschen tun es
hierinnen allen Völckern zuvor / in dem sie ihre Schilde so steiff halten / dass
sie darauf Reuter und fahrende Wagen ertragen können. Der Graff von Hanau und
Hohenstein traffen auf die von Römern besätzten Bolwercken / auf derer einem
Sejus Tubero / auf dem andern Emilius zugegen waren / und an Tapfferkeit und
Krieges-Künsten zu Abschlagung des Sturmes nichts ermangeln liessen. Gleichwohl
sätzte Hanau und Hohenstein dem Feinde mit einer solchen Hartneckigkeit zu / dass
sie die an etlichen an den Wall geschobenen Leitern oben befindliche Brücken auf
die Brustwehre warffen / und ein Stücke derselben behaupteten / also / dass
Visellius Varro den auff der Haupt-Wache gelassenen Hinterhalt beiden zu Hülffe
schicken musste. Hanau / welcher allentalben der förderste war / und so wohl mit
der Tat als Worten sein Volck zu Behauptung ihres erstrittenen Vorteils
anfrischte / ward zwar hierüber verwundet; aber er verstellte und verbiess seine
Verletzung. Hohenstein aber brach mit seiner Brücke ein / und darüber einen Arm
/ also / dass der Graff von Solms seine Stelle vertreten musste. Gleichwohl würden
die Catten an beiden Orten gegen die andringende Römische Reuterei nicht länger
haben stehen können / wenn die Römer nicht einen neuen Lermen bekommen hätten
/in dem der Ritter Bergheim mit dreihundert auf Römisch gekleideten Catten / an
der hohen Seite des Lagers / wo kein Mensch einen Feind vermutet / über die
gähen Klippen den Wall erstiegen hatten / welche auch nicht für Feinde / sondern
für ihnen aus der Festung zu Hülffe kommende Römer angesehen wurden / noch was
feindliches fürnahmen / biss sie zu dem nechsten Tore kamen / und selbtes
aufzuhauen anfiengen. Dieses Tor ward auch auswerts / genommener Abrede nach /
vom Grafen von Isenburg angegriffen / und also / ungeachtet Varro selbst mit
fünffhundert Römern / und noch mehren Trierern dahin kam /aufgesprengt. Worüber
denn ein überaus blutiges Gefechte angieng / in dem Isenburg mit Gewalt
einzudringen / Varro aber solches zu verwehren / und die dreihundert hinein
gestiegene Catten von dem Tore weg zu treiben sich eusserst mühte. Alleine
allen diesen zweifelhaften Gefechten gab endlich der Graf von Waldeck den
Ausschlag / welcher das dritte bestürmte Bollwerck völlig behauptete / die
Trierer von selbigem abtrieb / und mit denen zweitausend daselbst übersteigenden
Catten / teils auf das zersprengte Tor wieder den Varro selbst / teils auf
das vom Hanau gestürmte / und vom Tubero verteidigte Bollwerck / durch den
Grafen von Henneberg und Beilstein los ging. Nach einer verzweiffelten
Gegenwehr musste Varro endlich weichen / also / dass Isenburg und folgends die
Cattische Reuterei eindrang /und was sich entgegen stellte / zu Bodem rennte.
Tubero ward vom Hanau und Henneberg zugleich von seinem Bollwercke getrieben /
und kurtz darauf behauptete der Graf von Solms auch das seinige. Weil nun
derogestalt alles über und über ging / eileten Varro und Tubero denen gegen der
Festung gelegenen zwei Pforten zu / welche sie zu ihrer Flucht öffnen liessen.
Es lagen aber die ins Lager gedrungenen Catten / weil Arpus bei Verlust des
Lebens für völligem Siege die geringste Beute zu machen verboten hatte /so
scharff in Eisen / dass der Feinde kaum tausend aus dem Lager entkamen / welche
aber aus dem Regen in die Tropffe kamen / in dem sie von der auswerts in
Bereitschaft haltenden Reuterei der Catten auffs neue bewillkommt / und / was
nicht durch die Gütigkeit der Pferde entrann / in Stücke gehauen oder gefangen
ward. Varro und Tubero konten die Festung nicht erreichen / weil die Catten
daselbst schon vorgebeugt hatten; also mussten sie spornstreichs dem nur zwei
Meilen von dar flüssenden Meine zueilen / über welchen sie auf einem schlechten
Fischer-Bot entrannen. Wenig Römer versteckten sich zwischen die Felsen in die
Gräben und Wälder / und stahlen sich des Nachtes zu dem Rheine oder Meine. Im
Lager warffen die umringten Trierer und Gallier die Waffen alsobald nieder / die
übrigen Römer mussten sich also mit dem Emilius auch ergeben. Hertzog Arpus bekam
im Lager einen grossen Vorrat an Waffen und allerhand Sturm- und andern
Kriegeszeug / wie nicht weniger an schönen Pferden / Gelde / Gallischem Weitzen
/und andern Lebens-Mitteln / mit welchen er sein Kriegs-Heer vortrefflich
ausrüstete. Sintemahl er nur das Getreide und den Kriegszeug zu Fortstellung des
Krieges aufhob / Pferde / Geld / Waffen / und güldene Ketten aber / wormit die
reichen Gallier im Kriege zu prangen pflegten / den Catten / welche sich wohl
gehalten hatten / austeilte / und nur das zehende Teil davon / GOtt zu einem
Danck-Opffer liefferte. Hertzog Arpus ward durch diesen Sieg so entzündet: dass
er von Stund an sein Kriegs-Volck mit dem im Lager eroberten vortrefflichen
Sturmzeuge für die deutsche Festung führte / und sie auffordern / zur Belagerung
aber den Anfang machen liess. Denn wie dem Siege Flügel zugeeignet werden / also
lauffen die nicht /welche das Glücke an der Seite haben / sondern sie flügen.
Arpus liess noch selbigen Abend die Festung auffordern / und ihnen dreuen; dass so
denn keine Gnade zu hoffen sein würde / wenn sie es so weit kommen liessen / dass
er die Türme an die Mauer brächte / und mit den Sturm-Böcken die Mauer zu
erschellen anfienge. Calpurnius Piso / welcher oberster Befehlhaber in der
Festung war / liess dem Hertzoge Arpus spöttische Antwort zu entbieten / und ihn
fragen: ob er seine Türme wie die Erd-Kugel in die Lufft gründen / die
Sturmböcke aber an die Bogen des Himmels anhencken wollte; deñ diese Festung lag
rings herum auf einem felsichten Berge / und hatte nur an wenigen Orten einen
schmalen Absatz / der nicht mit der Mauer eingeschlossen war / also es was
übermenschliches zu sein schien / einen Turm anzuschieben / oder einen
Sturmbock zu stellen. Denn ob zwar dem Piso nicht unbekandt war; dass Sylla in
Belagerung der Jüdischen Bergfestung Massada / von Erde und Holtz / einen Berg
zweihundert Ellen hoch geschüttet / hierauf einen steinernen Fuss von funffzig
Ellen gemauert / endlich einen sechzig Ellen hohen Turm darüber gebauet; wie
nicht weniger Julius für Massilien wenig kleinere Lasten aufgeführet / und
Mitridates für Cyzicum hundert Ellen hohe Türme auf Rädern angeschoben hatte;
so traute er doch weder den Catten diese Geschickligkeit und Gedult / noch auch
dass Germanicus den Belägerern hierzu genugsame Zeit lassen würde / zu. Allein
Hertzog Arpus zwang die im Lager gefangenen Römer / welche sich sonderlich auf
die gefundenen künstlichen Werckzeuge wohl verstunden / dass sie nicht allein die
zu sicherer Untergrabung der Mauer dienenden Verdachungen / die zu Einwerffung
bleierner und eiserner Kugeln /drei Ellen langer Pfeile / zwölff ellichter
Spiesse /grosser Mühlsteine / welche gleich dreihundert und sechzig Pfund schwer
waren / bereitete Schleudern /auf den Berg und harte an die Mauer brachten /
sondern sie mussten auch zwei Sturm-Türme an den ihnen angewiesenen Ort bringen
/ welche nach dem Muster derer / welche Cassius für Rhodus gebraucht /man
zerlegen / stückweise tragen / und / weil sich alles sehr wohl zusammen fügte /
in gar kurtzer Zeit zusammen sätzen konnte. Die belagerten Römer wussten nicht: ob
sie diese gezwungenen Römer als ihre Lands-Leute und Bluts-Freunde verschonen /
oder weil sie zu ihrem Verterb arbeiteten / als Feinde beschädigen sollten. Weil
sie aber hierüber mit einander zwistig wurden; verrichteten unterdessen die
Gefangenen die ihnen aufgedrungene Arbeit / und die Catten erreichten ihren
Zweck / fiengen auch ohne Zeitverlierung an / Steine / Blei / und Eisen
einzuwerffen / die Mauer zu durchbohren / und zu untergraben. Die Belagerten
mühten sich zwar / mit ausgeworffenem Pech / Hartzte / Schwefel / glüenden Eisen
/ und grossen Steinen solche zu verbrennen / und zu zerdrümmern /aber weil alles
Holtz mit Allaune überfirnsset / die Türme mit eisernem Bleche beschweret waren
/ haftete kein Feuer / und das zerschmetterte ward augenblicks wieder
ausgebessert. Hierbei aber liess es der wachsame Arpus nicht bewenden / sondern
unter denen Bedachungen liess er harte an der Mauer zwei eichene sechs Ellen und
dreissig Schuch / zurücke an der abschüssenden Seite des Berges zwei funffzehn
Ellen hoch aus der Erde fürragende und rundte Säulen eingraben. Um beide legte
er dicke und lange Seile an / welche unten mit vielen Stricken an eisernen
Rincken einen starcken auf sechs niedrigen Rädern liegenden Sturmbock fasseten.
An die oben um die Säulen gelegten / und am Berge herunter gehenden Seile
/wurden auf der Fläche dreissig paar Ochsen angespannet / welche in einer
Viertel-Stunde den sonst kaum von etlich tausend Menschen beweglichen Sturmbock
empor brachten. In weniger Zeit ward er mit Ketten an die obersten Säulen
aufgehenckt / mit Kühhäuten bedeckt / und von denen unter den Bedachungen
stehenden Catten vermittelst der um die untersten Säulen gehender Seile und
Stricke gezogen. Die belagerten Römer / welche anfangs über so mühsamer Arbeit
lachten / wurden nicht weniger als die Gallier und Mazagen in Indien erschreckt
/ als jene den Käyser Julius / diese den grossen Alexander so ungeheure Türme
auf verborgenen Rädern an ihre Mauern zum ersten anschieben sahen; gleich als
wenn diss ein mehr als menschliches Werck wäre. Noch viel mehr aber fiel ihnen
der Mut / da sie in wenigen Stunden von dem stossenden Bocke die nicht allzu
dicken / und noch weniger recht ausgetrockneten Mauern bersten /wie auch durch
derselben Untergrabung nicht wenig Löcher gemacht / die Catten aber so embsig
sahen: dass sie Tag und Nacht arbeiteten / und ihnen weder zum Essen noch zum
Schlaffe Zeit nahmen. Weil nun Piso sich auf solche Art verloren sah /
entschloss er einen Ausfall zu tun / in Meinung diese Sturmwercke zu zernichten.
Zu allem Unglück aber trafs sichs /dass Arpus auf eben diese Zeit sein ganzes
Heer zu einem Sturme fertig hielt. Daher wurden die ausfallenden Römer nicht nur
übel empfangen / sondern die sich mit den Flüchtigen vermischende Catten drangen
zugleich mit durch die geöffnete Pforte / der Graf von Erpach und Gleichen / der
Ritter Ridesel / Kossbot /und andere aber / durch die zerstossene Mauer hinein.
Piso tat zwar sein euserstes / aber vergebens. Denn er ward selbst harte
verwundet und gefangen / worauf die übrige Besatzung sich auch ergeben / und dem
Willen des Uberwinders unterwerffen musste. So geschwinde ging diese
fürtrefliche Festung über / zu einer heilsamen Erinnerung: dass weder die Natur
/noch menschliche Vorsicht etwas unüberwindlich machen könne. Flaminius steigt
so bald über die unwegbaren Gebürge in Macedonien / als Hannibal über die Alpen
in Italien / worüber nicht einst die Vögel sollten fliehen können. Alexandern
konnte der Euphrat / der Tiger und Oxus die berühmten Mauern der Morgenländer
nicht aufhalten / und die von Sand und Schlangen umgebene Stadt Capsa fiel in
kurtzer Zeit in des Metellus Hände.
    Der bei dem Altare des Bacchus über den Rhein gegangene Fürst Catumer wollte
weder an Glücke noch Tapfferkeit seinem Vater was nachgeben. Denn es zohen zwar
Acilius / Aviola und Julius Indus die Gallier zusammen / und weil sie wohl
zweifach so starck waren / boten sie ihm an der Nahe unter dem Berge / welcher
das Haupt der Berge genennet wird /die Stirne. Es lief aber solches so schlecht
ab: dass die Gallier nach einem zweistündigen Gefechte geschlagen wurden / den
dritten Teil ihres Volckes / und eine sehr reiche Beute im Stiche liessen. Weil
nun Catumer keinen Feind im Felde hatte / ihn aber die Einäscherung der Stadt
Mattium heftig bitterte / saan er Tag und Nacht / wie er den Römern eines / wo
es ihnen recht weh täte / versetzen möchte. Das vom Domitius besätzte Mäyntz
stach ihn zwar in die Augen / aber zu einem so grossen Wercke waren seine
Kräfften zu schwach / zumahl von dem Britannischen Ufer die verschriebene Legion
im Anzuge /und schon biss an die Samber gekommen war. Nach dem aber nahe bei
Mäyntz auf einem Berge dem Drusus zu Ehren ein Bild und ein Altar gesetzet / und
eine zu grosser Verkleinerung der Deutschen gereichende Lobschrifft aufgerichtet
war / ja die fürnehmsten vom deutschen Adel / welche die Römer gefangen bekommen
/ oder unter ihrer Botmässigkeit Güter besassen / daselbst Priester / oder nur
Opffer-Knechte worden / seines blinden Grabmals eben so wohl als dessen / was ihm
zu Ravenna aufgerichtet war / warten / zu gewisser Zeit es mit Rosen und Blumen
bestreuen / und Mahlzeiten ausrichten mussten; ward Catumer lüstern dieses
verkleinerliche Gedächtnüsmaal eben so wohl als das an der Lippe zu zerstören.
Weil selbtes aber wohl befestiget war / und aus der harte daran liegenden Stadt
Mäyntz alle Augenblicke entsetzet werden konnte / er auch andere nützlichere
Verrichtungen mit einer langen und gefährlichen Belagerung nicht versäumen wollte
/ nahm er seine Zuflucht zu einer Krieges-List. Er entfernte sich von Mäyntz
/und liess sein Volck biss an die Saar und Mosel streiffen / viel tausend stücke
Ochsen / und ander Vieh zusammen / und zum Altare des Bacchus treiben / und
solche nebst anderer reichen Beute in sein Land überbringen. Weil aber nach
etlichen Tagen gleich das Feier des Drusus einfiel / da die Gallier zu seinem
Altare eine grosse Menge Opffer-Tiere bringen / und ihn als einen Gott verehren
mussten / näherte sich Hertzog Catumer Mäyntz mit tausend Pferden / und liess
unterdess den Grafen von Wissbaden / Hagenheim und Beilstein den Trierern auf dem
Halse. Von seinen Kriegs-Leuten aber verkleidete er dreihundert teils in
Gallische Bauern / teils gar in Weiber. Hierzu liessen sich auch selbst die
Ritter / Geissfurt / Bierstatt / Abrinsberg / und andere gebrauchen. Diese
trieben wie andere Gallier ihr Vieh nach der Festung / worinnen des Drusus Mahl
war / ohne den geringsten Argwohn zu / weil man die Catten auf mehr denn
zwantzig Meilweges von dar entfernet zu sein glaubte. Nach dem aber der in einem
Grunde verborgene Fürst Catumer / von einer Höhe / durch Aufsteckung eines
weissen Tuches das Zeichen bekam: dass die verkleideten Catten mit ihrem Vieh
nahe dem Tore kamen; rennte er mit seinen sieben hundert auf Gallische Art
gekleideten Catten der Festung spornstreichs zu. Die Wache wollte bei seiner
Näherung zwar das Tor sperren / aber die auf der Brücke und unter dem Tore
getriebene Ochsen hinderten nicht allein jener Aufziehung / und dieser
Schlüssung / sondern die in Bauern und Weiber verkleideten Catten zohen auch die
versteckten Gewehre herfür / grieffen damit die Wache an / und machten also: dass
Catumer mit so gutem Glücke / und auf gleiche Weise diesen Ort / als der
Spartaner Aristippus an dem Feier der Minerva die Stadt Tegea eroberte. Die
darinnen befindlichen Römer wollten sich zwar zur Gegenwehr setzen / es ward aber
alles zu Bodem gerennet / ehe es recht die Waffen ergreiffen / und sich in
Ordnung stellen konnte. Daher drang sich alles / und darunter selbst Domitius
durch die andere gegen Mäyntz gelegene Pforte durch / und hiermit machte sich
Catumer der ganzen Festung Meister / darmen viel gefangene und reiche Beuten
ware. Domitius sendete dem Fürsten Catumer alsbald einen Herold / und erbot sich
für des Drusus Altar und Gedächtnüsmaal ein grosses Stücke Geldes zu entrichten
/ dass es nicht versehret würde. Catumer aber liess ihm zur Antwort wissen: die
Deutschen wären vor diesem nicht gewohnt gewest / Heiligtümer / Palläste /
Seulen-Bilder / und andere Dinge /welche den Feind zwar kränckten / den Sieger
aber nicht verbesserten / zu versehren / sondern hätten derselben Zernichtung
für eines rasenden Menschen Begiñen gehalte. Nach dem aber die Römer / welche
die ganze Welt Rechte und Gesätze lehren wollten /durch Zerstörung des
Tanfanischen Tempels / Einäscherung der Stadt Mattium / sie ein besseres
Kriegs-Recht gelehret hätten / wollte er sich dessen gebrauchen. Ubrigens möchte
Domitius wissen: dass zwar die Römer / nicht aber die Deutschen mit Gelde zu
überwinden wären; dass sie aus Geitz verkleinerliche und abergläubische Dinge
ihnen zum Schimpff /und andern zur Aergernüs sollten stehen lassen. Denn Catumer
hatte nach besätzter Festung / und angeordneter Verwahrung der Gefangenen /
alles was zu Ehren des Drusus aufgerichtet war / in Augenschein genommen / und
befunden: dass an einem hohen in Gestalt einer Eichel ausgehauenen Steinfelse
eben dieselbige hoffärtige Uberschrifft / welche bei dem an der Lippe
aufgerichteten Altare gestanden hatte / dem Drusus zu Ehren eingegraben war.
Gegen über war aus Marmel in Gestalt eines alten und zwei hörnrichten Greisses
der Rhein gebildet / aus dessen Gefässe ein rechter Brunn unaufhörlich Wasser
ausgoss. Der Rand dieses Geschirres war vergoldet / vielleicht weil man aus dem
Sande dieses Flusses Gold wäscht. Neben ihm stand Drusus / welcher mit der
lincken Hand das rechte Horn des Rheines umfasste; dieser aber steckte seine
rechte Hand unter des Drusus lincken Fuss / welcher in der rechten Hand einen
Römischen Adler hielt. Oben war darüber in Stein gehauen: Dem Rheine / seinem
Sohne Drusus / und dem Adler / unsern Schutz-Göttern. Denn Drusus hatte noch bei
Lebzeiten / wie Viridomar / sich für einen Sohn des Rheines ausgegeben. Wie denn
auch für Alters Nileus seinen Ursprung vom Nil / Acestes vom Flusse Crinisus /
Oenus von einer Bach in Tuscien /Achilles von der Tetis herzuführen
vermeinten. Daher befahl er: sie sollten die ganze Schrifft zernichten / das
marmelne Altar biss auf den Grund abbrechen / die Priester abdancken / und
vereiden: dass sie sich nimmermehr zu solcher Abgötterei wollten gebrauchen
lassen. Wie die Catten nun die Hand daran legen wollten / trat der dem Drusus
geweihte Römische Priester mit zerstreueten Haaren und ängstigen Gebehrden
herfür / redete aber den Fürsten Catumer mit einer ungemeinen Bewegung an: Ist
es wohl möglich: dass ein so tapfferer Fürst / als Catumer ist / dieses Ehren-
und Grabmaal des grossen Drusus versehren sollte / welchen wir Römer für einen
Halb-Gott /seine Feinde aber für einen der tapffersten Helden halten? Glaubestu
nicht: dass du dir deine eigene Lorbeerzweige vom Haupte reissest / wenn du diss
Grab derselben beraubest? Ich kann von dir nimmermehr mutmassen: dass du deine
Stärcke an unversehrlichen Gräbern prüfen / und die im Grabe einst zur Ruhe
gelangten Todten beunruhigen soltest. Sintemahl nur Raben und Geier mit Leichen
Krieg anfangen. Die Natur hat ja selbst eine heilige Ehrerbietigkeit gegen die
Todten / auch den wildesten Menschen eingepflantzt; Niemand rühret ein Grab ohne
Schrecken an. Ist gleich Drusus euer Feind gewest / so vergnüget euch: dass so
wohl seine Siege als sein Leben in Deutschland ihr Ziel gefunden. Höret doch der
Grimm unvernünftiger Tiere mit dem Falle ihrer Feinde auf / wie mag denn
deiner sich so weit nach Drusus Tode erstrecken / da er dich zumal nie
beleidiget hat? da er bei Lebzeiten sich so tapffer gewehret / nun aber es zu
tun keine Kräfften hat. Lasse diesem nach deine dir selbst verkleinerliche
Sache mit ihm gestorben /und mit seiner kalten Asche begraben sein. Denn du
würdest durch Beleidigung dieses sich nicht mehr zu wehren geschickten Todten
dich nur selbst verdächtig machen / als wenn du dich / ihn lebendig anzugreiffen
/ nicht das Hertze gehabt hättest. Schämet sich doch ein Kriegs-Mann einen
ungewaffneten anzutasten; wie woltestu dich denn an den reiben / der in seinem
Grabe verriegelt / und statt des Schildes mit einem Leichen-Steine bedeckt ist?
Denckestu nicht: dass du dem Himmel / und der Natur hierdurch Krieg anbeutest /
wenn du dessen Gebeine ans Licht bringen / mit dessen Geiste die Welt schichtern
machen wilst / welche die Erde schon verdecket / und dem das Verhängnis ewigen
Schlaff und Stillschweigen enträumet hat? Aeschere nach dem Beispiele deiner
tapfferen Vorfahren Rom / oder diese euch zum Kapzaume erbaute Stadt Mayntz ein
/ lasse nur den Todten-Topff unversehret / der entweder hier ein Teil von des
Drusus Asche / oder sein Gedächtnis in Verwahrung hat. Weil es doch alle
Grausamkeit übersteiget / wenn man die uns in nichts am Wege stehenden
Grab-Maale umdrehet; und nach dem tapffere Helden uns kein Leid mehr tun wollen
/ das Andencken ihrer Taten vertilgen will. Uberwinde dich diesem nach /
Catumer! nach dem du die Gallier / und diese Festung überwunden hast. Du wirst
an den Lebenden noch viel zu bezwingen haben / also / dass du dich mit den Todten
einzulassen nicht Not hast. Die Rennebahn der Tugend hat keine Schrancken / und
das Feld der Ehre kein Ziel. Je weiter man darinnen kommt / ie mehr findet man
zu tun / und das vermeinte Ende unserer Siege ist meist allererst des Kampffes
Ansprung. Was wilstu dich denn mit den Todten halsen / in die Gräber vertieffen
/ wo jene ihre Sieges-Kräntze abgeleget / und wir den Stillstand unsers Tuns /
ja unser hochflügenden Gedancken zu erwarten haben. Lasse die Würmer mit den
Leichen kriegen; du aber / Catumer / mache dich an des Drusus Sohn / welcher dir
und den Catten so weh getan hat / wo deine Rachgier so edel / als eiffrig sein
soll. Drusus hat einmal die Schuld der Natur bezahlt / niemand kann zweimahl
sterben. Du aber mühest dich gleichwohl den Drusus zweimahl zu tödten. Denn die
Begräbnis-Maale / die rühmlichen Grabeschrifften / sind nicht nur das einige
Vermögen / sondern das andere Leben der Todten. Dieses raubet der ihnen /
welcher sie beschädigt; ja er leschet zugleich das heilige Feuer aus / welches
der Ruhm und die Ehre der Verstorbenen in edlen Gemütern anzünden. Zünde
vielmehr mit der unter diesem Steine verwahrten Ampel in deinem Hertzen eine
rühmliche Eyversucht und Begierde an / es dem Drusus bevor zu tun / und die
deutschen Heerspitzen biss an den Po und die Tyber zu führen / wie er die
Römischen biss an die Weser und die Elbe erstrecket hat. Erweitere die
Herrschaft der Catten / biss an die Alpen und Pyreneischen Gebürge. Bändige die
Römer / unterwirff dir die Gallier / und dencke nicht an die Todten / welche
dich mehr weder zu hassen / noch an dich zu dencken fähig sind. Was suchestu in
dem Schatten eines Grabes bei dem / der am Tagelichte mehr kein Teil / und der
Deutschen Feind zu sein aufgehöret hat. Die Erde ist zwar ein Behältnis der
meisten Schätze; Dieses Grabmaal aber ist noch ärmer als ein Grab. Denn es
beherberget nicht einst Asche oder ein Aass; sondern wenn du an ihm den Nahmen
Drusus ausleschest / ist es ein Unding; also /dass auch die Zauberer hier mit
keinem Gespenste ihre Gemeinschaft würden finden können. Mit Auswischung dieser
Uberschrifft wirstu zwar nicht das Gedächtnis des Drusus / welcher zu Rom und
Ravenna noch fürtrefflichere Ehrenbilder hat / aber wohl viel vom Ruhme der
Deutschen verleschen; welche so wenig Geschichtschreiber / aber in den Kriegen
mit dem Drusus viel denckwürdige Taten ausgeübt haben. Sei nicht
unbarmhertziger / als die alles fressende Zeit / nicht grimmiger als Feuer;
welches sich vergnüget / wenn es was zu Asche gemacht hat. Erinnere dich: dass du
auch sterblich seist; und ich zweifle nicht / dass auch du in deinem Grabe
einmal Ruh zu haben verlangest. Wie kanst du aber diss mit Gewissen verlangen /
oder ohne Misstrauen hoffen /wenn du anderer Gräber verletzest / und die Götter
für gerechte Rächer angetanen Unrechtes hältest? Niemanden ist es noch
ungenossen ausgegangen / der iemanden / besonders aber heilige Örter / wie die
Gräber sind / angetastet hat. Denn diese ist die Himelstürmung der Riesen /
welche mit Donner und Blitz unter die Berge vergraben wurden. Catumer ward durch
diese bewegliche Rede bei nahe gewoñen; also / dass er des Drusus Denckmaal
unversehret gelassen hätte / wenn nicht der Ritter Kronberg ihm eingeredet
hätte: Tempel und heilige Örter wären freilich auch von denen / welche gleich
nicht selbigem Gottesdienste beipflichteten / keines Weges zu versehren. Diesen
wären die Gräber gleich zu schätzen / und würden die dem Pyrrhus wider den
Antigonus Hülffe leistenden Gallier / und König Philip in Macedonien billich
gescholten / welche aus Geitz oder Rache die Gräber eröffnet und beraubet
hätten. Hier aber wäre weder Grab noch Heiligtum / weder Leiche / noch
Anwesenheit eines Gottes; sondern eine pralende Ruhmrätigkeit der Römer / eine
unwarhafte Verkleinerung der Deutschen / und eine ärgerliche Abgötterei / da
man einen verfauleten Menschen den Galliern und Deutschen zu einem Gotte
aufdringen wollte. Also könnte Catumer mit Ehren und ohne Grausamkeit wider sein
Vaterland / dieses Schandmaales / und der Römer nicht schonen / die durch
Verbrennung des Tanfanischen Tempels alle gött- und menschliche Rechte verletzet
hätten. Der Römische Priester warff ein: Die Gedächtnis-Maale hätten eben das
Recht /und die Freiheit der Gräber / und daher hätte Kayser Julius des
Mitridates Sieges-Zeichen abzubrechen /so für unverantwortlich geschätzt / als
die Tempel. Die Römer hätten sich mit Unrechte am Tanfanischen Tempel
vergriffen; aber ihre Vergehung rechtfertigte nicht die Nachtuung des Bösen;
und eine grausame Vergeltung liesse sich leichter entschuldigen / als
rechtfertigen. Alleine die Catten gaben mit ihren Gebehrden allzu klar zu
verstehen: dass dieses hochmütige Ehrenmaal ihnen ein unerträglicher Dorn in
Augen wäre. Daher gab Catumer mit einem Streit-Hammer des Drusus Bilde den
ersten Schlag. Welchem die Catten mit grossen Frolocken nachfolgten /und alles
in tausend Stücke zerschlugen. Gleich als wenn sie damit alle Schande von sich
ablehnten / und allen erlittenen Schaden ergäntzten. Catumer bekam hierauf durch
den Grafen von Weil vom Hertzoge Arpus zwölff hundert Catten zu Besetzung dieser
Festung / und vereinbahrte sich wieder mit seinem Kriegs-Heere / welches denn
zwischen dem Rheine /der Saar und Mosel / alles durch Schwerdt und Feuer eben so
verheerte / wie Germanicus zwischen dem Rhein und der Eder verfahren hatte. Denn
es ist nichts gerechters in der Welt / als einen Feind mit gleicher Müntze
bezahlen. Nur diesen Vorteil hatten die Deutschen in dieser Rache; dass die
Römer und Gallier bei denen armen Catten nicht den hundersten Teil der Beute /
welche die Catten bei denen vermögenden Galliern machten / überkommen hatten.
Dahero denn Catumer mit so vielem Vieh und anderm Vorrate sein Land reicher
machte / als es iemahls vorhin gewesen war. Die aus dem innern Gallien kommende
Legion hatte auch nicht das Hertze / sich über die Mosel zu wagen / biss
Germanicus mit seinen vier Legionen wieder am Rhein ankommen war. Welcher
Ankunft denn verursachte / dass Catumer dem Grafen von Weil Befehl zuschickte:
Er sollte alles / was er nicht sicher mit wegführen könnte / in der unhaltbaren
Festung sprengen und einreissen / hierauf in Begleitung der ihm zugeschickten
tausend Reuter / und fünffhundert Wagen / zu dem Altare des Bacchus bringen.
    Germanicus kam kurtz darnach am Rheine herauf /hätte aber bei nahe auf
selbtem sein Leben eingebüsst. Denn als die Schiff-Leute / ihrer Gewohnheit
nach / unter dem Ertzt-reichen Lurlenberge / wegen des wunderwürdigen
Wiederschalles jauchzeten / und denen ihrer Einbildung nach daselbst wohnenden
/und den im Wirbel verschlungenen Rhein in eitel Brunnen und Bäche verteilenden
Berg- und Wasser-Göttern zurufften / versahn sie es: dass das Schiff wider den
im Rheine liegenden viereckichten Eiterstein lieff / auf welchem die Römer und
Gallier / wenn er bei kleinem Wasser über den Fluss zum Zeichen einer reichen
Wein-Erndte hervor ragt / dem Bacchus opfferten. Hiervon kriegte das Schiff ein
grosses Loch / wodurch das Wasser ein- und das Schiff so geschwinde untersanck /
dass Germanicus mit Not auf ein ander Schiff kommen konnte. Germanicus ward
hierüber vedriesslich: dass er auf diesem Steine mehr zu opffern verbot. Mit noch
grösser Verbitterung aber vernahm er: dass die Catten seines Vaters Drusus
Gedächtnis-Maal zerstöret hatten; befahl also: dass um das Altar des Bacchus biss
an Trier an / alle Weinstöcke ausgerottet werden sollten. Wie denn auch viel
Jahre nach solcher Zeit dahin / oder auch in Gallien /entweder aus Neid / oder
zur Straffe: dass die Gallier diss vermeinte Heiligtum nicht besser verwahret
hatten / kein Weinberg gepflantzt werden dorffte. Welches aber dem Hertzoge
Arpus / der sein Kriegs-Volck mit der aus Gallien geholeten Beute reichlich
beschenckte / eine sehr angenehme Rache / und seinem Bedüncken nach / kein
geringer Fehler am Germanicus war; in dem er vergessen hatte: dass die Römer
ihren Feinden mehr mit ihren ausgesämten Wollüsten / als Waffen Schaden getan
hätten. Denn er wusste wohl: dass seine Catten nicht so leichte von den Römern /
als nach dem Beispiele Hannibals in Campanien / und der Cimbern am Flusse Atesis
vom Weine als dem kräfftigsten Zunder der Wollüste überwunden werden dörfften.
Daher auch so wohl von Catten als Nerviern verboten war / Wein einzuführen;
welches nunmehr / nach dem der Rhein- und Mosel-Strom mit so viel Wein-Reben
bekleidet stand / unmöglich zu verhüten war. Sintemahl die Wollüste anfälliger
als die Pest / und durchdringender als das Scheide-Wasser sind / also / dass sie
durch die schärffste Auffsicht nicht vom Leibe gehalten / oder irgendswo
beschlossen werden können / sonderlich wenn sie einem nahe auf den Hals kommen.
 
                                    Innhalt
                             Des Siebenden Buches.
Der deutsche Feldherr Herrmann / weil er den Römern nicht trauen darf / lässt
sich den Stillestand der Waffen nicht einschläffen; ziehet eine Anzahl Semnoner
und Longobarder an sich. Germanicus rüstet sich gleichfalls zum Kriege; lässt
aller Orten Werbungen anstellen. Wie das Römische Reich durch die Kriege
geschwächt worden. Tiberius bestellt die Obersten selber / und redet den Römern
/ welche nicht in Krieg gehen wollen / zu. Germanicus verstärckt die Legionen;
seine List die Kriegs Leute an sich zu ziehen. Des Flavius Reue. Sein und des
Siegemunds Gespräche mit der gefangenen Tussnelde / Ismene und dem andern
Frauenzimmer / Siegesmund kommt bei ihnen übel an. Ihr Gespräche von der
Beständigkeit im Unglücke. Zirolane bekomt einen von Sentien an den Siegesmund
geschriebenen Brieff: dass sie allerseits zum Siegs-Gepränge nach Rom geführet /
Tumelich aber auf des Drusus Grabe geopffert werden soll; worüber Tussnelde
ohnmächtig wird. Agrippine forschet vergebens nach der rechten Ursache. Die in
Römische Krieges-Tracht verkleidete und vom Siegesmund bestellte Hermengarde des
Dehnhofs Tochter /so den Brieff gebracht / erzählt ihnen seine Reue /und die
Hefftigkeit seiner Liebe gegen Zirolanen / und wie er sie aus der
Gefangenschaft zu erlösen willens wäre. Ihr allerseits Bedencken hierüber / und
ob Zirolane zu Erhaltung ihrer den Siegesmund zum Schein lieben solle. Die
bekümmerte Hermengarde nimmt Abschied. Agrippine besucht die Gefangenen und
erzählt ihnen die Ursache / warum Tiberius den Germanicus nach Rom beruffen /
und ihn in Asien zu schicken willens sei / weil es wegen der Parten in Armenien
übel daselbst stünde / welches Termusa des König Phraates Kebsweib auf Liviens
Angeben angesponnen; worbei sie die mit ihrem Sohne Phrataces begangene
Blutschande / Vatermord / ihre mit ihm gehaltene Vermählung / und andere Laster
erzählt / also dass die Partischen Stände sie in erfolgtem Aufstande hinrichten
müssen / hernach aber Heroden zum Könige erwehlet / welcher aber wegen seiner
Hoffart und Grausamkeit auf der Jagt getödtet / und denn hier auf dem Vonones
vom Käyser zu Rom im Rat die Krone aufgesetzet worden; der aber ebenfals im
Aufruhr und dem Tacfarinischen Kriege vom Artaban in die Flucht in Armenien
getrieben worden; woselbst er vom Tiberius durch Gesandten die Armenische Krone
begehret / aber ins Gefängnüs geleget wird. Worauf Artaban sich derselben Länder
bemächtiget / und den Römern ein gefährlicher Nachtbar worden / also dass
Germanicus daselbst alles in guten Stand zu bringen / hinreisen sollte. Tussnelde
dancket Agrippinen vor solchen Bericht. Ihr Kummer in ihrer Gefangenschaft.
Siegesmund lässt durch Hermengarden ihnen zu wissen tun / dass er sie erlösen
wolle. Sie halten sich zur Flucht fertig. Tussnelde aber gebieret gleich zur
selben Zeit einen jungen Sohn. Siegesmund entführt nebst Hermengarden
Tussneldens ersten Sohn; werden aber vom Cäpio ertapt / und nach Antonach
geführet; welche Flucht Germanicus und Agrippine übel aufnehmen. Tussnelde
sinckt darüber in Ohnmacht. Dem Siegemund wird das Priestertum genommen / und
soll zur Straffe den jungen Tumelich opffern; bekommt aber durch Hermengardens
klugen Rat solches / sie aber ihre Freiheit wieder. Siegmund wird eingeweiht.
Agrippine flucht gegen dem Apronius auf die Menschen-Opfferung. Arpus und Jubil
lassen durch Herolde die Opfferung des Tumelichs beim Apronius widersprechen /
mit Bedrohung alle gefangene Römer abzuschlachten. Flavius bemühet sich
gleichfals ihn davon abzumahnen: aber vergebens / worüber Flavius im Zorn
fortgehet. Tussneldens Wehklagen über ihren Tumelich /und redet die Umstehenden
beweglich an. Des Tumelichs behertzte Antwort; wird hierauf mit aller grossem
Wehklagen geopffert. Tussnelde will sich nicht trösten lassen. Hermengarde
gewehret ihr solchen wieder lebendig / worüber sie ohnmächtig wird. Als sie sich
aber wieder erholet / erzählt auf ihr Begehret die Hermengarde / wie es mit dem
Tumelich zugegangen / und wie sie ihren eigenen Sohn dargegen ausgewechselt.
Tussnelde dancket ihr / und bittet sie den Tumelich in Sicherheit zu bringen.
Agrippine besucht nach ihrem Abschiede Tussnelden / und zeigt des Käysers
Brieff / dass Germanicus nach Rom beruffen würde. Des Flavius Empfindligkeit über
dem grausamen Menschen-Opffer. Hermengarde vertrauet ihm den jungen Tumelich /
welcher ihn gegen andere Gefangener Kinder Verkleideter auswechseln / und durch
den Ritter Gudeweg / und hernach den Rhein-Grafen dem Feldherrn zu seiner
grossen Freude zubringen lässet. Schädligkeit des falschen Gottesdienstes.
Zeitung von dem falschen Agrippa. Tiberius fürchtet sich deswegen eines Aufruhrs
in Rom. Crispus Salustius lässt ihn zu Ostia durch List gefangen nehmen / und
nach Rom bringen. Tiberius fragt ihn /wie er denn Agrippa worden / welcher
freimütig antwortet: wie Tiberius Käyser / nämlich durch List und Betrug.
Worauf ihn Tiberius nach geschehener Peinigung erwürgen / und in die Tiber
werffen lässt / den Germanicus aber erinnert: das die Zeitung vom noch lebenden
Tumelich eben auf solchen Schlag eingerichtet sein würde; verstattet ihm noch
einen Feldzug wider die Deutschen; und beschenckt den Flavius /Melo / Ganasch /
Malorich und Bojocaln. Hertzog Herrmañ findet sich so wohl mit den vier letztern
/ als andern deutschen Fürsten und Frauenzimer zu Cattenburg ein / und redet sie
beweglich an sich wider die Römer in Verfassung zu stellen. Arpus und alle
fallen ihm bei / ausser Malovend nicht. Dem aber Ingviomer widerspricht / worauf
ein richtiger Schluss über ihre Kriegs Verfassung gemacht wird. Hertzog Arpus
richtet zu seiner Tochter Catta / und des Fürsten Jubils Beilager eine grosse
Jagt zu Neidenstein an; worbei ein prächtiger Jäger Aufzug gehalten wird.
Malovend verliebt sich in die in Gestalt der Diana angekleidete Fürstin Catta so
sehr / dass er kranck wird. Allesamt hegen einen herrlichen Tantz. Arpus stellt
folgenden Tages eine neue Jagt an. Da denn Malovend sich in seiner Einsamkeit im
Gehöltze verirret / und bei einem heiligen Brunnen zu der weisen Wartburgis
einer Zauberin kommt / welche ihn in den Wahrsager-Geheimnüssen unterrichtet /
und erzählt / wie sie Segestens und Sentiens Liebe zuwege gebracht / auch zu
Rom die Sentia und Livia bezaubert / dass sie den Sejanus lieben müssen; auch was
sie alldort mit den Zaubern vor Unterredung gepflogen; und einen Römer dem Libo
wahrgesagt / darüber aber in einen Kercker geworffen / jedoch bald durch Sentien
erlöset worden / auch mit ihr nach Mäyntz kommen. Wartburgis bringt Malovenden
in die Zauber-Höle zur Sentia /welche ihn auf alle Weise auf der Römer Seite zu
treten beredet / und der Römer grosse Zurüstung beschreibet; der ihr aber
widerspricht. Wartburgis zaubert auf abscheuliche Art / dass Malovenden der
Angst-Schweiss ausbricht; lieset im Monden eine Wahrsagungs-Schrifft. Sentia
setzt aufs neue an ihn /und verspricht ihm / wenn er auf die Römische Seite
treten würde / Catten in seine Hände zu liefern. Kommt wieder nach Neidenstein.
Seine Liebes-Reime in einem Fenster. Wird heftig verliebt. Beschreibung des
heiligen Heines / wo Catta dem Jubil vermählet werden soll. Das Opffer geschicht
alles widrig. Malovend fällt als todt zu Bodem. Schrecklich Begebnüs bei der
Vermählung und den Opffern. Der Opffer-Fels berstet entzwei / und trennet Jubiln
und Catten von sammen; westwegen das Beilager nicht fortgehet. Malovend meint:
dass diss grosse Erdbeben / so sich über den Rhein in Gallien erstreckt / auch in
Asien viel Städte verschlungen / durch Wartburgen zuwege bracht worden. Hertzog
Herrmann redet dem Volcke die Furcht des bösen hiervon weisslich aus. Der
deutschen Fürsten Kriegs-Anstalt. Malovends Falschheit und Verräterei gegen die
Deutschen. Ingviomer bemächtiget sich des Drusischen Grabmaals / und schleifft
selbiges. Arpus schickt durch den Hanau und Isenburg Ingviomern bei Annäherung
der Römischen Macht Hülffe. Der verkleidete Malovend kriegt bei Franckenberg die
Cattische Fürstin Rhamis nebst Catten gefangen. Scharffes Gefechte daselbst.
Adelmunde entkommt zu Pferde. Arpus macht vergebens Anstalt seine Tochter wieder
zu bekommen. Germanicus opffert den zwölff Göttern / und lässt dem Drusus zu
Ehren Ritterspiele halten. Des Germanicus starcke Zurüstung in der See und zu
Lande. Beschreibung der Sinnbilder auf den Römischen Schiffen. Flavius führt den
Vortrab der Schiffs-Flotte / und nachgehends Cariovalda / und die übrigen
Kriegs-Häupter. Sie schiffen nach getanem Opffer aus dem Rhein in die Flevische
See. Malorich muss sie verstärcken / und die Hafen öffnen: lauffen in die Emsse.
Melo muss es geschehen lassen; sie leiden grossen Schiffbruch. Melo muss mit
grossem Unwillen Volck in Amisia einnehmen. Den Chauzen und Angrivariern
gefallen der Römer Händel auch wohl. Graf Ravenssperg redet mit Wegwerffung der
Waffen seine Deutschen an / dass er nicht wider seine Landes-Leute fechten wollte;
Sie stimmen ihm bei / worauf er des Bojocals Befehl nicht befolgen will /
westwegen die Angrivarier alle aufstehen / also dass sich Bojocal zum Germanicus
flüchten muss; dessen übele Regierung beschrieben. Stertinius soll dem Bojocal
den Auffruhr stillen helffen / Eberstein bringt die Angrivarjer wieder zu
rechte. Ravensperg schlägt sich mit den Römern tapffer herum / wird aber
tödtlich verwundet; worauf die übrigen zerstreut / und alle im Aufstande
gewesene niedergehauen werden. Der Feldherr und Ingviomer stellen sich an der
Weser / und forschen durch den Ritter Hoye / wo Germanicus wäre; lassen ihn zur
Schlacht ausfordern. Der Feldherr verlangt mit seinem Bruder Flavius zu reden.
Beider Gespräche über der Weser /da Flavius der Römer Macht und Herrligkeit /
Herrmann aber die deutsche Freiheit heraus streicht. Fodern einander aus /
Stertinius und Marcomir aber verhindern ihren Zweikampff. Jubil / Hanau /
Hohenstein und Waldeck stossen zu dem deutschen Heere. Fodern hierauf den
Germanicus zur Schlacht. Die Römer setzen über die Weser. Die Deutschen wollen
es verhindern; der Feldherr aber befindet solches nicht für ratsam; welche ihm
bei Ankunft acht tausend Semnoner und Longobarden unter den Ritter Ringelheim /
Wetin und Soltwedel mit beifallen / und den Feind übersetzen. Hierauf geht die
Schlacht ernstlich an. Malovend verführt die Römer. Cariovalda / Sacrovir und
Indus fechten tapffer / geraten aber in der Cherusker Hände. Cariovalda erlegt
den Ritter Weda und Mellen. Regenstein schlägt den Cariovalda todt /und geht auf
den Stertinius los. Die Römer müssen sich zurücke ziehen / und den Deutschen den
Sieg lassen. Germanicus setzt folgende Nacht aufs neue über den Fluss. Die
Deutschen stossen ihre ganze Macht wieder zusammen. Germanicus verschantzt sich
/ und lässt dem Schutz-Gotte der Weser opffern. Malovend warnigt den Germanicus
vor der Deutschen Uberfall: dieser verkleidet sich / und forschet zu Nacht
seiner Kriegs-Leute Gemüter und Zuneigung aus: höret aber alles gutes von sich
reden. Die Deutschen rücken an. Germanicus rüstet sich aufs beste zu einer
Schlacht; beruffet die Priester und Wahrsager / welche durch allerhand
abergläubische Mittel dem Volcke Sieg verkündigen und es dadurch aufmuntern.
Germanicus hat einen seltzamen Traum; bekommt vom Malovend Schreiben von der
Deutschen Anzuge. Beschreibung der überaus grossen Römischen Schlacht-Ordnung.
Germanicus hält die Deutschen vor die mächtigsten Feinde; redet von einem Hügel
sein Kriegs-Heer an; welches seine Freude mit Zusammenschlagung der Waffen und
Jauchtzen zu verstehen gibt / auch dem Germanicus schweret / nicht ehe / als
nach erlangtem Siege die Wallstadt zu verlassen. Der Feldherr Herrmann kriegt
wegen Marbods Einfall schlechte Zeitung. Ein Teil abgeforderte Semnoner und
Longobarden nehmen vom Feldherrn Abschied. Beschreibung der Deutschen
Schlacht-Ordnung / und der Wapen in den Schilden. Hertzog Herrmanns und
Ingviomers tapffere Rede zu dem Kriegs-Heere; welches seine Begierde zum Streit
gleichfals mit Zusammenschlagung der Waffen zu verstehen gibt. Die Weiber
ermahnen gleichfals ihre Männer zur Tapfferkeit. Ob man die Weiber mit zu Felde
nehmen soll. Die Barden singen den Kriegs-Leuten Helden-Lieder vor. Graf Nassau
redet dem Feldherrn ein /sich nicht allzu sehr in Gefahr zu begeben. Beide
Feldherren stecken die Zeichen zur Schlacht auf. Der deutsche Feldherr gibt dem
unter seine Leibwache sich begebenden Fürsten Gottwald zum Zeichen seiner Gnade
einen eisernen Ring / mit Versicherung /wenn er sich tapffer halten würde /
solchen mit einem goldenen zu vertauschen. Die Schlacht fängt sich heftig an.
Bojocals und Malovends Verräterei. Marcomir lässt solche durch den Ritter
Sinzich dem Feldherrn entdecken. Acht Adler fliegen über das Kriegs-Heer.
Germanicus macht ihm solchen Flug gegen seine Kriegs-Leute zu nütze. Das
Gefechte geht hierauf desto heftiger an. Marcomir gerät in Not / wird aber
entsetzt. Was die Römer für Zeichen in ihren Fahnen geführt / vor Kleider und
Federn getragen. Beschreibung der Römischen Kriegs-Arten und Gebräuche. Wie auch
der Deutschen Kriegs-Fahnen /Zeichen und Waffen. Hanau erobert etliche Römische
Waffen. Unterschiedliche Ritter bleiben todt. Beide Feldherren treffen
hertzhaft auf einander. Viel deutsche Ritter und Römer bleiben todt. Grosses
Blutvergiessen. Des Ingviomers und seiner Ritter Tapfferkeit; erobern etliche
Fahnen. Des Ritters Sein tapffere Tat / mit wider-Eroberung seines ihm mit der
Hand abgehauenen Schildes. Wie schimpflich es sei / den Schild einbüssen. Der
Graf von der Lippe rächet den Tod des Ritters Sein. Henneberg zwinget den Pedo
zu weichen. Die deutsche Reiterei behält die Oberhand. Des Germanicus Ungedult.
Jubil kommt ins Gedrange. Ingviomer und Nassau entsetzen ihn. Der Graf von
Bergen zernichtet mit etlichen Rittern die Römischen Schleudern und grobe
Geschütze / und jaget die Schleuderer davon. Schrecklicher Sturmwind erhebt sich
/ dessen sich Vitellius und Tubero zum Vortel bedienen. Das Bructerische und
Cimbrische Fuss-Volck fängt an zu weichen; Auf des Graf Benteims Zuruffen
erwischt Uhlefeld einen Cimbrischen Fähnrich / und drohet ihm und allen bei
Verlust des Lebens Stand zu halten / aber die Schlacht-Ordnung reisst an zwei
andern Orten. Hanau rennt den Malovend / und der umringte Marcomir den Vitellius
zu Bodem; bisst aber / jedoch nicht ungerochen / sein Leben ein. Die deutschen
Weiber kommen ihren fliehenden Männern mit Scheltworten entgegen. Des Feldherrn
Verdruss über der Deutschen Flucht. Er und Germanicus ermuntern die Ihrigen auf
einander los zu gehen. Herrmann rennt des Germanicus Pferde einen Wurffspiss
durch den Hals. Nesselrode reisst dem Servilius Rufus die Leib-Fahne aus.
Herrmann tödtet den Marcus Tatius und Sempronius Grachus. Gottwald rettet dem
Feldherrn das Leben. Nassau ermahnt die Deutschen zur Tapfferkeit; und bringt
nebst dem Stirum den Feldherrn aus dem Gedränge / und rätet sich bedachtsam
zurücke zu ziehen. Worauf sich auch die Deutschen über den Hamme-Strom aus dem
Gefechte zurücke ziehen. Zwingen aber auch den Centius zum weichen. Die Römer
fallen die Deutschen aufs neue an; diese aber stellen sich zu tapfferer
Gegenwehre. Der Feldherr wird im Gesichte verwundet / und fast unkentbar.
Germanicus verbeut den Seinigen dem Feinde nicht nachzusetzen. Stirum rettet den
Ingviomer / worüber er aber gefangen wird. Wie schimpflich es sei seinen Fürsten
zu verlassen. Die Chamaver und Angrivarier sind in Not. Der Römer grausame
Tödtung der verlauffenen Deutschen. Germanicus setzt sich am Wamme-Strome / lässt
die Todten begraben. Der Feldherr lässt um die Auswechselung der Gefangenen
anhalten. Germanicus schlägt es aus gewissen Ursachen ab. Die Deutschen werden
beerdiget / die so Wunden auf dem Rücken haben / unverscharret gelassen. Der
Feldherr stellt seine Deutschen in Schlacht-Ordnung / und hält eine Lob-Rede
ihrer Taten; richtet ihnen ein Gastmahl aus. Sandersleben überreicht dem
Feldherrn einen eroberten silbernen Schild. Germanicus lässt seinen Obersten und
dem Cariovalda Lob-Reden halten / und den Flavius vor den rechtmässigen Fürsten
der Cherusker ausruffen. Beschenckt den Malovend. Lässt ein Gedächtnüsmaal
aufrichten. Die Deutschen zerstören solches. Der Feldherr geht dem Germanicus
nach / schläget mit dem Ritter Waldeck eine Anzahl herumstreiffende Römer.
Apronius ermahnet die ausreissenden Römer zur Standhaftigkeit; worauf ein
scharffes Gefechte entstehet. Die Römer leiden unter dem Apronius Gefahr. Pedo
kommt ihnen zu Hülffe. Herrmann rufft seinen Deutschen zu. Sie kriegen Oberhand.
Er hauet dem Pedo ein Stücke Hirnschädel ab. Ziehet sich mit den Seinigen auf
verlautende Verstärckung der Römer mit Eroberung vieler Fahnen zurück.
Stertinius setzt ihnen nach. Die Deutschen setzen sich auffs neue. Benteim
erlegt dem Stertinius sein Pferd; worauf die Römer sich zurücke ziehen. Der
Feldherr macht seinen Sieg allentalben kund. Die Marsen und Angrivarier
unterwerffen sich dem Feldherrn Herrmann. Beide Kriegs-Heere ziehen sich wieder
zusammen / und ermahnen ihr Volck zur Tapfferkeit. Der Römer List mit den
Fussangeln. Beide Heere greiffen einander auffs neue an; Fechten sehr
hartneckicht. Die Angrivarier halten sich tapffer / werden von den Cheruskern
abgelöset; schlagen den Römern den Sturm ab. Germanicus spricht den Seinen ein
Hertze zu. Läst auffs neue stürmen; müssen sich aber wieder wenden. Der Graff
von der Lippe verwundet den Tubero / Bojocal und Flavius werden verwundet.
Scharffes Gefechte in den Wäldern und Sümpffen. Germanicus lässt vom Treffen
abblasen; kriegt schlimme Zeitung. Redet seine in einen Kreis um sich gestellte
Römer an / und beschleust auf dissmahl den Feldzug. Läst ein neu Gedächtnis-Maal
aufrichten. Seine Gemütsmässigung dabei. Lässt der Deutschen Mühlen und Scheuren
beim Abzuge anzünden. Der Deutschen Gespötte über dem Römischen Denck-Maal.
Silius und Stertinius helffen dem Bojocal seine aufrührische Untertanen zum
Gehorsam bringen. Eine Alironische Wahrsagerin kommt zum Germanicus / wird vor
die Assblaste erkennet /welche ihrem Sohne Flavius nicht allein scharff predigt /
sondern ihm auch einen Stich mit dem Messer in die rechte Brust gibt.
Germanicus und alle wundern sich. Sie wahrsagt den Römern Unglück zu Schiffe.
Cäcina wiederrät der Römer Abfuhre. Germanicus lässt dennoch absegeln. Grausamer
siebentägichter See-Sturm und Schiffbruch / welcher den Germanicus fast zur
Verzweiffelung bringt. Bericht vom Strand-Recht. Die Cimbern geben endlich die
verschlagenen Römischen Schiffe wieder frei. Dergleichen auch die Britannier.
Germanicus opffert dem Meere. Der Römer seltzame Erzehlungen von ihrem
Schiffbruche. Dieser Schiffbruch verursacht im Römischen Gebiete / und zu Rom
grosse Furcht. Agrippine samlet bei den Ubiern ein gross Kriegs-Heer deswegen.
Germanicus führet solche nebst seiner Uberbleibung in der Marsen Gebiete /
welche den Römern aber die Stirne bieten / und Malovenden nicht vor ihren Herrn
erkennen wollen. Malovend zeigt den Ort / wo der eine Römische Adler vergraben
liegt; selbigen trägt Germanicus seinem Kriegs-Heere mit grosser Freude vor;
bauet an selbigem Ort einen Altar; und schickt den Adler nach Rom. Grosse Freude
daselbst. Silius und Cäcina schreiben der Römer Sieg nach Rom. Reue etlicher
deutschen Fürsten / dass sie sich mit den Römern verbunden. Verlangen wieder in
der Deutschen Bindnüss zu treten. Die Priester werden zu Unterhändlern und
Gesandten an den Feldherrn hierbei gebraucht. Die Schuld wird auf Adgandestern
gelegt. Entdecken zugleich der Staats-Diener und Räte Fehler und Eigennutz. Der
Feldherr weiss sich gegen sie klüglich zu bezeigen / schlüsset sie endlich in
sein Bindnüss mit ein. Arpus und Jubil nehmen solches wohl / Ingviomer übel auf;
welchem aber Graf Nassau beweglich zuredet; Das aber / wegen des Feldherrn
täglich wachsenden Glückes / beim Ingviomer nichts helffen will. Beschreibung
der Semnoner. Kommen an der Spreu zusammen / und beratschlagen sich / ob sie
sich einem Fürsten untergeben / oder unter der freien Herrschaft leben sollen.
Ob es besser unter einem Fürsten / oder vielhäuptigen Herrschaft zu leben sei?
Haugwitz tut ihnen den Vortrag. Der Adel will keinen / das gemeine Volck aber
einen Fürsten zum Oberhaupte haben. Reder ein Semnonischer Edelmann widerspricht
ihnen; Diesem aber Ludger ein Priester der Semnoner / welchem Schweinitz Beifall
gibt / und der alten Deutschen Gewonheit und Sitten erzählt; auch dem ihm
widersprechenden Ditard mit dem Degen begegnet / wordurch ein Auffstand
erfolget. Die Priester bemühen sich solchen zu stillen. Ein neuer Land-Tag wird
gehalten / aber auch wieder zerrissen. Zwei Heere Vögel streiten in der Lufft;
welche ein Adler bestillet; worauf ein Priester ihm solches zu Nutze macht / und
dem Adel und Volcke beweglich zuredet; und dem Ritter Schellendorff eröffnet /
was von dem Vogel-Flug zu halten. Es entstehet ein neues Blut-Bad. Die
Longobarden kommen ebenfalls über der Wahl eines Oberhauptes zusammen. Die
Priester wollen die Weiber Regierung und zwar die Fürstin Ludgardis; Volck und
Adel schützen aber derselben Schädligkeit vor; Der Adel will Ditmarn; Die
Priester und das Volck aber ihn nicht haben / weil er einem andern Gottesdienste
zugetan. Ob es gut einen Fürsten / der einem frembden Gottesdienste
beipflichtet / zu erwählen? Gottfried / der oberste Priester redet wider die
Gottes-Verläugnung scharff. Das gemeine Volck will Bertolden des Siegeberts
natürlichen Sohn zum Fürsten haben. Ob man unehlich gebohrne Fürsten zur
Herrschaft lassen solle? Ob ein Fürst seines Brudern Tochter heiraten könne?
Ditmar heiratet die Fürstin Ludgardis / und kommt dadurch zur Herrschaft. Der
sich über beider Völcker Uneinigkeit freuende Marbod schicket Gesandten an sie:
bedienet sich seines Vorteils / sie unter sein Joch zu bringen; Kommt ihnen mit
einer grossen Kriegs-Macht auf den Hals. Ein Priester zeigt ihnen des ersten
Longobardischen Fürsten Warnefrieds Asche und Schrifft in einem holen Baum /
nebst einer Wahrsagung. Marbod bringt die Longobarder mit Gewalt unter sich. Der
Ritter Ellenbogen beredet die Semnoner den Marbod zu ihrem Fürsten anzunehmen;
besticht die Priester; und bringt sie auf Marbods Seite. Endlich bringt Marbod
alle Semnoner unter seine Botmässigkeit. Seine kluge Einrichtung der Regierung.
Wird ihnen aber endlich verhasst. Ihrer acht tausend gehen in Hertzog Herrmanns
Kriegs-Dienste. Marbod läst durch den Grafen von Rosenberg ihre Güter in
Beschlag nehmen / und sie zurück beruffen. Adgandester rätet ihm des Adels
Freiheit zu beschneiden / und den Bardischen Gottesdienst auszurotten. Marbod
folgt ihm / und übergibt dem Adgandester fast alle Gewalt. Wie schädlich
solches einem Fürsten sei / alle Gewalt einem Diener überlassen. Adgandester
läst dem Adel die Bärte abscheeren / verursacht dadurch Auffstand. Der Adel ist
der Kern eines Landes. Adgandester ziehet des aufgestandenen Adels Güter ein.
Adelgunde redet deswegen ihrem Vater Marbod vergeblich ein. Adgandester will die
Stände Adelgunden huldigen lassen. Was für Gefahr hieraus entstehet. Zu Budorgis
wird eine Wahrsagungs-Schrifft an etlichen zum Eubagischen Gottesdienste
gewiedmeten / und auf Marbods Befehl umgehauenen Linden gefunden. Der Ritter
Dube leget solche dem bestürtzten Volcke aus. Die Eubagischen Priester aber
reden das Widerspiel. Die Marckmänner verlassen hierauf die Festung Budorgis.
Die Longobarden setzen ihnen nach / Ritter Dube bekommt hierbei den Nahmen
Gold-Axt. Grosses Gefechte zwischen den Marckmännern und Longobarden. Zu
Budorgis entstehet nach eingelauffener bösen Zeitung unter währender
Huldigungs-Opfferung ein Auffstand / also / dass Marbod nebst seiner Tochter in
Schrecken geraten. Adgandester bemühet sich solches dem Marbod auszureden. Ob
es gut / denen Fürsten böse Zeitungen zu verschweigen. Marbod läst seiner
Tochter die übrigen Longobarden huldigen / setzt denen Flüchtigen nach; bekomt
aber unterwegs böse Zeitung / weswegen er mit seiner Kriegs-Macht nach Hause
eilet / und also zwei mächtige Völcker verlieret. Der Semnoner und Longobarder
Freude über ihrer Entreissung vom Marbod. Lassen durch Gesandten dem Hertzog
Herrmañ ihre Wahl antragen; welcher die Priester und Räte solche Wahl / ob sie
rechtmässig sei / untersuchen läst. Ob Untertanen Macht haben /sich von einem
Fürsten zu entbrechen / und einem andern zu untergeben. Graf Tecklenburg
wiederrätet dem Feldherrn diese Völcker anzunehmen. Waldeck aber ist widriger
Meinung. Der Graf von der Lippe rätet / dass der Feldherr ihnen einen andern
Fürsten zuweisen solle. Der Feldherr aber nimmt beide Völcker an. Ein Falcke
bringt ihm das Longobardische Wapen auf einem Schilde mit Siegberts Nahmen. Ein
grosser Wallfisch wird in der Elbe gefangen; und von den Barden allerhand
glückliche Auslegungen darüber gemacht / auch bei der Huldigung dem Feldherrn
ein Lob-Gedichte übergeben.
 
                               Das Siebende Buch.
Der eintretende Winter hemmete zwar nicht weniger in Deutschland den Lauf des
Krieges / als die Kälte das gefrierende Wasser. Dieser Stillestand aber
schläffte den Feldherrn nicht ein / sondern er machte zu einem neuen Kriege alle
nur ersinnliche Anstalt. Denn er wusste wohl: dass die Römer / ehe sie ein
bekriegtes Volck völlig in ihre Dienstbarkeit gebracht hätten / nicht ruhen
könten; sondern ihre Feindseligkeit auf den Frühling mit denen verstarrten
Nattern und Schlangen wieder rege und lebend würde. Sintemahl das beständige
Gelücke / da mehrmahls die unvernünftigsten Beginnen den Römern nach Wunsch
ausschlugen / die klügsten und tapffersten Anstalten anderer Völcker krebsgängig
wurden / ja eine einige Ganss Rom vom augenscheinlichen Untergange errettete /
dem Römischen Volcke diesen Wahn ins Hertze gesänckt hatte; dass das Verhängnüs
ihm die Herrschaft über die ganze Welt zugesprochen hätte; sie also auch ohne
andere Ursache alle sich diesem Göttlichen Schlusse widersetzende Menschen mit
Rechte zum Gehorsam bringen könten. Diesem gemeinen Ubel nun zu begegnen zohe er
durch Geschencke und Liebkosen eine ziemliche Anzahl der Semnoner und
Longobarden an sich; welche entweder der Marbodischen Herrschaft überdrüssig /
und den Römern gram waren / oder sonst unter einem so weltberühmten Helden die
Waffen geführt zu haben die Ehre haben wollten. Germanicus hingegen war so
Ehrsüchtig als einiger Römer für ihm; und ihm also unverschmertzlich: dass er den
in Deutschland empfangenen Streich ungerochen hingehen und verrauchen lassen /
noch dass er den vom Gefärten des grossen Mitridates Taxilles den Römern
gegebenen Ruhm / nehmlich: dass ihre Waffen unüberwindlich wären / einbüssen
sollte. Denn ob man zwar zu Rom von seinen Siegen viel Wesens machte; so heilte
doch dieser blaue Dunst nicht die Wunden der biss auf die Helffte verschmoltzenen
Legionen; und die verlangte Ersetzung des abgegangenen Volckes verriet allen
Klugen in der Welt: dass es den Römern nichts neues wäre sich so wohl mit anderer
Sieges-Federn zu behencken als mit frembdem Blute zu kämpffen. Der sonst zu
ersätzen unmögliche Verlust musste nach und nach gestanden werden / und daher
Italien / Gallien / Hispanien / Pannonien / Dalmatien und andere schon der
Dienstbarkeit gewohnten Länder sich angreiffen / mit Volcke / Pferden / Waffen
und Gelde die Lücken zu ersätzen; wiewohl Germanicus zu Verstärck- und
Ausrüstung seines Kriegs-Volckes / alle seine Einkünfte hierzu anwendete /damit
er mit Aufnehmung so vielen Geldes seine Not nicht allzu sehr an Tag gäbe. Zu
welchem Ende denn auch Germanicus nicht nur zu Rom und in Italien /sondern in
ganz Europa die neuen Werbungen anstellte / ja den Publius Vitellius / Cantius
/ Cetegus Tubero und andere weit und breit zu Aussuchung tauglicher Kriegsleute
abfertigte / und ihnen mitgab für keinen geschickten einiges Geld anzunehmen.
Jedoch konnte er bei dem grossen Abgange nicht so genau die alten Kriegs-gesätze
beobachten / sondern er musste aus dem Adel ihrer viel / die nicht fünff / und
aus dem Volcke etliche / die nicht zehn Jahr im Kriege gedient hatten / zu
Obersten / und wie nach der Schlacht bei Canna Jünglinge / welche noch nicht
siebenzehn Jahr alt waren / und arme Leute / welche sonst nur auf die Schiffe
gebraucht wurden / wie auch Freigelassene zu Kriegsknechten machen. So sehr war
durch den deutschen und Pannonischen Krieg Rom erschöpffet / welches unter dem
Bürgermeister Lucius Emilius Papo und Cajus Atilius Regulus ohne die
Hülffsvölcker achzig tausend Reuter / und siebenmahl hundert tausend Fussknechte
/ unterm Cinna dreissig / bei des Pompejus und Julius Bürger-Kriege vierzig / ja
in dem einigen Sicilien auf einmal fünff und viertzig Legionen auf dem Fusse
hatte; also / dass nunmehr der unerschöpffliche Männer-Brunn in Rom abzunehmen
schien / von welchem Pyrrhus gesagt hatte: Er hätte mit einen Lerneischen
Drachen zu tun; iemehr er Römische Köpffe abhiebe / iemehr stünden ihrer an der
Stelle. Zu Rom verfügte sich Tiberius selbst auffs Capitolium / aus welchem zwei
Kriegs-Fahnen / ein rotes für das Fuss-Volck / ein blaues für die Reuterei
herfür ragten. Daselbst sätzte er sich nach geschehener Ausruff- und Versamlung
der zum Kriege tüchtiger Leute / wie auch gehaltenem Kriegsrate auf dem Platze
auf einen Stul / und lass die Obersten aus / welche hernach die Hauptleute und
die gemeinen erkieseten; damit auch die / welche sich vom Kriege zu
entschuldigen Recht hatten / freiwillig sich andern zum Beispiele darein
schreiben liessen; wiewohl auch diese Erfindung nicht allerdings aushalff;
sondern der Kayser / wie für Zeiten Marcus Curius uñ Lucius Lucullus durchs Los
die nötige Anzahl erfüllen musste. Alleine / weil der deutsche Krieg den meisten
ein Greuel war / in welchem nichts als viel Elend und Wunden aufzulesen wären /
meinten sich ihrer viel / welche das Loos traff und geruffen wurden /
auszuschweigen; also / dass der hierüber ungedultige Tiberius anfieng: Er sähe
wohl / dass die alte Tugend der Römer durch Wollüste ganz ersteckt wäre / da
sich eine unzählbare Menge junger Edelleute / welche weder erkohren waren / noch
einmal unter die zur Wahl bestimmten Hauffen gehörten / dem Emilius Fabius und
Licinius eigenbeweglich unter die Fahnen gestellt hätten. Ob sie nicht wüsten:
dass auf solche verzagte und wiederspänstige in Gesätzen Gefängnüs / Fessel /
Ruten / Verlust des Vermögens und der Freiheit ausgesätzt wären? ja der gütige
Kayser August derogleichen weibischen Leuten die unnützen Daumen hätte
abschneiden lassen? Ein solcher Bürger wäre dem gemeinen Wesen nichts nütze /
der nicht zu gehorsamen wüste / und sein Leben lieber als das Vaterland hätte.
Daher denn auch Tiberius alter Gewohnheit nach den Obersten die Untersuchung
anvertraute: ob die / welche ihre Nahmen nicht von sich gegeben hätten / solche
Leute wären / welche kranck /beschädigt oder über funffzig Jahr alt / oder wegen
obhabender Würden / oder verdienter Freiheit sich des Krieges enteussern könten.
Nach dem Germanicus auch im deutschen Kriege gelernet hatte: dass die Römischen
Legionen / derer iede nur sechs hundert zu Pferde führten / mit allzu weniger
Reuterei versehen /und auch diese der Deutschen nicht gewachsen / weniger solche
/ ihrem alten Ruhme nach / unüberwindlich wäre / nahm er nicht nur zweimal so
viel Reuter an; sondern vergrösserte auch die in vorigen Zeiten kaum fünff
tausend starcke Legionen biss auf sechs tausend Mañ. Nicht weniger mussten die
Bataver / Nervier /Vangionen / Nemeter / Ubier / Trierer noch einmal so viel
Reuterei / Hispanien und Africa auch an statt der Schatzung eitel Pferde
liefern; weil Gallien durch den Krieg von allen Pferden erschöpft war / und die
Deutschen einige über den Rhein zu verkauffen und zu führen bei Lebens-Straffe
verboten hatten. Uber diss verschrieb er auch dreitausend Celtiberier / welche er
auf seinen eigenen Sold unterhielt; weil andere Hülffsvölcker / ausser dem von
den Römern ihnen gegebenen Getreide / von eigenen Ländern bezahlet werden
mussten. So forderte auch Germanicus nunmehr von Hülffs-Völckern einen scharffen
Krieges-Eyd ab / und in Legionen mussten die Römer und Gefärten aus Italien alle
/ nicht aber mehr einer für alle schweren. Nach dem nun die Legionen mit so viel
neuen Leuten ergäntzet werden mussten / beredete Germanicus nicht alleine mit
Versprechen höherer Beförderung und gewisser Aecker die alten Kriegs-Leute
/welche schon über zwantzig Jahr gedienet / und diss Jahr abzudancken Fug und
Recht hatten: dass sie ihm zu Liebe unter den Legionen blieben / sondern er
schrieb auch nach Rom und in alle Länder / wo Römische Legionen lagen /
unzählbare Briefe an die alten daselbst abdanckenden oder vorhin schon erlassene
Kriegsleute: sie möchten ihm zu Ehren noch einen Zug gegen danckbare
Erkenntligkeit mit ihm tun. Durch welches Mittel er denn derer über zehn
tausend an sich zoh / denen er eine besondere Fahn / in welcher des Kaysers
Julius und Augustus Bild stand / zueignete / sie der Wache und Schantzens
überhob / und sie zu seiner Leibwache / und gleichsam zum letzten Stichblatte
gebrauchte. Daher sie auch alle nicht nur des Germanicus Nahmen auff ihre
Schilde mahlten /sondern ihn auch / wie sonst nur von Neugeworbenen zu geschehen
pflegt / auf ihre Armen und Hände einstachen. Nach dem auch so wohl die deutschen
Bundgenossen / als die Römer / welche in diesen Ländern lange gekriegt hatten /
noch immer auf ihrer Meinung blieben: dass / wenn sie nicht den Cheruskern ins
Hertz giengen / und zwischen der Weser und Elbe /wo das Land nicht so sümpficht
und zum Kriege geschickter wäre / festen Fuss sätzten / sie die Deutschen
nimermehr bändigen würden / so weit aber zu Lande durchzubrechen unmöglich
schiene; weil die Wälder zum Uberfalle / die Sümpffe das schwere Kriegsgeräte
zu schleppen allzuhinderlich wären / trug er dem Silius / Antejus und Cäcina auf
/ auf der Maass und an dem Batavischen Ufer tausend neue Schiffe zu bauen; welche
teils kurtz sein / spitzige Vorder- und Hinterteile / mit weiten Bäuchen um
gegen den Flutten desto besser zu tauern / teils flache Bödeme / dass sie im
seichten zu brauchen wären; teils auch an beiden Enden haben sollten: dass man
ohne Umwendung vor und hinter sich segeln oder auch rudern könnte. Viel sollten
auch zu Führung der Pferde / der Lebens-Mittel / und allerhand künstlicher
Brücken / über welche man den Kriegszeug füglich fortbrächte / bereitet werden.
Welches alles ihnen diese drei oberste Befehlhaber eifrig angelegen sein
liessen.
    Mitler Zeit als der Feldherr Herrmann und Germanicus sich mit ihrer neuen
Zurüstung beunruhigten /waren die Gefangenen bei dem Ubischen Altare und andere
den Römern bei gefallene Deutschen nicht in Ruh. Flavius genass zwar von seiner
Wunde / aber er kriegte sein Auge nicht wieder. Gleichwol war er noch blinder in
seinem Gemüte / als in seinem Gesichte. Denn mit diesem so schlecht
abgelauffenen Feldzuge hatte er alle Hoffnung einige Herrschaft über die
Cherusker zu behaupten / und mit seinem ausgestochenen Auge allen Trost von der
Königin Erato / ein holdes Auge sein lebtage zu bekommen verloren. Der übele
Fortgang stellte ihm allererst die Grösse seines Verbrechens für: dass er aus
blosser Ehrsucht wider seinen Bruder und Vaterland die Waffen ergriffen hatte.
Hingegen kam ihm ein: wie rühmlich Fabricius das ihm vom Könige Pyrrhus
angebotene Teil seines Reiches / und der dürfftige Curius bei seinem Topffe
Rüben das überschickte Gold verschmähet; ja Scipio Africanus lieber hätte ein
gemeiner Bürger zu Rom bleiben / als in Africa oder Hispanien ein König werden
wollen. Sein Bruder Herrmañ aber hätte ihm zu beherrschen mehr einzuräumen sich
erboten / als er ohne Schamröte hätte verlangen können. Gleichwol aber hätte er
wider ihm und Deutschland den Degen gezückt / welchen noch keiner in solcher
Begebenheit glücklich eingesteckt hätte. Alleine aus diesem Irrgarten sich
auszuflechten wusste Flavius ihm weder Hülffe noch Rat. Denn ob zwar die
Deutschen nicht unvergessliche Feindschaft zu hegen pflegen / so stellte doch
die Grösse der Beleidigung ihm seinen Bruder Herrmañ unversöhnlich für; und wenn
er ihm auch gleich eine Hoffnung machte: dass sein Gemüte zu erweichen wäre / so
standen ihm doch Ingviomer und andere Anverwandte / die solches hindern würden /
am Wege; weil sich alle mit ihres Blutsfreundes Hass und Rache zu beteilen
schuldig /und wegen des den Bructerern angefügten Schadens auf ihn / als die für
gewendete Ursache des Krieges /aufs ärgste ergrimmet waren. So musste sich auch
Flavius genau in acht nehmen: dass die strengen und zum Argwohn geneigten Römer
ihm das geringste abmercken möchten; als ob er wieder auf der deutschen Seite
hienge / und von den Römern absätzen wollte. Also fürchtete er sich mit der
gefangenen Fürstin Tussnelden und seiner Schwester Ismene einige Gemeinschaft
zu pflegen; zumal er sich ebenfalls leicht bescheiden konnte: dass auch diese ihm
wenig Sommerblicke zu geben Ursach hätten. Es spielete sich aber ihm selbst
hierzu Gelegenheit in die Hand. Sintemal Agrippine / nach dem sie vorher
Tussneldens Einwilligung erlangt hatte / den Flavius mit sich in die
Gesellschaft der Gefangenen brachte. Flavius nahm sich zwar gegen sie alsbald
der alten Verträuligkeit an; Tussnelde / Ismene und Zirolane aber hielten aus
einem klugen Misstrauen gegen ihm zurücke / ob sie gleich weder offenbahre
Feindschaft noch eine empfindliche Kaltsinnigkeit spüren liessen; weil sie wohl
wussten: dass Gefangene viel übersehen / manches verhören / alles wohl aufnehmen /
und niemanden beleidigen müsten. Die erste gute Aufnehmung veranlaste den
Flavius: dass er sie öffters / besonders mit Agrippinen besuchte; wordurch denn
auch Fürst Siegemund sich mit einzuspielen Gelegenheit suchte. Denn dieser hatte
zwar des Kaysers Augustus Priestertum wieder angetreten; aber sein Hertze blieb
doch ein stets loderndes Opffer Zirolanens. Weil nun Flavius von ihrer
Gemeinschaft nicht ausgeschlossen ward / bildete er ihm ein: dass er als ein
Bruder Tussneldens einen noch nähern Zutritt zu finden Recht hätte. Gleichwol
wollte er das erstere mahl unter dem Schirme des Flavius sich bei ihnen einfinden
/ aber er kam dessen ungeachtet übel an. Denn alle drei erblasten über seinem
Anblicke / Zirolane fiel in Ohnmacht /Ismene wendete ihm den Rücken / und
Tussnelde sagte mit einer ungemeinen Entrüstung zum Flavius: hat er so wenig
Vernunft oder allzu grosse Begierde uns zu beleidigen: dass er uns einen Rauber
unsers Glückes und der Freiheit / eine Menschen / welcher weder Schande noch
Ehre mehr achtet / unter Augen stellt? Kein Ubeltäter ist leichte so
unverschämt: dass er nicht nach Vollbringung seines Lasters das Licht scheue.
Dieser aber tritt uns mit einer so liederlichen Verwegenheit fürs Gesichte / als
wenn er an uns eine Heldentat ausgeübt / oder er durch seinen Raub uns mehr
liebgekoset als Leid angetan hätte. Liebste Schwester / versätzte Siegesmund /
ich kann es nicht leugnen: dass ich sie und ihre Gefärten beleidiget habe. Aber
nicht so wohl ich / als meine heftige Liebe gegen Zirolanen hat sich vergangen.
In dieser aber läst sich eben so wohl Irrtum und Arglist / als im Kriege
Gewalttaten entschuldigen. In beiden sind gebrauchte Künste seinen Zweck zu
erreichen nicht nur ehrlich / sondern auch ruhmswürdig. Der unerbittlichen
Zirolane Raub war alleine mein Anschlag / sie und Ismene sind nur zufälliger
Weise mit diesem Netze berückt worden. Wie aber ihre Gefangenschaft ihnen
zeiter erträglich und gleichsam ein Zeitvertrieb gewesen ist; also wünsche ich:
dass das Ende näher /und ein Friedens-Mittel zwischen Rom und Deutschland sein
möge. Tussnelde achtete Siegemunden nicht würdig ihm zu antworten / sondern bat
den Flavius ihm zu sagen: Sie schätzte sich viel zu hoch eines Raubers und
Verräters Schwester zu sein. Er sollte sich also ihren Bruder nicht rühmen /
sondern glauben: dass sie seinet halben am ersten einen schwartzen Stein in den
peinlichen Urtel-Topff werffen / und die Ausübung der schärffsten Straffen
wider ihn befördern würde. Siegesmund verlohr hierüber das Hertze mehr zu reden;
Flavius aber bat: Sie möchte doch die Hefftigkeit ihres Zornes mässigen /und die
Vernunft ihr selbst sagen lassen / was in ihrem Zustande sie zu verschmertzen
oder wenigstens zu verstellen hätte. Wenn aber auch diss nicht wäre /liessen sich
doch die Bande der Natur so schlechter Dings nicht zerreissen. Denn weder
Missetat noch Unglück könten machen: dass Tussnelde und Siegesmund ihr Wesen
nicht aus einerlei Adern empfangen hätten. Andere zufällige Freundschaften
liessen sich zwar über das Knie abbrechen / nicht aber die des Geblütes. Denn
das Gelücke hätte nur faule / die Natur aber zehe Wurtzeln; und angebohrne Liebe
wüchse wie die Haarweiden allemahl aus / wenn sie schon hundert mahl abgehauen
würden; da andere Verbindligkeit mit einem Bruche / wie Tannen und Fichten von
einmal,iger Köpffung ihres Wipffels / vertürbe. Tussnelde begegnete ihm: Aber
weder Vernunft noch Natur schreiben mir ein Gesetze für: dass ich gegen eines
boshaften Bruders Laster keinen Zorn fassen sollte. Solte ich ihm noch Pflaumen
streichen / und seinen Verbrechen heucheln / dass er selbter sich noch mehr
befliesse? Die Natur hat dieses heilige Feuer des Zornes in aller Tiere Hertzen
angezündet / um sich gegen Gewalt zu beschirmen / und der Bosheit den Kopff zu
bieten. Diesemnach sind Zorn und Vernunft für keine so unerträgliche Gestirne
zu halten; dass selbte ohne einander Abbruch zu tun / beisamen oder einander
gegen über stehen könten. Sie stärcken einander vielmehr; und ihre Vereinbarung
zeuget in der Seele dieselbe himmlische Wärmde / welche die schläffrichen
Tugenden aufmuntert / und wider die Bosheit einen gerechten Eyver sie zu
schelten und zu straffen erwecket. Flavius fühlte sich hierüber selbst /und
damit auch ihm nicht etwan ein Rügel vorgeschoben werden möchte / musste er nur
mit dem bestürtzten Siegesmund abziehen / welcher wegen wieder erlangter Gnade
der Römer bei der gefangenen Zirolane einen geneigtern Stern zu haben ihm allzu
frühzeitig eingebildet hatte. Sintemahl diese Fürstin allzu grossmütig war: dass
sie durch Verlierung ihrer Freiheit sich ihrer Standhaftigkeit hätte enteussern
sollen. Ihre Tugend gleichte einem künstlichen Marmel-Bilde / welches zwar von
seinem erhobenen Fusse gestossen werden kann; aber es behält doch auch auf der
Erde und im Staube seine Schönheit. Nach dem Flavius und Siegemund nun hinweg
waren / schertzte die freudige Tussnelde aus der sich wiedererholenden Zirolane
/ und sagte: Sie wäre das vollkommenste Bild der Beständigkeit; in dem sie bei
besorgender Anfechtung wie die gefrierenden Wasser zu Eise würde; also alle
Bewegung verliere / alle Gemütsregungen hemmete / und sich aller Fühle des
bösen und der anlockenden Reitzungen entschüttete. Zirolane antwortete: Es wäre
mir leid / wenn ich gegen einen so ungütigen Liebhaber nicht kälter als Eis sein
sollte. Sintemahl mein Hertze von seinen Strahlen mehr gefrieret / das Eis aber
an der Sonne zerschmeltzet. Ismene fiel ein: So wird Siegesmund in ihren Augen
gewiss keine Sonne und seine Anwesenheit ihr kein Tag / sondern der kalte
Angelstern in Mitternacht sein / der die ganze Nordwelt in Schnee und Eis
einhüllet. Zirolane begegnete ihr: Ich wünsche wohl: dass Siegemund so wenig
Liebe in seinem Hertzen / als der Angelstern Kräffte den Schnee zu schmeltzen in
sich hätte; so würde die Herzogin Tussnelde und Ismene nicht meiner
Kaltsinnigkeit halber mit zu entgelten / und in dieser Gefangenschaft so viel
Frost der Traurigkeit zu erdulden haben. Nach dem aber sie beide mit einer so
hertzhaften Unempfindligkeit nicht nur alles Ungemach ausstehen / sondern auch
in ihren Adern das sonst wallende Geblüte der nahen Anverwandnüss gleichsam
gerinnen lassen / und / um der Vernunft die ihr zuständige Herrschaft
zuzueignen / der Tugend ihre Ausrichtung zu tun / den kalten Hass wider alle
andere Gemütsregungen und Anfechtungen ausrüsten / verdienen sie mehr als ich /
die ich gegen diesen Liebhaber niemahls den geringsten Zug gefühlt /das Lob der
mir zugelegten Kaltsinnigkeit. Da / wenn sie diesemnach nicht in Deutschland
geboren wären /würde ich sie für ein künstliches Gemächte aus den weissen
Steinklippen Britanniens ansehen / welche die rasenden Winde / das hagelnde
Ungewitter und die schäumenden Wellen des erzürnten Meeres ohne einige Bewegung
und Fühlen erdulden. Ich würde sonder ihr mich erhaltendes Beispiel gewiss vielen
Schwachheiten Raum verstatten / wenn sie mich zu einer so tapffern Beständigkeit
/ welche entweder an sich selbst die höchste Weissheit oder ihr herrlicher
Werckzeug und Ancker ist / nicht abhärteten; in dem sie weder durch
stürmerisches Verlangen der Freiheit / noch durch ungeduldige Empfindligkeit der
Dienstbarkeit und des Unglückes / noch durch andere Regungen sich eines Fingers
breit von dem Stande ihrer Tugend und Ehre verrücken lassen. Ismene versätzte:
Sie erbaute sich vielmehr aus der Anweisung zweier so vollkommenen Heldinnen;
und durch ihre Stärcke unterstützte sie ihre Schwachheiten: dass sie in dieser
Erniedrigung sich nicht ihres Nahmens und Uhrsprunges unwürdig machte. Tussnelde
fiel ein: der ihr von beiden zukommende Trost bescheidete sie schon: dass sie für
ihnen sich keines Vorzugs zu rühmen hätte. Es wäre mit denen / welche einen
festen Vorsatz hätten tugendhaft zu sein / wie mit zweien gegen einander
gestellten Spiegeln beschaffen / derer ieder dem andern seinen Schein eindrückte
/ und auch ieder ihn von dem andern empfienge. Zirolane versätzte: Ich wollte
vielleicht mit besserm Grunde unsere Gegeneinander-Stellung der des Mohnden und
der Sonne vergleichen. Diese ist Tussnelde / jener bin ich / der ich von ihr nur
Licht zu empfangen / keines aber wieder zu geben habe. Ismene brach ein: So
bleibet für mich nichts / als die schattichte Erde übrig / welche des Tages von
der Sonne / des Nachtes von dem Mohnden erleuchtet wird. Zirolane sätzte ihr
alsofort entgegen: Wenn schon mein Gleichnüs sich so weit ausdehnen liesse /
würde es doch der vollkommenen Ismene zu dem eingebildeten Vortel ihrer
angemasten Erniedrigung nicht dienen / und sie würde doch grösser und heller als
Zirolane bleiben. Sintemahl die Erde dem Mohnden zweimahl an Grösse überlegen /
und von der Sonne einen weitern und hellern Glantz als der Monde empfängt;
dahero die Sternseher auch die Erde für den achten Irrstern halten. Ismene
antwortete: Ich gebe mich gefangen / und bekenne: dass mich die unvergleichliche
Zirolane so wohl an Scharffsinnigkeit /als an Vermögen alles Unglück hertzhaft
zu erdulden / und alle Regungen zu dämpffen / weit hinter sich lasse. Zirolane
versätzte: die Ohnmacht meines Leibes ist leider ein allzu klarer Verräter
meines ohnmächtigen / und unter denen heftigen Regungen verschmachtenden
Gemütes gewest. Dahero ich bei einem so unverdienten Lobe nur desto beschämter
zu sein / und meinen Schwachheiten mehr Hülffe zu suchen / als sie durch
Entschuldigung zu verkleinern Ursache habe. Tussnelde fiel ein: Die selbst
eigene Verkleinerung ist nicht die kleinste unter Zirolanens Tugenden. Ihrer
viel / welche kaum sich mit etlichen Schalen der Tugend zu bedecken wissen /
bilden ihnen selbst ein: sie wären als Kleinodter würdig in Gold und Helffenbein
verwahret zu werden; und der Himmel unvollkomen / so lange sie nicht in selbtem
einen Abgott abgäben. Warhafte Tugend aber vergnüget sich an der Güte ihres
Kernes / und schämt sich nicht so sehr ihrer rauen und ungestalten Schalen / als
sie sich über dem ihr / wiewohl mit gutem Grunde / beigelegten Lobes rötet.
Diese Purper-farbichte Schamhaftigkeit aber ist die rechte Morgen- und
Abendröte der Tugend / welcher Sonne jene demütige Tochter vor und nachgeht.
Wie aber diese verschämte Heroldin nicht weniger Finsternüs der Nacht als Glantz
des Tages / ja die Sonne selbst Flecken an sich hat und Verfinsterung dulden
muss; also ist niemand unter den vollkommensten ohne Schwachheit und Unglück. Ja
wir sind nicht ganze Menschen /sondern nur Stücke oder Scherben davon / aus
allen zusammen kann etwas / iedoch nicht allzu viel / aus eintzelen aber nichts
werden. Dieses ist ein unumstosslicher Grund: dass ieden Menschens eigene
Erhaltung und Wolfart erfordere dem andern Handreichung zu tun und
beizuspringen. Welche Verbindligkeit unser itziger Notstand sonderlich von uns
abheischet; welche einige Würckung ihn uns nicht nur erträglich / sondern gar
angenehm zu machen vermag / und uns allererst das rechte Siegel bewehrter Tugend
eindrücket. Denn wenn keine schreckende oder verführende Regungen in uns / und
in der Welt kein Unglück wäre / würde die Tugend zwar in unser Seele /wie eine
reine Fackel in der von allem Winde / Wolcken und Nebel befreiten Lufft brennen
/ und uns zu der Glückseligkeit ohne Hindernüs führen / wie die Gestirne ohne
einigen Auffentalt und Bemühung alle Tage ihre Kreisse durchwandern; aber so
denn würde kein Unterscheid der Menschen / und wie bei gutem Wetter / ieder
Bots-Knecht ein kluger, Steuer-Mann /ja / weil die Laster so wenig als die
getichteten Ungeheuer in der Welt gefunden werden würden / die Tugend selbst
nicht Tugend sein. Mit solchen Gesprächen verzuckerte dieses Frauenzimmer
einander die verdrüssliche Gefangenschaft / noch mehr aber Agrippine mit ihrer
freundlichen Unterhaltung und mit ihrer vertrösteten Unterbauung; dass sie gegen
die Römer /welche der Feldherr vom Cäcina / Hertzog Arpus aber auf dem
Taunischen Gebürge / und Catumer bei dem Grab-Male des Drusus gefangen bekommen
hatte /ausgewechselt werden möchten. Worzu ihnen zum Teil auch Hoffnung machte:
dass die Römer und Deutschen die Rauigkeit des anfänglichen Krieges mit einander
ziemlich abgeschlieffen hatten / und die Deutschen die gefangenen Römer weder
mehr opfferten / noch diese jene bei abgekühltem Blute schlachteten. Es
verstattete Germanicus auch: dass die Gefangenen in Deutschland offene Brieffe
schreiben / und von dar wieder empfangen dorfften.
    Als sie nun in der grösten Hoffnung ihrer Erlösung lebten / ward Zirolanen /
als sie mit Tussnelden und Ismenen am Rheine auf- und abgieng / von einem
Römischen ihr mit dem Auge winckenden / und damit was geheimes andeutenden
Kriegsmañe ein Schreiben an die Hand gesteckt / darinnen sie / als sie hernach
solches zu lesen unter anderm Scheine auf die Seite trat / folgende Worte fand:
Ihr seid verloren; und sollet von dem nach Rom beruffenen Germanicus zum
Sieges-Gepränge mitgenommen / der junge Tumelich aber auf dem Grabe des Drusus
zu Ravenna / wo nicht bei Meintz / geschlachtet werden. Allem diesem aber kann
Zirolane abhelffen / wenn sie sich überwinden kann ihren getreuen aber verhaften
Liebhaber zu lieben. Um Mitternacht öffnet einem vertrauten Freunde / der euch
hiervon umständlichere Gewissheit eröffnen wird / die Garten-Türe / und sorget
mehr auf eure Wolfart / als dass ihr dem Misstrauen oder euch verratendem Kummer
Raum gebet. Dieser Brieff war in Zirolanens Hertze ein zweifacher Donnerschlag;
und sie würde wegen der ihr mehr als Galle und Gift verhasten Liebe solchen
verdrückt haben /wenn nicht Ismene sie hätte denselben lesen und sie darüber
erblassen gesehen. Daher sie alsofort nach Hause zu kehren Anlass gab / und in
Tussneldens Anwesenheit nach dem Briefe fragte; welcher sie in eine so grosse
und ihr noch aus den Augen sehende Erstaunung versätzt hätte. Zirolane
verstummte über dieser Frage / und statt der ihr gebrechenden Worte gaben ihre
Augen tausend Tränen / ihre Hand den schrecklichen Brieff zur Antwort.
Tussnelde und Ismene erstarrte über den ersten Zeilen / als sie aber zu der von
des jungen Tumelichs Aufopfferung kam /fiel Tussnelde wie ein Klotz zu Bodem.
Dieser Fall ermunterte Zirolanen und Ismenen / welche an Tussnelden weder Puls
noch Leben fühlten; Durch reiben und kühlen sie aber kaum in einer halben Stunde
so weit brachten / dass sie die Augen ein wenig auffsperrte / und einen tieffen
Seuffzer ausliess. Sie fiel aber gleich wieder in Ohnmacht; und in diesem
Augenblicke trat zugleich Agrippine ins Zimmer; welche nicht ehe nach der
Ursache dieses Zufalls fragte /biss sie allerhand kräfftige Stärckungen zur
Stelle gebracht / und sie Tussnelden so ferne erqvicket hatte: dass man sie
entkleiden und auf ein Bette legen konnte. Hierauf erkundigte sich Agrippine;
woher dieser Unfall rührte? welcher aber Ismene / weil Zirolane neben dem Bette
bei Tussnelden blieb / verschmitzt und um Agrippinen auszuholen antwortete: Sie
wäre auf dem Stule entschlaffen / und nach einer halben Stunde mit diesen Worten
aus dem Schlaffe aufgefahren: Nach Rom! nach Rom! Messer / Messer her! Worauf
sie denn auch folgends aus einer Ohnmacht in die andere gefallen wäre. Agrippine
erblaste hierüber und veränderte sich derogestalt: dass sie sich nicht zu erholen
getraute / sondern unter dem Scheine: dass sie Tussnelden nicht an der nötigen
Ruh / noch Ismenen an derselben Wahrnehmung hindern wollte / Abschied nahm.
Ismenen und Zirolanen war zwar durch diese Zeitung ein so schwerer Stein aufs
Hertze gelegt: dass sie ihn kaum ertragen konten; doch mussten sie ihn Tussnelden
zu Liebe leichter machen / uñ ihren eigenen Schmertz verbeissen. Daher / als
Tussnelde wieder ein wenig zu sich selbst kam / Zirolane ihr sagte: Sie hielte
diesen Brieff für eine arglistige Erfindung des verzweiffelten Siegemunds; lass
ihr auch zu Beglaubigung ihres Argwohns vollends das letzte Teil des Brieffes.
Tussnelde antwortete: diese Mutmassung hat wohl einen Schein; gleichwohl aber
traue ich diese Bosheit meinem Bruder nicht zu: dass er durch ertichtete
Opfferung meines Sohnes mich / wie er ihm leicht von mir einbilden kann / da ich
zumahl in diesen Banden gehe / vorsätzlich tödten sollte. Hingegen saget mir mein
Hertze: dass unsere Tod-Feindin Sentia und Adgandester dieses Hertzeleid uns beim
Tiberius angesponnen haben. Hierauf überlegten sie: Ob es ratsam wäre um
Mitternacht die Gartentühre zu öffnen und zu warten: ob ihnen iemand der
Vertröstung nach mehrere Gewissheit bringen würde. Zirolane hatte hierzu
schlechte Lust / aus Beisorge: dass sie daselbst nichts als Liebes-Versuchungen
vom Siegesmund vernehmen würde / welche ihr zu hören unerträglich wären; weil
sie lieber hinter des Germanicus Sieges-Wagen gebunden und baar-fussig in Rom
gehen / als den Siegesmund lieben wollte. Hilff GOtt! fuhr Ismene auff / eine
solche Kleinmütigkeit kann ich der grossmütigen Zirolane nimmermehr zutrauen.
Ich bin feste entschlossen / ehe zu sterben / als zum Schauspiele nach Rom zu
kommen. Zirolane antwortete: Ich will mich für der Zeit nichts vermässen / noch
mich ohne Not / was ich bei solcher Versuchung entschlüssen möchte / übereilen.
Dieses aber ist bei mir eine ausgemachte Sache: dass ich auch lieber sterben /
als ihn lieben wolle. Tussnelde fiel ein: Ich glaube wohl / dass kein Zwang in der
Welt; und also auch der uns angedreute Tod der ärgste Scheusal des menschlichen
Geschlechtes nicht fähig sei / auch dem furchtsamsten Hertzen die süsse
Empfindligkeit wahrer Liebe einzupflantzen; Ob sich aber iemand in solchem Falle
und da es zumahl ohne Untreu und Laster zu tun möglich / noch der Ehre und
Würde abbrüchig wäre / so versteinern könne: dass man zu Erhaltung des Lebens
sich nicht verliebt stellen sollte / will ich zu entscheiden mich nicht vorzücken.
Wie dem aber sei; so lasset uns zum wenigsten die Gelegenheit nicht versäumen
unsere Gefahr zu erforschen / welcher Wissenschaft schon das halbe
Genesungs-Mittel ist. Gesätzt; dass Zirolanen iemand von Siegesmunden neue
Anmutungen fürtrage; diese können sie weder verwunden noch bezaubern / sondern
Zirolane behält ihren freien Willen / sie wie vor zu verwerffen. Ismene siel
Tussnelden bei / und bat Zirolanen mit heissen Tränen: sie möchte sich doch
Tussneldens / und wo nicht ihr / doch des zarten Tumelichs erbarmen /also sich
zu Annehmung der versprochenen Nachricht beqvämen. Zirolane willigte endlich
darein / aber mit diesem Bedinge / da Siegesmund nicht selbst / wie sie besorgte
/ dahin käme. Sie mussten also in ihren Willen kommen / und Ismene versprechen
die Vorgängerin zu sein / und zu verhüten: dass Siegesmund Zirolanen nicht sollte
zu sehen bekommen. Gegen die bestimmte Zeit verfügte sich Ismene bei wenigem
Mondenscheine neben die geöffnete Garten-Türe / Zirolane aber blieb hinter der
Wand eines mit Immer-grün bewachsenen Ganges verdeckt stehen. Kurtz darauf ging
die zugelehnte Türe des Gartens auf / und trat ein Römisch gekleideter
Kriegsmann hinein / ruffte auch mit linder Stimme: Zirolane. Ismene trat auf der
Seite herfür / und sagte: hier ist sie; was habt ihr ihr zu sagen? dieser
betrachtete sie eine weile / und fieng an: Wo mich die Finsternis und mein Auge
nicht betreugt / sehe ich wohl Ismenen / nicht aber Zirolanen. Ismene
antwortete: Ihr habt recht; aber Zirolane wird euch nicht ehe sehen / biss sie
weiss / mit wem sie zu reden habe. Der vermeinte Römer versätzte: Es liegt mir
zwar wenig dran / ob ich mit ihr oder mit Ismenen rede; weil mich aber meine
Treue hieher bringt / habe ich kein Bedencken mich zu offenbaren: Ich bin
Hermengarde des Ritters Dehnhof Tochter / welche die Ehre gehabt Zirolanen eine
zeitlang zu bedienen / und hernach den Grafen von Hanau zu heiraten. Ismene
erinnerte sich im Augenblicke der Aehnligkeit ihrer Sprache / und fieng an:
hilff Himmel! wie ist sie denn zu einem Römischen Kriegs-Knechte worden!
Hermengarde antwortete: Not und Treue sind Lehrmeister viel seltzamer
Verwandlungen / als die / welche die alten Tichter denen flüchtigen Göttern
zugeschrieben haben. Ismene schloss hiermit den Garten zu /nahm Hermengarden bei
der Hand / führte sie zu Zirolanen / und sagte zu ihr: Sie erschrecke nicht /
sondern bewillkomme vielmehr diese ihre treue Hermengarde. Ist es wohl möglich /
sagte Zirolane: dass der Himmel uns diese treuste Gefärtin meines Lebens
zuschickt / so kann ich nicht glauben: dass er noch unsern Untergang beschlossen
habe. Wie nun Hermengarde sich genung zu erkennen gab / fiel ihr Zirolane um den
Hals / und konnte sich mit Küssen an ihr nicht sättigen. Hermengarde fieng
hierüber an: holdselige Fürstin / sie spare ein Teil ihrer Gnade für mich auf
andere Zeit. Denn an dieser hätten sie Ursache keinen Augenblick zu versäumen.
Zirolane fragte: durch was für einen Wunder-Weg sie denn von Deutschburg dahin
kommen wäre? Hermengarde sagte: Ihre Erzehlung würde alles entdecken / sie
wünschte aber wohl /wenn es möglich wäre / auch Tussnelden davon zu
benachrichtigen. Zirolane nam sie ohne fernere Wortwechselung und führte sie auf
Tussneldens unten in Garten gehendes Zimmer zu; Ismene aber sprang voran / und
deutete ihr / um alles Schrecken zu verhüten / Hermengardens Ankunft an. Diese
war auch der Hertzogin eine so angenehme Gästin / als wenn sie ihr vom Himmel
zugefallen wäre. Nach vielen Liebes-Bezeugungen fieng Hermengarde an: Als ich
den an ihnen bei der Tanfanischen Höle verübten Raub in Deutschburg vernam /
rüstete ich mich / und setzte mit denen andern Cheruskern den Raubern nach
/hatte aber das Unglück: dass ich nach Verlust meines Pferdes von Chassuariern
gefangen / in Arnsburg gebracht und vom Fürsten Siegesmund erkennet ward. Weil
er nun meinte: er hätte mit mir einen sehr nützlichen Werckzeug / ihm in seiner
Liebe bei der Fürstin Zirolanen an die Hand zu gehen / gefangen / behielt er
mich unter scharffer Aufsicht bei sich / liess mich aber nicht ehe / dass er mich
kennte / mercken / biss er allhier wieder zu des Augustus Priester eingeweiht
war. So denn gab er mir zu verstehen: dass ich zwar seine Sklavin wäre / er wollte
mich aber als seine Schwester halten / wo er meiner Treue könnte versichert sein.
Ob ich nun wohl wusste / wie vedriesslich Zirolanen seine Liebe wäre / und mir
leicht die Rechnung machen konnte: dass sein Absehen wäre durch mich bei ihr was
fruchtbarliches auszuwürcken / liess sich doch in dieser Dienstbarkeit gegen der
/ in dessen Willkühr mein Leben und Tod stand / durch Hartnäckigkeit wenig
ausrichten; sondern ich gelobete ihm an in allen meiner Ehre nichts benehmenden
Dingen treu und dienstbar zu sein. Er war mit meinem Erbieten / wie ich mit
seiner Verhaltung / wohl zu frieden; doch musste ich auf seinen Befehl mein
Geschlechte verbergen / und ihm unter dem Scheine eines Schild-Trägers an die
Hand gehen. Nach der Zeit brauchte er mich in allen seinen geheimesten Dingen /
und musste ich mit dem Fürsten Flavius viel / was er keinem andern Menschen
vertrauen wollte / sonderlich auch / dass er Zirolanens Hertze ihm zuzuneigen
bedacht sein möchte / verträulich abreden. Worbei ich denn so viel ausgespüret
habe: dass weder Flavius noch Siegesmund mit den Römern vergnügt sei; sondern
jeder sich mit leeren Hoffnungen geäffet; Flavius von Adgandestern / Siegesmund
von der Sentia betrogen sieht; und jener /wenn er unter der Hand mit seinem
Bruder ausgesöhnt / dieser aber / wenn er Zirolanens Gegen-Liebe genossbar werden
könnte / sich augenblicks zu den Deutschen wenden würde. Unterdessen müsten doch
beide in Adgandesters und Sentiens Horn blasen /weil diese des Sejanus
Schoos-Kinder / wie er des Tiberius wäre. Gestern kamen Brieffe von Rom / welche
nur acht Tage unterwegens gewest / und darunter gewisse an Agrippinen / und den
Fürsten Siegesmund gerichtet waren; nach derer Lesung liess er eine ungemeine
Schwermütigkeit an sich mercken. Kurtz darauf begab er sich am Rheine mit mir
alleine in seinen Garten / und nach einer zweistündigen Einsamkeit /näherte er
sich und sagte mir: Er wollte mir ein hochwichtiges Geheimnüs anvertrauen / daran
mir selbst viel gelegen wäre; ich müste desselben Verschwiegenheit und Treue ihm
durch einen kräfftigen Eyd bestärcken. Weil nun sein ängstiges Antlitz mir die
Wichtigkeit der Sache mehr denn zu viel vorbildete /erfüllte ich durch einen uns
Deutschen gewöhnlichen Eydschwur Siegesmunds Verlangen; worauf er mir
gegenwärtigen Brief einhändigte. Diesen überreichte Hermengarde hiermit
Tussnelden / welche alsbald anfieng: diss ist Sentiens Hand. Ja / sagte
Hermengarde; aber sie lassen sich dessen Innhalt nicht allzu sehr erschrecken /
weil ich sie versichern kann: dass es Siegesmunden ein Ernst sei dieses durch die
Zauberin und Unholdin Sentia angesponnene Unglück von ihren Häuptern abzuwenden.
Ismene nam hierauf den Brief / und lass folgende Worte daraus: Sentia ihrem
liebsten Sohne / dem Fürsten Siegesmund. Alle Sterne sind mir zu Rom geneigt /
alle Winde blasen in die Segel meiner Wünsche / nach dem ich alles über den
Sejanus / dieser aber alles über den Tiberius vermag. Ich hoffe nun bald über
unsere gemeine Feinde zu frolocken / und an Hertzog Herrmanns Blute Rache
auszuüben. Germanicus und Agrippina / welche den Römischen Feinden nur
geheuchelt haben / und so wohl dem Tiberius als weit-sehenden Sejan verdächtig
sind / werden nach Rom beruffen / und müssen in Asien ziehen / wo von Partien
her sich ein Ungewitter über Armenien und Syrien aufzeucht. Tussnelde wird den
Ungehorsam gegen ihren Vater / Ismene den Hochmut ihres Bruders / Zirolane die
Widerspenstigkeit gegen dich hier im offenen Sieges-gepränge des Germanicus
durch allgemeine Verlachung des jauchtzenden Volckes / wo nicht mit dem Tode
bissen müssen / weil man insgemein an solchen Sieges-Tagen die zum Schauspiele
eingeführten Gefangenen zu tödten pflegt. Der junge Tumelich soll dem Drusus
zur Rache seines von den Catten zerstörten Gedächtnüs-Maales geopffert / und
darmit dem Herrmann das beste Teil seines Hertzens aus dem Leibe gerissen
werden. Alles dieses habe ich dem Sejanus unter den Fuss gegeben / und er es beim
Käyser zuwege gebracht. Zweifle diesem nach nicht; dass ich für dein Glücke beim
Sejan und dem zu des Germanicus Nachfolger bestimmten Drusus eben so viel
auszurichten fähig sei / und bleibe der / die dich mehr als eine gemeine Mutter
liebt / gewogen. Tussnelde sanck hierüber aufs neue in Ohnmacht; weil aber
Hermengarde ihr von einem Hülffs-Mittel Vertröstung getan hatte / hielt die
Schwachheit so lange nicht an; also / dass nach ihrer Erholung Hermengarde in der
Erzehlung fortfahren konnte: Mir / sagte sie / fieng bei ieder Zeile das Hertze
an zu klopffen; der Brief an sich selbst behält noch die Merckmaale von dem
Blute meiner verwundeten Seele / nämlich denen darauf gefallenen Tränen; ich
verstumte und erblaste. Siegesmund sah mich lange und mit nicht kleinerer
Bestürtzung stillschweigend an; gleich als wenn er von mir Rat und Hülffe
verlangte. Ob nun wohl mein Verstand so verwirrt / als meine Zunge gehemet war
/sah ich ihm doch wohl an: dass die widrigen Gemüts-Regungen in seinem Hertzen
stärcker Epp und Flutt machten / als sie beim Vollmonden / und wenn Tag und
Nacht gleiche werden / im Meere zu sein pflegen. Denn Zorn / Furcht / Mitleiden
/ Liebe / derer eines wie der geschwinde Blitz einschlägt / das andere eine
langsame und doch heftige Bewegung hat / zerschlugen sich wie Wellen an
einander / und wollte jedes das gröste Teil von seinem Hertzen erstreiten. Weil
aber ich von Schrecken ganz verstarret war / und mich aus meiner Verwirrung
nicht auswickeln konnte / redete er mich endlich an: Ach! Hermengarde! ach! was
habe ich getan! dieses verteuffelte Schreiben ist allein der Ausleger meiner
begangenen Laster. O verdamte Verräterei! O abscheuliche Torheit! hätte ich
mir was bessers als den Erfolg so schändlichen Spottes / und so grausamer
Mordtat / welche in diesem Brieffe meiner Schwester / meiner Schwester Kinde /
meiner Baase / ja meiner Liebsten angekündiget werden / von den blutgierigen
Römern / von der unmenschlichen Sentia einbilden können! Aber ach! alle Laster
haben eine schöne Stirne / einen hesslichen Nacken. Man wird allererst / weñ man
sie vollbracht hat / ihrer abscheulichen Ungestalt inne; Rette mich!
Hermengarde! ich vergehe! Mein Raub wird mir jetzt zur Pein /und mein Gedächtnüs
zum Hencker! Ach! Hermengarde! wenn meine Eingeweide ein durchsichtiges Fenster
hätten / würdest du zugleich mit Schrecken und Erbarmen sehen; wie mein Hertze
von wüttenden Wunden zerfleischet / von spitzigen Pfriemern zerstochen / mit
glüenden Zangen zerrissen / wie meine Seele mit dörnichten Peitschen zerkratzt /
mit Bleipriegeln zerschlagen / uñ von den grausamsten Gestalten zu ärgster
Verzweiffelung angelocket werde! Hilff mir / Hermengarde! denn ausser dir bin
ich verloren. Weil ich den Hertzog Herrmann und sein Geschlechte aufs
empfindlichste beleidiget / meine Schwester und Freunde geraubet / meine Liebste
auf den Tod gekränckt / mein Vaterland verraten; darff ich zu keinem Menschen
meine Zuflucht nehmen / ja auch zu Gotte nicht / den ich alle Tage seines
Stuhles entsätze / so oft ich dem verstorbenen August Weirauch ins Feuer
streue. Hilf mir / Hermengarde; oder ich weiss ausser in der Tieffe des hier
vorbei fliessenden Rheines weder Hülffe noch Auffentalt zu finden. Diese
schrecklichen Worte brachte Siegesmund mit so grausamen Gesichte / mit Zittern
und Beben der Glieder herfür: dass mir die Haare darüber zu Berge stunden. Ich
fasste mir aber ein Hertze und sagte: Er hätte freilich an allem dem übel getan
/ und daher sollte es ihm nicht frembde fürkommen: dass die Erinnerung seiner
Vergehung nicht von Furcht und Schrecken leer wäre. Darinnen bestünde der
kräfftigste Trost der Tugend: dass sie in Band und Eisen / ja auf einem glüenden
Pfale allezeit freudig; Laster aber auf Sammet und Seide / ja auf dem
Purper-Bette der Käysertümer nicht ohne Zagheit und Bangsamkeit sein könten.
Jedoch könnte ihm noch zum Troste dienen: dass er mehr durch Verleitung der
zaubrischen und die ganze Welt zu verführen mächtigen Sentia / als
eigenbeweglich gesündiget / und sein Gewissen noch eine so zarte Fühle hätte.
Denn diesen Fühlenden wäre noch wohl /denen aber gar kein Rat mehr / die das
Andencken ihrer Laster nicht zitternd machte / sondern auch kitzelte. Solche
Angst wäre ein Zeichen der göttlichen Barmhertzigkeit / welche die Fallenden
dadurch zur Erkenntligkeit und Verbesserung ruffte. Wo diese aber einen nicht
weckte / sondern in seiner blinden Unempfindligkeit die Rennebahn der Laster
ausmässen liesse / da ersätzte sie so denn ihre Langsamkeit mit der Schwerde der
Straffen / und forderte von dem Haupt-Gute die Zinsen nach der schärffsten
Ausrechnung ab. Sentia und Adgandester rennten auf diesem schlipfrigen Wege der
Sicherheit / und meinten / sie hätten für der Rache des gerechten Gottes schon
einen solchen Vorsprung gewonnen: dass diese sie nimmermehr einholen würde; er
möchte nur aber glauben: dass sie wie die Weiser an Uhren zwar unempfindlich aber
geschwinde genung fortgienge; und sie mit Schrecken der ganzen Welt ein Ende
der Bosheit und dem Leben machen würden. Wenn aber Fürst Siegesmund die
Beleidigten aus dem Rachen der Schande und des Todes zu reissen sich entschlüsse
/ würde er seinem Verbrechen so viel abnehmen / als er ihrer Wolfart beitrüge.
Denn die Erhaltung eines gekränckten wäre das heiligste Versöhnungs-Opffer.
Siegesmund ging die Länge des Gartens etliche mahl schwermütig und voller
Nachdencken aus; fieng endlich zu mir an: Ich befinde / dass mir anderer Gestalt
nicht / als durch deinen Rat zu helffen sei / und ich will ihn auszuführen das
euserste tun. Aber befindest du nicht auch der Billigkeit gemäss zu sein: dass
die /für derer Erhaltung ich alles wagen will / auch die Gedancken mich zu
verderben fahren lassen? Ja / antwortete ich; aber ich kann schwerlich glauben:
dass sie derogleichen jemahls sollten gehabt haben. Bei diesen Worten vermerckte
ich am Fürsten eine ganz neue Veränderung. Denn sein vorhin erblastes Antlitz
ward bald voller Blut / seine vor halb gestorbenen Augen voller Feuer / und bald
darauf verlohr sich dieser Brand / und wechselte eines mit dem andern ab. Ich
war zwar anfangs zweifelhaft: ob ich diese Veränderung für eine Regung der
Liebe oder einer Entrüstung annehmen sollte; weil ich aber darbei mehr Mässigung
als Sturm vermerckte / und ich mich erinnerte: dass das Blut in Adern der
Zornigen wie abschüssende Berg-Ströme mit Gewalt fortriesse / bei Verliebten aber
wie Wasser in Röhren sanfte fortkrieche / hielt ich es beim Fürsten Siegesmund
für ein Kennzeichen seiner aufwallenden Liebe / welche zum ersten das Hertze als
den fürnehmsten Werckzeug der Begierde entzünden / von dar aber ins Behältnüs
der Einbildung / nämlich ins Gehirne steigen / und sich daselbst bei
Zusammenraffung der Lebens-Geister gleichsam abkühlen / das erste die Röte /
das andere die Erblassung verursachen soll. Nach diesem Wechsel fuhr Siegesmund
heraus: Ich mercke wohl / Hermengarde: dass du dein Lebtage nicht verliebt gewest
seist /also nicht verstehest: dass es einerlei sei / ob man einen Verliebten
verächtlich halte / oder ihm ein Messer ins Hertze steche. Ja jene Grausamkeit
ist noch ärger; denn sie peinigt einen aufs längste / und zwinget einen endlich
doch zur Verzweiffelung. Ich mühte mich zwar ihm die eingebildete Verachtung
auszureden / und mich selbst zum Zeugen aufzuwerffen / wie viel gutes und
rühmliches ich für ihn aus Zirolanens Munde mehrmahls gehöret hätte; also / dass
wo Zirolane ihn gleich nicht geliebt / sie ihm dennoch wohl gewolt hätte.
Siegesmund fuhr hierüber nicht wenig auf / und seine Veränderung wuchs noch mehr
/ als ich ihn versicherte: dass Zirolane mehr als einmal um seine Wolfart Sorge
/ und / dass er nicht unvergnügt leben möchte / Kummer geführt hätte. Ich hätte
seine heftige Bewegung bei nahe für eine Verbitterung gegen mich aufgenommen /
wenn ich mich nicht erinnert hätte: dass das sanfte und annehmliche Feuer der
Liebe / wenn selbtes entweder durch Ankunft des Geliebten oder durch einen
unvermuteten Zufall mehr Zunder bekommt oder gestöret wird / so stürmrisch /wie
die sanften Sommer-Lüffte / welche von einer mässigen Wärmbde entstehen / zu
Zwirbel-Winden werden. Diese Hefftigkeit aber sätzte sich aber auch bald und
ward zu einem Seufftzer; nach welchem er anfieng: Ach! Hermengarde! wie
glückselig wäre ich /wenn Zirolane mir jemahls wohl gewolt hätte! Aber /wie soll
ich mich dessen bereden / oder mir so was süsses von der träumen lassen / die
mich aus ihren Augen verbannte? die mir die Zunge verschloss / und auf einmal
mir alle Hoffnung / das insgemein verschimelnde Brod der Elenden / abschnitt?
Meinest du / ich sei so unwissend: dass Zirolane ihr Hertz alleine Rhemetalzen
zugeeignet habe? Wie soll sie denn mir wohl wollen / weil dieses von der Liebe
nicht weiter als die Wärmbde vom Feuer / und die Strahlen von der Sonne
unterschieden / und eine warhafte Nachfolge oder Würckung zweier vereinbarten
Hertzen ist. Zirolanens aber ist allezeit nicht nur von meinem so weit als ein
Angel-Stern von dem andern entfernet; sondern ihres hat auch für meinem eine
grössere Abscheu / als der Diamant für dem Magnete gehabt. Wie viel ich nun
gleich hierwider einwendete / war doch seinem Gemüte dieser Glaube nicht
einzudrücken; und endlich sagte er: Wenn auch jemahls ein mir wohl wollender
Bluts-Tropffen in ihren Adern gewest wäre / so hat sich doch nach meinem Raube
leider! und zwar mit gutem Rechte alle ihr Geblüte gegen mich in Gift und Galle
verwandelt; also dass sie nechstin von meiner blossen Erblickung / gleich als
wenn meine Augen mit Basilisken-Giffte angefüllet wären /für todt zu Bodem
gefallen. Ich antwortete ihm: dass ich von Zirolanens itziger Neigung nichts
sagen / er aber selbst wohl urteilen könnte: dass gegen den / von welchem der
Verlust ihrer unschätzbaren Freiheit herrührte / der sie aus einer Fürstin zur
Sklavin gemacht / keine Verbitterung im Hertzen zu hegen etwas mehr als
menschliches sein müste. Siegesmund versätzte: Meinest du aber wohl /
Hermengarde: dass / wenn ich sie alle in die alte Freiheit versätzte / alle
Verbitterung von Grund aus vertilget werden könnte? Ich antwortete: wenn er diese
heilige Regung in seinem Hertzen hätte / und so rühmliche Entschlüssung
ausführte / sollte er den geringsten Zweiffel daran nicht haben. Denn edle
Gemüter überstreuten erlittenes Unrecht mit dem Staube der Vergessenheit;
Woltaten aber liessen sie niemahls bestauben. Aber / Hermengarde; fiel
Siegesmund ein / meinestu du nicht: dass ich durch ihre Befreiung von Zirolanen
geliebt zu werden verdiente? Fürst Siegesmund / versätzte ich / hat sonder
Zweiffel fürlängst schon von einer solchen Fürstin geliebt zu werden verdient;
und sie würde ihn sonder Zweiffel eben so lange / als er sie / geliebt haben
/wenn es in ihrer Willkühr gestanden hätte. Aber so hat die Liebe ihren Ursprung
vom Verhängnisse /welches durch die Gestirne denen Seelen eben so wie Gewächsen
/ Steinen und Ertzte gewisse Zu oder Abneigungen einflösset: dass sie entweder
durch einen geheimen Zug wie Eisen und Magnet einander lieben / oder Vermöge
einer gewissen Widerwärtigkeit wie Wolff und Schaff einander hassen müsten. Also
ist der Himmel / nicht der Menschen freier Wille der Urheber ihrer
Vereinbarungen. Siegesmund fiel mir ein: Ach / Hermengarde! dieses ist eine
nichtige Ausflucht. Die Sternen haben über unsere Vernunft und über unser Hertz
den Sitz der Liebe keine Botmässigkeit. Die an den Einfluss des Himmels sich
bindende Weissheit ist keine Sibylle / sondern eine Betrügerin /welche mit ihrer
Rechnung eitel Irrtümer behauptet /mit ihrem Maass und Compass den Sternen
falsche Würckungen antichtet / und mit ihrem Lichte hinters Licht führt. Ich
erklärte mich: dass die Gestirne zwar einen Menschen nicht unmittelbar Achillen
die Briseis / und den Paris Helenen zu lieben nötigten; aber sie flösten jedem
Menschen gewisse Eigenschaften ein / welche mit unterschiedener anderen eine
Verwandschaft hätten; und daher liebte wegen solcher Einstimmung auch Achilles
Polyxenen / und Paris Oenonen. Die Warheit dieser Meinung erhellete
augenscheinlich aus dem Unterscheide der eusserlichen Leibes-Beschaffenheiten /
nach denen ein Mensch blutreich und freudig / gallicht und zu Entrüstung geneigt
/ flüssicht und traurig wäre; also nicht geleugnet werden könnte: dass die
Gemüts-Regungen / darunter die Liebe allerdings gehörte / mit der
unterschiedenen Eigenschaft des Geblütes eine grosse Verwandschaft hätten /
und nach dieser Unterschiede auch jene von einander unterschieden wären. Dass
aber dieser Unterschied von unterschiedenen Einflüssen der Geburts-Sterne
herrühren müste / ereignete sich Sonnen-klar daraus: dass Kinder oft ehe allen
andern Menschen /als ihren Eltern an Leibe und Gemüte ähnlich wären; und dass
der Himmel so gar ganze Länder und Völcker mercklich unterscheidete. Die
Gestirne zeugten in Indien Edelgesteine und Gewürtze / in Arabien Gold / bei den
Seren Seide / bei Taprobana Perlen /in Phönicien Palmbäume / auf Madagascar
Elephanten. Den Chaldeern flösten sie die Begierde zur Sternseher-Kunst / den
Griechen zur Weltweissheit / den Römern und Deutschen zum Kriege ein; die Lydier
machte sie wollüstig / die Cretenser lügenhaft / die Africaner betrüglich / die
Deutschen aufrichtig; und es wäre kein Volck in der Welt / das nicht an sich ein
gewisses Kennzeichen und einen besondern Zug zu diesem oder jenem Dinge habe.
Wer wollte nun zweiffeln: dass die Verbind- und Zusammenstimmung zweier Verliebten
nicht eigentlich von der Gleichheit herrühre / die einerlei Gestirne in zwei
oder mehr Menschen einpflantzen. Siegesmund sätzte mir entgegen: wo diese
Meinung Grund hat; so muss ich mit Zirolanen notwendig einerlei Geburts-Stern
haben; sintemahl niemahls jemand heftiger / als ich sie geliebt habe oder
lieben kann. Daher ihr Zirolane aus einer vorsätzlichen Hartnäckigkeit sonder
Zweiffel Gewalt antun muss / indem sie mich nicht liebt. Ich begegnete ihm:
Sein Schluss hielte den Stich nicht. Denn weil derer in uns ihre Würckung
ausübende Sternen eine so grosse Anzahl wäre / könten zweierlei Dinge und
Menschen zwar gewisser massen mit einander übereinstimmen / im übrigen aber
einander zuwider sein / einer eine lieben / die ihm wegen ihrer besondern
Einflüsse grämer als einer Spinne wäre. Also züge der Agstein zwar die Spreu /
die Spreu aber nicht den Agstein nach sich. Siegesmund fiel ein: Ich sehe wohl /
du machst aus der Liebe einen blinden Affen; benimmest also der Tugend ihre
Verdienste /der Schönheit ihren Glantz / und der Liebe selbst ihre Krafft. Da
doch jene zwei von Alters herfür die würdigsten Brunnen / und diese für die
Heb-Amme der Liebe gehalten worden; und ich von Frauenzimmer wohl hundert mahl
gehöret habe: wie das an einander geriebene Eisen / oder die wider einander
geschlagenen Kieselsteine / wie kalt und harte gleich beide wären / Feuer geben
müsten; also müste auch endlich das kälteste Frauenzimmer verliebt werden / wenn
sie beständig geliebt würde. Ich antwortete ihm: diese Beständigkeit würde weder
im Eisen / in Kieseln /noch im Frauenzimer etwas tun / weñ nicht vorher in
diesem ein ander Zunder der Liebe / wie in jenen der Saame des Feuers steckte.
So machten auch weder die schönste Bildung noch der hurtigste Geist und die
grösten Verdienste eines Mensche in der Liebe nicht das Kraut / ob sie schon
köstliche Schwung-Federn in ihren Flügeln wären. Daher geschehe es täglich: dass
wie das Eisen nur einen Zug zum ungestalten Magnetsteine / nicht zu dem schönen
Rubine / der Magnet keine Neigung zum Golde hätte / die Rosen die Gemeinschaft
des stinckenden Knoblochs nicht verschmähten / sondern ihren Geruch damit
verbesserten; also offtmahls die schönste Venus auf den hesslichsten Vulcan / die
vollkommste so bald auf Tersiten / als einen Achilles ein Auge würffe /
hingegen nicht nur die annehmliche Syrinx für dem garstigen Pan / sondern auch
die kaltsinnige Daphne für dem schönsten Apollo flüchtig und zum Baume würde.
Dieses letztere Beispiel sollte Fürst Siegesmund ihm zur Richtschnure oder
vielmehr zur Mässigung seiner Liebe dienen lassen / sich auch seines eigenen
Reichtums erinnern / nämlich: dass es ihm so wenig an Liebhaberinnen / als der
Sonne an Zunder gebrechen würde. Warum wollte er sich denn an einem
widerspenstigen Sterne / wie die Africanischen Ziegen am Sirius so versehen /
als wenn der Himmel / wie Polyphemus nur ein Auge / und die Welt nur eine
Zirolane wie eine Sonne hätte? Siegesmund brach ein: Unbarmhertzige Hermengarde!
Ich mercke wohl: dass du so wenig Lust mir zu helffen hast / als Zirolane mich zu
lieben. Nach dem ich aber ein für allemahl ohne Zirolanen nicht leben / weniger
glücklich sein kann / so gehe und sei so wohl Bürge als Zeuge meiner nicht nur
unausleschlichen / sondern bei nahe verzweiffelnden Liebe. Gehe und sage
Zirolanen: dass sie mit ihrer Liebe mir das Leben / ihr / Tussnelden / Ismenen
und dem jungen Tumelich die güldene Freiheit geben könne; dass ich ihrer Liebe
mein Römisches Priestertum / ja mein eigenes Leben aufopffern / sie an diesem
Orte folgende Nacht insgeheim über den Rhein / und auf dazu schon fertigen
Pferden noch Morgen in die Sicherheit auf das Cattische Gebiete bringen wollte.
Gehe / Hermengarde! handele geheim und behutsam /sorge für Zirolanens Liebe; für
ihre Freiheit werde ich schon sorgen und Anstalt machen. Also nahmen wir von
sammen Abschied / ich schrieb auf allen Vorrat den Zettel / welchen ich gestern
am Rheine Zirolanen unvermerckt zuzustecken das Glück hatte; bin auch in festem
Vorsatze hieher kommen meine Dienste und mein Leben so vollkommenen Heldinnen
aufzuopffern. Es ist unschwer zu ermässen / was Hermengardens Erzehlung bei
ihnen für widrige Regungen erweckte. Denn ob wohl Ismene an ihr selbst hätte
ermässen können: dass es schwer oder vielmehr unmöglich wäre / in einem
Augenblicke ihm eine tief eingewurtzelte Liebe aus dem Sinne zu schlagen / und
aus dem Steige-Reiffen einen verhassten und verworffenen / und zwar nach so
frischer Beleidigung ins Hertze aufzunehmen; so war sie doch / wie die Menschen
insgemein geartet: dass sie nur ihre eigene Haut für empfindlich / sonst aber für
was gar leichtes hielt: dass Zirolane ohne ihr sonderlich weh zu tun Rhemetalzen
verstossen / und Siegesmunden erwählen könnte. Tussnelde dachte zwar dieser
Schwerigkeit mehr nach; gleichwol aber leitete sie teils ihr ihrem Bruder
zugetanes Geblüte / teils ihr an ihr gefangenes Kind gehefftes Mutter-Hertze
auf eben die Meinung Zirolanen zu solcher Veränderung zu bereden. Zirolane
hingegen hielt es für so unmöglich Siegesmunden zu lieben / als für schändlich
vom Rhemetalzen abzusätzen. Daher war es auch ihr standhafter Vorsatz ehe zu
sterben / und alles Ungemach über sich ergehen zu lassen / als in Siegesmunds
Willen zu kommen. Bei solcher Bewandnüs und leicht vermutlicher Beisorge: dass
Tussnelde und Ismene an sie destwegen sätzen würden / hielt sie für ratsam /
nicht nur die Warheit der Schrifft zweifelhaft zu machen /sondern auch zu
behaupten: dass Gefangenen so wenig als Leibeigenen zu fliehen frei stünde; weil
jene sich dem Sieger gegen freiwillige Schenckung des Lebens zu dienen
stillschweigend verpflichteten. Nach dem aber alle drei mit grossen
Beteuetungen: dass diss Sentiens wahrhafte Handschrifft wäre / sie versicherten
oder vielmehr überwanden / und dass sie in keinem rechtmässigen Kriege gefangen /
sondern vom Siegesmund geraubt worden wären / also zu fliehen Recht hätten /
ausfündig machten; sagte Zirolane: Sie wären aber in Arensburg des Germanicus
rechtmässige Gefangene worden; ob aber ein oder ander Volck gerechten oder
ungerechten Krieg führte / liesse sich besser mit den Waffen / als aus Gesätzen
erörtern. Wenn nun ihre Flucht misslünge / wäre zu besorgen: dass ihre itzige
Freiheit in die engste Einschlüssung verwandelt /und wegen Undanckes Agrippinens
Güte in herbeste Empfindligkeit verwandelt werden würde. Uber diss käme ihr
Sentiens Schreiben noch immer sehr verdächtig für. Denn wenn sie es schon
geschrieben hätte / könnte doch gar wohl sein: dass der schlaue Siegesmund diss mit
Sentien so abgeredet hätte / um entweder aus Rachgier sie noch mehr zu betrüben
/ oder durch derogleichen Dräuungen ihr die Liebe auszupressen. Die Liebhaber
wären Meister in solchen Erfindungen / und machten ihnen kein Gewissen durch
Arglist und Betrug zu erlangen / was sie ihnen durch Liebritz nicht trauten
zuwege zu bringen. Hermengarde aber antwortete: Sie sollte bei so nahem Unglücke
ihr die Sache nicht so leichte und die Gefahr so ferne setzen. Sentia wäre zwar
schlau und böse / Siegesmund aber heftig / und könnte niemand weniger als er
hinter dem Berge halten. Daher könnte sie von ihm nichts weniger / als eine so
künstliche Arglist mutmassen. Sentia wäre solcher Erfindungen wohl fähig
/niemand aber so böse oder gut / als er sein könnte. Daher betrüge man sich ins
gemein selbst / wenn man in anderer Leute Tun allzu viel Kunst oder Geheimnisse
suchte. Sie wüste um Siegemunden allzu wohl /und wäre von ihm versichert: dass
ihre Wegführe und beschlossene Beschimpffung ihm zu Hertzen gienge. Zirolane
fiel ein: wenn dieses wahr ist / wird uns Siegesmund auch ausser meiner Liebe
aus Gefahr in Sicherheit bringen. Hermengarde antwortete: Ich wünsche dieses
mehr / als ich es hoffe. Denn seine Liebe ist so heftig: dass er ihm alle
Handhaben der Welt nütze machen wird seinen Zweck zu erreichen. Er hat die
gemeine Art der Menschen / welche wenn sie über anderer Heil ratschlagen / das
ihrige mit einmengen. Zirolane fiel ein: Je mehr ich die Sache überwerffe / je
mehr bekommet sie Ecken / und je weniger scheinet mir glaublich; dass Tiberius
den Germanicus aus Deutschland nach Rom zum Sieges-Gepränge beruffen oder in
Armenien schicken sollte; da der Feldzug seiner Seits so schlecht abgelauffen /
der Krieg mit den Deutschen noch lange nicht ausgemacht / der junge und
unerfahrne Drusus dem Wercke nicht gewachsen / und Hertzog Herrmann niemahls
mehr als jetzt den Römern zu fürchten ist. Hermengarde versätzte: dieses alles
sind vernünftige Bedencken / wenn man sie nach der Richtschnur der ordentlichen
Staats- überlegt. Aber wer weiss / wo Tiberius / dessen Hertze mehr als das
grosse Meer Tieffen / und die Erde verborgene Gänge hat / hinzielet? Wer weiss wo
Sejan / welcher den Käyser / wohin er will / mit der Nasen herum führet / sein
Absehn hin hat? Zudem würde es jetzt zu Rom nicht das erste mahl sein: dass das
Verhängnüs einem den Verstand verblendet / und die Klügsten wider alle Vernunft
und eigenen Nutzen handeln. Vielleicht ist dem Käyser mehr daran gelegen / dem
verdächtigen und zur Nachfolge im Reich vom August bestimmten Germanicus das
Hefft ganzer acht Legionen aus den Händen zu winden / als halb Deutschlandes
Meister zu werden. Zirolane begegnete ihr: Wenn diss alles schon wegfällt / so
bleibt mir doch unbegreiflich: dass Tiberius mit uns so strenge verfahren / und
auf den unschuldigen Knaben Tumelich eine unerhörte Grausamkeit ausüben sollte;
da er ja weiss / wie viel edle Römer bei den Catten und Cheruskern gefangen sind
/ welche der Feldherr gewiss alle seinem geopfferten Tumelich zur Rache
abschlachten würde. Hermengarde antwortete: Tiberius kann dieses freilich leicht
greiffen; aber wer weiss: ob der Feldherr durch Hinrichtung aller gefangenen
Römer dem Tiberius nicht mehr Dienst als Dampff antun würde; nach dem er selbst
durch hervor gesuchte wahre und falsche Laster die ansehnlichsten Häuser in Rom
auszurotten bemüht ist. Zirolane brach ein: Wo werden wir uns endlich mit unsern
Gedancken hin versteigen? Und wo werden wir mit unsern Schlüssen hinaus kommen /
wenn wir von den allgemeinen Richtschnuren menschlicher Klugheit auf so seltzame
und falsche Wege springen? Es ist wohl spitzsinnig / nicht aber ratsam die
Warheit von so weitem herholen / und unsere Gedancken in lauter Netze von dinnen
Spinnenweben verwickeln. Wenn aber auch alles so / wie es Sentia geschrieben /
eingerichtet wäre / so finde ich an dem vornehmen Siegesmund eben so viel
Bedencken. Denn / da er es mit uns so gut meint  / da er sich der Römer zu
entschlagen im Schilde führt / soll er nicht seine eigene / und des Feldherrn
Schwester nebst seinem Sohne hier verderben lassen; welche alle daran keine
Schuld tragen /dass ich ihn nicht kann und will lieben? Ist es ihm Ernst: dass er
durch unsere Befreiung sein Verbrechen auswetzen will / wie kann er zugleich mit
Vollziehung seiner Schuldigkeit wuchern? Wie kann er begehren: dass ich zwar aus
der mir erträglichen Gefangenschaft los / aber in seine Dienstbarkeit verkaufft
/ also aus einer bestrickten Fürstin sein ewige Leibeigene werden solle? Ismene
fiel ein: Liebste Zirolane / wenn unsere Gefangenschaft in zeiterigem Stande
bleiben könnte /da uns Agrippine nicht nur als ihre Gäste / sondern als ihre
Schwestern unterhält / würde mir nicht seltzam vorkommen: dass sie sich in ihre
Bestrickung gar verliebte / und die unschätzbare Freiheit bei ihr so wolfeilen
Kauffes wäre. Nach dem uns aber eine so grosse Schmach zuhängt: dass sie so wohl
als wir zum Schauspiele und Gelächter des Römischen Pöfels gemissbraucht werden
soll / kann ich kaum glauben: dass Zirolane nicht alles in der Welt zum Löse-Gelde
darfür gebe / und sich ehe auch unmögliche Dinge zu tun zwingen / als ihrem
Stande / ihrem Geschlechte /ihrer Ehre so viel Abbruch geschehen lassen sollte.
Zirolane muss gewiss von der Grausamkeit der Römischen Adler / und von übeler
Verhaltung der Gefangenen wenig oder gar nicht unterrichtet sein. Jene flügen
Königen auf den Hals / nicht nur sie ihrer Kronen und Länder zu berauben;
sondern auch ihnen wie der höllische Geier dem Tityon durch sinnreiches Ungemach
täglich das Hertz auszufressen. Die Gefangenen aber werden in Sieges-Geprängen
gebunden / wie Sclaven für dem Wagen hergetrieben / oder gar auf eine Tragebühne
gesätzet: dass sie dem sie schmähenden Volcke ein desto sichtbares Ziel abgeben.
Nach solcher Schmach würde ihnen der Tod noch zum Troste dienen; aber man hebt
solche noch für die Schauplätze auf; man streichet Fürsten mit Ruten; man
zwinget sie Kämpffer wider gemeine Fechter und wilde Tiere abzugeben und gegen
einander um ihr Leben zu streiten. Also dass es diesem hochmütigen Volcke eine
gemeine Kurtzweil ist / wenn es auf einen Tag viertausend edle Gefangenen
entweder einander selbst aufreiben / oder von Löwen und Tigern verschlingen
sieht. Man sperret den König Jugurta fingernackt als ein unvernünftiges Vieh
in einen finstern Kercker ein / und lässet ihn darinnen für Hunger verrecken.
Keine hohe Ankunft / kein tausend Jahr gekrönt-gewestes Haus kommet bei ihnen
in Ansehen. Je niedriger zu Rom ein Bürger ist / je verächtlicher hält er die
verunglückten Häupter der Welt. Ja unser Mittleiden-würdiges Geschlechte findet
bei diesen Wütterichen weder Erbarmen noch Unterscheid. Man looset um das
edelste Frauenzimmer / welches dieser oder jenen Bürgerin eine Dienst-Magd /
oder einem geilen Ehebrecher eine Beischläfferin abgeben soll. Denn sonst würde
die hertzhafte Sophonisbe nicht durch das Gift-Glas / noch die verzärtelte
Cleopatra durch einen Schlangen-Stich ihrer Gefangenschaft und Unehre zuvor
kommen sein. Ja ich bin versichert: dass wenn sie besorgt hätte: es sollte ihr
Bild nach Rom Augustens Siegs-Gepränge dienen /sie alle ihre Seulen zerschlagen
/ die Perlen vollends in Essig zerlassen / ja alle Mahler und Bildhauer in
Egypten getödtet haben würde. Diesemnach glaube mir / Zirolane: dass / wenn schon
meine Fessel von Diamanten / meine Ketten von Golde sein / und ich nach dem
Siegs-Gepränge weder beschimpfft noch beleidigt / sondern nach der Ausspannung
aus dem Sieges-Wagen auf einen mächtigen Stuhl erhoben werden sollte / ich lieber
sterben / als jenes leiden würde. Sintemahl die Hände / welche einmal Fessel
getragen / nicht mehr Zepter zu führen fähig sind. Siegesmund selbst / wenn er
eines deutschen Fürstens Ader in seinem Leibe / einen Funcken Liebe gegen
Zirolanen in seinem Hertzen hätte / sollte ohne einig anderes Absehen das
euserste tun zu verhindern /damit ja die an keinem Sieges-Wagen ziehen dörffte
/welche einmal seine Uberwinderin gewest. Zirolane aber begegnete Ismenen mit
einer kleinen Entrüstung: Ich kann die Grösse der Unehre und des Schimpffes
/welche uns aus dem Einzuge in Rom erwachsen soll /nicht begreiffen. Denn ich
bin beredet: dass / wo kein Laster / auch keine Schande sein; also keine
Beschimpffung einen Weisen / der andere Meinungen /als der Pöfel hat / rühren
könne. Dar ist kein Gefängnüs / wo die Unschuld sich aufhält; Ketten und Banden
sind ihr Schmuck und Zierat. Germanicus wird auch durch uns mehr seinen Sieg
verkleinern / als herrlich machen; weil alle Klugen urteilen werden: dass er
über geraubte Weiber hätte prangen müssen /weil er keine Männer überwunden
hätte. Ich will bei seinem Einzuge durch meine Unerschrockenheit allen Römern zu
verstehen geben: dass solches zwar ein Sieg meiner Unschuld / aber nicht seiner
Tapfferkeit /und meine Hertzhaftigkeit grösser / als die Eitelkeit der Römer
sei? Ich will dem Tiberius zu Hohne durch mein Beispiel erhärten: dass wie grosse
Seelen grosse Schmertzen ohne Verzweiffelung zu ertragen / und von einem
Fürstlichen Stuhle mit einerlei Gesichte auf einen Schand-Karren zu steigen /
also ich nicht weniger das Bittere als Süssigkeit meines Lebens zu verdäuen fähig
sei. Den wer ehrlich gelebt hat / soll sich befleissen so langsam zu sterben /
als es ihm immer möglich ist. Viel anders war es mit Sophonisben und Cleopatren
beschaffen. Denn alle ihr Ruhm bestand in ihrem Tode; ich aber trachte ihn durch
mein Leben zu erwerben. Cleopatren hätte das Römische Volck allerhand Uppig- und
Geilheiten fürrücken können; von mir aber wird kein Mensch nichts scheltbares zu
sagen wissen; es wäre denn mein Unglück / von welchem man aber so viel gutes als
Artznei von Nattern schöpfft; derogestalt traue ich mehr meine Fessel zu zieren
/ als von ihnen verstellet zu werden. Ich will den Römischen Rat überweisen: dass
wenn ich schon gleich nicht mehr eine Fürstin der Marsinger fürstellen / nichts
desto weniger über ihre Gewalt und über mich selbst gebieten / ja vielleicht
über etlicher Römer Hertzen und Augen gebieten könne / dass jene mit mir werden
Mitleiden / diese mir ihre Zehren opffern müssen. Mich aber soll niemand
seufftzen / weniger ungeduldige Tränen vergiessen schauen; also mir jedermann
Zeugnüs geben: dass des Germanicus Ketten zwar meine Glieder / aber nicht mein
Gemüte fesseln können; also nichts unverträgliches sei gefangen und frei leben
/ und auf eine Zeit Banden und Kronen tragen. Warlich! ich wollte so denn mit des
Germanicus Siege meinen nicht verwechseln / den ich in meinem Gewissen zu halten
gedencke / weil ich mein Lebtage mich keiner Tat zu erinnern weiss / welcher ich
mich schämen dörffte. Warum sollte ich des Germanicus Siegs-Wagen nicht mit
Standhaftigkeit folgen können / sondern mit Cleopatren diese Tugend für eine
Schwachheit / die Verzweiffelung aber für eine Tugend halten? Warum sollte ich
ohne Not mein Blut verspritzen / die ich mich auch der Tränen zu entalten
mächtig sein werde? Gedult und Standhaftigkeit stehet Fürsten /welche ihrer
Untertanen Spiegel und Richtschnur sein sollen / nicht hesslicher / als einem
Weltweisen an; ja dort ist die Tugend noch höher am Brete / als allhier; denn
dieser Ampt ist es nur sie zu lehren /jener aber zu tun. Wo Gedult und
Standhaftigkeit nun Tugenden sind / wie ihnen denn noch niemand diese Würde
strittig gemacht hat / so muss der verzweiffelnde Selbst-Mord notwendig eine
Schwachheit derer sein / die nicht das Hertze haben dem widrigen Glücke unter
die Augen zu sehen / in der Dienstbarkeit die Freiheit des Gemütes zu behalten
/und des närrischen Pöfels Gespötte zu verlachen. Wie ich nun aus diesem Grunde
weder dem Unglücke zu weichen / noch mit Wegwerffung der Fessel aus Ubereilung
das Leben verschleudern / also meinem Feinde durch Kleinmut selbst zum Siege
beförderlich sein will; also kann ich noch viel weniger dem Fürsten Siegesmund
einen Sieg über meine Standhaftigkeit enträumen; welche Schwachheit so denn
billich der ganzen Welt zum Gelächter / mir zur Schande dienen würde. Zu Rom
werden die schweresten Banden meinem Geiste kein Leid tun; hier aber würde
Siegesmund über mein Gemüte / meine Liebe und meine Tugend ein Siegs-Gepränge
halten. Rhemetalzes würde meine Untreu verfluchen / und dadurch seine
Unbeständigkeit rechtfertigen können; in meinen Augen aber ist ein getreuer
Leibeigener um ein grosses besser / als ein betrügender Fürst. Dahero will ich
mit meiner Unschuld den Rhemetalces / mit meiner Beständigkeit Siegesmunden /
mit meiner Gedult den Germanicus überwinden / derer keiner mir eine schimpfliche
Uberwindung fürrücken kann. Lasset diesemnach uns alle dieser Gelegenheit wohl
brauchen /die uns das Verhängnüs zu Prüfung unser Hertzhaftigkeit / also aus
Gunst / nicht aus Zorne zuschickt! Lasset uns von den Römern zur Verwunderung
erhärten: dass wir des Glückes unser Ankunft / aber nicht ihrer Ketten würdig
sind. Lasset uns bei dem zufälligen Verluste dessen / was uns das Glücke gegeben
/also wieder zu nehmen Macht hat / nicht durch Kleinmut die Tugend einbissen /
welche das herrlichste Geschencke Gottes ist. Es wird uns rühmlicher sein alles
auszustehen / als Siegesmunden die Ehre zu enträumen: dass es in seinen Händen
stehe uns Glück- und unglücklich zu machen / uns die Freiheit zu nehmen und zu
geben. Es ist ein Zeichen einer grossen Dörfftigkeit / wenn man von
eigenbeweglicher Gnade und Freigebigkeit eines Raubers leben muss; und wir sollen
noch darum betteln? ich aber gar verkleinerliche Bedingungen eingehen?
Nimmermehr wird Zirolane sich so vergehen oder verstellen / sondern sie will
lieber durch das Verhängnüs zu Grunde gehen / als durch einen Ubeltäter
erhalten werden. Tussnelde hörete Zirolanen mit grosser Langmut / jedoch nicht
ohne Auslassung etlicher tieffen Seufftzer aus; hernach fieng sie an: Es ist
meine Meinung nicht / schönste Zirolane / ihr die Schmach der Gefangenen bei den
Römischen Siegs-Geprängen zu dem Ende zu verneuern: dass ich sie bereden wollte
ihr selbst Gewalt anzutun. Ich erinnere mich zwar / was wir dissfalls gegen
Agrippinen auf besorgten Fall gedräuet haben; aber anders müssen wir unter uns /
anders mit einer Römerin reden. Sophonisbens und Mitridatens Gift-Glas /
Cleopatrens Schlangen-Stich / des Cato Dolch / des Brutus Schwerdt / wormit alle
diese sich von Sieges Geprängen zu befreien getrachtet / haben alle mehr
Verzweiffelung und Eitelkeit / als Tugend an sich. Und die Warheit zu sagen; ich
wurde mich selbst tausend mahl bedencken: ob ich mich auch auf den allerärgsten
Fall zu einer so verdächtigen oder vielmehr falschen Tapfferkeit entschlüssen /
und mein Blut verschwenden würde; nicht zwar: dass ich für dem Tode eine so
grosse Abscheu habe / sondern weil ich diese Art zu sterben wo nicht für ein
Laster / doch für die gröste Schwachheit halte; und weil ich mich meinem Gemahl
aufzuheben und mich seinetalben zu erhalten verbunden weiss. Er ist mein Haupt
und der Herr meiner Seele; also kann ich / wenn ich schon wollte / nichts über
mein Leben gebieten; und ich würde mit meinem ihm die Helffte seiner Seele
rauben; oder den gar tödten / welcher alle auf mich angesehene Stiche willig mit
seiner Brust versätzen und die Dienstbarkeit selbst für meine Wolfahrt willig
leiden würde. Also ist auch meine erste und höchste Pflicht seinetwegen alles
andere Absehen / ausser der einigen Ehre / hindan zu setzen. Wenn ich schon alles
andere verliere / bin ich mit Besitzung seiner reich genung / nach seinem
Verluste aber würde mir Leben /Liebe und Ehre nur eine beschwerliche Last sein.
Mein Geist könnte sich nach dem Tode nimmermehr beruhigen / weil er des traurigen
Trostes entpehren müste: dass wir nicht unsere Asche in einem Grabe /wie zwei
Hertzen in einer Liebe vereinbaren könten. Diesemnach würde mir Zirolane
zuversichtiglich nicht verargen: dass / wenn es schon rühmlich wäre sich zu
tödten / ich doch meinem Gemahl zu Gefallen in meinem Hertzen für ihn eine
grössere Liebe / als in meinem Geiste eine stärckere Begierde der Ehrsucht
unterhielte. Gleichwol aber lässt sich der Spott und Schimpff / welche gefangene
Fürsten in Sieges-Geprängen erdulden müssen / leichter verkleinern als erdulden;
und muss ich dem von Ismenen gemachten Entwurffe beifallen. Ich weiss wohl: dass
Zufälle nichts der Tugend an ihrer Güte / anderer Schmäh und Verachtung nichts
unserer Ehre benehmen könne; ja Prügel / Ruten und Brandmaale niemanden / wenn
die Ursache nicht darnach ist / unehrlich mache; gleichwol aber weiss ich: dass
Leute / welche wider alles Unglück ja selbst einen schmählichen Tod gewaffnet
gewest / durch Beschimpffung sind aus den Angeln gehoben worden. Grosse Gemüter
verdäuen zwar diese Anfechtungen / wie starcke Magen Gift; aber niemals ohne
Gefahr und Schwerigkeit. Man muss sich also nichts vermässen / Zirolane. Ihrer
viel haben gegen dem dräuenden Ungewitter zwei Hertzen / bei dem einbrechenden
nicht ein halbes gehabt. Wenn sie ihrer aber noch so wohl versichert ist / so
wende sie doch ein Erbarmungs-Auge auf Tussnelden und ihr Vaterland. Rom hat
noch die Ehre nie gehabt eines deutschen Feldherrn Gemahlin und Sohn im
Siegs-Gepränge zu sehen. In ihren Händen stehet es nunmehr solches zu verhindern
oder geschehen zu lassen. Dem Vaterlande sind wir schuldig unser Leben
aufzuopffern / wie viel mehr unsere Liebe? Dieses würde uns sicher eine grössere
Schande sein / als welche sie ihr einbildet /wenn sie den lieben sollte / den sie
vorher verachtet hat. Muss doch die Sonne / wenn sie ihr Bild im Gegenscheine
zeigen / oder ihre Geburt und Untergang mit Purper ausputzen will / die Wolcken
darzu gebrauchen / welche sie durch ihre Strahlen zu zertreiben gewohnt ist. Wir
genesen mehrmahls durch die in unsern Augen so geringe geschätzten Kräuter /
welche wir mit Füssen getreten haben. Also schäme sie sich nicht ihres und
unsers Heiles halber ihren Willen zu beugen und dem Verhängnisse ein paar
Schritte aus dem Wege zu gehen. Aendert doch die Sonne alle Tage ihre Strasse.
Rühret ihr zartes Hertz aber nicht Tussnelde und das Vaterland / so rühre es
doch die unschuldige Kindheit meines zu einem grausamen Opffer verlobten Sohnes.
Siehet sie nicht: dass die Römer durch Abschlachtung meines Mitleidens-würdigen
Astianax uns / wie Ulysses den Trojanern / alle Rache abzuschneiden / und
Deutschland in eben selbige Asche zu vergraben beflissen sein? Wie könnte sie nun
ihre Liebe heilsamer angewehren / als wenn sie sich / ihre Freunde und die
einige Hoffnung des Cheruskischen Hauses vom Untergange errettete. Die Liebe ist
von der Natur zu Erhaltung der Welt allen Tieren eingepflantzt; so mache sie
doch ihre nicht zum Werckzeuge des Todes. Rhemetalces hat zu ihr entweder keine
Liebe gehabt / oder sie ist die laulichste in der Welt gewest / weil sie durch
eine törichte Eyversucht verloschen / welche sonst der kräfftigste Zunder der
Liebe ist. Wie magst du nun einen so unmenschlich lieben / von dem du keine
Gegen-Liebe zu hoffen hast? Wie magst du durch solche heftige Liebe dich und
uns tödten? Warlich! du machst es nicht besser / als jener Jüngling zu Aten /
der ihm beim Fusse eines Marmel-Bildes einen Dolch ins Hertze stach / darein er
sich verliebt hatte. Dein Hertze scheinet mehr bezaubert / als verliebt / und
ihre Liebe kein annehmliches Feuer / sondern ein trauriger Schatten zu sein.
Denn sie hänget sich an den / welcher für ihr fleucht / und fleucht für dem /
der ihr so sehnlich nachfolgt. Die Liebe ist ja sonst die Mutter der Gegen-Liebe
/ und man glaubt: dass sie eintzelicht vermagern und endlich vergehen müste;
wenn sie aber zu Zwillingen werde / ihr vollkommenes Wachstum erreiche. Wie dass
denn meines Bruders Liebe eine solche Missgeburt / nämlich nur Hass gebieret?
welche doch so heftig ist: dass sie gegen Zirolanen so viel mehr wächset / als
sie ihn verachtet. Denn die Geringhaltung ist die sicherste Prüfung der Liebe.
Sie liebe diesemnach wenigstens uns zu Liebe den Siegesmund. Ein beständiger
Vorsatz zu lieben / machet so wohl in der Liebe als Zauberei das ganze Werck
aus. Daher wird Zirolane ihr damit weder weh noch Gewalt antun können / und es
wird niemand für ihr rühmlicher eine Liebe beschlossen / die andere angefangen
haben. Zirolane ward über dieser Rede /und noch mehr über Tussneldens ihr aus
den Augen sehenden Schmertzen / welche die Mutter-Liebe ihr erregte / so
wehmütig: dass sie eine gute Weile nur mit Tränen antworten könnte. Wolte Gott!
fieng sie endlich an / ich könnte mit meinem Tode dem Tumelich sein Leben / und
mit meinem Blute ihnen die Freiheit erkauffen! Aber so verheut es mir meine
Ehre; so hindert mich die Unmögligkeit. Rhemetalzens Bild ist in mein Hertze so
tief eingepreget: dass selbtes nimmermehr daraus vertilgt / weniger eines anderen
darein gedrückt werden kann. Gebet mich also den Römern für euch zum Lösegelde /
und für den jungen Tumelich zum Söhn-Opffer; ich habe mehr Lust für ihn / als
Andromache für ihren Astianax zu sterben. Gebahret mit mir nach eurem / nur
nicht nach Siegesmunds Gefallen; welcher zwar Tussneldens Bruder / Ismenens
Schwager / aber auch Segestens Sohn und unser gemeiner Feind ist; und welchem
ich nur allererst recht gram zu werden Ursache habe /nach dem er mir eine solche
Niedrigkeit des Gemütes beimisst / indem er nach so grosser Beleidigung ihm noch
einbilden darf: dass ich meinen Rauber lieben könne. Mutet mir also nichts so
verkleinerliches zu. Denn ihr wisset ja allzu wohl: dass die Ehre keinen Fleck /
die Liebe keinen Zwang verträgt. Dieses redete sie so beweglich: dass Tussnelde /
welche des Erbarmens ja so bedürfftig war / eben so grosses Mitleiden als Ismene
und Hermengarde mit ihr haben mussten. Diese fieng hierüber an: wenn ihr denn diss
unmöglich ist / so behalte sie ihre Liebe für ihren Rhemetalzes / und gewinne
allein Siegesmunden durch den Schein der Liebe. Zirolane seufftzete / und sagte:
In was für Versuchungen werde ich endlich verleitet? Auch den Schein der Liebe
müssen wir meiden / wenn er unserer Ehre nachteilig / und auf eines andern
Hintergehung angesehen ist. Hermengarde versätzte: Ach! Zirolane! kein Gemählde
kann ohne Schatten sein / und kein Mensch ohne Schein leben. Der Himmel selbst
bedienet sich falscher Farben / der Monde streichet ihm ein so wohl als die
braunen Wolcken ein frembdes Licht an; ja Morgen- und Abend-Röte ist nichts als
eine Schmincke; will denn sie alleine in der Welt was besonders sein? die eitelen
Menschen vergnügen sich oft mehr an Schalen / als am Kerne der Dinge. Hebe
diesen für deinen Rhemetalzes auf / und lasse Siegesmunden sich mit jenen
erqvicken und sättigen. Zirolane antwortete: Nein / nein Hermengarde! in diese
gefährliche Irrgänge mag ich mich nicht verwickeln. Ich will lieber elend als
falsch sein; lieber ehrlich sterben / als betrüglich leben. Ich unterwerffe mich
aber übrigens ohne Bedingung euerer Willkühr. Gebahret mit meinem Glücke und
Leben nach eurem Gutbedüncken / nur lasset meine Ehre und Liebe unversehret. Ich
will / um euch so viel mehr Freiheit in Ratschlägen zu enträumen / mich willig
entfernen. Brauche Hermengarde deine Vernunft und Beredsamkeit Siegesmunden auf
Tussneldens und Ismenens Seite zu bringen. Sage ihm alles in der Welt zu / nur
dieses nicht: dass ich ihn liebe. Nachdem nun alle sahen: dass Zirolane
unbeweglich / und weder mit Bitte noch Tränen zu gewinnen war / wussten sie mehr
weder Hülffe noch Rat; sondern mussten nur alles der weisesten Schickung des
unerforschlichen Verhängnisses heimstellen. Tussnelde / wie bestürtzt sie auch
anfangs gewest war / raffte nunmehr ihre Gemüts-Kräfften zusammen / dämpffte
alle Kleinmut / vergrösserte ihr Hertze / und wiess: dass kein Zufall die Höhe
ihres Geistes übersteigen könnte. Nichts weniger fasste sich Ismene / und beide
müheten sich zu beweisen: dass ihr Fürsten-Stand nicht die Eitelkeit der
heuchlerischen Ehrerbietungen / sondern die wahrhafte Hoheit der jederzeit ihre
Botmässigkeit ausübenden Tugend zum Fusse hätte. Hermengarde war alleine von
Bekümmernüs / dass ihr guter Vorsatz so schlechten Fortgang gewaan / verwirret:
dass sie nicht wusste /wessen sie sich entschlüssen sollte; die vorhin trostlose
Tussnelde aber redete ihr nunmehr selbst ein Hertz ein / und sagte: Wir haben
alles getan / was uns die Vernunft zu tun hat an die Hand geben können; also
dass / was für ein Ausschlag auch erfolgen mag / wir nicht unter die Unbesonnenen
/ welche weder vor noch nach ihrem Beginnen / ihr Unterfangen überlegen / noch
auch unter die Unvernünftigen /welche nach ausgemachter Sache derselben erst
nachdencken / werden können gerechnet werden; sondern wir haben dem künftigen
Ubel durch Vorsicht zuvor kommen wollen. Weil es aber damit nicht fort will
/müssen wir uns so viel mehr bescheiden / dass das Werck Gottes einiger Versorge
heimzuschieben sei. Denn wie wir in allen Dingen so klug und behutsam gebahren
müssen / gleich als wenn keine göttliche Versehung wäre; also / wenn diese nicht
den Stich halten / muss man sich auf die göttliche Hülffe alleine so feste
verlassen / als wenn menschlicher Witz und Fleiss bei nichts etwas tun könnte.
Hiermit nam Hermengarde Abschied / mit Vertröstung / dass sie folgende Nacht sie
wieder besuchen / und für ihr Heil zu sorgen nicht vergessen würde.
    Auf solche Weise war das übrige Teil der Nacht hingelegt; also / dass
Tussnelden / Ismenen und Zirolanen nur wenige Stunden zum Schlaffe übrig blieben
/ welche aber ihnen mehr zu Sorgen als Ruhe dienten. Die gemeine Not brachte
sie also zeitlich wieder zusammen / und Agrippine fand sich ebenfals kurtz
darnach in ihre Versammlung ein; sie wiess aber nicht ihre gewohnte Freudigkeit /
sondern die Traurigkeit blickte so wohl aus ihren Augen als Worten herfür. Nach
dem sie gegen einander die gewöhnliche Bewillkommungen verrichtet und Agrippine
über Tussneldens verbessertem Zustande ihre Freude zu verstehen gegeben hatte /
gab Agrippine selbst Anlass von dem Kriege und andern Staats-Sachen zu reden /um
Gelegenheit zu finden ihnen von bevorstehender Wegführung einen Vorschmack zu
geben. Weil das deutsche Frauenzimmer nun ebenfalls begierig war etwas von dem /
was Sentia geschrieben hatte / auszugrübeln / kriegte Agrippine bald Anlass ihnen
zu entdecken: dass Germanicus vom Käyser beruffen wäre nach Rom zu kommen und in
Asien zu ziehen. Tussnelde fieng an: Ich weiss nicht: ob ich über dieser Zeitung
mich erfreuen oder betrüben soll. Denn eines teils ist mir zwar lieb: dass
Deutschlande mit dem Germanicus einen so tapfferen Krieges-Helden vom Halse
geloset; andern teils aber besorge ich: dass unsere Gefangenschaft / welche die
holdseligste Agrippine uns in einen annehmlichen Zeitvertreib verwandelt hat /
sich in eine unerträgliche Dienstbarkeit verwandeln werde. Was ist aber die
eigentliche Ursache: dass Tiberius den Germanicus von hier abfordere? Agrippine
antwortete: das Misstrauen des argwöhnischen Tiberius. Denn weil Germanicus vom
August zum Nachfolger bestimmet worden / ja er von rechtswegen noch für dem
Tiberius dazu hätte gelangen sollen /wenn nicht Livia durch ihre Arglist es
anders eingerichtet hätte / so besorget der Käyser: dass sein Sohn Drusus
darneben kommen / oder auch wohl Tiberius dem Germanicus zu lange leben; also
dieser lieber das Reich würde haben / als erwarten wollen. Ob nun wohl Germanicus
sich aufs euserste beflissen dem Tiberius diesen Dorn aus dem Fusse zu ziehen /
und durch seine Mässigkeit in allem Tun ihn zu versichern: dass er nach der
Herrschaft nicht lüstern sei; so misset doch der Argwohn alles andere nach
seiner eigenen Neigung; und der aus eitel Schein bestehende Tiberius hält des
Germanicus Treue und Bescheidenheit für eitel Künste der Ehrsucht. Fürnemlich
sticht ihn in die Augen: dass Germanicus bei denen acht am Rheine liegenden
Legionen / in welchen der Kern der Römischen Kriegesmacht besiehet / so wohl
gesehen ist. Daher weiss er kein besser Mittel dem Germanicus diese Werckzeuge
und die Hoffnung der Herrschaft aus den Händen zu spielen / als dass er ihn
unter dem Vorwand grösser Ehren ihn in Asien verbannet / und ihm eine kleinere
Macht und unbekannte Legionen untergiebet. Tussnelde fragte: weil denn sie und
Germanicus diese Künste so wohl verstünden: ob sie denn nicht durch anderen
Verwand solche hintertreiben könten? denn sie besorgte: dass / nach dem das
Misstrauen der Herrschaft halber sich nicht ehe versichert zu sein glaubt / als
biss dem vermeinten Nebenbuhler das Licht ausgelescht ist / Tiberius mit des
Germanicus Abforderung sich nicht vergnügen / sondern was grimmigers auf ihn
entschlüssen dörffte. Denn die Eyversucht eines Fürsten hörte wie die Krocodile
niemahls auf zu wachsen / ihre Scharfsichtigkeit machte aus wohl gemeinten Dingen
eitel Verräterei / und hätte mehr Augen als ein Nebenbuhler. Sie liesse sich
durch nichts anders versöhnen / als durch Blut derer /die zur Herrschaft recht
oder Geschickligkeit hätten. Also hätte nicht nur Alexander alle tüchtige
Anverwandten seiner Stief-Mutter / welche von seinem Vater in hohe Aempter
gesätzet waren / getödtet; sondern auch Tiberius zu Rom durch angetichtete
Laster alle Ratsherren aus dem Wege gerieben / welche August für fähig oder für
verwegen genung des Reiches sich anzumassen geurteilt hatte; ungeachtet sie /
wie Germanicus / kein Erbrecht hätten anziehen können. Sie schauen sich also wohl
für / und nehmen sich wohl in acht: dass Tiberius nicht am Germanicus als an einem
so hohen Haupte / welches seine Hoheit überschattet / und ihm zu Kopffe wächst /
nicht Perianders und des Tarqvinius Ratschlag ausübe. Agrippine antwortete: Es
lieget mir dieser Stein freilich auf dem Hertzen / und Tussnelde hat dieser
Sache weisslich nachgedacht. Aber / ich weiss nicht: ob Germanicus vom Tiberius
bezaubert sei? denn ich glaube: dass wenn dieser ihn ausdrücklich nach Rom zum
Blut-Gerichte forderte / er nicht nur kommen / sondern ihm selbst auf seinen
Befehl die Gurgel abschneiden / ja seine eigene Kinder des Tiberius Grausamkeit
aufopffern würde. Tussnelde fiel ein: Treue und Gehorsamgereichet zwar denen
höchsten Leuten zu gröstem Ruhme / weil mit diesem jedes Reich verfallen muss;
diss aber ist wohl ein so hesslicher als blinder Gehorsam / da man die Tugend
kleinmütig mit Füssen treten /und die Bosheit auf sein unschuldiges Haupt ohne
Zucken wüten lässt. Ich weiss wohl: dass es grosse Unvernunft sei / allentalben
mit dem Kopffe durch wollen / und durch eine unzeitige Tapfferkeit den Fürsten
in Harnisch jagen. Denn es ist wohl sicherer durch eine bescheidene Demut einen
entrüsteten Fürsten begütigen / als durch Sturm sich über Hals und Kopff in
Untergang stürtzen / wordurch man zwar seinen Tod berühmt / sein Haus und
Vaterland aber nicht glücklich macht. Alleine / wo man so gar gerade auf sich
wüten sieht / ist niemand schuldig sein und seiner Sicherheit zu vergessen /
und sich wie das tumme Vieh abschlachten lassen. Der eingebildete Ruhm: dass man
in unverrückter Treue gestorben sei / stehet einem auch nicht darfür / und ist
ein zu geringer Preis des verspieleten Lebens; welches zu erhalten uns die Natur
eingegeben hat. Wenn man auch allzu viel nachgibt / alles über sich ergehen
lässt / und in nichts seine Empfindligkeit mercken lässt / reitzet man nur noch
mehr die anfangs furchtsame Grausamkeit; dass /da sie uns anfangs nur auf die
Zehen getreten hat / sie uns hernach gar auf die Scheutel springt. Diesemnach
sollte Germanicus zwar dem Tiberius die Kennzeichen seiner Treue / aber auch
seiner Hertzhaftigkeit zeigen: dass es ihm wider Gewalt sich zu beschirmen weder
am Willen noch Vermögen mangelte. Agrippine seufftzete / und fieng an: Ach!
Tussnelde! welch ein stürmisches Meer ist des Tiberius Hof! und wie gefährlich
lässt es sich selbtes durchschiffen! je klüger und vorsichtiger einer da ist / je
geschwinder geht er zu Grunde. Unter andern schlimmen Fürsten mögen ja noch wohl
grosse Leute haben stehen können / aber unter dem Tiberius scheinet es eine
Unmögligkeit /sondern ein blosser Zufall zu sein / wenn einer nicht zu Grunde
geht! den Sejan und Salustius liebt er mit einer solchen Blindheit: dass er sie
auch über sich gebieten lässt / und ihre Beleidigungen für Liebkosen aufnimt;
Germanicus aber und fast alle andere können ihm das wenigste recht machen; also
dass ich nicht weiss: ob dieser Unterscheid von ein oder des andern Geburts-Sterne
/ oder sonst einem geheimen Triebe des Verhängnisses herrühre? und ob es
menschlicher Klugheit wohl möglich sei bei dem Tiberius eine von Ehrgeitz und
Gefahr entfernte Mittelbahn zu treffen /dass man entweder durch Hartnäckigkeit
nicht bei ihm anstosse / oder auf knechtische Heuchelei absincke.
    Also ist leicht zu ermässen / wie sehr ich um meinen Germanicus und um meine
Kinder bekümmert sei. Ich werde aber Tussneldens Rate folgen / und ihm
einreden: dass er / wo immer möglich / sich bei denen deutschen Legionen auf- und
in Sicherheit halten / sich auch ausser eusersten Not nicht aus seinem Vorteil
begeben sollte. Ismene fiel ein: Hat aber der Vorwand / durch welchen Tiberius
den Germanicus in Asien sprengen will / Grund / und ist die Not von solcher
Wichtigkeit? Agrippine antwortete: Es verhält sich freilich also: dass dem
Römischen Reiche von Parten in Armenien eine ziemliche Gefahr zuhengt. Denn
dieses Volck ist an jenem / wie die Deutschen an diesem Ende des Reiches der
Zaum der Römischen Herrschaft; ohne welchen sie sich schon biss zu ein-und dem
andern Angelsterne ausgebreitet haben würde. Ja es scheinet: dass das Verhängnüs
in Asien eben so wohl den Phrat / als hier den Rhein unser Ehrsucht zum Riegel
vorgeschoben habe. Denn als Crassus und Antonius über jenen Fluss die Römischen
Adler flügen lassen / sind sie von den streitbaren Parten unter dem Orodes /
der das Reich Arsaces nicht lange nach des grossen Alexanders Tode aufs neue
aufgerichtet hat / nicht viel besser / als Qvintilius Varus in Deutschland
abgefertigt worden. Daher August seine Freude kaum begreiffen konnte / deswegen
Freuden-Feuer anzündete / und Gedächtnis-Müntzen schlagen liess / als König
Phraates ihm die eroberten Adler wieder schickte. Augustus beschenckte hingegen
den Phraates mit allen in seinem Reiche nur befindlichen Seltzamkeiten. Livia
wollte hierbei auch ihre Freigebigkeit sehen lassen / und weil sie stets einen
guten Borrat schönen Frauenzimmers / um mit selbten grosse Leute wie mit der
Angel Fische zu fangen / bei der Hand hatte / schickte sie mit vielen
Geilheits-Würtzen etliche aus der Schule des Salustius Crispus kommende Künstler
der Wollüste / und drei Mägdichen von vierzehn Jahren dem Phraates zu; welche er
zu Kebsweibern brauchte. Unter diesen war eine aus Italien Nahmens Termusa /
welche mit ihrer Schönheit und Liebreitz in kurtzer Zeit zu wege brachte: dass
der König sie an seine Taffel sätzte / sie sich also nicht nur zu Phraatens
Gemahlin / sondern auch zu seiner Gebieterin machte. Diese brachte es auch auf
der mit ihr stets Briefe wechselnden Livie Anstifften zu wege: dass Phraates
nicht nur dem Kayser ein Bündnüs antrug / alles auf Armenien und Arabien
habenden Rechtes sich begab; sondern auch nach der Zeit dem Landvogte in Syrien
Titius vier seiner Söhne Vonones / Saraspades / Corospades und Phraates nebst
ihren zwei Gemahlinnen und vier Kindern /wie auch eine seiner Töchter gleichsam
zum Pfande des Friedens und seiner Freundschaft einlieferte. Rom machte hiervon
so viel Wesens / als wenn ganz Morgenland sich der Römischen Botmässigkeit
unterworffen hätte; da doch Phraates und die wider uns stets sieghaften Parten
sich derogestalt zu demütigen weder Ursache noch Gedancken hatten; sondern es
war diss eine arglistige Erfindung seiner Gemahlin Termusa / welche diese Kinder
des Phraates zu keinem andern Ende auf die Seite brachte; als dass ihr Sohn
Phraataces nach des Königes Tode allein zur Nachfolge bei der Hand wäre. Sie
beredete aber Phraaten bei einem sich ereignenden Aufstande etlicher Partischen
Fürsten / unter diesem scheinbaren Vorwandte hierzu: dass bei verspürter
Abneigung seines Volckes / welches auf einen verjagten und in Scyten geflohenen
Fürsten aus dem Arsacischen Stamme Artaban ein Auge hatte; Phraates sich durch
ein Bündnüs mit den Römern bei seinem Volcke in Ansehen / seine Kinder aber
wider alle Unfälle in Sicherheit bringen müste. Denn so lange die Aufrührer
diese nicht zugleich mit ihm aufreiben könten / würde sich wegen besorgter Rache
keiner leicht unterstehen Phraaten anzutasten. Phraates war hierzu leicht zu
bereden; weil ihn sein Gewissen stets erinnerte: dass er seinen Vater Orodes und
neun und zwantzig Brüder ermordet / ja fast täglich seinen Stul mit edlem Blute
besudelt hatte. Also konnte nichts so grausames ihm für gebildet werden / welches
er nicht verdient zu haben sich bescheidete / also billich fürchtete. Nach dem
Phraates nun seine Kinder aus den Augen verloren hatte / kamen sie ihm auch
endlich aus dem Hertzen. Deñ ihre Stief-Mutter Termusa bezauberte ihn
derogestalt: dass er den noch bei Lebzeiten mit ihr gezeugten Sohn Phraataces zum
Nachfolger erklärte /ihn an seine Seite zur Taffel sätzte / und mit sich vom
güldenen Wasser trincken liess / welches sonst nur der Könige erstgebohrner Sohn
/ niemand aber anders bei Straffe des Todes trincken darff; und Termusa zu dem
Ende mit Livien es abkochte: dass seine älteren Söhne zu Rom wie halbe Gefangenen
gehalten wurden. Alleine Phraates lebte seinem Sohn Phraataces zu lange / und
die geile Termusa kriegte für dem ohnmächtigen Phraates einen Eckel / welche
durch Vermischung der Persischen und Römischen Wollüste sich zur grösten
Künstlerin in Uppigkeiten gemacht hatte; also ihre Unersättligkeit mit einem
abgemergelten Greise nicht zu stillen wusste. Weil sie aber nicht weniger
Ehrsüchtig als geil war / warff sie ihre Huren-Augen auf ihren eigenen Sohn
Phraataces; mit welchem sie zugleich Gemahlin werden und Königin bleiben konnte.
Ob sie nun zwar zu Rom gelernt hatte: dass die Vermischung einer Mutter mit ihrem
Sohne bei allen wohl gesitteten Völckern / welche gleich unter andern
Bluts-Freunden zu heiraten erlaubten /verdammet; ja der eingebohrnen
Schamhaftigkeit der Tiere / in dem weder Kameel noch Pferd sich mit seiner
Mutter gattete / zu geschweigen vernünftiger Menschen zu wider wäre; dass ein
Mann zugleich Sohn und Ehmann / ein Weib Mutter und Ehweib sein sollte; so hatte
doch Termusa fürlängst Scham und Vernunft / oder vielleicht gar den Menschen
ausgezogen. Daher sie ihren Sohn Phraataces / nach dem sie ihn vorher durch
anderer Geilheiten vergifftet hatte / in einem dazu erkieseten Lust-Garten /
darinnen er von allen Würtzen der Wollüste entzündet ward / unverschämt
anredete: Hertzliebster Sohn! ich bin wohl versichert: dass du an meiner Liebe
nicht zweiffeln kanst / nach dem ich dich über alle das Vorrecht habende Söhne
des Partischen Königes gesätzt / und zum Stul-Erben Phraatens gemacht habe.
Aber meine Mutter-Liebe ist noch nicht gesättiget / weil ich dich noch nicht
wirklich herrschen sehe; und ich will mein Haupt nicht sanfte legen / biss ich
dich mit dem Partischen Reiche vollkommen vermählet habe. Phraates war mir zwar
lieb; aber die in meinem Hertzen gegen dich entzündete Flamme hat jene / wie der
Sonnenglantz die der Sternen erstecket. Wundere dich also nicht: dass ich für
dein nicht für Phraatens Wolfart bekümmert bin. Dieser stehet wegen seiner
Gramhaftigkeit nicht mehr mir / wegen seiner Grausamkeit nicht dem Reiche /
wegen seines Wanckelmuts nicht mehr dir an; und ich sorge / wo ihm mit seinem
Leben nicht der Weg zur Reue verschrenckt wird / dörffte Phraataces ein
Rach-Opffer seiner von Rom zurück beruffenen Brüder werden müssen. Masse dich
also des Reiches an / eh es dir unter den Händen verschwindet / und befördere
Phraaten ins Grab / wo er mehr Ruh als bei seiner Herrschaft Vergnügen finden
wird. Scheue dich nicht an ihm auszuüben / was er gegen seinen Vater zu tun
sich berechtigt zu sein geachtet hat. Die Parten sind Phraatens überdrüssig /
und sehnen sich nach deiner Herrschaft. Denn die Jugend ist in dieser eben so
wohl annehmlicher / als in der Liebe. Vergnüge diesem nach / Phraataces / das
Reich / iedoch auch deine Mutter. Warum eigne ich mir aber den Nahmen dessen zu
/ was ich mich zu sein schäme. Wie gerne wollte ich deine Mutter nicht sein! dass
ich dich und du mich so viel inbrünstiger lieben köntest! O des seltzamen
Zustandes! dass ich mich aus Liebe dessen gern enteussern wollte / was mich doch
von Natur dich zu lieben anleitet. Phraataces / bilde dir ja nicht ein: dass ich
deine Mutter / sondern etwas mehr / nehmlich deine Liebhaberin / deine
Leibeigene bin. Weil die Mutter-Liebe für mich allzu kaltsinnig / für dich allzu
wenig ist / habe ich mich in ganz was anders / ja aus heisser Begierde mich mit
dir zu vereinbaren in dich selbst verwandelt; also / dass ich / so sehr ich mich
selbst liebe / auch meinen Phraataces lieben muss. Köntestu wohl ein sicherer
Pfand meiner heftigen Brunst / als den Verlust meines Mutter-Rechtes über den
tapfferen Phraataces gewehren? Ich habe dich zwar in meinen Eingeweiden neun
Monat getragen; aber von nun an werde ich dich ewig in mein Hertz beschlüssen.
Was sage ich aber von meinem Beschlusse? Termusa lebet in ihrem Phraataces!
meine Seele ist das Opffer / meine Liebe die Flamme in dem Tempel deines
Hertzens. Was könnte deine Schönheit und Tugend nun für einen herrlichem Sieg /
als über die eigene Mutter halten? Ich selbst würde meine Lüsternheit unter die
Röte meiner Schamhaftigkeit vergraben / wenn ich in iemanden anders / als in
den unvergleichlichen Phraataces verliebt wäre; welcher in sich etwas Göttliches
hat / und der ganzen Welt Liebe verdienet. Ich würde mich um den Schatz deiner
Gegenliebe anzusprechen nicht erkühnen / wenn ich dich nicht vorher mit der
Partischen Krone versorget hätte. Um dieses muss man alles / ja Ehre und Tugend
hingeben. Denn Könige können selbst aussätzen / was Ehre sei / und die Laster
zur Tugend machen. Wer aber kann die Liebe zwischen Sohn und Mutter zum Laster
machen? Wer hat diss Gesätze der Welt fürgeschrieben? Die Natur sicher nicht!
denn sonst würde sie beider Vermischung nicht selber fruchtbar sein lassen.
Sonst würden ausser wenigen sich auf solche Art nicht alle Tiere gatten. Die
Weltweisen wissen ihre widrige Neinung mit nichts als diesem lahmen Vorwandte zu
beschönen: dass man durch Vermählung so naher Bluts-Freunde nicht die Bande der
Liebe so enge einschräncken / und zwischen Menschen von so ungleichem Alter
nicht unfruchtbare Erben stifften sollte. Alleine ist es nicht vielmehr ratsamer
durch so nahe Heiraten die Güter der Vor-Eltern in seinem Hause zu erhalten
/und die oft gebrechliche Neigung des Geblütes durch Liebe zu befestigen? Wer
will mir / die ich kaum über dreissig Jahr und in meinem kräfftigsten Alter bin
/die ich meinen Köcher der Liebe noch voller Pfeile habe / den Gebrechen der
Unfruchtbarkeit beimässe? Also ist es ein eiteler Irrtum derer / welche den
verborgenen Willen der Natur nie recht ergründet haben /die zwischen Eltern und
Kindern eine solche Abscheu behaupten wollen. Viel vernünftiger billichet der
weise Diogenes und Chrysippus derselben Liebe /welche mehr als frembde einander
zu lieben Ursache haben; weil die Vereinbarung der Liebe aus der Aehnligkeit
herrühret / Kinder aber die eigentlichsten Ebenbilder ihrer Eltern sind. Berate
dich mit der Natur / so wird sie dir zeigen: dass sich iedes Ding zu seinem
Uhrsprunge kehre / damit die Welt hierdurch für dem Untergange erhalten werde!
die sich herum drehenden Himmels-Kreisse kommen täglich / und die Zeit alle Jahr
in ihren ersten Stand. Der Schwantz ihres Endes stecket allemahl in dem Maule
ihres Anfanges. Die Flüsse lauffen alle ins Meer / die Dünste und Wolcken
sencken sich alle zur Erde nieder / daraus sie entsprossen sind. Die
untergehende Sonne suchet die Spur ihres Aufganges. Warum soll ein Sohn in der
Schoss seiner Mutter als im Brunnen seines Lebens sich durch die Süssigkeiten der
Liebe nicht wieder gebähren? Wenn aber auch diss gemeinen Leuten nicht anstünde;
wer wollte Königen dieses Gesätze aufhalsen / welche von denen unsterblichen
Göttern allein ihren Hang haben / derer Wille ihr und anderer Gesätze ist? Leben
wir aber nicht in Persien / in dem Lande der scharffsichtigen Weisen; welche
iederzeit eben so wohl Indianer / Mohren und Meden zwischen Vater und Tochter /
zwischen Mutter und Sohne die Ehen gebilligt haben? Lasse dich also anderer
Miltz-süchtigen Leute Bedencken nicht irre machen deine Mutter zu lieben /
welche du sonst durch Entziehung dieser Glückseligkeit tödten würdest! Was
verliere ich aber viel Worte? die Liebe und Phraataces speisen sich nur mit
Wercken. Sauge nunmehr aus diesen Brüsten Zunder der Liebe und Milch der
Vergnügung / aus welchen deine Kindheit Nahrung des Lebens gesogen hat. Erstatte
mir nun die unzählbaren Küsse /die ich als Mutter dir nicht so wohl geschencket /
als geliehen habe. Erinnere dich / so oft du das dir vorgetragene Feuer
anschaust: dass die Könige der Parten nicht von Eyss und Schnee sein sollen; und
dass deine Liebhaberin Termusa dir ein viel edler Feuer in ihrer Seele fürtrage.
Liebe mich also / mein Sohn /oder tödte mich mit dem Phraates. Denn du wirst
nimmermehr Parten beherrschen / wo Phraates nicht heute aufhöret dein Vater /
und Termusa deine Mutter zu sein. Mit dieser abscheulichen Rede bezauberte sie
den Phraataces; und ihre unkeuschen Umhalsungen verleiteten diesen von Wein und
Jugend entzündeten Fürsten: dass er nicht nur in dieser unverschämten Wölfin
Blutschande / sondern auch in Vater-Mord willigte. So verführisch ist die
Wollust / und die Herrschaft so süsse: dass ihre Lüsternheit auch die
eingebohrnen Neigungen ausrottet / und die Gesätze der Natur auslescht. Ja sie
vergiffteten auch noch selbigen Abend Phraaten den Wein / worvon dieser
Vater-Mörder folgende Nacht durch Vater-Mord seine Seele ausbliess. Auf solche
Weise pfleget die Göttliche Rache mit eben dem zu vergelten / mit was man vorher
gesündiget hat. Ja die / welche vorher noch etlicher Massen gezweiffelt hatten:
ob Phraates seinen Vater umgebracht hätte / wurden durch seinen Tod dessen
vergewissert; weil die Art der Straffe ins gemein die Art des Verbrechens zu
verraten pflegt. Termusa liess noch selbige Nacht die Leiche mit Wachse
überziehen / die Aertzte tödten / damit weder sie noch die Gift-Flecken ihren
Mord verrieten. Denn Phraataces ward zwar durch Hülffe der Partischen Fürsten
/ welche Termusa teils mit ihrer Uppigkeit / teils mit grossen Geschencken
schon vorher gewonnen hatte / den andern Tag in dem Tempel des Mitra mit der
aus den besten Myrrhen bereiteten Krone aufgesetzt / sein Haupt mit einer
weissen und purpernen Binde umfasst / in das Bette mit dem göldenen Weinstocke
gelegt / und auf Arsacens Stul erhoben / und die älteren Söhne wider das
Vor-Recht des Alters und die durchgehende Gewonheit der Völcker /unter dem
Scheine: dass ein König in seinem Erbreiche den jüngern Sohn dem ältern
vorzuziehen berechtigt wäre / übergangen. Bald darauff liess sich Termusa
offentlich und mit grossem Gepränge dem Phraataces vermählen. Weil dieser sich
aber nur den Wollüsten ergab; etliche der Jungfrauen / welche ewige Keuschheit
der Sonnen gelobet hatten / schändete / und sie hernach zu Eyden zwang: dass sie
von der Sonne wären geschwängert worden; Termusen aber die Reichs-Geschäffte in
Händen liess / ward Phraataces verhasst / und Termusa den Parten ein Greuel.
Denn alle schämten sich: dass ein so streitbares Volck einem frembden Weibe und
eines Freigelassenen Tochter gehorsamen sollte. Niemand war auch / welcher nicht
wider beide einen Argwohn schöpffte: dass Phraatens geschwinder Tod von ihnen
herrührte. Es mangelte auch nicht bei hervorbrechendem allgemeinen Hasse an
Leuten / welche am Könige gewisse Merckmaale des Gifftes gesehen zu haben
beteuerten. Uber diss schlug Termusa nach ihrem erlangten Zwecke die meisten
Partischen Fürsten aus der acht / welchen sie vorher geliebkoset / ja ihren
Leib feil geboten hatte. Sintemahl bei keinem Volcke der Undanck mehr / als bei
den Parten verhasst ist; also / dass sie auch durch Undanck Straffen darauf
gesätzt haben. Dahero diese auf dem grossen Feier / an welchem jährlich der
Sonne vom Könige ein Pferd geopffert zu werden pflegt / einen Aufstand erregten
/dem Phraataces Krone / Purper und Gürtel vom Halse rissen / ihn auch neben dem
Altare im Gedränge ermordeten; Termusen aber liessen sie fingernackt gegen der
Sonne an ein Creutz annageln. Nach dieser lasterhaften Menschen Tode erregte
sich zwischen den fürnehmsten der Parten ein Streit / wen sie zu ihrem Haupte
erkiesen sollten. Etliche wollten einen der Phraatischen Söhne zu Rom / andere den
vom Phraates in Scyten verjagten Artaban / andere den Herodes / welcher aus dem
Königlichen Geblüte / und bei den Bactrianern Landpfleger war / haben. Uber
diesem Streite ging ziemliche Zeit hin; vielleicht /weil die / welche die
Süssigkeit der Herrschaft einmal geschmeckt haben / selbige nicht gerne aus den
Händen geben. Nach dem aber die der Dienstbarkeit gewohnten Morgenländer nicht
länger ihre Freiheit vertragen konten / fiel endlich das Los auf Heroden; weil
sie es für Schande hielten aus Rom oder Scytien einen mit frembden Sitten
verkehrten Herrscher zu holen. Herodes ward durch eine prächtige Gesandschaft
von Bactra geholet und zum Könige eingeweiht. Dieser meinte: er könnte seine
Herrschaft durch nichts mehr befestigen / als wenn er an denen / welche an
Phraatacens und Termuses Tode schuldig waren /Rache ausübte. Diese aber waren
die fürnehmsten /welche ihn auf den Königlichen Stuhl erhoben hatten; daher er
mit ihnen die Pfeiler seiner eigenen Hoheit und darmit sich selbst stürtzte. So
vergnügte er sich auch nicht: dass er wie vorige Könige angebetet ward; sondern
er wollte auch wie die Sonne seine besondere Priester und Tempel haben. Uber diss
verbot er: dass /weil in Persien niemand kein Gold oder Edelgesteine tragen darf
/ welches er nicht vom Könige geschenckt bekommen hat / auch keiner sich mit
voriger Könige /sondern nur mit seiner eigenen Freigebigkeit sehen lassen sollte;
gleich als wenn er der erste König / oder die alten Dienste verrostertes Eisen
wären. Wie nun der hochmütige Herodes nicht seine Glückseligkeit verkochen
konnte / da doch sonst ins gemein Fürsten im Anfange ihrer Herrschaft sich durch
gute Wercke und Ratschläge wollen sehen lassen / und allererst bei erstarrter
Gewalt aus dem Geschirre schlagen; also war auch Herodens Hoffart und
Grausamkeit die zwei gemeinsten Schiffbruchs-Klippen hoher Häupter / den Parten
unverdaulich; welche einen König nicht nur über- sondern auch für sich / und wie
ihren Gott die Sonne / geartet haben wollten / die nicht nur etlichen eintzelen /
sondern allen ihre Wärmbde und Licht mitteilet. Diesemnach verbunden sich die
Obersten seiner in täglicher Gefahr schwebenden Staatsdiener ihn als einen
Wütterich zu tödten. Etliche rieten auf Gift; und rühmte sich Meherdates: dass
er dessen so vielerlei Arten hätte / dass er damit im Augenblicke / in einer
Stunde / einem Tage / einer Woche / einen und mehr Monate tödten / ja die
Würckung auf ein und mehr Jahre verschüben könnte. Aber Teresmanes / der oberste
Jäger-Meister meinte: Gift wäre allzu meuchelmörderisch / und ehrlicher den
Wütterich wie ein Wild auf der Jagt zu fällen. Dieses ward auch wenig Tage
hernach vollzogen: denn als Herodes einen Hirsch in vollem Lauffe mit einem
Pfeile durchs Hertze schoss / und den ihm folgenden Teresmanes fragte: ob er
nicht wohl getroffen hätte? antwortete ihm Teresmanes: Ja! es hätte Apollo selbst
nicht künstlicher schüssen können, aber ich hoffe heute noch viel ein edler Wild
zu treffen. Mit diesen Worten jagte er dem Herodes einen Wurffspiss durch die
Brust / worvon er vom Pferde fiel / und von denen dazu kommenden Parten mit
etlichen hundert Pfeilen vollends erschossen ward. Sintemal die / welche an
diesen verjagten Fürsten nicht einen Pfeil angewehrten / es für eine grössere
Schande hielten / als welche bei vorhabendem Feldzuge mit ihr gezeichnetes
Geschooss an die von dem Könige aufgesätzte Scheibe angewehrten. Hierauf ward
geratschlagt: ob sie den Fürsten Artaban / welcher mitler Zeit von den Meden
zum Könige beruffen worden war / oder einen von Phraatens Söhnen auf den Tron
sätzen sollten? die Parten waren hierüber mehr / als niemahls vorher zwistig;
jedoch fielen die meisten Stimmen auf den letzten Vorschlag; weil sie besorgten:
Artaban würde die Meden mehr als sie achten / und das Partische Reich dem
Medischen nur als einen Anhang beifügen. Die Uberstimmten meinten zwar durch
eine neue Strittigkeit / welcher unter den vier Söhnen das Vorrecht haben sollte
/ solchen Schluss zu zernichten; endlich aber fielen die meisten auf den Vonones;
welchem als dem ältesten das Völcker-Recht ohne diss das Vorrecht zueignete. Also
ward eine prächtige Gesandschaft nach Rom geschickt. Diese brachte dem Käyser
kostbare Geschencke / unter andern ein paar Zwillinge von Elefanten; welches für
die gröste Seltzamkeit und ein Zeichen einer ungemeinen Glückseeligkeit gehalten
ward / zwei Tiere mit einem Nasenhorne / welches wider Gift eine gewaltige
Krafft haben soll. Hierbei war eine grosse Menge der im Persischen Meere
gesischter Perlen / und im Gebürge bei dem Flusse Zioberis gefundener Türckisse;
allerhand Gewürtze / Adler- und Sandel-Holtz / Schlangensteine / welche alles
Gift einem aus dem Leibe ziehen / und solches hernach in Milch wieder von sich
lassen / wie auch viel in Indianischen Bäumen wie das Hartzt in Kiefern
wachsenden Campher; viel seltzame Steine und Kräuter / derer eines die Geburt so
sehr befördert: dass wenn die Gebährerin nicht solches beizeite von sich wirfft /
sie die Eingeweide mit ausschüttet / das andere im Munde die Steine wie Mehl
zermalmet. Das seltzamste darunter war ein Stück Ambra eines Kopffes gross /
welches das Meer Persien schriems über an die Africanische Küste angespület
hatte. Der Käyser nam die Gesandten mit ihren Geschencken wohl- das Römische
Volck aber diese Freigebigkeit für eine Schatzung oder ein Kauffgeld des
Friedens an; frolockte auch nicht wenig: dass der Parten Königs-Söhne zu Rom
dienen müsten / dass sie hernach ihr Volck zu beherrschen wüsten. Der Käyser
beruffte unter dem Scheine der Ehren den Vonones in völligen Rat / und sätzte
ihm in Anwesenheit der Botschaft eine auf Persische Art gebundene Krone auf;
gleich als wenn er diss Reich von ihm als eine Woltat erhielte; beschenckte ihn
auch mit einem Schwerdte / einem helffenbeinernen Stule / und andern mehr
schein- als kostbaren Dingen. Die Parten zohen also mit ihrem neuen Könige von
Rom ab /wiewol etlichen alsbald der Römer eingebildete Hoheit über das
Partische Reich nicht gefiel; die andern drei Söhne des Phraates wurden zu Rom
vom Käyser so willig behalten / als von Parten gelassen. Denn diese meinten
dadurch alle Zwytracht im Reiche zu verhüten; August aber mit diesen jungen
Partischen Fürsten einen Werckzeug in Händen zu behalten / dadurch er auf den
Fall / wenn die Römer mit den Parten in Krieg gerieten / ihr Reich in Unruh
und Zwyspalt versätzten / und unter dem Scheine diesen zu ihrem Erbrechte zu
helffen / seine Waffen rechtfertigen könnte: Vonones ward in Parten wie alle
neue Fürsten mit unsäglichem Frolocken bewillkomt. Denn wie man auch der besten
Fürsten in die Länge überdrüssig wird; also hat eine mittelmässige Neuigkeit mehr
Ansehen / als eine veralterte Vollkommenheit; und bilden ihnen Untertanen von
neuen Geschencke / Freiheiten / Wunderwercke und güldene Berge ein. Je mehr ihm
nun das Volck vom Vonones eingebildet hatte / weil er so lange zu Rom auf der
vermeinten Schule der Vollkommenheiten gewest war / je schwerer fiel es ihm ein
so grosses und leeres Fass so vieler Hoffnungen auszufüllen. Sintemahl das
vergangene uns allezeit besser vorkommt / als das gegenwärtige; also keine
Gleichheit vergnüget / sondern eine zweifache Vollkommenheit erfordert wird: dass
ein Nachfolger nicht geringer zu sein scheinet / als sein Vorgänger. Ja wenn
einer auch schon von Anfange seine Untertanen vergnüget / verfället doch sein
Ansehn / ehe er es inne wird / wenn er nicht stets durch neue Klugheit /
Tapfferkeit und Glücke sich wie ein Fenix aus seiner Asche wieder verjünget
/oder wie die Sonne aus ihrem Untergange sich aufs neue gebieret. Weil Vonones
aber durch solche Künste ihm nicht zu helffen wusste / hatte er bei seinen
Parten zeitlich aus; ja diss selbst / wormit er des Volckes Wolwollen gewinnen
wollte / nämlich seine Freundligkeit / machte ihn verächtlich. Denn ein Fürst muss
sich mit niemanden / besonders wo Untertanen dienstbar zu sein gewohnt sind /
zu gemein machen; noch / dass es andere gegen ihn tun / verstatten. Sintemahl es
ihm bei Grossen Gefahr / bei Kleinen Verachtung bringt; und er also allentalben
seine Hoheit verspielet. Hingegen behalten die Gestirne / die sich von niemanden
irrdischen betasten lassen / sondern nur von ferne ihren Glantz der Erde zeigen
/ ihr unversehrtes Ansehen. Insonderheit war den Parten vedriesslich: dass er zu
Rom sich aller ihrer Sitten entschlagen / hingegen der Römischen angewöhnet
hatte; indem er zu eingezogen lebte / sich stets in der Sänfte tragen liess;
also sich der Jagt und des Reitens ganz entschlug; da doch diss der Parten
gröste Lust und Zeitvertreib / jenes ihr Handwerck und gemeinstes
Nahrungs-Mittel war. Nichts weniger ärgerte sie: dass er allzu mässig lebte /
wenig Wein tranck / und so selten Gastmahle mit denen geilen Täntzerinnen
ausrichtete / alles so genaue zusammen hielt / seine Schätze selbst versiegelte
/ seine meiste Zeit bei denen mit sich gebrachten Griechischen Weltweisen
zubrachte /welche er als Priester der Ewigkeit / und dass sie einen Fürsten bei
der Nachwelt unsterblich machen könten / rühmte / dem Adel verzoh und ihnen
reichliche Besoldungen aussätzte. Sein erster Staats-Diener Tacfarinas erinnerte
ihn zwar: dass der Adel hierüber schwürig / die Schatz-Kammer erschöpfft würde;
aber Vonones antwortete: Es wäre einem Fürsten nichts anständiger / einem Reiche
nichts heilsamer / als dass sein Hof mit verständigen Leuten / wie der Himmel mit
Sternen / angefüllet würde. Der Adel sollte es diesen Weisen gleiche tun / so
wollte er ihn wieder den Griechen vorziehen. Man sollte nur die übrigen zu
unnützem Tantzen gewöhnten Pferde / dreitausend Jagt-Hunde / tausend Falcken mit
ihren Wärtern / alle Narren / die ärgerlichen Täntzerinnen abschaffen / so würde
jene fruchtbare Ausgabe ersätzt sein. Er selbst wollte auch so wohl im Rate / als
bei andern Zusammenkunften / für sehr gelehrt / geschickt und freundlich
angesehen sein. Denn ob zwar ein Fürst nicht zu verdencken ist: dass er seinen
Tugenden und Gemüts-Gaben eine noch bessere Farbe anstreicht / muss er ihm doch
hierinnen nicht in die Karte sehen lassen /sondern allen Schein und
Beflissenheit verstellen; weil alles diss / wormit man schon sich sehen zu lassen
befleisst / seine Güte verliert / und die Schmüncke verstellet selbst die
Schönheit; weil beides so deñ gekünstelt / nicht von der Natur herzuflüssen
scheinet. Hingegen hat auch was mittelmässiges ein zweifaches Ansehn / was seinen
Glantz in sich selbst nicht in des Besitzers Einbildung zeigt; ja seine
Unachtsamkeit verbessert um ein gutes seine Vollkommenheit. Ob nun zwar Vonones
in vielem recht hatte / und bei freien Völckern durch seine Leutseeligkeit sich
beliebt gemacht haben würde; so waren doch diss bei den Parten unbekannte
Tugenden / neue Laster; und das gute / was ihren Sitten nicht gemäss war /
verdiente so wohl bei Guten als Bösen Hass und Verachtung. Am meisten ward ihm der
Adel aufsätzig; und die / welchen noch das Hertze nach dem Artaban hieng /
liessen sich in allen Zusamenkunften vernehmen: die Parten sollten sich schämen
/ dass sie von Rom aus einem frembden Lande einen mit ihres ärgsten Feindes
Künsten angesteckten König geholet hätten; gleich als wenn in ganz Persien kein
tichtiger zu finden gewest wäre. Die Römer hätten nun Ursache sich zu rühmen:
dass sie auf des grossen Arsaces Stuhl einen König erhoben / und der Parten
Reich zu einem Teile des ihrigen gemacht hätten. Wo bliebe die von ihren Vätern
erworbene Ehre / welche den Crassus und Antonius mit Spott und Schande über Hals
und Kopff nach Hause gejagt hätten? Sie aber könten nun leiden: dass einer /
welcher so viel Jahre dem Käyser zu Dienste gestanden hätte / über die Parten
herrsche sollte / gleichwol hielt die Furcht für dem Käyser August die Parten
zurücke: dass sie ihre Ungedult nur mit Worten auszuschütten vergnügten. So bald
sie aber seinen Tod / den Aufstand der Legionen am Rheine und den Krieg mit den
Deutschen vernahmen / beruffte der Adel den Artaban; welcher mit einem
ansehlichen Heere aus Meden den Parten einfiel / und ein Teil des Partischen
Adels an sich zoh. Vonones sammlete hingegen von dem noch bei ihm stehenden
gemeinen Volcke eine grosse Macht zusammen / und der ihm getreue Tacfarinas
stellte sich /als wenn er es mit dem Adel wider den König hielte /entbrach sich
also zu Ctesiphon des Hofes / und ward von den Aufrührern für ihr Haupt
erkieset. Bei dieser Würde hatte er mit dem Vonones heimliches Verständnüs; also
dass er alle Anschläge der Aufrührer leichte zernichten konnte. Insonderheit
spielete er es so künstlich: dass Vonones dem Artaban ehe auf den Hals kam / als
der Adel zu ihm stossen konnte. Daher ward er auch aufs Haupt geschlagen / und in
Meden zurück getrieben. Den Aufrührern entfiel hierüber das Hertz / und
Tacfarinas riet sich beizeiten mit dem Könige zu vergleichen / brachte sie also
glücklich zum Gehorsame. Nach dem aber Tacfarinas alsobald in seine Würde
gesätzt / herrlich beschenckt / und die fürnehmsten Häupter der Aufrührer
gefangen genommen / ihre Geheimnisse entdeckt / und sie getödtet wurden / ware
gleichsam mit der Hand zu greiffen: dass sie vom Tacfarinas verraten und
betrogen waren; auch der Schuldigen Straffe mehr von ihm als vom Könige
herrührte. Daher grieffen sie aufs neue zun Waffen / berufften den Artaban /
welcher von Meden und Bactrianern ein noch stärckeres Heer zusammen gebracht
hatte / und sich bei Apollonia mit dem Partischen Adel vereinbarte. Daselbst
kam es zu einer blutigen Schlacht; welche vom Morgen biss auf den Abend tauerte.
Weil aber der tapffere Tacfarinas todt blieb / und dem Artaban gegen Abende noch
vier tausend Hyrcanier und Margianer zu Hülffe kamen /ward Vonones geschlagen /
der Kern seiner Reiterei erlegt / alles Fuss-Volck gefangen / ein unglaublicher
Schatz erobert. Der König kam mit wenigem Volcke durch Hülffe der Nacht nach
Selevcia. Artaban eilte mit seinem sieghaften Heere der Hauptstadt Ctesiphon
zu; wo ihm die / welche mit ihm unter der Decke lagen / die Pforten öffneten /
die Königlichen Schätze überlieferten / und ihm im Tempel der Sonnen die
Partische Krone aufsätzten. Denn nunmehr hatten die Parten wider die alte
Gewonheit der Persen auch / wiewol unbedeckte Tempel. Vonones hatte mit dieser
Schlacht das Hertze und alle Hoffnung verloren; daher flohe er von Selevcia /
als er hörte: dass Artaban sich dahin wendete / und sah sich fast nicht um / biss
er über das Niphatische Gebürge nach Tigranocerta in Armenien kam. Gleichwol
ward dieser verlauffene König nach einem neuen Reiche lüstern; und nach dem er
mit denen aus seinem Schiffbruche noch davon gebrachten Schätzen einige der
fürnehmsten Armenier erkaufft hatte; schickte er also nach Rom / und liess beim
Tiberius anhalten: dass er ihm das nach der Königin Erato Herrschaft mehr ohne
Herrschaft als in Freiheit gewesene und teils zun Römern / teils zun Meden
hängende Armenien geben möchte. Tiberius wiess des verzagten und zu Beherrschung
eines so gefährlich liegenden Reiches ungeschikten Vonones Gesandten schimpflich
ab; und weil nicht nur Artaban in Armenien einzufallen dräute / da man seinen
Feind Vonones darinnen herrschen lassen würde / sondern auch die gegen Meden und
Parten gelegenen Armenier auf solchen Fall sich dem Artaban zu unterwerffen
dräueten; Tiberius aber mit den Parten zu brechen keine Lust hatte / befahl er
dem Syrischen Landpfleger Creticus Silanus: er sollte nach Artaxata eilen /den
Vonones mit gutem oder Gewalt in Syrien führen; also zwischen den Römern und
Parten den Zanck-Apffel aus dem Wege räumen. Silanus vollzohe diss; und ward
Vonones unter dem eitelen Nahmen eines Königes zu Antiochia in einem ehrlichen
Gefängnisse verwahret. Der Römische Rat liess ihm diss zwar gefallen; doch hielt
er für ratsam / und der Römischen Hoheit gemäss zu sein denen zwistigen
Armeniern einen König zu geben / wie vorhin August den Tigranes / Artavasdes und
Ariobarzanes eben diesem Volcke fürgesätzt hätte. Aber Tiberius war hierzu nicht
zu bringen; sondern er sagte: die Zeit wäre Meisterin aller Dinge / und liesse
sich nicht allemahl tun / was einmal gut gewest wäre. Cicero hätte hierwider
verstossen / da er wider den mächtigen Antonius eben so mit dem Kopffe
durchfahren wollen / wie er gegen Catilinen getan / und weder diese zwei Leute
noch den veränderten Zustand in Rom unterschieden hätte. Eben diesen Fehler
hätte Demades Demostenen ausgestellt / als er mit gleicher Kühnheit / wie
Temistocles den Persen / begegnet war / den Feinden hätte die Stirne bieten
wollen / in dem er ihm eingehalten: Temistocles wäre auf einem ganzen Schiffe
Befehlhaber gewest; sie aber hätten nur von einem zerbrochenen die Breter
zusammen zu lesen. Der in vollem Wachstume sich befindende Artaban wäre nach
der Schnure des verhassten und unglücklichen Orodes nicht zu mässen: und das mit
den Deutschen in Krieg geflochtene Reich müste mit den Parten Friede haben.
Tiberius meinte hierdurch der Sache sehr weisslich geraten zu haben / nun aber
hat der Ausgang gewiesen: dass grosse Ratschläge wie grosse Gerüste der
Werckmeister zerbrechlich sind; und eben so oft als Wahrsagungen fehl schlagen.
Denn wir haben gewisse Zeitung von Rom bekommen: dass nach dem Artaban seine
Herrschaft über die Parten befestigt /und / wie Tiberius mit ihm Krieg zu
führen schlechte Lust habe / ausgespüret / er teils durch List / teils durch
Gewalt einen seiner Söhne Orodes zum Könige in Armenien zu grosser Verkleinerung
des Tiberius und des Römischen Reichs eingesätzt habe. Uber diss ist auch nach
Absterben des Comagenischen Königs Antiochus zwischen dem Adel und gemeinen
Volcke ein wichtiger Zwist erwachsen; in dem jener unmittelbar dem Römischen
Reiche einverleibt zu werden /dieses aber einen König verlangte; also zu
besorgen wäre: dass Artaban bei dieser Uneinigkeit sich seines Vorteils bedienen
/ das nach seiner Dienstbarkeit und einem Könige seuffzende Volck auf seine
Seite bringen / und einen andern seiner Söhne in Comagene zum Könige einspielen
dörffte. Diesem nach wäre freilich wohl nicht zu leugnen: dass es der hohen
Notwendigkeit wäre zu Bestillung der Comagener und zu Erhaltung Armeniens einen
erfahrnen und tapfferen Feldherrn in Asien zu senden. Ja es wäre der
Wichtigkeit: dass Tiberius sich selbst dahin verfügte; aber dieser missträulicher
Fürst würde sein lebtage nicht mehr das Haupt und Mittel des Reiches verlassen;
also Germanicus mit den Haaren dahin zu ziehen gezwungen werden; ob ihm zwar
solches so wohl als ihr zu wider wäre; weil ihm ein Chaldeer wahrgesagt hätte:
er würde in Asien seinen gewissen Untergang sinden. Tussnelde danckte Agrippinen
auffs höflichste für so ausführliche Erzehlung / und ersuchte sie auffs
beweglichste alles / was möglich wäre / zu Hintertreibung solcher Wegreise
fürzukehren; weil doch eben so wohl ihre / als des Germanicus Wolfart daran
hienge; als welchem sie alleine zutrauten: dass er denen Deutschen einen
billichen Frieden / ihnen aber die Freiheit gönnen würde. Agrippine seuffzete
hierüber / und liess etliche Tränen aus den Augen fallen; welche dem deutschen
Frauenzimmer Hermengardens Bericht nicht wenig beglaubigten / zumahl Agrippine
anfieng: Ach! wie ist doch unser Verstand so verdüstert: dass wir ins gemein diss
/ was uns schädlich ist / wünschen oder befördern. Die allerklügsten irren am
allermeisten / wenn uns das Verhängnüs schon zum Falle bestimmet hat. Daher ich
glaube: dass selbtes ihnen mit allem Fleiss die Vernunft benehme und verblände /
und wider seinen Schluss weder Ratschläge noch Tugenden was gelten / sondern
sein unhintertreibliches Muss wider aller Menschen Embildung seinen Fortgang
haben müste. Tussnelde fiel ein: holdselige Agrippine / weil wir denn wider
unsere eigene Wolfart arbeiten / in dem wir ihre Abreise nach Rom zu hindern
bitten; so helffe sie doch unser Unvernunft zu rechte und erkläre uns / was aus
ihrem hier bleiben uns für Unglück zuhänge. Agrippine antwortete: Glauben sie
denn nicht: dass / so lange ich bei ihnen bleiben kann / ich von ihnen alles Leid
und Unrecht abzuwenden bemühet sein werde. Tussnelde versätzte: Wir halten sie
freilich für unsere Schutz-Göttin; werden wir denn aber /wenn sie am Rheine
verharret / von ihr getrennet werden? Agrippine zohe die Achsel ein und sagte:
Meine Liebe verträget nicht ihnen zu verschweigen: dass Tiberius sie in Italien
verlange. Alleine / wenn ich ja nicht so viel beim Germanicus vermögen sollte:
dass er des Tiberius schon zum dritten mahl wiederholeten Befehl hindan setzen
wollte / will ich es zum wenigsten dahin richten: dass sie zu Ravenna / welche
Stadt August dem Germanicus geschenckt hat / unter seinem Schutze bleiben
sollen. Tussnelde fiel ein: Ach! GOtt! können wir nicht hier unter des
Germanicus Schutz bleiben / wo er acht oder neun Legionen zu seinen Diensten hat
/ wie viel weniger werden wir zu Ravenna für des grausamen Tiberius
Gewalt-Taten und Abholung nach Rom sicher sein? Agrippine begegnete ihr: weil
Tiberius sie nur der Sicherheit halber / und dass die Gefangenen nicht durch der
Deutschen Waffen den Römern abgenommen werden mögen / in Italien verlangt / ist
solches nicht zu vermuten; und Germanicus wird hierbei ausdrücklich verlangen:
dass alle Gefangene zu Ravenna ihm zu seinem Sieges-Gepränge aufgehoben werden
sollten. Tussnelde sagte: Sie hätten ihr zwar für diese heilsame Vorsorge
höchlich zu dancken; ihr ahnete aber grosses Hertzeleid / welches ihnen in
Italien zustossen würde. Ismene und Zirolane gaben ihr Leidwesen hierüber
gleichfalls zu verstehen / befahlen sich in Agrippinens Schirm / und beteuerte
Ismene nochmahls: dass sie ehe sterben / als schimpflich in Rom eingeführt werden
wollte. Agrippine tröstete sie alle /und weil sie meinte: dass sie über dieser
schlimmen Zeitung für dissmahl genung zu verdäuen haben wurden / wollte sie sie
mit der befohlnen Opfferung des Tumelichs noch nicht erschrecken. Unter dessen
hatte Hermengarde dem Fürsten Siegesmund ihre Verrichtung beibracht / und / weil
sie Zirolanen zu seiner Liebe nicht hatte bewegen können / ihn bei nahe in
Verzweiffelung gesetzt. Nach dem sie aber seinen ersten Sturm sich hatte
abkühlen lassen / hielt sie ihm ein: wie ein heilsames Werck er einmal durch
vorgehabte Erlösung der Gefangenen in sein Hertz gefast hätte / und wie übel er
dessen Ausführung hindan setzen würde. Könte ihn Zirolane nicht lieben / würde
sie doch durch ihre Erlösung gezwungen werden ihm nicht gram zu sein. Woltaten
sollte man nicht verkauffen / sondern ohne einige Bedingung und Hoffnung des
Gewinnes geben. Solcher Gestalt täte GOtt der Welt wohl / er liesse die Sonne
so gar bösen und undanckbaren scheinen. Dieses Lasters aber wäre Zirolanens
Gemüte nicht fähig; und wer weiss / was seine Woltat in ihr Hertze für einen
Funcken werffen / und für eine Flame zeugen könnte. Durch diese Einredung brachte
es Hermengarde dahin: dass Siegesmund folgende Nacht die Gefangenen zu retten
versprach / und hierzu nötige Anstalt machte. Hermengarde spielte sich voller
Freuden noch bei Tage zu denen Gefangenen; brachte ihnen und sonderlich
Zirolanen die gewünschte Zeitung: dass Siegesmund ohne ferneren Anspruch an sie
folgende Nacht sie alle in Freiheit setzen wollte. Sie möchten sich nur fertig
halten: dass sie bei ihrer Wiederkunft ihr ohne Säumnüs folgen könten. Zu
welchem Ende sie denn ihnen auch drei Römische Kriegskleider zustellte. Das
Frauenzimmer halsete und küssete Hermengarden für Freuden / und wussten nicht /
wie sie wegen so guter Dienste ihr vergnüglich dancken oder schön tun könten.
Tussnelde / Ismene / und Zirolane bereiteten sich zu ihrer Flucht aufs beste /
und alle Augenblicke wurden für Verlangen ihnen gleichsam zu einem Jahre. Jede
schrieb auch an Agrippinen einen Brieff / darinnen sie ihr für so grosse
Woltaten danckte / ihre Flucht aber dadurch rechtfertigte: dass sie nicht im
Kriege gefangen / sondern vom Siegesmund und Sentiens Werckzeugen aus einem
Heiligtum / welches auch wieder rechtmässige Gewalt einen Flüchtigen schützte /
geraubet worden wären. Diese Schreiben meinen sie hinter sich zu verlassen.
Sehet aber wie das Verhängnüs / ehe man eine Hand umdrehet / alle kluge
Anstalten zu Wasser machen kann! Hermengarde kam zu bestimmter Zeit in Garten
/fand aber Tussnelden in vollen Geburts-Schmertzen /welche auch in ihrer
Anwesenheit einen jungen Sohn glücklich zur Welt brachte. Ungeachtet sie nun zu
fliehen verhindert ward / ermahnte sie doch die beruffene Ismene und Zirolane:
sie wollten sich ihrentwegen nicht aufhalten / sondern mit dem kleinen Tumelich
forteilen / und die Gelegenheit ihre unschätzbare Freiheit wieder zu erlangen
nicht versäumen. Sie wollte dem Göttlichen Verhängnisse gedultig aushalten /
welchem nicht nur die Menschen / sondern der Himmel selbst unterworffen / und so
wenig zu hintertreiben / als den Lauff der Flüsse umzukehren wäre. Aber weder
Ismene noch Zirolane waren durch Tussnelden Tränen und Beschwerungen hierzu zu
bringen / sondern beide wollten mit und bei Tussnelden leben und sterben. Als
Tussnelde nun alle Hoffnung sie zu erbitten verlohr / wendete sie sich zu der
durch diesen Zufall ganz verwirrten Hermengarde / und bat sie zum wenigsten
ihren Tumelich zu retten. Weil nun Hermengarde solches ihr versprach / liess sie
ihn durch Ismenen bringen / und nach dem sie ihn no comma? geküst / übergab
sie ihn Hermengarden / mit Befehl: diesem sollte er / wie ihr oder seinen Vater
folgen / wo er sie und sein Heil lieb hätte. Hermengarde nahm also nebst ihm mit
tausend Tränen Abschied / kam auch auf dem nahe bei dem Ubischen Altare vom
Siegesmund bestellten Nachen glücklich über den Rhein / fand daselbst den
Siegesmund und mit ihm alles fertig. Wie dieser nun der Gefangenen Aussenbleiben
insonderheit Zirolanens und desselben Ursache vernahm / machte er hundert
Schwerigkeiten / vorgebende: Er sehe wohl / dass Ismene und Zirolane ihm aus
Gramschaft nicht einst das Gelücke gönten durch ihn erlöset zu werden; und dass
es ihm für die Müh nicht lohnete eines Kindes halber sein ganzes Glücke in Wind
zu schlagen / die Römer ihm unversöhnlich zu machen / und zwischen zwei Stülen
nieder zu sitzen / weil er doch beim Feldherrn Herrmann ohne Befreiung
Tussneldens schwerlich eine wahre Aussöhnung / weniger viel gutes zu hoffen
hätte. Daher meinte er es ratsamer zu sein / das Werck biss Tussnelde wieder
Kräffte zu reisen bekäme / zu verschüben. Ob ihm nun Hermengarde einhielt: dass
die Gefangenen alte Augenblicke weggeführt zu werden besorgten / Agrippine es
ihnen auch schon angekündiget hätte / blieb doch Siegesmund auf seinem Vorsatze
wieder zurück über den Rhein zu sätzen. Als sie aber ans Ufer kamen / war kein
Nachen verhanden; sondern solcher / weil ihn die Schiffer nicht feste angemacht
hatten / entschwommen /und ohne vieles Geräusche war auch kein anderer zu haben.
Hermengarde nahm hierdurch Anlass an Siegesmund noch einmal zu setzen und ihm
einzuhalten; das Verhängnüs schickte ihm mit allem Fleisse diese Hindernüs / dass
er ein so rühmliches Werck nicht unausgemacht lassen sollte. Sie wollte mit ihrem
Blute sich verpfänden: dass Hertzog Herrmann für Uberbringung seines Sohnes nicht
nur aller Beleidigung vergessen / sondern ihn auch als seinen zweiten Sohn
lieben würde. Weil nun Siegesmund sich keine Nacht von seinem Heiligtum
entfernen dorffte / er auch sich auf den Morgen / sonder dass es die Römische
Wache und die anderen Priester gewahr würden / darein zu spielen getraute /
sondern vielmehr besorgte: dass seine Anstalt zur Flucht nicht unverraten
bleiben würde / ward er mehr gezwungen als beredet in Hermengardens Willen zu
kommen. Sie zwei sätzten sich also nebst denen zwei Chassuariern / die sie über
den Rhein geführet hatten / zu Pferde / und Hermengarde nahm den jungen
Tumelich zu sich / auf ihr Pferd. Sie waren aber kaum drei Meilen geritten /
als sie früh bei aufgehender Sonne in einem Walde auf eine ziemliche Anzahl
Reuter stiessen / welche zu vermeiden sie seitwerts in das Gehöltze einlencken
wollten. Alleine jene waren ihnen zu nahe auf den Hals kommen; daher sie sich
nicht verbergen konten / sondern sich durch ihr Ausweichen nur verdächtig
machten /und den andern sie anzusprengen und auszuforschen Ursach gaben. Cäpio /
welcher diese Römische Reuter führte / und vom Germanicus zum Hertzoge geschickt
worden / nun aber auf der Rückreise war /fragte bei ihrer Einholung: wer sie
wären? welchem Siegesmund Lateinisch antwortete: Er wäre ein Juhonischer
Edelmann / und diss seine Leute. Cäpio versätzte: warum sie denn Römisch
bekleidet wären? Siegesmund sagte: weil wir den Römern im Kriege dienen. Jener
forschte ferner: woher er käme? wohin er reisete? warum er ihnen ausgewichen
wäre? und zu was Ende er seinen Knaben mit sich führte? Siegesmund versätzte: Er
käme vom Ubischen Altare / reisete auf seine an dem Wied-Strome liegende Güter /
der Knabe wäre sein Sohn / den er um Augustens Tempel zu sehen mit dahin
genommen hätte / weil er mit dem Hertzoge Segestes und dem Fürsten Siegesmund
in guter Freundschaft stünde / und seinen Sohn mit der Zeit bei selbigem
Eigentume anzubringen gedächte. Aus dem Wege wäre er geritten / weil er die ihm
begegnenden nicht so bald gekennt / und man ihn gewarniget hätte: er sollte sich
für denen streiffenden Catten vorsehen. Cäpio sagte: es wäre wahr / die Catten
wären zwei Tage vorher biss auf eine Meile von Sieburg eingefallen / und er würde
nicht fortkommen; daher sollte er seiner Sicherheit halber mit ihm biss nach
Antonach reisen / über welchem selbiger Strom in Rhein fiele; und also er wenig
oder gar nichts umzüge. Siegesmund machte hier wieder allerhand scheinbare
Ausflüchte; so / dass Cäpio sie hätte ihres Weges reisen lassen / wenn ihm nicht
einer seiner Gefärten in ein Ohr geraunt hätte: Er sähe diesen vermeinten
Edelmañ für den Fürsten Siegesmund an /welchen er etliche mal beim Germanicus
gesehen hätte. Cäpio sagte daher dem Siegesmund unter Augen: wer er wäre? und zu
was Ende er sich verleugnete / wenn er nicht was böses vor hätte? Siegesmund
verstummete über dieser unvermuteten Erkäntnüs / sah sich also nur nach einem
Loche um ihnen zu entkommen. Aber die Römer umringten ihn und seine Gefärtin
alsofort / brachten sie in dreien Stunden nach Antonach; allwo sie Cäpio dem
Apronius einlieferte / welcher alsbald den jungen Tumelich erkennte / und
hiermit war Siegesmunds Flucht und Anschlag verraten. Apronius liess alsbald
einen ieden absonderlich verwahren / tat auch diss durch den Cäpio selbst dem
Germanicus zu wissen / und dem Labienus schrieb er: wie schöne Wache er bei dem
Ubischen Altare halten müste: dass er Priester und so vornehme Gefangene so
liederlich entrinnen liesse. Labienus ward hierüber nicht wenig bestürtzt:
fragte alsbald nach dem Siegesmund und Tumelich; und weil keiner zu finden war
/ liess er nicht nur alle Haussgenossen des Siegesmunds in Gefängnisse sperren /
sondern besätzte auch alle Zimmer / darinnen Tussnelde / Ismene und Zirolane
waren / mit starcken Wachen; alle andere Gefangene wurden auch enger als
vormahls verwahrt: Agrippine dorffte hierwider nichts sagen / aus Beisorge / man
würde wider sie argwohnen / dass sie mit unter der Decke läge. Das deutsche
Frauenzimmer ward hierüber bestürtzt / und wahrsagte ihm nichts gutes / kurtz
aber darauf liess ihnen Agrippine sagen: Sie könnte sich ihrer nicht mehr annehmen
/ nach dem sie hinterrücks ihrer mit dem meineidigen Siegesmund gepflüget / und
durch Wegspielung Tumelichs die ihnen vergönnete Freiheit missgebraucht hätten.
Das Geschrei machte ihnen auch unverlängt kund: dass Siegesmund und Tumelich mit
drei andern Deutschen zu Antonach gefänglich wären einbracht worden. Beides ward
ihnen ein Donnerschlag im Hertzen / und eine Ursache des erbärmlichsten
Wehklagens. Tussnelde fiel hierüber in eine hitzige Kranckheit / so / dass auch
fast iederman ihr verloren gab. Germanicus befahl; dass so wohl die Gefangenen
vom Ubischen Altare / als Siegemund und Tumelich nebst Hermengarden und denen
zwei Chassuariern von Antonach nach Meintz gebracht werden mussten. Alle wurden
genau befragt. Siegesmund konnte nicht leugnen; dass er den Tumelich hätte
entführen wollen; er entschuldigte es aber mit der Hefftigkeit seiner grossen
Liebe / indem er dadurch Tussnelden / durch Tussnelden aber Zirolanen zu
gewinnen gehofft hätte. Weil nun Germanicus alles an Tiberius berichtete /
schrieb Siegesmund an Sentien: Sie möchte durch den Sejan ihn aus diesem
Ungewitter erretten / und teils die Hefftigkeit seiner Liebe / welche die
Menschen oft ihrer Vernunft beraubte; teils: dass Tumelich nicht der Römer /
sondern sein eigener Gefangener gewest wäre / fürschützen. Segestes beschwur
sie auch bei ihrer Liebe: sie wollte das eusserste tun / und verhüten: dass er
durch Beschimpfung seines Sohnes nicht ins Grab / die Römer aber nicht in übelen
Ruff versätzt werden möchten / als wenn sie eines Vaters Verdienste dem Sohne
nicht liessen zu statten kommen. Sentia sparte weder Müh noch Geschencke /
wendete auch alle Künste an: dass Tiberius von seinem erstern Vorsatze den
zweimahl abtrünnigen Siegemund zu tödten möchte gebracht werden. Sejan und
Salustius brachten es auch endlich so weit; dass Tiberius an Germanicus schrieb:
dem Siegesmund sollte das Ubische Priestertum des August genommen / hingegen des
Drusus zu Meintz gegeben werden / und zur Straffe seiner unzeitigen Erbarmnüs
sollte er selbst den Tumelich dem Drusus zum Opffer schlachten. Die Sorge dieser
Vollziehung vertraute er absonderlich dem Apronius. Sentia schrieb Siegesmunden
diesen Schluss als eine freudige Zeitung zu; und ermahnte ihn: dass er durch
desselben willige Befolgung die herrliche Gelegenheit des Tiberius Gnade wieder
zu erwerben nicht versäumen sollte. Sie vertröstete ihn auch: dass weil bei den
Römern einer unterschiedene Priestertümer haben könnte / sie ihm das des
Augustus mit der Zeit wieder zu wege bringen wollte; ungeachtet es bei den Römern
was seltzames wäre bei solchen Jahren einem nur eines anzuvertrauen. Siegesmund
hätte hierüber mögen von Sinnen kommen / verfluchte Sentien und den Tag seines
Raubes / entschloss sich auch ehe zu sterben / als seiner Schwester und eines so
grossen Fürsten Sohn zu ermorden. Diesen Schluss mit der bösen Zeitung machte er
durch den bestochenen Kercker-Meister Hermengarden zu wissen; welche ihr
hierüber die Haare ausrauffte / mit dem Kopffe wider die Wände lief / und sich
erstossen hätte / wenn sie vom Kercker-Meister nicht wäre verhindert worden.
Hermengarde erholete sich nach ausgeschütteter Ungedult endlich wieder / und
liess den Fürsten Siegesmund wissen: gefässelte Wölffe bissen ihnen aus Liebe der
Freiheit ihre eigene Klauen ab; was wollte er sich denn hartnäckicht erweisen
etwas zu versprechen / dessen Erfolg noch vielen Zufällen und Ausflüchten
unterworffen wäre? Siegesmund folgte diesem verschlagenen Weiber-Rate / stellte
sich zu Tumelichs Opfferung willig an / und brachte darmit seine und
Hermengardens Freilassung zu wege. Die Wahrsager sätzten hierauf einen
zeitlichen Tag zu Siegesmunds neuer Einweihung an / auf welchen sie auch die
Leute bereden wollten: dass Jupiter ihnen durch einen von der lincken Seite
erscheinenden Blitz ein Glück-Zeichen ihres Vorhabens gewiesen hätte /ob schon
das wenigste von einigen andern Menschen gesehen worden war. Denn die
Einweihungen zum Priestertume konten weder alle noch gewisse Tage geschehen /
sondern die Götter mussten sie gleichsam selbst hierzu erkiesen. Nach genommenem
Wahrzeichen ward Siegesmund an den dem Drusus gewiedmeten Platz geführet / an
welchem er entkleidet / aus Rhein-Wasser gebadet / und / weil die Geheimnisse
des Römischen Gottesdienstes nicht schrifftlich verfasst werden dorfften / von
der Verehrung des Drusus mündlich unterrichtet ward. Hierauf ward ihm ein
weiss-seidener Unter-Rock angelegt / und ein von Golde und Perlen gestickter
Mantel mit purpernen Aufschlägen umgegeben / auf das Haupt aber eine oben
zugespitzt und mit einem güldenen halben Monden gezierte Priester-Mütze aus
wöllenem Zeuge aufgesätzt. Mit diesem musste Siegesmund in ein neu gemachtes Grab
steigen / und wurden über ihn etliche viel mahl durchbohrete Bretter gelegt. Auf
diese brachten die Opffer-Knechte einen grossen weissen Sarmatischen Ochsen /
dessen Hörner übergüldet / die Stirne gekräntzet / der Rücken mit Persischen
Tapezereien bedeckt war. Diesem zerschnitt ein Priester den Hals und die Gurgel
/ stach ihm auch hierauf das Messer bis ins Hertze / worvon er auf die Bretter
fiel; das herausschüssende Blut aber durch die vielen Löcher auf den neuen
Priester lief / welcher schuldig war nicht nur mit seinem Haupte und Leibe /
sondern mit seinem Antlitze / ja mit seinen Augen / Ohren / Lippen und der Zunge
das abtrieffende Blut aufzufangen. Als der Ochse nun ausgeblutet hatte / wurden
die Bretter weggenommen / der von Blute über und über besudelte Fürst Siegesmund
aus der Grube empor gezogen / von allen mit grosser Ehrerbietung als ein
Priester des Drusus empfangen. Der ihn einweihende Priester nam von ihm den
gewöhnlichen Eyd ab: dass er kein Geheimnis des Drusischen Gottes entdecken
wollte. Ihm wurden hierauf saubere Priester-Kleider angelegt / seine Haare mit
einem Lorbeer-Krantze umflochten / das Haupt in ein Purper-Tuch eingehüllet /
und er auf einem helffenbeinernen Stuhle zu einem prächtigen Gastmahle / bei
welchem sich alle vornehme Römer befanden / getragen. Nichts war hier gesparet /
sondern an allen nur ersinnlichen Kostbarkeiten ein reicher Uberfluss / welcher
auch schon auf denen Priester-Mahlen bei dem noch armen und sparsamen Rome
üblich / und diese keinem Gesätze / welches der Verschwendung Maass und Ziel
steckte / unterworffen waren. Sintemal sie denen Wollüsten nachzuhängen für
zulässlich hielten / wenn es nur den Göttern zu Ehren geschahe. Westwegen auch
der Wahrsager Hortensius die Pfauen / andere Eyter und Geburts-Glieder von
verwerffenden Schweinen und andere zur Uppigkeit dienende Gerichte auf einem
Priester-Mahle zuerst auf die Taffel gebracht hat / da sonst für dem dritten
Cartaginensischen Kriege niemand zu Rom einige Vogel / ja keine zur Zucht noch
dienende Heñe verspeisen dorffte; gleich als weñ den Göttern mit der Menschen
Verschwendung und Lastern ein Dienst geschehe / und der Gottesdienst zu
Vertilgung der Sparsamkeit und heilsamen Gesätze am geschicksten wäre. Dieser
Einweihung ungeachtet ward doch die Opfferung Tumelichs so lange verschoben /
bis das neue Gedächtnüs-Mahl des Drusus / worüber eifrig gearbeitet ward /
fertig sein würde. Unterdessen kam auch Agrippine und Tussnelde / welche durch
jener Hülffe von ihrer Kranckheit zum teil genesen war / nach Mäyntz / diese
auf des Apronius Befehl /weil Sentia beim Tiberius eine Verordnung ausgebracht
hatte: dass Tussnelde der Opfferung ihres Sohnes zuschauen sollte. Agrippine aber
kam in Meinung dieses grausame Opffer wo immer möglich zu verhindern /
ungeachtet Germanicus aus hieraus geschöpfftem Verdrusse nach Trier und
Mediomatricum gereiset war / unter dem Scheine das neue Kriegs Volck zu mustern
und die Schatzung zu erheben. Agrippine selbst stellte dem Apronius für Augen /
was die Römer und ihr Gottesdienst von Aufopfferung dieser Unschuld für einen
bösen Nachklang bekommen / bei der ganzen Nord Welt aber für unaussöhnliche
Verbitterung verursachen würde. Sie könnte gar nicht begreiffen / was dem
Tiberius mit einer handvoll Kinder-Blutes gedienet wäre. Apronius aber
entschuldigte sich / und wünschte: dass ihm diese Grausamkeit vom Tiberius nicht
anvertrauet worden wäre. Als aber Agrippine ihn nicht ausser Schuld lassen wollte
/ zeigte er ihr des Tiberius Befehl dieses Innhalts: dass / weil der Geist des
Drusus einem seiner Priester erschienen wäre und zu verstehen gegeben hätte: dass
er nicht anders als durch eines deutschen Fürsten Blut versöhnet werden könnte /
sollte er an Aufopfferung des Tumelich sich keinen Menschen oder sonst was
hindern lassen. Agrippine erstaunete hierüber / und fieng an: O verdammte
Sentia! diese Lügen ist keines andern Menschen / als deine eigene Erfindung.
Weist du nicht: dass wer wider die Warheit etwas leugt / die Götter ins Gesichte
schlage? Meinest du nicht: dass du den Geist des Drusus durch solche ihm
angetichtete Grausamkeit aufs ärgste beleidigest? Darfst du dich unterstehen ihn
nach seinem Tode grimmiger zu machen / als er im Leben war? Ist der Geist des
betrüglichen Ulysses aus der Hölle herfür kommen / und hat er dir diese
teuflische Erfindung eingeblasen: dass des Drusus Geist mit des Tumelichs / wie
des Achilles mit des Astyanax Blute versöhnet werden müste? denn des Drusus
Geist verlanget gewiss nicht aus seinem Grabe eine solche Schlacht-Banck zu
machen. Er ist gewiss aus seiner Grufft nicht gestiegen ein Kind zu verderben /
welches zu erhalten sich ihrer tausend gerne vergraben würden. Ich wundere mich:
dass du mit diesem Astyanax nicht auch eine Polyxena / nämlich Tussnelden /
geschlachtet haben wilst! Ihr Götter! lasset mich doch erleben und sehen / wie
diese Unholdin von euch ihre verdiente Belohnung bekommen werde. Weil sich nun
von diesem Opffer ein grosses Geschrei weit und fern ausbreitete / kam auch vom
Hertzog Arpus und Jubil ein Herold nach Mäyntz / welcher dem Apronius andeutete:
dass / dafern er den unschuldigen Tumelich so grausam aufreiben würde / wollten
sie ihm zum Opffer so viel tausend bei ihnen gefangene Römer verbrennen.
Apronius liess antworten: Es stünde nicht bei ihm des Tiberius Befehl zu
hinterziehen. Die Catten wären daran selbst schuld / welche ihre unzeitige Rache
an denen nichts fühlenden Marmeln des Drusischen Altares ausgeübt hätten. Wie
möchten sie aber die Opfferung eines Kindes so empfinden / da die Deutschen nach
des Varus Niederlage so viel tausend Römern wie Kälbern die Gurgel abgeschnitten
hätten? die Gewonheit ihre Gefangene zu opffern wäre bei den meisten Völckern
eingeführt. Temistocles hätte bei Salamine dem Bacchus drei der edelsten Persen
/ Lycortas bei dem Grabe des Philopämen viel gefangene Messenier die Sardinier
ihre siebenzig jährige / die Celten /Geten und Scyten den hundersten / die
Goten und Einwohner des Eylandes Tute die Erstlingen / die Lusitanier aber die
rechten Hände ihrer Gefangenen dem Kriegs-Gotte geopffert. Den Catten könnte er
nicht wehren ihre Gefangenen hin zu richten; es würde aber so denn auch dem
Tiberius nicht zu verargen sein / wenn er durch das Blut Tussneldens / und ihres
neugebohrnen Sohnes / Ismenens und Zirolanens jener Geister versöhnete.
Siegesmund und Hermengarde beratschlagten sich mitler Zeit: ob denn kein Mittel
wäre den Tumelich zu retten; aber er ward vom Apronius so feste verwahrt: dass
kein Mensch / ja Agrippine selbst nicht ihn zu sehen bekommen konnte; also war
Tussnelde ganz Trost-los; / und sie würde /wie hertzhaft sie sonst war / ihr
vielmahl ein Leid getan haben / wenn nicht Ismene und Zirolane so genau achtung
auf sie gehabt hätten. Dem Fürsten Flavius ging diese Grausamkeit nicht weniger
durchs Hertze. Denn ob zwar Adgandester durch seine Arglist sein und Hertzog
Herrmanns Gemüter getrennet hatten; so lässet sich doch das Band des Geblütes
nicht leicht derogestalt zerreissen: dass nicht eine innerliche Neigung übrig
bleibe. Er eilte deswegen nach Meintz und mühete sich anfangs mit guten / und
als diese nicht verfiengen / mit scharffen Worten den Apronius von Hinrichtung
seines kleinen Vetters abwendig zu machen. Weil Apronius aber nicht zu beugen
war; sondern vielmehr dem Flavius einhielt: dass er durch angemaste Hinderung
dieses Opffers wider seine eigene Wolfart stritte; weil ja / wenn Herrmann ohne
Kinder stürbe / ihm die völlige Herrschaft über die Cherusker zufiele; sagte
Flavius: Er begehrte durch Blut und böse Grieffe keine Herrschaft zu behaupten.
Er ging auch im Grimm und Sturme davon /nach dem er ihm gesagt: Er und andere
Fürsten sähen wohl: dass es auf ihre und ihrer Geschlechter Ausrottung gemüntzet
wäre; und sie würden künftig ihr Tun nach einem andern Masse einrichten müssen.
Siegesmund aber war ganz verzweiffelt / und liess sich ausdrücklich heraus: dass
er mit seinem eigenen Blute des Drusus Altar bespritzen wollte. Hermengarde aber
redete ihm ein / und sagte: man sollte niemahls / auch wenn schon alle Hoffnung
verschwunden wäre / nicht verzweiffeln. Denn die Göttliche Hülffe wäre niemahls
geneigter uns zu erretten / als wenn alle menschliche aus wäre. Endlich kam nun
der traurige Tag herbei / an dessen Abende das grausame Opffer vollzogen werden
sollte; vielleicht / weil die Sonne davon hätte befleckt werden mögen. Tussnelde
liess beim Apronius Ansuchung tun: dass sie ihren Sohn noch einmal sehen und
küssen möchte / welches er aber damit ablehnete: dass Tumelich nicht mehr in
seinen / sondern in der Priester Händen wäre. Worüber sie gleichsam unsinnig
ward / und heraus fuhr: Grausamen Römer! unmenschlicher Apronius! wehret man
doch Eltern nicht den Zutritt zu den ärgsten Missetätern / welche zum blutigen
Halsgerichte geführet werden; und ihr! die ihr euch wider Recht der Gewalt des
Lebens über ihn anmasset / wollet einer Mutter wider das Recht der Natur nicht
einen Kuss erlauben! Ihr setzet eure Tygerklauen ihm ins Fleisch / und ich werde
von seiner letzten Umarmung ausgeschlossen! Abscheuliche Ungeheuer! aufs
wenigste stehet es nicht in euer Gewalt mir zu verwehren: dass ich sterbe / und
dass mein Geist seinen nach dem Tode so feste umschlüsse / als ich ihn nach
seiner Empfängnüs in meiner Schoss / nach der Geburt in meinem Hertzen
beschlossen habe. Hiermit sanck sie aus einer Ohnmacht in die ander / dass man an
ihr genung zu reiben und zu kühlen hatte. So bald es nun begunte finster zu
werden / schickte Apronius drei Senften mit einem Hauptmanne und dreihundert
Kriegs-Leuten zu Tussnelden / sie mit Ismenen und Zirolanen zu des Drusus Altare
zu tragen. Tussnelde / an welcher man den ganzen Tag wenig Leben verspüret
hatte / richtete / als man ihr ihre Abfordrung andeutete / entrüstet auf / und
liess ohne Verlierung eines Wortes sich dahin bringen. Kurtz darauf brachten die
Priester des Drusus auf einem güldenen Sieges-Wagen den mit Rosen gekräntzten
und schneeweiss gekleideten Tumelich zwischen vielen mit Zitron-Zweigen
umflochtenen Fackeln geführet. Er sah sich zu aller Menschen Verwunderung so
freudig um / als wenn er in einem Sieges-Gepränge führe. Diesem folgete der neue
oberste Priester Siegesmund in einem langen weissen Mantel mit einem
Lorber-Krantze / und hierauf eine Menge Priester / welche die Opffer-Geschirre
trugen. Weil diese nun das erste Feuer auf dem neuen Altare zu machen
beschäfftiget waren / näherte sich Tussnelde dem nun vom Wagen gehobenen
Tumelich / umarmte und küssete ihn mehr als tausendmahl. Unter dem zuschauenden
Volcke war fast niemand /der nicht über so traurigem Schauspiele
Mitleidungs-Tränen vergoss / und das jedermann ankommende Schrecken versteinerte
sie gleichsam: dass sie sich weder rührten noch redeten. Etliche allein murreten
und fragten die nechsten Priester / mit was Rechte man einen schneeweissen
Knaben an statt der kohlschwartzen Schaafe / welche sonst denen verstorbenen
geschlachtet würden / opffern könnte? Bei diesem Stillschweigen fieng Tussnelde
ziemlich laut an zu reden: du sollst sterben! hertzliebster Tumelich! wie
frühzeitig wäre es für dich / weñ nicht alle Menschen zeitlicher zu sterben
anfiengen / als sie geboren werden! Wie unglückseelig wärest du / wenn jemand
nicht stürbe / und der Tod nicht ein allgemeines Gesätze der Natur / ja fast
ihre beste Erfindung wäre! weil aber dein Tod gewaltsam ist / würde mein Hertze
nicht genungsame Dünste ausdampffen und denen Augen zu Gebährung der Tränen
zuschicken können / wenn ich nicht wüste: dass dein Tod zwar wider die Natur /
nicht aber das Verhängnüs wäre. Wenn dieses nicht beistimmt / kann uns weder das
Glücke unter den Grauss seiner Abstürtzungen graben / noch ein Feind uns ein Haar
krimmen. Diss alleine vermag deinem Tode und meinem Schmertze alle Bitterkeit;
weder ich noch du aber dem Schlusse des Himmels etwas von seiner Härte zu
benehmen / wenn wir unsere Seele schon durch die Augen ausweinten. Du must also
sterben! ich will es nicht nur geschehen lassen / sondern ich bin gezwungen
zuzusehen. Könte einer Mutter wohl was grausamers aufgebürdet werden? Solte diss
nicht die Unempfindligkeit selbst mürbe machen? Solten nicht alle meine Sinnen
Zunder zu meiner Verzweiffelung beitragen? nach dem der sinnreichste Witterich
in der Welt mich nicht zu einer grausamern Notwendigkeit hätte zwingen können!
Man verbindet den Ubeltätern die Augen: dass sie ihres Streiches nicht gewahr
werden; die Richter enteusern sich der Verdammten Hinrichtung anzuschauen; der
Mutter aber sperret man mit Gewalt die von Angst gebrochenen und schon von dem
Vorschmacke des ewigen Schlaffes zugefallene Augen auf: dass diese so wohl durch
Anschauung eines solchen Greuels / als das Hertze durch Wehmut mit sterben
müsse. Warum tödtet man aber mich nicht für dich / oder zum wenigsten mit dir?
Wie glückseelig wäre ich / wenn mein Tod ein Löse-Geld deines Lebens sein könnte!
Aber nein! Tussnelde soll aus Verzweiffelung / Tumelich als ein aufgeputztes
Opffer-Vieh sterben! Aber nein! der Schmertz hat keine solche Botmässigkeit über
meine Vernunft / als die Römer über unser Leben. Die Verzweiffelung ist das
ärgste Ubel / und sich selbst verletzen die gröste Narrheit unter allen. Wie
glückseelig bin ich in meinem Unglücke! wie schön bist du in deinem Tode; dass
dir unsere Todfeinde keine Schellen und Kennzeichen der Ubeltäter haben
anhencken können! Niemand scheuet sich durch deine Anrührung verunreiniget zu
werden. Die selber / welche dich zum Tode verdammen / müssen nicht nur in ihrem
Gewissen dich losssprechen / deine Unschuld mit Blumen krönen / und dich auf ihre
heiligen Altäre heben. Ein so herrliches Vorrecht hat die Tugend: dass sie ihre
eigene Feinde verehren / aber auch fürchten müssen. Die Taten deines grossen
Vaters haben verursacht: dass die Römer dich schon in der Wiege / wie die
Schlangen den Hercules gefürchtet haben. Aus deines Vaters Klauen machen sie
einen Mässstab deiner künftigen Wercke. Wenn ihr Römer aber auch noch nicht alle
den grossen Herrmann hättet kennen lernen / köntet ihr schon von diesem
unerschrockenen Knaben / wie die Baumeister aus einem kleinen Muster / die
Zwerge aus dem Nagel des Daumens oder einer Zehe / die Grösse des Cyclopen /
Herrmanns Riesen-Maass nehmen. Du hast länger nicht wachsen dörffen. Eine Aloe
wird in einer Nacht grösser / als Isop in hundert Jahren. Daher müssen dich
deine Feinde als einen zarten Aufschüssling austilgen / weil sie nach deinem
Wachstume dir nicht gewachsen zu sein trauen. Ja die Geister ihrer verstorbenen
Helden sollen für dir Sorge getragen haben; und weil sie dich im Leben zu einem
heiligen Opffer verlangen / werden sie dich nach dem Tode vergöttern müssen.
Stirb also Tumelich! stirb! du hast in deiner Kindheit schon / mehr Ruhm
erworben / als ihrer tausend nicht ihr Lebtage. Aber ich sehe wohl: dass du so
wenig der Ermahnung / als der Bejammerung von nöten habest. Dein Antlitz hat in
sich nicht das kleineste Merckmaal eines Sterbenden; deine Freudigkeit aber ist
ein Sieges-Zeichen über alle menschliche Schwachheiten / über deine mächtige
Feinde / ja selber über den Tod. Dieser hat für dir schon die Waffen / nämlich
seine Schreckligkeit weggeworffen. Deine Feinde schämen sich ihres Todes-Urtels
und ihrer Zaghaftigkeit; weil sie dir nichts übels nachreden können / und als
ein Kind dich fürchten oder als einen Unschuldigen beweinen müssen. Siehest du
nicht /wie allen Zuschauern die Tränen über die Wangen rinnen? nur ich und du
haben trockene Augen. Ich /weil ich an dir nichts böses zu beweinen finde; du
/weil du in deiner Kindheit wie ein Mann stirbst / dein Ruhm aber alle deine
Feinde überleben / und also dieses Grab künftig mehr dein / als des Drusus
Ehren-Mahl heissen wird. Alles dieses redete sie ohne Verschwendung einer
einigen Träne / ohne den wenigsten Seuffzer; gleich als hätte sie alle
Eigenschaften einer Mutter ausgezogen; so dass nicht nur die Römer / sondern
Ismene und Zirolane selbst darüber / ihrer noch mehr aber über Tumelichs
Unempfindligkeit erstarrten; welcher mit so freiem Gesichte als freudigen
Gebehrden Tussnelden antwortete: Ich will / liebste Mutter / behertzter den
Streich empfangen / als ihn mir der Priester geben wird. Wäre es mir besser
lange zu leben / würde mir das Verhängnüs nicht ein so kurtzes Ziel gesteckt
haben. Viel wären glücklich zu preisen / wenn sie ehe gestorben wären / und ich
zweiffelsfrei unglücklich sein / wenn ich länger lebte. GOtt gebe aber ihr: dass
sie so wohl hundert Jahr leben möge / so vergnügt ich heute zu sterben gedencke.
Hierauf gaben sie einander den letzten Kuss / und schieden von sammen. Tussnelde
verfügte sich zu Ismenen / Tumelich ging behertzt zum Altare / wo ihm die
Priester die Stirne und Schläffe / die Hände und Füsse mit geweihetem
Rheinwasser abwuschen. Siegesmund nam ihn hierauf in den mit vielen
Eypress-Zweigen umflochtenen Umschrot des Altares; und nach dem er sich darinnen
dreimal biss zur Erde gegen das Altar nieder gebückt hatte; also / dass man ihn
nicht sehen konnte / streute er ihm weisses Mehl und schwartzes Saltz aufs Haupt.
Nach diesem schnitt er ihm die Haare ab / und warff sie ins Feuer / hernach band
er ihm Hände und Füsse hinter dem Rücken zusammen / hob ihn also auf das Altar /
hieb ihm mit einem Beile von hinten zu das Haupt ab / und warff es in das
lodernde Opffer-Feuer. Das aus dem Leibe sprützende Blut fiengen die andern
Priester in güldene Schalen auf / besprengten damit die Hörner und Pfosten des
Altares / das übrige gossen sie in die Flamme; welche nunmehr mit Weirauche /
Oele /wolrüchendem Hartzte und Holtze erfrischet ward. Nach dem sie auch die
Eingeweide erforschet hatten /verbrennten sie vollends den Leib. Kein Mensch
sah dieser Opfferung zu / welchen nicht dieses edlen und unerschrockenen
Opffer-Tieres jammerte / ja den Apronius selbst; also / dass sich durchgehends
ein erbärmliches Wehklagen erregte. Ismene und Zirolane hoben bei dem Streiche
überlaut an zu schreien /Hermengarde fiel beim Altare ohnmächtig zu Bodem;
Tussnelde aber erstarrete; und war einem Marmel-Bilde ähnlicher als einem
beseelten Menschen. Dem Priester Siegesmund fielen so viel Tränen aus den
Augen: dass er darmit ein Teil des Opffer-Feuers hätte ausleschen können; ja er
war etliche mahl so verwirrt: dass er nach einem Opffer-Messer grief / und es ihm
in Leib gestossen hätte / wenn er nicht von einem seiner getreusten Chassuarier
abgehalten / und sich zu besinnen erinnert worden wäre. Mit einem Worte: es
hätten zwei oder drei Timantes alle ihre Mahler-Kunst und Stellungen der
Traurigkeit erschöpffet / und mehr als einen Agamemnon verhüllen müssen / wenn
er diese viel erbärmlichere Opfferung /als die die Iphigenia war / hätte für
bilden wollen. Jederman schied bestürtzt von dannen / und die Wolcken schütteten
einen heftigen Platz-Regen aus; gleich als wenn sie zugleich eines so
unschuldig-hingerichteten Kindes Tod hätten beweinen / oder ein solch
ärgerliches Opffer-Feuer ausleschen wollen. Tussnelde kam mit Ismenen und
Zirolanen nach Hause / allwo sie Agrippinen / welche dem abscheulichen Opffer
nicht hatte beiwohnen wollen / sich aber gleichwol unbekandter Weise dahin
tragen lassen / vor sich fand / um diese unglückliche Mutter zu trösten / und
sich zu entschuldigen: dass sie diesen herben Unglücks-Becher nicht hätte
abwenden können. Aber Tussnelde hatte mehr weder Gehöre noch Vernunft. Denn
weil sie bei der Opfferung durch Versteinerung ihres Hertzens die Röhren des
mütterlichen Schmertzes verstopfft hatte / brach er nunmehr / da er in ihrer
Einsamkeit Lufft kriegte / mit desto grösserem Ungestüme heraus. Ihr Antlitz war
ein rechter Schau-Platz der tiefsten Traurigkeit; das Hertze schlug nicht öffter
/ als es Widerschalle einer beängsteten Seele von sich gab; und also fand
Agrippine zwar bei ihr Gelegenheit sich zu betrüben / aber Tussnelden keinen
Trost beizubringen. Sie brachte die übrige Nacht und den halben Tag mit eitel
seltzamen Reden zu / welche eine gäntzliche Verrückung des Verstandes
andeuteten. Endlich fiel sie in einen Schlaff / oder vielmehr in Ohnmacht. Nach
dreien Stunden aber fuhr sie auf /und fieng an: Helffet mir doch weinen! denn
ein solcher Strom voll Blutes darff zu seiner Abschweiffung mehr Wasser / als
zwei Augen austränen können. Jedoch auch die Tränen sind keine taugliche Lauge
ein so grosses Hertzeleid aus meinem Hertzen zu beitzen. Helffet mir also viel
mehr: dass ich sterbe! weil ich zu leben mehr keine Lust / noch für mich selbst
zu sterben genungsame Kräffte habe. Erbarmet euch doch mein! und seid durch
Verschrenckung des Todes gegen mich nicht unbarmhertziger / als Tiberius gegen
meinen Tumelich. Es ist doch kein beschwerlicher Unvermögen / als sterben
wollen / und nicht können; nichts beschwerlicher als das Leben /dessen man
überdrüssig ist. Ismene und Zirolane sucheten alle ihre Scharfsinnigkeit die
beweglichsten Freundschafts-Bezeugungen herfür Tussnelden ein wenig zu
hesänften / und sie zu bereden: dass wie sie bereit gewust hätte der
Notwendigkeit zu gehorsamen / sie auch nunmehr der Vernunft zu folgen sich
entschlüssen sollte! die bedrängte Tugend wäre ja fähig sich unmöglicher Dinge zu
unterfangen / die Gedultige alles unerträgliche auszustehen. Aber sie blieb auf
ihrer Meinung; ihre Tröster sollten ihr Handlanger des Todes sein. Denn / sagte /
sie / mein zeiter mehr mit Dörnern als Rosen ausgeflochtenes Leben dienet mir
schon zum Wahrsager meines künftigen Unglückes / und zur Nachricht: dass nichts
als der Tod das Ende meines Elendes sein könne. Ich habe mir schon bei vielen
Zufällen eingebildet: dass kein Mensch oder zum wenigsten ich unglücklicher
werden könnte / der gestrige Tag aber hat mir gewiesen: dass die Sonne zwar nicht
über den Tier-Kreis /kein Adler über die Wolcken / aber das Unglück gar leicht
über unsere Gedancken steigen könne. Ja es scheinet mit unglücklichen Menschen
nicht anders /als mit einer rundten Kette beschaffen zu sein / dass ein Unfall
eben so / wie ein Ketten-Glied an dem andern hange / und nirgends kein Ende zu
finden sei. Mein Verhängnüs hat mich zeiter gleichsam bezaubert: dass weder
meine Vorsicht noch meiner Freunde und Ratgeber Klugheit einen einigen Streich
des erzürnten Himmels von mir haben ablehnen können. Mein Hertze sagt mir es
gleichsam: dass mein Unstern noch nicht die Helffte seines Lauffes vollendet
habe. Ein Schiffbruch / ein Unfall / eine Abstürtzung hat der andern die Hand
gegeben; was ich für das Ende alles bösen gehalten / ist nur desselben rechter
Anfang gewest / damit ich ja niemahls als mit dem Tode aufhörte unglücklich zu
sein. Das gestrige Ubel werdet ihr selbst zweiffelsfrei / noch mehr aber die /
welche die zarte Empfindligkeit der Mutter-Liebe verstehen / für unermässlich
erkennen. Denn das durch Tumelichs Hals gegangene Beil hat mir mein Hertze
zerschnitten. Aus seinen zerschnittenen Adern ist mein Blut geflossen / und sein
Tod hat mich meines Lebens beraubet; aber diss Unglück ist doch nicht so gross:
dass mir nicht noch ein grösseres zustossen könnte. Denn das Elend wächst / ie
weiter es laufft / wie die Flüsse / und vergrössert seine Krafft / ie tieffer es
zu fallen hat. Die vergangene Nacht kann zwar keine Kohle schwartz genung
abbilden; die meines Todes kann so finster nicht sein. Sie ist die letzte meines
liebsten Sohnes / aber die erste meiner Verzweiffelung gewest. Also habe ich in
meinem Leben keine Ruh /sondern nur im Grabe zu hoffen. Tumelich fühlet zwar
wohl nicht mehr seine Wunden / aber ich seine Schmertzen! So oft als ich an das
blutige Schauspiel dencke / verliere ich meine Vernunft; und ich werde nicht
aufhören zu sterben / biss ich mein Leben eingebüsst habe. Ich bin auch der
betrübten Ruh nicht fähig / in die man nach einer grossen Müdigkeit fällt / weil
mich alle Stunden ein neues Unheil oder ein schrecklicher Traum aufwecket. Ja
weil mich mein Unglücke so sehr verfolgt / bin ich bekümmert: ob selbtes mit
meinem Leben aufhören / oder nicht noch ein neues wie ein junger Phönix aus
meiner Todten-Asche werde lebendig werden. Uber diesen Worten kam Hermengarde in
ihrer nun angenommenen Frauen-Tracht in das Zimmer / und fieng an: Es ist
freilich was seltzames / aber doch nichts unmögliches: dass man das alte Wesen
aus desselben Asche herfür bringe. Sie mässige also / Tussnelde / ihren Schmertz
/oder vielmehr / wo ich ohne ihre Gefahr ihr was gutes sagen darff / ihre
Freude. Tussnelde sah Hermengarde starck an und über eine weile sagte sie: du
must wohl nicht wissen / was eine Mutter / weniger was Tussnelde sei / wenn du
dir träumen lässt; dass mein Hertze sein Lebtage ein Gefässe der Freuden werde
abgeben können. Hermengarde fiel ein: Es ist in ein trauriges Hertze durch gute
Botschaft einen freudigen Geist einzugiessen nicht weniger unmöglich / als dass
aus dem mit stetem Eis bedeckten Berge Hecla Feuer-Flammen fahren. Tussnelde
antwortete: Schweig /schweig / Hermengarde! Mein Hertze ist von Traurigkeit
durch und durch gefroren / und kein Sonnenschein des Glückes wird selbte mein
Lebtage auftauen. Hermengarde versätzte: Ach! Tussnelde / wie ungleiche kann ihm
der Mensch werden! Welch eine Beschwererin ist die Natur! welch ein
Zauber-Gärte das Glücke. Es zernichtet im Augenblicke alles Ubel; es treibet
alle Finsternis aus dem Verstande / alle Beschwerligkeit aus dem Hertzen; es
erhebet uns über uns / verwandelt uns in andere Menschen oder vielmehr zu
kleinen Göttern. Dieses alleine ist wahrhaftig das beruffene Kraut Nepentes /
welches auch eine verzweiffelnde Niobe nach Verlust aller ihrer Kinder freudig
machen kann. Tussnelde brach ein: der grausame Raub meines einigen Tumelichs ist
mir mehr /als andern Müttern der Verlust hundert Kinder. Auf der Welt ist ja
nichts / welches mir ihn gleichgültig ersetzen kann. Hermengarde begegnete ihr:
Aber er selbst ist ja eine vollkommene Ausgleichung. Tussnelde fieng an: Ich
weiss nicht: ob du meines Jamers noch spottest / oder du mich als eine träumende
äffest. Bistu alleine / die du mit einer verzweiffelnden Mutter nicht Mitleiden
haben kanst? Hermengarde antwortete: Niemand hat vielleicht noch in der Welt mit
einer Bekümmerten hertzlicher Mitleiden gehabt /als ich mit Tussnelden; und wie
könnte ich dir bessern Beweis bringen / als dass ich ihr für ihren verlohrnen
Tumelich einen andern Tumelich geben will. Tussnelde versätzte: Nun sehe ich:
dass du selbst nicht bei Simen bist / in dem du in deinen tumen Gedancken einen
Menschen / wie Jupiter in seinem Gehirne eine Pallas zeugest. Bildest du dir ein
Orpheus zu sein / welcher aus dem Lande der Todten verstorbene zurück holen kann?
Führet sie doch von mir weg: dass sie durch ihren Wahnwitz nicht meinen Schmertz
vergrössere. Wolte Gott! sagte Hermengarde / dass alle Wahnwitzige so viel
Kräffte hätten Betrübte zu erfreuen / als ich. Aber ich muss meiner Begierde sie
zu vergnügen / und der Frühzeit ihrer Freude was abbrechen: dass ich Tussnelden
nicht mehr schade als nütze. Denn die Hefftigkeit dieser Gemüts Regung nimt dem
Menschen alle Bewegung / hemmet ihm die Sinnen / erstecket die natürliche Wärbde
aus; ja raubet zuweilen denen / welche den Lauff ihrer Freude nicht hemmen
können / gar das Leben. Tussnelde fieng an: Ich weiss nicht / wie ich mit
Hermengarden daran bin? ob ich mit einem alberen / oder klugen Menschen rede?
Hermengarde versätzte: Es ist nicht so wohl zu sehen / von wem / als was geredet
wird. Sie lasse sich vergnügen: dass ich ihr was gutes sage / und noch was
bessers / nämlich einen andern Tumelich geben will. Wil sie denn die / welche
ihr ein so herrlich Geschencke anbeut / allererst rechtfertigen? Ach!
Hermengarde / fiel Tussnelde ein: Meinestu nicht: dass du durch ein Gemählde
meines ermordeten Sohnes mir mehr die Wunden aufreissen als verbinden werdest?
Hermengarde sagte: Ich will ihr keinen gemahleten / sondern einen lebenden
Tumelich überlieffern / wo du ihn nur verlangest. Tussnelde antwortete: Es ist
eine so grosse Torheit was unmögliches verlangen / als solches versprechen.
Hermengarde begegnete ihr: Es ist aber eine desto grössere Kunst / und bringt
so viel mehr Ehre etwas leisten / was andere für unmöglich halten. Kan man
Blumen aus ihrer Asche verjüngen / warum nicht auch Menschen? Tussnelde brach
ein: Ich höre wohl / du wilst mich durch Zauberei / oder durch Spiegel bländen.
Nein / nein! Ich mag weder von diesen Künsten was hören / noch kann ich mich mit
Schatten oder einem falschen Lichte vergnügen. Hermengarde versätzte: Sie
zweiffele doch nicht: dass ich ihr ihren wahrhaften Sohn in ihre Hände gewehren
will. Tussnelde antwortete: vielleicht seine Asche / und die Uberbleibungen
seiner verbrennten Gebeine? diese können die Stelle meines Sohnes nicht ersätzen
/ und sie werden mein Hertzeleid nur noch bitterer machen. Aber gib sie mir
doch: dass ich sie mit meinen Tränen befeuchte / in meine Schoss verwahre / oder
sie durch mein Geträncke in meinen Leib begrabe: dass kein Wütterich nicht noch
etwan sie in die Lufft oder ins Wasser schütte: Hermengarde sagte: Ich will ihr
keine Gebeine / keine Leiche / keinen Schatten / kein Bländwerck / kein Gemählde
/ kein Gespenste / sondern einen lebenden Tumelich lieffern. Hiermit ging sie
aus dem Zimmer / brachte etwas verhülltes mit sich hinein / welches nach
Hinwegnehmung des Tuches den Tumelich wahrhaftig zeugte; welcher zu Tussnelden
eilte / für ihr auf die Knie niederfiel / ihr die Hand küste und sagte: Ich lebe
/ liebste Mutter /damit sie ja meint  wegen nicht sterbe! Tussnelde /Ismene und
Zirolane erstarrten über diesem Anblicke / und wussten nicht wie ihnen geschahe.
Insonderheit vergassen an Tussnelden alle Sinnen ihres Amptes; die Augen standen
unbeweglich / ja alle Lebens-Geister hemmeten ihre Würckungen / und endlich
sanck sie ohnmächtig auf ihr Bette nieder. Also hat übermässige Freude mit
grosser Bestürtzung einerlei Würckungen. Hermengarde / welche die seltzame
Eigenschaft dieser Gemüts-Regung wohl verstand / und diesen Zufall vorgesehen /
auch destwegen so viel Vorredens vom Tumelich gemacht hatte / war schon mit
dienlichen Mitteln versehen / dadurch sie Tussneldens Ohnmacht geschwinde / und
ihr wieder zurechte halff. Denn die Freude hat in- und bald nach ihrer Geburt
die gröste Stärcke; und die Zeit schwächet und mindert sie gleichsam von einem
Augenblicke zum andern. Sie sperrete also die Augen auf / warff sie auf den für
ihr knienden Tumelich / und fieng mit einer schwachen und zitternden Stimme an:
Mein Sohn! bist du es? oder träumet es mir? In alle wege /antwortete er. Ich bin
der leibhafte Tumelich. Lebest du? oder bin ich verblendet? hob Tussnelde
abermals an. Ja / ja / sagte er / ich lebe. Sie hingegen: Wer hat dich denn dem
Tode aus den Klauen gerissen? Tumelich versätzte: Unsere allertreueste
Hermengarde. Hierüber umfasste Tussnelde ihren Sohn /und konnte sich an seinen
Küssen nicht ersättigen. Und da sonst Furcht und Traurigkeit die Leute stum;
Freude / Zorn und andere Regungen aber / welche sich mit dem Guten armen / das
Ubel aber antasten / beredsam macht / so hatte diese Ergetzligkeit Tussneldens
Zunge derogestalt gebunden; oder sie hatte sich im Küssen so verloren: dass sie
lange kein Wort aufbringen konnte. Auf ihrem Munde vermählte sich Lächeln und
Traurigkeit / in ihren Augen Anmut und Tränen / und ihr nun wieder lebendig
werdendes Hertze stiess einen Seufftzer nach dem andern aus; gleich als wenn
keine Ergetzligkeit in der Welt vollkommen sein könnte / sondern jede sich mit
Freuden anfienge oder endigte. Ismene und Zirolane blieben nichts weniger auf
einem solchen Scheide-Wege des Traurens und der Freude; daher unterliess
Hermengarde nicht sie aufzumuntern und zu ermahnen: sie möchten doch die trüben
Wolcken aus ihren Augen und Hertzen vertreiben. Man müste eine fröliche Stunde
mitnehmen /und das Unglück zuweilen mit dessen Vergessung oder mit denen sich
zeigenden Sonnen-Blicken verzuckern. Wäre ihre itzige Freude gleich unvollkommen
/ indem sie noch in ihrer Gefangenschaft bestrickt wären; so müste man doch
hoffen: dass GOtt /welcher dem Tumelich die Schlösser des Todes zerbrochen hätte
/ noch leichter die Fessel der Dienstbarkeit zerwürgen könnte. Die Sonne wäre
nicht frei von Flecken und Finsternüs / und dennoch die nützlichste und
behäglichste Sache der Welt: also müste die noch übrig gebliebene Düsternheit
die Vergnügung ihrer Freude nicht entziehen. Denn diese wäre das Licht alles
andern guten; und wenn man alle Freude vom Leben wegnehme / würde nichts als
Schrecken und Verwirrung übrig bleiben. Unser Leben würde ein unaufhörlicher
Lauff des bösen / nicht der Jahre / unsere Sinnen Pforten des Schmertzens /
keiner Erkäntnüs /ja die Wissenschaft selbst eine Anfechtung der Gemüter / und
die Tugend eine beschwerliche Dienstbarkeit sein. Also möchten sie doch ihrem
Hertzen durch eine kleine Freudigkeit die benötigte Stärckung beibringen /
sonder welche die Seele kranck /alles gute ohne Licht und Wert wäre. Hierüber
erholete sich endlich Tussnelde: dass sie von ihrem Sohne abliess / Hermengarden
umarmte / und nach etlichen Küssen und Ausdrückungen ihrer Verbindligkeit /dass
sie durch Wiedergebung ihres Sohnes ihr zugleich das Leben geschenckt hätte /
bat: sie möchte ihr doch das Wunderwerck / wie sie ihren zerfleischten und
verbreñten Sohn wieder lebendig gemacht hätte / entdecken? Sie hätte allemahl
für Getichte gehalten: dass der in einer Schlacht gebliebene Eris Pamphilius nach
zehn Tagen / als man ihn auf einen Holtzstoss gelegt / und das Weib / von welchem
Heraclides Ponticus ein absonderlich Buch geschrieben /nach dreissig Tagen / wie
auch Aristäus und Telpesius sollten lebendig worden sein. Nachdem aber ihr zu
Asche gebrennter Sohn wieder lebte / würde sie andere Gedancken fassen müssen.
Hermengarden flossen bei dieser Frage die Tränen häuffig aus den Augen / und
sie sagte: Es hätte mit Tumelichen eine ganz andere Bewandnüs. Es wäre ihr
aber seine Errettung fast leichter gewest / als ihr jetzt dessen Erzehlung fallen
dörffte. Gleichwol aber wollte sie sich mühen ihnen hiervon nichts zu
verschweigen. Sie hätte zwar alle Mittel in der Welt versucht den jungen
Tumelich aus den Händen des Apronius zu spielen; nach dem aber alles vergebene
Arbeit gewest wäre /hätte sie den Bau des Drusischen Heiligtums betrachtet /
und befunden: dass das Altar hol und gewölbet wäre / und darinnen etliche
Opffer-Geschirre verwahret würden. Diese Beschaffenheit schien mir eine beqveme
Gelegenheit zu sein einen grossen Menschen / noch vielmehr aber einen Knaben
darunter zu verstecken / welcher bei der Opfferung mit dem Tumelich leicht
könnte verwechselt werden. Dessen Einrichtung aber schien ein Werck von grosser
Schwerigkeit zu sein. Ich verfügte mich also zum Fürsten Siegemund / welchen ich
in einer halben Raserei und in noch beständigem Vorsatze antraf sich bei dem
Altare des Drusus selbst zu opffern. Ich hielt ihm aber ein: dass sich zwar Gift
mit Giffte heilen / aber das Laster der Grausamkeit sich durch das der
Kleinmütigkeit nicht auswetzen liesse. Sich selbst aber hinrichten wäre die
gröste und schändlichste Zagheit in der Welt. Wenn er mir aber an der Hand
stehen wollte /traute ich dem Tumelich das Leben / ihn aber frei von beiden
Lastern zu erhalten. Siegemund umhalsete mich und versprach mir in allem zu
folgen / und mir zur Danckbarkeit die Botmässigkeit über sein ganzes Leben
einzuräumen. Hierauf sagte ich ihm: dass ein ander Knabe / den ich ihm schon
liefern wollte / unter dem Altare versteckt / und mit dem Tumelich verwechselt
werden könnte. Er sollte sich nur um einen getreuen Menschen bekümmern / der den
andern Knaben dahin ins geheim brächte. Siegemund fieng an zu wancken / und
sagte: Er könnte so wenig eines andern unschuldigen Kindes / als Tumelichs
Mörder sein. Ich aber hielt ihm ein: dass nicht alle Tödtungen unrecht wären;
denn sonst würde er auch im Kriege nicht haben den Degen zücken können.
Siegemund antwortete: Es liesse sich von offenbaren und sich wehrenden Feinden
auf unschuldige Kinder keinen Schluss machen. Ich versätzte: dieser Knabe den ich
ihm verschaffen wollte / würde für den Tumelich willig sterben; was einer aber
mit Willen litte / wäre kein ihm angetanes Unrecht. Siegesmund brach mir ein:
Unmündige Kinder hätten keine Gewalt über ihr Vermögen / weniger über ihr Leben;
ja auch gar kein erwachsener Mensch kann sein Leben jemanden verpfänden / weniger
ihm selbst nehmen. Ich sätzte ihm aber entgegen: dass diss in alle wege für das
Heil des Vaterlandes zu tun nicht nur zulässlich / sondern rühmlich wäre. Was
könnte er aber Deutschlande nützlichers tun / als wenn er den jungen Tumelich
eines so grossen Fürsten Sohn / eine so grosse Hoffnung des Vaterlandes durch
seinen Tod erhielte? Wordurch ich denn endlich mit grosser Not Siegemunden zur
Einwilligung brachte; welcher aber keinem Menschen als mir die Versteckung eines
andern Knabens unter das Altar anvertrauen wollte. Damit auch solches desto
sicherer geschehen könnte / liess er um den Fuss des Altares einen steinernen
Umschrott / und für die Höle eine eiserne etwas durchbrochene Türe machen. Um
Mitternacht vorher verfügte ich mich in Gestalt eines weissen Gespenstes / zu
welchem Scheine ich denn eine glüende Kohle zwischen die Zähne nam / mit dem zum
Opffer wahrhaftig erkieseten / und zwar nach der Gewohnheit bekleideten / aber
mit einem weissen Tuche verhüllten Knaben dahin / schloss ihn in die Höle des
Altares ein / gab dem Fürsten Siegemund den Schlüssel und alle Nachricht;
welcher ihn hernach heraus nam / und statt des darunter versteckten Tumelichs
opfferte. Ich aber habe umb Mitternacht dieses edle Opffer aus seinem Kercker
erlöset /und niemanden sicherer als seiner Mutter einzuliefern gewüst. Hilf
Himmel! fieng Tussnelde an zu ruffen; wer kann in der Welt sich an Treue und
Klugheit Hermengarden gleich achten! Aber wer ist dieser aufgeopfferte Knabe
gewest / und wer hat ihn beredet: dass er ohne Widersätzligkeit sich dem
grausamen Opffer-Veile unterworffen? diese Frage ging Hermengarden durchs
Hertze: dass sie aufs neue eine heftige Wehmut überfiel. Nach vielen Seufftzern
und Tränen fieng sie an: Ich weiss nicht / ob ich es sagen darf / und wie ich es
gegen meinen Ehmann dem Grafen von Hanau verantworten werde: dass ich seinen und
meinen Sohn / welchen ich durch einen getreuen Catten zu dem Ende hieher
beruffen / dem Drusus habe abschlachten lassen. Alle Anwesenden erblassten über
dieser Zeitung. Tussnelde aber fieng an: O grausame / oder vielmehr unsinnige
Mutter! welch Tyger /welche Schlange tödtet / was sie selber geboren /ausser dem
ungeheuren Crocodil / der ein Teil seiner Jungen frisst? Welche Liebe ist über
Mutter-Liebe? Welche Grausamkeit aber über deine? O unglücklicher Tumelich! dass
dich zu erhalten eine so edle und tugendhafte Mutter zur Kinder-Mörderin werden
müssen! O unbarmhertziger Siegesmund! wie hast du deine Hände in so unschuldigem
Blute waschen können? O grausames Verhängnüs! wie dass du denn mir alle
Glückseeligkeiten gleichsam nur im Traume zeigest / und sie geschwinder als
einen Schatten verschwinden lässt? Wie sehr hast du mir schon die Errettung
meines Sohnes durch den Verlust seines unschätzbaren Lösegeldes verbittert! Als
Hermengarde Tussnelden also wehklagen hörte / verhärtete sie ihr Hertze /
entschüttete sich aller Empfindligkeit / und fieng an: Sie irret / holdseelige
Tussnelde! denn wie hätte meines Sohnes Blut und Leben köstlicher / als für
Deutschlandes künftiges Heil angewehret werden können? Viel Mütter hätten zu
Cartago ihre Kinder /Misa der Moabiter König seinen Sohn bei sich ereignender
Not geopffert; da sie doch nicht gewüst: ob ihre abergläubische Andacht sie das
geringste helffen würde. Ihr Sohn aber wäre versichert gewest: dass sein Tod den
jungen Fürsten Tumelich dem Vaterlande zum besten erhalten würde. Diesemnach er
auch ohne einiges Bedencken und mit Freuden dieses Glücke zu sterben annam / und
mir danckte: dass ich an seiner Hertzhaftigkeit nicht gezweiffelt hätte. Ismene
fiel ein: O der unvergleichlichen Tugend dieses Knaben! welcher in seiner
Kindheit sich zum grösten Helden der Welt gemacht hat! Cartago rühme nicht mehr
seine sich in Sand lebendig begrabende Philenen! Syracuse schweige vom Damon und
Pytias / derer einer sich für den andern zum Blutbürgen dem grimmigen Dionysius
stellte. Denn dieser war der Freundschaft seines Gefärten: dass er ihn nicht
würde im Stiche lassen / allzu wohl versichert; aber Hermengardens Sohn hat für
den Tumelich sich unmittelbar dem gewissen Tode gewiedmet. Auch der für andere
sterbende Alcestis / Admetus und Eumelus Pharaus haben sich mit diesem jungen
Hanau nicht auf die Wagschale zu legen. Unsere Nachkommen werden diesen für
einen Halb-Gott zu verehren mehr Ursach haben / als die Eleer das Kind / welches
sich an der Spitze ihres Heeres in einen Drachen verwandelt / und der Arcadier
Heer in die Flucht gejagt haben soll. Tussnelde umarmte Hermengarden aufs neue
und küssete sie unzehliche mahl / weil ihr alle Worte viel zu leichte waren ihre
Liebe und Danckbarkeit auszudrücken. Hermengarde aber sagte; Tussnelde möchte
doch gegen ihr wegen Abstattung ihrer Pflicht sich nicht so tief erniedrigen /
weil Untertanen ja ihr eigen Blut /also auch ihre Kinder ihren Fürsten und dem
Vaterlande zu opffern schuldig: ja nicht gemeiner wäre / als dass Menschen beides
ihrer Ehrsucht oder einer geilen Uppigkeit halber verschwendeten. Es wäre
vielmehr hohe Zeit vor zu sinnen / auf was Weise Tumelich aus fernerer Gefahr
gerissen / und ihr lobwürdiger Betrug nicht dem blutdürstigen Tiberius verraten
werden möchte. Tussnelde sagte: Sie vertraute ihren Sohn in die Hände
Hermengardens / an welchem numehr eine so viel als die andere recht hätte. Ihre
Treue und Klugheit würde den / welchen sie vom Tode errettet / auch vollends aus
den Händen der Römer zu spielen wissen. Sie gelobete aber: wenn ihr GOtt und das
Glücke wieder die Freiheit gönnte / dem jungen Hanau bei dem Tanfanischen
Heiligtum ein köstlicher Gedächtnüs-Mahl / als welches dem Drusus aufgerichtet
wäre / wiewol selbtes / wenn uns diese seltzame Geschichte zu offenbaren ratsam
sein wird /mehr von diesem Knaben / als dem Drusus reden würde. Hermengarde
verkleidete den jungen Tumelich in ein Mägdichen; und nach dem ihn seine Mutter
noch hundert mahl geküsst hatte / nahmen sie wiewol einen wässrichten Abschied.
Kurtz darauf fand sich Agrippine ein; welche kaum begreiffen konnte / wie
Tussnelde ihr grosses Hertzeleid entweder so verbergen / oder mit
Hertzhaftigkeit vertragen könnte. Nach vielen beweglichen Beteuerungen aber
brachte sie ihnen zu Troste einen Brieff vom Germanicus herfür /darinnen er sie
dem Käyser geschrieben zu haben versicherte: dass / dafern Tiberius Gallien und
Rhetien nicht in euserste Gefahr setzen wollte /: könnte er vom Rheine nicht ehe /
als biss mit den Deutschen ein Friede gemacht / oder der Krieg in bessern Stand
gesätzt /sein Nachfolger auch von vielen Geheimnüssen unterrichtet wäre / sich
entfernen. Syllanus verstünde die Morgen-ländischen Sachen auch besser / als er
sie in etlichen Jahren lernen würde. Hingegen würde Drusus / den er gerne zum
Gefärten haben wollte / in Deutschland auch guter Anweisung von nöten haben.
Denn wenn man mit den Deutschen in gleichem Felde zu tun hätte / könnte man noch
wohl mit ihnen zurechte kommen. Aber sie wüsten sich ihrer Wälder und Sümpffe so
wohl als des kurtzen Sommers und frühen Winters zu bedienen. Die Römer würden von
ihnen mehr durch verdrehtes hin- und herziehen abgemattet / als ihnen durch
Treffen Abbruch geschehe. Man müste wider diesen Feind so wohl andere Waffen /
als Krieges-Künste gebrauchen. Endlich hätte er auch dem Käyser geraten: er
möchte doch wegen Abgang des alten Kriegs-Volckes die Römischen Gefangenen gegen
das deutsche Frauenzimmer /welches denen Römern nichts schaden könnte / und er
sich im Sieges-Gepränge zu führen schämte / auswechseln lassen.
    Mitler Zeit gab Siegesmund zum Scheine / Flavius aber wahrhaftig seine
Empfindligkeit über dem grausamen Opffer so viel freier zu verstehen; weil fast
niemand unter den Römern war / der selbtes nicht unbilligte / und das zum
Aberglauben geneigte Volck sich mit allerhand Zeitungen trug: dass der
Schutz-Geist selbigen Ortes durch das versprjetzte Blut aufrührisch gemacht / und
von vielen Gespenstern das Drusische Altar beunruhiget worden wäre. Flavius liess
es auch darbei nicht bewenden; sondern er schrieb nicht alleine destwegen an
Germanicus / an Hertzog Melo und Ganasch: dass sie solches anten /uñ durch ihre
Empfindligkeit mehrer Grausamkeit der Römer gegen die Deutschen vorbeugen
sollten. Als Hermengarde von dieser guten Meinung des Flavius versichert ward /
entdeckte sie ihm die Erhaltung des Tumelichs; lieferte ihm auch selbten / nach
dem Flavius vorher geschworen hatte ihn in Freiheit zu bringen / zu seiner
grossen Freude in seine Hände; weil sie ihn beim Siegesmund / auf dessen Tun
die missträulichen Römer eine genaue Aufsicht hatten / nicht traute. Flavius / um
den Tumelich in Sicherheit zu sätzen / kauffte von den Römern eine Anzahl
Cattischer Knaben und Mägdichen / welche sie bei des Domitius Einfalle
mitgenommen hatten / mit dem Vorgeben einen Römischen Hauptmann / welcher mit
ihm in Africa gewest und auf dem Taunischen Gebürge gefangen worden war / mit
diesen zu lösen. Er schickte zu dieser Behandlung unter erlangtem sicheren
Geleite den Ritter Gudeweg zum Rhein-Grafen /welcher in dem Altare des Bacchus
wegen des Feldherrn Stadtalter war; diesem liess er das Geheimnüs vom jungen
Tumelich vertrauen. Daher denn auch durch seine Vermittelung der verlangte
Römische Hauptmann von Catten los gelassen und dem Gudeweg ausgeliefert ward.
Dieser hingegen brachte die behandelten Kinder und darunter den Tumelich dem
Rhein-Grafen; dieser aber ihn dem Feldherrn zu; welcher seit erlangter Zeitung:
dass sein Sohn zu Mäyntz sollte geopffert werden / und nun / dass es geschehen wäre
/ feste glaubte / wütete / tobte / und die ganze Nord-Welt wider die grausamen
Römer in Harnisch zu bringen sich bearbeitete. Als der Rhein-Grafe nun für den
Feldherrn kam / rechtfertigte er ihn nicht ohne Entrüstung: warum er sich
unterstanden hätte / ohne sein Vorwissen die ihm anvertraute Festung zu
verlassen? sagte er ihm: Sie wäre unter des Ritters Ingelsheim Aufsicht in guter
Sicherheit; er aber brächte dem Feldherrn ein so unschätzbares Geschencke /
welches er keinem andern Menschen hätte vertrauen können; übergab ihm auch noch
selbigen Abend ins geheim in einem dazu erwehlten Jäger-Hause den jungen
Tumelich. Weil er diesen nun gewiss für todt gehalten hatte / ist unschwer zu
ermässen: ob er ihn mit viel schwächerer Gemüts-Regung als Tussnelde
bewillkommt habe. Ihn vergnügte hierbei auch nicht wenig: dass gleichwol seines
Brudern Flavius Gemüte nicht so gar arg / als er ihm eingebildet hatte / müste
vergället sein. Damit er nun bei den Römern nicht in Verdacht käme / hielt der
Feldherr auf des Rhein-Grafen Gutbefinden für ratsam / diesen wieder gefundenen
Schatz auch noch eine zeitlang für den Cheruskern zu verbergen; wiewol er seine
hertzliche Freude so wenig verstellen konnte: dass der Cheruskische Hof die
Ursache seiner so geschwinden Veränderung nicht ergründen / noch von dem
Rhein-Grafen erfahren konnte. Nach dem aber der Rhein-Grafe vierzehn Tage weg war
/ brachte der Feldherr seinen Sohn unvermutet aus der Bildnüs ins Licht /
vorgebende: dass GOtt ihn so wundersam und warhafter aus den Klauen der Römer /
als Diana Iphigenien aus den Händen und vom Messer des Calchas errettet; und wie
diesem eine Hindin / also jenem einen andern Knaben untergesteckt hätte. Die
Cherusker wurden hierüber nicht nur hertzlich erfreuet / sondern hielten auch
den Feldherrn viel höher als vorhin / und für einen Helden /welchem GOtt zu
Liebe so grosse Wunderwercke ausrichtete. Weil er nun nicht nur / was wahr war /
fürgab; nämlich: dass GOtt wunderbar seinen Tumelich erhalten und wieder
geschenckt hätte / konnte ihm kein Missbrauch des Glaubens von GOtt beigemässen
werden / indem sich die Art seiner Erlösung nicht ohne Nachteil entdecken liess
/ die Verschweigung der Geheimnisse auch kein Verbrechen ist. Daher man
schlechterdings nicht sagen kann: dass kein Fürst Andacht und Gottesdienst zu
einem nützlichen Werckzeuge seiner Herrschaft gebrauchen könne / wenn man nur
nicht dem Gottesdienste oder GOtt selbst einen Firnis von Lügen antichtet / mit
dem Numa /Sartorius und Marius sich geheimer Gespräche mit den Göttern rühmet /
mit dem Attalus und dem Chaldeischen Priester Sudin in die Eingeweide des zum
Opffer bestimmten Ochsen eine falsche Schrifft / welche dem Könige Sieg
andeutete / verstecket; mit dem Könige der Serer Fohy das albere Volck
überredet: dass er seine Stern- und Glücks-Taffeln von dem gestirnten Rücken
eines aus dem Wasser steigenden Drachens / welchen die Serer für das Zeichen des
Glückes halten / abgebildet / und mit dem Könige Ein: dass ihm / als er geopffert
hätte / ein göttlich Bild und damit die Herrschaft des Serischen Reiches vom
Himmel durch den Geist des Fohy überantwortet worden wäre. Denn ob zwar das
abergläubische Volck durch solche über die Natur und die Vernunft lauffende
Bländungen eine zeitlang im Gehorsam gehalten / und zu allem / was man will /
verleitet werden kann /so beleidiget man doch dadurch GOtt; man tut dem wahren
Gottesdienste dardurch Abbruch; und verursacht: dass / wenn die Falschheit
verraten wird / die Menschen keinen Gott glauben; also auch keinen Fürsten mehr
fürchten. Die Zeitung von dem lebendig gewordenen Tumelich breitete sich durch
ganz Deutschland aus / und kam eben nach Mäyntz / als auch von Rom geschrieben
ward: dass sich auf dem Eylande Planasia die Asche des auf des Tiberius Befehl
ermordeten Agrippa aus dem Grabe verloren /und er selbst sich lebendig in der
Hetrurischen Stadt Cosa / und in Gallien an vielen Orten gewiesen und erzählt
hätte: wie wunderbar er durch Hülffe der Götter erhalten worden wäre. Beides
ward anfangs von den Klügern als ein eiteles Geschrei verachtet; es lieffen aber
aus beiden Orten ie länger je mehr von Leuten / welche so wohl den Tumelich
gesehen hatten / umständliche Nachrichten ein. Ja endlich schrieb man von Rom:
dass Agrippa zwar anfangs sich aus Furcht für dem Tiberius von einem Orte zum
andern heimlich fortgespielet / und nur des Nachtes sich sehen lassen hätte;
nach dem er aber von dem neubegierigen Volcke einen so grossen Anhang bekommen /
wäre er mit einer unglaublichen Menge Volckes zu Ostia eingezogen / und stünde
Tiberius in grossen Sorgen: dass er sich gar nach Rom / wo schon viel heimliche
Zusammenkunften gehalten / und vom Pöfel die Frage auf die Bahn gebracht würde:
ob nicht Agrippa / als der wahre Enckel des Käysers August /näher als der
Stief-Sohn / zum Reiche gehörte? Wie sich denn auch diese Zeitung in Wahrheit
also verhielt: dass Tiberius in grossen Kummer geriet: ob er dieses Agrippa sich
mit Gewalt bemächtigen; oder /weil er ihn für einen Betrüger und für einen
verwegenen Knecht des Agrippä Nahmens Clemens hielt / die eitele
Leichtgläubigkeit des Volckes mit der Zeit der Mutter der Warheit verschwinden
lassen sollte. Endlich übergab er das Werck dem Salustius Crispus solchem nach
seinem Gutbedüncken abzuhelffen; welcher zwei vertraute Kriegs-Leute nach Ostia
schickte / die ihm Geld gaben / ihm ihre Treue und Hülffe wider den sich mit
Gewalt eindringenden Tiberius anboten / und unter der Versicherung: dass viel
Ratsherren nach ihm seufftzeten / ihn sich nach Rom zu wagen beredeten. So bald
sie ihn aber dahin brachten / stopfften sie mit Hülffe etlicher bestellten
Gehülffen ihm einen Schwamm in Mund / dass er nicht schreien konnte; und
schleppten ihn nach Hofe. Als ihn Tiberius nun fragte: Ob er nicht Agrippens
Knecht Clemens wäre? antwortete er freimütig: ja. Tiberius fragte ferner: wie
er denn Agrippa worden wäre? sagte er lachende: wie du Käyser; nämlich durch
List und Betrug. Tiberius liess ihn hernach foltern; aber es war ihm kein
Bekäntnüs auszumartern: dass jemand mit ihm unter der Decke läge. Auf keinen
Ratsherrn oder Ritter / derer viel doch angegeben wurden / als wenn sie ihm
heimlich mit Rat und Gelde beigestanden hätten / wollte Tiberius ihn befragen
lassen; noch auch hatte er das Hertze ihn offentlich zu straffen / sondern er
liess ihn in einem Winckel erwürgen / und den Leib mit angehencktem Blei in die
Tiber werffen. Tiberius berichtete seine Hinrichtung dem Germanicus als eine
sehr vergnügliche Zeitung / und weil in der halben Welt des Tumelichs Leben als
ein grosses Wunderwerck ausgebreitet ward / erinnerte er ihn: er sollte sich
solches in nichts irre machen lassen. Denn der Knabe / welchen Herrmann
vielleicht seiner Aehnligkeit halber für seinen Sohn ausgäbe / damit man
vielleicht so viel weniger Anlass nehmen dörffte / mit Tödtung seines neulich
gebohrnen Sohnes seinen Stamm zu vertilgen / würde zweiffelsfrei nicht besser
sein Tumelich / als Clemens Agrippa sein. Weil er aber besorgte: dass wegen des
gerühmten Wunderwerckes nicht nur viel deutsche Völcker dem Herrmann /als einem
GOtt sonderlich lieben Fürsten / aus Aberglauben beifallen / sondern auch die
Römer selbst gegen ihn zu fechten kleinmütig werden dörfften /hielt er es nicht
für ratsam den Germanicus so bald aus Deutschland abzufordern / sondern
verstattete ihm aus dieser einigen Ursache / wiewol unter dem Vorwand: dass er
seiner Bitte nach ihn seine Siege vollends wollte ausmachen lassen / noch einen
Feldzug. Demnach auch Germanicus nach Rom berichtet hatte: dass alle mit den
Römern verbundene deutsche Fürsten über Tumelichs Hinrichtung so grossen
Unwillen blicken liessen / schrieb er ihm: er sollte dieses Geschrei zum
Vorteile und Mittel ihrer Besänftigung gebrauchen / und nunmehr fürgeben: dass
man die Cherusker wegen Aufopfferung so vieler gefangenen Römer nach des Varus
Niederlage / durch angedrohete Abschlachtung des Tumelichs nur ein wenig hätte
schrecken wollen; und dass man selbst mit Fleisse einen gemeinen Knaben statt des
Tumelichs geopffert hätte. Wormit denn zugleich das gerühmte Wunderwerck einen
mercklichen Stoss bekommen /und vieler Aberglauben verschwinden würde. Tiberius
übersendete auch an Flavius / Melo / Ganasch /Malorich und Bojocaln güldene
Kronen / Hals-Bänder / Purper-Mäntel / helffenbeinerne Stüle und andere bei den
Römern hochgeschätzte / wenig aber austragende Geschencke / um durch solche
Bländwercke sie auf der Römischen Seite zu erhalten. Hingegen sätzte der
Feldherr Herrmann sich auch in gute Verfassung / brachte auch beim Melo /
Ganasch / Malorich und Bojocaln zuwege: dass sie den Römern keine / oder wenn sie
es ja tun müsten / weil sie ihnen mit ihrer Macht zu sehr auf den Hals kämen /
eine sehr kaltsinnige Hülffe zu leisten / auch ausser höchstdringenden Not
keinen Durchzug zu verstatten geheime Vertröstung taten. Damit nun der Krieg
dieses Jahr von denen deutschen Bund-Genossen mit so vielmehr Eintracht und
Vorsicht geführet würde / hielt der Feldherr von nöten: dass sie an einem
gelegenen Orte möchten zusammen kommen um mit einander abzureden / wie bei ein
oder anderm Einfalle sie einander beispringen möchte. Sintemal an diesem
Feldzuge der deutschen Freiheit oder Dienstbarkeit zu hängen schien / indem
Germanicus nicht nur sodenn gewiss aus Deutschland würde Abschied nehmen / und
dem unerfahrnen Drusus die Stelle räumen müssen / sondern er auch für dissmahl
die letzten und eusersten Kräfften zusammen züge / nach derer glücklichen
Abtreibung Deutschland den Sieges-Krantz der unversehrlichen Freiheit und ihrer
allen andern Völckern obliegenden Tapfferkeit erstreiten würde. Es ward hierzu
die für fünff Jahren den Römern abgenommene Cattenburg erkieset / und fanden
sich auf bestimmten Tag nicht nur der Feldherr / Hertzog Ingviomer /Arpus /
Jubil / Catumer / Marcomir und Malovend ein; sondern es sollten auch die
Cattische Hertzogin /die Fürstin Catta / und viel vornehmes Frauenzimmer dahin
folgen; weil Hertzog Arpus bei einer so ansehlichen Versammlung seine Tochter an
den Hertzog Jubil vermählen wollte. Bei der Zusammenkunft riet der Feldherr
alsbald: man sollte dissmahl seine euserste Kräfften angreiffen / und darmit dem
Kriege auf einmal ein Ende machen. Denn schläffrige Anstalt mehrte nur die
Gefahr und Unkosten / liesse dem Feinde Lufft sich zu verstärcken und
einzurichten. Auch kriegte ein verzagter Feind darbei ein Hertze; und je grösser
eine langsame Macht wäre / je mehr verspielte sie von ihrem Ansehen.
Insonderheit sollten sie nicht den Ansprung versäumen / und weil die Deutschen
ohne diss der Kälte und harten Wetters mehr / als die Römer und Gallier gewohnt
wären /würde ihnen nicht weniger zum Vorteil als Ruhme dienen / wenn sie am
ersten im Felde stünden / und den Feind antasteten / sich aber nicht suchen und
angreiffen liessen. Der listige Feind könnte sie sodenn nicht verführen / und
sich stellen: ob er dar oder dort einbrechen wollte / noch ihnen / ehe sie ins
Gewehre kämen / Schaden tun / weil er seinem eigenen Feuer vorher zulauffen
müste. Hertzog Arpus war eben dieser Meinung / und sagte: die Catten würden den
Verlust ihres zwischen dem Rheine und der Eder verbrennten Landes in vielen
Jahren nicht verwinden und den Irrtum bissen: dass sie den Feind im eigenen
Lande erwartet hätten / der nirgends schwächer wäre /als in seinem eigenen. Wenn
auch ein Heer nicht in des Feindes Lande stünde / müste es sein eigenes
verheeren; und / wenn es nicht durch frembde Leute aufgefrischt würde / verliere
es alle Lust und Lebhaftigkeit. Kein Land wäre so vermögend Feind und Freund
lange zu unterhalten; daher wüchsen die Unkosten /die Mittel nähmen ab / und die
Gefahr würde immer grösser. Alle andere stimmeten dieser Meinung bei /nur
Malovend nicht; welcher einwarff: die Römer wären niemahls stärcker gewest / als
sie diss Jahr aufziehen würden. Germanicus hätte fast alle Kräfften aus dem
Römischen Europa zusammen gezogen. Mit einem stärckeren Feinde aber wäre es
ratsamer in seinem eigenen Lande zu kriegen / wo ihm alle Gelegenheit bekandt /
alle Leute geneigt wären. Insonderheit dienten ihnen Deutschlandes Flüsse /
Sümpffe und Wälder zu besonderm Vorteile / da sie in dem ausgehauenen Gallien
leicht von der grossen Macht umringet / und durch den besätzten Rhein
abgeschnitten werden könten. Deutschland wäre gegen dem Rheine ohne diss so
verderbt und ausgesogen: dass der Feind darinnen wenig mehr Schaden tun / und
ihm alle Lebens-Mittel würde müssen nachführen lassen. Uber diss würde man die
Römer durch einen Einfall in Gallien so erbittern: dass man mit diesem
unüberwindlichen Volcke in ewigen Krieg verfallen würde; und die Nachbarn /
besonders Marbod / würde ihnen beimässen: dass sie als unruhige Leute ihnen
Dienstbarkeit und Verderb selbst auf den Hals gezogen hätten. Ingviomer brach
ein: Er wunderte sich / wie Malovend auf diese Gedancken käme / da niemand ärger
als seine Marsen erfahren hätten: wie schädlich es sei den Feind und eine
Schlange in seinem eigenen Buseme beherbergen. Es wäre ein so verderblich als
furchtsamer Rat seinen Feind nicht erzürnen / und /seiner Einbildung nach /
unversöhnlich machen wollen. Es wäre ja was unverträgliches: dass man einem mit
der einen Hand Feuer auf den Hals würffe / mit der andern ihm Wasser zum leschen
zulangte / mit dem einen Auge ihn durchstechen wollte / mit dem andern ihn
liebkosete. Sintemahl kein Feind diese Begegnung für Wolwollen / sondern für
Zagheit und Aberwitz aufnehmen würde. Ein schon einmal,iger Feind würde durch
keine Woltat / sondern nur durch seine Entwaffnung und wenn man ihn in den
Stand gesätzt hätte: dass er nicht mehr schaden könnte / versöhnet. Die Deutschen
hätten / seinem Bedüncken nach / in nichts anderm verstossen / als dass sie den
Römern gewiesen hätten: sie könten zwar ihnen schaden / aber sie wollten nicht.
Denn hiermit hätten sie ihnen diesen schlauen Feind selbst auf den Hals gezogen.
Nunmehr aber wäre es Zeit die Verteidigung in eine Beleidigung zu verwandeln /
und dadurch den Feind ihm vom Leibe zu halten. Der Krieg wäre eine Art des
Feuers; wer es lange in seinen Händen behielte / verbrennte sich nur selbst. Ein
einmal ausgezogener Degen würde mit Schamröte eingesteckt / der nicht mit dem
Blute der Feinde rechtschaffen gefärbt wäre; er verletzte unsere eigene Ehre /
oder den Feind. Bei so hertzhafter Entschlüssung würden dem Feind alle Striche
seiner Krieges-Anstalten verzogen werden / der halb Gallien über einer mächtigen
Schiffs-Flotte arbeiten liesse / um darmit recht in die Eingeweide des innern
Deutschlandes einzubrechen / wo es ihm an Unterhalte nicht mangeln könnte. Die
Friesen /Chauzen und Sicambrer stünden jetzt gleichsam auf dem Scheide-Wege; und
würden sich auf dessen Seite schlagen / welcher den andern angreiffen würde /
und daher für den stärcksten gehalten würde. Also ward endlich der Schluss
gemacht; Ingviomer sollte mit dem Malovend der Römer Festung / welche sie an dem
sich mit der Lippe vereinbarten Rheine gebaut hätten / und die ihnen allezeit
zur Entkommung diente / belägern / Arpus / Jubil und Catumer / so bald
Germanicus seine Macht hinunter züge / bei dem Altare des Bacchus über den Rhein
gehen / der Feldherr aber / so bald er des Rückens sich versichert / wollte bei
denen Menapiern und Eburonen einbrechen. Jeder erteilte diesen Schluss zu
vollziehen Befehl / und Hertzog Arpus machte zu Hertzog Jubils und der Fürstin
Catta Beilager Anstalt / welche eben selbige Tag mit ihrer Mutter / und vielem
andern Frauenzimer auf dem Schloss Neidenstein ankam. Daselbst hatte Hertzog
Arpus eine grosse Jagt angestellt / zu welcher er alle anwesende Fürste lud. Auf
den Morgen sass alles noch für Tage zu Pferde. Wie ihnen nun die erste Stallung
geöffnet war / begegneten ihnen eine grosse Menge Satyren / Fauen und
dergleichen Wald-Götter / welche mit vielerlei Flöten / Schalmeien und Pfeiffen
die vornehmsten Gäste bewillkommten. Diesen folgten etliche hundert grün
gekleidete Jäger / welche mit ihren Hörnern ein solch Getöne machten: dass
gleichsam das Gebürge sich davon erschütterte. Hinter diesen wurden etliche
hundert Hirsche hergejagt; nach denen das Fräulein von Nassau in Gestalt der
Britomartys / welche so wohl die Fisch- als Jäger-Netze erfunden haben soll /
vier und zwantzig in grüne Seide gekleidete / mit Jäger Spiessen / Bogen und
Pfeilen ausgerüstete Jungfrauen führete. Sie ritten alle auf zahmen Hindinnen;
die Fürstin Catta aber war wie die Diana überaus prächtig angetan / und ward
auf einem güldenen Wagen von vier schneeweissen Hindinnen geführt. Auf der
Stirne hatte sie einen gesichelten über und über mit Diamanten schimmernden
Mohnden; An der Seite einen güldenen Köcher / auf der Achsel einen solchen Bogen
/ in der rechten Hand einen Jäger-Spiess. Hinter dem Wagen folgten sechzig
Jungfrauen zu Pferde / welche alle wie Wasser-Nymphen gebildet waren; weil Diana
auch eine Vorsteherin der Wässer sein soll; und hierauf die Fürstin Adelmunde /
welche auf einem silbernen von vier Perlen-farbenen Pferden gezogenem Wagen /
weil die Pferde vielleicht dem Neptun gewiedmet sind / die unweit davon
flüssende Fulde vorbildete. Der Wagen hatte die Gestalt eines Ochsen; sonder
Zweiffel / weil der Fluss Achelous / als er wider den Hercules wegen Deianirens
kämpffen sollen / in solcher Gestalt erschienen. Sie hatte ein blaues mit vielen
Perlen gestücktes Gewand / und auf ihrem Haupte zwei mit Edelgesteinen
umflochtene Ochsen-Hörner; weil die Flüsse das Erdreich gleichsam wie die Ochsen
durchwiehlen / und daher die Bilder der Flüsse entweder selbst wie Ochsen / oder
in Männer-Frauen- und Knaben-Gestalt wie Bacchus mit Ochsen-Hörnern gemahlet
werden. Denn weil man die ewigen Flüsse für was göttliches hält / ihre Häupter
anbetet / die Hörner aber als Merckmaale grosser Kräffte den Göttern /und zwar
dem Pan Bockdem Jupiter Wieder-Hörner zueignet / hat es dem Altertume auch
gefallen die Flüsse nicht anders aufzuputzen. Zuletzte kam eine Menge
Auer-Ochsen / Hirsche / Füchse / Rehe /Hasen / und andere Tiere durch einander
/ und nach ihnen eine Anzahl gewaffneter Corybanten / und mit Tännen-Laube
gekräntzter Priester; welche mit ihren Kessel-Paucken und Drommeln ein grosses
Getöne erregten. Auf einem bundten mit vier Löwen bespanntem Wagen folgte die
Gemahlin des Hertzogs Arpus /in Gestalt Cybelens der Mutter des Apollo und
Dianens / wie auch anderer Götter und Tiere. Sie hatte einen bundten Rock an /
einen Krantz von Türmen auf / in der einen Hand einen Zepter / in der andern
einen Schlüssel. Uber diesem prächtigen Aufzuge wurden nicht nur die frembden
Gäste / sondern auch Hertzog Jubil / welcher nichts von so geschwinder Ankunft
/ weniger von so zierlichem Aufzuge das geringste wusste / höchst vergnüget.
Insonderheit zohe die holdseelige Fürstin Catta eben so sehr aller Augen an sich
/ und erweckte in allen Gemütern eine solche Freudigkeit / als das Bild der
Pellenensischen Diana sein Antlitz von jedermann abwendete / die Bäume der
Früchte beraubte / und sie unfruchtbar / die Menschen aber wahnsinnig machte.
Nur diese letzte Würckung betraf den Fürsten Malovend. Denn seine alte Liebe
glam nicht nur wieder an; sondern / weil ihm Catta in Gestalt Dianens nichts
mehr menschliches /sondern eine Göttin der Schönheit zu sein schien /ward er auf
einmal derogestalt gegen sie entzündet: dass er seiner selbst vergass / und
niemand zugegen war / der nicht seine Verwirrung anmerckte. Denn die weise Natur
hat nicht nur die Zunge dem Menschen zu Entdeckung dessen / was er im Schilde
führet / gegeben; sondern sie hat auch in seine Stirne und Augen gewisse
Abbildungen seiner Gedancken eingepregt /welche ihn verrieten / wenn seine
Zunge dem Hertzen teuschen und nicht gerade zu gehen wollte. Wie sehr nun gleich
Malovend seine Regungen zu verdrücken vermeinte / so verriet ihn doch sein
Antlitz /in welchem das Ungewitter der Seele vielleicht kenntlicher ist / als
wenn man einem gleich ins Hertze sehen könnte. Er wusste so vielen auf ihn acht
habenden Augen kein besser Mittel sich auszuwickeln / als dass er sich kranck
stellte / und auf das nahe darbei auf einem spitzigen Berge liegende Schloss
bringen liess /wo auf des Hertzog Arpus Befehl die Ritter Hund und Dalwig ihn
bedienten. Alleine weil so wohl dem Hertzoge Jubil / als der Fürstin Catta /
Malovends alte Neigung nicht unbekandt war / sahen beide dem Malovend seine
rechte Kranckheit allzu wohl an. Denn die Liebe ist zwar blind / aber sie
verrätet sich durch solche Verwirrungen / wie das Feuer durch den Rauch; und
wenn andere Menschen nur zwei Augen haben / hat ihr die Eyversucht noch einmal
so viel. Sie liessen aber beide weder gegen sich / noch gegen andere das
geringste mercken; sondern weil ihre Liebe nunmehr im Hafen völliger Vergnügung
angeländet zu sein schien / halffen sie nicht allein bei der Jagt /auf welcher
hundert Hirsche / dreihundert wilde Schweine / zwantzig Bären / dreissig Luchse /
und eine unzählbare Menge kleiner Wild geschlagen / und grossen teils von dem
Frauenzimmer gefället wurden; sondern auch auf den Abend zu Neidenstein die
angestellte Freude vermehren; insonderheit wiess sich Catta so wohl in der
Wild-Bahn eine geschwinde Jägerin / als in dem Zimmer eine leichte Täntzerin;
also dass dieser Diana eben so wohl / als der zu Elis Flügel auf den Rücken / ein
Pardel auf die rechte / ein Löwe auf die lincke Seite hätte gestellet werden
mögen. Der Hertzog Jubil wollte bei dieser Lust auch seine Pflicht und
Geschickligkeit nicht vergessen; sondern er kleidete sich selbigen Abend für den
Fluss Alpheus aus /und tantzte mit Catten das Getichte / wie Diana bei dem
Letrinischen Nacht-Tantze sich mit Färbung ihres Antlitzes unter die Nymphen
versteckte / und diesen verliebten Fluss äffete. Malovend wollte seiner ihm früh
zugestossenen Schwachheit eine Farbe anstreichen / und dass solche aus einer
gegen Catten tragenden Liebe herrührte / verstellen; daher mischte er sich in
Gestalt des in die Britomartys verliebten Königes Minos in den Tantz / und
drückte darinnen dasselbe / was er gegen der Fürstin Catta im Hertzen führte /
gegen das Fräulein von Nassau mit Gebehrden aus. Beiden aber schien dieser Tantz
eine so übele Wahrsagung ihrer unglücklichen Liebe zu sein / als er im Getichte
dem Alpheus und Minos gewesen sein soll. Hertzog Catumer hielt sich ebenfalls
verpflichtet seiner Adelmunde eine Lust zu machen / also erschien er als der
Berg Melibock mit einer Menge Wald-Götter auf dem Tantz-Saale / und stellete
seine zu dem Flusse Fulde tragende Neigung darinnen für. Weil es nun noch fünf
Tage zu dem Vollmonden und also zu der bestimmten Vermählung Jubils und Cattens
war / führete Hertzog Arpus die ganze Versammlung des Morgens auf eine neue
Jagt aus. Wie wohl ihnen nun darbei alle Fürsten sein liessen; so unruhig war
Malovend mit sich selbst; daher er auch aller Gemeinschaft sich entschlug / und
kein ander Wild als die Einsamkeit suchte. Hiermit geriet er in einen sehr
dicken Wald / wo keine Spure eines Tieres weniger eines Menschens zu sehen war
/ und er bei nahe mehr weder vor-noch hinter sich konnte. Nach dem er sich aber
durch ein Teil des Gehöltzes durchgearbeitet hatte / fand er eine kleine Bach /
welche er ihm zum Wegweiser erkiesete und an selbter hinauf ritt / also biss an
derselben Ursprung zu einem frischen und hellen Brunnen kam. Rings herum war ein
Kreis in die Erde mit vielen seltzamen Zeichen gemacht / welchen Malovend eine
ziemliche Weile betrachtete; endlich aber / weil ihn dürstete / vom Pferde
abstieg / und um aus dem Brunne zu trincken über den Kreis schreiten wollte. Ihn
hielt aber unversehns eine heisere Stimme zurücke / welche ihm einen Stillestand
gebot. Als Malovend sich umsah / erblickte er ein eisgraues und runtzlichtes
Weib / die mit dem Kopffe und halben Leibe aus einer Höle hervor sah / und auf
Malovends Frage: warumb sie ihm den Genuss des zu allgemeinem Gebrauche von der
Natur verliehenen Brunnens verwehrete? zur Antwort gab: diese Bach wäre zum
trincken / der Brunn aber zum Heiligtum geschaffen. Und wenn er diss nicht
verstünde / sollten ihn ja die heiligen Kennzeichen von Entweihung des göttlichen
Brunnes zurück halten. Malovend weil er dieses Weibes zu seiner Wegweiserin von
nöten hatte / gab auf so harte ihr die besten Worte; entschuldigte seinen
Fehler mit der Unwissenheit / und bat: sie möchte ihn hiervon unterrichten; weil
er weder sie zu erzürnen /noch einiges Heiligtum zu versehren begehrte. Sie
antwortete ihm: Ob er so unwissend wäre: dass alle Brunnen nicht nur Spiegel der
ewigen und mildreichen / sondern Gaben der unterirrdischen Götter wären / aus
derer Freigebigkeit sie so wohl als die Strahlen aus der Sonne herflüssen? Ob er
nie gesehen hätte: dass man denen Göttern Spiegel fürhielte? dass /weil ihrer
wenig sie selbst zu sehen würdig wären /diese nur darinnen ihren Schein
erblicken möchten? In diesem Brunnen pflegte sie also denen / welche allhier
ihre Andacht verrichteten / die höllischen Götter /welche gegen die Menschen ja
so woltätig / als immermehr die himmlischen wären / zu zeigen; weil sie als
ihre Priesterin alleine würdig geschätzt wäre sie mit ihren sterblichen Augen zu
sehen. Malovend danckte ihr für diese Unterweisung / und fragte: was denn aber
dieser Kreis und die Kennzeichen bedeuteten? Sie versätzte: dieses sind
Geheimnisse / welche niemand / als der den Höllen-Göttern eingeweiht ist
/wissen darf. Glaube mir aber: dass die Sonne nicht mehr in den gestirnten
Tier-Kreis / und das Meer in seine Ufer eingeschrenckt sei / als ich die Götter
in diesen engen Kreis einsperren / und kein Wahrsager so gewiss aus dem Geäder
und den Eingeweiden der Tiere / oder aus dem Fluge der Vögel / kein Chaldeer
aus dem Gestirne / als ich aus Bewegung dieses Brunnes wahrsagen könne. Ja aus
diesem Kreisse übe ich eine gewaltigere Herrschaft über aller Menschen Regungen
und Verhängnüs / als kein König über seine Untertanen / aus. Malovend fieng
hierauf an: So bin ich wohl nicht so sehr aus Irrtum / als aus sonderbarer
Schickung meines Verhängnisses und zu gutem Glücke hieher kommen / wo du gegen
Bekümmerte so woltätig bist / als / deiner Erzählung nach /die Götter sein
sollen / derer Priesterin du zu sein verdienest. In alle wege / sagte sie / bist
du nicht ungefähr / sondern durch Leitung deines Glücksternes hieher kommen /
und du wirst nirgends in der Welt besseren Rat und gewissere Hülffe in deinem
Anliegen / als allhier / finden. Denn ich bin die weise Wartburgis / von der du
sonder Zweiffel etwas gehöret haben wirst. Malovend stellte sich bei Vernehmung
dieses Nahmens / als wenn er an ihr die Weissheit selbst zu verehren gefunden
hätte. Ob er nun zwar hiermit erfuhr: dass er bei einer beruffenen Zauberin war;
so hatte ihn doch die Liebe nun ganz wahnsinnig gemacht: also / dass es ihm
wenig bedencklich war von dieser Unholdin / oder gar von höllischen Geistern
Hülffe zu bitten. Daher liebkosete er ihr aufs möglichste / wollte ihr auch sein
Anliegen eröffnen / sie aber sagte: dass es keiner Erzählung dörffte. Denn / wenn
sie diss / was ihm begegnet wäre /nicht wüste / wie viel weniger würde sie ihm
wahrsagen können / was ihm begegnen sollte. Er müste sich aber biss nach Aufgehung
des Monden bekümmern; welcher ihr himmlischer Spiegel des Verhängnisses /wie
dieser Brunn ihr irrdischer wäre / indem sie alles /was zukünftig wäre / lesen
und weisen könnte. Malovend war hiermit vergnügt / tat dieser garstigen Hexe so
schön / als er der Fürstin Catta kaum selbst hätte tun können; Nach dem er sie
nun durch allerhand Gespräche ziemlich verträulich gemacht hatte; fieng sie viel
Dinge und zwar auch von Rom an zu erzählen. Malovend fragte: Ob und wenn sie
denn zu Rom gewest wäre? Sie antwortete: es sind keine sieben Tage / dass ich von
dar wieder mit Sentien zurück kommen bin. Malovend ward hierüber noch
sorgfältiger / versicherte sie auch: dass Sentia seine grosse Freundin wäre / und
also möchte er wohl wissen / was ihr zu Rom merckwürdiges begegnet wäre. Diesen
Bericht beglaubigte er mit vielen ihm von Sentien bekannten Sachen. Die Zauberin
liess sich also bereden ihm folgende Erzählung zu tun: Es ist schon sieben oder
acht Jahr: dass ich mit dem Hertzoge Segestes und Sentien bekand / und eine
Wahrsagerin / zum teil auch eine Stiffterin ihres Glückes worden bin. Denn mir
hat sie zu dancken: dass sie Segestes so liebt; und dass er ihr nichts in der
Welt / was sie verlanget / abschlagen kann. Ihr ist noch nichts merckwürdiges
begegnet / was ich ihr nicht vorher entdeckt habe. Als sie nun das letztere mal
nach Rom zoh / liess sie mich nach Mäyntz beruffen; und wie schwer es mich ankam
diesen schon achtzig Jahr bewohnten heiligen Ort zu verlassen / beredete sie
mich doch mit ihr nach Rom zu ziehen. Wir kamen dahin / und ward Sentia und
Segestes vom Elius Sejanus als sehr angenehme Gäste bewillkommt. Durch Sentien
ward auch ich mit dem Sejan bekand; welcher offtmahls mit mir von allerhand
Geheimnüssen redete / mich auch an den Trasyllus seinen Sternseher / und an
Eudemus einen Artzt der jungen Livia / welche des Germanicus Schwester und des
Drusus Gemahlin war / zur Unterredung verwies. Meine erste Kunst / die ich
Sentien zu Gefallen tun musste / war: dass ich das Hertze des Sejanus von seiner
holdreichen Ehfrauen Apicata /mit welcher er schon drei Kinder gezeugt hatte /
ab-und der Sentia zuwendete. Welche mir so wohl angieng: dass Sejan von Stund an
Apicaten gram / Sentien aber so hold ward: dass er ohne sie nicht sein konnte;
westwegen er auch Sentien seinen Garten an der Tiber zur Wohnung einräumte um
ihrer Liebe täglich zu genüssen. Malovend seufftzete hierüber / und fieng an:
Ach! möchte ich doch in meiner Kranckheit auch mit einem so bewehrten Artzte
beglückseeliget werden! die Zauberin Wartburgis fuhr fort / und sagte: Segestes
/ dass er Sejanens Liebe nicht im Wege stünde / musste in Botschaft wegen des
Käysers zum Könige Marbod reisen / und sollte ihn bereden aufs Früh-Jahr seine
Waffen wider die Catten und Cherusker mit den Römischen zu vereinbaren. Bei
diesem Wolleben / dessen Geheimnisse niemanden als mir vertraut wurden / ward
Sejan von Tag zu Tage mit mir verträulicher / sonderlich als er nach
unterschiedenen mit seinen Tessalischen Weibern / wie auch mit dem von Zauberei
berühmten Lucius Pituanius und Junius gehörten Gesprächen wahrnam: dass alle ihre
Künste gegen meine kalt Wasser waren / und Eudemus mich selbst zu seiner
Lehrmeisterin erkiesete. Hierüber ereignete sich: dass Drusus dem Sejan /weil er
beim Tiberius verhinderte / dass Germanicus nicht vom Rheine abgefordert und
Drusus an seine Stelle geschickt ward / eine Maulschelle gab / welches er an
seinem Leben zu rächen sich verschwur /und wie solches anzustellen wäre / mit
mir zu rate ging. Ich wiess ihm aber: dass die Höllen-Geister diesem Vorhaben zu
wider wären / und seine Rache dissmahl misslingen und ihn stürtzen würde;
ungeachtet sich Eudemus schon erboten hatte dem Drusus Gift beizubringen. Also
verschob Sejan auf mein Gutachten diesen Meuchel-Mord / nicht aber die Rache.
Denn er sätzte ihm für den Drusus ärger / als durch einen Todschlag zu kräncken.
Daher flehte er mich aufs beweglichste an ihm seine Ehfrau Livia des Germanicus
Schwester dem Drusus abwendig zu machen / und dem Sejanus durch Liebe zu
verbinden. Ich gab ihm hierzu die kräfftigsten Mittel; und er gewehrte sie bei
Livien eben denselben Tag glücklich an / als Tiberius den Sejan im Rate zum
Gefärten seiner Arbeit erklärete / und verordnete: dass sein Bild im Schauplatze
auf dem Marckte / und in Lägern bei den Adlern göttlich verehret werden sollte.
Durch diese Ehre ward Livia / ob wohl Drusus nach dem Tiberius die gröste
Hoffnung hatte Käyser zu werden / gebländet / oder vielmehr durch meine Mittel
gezwungen dem kleinstädtischen Sejan ihren Leib und ihre Ehre Preis zu geben.
Weil ich nun beim Sejan hierdurch beliebt ward und in Ansehn kam / taten mir
alle schön / die ihm anhiengen; und insonderheit bewarben sich Pituanius und
Junius wegen gemeiner Künste um meine Freundschaft. Weil ich ihnen nun in ein
und anderm zu willen war / führte mich einmal Pituanius aus Rom auf ein
Tiburtinisches Lust-Haus /welches rings umher mit einem Walde von Oelbäumen
umgeben / und da wir überaus herrlich unterhalten worden. Daselbst erzählte er
mir alle seine Künste / die er von einem Chaldeer gelernet hätte; wie er nämlich
die Sterne vom Himmel ziehen / den Lauff der Flüsse hemmen / der Verstorbenen
Seelen beruffen / Kranckheiten einem benehmen und aufhalsen /Träume auslegen /
und künftige Dinge wahrsagen könnte. Alle diese Geheimnisse stünden mir zu
Diensten; und er wollte diese Nacht mir einen Vorschmack davon zeigen; also
möchte ich ihm doch auch ein Teil meiner Wissenschaften davon nicht missgönnen.
Als ich ihm diss versprochen hatte / eröffnete er mir: dass einer der vornehmsten
Römischen Edelleute so wohl mich als ihn um sein künftiges Glücke zu rate
fragen wollte; welcher gegen mir / insonderheit bei erlangtem Zwecke eine
ungemeine Danckbarkeit bezeugen würde. Ich willigte hierein und ward nach der
Sonnen Untergange zu dem grossen Wasser-Falle des Flusses Anio geführt. Daselbst
fanden wir den jungen Edelmann nebst noch einem älteren in einem Rocke mit
purpernen Aufschlägen schon vor uns / welcher uns mit so grosser Ehrerbietung
empfieng / als wenn wir seine Glücks-Götter wären. Weil nun Pituanius seine
Künste mit ihm zu erste ausüben wollte / fragte er genau nach seiner
Geburts-Stunde; und nach dem er sich eine gute Weile im gestirnten Himmel
umgesehen / und bei Mohnden-Scheine auf einer Schreibe-Taffel gerechnet hatte /
sagte er ihm: sein Geburts-Licht wäre so gut als seines Gross-Gross-Vaters gewest
wäre. Hierauf erkundigte er sich: Ob er verwiechene Nacht ihm die gegebenen
Kräuter unters Haupt gelegt / und was ihm hierauf begegnet wäre? der Römer
antwortete: Ihm hätte geträumet / er wäre in dem vom Sulla gebauten Tempel des
Pränestinischen Glückes; daselbst hätte der Rats-Herr Firmius Catus an der
Stelle des Esculapius gestanden / von dessen Stabe sich die Schlange los und um
seinen Leib gewunden hätte. Pituanius sagte: dieser Traum bedeutete viel gutes;
nämlich dass des Catus Ratschläge so heilsam als eines Artztes wären / und er
ihm dadurch grosses Glücke zuschantzte. Dessen Bild die Schlangen nicht weniger
bei den Römern als Egyptiern und Griechen wären / und daher auf Müntzen und
Steinen Osiris / Isis und andere gute Geister abgebildet würden. Nach dieser
Auslegung begehrte Pituanius zu wissen: Wessen Geist er ihm aus der Hölle herfür
bringen und was er ihn fragen sollte? der junge Römer antwortete: des grossen
Pompejus; dieser sollte ihm sagen: ob er wohl jemahls über so viel / als er zu
gebieten / und so viel Geld haben würde / dass er die Appische Strasse von Rom
biss nach Brundusium mit Gelde würde pflastern lassen können? Pituanius befahl
hierauf allen ein Stillschweigen / weil er solches auch alsofort der Natur
selbst gebieten wollte; wie denn auch / als er einen Kreis und darein allerhand
Zeichen gemacht / auch gewisse Beschwerungen vollbracht / sich mehr kein Blatt
eines Baumes rührte / ja der vorhin mit einem schrecklichen Geräusche über die
Felsen in ein grausames Tal abstürtzende Fluss Anio so stille stand / als wenn
er biss auf den Grund gefroren wäre. Pituanius ärgerte sich hierauf länger als
eine Stunde mit Beschwer- und Dräuungen gegen dem Geiste des Pompejus; aber
dieser hatte keine Ohren; also dass Pituanius endlich schamrot seinen Kreis und
Zeichen ausleschen / und die Eitelkeit seiner Kunst damit entschuldigen musste:
seine Beschwerungen hätten nur Gewalt über die Geister derer / welcher Asche in
der Erde beschlossen wäre; daher müste des Pompejus Leiche noch im Meere
schwimmen. Ich lachte darüber / und fragte: Wo denn sein zum Julius gebrachter
Kopff hinkommen wäre? Ob Julius es hätte einbalsamen und zum Schau-Gerüchte für
sich und seine Nachkommen aufheben lassen? oder ob die Geister der in Egypten
gestorbener Menschen nicht ohne Schiff über das Meer kommen könten? Pituanius
musste meine Aushöhnung verschmertzen / und mich bitten: ich möchte doch diesen
ungehorsamen und hartnäckigten Geist bändigen. Ob mir nun zwar dieses Römers
Fragen sehr bedencklich fürkamen / wollte ich doch nicht gerne / wie Pituanius /
den Nahmen einer Aufschneiderin davon tragen. Daher beschwur ich des Pompejus
Geist auf meine Art; welcher auch auf die Fragen folgender Weise willig
antwortete:
Er wird bald mehr als ich jemahls Gefärten kriegen /
Behertzter untergehn / und viel beglückter liegen.
Pituanius und sein Römer wunderten sich über meine kräfftige Beschwerung;
deuteten des Geistes Antwort zu grossem Vorteile aus / und ich ward von diesem
Unbekandten reichlich beschenckt / und also vergnügt: dass ich / wer er wäre / zu
wissen keinen Vorwitz hatte. Auf den Morgen fuhr ich mit dem Pituanius wieder
nach Rom: auf den dritten Tag aber erfuhr ich von Sentien: dass Libo Drusus
Scribonius einer der edelsten Römer / welcher des Käysers Vetter / des grossen
Pompejus Enckel / und allen hohen Häusern verwandt wäre / durch den Flaccus
Vescularius beim Tiberius angegeben / durch den Cajus Vibius / Fulcinius Trio /
und Fontejus Agrippa geklagt würde: dass er wider den Tiberius einen gefährlichen
Anschlag vorgehabt / und die höllischen Geister hätte beschweren lassen. Mir
schlug über dieser Zeitung wohl bald das Hertze; weil ich und Pituanius aber
wieder den Tiberius nicht gefragt hatte / verhölete ich Sentien diss / was mir
begegnet war. Selbigen Abend aber hörte ich: dass Libo beim Sejan wäre / und ihn
um Schutz wider die Verfolgung seiner Ankläger / insonderheit den Ratsherrn
Firmius Catus anflehete; welcher unter dem Scheine der verträulichsten
Freundschaft ihn zu Wollüsten und Verschwendung seiner Güter verleitet hätte /
ihn aber nunmehr grosser Laster beschuldigte / entweder aus Neid / weil ihn der
Käyser zum Stadt-Vogte gemacht / und ihn so oft zur Taffel hätte; oder weil er
durch Verläumbdung der Unschuld sich beim Käyser beliebt machen wollte. Ich gab
Achtung / als er Abschied nahm / und ward zu meinem grossen Schrecken gewahr:
dass Libo eben der Römer war / welchem ich des Pompejus Geist beruffen hatte.
Daher ward ich mit mir selbst uneines: ob ich mich beizeite aus dem Staube
machen / oder Sentiens Rat darüber einziehen sollte. Es kam aber Pituanius zu
mir / sagte: dass Libo zwar wegen Zauberei angeklagt wäre / ich dörffte mir aber
keinen Kummer machen. Denn von ihrer beider Beschwerung sagte niemand nichts;
sondern Libo hätte vom Junius verlangt: er sollte des Käysers Augustus Geist
beschweren / um ihm zu sagen: Ob er den Tiberius nicht ermorden sollte? denn
dieser Junius hätte es dem Trio; Trio aber / welcher durch peinliche Klagen und
Ubeltaten nach einem grossen Nahmen strebte / denen Bürgermeistern und dem
Rate entdeckt. Diss bewegte mich stille zu schweigen und das beste zu hoffen /
ungeachtet mir Sentia vom Libo täglich was neues erzehlte; nämlich: dass Libo mit
seinem Bruder Lucius Scribonius Libo / welcher diss Jahr Bürgermeister war / bei
allen Ratsherren Gehöre und Hülffe gesucht / nirgends aber fast einen Verlass
erhalten hätte; ungeachtet die vornehmsten Frauen in der Stadt sich durch
Vorbitte seiner anmaassten. Er wäre auch zwar als kranck fürs Rathauss kommen und
hätte den Tiberius um Erbarmnüs angeflehet; es wäre aber der Käyser ganz
unbewegt fürbei gegangen. Vibius hätte hierauf seine Anklage fürgebracht /
welche den Libo mehr einer Wahnsinnigkeit / als eines Lasters schuldig machte;
ausser / dass Libo in einer Schrifft über die Nahmen des Käysers allerhand
zauberische Buchstaben geschrieben haben sollte. Nichts desto weniger hätte
Tiberius durch eine neue Erfindung des Libo Knechte dem gemeinen Anwalde
zugeeignet / damit sie unbeschadet voriger Ratschlüsse über die Verbrechen
ihres eigenen Herrn könten auf der Folter gefragt werden. Libo hätte zwar durch
seinen Schwager Lucius Sulpitius Qvirinius beim Käyser nochmahls um Gnade bitten
lassen / wäre aber von ihm an Rat verwiesen worden. Alle diese Nachrichten
deuchteten mich noch nichts anzugehen; ich erfuhr aber zu meiner höchsten
Verwirrung: dass Pituanius wäre gefangen gesätzt worden; und kurtz darauf liess
mich Sejan aus seinem Garten weisen / mit Bedräuung: wo ich von ihm nicht reinen
Mund halten würde / hätte ich mich seiner Hülffe nicht zu getrösten / sondern
ich würde den Morgen nicht überleben. Ich ward aber unferne von dem Garten
umringt / in Kercker geworffen / auf den Morgen für den Rat gestellt / anfangs
alleine / hernach wieder den Pituanius befragt; endlich beide zum Tode verdammt.
Er sollte vom Tarpejischen Felsen gestürtzt / ich im Kercker erwürgt und mein
Leib in die Tiber geworffen werden. Um Mitternacht aber kam der Kerckermeister
mit einem Knechte; der warf mir ein geringes Manns-Kleid für / welches ich
anziehen / und ihm zur Tyber auf einem Nachen folge musste / welches mich aus Rom
nach Ostia in ein ganz einsames Haus und in ein Gemach brachte / darein weder
Sonne noch Monde schien / jedoch ging mir an Lebens-Mitteln nichts ab. Nach
etwan zehn Tagen führte man mich auf ein Schiff / nach dessen Absegelung ward
ich auf selbtem in ein Zimmer beruffen / darinnen ich meine Sentia mit
unaussprechlicher Freude wieder erblickte. Sie aber verwies mir mit harten
Worten: dass ich ohne ihr Vorwissen mich in des aberwitzigen Libo Händel
gemischet / und bei nahe sie und den Sejan mit in sein Spiel gemischt /oder zum
wenigsten in Verdacht gestürtzt hätte. Sintemal Drusus im Rate wider sie beide
scharff geredet hätte. Das grosse Ansehn und die Klugheit des Sejan hätte
dissmahl noch durchgedrungen / und er hätte auf ihre Vorbitte sie aus dem Kercker
errettet. Libo hätte nach einer prächtigen Todten-Mahlzeit sich für besorgter
Verdammung durch zwei Stiche getödtet / Pituanius wäre zerschmettert / Publius
Marcius / welcher mit dem Libo bei der Beschwerung gewest / für der
Exqvilinischen Pforte entauptet / alle Zauberer und Sternseher aber / weil die
Ausdeutung des Sternen-Lauffes zu einem Schlüssel zur Hexerei diente / aus
Italien zu jagen ein Ratschluss gemacht und die sämtlichen Weltweisen zu Rom in
schlechtes Ansehn versätzt worden; nach dem der Ratsherr Haterius weitläufftig
ausgeführet hätte: dass die Weltweissheit sich ins gemein mit falschen Tugenden
ausschmückte / und unter dem Diagoras gottlose / unter dem Diogenes unverschämt
/ unter dem Demochares eigennützig / unter dem Lycon schandfleckicht / unter dem
Metrodorus wollüstig / unter dem Crates wahnwitzig / unterm Menippus närrisch /
unter dem Pyrrhon zu frei / unterm Cleantes vedriesslich / unterm Arcesilaus
unruhig / und unterm Lacydas zänckisch worden wäre. Ich danckte Sentien
fussfällig für solche Hülffe / und verlachte nochmahls den Libo und Pituanius:
dass sie so wohl den so schlimmen Traum als des Pompejischen Geistes Andeutung so
alber ausgelegt hatten; da jener vielmehr sich hätte für dem Catus /der ihm
recht zur gifftigen Schlange ward / hüten /und sich einbilden sollen: dass
niemand mehr als ein Sterbender Gefärten bekomme. Wir kamen mit gutem Winde ehe
/ als wir vermeint hatten / zu Massilien an / und reiseten durch Gallien
glücklich nach Mäyntz; von dar ich für sechs Tagen allhier in meinem zwar
einsamen aber viel sicheren Vaterlande ankommen bin; und / wenn ich versichert
wäre / sagte sie zum Malovend: dass deine Neigung gegen Sentien so beschaffen
wäre / wie du vorgiebst / wollte ich dich einer añehmlichen Heimligkeit
teilhaftig machen. Malovend beteuerte: dass / ob zwar in Deutschland allerhand
Zwistigkeiten wären / er doch gegen Sentien nichts hätte / sondern / wie sie vor
diesem einander alles gute erwiesen / also wünschte er ihr noch zu dienen.
Wartburgis nahm ihn nach diesen Worten bei der Hand / zündete geschwind ein
stücke Kühn an /und führte den Malovend in eine grosse und hohe Höle / allwo er
zu höchster Verwunderung Sentien nebst noch zweien Weibern antraf. Eines
entsätzte sich so sehr für dem andern / als das andere. Die verwegene Sentia
aber fieng zuerst an: Was verleitet dich Wartburgis einen unser Feinde in diss
Heiligtum zu bringen? Wartburgis entsätzte sich hierüber; Malovend aber fiel
alsbald mit besonderer Freundligkeit ein: Er erinnerte sich nicht: dass sie ihm /
oder er ihr sein Lebtage einiges Leid angetan hätte; zudem wäre es so wohl
seiner als aller tapfferer Leute Eigenschaft: dass sie gegen Frauenzimmer keinen
Krieg führten /keinen Hass hegten. Er käme hieher aus Begierde ihre Befehle zu
nehmen / und alle Annehmligkeiten zu erweisen; wünschte auch nichts mehr / als
ihre Gewogenheit. Derogestalt sind die Augen mehr Larven als Fenster des
Gemütes. Sentia versätzte: Er wäre ja ein Feind des Segestes / und ein
Abtrinniger von denen mit ihm verbundenen Römern? Malovend antwortete: Ich bin
ein so treuer Bund-Genosse der Römer / als ein geneigter Bluts-Freund Segestens
gewest; nach dem ich aber bei der Niederlage des Varus gefangen / die Römer über
den Rhein getrieben / mein Land den Cheruskern zur Beute worden / habe ich mich
müssen ins Glücke und die Zeit schicken /linde Seiten aufziehen / und wie
Segestes selbst mehr als einmal zu tun genötiget worden / den Mantel nach
dem Winde kehren. Sentia nahm diss Wort von ihm / und sagte: du hast recht /
Malovend; die Klugheit muss sich nach der Gelegenheit / wie der Steuermann nach
dem Winde / und die Magnet-Nadel nach dem Angelsterne richten / und niemand
durch Hartnäckigkeit überlegener Gewalt und dem Verhängnisse widerstreben. Weil
das Blat sich nun wieder auf die Seite der Römer gewendet hat / wirst du
hoffentlich nun auch so klug sein sich derer Untergehenden zu entschlagen / dass
sie dich nicht zugleich mit in Abgrund reissen. Malovend fiel ein: Es lässt sich
so leicht und so oft nicht umsatteln. Die Leichtsinnigkeit ist die ärgste
Verstellung eines Mannes / wie vielmehr eines Fürsten. Sie bringt einen um den
guten Nahmen / um alles Ansehen / und macht: dass ihm hernach kein Mensch / auch
der selbst / zu welchem er sich wendet / nichts trauet. Wie nun ein kluger etwas
mehr als ein Mensch ist; also macht sich ein Wetterhahn zu etwas wenigerm als
einem Menschen /wenn er schon vorher für einen halben Gott wäre gehalten worden.
Sentia versätzte: Es ist mir leid: dass du dich auf die Richtschnuren
verschlagener Fürsten nicht besser verstehest / und nicht weist: dass sie andere
nicht wegen ihrer Tugend / sondern nur wegen ihres Nutzen lieben. Du wirst jetzt
den Römern so lieb / und bei ihnen so hoch gesehen sein / als vormahls bei den
Catten und Cheruskern; ob du schon vorher den Degen wider sie geführet hattest.
Malovend brach ein: Ich kann mir nicht einbilden: dass einer / welcher so oft
umschlägt / und so sehr im Willen als in gutem Urtel hincket / viel geachtet /
oder auf ihn viel gebauet werden könne; weil man ihn so geschwinde zu verlieren
hat / als er vor gewonnen worden. Weiches Wachs lässt zwar leicht jedes Bild in
sich drücken /aber sich auch eben so bald wieder verwischen; und die Wolle /
welche alle Farben annimmt / behält endlich keine. Uberdiss stünde noch bei Gott
und dem Glücke: ob die Römer oder die Deutschen in diesem Kriege den Meister
spielen würden. Die Würffel lägen noch auf dem Tische / und hätten die Römer
sich noch zur Zeit wenigen Vorteils zu rühmen. Ja /wenn auch diss schon wäre /
so verkehrte sich nichts geschwinder / als das Glücke im Kriege / und stimmte
der Ausschlag mit dem Anfange selten überein; wie die Römer im
Cartaginensischen Kriege selbst erfahren / da sie / welchen doch das Verhängnüs
den Sieg zudachte / vielmahl den kürtzern zohen / und dem Untergange näher / als
ihre Feinde waren. Sentia antwortete: Er möchte doch von den Deutschen ihm den
süssen Traum aus den Gedancken kommen lassen; dass nach dem die Parten / derer
Häupter sich Könige der Könige rühmten / mit der übrigen Welt das Verhängnüs der
Römischen Herrschaft durch ihre Demütigung erkennten / die eintzigen Deutschen
sich von dem allgemeinen Notzwange los würcken würden. Sie gäbe gerne nach: dass
Völcker Ursache hätten sich einer in der Nachtbarschaft allzu gross werdenden
Macht zu widersätzen / und ihr die Flügel zu behacken: dass sie ihnen nicht zu
Kopffe wüchse; weil man so denn billige Furcht hätte gleichfalls verschlungen zu
werden / indem mächtige Herrscher sich weniger als Feuer mässigen und ruhen
könten. Alleine diss hätte sollen beizeite geschehen / ehe die Flamme zu Schwunge
kommen und unleschbar worden wäre /und als Gallien von Römern zum ersten
angefochten worden. Nun aber wäre alles zu spät / und also ratsamer sich für
der Römischen Macht zu beugen / als von selbter gar zermalmet werden. Die
Römischen Gänse hätten den Brennus und seine Deutschen vom Capitolium
abgetrieben; was sollten nun nicht ihre Adler und Löwen ausrichten? die Sicambrer
/ Chauzen / Friesen und andere Deutschen wären ja schon hierinnen zum Verstande
kommen; also sollte er nicht der letzte sein / und lieber etwas von Zerstickelung
der Cattischen und Cheruskischen Länder zur Ausbeute zu bekommen trachten / als
anderer Beute werden. Es wäre eine der grösten Klugheiten anderer Untergang ihm
nütze machen / und aus frembdem Schiffbruche die Stücke zusammen lesen. Sie
wünschte: dass er das Verzeichnüs der auf den Beinen habenden Römischen Kräffte /
welches ihr zu Rom Sejanus gewiesen hätte / sehen sollte. Zu Ravenna am
Misenischen Ufer und bei den Carnen stünden drei mächtige Kriegs-Flotten / bei
denen Batavern wären über die bei denen Ambraischen Städten stehenden nun
funfzehn hundert Schiffe mit allem ausgerüstet. In Hispanien befindeten sich
drei / am Euphrates vier / in Dalmatien zwei / in Mäsien zwei / in Pannonien
zwei /an der Donau eben so viel / und am Rheine nunmehr neun mit einem Drittel
verstärckte Legionen / ohne die unzählbare Menge der Hülffs-Völcker / welche so
viel Länder als ihren Kern zu Uberwindung der hartnäckichten Deutschen und zu
Beruhigung der Welt willig hergäben. Er möchte auch festiglich glauben: dass
niemals keine grössere Macht wider einiges Volck aufgezogen wäre / als diss /
welches diesen Frühling wider die Deutschen sollte geführt werden. Malovend
versätzte: die Deutschen stünden nichts weniger in einer bessern Verfassung /
als niemahls vorher. Sie wären durch so viel Treffen geübet / der Römischen
Kriegs-Art gewohnt / mit bessern Waffen versehen / und die Völcker üder der Elbe
fiengen nun an die Augen aufzusperren / und hätten sich erboten mit einer
ansehlichen Macht dem Feldherrn unter die Armen zu greiffen. Dahero wäre am
ratsamsten hertzhaft und beständig zu sein / und für der Grösse keiner Macht /
welche vielmahl mehr zur Verwirrung als zum Siege diente / erschrecken. Der
Tapfferkeit wäre kein- der Furcht aber jeder Feind zu starck; welche ihr aus
Schatten grosse Riesen machte / und alle Kräfften des Gemütes wie ein Geschwüre
alle Glieder des Leibes einnähme und schwächte. Sentia brach ein: Ich sehe wohl /
Malovend hat ihm einen Kopff für gesätzt / welchen die wichtigsten Ursachen
nicht brechen werden. Alleine es geschicht diss ins gemein: dass je in grösserm
Irrtume einer steckt / je schwerer ist er ihm zu benehmen. Alleine diss ist
keine Beständigkeit. Denn diese ist nur eine Tugend des Willens / nicht des
Urtels / welches allemahl aus Liebe der Warheit sich zu ändern geneigt sein
soll / wenn es nicht in schädliche Hartnäckigkeit verfallen will. Dencke aber der
Sache besser nach / und glaube: dass ich nach geheiratetem Segestes mich nicht
mehr für eine Römerin / sondern für eine Deutsche halte; und dass ich es mit dir
und Deutschlande besser meine / als ihr durch eure eingenommene Einbildung
beredet seid. Sie bezeugte ihm hierauf alle mögliche Höfligkeit /und weil sie
vernam: dass er Wartburgens Rat zu pflegen gesonnen wäre / versicherte sie ihn:
dass er keine weisere Frau in der Welt finden würde. Uber diesen Gesprächen
neigte sich die Sonne zum Untergange / für welchem die Zauberer so wenig was zu
bannen / als die Persen für der Sonnen Aufgange ihr Kriegs-Heer auszuführen
pflegen. Wartpurgis redete also Malovenden an: Ich mercke / dass der Monde über
unsere Erden-Fläche empor steigt / also die Zeit unsers Tuns verhanden ist.
Woher wirst du aber für die höllischen Götter ein schwartzes Opffer hernehmen?
Sie sätzte aber nach der Zauberer Gewonheit einen Krantz von Farren Kraute mit
darein geflochtenen gelben Blumen vom güldenen Lein-Kraute auf; und fieng
alsofort an zu pfeiffen; worauf eine grosse Menge Bären / Luchse / Wölffe / und
anderer wilder Tiere mit vollem Rennen zugelauffen kamen / als schwerlich zu
der Leier des Orpheus geschehen ist. Wartpurgis ermahnte den Malovend: er sollte
ihm daraus ein schwartz Tier auslesen / und von ihm keine Widersätzligkeit
besorgen / worauf er denn einen grossen Bär erkiesete / welcher sich wie ein
zahmes Lamm führen liess. Nach dieser Wahl kehreten alle Tiere zu rücke; gleich
als wenn sie durch Lieferung dieses Bäres ihrem Gehorsame ein Genügen getan
hätten. Wartpurgis und Malovend verfügten sich zum Brunnen mit dem Bären; allwo
jene den Kreis und Zeichen ausleschte; hierauf um selbten / den Fürsten Malovend
/ welcher wie sie die Schuh von sich werffen musste / und den Bär mit vielem
Gemurmel und grausamen Gebehrden einen neuen Kreis und allerhand seltzame
Zeichen in die Erde einscharrte. Weil bei solchen Zaubereien auch sonst kein
Mensch einig Wort reden darf / hemmete sie dem Malovend durch ein dinnes Blaster
/ wormit die Kinder in Mutter-Leibe bekleidet sein / die Zunge: dass ihm weder
Schrecken noch Vergessenheit einiges Wort auslocken konnte. So bald der Monde nun
über die Bäume empor kam / drehete sie sich an einem in der Erde angepflöckten
Riemen von Ochsen-Leder unzählich mahl herum / ruffte Hecaten / und sang
zugleich ein Aussohnungs-Lied dieser Göttin zu Ehren. Hernach fiel sie auf ihr
Antlitz / betete ihn an / hernach warf sie aus dem Brunne drei Handvolln Wasser
gegen selbtem empor und breitete ein Gebund ungemeiner und in Brunn getauchter
Kräuter aus; gleich als der Monde durch seinen Einfluss ihnen mehr Kräffte
einflössen sollte / welcher auch nunmehr der Erde viel näher zu stehen schien.
Nach diesem ergrief sie den Bär / warf ihn zu Bodem / stach ihm ein Messer ins
Hertze / fieng sein Blut in ein Becken auf / und sätzte solches auf den nunmehr
zu qvellen aufhörenden Brunn / dass es schwam. Hierauf fiel sie abermals aufs
Antlitz; darnach machte sie im Kreisse ein Feuer / worauf eine unzählbare Menge
Schlangen / Nattern /Molche / Heidächsen und dergleichen Ungeziefer herzu kam /
und drei Schuch hoch sich um den Kreis legten / und darein aus ihren Mäulern dem
Ansehen nach alle ihre Galle und Gift ausschütteten. Wartpurgis aber schnitt
den Bären auf / riess das Hertze heraus / teilte es mitten entzwei / tauchte
beides in das ausgeschäumte Schlangen-Gift / und warf ein Teil mit den
Kräutern ins Feuer / dass es verbrennte; das andere in Brunn / und fieng mit
einem abscheulichen Antlitz und mit verdrehten Augen an:
So wandt' ich Lieb' in Gift / so kann ich Hertzen trennen.
Das eine müss' erfriern / das andere verbrennen.
Als diss vollbracht war / verliessen die Schlangen mit einem schrecklichen
Gepfeiffe und Zischen den Kreis; Wartpurgis aber verdrehte die Augen / dass man
keinen Stern / sondern eitel weisses sah / knirschte mit den Zähnen / schüttelte
den Kopf / kratzte mit den Fingern in der Erde / gebehrdete sich als eine
Rasende / und fiel endlich gar für todt zur Erde. Malovenden standen hierüber
die Haare zu Berge; der Angstschweiss brach ihm aus / er verfluchte im Hertzen
hundert mahl; dass er sich in diese Zauberei einflechten lassen / und hätte für
Schrecken und Furcht verzweifeln mögen. Uber eine Weile aber fuhr Wartpurgis im
Grimm auf und fieng an: Warum leidet ihr unterirrdischen Götter: dass in eurem
Gebitte unter der Erden einige wilde Raute einiger Lorber-Baum wurtzele? Dass in
euren Adern ein Jaspis wachse / damit diese schädlichen Dinge alle Opffer eurer
Priester zernichte? Verbrennet und zermalmet doch alles / was euch und mir zu
wider ist! Soll meine heutige Arbeit umsonst / meine Andacht verloren / und ich
zweier liebenden Hertzen zu zerspalten nicht mächtig sein? Auf solche Art mag
ich nicht mehr eure Priesterin bleiben / noch so verachtet leben. Darnach
schrieb sie neue Zeichen / und machte eine Grube in die Erde / schnitt sich mit
einem Messer in die grosse lincke Zehe / liess das Blut darein flüssen / goss
Wasser aus dem Brunne dazu; fiel aufs Antlitz nieder und murmelte. Hierauf fuhr
sie wieder empor / tauchte den Spissfinger in das mit Beeren-Blute angefüllte
Becken / und schrieb darmit ins Wasser / des sich nicht rührenden und einen
hellen Spiegel fürbildenden Brunnes / Malovenden aber gab sie ein Zeichen; dass
er sollte in Mohnden sehen / in welchem er folgende Schrifft deutlich lesen
konnte:
Was das Verhängnis knipfft / weiss ich nicht zu zerschneiden /
Ich und die Erde wird sie sondern / doch nicht scheiden.
Wartpurgis grief hierauf mit Ungedult in den Brunn /nam das hinein geworffene
halbe Herze wieder heraus / schnitt mit einer Nadel Malovends Nahmen darein /und
Malovenden sieben Haare vom Kopffe / welche sie um das halbe Hertze wickelte /
hernach solches dreimal gegen den Mohnden hielt / folgends ein Oel darauf goss /
und es Malovenden recht aufs Hertze legte / darauf er es musste erwarmen lassen.
Nach dem sie nun abermals dreimal aufs Antlitz gefallen war /und den Mohnden
angebetet hatte / tauchte sie den Finger abermals ins Blut / und schrieb auf den
Brunn / Malovend aber lass im Monden:
Du hast die / die du liebst / wohl nötig wert zu halten.
Denn / hülffe sie dir nicht / so müstestu erkalten.
Hiermit machte Wartpurgis ihrer Zauberei ein Ende; sie verwischte den Kreis und
die Zeichen; goss das Becken in die nunmehr zweifach so starck flüssende Bach aus
/ und meinte dem Malovend viel zu seiner Nachricht und zum Glücke dienendes
gesagt zu haben. Sentia hatte ihm unter dess in der Höle eine Lagerstadt bereitet
/ aber sein Gemüte war über dem /was vorgegangen / so unruhig; dass es ihm kein
Auge zumachen liess. Auf den Morgen setzte Sentia aufs neue an ihn / und weil ihr
nicht unwissend war: dass er die Fürstin Catta / welche nechster Tage dem
Hertzoge Jubil vermählt werden sollte / verliebt war / konnte sie aus dem / was
ihr Wartpurgis erzählte / die Rechnung leicht machen: dass an diesem Nagel sein
Kummer hienge. Daher sie ihn an dieser Schwäche anzugreiffen für ratsam hielt /
und ihm der Römer eusserste Kräfften versprach ihm die Fürstin Catta in die
Hände zu spielen. Ob nun gleich diese Vertröstung keinen Schein einiger
Mögligkeit hatte; so machte doch die den Liebhabern eigene Hoffnung ihm diss und
ein mehres leichte; er versicherte also Sentien: dass wenn sie ihm zu Cattens
Besitztum verhülffe / er auf die Römische Seite treten wollte. Malovend liess
sich also auf den Weg nach Neidenstein weisen / und Sentia in Bauern-Tracht sich
durch die Wildnüssen an Rhein und folgends nach Meintz bringen. Beide redeten
aber mit einander eine verborgene Schrift ab / in welcher sie zusammen Briefe
wechseln wollten. Malovend kam nach Mittage nach Neidenstein / und weil er durch
die ganze Wildbahn vergebens gesucht worden war / ward er desto freudiger
bewillkommet. Sintemahl sie ihnen von ihm was gar arges eingebildet hatten; weil
die meisten von seiner heftigen Liebe /gegen die Fürstin Catta wussten / und sie
in seinem Zimmer mit einem Diamant folgende nachdenckliche Reime in ein grosses
Fenster-Glas eingeschrieben gefunden hatten:
O Hoffnung / meiner Seele Pein!
Und gleichwol Labsal meines Hertzen!
Du Qvell und Pflaster meiner Schmertzen /
Wilstu nun gäntzlich aus / und doch mein Hencker sein?
Du speisest mich mit Zucker zwar /
Und wilst nun selbst zu Wasser werden;
Du weisest Lust / gewehrst Beschwerden;
Und machest niemals nicht / was du vertröstest / wahr.
Es ist nicht Woltat / sondern Qvaal:
Dass du mich nicht bald sterben lässest /
Und doch mein Leben täglich pressest.
Denn vielmal sterben ist ja schwerer als einmal.
Du schnöder Schatten falsche Lust;
Du eitler Traum verwirrter Sinnen;
Du läst uns Blasen lieb gewinnen /
Und füllst mit deinem Nichts uns gleichwol Kopf und Brust.
Ich bildete mirs Anfangs ein:
Du würdest mich doch nur betriegen;
Doch liess ich mir an dir vergnügen;
Denn Liebe kann mit dir und ohne dich nicht sein.
Nun aber bann ich dich von mir;
Ich mag nicht hoffen / auch nicht leben;
Weil du nur Wermut weist zu geben /
Geht des Verzweifelns Gift weit deinem Zucker für.
Er danckte für ihre Sorgfalt / und gab für: dass er durch Verfolgung eines
Hirsches im Wald sich so tieff verirret hätte / dass er darinnen übernachten
müssen / und mit Not wieder zu rechte kommen wäre. Weil nun alles schon zum
Einzuge nach Cattenburg fertig gemacht war / konnte er sich nicht ausschliessen;
reisete also schwermütig / und zwischen Furcht und Hoffnung / was die
Zauberische Monden-Wahrsagung ihm Gutes oder Böses bringen würde / mit dahin.
Alle Tage dachte man auf neue Ritter- und Freuden-Spiele; also / dass Malovend
ein und andermal Gelegenheit gefunden hätte der Fürstin Catta sein Anliegen mit
dem Münde zu entdecken / wenn sie nicht solches mit Fleiss zu verhüten bemüht
gewest wäre. Gleichwol redeten ihr als einer verständigen mehr denn zu viel
seine Augen; welche in der Liebe eine so gute Zunge oder Feder des Hertzens /
als das Hertze eine der Seele sind. Die sonst denen begierigen Liebhabern so
langsame Zeit lief dem trostlosen Malovend schneller als der flüchtigste Pfeil
vorbei. Das geringste Trennungs-Mittel / darauf ihn die Zauberin vertröstet
hatte / liess sich mehr hoffen / weniger blicken; und die Liebe zwischen dem
Hertzoge Jubil und Catten / welche bei dieser Staats-Heirat anfangs ziemlich
lau gewest war / schien allererst rechten Zunder bekommen zu haben / nach dem
Wartburgis Jubills Hertz im Feuer einzuäschern / und Cattens Liebe im Brunnen zu
ersäuffen sich bemühet hatte. Als nun der Tag der Vermählung eintrat / ward für
der Sonnen Aufgange alles fertig gemacht sich mit grossem Gepränge in den zwei
Meilweges von dar gelegenen Hein zu verfügen / welcher bei den Catten für den
allerheiligsten und dem Tanfanischen gleiche gehalten ward. Malovend befand sich
nun in dem verwirrtesten Zustande / in den iemals ein Mensch geraten kann. Denn
seine Liebe / welche noch bei seiner Ankunft nach Cattenburg gewest war / hatte
die wenigen Tage so zugenommen: dass sie ein grausamer Vater aller heftigsten
Gemüts-Regungen worden war. Eine war aber kaum geboren / so ward sie von einer
andern erstecket; also dass in wenig Augenblicken hundert Begierden und Anschläge
jung wurden und verschwanden. Liebe / Furcht / Hoffnung / Eyversucht / Rache und
Verzweifelung machten in seinem Hertzen ein schrecklicher Ungewitter / als ein
Orcan auf der See sein kann /wo ein rasender Wind wider den andern stösst / eine
Welle die andere verschlingt / der Blitz die stock-finstere Nacht erleuchtet /
vom Donner Wolcken und Schiffe zerbersten / Himmel und Erde sich mit einander
vermischen. Er beriet sich mit sich selbst: ob er der Vermählung sollte
beiwohnen oder nicht. Seine Liebe riet es ihm; weil die Abwesenheit die
betrübte Nacht der Liebhaber ist; seine Eyversucht aber widersprach es / und die
zarte Empfindligkeit seiner Seele traute ihr selbst nicht zu: dass sie sonder
Vergehen die Fürstin Catta sollte einem andern übergeben sehen. Also konnte er
sich mit sich selbst nicht vergleichen. Es kam ihm aber die Zeit des Aufbruches
und Hertzog Ingviomer so geschwind auf den Hals: dass / ehe er es bei sich
entschlossen hatte / mit der Gesellschaft auf sein musste. Sie wurden bei dem
Eingange des Heines von zwei Priestern empfangen / mit geweihetem Wasser
besprenget / und alle mussten die Schuh ausziehen. Er war mit überaus grossen
Eichen und Buchen erfüllet; weil von etlichen tausend Jahren darinnen kein Ast
abgehauen worden war / auch noch bei Lebensstraffe niemand eine Hand oder Axt
anlegen dorffte ausser die Priester / welche zu Unterhaltung des ewigen Feuers
nur dieselbigen Bäume abholtzen dorfften / welche von einem Regenbogen berühret
wurden. Weil dieser nicht nur alles kräftiger und wolrüchender / sondern auch
heiliger machen soll. Kein Tempel oder Bild war zu sehen; sondern in der Mitte
stand ein ziemlich erhobener und von einem klaren Bach umflossener Steinfels.
Auf diesem ward mit grosser Sorgfalt das ewige Feuer unterhalten / und alles
geopffert. Nach dem nun alle auf den Knien eine Zeitlang gebetet hatten; stieg
der oberste Priester mit dem Fürsten Jubil und Catten auf den heiligen Fels
/worüber Malovend Gesichte / Gehöre und alle Sinnen verlohr; also wie ein
unbeseelter Stock stand und endlich ohnmächtig zu Bodem fiel. Der Priester
erfrischete inzwischen mit Hartzt die Flamme; welche aber nicht wie sonst
gewöhnlich sich gegen dem Himmel zuspitzen wollte. Uber diss weigerten sich auch
die von einem andern Priester zu der Bach gebrachten Holtz-Tauben daraus zu
trincken. Denn es war hier eben diese Gewohnheit / wie in Egypten: dass kein
Wasser zum Gottesdienste geschöpffet ward / daraus nicht vorher der Vogel Ibis
getruncken hatte; welcher kein trübes oder giftiges anrühren soll. Hertzog Jubil
liess zum Opffer sieben weisse Ochsen / und Catta so viel solche Kühe herbei
führen / es entrissen aber derer wohl fünf ihren Führern. Die vorhin klare Lufft
trübte sich auch / und der Himmel ward mit kohlschwartzen Wolcken bedeckt /
welche hernach so viel schrecklichern Blitz und Donner ausspeieten / als er um
diese noch frühe Jahres-Zeit ungewöhnlich war. Jederman erstarrete über dieser
plötzlichen Veränderung; und die Verlobten selbst / welche diesen Tag ihnen für
den Anfang vieljähriger Vergnügung eingebildet hatten / wahrsagten ihrer
Verehligung kein gemeines Ungelück; und bescheideten sich: dass der Menschen
Hoffnung ein Ancker in eitel Trübsande wäre; und ihr Gelücke weder Gewichte noch
Festigkeit hätte. Diese Bestürtzung aber verwandelte sich bald darauf fast in
eine gäntzliche Entseelung. Deñ die Erde / welche der Grund des ganzen
Welt-Gebäues sein soll / fieng unter unter ihnen an zu beben / die grossen Bäume
fielen mit Krachen über einander / die darum liegenden Berge wanckten hin und
her; der Bodem borste und verschlang die Bach; der Opffer-Berg aber spaltete
mitten entzwei / und aus dieser Öffnung kam Glutt und folgends ein stinckender
Dampff herfür. Niemand stand so feste / der nicht über dieser eine gute
Viertel-Stunde währenden Schütterung über einen Hauffen fiel / und sich nicht
für verloren hielt. Hertzog Jubil ward von der Fürstin Catta durch den Ritz
getrennet / welcher den ganzen Fels in zwei Teile zerspalten hatte. Daher als
gleich das Erdbeben aufhörete / doch alle erblasst wie die Todten aus-und sonder
Vermögen zu reden einander bestürtzt ansahen. Denn ob zwar im Wercke es kein
Unterschied ist: ob einen ein Leichenstein / oder ein ganzer Berg bedeckt; ob
einen ein Baum oder die halbe Erd-Kugel erdrückt; ob man alleine in ein Grab
gelegt / oder mit einem ganzen Volcke in das innerste Eingeweide der Welt
verschlungen wird; und tapffere Leute für dem dräuenden Tode das Gesichte nicht
verändern sollen; so ist es doch etwas übermenschliches in so unversehenen und
schrecklichen Begebnüssen / wo die Natur selber zu zittern anfängt / das Antlitz
nicht verstellen und kein Hertzklopffen fühlen. Nach dem nun auch etliche
Personen von denen umgeworffenen Bäumen erschlagen worden / und alle in Furcht
neuen Erdbebens waren / dachte niemand mehr an die Vermählung / durch welche die
Natur selbst einen Strich gemacht zu haben schien / sondern die Priester eileten
so wohl als die Fürsten aus diesem Heine / welchen jene ohne diss für entweihet /
und zum Gottesdienste nunmehr untauglich hielten. Die meisten bildeten ihnen
auch ein: dass Jubils und Cattens Vermählung dem Verhängnisse zu wider wäre;
Malovend aber liess ihm träumen: dass seine Liebe noch ihren Zweck erreichen würde
/ und dieses Erdbeben ihm zum besten durch der Wartburgis von den
unterirrdischen Geistern wäre zu wege gebracht worden. Er würde auch vielleicht
sein Lebtage in diesem Aberglauben geblieben sein /wenn er nicht erfahren: dass
es sich nicht nur über den Rhein in Gallien erstreckt hätte / sondern um selbige
Zeit in Asien ein viel schrecklichers gewest wäre / in welchem ganze Berge
verschlungen / und zwölff berühmte Städte / Sardis / Magnesia / Temnos /
Philadelphia / Aege / Apollonia / Mostenes / Hierocäsarea / Myrina / Cyme /
Tmolus und Hircanien über einen Hauffen gefallen. Westwegen auch Tiberius ihnen
auf fünf Jahr alle Schatzung erliess / und den Marcus Aletus in Asien schickte
denen Beschädigten zur Wiederaufbauung Vorschub zu tun. Ungeachtet nun zu
Cattenburg auch nach verschwundenem ersten Schrecken alles sehr bestürtzt war /
und so wohl etliche Priester / als das Volck den Donner und das Erdbeben für eine
Wahrsagung grossen Ungelücks andeuteten; so mühte sich doch Hertzog Herrmann
solches jedermann auszureden. Sintemahl Donner und Blitz die weisen Egyptier für
eine Andeutung grosser Ehre und Ruhmes in der Welt auslegten / westwegen auch
bei den Römern nicht ungewöhnlich wäre durch Opffer wahrsagende Donnerschläge zu
wege zu bringen. Daher hätten die Wahrsager dem grossen Mitridates überaus
grosses Glücke angekündigt / als er noch in der Wiege auf der Stirne vom Blitze
gezeichnet / und bei seinen männlichen Jahren seine Pfeile im Köcher davon wären
angezündet worden. So hätte auch weder der deutschen Fürsten Fall / noch das
Erdbeben was böses hinter sich. Denn Julius Cäsar wäre nie glücklicher gewesen /
als da er vom Schiffe ans Africanische Ufer gefallen; welches er auch alsofort
für ein Zeichen seines erlangten Besitztums ausgelegt; und die Erde wäre
gleichsam selbst für der Vereinbarung so vieler tapfferer Helden erzittert. Nach
dem er nun die Gemüter wieder in ziemlichem Stande sah / Hertzog Jubil und die
Fürstin Catta auch sonder den geringsten Abbruch ihrer Liebe die Vollziehung
ihrer Ehe dem Verhängnisse geduldig heimstellten / wollte der Feldherr mehr
keinen Tag in seinen Krieges-Anstalten verschüben; sondern eilete gegen der Elbe
daselbst von Cimbern und Longobarden gewisse Hülffs-Völcker an sich zu ziehen.
Ingviomer brach ebenfalls auch auf / um die Belagerung des Drusischen Altares an
dem Rheine und der Lippe fürzunehmen. Arpus reisete nach Mattium; Hertzog Jubil
an die Saale /Catumer auf das Taunische Gebürge wider die Römer gute Anstalt zu
machen / das Frauenzimmer aber sollte so lange / biss man sähe / wo der Krieg
hinaus wollte /zu Cattenburg verbleiben. Malovend liess zwar alle verbundene
Fürsten dafür halten: dass er seine Marsen auch zu vorerwähnter Belägerung
zusammen ziehen wollte; er wendete sich aber geraden Weges gegen dem Rheine und
der Mosel auf Ambiatin zu seiner daselbst hin verschriebenen Sentia / wo
Germanicus eben anwesend war / und eine Brücke über den Rhein angab. Weil Sentia
nun mit dem Germanicus schon alle Bedingungen abgeredet hatte / ward Malovend
von ihm / jedoch an einem ganz abgesonderten Orte mit grosser Ehre empfangen.
Weil dieser nun dem Germanicus alle Anschläge der Deutschen verriet /erteilte
Germanicus Befehl: dass sechs Legionen ohne einige Hindernüs in dem Ubischen und
Menapischen Gebiete sich zusammen ziehen und daselbst fernern Befehl erwarten
sollten. Inzwischen säumte Ingviomer nicht mit seinen Bructerern sich bei dem
Drusischen Altare zu sätzen / über die Lippe eine Brücke zu bauen / die an der
Ecke beider Ströme liegende neue Festung der Römer / welche sie nunmehr nach dem
Verluste des alten Neu-Aliso hiessen / zu umschlüssen. Malovend schickte seinen
Marsen Befehl sich mit den Bructerern zu vereinbaren / er würde in weniger Zeit
sich selbst bei der Belagerung einfinden. Ingviomer bemächtigte sich inzwischen
des auf einem Hügel nicht weit von der Festung liegenden und umschantzten
Drusischen Grabmaals mit Sturme /schleiffte selbtes und machte alles der Erde
gleich; also dass des Drusus Grabmaale gleichsam zur Einäscherung versehen waren
/ und der Römer ihrer kaum so viel bauen konten / als ihrer die Deutschen
zernichteten. Weil aber die grosse Römische Macht sich der Belagerung näherte /
schrieb Ingviomer an den Hertzog Arpus um Hülffe; welcher denn auch seine
zwischen der Dymel und der Fulde liegende Kriegs-Völcker zehn tausend Mann
starck unter dem Grafen von Hanau und Isenburg ihm zusendete; und /weil der
Krieg sich derogestalt nach Norden zoh / befahl er nicht alleine: dass Catumer
bei dem Altare des Bacchus über den Rhein gehen / und in das fast aller
Kriegs-Macht entblöste Gebiete der Trierer einbrechen sollte; sondern dass auch
seine Gemahlin mit der Fürstin Adelmunde / Catta und anderm Frauenzimmer sich
wieder nach Mattium verfügen sollte. Sentia kriegte hiervon zeitlich Kundschaft
/ beredete also den Germanicus: dass er den Catten einen unversehnen Streich
versätzen könnte; daher er deñ auch den Silius beim Ubischen Altare mit zwei
Legionen / drei tausend Hispaniern / zehn tausend Nemetern und Vangionen über
den Rhein gehen liess. Malovend war zwar auch darbei / aber in unbekandter
Gestalt eines Ubischen Fürsten / welcher sich Klodowich nennte. Weil es nun
diesem mehr um die Fürstin Catta als um der ganzen Welt Herrschaft zu tun war
/ veranlasste er den Silius: dass er ihm aus allen diesen Völckern zwei tausend /
welche am besten beritten waren / untergab; Mit diesen ging er Tag und Nacht am
Siegstrome hinauf / von dar wendete er sich gegen die Eder / und weil sie alle
deutsch aufzohen / sie auch keinem Menschen einig Leid zufügten / hielt sie
niemand für was weniger als Feinde. Eine Meile von Battenberg blieb er in einem
Walde verstecket stehen / schickte etliche Cattischgekleidete Kundschafter nach
Franckenberg / welche ihm die Nachricht brachten: dass das Fürstliche
Frauenzimmer den Abend vorher auf dem Schloss Waldeck ankommen wäre / und
folgende Nacht zu Franckenberg schlaffen würde. Malovend war so begierig: dass er
des andern Tages nicht erwarten konnte / sondern sätzte alsbald oberhalb
Battenberg über die Eder und Orck sich des Frauenzimmers / ehe es Franckenberg
erreichte / und der Ruff von der Römer Einfalle kund würde / zu bemächtigen.
Sein Anschlag geriet ihm auch so wohl: dass Walbert ein junger Fürst der Nemeter
eine Meile von dar auf den Vordrab und den Grafen von Witgenstein stiess /
welcher in zwei hundert Pferden bestand / welche sonder sich eines Feindes zu
versehen von Malovends ersten Hauffen nach einer kurtzen Gegenwehr angefallen
und zurück getrieben wurden. Malovend liess diese mit einander im Gefechte /
ging mit dem übrigen Volcke vorbei / und fand daselbst an einer Bach die
Cattische Hertzogin Rhamis und die Fürstin Catta auf einem Wagen beisammen;
derer liess er sich ehe bemächtigen / als zehn oder zwölff Cattische Reiter durch
den Furt selbiger mit vielem Gestrittig bewachsenen Bach kommen konten. Der
Graf von Witgenstein eilte zwar herzu; und der junge Ritter Waldeck / welcher
sie begleitete / sprengte mit einer Anzahl Cattischer Edelleute durch das
Gestrittig über die Bach / aber der Feind war zu starck / und hatte jedem Catten
ihrer vier entgegen zu sätzen; daher so wohl Witgenstein als Waldeck harte
verwundet / die verzweiffelt fechtenden Catten guten teils erlegt / die übrigen
in die Flucht gebracht / aber nicht verfolget wurden. Denn Malovend war an
seiner unschätzbaren Beute vergnügt / welcher die Fürstin zu Pferde bringen /
und mit ihnen ohne Versäumung einigen Augenblicks gegen dem Siegstrome zurück
eilen liess; ohne dass er sich wie schwer es ihm auch ankam zu erkennen gab; weil
er noch zur Zeit kein offentlicher Feind der Catten und Cherusker / weniger aber
ein Rauber dieser Fürstin sein sollte / als bei welcher er so gestalten Sachen
nach nimmermehr einen Stein im Brete zu erlangen getraute. Die Fürstin Adelmunde
hatte zu ihrem Glücke dissmahl zu Pferde gesessen / und war mit den übrigen
Catten entkommen. Das Geschrei von diesem Raube breitete sich also bald weit
aus; daher alles / was nur reiten konnte /zu Pferde sass / den Raubern den Weg zum
Rheine zu verbeugen; der Feind aber hatte selbige Nacht einen so guten Vorsprung
erlangt: dass er folgenden Tag gegen Abend bei dem Silius ankam / welcher mit
seinem Heere zwischen dem Siegstrome und dem Gebürge sechs Meilweges herauf
gerückt war. Der den Raubern selbst nachsetzende Hertzog Arpus kriegte vom
Einbruche der Römer des Morgens Nachricht / als er über den Dillestrom sätzte.
Daher er / wie erbittert er gleich über dem Raube seiner Tochter war /
allentalben Befehl herum schickte: dass / nachdem die Rauber doch besorglich
schon entwischt wären / die Catten alle beim Eingange des Wester-Waldes /
welcher ein Teil des Hercynischen ist / und die Catten von den Juhonen
unterscheidet / anhalten / sich sammlen / und alle im Rücken stehende Macht ihm
folgen sollte. Unterdessen besätzte er das Gebürge und den Seinstrom; den
Wester-Wald aber liess er verhauen; also dass Silius / ungeachtet er an
unterschiedenen Orten Lermen machte / nirgends durchbrechen konnte. Weil nun die
Macht des Hertzoges Arpus sich alle Tage verstärckte / der grosse Regen ihm auch
vielerlei Ungemach zufügte; inzwischen aber Hertzog Catumer bei des Bacchus
Altare mit zwölf tausend Catten übergegangen war / und zwischen dem Rheine und
der Mosel nach eigenem Willen hausete; also die Gallier um Hülffe rufften; musste
Silius / ohne dass er wider die Catten das geringste ausgerichtet hatte / nur
zurücke über den Rhein eilen / und dem Hertzoge Melo die Verwahrung seiner
Gräntzen heimstellen / um Catumern in Gallien die Stirne zu bieten. Unterdessen
wendete sich Malovend den gerädesten Weg gegen der Lippe /stellte sich nicht
allein / als wenn er kein Wasser getrübt hätte / sondern gab auch / als er zum
Ingviomer in die Belägerung kam / für: dass er um den eingefallenen Römern zu
entkommen / fünff Tag und Nächte in einer der wildesten Einöde hätte Kummer und
Not leiden müssen. Germanicus aber sätzte mit sechs ganzen Legionen und
dreissig tausend Ubiern / Menapiern und andern Galliern über den Rhein; zwang
also den Hertzog Ingviomer: dass er die Belagerung der schon ziemlich
notleidenden Festung aufheben musste. Denn ob er zwar vom Feldherrn Hülffe
verlangte / schrieb er doch Ingviomern: er hielte nicht für ratsam sein
Kriegs-Volck durch hin und wieder ziehen ohne Not abzumatten. Sintemal die
grosse Schiffsrüstung und andere Nachrichten ihn allzu gewiss versicherten: dass
die Römer nichts in den Wüsteneien um den Lippestrom noch in den Sümpffen der
Bructerer anfangen würden / oder ausrichten könten / sondern dass des Germanicus
ganzes Absehen auf den Weserstrom gerichtet wäre. Diese Mutmassung des
Feldherrn traf auch richtig ein. Denn nach dem sich Ingviomer an die Isel sätzte
/ liess Germanicus nur an der Lippe hinauf einen Streif tun / etliche alte Tämme
/ Schantzen und Gräntzmaale verneuern; er aber besserte die zerdrümmerten Mauern
und Wälle um Aliso wieder aus / bauete auch nur ein schlechtes Altar seinem
Vater Drusus / dass darauf geopffert werden könnte / und an dem keine andere
Zierat / als des Pluto und Proserpinens Bild zu sehen war. Gleichwol aber
opfferte er darbei denen zwölff Göttern / nämlich dem dreifachen Jupiter im
Himmel / im Wasser und unter der Erde / in welchen die Welt bestehet; der Ceres
/ Juno und Diana / welche sie beseelen; dem Apollo / der Venus und Mercur /
welche ihre Teile mit einander verbinden; der Vesta / Pallas und Mars /welche
die Welt beschirmen. Uberdiss hielt er dem Drusus zu Ehren allerhand Spiele. Alle
sechs Legionen Fuss-Volck musste die Wette lauffen / die Reiterei in die Wette
rennen. Denen Siegern zu Fusse gab Germanicus einen gestickten Rock / denen zu
Rosse ein Mauritanisches Pferd mit Sattel und Zeuge. Hernach musste das Fuss-Volck
mit bleiernen Kugeln an Riemen; die Reiterei aber mit tönernen Kugeln fechten /
und in einem Rennen mit dem Wurffspiesse durch einen geharnschten Mann werffen /
einen Mohren-Kopff mit dem Schwerdte abhauen; und den / welchen sein Vorläuffer
abgehauen / mit einer Lantze anspiessen. Die in jenem siegten / wurden vom
Germanicus mit einem güldenen Schwerdte / diese mit einem Halsbande beschenckt.
Die Bogen-Schützen mussten nach einer auf den Gipffel einer sehr hohen Tanne
gebundenen weissen Taube mit Pfeilen schüssen; und /die sie traffen / bekamen
einen güldenen Köcher mit Pfeilen. Endlich ward auf dem Rheine von vier und
zwantzig vergoldeten Schiffen ein Schiff-Rennen und hernach ein Gefechte
gehalten. Die Boots-Leute mussten auch die Wette schwimmen / und hernach auf
kleinen Nachen eine an ein über den Rhein gespanntes Seil angebundene Gans los
reissen und andere Kurtzweilen angeben. Germanicus beteilte jedes Schiff mit
drei Ochsen / jeden Boots-Knecht mit einem himmelblauen Kleide / einen jeden
derer / welche das beste getan hatten / mit hundert Sestertiern und einem
geschnäbelten Schiffs-Krantze. Kein neues Gedächtnüs-Maal wollte Germanicus
seinem Vater nicht aufrichten; entweder weil solches ohne des Tiberius als
obersten Priesters Vorwissen und Willen nicht geschehen konnte / er auch daraus
mehr Missgunst / oder vielmehr besorgte: dass es doch von den Deutschen wieder
würde zerstöret werden.
    Inzwischen kam die neu-erbaute Kriegs-Flotte vollends den Rhein herauf /
welche die Bataver / Gallier und sonderlich die Armorischen Städte mit vier und
zwantzig tausend Schiffern und Boots-Leuten besätzt hatten; es kam auch Silius
vom Ubischen Altare mit zweien Legionen nach Alison auf dem Rheine herunter; und
musste Domitius mit einer aus Gallien gezogenen Legion nebst dem Aufbot der
zwischen der Araris und Maas gelegener Völcker inzwischen die Catten zu hemen
über sich nehmen / welchem auf den Notfall eine Legion aus Rhetien zu Hülffe
kommen sollte. Germanicus schickte die Last-Schiffe mit Lebens-Mitteln und dem
Krieges-Geräte voran / teilte die sechs hundert alten Schiffe unter die
Hülffs-Völcker / die tausend neuen unter die acht Römischen Legionen ein. Aller
Schiffe Mastbäume Vörder- und Hinterteile waren bekräntzt / und jedes hatte ein
besonderes Schutz-Bild; des Germanicus Haupt-Schiff den Osiris und die Isis /
welche aber eigentlich den August und Livien abbildeten. Des Silius Schiff hatte
Jupitern und die Juno / beiden aber war der Zunahme des Augustus beigesätzt.
Sintemahl die Römer nicht weniger als die Egyptier denen Göttern ihrer Fürsten
/als ihren Fürsten der Götter Nahmen zueigneten. Auf allen Schiffen der Bataver
stand das auf einer Drommel sitzende Bild der Göttin Nehalennia; welche
sonderlich von denen Seefahrenden Handels- und Kriegs-Leuten verehret wird.
Etliche Schiffe der Gallier führten den Gott Cososus / viel den Camulus / andere
den Togotius oder Endovellicus / und nicht wenig den Nemausus oder Pedajus / die
Senones ihren vergötterten Fürsten Moritas gus / die Hispanier den Togotus. Er
führte auf drei Mast-Bäumen güldene Flacken; auf dem Hinterteile seines über
und über vergüldeten Schiffes steckte eine grosse purperne Fahne / in welcher
auf einer Seite das Bild der Stadt Rom mit der Uberschrifft: der Welt und
Völcker Göttin; auf der andern Tiberius mit der Beischrift: dem Beschirmer des
Vaterlandes dem Schutzherrn der Welt; mit Perlen gestickt war. Am Spiegel des
Schiffes stand eine güldene Sonne über einem sinckenden Nebel / und darunter
diese Worte: Ich erhöhe und drücke zu Bodem. Silius / Cäcina / Vitellius /
Antejus Tubero / und die andern Häupter der Legionen /welche einen Adler führten
/ hatten alle übergüldete /wo aber ein ander Krieges-Zeichen war / übersilberte
Schiffe / ja durchgehends alle waren gemahlet / hatten im Schilde besondere
Zeichen und Sinnen-Bilder. Flavius war auf dem rot- und gold-gemahlten
Haupt-Schiffe der Deutschen und Gallischen Hülffs-Völcker. Seine drei Flacken
waren ebenfalls blau und gold; seine Haupt-Fahne rot / und auf einer Seite war
Germanicus / auf der andern Deutschland wie Diana mit dem Mohnden auf der Stirne
/ und darüber die sie bestrahlende Sonne von Gold und Silber / und darunter
diese Worte gestückt: Ich gläntze von deinen Strahlen. Im Spiegel stand das
Cheruskische Pferd / und darbei ein Zaum / mit den Worten: Für meinen Fall.
Malovend führte die Ubier und Menapier / hatte ein blau und vergüldetes Schiff /
solche Flacken / und in dem grossen Fahne war auf der einen Seite ein Wachturm
mit einem leuchtende Feuer / und ein in der stürmenden See wallendes Schiff
gemahlt. Darunter war zu lesen: Mein Feuer / mein Wegweiser. Auf der andern
Seite stand eine tröpffelnde Brenn-Kolbe über glüenden Kohlen / und diese Worte:
Mein Weinen rührt von meiner Glutt. Im Spiegel führte Malovend einen roten
Löwen / mit der Beischrift: Mein Glantz rührt her von meinem eigenen Blute.
Diese Schiffs-Flotte war in fünf Teile abgesondert. Den Vortrab führte Flavius
und nachgehends Cariovalda; weil die Bataver dieses Meeres am besten kundig
waren. Der andere Hauffen hatte den Silius / den vierdten Cäcina zum Haupte /
den Nachzug führte Malovend und Cruptorich; in der Mitte aber prangete
Germanicus mit dem Ausbunde der Schiffe und dem Kerne des Römischen Heeres. Der
Rhein erstaunte über dieser grossen Krieges-Macht / und war kaum mächtig so viel
und grosse Schiffe zu tragen. Bei dem Eingange des vom Drusus gemachten Grabens
aber wartete Hertzog Cariovalda noch mit zwei hundert von Batavern besätzten
Schiffen. Daselbst musste alles Kriegs-Volck aussteigen und dem Opffer des Drusus
beiwohnen / welchem Germanicus hundert Ochsen schlachtete und ihn mit grosser
Andacht anruffte: Er möchte ihm doch nicht missgönnen: dass er auf dieser seiner
Fahrt seinem Beispiele und der Ehre nachfolgte / sondern er sollte ihm vielmehr
ein Teil seines himlischen Geistes einblasen / welcher ihn alles so klüglich
entschlüssen und so tapffer ausführen lehrte. Nach vollendetem Opffer fuhr er
ohne einige Hindernüsse in die Flevische See. Diese grosse Macht nötigte den
Friesischen Hertzog Malorich: dass er den Römern nicht nur seine Hafen öffnen /
ihnen allen Vorschub tun / sondern auch / wie schwer es ihn gleich ankam / und
wie sehr er den Feldherrn eines andern versichert hatte / den Fürsten Cruptorich
mit hundert Schiffen und sechstausend Friesen den Germanicus verstärcken lassen
musste. Derogestalt segelte er mit gewünschtem Winde aus der Flevischen See in
das grosse Welt-Meer. In diesem lendete er mit etlichen Schiffen auf dem Eylande
Burchanis an / und verehrete daselbst abermals den Hercules und Drusus bei ihren
Gedächtnüs-Maalen mit Opffern und Ritter-Spielen. Er liess auch bei des Drusus
Bilde etliche gefangene Deutschen / Africaner und Sarmater auf den Tod gegen
einander fechten / entweder aus Aberglauben: dass des Drusus etwan erzürnter
Geist dadurch versöhnet / oder die Römer durch Anschauung so vieler
Sterbens-Arten des Todes desto besser gewohnen /und sonderlich die neugeworbenen
desto behertzter werden sollten. Wiewol diese abscheuliche und blutige Spiele /
da zu Rom mehrmahls in einem Monate zwantzig tausend Menschen abgeschlachtet
worden /nicht so wohl Mittel die Todes-Furcht zu vertreiben /und Leute tapfferer
zu machen / als Wegweiser zu viehischer Grausamkeit sind / zu welcher Löwen und
Tyger in Schauplätze offtmals müssen denen Menschen zum Beispiele dienen; So hat
doch die Erfahrung von langer Zeit erhärtet; dass die / welche in solchen Spielen
und im Zweikampffe grosse Helden zu sein scheinen / hernach im Kriege es andern
nicht so wilden Kriegs-Leuten gar nicht gleiche tun. Der Schluss des Germanicus
war zwar gemacht in der Weser einzufahren / weil aber Hertzog Melo zum
Germanicus auf das Eiland Burchanis zu kommen allerhand Ausflüchte machte / und
ihm der Chauzen Kaltsinnigkeit ziemlich verdächtig vorkam; er auch erfuhr: dass
die Angrivarier mit denen Cheruskern und Catten zuspanneten / blieb Germanicus
unter dem Scheine der Andacht bei Burchanis so lange liegen /biss der West-Wind
umschlug und sich in Nord-Ost verwandelte. Diesen Zufall brauchte Germanicus zum
Vorwande: dass er das des Wassers ungewohnte und von der gewöhnlichen
Schiff-Kranckheit abgemattete Volck nicht länger auf den Schiffen halten und die
Weser erreichen könnte; schickte daher den Antejus zum Melo um Erlaubnüs: dass er
in der Ems aussätzen möchte. Melo aber hatte so bald nicht des Antejus Ankunft
vernommen / als er die Römische Schiffs-Flotte in die Emsse einlauffen / und bei
Amisia Ancker werffen sah. Also war es weder Zeit noch ratsam dem Germanicus
was abzuschlagen / sondern Melo musste sich über dieser Verdrüssligkeit noch
freudig stellen / und zum Feldzuge mit den Römern wider die Deutschen sich
rüsten. Gleichwol widerriet er diesen zum besten mit den Schiffen weiter Strom
auf zu fahren / unter dem Scheine: dass sie teils zu breit wären / teils ihrer
Schwerde zu tief giengen /und besorglich auf dem hin- und her seichtem Ufer
feste sitzen bleiben dörfften. Denn hierdurch verursachte Melo: dass Germanicus /
welcher auf der Ost-Seite aussätzte / bei nahe drei Wochen mit Brücken-bauen und
Abtuung anderer Hindernüsse / welche die vorher gehende Winters-Flutt mit
Durchbrechung der Tämme verursacht hatte / zubrachte / ehe er sein Kriegs-Volck
aus den Sümpffen aufs feste Land bringen konnte. Wiewol dieses nicht ohne
empfindlichen Verlust ablief. Denn weil Germanicus vernam: dass Ingviomer nicht
mehr weit von der Emsse / der Feldherr aber an der Hunte stünde / und er bei der
Zusamenstossung auf alle Weise hindern wollte / war es ihm zu lang des
Brückenbaues abzuwarten. Diesemnach musste die Helffte der Hülffs-Völcker bei
einfallender Eppe durch die ausgiessende See und Sümpffe setzen und den Legionen
den Weg zeigen; welche denn auch ohne sonderlichen Schaden durch kamen. Als aber
die andere Helffte der Hülffs-Völcker durchsetzten und wateten / erhob sich ein
Nord-West-Wind / welcher auf der Emsse das Wasser schwellte und es aus dem Meere
mit grosser Gewalt in Strom trieb; also dass alles / was nicht schwimmen konnte /
im Schlamme stecken blieb und ersoff. Inzwischen hatte Ingviomer Zeit sich mit
dem Feldherrn zu vereinbaren; zumahl Germanicus aus Misstrauen nicht fortrücken
wollte / biss Melo Römische Besatzung in Amisia einnam / und die Römer ihrer
unhinderlichen Rückkehr zu versichern / unterschiedene Schantzen aufgeworffen
hatten. Dieses tat dem Fürsten Melo so wehe: dass er im Hertzen den Tag
verfluchte / da er sich mit den Römern in ein Verständnüs eingelassen hatte. Er
erkennte nun allererst / aber zu spät: dass die nicht glücklich sein / noch sich
aus der Notwendigkeit zu sündigen ausflechten könten / welche nicht alle ihre
Regungen der Liebe des Vaterlandes unter die Füsse geworffen hätten / das noch
niemand ohne empfundene Rache beleidiget hätte. Viel empfindlicher aber war es
den Chauzen / welche von dem unmässigen Heere der Römer biss aufs Marck ausgesogen
worden / und noch darzu ihr Blut wider die deutsche Freiheit daran setzen
sollten. Diese Unterdrückung erweckte bei den Nachtbarn / insonderheit bei den
Angrivariern / welche ihren Hertzog Bojocal in eben diss Unheil rennen sahen /
nicht nur ein Mitleiden; sondern ein gleichmässige Beisorge und Rachgier.
Niemanden aber stieg diss mehr zu Hertzen / als dem Grafen von Ravensberg /
welcher auf Bojocals Befehl sechs tausend Angrivarier dem Germanicus wider die
Cherusker zu Hülffe schicken sollte. Dieser stellte das ihm anvertraute Volck
rings um sich her in Schlacht-Ordnung / nam seine Lantze / Degen / und alles
andere Gewehre / warf es zu Bodem und redete sie an: Wundert euch nicht / ihr
redlichen Deutschen; dass ich meine Waffen wegwerffe / und nicht mehr euer Führer
sein will. Es ist keine so grosse Schande den Nahmen eines Furchtsamen haben /
als wider die Freiheit und das Vaterland tapffere Taten ausüben. Ich habe
gemeint: die Freiheit wäre in Deutschland zu Hause und entsprossen / und sie
wäre von uns so wenig als die Wärmbde vom Feuer zu trennen. Nun aber sehe ich
leider! mit Augen: dass wir nicht einmal unter die Völcker / welche weder eine
völlige Freiheit / noch eine gäntzliche Dienstbarkeit ertragen können / sondern
unter den grossen Hauffen / welcher ohne Herren nicht sein kann / und sich selbst
in die Knechtschaft verkaufft / zu rechnen sind. Wir haben die Dienstbarkeit
auf unserm eigenen Esel zu Hause und Hofe. Denn ungeachtet unser Meer / unsere
Flüsse und Sümpffe diese schädliche Feinde zu verschlingen /und uns zur
Gegenwehre durch ihr Beispiel aufzumuntern bemühet sind / widerstreben wir doch
der Natur und unsern Schutz-Geistern / indem wir jetzt gleich unterweges und im
Wercke begrieffen sind /die Römer zu Herren Deutschlandes und unser zu machen.
Niemand ist unter euch so blind / der nicht diss sowol / als ich / sieht / der
nicht der Römer Vorhaben mit der Hand greifft / oder nicht schon das Römische
Joch auf seinen Schultern fühlt. Aber niemanden ist diss mehr beschwerlich;
keinem Menschen geht unser Verlust zu Hertzen; sondern wir eilen als auf einer
lustigen Rennebahn in unser Verderben wie Curtius in den Pful. Das ärgste ist:
dass ich hierwider weder Rat noch Hülffe weiss. Denn ich sehe: dass die
Schlaffsucht / die Zagheit und andere Niedrigkeiten der Gemüter zu gewissen
Zeiten eben so wohl / als Pest und Fieber in der Welt herrschen; und / weil etwas
göttliches hierunter verborgen steckt / keine Artzneien weder wider eines noch
das andere Ubel anschlagen. Durch eine so seltzame Veränderung hat Aten und Rom
seine Freiheit mit Füssen von sich gestossen; ja sich über dieser Erlangung
nicht so sehr / als über ihrem Verluste erfreuet; gleich als wenn die Freiheit
ihr verdriesslicher Winter gewest wäre / und mit der Dienstbarkeit ihr
annehmlicher Frühling angienge. Weil es nun ja nicht anders sein kann; so ziehet
immer hin / machet euch und die Cherusker zu Knechten der Römer / und bei dem
Begräbnüsse euer Freiheit / wie bei Antretung einer fetten Verlassenschaft /
lustig. Ich aber verlange kein Teil an dieser erbärmlichen Freude / sondern
vielmehr den guten Nahmen zu haben: dass ich ehe kein Edelmann habe bleiben / als
ein Werckzeug der deutschen Dienstbarkeit werden wollen. Die Angrivarier / derer
viel ohne diss sehr schwermütig zu diesem Zuge kommen waren / wurden durch
Ravensbergs Rede ganz umgedreht: dass sie sich erklärten mit ihm für die
Freiheit zu sterben / ihn auch nach langer aber vergebener Weigerung nötigten
seine Waffen wieder zu nehmen und ihr Führer zu bleiben. Das Geschrei hiervon
versätzte Bojocaln in grosse Verwirrung / sintemahl ihm Ravensberg auf
zugeschickten scharffen Befehl: dass er zum Germanicus stossen sollte / zur
Antwort wissen liess: Er wäre Bojocaln nur so lange zu gehorsamen schuldig / als
er ihm nichts wider das Heil des Vaterlandes zu tun schaffte. Denn dieses
beleidigen wäre nichts besser / als GOtt selbst bekriegen. Viel andere
Angrivarier pflichteten und fielen ihm bei; also / dass es zu einem ganzen
Aufstande kam / und Bojocal sich zum Germanicus flüchten musste. Denn über diss /
dass die Liebe der Freiheit sie zu denen kühnesten Entschlüssungen bewegte / war
Bojocal wegen seiner Laster dem Volcke ohne diss verhasst / welche wie verborgen
sie geschehen / und wie fleissig sie Fürsten zu verstecken trachten / doch eben
so wohl als die Sonnenstrahlen hinter trüben Wolcken sichtbar sind / und sich
leichter vermänteln als verbergen lassen. Die stummen Wände und Tapezereien
kriegen zuweilen Zungen solche zu verraten / und die Zeit hat nicht weniger
Macht ihre Geheimnisse / als Hirsche mit ihrem Ateme die Schlangen aus den
tiefsten Klüfften heraus zu ziehen. Uber diss hatte sich Bojocal nach der mit den
Römern gemachten Verträuligkeit über die Angrivarier einer grössern Gewalt
angemaasst / als Könige und Fürsten in Deutschland über ihre Untertanen zu haben
pflegen. Sintemahl diese so wenig /als in Gallien über-sondern unter den
Gesätzen sind /und nicht mehr Gewalt über das Volck haben / als das Volck über
sie hat. Insonderheit hatte Bojocal durch allerhand von den Römern begrieffene
Künste sie mit Anlagen beschweret / und seine Herrschaft verhasst gemacht / auch
hatte sie diss Unrecht durch ihre Gedult nicht verdäuet / sondern nur auf
Gelegenheit es zu rächen gewartet. Denn Untertanen haben zwei Eigenschaften
der Kamele / nämlich dass sie lange ihr Unrecht vertragen / aber auch lange die
Begierde es zu rächen wie ein Feuer unter der Asche verbergen. Germanicus ward
über Bojocals Flucht und der Angrivarier Aufstande so viel mehr bekümmert / weil
er nicht ohne Ursache besorgte: dass dieses Beispiel die Chauzen / Friesen und
Sicambern zur Nachfolge verleiten dörffte. Dieses Feuer nun beizeite zu leschen
gab er Bojocaln den Stertinius mit drei tausend Römischen und so viel Gallischen
Reitern und von drei Legionen das leichte Kriegs-Volck neben fünf tausend
frembden Fuss-Völckern zu / diesen Aufstand so wohl zu straffen als zu dämpffen.
Denn diese Gewohnheit haben die Römer allezeit gehabt: dass sie die Züchtigung
der Abtrünnigen allen andern nötigen und vorteilhaften Verrichtungen
vorgezogen; ja / als Hannibal gleich Rom belägerte / ihrem eigenen Feuer
zuzulauffen so lange verschoben / biss sie Capua wieder in ihre Gewalt gebracht
hatten. Bojocal kam also dem Ravensberg ehe / als er vermeinte / auf den Hals;
über diss sprengte er zum Schrecken aus: dass Germanicus mit der ganzen Römischen
Macht folgte. Sein klügster Streich aber war dieser: dass er den Ritter Eberstein
anstifftete sich auch zum Ravensberg zu schlagen / und bei denen Verbundenen von
Beschützung der Deutschen Freiheit viel Wesens zu machen. Denn durch dieses
Mittel teilte Bojocal die vorhin alleine beim Ravensberg bestandene Gewalt /
und hiermit auch die Meinungen. Sintemahl Ravensberg zum Hertzoge Ingviomer zu
stossen / Eberstein aber Bojocaln den Kopff zu bieten riet / und jeder die
Gemüter an sich zu ziehen bemühet war. Wordurch denn ein Aufstand wider den
andern / und zwischen allen ein Misstrauen erreget ward; also / dass / nach dem
Bojocal allen / welche in dreien Tagen sich unter seine Fahnen einstellen würden
/ völlige Begnadigung versprach / allen Hartnäckichten aber den Verlust ihrer
Güter / Ehre und Lebens andräuete / es dem Eberstein nicht schwer fiel seinen
Anhang wieder auf Bojocals Seite zu bringen. Ravensberg behielt also kaum fünf
tausend Angrivarier / mit welchen er sich gegen dem Flusse Hunte wendete und
sich mit den Cheruskern zu vereinbaren meinte. Aber sein Vorhaben war Bojocaln
und dem Stertinius verraten / welche ihm den Weg verbeugten. Gleichwol aber
sprach er den Angrivariern ein Hertze ein: dass sie mit einer unbeschreiblichen
Tapfferkeit den Römern begegneten / und ihnen eine ziemliche Zeit genung zu
schaffen / und den Sieg zweifelhaft machten. Sintemahl sie für ehrlicher
hielten von Händen des Feindes / als eines Scharfrichters sterben; und daher aus
verzweiffelter Hoffnung zu leben desto hartnäckichter fochten. Nach dem aber
Ravensberg mit einem Pfeile durchs Auge in Kopff tödtlich verwundet ward und vom
Pferde fiel / sah man: dass das Haupt der ganze Mensch / und ein Heerführer das
ganze Heer wäre. Daher wurden zwar die von Adel hierüber so sehr erbittert: dass
sie mit Aufsetzung ihres noch übrigen Blutes Rache üben wollten; nach dem aber
auch von diesen die Keckesten fielen / wurden die Gemeinen kleinmütig; also
geriet alles in die Flucht. Da denn der meiste Teil erschlagen / wenig
gefangen / und noch etwan tausend Pferde vom Ritter Garsau / Gottingen und
Wundesdorff davon und zu Ingviomern gebracht wurden. Bojocal hausete mit dem
Stertinius in seinem eigenen wie in des Feindes Lande. Er liess alles / was mit
im Aufstand war eingeflochten gewest / und ihm mit dem Eberstein gleich wieder
zugefallen war / auf des Stertinius Rat niederhauen und ihre Güter verbrennen.
Denn ein Fürst müste die / welche schon einmal sein Ansehn verächtlich gehalten
hätten / und mit keinen Woltaten kräfftig verbunden werden könten / mit keinen
linden Pflastern / unter welchen die Fäulnüs nur weiter um sich frässe / heilen;
sondern sie mit Strumpff und Stiel ausrotten / und auch in unfühlbaren Dingen
Merckmaale seiner Rache hinterlassen.
    Mitler Zeit hatte der Feldherr und Ingviomer sich an dem Hase-Strome
vereinbaret und gesätzt / weil beide nicht wussten: ob es der Römer Ernst wäre
über die Weser zu setzen / oder nicht vielmehr zwischen der Emsse und der Weser
einzubrechen. Zumahl Germanicus bald dar bald dort einzufallen Schein von sich
gab. Es kriegte aber der Feldherr vom Hertzoge Marcomir / welchen er mit acht
tausend Mann bei der vom Drusus gebauten und an der Cheruskischen und
Chauzischen Gräntze liegenden Festung Fabiran zu Beschirmung der Weser gelassen
hatte / Nachricht: dass der Römer anderwärtige Dräuungen ein blosses
Spiegelfechten / ihr rechter Ernst aber auf die Weser gespitzet / Germanicus mit
der ganzen Römischen Macht schon über den Jadestrom / und im Munde der Weser
viel Schiffe / Nachen und ander Zeug zum Schiffsbau ankommen wären. Dieses waren
so gewisse Anzeigungen des dahin angesehnen Einbruchs: dass beide Hertzoge gerade
dem Hunte- und Delmen-Strome zueileten um für der Römer Ankunft Fabiran zu
erreichen und daselbst über die Weser zu komen. Denn ob zwar Ingviomer der
Meinung war / man sollte den Römern disseits der Weser auf den Hals gehen; so
pflichteten doch die meisten Kriegs-Häupter dem Feldherrn bei; man sollte den
Feind unverhindert über die Weser setzen lassen / weil er so denn sich desto
schwerer zurück ziehen könnte / und die über der Elbe wohnenden Völcker desto
grössere Eyversucht wider die Römer schöpffen würden. Ehe sie aber an den
Delmenstrom kamen / war Germanicus schon unten eine halbe Meile oberhalb der
Weser über den darein flüssenden Hunte-Fluss kommen / hatte sich auch zwischen der
Weser und der Olla eines sehr vorteilhaftigen Ortes bemächtiget; allwo er mit
Hülffe der Chauzen / weil Hertzog Melo unabsonderlich beim Germanicus bleiben
musste / unterschiedene Brücken über die Weser zu bauen anfieng. Gleichwol aber
kam der Feldherr mit acht tausend auserlesenen Cheruskern dem das Ufer
besetzenden Hertzoge Marcomir zu Hülffe / ehe die Römer mit einiger Brücke
fertig werden konten / und folgte ihm Hertzog Ingviomer mit der völligen Macht
der Cherusker /Bructerer und Marsen ohne einige Zeit-Verlierung nach. Auf den
folgenden Morgen beriet der Feldherr mit dem Grafen von Nassau und fünf hundert
auserlesenen Rittern den Strom und die Gegend: dass er alle Gelegenheit
anzuländen und zu schlagen ihm absähe. Weil er nun über der Weser auf einem
Hügel einen von Purper und Golde schimmernden Römer zwischen einer ziemlichen
Menge herrlich gerüsteter Kriegs-Leute halten sah / befahl er dem Ritter Hoye:
er sollte dahin an den Strom reiten / darüber ruffen und fragen: Ob nicht
Germanicus auf dem Hügel hielte. Weil es diesem nun einer von den Römern /
welcher sich Albius Atticus nennte / verjahete; kam der Feldherr selbst dahin /
und ruffte dem Römer zu / er möchte dem Germanicus sagen: Er wäre ihm an diesem
Strome ein angenehmer Gast / weil sie auf einer oder der andern Seite / daraus
ihm Germanicus selbst eine erwählen möchte / mit einander die deutsche und
Römische Tapfferkeit zu prüfen Gelegenheit finden würden. Wenn er nun auf der
Ost-Seite zu schlagen Lust hätte / wollte er ihn an Fertigung der Brücken nicht
hindern / ihm auch Raum zum Aussätzen machen. Dafern aber sein Bruder Flavius im
Lager wäre / möchte Germanicus ihm doch erlauben: dass er an dem Strome mit ihm
zu Fusse und ungewaffnet reden möchte. Atticus riet mit dieser Post zum
Germanicus. Weil nun Hertzog Flavius eben zur Stelle war /und nebst dem Ganasch
dem Germanicus alle Gelegenheit der Weser und des Landes anwiess; Flavius auch
eine Begierde mit seinem Bruder zu sprechen mercken liess / konnte es ihm
Germanicus nicht wohl abschlagen; ungeachtet er nun so wohl wider ihn / als andere
mit den Römern verbundene Fürsten ein heimliches Misstrauen hatte; jedoch gab er
ihm zwei etwas deutsch verstehende Römer unter dem Scheine der Sicherheit mit;
und der gegenwärtige Stertinius musste auch nicht ferne davon hinter dem das Ufer
bedeckende Gestrittig mit dreihundert Pferden auf allen unverhofften Fall fertig
stehen; weil es den Deutschen nur eine Kurtzweil war durch die tieffsten und
strengsten Ströme zu sätzen / ungeachtet das Ufer schon vorher mit einer
ziemlichen Anzahl Bogenschützen besätzt war. So bald nun Flavius ans Ufer kam /
grüsste ihn Herrmann / und bat: dass / wie er alle seine Leibschützen von sich
gelassen hätte / Flavius auch die Römischen auf die Seite schaffen möchte / um
mit ihm desto sicherer zu reden. Nach dem nun Flavius den Feldherrn wieder
gegrüsst / und seine Freude über seinem Wolstande bezeugt hatte / gab dieser sein
Mitleiden über die Verstellung seines Antlitzes und den Verlust des einen Auges
ihm zu verstehen. Flavius hingegen sagte: Er könnte sich mit einem Auge wohl
vergnügen / nach dem der Himmel ihrer nicht zwei bedörffte. Herrmann antwortete:
die Natur hätte dem Menschen derer gleichwol zwei gegeben / welche so wenig was
überflüssig zu verschwenden / als was nötiges abzubrechen gewohnt wäre. Weil nun
der ganze Mensch gleichsam ein Dienstbote des Gesichtes /dieses aber der
Wegweiser zu den meisten Wissenschaften / und der Handgrief fast aller
Ergötzligkeiten wäre; müste der Verlust auch eines einigen Auges dem ganzen
Leibe eine grosse Schwachheit zuziehen. Flavius fiel ein: Es ist eben so wohl
Vorteil mit Ehren ein Auge / als das Leben verlieren. Herrmann / ob er es zwar
wohl wusste / fragte: Wie und wo er es denn verloren hätte? Flavius antwortete:
In der letzten Schlacht mit seinen treuen Bund-Genossen den Römern. Herrmann
fragte ferner: Was er denn für einen so grossen Verlust für Vergeltung erlangt
hätte? Flavius begegnete ihm: Ich habe zu Rom nun zweimahl so viel Ansehn / als
da ich noch zwei Augen hatte; und der Käyser hat mich mit zweifachem
Kriegs-Solde / mit einer goldenen Kette und seinem Bildnüsse / mit einer
güldenen Krone und andern im Kriege gewöhnlichen Freigebigkeiten beschencket.
Hertzog Herrmann fieng überlaut an zu lachen / und rief: O armseelige Belohnung
einer so knechtischen Dienstbarkeit! Nun sehe ich: dass du nicht nur ein Auge
verloren hast / sondern dass dir auch das andere verblendet sei; indem du die
unschätzbare Freiheit um Blätter und Schalen verkauffest / und sie dir noch
teuer bezahlt zu sein glaubest. Weist du nicht: dass es besser sei ein König in
einer Kohlen-Hütte / als ein Knecht in dem prächtigsten Schloss sein? Flavius
antwortete: So müssen wie uns auch schämen Knechte des unsterblichen GOttes zu
sein. Diesem und der Stadt Rom / welche einen rechten Spiegel der ewigen
Gotteit fürbildet / zu dienen / ist mehr für eine Freiheit und Glücke / als für
ein Joch und Unfall zu halten. Daher sätzen die Könige in Asien unter ihre
Ehren-Titel: dass sie Freigelassene des Römischen Volckes wären / und durch ihre
Untergebung allererst in die rechte Freiheit versätzt worden wären. Die
gleichsam in einem stürmenden Meere durch ihre einheimische Kriege scheuternde
Welt hätte an Rom einen sicheren Ancker erlangt / zu welchem sie ihre Zuflucht
zu nehmen so viel besser täten / weil diese Stadt doch vom Verhängnisse zu
ihrem Haupte und Göttin versehen wäre. Daher weigerten sich die unbändigen
Parten nicht mehr die Römischen Adler und die Bilder der Käyser anzubeten. Die
Völcker stritten mit einander um die Ehre Rom und den Käysern Tempel aufzubauen.
Was wollten deñ die Deutschen alleine wider den Schluss des Himmels und die
Einwilligung der Völcker ausrichten. Es wären bei nahe achtundert Jahr / in
welchen die Römische Macht durch nie unterbrochene Tugend und Glücke zusammen
gewachsen wäre. Daher würde sie nimmermehr ohne der sie anfechtenden Untergange
zu zerstören sein. Dieses hätten die Sicambrer und Juhonen /die Chauzen und
Friesen vernünftig behertzigt. Warum wollten denn die Cherusker alleine ihnen
daran den Kopff zerschellen? oder warum wollten sie durch verweigerte
Unterwerffung ihnen alles Unheil auf den Hals ziehen / die Glückseligkeit aber
mit den Füssen von sich stossen? welche so denn allererst in der Welt vollkommen
sein wird / wenn Rom alle Völcker ruhig beherrschen wird. Wilstu nun alleine das
Heil der ganzen Welt und dein eigenes hindern? denn von den Römern lernte man
allererst recht leben; zu Rom würde man erst zu rechten Menschen. Weissheit /
Tugend und Glücke wohnten alleine in dieser Stadt Umkreisse in verträulicher
Eintracht; und Herzog Herrmann würde seine Herrschaft um ein ansehliches
vergrössern / seiner Tapfferkeit allererst ans Licht helffen / und sein Glücke
befestigen / wenn er Rom für das Haupt der Welt / den Kayser für seinen und
Deutschlandes Schutz erkennen würde; welches wegen seiner Stärcke und
Entlegenheit viel gelinder /als kein ander Volck von Römern gehandelt werden
müste. Denn was entfernet läge / wäre ausser allem Anstosse und Beleidigung; und
hätte sich so vielmehr der Römischen Gütigkeit zu versichern. Den Hertzog
Herrmann würde Rom und der Kayser mit ausgestreckten Armen für ihren Freund
aufnehmen / und von den Cheruskern eine geringe Erkenntligkeit an statt / dass
andere mit den Waffen bezwungene Völcker schwere Schatzungen abgelten müsten /
abfodern. Die den Römern gehorchenden Gallier würden den Römern gleiche
geschätzt. Sie wären nicht nur Römische Bürger / sondern sie würden auch gar
Römischen Legionen und Landschaften fürgesetzt. Wie vielmehr hätte Hertzog
Herrmann und andere deutsche Helden sich solcher Werthaltung zu versehen. Dass
er bereit bei den Römern in grossem Ansehen wäre / könnte er daraus genugsam
ermässen: dass seine Gemahlin und Sohn nichts von Beschwerde einer
Gefangenschaft wüsten; sondern beide Fürstlich unterhalten würden. Diese würde
er durch einen billichen Vertrag so wohl des Gefängnüsses erledigen / als
Deutschland aus dem Rachen der Dienstbarkeit und des Untergangs erretten. Der
Feldherr brach ein: wer hat dir / lieber Bruder / den Aberglauben eingeflösst:
dass das Verhängnüs die Römer oder einiges andere Volck iemals zur Herrschaft
der ganzen Welt versehen habe? keines hat biss auf diese Stunde sich zum Meister
über ein vierdtes Teil gemacht; in dem ich nicht glaube: dass uns und den Römern
das dritte Teil davon entdeckt sei. Rom wird auch sicher verfallen und andern
Völckern dienen / ehe es der halben Welt Gräntzen wird kennen lernen. O welch
eine unermässliche Weite der Länder ist noch durch den Nebel unser Unwissenheit
für unsern Augen verborgen / welche die Nach-Welt allererst erforschen wird! Ist
es nun nicht eine Eitelkeit / oder vielmehr eine törichte Hoffart: dass sich die
Römer Herren der Welt zu sein rühmen; und wie weit sie gleich herrschen / doch
von denen dreihundert und sechzig Staffeln der grossen Erd-Kugel / darein sie so
wohl der Länge als Breite nach geteilet wird / von Ost gegen West kaum siebenzig
in die Breite / und von Sud gegen Nord nicht viel über dreissig nach der Länge
besitzen. Meinestu auch wohl: dass wenn es schon der Welt Nutzen wäre einen
Herrscher zu haben / solche Herrschaft einzurichten möglich wäre? wenn schon
ein solches Haupt der Welt aller bisherigen Weltweisen Verstand / aller
Herrscher Klugheit besässe / und ihm schon die Adler / durch welche Jupiter
einmal durch ihren Flug das Mittel der Erde zu Delphis gefunden haben soll /
oder gar die Winde seine Befehle an aller Welt Ende zu tragen in Bereitschaft
stünden? die Natur hätte die Erde mit allem Fleisse nicht als einen flachen Tisch
/oder wie einen Kegel nach etlicher Aberwitzigen Träume / sondern in Gestalt
einer weder Ende noch Anfang habenden Kugel gefertiget / weil niemand /als der /
welcher keinen Anfang noch Ende hat /nehmlich GOtt sie alleine zu beherrschen
fähig wäre; und Pytagoras sie deswegen Jupiters Turm und Hutte genennt hätte.
Meinestu / GOtt habe die Länder umsonst durch so grosse Meere / tieffe Flüsse
und so hohe Gebürge / daran sich selbst die Wolcken zerstossen / und welche die
Vögel nicht überflügen / ja durch Kälte / Hitze und viel andere
Wiederwärtigkeiten / die Völcker aber durch so unterschiedene Gestalten / Sitten
/ Sprachen / Neigungen von einander unterschieden? Alles dieses sind klare
Anzeigungen: dass auch ihre Beherrschung von einander unterschieden sein / und
iedem Volcke ein Haupt seiner Eigenschaft fürstehen; GOtt alleine aber aller
Könige König sein solle. Dieser und die Sonne hätten alleine Kräfften in allen
Dingen ihre Würckungen auszuüben; alle andere Sterne hätten nur gewisse Dinge
unter sich. Wie möchte nun der gram- und lasterhafte Tiberius ihm eine solche
nur GOtt an- und zuständige Herrschaft träumen lassen? Glaube mir: dass diese
seine Ehr- und Herrschenssucht so vielmahl die Torheit des den Hellespont
peitschenden und mit Ketten fesselnden / wie auch den Berg Atos ins Meer zu
werffen dreuenden Xerxes übertreffe; als die Welt selbige Meer-Enge und den Berg
übertrifft. Wie hätte Flavius als ein Deutscher die ihm angebohrne Liebe der
Freiheit / welche auch Tiere so sorgfältig als ihr Leben verwahrten / aus
seinem Gemüte vertilgen können? die doch sonst so lehrsamen und dem Menschen zu
gehorsamen gewohnten Elephanten beweinten des Nachts ihre Dienstbarkeit.
Pytagoras hätte die Freiheit für was so edles geschätzt: dass er auch die Finger
mit einigem Ringe einzuzwängen verboten. Und die Deutschen sollten auf einmal
ihre Leiber /Vermögen / und Gemüter Frembdlingen / welche die Deutschen
vormahls für Feinde gehalten / welche so wenig im Geitze und Grausamkeit / als
im Herrschen Ziel und Maass zu finden wüsten / mehr als kleinmütig unterwerffen?
Sollen wir Deutschen / derer Vorfahren es an Treue und Tapfferkeit allen
Völckern zuvor getan / welche Rom selbst in Asche gelegt haben / so verhaster
Ausländer Knechte werden? derer auch gelinde Herrschaft allen freien Völckern
bitterer als Galle und Wermut ist / und derer übermässiges Gelücke fürlängst
alle gute Sitten verterbet hat? Rühme einem andern die Tugenden der Römer /
welcher ihnen niemahls unter die Larve gesehen und ihre Klauen erblickt / oder
gefühlet hat. Streiche etwas besserm als dem Römischen Joche die Farbe deiner
Beredsamkeit an. Ist doch ihre Freundschaft denen /welche sie nur zu
Bundgenossen aufgenommen haben / unerträglich / und die Bataver sind wenig
freier / als anderer Könige Leibeigene. Zu dem wären die sich ergebenden Völcker
nicht nur des Kaysers / der Feldherren und Land-Vögte / sondern eines ieden
kahlen Römers / der über zehn andere Befehlhaber ist /Knechte und Dienstboten.
Wenn solche Aegeln sich an ihrem Marck und Blute voll gesogen hätten / sätzte
man ihnen andere hungrige über den Hals / welche noch tieffsinniger ihnen das
Fette auszuzöpffen wüsten / damit sie ja nicht wieder zu Kräfften kämen. Zu
ihren Kriegen nähmen sie den Eltern ihre Kinder /dem Geschwister ihre Brüder mit
Gewalt weg / und machten sie zu Werckzeugen neuer Dienstbarkeiten. Durch dieser
Blut / nicht aber durch eigene Tapfferkeit wären die Römer Herren so vieler
Länder worden. Der Lohn aller treuen Dienste aber wäre nichts anders / als
unsterbliche Schatzung / Ruten / Beile /und / wenn man es am besten gemacht hat
/ gramhaftige Herrschaft. Daher wäre ja ratsamer für die Freiheit alles zu
wagen; weil es auch die Uberwundenen nicht schlimmer als die sich gutwillig
Unterwerffenden haben könten. Sagunt / Astapa und andere weniger Kriegrische
Völcker / als die Deutschen wären /hätten aus Abscheu der Römischen
Dienstbarkeit sich mit ihrem Vaterlande willig eingeäschert. Was sollten sie denn
Mut und Hände sincken lassen / da sie noch zur Zeit weder Glücke noch Tugend
verlassen hätte? Unter allen Deutschen aber hätte niemand weniger Ursache / als
er den Römern hold zu sein / auch würde ihn GOtt für dem geringsten Gedancken
behüten: dass er Deutschlande das Seil ihrer Dienstbarkeit sollte anschlingen
lassen. Flavius rühmte ihm der Römer Wolwollen gegen ihn und seine Gemahlin. Sie
wären ihm aber / ausser einer Frauen / nur durch Beleidigung bekandt. Denn
welche Grausamkeit wäre mit der zu vergleichen / die Tiberius wider seinen Sohn
auszuüben befohlen hat? hätte Tussnelden durch eigenen Tod ein grösser
Hertzeleid zugefügt werden können / als da man sie an ihrem Kinde eine blutige
Zerfleischung anzuschauen gezwungen hat? Mit was hätten die Römer dem doch für
ihren Freund aufgenommenen Siegesmund das Hertz ausfressen können / als dass sie
ihn gezwungen einen Scharffrichter über sein so nahes Blut abzugeben? Keine
Gefängnisse wären schön / wenn sie schon güldene Gegütter und gestückte Vorhänge
hätten. Wie möchte er denn von den Römischen so viel Lobes machen? Seiner
Gemahlin und Sohnes Bestrickung lägen ihm zwar als ein schwerer Stein auf dem
Hertzen / und kämen ihm nie aus dem Sinne; aber der Deutschen Freiheit gienge
ihm über alles. Das Vaterland wäre seine fürnehmste Gemahlin / und das gemeine
Heil sein erstgebohrner Sohn; welchen beiden die Gefangenen gerne wiechen / und
lieber dienen / ja sterben /als zu der Cherusker Nachteile frei sein wollten.
Dieses sollte Flavius auch behertzigen und mit der Liebe des Vaterlandes nicht
einen deutschen Fürsten ausziehen; welche / so lange sie diss wären / so wenig
Knechte / als Adler zu Eulen werden könten. Er beschwüre ihn nun zum letzten
mahl bei der Freiheit seiner für solche gestorbener Vorfahren; bei ihren und
Deutschlandes Schutz-Geistern: dass er sich den Fesseln des Römischen Joches
entbrechen / und mit ihm für die Ehre der Cherusker / für die Wolfart der
Nach-Welt die Waffen vereinbaren sollte. Dieses wäre aller Bluts-Freunde / aller
Schwäger / und ihrer heiligen Mutter Wunsch / welche sich für Leide in die Erde
scharren wollte; und die Fruchtbarkeit ihrer Eingeweide verfluchen würde / wenn
sie an ihm einen abtrinnigen Deutschen / und einen Verräter des Vaterlandes
sollte geboren haben; welchem es doch weder an Kräfften noch Gelegenheit fehlte
ein Heerführer und Beschirmer Deutschlandes zu sein. Flavius ward über diesen
letzten Worten so entrüstet / dass er heraus fuhr: An dir / Herrmann / hat unsere
Mutter die Fackel geboren / welche ganz Deutschland in Brand gesteckt hat /
und zu Asche machen wird. Du wilst lieber dein Vaterland vergehen / als dein
Gebiete und Herrschaft um eine Spanne geschmälert / und deiner Ehrsucht ein
Ziel gesteckt sehen. Du hältest für verantwortlicher hundert Völcker in ewigen
Krieg zu verwickeln / als deinem Bruder ein weniges vom väterlichen Erbteile
einzuräumen. Dem Feldherrn stiegen diese Worte zwar tieff zu Gemüte; Er mässigte
sich aber / und antwortete: Ich höre wohl: dass du mehr Galle / als Brüderlichen
Blutes in dir / und von mir ganz irrige Meinung hast. Damit du aber sehest /wie
wenig ich an vieler Völcker Blutstürtzung gefallen habe / so bin ich erbötig mit
dir alleine durch unsere Waffen oder durch unverdächtige Schiedes-Richter unsern
Erbschafts-Streit beizulegen. Der hitzige Flavius war zum ersten bald fertig;
ruffte also den Seinigen / forderte Pferd und Waffen / als inzwischen Hertzog
Herrmann schon zu Pferde kommen / und zum Kampffe in die Weser zu sprengen
fertig war. Stertinius aber / welcher alle harten Worte gehöret hatte / eilete
herbei / redete dem Flavius ein und sagte: dass weder solche Hefftigkeiten noch
der verwegene Zweikampff Fürsten anständig wären / sondern sie sich zu was
besserm fürs Vaterland aufzuheben hätten. Nichts weniger eilte Hertzog Marcomir
zum Feldherrn und mühte sich ihn zu besänften. Also kamen beide zwar ohne
Kampff / aber mit so vielmehr getrennten Gemütern von sammen / und traff auch
hier unter Brüdern ein: dass ihre wiewol zur Versöhnung angesehenen
Zusamenkunften ins gemeine nur mehr Oel ins Feuer zu giessen / und Fürsten
dadurch öffter Gelegenheit einander zu hassen / als zu lieben; ja ihre zusammen
gebrachte Verträuligkeit in bittere Galle zu verwandeln bekommen. Sintemahl es
mit der um Ehre und Herrschaft willen iederzeit zusammenkommenden Fürsten
Freundschaft viel anders beschaffen ist / als um niedriger Leute / welche nicht
allemal solche Begierde / noch so eiversüchtige Beistände / als der Fürsten
Diener sind / mit zur Stelle bringen / als die für den treusten Dienst halten
/wenn sie einem andern Fürsten etwas entziehen und ihrem zuschantzen.
    Selbigen Tag kam Hertzog Jubil mit sechs tausend Hermunduren / der Graf von
Hanau / Hohenstein und Waldeck mit fünf tausend Catten bei dem deutschen Heere
an. Diesemnach stellten der Feldherr und Ingviomer ihr Heer folgenden Morgen an
der Höhe selbiger Gegend in Schlacht Ordnung: dass die über der Weser stehenden
Römer solche nicht nur eigentlich sehen konten; sondern sie liessen auch durch
einen Herold dem Germanicus entbieten: Sie warteten daselbst der Römer und
hätten ihm zwischen dem Flusse und den Bergen mit Fleiss einen geraumen Platz
gelassen sein Heer nach Belieben zu stellen / sie begehrten ihn auch an dessen
Ubersetzung nicht zu hindern. Germanicus /weil er entweder eine Hinterlist
besorgte; oder der Deutschen Entbietung für zu hochmütig und ihm für
verkleinerlich / oder auch ohne Brücken und vorher aufgeworffene Schantzen die
Legionen mit Schiffen /oder auf Flössen überzuführen für allzu gefährlich /und
wie Julius Cäsar einem Römischen Feldherrn für unanständig hielt / liess den
Herold beantworten: Wenn er es für ratsam halten würde über den Fluss zu kommen
und zu schlagen / würde er jenes ohne seines Feindes Einwilligung tun; und im
Treffen pflegte er seiner Vernunft / nicht seiner Feinde Rat zu folgen.
Gleichwol aber gebrauchte er sich dieses ihm von den Deutschen eingeräumten
Vorteils / liess selbige Nacht die zur Zimmer-Arbeit abgerichteten Römischen
Soldaten aus denen nahe an der Weser stehenden Bäumen etliche hundert Nachen
aushauen /die Chauzen leere Bier- und Fisch-Fässer zuführen /die Häute von
geschlachteten Ochsen und Schöpsen zusammen nähen / dass weder Lufft noch Wasser
darein kommen konnte / wie auch Balcken und Breter herbei schaffen. Von diesem
Vorrate baute er in wenig Stunden drei Schiff-Brücken darüber. Diese befestigte
er durch unterschiedene aus Wieten oben spitzig zu geflochtene / mit Steinen
gefüllte / und an statt der Ancker ins Wasser gesenckte Körbe / versah solche
auch am Ost-Ufer mit Schantzen und Besatzungen. Der Feldherr war zwar willens /
weil Germanicus ihre Gutwilligkeit verachtete / sich derselben aber gleichwol
bediente / seinen hierzu unwilligen Cheruskern zu erlauben der Römer Brücken-Bau
zu hindern / das Ufer der Weser behaupten zu lassen / und die angesätzten Feinde
nieder zu hauen. Aber Malovend verleitete Ingviomern und Marcomirn: dass sie als
ratsamer behaupteten / man sollte um den Sieg vollkommen zu machen / und nicht
nur eine Handvoll Römer zu erlegen / sondern es dem Germanicus wie dem
Qvintilius Varus mit zu spielen / dem Feinde ehe Brücken bauen helffen als sie
daran hindern. Sie blieben auch ziemlich hartnäckicht auf ihrer Meinung
/ungeachtet der Feldherr ihnen einhielt: Germanicus hätte nicht nur wie Varus
drei- oder vierdte halbe-sondern acht Legionen / und nicht weniger deutsche und
andere Hülffs-Völcker. Die Vermässenheit aber und Sicherheit wären der gemeinste
Anfang des Unglücks. Ein kleines Versehen könnte den gäntzlichen Untergang / wie
ein Funcke einen grossen Brand / und eine verachtete Schwachheit den Tod nach
sich ziehen. Daher liesse sich an keinem / zu geschweigen an einem so mächtigen
nichts ohne Gefahr verachten; welchen nichts so sehr als die Nachlässigkeit
verstärckte; hingegen erleichterte nichts mehr den Sieg /als wenn man ihm den
Feind noch einmal so starck /als er wäre / einbildete / und ihn zu erlegen
Anstalt machte. Malovend aber wusste durch viel Nachrichten zu beglaubigen: dass
das Römische Heer teils an neu geworbenem Volcke / teils an verzagten
Flüchtlingen bestünde / welche voriges Jahr mit Not aus des Feldherrn und
Cäcinens Händen entronnen wären. Die Gallier wären mehr zur Verwirrung als zum
Fechten tauglich / die Chauzen / Friesen und Sicambern folgten mit Unwillen den
Römischen Adlern / und würden entweder die Waffen in der Schlacht wegwerffen
/oder gar wider die Römer brauchen. Der Deutschen Heer aber bestünde in eitel
Kerne alten und durch viel Schlachten abgehärteten Volckes / und in der ganzen
Welt könten sie keinen vorteilhaftigern Ort zu einer Schlacht erkiesen / als
den sie schon eingenommen hätten; indem sie von dieser an dem Rücken mit Wäldern
befestigten Höhe auf die im Tale stehenden Römer mit grossem Nachdrucke los
gehen / der vom Flusse umgebene Feind aber ihnen nicht entfliehen könnte. Ob nun
wohl der Feldherr diesen Einwürffen erhebliche Gründe und insonderheit dieses
ihnen entgegen hielt: dass Germanicus den Kern fast aller andern Römischen
Legionen und etliche tausend schon ausgediente Kriegs-Leute an sich gezogen
hätte / er auch als ein erfahrner Feldherr die deutschen Hülffs-Völcker so unter
zu spicken wissen würde: dass sie auch wider Willen würden fechten und treu
bleiben; die Gallier aber wegen der ihnen durch den am Rücken habenden Fluss
Stand halten müssen: so gab doch die Ankunft acht tausend Longobarden und
Semnoner unter dem Ritter Ringelheim / Wetin und Soltwedel der Sache den
Ausschlag: dass auch die / welche unter denen Kriegs-Obersten vorher Hertzog
Herrmanns Meinung gewest waren / nunmehr des ganzen Römischen Heeres Ubergang
verlangten. Unterdessen liess Germanicus noch ober- und unterhalb beider Heere
Anstalt machen über die Weser zu kommen / um die Deutschen / wo er eigentlich
übergehen wollte / irre zu machen. Der Feldherr aber war auf allen Seiten wachsam
/ und machte allentalben nötige Gegen-Verfassung. Unterhalb vertraute er dem
Hertzoge Marcomir / oberhalb dem Fürsten Malovend die Aufsicht. Nach dem aber
dar / wo dieser stand / auf einem verstrauchten Hügel ein Rauch aufgieng / ging
Publius Vitellius mit der vierzehnden- und Cetegus mit der fünften Legion auf
Flössen und über die Brücken in möglichster Eyl über; Cariovalda aber sätzte mit
der Batavischen Reiterei durch / und hemmete zugleich die Hefftigkeit des
Stromes / dass unter ihm Stertinius und Emilius mit der halben Römischen /
Sacrovir und Indus mit der Trierischen und Seqvanischen Reiterei durchschwemmen
konnte. Cruptorich führete auch tausend Friesen; der Graf von Fleckenstein zwei
tausend Tribochen / Dagsburg zwei tausend Nemeter / Westerburg so viel Vangionen
über. Malovend / welcher mit fünf tausend Marsen / zwei tausend Angrivariern /
so viel Chamaven / drei tausend Cimbern darstand /sah wider die Meinung der
andern Kriegs-Häupter dem Feinde so lange zu / biss Sacrovir und Indus die an der
Spitze stehenden Chamaven auf einer / Fleckenstein aber die Angrivarier auf der
andern Seite anfiel. Der Ritter Spor und Stauben aber begegneten den Galliern
auf eine solche Weise: dass sie nicht Zeit sich umzusehen hatten / biss sie
zwischen die Römischen Legionen kamen / und sie Westerburg mit den Vangionen
entsätzte. Der Graf von Diest traf mit den Tribochen / und denen sie
entsätzenden Nemetern auch so tapffer: dass wie hertzhaft gleich Fleckenstein
und Dagsburg ihm begegneten / konten sie doch ihr verwirrtes Volck nicht wieder
zu Stande bringen. Inzwischen hatte Cariovalda und die Bataver mit den Cimbern
angebunden; welche Ranzau und Ahlefeld führte. Diese brauchten an statt der
Schwerdter lange auf beiden Seiten hauende Streit-Aexte / welche ungewohnte Art
der Waffen / wie alle Neuigkeiten / die streitbaren Bataver / und die ihnen
unter dem Emilius zu Hülffe kommenden Römischen Reiter nicht wenig verwirrete.
Inzwischen rückte Cetegus mit der fünften Legion / welche aber so wohl als die
vierzehnde zwei Adler auf- und viel Römisch-gekleidete Gallier untergesteckt
hatte / gegen die Marsen. Aber Malovend wendete sich unerwartet einigen
Schwerd-Streiches zurück über den Berg / liess also die Angrivarier / Chamaver
und Cimbern alleine im Gefechte; welche / als Cetegus von der Seite gegen sie
andrang / nicht wussten: ob Malovend mit seinen Marsen verschwunden war. Hierauf
kriegten sie allererst von ihm Befehl: Sie sollten sich zurück ziehen / weil
schon vier Römische Legionen über wären / und sie sonst von der ganzen
Römischen Macht umgeben werden würden. Sie vernahmen diesen Befehl und Malovends
Weichen mit so vielmehr Ungedult / je mehr sie bei schon erstrittenem Vorteil
ihnen Hoffnung zum Siege gemacht hatten; gleichwol müsten sie Malovenden als
ihrem Haupte folgen. Stertinius meinte mit der andern Helffte der Römischen
Reiterei ihnen zwar den Weg zu verbeugen und sie von den Marsen gar
abzuschneiden / aber der Ritter Winzenburg nam mit drei hundert Angrivariern
bald einen engen Weg ein /und hielt durch seine fast verzweiffelte Gegenwehr den
Stertinius so lange auf / biss die / welche sich zu sehr gegen den Feind
vertiefft hatten / sich zurücke und an einander zohen; worauf sie denn dem
Feinde allemahl die Stirne bietende zu rücke über die Höhe und zwischen die
häuffigen Brombeer-Sträuche wiechen; welche denen Deutschen mercklich zu statten
kamen / dass sie vom Römischen Heere nicht umringet werden konten. Malovend sah
sich inzwischen nicht einst um / biss ihm hinter dem Berge im flachen Felde der
Graf von Regenstein mit drei tausend Cheruskern / und der Graf von Steinfurt mit
nicht weniger Bructerern begegneten / welche der Feldherr dem Malovend bei
vernommenem Einbruche der Römer zur Hülffe verordnet hatte. Malovend / welcher
vorgab: dass er vier Legionen am Rücken und zum Treffen der Reiterei einen
unbeqvemen Ort gehabt / also sich an diesen beqvemern zu ziehen nötig befunden
hätte / ward nun entweder durch Schande oder Furcht: dass seine Verräterei
ausbrechen würde / gezwungen sich hier hinter ein Gepüsche in Schlacht-Ordnung
zu stellen. Regenstein und Steinfurt sätzten sich also auch / täten solches
auch durch den Oberstein einen Edelmann zu wissen / und schickten nur vier
hundert Reiter den Angrivariern / Chamaver und Cimbern auf die Höhe zu Hülffe:
dass sie sich desto besser zurück ziehen könten. Niemand lag den weichenden
Deutschen schärffer in Eisen als Cariovalda mit seinen drei tausend auserlesenen
Batavern / und Sacrovir nebst dem Indus mit vier tausend Galliern wollten die
Schande ihrer ersten Flucht nunmehr durch desto hitzigere Verfolgung auswetzen;
dahero verfielen so wohl diese als jene desto unvorsichtiger in das ihnen
gestellte Netze. Denn Malovend musste nunmehr dem Ritter Lindenhusen und Winburg
befehlen mit der Marsischen Reiterei sich hinter ihnen herum zu ziehen. Diest /
Ranzau / Allefeld / Spor und Stauben / als sie Malovends Anstalt sahen / liessen
nunmehr ihren Argwohn fahren und hielten es für eine Krieges-List; daher boten
sie gleich den Batavern und Galliern aufs neue die Stirne. Cariovalda und
Sacrovir sahen sich unvermutet im Netze / und hätten sich gerne gewendet / aber
die Marsische und Cheruskische Reiterei war ihnen schon im Rücken. Gleichwol
aber machten sich Sacrovir und Indus durch die Güte ihrer Mauritanischen Pferde
noch aus dem Staube / und liessen ihre Gallier mit dem Orgentorich zu einem
Söhn-Opffer zurücke /als welche von den Cimbern und Chamaven wie Vieh zu Bodem
geschlagen wurden. Cariovalda aber / welcher nicht weniger Hertze als ein Löwe /
und nicht weniger Verstand und Geschickligkeit hatte / ermunterte seine Bataver
mehr mit einem Beispiele als Worten zu tapfferer Gegenwehre; Worte und
Unterricht aber fallen nur in die Ohren / Wercke aber in die Augen / welche mehr
als jene beglaubigen / und einen jeden überzeugen: dass diss / was er tun soll /
nicht unmöglich sei. Zumahl er sich auf die ihm folgende Römische Macht allzu
gewiss verliess. Die Tribochen /Vangionen und Nemeter sätzten ihm auch treulich
nach; aber weil der Graf von Regenstein sich mit der Cheruskischen Reiterei an
die Bataver machte / nam der Graf von Diest und seine Angrivarier es aufs neue
mit jenen an / und Malovend / wie ungern er daran kam / musste nicht nur seine
Reiterei nebst der Bructerischen / welche der Ritter Breich führte / dem
Stertinius und Emilius entgegen sätzen / sondern weil so wohl Cetegus mit der
fünften / als Vitellius mit der vierzehnden Legion von der Höhe herab kam /
musste er mit dem Marsischen Fussvolk gegen dem Vitellius / wie Steinfurt gegen
den Cetegus anrücken. Der Ritter Alvensleben aber nahm es mit dem Fürsten
Cruptorich an; also blieb noch ein gutes Teil Kriegs-Volckes auf alle
bedörffende Fälle übrig. Es ist nicht zu sagen / wie die Römischen
Kriegs-Häupter / welche mit dem Malovend Verständnis hatten / hierüber verwirret
waren / indem sie nunmehr ihnen einbildeten: dass er unter dem Scheine die
Deutschen zu verraten / sie arglistig betrogen und in diss Garn geführet hätte.
Dahero Vitellius und Cetejus noch viel ein ärgers besorgende / sich nicht aus
ihrem vorteilhaften Stande zwischen den Brombeersträuchen von der Höhe in die
Fläche begeben / noch weiter fortrücken wollten. Inzwischen tat Cariovalda zwar
sein eusserstes / erlegte mit eigener Hand den Ritter Weda und Mellen / und
mühte sich mit seinen übrigen Batavern / welche sich auf seinen Befehl harte an
einander ziehen mussten / denen ihm in den Augen stehenden Legionen
durchzuschlagen; aber der Graf Regenstein hatte eben so vielmehr Mut als er /
und dissmahl mehr Glücke. Denn er versätzte seinem Pferde einen Streich in Hals /
dass es mit Cariovalden zu Bodem fiel / und ehe er sich aufraffen konnte / stach
er ihm eine Lantze durch und durch. Mit seinem Leben entfiel denen übrigen
Batavern vollends aller Mut /welche ohne diss wegen empfangener Wunden sich kaum
mehr rühren konten. Also blieb allhier der Kern des Batavischen Adels;
Regenstein aber ging mit seinen Cheruskern teils auf den Stertinius / teils
auf den Emilius los / und nötigte beide nebst dem Ritter Broich und den Marsen
sich an die Legionen zu ziehen / dahin Cruptorich vom Alvensleben / wie auch die
sehr verwundeten Führer der Nemeter und Vangionen / Dagsburg und Westerburg
schon auch getrieben waren. Steinfurt und Malovend sätzten zwar auch an den
Vitellius und Cetegus / aber beide wollten sich aus ihrem Vorteil nicht geben /
und weil die Römische Reuterei und alle übrige Hülffs-Völcker sehr übel
zugerichtet waren / und den Deutschen das Feld geräumet hatten / zohen sich auch
beide Legionen zurücke. Weil sich nun oben auf dem Berge zwei Römische Adler
sehen liessen / die zur List und Uberfall bequeme Nacht auch nahe / und die
deutsche Reuterei sehr abgemattet war / stimmten die andern Kriegs-Häupter dem
Fürsten Malovend bei: dass man den Feind nicht weiter verfolgen / sondern sich
diesen Tag an der Ehre eines so herrlichen Sieges vergnügen sollte. Die Römer
aber hatten sich kaum an die Weser wieder zurück gezogen / an welcher bei
wehrendem Treffen das aus der Chauzen noch anstossendem Gebiete dahin gebrachte
Land-Volck umb einen ziemlichen geraumen Platz eine Brustwehr hatte aufwerffen /
und verschlagen müssen / als Hertzog Herrmann selbst mit noch zwölfftausend
Cheruskern und Bructerern ankam; dazu der falsche Bericht: dass schon vier
Legionen daselbst übergegangen wären / Anlass gegeben hatte. Germanicus kriegte
von dieser Zerteilung der Deutschen Macht zeitlich Nachricht; daher liess er des
Nachts in aller Stille den Vitellius und Cetegus beide Legionen mit allem
Anhange zurücke über den Fluss gehen / hingegen baute er in einer Nacht aus mit
sich gebrachten küpffernen Schiffen eine so feste Brücke: dass er darüber alle
schwere Kriegesrüstung führen konnte; von leeren Fässern /ausgehauenen Nachen und
zugeführten kleinen Chauzischen Fischer-Kahnen aber noch wohl zehn leichte
Brücken / liess die am Ufer stehenden grossen Eichbäume umhauen: dass sie in Strom
fielen / und nicht nur desselben Gewalt hemmeten / sondern auch zu halben
Brücken dienten. Auf diesen sätzte er an dem ersten Orte unterhalb mit einer
solchen Behendigkeit über: dass Ingviomer bei anbrechendem Tage aller acht
Legionen Adler ihm gegen über längst dem Strome stehen sah. Sintemahl die
deutschen Hülffs-Völcker alle überschwamen; die Mäsier und Tracier hielten sich
an die Schwäntze ihrer Pferde an / und liessen sich überschleppen. Die Gallier
flochten Schilff-Rohr und Bintzen zusammen / überzohen sie mit Häuten / und
schwamen auf diesen Nachen / welche Semiramis erfunden haben soll / ihrer drei
und drei beisammen an den Brücken oder denen über den Fluss gespannten Seilen
über. Weil nun die Weser nicht alleine zwischen dem Feldherrn und ihm eine
ziemliche Krümme und dadurch einen ziemlichen Umweg machte / sondern auch der
Leese-Strom und noch ein ander in die Weser lauffendes Wasser darzwischen war /
und daher der Feldherr und Germanicus mit der hinauf gezogenen Macht in etlichen
Stunden sich mit ihm nicht vereinbaren konnte; hielt er nebst dem Hertzog Jubil
nicht für ratsam mit dem Germanicus alleine anzubinden; sondern zohe alsbald
den noch weiter oben stehenden Fürsten Marcomir mit den Chassuariern und
Dulgibinen an sich / und beide hernach sich über den Leese-Strom; allwo die
ganze deutsche Macht wieder zusamen stiess / und in einem Walde ihr Lager
aufschlugen / darinnen das Bild des alten König Alemanns stand / welchen die
Gallier Ogmius / die Römer und Griechen den Celtischen Hercules nennen / die
Deutschen aber im Kriege seine Helden-Taten zu singen / ihn aber nicht /jener
Meinung nach / anzubeten pflegen. Germanicus wollte sich auch nicht wagen den
Deutschen nachzugehen / und sie anzugreiffen; ungeachtet sie ihr Lager nicht
umschantzt / sondern nur mit Wagen umgeben hatten; weil sein Volck müde / und
von des vorigen Tages Verluste kleinmütig; er selbst auch / weil er sich vom
Malovend hinters Licht geführet hielt /gegen alle seine Seite haltende Deutschen
argwöhnisch war. Diesemnach schlug er daselbst ein nach Gelegenheit des Stromes
in die Länge abgeteiltes Lager und befestigte es noch selbigen Tag und Nacht;
als inzwischen die alte Kriegs-Leute zuförderst in Bereitschaft stehen mussten /
nach Gewohnheit der Römer / welche wegen so geschwinder Arbeit bei ihren
Legionen gleichsam eine gemauerte Stadt mit sich führten / mit einem zwölf Füsse
langen und neune breiten Graben / wie auch mit einem von Rasen gebauten und oben
mit einem Zaune versehenen Walle. Er liess auch ein Altar auf einem Eylande der
Weser aufrichten / darunter er nach Römischer Gewohnheit einen Wetzstein und ein
Scheermesser vergrub / seit dem der Wahrsager Abius auf Tarqvinius Priscus
Befehl mit einem einen solchen Stein auf des Wahrsagers Wort soll durchschnitten
haben. Auf das Altar befahl er einen weissen gekräntzten Ochsen mit vergüldeten
Hörnern zu stellen / welchen die Römer als ein Bild des diesen Strom bewahrenden
Schutz-Bildes verehren mussten. Sintemahl die Römer allen Flüssen / Bergen /
Städten / Völckern / Häusern /Schauplätzen / ja allen Säulen und Dingen einen
gewissen Schutz-Geist zueigneten / und mit diesem das Glücke als eine
unabtrennliche Gemahlin verknüpfften. Die Geister der Flüsse aber bildeten sie
in Gestalt der Ochsen ab; entweder ihres brüllenden Geräusches halber / oder
weil beide die Erde zerreissen. Germanicus gelobte auch ein ertztenes Bild der
schlaffenden Weser / und vier küpfferne Pferde / wie Julius Cäsar dem Flusse
Rubico getan / in Rom aufzurichten. Mit derogleichen Andacht und Befestigung
des Lagers brachte er etliche Tage zu ohne das geringste gegen den Feind zu
wagen / unter dem Vorwandte: dass er die Deutschen in einem dem Hercules
gewiedmeten Orte / welchem Gotte die Römer den Zunahmen des heiligsten zu geben
pflegten / nicht angreiffen dörffte. Sein wahres Absehn aber war sich des
Flusses und der Rückkehr recht zu versichern / und der Deutschen Vorhaben zu
erfahren. Dieses glückte ihm auch nach Wunsche. Denn am dritten Tage kam ein
Marse übergelauffen / der brachte im Munde einen überwüchsten Brief vom
Malovend; darinnen er nicht nur berichtete / durch was für unvermuteten Zufall
die Bataver und Gallier ins Garn verfallen / und sein guter Anschlag krebsgängig
gemacht worden wäre; sondern er tät auch zu wissen: dass die Deutschen noch
selbige Nacht näher anrücken / und daselbst den Römern eine Schlacht zu liefern
/ oder wenn sie im Lager blieben /solches zu stürmen beschlossen hätten. Diss
Schreiben und des Uberläuffers umständlicher Bericht fand vielmehr Glauben; weil
man von ferne die deutschen Wach-Feuer erkiesete / und die ausgeschickten
Kundschafter vergewisserten: dass sie das Wiegern der Pferde / und das Geräusche
eines sich bewegenden grossen Heeres gehöret hätten. Bei solcher Beschaffenheit
hielt Germanicus für hoch nötig den Mut seines Kriegs-Volckes wahrhaftig
auszuspüren. Weil Germanicus nun wohl wusste: dass den Fürsten so selten
unverfälschte Wahrheit zu Ohren / als reines Wasser aus den Flüssen ins Meer
käme; und die furchtsamsten in Anwesenheit ihrer Kriegs-Häupter am meisten von
Tapfferkeit gross zu sprechen pflegten / wollte er weder den Hauptleuten / welche
ins gemein ihre Untergebene gross machen und nur gute Zeitungen bringen wollen /
noch seinen Freigelassenen / welche stets was knechtisches an sich behalten /
noch auch seinen besten Freunden trauen / die sich schwerer der Heuchelei / als
die Biber ihrer stinckenden Geilen enteusern können; sondern selbst die lautere
Wahrheit aus ihrer eigenen Qvelle / nämlich aus deren unter sich bei der
Mahlzeit oder im Truncke alleine verträulichen Kriegs-Leute Munde schöpffen; wo
sie weder Hoffnung noch anderer Vortrag was nachzusagen / noch die Furcht zu
verschweigen verleitet. So bald es nun Nacht worden war / ging er mit einem
einigen vertrauten Hauptmanne aus seinem Zelte; und damit es seine Leib-Wache
nicht gewahr würde /durch die Schrancken der Wahrsager / eine Wolffshaut über
den Kopff und Rücken habende /durch die Gassen des Lagers / und wo er in einer
Hütte Kriegs-Leute mit ein ander reden hörte / stellte er sich in seinen
verborgenen Winckel um ihre Urtel / Meinungen und Vorschläge zu vernehmen. Er
fand aber allentalben etwas gutes / daran sich sein Gemüte speisen konnte. Deñ
einer lobte des Germanicus hohe Ankunft / und seine Gestalt; einander seine
Gedult / seine Freundligkeit und sein bei Schertz und Ernst unveränderliches
Gemüte. Der dritte priess seine Aufrichtigkeit; in dem bei ihm das Sagen dem
Tun mehr / als die Nachtlänge dem Tage gleichte /wenn die Sonne in Wieder
träte. Er bemeisterte in seinem Zimmer nicht weniger Gemüter durch seine Anmut
/ als im Felde mit schrecklichen Waffen; und weder an einem noch dem andern Orte
benehmen seine widrige Verrichtungen etwas seiner Hoheit und Ansehen. Die
meisten rühmten ihn als den tapffersten und glücklichsten Feldherrn / der
iemahls gelebt hätte; und ob ihn zwar verwichenes Jahr nicht so wohl die Feinde /
als die unversöhnten Schutz-Geister dieser Länder und Flüsse an Uberwindung
Deutschlandes verhindert hätten; so würde er doch nunmehr nach derselben
Versöhnung unzweifelbar durchdringen. Hätten die Bataver und Gallier gleich für
etlichen Tagen durch ihre Unvorsichtigkeit einen Streich versehen / so hätte
doch der Feind nicht das Hertze gehabt zwei Römische Legionen anzugreiffen. Wie
würden sie nun gegen acht derselben stehen? Weil sie nun einen so
unvergleichlichen und woltätigen Feldherrn hätten / müsten sie auch ihm
anständige und erkenntliche Krieges-Leute abgeben. Er würde aber ihre
Hertzhaftigkeit für den grösten Danck annehmen. Daher sollten sie zu Ausrottung
so unbändiger und Frieden-brüchiger Feinde weder Arbeit noch Blut sparen / und
sie also ihrer eigenen Rache / und ihres Fürsten Ruhme abschlachten. Als
Germanicus mit seinem Gefärten nun derogestalt von einem Orte des Lagers zum
andern ging / und nahe an Wall kam / traf sichs gleich: dass ein der
Lateinischen Sprache kundiger Deutscher mit seinem Pferde biss an Graben kam /
und überlaut ruffte: Ein jeder / der vom Feinde zu den Deutschen übergehen würde
/ der sollte vom Feldherrn Herrmann eine schöne Frau / etliche Huben Acker /alle
Tage / so lange er diente / hundert Sestertier zum Krieges-Solde bekommen. Weil
er diss nun oft wiederholete / hörte es nicht nur die Wache; sondern viel andere
liessen auf den Wall / einer sagte es dem andern / und also war das ganze Lager
von diesem Geschrei voll: welches sie derogestalt erbitterte: dass sie lieber
über den Wall gesprungen wären / es zu rächen / wenn es die Kriegs-Gesätze
zugelassen hätten. Gleichwol brach ihre Ungedult in einmütige Wünsche aus: dass
doch der verlangte Tag der Schlacht und des ungezweiffelten Sieges bald kommen /
sie also der Deutschen Aecker und Weiber unter sich teilen möchten. Sie nehmen
es allerdings für ein gutes Zeichen und eine Wahrsagung an: dass die Feinde ihnen
selbst ihre Gelder und Heiraten anböten /welche zweiffelsfrei bald ihre Beute
sein würden. Germanicus war mit allem / was er in denen vergangenen sechs
Stunden des Nachts gehöret und gesehen / wohl vergnügt / und kaum ins geheim
wieder in sein Zelt kommen / als die zur dritten Nachtwache aufziehenden
Kriegs-Leute ihm die Ankunft des Feindes mit vielem Sturmzeuge zu wissen
machte. Der muntere Germanicus befahl alsbald im Lager Lermen zu blasen / liess
auch durch eine über seinem Zelte angesteckte Fackel ein Zeichen des verhandenen
Feindes geben; und weil jede Legion schon ihren Stand auf dem Walle wusste / ward
in einer halben Stunde nicht nur alles in Waffen / sondern wohl besätzt / und für
dem Walle unzählbare Feuer und Fackeln angezündet: dass man die Feinde und ihr
Vorhaben erkiesen und selbtem begegnen konnte. Weil die Deutsche nun alles in so
guter Bereitschaft funden / hielten sie nicht für ratsam den so mächtigen Feind
in seinem Vorteil anzugreiffen / sondern zohen sich ohne Versuchung des Sturmes
zurücke. Germanicus war nunmehr entschlossen eine Schlacht zu wagen; daher
machte er folgenden Tag hierzu alle nur ersinnliche Anstalt /steckte auf seinem
Zelte eine rote Blut-Fahne aus /stellte im Lager alle Legionen in
Schlacht-Ordnung /ritt durch alle Glieder / besah ihre Waffen und Kleider /
teilte für das schadehafte gutes und einem jeden Kriegs-Knechte zehn
Sestertier aus / versprach einem jeden nach der Schlacht derer noch zehnmahl so
viel / sonderte die Krancken ab; und an statt der alten Kriegs-Leute / mit
welchen sonst pflegten die Lager besätzt zu werden / bestellte er diese zur
Besatzung im Lager zu bleiben / wiewol er mit sich noch nicht einig war: ob er
nicht bei angehender Schlacht Lager und Brücken abbrechen / also seinem Volcke
alle Hoffnung zu entfliehen benehmen wollte; vergab die erledigten
Kriegs-Aempter; liess die grossen Schleudern zum Stein- und Pfeil werffen / derer
jede Legion nicht nur / wie sonst gewöhnlich / fünf- und funfzig / sondern
achtzig mit sich führte / nebst allen andern Werckzeugen des Streites versuchen:
ob sie auch gangbar wären / und alles mangelhafte ausbessern. Die / welche noch
nicht gegen die Deutschen /oder auch gar nur gegen aufgerichtete Pfäle
gestritten / mussten sich mit ihren alten und erfahrnen Gefärten / welche
Germanicus deutsches Gewehre brauchen liess / oder auch gegen die Chauzen /
Friesen und Sicambern so wohl im Rennen / Springen / Heben /Schwimmen und Ringen
/ als im Gefechte / üben /damit sie durch nichts neues irre gemacht würden.
Massen er denn diesen Tag ihrer mehr als viertausend für Kriegs-Leute allererst
zeichnen / und ihnen an statt der vorhin in der Ubung gebrauchten schweren
Keulen / Degen / an statt der aus Wieten geflochtenen eiserne Schilde
einhändigen liess; weil er zu Erfüllung der Legionen viel junge Leute / so gut er
sie bekommen können / hatte nehmen müssen. Mit einem Worte: Germanicus tat
alles / was einem klugen Feldherrn oblieget / und menschliche Weissheit auf
solche Fälle vorsehen kann. Weil er aber allzu wohl verstund: dass nichts in der
Welt über die Gemüter der Menschen grössere Gewalt habe / als Andacht / oder
auch nur Aberglauben; also / dass man durch selbte ihm mehr als Kletten anhängig
/ die verwegensten verzagt / die furchtsamsten hertzhaft / ja begierig in Tod
zu rennen machen / seinen Worten und Wahrsagungen auch solchen Glauben erwerben
könne: dass kein vernünftiger Einwand / ja der Augenschein selbst das Volck
eines andern bereden kann; sondern im blinden Eyver auch wider die Unmögligkeit
seinem in Ansehn einmal gekommenen Führer durch Feuer und Schwerdt mit Freuden
folget / so beruffte er ins geheim die Priester und Wahrsager / und befahl: dass
sie alle ihre Künste gebrauchen sollten das Kriegs-Volck zu bereden: dass es einen
unsäglich grossen Sieg wider die Deutschen erstreiten würde. Beide wussten
hierinnen dem Germanicus meisterlich an die Hand zu gehen. Denn die Priester
wussten mehr als zehn Siege zu erzählen / welche die Römer an folgendem Tage
wider ihre Feinde erhalten hätten. Einer tat es dem grossen Alexander und dem
Wahrsager Jmides nach / schrieb mit gewisser Farbe auf seine Hand rückwerts das
Wort: Sieg / drückte die aus einem geopfferten Ochsen genommene Leber darauf
/und wiess hernach solche dem alberen Kriegs-Volcke; gleich als wenn der Finger
GOttes solche Schrifft der Leber zu Andeutung ihres Sieges eingedrückt hätte.
Aus denen Sibyllinischen Büchern aber erzählten sie: dass die Römer dieses Jahr
zweier grosser ins Welt-Meer flüssenden Ströme Meister werden würden /welches
auf keine andere als die Weser und die Elbe füglich gedeutet werden könnte. Bei
Abschlachtung der Opffer-Tiere zerrissen sie in einem Ochsen die Leber: dass es
schien / als wenn er derer zwei hätte /welches allemahl für ein sehr gutes
Zeichen gehalten ward. Und in einen Wieder steckte der Priester noch eine Galle;
gleich als wenn er derer zwei in ihm gefunden hätte; welches auch sich dem
Käyser August an dem Tage ereignet haben soll / als er bei Actium wider den
Anton gesieget. Nicht besser machten es die Wahrsager: indem sie die Hüner
vorher etliche Tage ausgehungert hatten: dass sie hernach zum Zeichen
bevorstehender Glückseeligkeit desto begieriger frassen. Dieser Betrug beseelte
das abergläubische Kriegs-Volck mit mehr Hertzhaftigkeit und mit einer solchen
Versicherung des Sieges / als wenn sie noch acht Legionen zu Hülffe bekommen
hätten. Denn sie glaubten: dass derogleichen Andeutungen die Sprache der Götter
zu den Menschen / ihr Schluss aber auf einer solcher Notwendigkeit gegründet
wäre: dass gegen selbte aller menschlicher Witz zur Torheit /alle Stärcke zur
Ohnmacht würde / die verblendete Klugheit allezeit das schlimmste erwehlte / und
die Tapfferkeit sich in ihr eigenes Messer schnitte. Wiewol nun Germanicus sich
dieses Aberglaubens nur zum Werckzeuge seines Krieges bediente; so hielt er doch
sehr viel auf die Träume; teils weil des Käysers Mutter Calpurnien sein
blutiger Untergang und des Käysers August Erhaltung seinem Artzte Artorius /der
ihn warnigte der Schlacht auf den Philippischen Feldern nicht beizuwohnen /
dadurch entdeckt worden war; oder vielmehr / weil das Jahr vorher der erblassete
Varus dem Cäcina die dem Römischen Heere zuhängende Gefahr so wahrhaftig für
Augen gestellt hatte. Daher opfferte er selbigen Tag dem Castor und Pollux /
welche die Menschen durch Träume zu warnigen geglaubt werden / zwei / und dem
Hercules drei Lämmer. Denn dieser soll der rechte Urheber der göttlichen Träume
sein / und den Sterblichen dadurch Geheimnisse und künftige Dinge zum besten
entdecken. Insonderheit ist er destwegen auf dem Berge Sambulos in Mesopotamien
berühmt / allwo er seinen Priestern im Traume eingibt / wenn sie die Pferde
fertig machen sollen / auf welchen der Geist selbigen Ortes hernach in die
umliegenden Wälder auf die Jagt reitet / und für sie viel Wild erleget. Diesem
hat destalben der durch Anleitung der Träume bereicherte Octavius das Zehnde
seines Gewinnes gewiedmet. Hierauf ereignete sich auch / entweder aus fester
Einbildung des vorherigen Tages / oder weil der Aberglaube auch einen ihn
unterhaltende Geist hat / dass dem Germanicus träumete: Er opfferte dem Jupiter
/und weil er seinen weissen Fürsten- und Priester-Rock mit Blute bespritzte /
reichte ihm seine Gross-Mutter Livia einen viel schönern von Gold und Purper zu.
Germanicus war nur aus dem Schlaffe erwacht / und überlegte mit sich selbst die
Deutung des Traumes / als ihm ein neuer Uberläuffer vom Malovend ein neues
Schreiben brachte / worauf er denn alsofort auf war / sein mit Golde gestücktes
Purper-Kleid /welches schon ein gewisses Zeichen der Schlacht war / anlegte /
noch für Tage das ganze Heer abspeisete /in Waffen brachte / aus dem Lager
führte; und nach dem er auf dem Idistavisischen Felde des schon meistenteils in
Ordnung stehenden Feindes gewahr ward / solches in Schlacht-Ordnung stellte.
Dieses Feld war ein sandichter und von Grase unbewachsener Bodem /krümte sich
zwischen der Schlangen-weise lauffenden Weser und denen gegen über liegenden
Hügeln herum. Jedoch hatte Germanicus genungsamen Platz sein ganzes Heer auf
eine ganz ebene Fläche zu stellen. In dem rechten Flügel kam Julius Florus mit
dem Fuss-Volcke der Seqvaner / Arverner und Heduer; neben diese die Sicambrischen
/ Tencterischen / und Frisischen Hülffs-Völcker. Auf der einen Seite stand
Cruptorich mit der Frisischen; auf der andern Fleckenstein mit der Tribochischen
/ Nemetischen und Vangionischen Reuterei. Im lincken Flügel hielt Aviola mit dem
Tririschen / Narbonischen / und Lugdunischen Fuss-Volcke; und neben diesen die
Ubier / Menapier / und Bataver unter dem Verzingetorich. Auf der einen Seite
stand Bojocal mit der Angrivarischen und übrigen Batavischen; auf der andern
Seite der Graf von Chur / Sarnganss / und Werdenberg mit der Rhätier / Lepontier
und Noricher Reuterei. In der Mitte standen fünftausend Chauzen zu Fusse /
welche auf der Seite tausend Reuter deckten; neben ihm zweitausend Celtiberier /
dreitausend andere Hispanier; unter dem Galba und Indobil auf der Seite
zwölffhundert Tracische Reuter / welche nicht wie andere Völcker ihr
gestochenes Krieges-Maal auf den Armen / sondern nach Art der sich mit
weidfärbenden Britannier / ihr Zeichen auf der Stirne hatten. Zwischen alle
diese Hauffen waren noch Cretische Schützen / und Balearische Schleuderer
eingespickt / welche die ersten und besten in der Welt sind. Sintemahl sie mit
ihren aus scharffem Schilffe / Hanff oder Haaren gemachten und im Werffen
einmal um das Haupt geschwenckten Schleudern / welche sie ausser dem als
Haarbinden zur Zierde ums Haupt tragen / auf ein Haar treffen / und in ihrer
Kindheit von ihren Müttern keine Speise bekommen / die sie nicht vorher mit dem
Steine oder Pfeile getroffen haben. Diese Völcker vermengte Germanicus mit allem
Fleiss unter einander; teils dass eines das andere durch Eyversucht zur
Tapferkeit aufmuntern sollte; teils / dass niemand / der gleich einige Untreue im
Schilde führte / solche ausüben könnte. Uber den rechten Flügel war Segestes
/über den lincken Flavius / über den mitlern Leib Hertzog Ganasch Feld-Oberster.
Hinter diesen stellte Germanicus in rechten Flügel den Silius und Apronius mit
der andern und dreizehenden / in lincken Flügel den Vitellius und Tubero mit der
vierzehenden und sechzehnden Legion in der gewöhnlichen Ordnung. Hinter die
Schützen und leichtbewehrte Mannschaft waren die grossen Schleudern und
Geschosse gepflantzt. Den rechten Flügel deckte Stertinius / den lincken Emilius
mit der Römischen Reuterei. Ein Teil der Reuterei aber ordnete er hinter die
Legionen / durch derer Hauffen er die Gassen desto weiter machte; dass auf den
Notfall die Reuter durch selbige hervor brechen konten. Ob nun wohl die ältesten
und edelsten Kriegs-Leute sonst ihren rechten Stand hinter den Adlern im
Hinterhalte hatten / baten ihrer viel ihnen doch selbst beim Germanicus aus: dass
sie zuförderst an die Stirne unter die den Kampff anfangenden Spissträger
gestellt werden möchten. Zwischen denen Legionen in einer geraumen Mitte hielt
Germanicus selbst zu Pferde mit seinen ausgelesenen alten Kriegs-Leuten / und
der Leibwache zu Ross und Fusse; von denen er rühmte: dass er den geringsten
darunter sicher zu einem Hauptmanne gebrauchen könnte. In dieser Mitte befanden
sich auch die Obersten übers Lager und das Geschütze. Sonst musste ein ieder
Oberster bei seiner Legion und bei seinem Adler /ieder Hauptmann für seinem
Fahne bleiben; iedoch war Silius im rechten Vitellius im lincken Flügel Oberster
Befehlhaber. Hierauf folgten im rechten Flügel abermals die Aqvitanier und
Helvetier zu Fusse; auf der einen Seite waren tausend Pannonische / auf der
andern so viel Dalmatische leichte Reuter mit Pfeilen; im lincken Flügel waren
die Atrebater / Bellovaken und Svessioner zu Fusse / und diese auf einer Seite mit
tausend Mohren / auf der andern mit so viel Mäsischen und Armenischen Reutern
bedeckt. In der Mitte folgte das Fuss-Volck der Nervier / Lingonen und Morinen /
und zwischen diesen noch tausend Chauzen / fünff hundert Angrivarier / so viel
Juhonen und Friesen. Diese bedeckten auf der einen Seite tausend Bastarnische
und Sarmatische / auf der andern so viel Macedonische und Tessalische Reuter;
und die zwischen denen Fahnen gelassenen Gassen waren mit Achäischen
Schleuderern / welche viel stärcker als die Balearischen werffen / versorgt.
Nach diesen führte allererst Cäcina seine vier Legionen auf. Cetegus und
Cantius machten mit der fünften und ein und zwantzigsten den rechten / Cajus
Cetronius mit der ersten / und mit der zwantzigsten Legion den lincken Flügel.
In der Mitte war Cäcina mit etlichen Fahnen von der Kayserlichen Leib-Wache und
alter ausgelesener Mannschaft nebst einem Kerne des Römischen Adels zu Pferde.
Auf der Seite des rechten Flügels stand Pedo / auf der lincken Messala mit der
leichten Reuterei der Römer. Die Erde zitterte gleichsam unter dieser ungeheuern
Macht / welche der ganzen Welt ein Schrecken einzujagen mächtig gewest wäre.
Kein Feind der Römer hatte auch noch keine desgleichen und mit solcher Rüstung
versehen / gegen sich stehen gehabt. Denn sonst pflegten die Römer ins gemein
nur Kriegs-Heere von zehntausend Fuss-Knechten und zwei tausend Reutern / und
wenn sie mit gar einem mächtigen Feinde zu tun hatten / noch einmal so viel /
darunter zwei Legionen waren / ins Feld zu führen. Hier aber standen nicht nur
acht Legionen / sondern die Hülffs-Völcker waren auch wider ihre sonst genau
beobachtete Kriegs-Völcker fast noch einmal so starck / als die Römer. Denn
nach dem zumahl die zwei Scipionen in Hispanien aus diesem Fehler: dass sie zu
viel Celtiberier in Dienste genommen hatten /umkommen waren / banden sie ihren
Heerführern scharff ein: dass sie sich mit fremdem Volcke / welches selten es
recht treu meinte / noch mit solchem Eyver für Rom stritte; also sich darauf
nicht zu verlassen wäre / ja gar sich zum Feinde schlagen könnte /und die
Krieges-Künste der Römer zu eigener Gefahr lernte / niemahls biss an die Helffte
überladen sollten. Alleine Germanicus hielt die Deutschen für den mächtigsten
Feind der Römer in der Welt / und also für nötig eben so / als die Römer in dem
Kriege wider die Volsker und die Cartaginenser unter dem Bürgermeister
Sempronius getan hatten / die gemeine Richtschnur ausser Augen zu sätzen.
Welches er so vielmehr ohne Gefahr zu sein hielt; weil die Hülffe aus so
unterschiedenen Völckern der Welt zusammen gelesen war. Uber diss gebrauchte er
sich auch dieses Kunst-Stückes: dass er die / welche mit einander einige
Gemeinschaft und Absehen haben / oder einerlei Vorteil suchen konten / so wohl
im Feldzuge als im Lager und in den Schlacht-Ordnunge von einander entfernete.
Durch welche Künste auch Hannibal sein von so widrigen Völckern bestehendes Heer
allemal in Gehorsam / und dass es auch in eusserster Not nie einigen Auffstand
gemacht / erhalten haben soll. Als Germanicus nun alles wohl verordnet hatte /
stellte er sich in der Mitte des Heeres auf einen Hügel / und redete das
Kriegs-Volck folgender Gestalt an: Es ist schon zwei und siebzig Jahr / seit dem
Ariovist sich zum ersten an Kayser Julius gerieben / und drei Jahr weniger: dass
er zum ersten mahl die Römischen Waffen über den Rhein gebracht. So viel Jahre
wird Deutschland bekriegt / und hat doch noch nicht überwunden werden können;
ungeachtet Kayser August so viel Heere und noch mehr tapfere Feldherren in
Deutschland geschickt / er selbst etliche / Kayser Tiberius neunmahl in oder
nahe an Deutschland gewest wären. Gantz Asien und Africa ist in viel wenigern
Jahren den Römern untertänig worden / und beide haben so viel Römer und
Heerführer nicht verschlungen / als das einige Deutschland; in welchem Carbo
/Cassius / Scaurus / Aurelius / Sevilius Cäpio / Manlius erschlagen oder gefangen
/ Varus und drei Legionen mit Strumpff und Stiel aufgerieben worden. Meinem
Vater Drusus und Tiberius haben den Zweck zu erreichen einige / die tapfersten
unter den Deutschen aber uns die gröste Hoffnung gemacht. Sintemahl die Chauzen
/ Bataver / Sicambrer / und Friesen nunmehr den Vorteil der Römischen
Freundschaft / die Beschwerligkeit der iñerlichen Kriege erforschet und
erfahren haben: dass das Glücke mehrmahls nicht nur einzeler Menschen / sondern
ganzer Völcker zum eigenen Schaden schone; und dass die Römische Beschirmung /
welche der von dem unruhigen Herrmann verleitete / und wider den rechtmässigen
Erben der Cheruskischen Herrschaft / nämlich den Fürsten Flavius aufgehetzte
Feind eine Dienstbarkeit nennet / die vergnüglichste Freiheit und den sichersten
Frieden nach sich ziehe. Dieser klugen und tapfferen Völcker Waffen sehe ich
hier zu unbeschreiblicher Vergnügung mit den Römischen vermänget / um das
allgemeine Heil der Welt / und die Ruh der Völcker zu befestigen. Vater Drusus!
und du vergötterter August! tut einen Blick aus jener in diese Welt! aber
missgönnet eurem Sohne die Glückseligkeit nicht heute den deutschen Kriegen ein
Ende zu machen! Freuet euch ihr tapfferen Kriegsleute! dass euch heute das Glück
ein Ziel eurer Arbeit gesteckt / und der Sieg auf einmal eure vieljährige
Verdienste nach Würden belohnen wird! das Werck / das ihr heute ausrichten solt
/ist zwar grösser als eines der Römer iemahls gewest /aber der Sieg wird von
keiner solchen Schwerigkeit sein. Denn mit der Helffte so vieler tapfferen
Kriegs-Helden traute ich mir die Sonne aus ihrem Nachtlager aufzufordern / wohin
zwar des grossen Alexanders Wunsch / aber nicht seine Kräfften reichten. In
diesem ganzen Heere sind eitel Männer / kein Weib. Daher alle wie die Egyptier
mit Ehren in ihren Schilden zum Kriegs-Zeichen Kefer führen könten; unter denen
keiner weiblichen Geschlechtes sein soll. Wer unter so vielen streitbaren und
auffs beste gewaffneten Leuten wollte nun nicht hertzhaft fechten / wo so grosse
Hoffnung zu überwinden für Augen liegt? wo der Kern der streitbarsten Völcker
zusammen kommen gleichsam um den Verzug der Tugend zu kämpffen; wo das
Vorhängnüs alle bisherige Schwerigkeiten aus dem Wege geräumt hat? denn / da die
Deutschen nicht anders als durch Deutsche bezwungen werden können; so stehen die
edelsten an der Stirne dieser Schlacht-Ordnung / weil sie ihnen selbst die Ehre
erkieset haben das Eis zu brechen um diese Länder mehr dem treuen und tapffern
Fürsten Flavius / als den Römern zu erobern. Ihr sehet für euren Augen keine
stinckende Sümpffe / die bisherigen Hindernüsse eures Sieges; sondern ein hartes
und zur Schlacht geschicktes Feld. Treibet ihr den Feind auch gleich in den am
Rücken habenden Wald / so habet ihr noch einen grössern Vorteil; weil zwar ihr
eure kurtze Degen und Wurff-Pfeile gar wohl / der Feind aber zwischen den Aesten
und dem Gestrittige seine langen Spiesse und ungeschickten Schilde schwerlich
brauchen kann. Wenn ihr schon nicht mehr Hertze als der Feind hättet / würde der
Vorteil eurer geschickten Waffen euch zu Siegern machen. Stosset daher nur
behertzt drauf! und sonderlich auf die unbedeckten und unleidentlichsten
Antlitzer! wiewohl fast keiner euerer Streiche misslingen kann / weil die
wenigsten Helm und Pantzer haben. Ihre Schilde haben wenig Leder oder Seiten /
viel weniger Eisenwerck an sich; sondern bestehen meist aus gemahlten und zu
spalten unschweren Bretern / die besten sind nichts anders /als aus weidenen
Wieten gemachte Flechten. Die wenigsten haben einen Helm / sondern statt
derselben Püschel der über dem Wirbel zusammen gebundener Haare / oder zum
höchsten eine Wolffs- oder Beeren-Haut über dem Kopffe. Ihre ersten Glieder
haben zwar mit Eisen zugespitzt Spisse / die andern aber nur gebrennte Priegel
/ oder stumpffes Gewehre. Die Cherusker / Blucterer und Cimbern wären zwar gross
von Leibe / und scheusslich anzuschauen / aber zu keiner langen Arbeit tauerhaft
/ und bei Verwundungen unleidentlich. Ihre Glieder wären wohl starck / aber
nicht gelencke; und hätten mehr Ansehen als Kräffte. Die Römer wären durch ihre
Geschickligkeit und Krieges-Ordnung über die Menge der Gallier / über die
Kräfften der Hispanier / über die Arglist der Africaner und über die Klugheit
der Griechen Meister worden; warum wollten sie sich für der Grösse der Cherusker
entsetzen / welche wohl Riesen aber keine Krieges-verständige wären? die kleinern
Leute hätten / wie Tydeus / ins gemein mehr Hertze im Busem und mehr
Geschickligkeit in Kleidern / als ungeheure Cyclopen. Die Cherusker fielen zwar
als wilde und rasende Tiere ihre Feinde mit Geschrei und Ungestüme an / aber
sie hielten weder Ordnung noch in die Länge Stand; achteten es für keine Schande
aus dem Gliede zu weichen / dem Feinde den Rücken zu kehren / oder ihrer Führer
Befehl ausser acht zu lassen; und wüsten / wenn sie einmal verwirret oder
getrennet wären / nicht wieder zu rechte zu kommen. Lasset euch also ihren
ersten Sturm / ihre unterschiedene Gestalt und Waffen nicht feige machen oder
verwirren. Denn ich kann von der Vermischung so vielerlei Feinde eben diss / was
Qvintus Flaminius von seinen vielen Gerichten zu Chalcis und von des Königs
Antiochus Heere sagen; nämlich: dass jene nur einerlei auf unterschiedene Art
zugerichtetes Schweinefleisch /dieses eitel verzagte Syrer gewest sind.
Gegenwärtiges Heer aber besteht an eitel wilden aber ungeübten Deutschen. Ihres
Angrieffs Austauerung ist euer Heil und ihr Verterb. Widrigen Falls aber werdet
ihr mit Schaden empfinden: dass ihr mehr mit wilden Tieren zu tun habt / und
ihr Blut zöpffen / oder es selbst lassen müst. Verlasse sich aber keiner auf
ihre Gnade. Denn wie sie / wenn es ihnen nicht wohl geht / auf einmal das Hertze
verlieren / also sind sie bei gutem Glücke unerträglich / und ihre Grausamkeit
gegen besiegte unerbittlich. Fürchtet euch nicht mehr für beschwerlichen Wegen /
für ungeheuren Wäldern und garstigen Pfützen / oder für neuen Feinden. Ihr
übersehet hier alles / was Rom noch zu überwinden hat. Die Elbe ist bei weitem
nicht mehr von uns entfernet / als der Rhein. Jene aber ist nicht weniger das
Ende eures Krieges / als des feindlichen Gebietes. Denn über diesem Strome
gehorsamet alles dem Römischen Bundgenossen Marbod. Zweiffelt an dem Siege ja
nicht / wo ihr eure Pflicht tun werdet / wie ich mein Ampt / der ich entweder
sterben / oder in meines Vaters und Vetters Fussstapfen treten will. Ihr aber
könnet unmöglich anderer Gedancken sein / wenn ihr den unvergleichlichen Ruhm
überleget / den ihr mit mir erwerben werdet / wenn Germanicus an der Elbe die
Römischen Sieges-Zeichen des Drusus verneuern und befestigen wird. Germanicus
hatte kaum ausgeredet /als das ganze Heer zum Zeichen ihrer Begierde zu fechten
und eingebildeter Glückseligkeit mit den Zähnen knirschte / die Hände empor
reckten / jauchzeten /die Spisse wider die Schilde / die Schilde wider die Knie
schlugen. Germanicus lobte ihren rühmlichen Beifall / und trug ihnen für: dass
sie bei solchem Vorsatze kein Bedencken haben würden den von den Römern vorhin
mehrmals geleisteten Eyd auch dissmahl zu wiederholen: dass sie nicht ehe / als
nach erlangtem Siege / die Wallstatt verlassen wollten. Die Römer waren hierzu
alsbald fertig / und sprachen den von ihren Hauptleuten vorgesagten Eyd nach /
oder wohl gar selbst für. Daher sich auch die Hülffs-Völcker dessen nicht weigern
konten.
    Der Feldherr Herrmann hatte den Tag vorher zwei schlechte Zeitungen
bekommen; nämlich: dass König Marbod auf Anstifften Adgandesters zwantzig tausend
Marckmänner in das Hermundurische Gebiete des Hertzog Jubils hatte einfallen /
dem Hertzoge Arpus aber zuentbieten lassen: er sollte mit den Römern in Ruh leben
/ oder er darzwischen kommen /und das Spiel verterben. Marbod aber hatte ihm
selbst bedräulich zugeschrieben: er sollte die wider sein Verbot sich in den
Römischen Krieg einflechtende Longobarden und Semnoner von seinem Heere
absondern / oder er würde diese als aufrührische Untertanen zu bändigen / und
am Herrmann es als einen Friedenbruch zu rächen wissen. Weil nun der Herold vom
Könige viel solche Abforderungs-Schreiben mitgebracht und allentalben
ausgestreuet hatte; über diss verlautete: dass zwölff tausend Marckmänner und
Sedusier an der Spreu ankommen wären / nahmen fünff tausend begüterte
Longobarden vom Feldherrn / wiewol mit Unwillen / Abschied / und blieben derer
unter dem Graf Robert von Ascanien / dem Ritter Beringer / Königsmarck /
Blumental / Schwerin / Osten und Bärlepsch kaum drei tausend zurücke / welche
nichts zu verlieren hatten und dem Könige Marbod zur Antwort wissen liessen: Sie
wären Edelleute / und wären unter seiner müssigen Herrschaft bei nahe
eingeschlaffen und versauert. Nachdem sie nun lange genung /aber vergebens auf
einen frischen Krieg wider die Römer gewartet hätten / würde er nicht übel
aufnehmen: dass sie wie der andere junge Adel in Deutschland bei einem andern
Fürsten Kriegs-Dienste suchten / ihre verrosterte Waffen daselbst auswetzten /
und sich mit der Zeit ihr Vaterland zu beschützen fähig machten. Der Müssiggang
wäre ihnen so unerträglich als verkleinerlich. Sintemahl ihr Vermögen nicht
auskommentlich wäre ihren Stand zu führen / wenn ihres Fürsten Freigebigkeit
ihnen nicht Mittel vorschüsse ihre Pferde und Rüstung zu unterhalten; welche zu
Hause sonst mit ihrem Geschlechte verschimmelte /dessen Glantz nur im Kriege und
bei gefährlichen Zufällen erhalten würde. Hertzog Jubil wollte auch / ungeachtet
des verlauteten Einfalls / die Schande nicht haben jetzt / da das Eisen der
deutschen Freiheit sollte ausgeschmiedet werden / die Hand vom Feuer zu ziehen.
Ungeachtet nun dem Feldherrn mit den Longobarden ein gutes Teil seiner Stärcke
entfiel / war es doch unvermeidlich ohne Verlust vielen Volckes und bisher
erhaltenen Ruhmes zu schlagen / oder es musste das Cheruskische Gebiete den
Römern bis an die Elbe Preis gegeben werden. Denn der Feind war den Deutschen zu
nahe auf den Hals kommen; sie hatten weder vor-noch hinter sich einen Vorteil /
und bei des Marbods Einfalle zwar mehr Feinde aber keine Verstärckung mehr zu
hoffen. Weil der Feldherr nun in der Nacht Kundschaft kriegt hatte: dass
Germanicus den Tag vorher alles zur Schlacht bereitet hatte / wollte er den ins
gemein wichtigen Vorteil sein Heer am ersten zu stellen nicht versäumen. Daher
fieng er und Hertzog Ingviomer an bald mit anbrechendem Tage das deutsche Heer
in Schlacht-Ordnung zu stellen. Sie hatten den Römern zu ihrer mit Fleiss die
Fläche übrig gelassen / weil der Deutschen Reiterei / welche der Römischen weit
überlegen ist /daselbst desto freier treffen konnte. In den rechten Flügel /
welcher in keinem flachen aber mit vielen Sträuchen bewachsenem Felde zu stehen
kam / stellte er zuförderst das Fuss-Volck der Angrivarier und Chamaver unter dem
Grafen von Ravensberg und Homburg / welches der Ritter Wintzenburg auf der
rechten Seite mit fünf hundert Angrivarischen / der Richter Wachtendonck auf der
lincken mit fünf hundert Chamavischen Pferden deckte. Hinter diesen stand das
ganze Marsische Fuss-Volck unter dem Grafen von Qverfurt / Rietberg und
Schrapelau. Auf der einen Seite führte der Graf von Lingen tausend Marsische und
Tubantische / auf der andern Seite der Graf von Steinfurt tausend Chassuarische
Reiter. Dieser Flügel war dem Fürsten Malovend anvertrauet. Zu seinem
Hinterhalte stand Hertzog Marcomir; welchem unter dem Grafen von Hanau tausend
Cattische / unter dem Ritter Ranzau fünf hundert Cimbrische Reiter / unter dem
Grafen von Mansfeld zwei tausend Cherusker /und unter dem Grafen von Benteim
zwei tausend Bructerer / und unter denen Rittern Buchwald und Blume tausend
Cimbern zu Fusse untergeben waren. In den lincken Flügel / welcher ein ebenes
freies Feld einnam / verordnete Ingviomer zuförderst zwei tausend Longobarden
unter dem Grafen von Ascanien /und zwei tausend Hermundurer unter dem Grafen von
Schwartzenburg / der Ritter Beringer hatte auf der Seite fünf hundert
Hermundurische / der Graf Barby fünfhundert Longobardische Ritter. Hinter diesen
stand das ganze Fuss-Volck der Bructerer unter dem Grafen Burghard von der Lippe
/ dem Grafen von Salm und Sein. Die rechte Seite deckte der Graf von Teckelnburg
/ die lincke der Graf von Oldenburg mit dreihundert Bructerischen Reitern.
Diesen ganzen Flügel nam Hertzog Ingviomer selbst zu führen / welcher ihm
dreihundert Bructerische Ritter zu seiner Leibwache auserlesen hatte / darunter
ich der Graf Diest / Wartenberg und andere / welche vorhin Obersten gewest waren
/ befanden. Zu dieses Flügels Hinterhalte ward vom Feldherrn Hertzog Jubil
bestellt. Dieser bestand in zwei tausend Hermunduren und zwei tausend Catten /
und tausend Cimbern zu Fusse / unter den Rittern Reuss / dem Grafen von Gleihen
/Stolberg / Isenburg und Solms und dem Grafen von Holstein. Der Graf von
Henseberg führte tausend Hermundurische / und der Graf von Werteim tausend
Catten zu Rosse. Er hatte um sich hundert aus den Hermunduren auserlesene Ritter
zur Leibwache. Der mitlere Leib der Schlacht-Ordnung kam auf eitel Hügeln zu
stehen / und bestand aus lauter Cheruskern; ausser fünfzehn hundert Catten und so
viel Cimbern waren unter dem Fuss-Volcke / fünf hundert Catten und so viel
Cimbern unter der Reiterei. Im Vordrabe führte das Cheruskische Fuss-Volck der
Ritter Reckheim / Osterode und Buren; dieses ward auf der rechten Seite durch
den Grafen von Arensberg mit fünf hundert Cheruskischen / und vom Ritter
Ahlefeld mit so viel Cimbrischen Reitern / auf der lincken Seite vom Grafen von
Eberstein mit fünf hundert Cheruskischen- und vom Rhein-Grafen mit so viel
Cattischen Reitern bedeckt. Das hierauf folgende Cheruskische Fuss-Volck bestand
in achtzehn tausend Köpffen. Dessen Führer waren der Graf von Hoheloh / von
Schauenburg und Löwenburg. Der Graf von Waldeck bedeckte es mit zwei tausend
Pferden auf einer / der Graf von Limburg und Hoya mit so vielen auf der andern
Seite. Allhier als im Hertzen und Mittelpuncte des ganzen deutschen Heeres
hatte der Feldherr Herrmann zwar seinen ersten Stand / aber er sätzte ihm für /
wie die Seele eines Leibes allentalben zu sein / und destwegen erklärete er
allhier den Grafen von Nassau zu seinem Stadtalter. Er hatte um sich
dreihundert auserlesener Ritter / darunter waren Staden / Dassel /Bechlingen /
Lüneburg / Qvedlenburg / Ballenstadt /Listen / Woldenburg / Plesse / Reine /
Alvensleben /Melvero / Dinxlacken / Rheinstein / Tanneberg /Arnstein /
Haldesleben / Suppelberg / Wenigerode /Lawenrode / Lindau / Gerenrode / Homburg
/ Plotzke / Wetin / Sladen / Schrapha / Walder-See / Recklingshausen / Roretz /
Hoinstein / Potolys / Zarmude / Revemungen / Steppendisen / Sommerseburg /
Watberg / Alsleben und andere. In seinem Hinterhalte führte der Graf von Sulm
und Delmenhorst dreitausend Cherusker / der Graf von Wied tausend Catten /der
Ritter Uhlefeld tausend Cimbern zu Fusse / der Graf von der Marck auf einer
Seite tausend Cherusker zu Pferde / und der Graf von Ravenstein auf der andern
Seite eben so viel. In beiden Heeren waren die Völcker gar artlich durch ihre
Schilde unterschieden. Denn die Römer hatten in ihren nebst dem Nahmen ihres
Feldherrn / ihrer Legion und Fahnes güldene Adler / die Armenier einen gehörnten
Löwen / die Griechen zwei Wieder-Hörner und des Hercules Keule / die Africaner
einen Drachen / die Asiatischen einen Fisch / die Tracier einen Hund / die
Mösier einen Wolff / die Pannonier drei Eber-Zähne / die Rhetier einen Gemss /
die Sicambrer einen roten- die Bataver einen gelben Löwen / die Friesen einen
See-Hund / die Chauzen ein Wasser-Pferd / die Gallier aber Hahnen / Adler /
Habichte und andere Vögel. Hingegen führten die Cherusker ein weisses Pferd im
roten Felde / die Bructerer eine güldene Harpyje im schwartzen / die
Hermundurer einen rot- und weiss-scheckichten Löwen im blauen / die Catten einen
gekrönten gelben Löwen im roten / die Longobarden einen roten Adler im weissen
/ die Cimbern einen gelben Hahn im schwartzen / die Marsen einen schwartzen
Löwen im gelben / die Chamaver einen roten Löwen im gelben / die Angrivarier
einen schwartzen Bär im weissen Felde. Nach der also gemachten Schlacht-Ordnung
redete so wohl Hertzog Ingviomer als der Feldherr das Kriegs-Volck folgenden
Innhalts an: Ich weiss wohl / ihr unüberwindlichen Deutschen / dass auch des
tapffersten Feldherrn Worte einem verzagten kein Hertze einzuflössen vermögen
/und in einem Augenblicke so wenig ein furchtsamer in einen tapffern zu
verwandeln / als ein todter lebendig zu machen sei. Denn wem ein Helden-Mut
nicht von Natur angebohren / durch öfftere Gefahr und Taten geschärfft ist /
und das Leben höher als die Ehre schätzt / bei dem ist alle Ermahnung verloren;
weil die Furcht ihn des Gehöres ja aller Sinnen beraubt. Die dicksten Peltze /
die besten Betten werden den nicht erwärmen / und kein Achilles dem eine Hitze
einflössen / der im Leibe und im Hertzen kein Feuer hat. Aber bei so
hertzhaften Leuten ist eines Heerführers Wort oder Winck eine so durchdringende
Flamme / welche aller Gemüter wie ein Blitz anzündet / dass sie wie Oel und
Schweffel brennen. Wecket das Liebkosen des Reuters ein Pferd zum Lauffe / der
Zuruff des Volckes einen Fechter zur Standhaftigkeit auf; was soll nicht eines
Obersten Stimme bei so hertzhaften Leuten würcken? Ich habe eure Treue und
Tapfferkeit mehr prüfen müssen / als mir lieb gewesen; euch aber nun so viel
rühmlicher ist. Ich schätze es für kein geringes: dass niemand unter euch ist
/der nicht mich und ich ihn fürs Vaterland ein und andere Heldentat habe
ausüben gesehen; also euerer Tapfferkeit Verwunderer gewesen / und nun derselben
Zeuge sein kann. Es gereichet so wohl euch zur Ehre als mir zur Vergnügung: dass
ich eure lobwürdige Verrichtungen mit Fleiss aufgezeichnet verwahre / als euch
dadurch kenne / und ieden mit seinem Nahmen zu ruffen weiss. Eurer Tugend habe
ichs zu dancken: dass Deutschland noch in Freiheit / ich der Cherusker Fürst und
der Deutschen Feldherr bin. Unsere Feinde haben aller Welt Kräfften / Wollust /
Betrug und alle Laster wider uns aufgeboten; ja durch Zauberei Himmel und Hölle
wider uns beweget / aber vergebens; weil GOtt und ihr bei mir gestanden /
welcher als ein Feind der furchtsamen und boshaften niemahls unser Unschuld
entfallen wird. Stehet als Männer und Brüder bei einander / wie ich euch nach
euer Verwandschaft zusammen gestellet habe. Kein Volck /wie klein es ist / kann
von den mächtigsten Feinden ausgetilgt werden / wenn es sich durch eigene
Uneinigkeit nicht verzehret. Wie sollten die Römer es denn an euch / die ihr
unerschöpfliche Völcker seid /enden? Solte GOtt aber / welches unglaublich /
gerechten Waffen widerstreben / so wird mir / euch und tapfferen Leuten doch
unverwehrlich sein frei und unerschrocken zu sterben. Wie ich nun meine
Herrschaft lebend zu verlieren nicht gedencke; also beschwere ich euch bei der
Ehre eurer ruhmbaren Vorfahren / bei der Wolfart euerer Nachkommen: dass ihr
einen eurem Adel anständigen Mut fasset / eure durch so viel Schweiss und Blut
sauer erworbene Ehre nicht in Stich sätzt; sondern den heutigen Tag durch einen
herrlichen Sieg oder wenigstens durch einen Löwenkampf denckwürdig macht. Dieses
wird euch nicht schwer fallen / wenn ihr eurer Vor-Eltern Lehre nicht vergessen
habt: dass es süsser sei sterben / als dienen. Keine Dienstbarkeit aber ist
bitterer / als die der Römer / keines Volcks Freiheit vollkommener und eifriger
als der Deutschen / und also jene diesen desto unerträglicher. Die so grausamen
als hoffärtigen Römer bilden ihnen ein Recht ein freien Völckern Gesätze
fürzuschreiben. Denen Cartaginensern verboten sie über den Fluss Iberus / dem
Antiochus über den Berg Taurus / den Deutschen über den Rhein und die Donau zu
kommen; aber sie wollen die Schlüssel zu allen Strömen und Gebürgen haben / und
wollen von keiner Gräntze / als dem Ende der Welt / auch von keinem Gesätze /
als ihrer eigenen Willkühr /wissen. Was werden sie denn uns zumuten oder
aufbürden / wenn sie uns überwinden sollten? Bildet euch an ihnen keinen solchen
Feind ein / welcher aus seinen Uberwundenen Gefärten / aus seinem Feinde Bürger
mache. Sie alleine wollen Herren / alle andere müssen Knechte / aller Gut ihr
Eigentum sein. Daher werden sie auch uns und keinem Volcke eine Spanne Landes
übrig lassen / den sie nicht mit ihrer Lantze abmässen und verteidigen können.
Lasset euch nicht bländen: dass so viel Deutschen so gedultig an ihrem Joche / ja
gar wider uns den Degen ausziehen. Der Steller streuet nur so lange denen
gefangenen Vögeln schmackhafte Körner / biss er die andern im Garne hat / und
sie nicht mehr zu Lockvögeln braucht. Sie selbst fühlen zwar schon die Schwerde
ihrer Hand-Schellen und der Fessel an Füssen; aber es lässet sich seine
Knechtschaft nicht so leichte wegwerffen / als anlegen. Wenn ihr nun nicht wie
die Gallier Sclaven werden / und zu Uberwindung der übrigen Nord-Völcker den
letzten Tropffen Blut aufzuopffern gezwungen werden wolt / so gewehret dieses
köstliche Oel eures Lebens lieber für eure Freiheit / für des Vaterlandes Heil
und zu eurem Ruhme an. Die Natur hat euch hierzu ausgerüstet; und die Vernunft
unterrichtet euch diss zu tun. Denn jene hat denen der brennenden Sonne nahe
gelegenen Völckern zwar mehr Tieffsiñigkeit / uns in der Mitternacht aber mehr
Blut / Hertze und Beständigkeit mitgeteilet: dass wir ohne Schwerigkeit das
Leben verachten und den Tod trotzen können. Diss ist heute zu tun / und nicht
mehr Zeit hierüber zu ratschlagen /sondern aus der Not eine Tugend zu machen.
Heute müsst ihr siegen oder sterben / nunmehr habt ihr nicht nur für den Ruhm
der Deutschen / sondern für euer Heil zu streiten. Ihr habt keinen Rhein / keine
Weser mehr vor euch / sondern die Elbe am Rücken; welche das Ziel des
Cheruskischen Gebietes und der Deutschen Freiheit ist. Wir haben den Feind in
Eingeweiden; also haben unsere Hertzen Zeit ihr bestes zu tun. Wollet ihr auch
gleich euer so liebes Vaterland verlassen / und über Meer fliehen; so werden
doch nur die unersättlichen Feinde / diese Rauber der Welt zu Wasser euch
nachziehen / welche zu Wasser hieher kommen sind; und nach dem ihnen nunmehr
Länder gebrechen wollen / alle Winckel der Meere auszustanckern anfangen. Je
ferner ihr nun ziehen würdet / ie begieriger würden sie folgen. Denn ie mehr
etwas verborgen ist / ie herrlicher bildet man es ihm ein. Das Armut der
mitternächtischen Eylande wird sie nicht zurücke halten. Denn die Reichen
verfolget ihr Geitz / die Armen ihre Ehrsucht. Also sättigt sie weder die Fülle
noch der Mangel / sondern sie sind nach einem so lüstern als nach dem andern.
Wenn sie alles rauben und todt schlagen / heisst es bei ihnen geherrscht; und
wenn sie alles in Wüsteneien verwandelt oder ganze Völcker ausgerottet haben
/Friede gemacht. Jedoch ist es mit dem Verluste eures Vermögens / welches euch
zu ihrer Verpfleg- und Schatzung ausgepresset worden / noch auch eures Lebens
nicht ausgerichtet. Ihr werdet dieses euch zur Straffe / und ihnen zu Frohn
Diensten behalten / in Ertzt-Gruben / Bergwercken / Sümpffen als Esel arbeiten /
und noch darzu Schläge und Schmach-Reden erdulden müssen. Den Augentrost eurer
Kinder werden sie ihren Müttern aus der Schoss mit Gewalt reissen / und entweder
unter das Kriegs-Volck unterstecken / oder zu ihrer viehischen Geilheit
missbrauchen. Eure Weiber und Töchter werden sie anfangs mit Gewalt schänden; und
wenn ihr werdet ihre Untertanen worden sein / sie zu Kebsweibern nach Rom
schleppen. Keinem einigen Volcke haben sie es besser mitgespielet / euch aber
werden sie es noch ärger machen; weil das deutsche Frauenzimmer schöner und
tugendhafter als anders ist; also es dieses üppige Volck so vielmehr in die
Augen stechen / eure Mannbarkeit aber ihnen allezeit verdächtig / und destwegen
so vielmehr an Ketten gehalten werden wird. Ja / weil ihr in der allgemeinen
Dienstbarkeit der Welt schier die letzten seid / werdet ihr noch darzu / wie die
Neulinge unter den Knechten / der Gallier und anderer dienenden Völcker Hohn und
Spott sein müssen. Derogestalt habt ihr ja aus höchster Not / die Römer aber
nur aus Ehrsucht und Wollust zu kämpffen. Diese machet die Tugend stumpff / die
Not aber ist der beste Wetzstein der Tapfferkeit / und beide zusammen euer
Glücke. Denn durch diese werdet ihr eure Freiheit behaupten / und euch mit nicht
wenigerm Ruhme / als Beute bereichern. Wer wollte nun nicht gegen solche Feinde
als eine Mauer stehen /wenn er weiss: dass / in der Schlacht fallen / Ehre / in
der Flucht umkommen / Schande sei; dass die Furcht als der gerädeste Fusssteig zum
Tode trage / die Hertzhaftigkeit aber durch Tod und Leichen zum Leben
durchdringe? Lasset euch aber die kaum zu übersehen mögliche Menge der Feinde
nicht schrecken. Die Helffte bestehet bei nahe an weichen Galliern und
weibischen Völckern aus Asien. Die darbei sich befindenden Römer sind
meistenteils neugeworbene /und aus wollüstigen Städten zusammen gebracht und
dahero unwehrbare Weichlinge. Ihr aber seid unter freiem Himmel / auf harter
Erde in rauen Wildnüssen erzogen / der Sonne und Kälte / des Schweisses der
Arbeit und Streites von Kind auf gewohnet. Ihr wisset euch ohne Dach und Zelten
unter Peltzen nicht weniger als Wölffe / Bären / und andere wilde Tiere
auszuwintern. Ihr wisset nichts von Bädern / Schatten /niedlichen Speisen und
andern Zärtligkeiten der Städte. Also können sie unmöglich gegen euch austauern.
Die älteren Römer aber sind eine Uberbleibung vom Varus / welche / um nicht mehr
wider die Deutschen zu streiten / sich durch Aufruhr des Krieges zu entbrechen
bemühen / oder Flüchtlinge des vorigen Jahres /welche die Narben ihrer von euch
empfangenen Wunden noch auf dem Rücken tragen / und teils von euren
Streitämmern / teils von Sturmwinden und den Meeres Wellen verstimmelt sind;
also ohne einige Hoffnung des Sieges so wohl wider das erzürnte Verhängnüs / als
ihre schreckliche Feinde zu fechten gezwungen worden sind. Sie haben das Hertze
nie gehabt geraden Weges zu Lande gegen die Cherusker aufzuziehen / sondern sie
haben aus Furcht / dass wir sie auf der Gräntze bald übel bewillkommen würden
/durchs Meer und Umwege sich in unser Land gespielet. Heute aber wird ihnen
weder Segel noch Ruder /sondern alleine der Degen dienen / und unsere Weser wird
sie zwingen festen Fuss zu halten. Heute wird die Erfahrung euch lehren: dass sie
nicht so rüstig zum Kampffe / als zu Lastern sind. Unsere Zwytracht hat sie uns
zu bekriegen verwegen gemacht; und nicht die Tugend / sondern die Schwachheiten
der zwistigen Völcker haben ihr Kriegs-Heer in solch Ansehn versätzt. Hätten die
Deutschen nicht ihnen ihr Blut zu Bezwingung der Gallier vor geliehen / würden
sie noch nicht mit diesem furchtsamen Volcke fertig sein. Glaubet aber nicht:
dass die Römischen Hülffs-Völcker mit gutem Hertzen ihren Fahnen folgen / oder
vielmehr ihnen mit ihrem Blute die Bahn brechen müssen. Zweiffelt nicht: dass
viel / welche für die Römer heute den Degen zücken müssen / sie gerne überwunden
sähen; und daher werden sie sich auf eure Seite schlagen / so bald sich der Sieg
gegen euch neigen wird. Itzt hält sie nur noch Furcht und Ungewissheit des
Ausschlages zurücke / welches morsche Banden der Freundschaft sind; nach derer
Zerreissung sie die Römer so viel gifftiger hassen / ie begieriger sie selbte zu
fürchten aufhören werden. Also werdet ihr mitten unter den Feinden euch
beispringende Hände antreffen. Denn bei euerer freimütigen Tapferkeit werden
die Gallier / die Celtiberier / fürnemlich aber die Chauzen / Friesen und
Sicambrer sich ihrer verlohrnen Freiheit erinnern. Daher schonet so viel möglich
dieser Hülffsvölcker / und machet euch an die Römer als die allgemeinen Feinde
der Welt. Lasset euch ihre schimmernde Waffen nicht schrecken! Sintemahl Gold
und Silber weder mehr decket noch verwundet / als Stahl. Mit einem Worte:
bezeuget euch heute als Deutsche / und bedencket: dass / wenn ihr heute nicht
Männer seid / ihr und eure Nachkommen ewig werden Knechte sein müssen. So bald
der Feldherr diese Rede beschlossen hatte / stiess das Kriegs-Volck ihre Spisse
zusammen / welches bei den Deutschen die kräfftigste Art der Beipflichtung ist.
Die Priester aber giengen mit in Händen getragenem Feuer / als einem Zeichen des
Streites /durch alle Glieder durch / und ermahneten das Kriegs-Volck zur
hertzhaften Gegenwehre / welches nicht so wohl aus Furcht / als aus einem fast
alle / auch die tapfersten Helden angehender Schlacht befallenden Schrecken
zitterte; der oberste Priester aber kam aus dem Heine des Hercules auf einem von
vier weissen Pferden gezogenem Wagen in einem schneeweissen Pferde zum Feldherrn
gefahren / welcher ihn mit Nahmen ruffte und versicherte: dass GOtt und die
Schutz-Geister selbiger Gegend seine Beistände wären. Auf welche Art Pericles
auch einst sein Heer aufgemuntert / und dadurch den Sieg erlangt haben soll. Ja
die Cheruskischen Weiber kamen mit zerstreuten Haaren zwischen die Flügel
gelauffen / stellten ihnen ihre Kinder und schwangere Leiber unter Augen und
beschwuren sie: dass sie durch ihre Zagheit sie nicht in unerträgliche
Dienstbarkeit stürtzen sollten. Dieses schwachen Geschlechtes wehmütige
Beredsamkeit hatte in ihren Hertzen den kräfftigsten Nachdruck. Dahero diese
einige Würckung zweifelhaft macht: ob die Deutschen das Weibes-Volck klüger in
ihre Lager und Heere mit sich nehmen / oder die Römer sie daraus verbannen; ja
denen Kriegesleuten wie denen Ringern gewisser massen zu heiraten verbieten.
Denn ob zwar dieses gebrechliche Geschlechte ins gemein durch Wollust die
tapffersten Helden entkräfftet / dem friedlichen Zustande durch Verschwendung /
dem kriegerischen durch Schrecken Abbruch tut; so ist doch das deutsche
Frauenzimmer gleichsam einer ganz anderen Art als anderes; weil es zur Geilheit
keinen solchen Zug als zum Kriege hat. Dahero sie denn mit ihnen im Lager und
Felde ganz willig alles Ungemach ausstehen / sie bewaschen / ihnen Speise
kochen / schantzen und graben helffen / die Waffen ausputzen / aus ihren Wunden
das Blut und Eyter aussaugen / sie verbinden / und nicht nur Zuschauer und
Zeugen / sondern auch Aufmunterer ihrer Tapfferkeit abgeben wollen. Ja es
mangelt ihnen nicht das Hertze die Waffen an statt der Spindel zu ergreiffen /
oder ihren verwundeten Ehmäñern die Waffen aus den Händen zu reissen / an ihre
Lücke zu treten / und ohne Furcht zerfleischet zu werden / ihrem Feinde die
Stirne zu bieten / oder bei verzweifeltem Zustande ihre eigene Kinder ins
Gesichte zu schmeissen. Daher sich auch öfters ereignet hat: dass die schon
wanckenden und brechenden Schlacht-Ordnungen durch das Winseln und Wehklagen der
Weiber / derer besorgliche Dienstbarkeit ihren Männern mehr als ihre eigene zu
Hertzen steigt /oder auch durch ihren gleichsam rasenden Anfall im Stande
erhalten oder ergäntzet haben. Die Barden fiengen auch an die Helden-Taten
ihres Tuiscons /Alemanns und anderer Deutschen zu singen / derer Bilder sie zu
Beispielen denen Kämpffenden fürtrugen / und ihnen gleichmässige Lob-Lieder
versprachen. Als nun auch der Streit angehen sollte / schrien sie / was sie nur
aus dem Halse bringen konten / weil das Kriegs-Volck aus der Barden starckem
Geschrei ihm Sieg / aus schwachem und heiserem aber Unglück wahrzusagen pfleget.
Welches zuweilen zweiffelsfrei destwegen eintrifft / weil die behertzten mehr
Kräfften haben ihre Stimme zu erheben / die Furcht aber einem die Zunge hemmt;
wiewol sonst ins gemein dräuende Grosssprecher wenig Werckes machen; hingegen die
in der Schlacht die hurtigsten sind / welche für selbter am ruhigsten gewesen /
und ein furchtsamer Hund heftiger billt als beisst. Der Barden Singen kriegte
auch einen gewaltigen Widerschall / weil das ganze deutsche Heer in ihre
Schilde aus ganzen Kräfften schrie / die Waffen zusammen stiess / und dadurch
ein Getöne verursachte / worvon die Erde bebte; sintemahl die meisten Völcker
der Welt / insonderheit die Perser / Indier / Britannier / Gallier /Hispanier /
Parter und Deutschen so wohl von solchem Geschrei / als von dem Blasen der
Trompeten und Krummhörner / wordurch zum Angrieffe das Zeichen gegeben wird /
beredet sind: dass dardurch die Feinde kleinmütig / sie selbst aber hertzhafter
gemacht würden. Diesemnach öffters kluge Feldherren ihre Kriegs-Leute
befehlichen die Ohren zuzustopffen; gleich als weñ das feindliche Geschrei wie
der Schlangen Beschwerer was zaubrisches an sich hätte. Der Graf von Nassau und
andere Kriegs-Häupter versicherten den Feldherrn im Nahmen des ganzen Heeres:
dass sie ihre Pflicht redlich beobachten wollten /baten ihn aber mit Tränen: er
möchte als ihr Haupt /an welchem aller ihr Heil gelegen wäre / seiner wohl
wahrnehmen / und sich nicht ohne euserste Not in Gefahr / durch sich aber ganz
Deutschland in Unglück stürtzen. Ein gemeiner Kriegsmann könnte niemahls zu kühn
sein; ein Feldherr aber nie zu sicher gehen. Pelopidas und Marcellus hätten
durch eines Tages Verwegenheit auf einmal allen Ruhm viel jähriger
Helden-Taten verspielet. Er verstünde selbst allzu wohl: dass es besser wäre /
wenn ein ganz Heer umkäme und der Fürst übrig bliebe / als wenn aus einem
ganzen Heere niemand als das Haupt erlegt würde. Der Feldherr nam diss wohl auf /
und erinnerte sie als Glieder ihr Ampt zu tun / er würde nicht weniger auch
seines wahrnehmen. Als er nun sah: dass Germanicus auf einer Stange den
Purper-Rock zum Zeichen des Angrieffs ausstecken liess / befahl auch er zu dem
Ende einen Wolffs-Kopff empor zu stecken /die Drommeln und Paucken / wie auch
mit Steinen an messene Töpffe zu schlagen / und in die Ochsen-Hörner zu blasen.
Es kam aber der junge Fürst Gottwald /fiel für dem Feldherrn auf die Knie nieder
/ und bat ihn um die Gnade: dass er diesen Tag der letzte unter seiner Leibwache
sein / und seine erste Waffen für das Heil eines so grossen Helden einweihen
möchte. Der Feldherr nam dieses wohl auf; befahl ihm aufzustehen / gab ihm einen
eisernen Ring / und sagte ihm: Er sollte sich so tapffer halten / als seine hohe
Ankunft erforderte / so würde er diesen noch für untergehender Sonne mit einem
güldenen rühmlich verwechseln können.
    Hiermit kamen beide Heere an einander. Bojocal traf mit der Angrivarischen
und Batavischen Reiterei auf den Ritter Wintzenburg und die ihm aus sonderbarem
Verhängnisse entgegen gestellten Angrivarier desto verbitterter / weil es seine
Untertanen waren; und diese fochten so viel hartnäckichter / weil die
zerreissenden Banden der Liebe hernach desto festere Ketten unversöhnlichen
Hasses abgeben. Zu eben der Zeit und mit gleicher Hefftigkeit traf Wachtendonck
mit der Chamavischen Reiterei auf die Rhätier und Lepontier / welche ihnen
einbildeten: dass ihre Brüste so unbeweglich als ihre Stein-Felsen wären.
Zwischen diesen band der Graf von Ravensberg und das Angrivarische Fuss-Volck mit
den Batavischen / Ubischen und Menapischen und ihren Führer Verzingetorich; der
Graf von Homburg aber mit den Chamavern auf die Trierer / Narboner und Lugduner.
Im rechten Römischen Flügel grief Fürst Cruptorich mit seiner Friesischen
Reuterei die vom Ritter Beringer geführten Hermundurer / und Bruno / ein
Chauzischer Ritter /den Graf Barby mit seiner Langobardischen Reiterei an.
Zwischen diesen machte sich der Graf von Ascanien mit dem Langobardischen
Fuss-Volcke an das Frisische / Tencterische / Arvernische und Seqvanische / der
Graf von Schwartzburg aber mit dem Hermundurischen an die Sicambern / Tribochen
/Nemeter / Vangionen und Heduer. In diesem Flügel stand alles wie Mauren gegen
einander / und wollte ein Teil seinem Feinde nicht einen Fussbreit Erde
enträumen. Denn ob zwar die Heduer und Seqvaner etliche mahl getrennt wurden /
ergäntzte doch der Graf von Fleckenstein und Julius Florus alsbald die Lücken
/dass das Treffen in gleichem Gewichte stehen blieb. In der Mitte sahen die
Feinde eine lange Zeit einander an / weil die Cherusker ziemlich hoch standen /
die Tracier und Hispanier aber den Feind an diesem vortelhaften Orte nicht
beissen / und weder einer noch der ander sich verschüssen wollte / gleich als
wenn der einen grossen Vorteil über seinen Feind erlangte /der seine Pfeile
noch im Köcher behielte / seines Feindes erste Hitze aber verrauchen / oder sich
wie starcken Essig überbeissen liesse. Weil nun die Cherusker sich auch nicht aus
dem Vorteil begeben wollten / liess Germanicus aus den grossen Schleudern Steine
auf sie werffen / und die eingespickten Balearier machten sich auch zu dem Ende
an den Hörnern der Schlacht-Ordnung herfür / und schleuderten eine grosse Menge
ihrer in einem angehenckten Sacke bei sich getragener und zum teil mehr als ein
Pfund wiegender Feldsteine auf sie. Der Graf von Nassau aber befahl: es sollten
alle Deutschen die Häupter mit den Schilden decken / und als die Steine darauf
fielen /fieng er hertzhaft an: Freuet euch ihr Brüder / es regnet Steine /
welches den Römern niemals nichts guts bedeutet hat. Endlich machte sich der
Rheingraf an die Chauzische / der Graf von Eberstein an die Tracische Reiterei.
Dieser befahl seinen Cheruskern: sie sollten den Traciern nur harte auf den Hals
gehen und beständig in Eisen liegen / weil alle Kräfften der Tracier in
Wurff-Pfeilen bestünde / darzu sie Raum dörfften / und im Gedrangen wider der
Deutschen Streit-Hämmer nicht bestehen könten. Inzwischen kam das Fuss-Volck auch
zum Handgemänge. Der Celtiberier Schlacht-Ordnung war zuförderst spitzig und
hinten breit / und meinten darmit die Cheruskischen Hauffen zu durchbohren / wie
sie wohl ehmahls denen Römischen Legionen getan hatten. Aber ihre Einbildung
schlug ihnen gewaltig fehl / weil die Cherusker mit ihren langen Spissen auf
beiden Seiten sie so gewaltig anfielen: dass sie ihre Spitze einziehen /und sich
in die Breite stellen mussten. So konten auch die Hispanier mit ihren kurtzen
Degen wider der Cherusker langes Gewehre wenig ausrichten; noch / wie scharff
ihre Ballen an der Spitze gleich waren / die Spisse zerhauen / weil sie sie mit
eisernen Federn hatten versehen lassen / ungeachtet sie sich rühmten: dass sie
darmit alle Helme und Harnische zerspalten könten. Als sich das Gefechte hier
nach und nach zwischen dem Cheruskischen Fuss-Volcke / denen Celtiberiern und
andern Hispaniern vermischte / verkehrte sich das Spiel im lincken Römischen
Flügel überaus. Denn Bojocal ward oder stellte sich zum wenigsten verwundet; gab
also mit seiner Reiterei die Flucht auf die Seite an dem Weser-Strome hinab.
Diesem folgten das von der Reiterei entblöste und vom Ravensberg in Unordnung
gebrachte Fussvolck der Gallier / und nichts minder die Rhetische Reiterei.
Malovend befahl: dass nicht nur Wintzenburg und Wachtendonck mit ihrer Reiterei /
sondern auch Ravensberg und Homburg den Feind verfolgen sollten / damit solcher
nicht über die untersten Weser-Brücken entkommen könnte. Ungeachtet nun diese
letztern etwas stutzten und ihnen dieser Befehl bedencklich fürkam / aus
Beisorge: dass der Feind sie durch eine so schlaue Flucht / als Cyrus der Tamyris
unvorsichtigen Sohn /zu verführen vor hätte / mussten sie doch des Malovends als
ihres Hauptes Befehl vollziehen; weil das Kriegs-Recht denen Unteren keine
vernünftige Wider-Rede / weniger eine Befugnüs ihrer Obersten Befehle zu
untersuchen erlaubt / sondern einen blinden Gehorsam / und alles übrige GOtt und
ihrem Feldherrn heimzustellen auflegt; gleich als weñ das Heer nur der Leib /
der Feldherr aber die Seele im Kriege wäre. Als derogestalt beide Vorderteile
des Römischen lincken und deutschen rechten Flügels Raum gemacht hatte / rückte
Emilius mit der Römischen Reiterei / Vitellius mit der vierzehnden und Tubero
mit der sechzehnden Legion / welche hinter der vördersten Schlacht-Ordnung der
Römischen Hülffs-Völcker wohl hundert und fünf und zwantzig Schritte entfernet
war / gegen den Fürsten Malovend / zu welchem Hertzog Flavius mit dreihundert
Pferden / jedoch ohne gezückte Waffen voran gerennet kam / ihn freundlich grüsste
/ und auf ehrliche deutsche Treu und Glauben mit ihm zu reden verlangte. Nachdem
Malovend nun mit dem Flavius wenig Worte gewechselt hatte / wendete sich
Malovend zu seinen Marsen / und sagte: Ihr ehrlichen Marsen! wir sind mit den
Römern verglichen / sie sind unsere und wir ihre Freunde. Euch soll alles
abgenommene erstattet oder vergolten / und weder meine Herrschaft noch euere
und ander deutschen Freiheit gekräncket / sondern dem Hertzoge Flavius alleine
sein Erbteil erstritten und eingeräumt werden. Weil Malovend seinem Volcke
eitel an seiner Verräterei teilhabende und von Römern bestochene Obersten
fürgesätzt hatte / schlugen sie zum Zeichen ihrer Freude und Einwilligung mit
ihren Spissen wider die Schilde / neigeten ihre Schilde gegen dem Flavius / und
ermahneten die Marsen: dass sie ihre Heerspitzen gegen die ihnen nun auf den Hals
kommenden zwei Römischen Legionen stellen sollten. Die Marsen wurden hierüber
bestürtzt / sahen einander an / und wussten nicht / wessen sie sich entschlüssen
sollten. Denn ob zwar ihrer etliche murrten und sich beklagten; dass sie von ihren
eigenen Häuptern verraten und in Römische Dienstbarkeit verkaufft wären / so
ist doch ein Heer ohne Führer ein Leib ohne Kopff / welcher weder Vernunft noch
Stärcke sich zu bewegen hat. Bei dieser verwirrten Unbeweglichkeit ritt
Hildebold / ein Oberster der Marsen / mit entblöstem Degen zwischen ihre Glieder
zu der Marsischen Haupt-Fahne / welches ein roter Löw im weissen Felde war /
und dreute den sie haltende Hademersleben zu durchstossen / da er solche nicht
gegen die zwei Römischen Adler neigen würde. Unterdessen teilte Tubero die
funfzehnde Legion / und rückte mit zweien Teilen auf den Seiten / und mit dem
dritten mitten zwischen das Marsische Fuss-Volck; also dass diss nicht nur von
einander getrennt / sondern auch von der Marsischen Reiterei abgeschnitten / und
diss eben so wohl von der Römischen / Mäsischen und Armenischen Reiterei umgeben
ward. Derogestalt waren den redlichsten und keckesten Zungen und Armen gebunden
/ die andern henckten den Mantel nach dem Winde / wendeten sich zurück / und
kehrten die Spitzen gegen dem Hertzoge Marcomir und seinem Hinterhalte / welcher
an diesem püschichten Orte der so seltzamen Veränderung fast nicht ehe gewahr
ward / als biss er die Römischen Adler gerade auf ihn andringen und mit selbten
die Marsen vermenget sah. Hallermund / ein Marsischer Ritter / hatte sich
gleichwol nebst etlichen Edelleuten von der Marsischen Reiterei los gewürckt /
und der Ritter Steinfurt schlug sich mit denen Chassuarischen Reitern noch durch
/ stiessen zum Hertzoge Marcomir und legten ihm das Retzel der Malovendischen
Verräterei aus. Marcomir konnte dieses schwartze Laster kaum dem Malovend
zutrauen / wenn er nicht ihn und den Flavius neben einander hätte die Marsische
und Mäsische Reiterei auf seine Cattische unter dem Grafen von Hanau anführen
gesehen. Marcomir fertigte den Ritter Sinzich alsbald zum Feldherrn ab / um ihm
seine euserste Not zu entdecken; dem Ritter Kwad und Lochau aber befahl er: sie
sollten doch durch einen Umweg dem den flüchtigen Feind verfolgenden Ravensberg /
Homburg / Wachtendonck und Winzenburg nachgehen / und sie ihm zu Hülffe
beruffen. Diese richteten es durch die Püsche glücklich aus /traffen diese aber
in einem hitzigen Gefechte an. Sintemahl Bojocals und der andern Römischen
Hülffs-Völcker Flucht nur ein mit dem Malovend abgeredeter Betrug gewest war /
das vorderste Teil des deutschen rechten Flügels abzuziehen um dem Malovend zu
Ausübung seiner Verräterei Lufft zu machen. Denn eine viertel Meile von dem
ersten Stande fanden die Deutschen fünffhundert Römische / tausend Dacische und
Illyrische Reiter / tausend Römer und zweitausend Gallier zu Fusse in voller
Bereitschaft stehen / neben welchen sich Bojocal / Chur / Sarnsgans und
Werdenberg mit ihrer flüchtigen Reiterei widersätzten / Verzingetorich und
Aviola lasen auch ihr zerstreutes Fuss-Volck wieder zusammen / und boten mit
gesamter Hand den Deutschen die Stirne. Ob diese nun zwar gegen ihre Feinde
ziemlichen Vorteil erlangt hatten / Werdenberg vom Ritter Woldenberg
durchstochen / Verzingetorich vom Ravensberg auf den Tod verwundet war / Homburg
auch die zweitausend frischen Gallier schon zertrennt hatte / sätzte sie doch
die schlimme Zeitung vom Malovend in die gröste Verwirrung. Weil nun Marcomir
die Last des ganzen lincken Römischen Flügels auf dem Halse hatte / sie auch
besorgen musste: dass Centronius mit der ersten Legion / und Messala mit der
leichten Reiterei sie gar vom deutschen Heere abschneiden dörffte / mussten sie
entschlüssen sich zurücke zu ziehen. Alleine die Verfolgten / welchen Vitellius
zuentbieten liess: dass der ganze rechte Flügel der Deutschen schon über einen
Hauffen geworffen wäre; kriegten nicht nur Lufft sich wieder an einander zu
ziehen /sondern auch Hertze ihre vorigen Verfolger zu verfolgen. So schlecht es
nun auf dieser Seite für die Deutschen stand / so gutes Ansehn zum Siege hatte
es für sie in der Mitte und im lincken Flügel. Denn die Langobarden und
Hermundurer hatten den Julius Florus verwundet; dass er auf zwei Picken musste aus
dem Gefechte getragen werden; und Schwartzenburg den Fleckenstein gar getödtet;
also dass die Gallier / Friesen und Sicambern biss an die andere Legion getrieben
wurden / und Silius mit selbter den Deutschen die Stirne bieten / Stertinius
auch mit seiner Reiterei dem vom Ritter Veringer bedrängten und verwundeten
Cruptorich zu Hülffe kommen musste. In der Mitte hatte der Graf von Arenberg und
der Ritter Ahlefeld die Tracische Reuterei biss an des Germanicus Leibwache in
die Flucht gejagt; daher die Armenische Reuterei hervor rücken und die Tracier
entsätzen / ja Germanicus selbst hundert Ritter selbigen Einbruch zu stopffen /
und denen vom Reckheim getrennten Hispaniern die Schützen von der zwantzigsten
Legion /wie auch die Nervier und Tessalier zu Hülffe senden musste. Bei diesem
gefährlichen Anblicke brachte Appius Junius Silanus dem Germanicus die fröliche
/Sinzich aber dem Feldherrn die traurige Zeitung: wie das Spiel sich in
Malovends Flügel verkehrt hätte. Dieser verordnete alsofort: dass sein ganzer
Hinterhalt dem Hertzoge Marcomir alsobald / und eh er etwan geschlagen würde /
zu Hülffe eilen / hingegen der Graf von Werteim mit seiner Cattischen Reuterei
/ Isenburg und Solms mit ihrem Fussvolk an dessen Stelle rücken sollte.
Germanicus hingegen liess durch sein ganzes Heer kund tun: der ganze rechte
Flügel der Deutschen wäre erlegt oder in der Flucht; also sollten sie ihnen die
Schande nicht antun: dass Flavius und Vitellius ihnen müsten zu Hülffe kommen.
Hierbei ereignete sich entweder ungefähr: dass acht Adler von der Weser her über
das Römische Herr gegen das Deutsche / und die darhinter gelegenen Wälder
geflogen kamen; oder dass sie im Lager von den Wahrsagern mit Fleiss waren aus
ihren Behältnüssen gelassen worden. Germanicus war ein Meister so wohl sich des
Aberglaubens zu seinem Vorteil zu bedienen / als zufällige Dinge zu Werckzeugen
seiner Klugheit zu gebrauchen. Daher ruffte er mit heller Stime seinem Volcke
zu: Sie sollten empor / und das gewisseste Kennzeichen des ihnen von den Göttern
bestimmeten Sieges schauen. Diese acht Adler / welche die eigentlichen
Schutz-Götter seiner acht Legionen wären / wiesen ihnen selbst den Weg zum
Siege. Die vorhin schon vom Aberglauben eingenommenen Römer wurden darinnen so
gestärckt / dass sie rufften: Er möchte sie doch wider die Feinde fechten und
ihnen nicht die Hülffs-Völcker den Sieg wegnehmen lassen. Die Hülffs-Völcker
hingegen baten: man möchte ihnen doch die Ehre nicht missgönnen ihre Treue gegen
das Römische Volck durch Tapferkeit zu bewehren. Germanicus liess also durch die
geöffneten Glieder der andern Legion die Pannonische Reuterei hervor rücken /
umb nebst den Friesen den schon ziemlich müden Hermundurern zu Pferde zu
begegnen / Stertinius aber musste mit der Römischen Reuterei auf der rechten Hand
einen Umschweiff machen / und den lincken Flügel der Deutschen seitwerts
angreiffen / und Silius mit der ganzen andern Legion ihm folgen; Cetegus aber
mit der fünften in die Stelle rücken. Segestes lösete mit denen frischen
Helvetiern und Aqvitaniern die Völcker / welche wider den Grafen von Ascanien uñ
Schwartzburg lange gefochten hatten / gleichfalls ab / und zwangen die
abgematteten Longobarden und Hermundurer vom Ingviomer Verstärckung zu begehren.
Gleicher gestalt kamen die Bellovaken den Celtiberiern und Hispaniern wider die
Cherusker zu Hülffe. Wie scharf es nun hier hergieng / so hatte doch Marcomir
den härtesten Stand. Sintemal nicht nur Vitellius mit seiner ganzen
vierzehenden Legion / sondern auch die darzwischen zerteilten dreitausend
Marsen seine fünftausend Cherusker /Cimbern und Bructerer in Gestalt eines
halben Mohnden umgaben. Flavius aber traff mit dreihundert Edelleuten / und
tausend Mäsiern / und Lepidus mit fünffhundert Römischen Reutern auf den Graf
Hanau und seine tausend Cattische Reiter. Malovend aber mit tausend Marsen / uñ
Coccejus mit fünffhundert Römischen Reutern auf des Ranzaus Cimbrische Reuterei.
Wiewol nun des Feldherrn Hinterhalt / nämlich der Graf von der Marck und
Ravenstein mit zweitausend Cheruskischen Reutern / der Graf von Wied mit tausend
Catten / Delmenhorst und Sulm mit dreitausend Cheruskern / und Uhlefeld mit
tausend Cimbern /Marcomirn bei zeite entsätzten; so begegnete doch Tubero mit
der ganzen sechzehnden Legion und dreitausend Marsen dem Fussvolk / und
Emilius mit zweitausend Römischen schweren Reutern und fünffhundert Mäsiern der
Reuterei. Beide Teile fochten wie Löwen gegen einander; ein Teil aus
Verzweifelung / das ander aus Aberglauben und Begierde des Sieges; und ob wohl
die Deutschen weit übermannet waren / wiesen sie doch durch ihre
Standhaftigkeit: dass sie so wohl als die Römischen eiserne uñ unzerbrechliche
Legionen / Mauern geneñt zu werden verdienten; und das Gesätze / welches
Demaratus den Spartanern gegeben: dass nämlich niemand fliehen /sondern stehende
siegen oder sterben müste / ihnen von Natur angebohren wäre. Denen Römischen
Legionen / derer Kriegsleute ieder seinen Nahmen /unter welchem Fahne und in
welcher Stelle er stehen sollte / auf seinem Schilde geschrieben hatte / kam
sonderlich ihre vortrefliche Ordnung / und ihrer täglich geübten Kriegsleute
Geschickligkeit zu statten. Denn ihre Hauffen waren nicht nur durch die
Kriegeszeichen / sondern ieder Legion Volck auch durch die Farben der Kleider /
und hohe Federpüsche / welche ihnen zugleich ein besser Ansehen machten /
unterschieden. Das erste Fahn ieder Legion / welches eilfhundert und fünffe zu
Fusse / und hundert und zwei und dreissig Reuter hatte / also fast zweimal so
starck als eines der andern war / führte den Haupt-Adler mit dem im Klauen
habenden Blitze / das ander einen Wolff / das dritte den Minotaurus / das
vierdte ein Pferd / das fünfte ein wild Schwein / das sechste einen Elephant /
das siebende eine Welt-Kugel /welch Zeichen August wegen besiegter Welt zum
ersten gebraucht / das achte einen Löwen / das neundte eine Schlange / das
zehnde einen Bär. Uber diss hatten die alten Kriegsleute die Bilder des Kaysers
Julius /des August / des Tiberius / des Drusus / des Germanicus / des Claudius
Nero / des Agrippa / der Livia / der Antonia und des Sejanus / die ihnen
vorgehenden Kriegsleute aber zehnerlei geschnitzte Drachen / welche aus dem
offenen Rachen die Zähne vorwiesen /beim Winde zischten und den Schwantz
bewegten. Diese sollen dem Apollo zu Ehren wegen des erlegten Pytischen Drachen
nicht nur von Römern / sondern auch von Assyriern / Persen / Scyten und Indiern
zu Kriegszeichen gebraucht werden. Die Spissträger aber führten in weissen Fahnen
die Nahmen der Römischen Feldherren mit Purper / die leichten Schützen sie in
purpernen Fahnen mit Golde geschrieben. Die Reuterei war mit kleinen
Purper-Fähnlein versehen /diese aber mit darein gemahltem Blitze /
Feuer-Strahlen und Bildern unterschieden. Die erste Legion hatte rote Kleider
und Federn / die andere gelbe / die fünfte Himelblau / die dreizehnde weisse /
die vierzehnde grüne / die sechzehnde graue / die zwantzigste braune / die ein
und zwantzigste blau und gelbe. Im Treffen kamen anfangs aus den Gassen die im
lincken Arme gepantzerten Schützen / Schleuderer / und leichten Fussknechte
herfür / und schütteten auf die Deutschen unzählbare Steine / bleierne Kugeln /
Pfeile und Wurffspisse aus. Denn ob zwar die Römer selbst keine Schleuder / als
ein in ihren Augen knechtisches Gewehre brauchten / so steckten sie doch Acheer
und Balearier auch unter das leichte Volck der Legionen. Weñ diese sich wie ein
Blitz wendeten und wieder in die Gassen / welche die zehn Fahnen einer Legion
unterscheidete / versteckt hatten / traffen von dem schweren und von Fuss auf
geharnischten Fussvolk anfangs die Spissträger; und weñ diese müde waren
/wiechen sie rück werts / uñ kamen zwischen ihne die fürnehmern Kriegsleute ohne
einige Verwirrung herfür. Sintemal aller ihr Stand gleichsam auf eine Finger
breit abgemessen war. Jeder Fussknecht hatte um sich drei Fuss breit freien Platz
/ also dass keiner beim Gebrauch seiner Waffen anstiess / und die letztern Glieder
durch die vorstehenden Glieder unverhindert durchgehen / ja so gar im Falle der
Not die Reuter durchs Fuss-Volck durchbrechen konten. Dieser andern Glied war
von den Spissträgern funffzig / die dritten ältern Fuss-Knechte aber / welche /
weil die zwei erstern stritten / auf der Erde knieten / und sich auf ihre
Schilde lehneten: dass sie für dem Geschoss desto sicherer blieben und ausruheten
/ wohl hundert Füsse weit von den zweiten entfernet. Die mitlern waren mit einem
Schwerdte und Dolche / fünff bleiernen Kugeln / einem grossen und kleinen eine
dreieckichte eiserne Spitze habenden Wurff-Pfeile gerüstet /derer einer
sechstehalb / der andere drei Füsse lang war. Wenn diese sich verschossen / und
mit den Degen müde gefochten hatten / löseten sie die wieder hervor kommenden
Spissträger ab. Die drittern Eltesten aber / derer ohne biss nur halb so viel als
der Spissträger waren / und welche gleichwohl den güldenen Adler bei / und den
Feldherrn für sich hatten /blieben unbewegt / biss der Oberste sie zur höchsten
Not aufforderte. Diese waren gleichfalls mit eisernen Stiefeln auf den
Schienbeinen / Pantzern in Armen und Beinen / Harnischen am Leibe versehen / und
ihre Helme mit Bären-Häuten / der andern aber mit anderm Peltzwerck überzogen.
Diese Menge / ihre Rüst-und Ordnung gab den Römern einen grossen Vorteil für
den Deutschen / welche weder so viel Fahnen /sondern nur iedes Volck ein
gewisses Tier / nämlich die Cherusker ein Pferd / die Catten einen gelben / die
Marsen einen roten Löwen / die Bructerer einen Adler / die Langobarden einen
Bär / die Hermundurer einen Luchs / die Cimbern ein Elend / die Angrivarier
einen Hirsch / die Chamaver einen Wolff / die Chauzen einen Wallfisch / die
Sicambrer einen Ochsen /die Friesen einen Hund / auch nicht gleiche Waffen
/sondern so gut sich ieder ausrüsten kann / führen. Gleichwol ersätzte dieser
Hertze die Härte und Eyver / welche entweder keine Wunde fühlten / oder nicht
achteten / allen Abgang. Sintemahl die Deutschen mehr hertzhaft geboren als
gemacht / die Römer aber mehr tapfer gemacht als geboren werden. Also mussten
die alten Römischen Kriegsleute ehe / als sie sichs versahn / an die Spitze; ja
hätten die alle / welche aus ihren Gliedern gewichen / nach der Schärffe des
Krieges-Rechtes den Kopff sollen verloren haben / würden ihrer viel / die sie
gleich von den feindlichen Schwerdtern davon gebracht / sie unter den Beilen der
Scharffrichter verloren haben. Sonderlich hatten die Römischen Hauptleute einen
harten Stand / weil ieder nicht nur an der Stirne seines Fahnes stehen musste /
und sie für andern an ihren versilberten Helm-Spitzen kenntlich waren; sondern
fürnehmlich / weil die deutschen Obersten ihr Volck befehlichten die Befehlhaber
anzufallen / bei derer Erlegung sie der gemeinen leicht Meister werden würden.
Insonderheit aber machte die deutsche Reuterei den Römern viel zu schaffen; ja
der Graff von Hanau /nach dem er den Flavius und Lepidus zertrennt /brach mit
seinen Catten zu Pferde durch die vierzehnde Legion / nahm selbter den Wolff /
den Minotaurus und das Pferd / und nötigte den Vitellius: dass das erste /
fünfte / siebende und achte Fahn sich harte zusammen ziehen / mit ihren
zusammengefügten Schilden wie eine Schnecke in ihr Haus zusammen kriechen / also
verblasen / und tiefferes Einbrechen verhüten musste. Mitlerzeit war Stertinius
dem Grafen von Oldenburg und der Bructerischen Reuterei bei nahe in Rücken
kommen; also dass weil dieser sich wenden musste / Silius seine zweite Legion wie
einen Kegel ordnete / und zwischen Beringern und dem Oldenburg den Hertzog
Ingviomer und sein Fussvolck recht im Hertzen angrieff. Germanicus befehlichte
auch die von Helvetiern und Aqvitaniern abgelöseten und verblasenden Tribochen /
Nemeter / Vangionen /Seqvaner / Sicambrer / Tencterer und Friesen: dass sie aus
denen / welche nicht verwundet waren / dreitausend ausschüssen / dem Silius
folgen / und gleichfalls auf der Seite einbrechen sollten. Pedo aber musste mit
seiner Römischen Reuterei noch einen weitern Umkreiss machen / und des deutschen
lincken Flügels Hinterhalt angreiffen. Als er nun derogestalt dem deutschen
Heere / in welchem der Feldherr und Ingviomer wie der Blitz bald dar bald dort
waren / und allem Ubel vorbeugten / auf allen Seiten genug zu schaffen gemacht /
die Schlacht auch schon über fünff Stunden gewähret hatte / meinte Germanicus
nun das Eisen zum schmieden genugsam gewärmet und der Notwendigkeit zu sein:
dass er mit allen biss noch dahin gesparten Kräfften auf einmal vollends
lossbräche. Daher liess er von des Centronius ersten- und des Antejus zwantzigsten
Legion nur das siebende und neundte Fahn / welche ohne diss nebst den andern und
vierdten die neusten Kriegs-Knechte hatte stehen müssen; der Kern der übrigen
zwölf Fahnen aber mussten den Platz einnehmen / wo Malovend am ersten gestanden
hatte / und von dar das Hertze des ganzen deutschen Heeres / nehmlich die
Cherusker / wo der Feldherr selbst seinen Stand hatte / zur rechten Seite
anfallen. Hieran war es noch nicht genung / sondern Germanicus liess auch den
Centius seine ein und zwantzigste Legion wie einen Kegel stellen / und darmit
zwischen Ingviomers Flügel den Cheruskern in die lincke Seite einbrechen. Als
diese nun an beiden Orten mit der grösten Verbitterung fochten / mussten die
Hispanier sich trennen und eine weite Gasse machen. Durch diese drang Germanicus
mit seinen viertausend ausgelesenen Römern den Cheruskern auf den Hals. Osterode
und Buren waren ohne diss schon von dem grossen Römischen auf einen
vorteilhaften Hügel gebrachtem Geschütze todt blieben / welches sechs Ellen
lange Pfeile durch alle Pantzer und Harnische etlicher Menschen auf einmal
abschoss; also nicht nur alle Vorsicht und Tapferkeit zu Wasser machte / sondern
gleichsam zu Vertilgung des menschlichen Geschlechtes erfunden zu sein schien.
Nun aber fiel auch Reckheim und Eberstein / welcher vom Anfang biss an seinen Tod
wie ein erzürnter Eber um sich gehauen / und viel der keckesten Feinde zertreten
hatte. Der Feldherr / welcher zu Bezeugung: dass er lieber mit Gefahr dem Feinde
kenntlich / und den seinen desto sichtbarer / als in einem gemeinen Kleide
sicher sein wollte / hatte gleichfalls über seinen Harnisch einen von Golde
schimmernden Rock flügen / und auf dem Helme einen mit Edelgesteinen versetzten
weissen Reiger-Pusch. So bald er nun den Germanicus teils aus seinem
Purper-Rocke / teils aus dem für seine ausgelesenen erkieseten Krieges-Zeichen
/welches der auf einem güldenen Adler sitzende August in Gestalt des Jupiters
war / erkennte / befahl er dem Grafen von Nassau die gemeine Aufsicht.
Schauenburg musste wider den Centronius / Löwenburg wider den Antejus / Hohenloh
wider den Centius fechten. Der Feldherr aber selbst mit seinen fünfhundert
Rittern begegnete dem Germanicus; und Waldeck musste mit der Helffte seiner
Cheruskischen Edelleute ihm an der Hand stehen. Das Gefechte war nirgends so
grausam als allhier / auch zweiffelsfrei niemahls irgends wo schärffer gewesen;
also / dass man in dieser Schlacht eben so wenig / als in der mit Hannibaln beim
Trasymenischen See geschehen / ein Erdbeben würde gefühlet haben / wodurch doch
Städte eingefällt / Berge abgestürtzt / Flüsse vom Meere verschlungen wurden.
Die Tugend und das Glücke schienen hier gleichsam selbst mit einander zu
streiten /welches die meiste Gewalt in Schlachten hätte. Die Anwesenheit beider
fechtenden Feldherren / welche allemal mehr als tausend anderer Kriegsleute
Nachdruck hat / gab einem ieden zwei Hertzen und vier Armen. Die Verbitterung
entraumte weder Zeit / noch der auf einander dringenden Feinde Blutdurst Raum:
dass die Glieder mit einander abgewechselt hätten; sondern die / welche ihre
Pfeile / Wurff-Spitze / und Blei-Klugeln verworffen hatten / mussten durch
verwechselte Niederbückung den hinteren Gliedern Gelegenheit zum Werffen und
Schüssen machen. Jedoch wehrete diss nicht lange / sondern alles grieff zun
Schwerdtern / und fochten die ersten Glieder nicht biss zur Müdigkeit; sondern
biss auf den Tod; und wenn einer fiel / trat ein ander unerschrocken herfür;
gleich als wenn das Sterben im ersten Gliede keine Bitterkeit und doch die
höchste Ehre der Welt an sich kleben hätte. Der Macedonier Phalanx / der Perser
unsterbliche Kriegsleute würden hier schwerlich haben Stand halten können. Denn
die / welche schon ihre Hände und Waffen verloren hatten / stiessen ihren Feind
mit Füssen / und suchten sich mit Zähnen an ihm zu rächen. Die eigenen Leichen
dienten den Kämpffenden teils zum Vorteil / weil sie darauf stehen und ihren
Feind überhöhen konten; teils auch zum Fall-Brete; und endlich ward derer so
viel: dass sie hätten zu einer Brustwehre dienen können / wenn die Raserei einige
Trennung vertragen hätte. Auf der Deutschen Seite waren in einer Stunde die
Ritter Blanckenburg / Schwerin / Boxtehude / Werdenhagen /Schacke / Erpes /
Beichlingen / Beck / Billingen /Greven / Rusler / Wepe / Suppelberg / Roretz /
Zarmunde / und viel Edelleute / noch vielmehr aber edle Römer umkommen; aber
dieser Zerfleischung sättigte sich so wenig durch Blut / als die Flamme durch
Holtz; und hatte es das Ansehen / niemand würde dem Tode entrinnen / sondern
alle so lange würgen /biss niemand mehr davon übrig sein würde. Fürnehmlich
vergrösserte sich die Hefftigkeit des Streites an den Orten / wo ein deutscher
Ritter geblieben war /derer Leichen die Deutschen auch bei den zweifelhaftesten
nicht zurücke liessen / sondern für Schande hielten / wenn sie sie nicht ihren
Weibern oder Kindern zurück brächten / sollten auch hundert lebende darüber
aufgeopffert werden. Wiewohl es auch sonst bei den Deutschen bräuchlich und
keine Schande war / zu ihrem Vorteil und nicht aus Kleinmütigkeit zu weichen;
so waren sie doch hier so hartneckicht; dass sie ihre Art verlernten / und lieber
sich in Rachen des Todes stürtzen / als einen Fuss breit weichen wollten. Also
dachte niemand allhier an die Köstligkeit des Menschen-Blutes; und dass man
frembdes so wenig /als sein eigenes verschwenden / oder lieber einen Bürger
erhalten als tausend Feinde erschlagen sollte. Denn niemand war in seinem Tun
hier mehr einem Menschen ähnlich / weniger konnte er so zarte Gedancken hegen.
Wenig gelinder ging es bei Hertzog Ingviomer her; welcher den Stertinius / und
die zweite mit der dreizehenden Legion auf dem Halse / den Grafen von Salm /
Lippe / Oldenburg / Teckelnburg und Sein aber als Löwen zu Gehülffen hatte. Denn
der von Ascanien und Schwartzenburg / welche diesen Tag mehr Wunder / als
Helden-Taten ausgeübt / waren so sehr verwundet: dass man nicht wüste: ob sie
sich mehr in eigenem als frembdem Blute gewaschen hatten / und beide sich aus
der Schlacht hatten müssen in den Wald des Hercules zum Kriegs Geräte führen
lassen. Ob nun zwar durch diese zwei Säulen Ingviomern viel entfallen war / so
standen doch die übrige redlich für die Lücke / und der einige Ingviomer war für
hundert Kriegs-Obersten zu rechnen. Denn er ermahnte nicht nur einen ieden für
den Ruhm ihrer Ahnen / für Heerd und Hof / für Kinder und Ehgatten / für
Deutschlands Freiheit / ja für die Ehre ihres eigenen Gottes / welche durch
Aufdringung frembden Gottesdienstes gekränckt werden würde / zu streiten;
sondern er brach mit seinem Degen ihnen allentalben die Bahn / und riess mit
eigener Hand das fünfte Zeichen der dreizehenden Legion / nehmlich das wilde
Schwein / und der Graf von Teckelnburg das zehnde /nehmlich den Bär seinem zu
Bodem gerennten Führer aus den Händen. Der Graf von Salm aber eroberte von der
zweiten Legion den Löwen und Elephant /der Graf von Oldenburg aber vom
Stertinius drei purperne Fähnlein / darein des Nero / Drusus und Tiberius Bild
mit Golde gestickt war. Ein erbärmlicher aber zugleich merckwürdiger Zufall
ereignete sich hiermit dem Grafen von Sein; welchem Rubellius Geminus /der erste
Hauptmann von der andern Legion / mit einem Hispanischen Degen den lincken Arm
abhieb: dass er ihm mit samt dem Schilde für die Füsse fiel /solchen aber ein
ander Römer erwischte. Sein achtete nicht so sehr seines Armes als seines
Schildes; also /dass er mit seinem Schwerdte den Römer nicht zu verfolgen
aufhörte / biss er es ihm in Bauch gestossen /und seinen Schild wieder erobert
hatte; mit welchem er aber alsofort zu Bodem fiel und mit seinem häuffig
versprjetzten Blute die Seele ausbliess. Uber welchem Heldens-Vorhaben sich so
viel weniger zu verwundern ist; weil es bei den Deutschen eine grössere Schande
/ als bei einigem andern Volcke ist / seinen Schild im Stiche lassen.
Epaminondas wollte ihm zwar noch in der Matineischen Schlacht nicht ehe den Pfeil
aus der Wunde ziehen lassen / biss er hörte: dass sein Schild nicht eingebüst
wäre; und die Spartaner verwiesen den Archilochus aus ihrem Gebiete / weil er
gesagt hatte: es wäre ratsamer den Schild wegwerffen / als erschlagen werden;
Aber bei den Deutschen wird einer seines Adels verlustig / er darff in keine
ehrliche Zusammenkunft / zu keinem Gottesdienste kommen / der solchen aus der
Schlacht nicht mit zurücke bringt. Es ist zwar auch schimpflich / wenn ihm einer
den Degen nehmen läst. Aber diese Scharte kann durch Eroberung eines feindlichen
Degens ausgewetzt werden; jene Schande hingegen ist unausleschlich; vielleicht /
weil einem der Degen nur zu Verletzung des Feindes / der Schild aber zu
Beschirmung aller Bürger anvertraut ist. Dahero die / welche auch gleich ins
gemein ohne Schuld ihren Schild verloren haben / ihrer Unehre mit dem Leben
durch den Strick abhelffen. Der Graf von der Lippe rächete auch den Sein
unverzüglich; indem er dem Führer des zweiten Adlers einen Spiss durch die Brust
jagte: dass solcher zu grossem Schrecken der Römer über einen Hauffen fiel; als
welche diese Krieges-Zeichen nicht nur als geweihete Sachen mit Blumen schmücken
/ einbalsamen / sondern als Götter / oder zum wenigsten als ihre Bilder zu Rom
im Tempel des Saturn / oder Minervens im Lager in gewisse Heiligtümer verwahren
/ sie anbeten / und wider alle Gewalt sie als Schutz-Bilder umfassen / und zu
selbten als zu Freistädten Zuflucht nehmen. Also lagen drei ganzer Stunden Sieg
und Verlust beiderseits auf gleicher Wage / und die Würffel zum gewinnen auf dem
Tische; zumahl da der Graf von Henneberg mit seinen Hermunduren zu Pferde den
Pedo auch so empfieng: dass er biss an die dreitausend hingefolgte Gallier /
Sicamber und Friesen zurück weichen musste; ja an allen Orten hatte die deutsche
Reuterei die Oberhand; aber sie musste sich das übermannte Fuss-Volck im Stande zu
erhalten an allzu viel Orte verteilen / und nach ihrer gewohnten Art nach
Gelegenheit des Ortes bald zu Pferde / bald zu Fusse fechten / bald sich wieder
auf ihre zum Stillestehen gewöhnte Pferde schwingen / ungeachtet sonst die
Reuter dem Fuss-Volcke nicht gut / und diese jenem gram sind. Derogestalt
erhärtete dieser Tag: dass ob wohl der Parten und Sarmaten Stärcke alleine in der
Reuterei / der Römer und Hispanier allein im Fuss-Volck bestehet / doch die
Deutschen in einem so tapfer als im andern / und zu Pferde den Römern weit
überlegen sein; ungeachtet sie keine auf Römische oder Sybaritische Art
zugerittene / sondern unansehnliche aber arbeitsame und etwas gewandte Pferde
haben. Zumahl da die Deutschen gewohnt und geschickt sind von einem Pferde auffs
andere oder dritte zu springen / die Fuss-Knechte den Pferden gleich zu lauffen /
und ohne Unordnung Reuter und Fuss-Volck durch einander vermischt zu streiten.
Germanicus war bei dieser Beschaffenheit auf den Feind / auf das Glücke und
wider sich selbst unwillig: dass ungeachtet durch seine Arglist schier der ganze
rechte Flügel der Deutschen auf seine Seite gebracht oder sonst verführet worden
war / dennoch die Deutschen wider die eussersten Kräfften der Römer nichts
minder glücklich als hartneckicht austauerten. Daher befahl er: dass Cetegus die
nur noch übrige fünfte Legion dem Feinde in Rücken / Cassius Longinus aber die
vier Fahnen von der ersten und zwantzigsten Legion wider den Fürsten Marcomir
führen sollte; welchem Hertzog Jubil inmittelst noch tausend Hermundurer unter
dem Ritter Reuss hatte zu Hülffe senden müssen. Diesen Ratschlag hatte sonder
Zweiffel das der deutschen Tapfferkeit missgünstige Gelücke dem Germanicus
eingegeben. Denn Cetegus kam mit der fünften Legion / und Pedo mit seiner
Reuterei dem Hertzoge Jubil auf den Hals / welcher nicht mehr / als unter dem
Grafen von Henneberg tausend Hermundurer zu Pferde / unter dem von Gleichen und
Stolberg kaum zwölff hundert zu Fusse in seinem Hinterhalte hatte. Bei diesem
Mangel des Volckes mangelte es diesem Fürsten weder an Rate noch Mute. Er
berichtete seinen Notstand und die gemeine Gefahr dem Hertzog Ingviomer und dem
Grafen von Nassau / und bekam von diesem sechshundert Cherusker / von jenem so
viel Bructerer zu Verstärckung / ungeachtet beide das Volck selbst mehr als an
einem Orte von nöten hatten. Uaer diss stellte er auch sein Volck auf der einen
Seite an Wald / auf der andern Seite an einen holen Weg / damit er von dem
stärckern Feinde nicht zugleich vorwerts und zur Seite bestritten werden konnte /
und gleichwohl deckte er die Bructerer und Cherusker: dass sie vor dem Einbruche
von hinten zu sicher blieben. Cetegus / weil er fast noch einmal so starck war
als die Deutschen / meinte mit dem ersten Sturme durchzubrechen / aber die
Hermundurer stunden wie Felsen / an welchen gleichsam alles Geschoos zurücke
prellte. Als er nun mehr Wiederstand fand / denn er ihm eingebildet hatte / liess
er nicht allein die Schützen und Schleuderer auf der Seite über den holen Weg
die Deutschen mit Pfeilen /Steinen und Blei-Kugeln / sondern auch mit achzig
dahin geführten grossen Pfeil- und Stein-Büchsen ängstigen. Weil diesem
mördlichen Geschosse nun weder die besten Schilde noch der Kriegs-Leute Vorsicht
und Tapferkeit steuern konnte / sondern sie gleichsam dar zum Ziele stehen mussten
/ ward Jubil hierüber nicht wenig bekümmert / und seine Obersten rieten ihm ein
Stücke ins geraumere Feld zu weichen. Jubil aber wollte darein nicht willigen /
weil er sich hierdurch aus dem Vorteil seiner engen Schlacht-Ordnung begeben /
und durch diesen Schein der Flucht den Römern den Mut zu vermehren / den
Deutschen zu benehmen besorgte / und daher diese zu stehen ermahnte; weil es
besser wäre / ehrlich fallen als schimpflich dienen; und die / welche fürs
Vaterland stürben / niemahls zu leben aufhörten. Es bot sich aber der Graf von
Bergen an: dass er mit drei oder vierhundert Soldaten alle diese grausame Büchsen
und Schleudern zu zernichten getraute. Der Hertzog gab ihm derer wohl fünff
hundert / und boten sich die Ritter Brunckhorst / Kuhlenburg / Flodorff und
Vehlen selbst zu Gehülffen an. Bergen spielte sie bei etlichen Hecken in holen
Weg / und gab der Helffte ein Beil und eine Fackel in die Hand; fiel hierauf wie
ein Blitz aus dem holen Wege herfür / und liess die mit den Beilen und Fackeln
auf die Mord-Gewehre /die übrigen auf die Schützen und Schleuderer lossgehen.
Weil diese nun nicht gewohnt sind Stand zu halten / sondern ihr ganzes Tun in
der Flüchtigkeit bestehet / wiesen sie den Deutschen zeitlich die Fersen.
Inzwischen zerhieben die andern die Seile / zersprengten die Ketten und das
Gefieder / verbrennten was Holtz war / zerbrachen die Pfeile / und zernichteten
in kurtzer Zeit alle kostbare und schreckliche Geschosse dieser Legion. Cetegus
schickte zwar alsbald ein Teil seiner Reuterei dahin; und die Schützen wendeten
sich mit dieser wieder / aber beide kamen zu spat. Deñ der Graf von Bergen kam
ohne einigen Mannes Verlust wieder in holen Weg / und über den zum Treffen /
allwo es ie länger ie schärffer hergieng; und der Ritter Reussen / welcher zu
tieff in die Feinde gedrungen / und das Zeichen des Elephanten erobert hatte /
auf den Tod verwundet ward; gleichwol aber seine Beute durch Hülffe des Ritters
Rheinstein und Metternich behauptete und davon brachte. Ob auch wohl dem
Cetegus noch zwei tausend andere Hülfs-Völcker folgten / und auf seinen Befehl
über den holen Weg sich zu kommen mühten / also ihn zur Zerteilung seines
Volckes nötigten / behielt doch Hertzog Jubil seinen ersten Mut und einerlei
Gesichte. Ja als an einem Orte / wo Cetegus selbst mit dem ersten Fahne
durchbrechen wollte / und desshalben den Römischen Adler vortragen liess / sein
Fussvolck kleinmütig werden wollte / sprang er wie Catilina und Spartacus für ihm
/ aber in keiner so guten Sache getan / vom Pferde / fochte daselbst zu Fusse
zur Versicherung: dass er alldar mit ihnen zu sterben /nicht aber durch Hülffe
seines Pferdes zu flüchten gedächte. Stolberg aber kam dahin / und konnte durch
viel Bitten ihn kaum bewegen: dass er / um allentalben mit seiner Ankunft sein
Volck zu beseelen / sich wieder zu Pferde sätzte.
    Biss hieher hatten die Bänder der deutschen Tapferkeit zu Erstaunung ihrer
Feinde ihre Schlacht-Ordnung und Glücke gehalten; nunmehr aber riess das
ungültige Verhängnüs solche in ihrem rechten Flügel entzwei / wo Hertzog
Marcomir / der Graf von Manssfeld / Hanau / Werteim / Delmenhorst / Sulm
/Ravenstein / Ranzau und andere Ritter die Unmögligkeit gleichsam selbst
bemeistert / und was mehr als menschliches gegen eine so grosse Macht ausgeübt
hatten. Keiner unter ihnen war / der nicht viel Blut eingebüst / und gleichwohl
nichts von seiner Hertzhaftigkeit verloren hatte; ja kein gemeiner
Kriegs-Knecht war mehr unverwundet. Weil nun die Römer nicht mächtig waren die
Deutschen in die Flucht zu bringen / bot der Himmel ihnen endlich selbst Krieg
an. Denn der sich wölckende Himmel erregte einen schrecklichen Sturm-Wind /
welcher den Deutschen die von Pferden und Menschen lossgetretene Erde gerade in
die Augen wehte: dass sie nicht sehen / weniger fechten konten. Vitellius und
Tubero vergassen nicht sich dieses Windes zu bedienen / rufften also ihrem
Volcke zu: Sie sollten dieser göttlichen Hülfe sich bedienen / und nur noch einen
hertzhaften Ansatz tun. Der Sieg stünde in der Geburt / und dörfte nur noch
eines Druckes. Die ältesten Kriegsleute mussten mit beiden Adlern an die Spitze;
uñ derogestalt brach an zweien Orten auf einmal bei dem Bructer-und Cimbrischen
Fussvolk die so lange und fast über menschliche Vernunft gehaltene
Schlachtordnung. Der Graf von Benteim und Ulefeld eilten zwar an selbige Lücke.
Jener redete die sich wendenden /wie Sylla in Mitridatischen Kriege die
weichenden Legionen an: schämet ihr euch / nicht ohne mich dem Feinde den Rücken
zu kehre? Aber laufft! nur sagt denen nach mir fragenden: dass ihr euren Obersten
hier schändlich verlassen habt. Uhlefeld erwischte den aus seinem Gliede
gekommenen Führer des Cimbrischen Kriegs-Zeichen bei dem Arme / drehete ihn um
und sagte: dar solstu dein Antlitz und alle Cimbern hindrehen / welche nicht als
Feinde und Verräter von meinen eigenen Händen sterben wollen. Sie brachten auch
beide wieder zu wege: dass sich die Glieder schlossen / aber hiermit zerriss die
Schlacht-Ordnung an zwei andern Orten bei den Catten und Bructerern. Der Graf
von Hanau eilte den Catten / Hertzog Marcomir selbst den Bructerern zu Hülffe /
und beide fochten mit wenigen Rittern gegen Wind / Wetter /Feinde und das
Glücke. Hanau erkiesete auch den Malovend; daher drang er sich gegen ihn durch
und rieff ihm: Stehe Verräter! wo du noch einen Tropffen deutschen Blutes im
Leibe hast. Hiermit hob er ihn auch mit seiner Lantze aus dem Sattel / dass er
auf die Erde und ihm die Achsel ausfiel. Er hätte ihm auch vollends sein Licht
ausgelescht / wenn nicht ein Marse seinem Pferde im Hinterschenckel die Seenen
zerhauen / und solches damit gefällt hätte. Der Ritter Putlitz und Heldrungen
aber sprengten Augenblick herzu / und brachten ihn glücklich auf ein ander Pferd
und aus dem Gedränge. Hingegen erkennte Vitellius den Hertzog Marcomir an seinem
güldenen Helme. Als er ihn nun so gar kühn an die Römer andringen sah / ging er
selbst mit dem ganzen ersten Fahne und dem Adler auf ihn los / und befahl: sie
sollten alle andere Feinde ausser acht lassen und nur Marcomirn auf den Hals
gehen. Denn mit ihm als dem Haupte würden alle Glieder fallen und kraftlos
werden. Also ward Marcomir mit dem Ritter Schwalenberg / Lemei / Sternberg und
Brand umringt: welche ihren Fürsten gleich als wenn sie ohne ihn unverwundlich
wären /mit ihren Schilden deckten / und mit den Degen männlich verteidigten.
Der Graf von Mannsfeld wollte zwar durchbrechen und ihm Lufft machen / aber das
zweite ganze Römische Fahn bot ihm die Stange. Als nun Marcomir die
Unmögligkeit zu entrinnen sah / rieff er: Ey! so lasset uns nicht ungerochen
sterben! hiermit sprengte er unversehens gegen dem Vitellius / und rennte ihn
übern Hauffen / versätzte zugleich auch dem Führer des vierzehnden Adlers einen
tödlichen Streich in Hals / und riess ihm den Adler aus der Hand. Hierüber fiel
er mit seinem Pferde / welchem der erste Hauptmann Qvintus Serväus einen Stich
in die Brust gab / zu Bodem; worauf ihm ieder Römer einen Streich zu versätzen
die Ehre haben wollte. Das Blut lieff Stromweise von ihm / sein Schild war
zerspaltet / und sein Helm war mit Steinen zerschmettert; also dass ihn die
Feinde schon für todt hielten; deswegen auch der erste Hauptmann unvorsichtig
herzu trat / und ihm den Schild vom Arme reissen wollte. Aber der schon halb
todte Marcomir empfand diese Antastung so sehr: dass ihm der Zorn seine
Lebens-Geister wieder rege machte / und er dem Hauptmanne seinen Degen durch den
Bauch biss ins Hertze stach / worvon er augenblicks Stein-todt zur Erde fiel.
Diese Rache verbitterte die Römer: dass sie ihm noch mehr als hundert Wunden
versätzten / und alle ihre Rache in seinem Blute sättigen wollten. Also starb
dieser unvergleichliche Held eines rechtens Helden-Todes. Denn er hatte das
Glücke: dass ein Römischer Adler / welchen ganz Rom anbetete / unter ihm liegen
/ und seiner Leiche zur Baare oder vielmehr zum Bette der Ehren dienen musste.
Mit seinem Falle verfiel dieses ganzen Flügels Geist und Verfassung. Alles
geriet in die Flucht; Hanau stiess zwar einem flüchtigen Catten selbst den Degen
in Leib; Mannsfeld und die andern Kriegs-Häupter hielten ihnen nicht nur ein:
dass ihrer auf der Flucht mehr / als in der Schlacht umkommen; und dass die /
welche den Tod verachteten / älter als die kleinmütigen würden; sondern sie
taten auch im Wercke das eusserste sie aufzuhalten / wie denn dieser sich bei
Marcomirs Kriegs-Zeichen mit einem Teile der Cherusker und Bructerer auffs neue
sätzte. Weil aber die Furcht über verwirrtes Kriegs-Volck mehr Botmässigkeit als
ihr Oberster hat / war alles vergebens. So sehr die Kriegs-Leute nun aus dem
Felde in Wald zurennten /so sehr kamen etliche tausend Weiber mit zerstreuten
Haaren / mit Fackeln und Schlangen in den Händen aus dem Walde ins Feld gerennt;
welche teils die Fliehenden schalten; teils die Römer / ungeachtet diese sich
nicht schämten ihre Waffen mit Weiber-Blute zu beflecken / als rasende Menschen
anfielen. Vitellius war zwar von Marcomirs Pferde übel getreten / dass er nicht
stehen konnte; er liess sich aber tragen / und wusste nebst dem Tubero sich des
Sieges wohl zu gebrauchen. Denn beide liessen nur die leichten Schützen und die
Reuterei den flüchtigen nachsetzen / die Marsen schickten sie denen anfangs
entflohenen Hülffs-Völckern der Römer wider die Angrivarier und Chamaver nach;
sie aber giengen mit beiden Legionen den Cheruskern in Rücken. Ravensberg und
Homburg hatten biss hieher mit genauer Not sich wider die Menge ihrer Feinde
verteidigt; iedoch den Ritter Wintzenburg / Waldpot / Runckel und andere
eingebüst. Nach dem aber das Volck so abgemattet war: dass es kaum mehr die
Waffen halten konnte / die Marsen sie auch nunmehr am Rücken antasteten;
gerieten die Chamaver und Angrivarier in Unordnung; und ob wohl ihre Führer sie
ermahneten lieber ihrer Dienstbarkeit durch einen vorher gerochenen Tod zu
entkommen / dennoch vollends in die Flucht; wiewol ihnen hierzu kein ander Ort
offen war / denn dass sie aus dem Gepüsche in das freie Feld gegen die Weser /
und von dar über den Strom sätzten. Der Feldherr kriegte nicht nur hiervon die
böse Zeitung / sondern sah auch die vierzehnde und sechzehnde Legion gegen ihm
andringen / und hiermit die Unmögligkeit länger auszutauren. An statt aber / dass
er vorhin alle Mittel der Klugheit und Tapfferkeit gebraucht hatte /geriet er
nun zu einer verzweiffelten Entschlüssung. Denn weil es ja allem Ansehen nach
gestorben sein müste / wollte er zum wenigsten sein Leben teuer verkauffen. Er
ermahnete also die um sich habenden Ritter: sie möchten doch alle auf den
einigen Germanicus lossgehen / und durch dieses einigen Menschens Erlegung dem
Römischen Heere den Sieg / der Stadt Rom ihre Freude versaltzen. Germanicus
hingegen befahl eben so wohl nur den Feldherrn zu stürtzen. Der Sieg wäre ohne
diss schon erfochten; ohne des unbändigen Herrmanns Erlegung würde der Krieg kein
Ende / sie durch den Sieg nichts gewonnen / und die Römer Deutschland nicht
besser als ein Jäger den Wolff bei den Ohren haben. Also täten so wohl Römer als
Deutsche ihr bestes / und der für Zorn schäumende Feldherr kam dem Germanicus
endlich so nahe: dass er einem Wurff-Spiss seinem Pferde durch den Hals jagte; und
der Ritter Nesselrode riess dem Servilius Rufus seine Leibfahn aus den Händen.
Die ausgelesenen Römer drängten sich also wie ein Bienschwarm um beide / und
kriegte Nesselrode hierüber zwischen seinen Harnisch fünff / sein Pferd mehr als
zwantzig Wunden; also / dass dieser Ritter um mit selbtem nicht zu stürtzen /
selbst herab springen musste; welchem aber der Ritter Ringelburg und Seinsheim
Lufft machten / dass er sich auf eines erlegten Römers Pferd schwingen konnte. Der
Feldherr leschte inzwischen dem Marcus Tatius und Sempronius Grachus das Licht
aus / welche ihm den Weg zum Germanicus verbeugten. Weil nun aber bei diesem
hitzigen Gefechte mehr weder Glied noch Ordnung gehalten / sondern Römer und
Deutsche durch einander vermengt waren / kam Marcus Acerronius dem Feldherrn in
Rücken / und hätte ihm den durch die Öffnung des Harnisches schon mit der
Spitze angebrachten Degen durch und durch gestossen / wenn nicht zu allem Glücke
der aus sonderbarer Schickung des Verhängnisses in die Leibwache aufgenommene
junge Fürst Gottwald dem Acerronius zugleich den Degen durch die Gurgel
gestossen / und hiermit die Vollendung des nur drei qver Finger tieffen Stiches
verhindert hätte. Gottwald aber musste diese Woltat mit einem Streiche / den ihm
ein Römer über die Achsel versätzte / bissen. Der Graf von Nassau hatte
inzwischen des Feldherrn Stelle tapfer und vorsichtig vertreten; nach dem er
aber einen solchen Schwall Völcker den Cheruskern über dem Halse sah / ermahnte
er die andern Obersten nur noch eine kurtze Zeit den Sturm der Feinde
auszuhalten: biss hieher hätten sie um den Sieg und die Ehre gefochten / nun aber
wäre es Zeit sich um des Vaterlandes Wolfart zu bekümmern / nehmlich für dem
Verhängnisse die Segel zu streichen / den Feldherrn und das übrige Volck zu
retten. Hiermit nahm er und Graf Stirum dreihundert Ritter / und brachte durch
dieser Hülffe den Feldherrn aus dem Gedränge / erzehlte ihm den Zustand der
Schlacht und bat ihn: er möchte nun aus dem verhandenen Schiffbruche retten /
was möglich zu retten wäre. Der Feldherr antwortete ihm: Es wäre keine grössere
Torheit / als in der Flucht und in Schenckeln sein Heil suchen / wenn man noch
Waffen in Händen hätte. Beide wären einem nichts nütze /und unbrauchbar / wenn
man dem Feinde den Rücken kehrte. An der Hertzhaftigkeit / als in der
sichersten Festung der Bedrängten / hienge das Leben; die Zagheit aber hätte den
Tod zum Verfolger / die Furcht reizte zwar zur Flucht / aber sie hienge
zugleich der Flüchtigen Beinen eben so wohl einen Klotz an: dass sie nicht von der
Stelle kommen könten / als sie den Armen die Krafft benahme sich zu wehren / und
den Kopf verdüsterte was gutes zu erwählen. Nein / nein Nassau! Lass uns lieber
sterben als lauffen! und lieber Ruhm bei unsern Feinden / als Schmach bei unsern
Weibern verdienen! An der letzten Stunde ist mehr als am ganzen Leben gelegen.
Nassau versätzte: wir wollen nicht schimpflich fliehen / ob zwar Scyten und
Parten ihren Feinden auf der Flucht den grösten Abbruch tun / und eine
behutsame Flucht oft des Feindes Fallbrett und einer unter eines klugen
Heerführers Kunst-Stücken ist; sondern lasset uns nur mit gutem Bedacht an einen
beqvemern Ort zurück ziehen: dass wir mit besserm Vorteil fechten und mit desto
grösserer Ehre siegen können. Denn einem zu starcken Feinde und dem Verhängnisse
ausweichen /hiesse vielmehr sein im Rücken habendes Gelücke verfolgen als
fliehen. Wäre man schuldig frembden Blutes zu schonen / müste man so viel
weniger sein eigenes unnützlich verschütten / welches auch wilde Tiere
spareten. Hätte doch Hercules niemals mit zwei Ungeheuern auf einmal gefochten;
und der hertzhafteste Kriegsmann müste vorsichtig in Streit gehen / behutsam der
Gefahr begegnen / und aufs künstlichste selbter sich auswinden. Wie es eine
schädliche Vermessenheit wäre ihm an den Pfosten der Unmögligkeit den Kopf zu
zerstossen; also wäre es eine heilsame Gemütsmässigung sich dem Vaterlande zum
besten auf eine andere Zeit aufheben. Ein kluger Schiffer würde töricht handeln
/ wenn er das Ungewitter lieber pochen und zu Grunde gehen / als beim Sturme in
nechsten Hafen einlauffen wollte. Die Römer selbst hätten nach der Cannischen
Niederlage den Paulus / eben so wohl als Aten den Nicias gescholten: dass so
wohl einer als der ander ohne Not aus verzweifelter Hartneckigkeit umkommen;
dem fliehenden Varro aber gedanckt: dass er an der gemeinen Wolfart und der
Römer Erholung nicht verzweiffelt wäre. Jeder wäre wohl schuldig fürs Vaterland
zu sterben / aber eben so wohl zu leben / wenn dem gemeinen Wesen so viel / als
Deutschlande an seinem Feldherrn gelegen wäre. Was heute verloren geht / kann
morgen wieder kommen. Das Glücke wechselt nirgends lieber als im Kriege. Daher
müsten grosse Gemüter niemahls sich der Hoffnung entblössen /wenn schon auch das
Hembde weg wäre; und wenn die Furcht gleich die meisten Stimmen wider uns macht
/ müssen wir doch auf unsere Seite hängen. Wenn auch der Feldherr den Ruhm der
Wolfart Deutschlandes vorzuziehen vermeinte / würde es ihm sicherlich weniger
Unehre bringen / wenn die Nachkommen von dieser Wallstadt sagten: Hertzog
Herrmann ist hier geflohen / als / er ist hier erschlagen worden. Gleich kam der
Ritter Wilich vom Hertzoge Ingviomer / und kurtz darauf Schönberg vom Hertzog
Jubil mit der schlechten Zeitung: dass es ihnen länger zu stehen unmöglich / also
einen andern Schluss zu fassen unvermeidlich wären. Eben dieses liess der Graf von
Hohenloh und Löwenburg wissen. Der Feldherr zohe hierüber die Achseln ein / und
fieng an: Wenn es denn nicht anders sein kann / so muss man durchkriechen / wo man
nicht überspringen kann. Aber hier ist lange Beratung unser Verterb; man muss aus
dem Steigereiffen einen Schluss fassen. Eilet! und saget daher dem Hertzoge
Jubil: dass er sich mit dem Ingviomer auffs engste vereinbaren / beide sich aber
mit an aller Gewalt Sudwerts über den nahen Hamme-Strom nach Fabiranum ziehen
sollen. Ich werde mit meinen Cheruskern mich nicht alleine fest anhängen / und
auf der Nord-Seite sie decken / sondern auch durchzubrechen ihnen treulich an
der Hand stehen. Unsere Tapfferkeit / die bald anbrechende und zum Entkommen
beqveme Nacht und die Müdigkeit der Feinde wird uns diesen Schluss hoffentlich
erleichtern; und wenn wir über die Hamme kommen / sind wir ausser Gefahr. Der
Feldherr erteilte diss zu vollziehen seinen Obersten alle nötige Befehle; und
Nassau musste über sich nehmen dem Germanicus / Limburg dem Centronius /
Ahrenberg dem Antejus / Löwenburg dem Vitellius / Schauenburg dem Tubero / den
Einbruch zu verwehren. Der Feldherr selbst und Ingviomer giengen mit der übrigen
ganzen Macht der Cherusker auf den Centius los / und nötigten ihn: dass er mit
der ein und zwantzigsten Legion sich zurück ziehen musste. Derogestalt hiengen
sich die Cherusker und Bructerer glücklich an einander. Also würcket auch in
gefährlichstem Zustande die Erfahrung diss /was die Geschickligkeit eines
treflichen Mahlers /welcher mit vier Striechen und wenigem Schatten einem
ganzen Gemählde seine Verstellung benimt /es zu rechte bringt / und andere
Irrtümer verbessert. Ingviomer vertraute dem Grafen von Teckelnburg und der
Lippe die Stirne gegen den Apronius zu bewahren; und Hertzog Jubil hielt dem
Cetegus die Wage; Ingviomer / Salm und Oldenburg aber wehreten alle Kräfften an
durch des Silius Legion und des Stertinius Reuterei ein Loch zu machen. Es hielt
hier zwar harte / sonderlich da Germanicus nach vermercktem Absehen der
Deutschen den Apronius und Centius befehligte den Bructerern den Weg zu
verbeugen. Der Feldherr aber kam mit einem Teile seiner Leibwache /denn die
Helffte musste mit dem Graf Nassau dem Germanicus die Stirne bieten / diesen
zuvor / und drang bei denen Chauzen und Tencterern durch / welche von den Römern
hernach beschuldiget wurden: dass sie ihm und den Cheruskern mit Fleiss Lufft
gemacht hätten. Hertzog Ingviomer drang mit seinen Bructerern auffs kräfftigste
nach / und erweiterte durch seine Reuterei / zwischen welche die Fussknechte sich
vermischten / diese Öffnung auf solche Weise: dass Stertinius / Silius und
Cetegus Müh und Arbeit einbüsten / durch die sie die Deutschen wieder
einzuschlüssen vermeinten. Sintemal das deutsche Fuss-Volck gewohnt ist den
Reutern gleich zu lauffen / die schwer gerüsteten Kriegsleute der Römischen
Legionen aber nur stehende zu fechten / und einen weichenden Feind die Schützen
und ander leichte Mannschaft verfolgen zu lassen. Derogestalt erreichten die
Deutschen bei der Dämmerung den Wamme-Strom / über welchen das Fuss-Volck teils
schwam /teils durchwatete; beide Hertzoge aber blieben mit der Reuterei und dem
kräfftigsten Volcke gegen die sie verfolgenden Römer stehen. Weil von diesen
aber nur die Reuterei uñ die leichten Schützen denen weichenden nachzusätzen
pflegen / brachten die Deutschen alle Verwundete / und fast alles in dem Walde
des Hercules gelassene Kriegs-Geräte über / ehe das schwere Kriegs-Volck der
Legionen denen im Kriege mehr zu lauffen als zu gehen gewohnten Deutschen
nachkam. Hiermit gab es hier zwar auffs neue ein scharffes Treffen / in welchem
der Feldherr mit seiner streitbaren Hand / mit seiner kräfftigen Stimme / ja mit
seinem Blute seine Cherusker zu beständiger Austauerung dieses letzten
feindlichen Anfalls ermunterte. Sintemahl aus Begierde der Beute er zwischen die
jetzt am hartneckichsten nachdrückende Chauzen sich allzuweit vertieffte / und
vom Ritter Kulenberg auf der Stirne verwundet / sein Antlitz also über und über
mit Blute gefärbet ward. Der Graf von Nassau aber rächete diesen Streich mit
Kulenburgs aufgeopffertem Leben; weil er ihm den Degen biss ans Hefft durch die
Brust trieb. Der Feldherr ward wie ein verwundeter Löwe bei Erblickung seines
Blutes so viel grimmiger / und da ja hierdurch sein Antlitz unkenntbar worden
wäre / hätten ihn seine Taten verraten. Dahero nachmahls die Römer ohne Grund
grosssprachen: dass die Unkenntligkeit ihn aus ihren Händen gerissen; oder die
Chauzen ihn mit Fleiss hätten entkommen lassen. Seinem Beispiele täten es
Hertzog Ingviomer und Jubil durch eine ruhmbare Eyversucht nach; ja als Cetegus
mit aller Gewalt an ihm zum Ritter werden wollte / und über den Strom allzu
unvorsichtig nachsätzte / brachte er und Henneberg ihn durch eine unversehene
Wendung in Verwirrung: dass er über Hals und Kopff mit ziemlichem Verluste zurück
weichen musste. Cetegus würde auch Adler und Fahnen verloren haben / wenn ihn
nicht der Rhetier / Vindelicher und Gallier Reuterei entsätzt hätte. Dieses
machte unter dem ganzen Römischen Heere kein geringes Schrecken / welches den
Germanicus zu verbieten bewegte: dass vom Römischen Heere niemand über den Strom
sätzen sollte. Die Flucht der Feinde wäre ein genungsames Kennzeichen des Sieges
/ und sie hätten alle ihrer Ehre ein Genügen getan. Die Nacht wäre niemands
Freund /zum Betrüge und Schrecken geschickt / und einem fliehenden Feinde alle
Wege abzuschneiden nicht ratsam. Denn denen Eingeschlossenen wüchse aus
Verzweiffelung der Mut; und wenn keine Hoffnung zu entrinnen mehr übrig wäre /
grieffe die Zagheit nach denen schon weggeworffenen Waffen; und die /welche
vorher in der Flucht den Nacken zu ihrer Abschlachtung frei gegeben hätten /
wiesen aus Not den Siegern ihre Klauen; ja hätten ihnen wohl ehe die Palmen aus
den Händen gerissen. Insonderheit wären die Deutschen ganz andere Feinde / als
andere Völcker; also mit ihnen nicht zu schertzen / weniger selbte zur
Verzweiflung zu bringen. Daher auch Hannibal / als er schon das ganze Römische
Heer beim Trasymenischen See geschlagen gehabt / denen umringten Deutschen zu
ihrer Flucht eine Öffnung zu machen genötiget worden wäre. Zuletzt aber hätte
Ingviomer bei nahe einen Schertz versehen. Denn weil er gleichsam der letzte
Mann im Treffen und an dem Ufer sein wollte; wie es denn in Deutschland einem
Fürsten schimpflich ist / wenn es ihm ein niedriger an Tapfferkeit zuvor tun
sollte / so kam er ins Gedrange / und wäre er erschlagen oder gefangen worden /
weñ nicht der Graf Stirum sich gleichsam für ihn aufgeopffert / und Ingviomers
hertzhaftes Pferd durch einen Sumpff ihn aus den Händen der Feinde gerissen
hätte. Stirum aber blieb mit seinem Pferde stecken und ward gefangen; welche
Gefangenschaft aber ihm / weil nur Ingviomer davon kam / die gröste Vergnügung
war. Sintemahl es einem deutschen Ritter keine geringe Schande ist / wenn er
seinem Fürsten an Tugend nicht gleich kommt; und der verlieret sein Lebtage Adel
und Ehre / welcher in einer Schlacht seinen Fürsten im Stiche läst. Hingegen
gereicht es ihm zu unausleschlichem Ruhme / und ist eines Ritters eigentliches
Ampt und Eydes-Pflicht: dass er seinen Fürsten beschirme / und alles sein Tun /
ja sein Leben für seine Ehre und Wolfart aufopffere. Daher auch nur die Fürsten
für den Sieg / alle andere aber für ihren Fürsten streiten. Also entrannen zu
selbst eigener Verwunderung des Germanicus die Häupter der deutschen
Krieges-Macht mit dem meisten Teil der Cherusker / Bructerer / Catten /
Hermundurer / Longobarden und Cimbern; welche selbige Nacht sich an die Weser
und die Stadt Fabiran sätzten. Dass nun das deutsche Heer vom Römischen nicht
ganz aufgerieben ward / sondern mit einem blauen Auge davon kam / war wohl
fürnehmlich der Tapferkeit der Kriegshäupter / und der Verträuligkeit des
Kriegs-Volckes zuzuschreiben; weil in Deutschland die Anverwandten neben
einander gestellet werden / und keiner ist /der sich nicht mit etlichen andern
eidlich verbinde in der Schlacht für einen Mann zu stehen. Welche Verbindligkeit
unter den Deutschen so heilig gehalten wird: dass der / welcher seinen Freund mit
seinem Leben hätte erhalten können / solches aber nicht getan hat / nicht mehr
für wert geachtet wird Waffen zu tragen. Daher denn mit den Deutschen die
dreihundert vom Gorgias zusammen gelesenen Tebaner /welche der heilige Hauffen
genennet ward / an Treue nicht zu vergleichen ist. Viel unglücklicher aber waren
die Chamaver und Angrivarier / und die / welche unter dem Hertzoge Marcomir im
rechten Flügel gefochten hatten. Denn jene sätzten und schwamen zwar durch die
Weser / welches denen Deutschen nichts neues war / alleine bei solcher Unordnung
und Gedränge wurden ihrer nicht wenig untergedrückt /und von dem einfallenden
hohen Ufer lebendig begraben / oder von der Gewalt des Stromes fortgeführt /zum
Teil auch von dem sie biss ans Ufer verfolgenden Feinden mit Pfeilen im Strome
erlegt. Der Graf von Ravensberg und Homburg entkamen gleichwohl glücklich / und
brachten folgenden Tag ihre Uberbleibung nach Fabiranum. Des Hertzog Marcomirs
in den Wald des Hercules geflüchtetes Volck ward von den Römern grösten teils
umringet / die welche sich in hole Bäume oder Hecken versteckt hatten aufgesucht
/und erschlagen; und nach denen / welche sich auf die Gipfel der Bäume
geflüchtet hatten / von denen Schützen gleichsam aus Kurtzweil zum Ziele
geschossen / oder mit denen abgehauenen Bäumen zerschmettert / ja wider Priester
und Weiber keine Art der Grausamkeit unterlassen. Dieser Grausamkeit strichen
sie noch die Schmincke des Gottesdienstes an /und meinten: dass sie den erzürnten
Hercules mit derer Blute versöhnen müssen / die ihn nicht nach Würden verehrten
/ und seinen Hein durch Auffschlagung eines Kriegs-Lagers entweihet hätten. Da
doch sonst bei den Römern alle Heiligtümer sichere Freistädte waren; und die /
welche gleich mit Rechte Blut vergossen hatten / eben so wenig als die / welche
sich mit ihren Ehweibern vermischt / oder nur was garstiges berühret hatten / zu
keinem Opfer und in kein Heiligtum kommen; ja der Priester des Jupiters keine
Leiche sehen / und die / welche der Isis sich weihen wollten / zehn Tage keinen
Wein trincken noch Fleisch essen dorfften. Hier aber machte die Rache die
Zerfleischung der Gefangenen und Priester / die schnödeste Verschüttung des
menschlichen Blutes / die Besudelung der grimmigen Fäuste zur Gottseligkeit /
welches was noch ärgers ist / als wenn einer so ruchloss ist / welche sich noch
ihrer Laster rühmen / und diss /worüber sie schamrot werden sollten / nämlich
ihre Schande für den Lohn ihrer Bosheit halten / und aus dem Wollust schöpffen /
was andern einen nagenden Wurm ins Gewissen sätzt. Germanicus blieb selbige
Nacht an der Wamme Strome stehen / liess aus dem Lager nötige Lebens-Mittel
zuführen / und nach des Titus Didius schlauer Erfindung in Hispanien des Nachtes
die Römischen und seiner Hülffsvölcker Todten grösten Teils begraben / damit
diese nicht ihren grossen Verlust verraten und den blutigen Sieg verkleinern
möchten. Folgenden Tag liess der Feldherr beim Germanicus durch einen Herold um
ein freies Geleite für einen Ritter / den er an ihn senden wollte /anhalten;
welches Germanicus aus Einbildung / die Deutschen würden Friedens-Vorschläge
tun / gerne verwilligte. Der vom Feldherrn erkiesete Manderscheid fand sich
noch selbigen Tag ein / und trug dem Germanicus unter seinem Zelte für: ob er
nicht die Gefangenen gegen einander auszuwechseln belieben möchte? Germanicus
fragte lächelnde: Woher die Deutschen denn einen Gefangenen hernehmen wollten?
Manderscheid überreichte dem Germanicus ein grosses Verzeichnüs / und darunter
sieben Römische Hauptleute / dreizehn Fähnriche / sechs Fahnen / sieben Obersten
von denen Hülffs-Völckern / dreissig andere Befehlhaber und eine grosse Menge
gemeine. Germanicus verwunderte sich hierüber / wie es möglich sein könnte: dass
die Deutschen bei ihrer Flucht so viel Gefangene hätten fortbringen können?
Manderscheid versicherte den Germanicus: dass er alle Verzeichnete richtig
liefern wollte / und eben deswegen wäre er vom Feldherrn befehlicht zu fragen:
Wie ihm der Deutschen Zurückziehung gefallen hätte? Germanicus antwortete: Er
wüste davon nicht zu urteilen /weil er in keiner Schlacht genötiget worden
wäre das Feld zu räumen. Ubrigens schlug er die Auswechselung der Gefangenen aus
/ teils dass sein Kriegs-Volck seinen Verlust nicht mercken sollte / weswegen er
auch keine Musterung vornahm; teils weil die Römer wenig gefangen sondern fast
alle Uberwältigte hingerichtet hatten. Sein Vorwand war: dass bei den Römern so
wohl die Auswechselung als Lösung der Gefangenen nicht bräuchlich wäre; weil die
sich Ergebenden meist zaghafte Leute / und also des Lösegeldes nicht wert
wären; durch diese Krämerei auch andere Kriegesleute in der Not nur zur Zagheit
und gleichmässiger Ergebung / bei gutem Glücke aber zur Begierde der Beute und
schädlicher Verschonung des Feindes verleitet / durch beides aber der Krieg nur
unterhalten / niemahls geendiget würde. Diesem nach denn die Römer nach der
Niederlage bei Canna lieber hätten wollen acht tausend Knechte teuerer kauffen
und zu Kriegsleuten machen / als acht tausend Gefangene wolfeiler lösen. Itzt
aber stünde ihm als dem Sieger so viel weniger an / da Rom an Kriegs-Volcke
keinen Mangel hätte / und es in wenigen Tagen mit diesem ganzen Kriege würde
getan sein. Hingegen bot Germanicus eigenbeweglich denen Deutschen zu Begrabung
ihrer Leichen eines Tages Stillstand an; meistenteils darum: dass nach dem die
auf Römischer Seite gebliebenen meist schon beerdiget waren / die Deutschen der
Römer Verlust für gar geringe achten möchten. Wie es denn auch denen Römern ins
gesamt an Erfindungen nicht mangelte ihren Sieg und der Deutschen Niederlage zu
vergrössern / ihre Taten zu erhöhen / der Deutschen durchzuziehen. Zu welchem
Ende sie denn von denen eroberten Wagen alle Ketten zusammen trugen / und denen
Deutschen höhnisch beimassen: dass sie solche aus frühzeitiger Vermessenheit des
Sieges zu geträumter Fässelung der Gefangenen mit sich geführet hätten. Ob nun
wohl einige deutsche Obersten die angebotene Beerdigung der Todten anzunehmen
wiederrieten / weil diese Erlaubnüs für ein Zeichen des Sieges gehalten würde;
so befand doch der Feldherr für tulicher so rühmlich fürs Vaterland gestorbener
Leute Gebeine nicht ihrer Begräbnüs-Ehre zu berauben / als sich mit solchen
Eitelkeiten aufzuhalten; zumahl er um ihre Beerdigung nie gebeten hätte. Daher
wurden zur Beerdigung der Leichen nicht nur zwei tausend Cherusker abgeschickt /
sondern es verfügten sich auch viel Weiber dahin / derer Männer oder Söhne
gemisset wurden. Diese suchten sie unter den Todten mühsam herfür /und machten
ihnen von Rasen oder Steinen erhöhete Gräber. Die Leiche Hertzog Marcomirs
/Wintzenburgs und etlicher anderer Krieges-Obersten /welche die Deutschen nicht
hatten erfechten und mitnehmen können / führten sie mit nach Fabiranum / wo sie
hernach vom Feldherrn prächtig begraben / gelobet / ihre Helden-Taten von
Barden in sinnreiche Lieder gebracht und in folgenden Zeiten zu ihrem
unsterblichen Nachruhme gesungen wurden. Sie liessen aber / nach Art der
Spartanischen / zu grosser Verwunderung der Römer / etliche Leichen
unverscharret liegen / welche Wunden auf dem Rücken hatten /gleich als wenn
diese nicht ihre Schuldigkeit getan und kein Grab verdienet hätten. Der
Feldherr vergass inzwischen nicht seines Amptes; die gefährlich verwundet waren /
legte er in die Stadt Fabiranum / liess sie daselbst nicht nur verbinden / und
ihrer wohl pflegen; sondern suchte sie selbst mit Troste und Gaben heim; denen /
welche auch gar gelähmt und verstimmelt worden waren händigte er Versicherungen
ein: dass sie ihr Lebtage auf gemeine Landes-Kosten ehrlich unterhalten werden
sollten. Dieses vermehrte bei dem sämtlichen Kriegs-Volcke überaus die Liebe
gegen dem Feldherrn / und war keiner / der sich geweigert haben wurde für einen
solchen Vater des Lagers zu sterben / der keinen schlechten Kriegs-Knecht im
Leben Not leiden / und seinen Tod unbeehret liesse. Er stellte auch noch
selbigen Tag mit Ingviomern und Jubiln das Kriegs-Volck in Schlacht-Ordnung
/lobte solches ihrer männlichen Taten halber; und versicherte sie: dass sie
ausser dem Felde wenig / die Römer auch mehr Mannschaft verloren hätten; also
der Römer Sieg nicht viel weniger zweifelhaft / als derselbe gewest wäre /
dessen sich Tarqvinius Priscus wider die Sabiner / und Kayser August mit dem
Antonius wider den Cassius und Brutus gerühmet hätten. Wenn sie auch von dem
Verräter des Vaterlandes Malovenden nicht so betrüglich wären hinters Licht
geführet worden / sollte die Weser mehr Römisch Blut als Wasser ins Meer
zuführen; der Rhein aber von dieses Heeres Uberbleibung mehr keine
Beschwerligkeit gehabt haben. Nunmehro aber wäre ihr Heer von Verrätern
gesaubert / ihre Tapferkeit durch diese Schlacht besser / als einiges Gold
durchs Feuer geprüfet / die kecksten der Römer und ihrer Hülffs-Völker erleget;
ihr Verlust würde in weniger Zeit aus dem von Mañschaft unerschöpflichen
Deutschlande ersetzt; die an die Spitze gestellten und im Blut-Bade ziemlich
mirbe gemachten Hülffs-Völcker der Römer verzagt und unwillig gemacht werden.
Dahero sollten sie ihren Heldenmut und die Hoffnung der Rache und des Sieges
keines weges sincken lassen. Sintemahl aller Welt Kräften das schwächste Volck /
so lange es nur an seiner Wolfart und Tugend nicht selbst verzagte / zu
vertilgen nicht mächtig wäre; tapfere Leute aber die Eigenschaft des Knoblauchs
und der Zwiebeln hätten / welchen bei schwindendem Gelücke das Hertze / wie
diesen Erd-Gewächsen bei abnehmenden Mohnden-Lichte der Safft wüchse und
zunähme. Der Feldherr schickte auch an viel Orte um neue Hülffe aus / und
ersätzte noch selbigen Tag die sich erledigten Krieges-Aemter / gab den dritten
Tag in dem neuerkieseten vorteilhaften Lager dem ganzen Heere ein Gastmaal /
und liess alle / welche sich tapffer gehalten hatten / aus seinem eigenen zum
Trinck-Geschirre erkieseten Horne trincken; welches so wohl bei den Deutschen als
Scyten für eine absondere Ehre /der blosse Unterhalt auch für einen
auskommentlichen Sold des Kriegsvolckes gehalten / die Geschencke des Hertzogs
und die ihnen ausgeteilte Beute aber für eine unverdiente Ubermasse zu hohem
Dancke angenommen werden. Bei diesem Gast-Maale brachte Sandersleben ein unter
des Hertzog Jubils Leibwache stehender Ritter einen silbernen überaus künstlich
erhobenen Schild / welchen er in dem hitzigsten Gefechte einem Römischen
Befehlhaber / der einen güldenen Helm und Harnisch angehabt / vom Arme gerissen
hatte. Auf diesem Schilde war Cornelius Scipio geetzt / wie er nach Eroberung
der Stadt Neu-Cartago dem Fürsten der Celtiberier Allucius seine gefangene
Braut unversehrt überantwortete. Darunter war zu lesen: Aus einem Gelübde.
Diesen verehrte er nach der deutschen Kriegsleute Gewohnheit dem Hertzoge Jubil
/ dieser aber dem Hertzog Herrmann /weil iederman nicht nur alle Beute / sondern
auch seine eigene Taten dem Feldherrn zuzueignen pfleget. Worfür ihn aber der
Feldherr mit einem köstlichen Pferde / und einer völligen Rüstung beschenckte.
Jederman war bekümmert / wem doch dieser Schild müste genommen worden sein; nach
dem nun dieser Ritter alle Umstände erzählte / fielen fast alle Meinungen dahin:
dass selbst der fünften Legion Oberster Cornelius Cetegus / welcher sich wie
Scipio zum Geschlechte der Cornelier rechnete / diesen schimpflichen Verlust
erlitten haben müste; wiewol ihm dieses nicht hinderlich war: dass er nach der
Zeit zu Rom die Bürgermeister-Würde erlangte. Germanicus hingegen blieb drei
Tage zum Zeichen des Sieges auf der Wahlstadt stehen. Anfangs strich er die
Heldentaten seines Kriegsvolckes mit allen ersinnlichen Lobsprüchen aus /
wolwissende: dass selbtes sich hieran nichts minder als an Geschencken vergnügte.
Er ermahnete sie auch zu fernerer Verfolgung ihrer Tapferkeit / welche sie aber
nicht mehr für Erlangung des Sieges /sondern nur der Beute anzugewehren hätten.
Seine erste Sorge war die in der Schlacht gebliebenen vornehmen Befehlhaber /
derer Tod sich unmöglich vertuschen liess / prächtig zu begraben / denen allen
sonderbare Lobreden gehalten wurden. Unter allen Begräbnüssen aber war des
Fürsten Cariovalda das ansehlichste / Silius selbst musste ihm als einem grossen
Helden und treuen Bundgenossen der Römer das Wort reden; und Germanicus
versprach: dass er sein Bild neben dieselben stellen wollte / welche der grosse
Alexander seinen am Flusse Granicus gebliebenen Helden durch den Lysippus hatte
fertigen / Qvintus Metellus aber nach Rom hatte bringen lassen. Hernach liess er
den Flavius für den rechtmässigen Fürsten der Cherusker ausruffen; sätzte ihm
auch im Nahmen des Tiberius eine güldene Krone auf / beschenckte ihn mit einem
vergüldeten Harnische / einem Schwerdte und Schilde / auf welchen die für dem
Tiberius kniende Weser und Elbe dem neben ihm stehenden Flavius ihre Schlüssel
zulangten. Hierauf ward Malovend für des Germanicus Richterstul geführet /
welcher ihn höflich empfing / seine zum Römischen Volcke tragende Neigung und
seine Tapferkeit rühmte / nach seinem an der Achsel empfangenen Schaden fragte /
ihn für einen Römischen Bundgenossen aufnahm /und ihren Vergleich mit
Aufopfferung einer Sau bekräfftigte; endlich ihn mit denen gewöhnlichen
Geschencken der Römer beehrte / welche Schalen ohne Kerne sind / und den
Baum-Blättern gleichen / die zu nichts als zur Zierde dienen. Uber diss hielt er
dem Jupiter / Mars / der Stadt Rom / dem August und Drusus Danck-Opffer / zu
derer Feuer kein ander Holtz als das von der deutschen Lantzen und Spissen
genommen ward. Er liess auch wie Eneas nach erlegtem Mezentius und Romulus nach
überwundenem Acron eine auf der Wallstadt stehende grosse Eiche diesen Göttern
einweihen / und behauen. Auf ihren Gipffel stellte er einen vollkommenen
Harnisch; die Aeste behieng er mit denen eroberten Waffen / und an den Stamm
liess er mit dem aus der Deutschen Wunden rinnenden Blute an statt der Tinte
angeschrieben: Hier siegten die Römer über die Cherusker /Bructerer / Catten /
Hermundurer / Chassuarier /Angrivarier / Chamaver / Longobarden und Cimbern.
Uber dieses liess er von Rasen ein sehr hohes Sieges-Zeichen zusammen sätzen /
darauf eine grosse Menge Waffen auftürmen / und unten in einen Stein eingraben:
Hier hat Kayser Tiberius die Deutschen überwunden / und dem Fürsten Flavius die
Cherusker / Segesten die Chassuarier untergeben. Er schickte das Schwerdt /
wormit Serväus den Hertzog Marcomir zu erst in die Brust gestochen hatte / nach
Rom in den Tempel des rächenden Krieges-Gottes. Sintemahl es nicht nur bei den
Griechen /sondern auch zu Rom gewöhnlich war / die Waffen /wormit was
merckwürdiges ausgeübt worden war /den Göttern zu wiedmen. Also hatte Olympias
den Dolch / mit welchem Pausanias den König Philip ermordet / dem Apollo /
Lysimachus seine ganze Rüstung dem Mars zugeeignet. Uber diss gelobte Germanicus
/ wenn er vollends der Völcker zwischen der Weser und Elbe Meister werden würde
/ auf der Spitze des Melibockischen Gebürges dem Mars und Drusus ein köstlicher
Sieges-Maal aufzurichten / als der siegende Marius auf den Alpen / Sylla auf dem
Pyreneischen Gebürge aufgerichtet hatte. Sintemahl von den Römern und Griechen
alle Gipffel der Berge für Heiligtümer gehalten wurden. Die Deutschen kriegten
von diesen hoffärtigen Siegeszeichen zeitlich Nachricht; worvon sie gleichsam in
Raserei versätzt wurden / mit Ungestüme zun Feldherrn kamen / und von ihm zu
Vertilgung dieses schimpflichen Denckmaals wider den Feind ins Feld geführet zu
werden verlangten. Sie priesen die in der Schlacht gebliebenen Deutschen
glückselig: dass sie diese Schande nicht erlebt hätten; und schalten ihr eigenes
Glücke unbarmhertzig: dass es ihrer zur Straffe geschonet /und zu solcher
Verachtung aufgehoben hätte. Denn keinem taten die tieffsten Wunden so weh /
der Tod ihrer Weiber und Kinder / der Verlust ihres Vermögens / die Verheerung
ihrer Länder giengen keinem so zu Hertzen / als dass sie mit so hochmütigen
Gedächtnüs-Maalen die Römer über sich derogestalt sollten frolocken sehen. Die
säugenden Weiber / die schwächsten Kinder / die am Stabe gleichsam kriechenden
Greisse hatten aus Zorn und Ungedult die Waffen ergriffen / und wollten mit aller
Gewalt noch selbigen Tag ins Feld / und das Siegs-Zeichen der Römer zernichten;
oder der Feldherr sollte nur das ganze Volck der Cherusker / ja die
ausgegrabenen Leichen ihrer Vor-Eltern aus diesem mit solchen Banden der
Dienstbarkeit gefesseltem Lande über die Elbe führen. Sintemahl doch ihre
Gebeine in einer so dienstbaren Erde nicht würden ruhen können. Der Feldherr
lobte die edle Regung ihrer einige Schmach zu vertragen unleidentlicher Gemüter
/ sie versichernde: dass ihm diss der empfindlichste Schnitt durch seine Seele
wäre / und er sein Haupt nicht sanfte legen wollte / biss von dem Römischen
Siegeszeichen weder Strumpf noch Stiel würde übrig sein. Die Römer aber hätten
doch darinnen bescheidentlich verfahren: dass sie ihr Denckmaal aus etwas so
vergänglichem / als Holtz und Erde wäre / aufgerichtet hätten /sich selbst
bescheidende: dass die tapfere Deutschen solches nicht lange würden stehen
lassen; und also alle auf Marmel und Ertzt verwendete Kostbarkeit übel angelegt
sein dürffte. Sie sollten sich aber nur eine wenige Zeit gedulden / biss er eine
zur Vertilgung dienliche erkiesen würde. Die Ubereilung verderbte die besten
Entschlüssungen; insonderheit stellten die Ausländer hierinnen den Deutschen
Mängel aus / von denen sie gestehen müssen: dass kein Volck hertzhafter als sie
wäre; dass niemand mit grösserm Nachdruck seinen Feind antastete / niemand
begieriger nach den Waffen grieffe / als darinnen sie gleichsam geboren und von
Kind auf erzogen würden. Kein Volck wäre wie sie abgehärtet: dass sie wider Frost
und Hitze weder Decke noch Schirm von nöten hätten. Darinnen aber verstiessen
sie / dass sie sich den Eyver verleiten liessen / ihre Tapferkeit zur Unzeit
ausschütteten. Diesem nach müsten sie mit Vernunft und Mässigung ihre Tugend
schärffen / die Sachen reiff werden lassen und ihm vertrauen. Hoffentlich aber
sollte die Sonne das Römische Siegs-Zeichen nicht drei Tage bescheinen. Herzog
Jubil hatte zwar im letzten Kriegs-Rate aufgeworffen: die deutsche Reuterei
sollte einen ziemlichen Streiff des Landes verheeren / verbrennen / das Grass
zertreten; also dem mit wenigem Vorrate versehenen Feinde alle Mittel lange zu
stehen abschneiden; hingegen mit ihrer ganzen Macht geraden Weges dem Rheine
zueilen und in Gallien einfallen. Durch dieses Mittel hätte Darius der Scyten
Einfall zernichtet / und wenn die Persen dem eben diss ratenden Memnon gefolgt
hätten / würde Alexander niemals des grossen Nahmen erworben haben. Scipio hätte
durch Uberziehung Afrikens Hañibaln aus Italien gebracht / welches die Römischen
Waffen nimmermehr geendet hätten. Es käme einen zwar schwer an / ihm selbst
Schaden zuzufügen / und wider sich selbst zu wüten; aber im Falle der Not und
der Gefahr wäre es Nutz etwas und nicht alles verlieren; und ein krebsfressiges
Glied abzuschneiden um den Leib zu erhalten. Der Feldherr selbst hatte diesen
Vorschlag als nicht untulich zu wenigem Bedencken ausgesätzt / und Ingviomer
selbst gebilligt / ja sich erboten: dass / wenn es zum gemeinen Nutzen gereichte
/ wollte er zu Verbrennung seines Landes den Anfang machen. Die Aufrichtung des
Römischen Siegsmaals und des deutschen Kriegsvolcks Eyver zu schlagen /
verrückte aber nunmehr ganz und gar diesen Vorschlag: zumahl da der Feldherr
erfuhr: dass Germanicus mit seinem Heere zwei Meilen gegen der Elbe fortgerückt
wäre / und Flavius mit der leichten Reuterei das Land durchstriche um alle
Zusammenziehungen mehrern Volckes zu hindern. Nach solcher Nachricht lass der
Feldherr aus dem ganzen Heere sechstausend der besten Reuter /und so viel der
kräfftigsten und geschwindesten Fussgänger zusamen; welche bald den Pferden
gleich lauffen mussten / bald wenn sie müde / zu den Reutern auf die Pferde
fassen. Mit diesen machte er nebst dem Hertzoge Jubil / dem Grafen von Waldeck /
Benteim / Hanau und Henneberg sich sehr früh auf; also / dass er mit aufgehender
Sonne auf die Wallstatt kam / nach dem er unterwegens etliche Streiffrotten der
Gallier /Rhetier / und Vindelicher aufgehoben / und zum Teil in die Flucht
gejagt hatte. Es ist kaum glaublich / in was für kurtzer Zeit die Deutschen die
zum Siegeszeichen ausgeputzte Eiche abgehauen / in kleine Stücke zersplittert /
den aufgerichteten Berg der Erde gleiche gemacht / und den Stein zermalmet
hatten. Worüber sie ein solch Freuden-Geschrei erregten: dass die Erde bebte /
Berge und Wälder einen Wiederschall gaben; gleich als wenn sie das ganze
Römische Heer erlegt hätten. Also hatte Germanicus von diesem Gepränge nichts
als die Verbitterung der Deutschen / und einen ziemlichen Verlust des Römischen
Ansehns zum besten. Daher die alten Römer eben so wohl als die Macedonier viel
klüger taten: dass sie ihren bezwungenen Feinden niemahls ihre Uberwindung durch
solche verkleinerliche Siegeszeichen fürrückten / biss Domitius Enobarbus und
Fabius Maximus darmit den Anfang machten / auf der Wallstatt steinerne Türme
bauten / und der besiegten Allobroger Waffen daran hiengen. Flaminius hatte zwar
vorher zu Rom von der Gallier güldenen Ketten Jupitern zu Rom ein Sieges-
gewiedmet / Fulvius Flaccus / Lutatius und Catulus aber tragbare Sieges-Zeichen
zusammen gesätzt; mit dem wachsenden Hochmute aber schliech diese Eitelkeit
ein: dass sie solche den Feinden zur Verachtung unter ihre Augen sätzten / und
sie mit schimpflichen Uberschrifften und auf ihre Müntze gepregten Bildern
gefangener Könige / angebundener Völcker / gefesselter Flüsse spotteten. Viel
künstlicher verkleidete der grosse Alexander seiner Sieges-Zeichen Ehrgeitz mit
Andacht und dem gemeinen Heile; da er nämlich an dem Ufer des Flusses Pinarus /
wo er den Darius geschlagen / dem Jupiter / Hercules und Minerven drei Altare /
in Egypten nach seinem Nahmen die Stadt Alexandria / in Indien zu einem viel
tauerhafteren Gedächtnis des wider den König Porus erhaltenen Sieges Nicäa
baute; welchem es sein Vater Philip mit der Stadt Tessalonica klüglich vor- und
August mit Nicopolis glücklich nachgetan hatte. Und Hertzog Herrmann hatte
wegen seines wider den Emilius Varus erhaltenen Sieges auch ein unversehrliches
Gedächtnüs gestifftet / da er selbiger Wallstadt den Nahmen Gewinnefeld
zugeeignet. Der Feldherr hielt nach zernichtetem Römischen Siegs-Maale aber ihm
für verkleinerlich: dass er mit einer solchen Macht nichts anders ausgerichtet /
als einen Baum zerhauen und einen Hügel gleiche gemacht haben sollte. Dahero
ging er auf der rechten Seite des Wamme-Stromes hinaus und dem Germanicus nach:
welcher allem Ansehen nach oberhalb Fabiranum einen Ort an der Weser behaupten
und daselbst Brücken schlagen wollte. Es war aber kaum eine halbe Meile hinter
sich gelegt / als ihm der mit zwantzig Pferden voran geschickte Ritter Lawenrode
zu wissen machte: dass gegen dem fürm Gesichte liegenden Gepüsche ungefähr drei
tausend Reuter / und wohl noch so viel Fussvolck im Anzuge wäre. Der Feldherr
liess ihm alsbald gebieten: er sollte sich versteckt halten; teilte auch alsbald
sein Volck. Ein Drittel liess er disseits dem Gepüsche in Bereitschaft halten /
das andere musste um das Gepüsche sich herum ziehen / uñ sollte nach angegangenem
Treffen dem Feinde in Rücken gehen / das dritte auf unvermuteten Notfall
fertig stehen. Der Feinde Vordrab bestand an 100. Chauzischen und Friesischen
Reutern / welche / so bald sie aus dem Gepüsche kamen und die Deutschen
erblickten / sich auf dem Fusse spornstreichs zurücke wendeten; aber der Ritter
Woldenburg verbeugte mit hundert Pferden durch einen Kwerweg den Weg / und
Schrapha verfolgte sie auf der Fersen / und fertigten sie in geschwinder Eil so
ab: dass der Nachzug von ihnen wohl keine Nachricht bekommen hätte / wenn nicht
fünffhundert folgende Gallier das Geschrei und Geräusche der Kämpfenden gehöret
/ hiermit augenblicks umgekehret / und dem Römischen Volcke die Gegenwart des
Feindes berichtet; also selbtem stille zu halten und sich zu stellen Anlass
gegeben hätte. Graf Waldeck / welcher um das Gehöltze schon kommen war /
berichtete diss dem Feldherrn / und zugleich: dass er aus besorgter Zurückkehrung
auf den Feind schon lossgienge um selbigen ständig zu machen. Waldeck sätzte also
gleich auch an die feindliche Reuterei / welche an viertausend Rhetiern /
Vindelichern / Tribochen / Nemetern / Vangionen /Ubiern und Menapiern / und
fünffhundert Römern bestand / behertzt an / welche weil sie acht tausend
Fussvölcker am Rücken / und das Römische Lager kaum zwei Meilen entfernet hatten
/ den Deutschen mutig begegneten. Gleichwol aber erlangte Waldeck durch seine
vorteilhafte Fechtens-Art / da zwischen iedem Reuter ein Deutscher zu Fuss mit
den Angrieff tat / bald einen ziemlichen Vorteil. Hierüber kam zwar das
Fuss-Volck an / welches fünff Fahnen Römer von der dreizehenden Legion / das
andere Chauzen /Friesen / und Gallier waren. Apronius der es führte /breitete
sich aus und meinte den Waldeck ganz zu umschlüssen; es brach aber auf einer
Seite der versteckte Hanau und Henneberg / auf der andern Seite der Feldherr
selbst mit dem Grafen Benteim herfür /und ging das Treffen nunmehr mit grossem
Eyver an. Beider Mannschaft war an der Zahl / aber keines Weges an Kräfften
gleich / zumahl auch die Deutschen den Römern an Reuterei überlegen waren. Zu
dem schärffte das Andencken des erlittenen Verlustes und die Rache der Deutschen
Waffen. Ob nun zwar ihre Feinde einen harten Stand hatten / in dem die deutsche
Reuterei bald auf einer bald der andern Seite das Fuss-Volck zertrennte und die
halbe Römische Legion hier für keine Mauer galt / ermahnte sie doch Apronius
aufs beweglichste zu stehen. Sie sollten sich auf das die Römer niemahls
verlassende Gelücke /und auf den ungezweiffelten Entsatz verlassen. In diesem
freien Felde müste so lange gefochten oder gestorben sein; weil auch die
flüchtigsten Reuter der so starck als die Pferde / und besser als die
geschwinden Scychischen Völcker die Dahen lauffendem Fuss-Volcke der Deutschen /
wie viel weniger ihrer den Wind übereilenden Reuterei nicht entfliehen könten.
Die Not zu fechten aber wäre der rechte Wetzstein der Tapferkeit / und gäbe
einem dreier Männer Kräfften. Und wenn ihnen auch bei so naher Hülffe der
Entsatz wider die schon mehr als einmal überwundenen Feinde aussen bleiben
sollte / wäre ihnen doch kein ander Trost übrig / als dass sie durch ihrer Feinde
Tod ihren eigenen ehrlich machen könten. Diese Ermahnung bekräfftigte Apronius
auch mit der Tat. Denn er nahm sich nicht nur des Amptes / das ein Heerführer
hat / an / sondern auch eines gemeinen Soldaten. Unter allen taten auch seine
Römer / Chauzen und Friesen das beste; welche mit denen andringenden Deutschen
gleichsam Mann für Mann stritten / und einander so nahe auf den Hals kamen: dass
sie oft die Degen-Knöpffe einander ins Gesichte stiessen. Wenn nun schon iemand
furchtsamer darunter gewest wäre /hätte sich doch keiner auswinden können. Ja
die Verwundeten waren nicht auf die Seite zu bringen. Denn weil vorwerts der
Feind / von hinten das eigene Kriegs-Volck nachdrückte / hatte kein Mensch Raum
den Fuss fortzusätzen / den er ihm nicht mit Erlegung seines Feindes gemacht
hatte. Also ward zwischen diesen viel Blutes vergossen; sonderlich weil die
Cherusker wider die auf Römischer Seite stehende Deutschen viel erbitterter /
als auf die Römer selbst waren. Bei diesem verbitterten Kampffe ereigneten sich
in weniger Zeit viel Zufälle / welche bald die Hoffnung /bald die Sorge eines
und des andern Teils vermehrten; gleich als wenn das Gelücke mit allem Fleisse
zwischen so streitbaren Leuten das Treffen in gleicher Wage halten wollte. Nach
dem aber die Gallier und Hispanier in völlige Unordnung kamen / und Apronius von
den Römern und Deutschen ein Teil jenen zu Hülffe schicken musste / welche
Veränderung in einer Schlacht niemahls ohne Gefahr geschehen kann /fiengen auch
diese an Not zu leiden. Denn ob sie zwar mit ihren zusammen gefügten Schilden
eine Mauer und Dach für sich machten / und damit der Deutschen Gewalt
aufzuhalten vermeinten / so bohrten doch die Cherusker und Catten zu Fusse mit
ihrer spitzigen Schlacht-Ordnung durch / in dem sie teils ihre Spisse zwischen
die Schilde trieben / teils auch ihnen die Schilde mit Gewalt abrissen / teils
rennte sie auch die deutsche Reuterei übern Hauffen. Dieses richtete der
Feldherr selbst mit seiner Leibwache zu Wercke / welcher nach gemachter Öffnung
seine Hände wohl brauchte / und ihrer viel teils mit Wurffspissen / teils mit
dem Degen hinrichtete. Daher auch die tapffersten / welche wider ihn an die
Spitze gestellt waren / zum ersten in die Flucht gerieten. Apronius und die
Führer der Chauzen / Friesen und Ubier baten zwar ihr Volck aufs beweglichste
/sie möchten nur noch einmal sich schlüssen / und dem Feinde hertzhaft
begegnen / zeigten ihnen auch die aus dem Lager über den nechsten Hügel
ankommende Hülffe. Alleine denen Verwirrten hat die Furcht mehr zu sagen / als
ihre Obersten; und sie bländet ihnen noch darzu die Augen. Also geriet alles in
Unordnung und Flucht / und hatten die Deutschen nicht so wohl mehr zu fechten als
die zerstreuten zu metzgen / derer einen die Furcht dortin / den andern die
Hoffnung anderwerts hintrug. Apronius musste selbst sich die gemeine Flut mit
hinweg reissen lassen / und auch andere Führer sich aus dem Staube machen; doch
müheten sich diese auf der nechsten Höhe die Flüchtigen aufzuhalten / und weil
fünffhundert frische Tracier voran gehauen kamen / brachten sie es dazu: dass
sie sich widersätzten. Zumahl da ihnen auch auf dem Fusse zweitausend Pannonier /
Illyrier / Mäsier und Armenier / und endlich Pedo mit tausend Römern zu Pferde
folgten. Aber diese ansehliche Hülffe hinderte den Feldherrn nicht: dass er auf
sie tapfer ansätzte / und seinen Deutschen zusprach: Sie sollten dem Feinde keine
Lufft lassen; die Fliehenden hätten mehr kein Hertze im Busem / und mit ihrer
Zagheit denen ankommenden Feinden auch schon ihr halbes genomen. An die Menge
hätten sie sich nicht zu kehren; denn im Siege und in der Flucht zählte niemand
das Kriegs-Volck / weniger die erschrockenen; welche das Glücke derogestalt
ihrer Sinnen beraubte: dass sie weder die Wenigkeit ihrer Feinde / noch ihre
eigene Menge wahrnähmen. Derogestalt hatten die Römer nicht einmal so viel Zeit
übrig: dass sie eine rechte Schlacht-Ordnung gemacht hätten; ja Emilius wusste bei
solcher Verwirrung kaum den anfallenden Feind von denen fliehenden Freunden zu
unterscheiden. Der Feldherr ging auch mit dem Grafen von Waldeck bald selbst
auf den Emilius los / und machte ihm so viel zu schaffen: dass er sich wenig um
andere bekümmern konnte. Der Graf von Hanau nahm es mit den Traciern und Mäsiern
/ Henneberg mit den Pannoniern / Illyriern und Armeniern an; und Benteim liess
die in die Flucht geschlagenen nicht wieder zum Stande und Kräfften kommen /
welche / weil sie zerstreut und einzelich fochten / allentalben einbüsten.
Denen neuen Völckern schien auch kein besser Glücks-Stern / als den andern. Denn
weil ein Sieger eben so wohl / als ein glücklicher Spieler mit schärffern Augen
sieht / mit mehrerm Verstande urteilt und mit zweien Hertzen ficht / erhielten
die Deutschen überall wider die frischen Feinde / welche schon von der
lauffenden Zagheit angesteckt worden waren / und nach dem sie den hitzigen
Streit kaum eine Stunde ausgetauert hatten / die schweissichten Waffen kaum mehr
in Händen halten konten / die Oberhand; also dass die Tracier und Mäsier schon
auch auszureissen / die Pannonier sich zu zerstreuen und die Römer selbst zu
wancken anfiengen; nach dem der Feldherr dem Pedo den Helm zerspaltet / und ihm
ein Stücke Bein vom Hirnschädel abgehauen hatte. Die andern Obersten feierten
auch nicht / und kriegte es auf Römischer Seiten von dem Gewinsel der Sterbenden
/von der Angst der fliehenden / und von Verbitterung der verzweifelnden ein
erbärmliches Ansehen. Als Hertzog Herrmann nun in der Hitze war die noch
stehenden zu zertrennen / ward ihm angemeldet: dass nicht nur eine sehr starcke
Reuterei in der Nähe wäre / sondern auch schon drei Römische Adler über die
nechste Höhe / ja allem Ansehen nach das ganze Römische Heer folgte. Als der
Feldherr dieses alles selbst in Augenschein nahm / liess er alsbald das Zeichen
zur Rückkehr geben; Worauf die Befehlhaber ihr für Eyver gleichsam blindes und
kein Gehöre habendes Volck mit dem Degen vom Feinde ab- und ihnen einhalten
mussten: dass nicht bei Kriegsknechten / sondern alleine beim Feldherrn das Urtel
stünde: ob und wie lange man mit dem Feinde schlagen sollte; und wäre einem
Kriegs-Manne die Tugend des Gehorsams so nötig / als die Tapferkeit. Das
Kriegs-Volck hielt hiermit an / und lieferte dem Feldherrn sechs Römische / und
etliche zwantzig andere eroberte Fahnen. Dieser sagte allen für ihre Tapferkeit
Danck; versprach ihnen Belohnungen und deutete ihnen an: Sie hätten ihren Ehren
ein Genügen getan; nunmehr wäre es Zeit umzukehren. Man müste sein Gelücke
begreiffen und mässigen / und die Vermessenheit aus Hochmut nicht wieder auf die
Spitze sätzen / was man mit Müh und Tapferkeit erworben hätte. Hiermit schwang
sich das deutsche Fuss-Volck teils auf ihrer zugeeigneten Reuter Pferde; teils
machte es sich auch mit ihrer erlegten oder abgesätzten Feinde Pferden beritten
/ wendeten sich also geraden Weges nach dem deutschen Lager. Stertinius kam mit
fünftausenden zu Pferde bei dem verwundeten Apronius und Pedo an / und sah
sein Elend an ihrem so übel zugerichteten Volcke. Jedoch schöpfte er mehr
Verdruss als Erbarmnüs / weil die Geschlagenen selbst gestehen mussten: dass der
Feind nicht so viel Mannschaft als sie gehabt hätten. Daher munterte er alle
mit Vorstellung ihres unausleschlichen Schimpffes zur Rache auf; befahl dem
Lepidus die zerstreuten unter ihre oder seine Fahnen wieder zusammen zu lesen
und ihm mit der Reuterei zu folgen. Er aber ging mit seiner Reuterei voran / in
Meinung selbige so lange zum Stande zubringen / biss die erste / zwantzigste und
halbe dreizehnde Legion / welche der unwillige Germanicus unter dem Cäcina
nachschickte /den Feind erreichte. Hertzog Herrmann aber legte mit seinen wiewol
müden Pferden eine halbe Meile hinter sich / ehe ihn Stertinius einholete. Ob er
nun zwar diesem überflüssig gewachsen gewest wäre / hielt er doch wegen der
folgenden Legionen nicht für ratsam sich in ein beständiges Treffen einzulassen
/ sondern teilte sein Volck in zwölff Hauffen / derer drei immer wechselsweise
dem am Rücken habenden Feinde begegneten. Wenn diese nun nach einer Weile
Gefechte sich auf beiden Seiten zurück schwungen /hielten drei frische Hauffen /
und so denn die folgenden den Stertinius auf; also / dass bei dieser künstlichen
Abwechselung die Deutschen geschwinder und ohne einigen Verlust fortrückten /
als das Römische Fuss-Volck nachsätzte. Der Feldherr schickte inzwischen den
Ritter Recklingshausen mit zwölff reisigen Knechten ins Lager voran die
Beschaffenheit seines Zustandes zu berichten / und auf etwan sich ereignenden
Notfall Entsatz zu verlangen. In dessen Hoffnung blieb der Feldherr an einem
gelegenen Orte mit allen zwölff Hauffen stehen und ging dem Feinde mit grosser
Zuversicht unter Augen. Der Graf von Benteim hatte auch das Glücke / dem
Stertinius selbst auf den Leib zu kommen / ihm sein Pferd zu erlegen / mit
welchem er einen schweren Fall tat: dass er etliche Wochen hernach nicht zu
Pferde sitzen konnte. Weil nun die Legionen allzulange zurück blieben / nach dem
er und sie nun nicht für voll eine Meile von Fabiranum entfernet waren / hielt
Stertinius aus Beisorge eines neuen Hinterhalts nicht für ratsam sich zu lange
in so verdächtigen Kampf einzulassen / sondern musste an statt verhofter Rache
mit seiner Müdigkeit vorlieb nehmen; gab also seinem Volcke ein Zeichen sich zu
wenden. Der Feldherr aber vergnügte sich an seinem ihn wenig Blut kostenden
Siege; also kehrten beide einander den Rücken. Germanicus war mit denen frembden
Hülffs-Völckern / welchen Apronius und Pedo alle Schuld ihres Verlustes auf den
Hals weltzten / übel zu frieden / noch übeler aber mit den Kundschaftern /
welche ihm die Nachricht gebracht hatten: dass nicht mehr als viertausend
Cherusker zu Zerstörung seiner Sieges-Maale aus ihrem Lager gegen dem
Idistavischen Felde gegangen wären. Sintemahl er dadurch den Ruff seines mit
Fleiss schon in die Welt ausgebreiteten Sieges zu Wasser werden sah / sich
bescheidende: dass weil das Geschrei wie die Ferne-Gläser eine Sache vermehret
und vermindert / niemand mehr glauben würde: dass die Deutschen vom Germanicus
eine solche Niederlage könten erlitten haben / nach dem sie wenige Tage hernach
den Römern ein so hartes wieder versätzt hätten. Ja er lidt nicht nur an diesem
eingebildeten Ruhme / sondern auch nunmehr an seiner Hoffnung Deutschlands
Meister zu werden heftigen Schiffbruch / und erfuhr: dass ein vom Glücke
aufgeblehetes Gemüte meist ein betrüglicher Wahrsager wäre; und GOtt es ins
gemein so schickte: dass man den Sieg nicht von menschlicher Macht und Klugheit /
sondern von Göttlichem Willen herzuflissen schiene. Hingegen machte ihm Hertzog
Herrmann diesen Sieg wohl nütze. Denn er liess die ihm aus dem Läger entgegen
kommenden Völcker zu voran wieder darein ziehen / damit ihre Menge den Sieg der
wenigen / welche solchen erlangt hatten /nicht verminderte. Bei seinem Einzuge
liess er die eroberten Fahnen und Waffen voran tragen / die Pferde beiführen.
Welches nunmehr alle verfallene Gemüter wieder aufrichtete; und weil er wohl
wusste: dass der Ruff im Kriege oft mehr / als viel tausend Gewaffneten
ausrichtete / und ganze Völcker in Furcht oder Hoffnung versätzte / machte er
diesen Sieg dem Hertzoge der Catten / der Alemänner ja auch dem Könige Marbod /
den Marsen / Angrivariern und andern zwischen dem Rheine gelegenen Völckern zu
wissen; liess auch solchen bei den Chauzen / Friesen /Batavern und Galliern
ausbreiten. Zu welchem Ende er denn die eroberten Fahnen in unterschiedene
heilige Heinen verschickte. Hiermit brachte er auch zu wege: dass die Marsen
wider den Stadtalter des Fürsten Malovends zu Hause einen Aufstand machten /
ihn verjagten / und den Hertzog Herrmann für ihren Fürsten erklärten; weil sich
Malovend als ein Verräter Deutschlandes seiner Herrschaft verlustig gemacht
hätte Gleichergestalt warffen die Angrivarier den ihnen durch den Stertinius
allererst angelegten Kapzaum wieder ab / und brachte der über die Weser
entkommene Graf von Ravensberg mit dem Ritter Hochstraten dreitausend
Angrivarier ins deutsche Lager. Dem Germanicus tat dieses im Hertzen weh; und
weil er vernahm: dass die vom Germanicus weg gegangenen Langobarden / des König
Marbods Verbote ungeachtet / nach vernommener Niederlage schon wieder zurücke
über die Elbe gesätzt hätten / besorgte er / dass alle benachbarte Völcker aus
Eyversucht gegen die Römische Macht zu den Cheruskern stossen dörfften / und
daher sätzte er ihm vor dem Feinde ohne einigen Zeit-Verlust auf den Hals zu
gehen. Hierbei aber liess er auf Malovends Anstifftung unterschiedene vertraute
Marsen ins deutsche Lager zu dem Ende überlauffen: dass sie alle Verfassung und
Anschläge der Deutschen ausforschen und ihm verraten sollten. Mit seinem ganzen
Heere rückte er auch fort in Meinung oberhalb dem deutschen Heere sich an der
Weser zu sätzen / der wachsame Feldherr aber kam ihm bei vernommenem Aufbruche
zu vor /und sätzte sich drei Meilen oberhalb Fabiranum in eine wässrichte und
enge Fläche; welche auf einer Seite vom Flusse / auf der andern von einem Walde
/und dieser zum Teil mit einem Sumpffe umgeben war. An zweien Orten war allein
ein offener Zugang /und fester Boden; des einen Helffte aber hatten die
Angrivarier / so weit sie neben den Cheruskern ihren Stand hatten / in einer
eintzigen Nacht mit einem hohen Tamme befestigt. Germanicus sätzte sich harte
darneben / und machte alle ersinnliche Anstalt die Deutschen hier anzugreiffen /
diese aber rüsteten sich zur tapferen Gegenwehre. Also ist es an dem nicht
genung: dass Müh und Menschen Zwillinge sind / welche mit einander geboren
werden und zu gleiche sterben; sondern der meisten Arbeit zielet auch nicht so
wohl dahin ein Werck auszumachen / als anderer Vorhaben zu zernichten; und mehr
das menschliche Geschlechte zu vertilgen / als selbigem gütlich zu tun. Der
Feldherr hielt zwar für ratsamer / alle Zugänge zu verhauen / den Wall der
Angrivarier auch für dem Stande der Cherusker / und also vom Walde biss zum Flusse
zu verlängern / und derogestalt den Feind / biss sie von Langobarden und Catten
verstärckt würden / aufzuhalten; aber Ingviomer und fast alle Kriegs-Obersten
waren begierig zu schlagen /verliessen sich auch auf die Vorteilhaftigkeit des
Volckes. Und hielten nicht für ratsam die Römer durch allzufeste Verbauung vom
Angriffe abzuschrecken / oder auch ihr eigen Volck verzagt zu machen; welchem
noch das Gedächtnüs des letzten Sieges im Kopfe und der Mut im Hertzen steckte.
Beider Teile Heerführer ermahnten ihr Volck zur Tapferkeit Die Römischen sagten
ihrem: die einmal Uberwundenen hätten ein für alle mahl weniger Hertze; wie
hochdrabend sie gleich sprächen. Die Deutschen würden fliehen / so bald ihnen
die gläntzenden Waffen der zu siegen gewohnten Römer in die Augen leuchten
würden. Ihre tapffersten wären in der Schlacht gefallen; und nur die übrig /
welche die Furcht im Hertzen / die Wunden auf dem Rücken trügen. Durch die
Flucht würde niemand besser / sondern das traurige Gedächtnüs ihres vorigen
Verlustes benehme ihnen Mut und Verstand. Die Deutschen hingegen hielten den
ihrigen ein: Sie sollten sich den Unstern voriger Schlacht nicht abschrecken
lassen; weil sie nicht wegen Tugend ihrer Feinde / sondern wegen Arglist ihrer
Verräter den kürtzern gezogen hätten / welche nunmehr von ihnen abgesondert
wären. Die Misslingung eines Streiches schreckte auch nur Neulinge / nicht
erfahrne Kriegsleute; welche wüsten: dass das Blat sich nicht öffter als im
Kriege zu wenden / und der Sieg wie der Wind abzuwechseln pflegten; ja wider das
sie drückende Glücke wie die Palmen gegen der Last mehr Hertz und Kräfte
kriegten. Die deutschen Fürsten säumten auch nicht alle Gelegenheit des Ortes
wohl anzugewehren / und ihr Heer in gute Verfassung zu stellen. In die sichtbare
Fläche ordneten sie alles Fussvolck /ein Teil der Reuterei aber versteckten sie
seitwerts in die Heinen / damit diese denen auf das Fussvolck lossgehenden Römern
in Rücken kämen. Alleine kluge Anschläge / hertzhafte Entschlüssungen sind nur
so lange nütze und wert zu halten / so lange sie verborgen bleiben; wenn sie
aber verraten sind / helffen sie so wenig als ein Fluss / dadurch man einen
Furt gefunden hat. Dieses Kleinod des Geheimnüsses aber ging denen redlichen
Rachschlägen der Deutschen ab / bei welchen die Fürsten nur übel schlechte / das
ganze Volck aber über wichtige Dinge einen Schluss machen muss. Derogestalt ward
durch die Marsischen Uberläuffer alles dem Germanicus verraten / und ihm
dadurch Gelegenheit in die Hand gespielt / diss /was zu der deutschen Wolfart
vorsichtig ausgesonnen war / ihnen zum Verterb umzudrehen. Germanicus übergab /
weil Stertinius noch lahm war / die Helffte der Römischen Reuterei dem Lucius
Sejus Tubero; welcher mit den Rhetiern / Vindelichern /Friesen und Chauzen das
Bructerische Fussvolck auf der Seite / wo es ohne Vorteil das flache Feld vor
sich hatte / angreiffen sollte. Damit nun die versteckte deutsche Reuterei nicht
aus dem Walde hervor brechen konnte / liess Germanicus zweitausend mit Fuss-Angeln
und mit grossen Wäld-Aexten versehene Ubier / Menapier und Trierer zwischen der
Reuterei dahin eilen / welche mit dem Scipio für kein Hülffs-Mittel hielten den
furchtsamen unzählbare Fuss-Angeln gegen den Ort auszustreuen / wo die deutsche
Reuterei hervor komen konnte. Sie fällten auch die eussersten Bäume des Waldes
nieder / um der Deutschen Reuterei den Ausfall zu verhindern. Der Graf von
Lingen / Kwerfurt und Teckelnburg / welche im Walde versteckt hielten / machten
sich zwar / als sie eine Weile das Hauen in die Bäume gehöret hatten /herfür;
aber es ging ihnen / wie des Antiochus und Mitridatens Kriegs-Volcke. Denn der
Deutschen Pferde traten in die geworffenen Fuss-Angeln und fiel einer hier / der
andere dort übern Hauffen / ja der Graf von Lingen hatte selbst dieses Unglück:
dass er über einen Hauffen stürtzte und den Arm brach. Unterdessen hatten jene
Lufft den Wald derogestalt zu verhauen: dass von der Deutschen Reuterei unmöglich
einer durch und dem Bructerischen Fussvolk zu Hülffe komen konnte. Hingegen liess
Germanicus von aussen den Centronius an der rechten Seite gegen dem Weser-Strome
mit der ersten Legion / und dreitausend Chauzen / Friesen / Seqvanern / Heduern
und Arvernern zu Fusse / auf der lincken Seite den Vitellius mit der vierzehenden
Legion und dreitausend Atrebaten / Bellovacken / und Narbonern in den Wald
rücken / und darinnen die Bructerische Reuterei angreiffen; welche / weil ihnen
die Pferde zwischen den Bäumen nichts nütze waren / herunterspringen und sich zu
Fusse wehren mussten / als inzwischen das Bructerische Fuss-Volck gegen die
Römische Reuterei gleichfalls ein ungleiches Gefechte auszustehen hatten. So gut
es nun dem Germanicus an diesen zweien Orten glückte / so übel kam er selbst mit
seinem eigenen Angriffe / den er als das schwereste Werck selbst auf sich
genommen hatte / an dem Tamme der Angrivarier an. Dieses Ortes mühte er sich mit
dem Kerne seines ganzen Heeres deswegen zu bemächtigen; weil er an selbigem
Orte denen Cheruskern in Rücken zu kommen / ihnen den Weser-Strom abzuschneiden
/und mit seiner grossen Menge Volckes sie vor- und hinterwerts anzugreiffen /
folgends auch gar von den Bructerern / Catten / Langobarden und Cimbern
abzuschneiden vermeinte; welche ohne diss sich wegen des hinein gehenden Sumpffes
und Waldes kaum hundert Schritte zwischen einander freies Feld hatten. Den
ersten Angriff an den Tamm mussten auf einer Seite die Trierer / auf der andern
die Aqvitanier tun / und diese die Nemeter und Vangionen ablösen. Aber sie
wurden von den Angrivariern / welchen der Graf von Ravensberg / und Homburg
nebst dem Ritter Hochstraten mit der Lantze in der Hand nicht weniger zu einem
Beispiele der Tapfferkeit / als zu Obersten dienten / so übel empfangen: dass
derer wenig / welche oben auf den Wall kamen / lebendig oder unverwundet
umkehrten. Julius Florus ward auch selbst mit einem Spisse durchs dicke Bein
gestochen und zum Fechten unfähig / Leuchtenburg der Führer der Vangionen aber
gar getödtet. Nicht besser ging es denen Hispaniern und Celtiberiern / welche /
wie sehr sie sich vermassen auf diesem Tamme ihre Fahnen aufzustecken / ihnen
auch die Köpffe gewaltig daran als einer steinernen Mauer zerstiessen / dass die
meisten mit blutigen zurück kamen. Diesen folgten die Helvetier / Vindelicher
und Rhetier; welche diesen Tamm gegen ihren hohen Gebürgen nicht für einen
Maulwurffs-Hauffen gelten lassen wollten / und dessen Eroberung für eine
Kurtzweil hielten; sie wurden aber gewahr: dass sie an Angrivariern Leute fanden
/ derer Brust selber unbeweglichen Steinfelsen zu vergleichen war. Weil aber ein
Sturm nach dem andern so geschwinde folgte: dass sie kaum Atem schöpffen konten
/ liessen sie vom Feldherrn Hülffe bitten / welcher auch den Grafen von
Schauenburg und Regenstein mit viertausend Cheruskern die Angrivarier ablösete;
welche gleich zu rechte kamen / als Apronius mit der ganzen dreizehenden Legion
zu stürmen anfieng / und eine ganze Stunde damit anhielt; also / dass die ein
wenig verblasenden Angrivarier den Cheruskern zu Hülffe kommen / ja als auch
Silius mit der andern Legion zugleich einen Sturm anordnete / der Feldherr den
Grafen von Löwenburg noch mit drei tausend Cheruskern zum Entsatz schicken
musste. Wie hitzig nun gleich gefochten ward / und Germanicus endlich selbst
seine Leibwache anlauffen liess / und diese zwei Römischen Fahnen auf den Tamm
aufzustecken die Ehre hatten / so bemächtigte sich doch Hallermund der einen /
und Brederode der andern Fahn; die Römer mussten auch mit Verlust vielen edlen
Blutes die zwei erstiegenen Plätze wieder räumen. Germanicus sah nun allererst
mit Verdruss: dass den Deutschen bei gleichem Gefechte / weniger aber /wo sie
einen solchen vorteilhaften Stand hätten /nichts abzuringen wäre. Daher musste
er sich nicht schämen / so wohl die Legionen als Hülffs-Völcker abzuführen;
iedoch mit dem Vorsatze zu Abwischung der Schande den Tam zu erobern / es koste
auch / was es wolle. Daher befahl er: dass an diesen Ort dreihundert grosse
Geschütze / alle Schleuderer und Schützen gebracht werden mussten. Weil nun aus
jenen unaufhörlich die grossen alle Pantzer und Harnische durchfahrende Pfeile /
von diesen aber unzählbare Rohr-Pfeile abgeschossen und die Lufft von
geschleuderten Steinen wie mit check erfüllet ward / dorffte sich kein
Deutscher mehr auf dem Tamme sehen lassen /unterdessen mussten die Gallier /
Hispanier / Helvetier und Rhetier teils über die Berge / teils durch den Wald
einen Weg machen / und die Cherusker zu Zerteilung ihres Volckes nötigen. Weil
nun die Angrivarier und Cherusker derogestalt von sich selbst den Tamm verlassen
mussten / gab es wenig Kunst selbigen zu behaupten. Gleichwohl wollte Germanicus
mit seiner Leibwache die Ehre haben: dass er zum ersten solchen bestiegen und
eingenommen hätte; daher sprach er ihnen aufs neue einen Mut zu / und sagte:
biss hieher hätten sie mit ihrem Glücke uñ der Deutschen Göttern gefochten; nun
aber würden sie mit seinem Glücke / und der Römer Göttern streiten. Auf diese
sollten sie sich verlassen. Denn wider diese könnte die Tugend / ja das Verhängnüs
selbst nichts ausrichten. Germanicus führte also die Leibwache selbst über den
Tamm / welchem beide Legionen und die Hülffsvölcker folgten. Die Deutschen
stellten sich hinter dem Tamme / zwar in eine neue Schlacht-Ordnung; Alleine ob
zwar die Geschütze dahin nicht mehr zielen konten / hatten doch die Schützen und
Schleuderer die beste Gelegenheit von dem Tamme sie mit Pfeilen und Steinen zu
ängstigen / und die Legionen sie gleichwol unbeschadet anzugreiffen. Diesem
zweifachen Sturme nun zu entgehen / war kein ander Mittel dar / als dass die
sieben tausend Cherusker und dreitausend Angrivarier in Mangel des flachen
Landes sich in Wald ziehen mussten. Germanicus ermahnte alle bei sich habende
Macht den Feind zu verfolgen / und diesen Tag dem Kriege mit Vertilgung der
wilden Cherusker / welche nach abgeschnittenem Strome nunmehr nirgends hin
entfliehen könten / dem Kriege ein Ende zu machen. Also drangen beide Legionen /
mit denen ausgelesenen des Germanicus / der Kayserlichen Leibwache und den
Hülffs-Völckern in Wald nach / darinnen die nicht das dritte Teil so starcken
Cherusker und Angrivarier einen schweren Stand hatten; weil sie wegen der Bäume
ihr bestes Gewehre nämlich die langen Spisse und Schilde entweder schwer oder gar
nicht / die Römer aber ihre kurtze Degen gegen die unverwahrten Glieder der
Deutschen füglich brauchen und ihre rundten Schilde an die Brust andrücken
konten. Uber diss waren beide streitende Teile hier einander so nahe auf dem
Halse / dass weder eines noch das andere weichen konnte /sintemahl die Römer auf
einer Seite vom Flusse / auf der andern von Bergen eingeschlossen waren / die
Deutschen einen tieffen Sumpff am Rücken hatten /und in diesem Gedränge sich
ihrer Geschwindigkeit im Anfalle und in der Wendung nicht bedienen konten.
Nichts desto weniger wehrete ein ieder seinen Mann / und fiel keiner ungerochen;
oder wenn es ja geschahe / waren ihnen die Römer nicht an Tugend /sondern an
Geschickligkeit der Waffen überlegen. Centius und Cetegus rufften den Deutschen
zu: Sie sähen ja / dass sie alle verloren wären; also sollten sie sich der Gnade
des Germanicus untergeben und die Waffen niederlegen. Alleine auch die gemeinen
Kriegs-Knechte antworteten ihnen: Ob sie nicht wüsten / dass die Waffen nicht
weniger als die Hände selbst den Deutschen angewachsen / und ihnen erträglicher
zu sterben wäre / als sich entwaffnen lassen. Sintemahl bei den Deutschen die
mit den Waffen sich ergebenden nicht nur wie bei den Römern für unehrlich
gehalten und nicht gelöset / sondern ihnen wie bei den Scyten die Hände als
untüchtige Werckzeuge abgehauen würden. Germanicus zohe hierüber /um desto
kenntlicher zu sein / den Helm vom Haupte und ruffte: sie sollten im Niedermachen
der Feinde sich nichts irren lassen. Den Römern wäre mit so nackten und
hartneckichten Gefangenen nichts gedienet; und dieser Krieg liesse sich nicht
anders als durch gäntzliche Austilgung der Cherusker ausmachen. Der Feldherr war
ihrentwegen sehr bekümmert; weil er diesen Bedrängten keine Hülffe leisten konnte
/ in dem sie teils vom Feinde / teils durch den Sumpff von ihm abgeschnitten
waren / und er wider die feindliche Reuterei und die andere und vierzehnde
Legion auch alle Hände voll zu tun hatte. Auf der andern Seite des Römischen
Einbruches hatte es sich anfangs ziemlich gefährlich angelassen / und der an die
Spitze der schlimsten Orte sich stellende Ingviomer mit genauer Not verhüten
können: dass das Fussvolck der Bructerer von des Tubero Reuterei / und der
nachdrückenden sechzehenden Legion nicht getrennet ward. Nach dem aber auf der
einen Seite der Graf von Solms und Isenburg mit zweitausend Catten zu Fusse /
welche aller Reuterei gewachsen sein / auf der andern Hertzog Jubil mit tausend
Hermunduren zu Pferde den Tubero angrieffen / und Ingviomer wie ein Blitz
allentalben dem feindlichen Einbruche begegnete / kriegte der Streit ein ander
Gesichte / und das den Hertzog anfangs zu verlassen dräuende Glücke schien sich
nun wieder mit seiner Tugend zu vermählen. Denn die Catten zwangen die
Tracische und Mäsischen Reuter zu weichen / Tubero ward auch selbst vom Grafen
von der Lippe verwundet / und weil noch tausend Cimbern zu Pferde dazu kamen
/konnte die Römische Reuterei nicht länger Stand halten / sondern musste sich
wenden. Die sechzehende Legion drang zwar mit einer zugespitzten
Schlacht-Ordnung herfür / aber die Bructerer / welche die Reuterei ausgetauert
hatten / hielten es nur für Kurtzweil mit dem Fuss-Volcke zu treffen. In den
Wäldern hatte der Graf von Teckelnburg mit seiner abgesessenen Reuterei zwischen
einem Ausgange der Weser eine halbe Insel / der Graf von Kwerfurt aber in dem
andern Walde einen Hügel eingenommen; daher jenem Centronius mit den Chauzen /
Friesen / Tribochen /und der ersten Legion / diesem aber Vitellius mit den
Galliern und vierzehenden Legion mehr keinen Abbruch tun konten. Cetegus hatte
zwar die Sicambrer / Tencterer und Ubier über den Sumpff mit Reisichte einen Weg
bähnen lassen / und wollte mit diesen Hülffs-Völckern und der fünften Legion
durch den Wald einbrechen / und die Bructerer auf der Seite antasten; aber er
fand daselbst den Grafen von Gleichen mit tausend Hermunduren / den Graf von
Barby und Schwartzenburg mit zwei tausend Langobarden / den Grafen von Holstein
und die Ritter Buchwald und Blume mit tausend Cimbern in voller Bereitschaft;
welche den Cetegus über Hals und Kopff zurücke /und grossen Teils in den
Sumpff trieben. Hertzog Herrmann hatte inzwischen als ein seiner Jungen
beraubter Löwe schäumende und verzweiffelnde / weil er seine im Walde umringte
Cherusker / und Angrivarier nicht retten konnte / die feindliche Reuterei mit
allen Kräfften bestritten; und / nach dem Bojocal und Flavius auffs neue
verwundet / die Hülffs-Völcker zu Pferde vom Waldeck in die Flucht gejagt waren
/ nunmehr nebst dem Grafen von Nassau / Ravenstein /und der Marck den Emilius
und Pedo gezwungen hinter die ein und zwantzigste Legion zu weichen. Der
Feldherr aber liess den Grafen von Hohenloh und Delmenhorst auf diese vorbrechen
/ den Grafen von der Marck auf der Seite dem Centius einbrechen; er und
Ravenstein aber verfolgten den Emilius und Pedo /ungeachtet er mit einem Pfeile
in Arm verwundet war / und biss Geschoss in der Wunde musste stecken lassen.
Emilius und Centius mussten ihren Notstand dem Germanicus in Wald zu wissen
machen; allwo die Cherusker und Angrivarier / von denen aber Homburg /
Hochstraten und viel tapfere Ritter mit der Helffte des Volckes geblieben waren
/ sich in den Sumpff zu verfügen waren genötiget worden; darinnen sie zwar biss
in Gürtel oder auch an die Achseln stunden / und mit ihren langen Spissen sich
die darein nicht wagenden Römer vom Leibe hielten / viel aber der ihnen
nachwatenden Helvetier erlegten. Ihr Glücke war: dass in diesem Sumpffe viel
Bäume und Schilff stand / wormit sie für den Pfeilen der Bogenschützen verdeckt
wurden. Denn sonst würde keiner entronnen / sondern alle im tiefferen Schlamme
erstickt / oder ein Ziel und Kurtzweil der allerfurchtsamsten Feinde worden
sein. Germanicus hatte mit seiner Leibwache und der andern Legion sich nur
gewendet / und die dreizehende zu Verfolgung der Cherusker und Angrivarier /
welche die Römer zur Nachwatung noch immer schimpflich ausforderten / befehlicht
/ als er vom Cäcina und Cetegus ebenfalls schlechte Zeitung ihres Zustandes
halber bekam; daher musste er nur auch dem Apronius befehlen mit der dreizehenden
Legion abzuziehen. Germanicus traf die Römische Reuterei durchgehends zerstreut
/ und die ein und zwantzigste Legion in eben so schlechtem Zustande an: dass er
sich gezwungen befand vom Treffen abblasen zu lassen / und sein Kriegsherr
zusammen zu ziehen; weil doch / seinem Vorgeben nach /sie für diesen Tag sich an
ihrer Feinde Blute genungsam gesättigt hätten / auch in diesen Sümpffen und
Wäldern bei anbrechender Nacht wenig mehr auszurichten wäre / und die Feinde
darinnen ersticken oder erhungern müsten. Weder der Feldherr noch Ingviomer
hielten für ratsam sich aus ihrem Vorteil zu begeben / und die Römer zu
verfolgen; sondern vergnügten sich: dass auch dissmahl weder die Macht noch die
Arglist der Feinde ihrer hätte Meister werden können; ja auf Römischer Seiten
ihrer ehe mehr / als auf deutscher erlegt worden wären; liessen also die Römer
ihr Lager eine viertel Meile von dar unverhindert schlagen. Nach dem aber der
Abgang am schwächern Teile alle Zeit sichtbarer als am stärckern ist /befand
Ingviomer nunmehr mit dem Feldherrn für gut die zwei Eingänge ihres Lagers /
nach dem Beispiele der Angrivarier / mit einem zweifachen Tamme und beide mit
einer Brustwehre / hinter welcher sie für allem Geschoss sicher stehen könten /
zu befestigen; also dass wenn schon die Römer mit ihrem Geschütze den ersten
wieder antasteten und eroberten / doch der andere ihren Sturm austauern könnte.
Uber diss schlugen sie auch über die Weser zwei Brücken / damit sie sich der
Zufuhre und anderer Vorteile desto besser bedienen konten. Der Feldherr liess
abermals an Versorgung der Verwundeten / an Beschenckung der tapferen nichts
erwinden / und zohe in wenig Tagen vier tausend Cherusker an sich. Kurtz darauf
kriegte er Nachricht: dass vier Meilen oberhalb des Lagers die zurückkommenden
fünf tausend Longobarden über die Weser gegangen wären / welche sich folgenden
Tag auch bei ihm im Lager einfanden. Germanicus kriegte nicht allein hiervon /
sondern auch vom Aufstande der Angrivarier und Marsen / wie auch / dass Marbod
sein Volck aus dem Gebiete der Hermundurer und Longobarden zurück gefordert
hätte / die Catten aber in Gallien nach ihrem Willen hauseten / umständliche
Nachricht; welches alles ihm nicht wenigen Kummer erweckte. Denn er sah für
Augen: dass die Sicambern / Chauzen und Friesen der Römer mehr /denn zu viel
überdrüssig waren / und wenn sie ihre Füsse nur aus den Römischen Fesseln ziehen
könten /sie die erste beste Gelegenheit nicht versäumen würden. Worzu denn ein
einiger glücklicher Streich / den die Deutschen ihm versätzten / genung sein /
und denen meisten die Larve vom Gesichte ziehen würde. Auf welchen Fall ihm der
Rückweg schwerer als vor einem Jahre dem Cäcina fallen dörffte; welcher den
Germanicus treulich warnigte / er möchte bei schon angehendem Herbste die
Uberfart nicht versäumen /sondern zum wenigsten wieder über die Weser gehen und
an den Angrivariern ein Beispiel andern unruhigen Völckern zur Lehre ausüben:
dass die Römer mit ihnen nicht schertzen / und Aufrührer niemahls ungestrafft
liessen. Germanicus ward froh: dass Cäcina /Silius / und andere Kriegs-Häupter zu
dem rieten /was er zwar selbst fürs sicherste / aber ihm für verkleinerlich
hielt / dass es von ihm herkommen sollte. Er stifftete auch einige verträuliche
Hauptleute an: dass das Kriegsvolck um eben diss bei ihren Befehlhabern Ansuchung
tat / weil Segestes / Flavius und Bojocal / welche den Feldherrn mit allen
Cheruskern in ihrer Einbildung schon verschlungen hatten / wider die vorhabende
Rückkehrung aufs verkleinerlichste murreten. Diesem nach liess Germanicus seine
Legionen und alle Hülffs-Völcker um sich in einen Kreis stellen / und redete sie
an: den Göttern und euer Tugend habe ich zu dancken: dass ich in einem Sommer
zwei grössere Siege wider die Deutschen erhalten /als sich Rom in funffzig
Jahren über sie zu rühmen hat. Zwischen dem Rheine und der Elbe ist von allen
unbändigen Völckern keines mehr übrig / das sich gegen euch im Felde zu stehen
getraue. Alle hertzhafte Cherusker / Bructerer / Chamaver und Angrivarier haben
ins Grass gebissen; der Verzagten wenige Uberbleibung hat sich wie Frösche
zwischen die Pfützen /oder wie Maulwürffe in Löcher versteckt. Diese muss die
Zeit und der Hunger hervor locken; ihr aber seid viel zu edel: dass ich euch
wider Sümpffe und Hecken in Krieg führen / oder wie Hunde nach Dachsen in Löcher
jagen sollte / an welchen man ihm wohl viel Ungemach / aber keine Ehre erholen
kann. Nehmet euch der eitelen Reden nicht an: dass / so lange noch was im Kriege
auszumachen übrig bliebe / nichts getan wäre; und das nicht mit der Wurtzel
ausgerottete Unkraut wieder käumte / ja für eines entaupteten Deutschen Kopff
wie an der grossen Wasser-Schlange des Hercules ihrer zwei an die Stelle
wüchsen. Tapfere Leute müssen sich weder eitele Ehre / noch falsch eingebildete
Schande zur Verwegenheit verleiten lassen. Der Tugend läst sichs leicht Mängel
ausstellen / aber schwer einen Schandfleck anhencken. Es ist der gerädeste Weg
zur Ehre / die Eitelkeit der Ehre verachten. Lasset sie unsere Vorsichtigkeit
für Furcht / unser Behutsam gehen für Langsamkeit schelten; Es ist besser: dass
uns ein kluger Feind fürchte / als ein törichter Bürger lobe. Wenn wir uns an
diesen Bäumen den Kopff zerstüssen / in diesen Pfützen zu tode mergelten / würde
uns Herrmann mit Fug auslachen / welcher uns zeiter gefürchtet hat / und bei
unser Behutsamkeit alle Tage mehr fürchten wird. Lasset uns diesemnach für biss
Jahr unserm Siege ein Ziel stecken /uns die Vernunft leiten / nicht aber das
Glücke verleiten / noch künftige Gelegenheit den Krieg auszumachen versäumen. Es
ist besser mit sicherer Langsamkeit / durch welche Fabius das verlohrne Rom
wieder zu Stande gebracht / bei welcher Hannibal alle seine Feinde gefähret hat
/ und niemahls betrogen worden ist / über einem Wercke zwei / als mit blinder
Ubereilung einen Tag zubringen / und alles nach Klugheit / welche immer und
allentalben die beste Richtschnur ist / und ewig sein wird / abmässen; nichts
aber von dem blossen Ausschlage urteilen /welcher der Narren Lehrmeister ist /
und insgemein anders fällt / als es ihnen die vorsichtigsten hätten träumen
lassen. Mit einem Worte: Lasset uns biss zum Früh-Jahre zu unser gedeilichern
Verpflegung an Rhein zurücke kehren / und nicht so wohl den Feind als euer
Gelücke Lufft schöpffen. Glaubet aber: dass die Cherusker und Bructerer schon
überwunden sind /wo wir durch Mässigung unser Sieges-Begierde uns für dissmahl zu
überwinden wissen. Das ganze Römische Heer billigte mit Zusammenstossung der
Waffen die vorgeschlagene Rückkehrung; weil sie ohne diss ganz abgeschlagen und
entkräfftet / auch länger im Felde zu stehen nicht fähig waren. Ungeachtet nun
ihr voriges Sieges-Maal nicht drei Tage gestanden hatte /und Germanicus ihm vom
künftigen kein beständiger Glücke einbilden konnte / so meinte er doch seinen
Sieg durch ein neues in der Welt gross zu machen. Daher liess er auf dem höchsten
Hügel selbiger Gegend alle Waffen der Deutschen / so viel derer noch könten
zusammen gelesen werden / über einen Hauffen tragen / einen Stein aufrichten und
in selbigen diese mehr Hoffart als Wahrheit in sich haltende Worte eingraben:
Das Kriegs-Herr des Kaysers Tiberius hat nach Uberwindung aller zwischen dem
Rheine und der Elbe wohnender Völcker dieses Gedächtnüs-Maal dem Kriegs-Gotte /
dem Jupiter und August gewiedmet. Von sich wagte sich Germanicus nichts
beizusätzen entweder aus eigener Gemütsmässigung / weil er sich bescheidete: dass
man alle tapfere Taten seinem Fürsten als der ersten Bewegung im Reiche
zuzueignen schuldig wäre; oder aus Beisorge beim argwöhnischen Tiberius in
unausleschlichen Neid zu verfallen. Sintemahl die Tugend des Gehorsams / die
Mässigung des Eigenruhmes die einigen Mittel sind dem Hasse zu entfliehen / und
doch des Ruhmes nicht zu entpehren / welcher ins gemein wie besessene Schätze
vergebens gesucht wird. Denn ausser dem sind grosser Leute Verdienste ihnen ehe
ein Fallbret / als eine Ehren-Leiter. Denn bei bürgerlicher Herrschaft gerätet
er alsbald in Verdacht: dass wie er allen an Tugend überlegen ist / er auch über
alle zu herrschen verlange. Welch Misstrauen die tapfersten Leute in Grund
gestürtzet / und verursacht hat: dass ihrer viel die Segel ihres Glückes
einziehen; Conon in Cypern / Iphicrates in Tracien / Timoteus auf Lesbos / als
gemeine Bürger leben / Chabrias sein Vaterland Aten / und Xantippus das durch
seine Siege erhaltene Cartago verlassen müssen. Fürsten aber haben ihr Auge
nicht so wohl auf das Aufnehmen ihrer Herrschaft / als sie Unmut schöpffen:
dass iemand anders als sie was grosses zu tun fähig sei. Sie bilden ihnen ein:
dass alle ihre / sie aber niemandens Schuldner sein; oder wenn sie sich einer
Verbindligkeit überzeugt wissen / können sie denselben nicht lieben; wenn er
aber durch Ruhmrätigkeit ihnen ihre Schuld fürrückt / hören sie nicht auf ihn
zu hassen / als biss er gar zu sein aufhöret. Also glückt es dem hundersten nicht
/ der gleich eine freie Zunge /ein unverzagtes Hertze und eine unüberwindliche
Standhaftigkeit hat: dass er den Neid mit Füssen treten / und durch seine Tugend
alles Misstrauen wie die Sonne den Nebel niederschlagen könne. Germanicus traute
ihm diss nicht zu / ob er schon von so hohem Geblüte von so grossen Verdiensten
war / und acht Legionen sich wider Hass und Neid zu schützen in Händen hatte;
iedoch halff ihn auch seine Bescheidenheit nicht: dass Tiberius selbte für blosse
Künste seine Herrsch- und Ehrsucht zu verdecken aufnahm / und ihn so viel mehr
verdächtig hielt / ie weniger er sich verdächtig machte; zumahl da das Römische
Volck den Germanicus über alle vorige Helden erhob / und durch seine Erhöhung
den Tiberius gleichsam verkleinerte. Germanicus brach also auf / und liess durch
die Reuterei alle Scheuern und Mühlen anzünden / alles Acker- und
Wirtschaftszeug zernichten. Dieses war dem Feldherrn eine so freudige als dem
Landmanne eine traurige Zeitung. Er tröstete aber diese damit; dass diese
Verheerung eine unfehlbare Wahrsagung des Römischen Abzugs wäre. Sintemahl kluge
Feinde darinnen ihre Verbitterung mässigten: dass sie der Ackerleute und des
feindlichen Landes schonten und nur wider die Gewaffneten ihren Zorn
ausschütteten. Massen der Feind / so lange er noch was zu verlieren hat /gegen
uns furchtsam verfähret / nach dem aber alles verloren / sein Leben wenig mehr
achtet und desto verzweiffelter sicht. Hingegen gewinne man durch Verschonung
des Landes den Ruhm der Gelindigkeit /und dass man das eingenommene zu behaupten
getraue / bei dessen Verwüstung man selbst nicht lange in des Feindes Lande
stehen könnte. Diese Mutmassung traf auch richtig ein. Denn Germanicus ging
geraden Weges über seine erste Brücken zurück über die Weser; weil aber Bojocal
ihm beweglich anlag: er möchte doch seine aufrührische Untertanen wieder zum
Gehorsam bringen; gab er ihm den Stertinius mit aller Reuterei / nebst der
andern und dreizehnden Legion unter dem Silius zu / welche ohne diss zu Lande an
den Rhein zurück kehren sollten. Die Deutschen entrüsteten sich über diesem /
wiewol viel ruhmrätigerm Sieges-Maale sich so sehr nicht / als über dem
erstern; sondern machten nur ein Gelächter daraus; gleich als wenn Germanicus
seine und der Römer Schwachheit durch nichts mehr als durch solche
Gedächtnüsmaale / welche nicht das Alter dreier Tage erreichten / hätte
verraten können. Sie trieben daher mit selbtem allerhand Spott / und liessen es
eine zeitlang stehen: dass sie es als ein Denckmaal der Römischen Eitelkeit denen
Ausländern zeigen konten. Die Römischen Gefangenen mussten darbei am meisten
leiden / welche von den Deutschen ermahnet wurden: Sie sollten doch den
Germanicus zurück ruffen und erinnern: dass er sein auf das Melibockische Gebürge
gelobtes Siegesmaal aufzurichten nicht vergessen sollte. Andere maassen dem
Germanicus bei: dass er mit den Cheruskern nicht ehe / als an der Elbe vom Friede
zu handeln sich hätte verlauten lassen / fragten also: ob er vom Crassus oder
denen Etoliern diese Grosssprecherei gelernet hätte? indem jener denen
Partischen Gesandten die Ursache des Krieges allererst zu Selevcia eröffnen /
diese dem Flaminius an der Tyber hätten antworten wollen.
    Ehe der Feldherr nun gewisse Nachricht / wo Germanicus sich eigentlich
hingewendet hätte / erreichte /und über die Weser kommen konnte / war Silius und
Stertinius schon in dem Gebiete der Angrivarier; und Germanicus hatte gegen der
Ems einen solchen Vorsprung: dass ihn einzuholen weder möglich noch sicher war.
Bojocal traff in seinem Lande fast keinen streitbaren Mann / sondern nur Weiber
und Kinder an. Denn das Geschrei von der Römer Ankunft hatte gemacht: dass alles
/ was fliehen können / sich gegen der Lippe auf und davon gemacht hatte. Dahero
dorffte es gegen diese unbewehrte Uberbleibung keines Schwerdt-Streiches /
sondern alles demütigte sich unter die Füsse der Römer und Bojocals; welcher
aber wegen verlautender Nachfolge des deutschen Heeres sich in seinem eigenen
Lande nicht sicher schätzte /sondern mit dem Silius an Rhein zoh. Germanicus
zohe mit seinen sechs Legionen und denen übrigen Hülffs-Völckern an der Emsse
hinab / auf welcher ihm die kleinen Schiffe entgegen kamen. Als er nun mit dem
Flavius / Segestes und andern Kriegs-Häuptern am Ufer mit Einladung des
Kriegs-Volckes beschäfftiget war / kam ein kleines Schiff mit einem weissen Segel
die Weser herab gefahren. Die Boots-Leute waren zwei Weiber; in der Mitte sass
eine betagte Frau in einem schneeweissen Kleide / welches um den Leib mit einem
messenen Gürtel zusammen gefast /das graue Haar aber zerstreuet / und ihre Füsse
nackt waren. In der rechten Hand hielt sie ein Messer / in der lincken einen
Ertztenen Ring. So bald die Chauzen und andere Deutschen ihr gewahr wurden /
neigten sie sich gegen selbter an dem Ufer mit grosser Demut und Ehrerbietung;
an welches sie auch nicht weit vom Germanicus anlendete und ausstieg. Die Römer
selbst / als sie höreten: dass diss eine Alironische Priesterin und Wahrsagerin
wäre / bezeugten sich ihrer Gewohnheit nach gegen sie nicht anders /als gegen
die Vestalischen Jungfrauen. Weil sie nun nach dem Fürsten Flavius fragte / ward
sie zu ihm gewiesen / und alles Kriegs-Volck wiech ihr mit dem schweresten
Geräte aus dem Wege. Germanicus und Flavius machten hierüber grosse Augen; als
sie aber etwan auf zwölff Schritte sich näherte / erkennte sie Flavius für seine
Mutter Asblaste. Daher er sie zu umarmen begierig ihr entgegen lieff; sie aber
hielt mit ausgestrecktem Arme und Messer ihn vom Leibe. Flavius fieng hierüber
an: Erkennet sie nicht / liebste Mutter / ihren Flavius? Asblaste aber fiel ein:
Ich sehe weder den Flavius / noch meinen Sohn. Denn mein Flavius hatte zwei
Augen / du aber nur eines; oder / wo ich nach deinem Tun urteilen soll / gar
keines. Denn wie kann dieser sehen / der in sein Unglück und Verterben
spornstreiches rennet? Ich befinde mich / wo ich nicht irre / hier in einem
feindlichen Lager; wie sollte ich mir denn einbilden meinen Sohn zu finden / wo
Waffen und Verstand auf Deutschlandes Untergang geschärfft werden? Die den
Eltern schuldige Ehrerbietung wird zwar der Pflicht gegen GOtt gleiche geschätzt
/ aber doch der Liebe gegen das Vaterland zu Füssen gelegt. Da diese nur hier
keinen Stand hat / wie sollte ich denn ein Kind hier suchen? Ehrliche Leute
können bei fallendem Vaterlande nicht stehen bleiben / sondern suchen in
desselben Asche ihr Begräbnüs; wie sollte denn mein Sohn in diesem
Schlangen-Neste / wo man nur Gift und Galle wider die Cherusker kochet / seinen
Aufentalt finden? Liebste Frau Mutter / brach Flavius ein / sie enteussere sich
doch nicht der Eigenschaft eines gerechten Richters: dass sie mich nämlich ehe
höre / als verdamme. Sie verbanne mich nicht aus ihren Augen; sie verschlüsse
dem nicht die holdseligen Mutter-Armen / der so lange unter ihrem Hertzen und in
ihren Eingeweiden verschlossen gewest ist. Hiermit näherte er sich ihr abermals
/ sie aber hielt wiederum das Meser für und fieng an: Ich kann mich ehe nicht
anrühren / weniger umarmen lassen / ehe ich weiss: ob ich zum Feinde oder zu
meinem Sohne kommen sei; ob ich von einer Schlange oder von einem Kinde umfasset
werde. Was zweifele ich aber an dem / was mir dieser rauschende Fluss / die
rasselnden Blätter dieser Bäume ins Ohr sagen: dass Flavius den Degen wider seine
Mutter / seinem Bruder / und wider sein Vaterland gezückt habe. Wie bin ich doch
zu allem Unglücke so altworden: dass ich eine Mutter dessen würde / welcher
Deutschland / und dieses ihn für Feind erkläret hat! Wie kanstu es übers Hertze
bringe der Erde beschwerlich zu sein / die dich gezeuget und genähret hat? hat
dir das Hertze nicht geklopffet / als du den Römischen Adlern den Weg über
diesen Fluss gewiesen; dass sie dein Vaterland zerfleischen / und an Deutschlande
als an einem Aste nagen könten? O wie glücklich wäre Asblaste / wenn sie nie
oder zum andern mahl nicht geboren hätte! Denn so wäre ich ja keine
Natter-Mutter; und die Weser schmachtete nicht unter dem Joche der Römer. Hätte
ich nur einen /nicht zwei Söhne / so hätte Deutschland wohl einen Beschirmer
aber keinen Todfeind seiner Freiheit. Die Nachwelt wird mich für ein Wunderwerck
und für ein Ungeheuer unter den Müttern halten: dass ich am Hermann so gar was
gutes und mit dem Flavius so gar was böses ans Licht gebracht. Man wird meinen
Leib einer trächtigen Wolcke vergleichen / welche nicht weniger kalten Hagel als
brennenden Blitz gebieret. Wie viel scheltbarer bin ich / als Hecuba / welche
zwar an Paris eine ihr Ilium anzündende Fackel geboren hat. Denn ihr Sohn hat
nie / wie meiner / wieder / sondern fürs Vaterland gefochten. Jedoch trage ich
hieran keine Schuld. In meinen Adern hat niemals was knechtisches / in meinem
Hertzen nichts falsches gesteckt. Ich muss gedencken: dass oft aus einem Stamme
so viel gemeines / als köstliches Aloe- oder Adler-Holtz wachse. Flavius aber
kann sich mit nichts als mit der Hefftigkeit seiner Herrschens-Begierde
entschuldigen. Deutschland schlägt über ihn die Hände für Jammer zusammen / und
rechnet ihm zu: dass den Müttern aus der Schoos ihre Kinder / den Männern ihre
Weiber von der Seite / denen Jungfrauen die Keuschheit aus dem Hertzen gerissen
/ die Länder beraubet / die Häuser verwüstet / die Heiligtümer eingeäschert /
die Flüsse mit Menschen-Blute besudelt / und durch den Mutwillen der Feinde
alles mit Leichen / Leid und Mord erfüllet worden. Alle diese Greuel rühren vom
Flavius / Flavius aber von mir her. Warlich! die heilige Asche deiner fürs
Vaterland erblichenen Ahnen wird durch dein Laster beunruhigt / und ihr
Gedächtnüs durch deine Schande verunehret. Wie glückselig wärest du / wenn du
weniger edel wärest! denn hoher Stand erhöhet wie ein Firnis eben so wohl diss /
was hesslich / als was schön ist. Wie glückselig aber wäre ich bei diesem
eussersten Unglücke! wenn dieses Messer heute den Flavius Deutschlande zu einem
Reinigungs-Opffer abschlachten / mit seinem Blute diesen beleidigten Strom
versöhnen / und den Greuel des Cheruskischen Hauses ins Meer schwemmen könnte!
Alleine der Tod ist vielmehr alles Ungemachs Ende als eine Straffe der Bosheit;
und diss mein Vorhaben keine sattsam scharffe Seiffe diese Schmach von Deutschen
abzuwaschen. Manlius Torqvatus tödtete seinen Sohn: dass er wider Befehl fürs
Vaterland tapfer und glücklich gefochten hatte. Muste dieser nun wegen seiner
unzeitigen Tugend sterben / was hat Flavius wegen seines grausamen Lasters zu
leiden? Scaurus wünschte seines Sohnes Leiche und Beine auf der Walstatt zu
zertreten; aber der Flüchtige dorffte ihm nicht unter die Augen kommen. Wie
erkühnest denn du Flavius dich mit deinen besudelten Händen mir unters Gesichte
zu kommen? Meinestu: es lebe in Deutschland kein Junius Brutus / kein Aulus
Fulvius / der seinen wider die Freiheit des Vaterlandes kämpfenden Sohn
abzuschlachten übers Hertz bringen könne? Lebet aber kein solcher Vater / so
lebet doch eine solche Mutter. Mit diesen Worten sprang Asblaste wie ein Blitz
auf den Flavius zu; gab ihm auch einen Stich in die rechte Brust / hätte derer
ihm auch noch mehr versätzt /wenn nicht die nechsten Römer dazwischen gesprungen
/ und Flavius auf die Seite gebracht worden wäre. Asblaste drehete hiermit gegen
dem Ufer umb / trat in ihr Schiff und fuhr die Weser hinauf / ohne dass ein
einiger Mensch ihr das wenigste in Weg legte / oder sie deswegen rechtfertigte;
entweder weil iederman über dieser Tat erstarrte / oder Asblaste etwas
übermenschliches an sich hatte / welches auch den keckesten verbot an eine so
heilige Frau die Hand zu legen. Nach vergangener Entstaunung fragte ein ieder
den andern und Germanicus selbst: warum sie niemand aufgehalten hätte? Etliche
hielten es für eine Zauberung; Flavius aber / welcher wegen des auf eine Rippe
getroffenen und seitwerts abgeglittenen Stiches nicht gefährlich verwundet war /
erkennte nach seiner Verbind- und Erholung: dass der Finger Gottes mit im Spiele
gewest wäre. Wie ihm deñ dieser Stich / noch mehr aber seiner Mutter Worte so
tieff waren zu Gemüte gestiegen: dass ihn nach der Zeit niemand lachen sah / und
er sich durch kein Mittel von seiner Schwermut auswickeln konnte.
    Germanicus ward über dieser Begebnüs nicht wenig bestürtzt / sonderlich / da
ihm ein Römischer Hauptmann berichtete: dass Asblaste bei ihrem Abschiede sich
gegen das Ufer gewendet / und sie angeredet hätte: ziehet nun imer hin / ihr
Römer! ihr werdet des Wiederkomens wohl vergessen! denn dieser erzürnte Fluss wird
alle sein Wasser in Schiffbruchs-Wellen verwandeln / und eure Schiffe wie dieser
kleine Wirbel den Schaum umdrehen. Gleichwol aber liess sich Germanicus nicht
irren / das Volck auf die Schiffe zu bringen; entweder weil man die Schickungen
des Verhängnisses / wenn selbte gleich einem vorher gesagt werden / nicht
verhüten kann; oder weil Germanicus sich auf sein Glücke verliess und die
Wahrsagungen als gegen ihn unvermögend / oder gar als eitel verachtete;
ungeachtet der aufgehende Mohnde ziemlich dicke Hörner hatte / viel Sterne
fielen / die Meerschweine auf der See schertzten / und andere Zeichen des
Ungewitters sich ereigneten. Uber dieses hielt ein Chauzischer Edelmann dem
Germanicus ein: dass in denen Nordländern gewisse Menschen Sturm zu erregen und
Wetter zu machen wüsten; daher auch nichts seltzames wäre; dass die zu Schiffe
gehenden den Wind auf gewisse Zeit zu kauffen pflegten. Germanicus aber gab ein
Lachen darein / und sagte: er wäre kein verzagter Xerxes / dessen ganzes
Kriegs-Heer ein über den Weg gelauffener Hase / welcher doch das furchtsamste
Tier in der Welt sein sollte / so erschreckt hätte: dass er seinen Zug zu ändern
wäre veranlast worden. Nichts desto weniger nahm sich selbst Cäcina dieses
Dinges an / und riet die Schiffart etliche Tage zu verschüben; weil gleichwol
der Mensch als ein Begrieff der grossen Welt alle ihre Kräfften /und derogestalt
der Steine / Kräuter und anderer Geschöpfte / also mehr / als man sich ins
gemein von ihm einbildete / in sich hätte. Könte nun ein Basiliske mit seinem
Ansehn tödten / ein triefäugendes Weib mit ihrem Ansehen versehren / ein Jäger
durch seinen Anblick machen: dass die Falcken aus der obersten Lufft zur Erde
fallen müsten / warum sollte es unmöglich sein durch zauberische Künste die See
zu beunruhigen? da Nectanebus in einem Becken durch Uberstürtzung wächsener
Bilder eine grosse Kriegs-Flotte zu Grunde gerichtet hätte. Die der Vernunft zu
wider lauffende Eitelkeiten wären zwar nicht knechtisch zu fürchten / aber auch
nicht liederlich in Wind zu schlagen. Hätte doch der kluge August ihm daraus
eine böse Wahrsagung gemacht: dass ihm der lincke Schuch zum ersten wäre
angezogen worden. Germanicus aber hatte allzuviel Geist: dass er sich hierdurch
an seinem Vorhaben hätte sollen irren lassen / sondern er segelte bei gutem
Wetter und gewünschtem Winde aus der Emsse ins Meer. Es war eine Lust zu sehen
/wie mehr als tausend Schiffe solches gleichsam in eine bewohnte Stadt
verwandelten. Es schäumete gleichsam von eitel Perlen und Silber / welche durch
die unzählbare Ruder und durch so viel die Flut durchschneidende Schiffe aus
ihrem zerteilten Wasser-Schatze darüber gestreut wurden. Die einfallende Nacht
stellte denen Schiffenden einen zweifachen Himel für Augen; weil sie über ihnen
keinen Stern zu Gesichte bekamen / der ihnen nicht in der blauen See durch einen
annehmlichen Gegenschein als in einem Spiegel in die Augen fiel. Die Schiffleute
spotteten derer / welche auf Asblastens Dreuungen das geringste Absehen gesätzt
hatten / uñ waren so sehr von Hoffnung bald die Fart des Drusus zu erreichen /
als die Segel von Winde angestüllet. Die Mitternacht aber unterscheidete nicht
weniger das gute und böse Wetter / als das Ziel des einen und andern Tages. Denn
es zohe sich aus Norden anfangs eine kleine /hernach rings umher viel schwartze
Wölcke empor /welche anfangs durch Verhüllung des Gestirns den Augen das schöne
Ansehen / der Nacht ihr Licht / und den Schiffen ihre gerade Fart benahmen /
die Ohren aber teils durch der fallenden check / teils durch das Brausen
der schäumenden Wellen erschreckten. Die Bootsleute mussten über Hals und Kopf
die Segel abfallen / und weil weder die Ancker haften wollten / noch in dieser
blinden Fart die Steuer-Ruder zu brauchen waren / dem Winde und Wellen den
freien Willen lassen. Himel und Meer fiengen gleichsam mit einander einen Streit
an / wer unter ihnen mehr Gewalt hätte. Deñ jener vermischte Hagel und
Platzregen mit einander; die berstenden Wolcken speiten Blitz und flüssendes
Feuer von sich; das Meer aber dreute mit seinen Wellen nicht nur die Schiffe zu
zerschmettern / sondern auch ihre Flut entweder mit dem überirrdischen Wasser
zu vermengen / oder die himlischen Lichter anzuleschen. Die Kriegsleute
zitterten und bebten nicht nur weil sie des Meeres und Sturmes ungewohnet waren
/ sondern auch denen verwegensten Schiffleuten die Furcht des Todes an ihrer
Verblassung ansahen. Ihr Vorwitz oder vielmehr die Begierde zu leben veranlasste
sie zu einer unzeitigen Dienstfertigkeit; indem ieder denen ermüdeten
Bootsleuten zu helffen eilte / solche aber nur mehr in ihrer klugen Anstalt
hinderte. Die Winde selber stritten gleichsam mit einander / welcher unter ihnen
die Macht der in diesem Meere schiffenden Stadt Rom zerdrümmern sollte. Anfangs
trieb ein Ostwind sie gegen Britannien / hernach schlug sie ein West wieder
zurück und in höchste Gefahr auf denen für dem Chauzischen Ufer liegenden
Eylanden zu stranden. Endlich aber kriegte ein Sud-Ostwind die Oberhand; welcher
den aus Deutschlands Ströhmen abschüssenden Wasser-Vorrat so wohl als das mit
dem Tage viel grausame Gestalten vorbildende Gewölcke gegen der alles in Eis
verwandelnden Mitternacht verjagte. Hierdurch wurde so viel Schiffe wie die
Spreu durch den Wind von einander in das ungeheure Meer zerstreuet. Etliche
wurden an den Steinfelsen der Orcadischen Eylande zerschmettert; etliche
strandeten an seuchten Ufern / wo Flut und Sturm sie die eingeworffenen Ancker
zu heben nötigten. Die See beschwerte mit ihrem in die Schiffe gespieleten
/oder durch die Ritze eindringenden Wasser die Flotte so sehr: dass sie alles zum
Unterhalte aufgeladene Vieh / die edelsten Chauzischen und Africanischen Pferde
/ das kostbarste Geräte und endlich die besten Waffen zu Erleichterung der
sinckenden Schiffe über Boort werffen mussten. Aller dieser Verlust war denen
Römern nicht schwer / weil sie sich selbst für verloren hielten. Die
Todes-Angst verstopffte ihren Augen alle Vorschüssung der Tränen; und die /
welche gleich vorhin auf dem Mittelländischen Meere Ungewitter ausgestanden
hatten / hielten alles vorige für Spielwerck. So viel grösser das Welt-Meer
gegen diesem / und die deutsche Lufft gegen der Römischen rauer ist / so viel
schrecklicher war ihrer Einbildung nach auch allhier das Ungewitter / als an
einigem andern Orte der Welt. Auf einer Seite fürchteten sie sich an ein
feindliches Ufer der beleidigten Deutschen angetrieben / an der andern aber in
das Nord-Meer / dessen Ende noch niemand besegelt hätte / verschlagen zu werden.
Das Schrecken aber sättigte nicht den Grimm der Winde und des Wassers / sondern
viel Schiffe wurden vom grossen Wirbel in Norden verschlungen / andere vom Eise
zerstossen / nicht wenig an unbewohnte Küsten getrieben / wo der Hunger die von
Wellen verschonten ausser wenigen verzehrete /welchen das Fleisch der
angespieleten Pferde noch zu statten kam; ungeachtet wenig Schiffe waren /
darauf die Römer nicht dem Neptun einen schwartzen Ochsen zum Opffer
geschlachtet / das Blut mit Wein vermischt / und mit den Stücken des Tieres ins
Meer gestürtzt hatten. Gleich als wenn dieses weniger als das Verhängnüs
erbittlich wäre / und weder Ohren noch Mitleiden hätte. Germanicus hatte in
seinem Gemüte mehr / als auf seinem Schiffe Sturm auszustehen. Anfangs liess er
zwar nichts weniger als einige Furcht von sich blicken / sagte auch dem
erblasten Schiffer: Er sollte nicht verzagen / denn er führte den Germanicus. Das
Ungewitter aber erhärtete durch siebentägichte Hartneckigkeit: dass die gröste
Tugend für den Dreuungen der Natur in die Länge ohne Entsetzung auszutauren
nicht vermöchte. Weil er nun alles für verloren hielt / die zur vermeinten
Versöhnung des Meeres darein geschmissene güldenen Ringe und Schalen auch nichts
fruchteten / hatte er für nichts auch für sich selbst mehr keine Sorge / und
sein verzweiffelnder Schiffer stellte ihr Verhängnüs Wind und Wellen heim / und
die Boots-Leute bekümmerten sich so wenig um Ancker und Segel / als der
Steuermann umb die gemeine Wolfart. Alleine bei dieser allgemeinen
Verzweiffelung hatte doch das Verhängnüs nicht des Germanicus vergessen; dessen
Schiff den achten Tag an eine der Chauzischen Eylande angetrieben ward. Aber
hiermit hatte der Sturm in seinem Gemüte noch kein Ende; sondern / wie er sechs
Tage nach einander als der Ursacher dieses unverwindlichen Verlustes vom Meere
verschlungen zu werden wünschte / und als ein von den erzürnten Göttern
verlangtes Söhn-Opffer über Bort zu werffen verlangte; ja sich mit Gewalt für
der andern Erhaltung zur Besänftigung der erzürnten Wellen ins Wasser stürtzen
wollte; also konten ihn auch auf diesem Eylande Cäcina und andere Freunde mit
grosser Wachsamkeit hiervon kaum zurück halten / und die verzweiffelten
Entschlüssungen ausrede. Sintemal er anfangs nicht vom Schiffe / hernach nicht
vom Stande zu bringen war / an dem er gleichsam wütende herum lieff / nach
seinen verwahrlosten Legionen fragte / und durchaus kein übrig bleibender Bote
und Ankündiger ihres Schiffbruchs sein wollte. Er gab auch weder seiner Vernunft
Raum noch iemanden Gehöre / biss bei sich legendem Winde und Meere etliche von
Chauzischen / Friesischen und Batavischen Bootsleuten versorgten Schiffe an der
Emsse ankamen / welche zwar fast alle zerbrochene Maste / zerdrümmerte Ruder /
durchlöcherte Dielen / auch weder Kiel noch Segel hatten; also dass die
Schiffenden statt dieser ihre zusammen geflickte Hembder hatten ausspannen / und
die stärckern Schiffe die schadhaften hinter sich an Seilen nachschleppen
müssen. Dieser Anblick richtete den Germanicus ein wenig wieder auf / weil er
sah: dass nicht alles verloren war. Nach dem er auch dem nunmehr stillen Meere
ein wildes Schwein und schwartzes Lamm geopffert hatte / nahm er seine Besatzung
aus Amisia / welche ohne diss verloren gewest wäre /um den Hertzog Ganasch zu
gewinnen: dass er zu schleuniger Ausbesserung der Redelosen Schiffe ihm
Zimmerleute / Holtz / Eisen und Hanff / auch etliche Chauzische von Wieten
zusammen geflochtene und mit Leder überzogene Schiffe hergab / welche in dem
Meere kreutzten / und aus denen Eylanden und Ufern die dem Schiffbruche noch
entkommenen Römer zusammen lesen möchten. Diese traffen an denen felsichten
Eylande Austrania und Actania / auf welchem der so geneñte keusche Lustwald
gelegen war / und von denen ewige Keuschheit gelobenden und ihn bewohnenden
Jungfrauen den Nahmen hatte / wie auch an dem ganzen Cimbrischen Gestade viel
halb und ganz zerbrochene oder beschädigte Schiffe und etliche tausend
gestrandete Römer an; Alleine die Befehlhaber an selbigen Orten des Cimbrischen
Königes Froto weigerten sich weder Schiffe / Gut noch Menschen abfolgen zu
lassen / teils wegen habenden Strandrechtes / welches dem Könige alles durch
Schiffbruch ans Ufer getriebene zueignete / teils weil kein Volck dieses den
Cimbern eigentümlich zustehende Meer zu beschiffen berechtiget wäre; dahero sie
so gar diese dahin geschickten Schiffe aufhalten wollten. Die Römer wendeten
hierwieder ein: dass das angezogene Standrecht ein der Natur und gesunder
Vernunft wiederstrebendes Unrecht / ja unmenschlich wäre / denen in so
kläglichen Zustand verfallenden Menschen noch mehr Leid antun / aus frembdem
Unglücke Wucher suchen / und sie dessen berauben /was ihnen die Grausamkeit des
Meeres und der Winde übrig gelassen hätte. Es wäre biss noch viel ärger / als
wenn man einem abgebrennten sein noch aus der Flamme errettetes Gut zu stehlen
erlaubte. So könten ja auch die Cimbern ihnen die Beschiffung dieses grossen
Welt-Meeres nicht verwehren / weil dieses ja allen Völckern gemein / also keines
Königes Eigentum wäre / und den Cimbern durch der Römer Schiffart der wenigste
Eintrag oder Schaden geschehe. Der in der Römer Segel blasende Wind entgienge
den Cimbrischen nicht. Die von ihren Schiffen im Wasser gemachten Furchen
ergäntzte Augenblicks die Flut / und machte denen folgenden die Fart nicht
schwerer; weniger benehme die schlechte Durchreise dem dritten sein daran
habendes Recht. Uber diss rühmten sich auch die Cimbern der Römer Freunde /nach
dem König Froto mit dem Kayser August sich durch eine Botschaft absonderlich
verbunden hätte. Die Cimbern aber blieben auf ihrer Meinung / und berufften sich
auf den durchdringenden Gebrauch des Strandrechtes; als welches bei allen oder
den meisten See-Völckern üblich wäre / und von iedem / der zu Schiffe gienge /
stillschweigend gebilliget und angenommen würde. Also wäre genung: dass biss in
Norden ein gemeines Gesätze wäre / welches befolget /nicht aber in Streit und
Rechtfertigung gezogen werden könnte. Wüsten doch auch die Römer nicht von allem
Rechenschaft zu geben / was ihre Vorfahren gesätzt hätten. Ja wenn der
eusserliche Schein der Unbilligkeit oder Grausamkeit die Rechte übern Hauffen
werffen sollte / würden viel Römische Gesätze verwerfflich sein. Denn was könnte
grausamer sein / als dass / wenn in einem Hause ein Herr umkommen / alle darinnen
gewesene wiewol ganz unschuldige Knechte sterben müssen? Was ist schrecklicher:
als dass wegen Verräterei des Vaters auch die Kinder hingerichtet /oder doch in
einen solchen Stand versätzt werden /dass das Leben ihnen eine Pein / der Tod ihr
Labsaal sei? und dass in denen Gesätzen der zwölff Taffeln denen Gläubigern
verstattet ist ihren Schuldner in Stücke zu zerhauen / und mit seinem Fleische
sich an statt des mangelnden Geldes bezahlt zu machen? Was wäre unbilliger / als
dass bei den Römern schlechte Verbrechen ohne Handschlag oder feierliche Frage
und Antwort nicht verbindlich / denen handelnden einander unter der Helffte des
wahren Preisses zu betrügen zulässlich / die Meineide unsträflich wären? Was könnte
ärgerlicher sein / als dass die Römischen Gesätze die Hurerei / und aus
Verunehrung des Leibes Wucher zu erheben / sein Eheweib ohne Ursache zu
verstossen verstatteten? Wie könten dann die Römer über die Cimbrischen Gesätze
so scharffe Richter oder Ausleger abgeben? Verhiengen sie doch ihren Kaysern das
Recht nicht nur den Bürgern ihre Gründe ohne Geld / ja ihre noch schwangere
Weiber wegzunehmen. Wie vielen Völckern hätten sie ohne Recht grosse Länder und
nun bei nahe die halbe Welt weggenomen; Was tadelten sie denn der Cimbern
Strand-Recht? welches gegen der eingebildeten Welt-Herrschaft der Römer kaum
einen Sonnen-Staub Unbilligkeit in sich hätte; und mit dem gemeinen Heile /worzu
sie die Einkünfte von Schiffbrüchen verwendeten / ausgegleicht würde? Ubrigens
rühmten sich die Römer zwar der Cimbern Freunde / und Froto hätte ihnen auch
nie nichts in Weg gelegt / ungeachtet die mit dem Kayser August gemachte
Freundschaft durch seinen Tod verloschen wäre. Die Römer aber kämen durch
Bekriegung ihrer alten Bundsgenossen der Cherusker / und durch angemaste
Ausbreitung ihrer Herrschaft biss an die Elbe / welche die Gräntze der Cimbern
bestriche / ihnen zu nahe. Sie hätten den Römern auch nie erlaubet in ihrem
Meere zu schiffen / dessen Eigentum niemand den Cimbern strittig machen könnte /
als der ihnen zugleich Fehde und Krieg ankündigte. Uber das ganze grosse
Welt-Meer könnte zwar kein Volck das Eigentum behaupten / weil dessen Grösse des
Besitztums / welches durch Krieges-Schiffe erhalten werden muss / unfähig / und
solches dem ganzen menschlichen Geschlechte zum besten erschaffen ist; also /
dass ein Volck alleine ihm über und über die Schiffart und das Gewerbe
zuzueignen /allen andern aber zu verwehren weder Ursache noch Kräfften hat.
Dieses würde die Gemeinschaft mit andern Völckern aufheben / einen unsäglichen
Neid und schändlichen Geitz nach sich ziehen; da doch keines allen Vorrat der
reichen und freigebigen Natur verzehren könnte: also der Uberfluss anderer
Notdurfft billich zu gönnen wäre. Stückweise aber hätte sich das grosse
Welt-Meer nach Gelegenheit der Gestade eben so wohl als die zwischen gewissen
Ländern und Meer-Engen gelegene Seen behaupten lassen. Das Wasser hätte ja in
sich keine Unschickligkeit / warum sich nicht der erste der beste dessen / wie
anderer von niemanden vorher besessener Dinge / hätte bemächtigen können. Das
Cimbrische Welt-Meer hätte wie andere zwischen Deutschland denen Britannischen
Eylanden und der zugefrornen Mitternacht nicht weniger als die kleinern seine
Gräntzen / welche König Froto mit seinen Kriegs-Schiffen zeiter auch für allem
Eingriffe / so gut als die Römer ihr Mittel-Meer / beschirmet hätten. Diese
machten einen zum Herrn eines ieglichen Meeres; ungeachtet nicht aller Tropffen
Wassers / welche eben so wohl in Flüssen als im Meere aus der Botmässigkeit der
Landes-Herren sich entferneten / und wäre es zu Erwerbung des Besitz- und
Eigentums auf dem Meere so wenig möglich alle Fluten zu beschlüssen / als zu
Lande alle Erdklösser zu bebrüten. Die nähern Völcker hätten auch die Herrschaft
der Cimbern über dieses Meer dadurch für längst erkennet: dass alle / denen sie
darauf zu schiffen oder zu fischen erlaubet / für denen Cimbrischen Schiffen und
Hafen die Segel hätten fallen lassen. Dieses Recht könten sie ihnen auch durch
niemanden / als den / welcher eine grössere See-Macht auf dieses Meer bringen
würde / abstreiten lassen. Diese Verteidigung war bei denen sonst Gesätze zu
geben nicht zu nehmen gewohnten Römern nicht ohne Nachdruck; weil sie nämlich
das Gewichte der Waffen zur Beilage hatte. Daher zohen sie viel lindere Seiten
auf / erboten sich zu Lösung der gestrandeten Römer und Schiffe. Weil nun
Hertzog Ganasches und der Bataver Abgeordnete sich zu gleiche des Werckes
anmaassten /kam endlich vom Könige Froto / welcher sich damahls an dem
Eyder-Strome aufhielt / Befehl: dass alle Römische Schiffe und Kriegsleute ohne
einiges Löse-Geld freigelassen / ihnen aber angedeutet werden sollte: dass dafern
ein Römisches Segel sich mehr in diesem Nord-Meere / oder einig Adler über der
Weser würde blicken lassen / er es für nichts anders als eine offentliche
Feindschaft annehmen und mit den Waffen rächen würde. Sintemahl die Deutschen
keine so gefährliche Nachtbarschaft vertragen könten / sondern wo ihnen ein
Nachtbar verdächtig wäre / um sich der Beisorge unversehenen Uberfalls zu
entschütten /zwischen selbtem gewisse Einöden zu unterhalten gewohnet wären. Die
Römer mussten diese mit trockener Warheit ziemlich gesaltzene / gleichwol aber
mit einem guten Vorschube verzuckerte Genade zu Danck annehmen. Es heuchelte
aber nicht nur allhier / sondern auch anderwerts das Glücke bei diesem
Schiffbruche den Römern. Denn die Britannischen Fürsten /welche des Kaysers
Julius Waffen schon empfunden hatten / und von denen Römern in Gallien nicht
über zwei und zwantzig tausend Schritte entfernet waren /furchten sich die Römer
zu erzürnen / gaben also die an ihren Gestaden verunglückten Schiffe und
Menschen eigenbeweglich zurücke / und die denen Römern zugegebenen Schiffleute
brachten sie an das Batavische Ufer glücklich über. Denn diese hatten zu grosser
Verwunderung der Römer gewisse Werckzeuge bei sich / auf welchen mit Ziffern
ausgezeichnet war / wie viel Staffeln die Sonne in einer Stunde lieffe / woraus
zugleich genau ausgerechnet werden konnte /wie weit das abfahrende Schiff gegen
Morgen oder Abend fortgesegelt wäre. Bojocal aber schickte seine Angrivarier
längst der Küste von dem Flevischen See biss an die Elbe aus / liess die
angetriebenen Römer lösen / und brachte sie an Einfluss des Rheines / dahin
Germanicus endlich mit einem Teile seiner zerscheiterten Schiffe ankam / und in
allem etwan die Helffte seiner Flotte und Kriegsleute zusammen lass. Seine erste
Verrichtung war: dass er nach dem Beispiele des grossen Alexanders dem grossen
Meere opferte / und zwar selbtem hundert schwartze Ochsen schlachtete /das in
güldene Schalen aufgefangene Blut aber in die noch ans Ufer spielende Wellen
ausgoss. Die auf denen verschlagenen Schiffen zurück kommenden Römer wussten nicht
genung zu erzählen / bei was für grausamen Strudeln / für ungeheuren Gebürgen
und Feuer ausspeienden Bergen und Klippen / auf denen man allezeit viel durch
die Wellen hinaus gespielte Heringe aufzulesen hätte / sie wären vorbei
getrieben worden. Einer hatte von flügenden und gehörneten Fischen / der andere
von Sirenen / und Vögeln mit menschlichen Antlitzen / von grausamen Wallfischen
und andern seltzamen Meerwundern / der dritte von ungeheuren Gestalten der
Menschen / der vierdte von ganz unbekandten Sternen zu sagen / welche sie
entweder gesehen; oder die Furcht / welcher Pinsel aus nichts viel und aus
Einbildung / Schatten und Träumen viel Wesens zu machen weiss / ihnen fürgebildet
hatte. Jedoch brachten sie ein und anders zurücke /wormit sie beglaubigten: dass
nicht alle ihre Erzehlungen Träume wären; darunter waren gewisse / alles was man
ihnen nur vorsagte / nachredende Raben /und die wegen der zur Zeit ihrer Brütung
sich ereignenden Meer-Stille berühmten Eyss-Vögel mit so schwachen Füssen: dass
sie nicht stehen konten / und mit kleinen zum Fluge ungeschickten Federn / die
iedoch zu beqvemer Beherbergung eines Eyes von der Natur in die Rundte
durchlöchert waren. Die an Calidonien verschlagen worden waren / rühmeten ein
daselbst von den Einwohnern bekommenes Kraut /durch welches sie auf der
Rückreise zur See sich nicht nur des Hungers / sondern auch des Durstes erwehret
hatten. Etliche waren gar biss an das eisichte Eyland Tule verschlagen worden;
welche desselben gesunde Lufft / und die vielen warmen Brunnen / darinnen die
Einwohner ihre Speisen und zwar das Rindfleisch in einer halben Stunde abkochten
/ zu rühmen und zu erzählen wussten; wie das Wasser am Rande selbiger Brunnen
sich versteinerte; wie oft daselbst zwei Sonnen mit drei Regenbogen gesehen /
die Fische lange Zeit im Schnee gut erhalten würden / wie viel Berge daselbst
vielmehr Feuer als Etna und Vesuvius auswürffen / und das in selbigem Meere von
Rudern zerteilte Wasser des Nachtes wie das aus Back-Ofen fahrende Feuer
leuchtete. Keiner aber war / der nicht so wohl die Schiffart als ihren ersten
Erfinder mit dem weisen Bias verfluchte / und das Meer ärger als die Egyptier /
welche es für den Schaum des schädlichen Typhons hielten / verfluchten; den
Germanicus aber mit aufgehobenen Händen baten: dass er sie nur nicht der
unbescheidenen Willkühr der rasenden Wellen mehr unterwerffen möchte. Zu Lande
wollten sie ihm wieder die Sarmater / Scyten und biss ins Bette der aufgehenden
Sonne / wohin gleich Alexandern seine Macedonier nicht hätten folgen wollen /
die Waffen nachtragen. Das Verhängnüs hätte einem Volcke zu Lande / dem andern
zu Wasser die Bahne der Tugend und des Glückes ausgesteckt; also müste ein iedes
sich der seinigen / wie ein ieder Irrstern seines Kreisses / und iedes Tier sich
seines Elementes halten. Er möchte daher die vom Verhängnisse zweiffelsfrei nicht
umsonst auf sieben Berge gesätzten Römer nicht in die Tieffen der Meere
verstecken / und so wohl ihr Glücke als Tugend der veränderlichen Flut
unterwerffen / sondern denen wässrichten Völckern die See zu ihrer Rennebahn
überlassen; welche die Eigenschaft an sich haben sollte die sie oft
beschiffenden wilde /betrüglich / und gleichsam zu Unmenschen zu machen.
Wesswegen auch Plato seine Stadt nicht hätte wollen am Meere haben / und Menander
lieber auf der Erde arm als zu Wasser reich sein wollen.
    Es ist schwer zu glauben / was das sich wie vom Winde zertriebene Wolcken
ausbreitende Geschrei: dass Germanicus mit sechs Legionen und vielen tausend
Hülffs-Völckern durch Schiffbruch untergegangen wäre / in Gallien / Rhetien /
und Italien / ja gar zu Rom für Schrecken erweckte. Das Römische Volck verlohr
hierüber nicht nur das Hertze / sondern den Verstand / und erstarrete / als wenn
ein Perseus ihnen seinen Medusen-Schild gewiesen und sie in Steine verwandelt
hätte / sonderlich / da die Gallier sich hauffenweise über die Alpen / die von
Gebürgen über den Po und Apennin flüchteten / gleich als wenn die Catten und
Cherusker ihnen schon im Nacken sässen. Niemand war hierbei vorsichtiger und
hertzhafter als Agrippine / welche ihren erlangten Nahmen einer Mutter des
Lagers zu behaupten wegen ungewissen Ausschlages im Kriege und des Einfalles der
Catten in Gallien aus Rhetien / Noricum / Helvetien / Hispanien und Gallien über
zwantzig tausend Kriegsleute bei der Stadt der Ubier zusammen gezogen hatte / um
zu verhindern: dass die den Silius verfolgenden Cherusker und Bructerer nicht
auch am Unter-Rheine in Gallien einbrächen. Diese unvermutete Hülffe kam dem
fast verzweiffelnden Germanicus mercklich zu statten / welcher bei Erreichung
der Flevischen See nach Rom in Noricum und Gallien die geschwindesten Postrenner
ausschickte / welche seine und der Legionen Erhaltung erzehlten / den erlittenen
Schaden verkleinerten / und denen Römischen Untertanen durch Ausstreichung
seines wider die Deutschen erlangten Sieges / das besorgliche Schrecken
benähmen. Weil nun die Bataver / wegen Verlust ihres Cariovalda / die Gallier
wegen eingebüsten vielen Adels / und alle andere Völcker / wegen so eilfertiger
Rückkehrung der Römer / wenig von dem gerühmten Siege hielten / sonderlich da
Hertzog Catumer mit seinen Catten noch immer nach Belieben in Gallien hausete /
Trier einnahm / und daselbst das Heiligtum der Römer mit zweien berühmten
Wunderbildern des marmelnen Jupiters und eisernen Mercur zur Rache des
eingeäscherten Mattium und Tanfanischen Tempels zu grossem Leidwesen der Römer
und Gallier zerstörte. Sintemahl Jupiters Bild eine güldene Schale in der Hand
hielt / welche von einem versteckten und durch ein Ertztenes Röhr dahin
geleitetes Feuer erhitzet ward und daher den darein gelegten Weirauch der
Opfernden wolrüchend machte. Der eiserne Mercur aber ward von dem aus
Magnet-Steine bereiteten Gewölbe empor gezogen: dass er zu grossem Erstaunen
derer unwissenden Aberglaubigen in der Lufft schwebte. Die Catten nun aus dem
Hertzen Galliens zu ziehen / und zugleich seinen Sieg zu beglaubigen befahl er
dem Cajus Silius: dass er mit der zurück gekehrten andern und dreizehnden Legion
/ Stertinius mit dreitausend Römischen Reutern / und zwantzig tausend Traciern
/ Mäsiern / Pannoniern / Norichern / Rhetiern / Tribochen / Nemetern / Vangionen
und Galliern bei den Catten einfallen sollte. Germanicus selbst liess die
Uberbleibung der übrigen sechs Legionen nicht ruhen; sondern führete sie mit dem
von Agrippinen gesamleten Fuss-Volcke / ungeachtet sie um wenige Zeit zu
verblasen seuffzeten / aus den Schiffen geraden Weges in das Gebiete der Marsen
/ und gab dem für das Kriegs-Volck redenden Vitellius zum Bescheide: die
ziehende Krafft des Magnets und die Tapferkeit eines Kriegs-Heeres hätten
einerlei Eigenschaft; nehmlich ihre Tugend nähme durch seltenen Gebrauch ab /
durch öfftern aber zu. Also folgten diese Gerippe der Legionen nicht ohne Murren
und Unwillen / weil zumahl verlautete: dass Hertzog Herrmann und Ingviomer an der
Lippe herab kämen / und sie alsobald wieder in ihre grausame Hände zu verfallen
besorgten. Nach dem aber sie Hertzog Malovend versicherte: dass er sie zu einem
vom Varus verlohrnen und in einen Sumpff vergrabenen Römischen Adler führen
wollte / vergassen sie ihrer Müdigkeit und vorstehender Gefahr. Die Ursache aber
dieses eilfertigen Zuges war: dass die Marsen ihren Fürsten Malovend / weil er zu
den Römern sich geschlagen hatte / nicht mehr für ihren Herrn erkennen und
einlassen wollten / sondern ihn und alle / welche bei Fabiranum wider die
Deutschen einen Degen gezuckt hatten / für Verräter des Vaterlandes erklärten.
Weil nun nicht allein der Römer Gewohnheit war alles andere stehen und liegen zu
lassen / und dem sich irgendswo ereignenden Aufstande / als dem gefährlichsten
Feuer zuzulauffen / sondern auch Germanicus für Augen sah: dass wenn er nicht die
Marsen bändigte und Malovenden zu gehorsamen zwinge / die Chauzen den Hertzog
Ganasch / die Sicambrer den Melo / die Friesen und Bataver auch ihre Fürsten
durch solchen Aufstand die Römische Seite zu verlassen zwingen würden.
Ungeachtet nun die Marsen in diesem Kriege vom Vergängnüsse gleichsam für die
andern Deutschen zum Feg-Opfer und das Bad auszugiessen bestimmet waren /und
daher viel empfindliche Uberzüge erlitten; also kaum mehr das Drittel ihrer
Mannschaft übrig hatten; boten sie gleichwol Malovenden und dem Pedo nebst
ihrer vorbrechenden Reuterei die Stirne / hielten sie auch so lange auf / biss
sie von einem Hügel sechs Römische Adler erblickten / welcher grossen Macht zu
erwarten mehr eine Unsinnigkeit als Tugend gewest wäre. Daher gaben ihre Führer
der Ritter Nesselrode und Kwalen den Marsen ein Zeichen sich durch die bewussten
Schlipplöcher in den am Rücken habenden und grösten Teils verhauenen Wald zu
ziehen /in welchen sie zu verfolgen Malovend wegen vieler Sümpffe selbst nicht
für ratsam / vielmehr aber dem heiligen Heine / worinnen der Adler vergraben
lag /ohne Versäumung einiger Stunde zuzueilen für nötig hielt. Weil die
Römische Macht nun so eilfertig vorbei ging / und dem heiligen Heine geraden
Weges zueilete / merckten die von dem vergrabenen Adler Wissenschaft habenden
Obersten der Marsen gleich /wohin Malovends und des Germanicus Anschlag
angesehen wäre. Daher eilete ihre Reuterei durch verborgene Wege des Nachtes
dahin / kam auch den Römern zuvor / die Finsternüs aber und die Beisorge durch
angezündete Lichter sich zu verraten hinderte sie: dass sie den rechten Ort
nicht erkiesen / und den Adler finden konten. Als es aber nur ein wenig zu tagen
anfieng / liessen sich vor und hinterwerts die in den Hein eindringenden Römer
spüren; daher die Marsen gezwungen wurden auf der Seite durch die Lippe zu
schwämen / und sich aus dem Staube zu machen. Malovend zeigte daselbst den Ort
des liegenden Adlers an; worauf die Römischen Priester alleine zu graben
anfiengen / und als sie solchen erblickten / es dem ankommenden Germanicus mit
so grossen Freuden / als weñ sie ein diamanten Bergwerck gefunden hätten /
ankündigten. Dieser eilte mit Cäcinen und andern Kriegshäuptern begierig an den
Ort / und scharrete ihn vollends mit eigenen Händen / weil er selbst auch ein
Priester des Augustus war / aus der Erde. Hierauf händigte er ihn denen ihm
bereit zugeeigneten Priestern ein / welche ihn in einem silbernen Kessel mit
wolriechenden Wassern abzuwaschen / einbalsamten / auf einer vergüldeten Stange
befestigten / mit welcher ihn Germanicus für den Hein trug / und selbten dem
ganzen in Schlacht-Ordnung stehenden Römischen Heere zeigte; welches für diesem
aufgefundenen Schatze oder vielmehr eingebildetem Gotte sich andächtig bückte /
ihm so viel Ehrerbietung und Frolocken bezeugte / als da das Bild der Idischen
Mutter von Pessimunt nach Rom gebracht / und das sie führende an einer Sand-Banck
aber feste gemachte Schiff von der einigen Vestalischen Jungfrau Claudia an
ihrem Gürtel die Tyber hinauf gezogen ward. Die Priester schlossen hierauf den
Adler in ein zierliches Gehäuse ein; und nach dem Germanicus an dem Orte / wo
der Adler gelegen / ein Altar gebauet und geopffert hatte / erteilte er seinem
Kriegs-Volke Befehl sich wieder gegen dem Rheine zu wenden / weil zumahl gewisse
Nachricht einlieff: dass der Feldherr mit zwölff tausend Langobarden verstärckt
worden / und auf der andern Seite der Lippe schon den Römern zuvor kommen wäre /
ihnen also zweiffelsfrei die Fart über den Rhein abzustricken bemühet sein
würde. Im Rückwege musste Malovend mit Augen sehen und stillschweigend leiden:
dass sein Land durch Feuer und Schwerd in Grund verterbet ward /weil die Römer es
so wenig als die Weser zu behaupten getrauten / also ihre Krieg- und
Staats-Klugheit erforderte: dass sie dem Feinde alle Mittel dar zu stehen
benähmen. Germanicus schickte den Cajus Lucilius mit der Zeitung des
wiedereroberten Adlers eilfertig nach Rom / welche Tiberius nicht nur im Rate
als eine grosse Glückseligkeit seiner Herrschaft heraus striech / sondern
solche gar der des Augustus vorzoh / welchem der Parter König die vom Crassus
eingebüsten Adler zurück schickte. Daher er solches auch eben wie August durch
Schlagung neuer Müntze kund machte. Denn auf dieser war Germanicus mit einem
Adler in der Hand und dieser Beischrift gepregt: Nach wieder bekommenen Adlern
und überwundenen Deutschen. Hierdurch ward dem Volcke ein blauer Dunst grosser
Siege für die Augen gemacht / und das ihnen eingejagte Schrecken nebst
bissheriger Andacht gedämpffet. Sintemahl sie /gleich als wenn Brennus oder
Hañibal wieder für dem Trone wäre / in die Tempel lieffen / der Götter Bilder
umarmten / betränten / und sie um Schirm anrufften. Die Freude zu Rom ward
durch diese fernere Nachricht vermehret / dass die Catten aus Gallien beim Altare
des Bacchus wieder zurück über den Rhein gekehret wären. Dieses versicherte den
Römischen Pöfel allererst: dass sie nicht schon die Alpen überstiegen hätten /
und bald über den Po sätzen würden. Wie nun durch Befreiung Galliens Germanicus
seinen Zweck erreichte; also richtete Silius mit seinem Einfalle bei den Catten
das geringste nicht aus. Denn Hertzog Arpus verlegte ihm mit einem ziemlichen
Heere den Weg; und als er vernahm: dass Catumer aus Gallien in Deutschland über
den Rhein sätzte / traute er seiner nicht zu erwarten / sondern brach eilfertig
gegen dem Ubischen Altare auf / und ging daselbst über in Gallien. Der mit
aller Gewalt einbrechende Winter diente dem Germanicus zu einem scheinbaren
Vorwandte: dass er sein abgemergeltes Kriegs-Volck teils in die am Rheine
habende Festungen / teils in die Städte Galliens legen konnte / und dass es ihm
gelückt hatte durch den bei den Marsen und Catten getanen Einfall seinem
gerühmten von den Deutschen aber wiedersprochenen Siege eine Farbe
anzustreichen. Silius / Cäcina und andere Obersten erlangten auch vom Germanicus
die Verstattung nach Rom zu schreiben / ohne welche es sonst ein halsbrüchiges
Laster im Römischen Lager war; also wussten sie die Bestürtzung der Deutschen
meisterlich heraus zu streichen; welche dieses mahl allererst hätten glauben
lernen: dass die Römer weder durch die Natur noch von Feinden überwunden werden
könten / als welche nach eingebüster Schiffs-Flotte / nach verlohrnen Waffen /
und / nach dem ihre Leichen und todten Pferde so viel See-Ufer bedeckt hätten /
gleichsam mit vermehrter Mañschaft / mit vergrösserter Tapfferkeit die Marsen
und Catten überfallen hätten.
    Die mit denen Römern verbundenen deutschen Fürsten wurden in der Nähe dieses
Bländwercks der Römischen Schwäche / und wie wenig sie bei diesem Kriege Seide
gesponnen hatten / allzusehr inne. Sie lernten nun allererst / wie gefährlich es
wäre sich von dem Leibe eines Reiches trennen / und in frembde Bündnisse
vertieffen / und entweder aus Rache oder Absehen zweifelhaften Eigennutzes
sich von Beschirmung gemeiner Freiheit und Wolfart ableiten lassen. Wie sehr
sie sich auf die Treue der Römer /welche ihre Bündnisse heilig zu unterhalten den
Ruhm hatten / verliessen; so schwebte doch ihnen das traurige Beispiel der unter
dieser süssen Einbildung vergangenen Stadt Sagunt für Augen. Die Römer hatten
ausser Aliso und der Taunischen Festung / welche aber nunmehr auch von
Bructerern und Catten beschlossen wurden / alles in Deutschland disseit des
Rheines im Stiche gelassen. Der Feldherr hatte durch die auf seine Seite
gebrachten Langobarden sich ansehnlich verstärckt / Ingviomer und Arpus auch
eine ansehnliche Macht auf den Beinen; hingegen Melo /Ganasch / und Malorich
durch die Römischen Durchzüge das Marck ihrer Länder / durch die Schlachten den
Kern ihres Volckes / und durch das Römische Bündnüs die Liebe ihrer in Gefahr
der Freiheit geratener Untertanen eingebüsst. Hertzog Herrmann wusste sich
unter der Hand auch gewisser Werckzeuge zu bedienen / welche einem ieden der
abgetretenen Fürsten die Gefahr zu vergrössern / und die Römer bei ihnen
schwartz zu machen wussten; um also die vonsammen zu trennen / welche ihm / wenn
er sie vereinbart hätte angreiffen sollen / noch viel würden zu schaffen gemacht
haben. Diese Schwachheiten veranlasten anfangs den den Römern am weitesten
entlegenen Hertzog Ganasch / und hierauf auch der Sicambrer und Friesen Hertzoge
unter der Hand bei dem Feldherrn Anregung zu tun: dass sie wieder ins deutsche
Bündnis aufgenommen werden möchten. Damit solches so viel geheimer gehandelt und
für denen argwöhnischen Römern verhölet würde / wurden zu Werckzeugen Priester
erkieset. Denn nach dem das Priestertum so wohl bei den Deutschen / als bei den
Römern und Griechen mit weltlicher Würde vereinbarlich war / ja bei denen
Egyptiern und etlichen Völckern von der Fürstlichen Hoheit nicht getrennet
werden konnte; und in Deutschland die Priester nicht nur durchgehends zu
weltlichen Ratschlägen gezogen /sondern auch im Rate von ihnen / wer reden
oder schweigen sollte / angedeutet; ja fast alle Gerichte geheget wurden / war es
so viel weniger ungereimt: dass diese deutsche Fürsten sich ihrer Geistlichen zu
geheimen Gesandten und Friedens-Händlern bedienten; ungeachtet bei andern
Völckern / wo die Priester in Einsamkeit eingesperret sind / also von weltlichen
Geschäften keine Wissenschaft habe / oder sie einem andern Haupte / als der
über sie absendende Fürst ist / nur zu gehorsamen und Rechenschaft zu geben
sich schuldig erachten / derogleichen Gesandtschaften ungeschickt oder
gefährlich zu sein scheinen / wenn zumahl von andern als denen dem Gottesdienst
angehenden Geschäfften gehandelt werden soll. Diese Priester waren auch von
edler Ankunft und grosser Erfahrung / hatten auch nicht weniger ihre Jugend zu
Beschirmung des Vaterlandes / als ihr Alter zur Andacht und heilsamen
Einratungen angewehret. Diese wussten die Fehler ihrer Fürsten mit derselben
gutem Absehen so meisterlich zu verhüllen / oder wenigstens mit den verwickelten
Zufällen der Zeit zu entschuldigen: dass fast iedermann ihnen beipflichten musste;
es läge bei so seltzam eingeflochtenen Verwirrungen /da eines Menschen
Gemütsregung viel andere wie anfällige Kranckheiten unvermerckt ansteckten /
mehr am Glücke als an Klugheit oder wolmeinendem Gemüte / ins rechte Fach zu
greiffen. Der Ausschlag öffnete insgemein einem allererst recht die Augen; ja
die ganze Klugheit der Höfe wäre der Kunst der Wund-Aertzte zu vergleichen /
welche nicht so wohl durch eigenes Nachdencken / als aus frembden Geschwüren
begrieffen würde. Wo sie auch keinen andern Vorwand wussten / nahmen sie die
Schuld von den Häuptern ihrer Fürsten und legten sie auf die Schultern ihrer
Staats-Diener: derer Bosheit nicht weniger ein unvermeidliches Fallbret der
klügsten Herrscher / als ein verborgener Holtz-Wurm der Reiche wäre. Hätten
diese Winde nicht gewehet / würde Deutschland mit einem solchen Ungewitter nicht
überfallen worden sein. Fürnehmlich wussten sie ihre Ungedult auf Cariovalden
auszuschütten / und Adgandestern zum Uhrheber alles Unheils und zum Werckzeuge
aller Laster zu machen. Ein tieffsinniger Verstand / sein reiffes Urtel / seine
kluge Hertzhaftigkeit / seine bedachtsame Verwegenheit / welche selten
versamlet bei einem Staat-Diener zu finden /hätte er alle zu seinem Dienste
gehabt / seinen Betrug und Verräterei damit auszurüsten / und seinem Giffte
Anmut und Farbe zu geben. Der Feldherr sollte sich nicht wundern: dass er diese
drei Fürsten auf solche Irrwege gebracht / nach dem er den Fürsten Flavius wider
seinen eigenen Bruder die Waffen zu ergreiffen hätte verführen können.
Sonderlich wäre Adgandester ein Meister gewest die zu erforschen und zu gewinnen
/ welchen ein oder ander Fürst das meiste zutraute / und ihrem Ratgeben folgte.
Nach dem er auch dieser Neigungen ergründet / hätte er die Geitzigen mit
Geschencken / die Ehrsüchtigen mit hohen Vertröstungen / die Furchtsamen mit
Dreuungen angegrieffen; und wo er gegen den Feldherrn nur das wenigste
Unvergnügen verspüret / den schlechtesten Funcken zu einem grossen Feuer
aufzublasen / durch Ertichtung; neuer Beleidigungen ins Feuer Oel zu giessen
gewust. Der Hertzog der Friesen hätte das Unglücke gehabt einem furchtsamen
Diener sich zu vertrauen / welchen der Römer Dreuungen bei nahe in ein
Bocks-Horn gejagt hätten. Dieser hätte daher aus Zagheit des Germanicus
Vorschlägen seines Fürsten Ohren / und folgends den Römischen Waffen sein Land
eröffnet. Was hierbei denen Friesen für beschwerliches zugewachsen / hätte er
mit dem Beispiele der Bataver verzuckert / und die besorgliche Dienstbarkeit mit
dem Scheine eines ehrlichen Bündnüsses bekleidet / sich also nur darum: dass die
Friesen eine zeitlang so und so bleiben könten / gar aber nicht um ihrer
Nachkommen Sicherheit bekümmert. Er hätte mit Cariovalden / und Adgandestern /
ehe sein Fürst was davon gewust / lange Verständnüs gehabt / und ihn mit den
Römern vertiefft / ehe er gewahr worden: dass er mit selbten im Handel stünde.
Derogestalt wäre der gute Malorich wo nicht von seinem furchtsamen Diener
verraten / doch verkaufft worden. Wiewol Räte solcher Art sich nicht nur
berechtigt hielten / ihren Fürsten zu seinem besten zu verraten / und für eine
Klugheit unter der Hand Bündnisse zu schlüssen und Frieden zu unterhalten /dass
der Fürst zu jenen nur die Hand einschlagen dörffe / bei diesem aber ruhig
schlaffen / der Jagt- und Lust Spiele abwarten könne. Hertzog Malorich hätte für
sich zwar Hertzens genung gehabt; und des Feldherrn Gesandter hätte seinen
Räten genungsame Gründe / warum sie sich für den Römern so sehr nicht zu
fürchten / aber wohl Ursache ihnen nichts zu trauen / für Augen gestellt. Aber
die furchtsamen Räte hätten ihres Fürsten Hertzhaftigkeit alle Spitzen
verbrochen / seine tapfere Entschlüssungen stumpff gemacht / und den / welchen
sie anzufrischen mehr Ursach gehabt hätten / immer zurück gehalten. Vom
Cheruskischen Gesandten aber hätten sie gleichsam himmlische Offenbahrungen von
des Krieges Ausschlage /und GOtt selbst zum Bürgen begehrt / nach dem alle
menschliche Versicherungen ihnen zu zweifelhaft /und die Kräffte des
vereinbarten Deutschlandes zu wenig waren. Wenn er aber sie durch seine kluge
Hertzhaftigkeit etlicher massen auf einen guten Weg hätte gebracht gehabt /
wären sie doch durch das geringste Geschrei von Näherung der Römer aus dem
rechten Gleisse gebracht worden; und man hätte alle böse und gute Zeitungen aus
ihrem Gesichte lesen können / ihre Augen hätten iederderman ihr Hertzklopffen /
ja ihr blosses Stillschweigen ihre Bekümmernüs verraten. Zu letzt hätten
Malorichs Räte sich einen unvermuteten Donnerschlag / welchen Hertzog
Ganasches Gesandter am Friesischen Hofe erreget / betauben lassen: dass sie ihren
Fürsten ins Römische Bündnis mehr mit Gewalt gerissen als verleitet. Dem Hertzog
Melo hätte Adgandester durch seinen Staats-Diener / welcher über dem Rheine in
Gallien Land-Güter besass / und durch der Römer Waffen derselben verlustig zu
werden dreute / fürgebildet: dass Hertzog Herrmann alle deutsche Fürsten ihm
dienstbar zu machen anzielte. Sein Absehn erhellete daraus: dass er ihnen gewisse
Friedens-Bedingungen / welche er zu seinem Vorteil und nach eigenem Gutdüncken
mit den Römern abgehandelt hätte / aufdringen / des Melo ihn in die Augen
stechende Macht zu beschneiden ihn zu Abtretung ansehlicher Städte und Länder
nötigen / an dem Altare des Bacchus aber einen Zaum des Rheinstroms und eine
Brücke mit den Römern sich zu vereinbaren / und Deutschland mit ihnen zu teilen
in Händen behalten wollte. Bei solcher Beschaffenheit / und da einem auf zweien
Seiten Gefahr zuhienge / wäre kein ander Rat / als sich der einen Seite zu
versichern; worzu denn sich auf der Römer / welche dem Melo selbst die Hand
reichten / die beqvämste Gelegenheit ereignete. Zu allem Unglücke hätte sichs
getroffen: dass Hertzog Melo ein wenig einen Hang zum Misstrauen und allzu
scharffsichtige Räte gehabt hätte; welche ihnen in der Ferne oder vielmehr im
Traume ein grosses Reich eingebildet / und ihrem Fürsten für die Augen gemahlet
hätten / welches Hertzog Herrmann zwischen dem Rheine und der Elbe aufzurichten
im Schilde führte. Dieser hätte nichts Helden-mässiges an sich / nichts
ruhmwürdiges iemahls getan / nichts kluges zeiter geraten / was sie nicht zum
Grunde dieser geträumten Herrschaft gelegt hätten. Der Feldherr verstünde aber
selbst wohl / wie leicht ein Fürst durch solche Leute zuverführen wäre / welcher
zugleich Geist und Vorsicht haben wollte. Denn sie liessen wie die Wasserbrenner
Wein / Ertzt und Kräuter alle Ratschläge durch die Kolbe und das Feuer gehen /
und wendeten alle Spitzfinnigkeit dahin an / wie sie den Schatten eines Dinges
bei ihrem Fürsten für ihr Wesen angewehren könten. Sie machten aus allen Toren
verschmitzte Brutus / sie warnigten ihren Fürsten für den einfältigsten Leuten:
dass er sich für ihren versteckten Tugenden so sehr / als für verborgenen Dolchen
fürzusehen hätte. Alle gemeine Leute / welche kaum ein Drittel eines
vernünftigen Tieres an sich hätten /schienen ihnen Weltweise zu sein. Niemand
hätte in ihren Augen einige Schwachheit an sich / noch könnte irren / nur dass sie
mit ihren hohen Gedancken sich nicht erniedrigten. Sie schmückten den Schein mit
allerhand Farben aus / und verwürffen die handgreifliche Wahrheit / als einen
allzugroben Zeug für ihren tieffsinnigen Geist; und weil solche von ihr selbst
nicht aber aus ihrer Erfindung den Uhrsprung hat /nur dass sie bei ihrem Fürsten
für scharffsichtige Leute / sollte es auch gleich mit seinem Schaden geschehen /
angesehen würden. Nach dem Adgandester ihnen nun einmal einen Floh ins Ohr und
das Misstrauen ins Hertz gesätzt hätte; wäre vom Hertzog Herrmann keine so
schlechte Zeitung eingelauffen /daraus sie nicht Anschläge / wie Ixion aus einer
Wolcke Buhlschaften gemacht / und aus ungefährlichen Worten Nachdenckligkeiten
zu ziehen gewust hätten. Alles verlautete Vorhaben wären ihnen Geheimnisse
gewest; ja sie hätten Ausleger über seine Gedancken abgegeben; gleich als wenn
kluge Fürsten nicht auch Menschen wären / und sie keinen Schritt / als nach der
Schnure und nach der Magnet-Nadel täten; sondern von ihnen so wenig als von
GOtt selbst / welcher von keinem Baume das kleinste Blatte ohne besonderes
Absehen fallen liesse / etwas ungefähr und ohne Bedacht geschähe. Nach dem sich
auch gleich zwischen den Cheruskern und Chauzen Misshelligkeiten ereignet /
hätten sie doch den Melo bereden wollen; sie verstünden sich wohl mit einander /
uñ ihre Feindschaft wäre nur eine abgeredete Anstellung die Sicambrer
einzuschläffen / und zu betrügen. Die Gesandschaft Hertzog Ingviomers und des
Arpus mühte sich zwar ihnen diesen Verdacht gegen den Feldherrn auszureden / und
hielt ihnen ein: dass ihm diss nie in Sinn kommen wäre / was sie in seinem
Vorhaben gefunden zu haben vermeinten; also möchten sie doch mit ihrer
Scharffsichtigkeit nicht so weit über dem Ziele abkommen / und die gemeine
Landstrasse kluger Leute nicht verlassen; in Meinung über ungebähnte Klippen
oder gar durch die Lufft ihm Wege zuzurichten / oder die Wahrheit so entfernet
zu suchen; zumahl ihr Misstrauen so weit von Aehnligkeit der Wahrheit / und
Hertzog Herrmanns Herrschaft über so viel Völcker von der Mögligkeit als der
Rhein von dem Nil entfernet wäre. Alleine dieser Einhalt hätte ihnen nur Bilder
neuer Chimeren gemacht / nehmlich: dass der aus Cheruskischem Geblüte
entsprossene Ingviomer mit seinem Vetter Herrmann unter der Decke läge; und dass
die Cherusker und Catten Deutschland mit einander zu teilen unter sich gekartet
hätten. Der Feldherr aber möchte sich hierüber nicht verwundern /weniger
entrüsten. Denn / weil iederman für gescheut wollte angesehen sein / wäre kein
Volck in der Welt von so schädlichen Klugen befreit. Cartago hätte seinen
Hannibal / dass er nur dem Kriege und seiner Gewalt nicht ein Ende zu machen /
Rom nicht erobern wollen; Rom den Kayser Julius und August beschuldigt: dass sie
nicht aus Geilheit / sondern Geheimnisse zu erforschen mit Römischen Frauen
gebuhlet / dieser den Tiber zum Nachfolger / und eine Warnigung die Gräntzen des
Römischen Reiches zu erweitern zu dem Ende hinterlassen hätte: dass diese so viel
mehr / wenn er todt sein würde / nach ihm seuffzen / und kein grösserer
Herrscher / als er gewest / nach ihm leben sollte. Es wäre aber zu wünschen: dass
Hertzogs Melo Räte wie die Sonne immerfort einerlei Bahn gehalten /nicht aber
wie etliche andere Irrsterne sich zu einer so einfältigen Leichtgläubigkeit
erniedriget hätten. Denn / weil übrige Scharffsichtigkeit in Ratschlägen ins
gemein Ursache ist: dass sie zu Wasser werden; und dass aus tausend aufgeworffenen
Vorschlägen ihr keiner taug / weniger zu Kräfften kommt / würde auf den ersten
Fall auch nichts aus dem Römischen Bündnisse / welches mehr Bedencken hatte / als
tausend hundertäugichte hätten erblicken können / nichts worden sein. So aber
wären sie leider! von der Menge ihrer Scharffsichtigkeiten / wie die Augen von
Vielheit der Sonnenstrahlen / verdüstert worden / dass sie endlich gar nichts
gesehen / und also an dem schädlichsten /was iemahls in Beratschlagung
fürkommen / wären kleben blieben. Diese schlimme Wahl hienge gemeiniglich denen
zu / welche allzu klug sein wollten. Denn nach dem sie ihren Verstand durch
allerhand tieffsinnige Anschläge erschöpfft hätten / fiele ihnen zuletzt das
ärgste ein / weil es aber nur etwas wäre /was andern Leuten nicht ihre gesunde
Vernunft oder die Erfahrung an die Hand gäbe / beliebten sie es als das beste.
Also hätte Hertzog Melo durch die scharffsichtige Klugheit seiner Diener / oder
vielmehr durch Leitung des Verhängnisses verfehlet / welches dem / den es zu
drücken vorhätte / die Augen und den Verstand verbländete. Mit was für Arglist
und Verräterei aber Adgandester und Cariovalda die Verträuligkeit zwischen dem
Fürsten Ganasch mit dem Hertzoge der Catten und Cherusker zerrissen hätte / wäre
dem Feldherrn ohne diss allzuwohl bewust; und nötiger in Staub ewiger
Vergessenheit zu verscharren / als durch Erzehlung Deutschlandes Schande zu
verneuern. Mit einem Worte: Adgandester wäre der Bruñ aller Fehler und Unglücks;
und weil in der Welt kein nützlicher und schädlicher Ding als ein Fürst wäre
/dieser Verräter seines Vaterlandes aber drei so gute Fürsten verführet hätte /
sollte ganz Deutschland über ihn Fluch und Rache auslassen. Denn / wenn schon
von ihm alle Brunnen und Flüsse wären vergifftet worden / hätte er doch
Deutschlande so viel nicht Schaden getan / weil es gesundes Wasser anderwerts
herzuholen / und von dem regnenden Himmel zu erwarten gehabt. Aber wider die
Vergehungen eines verführten Fürsten hat ein Volck kein Mittel; weil es ihm /
wenn er schon zum Wütterich wird / und die gemeine Wolfart zu Bodem tritt /
nicht nur aus Furcht /sondern auch Gewissens halber zu gehorsamen schuldig ist.
Nach dem diese bescheidenen Priester nun die Vergehungen ihrer Fürsten auffs
beste verblümet hatten / wussten sie mit vielen Umständen zu bescheinigen: dass /
nach dem sie kaum mit den Römern sich verbunden gehabt / sie ihren Irrtum
erkennet / und ihre Füsse aus den Römischen Schlingen zu ziehen sich bearbeitet
hätten. Die ihnen über dem Halse liegende Macht hätte sie zwar genötigt einige
Hülffs-Völcker den Römern zu überlassen; der kluge Feldherr aber würde selbst
wohl gemerckt haben: dass sie hierzu gleichsam mit den Haaren wären gezogen
worden; und wie sie durch ihr kaltsinniges Gefechte den Römern mehr geschadet
als Vorteil geschafft hätten. So laue Veruneinigungen verdienten nun nicht den
Nahmen einer Feindschaft / sondern gereichten wie die Knoten der Beinbrüche
vielmehr zur Verstärckung neuer Freundschaften. Gemeiner Leute einmal
zerbrochene Freundschaft liesse sich zwar selten / aber der Fürsten leicht
wieder ergäntzen; und sie wäre zwischen denen am beständigsten / welche durch
die Waffen einmal recht ihre Kräfften gegen einander geeichtet hätten. Dieses
erhärtete nunmehr das rühmliche Beispiel der Cherusker und Catten / welche aus
ewigen Feinden nunmehr zu so vertrauten Bundgenossen worden wären. Dieses
verlangten nunmehr auch die Chauzen / Friesen / Sicambrer / Tencterer und
Juhonen; welche als Glieder Deutschlandes ohne Verstimmelung dieses edlen
Vaterlandes vom allgemeinen Leibe ohne Grausamkeit nicht abgeschnitten werden
könten. Hierbei rührten die Priester dem Feldherrn auch zuweilen das Gewissen;
und hielten ihm ein: dass GOtt kein angenehmer Opffer / als wenn man das Unrecht
seines Beleidigers in dem alles verzehrenden Feuer der Vergessenheit verbrennte
/ und die Asche mit dem Oele des Friedens einbalsamte. Kein Unversöhnlicher aber
kriegte bei GOtt Gehöre /sondern die unersättliche Rache wäre der Zunder und
Magnet seines alles einäschernden Zornes. Ob nun zwar die Gesandten Priester
waren; und daher die Vermutung ehrlicher und aufrichtiger Leute von sich hatten
/ verstand Hertzog Herrmann doch allzuwol: dass heute zu Tage auch die / welche
Heiligen sein wollten / zuweilen eine Larve fürnähmen / und keine mehr scheinbar
in der Welt wäre / als welche mit dem Scheine der Gottesfurcht überfirnset
würde. Diesemnach fühlte er allen an den Pulss ihres Gemütes / welche Kunst so
viel schwerer ist / weil dessen Regungen sich leichter / als die Schwachheiten
des Leibes verbergen lassen. Alleine die Aufrichtigkeit hat den Vorteil sich
leicht zu entdecken / und sich beglaubt zu machen; dahingegen die Kunst der
Betrügerei sich mit ihrer eigenen Schwermütigkeit verrätet: dass sie mit was
anderm hinter dem Berge halte / als sie einen mit ihrer gezwungenen
Offenhertzigkeit bereden will. Als nun Hertzog Herrmann sich vergewissert hatte:
dass sie Leute von aller deutscher Treue und Glauben wären / hielt er bald einem
bald dem andern dieser Gesandten diss und jenes ein; und wusste er nicht nur ihrer
Fürsten ihm und dem Vaterlande angetanes Unrecht ihnen beweglich fürzuhalten /
sondern auch alle Entschuldigungen durch Erzehlung vieler verschwiegener
Umstände zu zernichten. Sintemahl er von allem mehr Geheimnisse erfahren hätte /
als sie oder ihre Fürsten ihnen einbildeten. Er liess sie aber eine ziemliche
Zeit schwitzen / und machte bald diesem bald jenem weiss: dass er mit seiner
ganzen Heeresmacht einbrechen / und wieder die Feinde des Vaterlandes / welche
der Cherusker und Bructerer Landschaften schon wie jene unzeitige Jäger die
Haut des noch nicht gefangenen Bäres unter sich geteilt hätten / Rache ausüben
wollte. Durch derogleichen kluge Verstellungen / welches die rechten
Schöpff-Eymer frembder Gedancken sind / nahm er die Meinungen dieser Gesandten
so wohl aus: dass ihm / welcher diese Kunst aller Künste gar zu wohl verstand /
und denen Verschlossensten wie ein Luchs in das innerste ihres Hertzens zu sehen
wusste / nichts verborgen blieb. Sintemahl es nichts ungemeines ist: dass
Gesandten Freundschaft und Friede im Munde / Hass aber im Hertzen / und zum
Kriege gefiederte Pfeile im Köcher haben / oder ihrem Vorgeben nach auf etwas
zielen /wider ihre Versicherung und unser Vermuten aber auf ganz was anders
lossdrücken. Nach dem er nun /dass es ihren Fürsten ein rechter Ernst wäre / von
Römern abzusätzen / ergründet hatte; allzuwol aber verstand: dass es die gröste
Klugheit und das notwendigste Genesungs-Mittel wäre die verrenckten Glieder in
ihre Pfanne zu bringen / und mit dem Leibe zu vereinbaren / erklärte er sich
endlich mit ihnen Friede und Bündnüs zu schlüssen; wenn ihm ihrer Treue halber
solche Versicherung gestellt würde: dass er sich darauf verlassen könnte / und
Deutschland nichts mehr zu fürchten hätte. Sintemahl ein öffentlicher Krieg
nicht so schädlich / als ein betrüglicher Friede wäre. Die Gesandten erboten
sich im Nahmen ihrer Fürsten: dass sie nicht alleine den neuen Bund durch
kräfftigste Eyde bestärcken / ihre Aufrichtigkeit durch unverzügliche
Ergreiffung der Waffen wider die Römer bewehren / sondern auch ihre Treue durch
Auslieferung vornehmer Geissel verpfänden wollten: Der Feldherr war hiermit
vergnügt / unterschrieb und besiegelte auch noch selbigen Abend den neuen
Vergleich; erwies also hiermit und in andern Anstalten: dass er nicht mehr
Tapferkeit als Verstand hätte / alles / ausser der Unmögligkeit / auszuführen /
und ganz Deutschlande vorzustehen. Er wusste an gehörigen Orten die lindesten
Pflaster aufzulegen / wo Seege und Messer sich nicht angewehren liessen / und
brachte mit guten Worten viel zu wege / wo Zwang und Gewalt übel ankommen wäre.
Kein glücklicher Anfang schläffte ihn ein; keine Länge der Zeit / keine Grösse
der Arbeit /keine vermessene Einbildung / keine von seltzamen Zufällen ihm in
Weg geworffene Schwerigkeiten /noch auch die von seinen eigenen Bundsgenossen
herrührende Hindernüsse hielten ihn von gäntzlicher Ausmachung seiner wichtigen
Anschläge zurücke; ja weder Sterne noch Ungewitter waren fähig ihm sein Ziel zu
verrücken. Wo aber weder Tugend noch Klugheit durchdringen konnte / trat seine
Frömmigkeit in die Lücke / und zohe seinen Ratschlägen des Himmels Segen zu;
ohne welche alle menschliche Bemühungen ohnmächtig / alle verschmitzte Anstalten
zu Wasser werden.
    Ob er sich nun zwar über dieser allgemeinen Woltätigkeit so sehr als seine
Untertanen erfreute; welche von ihm wie von einem unter der Erde verborgenen
Kwelle noch alle Tage neuen Nutzen hofften /vergnügte ihn doch nichts mehr / als
die mit diesen dreien mächtigen Fürsten geschlossene Vereinbarung. Denn er wusste
wohl: dass Friede allemahl mit einem Krantze des Uberflusses und mit vollen
Händen auf die Welt käme / dass Deutschland sich durch seine Eintracht aus
Finsternüs und Verwirrung auswickeln würde / und er daher durch solche
Vereinbarung zu dessen Wolstande einen festen Grund gelegt / und für das gemeine
Heil wohl gewirtschaftet haben würde. Diesemnach schickte er noch selbige Nacht
den Grafen von Nassau an Hertzog Ingviomer / den Grafen von Waldeck an Hertzog
Arpus / und den Grafen von Kwerfurt an Hertzog Jubil mit so vielen Uhrkunden
des gemachten Vertrages ab / und ersuchte sie solchen ebenfalls genehm zu haben
/ und durch ihre Handschrifften zu bekräfftigen. Alleine es war gleichsam
Deutschland dazu versehen: dass es durch Frieden-Schlüsse sollte getrennet und
zerrüttet werden. Denn ob zwar der Catten und Hermundurer Hertzog solchen
Vergleich mit beiden Händen annahmen / ihn unterzeichneten / dem Feldherrn für
eine so heilsame Verrichtung danckten / ward er doch vom Hertzog Ingviomer gar
viel anders aufgenommen. Denn / weil seine Hoffnung nach der Römer
Zurückweichung ihm das gröste Teil der Friesischen und Sicambrischen Länder
schon zugeteilet hatte / welche er durch diesen Frieden in Brunn fallen sah /
eiverte er sich so sehr: dass er Nassauen ins Gesichte sagte: Es wunderte ihn
/wie Hertzog Herrmann ein so wichtiges Werck / welches aller Bundgenossen
Einwilligung erforderte /daran ganz Deutschlandes Heil und Unheil hienge /auf
seine einige Schulter zu nehmen sich unterwunden hätte. Es lieffe dieses wider
die alte Verfassung / geriechte zum Abbruche der gemeinen Freiheit; und es würde
ihn weder iemandens Ansehen / am wenigsten aber dieser Vergleich hindern sich an
den Friesen und Sicambern seines erlittenen Schadens zu erholen. Nassau hatte
sich ehe des Himmels-Falls als eines so schlechten Empfangs versehen / wusste
sich also aus dem Steigereiffen keines andern als dieser Antwort zu
entschlüssen: dass er Ingviomers Erklärung dem Feldherrn berichten wollte. Er
fertigte also einen Edelmann noch selbigen Abend nach Deutschburg ab / welchen
aber der Feldherr so lange zurücke hielt / biss er vorher von des Cattischen und
Hermundurischen Hertzogs Erklärung Gewissheit erhielt. Ob diese nun zwar nach
Wunsch einlief / ward er doch hierdurch zu keinem Hochmute verleitet; sondern
ie höher ihn das Glücke erhob / ie mehr erniedrigte er sich der gemeinen
Wolfart zu Liebe. Je mehr ihm alles nach Wunsche lieff / ie mehr hemmete er
seine Gemütsregungen dem Vaterlande zum besten. Diesemnach schrieb er an
Nassau: er wäre schon gewohnet darüber dem gemeinen Wesen zum besten keine
Empfindligkeit zu schöpffen: dass seine am besten gemeinte Sachen übel ausgelegt
oder gar als böse gescholten würden. Kein Hercules würde vergöttert; er müste
zuvor eine vielköpffichte Schlange nehmlich die Verleumbdung überwinden /
welches die schwereste aller Helden-Taten wäre. Dieses aber könnte nur durch
ihre Verachtung und beständige Einhaltung der Tugend-Bahne geschehen. Daher
hätte Hercules alle übele Nachrede so geringschätzig geachtet: dass er auch bei
seinem Opffer durch Schandflecke sich hätte verehret wissen wollen. Nassau
möchte daher nur Ingviomers erste Hitze verrauchen lassen / und ihm so wohl seine
gute Meinung als das allgemeine Heil für Augen stellen; welches anders nicht als
durch sämtliche Eintracht der deutschen Fürsten zu erhalten / hingegen für
unzweiffelbare Gewissheit zu achten wäre: dass / so lange in Deutschland ein
Funcken ihrer Uneinigkeit übrig sein / auch die Römer an ihnen ihr Heil zu
versuchen nicht unterlassen würden. Der Graf von Nassau verfügte sich hiermit
auffs neue zu Ingviomern /und trug selbtem für: dass dem Feldherrn mit der
Sicamber / Friesen und Chauzen Hertzoge einen Vergleich einzugehen nicht weniger
/ als iedem andern deutschen Fürsten freigestanden; ihn auch hieran weder einige
Reichsverfassung / noch eine besondere Bedingung ihres Bündnüsses gehindert
hätte. Meinte nun aber ein oder ander deutscher Fürst sich mit diesen nicht zu
vereinbaren / noch sein wolgemeintes Abkommen anzunehmen / stünde einem ieden
Krafft habender Gewalt Krieg / Friede / und Bündnisse zu schlüssen / frei / sich
anderer Mittel zu bedienen. Alleine wie Melo / Ganasch und Malorich wegen ihres
schlechten Zustandes mit dem Verhängnisse nicht zu rechten hätten; also sollte
kein ander sich darauf verlassen: dass er mit der seltzamen Leitung und
Verwechselung des Gelückes seine Fehler werde entschuldigen / und seinen
Untergang von sich ablehnen können. Denn nicht alle Menschen / auch nicht alle
Zeiten vergnügten sich mit einer Erkäntnüs und Bereuung der Vergehungen; sondern
Sieger würffen Untergedrückten ins gemein für: dass sie ihres Glückes eigene
Schmiede wären. Im übrigen wäre der Feldherr Ingviomers Meinung: dass Melo /
Ganasch und Malorich ihr wider das Vaterland begangene Verbrechen mit nichts
erheblichem entschuldigen / weniger rechtfertigen könten; und dass die
Unsträfligkeit ein Anlass zu neuen Sünden wäre. Aber auch bei kundbaren
Verbrechen liesse es sich nicht allemahl tun: dass man solches in der einen Hand
mit dem Schwerdte / in der andern mit Feuer rächte; und dass man durch diss
vernichtete / was jenes nicht zerstören könnte. Die Rache schöpffte zwar aus
ungeheuren Mord-Taten / aus grausamen Einäscherungen Wollust; aber sie hörte
darum nicht auf unmenschlich zu sein / einen Greuel der Welt abzugeben / und den
Fluch der Nachkommen zu verdienen / oder auch die gerechtesten Siege zu
bebrandmahlen. In denen Weltändeln / welche so viel Krümmen hätten / liesse
sich nicht alles nach der Schnure einrichten / und auf einen Punct ausecken.
Müsten doch die Aertzte verzweiffelte Kranckheiten ungerühret lassen / und zu
gewissen Zeiten auch bei andern ihre Hand abziehen. Wie vielmehr hätten sich
Fürsten zu hüten; dass sie durch unzeitige Mittel das gemeine Ubel nicht mehr
anzündeten als dämpften. Wenn ein Glied des Leibes vom Krebse befallen wäre /
liesse es sich wohl / nicht aber / wenn der kalte Brand schon in meisten
Gliedern steckte / schneiden. Hier hätten nicht nur ein / sondern viel
streitbare Fürsten und Völcker sich mit den Römern verflochten. Zwar wäre es
nicht ohne: dass ob wohl die Welt mehr nach anderer Beispiele / als nach der
Vernunft und den Gesätzen sich richtete / und anderer Bosheit so anfällig als
die Pest wäre / dennoch die Vielheit der Verbrecher so wenig eines ieden Laster
verkleinerte /als eines andern Schuld uns von Bezahlung der eigenen befreite.
Alleine wo ganze Völcker sich vergangen hätten / verbiete die Unmögligkeit alle
durchgehends zu straffen; also / dass es oft ratsamer wäre Verbrechen zu
übersehen und ein Auge zuzudrücken /als durch vergebens angemaasste Bestraffung
seine Schwäche zu zeigen / die Verbrecher aber verwegener zu machen / und die
Laster zu starcken. Hier insonderheit wäre es keine so leichte Sache / als es
sich vielleicht ansehn liesse / an Chauzen / Friesen / Sicambern / Tencterern
und Juhonen Rache auszuüben; welche so viel Blut als die Bructerer im Hertzen /
die Waffen in Händen / die Römer am Rücken hätten. Vielmahl hätte die Verzeihung
mehr Nachdruck / als die Straffe / welche durch ihre Schärffe mehrmahls
Hartnäckigkeit verursachte / da die eigene Scham mehr Reue und die
Erkenntligkeit verdienter Züchtigung die schmertzhafteste Fühle erweckte.
Hierzu wären alle drei Hertzoge schon gebracht; sie verdamten ihre eigene
Irrtümer / sie entschlügen sich der allgemeinen Feinde / und erböten sich
gutwillig zu dem / was man ihnen mit Not und Gefahr durch die Waffen abzwingen
könnte. Also sollte man ja diese Gelegenheit nicht aus den Händen lassen. Die
Staats-Händel hätten so wohl als andere Dinge ihre gewisse Zeit / da sie reiff
und vollkommen würden; daher wäre eine der grösten Klugheit selbte zu treffen /
und davon die Früchte der Glückseligkeit / ehe sie überständig würden /
einzuerndten. Alle andere mitverbundene Fürsten rieten und billigten den
Frieden /und entsätzten sich für dem innerlichen Kriege / durch welchen
Deutschland alleine könnte zu Grunde gehen. Also möchte doch Ingviomer alleine
durch seine Schwerigkeit nicht machen: dass die / welche ihnen jetzt freiwillig
die Hände reichten / sich auf die Hinterfüsse sätzten / und zurücke kriechen;
Deutschlands Freiheit aber hierdurch auf die Spitze gesätzt würde. Diese zu
erhalten müste man alles eusserste tun. Eben diss hätte der ganze Rat
Griechenlands gebilliget / da sie mit dem Wütterich Nabis aus Not einen
ehrlichen Frieden gemacht; weil sie ohne solchen Sparta zu erhalten nicht
getrauet. Deutschland hätte an den einigen Römern schon Feindes genung / und dem
Könige Marbod kein Haar zu trauen. Alle Staats-kluge aber hätten iederzeit denen
in zwei Kriege eingeflochtenen geraten den Fuss aus der einen Dohne zu ziehen /
sollte man gleich darüber den Schuch im Stiche lassen. Durch diesen Vergleich
aber erledigte sich Deutschland dreier Feinde; hetzete derer auch eben so viel
den Römern auf den Hals / welches einer der besten Streiche in der Krieges-Kunst
wäre. Ja dieser Fürsten Beispiel würde vermutlich auch dem Flavius und Bojocaln
ein Wegweiser sein sich der Römer zu entschlagen / und es wieder mit dem
Vaterlande zu halten. Wie aber kein Feind zu verachten wäre; also sollte man ihm
auch keinen Freund verschlagen. Denn wie unter jenen keiner so schwach wäre: dass
er nicht schaden könnte; also wären auch diese alle zu etwas zu gebrauchen; ja in
Freunden bestünde unser ander Wesen. Wären Melo / Ganasch /und Malorich ihrer
Liebe nicht wert / so hätte Deutschland doch ihrer Waffen wider die Römer von
nöten. Man müste sich der Schickung des Verhängnisses unterwerffen / wie die
Schiffenden beim Sturme von der Flut sich treiben / und dem Winde seinen Willen
lassen. Cato / wie gut er es mit dem gemeinen Wesen gemeint / hätte doch selbtem
mehr / als viel Feinde nicht / Schaden zugefügt / weil er bei verterbter Zeit
die Seene der Rechte und Tugend allzustrenge anziehen / und allentalben mit dem
Kopffe durchfahren wollen. Ingviomer würde mit gesamter Hand sich auch leichter
seines Schadens in dem fruchtbaren Gallien / als mit zerstreuter Macht an den
bergichten und magern Sicambern / und den sumpfichten Friesen oder Chauzen
erholen. Das ganze Belgische Gallien zwischen dem Rheine und der Seene wäre ein
für allen Zeiten erworbenes Eigentum der Deutschen. Dieses könten sie mit
grösserm Ruhme durch ihre eintrachtige Waffen den Römern wieder abnehmen / als
mit Gefahr ihrer Freiheit einander selbst in die Haare geraten. Der Feldherr
würde Ingviomern hierinnen so viel begieriger an der Hand stehen / so viel er
wegen so nahen Geblütes ihm mehr als keinem andern verbunden wäre. Hätten die
Bructerer bei diesem Kriege viel gelitten / so hätten die Cherusker gewiss darbei
keine Seide gesponnen; gleichwol verlangte Hertzog Herrmann hiervor keine
Erstattung von einigem deutschen Fürsten. Also möchte auch Ingviomer dissmahl
seinen Schaden aus Liebe des Vaterlandes verschmertzen. Denn es wäre doch kein
grösser Gewinn in der Welt zu erjagen / als wenn man seinen Eigennutz dem
gemeinen Wesen zum besten aufopfferte. Ingviomer hörete zwar den Grafen von
Nassau mit mehrer Gedult als anfangs; iedoch liess er sein Unvergnügen noch
immerdar mercken; antwortete ihm also: Es könnte Hertzog Herrmann den ohne seine
Wissenschaft völlig geschlossenen Frieden weder als Feldherr / noch als sein
Freund rechtfertigen. Denn Deutschland hätte niemahls sich einer einhäuptichen
Herrschaft unterworffen; auf diese Würde hätte sich auch kein Fürst / so lange
als die Welt stünde / nicht zu spitzen. Das Recht aber für sich alleine statt
Deutschlandes Krieg und Friede zu schlüssen / wäre das kläreste Merckmaal einer
unverschrenckten Herrschaft. Ehe er diese nun zu seiner unsausleschlichen
Schande iemanden verhängen wollte / wenn es schon sein Sohn oder Bruder wäre /
würde er einen andern Junius Brutus in Deutschland fürstellen; welcher für
Erhaltung der Römischen Freiheit seiner eigenen Söhne Hälse mit dem Beile
durchschnitten hätte. Meinte Hertzog Herrmann auch solchen Schluss durch
vermeintes Recht der Freundschaft zu rechtfertigen /so hätte er selbst
Vernunft genung sich zu bescheiden: dass niemand die Gewalt über seiner Freunde
Glücke nach eigener Willkühr zu schalten an sich ziehen könnte; weniger aber
verlangen sollte / Meister ihres Verstandes und Herren ihres Willens zu sein. Im
übrigen nähme er für bekandt an: dass ihre und des Vaterlandes Feinde was anders
/ als eine so freundliche Aufnehmung verdienet hätten. Dahero bestünde er auf
seiner Meinung / ihre Schwerdter sollten nicht stumpffer sein / als die Schärffe
des Rechtes. Wer seinem Feinde liebkosete / gäbe ihm selbst das Messer in die
Hand / an ihm die Heuchelei mit dem Leben zu straffen. Die Furcht wäre ein
übeler Ratgeber; also sollte man ihr zu gefallen nicht das schlimste / was sie
allemahl vorschlüge / erwählen. Melo / Ganasch und Malorich wären wohl grosse
Fürsten gewest / aber nicht mehr. Die Schwachheiten ihres Gemütes hätten sie
durch ihre kleinmütige Verbindung mit den Römern verraten; ihre Länder wären
durch die Römer ausgesogen / ihre Mannschaft im Kriege umkommen / und ihre
Untertanen hätten alle ihre Gemüter von ihnen entfernet; also dass man sie mit
dem ersten Sturme und ehe die abgematteten Römer sich regen würden / auf einmal
übern Hauffen werffen könnte. Tapfere Fürsten müsten ihnen nichts so schwer /
weniger unmöglich machen; sondern / weil andere ratschlagten / zugleich etwas
grossmütig entschlüssen / wie ein Blitz losbrechen / und nachdrücklich
ausführen. Zaghafte Leute pflegten nur über wichtigen Geschäfften zu käuen;
Helden aber müsten alle Schwerigkeiten verschlingen / und sich ja bei Leibe
hüten: dass sie durch zweiffelhaftes Stocken nicht die Enge ihres Hertzens
verrieten. Er verwürffe zwar nicht die Klugheit; aber eben diese riete dem
nicht das ander mahl trauen / der schon einmal seine Leichtsinnigkeit in der
Tat verraten hätte / und den zu entwaffnen / der schon einmal seine Waffen so
schädlich missgebraucht hätte. Wie es grosser Witz wäre seiner Feinde Pfeile
vorsehen und ihnen ausweichen; also verdiente es den Nahmen einer grossen
Einfalt / sich mit einem Steine zweimal werffen und treffen lassen. Hätten ihre
Feinde diesen Vorteil /welchen sie / in Händen; sie würden ihnen schon im Busem
sitzen / und ihre Länder nach dem fürlängst darüber geworffenen Loosse unter sich
geteilet haben. Was sollten sie denn für Bedencken haben ihrer zu schonen / oder
sie gleichsam nur zu dem Ende lassen zu Kräfften kommen: dass sie ihnen aufs neue
schaden könten. Die Erfahrung würde den Feldherrn mit Schaden lehren: dass / wenn
die Römer sich wieder herfür tun / sie auch wie die im Winter von Frost
erstarrte Schlangen am Frühling wieder zu stechen anfangen würden. Diesemnach
würde ihm niemand für übel auslegen / wenn er sich der Gelegenheit bediente /
und ehe sie sich erholeten und ihre Kräfften mit einander vereinbarten / nach
dem Beispiele des Feldherrn / welcher Segestens ganzes Land / Malovends
gröstes Teil / und alles Erbteil des Flavius besässe / ein und ander Stücke
seiner Feinde / vermöge des von allen Völckern gebillichten Kriegs-Rechtes / an
sich zu ziehen trachtete. Der Graf von Nassau aber liess sich diese Erklärung
noch nicht schrecken / sondern stellte Ingviomern für Augen: dass er nicht mit
einem unter diesen dreien / sondern mit allen dreien auf einmal; ja wenn auch
die Bataver / Gallier und Römer ausser Augen zu setzen wären / mit denen Catten
zu tun bekommen würde; weil Catumer seiner Chauzischen Gemahlin Erbteil nicht
in Stich sätzen /noch Hertzog Arpus den ihm so nahe verwandten Melo der
unversöhnlichen Rache zur Sättigung überlassen würde. Ja alle deutsche Fürsten
würden sich der Sache annehmen / und so hohe Häupter nicht zu Grunde richten
lassen. Sintemahl ein für alle mahl unlaugbar wäre: dass Melo zu erst den Degen
wider den Qvintilius Varus ausgezogen / Hertzog Ganasch aber zu seiner
Niederlage nicht ein weniges beigetragen hätte. Der Fall aber eines grossen
Helden und noch mehr eines Fürsten erweckte auch bei Frembden Mitleiden; ja
bewegte den Feind selbst zum Erbarmnis /also: dass Julius Cäsar sich nicht
entalten können /seines Feindes des Pompejus Haupt mit Tränen zu netzen / und
seinen Tod an allen Mördern aufs schärfste zu rächen. Wie vielmehr Verbitterung
aber würde erwachsen / wenn man von sich eine Begierde blicken liesse so
Erlauchte Häuser gar zu vertilgen / oder ihre uhralte Herrschaften an die
seinen zu hefften / weswegen Neid und Missgunst die ganze Welt wider sie in
Harnisch zu bringen nicht säumen würde. Welche Holtz-Würme des gemeinen Wesens
nicht einnisten zu lassen / der Feldherr Segesten / dem Flavius und Malovend /
wenn sie mit Deutschlande Freund würden / alle Augenblicke alles wieder
einzuräumen erbötig wäre / was die gemeine Wolfart ihn in Verwahrung zu nehmen
genötiget / kein Geitz aber ihm zuzueignen noch nie versucht hätte. Durch so
gute Gründe und annehmliche Bescheidenheit redete er Ingviomern viel
geschöpfften Argwohns aus /besänftigte seine Gemütsregungen / und brachte ihn
auf so guten Weg; zumahl da auf des Feldherrn Gutachten / die abgeschickten
Priester sich auch an Ingviomers Hof einfanden / das Ungeheuer des einheimischen
Krieges zu erstecken / und zwischen denen deutschen Fürsten die alte
Verträuligkeit zu erneuern sich eifrigst bemühten. Es wäre auch dieses heilsame
Werck allem Ansehen nach zu einem gewünschten Schlusse kommen / wenn die
unvermutete Zeitung: dass die Semnoner und Langobarden vom Könige Marbod ab- und
dem Hertzog Herrmann zugefallen wären / den Schluss nicht in Stecken gebracht;
und die hierauf erfolgte Veränderung mit Hülffe der Arglist und Liebe alles so
mühsam unterbaute über einen Hauffen geworffen / und Deutschland allererst recht
durch einen innerlichen Krieg angezündet hätte. Denn ob zwar iederman hätte
urteilen sollen: dass dieses Aufnehmen Hertzog Herrmanns dem Fürsten Ingviomer /
als seinem nechsten Vetter / vielmehr zum Vergnügen hätte gereichen sollen; so
hätte doch die Würckung gewiesen: dass der Neid rechte Wunder-Augen habe; und dass
sie zwar scharffsichtig / niemahls aber ohne trübe Wolcken wären. Wie denn
Ingviomer diese Schwachheit zu verbergen nicht mächtig war / sondern dem Grafen
von Nassau bei Veränderung seiner vorigen Meinung ins Gesichte sagte: Sein
Vetter Herrmann hätte kein Bedencken seine Herrschaft über zwei Völcker
auszubreiten / ihm aber /als dem ältesten Fürsten des Cheruskischen Hauses
/missgönnete er: dass er sich seines Schadens an den offenbaren Feinden
Deutschlandes etlicher massen erholen sollte. Alleine er würde sich daran nichts
hindern /oder ihm seines gleichen Gesätze fürschreiben lassen. Der Graf von
Nassau mühete sich zwar eusserst Ingviomern auf lindere Gedancken zu bringen;
nach dem aber alles fruchtloss abgieng / und er keine Hoffnung mehr hatte ihn zu
besänftigen / ward er Ingviomern zu sagen gezwungen: der Feldherr hätte des
gemeinen besten wegen mit den Chauzen / Sicambern und Friesen sich verglichen /
und ihnen seinen Schirm wider alle Gewalt versprochen; also würde Ingviomer
nicht übel aufnehmen / wenn Hertzog Herrmann sie wider alle gewaltsame Anfälle
mit seinen Waffen verteidigen würde. Diese letztere Erklärung des Grafen von
Nassau / welche zu tun ihm Hertzog Hermann ausdrücklich befohlen hatte /
entrüstete Ingviomern auf eine solche Weise: dass er Augenblicks einen Hengst zur
Stelle bringen / ihn werffen liess / und über denen ausgeschnittenen Geilen nach
dem Beispiele des Tyndareus schwur: er wollte sein Haupt nicht sanfte legen /
biss er diese Veracht- und Dreuung gerochen hätte. Der Graf von Nassau zohe
hierüber die Achseln ein und noch selbigen Tag zurücke. Ingviomer aber ward ie
länger ie mehr gegen seines Vetters wachsendes Glücke / wovon täglich mehr
Nachrichten einlieffen /eiversüchtig und verbittert.
    Die erwähnten Semnoner und Langobarden aber sind die zwei edelsten Völcker
der in dem innersten Deutschlande von den Bojischen Gebürge und dem Uhrsprunge
der Elbe biss an die Weichsel und das Baltische Meer wohnenden Schwaben / welchem
sie auch den Nahmen der Schwäbisschen See gegeben haben. Beide Völcker sind für
andern Deutschen an den Haaren kenntlich / welches sie wie alle Schwaben mit
Knoten zu knüpffen / und so gar biss ins Eissgraue Alter die Zöpffe im Nacken oder
auf dem Wirbel zusammen zu binden pflegen. Ihre Fürsten pflegen ihre Haare wohl
auch zu krausen und wie Hörner in die Höhe zu rollen / iedoch nicht dem
Frauenzimmer zu Liebe / sondern / dass sie im Kriege desto ansehlicher aussehen.
Die Semnoner sind ein grosses Volck. Denn sie bewohnen das ganze Gebiete
zwischen dem Bojischen Gebürge an dem Kweisse / folgends dem Bober biss an die
Oder / wie auch an der Elbe herab /biss wo die Saale hinein fällt. Sie rühmen
sich die ältesten Schwaben zu sein; und dass ein Teil von ihnen unter dem
Hertzoge Brennus Rom eingenommen / den grossen Alexander mit einer Botschaft
verehrt / und mit der hertzhaften Antwort: dass sie nichts als den Himelfall
fürchteten / vom Einfalle in Deutschland zurück gehalten hätten. Wie sie denn
auch die in Gallien wohnenden Semnoner für ihre aus Deutschland gewanderter
Anverwandten Nachkommen halten. Unter denen Semnonern gegen Mitternacht von der
Elbe hinab / biss wo die Havel hinein fällt / biss an die Oder wohnen die
Langobarden / ein zwar nicht so grosses / aber sehr streitbares und keine Gefahr
achtendes Volck; welches zwar rings herum von mächtigen Völckern umgeben ist /
aber keinem andern iemahls gehorsamet / sondern sich mit dem Degen allezeit bei
seiner Freiheit erhalten hat / biss dass das Verhängnüs es nebst andern Völckern
gleichsam durch einen Sturm dem Könige Marbod unterwarff. Jedoch würde dieser
schwerlich beider Völcker Meister worden sein / wenn ihre Fürsten dem
erstgebohrnen Sohne die Herrschaft gelassen / nicht aber durch derselben
schädliche Zerteilung ihre Macht zerstücket und dadurch zu Bürger-Kriegen Anlass
gegeben hätten / wordurch die vielen Fürsten einander selbst aufrieben / die
übrigen aber in wenigen Jahren gleichsam wie Schwämme / die in einer Nacht
wachsen und in einem Tage wieder vermodern / abstarben; so dass es etliche für
eine Zauberei / andere für eine besondere Schickung des dem Könige Marbod
gleichsam zu Gebote stehenden Verhängnisses hielten. Bei den Semnonern entspaan
der innerliche Krieg sich daher: dass der Adel die Herrschaft unter dem Scheine
der Freiheit bei sich behalten / und vermittelst einer Rats-Versamlung unter
sich teilen; das gemeine Volck aber ein Haupt / und / wie sie sagten / lieber
einem als vielen Herren zu Gebote stehen wollten. Diesen Zwist beizulegen kamen
alle Semnoner an der Spreu auf freiem Felde im Vollmonden / und zwar nach der
Deutschen Gewohnheit / alle gewaffnet zusammen; wiewol viel ihrer Freiheit nach
kaum drei Tage darnach sich einstellten. Da sich sonst alles Volck ohne Ordnung
unter einander zu sätzen pflegte / sonderte sich dieses mahl der Adel von den
gemeinen Leuten ab. Haugwitz ein alter und ansehlicher Ritter trug hierauf im
Nahmen des sämtlichen Adels folgenden Vortrag: Nach dem es dem Verhängnisse
gefallen hätte den uhralten Stamm ihrer Fürsten untergehen zu lassen / schiene
es desselben deutlicher Wille zu sein die Semnoner in Genuss ihrer Freiheit zu
sätzen. Weil aber kein Land oder Volck ohne Herrschaft bestehen / weniger
glücklich leben könnte /würde selbten zweiffelsfrei gefallen nicht einen Fürsten
/ sondern die klügsten und tugendhaftesten aus denen gesamten Semnonern zu
erkiesen; also sich nicht der Dienstbarkeit eines Fürsten oder Geschlechtes zu
unterwerffen / sondern vielmehr die besten aus dem Volcke zu Beförderung der
gemeinen Wolfart auszulesen. In der goldenen Zeit wäre iedweder sein eigener
Herr gewest; niemand hätte einem andern Gesätze zu gehorsamen gehabt / als
welches ihm seine eigene Willkühr fürgeschrieben. In der silbernen Zeit wären
Städte und Reiche aufkommen; es hätte aber einer so viel als der ander in
gemeinen Ratschlägen sagen dörffen; und die Weitläufftigkeit der Herrschaften
/ da ganze Völcker unmöglich hätten versamlet werden können / wäre dem gemeinen
Wesen vorzustehen denen / zu welchen man das beste Vertrauen gehabt / übergeben
worden. In der eisernen Zeit aber hätten allererst einzele Menschen die Gewalt
über das ganze Volck nicht aus dessen Liebe / sondern aus Ehrsucht und
Eigennutz an sich gerissen /und die Dienstbarkeit eingeführt. Weil nun nichts
süsser / nichts herrlicher als die Freiheit / und dem ersten Uhrsprunge der
Menschen anständiger wäre / als dass einer Mutter Kinder einerlei Recht und
Gewalt hätten / dass diss / was alle angienge / alle billichten; sollten sie die
Gelegenheit sich in die Freiheit zu versätzen als ein seltzames Geschencke
Gottes nicht durch Unachtsamkeit verlieren; und weil die Menge der Semnoner
freilich nicht lidte: dass alle zugleich herrschten / doch aus den besten einen
gemeinen Rat erkiesen /welcher durch Vernunft und Gerechtigkeit / wovon oft
ungeschickte Fürsten nichts verstünden / eigensinnige nichts hielten / allen
glücklich vorstünde. Hierdurch würden sie sich aus dem eisernen Joche /wo nicht
in eine güldene doch in eine silberne Verfassung / aus der willkührlichen
Herrschaft unter den Schirm der Gesätze versätzen; an welche / wie heilsam sie
gleich wären / auch die besten Fürsten nicht wollten gebunden sein. Weil aber
doch iede Glieder eines gemeinen Reichs-Rates denen Gesätzen und Gerichten eben
wie einer aus dem gemeinen Volcke unterworffen / und fast unmöglich wäre: dass
alle ingesamt wider die gemeine Wolfart einstimmig sein könten / könnte das
Volck unter einem solchen Rate unmöglich in solche Gefahr und Dienstbarkeit
verfallen; als wo die Begierden eines Fürsten seine Richtschnur machten / und
ohne besorgliche Straffe oder Verantwortung Gesätze machten und aufhüben. Die
Semnoner wären kein so ungeschicktes und wildes Volck: dass nur einer oder der
ander / oder gar keiner unter ihnen zu herrschen wüsten; also sie nur den
einigen Geschickten aus sich / oder gar einen Frembden zum Fürsten erkiesen
müsten. Wo nun aber ihrer viel an Adel und Fähigkeit einander gleiche wären /
erforderte die Billichkeit: dass auch alle diese zugleiche herrscheten. Kein
Fürst in der Welt wäre ohne diss so geschickt / oder hätte so viel Kräfften: dass
er alleine ohne anderer Zutat einem ganzen Volcke vorstehen könnte / und der
grösten Kunst aller Künste / nehmlich der Herrschaft / welche so viel Tieffen
zu ergründen /so viel Weiten auszumässen / so viel Geheimnisse zu begreiffen hat
/ gewachsen sein sollte. Da er nun entweder seine Blutsfreunde aus Zuneigung /
oder Frembde aus Not zu Räten und Gehülffen annehmen müste / wäre ja
schicklicher und vergnüglicher: dass das mit mehren Augen sehende Volck / so viel
als die Notdurfft erforderte / zur Herrschaft erkiesete; welche denn mehr
Weissheit / Tugend und Beredsamkeit / als ein Mensch besässe / dem gemeinen Wesen
zum besten beitragen könten. Hingegen fiele ein Fürst einem Lande überaus
kostbar; weil diese zu ihrem prächtigen Unterhalte / zu Spielen und Wollüsten /
zu Verpflegung ihrer Anverwandten / zu Aussätzung ihrer Töchter und Belohnung
der Heuchler oft mehr / als auf Besoldungen nützlicher Diener /Führung nötiger
Kriege / und sonst zum gemeinen besten vom Schweisse der Untertanen anzugewehren
pflegten. Nach dem auch nicht nur das Vermögen /sondern die Ehre und das Leben
der Bürger in der Herrscher Gewalt stünde / ihrer viel aber nicht so leicht die
Unschuld zu unterdrücken übereinstimmen /als ein hitziger Fürst entschlüssen
könnte. Das Heil der Bürger aber wäre das oberste Gesätze / und die Herrscher
wegen des Volckes / nicht aber das Volck wegen der Herrscher. Das gemeine Volck
der Semnoner blieb auf seiner Meinung und dem Verlangen einen Fürsten zu ihrem
Haupte zu haben; sätzte daher dem Adel entgegen: die Erzehlungen von der
güldenen und silbernen Zeit wären mit so viel Getichten umwickelt: dass aus
derselben Finsternüs die Wahrheit schwerer als das Gold aus Ertzt-Schlacken zu
ziehen wäre. Wenn das Altertum ihnen eine Richtschnur abgeben sollte / würde die
einhäuptige Herrschaft ohne allen Zweiffel das Vorrecht haben. Denn die
Hausshaltungen wären sonder Zweifel ältere Gemeinschaften als die Städte; in
jenen aber wäre der Haus-Vater über Weib / Kinder und Gesinde der erste König
gewest / wie in einem Reiche der König nichts anders als des Volckes Vater wäre.
Wenn aber auch anfangs bei Aufrichtung der Städte nicht bald die Fürstliche
Herrschaft gegründet worden wäre / würden nicht etliche / wie der Adel jetzt
verlangte / sondern alle aus dem Volcke solche ausgeübt haben. Alleine die
Griechen / die Römer / und insonderheit die Deutschen zähleten ihren Anfang von
ihren Königen her; ja ganz Asien wüste von keiner vielhäuptigen Herrschaft
etwas; sondern diese wäre ihnen etwas so ungeschicktes / als wenn der Himmel
zwei Sonnen /ein Kreis zwei Mittel-Puncte haben sollte. Die Natur hätte die erste
Welt durch das Beispiel der Elephanten / des Rindviehes / der Kranche / welche
alle nur einem Führer folgten / zur Erwehlung angewiesen; ja etlichen tausend
weiblichen Binen nur einen Weissel zum Manne gegeben: dass sie / als ein kluges
Muster des gemeinen Wesens / ihn für ihren einzelen König erkennen müsten.
Diesem beqvämten sich nun auch billich die vernünftigen Semnoner; nicht zwar:
dass sie einem / der sich etwan aus Ehrsucht oder Eigennutz ihnen aufdringen
wollte / sondern dem / welchen die meisten Stimmen für den würdigsten erkiesen
würden / sich unterwerffen sollten. Wie der Adel ihre Menge: dass alle Semnoner
die Hand in der Herrschaft haben könten / selbst für zu gross hielten / also
schiene vieler edlen Herrschaft des Volckes Freiheit / insonderheit aber der
gemeinen Ruh mehr als eines Fürsten / Abbruch zu tun. Denn weñ schon alle / die
sie zur Herrschaft im Vorschlage hätten / dazu tüchtig wären / würden doch sie
mit einander aus angebohrner Begierde alleine zu herrschen bald zwistig werden;
Zu Unterdrückung der andern Arglist / Verleumdung / Ungerechtigkeit / ja selbst
das teuere Blut der Bürger zu Hülffe nehmen. Denn da Tullia aus Herrschenssucht
nicht ihres Vaters / Romulus nicht seines Bruders verschonet / wer wollte unter
frembden ihm eine beständige Eintracht verheissen? Daher auch Rom nach
verstossenen Königen kein ander Mittel gehabt Adel und Pöfel mit einander zu
versöhnen / denen bürgerlichen Kriegen ein Ende zu machen / als dass es mehrmahls
sich einem Feldherrn /und hernach einem Kayser unterworffen / nach dem sie
gelernet: dass zwar Fürsten die Gesätze bissweilen zu beugen / gute aber darnach
selbst zu leben / unter vieler Herrscher Zwytracht aber ins gemein mehr
Schiffbruch leiden; ja nicht selten vom Sylla / Marius / Julius zum Deckel ihrer
Kriege angezogen und mit Füssen getreten würden. Dahero / weil ein Fürst ja
nicht mit ihm selbst zwistig werden könnte / seine Eintracht für den Grundstein
des innerlichen Friedens /vieler Herrscher Neid / Eyversucht und Missverstand
aber für einen steten Zanck-Apfel zu halten wäre /weil doch Gewalt und Eintracht
selten verträgliche Gefärten sein könten. Aus diesen Ursachen könnte nicht einst
ein kleines Krieges-Heer bestehen / wo ihrer mehr als einer an der höchsten
Gewalt Teil hätten. Also wäre die Schlacht im Istmus durch die widrigen
Meinungen des Temistocles und Euridiades den Persen bei nahe in die Hände
gespielt / des Sempronius und Scipio Zwytracht hätte Hannibaln bei Trebia / und
die Händel des Terentius und Paulus bei Canna zum Obsieger gemacht / und Rom bei
nahe verloren. Wie sollten nicht ganze Länder / unberügliche Reiche / welche
gleichsam gegen ihre Nachbarn stets zu Felde liegende Läger sind / bei
zerteilter Herrschaft Not leiden? Welchen treuen Bürger sollte nun gelüsten
Teil an einer so schädlichen Herrschaft zu haben / wenn er noch so vollkommen
wäre? welcher wollte gegen einen einzelen Herrscher eiversüchtig sein / wenn
dieser dem gemeinen Wesen so nötig und nützlich ist? dahero / wenn auch schon
unter denen Semnonern ihrer viel dem würdigsten gleich wären; würde doch / weil
jenem der Wille des ihn erwählenden Volckes ein grosses Gewichte und Vorrecht
zuwirfft / sich so wenig einer unter diesen /als das Volck gegen die Herrschaft
des Adels über einige Ungleichheit zu beklagen haben / wo ihm der Neid nicht aus
den Augen sehen soll. Das Ampt eines Fürsten erforderte freilich zwar mehr / als
zwei Hände; aber ein ganzes Reich erforderte wie ein Leib nur einen Geist
selbiges zu beseelen; und gienge die Uhr einer Herrschaft viel richtiger / wenn
viel Diener nach eines Fürsten Befehl / als viel herrschende Ratsherren nach
ihrem eigenen Gutdüncken die unter sich geteilten Geschäffte verrichten; und
weil meist so viel Meinungen als Köpffe wären / einer mit dem Kopffe dar / der
andere dort hinaus wollte. Wenn nun schon ihrer viel mehr als einer sähe /
wiewohl man ein Auge zudrückt / wenn man etwas aufs genauste erkiesen will /
verfälschte doch die Wiederwärtigkeit der Meinungen / wie gewisse Gläser das
Gesichte. Denn aus denen Wiedersprech- und unglücklichen Ausübungen der
Ratschlüsse / da man bei Misslingungen andern ins gemein Mängel ausstellte /
oder / wenn wir selbigem Rate nicht beigepflichtet haben / den guten Ausschlag
ins geheim hindern / und uns über unserm eigenen Unglücke kitzeln / erwüchse
Verdruss und Hass; und weil selten einer ohne Anhang ist /ieder aber sich für den
klügsten hält / im Rate Spaltungen / derer iede geheime Bündnisse machte / und
wenn sie mit Klugheit und Beredsamkeit nicht könten / mit Gewalt durchzudringen
/ und den gefasten Schluss mit den Waffen auszuüben trachteten / solle gleich
alles drüber zu Grunde gehen. Zu geschweigen: dass wo die Gewalt zu herrschen /
welche so vielmehr Nachdruck hat / ie enger sie zusammen gedrungen ist / in so
kleine Stücklein zerteilt wird / und ihrer viel etwas belieben müsten / die
Ratschläge wie die allzukünstlichen Uhren oft ins Stecken gerieten; und /weil
mit dem von einander gehenden Rate die Seele der Herrschaft gleichsam
verschwinde / und ohne neue und oft langsame Versamlung nichts geschlossen
werden könnte / vielmahl und mühsam aufgezogen werden müsten; hingegen ein Fürst
allentalben und iederzeit sein nie ruhendes Ampt vollziehen / in Notfällen für
sich selbst alles aus dem Steigereiffen entschlüssen / die Geheimnisse für den
scharffsüchtigsten Augen verschlüssen / und gleichsam in seinem Hertzen
verfaulen lassen könnte; welche / wo so viel Wissenschaft davon haben / weder
durch Eyde noch Künste verschwiegen zu halten wären. Da doch in der Heimligkeit
eines Ratschlages / welche die sicherste Wache wichtiger Vornehmen ist / und
durch die Blindheit des verstockten Minotaurus fürgebildet wird / mehrmahls das
Heil eines Reiches bestehet: und daher dem Teseus / nach dem er dessen Meister
worden / nicht schwer gefallen den Minos seiner Tochter nehmlich der Herrschaft
zu berauben. So giengen auch viel Herrscher mit denen gemeinen Einkünften nicht
sparsamer / als ein eintzeler Fürst um. Deñ hier verschenkte nur einer wenigen
/ dort ihrer viel vielmehrern. Sintemahl ein ieder sich seinem Stande gemäss
halten / sein Geschlechte hoch ans Bret bringen / seinem Sohne die Nachfolge in
der Würde versichern wollte; also keine geringe Zahl benötigter Freunde sättigen
/ ja gar die ihm am Wege stehende Missgönner durch Freigebigkeit gewinnen / zu so
vielen Ausgaben aber die gemeinen Einkünfte durch künstliche Grieffe an sich
bringen müste; worzu einer dem andern bei einerlei Zwecke und gemeinem Diebstale
durch die Finger zu sehen durch eigene Not oder Gewissen genötiget würde. Uber
diss stünde die Unschuld unter einem / als unter viel Häuptern / in weniger
Gefahr; und wäre die Grausamkeit wohl eines Phalaris / nicht aber der Könige /
sondern vielmehr des Volckes Eigenschaft. Ja auch Wütteriche hauten nur die
über andere sich empor streckende Köpffe /nehmlich Ehrsüchtige / ab / welche
ihnen zu nahe kämen und ihre Hoheit überschatten wollten; Bürger aber / welche
unbekandt bleiben / und sich nicht mit Fleiss hervor brechen wollten / hätten so
wenig als niedrige Sträuche sich einigen Donners zu befürchten. Wo ihrer aber
viel das Hefft hätten / wäre kein Mensch sicher / weil niemand sich so sehr
vorsehen könnte: dass er nicht einem aus so vielen zu nahe käme; oder er einen
gegen seine Vor-Eltern oder Verwandte geschöpfften Hass erbte. Wie leicht aber
liesse sich solche absondere Feindschaft mit dem Nutzen gemeiner Rache
vermänteln / ja Octavius schlüge wohl seinen besten Freund Cicero in die
Schantze / und verkauffte dem Antonius seinen Kopff: dass dieser hingegen jenem
auf andere zu rasen freistellen möchte. Des Volckes und der Zunftmeister
Herrschaft zu Rom wäre viel blutiger als der sieben Könige gewest; und Cartago
stünde vielleicht noch / wenn die Barchinischen verbundenen nicht des Hanno
heilsamen Rat zernichtet hätten. Derogestalt bestünde das Heil der Semnoner auf
der Wahl eines Fürsten. Dann dieser wäre der Heilbrunn eines Volckes / aus
welchem ieder Bürger Hülffe und Trost zu schöpften hätte. Daher könnte man wohl
der Person eines Königes / aber nicht schlechter Dinges eines Königes überdrüssig
werden. Reder ein Semnonischer Edelmann brach dem Redner des Volckes ein / und
sagte: Es liesse sich die Königliche Herrschaft leichter heraus streichen / als
vertragen. Es wäre damit aber wie mit gewissen Kräutern beschaffen / welche
einem Tiere eine gedeiliche Speise / dem andern tödtliches Gift wären. Völcker
/welche entweder von Natur oder durch Gewohnheit zu Knechten gemacht worden /
vertrügen nicht nur ein Oberhaupt / sondern hätten dessen auch unentpehrlich von
nöten. Aber den Semnonern wäre die Freiheit angebohren / und also die
Dienstbarkeit unerträglich. Warum wollten sie sich dann selbst mutwillig zu
Sclaven machen / da sie und ihre Kinder herrschen könten? Die anwesenden
Priester hatten biss hieher nur zugehöret; nun aber stand Ludger der Oberste
unter den Anwesenden auf / und fieng an: Was verstehestu unter deiner gerühmten
Freiheit? Wilstu niemanden unterworffen sein / und nur nach eigenem Willen leben
/ so hebestu alle Herrschaften / auch die / welche du im Schilde führest / auf.
Warum schlägstu denn nicht für: dass die Semnoner nicht einem / auch nicht vielen
Häuptern gehorsamen / sondern ein ieder sein eigen Herr sein solle? Denn diss ist
die vollkommenste Freiheit. Aber du bescheidest dich vielleicht selbst: dass der
/ welcher bei solcher Unordnung und Selbstgewissenheit ausser einer Stadt leben
/ und alles / was er will / zu tun vermeint / auch alles von andern nach ihrer
Willkühr leiden müsse; hingegen in einer Stadt behält iedweder weniger / aber
doch so viel Freiheit / als zu seiner Ruhe und Sicherheit nötig ist. Dieser
Abgang aber wird ihm dadurch reichlich ersätzt: dass allen andern ihre Willkühr
ihm zu schaden benommen wird / und dass er sich für keines andern Freiheit zu
fürchten hat. Du siehest zweiffelsfrei: dass wo ein Land ausser der Verfassung
einer Herrschaft ist / zwar ieder ein Recht zu allen Dingen habe / aber keines
einigen alleine und sicher genüssen könne; und also es viel besser sei / in
einer Stadt weniger haben /und solches sicher nutzen können. Du fürchtest
vielleicht: dass ausser gesätzter Obrigkeit dich iederman /unter einer
Herrschaft aber nur einer oder etliche dich füglich des Deinen berauben und
tödten können; dass in jenem Zustande du dich alleine / in diesem aber dich viel
andere beschirmen; dass dir dort dein eigener Fleiss nicht gewiss / hier aber dir
auch anderer Leute Müh und Saate zu statten komme; dass ohne Herrschaft du in
stetem Kriege / Furcht / Armut / Einsamkeit / Wildnüs und Unwissenheit elende /
unter der Herrschaft aber in Sicherheit / Uberflusse / Gesellschaft / und
Wissenschaft gemächlich und herrlich leben könnest / weil dort die Begierden /
hier die Vernunft zu gebieten hat. Nach dem du dich nun durch diss dein eigen
Bekäntnüs gefangen giebst: dass die Freiheit / wenn sie ganz unumschrenckt / und
also in der höchsten Staffel ist / dich nur unglücklich mache / wie magstu denn
der Semnoner Glückseligkeit auf die Freiheit gründen? Verstehestu aber unter dem
Nahmen deiner gerühmten Freiheit eine solche /welche keinen Gesätzen
unterworffen / so strebestu selbst nach der Herrschaft; welche in einer solchen
Unverbindligkeit bestehet. Und derogestalt ist die Liebe solcher Freiheit nur
eine Ungedult: dass du nicht selbst das Steuer-Ruder der Semnonischen Herrschaft
in Händen haben solst. Hastu aber dein Absehen auf die Rechte und güldene
Freiheit / welche in einer Befreiung für unrechter Gewalt / und in Befolgung der
Gesätze bestehet / so würdestu solche nicht vollkommener als unter der
Fürstlichen Herrschaft finden; weil bei diesen weniger Gesätze / als bei vieler
Herrschaft gemacht werden / und es leichter wäre sich in einen / als in viel
Köpffe schicken. Unter diesen bildete man sich zwar eine Freiheit ein; man wüste
von selbter viel Worte zu machen / und wäre doch nirgends ihr Wesen zu finden;
sondern man verehrte viel Götzen mit einer mehr als knechtischen Heuchelei; und
lebte man mehr ohne Herren / als in der Freiheit. Ja auch die / welche das
Steuer-Ruder mit in Händen hätten / bildeten sich mehr ein zu herrschen / als
dass sie wahrhaftig herrschten. Der denen Gesätzen geleistete Gehorsam benähme
der Freiheit aber das wenigste / sondern gäbe derselben vielmehr ihre
Vollkommenheit / welche in Wolfart und Sicherheit bestünde / worauf alle
Gesätze gerichtet würden; und daher ieder vernünftiger nicht mit gezwungenem
Unwillen / sondern mit Freudigkeit nach selbigen lebte. In der ganzen Welt aber
wäre die unschätzbare Freiheit nicht vollkommener als unter den deutschen
Fürsten zu finden / und bei denen Semnonischen zeiter gewesen. Denn ihre
Fürsten wären selbst an gute Gesätze gebunden; und ihre Gewalt über das Volck
wäre mit ihrem und der Vernunft umschräncket / also: dass sie mehr mit ihrem
guten Beispiele / als mit Befehlen die Untertanen zur Nachfolge leiteten / die
Verbrechen aber die Priester untersuchen und bestraffen liessen. Ja dem Adel
wäre selbst mehr als dem Volcke an einem Fürsten gelegen; weil solcher diesem am
nächsten wäre / und ein Fürst treue Dienste reichlicher als viel Herrscher
belohnete; auch leichter eines als einer Menge Genade zu erwerben und zu
erhalten wäre. Ein Fürst sehe Fehlern und Schwachheiten ehe durch die Finger; da
hingegen ein herrschendes Volck von keiner Erbarmung wüste / von vielen widrigen
Regungen verwirret / und weil ieder eines andern Versehen zu seiner Gefahr und
Schaden auslegte / solches als ein ihm getanes Unrecht zu rächen gerejetzt
würde. Kein Fürst wäre leicht so unachtsam oder so frech: dass er nicht nach sich
einen ehrlichen Nahmen und den Nachfolgern ein gutes Beispiel zu lassen
gedächte; die Menge aber hätte keine Stirne und keine Schamröte. Sie sorgte
nicht / wie Fürsten / um die Nachkommen; sondern nur für eigene Sicherheit; und
daher hielten sie auch ihre Bündnisse selten länger / als sie ihnen verträglich
zu sein schienen. Sie erinnerte sich keiner Woltaten verdienter Leute; und
machte ihr kein Gewissen die Unschuld selbst für sich aufzuopffern /welches
ihnen tapfere Fürsten nunmehr zur Schande täten. Was hätte denn der Adel für
Ursache eine so gelinde und heilsame Herrschaft zu teilen / durch ihre
Trennung aber zu schwächen? Da es sonder Zweiffel Deutschlande viel nützlicher
sein / und der Römer Einbruch eben so wohl als der Pränestiner Einfall zu Rom die
blosse Wahl eines Feldherrn zurücke trieb / verhütet haben würde / weñ sie ihren
Fürsten grössere Gewalt einräumten / oder sich alle Deutschen der
unverschränckten Gewalt eines einigen Hauptes übergeben? Denn in der Einigkeit
bestünde die Vollkommenheit / in der Eintracht die Wolfart; Die Trennung aber
wäre so wohl in bürgerlichen als natürlichen Sachen der Weg zum Verterben.
Dieses erkennten die Deutschen in ihrem Gottesdienste / da sie nur einen GOtt
glaubten / anbeteten und diese Wahrheit dardurch erhärteten: dass / wenn mehr als
ein GOtt der Natur vorstünden / in der Welt keine so herrliche Ubereinstimmung
zwischen so widrigen Dingen gefunden werden könnte. Woraus die Weltweisen
vernünftig geschlossen: dass die Herrschaft eines einzelen Hauptes der Natur
gemäss / und ein Nachgemählde der Göttlichen / die vielköpfichte Herrschaft aber
ein Gemächte der Menschen und im Prometeus abgebildet wäre. Sintemahl die
menschliche Vernunft durch das gestohlne Feuer der von GOtt als der höchsten
Sonne entlehnten Gesätze den Kot des niedrigen Volckes gleichsam beseelet hätte
/ als solche wären zu Herrschern gemacht / und mit diesen Zwytracht und ander
Unheil eingeführet worden. Diesem abzuhelffen hätte der Wahrsager-Geist kein
ander Mittel an die Hand zu geben gewust / denn dass sie einen König erwählen
sollten. Sintemahl ein König das Reich als sein Eigentum in acht nähme und zu
erhalten sorgte; viel Herrscher aber damit wie Amptleute mit frembden Gütern
gebahrten. In dem ersten Falle schiene ein Fürst zwar seinen Eigennutz zu
suchen; er wäre aber mit der gemeinen Wolfart unzertrennlich eingeflochten;
weil alles / was er für seine Erhaltung täte / notwendig auch zur Beschützung
seiner Untertanen gereichte / ja fast nicht zu ersinnen wäre /wie etwas für den
Fürsten gut / für die Bürger aber schädlich sein könnte. Wo aber die Herrschaft
geteilet / und die Würde veränderlich wäre / wollte keiner die Gelegenheit
versäumen sein Glücke zu suchen; und daher machten ihnen wenig Gewissen diss /
was sie ohne diss bald abtreten müsten / zu verhandeln / so bald sich nur ein
Kauffer ereignete / umb hierdurch teils ihrem Armute abzuhelffen / teils
ihren Geitz zu stillen; weswegen Marius so närrisch nicht getan / als er
etliche Scheffel Geld auf den Marck tragen liess / umb der Römer Stimmen zu
erkauffen / als wordurch auch die von Aten verleitet wurden die Mytileneer eben
den Tag frei zu sprechen / an dem sie sie verdammt hatten. Da nun unsere kluge
Vorfahren unter Fürsten ihre Vergnügung gefunden haben / und alle deutsche
Völcker sie noch finden / warumb wollten denn wir uns einer neuen und unbekannten
Strasse befleissen? Lasset uns aber nach den alten Sitten leben / nach alter
Gewohnheit beherrschet werden / so werden die Semnoner süssen Friedens / reichen
Uberflusses und der güldenen Freiheit unaufhörlich genüssen. Das Volck billichte
mit Zusammenstossung ihrer Schilde dieses Priesters Beifall; der Adel aber
bezeugte durch ein Geräusche hierüber sein Unvergnügen. Als aber auf beiden
Seiten die Priester ein Stillschweigen zu Wege gebracht hatten / fieng der
Ritter Schweinitz an: Dieses Priesters beliebter Schluss öffnet dem Adel die
Augen: dass die Semnoner von ihrer Vor-Eltern und anderer tapfferer Deutschen
Zwecke ganz abkommen sind. Denn er höret: dass sie nun auf Reichtum / auf
Wollust und Ruhe ihr Absehn haben / daran unsere Ahnen kein Vergnügen fanden.
Denn diese wurden so harte ohne Bette zwischen dem Vieh oder in Wäldern erzogen:
dass man unter Adel und Pöfel / unter Herr und Knechte keinen Unterschied sah /
biss ihn die Tugend machte / und das Alter sie unterscheidete. Die Arbeit war
ihre Wollust / wildes Obst / geronnene Milch / oder ein selbst gefälltes Wild
war eines ieden Speise; sie rejetzten mit keinen Gewürtzen und niedlichen
Gerichten ihren Hunger. Hierdurch erwuchsen sie zu so grossen Leuten; hiervon
kriegten sie so kräfftige Spann-Adern und starcke Glieder: da hingegen eine
zärtliche Auferziehung Leib und Gemüte entkräfftet. Sie wussten von keinem
Gelde; und hielten es mehr für eine Gnade als einen Zorn ihres Gottes: dass er
sie mit Silber und Golde verschonet hatte / sie also der Müh entübriget waren
den Gebrauch gemüntzten Ertztes mit den Lacedämoniern in ihrem Lande zu
verbieten. Sie brauchten das Eisen zu keinem Gelde / welches Lycurgus doch zu
Sparta zuliess / sondern nur zu Waffen; ja die ihren Gesandten verehrten
Silbergeschirre hielten sie nicht höher als ihre tönerne. Der Adel ist aber
nunmehr bekümmert: dass bei den Semnonern das gemeine Volck umb Reichtum und
Uberfluss / als dem Uhrsprung der Laster und des Verterbens / sich bewirbet.
Sintemahl die Perser / so bald sie von denen besiegten reichen Lydiern durch
Schwelgerei und Uppigkeit angesteckt wurden / ihre Tapferkeit und folgends ihre
Herrschaft einbüsten. Hingegen ist der Zweck aller Schwaben / und fürnehmlich
der Semnoner gewest durch die Waffen Ehre zu erwerben. Zu dem Ende härteten sie
ihre Kinder von der Geburt an durch Frost ab / zohen sie durch das kälteste
Wasser / liessen sie in der Sonne ohne Hut / im Regen ohne Mantel / im Winde mit
blosser Brust / auf Eis und im Schnee baarfüssig gehen; vielleicht weil sie
gehöret hatten: dass Mars als ein Kind seine Füsse aus dem kältesten Flusse
Traciens dem Strymon gewaschen hätte. Derogestalt war ihre Kinder-Zucht nicht
gelinder als der Spartaner / welche sie bei dem Tempel Dianens um sie zu
Erduldung der Schmertzen zu gewöhnen biss aufs Blut / ja etliche biss auf den Tod
peitschten / ohne dass eines darüber seuffzen dorffte. Ihre beste Kleidung war
eine Wolffs- oder Bären-Haut; sie hörten von keiner Uppigkeit / von keinem
Ball-Hause oder Lust-Spielen / welche nicht an Kriegs-Ubungen bestunden / wie
der von Minerven dem Castor und Pollux gewiesene und bei den Lacedemonischen
Knaben übliche Tantz / in welchem ieder mit dem Degen seines Gefärten Schild
treffen / und alle in einem Treffen vorkommende Stellungen machen musste. Der
Fürsten Hofstädte bestunden in eitel Leuten / welche sie im Friede zwar zu ihrem
Gepränge und zu Gesandschaften / im Kriege aber zur Leibwache brauchten. Gaben
die Mütter gleich / wie bei den Lacedämoniern / ihren Söhnen den Schild zu erst
in die Hand / so wurden sie doch allererst von der versamleten Stadt nach
untersuchter Fähigkeit zum Kriege wehrhaft gemacht / und an diesem Ehren-Tage
nach erlangter Ausmusterung gleichsam aus der Gewalt ihrer Väter los gelassen /
und dem gemeinen Wesen zugeeignet. Die deutsche Jugend fühlte keine lüsterne
Regungen /sie heiratete langsam; damit die zu den Waffen nötige Kräfften ja
unerschöpfft blieben. Sie entschlügen sich aller Handlung und Wuchers / sondern
führeten lieber die Waffen als den Pflug; welche sie auch mit zu Gastereien / zu
Gerichten und in andere Versamlungen brachten: das Hertze lachte ihnen in
Schlachten / in welche sich auch ihre Weiber zu verwickeln freuten / und den
Feinden oft mehr / als die Weiber zu schaffen gaben. Mit einem Worte: der
Semnoner Glück und Ergetzligkeit bestand im Kriege / welchen ihr bei itziger
Verfassung der Herrschaft gäntzlich auszurotten anzielet. Das Volck machte
hierüber abermals ein Geräusche / und Ditard / ein alter Kriegsmann / fieng an:
der Schild ist meine Wiege gewest / dieser soll auch meine Baare sein. Aber
nicht nur ich / sondern alle anwesende Semnoner begehren nicht auf weichen
Küssen zu schlaffen /die Hand in die Schoss zu legen / oder dem Müssiggange unter
dem ehrlichen Namen der Ruhe nachzuhängen. Wir sind alle Tage bereit wie unsere
Vorfahren ausser den Landes-Gräntzen einen Feind zu suchen; nicht aber gemeint
das Feuer des Bürger-Krieges selbst durch Aufrichtung einer zwistigen
Herrschaft unter unser Dach zu stecken. Sie wüsten gar wohl: dass der Friede dem
Adel verhast / und er im Kriege wie der Fisch in seinem Wasser wäre; weil ihrem
Bedüncken nach sie ihre Tapferkeit zur Friedens-Zeit nicht könten sehen lassen /
ihre Tugend ungeeichtet / ihre Verdienste unbelohnet blieben; hingegen das
gemeine Volck in stiller Ruh besser seinem Gewerbe obliegen könnte. Alleine bei
den Semnonern wäre es viel anders bewand; keiner unter dem Pöfel wäre / welcher
nicht Lust hätte fürs Vaterland so viel Blut zu zinssen als ein Edelmañ; ob sie
solches gleich im Bürger-Blute zu baden Abscheu trügen; wiewol es auch bei
andern Völckern nichts unerhörtes wäre: dass man ihre Beschirmer hätte vom Pfluge
holen / ein niedriger Cato das gemeine Wesen unterstützen / ein schlechter
Marius den unerträglichen Adel zäumen müssen. Wenn das Volck aber dem Adel so
verächtlich vorkäme /wären sie wohl zu Friede: dass sie wechselsweise gegen den
Feind zügen / und dem so deñ das Recht die Herrschaft einzurichten bliebe / der
sich am besten würde gehalten haben. Diese Rede verbitterte den Schweinitz so
sehr: dass er vom Leder zoh / und dem Ditard / als er nach seinem Degen grieff /
einen Stoss versätzte. Dieser Stoss war gleichsam ein allgemeines Lermen-Zeichen;
sintemal beide Teile die Waffen ergrieffen / und einander feindlich anfielen.
Es wäre gewiss auch kein gemeines Blut-Bad erfolgt; wenn die Priester und Weiber
nicht darzwischen gelauffen / und sie mit grosser Müh von einander gebracht
hätten; gleichwol aber blieben beiderseits über zwei hundert auf dem Platze.
Hiermit aber zerschlug sich die Wahl und zertrennte sich die Versamlung nicht
weniger nach den Gemütern als nach den Leibern. Auf beiden Seiten vergrösserte
sich durch diese Spaltung nicht nur das gewöhnliche Misstrauen; weil der Adel
insgemein dem gemeinen Volcke wegen habenden Vermögens / und dieses jenem wegen
des Vorzugs über Achsel ist / sondern es entstund auch hieraus eine
unversöhnliche Feindschaft. Die Priester liessen ihnen es tieff zu Hertzen
gehen / und an ihnen nichts erwinden sie zu vereinbarn. Beiden wahrsagten sie
aus dieser Zwietracht den Verlust ihrer Freiheit; hielten ihnen die Sinnenbilder
des weisen Scyten Scylurus / nämlich ein Gebund Pfeile / und des Sertorius
Pferde-Schwantz für / welche beisammen nicht von dem stärksten / einzelich aber
von dem schwächsten mit leichter Müh zerbrochen und ausgezogen werden könten.
Ein ieder unter ihnen sollte sich nur in seinen Gräntzen halten / so würde es um
die Semnoner wohl stehen. Eines ieden Stand aber wiese ihm schon seine Gräntzen
und seine Pflicht an. Denn im gemeinen Wesen wären so viel Elemente / als in der
Welt. Das gemeine Volck gleichte der Erde / welche alle schwere Last trüge / und
alle ernährete. Der Adel wäre das hochsteigende Feuer / welches einem Reiche den
Glantz gäbe. Die Richter gleichten der Lufft / welche das Land von bösen
Feuchtigkeiten reinigten; die Priester aber dem Wasser / über derer Dienste alle
andere schifften. Wenn eines unter diesen fehlte oder sein Ampt nicht täte /
müste alles zu Grunde gehen: also hätte iedes des andern unentpehrliche
Notwendigkeit durch Eintracht zu erkennen / und keines das andere geringe zu
halten. Sie wollten gerne ihren Rücken zu aller Dienste herstrecken / und das
Tränen-Wasser ihrer Augen GOtt aufopffern / um damit die Flammen ihres Zornes
auszuleschen / und die Härte ihrer verbitterten Hertzen zu erweichen. Sonderlich
stellten sie dem Volcke für Augen: dass der Adel gleichwol zum ersten fürs
Vaterland fechten / und für den blossen Rauch der Ehre ihr Leben und Gut
aufopffern müste; dass dieser und ihre Eltern sich ums gemeine Wesen wohl verdient
hätten; dass ieder vernünftiger aus dem Volcke sich edel zu werden durch Tugend
bemühete; also wäre ja billich: dass das Volck dem Adel gewisser Massen nachgäbe
und selbtem mit mehr Ehrerbietung begegnete. Dem Adel aber redeten sie ein: Sie
sollten erwegen: dass die Natur alle Menschen gleiche / und sie das Glücke oder
ihrer Eltern Verdienste zu Edlen gemacht hätte. Also müsten sie diese Würde
durch Tugenden / derer Wesen in der Mässigkeit bestünde / erhalten; und daher
dem Volcke / welches ihnen nachgehen / und statt ihrer so viel leiden und
übertragen müste / mit Bescheidenheit begegnen; insonderheit aber in alten
Freiheiten nicht auf die Füsse treten / sondern sich vernünftig bescheiden: dass
die Obersten und untersten Zweige eines Baumes aus einer Wurtzel gewachsen
wären. Hierdurch brachten sie auch zu wege: dass an der Spreu in einem heiligen
Heine / und zwar dieses mahl im Neumohnden ein ander Land-Tag angesätzt ward.
Vielleicht / weil um diese Zeit die Regungen des Gemütes nicht so heftig als
in voriger Zusammenkunft / welche im Vollmonden angestellt war / sein sollten.
Sintemahl in diesem alles in der Natur sich vergrössert. Alle Gewächse haben
mehr Safft / alle Gebeine der Tiere mehr Marck / die Ungewitter mehr Stärcke.
Die mit dem Vollmohnden gebohrnen Kinder sollen mehr Geist und Geschickligkeit;
Ja des Hercules Stärcke soll mit dem Mohnden ab- und zugenommen / und er seine
gröste Taten im Vollmohnden ausgeübt haben. Alleine der Zorn hat die
Eigenschaft eines Ungewitters. Denn wie dieses hindert: dass man im Meere nicht
Epp und Flut unterscheidet; also läst jener die andere Regungen des Gemütes
auch sich so bald nicht legen. Beide Teile rüsteten sich aus Argwohn und
Begierde seine Meinung mit der kräfftigsten Schluss-Rede / nehmlich dem Degen zu
behaupten. Das Heiligtum des Ortes war auch nicht vermögend ihnen für Hass und
Neid Andacht / weniger Liebe /einzublasen; sondern als der Adel die Herrschaft
vieler Häupter wieder auf den Teppicht brachte / ruffte das Volck aus vollem
Halse: Freiheit! Und ob wohl die Priester ein Mittel vorschlugen: dass diese
Häupter halb aus dem Adel / Halb aus dem Volcke genommen werden sollten / sagten
doch diese: Ein solcher Rat hienge so wenig als Ton und geschmeltztes Ertzt
beisammen. Dieses behielt seinen Wert; jener aber würde nur für Schlacke
geachtet / und bei erster Gelegenheit zermalmet. Ihnen stünde also das
Meer-Wunder einer so frembden Herrschaft nicht an / sondern /wenn kein für sie
taugliches Haupt unter den Semnonern zu finden wäre / müsten sie es in der
Nachtbarschaft suchen. Dieses war dem Adel durchs Hertze geredet / und von
ihnen so empfunden: dass die meisten aufstanden und Maltitz auf den Degen schlug
/sagende: dieser soll aller frembden Herrschaft / ehe sie jung werden wird /
den Hals brechen. Eben so empfindlich redeten viel andere. Denn die / welche
schon einen Fuss ausser den Schrancken des Gehorsams gesätzt haben / dringen bald
mit dem Kopffe und dem ganzen Leibe nach. Je mehr aber diese gross sprachen / ie
verächtlicher gab das Volck ein Lachen drein. Worüber es ohne Ansehung des
heiligen Ortes zu Tätligkeiten kommen wäre / wenn die Priester nicht beiden
Teilen ein Stillschweigen aufgelegt /und ein heftiges Geschrei vieler
unkenntbarer Vögel sie empor zu schauen veranlasst und mit ihrem Streite auch
den der Semnoner gleichsam unterbrochen hätten. Denn diese in zwei Heere
zerteilte Vögel grieffen einander grimmig an / rupften und zerfleischten
einander: dass nicht nur ihre Federn sondern ihrer viel gar todt herunter fielen.
Nach einem zweistündigen Gefechte kam von Mittag ein Adler / umflohe sie / und
machte gleichsam durch sein Königliches Gebot zwischen ihnen Friede / führete
sie auch hinter sich her und durch die Lufft aus der Zuschauer Augen. Der
Priester Ludger redete hierauf die Semnoner an: Sehet ihr wohl! wie GOtt euch
durch ein so helles Vorbild den schlimmen Ausschlag euer unverantwortlichen
Zwytracht für Augen stellt! Nach dem ihr durch einen bürgerlichen Krieg euer
Blut und Kräfften werdet erschöpfft haben / werdet ihr einem frembden Raub-Vogel
zu teile und dienstbar werden. Schellendorf /ein Edelmann / fiel dem Priester
ein: Er sollte sein Vaterland mit so betrübten Wahrsagungen nicht verzagt machen
/ welche zumahl auf blosse Eitelkeit gegründet wären. Denn wer hätte diesen
Vögeln der Semnoner Verhängnis offenbahret? und wer hätte den Priester die
Sprache der Tiere gelehret? der Priester antwortete ihm: die Vögel selbst wären
freilich wohl nicht klüger und vorsichtiger als die Menschen / wiewol diese von
jener Anstalten oft künftige Witterung wahrnehmen / und in der Artznei viel
von Tieren gelernet hätten. Sie wüsten auch nicht der Völcker künftiges
Glücke; dessen ungeachtet könten sie / wie die noch weniger verstehenden Weiser
in einer Uhr /denen Menschen nützlichen Unterricht geben. Denn warum sollte es
der Göttlichen Weissheit zu künstlich sein etwas durch unvernünftige Dinge zu
lehren / da wir Menschen / wenn wir am allerblindesten und unachtsamsten gehen /
doch die Wege der verborgensten Ratschlüsse Gottes lesen; und wenn wir gleich
wollten / aus dieser unbekannten Strasse nicht kommen könten. Die Göttliche
Barmhertzigkeit aber hätte ein absonders Belieben uns zur Warnigung
bevorstehende Zufälle durch gewisse Zeichen zu entdecken / unter denen auch der
Flug der Vögel wäre / welchen sie also richtete: dass er weisen Leuten ein
Ausleger und Ankündiger künftiger Begebnüsse sein könnte. Denn diese / welche mit
dem allsehenden GOtt Verständnüs hätten / verstünden freilich alle geheime Reden
der Tiere / die wie alle Geschöpffe Gottes Zungen wären / und sähen diss /
welches gleich einer Welt weit entfernet wäre / als gegenwärtig; und die
Darzwischenkommung vieler Zeit machte keine Krümme in dem /was GOtt gleich erst
nach tausend Jahren auszuüben bestimmet hätte. Diesemnach wäre sein Rat: sie
sollten diese Göttliche Warnigung nicht in Wind schlagen / sondern durch
einträchtigen Vergleich ihrer Dienstbarkeit und dem Verhängnisse zuvor kommen;
welches noch so gütig wäre: dass es durch solch Zeichen selbst seinem dreuenden
Schlage zu entgehen väterlich warnigte. Alleine so wohl ein als das andere Teil
schlug des Priesters wolgemeinter Erinnerung in Wind; vielleicht / weil die
Streiche des Verhängnisses unvermeidlich sind / wenn sie einem gleich vorher
gesagt werden. Sintemahl die zum Verterben vom Verhängnisse bestimmten Menschen
vorher entweder mit Unglauben gebländet / oder mit Hartneckigkeit verhärtet
werden. Ja einige waren so liederlich / dass sie sagten: So traurige Wahrsager
wären nicht viel besser als Schandflecker. Denn jene hätten immer anderer
Unglück / wie diese frembde Fehler auf der Zunge. Beide bildeten ihnen das
schlimste ein; und weil sie sich des gegenwärtigen Guten nicht genossbar machen
könten / verkündigten sie immer alles Unheil / was möglich geschehen könnte. Die
bescheidenern behielten doch ihre Meinung dem Gegenteile nicht zu weichen im
Hertzen; weil etlicher gegen einander ausgelassene Hefftigkeiten fast nicht mehr
zuliessen ohne Verkleinerung dem andern was zu enträumen und dadurch nachzugeben
/ welches vielmal nachbleibt /weil man keinen scheinbaren Vorwand weiss zu
weichen / und nicht selten mehr aus Rache als aus Hoffart um den Vorzug
gestritten wird. Durch diesen wurden auch die gescheutesten verbländet; und die
/ welche es gleich mit dem Vaterlande wohl meinten / auf bösen Weg verleitet.
Denn der Zorn hat keine Gemeinschaft mit der Klugheit. Er vergesellschaftet
sich mit der Verwegenheit / scheuet keine Abstürtzung / und sieht Berge für
Flächen an. Sein Auge hat nur das Absehn auf das Ziel / nicht auf die
Schwerigkeit der dahin tragenden Wege; Er denckt nur zu beleidigen /nicht aber /
dass er selbst beschädigt werden könne. Er beut alle seine Geister auf / und
hiermit bildet er ihm mehr Kräfften ein / als er ihrer hat; da er doch in dieser
Beschaffenheit am schwächsten ist / und nicht halb so viel kann / als sonst. Er
rauchet von eitel Feuer / welches er mit keinem andern Wasser / als mit Ausübung
der Rache zu leschen gedenckt. Niemahls aber ist der Zorn heftiger / als wenn
er eine grosse Menge bemeistert. Deñ da zündet einer den andern immer mehr an;
und wenn gleich ein ganz Volck in augenscheinlicher Gefahr schwebt / fürchtet
sich doch niemand absonderlich; sondern ieder behilfft sich gegen des Himmels
und kluger Leute Dreuungen mit dem süssen Traume / die Zeit und das Glücke werde
aller Not abhelffen. Eine solche Beschaffenheit hatte es wahrhaftig mit den
Semnonern. Denn ihre Verbitterung wuchs so sehr: dass sie von den Priestern nicht
mehr gehalten werden konten / sondern / weil die Heiligkeit des Ortes ein
unerträglicher Zaum ihrer Rachgier war / brachen sie die Versamlung / und als
sie noch nicht gar aus dem Heine kommen waren / gerieten die ersten schon an
einander / und machten sie noch selbigen Abend die traurige Wahrsagung durch ein
schreckliches Blut-Bad wahr. Sintemahl der Adel und das Volck nicht etwan in
gestellter Schlacht-Ordnung / sondern in gröster Verwirrung / als wenn ieder mit
dem andern eine besondere Todfeindschaft auszufechten hätte / einander in die
Haare fielen / also: dass dieser Streit mehr eine Raserei wilder Tiere / als
einer Schlacht vernünftiger Menschen weniger einerlei Volckes ähnlich schien.
So grausame Schauspiele stellet der bürgerliche Krieg für Augen. Man hält sich /
wie die Fechter in den Römischen Schauspielen / am schönsten / ie mehr man sich
mit der Bürger Blute gemahlet hat; ja dieses ist nicht nur unsere schönste Farbe
/ sondern gar unser süssester Tranck. Es stehet uns so wenig als zu Rom den
Fechtern frei / der Uberwundenen zu schonen / sondern von dem Daumen des Volckes
muss man das Zeichen erwarten: ob man seinem Vater oder Bruder das Leben
schencken möge. Man erfreuet sich die Täter mit den Leichen erschlagener Bürger
auszugleichen / die Ströme damit auszufüllen: dass man über selbte wie über
Brücken reiten kann. Alle diese traurige Gestalten des Todes ereigneten sich in
dieser Zerfleischung der Semnoner; und ihrer viel belasteten sich mit den
Köpften ihrer Feinde / in Meinung / sie zu Trinckgeschirren zu gebrauchen. Die
Zähne der Schlangen büssen zwar nach vielem Beissen ihr Gift ein und werden
stumpff; aber die Grausamkeit der verbitterten Semnoner war unermüdlich; und
würde vielleicht niemand übrig blieben sein / wenn nicht die Nacht sich ihrer
erbarmet / und mit einer kohlschwartzen Finsternüs ihnen die Unterscheidung
Feind und Freundes verhindert / sie also wider Willen von sammen getrennet
hätte. Also wissen zwar Fürsten sich in Schrancken / wie die Sonne in ihrem
Kreisse zu halten; aber das sich der Herrschaft anmassende Volck wird von dem
Glantze dieser Würde verbländet; also dass es über die Schnure schlägt / und ohne
Bedencken ein Reich in völlige Flamme versätzet. Kein Teil hatte sich einigen
Vorteils zu rühmen; in dem beide in grossen Schrecken und Unordnung sich
zurücke zohen; weil in dem heiligen Heine ein heftiges Geschrei von Hunden und
Jäger-Hörnern gehöret ward / und aus selbtem viel grausame Gespenste mit
brennenden Fackeln hervor kamen. Nichts desto weniger rüsteten sich beide Teile
gegen einander nunmehr offentlich zum Kriege; gleich als wenn es ihnen eine
Schande wäre /wenn sie sich gegen die Dreuungen des Himmels wie ein geschwanckes
Rohr beugten / und eine besondere Tugend / wenn sie selbten wie die Eichen gegen
die Sturm-Winde unbeweglich stünden; welche unzerbrechliche Hartneckigkeit aber
nichts anders fruchtet /denn dass sie von so hoher Gewalt mit samt denen Wurtzeln
ausgerissen werden.
    Nicht besser ging es bei denen Langobarden her. Ihr letzt verstorbener
Fürst der andere Siegebert hatte nach sich einen Bruder Ditmarn / einen
unehlichen Sohn Bertolden / und eine Tochter Ludgardis verlassen. Ditmarn /
weil er nicht dem Eubagischen / sondern der Druyden Gottesdienste / welchen ihm
seine Mutter eingeflöst hatte / zugetan / waren die Priester und das Volck;
Bertolden die Priester und der Adel; der Lutgardis der Adel und das Volck zu
wider; und also wollte der Adel Ditmarn / das Volck den Bertold / die Priester
Lutgarden zu ihrem Haupte haben; und alle drei mühten sich durch ihren Anhang
die Herrschaft zu überkommen. Hierdurch geriet das Geblüte aller Stände ins
jähren / welches den ganzen Leib des Reiches beunruhigte. Bei der allgemeinen
Versamlung nahm iedes Teil sich des seinen eifrig an. Die Priester rühmeten
Lutgarden als eine Fürstin von grossem Verstande und Tugend; bei solcher
Beschaffenheit aber wäre keinem Geschlechte der Weg der Ehren verschrencket /
insonderheit bei den Deutschen; welche nicht nur die Weiber mit in ihre
Reichs-Versamlungen / allwo sie mehrmahls ihre heilsame Ratschläge nicht
verschmähten / sondern auch in Krieg und in ihre Läger mitzunehmen pflegten /
welche mehrmahls den Feinden männlich die Stirne geboten / ja die wanckenden
Schlacht-Ordnungen offtmahls ergäntzet hätten. Also wäre das deutsche
Frauenzimmer nicht mit Schwachheiten anderer wollüstigen Völcker zu bebürden /
weniger nach ihren Rechten zu urteilen; wiewol fast kein Volck in der Welt wäre
/ welches nicht dem gemeinen Wesen viel gutes beitragende Helden-Weiber auf die
Schau-Bühnen der Ehren zu sätzen hätte. Der Assyrier Reich wäre durch die
Hertzhaftigkeit Semiramis gross worden. Den Persen hätte niemand einen grössern
Streich versätzt / als die nichts weibisches an sich habende Königin der Scyten
Tamyris; weil von des grossen Cyrus Heere weder König noch Bote zurück kommen.
Philo hätte durch ihre kluge Ratschläge ihres Vaters Antipaters und ihres
Eh-Herrns Demetrius Herrschaft glücklich gemacht. Rom verehrete Clälien als
ihre Erhalterin. Kein Volck aber hätte sich vollkommener Frauen zu rühmen als
Deutschland; welches sich nicht geschämt hätte sie den Mäñern vorzuziehen ja zu
vergöttern / weil man an ihnen etwas heiliges und die Wissenschaft künftiger
Dinge wahrgenommen. Daher hätte kein Held in Deutschland gelebt / welchem man
nicht die grosse Aurinia vorziehe. Und wäre nicht nur bei denen Britanniern /
sondern auch bei denen Sitonen / welche so wohl Schwaben als die Langobarden
wären / es gar nichts neues: dass ein Weib über sie herrschte. Und ob zwar die
Langobarden noch kein Beispiel für sich hätten / stünde doch ihnen auch kein
Gesätze im Wege. Was neu und vorhin nicht getan worden / wäre nicht zu
verwerffen /wenn es die Zeit an die Hand gäbe. Denn diese richtete sich nicht
nach uns / sondern kluge Leute in sie. Wie nun viel / was jetzt alt wäre / neu
gewest; also würde Lutgardis / welche ohne diss schon bei ihres Vaters Leben
durch männliche Sorgen der Weiber Schwachheiten vertrieben hätte / ihren
Nachkommen ein Vorbild sein in solchen Fällen durch so tugendhafte Fürstinnen
die Glückseligkeit ihres Landes zu befestigen. Alleine Volck und Adel
wiedersprachen einmütig den Priestern / und sagten der anwesenden Lutgardis in
die Augen: die tapfferen Langobarden /welche deswegen ihnen mit Fleiss so lange
Bärte wachsen liessen: dass man sie von Weibern desto kenntlicher unterscheiden
könnte / würden ihnen nimmermehr die Schande antun: dass sie einem gebietenden
Weibe gehorsamen sollten / welche man nicht ein Haus zu beherrschen fähig
schätzte. Die Natur hätte das männliche Geschlechte zur Herrschaft / das
weibliche zur Untertänigkeit verordnet; also machten sie sich zu was geringerm
als zu Weibern / wenn sie die Gesätze der Natur umkehrten / sich aber / wenn sie
sich einem Weibe unterwürffen / zu herrschen unfähig erklärten. Sie wären wohl
arglistig und verwegen / aber die nötigen Werckzeuge zum Herrschen /nämlich
Klugheit und Tapferkeit / wären keine Schätze / welche in dem Geschirre des
weiblichen Hertzens verwahret würden; weswegen die Göttin der Weissheit Pallas
kein Weib zur Mutter gehabt / sondern aus dem Gehirne Jupiters entsprossen sein
sollte. Daher auch ihre Ratschläge unglücklich ausschlügen und ihre Taten sich
entweder mit Zagheit oder Verzweifelung endigten. Ihre zarten Glieder wären zur
Arbeit zu schwach / ihr Mund zur Verschwiegenheit zu schlüpfrich / ihr Sinn zu
beständigen Entschlüssungen zu beweglich; ihr Antlitz hätte in sich mehr
Liebreitz als Ansehligkeit; ihr Gemühte wäre denen Regungen nicht gewachsen /
und ihr Hertze nach der Eigenschaft aller Furchtsamen zur Grausamkeit geneigt;
ja wenn die Geilheit ihnen einmal den Zaum aus den Händen rückte / risse die
ihren Begierden heuchelnde Gewalt alle Banden der Scham / der Natur und der
Gesätze in Stücken. Man zählete ja in der Welt etliche berühmte Fürstinnen /
welche ihre Natur und Eigenschaften überstiegen hätten; aber ihrer aller Nahmen
liessen sich auf einen Kirschkern schreiben; und unter diesen wären noch die
meisten / welche nicht so wohl die Tugenden / als ihren Schatten besessen / und
den guten Anfang mit einem schlimmen Ende verterbt hätten. Hingegen könnte man
einer guten Phile hundert schlimme Laodicen / und ihre Reiche ins Verterben
stürtzende Cleopatren entgegen sätzen. Wessentwegen Achilles aus einem
allgemeinen Ratschlusse der Griechen die Amazonen Königin Pentasilea in den
Fluss Scamander gestürtzt hätte. Das deutsche Frauenzimmer wäre auch nichts
absonderlichs von dem weiblichen Geschlechte; also auch nicht ihren
Schwachheiten überlegen. Daher auch die alten Deutschen vernünftig befunden:
dass tugendsame Weiber sich sicherer liessen zu Heiligen als Herrscherinnen
machen. Von denen gleichsam in Schnee und Eis verwickelten Sitonen liesse sich
auf die Langobarden kein Schluss machen. Denn jene beherrschten ihre an keine
Gesätze gebundene Könige als ihr Eigentum; bei den Langobarden aber herrschte
der Fürst nach den Gesätzen / und seine Gewalt bestünde mehr in klugem Einraten
und guten Beispielen / als im Befehlen. Ja / wenn man die Sache beim Lichten
besähe / dienten andere ihm nicht so sehr / als er andern; nämlich dem Rate /
dessen Meinungen er sich willig unterwürffe; dem ganzen Volcke / da er für ihre
Wolfart weder Arbeit noch Gefahr scheute / endlich iedem Bürger / die er wider
Gewalt und Unrecht schützen müste. Wenn die Langobarden nun in die Fussstapfen
der Sitonen treten sollten / würde von ihnen noch ein spöttischer Urtel / als
von diesen gefället werden / nämlich: dass sie nicht nur aus der Art freier /
sondern gar dienstbarer Völcker geschlagen wären. Ja wenn schon Lutgardis das
Hertz hätte in ihren öffteren Kriegen mit zu Felde zu ziehen / würden sie doch
zu besorgen haben: dass ihre Feinde ihr wie Evelton der Mutter des Arcesilaus
Pheretim einen güldenen Rocken mit einer Spindel zuschicken dörffte. Nichts aber
wäre der Herrschaft schädlicher und tapferen Leuten unverträglicher / als
verachtet werden. Der Adel hingegen rühmte nicht weniger die Geschickligkeit zum
Herrschen am Fürsten Ditmar /als es sein Recht zur Nachfolge ausführte. Denn er
wäre nicht weniger ihres gewesenen Herrschers Roberts Sohn / als es der letzt
verstorbene Siegebert gewest; und für diesen wären des Langobardischen Hauses
Anverwandten in viel weitern Staffeln zur Herrschaft kommen; also könnte der
leibliche Bruder des letzten Fürsten unter keinem Scheine des Rechtens
verstossen werden. Denn ob er zwar einem andern Gottesdienste beipflichtete /
leschte doch dieser Unterschied weder das Band des Geblütes / noch das Erb-Recht
/ am wenigsten aber den Gehorsam der Untertanen aus. Sintemahl die Meinung von
GOtt in dem Gewissen bestünde / über welche GOtt allein die Herrschaft; und /
der Langobarden eigener Urtel nach / kein Fürst die Macht hätte die seinige
einem Bürger aufzudringen / weil nur der Leib / nicht aber das beste Teil des
Menschen die Seele der Dienstbarkeit unterwerflich wäre. Mit was Befugnüs könten
sie denn ihrem Fürsten ihren Gottesdienst aufnötigen / oder da er hierinnen
seinen Untertanen nicht gehorsamte / ihn als untüchtig verwerffen. In was für
grausame Kriege würde diese Meinung Deutschland und die halbe Welt einflechten:
wenn Untertanen den /welcher nicht ihrem Glauben beipflichtete / für ihren
Fürsten zu erkennen nicht schuldig sein sollten? Sintemahl die meisten Länder
zwei und mehrerlei / ja Rom wohl hunderterlei Gottesdienste beherbergte; und in
Egypten hätten die Ptolomeer es für ein Staats-Geheimnüs gehalten / in ieder
Stadt einen besondern Gottesdienst zu unterhalten. Sie hätten sich auch von
Ditmarn nicht zu besorgen: dass er ihren Gottesdienst ändern würde / weil ihrer
Fürsten Gewalt in gewisse Gräntzen eingeschränckt / durch Gesätze befestigt wäre
/ und hierüber mit ihm gewisse Bedingungen aufgerichtet werden könten.
Zugeschweigen: dass denen Langobarden eine solche Beständigkeit angebohren wäre /
welche sich zu nichts zwingen liesse /und sie wie jene Indianer gegen den
grossen Alexander sich rühmen könten: Ihre Leiber wären zwar von einem Orte /
ihre Gemüter aber nicht von ihren gefasten Meinungen zu bringen; und ehe iemand
sie zu was unbeliebigem zwingen sollte / würden Holtz und Steine reden. Da sie
nun in irrdischen Dingen so standfeste wären / wie viel weniger wäre in
Glaubens-Sachen von ihnen Wanckelmut zu besorgen. Sintemal ohne diss die Andacht
nie feuriger wäre / als wenn sie verboten werden wollte; hingegen offentliche
Freiheit die Gottseligkeit meist gar kaltsinnig machte. Ja /wie grosse
Platz-Regen mit grosser Menge Kräuter und Blumen herfür brächten; also breitete
die Verfolgung die Gräntzen eines vernünftigen Gottesdienstes aus. Zu dem wäre
GOtt der oberste und beste Schutzherr des ihm gefälligen Gottesdienstes; welcher
wider aller Könige Gewalt / wider aller Neuerer Arglist so lange bleiben / als
die Sonne scheinen würde. Die Priester und das Volck sätzte dem Adel entgegen:
das gemeine Heil wäre das oberste Gesätze; also müste diesem auch der Fürsten
Erbrecht weichen. Die Einigkeit des Gottesdienstes aber der einige Ancker
gemeiner Ruh / mit dessen Wanckung das gröste Reichs-Schiff erschüttert würde.
Was für Einigkeit des Gottesdienstes wäre in einem Lande zu hoffen / wo der
Fürst selbst den Glauben seines Volckes verdammte /und nach der Eigenschaft
menschlicher Gemüter diss / was er für falsch hielte / hassen müste? Da doch das
fürnehmste Ampt eines Fürsten in Beschirmung und in der Beobachtung des
Gottesdienstes bestünde / und er von rechtswegen oberster Priester sein sollte.
Wird ihm aber Ditmar nicht vielmehr hieraus ein Recht zueignen dem Volcke eine
Richtschnur ihres offentlichen Gottesdienstes fürzuschreiben? Wie viel Fürsten
sind in der Welt nicht beredet: dass dem / welchem ein Land gehöre / auch den
Gottesdienst zu ändern zustehe? ungeachtet er uns vielleicht in geheim zu
glauben verstatten möchte / was wir von unsern Eltern gelernet haben. Wenn
Ditmar aber auch gleich uns in unser Glaubens-Ubung nichts in Weg legte / würde
doch niemand so einfältig sein / welcher glaubte: dass dem Eubagischen
Gottesdienste dadurch kein Abbruch geschehen könnte? Wer würde sich unterstehen
ihrem Fürsten zu wehren: dass er für sich die Druyden zu Priestern / und ihnen
beipflichtende Leute zu Räten und Dienern annähme? Würden nicht ihrer viel
/welche mehr Ehrsucht als Andacht im Hertzen hegten / beim Fürsten in Genade und
zu Ehren zu kommen seinem Gottesdienste beifallen? weil diese Beipflichtung auch
denen Unwürdigen die Pforten der Ehren aufschlüsse / anders gesinnten Würdigen
aber zusperrte. Wie viel Einfältige würden sich durch scheinbaren Vorwand in
ihren Irrtum verleiten lassen! Denn Fürsten hätten beim Volke ein solch
Ansehen: dass man auch ihre Fehler nachzutun für Tugend oder für Schuldigkeit
hielte. Alle denen Druyden dienende Erfindungen würden sich mit der beliebten
Gewissens-Freiheit verteidigen oder beschönen lassen. Denn keine Gesätze /
keine mit ihm gemachte Bedingungen / ja keine menschliche Klugheit wären
vermögend zu verhindern: dass in einem Reiche nicht der Gottesdienst zu Schwunge
kommen / und mit der Zeit die Oberhand bekommen sollte / welchem der Fürst
zugetan wäre. Nach dem nun es so weit kommen wäre / bliebe es nicht nach: dass
der andere Gottesdienst gedrückt / und die demselben beipflichtende /die man
eine zeitlang nur wider Willen dulden müssen / aus dem Wege geräumet würden. Es
mangelte so denn nicht an Vorwand: dass man denen anders glaubenden Unruh und
Laster beimässe / und solche als schädliche Kräuter ausrottete; oder ihnen durch
Geld-Straffen und Abkürtzung ihrer Güter die Flügel beschnitte. Denn die nicht
selten allzu eifrigen Priester bildeten dem Fürsten für: Er dörffte ihm kein
Gewissen machen die zu kräncken / welche Gott hasten und von ihm gehast würden.
Alle kluge Herrscher hätten die / welche im Gottesdienste ihnen was besonders
gemacht / mit Feuer und Schwerdt vertilgt. Das kluge Aten hätte darum den
Socrates und Protagoras verdammt; Anaxagoras und Aristoteles aber wären deswegen
verklagt worden. Die Römer hätten vielmahl mit grossem Ernste frembden
Gottesdienst untergedrückt / ihre Heiligtümer zerstöret / und die
hartneckichten aus der Stadt geschafft. Wenn es aber ja Ditmar nicht so weit
bringen sollte; würden doch die Langobarden hierdurch in ewige Zwiespalt und
Unruh versätzt werden. Denn einem Reiche hienge kein grösser Unheil zu / als von
zwistigem Gottesdienste. Der einige Knecht Eunus hätte mit den Haaren der
Syrischen Göttin durch Aberglauben ein Heer von sechzig tausend Menschen ihm
anhängig / und ganz Sicilien aufrührisch gemacht. Was sollte nicht ein das Hefft
in der Hand habender Fürst durch diesen nachdrücklichen Schein auszurichten
mächtig sein? Hibernien hätte dieses erfahren / welches so lange Blut
geschwitzet / als es in sich zweierlei glaubende Fürsten und Untertanen gehabt
hätte. Wer wollte den Langobarden nun raten sich und ihren Gottesdienst einer so
augenscheinlichen Gefahr durch Erhöhung Ditmars zu unterwerffen? hätte er wollen
ihr Fürst sein / so hätte er auch sollen ihren alten Gottesdienst behalten;
dessen Veränderung bei allen Völckern verhast wäre; weil dieser das gröste
Kleinod der Menschen / und festeste Band zwischen Fürsten und Untertanen wäre.
Ditmar hätte ihm diese Ausschlüssung selbst zuzuschreiben / und die Druyden sich
hierüber nicht zu beschweren; welche für Zeiten in Gallien sich eben dieses
Rechtes wider den Ambiorich einen Eubagischen Fürsten bedienet / und nach langen
Kriegen ihn nicht ehe für das Haupt des ihm durch uhraltes Erb-Recht
zugefallenen Galliens hätten erkennen wollen / biss er den Eubagischen
Gottesdienst abgeschworen. Diesemnach hielten sie für ratsamer ehe ihr
Vaterland verlassen / als ihren Gottesdienst der Veränderung unterwerffen. Denn
GOtt liesse die nirgends Not leiden / die an ihm nur treulich hängen blieben.
Diesem nach könnte man bei Uberlegung des gemeinen besten zwar die Natur und die
Vernunft als Ratsherren hören /die Gottesfurcht aber müste als Fürst die
Ober-Herrschaft haben / und der erwogenen Sache den Ausschlag geben.
Gottschalck einer von Adel warff hierwider zwar ein und anders ein / und machte
Hoffnung: dass Ditmar sich zum Eubagischen Gottesdienste beqvämen würde. Aber die
Priester und Volck nahmen dieses nur für eine falsche Anstellung an; welche ein
gar altes Mittel wäre / sich dadurch zur Herrschaft empor zu schwingen. Wie die
angenommenen Tugenden aber viel schädlicher wären / als offentliche Laster; also
sätzte eines Fürsten Gleissnerei eines Volckes Gottesdienst durch seine heimliche
Untergrabungen in grösserer Gefahr / als wenn er solchem offentlich zu wider
wäre / und iederman so viel mehr wachsamer zu sein Ursache gäbe. Denn ein
wiedersprechender Fürst glaubte ja einen GOtt / ein Gleissner aber keinen;
sondern sein Gottesdienst wäre ein blosser Schatten / und also nicht mehr als
nichts. Der Adel hingegen verredete Ditmarn; und dass die Priester durch ihre
Prüfung leicht würden erforschen können; ob es ihm Ernst / oder nur Heuchelei
wäre. Zu dem wären sie auch wegen angestellter Gottesfurcht ganz widriger
Meinung; könten auch nicht begreiffen / wie diese dem Volcke schädlicher als
eine offentliche Anfeindung ihres Gottesdienstes sein könnte; ungeachtet eine
solche Anstellung den Gleissner selbst so wenig besser / als die Schmincke ein
hessliches Antlitz schön machte. Denn wenn Ditmar gleich seinen Irrtum im
Hertzen behielte / nur aber zum Scheine vorgäbe: er pflichtete den Eubagen bei;
würde doch solche Anstellung ihn an aller Verführ- oder Verfolgung verhindern;
er würde weder anders glaubende Diener hegen / noch seine Kinder in seinem
Irrtume auferziehen können. Die weltlichen Gesätze erstreckten sich ohne diss
nur auf eusserliche Bezeugungen; und wäre niemand schuldig über seine Gedancken
Rechenschaft zu geben / noch Straffe zu leiden. Wesswegen viel kluge
Staats-Lehrer von ihren Fürsten nicht eben eine ernstliche / sondern nur eine
angenommene Gottesfurcht erfordert hätten / damit er durch Verleugnung oder
Verunehrung Gottes nur dem Volcke nicht ärgerlich wäre / und bei selbten den
festesten Zaum des Gehorsams / nämlich die Gottesfurcht nicht zerrisse. Das
kluge Aten hätte sich mit diesem Scheine der Gottesfurcht vergnügt / und den
ruchlosen Pisistratus wieder zu seinem Haupte angenommen /da er sich nur von der
Pallas auf einem Wagen in ihre Stadt und Tempel einführen liess / ungeachtet der
ihn vorher verjagende Lycurgus und Megacles wohl wusste: dass nur ein vier Ellen
langes Weib Phya eine falsche Pallas fürstellte. Gottfried der Langobarden
oberster Priester antwortete ihm nicht ohne Entrüstung: die Meinung flüsse aus
diesem gifftigen Brunnen her: dass der Gottesdienst nur eine zur Befestigung der
Herrschaft dienende Erfindung der Menschen wäre; da doch der nicht wert wäre
den Nahmen eines Menschen zu führen / welcher daran zweiffelte: Ob ein GOtt wäre
/ ob er als der oberste Herrscher alles weisslich / mächtig und gerecht führete /
und ob man ihn demütig verehren sollte. Denn alles dieses wäre auch
unvernünftigen Tieren eingepflantzt. Daher auch der weise Pytagoras gar recht
gelehret hätte: dass die Erkäntnüs Gottes die höchste Tugend / die gröste
Weissheit und die vollkommenste Glückseligkeit wäre. Auf diesen Grund müsten alle
Gesätze gebauet / durch dieses Band alle Gemeinschaften verknüpfft / und die
Gerechtigkeit befestigt werden. Denn / weil Fürsten ins gemein keinen Gesätzen
unterworffen sind; oder die es auch gleich sein / doch dieses beschwerliche Seil
durch die in Händen habende Macht von ihren Hörnern abzustreiffen bemühet sind;
was würde sie von Unterdrückung des Volckes /von Benehmung ihrer Freiheiten /
von Verletzung der Bündnisse und denen frechesten Schand-Taten zurück halten /
wenn nicht ein heimliches Gesätze im Gewissen / nämlich die Gottesfurcht / ihnen
einen höhern Richterstuhl über die mächtigste Könige der Welt für Augen stellte?
Wenn nun ein Fürst diese Empfindligkeit in seinem Hertzen wahrhaftig nicht
fühlte / sondern nur sich mit desselben Larve behilfft; also nichts von Tugend
hält / bleibet nichts in ihm übrig / was den eingebohrnen Zug zum bösen in ihm
hemmen solle; und also wäre er bei solcher Finsternüs gleichsam gezwungen
spornstreichs in alle Laster zu rennen / und als der Steuermann das Schiff des
Reiches mit sich in Bosheit und Untergang zu stürtzen. Gottschalck hatte das
Hertze nicht dem Priester hierwider etwas entgegen zu sätzen / das Volck aber
brachte durch seinen Redner Siegeberts Sohn / Bertold / welchen er mit einer
adelichen Jungfrauen gezeugt hatte / in Vorschlag. Deñ dieser wäre nicht mehr
ihres tapferen Hertzogs Sohn als sein lebendiges wahres Ebenbild. Die
Aehnligkeit sähe ihm nicht mehr aus den Augen / als die Tapferkeit aus seinen
Taten hervor leuchtete. Dieses allein sollte ihm im Wege stehen: dass Siegebert
seine Mutter nicht durch gewisses Gepränge / wohl aber durch seine Liebe für
seine Gemahlin erklärt hätte. Was gäbe jenes aber der Sache als einen eitelen
Firnis? Das Recht der Natur wüste von keiner andern Art der Eh / als von der
Vermischung eines Mannes und eines Weibes. Dass Siegebert hernach eine Fürstin
zur Gemahlin genommen hätte / könnte dem Bertold das Recht seiner Kindschaft
nicht benehmen. Sintemahl die friedliche aber auch rechtliche Ehscheidung den
Kindern nicht nachteilig sein könnte. Ja wenn auch Bertold schon zur Zeit der
andern Eh geboren wäre / hätte doch die Gewohnheit der meisten Völcker ein
Recht auf einmal zwei / oder mehr Weiber zu haben eingeführt. Wiewohl auch die
meisten Deutschen sich mit einem Ehweibe vergnügten / geschehe dieses mehr aus
Keuschheit als Zwange / und wäre dem Adel / weniger Fürsten / verboten derer
mehr zu heiraten. Wenn aber auch schon Bertold für keinen ehlichen Sohn zu
halten wäre / ersätzte seine Tugend diesen Abgang. Der aber wäre der
rechtschaffene Sohn eines Helden-Vaters / in dessen Worten man seine Klugheit /
in dessen Wercken man seine Hertzhaftigkeit nachgemacht sähe. Die Erfahrung
erhärtete: dass wie solche Kinder ins gemein mit mehr Feuer gezeugt würden; also
auch ihr Geist mehr Feuer hätte. Diese wären sonder Zweiffel die grösten Helden
der Welt / und nicht der getichtete Jupiter des Hercules und grossen Alexanders
/nicht der geträumte Kriegs-Gott des Romulus / noch der in eine Schlange
verwandelte Apollo des Scipio und Augustus; sondern ausser Zweiffel eitel
verborgene Liebhaber aller dieser Väter gewesen. Jugurta hätte es allen
ehlichen Nachkommen Masinissens zuvor getan; und deswegen hätte Micipsa ihn im
Numidischen Reiche nebst seinen leiblichen Kindern; König Pyrrhus seinen
unechten Sohn Molossus in Epir zur Herrschaft zu erhöhen kein Bedencken / und
selbige Völcker sie anzunehmen keine Abscheu gehabt. Bei denen Persen wäre unter
diesen und ehlichen Söhnen kein Unterscheid. Ja es wäre kein Zweiffel: dass wenig
Völcker in der Welt wären / über welche nicht gar durch Ehbruch gezeugte Kinder
geherrschet hätten. Was wollten denn sie für Bertolden so grosse Abscheu haben /
der von einem tapferen Fürsten / von einer edlen Mutter geboren wäre / und alle
Tugenden eines Fürsten besässe? Wie die Laster aber den Adel auswischten / also
vertilgte auch die Tugend alle Flecken der Geburt. Die Priester aber und der
Adel schlugen sich dissfalls wider das Volck zusammen / und sagten: Sie könten
ihren wolverdienten Fürsten keine grössere Schande nicht antun / noch sich
durch etwas bei der Nachwelt verächtlicher machen / als weñ sie einem unehlich
Gebohrnen die Würde über sie zu herrschen zueigneten. Solche Leute wären nicht
fähig unter dem Pöfel mit zu erben; und die Langobarden wollten sich zu Bertolds
Erbteile machen? welchen sein eigener Vater niemahls ohne Schamröte für seinen
Augen hätte sehen können / und seine Mutter für seine Gemahlin zu erkennen ihm
niemahls hätte träumen lassen. Wären andere Völcker iemahls so knechtisch
gewest: dass sie in einem erblichen Reiche ein Huren-Kind hätten erben und
herrschen lassen; so wären die freien Langobarden hierzu viel zu edel. Aus einer
so bösen Wurtzel könnte nicht viel gutes entspriessen; und Jugurta wäre nicht
nur ein trauriges Beispiel eines bösen Herrschers; welch raubrischer Zweig
Masinissens ganzen Stam vertilgt /und Numidien in Römische Dienstbarkeit
versätzt hätte; sondern warnigte gleichsam alle Völcker: dass sie nimmermehr kein
Huren-Kind sollten herrschen lassen. Die den Deutschen so sehr verhaste Geilheit
würde mit Bertolden gleichsam selbst auf einen Königlichen Stul gesätzt. Denn
wie sollte Bertold das Laster straffen / welches ihm sein Wesen gegeben hätte?
dieses aber wäre ein rechter Wurm / welcher den Kern der Reiche ausfrässe: dass
sie wie hole Stöcke über einen Hauffen fielen. Dessen hätten sie sich unfehlbar
zu versehen / wenn sie die der Tugend gebührende Würden denen Lastern
zuschantzten. Dahero sie lieber den geringsten aus dem Pöfel / als Bertolden
zum Fürsten haben wollten. Denn die Eh machte: dass jener von besserer Ankunft /
als dieser /wäre. Uber diesem Zwiste giengen etliche Tage hin: dass sie sich
nicht vergleichen konten. Endlich aber erfand der Ritter Kallenberg ein Mittel
zum wenigsten ein Teil auf des Adels Seite zu bringen; schlug also dem obersten
Priester des Fürsten Ditmars Heirat mit der Fürstin Ludgardis für. Dieser nahm
es in Bedencken / überlegte es mit den fürnehmsten Priestern. Ihr einiges
Bedencken war: dass bei den Langobarden noch niemahls iemand seines Brudern
Tochter geheiratet hatte. Alleine Gottfried behauptete: dass auch die Heirat
unter Geschwistern nicht wider das Recht der Natur / und allezeit bei den
Egyptiern üblich; also gegenwärtige Eh mit des Bruders Tochter noch viel weniger
selbtem zu wieder / sondern bei den Griechen / bei denen mit so scharffen
Gesätzen versehenen Juden / und fast allen Völckern zulässlich wäre. Diesem nach
wäre es gar wohl verantwortlich: dass in gegenwärtigem Falle die widrige
Gewohnheit der gemeinen Wolfart aus dem Wege wieche. Andere hätten sich ohne
diss nicht mit dem Tun der Fürsten zu behelffen; und wäre diss / was gleich einem
freistünde / nicht allen zuzulassen. Der oberste Priester brachte ihre
Einwilligung dem Kallenberg / dieser aber dem Adel bei; ja es ward diese Heirat
zwischen Ditmarn und Lutgardis so geheim gespielet: dass das Volck nicht ehe
davon Nachricht erhielt / als biss sie beide in dem nechsten Heine eingesegnet /
und von Priestern und Adel für die Herrscher der Langobarden erkläret wurden.
Denn solche neue Herrschaften sätzen ins gemein ihren Grund auf den Fuss eines
strengen Gehorsams; und verlassen sich auf die Hörner des Schreckens / welches
so wenig das Blut der Unschuldigen als Straffbaren schonet. Je unvermuteter
dieses dem Volcke war / ie mehr wurden sie darüber entrüstet. Sintemahl sie
nicht nur die heftige Liebe gegen den Bertold / sondern auch die begegnete
Verachtung dahin verleitete: dass sie von Stund an die Versamlung verliessen; und
weil des Volckes Gewohnheit ist / entweder knechtisch zu gehorsamen / oder
hoffärtig zu herrschen / folgenden Tag den Bertold für ihren Hertzog erklärten
/ und ihm einen güldenen Rincken / als das Zeichen der Hertzoglichen Würde
auffsätzten. Hertzog Ditmar und Lutgardis hingegen erklärten Bertolden mit
allem seinem Anhange für Aufwiegler und Verräter des Vaterlandes. Worüber beide
Teile sich gegeneinander rüsteten / und die Langobarden so wohl als Semnoner in
bürgerlichen Krieg verfielen / und derogestalt zur Gewalt ihre Zuflucht nahmen;
welche alles / und also mehr als alle Vernunft in der Welt ausrichten kann.
Dieses allein war der Unterschied: dass bei den Semnonern die Priester dem Volcke
/ bei den Langobarden dem Adel beipflichteten / und sie daher dort den Adel /
hier das gemeine Volck vom Gottesdienste ausschlossen. Weil nun die
Priesterschaft in einem Reiche ein gross Gewichte / und gleichsam die
Herrschaft über die Hertzen in seinen Händen hat; also die / welchen sie
beifällt / zu verzweiffelter Tapferkeit / denen widrigen aber Furcht und
Schrecken einzujagen mächtig ist; schiene bei den Semnonern das Volck / bei den
Langobarden der Adel seinem Gegenteile zu Kopfe zu wachsen. König Marbod sah
beiden Kriegen als zweien Lust-Feuern mit gröster Vergnügung zu; sonderlich da
die Cherusker und Catten damahls mit den Römern in Krieg verflochten waren / und
er sich daher von diesen Nachtbarn keines Eintrags zu besorgen hatte. Weil aber
ihre Fürsten gleichwol durch ihre Gesandten beide Völcker zur Eintracht ermahnen
liessen / wollte Marbod hierbei die Gelegenheit seinen Vorteil zu beobachten
nicht versäumen. Er schickte also den Ritter Waldstein zu den Semnonern / den
Ritter Ellenbogen zu den Langobarden als Botschafter / welche seine
Vermittelung zum Frieden beiden Völckern anbieten sollten / in Wahrheit aber mehr
Oel ins Feuer giessen mussten. Insonderheit aber gab er ihnen mit / Sorge zu
tragen: dass das schwächste Teil nicht untergedrückt / oder in Verzweiffelung
versätzt würde. Inzwischen rührte sich König Marbod gleichwol nicht mit einem
Manne; ungeachtet er über hundert tausend Kriegs-Völcker auf den Beinen hatte;
ja entfernte sie noch mehr von der Semnoner und Langobarden Gräntzen / damit er
nicht in Argwohn fiele /als wenn er auf ihre Herrschaft ein Auge hätte.
Waldstein brachte es durch seine Vermittelung gleichwol dahin: dass die Priester
dem Adel der Semnoner wider den Gottesdienst öffneten / und sich zu Werckzeugen
seiner Vermittelung gebrauchen liessen; wordurch denn die Wage des Krieges
ziemlich gleiche zu häncken anfieng. Ob auch wohl das Volck nunmehr etwas lindere
Seiten aufzuziehen anfieng / liess doch Marbod den Adel anstifften: dass sie ihre
Seiten höher spannen sollten. Inzwischen versicherte doch Waldstein das Volck:
dass Marbod nimmermehr zum Nachteile und zu Gefahr aller Fürsten geschehen
lassen würde: dass bei den Semnonern das Meerwunder einer vielköpfichten
Herrschaft eingeführet werden sollte. Bei solcher Beschaffenheit ward unter dem
Schatten eines verlangten Friedens der Krieg aufs eifrigste fortgeführet; weil
Marbods Einraten nach der Waffen Stillestand nur Zunder des Krieges samlete /
unter dem Schilde und bei dem Feuer des Krieges aber der festeste Friede
geschmiedet würde. Es zohe nach gewohnten Zufällen im Kriege bald ein- bald das
andere Teil den kürtzern; und also schnitten sie einander die Spann-Adern
selbst ab / sonder Wahrnehmung: dass beide dadurch ohnmächtig und eine Beute des
ersten Raub-Vogels werden würden. Bei den Langobarden liess Marbod das Volck mit
Fleiss im Gedrangen /nicht aber ohne Hoffnung. Denn ob zwar selbtes anfangs ihrem
Bertold einen blinden Gehorsam leistete / verfiel es doch nach etlichen
unglücklichen Streichen in Ungedult. Hiermit verschwand ihre Eintracht / ihre
Liebe gegen Bertolden erkaltete / und das Verhängnüs dreute auf ihrer Seite dem
Kriege einen traurigen Ausschlag; der siegende Adel aber ihnen eine
beschwerliche Dienstbarkeit; also dass das Volck und Bertold nunmehr den König
Marbod um Hülffe anzuflehen genötigt ward. Marbod / welcher noch immer den Adel
ins geheim verhetzte dem Volcke von Tag zu Tage schwerere Friedens-Bedingungen
vorzuschreiben / das Volck aber mit vieler Hoffnung gespeiset hatte / machte
nunmehr hundert Schwerigkeiten sich in einen frembden Krieg einzumischen;
drückte also Bertolden und dem Volcke / welche in die augenscheinliche Gefahr
der eussersten Dienstbarkeit gerieten / und den hartneckichten Vorsatz
behielten / lieber eines frembden Knecht / als dem Adel dienstbar zu werden /
die Erklärung ab: dass sie den König Marbod für ihren Schutz-Herrn erkennen / und
ihm wider alle seine Feinde mit zwölff tausend Kriegs-Leuten beistehen wollten.
Marbod stellte sich hierzu kaltsinnig an / und wollte darum noch gebeten sein /
das er doch auffs heftigste verlangte. Denn der schlaue Marbod wollte nun zu
seiner Sicherheit bei der Welt darfür angesehen sein: dass er seine
Herrschenssucht gesättigt / und nichts weniger als sich mehr zu vergrössern im
Sinne hätte. Nach dem die Langobarden aber den Vergleich eingiengen / wie er
ihnen solchen selbst vorschrieb / sich also ihm mehr untertäniger machten / als
sie ihren alten Fürsten gewest waren / trug er durch den Ritter Ellenbogen dem
Adel wegen des Volckes solche Vorschläge zum Frieden an / welche ihm bei in
Händen habendem Vorteil allerdings unanständig / auch seinen bei des Volckes
viel besserm Zustande vorhin getanen Vorschlage schnurstracks zu wider waren.
Als sie solche nun seinem Absehen nach verwarffen / forderte er seinen
Botschafter vom Adel und den Priestern ab; liess an allen benachbarten Höfen sie
auffs schwärtzeste abmahlen / und dass er das bedrängte Volck für angedreuter
grausamster Knechtschaft zu beschirmen genötiget wurde / fürgeben. Er selbst
aber kam mit viertzig tausend ausserlesenen Marckmännern dem Langobardischen Adel
so geschwinde auf den Hals /dass er nicht Zeit hatte sich anderwerts um Hülffe
umzusehen. Er erklärte sich gegen den König Marbod des Volckes Vorschläge
anzunehmen / aber dieser antwortete: Nach dem der Degen schon ausgezogen /wäre
es zu spät / diss zu willigen / was man vor verworffen hätte. Das gemeine Volck
der Langobarden dorffte oder wollte auch nicht mit der ihm angebotenen Freiheit
zu frieden sein; sondern wollte sich auch am Adel und den Priestern rächen;
schlug also allen Vergleich aus / und hielt nach Gewohnheit des seltzamen Pöfels
für vergnüglicher Marboden zu dienen / als unter einem eigenen Fürsten der alten
Freiheit zu genüssen. Weil nun kein ander Mittel nicht übrig war /entschloss sich
der Adel lieber zu sterben / als sich Marboden zu unterwerffen; und wenn es ja
gefallen sein müste / nicht wie das tumme Vieh / sondern als Männer / nämlich
nicht ungerochen zu sterben. Am allermeisten waren die Priester hierüber
bekümmert /derer etliche diesen unglücklichen Ausschlag ihrer Verwilligung in
Ditmars und der Lutgardis Eh zuschrieben; und ihnen also dieses Unheil tieff zu
Hertzen zohen / und diesen Schlag von Langobarden abzuwenden allen Verstand
zusammen rafften. Weil sie nun wohl wussten: dass der Glaube und Aberglaube von
Göttlichen Dingen die Unmögligkeit selbst zu überwinden mächtig wäre / nahmen
sie hierzu ihre Zuflucht / und der oberste Priester führte den Fürsten Ditmar /
seine Gemahlin Lutgardis / und zwölff der fürnehmsten Obersten unter dem Heere
in einen heiligen Hein zu einer alten Eiche / welche kaum zehn Männer umgreiffen
konten / und fieng an: Ihr edlen Langobarden: wisset dass in diesem heiligen
Baume der Langobarden gröster Schatz / und bei itziger Gefahr eine versicherte
Hoffnung verwahret sei. Unsere eusserste Not zwinget mich diss Geheimnüs heute
zu vertrauen / welches ich und andere Priester sonst nimmermehr ins Tagelicht
würden gebracht haben. Denn keinem Schatze würde von Feinden mehr nachgestellet
/ als diesen / worauf die Erhaltung eines Reiches bestünde / wie dieser hier
verborgene wäre. Hiermit kletterte der Priester an dem Baume hinauf / hernach
stieg er in den holen Baum hinab / und brachte einen Ertztenen Todten-Topff /
und ein uhraltes Buch herfür. Hierinnen / sagte er / ist die Asche des ersten
Langobardischen Hertzogs des tapferen Warnefrieds verwahrt. Nach dem er den
Topff eröffnet und die Asche nebst etlichen Beinen gezeigt hatte / öffnete er
das Buch / und zeigte ihnen folgende Schrifft: So lange Warnefrieds Asche in der
Langobarden Gewalt bleiben / und diese ihre Bärte nicht verkürtzen werden / wird
sie keine frembde Gewalt unter ihr Joch zu bringen mächtig sein. Nach dieser
Schrifft zeigte er ihnen allerhand darinnen aufgezeichnete wichtige Zufälle /
welche sich von etlichen hundert Jahren her / bei den Langobarden ereignet
hätten. Zuletzt wiess er ihnen: dass die Langobarden noch ein Teil Pannoniens
einnehmen / und Aukarich in Italien ein mächtiges Reich aufrichten würde / nach
welchem noch dreissig Langobardische Könige Italien beherrschen sollten. Aus
dieser wahrhaften Weissagung sollten sie einen Trost schöpffen / und versichert
sein: dass wie gefährlich es gleich aussähe / doch Marbods und der ganzen Welt
Kräfften das Langobardische Reich wider den Schluss des Verhängnisses übern
Hauffen zu werffen nicht vermöchten. Ditmar /Lutgardis und die Ritter hörten dem
Priester mit nicht weniger Freude als Verwunderung zu. Ditmar aber fragte: woher
denn diese Asche eine so mächtige Krafft in sich hätte? Der Priester antwortete:
der Göttliche Wille wäre mächtig eine Spinnewebe zu einer eisernen Mauer zu
machen. Solche Geheimnisse des Verhängnisses wären nur zu glauben / nicht
auszuforschen; und hätten sie an dieses Buches Wahrheit so viel weniger zu
zweiffeln / weil dessen Wahrsagungen durch mehr eintreffende Geschichte / als
die Sibyllinischen Bücher zu Rom / wären erhärtet worden. Uber diss wäre
Zoroasters Asche auch ein versicherndes Pfand des Persischen Reiches; die Asche
und Gebeine Orestens der Stadt Aricia gewest / und nunmehr der Stadt Rom / wo
sie in des Saturnus Tempel sorgfältig aufgehoben würde. Ditmar versätzte: Er
hätte stets für der Römer Reichs-Pfand das Bild der Pallas rühmen hören /
welches Chryse von Minerven empfangen /dem Dardanus zum Braut-Schatze zugebracht
/ Antenor dem Priester Teanus abgekaufft und ins Griechische Lager / Eneas aber
in Italien gebracht haben sollte. Der Priester antwortete: dieses wäre wahr; und
es hätte kein Volck sich um so viel Reichs-Pfänder /als die Römer beworben. Denn
über diese zwei besässen sie derer noch wohl fünff; nämlich den Zepter des
Priamus / welchen Eneas dem Könige der Latiner geschenckt hätte / von welchem er
zu den Hetruriern /und von diesen unter dem Tarqvinius nach Rom kommen wäre. Bei
diesem würde verwahrt der Schleier der ältesten Tochter des Priamus Iliona. Noch
vielmehr Krafft aber eignen die Römer der grossen Nadel und dem schwartzen
Steine der von Pessimunt nach Rom gebrachten Götter-Mutter / und dem Ancilischen
Schilde zu; welcher zur Zeit des Numa mit dieser Stimme vom Himmel gefallen sein
sollte: dass die ihn besitzende Stadt so lange die mächtigste in der Welt sein
würde. Endlich hätten sie auch die aus Ton gebackene vier Pferde / welche die
Vejenter nach Rom geschickt / in nicht geringerm Wert gehalten. Weil nun bei
den Römern alles diss / was von ihren Wunderbilden geweissagt worden wäre / so
beständig einträffe / hätten die Lombarden auch diese Asche ihres Warnefrieds
billich hoch zu achten / und dieses uhralten Buches Weissagungen zu glauben.
Dazumahl so viel andere Völcker iederzeit auf ihre Reichs-Pfänder grosse Türme
gebaut; und insonderheit die Stadt Mycene ihren güldenen Wieder / Memphis das
singende Bild Memnons / die Sicilier ihre am Meerstrande gegen die Brutier
gestellte Seule / welche immer Feuer und Wasser aussprjetzte / und so wohl dem
Brande des Etna steuern / als den Feinden zur See die Durchfart verwehren sollte
/ die Megarenser das rote Haar des Nisus / mit dessen Abschneidung seine
Tochter Scylla auch seiner Herrschaft ein Ende gemacht / so wert gehalten
hätten / und für derselben Verluste für dem Untergange wären befreit blieben.
Und schiene es: dass die Schutz-Geister eines ieden Ortes sich gleichsam mit der
gleichen Reichs-Pfändern vermähleten / welche die Römer aus den belägerten
Städten durch Opffer zu sich beruffen so sehr bemüht / und hernach in den
eroberten ihre Heiligtümer zu zerstören: dass sie die Lust vergienge wieder
dahin zu kehren / gewohnt wären. Ditmar ward nebst seinen Gefärten durch den
Priester des Sieges so gewiss beredet / als wenn er solchen schon in Händen
hätte; daher sie auch zum Krieges-Heere wiederkehrten und selbtes so gewisser
Göttlicher Offenbahrung versicherten: dass niemand am Siege zu zweiffeln hätte.
Sie rückten also biss an die Havel dem Marbod entgegen; allwo die Priester eine
adeliche Jungfrau /welche ihr Vater fürs gemeine Heil freiwillig hierzu hergab /
geopffert / und ihr Blut in den Fluss gegossen ward: dass der Feind diesen nicht
sollte überschreiten können. Sie wurden aber gleichsam vom Donner gerührt / als
sie vernahmen: dass Marbod und Bertold die Nacht vorher schon über diesen Fluss
gesätzt / und in dem heiligen Heine / darinnen Warnefrieds Asche verwahret ward
/ durch die Marcomañischen Priester geopffert / und ihrem Vorgeben nach der
Langobarder Schutz-Geister auf ihre Seite gebracht hätten. Anstatt voriger
Hertzhaftigkeit dachte nunmehr fast iederman auf die Flucht / und hätte niemand
des Feindes erwartet / wenn er ihnen nicht selbst unversehens auf den Hals
kommen wäre. Ditmar hemmete mit seiner Ermahnung / und Lutgardis mit ihren
Tränen / am allermeisten aber die Priester / welche die für verloren
geschätzte Asche Warnefrieds ans Licht brachten /durch ihre Beschwerungen die
zurücke hielte / welche nichts als Furcht und Flucht im Hertzen hatten. Der
Anblick dieses Gefässes verwandelte sie gleichsam in neue Menschen / und die /
welche vor kein Hertze hatten / kriegten durch Aberglauben jetzt derer gleichsam
zwei. Ditmar stellte den Adel in Schlacht-Ordnung / alle waren begierig zu
fechten; ja Priester und Weiber gürteten ihnen Waffen an / und stellten sich
unter die Kriegs-Fahnen. Marbod hingegen drang mit seinen Marckmännern im
rechten / und Bertold mit den Langobarden im lincken Flügel gegen jene an;
welche in eine neue Bestürtzung gerieten / als sie gewahr wurden: dass diese
ihnen auf Marbods Beredung / um sie in der Schlacht nicht zu erkennen / die
langen Bärte grösten teils abgeschnitten hatten. Sintemahl ihnen dieses
vorlängst als ein Keñzeichen bevorstehender Dienstbarkeit war geweissagt worden.
Gleichwohl redete Ditmar und die Priester durch andere Auslegung aus: dass keiner
an tapfferer Gegenwehr nichts erwinden liess. Nach zweier Stunden Gefechte
/brachte Marbod des Feindes lincken Flügel in Verwirrung und folgends in die
Flucht. Hingegen musste Bertold mit seinen lincken des tapferen Ditmars rechtem
weichen. Ob nun zwar dieser dem Marbod seinen Notstand wissen liess / und Hülffe
begehrte; hatte doch Marbod kein Gehöre / biss er die Nachricht kriegte: dass
Bertold von Ditmarn erschlagen ward; hierauf liess er den Grafen Tschernin und
Fasenburg die Fliehenden verfolgen; er aber ging mit dem Kerne seiner
Marckmänner Ditmarn in Rücken / und hatte das Glücke: dass der Ritter Wreschowitz
/ nach dem er mit seinem wenigen Volcke länger als eine Stunde wider diese
grosse Macht als ein Löw gefochten hatte / diesen tapferen Fürsten erlegte. Mit
diesem / als dem Haupte entsanck dem übrigen Adel nach Verlust vielen Blutes
endlich Hertz und Hoffnung; sonderlich als der oberste Priester zu Bodem
geritten ward / und er das Ertztene Gefässe mit Warnefrieds Asche zu Marbods
Füssen warff. Marbod / weil er die Langobarden umringt und geschickter zum
sterben als länger zu fechten sah / gab seinen Marckmännern ein Zeichen zum
Stillestande der Waffen; welche das gemeine Volck der Langobarden ungeachtet
ihrer Verbitterung gegen den Adel / der seine nunmehr zu Marbods Füssen legte /
einstecken musste. Also erhielt Marbod den völligen Sieg; was nicht durch die
Schärffe der Schwerdter gefallen war / ward gefangen; kein Langobardischer Fürst
stand ihm mehr im Wege; und also ward er von allen dreien Ständen für ihren
König auf der Walstadt ausgeruffen / und ihm der Eyd der Treue abgelegt.
    Das Geschrei von diesem Siege war noch nicht zu den Semnonern kommen / als
Marbod mit seiner Macht und acht tausend Langobarden schon in ihr Land einbrach
/ und geraden Weges gegen Budorgis rückte. Denn ob Marbod wohl verstand: dass man
sich in der Nachtbarn innerliche Kriege nicht ehe mischen sollte / als biss man
vom schwächsten Teile zu Hülffe geruffen würde; da denn die Raserei der
verbitterten Bürger aus Begierde sich an ihren Beleidigern zu rächen die Liebe
des Vaterlandes erstecket / keine Bluts-Freundschaft kennet / sondern mit
seinem Feinde sich mit Freuden in Dienstbarkeit und Untergang stürtzet; hingegen
wenn ein mächtiger Nachtbar ungeruffen einfällt / befördert er nur zwischen den
Streitenden einen Vertrag / und dass sie ihren gegen einander gehabten Hass wider
ihren gemeinen Feind auslassen. So wusste doch dieser schlaue König schon: dass
die Semnoner sich gegen einander so abgemergelt hatten: dass / wenn sie schon
zusammen spannten /seiner Macht nicht gewachsen wären. Alleine Marbod hatte
durch seinen Botschafter dieser besorgten Vereinbarung schon vorgebeugt / so
viel Verdacht und Saamen der Zwietracht zwischen den Adel und das Volck der
Semnoner gestreut: dass es leichter schien Feuer und Wasser / als sie mit
einander zu vereinbaren. Hingegen sparete der Ritter Ellenbogen nichts so wohl
auf ein- als der andern Seite die Gemüter für den König Marbod zu gewinnen. Er
stellte dem Adel die unvermeidliche Not für einen Fürsten zu erwählen; welchem
Satze die Priester einen kräfftigen Nachdruck gaben. Hierauf mahlte er des König
Marbods Macht / seine Klugheit und Gütigkeit ab / und hielt ihnen ein: dass es
viel besser wäre einem grossen / als kleinen Fürsten gehorsamen. Denn dieser
würde von Nachbarn bald um diss / bald um jenes angefertigt; könnte sie nicht
schützen / er müste sich selbst für allen mächtigen Nachtbarn bücken / und wider
Willen seinen Untertanen / welche er zu ihrem grossen Schaden alle kennte und
zahlen könnte / grössere Beschwerden auflegen / als sie zu tragen vermöchten.
Unter einem grossen Fürsten aber / wie Marbod wäre / lebte man in stoltzer Ruh
und Sicherheit. Die Fürsten der Gallier hätten unaufhörliche Händel mit einander
gehabt / biss sie unter der Römer Gewalt und in Ruh kommen. Ein Land teilte dem
andern seine Fruchtbarkeiten mit; und die gemeinen Beschwerden wären wegen
Vielheit der sie tragenden nicht zu fühlen. Die Römer / welche gleichsam aller
Welt Gespenster und Schrecken wären / stünden für niemanden / als dem mächtigen
Marbod in Kummer. Die ihm gehorchenden Völcker wären gleichsam aus dem
stürmenden Meere bei ihm in einen stillen Hafen eingelauffen; und durch sein
aufgerichtetes Gewerbe mit andern Völckern hätten sie allererst das Reichtum
der Welt und die Süssigkeit des menschlichen Lebens schmecken lernen. Seine
Herrschaft wäre so gerecht und so gelinde: dass niemand als die Feinde und
Ubeltäter wüsten: dass die Marckmänner einen König hätten. Denn er vermischte
den Fürsten und Bürger so weisslich zusammen: dass ihn iederman für diesen wegen
seiner Leutseligkeit / für jenen wegen seiner Bemühung und Woltätigkeit halten
müste. Seine Hoheit wäre ohne alle Hoffart; seine Verträuligkeit machte ihn
nicht verächtlich. Er gäbe nicht das Reich seinen Dienern unter die Hände /
sondern herrschte selbst: dass ein Fürst seiner Diener Knecht würde /wenn er sein
fürnehmstes Ehweib / nehmlich sein Reich / zu seiner Diener Sclavin machte; und
dass Untertanen ihre Könige so denn rechtschaffen liebten /wenn sie ihnen
niemand gebieten liessen / wie Weiber ihre Ehmänner / wenn sie Männer wären. Er
erledigte alle wichtige Sachen selbst / die geringern liesse er seine Diener
untersuchen / und bindete sich an keinen gewissen. Denn er pflegte zu sagen:
Fürsten sollten mehr als einen vertrauten Diener / wie die Tempel viel Eingänge
haben. Die Freigebigkeit wäre ihm angebohren / und kriegte oft ein Untertan in
einer Stunde mehr von ihm geschenckt / als er sein lebtage Schatzung geben
dörffte. Es wäre sein Sprichwort: Wie das abgeschnittene Grass mehr wüchse als
das sich überstünde / also verarmte kein Fürst von Freigebigkeit. Damit er nun
diese seine Lobsprüche so vielmehr beglaubigte / liess der Botschafter keinen
Notleidenden / oder die / welche beim Volcke in Ansehen waren /und was zu sagen
hatten / unbegabt. Insonderheit übte er gleichsam eine Verschwendung gegen die
Priester aus; weil er wohl verstund: dass bei ihnen eine milde Hand die
kräfftigste Schluss-Rede wäre die gerühmte Gottesfurcht und Andacht seines
Königes zu erweisen; und hingegen diss / was am Marbod getadelt oder gefürchtet
werden konnte / zu verhüllen. Sintemahl auch sonst ins gemein Frömmigkeit der
weissen Farbe / Freigebigkeit der Röte des Frauenzimmers gleichet; in dem durch
beide viel andere Flecken verdeckt werden. Uber diss wusste der Botschafter denen
Priestern mit dem Pinsel seiner Beredsamkeit Marbods geistliche Stifftungen und
derselben reiche Einkünfte ansehlich fürzumahlen / und sie zu bereden: dass er
niemahls ohne der Priester Einratung was wichtiges entschlüsse / ja ihm
fürgenommen hätte / so bald er seinem Reiche einen tüchtigen Herrscher auffinden
würde / seine übrigen Jahre dem Priesterstande zu wiedmen; weil sich zwar wohl
als ein Fürst leben / als ein Priester aber ruhiger sterben liesse. Durch diese
annehmlichen Fässel ward die Priesterschaft auf eine solche Weise gewonnen /
dass sie meinten: es könnte den Semnonern kein heilsamer Glücksstern aufgehen /als
wenn sie einen so andächtigen und freigebigen Fürsten zum Herrn bekämen. Eine so
durchdringende Würckung hat der Eigennutz / dessen Herrschaft in der Kugel des
Mohnden anfängt / und sich biss in die ärmsten Schäffer-Hütten / ja biss ins
unterste der Erde erstrecket. Sintemahl nicht nur die Menschen / sondern alle
unbeseelte Dinge / ja die Sternen selbst gegen einander ihren Vorteil suchen /
und ein Ertzt dem andern suchet Abbruch zu tun; daher ihr Geist auch die
festesten Geschöpffe durchdringet / ja aus diesem Absehen Feuer und Wasser sich
ihrer eigentlichen Bewegung entschlagen / und dieses in die Höhe empor steigt /
dass es zu Wolcken werde / jenes aber sich in die tieffsten Klüffte absencket:
dass es sich mit Golde vermähle. Mit einem Worte: der Nutzen ist in dem Tun der
Menschen eben diss / was das allgemeine Saltz oder der tätige Geist / mit dem
sich die Lufft vermählet: dass sie dadurch die Atem-holenden Tiere speisen /
die Flamme brennend erhalten / das Saltz und den Schwefel der Erde mit Salpeter
trächtig machen könne. Denn wie ohne dieses Saltz die Lufft nichts zu nehren
vermag; also verlieret in der Welt die Liebe / die Weissheit / ja die Andacht
selbst bei entfallendem Vorteile gleichsam alle Lebhaftigkeit. Weil nun Marbod
von diesen Unterbauungen gute Nachricht hatte / übte er in der Semnoner Gebiete
keine Feindseligkeit; was auf sein Kriegs-Volck aufgieng / liess er richtig
bezahlen; und ob ihm schon die Stadt Budorgis die Pforten öffnete / weigerte er
sich solche zu beziehen / sondern schrieb durchs ganze Land aus: Er wäre nicht
als ein Feind / sondern als ein guter Nachtbar dahin kommen / ihrer grausamen
Uneinigkeit ein Ende zu machen. Denn der Krieg wäre ein gefährliches Feuer /
welches zu leschen alle kluge Nachtbarn zulauffen müsten; und die Zwietracht
wäre so anfällig als Seuchen / daher hätte er für die Wolfart seiner Völcker zu
sorgen. Diesem nun abzuhelffen wäre kein ander Mittel; als dass die Semnoner auf
den nechsten Vollmohnden in Budorgis /wo er einem ieden für unrechter Gewalt
Sicherheit verschaffen wollte / zusammen kämen / und durch freie Stimmen ihnen
ein Haupt erwehlten. Denn ihm und allen Fürsten wäre daran gelegen: dass die
Semnoner ihre alte Herrschens-Art behielten; den Semnonern aber selbst: dass sie
nicht länger ohne einen Fürsten blieben. Denn niemand / als Bosshafte /
verlangten ausser Gesätzen zu leben; und bei solcher Freiheit sänckte sich das
böse Tropffen-weise in die Hertzen der Frommen ein: dass sie nach und nach das
ihnen verhaste Laster für gar keines mehr hielten. Die in einem Lande aber
einmal verschwundene Tugenden und gute Sitten kämen langsam wieder in Gebrauch.
Denn denen hernach gebohrnen schienen sie was frembdes zu sein: und nach nie
gekosteter oder vergessener Süssigkeit gelüstete niemanden. Durch Beförderung
dieser Wahl würden sie auf einmal alle Hoffnung denen aufgeblasenern Gemütern
verschneiden; welche das Feuer der Zwietracht sonst unendlich unterhalten / und
bosshaft zu bleiben nicht unterlassen würden; weil die Tugend zeiter so kostbar
/ und gleichwol elende hätte leben müssen / die Herrschaft aber dem
Ehrsüchtigsten zu Teile werden dörffte. Es wäre selbst des Adels Ernst nicht
/keinen Fürsten zu haben; sondern nur ein Vorwand die / welche einem oder andern
dörfften vorgehen /aufzuhalten und aus dem Wege zu räumen. Also sollten sie
diesem Spiele einmal ein Ende machen. Denn ob zwar gewisse Menschen eine
Eigenschaft hätten: dass sie diss / was sie mit ihrer Hoffnung verschlungen haben
/ für eine ihnen gebührende Schuldigkeit / und /wenn sie es nicht erlangten /
für ein ihnen angetanes Unrecht hielten; so müste diesen Ehrsüchtigen auf
einmal durch den Sinn gefahren / die Ruhe des Volckes ihrer Ehrsucht fürgesätzt
/ und sie lieber einmal recht beleidiget / als ihnen bei gelassener Hoffnung
mit der Zeit zu herrschen das Vaterland in Grund zu richten Lufft gelassen
werden. Diesemnach versähe er sich: dass diese so nötige als heilsame Wahl zu
vollziehen niemand aussenbleiben würde. Bei der Versamlung wollte er selbst für
eines ieden Freiheit stehen; die Aussenbleibenden aber für seine und ihres
Vaterlandes Feinde erklären. Denen Priestern und dem gemeinen Volcke war dieses
ein gefundener Handel; weil die Wahl eines Fürsten von Anfang her der Zweck
ihres Krieges gewest war. Weil es nun Wasser auf ihre Mühle und ein heftiger
Streich wider den Adel war / vergassen sie hierbei: dass sichs zwischen einem
gewaffneten Heere so wenig frei wählen / als mit angefässelten Beinen grosse
Lufft-Springe tun liesse. Also fanden sich die Priester und das Volck
Hauffen-weise ein. Der Adel / nach dem er vergebens versucht hatte / das Volck
zu bereden: dass sie ihre einheimische Strittigkeiten eine zeitlang an Nagel
hencken / und dem sie beide zu unterdrücken vorhabenden Feinde mit vereinbarten
Waffen begegnen sollten / sah sich nun nicht allein um die eingebildete freie
Herrschaft / sondern auch um die freie Wahl gebracht. Wie schwer sie es nun
gleich ankam / mussten sie nur sich auch zu Budorgis einfinden / wo sie zwischen
denen Marckmännischen Waffen das Aass ihrer entseelten Freiheit nicht ohne
Erstaunung liegen sahen. Denn alle Pforten waren nicht nur mit frembdem
Kriegs-Volcke besätzt / sondern es drängten sich unter selbten Volck und
Priester / weil ieder dem andern vorkommen wollte / beim Könige Marbod / als der
Semnoner künftigem Fürsten einzulieben. Um sein Zelt lag eine solche Menge
Volckes auf den Knien / die man kaum übersehen konnte / welche nur ihn zu sehen
die Ehre haben wollten. Alle Abende wurden auf den Gassen Freuden-Feuer / welche
seinen Nahmen brennende fürstellten / angezündet / und in Lobe-Liedern seine
Taten gesungen. Derogestalt sind die Wasser-Fälle des Nilus und des Rheines
gegen dem Falle der Freiheit nur für Kinderspiel zu achten; welche in eine
solche Dienstbarkeit abstürtzet: dass die Heuchelei ihr nicht genung Farben
vorzuschüssen weiss / damit sie die Niedrigkeit ihres Gemütes fürbilde. Als es
nun zur Wahl kam / fieng der oberste Priester alsbald an: gute Fürsten wären ein
blosses Geschencke des Himmels / böse könten durch die klügste Wahl tausend
scharffsichtiger Leute verhütet werden. Sintemahl keine zauberische Rute der
Circe die Menschen mehr verwandeln könnte / als die Fürstliche Hoheit; und ihrer
hundert für würdig zu herrschen würden gehalten worden sein / wenn sie nicht
geherrschet hätten. Daher gäbe es in der Welt so viel Könige / die nicht
Alexander wären / ungeachtet man eine grosse Menge Alexander zählte / die nicht
Könige wären. Niemahls aber verstiesse man in Wahlen ärger / als wenn man zu
Herrschern machte / die nicht Fürsten wären; und welche allererst sollten
herrschen lernen / wenn sie das Meisterstücke machen sollten. Denn ob zwar die
Herrschaft einen klugen Mann zu machen pflegte / wenn sie ihn nicht findete
/müste doch ein Land bei dieser Lehre viel ausstehen /und seines Fürsten
Irrtümer mit vielem Gut und Blute bezahlen. Nach dem nun bei den Semnonern alle
Fürsten abgestorben / aus ihnen selbst aber einen zu erwählen gefährlich wäre;
weil es einen Bildhauer schwer ankäme ein Bild anzubeten / was er selbst gemacht
hätte / und ein solcher Fürst fast unmöglich das nötige Ansehn behaupten / die
grossen im Zaume halten / und denen Empörungen steuern könnte / wäre der
unvermeidlichen Not einen frembden Fürsten zu suchen. Was wollten sie aber einen
allererst durch Zanck und Vorwitz suchen / nachdem ihnen GOtt den vollkommensten
schon zugeschickt hätte / nämlich den König Marbod. Dieser hätte durch seine
Weissheit in wenig Tagen die zerstreuten und wie rasende Wölffe auf einander
wütende Semnoner durch diese friedliche Zusammenkunft vereinbaret / durch
Beherrschung so vieler Länder seine Fähigkeit erhärtet; also würde es der
höchste Undanck / die schädlichste Unvernunft sein / wenn sie einen Würdigern
zu finden ihnen träumen liessen / als er wäre. Dieses wäre die einmütige
Meinung der Priesterschaft; denn es wäre die gröste Torheit / wenn menschliche
Vernunft von der Strasse ihr einen Abweg suchen wollte / die das Verhängnis
einem selbst mit dem Finger anwiese. Das gemeine Volck war viel zu begierig: dass
es hätte sollen die Meinung des Adels erwarten / oder ihre Beistimmung mit
gewissen Gründen bekleiden sollen; sondern selbtes schlug teils die Hände /
teils die Waffen zusammen / und ruffte: Es lebe unser Fürst König Marbod!
Derogestalt blieb dem Adel nichts übrig / als durch eine beipflichtende
Heuchelei sich dem Grimme des Volckes / für der Verfluchung der Priester und der
Macht des Königs Marbod zu entreissen. Also kostet es zwar Müh und Kunst das
Hefft der Herrschaft in die Hände zu bekommen; hernach aber gibt sich alles
gleichsam von sich selbst; und mühten sich die Unwilligsten die ersten und
fertigsten zum Gehorsame zu sein. Von Stund an wurden aus allen dreien Ständen
Abgeordnete zum Könige Marbod abgeschickt / welche ihn die Herrschaft über die
Semnoner anzunehmen erbitten mussten; weil er sich heraus liess: dass er niemahls
darnach ein Verlangen gehabt / er auch sie nimmermehr annehmen würde / wenn er
wüste: dass unter den Semnonern nur einer wäre / der ihn nicht gerne zum Fürsten
hätte. Also ward Marbod mit grossem Frolocken zum Haupte der Semnoner erhoben;
ohne dass er ein so grosses Volck unter sich zu bringen eine Sebel zucken
dorffte.
    Marbod / welcher die Herrschens-Künste von Grund aus verstand / sparte so
wohl bei den Semnonern als Langobarden nichts durch Woltaten ihre Gemüter an
sich zu ziehen; iedoch auch seiner Seits dieser streitbaren Völcker sich zu
versichern. Denn er wusste wohl: dass ein mit den Waffen erobertes Reich einem noch
nicht gebändigten Pferde gleichte / welchem man zwar liebkosen / biss es
auffsitzen liesse /aber auch solches stets an einer Leine führen müste: dass es
nicht zu krumme Springe unversehens machte. Er vertraute alle Einkünften und
Ansehn denen Eingebohrnen / die Kriegs-Aempter alleine gab er seinen
Marckmännern. Die Richter-Stüle besätzte er mit Gerechten / die gemeinen
Schatz-Kasten mit ehrlichen Leuten; und weil doch die mit Waffen eroberten
Länder nicht ohne Waffen zu erhalten sind / baute er an die Flüsse zwar etliche
Festungen / aber mehr zum Scheine der Versicherung wider die Nachtbarn / als aus
Misstrauen gegen ihnen. Die Besatzungen bestunden zwar meist an Marckmännern;
aber er besoldete sie aus eigenem Beutel / verminderte also ihre alten Anlagen /
und liess keinem Marckmann / auch dem geringsten einige Uberlast machen. Und
kurtz zu sagen: er ging mit ihnen nicht als mit Uberwundenen / sondern als
angeerbten Untertanen um. Denn ob zwar die / welche eine Herrschaft durch
Laster an sich bracht / solches selten durch Tugenden ausüben; so ist doch
gewiss: dass / weil die Bosheit ohne Hülffe der Tugend lange nicht tauern kann /
solche durch diese erhalten; und weil doch der Uberwundenen Dienstfertigkeit
eine blosse Heucheleiy ist / ihre wahrhafte Liebe hierdurch nach und nach
gewonnen werden müsse. Zu solchem Ende führete er bei selbten allerhand Gewerbe
/ den Ackerbau / die Weberei und andere Handwercker ein / welche dem Volcke zu
seiner Glückseligkeit nicht wenig zu dienen schienen. Welche letztere Angel
ihrer Freiheit weder Semnoner noch Langobarder merckten / so lange Marbod mit
denen Gotonen / Lygiern und andern Völckern Krieg führte / und ihrer Waffen von
nöten hatte. Nach dem aber Marbod seiner Herrschaft Maass und Ziel zu sätzen
anfieng / und zwar nicht ohne Waffen / aber lange ohne Krieg war; wollten diese
Völcker ihrer alten Gewohnheit nach in anderer kriegender Völcker Dienste gehen
/ und lieber mit Blute als Schweisse ihr Brodt verdienen / oder vielmehr ihr
Glücke anderwerts suchen / und ihre Waffen nicht verrosten lassen; und als
solches Marbod nicht erlauben wollte; fasten sie wider ihn den ersten Argwohn;
sonderlich als er zwischen ihnen und den Marckmännern nunmehr einen mercklichen
Unterschied zu machen anfieng / und sie zwar unter seinem Heere für gemeine
Kriegs-Knechte dienten / aber selten über einen Wachmeister oder Feldwebel
steigen konten; sondern eitel Marckmännischer Hauptleute Befehl unterworffen
wurden / wenn sie schon Kriegs-Leute gewest waren / da jene noch in der Wiege
gelegen hatten. Dieser Fehler verriet am ersten Marbods Karte und Anschläge;
welcher von den Römern hätte lernen sollen: wie selbte die überwundenen Völcker
durch Erteilung des Bürger-Rechts ihnen gleich zu machen / und an ihre Sitten
zu gewöhnen pflegen. Welche Vernachlässigung / wie sie Aten und Sparta gestürtzt
/ also gab sie auch Marbods Herrschaft den ersten Stoss. Denn der Adel beruffte
sich nunmehr mit grösserm Eyver auf seine Freiheit / und liess sich verlauten:
dass er ihm anderwerts durch die Waffen sein Glücke zu suchen nicht länger würde
wehren lassen. Marbod meinte ihn zu besänften / und hielt ihn lange Zeit durch
allerhand scheinbaren Vorwand / sonderlich aber damit auf: dass er selbst keinen
Augenblick des Friedens versichert wäre; also ihrer im Kriege selbst von nöten
haben würde / den er bald mit den Römern / bald mit den Sarmaten / bald mit den
Cheruskern und Catten anzufangen Anstalt machte. Der Adel merckte wohl: dass diss
sie aus Ubung der Waffen zu bringen / und als unstreitbare zur Dienstbarkeit
desto fähiger zu machen angesehen wäre; weil aber Marbod das zwischen dem Adel
und Volcke schon einmal angeglommene Misstrauen / als ein seiner Herrschaft
dienendes ewiges Feuer / noch immer unvermerckt unterhalten hatte / musste er
seine hierüber gefaste Empfindligkeit nur in sich fressen / und durch Gedult
verdeuen. Unterdessen wurtzelte gleichwol wider den Marbod bei denen seine
Herrschens-Künste ergründenden ein bitterer Hass ein / welche sahen: dass seine so
geschwinde Aenderung seiner Laster in Tugenden nicht von der Natur / die so gähe
Springe nicht macht / sondern aus einer betrüglichen Scheinheiligkeit herrührte.
Diese aber fürchtet das Volck mehr / als offene Laster. Denn die mit Lastern
verdrehte Tugend ist zweifache Bosheit; und kann nichts als abscheuliche
Missgeburten zeugen.
    Inzwischen spielte sich der Römische Krieg wider die Deutschen an die
benachbarte Weser / und machte bei allen über der Elbe wohnenden Deutschen
keinen geringen Lermen; so gar: dass auch etliche vornehme Staats-Diener des
Königs Marbod ihm rieten / diesem gefährlichen Feuer / weswegen ganz
Deutschland die Sturm-Glocke zu leuten Ursache hätte / nicht ferner zu zusehen.
Weil aber Marbod als eine gefrorne oder bezauberte Natter sich nicht regte / ja
mehr denen Hermunduren mit zwanzig tausend Marckmännern über die Saale ins Land
fiel / und den Catten dreute / damit beide denen Cheruskern nicht zu Hülffe
kämen / verfiel Marbod in Verdacht: dass alle zwischen ihm und den Römern gehabte
Missverständnüsse ein blosses Spiegelfechten wären / und sie mit einander unter
der Decke und im geheimen Bündnisse steckten; Krafft dessen sie Deutschland mit
einander teilen und vollkommen dienstbar machen wollten. Bei solchen Misstrauen
brach die Ungedult bei den Langobarden und Semnonern aus. Die alten Edelleute
hiessen zwar ihre Söhne nicht ausdrücklich denen Cheruskern zuziehen / beklagten
sich aber über die unglückliche Zeiten: dass bei so nahem Kriege ihre Kinder auf
dem Miste versitzen und zu Bauern werden müsten. Dieses jagte den jungen Adel in
Harnisch: dass sie ihnen selbst Obersten erwehlten / über der Elbe in dem
Cheruskischen Gebiete Sammel-Plätze bestimmten / und derer acht tausend zum
Hertzog Herrmann unvermutet ins Lager kamen. Marbod ward bei der hiervon
einlauffender Zeitung gleichsam vom Blitz gerühret; daher er den Grafen von
Rosenberg mit zwölff tausend Marckmännern und Sedusiern in der Semnoner Gebiete
schickte / der in Krieg gegangenen Edelleute Väter in Hafft / die Güter in
Beschlag nehmen / und / da sie nicht Augenblicks zurück kehrten / ihnen alle
Straffen der Aufwiegler und Verräter andreuen liess. Hiermit zohe Marbod das
gröste Teil des Adels zurücke / die aber zu Hause wenig oder nichts zu
verlieren hatten / blieben bei den Cheruskern / und liessen dem Marbod sagen:
Sie hätten zu Hause lange genung Tauben gefangen; nun müsten sie gleichwol
erfahren: ob es keine streitbarere Vögel in der Welt gäbe. Marbod / welcher
sonst über seine Gemütsregungen eine vollkommene Botmässigkeit hatte / konnte
sich dieses mahl nicht hemen seinen Eyver auszulassen; Adgandester aber sagte
ihm: er hätte sich über dieser Begebnüs mehr zu erfreuen als zu eifern Ursache.
Sintemahl er dadurch den schönsten Vorwand in der Welt bekäme diesen beiden
Völckern / sonderlich dem hochmütigen Adel die Freiheiten auf einmal zu nehmen
/ bei derer Tauerung er sie nur wie den Aal beim Schwantz hätte / und sich
wahrhaftig nicht rühmen könnte: dass er ihr Herr wäre. Diesem nach sollte er weder
Zeit noch Gelegenheit versäumen ihnen auf den Hals zu gehen / sein Erb-Recht zu
befestigen / die Barden und ihren Gottesdienst auszurotten / die Herrschaft
nach seinem Kopffe und zu seiner Sicherheit einzurichten. Denn Fürsten müsten
wie die Aertzte den Krancken ihre bittere Träncke auf einmal einschütten: dass
sie nicht lange daran zu käuen und zu kosten hätten; das gute hingegen wäre
ihnen nur Tropffen-weise einzuflössen / damit ihr Geschmack lange unterhalten
und ein Fürst nicht erschöpfft würde. Marbod folgte entweder aus abnehmender
Klugheit / oder aus absonderer Schickung des Verhängnisses Adgandestern. Denn
böse Diener sind nur die Röhren / durch welche böse Ratschläge flüssen; ihr
Uhrsprung rühret aus jenem tieffen Brunne her. Daher ereignet sichs oft zu
grosser Verwunderung der ganzen Welt / welche sieht: dass die Staats-Diener
oft mit ausgebreiteten Fahnen wider die Gerechtigkeit / die Gesätze und ihres
Fürsten Nutzen in Krieg ziehen; dass sie mit dem Fetten des Volckes ihren Geitz
mästen / mit dem Blute der Unschuld den Durst ihrer Rachgier leschen / und um
ihnen Häuser zu bauen das Königreich einreissen; und dass gleichwol der Fürst
entweder alleine verbländet ist / oder es geschehen läst / und noch dazu lachet.
Zwar ist sich hierüber nicht zu verwundern / wenn ihm ein ungeschickter Fürst /
der nie mit keiner anderen als einer geborgten Vernunft geherrscht hat / ihm
das Hefft nehmen / und seine Einfalt durch eine scheinbare Beredsamkeit hinters
Licht führen läst; diss aber kam der ganzen Welt billich seltzam vor: dass der so
verschmitzte Marbod in solchen Zustand verfiel / welchen Adgandester von einer
kurtzen Zeit her so eingenommen oder vielmehr bezaubert hatte: dass er nichts
ohne ihn tat / und / was dieser riet / niemahls wiedersprach. Derogestalt
betete er Adgandestern / und alles sein Tun an; war also nicht besser als die
Bildhauer / welche ihre Götter mit eigener Hand fertigen. Er gab ihm alle seine
Einkünfte unter Hände / belegte ihn mit den vornehmsten Aemptern des Reichs /
und hatte kein Bedencken ihm zu gefallen / allen andern weh zu tun; ja er
enteusserte sich gleichsam allen seines Willens und seiner Krone /damit
Adgandester nur alles nach seiner Willkühr einrichten / und hierzu genungsames
Ansehen haben möchte. Adgandester wusste sich dieser eingeräumten oder vielmehr
abgetretenen Macht meisterlich zu bedienen. Denn er sperrte den König in der
Mitte eine so Volck-reichen Hofes zur Einsamkeit und eitelem Zeitvertreib unter
dem Nahmen nötiger Ruh ein /und liess ihn weder Volck noch Kriegs-Heer sehen
/als wenn er verhasten oder bedencklichen Sachen einen Nachdruck geben wollte. Er
räumte alle / welche Adgandestern am Wege stehen konten / oder ihrer
Aufrichtigkeit und Tugend halber nicht in seinen Kram taugten / aus dem Wege;
die aber wegen ihrer hohen Verdienste unumstossliche Pfeiler waren / entfernete
er durch grosse Verwaltungen der Länder /durch Botschaften und wichtige
Geschäfte aus den Augen des Fürsten / und machte aus seinen Geschöpffen
gleichsam einen neuen Hof; welches nach der Eigenschaft aller Neuigkeiten dem
Marbod zu seinem Schaden und Schande noch hertzlich wohl gefiel; ungeachtet er
keinen alten Diener / keinen vertrauten Menschen mehr um sich sah / für welchem
er hätte ein Wort reden können / welches nicht selbigen Augenblick Adgandestern
zugetragen ward. Mit einem Worte: Marbod geriet mit seinem guten Willen in
eusserste Dienstbarkeit / und ward der schimpflichste Gefangene seines eigenen
Knechtes / oder starb vielmehr seiner Herrschaft ab. Denn er fragte fast nicht
mehr nach seinen Reichs-Händeln / weniger begehrte er selbte zu ordnen: ja er
wagte sich nicht einmal die einlauffenden Brieffe zu lesen / wenn sie
Adgandester nicht vorher entsiegelt / und befunden hatte: dass der König hiervon
Nachricht erlangen dörffte. Zugeschweigen: dass Marbod nicht einmal ohne sein
Einraten auf die Jagt zoh; wenn er iemanden gerne befördert wissen wollte / ihn
Adgandestern einlobte / und wenn er was für sich selbst etwas vergeben hatte /
geschehen liess: dass sein Diener es als eine Ubereilung zurücke zoh. Daher auch
kein Mensch mehr etwas beim Könige / sondern bei Adgandestern suchte / der alles
in allem; also König und Rat zugleich war /seinen Herrn aber nur statt eines
Bildes brauchte /welches man auf eine marmelne Seule sätzt: dass iederman für
selbtem die Knie beugen muss. Damit Marbod aber gleichwol glauben möchte: dass
diese Selbstgelassenheit zu sein und seiner Tochter Adelgunde Ausnehmen
gereichte / schalt er auf vorige Staats-Diener: dass sie so viel Zeit hätten
verstreichen lassen / ohne bei den Langobarden und Semnonern ihr Erb-Recht in
Gewissheit und die Gewalt des Königs in bessern Stand zu sätzen. Dieses nun zu
vollziehen führte er den König mit Adelgunden zu dem Ende dahin; sie kamen auch
gleich zu Budorgis an /als zwei Tage vorher die fünff tausend Edelleute aus dem
Cheruskischen Lager zurück über die Elbe kommen waren. Adgandester wusste diss als
einen des Adels Freiheit angebrachten Streich nicht genungsam heraus zu
streichen / und den Marbod zu bereden: dass Untertanen niemahls recht
gehorsamten / weñ ein Fürst nicht seiner Gewalt zu gebrauchen / und mit
Nachdruck zu befehlen wüste. Adgandester aber /welcher vorher ein so schlauer
Staats-Mann gewest /und alles mehr durch Arglist als Gewalt auszurichten
beflissen gewest war / ward von so grossem Glücke gleichsam truncken: dass er
seiner vorigen Vorsicht vergass; oder bildete ihm vielleicht ein: dass sich seine
ungeheure Gewalt über Reich und König nicht anders als durch Donner und Blitz /
nämlich durch Hefftigkeiten behaupten liesse. Diesem nach verbannte er die
aussengebliebenen dreitausend Edelleute aus Marbods ganzem Reiche / entsätzte
sie ihres Adels / und erklärte sie für Vogel-frei. Weil nun in beiden Ländern
kein Adeliches Haus war / welches nicht einen Anverwandten darunter hatte /
wurden alle dadurch auffs heftigste beleidigt. Hierbei aber beruhte er noch
nicht; sondern Marbod oder vielmehr Adgandester erforderte vielmehr unter dem
Nahmen des Königs auch die / welche der Königlichen Abforderung gehorsamt
hatten: dass sie Rechenschaft geben sollten / warum sie für ihren eigenen Kopf zu
denen Cheruskern in Krieg gegangen wären? da sie doch alle wohl gewust /wie übel
diese mit dem Könige stünden / welcher der von ihnen bekriegter Römer
offentlicher Bundgenosse wäre. Ja er liess auf einen Tag fünff hundert
erscheinenden Langobarden zur Straffe Haare und Bärte abschneiden. Ob der Adel
nun zwar durch Erkiesung frembder verdächtiger Kriegs-Dienste wider ihren König
gesündiget hatte / war doch diss eine unvernünftige Schärffe: dass Marbod nach
einer so geschwinden Reue eine so grosse Menge / und zwar gleichsam mehr ihren
Gehorsam / als ihr Verbrechen straffen wollte. Alleine es machen neue Räte /
welche die alten Reichs-Verfassungen verbessern / von denen gebähnten Wegen auf
so krumme Springe kommen wollten / es nicht besser / als die Baumeister der
Festungen; welche die alten Wercke einreissen / des Fürsten Unkosten zernichten
/ die Zeit verspielen /nichts ausbauen und dem Feinde die Festungen öffnen.
Nicht besser lieff es mit diesem Ratschlage Adgandesters ab. Denn dem ganzen
Adel fieng das ohne diss längst schon wallende Geblüte an zu jähren; weil sie
nunmehr sahen: dass das Messer ihren Freiheiten nunmehr recht in die Gurgel
gesätzt; und / wie Adgandesters heimliche Feinde selbst aussprengten / von ihm
den unbändigen Adel zahm zu machen oder gar auszurotten / angezielt ward. Denn
wie die Unterhaltung langer Haare der Persischen Könige gröste Zierde war / die
überwundenen Argiver auch zu Bezeugung ihres grossen Leides ihnen die Haare
abschnitten; also waren bei den Langobarden die langen Haare so wohl / als bei
denen Egyptiern / Spartanern und Galliern ein Kennzeichen des Adels; daher auch
/wenn einem jungen Edelmanne oder Fürsten der erste Bart abgenommen ward /
solches von niemanden anders als einem Ritter / oder gar einem Fürsten geschehen
konnte; und deswegen ein Fürst dem andern seinen Sohn zuschickte. Daher der Adel
diese Beschimpffung für die gröste in der Welt aufnahm / und in wenigen Tagen
über zwölff tausend Edelleute aus dem Staube und über die Elbe zu den Cheruskern
entwichen. Adgandester sah nun wohl / wie sehr er verstossen hatte. Denn er war
klug genung zu verstehen: dass der Adel der Kern eines Landes / und also an
dessen Erhaltung dem gemeinen Wesen viel gelegen wäre. Sintemahl dieser doch
allezeit von seiner Vor-Eltern Tugenden / wie die aus Ertztgebürgen
entspringenden Adern etwas von ihren edlen Adern mit sich führten. Wenn auch
schon der Adel was böses an sich nähme /liesse sich doch selbtes von ihm viel
leichter trennen /als den niedrigen Pöfel edel machen; wie es keine grosse Kunst
wäre Schlacken von Golde scheiden / aber fast unmöglich aus geringem Ertzte Gold
machen. Damit er aber beim Marbod nicht Glauben und Ansehen verliere / beredete
er ihn: dass einem Fürsten kein grösser Glücke begegnen könnte / als wenn er sein
Land auf einmal von so vielen aufrührischen Köpffen saubern / und noch darzu
sich von ihren eingezogenen Gütern bereichern könnte. Der Adel gleichte insgemein
hartmäulichten Pferden / welche das Gebiess der Fürstlichen Herrschaft nicht
vertrügen / und weil sie den Friede für der Zeit ihrer Dienstbarkeit hielten
/keine Gelegenheit versäumten ein Land in Unruh zu stürtzen. Also hätte ein
Fürst hoch von nöten selbten allezeit zu drücken: dass er weder ihm / noch dem
Volcke zu Kopffe wüchse. Das andere Volck würde nach weggeräumten Aergernüsse nun
nicht allein so viel williger gehorsamen / sondern auch sich desto hurtiger zur
Tugend anschicken; wenn nunmehr die Ehren-Aempter nicht nach der hohen Ankunft
/ sondern nach Verdiensten würden vergeben werden; da sonst aller Fleiss
schlaffte / die Tugend nie tätig wäre / wo diese keine Hoffnung hätte sich
empor zu schwingen; der müssige Adel aber ausser Sorgen lebte durch
Ungeschickligkeit seinen Vorzug einzubüssen. Damit er diese Lehre nun mit dem
Eigen-Nutze überzuckerte / überreichte er dem Könige ein ziemliches Buch /
darinnen des entwichenen Adels Güter beschrieben waren; welche nunmehr mit
Rechte dem Königlichen Vermögen einverleibet werden könten. Marbod liess ihm
diese Einziehung entweder aus Geitz / oder aus Vergessenheit: dass die Reiche in
den gefährlichsten Stand gerieten / wenn sie am mächtigsten würden / gefallen;
oder er konnte vielleicht Schande halber nichts mehr unbilligen / was Adgandester
gleich böses stifftete. Wiewol auch Adelgunde ihrem Vater für Augen stellte: was
für eine ansehliche Macht durch so viel streitbare Edelleute ihm ab / und dem
verdächtigen Hertzoge der Cherusker zuwüchse; was für Verbitterung sie durch
Verlust ihrer Güter und durch Verschränckung aller Genade gegen ihn schöpffen;
wie viel Saamen des Aufruhrs sie in diesen Ländern streuen und sich zu rächen
des nur noch übrigen Blutes nicht schonen würden; ihm also riet: er sollte ihn
durch eine allgemeine Begnadig- und Vergessung dessen / was vorgegangen wäre /
ins Land beruffen; so fand sie doch kein Gehöre; weil Adgandester dieses für
eine schädliche Liebkosung gegen die Aufrührer / und für eine zu knechtische
Erniedrigung für einen so grossen Fürsten hielt. Sintemahl diss / was wider
Vernunft geschehen ist / durch nichts als eine Hartneckigkeit gerechtfertiget
werden kann. Daher wollte weder Adgandester von seinem bösen Rate /noch Marbod
von seiner Gewohnheit Adgandestern in allem zu folgen absätzen; als wordurch
beide ihre Irrtümer würden erkennt haben. Und also geschichts insgemein: dass /
wenn wir iemanden wegen seiner zu lieben angefangen haben / die Zeit auch
alsbald etwas darein mischt / dass wir selbten ihn unsertwegen in der Liebe
behalten müssen; wenn er schon für sich selbst liebens wert zu sein aufhört.
Adgandester fand gleichwol der Notwendigkeit der klugen Fürstin Adelgunde einen
blauen Dunst für die Augen zu mahlen; und dass die Entweichung des Adels zu ihrem
selbst eigenen Nutzen diente / zu erhärten. Diesemnach liess er Marboden so wohl
der Semnoner als Langobarder Stände auf zwei gewisse Tage verschreiben / an dem
sie Adelgunden die Erbhuldigung leisten sollten. Dieses vermeinte Heilungs-Mittel
seiner vorhergehenden Fehler war eine noch grössere Unvernunft. Sintemahl /
wenn ein Fürst ja eines Landes Herrschens-Art zu ändern nötig hält / er solches
unvermerckt und nach und nach bewerckstelligen; wenn ein Stand leidet / dem
andern streicheln / hernach jenem wieder Zeit lassen / und seine unverschränckte
Botmässigkeit nicht ehe ans Licht bringen muss / als biss der Schatten voriger
Freiheit dem Volcke aus den Augen gerückt worden. Hingegen fielen diese
Hefftigkeiten Adgandesters den Priestern und dem Volcke wie ein Blitz in die
Augen / und wie ein Donnerschlag in die Ohren; ob schon die bisherige Drückung
des Adels wegen der insgemein gegen einander habenden Eyversucht ihnen wenig zu
Hertzen gestiegen war. Denn weil Marbod sie bei ihren alten Freiheiten zu lassen
versprochen hatte; liessen sie ihnen nicht träumen: dass er ihnen so schlechter
Dings ihr Wahl-Recht nehmen sollte; sonderlich / da er nicht durchs Recht der
Waffen sondern durch der Semnoner freie Wahl ihre Herrschaft wollte erlangt
haben; also solche zu ändern unter keinem Scheine des Rechtens befugt war. Nach
dem sie aber die gegen den Adel gebrauchte Schärffe für Augen / mit diesem ihre
beste Kräfften verloren / eine grosse Marckmännische Macht auf dem Halse
hatten; gleichwohl aber nicht gerne auf einmal ihr Wahl-Recht schlechter Dings
verlieren wollten / redeten sie mit einander ab: dass sie an den Hof schreiben /
Marbods Vorhaben / da er bei Zeite auf eine gewisse Reichsfolge vorsinnte /
seine tugendreiche Tochter auch in Vorschlag brächte / loben; aber erinnern
sollten: es wäre bei Ausfertigung der Beruffungs-Zettel / als in welchen die
vorhergehende Wahl nicht ausgedrückt worden / ein Irrtum fürgegangen /welchen
zu verbessern wohl der Notwendigkeit sein würde. Sintemal sie der tröstlichen
Zuversicht lebten: dass König Marbod / als ein so gerechter Herr / alles ihnen
versprochene heilig halten würde; weil GOtt die Warheit / ein Fürst aber der
Wahrheit Wort wäre. Adgandester nahm dieses so übel auf / als wenn dem Könige
dadurch in den Zepter / ja an die Seele gegriffen wäre; brachte also Marboden in
Harnisch: dass er denen Ständen diesen Bescheid gab: Sie wären seine durchs
Krieges-Recht gewonnene Untertanen / und er daher so wenig an ihre eingebildete
Bedingungen /als Fürsten ins gemein an Gesätze / weniger an Worte gebunden. Wenn
die Zeiten sich änderten / Sachen in einen andern Stand gerieten / wären auch
gemeine Leute ihres Angelöbnüsses los. Und sie wollten mit ihrem Fürsten wegen
derer ihnen zum besten angesehenen Anmutungen noch rechtfertigen? dieses wäre
eine Vergessenheit: dass sie Untertanen wären. Hätten sie nicht den Verstand:
dass das Volck die verliehenen Freiheiten wider den Fürsten selbst nicht anziehen
könnte. Welcher diesem nach noch mit einem Worte eines Wahl-Rechts gedencken
würde / sollte mit der Straffe verletzter Königlicher Hoheit belegt werden.
Derogestalt hielt Adgandester für ratsamer die Sache in Gefahr und Ungewissheit
zu sätzen / als den Zweck durch gelinden iedoch sichern Weg zu erlangen. Dieser
Bescheid war in aller auch der niedrigsten Leute Hertzen ein Donnerschlag / aber
auch ein Anfang des dem Könige Marbod zuhängenden Unglücks; Also man selten den
Untergang grosser Reiche dem blossen Verhängnisse zueignen kann; oder es verhüllet
zum wenigsten seine geheime Ratschlüsse mit vorhergehendem Versehen der Fürsten
und ihrer Diener. Sintemahl des so scharffsichtigen Marbods einiges Beispiel
erhärtet / wie nicht allemahl von Unvernunft eines Fürsten / sondern zuweilen
vom Verhängnisse selbst herrühren müsse: dass verwegene Unwissenheit der Welt
vorstehe / Narren über weise Leute urteilen; dass Ehrlose und anderwerts wegen
Untreue und Verräterei verjagte Diener angenommen; oder auch solche Leute /
welche man anderwerts unter dem Dross vermiste; oder an die Ruderbanck
geschmiedet zu werden verdienten / zum Steuerruder eines Reiches sätzt; ja
abscheuliche Zwerge / ohnmächtige Verschnittene / verschwätzte Gauckler und
Taschenspieler / und auffschneiderische Schorsteinfeger zu grossen
Staats-Dienern und Heerführern /Bader und Bartscherer zu Botschaftern macht.
Das Volck fieng nunmehr nicht nur an über ihrer Dienstbarkeit zu seuffzen /
sondern sich auch nach dem entwichenen Adel und Mitteln umzusehen / welche sie
in ihre Freiheit wieder versätzten; nach dem ohne diss frembde Herrschaft / wenn
sie auch sehr leidlich ist /allemahl ein Gesichte der Dienstbarkeit macht. Daher
entwiechen auch ihrer viel aus dem Volcke / zu dem bei den Cheruskern wohl
aufgenommenen Adel / wo sie ihre gehabten Missverständnüsse bereuten / und
einander mit grosser Verbitterung gegen den Marbod und seine Räte ihr gemeines
Unglück klagten. Es würde vielleicht aber noch nicht zum eussersten kommen sein
/ und weder die Langobarden noch die Semnoner das Hertze gehabt haben sich wider
eine so grosse Macht aufzulehnen / wenn nicht das Verwundernswerte Verhängnis
sie gleichsam durch einen seltzamen Zufall mit eigener Hand dazu geleitet hätte.
Es hatte Marbod an der Elbe dem vom Drusus aufgerichteten Sieges-Zeichen gegen
über eine alte Schantze verneuern und besätzen lassen. Für dieser standen harte
am Ufer sieben uhralte Linden / welche von den Langobarden für heilige Bäume
gehalten /und von Eubagen oft zu Begehung ihrer Feier erkieset wurden. Weil
diese aber das Aussehen auf den Elbe-Strom hinderten / befahl der in der Festung
liegende Ritter Dube solche abzuhauen. Die dieses erfahrenden Eubagen kamen zu
ihm / und baten nicht nur auffs beweglichste diesen Befehl aufzuheben /weil man
an heilige und geweihte Sachen nicht allein die Hand kein mahl legte ohne sich
selbst zu beleidigen / auch eine alte Wahrsagung im Schwange gienge: dass mit
diesen einfallenden Bäumen grosse Häupter fallen würden / sondern erboten sich
auch solche mit was ansehlichem zu lösen. Der König Marbod würde teils aus
Andacht / teils zum Gedächtnis: dass bei diesen die Römer von der Langobarden
Schutz-Geiste wären zurücke getrieben worden / selbte zweiffelsfrei gerne selbst
unversehret wissen wollen; zumahl die Langobarden glaubten: dass ihr Schutz-Geist
ins gemeine diese Linden bewohnte. Der Ritter Dube schrieb diss an König Marbod;
welcher den Eubagen gewillfahret haben würde / wenn nicht Adgandester mit
grosser Hefftigkeit durchgedrungen /und angeführt hätte: dass man nunmehr / da
man diesen frechen Völckern durch den Sinn zu fahren angefangen hätte / ihnen
nicht wieder zu heucheln anfangen; viel weniger aber sie in dem Aberglauben /
samt sie noch absondere Schutz Geister hätten / stärcken; sondern / wenn man es
auch der Festung halber zu tun nicht Ursache hätte / diese zum Aberglauben
gemissbrauchte Bäume mit Strumpff und Stiel ausrotten sollte. Also wurden die zu
Budorgis desshalben demütigst bittenden Eubagen schlecht abgewiesen; und der
Ritter Dube musste nunmehr wider seinen eigenen Willen den Befehl vollziehen.
Hierzu fanden sich nicht nur viel Eubagen / sondern eine grosse Menge andere
Langobarden ein; weil jene gleichwohl vom Ritter erbeten hatten: dass sie die
Bäume nach ihrem Belieben in einen nahe dabei gelegenen heiligen Hayn wegführen
möchten. Die dazu verordneten Marckmänner taten keinen Hau in den ersten Baum
/den die Langobarden nicht in ihrer Seele fühlten / und gleichwol
stillschweigend verschmertzen mussten. Als der Stamm nun biss an die Helffte
durchhauen war /kriegte der gegen der Elbe hangende Gipffel den Schwang / und
spaltete den holen schafft der Linde nach der Länge entzwei. Es wurden die
Marckmänner hierauf alsbald in beiden zerspaltenen Helften einer Schrifft gewahr
/ welche zu lesen sie die Eubagen selbst herzu rufften. Diese fanden alsbald an
der gegen den Fluss gefallenen Helffte diese deutliche Worte eingewachsen:
Der Marcomänner Reich wird mit mir falln und brechen.
An der noch stehenden Helffte aber diese:
Mein Nachtbar und mein Geist den Raub der Freiheit rächen.
Die Eubagen sahen einander an; ihre Hertzen wurden mit vermengter Verwunderung /
Furcht und Freude so verwirret: dass keiner ein Wort sprechen; die Marckmänner
aber ihnen wohl ansehen konten; es müste diss ein wichtiges Geheimnis sein. Weil
ihnen aber die Eubagen nichts entdecken wollten / machten sie es ihrem Obersten
dem Ritter Dube wissend / welcher dahin kam / und diese Weissagung nicht ohne
Schrecken und Zittern lass; auch / was er mit diesem Baume machen sollte / sich
nicht entschlüssen konnte; ausser dass er noch selbigen Abend den Bericht hiervon
nach Budorgis abfertigte / wo zwei Tage hernach Adelgunden die Erbhuldigung von
Semnonern abgelegt werden sollte. Weil aber ihrer so viel diese Wunder-Schrifft
gelesen hatten / breitete sich die Nachricht hiervon alsobald unter die
Langobarden und Marckmänner aus / welche letztere in ein Panisches Schrecken
verfielen. Der Ritter Dube redete ihnen wohl ein: Es wäre diese Schrifft allem
Ansehen nach von Eubagen durch Kunst oder Zauberei diesem Baume eingedrückt
worden: Sintemahl auch die nackten Weltweisen in Africa und Mohren-Land durch
ihre Kunst die Bäume dazu brächten: dass sie ihren Gipffel für ihnen biss zur Erde
neigten / und wie Menschen redeten. Wenn man sie aber auch für eine Wahrsagung
halten sollte / nicht so schlecht hin und nach der Schale eusserlicher Buchstaben
auszulegen wäre. Solche Weissagungen blieben allezeit Geheimnisse / biss sie
erfüllet würden; wären vielmahl nach dem Wiederspiele zu verstehen / und daher
tausend Leichtgläubige dadurch betrogen worden. Alleine wider das vom Himmel
eingejagte Schrecken hilfft weder Vernunft noch Beredsamkeit. Kein Marcomann
war in selbiger Festung nicht zu erhalten / sondern sie verliessen sie noch
selbige Nacht; und zwar mit solcher Zagheit: dass sie sich nicht einst umsahn;
gleich als wenn auch die Erblickung der sie verfolgenden Feinde tödlich sein
würde. Die Eubagen hingegen frischten die Langobarden auf: dass sie die
Gelegenheit nicht versäumen sollten ihre Freiheit wieder zu erlangen. Das
Verhängnüs zeigte ihnen Hülffe und Weg; wäre auch so gut: dass es niemahls was
wichtiges ausübte / was es nicht vorher andeutete / um die albern Menschen zu
lehren: dass nichts ungefähr geschehe; sondern die Göttliche Versehung alles nach
ihrer Weissheit und der Menschen Verdienste einrichtete. Sie wussten hierbei dem
Volcke zu erzählen; wie eben an diesem Orte der Schutz-Geist des Elbe-Strohms
den Drusus zurück getrieben / und ihm seinen Todt angedeutet hätte. Von eben
einem solchen Geiste wäre dem Julius Cäsar der Weg durch den Fluss Rubico zu
seinem Siege wider den Pompejus gewiesen; dem Marcus Cäditius in Rom der Einfall
der Gallier; dem Hostilius Maminus die unglückliche Schlacht der Römer / und dem
Titus Latinus Hannibals Einbruch in Italien durch das Gesichte einer alles
verheerenden Schlange des dem Hannibal von Jupitern zum Führer gesendeten
Geistes; dem Brutus durch seinen bösen Geist der Untergang / und aus dem
Arsischen Walde nach der Schlacht zwischen den Hetruriern und Römern angedeutet
worden: dass dort einer mehr als hier umkommen wäre / und die Römer die Oberhand
behalten würden. Absonderlich wäre es von Bäumen nichts neues: dass sie das
Verhängnüs zu Zeugen seiner Geheimnisse brauchte. Sintemahl die wahrsagenden
Eichen in denen Dodonischen Wäldern der ganzen Welt bekant wären; welchen es
aber diese Langobardische Linde zuvor täte. Diese von dem allwissenden
Verhängnisse geschehenden Weissagungen hätten auch allemahl richtig eingetroffen
/ wenn sie gleich wider alle Vernunft und Mögligkeit zu sein geschienen; also
dass mehrmahls ein Tag / eine Stunde / ja wenig Augenblicke einen von dem
höchsten Stuhle weltlicher Herrschaft unter frembde Füsse geworffen hätte. Denn
die Göttliche Versehung hätte von Ewigkeit her einem ieden Reiche seine Gräntzen
und Ziel /iedem Könige seine Herrschaft auf ein Haar / und so richtig / als der
Sonne ihren jährlichen Lauff durch den gestirnten Tier-Kreis ausgemessen /
dessen unveränderlichem Gesätze sie gehorsamen müsten; und keine menschliche
Klugheit / ja alle Kräfften der Welt nicht einen Augenblick dieses Rad hemmen /
oder einen Zancken daran überhopffen könten. Ob nun wohl eine der grösten
Torheit und Vermessenheit wäre /wenn menschlicher Witz das Verhängnüs an
gewisse Jahre binden / aus Zahlen der Reiche Tauerung und Fall ausrechnen /
unter gewissen Stern-Versamlungen ewige Städte bauen wollte / ja Tarutius
Firmanus aus dem Gestirne der Stadt Rom / andere auch anderer Städte Zufälle und
Untergang zu weissagen sich erkühnet hätten; gleich als wann ihnen von einem
Geiste wäre offenbahret worden / unter welchen Sternen diese oder jene Stadt
ihren ersten Atem geschöpffet /wie selbte ihre Kräffte dem Kalcke und den
Steinen eingeflösset hätte; so möchten sie doch nunmehr / da das Verhängnüs mit
so verständlicher Zunge redete /feste glauben: dass des grossen deutschen
Wütterichs Marbods Maass aus wäre / und sich alles zu seinem Untergange gleichsam
von sich selbst schicken würde. Was dem Drusus an diesem Orte begegnet /und
hernach wahr worden wäre / hätten viel noch lebende gesehen. In seltzamen Fällen
aber erhärtete ein einiges Beispiel die Erfahrung und die Wahrheit. Marbod hätte
für dem Drusus kein Vorrecht; und sein Glücke für die Umschlagung keine
Versicherung. Grosses Unglück nehme den Anfang von grossem Wolstande / wie
schwere Abstürtzungen von hohen Orten. Ehe es nun noch zu tagen beginnete /
eilten die hiervon hörenden Langobarden mit grossen Hauffen zu dem zerbrochenen
Baume die Wunder-Schrifft in Augenschein zu nehmen. Wie sie nun sich niemanden
in der Festung rühren hörten / die Tore offen und unbesetzt sahen / giengen die
Vorwitzigsten der Langobarden hierein / fanden sie aber nicht ohne Erstaunung
leer und verlassen. Wie sie nun von Langobarden bald angefüllet ward / fieng
Schencke / ein Langobardischer Edelmann / an: Sehet ihr eingeschlaffenen
Langobarden nicht mit Augen die Würckung des für eure Freiheit streitenden
Verhängnisses / und die Erfüllung dieser Göttlichen Wahrsagung? die Marckmänner
sind entlauffen. GOtt hat ihre Hertzen mit Furcht geschlagen / wie wenig Müh
wird es euch kosten derer Meister zu werden / denen das Schrecken im Buseme /
der Tod im Nacken sitzt. Warum harret ihr denn noch? sehet ihr euch noch nach
Pfeilen um /welche die Wolcken auf die verzagten Marckmänner ausschütten sollen?
lauffet! eilet! und ergreiffet mit den Waffen eure alte Freiheit! oder wo euch
die Feinde keine übrig gelassen haben / die Sicheln / Sensen und Pflug-Schaaren
/ an denen ihr zeiter habet ziehen und schwitzen müssen! Machet aus den Fesseln
eurer Dienstbarkeit Werckzeuge eurer Wolfart. Lasset uns denen Flüchtigen
nacheilen! ich will euer Gefärte sein. Denn die / welche das Verhängnüs leitet
/haben keines Führers von nöten. Dieser Entschlüssung pflichteten die Eubagen /
die dazu kommenden Knesebeck / Kannenberg / Wedel / Massau und Schwanberg / und
andere von Adel / und folgends alles Volck / ja auch die Weiber bei. Ein ieder
lieff /und sah sich nach den ersten und besten Waffen um /deren sie eine
ziemliche Anzahl in der verlassenen Festung fanden. Die Rachgier und Hoffnung
der Freiheit hob alle Streitigkeiten des Verzugs / und alle Missverständnüsse
zwischen dem Adel und Volcke auf / um denen keine Kürtze zu tun / die für die
gemeine Freiheit den ersten Preis verdienen würden. Die Langobarden kamen denen
Marckmännern zeitlich auf die Spure; und weil erschrockene Leute / wenn sie
schon auf gebähnter Strasse gehen / ihnen doch im Sande zu waten einbilden /
wurden diese noch selbigen Tag eingeholet. Weil Furcht und Flucht sie keine
Ordnung halten liess / und sie die Verfolgenden mehr für erzürnte Geister als
Menschen hielten / sätzten sich wenige zur Gegenwehr; sondern die Langobarden
hatten nur tod zu schlagen; ja der Ritter von der Duhe / welcher mit etlichen
sich sätzte / ward selbst von einem Langobarden mit seiner in der Festung
gefundenen vergüldeten Axt durch den Hirnschädel tödtlich verwundet / welcher
hernach dieses Gewehre in seinen Schild nagelte und von seinen Lands-Leuten zum
Gedächtnis den Nahmen Gold-Axt erhielt. Von denen Flüchtigen kam nicht einer /
der den andern Marckmännern die Post gebracht hätte / davon. Denn die sich
gleich in die Wälder verkrochen / wurden doch endlich ausgespüret / oder von
Hunger gezwungen /sich dem Tode der feindlichen Schwerdter zugestellen. Schencke
und Knesebeck / welche doch von Langobarden für Führer erkennt wurden /
eroberten zusammen vierzehn Fahnen; und weil das Geschrei von dieser Weissagung
und dem erlangten Siege sich wie ein überlauffender Fluss ausbreitete / das
Geschrei auch / seiner Gewohnheit nach / alles vergrösserte /ergriffen alle
Langobarden im ganzen Lande die Waffen / erwehlten zum Kennzeichen ihrer
Freiheit und der wider die Marckmänner gefasten Rache ein Linden-Reiss; und / wer
solches nicht führte / ward als ein Feind ohne Barmhertzigkeit todt geschlagen.
Also zohe die unvollkommene Abhauung einer Linden so wichtige Empörung nach sich
/ und zernichtete die wichtigen Anschläge / die Adgandester dem mächtigen Könige
Marbod in Kopff gebracht hatte. Dahero gewisse Dinge einen kleinen Kopff / wie
die Kameele haben / welche aber einen grossen Leib und wichtige Folgen hinter
sich nachziehen. Etliche Geschäffte hingegen zeigen sich anfangs mit einem
grossen Wallfisch-Kopffe / enden sich aber mit einem kleinen Schwantze / haben
schlechten Nachdruck / oder verschwinden gar. Weil die Marckmänner sich nun ehe
des Himmelfalls / als eines so plötzlichen Auffstandes und Krieges von
Langobarden versehen hatten; sonderlich da König Marbod mit zwantzig tausend
Kriegs-Leuten zu Budorgis und also in der Nähe wäre; dahero in stoltzer
Sicherheit durchs Land verteilt lagen / wurden biss auf die zwei Besatzungen
/welche an dem Zusammenflusse der Elbe und der Havel / wie auch an der Oder und
der Warte gar mit einander aufgerieben. Marbod kriegte zwar von einem Aufstande
Wind / bildete sich aber nichts weniger /als eine allgemeine Empörung ein;
gleichwol aber schickte er den Ritter Lichtenberg / Choltitz / Neuhauss / Tyrnach
/ Seeberg und Egerberg mit sechstausend Kriegs-Leuten dahin die Aufrührer zu
bändigen. Die Langobarden wiechen aus angenommener Furcht für ihnen / und
lockten sie zwischen die Wälder /allwo sie vorwerts / hinten und auf allen
Seiten von denen versteckten Langobarden und ihren Weibern mit einer fast
unmenschlichen Raserei angefallen /nach dreier Stunden blutigem Gefechte
zertrennet /umringet / und biss auf fünffhundert mit Not entrinnende Reuter
erwürget wurden. Keine Tapferkeit /keine Geschickligkeit / kein Vorteil der
Waffen kam den Marckmännern wider die Langobarden zu statten; weil diese feste
glaubten: dass ihr Schutz-Geist neben ihnen stritte / sie also unmöglich
geschlagen werden könten. Diese wenige Uberbleibung kam mit blutigen Köpffen
eben nach Budorgis zurücke / als die Opffer gehalten wurden / nach welchen die
in grosser Menge versamleten Semnoner Adelgunden den Erbholdigungs-Eyd ablegen
sollten. Marbod / Adelgunde und Adgandester erschracken über so traurigem
Anblicke auffs heftigste; noch mehr aber über der vernommenen Niederlage und
gäntzlicher Empörung der Langobarden. Adgandester wollte zwar diese böse und so
gar zur Unzeit kommende Zeitung verdrücken; aber wo die Augen das Ampt der Ohren
verrichten / ist diese Bemühung vergebens. Die zurück kommenden Kriegs-Leute
meinten: Sie könten nicht besser die Schande ihrer Flucht als durch Erzehlung
der Warheit vertreten / und also breitete sich selbte gleichsam in einem
Augenblicke durchs ganze Volck aus; ja des Königes und seiner Tochter Stirne
und Gebehrden verrieten den schlechten Zustand. Hierüber erhob sich ein grosses
Gemurmel / die Priester wurden in der Opfferung irre gemacht; und als
Adgandester auf die Seite trat / erhob sich eine unversehene Stimme: die
Langobarden brächen mit gewaffneter Hand durch die Tore ein. Hierüber entstund
zugleich Lermen und Schrecken. Die Königliche Leibwache drang sich mit dem
Könige und dem Hofe gegen dem Schloss / die Semnoner zerstreuten sich wie die
Spreu vom Winde /lieffen den Toren zu und eilten aus der Stadt. Hierdurch
giengen Opffer-Tische und Geschirre übern Hauffen; die dazu bestimmten hundert
Ochsen wurden scheue / entrissen und rennten die Menschen zu Bodem. Alles war
voller Flucht und Schrecken; ohne dass iemand einen Feind sah. Ob nun zwar nach
etlichen Stunden die Falschheit des Ruffs von den verhandenen Langobarden
entdeckt ward / konnte doch niemand hinter den Uhrheber kommen; dahero dieses von
den meisten für eine Göttliche Wahrsag- oder Warnigungs-Stimme angenommen ward /
welche ins gemein denen Faunen zugeeignet wird; derogleichen zu Rom für einem
Erdbeben aus der Juno Heiligtum / und für Eroberung der Stadt aus dem Hayne
der Vesta soll gehöret worden sein; welche die Römer ermahnet / Mauren und Tore
auszubessern / sonst würde die Stadt erobert werden. Adgandester aber hielt es
für eine verräterische Aussprengung / und liess dem / welcher den Uhrheber würde
nahmhaft machen können / hundert Pfund Silber zum Preisse ausruffen. Nichts
desto weniger war er so sehr als der König bestürtzt / und ward die ganze Nacht
geratschlagt: wie der Langobarden Empörung mit nötiger Geschwindigkeit
ersteckt / und bei denen wegen bissheriger Drückung unwilligen Semnonern die
Nachfolge verhütet werden möchte. Nach dem ieder im Rate fast einer besonderen
Meinung war / fiel nach Adgandesters Meinung: dass in solchen Fällen alles an der
Geschwindigkeit gelegen wäre / und man wie die Fechter aus dem Steigereiffen was
zu tun nicht lange ratschlagen müste / der Schluss: Marbod sollte von Semnonern
die Holdigung folgenden Tag abnehmen /Budorgis besätzt lassen / und mit der
ganzen Macht den Langobarden auf den Hals gehen; welche als des Adels und der
Waffen entblöste Leute gegen eine solche Macht / und sonderlich gegen den selbst
anwesenden König unmöglich würden stehen können. Wenn ein und ander Rädelsführer
nur ein Beispiel der Straffe abgäbe / verfielen andere böse in Furcht; die
redlichen aber müheten sich durch fertigen Gehorsam so viel mehr ihre Treue zu
bewehren. Sintemahl die Menge des Volckes meist von wenigen Aufrührern wie von
einem Strome mit fortgerissen würde / und nicht so wohl aus Vorsatz als blindem
Beifalle sündigte. Adgandester aber verschwieg im Rate so wohl den Verlust der
Festung und die Niederlage des Ritters von der Dube; als die in der Linde
gefundene Wahrsagung / worvon er doch schon drei Tage Nachricht gehabt hatte.
Welche Verdrückung der Wahrheit / da nehmlich Staats-Diener sich durch
Beibringung böser Zeitungen beim Fürsten nicht unbeliebt machen wollen / für ein
halsbrüchiges Laster zu halten / und damit nicht zu entschuldigen ist: es sei
nicht ratsam den Fürsten damit zu erschrecken; gleich als wenn es seinem Artzte
verantwortlicher wäre ihme seine Kranckheit zu verschweigen / und ihn
unempfindlich sterben zu lassen / als solche zu entdecken / dass sie geheilet
werde. Viel Reiche sind darüber zu Grunde gegangen; ohne dass der Fürst seine
verzehrende Schwindsucht erfahren / welcher er sonst hätte Rat schaffen können.
Daher dieses Stillschweigen eine nicht kleinere Verräterei ist / als wenn ein
Diener Geheimnisse entdecket. Sintemahl ein Diener so wohl in jenem als diesem
Falle verursacht / dass alle Rat-Schlüsse misslingen / welche vom Fürsten viel
anders würden eingerichtet worden sein / wenn er sein Ubel gewüst hätte. Denn
ein einiger verborgener Umstand zernichtet vielmahl die wichtigsten Anschläge
und macht den klügsten Rat böse; wie vielmehr aber die Unwissenheit so
wichtiger Begäbnüsse. Ja ein Fürst verspielet mehrmahls hierbei bei seinen
Untertanen alle Liebe / beim Feinde sein Ansehen / wenn sie dem Ubel nicht
begegnen sehen. Wie unverantwortlich nun gleich ein Fürst durch solche stumme
Götzen oder Teuffel hinters Licht geführt wird; haben sich gleichwohl Fälle
ereignet: dass grosse Könige haben in Länder reisen / oder Dienern gewisse
Aempter darinnen anvertrauen wollen / welche sie drei Jahr vorhero schon
verloren gehabt. Alleine Adgandester mühte sich vergebens eine Welt kündige
Sache geheim zu halten. Denn am Morgen fand man an dem Schloss-Tore das Gemählde
von der weissagenden Linde und der verlauffenen Festung angenagelt / und in
allen Häusern der Stadt hiengen lindene Rinden / darauf die zwei Reime
geschrieben waren. Nichts desto weniger verbot Adgandester bei Lebens-Straffe;
dass kein Mensch dem Könige und Adelgunde das wenigste hiervon sagen sollte. Also
musste aus einer falschen Staats-Klugheit der König weniger / als der geringste
Stall-Bube seines Hofes wissen; welcher hingegen mit höchstem Unwillen erfuhr:
dass / ob gleich die Semnoner durch Herolden mit Trompeten und Paucken zur
Holdigung aufs neue beruffen wurden / derer nicht das zehende Teil mehr
verhanden waren: sondern alle ohne Uhrlaub unter dem Vorwande das ihrige für
denen einfallenden Langobarden zu flüchten / sich aus dem Staube gemacht hatten.
Gleichwol aber sah es Adgandester für gut an: dass die gebliebenen Adelgunden
den Eyd der Treue ablegen mussten. Folgenden Morgen brach der Hof mit dem ganzen
Lager / welches noch funffzehen tausend Marckmänner in sich hatte / gegen der
Havel auf / und mussten dreitausend von denen verhandenen Semnonern ihn mehr als
Geissel / denn Hülffs-Völcker begleiten. Als aber Marbod auf die Gräntze kam /
kriegte er von etlichen entronnenen Marckmännern die gewisse Nachricht: dass die
bei denen Cheruskern gewesene Langobard- und Semnonische vom Adel mit dem jungen
Fürsten Gottwald vielen Hermunduren und Cheruskern / bei des Drusus Sieges-Maale
über die Elbe gesätzt hätten /und eine Macht von mehr als zwantzig tausend
Langobarden an dem blancken See auf ihn mit grosser Begierde warteten. Wie diese
versicherte Nachricht den König Marbod nun veranlaste stille zu halten; also
sätzte ihn folgende Nacht in höchste Bekümmernüs. Sintemahl die ihm folgenden
Semnoner nicht allein heimlich durchgiengen: sondern auf den Morgen lieff auch
die Zeitung ein; dass die Semnoner sich wie die Langobarden alle mit einem
Linden-Laube dem Langobardischen Freiheits-Zeichen besteckt / die Waffen
ergrieffen / Budorgis durch Verständnüs mit den Einwohnern arglistig erobert /
die darinnen gelassene Besatzung unter denen Rittern Ritzan / Weitmüll /
Kepliers und Richnow grausamlich aufgerieben hätten. Marbod erfuhr von einem
gemeinen Marckmanne / der diese Zeitung brachte / allererst durch die Auslegung
des lindenen Reises die traurige Weissagung /und geriet darüber in solches
Schrecken: dass er keines Menschen Rate mehr Gehöre / sondern Befehl gab: dass
sein Kriegs-Volck geraden Weges zurücke gegen den Bober aufbrechen / und ihn
durch das Marsingische Gebiete aus diesen meineidischen Völckern in sein
getreues Königreich bringen sollte. Dieses ward mit solcher Eilfertigkeit über
Hals und Kopff vollzogen: dass aller schwerer Kriegs-Zeug und Geräte im Stiche
blieb / und der für wenigen Tagen der Welt so schreckliche Marbod sich gleichsam
nicht einmal umsah / weniger rastete / und zwei so ansehliche Länder mit einer
so ansehlichen Kriegs-Macht ohne Schwerdtstreich durch die allerschimpflichste
Flucht verliess; da ihn doch niemand als sein Schatten verfolgte; und er sich
gleichsam wie Pisander für seine ihm etwa begegnenden Seele fürchtete. Dieses
Schrecken überfiel auch nach vernommener Flucht des Königes die in zwei
Langobardischen und so viel Semnonischen Festungen noch zurück gebliebenen
Marckmänner: dass so bald die Land-Völcker für selbte zuvorhabender Belägerung
ankamen / sie nach verwilligtem freien Abzuge selbte willig abtraten; dass also
Semnoner und Langobarden / weñ sie schon nicht ihre gefundene Wahrsagung dessen
beredet hätte / zu glauben gezwungen wurden: es habe eine übermenschliche Macht
den Marbod aus ihrem Gebiete gejagt. Derogestalt ist diss der Göttlichen
Versehung um ein leichtes zu tun; und sie braucht kaum ein rasselndes Blat /
wenn sie die gröste Herrscher mit dem kein Maass noch Ziel leidendem Ubel /
nämlich der Furcht schlagen will. Bei solcher Bewandnüs ist das allerfurchtsamste
Tier / nämlich ein Hase vermögend das unzehlbare Kriegs-Heer des Xerxes in
Unordnung zu bringen / und ein Volck aus Schrecken aufflügender Rebhüner / des
Eylandes Samos / bei dem Flusse Siris / wider die Sybariter ausgesätztes
Kriegs-Volck zu erschrecken: dass sie wieder ihre Kriegs-Flotte bestiegen / und
nach Hause segelten.
    Die Freude beider Völcker über ihrer wunderbahren Erlösung war nicht zu
beschreiben. Priester / Adel und Volck verscharreten alle vorige Missverständnüsse
in den Staub der Vergessenheit / und schütteten gegen einander ihre Hertzen
durch aufrichtige Vertrauligkeit aus. Weil aber ihre bisherige Bedrängnüsse sie
genungsam gelehret hatten: dass ihre Glückseligkeit in dem Knoten der Eintracht /
diese aber in einem Haupte steckte / kamen die Langobarden bei ihrer nunmehr für
ihr höchstes Heiligtum gehaltenen Wunder-Linde / die Semnoner aber bei Budorgis
an der Spreu in einem Heine zusammen. Denn die vorigen Wahl-Plätze konten sie
als Erinnerungen ihrer Spaltungen nicht mehr ansehen. Bei dieser Zusammenkunft
waren einige der Gedancken: dass sie ihre eigene und alte Herrschens-Art behalten
/ und zu Vermeidung der Zwietracht einen aus dem Adel durchs Los erwählen
sollten. Deñ alle Arten stünden nicht jedem Volcke an; und denen edlen
Langobarden würde weder erträglich noch anständig sein einem frembden Fürsten zu
gehorsamen; welche Beschwerligkeit sie schon unter dem Marbod geschmeckt hätten.
Sie würden unter einem andern Herrn nur ein Anhängling eines andern Volckes
werden / und nicht nur ihre Freiheit / sondern mit der Zeit gar ihren Nahmen
verlieren; und die einmal weggestossene Herrschaft nimmermehr wieder bekommen
/ welche doch unschätzbar wäre. Der Ritter Barfuss aber redete hierwieder und
sagte: wenn Deutschland noch in der alten Verfassung / und in viel mittelmässige
Fürsten eingeteilet wäre / wollte er dieser scheinbaren Meinung ebenfalls
beipflichten. Nach dem aber auf der einen Seite Marbod / auf der andern die
Cherusker so gross worden wären / und die mächtigen Römer sich ihnen ie länger ie
mehr näherten / müsten sie für ihre Erhaltung ein ander Maass nehmen. Die
menschliche Schwachheit wäre so sehr zum Irrtum geneigt; dass oft ganze Völker
mehr dem Scheine als einer wesentlichen Wahrheit beistelen. Insonderheit lieffe
sie sich die Gewohnheit verführen: dass sie lieber in der alten Rennebahn fehlte
/als in einer neuen den Zweck träffe. Die Besitzung der höchsten Gewalt aber
bezauberte die Völcker auf eine solche Weise: dass die sonst so annehmliche
Neuigkeit ihnen Greuel und Abscheu wäre; also dass sie lieber in steter Gefahr
und tausenderlei Ungemach sich mit dem Schatten eigener Herrschaft armeten /
als in der grösten Glückseligkeit einer andern Gewalt gehorsamten. Sie opfferten
lieber jenem Gespenste der Ober-Herrschaft alle Tage ihren letzten
Bluts-Tropffen auf / als sie einer süssen Untertänigkeit und sicheren Ruh
genüssen wollten; weil die Gewohnheit die Spitze jenes Ubels stumpff gemacht /
und sie gleichsam der Fühle beraubet hätte. Diesem nach riet er: dass die
Langobarden sich lieber in Schutz eines mächtigen Fürsten begeben / als durch
die Wahl eines eigenen Fürsten / derer keiner ohne diss ohne Neid die Herrschaft
behaupten würde / ihre Schwäche den Nachbarn zu stetem Anlauffe auffsätzen
sollte. Berlepsch ein ander Edelmann fiel ein: dieses liesse sich freilich wohl
bedencken / wo ein schwaches Volck nur einen mächtigen Nachbar an der Seite
hätte. Wo man aber zwischen zweien solchen läge / wäre man für sich selbst
sicher genung; weil so denn ein Schwerdt das andere in der Scheide hielte / und
beider Neid keinen davon etwas abzwacken liesse. Barfuss versätzte / diss wäre
allerdings wahr: dass man so denn nicht so geschwinde verschlungen würde; aber
man wäre deswegen so vielmehr unglücklicher / und denen gleich / welche man
nicht mit einem Streiche tödtete /sondern ihnen alle Tage eine Ader liess / oder
ein Glied ablösete. Wenn die zwei mächtigen mit einander kriegten / wäre man der
ordentliche Kampff-Platz / wie das zwischen den Römern und Parten gelegene
Armenien dessen ein trauriges Vorbild wäre. Man behielte die eitele Einbildung
der Freiheit / nichts weniger als ihr Wesen / und müste dennoch dafür gutwillig
mehr geben / als uns fast genommen werden könnte. Denn man müste entweder beider
Feindseligkeit wie ein Esel die Schläge gedultig leiden / oder sich zum andern
schlagen / von welchem man aufs ärgste gepresst würde / damit er seine
Untertanen verschonen könnte. Wenn dieser nun ihr eigener Fürst wäre /würde er
mit ihnen viel gemächlicher umgehen / für ihre Erhaltung / weil er durch ihre
Beschädigung einen Verlust lidte / mehr Sorge tragen; und man wäre so denn
ewiger Furcht und täglicher Erschöpfung entübrigt; auch / wenn man sich
freiwillig einem Fürsten unterwürffe / hätte man nicht nur die Hoffnung der
alten Freiheit zu genüssen / sondern noch darzu neue zu erlangen. Der gröste
Teil der Ritterschaft und alles gemeine Volck fiel dieser letzten Meinung bei;
die bei denen Cheruskern gewesenen Flüchtlinge mussten auch an beiden Orten von
der Klugheit / Tapferkeit / und Güte Hertzog Herrmañs ihren Landesleuten so viel
zu erzählen: dass ihn iederman der ganzen Welt Herrschaft zu haben würdig
schätzte; und daher ward er ohne sein Vorwissen und Verlangen mit beider Völcker
einmütigen Stimmen zum Hertzoge der Semnoner und Langobarden erwehlet. Die
Priester brachten nach der Wahl viel alte Uhrkunden her / daraus sie erwiesen:
dass der Langobarden und Semnoner Fürsten für alten Zeiten aus dem Cheruskischen
Hause entsprossen; also dessen Zweige gewest wären / und dieser Held ohne diss zu
der Nachfolge ihrer Herrschaft das beste Recht und unter allen deutschen
Fürsten wider die besorglichen Anfechtungen des entlauffenen Wütterichs sie zu
schützen den grösten Verstand / und die meisten Kräfften hätte. Aus iedem Volcke
wurden drei Priester / zwölff Ritter und vier und zwantzig aus dem übrigen
Volcke erwehlet / welche zu dem Feldherrn nach Deutschburg reiseten /ihm ihre
Wahlen eröffneten / zwei güldene Rincken /als die Merckmahle ihrer Fürsten /
überreichten / und ihn diese Herrschaft zu übernehmen mit grosser
Ehrerbietigkeit ersuchten. Hertzog Herrmann hörte und nahm die Abgesandten aufs
freundlichste an / aber zu seiner Entschlüssung dreier Tage Aufschub; befahl
auch: dass die Priester: ob der Langobarden und Semnoner Wahl rechtmässig? die
Räte aber: ob der Beisatz dieser zweier Länder der Cheruskischen Herrschaft
vorträglich sein würde? untersuchen sollten. Gangolff / welcher an statt des
gefangenen Libys die oberste Priesterschaft verwaltete / machte ihm Gelegenheit
mit Herberten der Semnoner- und Güntern der Langobarden erstem Priester von den
Ursachen /warum sie den König Marbod verstossen / und ob sie mit gutem Fug einen
neuen Fürsten hätten erwählen können / von Grund aus zusprechen; sagte auch
beiden: dass er von seinem Hertzoge dazu befehlicht wäre / welcher lieber alle
seine Länder verlieren / als eines mit Unrechte an sich ziehen wollte. Hilf
Himmel! fieng Herbert an zu ruffen / derogleichen Gemütsmässigung hätte ich in
der ganzen Welt nicht gesucht /weniger zu finden getraut. Sintemahl die
Begierde zu herrschen mit den Wallfischen biss in die Tieffe des Meeres hinunter
/ und mit dem Phaeton biss in Zirckel der Sonnen empor gestiegen ist. Die Adler
reissen nicht nur die Königliche Gewalt in der Lufft an sich; sondern die
Ameisen richten auch in dem Staube der Erden gewisse Botmässigkeit auf. Die
unersättlichen und doch kaum acht Spannen lange Menschen suchen in den wilden
Wellen des Meeres und im Rachen des Todes / ja in der Kugel des Mohnden neue
Länder auf / und beweinen die Einzelkeit der Welt / weil ihre Herrschenssucht in
gar zu enge Schrancken eingespannet wäre. Der grosse Herrmann alleine setzet mit
seiner Vergnügung der unendlichen Ehrsucht ein Ziel wie Hercules der Welt. Welch
ein unfehlbares Merckmal ist uns diss: dass in seinem Hertzen der allergröste
Schatz vergraben liege. Denn das menschliche Hertze hat einen grössern Umfang /
als der alles beschlüssende Himmel. Keine Speise kann es sättigen / noch der
grosse Klumpen der Welt füllen. Je mehr man drein schüttet / ie mehr hungert es.
Was sich diesem nach vergnüget / muss entweder das niedrigste in der Welt
/welches von einem so grossen Helden unmöglich zu sagen / oder von etwas / das
alles ist / nämlich / von Gott / angefüllet sein. Aus diesem alleine werden wir
überwiesen: dass nicht so wohl wir Menschen so glücklich gewehlet / sondern GOtt
selbst seinen frommen Herrmann uns zum Haupte ausersehen / und für den
unersättlichen Wüttrich Marbod einen so vergnüglichen Fürsten geschencket habe.
Gangolff fieng hierauf an: Marbod aber hat sonst ausser dem; dass er anfangs sich
durch Blut zum Könige gemacht / seinen Ländern als ein Vater vorgestanden.
Herbert antwortete: Also war zwar sein Anfang: hernach aber wandelte er sich in
einen Saturn / der seine eigene Kinder verschlang. Deñ er bedrängte unsern
Gottesdienst / und entsätzte uns unserer Freiheit; welche beide Kleinoder alle
edle Gemüter dem Leben vorsätzen. Gangolff versätzte: dieses sind insgemein die
zwei Klippen / an welchen Könige ihre Köpfe zerstossen / uñ Untertanen zu
Ursachen nehmen / wider ihre Fürsten sich aufzulehnen. Alleine ob zwar diese
nicht verbunden wären zu tun / was ihnen wider Gewissen oder das Recht der
Natur aufgedrungen werden wollte / hätten doch Untertanen deswegen kein Recht /
Königen / welchen die Macht über den Gottesdienst und die Freiheit des Volckes
zustünde / mit Gewalt zu begegnen / sondern sie müsten alles / was ihnen darüber
wiederführe / wie Hagel / Blitz und Ungewitter / welchem keine menschliche
Gewalt wiederstehen könnte /mit Gedult vertragen. Denn wenn ein ieder in einem
Reiche ihm das Recht zu urteiln / dass ihm Unrecht geschehe / und Gewalt mit
Gewalt abzutreiben nehmen dörffte / würde keine Herrschaft in der Welt ein Jahr
tauern / und kein Land iemahls ohne Bürger-Krieg sein. Verwürckte doch ein von
seinem Hauptmanne unrechtmässig geschlagener Kriegs Knecht den Hals / wenn er ihm
den Stock zerbräche / wie viel weniger liesse es sich Fürsten begegnen / die so
viel höher wären. Günter fiel ein; es hätten nicht einzele Menschen / oder
etliche tausend Untertanen / sondern alle Stände und das ganze Volck den
Marbod verworffen. Gangolff versätzte: auch die Obrigkeiten des Volckes / und
das ganze Volck wäre Fürsten so wohl / als ieder einzeler Untertan
unterworffen; und also eben so wenig befugt der höchsten Gewalt zu wiederstehen.
Herbert brach ein: Bestehet denn diese mehr bei der einzelen Person eines
Fürsten / als bei dem ganzen Volcke? Ist denn ein König nicht vielmehr wegen
des Volckes gesätzt: dass er selbtes schütze und ihm recht verhelffe / als das
Volck wegen des Königes? Haben die Herrscher nicht ihre Gewalt vom Volcke / und
ist dieser nicht höher / der eine solche Gewalt giebet / als der sie annimt?
Gangolff antwortete: wenn ein freies Volck sich einem Könige unterwürffe /
enteusserte es sich seiner höchsten Gewalt / wie ein sich in Dienstbarkeit
gebender Knecht seiner Freiheit / und eignete selbte dem Könige zu. Und ob zwar
freilich meistenteils Könige wegen des Volcks gesätzt würden / wiewol es auch
Reiche gibt / die wie die herrschaftliche Gewalt über leibeigene Knechte nicht
wegen der gehorchenden / sondern alleine wegen des Gebieters / sonderlich durch
das Recht des Krieges aufgerichtet zu sein scheinen /teils auch so wohl dem
Fürsten und Volcke zum besten gestifftet werden / wenn nämlich sich ein
schwaches Volck einem mächtigen Könige untergibt; so folgt deswegen keines
Weges / dass die höchste Gewalt beim Volcke / oder die Stände eines Reichs über
ihren König sein. Der Gewaltgeber ist auch nicht länger mächtiger / denn der sie
empfängt / als so lange er nach Belieben damit zu gebahren habe. Wenn aber ein
Volck sie seinem Fürsten schon abgetreten / hätte es mehr kein Teil daran könnte
solche auch dem Fürsten unter keinem Scheine des Rechtes aus den Händen reissen.
Uber diss hätten die / welche entweder durch Erb- oder Kriegs-Recht über ein
Volck herrschten / ihre Gewalt nicht vom Volcke / sondern von ihrem Geblüte /
oder von ihrem Degen. Günter begegnete Gandolffen: Er hätte recht in dem Falle;
wenn ein König die höchste Gewalt mit Rechte anderwerts her / als vom Volcke /
oder dieses sich auch seiner Gewalt enteussert hätte. An diesem Knoten hienge
die Entscheidung ihrer Frage. Es hätte aber Marbod weder an die Semnoner / noch
an die Langobarden iemahls einiges Erb-Recht / noch sie zu bekriegen Ursache;
noch auch eines dieser Völcker iemahls in Gedancken gehabt / die höchste Gewalt
derogestalt ihm aufs Haupt zu legen / dass sie nichts davon behalten sollten. Die
Semnoner könten zwar nicht läugnen: dass sie ihn zum Fürsten erwehlet; aber über
diss / dass er solche Wahl ihnen mit Schrecken abgepocht / und also die Gültigkeit
einer abgezwungenen Wahl sehr zweifelhaft wäre; so hätte ihm kein Semnoner
träumen lassen / Marboden mehr Gewalt einzuräumen /als ihre alte Fürsten gehabt
hätten; ja Marbod selbst hätte anfangs keine grössere begehrt / in dem er sie
bei allen alten Freiheiten zu lassen beteuerlich versprochen. Wem aber wäre
unwissende: dass ehe Marbod über die Marckmänner und Sedusier eine
unverschrenckte Gewalt an sich gerissen / Deutschland von derogleichen
vollmächtigen Königen wie die Assyrier zu haben / und mit ihnen die Herrschaft
anzubeten gewohnt wären / nichts gewüst hätte; sondern die höchste Gewalt wäre
wie bei allen Deutschen; also auch bei denen Semnonern und Langobarden /wo nicht
grösten teils beim Volcke geblieben / doch wenigstens unter dem Volcke und
Fürsten in zwei gleiche Teile geteilet worden; so gar dass sie ohne des Volckes
Einwilligung weder Krieg noch Frieden schlüssen / keine Schatzungen anlegen / im
Gottesdienste nichts ändern noch neue Gesätze machen können; ja auch die
Bestraffung der Verbrecher dem Erkäntnüsse der Priester unterwerffen müssen. Kein
Fürst hätte sich auch bei ihnen iemahls solcher Gewalt angemast / sondern das
gute zu tun mehr geraten / als anbefohlen. Sintemahl sie sich selbst schon
beschieden hätten: dass denen Deutschen die Freiheit angebohren / die
Dienstbarkeit aber / welche unter vollmächtigen Königen erfordert würde /
unerträglich wäre. Denn ob zwar die Herrschaft übers Volck von der über einzele
Leute müste unterschieden werden /hatten doch diese von jener den Hang / und
könten schwerlich die Bürger sich einer völligen Freiheit rühmen / wo das ganze
Volck diente. Nun stünde ja in ieden Volckes Willkühr / wie viel es von seiner
Gewalt und Freiheit seinem Fürsten abtreten oder behalten wolle. Freiheit und
Dienstbarkeit hätte ihre Staffeln / und GOtt liesse ihm iede der Vernunft und
Natur gemässe Herrschens-Art gefallen. Die Nachkommen des Hercules und Könige zu
Sparta / die Suffetes zu Cartago hätten nicht grössere / sondern das Volck sie
wegen übeler Gewalt zu bestraffen Gewalt gehabt. So wären auch der Gallier und
Macedonier Könige an die Reichs-Gesätze gebunden / im Kriege die höchste Gewalt
beim Kriegs-Heere / im Friede beim Volcke gewest. Gangolff versätzte: Es liesse
sich diss wohl hören; aber weil die Semnoner wohl gewust hätten: dass von allen
andern Völckern dem Marbod eine ungemässene Gewalt wäre enträumet worden /
hätten sie bei ihrer Wahl ausdrücklich bedingen sollen: dass sie ihm nicht nach
der Eigenschaft seiner andern Untertanen / sondern nach dem Maasse ihrer
vorigen Fürsten unterwürffig sein wollten. Günter antwortete: Ihre Wahl wäre
rings um mit Spissen der Marckmänner umschrenckt; also ratsamer gewest mit
ihrer Meinung hinter dem Berge zu halten / als durch viel aufgeworffene
Zweiffels-Knoten sich in mehr Dienstbarkeit einzuschlingen. Ihrem Bedüncken nach
hätten sie durch die vom Marbod beliebte Vorbehaltung ihrer alten Freiheiten
allem besorglichen Nachteile genungsam vorgebeugt. Wenn auch einem Fürsten neue
Länder zuwüchsen / bekäme er sie wie ein ieder Kauffer den erkaufften Grund mit
allen ihm anklebenden Eigenschaften / und würde auf die Beschwerden seines
vorhergehenden Besitztums kein Absehen genommen. Gangolff hielt diesem Priester
ein: hierdurch erhärtete er nicht mehr / als dass ein Fürst im Gewissen verbunden
wäre in den Fussstapfen voriger Fürsten zu bleiben / und über die Gräntzen
seiner anvertrauten Gewalt nicht zu schreiten; und er müste GOtt dafür
Rechenschaft geben: ob aber /wenn er hierwieder sich vergienge / vom Volcke
abgesätzt / oder gestrafft werden könnte / wäre eine kitzlichte und unausgemachte
Frage. Günter antwortete: das blosse Versprechen eines Fürsten nach gewissen
Gesätzen zu herrschen verbündet ihn zwar im Gewissen solchem nachzuleben / es
benehme aber nicht alsbald etwas der höchsten Gewalt / noch ist deswegen diss /
was er darwider handelt / ungültig /wenn er solch Versprechen gleich beschworen
hat. Denn ist doch ein Fürst von Ampts wegen viel zu tun schuldig / was er nie
versprochen hat. Und es ist unlaugbar: dass die Könige der Perser / Epirer /
Mohren und Egyptier gewisse Gesätze / als ihre Richtschnur beschweren mussten /
welche doch als Götter angebetet wurden / und die höchste Gewalt in
Vollkommenheit besassen. Wesswegen sie auch / wenn sie schon ihrem Versprechen
nicht nachkamen / weder verklagt noch gerichtet werden konten / sondern ihr
Gedächtnüs ward erst nach ihrem Tode verdammt /und ihre Leichen nicht begraben.
Weil bei ihrem Leben über ihre höchste Gewalt keine höhere unter den Menschen
verbanden war / welche über sie hätte richten oder gebieten können. Und
derogestalt ist der Eyd und das Versprechen eines Königes zwar ein Zaum seines
Gewissens; aber keine Rute in der Hand des Volckes / dass es ihn damit schlagen
könne. Viel eine andere Bewandnüs aber hätte es bei denen Semnonern / welche
nicht auf blosses und gemeines Versprechen Marbods getrauet; sondern zu ihrer
Sicherheit die höchste Gewalt dem Könige vor- und für sich zurück behalten
hätten. Solch Vorbehältnüs des Volckes aber ist vielmahl aus denen gemässenen
Angelöbnüssen der Fürsten / welche nämlich die Rechte der höchsten Gewalt und
die Grund-Gesätze der Herrschaft angehen / und eine Enteusserung seiner
unverschränckten Macht nach sich ziehen / abzunehmen. In diesen Fällen ist alles
nichtig / was ein Fürst wider die Gesätze täte; und das Volck hat Vermöge der
ihm zustehenden höchsten Gewalt ihn abzusetzen und zu straffen Fug und Recht /
und zwar auch so denn / wenn ein Volck gleich nicht alle höchste Gewalt für sich
behalten / sondern sie mit dem Fürsten geteilet / und ihm zwar auch das Recht
Krieg zu führen verstattet hat. Sintemahl es ihm dadurch nur frembde / nicht
sein eigen Volck zu bekriegen Macht gegeben. Ja wenn auch gleich ein Volck
seinem Fürsten die höchste Gewalt anvertraut / sich aber in gewissen Fällen das
Recht ihm mit Gewalt zu begegnen / oder ein ander Haupt zu erwählen vorbehalten
hätte /wäre dem Volcke die Ausübung dieser von der höchsten Gewalt ausgenommenen
natürlichen Freiheit allerdinges frei. Gangolff sah Herberten an / und sagte:
dieses lässet sich wohl hören und scheinet die Semnoner zu verteidigen / aber
nicht die Langobarden; derer Volck sich dem Könige Marbod ohne einige Bedingung
erblich untergeben hat; den Adel aber hat er mit dem Schwerdt bezwungen /
welches alle solche Absätze zerschneidet und dem Uberwinder die Gewalt zueignet
/ Gesätze zu geben / nicht zu nehmen. Günter begegnete ihm: das gemeine Volck
hat ohne der Priesterschaft und des Adels willen dem Marbod keine höchste
Gewalt / davon es nur ein Dritteil gehabt / enträumen können. Wider die
Priester und dem Adel / welche ihn nie beleidigt / und an die er keinen Anspruch
nahmhaft machen kann / hat er kein Recht zu kriegen gehabt; also auch die
höchste Gewalt durch die Waffen nicht erobern können / sondern er hat die
Herrschaft der Langobarden / als ein Rauber an sich gerissen; und ist biss jetzt
nicht ihr Fürst / sondern ihr Feind gewest; also dass iedweder wider selbten mit
Rechte die Waffen ergreiffen / seine gewaltsame Herrschaft abwerffen / ja ihn
tödten hätte können. Gangolff versätzte: Es stehet nicht iederman frei auch an
einem gewaltsamen Besitzer eines Reichs Gewalt zu üben. Denn wer hat ihn über
selbten und über die Gerechtsamkeit seines Besitztums zum Richter gemacht? Zwar
ist unlaugbar; dass niemand einem Gesätze nachzuleben schuldig sei / was von
einem der keine rechtmässige Gewalt Gesätze zu machen hat / herrühret. Alleine
eines Bürgers Verbündligkeit einem gewaltsamen Herrscher zu gehorsamen rühret
nicht so wohl von seinen Gesätzen / als von einer teils ihm selbst / teils dem
Vaterlande schuldigen Pflicht her. Denn diesem ist ins gemein / wie der Stadt
Sparta unter dem Nabis mehr daran gelegen einem Wütterich und Rauber / welcher
doch allemahl seine Gewalt vom Himmel hat / und Gottes Handlanger zum Guten ist
/ gehorsam zu sein / und das Land bei einer leidentlichen Dienstbarkeit in Ruh
zu erhalten; als dass man um das Reich in Freiheit zu setzen das Volck in einen
schweren Krieg verwickele / und in Gefahr sätze in eusserste Knechtschaft zu
verfallen. Seiner selbst halber hat auch ieder Bürger Ursache sich gewaltsamer
Herrschaft zu beqvämen; weil er doch auch ihres Schutzes und alles Guten
geneust /die iede / auch eine ungerechte Herrschaft an sich hat; ja der
gesunden Vernunft zu wider laufft / wenn einer sich wider den auflehnen will /
unter dessen Schirme er doch lebet / sie sei gleich mit schlimmen oder guten
Rechte aufgerichtet / welches ihn als ein einzeles Glied nicht angehet. Uber diss
würde auch einer / der gleich von Anfang ein Reich durch Raub überkommen / ein
rechtmässiger Fürst; wenn das Volck ihn entweder dafür ausdrücklich oder
stillschweigend / welches in so viel Jahren von Langobarden geschehen zu sein
vermutet wäre / angenommen / und ihm Treu und Gehorsam versprochen oder gar
geschworen hätte. Denn ob zwar derogleichen Erkäntnüs selten aus ganz freiem
Willen / sondern meist aus Furcht zu geschehen pfleget / so kann doch diese
Furcht nicht immer tauern; und die Furcht schleust nicht gäntzlich den Willen /
also auch nicht die Verbündligkeit aus; sonderlich in Reichs-Geschäfften. Denn
sonst würde kein Friede iemahls bündig sein /weil der schwächere dem stärckern
niemahls ohne Furcht etwas enträumet. Dahero ob zwar Kayser Julius die Gewalt zu
Rom mit Unrecht an sich gerissen hatte / ward doch sein Mord vom Rat und Volcke
verdammt; nach dem sie in seine Herrschaft gewilligt / und dadurch seinen Raub
in ein Recht verwandelt hatten. Günter antwortete: Ein oder etliche Bürger
wären freilich wohl nicht befugt einen Wütterich anzutasten / wenn schon ein
vorgehendes Gesätze solches auf allen Fall ausdrücklich erlaubt hätte. Sintemahl
doch kein eintzeler Bürger zu urteilen Macht hat: ob gegenwärtiger Herrscher
ein Wütterich sei? aber wohl ein ganzes Volck / oder wenn ein rechtmässiger
Fürst einem / der sich dem eindringenden Herrscher noch nicht treue zu sein
versprochen / hierzu Gewalt gibt. Ob nun zwar der Ritter Schencke den Anfang
gemacht / die Langobarden zu Wiedersuchung ihrer Freiheit aufzumuntern / wäre
doch diss hernach von dem sämtlichen Volcke beliebet; ja dieses nicht nur von
denen ihre Festung verlassenden Marckmännern selbst hierzu veranlasst / und
durch die wunderwürdige Weissagung von GOtt gleichsam unmittelbar seine
allerweiseste Versehung wider den Marbod auszuführen befehlicht / welchen sie
freilich niemahls ohne Furcht eussersten Verterbs für ihr Haupt erkennet / und
seine Fest- und Besatzungen allezeit als Fässel an ihren Schenckeln gehabt
hätten. Wenn nun aber Marbod seine Herrschaft nicht aus dem Rechte seiner
ungerechten Waffen / welche doch der Uhrsprung der meisten und grösten Reiche
wären; sondern aus dem Willen der Langobarden rechtfertigen wollte / so streitet
für sie doch eben diss / was für die Semnoner; nämlich / dass ihre vorige Fürsten
nicht die höchste Gewalt gehabt / sie also solche dem Marbod völlig einzuräumen
niemals gemein gewest sein. Zugeschweige: dass Marbod allem Ansehen nach von der
Zeit an / da er seinen Willen und Länder des boshaften Adgandesters Willen
unterworffen / die grösten Grausamkeiten nicht nur etwan gegen etliche Bürger /
sondern gegen das ganze Volck verübet /selbtes entwaffnet / die sich dessen
Feind erwiesen /und allem Ansehen nach / beide fürnehmlich aber den Adel gar zu
vertilgen / den Marckmännern und Sedusiern aber das Land einzuräumen angezielet
hat; in welchen Fällen auch Fürsten / welche gleich die höchste Gewalt völlig
besitzen / sich der Herrschaft verlustig machen / und ihnen zu wiederstehen
sich aber ausser Gefahr zu setzen / die natürliche Billigkeit erlaubet; weil so
denn die hauptsächliche End-Ursache der Herrschaft und bürgerlichen
Gemeinschaft / nämlich die Erhaltung des Volckes aufhöret /und es unmöglich
beisammen stehen kann: dass einer zugleich eines Volckes Feind und Fürst sei /
indem so denn ihm kein Volck zu beherrschen übrig bleibt. Daher auch ein Volck /
wenn es sein Fürst einem andern Fürsten oder Volcke schlechter Dinges
unterwerffen will / wieder frei wird / weil er solcher Gestalt nichts als ein
Fürst zu beherrschen behält. Denn ob zwar ein ieder sich seines Rechtes
verzeihen kann / kann er doch solches nicht alsbald einem andern zueignen /weil
das Volck entweder nur seine Person oder sein Geschlechte zur Herrschaft
erkieset hat. Gangolff hörete und vermerckte diss alles mit besonderm Fleisse /um
die andern Priester davon umständlich zu benachrichtigen.
    Ehe die Priester nun das Wahl-Recht dieser zweier Völcker untersuchten /
oder darüber einen Schluss machten / wurden die Räte mit grossem Eyver zu
untersuchen: Ob es dem Feldherrn tulich sein würde /die Langobarder und
Semnoner für Untertanen anzunehmen? befehlicht: denn insgemein grübelt man im
Rate der Fürsten nicht so sehr über dem Rechte / als über der Nutzbarkeit eines
Vorhabens. Hertzog Herrmann wollte mit Fleiss nicht darbei sein / um niemandens
freier Stimme Abbruch zu tun. Die Meinungen waren einander sehr zu wider;
iedoch lieffen sie auf diese zwei hinaus: dass der Graf von Teckelnburg mit denen
ihm beipflichtenden es für gefährlich und schädlich / der Graf von Waldeck aber
mit andern für heilsam und nötig hielt. Teckelnburg führte an: wenn schon
Untertanen befugt wären sich ihrer Herrscher zu entladen / sollten doch andere
Fürsten dieses ihnen nicht weiss / noch diss Geheimnüs in der Welt bekant machen;
weil sie dadurch auch wiederrechtlich sich gegen ihre Häupter zu empöre Anlass
nehmen. Es wäre diss ein übelruhendes Beginnen / ein schädliches Beispiel / ein
grosses Aergernüs / und eine gemeine Sache aller Fürsten; welche / da es diesen
Völckern gelingen sollte / aller Stühle wackelnd machen würde. Denn wer frembden
Untertanen wider ihre Könige beistünde / oder ihnen nur durch dessen
Bewilligung ein Hertz machte / lehrte seine eigene abtrünnig werden. Wer wollte
dem Feldherrn auch bürge sein; dass sie es in weniger Zeit ihm nicht besser / als
jetzt dem Marbod mitspielten / den die Semnoner ja mit so grossem Frolocken / als
den Herrmann zum Haupte erwehlet hätten. Einmahl verwähnten Untertanen taugte
kein Herrscher / wie gut er wäre; und so wohl Langobarden als Semnoner wären
immer lüstern gewest /mehr ihren Fürsten Gesätze zu geben / als von ihnen zu
empfangen; Welches dem Feldherrn weder anständig noch erträglich sein würde.
Wenn er aber sie abwiese / würde er ihm den König Marbod versöhnen /und ihm zu
unvergesslicher Freundschaft verbünden /welcher ihm wider die Römer zu helffen
mehr Kräffte / als beide Völcker hätten. Diese würde Marbod auch nicht ausser
Anspruch und Krieg lassen; also dass Hertzog Herrmann in vielen Jahren sich von
diesen keiner Hülffe noch Beisteuer zu getrösten / sondern in einen noch
gefährlichern Krieg / als der Römische wäre / eingeflochten werden würde; da
doch ieder Fürst niemals auch nur mit zwei mässigen Feinden anbinden sollte.
Dieses hätten die Römer allemahl genau beobachtet / und in Hispanien Assdrubaln
zu versöhnen alle Mittel gebraucht / biss sie die Gallier vom Halse gelöset.
Cyrus würde / dass er des überwundenen Crösus Reich nicht an sich gezogen hätte /
noch immer gerühmet; welchem sonst ganz Griechenland auf den Hals würde
gegangen sein. Solte Hertzog Herrmann auch gleich nicht den drittern Feind darzu
bekomen / so würde er doch aller Nachbarn / ja seiner ietzigen Bundgenossen
Nachtbarn Neid nicht verhüten; ja wohl gar den Verdacht einer Herrschaft über
ganz Deutschland von Marbods Achseln nehmen und seinen aufbürden; weil zumal
sein grosses Gemüte aller Urtel nach die ganze Welt zu beherrschen fähig
wäre. Stäche doch die Feld-Herrschaft / dass sie bei dem Cheruskischen Hause so
lange gewest wäre /alle andere deutsche Häuser in die Augen; und verursachte:
dass die grösten Feinde sich mit einander wider selbtes verbunden hätten / um
sein ihnen schreckliches Glücke zu untergraben. Also wäre es vielmahl ratsamer
die Segel seiner Glückseligkeit einzuziehen / als mit derselben Ausspannung
andere zu überschatten. Der Feldherr hätte Länder und Kräfften genung; und wenn
ihm ja noch etwas abgienge / ersätzte es seine Tapfferkeit. Fette Leiber und
weite Reiche hätten mehr Unberegligkeit als Stärcke; weswegen der kluge August
das Römische zu erweitern verboten hätte. Sintemahl diese ins gemein sich zu
sehr auf ihre Kräffte verlassen / die Nachtbarn beleidigen / und durch
unachtsame Sicherheit zu Grunde giengen; mittelmässige aber auf ihrer Hutt wären
/ und oft wie ein kleiner Fisch ein grosses Schiff im vollem Lauffe des Sieges
aufhielten; wie dem Persischen von einer Hand voll Griechen / und zeiter den
Römern von den Catten und Cheruskern begegnet wäre. Nichts so mächtiges wäre zu
finden / welchem nicht von einem schwächern Gefahr zuhienge. Ja Löwen würden
vielmahl der Krahen und Ameisen Speise. Uber diss wäre die Vermessenheit / die
Hoffart und Verschwendung die gemeinsten Gefährten / aber auch das Gift und die
Aegeln grosser Reiche; also dass sie entweder durch Wollüste von sich selbst
madig und wurmstichig würden; oder weil sie nicht für die gemeine Wolfart
/sondern den Blut-Durst ihrer Herrscher zu sättigen unaufhörlich Krieg führen
müssen / durch Abzöpffung aller Kräfte in Ohnmacht fallen müsten. Und ob wohl
Hertzog Herrmann ein einen grössern Himmel der Herrschaft zu tragen vermögender
Atlas wäre / könnte doch niemand für seine Nachkommen Bürge sein / weswegen
Fürsten nicht nur wie die Kameele / was ihre Achseln zu tragen vermöchten /
abwiegen; sondern auch auff ihrer Nachfolger Kräfften und das Gewichte der Last
/ die sie ihnen verlassen werden / Absehen setzen / sich die Freude über dem
jetzt uns scheinenden Gelücke nicht verleiten lassen; sondern auch künftige
Zufälle vorsehen / und die Sicherheit des Reiches immer auf die alten
Grund-Steine bauen müsten. Biss hieher hätten die Cherusker und ihre Fürsten sich
an ihrem ansehnlichen Gebiete genügen lassen; so bald sie aber noch zwei Länder
besitzen würden / dörffte sie nach mehrern zu hungern anfangen. Die Mässigkeit
wäre nicht nur dem Leibe /sondern auch der Herrschaft am gesündesten; hingegen
die Uberfüllung eine Ursache der Trägheit und vieler Kranckheiten; und wenn der
Magen überschüttet würde / bräche man nicht nur den Uberfluss / sondern auch die
zur Nahrung nötige Speise von sich. Also dörffte es bei so viel besorglichen
Feinden und Missgönnern auch denen Cheruskern ergehen / welchen er sonst von
Hertzen wünschte: dass wo heute jhre eussersten Gräntz-Steine lägen / morgen ihr
Mittel wäre; und dass nichts als die Sonne des grossen Herrmanns Herrschaft
abmessen möchte. Zwar schiene die Gelegenheit ihrem Wachstume zu heucheln; aber
wenn das Glücke einem das freundlichste Gesichte machte / sollte man selbtes am
verdächtigsten halten. Auch wäre es leichter Länder an sich zu bringen / als zu
behaupten; und könnte geschehen: dass die Cherusker / um diese neuen Glieder nicht
vergehen zu lassen / alle ihre Lebens-Geister verspielen müsten. Dahero hielte
er für des Vaterlandes Wolfart / wenn der Feldherr dissmahl nicht die Semnoner
und Langobarden / sondern seine Begierden zu beherrschen den Schluss faste. Denn
wer seinem Glücke einen Zaum anlegte / bliebe desselben Meister. Der Graf von
der Lippe war mit einem Teile des Rates zwar der ersten Meinung; dass der
Hertzog Herrmann beider Völcker Herrschaft nicht übernehmen; aber keines Weges
die Gesandten so schlechter Dinges abweisen; sondern ihnen einen andern Fürsten
vorschlagen / und auf alle Weise vorbeugen sollte: dass sie nicht wieder unter
Marbods Joch gerieten; dessen Macht Deutschland mehr als die Römische zu
fürchten; sein Gemüte aber gegen die Cherusker auf eine solche Weise verbittert
wäre: dass es wie ein von Ergiessung der Galle verterbter Magen auch die grösten
Woltaten in Wermut verwandeln würde / ungeachtet sonst Fürsten nicht länger
Zorn hielten / als es ihr Staat erforderte. Durch dieses Mittel würde Marbod
entkräfftet / und in einen absondern Krieg verwickelt werden: dass er sie und die
Catten im Kriege wider die Römer mehr zu hindern wohl vergessen würde. Die
Empörung dieser zweier Völcker wider den Marbod wäre eine Sonnen-klare Würckung
des Göttlichen Zornes wider seine Gewalt und Ungerechtigkeit; daher müste man
solcher an der Hand stehen; welche sonst / wenn sie nicht eine befestigte
Herrschaft unterstützte / wie Epheu bald zu Bodem fallen würde. Zwar lieffe es
wider Recht und Gewissen: dass ein von seinem Nachbar nie beleidigter oder mit
ihm in Freundschaft und Verbündnüs stehender Fürst desselben Untertanen zu
Aufruhr veranlasste / oder sie darinnen durch Rat oder Hülffe stärckete; Alleine
wenn selbte entweder in offentlichem Kriege gegen einander begrieffen / oder
auch einer schon beleidigt und der gegen ihn tragenden Feindschaft versichert
wäre; also dass er ihn zu bekriegen Recht hätte / wäre es ein törichtes
Bedencken / wenn man ihm Gewissen machen wollte / den durch seine Untertanen
anzugreiffen / den man mit gutem Gewissen mit eigener Faust erlegen möchte.
Könte man durch Hinrichtung feindlicher Untertanen eigene Feinde vermindern /
warum sollte man sie seinem Feinde durch die nicht vergrössern / welche uns sonst
selbst die Spitze bieten würden? Niemand wiese die Uberläuffer zurücke; niemand
hätte Bedencken sich der vom Feinde eroberten Waffen zu Werckzeugen seines
gerechten Krieges zu bedienen; warum sollten des Feindes Untertanen zu unser
Beschirmung und zu unserm Siege unbrauchbare Mittel sein? Was wäre im Kriege
gemeiner / als dass man die Befehlhaber in Festungen bestäche / und was man mit
viel Blute nicht könnte / mit wenigem Gelde eroberte? wäre diss aber / da man
andere zur Untreue und Verräterei verleitete / nicht was bedencklichers / als
dass man denen / welche durch Uberlast zum Abfalle genötiget würden / bei uns
Schutz und Beistand wider unerträgliche Bedrängnis suchten / Gehöre gäbe / zur
Gegenwehre Vorschub täte / und also die vom Gelücke an die Hand gegebene
Woltat nicht aus Händen liesse? nach dem das Recht der eigenen Rache Fürsten
auf alle Weise zustünde / und kein Gesätze in der Welt verbiete / die / welche
man durch Waffen ihm zu unterwerffen berechtigt ist / als sich gutwillig
ergebende anzunehmen. Hingegen würde Hertzog Herrmann die zwei Ungeheuer des
Neides und Argwohnes / welche ihm zeiter so viel zu schaffen gemacht hätten /
auf einmal unter die Füsse treten / und ganz Deutschland mit den Händen
greiffen: dass es ihm um keine Herrschaft / sondern allein um die gemeine
Freiheit zu tun sei. Der neue Fürst der Langobarden und Semnoner würde dem
Feldherrn auch nicht nur die Herrschaft zu dancken verbunden; sondern sich auch
wider die Marckmänner und Römer mit den Cheruskern auf ewig zu verbünden
genötigt; diese Völcker also nützlicher zu Gehülffen / als zu Untertanen zu
gebrauchen sein. Hingegen wäre zu besorgen: dass Hertzog Herrmann sie nicht nur
ohne allen Nutz wieder verlieren / sondern auch mit ihnen / wo nichts an der
alten Herrschaft / doch viel an seinem Ansehen einbüssen würde. Denn es wären
keine schlimmere Verräter unsers Unvermögens als die zu Wasser werdenden
Ratschläge. Ja man fiele in die Schande einer Unvernunft; dass man sich
unmöglicher oder allzu schwerer Dinge angemasst; also das Maass weder seiner
eigenen noch der feindlichen Kräften gewüst / sondern sich die blinde Begierde
zu herrschen verleiten lassen hätte; welcher alleine die Natur / die Vernunft
und die Gefahr kein Ziel zu stecken wüste. Diesemnach müste man das Feuer seines
Geblütes mit einer heilsamen Kaltsinnigkeit mässigen; seine Vernunft nicht mit
zu viel Hoffnung überladen; welche alles Böse ans Ende der Welt verbannte / nach
dem Schatten eines ungewissen Gewinns grieffe / und darüber das gegenwärtige Gut
aus der Hand fallen liesse; und wäre eine grosse Klugheit in der Welt andern
etwas versagen können / aber eine noch grössere /ihm selbst. Der Graf von
Waldeck / nach dem er mit grosser Ungedult diesen Meinungen zugehöret hatte
/fieng an: dem Cheruskischen Hause wäre in tausend Jahren kein grösser Glücke
vorgestanden / als der gegenwärtige Ansatz zweier so streitbarer Völcker wäre;
also hätte er nicht vermutet: dass ein einiger Mensch dieses von sich zu stossen
raten sollte. Würde man es auch dieses mahl aus den Händen lassen / so würde es
in dreitausend Jahren nicht wieder kommen. Denn es wäre allzu hoffärtig / und
drehete nach dem Gesichte einem alsbald die Fersen: dass es nicht dafür angesehen
würde / als wenn es iemanden buhlte / sondern dass alle ihm buhlen müsten. Seine
Liebkosungen aber wären nichts anders / als die in unsern Kram dienenden
Veränderungen; welche mit der eröffneten Gelegenheit was grosses auszurichten
uns gleichsam die Hand des in uns verliebten Glückes verpfänden. Wer unter uns
aber wollte zweiffeln: dass die Gelegenheit in der Welt grössere Sachen
ausgerichtet habe / als Klugheit / Macht und Tapfferkeit? Ja dieser sich zu
bedienen wissen / wäre die eigentliche Klugheit; ihre vorsichtige Verwegenheit
aber führte uns auf den Flügeln der Tapfferkeit zu dem Trone der
Glückseligkeit. Zwar alle Dinge in der Welt hätten unterschiedenes Aussehen /
nach dem man sie wendete; und die besten einen Grieff und eine Spitze /daran man
sich verwundete; alleine man müste sie mit dieser / nicht mit jenem fassen / und
eines Dinges rechte Gestalt von seinem Schatten unterscheiden. Kein einiger
Zepter wäre ohne Schwerdte / keine einige Herrschaft ohne Neid und Anfeindung;
also müste Hertzog Herrmann auch / die er schon hat / wegwerffen / wenn er sich
diese wollte abschrecken lassen. Alleine wie das Mitleiden eine unfruchtbare
Gewogenheit gegen Unglückselige wäre; also täte die eitele Gramschaft des
Neides nur ihm / dem wachsenden Glück aber keinen Schaden. Er verblaste und
würde ohnmächtig / wenn er recht lebhafte Sachen sähe; Er zitterte und
erstarrte / wenn andern die Sonne schiene; und er schöpffte den ärgsten Durst
aus anderer Uberflusse. Einem andern Fürsten würde vielleicht zu schwer sein
einen so grossen Bissen des Glückes zu verdauen / aber nicht unserm Hertzoge;
welcher durch so viel Wunder schon gewiesen: dass sein Hertze für nichts zu enge
/ seiner Tugend nichts zu gross / und eines Zwerges ganze Mahlzeit einem Riesen
kaum auf einen Zahn sei. Durch den Anfang voriger Taten hätte er sich nun zu
noch grössern verbunden. Denn so bald die Tugend und ein Reich nicht mehr wüchse
/fienge sie an abzunehmen / wie ein nicht mehr steigender Pfeil zu fallen. Daher
müste man in Ratschlägen wohl unterscheiden / was in seinem Wachstume /oder in
seinem veralternden Abnehmen wäre. Jenes sähe man augenscheinlich am Herrmann /
dieses am Marbod / von welchem das Glücke nun einmal absetzen müste / nach dem
es sich an ihm gleichsam ermüdet hätte. Ja nach dem es auf einmal von dem
Colossen seines Reichs so grosse Stücke abfallen liesse /hätte es ihm nach der
eröffneten Wahrsagung sonder Zweiffel vorgesätzt ihn gar übern Hauffen zu
werffen. Die unter dem Scheine der Beschirmungs-Flügel zeiter in den Klauen des
Marbods verschmachteten Marsinger würden sich zweiffelsfrei bei dieser
Gelegenheit eben so wohl nach ihrer Freiheit umsehen / und die Gotonen ihren
rechten Fürsten kennen lernen. Wenn solche Eichen fielen / müste man nicht der
letzte sein Holtz zu lesen. Von anderer Reiche Brüchen aber würden andere
gebauet; und aus umgeworffener Bäume Wurtzeln wüchsen junge Stämme herfür.
Wolten sie daher gerne sehen: dass das Cheruskische Haus recht empor steigen
sollte / müsten sie weder im Rate noch in der Tat versäumen des Marbodischen
Reichs Fall zu befördern; welches / so lange es stünde / mit seinem Schatten
alle andere deutsche Häuser drückte / dass sie nicht aufkommen könten. Also wäre
allen daran gelegen; dass es zu Grunde gienge; und nach dem sie es würden sincken
sehen / würden alle mit Hand anlegen es umzustossen. Niemand in der Welt könnte
den Semnonern und Langobarden verargen: dass sie iederzeit das Kleinod ihrer
Freiheit / welcher Versehrung edle Gemüter so wenig als das Anrühren ihres
Augapffels vertragen könten / sorgfältig verwahret und dissmahl sich ihrer
Dienstbarkeit entledigten. Denn weil kluge Fürsten die Sicherheit ihrer
Herrschaft nicht auf die Unterdrückung ihrer Untertanen / sondern auf ihre
Liebe und die Mässigung eigener Gewalt sätzten / hätten weder sie / noch Hertzog
Herrmann deswegen was böses zu besorgen. Ihre Freiheit würde seiner Herrschaft
/ und seine Herrschaft so wenig / als der Cherusker Freiheit Abbruch tun. Weil
aber Marbod sie hätte zu Knechten machen wollen / wären sie nicht mehr schuldig
gewest seine Untertanen zu bleiben / in welcher Beschaffenheit er sie selbst
nicht mehr hätte haben wollen. Dieses wäre keine Empörung / sondern eine
Genesung der Freiheit / also allen Deutschen und ihren Fürsten daran gelegen:
dass ihr auf die Beine geholffen / solche Fürsten-Mörder aber / wie Marbod wäre /
in Staub und Kot getreten; ja ihr Gedächtnüs aus den Ohren der Nachwelt
weggerissen würde. Solte nun Hertzog Herrmann wohl Bedencken haben den zu
erzürnen / dem alle feind wären / und der gegen die Cherusker nicht grössere
Feindschaft schöpffen kann /als er schon hätte? Man gäbe seinem Feinde nur mehr
Hertze und Galle zu schaden / wenn man ihm heuchelte; an statt / dass man sich
träumen liesse ihn durch Woltaten auf unsere Seite zu bringen / welche ihm
vielmehr einen nagenden Wurm in Busem setzten; weil er dadurch sich unsern
Schuldner wissen müste. Dieses würde auch an ihr selbst eine unvergeltbare
Woltat sein; und weil er sie dem Feldherrn nicht bezahlen könnte / so vielmehr
Hass erwecken müssen; und also wir in so grosser Gefahr stehen /mit ihm in Krieg
zu geraten / als wenn Hertzog Herrmann beider Völcker Herrschaft annähme
/derer uns zugesätzte Kräfte ihn noch ehe zurück halten dörfften. Wer daher des
Marbods guten Willen zuschriebe: dass er wider die Cherusker nicht vollends
losgeschlagen / hätte in Marbods Rat-Stube keinen Blick getan; sondern sein
eigener Vorteil hätte ihm geraten der Römer und deutschen Fürsten Macht in
gleicher Wage zu halten. Wenn es aber auch schon mit dem Marbod zum Kriege käme
/ müste man darum den Mut nicht sincken lassen. Das Glücke vermehrte sich oft
mit den Feinden; und ein Hercules scheute sich nicht mit zweien anzubinden. Das
Marcomannische Reich wäre zwar gross / und zeiter so gar den Römern schrecklich
gewest; aber ins gemein hielte man ein Ding nicht für diss / was es wäre /
sondern was es zu sein schiene. Es müste in sich selbst viel unsichtbare
Schwächen und Brüche haben / weil ihm Marbod selbst nie allzu viel zugetraut /
sich nie an keinen mächtigen Feind gewagt; und damahls / als ganz Pannonien und
Dacien wider die Römer die Waffen ergriffen hätte / sein Bündnüs verletzt / und
die schönste Gelegenheit den Römern einen Streich zu versätzen versäumet hätte.
Zwar hätte Marbod viel Völcker unter sich / aber es mangelte ihnen der Kalck /
nämlich die Vertrauligkeit / durch welchen so unterschiedener Zeug müste an
einander gefügt werden. Er selbst traute keinem andern / als seinen
Marckmännern; welche kaum zulangten: dass sie die andern unwilligen Untertanen
im Zaume hielten; und traute er denen einigen Semnonern und Langobarden zu: dass
sie / als welche unter allen Völckern das Hertze und die Ehre gehabt Rom
einzunehmen / dem Marbod alleine gewachsen sein würden. Sintemahl die Stärcke
eines Leibes nicht in der Grösse / sondern an den Spann-Adern / und die Kräffte
eines Reiches nicht in dem Umschweiffe der Länder / sondern an der
Hertzhaftigkeit der Einwohner bestünde; und wären diese Riesen ins gemein die
wahrhaften Zwerge in der Welt / die Helden aber niemahls Cyclopen. Marbod würde
so denn auch nicht mit dem Herrmann alleine /sondern mit mehr Feinden zu tun
bekommen; derer er mehr als ihr Hertzog haben müste / wo unrechte Gewalt einen
verfeindete. Ihr Feldherr aber wäre nun mit den Chauzen / Friesen und Sicambern
so viel als verglichen; und die Römer / welche an ihm nun so vielmahl ihnen den
Kopff zerstossen hätten / würden die Deutschen ehe ihrer innerlichen Zwietracht
überlassen / als durch fernere Kriege sie veranlassen mit einander Friede zu
machen. Dieses wäre schon vor vielen Jahren des Tiberius Grieff gewest; und also
würden die Cherusker mit den Römern schwerlich eh zur Ruh kommen / als biss sie
mit dem Marbod würden in Krieg geraten / dessen Macht der Kayser so gerne als
ein Mensch in der Welt zerstückt sehen; und also uns ehe darzu behülfflich sein
/ als daran hindern würde. Das Cheruskische Haus wäre zwar eine zeitlang
demselben Laster ein Dorn in Augen gewest /welches so scharffsichtig ist / und
doch gern weniger sähe als es sieht / weil ihm frembdes Gut so wehe tut / und
die gröste Ubelkeit verursacht. Alleine wer sich dieses wollte irre machen lassen
/ müste nur bald auch die Tugend abschweren. Hercules hätte alle Ungeheuer
überwunden; wider dieses aber hätte weder Stärcke noch Woltat gefruchtet.
Alleine dieses wäre die erste unter den Herrschens-Künsten / Missgunst vertragen
können. Wenn aber ja ein Mittel hierwider wäre / könnte es kein anders sein / als
dass man sich mühte so lange höher zu steigen / biss dem Neide die Augen uns
nachzusehen vergiengen. Dieser Augen-Kranckheit aber wäre Marbod mehr / als
Hertzog Herrmann unterworffen; ja sie würde ihn allererst recht zu verfolgen
anfangen / wenn er zu fallen beginnen würde. Denn mit der sinckenden Sonne
mehrete sich sein Schatten; und die / welche aus Kleinmut vor ihre Missgunst
nicht hätten dörffen mercken lassen / würden sich nun ohne Bedencken für seine
Feinde erklären; und wenn sie nur der Marckmänner Herrschaft einreissen möchten
/ der Cherusker gerne bauen helffen. Diese hätte zwar ihr Maass / aber kein
solches; welches Hertzog Herrmanns Gemüte das Gewichte hielte. Es wäre aber
allezeit besser: dass die Grösse eines Reiches seinem Haupte / als ein Fürst
seinem Reiche überlegen wäre. Also könnte sich kein Reich wie kein Krocodill
überwachsen; und es wäre einer Herrschaft so gefährlich / wann man dieser
Kräfften ausmessen / als jenes Anschläge für der Zeit absehen könnte. Denn die
Nachtbarn verehrten / und die Feinde fürchteten nur diss / was sie überträffe;
die Gleichheit aber wäre schon verächtlich / und niemand hätte Bedencken sie zu
beleidigen. Grosse Reiche lidten zwar Gefahr / wenn sie von einem niedrigen
Geiste beseelet würden / wie grosse Schiffe / welche keinen verständigen
Steuermann / oder zu schmale Segel hätten; aber kleine würden von den grössern
übersegelt / wenn schon alles auffs beste bestellt wäre. Daher möchte beim
Hertzog Herrmann das Cheruskische Reich immer sicher zunehmen. Seine Nachkommen
würden vermutlich nicht aus der Art schlagen; und wenn schon zuweilen ein
Nachfolger nicht alle Vollkommenheiten derer hätte / die ein Reich in Aufnehmen
gebracht / vertrete doch die gute Einrichtung einer Herrschaft viel ermangelnde
Geschickligkeiten ihrer unvollkommenen Fürsten. Die Cheruskische Herrschaft /
wenn sie schon Semnoner und Langobarden vergrösserten / wäre noch weit von einer
unbereglichen Grösse entfernet; und / wenn sie auch etwas überwachsen wollte /
wäre es keine Kunst mit der Sichel die Ubermaasse wegnehmen; hingegen eine
Unmöglichkeit dem / was ins Stecken geriete / nachzuhelffen / oder was
beizusetzen; sonderlich wenn Zeit und Gelegenheit vernachlässiget würden /
welche die Eyer des Glückes unterlegen müsten / so Klugheit und Tapfferkeit
ausbrüten sollten. Könten aber Zeit und Glücke ein güldener Ey denen Cheruskern
legen / als zwei so ansehliche Länder? welche durch keine Arglist gewonnen /
durch keine Waffen geraubet werden dürfften / sondern als ein wahres Geschencke
Gottes eigenbeweglich dem gleichsam schlaffenden Herrmann zu Haus und Hofe
kämen. Wenn man diese nun anzunehmen weigerte / misstraute man nicht nur ihm
selbst / sondern dem Himmel; gleich als wenn er seinem Munde Aepffel von Sodom
oder des Tantalus fürhielte. Er mässigte nicht seine Begierde / sondern stiesse
das Glücke mit Füssen / wiederspräche dem Verhängnisse / und machte die Furcht
zum Steuer-Ruder / welche im Menschen mehr nicht als Balast sein sollte. Man wäre
um den Verlust des sich weisenden Schatzes bekümmert / und wiederriete ihn in
Besitztum zu nehmen; gleich als wenn man bei diesem Falle besser / als bei
jenem stünde; oder man verschmähte reich zu sein / aus Beisorge arm zu werden.
Man traute ihm nicht zwei Völcker mit vereinbarten Kräfften zu erhalten / derer
jedes sich tausend und mehr Jahre wider alle mächtige Nachbarn im Stande zu
erhalten vermocht hätte. Noch viel schädlicher aber wäre / wie alle mittelmässige
Ratschläge / der Vorschlag den Semnonern und Langobarden einen andern Fürsten
vorzuschlagen. Denn was könten diese auf unsere Ratschläge bauen / da wir uns
selbst nicht zu raten wüsten? Wen sollten wir dem Marbod entgegen sätzen / wenn
wir uns und unsern Hertzog ihm nicht gewachsen zu sein glaubten? Vereinbarte
Kräffte wären ja stärcker / als zerteilte / und eigenes Vermögen uns gewisser /
als frembdes. Warum wollten wir uns denn mit Steltzen behelffen / da wir mit
unser eigenen Schenckeln eben so weit / aber sicherer schreiten könten? Andere
Lasten ruheten zwar fester auf vielen Pfeilern; aber Reiche sicherer auf einem
Rücken / und fielen übern Hauffen / wenn sie mehr Achseln unterstützen wollten.
Wie bald könnte sich auch das Blat wenden / und mit der alles umdrehenden Zeit
sich ereignen: dass der / welchen wir ietzt zum Fürsten so vieler Länder
beförderten; auch nach den Unsrigen lüstern werden dörffte. Lasset uns
diesemnach nicht wegwerffen / was uns das Verhängnüs zuwirfft! welches nichts
ohne Bedacht tut; und schon damahls /als es der Welt einen Anfang / der Natur
Gesätze gegeben / der Cheruskischen Herrschaft schon nach dem vorgesehenen
Maasse unserer Klugheit und Tapferkeit gewisse Gräntzen ausgezeichnet hat. Lasset
euch nicht träumen / als wenn dieser Anblick dem Glücke kein Ernst wäre / der
GOtt unser Aufnehmen selbst beneidete! Gott wäre durchgehends gut und aller
Missgunst unfähig. Wenn aber ja das Verhängnüs der Cherusker Untergang
beschlossen hätte /würden wir solchen doch so wenig als Polycrates verhüten /
wenn wir schon dieses Glücke weg / wie jener seinen unschätzbaren Schmaragd-Ring
ins Meer würffen. Lasset uns diesemnach unserm Feldherrn nichts raten / was
nach Neid und Zagheit reucht! Nicht herrschen wollen / wenn man könnte / wäre
eine Tugend der Untertanen / aber eines Fürsten gröster Fehler / und ihr
Zweiffel einer Untreue nicht unähnlich; wenn sie ihren Hertzog nicht über die
Semnoner und Langobarden wollten herrschen lassen / den sie zu Beherrschung der
Welt fähig schätzten. Waldecks Rede hatte einen solchen Nachdruck: dass das
gröste Teil des Rates ihm beifiel; weil diese Meinung so wohl dem Fürsten
liebkosete / als nach Hertzhaftigkeit roch. Denn niemand will gerne bei
Beratschlagungen für furchtsam angesehen sein; und iederman redet gerne nach
denen vermuteten Gedancken seines Fürsten. Ja auch die / welche vorher
wiedriger Meinung gewest waren / lenckten numehr ihr Rad ins gedrückte Gleiss;
und nach dem folgenden Morgen die Priester das Recht der neuen Wahl beim
Feldherrn mit vielen Gründen behauptet hatten / trug ihm der Rat auch ihren
Schluss für / nämlich: dass die Wolfart der Cherusker / die Freiheit
Deutschlandes / und die Ehre Hertzog Herrmanns die Herrschaft über die
Langobarden und Semnoner anzunehmen erfoderte. Den dritten Tag erteilte der
Feldherr denen Gesandten unter freiem Himmel in Gegenwart des ganzen Hofes und
des meisten Cheruskischen Adels seinen einwilligenden Schluss / welchen sie mit
grossen Freuden annahmen / und ihm die güldenen Rincken überliefferten. Hertzog
Herrmann ward alsbald für den Fürsten der Langobarden und Semnoner ausgeblasen;
und der Tag mit einer prächtigen Mahlzeit und unzehlbaren Freuden-Zeichen
beschlossen. Folgenden Morgen brachen die Gesandten mit grosser Vergnügung auf /
um ihren Gewaltgebern die fröliche Zeitung nicht lange vorzuhalten. Hertzog
Herrmann folgte seinem Versprechen nach in weniger Begleitung. An der Elbe
stunden dreitausend Langobardische Edelleute ihn zu bewillkommen / welchem
dieser Strom / der zehn Tage mit so starckem Grund-Eise gegangen war / dass die
Gesandten mit grosser Lebens-Gefahr kaum überkommen waren / eine Stunde für
seiner Ankunft an dem zur Uberfahrt bestimmten Orte / durch das zusammen
gestossene Eis zu iedermans grosser Verwunderung eine feste Brücke gebauet
hatte; gleich als wenn die Natur diesem Helden den Weg zu seiner neuen
Herrschaft zu bähnen bemühet wäre. Als er auch folgends an die Havel kam / wo
die Langobarden sich dem Feldherrn zu unterwerffen versamlet waren / kam aus der
Lufft von freien Stücken ihm ein Falcke auf die Hand geflogen / welcher eine
silberne Schelle am Fusse / am Halse einen kleinen Schild hatte / darein der
Langobardische Adler / und Hertzog Siegeberts Nahme eingegraben war. Diese
Begäbnüs vergrösserte die allgemeine Freude des Volckes; welches mit ihrem neuen
Fürsten gleichsam eine neue Seele bekam. Kein geringeres Frolocken ereignete
sich zu Budorgis bei denen gleichsam wieder lebendig werdenden Semnonern.
Daselbst lieff die Zeitung ein; dass im Munde der Elbe eben an dem Tage / da
Hertzog Herrmann darüber geritten / ein ungeheuerer Wallfisch gestrandet / von
dem Land-Volcke vollends erschlagen / sein Maass hundert und zwantzig Füsse lang
befunden worden wäre; da sie sonst ins gemein nur eine Länge von funftzig
Füssen hätten; also dieser nach dem hundert Ellenbogen langen / den man einmal
im Baltischen Meere gefangen / für den grösten hielte / der iemahls in
Deutschland wäre gesehen worden. Worüber allerhand glückliche Auslegungen
gemacht wurden / sonderlich weil seine zwei grosse Eyter / daran die Jungen zu
saugen pflegen / von Milche strutzten / und darmit über zwei Eymer gefüllet
wurden; und weil aus seinem obersten Kienbacken auf der lincken Seite ein
gewundener und dem Helffenbeine gleicher Zahn fünftalb Schuh hervor ging /
ward selbiger nachmahls dem Feldherrn zum Geschencke überschickt und von allen
unwissenden für ein Einhorn gehalten. Die Barden übergaben dem Herrmann bei
Ablegung der Huldigung folgende Reime:
Ihr Völcker / die der Elb- und Oder-Strom umringt /
Die ihr den frischen Kweiss / die faule Havel trinckt /
Hebt eure Häupter auf! hier liegt das Joch zerstücket!
Das euren Kopff zerkwetscht / und euren Nacken drücket.
Zieht euer Achseln weg! macht eure Schenckel frei!
Die Dienstbarkeit ist weg / die Ketten sind entzwei!
Der Himmel warff euch zwar zu Marbods stoltzen Füssen /
Doch nicht aus Rach und Neid. GOtt und Verhängnis wissen
Von solcher Regung nichts. Sie schencken Bitterkeit /
Doch nur als Artznei ein: dass man den Unterscheid
So herber Dienstbarkeit und linder Freiheit schmecke.
So hüll't der Himmel vor in eine Wolcken-Decke
Das Auge dieser Welt / wenn seiner Sonne Licht
Uns schöner düncken soll. Kommt! die ihr Atem nicht
Zu schöpffen fähig seid! wenn ihr solt knechtisch dienen /
Zu ziehen frische Lufft! Nun ist der Tag erschienen
Der Freiheit. Perseus hat Andromeden befreit /
Und unser Elbe-Strom den Wallfisch ausgespeit /
Der für Verzweiffelung muss stranden und vergehen /
Nun er den Herrmann sieht euch an der Seite stehen.
Geht / schaut das faule Aas des Ungeheuers an /
Dem Marbod sich allein in Deutschland gleichen kann.
Geht / spottet seiner nur. Denn numehr mässen Zwerge
Ihn nach der Spannen ab. Die steilen Riesenberge
Sind von Cyclopen leer; kein Fässel ist mehr dar /
Woran schon euer Fuss vor angeschmiedet war.
Der Marckmann wünscht nun selbst ihr felsicht Haupt zu Rügeln
Für der Cherusker Macht. Doch nur umsonst! den Flügeln
Der Tugend ist der Krantz der Alpen nicht zu hoch;
Dem Herrmann nichts zu schwer. Bähnt das Verhängnüs doch
Dem tapffern Hercules den Rückweg aus der Hölle.
Hält nun nicht Helden auf Gebürge / Sand und Welle /
Was soll den Herrmann denn zu hemmen fähig sein?
Dem die Natur selbst dient / wenn sie in Marmelstein
Die weiche Flut verkehrt / und auf der Elbe Rücken
In einer Stunde-Zeit aus Eise bauet Brücken.
O hochbeglückter Fürst! für den der Himmel kriegt!
Für dessen Wolfart Wind und Lufft zu Felde liegt!
Doch mehr beglücktes Volck / dem solche Sterne scheinen /
Mit welchem es so gut GOtt und der Himmel meinen!
Er neigt die Sonn' euch zu; und schafft: dass Fluss und Meer
Euch euer Glück und Heil muss sagen zuvorher.
Ja Falcken müssen euch zu Freuden-Boten werden /
Verkreuch dich / Adler / nun! der du ein Reiss zur Erben
Von Lorbeer-Bäumen warffst; weil du damit die Last
Der Knechtschaft der Stadt Rom nur wahrgesaget hast!
Hier aber bringt ein Falck' uns unsre Freiheit wieder.
Rühmt euch ihr Adler nicht: dass Jupiters Gefieder
Aus euren Klauen kommt / wenn er mit Blitze spielt.
Weil unsers Falckens Flug auf lauter Güte zielt /
Zum Zeichen unsers Schirms an statt der Donner-Keile
Uns einen Schild trägt zu. Flügt Adler! reisst die Pfeile
Dem Schützen aus der Hand des grimmm Dionyss!
Und werfft sie in das Meer! durch dieses Zeichen liess
Der Himmel ihn den Fall von Reich und Hoheit wissen.
Hier müssen Semnoner und Langobarden schlüssen:
Der Falcke sei von GOtt; Er bring' uns Sieg und Ruh /
Das Erb-Recht Siegeberts dem grossen Herrmann zu.
Den hat's Verhängnüs uns zum Fürsten ausserlesen;
Es ist des Himmels eh' als unsre Wahl gewesen.
Denn die Versehung treibt das Rad der grossen Uhr;
Wir sind der Weiser nur. Wir folgen ihrer Spur
Als Blinde / wenn wir uns gleich der Vernunft bedienen
Durch Klugheit / Stern' und GOtt zu meistern uns erkühnen.
Wo aber auch die Welt ihr selbst gelassen ist;
Wo es bei Menschen steht: dass man was guts erkiest;
So hätte Solon selbst nicht besser wählen können.
Wo anders Kron' und Tron der Tugend ist zu gönnen.
Wo Tapfferkeit den Mast / wo Witz Compass und Kiel
Giebt in der Herrschaft ab. Solch eines Fürsten Ziel
Und Absehn kann nichts sein / als was auch Väter haben;
Diss ist der Kinder Heil. Liess sich Philen begraben
Lebendig in den Staub: dass nur sein fernes Grab
Dem werten Vaterland' ein ferner Gräntzmal gab.
Was wird ein Herrmann tun / der zwölffmahl will erblassen /
Eh er der Freiheit kann ein Haar versehren lassen /
Eh er dem Reiche lässt zwei Spannen Erd und Sand
Von Nachtbarn gräntzen ab / weil er sein Vaterland
Alleine liebt / nicht sich / und keinen Purpur schätzet /
Wenn ihn mehr Schnecken-Blut / als eignes hat genetzet /
Und ihn ein Fürst nicht taucht ins Feindes Wunden ein.
Denn diss Gewand soll ja der Völcker Schweiss-Tuch sein /
Der Feinde Leichen-Tuch / der Fürsten Ehren-Binde.
Mich dünckt: Ich sehe schon was ihm die Tugend winde
Für güld'ne Sieges-Kräntz' auf sein belorbert Haupt.
Denn Marbod / dem die Furcht schon hat sein Hertz geraubt /
Dem das Verhängnüs hat das Leichen-Bret gefället /
Den Todten-Zettel schreibt; den's Glück auf Trübsand stellet /
Der sein halb Reich verkaufft / und für dem Schatten fleucht /
Für unser Heeres-Macht schier in ein Bocks-Horn kreucht /
Wird Hermanns Angesicht beschwerlicher vertragen /
Als Eulen sich in Sonn' und Tag zu schauen wagen.
Er wird für dem nicht stehn / für dem die Adler fliehn /
Die Götter der Stadt Rom; und hundert Völcker ziehn
Die stoltzen Hörner ein. Mein / Rhein und Weser wissen
Des grossen Herrmanns Ruhm nicht länger zu beschlüssen;
Das Meer will mehr kein Blut / und ist der Leichen satt /
Die Herrmanns Faust zur Rach' ihm abgeschlachtet hat.
Kweiss / Oder / Elbe / Spreu mit samt dem Belt begehren:
Dass ihnen Herrmann nun auch Leichen soll gewehren /
Die unsern Achseln schwer / der Freiheit schädlich sein.
Ja keine Aegel saugt mit solchem Eyver ein
Des Lebens süsses Oel / als Meer und Erde dürsten
Nach Blute / der durch Mord und Blut befleckten Fürsten.
Denn diss versüsst ihr Saltz / stillt Träu' und Hertzeleid /
schafft dem gekränckten Recht / der Unschuld Sicherheit.
Die Felsen die das Reich der Bojen von uns trennen /
Das Marbob hat geraubt; wir Riesenberge nennen /
Mahln diesem Wütterich schon sein beschwertes Grab /
Und schlimmen Untergang boshafter Menschen ab.
Denn Etna deckt nicht nur der Himmel-Stürmer Knochen /
Der Himmel hat auch hier an Riesen sich gerochen /
Die Volck und Welt betrübt / die GOtt und Recht gehasst.
Und manch Enceladus schäumt unter dieser Last /
Der Blitz und Schweffel zwar nicht in die Lüffte speiet /
Ihn aber der Natur zu ihren Schätzen leihet /
Die sie in dieser Berg' Ertztreichen Adern kocht /
Die keine Wünschel-Rutt hat auszuspürn vermocht /
Weil das Verhüngnüs sie will aufgehoben wissen:
Dass man aus ihnen kann dem grossen Herrmann giessen
Sein erstes Ehren-Bild. Weil auch kein grösser Held /
Nach dem Tuiscon hat beherrscht die deutsche Welt /
Wird Herrmanns Leib sein Grab bei dem Tuiscon kriegen.
Sein Ruhm soll durch die Welt / sein Geist zun Sternen flügen /
Und neben dem Saturn die Wohnung nehmen ein /
Weil seine Herrschaft nichts als güldne Zeit wird sein.
 
                                    Innhalt
                               Des Achten Buches.
Schiffart menschlichen Lebens. Des Tiberius heftiger Neid und Argwohn gegen den
Germanicus. Fordert ihn nach Rom. Er entschuldiget sich. Tiberius hält noch
beständiger darmit an; welches dem Germanicus und Agrippinen verdächtig
vorkömmt. Die Legionen bitten den Germanicus mit Tränen bei ihnen zu bleiben.
Germanicus versucht noch einmal sich der Römischen Reise zu entbrechen; worüber
Tiberius fast unsinnig wird; Und diese Wiederspenstigkeit für eine offenbare
Auflehnung annimmt. Schüttet seinen Kummer in die Schoss des Sejan und Salustius
aus. Der erste rätet den Germanicus mit Giffte hinzurichten; Der andere aber
entschuldigt ihn. Tiberius fällt diesem bei; und fordert den Germanicus noch
einmal aus Deutschland ab. Salustius schreibt gleichfalls an ihn. Germanicus
entschleust sich zur Reise. Agrippine erschrickt darüber / entdeckt solches dem
deutschen gefangenen Frauenzimmer / welches sie in grosse Furcht setzet mitte
nach Rom geführet zu werden. Ihr Ansuchen deswegen bei Agrippinen; und Gespräch
von dem Tode. Tussneldens bewegliche Klage über den Verlust ihres Gemahls.
Agrippine bekümmert sich heftig; und suchet durch allerhand nachdrückliche
Vorstellungen den Germanicus vor der Abreise zu einem Frieden mit den Deutschen
zu bereden. Des Germanicus Einwurff dargegen. Ihre Gegen-Antwort; Und Vorschlag
wie der Friede einzurichten. Germanicus erkennet solchen vor vernünftig / und
stellet ihr die Einrichtung desselben frei. Die hierüber höchsterfreute
Agrippine berichtet solches das deutsche Frauenzimmer / und dass sie ein Mittel
zu ihrer Befreiung gefunden. Tussnelden Lobspruch wegen dieser grossen Woltat.
Der Agrippinen Ablehnung / und beider ferneres Gespräch. Agrippine berichtet /
dass sie zu wege gebracht habe / wenn Hertzog Herrmann / und Arpus / ihn um einen
ehrlichen Frieden ansuchten / er solchen mit ihnen schlüssen / und vor seiner
Abreise die Gefangenen frei lassen wollte. Des Frauenzimmers grosse Freude
deswegen. Tussnelden und Agrippinen Gespräch von dem Kriege. Tussnelda schreibet
an Hertzog Herrmann /und Fürstin Catta an Arpus. Beide Schreiben werden durch
zwei gefangene deutsche Edelleute Uffeln und Osten abgeschickt / welchen die
verschmitzte Hermengarde beigesellet wird. Tussnelden und Catten Schreiben / in
welchen sie beide Fürsten zu Annehmung der Vorschläge zu bewegen suchen.
Hermengarde wird / nach dem sie beim Hertzog Arpus gewesen / und ihn zum Frieden
beweget / von dem Feldherrn und dem ganzen Cheruskischen Hofe / welcher sich zu
Budorgis befindet / auffs freundlichste bewillkommt / und als eine andere Mutter
des jungen Fürsten verehret. Der Feldherr entschleust sich alsobald zum Frieden.
Erkieset den Grafen von Nassau zum Gesandten / nach dem Hertzog Arpus den Grafen
von Witgenstein auch schon darzu benennet gehabt. Beiden werden trefliche
Geschencke an den Germanicus und Agrippinen eingehändiget. Der Feldherr nimmt
Hermengardis mit nach Deutschburg / allwo beide mit grossem Frolocken des
Volckes empfangen werden. Der Feldherr händigt nebst andern Geschencken der
Hermengardis auch die dem Varus abgenommenen zwei güldnen Adler ein; Führet sie
zu dem Tanfanischen Heiligtum / und zeigt ihr die daselbst ihr zu Ehren
aufgerichtete und mit vier zu ihrem Lobe gereichenden Uberschrifften verfertigte
Marmelsteinerne Säulen. Die Barden singen darbei die ganze Geschichte von ihrem
an statt des jungen Herrmanns ausgeopfferten Sohne. Hermengardis demütige
Einwendung. Des Feldherrn Antwort. Die beiden Gesandten kommen zu Meintz an /
werden vom Germanicus freundlich empfangen. Tun ihren Vortrag. Germanicus nimmt
ihn zum Bedencken. Des Germanicus Erklärung. Der Friede wird den fünften Tag
nach ihrer Ankunft geschlossen. In selbiger Nacht / als des Morgens die
Auswechselung des Friedens-Schlusses geschehen soll / kommt Sextus Papinius von
Rom /mit Schreiben vom Tiberius; in welchen er nicht allein die Reise des
Germanicus heftig treibt / sondern auch verordnet / dass das gefangene deutsche
Frauenzimmer voran geschickt werden solle. Des Germanicus Bestürtzung und
Gespräch mit dem Papinius. Fordert den Silius vor sich / weist ihm des Kaysers
Brieff und dessen Innhalt; Befihlt ihm den Gesandten die Ursachen zu sagen /
warum der Friede nicht vollzogen werden könnte. Dieser begibt sich zu ihnen /und
trägt ihnen solches vor. Ihr beiderseits besonders aber des Witgensteins
eiffriges Gespräch deswegen. Germanicus hat mitler Zeit einen harten Stand mit
Agrippinen / welche ihm seinen bevorstehenden Untergang vorsagt. Seine
Einwendungen. Bekommt vom Hertzog Herrmann durch den Ritter Malzan zwantzig /
und von dem Cattischen Fürsten durch den Schönborn zwölff schöne Pferde
geschenckt. Germanicus verwundert sich über der Deutschen Grossmütigkeit.
Agrippine entdeckt dem in voller Hoffnung sich befindenden Frauenzimmer des
Kaysers Verlangen; worüber sie höchst bestürtzt werden. Agripplne und die
Gesandten bemühen sich sie zu trösten. Agrippine beweget den Germanicus dennoch
zu Vollziehung des Friedens; welcher auch / nach dem die Gesandten prächtig zur
Verhör geholet werden / geschlossen und offentlich ausgeblasen wird. Germanicus
erkläret das gefangene Frauenzimmer und alle andere Deutschen frei / und für
seine Gäste. Uberreicht denen Gesandten in seinem innersten Gemache einen vom
Ingviomer an ihn geschriebenen Brieff / in welchem er bei ihm Schutz suchet.
Läst auch in ihrer Gegenwart den darmit geschickten Ritter Kulenburg mündlich
schlecht abfertigen. Bewirtet nebst dem Frauenzimmer die Gesandten auffs
prächtigste. Allerhand Lust-und Freuden-Feuer werden angezündet. Germanicus lässt
am Ufer des Rheins / des Römischen Gräntz-Gottes / und des Rheines / in Stein
gehauene Bildnüsse mit gewissen Uberschrifften eingraben. Die Priester salben sie
/ und opffern ihnen. Germanicus schreibt an Kayser wegen geschlossenen Friedens.
Bricht folgenden Tag mit Agrippinen und dem deutschen Frauenzimmer / welches mit
nach Rom reisen soll / auf. Der Legionen Betrübnüss über seinem Abschiede. Ihr
Zuruffen. Der Gallier darüber habendes Leid; Welche ihm zu Ehren auf dem ersten
Berge einen herrlichen Ehren-Bogen aufgerichtet / und ihn in zwölff Feldern
unter der Gestalt des Mercur / mit so vielen Uberschrifften vorstellen.
Ingleichen auch eine etwas kleinere vor die Agrippine / in welcher sie 5.
Feldern unter der Gestalt Isis vorgebildet wird. Auf der zur Seiten der
Ehren-Pforte befindlichen Säule ist eine Lobschrifft zu lesen. Germanicus setzt
seine Reise fort. Die Gesandten überlieffern bei ihrer Zurückkunft denen
Fürsten des Ingviomers an den Germanicus geschicktes Schreiben. Ihr Gespräch
darüber. Der Graf von Weil wird zu Ingviomern geschickt; und von diesem wohl
empfangen. Ingviomer lobt beide Hertzoge wegen getroffenen Friedens. Beklagt
sich gegen den Gesandten über den Grafen von Nassau. Dessen Antwort. Hält
Ingviomern sein Vorhaben mit den Römern für. Seine Antwort; und fernerer
Wortwechsel. Ingviomer hält den Gesandten mit der Jagt und leeren Vertröstungen
auff. Seine Erklärung auf des Gesandten Anforderung. Der von ihm an den König
Marbod abgeschicke Ritter Arnheim kommt in der Nacht unversehens an. Führt den
Hertzog auf ein drei Meilen von dar gelegenes Schloss; Woselbst der von
Adelgunden König Marbods Tochter abgeschickte Ritter Kapliers / dem Hertzog
einen Brieff und Kleinod von Adelgunden einhändiget / und ihn berichtet: wie die
ganze Welt Adelgunden wegen ihrer Schönheit / Tugenden / und mächtigen Vaters /
geliebkoset / mit Adgandesters Ankunft aber ihre Vergnügung abgenommen habe;
weil ihn Marbod über alle andere Diener erhoben / er aber solcher Gnade
gemissbrauchet / andere verachtet / und den König zu schädlichen Entschlüssungen
beweget hätte. Ihr mit diesem gehaltenes Gespräch. Adgandester habe kurtz darauf
den König aus dem Bober errettet / und dadurch zu Wege gebracht / dass ihm alle
Gewalt eingeräumet worden /und der König nur den blossen Nahmen behalten; Ja ihn
gar zum Reichs-Nachfolger und ihrem Gehülffen erkläret habe. Adgandesters
Hoffart. Der Stände Ansuchen wegen eines Nachfolgers. Des Königs Antwort. Der
Sarmaten und Bastarnen König liessen um Adelgunden vor ihre Söhne werben.
Marbods und Adgandesters Gespräch hiervon. Adelgundens Gebehrdung gegen
Adgandestern. Hält um ihre Liebe an / derer Antwort. Adgandesters Arglist und
Betrug gegen den König durch angestifftete falsche Wahrsagung. Des Königs und
Adelgundens Gespräch davon. Er Kapliers und Stochau hätten in dem heiligen Heine
dieser Wahrsagung nachgeforscht / und den Betrug erfahren. Unterdessen hätte der
König den Adgandester öffentlich für seinen Eydam erkläret. Adelgunde wäre auf
dem Schloss Libyn verwahret worden. Arnheim sei um selbige Zeit zu Boviasmum
ankommen / und alles vor Ingviomern vom Könige erhalten. Dessen veträuliches
Gespräche mit ihm. Kapliers von seines Fürsten Liebe. Hätten ein Bündnüs wegen
Adelgundens Befreiung mit einander gemacht. Adelgunde sei im Absteigen von dem
Schloss bei der Nacht von der Schildwacht erblickt / und hernach härter
verwahret worden. Sie hätten Nachricht bekommen / dass Adelgunde mit Adgandestern
in dem Bubienischen Heiligtum vermählet werden sollte. Und deswegen mit ihren
Leuten in einem Walde nahe der Elbe ihnen aufgewartet. Hätten sie tapffer
angegriffen / und Adelgunden auf ein Pferd gebracht; Als aber Adgandester seine
Leute / die sich immer nach und nach verstärcket / zum Fechten ermahnet / sei
fast alles verloren gegangen. Biss sie unverhofft durch zwei Ritter in güldenen
Rüstungen / welche sich hernach vor Bolessla den Sarmat- und Britomarten den
Bastarnischen Fürsten zu erkennen gegeben hätten /mit ihren Leuten wären
entsetzt / Adelgunde befreit /und Adgandester in die Flucht geschlagen worden.
Unter diesen zweien Fürsten hätte sich hernach wegen Adelgundens Sicherheit
Stritt ereignet. Sie wäre aber auf Milissows festes Berg Schloss geführet worden;
Und in selbiger Nacht in grosse Verwirrung des Hauptes geraten. Hätte ihre
Liebe zu Ingviomern offenbahret. Milissows und Kapliers Gespräch deswegen.
Adgandester habe das Schloss belägert; Adelgunde aber ihn Kapliers an Ingviomern
abgefertiget. Er wäre drauf verkleidet zum Ritter Arnheim kommen /hätte ihm
Adelgundens Zustand eröffnet; und sich bei ihm verborgen aufgehalten. Beide
Fürsten wären auch zu Boviasmum bei ihrer Väter Gesandten angelanget; vom Könige
Marbod bewillkommet / aber drei Stunden darauf mit einer starcken Wacht besetzet
worden. Der Gesandten Beschwerung hierüber; Und des Römischen Botschafters
Gespräch mit dem Könige von eines Gesandten Freiheit. Kapliers und Arnheims
Reise. Ingviomers Freude über dieser Erzehlung. Dessen Danckbarkeit.
Beratschlagt mit den Seinen über dieser Sache. Ihren Entschluss. Ingviomer
fertigt nach seiner Rückkunft den Grafen von Weil mit Vergnügen ab; Und
schleusst den Frieden mit beiden Fürsten. Geht unter dem Scheine einer Botschaft
mit dreihundert Rittern nach Boviasmum; Und von dar zu dem belägerten
Berg-Schloss. König Marbod empfängt ihn freundlich. Adgandesters Argwohn.
Ingviomers Gespräch mit beiden wegen Adelgundens freien Wahl. Adgandester
stifftet unter Ingviomern /Bolessla / und Britomarten / Zwietracht. Der Kwaden
König Vannius kommt im Lager an. Kapliers entdeckt dessen / wie auch Ingviomers
Anwesenheit der Adelgunden. Ihr Schreiben an den Vannius; Berichtet darinnen die
betrügliche Weissagung. Vannius gibts Marboden zu lesen. Dessen Meinung darvon.
Vannius Einwurff. Lässt in dem Wahrsager-Heine nachforschen. Die dahin
geschickten Ritter erfahren nicht allein den Betrug mit den abgerichteten
Vögeln; sondern treffen auch Britomarten daselbst an / welcher ebenfalls durch
die Priester betrogen wird. Vannius eröffnet hierauf dem Marbod alles; Welches
die abgeschickten Ritter ausführlich bestätigen. Marbods Eyver hierüber. Vannius
Einrede. Beider Gespräch von Adgandestern. Dessen Argwohn; sucht beim Könige
Verhör / wird aber nicht vorgelassen. Seine Bestürtzung darüber. Marbod lässt ihn
des Morgens vor sich fordern. Sein Vortrag gegen ihn wegen Adelgundens.
Adgandesters Erklärung; Begibt sich der Heirat. Marbods Vergnügung deswegen.
Vannius Lobspruch. Adgandester schreibt an Adelgunden. Ihr Misstrauen; Schickt
das Schreiben uneröffnet zurücke. Welches dem Marbod gebracht; und in Gegenwart
des Vannius eröffnet und gelobet wird. Vannius schreibt selbst an Adelgunden /
und schleusst Adgandesters Brieff ein. Dessen Würckung. Adelgunde begibt sich
nebst ihren Rittern vom Schloss / kommt unversehens zu ihrem Vater König Marbod
/ und fällt ihm zu Fusse. Wird von ihm mit Freuden empfangen. Adgandesters
Demütigung gegen ihr. Allerhand Freudensbezeigungen werden angestellet.
Adgandester entfernet sich vom Hofe. Der dreien verliebten Fürsten Freude
darüber. Ingviomers Lobspruch. Der Untertanen Freudensbezeigung. Boviasmum wird
Maroboduum genennet. Marbods Einzug daselbst. Der dreien Fürsten Ansuchung um
Adelgunden. Marbod hält deswegen mit dem Vannius Rat. Dessen Meinung. Gespräch
von Hülffs-Völckern. Marbod nimmt sich der Herrschaft wieder an. Vannius macht
Anstalt zu einem prächtigen Schauspiele / stellet solches in Gegenwart aller
Fürsten / und unzehlichen Volcks / des Nachts auf der Königlichen Rennebahn vor.
Bei dem ersten Auftritt hält die Liebe ihr Siegs-Gepränge / und sitzt nackend
auf einer grossen Perlen-Muschel / welche von allerhand Tieren gezogen wird /
und mit zwölff Liebes-Göttern umgeben ist; So bald sich diese auf einen
Königlichen Stuhl gesetzt /drückt die Natur die Gewalt der Liebe singende aus;
Unter welchem fast aller Tiere Gattung erscheinen /und auf dem Altar der Liebe
opffern. Der Göttin des Glückes / Lob-Gesang der Liebe. Hierauf erscheinet eine
unzehliche Menge Volcks / in unterschiedene Hauffen zerteilt. Der erste
bestehet aus Schäfferinnen. Der andere aus Schäffern. Der dritte aus vielen
Gelehrten / und klugem Frauenzimmer. Der vierdte aus Priesterinnen. Der fünfte
aus Priestern. Der sechste aus lauter Heldinnen. Der siebende aus Helden. Der
achte aus mächtigen Königinnen. Der neundte aus grossen Weltbeherrschern. Der
zehende aus lauter Göttern. Diese alle opffern der Liebe / nach eines ieden Art;
und halten darauf ieder Hauffen insonderheit einen Tantz. Hierauf erscheinet die
Staats-Klugheit auf einem von Löwen / Füchsen / und Schlangen gezogenem Wagen;
Geusst Wasser ins Opffer-Feuer der Liebe / und erhält ihr eigenes Lob singende.
Nach diesem kommt die Keuschheit vom Himel / raufft der geflügelten Liebe einen
ziemlichen Pusch Federn aus /und rühmt sich singende. Die Eyversucht komt darzu
aus der Erde / und singt ebenfalls ihren eignen Ruhm; Die Liebe aber lächelt nur
darzu / uñ verspricht singende ein Beispiel ihrer Macht am Könige Oenomaus zu
zeigen. Der Schauplatz verändert sich hierauf in ein Königliches Zimer. In
diesem erscheinet Oenomaus der König zu Elis; von dem Glücke und der Tugend
geführet. Ein iedes rühmet seine Gaben. Hierauf führen sechzehn nackte
Liebes-Götter so viel Griechische Helden auf; halten beiderseits einen Tantz.
Und nach dem sie dem Oenomaus wegen seiner Tochter Hippodamien zusetzen / rufft
er Himmel und Hölle zu Hülffe. Hierauf erscheinet der Neid zwischen denen dreien
Unholdinnen / mit einer Pech-Fackel; Leschet darmit denen Liebes-Göttern die
ihrigen aus / und fället die Helden mit ihrem Anhauchen zu Bodem. Schmähet
singende die Liebe / und rät dem Oenomaus / Hippodamien entweder zu tödten /
oder durch die Sonne brännen zu lassen. Die Sonne erscheinet im Löwen. Oenomaus
bittet sie kniende / seine Tochter zur Mohrin zu machen. Hippodamia kömmt darzu
/und klagt ihrem Vater ihre Liebes-Anfechtungen; Er aber bittet Zorn und Gewalt
auf / welche Hippodamien entkleiden / und nackend an eine Säule binden. Ihre
Klage. Die Sonne verbrennet die sie bindenden Stricke / und gibt dem Oenomaus
sein bevorstehendes Unglück singende zu verstehen. Oenomaus erschrickt darüber.
Als ihm aber Klugheit und Tapferkeit zu Hülffe komen / erholet er sich wieder /
und erkläret sich singende / wer seine Tochter haben wollte /müste sein Meister
im Kampfe sein. Läst den von ihm besiegten Marmaces vor sich bringen / welchem
die Rache das Messer durchs Hertze stösst. Oenomaus hält einen Tantz mit der
Klugheit und Tapferkeit. Die Rache deutet denen sechzehn Helden Oenomaus Grimm
an. Ihre Antwort. Der Schauplatz verwandelt sich in eine Rennebahn. Auf dem
erscheinet erstlich der Kriegs-GOtt / und die Liebe. Hernach die sechzehn Helden
in voller Rüstung. Auf diese die Staats-Klugheit / und Oenomaus. Die Liebe und
Klugheit kämpffen zu erst mit einander / und wird die erstere überwunden.
Hierauf kämpft Oenomaus mit denen sechzehn Rittern / und tödtet sie alle nach
einander. Hippodamia beklagt sich über ihr Unglücke. Sie erblickt den im Tempel
der Venus opffernden Pelops. Myrtilus / des Oenomaus Fuhrmann / klagt dieser
Göttin seine Liebe zu Hippodamien. Die in dem Tempel verborgene Hippodamia
antwortet ihm an statt der Göttin. Myrtilus folget ihrem Ausspruche; Sie aber
bittet wegen dieses Betrugs die Göttin singende um Verzeihung. Pelops höret ihre
Stimme. Beide geben einander ihr Anliegen singende zu verstehen. Myrtilus komt
wieder in Tempel. Hippodamia bescheidet ihn abermals. Myrtilus trifft den Pelops
an / und verspricht ihm wider den Oenomaus beizustehen / uñ ihn zu stürtzen.
Pelops uñ Hippodamia komen wieder zusamen. Cymotoe singt von der Vermessenheit
des Myrtilus. Pelops fordert den Oenomaus aus; Dieser erscheinet. Ihr
Wetterennen. Oenomaus Pferde werden kollernd / uñ von seinen umschlagenden
eisernen Wagen tödtlich verwundet. Erkläret den Pelops zu seinem Uberwinder.
Bittet ihn am Myrtilus Rache auszuüben; uñ stirbt. Beider Vermählung. Pelops
ersäufft den Myrtilus im Meere. Die Staats-Klugheit fällt der Liebe zu Füssen /
und bittet sie singende um Verzeihung. Der Liebe Antwort. Schluss dieses
Schauspiels. Der Zuschauer Urteil. Vannius hält drauf ein prächtiges Gastmaal /
und ladet seine Gäste zum andern Schauspiel ein. Bei dessen ersten Auftritt
erscheinet die Göttin Diana mit ihren Nymphen. Diese Preisen die Keuschheit
singende. Halten einen Tantz. Atalanta verlobt sich der Dianen zu ewiger
Keuschheit. Bittet sie um Schutz wider ihren Vater Schöneus / welcher sie
verheiraten will. Diana verspricht ihr solches / und beschenckt sie. Schöneus
kommt mit vielen Satyren / und will seine Tochter wegführen; wird aber durch der
Dianen Bild zu weichen gezwungen. Der Schau-Platz verwandelt sich in ein
waldichtes Gebürge. Atalanta beredet viel Arcadische Jungfrauen zur Jagt / und
Keuschheit; und lobt sie singende. Unter währender Jagt verstopffen die Satyren
alle Brunnen / und Bäche; Wesswegen die von der Jagt erhitzen Jungfrauen diese
Lust verfluchen /und Atalanten verlassen wollen. Atalanta rufft Dianen an;
worauf sich ein Kwell findet. Lob des Wassers. Ein Herold berichtet von dem in
Oetens Walde befindlichem grossem Schweine. Atalanta entschleust sich solches zu
fällen. Der Schau-Platz stellet das Gebürge Oeta für. Atlanta findet daselbst
viel Helden; welche sie nicht zur Jagt lassen wollen. Atalanta zuckt ihren Spiess
/ und preisst in einem Liede des weiblichen Geschlechts Helden-Mut. Die dadurch
gleichsam bezauberten Helden halten einen Jäger Tantz / unter welchem das
Schwein unverhofft kommt / viel verwundet / und die meisten in die Flucht jaget.
Atalanta erlegts mit zwei Pfeilen. Der Helden Lob-Spruch. Meleager hängt die
abgezogene Haut über Atalanten / und gibt ihr den Kopf. Der herzu gefundene
Neid folget Atalanten allentalben nach; Und hönet die Helden aus. Woran sich
aber diese nicht kehren; ausser zweien der Alteen Meleagers Mutter Brüder /
geraten darüber in Raserei / und wollen Atalanten die Beute abstreiten. Sie
aber beschützet sich / biss Meleager beide umbringt. Silenus mit vielen Satyren
und Bacchischen Weibern dancken der Atalanta / und bitten um den Kopff in
Bacchus Tempel. Bekommen aber davon einen Zahn. Die Liebe erscheinet / und
bittet um diesen Kopff. Sie wird aber nur von Atalanten verhönet. Atalante wird
von Dianen mit ihrem Opffer übel empfangen. Die aus dem Meere auf einer
Perlen-Muschel hervor kommende Wollust singet Atalanten an; Wodurch diese ganz
verändert wird. Die rasende Atea verfolget ihren Sohn Meleager / erblickt
Atalanten / und schmähet sie. Meleager gesellet sich zu dieser. Wordurch Altea
zur Rache beweget wird / welche sie singende andeutet. Die Rache bringt ihr den
von den Parcen empfangenen Stock / welchen sie ins Feuer wirffet /und zugleich
Meleagern verbrennet. Atalanta verflucht diese grausame Tat; und macht sich aus
dem Staube. Der Schau-Platz verwandelt sich in eine lustige Gegend. Die Wollust
stellet Atalanten eine grosse Menge Liebhaber für. Sie aber erkläret sich / den
anzunehmen / der sie im Wettelauffen übertreffen würde. Die Liebhaber nehmen
diese Bedingung an /werden aber alle ausser einen durch sie umgebracht. Die
Arcadischen Jungfrauen singen der Keuschheit zu Ehren ein Sieges-Lied.
Hippomanes verliebt sich in Atalanten. Nimmt seine Zuflucht zur Göttin der
Liebe; und wird von ihr getröstet. Bekommt durch ihre Anweisung drei güldene
Aepffel. Fordert die Atalanta zum Wettelauff aus / und trägt vermittelst.
Vorwerffung dieser güldenen Aepffel den Sieg darvon. Atalanta schämet sich
erstlich / willigt doch endlich singende in seine Liebe. Beide halten einen
Tantz mit einander. Die Arcadischen Jungfrauen stimmen singende ihrer Liebe bei.
Zwantzig Schäffer springen aus dem Lust-Walde hervor / und reitzen die
Jungfrauen zu ihrer Liebe. Worauf alle zusammen einen Tantz hegen. Der
Schau-Platz verändert sich; auf welchen die Liebe auf einem prächtigen von
allerhand Tieren gezogenen Sieges-Wagen komt; welcher die Götter und Könige
allerhand Sieges-Zeichen vortragen. Die Keuschheit folgt dieser / und demütigt
sich singende vor ihr. Die Liebe antwortet ihr / umarmet und küsset sie. Schluss
dieses Schauspiels. Der Zuschauer abermahlige Gedancken. Marbods Gastmahl.
Vannius drittes Schauspiel. Der Schau-Platz stellet eine schöne Stadt und Tempel
/ und darbei allernechst einen Garten für / dessen Bäume voller goldnen Aepffel
hangen / vor diesem geht ein grausamer Drache auf und nieder. Hierauf kommt die
Eyversucht geflogen; bringt den Drachen unter ihrem Singen um / und verstecket
sich in dessen Haut. Stellet sich sehr ungebehrdig. Der ankommende
Drachen-Priester bemühet sich das Tier zu besänftigen; es befiehlet ihm aber /
dem König Antäus zu sagen / dass ihm seine Braut geopffert werden solle. Der
inzwischen unter einem Nebel versteckte Tempel zeigt sich / und den darinnen für
dem Bilde der Göttin nebst seiner Tochter Alceis knienden König Antäus. Alceis
wird von Priesterinnen gebadet; Tingis kommt in Tempel. Der König erblickt sie /
und verliebt sich in sie. Ihr Gespräch. Ein in Hispanischer Tracht gekleideter
Ritter opffert im Tempel / und verliebt sich in Alceis. Der Drachen-Priester
sucht den König. Gespräch mit Alceis. Ihr Bitten von der Göttin wegen ihres
Vaters Liebe. Derer Antwort. Der Schauplatz stellet das innerste des
Hesperischen Gartens für. Antäus und Tingis sitzen darinnen auf allerhand Blumen
/ und liebkosen einander. Alceis kommt darzu / und weinet. Antäus fragt sie um
die Ursach. Ihre Antwort /und kläglicher Gesang. Antäus bewegt sich zwar
hierüber; Tingis aber bezaubert ihn fast wiederum singende. Sein Entschluss
darauf. Alceis Wehmut. Antäus und Tingis halten einen Tantz. Hundert
Africanerinnen / und so viel Phönizische Jungfrauen / reden den König um seine
Liebe singende an / und halten einen künstlichen Tantz. Seine Verwirrung
darüber. Tingis bringt ihn bald wieder an sich. Der zweihundert Jungfrauen
schlechte Abfertigung. Die ankommende Eyversucht frischet sie zur Rache an. Der
Drachen-Priester zerstöret die Liebkosungen des Königs / und der Tingis / durch
Ankündigung seines vom Drachen empfangenen Befehls. Der Tingis Wehklagen
darüber. Des Königs Erklärung. Tingis fähret in ihrem Wehklagen fort. Des Königs
Antwort / und Beschreibung des Drachen. Dessen Priester kommt wieder mit dem
Vortrage / entweder die Tingis zum Opffer / oder die Alceis zur Braut zu haben.
Des Königs heftiger Kampff mit sich selbst darüber / und Entschluss die Alceis
dem Drachen zu vermählen. Der Tingis Freude / und Liebesbezeigung. Micipsa
berichtet / dass Gelo /ein Hispanischer Fürst / unter dem Schein der Andacht
Alceis entführet habe. Des Königs Zorn; und Tingis Traurigkeit darüber. Der
Schauplatz stellt das See-Gefechte vor / in welchem Antäus den Gelo überwindet /
und nebst Alceis in Eisen und Banden zurücke bringt. Sein Urteil hierauf /
Gelo dem Drachen zu opffern / und Alceis ihm zu vermählen. Gelo wird gebunden /
und Alceis geputzt zum Altare des Drachen geführet. Der Drache erscheinet. Seine
wunderliche Bezeigung gegen den Gelo; gibt seine Liebe zu ihm singende zu
verstehen; Bindet Alceis an einen Baum / und deutet ihr singende alle Qval an.
Der Drache verwandelt sich in ein Weibsbild / welche sich mit dem Gelo umarmet.
Antäus und Tingis lassen sich als Ehleute in Astartens Tempel einsegnen. Legen
sich in das in dem Hesperischen Garten bereitete Braut-Bette. Die hierzu
kommende Eyversucht gibt ihre Missgunst singende zu verstehen; Schwingt sich
empor / und weckt in Gestalt des Geschreies alle Welt auf. Hercules lendet am
Ufer an; steiget aus; Geht gegen dem Garten und Drachen zu / und besieget ihn /
unterm singen. Eröffnet den Garten. Erlöset die Alceis / und befreit den
abgemergelten Gelo. Beide dancken singende ihm. Hercules setzt Alceis zur
Schutz-Frau des Gartens ein. Der Hesperiden Lobgesang. Halten einen Tantz. Die
in Gärtners Gestalt erscheinende Eyversucht weist dem Hercules die beim Antäus
ziemlich entblösst schlaffende Tingis. Worüber er ganz verzuckt wird; Und
singende seine Brunst zu verstehen gibt. Wil die Tingis küssen; Die Eyversucht
zieht ihn zurücke. Antäus erwacht; und wird bestürtzt. Die Eyversucht gibt ihm
den nahen Verlust der Tingis zu verstehen. Antäus erschrickt noch mehr. Die
Eyversucht gibt ihm einen Rat /dem Alciden Feinde zu erwecken. Als Antäus weg
geht diesen Rat ins Werck zu setzen / holt die Eyversucht den Hercules zur
Tingis Läger-Stadt; Deckt sie auf / und rühmet singende des Hercules
Eigenschaft. Tingis erwacht; Erschrickt anfänglich / hernach aber entbrennet
sie in Liebe / und gibt solche gegen dem Hercules singende zu erkennen.
Hercules umarmt und küsset sie / unter singender Ausdrückung seiner Liebe.
Halten mit einander einen wollüstigen Tantz. Die Eyversucht weisst solches dem
darüber sehr ungebehrdigen Antäus; Und schlägt ihm Mittel zur Rache für.
Beschwert hierauf die drei Unholden dem Antäus beizustehen. Der Schau-Platz
verwandelt sich in Astartens Tempel / und stellt das allernechst darbei
befindliche Sonnenbild vor. Antäus kommt mit Alceis dahin / fällt vor dem
Sonnenbilde nieder / und fragt die Göttin wegen seiner Tochter Vermählung um
Rat. Der Göttin angenehme Antwort. Antäus befiehlt seiner Tochter in einen
güldnen Apfel zu schneiden: Alceis dem Tapffersten! und solchen in der Priester
Versamlung zu werffen. Als sie solches ins Werck richten will / beredet sie die
darzu kommende Eyversucht in den Apffel zu schneiden: Alceis dem Schönsten.
Alceis folget ihr / und gibt ihr den Apffel zur Beförderung. Diese weisst
solchen der Tingis; Worüber sie ihre Missgunst bezeiget. Von der Eyversucht aber
unterrichtet wird / in einen andern Apffel zu schneiden: Tingis dem Tapffersten.
Die Herolden beruffen die Helden zum Kampffe. Die Eyversucht wirfft ihre Larve
und geborgte Kleider weg / und berufft die Unholden sie zu bekräntzen. Diese
erscheinen und halten einen freudigen Tantz. Kleiden die Eyversucht auffs neue
in Gestalt der Liebe aus. Der Schau-Platz verändert sich in die Rennebahn; auf
welcher sich Antäus mit der Tingis und Alceis / nebst eilff vornehmen
Fürstlichen Rittern befinden. Gelo gesellet sich zwar auch zu ihnen; wird aber
wegen seiner mit dem Drachen gehabten buhlerischen Gemeinschaft durch ihre
Waffenträger über die Schrancken geworffen. Antäus lässet den Hercules suchen.
Dieser findet sich zu Fusse in Schrancken ein. Die verlarvte Eyversucht kommt auf
einem güldenen Wagen gefahren / und wirfft der Alceis Apffel mitten in den
Kampff-Platz. Die Helden besehen ihn / und zu letzt auch Hercules; dieser wirfft
ihn zu Bodem / und geht weg. Unter denen andern Fürsten erregt sich ein grosser
Streit / wer der schönste sei. Hercules Erklärung und vorgeschlagene Wahl.
Antäens Widersprechung. Fordert den rechten Apffel. Die Eyversucht weigert sich
dessen zum Scheine; Wirfft aber doch der Tingis Apffel in die Mitten. Hercules
besiehet und lieset ihn. Erfreuet sich darüber; und fordert alle deswegen aus.
Ihre Entschuldigung. Des Hercules eigner Ausspruch. Zanck und Kampff mit dem
Antäus. Bringt diesen um; und macht sich zum Besitzer der Tingis. Stellt der
Alceis die freie Wahl heim. Ihr Entschluss / um sie zu kämpffen. Die Fürsten
kämpffen mit einander /aber Barcas der Lybo-Phönicier Fürst erhält den Sieg; und
die Fürstin Alceis / welche ihm Hercules überantwortet. Ihrer beider
Liebes-Bezeigung. Der Uberwundenen Glücks-Wunsch. Die vemumte Eyversucht
kräncket sich darüber; Und wird von der darzu kommenden Liebe aller ihrer Zierde
entblösset. Kreucht vor Scham unter der Liebe Wagen / und demütigt sich
singende. Wird zur Liebe Ketten-Hund gemacht. Beschluss dieses dritten
Schauspieles. Abermahlige Urtel der Zuschauer. Vannius ladet Ingviomern /
Bolessla / und Britomarten allein zu Gaste; Ihr Gespräch von dem letzten
Schauspiele. Verbinden sich auf des Vannius Zureden schrifftlich / um Adelgunden
zu kämpffen. Marbod wird hierüber erfreuet; Adelgunde aber betrübt; Doch durch
Ingviomers an sie geschickten Brieff getröstet / und zur Einwilligung bewegt.
Marbod lässt solches durch Herolden kund machen. Der Addelgunden nachdencklicher
Traum. Die Fürsten erscheinen in ihren Rüstungen / ein ieder mit einem
sonderbaren Sinnbilde und Uberschrifft in seinem Schilde / auf der Rennebahn.
Vannius wird zum Richter erkieset; Und drauf geloset / wer zum ersten kämpffen
solle; welches Ingviomern und Britomarten betrifft. Hierauf rennen sie gegen
einander / brechen zweimahl die Lantzen / und greiffen nach dem dritten Rennen
zun Schwerdtern / und kämpffen ritterlich /biss Ingviomer den Britomarten in die
rechte Hand verwundet / und dadurch zum Sieger wird. Fürst Bolessla fast darüber
einen heftigen Eyver / geht unversehens auf Ingviomern los / dass dieser sich
kaum wenden und ihm begegnen kann. Hierauf kämpffen sie so wohl zu Pferde / als
nach Verwundung der Pferde zu Fusse / biss Bolessla heftig verwundet und
überwunden wird. Seine Erklärung wegen Adelgundens. In dem nun Ingviomer den
Ausspruch vom Vannius vernehmen will; Meldet ein Herold noch einen Fürsten an
/welcher ganz schwartz erscheinet; durch den einen Waffenträger aber allerhand
Striche in den Sand scharren lässt. Ingviomer stellet sich gegen ihn / und als er
nach gebrochner ersten Lantze sich wendet /kommt er auf den mit Strichen
bezeichneten Ort / und stürtzt mit seinem Pferde über und über. Der schwartze
will ihm liegende sein Bekäntnüs der Uberwindung abzwingen. Unversehens aber
werden die Schrancken geöffnet / durch welche ein wolgestellter Ritter herfür
sprengt / und den schwartzen Ritter ins Auge tödlich verwundet; dieser in der
Ohnmacht liegende wird vor Adgandestern / und der Uberwinder vor Adelgunden
erkennet. Ingviomers / und alles Volckes Freude darüber. Adelgunde dringt auf
die Einziehung Adgandesters Waffenträger / und Untersuchung der gemachten
Zauber-Striche. Der eine Waffenträger wird vor ein Weibsbild / und die Zauberin
Wartpurgis erkennet /und aufgehencket; Adgandester aber in einem festen Turm
verwahret / letzlich bei Nacht auf einen Esel gesetzet / aus Boviasmum geführet
/ und des Landes verwiesen. Der Königlichen Räte Vorhaben / Adgandesters
Verbrechen aller Welt kundig zu machen /und des Königs Vorfahren zu
rechtfertigen; Welches aber Marbod nicht verlanget. Ingviomers und Adelgundens
Beilager.
 
                                Das Achte Buch.
In der Schiffahrt des menschlichen Lebens soll / von rechtswegen die Vernunft
der Steuermann / die Gemütsregungen aber mehr nicht als Ruder-Knechte sein.
Alleine es ereignen sich in dieser innerlichen Herrschaft so oft Empörungen /
als in Reichen / und stöst bald Neid / bald Liebe / bald Rache / bald Furcht /
bald eine andere Schwachheit die Vernunft vom Steuer-Ruder weg / aus welcher
Unordnung denn das Schiff unvermeidlich in Gefahr des Strandens und Schifbruchs
geraten muss. Tiberius ward von allen diesen unbändigen Sclaven gleichsam auf
einmal geängstiget / seine Vernunft und Klugheit aber ward nur zu ihren
Dienstboten gemacht. Und unter diesen Regungen stiess bald diese / bald jene die
andere vom Stule. Denn er hatte sich kaum über des Germanicus Verluste / dessen
Tugenden ihm eitel Hertzens-Kränckungen waren / und hiermit über seinem eigenen
Verluste erfreuet / als ihn schon die Ruhe Galliens sich zu grämen / die Liebe
gegen seinen Sohn Drusus / und der Neid gegen den Germanicus zu beunruhigen
anfieng / weil er meinte; dass jener anders nicht / als durch des andern Abnehmen
wachsen könnte. Insonderheit aber hörte der gegen den Germanicus geschöpffte
Argwohn niemahls auf / als ein nagender Wurm an seinem Hertzen zu saugen. So
oft Brieffe aus Deutschland kamen / so oft befürchtete er eine böse Zeitung /
von des Germanicus gefährlichen Anschlägen zu vernehmen. Massen er denn in
Gallien gewisse Leute unterhielt / welche auf alle seine und seiner Gemahlin
Tritte achtung geben / und ihm alles Haar-klein berichten mussten. Zu diesem Ende
hatte er / nach der Spartaner Erfindung / etlichen gewisse höltzerne Rollen
gegeben / um welche sie die Pergamente hüllen / und darauf schreiben mussten /
damit /wenn ja Germanicus diese Brieffe auffienge / sie niemand / der nicht eine
ganz gleiche Rolle hat / lesen konnte / als durch welche er die zerstreuten
Worte /und Buchstaben Tiberius alleine eine lessbare Schrifft an einander zu
fügen wusste. So oft auch vom Germanicus was gutes geschrieben ward / liessen
ihn seine Taten so wenig / als des grossen Alexanders und Hercules / den Kayser
Julius schlaffen. Nur dieses war der Unterscheid: dass diesem eine tugendhafte
Eyversucht / jenem ein furchtsames Misstrauen den Schlaff störte. Er schlieff
auch selten: dass ihm nicht träumte / wie die Legionen in Deutschland und Gallien
den Germanicus zum Kayser erwehleten; und er mit Hülffe der Deutschen über die
Alpen gerade nach Rom zurückte. Zugeschweigen: dass ihm auch / wenn er wachte /
nicht selten der Kummer überfiel: ob nicht Germanicus und Herrmann wider ihn
zusammen heimliches Verständnüs hätten / wenn sie schon einander die blutigsten
Schlachten lieferten. Bei dieser Unruh schrieb er dem Germanicus Brieffe über
Brieffe; dass er die Wolfahrt des Römischen Reiches in Morgen-Ländern nicht
länger in Gefahr / und ihn nicht Trostloss lassen sollte. Germanicus schützte
anfangs für: dass seine Verrichtung in Deutschland weder halb noch gar wäre / und
sein Abzug von den Deutschen für eine Flucht angenommen werden / ja das Hertze
ihnen wachsen würde / über den Rhein und die Donau in das Römische Gebiete
einzufallen. Wenn ihm aber nur noch der folgende Somer in Deutschland zu bleiben
erlaubt würde / traute er dem Kriege ein Ende / und einen rühmlichen Frieden zu
machen. Allein wie die zurück gezogene Seene in Bogen die Pfeile mit desto
grösserer Gewalt fortschlägt / also vermehrte diese Entschuldigung des Tiberius
Verlangen den Germanicus von denen gewohnten und ihn für ihren Abgott haltenden
Legionen abzuziehen. Diesem nach schrieb er emsiger als iemahls vorher / und
hielt ihm ein: Er sollte sein selbst schonen / wenn er ja ihm seine Sorgen zu
erleichtern keinen Vorsatz / und mit seiner Schwachheit Mitleiden hätte. Er
hätte in so viel blutigen Schlachten seiner Ehre ein Genügen getan / und durch
so viel Siege die Römische Hoheit in sattsames Ansehen und Sicherheit versätzt.
Alleine niemand müste sein Glück ermüden /welches wie die Sonne aus einem
Zeichen ins andere wanderte / und sich bei einem streitbaren Löwen nicht länger
als bei einem schwachen Wieder und groben Ochsen aufhielte / sondern / wenn es
am höchsten gestiegen wäre / krebsgängig würde. Seine Klugheit und Tapfferkeit
hätte zwar zeiter für die Römer Wunder getan / aber er sollte sich darauf nicht
verlassen. Der letztere Sturm und Schiffbruch hätte ihn schon gelehret: dass ein
einiger Zufall den Compass der Tugend und Vorsicht verrücken / und man auch ohne
Schuld viel verspielen und zu Grunde gehen könnte. Ja das Glück hätte gleichsam
einen Zug grossen Leuten auffsätzig zu sein / an einen unwerten Toren seine
Güter verschwenderisch anzugewehren /hergegen die Tugend als ihre rechtmässige
Glaubigerin unbezahlet zu lassen. Denn diese Göttin hätte oft weder Vernunft
noch Augen / und verliebte sich wie etliche geile oder miltzsichtige Weiber so
bald in einen Zwerg und Mohren / oder gar in einen Ochsen und Pferd / als in
einen Hercules. Wenn er aber noch nicht vom Ruhme gesättiget wäre / würde er in
Asien und Armenien zu tun genung; und also seinen Namen so wohl am Sud- und
Ost-Ende des Römischen Reichs als in seinem finstern Nordwinckel auszubreiten
finden. Es wäre zuweilen so sehr unserer Tugend nötig die Rennebahn / als
unserm Leibe die Lufft zu ändern. Und diss wäre nicht nur sein / sondern des
Rates / und des Römischen Volckes Wille; welches sich nicht zu frieden geben
wollte / biss vom Germanicus seine Sieges-Gepränge gehalten / und der Tugend ihr
Recht getan worden wäre. Dem Germanicus war diese Abforderung nicht wenig
vedriesslich / Agrippinen aber noch mehr verdächtig; sonderlich weil nicht nur
Tussnelde / Ismene / und Catta / ihren Argwohn unterhielten / sondern auch eine
Wahrsagerin dem Germanicus den Untergang in Asien geweissagt hätte. Ja auch die
Legionen murreten hierwieder / und baten den Germanicus mit vielen Tränen / er
möchte mit sich ihnen ihr Gelücke nicht entziehen. Sie wären erbötig bei ihm zu
leben / für ihn zu sterben. Germanicus versuchte also noch einmal sein Heil;
zumahl sich eine neue wichtige Ursache in Deutschland hervor tat; weil nicht
nur Bojocal / sondern auch Segestes und Sentia ihm glaubwürdige Nachricht gab:
dass der Sicambern / Friesen / und Chauzen Hertzoge mit dem Feldherrn Herrmann so
gut als verglichen wären / und den Römern auffs Früh-Jahr ein schwerer Krieg
zuhienge. Dieses schrieb nicht nur Germanicus nach Rom / sondern veranlaste auch
Segesten / den Flavius / und Bojocaln zu tun. Tiberius aber ward hierüber fast
unsinnig / nahm dieses auch numehr für eine offenbahre Auflehnung des Germanicus
auf /wusste ihm aber weder zu helffen / noch zu raten; schüttete also halb
verzweiffelnd seinen Kummer in die Schoss des Sejan / und Salustius aus. Jener
war dem Germanicus entweder aus angebohrner Unart /oder weil er seiner Gewalt am
meisten am Lichten stand / Spinnen-feind / und also froh: dass er mit des Kaysers
Armen und Waffen / sich an ihm zu rächen /Gelegenheit bekam; welcher Hass und
Rachgier desto heftiger war / weil Germanicus ihn nie beleidiget /und also
Sejan keine Ursache hierzu hatte. Diesem nach sagte er: Germanicus hätte durch
diese Widerspenstigkeit das Laster beleidigter Kayserlicher Hoheit begangen /
also wäre er des Todes schuldig. Weil es aber gefährlich wäre / gegen einen /
der ein ganzes Krieges-Heer zu seinen Diensten hätte / durch Recht zu verfahren
/ müste ihn Tiberius durch Gift hinrichten. Wenn diss so des Kaysers Wille / wie
es seine Sicherheit wäre / sollte er an kluger Vollziehung des Werckes nicht
zweiffeln. Denn er hätte eine weise Frau aus Syrien Martina zu seinen Diensten /
welche das künstlichste Gift in der Welt bereiten / und es einem auch durch die
Lufft beibringen könnte. Salustius aber verteidigte den Germanicus: dass er
keines Ungehorsams / weniger einer Untreu / oder eines grössern Lasters
überführet; auch / von diesem Helden /welcher bei dem Aufstande der Legionen am
Rheine lieber hätte sterben als herrschen wollen / nichts so schwartzes zu
vermuten wäre. Die Ursache seiner Entschuldigung wäre von höchster Wichtigkeit;
und diese schriebe nicht nur er zum Vorwande / sondern es vergewisserten es so
viel andere glaubwürdige Schreiben. Also würde es eine unerhörte Grausamkeit
sein / einen Fürsten von unvergleichlichen Verdiensten / Augustens Enckel / des
Kaysers Sohn / aus so schlipffrigem Verdachte durch Gift und Meuchel-Mord aus
dem Wege zu räumen / dessen Tod ganz Rom in Aufruhr setzen dörffte / weil
niemand ohne diss glaubt: dass so grosse Leute eines natürlichen Todes sterben.
Diesem nach sollte Tiberius ihm nunmehr schlechter Dinges befehlen: dass er ohn
einige fernere Ausflucht nach Rom kommen sollte. Darbei könnte er ihm die
Bürgermeister-Würde antragen / und andere Anlockungen gebrauchen / sich aber für
nichts mehr hüten / als ihm seinen Argwohn mercken zu lassen. Tiberius schwiege
eine lange Weile stille; und ob zwar Sejans grausamer Rat seiner Neigung am
nechsten kam / beliebte er doch des Salustius Meinung; vielleicht weil er zwar
grausam sein / aber selbtes verborgen wissen wollte. Also schrieb Tiberius noch
einmal an Germanicus: Es könnte in Deutschland sich nichts so schweres ereignen
/ was der Notwendigkeit seiner Ankunft nach Rom das Gewichte hielte. Alle
Geheimnisse liessen sich nicht sagen / weniger schreiben. Daher würde er / wo er
sich sein Sohn zu sein erinnerte / sich keiner Entschuldigung mehr bedienen /
noch er als Kayser einige mehr annehmen. Deutschland steckte so voller
Kranckheit / dass wenn ein Schaden zuheilte / der ander aufbräche. Er wäre zwar
von Deutschland entfernet / er wüste aber schon: dass wenn Herrmann mit den
Sicambern / Friesen /und Chauzen Freund werden / Ingviomer mit ihm zerfallen /
und Herrmann wegen der Langobarden und Semnoner mit dem Könige Marbod in
schweren Krieg verfallen würde. Diesem nach erforderte ohne diss der Römische
Staat: dass / nach dem sie ihrer Rache ein Genügen getan / sie die Deutschen in
Ruh liessen /damit sie sich durch eigene Uneinigkeit aufzufressen nicht
verhindert würden. Er hätte zu dem Ende schon dem Silius die Aufsicht des
Rheines / und der Legionen aufgetragen / biss sein hierzu bereitfertiger Sohn
Drusus dahin käme. Solte ja nun noch was zu tun übrig / und Krieg zu führen
nötig sein / möchte er doch diesem seinem Bruder nicht missgönnen / dass auch er
gegen die streitbaren Deutschen den Nahmen eines Feldherrn führen und einen
Sieges-Krantz verdienen möchte. Daher sollte er nicht länger säumen /sich nichts
aufhalten lassen / also im Wercke erweisen: dass es ihm nicht schwerer sei
gehorsamen als befehlen. Die ihm bestimmte Bürgermeister-Würde /und der Bau des
Sieges-Bogens / welchen er wegen wieder erlangter Adler bei des Saturnus
Heiligtum zu bauen gelobt hätte / warteten auf ihn; worzu niemand den ersten
Stein legen könnte / als der die Adler gewonnen hätte. Hierbei lag die Vollmacht
des Kaysers an Silius. Salustius aber schrieb dem Germanicus: dass er seiner Ehre
und Redligkeit grossen Abbruch tun würde / wenn er die wenigste Zeit versäumte;
weil es zu Rom an Verläumbdern nicht mangelte / welche sein Aussenbleiben mit
Untreue zu schwärtzen nicht vergässen. Kluge Leute sollten aber nicht nur redlich
sein / sondern sich auch bearbeiten /dafür angesehen zu werden. Er würde also
seine Feinde durch nichts mehr beschämen / als durch eine schleunige Ankunft.
Hierdurch sah sich also Gemanicus gezwungen / dem Kayser zu antworten: dass er
zu Folge seines Befehls ehestens aufbrechen und nach Rom kommen wollte.
    Agrippine erschrack über dieser Entschlüssung nicht viel weniger / als wenn
ihr oder dem Germanicus das Leben wäre abgesagt worden; weñ es auch bei ihr
gestanden / und sie nicht gewüsst hätte / dass des Germanicus Treue unüberwindlich
wäre / würde sie nicht weniger Hertze als Vermögen gehabt haben /die Legionen
auf ihre Seite zu bringen / und wider den Tiberius sie zum Aufstande zu bewegen.
Denn wie die Gemütsregungen in Weibern viel heftiger als in Männern sind /
also überstiegen sie in Agrippinen das Maass der Weiber. Hingegen liess Germanicus
nichts ermangeln sie im Schrancken zu halten / und so lang /als es möglich war /
seine beschlossene Abreise geheim zu halten. Gleichwol war Agrippine so
gutertzig: dass sie solches noch selbigen Tag Tussnelden /Ismemen / Zirolanen /
und der Fürstin Catta offenbahrte / welche einander zeiter ihre Gefangenschaft
in den annehmlichsten Zeitvertreib verwandelt / und aus der tapffern Gegenwehre
der Cherusker keine geringe Hoffnung zum Frieden und ihrer Erlösung gemacht
hatten. So waren sie auch aller beschwerlichen Liebes-Anfechtungen befreit /
weil Siegesmund alle Hoffnung Zirolanen zu gewinnen verloren; Malovend aber /
welcher bei der Fürstin Catta das erste mahl so übel angelauffen war / kaum mehr
das Hertz hatte / ihr unter Augen zu kommen / zugeschweigen ihr etwas von Liebe
zu sagen. Nunmehr aber ward ihr erster Kummer wieder jung / weil sie den Zwang /
mit dem Germanicus nach Rom zu ziehen / für Augen sahen / und iede ihr daselbst
eine besondere Gestalt empfindlicher Beschimpfung und strenger Dienstbarkeit
fürbildete. Sie wussten aber wider dieses Ubel kein ander Mittel / als die gütige
Agrippine noch einmal aufs beweglichste um Hülffe anzugehen / beim Germanicus
sich umb ihre Freiheit zu bewerben. Agrippine sah ihnen allen bei ihrer ersten
Zusammenkunft ihre neue Bestürtzung an Augen an; kam also mit Ausdrückung ihres
Mitleidens ihrem Wehklagen zuvor / sie versichernde: dass sie mit Veränderung der
deutschen Lufft ihre Gewogenheit nicht ändern / und an der Tyber so sehr als am
Rheine um ihre Wolfahrt bekümmert sein werde. Alle nahmen diese Erklärnug mit
hohem Danck an / aber Ismene sagte: Wir wissen wohl: dass eine so edle Seele der
Schwachheit einer Veränderung nicht unterworffen / aber in Deutschlande
Agrippine uns in Freiheit zu setzen vermögender sei / als sie besorglich zu Rom
sein dörffte / welches zu sehen / sie selber nicht ohne Kummer ist. Agrippinen
giengen hierüber die Augen über; Ismene aber fieng an: Ich bin versichert / dass
Agrippine in ihrer zarten Seele alles / was uns drücket / fühle; und dass sie uns
zu helffen nichts als die Unmögligkeit hindern werde. Sintemahl die Tränen
unglücklicher Fürstinnen gleichsam eine durchdringende Krafft des Scheide- oder
Königs-Wassers / ihre Fässel aber ein gar zu grosses Gewichte haben. Wenn diese
aber ihr /und das Verhängnüs uns am Wege stehet / so dass wir im Siegs-Gepränge
in Rom geführet zu werden / nicht entübriget sein können / bitte ich mir allein
die Nachricht hiervon aus: dass ich dieser Schande und Dienstbarkeit mit dem Tode
bei Zeite zuvor komme. Denn zu sterben mangelt es mir nicht am Hertzen; und es
gilt mir fast gleich: ob mir die Natur / oder ein Feind die Bande des Lebens
auflöse; oder ob ich sie selbst mit Gewalt zerreisse; aber eine Sclavin in Rom
zu sein / habe ich zu viel Schwachheit. In meinen Augen ist es erträglicher in
nichts verwandelt zu werden / als alle seinen Wolstand überleben. Für das Leben
redet zwar die Natur / für einen zu rechter Zeit kommenden Tod aber die
Vernunft. Diese heisset mich an jenem nicht mehr Teil haben / als hertzhaft
zu sterben /dass es meinen Ahnen nicht schimpflich sei. Daher wüntsche ich mir
ehe dem Drusus / oder einem andern Römischen Gotte geopffert / als einer Römerin
Magd / oder des Tiberius liebes Kind zu werden / fürchte also nichts / als was
kleinmütigere / denn ich bin /aus Liebe ihres Lebens wünschen würden. Kan sie
mir / grossmütige Agrippine / nun nicht die Freiheit geben / so helffe sie mir
alleine: dass mich Tiberius tödten heist. Denn nichts / als diss / will ich ihm
gerne zu Willen tun. Weil ich mich selbst zum Opffer anbiete / wird er darüber
so viel weniger bedencken und seine Grausamkeit den Ruhm eines Erlösers / also
von mir an statt des Hasses noch Danck zu erwarten haben. Solte aber auch
Tiberius grausamer sein / als dass er mir diss gewehrte / was fast alle fürchten /
wird das Verhängnis so barmhertzig sein / meine Tage zu verkürtzen / um meinem
Unglücke ein Ende zu machen. Darüber die nicht zu klagen haben / welche mit
Ehren aus dem Leben / und noch mehr die / welche aus den Ketten der Gefängnisse
scheiden. Ich bin versichert / dass ob gleich derer gewaltsam sterbenden Seelen
noch lange um ihre Leichen irren sollen /meine bald zur Ruhe / und zu denen
Geistern der für die deutsche Freiheit verblichener Helden kommen werde / weil
sie nicht einen Sonnenstaub knechtisches an sich / ja für dem Schatten der
Dienstbarkeit Abscheu hat. Agrippine seuffzete / und sagte: Ihnen zu helffen /
wäre nicht weniger ihre Begierde / als ihre Schuldigkeit. Ismenens letzteres
Verlangen aber wäre nicht weniger eine Grausamkeit gegen sie / als gegen sich
selbst / da sie eine Freundin wollte nötigen ihr Scharffrichter zu werden. Sie
wollte tun / was sie könnte / und die Freundschafts-Pflicht erforderte. Wäre
aber der Rhein nicht das Ziel ihrer Gefangenschaft / so sollten sie darumb nicht
verzweiffeln / dass es nicht der Po / oder gar die Tyber sein könnte. Die Hoffnung
müste dem Menschen nicht entfallen / so lange er noch eine Spanne von dem
Abgrunde seines Verterbens entfernet wäre / ja die Göttliche Versehung prüfete
ins gemein durch die eusserste Gefahr der Menschen Beständigkeit / und machte
dadurch ihre wunderbare Hülffe werter / dass sie vorher die Not recht liesse an
Mann kommen. Tussnelde versätzte: Meine bisherige Bezeigung hat hoffentlich
zeiter noch nicht allzuviel Blössen der Kleinmütigkeit gewiesen. Alleine nach
dem die Hoffnung zwar ein gutes Frühstücke / aber ein schlechtes Abend-Brodt ist
/ kann ich länger nicht meine Schwachheit verstellen. Sintemahl ich mir die
Rechnung unschwer machen kann: dass da unsere bisherige Bestrickung in dem rauen
Deutschlande durch die holdselige Agrippine zum Rosen-Garten gemacht worden /
das wollüstige Italien uns durch ihre Entfernung eine bangsame Einöde / und ein
schrecklicher Kercker sein werde. Wenn wir aber auch gleich daselbst in itzigem
Zustande leben sollten / würde mir doch die weitere Entfernung von dem mich
beseelenden Herrmann / dessen mir täglich zur Wissenschaft gekommenen Taten
mich noch immer in Hoffnung / und beim Leben erhalten haben / viel
unerträglicher als der Tod sein. Agrippine fiel ein: Sie möchte sich doch nach
so langer Beständigkeit nicht weh- und kleinmütig überwinden lassen / noch auch
zu ihr / weniger zu der Göttlichen Versehung / welche in Italien nicht schwächer
/ als in Deutschland wäre / einiges Misstrauen sätzen; oder ihr selbst für der
Zeit Berge unüberwindlicher Schwerigkeiten fürbilden. Tussnelde begegnete ihr:
Ein kluger Schiffer wisse aus Auffsteigung einer kleinen Wolcke schon die Grösse
des bevorstehenden Sturmes zu erkennen / sollte sie denn so blöde Augen haben /
dass sie bei solcher Veränderung den Schiffbruch aller ihrer Hoffnung und
Wolfart nicht für Augen sähe. Also wäre mit Ismenen auch nunmehr ihr Wunsch
nichts anders als der Tod. Agrippine brach ein: Man bildete ihm dieses Ungeheuer
in der Ferne so schrecklich nicht ein / als es in der Nähe sich zeigte. Die
Natur entsätzte sich für keinem Ubel der Welt so sehr / als für diesem / welches
die ganze Welt verstellte / die Erde verwüstete / mit der Tugend nicht gelinder
als mit den Lastern umgienge / und so abscheulich wäre: dass sein blosses
Gemählde die hertzhaftesten Gemüter in Schrecken versätzte. Tussnelde holete
einen tieffen Seuffzer aus dem Hertzen / und fieng an: also urteilte auch ich /
wenn ich Agrippine / und vom Germanicus nie getrennt gewest wäre; Aber wenn
Agrippine an Tussneldens Stelle wäre / würde sie mit ihr einerlei Meinung werden
/nämlich dass die Abwesenheit von dem / den man hertzlich liebt / der Anfang
aller Schmertzen / das Ende aller Vergnügung / also das unerträglichste Weh /
und ein kurtzer Begrieff aller Ubel sei. Der Tod raubte freilich zwar uns alle
Blumen / er leschte mit unserm Leben die süsse Flamme der Liebe aus / aber er
liesse doch nicht / wie ihre Abwesenheit / so viel Dornen hinter sich. Mit jenem
stürben auf einmal Lust und Schmertz; die Entfernung aber machte alle mit dem
Tode aufhörende Ubel lebendig. Agrippine brach ein: Das Leben wäre gleichwol das
gröste Geschencke der Götter / und der süsseste Genuss des Menschen / welches
auch die elendesten lieb hätten /und zu erhalten Sorge trügen. Tussnelde
antwortete: Sie hielte es für ein blosses Mittelding / welches nach dem
Unterscheide der Umstände nicht weniger böse /als gut sein könnte. Ja welches
vielen alleine nur zur Straffe und Pein gelassen zu sein schiene. Der Tod
hingegen könnte denen nur so schrecklich fürkommen /welche ihn mehr mit den Augen
des Leibes als der Seele ansähen / welche sich mehr als ihre andere Seele
liebten / und nicht lieber nichts mehr sehen wollten. Agrippine hätte ja in sich
selbst die zarteste Fühle einer vollkommenen Liebe / also möchte sie doch nur an
ihr selbst ausmässen / was die ewige Trennung der von der Liebe und der Vernunft
zusammen geschmiedeten Kette für eine Empfindligkeit nach sich ziehen müsse. Der
Tod scheidete ja wohl freilich auch Leib und Seele von einander / und wäre eines
der grösten Ubel / aber doch so natürlich / als das Leben / und weder was
ungemeines noch unverhofftes / besonders denen / welche verstehen: dass unser
erstes Atemholen schon das Leben auszublasen anfange. Alleine die Trennung der
Liebenden wäre etwas / welches der in der Vereinbarung der Seelen bestehenden
Liebe schnurstracks zu wieder / ihr ärgstes Gift wäre / und sie bei weitem viel
unglücklicher / als der allen Menschen gemeine Tod machte; Keine Zunge / kein
Seuffzer / ja keine Gedancken vermöchten diesen Schmertz auszudrücken; und sie
/welche nur allererst in Agrippinens Anwesenheit den Vorschmack hiervon
empfunden / wüste es nichts anderm zu vergleichen / als mit der Pein des Tityus
/welchem in der Hölle eine Schlange oder Geier seine stets mit dem Mohnden
wieder wachsende Leber aus dem Leibe fressen sollte. Der Tod hätte zwar seine
Bitterkeit / aber doch diesen Vorteil: dass es die letzte wäre / aber die
Abwesenheit wäre eine Mutter der Unruh / eine Gebährerin der Schmertzen / oder
vielmehr ein Anfang vieler folgenden Tode. Dort verzuckerten die zusammen
gemischten Tränen beider verliebter Seelen die Wermut des Sterbens / ja des
einen Abschied liesse gleichsam des Erbleichenden Seele in des Liebhabers Armen
zur Verwahrung; hier aber presste einem ieden die traurige Einsamkeit das Hertze
aus dem Leibe / und überschüttete es mit eitel Verzweiffelung. Agrippine fiel
ein: Nichts als der Tod wäre das Ziel der Verzweiffelung / die Abwesenheit aber
hätte sich biss auf den letzten Atem mit der süssen Hoffnungs-Milch der
Wiedervereinbarung zu speisen / durch welche Gift und Galle des grössesten
Elendes verzuckert und schmackhaft gemacht würde. Ja wenn man das Besitztum
dessen / was man liebt / gegen die Hoffnung / solches wieder zu erlangen /auf
die Wage legte / würde diese überschlagen. Sintemahl der Besitz die Seele
gleichsam truncken machte: dass sie ihr eigenes Gut nicht recht erkennete /
weniger dessen wahrhafte Süssigkeit schmeckte / sondern vielmehr einen Uberdruss
und Eckel für der vollkommensten Wollust verursachte / die Hoffnung hingegen
ermunterte den Geist / schärffte alle Sinnen / zeigte einem das Gute in seiner
Reinligkeit / gäbe selbtem auch einen viel anmutigern Geschmack / als der Genuss
selbst. Denn sie scheidete von dem Guten alles böse / wie das Feuer das Gold von
den Schlacken. Sie wäre das Kraut / welches die Fühle und das Gedächtnis des
Bösen weg nähme / die Wermut alles Bösen / und das Saltz-Wasser der Tränen
verzuckerte / also dass man sie mit Wahrheit die Blüte der Ergetzligkeit / und
den Zucker der Wollust nennen könnte. Tussnelde antwortete: Mit dieser Speise
könnte man sich zwar / wie ich bisher / eine zeitlang sättigen; Aber es langte
ihre Nahrung nicht länger / als das Saltz in der Lufft zu / welche neben sich
kräfftigern Unterhalt erforderte. Also könnte sie in die Länge nicht tauern / und
wäre nicht weniger denen / welche nicht mehr glücklich sein könten / nichts
nütze / als denen /die es schon wären / unnötig. Es wäre nun schon im andern
Jahr: dass sie eine Gefangene gewest / und alle Tage mehr als diesen letztern /
ihren Herrmann wieder zu umarmen Hoffnung gehabt hätte. Nunmehr aber lehrte sie
die Erfahrung: dass diese süsse Einbildung nur ein vom Ungewitter gemachter und
zerblasener Schaum / ein vom Winde zerteilter Rauch / und ein verschwindender
Traum wäre / welcher dem Gemüte kein Wesen / sondern nur Gespenster und Undinge
für Augen stellte. Daher sie mit ihr selbst gleichsam uneins wäre: ob sie die
Hoffnung / welche mit der Zeit nicht wüchse / sondern immer ohnmächtiger würde
/bei tausendfachem Zweiffel das Gemüte mehr ängstigte / als mit leeren
Vertröstungen erqvickte / und endlich sich ins Ungeheuer der Verzweiffelung
verwandelte / nicht mehr für eine Betrügerin als Aertztin halten sollte; welche
wenn sie gar gütig mit einem handelt / selbten ins gemein im Angesichte des
hell-leuchtenden Pharos zu Grunde gehen liesse. Agrippine begegnete ihr: ins
gemein wäre unsere Ungedult Ursache an dem Schiffbruche / welche die Früchte der
Hoffnung nicht reiff werden liesse / sondern für der Zeit selbte aus Unwillen
abschlüge; da doch die Hoffnung nicht ehe als mit dem Leben aufhören sollte / als
welche nicht weniger in unserm Hertzen / als in Pandorens Büchse bleiben sollte /
wenn schon alles andere Gute daraus flüchtig würde. Zumahl auch niemand leben
könnte / der nicht hoffte / ja man ins gemein dem Hafen am nechsten wäre / wenn
der Wind unser Schiff umwendete / und es auf Klippen und Sand-Bäncke zu
verschlagen sich anstellte. Mit einem Worte: Nichts in der Welt wäre so böse /
oder könnte gedacht werden / welches die Hoffnung nicht zu verdeuen und in gute
Nahrung zu verwandeln nicht mächtig wäre. Tussnelde antwortete: Ich will diese
kräfftige Würckung in allen Trübsalen der Hoffnung zutrauen / nur nicht in den
Zufällen der Liebe / welche niemahls ohne Furcht / wie kein Tag ohne Schatten
ist. Dahero / wenn die Hoffnung einer getrennten Liebhaberin gleich einen
Entwurff erfreuter Wiedersehung machte / leschte doch die viel stärckere Furcht
im Augenblicke ihren ganzen Abriss ein / ehe er anfienge ein Bau zu werden.
Mahlete jene ihr heimlich Wetter für / so dreuete diese eitel Donner und Hagel;
also / dass die zwar aufwallende / aber immer von der Furcht ersteckte Hoffnung /
nur mehr Ungewitter in ihrer Seele verursachte / als sie befriedigte / und sie
daher nach dem Tode zu seuffzen Ursach hätte / damit sie aus dem Sturme einmal
zur Ruhe käme. In diesem Zustande wäre nun sie / ihre Liebe stellte ihr ihren
Herrmann viel vollkommener für / als in seiner Anwesenheit / um nur ihren
Verlust zu vergrössern /ja die Eyversucht selbst mischte sich in ihre Qvaal ein.
Daher würde ihr niemand ausreden: dass etwas anders als ihr Grab ihren Schmertzen
ein Ende machen würde / die ihr wegen Abwesenheit ihres Herrmanns das Hertze
ausfrässen. In diesem würde ihre unglückliche Abwesenheit in den Stand derselben
Frauen kommen / welche niemahls von ihren Ehmännern wären getrennt gewest; denn
die in der Grufft befindliche Finsternis liesse uns die Sachen der Welt nicht
mehr unterscheiden / und wie abscheulich der Tod gleich gemacht würde / hörte er
doch in dem ersten Augenblicke seiner Ankunft auf was empfindliches zu sein /
und heilete uns so geschwinde / als er uns tödtete / weil man mit ihm alle Fühle
/ Erkenntnis und Andencken des Ubels verliere / und gleich Liebe /Hass /
Eyversucht / Freude / Rache / und Furcht ihren Geist ausbliessen. Andere / welche
keine so zarte Fühle und gegen ihre Liebhaber lauere Liebe hätten /möchten sich
mit einer süssen Einbildung statt ihrer Männer halsen und vergnügen / aber nicht
die so hertzlich liebende Tussnelde / welcher Wunden weder Zeit noch Vernunft
heilen würde. Sie hätte alles verloren / was ihr Glücke und Eitelkeit rauben
könnte / ausser dem Leben / welches ihr aber nur eine Bürde / und eitel Verdruss
wäre / also möchte die barmhertzige Agrippine ihr nur vollends von diesem
helffen. Sie / leider! würde doch ihren Herrmann nicht mehr lebendig sehen /
also müste sie wünschen ihn nimmermehr mehr zu sehen. In eine so erbärmliche
Notwendigkeit ihr so was arges zu wünschen / hätte sie der Himmel versätzt! Die
Sterbenden vertrügen kein Ubel / als was allen Menschen gemein wäre; Sie
hingegen machte die so lange Trennung zur unglücklichsten ihres Geschlechtes.
Die zeiter so annehmliche Gesellschaft fienge ihr numehr an vedriesslich /und
die Einsamkeit unerträglich zu sein / in welcher man diss suchte / was man nicht
findete / und alles sähe / ausser dem / was man vergebens zu sehen wünschte. Mit
einem Worte / sie seuffzete nach dem /was alle Welt fürchtet und fleucht /
nämlich nur bald zu sterben / nach dem bereit alle Hoffnung der Freiheit in ihr
todt wäre. Diesen Schluss begleitete sie mit so viel Tränen und Wehmut: dass
Agrippinen hierdurch das Hertze auffs tieffste gerühret ward / und weil die
Römerin Lollia ins Zimer trat / ihre eigene Wehmut zu verbergen / sich von
ihnen entfernen musste; nach dem sie Tussnelden mitleidentlich vermeldet hatte:
Sie wollte ihr eusserstes tun / ihre Hoffnung wieder lebendig zu machen. Denn
dieses Regung hätte dieses Vorrecht: dass sie ein holder Blick des Glückes / wie
Kunst und Feuer die Blumen aus ihrer Asche wieder erwecken könnte.
    Agrippine wusste zwar für ihren eigenen Kummer kein Mittel / dorffte sich
auch nicht mehr unterstehen /dem Germanicus seine Reise nach Rom schwer zu
machen; gleichwol vergass sie nicht für ihre Gefangene zu sorgen. Nach dem sie
nun die ganze Nacht auf ihre Befreiung vorgesonnen / redete sie des Morgens bei
denen Umarmungen ihres Germanicus / ihn an: Er wäre nunmehr entschlossen nach
Rom zu kehren / und sie ihm zu folgen / wenn sie schon wüste: dass daselbst
tausend Tode ihrer warteten. Denn sie wüste: dass das / was einem das Verhängnis
zugedacht hätte / zu vermeiden unmöglich wäre. Sie könnte den Göttern auch nicht
verdancken: dass er mit mehr Lorber-Kräntzen / als alle Römer für ihm aus dem
Deutschlande nach Rom zum Sieges-Gepränge züge; dieses aber kränckte sie im
Hertzen: dass der neidische Tiberius ihm den alleredelsten Friedens-Krantz vom
Scheitel risse / und solchen dem blöden Drusus aufzusätzen: und selbtem den Ruhm
zuzueignen: dass er den Krieg in Deutschland ausgemacht hätte. Ihrem Bedüncken
nach aber würde es dem Germanicus ein leichtes sein / diese Oelzweige seinem
ungeschickten Nachfolger voran weg zu nehmen / und weil er durch keinen neuen
Feldzug mehr dörfte / durch einen schleunigen Friedenschluss dem Kriege ein Ende
zu machen. Das Recht diss zu tun / hätte er als Feldherr / und Tiberius hätte
diese Gewalt in seinem Schreiben ausdrücklich verneuert / da er für ratsam zu
sein befunden / die Deutschen ihrer eigenen Zwietracht zu überlassen / welches
ohne Friede sich nicht bewerckstelligen liesse. Die Mittel hierzu bestünden in
Germanicus eigenen Händen / nämlich das gefañgene deutsche Frauenzimmer / gegen
derer Freiheit so wohl die Catten als Cherusker mit ihren Bundsgenossen gerne
einen ehrlichen Frieden eingehen würden / mit welchen im Sieges-Gepränge
Germanicus ohne diss seine über die Männer erworbene Siege verkleinern /er auch
selbst mit dem schwächern Geschlechte seinen Sieg und Einzug zu zieren / viel zu
grossmütig wäre. Germanicus schwieg eine gute weile stille / und dachte
Agrippinens Vorschlage nach / welche / ausser in Staats-Sachen / sein Hertz in
ihren Händen hatte. Uber eine gute weile fieng er an: Was haben wir für Grund:
dass die Deutschen sich zu einem billichen Vergleiche beqvämen werden? Wer
versichert uns: dass sie dem Flavius sein Erbteil / dem Malovend und Bojocal
ihre Länder abtreten werden / welche als unsere Bundgenossen / ohne der Römer
gröste Verkleinerung / keinen Fuss breit Erde im Stiche lassen können? Wer wird
in so kurtzer Zeit / die ich noch hier zu bleiben habe / der Friedens-Mitler
sein / weil mir einen Frieden vorzuschlagen nicht ansteht / die Deutschen aber
ihn zu bitten / besorglich zu viel Hochmuts hätten. Agrippine versätzte: Sie
hätte allen diesen vorgesehenen Schwerigkeiten schon nachgedacht / und auf
Mittel vorgesonnen. Sie wäre versichert / und wolle selbst fast Bürge sein; dass
wenn alles Frauenzimmer / und Herrmanns Sohn los käme / dieser dem Flavius ein
Stücke Landes / dem Malovend und Bojocaln ihr Eigentum einräumen; die Deutschen
auch ausser dem / was sie besässen /nichts über dem Rheine verlaugen würden. Im
übrigen möchte er ihr die Sorge lassen / es so einzurichten: dass Herrmann und
Arpus diese Friedens-Vorschläge selbst tun würden. Germanicus rettete hierdurch
seine Ehre / führe dem Neide / und der unzeitigen Ehrsucht durch den Sinn / und
leistete dem Römischen Reiche den nützlichsten Dienst. Denn Rom käme mit Ehren
aus einem Kriege / welcher ihre Kräfften und Länder erschöpfft hätte. Gallien
würde in Sicherheit gesetzt / in welches / allem Ansehen nach / sich künftig
der Krieg spielen / und seinen Sitz erkiesen dörffte. Die Cherusker aber müsten
wegen der abgefallenen Langobarden und Semnoner mit dem Könige Marbod in einen
grausamen Krieg verfallen / welches Rom / itziger Zeit Beschaffenheit nach / für
sein gröstes Glücke zu halten / und gleichsam das Fleisch gifftigster Nattern /
zu seiner Speise zu verbrauchen / und ohne Gefahr in sein Fleisch und Blut zu
verwandeln hätte; Weil Herrmanns Mut /und Marbods Macht / den Römern mehr / als
kein Mitridates oder Hannibal zu fürchten wären. Germanicus ward nicht so sehr
durch Liebe als Vernunft gezwungen / Agrippinen Beifall und Gewalt zu geben
/nach ihrem Vorschlage alles einzurichten. Diese kam zu dem gefangenen
Frauenzimmer mit grossen Freuden / und sagte: Sie hätte ein Mittel zu ihrer
Befreiung gefunden / und stünde es nunmehr in ihrer und der ihrigen Gewalt /
sich in Ruh / und die Gefangenen in Vergnügung zu sätzen. Alle waren so begierig
solches zu vernehmen / als über so guter Zeitung erfreuet. Tussnelde fieng an:
Agrippine wäre dem Castalischen / oder dem bei der Stadt Naupactus hervor
brechenden Brunne zu vergleichen / weil sie alle Tage eine ganze Landschaft
mit Woltaten / wie jene Qvelle mit Wasser zu versorgen / vermöchte. Nach dem
nun diss der einige Weg wäre / sich GOtt gleiche zu machen / hätte Rom noch
niemanden so würdig vergöttert / als sie diese Ehre verdiente. Solte es aber
auch Rom nicht tun / so würde doch / ungeachtet sonst in der Welt nichts ehe /
als Woltaten veralterten / ihr Gedächtnis in ihren Hertzen und in Deutschlande
unsterblich sein. Agrippine antwortete: Es wäre der / welcher sich nicht mühete
/ woltätig zu sein /den Nahmen eines Menschen zu führen / nicht wert /ja er
könnte kein tüchtiges Glied einer Stadt sein / sintemahl die Natur den Menschen
wegen des Menschen geschaffen / die Vernunft aber zu verwechselter
Woltätigkeit / die bürgerlichen Versamlungen erfunden hätte. Diesem nach käme
sie durch ihre wenige Dienste nur ihrer Schuldigkeit nach / und hätte daraus
keine Verdienste zumachen / oder Tussnelde auf eine so reiche Vergeltung
vorzusinnen. Zumahl die Woltaten allen ihren Wert einbüsseten / wenn sie den
kleinsten Angel-Hacken des Eigen-Nutzes an sich hätten. Tussnelde versätzte: Die
Woltätigkeit verliere freilich zwar ihren Preis / wenn man damit wuchern wollte
/ und auf Vergeltung Absehen sätzte; dieses aber hiebe das Verbündnüss der
Danckbarkeit nicht auf / sondern es lebte nichts hesslichers auf Erden / als ein
unerkenntlicher / oder vergesslicher Mensch / welcher die genossenen Woltaten
wie grosse Meerwirbel die Schiffe verschlinge / ohne dass man von selbten iemals
was wieder zu Gesichte bekäme. Agrippine antwortete: Es wäre schon Danckes genug
/ wenn iemand die Woltat annehme / und nicht verschmähete. Daher auch niemanden
danckbar zu sein / durch einige Gesätze aufgebürdet wäre. Käme aber zu der
willigen Annehmung einer Woltat was mehres / so wäre es selbst eine Ubermaasse /
und Woltat. Tussnelde begegnete ihr: Meden / Persen /Aten / und Macedonien /
sollten allerdings ein Recht haben / Krafft dessen die Undanckbaren von
Woltätern belangt / und von der Obrigkeit gestrafft werden könten. Wo aber
dergleichen nicht wäre / hätten die Gesetzgeber gemeint / dass der geheime Trieb
der Natur und ihr Gesätze / gleiches mit gleichen zu vergelten / schon genung
wäre. Wie lange hätte zu Rom der Eltern / und Kinder-Mord / so wenig als Undanck
einig eusserlich Verbot gehabt / deswegen aber wäre jener so wenig als dieser
zulässlich / welcher die Woltaten zu Wasser machte / und also ein rechtes Gift
des menschlichen Lebens wäre. Zu dem erstreckte sich ihr Vermögen nicht weiter /
als Agrippinens Guttätigkeit mit den schwachen Wehen ihres guten Willens / und
mit den fruchtlosen Blättern ihrer Worte zu vergelten / welches eine Zahlung der
Bettler / oder Sinnenbilder ohne Uberschrifft / nehmlich Dinge ohne Seele wären.
Eine einige Wirckligkeit aber hätte mehr Nachdruck / als zehn Dancksagungen /
wie ein Maass Erde mehr Wesen als zehn Maass Wasser. Agrippine fiel ein: Wer an
würcklicher Vergeltung verhindert würde / gäbe mehr durch seine Kränckung / dass
er nichts geben könnte / als ein vermögender mit vieler Freigebigkeit. Uber diss
möchte sie doch ihr weniges Wolwollen nicht mit so grosser Erkenntligkeit
beschämen / oder auch selbter zuvor kommen / sondern wenigstens vorher vernehmen
/ ob sie ihnen etwas gutes tun könnte / und ihr Vorhaben anständig sein würde.
Tussnelde versätzte: Sie erwarteten ihre Hülffs-Mittel mit gröster Begierde /
wären aber wohl versichert / dass eine so kluge und treuhertzige Fürstin für sie
nichts unanständiges im Vorschlage haben könnte. Agrippine fieng hierauf an: Ich
habe beim Germanicus zu wege gebracht / dass wenn Hertzog Herrmann und Arpus ihn
darum ersuchen / er mit ihnen einen ehrlichen Frieden schlüssen / und für seinem
Abzuge sie alle frei lassen wolle. Das deutsche Frauenzimmer konnte keine bessere
Zeitung ihnen wünschen / als sie aus Agrippinens Munde vernahmen / daher auch
ihre Hertzen / gleichsam als zu enge Gefässe / von Freuden überlieffen.
Tussnelde aber hielt mehr an sich / und fieng an: Weil Agrippine sie eines
ehrlichen Friedens vertröstete / hoffte sie / Germanicus würde die Deutschen zu
keinem schimpflichen oder ihrer Herrschaft nachteiligen Bedingungen
anzustrengen begehren. Denn ob schon Hertzog Herrmann sie sehr liebte / traute
sie sich doch nicht /ihrer Freiheit halber ihm einen unanständigen Frieden
anzumuten. Sintemahl sie sich wohl bescheidete / dass zwar sie Herrmanns / die
Herrschaft aber des Cheruskischen Hertzogs Gemahlin wäre / sie auch dieser
willig nachgienge / und aus dem Wege träte. Ja sie wollte ehe hundert Jahr
gefangen sein / und in der Dienstbarkeit sterben / als ihr zu Liebe die Freiheit
der Cherusker einigen Anstoss / und des deutschen Feldherrn Herrschaft einigen
Abbruch leiden sollte. Agrippine erklärte sich: dass sie hierüber ihr keinen
Kummer zu machen / sondern sich auf ihr Wort zu verlassen hätte: Es sollte dieser
neue Friede auf den Fuss des Alten gegründet werden. Tussnelde seuffzete hierüber
/ und fieng an: Es ist diese nicht weniger eine heilsame / als grossmütige
Erklärung. Denn die ein Teil zu sehr drückende Frieden können unmöglich
tauerhaft sein. Aber zu was Ende haben wir so lange Krieg geführt / so viel
Länder verwüstet / so viel Menschen-Blut vergossen / welches viel werter als
flüssendes Gold zu halten ist? Warum haben nicht so wohl Römer / als Deutsche /
sich an dem ersten Friede vergnüget? zu was Ende mühen sich die Menschen
kriegerischer als wilde Tiere zu sein / da doch die Natur jene ohne alle Waffen
/ und also augenscheinlich zum Friede / diese aber zum Kriege geschaffen /und
daher die Krocodile mit einem Pantzer / die Schildkröten und Schnecken mit
festen Schalen / die Krebse mit Scheeren bedecket / die Löwen und Panter mit
scharffen Klauen / die Adler und Falcken mit Nägeln / die Schweine mit Zähnen /
die Ochsen mit Hörnern / den Elephant mit einer langen Schnüchtze /den Igel mit
Spitzen / die Schlangen mit Giffte zur Beleidigung ausgerüstet hat. Der
unsinnige Mensch aber will mit Gewalt wider seine Eigenschaft und den Willen der
Natur / des andern Wolff sein / suchet daher mit Lebens-Gefahr aus den
Eingeweiden der Erde Gold und Stahl herfür / dass es ihm weder an Werckzeugen
noch Mitteln zum Kriege fehle. Agrippine antwortete: Freilich wohl ist dieses
eine scheltbare Raserei der Rachgierigen und Ehrsüchtigen Menschen / welche ihre
Zwistigkeiten mit den Waffen der Vernunft nicht wilder Tiere erörtern sollten.
Und wenn die Waffen ja zu was nütze wären / sollte man mit selbten nur den
Frieden beschirmen / nicht nach der Eitelkeit des Sieges streben. Daher auch
niemand zum Friede geneigter wäre / als grossmütige Leute; hingegen grieffe
niemand eher zun Waffen / als die Kleinmütigen / und welche ihrer selbst nicht
mächtig wären. Derogestalt wäre es freilich viel besser gewest / wenn weder
Deutsche noch Römer etwas über dem Rheine zu besitzen lüstern gewest wären /
nach dem das Verhängnüs zumahl Sonnen-klar wiese: dass selbtes so wohl als die
Natur diesen Strom zu beider Erbscheidung erkieset hätte. Sie wüste auch dem
Kriege sonst wenig gutes nachzurühmen / nach dem selten der Gewinn dem
vollkommensten Sieger die Kosten zahlte / als dass man im Kriege ins gemein
Friede mit der Tugend / im Friede aber Krieg mit ihr hätte. Germanicus hätte
hoffentlich zeiter gewiesen: dass er im Kriege ein Mañ wäre / nunmehr aber würde
er durch den Frieden erhärten / dass er kein wildes Tier sei. Tussnelde nahm
diese Versicherung zu Danck an /und sagte / sie hätten einem so tapfferen Helden
so vielmehr zuzutrauen; dass er dem Kriege ein Ende machen würde / an dessen
Anfange er keine Schuld trüge. Alleine sie würden doch dieses heilige Werck am
meisten Agrippinen zueignen / welche / um eine vollkommene Friedens-Mitlerin
abzugeben / sich gleichsam enteusserte eine Römerin und des Germanicus Gemahlin
zu sein; Daher im Fall Rom für eine Göttin zu halten wäre / die Römer billich
Agrippinen für ihre friedfertige Iris zu verehren haben würden. Nach diesen und
andern höflichen Liebesbezeugungen / vertröstete so wohl Catta: dass ihr Vater
Hertzog Arpus / als Tussnelde / Agrippinen: dass ihr Herrmann ihnen zu Liebe /
kein Bedencken haben würden / dem Germanicus diese Ehre anzutun / den sie ohne
diss fürlängst für den tapfersten aller Römer geschätzt hätten. Agrippine
erzeigte sich über dieser Erklärung eben so sehr vergnügt / und sagte: sie
sollten nur auf Mittel / dieses ins Werck zu richten / vorsinnen / und nicht
säumen / damit kein Unstern dieses heilige Werck störete. Um die Freiheit und
Sicherheit in Deutschland zu schreiben / und iemanden zu senden /sollten sie
unbekümmert sein / liess sie also zu ihrer Ratschlagung alleine. Es dorffte aber
keines langen Beratens. Denn Tussnelbe erkiesete mit aller Gefangenen
Guteissung / Uffeln / und die Fürstin Catta Osten / zwei bei den Römern
gefangene Edelleute nach Deutschburg und Mattium zu schicken / und auf Ismenens
Gutachten / ward die verschmitzte Hermengarde gleichfalls an beide Höfe zu
reisen / und den Zustand ihrer Gefangenschaft eigentlich zu eröffnen /erkieset.
Die hiervon benachrichtigte Agrippine brachte noch selbigen Tag diesen dreien
vom Germanicus freie Geleits-Brieffe zu wege. Tussnelde schrieb an den Feldherrn
folgenden Inhalts: Unvergleichlicher Herrmann. Meine Woltäterin Agrippine hat
mir zu Liebe vermittelt / dass wann die mit den Römern kriegende deutsche Fürsten
dem Germanicus anbieten / den mit dem August geschlossenen Frieden einzugehen /
er solchen anzunehmen entschlossen sei. Nimm es nicht übel auf / dass ein Weib
sich unterstehet die Friedens-Vorschläge zu tun. Schreib es nicht meinem
Vorwitze / mich in Reichs-Geschäffte zu mischen / sondern der Hefftigkeit meiner
Liebe zu. Denn niemand kann oder soll heftiger lieben als eine Eh- Ich und alle
Gefangene sollen auf solchen Fall zwar los werden; Aber wenn dieses deiner Ehre
verkleinerlich / dem Vaterlande nachteilig ist / so verschmähe diesen Frieden /
und lasse mich biss in Tod eine Gefangene sein / ob zwar dieser den Liebenden
nicht so herbe / als eine verzweiffelte Abwesenheit ist. Lasse mich immer den
Germanicus zu Rom im Sieges-Gepränge einführen / wenn du nur über die Männer in
Deutschland siegest. Denn jener wird mit einem Weibe nur seinen Sieg verdächtig
/ du aber durch ihre Verachtung deine herrlich machen. Lasse keine zarte
Empfindligkeit über meiner Gefangenschaft die Grund-Gesätze der gemeinen
Wolfart erweichen. Denn ich würde auch in Fesseln freudig sein / wenn ich nur /
wie zeiter / auch hinfort von noch mehrern dein Haupt umgebenden
Lorber-Kräntzen hörte. Verfolge diesem nach deinen Ruhm / dein Glücke / und
lasse mich lieber eine vergnügte Gefangene / als ein Fallbrett deiner Ehre sein.
Denn ob ich zwar weiss / dass du mich liebest; so bescheide ich mich doch: dass die
Ehre der Liebe / nicht die Liebe der Ehre müsse fürgezogen werden. Liebe mich
also nicht mehr / als deine erste Ehgenossin / nämlich die Herrschaft / und als
einem Fürsten ansteht / und verwirff den Frieden mit meiner Loslassung / wo er
dir nicht ehrlich zu sein scheinet. Aber ach! ein einiges Andencken schlägt alle
meine Hertzhaftigkeit zu Bodem! Ich kann mich wohl als Gemahlin überwinden
/deiner süssen Umarmungen zu entbrechen; meine Grossmütigkeit ist stärcker / als
die stärckste Liebe /aber mein Mutter-Hertze kann ich aus meiner Brust nicht
reissen. Meine Wehmut rätet mir alles verkleinerliche einzugehen / wenn ich
meine Augen auf den noch allhier gefangenen Sohn des grossen Herrmanns werffe.
Bei seinem Feinde Frieden suchen /scheinet ja wohl eine Erkenntnis seiner Schwäche
zu sein; aber wäre es nicht eine mehr als steinerne Härtigkeit um diesen
Nadelknopff eiteler Ehre seinen Sohn in Stich setzen. Ich würde als eine Mutter
für deinen Sohn noch viel reden / wenn ich für seine Freiheit was sagen könnte /
welches nicht zugleich für meine stritte. Alleine deine Vernunft darff keines
weiblichen Unterrichts / und deine Vater-Liebe keines mütterlichen Zunders. Du
selbst wirst es am besten verstehen: Ob es dir als einem Fürsten anständiger sei
/ einen Sohn für eine Hand voll Ansehen / oder als einem Vater / eine kleine
Eitelkeit für einen Sohn zu geben. Die Fürstin Catta aber schrieb an ihren Vater
Arpus: Hochgeehrtester Vater! Ich lebe allhier in süsser Gemeinschaft der
vollkommensten Fürsten / derer Glantz die Finsternis / derer Anmut selbst
Gräber beliebt machen könnte. Aber wir sind doch alle Gefangene / und es gibt in
der Welt kein ehrlich Gefängnüs. Alle mit einander sind Gräber der Lebendigen /
in welchen die hertzhaftigsten Tiere alle edle Regungen einbüssen / und sich
derer zu entbrechen gerne ein Glied von ihrem Leibe im Stiche lassen. Alleine
dieses ist nur ein kurtzweiliger Vorschmack unser Dienstbarkeit. Germanicus muss
nach Rom / und wir sollen mit ihm. Könte dem Cattischen Hause aber was
schimpflichers begegnen / als dass eines lebenden Herrschers Tochter zu Rom in
des Germanicus Sieges-Gepränge ein Zeichen der überwundenen Catten und ein
Gelächter dem Pöfel abgeben soll? Agrippine hat selbst mit mir Erbarmnüs / und
eine Erneurung des letzten Römischen Friedens vermittelt / wenn ihn Hertzog
Herrmann und Arpus darum ersuchen. Was kann aber ehrlicher als ein solch Gesuch
sein / wo anders der Friede besser als ein Sieg ist / und ein kluger Fürst nur
des Friedens halber Krieg führen soll. Gewinnen die tapffern Catten keine Länder
/ so verspielen sie doch nichts / gegen die so mächtigen Römer /für welchen die
meisten Völcker der Welt haben Haare lassen müssen. Wiewol der für einen grossen
Gewinner zu halten ist / der seine Waffen in so grosses Ansehn sätzt: dass sie
den Römischen die Wage halten. Derogestalt kann Hertzog Arpus mit einem nicht
schlechten Vorteil Friede machen / wenn schon seine einige Tochter nicht
verdiente: dass ihre Erlösung für keinen Gewinn zu achten wäre. Tussnelde
vertraute Uffeln und Osten zwar diese Brieffe / aber Hermengarden nur das
Geheimnis des Friedens /welches auf alle Weise geheim zu halten nötig war. Sie
reiseten noch selbigen Abend ab / und kamen Hermengardis und Osten den dritten
Tag zu Mattium an / allwo die kluge Hermengardis mit Hülffe der Hertzogin
Erdmut wenige Schwerigkeit fand / den Hertzog Arpus zu dem Römischen Frieden zu
bereden; sonderlich da sie ihn versicherte: dass Germanicus wegen des Meinzischen
Tempels alles Anspruches auf das Cattische Gebiete sich begeben würde. Weil sie
nun zu Mattium erfuhr: dass Hertzog Herrmañ nicht zu Deutschburg / sondern zu
Budorgis wäre / reisete sie Tag und Nacht geraden Weges dahin; allwo Uffel dem
Feldherrn schon Tussneldens Schreiben zwei Tage vorher überlieffert / er aber
mit dem ihn besuchenden Hertzog Jubil / und dem allererst vom Hertzoge Ingviomer
zurück gekommenen Grafen von Nassau / darüber Rat gehalten hatte. Jubil aber
hatte seines eigenen Nutzens halber nichts anders als zu solchem
Friedens-Vorschlage raten können; weil er dadurch nicht allein seine Braut die
Fürstin Catta erledigen sah / sondern ihm auch daran gelegen war: dass zu
Wiedererlangung seines väterlichen Erbteiles / Hertzog Herrmann den Krieg wider
den König Marbod fortzusetzen freie Hände bekäme. Der Graf von Nassau hatte
hierzu nichts weniger gestimmt. Denn er sah die gefährliche Zwietracht mit
Ingviomern / und den unvermeidlichen Krieg mit den Marckmännern / welche die
Herrschaft über die Semnoner und Langobarden nicht so schlechter Dinges würden
im Stiche lassen / für Augen; und daher die Notwendigkeit auf alle mögliche
Weise den Römischen Krieg vom Halse zu bringen. Uber diss wusste er die heftige
Liebe gegen seine Gemahlin / und Schwester / über derer Gefangenschaft er sich
ins geheim mehr grämte / als er mercken liess. Also war beider Rat einmütig
dahin gegangen: dass man diesen Frieden als das gröste Geschencke Gottes mit
beiden Händen umarmen / und dem Germanicus nicht nur durch Suchung des Friedens
heucheln / sondern aus einem so schädlichen Feinde einen vertrauten Freund zu
machen / keine Mittel in der Welt sparen sollte. Deñ ob er schon aus Deutschland
wegkäme / würde er doch zu Rom nach dem Tiberius allemahl das meiste zu sagen /
und nach seinem Tode Rom selbst zu beherrschen haben. Hertzog Herrmann hatte
sich durch Liebe und Vernunft an eben dieses Ufer treiben sehen / seinen Schluss
aber nur bei sich zu behalten für gut befunden / biss er des Cattischen Hertzogs
Meinung vernommen haben würde. Als nun Hermengardis selbst nach Budorgis kam /
ward sie als ein Wunderwerck ihres Geschlechtes bewillkommt / und als eine
andere Mutter des jungen Cheruskischen Fürsten verehret. Als sie nun den Zustand
der gefangenen Tussnelde / Ismene / Catta / und Zirolanens mit dem neuen
Friedens-Vorschlage / und des Hertzog Arpus erlangter Einwilligung eröffnete /
erklärete sich der Feldherr auf unverwandtem Fusse: Sie hätte ihre Liebe und
Treue gegen dem Cheruskischen Hause auf eine solche Weise erhärtet: dass dieses
sie für ihren andern Schutz-Geist erkennen müste / und weder die Lebenden
solches gegen ihr würden vergelten / noch die Nachkommen genungsam rühmen
können. Diesem nach wäre von ihr nichts / als heilsames zu erwarten; und weil
sie zu dem Römischen Friede riete / von Agrippinens aufrichtiger Meinung
Zeugnis gäbe /nähme er ihren Rat für sein Gesetze an / und wäre er alles / was
sie zu desselben ferner Einrichtung dienlich erachten würde / zu vollziehen
erbötig. Der Graf von Nassau ward auch selbst zum Gesandten an den Germanicus
erkieset / weil Hermengardis berichtete: dass Hertzog Arpus den Grafen von
Witgenstein für sich hierzu erwehlet hatte. Nassau musste folgenden Tag schon
nach Mattium aufbrechen / und nahm zwantzig ausserlesene Pferde / mit etlichen
Reñ-Tieren / weissen Bären / und Elends-Tieren / Zobelnen /und Luchsenen
Futtern / für den Germanicus zu Geschencken mit. Hermengardis wollte mit aller
Gewalt mit ihm wieder nach Meintz / aber der Feldherr beredete sie: dass sie mit
ihm nach Deutschburg reisete /allwo er ihr zu denen bereit empfangenen
Kweiss-Perlen / Pannonischen Opalen / bei den Marsingern / und in der Elbe
gefundenen Diamanten / Bojische Granaten / und Korallen / noch etliche köstliche
Geschirre aus Agsteine / für Agrippinen mit zu nehmen / anvertrauen wollte. Als
sie sich Deutschburg näherten / kam ihnen der junge Herrmann mit hundert Rittern
entgegen / bewillkommte die Hermengardis aufs höflichste / und gab ihr keinen
andern / als den Mutter-Nahmen / weil sie durch das Blut ihres Sohnes ihn dem
Tode aus dem Rachen gerissen / und gleichsam auffs neue geboren hätte. Alles
Volck ruffte dem Feldherrn wegen seines erweiterten Reiches / und der
Hermengardis als der Erhalterin des Cheruskischen Hauses tausend Glücke zu. Auf
den Morgen händigte der Feldherr ihr die übrigen Geschencke zu / ja er vertraute
ihr noch gar die übrigen zwei dem Qvintilius Varus abgenommenen güldenen Adler
mit der Vollmacht: dass wenn über Hoffen der Friede sich an etwas stossen möchte
/ sie mit diesen Römischen Abgöttern denen Schwerigkeiten abhelffen sollte.
Hierauf führete er sie zu dem Tanfanischen Heiligtum / bei welchem er auf
einen viereckichten Fuss von schwartzem Marmelsteine / eine zwantzig Ellen hohe
Alabaster-Säule hatte aufrichten / und oben Hermengardens Bild mit der Opfferung
ihres Sohnes hatte aushauen lassen. Dieses schöne Gedächtnis war zwar fürlängst
fertig gewest; Der Feldherr aber hatte / weil Hermengardis bei den Römern
gefangen / und also wegen Auswechselung des jungen Herrmanns in Gefahr grausamer
Rache war / solches nicht ehe / als jetzt ihr zu Ehren / und zum Troste ihres
unschätzbaren Verlustes auffsetzen lassen wolen. Daher auch die Werckleute kaum
eine Stunde vorher damit fertig worden waren. Auf der Ost-Seite des Marmel-Fusses
war zu lesen:
Nicht rühme Griechenland Alcestens Liebes-Brand /
Die auf der Götter Rat hat für Admetus Leben
Ihr treu-aufwallend Blut zum Opffer hingegeben /
Als sich kein Mensch / als sie / für ihn zu sterben fand /
Ob seiner Eltern Fuss gleich schon im Grabe stand.
Wer Hermengardens Tat / und Opffer setzt darneben /
Verfinstert jener Preis um diese zu erheben /
Wenn sie für Herrmanns Kind ihr eignes stürtzt in Brand.
Denn jen' erinnert sich: dass er ihr Ehmann sei /
Mit dem am Ganges sich muss iedes Weib verbrennen /
Die reisst des Sohnes Hals / ihr Mutter-Hertz entzwei /
Die Welt und Nachwelt wird kein gleiches Beispiel nennen:
Dass iemand ohne Pflicht sein Kind geschlachtet hat;
Dort war es Schuldigkeit / hier ist es Helden-Tat.
Auf der West-Seite standen folgende Reime:
Kein Mahler weiss zu mahl'n des Agamemnons Leiden;
Timantes hüllt in Flor sein todtes Antlitz ein /
Wenn seine Tochter soll Dianens Opffer sein /
Dass Calchas durch den Hals ihr will das Messer schneiden /
Und Hermengardis sieht mit ungeschminckten Freuden
Auf Drusus Mord-Altar des zarten Sohnes Pein /
Ja für was Niobe sich wandeln würd' in Stein.
An dem / O Wunder! kann sie ihre Augen weiden.
Dort kann der Vater nicht der Göttin opffern schauen /
Was hier die Mutter selbst den Feinden ohne Grauen /
Und ungezwungen bringt. Weil ihr geopffert Kind
Nur Herrmanns Sohn befreit / sind ihre Augen blind /
Die Mutter-Liebe tod / die Brust weiss nichts von Schmertze /
Es blutet nur der Kopff des Sohnes / nicht ihr Hertze.
    Gegen Sud war folgende Schrifft eingegraben:
Ihr Mütter Carchedons / die ihr für Reich und Stadt
Dem zornigen Saturn die edlen Kinder schlachtet /
Weil ihr durch dieses Blut ihn zu versöhnen dachtet;
Wenn das Verhängnis euch auf Fuss und Zehen trat /
Glaubt: dass ihr euch befleckt durch diese grimme Tat.
Und sündigt: dass ihr GOtt so unbarmhertzig achtet /
Der nach der Unschuld Blut und Opffer nie getrachtet /
Ja oft um einen Hirsch ein Kind verwechselt hat.
Die Menschen dürsten nur nach süssem Kinder-Blute
Und Heuchelei tut sie nur falschen Göttern ab.
Dass aber Hermengard ihr Kind zum Opffer gab /
Dem Drusus auffs Altar / geschah aus Helden-Mute;
Sie weihte durch diss Blut ihr keinen Abgott ein /
Dadurch sie und ihr Sohn wird selbst vergöttert sein.
    Und endlich gegen Nord war folgendes zu lesen:
Andromache versteckt in eine Todten-Grufft /
Als Ilium schon selbst zu Grabe war getragen /
Den Sohn Astyanar / den durch verschmitzte Fragen /
Zu seinem Tode bringt Ulysses an die Lufft.
Doch stürtzt sich Hectors Sohn selbst von der hohen Klufft
Auf Trogens Stein und Grauss; kein Feind kann aber sagen /
Er habe dieses Kind hör'n seuffzen oder klagen /
Um das die Mutter doch so Weh als Rache rufft.
Hier weint nicht Hermengard' um ihres Sohnes Tod /
Der so grossmütig stirbt / für andre sonder Not /
Da dort Astyanax aus Zwang den Tod muss schmecken /
Und iede Mutter will zwar ihren Sohn verstecken;
Doch eine dass er lebt / die zweite dass er stirbt
Sagt: ob das letzte Paar nicht grösser Lob erwirbt?
Die Barden sangen hierbei die ganze Geschichte von ihrem an statt des jungen
Herrmanns aufgeopfferten Sohne / und wussten mit ihrer Stimme und Gebehrden die
Regungen Tussneldens / Hermengardens / des Priesters Siegesmund / und beider
Kinder beweglich auszudrücken. Hermengarde lass mitler Zeit die vier
Überschrifften; und ob das Lob zwar sonst der süsseste Seiten-Klang in
menschlichen Ohren ist / liess sie doch mehr Traurigkeit als Freude von sich
spüren /entweder weil die wehmütige Erinnerung über ihrem zerfleischten Kinde
ihre Lust hemmete / oder weil ihr Gemüte zu feste gesetzt war / dass es sich
über einigem Ruhme hätte können aufblähen / weil sie solches zumahl so wohl
verdienet hatte. Sie fieng auch nach derselben Durchlesung gegen dem Feldherrn
an: Diese Ehre wäre für sie / als ein schwaches Weib / für ihren Sohn als ein
schlechtes Kind / und für ihre geleistete Schuldigkeit allzugross. Sintemahl
keine deutsche Mutter sich hoffentlich weigern würde ihre Kinder für Erhaltung
des Geschlechtes eines Helden aufzuopffern / der für Deutschlands Wolfart so
vielmahl sein Blut verspritzet hätte. Sie hätte mehr nicht getan / als alle
Mütter derselben / welche im Kriege fürs Vaterland umkommen wären / und also
würden die Marmel-Adern in Deutschland nicht zulangen /wenn diesen allen / die
nicht weniger als sie und ihr Sohn verdienet hätten / solche Säulen aufgerichtet
/und Lobe-Lieder gesungen werden sollten. Der Feldherr antwortete ihr: Er wüste
wohl / dass an Lobsprüchen ihrer Gedächtnüs-Maale sich nur niedrige Gemüter
ersetzten / wie die Kinder alleine die Affen für vollkommen hielten; alleine
deswegen müsten sie gleichwol der Tugend gewehret werden / damit sie andern zum
Beispiele dienten. Daher statteten die Barden so wohl ihr / als ihrem Sohne /
durch ihre Gesänge die schuldige Pflicht ab. Es wäre in Deutschland dieses die
Art rühmliche Taten im Gedächtnis der Nachkommen zu erhalten / und also stürbe
in Indien niemand rechtes / dessen Geschichte nicht die Weltweisen / wie die
Libyer derer Lob / die im Kriege /oder auf der Elephanten-Jagt umkomen wären /
gesungen / uñ die nicht von den Galatern / Griechen und Römern in zierlichen
Reden vorgetragen würden. So wären auch derogleichen steinerne Gedächtnis-Maale
den Deutschen und vielen Völckern gemein / Hermengardens und ihres Sohnes Tun
was so grosses / und ungewöhnliches / dass es ein absonderes Gedächtnis
erforderte. Sie sollte mitler Zeit nur mit diesem Schatten vorlieb nehmen / und
gewiss glauben / dass mittelmässige aber verdiente Ehren-Maale mit der Zeit immer
grösser würden; Die aber / welche mit ihrer Pracht das Maass der Verdienste
überstiegen / veralterten / zernichtet / und endlich gar vergessen würden. Weil
das Feuer ihrer Liebe und des grausamen Opffers / ihren Sohn / welcher ehe zum
Helden worden wäre / als zum Manne / ganz verzehret hätte / sollte diese Säule
ihm zum Grab-Maale / ihr aber zu Troste dienen: dass die Asche ihres Kindes nicht
unfruchtbarer als des Phönixes sein / sondern aus ihrer beider Tugend die
Nachwelt Beispiele nehmen / und für das Vaterland sich oder ihre Kinder freudig
aufopffernde Helden-Geister ans Licht bringen würden. Denn ehrliche Danck-Maale
wären edlen Gemütern eine so kräfftige Erfrischung und Ursache ihres
Wachstumes / als der Morgen-Tau den Kräutern. Würde doch ein Elephant / ein
Pferd / und ein Pfau durch Lob aufgeweckt / was solle nicht eine Seele tun / in
welcher die Wurtzel der Tugend käumete? Hermengarde hätte sich noch mehr
verkleinert / wenn der Priester nicht das Zeichen zum angehenden Gottesdienste
gegeben hätte. Nach verrichteter Andacht wollte sie sich nichts mehr halten
lassen / sondern nahm von dem Feldherrn Abschied / welcher sie durch
Schulenburgen mit hundert Reutern biss an den Rhein begleiten liess.
    Inmittelst kamen der Graf von Nassau und Witgenstein zu Meintz an.
Germanicus liess sie zwar ohne Gepränge / aber auffs freundlichste empfangen /
gab ihnen auch folgenden Morgen Verhör. Bei dieser eröffneten beide ihrer
Fürsten redlichen Vorsatz / mit den Römern in Friede zu treten / welchen sie mit
niemanden lieber / als mit dem Germanicus zu schlüssen / verlangten. Sintemahl
sie zeiter mit einander die Kräfften geeichtet / Germanicus der Deutschen
Eigenschaft / sie aber seine und der Römer Tugend am besten hätten kennen
lernen. Sein vorhabender Abzug aus Deutschland hätte ihnen hierzu Anlass gegeben
/weil doch niemanden die Frucht des Krieges / nehmlich ein ehrlicher
Frieden-Schluss / als dem Germanicus gebührte. Sintemahl doch Nicias in
Griechenland mit einem Frieden mehr Ehre / als Pericles mit allen seinen
Heldentaten aufgehoben hätte. Nach dem ihnen nun dieser Friede ein rechter
Ernst wäre / sie auch an des Germanicus Friedens-Begierde nicht zweiffelten /
hätten beide Hertzoge kein Bedencken gehabt / sie mit unverschrenckter Vollmacht
nach Meintz / und also dem Germanicus nach Haus und Hofe zu schicken. Sie
beteuerten hierbei: dass ihre Fürsten unter dem Vorwande des Friedens keine Zeit
in etwas zu gewinnen / oder sonst einigen Vorteil suchten / sondern sie auf
einmal offenhertzig ihre Meinung zu entdecken / in wenig Tagen zu schlüssen /
und mit nichts hinterm Berge zu halten befehlicht wären. Dieser nahm ihren
Vortrag zum Bedencken /erlaubte aber denen Gesandten zu der Hertzogin Tussnelda
/ Catta / und dem andern Frauenzimmer /einen freien Zutritt; welches über ihrer
Ersehung /und dem Empfange vieler annehmlichen Brieffe /noch mehr aber über der
Nachricht: dass sie mit dem Germanicus Friede zu schlüssen völlige Gewalt hätten
/ hertzlich erfreuet ward. Deñ guter Freunde Brieffe erqvicken das Gemüte / wie
ihre Gemählde das Gesichte. Agrippine nahm ihr bei denen öfftern Besuchungen
Gelegenheit / in Tussneldens Zimmer mit beiden Gesandten zu reden / und nicht
nur sich zu einer Beförderin des Friedens zu erbieten / sondern sie gab ihnen
auch zu dessen glücklicher Behandlung Einschlag. Den dritten Tag erklärte sich
Germanicus: dass ihm ein der Römischen Hoheit gemässer Friede nicht zu wider
wäre; Daher sollten die Gesandten gewisse der Billichkeit gemässe Bedingungen
vorschlagen / und solche dem Silius schrifftlich einhändigen. Sie kamen also mit
diesem zusammen / und erboten sich den Frieden einzugehen / wie er zu letzt mit
dem Kayser August wäre geschlossen worden; nur dass der Anspruch / welcher wegen
eines Tempels zu Meintz auf das Cattische Gebiete wäre gemacht worden / und die
Ursache des letzten Krieges gewest wäre / aufgehoben würde / iedem diss / was er
wirklich besässe /verbleiben / und übrigens der Rhein beider Völcker Gräntze
sein / auch kein Teil des andern Feinden Hülffe leisten / die Gefangenen aber
beiderseits ohne Löse-Geld freigegeben / und alle andere deutsche Fürsten in
diesen Frieden mit eingeschlossen sein sollten. Silius nahm diese Bedingungen
willig an / begehrte auch über ein und andere Erläuterung / und überbrachte sie
dem Germanicus. Diesen Tag fand sich auch Hermengarde ein / mit welcher die
Gefangenen gleichsam ihren Schutz-Geist wieder zu schauen vermeinten. Sie
überliefferte Agrippinen ihre Geschencke; welche sie teils wegen ihres eigenen
Wertes und Vaterlandes / teils / weil sie von eines so vortreflichen Helden
Hand kamen / überaus hoch hielt. Diese liess es ihr auch eifrigst angelegen sein
/den Frieden zu befördern / und brachte beim Germanicus zu wege: dass er der
Deutschen Gesandten Vorschläge bewilligte; iedoch / dass dem Fürsten Segestes /
Malovend / und Bojocal ihr Land ohn einigen Abzug / dem Hertzog Flavius aber das
Erbteil / welches ihm Hertzog Herrmann anfangs selbst angeboten hätte /
eingeräumet / und ihnen die mit den Römern gemachten Bündnisse keinen Vorruck /
oder Nachteil zuziehen sollten. Die Gesandten giengen dieses ebenfalls ein / und
ward auf solche Art der Friede den fünften Tag / da sonst bei
Friedens-Handlungen die Besuch- und Gegen-Besuchungen etliche Monat / die
Strittigkeiten über dem Platze der Zusammenkunft /über der Sprache / in welcher
man handeln will / insonderheit aber über ein oder des andern Gesandten Vorsitze
und Titel nicht selten ganze Jahre verspielet werden / gleich als wenn diese
Schalen wichtigere Dinge als die edle Perle des Friedens wären; für geschlossen
gehalten / und dieses Friedens ausführlicher Innhalt auch noch selbigen Abend
aufgesetzt. Es ereignete sich aber über dem Römischen Aufsatze dieser Mangel:
dass unter denen Deutschen auf der lincken Seiten gelegenen Orten / das Altar des
Bacchus darinnen nicht ausdrücklich benennet ward / worauf der Graf von Nassau
inständigst drang. Uber diss verlangte er auch dem Frieden ausdrücklich
einzurücken: dass die Römer dem Könige Marbod zu helffen / nicht sollten befugt
sein. Ob nun wohl Silius einwarff: dass das Altar des Bacchus unter denen
allgemeinen Worten der auf der Gallier Seite gelegner Plätze / und Marbod unter
denen andern Feinden schon begriffen wäre / wollte sich doch Nassau nicht
abwendig machen lassen / sondern sagte: wenn die allgemeinen Worte diesen
Verstand hätten / würde solche auszudrücken / es so viel weniger bedencklich
sein. Gleichwohl verzohe dieser Zwist die Unterschreibung des Friedens / biss auf
den Abend / und sollte auf den Morgen in des Germanicus Gegenwart die
Auswechselung geschehen. Selbige Nacht aber kam Sextus Papinius von Rom mit
Schreiben vom Tiberius; darinnen er des Germanicus Reise abermals auffs
beweglichste trieb / insonderheit aber verordnete: dass Tussnelda mit Herrmanns
Sohne / Catta / Ismene / und Zirolane alsobald dem Papinius übergeben / und
voran nach Rom gebracht werden sollten. Germanicus ward über diesem Schreiben so
verstellet / als wenn ihn der Blitz gerührt hätte. Er liess daher noch selbige
Nacht den Papinius für sich / fragte: Ob er von dem Innhalte des Brieffes wüste?
Dieser verjahete es / und berichtete darbei: dass Tiberius in Abwesenheit des
Sejan und Salustius ihm solchen eingehändiget / und bei Verlust seines Kopffes
ihm das deutsche Frauenzimmer / dessen Gemählde er beim Sejan den Tag vorher in
seinem an der Tiber gelegenen Lust-Hause gesehen hätte / richtig überzubringen
anbefohlen hätte. Germanicus fragte weiter: ob er nicht wüste / woher Sejan
diese Bilder bekommen? Papinius antwortete: Es hätte sie Sentia Segestens
Gemahlin / welche zwei Tage vorher damit nach Rom kommen / und in selbigem
Garten eingekehrt wäre / mit aus Deutschland gebracht; Tiberius wäre auch damals
selbst im Garten bei Sentien gewesen / hätte solche mit grosser Verwunderung
besehen / und von Sentien genau erkundiget: ob Tussnelde noch so schön / Ismene
/ Zirolane und Catta aber so eigen als jene getroffen wären. Als ihm Sentia
dieses nun verjahet / und ihn versichert: dass ihnen der Pinsel nicht geliebkoset
/ sondern der Mahler sein Unvermögen ihre Schönheit vollkomen auszudrücken
bekennet / hätte Tiberius angefangen: So bliebe es denn ein für allemahl wahr:
dass in Deutschland die Schönheit zu Hause wäre / und das vollkommenste
Frauenzimmer über den Bergen not hätte /sich aus dem Schimpffe der Hässlichkeit
zu reissen. Tiberius wäre mit Sentien / dem Sejan und Salustius hierauf eine
lange Zeit in einem mit Cypressen beschatteten Lustgange auf- und abgegangen /
und nach ihrer geheimen Unterredung hätte Tiberius ihm gesagt: Er sollte sich auf
eine ferne Reise geschickt machen; worauf ihm auf den Morgen Tiberius das
Schreiben und den Befehl erteilet / und ihm ausdrücklich angedeutet: dass er bei
Verlust seines Kopffes /ohne diese Gefangenen nicht wieder nach Rom kommen
sollte. Germanicus schwieg hierzu eine Weile stille / hernach sagte er: dieses
würde Papinius gleichwol nicht bewerckstelligen können / weil er mit den
Deutschen Friede gemacht / und alle Gefangene los zu lassen versprochen hätte /
und wäre eben dieser Morgen das Ziel / da die Friedens-Schlüsse ausgewechselt /
Tussnelde / Catta / Zirolane und Ismene mit Herrmanns Sohne über den Rhein
geführet und auf freien Fuss gestellet werden sollten. Papinius antwortete: dieses
zu vollziehen / wollte er dem Germanicus nicht raten / wenn er sein ärgster
Feind wäre. Germanicus fiel ein: Ich aber bin viel zu ehrlich: dass ich mein
Versprechen nicht halten / weniger diss / was ich mit Hand und Siegel bekräfftigt
/ zurück ziehen sollte. Papinius versetzte: weil die Auswechselung nicht
geschehen / sondern Hand und Siegel noch in seinen Händen wäre / stünde er ausser
aller Verbindligkeit; ja wenn solches schon ausgehändiget wäre /würde er doch
wider die Bewerckstelligung dieses Schlusses / für allen in Meintz sich
befindenden Römern im Nahmen des Käysers zu reden gezwungen sein. Germanicus
erblasste hierüber / und fragte: Ob ihm der Käyser Gewalt gegeben / ihm in die
Gewalt eines Römischen Feldherrn einzugreiffen / welche allemahl die Willkühr
gehabt hätten / Krieg zu führen /und Frieden zu schlüssen? Papinius begegnete
ihm mit einer Ehrerbietigen Bescheidenheit: Ihm wäre /dem Germanicus in etwas
einzugreiffen / nicht befohlen / er würde sich auch einer solchen Verrichtung
auf alle Weise ausgedückt haben; Alleine weil Tiberius ihm so ernstlich mit
gegeben hätte ohne diese Gefangene nicht zurücke zu kommen / und er ihm
angesehen hätte: dass dem Kayser was grosses daran gelegen wäre / ja Salustius
ihm etwas vertraut hätte / welches zu entdecken ihm nicht anstünde / und sein
Kopff ihm lieb / dessen Verlust aber auf den Fall einigen Versehens gewiss wäre /
würde ihm Germanicus nicht verargen / wenn er ihre Loslassung durch offentliche
Wiedersprechung sich zu hindern / und die Gnade des Kaysers zu erhalten mühete.
Denn wer um einen Fürsten lebte / schleppte den Tod als eine Kette hinter sich
her. Im übrigen hätte er nicht zu fragen / oder auszumachen: Ob ein Feldherr
wider den ausdrücklichen Willen des Kaysers / welchem das Römische Volck das
Recht des Krieges und Friedens allein eingeräumt hätte / etwas zu schlüssen /
oder zu vollziehen befugt wäre. Seinem Bedüncken nach aber wäre das Werck noch
unvollkommen / und also noch Zeit genung / zur Reue und Zurückziehung; weil die
Friedens-Schlüsse über diss ins gemein allererst von den Fürsten genehm gehabt
und beschworen werden müsten. Germanicus begegnete ihm: Die Römischen Feldherrn
hätten nicht aus einer besondern Vollmacht / sondern Krafft ihrer Würde Gewalt
Friede zu machen / also dörfte er so wenig / als wenn Könige selbst gegenwärtig
wären / oder die Schlüsse eigenhändig unterschrieben / ja auch die Abhandlungen
der Gesandten / welche nur unverschränckte Vollmachten hätten / und nichts wider
ausdrückliches Verbot ihrer Fürsten eingiengen / einer Genehmhabung. Sein / und
eines ieden Fürsten Wort aber sollte so bündig als anderer Eyde / und eines ieden
erste Sorge sein / dass er von der Nachwelt mit keinem Schandflecke verstellet
würde. Denn ob zwar gegenwärtige Gewalt ihrer viel die Wahrheit zu sagen zurück
hielte / so wäre doch die Feder der Geschichtschreiber ein geheimer aber
lebendiger Pinsel / welcher die Flecken der Gemüter ohne Heuchelei und Furcht
ans Licht stellte / der Pinsel aber der Mahler nur eine todte Feder. Daher ein
Fürst / wie gross er auch wäre / mehr die Feder / als ein hessliches Weib den
Pinsel zu fürchten hätte. Papinius zohe die Achseln ein / und sagte: es stünde
ihm nicht an / mit dem Germanicus über eines Frieden-Schlusses Verbindligkeit zu
streiten; aber er sollte nur selbst der Sache / des Tiberius Eigenschaften / und
was seinem Hause für Gefahr hieraus entstehen könnte / nachdencken. Denn der
Fürsten Gnade ruhete no comma? / sondern sie stiege / oder fiele. Es fehlte bei
Hofe nicht an Leuten / welche ein kleines Versehen zu halssbrüchigen Lastern
machten. Und ob wohl Unschuld den Zähnen der Verfolgung härter als Kieselsteine
wäre / so hülffe diss doch nicht zu ihrer Erhaltung / sondern sie geriete nur
darüber unter die Hämmer / und weil man sie nicht zubeissen könnte / würde sie
gar zermalmet. Niemand / wie angesehen er auch wäre / hätte sich daher auf der
Fürsten Gnade / oder Verwandschaft zu verlassen / sondern ein ieder hätte wie
ein Blinder auf alle seine Tritte / und auf des Fürsten Regungen wie ein
Steuer-Mann auf die Flacken und Magnet-Nadel achtung zu geben. Denn man könnte
sich eh und besser ins Gelücke als in Fürsten schicken / weil jenes mit allen /
diese nur mit etlichen des Umdrehens spielte. Jedoch hätten sich dieses
verkehrten Spieles die grösten Diener und Leute am meisten zu besorgen / welche
zwar auf Steltzen giengen /und weit schritten / aber alle Augenblicke in Gefahr
des Fallens wären. Dieses redete Papinius mit solchem Nachdruck: dass Germanicus
wohl merckte / er sagte weniger als er wüste; und dass hinter diesem Befehle ein
grosses Geheimnis verborgen / oder ihm wenigstens damit ein Fallbret gestellet
wäre. Er liess also den Papinius von sich / und schlug die übrige ganze Nacht
sich mit tausend widrigen Gedancken. In der ersten Stunde des Tages liess er den
Silius beruffen / wiess ihm des Tiberius Brieff / und verlangte sein Gutachten:
Ob er diesem nachleben / oder den Frieden-Schluss vollziehen sollte? Silius besaan
sich eine weile / und fieng an: Ein Staats-Diener muss den Willen seines Fürsten
/ wie die Schiff-Leute den einigen Angel-Stern für ihre Richtschnur halten / und
sich die viel schönern Gestirne des gemeinen Nutzens /und seiner verpfändeten
Ehre nicht auf die Seite abwendig machen lassen. Die Herrschaft kann auch
anderer Gestalt nicht bestehen / als wenn dem Fürsten ohne Einwendung seiner
Ehre / und Vorschlag etwas bessern / gehorsamet wird. Insonderheit ist Tiberius
ungewohnt / ihm etwas bessers einreden zu lassen /sondern er will selbte als
Göttliche Wahrsagungen /ohne Erforschung der Ursachen und Absehens / beobachtet
/ und als Jupiters Blitz verehret wissen; und ich habe aus seinem Munde gehöret:
dass ein Fürst seiner Hoheit entsätzt / die Herrschaft zerrissen / das gemeine
Wesen verwirret würde / wenn man ihm nicht blinden Gehorsam leistete / sondern
er seinen Befehl allererst rechtfertigen sollte. Es ist zwar nicht ohne: dass
Tiberius von diesem Schlusse nichts weiss / und abwesende von Deutschlands
Zustande nicht so wohl urteilen kann / aber es stehet doch einem Feldherrn oder
Diener nicht zu / seines Fürsten Befehl nach seiner Meinung und gestalten Sachen
nach auszudeuten. Daher ist es allemahl sicherer das befohlne tun / als was
bessers erwählen / und sich ungewisser Zufälle /Gefahr / und dem Zorne der
Fürsten unterwerffen /welche zumahl wie Tiberius geartet sind / lieber mit ihrem
Schaden Gehorsam zu haben / als mit seinem Nutzen Einratung zu dulden.
Germanicus hörte den Silius gedultig aus / und befahl ihm: er sollte beiden
Gesandten die Ursache sagen und zeigen / warum er den Frieden nicht vollziehen
könnte. Silius übernahm diese verdrüssliche Verrichtung / und trug denen Gesandten
für: Germanicus und er / wären nicht wenig bekümmert: dass eine höhere Gewalt
diese Nacht darzwischen kommen wäre / welche ihn an Auswechselung des
abgeredeten Friedens hinderte. Beide waren voller Hoffnung gewest / diesen
Augenblick den Frieden-Schluss zu erlangen / und also wurden sie hierüber so
vielmehr bestürtzt. Der Graf von Nassau fieng auch an: Sie wollten sich zu dem
Germanicus /auf dessen Aufrichtigkeit ihre Fürsten so grosse Türme bauten /
nicht versehen: dass er diss / was er einmal beliebt / geschlossen /
unterschrieben / und besiegelt / also nach der Völcker Rechte seine vollkommene
Verbindligkeit erreicht hätte / zurück ziehen sollte; zumahl die Römer ja für
allen andern Völckern / dass sie Treu und Glauben hielten / angesehen sein wollten
/ und die Treue für eine Göttin verehrten. Silius antwortete: So lange an einem
Wercke noch was zu machen übrig wäre / hätte es seine Vollkommenheit nicht. Zu
dem wäre dem Germanicus von höherer Hand ein Riegel vorgeschoben; dass es in
seiner Gewalt nicht stünde / diss zu erfüllen / was er gerne wollte. Der Graf von
Witgenstein fiel ein: Wenn Germanicus keine Gewalt gehabt hat / diss zu erfüllen
/was er schleust / warumb hat er sich denn dessen angemasst / und versprochen?
Silius versätzte: Er hat sie gehabt / aber nicht mehr. Nassau brach ein: Hat er
sie beim Schlusse gehabt / so hat sie / nach dem man uns unserer Fürsten Meinung
unter dem Scheine habender Gewalt heraus gelockt / uns zum Nachteile ihm nicht
können genommen werden. Silius begegnete ihm: Diese Benehmung wäre für dem
Schlusse geschehen /wiewol sie erst darnach eingelauffen. Es hätte aber
Germanicus diss / was Tiberius zwölff Tage vorher aus Rom verordnet / nicht
erraten können. Hiermit zohe er des Tiberius Brieff herfür / und gab ihn dem
Nassau zu lesen. Witgenstein aber fieng im Eyver an: die Deutschen verstünden
sich auf solche Spitzsinnigkeiten nicht / welches falsche Tugend und Weissheit
/auch ehrlichen Leuten ein Greuel und Abscheu wären. Er sehe wohl: dass die Römer
von ihrer alten Art weit abgewichen wären / und da sie anfangs den Pyrrhus für
seines Artztes Giffte gewarnigt / solches hernach selbst dem Prusias seinen Gast
Hannibaln zu tödten geschickt / und den Sergius Galba gerühmt hätten: dass er
durch Betrug sich zum Meister der Lusitanier gemacht hätte. Die Deutschen wären
doch durch den mit dem Germanicus gemachten und nie gehaltenen Frieden gewitzigt
worden; also hätten sie sich dissmahl wohl nicht wieder sollen aufs Narren-Seil
führen / und ihre redliche Andacht nicht zum Gelächter werden lassen. Allein für
so klug sollten sie die Deutschen doch halten: dass sie sich das dritte mahl nicht
würden äffen lassen / und die Nord-Welt würde wenigstens numehr zu ihrer
nötigen Vorsicht begreiffen: dass das Recht der Völcker bei den Römern nicht
üblich wäre; und dass kein Band in der Welt als ihr Eigennutz wäre / welches sie
versprochene Sachen zu halten anstrengte. Silius empfand diese Hefftigkeit /
wordurch er der Römischen Hoheit zu nahe / und wider die gewohnte Bescheidenheit
aller andern Völcker geredet zu sein vermeinte; sagte daher: die Römer hätten
niemahls Gift und Arglist wider Feinde gebraucht / als von denen sie vorher auf
gleiche Weise wären angetastet worden. Hätte er auch nur die Gedult gehabt / des
Tiberius vorgewiesenen Brief zu lesen / so würde er den Germanicus ehe
entschuldigt / als ihm einigen Betrug beigemessen haben. Mit des Augustus Leben
wäre der vorige Friede erloschen; Weil Fürsten nur auf ihr Lebtage die
Verwaltung und den Genuss eines Reiches hätten; und also ihren Nachfolger durch
die allerverbindlichsten Schlüsse keine Notwendigkeit ihre Versprechen zu
halten aufbürden könten. Nach dem nun Tiberius an die Catten rechtmässige
Ansprüche zu machen vermeint / und wider die Deutschen den Krieg fortzusetzen
durch keine Verbindligkeit wäre gehemmet gewest / hätte Germanicus seinen Befehl
durch die Waffen mit dem grösten Rechte vollzogen. Witgenstein versätzte: Wenn
Germanicus denen deutschen Fürsten diese Auslegung vorher gesagt hätte /würden
sie mit ihm im Nahmen des auf der Grube gehenden Augustus niemahls Friede
gemacht haben. Er sähe aber wohl: dass es dem / welcher seine Worte an Nagel
hienge / niemahls an Vorwand mangelte; und dass das Wachs meistenteils fester am
Pergament klebte / als der Wille was zu halten / am Versprechen hienge; so dass
sich einige Fürsten wohl verwunderten /was ein gemachter Schluss für ein seltzam
Tier wäre /dass es über Könige und ihre Fürsten herrschen / oder sie zu Sclaven
ihrer Worte machen wollte; gleich als wenn die Einhaltung Treu und Glaubens zwar
einem Edelmanne / nicht aber einem Fürsten wohl anstünde; welcher / weñ es der
Nutzen seines Reiches erforderte / ohne Verminderung seiner Ehre Frieden und
Bündnisse brechen könnte / weil doch die Verbindligkeit gegen sein Volck
unendlich stärcker / als das seinem Feinde oder dem Nachtbar gegebene Wort wäre.
Silius begegnete ihm: Es liesse sich diese Lehre auf niemanden weniger / als auf
den Germanicus angewehren / wiewol solche die Cherusker und Catten bei vorigem
Frieden-Schlusse selbst gebilligt / und wider den Innhalt ihres Bündnüsses und
des Hertzogs Melo willen / sich mit den Römern unter dem Vorwande vertragen
hätten: dass zwar ein Fürst nicht ohne erhebliche Ursache / aber gar wohl in
eusserster Not / und wo er in Gefahr gäntzlichen Unterganges gerätet / seinen
Bundgenossen im Stiche zu lassen befugt wäre. Sintemahl sein Untergang denen
Freunden nichts hülffe /seine Erhaltung aber ihnen noch ein ander mahl zu
statten kommen könnte. Der Graf von Nassau hatte die Augen auf des Tiberius
Schreiben / die Ohren bei des Silius und Witgensteins Wortwechselung / seine
Vernunft aber war mit Nachdencken / wie mit dem Germanicus weiter zu verfahren
sei / beschäfftigt / weil er es doch / allem Ansehen nach / wohl gemeint hatte
/und ihm über hoffen die Hände gebunden waren. Diesem nach reichte er den Grafen
von Witgenstein / des Tiberius Schreiben / und sagte: dieses würde ihm das
gröste Teil seines gegen dem Germanicus geschöpften Argwohns / und daher auch
seiner Empfindligkeit benehmen. Nachdem dieser es auch gelesen / und beide mit
einander sich ein wenig beratschlagt / bat Nassau den Silius: er möchte dem
Germanicus für die verträuliche Eröffnung des Käyserlichen Schreibens
dancksagen; und weil sie freilich wohl sähen: dass sein gutes Vorhaben durch
diesen eingeworffenen Hacken gehemmet würde / wollten sie doch nicht hoffen: dass
er darmit auch seine Neigung das Friedens-Werck zu Stande zu bringen / mit samt
der Hoffnung gäntzlich würde sincken lassen. Zeit und Gedult machten viel Sachen
reiff / wo die Sonne gleich selbst zu schwach wäre / und die Klugheit des
Germanicus würde noch alle Schwerigkeiten zu überwinden / Rat finden. Mittler
Zeit hatte Germanicus mit Agrippinen einen harten Stand gehabt / welche aus des
Tiberius Schreiben ihm einen grossen Abbruch seiner Würde und Ehren vorgestellt
/ und aus des Papinius nachdenklichen Reden den ihm zu Rom bereiteten Untergang
gewahrsagt / auch nichts ihn zu bereden vergessen hatte: dass er mit den
Deutschen den Frieden vollziehen /und gar nicht nach Rom ziehen / sondern bei
denen treuen Legionen in Sicherheit leben und mit Ehren sterben sollte. Alleine
des Germanicus Treue gegen den Tiberius war mit einer unüberwindlichen
Hartnäckigkeit gefasset: dass er Agrippinen scharff begegnete / und ihr beimaass;
Sie würde durch ihre Hefftigkeit und Misstrauen ihn / und sich selbst stürtzen
/indem sie sich allentalben darmit so bloss gebe / und nicht wahrnähme: dass man
denen Nachstellungen nicht glücklicher als durch Anstellung entgienge / dass man
sie nicht merckte. Ihn würde nimmermehr weder Furcht noch Hoffnung eines Nagels
weit von dem Stande seiner Pflicht verleiten / in der er / ohne ander Absehen /
ausser einen guten Nahmen und den Ruhm der Treue zu erhalten / sterben würde. Ihm
wäre die Bekümmernis der deutschen Gefangenen so sehr leid als ihr / und er
würde für ihre Ehre und Freiheit zu sorgen / niemals vergessen. Sie würden aber
selbst nicht verlangen durch seine Schmach und Untergang zu genesen. Silius kam
darzu / und berichtete: dass die Gesandten sich in die verweigerte Vollziehung
des Friedens schickten / ihn gleichwol aber um Wegräumung der Hindernüsse
nochmahls ersuchten. Agrippine musste sich also desto mehr zu Frieden geben. Als
sie nun von dar zu Tussnelden sich verfügen wollte /kam der Ritter Malzan / und
lieferte dem Germanicus im Nahmen Hertzog Herrmañs zwantzig- und Schönborn im
Nahmen des Cattischen Hertzogs zwölff der schönsten Pferde ab. Germanicus war
über der Grossmütigkeit der Deutschen gleichsam beschämet: dass /da die Gesandten
die meiste Ursache hatten unvergnügt zu sein / sie sich am allerfreigebigsten
erzeigten. Damit er nun sich mit keinem Argwohne beladete: als ob sein Gemüte
einige Abneigung hegte /ward er gezwungen / selbige anzunehmen. Tussnelde und
ihre Gefärten waren den Abend vorher mit der Nachricht von dem unterschriebenen
Frieden so sehr erfreuet worden; dass sie diese geschäfftige Gemüts-Regung die
ganze Nacht nicht schlaffen liess / sondern teils die Gespräche / teils die
süssen Einbildungen von ihrer Heimkunft ganz munter erhielt. Nach der ihnen
durch grosse Begierde verlängerten Nacht / sahen sie alle Augenblicke / wenn die
Gesandten ihnen diesen Brieff ihrer Wolfart / und Agrippine ihre Befreiung
überbringen würde. Alleine das Antlitz der sich endlich einstellenden Agrippine
entdeckte ihnen mit dem ersten Anblicke: dass sie sich nur mit dem Brodte der
Elenden nämlich eiteler Hoffnung gespeiset hatten. Weil Tussnelde sie auch
alsbald ersuchte / ihnen diss nicht lange zu verbergen /was das Verhängnüs aufs
neue für sie böses gesponnen hätte; verschwieg sie ihnen ausser dem / was
Papinius von ihren Gemählden zu Rom erzählt hatte /nicht den Inhalt des
Käyserlichen Briefes / und von dem / was diesen Morgen mit den Gesandten durch
den Silius gehandelt worden war. Ihre Gemüter wurden dadurch überaus
niedergeschlagen. Denn wie der Stahl / wenn er vorher glüend gemacht / und
alsbald aus der Feuer-Esse in Eyskaltes Wasser getaucht wird / die grösseste
Härte bekommt: Also wird ein von der Freude erwärmtes Gemüte durch einen
geschwinden Trauerfall gleichsam versteinert. Aber Agrippine und Hermengarde
liessen an ihnen nichts erwinden / ihre Gemüter aufzurichten / und wie jene sie
vertröstete /dass Germanicus das äusserste tun würde den Frieden wo nicht ehe
doch wenigstens zu Rom auszumachen /also versicherte diese sie: dass / wenn sie
schon nach Rom ziehen müsten / sie dennoch ein auskommentliches Löse-Geld für
aller ihrer Freiheit zu wege bringen wollte. Beide Gesandten kamen endlich auch
darzu / und verbanden wenigstens der Betrübten Wunden / zu derer Heilung mehr
Zeit und kräfftigerer Wund-Balsam von nöten war. Ungeachtet nun Agrippine schon
einmal beim Germanicus angelauffen war / unterliess sie doch nicht einen neuen
Versuch zu tun: ob sie nicht für die Deutschen was tröstliches ausbringen
könnte. Sie hielt ihm also ein: dass ein blosser Gesandter befugt wäre / seines
Fürsten ausdrücklichen Befehl zu überschreiten / wenn eine Sache sich
derogestalt verkehrte / dass er durch keinen Gehorsam mehr Schaden als Frommen
täte; ja seine unvernünftige Folge würde so denn zu einem unverantwortlichen
Verbrechen / und er wäre verbunden zum wenigsten so lange an sich zu halten /
biss er seinem Fürsten die ihn zurück haltenden Ursachen berichtet /und darüber
seinen eigentlichen Willen eingeholet hätte. Nach dem nun durch den letzten
Feld-Zug die Römische Macht gäntzlich erschöpfft / der Cherusker durch zweier
Völcker Zutritt verstärckt / und durch den Frieden alles in einen andern Stand
gesätzt worden wäre / würde Tiberius dem Germanicus so viel weniger als einem
Feldherrn für Mangel ausstellen können / wenn er / um aus einer so gefährlichen
Verwirrung sich auszuwickeln / etwas wagte / und eine Verordnung / welche aus
Unwissenheit solcher Umstände hergeflossen / und zu langsam kommen wäre /ausser
Augen sätzte / und also mehr seiner Vernunft /als einem unbedachtsamen Befehl
folgte. Sintemahl vielmahl mehr derer Staats-Diener Eigensinnigkeit /oder
Vorteil / als der Fürsten rechter Wille und bedachtsamer Schluss darhinter
steckte. Wie es denn in gegenwärtigem Falle das Ansehen hätte / als wenn
Tiberius hierdurch mehr des Sejanus Lüsternheit vergnügt / als seine Klugheit zu
Rate gezogen hätte. Daher sie nicht nur die Vollziehung dieses Frieden /sondern
alles andere für verantwortlich hielte / weñ ein Diener nur nicht das Maass
seines Amptes überschritte / und nichts / was der Hoheit seines Fürsten
verkleinerlich wäre / handelte. Sejan und andere Ratgeber des Kaysers zu Rom
wüsten viel / wie es um die Kriegs-Händel in Deutschland stünde; also könten sie
auch nicht besser als der Blinde von der Farbe urteilen. Hingegen könnte
Germanicus besser als alle andere zusamen urteilen / was Rom dienlich / und dem
Kayser anständig wäre; weil er alleine die Verfassung und ihr Maass auf beiden
Seiten wüste / und auf allen Fall den ihm beipflichtenden Silius zum Zeugen
haben würde. Germanicus sätzte ihr entgegen: die Unwissenheit derer zu Rom
hielte ihn an Vollziehung des Friedens am meisten zurücke / welche solchen so
vielmehr tadeln und schelten würden / weil sie nicht verstünden: dass Rom an den
Deutschen einen gar andern Feind / als an andern Völckern hätte; ja sich der
bisher erlittene Schaden nicht einmal recht schreiben / oder wenigsten nicht
dem Römischen Volcke offenbahren liesse / ja auf allen Fall auch schwerlich
allentalben Glauben finden würde. In allen Fällen aber wäre ein Diener ausser
Verantwortung / und in Sicherheit / wenn es seines Fürsten Willen / er möchte so
unrecht oder unvernünftig sein als er imer wollte / auffs genauste nachlebte.
Wenn dieses auch schon auffs allerschlimste auslieffe / fiele keine Schuld auf
ihn / sondern auf den Fürsten. Hingegen hielte keine Entschuldigung den Stich;
ja der glückseligste Ausschlag / dafür doch die klügsten Entschlüssungen keinen
Bürgen hätten / wären widrigen Falls ihn zu vertreten / und vom Ungehorsam
losszusprechen genung. Seine Begierde dem Fürsten treulich- und der Eyver seinem
Vaterlande nützlich zu dienen / würde ins gemein für Unvernunft ausgelegt /und
weil diese eben so schädlich dem gemeinen Wesen wäre / für eine Untreue
bestrafft. Zumahl wenn man nicht nur ausser Befehl sich in etwas wolmeinende
einliesse / sondern schnurstracks wider bekommene Verordnung handelte / welches
schwerlich dem Nahmen eines Betrugs entfliehen könnte. Insonderheit müste man
sich an diesem Fadem der Ariadne halten /wenn ein Fürst eigensinnig wie Tiberius
wäre / seinem Verstande mehr / als aller anderer Klugheit zutraute / und für
einen Abbruch seiner Hoheit hielte /wenn seine Befehle nicht auf ein Haar
ausgerichtet würden. Uber diss hätte Tiberius nicht nur eine Art an sich /
iedermanne Fehler beizumässen / sondern er wäre auch der missträulichste Mensch
unter der Sonnen / und würde für einen grossen Wucher halten /wenn er durch
scheinbare Beimässung eines Versehens oder Misshandelns ihm beikommen / und beim
Römischen Volcke schwartz machen könnte. Welches in gegenwärtigem Falle ihm
glücklich angehen würde / weil seinem Vornehmen nicht nur der todte Buchstaben
eines Kayserlichen Befehls; sondern der zu dem Ende ausdrücklich abgeschickte
Ratsherr Papinius solchem und ihm ins Antlitz widerspräche / auch wenn er
iemanden von den Gefangenen freilassen sollte / selbst in Meintz bei der
Besatzung einen Lermen anfangen / und beim Kriegs-Volcke / welches zwar den Sieg
aber nicht den Frieden gerne sieht /leicht Beifall finden würde. Agrippine
versätzte: Germanicus hätte nicht nur auf diss / was Tiberius zu letzt durch den
Papinius verordnet / sondern auch auf seine vorige Schreiben zu sehen / darinnen
er ihm ja deutlich zu verstehen gegeben / er sollte die Deutschen in Ruh / und
sich durch eigene Zwietracht aufreiben lassen / welches ohne vorher gemachten
Frieden nicht sicher geschehen könnte. Wie hätte ihm aber Tiberius etwas von
einem Frieden können träumen lassen /ohne dass denen kriegenden Fürsten ihre
Gemahlin /Kinder / und Anverwandten lossgelassen würden? Daher müste der letztere
Befehl / welcher von Aufhebung des erstern nichts meldete / notwendig auf den
Stand des ungeschlossenen Friedens ausgedeutet werden. Germanicus begegnete ihr:
Diss liesse sich alles wohl hören / wo es um Auslegung einer tunckelen Verordnung
zu tun wäre / da denn ein Diener / wenn ihm auf den Hals gegangen wird / und
die Sache keinen Verzug leidet / er auch sieht / dass ein Fürst eine neue
Begebnüs nicht hat vorsehen und seinen Befehl darnach beugen können / sich etwas
wohl nach Leitung des Verhängnisses / und seiner Klugheit durch eine kecke
Entschlüssung sich einer Freiheit anzumassen befugt ist. Aber / wo der Befehl
ihm schnurstracks zu wider ist / hat er gebundene Hände / und dieser hebt alle
vorher gehende Vollmachten / und die Gewalt des Amptes auf. Agrippine wusste
hierwider nichts kräfftiges aufzubringen / iedoch lag sie ihm noch immer in
Ohren / der Sache nachzudencken / und auf ein Mittel zu sinnen: dass er bei den
Deutschen einen guten Nahmen hinterliesse. Dieser wäre über das Leben / welches
der geringste Pöfel mit Helden gemein hätte /und über den Ruhm grosser Taten zu
halten / die durch versehrte Treu und Glauben doch einen unausleschlichen
Schandfleck behielten. Diese letzten Worte liessen in des Germanicus Hertze
einen solchen Stachel: dass er nebst dem Silius / auch die zu seinen
Reisegefährten ausgelesenen Freunde / nämlich den Vitellius / Cneus / Sentius /
Vibius Marsus / und Veranius zu Rate nahm / und mit ihnen schlüssig ward /den
Frieden vollends / iedoch mit diesem Beisatze zu vollziehen: dass die vom
Tiberius verlangten Gefangenen zwar nach Rom reisen; Germanicus aber daselbst
ihre Freiheit zu wege bringen; und da er über Hoffen solches nicht auszurichten
vermöchte / die Deutschen an den Frieden nicht gebunden sein sollten. Diesen
Vorschlag eröffnete Germanicus noch selbigen Abend Agrippinen / diese den
Gefangenen / welche sie durch Versicherung: dass sie auf der Reise nach Rom ihre
Beschirmerin sein / oder nicht leben wollte / zu Annehmung dieses Vorschlags
beredete. Tussnelde gab noch in der Nacht dem Grafen von Nassau hiervon einen
Vorschmack / und auf den Morgen beschwur sie ihn bei seiner Treue: er möchte das
eusserste tun /was er könnte / damit des Germanicus und Agrippinens Wolmeinen
mit dem Frieden nicht zergienge. Als nun Silius beiden Gesandten dieses vortrug
/ machte der Graf von Witgenstein zwar wegen mangelnder Vollmacht einige
Schwerigkeit / und verlangte dreier Tage Aufschub / in welcher Zeit er vom
Hertzoge Arpus solche zu erlangen getraute; aber Silius sagte: dass Germanicus
den dritten Tag aufbrechen müste; und der Graf von Nassau / welcher sich hierauf
schon gefasst gemacht / und befunden hatte: dass an Gewinnung weniger Zeit / und
einem kurtzen Frieden mit den Römern / dem Feldherrn wegen der mit dem Marbod
und Ingviomern habenden Zwyspalt viel gelegen wäre / entdeckte dem Witgenstein:
dass er diese Bedingung mit dem Frieden anzunehmen gedächte; wusste ihm auch seine
Schwerigkeiten derogestalt zu zerlegen: dass er biss auf Genehmhabung seines
Fürsten / darüber Silius kein Bedencken hatte / zu schlüssen / das Wort von sich
gab. Also ward über diesen Beisatz ein neuer Auffsatz gemacht / unterschrieben
und besiegelt. In der fünften Stunde wurden die Gesandten beim Germanicus mit
grossem Gepränge zur Verhör eingeleitet / und die Friedens-Schlüsse gegen
einander ausgewechselt. Als dieses auf einem grossen Saale in Anwesenheit der
vornehmsten Römer geschehen war / befahl Germanicus den Frieden an dreien
Plätzen der Stadt Meintz auszublasen / und an allen Gräntzen zu schreiben: dass
die Feindseeligkeiten gegen die Deutschen aufhören / und biss zu einlauffender
Genehmhabung des Friedens / die Gefangenen in Festungen als freie Leute gehalten
werden sollten. Zu Tussnelden / und anderm Frauenzimmer schickte er den Vitellius
/ und liess ihnen vermelden: dass sie nicht mehr der Römer Gefangene / sondern
seine Gäste wären. Nach dieser gemachten Anstalt / führte Germanicus die
Gesandten in sein inneres Gemach / zohe daselbst aus einem helffenbeinernen
Schrancken / dessen Fächer alle mit glatten und vielerlei Landschaften
abbildenden Steinen versätzt und inwendig mit geschliffenen Schildkroten-Schalen
belegt waren / ein Schreiben herfür. Dieses wiess er dem Grafen von Nassau ihn
fragende: ob er daran Hand und Siegel kennte. Als dieser es nun mit dem ersten
Blicke für des Hertzog Ingviomers ansah / fieng Germanicus an: Ich will dem
Hertzoge Hermann und Arpus durch dieses das erste Kennzeichen meiner
Freundschaft für Augen stellen. Gab es also dem Nassau nicht nur zu lesen /
sondern auch dem Feldherrn zu überbringen. In diesem fanden beide Gesandten
nachfolgende Worte mit Ingviomers eigener Hand in Römischer Sprache geschrieben:
Grossmächtiger Germanicus! Ingviomern wird nun auch bei den Römern Schutz /bei
dir Freundschaft zu suchen gezwungen / nach dem ihn der herrschsüchtige
Herrmann zu unterdrücken / die hoffärtigen Catten verächtlich zu halten
anfangen. Tiberius wird den hoffentlich für einen Bundgenossen nicht verschmähen
/ der für sein Vaterland so viel Jahr / und als Herrmann noch mit Tocken spielte
/ den Degen rühmlich geführet hat. Es ist mir leid: dass ich wider die Römer
fechten müssen; aber Rom unvergessen / dass ich meine Tapfferkeit auch für die
Römer angewehret habe. Diese sind gewohnt /auch alter Dienste zu gedencken / und
Germanicus die Tugend an Feinden wert zu halten. Diese werde ich künftig Rom
zu Dienste / und zu Befestigung eines ehrlichen Friedens / zwischen beiden
Völckern anwenden / welcher ohne Vertilgung des ehrgeitzigen Herrmanns / und
ohne Züchtigung der raubrischen Catten nicht zu hoffen ist. Der Römer
Freundschaft wird Ingviomer mit beständigerer Treue vergelten /als Melo /
Ganasch und Malorich / welche durch ihren mit dem Herrmann gemachten neuen Bund
und ihren Abfall von Rom / der Deutschen Beständigkeit einen hesslichen
Brandfleck eindrücken / und so wohl als die Semnoner und Longobarden ihnen das
Joch der Cheruskischen Dienstbarkeit / Deutschlande am Herrmann einen Wütterich
/ den Römern aber einen unversöhnlichen Feind aufbürden. Witgenstein lass dieses
Schreiben mit mehrer Veränderung als Nassau / welcher aus Ingviomers Dräuungen
ihm nichts bessers wahrgesagt hatte. Beide aber sagten dem Germanicus für so
aufrichtige Entdeckung dieses feindlichen Vorhabens verbindlichsten Danck;
welcher den Cneus Sentius beruffen liess / und ihm in ihrer Gegenwart befahl: er
sollte den Ritter Kulenburg / welchen Ingviomer an Germanicus abgeschickt hatte /
mit dieser Erklärung abfertigen: Weil die Cherusker und Catten numehr gute
Freunde der Römer wären / könnte er sich wider sie mit niemanden in Bündnis
einlassen. Hierauf führete Germanicus die Gesandten in den Speise-Saal; dahin
auch Agrippine Tbussnelden / Ismene / die Hertzogin Catta / und Zirolane brachte.
Wiewol nun dieses Feier ganz unvermutet kam / liess doch Germanicus darbei die
Römische Pracht zur Genüge sehen / und ging an Köstligkeit der Speisen / und
des Getränckes nichts ab / was die den Römern untertänige Länder zu ihrer
Verschwendung zu zinsen / oder auch die Gewinnsucht aus den eusersten Enden der
Welt herzuholen pfleget. Germanicus und die andern vornehmen Römer bezeugten
eine sonderbare Verträuligkeit gegen die Deutschen / und keine gemeine Freude
über dem gemachten Frieden. Auf die Nacht wurden auf den Bergen und im Rheine
allerhand Lust-Feuer angezündet; und auf den Morgen verfügte sich Germanicus mit
den Gesandten und dem ganzen Hofe für die Stadt an den Rhein / allwo er dem
Einflusse des Meines gegen über harte ans Ufer einen viereckichten Marmelstein /
welcher oben das Antlitz des Römischen Gräntz-Gottes fürbildete / und solches
gegen Deutschland kehrte / eingraben / und darneben das aus blau grünem
Marmelsteine künstlich gehauene Bild des Rheines aufsätzen liess / in dessen
Geschirre ein auf dem nechsten Berge entspringende Qvell durch verborgene Röhren
geleitet / und dessen Wasser daraus in den Rhein-Strom geschüttet ward. An dem
ersten standen folgende Reime:
Die Gräntze Galliens und Deutschlands ist allhier /
Wo der geweihte Rhein die beiden Ufer netzet /
Vorm Frieden ward diss Ziel den Nachtbarn zwar gesätzet;
Doch schrieb schon die Natur diss Gräntz-Maal ihnen für.
An des andern Fusse war zu lesen:
Der durch der Nachtbarn Blut zeiter getrübte Rhein /
Führt Perlen jetzt und Gold; wird auch noch schöner rinnen /
Wenn Rom und Deutschland wird einander lieb gewinnen;
Dem Fried' ists feinste Gold / der beste Edelstein.
Als beide Bilder aufgerichtet waren / salbeten sie die Priester mit wolrüchendem
Oele / kräntzten sie auch mit Oel Zweigen / und befahlen dem Gräntz-Gotte: dass
er von dar so wenig weichen sollte / als er sich zu Rom auf dem Capitolium vom
Tarqvinius hätte verrücken lassen / und dem grossen Jupiter selbst nicht die
Stelle räumen wollen. Hierauf wurden dem Gräntz-Gotte allerhand Erstlinge der
Früchte / dem zweihörnrichten Rheine aber zwei Ochsen geopffert /welches alles
dahin zielte / dass Germanicus die Deutschen des Friedens halber versichern
wollte. Demnach nun bei diesem absonderlich beliebt war: dass das deutsche
Frauen-Zimmer anderer Gestalt nicht / als in Gesellschaft Agrippinens nach Rom
reisen / Papinius aber / Krafft habenden Befehls / sich von selbtem nicht
absondern / weniger voran gehen wollte / schickte Germanicus den Veranius mit
einem Schreiben dieses Innhalts an Tiberius voran: Weil der Käyser ihm befohlen
/ die Deutschen ihrer iñerlichen Unruhe zu überlassen / hätte ihm das Glücke
gefugt: dass nicht nur die Cherusker und Marckmäñer einander in die Haare komen
wären / sondern es würde ehstes Tages auch zwischen dem Hertzoge Hermañ uñ den
Ingviomer ein neues Kriegs-Feuer aufgehen. Aus dieser Uneinigkeit hätte er einen
vorteilhaften Frieden noch für des Papinius Ankunft geschlossen gehabt /und
Gallien dadurch in Sicherheit gesätzet / welches sonst / weil die Sicambrer /
Chauzen und Friesen sich mit dem Herrmann wieder vereinbaret / Not gelitten /
und Rom in einen gefährlichen Krieg versäncket haben dörffte. Ob nun zwar in
diesem Frieden ausdrücklichen versprochen worden wäre / alle Gefangenen auf
freien Fuss zu stellen / hätten doch die deutschen Gesandten dem Käyser zu Ehren
beliebt: dass Hertzog Herrmanns Gemahlin / Sohn / Catta / Ismene und Zirolane
nach Rom reisen / und dadurch seinem Willen nachleben möchten. Er versähe sich
aber: dass Tiberius alles versprochene genehm haben / die mit ihm dahin Reisenden
los geben / also ihn seiner verpfändeten Worte und Ehren halber / Rom aber eines
weit aussehenden Krieges befreien würde. Veranius reisete noch selbigen Tag
geraden Weges nach Rom ab / Germanicus und Agrippina aber brachen mit ihrer
deutschen Gesellschaft folgenden Morgen auf. Es ist aber kaum glaublich / was
des Germanicus Abreise bei dem Römischen Kriegs-Volcke und den Galliern für
grosse Betrübnüss erweckte. Silius hatte zwar seine Legion für des Germanicus
Hause aufgeführt; aber sie hatten den Adler mit schwartzem Boy umhüllet / die
andern Krieges-Zeichen zu Bodem gekehrt / alles war für Trauren stock stille /
und sah auf die Erde / säuffzete / oder hatte die Augen voller Wasser stehen.
Als Germanicus nun heraus kam / zu Pferde sass / und Abschied nam / erhob sich
ein erbärmliches Gewinsel / die ihm die Hand küssenden Haupt-Leute konten kein
Wort aufbringen / ersätzten aber diesen Abgang mit einem Uberflusse darauf
rinnender Tränen. Etliche rufften: Wie er als ein Vater der Legionen sie
verlassen könnte / da sie für ihn alle Tage zu sterben erbötig / auch zu seiner
Sicherheit mit ihm nach Rom zu ziehen nötig wären. Nicht weniger Hertzeleid
bezeigten sie gegen Agrippinen / als sie in die Sänfte sass. Sie nennten sie die
Mutter der Läger / und baten / wenn sie zu ihrem Tröste ja nicht beim
Kriegs-Volcke bleiben könnte / möchte sie doch ihren im Läger auferzogenen Sohn
Cajus zurücke lassen; Er würde bei ihnen nicht wie zu Rom verzärtelt werden /
aber für Giffte und Eisen so viel sicherer sein. Sie selbst aber möchte doch
sich und die Ihrigen zu Rom wohl in acht nehmen. Denn sie wären versichert: dass
sie am Rheine zwischen den Spissen und Käulen der Deutschen sicherer / als zu
Rom zwischen den Armen des Tiberius / Liviens / und des Drusus wären. Endlich
rufften sie ihnen mit vollem Halse tausend Glücke nach. Noch viel ungeberdiger
stellten sich die Gallier / welche aus den fürnehmsten Städten nach Meintz
kommen waren / dem Germanicus für so viel Woltaten Danck zu sagen. Sie trugen
ihm den Nahmen eines Vaters der dreien Gallien an / weil sie unter der Römischen
Herrschaft noch von niemanden so gütig wären gehalten worden. Insonderheit aber
wussten sie die letztere Woltat wegen des gemachten Friedens nicht gnugsam zu
rühmen. Zu dem Ende hatten sie auch auf dem ersten Berge / über den des
Germanicus Reise ging / bei dreien Brunnen eine herrliche Ehren-Pforte
aufgerichtet; vielleicht weil Mercur /unter dessen Gestalt sie den Germanicus
verheren wollten / in Arcadien auf einem Berge bei drei Brunnen soll geboren
sein. Auf dieser Ehren-Pforte hatten sie die denckwürdigsten Getichte vom Mercur
/und darunter die Verrichtungen des Germanicus in Gallien und Deutschlande
fürgebildet. In dem ersten Felde war Germanicus unter der Gestalt des Mercur
/und die Stadt Rom wie Juno gebildet; Er hatte eine güldene Schale in der Hand /
darein Rom aus beiden Brüsten durch verborgene Röhren Milch spritzte / die er
auf die Erde ausgoss / darunter standen folgende Reime:
Was aus der Juno Brust für Milch Mercur gesogen /
Hat er ins Himmels Burg zur Milch-Strass angewehrt.
Uns hat Germanicus in Safft und Blut verkehrt /
Was er für Süssigkeit ie hat aus Rom gezogen.
Wer zweiffelt: dass man nun jedwedem dancken muss?
Der Himmel dem Mercur / wir dem Germanicus.
Auf der andern Taffel war Tiberius in Gestalt des den Blitz auf die unten
knienden drei Gallien auslassenden Jupiters gebildet / welchen aber Germanicus
ihm aus den Händen riess / und Gallien mit dem Herolds-Stabe des Mercur bedeckte.
Darunter war zu lesen:
Mercur hat Jupitern den güldnen Stab entführet /
Aus Sorge schweren Brands / den Blitz nicht angerühret;
Allein Germanicus scheut keinen eignen Brand /
Lässt dem Tiber den Stab / und nimmt ihm aus der Hand
Den Blitz / wenn Gallien soll seinen Zorn empfinden /
Wenn hat es Ursach nun mehr Weirauch anzuzünden?
In dem dritten Felde stand Mercur. Mit seinem Stabe reichte er in den gestirnten
Himel; neben ihm stand ein Wieder / unter seinen Füssen segelte ein Schiff auf
dem Meere. Darbei stand folgende Auslegung:
Mercur steht auf der Welt den fetten Heerden für /
Im Himmel ist er Wirt / der Schiffer Schirm in Seen;
Seit dem Germanicus uns fürsteht / sehen wir
Mehr Schiffe durch das Meer / mehr Vieh auf Weiden gehen.
Er gibt auf unser Heil und unsern Glücks-Stern acht /
Ja er hat Gallien zum Himmel fast gemacht.
In dem vierdten Felde teilte Germanicus in der Gestalt / wie die Kauff-Leute
ihren Mercur zu mahlen pflegen / denen dreien Gallien Maass / Gewichte / und die
Römischen Gesetz-Taffeln aus / unter ihm stand folgende Uberschrifft:
Die Handlung hat Mercur der Welt zu Nutz erdacht
Und wider den Betrug Maass und Gewicht erfunden;
Uns hat Germanius mit Sud und Ost verbunden /
Und unsre Kaufmannschaft in höchsten Schwung gebracht.
Gerechtigkeit ist jetzt der Gallier Gewicht /
Allein ihr Glücke weiss von keinem Maasse nicht.
Im fünften Felde stand eine weisse und fette Kuh / mit einem Krantze von
vielerlei Blumen um den Hals. Auf der Stirne stand mit güldenen Buchstaben: Y.O.
um die Hörner: Gallien / geschrieben. Gegen über war der schlaffende Argos mit
hundert zugeschlossenen Augen / und Germanicus in Gestalt des auf der Leier
spielenden Mercur / unten aber folgende Auslegung zu sehen:
Dem Argos schleust Mercur die hundert Augen zu /
Die um die Yo stets aus eitel Missgunst wachen;
Ist Yo Gallien / und eine fette Kuh /
So ist Germanicus auch zum Mercur zu machen /
Nun aller Deutschen Neid schläfft durch den Frieden ein /
Bei unserm Glücke blind / mit sich vergnügt muss sein.
Im sechsten Felde sass Germanicus in Gestalt des Mercur auf einem Trone; für
welchem auf einer Seite die Gallier fochten und Ritter-Spiele auf der andern die
Beredsamkeit übten. Darunter stand geschrieben:
Von dem Mercur rührt her Beredsamkeit und Fechten /
Diss unterhält den Krieg / und jenes schaffet Ruh;
Germanicus bringt uns auch beide Künste zu.
Denn Gallien kann nun auf Römisch red- und rechten;
Er hat die Waffen es zu führen recht gelehrt /
Und wie so Stahl als Kiel zu brauchen sich gehört.
Im siebenden Felde stand Mercur in einem Zauber-Kreisse / machte mit seinem Stabe
allerhand seltzame Zeichen darum / für ihm aber kam aus der zerberstenden Erde
ein Gespenste herfür. Zu seinen Füssen lagen viel verschlossene Hertzen / in
welchen allen aber Schlüssel steckten. Unten war diese Schrifft zu lesen:
Mercur / dem Jupiter zu allen Schlüssel gab /
Der die Gestirn' auffschleust / und öffnet Höll und Grab /
Lehrt alles Zauberwerck / stöst Oel ins Pluto Kertzen;
Allein Germanicus weiss bessere Zauberei /
Er bricht mit Freundligkeit Ertzt / Stahl / und Stern entzwei /
Die einen Schlüssel hat zu aller Menschen Hertzen.
Im achten Felde richtete Germanicus in Gestalt des Mercur mit seinem Stabe den
Lauff des Gestirnes; welches folgende Reime auslegten:
Mercur hat uns gelehrt des Himmels Heimligkeit /
Und was s' Verhängnis hat in Sternen Ziffern stecken
Allein Germanicus weiss nicht nur zu entdecken /
Was uns ein Stern sagt wahr; Er meistert selbst die Zeit
Kehrt / was ein Unstern dräut / durch klugen Rat in Seegen /
Ist dem Verhängnisse durch Tugend überlegen.
Im neundten Felde waren die zwei Pforten der Träume / und zwischen diesen Mercur
/ welcher darüber seine Botmässigkeit ausübt. Darunter standen nachfolgende
Reime:
Was Ehrsucht / Wollust / Geitz / für Wunder kann ersinnen /
Last in des Menschen' Hertz Mercur durch Träume rinnen /
Wenn er die Tor auffsperrt von Horn und Helffenbein
Wir aber können nichts so gut durch Träume fassen /
Was uns Germanicus nicht wirklich schmecken lassen /
Was für ein grösser GOtt muss der für jenem sein.
Im zehnden Felde erledigte Mercur vieler Sterbenden Seelen von dem Gefängnisse
ihrer Leiber / hingegen vereinbarte er viel aus den Elysischen Feldern zurück
ans Tagelicht kommende Seelen mit neuen Leibern. Welches folgende Uberschrifft
dem Germanicus zueignete:
Mercur läst von der Last der Leiber ab die Seelen /
Und wenn die Zeit ist aus / so führt er aus den Hölen
Des Pluto / und vermählt mit neuen Leibern sie.
So trennt Germanicus die Seelen stoltzer Feinde;
Beseelt durch seine Gunst: die unterdrückten Freunde;
Drum beuge Freund und Feind für ihm nur Hertz und Knie.
Im eilfften Felde stand der den Mercur abbildende Germanicus. Reichte denen drei
Gallien zum Zeichen des erteilten Römischen Bürger-Rechts drei weisse Röcke /
und wiess sie zur Verehrung der zwölff grossen Götter an. Darunter war folgendes
geschrieben:
Mercur hat von dem Vieh die Menschen unterschieben /
Als er sie Götter ehrn / die Raserei durch Frieden
In sanfte Sitten kehrn / und Städte bau'n gelehrt;
Wenn vom Germanicus wir nicht gebändigt wären /
So würde Gallien nur Barbern in sich nehren /
Das numehr Bürger haus't und wahre Götter ehrt.
    Im zwölfften Felde warff Germanicus in Gestalt des Mercur seinen vom Apollo
für die Leier eingetauschten Stab / zwischen zwei einander beissende Schlangen /
durch welchen sie ihren Krieg alsbald in eine liebreiche Umfassung sollen
verwandelt haben. In der Hand aber hatte er einen güldenen Rincken mit vielen
goldenen Ketten / welche einer Anzahl Deutschen an denen Ohren feste gemacht
waren / dadurch er sie an sich zoh. Die darunter stehenden Reime machten darüber
diese Auslegung:
Mercur führt alle Welt an einer güldnen Ketten /
Und schaffet / dass sie Fried auch wider Willen trifft.
Sein Stab verkehrt in Brunst der Nattern Zwietrachts- Gift.
    So / wenn die Deutschen gleich mehr Gall' als Schlangen hätten /
Kan doch Gemanicus so künstlich sie beschwern;
Dass sie des Hasses Gift in holde Freundschaft kehrn.
Durch diesen Ehren-Bogen giengen drei weite Pforten. Zwischen der mittelsten auf
der rechten Hand sass Germanicus in Gestalt des Mercur auf einem erhobenen Stule.
Auf der lincken Seite kniete gegen ihm das Celtische Gallien / neben ihm lag der
Fluss Rhodan /durch dessen Wasser-Krug der eine Brunn sein Wasser ausschüttete.
Gallien aber reichte dem Germanicus eine Schüssel voll Zungen zu. Auf der
rechten Hand der ersten Pforte kniete das Aqvitanische Gallien /und reichte mit
der Hand dem Germanicus ein Hahn zu. Neben ihm lag der Fluss Garumna / durch
dessen Geschirre der andere Brunn floss. Auf der lincken Seite der dritten Pforte
kniete das Belgische Gallien /und übergab dem Germanicus eine Schale Honig und
einen Krug voll Milch. Neben ihm lag die Maass /durch dessen Wasser-Topff sich
der dritte Brunn ausschüttete. Diese Bilder waren alle in Riesen-Grösse und
starck vergoldet. An denen vier Füssen waren vier Taffeln / in welche mit
güldenen Buchstaben folgende Reime geschrieben waren:
Verschmähe Galliens geringes Opffer nicht /
Du Römischer Mercur. Diss / was dir unsre Pflicht
Zu bringen schuldig ist / wächst nicht in unsern Gräntzen
Steht nicht in unser Macht. Mit unsern Lorber-Kräntzen
Ist Göttern nicht gedient / die Rom schon betet an.
Weil dir sein Jupiter kaum selbst vergelten kann /
Was deine Tugend heischt; wie sollen unsre Scherben
Dir nicht verächtlich sein? Was Kermes-Kerner färben /
Was unsre Bäum' und Vieh für weiche Wolle trägt /
Was unser Seiden-Wurm aus Laub zu spinnen pflegt /
Dient dem Germanicus zu keinem Sieges-Kleide.
Der Perse / dem er dreut / trägt ihm schon seine Seide /
Arabien sein Gold / Taprobana sein Gut
Der Muscheln; Indien sein Steinwerck / Tyrus Blut
Der Purpur-Schnecken an ihm einen Rock zu weben /
In welchem er nach Rom als Sieger sich erheben /
Sein Heiligtum beziehn / und in dem Capitol
Die Zahl der Helden mehrn und sich vergöttern soll.
Jedoch verschmäht kein GOtt die zwar geringen Gaben
Gemeiner Opffer nicht / die nur den Beisatz haben
Der Andacht. Diese gibt dem Hartzte / das man liesst
In Ameiss-Hauffen auf / mehr Krafft / als was erkiest
Von den Saheern wird / wenn nur auf schlechten Kohlen
Die keinen reinen Brand aus warmen Hertzen holen /
Viel männlich Weirauch schmiltzt. So nimm nu gnädig an
Was Gallien dir bringt / und Armut geben kann.
Für allem liefert es dir die geweihten Zungen /
Denn dein Gedächtnis wird mit Ruhme sein gesungen /
Und unser Hertze wird sich dir zum Tempel weih'n /
Weil Gallien nur nicht wird ohne Zunge sein.
Lass Amatusien die Muschel-Zungen bringen /
Lass auch zu Babylon vier güldne Vögel singen /
Legt ihnen auch das Lob der Götter Zungen bei /
Weil sie den Königen durch süsse Zauberei
Erworben aller Gunst; du selbst wirst einst bekennen:
Dass mit mehr Andachts-Glut dir unsre Zungen brennen.
Jedwedes Baum-Blat wird in Zungen sich verkehrn /
Ja ieder stumme Fisch / den unsre Wässer nährn /
Wird den Germanicus mit heller Zunge preisen;
Die Zungen sind zwar sonst die letzten Opffer-Speisen
Der Götter; aber hier sind sie die erste Tracht /
Weil unser Hertze sie zu seinen Flammen macht.
Um Galliens Mercur mit ihnen zu versöhnen /
Und sein Altar damit als Hörner zu bekrönen.
Das andre was dir wird von Gallien gewehrt /
Ist ein geringer Hahn. Weil aber er begehrt
Von so viel Göttern wird / weil Titan ihn hoch achtet /
Weil er dem Esculap und Tode wird geschlachtet /
Weil wegen Tapfferkeit ihn Pallas ihr erkiest /
Mit ihm den Helm ziert aus / Mercur ihm günstig ist.
So wird Germanicus den Vogel nicht verschmehen /
Den über Persien man einmal herrschen sehen.
Den die Natur gekrönt / den an der Adler statt
Der Adel Cariens auf seinen Lantzen hat.
Der Löwen durch sein Lied zu schrecken sich erkühnet /
Denn kein von Furcht und Schlaff betörter Vogel dienet
Für einen solchen Held / der solche lange Zeit
Für Gallien gewacht / durch seine Tapfferkeit.
Für Deutschlands Löwen uns hat als Cancul beschützet
Der Gallier ihr Mars. Doch wo kein Hahn dir nützet /
So lass uns Gallier dir nicht verschmählich sein /
Wenn wir uns selber dir an statt der Hahnen weihn.
Ist unser Vater nicht Alectryon gewesen /
Hat doch die Nacht für uns den Vogel ausgelesen /
Die unser Ursprung ist; ja diss behertzte Tier
Geht als ein Beispiel uns in hundert Wercken für.
Und zwar in diesem auch: dass unser Blut und Leben /
Für den Germanicus zum Opffer hin zu geben
Nicht ein'ge Scheue trägt. Das letzte Liebes-Pfand /
Was Gallien dir bringt mit seiner treusten Hand /
Ist Milch / des Blutes Schaum / und Zucker unser Bienen
Weil beide Säffte nun den Erden Göttern dienen /
Weil ihre Süssigkeit so den Mercur vergnügt /
So nim auch du sie an. Denn dass mans Feld noch pflügt;
Dass unsre Kühe Milch / die Schaafe Wolle geben /
Die Biene Honig macht / auf Hügel wachsen Reben /
Diss schreibet Gallien dir / Schutz-Herr / einig zu /
Danckt dir die Fruchtbarkeit und seine stoltze Ruh.
Sein Honig mag Aten / Surrent die Milch ausstreichen /
Garumna und die Maass / wird beiden wenig weichen.
Es zuckert unsre Lieb' auch Milch und Honig ein /
Wie jene oben / diss soll unten süsser sein.
So bringt dir Gallien den Honig ihrer Seelen
Und ihrer Zunge Milch. Kan Honig in den Hölen
Die Leichen für Verwes- und Fäulung halten frei /
Legt seine Nahrung uns ein langes Leben bei.
So wird Germanicus hier nimmermehr verwesen /
Weil Gallien durch ihn / als Vater ist genesen.
Weil er durch seine Hold als Mutter uns gesäugt /
Des Glück- und Himmels-Gunst uns gleich als Milch zuneigt.
Dass wir auch dein Altar nach Not versorgen können
Wird / wo du uns bleibst hold / noch GOtt mehr Segen gönnen.
Man wird in Gallien nur güldne Jahre zehln /
Der Maass wird nimmer Milch / der Samber Honig fehln /
Die Liguris wird sich mit Fruchtbarkeit ergiessen /
Die Mose / wird voll Wein / nur Oel im Rhodan flüssen.
Unter diesem Berge auf einer annehmlichen Wiese /und an einer hellen Bach stand
eine andere prächtige /iedoch kleinere Ehren-Pforte. Diese hatte oben fünf
grosse Felder. In dem mittelsten umarmte Germanicus und Agrippina in Gestalt des
Osiris und der Isis einander. Er hatte die Sonne / sie den gesichelten Mohnden
auf der Stirne / in der Hand einen Jäger-Spiess /zu den Füssen den dreiköpfichten
Cerberus / weil Isis mit der dreifachen Hecate eines / und im Himmel der Mohnde
/ auf der Erde Diana / in der Hölle Proserpina sein soll. Darunter stand mit
güldenen Buchstaben: Die Vermählung der Natur und des Glückes. Im ersten Felde
stand Isis in Gestalt der Ceres / hatte auf dem Haupte einen Krantz von
Weitzen-Eeren / in der Hand ein Horn des Uberflusses / und hatte darunter den
Titel einer Gebährerin der Früchte. Im andern Felde hatte sie einen Krantz von
allerhand glänzendem Ertzte / in der Hand einen Püschel Narcissen /zu den Füssen
einen Molch / weil dieser nirgends /wo nicht auch Gold ist / sich aufhalten soll
/ über jener Abbrechung aber Proserpina soll geraubet worden sein. Unter ihr war
geschrieben: Die Erfinderin des Ertztes. Im vierdten Felde war Agrippina in
Gestalt der vielbrüstigen Isis zu sehen / an welcher Unter-Kleide allerhand
Löwen-Katzen-Habichts-Köpffe / Schlangen und andere Egyptische Bilder-Schrifften
zu sehen. Auf dem Haupte hatte sie Ochsen-Hörner / zu den Füssen einen Fisch /
von welchem sie soll erhalten worden sein / und in dessen Gestalt sie verehret
zu werden pflegt. Sie hatte zur Uberschrifft: Die Mutter der Feuchtigkeit. Im
fünften Felde stand Isis in Gestalt eines viereckichten Steines / wie auch
Mercur gebildet wird. Ihre Augen waren wie die der Temis verbunden / und neben
ihr lag ein Mässstab und Richtschnure. Darunter stand: Die Erfinderin der
Gesätze. Unten sass Agrippina wie die Egyptische Isis auf einem Königlichen
Stuhle / für ihr knieten die drei Gallien. Das Celtische überlieferte ihr einen
Püschel Mah-Häupter / das Aqvitanische eine Ganss / das Belgische eine Kalbe. Auf
jeder Seite der Ehren-Pforte stand eine viereckicht zugespitzt Säule / an denen
folgende Reime zu lesen waren:
Wer die Geheimnisse der gütigen Natur /
Die Unruh voller Ruh der richt'gen Sonnen-Uhr /
Der Tag und Nächte Maass / den Unterscheid der Zeiten
Das Reichtum in der Welt von Lust und Nutzbarkeiten
Vernünftig überlegt / dem fällt es gar nicht schwer /
Zu urteiln: Alles rührt von einer Gotteit her.
Das bist / O Isis! du; Was Menschen kann ernehren /
Muss zeugen der Osir / und Isis es gebähren.
Sie schwängert Erd und Meer / lässt Ertzt wie Pflantzen blühn /
Deckt Wiesen mit Schmaragd / und Gärte mit Rubin.
Sie kleidet Berg und Fels mit Wäldern und Gepüschen /
Weiss sie mit frischem Qvell und Schatten zu erfrischen.
Das Feld bekämet sie mit tausend Kräuterei /
Zur Speise Wild und Vieh / dem Menschen zur Artznei.
schafft Wind und Witterung / gibt den Gewächsen Seegen /
Geusst Schalen voller Tau / und Schlauche voller Regen
Auf Wüsteneien aus. Zeucht's Wasser aus der See /
Verkehrt es in Gewölck / in Nebel / und in Schnee.
Um Brunnen zu gebehrn / das Erdreich zu befeuchten /
Lässt ihnen wässrige bald dürre Sterne leuchten /
Wie ihre Hörner selbst / bald leer bald völler sind.
Bald reget sie den Blitz / bald flügelt sie den Wind /
Beseelt die Lufft durch Saltz / durch Schwefel-Dampf die Erde /
Erweckt den Geist der Welt / dass alles trächtig werde.
Sie flösset so viel Säfft' iedweder Wurtzel ein /
Als ihnen zur Geburt der Pflantzen nötig sein.
Kein Mahler weiss so viel Gestalten zu ersinnen /
Kan so viel Farben nicht aus Erd und Meer gewinnen /
Als Isis hat verbraucht in eines Pfauen Schwantz /
In einer Taube Hals. Der Regenbogen Glantz /
Der Syrer Färberei / die Persischen Tapeten /
Sind Armut / Einfalt / Schaum / und müssen sich entröten /
Wenn sie das Feld mit Gold und reichem Scharlach stickt
Mit Meer- uñ Berg-blau mahlt / mit tausend Blumen schmükt.
Sie zeugt manch Schnee-Kind hier aus einem Mohren- Stamme /
Das Silber kämpfft mit Milch / Zinober mit der Flamme /
Narciss und Hyacint weicht Stern und Himmel nicht /
Die Rose trotzt die Sonn' / und ihre Farbe sticht
Die Morgenröte weg. Ja manche kleine Blumen
Beschämen an Geruch den Balsam aus Idumen /
An Schönheit Schnecken-Blut. Legt Isis denn die Hand
An Früchte / kann kein Mund / kein Auge / kein Verstand
Wie lüstern die gleich sind / so vielerlei begehren /
Als sie stets Vorrat hat uns häuffig zu gewehren /
Gesicht und Zunge kämpfft: Ob diesem mehr der Safft
Ob jenem mehr das Gold Lust und Vergnügung schafft /
An schimmernden Zitron- und brennenden Granaten /
Ob's Obst für den Geruch / ob's sei zur Kost geraten?
Ob sie die Beeren meist in Blut und Purper netzt /
Dass sie so Aug' als Mund durch eine Tracht ergetzt.
Ja wüste gleich die Welt nichts nicht von Obst und Beeren /
Wenn gleich in Indien nicht Nüss und Würtzen wären.
Rinn't aus der Balsam-Stand' auch keine teure Flutt /
So würde doch der Wein / der Erde Marck und Blut /
Des Lebens kräfftig Oel / der Sterblichen Ergetzen /
Der Götter Honigseim / den Abgang uns ersetzen.
Durch den hat Isis uns was göttliches beschert /
Die Trauben sind auch mehr der güldnen Kronen wert.
Damit sonst die Natur Granaten-Aepffel schmücket /
Aus Irttum nicht aus Recht. Was man aus Perlen drücket /
Aus Edelsteinen zeucht / Musch / Ambra und Muscat /
Der Zimet und Zibet / und was die Ost-Welt hat.
Auch was die neue Welt wird mit der Zeit uns geben /
Heisst unsre Isis zwar als Künstlerin erheben /
Alleine durch den Wein bringt sie den Menschen bei /
Dass sie die Frau der Welt / die grosse Gotteit sei /
Im Himmel / Erd' und Holl'. Und dieses zu erweisen /
Gebuhrt sie dort und dar uns ausserwehlte Speisen.
Die Eicheln sind gewest die Kost der ersten Welt /
Sie aber hat gelehrt / wie man die Pfluge hålt /
Die Aecker richtet zu / dass sie nun Weitzen tragen;
Sie lehrt aus Eer' und Spreu die schweren Korner schlagen /
Durch Muhlen sie in Mehl / durch Glutt in Maltz und Brodt /
Und in Getråncke kehrn. Sie gab uns das Gebot
Was nackt ist von Natur / fur Schand und Frost zu decken /
Weisst uns zum Håuser baun / durchs Beispiel schwacher Schnecken /
Lehrt Lein und Hanff såen aus / låsst uns die Weberei
Und des Gespinnstes Kunst durch Spinnen bringen bei.
Sie heisst hierzu uns Båum- und Schafe-Wolle tragen /
Der Seiden-Wurm muss ihm sein Eingeweid abnagen /
In Fådem' es verkehrn / dass uns ein pråchtig Kleid
Nichts minder schmuckt als deckt. Ja uns're Lüsternheit
Zu såttigen / lehrt sie uns bauen Weid- und Röte /
Wie man die Kråuter press' / und Purper-Schnecken todte
Weisst in Geburg' und See uns hundert Farben an /
Damit man Woll' und Seid in ihnen tråncken kann.
Sie lehrt mit Nadeln mahln / Stein / Gold und Silber spinnen /
Schleifft Demant und Rubin / und wird noch viel ersinnen /
Was Pallas nicht gewust / kein Phryger hat gestickt /
Dass sie nur uns vergnugt und unsre Hoffart schmuckt.
Sie lehrt uns Netze / Strick- und schlaue Garne stellen /
Das starck' und schnelle Wild zu fangen und zu fållen;
Weil uns ihr Leder dient zu Waffen und zur Tracht /
Weil man aus Haaren Peltz' aus Horn Artzneien macht.
Und ihr gesundes Fleisch der Menschen Hunger stillet;
Mit diesem Reichtum ist nicht nur die Erd erfullet /
Die Luffte wissen nicht ihr Flugelwerck zu zehln /
Der menschliche Verstand das beste zu erwehln.
Damit die niedlichen auch keinen Eckel kriegen /
Heisst sie diss leichte Volck den Erden-Kreis durchflügen
Und uber Meere ziehn; ja måstet sie durch Wein /
Durch Felgen / Wurtz und Nuss / und notigt sie uns ein.
Vielleicht hat sie darum die Schiffart uns entdecket:
Dass / wenn der Zuwachss uns nicht unsers Landes schmecket /
Man Hahn' aus Indien und Persen holen kann /
Des Ganges Papegoyn / und Colchis Phasian?
Ein ander frembder Strom uns Phånicopter sende.
Jedoch hat Isis noch viel reich' und mildre Hånde
In der besåmten Flutt. Es kåmpfft Teich / Fluss und Meer
Wer uns aus ihnen schickt das meiste Fischwerck her.
Diss ist so schwer an Tier' als Wåssern auszuleeren /
Ein Fisch hat meist mehr Brutt als ein ganz Volck gebehren /
Von andern Tieren kann. Der Arten sind so viel:
Dass sie sich muhn zu zehln scheint eines Toren Spiel.
Die Gross' erreicht vielmahl das Maass geringer Berge /
Denn Elefanten sind bei Wallfisch-Jungen Zwerge;
Und einer speist ein Heer. Doch ist mehr wunderns wert:
Dass ein gar kleiner Fisch ein grosses Schiff umkehrt.
Und eines andern Horn / das Helffenbein beschåmet /
Es als wie Wachs durchbohrt. Nebst allem dem besåmet
Mit Austern / Krebs / Syren und Pferden sie die See /
Flösst Schnecken Purper ein / den Perlen Tau und Schnee /
Nach welchem jener Zung' und dieser Muschel låchset;
Sie machet: dass Korall ins Meeres Grunde wåchset /
Bei dem Gestalt und Hårt' uns Zweifel streuet ein:
Ob dieses Meer-Gewåchs' ein Baum sei oder Stein?
Drum streut sie so viel Saltz in die beperlten Meere /
Das Oel der Fruchtbarkeit. Wenn auch die Schopffen- Heere
Nicht håtten einen Zug einander zu verzehrn /
Kont' ihnen nicht die Flutt zur Wohnung Raum gewehrn.
Doch ruht hier Isis nicht. Sie bringt uns Nutz und Freude /
Aus Nacht und Abgrund her. Sie lehrt die Eingeweide
Der Erden uns durchbohrn / den Handgrief wie das Blei
Gold / Silber / Eisen / Zien / Stahl / Ertzt zu schmeltzen sei.
Wie man soll Schwefel ziehn / das Kupffer-Wasser sieden /
Qvecksilber machen fest / aus Stahle Schwerdter schmieden /
Pflug-Eisen / Sicheln / Aext und Sågen richten an /
Aus Silber pregen Geld. Sie weiset / wie man kann
Verkehren fliessend Ertzt in Bilder und in Spiegel /
Wie man in Pfeilen selbst dem Tode giebet Flugel.
Wie Gift und Spiessglass sich låsst wandeln in Artznei /
Zinsst Alaun und Lasur der Fårb- und Malerei.
Sie kann vermischtes Ertzt durch Scheide-Wasser trennen
Bereitet trinckbar Gold / kann kråfftig Wasser brennen /
Aus Steinen und Metall / ja hat durch Tråum' entdeckt /
Was fur geheime Krafft in Kraut und Wurtzeln steckt.
Am hochsten aber ist der Isis hold zu schåtzen /
Weil sie die Welt versehn mit heilsamen Gesåtzen.
Denn diese sind das Licht / das unsers Lebens Nacht
In einen Tag verkehrt / und Vieh zum Menschen macht.
Sie hat uns abgewohnt das Menschen-Fleisch zu essen /
Lehrt nach Gerechtigkeit all unser Tun abmåssen /
Setzt unserer Begierd' und Rache Maass und Ziel /
Lehrt uns den Gottesdienst / was GOtt und Himmel will.
Und so beströmt sie uns mit unverfålschten Lüsten /
Mit reiner Liebes-Milch / aus mehr als tausend Brusten /
Macht also in der Tat sich aller Welt bekand:
Als Mutter der Natur / und GOttes rechte Hand.
Ihr wahres Ebenbild hat uns mit Agrippinen
Der Himmel zugefromt. Mit dieser ist erschienen
Ein Glucks-Stern Gallien / der ihm viel Heil gebracht /
Der es aus Wustenei zum Paradis gemacht /
Und zum Gelobten-Land. Es trug ja wohl Getreide /
Oel-Båume wilder Art / der Erden Eingeweide /
Gab nichts als Stahl und Blei. Das Obst war hart und klein /
Der Wein von Anmut leer / die Trauben ungemein.
Und was uns die Natur gleich gutes noch bescherte /
War zweiffelhaftes Gut. Denn unsre Scheuren leerte
Der wilde Deutsch' uns aus / eh als sie unser Fleiss
Kaum hatte vollgemacht. All' unsre Muh und Schweiss
War frembder Volcker Raub. Die Isis unsrer Zeiten
Hat aber der Natur Erqvick- und Nutzbarkeiten
Als Mutter uns versehrt / als Gottin uns gebracht /
In Ruh und Sicherheit. Denn unsre Mitternacht /
Und Gallien prangt jetzt mit Medens edlen Fruchten /
Mit Asiens Gewåchs- und Indiens Gerichten.
Granaten-Aepffel bluhn mit Aloen allhier /
Das Land bringt Tulipan' und Hyacint' herfur
Und was Semiramis in ihren Gårten zeigt.
Denn diss hat Agrippin' uns alles zugeneiget /
Den Saamen uns verschafft / die Pflegung uns gelehrt /
Das Obst durch Pfropffungen verbessert und vermehrt.
Einåugungen entdeckt / und Tingung angegeben /
Aus Persien Citron / und Co und Chios Reben /
Von Syracusa Weitz' / und Datteln vom Euphrat
In unser Land versetzt. Und ihre Sorgfalt hat
In Gallien gepflantzt Egyptens Kockus-Eichen /
Fur derer Rotenschein der Purper muss erbleichen.
Aus derer Kornern wird Gewurm herfur gebracht /
Das selbten Baum besåmt / mit Kermes fruchtbar macht.
Ja sie bereichert uns mit Scytens Elends-Tieren
Und Ochsen Phrygiens; liess Pferd' uns uberfuhren
Aus Africa zur Zucht / und Bienen von Aten /
Von Paphos Tauben / die Wahrsagungen verstehn.
Und die in Syrien in schneller Botschaft fliegen /
Aus Cypern Flugelwerck / und aus Cyrene Ziegen /
Aus Paphlagonien die rote Rebhuns-Art /
Die von zwei Hertzen lebt. Von unser Isis ward
Auch der Egyptier Geheimnuss uns entdecket /
Wie man das Feder-Vieh durch Ofen-Wårmbd' aushecket
Und wie ein zahmes Huhn Fasanen kann erziehn /
Ja was in Gallien nicht wachsen will und blühn /
Hat sich durch Kaufmannschaft auf unsre Märckte funden /
Weil sie den Rhodanus durch Schifffahrt hat verbunden
An Nil und an die Rha / und seit der Ganges Fluss
In unsre Ligeris sein Reichtum zinsen muss.
Sie hat uns Saltz gelehrt aus Meer und Brunnen ziehen /
Hat Wunschelruten uns / und Wissenschaft verliehen /
Wie aus Geburgen Ertzt und Gold zu graben sei /
Und hundert Kunste mehr den Galliern bracht bei.
Darum sie wurdig ist in Ertzt und Gold zu etzen.
Hat sie uns nicht versehn mit heilsamen Gesetzen /
So ist mehr danckens wert: dass sie durch treuen Rat
Und gutes Beispiel uns vielmehr gebessert hat.
Fur aus muss Gallien / so lang' es Låger schlagen
Und Waffen fuhren wird / von Agrippinen sagen:
Sie sei der Låger Trost / und Mutter / unser Schild /
Der Schutz-Geist Galliens / und sein Minerven-Bild /
Der Volcker Heil gewest. Ja weil der Rhein wird flussen /
Wird er zu ihrem Ruhm / zu seiner Schande mussen
Bekennen: Sie / nicht er / hielt Herrmanns Einbruch ein /
Die Flucht der Romer auf: gab die Natur den Rhein:
Dass er den Galliern zur Mauer sollte dienen;
So hat's Verhångnuss uns erwehlet Agrippinen.
So wohl tut Isis uns. Was aber opffert ihr
Zu seiner Danckbarkeit denn Gallien hierfur?
Der Kummer ist umsonst. Hat Isis nicht verachtet
Ein Kalb und eine Ganss / wenn man sie ihr geschlachtet /
Ein Mahhaupt / welches doch nur schlåffrig machen kann
So wird auch Agrippin' jedwedes nehmen an /
Weil die / die alles hat / sich låsst mit Nichts bezahlen:
Weil sie ist eitel Kern / vergnugt sie sich mit Schalen.
Weil Germanicus seine Reise verfolgte / genass Deutschland zwar der Ruhe mit
frembden Feinden /aber nicht mit sich selbst. Denn ob zwar der Graf von Nassau
und Witgenstein nicht alles nach Wunsch hatten einrichten können / liessen doch
beide der Cherusker und Catten Hertzoge alles gefallen / was sie mit dem
Germanicus geschlossen / und schickten in wenig Tagen ihre Genehmhabung dem
Silius nach Meintz /der inzwischen über die Legionen und Gallien die oberste
Gewalt hatte. Nach dem sie auch aus Ingviomers mit gebrachtem Schreiben
allzusehr vergewissert wurden: dass seine gegen den Grafen von Nassau
ausgelassene Drenworte aus keiner hitzigen Ubereilung / sondern aus rechter
vorsätzlicher Feindschaft hergeflossen wären / kamen beide Hertzoge auf ihrer
Gräntze zusammen / um deswegen über der Wolfart Deutschlandes mit einander Rat
zu halten. Hertzog Arpus war der Meinung / nach dem Ingviomers Ansuchen beim
Germanicus eine würckliche Feindseligkeit wäre / sollten sie unverwarnter Dinge
ihn auf beiden Seiten überfallen / und diese schlaffende Schlange Deutschlandes
in ihrem Neste tödten. Sintemahl er in dem Schreiben an den Germanicus ihnen
schon selbst mehr als den Krieg angekündiget hätte; in welchem Falle ihnen nicht
obläge / ihm die Fehde wieder anzudeuten / sondern es wäre nicht weniger
Rechtens / als der Klugheit gemäss / angedreuter Gewalt durch Geschwindigkeit
vorzukommen. Hertzog Herrmann aber führte nicht nur wegen nahen Geblütes /
sondern auch einer absondern Gemütsneigung viel mässigere Ratschläge gegen ihm
/ und sagte: dass auch in denen Fällen / wo es das Völcker-Recht nicht für nötig
hielte /löblich wäre / ehe man einen bekriegte / selbten um Vergnügung wegen
angefügter Beleidigung anzulangen / und widrigen Falls ihm anzudeuten: dass man
an ihm Rache ausüben wollte. Ingviomer wäre freilich wohl unrecht / aber man sollte
auch bei zerfallener Freundschaft nicht vergessen / was uns unser Feind vorher
gutes getan hätte. Denn da nachfolgende Woltat vorhergehende Beleidigung
auswischte; warum sollte auch nicht vorher gehende Guttat das folgende Unrecht
ausgleichen? Der Römische Friede würde Ingviomern vermutlich nun ein ander Maass
zu nehmen / und lindere Seiten aufzuziehen veranlassen. Uber diss hätte er auch
noch den Marbod und Vannius / von derer mächtigen Zurüstung er gewisse Nachricht
hätte / am Rücken / welche den noch auff schwachen Füssen stehenden Frieden mit
den Römern übern Hauffen zu werffen / weder Müh noch Unkosten sparen würden.
Wesswegen ihm viel ratsamer schiene / Ingviomern zum Bundsgenossen / als auf
einmal viel Feinde zu haben. Denn es bliebe doch ein für allemahl unumstosslich
wahr: dass ein Fürst weder seinen Verstand noch seine Waffen besser als die
Unruhe seines Vaterlandes zu stillen / die Wurtzeln der innerlichen Zwietracht
auszurotten / und den Brunnqvell bürgerlicher Kriege zu verstopffen angewehren
könnte. Wenn diss geschehen wäre / könnte er leichte seiner Nachbarn Ehrgeitz in
die Schrancken der Gerechtigkeit einzwingen / alle arglistige Anschläge wie
verbreñte Fädeme zernichten. Nach diesen zweien Verrichtungen mangelte ihm das
wenigste nicht zur Vollkommenheit seiner Ehre. Er hätte nichts mehr zu seinem
Ruhme zu wünschen / weniger von nöten: dass er ein Vorbild eines vortreflichen
Fürsten / und ein Wunderwerck beim Volcke abgäbe / sondern seine Tugend hätte
ihren völligen Zweck erreichet / und der Himel alle seine Gütigkeit über ihn
ausgeschüttet. Hertzog Arpus warff zwar ein: dass Ingviomer bei so verrücktem
Spiele freilich wohl sich gezwungen sehen würde / ihre verworffene Freundschaft
wieder zu umarmen / aber wer würde ihnen Bürge sein / dass wenn sie sichs am
wenigsten versähen / er mit dem sich wendenden Blate des Glückes /nicht auch
seine Freundschaft ändern würde. Sintemahl bei Rachgierigen Gemütern die Galle
sich leicht ergiesse / und sie wie die Schlangen im Winter ihr Gift mehr
versteckten als wegwürffen. Gleichwol aber kam Hertzog Arpus in Herrmanns Willen
/ welcher jenem riet / bei dieser Gelegenheit seinem erwehlten Eydame dem
Hertzoge Jubil zu dem wieder zu verhelffen / was Marbod der Hermundurischen
Herrschaft abgezwungen hatte. Diesem nach ward der Graf von Weil erkieset / zu
Ingviomern zu reisen /und von ihm wegen angetanen Unrechts Vergnügung / wegen
besorgter Feindseligkeit aber Versicherung zu verlangen. Dieser ward von
Ingviomern wohl empfangen / ihm auch alle ersinnliche Ehre angetan /gleich als
wenn er wider die Cherusker und Catten niemahls was feindliches im Schilde
geführt hätte. Denn der Römische Friede / und die schlechte Abfertigung seines
Gesandten an den Germanicus / hatte ihm kein geringes Schrecken eingejagt / und
nunmehr ganz andere Seiten aufzuziehen gelehret. Daher er auch von nichts
anderm / als von Lobsprüchen beider Hertzoge / welche Deutschland wieder
vereinigt / und durch einen so heilsamen Frieden erfreuet hätten / seiner seits
aber von beständiger Freundschaft zu reden wusste; auch noch für des Grafen
Ankunft an Hertzog Herrmann den Grafen von Horn / an Arpus den Ritter Brederode
abgefertigt hatte / welche ihnen zu dem Frieden-Schlusse Glück wünschen / seine
absondere Einschlüssung bitten und sie versichern sollten: dass seine Treue bei
Deutschland so feste als die zwei Angel-Sterne und der Erde Mittel-Punct stehen
würde. Mit dieser Larve meinte Ingviomer dissmahl durchzukommen; er geriet aber
in so viel grössere Verwirrung / als der Graf von Weil ihm das Verlangen des
Cheruskischen und Cattischen Hertzogs fürtrug / und er seine mit den Römern
gepflogene Handlung verraten sah. Gleichwol aber bildete er ihm nichts weniger
ein; als dass sie derselben innerste Geheimnisse ergründet hätten. Daher fieng er
an sich über die Hefftigkeit des Grafen von Nassau zu beklagen / welcher sich
nicht / als wenn er Hertzog Herrmanns Stelle verträte / sondern als wenn er der
Feldherr selbst wäre / sich gebehrdet hätte. Er wäre mit ihm nicht wie mit einem
Hertzoge der Bructerer umgegangen / sondern hätte ihn gleichsam wie Popilius den
König Antiochus / in einen engen Kreis eingeschlossen / diss was ihm mit
Vernunft zu suchen obgelegen / ihm mit Gewalt abzutrotzen vermeint / und durch
fürgeschriebene Gesätze einige ihm aus Ungedult entfahrne Worte heraus gelocket
/ durch seine Dräuungen aber ihn gezwungen hätte / sich auf solchen Fall um
Freunde / und Schutz umzusehen. Der Graf versätzte: Er hätte keinen Befehl den
Nassau zu verreden / welchen seine bekandte Gemütsmässigung ausser Verdacht
sätzte / dass er nichts über seines Fürsten Befehl gehandelt haben würde.
Ingviomer fiel ein: Er beschuldigte ihn keiner Untreue; aber eines Gesandten
Ampt erforderte doch die herbesten Befehle seines Fürsten durch eine süsse
Bescheidenheit zu verzuckern. Denn die von eitel Feuer und Schwefel angefüllten
Köpfe wären nur geschickt die Geschäffte in ihren Händen zu verwickeln / nicht
zu verrichen; Sie verrieten ohne Not und für der Zeit ihrer Fürsten Absehen /
jagten sie in Harnisch / und steckten die Länder in Brand. Der Gesandte
antwortete: Ihm wäre leid / wenn an dieser schädlichen Klippe der Hefftigkeit /
des Grafen von Nassau Ehre Schiffbruch / die deutsche Verträuligkeit Anstoss
gelitten haben sollte; wiewol ihm als einem Kriegsmanne / welche nicht allemahl
so genau das Ampt eines Hauptmanns und Gesandtens zu unterscheiden wüsten /
etwas zu gute zu halten gewest wäre / und Nassau sich am besten würde zu
verteidigen wissen. Unterdessen aber wären Hertzog Herrmann und Arpus
vergewissert: dass Ingviomer nicht nur die Römer um Schutz / sondern um Bündnis
wider die Cherusker und Catten zu kriegen ersucht hätte. Ingviomer versätzte: So
hätte Kulenburg die Schrancken seiner Vollmacht überschritten / und er wollte auf
erweisslichen Fall beide durch seine Bestraffung vergnügen. Der Gesandte /welcher
durch Beschämung des Bructerischen Hertzogs nicht gerne das Geschwüre für der
Zeit aufstechen wollte / begegnete ihm: Er möchte sich doch erinnern / was er
eigenhändig an den Germanicus geschrieben hätte; also ihn nicht zu etwas
nötigen /was ihm hernach eine gleichmässige Beschuldigung /als dem von Nassau
geschehen / aufbürden dörffte. Daher würde er für ein Glücke schätzen /
Ingviomern auch viel vorträglicher sein / wenn sie mehr auf Heilung der Wunden /
als dieselben mit empfindlichen Pfriemern zu ergründen bedacht wären / und
Ingviomer seinen alten Bundgenossen gewisse Kennzeichen seiner Reue und
Versicherung seiner Treue zu geben /vorsorgte. Ingviomern schoss hierüber das
Blat / und sagte: Wenn Germanicus einige seinem Gesandten anvertraute Schreiben
angehalten / eröffnet / oder entdeckt hätte / wäre von iedem wider das
Völcker-Recht gehandelt worden; und also versähe er sich nicht: dass Hertzog
Herrmann / oder Arpus darauf einiges Absehen nehmen würde. Der Gesandte
versätzte: Wer eines andern Brieff auffienge / oder erbräche / handelte wider
die gemeine Sicherheit; wenn solches aber einem Gesandten geschähe / würde das
Recht der Völcker verletzt / weil nicht nur seine Person / sondern alle seine
Sachen in völliger Sicherheit sein /niemand auch aus geheimen Briefen ein
Siegs-Gepränge machen sollte. Hier aber wäre vom Germanicus nichts derogleichen
begangen. Denn was an einen Fürsten selbst geschrieben würde / wäre er zu
verhölen nicht schuldig; sondern nach Erforderung seines Zustandes und Nutzens
möchte er solche iedwedem zeigen. Weil Ingviomer sich nun im Gewissen überzeugt
wusste / doch aber durch seine eigene Hand nicht überführet werden wollte / sich
auch auf den Vortrag aus dem Stegereiffen etwas hauptsächliches zu entschlüssen
nicht getraute / fiel er auf das Lob des Gesandten / und wünschte: dass das
anfängliche Missverständnüss von einem solchen Manne / der so wenig Galle / so
viel Vernunft / und einen Uberfluss von Mässigung bei sich gehabt / wäre unter
die Hand kommen. Denn in diesem Falle würde alles Unvernehmen in der Blüte
getödtet worden sein. Er wollte aber der Sachen / um ihm alle mögliche Vergnügung
zu geben / nachdencken. Denn seine annehmliche Art zu handeln hätte eine so
süsse Gewalt über die Gemüter: dass sie ihm schwerlich was abschlagen könten; uñ
er hätte mit seiner Höfligkeit ihn so eingenommen: dass es ihm unmöglich fallen
würde ihn unvergnügt von sich zu lassen. Der Gesandte sah und verstand allzu
wohl: dass Ingviomer nach Art etlicher Fürsten die Ehre eines tapfferen Dieners
zum Feg-Opffer seines eigenen Verbrechens anzugewehren / und seine Flecken an
desselben schönstes Kleid zu wischen / kein Bedencken hatte; ja / dass er ihme
nur jenen zu verkleinern / liebkosete. Allein er musste nur dieses Erbieten zu
Danck annehmen; und / ob er wohl den Grafen von Nassau noch so hoch schätzte /
und wusste: dass er sich selbst vollkommen besass / und ihn keine Empfindligkeit
ausser seine Verfassung und von dem Zwecke seiner Handlung zu verrücken mächtig
war / sein Unvergnügen verstellen / damit ihm hernach nicht eben dieser Fehler
ausgestellt würde. Folgenden Tag nam Ingviomer den Gesandten mit auf die Jagt /
mit der sie sechs Tage nach einander zubrachten / ohne dass Ingviomer der
Haupt-Sache mit einem Worte gedachte. Ob dieser nun zwar aufs höflichste
unterhalten ward / schöpffte er doch aus der sonst beliebten Abwechselung der
vielerlei Jagten weniger Ergetzligkeit / als aus diesem Verzuge Unvergnügen. Den
siebenden Tag kamen sie wieder nach Hofe; und als Ingviomer abermals drei Tage
stille schwieg /kam dem Gesandten dieser Aufzug verdächtig für. Daher er den
Grafen von Steinfurt ersuchte: er möchte bei dem Hertzoge Ingviomer ihm
verbitten / dass er ihn mit einem annehmlichen Bescheide beseeligen möchte / weil
ihm beide Hertzoge seine Verrichtung zu beschleunigen / scharff eingebunden
hätten. Ingviomer liess den Gesandten ersuchen: er möchte ihm wohl sein / und die
Zeit nicht lang werden lassen. Denn dieses wichtige Werck könnte nicht übers Knie
gebrochen werden. Uberdiss erwartete er einige Nachricht von seinen an beide
Hertzoge abgefertigten Gesandten. Unterdessen stünde alles an seinem Hofe und in
seinem Gebiete ihm zu Diensten. Der Graf von Weil aber gab dem von Steinfurt zu
verstehen: auf das letzte wäre nicht zu warten. Denn er wüste: dass weder Hertzog
Herrmann noch Arpus für seiner Abfertigung einige Verhör geben würde. Dessen
ungeachtet liess Ingviomer den Gesandten zur Gedult vermahnen / und ihn
versichern: dass diese das Werck erleichtern / und er ihn nicht ohne Vergnügung
weg lassen würde. Mit dieser Vertröstung speisete er sich etliche Zeit / und als
er aufs neue Erinnerung tat / sagte ihm der Graf von Steinfurt: dass Ingviomer
nur den zu den Batavern abgeschickten Ritter Borckelo erwartete / welcher über
drei Tage nicht aussen bleiben könnte. Nachdem aber weder diss noch etwas sonst
erfolgete /sagte der Gesandte dem Grafen; er hätte ausdrücklichen Befehl: dass /
wenn er in acht Tagen mit einer richtigen Erklärung nicht abgefertigt würde / er
unverrichteter Sache abreisen sollte. Steinfurt beschwerete sich: dass man in
einem so grossen Wercke / an welchem die Ehre Hertzog Ingviomers / und die Ruhe
Deutschlandes hienge / einen Fürsten so übereilen /oder ihm ein so kurtzes Ziel
fürschreiben wollte. Es wäre ja besser einer Sache Zeit lassen / und sie wohl
ausarbeiten / als sie in ihrer Rohigkeit abbrechen /oder durch allzu grosse
Hefftigkeit für der Zeit reiff machen. Ubereilte Schlüsse wären so wenig
tauerhaftig / als frühzeitiges Obst. Weil der Gesandte aber beteuerte: dass er
von dem Buchstaben dieses Befehls nicht abweichen könnte / gab ihm endlich
Steinfurt zu verstehen; Ingviomer hätte ihn gemächtiget zu sagen: dass er die
vermeinte Beleidigung durch eine den Fürsten anständige Erkenntligkeit abtun /
hingegen sich versehen wollte: dass man von ihm keine andere Versicherung seiner
Beständigkeit / welche er so vielmahl mit seinem Blute bewehrt hätte / nicht
verlangen würde. Der Graf von Weil erklärte sich mit dem erstern vergnügt zu
sein. Seine Fürsten aber verlangten eine andere Versicherung / nämlich zwei
Festungen an der Naval und an der Ems / und vier und zwantzig Bructerische
Ritter zu Geisseln. Steinfurt sagte: dieses wären so harte Bedingungen / als
kaum einem überwundenem Feinde anzumuten wären / jedoch wollte er sie Ingviomern
fürtragen. Folgenden Morgen kam er und erbot sich sechs Geissel zu geben; denn
ungeachtet diese Einwilligung ihm schmertzhaft /und seinen Bructerern
verkleinerlich wäre / wollte er doch Deutschlands Wolfart / für die er so oft
sein Leben aufgesätzt hätte / gerne allen seinen Ehrgeitz aufopffern. Der
Gesandte liess an seiner Forderung die helffte / nämlich die Festung an der Naval
nach / verlangte also nur die an der Ems / und zwölf Geisseln /also: dass es sich
zu einem gewünschten Schlusse ansehen liess; ja Ingviomer zweiffelsfrei wirklich
geschlossen hätte / wenn nur noch drei Tage keine Nachricht vom Könige Marbod
eingelauffen wäre /auf welche er zeiter so begierig gewartet / und destwegen
den Grafen von Weil mit Fleiss so lange aufgezogen hatte. Selbige Nacht aber kam
der Ritter Arnheim / den er bald nach dem Abschiede des Grafens von Nassau an
König Marbod verschickt hatte / zurücke / und ob der Hertzog gleich schlieff /
liess er ihn doch wecken. Dieser liess den Arnheim für sein Bette /welcher ihm mit
einem Worte den kurtzen Begrieff seiner Verrichtung zu eröffnen begierig war;
nämlich /dass er alles / was er verlangt / und noch viel ein mehrers glücklich
verrichtet hätte. Weil er aber vernommen: dass ein Cheruskischer Gesandter sich
bei Hofe aufhielte / hätte er mit Fleiss sich des Nachtes einfinden / und seinen
Reise-Gefärten / der bei Ingviomern ein sehr wichtiges Geheimnis auszurichten
abgeschickt wäre / drei Meilen von dar / auf einem Jagt-Hause zurück lassen
wollen / damit Ingviomer von allem desto unvermerckter benachrichtiget werden
könnte. Die zur Unruh geneigte Freude jagte Ingviomern alsbald aus dem Lager /
und nach dem er keinem Menschen als dem Grafen von Steinhorst etwas von seiner
Reise vertrauet / auch den Gesandten unterdess zu unterhalten befohlen hatte /
ging er mit dem Arnheim hinten aus dem Schloss durch einen Garten /wohin
Steinfurt drei Edelleute mit nötigen Pferden bestellt hatte / sätzte sich
daselbst auf / und ritt spornstreichs dem angedeuteten Orte zu. Sie kamen mit
anbrechendem Tage daselbst an / allwo Arnheim seinen Gefärten / nämlich den
Ritter Kapliers weckte / und ihm die Anwesenheit des Bructerischen Hertzogs
andeutete. Dieser fuhr halb erschrocken auf / und ward nach seiner Anlegung also
fort zu Ingviomern geleitet. Nach bezeigter gewöhnlichen Ehrerbietung sagte er:
dass die vollkommenste Fürstin der Welt ihn dem Fürsten Ingviomer aufzuwarten /
und ihm ein gewisses Geheimnis einzuliefern befehlicht hätte. Hiermit
überreichte er dem Hertzoge in einem seidenen Tuche ein Schreiben / und eine
güldene Schachtel; und erbot sich nach derselben Eröffnung noch umständlichere
Nachricht abzustatten. Ingviomer eröffnete das Schreiben / und als er darinnen
den Nahmen Adelgunde erblickte / geriet er in solche Verwirrung: dass er sich
vergebens bemühte seine Gemüts-Veränderung zu verstellen. Er erholete sich
aber; dass er darinnen folgende Zeilen lesen konnte: Grossmütiger Ingviomer /
Adelgunde / um derer Liebe du dich bewarbest / befindet sich nun im Notstande
deine Errettung zu suchen. Mein unglücklicher Vater / den das Glück zu seinem
Falle erhöhet zu haben scheinet / darff deiner Tapfferkeit / aber ich noch
vielmehr deiner Erbarmnis. Jener nimet mit beiden Händen deine angebotene
Freundschaft an / schlage mir also auch nicht ab die mir nötige Hülffe wider
den / welcher dir ja so gram als der Tugend ist / und mich vielleicht nur darum
liebt / dass er mich tödte. Jedoch wollte ich mich leicht darein schicken eine
Leiche zu sein /wenn ich nur nicht vorher dürffte eine Gefangene des
lasterhaftesten Menschen werden. Weist du mich aber durch deine Treue in
Freiheit zu setzen / so glaube: dass Adelgunde dieses Kleinod niemanden als dem
unvergleichlichen Ingviomer aufopffern werde. Dem Bructerischen Hertzoge
klopffte das Hertze fast über jedem Worte; und ob er wohl darinnen nicht alles
verstand / war doch darinnen für ihn schon so viel gutes entdeckt / als er
jemahls gewünschet / und ihm dieses mahl nicht hätte träumen lassen. Ehe er nun
vom Ritter Kapliers um ein und des andern Auslegung fragte /lass er den Brief zum
andern und dritten mahl; und weil Vorwitz insgemein eine Gefärtin der Liebe ist
/öffnete er die güldene Schachtel. Er ward aber hierbei gleichsam ausser sich
verzückt / als er darinnen das mit grossen Diamanten versätzte Bild der Fürstin
Adelgunde erkennete. Dieses hatte er ihm zwar schon vorher an Marbods Hofe tieff
in seine Gedancken eingedrückt / und in sein Hertze verschlossen; aber ihre
Schönheit war mit den Jahren um ein grosses gewachsen / und der Pinsel seiner
Liebe gab ihrer Annehmligkeit noch einen herrlichen Beisatz. Denn ob er zwar sie
etliche Jahr nicht gesehen hatte / hatte doch die Abwesenheit und Zeit seine
Zuneigung ehe vergrössert als vermindert. Sintemahl die Augen zwar die Fenster
nicht aber die Ketten der Liebe sind / welche die Hertzen auch in der grösten
Ferne gefässelt halten. Der Kreis ihrer Würckung erstrecket sich so weit / als
die Gedancken / welche in einem Augenblicke von einem Ende der Welt biss zum
andern flügen / und der Seele ihre geliebte Schönheit fürbilden. Hier aber
vertilgete der überbrachte Schatten gleichsam das Gemählde des Gemütes. Er sah
diss Bild lange Zeit mit so starren Augen an / als wenn ihre Blicke Dräte wären /
welche sie daran feste und unbeweglich gemacht hätten. Weil aber das blosse
Anschauen so wenig als Speisen / von denen einem träumet / sättigen / küssete er
dieses Bild ohne Aufhören / gleich als wenn er ihm dadurch eine Seele einblasen
/ und den Schatten in die wesentliche Adelgunde verwandeln /oder als wenn er
ihre lebhafte Korallen aus den Lippen / ihre Rosen von den Wangen aussaugen /
und damit seine Liebe unterhalten könnte. Alleine er steckte sich so wohl durch
sein beständiges Anschauen wie die um das Licht schwermenden Mutten / und durch
diese Küsse wie der die Flamme umarmende Satyrus nur in Brand / versätzte seine
Begierde in grösseren Durst /und sein Gemüte in solche Unruh / dass er vom
Ritter Kapliers mehr Nachricht einzuziehen vergessen hätte / wenn nicht der
Ritter Arnheim ihn durch seine Erinnerung aus dem tieffen Schlaffe seiner
Selbstvergessung erwecket hätte. Auf dessen Veranlassung aber ersuchte Ingviomer
den Ritter / er möchte ihm doch von der Fürstin Adelgunde Verlangen
ausführlichen Bericht erstatten. Kapliers war hierzu bald fertig und fieng an:
die Fürstin Adelgunde hat unter ihren Vollkommenheiten auch diese / dass ihr
Hertze denselben Gefässen gleichet / welche den einmal an sich gezogenen guten
Geruch des beherbergten Balsams nicht von sich lassen / so lange von ihnen ein
Scherben übrig ist. Meine Aufrichtigkeit und der Ubelstand dieser Fürstin
zwingen mich durch Auslegung dieser Worte dem Hertzoge Ingviomer das Geheimnis
zu entdecken: dass Adelgunden von seiner feurigen Tugend / als er an ihres Vaters
Hofe sich aufhielt / und um ihre Liebe sich bewarb / ein Funcken in ihr Hertze
flog / welcher nach der Hand durch ihre eigene Widerstrebung so wenig als das
Griechische Feuer mit Wasser zu leschen war. Es waren wenig benachbarte Fürsten
/ welche nicht wegen ihres Königlichen Erbteils / noch mehr aber wegen ihres an
Schönheit und Tugend bestehende Eigentums auf sie ein Auge hatten; Aber aller
Liebkosungen machten ihr keine Versuchungen; ihr Hertze gleichte dem
Prophiersteine /welcher das einmal angenommene Bild ohne seine gäntzliche
Zernichtung in sich nicht vertilgen / noch wie Wachs oder Ertzt in ein anders
umgiessen lässt. Jedoch verbarg sie diesen Zunder in ihrem Hertzen sorgfältiger /
als die Elevsinischen Priester das Geheimnis ihres Gottesdienstes; also / dass
jedermañ ehe in den Egyptischen Säul-Tempeln alle Bilderschrifft ausgelegt / als
in ihren Augen einiges Merckmahl der Liebe wahrgenommen haben würde. Hierbei
aber lebte sie ohne die wenigste Unruh ihres Gemütes / welche sonst die Liebe
zu erregen pflegt. Denn die Vernunft führte in allen Regungen die
Ober-Herrschaft / welche keinen Sturm zu Kräfften kommen lässt / und alle
Begierden an der Schnure führt. Das Glücke bliess auch so lange in ihre als in
König Marbods Segel. Dieser erlangte keinen Lorber-Krantz / dass nicht die
bezwungenen Völcker ihr einen von Oel-Zweigen überlieferten. Die ganze Welt
liebkosete ihr als der Tochter eines mächtigen Jupiters /welche wie Pallas
Waffen und Weissheit mit auf die Welt gebracht hätte. Tiberius selbst pflügte mit
ihr /dass sie zwischen Rom und ihrem Vater gutes Verständnüs erhielt. Durch ihre
Klugheit verdiente sie vom Marbod in wichtigsten Reichs-Geschäfften für seine
Ratgeberin / durch ihre Woltätigkeit von seinen Untertanen für ihre Göttin
erkennet zu werden. Mit Adgandesters Ankunft aber fieng ihre Vergnügung an
Abschied zu nehmen. Dieser verschlagene Fuchs ging ihr zwar in allem an die
Hand / und was er ihr an Augen ansah / mühete er sich ehe zu vollziehen / als
sie ihren Willen ihm zu verstehen gab. Ja er heuchelte ihr fast mehr / als dem
Könige selbst / weil er wohl sah: dass sie bei ihm viel vermochte / und ihn
gleichsam in Händen hatte. Weil er sich nun so wohl in sie / als in Marbod
schicken konnte / hielt sie ihn auch selbst als einen Werckzeug der gemeinen
Glückseeligkeit wert. Denn sie verstand allzu wohl: dass nicht eigene Tugend /
nicht blinde oder ungefährliche Zufälle Alexandern und andere seines gleichen so
gross gemacht / sondern dieselben am meisten gewonnen hätten / welche mit klugen
Räten wären versehen gewest. Ja durch das Beispiel ihrer Tugenden brachte
Adelgunde zuwege: dass sich Adgandester zwang / tugendhafter zu sein / als er
war. Alleine diss blieb doch nur ein Fürniss ohne Wesen. Denn Diener sind nichts
anders als der Zeug / Fürsten die Künstler /welche solchen zwar schöner / aber
nicht besser / als er an sich selbst ist / also aus Holtze kein Helffenbein
machen / und Kupffer nicht in Blei verwandeln können. Marbod erhob ihn durch
seine Gnade über alle andere Diener / und machte ihn gleichsam zum Abgotte der
Marckmänner / aber sein Gemüt behielt doch seine Tücke / wie übergüldetes Holtz
seine Wurmstiche. Adelgunde schöpffte hierüber zwar eine kleine Eyversucht / und
geriet in Kummer: dass anderer Diener Hass und Neid / Zwytracht und Unruhe im
Reiche erregen würde; jedoch liess sie es gehen / weil Adgandester sich bei
seinem Wachstume noch begrieff / in seinen Handlungen nicht weniger Treue als
Eyverspüren liess. Nach dem sie aber inne ward: dass Adgandester die erste Bahn
verliess / andere Diener kaum über Achsel ansah / und den König zu heftigen
Entschlüssungen / welche in die Länge nicht gut tun würden / verleitete;
widersprach sie ihm nicht alleine etliche mahl im Rate mit ziemlichen Eyver
/sondern ersuchte auch hernach den König: er möchte doch nicht aller andern
Räte lindere und sichere Meinungen verwerffen / oder sie gar vom Rate
ausschlüssen. Sintemahl doch viel Augen mehr als eines sähen / viel andere auch
ihre Treue gegen den König /und ihren Eyver für das gemeine Wesen schon
wirklich erhärtet hätten. Marbod / welcher Adelgunden nicht nur als seine
Tochter inniglich liebte / sondern auch als eine kluge Fürstin hoch schätzete /
antwortete ihr: Sie sollte ihm doch den süssen Genuss der allermenschlichsten
Zuneigung / nämlich der Freundschaft nicht missgönnen / ohne welche einem
Menschen auch die Einsamkeit des Himmels eckelhaftig sein / und ihn nach der
Erde lüstern machen würde. Fürsten müsten sich ihrer Hoheit wegen ohne diss fast
der ganzen Welt entschlagen / weil sie sich mit ihnen nicht dörfften gemein
machen; daher sie ja das beste Recht hätten / mit einem verträulich zu sein /
mit selbtem die Zeit zu kürtzen / und um anderer Menschen Ergötzligkeit zu
genüssen / den Fürsten auf die Seite zu sätzen. Alleine Adgandestern zu seinem
Vertrauten zu erwählen / hätte ihm nicht nur seine Zuneigung / sondern auch die
Schwerde seines Reiches veranlasst. Sintemahl die vollkommensten Könige nicht
ohne Gehülffen herrschen könten / und es ein Getichte heuchlerischer Weltweisen
wäre / dass GOtt den Königen einen zweifachen Geist einbliesse. Dahero / wenn
einer sich schon vermässen sollte / die Last eines kleinen Reiches alleine auf
seine Schultern zu nehmen /würde ihn dessen Schwerde bald erdrücken / und die
Vielheit der Geschäffte erstecken. Bei so gestalten Sachen hätte ein Fürst
vielerlei Diener / wie ein Künstler allerhand Werckzeug / und zwar mittelmässige
Leute zu niedrigen / verständigere zu wichtigen /aber doch auch einen / welcher
aller Haupt / und sein Beistand wäre / von nöten. Dahero / wenn GOtt einem
Fürsten einen Gehülffen / dem Reiche einen solchen Schutz-Geist zuschickte /
welcher mit jenem die Sorgen teilte / für dieses sich verzehrte / und die
Gewalt eines Menschen mit dem allgemeinen Heile des Volckes mässigte / wäre diese
Ehre ihm so wenig als der Sonne zu missgönnen / dass sie aus allen Sternen alleine
GOttes Stadtalter wäre. Denn solcher Leute würde kaum einer in hundert Jahren
geboren. Adelgunde versätzte: ihm und keinem Könige wäre diese kleine Vergnüg-
und Erleichterung / dem ersten Diener auch als einem Gefärten der Reichs-Sorgen
seine Ehre nicht zu missgönnen / welche auch dem Schatten eines Fürsten gebührte.
Alleine man müste doch diesem nicht in allem folgen / und dadurch den Diener ihm
gleichsam gleiche machen / sich seines Amptes und der Hoheit entäusern / dadurch
aber jenem allzu hohe Gedancken einwurtzeln lassen. Marbod antwortete ihr zwar
freundlich / jedoch nicht ohne eine kleine Entrüstung: Er wüste / dass er König /
und Adgandester zwar ein kluger Fürst / aber doch sein Diener wäre: also sollte
sie keine Sorge tragen / dass er seinen Glantz durch einen Schatten würde
verdüstern lassen. Also ward Adelgunde gezwungen sich zu beruhigen / und zu
bescheiden: dass eine verborgene Krafft des Verhängnisses Meister über den Willen
/und die Wahl der Fürsten sei / dass sie einen oft ohne kenntliche Ursache so
übermässig lieben / dem andern ohne Schuld gram sein. Und wäre GOtt zu dancken
/wenn solche Neigung nicht aus dessen Zorne zum Verterben eines Reiches
herrühret / sondern sie auf einen Menschen fällt / der noch Verstand und den
Willen hat einem Lande zu dienen. Adelgunde musste also dem Lauffe dieser
unmässigen Liebe den Hang lassen / welche endlich so hoch stieg: dass alles / was
Adgandester sagte / Wahrsagungen / was er wollte /getan ward; ja Adgandester
mehr den König als Marbod fürstellte / und iederman in Gedancken geriet: dass
der König ohne Bezauberung einem Diener nimmermehr so viel Gewalt enträumen
würde. Es wussten die Königlichen Bedienten auch viel zu erzählen / was sie in
Marbods Kleidern und Bette für frembde Steine / für seltzame Kräuter / und
wunderliche Knoten von Haaren gefunden hätten. Nirgends aber blickte seine
unmässige Gewalt mehr als bei dem Auffstande der Langobarden und Semnoner herfür.
Denn ie schädlichere Ratschläge Adgandester gab / ie mehr solche von Adelgunden
/ und andern Dienern widersprochen wurden / ie begieriger nahm sie Marbod an;
und ie unglücklicher selbte ausschlugen / ie mehr wuchs des Königes Liebe gegen
diesen schädlichen Diener / dass er also vom Verhängnisse wohl recht zum Untergange
des Marckmännischen Reiches erkieset zu sein schien. Ja es schien / als wenn der
Himmel ihm selbst alle Gelegenheit in die Hände spielte / sich über den König
zum Meister zu machen. Denn als er aus einem Panischen Schrecken / nicht so wohl
für den Langobarden / als für seinem Schatten floh /kamen wir an den Bober.
Ungeachtet nun dieser vom Regen starck angelauffen war / die Marsinger aus
Furcht eines harten Uberzugs alle Brücken abgeworffen hatten / und daher
iederman dem Könige riet: er möchte eine Brücke bauen lassen / oder wenigstens
einen Nachen erwarten; Vertrug doch seine Furcht und Flucht keinen Zaum /
sondern folgte seiner durch einen Furt teils reitenden teils überschwemmenden
Leibwache; Es traff sich aber das Unglücke: dass Marbods Pferd vom Strome gefasst
/ fortgetrieben / und /weil es auf einen Stock kam / und sich überschlug /Marbod
abgeworffen / und vom Flusse fortgetrieben ward. Adgandester / welcher ihm auf
der Ferse folgte /sprang bei verspürter Verunglückung des Königs vom Pferde /
schwam selbtem nach / und hatte das Glücke ehe / als iemand anders zu Hülffe kam
/ den König aus dem Wasser zu ziehen / und zu retten /welcher schon so viel
Wasser getruncken hatte: dass er nach etlichen Stunden kaum wieder zu rechte
gebracht werden konnte. Marbod / als ihm seine Errettung erzählt worden war /
umarmte Adgandestern / nennte ihn seinen Schutz-Geist / und versicherte ihn: dass
er diese Woltat danckbarer erkennen würde / als er ihm immermehr einbilden
könnte. Er trat ihm auch nach diesem seine Königliche Gewalt gleichsam ganz ab
/und behielt für sich wenig mehr übrig / als den Nahmen des Königs; welchen
Adgandester nur zur Larve seiner Gewalt missbrauchte / und ihn nicht mehr einst
für seinen Gefärten hielt / auch nicht einst diss / was im Reiche geschah / zu
seiner Wissenschaft kommen liess / sondern durch Jagten und andere
Ergetzligkeiten von Geschäfften abzoh. Er liess sich gegen Adelgunden
ausdrücklich aus: dass wie Adgandester jetzt sein Erretter gewest wäre / also
würde sie ihn nach seinem Tode für ihren Gehülffen / und für einen Pfeiler des
Reiches zu halten haben. Ob nun zwar Adgandesters Tat ein Zeichen grosser Treue
/ und ein unvergeltbarer Dienst war / so ging doch Marbod darinnen zu weit: dass
er Adgandestern die höchste Gewalt einräumte / welche nach dem Gesätze des
Staats unvereusserlich und mit seiner Person unzertrennlich vereinbart war.
Adelgunde ward hierüber heftig bestürtzt / zumahl sie sich erinnerte: was für
diesem für ein hoher Geist im Marbod gesteckt / und wie er wegen der Herrschaft
auch mehrmahls gegen sie geeifert hätte; welcher Veränderung Ursache sie so
wenig / als warum der Magnet nicht lieber Gold als Eisen an sich züge / zu geben
wusste. Zumahl sie mehrmahls selbst aus Marbods Munde gehöret hatte: dass zwischen
einem Fürsten und seinem höchsten Diener allezeit ein so grosser Unterschied /
als zwischen der Spitze und dem Fusse eines Berges sein /sein Nechster weit
entfernet und unter ihm sein / und der allerliebste viel nicht können sollte.
Denn ob sie sich wohl erinnerte: dass auch andere Könige sich einen Verschnittenen
/ einen Zwerg / einen Gauckler / eines Webers Weib / und dergleichen
Auswürflinge des Volckes hätten beherrschen / und wie einen Zeidel-Bär herum
führen lassen / so vergrösserte doch die Menge solcher Begäbnüsse mehr solch
Wunderwerck / als sie es verminderte / ob es schon gemein war. Sie sah mit dem
grösten Unwillen / wie Adgandester sich numehr aufblähete / wie er unter dem
Scheine der Ehren die besten und ihm im Wege stehenden Diener vom Hofe
entfernete / oder sie gar durch angetichtete Verbrechen stürtzte; wie er auch
die gegenwärtigen vom Könige abschnitt / ihm selbst die Augen verband / die
Ohren verstopffte / seinen Meinungen kühn und vermässen wiedersprach; Vorige
Anstalten verachtete / endlich ihn zur Einsamkeit und zum Eckel für
Reichs-Geschäfften angewöhnte; alle Ehren-Stellen und Aempter seinen Geschöpffen
/ oder die ihn anbeteten / vergab; sich nicht nur mit seines Königs unmässiger /
sondern auch mit der Nachbarn schlauer Freigebigkeit bereicherte. Welch
letzteres gleichsam ein Ehbruch grosser Diener ist / weil sie dadurch gewonnen
werden: dass sie wie ein geiles Weib mit der ihrem Fürsten allein schuldigen
Liebe / andere Fürsten beteilen / oder wenigstens bei ihrer Kaltsinnigkeit
frembden schädlichen Ratschlägen nicht zu wider sind. Hingegen war er um nichts
weniger / als um die Mittel sich in Königlicher Gnade zu erhalten /bekümmert.
Denn er eignete ihm aus Hoffart fast allen Glantz des Königs zu; scheuete sich
nicht vom Volcke alle Ehrenbezeugungen anzunehmen / die gleich keinem Diener /
sondern unmittelbar dem Fürsten zukommen. Er übte unter dem Nahmen Königlichen
Befehles alles aus / was ihm seine Gemütsregungen an die Hand gaben; gleichwol
aber wollte er das Ansehen haben: dass alles an ihm gelegen wäre /und er mehr /
als sein König / könnte. Insonderheit wollte er darfür angesehen sein: dass alle
Begnadungen von ihm herrührten; strebte also nach aller Gewogenheit / verfolgte
aber seine Neider / und drückte die auffs ärgste / die ihn übergiengen / und
etwas beim Könige sein wollten. Gegen dem Könige selbst vergass er: dass er sein
Diener war / in Einbildung: er wäre sein Gefärte / ja wollte wohl gar angesehen
sein: dass er den Marbod an Klugheit weit überträffe / und er ein unentpehrlicher
Werckzeug / oder vielmehr gar der Steuermann in seiner Herrschaft wäre. Wenn er
ja auch etwas in Rat brachte / dorffte ihm niemand widersprechen / und was
gleich allen bedencklich war /trieb er mit Eyver und Gewalt durch / gleich als
wenn er um alles sein Ansehen käme / wenn nicht alles nach seinem Kopffe gienge.
Gegen Adelgunden bezeugte er zwar Liebe / aber wenig Ehrerbietung / durch welche
letztere Vergehung Adelgunde am allerärgsten wider ihn in Harnisch gejagt ward.
Sintemahl diese Bezeugung ihr allererst auslegte / was Marbod durch seinen
Vortrag gemeinet hatte / dass Adgandester nehmlich nach seinem Tode ihr Gehülffe
sein sollte. Es wallete ihr hierüber unaufhörlich das Hertze / und sie machte ihr
hierüber hunderterlei Auslegungen / ohne dass sie die wahre von irrigen
entscheiden konnte. Es ereignete sich aber bald nach ihrer Ankunft / als Marbod
wegen Ausrüstung eines mächtigen Heeres wider die Semnoner / Langobarden / und
Cherusker die Stände zu Boviasmum versamlet hatte: dass diese auf heimliche
Anstifftung Adgandesters den König ersuchten /er möchte seiner Tochter einen
Gemahl / ihm also einen treuen Gehülffen / dem Reiche eine Säule bei Zeit
erkiesen. Sintemahl sein letzter Zufall im Bober ihn erinnerte: dass auch Fürsten
sterblich / und die Gewissheit des Nachfolgers die festeste Veranckerung eines
Reiches wäre / und vieler Ehrsüchtigen Hoffnung im ersten Käumen ersteckte.
Marbod liess durch Adgandestern die Stände versichern: er wollte sich um einen
solchen Nachfolger bekümmern / welcher die Herrschens-Kunst mit auf den Tron
bringen / die Hertzhaftigkeit schon durch Helden-Taten erhärtet haben / ihm
nicht verkleinerlich / seiner Tochter anständig / dem Reiche erbaulich / und
allen Feinden gewachsen sein würde. Weil auch die Stände alles verwilligten /
führte Adgandester eine grosse Kriegs-Macht an die Gräntzen des Reiches / welche
er selbst als Haupt führen wollte. Er erhob in diesem eitel ihm verbundene Leute
zu Obersten / kriegte also das völlige Hefft des Reiches in seine Hände. Es war
aber der Ruff vom Ansuchen der Stände so geschwinde nicht in die benachbarten
Länder erschollen; Als Jagello der Sarmater / und Schwatopluck der Bastarnen
König / durch prächtige Botschaften um Adelgunden werben liessen. Adgandester
verlachte anfangs diese Werbung in seinem Gemüte / machte ihnen daher selbst
einige Hoffnung zu Erlangung ihres Zwecks /damit er aus beider Könige
Freigebigkeit so viel mehr fischen konnte. Marbod / welcher in seinem Hertzen
seine Tochter Adgandestern bestimmt hatte / erfuhr: dass dieser denen Gesandten
geneigte Ohren gab / ward gegen ihn vedriesslich / fieng also auch an sie zu
hören. Weil er aber doch etwas für sich selbst zu entschlüssen nicht mehr
mächtig war / fragte er Adgandestern / wem er unter beiden seine Tochter zu
vermählen riete. Adgandester ward über dieser unvermuteten Frage so verwirret:
dass er sich mit Not erholen konnte / dass er dem Könige antwortete: Er hielte
weder eine noch die andere Heirat für ratsam. Denn ob wohl die Bastarnen von
Deutschen den Ursprung hätten / wären sie doch so verwildert / als die Sarmater
diss von Natur wären. Daher würde Adelgunde bei keinem ihre Vergnügung / die
Marckmänner aber das Unglück haben / dass sie unter eines dieser unbändigen
Völcker untergesteckt werden / und ihre eigene Herrschaft verlieren würden.
Marbod sah Adgandestern gross an / und sagte: Beide Gesandten erbieten sich
gleichwol dahin / dass ihre Könige mit einer grossen Kriegs-Macht mir meine
aufrührische Untertanen zum Gehorsam bringen helffen /meiner Tochter auch die
völlige Herrschaft in Händen / und ihren andern Sohn meine Länder absonderlich
erben lassen wollen. Uberdiss rühmet mir Vannius der Kwaden König Britomarten der
Bastarner Fürsten als einen Ausbund vortreflicher Helden; und ich selbst habe
Bolesslaen den bestimmten Stul-Erben des Sarmatischen Reiches nichts weniger als
einige Wildnüss angesehen. Daher halte ich fürs ratsamste diese Gelegenheit
nicht aus Händen zu lassen / sondern einen aus beiden Werbern zu erkiesen / um
die Stände zu vergnügen / und die Feinde durch ein so mächtiges Bündnis zu
schrecken. Diese unvermutete Antwort versätzte dem von seinem Glücke trunckenen
und destwegen so viel mehr ohnmächtigen Adgandester einen solchen Streich: dass
er nichts anders zu sagen wusste / als: er wollte der Sache nachdencken /und dem
Könige seine Meinung eröffnen. Nach dem er nun sich die ganze durchwachte Nacht
mit tausend Gedancken geschlagen hatte / fand er nichts für ratsamer / als
durch Adelgunden selbst dem Könige diese Gedancken zu benehmen / von der er
durch seine Kundschafter schon ausgespüret: dass sie weder zu einem noch dem
andern Sinn hätte. Daher verfügte er sich selbst zu Adelgunden / und eröffnete
ihr: dass der König von ihm ein Gutachten verlangte: Ob er sie Britomarten oder
Bolesslaen vermählen sollte. Ob Adelgunde nun zwar Adgandestern wenig gutes
zutraute / befand sie doch wegen seiner beim Könige habender Gewalt für nötig
mit seinem Kalbe zu pflügen / also ihm zu liebkosen: dass er ihrem Vater beides
ausreden möchte. Denn sie würde ehe alle andere / als einen aus diesen wilden
Leuten heiraten /und sich lieber ihres Erbteils / als ihres freien Willens
enteusern. Sie gab ihm destwegen auch ein so gutes Auge / als er niemahls vorher
von ihr bekommen hatte. Diese Bezeigung bliess ihm so hohe Gedancken ein: dass er
nunmehr sich entschloss mit dem Geheimnisse seines Hertzens nicht länger hinter
dem Berge zu halten / sondern / nachdem er die zwei frembden Liebhaber auf die
Seite gebracht hätte / um Adelgunden selbst zu werben. Gleichwol wollte er sich
zum ersten nicht verbrennen / sondern stifftete Adelgundens oberste Hofmeisterin
die Frau von Slawata an: dass sie dem Könige seiner Tochter Abscheu für dem
Sarmatischen und Bastarnischen Fürsten fürtrug. Als diese mit allerhand Vorwand
die Bahn gebrochen hatte / verfolgte Adgandester ihre Meinung: dass der König
Adelgunden als seiner einigen Tochter / und einer so klugen Fürstin die
Süssigkeit eigener Wahl ohne den Schein einer Grausamkeit schwerlich benehmen
könnte. Marbod hörte beide zwar mit Verdruss an / und fuhr aus Ungedult aus: Man
wird meiner Tochter noch wohl einen ihr anständigen Ehmann mahlen müssen;
gleichwol aber beruhete er hierbei /sonder seiner Tochter hierüber zuzusätzen.
Adgandester kam hierauf zu Adelgunden / und wusste diss / was er für ihre Freiheit
getan hätte / mit vielen Farben ihr fürzubilden. Adelgunde liebkosete ihm
destwegen auf eine solche Weise: dass sie Adgandestern darmit aus seiner
Verfassung brachte / und er nach einem ziemlich langen Stillschweigen / und
geholeten Seuffzer anfieng: Vollkommenste Adelgunde! mächtigste Fürstin der
Marckmänner / und meiner Seele! dörffte sich aber wohl ein Fürst der Catten
unterwinden sie anzubeten? Adelgunden kam diese vermässene Erklärung zwar
unvermutet / sie antwortete ihm aber aus dem Steigereiffen: Ich weiss von keinem
unvermählten Hertzoge der Catten / ausser einem / welcher mein Diener / nicht
aber mein Anbeter zu sein verbunden ist. Dieses redete sie auf eine so
kaltsinnige und zugleich verächtliche Art: dass jedes Wort in seinem Hertzen
einen Donnerschlag abgab. Nichts desto weniger machte er mit sich einen Schluss
ehe Staub und Asche zu werden / ehe er mit der Schande sich derogestalt
unvernünftig vergangen zu haben / abziehen wollte. Er beriet sich mit den
Wahrsagern / welche ihn wegen empfangener Geschencke nicht nur in seinem
Vorhaben stärckten / sondern ihm auch nach seinem Wincken an die Hand zu gehen
versprachen. Er gewaan durch diesen Hacken auch etliche Priester /welche dem
Könige rieten; Er möchte ohne Erkundigung des göttlichen Willens keine Heirat
seiner Tochter entschlüssen / als an welcher die Erhaltung des Reiches / und die
Wolfart der Nachkommen hienge. Marbod / welcher unter dem Scheine des
Gottesdienstes seine Herrschaft bekommen und befestigt hatte / unterwarff sich
ohn einiges Bedencken diesem Rate. Es ist in dem Reiche der Bojen / oder numehr
der Marckmänner ein Brunn / dieser seltzamen Eigenschaft: dass / wenn die
Einwohner bei sich ereignender Dürde daraus Wasser schöpffen / und damit ihre
Behältnüsse füllen / desselben Adern nicht nur zu stärckerem Qvelle
aufgefrischet / sondern durch desselben Ausdämpffung Wolcken und folgends Regen
erweckt werden. Dieser Ort wird nicht alleine nebst dem denselben umgebenden
Heine für ein grosses Heiligtum gehalten / sondern man holet auch daselbst
Wahrsagungen künftiger Dinge / welche wie zu Dodona durch Erscheinungen
gewisser Vögel angedeutet / von denen dazu geordneten Priestern ausgeleget / und
für eine unfehlbare Warheit gehalten werden. An diesen Ort reisete Marbod mit
seiner Tochter Adelgunden / opfferte mir ihr daselbst / und verlangte eine
göttliche Offenbahrung / an wen er sie am glückseeligsten verheiraten würde.
Die Priester versprachen ihn seines Wunsches zu gewehren / und wiesen beiden
einen gewissen Platz an / wo sie die Erscheinungen der Vögel genau wahrnehmen
sollten. Kurtz hierauf kam ein Adler auf eine alte Eiche geflogen /hernach flog
eine wilde Gans über den Platz / und folgends setzte sich eine Aglaster auf eben
selbige Eiche. Nach diesem fand sich einer von den Priestern beim Könige ein /
welcher ihm und Adelgunden zu so erfreulicher Wahrsagung Glück wünschten. Marbod
aber antwortete: er wüste ihm daraus nichts zu nehmen / bat also / er möchte
doch mit einer verständlichen Auslegung erfreuet werden. Dieser Priester führte
den König und Adelgunden zu dem Brunnen / daraus beide ihre Antlitzer / ihre
Hände und Füsse waschen mussten / und von dar in eine Höle / allwo der oberste
Priester auf dem Rücken mit offenen Augen /aber ohne Regung / und gleichsam
ganz entzückt lag. Marbod und Adelgunde mussten alldar sich auf ihr Antlitz
legen und beten. Uber eine Weile fuhr der Priester auf / und fieng mit einer
durchdringenden Stimme an:
Die ihr das Reich vermehrt / die Feind' erwunscht gebåndigt /
Wisst: dass die Furstin nur dem wohl vermåhlt sein kann /
Bei dem der Nahme sich fångt mit dem Adler an /
Wo's Mittel ist die Gans / den die Aglaster endigt.
Der Priester führte den Marbod und Adelgunden hiermit aus der Höle; und / als
Marbod sich so wenig in diese Auslegung / als in die Erscheinung der Vögel
finden konnte / sagte er: Es wäre niemanden bei Menschen Gedencken eine klärere
Weissagung wiederfahren; sintemal ja der glückliche Bräutigam Adganster mit
seinem eigentlichen Nahmen wäre ausgedrückt worden. Marbod verstand numehr die
Wahrsagung /kehrte also mit so grosser Vergnügung als Adelgunde mit Schwermut
zurücke. Als der König nun wieder nach Boviasmum kam / redete er seine Tochter
an: Weil sie mit ihren eigenen Ohren den göttlichen Willen gehöret hätte / dass
auf ihrer und Adgandesters Heirat der Wolstand des Reiches beruhete; dieser
Fürst auch so wohl seiner grossen Tugenden / als seiner hohen Ankunft halber /
ihrer würdig wäre /zweiffelte er nicht: sie würde sich zu Erfüllung seines und
des Verhängnisses willen numehr anschicken. Adelgunde / welche sich dieser
Anmutung lang vorher versehen / und die ganze Reise diese seltzame Wahrsagung
überlegt hatte / antwortete ihrem Vater: Sie könnte ihr Gemüte nicht bereden /
dass diss eine Göttliche Wahrsagung wäre. Denn wenn der Himmel sie Adgandestern
vermählet wissen wollte / würde er ihrem Gemüte schon eine Neigung gegen ihn /
nicht aber eine solche Abscheu eingepflantzet haben. Marbod versätzte: Ob sie
denn klüger als so heilige Offenbahrungen sein / und ihren gefasten Wahn über
seine väterliche Gewalt / und über die Botmässigkeit des unveränderlichen
Verhängnisses erheben wollte? Adelgunde erschrack über verspürter Entrüstung ihres
Vaters / und fieng mit einer demütigen Bezeugung an: Sie bescheidete sich ihrer
Pflicht gegen einen für sie so heilsam sorgenden Vater / und wüste: dass die
ihnen nur selbst die Köpffe an Felsen zerstiessen /welche dem Verhängnisse
widerstrebten. Sie glaubte aber: dass den wahrhaften Willen des Himmels zu
ergründen / viel schwerer / als das Viereck eines Zirckels zu erfinden wäre; und
dass die scharffsichtigsten hierinnen mehrenteils blinder als Maulwürffe wären.
Denn die Bosheit der Menschen wäre so vermässen: dass sie nicht selten ihren
Betrug mit dem Scheine Göttlicher Wahrsagungen bekleidete. Philippus hätte durch
sein Geld zu wege gebracht: dass Pytia zu Delphis / allemahl was in seinen Kram
gedienet / wahrgesagt hätte. Welches vom Demostenes zu Aten dem Volcke
offentlich wäre geprediget worden. Cleomenes hätte eben daselbst die oberste
Priesterin Perialla bestochen: dass die Wahrsagerin die Spartaner wider die
hernach ans Licht kommende Wahrheit beredet hätte: Demeratus wäre nicht Aristons
Sohn. Der verwundete und nun fast die Seele ausblasende Gabienus hätte sich für
einen aus der Hölle zurück kommenden Geist ausgegeben / und den Sextus Pompejus
durch seine Wahrsagung betrogen; und Lentulus hätte in der Verschwerung
Catilinens die Sibyllinischen Bücher fälschlich angezogen. Alcibiades hätte
durch Unterschreibung falscher Zettel / welche vom Ammonischen Jupiter sollten
herrühren / die Atenienser zu dem unglücklichen Kriege in Sicilien verleitet /
und die Feinde des Pisistratus hätten durch Geld einen Befehl vom Apollo an die
Spartaner zu wege gebracht: dass sie Aten von selbigem Wütterich erlösen sollten.
Ja Lysander hätte zu Delphis / zu Dodona und beim Hammon wider die zu Sparta
herrschenden Heracliden eine ihm dienende Wahrsagung erkaufft. Was nun vormahls
geschehen / könnte sich auch heute zutragen; und wären die Netze der Bosheit
zärter als der Spinnen / dass sie schwerlich durch menschliche Vorsicht erkieset
werden könten. Wann aber auch hinter Wahrsagungen kein Betrug steckte / blieben
sie verborgene Rätzel / und betrügen sich diese selbst heftig / welche sie nach
dem Buchstaben deuteten. Dahero des Ammons eigene Priester bekennten: dass ihres
Gottes Antworten so verdreht als seine Wieder-Hörner /schwer zu verstehen / und
so ungewiss wären / als des Amphiaraus Träume Auslegung / der Ceres Sicht-Spiegel
/ des Hercules vier Würffel / und der Sybille zerstreute Palmen-Blätter / darauf
sie ihre Wahrsagungen nicht so wohl schrieb / als mit allem Fleisse versteckte.
Ja ihre Auslegungen wären oft so tunckel / dass sie einer neuen Deutung
bedörfften. So hätte des Bacchus Wahrsager-Geist die Libetrier geäffet / als er
ihnen angekündigt / ihre Stadt würde von einer Sau verstöret werden / wenn die
Sonne des Orpheus Gebeine bescheinen würde. Denn ob sie zwar diss für unmöglich
gehalten / wäre sie doch hernach von dem sich ergiessenden Flusse Sau / als ein
Hirte vorher durch Umfassung der Orpheus-Säule sein Grab geöffnet /
überschwemmet worden. Die Spartaner hätten sich mit einer solchen Auslegung
gekitzelt / sie würden die Tegeater / und Pyrrhus er würde die Römer /Alexander
aus Epirus die Brutier überwinden / Amilcar er würde Syracuse einnehmen; wären
aber selbst überwunden / und Amilcar in Syracusa gefangen gebracht worden. Ja
Apollo selbst hätte zu Delphis /wenn man ihm die Wahrsagungen abnötigen wollen
/ sich mehrmahls verlauten lassen: dass er ihnen nichts als Lügen sagen wollte;
welcher auch / wenn er wahr reden wollen / in seinen Ankündigungen künftiger
Dinge mehr als die Sonne in ihrem himlischen Tier-Kreisse auf die Seite
krümmete. Am allerzweiffelhaftesten aber wären die von Vögeln herrührende
Wahrsagungen / durch welche Philomelus und die Phocenser wären durch sie heftig
hinters Licht geführet worden; Denn da der im Delphischen Tempel ihnen
vorkommende Adler / welcher die Tauben von Altären weg nahm / ihnen Sieg zu
verheissen schien / giengen sie darüber gar zu Grunde. Den König der Mamertiner
hätten die Wahrsager versichert: er würde den andern Tag in der Feinde Läger
schlaffen / welches aber durch seine Gefangenschaft wahr worden wäre. Daher
auch Cato zu Rom / welcher doch in ihrer Zunft war / von denen / welche aus der
Lufft / den Winden / dem Blitze / den Vögeln / und andern Tieren künftig Ding
wahrsagen / sagte: dass sie einander niemahls ohne Lachen begegneten; weil die
albern Leute ihnen alle Lügen glaubten / und sich durch ihre zweideutige Worte
betrügen liessen; da sie doch daselbst in hoher Würde und Ansehen lebten / dass
sie wegen der grösten Laster nicht einmal gestrafft werden könten. Marbod brach
ein: Derogestalt verwirffstu alle Wahrsagungen / derer Wahrheit doch durch so
viel tausend Beispiele feste gestellt ist. Darffstu dich wohl unterstehen unser
Heiligtum zu zernichten / was unsere andächtige Vorfahren von Alters her
verehret / und mit grossem Nutzen um Rat gefraget haben? Welches an Altertume
dem Delphischen nichts nachgibt / und in drittalb tausend Jahren keiner
Unwahrheit ist überführt worden. Adelgunde begegnete ihm mit tieffer
Ehrerbietung: Sie hielte beides in Ehren / diss aber bliebe doch wahr: dass die
berühmtesten Heiligtümer oft mit Betruge / wie Gold mit Schlacke vermischt
wären. Daher hätten die alten Weltweisen der Wahrheit ihre Wohnstatt in einem
tieffen Brunnen zugeeignet; und sie wäre eine nicht minder verschämte als schöne
Tochter; gienge also ins gemein verstopfft. Ihren Schleier könnte ihr aber nicht
iederman vom Gesichte ziehen / sondern wir können sie von Bländwercken oft so
schwer / als das rechte Auge der Welt von Neben-Sonnen erkennen. Sie würde
niemand / ja sie selbst sich nicht bereden: dass hinter dieser allzusehr
gekünstelten Wahrsagung nicht was betrügliches steckte / oder der Ausgang würde
mit der Zeit einen viel andern Verstand /als welcher Adgandestern zugeeignet
würde / an Tag bringen. Marbod fiel ihr ein: Sie hätte ja selbst mit Augen die
sich zeigenden Vögel gesehen / und des Priesters Auslegung schickte sich auf
Adgandestern so deutlich: dass dort an Schickung des Himmels / hier an der
Ausdeutungs-Wahrheit niemand vernünftiges zweiffeln könnte. Adelgunde versätzte:
Der Mensch wäre mehrmahls nachdencklich sich selbst zu betrügen / wie viel mehr
aber andere. Was wäre es unmögliches / drei eingesperrte Vögel nach einander an
einem Orte zu zeugen / da Psaphon etliche hundert zu singen gelehrt hätte:
Psaphon ist ein grosser GOtt. Durch welchen Betrug er bei den Libyern ein GOtt
worden; welchen ihm Hannon zu Cartago aber vergebens nachgetan hätte. Wenn
aber auch allhier der Adler / die Ganss / und die Aglaster keine untergesteckte
oder abgerichtete Vögel gewest wären; schiene doch des Priesters zusammen
gestickelte Auslegung mehr Spitzsinnigkeit als Grund zu haben. Und wenn sie aus
dem Grunde ihres Hertzens reden sollte / käme ihr der Priester wie Iphiclus für.
Denn als dieser die dem Phalantus gegebene Wahrsagung vernahm / er würde von
Rhodus nicht vertrieben werden / biss er würde weisse Raben in der Lufft flügen /
und Fische in seinem Becher schwimmen haben sehen; Liess er Raben mit Kalche
übertinchen / und kleine Fischlein in das ihm zum Truncke bestimmte Wasser
spielen. Es möchte sich aber diss verhalten / wie es immer wollte /so wäre ihr
doch ein für allemahl unmöglich Adgandestern zu heiraten / sie getröstete sich
auch: dass ihr Herr Vater / dessen Liebe sie mehr als keine Tochter in der Welt
erkennet hätte / sie durch Zwang auf ihr Lebtage nicht unglücklich machen /
sondern die Freiheit der Eh / welche man leibeigenen Mägden nicht benähme /
gönnen würde. Marbod ging hierüber im Grimme fort mit diesen Worten: Bescheide
dich des schuldigen Gehorsams gegen GOtt und mir; und mache durch
Eigensinnigkeit weder dich noch das Reich unglücklich. Adelgunde ward hierüber
auffs höchste bestürtzt; Daher sie ihren Kummer in ihrer Hofemeisterin Drahomira
Schoss ausschüttete. Diese befahl ihrem Sohne dem Ritter Stochow: er sollte sich
mühen die Geheimnisse dieser Wahrsagung zu ergründen. Dieser vertraute es mir /
sagte Kapliers / und nahm mich zu seinem Gefärten an. Wir reiseten mit einander
zu dem Brunnen / unter dem Scheine der Andacht / konten aber nichts anders
erforschen / als dass sich Adgandester / ehe der König dahin kommen / unbekandter
Weise aufgehalten / und mit dem obersten Priester lange Zeit geheime
Unterredungen gehalten hatte. Wir kamen auch in dem innersten Heine zu einem
Hause / darinnen die Wahrsager eine gewisse Anzahl aller nur ersinnlichen Vögel
unterhielten / und war ihr Wärter so einfältig: dass er uns von freien Stücken
erzehlte: Die Wahrsager pflegten daraus zu ihren Wahrsagungen gewisse Vögel zu
erkiesen. Sie hätten auch in ihren Diensten gewisse Vogelsteller /welche den
Abgang allemahl ersätzen müsten. Wir fragten diesen einfältigen Menschen um
allerhand gemeine Dinge / wie ein und andere Art der Vögel gespeiset würden?
Hernach kamen wir darauf: Ob die Wahrsager oft von dar Vögel abholeten / und
was sie neulicher Zeit für Vögel ausgelesen hätten? Dieser bekennte: dass sie
solche ins gemein den Tag für den Neu- und Vollmohnden zu holen pflegten / und
wären sie für dem letzten Vollmohnden um einen Adler /derer keiner im Vorrate
gewest / sehr bekümmert gewesen; so dass sie auch demselben Steller / welcher
einen für dem Vollmohnden lieffern würde / drei Pfund Silber zu zahlen sich
erboten; welches auch der / welcher ihn geliefert / wirklich bekommen hätte.
Stochow fragte weiter: was dazumal mehr für Vögel neben dem Adler wären
gebrauchet worden? und bekam zur Antwort: Nichts / als eine Ganss / und Aglaster.
Wir waren über dieser Nachricht sehr erfreuet / gaben ihm ein Trinck-Geld /
verfügten uns wieder in unsere an dem Heine erkiesete Herberge /allwo wir über
diss erfuhren: dass die Priester sich auf einen ziemlichen Landstrich in der
Nachbarschaft verspjetzten / welchen sie vom künftigen Bräutigame der Fürstin
Adelgunde / als eine neue Stifftung zu erwarten hätten. Hiermit meinten wir für
Adelgunden viel genung ausgeforschet zu haben / kehrten also nach Boviasmum
zurücke. Unterwegens war unser einiges Gespräche von den betrügerischen Künsten
der Wahrsager / und der Bosheit etlicher Priester / welche an statt heiliger
Andacht die Einfältigen durch Aberglauben bländeten / damit sie durch ihre
Leichtgläubigkeit ihren Geitz und Ehrsucht vergnügten: oder an ihrer Torheit
sich erlustigten. Wann nun derogleichen arglistige Streiche wären ans Tagelicht
kommen / hätte man sich nicht zu verwundern: dass ihrer viel mit denen
Wahrsagereien das Gespötte getrieben /und so viel Völcker den Delphischen Tempel
geplündert hätten. Am allerwenigsten aber wäre es den Bäotiern zu verargen: dass
sie zu Dodona die wahrsagende Priesterin ins Opffer-Feuer geworffen / als sie
ihnen viel Glücke angedeutet gehabt / wenn sie vorher etwas gottloses stifften
würden. Denn sie durch ihre Verbrennung entweder der Wahrsagung Folge geleistet
/ oder sie wegen ihrer Bosheit gestrafft hätten. Wir lobten bei solcher
Beschaffenheit Hannibaln /welcher dem Antiochus für übel gehabt: dass er mehr
einem Stücke Kalb-Fleische / als einem erfahrnen Feldhauptmanne / mehr der Zunge
eines Vogels / als kluger Leute glaubte. Und wir selbst lachten: dass es Leute
gäbe / welche mehr Witz in eines Ochsen Leber / als in ihrem eigenen Gehirne zu
finden vermeinten. Am allermeisten aber ging uns zu Hertzen: dass eine Fürstin /
welche die Hoffnung hatte in weniger Zeit so viel Völcker zu beherrschen /
nunmehr in ihrer Liebe und Eh nicht nur des freien Willens beraubet / sondern
auch dem Betruge weniger eigennütziger Leute unterworffen sein sollte. Wir kamen
also zu Boviasmum an / fanden aber den Zustand mercklich verändert. Denn Marbod
hatte im hohen Rate und in Gegenwart des anwesenden Adels / Adgandestern zu
seinem Eydame erkläret / und weil Adelgunde ihn dafür zu erkennen sich geweigert
/ sie auf dem Schloss Libin verwahren / die Drahomira und andere / welche in
Verdacht waren: dass sie selbte in ihrer Eigensinnigkeit stärckten / von ihr
absondern lassen. Die Priester rechtfertigten dieses Verfahren des Königs / und
schalten Adelgundens Widerspenstigkeit /welche lieber ihrer eigenen Vergnügung
nachhängen /als die Wolfart des Volckes behertzigen wollte. Weil aber Adelgunde
bei jedermann sehr beliebt / Adgandester aber verhasst war / schöpffte Adel und
Pöfel über so strengem Verfahren ihres Vaters nicht weniges Unvergnügen. Dieses
verursachte: dass Adgandester selbst aus Furcht eines Aufstandes nicht für
ratsam befand sich des Königes Anstalt nach mit Adelgunden in selbiger Stadt
vermählen zu lassen; zumahl sie ihm durch den Ritter Staditz einen Hauptmann der
Königlichen Leibwache zuentbieten liess: Sie wollte sich ehe vom Schloss über die
Felsen in die Muldau stürtzen / als ihn ehlichen. Adgandester aber liess sich
diese Dräuungen noch den Unwillen des Volckes an Verfolgung seines Vorhabens
nicht hindern; weil es ihm zwar um die schöne Adelgunde / aber noch mehr um die
schönere Braut der Marckmännischen Herrschaft zu tun war; und weil er den
König zu seinem Willen / die Priester auf seiner Seite / das Kriegs-Volck in
seinen Händen hatte / meinte er: dass keine Kräfften der Welt / sie ihm zu nehmen
/ mächtig wären. Es unterstanden sich zwar einige aus dem hohen Adel für
Adelgunden beim Könige zu reden; aber dieser von Adgandestern bezauberte und von
seltzamen Einbildungen gebländete Fürst fertigte sie schlecht ab. Um diese Zeit
kam der Ritter Arnheim zu Boviasmum an; und weil er vom Hertzoge Ingviomer wider
die Cherusker ein Bündnis antrug / ward er so wohl von Adgandestern als dem
Könige gerne gesehen / und erlangte er in wenigen Tagen alles / was er
verlangte. Der König verordnete mich und den Ritter Hasenberg den Gesandten zu
unterhalten; welcher denn mehrmahls gegen mich nicht so wohl ein Mitleiden /als
eine grosse Bekümmernis über Adelgundens Gefangenschaft mercken liess / und von
mir allerhand Nachrichten zu erfahren sorgfältig verlangte. Weil die
Verträuligkeit nun der beste Schlüssel zu anderer Hertzen ist / sagte ich ihm:
dass Adgandester / allem Ansehen nach / durch erkauffte Wahrsagung des Königs
Hertze gewonnen hätte / und Adelgunde / weil sie sich ihn zu heiraten nicht
beqvämen wollte / als eine Gefangene gehalten würde. Ich erzählte ihm auch die
von mir und dem Ritter Stochow erforschte Vermutungen / durch was für Künste
Adgandester die Wahrsagung zu seinem Vorteil ausgewürcket hätte. Der Ritter
Arnheim bezeigte mir hierfür grosse Verbindligkeit / liess sich auch heraus: dass
ihn diese Sache mehr angienge / als ich mir einbildete; und endlich als er
meiner Aufrichtigkeit sich gnugsam versichert wusste / zohe er die Larve vom
Gesichte / und sagte mir: dass Ingviomer sein Hertzog schon für etlichen Jahren /
als er mit des Qvintilius Varus Kopffe zum Marbod kommen wäre / seine Freiheit
der Fürstin Adelgunde aufgeopffert / und von ihr gewisse Kennzeichen ihrer
Zuneigung erlanget hätte. Dieses Feuer loderte noch in Ingviomers Hertzen. Denn
weil die Schönheit nach Eigenschaft des Blitzes die Krafft der Einäscherung
hätte / bliebe in dieser Asche ihr Feuer immer glimmend / dass die sonst alle
Dinge / ja sich selbst fressende Zeit das gleichsam unsterbliche Bild einer
geliebten Schönheit im Hertzen nicht vertilgen könnte. Nahm dem er auch vernähme:
dass Adelgunde mitler Zeit in keine andere Heirat hätte willigen wollen /
zweiffelte er nicht: dass in Adelgundens Seele dieser Zunder eben so wenig
erloschen sein würde. Deñ als sein Hertzog / mit welchem er damals zu Boviasmum
gewest / nebst wenigen Bructerischen Rittern die Schönheit Adelgundens in
allerhand Ritter-Spielen wider den Marckmännischen Adel / viel damals sich zu
Hofe befindende Römer / Griechen /Gallier / Sarmater / Pannonier und andere
Ritter mit grossem Ruhme verteidigt / und von der Königin Marmeline ihren
aufgesätzten Preis / nämlich eine Huttschnure von denen grösten Indianischen
Perlen empfangen / solche aber sie Adelgunden überreicht und gebeten hätte: Sie
möchte diesen durch Würckung der Tugend erworbenen Preis zu ihrem geringsten
Halsbande würdigen; hätte sie solchen zwar anzunehmen geweigert / aber doch eine
Perle davon abgesondert / und Ingviomern versichert: dass so lange sie solche ihm
nicht zurücke schickte / würde sie niemanden höher als ihn schätzen. Als auch
Ingviomer von ihr Abschied genommen / gegen sie grosse Versicherungen seiner
Liebe ausgedrückt; auch dass ihr Gedächtnis nimmermehr aus seinem Hertzen kommen
würde / beteuert hätte / wäre er mit der holdseeligsten Bezeigung von ihr
erlassen / mit ihrem von Diamanten eingefassten Bildnüsse beschencket worden; und
sie hätte ihm gesagt: Seine Perle wäre von ihr in eine Muschel aufgehoben / in
welcher sie fester verwahret sein würde / als worinnen sie wäre geboren worden.
Ob zwar auch der Römische Krieg und andere Missverständnüsse seiner Liebe nicht
wenige Hindernüsse in Weg geworffen / so hätte doch Ingviomer sie durch
Schreiben seiner Treue vielfältig versichert. Ich hörte diese und andere
Erzählungen; woraus ich eben so wohl Adelgundens Liebe ermässen konnte / mit
grosser Vergnügung / ja unsere Verträuligkeit verursachte uns mit einander ein
Bündnis einzugehen: dass wir Adelgundens gezwungene Eh mit Adgandestern hindern
wollten / sollten wir auch darüber unser Leben im Stiche lassen. Auf mein
Gutachten ward auch der Ritter Stochow / und seine Mutter Drahomira / Milessau /
Leipe / und Sudewitz in unser Bündnis gezogen / und ein jeder hatte eine
ziemliche Anzahl tapfferer Edelleute hinter sich / welche uns auf den Notfall
zu Dienste standen. Weil wir nun für hochnötig hielten / Adelgunden von unserm
Verständnüsse Wissenschaft beizubringen / fand Drahomira durch Bestechung des
Koches ein Mittel / welcher ihr im Brodte einen Zettel zubrachte. Wir kriegten
aber auf den ersten / andern und dritten keine Antwort / biss der Ritter Arnheim
ihr schrieb: dass der / dessen Andencken bei ihr durch eine Perle verwahret würde
/ für ihre Freiheit sein Blut aufzuopffern bemühet sein würde. Drahomira bekam
hierauf einen Zettel des Innhalts zurücke: Sie wäre erfreut / dass sich so
tapffere Leute um ihre Freiheit bekümmerten; diese aber würde ihr keine Gewalt
der Welt / und nichts als der Tod das Andencken ihrer Perle aus dem Hertzen
nehmen. Wir ratschlagten hierauf mit einander; ob nicht ein Mittel zu finden /
Adelgunden aus dem Lybinischen Schloss zu erretten. Stochow erbot sich über die
Klippen des Nachts hinauf zu klettern; und wenn die Fürstin sich nur getraute
auf einer Strick-Leiter aus ihrem Fenster sich auf den Fels herab zu lassen /
sie unversehrt über die Mulde zu verschaffen. Drahomira brachte durch den Koch
ihr nicht nur einen Zettel zur Nachricht / sondern auch in einer Pastete eine
von Seiten gemachte Leiter zu. Es lief aber dieser Anschlag übel ab. Denn als
Adelgunde bei Mohnden-Scheine im herab-steigen war / ward die Schildwache auf
einem Turme des Schlosses dessen gewahr; machte Lermen / und also musste
Adelgunde nicht alleine zurück steigen / sondern der Ritter Stochow ward selbst
darüber gefangen; welchem Marbod oder vielmehr Adgandester durch heftige
Dräuungen zusätzte / die Urheber und Mitverwandten dieses Raubes zu vernehmen.
Stochow aber blieb darauf feste stehen: dass dieses alleine seine Erfindung und
Werck wäre / und ihn nichts als die Erbarmnis eine so grosse Fürstin im
Gefängnisse zu wissen hierzu veranlasst hätte. Er ward aber in einem festen
Turme /und Adelgunde in einem andern mit eisernen Gegüttern verwahrtem Zimmer
aufbehalten. Nach wenigen Tagen verständigte mich Drahomira: dass Adelgunde
folgende Nacht aus dem Lybinischen Schloss nach Bubienum geführet / und in dem
uralten Heiligtum selbigen Ortes Adgandestern vermählet werden sollte. Ich
reisete mit denen verbundenen Rittern noch selbige Stunde aus Boviasmum / und
rafften in der Eyl etwa funffzig Pferde zusammen / mit denen wir uns in einem
Walde nahe der Elbe / wordurch der Weg nach Bubienum ging / versteckten. Liessen
aber den Ritter Rismberg nahe bei Boviasmum zurücke; welcher uns an bestimmtem
Ort von dem Abzuge und der Begleitung Nachricht bringe sollte. Dieser kam auf den
Morgen zu uns / mit Berichte: Adelgunde wäre nach geschlossener Stadt mit
anbrechender Nacht aus dem Schloss gebracht / uñ von fünffhundert Reitern /
welche Adgandester selbst führete / und die Ritter Talmberg / Schleinitz und
Pernstein bei sich hätte; umgeben; also würde wohl mit einer solchen handvoll
Volckes dieser Anschlag schwerlich auszuführen sein. Ich aber sagte: In einem
solchen Wercke / wenn es schon angefangen wäre / hätte keine Reue nicht statt /
sondern müste / es kostete was es wollte / ausgeführet sein. Der Ritter von der
Leipe und Milessau fielen mir bei und sagten: Wir hätten die Menge nicht zu
achten / weil schwerlich die Helffte am Gefängnisse Adelgundens gefallen / und
also nicht grosse Begierde hätte durch Tapfferkeit ihre Dienstbarkeit zu
verfechten. Wir blieben also nahe an der Elbe / über die sie sich auf einem
Prahme sätzen lassen mussten /stehen / und beschlossen sie / so bald Adelgunde
über den Strom würde gebracht sein / mit den Worten: Für Adelgundens Freiheit /
anzufallen. Liebstein musste auf den höchsten Baum klettern / und Wache halten /
damit wir von der Uberkunft eigentliche Nachricht erlangten. Nach dreien
Stunden kamen sie an den Fluss; Nach dem nun die Helffte der Reiterei
übergeführet war / folgte eine Senfte / darinnen Sudewitzes Berichte nach
Adelgunde sass / und eine Frau von Waldstein zur Gefärtin hatte. So bald diese
das Ufer erreichte / fielen wir aus dem Walde / welcher kaum dreihundert
Schritte von der Anfahrt des Flusses entfernet war / herfür / und reñten
spornstreichs mit dem abgeredeten Geschrei auf sie los / welche sich ehe des
Himmelsfalls / als allhier eines Feindes versehen hatten; wussten auch zum teile
nicht: ob sie bei verlautender Freiheit Adelgundens zu den Waffen greiffen
sollten / oder nicht / biss Adgandester sie ermahnte / sie sollten für den König
und seine Tochter uns als Raubern die Stirne bieten. Er befahl auch alsbald: dass
Adelgunde über den Fluss wieder zurücke gebracht werden sollte. Diese aber / als
sie unsere Ankunft gesehen / und von ihrer Freiheit gehöret / war schon von der
Senfte gesprungen / und hatte einem Marckmanne den Spiess aus den Händen
gerissen /mit welchem sie sich gegen die / welche sie wieder auf den Prahm
bringen wollten / sätzte / ja als sich Adgandester ihr näherte / ihm damit eines
zu versätzen mühte. Wir säumten uns inzwischen nicht / unsern zweifelhaften
Feinden unsern Ernst zu zeigen / und drang Milessow mit etlichen Rittern biss zu
Adelgunden / als ich inzwischen mit dem Ritter Pernstein und Schleunitz alle
Hände voll zu tun bekam. Adelgunde schwang sich dem Milessow / welcher durch
Aufhebung seines Helmes sich ihr hatte zu erkennen gegeben / aufs Pferd / und
wäre mit ihm glücklich entkommen / wenn nicht der für Grimm schäumende
Adgandester ihm den Weg gegen dem Walde abgeschnitten /und ihn angesprenget;
also Adelgunden wieder abzusitzen genötiget / Kunnburg aber sie erwischet / und
zurücke geführet hätte. Adgandester / welchen die heftigsten Gemüts-Regungen /
nämlich Liebe / Hass und Ehrsucht anfeuerten / tat zwar sein euserstes /und mehr
als ihm jemand unter uns zugetraut hätte /nichts desto weniger erhielten wir
anfangs im Streite ziemlichen Vorteil / weil ihrer viel wider uns schläfrig
oder gar nicht fochten / also / dass Adgandester und seine Führer / nach dem ihr
Beispiel nichts verfieng / ihnen die grimmigste Rache ihres Königes andeuten
mussten; wo sie durch ihre Zagheit seine Tochter diesen wenigen Räubern würden zu
teil werden lassen. Wie nun nach und nach unsere Wenigkeit ihnen mehr Hertz
machte; also wurden sie auch durch die Uberfahrt ihrer Gefärten immer stärcker.
Weil nun die meisten unter uns verwundet / und also unsre Hoffnung Adelgunden zu
erlösen fast verschwunden war / ermahnte ich den Ritter Milessow / Sudewitz und
Riczan / sie sollten nebst mir allein auf Adgandestern lossgehen. Denn wenn wir
nur diesem das Licht ausleschten / wäre Adelgunde für sich selbst in Freiheit.
Wir schlugen uns glücklich durch / und Sudewitz versätzte seinem Pferde in den
Hals einen Streich: dass es mit Adgandestern übern Hauffen fiel /und er in grosse
Gefahr geraten wäre / wenn nicht Wartenberg und Mitrowitz ihn entsätzt /
Hisserle aber ihm auf ein ander Pferd geholffen hätte. Hierüber kamen wir ins
Gedränge / unsere Reisigen begonten gegen dem Walde zu weichen / unser einiger
Trost war noch unser Degen / unser Hertze / und das beste Gewehre die Liebe zu
Adelgunden / der Hass gegen Adgandestern. Derogestalt schien alles verloren zu
sein; ja wir vier wären auch hundert mahl todt blieben / wenn nicht Adgandester
befohlen hätte / uns /die wir ihm die Rädelsführer zu sein aus den Rüstungen
schienen / lebendig zu fangen. Hierüber hörten wir ein neues Geräusche von
Pferden / und sahen zwei mit güldenen Waffen gerüstete Ritter mit einem Gefolge
von nahe andertalb hundert Pferden spornstreichs ankommen / welche nach
Erkundigung / welches Teil auf Adgandesters Seite wäre / sich zu uns schlugen /
und dem Streite bald eine andere Gestalt gaben. Denn wir kriegten mit dieser
unvermuteten Hülffe bald ein zweifach Hertze / unsere Feinde aber / derer schon
sechzig gefallen / so viel harte verwundet / und alle abgemattet waren / alle
Hände voll zu tun. Die zwei Führer / derer der eine einen weissen Adler /
welcher einem Habichte eine Taube abjagte /der andere den Perseus auf dem
geflügelten Pferde /wie er die angeschmiedete Andromeda vom Meerwunder errettete
/ im Schilde mit dieser Uberschrifft: Für die Freiheit der Vollkommensten /
führte / wiesen mit ihren Säbeln nicht weniger Ernst als Geschickligkeit. Einer
mühte es sich dem andern an Tapfferkeit vorzutun; und also fochten beide als
Löwen / ihre Kriegs-Leute aber nach ihrem Beispiel. Wo sie ihre Waffen
hinwendeten / sah man nichts als Schrecken und Leichen / von denen sie
gleichsam Berge auftürmten / und Bäche von Blut abströmten. Dieses erweckte
auch in uns eine Eyversucht; und wollten wir /die wir die ersten in Streit kommen
/ nicht gerne die letzten in der Tugend / sondern gleichwürdige Werckzeuge des
Sieges sein. Die Unsrigen bekamen ihr Hertz wieder / welches unser Gegenteil
mit ihrem eingebildeten Siege verloren. Jeder fragte nach Adgandestern und
wollte ihm zu Halse; gleichwol wurden alle stehende Feinde so feurig angegriffen
/ als wenn ein jeder Adgandester wäre. Nach einer halben Stunde brachten wir
unsern Feind in Verwirrung / und bald darauf in die Flucht. Adgandester schäumte
für Rache und Unmut / und hätte für Adelgunden gerne alles Blut der Marckmänner
aufgeopffert. Als er ihm aber den Sieg mit Gewalt aus den Händen reissen sah
/meinte er wenigstens die Leute zu retten / erwischte also bei so verzweiffeltem
Zustande Adelgunden /und eilte mit ihr dem Prahme zu; aber ich hatte das Glücke
/ dass ich ihm einen Streich in Arm versätzte /und ihn Adelgunden fahren zu
lassen zwang / Milessow aber diese Fürstin aus dem Gedränge und in unsere
Verwahrung zu bringen. Adgandester und wenige seiner Gefärten fuhren halb
rasende über diesem Verluste zurück über die Elbe / ohne dass sie wussten /was sie
für Feinde hatten? die übrigen liessen wir nach erlangter herrlichen Beute ohne
Verfolgung in die nechsten Wälder gerne entrinnen. Uns erwuchs aber ein neuer
Kummer / weil unsere letzte Gehülffen Adelgunden in ihren Besitz verlangten.
Milessow und ich ritten mit entblösten Antlitzen zu ihnen / danckten ihnen aufs
höflichste für geleisteten Beistand / getrösteten uns aber: dass / weil ihre
Schilde ihren herrlichen Vorsatz Adelgunden in Freiheit zu sätzen / entdeckten /
sie diese Fürstin auch derselben würden genüssen lassen. In allewege / antwortete
der mit dem weissen Adler / sie wird bei uns ihre völlige Freiheit und die beste
Sicherheit haben. Milessow bat: sie möchten sich bei dieser Bewandnüss zu
erkennen geben; denn sie wären aller derer Diener / die für Adelgunden einen so
heilsamen Vorsatz führten. Dieser hob seinen Helm auf / und fieng an: Meine
Aufrichtigkeit hat keiner Verstellung von nöten; ich bin Bolessla / des
Sarmatischen Königs Sohn. Der andere mit der Andromeda öffnete gleichfals seinen
Helm und sagte: Mein Antlitz und Hertze darf keine Larve; ich bin Britomartes
der Bastarnen Erb-Fürst. Wir stiegen beide von Pferden / erwiesen ihnen alle
geziemende Ehrerbietung. Als wir uns nun wieder zu Pferde gesätzt / fieng
Milissow an: Wir wären Marckmännische Ritter / und Adgandesters geschworne
Feinde; weil dieser Zauberer ihren König betört /Adelgunden aber / welche den
tapffersten Fürsten der Welt zu ehligen würdig wäre / unter dem Scheine der
Liebe zu seiner Magd zu machen sich erkühnet hätte. Ihnen wäre auch nicht
unwissend: dass der Sarmatische und Bastarnische König um sie für ihre Söhne
/welche beide Helden sie heute ihre Tapfferkeit durch unvergleichliche Taten
hätten bewehren sehen / werben lassen. Sie wünschten ihrer Fürstin den
würdigsten / gönnten sie allen Fürsten / ausser dem boshaften Adgandester. Nach
dem aber beide anwesende Fürsten an sie Anspruch machten / wäre zu besorgen: dass
Adelgundens Besitztum bei ihnen nur zum Zanck-Apffel werden würde. Britomartes
versätzte: Dieses hätten sie sich nicht zu befürchten. Denn nach dem ihrer Väter
Gesandten so lange Zeit an Marbods Hofe gewesen / und nichts ausgerichtet / ja
vielleicht einander in ihren Werbungen gehindert hätten / wären beide Könige /
der ieder des andern Schwester zur Eh hätte / auf den Gräntzen zusammen kommen /
und hätten daselbst dieses Bündnis gemacht: dass ihre Söhne selbst nach Boviasmum
ziehen / sich um Adelgundens Liebe bewerben / und keiner dem andern zu wider
sein / sondern dem Obsieger sein Glücke gönnen sollte. Diss hätten sie einander
geschworen / und würden es redlich halten. Sie hätten aber zu Welchrad der
Haupt-Stadt der Kwaden erfahren: dass Adelgunde wegen des von ihr geschmäheten
Adgandesters von ihrem Vater gefänglich wäre eingezogen worden. Diese Bedrängnüs
wäre ihnen derogestalt zu Hertzen gegangen: dass sie sich mit einander verbunden
und darzu geschickt gemacht hätten / sie durch Fürkehrung aller eussersten
Mittel in Freiheit zu sätzen. Sie schätzten es auch für nichts ungefährliches /
sondern für eine absondere Schickung des Verhängnisses: dass sie sich durch den
Ruff / als wenn Adelgunde schon Adgandestern vermählet wäre / nicht von
Fortsetzung der Reise hätten abhalten lassen / und dass sie der Himmel gleich zu
hoher Zeit Adelgunden aus Adgandesters Klauen zu erretten in die Nähe geführet /
wo ihnen ein aus dem Treffen kommender Verwundeter sie gebeten hätte / etlichen
Rittern / welche für Adelgundens Freiheit in gefährlichem Kampffe begriffen
wären / zu Hülffe zu eilen. Ich begegnete ihm: wenn sie Adelgundens Willen ihnen
zu ihrem Gesätze beliebt hätten / würde sie selbst / wo sie ihrer Freiheit und
Sicherheit zu finden meinte / auszusprechen haben. Beide Fürsten waren hiermit
vergnügt / verlangten also die Ehre ihr die Hände zu küssen / sprangen nebst uns
von den Pferden / und eilten zu Adelgunden / welche sie mit so grosser
Leitseligkeit annahm / als diese sie mit höflichster Ehrerbietung angiengen.
Insonderheit wusste sie ihre verbindliche Danckbarkeit auf die
allernachdrücklichste Art gegen sie auszudrücken / als sie von mir vernahm: dass
beides zwei so grosse Fürsten wären. Diese hingegen wurden von ihrer Schönheit /
welche das Gemüte wie die Sonne das Gesichte verbländet / gleichsam bezaubert /
dass nach dem sich ihre Augen ihrer Sinnen in einem Augenblicke gleichsam
bemächtigten /die Vernunft über die Gemütsregungen ihre Herrschaft verlohr.
Sie sahen nunmehr: dass Adelgunde mehr ihrer selbstalber / als wegen ihres
Erbteils geliebt zu werden verdiente. Beide büssten durch den Dienst ihrer
eigenen Augen / welche das Verhängnis gleichsam zu diesem Verluste erkieset hat
/ und kein ander Gesätze / als das der beliebten Schönheit annehmen / ihre
Freiheit ein. Denn ihr sehen / ihre darüber fühlende Ergetzung / und ihr
Verlangen hieng wie eine Kette an einander; Hingegen waren ihre Gedancken
zerstreuet / ihre Zungen gleichsam gebunden: dass sie ihre Gemütsneigungen mit
ihrer sonst fertigen Beredsamkeit nicht an Tag geben konten. Unterdessen
vertraten doch beider Augen ihre Zunge / endlich erholte sich doch Britomartes
und fieng an: Das Geschrei hätte sich zwar mit den Pfeilen ihrer Schönheit
ausgerüstet / und seine Ohren zu Pforten gebraucht / durch welche es ihrer Liebe
den Weg in sein Hertze geöffnet / allein er erführe nun bei ihrer Gegenwart /
dass das Gehöre nur eigendlich der Begierde den Eintritt öffnete / die Augen aber
das rechte Liebes-Tor wären / dardurch sie sich geraden Weges der innersten
Seele einverleibte. Der Ruff von ihren Vollkommenheiten hätte ihm zwar die
Flügel der Adler angehefftet: dass er nicht ehe ruhen können / biss er seine Sonne
ins Gesichte bekommen; nun aber stünde er ia derselben Anwesenheit in Kummer /
dass sein Hertze nicht wie des Icarus Wachs von den Strahlen ihrer
Vollkommenheiten zerschmeltzte. Bolessla faste sich unterdessen auch / und redete
sie an: Er erführe numehr auch bei ihrem holdseligen Anblicke / dass das sich in
die Ferne ausbreitende Geschrei nur kleine Sachen vergrösserte / grosse aber
verkleinerte. Denn man redete zwar in aller Welt von Adelgunden so viel gutes /
als man vom ganzen weiblichen Geschlechte preisen könnte / aber er träffe an ihr
nicht so wohl einen kurtzen Begriff aller Schönheiten / als einen unbegreiflichen
Uberfluss aller Vollkommenheiten an. Er wäre aus seinem Vaterlande zwar so
verliebt gereiset: dass er vermeint / seine Liebe hätte schon alles Wachstum
überstiegen; Alleine diese wenigen Augenblicke / da er mit ihr etwas Göttliches
zu sehen das Glücke gehabt / überzeugten ihn seines Irrtums /oder ihre
Gegenwart hätte eine Krafft den Gemütern etwas mehres als Liebe einzupflantzen.
Die Würckungen ihrer Augen hätten zwar die Geschwindigkeit des Blitzes an sich /
dessen Verwundungen auch das Gesichte übereilten; aber sie hätten vielmehr
heilsames an sich; Denn sie machten mit ihrem Blitze lebhaft /und also wäre er
festiglich beredet: dass sie nichts an sich zu nehmen fähig wäre / was einen
Werckzeug ihn zu tödten abgeben könnte. Adelgunde antwortete mit einem zwar
freundlichen / doch die wenigste Veränderung verratenden Gesichte: Sie würde
bei Wissenschaft ihrer Fehler über so grossem Lobe beschämet /welches sie ihrer
Höfligkeit und vielleicht diesem Absehen zuschriebe; dass sie ihre Tapfferkeit
für nichts unwürdiges angewehrt zu haben beschuldigt werden möchten. So wenig
sie nun so viel Ruhmes verdiente /so vielmehr wäre sie ihnen für ihre Hülffe
verpflichtet / und wäre ihr kummerhaft / dass das Unglücke sie in solchen
Zustand versätzt hätte / darinnen sie ihre danckbare Erkenntnis mit nichts
besserm als unfruchtbaren Worten zu verstehen geben könnte. Britomartes
versätzte: Ihre Hülffe wäre nichts mehres als eine wenige Pflicht / welche ieder
Edelmann auch dem fremdesten Frauenzimmer abzustatten schuldig wäre / also für
nichts von der anzuziehen / welcher er fürlängst seine Seele gewiedmet hätte /
und für das gröste Glücke der Welt achten würde / wenn er durch Aufopfferung
seines Blutes etwas zu Adelgundens Vergnügung beitragen könnte. Und Bolessla
sätzte den Wunsch bei; dass diss der geringste Dienst von denen wäre / welche er
Adelgunden zu Liebe auszurichten ihm fürgesätzt hätte. Adelgunde begegnete
ihnen: Weil nichts köstlichers als die Freiheit wäre / könnte nichts edlers als
derselben Beschirmung sein. Daher sie auch mit Wercken vergolten / nicht mit
eiteln und in der Lufft verschwindenden Worten gepriesen werden sollte. So
tapfferer Helden Eigenschaft wäre auch grosse Taten zu tun / nichts davon zu
reden / gleich als wenn die Zunge denen Verdiensten ihren Wert benähme / und
sie die Frucht ewigen Andenckens nicht trügen / wenn sie nicht wie ander
Saamwerck vorher mit Fleiss vergraben würden. Mit solchen Gesprächen hätten sie
sich noch länger aufgehalten /wenn nicht Milissow erinnert hätte: dass
Adgandester noch lebte / seine Liebe und Rache ihn auch nicht ruhen lassen
würde. Weil er nun als erwehlter Königlicher Feldhauptmann in dem von
Kriegs-Volcke ziemlich angefüllten Lande sie leicht mit grösserer Macht
überfallen könnte / hätte Adelgunde keine Zeit zu verspielen / sondern sie sollte
nun selbst ihr einen Ort zu ihrer Verbergung oder Sicherheit erkiesen. Bolessla
bot ihr Sarmatien hierzu an / wo sie sicherer /als irgendswo in der Welt sein
würde. Alleine Britomartes meinte: dass das von Marckmännern noch weiter
entfernte Bastarnien Adelgunden einen noch sicherern und annehmlichern
Auffentalt geben würde. Jener führte für sich / und dieser nicht weniger zu
seinem besten allerhand Ursachen des Vorrechtes an. Also trennte sich allzu
zeitlich ihre beschworne Verträuligkeit / welche die aller Gemeinschaft
unleidliche Liebe nicht verträget / wenn sie schon Geblüte und Eyde zu
befestigen vermeinen. Daher hatte Bolessla und Britomartes Adelgunden so
geschwinde nicht gesehen / als sich die Eyversucht in ihre Augen und Hertzen
einspielte. Einer wünschte den andern von ihr weiter als den Himmel von der Erde
entfernet / welcher beschuldiget wird: dass er mit ihr eivere /wenn er den
Gegenschein seiner Sternen in Wässern erblickt. Jeder gab auf des andern Worte
und Blicke genauer als ein Luchs achtung / gleich als wenn ieder Atem des
andern sein Glücke / wie ein Hauch die Spiegel verdüstern / oder etwas ihrem
himlischen Antlitze entziehen würde. Es würden beide Fürsten auch besorglich
einander in die Haare geraten sein /wenn nicht Adelgunde sich erkläret hätte:
Sie wollte lieber zehnmahl in vorige Bestrickung geraten / als ihrem guten
Nahmen so viel / als ein Sonnenstaub austrüge / Abbruch tun. Sie würde aber
nicht weniger ihre Ehre kräncken / als ihren Vater beleidigen /wenn sie ausser
seines Reiches einige Sicherheit suchte; aus welchem sie auch die tapffern
Marckmänner /welche zwar für ihre Freiheit gefochten hätten; aber doch die Treue
gegen ihrem Könige kein Haar breit zu versehren gemeinet wären / nicht führen
lassen würden. Dieser Vortrag war beiden Fürsten zwar ein strenges Gesätze; weil
sie aber der Marckmänner Waffen wider den / welcher sich einiger Tätligkeit
anmassen würde / fertig / und die Unmögligkeit eine solche Fürstin wider ihren
Willen durch ihr väterliches Gebiete mit Gewalt fortzubringen für Augen sahen;
insonderheit aber ihr Neid dem andern die Verwahrung einer so köstlichen Perle
missgönnete / und ein Schwerdt das andere in der Scheide hielt / mussten sie sich
nur ihrem Befehle unterwerffen / sonderlich da Adelgunde selbst sich erklärte:
dass sie Milissow auf sein festes Berg-Schloss bringen sollte. Beide Fürsten trugen
sich biss dahin zu ihrer Leibwache an. Sie aber lehnte es damit ab: Dass ihre
Begleitung sie mehr in Gefahr sätzen / und ihnen selbst viel Ungemach /aber
keinen Vorteil zuziehen würde; weil sie zwar sich ihren Vater zu keiner Heirat
zwingen lassen /aber doch wider seinen Willen niemanden ehligen würde. Dieses
redete Adelgunde mit einem solchen Nachdruck / dass weder ein noch der andere
Fürst das Hertz hatte / darwider etwas einzuwenden; weil sie wohl sahen: dass bei
dieser Fürstin der Gehorsam das verdienstlichste Opffer wäre. Nur fiel hierbei
dieses Bedencken für: Ob beide Fürsten auch in Boviasmum für dem Zorne des
Königes / oder vielmehr für der Rache des eiversüchtigen Adgandesters sicher
sein würden; weil doch unmöglich zu verhölen wäre / dass sie zu Adelgundens
Befreiung geholffen hätten. Milissow riet ihnen in alle Wege / dass sie sich
nach Boviasmum / aber auf einer andern Strasse / die er durch einen Edelmañ
ihnen wollte anweisen lassen /verfügen / und bei beider Königlichen Väter
Botschaftern sich in Sicherheit setzen sollten. Denn diese dem Adgandester
gehässige Stadt würde auf allen Fall ihnen als Errettern der beliebten Adelgunde
kein Leid wiederfahren lassen / wenn schon Adgandester an ihnen das
Völcker-Recht verletzen wollte. Ich / sagte Kapliers / versprach auch mich zu
ihren Diensten dahin zu verfügen / so bald wir Adelgunden in Sicherheit gebracht
haben würden. Hiermit wurden sie gezwungen von Adelgunden Abschied zu nehmen /
welcher ihnen zweimahl so viel Bitterkeiten einschenckte / als sie vorher
Süssigkeit geschmeckt hatten. Die einige Eyversucht fand hierinnen ihr Labsal /
weil sie der Sorgfalt / des andern Blicke zu bewahren / entübriget ward. Wir
wollten also Adelgunden mit der Frauen von Waldstein wieder auf die Sänfte
bringen / aber jene zohe ihre Wolfart ihrer Gemächligkeit vor /zohe eines
Erschlagenen Kriegs-Rock an / setzte einen Helm auf / gürtete ein Schwerd um /
faste sich mit einem Schilde / und sätzte sich zu Pferde. Die Frau von Waldstein
folgte ihrem Beispiele / und also verfolgten wir mit allem Fleisse durch die
dicksten Wildnüsse unsere Reise ohne einige Hindernüsse / und kamen den dritten
Tag auf dem Schloss Bezdiez an /welches von Vögeln auf die Spitze eines gähen
Steinfelsens gebauet zu sein schien: Wir meinten Adelgunden allhier in einen
sichern Hafen gebracht zu haben /so wurden wir inne / dass sie dem Schiffbruche
näher /als irgends vorher gewest war. Denn die Frau von Waldstein / welche sich
etliche Stunden mit ihr als einer verzweiffelten geärgert hatte / liess um
Mitternacht den Ritter Melissow und mich beruffen. Wir hörten mit grosser
Erstaunung: dass sich Adelgunde hätte vom Schloss abstürtzen wollen; und traffen
sie auch noch als eine Wahnsinnige an / welche auf uns tausend Flüche
ausschüttete / weil wir sie aus den rechtmässigen Banden ihres Vaters gerissen /
und verleitet hätten: dass sie ihre Ehre ihrer Liebe nachsätzen sollte. Die ganze
Welt würde sie verspeien: dass sie den Gehorsam gegen ihren Vater und König
ausgezogen / und ihre Tugend mit dem Argwohne schändlicher Laster befleckt
hätte. Wir redeten ihr ein / was wir wussten / und konten; es halff aber alles
weniger /als ein Schlag ins Wasser / biss wir ihr sagten: dass wir so fertig wären
sie auf den Morgen wieder in die Armen ihres Vaters zu lieffern / als wir sie
aus den Klauen Adgandesters gerissen hätten. Hierauf beruhigte sich Adelgunde /
und hatte sie die übrige Zeit mit einem sanften Schlaffe hingelegt. Früh wurden
wir zwei zu ihr und der Frauen von Waldstein in ihr Zimmer beruffen. Adelgunde
befand sich zwar in einer tieffen Traurigkeit / aber doch bei gesätztem
Verstande / und redete uns folgender Gestalt an: Eure Dienste sind zwar von
solcher Beschaffenheit / dass ich nicht weiss: ob sie mehr zu meiner Unehre als zu
meiner Freiheit gereichen werden / gleichwohl aber sind sie gegen mich so wohl
gemeint: dass ich sie euch nimmermehr vergelten kann. Ich bin nun zwar meiner
Gefangenschaft erledigt / aber in viel grössern Kummer versätzt / und habe hier
mehr eures guten Rates als an der Elbe euer Tapfferkeit von nöten. Denn dort
war es nur um meine Freiheit / hier aber ist es um meine Ehre zu tun. Ich weiss
wohl: dass die Liebe keinen Zwang leidet; aber nicht / ob einer Tochter aus der
Gewalt ihres Vaters zu flüchten sich geziemet. Wäre es nicht verantwortlicher
aus den Gräntzen des Lebens / als aus dem Schrancken des Gehorsams zu schreiten?
Adgandester ist mir zwar ein Greuel in Augen; aber stehet das Urtel nicht mehr
beim Vater und beim Könige / als bei einer Tochter und Untertanin / wer ihrer
Liebe würdig sei? Liegt dieses Gesätze nicht allen Fürsten-Töchtern ob: dass sie
nicht nach ihrer Lüsternheit Männer erwählen dörffen / sondern die
Staats-Klugheit sie ihnen müssen geben lassen? Alleine ich muss euch so wenig
meine als ein Krancker dem Artzte seine Schwachheit verhölen /meine Liebe hat
mich übereilet. Adgandester ist zwar nicht allerdings liebens wert. Aber ich
hasse ihn nicht so sehr wegen sein selbst / als wegen seines Mit-Buhlers / der
über mich mehr als ich selbst Gewalt habe. Ihr wisset aber die Eigenschaft der
Liebe: dass sie sich ehe selbst einäschert / als sich des Geliebten entsätzen
läst; dass sie die besessenen Hertzen nicht wie ein Herr oder König / sondern wie
ein Wütterich beherrschet / dass weder Hertzhaftigkeit noch Weissheit / noch
Gesätze / noch Geblüte / noch andere Verbündligkeit / ja die Ehre selbst nicht
ihren Geboten zu widerstehen gewachsen ist. Diesen Kampff fühle ich in meinem
Hertzen. Denn / wo ich mich nicht selbst betrüge / streitet die Ehre für
Adgandestern / die Liebe aber für Ingviomern den Hertzog der Bructerer. Jenem
redet mein Vater / diesem das Verhängnüs das Wort. Denn dieses leitete mich ihn
zu lieben / ehe ich wusste was Liebe wäre. Seine hohe Ankunft / seine Gestalt /
seine Tapfferkeit /seine Anmut / und andere Tugenden waren mir eitel
Magnetsteine / und zohen mich so sehr / als wenn ich von eitel Stahl wäre. Das
zwischen den Marckmännern erwachsende Misstrauen entzohe mir zwar seine Gegenwart
/ aber es leschte mein Feuer nicht aus. Weil ich etwas mehr als irrdisches an
ihm fand /hatte er bei seiner Abwesenheit einen so kräfftigen Zug in die Ferne
über mich / als der Angelstern über die Magnet-Nadel. Seine Helden-Taten
flösseten durch das blosse Gehöre so viel Oel meiner Liebe ein: dass sie nun
unauslöschlicher als das Griechische Feuer worden ist. Alleine kann ich wohl diese
Flamme entdecken / ohne dass ich dadurch meine Ehre vertilge? Werd ich dadurch
nicht die Strengigkeit meines Vaters rechtfertigen / und Adgandestern von allen
seinen Hessligkeiten weissbrennen? Gleich als wenn ich ihm nicht wegen sein /
sondern wegen Ingviomers verschmähete? Ist es nicht billicher: dass in einer
edlen Seele die Liebe der Ehre / als die Ehre der Liebe weiche? Lässet sich ohne
Hoffnung etwas mit Vernunft lieben? Was für Hoffnung aber hat ihr Adelgunde auf
Ingviomern zu machen / nach dem jener das Hertze Marbods besitzet / und die
Herrschaft über seinen Willen hat? Wenn aber auch dieser schon auf die Seite
käme / wer ist mir Bürge: dass Ingviomers gegen mir beteurte Liebe nicht
fürlängst in seinem Hertzen verschwunden und in die Lüffte verrauchet sei? Ist
es nicht ein gemeiner Fehler unsers Geschlechtes: dass es sich mit den
Liebkosungen der Männer / und mit eigener Hoffnung betreugt? Was für neue
Anfechtungen dörfften Adelgunden durch den Sarmatischen und Bastarnischen
Fürsten zuwachsen? und wer weiss /was das Unglück sonst mehr für Steine
Ingviomern in Weg werffen würde / welchen Marbod zwar aus Staats-Klugheit zum
Bundgenossen / aus eingewurtzeltem Hasse aber nimmermehr zum Eydam annehmen
wird. Löset mir daher diese Zweiffels-Knoten auf. Helffet der sonst
verzweiffelnden Adelgunde aus diesen Anfechtungen. Saget mir: ob ich in diesem
Schloss verborgen und sicher sein könne / ohne dass ich durch diese Verhölung
meine Ehre vertunckele /meine Tugend beflecke / und mein Gewissen verletze? die
Augen löseten ihre Zunge mit Ausschüttung unzählbarer Tränen ab / vielleicht
weil diese nachdrücklichere Redner als Worte sind / und diese zwar einen zum
Mitleiden bewegen / jene aber zwingen. Wir drei sahen einander an / und iedes
bildete sich vom andern ein: dass es Adelgunden beantworten würde. Endlich aber
brach Milissow unser Stillschweigen / und fieng an: Gnädigste Fürstin / wenn
jemand unter uns gezweiffelt hätte / dass der lasterhafte Adgandester der rechte
Unglücks-Vogel des Marckmännischen Reiches sie zu besitzen unwürdig wäre; und
dass sie ihn nichts minder von ganzem Hertzen / oder aus gerechten Ursachen
hassete /würde keiner unter uns wider ihn den Degen gezückt haben. So aber haben
wir uns nicht gescheuet unser Blut / Ehre und Vermögen für sie aufzusätzen / und
unsers Königs Rache gleichsam wider uns auszufordern; weil es zu ihrer
Vergnügung und zu des Reiches Wolfart dienlich geschienen: dass der nicht der
Marckmänner Haupt würde / welcher der Anfang ihres Unterganges zu sein scheinet.
Wir wissen nicht alleine: dass sie zwei tapffere Fürsten der Sarmater und
Bastarner verlangen / sondern wir hören nun auch aus ihrem Munde: dass sie an
Ingviomern einen Fürsten liebe / welcher die Welt mit dem Ruhme seiner Taten
erfüllet / und Adgandesters Tugenden alle zweifach / keines aber seiner Laster
hat. Also gehe sie doch nur mit sich selbst zu rate: ob es weisslich getan sei
/ wenn es durch Adgandesters Erwehlung sich selbst erniedriget / den
Marckmännern weh tut /sich dessen / was sie liebt / beraubt; damit sie sich
dem zueigne / welchen sie hasset / und der sie / als er über sie noch kein Recht
gehabt hat / schon zur Sklavin gemacht. Weder Recht / noch Gesätze erfordern
/sich selbst zu verliehren / um seinen Feind zu bereichern. Es laufft vielmehr
wider die Vernunft / und die Ordnung der Liebe einen andern durch sein
Verderben zu beglückseeligen. Ja die Ehre selbst verhänget zwar: dass man die
Waffen wegwerffe / einem andern ohne Zagheit den Sieg enträume; aber sich ganz
kann man ohne Schande und Untreu nicht einem Neben-Buhler dessen / den man liebt
/ unterwerffen. Denn wir verraten die Falschheit unserer Liebe / so bald wir
etwas in der Welt seiner Vergnügung fürziehen. Wie wir das überstandene Ungemach
/ wie empfindlich es gleich gewest / leicht vergessen / also dencken wir unserm
künftigen selten zur Genüge nach. Das Ubel aber ist nicht ehe ein Ubel / als
biss wir es fühlen oder erkennen. Ja die schöne Adelgunde wird sich der Welt zum
Meerwunder machen / wenn sie hören wird / dass sie ihr selbst Gewalt angetan /
um ihren Liebhaber in Verzweiffelung zu stürtzen / und seinen Neben-Buhler zu
beglückseeligen. Wie oder sätzet sie auf unsere Treue und auf die Gerechtigkeit
des Himmels ein Misstrauen? Haben wir nicht jene schon mit unserm Blute / und
dieser sein Wolwollen durch Zuschickung einer wunderwürdigen Hülffe besiegelt?
dieses Schloss können kaum die Vögel überflügen; und sie befürchtet sich / dass es
die Menschen ersteigen werden? Wenn aber auch diss Unglücke über sie verhangen
wäre / würde sie so denn mehr verlieren /als sie jetzt selbst von sich stossen
will / nämlich ihre Freiheit? Welche wir uns oft mit Ehren nehmen lassen / aber
niemahls ohne Schande abtreten. Man sah es Adelgunden an Augen an: dass sich ihr
Gemüte durch dieses Ritters Zureden mercklich aufrichtete. Daher erkühnte ich
mich ihr alles zu erzählen / was der Ritter Stochow und ich für glaubwürdige
Anzeigungen des von den Wahrsagern für den Adgandester gebrauchten Betruges
erforschet hatten / und versicherte sie: dass die Sonne / als eine Feindin
verborgener Rencke und die Ausspürer in aller Heimligkeiten /solche zu
Adgandesters Beschämung würde ans helle Tagelicht legen. Ich entdeckte ihr
zugleich / wie sehr der Bructerische Gesandte um ihre Bedrängung bekümmert / und
der sie noch beständig liebende Ingviomer für sie Himmel und Erde zu bewegen
entschlossen wäre. Weil dieser nun vom Könige Marbod für einen Bundgenossen
aufgenommen / und an Glücke und Tugend Adgandestern weit überlegen wäre
/zweiffelte er nicht: dass seine Ankunft diesem sein ganzes Spiel verziehen /
den König zu bessern Gedancken / und Adelgunden zu gewünschter Vergnügung
bringen würde. Adelgunde säuffzete / und fieng an: Mit was für süsser Hoffnung
überzuckert ihr die Wermut meines Notstandes? Solte ich mich von Ingviomern
nicht nur eines so holden Andenckens /sondern auch seiner Hülffe zu getrösten
haben? Ich erzehlte hierauf noch viel mehres / damit sich dieses Hertzogs
Gesandter gegen mir ausgelassen hatte. Dieser würde auf ihren Befehl für sie
alles tun / und Ingviomer selbst ihr zu Dienste durchs Feuer lauffen /und sein
Blut aufopffern. Weil sie nun dessen von ihm versichert wäre / sollte sie durch
Eröffnung ihres Hertzens ihm einige Erkenntligkeit zeigen / und weñ sie ihn
einer Botschaft würdigte / ihn durch etwas bei ihm beglaubt machen. Adelgunde
liess hierüber ziemliche Vergnügung spüren / und nam meinen Vorschlag biss auf den
andern Tag zum Bedencken. Wir wurden aber noch selbigen Tag unterschiedener
anziehenden und sich unter dem Schloss setzender Kriegs-Hauffen gewahr / ja
Adgandester liess kurtz darnach das Schloss auffordern / weil er vergewissert
wäre: dass die Königliche Tochter von ihren Räubern darinnen in Bestrickung
gehalten würde. Nach gehaltener Unterredung aber liess Milissow Adgandestern zu
entbieten: dass sein Schloss kein Rauber-Nest / sondern ein Hafen der numehr in
Freiheit lebenden Fürstin Adelgunde wäre; welche alleine darinnen zu gebieten
hätte / und sich ehe nicht von dar begeben wollte / biss sie ihren Vater und König
in gleichmässiger Freiheit wissen würde. Nach dieser Abweisung ward das Schloss
rings umher mit Wachen besätzt; nichts desto weniger erbot ich mich gegen
Adelgunden durch Hülffe eines guten Leiters verkleidet aus dem Schloss zu
spielen / und alle ihre Befehle auszurichten. Diese enge Einsperrung bewegte sie
an den Hertzog Ingviomer dieses / was ich überliefert habe / zu schreiben. Alle
andere Sorge für sie / stellte sie meiner Treue heim. Um Mitternacht liess man
mich und einen Förster des Ritters Milissow in gleicher Kleidung an einem Seile
und Knöbel über fünfhundert Ellen tief / auf eine Klippe herab / von welcher wir
gleichsam als Gemsen über andere kletterten / und durch die ihm wolbekandten
Wälder / darinnen wir einen Luchs und einen Gems schossen / und uns damit
behenckten / an die Elbe / und den dritten Tag unter dem Scheine unser Wild zu
verkauffen / ohne Anstoss nach Boviasmum kamen. Wir giengen daselbst in etliche
gemeine Häuser / und überboten unser Wilpret mit Fleiss / dass wir in Mangel der
Käuffer mit Fug in das Haus des Bructerischen Gesandten kommen konten. Als nun
dessen Dienern es gleichfalls zu teuer war / sagte ich: wenn ihr Herr von mir
nur die heilsamen Mittel / darzu die Luchskreile und die Gemsen-Kugeln dienten /
erfahren sollte / würde er uns nicht alleine nichts abbrechen / sondern ein
mehres dafür zahlen. Diese verlangten solche zu erfahren /ich aber weigerte mich
/ diese Geheimnisse Dienern gemein zu machen / welche allein grossen Herren zu
wissen anstünden. Hiermit brachte man mich zum Gesandten; welchem ich mich nach
Abtritt der Diener zu erkennen / und ihm den Anschlag gab: er möchte sich
einiger Vergnügung über denen eröffneten Künsten anstellen / und uns zum Scheine
in seine Dienste annehmen. Als dieses glücklich eingerichtet ward / erzählte ich
ihm alles / was sich mit Adelgunden zugetragen / und was ich bei ihr gutes für
Ingviomern ausgerichtet hätte; lieferte ihm auch ihr Schreiben zu dessen
besserer Verwahrung ein. Er umarmte mich für Freuden und Treuhertzigkeit / und
liess nicht ab / biss ich ihm versprach / mit anhero zu reisen / und dem Hertzoge
selbst alles umständlich zu entdecken. Denn er wäre bei solchem Zustande
Adelgundens seine Rückreise zu beschleunigen willens. Er hingegen erzählte mir:
dass die Stadt von Adelgundens nächtlicher Hinwegführung nichts gewust hätte /
biss den andern Tag / als Marbod gleich hätte aufbrechen / und nach Bubienum
folgen wollen / eine flügende Zeitung sich in der Stadt ausgebreitet hätte: dass
Adelgunde sechs oder sieben Meilen von dar auf der Strasse mit Gewalt wäre
weggenommen worden. Anfangs hielt man es für ein Getichte; weil aber der König
nach Ankunft eines ziemlich verwundeten Edelmannes wieder umdrehete /kriegte
dieser Ruff mehr Glauben; und weil es jedermann für eine Anstifftung
Adgandesters hielt / geriet die Stadt in nicht geringe Bestürtzung. Diese aber
verwandelte sich in ein stilles Frolocken / als des Nachtes die Gewissheit
einlieff: dass Adelgunde Adgandestern wäre genommen / und er selbst verwundet
worden.
    Folgenden Morgen kam der Sarmatische und Bastarnische Fürst / jedoch
unbekandter Weise in die Stadt / und kehrte ein jeder bei seines Vaters
Gesandten ein. Diese liessen hierauf den König Marbod und andere Gesandten
derselben Ankunft wissen. Ich /sagte der Ritter Arnheim zu mir / erfreute mich
hierüber / in Meinung: dass diese Adgandestern vielleicht nunmehr sein Glücke
zweifelhaft machen würden /iedoch war ich nicht ohne Kummer: dass nicht ein
oder anderer Ingviomern einen Vorteil abjagen dörffte. Sintemahl in solchen
Handlungen die Gegenwart doch einen grossen Nachdruck hat. Marbod liess auch
beide bewillkommen / aber kaum drei Stunden darnach / sie zu grosser Verwirrung
des Volckes mit einer starcken Wache rings um ihre Häuser besätzen. Die Ursache
brach auch kurtz darnach heraus / nämlich es hätte Adgandester / welcher die
Rauber mit Adelgunden in den Wildnüssen aufsuchte und verfolgte / den König
vergewissert: dass diese beide Fürsten zu dem Raube Adelgundens geholffen hätten.
Der Sarmatische und Bastarnische Gesandte hätten diss allen andern Botschaftern
/ und darunter auch dem Bructerischen klagen lassen: dass sie nicht alleine
bewacht / sondern auch vom Marbod bedreuet würden: dass / dafern sie nicht die /
welche die Ruhe seines Reiches zerstöret hätten / der Königlichen Wache
aushändigten / würde sie Gewalt zu brauchen befehlicht werden. Der Römische
Botschafter schickte alsbald einen Edelmann zum Könige / mit Ersuchen: er
möchte in dieser aller Völcker Botschafter angehenden Sache sich nicht
übereilen / liess diese auch alle zu sich bitten. Bei ihrer Versammlung erzählte
der Sarmatische und Bastarnische Gesandte einstimmig: die Fürsten leugneten
nicht / dass nach dem sie von einem verwundeten Edelmanne an den Ort des Kampffes
gewiesen /und gebeten worden wären / die Königliche Tochter aus den Händen derer
/ die sie mit Gewalt in Dienstbarkeit wegführten / zu retten / sie ihre Waffen
gegen die gebraucht hätten / welche Adelgunden wären zu wider gewest. Adelgunde
hätte sich gegen ihnen für diesen guten Dienst bedanckt / sie auch in ihrer
Freiheit denen Obsiegern / welche sich Marckmännische Ritter gerühmet /
verlassen; also dem Könige eine Freundschaft erwiesen zu haben eingebildet.
Daher wäre ihr Verbrechen zum höchsten mehr nicht / als ein Adelgunden selbst
angenehmer Irrtum. Alle anwesende Botschafter befanden diese Entschuldigung
erheblich / und beide Fürsten / nach dem sie in ihrer väterlicher Gesandten
Häusern und Gemeinschaft /wären nicht verbunden / dem Könige Marbod einige Red
und Antwort zu geben. Es übernam der Römische Botschafter Bellejus Paterculus
im Nahmen aller sich ihrer beim Könige Marbod anzunehmen. Er ritt also nach Hofe
/ und bat bei erlangter Verhör /der König möchte die Wache von beider
Botschafter Häusern wegnehmen / und an die Fürsten keinen Anspruch machen /
oder ihnen von dem Volcke einiges Ungemach antun lassen. Denn ob gleich Rom mit
den Sarmaten und Bastarnen keinen Bund gemacht hätte; würde er doch sich ihrer
anmaassen müssen / wenn sie gleich Feinde wären. Sintemahl allen Fürsten und
Gesandten gar viel daran gelegen wäre: dass an derer keinem irgends wo / das sie
wider allen Zwang / Befehl und Gewalt schützende Volcker-Recht verletzet würde /
welches aller anderer Fürsten und Obrigkeiten Botmässigkeit / so wohl in Gewerb
und Handlungen / als wenn sie etwas verbrochen haben / über sie ausleschte.
Hierdurch würde auch der Hoheit und dem Rechte der Fürsten / in derer Länder
sich Gesandten aufhielten / nichts benommen. Deñ wie diese ihres Fürsten Person
/ oder das Gesichte ihres Staats vorstellten; also würden sie auch angesehen /
als wenn sie nicht in des Nachbars Gebiete /sondern in ihrem Vaterlande wären;
und was sie täten / würde für nichts anders gehalten / als was ihr Fürst selbst
täte / so lange / als er es nicht unbilligte. Daher / wenn man sie nicht leiden
könnte / müste man sie befehlichen / aus seinem Gebiete zu ziehen / und ihre
Bestraffung bei ihrem Fürsten suchen. Marbod antwortete: den Bastarnischen und
Sarmatischen Fürsten könnte er für keine Gesandten ansehen / welche sich von
ihren Königen vorher durch Vollmachten beglaubt machen müsten / wenn sie dem
Rechte der Natur / welches Ubeltäter aller Orten zu straffen verstattet / nicht
unterworffen sein; sondern des hiervon gewisser massen abweichenden
Völcker-Rechtes genüssen sollten. Uberdiss wäre ihr Verbrechen ein
Land-Friedens-Bruch / und ein wider ihn selbst als König begangenes Laster /
dadurch sie sich zu seinen und des ReichesFeinden gemacht / das Völcker-Recht
selbst am ersten verletzt / also desselben sich nicht zu erfreuen hätten.
Insonderheit aber hätte er von ihren Königen / weil sie zugleich derer Söhne
wären / oder auch sonst irgendswo in der Welt bei einigem Richter sich keiner
Rechts-Hülffe und Bestraffung zu getrösten / er also desto mehr Befugnüs ihm
selbst Recht zu schaffen / sonderlich da sie ohne sein Vorwissen und
Einwilligung in sein Land kommen wären / in welchem Falle jeder Fürst ohne diss
des Landes-Herrn Gefangener würde / wenn er schon niemanden beleidiget hätte.
Paterculus aber versätzte: Ob schon beide Fürsten selbst nicht Botschafter
noch zur Zeit verträten / wäre zu ihrer Sicherheit genung: dass sie in der
Botschafter Häusern und Gemeinschaft wären /welche nicht nur für ihre
Personen / sondern für alle ihre Gefärten / Haussgenossen / mit allen ihren
Sachen unter dem Schutze des Völcker-Rechtes lebten; also dass niemand und nichts
von ihnen / auch aus rechtmässigen Ansprüchen angehalten / und gekräncket werden
könnte. Auf diese Sicherheit wären alle Botschafter dahin kommen; und hätte der
König dadurch / dass er sie einmal für Gesandten erkennet /ihnen selbst
stillschweigend seinen eigenen Schutz wider alle Rechte und ungerechte Gewalt
versprochen. Auf das ihnen beigemässene Verbrechen wären die zwei Fürsten
hauptsächlich zu antworten nicht schuldig; wiewol sie aus allen Umständen
wahrnehmen / dass der König nicht allzu richtigen Bericht hiervon erlangt hätte;
und wenn der Verlauff genauer untersucht würde / sich vielleicht ereignen
dörffte: dass beide Fürsten durch Befreiung Adelgundens dem Könige mehr einen
gefälligen als widrigen Dienst zu leisten vernünftig vermutet hätten. Wenn
aber sie gleich so grosse Verbrecher wären; so hätten doch allemahl kluge
Fürsten sich ihrer eigenen Rache und Bestraffung entäusert; wenn solche gleich
wider desselben Reich und Person / Verrätereien / Ermordung und Auffruhr
anzustifften sich erkühnet; also weil sie weder rechtschaffene Feinde noch
ehrliche Kundschafter abgeben können / selbst sich zu Verrätern gemacht
hätten. Also hätten die Römer des Tarqvinius Gesandten / als sie gleich ihren
Staat übern Hauffen zu werffen / die Freiheit der Tyrannei zu unterwerffen / und
viel Bürger zur Verräterei zu verleiten / sich angemaasst / kein Leid getan /
sondern frei abziehen lassen / ungeachtet Tarqvinius schon wäre aus Rom gejagt /
seiner Herrschaft entsätzt / und also für keinen König mehr zu achten gewest /
und sie sich eben so wenig als jetzt Marbod /sich zum Tarqvinius zu versehen
gehabt: dass er als ihr Todfeind die Werckzeuge seiner Feindschaft straffen
würde. Denn der Mangel eines andern Richters rechtfertigte nicht alsbald eigene
Rache; sonst würde ein ieder Beleidigter sich an den höchsten Häuptern der Welt
selbst rächen können. Ja wenn ein Fürst auch schon Gesandten seiner Feinde für
sich /und ihren gäntzlichen Untergang beschlossen hätte /bliebe doch jener
unversehrlich; und hätten die zu Zerstörung der Stadt Cartago in Africa
angekommenen Bürgermeister doch ihren Gesandten im Römischen Lager für aller
Gewalt Schutz gehalten. Es verschlüge ihm auch nichts oder hübe das
Völcker-Recht nicht auf / wenn Gesandten sich schon selbst an diesem Rechte
durch Staats-Verbrechen vergriffen hätten. Denn in jenem Falle wäre es stärcker
/ als in diesem / und viel nötiger / dass Gesandten unverletzlich blieben / als
dass ihre Laster gestrafft würden. Sintemahl jene Notwendigkeit das Heil der
Welt / und die Erhaltung menschlicher Gemeinschaft nach sich züge / und ohne
Sicherheit der Gesandten nimmer Friede gestifftet / sondern ewiger Krieg
geführet werden würde. Daher fügten auch die wildesten Völcker Gesandten kein
Leid zu; also dass die / welche dieses gemeine Gesätze der Völcker brächen /
ärger als Barbern / und weniger als Menschen wären. Dafern aber einige Ubeltat
sie dieser Freiheit entsetzen könnte /würde es niemahls an scheinbarem Vorwand
ermangeln / Gesandten an Hals zu kommen / und zu verursachen / dass keiner aus
befürchteter Tätligkeit seines Fürsten Dienste recht beförderte. Wann sich also
Marbod ja so sehr beleidigt achtete / sollte er Botschafter und Fürsten auf die
Gräntze führen / und ihnen daselbst das Völcker-Recht aufkündigen / beiden
Königen aber auch vorher die Ursache zur Wissenschaft bringen lassen. Welches
allemahl billich vorher gehen / man auch selbigen König um Abforderung seines
Botschafters ersuchen / und desselben Antwort erwarten sollte / wenn sein
Gesandter ohne Gefahr des beleidigten Fürsten oder seines Reiches daselbst
länger bleiben kann. Denn da er mehr täte /würden beide Könige es gar billich
für eine ihnen selbst angetane Schmach zu empfinden / und solche durch Krieg zu
rächen / nicht nur die rechtmässigste Ursache haben / sondern hierzu gleichsam
wider Willen gezwungen werden. Sintemahl ein hierinnen unempfindlicher Fürst
sich aller Welt zum Spotte machte / und den Nahmen eines Fürsten zu führen
unwürdig wäre. Sonst möchte freilich wohl man sich eines regierenden Fürsten /
als eines Gefangenen bemächtigen / wenn er ohne Zulassung ein frembdes Gebiete
beträte / weil diss für einen gefährlichen Anschlag gehalten würde. Aber weder
der Bastarnische noch Sarmatische Fürst hätten noch einige Herrschaft / Marbod
lebte mit ihren Vätern in keiner Feindschaft /sondern beide hätten vielmehr
durch Werbung für Adelgunden sich mit ihm in festere Freundschaft zu
verknüpffen getrachtet. Wesswegen die ganze Welt dem ohne diss mit den Semnonern
/ Langobarden /und Cheruskern in Krieg geratenen Marbod unrecht geben / der
Sarmatier und Bastarner Rache aber billichen würde. Marbod begegnete ihm: Weil
eines Botschafters Haus gleichsam für den Hof seines Fürsten geachtet würde;
Diente es gar billich ihm und seinen Hausgenossen zur Sicherheit / keines Weges
aber Eingebohrnen oder Frembden / welche nicht in des Botschafters Pflicht
wären. Denn wie der Lands-Fürst einen Botschafter nicht aus der Botmässigkeit
seines Königs ziehen / und seiner unterwerffen könnte /also wäre es viel
ungeschickter / wenn ein Botschafter andere Untertanen ihren Gerichten
entziehen /den Lauff der Gerechtigkeit hindern / und gleichsam ein frembdes
Reich seiner Gewalt entsätzen wollte. Am allerwenigsten aber könnte seine Wohnung
eine Zuflucht und Freistadt der Ubeltäter abgeben / welche zumahl die gemeine
Ruhe störeten / ohne welche die bürgerliche Gemeinschaft nicht bestehen könnte.
Sintemahl auch die heiligsten Orte nur unglücklichen nicht boshaften zur
Sicherheit dienen sollten; und das die Gesandten schützende Völcker-Recht nicht
anderer Laster verteidigte; Man auch mit Vernunft von keinem Fürsten vermuten
könnte: dass er durch Annehmung eines Gesandten / ihm etwas wider die gemeine Ruh
und zum Abbruche seiner Hoheit hätte enträumen wollen. Insonderheit aber könnte
er sich nicht bereden lassen: dass wenn Botschafter und ihre Leute das
Völcker-Recht verletzten / sie solches zu ihrem Schirme genüssen / beleidigte
Fürsten aber gebundene Hände haben / und mit ihnen so höflich zu verfahren
gehalten sein sollten. Dieses aber geschehe ja in alle Wege / wenn sie die /
welche Diener der Gerechtigkeit wären / an Ausübung derselben hinderten /oder
sie gar angrieffen / tödten / aus dem Kreisse ihrer Würde schritten / wie dissmahl
geschehen / zugeschweigen wenn sie Laster / für welchen die Natur Abscheu hat /
begiengen; oder sie gar Aufwiegler /Kundschafter / Fürsten-Mörder oder
Verräter abgeben wollten. Denn das Völcker-Recht hübe ja das der Natur nicht auf
/ billichte also nicht diss / was die menschliche Gemeinschaft aufhübe / und die
Annehmung eines Gesandten willigte keines Weges in diss /was den Fürsten oder das
Volck in Verterben stürtzen könnte. Paterculus versätzte: Was diese letztere
Verbrechen belangte / müste er gestehen: dass wenn es ein Fürst genau nehmen
wollte / kein Gesandter / weniger seine Hausgenossen / ganz unversehrlich wäre /
sondern diese wohl in Hafft genomen / auch zu Ergründung der Verräterei / und
Uberweisung verräterischer Untertanen für Gerichte gezogen werden könten;
wiewol kluge Fürsten / welche mehr Vernunft als Galle gehabt / sich ins gemein
vergnügt hätten /bei ihren Fürsten über sie zu klagen / und ihre Bestraffung zu
suchen / nachbleibenden Falls aber ihnen ihre Empfindligkeit vorzubehalten.
Alleine / wenn man ja nicht so höflich / sondern nach der Schärffe verfahren
wollte / müste genau unterschieden werden /ob einer nur wider die gemeine
Sicherheit / oder wider das Völcker-Recht gesündiget hätte. Jenes / nicht dieses
/ würden die zwei Fürsten zum höchsten verletzt /und beide Könige sich zu
beschweren / keine Befugnüss haben / wenn sie schon beide in dem Gefechte
umkommen wären / weil eines Gesandten Gewalttätigen Beginnen von iederman auf
frischer Tat Vermöge des natürlichen Beschirmungsrechtes in alle Wege begegnet
uñ er selbst solcher Gestalt getödtet werden köñe. Vielmehr aber wäre ein Fürst
befugt wider ihn uñ die Seinigen sich zu Beschützung seiner Hoheit und
Untertanen / der von Gott und der Natur verliehenen Waffen zu gebrauchen / in
dem er nur seinen Verstand und die Zunge / nicht aber / wie das Ampt eines
Kriegs-Mannes erfordert / den Degen zu seines Herrn Diensten gebrauchen soll;
wenn er aber zu dem Faust-Rechte grieffe / sich seines Amptes und Kennzeichens;
also auch des Rechtes entsätzte / aus einem Botschafter ein gemeiner Mann würde
/ und ihm alles übele selbst zuzuschreiben hätte. Wenn aber dieser Sturm vorbei
/ und das Völcker-Recht nicht verletzt wäre / könnte kein Fürst wider einen
Gesandten / der gleich die gemeine Sicherheit gestöret hat /weder gewaltsam
verfahren noch über ihn urteilen. Marbod fiel ihm ein: Warum aber gäben die
Römer den Galliern denn selbst recht: dass nach dem ihre Gesandten / welche an
statt der Friedens-Vermittelung /sich zu der Stadt Clusium geschlagen / wider
die Gallier die Waffen gebraucht hätten / solche auf ihr Begehren ihnen
auszuhändigen wären geweigert worden / sie Rom gar billich bekriegt / und
eingeäschert hätten. Paterculus antwortete: Dieses bestärcket vielmehr der
Botschafter Meinung: dass nehmlich ein Gesandter wohl bei seinem Fürsten
verklagt / aber nicht gewalttätig gehandelt werden könne / wenn sein Fürst
nicht darein willigt. Marbod fiel ein: Warum aber hat der Rat zu Rom Bomilcarn
nicht auch bei seinem Könige Jugurta verklagt / sondern ihn selbst verurteilt
und bestraffet? Paterculus versätzte: Er müste gestehen / dass die Römer damahls
mehr das natürliche als das Völcker-Recht für Augen gehabt hätten. Alleine
Bomilcar wäre nicht nur ein Meuchelmörder /und Jugurta ein Eydbrüchiger
Friedenbrecher gewest; und also hätten beide vorher das Völcker-Recht verletzet.
Hier aber verhielte sich alles viel anders. Marbod versätzte: Wenn die die
gemeine Sicherheit störende Gesandten gleich das Völcker-Recht zu genüssen
hätten / liesse sich doch diss Recht auf Britomarten und Bolesslaen nicht
angewehren / welche weder Gesandten noch der Gesandten Haussgenossen sondern
Frembde wären / also wegen ihrer Verbrechen allentalben angehalten werden
möchten. Denn ob sie nun wohl dafür angesehen sein sollten / könnte doch kein
Botschafter einen Ubeltäter für seinen Haussgenossen annehmen / um selbten
wegen begangenen Lasters seinem Gerichts-Zwange und Straffe zu entziehen.
Paterculus antwortete: diss würde sich hören lassen / wenn beide Fürsten frembde
/ nicht Söhne der Könige wären / welche die zwei sie aufnehmenden Botschafter
abgeschickt hätten / und die ihre Vollmachten auf ihre Söhne zweiffelsfrei
erstreckt und verstanden wissen wollten. Uber diss erhärtete die allgemeine
Gewohnheit: dass nicht nur die Dollmetscher / von denen der abschickende Fürst
ins gemein nichts wüste / sondern auch die / welche ein Botschafter nur auf
seinem Wagen führen / und mit seinen Dienern begleiten liesse / des
Völcker-Rechtes zu genüssen hätten / und von selbtem nicht gewaltsam weggenommen
werden könten. Wie viel weniger würde sich derogleichen in der Gesandten Häusern
/und wider so grosse Fürsten tun lassen / welche auf die gemeine Sicherheit zu
gutem Absehen ins Land kommen / und zum Uberflusse mit bessern Schreiben / als
ein Botschafter haben könnte / von beiden Königen versehen wären. Ja wenn auch
nicht so gutes Recht auf ihrer Seite stünde / und ein ohne Zulassung in ein Land
kommender / eben so als ein zu einem andern Könige durchreisender Gesandter in
eines andern Fürsten Lande nicht unversehrlich wäre / sondern angehalten werden
könnte; verstünde doch Marbod allzuwohl: dass man hierinnen ehe zu viel / als zu
wenig tun könnte / und dass er durch die geringste Gewalt sich in zwei neue
gefährliche Kriege vertieffen würde. Nach dem aber sie nicht absehen könten /
wie diese zwei Fürsten des Völcker-Rechts entbehren sollten; müsten sich alle
Botschafter ihrer annehmen / und würden sie widrigen Falls alle mit einander
noch selbigen Tag aus der Stadt ziehen / und sich über Unrecht beklagen / da er
die Wache wegzunehmen sich weigerte. Marbod / wie verbittert er gleich war /
liess sich doch den Paterculus und andere Botschafter schrecken: dass er ihnen zu
Liebe noch selbigen Abend die Wache aufheben liess; iedoch schrieb er an beide
Könige: sie möchten ihre Söhne wegen gestörten Land-Friedens zurücke beruffen.
Daher er ihnen auch auf ihr Ansuchen keine Verhör geben wollte /sondern als die
Gesandten sich verlauten liessen: dass kein Fürst den andern nötigen könnte einen
oder den andern von seiner Gesandtschaft zurück zu fördern /sie auf
Adgandesters Anstifften / bei aussenbleibender Antwort / auf die Gräntze
geschickt hätte / wenn nicht Paterculus ihm eingeredet / und Marbod allerhand
böse Zeitungen aus seinen Ländern bekommen hätte. Unterdessen wollten beide
Fürsten nicht aus Boviasmum weichen / ungeachtet man ihnen ein schlechtes
Gesichte machte; sonderlich da die Zeitung ankam: dass Adgandester den
Auffentalt Adelgundens ausgespüret / und sie in einem Schloss belägert hätte.
Denn die Liebe hilffet einem das Eisen des grösten Unrechts verdäuen / und beide
hätten Adelgunden aus Adgandesters Händen zu retten / sich zum zweiten mahl
gewagt / wenn sie nur einiges Mittel hätten ersinnen können. Der Ritter Arnheim
stand hierbei ebenfalls in nicht wenigen Sorgen / ungeachtet ich ihn
versicherte: dass Adgandester durch aller Marckmänner Kräfften sich des Schlosses
in Jahr und Tag nicht bemächtigen würde / wenn es nicht durch Verräterei
geschehe / darwider die darinnen beschlossenen Ritter wohl ihrer eigenen Gefahr
halber an Wachsamkeit nichts würden ermangeln lassen. Weil nun der König sich
selbst zu dem Schloss verfügen wollte / befand Arnheim für ratsam / bei ihm
Abschied zu nehmen / reiseten eine Stunde nach dem Könige aus Boviasmum; sind
also durch das Hermundurische / Cattische und Marsische Gebiete glücklich anher
kommen.
    Hertzog Ingviomer umarmte für Freuden und Erkenntligkeit den also
schlüssenden Ritter Kapliers /und versicherte ihn: dass nach dem er ihm mehr
Freundschaft als kein Mensch in der Welt geleistet /und aus unverbundener
Grossmütigkeit für ihn so viel gewagt hätte / wollte er auch solches so erkennen
/als Kapliers jemahls wünschen / und von einem danckbaren Fürsten hoffen könnte.
Zu diesem Ende schniet auch er ein Stücke von seinem Zopffe ab / und gab es dem
Ritter Kapliers mit der Versicherung: dass dieses ein Pfand seiner unvergesslichen
Vergeltung sein sollte. Er ersuchte ihn zugleich um seinen treuen Rat / wie er
das so wohl eingefädemte Werck völlig ausarbeiten möchte. Kapliers verkleinerte
hingegen seine Dienste / und sagte: Es wäre kein anders heilsames Mittel zu
ersinnen / als dass Ingviomer ohne einigen Zeit-Verlust selbst nach Boviasmum
eilete / sein Glücke beobachtete / von der Zeit / seiner Tugend /und guten
Freunden Hülffe erwartete. Der Ritter Arnheim pflichtete dieser Meinung bei /
noch mehr aber seine eigene Liebe. Zwei Bedencken waren alleine noch zu erörtern
übrig / nämlich wie der Graf von Weil abzufertigen wäre / und wie Ingviomer
seine Reise zum Marbod sicher bewerckstelligen könnte /nach dem Hertzog Herrmann
und Arpus ihm schwerlich den Durchzug verwilligen würde. Uber beiden Rat zu
halten / liess Ingviomer den Grafen von Steinfurt / Zütphen und Benteim / noch
selbigen Tag dahin beruffen; unterdessen liebkosete er dem Ritter Kapliers auf
alle nur ersinnliche Weise / und erkundigte die ganze Verfassung des
Marbodischen Reiches. Die Beruffenen fanden sich folgende Nacht in Ingviomers
Einsamkeit ein. Nach dem dieser ihnen nun sein Vorhaben zum Marbod als eine
nicht mehr unter eine Beratschlagung gehörige Sache eröffnete /rieten sie
einstimmig: Ingviomer sollte mit dem Hertzoge Herrmann und Arpus auf alle
ersinnliche Weise abzukommen trachten / es möchte auch kosten was es wollte / und
die Bedingungen möchten so schwer gemacht werden / als sie könten. Denn wo man
seinem Feinde nicht gewachsen wäre / gewinne man doch durch den schlimsten
Frieden / derer keiner ohne diss ewig tauerte / und sein Bruch allemahl
Gelegenheit gäbe / das Verlohrne wieder zu gewinnen. Jedoch sollte er diesen
Frieden allein auf das Hertzogtum der Bructerer einzuschrencken suchen; damit /
wenn er in Ansehung des Königs Marbod in den Cheruskischen Krieg eingeflochten
würde / er daselbst ohne Verletzung seines Versprechens freie Hände behielte.
Die Anstalt der Reise nahmen sie noch zum Bedencken; ausser dass Ingviomer dem
Grafen von Benteim dreihundert aus dem Kerne der Bructerischen Ritterschaft
mit nötigen Waffen auszulesen / anvertraute. Nach diesem Schlusse eilte
Ingviomer mit dem Grafen von Steinfurt wieder nach Hofe / liess allda den Grafen
von Weil selbst zur Verhör beruffen / und verwilligte ihm sechs der vornehmsten
Ritter zu Geisseln / und eine Festung an der Ems einzuräumen. Jedoch sollte
dieser Vergleich alleine der Cherusker / Catten und Bructerer Landschaften
binden / ausser denen aber ieden sich durch Bündnisse zu versichern
unverschrenckt sein. Der Graf von Weil / welcher ihm einige Verbindung zwischen
dem Könige Marbod und Ingviomer nicht träumen liess / ging diese Bedingung ohn
einiges Bedencken ein / und ward hierüber eine Urkund ausgefertiget. Ingviomer
beschenckte den Gesandten reichlicher / als in Deutschland sonst gewöhnlich war
/ und gab ihm mit Fleiss an die Hand: dass weil Hertzog Herrmann sich dem Verlaut
nach bei denen entfernten Semnonern aufhielte /er diesen Frieden-Schluss zum
ersten dem Hertzoge der Catten überbringen möchte. Erbot sich auch von freien
Stücken: dass weil der Ab- und Zufall der Langobarden und Semnoner zwischen dem
Feldherrn und Könige Marbod ein gefährliches Feuer in Deutschland anzuzünden
schiene / er beide vermittelst einer an Marbod bestimmter Botschaft zu
vergleichen sich bemühen wollte. Denn bei solchem Abkommen stimmten alle geheime
Räte Ingviomers ein: dass Ingviomer mit dreihundert Rittern / und so viel
Reisigen eben den Weg des Ritter Kapliers unter dem Nahmen einer dahin gehenden
Botschaft verdeckter Weise nach Boviasmum nehmen sollte. Ingviomer liess den
abreisenden Gesandten nicht allein durch sein Gebiete frei halten / und ihm alle
ersinnliche Ehre erweisen /sondern auch auf den Gräntzen mit allem Fleisse kund
machen: dass das verlautende Geschrei von dem Unvernehmen zwischen ihm und andern
deutschen Fürsten eine verleumbderische Unwarheit wäre; und dass sie durch
Verneuerung ihrer Freundschaft sich näher / als sie niemahls vorher gewest /
mit einander verbunden hätten. Dieser von dem Grafen von Weil bestätigter Ruff
breitete sich nach der Eigenschaft aller guten Zeitungen alsbald weit aus; also
dass / nach dem in zweien Tagen hernach Ingviomer mit seiner auserlesenen
Reiterei durch das Marsische und Cattische Gebiete durchzoh / ihm nicht die
geringste Hindernüs begegnete / sondern ihm jederman / teils aus eigener
Neigung / teils auf des Hertzog Arpus Befehl / allen guten Willen erwies;
ungeachtet niemand wusste / dass Ingviomer darbei wäre. Dieser hatte dem Grafen
von Steinfurt und Zütphen die ganze Herrschaft anvertraut / er aber führte
den Grafen von Benteim / Stirum / Horn und den rechten Ausbund der
Bructerischen Ritterschaft / wie auch den Ritter Kapliers /aber unter
verdecktem Nahmen / und den Ritter Arnheim bei sich / welchen er / um seine
Ankunft dem Könige Marbod zu vermelden / mit dreissig Pferden voran schickte.
Dieser wie auch Ingviomer kamen zu Boviasmum glücklich an; weil aber der König
und der Hof sich nicht weit von dem belägerten Schloss Bezdiez befand /
verfügte sich Ingviomer dahin /allwo sich der Sarmatische und Bastarnische
Gesandte mit beiden Fürsten / wie auch Paterculus und andere Botschafter auf
denen nahe herum gelegenen Schlössern eingeteilet hatten. Denn diese letzteren
hatten es endlich in Abwesenheit Adgandesters /durch ihre Einredung beim Könige
Marbod zu wege gebracht: dass er Bolesslaen und Britomarten auf einer Jagt
gleichsam unversehens zur Verhöre gelassen; und weil beide dabei eine
fürtrefliche Hurtigkeit erwiesen / sich länger im Reiche aufzuhalten erlaubt
hatte. Adgandester war über dieser Zulassung halb rasend worden / und hatte
gegen sie als seine öffentliche Neben-Buhler einen so bitteren Hass gefasset: dass
er Tag und Nacht sie zu verderben saan / und weil seine kurtze Abwesenheit von
Hofe ihm schon so viel geschadet hatte / er den König Marbod gleichsam wie einen
besessenen Schatz bebrütete / und iedermanne die Gelegenheit an ihn zu kommen
abschniett. Gleichwol konnte er nicht verhüten: dass Marbod Ingviomern aufs
freundlichste empfieng / und von seinen Kriegs-Anstalten oft und viel mit ihm
Unterredung hielt. Wie nun diss ihm als dem argwöhnischten Menschen unsäglichen
Verdruss erweckte / also hätte er für gifftigem Hasse zerbersten mögen / als er
vom Marbod selbst erfuhr: dass er ihn um seine Tochter Adelgunde angesprochen /
und inständig gebeten hätte; er möchte ihr doch die freie Wahl / einen Bräutigam
zu erkiesen / enträumen. Denn weil der Zwang der Liebe und Ehe mehr als das
Wasser dem Feuer zuwider wäre / und die anfängliche Abscheu für einem Dinge /
dem Gemüte eine unausleschliche Feindschaft eindrückte /ja die Seelen der
Menschen nicht weniger / als die Pflantzen / ganz absondere Lufftlöcher oder
Oeffnungen hätten / welche aus dem Saffte der Erde nichts /als was ihrer
Eigenschaft gemäss wäre / an sich zügen / begehrte er an Adelgunden keinen
Anspruch zu machen / wenn sie mit einem Winck oder Finger ihm nur ihre
Widersätzligkeit würde zu verstehen geben. Adgandester / da er Adelgunden anders
wahrhaftig liebte / wie auch Bolessla und Britomartes / da sie Vernunft hätten
/ würden sich diesem Gesätze / welches die Natur und aller Völcker Recht
billigte / und unser eigener freier Wille verteidigte / unterwerffen müssen.
Insonderheit aber würde ihm Adgandester auf den Fall / da Adelgunde ihn erwehlte
/ das Vorrecht nicht missgönnen oder strittig machen können / weil er ihm schon
zu Mattium im Nahmen des Königs Marbod zu dieser Heirat Vertröstung getan
hätte. Adgandester dorffte Ingviomern öffentlich nicht verachten; weil er ihn
wenige Zeit vorher bei Behandlung des Bündnüsses / gegen den Marbod so treflich
heraus gestrichen hatte; sondern er bezohe sich nur auf den göttlichen Willen /
welchen ihm durch eine so klare Weissagung der Himmel offenbahret hätte. Weil er
aber seinen andern Nebenbuhlern sich gleichwol in Tugenden nicht gewachsen zu
sein schien / machte ers wie die Tiere / welche in Mangel der Stärcke und
Hertzhaftigkeit sich mit Giffte behelffen. Daher trachtete er zwischen ihnen
Eyversucht und Feindschaft zu erwecken / und durch Aussprengung allerhand
verkleinernder Nachreden sie an einander zu verhetzen: dass sie selbst einander
aufreiben möchten. Denn ob er zwar die Priester zu seinem Rücken hatte /und sich
auf sie / wie der Bock auf seine Hörner verliess / so besorgte er doch / dass
Marbod aus Staats-Klugheit seine Meinung zu ändern / und seine Tochter einem
mächtigen Fürsten zu vermählen genötiget werden dörffte. Und derogestalt war
schier sein bester Trost dieser: dass wie ein Gift das andere entkräfftet /also
auch so vieler Liebe sich an einander zerstossen würde. Dieser listige Anschlag
ging ihm auch ziemlich glücklich an / denn da Ingviomer anfangs mit Bolesslaen
und Britomarten gar verträulich umgegangen war / sie mit einander gejagt / und
allerhand Ritter-Spiele geübt hatten / wurden sie durch die ertichteten
Verläumbdungen einander Spinnen-feind / und würden sie einander in die Haare
geraten sein / wenn sie nicht durch Tätligkeiten sich um Marbods Gewogenheit
zu bringen / besorgt hätten. Mitler Zeit konnte Marbod weder durch Güte noch
Dräuungen Adelgunden und den Ritter Milissow bewegen sich zu ergeben. Denn beide
blieben bei ihrer Erklärung: dass so bald Adgandester der Urheber alles Unglücks
aus dem Marckmännischen Gebiete verstossen sein würde / wären sie alle erbötig /
des Königs Knie fussfällig zu umfangen / und sich allen seinen Befehlen zu
unterwerffen. Alleine Adgandester war dem Könige so ans Hertze gebunden: dass er
ehe seine Tochter aufgeopffert / als sich eines so schädlichen Dieners enteusert
hätte. Adgandester wusste hierbei unter angenommenem Scheine: dass er selbst
freiwillig aus dem Lande gehen wollte / meisterlich Oel ins Feuer zu giessen / und
den König zu verbittern / welcher Adelgundens Erklärung für keine demütige
Unterwerffung annam / sondern als eine straffbare Hartnäckigkeit schalt / durch
welche eine Tochter dem Vater / ein Untertan dem Könige Gesätze vorschreiben
wollte. Hierüber kam der Qvaden König Vannius beim Marbod an / welcher ihm zwölff
tausend auserlesene Fuss-Knechte und vier tausend Reiter zuführte; welche Marbod
nach den Semnonischen Gräntzen fortziehen liess. Dieser Vannius war beim Marbod
so hoch gesehen / als kein ander Mensch in der Welt / weil er der fürnehmste
Werckzeug seiner grösten Siege / und mehr als seine rechte Hand gewest war. Ihre
Freundschaft war grösser / als sie unter Fürsten gewöhnlich ist. Denn sie
hatten einander einen Eyd geschworen: dass eines Wol- und Ubelstand an des andern
angebunden / und einer dem andern ohne einige Entschuldigung seines eigenen
Notstandes mit sechzehn tausend Kriegs-Leuten zu Hülffe kommen sollte / so bald
er vom andern eine halbe güldene Müntze geschickt bekäme; darauf beide Könige
mit zusammen geschlagenen Händen / auf der andern Seite aber des Mercurius Stab
mit zweien gegen einander stehenden Schlangen / eben so wie auf der Müntze des
versöhnten Antonius / Octavius und Lepidus gepregt waren. Nach dem Marbod nun
den Vannius aufs prächtigste empfangen hatte / suchte Ingviomer / Bolessla und
Britomartes ihn gleichfalls heim. Denn weil sie wohl wussten / dass niemand mehr
beim Marbod galt / als er / meinte ein jeder durch seine Gewogenheit beim Marbod
einen guten Stein ins Bret zu bekommen. Die Gesandten bekamen auch Befehl vom
Könige der Sarmatier und Bastarner / dem Marbod zehn tausend Pferde von iedem
anzubieten / welche zu seinen Diensten schon in Bereitschaft stünden. Der unter
seinem Förster-Rocke versteckte Ritter Kapliers hatte Adelgunden nicht nur die
Ankunft Ingviomers / sondern auch von seiner Hand die allerverbindlichste
Versicherung seiner Treue und Liebe / nebst einem Schlüssel zu seinen
Ziffer-Briefen überbracht; nunmehr aber befand er sich wieder bei Ingviomern /
welcher ihr denn diss / was sich mitler Zeit zugetragen hatte / und insonderheit
die Ankunft des Vannius zu berichten /sich auffs neue erbot. Adelgunde wollte
nach dessen Erfahrung weder Zeit noch Gelegenheit versäumen /schrieb also dem
Vannius folgenden Brieff: Grossmächtiger Fürst! Adelgunde / welche zeiter sich
und das Marckmännische Reich schon für verloren geschätzt / schöpft nunmehr
wieder Hoffnung / nach dem durch desselben Fürsten Ankunft uns gleichsam ein
neuer Glücks-Stern aufgegangen. Denn der / welcher durch seine Klugheit und
Tapferkeit es hat helffen in Grund legen / wird selbtes durch die Bosheit eines
verruchten Menschen nicht lassen in Kot treten. Es ist leider! Schimpffs und
Schadens genung: dass Adgandester den König Marbod durch Zauberei zu seinem
Diener gemacht / durch seine hitzige Ratschläge und knechtische Auflagen die
Semnoner und Langobarden zum Abfalle gezwungen / das Marckmännische Reich um ein
so grosses geschwächet /und alles / was über dem Sudetischen Gebürge liegt /in
Gefahr gesätzt hat. Aber dieser Unglücks-Vogel hat sich damit nicht gesättigt /
sondern nach dem er Adelgunden ihrer Freiheit / ihren Vater seiner Liebe /das
Reich seiner Ruh beraubt / will er Adelgunden nun auch zu seiner Magd / und die
Marckmänner zu seinen Sclaven machen. Hierzu hat er den heiligen Gottesdienst
gemissbraucht / die Priester durch versprochene Stifftungen betört / die
Wahrsager bestochen: dass sie den König beredet / als wenn das Heil des Reiches
an seiner und meiner Vermählung hienge. Gleich als wenn so böse Menschen nicht
weniger zu Pfeilern eines Reiches / als faule Höltzer zu Säulen eines Gebäues
dienten. Diese Erzehlung beruhet auf keiner blossen Mutmassung; Vannius wird in
dem Wahrsager-Hayne das Behältnüs der Vögel finden; wordurch Marbod und andere
Einfältige betrogen werden / und ihr Wärter wird zu sagen wissen: dass sie den zu
ihrer spitzsinnigen Wahrsagung benötigten Adler um drei Pfund Silbers erkaufft.
Alleine das Verhängnüs hat dem so scharffsichtigen Marbod die Augen gebländet:
dass er solche handgreifliche Betrügereien nicht sieht / und treue Räte nicht
mehr höret. Wo er also nicht durch des Vannius Augen sehen lernet / ist es um
ihn und alles getan. Zwar um mich habe ich die wenigste Sorge. Denn man wird
ehe die Stücke meines zerschmetterten Leibes unter diesen Stein-Klippen zusammen
lesen / als mich mit Adgandestern vermählt sehen. Sintemahl ich durch ihn mich
mit der Verräterei selbst vereinbahren würde. Aber ach! wie gerne wollte ich
mich also aufopffern / wenn dadurch nur mein Vaterland dieses Wütterichs los
würde. Alleine vergebens! Winde und Ungewitter lassen sich wohl durch
Jungfrauen-Blut versöhnen; solche Schlangen aber müssen von einem Hercules
vertilgt werden / wie Vannius ist. Dieses Schreiben ward vom Schloss an einem
langen Fadem herunter gelassen /und von der Wache zum Könige Marbod gebracht
/welcher nicht begreiffen konnte / woher man im Schloss die Gegenwart des
Kwadischen Königes wüste / gleichwol aber überschickte er es ihm uneröffnet.
Vannius lass dieses Schreiben mit grosser Verwunderung / und nicht ohne heftige
Bewegung. Deñ ob er zwar von ein und anderm Vornehmen Adgandesters Nachricht
hatte / steckte ihm doch diss Schreiben ein grosses Licht auf; in dem die ihn zu
bedienen verordneten Marckmänner / die Vannius um den Zustand Adelgundens
befragt hatte / nicht heraus wollten / sondern ihre Unwissenheit vorschützten /
oder die Achseln einzohen. Weil Marbod nun schon von diesem Schreiben wusste /
ward Vannius zu Verhütung alles Misstrauens genötiget ihm solches zu zeigen.
Marbod lass es mit der grösten Verwirrung / iede Zeile verursachte schier einen
absondern Sturm in seinem Gemüte / und bald erblasst er / bald rötete er sich
wieder. Nach dem er es nun durchlesen hatte / fieng er an: Dieses wären
Erfindungen der Feinde und Lästerer Adgandesters / durch welche sie seine
ungehorsame Tochter zur Hartneckigkeit verhetzten / sein Reich in Spaltungen /
ihn aber in grössern Kummer stürtzten / als ihm alle seine Feinde verursachten.
Adgandester würde wegen seiner Treue und Tugend geneidet /und wegen seines
Vorzugs gehasset; gleich als es einem Fürsten nicht frei stünde einem Diener
nicht mehr / als einem andern zu vertrauen / und er sich nur einheimischer nicht
frembder Räte zu bedienen befugt wäre. Die klügsten aber wären nicht für den
Ausschlag zu stehen verbunden. Hingegen müsten Könige ihren Töchtern nicht weiss
machen: dass sie wie Mägde unter dem Pöfel nach ihrer blinden Liebe heiraten
möchten; sondern sie hätten sich an ihrer Hoheit zu vergnügen / und sich der
wolgemeinten Wahl ihrer Väter zu unterwerffen. Am meisten aber stünde ihm dieses
Recht zu; weil er mit Adelgundens Bräutigame auch denen Marckmännern einen
künftigen Herrscher zu erkiesen hätte / dazu er keinen tauglichern als
Adgandestern wüste / als welcher das Verhängnis schon selbst durch eine so
deutliche Wahrsagung / mit seinem eigenen Nahmen zu dieser Würde beruffen hätte.
Vannius hörte den Marbod gedultig aus / bei diesen Worten aber fiel er ein und
sagte: Er hätte ihm diese Wahrsagung umständlich erzählen lassen / welche ihm
anfangs sehr wunderlich vorkommen wäre; ie länger er aber dieser nachdächte / ie
verdächtiger schiene sie ihm zu sein. Nach dem die Wahrsagungen ohne diss ins
gemein entweder schwer-auslegliche Rätzel oder Träume der Wachenden wären / und
nicht selten Betrug zum Vater hätten / hierauf aber König Marbod seiner Tochter
Vermählung mit Adgandestern am meisten gründete / hätte er wohl Ursache die in
diesem Schreiben an die Hand gegebenen sonderbaren Umstände genau zu erkundigen.
Die Menschen wären zu arglistig: dass auch hundert Augen sich nicht genugsam
vorsehen könten. Die verführischen Irrlichter beschämten die klärsten Sterne /
und die trübsten Wolcken prangeten mit schönern Farben / als die vollkommensten
Dinge. Marbod begegnete ihm: Uber dem / was er mit Augen selbst gesehen /
dörffte er nicht anderwerts her Gewissheit einziehen. Es liesse sich auch nicht
tun / durch eine so vorwitzige Untersuchung den Glauben der Priester verdächtig
/ und den Gottesdienst / durch welchen das Volck allein im Zaume gehalten würde
/ zweifelhaft zu machen. Vannius antwortete: Der Wahrsager Betrug könnte dem
Gottesdienste so wenig / als ein alles verkehrender Spiegel einem wolgebildeten
Antlitze Abbruch tun. Würde bei der Erforschung das Angeben falsch befunden /
so würde dadurch die Wahrheit so viel mehr Liecht bekommen. Es läge gleichwol
hieran die Wolfart seines Reiches / die Vergnügung seiner einigen Tochter / und
seine eigene Ehre; welche bei der Nachwelt nicht ärger beschimpfft werden könnte
/ als durch Wehklagen über einen untüchtigen Nachfolger. Marbod versätzte: Es
wäre nichts gemeiners / als dass die Wahrheit durch Unwissenheit des Pöfels und
durch Verläumbdung der Bosheit verfolgt würde. Die Sonne wäre ihr wahrhaftes
Fürbild. Denn man schriebe dieser eben so wohl Flecken und Verfinsterung zu / da
beides doch nur ein Betrug unser Augen wäre. Alleine beide siegten doch über
diese Dünste und Bländungen. Hierzu könnte man wenig beitragen. Die Fern-Gläser
betrügen uns mehr / als sie uns vergewisserten / sondern man müste nur der alles
an Tag bringenden Zeit unsere Erleuchtung heimstellen. Vannius brach hiermit ab
/ nahm Abschied / und bat alleine: Marbod möchte der Sachen besser nachdencken;
die Natur hätte mit allem Fleisse das Gehirne weicher als Wachs gemacht / damit
man die ersten Gedancken darinnen leicht verstreichen / und den bessern Platz
geben könnte. König Vannius war aber überaus begierig zu erfahren / auf was für
Grunde Adelgundens Bericht der Wahrsagung halber bestünde. Daher befahl er dem
Ritter Zierotin und Wirbna: dass sie folgenden Morgen / unter dem Scheine der
Andacht / mit wenigen Leuten in den nur drei Meilweges davon entfernten Hein
verreisen / und die Wahrheit zu erforschen an ihnen nichts erwinden lassen
sollten. Der verkleidete und von diesem Schreiben Wissenschaft habende Ritter
Kapliers kriegte den Abend vorher von dieser Abschickung Wind / weil Zierotin um
einen des Heines kundigen Anweiser Nachfrage tat. Nach dem er nun solche aus
einem viel andern Absehen fürgenommen zu sein mutmaste / machte er sich noch
für Tage auf / und fand sich unterweges an beide ihn übereilende Ritter /
welchen er auf ihre Befragung seine eben dahin angezielte Reise entdeckte / und
von diesem Heiligtum ihnen viel zu erzählen wusste. Weil er ihnen nun von allem
so guten Bescheid zu geben wusste / erbaten sie ihn zu ihrem Anweiser; Darzu er
sich ganz willig erzeigte / und sie zum ersten an den Ort führte / wo die Vogel
verwahret wurden. Weil sie nun den Speise-Meister derselben fast auf gleiche Art
wie vorhin Stochow und Kapliers ausforschten / erzählte dieser Mensch / welcher
seiner Einfalt halber / vielleicht mit Fleiss zu diesem Dienste beruffen war /
diesen alles / so gut als jenen. Von dar führte sie Kapliers gegen dem Orte / wo
die Wahrsager die Ratfragenden hinzustellen pflegten / den Flug der Vogel zu
beobachten. Dieses war ein rundter und über die Helffte mit dichte in einander
geflochtenen Buchen und Linden umgebener Platz / von dem man durch das Gepüsche
nicht sehen konnte / darhinter aber ragten hohe Eich-Bäume und Espen herfür.
Zierotin und Wirbna waren etwa viertzig Schritte davon / als sie etlicher
Wahrsager gewahr worden / welche um selbigen Ort geschäfftig waren. Nach dem sie
nun auf Kapliers Erinnerung / dass die Wahrsager unwillig wären / wenn man sie
störte / sich zwischen ein ander Gepüsche verbargen / und ihrem Beginnen zusahn
/liessen jene eine weisse Taube flügen / weil aber diese darvon flog / noch eine
andere. Diese sätzte sich auf den nechsten Baum. Hierauf liessen sie drei
Sperber los / welche auf die Taube zueilten / und als diese aufflog / verfolgten
sie solche / gerieten aber darüber mit einander selbst in Kampff. Unterdessen
streueten die Wahrsager Gesäme auf die Erde / banden drei andere Tauben an eine
Stange an / worauf die Taube sich zu dem Gesäme funden / die Sperber zu den
angebundenen Tauben zurück geflogen kamen / und selbte zerfleischten. Zierotin
fragte den Kapliers / was diss zu bedeuten hätte? welchem dieser antwortete: Er
verstünde es nicht / mutmaste aber; dass sie die Vogel abrichteten / weil
vielleicht iemand ihm würde wollen wahrsagen lassen. Wirbna fieng hierauf an:
Ich meinte die Vogel müsten für sich selbst und aus Eingeben des Himmels
erscheinen. Kapliers versätzte: Vielleicht geschiehet dieses Eingeben
unmittelbar den Wahrsagern / welche nach dieser weisen Leitung die Vogel hernach
einem oder dem andern erscheinen lassen. Die Wahrsager erwischten hierauf ihre
Vögel /sätzten sich zusammen / und trieben bei vielem Gelächter mit einander
allerhand Kurtzweil. Wirbna und Zierotin mussten sich also ganz stille und
verborgen halten / weil Kapliers berichtete: dass sie sonst von Wahrsagern /
ihres Vorwitzes halber / übel angesehen werden dörfften. Ungefähr eine viertel
Stunde darnach / kam ein Wahrsager eilends gelauffen / welcher denen andern
winckte; worauf sie sich mit ihren Vögeln tieff ins Gepüsche versteckten. Bald
hernach kam ein mit Zimmer-Kraute gekräntzter Priester / und brachte neben sich
einen wohl ausgeputzten Ritter /dem er seine Stelle eben daselbst anwiess / wohin
sich vorher die von Sperbern gejagte Taube geflüchtet hatte. Nach dem dieser
eine Weile seine Augen auf alle Ecken hatte herum schiessen lassen / liessen die
verborgenen Wahrsager die weisse Taube los / welche sich auf vorigen Baum
sätzte; nach dem aber ihr die lossgekappten Sperber folgten / flohe sie gerade
gegen dem Ritter auf eine Buche / darunter er sass. Inzwischen fiengen die
Sperber mit einander einen neuen Kampff an / dass die ausgeraufften Federn in der
Lufft herum flogen / biss die Wahrsager hinter dem Gepüsche sie endlich durch
angebundene Tauben wieder zu sich lockten. Der Priester gab hierauf dem Ritter
etliche Hand voll Gesäme; als er es nun nach seinem Unterrichte auf die Erde
streute / kam die Taube und frass selbtes begierig auf. Nach diesem führete der
Priester / welcher diese Vogel-Erscheinung für etwas sehr glückliches rühmte /
den Ritter zurück gehen der heiligen Höle zu / welchem die andern Wahrsager /
welche sich für Lachen bei nahe hätten ausschütten mögen / endlich folgten.
Zierotin fragte den Kapliers: wo sie sich nun hin verfügten? Weil nun dieser
berichtete: dass er jetzt in der heiligen Höle vom obersten Priester die Auslegung
über Erscheinung dieser Vögel zu gewarten hätte. Worauf beide Ritter verlangten:
dass sie Kapliers / solche zu vernehmen / auch dahin bringen möchte / welches er
auch durch einen Umweg werckstellig machte. Als sie nicht weit von der Höle
kamen / sahen sie den vom Priester geführten Ritter / welchen sie nunmehr zu
grosser Verwunderung für den Fürsten Britomartes erkeñten /etliche Hand volln
Weirauch in das nahe darbei gemachte Opffer-Feuer streuen / sich aus dem nahe
darbei rinnendem Qvelle waschen / und ihn folgends dem obersten Priester in die
Höle folgen. Sie aber blieben in dem Eingange von ferne stehen. Als nun so wohl
Britomartes als der Priester eine gute weile auf der Erde gelegen hatten /
richtete sich dieser gleichsam aus einer Entzückung auf / und fieng mit einer
durchbringenden Stimme an:
Drei Sperber werden dir die Taube strittig machen /
Sie aber fluchtet sich aus ihren Klau- und Rachen;
Und ihre Zwytracht wird zum Vorteil dir gedeihn.
Denn diese / die du liebst / wird deine Beute sein.
Kapliers zohe den Wirbna und Zierotin / und gab damit ihnen ein Zeichen / sich
zurück und auf die Seite zu machen. Sintemahl Britomartes sich alsbald
aufrichtete / aus der Hölen ging / um das gewöhnliche Danck-Opffer zu
vollziehen / worzu auf Britomartens Befehl mitler Zeit zwei wiesse Bastarnische
Ochsen waren herbei geführt worden. Zierotin und Wirbna waren des von den
Priestern und Wahrsagern gebrauchten Betruges nunmehr festiglich versichert
/wollten also bei diesem so sehr missbrauchten Heiligtum keine Andacht
verrichten / sondern liessen sich den Kapliers wieder aus dem Heine führen;
welchem sie drei güldene Müntzen mit dem Gepräge des Getischen Königs Cotisen
verehrten / zurück eilten / und dem Könige Vannius alles umständlich
berichteten. Nachdem dieser nun alles genau untersucht hatte /verfügte er sich
zum Marbod / und sagte ihm: dass die Pflicht seiner Freundschaft ihn verbunden
hätte / diss / was Adelgunde wider die für Adgandestern angezogene Wahrsagung
eingewendet hätte / zu untersuchen. Wie ihm nun solche bald anfangs verdächtig
gewest wäre / weil der Himmel in solchen Fällen / da er einem Reiche wohl zu tun
vorhätte / am allerersten die Gemüter zu seinem vorhabenden Zwecke zu gewinnen
pflegte; also traute er nunmehr Sonnen-klar zu behaupten: dass nicht nur diese /
sondern alle andere Wahrsagungen der um Rat gefragten Priester voller Betrug
steckten. Marbod sah den König Vannius hierüber starck an / und sagte: Er könnte
sich schwerlich bereden lassen: dass er in ein oder andertalb Tagen die / welche
von undencklicher Zeit den Ruhm unfehlbarer Warheit behauptet / einer
betrüglichen Falschheit zu überweisen / genungsamen Grund gefunden haben sollte.
Vannius antwortete: Wie aber? wenn ich erweisen könnte / dass eben der Priester /
welcher Adgandesters Lied gesungen / Adelgunden einem andern Fürsten zur Beute
versprochen hätte? Wie? wenn ich durch unverwerfliche Zeugen behauptete: dass die
Wahrsager eine unzählbare Menge Vögel zu ihrem Betruge unterhielten /
abrichteten / und durch ihre Freilassung nicht alleine die Fragenden betrügen /
sondern noch darzu auslachten? Marbod versätzte: Er könnte diss unmöglich glauben.
Vannius liess hierauf den Ritter Zierotin und Wirbna ins Zimmer kommen /befahl
ihnen: dass sie nach ihrer Landes-Art schweren sollten / über dem / was sie
befragt werden würden /die Wahrheit zu sagen. Reichte zu dem Ende ihnen auch
zwei Steine / welche sie in das unter dem Königlichen Schloss vorbei lauffende
Wasser warffen /und wünschten: dass wo sie was falsches berichten würden / sie
wie dieser Stein versincken möchten. Hierauf erzehlten sie alles haarklein / was
sie in dem Heine gesehen hatten / erboten sich auch nicht nur allein darinnen
anzuweisen / sondern alles den Priestern und dem Fürsten Britomartes unter Augen
zu sagen. Marbod erstaunete hierüber / und verschwur sich: dass er selbst diesen
Betrug untersuchen / die schuldigen Priester und Wahrsager als Ubeltäter
straffen / und das entweihete Heiligtum reinigen wollte. An statt des Wassers /
wollte er ihr Blut zur Abwaschung ihres Greuels gebrauchen; der Erwürgten letzter
Atem sollte der Blasebälge / ihre eingeäscherte Gebeine der Erde / ihre
lodernden Holtzstösse des Feuers / die sie peitschenden Nesseln der Kräuter /
ihre Geilen aber der Eyer / welche die vier Elemente in sich beherbergen sollen
/ und also aller zur Reinigung erforderter Dinge Stelle vertreten. Vannius
antwortete ihm: Weil seine beide Ritter die unfehlbare Wahrheit berichtet hätten
/ sich auch alles also befinden würde / wäre seine entrüst- und vorgesätzte
Bestraffung der Wahrsager und Priester wohl der Gerechtigkeit / aber nicht der
Staats-Klugheit gemäss. Denn es wäre nichts gefährlichers einem Fürsten / als
sich mit der Priesterschaft zwisten; welche das Volck wie an einer Schnure und
wie mit einem durch die Nase gezogenen Rincken leiten / wo sie hin wollten / und
es gegen dem Fürsten aufsätzig machen könten. Sie wären bei den meisten Völckern
/ und insonderheit bei den Marckmännern in so grossem Ansehen: dass sie selbst
nicht nur übers Volck / sondern über die Fürsten urteilten. Zu Rom wären sie
keinem Gerichte unterworffen /und dörfften sie weder dem Rate noch dem Volcke
von ihrem Tun Rechenschaft geben. Insonderheit wäre der König des
Gottesdienstes / und die Vestalischen Jungfrauen keinem Gesätze unterworffen.
Wenn nun Marbod sich über diese Priester einer Botmässigkeit anmassen würde / wäre
zu besorgen: dass sie ihn als einen Verächter des Gottesdienstes / als einen
Versehrer des Völcker-Rechts / und als einen Priester-Feind beim Volcke schwartz
machen / und bei diesem gefährlichen Zustande die Marckmänner veranlassen
dörffte / in der Longobarder Fussstapfen zu treten. Insonderheit hätten die
Wahrsager gefährliche und stachlichte Zungen / liessen sich also schwerlich
zäumen. Denn würffe man sie ins Wasser / so würden sie zu Fröschen / verderbte
man sie in der Lufft / oder durchs Feuer / so würden sie zu Vögeln / welche
durch unglückliche Wahrsagungen den Fürsten zu schrecken / und verhasst zu machen
/ ihnen weder des Tages noch des Nachtes das Maul nicht stopffen liessen. Daher
müste man zu ihren Fehlern ein Auge zudrücken / und mit ihnen niemals öffentlich
brechen /wo man nicht mit denen / welche in ein Wespen-Nest bliessen / im
Unglücke gleich werden wollte. Marbod schwieg eine gute Weile stille / hernach
sagte er: Wenn mit diesen Verfälschern nichts anzufangen ist /zu was für Nutzen
soll mir denn die gegebene Nachricht dienen? Vannius versätzte: Zu diesem / dass
er die dem Adgandester erteilte Wahrsagung für einen sinnreichen Betrug / und
die ihm zugedachte Heirat für keine Stifftung des Verhängnisses halten sollte.
Marbod fiel ein: Auf solchen Fall wäre Adgandester so wohl als er betrogen
worden; und anderer Verbrechen könnte dem / welcher seiner eigenen Tugend halber
Adelgundens wert wäre / ihrer nicht berauben. Vannius begegnete ihm: Es wäre
nicht glaublich / dass Adgandester wegen der falschen Wahrsagung die Hand nicht
mit im Spiele gehabt haben sollte. Sintemal Adgandester beim Volcke verhasster
wäre / als Marbod glaubte; und also nicht vermutlich / dass die Wahrsager aus
eigener Bewegnüs oder Liebe / und ohne Versicherung eines grossen Gewinnes das
Laster der Verfälschung begangen haben sollten. Wenn sich aber einer solcher
Künstebediente / von dem wäre man versichert / dass er sich mit Larven der Tugend
behülffe / und ihre Vollkommenheit nicht besässe. Es gäbe wider ihn auch keinen
schlechten Verdacht / dass er aus dem Cheruskischen Hofe mit so schlechtem Ruhme
weg kommen wäre / und er sich so denn alsbald an die Römer gehenckt / und aus
gifftiger Rache ihnen / ja denen Catten selbst / aus derer Geblüte er doch
herrührte / alle Welt auf den Hals zu hetzen nie gefeiert hätte. Einem redlichen
Gemüte aber stünde nicht an / wenn es schon mit dem / der ihm Woltaten
erwiesen hätte / oder dem er durchs Gesätze der Natur verbunden wäre / zerfiele
/ sich für seinen Feind zu erklären. Temistocles und Camillus sollten aller
verstossener Diener Vorbild sein. Beide hatten ihrem Vaterlande unvergeltbare
Dienste getan / jener aber ward mit nicht kleinerem Unrechte als Schimpffe aus
Aten / dieser aber aus Rom verjagt; Gleichwohl aber errettete dieser sein
Vaterland aus Flammen und Verderben / jener aber tödtete sich mit
ausgetrunckenem Ochsen-Blute / damit er wider seines nicht unter dem Xerxes
fechten dorffte. Wenn ein Fürst aber einen zu einem so grossen Diener machen
wollte / müste er an diesem den geringsten Fleck einiger Untugend nicht finden.
Denn weil dieser ein Spiegel seines Fürsten sein sollte / würde er durch seine
kleineste Flecken selber verstellet. Daher unterschiedene Könige sich über einer
solchen Wahl mit dem Volcke beraten /oder solche mit Fleiss vorher ausgesprengt
hätten /damit sie durch das gemeine Urtel ihre Gebrechen erforschet hätten. Wie
viel sorgfältiger aber hätte ein Fürst den zu prüfen / welchen er zu seiner
Tochter Manne und zum Nachfolger im Reiche erwählen wollte. Denn dort liesse sich
der Irrtum noch verbessern / wiewol es rühmlicher wäre durch kluge Auslesung
den Gebrechen vorzukommen / als solche hernach verdammen. Hier aber hätte weder
Reu noch Aenderung statt. Marbod brach ein: Ihm würde schwerlich zu verargen
sein / dass er ihm einen Freund und so grossen Diener erkieset hätte. Sintemahl
die Glückseeligkeit selbst ohne Freunde unvollkommen; diese aber nützlichste
Ergetzung des Lebens / und das gröste Gut der Fürsten wären. GOtt alleine wäre
in sich selbst so reich / und könnte alles ohne Werckzeug verrichten; also könnte
er in seiner Einsamkeit vergnügt sein. Die Menschen aber könten ohne Freunde und
Gehülffen nicht wohl leben / ja gar nicht. Die Natur hätte ihnen fürnehmlich die
Vernunft und die Sprache gegeben: dass sie sich mit andern beraten könten;
dahingegen andere Tiere ihrem eintzelen und blinden Triebe folgten. Denn die
eigene Vernunft schlüge sich bald zu sehr auf eine Seite / und heuchelte der
ersten Zuneigung / dass sie das beste aus unterschiedenen Dingen so wenig selbst
erkiesen / als ein Auge sich selbst sehen könnte; sondern solche Wahl müste mehr
aus anderer Urtel geschehen. Nach dem aber Weitläufftigkeit den Ratschlägen
teils hinderlich / teils der Geheimhaltung schädlich wäre / hätte er nach
vieler grossen Helden Beispiele ihm einen sonderlichen Gehülffen erkohren. Also
hätte Hercules nichts ohne den Jolas / Diomedes nichts ohne Ulyssen / Agamemnon
nichts ohne seinen Nestor getan. Diese Zahl und Einrichtung hätte gleichsam
eine vollkomene Aehnligkeit mit der Herrschaft im Menschen; wo der Verstand den
geheimen Rat / der Wille den Fürsten vorstellet / ohne dass dessen Herrschaft
durch jener Erleuchtung etwas benommen wird. Er hätte sich auch in Erwehlung
Adgandesters hoffentlich nicht übereilet / noch sich durch sich selbst / und
durch seine eigene Einbildung betrogen /seine Gewohnheit wäre auch nicht: dass er
aus Ungedult des Anlauffs / das erste das beste / was ihm ungefähr begegnete /
allem andern vorzüge / und wie die Egyptier garstige Tiere aufs Altar sätzte /
sondern ehe er ihn so gross gemacht / und zu seinem Eydame bestimmet / seinen
Eyver / Treue und Klugheit in vielen wichtigen Geschäfften vorher geprüfet. Er
hätte viel seiner tapfferen Taten mit Augen gesehen / nach welchen Fürsten /
der Pöfel aber nur nach den Ohren zu urteilen hätten. Jene könten nicht wie
diese betrogen werden. Diesem nach könnte selbten niemand beschuldigen: dass er
ein blosses Geschöpffe einer blinden Zuneigung und ein Wunderwerck des Glückes
wäre / welches oft auch Unflat von einer Kuh zu vergülden pflegte. Vannius
fieng / nach dem Marbod ausgeredet hatte / an: Er wäre so wenig willens / als er
Recht hätte / dem Könige Marbod an seinen Einrichtungen Mängel auszusätzen / und
seinen Anstalten Ziel und Maass vorzuschreiben; und er würde gerne schweigen /
wenn ihn seine alte Freundschaft nicht zu reden nötigte. Dieses aber bestünde
darinnen: dass ein Fürst seinen vertrauten Freund mit dem grösten Staats-Diener
nicht zu vermischen hätte. Jener müste nach seiner blossen Neigung / dieser nach
dem Nutze des gemeinen Wesens erwehlt werden. Denn sehr selten träffe man die
Behägligkeit des Gemütes und hohen Verstand in einem Menschen an. Daher müste
ein Fürst einem jeden seinen gewissen Stand nach dem Maasse ihrer Beschaffenheit
zueignen. Denn alle / die gleich grossen Glantz der Tugend an sich hätten /
schickten sich so wenig als die Sonne in den höchsten Kreis des Saturnus;
sondern es müsten oft unansehliche Leute das Steuer-Ruder einer Herrschaft
beobachten / wie viel unsichtbare Sterne das höchste Ziel des Himmels einnähmen.
Wenn aber auch gleich Annehmligkeit und Verstand einen ausrüstete / dass er die
Liebe des Fürsten / und seine höchste Würde verdiente / so wäre es dennoch nicht
ratsam selbigem schlechterdings alles zu vertrauen. Denn der Mensch sollte noch
geboren werden / welcher die Vollkommenheit allem seine Ausrichtung zu tun
besässe. Ein Reich gleichte den Schiffen / da ein jeder seines besondern Amtes
warten müste / und hätte die Natur so wenig einem Menschen alle Vollkommenheiten
/ als einem jeden Gliede alle Sinnen eingepflantzt. Uberdiss ereignete es sich
mehrmals /dass kluger und treuer Diener Ratschläge zwar gut /aber unglücklich
wären. Dieses rührete oft aus Mangel der Werckzeuge her / denen man die
Gebrechligkeit so wenig an der Stirne ansehen / als verfälschtes Geld aus dem
Klange erkennen könnte. Ihrer viel / welche in mittelmässigen Dingen mehr als zu
viel Geist bewiesen hätten / wiesen in grössern eine unversehene Unfähigkeit;
dahingegen andere durch die Grösse der Geschäffte aufgeweckt würden. Offt würden
gute Anstalten durch vorsetzliche Hindernüssen der Missgönner / oder aus
unvermuteten Zufällen zernichtet. Denn der vollkommenste Diener / wenn er
gleich nichts versieht / und alles tut was er soll / richtet kaum was
taugliches aus / wenn er bei allen andern Dienern und dem Volcke verhasst ist. Es
werden ihm so viel Schlingen und Fallen gelegt / dass er unvermeidlich in eine
oder die andere treten muss / und er mehrmals in den Armen / und unter dem
Purper-Rocke seines Fürsten nicht sicher bleiben kann / sollte das Volck auch
selbst das Ampt eines Scharfrichters über sich nehmen. Wenn aber auch die
Menschen einem Diener nicht seinen Zirckel verrücken / man auch alle Tieffen der
Geschäffte ergründet / allen Bügen vorgebauet hat; so seind ein und dem andern
doch Himmel und Erde zuwider / welche alle Vorsicht in Unordnung / alle
Mutmassungen / welche ihnen diss oder jenes fälschlich fürgebildet / in
Verwirrung sätzen. Ein Donnerschlag kann allen Vorrat / ein Sturmwind eine
ganze Schiff-Flotte zernichten / ein Umstand die beste Gelegenheit aus der Hand
spielen / eine falsche Zeitung die gröste Hoffnung ersäuffen / und das
tapfferste Vorhaben hemmen; also dass es Feld-Hauptleute gegeben hat / welchen
niemand einen Mangel ausstellen können; die aber gleichwol alle Schlachten
verspielet haben; und es mehrmals das Ansehn gewinnet / als wenn das Verhängnis
mit Zernichtung menschlicher Weissheit seine Kurtzweil triebe. Diesemnach müste
ein Fürst sich vielmahl der besten Diener / wie ein Schiffer sich des sinckenden
oder auf eine Klippe getriebenen Schiffes entlassten / wenn er sähe: dass sie
entweder dem Volcke ein Greuel in Augen / oder ein Auswürfling des Glückes
wären. Beides aber schiene Adgandester worden zu sein; dessen Ratschläge /wie
wohl sie auch möchten gemeinet oder erwogen gewest sein / dennoch den Verlust
zweier ansehnlichen Völcker / und hierdurch zugleich einen gifftigen Hass der
Marckmänner nach sich gezogen hätten. Daher würde dem Könige Marbod zu grossem
Ruhme / dem Volcke zur Vergnügung und Adgandestern selbst zum besten gereichen /
wenn seine Gewalt ehe ein wenig eingezogen / als durch eine so grosse Heirat
vergrössert / von seinem Haupte aber nicht nur die Verbitterung des Volckes /
sondern auch die Feindschaft dreier so mächtiger um Adelgunden werbender
Fürsten abgelehnet würde. König Marbod danckte dem Vannius für seinen
wolgemeinten Rat / welchem er seiner Wichtigkeit wegen nachdencken wollte.
Mitler Zeit geriet Adgandester in nicht wenigen Kummer /weil er sah: dass
Marbod nicht alles an ihn verwies /sondern sich gleichsam aus seinem Schlaffe
ermunterte / und sich der Herrschaft selbst wieder anzumassen schien. Gleichwol
aber tat er nichts anders / als dass er in seinen Diensten sich emsiger als vor
/ und gegen jedermann freundlicher erwies. Denn er verstand allzu wohl: dass ein
Diener / gegen den seines Fürsten Liebe lau wird / wenn er sich durch viel
Künste zu erhalten bemühet / in eben das Unglück verfällt / als die / welche den
geringsten Leibes-Zufällen durch überflüssige Artzneien abhelffen wollen / und
sich durch zu grosse Sorge für ihre Gesundheit frühzeitig ins Grab bringen. Oder
die / welche in der Höhe aus übriger Furcht zu fallen / den Schwindel in Kopff
bekommen / und desto ehe herab stürtzen. Nach dem er aber sah: dass Marbod mit
dem Vannius so verträulich umgieng /nichts aber ihm von ihren Unterredungen
eröfnete; besonders Vannius Adgandestern nicht viel mehrere Bezeugung / als
andern Königlichen Dienern erwies /schwindelte ihm: dass ins geheim eine Glocke
über seinen Kopff gegossen würde. Daher hielt er nicht für ratsam länger stille
zu sitzen / und dem Ungewitter seinen Lauff zu lassen; sondern weil die besten
aber verspäteten Mittel zuletzt bei entkräffteter Natur /oder ganz verloschener
Gnade des Fürsten / keine Würckung mehr hätten / noch für sich das eusserste zu
versuchen. So bald nun Vannius vom Marbod Abschied nam / verlangte Adgandester
Verhör; welche dieser ihm aber abschlagen liess / da er doch alleine den güldenen
Schlüssel zu des Königs geheimen Zimmer in Händen / und sonst unangesagt hinein
zu kommen / Erlaubnüs hatte. Adgandester ward nach der Eigenschaft der dem
Glücke in der Schoss sitzenden Leute durch diese Abweisung so niedergeschlagen
/als wenn ihm dadurch alle seine Wolfart und Hoffnung abgeschnitten worden
wäre. Die ganze Nacht brachte er ohne Schlaff zu / er schlug sich mit mehr
Gedancken / als das stürmende Meer mit Wellen; sein Verstand hatte weniger Licht
als damalige Finsternis / und wusste nicht: ob er den erwarteten Tag mehr
verlangen oder fürchten sollte. Er ward aber nach dieser ihn qvälenden Unruh auf
den Morgen sehr früh zum Könige beruffen. Dieses versätzte ihn in noch mehrere
Verwirrung. Furcht und Hoffnung löseten einander ab sein Hertze zu zerschlagen /
wie die Hämmer den Amboss. Gleichwol raffte er seine zerstreuete Gedancken
zusammen / fasste ihm einen Mut / auf ein oder andern Fall des Königs Erklärung
/ welche ihm entweder alle seinen Wunsch zernichten / oder vollkommen machen
würde / mit standhaftem Gemüte zu vernehmen / ging also mit angenomener
Freudigkeit dahin. Dem Marbod sah der Kummer aus den Augen / und wahrsagte
Adgandestern / ehe er redete / nicht viel gutes. Darnach fieng er an: Ich
zweifle nicht /Adgandester sei meines Wolwollens so sehr / als ich zeiter
seiner treuen Dienste vergewissert worden. Diese haben mich bewogen: dass ich ihm
meine Tochter Adelgunde / wie August Agrippen seine Julia zu vermählen Siñes
gewest; und meine Danckbarkeit würde seine so vielmehr überstiegen haben / so
viel meine Tochter mehr Tugend und Erbrecht als seine besitzet. Alleine die /
welche durch falsche Wahrsagungen dieses Vorhaben zu befördern gemeinet /haben
solches am meisten zu Wasser / das Volck schwürig gemacht / Adgandestern mit
Argwohn und Neide / mich mit Blindheit und Unvernunft bebürdet. Mit einem
Worte: das Verhängnis und alle Welt scheinet sich wider meine gute Neigung / und
Adgandesters Glücke verschworen zu haben / und was das ärgste und
unüberwindlichste ist: Adelgunde will sich ehe vom Felsen stürtzen / als seine
Gemahlin oder meine Gefangene sein. Bei diesem Zustande lässet sich mehr nicht
tun; als dass wir uns beiderseits für dem Verhängnisse beugen / als uns aus
Hartneckigkeit daran den Kopff zerstossen. Ich werde zwar gezwungen meiner
Tochter einen andern Mann zu geben / aber deswegen wird Adgandester nicht
aufhören mein bester Freund und Gehülffe in der Herrschaft zu sein. Dieser mein
Vorschlag wird uns beide ausser Hass / Adgandestern in grösser Ansehen / und
vielleicht in besser Glücke versetzen / für welches ich von nun an eifriger /
als niemahls vorher sorgen werde. Denn wie nichts in der Welt ist / was
Adgandesters Tugend nicht verdienet / und meine Gewogenheit ihm gönnet; also hat
er auch nicht so wohl auf diss / was ich ihm wider Willen sagen muss / als / was
ich für ihn gutes im Sinne führe / sein Absehen zu sätzen. Weil Adgandester ihm
etwas viel ärgers fürgebildet hatte / nach dem grosser Diener Fall selten
Staffel-weise / sondern ins gemein vom höchsten Wirbel des Glückes in den
tieffsten Abgrund geschiehet /war er seiner so viel mehr mächtig ein
unverändertes Gesichte zu behalten / und dem Könige freimütig zu antworten: Er
hätte vom Könige Marbod so viel Gnade genossen: dass nicht der König sein /
sondern er des Königs Schuldner / und also von ihm nichts /weniger seine einige
Tochter zu begehren berechtigt wäre. Des Königs eigne Wissenschaft diente ihm
zu seinem besten Zeugnüsse: dass seine Ehrsucht nach nichts anderm / als nach dem
Wolstande des Königs gestrebt / und dieses Absehen ihm auch die sauerste Müh
eines gemeinen Kriegs-Knechtes leichte gemacht hätte. Nach dem ihm aber die
Gütigkeit eines so grossen Fürsten / und die Anleitung derer / welche die
Geheimnisse Gottes wissen / und Dollmetscher des Verhängnisses abgeben wollten /
selbst auf Adelgunden ein Auge zu werffen veranlasst hätten / wäre er zu
gehorsamen mehr verleitet worden / als dass ihn seine Vermässenheit mit der
Eitelkeit so grosser Gedancken aufgeblähet haben sollte. Er vergnügte sich an
dem: dass er ein Cattischer Fürst / der erste Edelmann unter den Marckmännern /
und des grossen Marbods Diener / aber ein Herr über alle Versuchungen des
Ehrgeitzes und des Glückes wäre. Diese Vergnügung wollte er nicht um die
Herrschaft der ganzen Welt vertauschen / weniger durch eine Staats-Heirat
seine Gemüts-Ruh verstören / oder einer so vollkommenen Fürstin Ungnade
verschulden. Dieser zu Liebe / begäbe er sich nicht nur allen Anspruchs; sondern
wäre bereit sich auf ihren Befehl über die Riphäischen Gebürge zu entfernen. Dem
Könige legte er um damit andere wolverdientere zu beteilen seinen Stab und alle
seine Würden zu Füssen; ja wenn ihm auch der König seine Ungnade andeutete /
würde er sein Lebtage nie nach der Ursache fragen / weniger des Königs Willen zu
hintertreiben sich einiger doch sonst zulässlicher Mittel bedienen. Nur den Degen
und die Ehre behielt er ihm zuvor: dass er beide zu seines Fürsten und Woltäters
Diensten mit seinem Blute aufopffern möchte. Dem Könige Marbod drang diese Rede
so sehr zu Hertzen: dass es wenig mangelte auf dem Fusse seine Erklärung
umzudrehen. Er hob aber den Stab auf / gab ihn Adgandestern wieder / und sagte
ihm mit Reichung der Hand: diese sollte ihm ein sicheres Pfand seiner
unveränderlichen Freundschaft sein. Adgandester küste solche / und antwortete:
Er könnte bei ihm verbleibender Gnade des Königs nie so klein werden: dass er
nicht sollte vergnügt sein. Marbod forderte hierauf den Vannius zur angestellten
Jagt ab / und gab Adgandestern Anlass ihm dahin zu folgen. Als er nun diss / was
er mit Adgandestern geredet / und für Antwort erhalten hätte / dem Vannius
eröffnete; Lobte er Marbods kluge Entschlüssung / noch mehr aber Adgandesters:
dass er in einen so gewaltigen Streich sich so gedultig hätte zu schicken gewüsst;
sagte auch: Dass er ihn nunmehr zweimahl so hoch /als vorhin / schätzte.
Adgandester bezeigte sich auch auf der Jagt frölich / und so unverändert / als
wenn ihm nicht das geringste widrige begegnet wäre; ungeachtet ihm sein Hertze
ärger / als einem Erworgenden schlug / und er seine Loslassung Adelgundens /
tausend mahl als die ärgste Schwachheit der kleinmütigsten Zagheit verdammte /
aber solche zu wiederruffen / weder Hertze noch Verstand hatte. Nichts desto
weniger wollte er bei Adelgunden mit seiner bösen Zeitung der erste Freuden-Bote
sein; schrieb also auf einem Jäger-Hause folgende Zeilen an Adelgunden:
Durchlauchtigste Fürstin! die Natur und ihre Tugend hat sie so hoch über ihr
Geschlechte erhoben: dass alle Menschen sie anzubeten schuldig / niemand sie zu
lieben würdig ist; habe ich aber hierwider gesündigt / so ist es ein Fehler
meines Gehorsams /nicht eine Versteigung meiner Ehrsucht. Ich verzeihe mich aber
hiermit eines für mich allzugrossen Anspruchs / und verwandele solchen in die
tieffste Ehrerbietung. Nach dem ich nun durch Aufopfferung meines Hertzens ihren
gerechten Zorn mir zugezogen /gönne sie mir die Gnade: dass ich durch mein zu
ihren Diensten versprjetztes Blut allen Unwillen ausleschen möge. Diesen Brief
gab er einem Marckmännischen Edelmanne mit Befehl: dass er solchen auf alle
ersinnliche Weise in Adelgundens Hände zu bringen trachten sollte. Dieser ritte
unter das Schloss / und gab ein Zeichen: dass er etwas friedliches anzubringen
hätte. Als die Wache im Schloss nun hörte: dass es ein Schreiben an Adelgunden
war / nahm sie es zwar; weil diese aber Adgandesters Siegel daran erkennte
/schickte sie es uneröffnet zurücke. Dieses verursachte den Edelmann: dass er es
an einen Pfeil band / und mit selbtem ihn in das Schloss schoss. Weil es aber auf
Adelgundens Befehl wieder herunter geworffen worden war / fand es ein nichts
hiervon wissender Kriegs-Mann / brachte es seinem Hauptmanne; dieser aber
händigte es dem zurücke kehrenden Marbod ein / welcher es in des Vannius
Anwesenheit eröffnete und lass. Beide Könige lobten Adgandesters grossmütige
Bezeigung / Vannius gab Anlass: dass ihn Marbod selbigen Abend bei ihrer Taffel
behielt. Er kam auch dem Könige Marbod / welcher erst folgenden Morgen seiner
Tochter ihre Freiheit wollte andeuten lassen /zuvor / und schrieb ihm unwissend
noch selbigen Abend an Adelgunden: dass Adgandester sich freiwillig alles
Anspruchs an sie / wie seine eigene Hand und Siegel in der Beilage weisen würde
/ begeben /Marbod allen / die sie mit Gewalt aus Adgandesters Händen entführet /
da sie nebst ihr sich gegen ihn demütigten / verzeihen / und folgenden Tag
allen / sie zu beleidigen / bei Lebens-Straffe verbieten würde. Auf diss sein
Fürstliches Wort möchten sie trauen /das Schloss öffnen / und sich eines gnädigen
Empfangs versichern. Weil nun diesen Brieff ein Kwadischer Ritter brachte / ward
er von der Schloss-Wache und Adelgunden willig angenommen. Adelgunde fand in des
Vannius Briefe so viel unvermutete Dinge / als Worte. Sie lass ihn wohl vier oder
fünffmahl / ehe sie ihren Augen traute / dass diss / was die Buchstaben andeuteten
/ sein wahrer Innhalt wäre. Zu dem Ende eilte sie in Drahomirens Zimmer / wiess
ihr solchen / welche sie des Vannius Hand und Siegel genau zu prüfen erinnerte;
weil sie dem schlauen Fuchse Adgandester kein Haar breit traute / und dieses
einer betrüglichen Fallbrücke sehr ähnlich sähe. Zumahl der innliegende Brieff
eben der wäre / welchen man vom Schloss zurück geworffen / und der zu
Betrügereien geschickten Nacht mit Fleiss zu ihrem Unglücke erkieset wäre / und
der sich selbst so zu verstellen wüste / könnte leichte eines andern Hand und
Pettschaft nachmachen. Adelgunde aber hatte /entweder / weil man bei guten
Zeitungen leichtgläubig ist / oder weil sie selbst allzu redlich und desto
weniger missträulich war / ein viel besser Vertrauen; zumal / da sie des Vannius
Hand eigen zu kennen vermeinte / dieser aber viel zu ehrlich wäre / was
arglistiges zu befördern. Sie liess hierzu auch den Ritter Milessow und Stochow
beruffen / welche nach grosser Verwunderung auch Adgandesters Schreiben lasen
/und einstimmig befanden / iedoch auch nicht einer /sondern der erste
Adelgundens / der andere Drahomirens Meinung waren. Endlich wurden sie schlüssig
/den Uberbringer selbst darüber zu vernehmen. Diesem ward mit gröster Vorsicht
eine kleine Pforte geöffnet / und er bei seiner Erscheinung vom Ritter Milessow
für den Ritter Kotulin erkennet. Dieser versicherte die Fürstin und den Ritter:
dass diss Schreiben seines Königs eigene und aus seinen Händen empfangene Schrifft
wäre / er auch ihm sie zu versichern befohlen hätte: dass er ihnen für alle
Gewalt Bürge sein wollte. Der König Marbod würde auf den Morgen ihnen eben diss zu
wissen tun / und es in seinem Kriegs-Heere ausblasen lassen. Also möchten sie
ihren Glauben immer biss auf solche Zeit verschüben. Weil nun Milessow
beteuerte: dass er dieses Ritters Treue und Redligkeit oft geprüfet hätte; war
Adelgunde auf dem Schloss nicht zu erhalten / sondern sie erklärte sich den
Kotulin zu begleiten; weil es ihre kindliche Pflicht erforderte / dem
väterlichen Befehle vorzukommen / und ihre bisherige Widersätzligkeit durch
einen fertigen Gehorsam auszuwetzen. Dieses Vertrauen bewegte beide und alle
andere Ritter /Adelgunden zu begleiten / entweder nebst ihr / sich der
Königlichen Gnade fähig zu machen / oder auf den Notfall für ihre Freiheit zu
sterben. Kotulin führete sie / Vermöge des ihm bekandten Wortes / durch alle
Wachten / brachte sie in das unsern davon gelegene Schloss / und in das
Taffelzimmer / dass ihrer Marbod nicht ehe gewahr ward / als biss Adelgunde für
ihm / und die Ritter hinter ihr auf die Knie fielen; Sie ihm die Schlüssel des
Schlosses überreichte / um die väterliche Gnade und ihre Freiheit mit einer so
beweglichen Bezeugung bat: dass sie dem Marbod auch ohne seinen schon gefasten
Schluss das Hertze erweichet haben würde. Je unversehener ihm nun dieses
begegnete / ie durchdringender war in seiner Seele diese Demütigung seiner
Tochter. Die Tränen fielen aus seinen Augen ihr auf die Hände / mit denen sie
Marbods Knie umfaste. Adelgunde lass diese flüssende Kennzeichen der väterlichen
Liebe nicht so wohl als köstliche Perlen / und das süsseste Labsal ihrer Seele
mit ihren Rosen-Lippen auf. Marbod aber hob sie empor; und weil ihm seine Freude
die Zunge hemmete / küssete er sie mit einer so heftigen Begierde auf ihren
Mund: dass er aus ihren Lippen Blut zoh. Endlich fieng er an: dieses wäre die
glückseligste Nacht seines Lebens / sie / wie vorhin / seine liebste Tochter /
uñ ihre Nachfolger seine treue Untertanen zu sehen. Alles vorgegangene sollte
vergessen / und wer ihm iemahls daran gedencken würde / aus seiner Gnade und
Gegenwart ewig verstossen sein. Adelgunde wendete sich hierauf zum Vannius /
danckete ihm für seine Zuneigung; durch welcher Hülffe sie sich nunmehr wieder
frei und lebendig sähe. Der an der Taffel unten mit sitzende Adgandester
erstaunte über dieser Begäbnüs. Seine Glieder wurden ihm ganz unbeweglich; sein
Hertze bebete aber wie eines Sterbenden / und sein Gemüte fühlete alle Stürme /
die die wider einander streitenden Gemütsregungen in einer Seele verursachen
können. In dieser Verwirrung fiel er für Adelgunden nieder / konnte aber mehr
nicht sagen /als: Sie möchte die durch seine vermässene Liebe ihr angefügte
Beleidigung ihm zu Gnaden wenden / weil nichts in der Welt so verführisch / als
ihr Irrlicht / und daher die Vergehung so viel mehr zu verzeihen wäre. Adelgunde
/ welche stets ihr selbst gegenwärtig blieb / antwortete ihm: Sie würde sich
ihrer väterlichen Begnadigung unwürdig machen / wenn sie gegen den an einige
Rache dächte / den ihr Vater und König so hoch hielte. Sie verspräche ihm auch:
dass so lange er nichts ihrer Freiheit abbrüchiges vorhaben / sie für sein Glücke
nicht weniger / als für ihre Wolfart bekümmert sein würde. Er sollte das Wort /
dessen Wesen sie so sehr gekräncket / nie lassen auf seine Zunge / weniger ins
Hertze kommen / so würde nichts von ihrem Leiden sich ihres Andenckens
bemächtigen. Hierbei wollte sie ihn durchaus nicht für ihr knien lassen; er aber
sich doch nicht aufrichten / biss ihm Marbod solches zu tun selbst winckete.
Dieser hatte inzwischen befohlen / alle nur ersinnliche Freudens-Zeichen
anzustellen. Daher aus allen Fenstern des Schlosses Fackeln ausgesteckt /
Trompeten und Hörner geblasen / Paucken geschlagen / und Feuer angezündet
wurden. Diesem Beispiele folgete das rings herum liegende Kriegs- und
Land-Volck; welches alle Berge und Hügel mit Freuden-Feuern krönte / ungeachtet
die wenigsten die Ursache wussten oder erraten konten. Niemand aber war
freudiger als Ingviomer /Bolessla / und Britomartes / derer ieder bei Hofe seine
Gönner hatte / welche ihnen noch selbige Nacht die Auslegung dieser
Freuden-Zeichen eilends zu wissen machten / und sie dadurch zu ebenmässigen
Bezeugungen ermunterte. Hingegen war aller andern Traurigkeit in Adgandesters
Hertze versamlet. Denn als er Adelgunden nur wieder zu Gesichte bekam / ward er
mit einer so unsinnigen Liebe befallen: dass er sich wegen seiner so liederlichen
Verzeihung in Gedancken tausendmahl verfluchte. Seine Ungedult zwang ihn auch
sich unter dem Scheine einer Ehrerbietigen Zurückziehung für Adelgunden zu
entfernen; und wie diese die Nacht gleich als im Himmel hinlegte / also fühlte
er alle Versuchungen der verzweiffelnden / und bei nahe die Pein der Verdammten
in der Hölle. Weil er auch seiner mächtig zu sein / und Liebe / Neid /Eyversucht
und Verdruss zu verstellen nicht getraute /nahm er von Hofe Abschied / unter dem
Vorwande: dass er die Semnonischen Gräntzen und die Besatzungen besichtigen /
daselbst die Korn-Häuser mit nötigem Vorrate versehen / und zu bevorstehendem
Feldzuge gute Anstalt machen wollte.
    Das ganze Land / niemand aber mehr als Hertzog Ingviomer / Bolessla und
Britomartes waren unter zertrennten Verlöbnüsse Adelgundens und Adgandesters in
vollen Freuden. Diese kamen auf den Morgen alsbald nach Hofe / und wünschten
nicht weniger dem Könige Marbod wegen eines so glücklichen Streiches / als
Adelgunden wegen erlangter Freiheit Glücke. Ja Ingviomer liess sich auch gar
heraus: dass Marbod durch diese grossmütige Entschlüssung mehr gewonnen hätte /
als durch eine grosse Schlacht wider seine Feinde. Denn er hätte ihm die
Gemüter aller seiner Untertanen verknüpfft / welche er durch die allzu grosse
Erhebung Adgandesters von ihm abwendig gemacht hätte / und bei einem kleinen
Unglücke so leicht als die Langobarden und Semnoner von ihm würden abgesätzt
haben. Hierbei rühmte er auch den gebrauchten Glimpff des Königs: dass er
Adgandestern zwar der Hoffnung zu einer so grossen Heirat /nicht aber zugleich
seiner Gnade entsätzt hätte; da bei Fürsten sonst ins gemein Sincken und
Untergehen an einem Fadem hienge / und sie der Diener Fall mit ihrem Blute zu
versiegeln pflegten. Als diese Fürsten aber sahen: dass Adgandester sich von Hofe
entfernte /waren sie nicht nur mehr als vorhin erfreuet / sondern verlachten
auch seine Unvernunft / und wahrsagten seinem Glücke vollends den Untergang.
Sintemal dem alle den Rücken kehren / welcher schon seines Fürsten Antlitz nicht
mehr vertragen kann. Den andern Tag brach Marbod mit dem ganzen Hofe nach
Boviasmum auf / welches die Einwohner nunmehr nach seinem Nahmen Maroboduum zu
nennen anfiengen / und den König nebst Adelgunden durch unterschiedene
Ehren-Pforten mit grossem Frolocken /gleich als wenn er ein neues Königreich
erobert hätte /empfiengen. Der König Vannius und die drei frembden Fürsten
begleiteten den Königlichen Einzug; unter denen aber Ingviomer mit seinen
dreihundert Bructerischen Rittern den Preis des prächtigsten Aufzugs / und durch
seine Leitseeligkeit iedermanns Gewogenheit erwarb; zumahl er ohne diss wegen
seiner weltkündigen Taten das gröste Ansehn hatte. Fürnehmlich war er beim
Vannius in grossem Ansehen. Denn die Tugend hat eine Magnetische Krafft in sich:
dass / ob eine zwar die andere zu übersteigen sich bemühet / sie dennoch ein
ander wert hält / und zusammen vereinbaret sein will. Ob nun wohl Ingviomer
Adelgundens Liebe versichert war / und sie ihm bei allen Zusammenkunften ein so
gütiges Auge zuwarff / welches seine Hoffnung täglich mehr befestigte; so liess
sie doch durch Drahomiren den Kapliers / und durch diesen Ingviomern warnigen:
dass er ihre Liebe noch zur Zeit als ein Geheimnis halten sollte. Nichts desto
weniger liess er fast täglich seine Tapffer- und Hurtigkeit in allerhand
Ritter-Spielen bei Hofe sehen / um Adelgundens Liebe dadurch zu unterhalten;
welche nicht weniger als andere der Nahrung bedörfftige Dinge bei abgehender
Speise vermagert und kraftlos wird. Hiermit aber unterhielt er auch zugleich
den ganzen Hof; und der Marckmäñischen Ritterschaft Tapfferkeit ward durch ihn
und seine Bructerer gleich als wie durch einen Schleifstein täglich gläntzender
gemacht. Weil Ingviomer aber wusste: dass Vannius Adgandestern aus dem Sattel
gehoben hatte / und daher urteilte: dass er über den Marbod alles vermöchte /
liess er keine Gelegenheit vorbei / sich bei ihm ie mehr und mehr einzulieben /
und endlich sprach er ihn an: er möchte ihm beim Marbod der Heirat halber gut
in Worten sein / erhielt auch von ihm eine gewünschte Vertröstung. Mitlerzeit
versäumte Bolessla und Britomartes eben so wenig Zeit und Mittel sich bei
Adelgunden angenehm / und beim Marbod ansehlich zu machen. Die Sarmatische und
Bastarnische Gesandten unterliessen eben so wenig dem Könige zu Erleichterung
verlangter Heirat vorteilhafte Bedingungen anzubieten; ja beide versprachen:
dass ihre Könige dem Marbod vier und zwantzig biss dreissig tausend Kriegs-Leute zu
Hülffe schicken / und auf den Fall der Not ihm selbst mit allen ihren
Reichs-Kräfften beispringen wollten. Dieses trieben sie mit einem solchen Eyfer:
dass Marbod sich endlich entweder aus Verdruss so vielen Anlauffens / oder aus
erheblichen Ursachen für vorstehendem Feldzuge hierinnen ein Ende zu machen
schlüssig ward. Er betrachtete alle drei Fürsten; darunter Bolessla und
Britomartes einen Vorteil an Jahren / Ingviomer aber an Erfahrenheit und
tapfferen Taten hatte. An Ankunft und andern Tugenden hielten sie einander
ziemlich die Wage. Er konnte sich aber mit sich selbst nicht vergleichen / wen er
auslesen wollte; entweder weil ihre Fürtrefligkeit schwerer / als die der
Edelgesteine zu unterscheiden war / oder weil er durch des einen Erkiesung die
zwei andern ihm zum Feinde zu machen besorgte. Adelgundens Meinung wollte er
hierüber nicht vernehmen / ungeachtet sie in seiner Gegenwart allen dreien
einerlei Gesichte machte. Aus seinem Zweiffel sich nun zu reissen /vertraute er
sich seinem Vannius / rühmte Ingviomern als einen schon herrschenden und
erfahrnen Helden; hernach vergass er auch nicht der zwei andern / und fürnehmlich
der angebotenen Hülffe / und wie er durch des Bolessla oder Britomartes Wahl die
Marckmännische Herrschaft von der Elbe / und der Baltischen See / biss ans
Euxinische Meer erstrecken könnte. Vannius danckte dem Marbod: dass er in einem so
wichtigen Wercke zu ihm so grosses Vertrauen sätzte / und sein Gutachten
vernehmen wollte. Ob es nun zwar in solchen Fällen / da alles an der Schnure des
unerforschlichen Verhängnisses hienge / und der menschliche Verstand gleichsam
im finstern tappte /zu raten schwer und gefährlich wäre; erforderte doch seine
Aufrichtigkeit alles Bedencken auf die Seite zu sätzen; zumahl ihm es gleiche
gielte / an wen Marbod seine Tochter vermählte / und er weder aus eines noch des
andern Heirat einigen Vorteil zu suchen gedächte. Seinem Bedüncken nach aber /
sollte Marbod alleine auf die Person und auf die Erhaltung des Marckmännischen
Reiches / nicht aber auf dessen Vergrösserung oder auf die ihm angetragene
Hülffe einig Absehn nehmen. Durch Erweiterung würden Reiche ehe geschwächet /
als verstärcket / und gleichten solche denen unberäglichen Riesen / oder
wassersüchtigen Leibern / welche inwendig wenig Kräffte /und so viel Ohnmacht
haben: dass sie ihre eigene Last kaum tragen könten / und von dem ersten Stosse
über ihre eigne Füsse stulperten / und zu Bodem fielen. Oder ihre eusersten
Glieder wären auch so weit entfernet und zerstreuet / dass ehe die natürliche
Wärmbde aus dem Hertzen dahin käme / solche gefrieren und erstürben. Das
Marckmännische Reich / wenn es auch schon in gegenwärtiger Verfassung bliebe /
hätte schon eine auskommentliche Grösse: dass es sich für keiner Macht in der Welt
fürchten dörffte. Wenn man aber solches ja erweitern könnte / sollte man sich
hüten / etwas grössers an sich zu ziehen / als man selbst wäre. Denn so denn
würde unser Reich eines andern Anhängling / wie Macedonien unter dem grossen
Alexander Persiens / und würden im Wercke die Gewonnenen der Gewinnenden
Meister. Dahero er auf den Fall / da Marbod seine Tochter an Volessla oder
Britomarten zu verheiraten schlüssig werden sollte / er in der Eh-Beredung dieses
ausdrücklich zu bedingen nötig hielte: dass Adelgunde als würckliche Königin der
Marckmänner die Herrschaft behalten / kein Sarmatier oder Bastarner einiges
Reichs-Ampt in ihren Ländern bekommen / ihr ältester Sohn bei den Marckmännern /
der andere aber in Sarmatien oder bei den Bastarnen herrschen sollte. Denn die
Vereinbahrung beider Reiche würde des Marckmännischen Untergang sein. Denn wenn
eines wollte zu einem so grossen Ungeheuer werden / müste es das ander / wie die
Schlangen / wenn sie sich wollten in Drachen verwandeln / einander fressen. Wenn
er aber auf Ingviomern ein Auge hätte / würde es dieser Vorsorge nicht bedürffen
/ dessen Fürstentum ein unstrittiger Anhang des Marckmännischen Reiches würde.
Insonderheit aber / sollte er für Annehmung angebotener Hülffe sich ärger als für
Schlangen und Hütten-Rauch hüten. Sintemahl ein Fürst ihm gleichsam selbst die
Schwung-Federn ausriesse / die Nägel an Klauen abschnitte / und sich bei aller
Welt verächtlich machte /wenn er seine Schwäche durch Dürfftigkeit frembde
Hülffe zeigte. Es wäre eines Fürsten gröstes Unglück in den Stand zu geraten /
dass der Wolstand seines Reiches an dem guten Willen eines andern hienge /der
Ursprung seiner Wolfart aber nicht aus eigenen Kräfften herrührte. Denn weil
die Schnecken mit frembder Hülffe ins gemein die Wette lieffen / würde man von
einem mächtigen Feinde ehe über einen Hauffen geworffen / ehe jene ankämen /
oder zu komen sich nur entschlüssen könten. Welche Langsamkeit man denn auch
niemanden sehr für übel haben könnte; weil sich in eines andern Krieg zu
vertieffen / zwar nichts gewisser als grosse Ausgaben /nichts ungewissers aber /
als einen guten Ausschlag hätte / welcher allein von der Eigensinnigkeit des
Glückes herrührte. Ja es wäre nichts seltzames: dass man dadurch den einem andern
ausgezogenen Dorn selbst in Fuss stäche. Jedoch wäre der die Hülffe annehmende
noch viel übeler dran. Eine kleine käme ihm wenig zu statten / und gleichte
etlichen Tropffen Wassers / welches an statt die Flamme auszuleschen /solche nur
lebhafter / die Kranckheit nur rege machte / nicht heilete. Bestünde die Hülffe
denn in einer grossen Macht / so wäre sie so gefährlich / als die des Feindes.
Denn frembde Schutz-Flügel bestünden vielmahl an Adlers-Federn / welche alle
andere durch ihre Anrühr- und Bedeckung zerrüben / oder es wären darunter
scharffe Klauen versteckt / welche den Beschirmten blutiger als kein Feind
zerfleischten / und die / welche sich durch weiche Lilgen zu decken vermeint
hätten / sich in Disteln und Dornen eingewickelt befindeten. Denn weil grosse
Gewalt weder Scham hätte / noch nach Gesätzen fragte / meinten die
Hülffs-Völcker / dass sie durch ihre Woltat die Freiheit / alles nach ihrer
Wollust zu tun / verdienten. Der helffende Fürst bemeisterte sich bei dieser
Gelegenheit / unter dem Scheine der ihm nötigen Sicherheit / fester Plätze /
welche er ihm mit Gewalt zu behaupten nicht getraut hätte / und behielte zu
letzt solche unter dem Vorwand eines Pfand-Rechtes wegen aufgewendeter Unkosten
/ die er doch nimmermehr gedächte wieder zu geben. Inzwischen saugte er das Land
aus / und würde doch wenig oder nichts getan; ungeachtet sie anfangs grosse
güldene Berge / lächerliche und unmögliche Dinge zu gewinnen versprochen / ihre
Anschläge so hoch / als sie sie ihre Einbild- und Hoffnung verleiten können /
gespannet hätten. Wenn es aber zum Wercke käme / liessen sie sich zu nichts
kleinem gebrauchen / weil solches ihrer Macht und Ehre nicht anstünde; wichtige
Sachen aber wollten sie nicht angreiffen / weil es schon zu spät im Jahre / und
alles auf einen Streich zu wagen / unverantwortlich wäre. Wenn aber auch gleich
beide Bundsgenossen einen heissen Eyver / einander redlich beizustehen /im
Hertzen hätten / so hätte doch der menschliche Wille so wenig Bestand / als
andere irrdische Dinge in sich; die Begierde erkaltete / der fürgesätzte Zweck
würde ie länger ie zweiffelhaftiger / oder der arglistige Feind streuete
zwischen sie Misstrauen / die Zeit veränderte durch einen Zufall den ganzen
Zustand der Sache / und also gienge es mit den wichtigsten Anschlägen / wie mit
dem grossen Geschoss und andern ungeheuren Werckzeugen der Bau- und Kriegs-Kunst
/ welche / wenn ein Fadem zerrisse / oder ein grosses Sandkorn darzwischen käme /
unbrauchbar würden. Ob nun zwar derogestalt alles den Krebsgang gienge /und aus
einem grossen Aufheben vergebene Lufft-Streiche würden / so erforschte doch der
Nachtbar alle Gelegenheiten des Landes / alle Schwächen der Herrschaft. Das
Reichtum machte ihn nach frembdem Gute lüstern / daran er sonst nie gedacht
hätte. Er bestäche des andern Fürsten Diener / machte ihn als einen
Unvermögenden bei seinen Untertanen verhasst / sämte zwischen diesen Zwytracht /
Misstrauen und Aufruhr / schlüge sich so denn zu einem Teile /erdrückte beide /
und machte sich aus einem Schutzherrn zum Wütteriche. Durch diese Künste hätte
Philipp Griechenland bemeistert / auf diese Art hätte der Römische Adler seine
Hülffs-Flügel über die drei Teile der Welt geschwungen / hernach aber ihnen den
spitzigen Schnabel seiner Herrschsucht biss ins Hertze / und die Klauen seines
Geitzes biss ins Eingeweide eingesänckt. Daher wäre es in alle Wege ratsamer:
dass ein Fürst / um sich selbst zu erhalten / entweder alle Adern seiner Kräffte
und Untertanen öffnete; oder auch mit einem stärckern Feinde / so gut er könnte
/ mit leidlichem Verlust abkäme / als dass er sich mit ungewisser Hülffe und
betrüglichen Bündnüssen / wo ein ieder ihm stillschweigend einen verborgenen
Vorteil und ein Schlipfloch zuvor behielte / in grössern Schaden und Gefahr
sätzte. Dieser Klugheit hätten sich die Römer mehrmahls bedienet. Denn da sie
gleich durch etliche vom Pyrrhus erlittene Niederlagen in ziemlichen Notstand
gerieten / weigerten sie sich doch das von der Stadt Cartago ihnen angebotene
Kriegs-Heer / welches ihnen Mago zu Hülffe führen sollte / anzunehmen. Sintemahl
sie ihr verlohrnes Ansehen / und die Ergäntzung ihres zerscheiterten Glückes /
anderer Gestalt nicht / als mit eigenen Waffen / und durch ihre Tugend zu wege
zu bringen getrauten. Marbod antwortete dem Vannius hierauf: Seine Erinnerungen
wegen Vereinbahrung zweier Reiche wären aus dem Hertzen und Brunnen der Weissheit
geschöpfft; und würde er solche / wenn es mit dem Sarmatischen oder
Bastarnischen Fürsten zu was werden sollte / ihm seine genaueste Richtschnur sein
lassen. Weil zumahl beide Gesandten sich von ihm alle beliebige Bedingungen
anzunehmen erboten hätten. Ihm wäre auch nicht unwissend / was frembde Hülffe
für Gefahr und Ungemach nach sich ziehe; gleichwol aber hielte er sie nicht
schlechter Dinges für verwerflich / und wären die Beispiele mit hunderten zu
zehlen; da die / welche dem Untergange schon im Rachen gesteckt hätten / von
ihren Freunden daraus wären gerissen worden. Sein Feind der herrschsüchtige
Herrmann würde mit seinen Cheruskern so grosse Springe nicht gemacht haben /
wenn er nicht Catten / Sicambrer / Bructerer und Chauzen zu Gehülffen gehabt
hätte. Wenn er auch seine Tochter mit einem dieser Fürsten verlobte / wollte er
mit GOtt wohl sich nicht versehen: dass so denn von demselben was hinterlistiges
gedacht / oder was gefährliches fürgenommen / sondern vielmehr für Erhaltung
selbigen Reiches / welches seinen Nachkommen doch sollte zu Teile werden /
redlich gesorget / und gefochten werden würde. Vannius fiel ein / und sagte:
Dieses wäre wohl eine Vermutung / aber nichts weniger als eine Gewissheit. Reiche
und Erbschaften würden lieber besessen / als erwartet / und es würde mehrmahls
Söhnen die Lebens-Zeit des herrschenden Vaters zu lang; Daher etliche um wenige
Monat eher zur Herrschaft zu kommen / ihnen mit Stahl oder Giffte heimzuhelffen
/ kein Bedencken gehabt. Hätte sich doch ein König der Gallier zu tode gehungert
/ aus Furcht /dass alle Speisen von seinem herrschsüchtigen Sohne vergifftet
wären. Ubrigens wären die Catten und andere deutsche Völcker nicht so wohl der
Cherusker Gehülffen / als Krieges Gefärten / ja die Römer ihr allgemeiner Feind
/ und jenen meist näher als diesen gewest. Ungeachtet sie nun durch das
kräfftige Band eigener Erhaltung so feste mit einander verknüpfft gewest /
hätten sie doch sich nicht drei Jahr mit einander vergleichen können / sondern
die blinde und ihrer eigenen Wolfart vergessende Eyversucht hätte sie getrennet
/ ungeachtet sie aller Freiheit dadurch in gröste Gefahr gestürtzt. Daher er für
eine unumstossliche Wahrheit hielte / dass eines Fürsten von zwölff tausend
Kriegs-Leuten bestehendes Heer dreissig tausend Bundgenossen begegnen und sie
austauern könnte. Wenn aber ja Marbod sich wider seine Feinde mit Hülffs-Völckern
zu behelffen für nötig hielte /sollte er feste glauben: dass die allerbesten
dennoch nicht besser als die reinigenden Artzneien wären; welche zwar die böse
Feuchtigkeiten aus dem Leibe trieben / aber doch auch allemahl was böses hinter
sich liessen. Ja seine eigene Hülffsvölcker / die er doch selbst besoldete / und
in strengster Kriegs-Zucht hielte / würden doch Marbods Untertanen empfindlich
fallen. Daher riete er ihm als ein treuer und alter Freund: er sollte darbei
keine zu seiner Sicherheit dienende Vorsicht aus übrigem Vertrauen ausser Augen
sätzen / sondern ohne vorher gefaste Meinung die Uberlast ihrer Annehmung und
die Entschüttung des ihn drückenden Ubels gegen einander wohl abwägen /die
Redligkeit oder die Ehrsucht seines Helffers und Feindes / und ob jener nicht
vielmehr als dieser auf seine Länder Ansprüche machen könne / ob er einem andern
Gottesdienste beipflichte / wohl überlegen. Nach diesem muss er es dahin richten /
dass die Hülffsvölcker ausser seinen Gräntzen blieben / und die feindliche Macht
durch einen Einfall in sein Land zerteilten. Wenn aber ja iemahls der
Krieges-Zustand erforderte / frembden Völckern sein Land zu öffnen / sollte er
ehe alles eusserste tun / als derer so viel einzunehmen / welchen sein
Kriegs-Volck nicht zweimahl gewachsen / und er ihnen Gesätze fürzuschreiben /
mächtig wäre. Alleine diss wäre noch nicht genung / sondern er müste sie auch
kein absonderes Heer machen / noch von ihrem eigenen Feldhauptmanne abgesondert
führen lassen / sondern die Botmässigkeit über sie selbst bekommen / und solche
unter sein Kriegs-Volck Fahnen-weise verteilen; sie auch ohne Zeitverlierung
wider den Feind führen /niemahls aber zu ihrer eigenen Besätzung einige
Festungen zu Pfande oder zu ihrer etwan nötigen Zuflucht einräumen. Wie er aber
noch zur Zeit keine Not sähe / dass Marbod wider den Hertzog Herrmann ausser ihm
mehrer Hülffe dörffte / also besorgte er: dass so viel ihm einer von den zwei
Sarmatischen und Bastarnischen Fürsten Beistand leisten / so viel der andere aus
verbitterter Rache ihm Händel machen würde. Diesem nach wäre wohl das beste von
keinem Hülffe anzunehmen / und durch Verheiratung seiner so vollkommenen
Tochter ihm keinen Feind zu machen. Marbod brach ein: Auf was für Weise diss
auszurichten möglich wäre? Denn er wüste schon / dass er durch fernere
Hinterhaltung seines Willens er sie eben so sehr / als durch eine gäntzliche
Abweisung beleidigen würde. Vannius antwortete: Der Auffschub würde freilich die
Sache ehe schlimmer als besser / ja nur noch mehr Fürsten nach Adelgunden
lüstern machen. Daher zielte seine Meinung auch gar nicht dahin; sondern er
sollte vielmehr durch eine schleunige Heirat allen andern ihre unzeitige
Hoffnung verschneiden /und nachdencken / wie es ohne eines oder des andern
Beleidigung geschehen könnte / er wollte mitler Zeit ebenfalls auf ein solch
Mittel bedacht sein / welches ihm Marbod allerdings gefallen liess.
    Weil Marbod nun / gleich als wenn er aus einem tieffen Schlaffe erwacht wäre
/ sich wieder der Herrschaft anmaste / dazu ihm Adelgunde unaufhörlichen Anlass
/ der vorstehende Krieg aber gnugsame Geschäffte an die Hand gab / liess er
Ingviomern / Bolesslaen und Britomarten mit Jagten und andern Kurtzweilen
unterhalten. Vannius aber machte Anstalt zu einem nachdencklichen Schauspiele /
bei dessen Einrichtung er alle Zeit / welche er nicht mit dem Könige Marbod oder
Ingviomern im Rate zubrachte / mühsam anwendete. Daher es auch in wenigen Tagen
zur Vollkommenheit kam / worauf er den König Marbod /die Fürstin Adelgunde /
Hertzog Ingviomern / Bolesslaen / Britomarten / den ganzen Hof / und
Marckmännischen Adel dazu einladete. Der hierzu bestimmte Schau-Platz war die
Königliche Rennebahn /und diese auf der einen Seite mit einem prächtigen
Schau-Gerüste versehen. Diesem gegen über war eine andere mit köstlichen
Tapezereien belegte / und mit einem Himmel bedeckte Biene für den König / und
die Fürsten bereitet / neben welchen Vannius selbst einen Zuschauer abgab. Die
einbrechende Nacht machte dem Spiele den Anfang / welche aber von zwölff tausend
den Schau-Platz umringenden Fackeln / dem Tage das Licht zu nehmen schien: dass
sie den güldenen und silbernen Kleidern / den Edelgesteinen und andern
prächtigen Aufzügen desto mehr Glantz geben könnte. Der sich öffnende Schau-Platz
stellte den Himmel mit unzählbar hell-leuchtenden Sternen /die Erde in
vereinbarter Schönheit des Frühlings / und der Fruchtbarkeit des Herbstes / das
Meer mit sanften Wellen / vielen Schiffen / und das Ufer voller Perlen und
Korallen-Zincken für. Mit dem ersten Anblicke fiel den Zuschauern das ganze
Siegs-Gepränge der Liebe in die Augen. Diese sass ganz nackt auf einer überaus
grossen Perlenmuschel / welche auf vier güldenen Rädern lag / und an statt der
Schwanen von zweien Adlern / zweien Elephanten / zweien Wasser-Pferden / und
zweien Drachen gezogen ward; Sie hatte einen Krantz von Sternen / die Erd-Kugel
zu den Füssen / den Blitz in der rechten Hand / zwischen dem lincken Arme eine
Dreizancks-Gabel / in der lincken Hand die Schlüssel zur Hölle; um den Leib
einen Gürtel von allen Edelgesteinen der Welt. Um den Wagen flogen zwölff
Liebes-Götter / derer Flügel von mehr Farben brennten / als sie Federn an sich
hatten / und welche die Lufft so geschwinde als der Blitz zerteilten / mit
ihren Strahlen aber gleichsam zwölff Schwantz-Gestirne abbildeten / und hinter
sich eine Strasse von Feuer-Flammen liessen. Die Liebe liess sich auf einem Berge
nieder / und sätzte sich auf einen Königlichen Stuhl / welcher auf der einen
Seite die Natur / auf der andern das Glücke aufwartete. Gegen über stand ein
Altar / welches von eitel Adler-Holtze und Zimmet loderte. Die Natur drückte die
Gewalt der Liebe zu denen allersüssesten Seitenspielen in folgendem Gesange mit
einer durchdringenden Stimme aus:
Die grosse Göttin in der Welt /
Durch die im Himmel und auf Erden
Was Meer und Abgrund in sich hält /
Muss alles warm und freudig werden /
Die mich als Mutter speist / und dich als Amme nehrt /
Ist meiner Andachts-Glutt und deiner Opffer wert.
Es schwimmt kein Fisch in kalter Flutt
Den nicht das Saltz der Liebe säuget /
Und weil hier brennt die stärckste Glutt /
Nicht hundert tausend Junge zeuget /
Es ist kein Feuer-Wurm / kein brennend Stern so heiss /
Als ein kalt Wallfisch brennt in Nordens Meer und Eis.
Der Krebs wirfft von sich Schal und Schild /
Und lernt aus Liebe vor sich gehen /
Es öffnen / dass der Tau sie füllt /
Die Muscheln sich in tieffen Seen.
Was an Corallen glüht / der Purper-Schnecke Blut /
Das Wasser in der Perl ist eitel Liebes-Glut.
Die Wasser-Schlang umarmt den Aal /
Und züngelt sich mit den Murenen;
Das Meer-Schwein lechst für Liebes-Qval /
Und Nereus buhlt mit den Sirenen.
Das Meer verliebet sich in Qvell' / und Fluss ins Meer /
Dem jenes rührt von dem / und diss von jenem her.
Dass Stahl und Ertzt wie Pflantzen blüht /
Qvecksilber sich und Gold vermählet /
Gold in Zinober wächst und glüht /
Und Silber-Blei zur Braut erwehlet /
Dass Schweffel / Stein und Ertzt so schöne Farben gibt /
Rührt von der Göttin her / die alles macht verliebt.
Der Blitz und Strahl in Diamant /
Und der Rubine Feuer-Flammen /
Sind nichts als heisser Liebes-Brand /
Der mehrmahls Steine schmeltzt zusammen.
Die Farben in Opal / die Anmut in Saphier /
Das Mahlwerck von Agat / rührt allzumal von ihr.
Kein Isop wächset an der Wand /
Kein Schilff und Kraut in Sümpff- und Auen;
Kein Baum beschattet Feld und Sand /
Dem nicht die Lieb' ist anzuschauen.
Wenn sich des einen Ast ums andern Zweige flicht /
Und bittre Zehren weint / wenn man ein Blat abbricht.
Der Veilgen Blässe deutet an:
Dass sie sich ängsten wie Narcissen;
Und aus der Rosen Purper kann
Man aller Blumen Brünste schlüssen.
Der Tau ist ihre Trän / ihr Sehnen der Geruch /
Die Mertzen-Blum ist gar des Ajax Liebes-Buch.
Es gibt Gewürme sonder Blut /
Doch nichts / was nicht von Liebe walle;
Die Drachen peinigt ihre Glut /
Dass sie von sich spein Gift und Galle.
Die Kröten girrn vor Brunst / der Molch schläfft Golde bei /
Die Nattern bersten gar von Lust und Brut entzwei.
Der Kefer Gold / der Würmer Licht /
Der Raupen Schmeltz / der Regen-Bogen
Und Persens Teppichte wegsticht /
Sind aus der Liebe Brust gesogen /
Ja diese selber hat nach bundter Schlangen Pracht /
Die Hauben ihr gestickt / den Gürtel ihr gemacht.
Die Schnecke setzt ihr Haus in Stich /
Die Biene lässt ihr Honig flüssen /
Die Motte stürtzt ins Feuer sich /
Um ihrer Liebe zu genüssen.
Der Ameiss-Weirauch ist der Liebe fetter Brut /
Der Heidechs Sterne sind der Zunder ihrer Glut.
Der Stier und jungen Rinder Streit /
Bei dem sie Horn an Horne wetzen /
Isis Merckmal ihrer Lüsternheit /
Und Brunst / der geilen Böck' Ergötzen /
Sie füllt die Adern an der Pferde mit viel Blut /
Flösst Eseln Feuer ein / gibt Schafen kühnen Mut.
Doch zwingt sie zahmes Vieh nur nicht /
Sie bändigt Löwen / zähmet Tieger /
Verbländet Luchse durch ihr Licht /
Sie ist des Krocodils Besieger.
Sie kirrt den schlauen Fuchs / den grimmen Wolff und Bär /
Und führt den Elefant / wie fette Lämmer her.
Die Nachtigaln sind durch ihr Lied /
Die Lust dem Buhlen zu versüssen /
Und alles Volck der Lufft bemüht.
Der Tauben Schnäbeln ist ihr Küssen;
Der Auerhahne Baltz / des Habichts Zirckel-Flug /
Ist ein von süsser Pein herrührend Liebes-Zug.
Der Adler der den Blitz selbst trägt /
Bückt wie die Gans sich für der Liebe /
Kein Vogel / dem das Hertze schlägt /
Ist frei von diesem Reitz und Triebe /
Der Fenix äschert sich / wie einsam er will sein /
Begierig nach dem Brut aus Brunst zur Sonnen ein.
Die kühle Lufft ist selbst verliebt /
Wenn sie an sich die Dünste ziehet /
Der Erde Tau und Regen gibt /
Und sie zu schwängern sich bemühet.
Wenn sie mit Flammen spielt / mit Schwantz-Gestirnen prahlt /
Mit Gold / Schmaragd / Saphier / verliebte Wolcken mahlt.
Das Feuer / das zwar alles frisst /
Zeugt Würmer doch in grössten Flammen /
Nichts ist / was die Natur umschlüsst /
Mit dem es sich nicht mengt zusammen /
Sein Schwefel ist vermählt dem Blitzen in der Lufft /
Den Perlen in der See / Metallen in der Grufft.
Die Sterne sind in sich verliebt /
Drum kommen sie so oft zusammen.
Der Mohnd' erblasst / und steht betrübt /
So oft der Sonne Liebes-Flammen
Nicht ihren Kreis beseeln / nicht ihre Hörner mahln.
Was an Gestirnen gläntzt / sind eitel Liebes-Strahln.
Sie sind der Seelen Wohnungs-Stadt /
Die hier für Liebe sind verschwunden /
Was Jupiter geliebt hat /
Hat im Gestirne Platz gefunden.
Dass auch die Sonne stets nach neuer Buhlschaft brennt /
Macht / dass sie alle Jahr durch zwölff Gestirne rennt.
Der Himmel blickt wie Argos an
Mit hundert Augen Meer und Erde /
Sie putzet sich mit Tulipan /
Dass sie von ihm geschwängert werde.
Weil nun nichts in der Welt ist von der Liebe frei /
Geht sonder Opfferung nichts sein Altar vorbei.
Bei währendem Singen kam eine grosse Menge Fische an das Ufer des Meeres.
Etliche speieten Perlen auf den Sand / andere weltzeten Korallen / und ihrer
viel Agstein / wie auch kleine Muscheln dahin / welche von anderm sich dahin
findenden Gewürme aufgelesen / und auf das Altar der Liebe geschleppt wurden.
Unter diesen kriechenden Tieren waren viel Schnecken / welche teils ihr
Purper-Blut / teils ihre Häuser dahin ablieferten. Die Ameissen schütteten viel
Weirauch ins Opffer-Feuer / die Molche trugen Gold / die Heidächsen wolrüchendes
Hartzt / die Schlangen Edelgesteine / die Nattern allerhand Ertzt herbei. Die
Spinnen und Kröten legten gewisse Steine ab /die Bienen liessen Honig / die
Aegeln Blut von sich fliessen. Ja unter tausenderlei Arten dieses Gewürmes / der
Kefer / der Raupen / war nicht eines / das nicht auf oder bei diesem Altare sein
Opffer absteuerte. Die flügenden Fische brachten Ambra / und allerhand andern
Reichtum der Gewässer / die Vögel Adler-Holtz / Zimet-Rinden und Gewürtze /
damit sie das Feuer immer mehr lodernd machten / und unter diesen stürtzte sich
ein Fenix selbst in die Flamme / aus dessen Asche man einen Jungen auffliegen
sah. Diesen folgten die vierfüssichten Tiere. Die Kühe und Schaffe opfferten
Milch / die Hirsche ihre Geweihe / die Gemsen kräftige Kräuter / die Elephanten
ihre Zähne /die Katzen Zibet / gewisse Ziegen Musch und Bezoar-Steine; ja alle
so wohl zahme als wilde und nur erdenckliche Tiere der Welt etwas besonders.
Endlich erschien eine grosse Menge Jünglinge und Jungfrauen / welche fast gar
mit Blumen gekleidet waren /und ihre davon geflochtene Kräntze aufs Altar der
Liebe ablieferten. Diesen folgten viel Männer und Frauen des frischen- und nach
diesen eben so viel des abnehmenden Alters / endlich auch Eys-graue Leute. Die
ersten legten Kräntze von Weitzen-Eeren / die andern von Obst und Weintrauben /
die letztern von Tannen-Laube und Epheu ab / und bildeten in einem künstlichen
Tantze den lustigen Frühling / den fruchtbaren Sommer / den reichen Herbst / und
den kalten Winter des menschlichen Lebens / alle aber doch ihre Andacht und
Ehrerbietung gegen der alles beherrschenden Liebe ab.
    Hierauf fieng die Göttin des Glückes ihren Lobgesang der Liebe / neben noch
künstlichern Säitenspielen an:
So ist es Schwester ja bestellt /
Was lebet / wächst und sich beweget /
Ja was man für entseelet hält /
Wird von der Liebe doch gereget.
Die Steine buhlen selbst / Magnet hat Eisen lieb /
Doch diss ist schwacher Zug / und blinder Liebes Trieb.
Denn nichts / was nicht vernünftig ist /
Was Schönheit nicht für Hessligkeiten /
Als Liebens wertes Ding erkiest /
Stimmt recht der Liebe güldne Säiten /
Das schmeckt nicht ihre Milch und süssen Honigseim /
Das fühlt nicht ihren Blitz / klebt nicht an ihrem Leim.
Des Menschen Seele taug allein /
Das Bild der Lieb' in sich zu pregen /
Sein Hertz ist nur ein würdig Schrein /
Solch eine Perl hinein zu legen.
Denn der Vernunft wohnt nur Verstand und Urtel bei:
Dass Tugend und Gestalt nur wert zu lieben sei.
Zwar es verstösst manch niedrig Geist
Wenn er sein Hertz zu Pfande giebet /
Dem / was nicht lebet / und nur gleist /
Mit Golde todte Aesser liebt /
Wenn er der Ehre Rauch für edle Schätze wehlt /
Sich sättiget an nichts / mit tummen Lüsten qvält.
Wenn er mit dem sich armt und küsst /
Was nicht kann küssen und umarmen;
Was ihm am Hertzen nagt und frisst /
Wenn er auf Schnee meint zu erwarmen.
Was aber edel ist / vom Himmel rühret her /
Hat seine Seele nie von edler Liebe leer.
Die Tugend und die Schönheit sind
Zwei Perlen und so grosse Gaben /
Dass der / der sie nicht lieb gewinnt /
Muss weder Blut noch Fühlen haben.
Dass aber in der Welt nichts ohne Liebreitz sei /
Füg' ich der Hässlichkeit Magnet und Fürniss bei.
Ich bin der ander Angelstern /
Um welchen sich der Welt-Kreis wendet /
Der Weissheit Licht / des Reichtums Kern /
Der tumme führt und kluge bländet.
Ich zeuge Liebe selbst / wo gleich ihr Zunder fehlt /
Doch gleichwol hab ich sie zur Göttin mir erwehlt.
Ich räum' ihr Reich und Herrschaft ein /
Und unterwerffe mich ihr gerne /
Denn soll sie blind / wie ich gleich sein /
Verdüstert sie doch Sonn und Sterne.
Ihr schneller Adlers-Flug kommt meinem Rade für /
Und was mein Arm erhöht / demütigt sie für ihr.
Denn da die Weissheit sich verliebt /
Die Klugheit in ihr Netze fället /
Da Tugend sich gefangen gibt /
Und unter ihre Sklaven stellet.
Da Gottesfurcht ihr weicht / die doch der Sterne Lauff /
Der Sonne-Wagen hemmt / was soll sie halten auf?
Besiegt gleich Socrates den Tod /
So wird er doch besiegt von Liebe.
Ist Plato gleich ein halber Gott /
Folgt er doch ihrem süssen Triebe /
Pytagoras gestehts / und Epicur fällt bei:
Dass Liebe kräfftiger als alle Weissheit sei.
Ja Liebe schärfft der Weissheit Geist;
Ihr Kiel versetzt sie in Getichte /
Den sie aus ihren Flügeln reist /
Sie gibt ihr Nachdruck / Flug / Gewichte /
Sie flösst Gemütern Hertz und Zungen Liebreitz ein;
Wie soll sie denn nicht mich zu zwingen mächtig sein?
Kein Riese kann der Liebe nicht /
Kein Zwerg nicht Riesen widerstehen;
Ob Polyphem gleich Felsen bricht /
Zerfleusst er doch für Galateen.
Ja Stärcke / die der Geist der Tapfferkeit gleich regt /
Wird Ohnmacht / wenn sie sich mit Lieb in Krieg einlegt.
Alcides kann durch Kampff und Streit
Der Erde Missgeburten fällen.
Er dämpfft der Götter Schlangen-Neid /
Die Löwen und den Hund der Höllen /
Und was sonst Welt und Lufft für Ungeheuer heckt.
Ihm aber hat die Lieb' allein ein Ziel gesteckt.
Sie hemmt Semiramens Gewalt /
Des grossen Cyrus Siegs-Gepränge.
Es stösst an Helenens Gestalt
Sich des Trojan'schen Reiches Länge.
Und dem der Erde Frau Rom sich zur Magd begab /
Giebt eines Weibes Knecht / der Liebe Sklaven ab.
Den nicht der Erdkreiss machet satt /
Der neue Welten sucht und findet /
Viel Könige zu Füssen hat /
In Ost und West nicht Gräntzen findet.
Der die Natur zu klein / mein Rad zu niedrig schätzt /
Starrt / wenn er seinen Fuss ins Garn der Liebe sätzt.
Je mehr der Himmel flösset ein /
Den Menschen seiner edlen Gaben /
Je grösser sie auf Erden sein /
Je mehr sie Schätz und Tugend haben.
Je mehr sie das Gelück / als Schoss-Kind armt und liebt /
Je minder es ihr Müh sie zu bemeistern gibt.
Jedoch zwingt nicht der Liebe Hand /
Nur Helden / Heilige und Weisen /
Auch Götter fühlen ihren Brand /
Und laben sich mit ihren Speisen.
Es kehrt sich Jupiter in Schwan / in Stier / in Gold /
Wird seinem Himmel gram / dem süssen Lieben hold.
Neptun verlässt die grimme Flut /
Und wird ein Pferd der Ceres wegen /
Styr kann so viel nicht Schweffel-Glut /
Als Pluto Liebes-Feuer hegen /
Apollo brennt so sehr nicht in des Löwen Kreis /
Als wenn er Daphnen folgt ins Peneus flüssend Eis.
Des Kriegs-Gott Harnisch / Helm und Schild
Schmeltzt auf Dionens Marmel-Brüsten /
Diane lässet Wald und Wild /
Lässt Britomartens sich gelüsten /
Und füllt ihr Silber-Horn mit Liebes-Balsam an /
Dass sie die ganze Welt damit betauen kann.
Nach dem nun alles liebt / was lebt /
Was das Gelück auf ihren Flügeln
Biss an die höchsten Spitzen hebt /
So muss auch ich ihr Lob besiegeln /
Der Liebe zünden Hertz und fetten Weirauch an /
Die das Gelück' allein gelücklich machen kann.
Bei währendem Singen tat sich ein prächtiger Aufzug eines unzählbaren Volckes
herfür. Der erste Hauffen bestand aus Schäfferinnen / und der folgende aus
Schäffern. Jene führete die holdseelige Oenone /diese der ihr zu Liebe in einen
Schäffer verwandelte Paris. Ihr Opffer waren Myrten-Kräntze / und ein brennendes
Hertze. Zu der Liebe Füssen aber legten sie ihre Stäbe. Der dritte Hauffen
bestand in einer Menge vielen Gelehrten und klugen Frauenzimmers /dessen
Führerin war die annehmliche Tichterin Sappho; welchen auf dem Fusse folgte eine
unzählbare Menge Weltweisen / die den Orpheus zum Vorgänger hatten. Sie hatten
sich aber auch unter sich abgeteilet. Deñ Socrates / Plato / Pytagoras /
Epicurus /Aristippus / und die andern Häupter hatten ihre Beipflichter bei sich.
Am wunderlichsten aber schien /dass auch der weise Zeno / welcher alle Begierden
aus dem Menschen zu vertilgen lehrte / und Diogenes /welcher nur mit einem Hunde
/ mit keinem Menschen Gemeinschaft haben wollte / darunter begriffen war /und
der Liebe ihre Lorber-Kräntze opfferten. Alle legten ihre Schrifften und Federn
der Liebe unter die Füsse. Denen Weisen folgten nicht unbillich eine grosse
Anzahl Priesterinnen / teils Verheiratete / teils die / welche nur / so lange
sie Jungfrauen blieben /das Priester-Ampt verrichten konten. Unter diesen war
auch über Vermuten die der Hymnischen Diane zu sehen / welche Aristocrates mit
Gewalt auf der Göttin Altare geschwächet hatte / dessentwegen ihn die Arcadier
gesteinigt. Ihre Fürstin war die von ihrer eigenen Opfferung errettete und der
Taurischen Diana gewidmete Iphigenia. Hinter diesen hielten eben so viel
verliebte Priester ihren Aufzug. Ihr oberster Priester war Coresus / welcher
nicht nur die unbarmhertzige Callirhoe mehr als kein ander Mensch liebte
/sondern auch als die auf der Dodonischen Wahrsager-Tauben Befehl dem Bacchus
aufgeopffert werden sollte / sich selbst für die / welche lieber sterben als ihn
lieben wollte / abschlachtete. Beide warffen ihre Kräntze von Oelzweigen / und
ein güldenes Rauch-Fass ins Opffer-Feuer; und warffen ihre Opffer-Messer der
Liebe zu Füssen. Nach diesen folgte ein grosser Hauffe Heldinnen / ihre
Vorgängerin war die Amazonin Pentasilea / ihre andern Häupter waren Ariadne
/Pantea / Camma / Clelia; die nach ihnen auftretenden aber Hercules / und nach
ihm Hector / Achilles /Perseus / Teseus / Sylla / Marius / Pompejus / und
darunter auch viel deutsche Ritter. Alle diese gossen eine Schale voll Blut /
und warffen ihre Kräntze von Pappeln in die Flammen. Von diesen zerbrechlichen
und unfruchtbaren Baume hat Hercules sonder Zweiffel bekräntzt sein wollen /
weil seine auf einer Seiten weisse auf der andern schwartze Blätter ein
Sinnebild der Tage und Nächte also der Zeit sind. Sintemahl Helden-Taten die
Unsterbligkeit verdienen / und von der Zeit nicht wie andere Dinge vertilget /
sondern gekrönet werden. Ihre Lantzen aber steckten sie unter den Stul der
Liebe. Nachgehends erschien eine unzahlbare Menge mächtiger Königinnen. Ihr
Haupt war die für Brunst gleichsam rasende Semiramis. Unter denen andern ragten
vornemlich herfür Olympias / Tamyris / Dido / Sophonissbe / Arsinoe / Cleopatra.
Nach diesen prangeten eben so viel grosse Welt-Beherrscher daher / unter der
Aufführung des grossen Alexanders. Unter dieser Menge war Ninus /Cyrus /
Artaxerxes / Antiochus / wie auch Julius Cäsar und August / ansehlich
aufgeputzt. Sie warffen ihre von Palmzweigen geflochtene Kräntze / und gossen
ein Geschirre Balsams ins Opffer-Feuer / ihre Zepter aber legten sie der Liebe
zu Füssen. Zuletzt hielten auch die Götter einen prächtigen Aufzug. Den Saturn
brachten seine Drachen / Cybelen vier Löwen /Jupitern zwei Adler / die Juno so
viel Pfauen / den Apollo vier Pferde / Cyntien zwei Ochsen / den Vulcan zwei
Hunde / den Mars zwei Pferde / die Pallas zwei Drachen / den Bacchus zwei
Tiegertiere / die Ceres zwei grosse Schlangen / den Mercur zwei Habichte / die
Venus zwei Schwanen. Aus dem Meere stieg der auf einer grossen Muschel mit zwei
Wasser-Pferden gezogene Neptun / und Amphitrite herfür. Glaucus folgte ihm auf
einem Seehunde / Proteus auf einem Meer-Kalbe / Nereus mit seinen funffzig
Töchtern auf einem Wallfische / und eine grosse Menge Nymphen auf allerhand
Meerwundern. Aus den Wäldern brachten die Diana zwischen ihren Jägerinnen zwei
Hirsche geführt. Pan mit seinen Faunen rietten auf Böcken. Endlich zerberste
auch die Erde / und kam Pluto und Proserpina auf einem von vier schwartzen
Pferden gezogenem Wagen empor. Jeder streute eine handvoll Weirauch aufs Altar /
Jupiter legte seinen Blitz / Neptun seinen Dreizancks-Stab /Pluto seine
Schlüssel / Apollo seine Leier / Mars seinen Degen / Vulcan seinen Hammer und
Fackel /Bacchus seinen mit Reben-Laub und Epheu umwundenen Spiess / Mercur seinen
Schlangen-Stab / Glaucus seinen Hamen / Nereus seinen Sicht-Spiegel /Proteus
seine Larve / Pan seine Flöte / die Faunen ihre Pflugscharen / Cybele ihren
Schlüssel / Ceres ihre Sichel / Pallas ihre Lantze / Juno ihren Zepter /Cyntia
ihr Tauhorn / Venus ihren Bogen / Amphitrite ihre Gabel / Diane ihren
Jägerspiess / Proserpina ihren güldenen Zweig / der Liebe zu Füssen. Als diss
Opffer sich mit dem Singen geendigt hatte / hielten die Schäffer mit denen
Schäfferinnen nach Schallmeien und Flöten einen lustigen / die Weltweisen beiden
Geschlechts nach Leiern einen bald ernstaften /bald freudigen / die Priester
und Priesterinnen nach Harffen / und Zymbeln einen langsamen / die Helden mit
denen Heldinnen nach Trompeten und Heerpaucken einen feurigen / die Könige und
Königinnen nach Violen einen prächtigen / die Götter und Göttinnen aber nach
allen ersinnlichen Säitenspielen einen sehr künstlichen Tantz / worbei vier und
zwantzig darzwischen tantzende Liebes-Götter einen jeden auf Befehl der Liebe
wieder einhändigte / was er der Liebe zu Füssen gelegt hatte. Darnach öffnete
sich das Tor eines prächtigen Pallastes. Aus diesem kam ein von zwei Löwen /
zweien Füchsen / und so viel Schlangen gezogener / mit vielen Larven und
Spiegeln behänckter Wagen. Auf diesem sass die Staats-Klugheit. Sie hatte einen
Krantz von Schlangen auf /einen sie biss auf die Füsse einhüllenden Rock an / in
der rechten Hand hatte sie ein Ferne-Glas / in der andern ein Bleimaass / zu
ihren Füssen lag ein Ruder /ein Hamen / ein Degen / und ein Schild / und ein
Geschirre mit Wasser. So bald sie bei das Altar kam /ergrieff sie diss /
schüttete das Wasser ins Opffer-Feuer / dass es bei nahe ausleschte / hernach
wendete sie sich gegen der Liebe / und fieng an zu singen:
Der Liebe zündet Weirauch an /
Was Himmel / Erd / und Meer beschlüssen.
Mir aber ist sie untertan /
Denn alles muss mein Zepter küssen /
Wie schön die Liebe blüht / kehr ich sie doch in Graus
Und lesch als Sonne sie / wie kleine Sternen aus.
Sie machte hierauf mit ihrem Wagen dreimal ein Rad / der Himmel aber tat sich
auf / aus welchem ein Phenix die Keuschheit auf einem güldenen Wagen herab
geführt brachte. Sie hatte einen Krantz von weissen Lilgen auf / ein Gewand von
weissem Atlas an / in der rechten Hand einen Zaum / in der lincken eine
brennende Lampe. Sie kam als ein Blitz geflogen / und riss der Liebe aus ihren
Flügeln einen ziemlichen Pusch voll Federn / und den Köcher mit samt den Pfeilen
vom Leibe / fieng hierauf an zu singen:
Die Keuschheit kann in Einsamkeit /
Wie GOtt mit sich vergnüget leben.
Wer nun ist frei von Lüsternheit /
Der Jungfrauschaft sich hat ergeben /
Der lacht der Liebe Blitz / ihr wächsernes Geschooss /
Knipfft ihr den Köcher ab / macht ihr die Flügel los.
Hierauf öffnete sich mit grossem Krachen die Erde. Aus dieser sprang die
Eyversucht herfür / in Gestalt eines alten runtzlichten und magern Weibes /
derer geschrumpene Haut kaum die Knochen umhüllte. Sie hatte wie Janus hinten
und vorwerts ein Gesichte. Zwischen diesen hiengen ihre Haare ungeflochten
/verwirret / und klebten von Speichel und Blute zusammen. Um ihren Hals krochen
Schlangen / Nattern und Kröten. Auf ihrer runtzlichten Stirne waren die Adern
ihr wie Stricke aufgelauffen. Die Augenbranen hiengen ihr über ihre tieffe im
Kopffe stehende und rote Augen. Die Wangen waren ganz eingefallen /ihre Lippen
kratzblau / ihr Atem stinckend / ihr Maul war voller Zahn-Lücken. Ihre Brüste
hiengen ihr wie leere Ziegen-Eyter / biss über den Gürtel / und gleichwol sog an
ieder ein Molch. Darüber hatte sie noch wie Argos hundert Augen / welche wie die
der Basilisken alle gleichsam mit ihrem ausgelassenem Giffte erstachen. Auf dem
Kopffe stand ein Hirsch-Geweihe. Ihre Ohren waren grösser als die der Esel /ihre
Beine waren mit einer Wolffs-Haut umgeben /und sie hatte rechte Drachen-Füsse.
In einer Hand hatte sie einen Feuer-Topff / in der andern ein Stücke Eis. In der
Schoos trug sie einen Salamander / welchen sie auf das Altar der Liebe
schleuderte. Dieser mühete sich mit seinem ausgegeifferten Speichel / und seinem
kalten Bauche das Opffer-Feuer zu vertilgen; sie aber sang mit heiserem Halse
dazu:
Wo Liebe blühet / reifft und brennt /
Muss sie von meinem Atem sterben.
Durch mich wird / was sie knipfft / zertrennt /
So viel sie pflantzt / kann ich verterben.
Wo sie mit Rosen prangt / da flecht ich Nesseln ein /
Und die die Welt beherrscht muss meine Dienst-Magd sein.
Die Liebe lächelte nur zu diesem hochmütigen Grosssprechen; gleich als wenn sie
durch keine Schmähung erzürnet / und durch keine Beleidigung zur Rache bewegt
werden könnte. Sie grieff zwar nach ihrem Bogen / legte ihn aber wieder nieder /
und fieng an zu singen:
Verwegene Vermässenheit /
Hegt Erde / Himmel / und die Hölle
Für meine Guttat so viel Neid /
Dass sich hier wider mich geselle /
Was minder sich als Schaf und Wolff vertragen kann /
Doch ficht den Mohnd und mich kein Hundesbellen an.
Weil viel die Klugheit Augen hat /
Führt sie gleich's Bleimass stets in Händen;
So weiss sie ihr doch keinen Rat /
Wenn meine Strahlen sie verbländen;
Sie kommt aus meinem Netz' in tieffsten Labyrint
Wenn sie sich mit Gewalt daraus zu reissen sinnt.
Ich will ein Beispiel meiner Macht
Am klugen Oenomaus zeigen.
Je eifriger er ist bedacht
Hippodamiens Sinn zu beugen.
Durch Tödtung ihrer Brunst den Fall zu wenden ab /
Je mehr beschleunigt er ihr Lieben und sein Grab.
Du aber allerliebstes Kind /
Vertrautste Keuschheit / Licht der Hertzen /
Die süsser Lieb' ergeben sind /
Was tadelstu an meiner Kertzen?
Du flössest meiner Glut der Tugend Balsam ein /
Und deine Lilgen blühn durch meinen Sonnenschein.
Ihr schneeicht Haupt bewirtet Gold
Und diss ist reine Liebes-Flamme.
Dein Frost taut in die Hertzen hold /
Und deine Milch ist meine Amme.
Je mehr sich gegen euch gleich Atalanta setzt /
Je mehr wird sie verlangt / ie reichlicher ergötzt.
Du Missgeburt! Du Drachen-Kind!
Du Liebes Gift! Du Wurm der Seele!
Welch Unstern bringt / welch Zwirbel-Wind
Dich aus verdammter Geister-Höle?
Verkreuch ins Finstre dich / weil du mein Schatten bist
Und niemand der nicht liebt / durch dich ihm's Hertz abfrist.
Dein stinckend Atem lescht nicht aus /
Er blässt vielmehr auf andrer Flammen /
Du aber selbst wirst Asch' und Graus /
Und berstest durch dein Gift von sammen.
Alceis spricht für mich / die Eyversucht erstickt
Wenn Liebe Tapfferkeit ermuntert und beglückt.
Ob mir nun zwar nicht Waffen fehln /
Dich Eyfersucht in Grund zu schlagen.
Mit mir dich Keuschheit zu vermähln /
Ins Bocks-Horn / Klugheit / dich zu jagen.
Weil Liebe sonder Zwang zu siegen aber pflegt /
Ist's besser: dass mein Feind sich selbst zun Füssen legt.
Als die Liebe ihren Gesang beschloss / stimmeten die Natur und das Glücke
zusammen folgende Reimen an:
Grossmächtige Gebieterin /
Beweise deine Macht und Stärcke.
Wenn du schärffst Pfeile / Blitz / und Sinn /
Vollbringstu eitel Helden-Wercke.
Bestreite Feind und Neid durch ihre eigne Hand /
Gib dem Gelücke Maass / und der Natur bestand.
Die letzten zwei Reime wurden von allem / was auf dem Schau-Platze Atem und
Zunge hatte / wiederholet / und dieses Opffer der Liebe mit einem allgemeinen
Tantze beschlossen. Der Schau-Platz verwandelte sich hierauf in ein Königliches
Zimmer. In diesem erschien der König zu Elis Oenomaus / das Glücke führte ihn
bei der einen / die Tugend bei der andern Hand. Jenes rühmete in einem Gesange /
dass es ihn hätte vom Kriegs-Gotte lassen geboren werden / dass es ihn zum Könige
in Elis gemacht / und noch darzu die vortrefliche Eugytoe zur Gemahlin / die
allerschönste Hippodomia aber zur Tochter gegeben hätte. Die Tugend aber rühmte:
dass sie ihn mit so grosser Klugheit zu herrschen / einem so grossen Helden-Mute
und einer geschickten Stärcke in allerhand Streite versehen hätte. Diss / was sie
beide gesungen /drückten sie mit einem darauf folgenden Tantze aus. Als sich
dieser endigte / führten sechzehn nackte Liebes-Götter so viel Griechische
Helden auf; welche alle auf ihren Schilden Hippodamiens mit Golde geschriebenen
Nahmen führten / und sich für dem Oenomaus mit grosser Ehrerbietigkeit neigten.
Die Liebes- behaupteten in einem Liede / dass die Liebe der Wetzstein der
Tapfferkeit wäre / hernach strich ieder Liebes-GOtt absonderlich teils die
Tugend / teils die heftige Liebe seines Helden / gegen Hippodamien aus. Dieses
erklärten sie hernach selbst in einem um den Oenomaus gehaltenen Kriegrischen
Tantze / darinnen bald einer bald der andere seine Hand als ein Zeichen seiner
Einwilligung erwischen wollte / also Oenomaus sich mit genauer Not ausflechten
konnte. Als dem Oenomaus nun nicht alleine von diesen Helden und den
Liebes-Göttern / sondern auch von dem Gelücke / und der Tugend / in dem jene des
einen Schönheit / des andern Adel / des dritten Reichtum /des vierdten
Herrschaft; diese eines Tapfferkeit / des andern Geschickligkeit / und andere
Beschaffenheiten rühmte / auffs ärgste zugesätzt ward / ruffte er Himmel und
Hölle zu Hülffe. Worauf denn der Neid zwischen denen drei Unholdinnen mit einer
Pech-Fackel erschien / und mit derselben Dampffe denen tantzenden Liebes-Göttern
alle Fackeln ausleschte / die Helden aber mit ihrer Anhauchung vergifftete / dass
sie alle zu Bodem fielen. Der Neid schmähete hierauf in einem Gesange die
Schönheit als den Bruñ aller Laster / und den Ursprung alles Ubels. Diese hätte
Troja in die Asche / den Hector und Achilles mit tausend andern Helden ins Grab
/ Helenen zum Erhencken /den Priamus und Hecuben ins gröste Hertzenleid
gestürtzt. Die den Gegen-Gesang aber habenden Unholdinnen wahrsagten dem
Oenomaus; dass die Schönheit Hippodamiens Pisa / zu so wenigem als Troja wäre /
Eurytoen unglücklicher als Hecuben /den Oenomaus elender als den Priamus machen
würde. Im Schlusse riet der Neid dem Oenomaus / er sollte seine Tochter
Hippodomia entweder tödten /oder sie entblösset an die Sonne stellen / dass sie
von ihren Strahlei wie eine Mohrin gebräunet und verstellet würde. Weil Oenomaus
entwich / hegten die Unholden einen Tantz / darinnen sie die Macht und den Sieg
des Neides über die Liebe und Schönheit abbildeten. Hiermit veränderte sich der
Schauplatz in einen Garten / über welchem die Sonne im gestirnten Löwen stand /
die Erde ausdörte / Laub und Grass versängte. Oenomaus war darinnen ganz alleine
/ gab in einem Leide seine Ungedult über sein unmässiges Glücke zu verstehen /
stellte ihm also eben den Ausgang für Augen / welcher dem allzuglücklichen
Polycrates begegnet war. Als er aber alles im Garten um sich verwelcken sah /
kniete er für der Sonne nieder /danckte ihr für solche Woltat / und bat sie:
Sie möchte doch seine Tochter Hippodamia zu einer hesslichen Mohrin machen.
Hippodamia kam hierzu in Begleitung ihrer Eurytoe / der Jugend / der Schönheit
/ und der Wollust / und gab in einem Gesange ihrem Vater die Liebes-Anfechtungen
zu verstehen /und bat / dass er aus so viel würdigen Buhlern ihr doch einen
zueignen möchte. Oenomaus aber hielt ihr ein: dass die Liebe das Gemüte
bezauberte / Gift ins Hertze einsänckte / mit den Sirenen die Menschen in
Schiffbruch stürtzte / und wie ein Irrlicht sie in ersteckende Sümpffe führte.
Seine Gemahlin Eurytoe und die drei andern Gefärten redeten für sie / und sie
selbst zohe das Verhängnis für sich an; welches so grosse Gewalt über sie als
über die Motten und den verliebten Satyrus hätte / dass sie das Feuer als ihr
Grab zwar sähen / sich doch aber darein stürtzten. Die Schiffer liebten das Meer
/ ungeachtet derer tausend von Wellen verschlungen würden. In den schönsten
Aepffeln steckten die Würmer am liebsten /gleichwol aber blieben sie eine Lust
der Augen / und eine Ergetzligkeit des Mundes. Oenomaus aber bot Zorn und Gewalt
auf / welche Hippodamien entkleideten / sie nackend und an eine Säule angebunden
/gerade gegen der Sonne stellten. Hippodamia fieng in diesen Banden ein
erbärmliches Klagelied an / in welchem sie die Glückseligkeit Andromedens rühmte
/ihr Unglück aber bejammerte / weil jene von einem Meerwunder / diese aber von
ihrem eigenen Vater verschlungen werden sollte. Hierauf ruffte sie die Sonne um
Hülffe an / welche an Hippodamien die sie bindenden Stricke verbrennte / und
folgende Reime sang:
Wo rennt ihr blinden Menschen hin?
Soll ich / die ich des Himmels Zierde
Der Ursprung aller Schönheit bin /
Der ich beseele die Begierde /
Verstellen diss / was schön / die Liebe leschen aus?
So wilde Raserei stürtzt euch im Asch' und Graus.
Habt ihr / ihr Strahlen / Eigenschaft /
Die Schwanen-weisse Haut zu schwärtzen /
So nehm' ich euch hiermit die Krafft;
Es jammert mich von ganzem Hertzen:
Dass sich ein Vater-Hertz lässt Missgunst nehmen ein /
Und ich ein Werckzeug soll der Hessligkeiten sein.
Zeuch aber Mensch und Vater aus /
Du magst dein Blut in Gift verkehren /
Sei Oenomaus Löw und Strauss /
Du wirst der Tochter nicht verwehren:
Dass ihre Seele nicht mit dem vermählet sei /
Der deinen Lebens-Drat dir schneiden soll entzwei.
Oenomaus empfieng dieses scharffe Urtel von der Sonne mit Zittern und Zagen.
Die von ihr erlösete Hippodamia stimmte ihr einen Lobgesang an / darinnen sie
die Sonne als eine Entdeckerin der verborgenen Warheit / als eine gegenwärtige
Helfferin / und als eine Wahrsagerin der künftigen Ungewissheiten preisete. Bei
währendem Singen fanden sich die fünf Sinnen herzu / welche nach ihrem Liede
einen Tantz hegten / hernach aber in einem eigenen Liede Hippodamiens Schönheit
preiseten / und die ihr buhlenden Helden zu ihrer Betrachtung einladeten. Diese
fanden sich alsofort ein / fiengen auch mit denen fünff Sinnen einen
Zirckel-Tantz an / darinnen Hippodamia allemahl der Mittelpunct blieb. Oenomaus
stellte sich hierbei bald rasend / bald verzweiffelnd / endlich kam auf einer
Seite die Klugheit / auf der andern die Tapfferkeit ihm zu Hülffe. Jene raunte
dem Oenomaus etwas in ein Ohr / diese aber gebot denen Tantzenden einen
Stillestand / worauf ihm Oenomaus ein Hertze fasste / den Degen entblösste / und
zu singen anfieng:
Weil das Verhängnis ja befiehlt
Hippodamien zu vermählen /
Und sie so süsse Regung fiehlt /
Wil ich ihr selbst den Mannerwählen.
Weil ihre Schönheit nun ist eines Heldens wert /
Muss der mein Meister sein / der diss mein Kind begehrt.
Wer mich nun zu besiegen meint /
Der muss zu Wagen mit mir streiten.
Allein mein überwunden Feind
Versehe sich der Grausamkeiten /
Die iemahls ein Busir an Gästen hat verübt /
Wer nun nicht sterben will / der sei auch nicht verliebt.
Fleuch! Rache! bringe mir hieher
Den Marmaces mit seinen Pferden /
Den ich beflegt durch meinen Speer;
Sie müssen hier geschlachtet werden;
Dass jeder vor schau an der Rache blutig Spiel /
An Vätern / denen man die Töchter nehmen will.
Oenomaus hatte kaum ausgesungen / als die Rache den von ihm überwundenen
Marmaces / die Unholden aber zwei für seinem Wagen geführte Stutten Partenis
und Eripha zur Stelle brachten. Marmaces fiel dem Oenomaus zun Füssen / und ihm
floss nicht weniger Blut aus den Wunden / als Tränen aus den Augen / mit welchen
er den grimmigen Uberwinder zu versöhnen / und sein ihm abgesprochenes Leben zu
erbitten vermeinte. Aber er und die Rache hatten keine Empfindligkeit; sondern
diese stach ihm das Messer durchs Hertze; die Unholdiñen verscharrten die Leiche
in ein Grab / und schlachteten auf selbtem die zwei Stutten ab. Oenomaus tantzte
inzwischen mit der Klugheit und Tapfferkeit. Die Rache aber sätzte dem Oenomaus
ihre Schlangen / als das Sinnebild der Klugheit und Rache zum Siegs-Krantze auf;
behauptete auch in einem Gesange / dass die Rache süsser / als andere Wollust
wäre. Zuletzt schloss sie damit sich gegen die sechzehn Helden wendende:
Kein Götter-Tranck / kein Honigseim /
Kein Himmel-Brodt / kein Safft der Reben /
Kein Zucker-süsser Liebes-Leim
Kan Menschen mehr Vergnügung geben /
Als Oenomaus wird aus derer Blute ziehn /
Die in sein Kind verliebt / und gegen ihn sind kühn.
Die Liebhaber Hippodamiens höreten diese Erklärung mit Jauchtzen und Frolocken /
antworteten daher alsofort:
Wir nehmen die Bedingung an;
Wir wollen siegen oder sterben /
Weil Liebe doch nicht schöner kann
Als durch ihr Blut die Waffen färben.
Zun Waffen! Wagen / Pferd / Spiess / Pfeil und Schwerdter her!
Sind deine Köcher voll / sind unsere nicht leer.
Hierauf hielten sie einen freudigen Tantz / in welchem sie ihre Waffen artlich
an einander schlugen. Nach diesem verschwand der Garten mit allem darinnen /und
der Schau-Platz verwandelte sich in eine Rennebahn. Auf diesen kam der
Kriegs-Gott / nicht aber wie sonst mit Tigern / sondern mit weissen aber
rotfleckichten Tiger-Pferden gefahren. Dieser liess bei Trompeten und Paucken
durch drei Herolden ausruffen / dass Liebe und Staats-Klugheit um das Besitztum
der schönen Hippodamia rennen und fechten würden. Hierauf kam die Liebe auf
einem güldenen Wagen mit vier Perlen-farbenen Pferden in Schauplatz. Die sie
umgebenden sechzehn Liebes-Götter waren alle mit Helmen und Schilden gewaffnet /
mit Pfeilen und Fackeln ausgerüstet. Ihr folgten die sechzehn Liebhaber in
voller Rüstung auf so viel vierspännigen zwei rädrichten Wagen / für iedem jagte
ein absonderer Fuhrmann die Pferde her; dass ieder Liebhaber desto freier fechten
konnte. Alle diese stellten sich auf die eine Seite des Schauplatzes / und die
Liebe in die Mitte. Hierauf kam die Staats-Klugheit auf einem von
Fliegen-trappichten Pferden gezogenen Wagen gefahren. Um diesen giengen sechzehn
Mägdlein mit rundten stählernen Schilden in der lincken /und mit verschlossenen
irrdenen Töpffen in der rechten Hand. Dieser folgte auf einem stählernen aber
übergoldeten Wagen / der einige König Oenomaus mit seinem Fuhrmanne Myrtilus /
welcher vier kohlschwartze Pferde derer Nahmen Psilla / Harpinna /Ocyon und
Aoratus waren / für sich herjagte / und seinen König auf die andere Seite des
Schauplatzes hinter die Staats-Klugheit stellte. So bald nun Mars eine Lantze in
die Mitte warf / rennte die Liebe und Klugheit gegen einander / und schossen auf
einander drei Pfeile in einem einigen Kreissrennen ab / als beide sich zurücke
zohen / traffen die Liebes-Götter gegen die Mägdlein. So fertig und geschwinde
nun jene nach weggelegten Fackeln ihre Pfeile abschossen / so geschickt wussten
diese alle Schüsse mit ihren Schilden aufzufangen. Als die Pfeile verschossen
waren / reñten Liebe und Staats-Klugheit wieder zusammen / und warf iede auf die
andere drei Wurff-Spiesse. Diese löseten die Liebes-Götter mit ihren ergriffenen
Fackeln ab / und sätzten dadurch dem Mägdlein heftig zu. Diese aber kehrten
ihren Feinden die andre Seite ihrer Schilde / welche von eitel Spiegeln
bestanden / damit sie durch den Widerschein unzählbarer Fackeln die
Liebes-Götter bländeten. Nach diesem ergriffen Liebe und Staats-Klugheit ihre
Schwerdter / renneten gegen einander; diese aber / weil alles an ihrem Wagen
Stahl war / rennete mit allem Fleisse an eine Axe des Liebes-Wagens / und brach
solche entzwei / dass er also sich nicht bewegen konnte. Die Liebes-Götter hatten
sich inzwischen mit Spiessen gerüstet / und tasteten die Mägdlein an / diese aber
schmiessen ihre Töpffe unter sie / aus derer Scherben unzählbare Nattern und
Schlangen krochen / denen Liebes-Göttern sich um Arme und Beine flochten.
Wordurch diese so wohl zu fliehen / als die Liebe sich überwunden zu erkennen
genötiget ward. Weil die Liebes-Götter sich ihrer Schlangen zu erledigen / und
den Wagen der Liebe zurück zu schieben und zu ergäntzen bemühet waren / hielten
die Mägdlein einen artigen Spiegel-Tantz; die Rache aber kam und sätzte der
Staats-Klugheit einen Siegs-Krantz von Pflaumen auf /worzu die Mägdlein ihr ein
Sieges-Lied sangen / sie die Königin der Welt / die Mutter der Glückseeligkeit /
und den rechten Atlas der Reiche priesen. Mars warff hierauf noch eine Lantze
auf den Platz; worauf deñ alsofort Alcateus mit seinem Wagen herfür rückte /
und sich zum Rennen fertig machte / aber Oenomaus kam ihm wie ein Blitz auf den
Hals / und durchstach ihn mit seiner Lantze ehe / als jener fast sein gewahr
ward. Diesen lösete Euryalus ab / und begegnete dem sich wendenden Oenomaus.
Weil jener ihn aber mit seinem Wurffspiesse fehlte / leschte dieser ihm auf eben
die Art wie dem ersten das Licht aus. Hiermit rückte Eurymachus auf den Platz /
welcher durch der ersten Fall klüger worden war / und so bald er seinen Spiess
auf ihn geworffen hatte / auslenckte / dass ihn Oenomaus nicht erreichen konnte.
Als sie nun zum andern mahl gegen einander rennten / fasste Eurymachus den
Oenomaus zwar wohl mit der Lantze / aber dieser versätzte nicht nur mit seinem
Schilde / sondern traf den Eurymachus auch zugleich mit seiner Lantze ins Auge /
dass er über den Wagen herab stürtzte. Crotalus wollte diese rächen / aber
Oenomaus rennte ihn mit samt seinem Pferd und Wagen übern Hauffen. Acrias sah /
dass durch nahes Gefechte an Oenomaus schwerlich was auszurichten wäre / daher
lenckte er seinen Wagen immer seitenwerts / und gebrauchte sich seiner Pfeile /
allein des Oenomaus unter dem Rocke versteckter Pantzer hielt alles Geschoss auf;
Oenomaus aber traf mit einem langen Spiesse den Acrias so starck auf die Brust /
dass er am Rücken vorgieng / und ihn an seinem Wagen damit annagelte. Portaon
liess alle diese Trauerspiele sich nicht schrecken / sondern rennte dem Oenomaus
hertzhaft unter Augen / versätzte auch mit dem Schilde seine Lantzen-Stösse /
grief ihn also mit dem Degen an. Beide liessen hierüber ihre Pferde hemmen / und
fochten mit den Schwerdtern / gleich als wenn sie auf festem Bodem gegen
einander stünden: Jeder erwies hierinnen seine Stärcke und Geschickligkeit. Nach
ziemlichen langem Streite aber verhieb sich Portaon / welches Oenomaus ihm wohl
zu Nutze machte / und seinem Feinde durch einen Streich mehr als die Helffte des
Halses vom Kopffe trennte. Capetus sah mit grosser Verbitterung seinen Freund
Blut und Leben ausschütten / rennte also mit grossem Eyver auf den Oenomaus los.
Dieser aber wiech ihm aus / drehte seinen Wagen auf der Stelle um / kam also dem
Capetus in Rücken / und durchstach ihn von hinten zu /ohne dass er sich ihm den
Tod nähern sah. Lycurgus tat ein Gelübde / dass er dem Areischen Jupiter /
welchem Oenomaus für seinem Kampffe allemahl opfferte / am Flusse Alpheus einen
Tempel bauen wollte / da er ihm zum Siege behülflich sein würde / hierauf rennte
er mit grosser Vorsicht / und machte sich an Oenomaus mit grosser Behutsamkeit.
Sie wendeten ihre Wagen als eintzele Pferde um / und fochten bald mit Lantzen /
bald mit Schwerdtern / kreutzweise gegen einander. Keiner hatte auch noch dem
Oenomaus mehr zu schaffen gemacht. Als Myrtilus diesen zweifelhaften Kampff
sah / rennte er mit seinem ganz eisernen Rade mit Fleiss an das des Lycurgus
/wovon es zerbrach / also dass nach dem dieser sich nicht mehr wenden konnte /
Oenomaus ihm einen Wurffspiess in den Nacken jagte. Hiermit kam die Reie an den
Chalcadon / welchem das Hertze schon für der Todesfurcht bebte / und das
Schrecken aus den Augen sah. Daher würdigte ihn auch Oenomaus keiner Waffen /
sondern im vorbei rennen erwischte er ihn bei den Haaren / zohe ihn von seinem
Wagen /warf ihn zur Erde / und sprengte dreimal mit seinen Pferden und Wagen
über ihn. Tricolamus nahm dieses wahr / stellte sich daher so verzagt als
Chalcadon /wie nun der gegen ihn rennende Oenomaus nach ihm greiffen wollte /
zohe er den Kopff auf die Seite und verletzte ihn mit seiner Lantze an Arm. Als
Oenomaus sich verwundet sah / ward er gleichsam rasend / ergrief darmit eine
knörnrichte Keule / wie die des Hercules soll gewesen sein. Als nun Myrtilus den
Wagen kurtz herum warf / und er dem Tricolomus unvermutet auf den Hals kam /
versätzte er ihm damit einen so heftigen Streich an Schlaff / dass er vom
Schwindel im Wagen zu Bodem fiel. Aristomachus liess hiermit seine Pferde los /
in fester Hoffnung / es besser als alle seine Vorgänger zu machen. Er hatte dem
Oenomaus einen Pfeil kaum auf seinen Helm geschossen / als er ihm einen
Wurffspiess beim Kopffe wegjagte / und ihm mit seiner Lantze zusätzte. Die
Geschickligkeit des Myrtilus / und die Geschwindigkeit seiner gelencken Pferde
aber waren fähig den Oenomaus wie diss- also allemahl aus der grösten Gefahr zu
reissen. Denn über diss / dass sie schneller als alle andere lieffen / im
Augenblicke stille standen /und sich auf ieder Stelle im Augenblicke wendeten
/hatten sie noch eben die Eigenschaft des dem Taraxippischen Neptun gebauten
Altares / nämlich dass alle andere Pferde / wie behertzt sie sonst waren / dafür
erschracken / und scheue wurden. Durch dieser Hülffe entwiech er allen
kräfftigen Streichen des Aristomachus / und ehe dieser sich wenden konnte / hatte
er den Oenomaus schon auf dem Halse / welcher ihm denn von hinten zu mit seiner
Lantze den Helm vom Kopffe stiess / und beim sechsten Zurennen ihm auf eben diese
Weise mit dem Schwerdte den Kopff zerspaltete. Der ihm folgende Prias verlohr
über dieses Helden Tode das Hertze / vergass aller Vorsicht / ward also im ersten
Rennen vom Oenomaus mit einem Wurffspiesse durch die Eingeweide tödtlich
verwundet / und nach ihm Cronus mit den Händen erwürget. Aölius aber brachte
noch Mut und Hoffnung in Kampff / weil er mit herrlichen Waffen / und den
geschwindesten Pferden versehen war. Dahero sein und des Oenomaus Streit mehr
einem Wette-Rennen ähnlich gewest wäre / wenn solches nicht die Abschiessung
vieler Pfeile und Wurffspiesse unterschieden hätte. Aölius meinte des Oenomaus
schon so lange gebrauchte Pferde zu ermüden / er wusste aber nicht /dass ie länger
sie lieffen / ie flüchtiger sie würden. Nach dem sie nun alle ihre Köcher
ausgeleert hatten /ergrieffen sie die Lantzen / konten aber in dreien
zusammen-Rennen einander keinen Stoss beibringen. Im vierdten aber schlug
Oenomaus mit einer eisernen Keule seinem Feinde die Lantze / und mit dem andern
Streiche den Arm entzwei. Also war nur Erytrus noch übrig / welchem Oenomaus
das Leben zu schencken anbot / weñ er ihm schwüre an Hippodamien nicht mehr zu
gedencken. Erytrus aber antwortete ihm: diss stünde nicht in seiner Gewalt / und
es wäre hier nicht mehr zu handeln / sondern zu fechten. Oenomaus / welcher bei
allen vorigen Gefechten keine Entrüstung hatte spüren lassen / ward hierüber
voller Feuer / überfiel also den Erytrus wie ein Blitz / oder wie ein Habicht
die Tauben / und nach dem er im ersten Rennen ihm seine Lantze durch die Achsel
gestossen hatte / zerschmetterte er im andern ihm den Kopff / dass sein davon
spritzendes Blut selbst den Sieger besudelte. Oenomaus rennte hierauf dreimal
um den Kampff-Platz / biss Hippodamia in einer Priesterlichen Kleidung herzu kam
/ die Tapfferkeit ihres Vaters in einem Sieges-Liede rühmte / und ihm einen
Krantz von Palmzweigen überantwortete. Oenomaus befahl hierauf allen
Uberwundenen die Köpffe abzuschneiden / und nach dem alle ihre Leichen mitten in
ein Grab verscharret waren / liess er auf selbten aus Rasen dem Atreischen
Jupiter ein Altar bauen / und solches mit denen abgeschnittenen Köpffen
besetzen. Auf diesem musste Hippodamia Jupitern drei Ochsen /und drei Wieder zum
Opffer abschlachten. Hierbei ward von denen in zwei Teilen abgesonderten und
gegen einander singenden Mägdlein Oenomaus wegen seiner Klugheit dem Jupiter /
wegen seiner Streitbarkeit dem Mars verglichen. Hippodamia aber netzte ihre
Opffer mit unzählbaren Tränen / flügelte ihr Gebete mit wehmütigsten
Seuffzern. Denn es ging ihr nicht allein durch Hertze / dass ihrentwegen so viel
edles Blut verspritzet ward / sondern sie verlohr auch numehr alle Hoffnung /
von iemanden mehr geliebt zu werden / nach dem so vielen ihre Liebe zum
Todten-Bette worden wäre. Sie hätte ihr auch für Verzweiffelung das
Opffer-Messer in die Brust gestossen / wenn sie nicht unter den vielen
Zuschauern ungefehr den Pelops erblickt hätte / welcher von ihr schon lange
Zeit kein Auge verwandt hatte. Dieses hielt sie nicht allein zurücke / sondern
sie konnte sich an ihm nicht satt sehen / also dass sie ihrer selbst / und des
Opffers darüber vergass / und sie / dass nun alles zu Ende wäre / erinnert werden
musste. Hierauf verschwand dieser Kampff-Platz / und verwandelte sich in Tempel
der Venus. In dessen Schiffe oder unterm Teile lag Pelops auf den Knien / für
dem Altare / wo das aus Golde und Helffenbein vom Phidias gemachte Bild der
Venus auf einer Schnecke stand / klagte der Göttin seine heftige Liebe gegen
Hippodamien / und flehete sie um Beistand an / gelobete ihr auch / dass /da sie
seinen Wunsch bekleiben liesse / er ihr Bild aus einem lebenden und grünenden
Myrten-Baume machen lassen wollte. Inzwischen liess er ihr ein grosses wildes
Schwein / dessen hauende Zähne weit vorgiengen / wegen des von ihm ermordeten
Adonis opffern /und zugleich Milch / Honig und Wein den Priestern abliefern. Wie
Pelops nur sein Opffer vollendet hatte /ward er gewahr / dass auf der Neben-Seite
des Tempels einer für dem Altare kniete / wo Venus auf einem Bocke riett / als
welche nur das gemeine Volck anruffen dorffte / seine Seufftzer waren sehr
durchdringend / und das Gesichte sollte ihm bekandt sein. Dieses veranlasste den
Pelops / dass er hinter den viereckichten Stein trat / damit Venus auch
abgebildet wird /und auf sein Vorhaben Achtung gab. Als dieser betende sich nun
aufrichtete / und mit einer Schale voll ausgeschütteten Weirauch das auf dem
Altar brennende Feuer heller machte / erkennte ihn Pelops für des Oenomaus
Fuhrmann Myrtilus / hörte ihn auch folgendes gegen dem Altare singen:
Des Oenomaus Siege sind
Richt Früchte seiner Kunst und Stärcke;
Weil ich verliebt bin in sein Kind /
Verricht ich solche Wunderwercke.
Er erndtet aber Ruhm / und ich nur Brunst und Pein /
Trag also ihm / nicht mir / wie Bienen Honig ein.
Die Pferde gehn mir zu der Hand;
Sein Glücke führ ich an der Schnure.
Wiewol gleich frembde sind gewand /
So beben sie auf meiner Spure.
Wer nur mein Gleiss berührt / verliehrt Verstand und Mut /
So liefer ich / nicht er / der Rache so viel Blut.
Lenckt ich / Hippodamia nicht /
Des Oenomaus Ross und Wagen /
So wär' ihm längst verlescht sein Licht /
Du würdest frembde Fessel tragen.
Nun deine Freiheit denn von mir kommt wie sein Heil
Wer hat mehr Recht als ich / an deiner Liebe Teil.
Solt ich nur einmal wider ihn
Von seinen Feinden einen führen.
Wie bald würd' er den kürtzern ziehn /
Sich und sein schönes Kind verlieren.
Ist meine Tugend nun nicht seiner Tochter wert /
Die mit so grosser Brunst noch niemand hat begehrt?
Ich will Hippodamia dir
Für Weirauch Seel' und Hertz anzünden.
Du wirst dein Heiligtum ia mir
Und ich in dir den Himmel finden.
Der Liebe Siegs-Krantz wird mich wie der Tugend ziern /
Traut ich den Wagen doch der Sonne mir zu führn.
So rege Venus nun den Sinn
Hippodamiens / meine Hände:
Dass mich die Tochter lieb gewinn /
Und ich zum Styx den Vater sende.
Weil man ihr Lieben soll verdienen durch sein Blut /
Gib mir nun klugen Rat / sprich mein Beginnen gut.
Diesem antwortete eine andere singende Stimme:
Es ist Hippodamia zwar
Mein Augen-Apffel / mein Vergnügen;
Kein Mensch wird ohne viel Gefahr /
Sie auch zu seiner Beute kriegen.
Geh aber zwantzig mahl andächtig um mein Haus;
Denn will ich offenbarn / ob etwas wird daraus.
Myrtilus erhob sich / und tantzte mit Freuden zum Tempel hinaus / worauf denn
Hippodamia hinter dem Altare herfür kam / für selbtem nieder kniete / und zu
singen anfieng:
Verzeih' es holde Göttin mir:
Dass ich so einem geilen Knechte
Statt deiner sage Lügen für.
Irion ward geäfft um Rechte /
Als er ein Wolcken-Bild an statt der Juno küsst;
Wie soll nicht straffbar sein / was sich mein Knecht vermisst?
Ich stamme von den Göttern her /
Und dieser Sclave darff mich lieben?
Er muss gestürtzt sein in das Meer /
Diss Urtel ist ihm schon geschrieben.
Lass aber ihn vorher o Mutter! süsser Pein!
Ein Werckzeug meines Heils / und meiner Liebe sein.
Weil Oenomaus dich so hasst /
Und alle meine Buhler tödtet /
Hastu gerechten Zorn gefasst;
Dass dein Altar sein Blut anrötet.
Weil nun mein eigen Blut geht seinem Blute für /
Wil durch den Myrtilus ich dieses opffern dir.
O grosse Hertzens-wenderin!
Was tut man nicht für grossem Schmertze?
Wol leitet Lieb und Brunst mich hin?
Mir ist gepregt ein Bild ins Hertze.
Das meines Vaters Grimm die Zeit nicht tilgen kann /
Ich brennte / da ich es nur einen Blick sah an.
Ach! aber / wirstu mich diss Bild
Noch einst mein Tage sehen lassen?
Doch / kann mein Wunsch nicht sein erfüllt;
So lass im Traume michs umfassen
Doch / was sind Träume? nichts. Ich lieb / ich weiss nicht wen?
Lass Göttin nur einmal mich meinen Liebsten sehn.
Pelops ward durch Hippodamiens annehmliche Stimme aufgemuntert / dass er ihr
singende antwortete:
Hilff Himmel! welch ein Sonnenschein
Bestrahlt die düsternen Gewölber?
Soll diss Hippodamia sein?
Wie / oder ist es Venus selber?
Von wessen Liebe singt sie mit so grosser Brunst?
Ach! war' es Pelops! nein! du heuchelst dir umsonst;
Nein! Pelops / lasse dir nur nicht
So süsses Glück und Lieben träumen!
Jedoch der Göttin Angesicht
Scheint mir noch Hoffnung einzuräumen.
O Göttin! mahle mich ihr schöner als ich bin /
Flöss ihr ins Hertze Lieb' / Erbarmung in den Sinn.
Hippodamia wendete sich gegen dem Pelops / sah ihn mit starren Augen an / und
fieng an zu singen:
O Göttin! wer bezaubert mich?
Welch Schall durchdringt mir Marck und Beine?
Wen hör' und seh' / O Himmel / ich?
Werd' ich / wie Niobe / zum Steine?
Ist diss des Helden Geist den meine Seele liebt?
Und der sein Feuer mir selbst zu verstehen gibt.
Pelops ward hierüber gleichsam verzückt / antwortete ihr aber:
Er ist dein Pelops selbst / der sich
Zu deinem Knecht und Sclaven giebet.
Hippodamia versätzte:
Wie sehr beglückt der Himmel mich!
Dass mich der tapffre Pelops liebt.
Pelops fiel ein:
Er opffert dir sein Hertz / dem Könige sein Blut.
Hippodamia aber tröstete ihn damit:
Sein Kind sorgt für dein Heil. Fass' also kecken Mut.
Pelops seuffzete / und fieng an:
Mein Tod wird mir verzuckert sein /
Werd' ich in deiner Hold erblassen.
Hippodamien aber fielen die Tränen über die Wangen / und sie sang fort:
Du äschertest mit dir mich ein /
Ich würde deine Leich' umfassen /
Um in der Todten Grufft zu werden deine Braut /
Doch leidet keiner Not / der wahrer Liebe traut.
Hiervon will ich ein Beispiel dir /
Das keine Welt gesehn hat / zeigen.
Die Kinder-Lieb' erlescht in mir
Um dir den Himmel zuzuneigen.
Du magst behertzt in Kampff mit meinem Vater gehn /
Dein Neben-Buhler wird auf deiner Seite stehn.
Mit noch viel andern Liebes-Beteuerungen fuhren sie gegen einander fort / und
endlich drückten sie solche auch in einem zierlichen Tantze aus / welchen aber
des Myrtilus Eintrit in den Tempel abschnitt /und den Pelops hinter seine
viereckichte Venus / Hippodamien aber hinter voriges Altar zu weichen nötigte.
Als dieser nun der Göttin seine verrichtete Andacht hinterbrachte / und von ihr
beschieden zu werden bat / kriegte er von der versteckten Hippodamia folgenden
Bescheid:
Dein Lieben bleibet Eitelkeit /
So lang' als Oenoma wird siegen.
Soll er nun fallen durch den Streit /
Mustu mit einem Helden pflügen /
Der eine Achsel hat von klarem Helffenbein /
Und Phrygisch Gold dir schenckt. Diss soll dir's Zeichen sein.
Myrtilus welcher diese Antwort für eine Göttliche Wahrsagung hielt / und dessen
Hoffnung sie so weit ausdehnte / als sich seine törichte Liebe erstreckte
/neigte sich gegen dem Bilde der Venus dreimal zu der Erde / ging also mit
vollen Freuden dem Tore des Tempels zu; Allwo ihm der diss alles hörende Pelops
gleichsam ohngefähr begegnete / und ihm ein ziemlich Stücke Gold / darauf die
Göttin Cybele mit ihren Türmen / auf der andern Seite ein mit Datteln
behangener Palm-Baum / und darunter ein Adler gepregt war / überlieferte / mit
Bitte / er möchte ihm von der Art der Göttin Venus zu opffern / Unterricht
geben. Myrtilus betrachten dieses Goldstücke / und als er die Phrygische Göttin
darauf erblickte / erbot er sich mit höflichster Freundligkeit ihm in allem zu
dienen. Er fragte ihn auch / ob er dieses Opffers halber dahin kommen wäre / und
woher? welchem Pelops das erste verjahte / und dass er aus Phrygien käme
berichtete. Endlich sagte er ihm gleichsam aus grossem Vertrauen: er wäre Pelops
/ dessen Achsel die Göttin Ceres verzehret / und er dafür eine Helffenbeinerne
bekommen hätte. Als Myrtilus diss vernahm / erwies er ihm alle ersinnliche
Ehrenbezeugung / und trug ihn gleichsam auf den Händen / bat auch um Verzeihung
seines Vorwitzes / dass er die eigentliche End-Ursache seiner Dahinkunft und
Andacht zu erkundigen sich erkühnte. Pelops entdeckte ihm: dass er die schöne
Hippodamia von der Grausamkeit ihres Vaters erretten / und sie in die Freiheit
zu lieben / wen sie wollte /versätzen wollte. Myrtilus preisete singende diesen
Vorsatz für ein nicht weniger heiliges und einen so grossen Helden anständiges
Werck / und / weil er des Oenomaus Fuhrmann wäre / könnte und wollte er ihm zum
Siege nicht weniger beförderlich sein. Alleine das Mittel darzu dörffte noch
einer Uberlegung. Pelops sollte für Beratung eines so wichtigen Werckes vor
opffern / unterdessen wollte er der Sache nachdencken. Pelops wollte geraden Weges
sich zu dem mitlern Altare verfügen / Myrtilus aber führte ihn zu seinem vorigen
/ dessen Bild in heilsamen Wahrsagungen bewehret / und von ihm selbst geprüfet
wäre. Pelops verrichtete nach des Myrtilus Anweisung seine Andacht / und bekam
diese Antwort:
Kein Schulter-Blat aus Helffenbein /
Kein Göttlich Blut / kein gross Gemüte
Kan dir gewünschten Sieg verleihn;
Des grossen Fuhrmanns treu Gemüte
Besiegt den Feind allein / dämpfft seine Zauberei /
Macht aus der Dienstbarkeit Hippodamien frei.
Pelops stellte sich über dieser Wahrsagung sehr vergnügt / kehrte zum Myrtilus /
und sagte ihm nebst vielen andern Heucheleien / dass er solche von niemanden
anders / als ihm auslegen könnte / und dass die Götter ihn sonderlich zu einem so
grossen Gehülffen geführet hätten. Myrtilus konnte sich für aufblasender Hoffart
kaum mehr begreiffen / iedoch erbot er sich den Oenomaus ihm zu Liebe zu
stürtzen. Hierzu aber könnte er sich nicht entschlüssen / wenn er ihm nicht durch
einen Eyd verspräche diss zu gewehren / warum er ihn bitten würde. Pelops stutzte
hierüber / und verlangte sein Begehren für geleistetem Eyde zu wissen /weil aber
Myrtilus diss verweigerte / schwur Pelops beim Geiste seines Vaters Tantalus: er
wollte diss tun / was Myrtilus verlangte. Hierauf begehrte er / dass Pelops
Hippodamien ihm vermählen / oder wenn er sie ja selbst zu heiraten Lust bekäme
/ ihr die erste Nacht beizuschlaffen verstatten sollte. Pelops hörte des Myrtilus
vermässenes Begehren mit gröstem Verdruss / er verdrückte aber seine Verbitterung
/ und antwortete hieraus: Es ist geschworen. Myrtilus warnigte hiermit den
Pelops / er sollte mit dem Oenomaus nicht auf seiner Rennebahn / sondern in einem
Felde an dem Flusse Alpheus kämpffen. Denn auf jenem wäre der von ihm
überwundene Marmaces beerdigt / und diss Grab hätte die Eigenschaft / dass darbei
alle frembde Pferde scheue würden. Pelops danckte dem Myrtilus für so
offenhertzige Nachricht / versprach ihm auch Königliche Geschencke / und dass er
zu seiner Vergnügung / weil es ihm nur um die Ehre zu tun wäre / alles
eusserste beitragen würde. Myrtilus schwur hiermit bei allen Geistern der vom
Oenomaus ermordeten Helden / dass er den Oenomaus von seinem eigenen Wagen
stürtzen / und an statt der eisernen wächsene Nägel für die Räder in die Axen
stecken wollte. Pelops lobte seine Scharffsiñigkeit / und versiegelte sein
Versprechen mit noch drei Phrygischen Goldstücken. Dem Myrtilus aber / wie er
sich aus dem Tempel wollte begeben / begegnete Hippodamia / redete ihn lächelnde
an / und sagte ihm: Ihr hätte geträumet / sie wäre die angefesselte Andromeda /
er aber hätte wie Perseus sie von dem grausamen Meerwunder erlöset. Welches dem
Myrtilus vollends den grösten Hochmut einsänckte / und ihr zu antworten
verursachte: dass er ihr folgenden Tag diesen Traum wahr machen wollte. Nach dem
Myrtilus nun weg war / kamen Pelops und Hippodamia mit den freundlichsten
Liebes-Bezeigungen wieder zusammen / und hegten mit einander einen annehmlichen
Tantz /zwischen welche Cymotoe ihre vertraute Gespielin folgende Reimen sang:
Was hat der Aberglaube nicht
Für Macht in menschlichen Gemütern!
Man sieht für seinem falschen Licht
Offt Helden und Cyclopen zittern.
Sie nimmt mit Finsternis Verstand und Sinnen ein /
Und blendet die / die sonst scharffsichtige Luchse sein.
Sie macht: dass Hasen Löwen sind;
Dass Zwerge Riesen sich bedüncken;
Dass Pan Dianen lieb gewinnt /
Wie sehr er mag nach Böcken stincken.
Sie bildet einem Knecht' in seine Fantasei /
Der Mohnde sei sein Weib / und schlaff' ihm ehlich bei.
Dass einer der die Geissel führt /
Sich meint mit Kronen zu vermählen;
Und Königen an Zepter rührt /
Sich unter Helden pflegt zu zehlen.
Dass ein Tersites beut Achillen Freundschaft an /
Und diss für Wahrheit hält / was ihm kaum träumen kann.
Das Gold / der grosse Gott der Welt /
Das aller Menschen Hertz besitzet /
Das Recht und Macht zu Bodem fällt /
Das mehr als Stahl verletzt und schützet.
Das alle Schlösser sprengt / und Felsen reisst entzwei /
Kehrt Eyde / Treu und Pflicht zwar in Verräterei.
Der Aberglaube aber bricht
Diss und der Freundschaft-Band in Stücke;
Stürtzt Fürsten / schont der Götter nicht /
Ja zieht's Verhängnis selbst zurücke.
Der Ausgang aber lehrt: dass Meineid Hörner trägt /
Dass Untreu seinen Herrn / Betrug den Stiffter schlägt.
Hiermit nahm Hippodamia vom Pelops Abschied / er aber gab seinem Gefärten dem
Eurylachus einen an den Oenomaus gefertigten Ausforderungs-Zettel / und eine vom
Tebanischen Amphion empfangene Wurtzel. Jenen sollte er dem Oenomaus einliefern
/ darinnen mehr nicht entalten war / als dass er aus blosser Erbarmnis
Hippodamien in die Freiheit der Liebe versätzen wollte. Die Wurtzel aber / welche
des Oenomaus Pferde schichtern machen würde / sollte er auf das an dem Flusse
Alpheus gelegene und zum Streite benennte Feld vergraben lassen. Der Tempel
verwandelte sich hierauf in ein lustiges zwischen der Schlangen-weise fliessenden
Cladeischen Bach / liegendes Feld. Sie Sonne ging an selbtem blutrot auf /
sein Geist stieg daraus auf das Ufer / und beklagte / dass diesen Tag sein Wasser
mit seines Königes Blute getrübet werden sollte. Worauf sich ein dürres und
runtzlichtes Weib auf den Platz fand / welche in die Erde einen Kreis mit viel
zauberischen Zeichen machte / die wunderbaren Tugenden der Kräuter rühmte /und
endlich mit vielen Seegen-Sprüchen Amphions Wurtzel in die Erde grub. Kurtz
hierauf fand sich eine grosse Menge Volckes aus der Stadt Pisa und selbst
Hippodamia auf einem güldenen Wagen dahin. Myrtilus brachte bald darnach den
König Oenomaus mit seinen gewöhnlichen Pferden auf dem eisernen Wagen dahin. Er
fuhr aber nicht allein sehr langsam / sondern die Pferde / so bald sie auf den
Platz kamen / schienen allen ihren vorigen Mut zu verliehren. Pelops hingegen
tat sich mit vier Perlen-weissen Hengsten herfür / und erklärte sich alsbald /
dass die nicht weniger gerechte als schöne Hippodamia das Urteil / wer unter
ihnen für den Sieger zu halten sein würde / fällen sollte. Als Oenomaus den
Pelops erblickte / schoss ihm alsbald das Blat / gleich als wenn er schon vorher
sähe / dass das Verhängnis diesen zu seinem Uberwinder erkieset hätte. Er rückte
aber gleichwol näher zum Pelops / und nach dem er ihn eine gute Weile angesehen
hatte / fragte er ihn: Ob er mit ihm um den Siegstreiten / oder in die Wette
rennen wollte? Pelops antwortete: Er wäre zu beiden fertig / stellte also die
Wahl in des Oenomaus Willkühr. Oenomaus erwehlte das Rennen / und befahl dass
Hippodamia zum Pelops auf den Wagen steigen sollte. Als diss vollzogen und das
Zeichen zum Rennen gegeben war / liessen sie beiderseits den Pferden den Ziegel
schiessen. Des Oenomaus Pferde aber waren nicht weit kommen / da sie zu kollern
anfiengen. Kurtz darauf fuhr das eine Rad von der Axe herab / und der
umschlagende Wagen warf den Oenomaus mit dem grösten Ungestüme wider einen
grossen Stein / an welchem er die Hüffte zerschmetterte / und sich an dem Kopffe
tödtlich verwundete. Der ihm weit zuvor gekommene und zurück sehende Pelops
kehrete mit Hippodamien um /und fand des Oenomaus Wagen ihm auf dem Halse liegen
/ seine Pferde zitternd und bebend / und ihn selbst voller Blut und in
erbärmlichem Zustande. Pelops sprang eilends von seinem Wagen / und zohe den
König unter seinem hervor / welcher aber kein Wort sagte / biss er die ihres
Rades beraubete Axe wohl betrachtet hatte. Wie er nun an statt des Eisens das
durchgehende Loch mit Wachse gefüllet fand / wendete er sich zum Myrtilus / und
verfluchte ihn als den ärgsten Verräter seine Herren und Woltäters / hernach
erklärte er den Pelops zu seinem Uberwinder /und sagte: dass er denen gerechten
Göttern / welche seinen Ubermut / und seine gegen das Verhängnis verübte
Widersätzligkeit zu straffen genungsame Ursache gehabt hätten / grossen Danck
schuldig wäre: dass sie ihn von einem so tapfferen Helden hätten besiegen lassen.
Er würde auch so viel vergnügter die Seele ausblasen / wenn Pelops Hippodamien
für den Preis seines Sieges anzunehmen nicht verschmähen würde. Pelops nahm
diese Erklärung zu hohem Dancke an / küssete ihm die Hand / und Hippodamia die
Knie. Die dazu kommenden Griechen sahen dieser seltzamen Veränderung / teils
mit Mitleiden / teils mit Verwundern zu / und müheten sich ihres Königes Wagen
zu ergäntzen / um ihn darauf nach Pisa zu führen. Aber Oenomaus weigerte sich
auf den Wagen gehoben zu werden / welcher sein Fallbrett / und seine Baare
gewest wäre / sondern verlangte / Pelops sollte ihn auf seinem Wagen zu seinem an
dem Cladeischen Bache bestimmten Grabe führen / wo er seine fürnehmste Stütterei
/ und die gröste Lust seines Lebens gehabt hätte. Also nahmen ihn Pelops und
Hippodamia zu sich / er starb aber kurtz darauf / nach dem er den Pelops bei dem
Geiste seines Vaters Tantalus beschworen hatte: Er sollte am Myrtilus seine
verräterische Untreue rächen. Hierauf ward Oenomaus verbrennet / und seine
Asche in ein prächtiges Grab verwahret. Endlich verwandelte sich der Schauplatz
/ und stellte den Einfluss des Flusses Alpheus in das Meer und den Lust-Wald
Dianens mit einem Königlichen Lustause / und darbei ein Altar der Venus für.
Pelops und Hippodamia opfferten daselbst / danckten der Göttin in einem
Lobgesange / und wurden von ihrem Priester mit einander vermählet. Hierauf
hegten sie mit einander zwischen vier und zwantzig mit Fackeln gerüsteten
Liebes-Göttern einen zierlichen Braut-Tantz. Nach diesem kamen Bacchus und Ceres
und führten die Vermählten zu einer wolbereiteten Taffel / bei welcher die
Satyren und Bacchen aufwarteten / die neun Musen aber das Lob des Pelops und
Oenomaus sangen / und ihren göttlichen Ursprung /weil jener den Jupiter / dieser
den Mars zum Gross-Vater hätte / heraus striechen / und von ihrer Herrschaft und
Nachkommen viel gutes wahrsagten. Die Mahlzeit ward abermals mit
unterschiedenen Täntzen abgewechselt. Endlich erschien Hymen / gebot dieser Lust
einen Stillestand / und deutete ihnen an: es wäre nun Zeit ins Braut-Bette /
welches er unter eitel Myrten-Bäumen in Gestalt eines Zeltes am Ufer des Meeres
bereitet hatte. Pelops und Hippodamia folgten dem ihnen mit einer Fackel
vorleuchtenden Hymen. Als sie nun nahe ans Bette kamen / kroch Myrtilus aus dem
Gepüsche herfür / zohe den Pelops rückwerts beim Arme / und erinnerte ihn seines
endlichen Versprechens. Pelops fragte: in was diss bestünde / als Myrtilus nun
antwortete / dass er ihm versprochen hätte / die erste Nacht ihm Hippodamiens
Beischlaff zu verstatten. Pelops versätzte: diss wäre eine Unwahrheit. Denn er
hätte ihm nur geschworen diss zu tun / was Myrtilus verlangte. Wenn er nun
selbst bei Hippodamien schlieffe / täte er / was Myrtilus verlangte / und wäre
seines Eydes los. Er erinnerte sich aber nun eines andern Eydes / den er dem
Oenomaus geleistet hätte / nämlich / dass er die an ihm verübte Untreue an dem
Myrtilus rächen wollte. Hiermit er grief er den Myrtilus / eilte mit ihm / seines
Geschreies ungeachtet / nahe zum Meere / und ersäuffte ihn darinnen. Bei der
Rückkehr legten sich Pelops und Hippodamia zusammen / Hymen zohe die Vorhänge
für / die Musen aber rühmten in einem lieblichen Gesange die Gewalt und
Süssigkeit der Liebe / darinnen dieses der Schluss war:
Wenn so viel Zucker wär' als Schnee /
Und so viel Bienen als der Fliegen;
Wenn alle Berge Hyblens Klee
Und des Hymettus Kräuter trügen /
Aus allen Eichen trieff' ein Honig von Aten /
Und man auf Dörnern nichts / als Feigen sähe stehn.
Wenn Milch in allen Strömen flüss' /
Und Reben-Safft aus allen Qvellen;
Wenn alle Schleen wären süss' /
Im Meere lauter Nectar-Wellen.
Wenn nur Jasminen-Oel der Wolcken Nässe wär' /
Der Mohnde nichts als Tau von Zimet flösste her.
Wenn die Gestirne schwitzten Safft /
Der Würtz' und Balsam überstiege.
Und dieser Süssigkeiten Krafft
In einen Geist und Kern gediege.
So würde dieser doch bei Liebe Wermut sein /
Denn diese zuckert auch das bittre Sterben ein.
Hiermit verschwand in einem Augenblicke alles / und der Schauplatz erschien /
wie er vom Anfang gewest war. Die Staats-Klugheit lag für der Liebe auf den
Knien / und machte diesem Schauspiele durch folgende Demütigung ein Ende:
Verzeihe grosse Göttin mir:
Dass ich so frech und so vermessen
Mich habe widersetzet dir.
Ich hatte Maass und Ziel vergessen /
Und an den Aberwitz der Hoffart nicht gedacht /
Die ihre Rechnungen nach langer Elle macht.
Die Klugheit bildet ihr zwar ein /
Der Erdkreiss ruh' auf ihren Händen;
Dass ihre Augen Angeln sein
Um die sich muss der Himmel wenden.
Wenn aber sich die Lieb ihr an die Seite macht /
Ist dies' ein Tages-Licht / die Klugheit nur der Nacht.
Sie leschet aus für deiner Glut
Als wie ein Stern für Sonn' und Tage.
Und hält / wenn sie gleich Wunder tut /
Der Liebe Kurtzweil nie die Wage.
Wenn sie der Liebe Garn ist zu zerziehn gesinnt /
Verstrickt sie sich nur selbst in einen Labyrint.
Sie bähnt durch Widersetzligkeit
Ihr nur den Weg zu ihrer Baare.
Weg! also weg! Vermässenheit!
Ich finde mich nun zum Altare
Der Liebe / zünd' ihr Oel und fetten Weirauch an /
Die alle Finsternis in Licht verwandeln kann.
Die Amm' und Mutter aller Welt /
Die alles muss zusammen fügen /
Die die Natur im Wesen hält /
Und bei ihr lag in ersten Wiegen.
Die Ertzt und Bäume blühn / die Wurtzeln käumen lässt /
Den Tieren Regungen / den Sternen Krafft einblässt.
Die Himmel / Hölle / Erd und Meer /
Durch ihren Knoten knüpfft zusammen /
Und ohne die der Welt-Kreis leer /
Die Sterne wären sonder Flammen.
Von der / was schön und gut den wahren Ursprung hat
Die mit dem Fusse dreht / der Parcen Glückes-Rad.
Die Hertzen flösset Anmut ein /
Der Sonne Glut / und allem Leben /
Muss ja der Weissheit Mutter sein /
Und klugen Geistern Regung geben.
Schöpff' ich nun meine Schätz' aus ihrem Brunnen her
Was brauch ich gegen sie fruchtlose Gegenwehr.
Ich unterwerffe Göttin mich /
Mein Haupt leg' ich zu deinen Füssen.
Von nun an werd' ich wider dich
Zu kämpffen nimmer mich entschlüssen.
Die Liebe gab hierauf der Staats-Klugheit einen annehmlichen Blick / und
beschloss ihren Gesang / und das ganze Schauspiel mit folgenden Reimen:
Wenn Klugheit wird ihr Saltz in Liebes-Zucker streu'n
Wird diese stets verschmitzt / und beide glücklich sein.
Hiermit erhob die Liebe mit ihrem Wagen sich empor / und verbarg sich in eine
annehmliche Wolcke / welche sich über die ganze Rennebahn ausbreitete / das
Schau-Gerüste verdeckte / und alle Zuschauer mit einem wolrüchenden Balsam-Tau
erqvickte. Mit diesem Schlusse brach die Morgenröte zu aller Verwunderung
herfür / weil die Annehmligkeit ihnen die sonst bange und langweilige Nacht
ihnen so sehr verkürtzt hatte. Gantz Maroboduum wusste nach hingelegtem Schlaffe
von nichts anderm als diesem Schauspiele zu reden / derogleichen noch nie bei
den Marckmännern gesehen worden war. Die Scharffsinnigen aber müheten sich den
geheimen Verstand / welchen der nachdenckliche Vannius unter diesem Schauspiele
wohl anzielte / zu erforschen. Ihrer viel machten daher diese Auslegung / dass
unter dem Oenomaus König Maroboduus / unter Hippodamien Adelgunde / unter dem
Pelops Vannius / und unter dem Myrtilus Adgandester mit seiner vermässenen Liebe
/ und seinem daher teils rührenden / teils noch bevorstehendem Falle
abgebildet würde. Andere deuteten es anders aus / also / dass hier ebenfals nicht
weniger Urteile fielen / als Köpffe vorhanden waren / und jeder sich am
tieffsten in frembder Gedancken Geheimnisse zu sehen / sich bedüncken liess.
König Vannius hielt nach Mittage ein prächtiges Gastmahl / bei welchem König
Marbod / Adelgunde / Ingviomer / Bolessla /Britomartes / alle Botschafter und
Grossen des Reiches / zugegen und alle Seltzamkeiten des Qvadischen Reiches in
Uberfluss verhanden waren. Dieses währete so lange / als der Tag / mit der
anbrechenden Finsternis aber ersuchte Vannius alle seine Gäste nunmehr auch auf
seinem Schauplatze den Sieg der Liebe über die Keuschheit anzuschauen.
    Als diese grosse Versamlung auf der Renne-Bahn wider ihre Stellen
eingenommen hatte / eröffnete sich der Schauplatz / und stellete eine
Landschaft mit Wäldern / Püschen / und in der Mitte einen Tempel Dianens für.
Diese Göttin kam auf einem mit zwei Hirschen gezogenen Wagen / welcher auf allen
Seiten mit ihren in eitel grünen Damast gekleideten mit Jäger-Hörnern und
Spiessen ausgerüsteten Nymphen umgeben war. Hinter ihr brachte man viel gefällte
Hirsche / Rehe / wilde Schweine / Wölffe / Füchse /Hasen / und alle fast nur
ersinnliche Sorten des geschlagenen Wildes geführt. Dieses ward alles für den
Tempel Dianens ausgebreitet / bei welchem ihre Nymphen ihre Diana und ihre
Keuschheit in folgendem Liede preiseten:
Diane / welche Höll und Nacht
Mit ihrem Silber-Horn erleuchtet /
Die Berg' und Täler fruchtbar macht /
Die dürstenden Geschöpffe feuchtet.
Verbindet zwar der Welt durch so viel Guttat ihr /
Doch ihre Jungfrauschaft geht allem Lobe für.
Die andern Götter können nicht
Sich frembder Lieb' und Hülff entschlagen.
Nur sie vergnügt ihr eigen Licht
Und weiss von keinen bangen Tagen.
Sie kürtzt mit Lauff den Weg / und mit der Jagt die Zeit /
Sie findet Ruh in sich / und Lust in Einsamkeit.
Sie lacht der Juno Eyversucht /
Wenn Zevs für Brunst als Bock erscheinet.
Wenn Mulciber den Mars verflucht /
Dion' um den Adonis weinet.
Sie heget keinen Wunsch / der ihr nicht wird gewehrt /
Weil sonder Treffen ihr kein Spiess und Pfeil entfährt.
Was für ein knechtisch Stand ist doch
Derselben / die Begierd und Liebe
Hat angepflöcket an ihr Joch!
Die helle Lufft ist ihnen trübe.
Die Sonne selbst dünckt sie ein schwartzer Stern zu sein /
Weil ihr Gemüte stets hüllt Furcht und Nebel ein.
Die Sehnsucht frisst ihr lüstern Hertz /
Diss schlägt wie Amboss' ihre Brüste.
Ja ihr Vergnügen hecket Schmertz
Und kehrt in Wermut ihre Lüste.
Wo Hoffnung Taffel nicht bei leeren Schüsseln hält /
So wird durch Eckel doch ihr Honigseim vergällt.
Sie wachen / wenn sie schlaffen ein;
Weil sie sich stets mit Träumen qvälen.
Sie friern bei warmen Sonnenschein;
Weil sie sich stets mit Furcht vermählen.
Ihr Geist schwimmt in der Angst / ihr Sinn ist unbestand /
Das Aug' in Tränen-Satz / die Seel in Höllen Brand.
Wie seelig aber! die ihr Heil
Durch schnöde Lust in Wind nicht schlagen!
Die nicht der Liebe strenges Seil
Wie Schlacht-Vieh an den Hörnern tragen!
Ach! welch ein Schatz ist doch ein ungefässelt Sinn!
Der der Begierden Frau / der Männer Königin.
Wie seelig! die sich über List
Treuloser Buhler nicht beschweret!
Die keine geilen Lippen küsst!
Sich nicht durch stille Glut verzehret!
Der nie kein eivernd Mann Leib und Gemach verschleust /
Und minder Freiheit nicht / als frische Lufft geneust.
Die schöne Phryne wird ein Aas /
Und Lebens Schwanen-Kind zum Raben;
Weil sie in Eitelkeit kein Maas
Im Hertzen nichts als Unflat haben.
Die aber Brunst nicht steckt / kein Kitzel nimmet ein /
Bleibt unter Mohren-Haut doch Schwanen-weiss und rein.
Wie hoch beglücket sind nun wir
Bei unser Jungfrauschaft zu schätzen /
Die wir Diana / wiedmen dir /
Die Wollust jagen / Hirsche hetzen /
Es wagt kein geiles Aug' uns iemahls zu versehrn /
Weil sie Acteons Hund' um sich stets bellen hörn.
Wer für sich selbst nun sicher ist
Kan anderer Versuchung lachen.
Wer unsre Einsamkeit erkiest /
Darff ihm für nichts nicht Kummer machen;
Man ist sein eigen Schatz / und fast den Göttern gleich
Die Tugend unser Zweck und unser Königreich.
Wir mühn durch zaubernde Gestalt
Niemandens Augen zu verdüstern;
Uns aber sättigt Wild und Wald /
Kein irrdisch Abgott macht uns lüstern.
Weil Jungfrauschaft in sich so viel Vergnügung hegt:
Dass sie / wie GOtt / nach nichts Wunsch und Verlangen trägt.
Nach geendigtem Gesange hielten diese Nymphen einen zierlichen Tantz / in
welchem sie Dianens Flucht für dem sie verfolgenden Alpheus und seine
Verwandelung in einen Fluss fürstellten / zu letzt aber ihr ein Altar von Rasen
aufrichteten / und bei selbtem Dianen auf einen Königlichen Stul erhoben. Die
von Stärcke und Geschwindigkeit ihrer Füsse berühmte Atalanta kam zu diesem
Altare / brachte mit sich eine lebende Hindin / opfferte sie Dianen / verlobte
sich ihr zu ewiger Keuschheit / da sie sie wider die Gewalt ihres Vaters
Schöneus / welcher sie wider Willen verheiraten wollte / in Schutz nehmen könnte.
Diana versprach ihr ihren Schirm / beschenckte sie auch mit ihrem Bogen und
Spisse / worauf Dianens Nymphen sie zu ihrer Schwester annahmen / mit ihr in
einem Tantze die vergebene Liebe des Königs Minos gegen die Britomartis und ihre
Abstürtzung ins Meer abbildeten. Zu diesem Tantze kam ihr Vater Schöneus mit
vielen Satyren und wollte mit ihrer Hülffe seine Tochter Atalanta wegführen. Die
Nymphen grieffen alle nach ihren Jäger-Spissen / und zur Gegenwehre. Diana aber
verbot ihnen den Gebrauch der Waffen /und reichte Atalanten ihr Bild / wie sie
zu Pellene verehret wird / zu / mit Versicherung / dass dieses sie wider alle
feindliche Gewalt schützen würde. So bald nun Atalanta solches dem Schöneus und
den Satyren vorhielt / gerieten sie in Raserei / und fielen einander selbst wie
wütende Hunde so lange an / biss sie sich damit von ihnen abwendete / wofür aber
alle Bäume ihre Blätter einbüsseten. Also ward der verwundete Schöneus mit seinen
Satyren zu weichen gezwungen. Hierauf verwandelte sich der Schauplatz in ein
waldichtes Gebürge / bei welchem Atalanta viel Arcadische Jungfrauen beredete /
mit ihr zu jagen /und sich wie sie / Dianen zu verloben. Zu welchem Ende sie
denn ihnen folgendes Lob der Jagt vorsang:
Wie vielerlei Ergetzligkeit
Die Menschen ie erfunden haben /
Kürtzt keine besser nicht die Zeit /
Und keine kann mehr Leid vergraben /
Als wenn man Menschen nicht den meisten Abbruch tut /
Und seinen Stahl sänckt ein / in wilder Tiere Blut.
Die Spiele beim Olympus sind
Zwar die Vergnügung Griechischer Jugend /
Die allen Völckern abgewinnt /
Ihr Kampff ein Wetzstein ihrer Tugend.
Man hält von Ubungen des Pytius auch viel /
Die Jagt ist aber Ernst / und jenes nur ein Spiel.
Sie ist zwar Kurtzweil / doch ein Krieg;
Nur dass er nicht auf Menschen wütet.
Durch sie erlangt die Unschuld Sieg;
Die eben wie Alcides schüttet
Den Zorn auf Schlangen aus / und Ungeheuer fällt /
Die nur in Wüstenei verkehren Wald und Welt.
Was kann erwecken grösser Lust /
Als wenn man Löw' und Drachen tödtet?
Den Spiss jagt durch der Bäre-Brust /
Die Faust in Luchs und Wölffen rötet.
Die Gemssen übersteigt / die Elephanten zwingt /
Dianen Ebers-Köpff' in ihren Tempel bringt.
Wenn man die Hirschen übereilt /
Den Tod durch unsre Pfeile flügelt.
Mit Falcken Wolck' und Lufft zerteilt;
Und Reigern ihren Flug verriegelt.
Wenn man die Beute teilt mit vielen Wagen aus /
Zu Opffern auf Altär' und Speisen in das Haus.
Die Jagt macht hertzhaft und geschickt /
Zum Krieg' und hurtigen Geschäfften;
Klug / dass uns niemand leicht berückt /
Stärckt Glieder / mehrt die Lebens-Kräfften.
Sie raumet geiler Lust nicht Zeit und Wachstum ein /
Wer nun die Tugend liebt / der muss ein Jäger sein.
Auf dieser Jagt fälleten sie auch unterschiedenes Wild. Inzwischen bedeckten die
beleidigten Satyren alle Brunnen und Bäche / dass als die von der Jagt erhitzen
Arcadischen Jungfrauen trincken wollten / und nirgends kein Wasser fanden / sie
diese beschwerliche Lust verfluchten / und Atalanten verlassen wollten. Die
hierüber bekümmerte Atalanta rieff hiermit Dianen an:
O Göttin! welcher Tau-Horn kann
Den dürren Schwamm der Wolcken füllen?
Die du das Erdreich wässerst an /
Und der Natur den Durst kanst stillen.
Die du die Brunnen füllst / und auffschwellst Fluss und See /
Gib: dass aus dieser Klipp' ein Strom voll Wasser geh.
Hiermit stiess sie den von Dianen empfangenen Spiss an den nechsten Steinfelss /
worauf auch alsofort ein starckes Qvell mit dem süssesten Wasser heraus spritzte
/ daran sich die Arcadischen Jungfrauen kaum satt trincken konten. Hierauf
sungen und tantzten sie wechselsweise / in diesem druckten sie den Kampff des
Flusses Achelous wider den Hercules / und die vom schönen Acis verschmähete
Liebe des Polyphemus mit Gebehrden in jenem das Lob des Wassers mit folgenden
Worten aus:
Nun lernen wir: dass nichts so gut /
Als Wasser ist / und so viel nützet.
Es ist / was in dem Tirens Blut
Der gröste Schatz / den man besitzet.
Kein Safft kommt ihm sonst bei / kein Balsam und kein Wein;
Ja auch kein flüssend Gold / kein trinckbar Edelstein.
Denn Wasser tränckt die Erd' und Meer /
Ertzt / Pflantzen / Tiere / ja die Sterne.
Vom Wasser rührn die Seelen her;
Steckt alles nun in diesem Kerne /
So zeucht Egypten es dem Feuer billich für /
Und Persen schlachtet ihm mit Fug manch Opfer- Tier.
Choaspens güldnes Wasser ist /
Noch Ganges diesem zu vergleichen /
Obs Pers' und Inde gleich erkiest /
Nur seinen Königen zu reichen.
Wer dieses einmal schmeckt / verschmäht den Wein gewiss /
Eh / als der vielmahl trinckt / den Brunnen Clitoris.
Des Nilus Wassers Fruchtbarkeit
Mag Memphis beten an und krönen.
Euleens Wasser sei geweiht /
Zur Kost den ält'sten Königs-Söhnen.
Diss Wunder-Qvell benimmt iedweder Flut den Preis /
Fleusst dort der Erde Blut / so qvillt hier Mohnden- Schweiss.
Weil diese Zucker-süsse Bach
Nu uns aus den Gestirnen flüssen;
So gib Diana ja nicht nach:
Dass andre sie / als wir genüssen.
Und setzte statt des Po sie dem Gestirne bei:
Dass sie uns hier der Tranck / im Himmel Leitstern sei.
Bei dem Schlusse dieses Gesanges und Tantzes erschien ein Königlicher Herold /
welcher diesen Jägerinnen folgende Zeitung singende beibrachte:
Es hat in Oetens Berg und Wald
Ein hauend Wald-Schwein sich gefunden /
Von grausen Kräfften und Gestalt /
Es spielt mit den Albaner-Hunden /
Wie mit Kaninichen / ein fleckicht Panter-Tier /
Zwei Zähne ragen ihm wie Elefanten für.
Es reisst Pflantz und Eichen aus /
Zerhauet Netze / brennet Stricke /
Es tritt die Klippen selbst in Graus /
Zerbricht den Stahl wie Glas in Stücke.
Es hat ganz Calydon in Wüstenei verkehrt.
Des Orneus Weinstock liegt zerwielet und verheert.
Des Königes Ergetzligkeit
Vertilgt diss Schwein mit tausend Reben /
Es liegt zernichtet Müh und Zeit /
Nichts wird auch blühn bei seinem Leben.
So ladet Orneus nun zu fällen dieses Schwein /
Durch einen güldnen Preis / so Held- als Jäger ein.
Hiermit nahm er ohne verlangte Antwort mit angemaster Eilfertigkeit / als wenn
er noch viel zu verrichten hätte / seinen Abschied. Atalanta aber nahm diese
Zeitung mit grossen Freuden an / entschloss sich / ihr Heil an diesem Schweine zu
versuchen / und gelobte Dianen auf den Fall des erlangten Obsieges / ein fettes
Opffer zu liefern. Die Arcadischen Jungfrauen müheten sich Atalanten hiervon
abspenstig zu machen; weil sie schon Zeitung hätten / dass Ancäus des Neptuns
Sohn / welcher des Oeneus fürtrefflichen Weinberg hätte angelegt gehabt / von
diesem Ungeheuer wäre erhauen / Meleager des Oeneus Sohn aber gefährlich wäre
verwundet worden / und über diss die gemeine Sage gienge / dass dieses Schwein
nicht von Natur solche Kräfften / sondern etwas Göttliches hinter sich hätte.
Wesswegen auch solches nicht vom Hercules wäre erschlagen / sondern vom Berge
Erymantus / wo er es in dem grossen Schnee gefangen / zum Eurysteus lebendig
gebracht worden. Aber Atalanta liess sich diese Abmahnung nichts irren / sondern
rüstete sich / diss Schwein anzugreiffen. Die Arcadischen Jungfrauen hegten ihr
zu Ehren einen Tantz /darinnen sie die Siege des Hercules wider solche Ungeheuer
fürstellten / und in einem Abschieds-Liede ihr eben so vieler ruhmwürdigen
Taten Ausübung wünschten. Der Schauplatz stellete hierauf das Gebirge Oeta für
/ daselbst fand die ankommende Atalanta eine grosse Anzahl Helden für sich /
welche alle an diesem Schweine ihr Heil versuchen und Ehre erjagen wollten. Unter
diesen war Jason / Teseus / Piritous /Lynceus / Idas / Cäneus / Leucippus /
Acastus / Ampycides / Oeclides / Telamon / Phyleus / Eurytion /Lelex / Echion /
Hyleus / Hippasus / Nestor / Ponopeus / Pollux / Jolaus / Peleus / Proteus /
Cometes. Diese wollten Atalanten / ihres weiblichen Geschlechtes halber / nicht
zur Jagt lassen. Atalanta aber zuckte ihren Jägerspiss / wollte sich nicht
abwendig machen lassen / und erhärtete in folgendem Helden-Liede /dass das
Frauenzimmer nicht weniger als die Männer der Tapfferkeit fähig wären:
Die Zärtligkeit entkräfftet nicht
Der schöne Vorrat unser Brüste
Blässt vielmehr auf der Tugend Licht.
Wenn ich in meinem Busem wüste /
Was / das der Tapfferkeit abbrüchig könnte sein /
Wolt' ich es schneiden ab / und glimmen Eisen weih'n.
Wo Tugend ihren Sitz gewinnt
In Hertzen / nicht in Riesen-Beinen;
Wo eure nun wie unsre sind
Von Fleische / nicht von Ertzt und Steinen.
Wo keines knorplicht ist / Spann-Adern in sich hält /
Was für Gebrechen wird mit Fug uns ausgestellt?
Dass unser Hertz uns vielmahl bricht /
Von zarten Regungen zerrinnet /
Ist keiner Kleinmut Merckmal nicht;
Weil diss / was beugt / vielmahl gewinnet.
Muss doch der harte Stahl zerflüssen von der Glut /
Eh' er wird Lantz' und Schwerdt / und Helden-Dienste tut.
In Männer Hertzen schwimmt kein Blut /
Das mehr als unsers Wärmbde hege;
Und euer lodernd Hertze tut
Nicht mehr als das der Weiber Schläge.
Ihr tadelt euch / wenn ihr uns Ohnmacht tichtet an /
Weil zur Geburt ein Weib mehr beiträgt als ein Mann.
Erwehlt auch die Natur uns aus /
Zur Wirtschafts Sorg' und zum Gebähren;
So sperrt sie uns doch nicht ins Haus /
Wil uns die Waffen auch nicht wehren.
Sie raubt uns nicht das Hertz / haut uns die Hand nicht ab /
Die Helden manches mahl genug zu schaffen gab.
Sind unsre Hände weiss und weich /
Kan man nicht an der Sonne braten;
So zwingt uns unser Feind nicht gleich /
So sind doch auch die Helden-Taten
Nicht wilder Leute Werck / die Berge kehrn in Grauss /
Die Türme tragen feil / und Bäume reissen aus.
Sind unsre Armen eisern nicht /
Versteinet Frost nicht unsre Glieder;
Schwärtzt's Antlitz nicht der Sonnen Licht /
So schlägt doch keine Furcht uns nieder.
Den Honig-Bienen fehlt der scharffe Stachel nicht /
Je zärter Rosen blühn / ie mehr ihr Dorn uns sticht.
Die auch von Raubtiern weiblich sind /
Sind mühsamer mit ihren Füssen;
Sie flügen schneller als der Wind /
Verfolgen schärffer ihr Entschlüssen.
Ja Tauben die man doch von Galle schätzet frei /
Wohnt / wenn sie sind erbosst / mehr Grimm als Adlern bei:
Was streit' ich aber viel für mich?
Was plag' ich mich mit diesem Wahne?
Minerva kämpfft für uns und sich;
Ja selbst die streitbare Diane.
So lange die mit Fug bleibt eine Jägerin /
So lange werff' ich Spiess und Jäger-Horn nicht hin.
Durch die liebliche Stimme Atalantens wurden alle anwesende Helden gleichsam
bezaubert / dass sie nicht nur Atalanten für ihre Mitjägerin erkennten /sondern
auch nach Jäger-Hörnern mit ihr einen artlichen Jäger-Tantz hegten / welcher
aber durch das mit grossem Schäumen auf sie lossgehende Calidonische Schwein
verstöret ward. Hätte Lynceus auch solches nicht zum ersten ersehen / würden
ihrer viel von diesem geschwinden Hauer zerfleischt worden sein / ehe sie dessen
wären gewahr worden. Nichts desto weniger rennete es den Lelex und Pampeus übern
Hauffen / Telamon ward von ihm ins dicke Bein / Jolas in die Hüffte verwundet.
Dem Eurytion hieb es den Bauch auf / dass er seine Därmer ausschüttete. Dem
Phyleus trennte es gar den rechten Fuss vom Leibe / und der gefällte Hippasus
musste durch seine aufgehauene Brust seine Seele ausblasen. Teseus / Pollux /
und die tapffersten Helden konten ihm wegen seiner Geschwindigkeit und gleichsam
geharnschten Haut keinen Streich beibringen / und alle hatten bei nahe das
Hertze verloren / ja die meisten gerieten in die Flucht / als Meleager zwar
diesem Eber mit dem Eisen einen kräftigen Fang auf die Stirne anbrachte /der
schafft aber zerbrach / dass Meleager über und über ging. Dieser würde auch ein
blutiges Opffer seiner Rache gewesen sein / wenn nicht die behertzte Atalanta
ihm einen Pfeil ins Auge / den andern durchs Hertze geschossen hätte / wovon es
zu Bodem fiel /und mit so grossem Schäumen als Blutstürtzung sein Leben verlohr.
So gross die Freude der vorher bestürtzten Helden war / so gross war auch ihr
Frolocken. Sie preiseten Atalantens Sieg und Tapfferkeit in einem zierlichen
Liede / zwischen welches sie ihre Jäger-Hörner wechselsweise bliessen / endlich
ihren Gesang mit folgenden Reimen schlossen:
Das Ungeheuer unser Zeit /
Die Missgeburt der schwartzen Höllen;
Liegt nun mit seiner Grausamkeit!
Kont es kein sterblich Arm nicht fällen /
So muss die Jägerin / die dieses wilde Schwein
Getödtet / Cyntia nicht Atalanta sein.
Hierauf hegten sie mit ihr einen freudigen Sieges-Tantz und sätzten Atalanten
gleichsam als der andern Diana einen Krantz von gelben Schmaltz- oder Moss-Blumen
auf / mit welchem Helichryse vom Ephesus zum ersten Dianen bekräntzet haben
soll. Unter währendem Singen und Tantzen / liess Meleager das Schwein wiegen /
und befand es zwölff Centner schwer. Hernach befahl er ihm den Kopff abzuhauen
/und die Haut abzuziehen / damit er Atalanten beschenckte. Diese hieng ihr diese
Haut wie Hercules die Löwen- und Bacchus die Panter-Haut / über die Achsel: Der
Neid fand sich inzwischen herzu / und folgte Atalanten wohin sie sich wendete /
wie der Schatten dem Lichte nach / sie lachete und zischete hinterrücks die
anwesenden Helden aus / dass sie nicht ein wildes Schwein hätten zu zwingen
gewüst / sondern ein Mägdlein Haut und Kopff zum Siegs Gepränge des weiblichen
Geschlechtes nicht so wohl über das Schwein als die Männer davon tragen liessen.
Diese Beschämung erregte bei unterschiedenen keine geringe Missgunst / sonderlich
da die Arcadischen Jungfrauen kamen / Atalanten mit einem Glückwunsche und
Lobgesange verehrten / und selbten damit beschlossen:
Nicht bildet euch / ihr Männer / ein;
Dass Hercules nur könne dämpffen /
Des Erymantus wildes Schwein
Und wider Löw' und Drachen kämpffen.
Denn nunmehr ist bewehrt durch Atalantens Tat:
Dass es Alciden auch beim Frauenzimmer hat.
Die von grossen Taten schon berühmte Helden liessen sich den Neid / als welcher
allemahl den Abgang seiner eigenen Verdienste verrätet / nichts anfechten; aber
Plexippus und Toxeus die Brüder Alteens /welche des Oeneus Gemahlin und
Meleagers Mutter war / gerieten darüber in eine eiversüchtige Raserei / dass sie
mit ihren Waffen Atalanten den Schweins-Kopff abstreiten wollten. Diese aber
verteidigte sich mit ihrem Jägerspiesse / so lange / biss Meleager darzu kam /
und beiden das Eisen durch die Brust stiess. Die Arcadischen Jungfrauen danckten
Meleagern für diesen Beistand / nahmen den wilden Schweins-Kopff /rühmten dessen
Grösse / und rieten Atalanten / dass sie solchen einem grossen Gotte zum
Gedächtnis in seinen Tempel liefern sollte. Hiermit kamen Sielenus auf einem
Esel mit vielen Satyren und Bacchischen Weibern herzu / welche Atalanten Danck
ablegten /dass er die Calydonischen Gebürge wieder wohnbar gemacht / und des
Oeneus Weinberg wieder anzubauen Gelegenheit verschafft hätte. Sie leschten
hierauf Atalantens Durst mit einem añehmlichen Weine /und baten: Sie möchte den
Schweins-Kopff in den Tempel des heldenmässigen Bacchus abliefern. Atalanta aber
hatte andere Gedancken damit / gleichwol aber brach sie aus selbtem einen Zahn /
dessen Länge sich auf einen Schuch und ein vierdtes Teil erstreckte / welche
denn vom Silenus angenomen / von Satyren und Bacchen mit dessen Abmässung in
einem Tantze ein seltzames Spiel gemacht / und folgends in des Bacchus Tempel
mit grossen Jauchzen geliefert ward. Als diese vorbei / liess sich die Göttin der
Liebe mit zwölff geflügelten Liebes-Göttern aus der Lufft herab. Diese sprach
Atalanten selbst an / sie möchte den Schweins-Kopff als den grösten der Welt zu
Linderung ihres Schmertzens über dem durch dis / oder ein solch Tier ermordeten
Adonis ihr verehren. Aber Atalanta schlug ihr ihre Bitte schlechter dings ab
/und entschuldigte sich / dass sie ihn in ihrem Hertzen schon Dianen gewiedmet
hätte. Ob ihr nun zwar die Liebe einhielt / dass sie bei Dianen mit diesem Opffer
übel ankommen würde / weil sie selbst dem Oeneus dieses Schwein zur Straffe über
den Hals geschicket hätte / nach dem sie unter denen Göttern alleine von ihm
verachtet / und mit keinen Erstlingen der Früchte beschencket worden wäre; so
lachte doch nur Atalanta hierzu / gleich als weñ sie Dianen in der Schoss sässe /
ja ungeachtet die Liebe sie nur um den andern hauenden Zahn ansprach / uñ ihr
hunderterlei Vergeltunge zusagte / würdigte sie ihr doch nicht einst Gehöre zu
geben / sondern machte sich mit ihrem Kopfe aus dem Staube / die Liebe aber
schwur beim Styx sich an Atalanten zu rächen / und befahl ihren Kindern /dass sie
den Meleager / Hippomenes und andere gegen Atalanten entzünden sollten. Diese
schwungen sich empor / hielten in der Lufft einen flügenden Tantz /und
schütteten allerhand Liebes-Blitz und brennende Rach-Fackeln auf die Erde. Der
Schauplatz verwandelte sich hiermit in den Tempel Dianens / in welchem Atalanta
der Göttin mit grosser Andacht und Demut den Schweins-Kopff aufs Altar legte /
und mehr ihrem Beistande als eigenen Kräfften ihren Sieg zuschrieb. Diana aber
stiess solchen mit einem Fusse vom Altare / schalt Atalanten als eine undanckbare
/als welche sich unterstünde ihr ein verstimmeltes Opffer zu bringen / da sie
zumahl den grösten Zahn einem so wollüstigen und ihr widrigen Gotte / wie
Bacchus wäre / abgelieffert hätte. Diana umnebelte sich zugleich und ihren
Tempel mit einer dicken Wolcke /mit welcher Göttin und Heiligtum verschwand /
und Atalanta sich in ein lustiges Gestade des Meeres versätzet sah / allwo die
in Gold und Seide gekleidete Wollust aus einer grossen See-Muschel ans Land
stieg / sich Atalanten näherte / drei an dem Ufer spielende Syrenen aber
Atalanten folgende Reimen fürsangen:
Wer süssem Lieben saget ab /
Ihm vorsetzt Jungfrau zu ersterben /
Der scharrt sich selber in das Grab /
Und will aus Gramschaft Ruhm erwerben.
Er sucht Vergnügungen in Unvergnüglich sein /
Und erndtet lieber Schleen / als süsse Trauben ein.
Er kehrt den Lentz in Winters-Zeit /
Beraubt sichs Frühlings in dem Jahre /
Das Leben seiner Liebligkeit /
Erwehlt zum Bette / Sarg und Baare.
Legt aus den Rosen sich in Disteln / Schnee und Eis /
Und macht aus Bangigkeit sein schnödes Paradeiss.
Er hält für Schwachheit der Natur:
Dass Bäume Blüt und Aepffel tragen.
Und Feindschaft für der Tugend-Spur /
Ja wünscht sich sein selbst zu entschlagen.
Er ist der Erde gram: dass ihr die Sonne scheint
Und dass der Himmel nicht stets wie sein Hertze weint.
Er wünschte: dass die ganze Welt
Läg' unter dem gestirnten Bäre.
Dass seine Seele wie der Belt
Mit Frost und Eis beschlossen wäre.
Dass Bienen trügen Gall an statt des Honigs ein /
Dass nichts nicht möchte schön / und Zucker Wermut sein.
Wie magst du dich denn / holdes Kind /
In deinen eignen Hass verlieben /
Die Augen / die voll Sonnen sind /
Durch finster Sauer-sehn betrüben?
Dem Munde Küsse stehln / dich selbst in dir verzehrn /
Und deiner Brüste Milch in Molch und Gift verkehrn.
Entsteine selber deinen Sinn /
Und stelle dich dir selbst für Augen.
Sei selbst nicht deine Henckerin.
Lass Liebe nicht das Alter saugen
Dir Marck und Anmut aus / und weil die Liebe dir
Selbst aus den Augen sieht / so kämpffe nicht mit ihr.
Dein Antlitz stecket voll Magnet /
Der an sich zeucht der Männer Hertzen.
Und was aus deinen Augen geht /
Ist Schwefel kräfft'ger Zauber-Kertzen.
Du zündest Griechenland durch deinen Liebreitz an /
Wie dass dein Hertze denn nur unverliebt sein kann.
Der Lippen durstiger Rubin
Wünscht so viel Labsal aus dem Küssen /
Als Muscheln Tau an sich zu ziehn
Und Lebens Balsams zu genüssen.
Und durch die schnelle Schwulst der Brüste wird entdeckt:
Dass unter ihrem Schnee kein todtes Feuer steckt.
Drum peinige die Seele nicht /
Treib Kält und Unmut aus dem Hertzen.
Entlarve dein vermumt Gesicht';
Und weil die Mutter süsser Schmertzen
Weiht deinen schönen Leib zum Liebes-Tempel ein /
So lass in solchem nicht die Unhold Abgott sein!
Dieser Sirenische Gesang drang Atalanten nicht nur durch die Ohren / sondern
auch ins Hertze. Sie konnte ihre Gemüts-Veränderung so sehr nicht verstellen
/dass es die Wollust nicht inne ward. Daher sie mit Darreichung einer mit
Edelgesteinen versätzten Perlen-Muschel sie selbst singende anredete:
Ist's / Atalante Wunders wert /
Dass deine Zunge von Gerichten
Der süssen Wollust nichts begehrt?
Denn wer sehnt sich nach frembden Früchten?
Kost' aber nur einmal der Liebe süssen Wein /
So wirst du lüsterner darnach als iemand sein.
Atalanta streckte schon den Arm nach dieser Muschel aus / sie ward aber durch
ein grausames Mord-Geschrei an Annehmung dieses ihr zugereichten Tranckes
verhindert. Denn Altea verfolgte mit zerstreueten Haaren / zerkreileten Wangen
/ feurigen Augen / als eine rasende Unholdin ihren für ihr flüchtigen Sohn
Meleager / und sprang ihm von der nechsten Klippe nach. So bald sie aber
Atalanten erblickte / verdrehte sie ihre Augen / verstellte ihr Antlitz und
Gebehrden /sammlete einen grossen Jäscht für dem Munde / liess aber hiermit von
Meleagern ab / und tastete Atalanten mit einer brennenden Fackel an / schalt sie
eine Mordstiffterin / welche Meleagern bezaubert / und ihn ihre zwei Brüder zu
tödten verleitet hätte. Atalante hielt Alteen nicht nur mit ihrem Jägerspiesse
vom Leibe / sondern Meleager gesellete sich auch mit liebkosenden Gebehrden zu
Atalanten. Dieses verbitterte Alteen auf eine solche Weise / dass sie gleich /
als wenn sie von Sinnen kommen wäre / verzweiffelt herum lief / von den Bäumen
Aeste abbrach / davon mit ihrer Fackel ein Feuer machte / und mit heiserem Halse
zu singen anfieng:
Ihr Parcen / die ihr uns den Drat
Des Lebens spinnet und zerschneidet /
Schaut meines Sohnes Greuel-Tat!
Der sich von seiner Mutter scheidet /
Auf ihre Brüder raas't / den Vater höhnt und kränckt /
Sich an ein geiles Weib durch tumme Liebe henckt.
Euch Parcen und den Himmel denckt
Was ihr mir habt für Trost gegeben /
Als ihr mir einen Stock geschenckt
Zum Pfande für des Sohnes Leben.
Ich hab ihn auch zeiter als grösten Schatz verwahrt /
Vnd hätte für sein Heil nie Seel und Blut gespart.
Nun aber er mein Kind zu sein
Hört auf / und sich zur Natter machet;
So wird mein Mutter-Hertz ein Stein /
Alteens Grimm ist aufgewachet /
Die nun ihr eigen Blut der Rache schlachten will
Sein Lebens-Mässstab sei sein todes Maass und Ziel.
Legt Parcen ihm kein Gold mehr an /
Zerschneid ihm Atropos das Leben.
Vnd lass / auf dass er sterben kann /
Den Stock / den Cloto mir gegeben /
Die Rache bringen her; Zeit / gib die Flügel ihr.
Helfft mir / ihr Furien / auf Straffe sinnen für.
Mein Eyver soll ein Beispiel sein /
Was recht erzürnte Mütter stifften.
Erwürgen / schmettern an die Stein' /
Ersäuffen / hencken / und vergifften
Ist nur gemeiner Grimm / und nur für frembdes Blut.
Gib Rache mir den Stock. Er brenn' in dieser Glut.
Er brenn' / und Meleager auch!
Was sind doch diss für schöne Flammen!
Wie weit verbreitet sich ihr Rauch!
Nun bersten Stock und Sohn von sammen.
Nun werden sie zu Asch! Ihr Kinder kommt herbei /
Vnd lernt: wie scharff die Rach' erbooster Mütter sei.
Bei wehrendem Singen kam die Rache wie ein Blitz durch die Lufft geschossen /
und händigte Alteen den von den Parcen empfangenen Stock ein / von welchem sie
Cloto versichert hatte / dass Meleager so lange leben / als selbter unversehret
bleiben würde. Altea warff diesen Aug enblicklich ins Feuer / bei welchem
numehr auch die Unholden mit Holtz anlegen und aufblasen geschäfftig waren. So
bald er nun Feuer fieng / fieng auch der weit genung davon entfernte Meleager
lichter Loh an zu brennen. Atalanta eilte aus Erbarmnis dem Meere zu / tauchte
ihre Schürtze und Ober-Rock ins Wasser / und war bemühet Meleagern damit zu
leschen. Aber dieses vergrösserte nur die Flamme / gleich als wenn diss Gewand in
Oel getaucht wäre. Ja Atalanta selbst geriet in Gefahr angezündet zu werden.
Daher verfluchte sie die unmenschliche Amaltea / verdammte die Liebe / lobte
die Keuschheit / und machte sich aus dem Staube. Amaltea aber und die Rache
hegten mit denen Unholden einen Siegs-Tantz um den verbrennenden Meleager. In
diesem bildeten sie anfangs den auf dem Berge Oeta von der Deianira Rocke
angezündeten und für Angst sich selbst und den Uberbringer Lichas tödtenden
Hercules / die darüber verzweiffelnde / und den Nessus verfluchende Deianira für
/ von dessen Blute / und des durch den Hercules erschlagenen Drachens Galle /
der überschickte Rock vergifftet worden war. Nach diesem stellten sie die
eiversüchtige Medea für / wie diese des Jasons Braut Creusa / nebst ihrem ihr zu
Hülfe eilenden Vater Creon / durch einen überschickten zauberischen Rock
verbrennte / und ihre eigene mit dem Jason gezeugte Kinder ermordete. Hiermit
verwandelte sich der Schauplatz in andere lustige Gegend / wo Atalanta mit denen
Arcadischen Jungfrauen auf eine neue Jagt Anstalt machte / es brachte die
Wollust aber ihr eine grosse Menge Liebhaber über den Hals / striech eines ieden
Adel / Tugend und Geschickligkeit heraus. Nach dem sie sich nun nicht abweisen
lassen wollte / und Atalanten mit hunderterlei Liebkosungen zusätzte / ward diese
endlich teils durch eigene Vermässenheit verleitet sich zu erklären: dass der /
der ihre Liebe gewinnen wollte / sie vorher im Wettelauffen müste überwunden
haben / und dass ieder unter ihnen ohne Waffen / sie aber mit ihrem Jägerspisse
lauffen / und alle die sie überlieffe / mit solchem durchstechen möchte. Denn /
weil sie wegen ihrer geschwinden Füsse in ganz Grichenland berühmt war / meinte
sie alle von diesem gefährlichen Wettelauffen abzuschrecken. Alleine die Liebe
misset ihr grössere Kräfften zu / als sie hat / und also nahmen die Liebhaber
diese Bedingung an / die Arcadischen Jungfrauen steckten so wohl den Ansatz / als
das Ziel aus / und gaben zum Lauffe das Zeichen. Der mit ihr lauffenden waren
wohl zwölffe / aber Atalanta /welche an Geschwindigkeit einem Rehe nichts nachgab
/ liess einem nach dem andern einen ziemlichen Vorsprung / hernach aber war sie
ihnen wie ein geschwinder Habicht einem Hasen auf dem Halse / und versätzte
ihrer eilffen einen tödtlichen Streich / dem zwölften aber schenckte sie das
Leben / mit der Erinnerung / dass er alle nach ihr lüsterne Männer warnigen / und
ihnen für Augen stellen sollte; wie schlecht es mit denen ablieffe / die sich an
die gewaffnete Keuschheit zu reiben gedächten. Die Wollust und ihre Gefärten
zohen mit Schanden ab. Die Arcadischen Jungfrauen aber hegten einen Tantz / in
welchem sie mit Gebehrden artlich vorstellten / wie Daphne sich in einen
Lorber-Baum / Syrinx in Schilff verwandelt /jene also dem brünstigen Apollo /
diese dem geilen Pan entgangen wäre. Darzwischen aber sangen sie Atalanten und
der Keuschheit folgendes Sieges-Lied:
Ihr Helden! die ihr euch mässt bei:
Dass eure Hertzen von Metallen /
Die Brust aus Ertzt und Eisen sei /
Für welchem alles müsse fallen.
Die ihr die Tapfferkeit nur wilden eignet zu /
Kommt / seht verwundernd an / was reine Keuschheit tu.
Wie wenig kennen diese sie /
Die sie zur Polster-Tocke machen;
Als wär' ihr Tun geringe Müh /
Ein Spiel mit angenehmen Sachen.
Als legt' ihr eigen Feind ihr Teppicht' untern Fuss /
Ihr Anfall wäre nichts als Liebreitz / Bitt / und Kuss.
Die Keuschheit muss vielmahl das Weib
Ziehn aus / und sich mit Helden schlagen /
Mit Schilden waffnen Arm und Leib /
In Händen Spiss und Messer tragen /
Offt Dräuung tauern aus mit Kercker / Folter / Pein /
Ja ein erschrecklich Tod muss ihr kein Greuel sein.
Die Lilgen sind ein Ebenbild
Zwar ihrer Unschuld / nicht der Stärcke /
Wenn sie die Distel nicht umhüllt /
Hingegen ihren Glantz und Wercke
Mahln Rosen herrlich ab: dern Purpur schmückt ihr Haupt /
Die Dörner waffnen sie / dass sie Gewalt nicht raubt.
Der Atalanta Beispiel lehrt:
Wie Ros' und Keuschheit können stechen.
Wer einig Blat an ihr versehrt /
Muss überwinden oder brechen.
Denn Schamröt ist ihr Schild nur wider Zung und Mund /
Wer tätlich ihr setzt zu / wird von den Dornen wund.
Wenn aber auch der Keuschheit Feind /
Mit Zucker-Pfeil- und Blumen-Schwerdtern
Sie zu bewältigen vermeint /
Ihr sätzet zu mit Bisam-Wörtern /
Wenn er ihr Pflaumen streicht / ihr Amber-Körner streut /
So siegt die Keuschheit doch nicht ohne Tapfferkeit.
Denn zu so holder Lockung schlägt
Sich die Natur mit allen Sinnen.
Ja unser eigen Hertze trägt
Vns zu dem süssen Liebgewinnen /
So geht ein Bürger-Krieg in unsern Seelen an /
Dass die Vernunft mit Not so vielen steuern kann.
Man wird verletzt / und fühlt es nicht /
Man leidet Schiffbruch ohn' Empfinden;
Wenn uns der Feind so sanft anficht
Vnd Liebreitz spielt mit uns des blinden.
Es geht uns wie dem Stahl / den der Magnet nicht rührt /
Vnd der doch ohne Zwang sich fortgezogen spührt.
Durch so geheime Zauberei
Spielt sich der Liebe Gift ins Hertze.
Braucht sie denn Perl und Gold darbei
Vnd der unleschbarn Ehrsucht-Kertze /
Greifft sie die Ehr' uns denn gar mit Verläumdung an /
So ist kein Hercules / der ihr begegnen kann.
Viel die den Löwen obgesiegt /
Die Städt' und Schlösser eingenommen /
Die mehr als eine Welt bekriegt /
Sind hier um Ihren Siegs-Krantz kommen.
Das weibliche Geschlecht hat nur den Sieges-Ruhm;
Der Wollust Meister sein / ist unser Eigentum.
Verdient die Jungfrauschaft nun nicht /
Mit Atalantens Helden-Taten;
Dass man ums Haupt ihr Lorbern flicht /
Denn Ehre tingt die Tugend-Saaten.
Doch nein; der Keuschheit taug nur Gold / kein Baum- Blat nicht /
Weil jene keine Lust / diss keine Glut anficht.
Uber diesen letzten Worten sätzten sie Atalanten einen Krantz von güldenen
Lilgen und Rosen auf. Hippomanes / welcher diesem blutigen Wettelauffen und
diesem Siegs-Gepränge zugesehen hatte / entbrandte durch heftige Liebe gegen
Atalanten. Sintemahl diese zarte Regung durch Keuschheit / wie das Griechische
Feuer durch kaltes Wasser nicht weniger als durch Oel entzündet wird. Gleichwol
aber hielt ihn der erlegten Liebhaber trauriges Beispiel zurücke / seine liebe
Atalanten zu eröffnen / und es mit ihr anzunehmen. Nach dem er sich nun mit
Gedancken eine gute weile geschlagen hatte / nahm er ihm für die Götter zu
seinem Beistande zu erbitten. Hiermit verwandelte sich der Schauplatz in einen
herrlichen Lust-Garten / welcher den auf zwölff Säulen in die rundte gebauten /
und auf allen Seiten offenen Tempel der Venus umgab. In diesen verfügte sich
Hippomanes /fiel für ihrem Altare auf die Knie / und opfferte ihr singende diss
Gebete:
O Liebe! welcher Lauff so fern
Als Erd und Himmel sich erstrecket /
Die du bist Morg- und Abend-Stern /
Von der die Sonne wird erwecket /
Dass sie aus Tetis Schoss so rüstig stehet auf /
Der Eos Flügel gibt / beseel' auch meinen Lauff.
Gieb deine schnelle Federn mir
Vmb Atalanten fürzukommen;
Die so hochmütig spricht von dir /
Vnd allen hat den Mut genommen.
Es liegt dein eigen Ruhm / der Welt ihr Heil daran
Zu lehrn: dass Keuschheit nicht die Liebe pochen kann.
Das auf einer Schnecke stehende Bild der Göttin gab dem Hippomanes folgende
Antwort:
Welch Irrtum / was für Einfalt hält
Dich und dein blindes Hertz umgeben?
Meinstu / dass Liebe wird vergällt
Von Keuschheit / die mir gibt das Leben.
Die Lieb entspringt aus ihr / wie Perlen aus der Flutt /
Vnd wo ihr Oel nicht rinnt / ist Liebe schnöde Glutt.
Ihr Weirauch macht die Flamme rein
Im Tempel der verliebten Hertzen /
Was anfangs auch ist Eis und Stein
Fühlt nachmahls mehrern Brand und Schmertzen.
Vnd Atalanta wird wie Schwefel brennend sein /
Wenn meinen Balsam ich ihr werde flössen ein.
In meinem Garten ist das Gold
Drei schöner Aepffel aufzufinden.
Daran hängt Atalantens Hold /
Vnd sie dadurch zu überwinden.
Ihr erster Anblick wird ihr hemmen Fuss und Lauff /
Den Sieg dir öffnen / ihr das Hertze schlüssen auf.
Hippomanes bückte sich für der Göttin mit andächtiger Demut / ging hierauf im
Garten herum / und bat die Göttin singende / sie möchte ihn auf den rechten Pfad
führen die beschriebenen Aepffel zu finden. Endlich fand er sie beisammen auf
einem Granat-Apffel-Baume stehen. Worauf er sie folgender Weise ansang und
zuletzt abbrach:
Diss muss der Schatz o Göttin sein /
Der Atalantens Hertz soll stehlen.
Nimmt er mir Seel und Hertz doch ein /
Drum kann der Göttin Wort nicht fehlen.
Mich dünckt ich sehe schon / wie Atalantens Fuss
Mit ihrem Aug' erstarrn / und sich verspielen muss.
Vergebt ihr güldnen Aepffel mir /
Ihr Glückes-Kugeln meiner Liebe /
Dass euch ein sterblich Mensch berühr' /
Denn wenn hier euer Reichtum bliebe /
So würd' ein grosser Sieg der Göttin bleiben nach /
Mein Lieben Ohnmacht sein / mein Leben Vngemach.
Seid aber ihr ganz unbewahrt /
Lässt euch die Liebe nicht bewachen?
Ich find hier keine Spur noch Fart /
Ich sehe weder Hund noch Drachen.
Es sticht kein neidisch Aug' / und zaubrisch Maul mich an /
Greiff zu / Hippomanes / nichts ist / das hindern kann.
Als Hippomanes die güldnen Aepffel abgebrochen hatte / tantzte er alleine mit
seinem Schatten / und stellte in diesem Tantze den Hercules für / wie er im
Garten der Hesperiden den zu Bewachung ihrer güldenen Aepffel bestellten Drachen
tödtete / und diese Frucht davon trug. Hierauf versätzte der Schauplatz durch
seine Verwandelung den Hippomanes wieder in die Gemeinschaft Atalantens und der
Arcadischen Jungfrauen. Er forderte sie auch alsofort zum Wettelauff aus / sie
aber wiess ihm die aufgesteckten Köpffe der überwundenen Liebhaber / und mühte
sich ihm seine Vermässenheit auszureden / weil sie mit seiner Jugend Erbarmnis
trüge / das der Diana getane Geliebde ihr aber hernach seiner zu schonen nicht
verstattete. Hippomanes aber erklärte sich / dass er sie diesen Tag entweder
seiner Liebe einweihen / oder von ihren Händen Dianen geopffert werden wollte.
Die Arcadischen Jungfrauen hatten mit ihm ein gleiches Mitleiden / und mühten
sich / aber vergebens / ihn von seinem Vorhaben abwendig zu machen. Hiermit war
das Ziel ausgesteckt / Hippomanes hatte nur seinen Vorsprung genommen / als er
einen seiner Aepffel auf die rechte Seite warf / welcher Atalanten auf eine
solche Weise in die Augen stach / dass sie aus dem Wege dem Apffel zulief / und
ihn aufhob. Gleichwol holete sie den Hippomanes ziemlich ein /und nötigte ihn
den andern Apffel noch weiter aus dem Wege auf die lincke Seite zu werffen.
Diesem lief sie noch begieriger nach / als dem ersten / weil die Lüsternheit
durch Empfang eines Dinges / wie das Feuer durch Holtz nicht gesättiget /
sondern nur mehr entzündet wird. Gleichwol war ihre Geschwindigkeit so gross /
dass sie nach Aufhebung dieses andern Apffels / dem Hippomanes wieder auf den
Hals kam /welcher den dritten Apffel schnur gleich zurücke warf. Als Atalanta
sich umwendete auch diesen zu holen /rufften ihr die Arcadischen Jungfrauen zu /
sie sollte durch Geitz sich selbst nicht verspielen / denn Hippomanes wäre nicht
ferne vom Ziele. Aber Atalanta war von Begierde blind oder bezaubert / und liess
ihr träumen / dass wenn sie noch diesen dritten Apffel bekäme / wollte sie den
Zwist zwischen der Juno / Pallas und Venus / durch derselben Austeilung
vergleichen /den Paris durch den eintzelnen Apffel der Eris zwischen ihnen
erregt hatte. Weil nun Atalanta dem dritten Apffel nachlief / erreichte
Hippomanes das Ziel /welcher alsbald mit heller Stimme zu singen anfieng:
Nun hab ich Ziel und Sieg erreicht /
Gieb Atalanta dich gefangen.
Doch dein Verlust ist ausgegleicht /
Du kanst mit güldnen Aepffeln prangen.
So bringt das Verspieln im Lieben nur Gewien /
Und reine Keuschheit kann aus Liebe Zucker ziehn.
Nicht miess es meiner Klugheit bei /
Von mir ist nicht die List geflossen.
Dass Atalanta meine sei
Hat das Verhängnis selbst geschlossen.
Die Aepffel / die du trägst / sind reiner Liebe Frucht /
Durch welche sie mein Heil und dein Vergnügen sucht.
Die Keuschheit der du dich vermählt /
Wird meine Liebe nicht zernichten.
Wer mit der Jungfrauschaft sich qvält /
Speist sich nur mit den bittren Früchten
Der Keuschheit / welche doch die süssten Trauben trägt
Wenn sie mit reiner Brunst sich zu vermischen pflegt.
Atalanta schien anfangs ziemlich beschämt zu sein; sie erholete sich aber bald /
und trat dem Hippomanes mit einem freundlichen Antlitze unter Augen. Ja es
schien / als wenn diss in einem Augenblicke alle vorige Ernstaftigkeit abgelegt
/ und sich aus einer bangsamen Wildnüss in einen Rosen-Garten verwandelt hätte;
sonderlich da sie mit ihrer anmutigen Stimme in des Hippomanes Liebe willigte:
Ja ich erkenne mich besiegt /
Mein lüstern Aug' und mein Verlangen /
Das uns meist viel Verlust zufügt /
Hat mich verleitet und gefangen.
Weil deine Liebe denn mit Keuschheit ist vermählt /
So sei durch diese Hand zu meinem Schatz erwehlt.
Diana nim für Schmach nicht an /
Mein durch die Eh verändert Leben.
Denn mit der Jungfrauschaft pflegt man
Nicht bald die Keuschheit aufzugeben.
Ich will der Liebe nur die Nächte teilen ein /
Der Tag soll steter Jagt und dir gewiedmet sein.
Ihr holden Schwestern gute Nacht;
Verdammet nicht als Uppigkeiten /
Dass Atalanta Hochzeit macht /
Wer kann der Liebe widerstreiten?
Wir jagen Wild / sie uns Und wenn der Himmel will /
So werdet ihr / wie ich / sein ihrer Pfeile Ziel.
Hippomanes und Atalanta tantzten hierauf mit einander / und drückten darinnen
nicht weniger ihre Vergnügung als ihre heftige Liebes-Regungen aus. Nach dem
die Arcadischen Jungfrauen ihnen mit Fleiss zugesehen hatten / stimmeten sie
folgendes Lied an /und hiermit Atalantens Liebe bei:
Wenn Keuschheit sich von Einsamkeit
Und von der Jungferschaft lässt scheiden /
Was führn wir wider Liebe Streit?
Was wolln wir ewig Kälte leiden?
Was schlüssen wir uns stets in öde Wildnüss ein
Und tun uns selber weh um andern feind zu sein.
Wir sind viel wilder als das Wild /
Weil Wölffe / Bär' und Panter lieben /
Die Brunst ihm Hirsch / und Löwe stillt /
Wir aber nichts als Gramschaft üben.
So lasst die Wildnüs nun / die Unart legen hin /
Nach Atalantens Art / entsteinern Hertz und Sinn.
Ihr rauen Forste gute Nacht!
Wir wolln in grünen Lust-Gepüschen /
Wo Erd' und Himmel Hochzeit macht /
An Au-und Qvellen und erfrischen.
Ihr Wälder / derer Grund kein Luchs und Wolff betrit /
Beherbergt uns / und teilt uns Lust und Liebe mit.
Als die Jungfrauen kaum ihren Gesang beschlossen hatten / sprangen aus dem
Lust-Walde / gegen den sie sich wendeten / zwantzig junge und nicht minder
schöne als wohl geputzte Schäfer herfür / welche die Arcadischen Jungfrauen durch
höflichste Gebehrden und folgendes Lied zu ihrer Liebe rejetzten:
Wie seelig sind die Seelen doch
Die sich bei Zeite fühlen lernen /
Die von Dianens strengem Joch'
Und ihrer Unart sich entfernen.
Wie seelig den der Geist der süssen Liebe regt /
Und der nicht Eyss für Blut in seinen Adern trägt.
Solch Feuer flösst der holde Schein
Des Liebes-Sternes unsern Seelen
Mit erster Milch der Mutter ein.
Ihr aber friert in finstern Hölen /
Und wenn der Himmel euch nicht sonderlich beglückt
So bleibt ihr biss ins Grab mit Eis und Frost bestrickt.
Doch ist kein Hertze so Eys-kalt /
Das nicht von Liebe schmeltzt und rauchet /
Wenn sie die zaubrische Gewalt
Der dreien güldnen Aepffel brauchet /
Worfür ein Felsen-Hertz wie Ertzt von Glut zerrinnt /
Und diss / was Spinnen-feind einander lieb gewinnt.
Denn Schönheit / Witz und Freundligkeit /
Ist's Marck in diesen güldnen Früchten.
Wen diese fordern aus in Streit /
Der muss sich geben oder flüchten.
Wie weisslich tut ihr nun / dass ihr kein Wild mehr jagt
Nun ihr schon selber Pfeil' in Aug und Hertzen tragt.
Wir aber sind das rechte Wild /
Das ihr durch Liebreitz habt erleget:
Das euer Seelen Wunsch erfüllt /
Und niemals übers Netze schläget.
Kommt / brennt und schlachtet uns / der Brand von euer Brust /
Der Tod von euer Hand ist unser Glück und Lust.
Wir sind der güldnen Zeit ihr Bild /
Nach dem ihr eifrig sollet trachten.
Ein Jäger ist zwar nicht ein Wild /
Doch minder als ein Mensch zu achten.
Ein Schäffer aber ist / zwar nicht den Göttern gleich /
Doch mehr als sonst ein Mensch / sein Gut ein Königreich.
Nach vollendetem Gesange fasste Atalanta den Hippomanes / jede Jägerin einen
Schäffer bei der Hand /und hegten einen künstlichen Liebes-Tantz; in welchem
Hippomanes und Atalanta allemahl den Reien führten / oder im Kreisse das Mittel
machten. Die Schäffer und Jägerinnen führten mit einander darinnen einen Streit
/ und brauchten sich jene ihrer Stäbe /diese ihrer Spiesse zu Waffen. Hernach
verwechselten sie sie mit einander / und endlich zerbrachen sie die Jägerspiesse
gar / in iedem Schäfferstabe aber steckte noch ein ander / welchen die Schäffer
heraus zohen /und also iegliche Jägerin mit einem Schäffer-Stabe ausrüsteten.
Hiermit verschwand in einem Augenblicke alles / und der Schauplatz stellte nach
seiner Veränderung die Liebe auf einem prächtigen Sieges-Wagen für / an welchem
Elephanten / Löwen / Pferde / Tiger / Hirsche und andere Tiere zohen; die
grossen Götter / die berühmtesten Könige und Helden der Welt ihre Sieges-Zeichen
fürtrugen / die Natur aber mit dem Titel der Liebes-Amme / das Glücke mit dem
der Liebes-Priesterin prangte. Als sie durch eine prächtige Sieges-Pforte
gefahren war / kam ihr die Keuschheit auf einem niedrigen mit Lilgen / aber
zugleich mit vielen Disteln umflochtenen Wagen /welchen zwei weisse
Maul-Eselinnen zohen / entgegen. Sie bückte sich gegen der Liebe mit tieffster
Ehrerbietigkeit / überreichte ihr einen Pusch weisser Lilgen / und sang folgende
Reime:
O grosse Göttin welcher Licht
Ist reiner als der Himmels-Kertzen.
Mir ist nunmehr verborgen nicht /
Wie fälschlich dich Verläumbder schwärtzen.
Wie sie mit Hütten-Rauch als einen Wurm dich mahln
Für dem Harpyien mit vieler Schönheit prahln.
Kein Crocodil / kein wilder Stier /
Kein Wasser-Pferd / kein Ungeheuer /
Kein rasend Wolff und Pantertier
Soll hegen so viel schädlich Feuer.
Ja Lernens Schlange soll nicht haben so viel Gift /
Als der vergällte Neid an reiner Lieb' antrifft.
Du sollst der Vrsprung aller Pein /
Die Henckerin der Hertz- und Seelen /
Der Jugend ärgster Gift-Pful sein /
Ja aus des Abgrunds schwartzer Hölen.
Von Kröt- und Nattern kommt nichts schädlichers herfür /
Als diss / was man ersinnt / und Bosheit eignet dir.
Man hängt dir Kot und Vnflat an /
Weil niemand Lieb und böse Lüste
Vernünftig unterscheiden kann;
Man machet deine Mutter-Brüste
Zu einem Geilheits-Qvell / und einer Vnglücks-See /
Kleibt Krebs' auf ihre Ros' und Molch auf ihren Schnee.
Man misset dir aus Argwohn bei /
Dass Wolff und Schaf eh als die Liebe
Mit Keuschheit zu vermählen sei.
Man macht aus ihrem fruchtbarn Triebe
Gesammter Laster Keim / die Wurtzel wilder Glut
Die alle Tugend dämpfft / dem Leben Abbruch tut.
Nach dem ich aber dich erkennt /
Find ich / dass deine Glut im Hertzen
So rein als im Gestirne brennt /
Dass du Vergnügung schaffst mit Schmertzen;
Du giebst den Sternen Oel / der Erde Saltz und Safft /
Ja auch die Keuschheit kriegt von dir Geruch und Krafft.
Denn ob die geile Wollust gleich
Mit ihren Blumen uns vergifftet.
Ihr Amber Atem machet bleich /
Ihr Irrlicht tausend Vnheil stifftet.
Ihr Glantz den Strahlen kommt der Schwantz-Gestirne bei /
Ihr Werck nur Bländung ist / und tumme Zauberei.
So kann doch diss der reinen Glut
Aufrechter Liebe nichts benehmen.
Die Neben-Sonne wird zur Flut /
Wenn die wahrhafte Gold kann sämen.
Der Purper auf Napel fleckt den der Rose nicht.
Denn jener bleibet Gift / der ein erqvickend Licht.
Weil meine Lilgen nun so rein /
Dass sie der kleinste Staub beflecket.
Die Rosen wohl gewaffnet sein /
Vnd' rings herum der Dorn sie decket.
So kann mir nichts an Lust / dir nichts an Vnschuld fehln /
Wenn dieser Flammen sich mit jener Schnee vermähln.
So nimm nun meine Lilgen hin /
Vm deine Rosen zu bedienen.
Grossmächtige Beschirmerin!
Dein Blitz der feurigen Rubinen
Giebt meinen Perlen Glantz und diesen jenen Schein.
Dein Rosen-Haupt mag Sonn' / ich Lilge Mohnde sein.
So wird durch unsern Heirats-Schluss
Die Vnter-Welt zum Himmel werden.
Von Sternen wird ein Balsam-Fluss
Durch uns stets strömen auf die Erden.
Nichts gifftiges wird dich / kein Wermut mich vergälln /
Aus Keuschheit Anmuts-Milch / aus Liebe Tugend qvälln.
Die Nattern werden ihren Tod
Hier finden / und ihr Gift verlieren.
Kein Kefer wird mehr seinen Kot
Auf unsre Ros' und Lilgen schmieren.
Die Raupe wird uns nicht mehr fressen Blüt und Frucht /
Mich wird kein Zwang mehr qväln / dich keine Eyversucht.
So nimm nun grosse Königin /
Die Götter / Tier' und Menschen ehren /
Mich an für deine Priesterin /
Weil niemand doch der Liebe Lehren /
Vernünftiger / als ich / Liebhabern geben kann.
Dann wird dich alle Welt als Göttin beten an.
Die Liebe stand nach geschlossenem Gesange auf /antwortete ihr mit einer hellen
und durchdringenden Stimme / mit folgenden Reimen:
Komm Keuschheit / spanne neben mich /
Lass uns vermählen Ros' und Lilgen.
Ich küsse nun als Schwester dich /
Kein Zwist wird unser Bündnis tilgen.
Da Lieb' und Keuschheit nun zusammen Hochzeit hält
So kommt die güldne Zeit / die Wolfart erster Welt.
Hierüber reichte die Liebe der Keuschheit die Hand /küsste und umarmte sie / und
sätzte sie neben sich auf ihren Wagen / welcher beide in die Lufft empor führte
/ und sie in das Gewölcke versteckte. Dieses breitete sich aber über den ganzen
Schauplatz und die Königliche Rennebahn aus / und regnete über alle Zuschauer
mit grossem Hauffen Rosen und Lilgen / welche nun auch mit grosser Vergnügung
nach Hause kehreten / nach dem die Augenbranen der Morgenröte schon gegen Ost
hervor blickten. Der Vorwitz war zwar über der Ausdeutung dieses Schauspieles
sorgfältig und iedermann hielt die Fürstin Adelgunde durch Atalanten
vorgestellt; aber weil noch niemand zu erraten wusste / wer das Glücke sie zu
überkommen haben würde / konten sie über dem ungewissen Hippomanes nicht einig
werden. König Marbod hielt folgenden Mittag ein grosses Mahl dem Könige Vannius
und allen anwesenden Fürsten / welches biss zur Dämmerung tauerte / welche Zeit
Vannius zu Vorstellung seines dritten Schauspieles ihm schon ausgebeten hatte /
niemand auch wegen grosser Begierde den Ausgang zu sehen / solche zu verlängern
geneigt war.
    Als der Hof und die Zuschauer nun wieder alle Plätze erfüllet hatten /
öffnete sich der Schauplatz /stellte neben einer bergichten Meer-Enge eine
schöne Stadt / darinnen einen grossen Tempel / und nicht ferne davon einen
Lust-Garten für / in welchem alle Bäume mit güldenen Aepffeln behenckt waren.
Für diesem Garten ging ein grosser Drache mit feurigen Augen auf und nieder /
welche selbiger Gegend fast mehr Licht gaben / als der nicht mehr weit über der
Erden-Fläche stehende halbe Mohnde. Vom Himmel fuhr in Gestalt eines fallenden
Sternes die Eyversucht herab / und liess sich nicht weit von dem Drachen nieder /
fieng auch alsofort an zu singen:
Lasst euch nicht seltzam kommen für:
Dass mit beperlten Purper-Flügeln
Die Eyversucht erscheint allhier:
Dass sich die Sternen an mir spiegeln
Ja / dass ich als ein Stern vom Himmel fahr hiehers /
Die Höll' ist mir zu schwartz / die Erde mir zu schwer.
Mein Vaterland die Nacht hab' ich
Verwechselt mit den Himmels-Zinnen.
Denn Juno liebt und küsset mich /
Weiss ohne mich nichts zu beginnen.
Da ieder Stern ihr fast bringt Eyver und Verdacht /
Weil iede Hur ihr Mann zu einem Sterne macht.
Selbst Jupiter verehret mich:
Dass ich sie nicht zu sehr entrüste;
Vnd wenn Ixion rühret sich /
Vulcan saugt meine Milch und Brüste.
Nun ich im Himmel denn so mächtig worden bin /
Wünsch' ich mir auch allhier zu werden Gärtnerin.
Hier lieget der Begrief der Welt /
Der Garten / der die Wunder-Schätze
Der güldnen Aepffel in sich hält.
O aber seltzames Gesätze!
Das einem Drachen nur räumt die Verwahrung ein /
Diss kann's Verhängnisses vernünftig Schluss nicht sein.
Nichts desto minder fällt mir bei:
Dass des Aeetens güldner Wieder
Auch unters Drachen Auffsicht sei /
Vnd wo man fährt zum Pluto nieder /
Vnd ganz Lanuvium steht unters Drachen Hut /
Dem seiner Jungfraun Hand bringt Speis' und oft ihr Blut.
Was mag der Himmel ihm doch wohl
An Drachen ausersehen haben?
Zumahl auch Glück und Klugheit soll
In seinem Bilde sein vergraben.
Des weisen Orpheus Haupt / das alle Welt hielt wert /
Ward so / wie Arolus / in Drachen nur verkehrt.
Was aber ficht mich dieses an?
Weil die den Göttern kann gebieten /
Auch das Verhängnis meistern kann /
Ich will und muss den Garten hüten.
So must du / Drache / nun mir weichen oder fühln:
Wie ich die Rache werd' an deinem Blute kühln.
Jedoch ists keine Kurtzweil nicht
Mit Drachen sich in Krieg einlassen;
So Löwen halten das Gewicht' /
Vnd sich mit Elefanten fassen.
Doch Drach und Elefant sind Zwerge gegen der /
Die ihre Sieges-Fahn von Göttern dringet her.
War Cadmus so behertzt und klug:
Dass er den ungeheuren Drachen
Bei des Libetris Brunn erschlug /
Als er ihn meinte zu bewachen.
Dass niemand würde nicht genossbar seiner Flut /
Wie soll es mir diss Tier zu tödten fehln an Mut?
Der Sternen Glantz der mich bedeckt
Mit Spiegeln / bländet ihms Gesichte.
Und was in diesem Kuchen steckt /
Ist ihm ein tödtliches Gerichte.
Medeens Kräuter sind bei meinem Kinder-Spiel:
Sie schläfft nur Drachen ein; Ich tödte wen ich will.
Wie wachsam bistu tummes Tier;
Du kommst dem Tod' und mir entgegen.
O dass die albern Menschen dir
Wahrsagungs-Krafft zueignen mögen!
Du siehst mich / und wirst blind. Nim Gift und Honig hin.
Er frisst. Nun streckt er sich. Ich bin schon Meisterin.
Sein Wanst zerschwillt ihm wie ein Fass /
Nun wirfft er aus die Eingeweide /
Er speiet von sich alles Nass'
Auf dass sein Balg zu einem Kleide
Und langem Auffentalt so viel geschickter sei.
Ist nicht die Eyversucht die klügste Zauberei?
Wird aber mir wohl stehen an
In einer Drachen-Haut zu wohnen /
Die ich den Himmel meistern kann
Mit Purper-Spiel und Königs Kronen?
Ja wohl! Denn Phöbus wird zum Drachen in Epir /
Beim Brunn' Ismenius ist Mars ein solches Tier.
In Indien verehret man
Den Bacchus in Gestalt des Drachen.
Auch nimmet Esculap' sie an /
Wenn Götter sich ansehlich machen /
So muss der Ceres Haupt / Minervens stählern Schild /
Dianens Jägerspiss mit Drachen sein umhüllt.
So wohl Saturn als Ceres mag
Mit nichts als schnellen Drachen fahren.
Die Drachen trifft kein Donnerschlag /
Sie und das Glücke sind zu paaren.
So wird mir Eyversucht wohl nicht verschmählich sein
Wenn ich in diesen Leib des Drachens wander' ein.
Man hat ihm vor schon Opffer bracht /
Altar und Priester ihm bestellet /
Ja einen GOtt aus ihm gemacht /
Vnd eh' ers Urtel hat gefället /
Was künftig wird geschehn / hat niemand was getan
Nun wird ganz Africa in ihm mich beten an.
Man wird des Drachen Opffer mehrn /
Mir wie der Liebe Tempel bauen /
Wenn man wird von den Wundern hörn /
Die man bei Abila kann schauen.
Ich will durch meinen Witz erhärten: dass die Welt
Nichts für so klug und gross / als mich im Drachen hält.
Der Löw ist zwar der Sonnen Haus /
Der Mohnde lässt ins Krebses Zeichen
Die allerstärckste Würckung aus.
Ich herrsche zwar in allen Reichen /
    Vnd bin bald Hund / bald Bär / bald Hirsch / bald Luchs / bald Schwein /
Im Drachen aber werd' ich erst recht Riese sein.
Uber diesem Singen gab der den Garten der Hesperiden bewachende Drache seinen
Geist auf / welcher aber / nach dem sich die Eyversucht in selbten versteckte
und ihn beseelte / sich wieder regte / aufstand / und mit feurigern Augen / als
iemahls vorher leuchtete. Als kurtz hierauf sich die Morgenröte auf der Spitze
des Berges Abila und Calpe blicken liess /fieng der Drache an Feuer auszuspeien /
und so schrecklich zu zischen / dass die Gebürge davon bebeten. Der zu seiner
Speiss- und Versöhnung bestellte Priester kam zu ihm / und sätzte ihm eine Schale
voll Granat-Aepffel und Datteln für / aber der Drache stiess beides übern Hauffen
/ und gab mit vielen aus den Nasenlöchern geblasenen / und aus dem Rachen
geschütteten Flammen seinen Grimm und Unwillen zu verstehen. Der Priester fiel
für ihm auf die Knie /nennte ihn den Schutz-Geist Africens / den mächtigen
Schatz-Meister des Verhängnisses über die güldenen Aepffel / den Wahrsager
künftiger Zufälle / und einen heilsamen Gesätzgeber. Durch solche Demütigung
besänftigte der Priester ein wenig dieses rasende Tier / welches nach vielem
Schnauben ihm endlich diesen Befehl erteilte:
Geh' in Astartens Tempel hin /
Den heut Antäus ein wird weihen /
Vnd melde / dass ich zornig bin.
Ich werd' es ihm auch nicht verzeihen
Dass er der Liebe viel / mir kein Altar gebaut /
Biss mir geopffert werd' Antäus eigne Braut.
Inzwischen ward der vorhin gleichsam in einem Nebel versteckte Tempel in einem
Augenblicke oben mit einem Krantze von vielen tausend Lampen / unten mit
unzählbaren Fackeln erleuchtet. Das Bild der Göttin stand auf einem güldenen
Altare in der Mitte des rundten Tempels / dessen Wände von grossen
Spiegel-Taffeln gemacht waren. Es hatte oben die Gestalt eines nackten
Frauenzimmers / unten einen rückwerts gekrümten Fisch-Schwantz. Uber der Stirne
ragten zwei Ochsen-Hörner herfür / welche einen halben Kreis oder Mohnden
machten. Auf dem Haupte hatte sie einen Krantz von grossen Rubinen / welche den
Glantz der Stirne beschämten. Für diesem Bilde fiel König Antäus / und nebst ihm
seine Tochter Alceis darnieder und beteten / als inzwischen die Priester auf der
Seite das Opffer-Feuer mit vielem Weirauch erfrischten. Hierauf kamen
unterschiedene Priesterinnen / holeten die Alceis ab / und führten sie aus dem
Tempel / zu einem überaus grossen Brunne / neben welchem zwei weiss-marmelne
Säulen mit dieser Uberschrifft standen: Wir sind die / welche für dem Rauber
Josua entflohen. In diesem Brunne badeten sie die Fürstin Alceis / balsamten sie
ein / hernach legten sie ihr einen priesterlichen Schmuck von vielen Perlen und
Edelgesteinen an / führeten sie wieder zum Bilde der Göttin / allwo sie numehro
die Stelle der obersten Priesterin vertrat / und das Blut der unzählbaren Tauben
/ welche die Priester schlachteten / in ein güldenes Becken auffing. Alle /
welche im Tempel die Andacht verrichteten / kamen für das Altar / und Alceis
bezeichnete mit ihrem ins Blut getauchten Finger eines ieden Augenbranen. Der
König sass nahe darbei auf einem güldenen Stule. Unter andern kam auch ein
Frauenzimmer von etwan funffzehn Jahren dahin / welcher weisse Haut den Schnee /
die Augen Pech / die Lippen Zinoder wegstachen; Und ihre Bildung hätte kein
Bildhauer geschickter ersinnen können. Antäus hatte sie so geschwinde nicht
erblickt /als seine Augen und Gebehrden seine Liebe verrieten / er folgte ihr
auch auf der Fersen nach / und hielt sie im Vorhofe des Tempels mit ihrer
Ansprache auf. Sie begegnete ihm höflich / und gab ihm auf seine Befragung
Antwort: Sie hiesse Tingis / wäre von Mycene /und in einem Grichischen Schiffe
auf Anreitzung ihrer Anverwandten zu Verrichtung ihrer Andacht dahin kommen /
weil ihr geträumet hätte: Sie käme in Africa in einen Garten / darinnen sätzten
ihr des Atlas Töchter einen Krantz von güldenen Aepffeln auf. Antäus nahm sie
hiermit bei der Hand / und versicherte sie; dass ihr diesen Tag ihr Traum wahr
werden würde. Als diss im Vorhofe geschah / kniete ein wolgebildeter Ritter in
Hispanischer Tracht für der Alceis nieder /welcher / nach dem sie ihn gleich mit
dem Opffer-Blute bezeichnet hatte / aufzustehen vergass / und bei ihrer
unverwendeten Anschauung gleichsam in ein Marmel-Bild sich versteinte. Als die
Priester ihn nun erinnerten / andern Opffernden Raum zu machen /stand er auf /
und sagte: Niemand hat so viel geopffert als ich. Denn ich lasse mein Hertze in
den Händen der Priesterin meiner Göttin. Das Opffer ging hiermit zum Ende / und
Alceis hielt mit hundert Priesterinnen einen Tantz / in welchem sie der Göttin
Astarte auf hunderterlei seltzame Arten allerhand Ehrerbietungen bezeigten. Beim
Schlusse / und da sich alles Volck aus dem Tempel verloren hatte / kam der
Priester des wachenden Drachen / und fragte die Alceis / wo er ihren Vater den
König / welchen er allentalben vergebens gesucht hätte / mit seiner Braut
antreffen sollte? Alceis fragte den Priester hingegen: Woher er wüste / dass der
König ein Bräutigam / und wer denn seine Braut wäre? Der Priester antwortete: Er
wüste nichts mehres davon / als dass sein wahrsagender Drache / welcher nicht
lügen könnte / ihm es entdeckt /auch deswegen an König einen gewissen Befehl
aufgetragen hätte. Alceis zweiffelte nicht mehr an der Wahrheit / verwies den
Priester in die Königliche Burg / sie aber fiel für Astarten auf die Knie / und
bat mit grosser Andacht / sie möchte ihr doch die Wahrheit entdecken / und was
ihres Vaters Liebe und Heirat für einen Ausgang nehmen würde? Worauf ihr die
Göttin diese Antwort gab:
Antäus ist verlobet schon /
Sein Lieben übereilt die Pfeile.
Allein des Jupiters sein Sohn
Wird endlich seine Braut zu Teile.
Nach dem er vor das Licht Anteen leschet aus /
Die güldnen Aepffel raubt / zerstöret Reich und Haus.
Alceis erschrack über dieser Antwort / dass sie über Rücke zu Bodem fiel / die
Priesterinnen sie also aufheben und mit Erqvickungen zu rechte bringen mussten.
Hiermit verschwand der Tempel / und der Schauplatz stellte das innerste des
Hesperischen Gartens für. In diesem sass Antäus und Tingis auf der mit Rosen /
Lilgen / Tulipanen / Narcissen / Hyacinten und hunderterlei andern Blumen
gleichsam beschütteten Erde / umarmten und küsseten einander / gaben auch durch
abwechselnden Gesang einander ihre heftige Liebes-Regungen zu verstehen. Die
Hesperiden Aegle / Aretusa / Vesta / und Erytia flochten von güldenen Aepffeln
zwei Kräntze zusamen / fiengen hierauf mit dem Könige uñ der Tingis einen Tantz
an / und sätzten in diesem einen Krantz dem Antäus /den andern der Tingis auf.
Hierzu kam die Fürstin Alceis / welche von ferne zusah / und mit Gebehrden und
Tränen so viel Traurigkeit / als jene Freude /ausliess. Antäus ersah endlich
seine liebe Tochter Alceis / näherte sich ihr / und fragte: Was sie zu solcher
Wehmut veranlaste / da er ihr vielmehr eine sehr freudige Zeitung zu eröffnen
hätte. Alceis aber schüttete nur mehr Tränen aus und antwortete: Diese freudige
Zeitung hätte der wachende Drache schon seinem Priester / und die Göttin Astarte
ihr / aber mit einem schrecklichen Ausgange seiner neuen Liebe und Ehe
offenbahret. Antäus erschrack / und hatte an dessen Wahrheit nicht zu zweiffeln
/ weil er der Alceis Aufrichtigkeit allzusehr versichert war / und sie auch ohne
Göttliche Offenbahrung von seiner so frischen Vermählung nichts wissen konnte.
Wie nun Antäus Astartens Wahrsagung zu wissen begierig war / sang sie ihm ihre
eigene Worte für. Antäus ward hierüber noch viel bekümmerter / sonderlich da
Alceis mit einer überaus kläglichen Stimme ihren Vater von einer der Göttin
Astarte missfälligen Heirat eines frembden Weibes singende abmahnte:
Ich bin der Liebe Priesterin /
Drum ist der Liebe Süssigkeiten
Dir zu vergällen nicht mein Sinn.
Ich selber will ihr Zucker leiten
In dein Vergnügungs Röhr / mich selber maassen an
Zu finden etwas auf / was dich ergötzen kann.
Allein ist Africa zu kalt /
Und Sidon arm von schönen Frauen?
Dass du nach barbarscher Gestalt
Genötigt bist dich umzuschauen.
Die Lieb ist anderwerts ein Fuss-Knecht und verzagt /
In Africa fährt sie mit Drachen auf die Jagt.
Sie ist noch bäurisch zu Mycen /
Geht dar im Hanff und Hirten-Kleide /
Zu Sidon aber ist sie schön /
Und geht in Purper und in Seide.
Diss weiss / wie man die Kost der Liebe würtzen kann /
Und färbt so gut die Lieb' als Woll' und Teppicht' an.
Weil nun die Göttin deinen Brand
Verdammt / und so viel Unheil dräuet /
So widerstrebe nicht der Hand /
Die Blitz und Gift vom Himmel streuet.
Wer wider Götter kriegt der äschert selbst sich ein /
Und sein vermeintes Glück ist nur sein Leichenstein.
Das Reich ist dein recht Ehgemahl /
Dem iedes Kebsweib nach zusetzen.
Dem mustu opffern Hertz und Wahl /
Vergnügung / Lieb / und dein Ergetzen.
Drum schiffe deine Braut mit güldnen Aepffeln ein /
Diss wird ihr zu Mycen ein reicher Braut-Schatz sein.
Antäus hörte seiner Tochter nicht ohne Gemütsregung zu / stellte sich auch /
als wenn er ihrem Rate folgen / und sich der Tingis entschlagen wollte. So bald
er sich aber wieder zu ihr wendete / überschüttete sie ihn gleichsam mit einem
Regen ihres Liebreitzes / und fieng an zu singen:
O dass doch sonder Eyversucht /
Der Liebe Pflantz' einmal geriete!
So aber frisst die Natterzucht
Der Neid stets ihre Purper-Blüte.
Was hat der gifft'ge Wurm schon wider mich erdacht?
Der selbst Astartens Stern zum Schwantz-Gestirne macht.
Die Liebe / welche baut die Welt /
Die Kronen pfleget zu beglücken /
Die die Natur im Stand' erhält /
Soll diese Reich' in Abgrund drücken?
Verleumdung misset Gift den schönsten Rosen bei
Und kräfft'ge Lieb ist ihr getraumte Zauberei.
Durch dieses Lied bezauberte Tingis den König auf eine solche Weise / dass er
seine Alceis mit folgender Antwort abwiess:
Alceis mein Verhängnüs hat
Die Tingis mir schon ausserlesen.
Hierwider hilfft nicht Witz noch Rat /
Wahrsagungen sind auch ein Wesen /
Das wie ein Rätzel sich lässt deuten wie man will /
Drum setze mir kein Maass / dem Lieben auch kein Ziel.
Alceis ward hierüber voller Wehmut / Tingis aber und Antäus hielten mit denen
Hesperiden einen lustigen Ballen-Tantz / in welchem sie einander die güldenen
Aepffel kreutzweise zuwarffen / welche sie alle so geschickt aufzufangen wussten
/ dass nicht einer zur Erde fiel. In diesem Tantze stellte zugleich Tingis mit
ihren Gebehrden des Nisus Tochter Scylla für / wie sie ihren Vater seines
Purper-Haares / an welchem das Heil seines Megarensischen Reiches hieng /
beraubte / und mit selbtem ihrem Liebhaber die Herrschaft in die Hand spielte /
vom Minos aber verlassen / und aus Ungedult in einen Vogel verwandelt ward.
Alceis sah dieses mit verbittertem Hertzen an /und weil sie es auf niemanden
anders / als sich ausdeuten konnte / dies sie sich voller Verzweiffelung davon.
Bei riesem Tantze taten gegen Sud-Westen sich hundert braune Africanerinnen /
gegen Nord-Osten hundert Phönicische Jungfrauen herfür. Jene redeten bei
beschlossenem Reien den König in folgendem Liede an:
Was trifft uns nicht für grosse Schmach /
Dass unser König einer Griechin /
Uns / und ganz Africa setzt nach /
Die Schminck und Kunst doch hat bestrichen.
Ist uns're weiche Haut gleich nicht wie ihre weiss /
So heget unser Hertz viel Feuer / ihres Eis.
Warum umarmst du nicht den Schnee /
Wenn Schönheit in der weisse stecket?
Zeuch hin an die gefrorne See /
Die weisse Bär' und Raben hecket.
Zwar Mohnd und Silber lässt sich weiss gefärbet schaun
Gold aber / und die Sonn' / ist / wie du uns siehst / braun.
Wenn du in gröster Brunst wirst sein /
Wird dich bei deiner Tingis frieren.
Du wirst umarmen einen Stein /
Der dich nicht wärmt / sich nicht kann rühren /
Alleine wir beseeln durch Anmut Marmelstein /
Und flössen Leichen auch Geist / Seel und Regung ein.
Der Mohren Liebes-Pfeile sind
Geschlieffen Gold / der weissen Bleiern.
Was gutes aus der Sonne rinnt /
Hilfft uns die Liebe stets erneuern.
Der Angel-Stern taut nur auf weisser Liebe Flut /
Drum speisen sie mit Schnee / und wir mit Oel und Glut.
Nach abgesungenen Reimen hielten sie mit ihren einander zugeworffenen / und bald
in die Lufft / bald auf ein gesätztes Ziel abgeschossenen Pfeilen einen
künstlichen Schützen-Tantz / und drückten darinnen zugleich die tummen Regungen
des in sein helffenbeinernes Venus-Bild verliebten Pygmalions aus. Hierauf
fiengen die Phönicischen Jungfrauen nach ihren mit wolgestimmten Säiten
bespannten Purper-Muscheln folgende Reimen an anzustimmen:
Steht dir nicht schwartze Buhlschaft an /
Bist du nach Schnee und Schwanen lüstern?
So sei doch diesen zugetan /
Die Lilg' und Ros' in sich verschwistern.
So suche nun bei uns das wahre Liebes-Bild /
Weil Perl und Purper ja rings unsern Leib umhüllt.
Hat die Natur nicht unser Meer
Mit Purper-Muscheln angefüllet?
Wie sollte sie uns lassen leer /
Von dem / was Hertz und Augen füllet?
So Mund als Wangen stehn voll schönster Purper-Flut
Und unser Brüste Milch krönt höchstes Schnecken Blut.
Den Balsam trägt nur unser Land /
Wie soll der Balsam zarter Hertzen
Das Lieben uns sein unbekandt?
Wir wissen in die Liebes-Kertzen
Der Anmut Balsam-Oel nach Kunst zu flössen ein /
Da andre Länder noch im Lieben Kinder sein.
Die Welt hat keine Künste nicht /
Die die Phönizer nicht erfunden /
Solt uns denn abgehn Witz und Licht /
Zu heiln Anteens Liebens-Wunden?
Wir helffen mit Rubin / Gold / Perlen der Gestalt /
Ja auch der Hässlichkeit gibt unser Geist Gewalt.
Der süssen Sängerin Betrug /
Der schnellen Augen Pfeil' und Hamen /
Beseelter Küsse geilen Zug /
Der Zung' und Lippen Liebes-Saamen /
Der Brüste Schwulst und Spiel zur Seelen-Peinigung /
Erfand Phönizien zu unser Zauberung.
Nach dem Schlusse hielten sie einen künstlichen Muschel-Tantz / mit derer Stimm-
und Zusammenschlagung sie ein artliches Getöne erweckten. Sie stelleten
hierinnen aber auch zugleich für / wie Paris die schöne Schäferin Oenone so
heftig liebte / nach dem er aber seine Königliche Ankunft erfuhr / sie auf dem
Berge Ida sitzen liess / und weder mit ihren Tränen Mitleiden hatte / noch ihren
Liebes-Briefen Antwort gab. Endlich tantzte das Africanische und Phönicische
Frauenzimmer zusamen / und drückte darinnen mit allem nur ersinnlichen
Liebreitze und anlockenden Gebehrden alle Buhlschaften des Jupiters aus. Eine
stellte Danaen für / wie sie den in Gold zerfliessenden Jupiter mit grosser
Begierde in ihre Schoss auffienge. Die andere war Leda / welche von dem
brünstigen Schwane gleichsam mit Willen überwältiget ward. Die dritte gebehrdete
sich / als wenn sie wie Europa von dem verliebten Ochsen durch die Wellen des
schäumenden Meeres geführet würde. Die vierdte stellte sich wie Antiope an / als
würde sie von dem in einen Satyrus verwandelten Jupiter bezwungen. Die fünfte
wollte es gar der Juno nachtun / wie der Kuckuk ihrer Liebe genoss. Andere
rejetzten den Antäus /gleich als wenn er Jupiter wäre / mit tieffer Ehrerbietung
zur Liebe. Eine gebehrdete sich / sie wäre Alcmena / und würde von ihm einen
Hercules gebähren. Die zweite prangte / als wäre sie die von ihm unter die
Sternen versätzte Calisto / und andere wollten die eben so hochstehende
Buhlschaften Jupiters /Electra / Maja / und Taigete sein. Fürnemlich wusste
Elissa eine Sidonierin die verliebte und hernach vom Blitz umgebene Mutter des
Bacchus meisterlich vorzubilden. Sechs Africanerinnen stellten eben so künstlich
Amphionen / Laodamien / Jodamen / Carmen /Protogenien und die Garamantis für /
und versicherten mit ihren gleichsam redenden Gebehrden den Antäus /dass sie ihm
einen Zetus / einen Sarpedon / einen Devcalion / eine Britomartis / einen
Endymion und einen Hyarbas gebähren würden. So viel Phönicische Jungfrauen
stellten Torrebien / die Ora / die Electra /Talien / die Temis und Mutis
liebreitzende für /und wahrsagten dem Antäus / dass sie durch ihre Fruchtbarkeit
ihn zum Vater Arcesilaens / des Colaxes / Dardaus / der Palischen Brüder / ja so
gar einer neuen Pallas machen wollten. Antäus geriet durch so vielfältige
Versuchungen in nicht wenige Verwirrung / und in Zweiffel / wessen er sich
entschlüssen sollte. Als er aber nur wieder einen Blick auf die Tingis warff /
bezauberte sie ihn mehr als eine Sirene mit folgendem Gesange:
Weil keine mir die Wage hält /
Werd' ich von hunderten befallen.
Ich bin der Schönheit kleine Welt /
In mir ist / was in ihnen allen.
Betrachte mich und sie: Ist Eyversucht und Neid
Der Liebe Blasebalg / so nützt mir Feind und Streit.
Du hast an mir ein ganzes Meer /
An ihnen nur viel Anmuts-Bäche.
Nichts ist an mir von Liebreitz leer /
Jedwede zeigt dort eine Schwäche.
Hat ihre Schönheit Firnis / und ihre Liebe Kunst /
So ist die Einfalt doch die beste Schminck und Gunst.
Antäus würdigte also keine von diesen zweihundert Lock-Vögeln mehr seines
Anschauens / sondern fertigte sie dergestalt ab:
Entfernet euch von meiner Lust /
Lescht euren Durst bei andern Brunnen.
Mir ist schon allzu wohl bewust /
Was hier für Zucker kommt geronnen.
Wer frembdes Gut zu schmähn / sich nicht entalten kann /
Der zeigt durch seinen Neid sein Unvermögen an.
Das hiermit sehr schlecht abgewiesene Frauenzimmer kehrte dem Antäus bestürtzt
und beschämt den Rücken / und begab sich auf die Seite. Tingis hingegen fieng
mit dem Antäus und den Hesperiden einen neuen Tantz an / und stellte darinnen
das Urtel des Paris / in welchem er mit Nachsetzung der Juno und Pallas den
güldenen Apffel der Venus / als den Preis der Schönheit überreicht / und die
Eyversucht der zwei verachteten Göttinnen / sehr lebhaft für. Als das zurück
gewichene Frauenzimer nun in gröster Bestürtzung durch einander ging / liess sich
die Eyversucht in Gestalt der Juno mitten unter sie / und munterte sie singende
zur Rache wider die Tingis an:
Ihr Schönheits-Sonnen könnet ihr
So unerhörten Schimpff verschmertzen?
Man zeucht euch allen eine für /
Regt kein' Empfindung euer Hertzen?
Flösst euch die Eyversucht kein Helden-Feuer ein /
So lasst mich Juno euch ein kluges Beispiel sein.
Wie setzt ich nicht den Dirnen zu /
Mit welchen Zevs buhlt auf der Erden?
Kreucht Jo nicht in eine Kuh?
Calisto muss zum Bäre werden.
Der Mohnde muss zur Rach und zu Alcidens Pein
Mit Löwen / und die Welt mit Drachen fruchtbar sein.
Wo ich und alle Welt nun nicht
Euch ewig soll verächtlich halten;
So lescht der Tingis aus ihr Licht /
Schreckt sie mit hesslichen Gestalten /
Versaltzt ihr ihre Lust durch Hass und Zauberei /
Und trennt ihr Heirats-Band mit Gift und Stahl entzwei.
Durch dieses Lied wurden sie von der Eyversucht gleichsam besessen / also dass
sie mit der eingebildeten Juno einen hitzigen Tantz anfiengen / und darinnen
alle eiversüchtige Verfolgungen der Juno / welche sie wider des Jupiters
Kebs-Weiber / und die mit ihnen gezeugeten Kinder / insonderheit den Hercules
ausgeübt / mit Gebehrden fürstellten / und alles diss an der einigen Tingis
auszuüben dräueten. Ob nun zwar Antäus und Tingis sich durch diss Säitenwerck
nichts irren liess / sondern beide mit Küssen und andern Liebeskosungen einander
die Zeit kürtzten / so wurden doch beide durch die Ankunft und den Vortrag des
Drachen-Priesters aufs heftigste erschreckt. Denn dieser sagte: Er hätte den
König von der aufgehenden Sonne an / im Tempel / auf der Burg / durch die Stadt
/ am Meerstrande / und sonst allentalben vergebens gesucht. Numehr aber müste
er ihm allhier des wachenden Drachen Zorn und Begehren / seine Braut zum Opffer
zu bekommen / eröffnen. Tingis stellte sich hierüber ganz verzweiffelt / wand
die Hände / räuffte ihr die Haare aus / und gab durch wehklagendes Singen ihr
Hertzeleid an Tag:
Hilff Himmel! haben Drachen hier
Wie Götter Opffer zu begehren?
Was ist diss für ein grausam Tier /
Dem man muss Menschen-Blut gewehren?
Dem man noch Priester hält? Mit was hab ichs verletzt
Dass es mein Fleisch verlangt / auf mich die Zähne wetzt?
Ich bin ja nicht Andromeda /
Dass ich der Mutter Hoffart büsse.
O ungeheures Africa!
Zahlt man so teuer wenig Küsse.
Schlingt Wallfisch / Drach und Wurm hier nichtsals Frauen ein /
Die Wunder der Gestalt / der Götter Abgott sein?
Warum verschlang mich nicht das Meer /
Nicht Scylla / nicht die wilden Syrten?
Eh als ich tör'chte kam hieher;
Wo uns nur Schlang und Nattern wirten.
Wo nun Antäus nicht den Drachen übertrifft /
So zöpff' er ab mein Blut / und tödte mich durch Gift.
Antäus wusste seinem Leide zwar auch kein Ende /doch stellte er sich behertzter
als er war / um seine Tingis desto kräfftiger zu trösten / oder sie nur von
euserster Verzweiffelung zurück zu halten. Er gab also dem Priester folgende
Antwort:
Ich selbst will eh zum Opffer mich /
Dem grimmen Drachen übergeben;
Als Tingis meine Seele dich:
An deiner Wolfahrt hängt mein Leben.
Drum deute Priester nur dem grossen Drachen an /
Dass ich diss Kleinod ihm unmöglich opffern kann.
Dass er sich gäbe nun zu Ruh /
Wil ich ihm einen Tempel bauen /
Und zwölff Altäre noch dazu /
Ihm opffern hundert schöne Pfauen.
Kan es mit Willen auch Astartens noch geschehn /
So soll er ein Altar in ihrem Tempel sehn.
Der Priester nahm hiermit Abschied / mit Versprechen / dass er den Drachen durch
diss Erbieten zu versöhnen / bemühet sein wollte. Tingis aber fuhr in ihrem
erbärmlichen Wehklagen fort:
Was ist der Drache für ein Tier /
Dass er kann Afriken gebieten?
Dass er uns schreibt Gesätze für /
Dass wir erstarrn für seinem Wüten.
Greif wie ein Cadmus ihn / und wie ein Perseus an /
Und mache: dass er nicht mehr trotz- und schaden kann.
Antäus aber antwortete ihr seuffzende:
Einfältige! schleuss Zung' und Mund /
Was wir hier reden hört der Drache;
Ja ihm ist / was geschehn soll / kund;
Er sinnet Tag und Nacht auf Rache.
Lässt Fluch und Dräuungen mit hundert Zungen aus /
Was nur sein Atem rührt / verfällt in Staub und Grauss.
Sein blosser Ursprung schreckt uns schon /
Denn dieser Ausbund aller Schlangen
Ist's ungeheuren Typhon Sohn /
Der Jupitern selbst hielt gefangen /
Für dem die Götter flohn / den nach dreifacher Schlacht
Kaum Blitz und das Geschooss des Phöbus umgebracht.
Der unter Etnens Felsen-Klufft
Zwar als ein Aas zerschmettert lieget /
Doch jetzt noch Glut speit in die Lufft /
Und wider die Gestirne krieget.
Nicht schwächer ist diss Tier / das unser Wächter ist /
Und welches Africa zum Schutz-Geist hat erkiest.
Es träget hundert Köpff empor /
Und wenn man einen ihm zerschnitte /
So wüchsen ihrer zwei darvor.
Und jeder Tropffen vom Geblüte
Würd' in ein Nest voll Schlang' und Nattern sich verkehrn /
Die Mohren rotten aus / und Africa verheern.
Tingis erschütterte sich hierüber / das Hertze klopffte ihr / als wenn es mit
Gewalt aus dem Leibe springen wollte / und die Haare stunden ihr zu Berge. Sie
fiel auch gar in Ohnmacht / als sie den Priester des Drachen mit geschwinden
Schritten ihnen wieder zueilen sah. Der ankommende Priester gab dem Antäus zu
verstehen / er hätte beim Drachen sein bestes getan /von ihm aber keine lindere
als folgende Antwort erlangen können:
Mein Opffer ist Antäens Braut /
Wil aber er sie ja erhalten /
Muss mir Alceis sein vertraut.
Sonst wird des Königs Haus erkalten /
Sonst reiss' ich der Natur Gebäud und Schloss entzwei /
Und mache dieses Reich zu einer Wüstenei.
Tingis schöpffte hierüber zwar wieder Lufft / aber im Hertzen des Königs erhob
sich ein grausamer Sturm /in dem seine Ehliche- und Vater-Liebe mit einander
darinnen den grausamsten Kampff anfiengen. Diesen und seine endliche
Entschlüssung seine Tochter Alceis dem Drachen zu vermählen / drückte er endlich
durch diese gesungene Reimen aus:
O grausamer Verhängnis-Schluss!
Mein Hertze spaltet in zwei Stücke /
Von denen eines kalt sein muss;
Soll meine Heirat gehn zurücke?
Soll ich die Vater-Lieb erstecken in der Brust?
Diss tödtet die Natur / und jenes meine Lust.
Alceis hertzgeliebtes Kind /
Mein Augen-Apffel / mein Vergnügen /
Soll ich dich schlagen in den Wind?
Sollst du bei einem Drachen liegen?
Und Drachen-Eyer mir für Enckel legen ein?
Nein! nein! ich würde selbst mehr als ein Drache sein.
So must du Tingis denn von mir /
Ich muss dich nur dem Drachen schlachten.
Doch nein! es würde sonst diss Tier
Sein gütiger / als ich / zu achten.
Kein Drache / Wolff und Wurm zerfleischet was er liebt /
Und keine Natter sticht diss / dem sie Küsse gibt.
Nein / Tingis / ich kann ohne dich
Nicht lieben / leben / Atem schöpffen.
Der Drache fresse lieber mich;
Du magst mir / Priester / s' Blut abzöpffen.
Zerschneid der Adern Drat / und opffer ihm ihr Oel
Spann' über sein Altar mein abgefleischtes Fehl.
Hat aber nicht ein Vater Macht /
Sein Kind willkührlich zu vermählen?
Wer hat der Töchter Recht erdacht;
Dass sie / wie sie wolln / mögen wählen?
Sie ist die erste nicht / die / was nicht Mensch ist / liebt
Die einen Schwan umhalst / und Pferden Küsse gibt.
Was hat Echidna sonst umarmt
Am Typhon als viel hundert Schlangen?
So ist Proserpina erwarmt /
Ja grosse Helden sind empfangen
Von Drachen solcher Art. Aus dieser Anzahl sind
Aristodamens Sohn / Nicotelcens Kind.
Ja dieser hat nur die Gestalt
Der Drachen / aber sein Beginnen /
Erhärtet Göttliche Gewalt.
Welch Sterblicher kann nun ersinnen /
Ob Phöbus / Esculap' in diesem Drachen steckt?
Und was für Helden-Zucht durch ihn wird sein erweckt.
Geht / bringt meiner Tochter bei /
Dass sie mit dem gekrönten Drachen
Durch meine Hand verlobet sei:
Sie soll noch heute Hochzeit machen /
Man wird ihr so wie ihm Altär' und Priester wei'hn;
Sie soll Proserpina / der Drach ihr Pluto sein.
Der Priester des Drachen war über dieser Erklärung wohl vergnügt / noch vielmehr
aber Tingis / welche vom Antäus keine grössere Versicherung seiner hertzlichen
Liebe iemahls hätte wünschen können / als dass er ihrentwegen seine einige
Tochter einem so abscheulichen Drachen aufopfferte. Sie umarmte ihn also mit
gröster Begierde / küssete ihn mit ihren feurigen Lippen / und zoh ihn endlich
zu einem Tantze auf / in welchem sie zwar die Liebe der Hero gegen Leandern
ausdrückte / ihre aber gegen den Antäus jener noch fürsätzte / und dass sie
seinet wegen durch die gefährlichen Syrten in Mauritanien gesegelt wäre /rühmte.
Hierzu kommet Micipsa / und berichtet den König / dass Gelo / ein Fürst aus
Hispanien / welcher unter dem Scheine der Andacht / sich mit einer Anzahl seines
Volckes im Tempel Astartens aufgehalten / die Fürstin Alceis geraubet / sie in
sein nahe darbei liegendes Schiff gebracht hätte / und mit selbter davon
gesegelt wäre. Zorn und Schrecken überfielen zugleich den Antäus / dass er kein
Wort aufbringen konnte / sondern nur schnaubte und mit den Füssen auf die
Erdestiess. Endlich lieff er im Grimme mit Pochen und Dräuungen davon / Tingis
hingegen fiel in neue Bekümmernis / dass / wenn Antäus seine Tochter dem Drachen
nicht würde liefern können / sie von ihm auffs neue zum Opffer würde begehret
werden. Daher sie ihre Wehmut mit vielen Tränen ausdrückte /und in einem
Trauer-Liede die Glückseligkeit Iphigeniens preisete / in dem diese ja der
grossen Diana für das allgemeine Heil der schiffenden Grichen wäre geopffert
worden; Sie aber sollte das blosse Sühn-Opffer eines verbitterten Drachen sein.
Hiermit verwandelte sich der Schauplatz / und stellte selbter das Gaditanische
Meer mit dem Mauritanischen Vorgebürge und Astartens Tempel für. In dem Meere
fochte Antäus auf seinem sechzig Ellen langen Schiffe / von welchem seinem Leibe
eine so ungeheure Riesen-Länge angetichtet ward / gegen zwei Hispanische / ward
auch nach einem kurtzen Gefechte beider feindlichen Schiffe Meister / brachte
sie also an sein Gestade /und führte so wohl seine Tochter Alceis als den Fürsten
Gelo in Eisen und Banden heraus. Denn jener maass er bei / dass sie mit dem Gelo
Verständnis gehabt hätte / und ihm willig gefolgt wäre / diesen aber schalt er
einen Rauber / deutete auch diesem an / dass er ihn gleich dem Drachen opffern /
jener / dass er sie mit dem Drachen verheiraten wollte. So wohl Gelo als Alceis
wussten ihr vorstehendes Unglück nicht zu begreiffen / daher stellten sich auch
beide so viel ungebährdiger. Endlich liess der verzweiffelnde Gelo folgende Worte
aus:
Hat denn Antäus nie geliebt?
Versteht er nicht der Liebe Stärcke?
Wie dass er denn solch Vrtel gibt?
Wie stifftet er so grimme Wercke?
Behertzige was Lieb' und heisse Jugend kann /
Sieh uns ja nicht für Eis und dich für Schwefel an.
Ist denn mein Irrtum sterbens wert /
So lasse nicht die Vnschuld leiden.
Vnd schärffe nur auf mich das Schwerdt /
Du magst mir Hand und Kopff abschneiden.
Wirff mich dem Drachen für / verdient es meine Tat /
Nur straffe nicht dein Kind / das nichts verbrochen hat.
Alceis gab auch mit einer teils wehmütigen / teils entrüsteten Stimme ihre
Ungedult singende zu verstehen:
Man schlachte mich dem Drachen ab /
Man mach aus seinem Wanst und Magen
Der Vnschuld und Alceens Grab /
Ich will diss Vnrecht willig tragen.
Seht Rachen reisse mir mein Eingeweid entzwei /
Mir Drachen lege man mich nicht als Ehweib bei.
Ward Syrinx schlechtes Schilff und Grass
Als sie den Bock zum Buhler hatte.
So werd Alceis Leich und Aas /
Eh / als sie sich mit Drachen gatte.
Mein Laster würde ja Pasiphaen befrein /
Weil Drachen hesslicher als glatte Rinder sein.
Diese Worte giengen dem Antäus zwar durchs Hertze / aber die ankomende Tingis /
welche den Antäus zu seinem Siege nur deswegen Glück wünschte / wormit sie über
ihn den Meister spielen möchte / verhärtete ihn durch ihren Liebreitz alsofort /
dass er sein Urtel ohne Aufschub zu vollziehen befahl. Gelo ward also wie ein
zum Schlacht-Opffer gewiedmeter Wieder vom Drachen-Priester gebunden / und
Alceis / welche vergebens Gift und Messer sich zu entleiben / forderte / als
eine Königliche Braut aufgeputzet / und jener zu dem nicht weit entfernten
Altare des Drachens getragen / diese vom Antäus geführet. Der Drache kam aus
seinem zwischen denen schönsten Granat-Aepffel-Bäumen bereitetem Lager mit
vielem Zischen herfür. Es fielen aber die Africanischen und Phönicischen
Jungfrauen für dem Drachen nieder / lieferten ihm allerhand Vögel / viel Eyer /
und mancherlei Salate aufs Altar / in Meinung den Drachen zu versöhnen /dass er
weder dem Gelo noch der Alceis einiges Leid anfügen möchte. Der Drache aber
verschmähete alle diese Gaben / und jagte mit ausgespeietem Feuer alle
Vorbitterinnen zurücke. Hingegen erwies er sich gegen den Gelo viel anders / als
ihm Antäus oder sonst iemand eingebildet hatte. Denn er lockte ihn mit seiner
Zunge / lösete ihm seine Banden auf / und liebkosete ihm als seiner Buhlschaft
/ ja er gab durch eine annehmliche Stimme ihm seine inbrünstige Liebe in
folgendem Liede zu verstehen:
Mein Augen-Trost und süsses Licht /
Komm / komm / und lasse dich umarmen.
Fleuch mich als Hund und Schlange nicht.
Wenn du auf meiner Brust erwarmen
Von meinem Zucker wirst den Liebes-Zucker ziehn /
Wirstu so sehnlich mich verlangen / als jetzt fliehn.
Der Menschen Brust ist kalte Flutt
Bei eines Drachen Liebes-Flammen.
Mein Hertz hat vielmehr feurig Blut /
Das nie von Kälte rinnt zusammen.
Ich sehe dich mit mehr als hundert Augen an /
Von denen keines nie für Liebe schlaffen kann.
Ich wache mehr als Argos wacht /
Weil ich mich niemahls satt kann sehen
An diesem / was mich lüstern macht /
Kein Wanckelmut kann mich verdrehen /
Nicht Nacht / nicht Vberdruss mich iemahls schläffen ein /
Weil ich viel eh entseelt als unverliebt kann sein.
Erschrick für hundert Köpffen nicht /
Du wirst so viel mehr Küss' empfangen.
Siehstu kein weisses Angesicht /
So siehstu mich mit Farben prangen.
Die hundert edle Stein' und Purper stehen hin /
Vnd Pallas weist an mich die Seiden-Stückerin.
Der Regenbogen Schmeltz und Zier /
Ist nicht so gläntzend als mein Rücken.
Wär' auch ein Drach ein hesslich Tier /
So würden ihn nicht Sterne schmücken.
Mit welchem die Natur besämet seine Haut /
Auf der man nebst Saphier Schmaragden schimmern schaut.
Auch würden sich die Götter nicht /
In Drachen wandeln und sie hegen;
Fürnehmlich sind an treuer Pflicht
Wir Drachen Menschen überlegen.
Wir haben unsr'e Lieb oft durch den Tod bewehrt /
Der Erde manchen Held durch fruchtbar sein gewehrt.
Drum schöpff an mir / mein Gelo / Lust /
Du wirst hier mehr Vergnügung saugen /
Als aus Alceis Rosen-Brust /
Vnd ihren kohlpechschwartzen Augen.
Die meiner Eyversucht und deiner süssen Pein /
Ein stetes Opffer soll / ein frischer Zunder sein.
Hingegen nam er die schöne Alceis mit Ungestüm hinweg / band sie bei seinem
Lager / welches sein Priester ihm gleichsam als sein Braut-Bette mit den
schönsten Blumen und wolrüchenden Blüten bestreuet hatte / an einen
Granat-Aepffel-Baum / und deutete ihr folgende Qvaal an:
Hier soll sich deine Eyversucht
An unser beider Wollust kräncken.
Der güldnen Aepffel süsse Frucht
Wird dir zwar auf die Lippen hencken.
Doch wirst du hungriger als Tantalus hier sein /
Weil dir mein Priester nur wird Galle schencken ein.
Lass keinen Eckel diese Kost
Dir bitter machen und erlauben.
Die Eyversucht wärmt sich bei Frost /
Saugt Wermut aus den süssen Trauben.
Weil dich dein Vater denn mir dachte zu vermähln /
So magst du dich nun auch mit meiner Nahrung qväln.
Jedermann hatte mit der Alceis ein hertzliches Mitleiden / das Africanische und
Phönicische Frauenzimmer beklagte auch in einem Trauer Liede ihr Unglück /und
schalt hingegen die Grausamkeit ihres Vaters /welcher sie selbst einem wütenden
Drachen in die Hände geliefert und zehnmahl grausamer als Teseus gegen seinen
Sohn Hippolytus verfahren hätte / auf dessen Verfluchung seine Pferde von einem
Meer-Ochsen schichtern gemacht / und er also in Stücke zerschmettert worden.
Niemand aber konnte hierbei begreiffen / wie es zugienge / indem der Drache sich
in seinem Lager verlohr / hingegen daselbst ein Weib erblickt ward / welche
sich mit dem Gelo armete /halsete und küssete. Keinem ging diss alles weniger zu
Hertzen / als dem Antäus / und der Tingis / welche sich von dar geraden Weges in
Astartens Tempel erhoben / und sich von denen Priestern als Ehleute einsegnen
liessen / hierauf ward am Strande des Meeres eine prächtige Taffel bereitet / auf
welche die Nereiden allerhand seltzame Fische / die Jäger vielerlei Wilpret /
und Pomone güldene Aepffel / und allerhand köstliches Obst auftrugen / zwölff
Liebes-Götter diese neuen Ehleute bedienten / und so viel mit der Tingis
angekommene Jungfrauen aus Griechenland sie mit allerhand Säitenspielen und
Liebes-Liedern unterhielten. Unterdessen bereiteten die Hesperiden in dem Garten
von künstlich zusammen geflochtenen Laubwercke und Blumen ihr Braut-Bette. Wie
sich nun mit anbrechender Nacht der Venus-Stern am Himmel schauen liess / standen
Antäus und Tingis von der Taffel auf / und nach dem jener seiner neugebauten
Stadt den Nahmen seiner Gemahlin Tingis zugeeignet hatte / verfügten sie sich in
den Garten / und in ihr bereitetes Braut-Bette. Die Hesperiden aber sangen biss
sie eingeschlaffen waren / unterschiedene Lieder von der Süssigkeit der Liebe.
Als diese verstummeten / kam die Eyversucht in ihrer eigenen Gestalt / näherte
sich dem Bette / und nach vielen Ungebehrdungen fieng sie mit einer heiseren
Stimme zu singen an:
Ich habe zwar in kurtzer Zeit /
Seit Wollust mich hat angestecket /
Viel Centner Liebes-Süssigkeit
Auf meines Gelo Brust geschmecket.
Die Gramschaft aber hat mein Maul zu sehr verwehnt
So dass es sich nun schon nach Galle wieder sehnt.
Mein Hertze sagt mirs zu gewiss /
Dass Gelo helle Liebes-Kertzen
Sein nur gemahltes Finsternis /
Alceis steck' ihm in dem Hertzen.
Mir schlaffe nur sein Leib / ihr seine Seele bei /
Er zins' ihr seine Brust / mir nur die Heuchelei.
Nun denn Alceis mich betrügt /
Wie kann ich ohne Eyver sehen:
Dass Tingis hier ruht so vergnügt?
Wie liess ich tör'chte denn geschehen /
Dass für die Tingis mir Alceis werd gewehrt /
Die meine Qvaal und Pein durch ihre Schönheit nehrt.
Auf denn! verschwere Rast und Ruh!
Lass / Eyversucht / dich nichts nicht halten.
Schaff alle Mittel nur herzu /
Anteens Liebe zu zerspalten.
Sie falle / soltest du gleich mit zu Grunde gehn /
Gieb deinen Vorsatz nur viel Helden zu verstehn.
Durch diese wird Antäens Lust
Und Gelons Liebe sich leicht trennen.
Wird jener auf der Tingis Brust
Bald Spuren frembder Küsse kennen.
So wird die Eyversucht dem Gelo bringen bei:
Dass weder ich / noch er / Alceens Liebster sei.
Die Eyversucht schwang sich hiermit in Gestalt der Göttin des Geschreies in die
Lufft empor / und weckte mit einer durchdringenden Trompete gleichsam alle Welt
auf / hernach fieng sie mit einer hellen Stimme an zu singen:
Wo irgends wo der Tugend Glut
Rejetzt eines Helden Geist und Sinnen /
Der ausserwehlten Schönheit Gut
Durch tapffre Taten zu gewinnen.
Der suche Tingis heim / wo so viel Schönheit blüht:
Dass man nebst ihr beschämt die güldnen Aepffel sieht.
Hiermit kehrte sie wieder in ihr verlassenes Drachen-Haus. Kurtz darauf lendeten
an dem Meerstrande unterschiedene Schiffe an / aus derer einem der mit einer
Löwen-Haut bedeckte und mit einer Keule gerüstete Hercules / ans Land stieg /
gegen den Garten und Drachen fortgieng / und sich singende heraus liess:
Wo hat Verhängnis und Geschrei
Mich numehr endlich hingeleitet?
Hat mir hier Neid und Zauberei
Ein neues Ehren-Feld bereitet?
Ich sehe nichts als Gold hier auf den Bäumen stehn /
Vnd einen Drachen mir schnurstracks entgegen gehn.
Hier' muss des Atlas Garten sein /
Und hier des Typhons Wunder-Drache.
Ih seh ihn Dampff und Glut ausspei'n /
Er schäumet Blutdurst / Gift und Rache.
Diss alles aber ficht Alciden wenig an /
Der in der Wiege schon die Schlangen tödten kann.
Diss Tier kann so viel Kräffte nicht
Als Lernens Wasser-Schlange haben.
Der aber lescht ihr aus ihr Licht /
Viel Vngeheuer sind begraben.
Lass uns den Drachen nun auch in ein Aass verkehrn /
Wie? fleucht er schon für uns? traut er sich nicht zu wehrn?
Er eilet dem Gepüsche zu /
Da wird er sich umsonst verstecken.
Denn Hercules hat keine Ruh
Biss seine Feinde Maden hecken.
Alleine seine Flucht kann nichts als Arglist sein.
Lass' also Sicherheit dich nimmer schläffen ein.
Was für ein hesslich Weib seh ich
Aus diesen dicken Hecken fliehen /
Kan dieser Wurm verwandeln sich?
Und vielerlei Gestalt anziehen?
Doch nein! dort raget er mit hundert Köpffen für /
Er liegt ganz unbewegt. Was sinnt diss schlaue Tier?
Schläfft es vielleicht? Es rührt sich nicht /
Ist es erstarrt für Furcht und Schrecken?
Man sieht in Augen mehr kein Licht /
Vnd alle viere von sich strecken.
Es fühlet auch nichts mehr. Es hat kein Leben mehr.
Was kümmerstu dich denn um dieses Aass so sehr?
Hat es ein stiller Blitz erlegt;
Dass Hercules durch seine Stärcke
Nicht neuen Sieg und Ruhm wegträgt?
Wie / oder sind es Zauber-Wercke?
Und falsche Bländungen? träumt mir nur etwan? nein.
Diss Aaass ist ja nichts mehr / als Knochen / Haut und Bein.
Es sei entseelt nun wie es will /
So ist es gut / dass es erblasset.
Der Missgunst ist gesteckt ihr Ziel /
Die diesen Garten hielt umfasset.
Und keinem Frembden liess die güldnen Aepffel zu /
Genung: dass ich der Welt nun das Gesicht auftu.
Hau Hercules diss Aas entzwei /
Und henck es an die Garten-Türe /
Dass für des Drachen Raserei /
Kein Mensch mehr Hertz und Mut verliere.
Eröffne Tür und Tor / und schreib zur Nachricht an:
Dass hier die güldne Frucht jedweder brechen kann.
Hercules teilte mit seinem Schwerdte dieses Drachen Gerippe der Länge nach in
zwei Teil / und hefftete jedes an eine Pfoste des Garten-Tores an. Als er nun
auch dieses eröffnete / sah er auf der einen Seite die nackt angebundene Alceis
stehen / auf der andern Seite kroch der abgemergelte Gelo aus dem Gestrittige
herfür. Hercules eilete jener zu / machte ihre Fässel los / sie aber fieng mit
freudiger Stimme an zu singen:
Was überstrahlt mich für ein Licht?
Welch Held / welch GOtt ist / der den Drachen
Erlegt hat / meine Band aufbricht?
Welch Perseus will mich ledig machen?
Diss muss Alcides sein / der durchs Verhängnis ist
Zur Bändigung der Schlang- und Drachen-Zucht erkiest.
Gelo aber liess sich nicht ohne untermischte Seuffzer gegen ihn hören:
Erlöse mich von Qval und Pein /
Darmit ein geiles Weib mich plaget;
Die in den Drachen kehret ein /
Und wie die Aegeln an mir naget.
Die mir durch Hässlichkeit versaltzet alle Lust /
Und doch das Marck mir saugt aus Adern / Hertz und Brust.
Hercules antwortete ihnen mit einer männlichen Helden-Stimme:
Mein Sieg sei euer Heil und Frucht /
Dein Marter-Holtz des Drachen Seele /
Das dürre Weib / die Eyversucht /
Ist schon verjagt ins Abgrunds Höle.
Sie wird mit toller Brunst dich nimmermehr mehr kwäl'n /
Du magst / was Liebens wert / dir numehr selbst erwehln.
Dich aber ausserwehltes Kind /
Die du viel schöner bist zu schätzen /
Als diese güldne Aepffel sind /
Wil ich allhier zur Schutz-Frau setzen;
Von deiner milden Hand soll ich und alle Welt
Empfangen was für Frucht der Garten in sich hält.
Kommt ihr Hesperiden hieher /
Kommt / und verehrt numehr Alceen.
Erschreckt für keinem Drachen mehr /
Statt dessen sie euch vor wird stehen.
Nehmt sie zu eurem Schirm / für eure Göttin an /
Bei der kein gifftig Wurm im Garten hausen kann.
Die Hesperiden kamen auf diese Erforderung schleunig herzu / sahen den
aufgehenckten Drachen mit freudiger Verwunderung an / und bückten sich so wohl
als Alceis mit tieffer Ehrerbietung gegen dem Hercules als ihrem Erlöser /
hernach aber auch gegen der Alceis. Sie und die Hesperiden sangen ihm auch zum
Lobe folgende Reime:
Wer ist der ferner zweiffeln mag:
Dass weder Missgunst noch die Hölle
Kein Ungeheuer bringt an Tag /
Was Hercules nicht tödt' und fälle.
Meer / Berg / und Abgrund hemmt nicht seiner Siege Lauff /
Kommt / setzt ihm einen Krantz von güldnen Aepffeln auf.
Hierauf zohe Alceis den Hercules zum Tantze auf /welchen sich die Hesperiden
auch beifügten / und darinnen mit Gebehrden artlich fürstellten / wie Perseus
Andromeden vom Meerwunder errettet hatte. Zu letzt setzten die Hesperiden so wohl
dem Hercules / als der Alceis einen Krantz von Granat-Aepfeln auf /führteen auch
diese / als ihre neue Schutz-Frau / in das innerste des Gartens. Diese waren nur
weg / als die Eyversucht in Gestalt einer Gärtnerin sich zum Hercules gesellete
/ und mit einer besondern Anmut ihn folgender Weise ansang:
Lässt Hercules der Helden Held
Alceens Zauberei sich bländen.
Der / der den Drachen hat gefällt /
Giebt seinen Siegs-Preis aus den Händen;
Setzt statt des Drachens die zu einem Abgott ein /
Die eines Drachens Braut und Opffer sollte sein.
Was hastu dir an ihr ersehn /
Dass die des Garten Frau soll werden;
Um den Zeus wird sein Reich verschmähn /
Und Juno sich sehn'n nach der Erden.
Giebst du aus Liebe denn diss Paradis so hin /
So mach ein Mohren-Weib doch nicht zur Herrscherin.
Ich will in diesem Garten dir
Was würdigers für deine Flammen /
Der Schönheit Ausbund stellen für /
Die Stahl durch Liebreitz schmeltzt zusammen.
Komm / folge meiner Spur und nim in Augenschein
Die / welche Jupiters Gemahlin könnte sein.
Hier liegt diss Wunderwerck der Welt /
Der Venus aus selbst eignem Triebe
Den güldnen Apffel zugestellt.
Hier dies' ist würdig deiner Liebe.
Der schönsten Tingis kommt des Gartens Herrschaft zu /
Dem Hercules: dass er in ihren Armen ruh.
Bei diesem letzten ganz leise gesungenen Satze wiess die Eyversucht dem Hercules
die neben dem Antäus ziemlich entblösset liegende Tingis / über welcher Anblicke
er gleichsam verzückt war. Nach dem er sie nun eine lange weile betrachtet hatte
/ und die Eyversucht ihn kaum zurücke halten konnte / dass er sie nicht betastete
/ fieng er an:
Was seh ich? Himmel! ich vergeh!
Sind dieses Rosen oder Wangen?
Sind ihre Glieder Fleisch / nicht Schnee?
Ist mit Rubin der Mund umfangen?
Sind ihre Brüst aus Milch geronnen / und gekrönt
Mit Nelcken? die Gestalt von Kugeln her entlehnt?
Sind ihre Haare flüssend Gold?
Wie es hat Danaen befeuchtet?
Qvillt aus den Lippen Lieb und Hold?
Was ist's / das in den Augen leuchtet?
Zwei Sonnen / derer Blitz so wohl in Hertzen's Eis
Als auf des Atlas Brust den Schnee zu schmeltzen weiss.
Kein so vollkommen Muschel-Kind
Hat Sonn' und Meer ie ausgehecket;
Nach dem von Sternen alles rinnt /
Was in so schöner Perle stecket.
Ihr Schatten sticht das Licht / ihr Glantz den Demant weg /
Sie ist der Hertzen Garn / und der Begierden Zweck.
Nach ihrer himmlischen Gestalt
Muss die Natur / was schön ist / bilden.
Ihr Liebreitz hat mit sich gewalt
Zu spieln mit Riesen und mit Wilden /
Er macht Cyclopen zahm / und steckt Centauren an.
Was Wunder? dass sich nicht Alcides hemmen kann.
GOtt hat in ihr sein Ebenbild
Als wie im Spiegel fürgestellet;
Die Liebe sich in sie verhüllt /
Und Anmut sich ihr zugesellet.
Ihr Antlitz ist ein Brunn / wo Durst der Seelen kwillt /
Den ihrer Brüste Milch mit Rosen-Zucker stillt.
Ich fühle diesen Durst und Brand /
Soll ich verschmeltzen bei dem Kwelle?
Mein Feuer nimmet überhand /
Mein Hertze bildet ab die Hölle;
Die Tingens Liebe kann ins Paradis verkehrn /
Wenn sie dem Hercules wird einen Kuss gewehrn.
Denn nichts ist irrdisches an ihr /
Antäus unwert sie zu küssen.
Mein eigen Vater geht mir für /
Und heisst nichts zaghaft mich entschlüssen.
Antäus liebstu dich und deine süsse Ruh /
So gönne mir dein Weib / und drück ein Auge zu.
Hercules wollte nunmehr die schlaffende Tingis küssen / die Eyversucht aber trat
darzwischen / und weil Antäus aus dem Schlaffe entrüstet auffuhr / nahm sie den
Hercules bei der Hand / führte ihn auf die Seite /und sagte ihm / dass sich die
Liebe nicht mit solchem Sturme ausführen liesse / sondern er für allen Dingen
der Tingis Gewogenheit erwerben müste. Antäus aber fieng an:
Wer reisst mir's Hertz aus meiner Brust?
Und meinen Schatz mir von der Seiten?
Welch raubrisch Vogel schöpffet Lust /
Mit mir um dich / mein Licht / zu streiten?
Bewacht kein Drache dich? Bistu noch / Tingis / hier?
Jedoch / was schrecket mich für Bländung? träumet mir?
Die Eyversucht näherte sich in ihrer Gärtner-Gestalt dem Bette / und antwortete
dem Antäus:
Dein Traum hat mehr als Träum' in sich;
Du wirst die Tingis bald verlieren.
Wo kluger Rat nicht rettet dich.
Alcides wird sie dir entführen.
Wie dir von Anfang bald Astarte sagte wahr /
Denn dieser Götter Sohn ist allbereit schon dar.
Er hat den Drachen schon zerstückt /
Den Garten allen frei gegeben.
Wo er nun deinen Schatz erblickt /
So raubt er dir sie und dein Leben.
Er schlägt dem Vater nach / der aller Weiber Mann /
Und die sich weigernden mit List berücken kann.
Antäus erschrack über dieser Zeitung nicht wenig /fuhr aus dem Bette / deckte
seine schlaffende Tingis mit einem seidenen Tuche zu / und fieng an:
Hilff Himmel! gib mir klugen Rat!
Wohin soll ich dich Tingis flüchten?
Weil Liebe tausend Augen hat.
Der Ruff wird alles ihn berichten /
Was sie für Schönheit schmückt / für Flammen sie beseeln.
Denn nichts lässt schwerer sich als ein schön Weib verhöln.
Die Eyversucht gab dem Antäus folgenden Rat an die Hand:
Meer / Turm / und keine Wüstenei
Sind fähig nicht / sie zu verstecken.
Ein einig Mittel fällt mir bei:
Du must Alciden Feind' erwecken.
Weil so viel Helden nun nach Tingis kommen sind /
So setze diesen auf / dein numehr freies Kind.
Wer alle wird durch Tapferkeit
Besiegen / soll Alceen haben.
Durch so vielfachen Kampf und Streit /
Wirstu den Hercules begraben.
Siegt er denn allen ob / so wird er sein vergnügt /
Wenn er dein schönes Kind zum Sieges-Preisse kriegt.
Antäus liess ihm diesen Rat gefallen / befahl der Eyversucht / dass sie seine
Tingis niemanden sollte schauen lassen / und ging den gegebenen Rat ins Werck
zu sätzen. Die Eyversucht aber holete den Hercules alsofort zu der Tingis
Lagerstadt / zohe das sie deckende Tuch auf die Seite / und erweckte sie mit
folgendem Gesange:
Wer kann genungsam Ehr und Danck
Dem grossen Hercules erstatten?
Für unsers Drachen Untergang /
Den wir zu unserm Scheusal hatten.
Diss / dass er macht die Welt von Ungeheuern frei /
Erweist: dass Jupiter sein rechter Vater sei.
Wiewol er See und Land nun färbt /
Mit Drachen-Blut und Wasser-Schlangen;
So ist ihm doch auch angeerbt:
Der Schönheit sehnliches Verlangen.
Wenn er mit Riesen kämpfft ist er ein wilder Mann
Bei Frauen aber hengt nichts grausames ihm an.
Sein langer und gerader Leib /
Sein wolgebildet Angesichte /
Macht lüstern iedes schöne Weib
Das Reichtum seiner Liebes-Früchte
Reicht bei dem Tespins auch funffzig Töchtern zu /
Es rühmet Megara / was er für Wunder ihn.
Deianira schmeltzt wie Schnee
Für heisser Brunst in seinen Armen;
Und eifert wenn ihn Jole
Auf ihren Brüsten lässt erwarmen.
Des kalten Flusses Kind / Melite / brennt und glimmt /
Wenn er auf ihrer Schoss wollüst'gen Wellen schwimmt.
Und Tingis wird vergehn für Lust /
Wenn Hercules aus ihren Augen
Wird Glut und Flammen aus der Brust /
Sie Brand wird aus den Lippen saugen.
Verschleuss dich also nicht / nim ihn zum Liebsten an;
Weil sich Alcidens doch kein Weib entäussern kann.
Die erwachende Tingis erblickte den mit seiner Löwen-Haut bedeckten Hercules
anfangs nicht ohne Schrecken / als sie ihn aber von so liebreitzenden
Eigenschaften rühmen hörte / und er selbst ohne Rührung der Zunge seine
inbrünstige Zuneigung ihr zu verstehen gab / betrachtete sie ihn von den
Scheitel biss zu der Fusssohlen. Hierüber fieng ihr Hertze Feuer / so dass sie
seiner Liebes-Erklärung mit folgenden Reimen zuvor kam:
Willkommen grosser Götter Sohn!
Erlös' auch uns von Drach- und Schlangen /
So solstu deinen Sieges-Lohn
An mehr als güldner Frucht empfangen.
Die Aepffel / welche schleust des Atlas Garten ein /
Und die mein Busem trägt / soll'n deine Beute sein.
Hercules säumte sich nicht / die wollüstige Tingis zu umarmen / und zu küssen /
und darzwischen sang er mit verliebten Gebehrden folgendes:
Was überströmt für Anmut mich?
Was spinnt die Liebe mir für Glücke?
Denn mit der Tingis wiedmet sich
Mir der Natur ihr Meisterstücke.
Denn da der Drach' erlegt / ist das Beding' erfüllt.
Gieb mir die Aepffel nun / aus denen Zucker qvillt.
Ich brenne / Tingis / ich vergeh.
Sind deine Brüste Schwefel-Kwellen?
Die Flammen krönen ihren Schnee /
So oft sie sich von Atem schwellen:
So vielmahl klopfft mein Hertz / und bringt mir schlagend bei:
Dass hier des Blitzes Brunn der Liebe Zeug-Haus sei.
Was fleusst für Zucker mir in Mund /
Durch deiner Rosen-Lippen Küsse.
Sind sie umdörnt? mein Hertz ist wund.
Der Juno Milch schmeckt nicht so süsse /
Aus der die Milch-Strass ist entsprossen. Was wird nicht
Aus diesem Safft in mir aufgehn für Sternen-Licht?
Tingis sparete ihres Ortes ebenfalls nicht ihre inbrünstige Liebe gegen den
Hercules auszulassen. Sie machte sich endlich auf / und aus dem Bette / nahm den
Hercules bei der Hand / und nach dem die Hesperiden ihre annehmliche
Seitenspiele regten / hielt sie mit ihm einen wollüstigen Tantz / darinnen
Hercules des Jupiters / und Tingis Alcmenens Liebe / und zugleich den Amphitruo
unter der Person des Antäus fürstellten. Die Eyversucht holete inzwischen den
Antäus wieder in Garten / und zeigte ihm von ferne des tantzenden Hercules und
seiner Gemahlin verwechselte Liebkosungen; dieser stellte sich hierüber nicht
wenig ungebährdig / und wollte auf den Hercules mit Gewalt lossgehen; Die
Eyversucht aber hielt ihn zurücke / und erteilte ihm folgenden Rat:
Wer um ein ungetreues Weib
Sein Leben in Gefahr will setzen /
Versteht nicht / dass ihr geiler Leib
Ist für ein stinckend Aas zu schätzen.
Dass euer Ehre nichts ihr Ehbruch Abbruch tut /
Wilstu für ihren Kot nun setzen auf dein Blut?
Denn für Aleidens Stärcke kann
Kein Sterblicher doch nicht bestehen.
Geh; stiffte frembde Kräfften an /
Dass sie ihm in die Eisen gehen.
Weil kluge Rache ja nicht selbst ins Eisen greifft /
Das sie auf ihren Feind verholner Weise schleifft.
Die Eyversucht beschwur hierauf die drei Unholden /denen sie nach ihrer
Erscheinung dem Antäus an der Hand zu stehen befahl / und der einen einen Dolch
/der andern einen Strick / der dritten ein Gift-Glas zustellte. Hierauf fieng
sie mit ihnen einen Tantz an / in welchem sie dem Antäus die empfangenen
Werckzeuge zu Vollziehung seiner Rache anboten. Hierauf verwandelte sich der
Schauplatz / und stellte er den Tempel Astartens und bei selbtem den Brunn und
das Bild der Sonne für / welches von denen darauf scheinenden Sonnen-Strahlen
einen annehmlichen Klang von sich gab. Antäus kam mit seiner Tochter Alceis und
etlichen seiner fürnehmsten Hofeleute dahin / fiel für dem Sonnen-Bilde auf die
Knie / und fieng an zu singen:
O Sonne! Maass der Welt und Zeit!
Der du den Sternen's Licht ansteckest /
Die du uns alle Heimligkeit
Der ungeschehnen Ding' entdeckest /
Die du die andre Welt mit Lichte doch beschenckst /
Wenn du in unsrer See gleich ieden Tag ertränckst.
Entdecke mir auch: ob ich wohl
Wem meine Tochter zu vermählen
Durchs Waffen-Los erörtern soll?
Wilst aber du für sie selbst wählen;
So stell ich dir es heim; weil doch der Menschen Rat
Stets blind ist / aber Gott allsehend' Augen hat.
Das Sonnenbild gab dem Antäus folgende Antwort:
Behertzter Tugend kluge Wahl
Pflegt niemahls übel auszuschlagen.
Alceis und ihr Ehgemahl
Wird mehr als eine Krone tragen.
Ihr Enckel wird die Stadt Cartago weihen ein
Die Afrikens sein Haupt / der Erde Gott wird sein.
Antäus ward hierüber so freudig / dass er der Alceis befahl / sie sollte auf einen
güldenen Apfel einschneiden: Alceis dem Tapffersten / und solchen in die
Versamlung ihrer Priester werffen lassen. Er wollte eben diss durch Herolden aller
Orten zu wissen machen. Als nach des Antäus Entweichung Alceis über Vollziehung
des väterlichen Befehls mit ihr selbst ratschlagte / und in den Apffel ihren
Nahmen schon geschnitten hatte / fand sich die Eyversucht in Gestalt einer
Wahrsagerin zu ihr / und fieng an:
Es ist ja kluger Fürsten Pflicht
Für sich den tapffersten zu wählen.
Diss aber tut die Liebe nicht /
Die sich dem Schönsten will vermählen.
Schreib: dass Alceis soll die Braut des Schönsten sein /
Denn Schönheit schleusst in sich stets Helden-Geister ein.
Alceis folgte diesem Rate / und schrieb auf den Apffel: Alceis dem Schönsten.
Und weil sich diese Wahrsagerin zur Beförderung erbot / gab sie ihr den Apffel.
Die Eyversucht wiess der aus dem Tempel kommenden Tingis diesen Apffel / welche
über die Glückseligkeit ihrer Stieff-Tochter seuffzete. Die Eyversucht aber
lachte sie aus / und fieng an:
Kan diese / die Alcides liebt /
Bei andrer Lust sein unvergnüget?
Der funffzigen die Fülle gibt /
Und über Drach und Helden sieget?
Was schreckt dich denn dein Mann? Schreib einem Apffel ein:
Die schöne Tingis soll des Stärcksten Beute sein.
Tingis vollzohe alsofort den gegebenen Rat / und grub in einen andern güldnen
Apffel diese Worte: Tingis dem Tapffersten. Kurtz darauf erschienen die
Königlichen Herolden mit vielen Trompeten und Paucken. Nach dem nun eine grosse
Menge Volckes zulieff / fieng der eine Herold mit heller Stimme an:
Ihr Helden / die ihr in der Brust
Von Zunder reiner Liebe glimmet /
Der Würdigkeit euch seid bewust /
Wisst: dass der Kampfplatz sei bestimmet.
Zu der gewünschten Wahl der schönsten in der Welt;
Zum Hochzeit-Feier ist schon alles angestellt.
Hierauf verlohr sich mit den Herolden alles Volck /und war niemand auf dem
Schauplatze mehr zu sehen / als die Eyversucht / welche ihre Larve abnahm / die
geborgten Kleider weg warf / und zu singen anfieng:
Kommt / kommt! ihr Töchter schwartzer Nacht!
Ihr Schwestern kommt / bringt Kräntz' und Schlangen
Seid zu bekräntzen mich bedacht.
Ich mag mit keinen Lorbern prangen.
Weil meine List und Witz geht aller Klugheit für /
So kröne meine Schläff' auch nur ein listig Tier.
Wo meine Hand ihr Saltz streut hin /
Vergället sie die süsten Flammen.
Ich bin der Liebe Henckerin /
Und mische Gift und Oel zusammen.
Ich senge reinste Hold wie Reif und Mehltau weg /
Und Ehen zu zerstörn ist allemahl mein Zweck.
Die Unholden kamen abermals aus der zerberstenden Erde herfür / hegten mit der
Eyversucht einen freudigen Tantz / in welchem sie von Schlangen einen Krantz
flochten / und ihn der Eyversucht aufsätzten. Hierauf fieng die Eyversucht
abermals an zu singen:
Die Schlangen sind zwar meine Pracht /
Mein bester Schmuck; doch mein Beginnen
Erfordert nun der Liebe Tracht /
Wo ich im Kampffe soll gewinnen /
Besteckt mit Rosen mich / verschaffet Schwanen mir /
Hüllt mich in Purper / macht mir ihre Larve für.
Die Unholden folgten diesem Befehle / und kleideten in einem neuen Tantze nicht
nur die Eyversucht wie die Göttin der Liebe aus / sondern sie selbst
verwandelten sich auch in Liebes-Götter. Hiermit verschwand im Augenblick alles
/ gleich als wenn es nur ein Traum gewest wäre / der sich eröffnende Schauplatz
aber stellte eine zum Kampffe bereitete Rennebahn für / wo sich Trompeten /
Krummhörner und ander Kiegrisches Getöne tapffer hören liess. Antäus sass
zwischen seiner Gemahlin Tingis / und seiner Tochter Alceis auf einer mit
prächtigen Tapezereien geziereten Büne. Auf der Rennebahn hielt Hermes der
Egyptier / Etas der Cyrener / Gorgulo der Libyer /Mergal der Troglodyten /
Micipsa der Gorgoner /Hierbas der Maurusier / Hiempsal der Massespler /Taxis der
Garamanten / Hanno der Numidier / Ardegal der Mohren / Barcas der Lyho-Phönicier
Fürst mit ihre Waffenträgern zu Pferde aufs prächtigste ausgeputzt. Diesen
näherte sich auch Gelo der Hispanier; worüber sie sich überaus entrüsteten /
weil er mit einem Drachen buhlerische Gemeinschaft gepflogen hatte / und daher
ihn in ihrer Gesellschaft zu leiden für unwert hielten / ihn also ihre
Waffenträger vom Pferde nehmen / und über die Schrancken werffen liessen. Weil
aber Antäus den Hercules nicht sah /schickte er allentalben Boten aus ihn
aufzusuchen /befahl auch denen Herolden / ihn absonderlich zu beruffen. Worauf
er sich denn endlich in die Schrancken / aber nur zu Fusse einfand / und denen
andern Liebhabern mit seinem blossen Anblicke nicht wenig Schrecken einjagte.
Hierauf kam die unter dem Scheine der Liebe verlarvte Eyversucht auf einem
güldenen Wagen gefahren / und warff der Alceis Apffel mitten in den Kampffplatz.
Ein Herold hob denselben auf /reichte ihn den ihm am nechsten haltenden Hiempsal
/dieser seinem Nachbar / und so fort. Als er an Hercules kam / warff er ihn zu
Bodem / ging auf die Seite /und lehnete sich der Tingis gegen über an die
Schrancken. Wie die andern Fürsten nun zwar über des Hercules Entfernung sehr
vergnügt waren / also erwuchs unter ihnen ein heftiger Streit: welcher der
Schönste wäre. Hercules fieng hierüber an: Weil er an der Beute der Schönheit
keinen Anspruch zu machen hätte / käme niemanden besser als ihm das Recht zu
urteilen zu; nach dem aber etwas in einen Augen schöner als in andern wäre /
wäre nichts billicher / als dass Alceis den / welcher in ihren Augen der schönste
wäre / selbst erwehlete. Antäus widersprach diese Wahl / und sagte / dass Alceis
nicht dem Schönsten /sondern dem Tapffersten zu teile werden sollte. Hercules
aber nahm den güldenen Apffel der Alceis / und erwies ihm das Widerspiel. Antäus
entrüstete sich /und sagte: Dieses wäre ein falscher Apffel / und forderte mit
grosser Ungestüme von der vermeinten Liebe den für den Tapffersten bereiteten
Apffel. Diese weigerte sich dessen zum Scheine / und sagte / dass Antäus diss
Begehren bereuen würde. Alleine Antäus drang noch viel eifriger darauf / daher
die Eyversucht endlich der Tingis Apffel in die Mitte warff. Hercules hob ihn
alsobald auf / und nach dem er dessen Schrifft gelesen hatte / ward er mit
unmässiger Freude überschüttet. Er hob seine Keule empor / zeigte allen
anwesenden Helden / und zu letzt auch dem hierüber erstaunenden Antäus die
Schrifft; und forderte alle die /welche wegen ihrer Tapfferkeit an der Tingis
ein Vorrecht zu haben vermeinten / zum Streit aus. Aber keiner unter allen
Helden hatte das Hertze / mit ihm zu kämpffen / vorschützende: dass sie nicht in
die Tingis / sondern in die Alceis verliebt wären / ungeachtet Antäus demselben
seine Tochter zu verloben versprach / welcher dem Hercules obsiegen würde. Weil
nun niemand gegen ihn fechten wollte / fieng Hercules an: Weil ich denn der
Tapfferste bin / gehöret mir die Beute der Tapfferkeit. Hiermit reichte er der
Tingis die Hand. Antäus schlug sie ihm auf die Seite / und sagte: dass diss
ebenfalls ein Betrug / und ein untergesteckter Apfel / und die Schrifft nicht
der Tingis wäre. Hercules wiess ihr den Apffel / und fragte: Ob sie diss nicht
geschrieben hätte? Als es Tingis nun verjahete / erblaste Antäus / und
versätzte: Dieser Apffel hätte ohne seinen Willen nicht können ins Mittel
kommen. Hercules antwortete: Hat nicht Antäus ihn herfür zu bringen / die Liebe
genötiget? Alleine Tingis ist kein Preis des Zanckes / sondern der Tapfferkeit.
Du must sie mir also entweder abtreten / oder mich überwinden. Antäus ergrieff
hierbei im Grimme einen Spiess / und meinte solchen dem Hercules in die Brust zu
jagen. Hercules aber wand ihm solchen alsbald aus / iedoch wollte er ihn als
einen ungewaffneten mit seiner Keule nicht verletzen. Hierauf kamen beide mit
den Armen an einander / und liessen sie im Ringen so wohl ihre Geschickligkeit
als Stärcke sehen. Nach dem nun Antäus sehr abgemattet war / brachte ihn
Hercules unter sich. Antäus aber kriegte durch Berührung der Erde seine Stärcke
wieder / kam also auf die Beine / und hatte Hercules lange zu tun / ehe er
seinen Feind wieder zu Bodem werffen konnte. Hiermit aber bekam Antäus neue
Kräfften / und würde er aller andern als des unermüdlichen Hercules Meister
worden sein. Nach langem Ringen fiel der abgemattete Antäus abermals / alleine
sein Fall war allemahl eine Ursache seines Auffstehens / und eine Verneuerung
des Streites. Nach dem nun Hercules hierdurch und in Erinnerung / dass die Erde
des Antäus Mutter wäre / diss Geheimnis merckte / faste er nach wiederholetem
Kampffe den Antäus mit beiden Armen / hob ihn von der Erde empor / und drückte
ihm seine Brust so sehr zusammen / dass das Blut und mit diesem die Seele ihm zum
Halse heraus spritzte. Er bestieg hiermit die Bühne / setzte sich neben die ihn
mit Küssen empfangene Tingis. Gegen der bestürtzten Alceis aber entschuldigte er
die ihm abgenötigte Notwehre /und verredete seine Liebe mit dem Willen des
Verhängnisses / welches durch diesen Tod sie auch aus einer strengen
Dienstbarkeit errettet hätte. Sie sollte nunmehr in allem wie in der Liebe ihre
völlige Freiheit genüssen / und sich wider alle Gewalttat seiner Beschirmung
getrösten. Die Liebhaber erwiesen ihr auch die tieffste Ehrerbietung /
unterwarffen sich ihrer Wahl und Willkühr. Alceis wischte ihr die aus den Augen
rinnenden Tränen von Wangen / und fieng mit einer hertzhaften Gebehrdung zu
singen an:
Mit meinem Vater soll in mir
Die Kinder-Liebe nicht verschwinden.
Er hiess mich diesen ziehen für
Der alle würde überwinden.
Schleust nun der Eltern Rat der Kinder Wolfart ein /
So kämpfft: der Tapfferste wird mir der Schönste sein.
Alcides aller Helden Held /
Der Jupitern als Vater ehret /
Die Tugend für die Schwester hält /
Die Nachwelt ihre Wege lehret.
Die Ewigkeit zielt an / mir Schutz und Schirm sagt zu /
Soll urteiln / wer von euch die grösten Taten tu.
Hiermit rüsteten sich alle anwesende Helden zu dem von der Alceis angeordneten
Streite. Hermes traff zu ersten mit dem Gorgulo und rennte selbten mit seiner
Lantze übern Hauffen / Micipsa aber rächete diesen Schimpff am Hermes auf eben
diese Weise. Taxis meinte zwar dem Micipsa gleiches mit gleichen zu vergelten /
dieser aber traff ihn so wohl / dass er für todt zu Bodem fiel. Hingegen begegnete
Ardegal dem Micipsa auf eine solche Weise / dass er mit samt dem Pferde hinter
sich stürtzte: Etas aber beraubte diesen gleich seiner erlangten Ehre / an
welchen sich aber alsofort Barcas machte / und ihm die Lantze durch die Brust
jagte. Hiempsal meinte bei so seltzamer Verwechselung zwar an Barcas wieder zum
Ritter zu werden / dieser aber traff ihn mit einem Pfeile durchs Hertze / ehe er
mit ihm anbinden konnte. Hanno rennte mit grosser Verbitterung gegen ihn / Barcas
aber wendete sich seiner Lantze aus / und versätzte ihm rückwerts mit seinem
Degen einen heftigen Streich über den Kopff. Mergal lösete den Hanno ab / aber
mit nicht besserem Glücke. Denn Barcas erwischte ihn bei beiderseits einander
ausgeschlagenen Streichen /beim Arme / und riess ihn vom Pferde. Weil nun alleine
noch Hiarbas übrig war / stärckte er alle Kräffte an dem Barcas seine bisher
erstrittene Sieges-Palmen aus den Händen zu winden. Sie machten einander eine
ziemliche Zeit zu schaffen / und alle vom Barcas überwundenen wünschten dem
Hiarbas den Sieg /damit nicht die Ehre ihres Uberwinders sie beschämete. Aber
der Ausschlag fiel für den hertzhaften Barcas / welcher des Hiarbas Pferde
einen Streich in Hals anbrachte / davon es tod zur Erde fiel / und zugleich den
Hiarbas zu Bodem warff. Hercules nahm hiermit die Fürstin Alceis bei der Hand /
führte sie zu dem sieghaften Barcas / und überlieferte sie ihm als den
Sieges-Preis seiner Tapfferkeit mit folgenden Worten:
Alceis nim den Barcas an /
Der dich durch Tugend hat erstritten /
Die Liebe Zeig- und Meistern kann /
Und auch den Sternen kann gebieten.
Glaub aber: dass du folgst der grossen Götter Rat /
Weil hier's Verhängnis mit die Hand im Spiele hat.
Hercules wendete sich hierauf gegen die andern Helden und Liebhaber der Fürstin
Alceis / und sang gegen selbte:
Lasst euch der Eyversucht ihr Gift /
Ihr Helden / nicht zu Hass verleiten.
Wer auf der See der Liebe schifft /
Muss der Begierden Sturm bestreiten.
Die Liebe / die diss Paar heut in die Armen nimmt /
Hat euer Tapfferkeit schon auch ihr Teil bestimmt.
Alceis und Barcas umarmten und küssten einander mit höchster Vergnügung. Dieser
reizte sie auch durch folgende Reimen hierzu so viel mehr an:
Komm / Augen-Apffel und mein Licht!
Komm / lasse tausendmahl dich küssen /
Denn meine Sonn' ist dein Gesicht /
Und in dein Hertz soll meines flüssen.
Es schmelzt für Liebe schon / weil es der Himmel schafft;
Und meine Seele kriegt von deiner Anmut Krafft.
Alceis begegnete ihm durch ihre zauberische Stimme mit nicht lauerem Liebreitze:
Komm / küsse mich / sieghafter Held /
Auf deinen Lippen werd' ich schmecken
Den rechten Zucker dieser Welt /
Die Bienen nehr'n und Rosen decken.
Alceis die für dir nun ihre Segel streicht /
Hat nun am Barcas auch den süssern Port erreicht.
Hercules und Tingis wurden durch diese gleichsam anfälligen Liebesbezeugungen
angesteckt; dass sie dem Barcas und Alceis alles eben so feurig nachtaten. Die
überwundenen Liebhaber schickten sich auch in das dem Barcas zugehangene Glücke
/ und stimmeten mit einander folgendes Lied an:
Genüsst der Liebe süsse Frucht
Und lasst in euch ihr Oel stets brennen.
In uns erlescht die Eyversucht /
Weil wir des Himmels Schluss erkennen;
Dass / wo sein heilig Trieb steckt zarte Seelen an /
Neid / Hass / und Tugend selbst / den Brand nicht leschen kann.
Die vermummte Eyversucht sah diesem glücklichen und von ihr niemahls
vermutetem Ausschlage mit innerster Hertzenskränckung zu / sonderlich da
Hercules mit seiner Tingis / Barcas mit seiner Alceis nebst denen andern Helden
/ einen freudigen Tantz anfiengen / und alle über dieser zweifachen Vermählung
ihre Freude ausschütteten. Hierüber kam die rechtschaffene Liebe mit zwölff
geflügelten Liebes-Göttern zwischen Blitz und Flammen vom Himmel herab gefahren.
Die Gerechtigkeit wiess die absteigende Liebe auf einen erhobenen Richter-Stuhl
an / überlieferte ihr ihre Wage und das Rach-Schwerdt. Nach dem die Liebe diesen
Stuhl bestiegen hatte / trat einer von ihren Liebes-Göttern auf / und klagte die
vermumte Eyversucht mit ihren Gefärten betrüglicher Falschheit an. Die andern
machten sich alsofort über sie /und ihre Gefärten her / riessen ihnen Larven
und alle frembde Federn vom Halse / und stellten die garstige Eyversucht / und
die abscheulichen Unholden dem ganzen Schauplatze zu grossem Gelächter nackend
für Augen. Die hierüber beschämte Eyversucht fiel in Ohnmacht / und als sie sich
ein wenig wieder erholete / kroch sie auf allen vieren unter den Wagen der Liebe
/ liess sich ihre Räder zerqvetschen / und fieng darunter mit einer demütigen
Stimme zu singen an:
Was hat für Hoffart mich betört?
Dass ich der Königin der Hertzen /
Die Erde / Meer / und Himmel ehrt /
Mir träumen liess ihr Licht zu schwärtzen?
Dass ich / des Abgrunds Brutt / sie / Sonne / tastet' an /
Für der kein Gott bestehn / kein Riese tauern kann?
Mein Schlangen-Schwantz / mein Drachen-Maul
Und die vergifften Löwen-Klauen /
Mein Atem der die Lufft macht faul /
schafft seichten Regungen zwar Grauen /
Wo aber wahre Lieb' in reinen Hertzen brennt /
Wird Eyversucht wie Dunst durch Sonn' und Wind zertrennt.
Ich bin das Finsternis der Welt /
Der Hertzen Gift / die Pest der Seelen /
Der Wurm / der alle Lust vergällt.
Mit Schwefel aus des Abgrunds Hölen.
Wag mag ich törch'the Kampff der Liebe bitten an /
Die in ein Paradis die Hölle wandeln kann.
Ich rühme mich der Liebe Kind /
Was will ich sie denn selbst verschlingen?
Wenn Milch aus ihren Brüsten rinnt /
So saug ich Gift aus allen Dingen.
Aus meinen Eutern milckt man Eiter; denn ich bin
Der Liebe Missgeburt / verliebter Henckerin.
Nach dem ich grosse Göttin / mich
Nur dir / als Sclavin unterwerffe /
So brauche milder Sanftmut dich;
Verkehr in Gnade Recht und Schärffe.
Hegstu Gerichte gleich / so nim es nicht genau /
Treufft deine Rutte doch von Balsam / Oel und Tau.
Verdamme mich zu Qval und Pein /
Entzeuch mir nur nicht dein Gesichte.
Wie nichts kann ohne Sonne sein /
So leb ich auch von deinem Lichte.
Hält man mich gleich für Gift / so ist kein Schlangen-Nest
So gifftig / das sich nicht in Artznei wandeln lässt.
Der Reiff macht vielmahl reiffe Frucht /
Man braucht den Wurm zum Scharlach färben.
Die Nessel scharffer Eyversucht
Lässt Liebes-Rosen nicht verterben.
Wär' ich bei reiner Glut ein steter Argos nicht /
Vergässe treue Lieb' oft ihre Schuld und Pflicht.
Da mein sorgfältig wachsam sein /
Die Lieb' erhält / die Untreu zähmet /
Der Wollust nicht zu viel räumt ein /
Mehr Zunder in die Hertzen sämet;
So nim mich / Liebe / doch zu deiner Dienst-Magd an /
Weil ohne meinen Rauch doch nicht dein Brand sein kann.
Die Liebe gab nach geendigtem Gesange ihren Liebes-Göttern einen Winck / welche
der Eyversucht eine eiserne Kette um den Hals legten / und sie damit feste
machten. Die Liebe aber fieng hierauf zu singen an:
Ich solt' aus aller Menschen Brust
Mit Strumpf und Stiele dich vertilgen
Denn du versältzest alles Lust /
Und machst Napell aus meinen Lilgen.
Dass aber meine Gnad' iedwedem werde kund /
So sollstu sein fortin der Liebe Ketten-Hund.
Die Liebe erhob sich hierauf von ihrem Stule / und beschloss dieses Schauspiel
nebst ihren Liebes-Göttern mit einem lustigen Siegestantze / welche darinnen der
Eyversucht auf Kopff und Hals sprangen / und mit ihr das Gespötte trieben. Die
Liebe sätzte sich hierauf wieder auf ihren Wagen / welchen die Schwanen in
Begleitung der Liebes-Götter empor zohen /und sich in dem gestirntem Himmel in
eitel Sterne verwandelten. Nach diesem verschwand der Schauplatz / und viel
tausend kleine Sterne fielen über die Zuschauer herab / welche aber / ehe sie
die Erde erreichten / ausleschten / und die Lufft mit einem süssen Weirauche und
Balsam-Geruche erfüllten / also mit der Nacht dem Schauspiele ein Ende machten.
    So vergnügt nun der Hof / und das Volck über diesem dritten Schauspiele war
/ so viel Vorwitz liess es auch in seiner Auslegung spüren. Jederman deutete des
Gelo Unfall auf Adgandestern aus / wer aber das Glücke des Barcas haben würde /
die Marckmännische Alceis zu besitzen / konten sie sich nicht vergleichen. Die
Liebe des Antäus / der Tingis / und des Hercules war aber allen ein
unerforschliches Geheimnüs / welches die Menschen eben so wohl / als das Gold in
Dingen zu suchen gewohnet sind / wo derer keines verhanden ist. Auf den Mittag
hielt König Vannius abermals ein sehr prächtiges Gast-Maal /bei welchem zwar
nicht König Marbod und Adelgunde / aber Hertzog Ingviomer / Fürst Bolessla / und
Britomartes anwesend waren. Ein ieder unter ihnen verbarg seine Eyversucht / und
alle bezeigten gegen einander grosse Verträuligkeit. Nach dem sie der Wein auch
ein wenig erwärmet hatte / fieng Ingviomer seiner deutschen Aufrichtigkeit nach
an: Er wäre erfreuet / dass die tugendhafte Adelgunde nicht minder tapffere
Liebhaber als Alceis / und er noch fürtrefflichere Neben-Buhler als Barcas / sie
alle auch die Eyversucht wie einen Ketten-Hund gefässelt hätten. Da sie nun es
so redlich als er meinten / wäre er erbötig / mit ihnen ein solch Bündnüs / wie
der schönen Helena vier und zwantzig Liebhaber unter sich getan / aufzurichten
/ welche ihrem Vater dem Tyndarus seine Tochter geben würde / wider alle Gewalt
eussersten Kräfften nach / beizustehen. Diss Versprechen hätten sie auch hernach
dem vom Tyndarus erwehlten Menelaus wider den Rauber Helenens treulich gehalten
/ und sein Unrecht mit Einäscherung seines Vaterlandes gerochen. Britomartes
antwortete: Er bescheidete sich wohl / dass mehr nicht als einer die unschätzbare
Adelgunde besitzen könnte / er bildete sich aber so sehr als iemand anders in der
Welt ein / Barcas zu sein / und deswegen wäre niemand begieriger /als er / solch
Bündnüs einzugehen. Bolessla billigte nicht nur allein solches / sondern er liess
sich auch heraus: Die Liebhaber der Alceis hätten wohl vom Gelücke zu sagen / dass
sie nicht die Eigensinnigkeit des Antäus / sondern ihre eigene Faust zum
Entscheider ihrer Liebes-Strittigkeit gehabt hätten. Ihm könnte auch vom Könige
Marbod keine grössere Woltat geschehen / als wenn er wie Antäus seine Adelgunde
dem / der im Kampffe das beste tun würde / zum Preisse auffsätzte. Britomartes
und Ingviomer erklärten sich unverwendeten Fusses / dass eben diss ihr gröster
Wunsch wäre; König Vannius fieng hierüber an: Die Tugend wäre der gerädest und
sicherste Weg / so wohl zur Liebe / als zu der Ehre. Daher hätte nicht nur Antäus
/ sondern auch Danaus ihre Töchter dem zum Siegs-Preisse auffgesätzt / welcher
denen andern Liebhabern an Tugend überlegen sein würde. Deñ wie das Saltz der
Ursprung aller Fruchtbarkeit in der Erde / in Tieren wäre / in welchen eine der
Saam-Adern von der / die alles Gesaltzene an sich saugte / herrührte /und solche
zu den Nieren beförderte; also wäre die Tugend auch der einige Brunn beständiger
Liebe. Alle ihre andere Qvellen versäugten / die Schönheit wäre eine mit der
Zeit verdorrende Wurtzel; Reichtum und Würden dienten nur zu Larven der Liebe /
und daher ereignete sich vielmahl / dass / wie ein vom Magnet angemachtes Eisen
alle seine Krafft sich nach dem Angel-Sterne zu wenden verlieret / wenn selbtes
entweder mit einem Hammer geschlagen / oder seine Geräde gekrümmet / oder die
erste Krümme gerade gemacht wird / also auch solche Schein-Liebe bei
Wiederwertigkeit und bei Veränderung des Glückes von allen Kräfften komme. Bei
so gestalten Sachen wären sie auf dem rechten Wege / sich um die Gewogenheit
einer so tugendhaften Fürstin / als Adelgunde wäre /zu bewerben / und ihr Vater
König Marbod hätte auch nicht weniger Tugend in seinem Hertzen / als Gehirne in
seinem Kopffe / dass seinem Bedüncken nach er sich leichter als Antäus
entschlüssen würde /seine Tochter dem tapffersten zu verheiraten. Wenn es nun
ihr Ernst wäre / diss / wessen sie sich bereit erkläret hätten / einzugehen /
sollten sie ihren Schluss verfassen / unterschreiben und besiegeln / so wollte er
hierüber König Marbods Einwilligung hoffentlich bald und ohne Schwerigkeit zu
wege bringen. Keiner unter diesen dreien Fürsten konnte mit Ehren / oder wollte
auch / seine Erklärung zurück ziehen; sondern sie alle unterzeichneten den vom
Vannius gemachten Entwurff; dass wer im Kampffe den Sieg / auch in der Liebe
Adelgunden davon tragen / die Uberwundenen auch dem Sieger wider alle Gewalt
beistehen sollten. Vannius war über so glücklichem Ausschlage seines Vorhabens /
um welchen er gerne noch so viel Unkosten angewendet hätte / ehr wohl zu frieden
/ verfügte sich also nach geendigtem Gast-Maale noch selbigen Abend zum Könige
Marbod / und zeigete ihm mit dem unterschriebenen Vergleiche der drei Fürsten
/ein Mittel / sonder ein oder des andern Beleidigung aus so bedencklicher
Schwerigkeit sich auszuflechten. Marbod war hierüber so sehr vergnügt / dass er
den Vannius umarmte / ihn seinen Schutzgeist nennte /welchen das Göttliche
Verhängnüs absonderlich zu seinem und seines Reiches Erhaltung ausserlesen hätte.
Er liess auch alsofort seine Tochter Adelgunde beruffen / und trug ihr so wohl die
Entschlüssung derer um sie werbenden Fürsten / als seine vorhabende Einwilligung
für: dass sie dessen Gemahlin werden sollte /welcher durch seine Tapfferkeit der
andern Uberwinder sein würde. Hierdurch würde sie nicht nur dem würdigsten zu
teile / sondern auch alle schädliche Feindschaft / welche durch des einen Wahl
und der andern Verstossung ihm und ihr zuwachsen könnte /verhütet werden. Dieser
Vortrag war Adelgunden ein Donnerschlag ins Hertze; welche ihr entweder mit
Ingviomern zu leben / oder ohne Mann zu sterben fürgesätzt hatte. Daher warff
sie ein: Das Glücke krönete ihrer mehr / als die Tugend / und ein blinder
Streich hätte oft für der Tapfferkeit den Vorzug. Wenn aber auch diese schon
die Oberhand behielte /so wäre die Tugend zwar ein Zunder / aber nicht das Qvell
der Liebe / welche aus dem Brunnen des Verhängnisses in unser Seele so
unvermerckt geflösset würde / dass man keine Ursache dieses geschwinden Feuers
geben könnte. Weil nun bei den Marckmännern ieden Bürgers Tochter das Recht hätte
/ nach ihrem Belieben einen Mann zu erkiesen / möchte man doch ihr / als die
einen so grossen Vorzug ihres Ursprungs halber hätte / diese Freiheit nicht
abschneiden. Hätten doch eines ieden Baumes und Krautes Wurtzeln besondere
Lufftlöcher / welche nur den ihnen dienenden Safft der Erde in sich saugten /
nichts ihnen schädliches aber in sich liessen. Also wäre auch ihr und alle edle
Hertzen beschaffen / welche keiner ihnen unanständigen Liebe den Eingang
öffneten / und etwas widriges zu lieben über sich selbst keine Gewalt hätten.
Marbod aber antwortete ihr: Das Verhängnüs hätte seine Hand nicht weniger im
Kampffe / als in der Liebe / und daher würde es keinem den Sieg zueignen / als
welchem es auch Adelgunden zur Braut bestimmet hätte. Sie sollte diesem also den
Ausschlag heimstellen / welcher ohne diss weder durch Vorsicht /noch durch Furcht
zu verändern wäre. Weil sie nun alle Vollkommenheiten des Frauenzimmers ausser
ihrem Missbrauche besässe / würde sie sich auch vernünftig in diese wolüberlegte
Entschlüssung schicken / und behertzigen / dass es mit ihrer Heirat auch um die
Vermählung des Marckmännischen Reiches zu tun wäre / und der Bräutigam diesem
so wohl / als ihr anstehen müste. Adelgunde versätzte: Die Natur hätte ihrem
Verstande so viel Licht gegeben: dass sie in ihrer Wahl hoffentlich keine blinde
abgeben / noch zu ihrer Schande und des Reiches Nachteile einen Unwürdigen
erkiesen würde. Marbod begegnete ihr: Er traute ihr nichts weniger als eine
solche Schwachheit zu; aber bei gegenwärtigem Zustande könnte die allerbeste Wahl
nicht unnachteilig sein / er wäre versichert: dass weil sie mit der Tugend in so
festem Bündnisse stünde / diese für ihre Zuneigung auffs eusserste streiten /
keinem / der nicht ihrer Liebe wert wäre / den Sieg zuschantzen / und das von
dem Himmel seinen Hang habende Glücke ihr nicht zu wider sein würde. Adelgunde
ersuchte ihren Vater / er möchte diesem Beginnen nur einen kleinen Verzug geben
/biss sie / was sie darbei zu beobachten hätte / mit sich überlegen könnte. Sie
war aber kaum in ihr Zimmer kommen / als sie vom Hertzoge Ingviomer ein
Schreiben folgenden Innhalts empfieng: Vollkommenste Adelgunde / alle
Glücks-Winde blasen numehr in die Segel unserer Liebe / und ich sehe unser
Schiff nun selbst gleichsam schon im Hafen / deñ meine Neben-Buhler haben
gewilliget / dem Adelgunden abzutreten / welcher ihnen an Tapfferkeit würde
überlegen sein /und Vannius ist erbötig des Königs Marbod Einwilligung hierüber
zu wege zu bringen. Glaube mir /meine Seele / dass mein Hertze zu enge sei / die
hieraus geschöpffte Freude zu beherbergen / welcher Uberfluss ich hiermit in
deine Schoos ausschütte. Denn was könnte mir das Verhängnüs erwünschteres
zuschicken / als die Gelegenheit mit Adelgunden den grösten Sieges-Preis der
Welt durch Tapfferkeit zu gewinnen? Niemand ist für mir so glückselig gewest
/dass seiner Liebe nicht weniger die Tugend den Weg gebähnet / als die eigene
Gewogenheit der fürtrefflichsten Fürstin die Hand geboten hätte. Mein Degen wird
Adelgundens Wahl rechtfertigen / dass ihre Klugheit eben den / welchen die Tugend
und der Himmel ausserkieset hätte. Ihre Liebe aber wird Ingviomers Kräfften ein
zweifaches Gewichte beilegen / dass er nicht nur seine Neben-Buhler / sondern das
Verhängnüs selbst zu überwinden mächtig sein würde /wenn solches sich zu unsern
Feinden schlagen wollte. Dieses Schreiben war aus der Feder eines so hertzhaften
Fürsten geflossen / dass dessen Buchstaben gleichsam einen Trieb oder Geist der
Tapfferkeit in sich hatten. Diesem nach ward die Fürstin Adelgunde dadurch
derogestalt erfrischet / dass sie nicht nur in ihrem Hertzen in den bestimmten
Kampff willigte /sondern Ingviomern folgende Antwort schrieb: Grossmütiger
Ingviomer. Ich würde seiner Tugend / und meiner Liebe keinen geringen
Schandfleck anstreichen / wenn ich über seiner hertzhaften Entschlüssung den
wenigsten Sonnenstaub einiger Furcht in mein Hertze kommen liesse. Sintemahl die
ganze Welt weiss / dass Ingviomern niemand an Tapfferkeit / ich aber / dass ihm
niemand an Liebe vorgehe. Ich muss also Ingviomern nicht missgönnen / diese durch
jene so viel herrlicher zu machen / und bescheide mich / dass vollkommene Liebe
so wenig als die schönsten Rosen ohne Waffen sein könne. Meine Seele ist lüstern
nur bald die Stunde zu erleben / da ihn seine Tugend mit Lorbern / und meine
Liebe mit Rosen krönen wird; da Ingviomer seine Feinde den Stachel seiner
Hertzhaftigkeit / Adelgunden aber den Honig seiner Liebe schmecken lassen wird.
So bald sie diesen Brieff verschlossen / und abgeschickt hatte / kehrete sie
wieder zum Könige Marbod / und erklärte sich in Anwesenheit des Vannius: Sie
wäre allerdings zu frieden / dass sie dem / welcher in dem vorgeschlagenen Siege
Meister sein würde / möchte vermählet werden. Vannius lobte diese hertzhafte
Entschlüssung / und Marbod liess noch selbigen Abend durch ganz Maroboduum bei
Trompeten und Paucken durch Herolden kund tun: dass dieselbigen Fürsten / welche
an seine Tochter Adelgunde einen Anspruch zu machen vermeinten / über den andern
Tag auf der Königlichen Rennebahn erscheinen / und durch ihre Tapfferkeit ihr
Vorrecht behaupten sollten. Diese Erklärung kam denen Fürsten bald zu Ohren / und
so sehr sie selbte vergnügte / so eifrig rüsteten sie sich auf bestimmte Zeit
der Welt zugleich ihre Tapfferkeit für Augen zu stellen / und den würdigsten
Siegs-Preis der Welt zu erwerben. Der Hof und ganz Maroboduum war nach diesem
Kampffe begierig / und bekümmert / wen die Tugend oder das Gelücke zum Bräutigam
einer so grossen und schönen Fürstin ins geheim bestimmet hätte. Die einige
Adelgunde hegte in ihrem Hertzen keinen Zweifel; dass ihre Zuneigung die Tugend
mit einer / das Glücke mit der andern Hand gefasset hätte. Es träumete ihr aber
folgende Nacht: dass sie auf der Rennebahn einen Hahn gegen zwei andere zum
Gefechte aus den Händen liesse / welcher nach langem und hartnäckichtem Gefechte
zwar den andern zu Kopffe wuchse; es käme aber ein vierdter Hahn darzu / welcher
einen Schlangen-Schwantz hätte / und mit diesem sich dem obsiegenden Hahne um
die Beine flüchte / dass er übern Hauffen fiele / und erstochen worden wäre /
wenn nicht Adelgunde ihm wäre zu Hülffe kommen. Sie erwachte hierüber / und weil
ihr dieser Traum überaus nachdencklich fürkam / erzehlete sie ihn alsofort der
Frauen von Sudewitz / welche /ob sie wohl selbst glaubte / dass er Adelgunden
nicht allzuviel gutes bedeutete / an statt der verlangten Auslegung ihre Meinung
mit der denen Träumen anhängenden Eitelkeit verdeckte. Allein Adelgunde wollte
sich diss nicht vergnügen / noch ihr ausreden lassen /dass dieser Traum eine
Göttliche Warnigung wäre. Sie ging daher mit dem Ritter Rysemberg und Pernstein
ins geheim zu Rate / ohne dass einig Mensch hiervon etwas erfahren konnte; Ausser
dass Adelgunde beim Könige Erlaubnüs ausbat / dass sie nicht mit auf dem
Schau-Gerüste erscheinen und dem Kampffe beiwohnen dörffte / gleich als wenn sie
nach ihrer Verheiratung so lüstern wäre. Unterdessen rückte die bestimmte Zeit
zum Kampfe herbei. Die Schrancken der Rennebahn wurden noch für Tage mit einer
grossen Menge gewaffneter Ritter besätzet. Die Fenster und Dächer aller herum
liegenden Häuser wurden mit einer unzählbaren Menge Menschen angefüllet / und
auf der Erde konnte für ihnen auch kein Apffel zur Erde. In der Rennebahn war für
den König Marbod und Vannius ein prächtiges Schau Gerüste erbauet / welch
letzter so wohl vom Marbod als denen zwistigen Fürsten zum Richter erbeten war.
Fürst Bolessla war der erste /welcher mit zweien Waffenträgern in den Schrancken
erschien. Er ritt einen Perlenfarbenen Hengst / hatte einen ganz blancken
Harnisch an / und dergleichen Helm auf dem Haupte. Im Schilde führte er einen
weissen Adler / welcher in der rechten Klaue den Blitz / im Schnabel einen
Rosen-Zweig / und darunter diese Uberschrifft hatte: Je verliebter / ie
grimmiger. Bald hierauf liess sich auch Britomartes auf einem Tieger-farbichten
Hengste / und zweien Waffenträgern schauen. Sein Helm und Harnisch war blau /
über und über mit Sternen besäet. Im Schilde führte er einen Schwantz-Stern /
mit beigesätzten Worten: Ich brenne und schrecke. Hertzog Ingviomer war der
dritte / und ritt einen falbichten Hengst mit schwartzen Enden. Sein Helm und
Harnisch war grün / und mit eitel Rosen beworffen. Im Schilde war ein Rosenstock
/ und darauf eine an einer Rose saugende Biene mit der Uberschrifft zu schauen:
Einem die Süssigkeit / andern den Stachel. Neben ihm trugen ebenfalls zwei
Schild-Knaben seine Lantzen. König Vannius gab diesen anwesenden Helden ein
Zeichen sich ihm zu nähern / worauf sie denn gewisse Los-Zettel aus einem
silbernen Hafen nehmen mussten; Welche sie denn anwiesen / dass Ingviomer am
ersten mit dem Britomartes / der Uberwinder hernach mit Bolesslaen kämpffen
sollte. König Vannius gab ihnen auch dieses Gesätze / dass weil dieser Kampff aus
keiner Feindschaft / sondern aus Liebe herrührte / und seine eigene Vergnügung
nicht Rache und des andern Untergang zum Zwecke hätte / sollte ieder verpflichtet
sein vom Kampffe abzulassen / wenn er durch Auffsteckung einer weissen Fahne /
und durch Einhaltung des Trompeten-Schalles ihnen das Zeichen des Friedens geben
liesse / welche nunmehr durch ihren Schall eine Ankündigung des Streites waren.
Beide Fürsten Ingviomer und Britomartes setzten sich gegen einander / und hatte
so wohl einer als der ander seinen Geist mit dem Bilde der Ehre angefüllet /
welche ihnen ihre fürgesätzte Helden-Taten versprachen. Ihr Gemüte war voller
Hoffnung den grossen Schatz zu erobern / den ihnen ihr Sieg zueignen sollte /
ungeachtet beiden bekümmert fürkam / dass keiner in diesem ganzen Schauplatze
Adelgunden zu Gesichte bekam. Sie rennten hierauf mit ihren Lantzen wie der aus
zweien Wolcken fahrende Blitz gegen einander; Beide aber versätzten mit ihren
Schilden so künstlich / dass ihre Lantzen wie Glas zersprangen / und in die Lufft
flogen. Ihre Waffenträger reichten in ihrem wenden ihnen zwei andere zu. Ob sie
nun zwar einander eben so wohl traffen / als meinten / sassen doch beide so feste
zu Pferde / und ihre Harnische waren so gut /dass diese Waffen sonder einige
Beleidigung oder Verrückung in Stücke sprangen. Beim dritten Rennen versätzte
Ingviomer Britomartens Lantze glücklich /hingegen traff er ihn auf die rechte
Achsel mit solcher Hefftigkeit / dass sein Feind sich mit genauer Not im Sattel
erhielt. Dieses aber machte Britomarten am wenigsten kleinmütig / welcher mit
Ergreiffung seines Degens sein Glücke zu verbessern vermeinte. Ingviomer aber
war darmit nicht längsamer als Britomartes / und da dieser einen Tieger
fürstellte / fochte jener wie ein Löw / also dass beider Fürsten Edelleute
hierüber nicht so wohl zu Verbitterung als zu Mitleiden bewegt wurden / und auf
das weibliche Geschlechte fluchten / welches dem männlichen derogestalt den
Verstand verwirrte / dass die hertzhaftesten Leute /um ihren Feindinnen
zugefallen / die Waffen auf einander wetzten / und die Hände in ihrem Blute
wüschen. Weil nun beide so geschickt als tapffer waren /wehrete das Gefechte bei
nahe eine Stunde / sonder dass einer ermüdet weniger beschädigt ward. Nach so
langem Streite aber bemeisterte endlich Britomarten Ungedult und Zorn / welcher
/ ob er zwar sonst die Kräfften vergrössert / hier gleichwol / weil er zu heftig
war / Britomarten entkräfftete. Ingviomer aber /weil er Adelgundens allzuwol
versichert war / kriegte bei ihrem Andencken stets wie Antäus von Berührung der
Erde neue Stärcke / und blieb immer ohne einige seiner Vorsicht abbrüchige
Gemütsregungen in einem. Daher er denn bei ersehener Blösse Britomarten
zwischen die Fugen seines Harnisches einen so heftigen Streich in das Gelencke
der rechten Hand versätzte / dass selbte mehr unfähig war den Degen zu halten /
und ob zwar Ingviomer bei ersehener Blutstürtzung mit fernern Streichen inne
hielt / Britomartes sich doch überwunden zu sein erkennen musste. Fürst Bolessla
faste hierüber einen heftigen Eyver gegen Ingviomern / denn ob er zwar
Adelgunden dem Britomartes nicht gönnete / hätte er doch diesen als seinen so
nahen Bluts-Freund lieber als Sieger gesehen / und zu seinem Gegenteile gehabt.
Diesem nach wollte er Ingviomern nicht viel Zeit und Lufft zum Verblasen lassen /
sondern riss seinem Waffenträger eine Lantze aus der Hand / und rennte auf
Ingviomern los / also / dass dieser kaum sich wenden / ein gleiches Gewehre
ergreiffen und Bolesslaen begegnen konnte. Der ersten Lantzen gebrochene Spitzen
flogen ohne Schaden in die Lufft; Die andern schlugen sie beide einander aus /
sie selbst aber traffen mit Brust /Pferden / und Schilden so heftig auf
einander / als wenn zwei auf einander stossende Steinfelsen einander
zerschmettern wollten. Aber weder Männer noch Pferde liessen sich dieses
anfechten / sondern beide Fürsten warffen ihre Pferde herum / und auf einander
etliche Wurffspiesse / welche aber ihr Ziel nicht erreichten / wie es ihr Auge
und die Hand abgesehen hatte. Bolessla entschloss sich also seinen Grimm auf
Ingviomers Pferd auszuüben / stiess ihm also den Degen durch den Hals / wovon es
in Verwirrung geriet / gleichwol aber gab Ingviomer dem Pferde die Sporne / dass
es ihn durch seinen letzten Satz Bolesslaen nahe auf den Hals brachte / und jener
noch Zeit gewann seines Feindes Pferde Maul und Zunge zu zerspalten / und beide
durch einen geschwinden Sprung / ihrer Pferde Falle oder Flucht vorzukommen.
Hiermit ging der Kampff zu Fusse allererst recht an /und sie drangen mehrmahls
einander so nahe auf den Hals / dass sie mit den Degenknöpffen einander auf die
Brust und ins Gesichte stiessen. Weil ihre Harnische nun so gut waren / dass
keine Schärffe der Schwerdter sie durchdringen kunte / untersuchten sie alle
Oeffnungen einander beizukommen; worüber denn auch Ingviomer an der Achsel ein
wenig / Bolessla aber in der Seite tieff verwundet / und weil das ihm entgehende
Geblüte ihn fehr abmattete / seine Streiche schwächte / Ingviomern einen grossen
Vorteil zuschantzte. Dieser und die Erinnerung Adelgundens munterte ihn nunmehr
so vielmehr auf / seinen nunmehr gleichsam schon in Händen habenden Sieg durch
den letzten Ansatz auszumachen / bei welchem es ihm denn auch gelückte / dass er
Bolesslaen noch eine Wunde im Halse versätzte / nach welcher er etliche Schritte
zurück wich / und zu Bodem fiel. Ingviomer warff hiermit seinen Degen weg /
lieff Bolesslaen zu / und riss ihm / damit er so viel freier Lufft schöpffen könnte
/ den Helm vom Haupte. Die Wund-Aertzte / welche inzwischen Britomarten
verbunden hatten /kamen auch eilends herbei / machten ihm den Harnisch ab / und
halffen durch unterschieden angewehrte Erqvickungen seiner Ohnmacht ab. So bald
er nun wieder zu sich selbst kam / und Ingviomern für sich sah / reichte er ihm
die Hand / erklärte ihn auch für seinen Uberwinder / und den würdigsten
Bräutigam der Fürstin Adelgunde. Dieser hingegen bezeugte sein Mitleiden / so
wohl gegen Bolesslaen als Britomarten /und liess über seinem Siege nichts weniger
als einigen Hochmut spüren. Immittelst hatten die Bructerischen Edelleute
etliche von Ingviomers Pferden ihm in die Reñebahn gebracht / sich davon eines
an statt des umgefallenen zu bedienen. Ingviomer hatte davon kaum einen
blauschimmelichten Hengst erkieset / und beschritten / und wollte nunmehr vom
Könige Vannius seinen Ausspruch vernehmen; als ein Herold in Schrancken kam /
und Ingviomern andeutete / dass noch ein Fürst zu gegen wäre / welcher seines
erstern Rechtes und Tapfferkeit halber für ihm bei Adelgunden den Vorzug zu
haben vermeinte / und es mit ihm durch die Waffen ausführen wollte. Dieser kam
auch gleich auf einem kohlschwartzen Pferde / welcher Farbe auch alle seine
Waffen zusagten / in die Schrancken geritten. Auf seinem Schilde war eine
Unholdin wie ein Salamander mitten in einem Flammen-Feuer zu sehen / darüber
aber zu lesen: Noch verzweiffelter. Ingviomer gab dem ihn ansprechenden Herolde
zur Antwort: Er wäre zwar nicht verbunden mit einem frembden / den König Marbod
nicht für einen würdigen Liebhaber seiner Tochter erkennet hätte / sich
einzulassen; Weil aber Adelgunde die vollkommenste Fürstin der Welt wäre / wollte
er ihm und allen / welche sich würdiger hielten diese Perle zu besitzen / durch
seinen Degen diesen eitelen Hochmut vertreiben. Er stellte sich auch alsofort
seinem neuen Feinde entgegen; für welchem einer seiner Waffenträger mit einer
Lantze allerhand Striche in den Sand der Rennebahn scharrete. Neben diesem
rennte der schwartze Ritter gegen Ingviomern mit grossem Ungestüme und brachen
sie beide Lantzen an einander ohne einigen Schaden / als sich aber Ingviomer
wendete und mit einem ergriffenen Wurffspiesse seinem Feinde in die Eisen gehen
wollte / ungefähr aber auf den Ort kam / wo der frembde Waffenträger in die Erde
gescharret hatte / stürtzte Ingviomer mit seinem Pferde / gleich als wenn es der
Blitz rührte / über und über. Das Pferd fiel seinem Fürsten auf den Leib /und
qvetschte ihn / dass er nicht aufstehen konnte; über diss lieff ihm das Blut
häuffig aus Mund und Nase. Hierauf rennte der schwartze Ritter mit entblöstem
Degen auf ihn zu / und wollte durch angedreute Ausleschung seines Lichtes ihm das
Bekenntnis abzwingen / dass er sein Uberwundener wäre. Ingviomer / welcher von
seinem abscheulichen Fall kaum Atem holen konnte / zwang sich doch zu reden: dass
er ehe sterben /als durch diesen Zufall oder Zauberei sich überwunden geben
wollte. König Vannius liess zwar das weisse Fahn aufstecken / und die Trompeten
inne halten /aber der schwartze Ritter fuhr in seinen Dräuungen fort / biss sich
auff der Seite die Schrancken der Rennebahn öffneten / durch welche ein hurtiger
Ritter auf einem Hermelin-farbichtem Hengste herfür sprengte. Sein Helm und
Harnisch war vergüldet / in dem Schilde führte ein Storch im Schnabel eine sich
windende Schlange empor / darbei stand diese Uberschrifft: Nur dem schädlichen
schädlich. Der schwartze Ritter sah wohl / dass es auf ihn gemüntzet wäre /
dahero musste er Ingviomern verlassen / und sich zur Gegenwehre rüsten. Der
güldene Ritter aber hatte den Schwartzen mit seiner Lantze so wohl gefast / dass
er ihm mit der Spitze durch die Öffnung ins Auge traff / worvon er mit grosser
Blutstürtzung ohnmächtig zur Erde sanck / der Sieger sprang auch alsofort von
seinem Pferde / und weil er begierig war seinen Feind zu kennen / riess er ihm
den Helm vom Haupte / und wiess hiermit allen Zuschauern / dass es Adgandester
war. Dieses verursachte / dass auch der güldene Ritter seinen Helm abnahm / und
sich dem ganzen Schauplatze / besonders aber Ingviomern zu grossem Frolocken
für die Fürstin Adelgunde zu erkennen gab / welcher durch ihren blossen Anblick
sich erholete / dass er aufstand und sie mit unbeschreiblichen Freuden umarmte /
sie seine Erlöserin /seine Schutzgöttin / und die Wiederbringerin seiner Ehre
nennte. Hierauf wendeten beide sich gegen dem Vannius / und verlangten von ihm
ihr Urtel. Adelgunde sätzte absonderlich hierzu: Sie versähe sich nicht / dass
der dem Hertzoge Ingviomer begegnete Unfall dem zauberischen Adgandester zum
geringsten Vorteile gereichen würde / nach dem sie das Glücke gehabt ihn zu
überwinden / Adgandester aber sich nicht rühmen könnte / als wenn er gegen
Ingviomern das geringste ausgerichtet hätte. Damit aber auch die Missgunst keinen
Vorwand hätte / an dem Tuche seiner Ehre zu saugen / möchte König Vannius doch
die Zauberstriche auf der Rennebahn besichtigen / und Adgandesters Waffenträger
in Hafft nehmen / und hierüber befragen lassen. König Vannius erkennte hierauf:
dass Ingviomern vom Fürsten Bolessla und Britomartes schon selbst der Obsieg
zugestanden worden / und er nunmehr der rechtmässige Liebhaber und Bräutigam
Adelgundens wäre / an welche der sich ohne König Marbods Willen eingedrungene
und von Adelgunden überwundene Adgandester keinen Anspruch zu machen hätte. Der
ganze Schauplatz bezeugte durch Zuruffung tausendfachen Glückes hierüber sein
Vergnügen. König Marbod stand auch selbst auf / umarmte Ingviomern / und nahm
ihn mit Auslassung vieler Freuden und Vergnügung zu seinem Tochter-Manne auf und
an. Weil aber Adelgunde Ingviomers Ehre von dem geringsten Sonnen-Staube einer
Verkleinerung gesaubert wissen wollte / drang sie auf Einziehung der Waffenträger
und auf Untersuchung der in Sand gescharrten Zauberstriche: Weil Marbod dem
einmal zum Richter beliebten Vannius nicht eingreiffen wollte / gab dieser die
Sache dem Ritter Zierotin und Choltitz zu untersuchen. Ob nun gleich die in den
Sand gemachten Striche nicht ohne sonderbahre Geheimnisse zu sein schienen /
wussten doch die befragten Waffenträger / ungeachtet sie solche Striche zu
vertreten / und zu verstreichen sich möglichst bearbeitet hatten / alles
scheinbar zu verblümen / biss der Kerckermeister ungefähr gewahr ward / dass der
eine dieser Waffenträger ein Weib wäre. Dieses vermehrete bei beiden Rittern den
Argwohn der Zauberei / welche denn auch durch genaue Untersuchung endlich ihr
Bekäntnüs heraus brachten: Sie wäre die Zauberin Wartburgis und hätte teils
durch die in Sand gescharrten Ziffern teils durch ihre Beschwerungen zu wege
gebracht / dass Ingviomer mit seinem Pferde über und über hätte stürtzen müssen.
Sie bekennte über diss viel andere Bosheiten / die sie teils zu Rom in der
Gemeinschaft der Zaubermeisterin Martina begangen hätte. Diesem nach wurden
König Marbod und Vannius mit einander eines: dass Wartpurgis an einem verdorrten
Baum aufgehenckt /Adgandester aber / welcher zwar sein Auge verloren hatte /
sonst aber nicht tödtlich verwundet war / auf dem Schloss Libin in einem festen
Turme verwahret ward. Dieser Schluss erweckte unter den Marckmännern eine
unglaubliche / und wegen beliebter Verlobung Adelgundens an Hertzog Ingviomer
eine zweifache Freude. König Marbod erlangte durch Adgandesters Verstossung /
welchen alle zeiter für den Ursprung alles Ubels im Hertzen verflucht hatten
/sein voriges Ansehen / die Liebe beim Volcke / und die letzte Zauberei auf der
Rennebahn diente ihm zu einer scheinbaren Entschuldigung; dass Adgandester ihn
durch solche Künste seiner Klugheit beraubet /und seinen Willen gefässelt gehabt
hätte. Diese Freude verbreitete sich gleichsam mit den Wolcken über das ganze
Reich / und man sah etliche Tage hinter einander die Spitzen der Berge mit
unzählbaren Freuden-Feuern gekrönet. König Marbod machte hierauf zwar Anstalt zu
einem prächtigen Beilager / aber die zu solchen Zubereitungen nötige Zeit
schiene so wohl Adelgunden als Ingviomern allzulang zu werden. Daher sie ihre
Sehnsucht gegen den König damit verkleideten / dass sie diese zu solchem Gepränge
nötigen Unkosten gerne dem gemeinen Wesen zum besten aufopffern wollten / weil
doch Untertanen über nichts mehr seuffzeten / als dass man den etliche Jahr von
ihnen erpresten Schweiss in wenigen Tagen zernichtete. Ob nun zwar Marbod in
denen Gedancken stand /dass er nicht weniger seinem Ansehen / als seiner einigen
Tochter Beilager abbräche / so redete doch Vannius Adelgunden das Wort / und
sagte / dass ein Fürst für sein Haus niemals zu wenig / und für des Volckes Heil
niemahls zu viel ausgeben könnte. Dieser Einhalt / und die einlauffende
Nachricht: dass der deutsche Feldherr Herrmann bereit nach Versicherung seines
Rückens / mit einer grossen Macht über die Elbe gesätzt / die Marsinger auf
seine Seite gebracht hätte /und gegen denen Marckmännischen Gräntzen im Anzuge
wäre / verursachte / dass den vierdten Tag nach dem Kampffe Ingviomer und
Adelgunde vermählet werden sollten. Adelgunde ersuchte bei dieser Erklärung den
König: dass er für diesem Freuden-Tage Adgandestern / welcher für Schande schier
verzweiffelte / und für heimlicher Rache sein eigen Hertze auffrass /aus dem
Lande schaffen / also ihr sein trauriges Andencken aus dem Sinne / dem Volcke
alle Ursache fernerer Verbitterung aus dem Hertzen reissen möchte. König Marbod
/ welcher nun allererst das von Adgandestern gestifftete Unheil und seine
Bezauberung erkennte / hatte zwar ihm vorgesätzt / an ihm als einem so
schädlichen Staats-Diener ein Beispiel strenger Gerechtigkeit auszuüben /
willigte / seiner Tochter zu Liebe / in seine blosse Verweisung und liess ihm
andeuten / dass er sich zu seiner Entfernung fertig halten sollte. Adgandester /
welcher vorhin so viel Anbeter gehabt / mit des Königs Gnade aber alle Freunde
verloren hatte / liess den König durch den ihn verwahrenden Hauptmann ersuchen /
er möchte ihme nur zehn Worte zu sagen / Gehöre geben. Marbod aber liess ihn
beantworten: er sollte sich nur seines eigenen ihme gegebenen Rates erinnern:
dass er den nimmermehr für sein Gesichte sollte kommen lassen /den er schon
einmal hätte in Hafft nehmen lassen. Daher wäre unverschämt wider diss / was er
selbst verdamt hätte / etwas zu begehren. Des Nachts liess ihn Marbod auf einen
Esel setzen und aus der Stadt Maroboduum führen. Das Volck ward es gleichwol
gewahr / ehe er aus den Pforten kam / lieff selbtem nach / der Pöfel warff ihn
mit Kote / und hätte ihn mit Zähn- und Klauen in kleine Stücke zerrissen /wenn
er von der Königlichen Wache nicht wäre beschirmet worden / die ihn an die
Reichs-Gräntzen biss über die Donau zu führen befehlicht war. Von denen
Königlichen Räten gaben sich ihrer viel an / welche sich erboten durch
Wahrmachung seiner Laster des Königs Ungnade gegen ihn zu rechtfertigen.
Sintemahl er die Königliche Hoheit und Gewalt an sich gezogen / alle Aempter bei
Hofe und im Reiche nach seinem eigenen Gefallen vergeben / von denen gemeinen
Einkünfte sich und seine Geschöpffe bereichert / die hohen Würden und die
Gerechtigkeit verkaufft /zwischen dem Könige und seiner Tochter Zwietracht /
zwischen den Ständen Misstrauen gesämet / kluge /tapffere / und treue Leute von
Hofe und aus dem Lande verstossen / denen Land-Vögten nach Hofe zu kommen die
gemeine Rot und Gefahr zu entdecken verwehret / ihre Berichte untergedrückt /
den König in seinem Zimmer / wie in einem Gefängnisse eingesperret / mit frembden
Botschaftern ohne des Königs Vorbewust / was er nur selbst gewolt /
eigenmächtig abgehandelt / denen des Königs an andern Höfen falsche Befehle
zugeschickt / viel Kundschafter auf den König alles sein Tun / seine Reden /
und Handlungen mit andern auszuspüren bestellet / dem Könige durch Arglist und
Dräuungen viel Einwilligungen abgezwungen / hingegen zu des Königes Schimpffe
und Verkleinerung viel seiner Verordnungen gehindert /oder gar zernichtet; mit
den Feinden des Reichs heimliches Verständnüs gehabt / durch seine Grausamkeit
die Semnoner und Langobarden zum Auffstande veranlasst / durch seine
verräterische oder unvernünftige Ratschläge den König um diese streitbare
Völcker gebracht / nach der Königlichen Tochter und Herrschaft durch
verfälschte Wahrsagungen / Zauberei und hundert böse Künste getrachtet hätte.
Alleine König Marbod hielt sich solcher Verteidigung gegen den / welchen alle
seine Untertanen verfluchten / und der bei der ganzen Welt einen so bösen Ruff
hatte /nicht benötigt / oder wider einen schon gestrafften allererst seine
Verbrechen auszuführen / gar nicht für schicklich. Am allermeisten aber hielt
ihn hiervon zurücke: dass wenn Adgandester überwiesen würde / er habe weiter
gegriffen / als einem Diener zustehet /König Marbod zugleich selbst gestünde /
er sei entweder nicht fähig gewest / einen König abzugeben /oder er habe sein
Ampt vernachlässiget. Marbod liess also sein Volck Adgandestern nach eines ieden
Gutdüncken und Gemütsregungen verdammen. Denn auch die / welche er erhoben /
oder sonst wolgetan hatte / dorfften sich nicht unterstehen für ihn ein Wort zu
reden; sondern damit sie nicht schienen von ihm den Hang zu haben / mussten sie
zu ihrer Sicherheit von ihm schlimmer / als die Beleidigten reden. Diese
Beschäfftigung des Volckes aber ward bald durch einen andern Gegenwurff nämlich
durch das Beilager Ingviomers und Adelgundens unterbrochen / welche an der Mulde
in einem heiligen Heine einander vermählet wurden. Ob nun zwar darmit über Hals
und Kopff geeilet ward / war gleichwohl die Ausrichtung Königlich / die Pracht
auch so gross: dass alle Ausländer erstauneten / wie in so wenigen Tagen zu denen
Gast-Maalen ein so unglaublicher Vorrat von seltzamen Speisen / und zu denen
Aufzügen so köstlicher Schmuck und Kleidungen hätte können herbei geschafft
werden. König Vannius gab mit seiner Hoffstadt diesem Beilager auch keinen
geringen Glantz /und der Marckmännische / Kwadische / Sarmatische und
Bastarnische Adel waren alleine genug / durch ihre ansehliche Ritterspiele aller
Welt die Zeit zu kürtzen / und wenn schon irgendswo ein Abgang hervor geblickt
hätte / solchen zu ersetzen. Nichts aber war auf diesem Feier herrlicher / und
denen neuen Eheleuten vergnügter / als dass Bolessla / und Britomartes nicht nur
in Stand gerieten / dem Beilager beizuwohnen / sondern sie auch Missgunst und
Eyversucht gegen Ingviomern so weit von sich entfernet hatten / als wenn sie
Adelgunden ihr Lebtage mit keiner Ader geliebt hätten. Ja sie liessen von sich
eine sotane Vergnügung spühren / als wenn sie selbst den Siegs-Preis ihres
Kampffes davon getragen hätten. Eine solche Krafft hat die Tugend in
grossmütigen Seelen / dass sie den kältesten Neid erwärmet / und den bittersten
Hass in Freundschaft verwandelt. Diesem Beilager und denen Lustbarkeiten wurden
gleichwol mehr nicht / als drei Tage aufgeopffert. Denn weil täglich von
Näherung des Feindes gleichstimmige Zeitungen einlieffen / brach König Marbod /
Vannius / und Ingviomer / welchen seine hertzhafte Adelgunde nicht verlassen
wollte / mit dem ganzen Adel von Maroboduum auf. Die Fürsten Bolessla und
Britomartes wollten bei dieser Gelegenheit nicht versäumen / denen Marckmännern
zu zeigen: dass da sie aus Regung der Liebe in ihr Land kommen wären / nun aus
Furcht des Feindes nicht Abschied nehmen wollten.
 
                                     Inhalt
                               Des Neunten Buchs.
Germanicus kömmt mit dem gefangenen deutschen Frauen-Zimmer auf einem
Garten-Haus vor Rom an. Tussnelda schickt sich geduldig in ihr Verhängnis. Sie
wird durch den Titus Cäsonius Priscus und Aelius Sentius Saturninus bedient.
Sejanus besucht und beschenckt sie im Nahmen des Käysers; setzt auch durch seine
Zusage ihr Gemüt in grosse Ruhe / welche aber bei der Besichtigung des vom
Tiberius überschickten Kästleins zerstöret wird. Hoffnung und Furcht wechseln
bei ihr ab. Die Legionen aus Deutschland kommen auff dem Marssfeld an. Germanicus
hält sein Siegs-Gepränge. Unterschiedene Bilder werden dabei schaugetragen.
Hierauff folgen die Gefangenen / Beroris / Dietrich / Libys und andere;
ingleichen zwei Wägen voll Frauenzimmer / mit verschleiertem Gesicht / unter
welchen Tussnelda am meisten von dem zuschauenden Volck betauret wird.
Germanicus erscheinet auff einem herrlichen Triumph-Wagen / desgleichen
Agrippina auff einem andern in Gesellschaft ihrer Kinder. Er hält am
Capitolinischen Berge eine Danck-Rede gegen seine Gesellschaft / ladet sie zu
einem Gastmahl und unterschiedlichen Schauspielen ein / und lässet hingegen die
Gefangenen in das Tullianum zum Todte hinführen. Unterdessen speiset Tiberius
mit denen beiden Burgermeistern / dem Tracischen Fürsten Rhemetalces /dem
Sejanus und dem Weltweisen Seleucus in seinem Palast. Rhemetalces soll bei der
Taffel erzählen / wie es in Tracien zustehe; berichtet demnach / dass sein Vater
Rhascuporis / und dessen Bruders-Sohn Cotys eine gute Zeit in Gräntz-Streit
gelebet / endlich habe jener mit diesem Frieden gemacht / ihn auch zu Gast
gebeten / aber unter der Mahlzeit unvermutet gefangen nehmen lassen. Tiberius
fraget ihn / ob er sich noch nicht zu verheiraten gedencke? Rhemetalces
verneinet es / weil Zirolane ihm untreu geworden. Der Käyser will sie zwar nicht
ganz entschuldigen / weil er selbst ein Exempel weiblicher Leichtsinnigkeit an
der ihm zweimahl angetraueten Julia erfahren habe. Jedoch beweiset er so wohl
selbst / als durch ein nachdenckliches Schäffer-Spiel / dass die Eyffersucht
öffters ungegründet / und also unverantwortlich sei. Als nun alle Zuschauer das
Schau-Spiel / so der Käyser vor seine Erfindung aussgegeben hatte / loben
/entdecket Seleucus / dass dessen Verfasser der Gallische Poet Pelias sei.
Tiberius kann kaum seine Beschämung und Verbitterung hierüber verbergen / biss die
Taffel auffgehoben wird. Worauff er dem Frevler ins Elend zu gehen aufferleget /
der sich hierbei so bezeiget / wie man von einem bauerstoltzen Schul- hoffen
darff. Indem die Burgermeister und Rhemetalces vom Käyser weggehen / erfähret
dieser ungefähr von jenen / dass sein vermeinter Mit-Buhler Zirolanens Bruder /
und also seine Eyfer-Sucht gegen sie unbillig / ja würdig sei / dass das
lächerliche Schäffer-Spiel auff dieselbe gedeutet werde. Folgenden Tages
übergiebet er seines Vaters Briefe dem Käyser und Römischen Rat auff dem
Capitolium; woselbst beschlossen wird / dass Pomponius Flaccus in Tracien
/Germanicus in Armenien / und Drusus in Illyricum reisen soll. Nach geendigten
Rat-Sitz begleitet Rhemetalces nebenst dem Sejanus den Tiberius auff das
Lust-Haus / in welchem Germanicus vor dem Triumph sich auffgehalten hatte / und
entschuldiget unterwegens seine Zirolane beim Käyser / die er vorigen Tages
einer Untreu beschuldiget hatte. Ihr Geist / oder vielmehr sie selbst /
erscheinet ihm auff dem Saal des Garten-Hauses und giebet ihm einen Korb voll
Bänder; darüber der Käyser zu schertzen anfähet / endlich aber den Fürsten
versichert / dass seine Clotildis / oder so genannte Zirolane / nicht im Triumph
erwürget worden. Sie kommen beide in Tussneldens Zimmer /allwo der Käyser einige
Ursachen anführet / warumb er die Hertzogin in Italien zu kommen bemühet
/ingleichen dem Germanicus vergönnet habe / etliche Weibesbilder mit verdecktem
Gesicht im Triumph auffzuführen / welche ganz Rom für die Deutschen Fürstinnen
gehalten. Rhemetalces bittet seine dazukommende Clotildis umb Vergebung / die
ihm aber sauer gemachet wird. Sie gehn hiernächst alle zur Taffel / biss auff den
Sejanus / der aus Eyfersucht gegen seinen Herrn nach Rom wiederkehret. Die
Speisen werden in drei Trachten auffgetragen / da denn bei jeder ein Schau-Essen
sich findet / so eine Liebes-Vermahnung vor Tussnelden in sich entält. Das
erste ist die Stadt Rom zwischen denen vier Jahres-Zeiten / das andere Venus
zwischen denen vier Elementen / das dritte Cato zwischen denen vier Altern der
Menschen. Diese geben Gelegenheit / nicht nur zu allerlei Schertz und Rätzeln /
sondern auch zu etwas ernstlichern Gesprächen von schwangern Leibes-Früchten und
von dem Cato / der seine Frau verschenket hat. Der Käyser läst sich und den
Rhemetalces in der Sänfte wieder nach Rom tragen / nachdem er Tussnelden die
Freiheit gegeben / ihren kleinen Herrmann dessen Vater zuzusenden. Mitler Zeit
ist Sejanus bei der Sentia und offenbahret ihr Tussneldens Leben / auch
unterschiedliche Geheimnisse des Käysers. Segestes kömmt dazu und fähet an
eiffersüchtig zu werden. Des Morgends drauff muss Sejanus den Beroris / Dietrich
/ Libys und andere vornehme Gefangene / die der Käyser Tussnelden geschencket
hat / zu ihr hinaus bringen / kömmt aber mit der Entdeckung seiner Liebe bei ihr
unrecht an; daher er voll Zorn und Rachgier wieder nach Rom geht. Umb Mittag
langet der trunckene Tiberius von dar bei Tussnelden an und bezeiget sich sehr
unbescheiden gegen sie / weswegen ihn Catta über den Hauffen stösst. Er
befiehlet deswegen dem Saturninus / sie mit dem Beil hinrichten zu lassen. Als
er zu Rom den Rausch ausgeschlaffen hat / begütigt ihn Sallustius / dass er der
Catta das Leben schencken will. Dieses aber verhindert der boshafte Sejanus.
Tiberius /Sejanus und Sallustius komen wieder im Lustauss an. Daselbst legt
Tussnelda durch den Saturninus eine Vorbitte für die Catta vergeblich ein. Ihrem
jetztgenanten Abgeschickten aber bürdet der Tyrann zu seiner Bestraffung auf /
dass er selbst die Cattische Fürstin entaupten soll. Tnssnelda will ihm kein
Gehör mehr verstatten. Indem nun Saturninus die Catta zum Tode abholet /
erinnert Sallustius den Käyser / dass die Gesetze nicht zuliessen / eine Jungfrau
zu tödten. Der leichtfertige Sejan gibt den Rat / Saturninus müsse die Catta
vor ihrer Hinrichtung schänden / damit sie nicht als Jungfrau sterben dürffe.
Catta schickt sich zum Tode / verweiset dem Wüterich / dass er das Gesetz / so
ihr zum Vorteil dienen sollte / zu ihrem Schaden missbrauche; wird aber / dem
allen ungeacht / genötigt / sich mit dem Saturninus in eine Schlaffkammer
versperren zu lassen. Inzwischen werden Beroris / Dietrich / Libys / der kleine
Herrmann /die Gräfin von der Lippe und andere Gefangene nach Deutschland
erlassen. Tiberius schiebt der Catta Todt biss auf morgen auf / damit sie sich
die Nacht hindurch über ihrer erlittenen Schande desto länger qvälen möge. Dem
Saturninus hingegen gebeut er /eine Triumph-Mahlzeit auszurichten / weil er die
Cattenburg glücklich erobert. Es wird bei derselben so unmenschlich gesoffen /
dass iedermann in tieffen Schlaff gerät. Tiberius hat einen Traum / dessen
Bedeutung sich zeigt / als Catta soll zum Tode geführet werden / und weder sie
/ noch auch Tusnelda / oder Ismene / Clotildis / Rhamis und die Gräsin von
Nassau im ganzen Haus anzutreffen ist. Man findet endlich Briefe von Tussnelden
/ Catta und Clotildis an den Tiberius / Agrippinen und Rhemetalces / welcher
letztere eben diesen morgen dem Käyser aufzuwarten gekommen war. Tiberius
erzürnet sich heftig über des Frauenzimers Flucht. Bei der nächsten
Rats-Versamlung nimt Germanicus die Armenische Reise auf sich / Rhemetalces
aber empfängt münd- und schrifftliche Antwort auf seines Vaters Brief und
begibt sich wieder in Tracien. Marbods Abgesandten an den Käyser komen auf dem
Marsfeld an und suchen Hülffe wider Hertzog Herrmañen. Denn Marbod und Ingviomer
hatten eine Schlacht wider diesen am Havelstrom verloren; so war auch jener mit
dem Bolessla und Britomartes in Uneinigkeit geraten und hatte sie durch seine
Unbescheidenheit bewogen /ganz-unvergnügten Abschied zu nehmen; weswegen
Adelgund nachmahls ihrem Vater zuredet und ausführet / wie man Freunde erhalten
und ihre wohlgemeinte Erinnerungen nicht übel aufnehmen solle. Marbod trotzt auf
die Gunst derer Römer und zu dessen Beweis / ordnet er den Kulenburg und
Tanneberg nach Rom ab; welche aber nicht erhalten / was ihr Herr gehoffet.
Adgandester schreibt an den Tiberius umb Gift / solches wider Herrmannen zu
gebrauchen. Der Käyser läst den Brieff im Rat ablesen und erkläret sich / dass
er dergleichen Meuchelmord nicht verlange. Es wird demnach zum Schein eine
abschlägliche Antwort aufgesetzet und an Arpus gesandt / mit Bitte / es an
seinen Vetter Adgandestern bestellen zu lassen. Dem Luitbrand aber / der den
Brief nach Rom gebracht hatte / gibt Sejanus heimlich das verlangte Gift. Die
Soldaten / so Tussnelden zu suchen ausgeschickt waren / kommen unverrichteter
Sache wieder. Sentia befragt sich bei einer Zauberin und erhält einen Ausspruch
/ dass ihr Vater Saturninus zu des Frauenzimmers Flucht beförderlich gewesen /
welches auch sich also in der Warheit befand / indem dieser kluge und
tugendhafte Mann durch sonderbare List nicht allein Cattens Ehre unverletzt
erhalten / sondern auch ihr und ihrer Gesellschaft durch den Kellermeister
Aristides zur Freiheit geholffen hatte. Sentia zeigt dem Tiberius an / was sie
erfahren. Dieser begehrt / sie solle nachsinnen / wie man den Saturninus des
Lasters der verletzten Majestät wahrscheinlich beschuldigen könnte. Im weggehen
findet sie ein Pergament / welches unter dem Titel einer Lobschrifft ein blosses
Schmäh-Geticht wider den Käyser ist. Hierüber entstehn allerlei Gespräche
zwischen ihr und ihm. Endlich tut sie den Vorschlag / Tiberius sollte /weil sie
des folgenden Tages mit ihrem Gemahl nach Deutschland reisen müste / ein
Frühstück anstellen und dazu so wohl sie / als ihren Vater und Gemahl /einladen
/ da sie denn unter dem Abschied-nehmen die Stachel-Schrifft in dessen Kleider
heimlich stecken wollte. Diss geschieht. Drauf / als Segestes und Sentia weg sind
/ fällt dem Saturninus das Pergament zwischen denen Kleidern hervor / worüber er
/ als ein Verletzer der Majestät / angegriffen / verurteilt und vom
Tarpejischen Fels hinab gestürtzt wird. Libys /Beroris / Dietrich und ihre
Gesellschaft kommen zu Budorgis an und bringen dem Feldherrn seinen Sohn und
Tussneldens Schreiben. Jubil bekömmt auch Cattens Brieff zu seiner grossen
Vergnügung / bald drauf aber zu seiner desto grössern Betrübnüss / eine
schrifftliche Nachricht von Sentien aus Rom / dass Catta durch den Saturninus
geschändet und vom Käyser zum Tode verurteilt worden. Er wird durch die Antwort
des Libys in dieser Meinung gestärcket. Als er hierüber sich äuserst bekümmert /
tröstet ihn Selmnitz und tut den Vorschlag / er möchte / an statt der Catta /
Leitolden heiraten. Der Hertzog schreibt deswegen an die Gräfin von Benteim /
die ihn ehemahls zur Liebes-Treu gegen Leitolden eifrigst ermahnet hatte;
schicket auch den Diesskau nach Mattium mit Brieffen / worinnen er bei Hertzog
Arpus sich beklaget / dass das seiner Tochter begegnete Unglück ihn unfähig mache
/ sich mit dem Cattischem Hause zu befreunden. Hermann sendet den Grafen Stirum
und Ritter Malzan nach Rom / wegen der Catta / Tussnelda und ihrer übrigen
Gesellschaft den Käyser zu besprechen. Zu Mattium geht Freud und Leid durch
einander. Denn anfangs gebiert Adelmunde einen Sohn. Nachmahls erhält man die
verdrüssliche Nachricht / dass Catta und Rhamis zu Rom im Triumph geführet und
erwürget worden. Drauff widerleget dieses Beroris / als er dem Hertzog Arpus der
Catta Brieff übergiebet. Hiernechst kömt Diesskau mit Sentiens und Jubils
Brieffen von der Schändung der Catta an / worüber Arpus und Erdmut fast vor
Kummer vergehn. Dieser verwandelt sich in Vergnügung / indem Malovend / unter
dem Nahmen Ahlefeld / Brieffe von Agrippinen bringt / daraus erhellet / dass
Catta weder Ehre / noch Leben eingebüsst habe. Malovend liebelt sich beim Arpus
ein und erhält die Zusage / dass Catta sein soll werden / wenn sie wieder nach
Haus käme; ingleichen / dass er ihn bei denen sämtlichen Deutschen Fürsten wieder
ausssöhnen wolle. Arpus zeigt dem Diesskau Agrippinens Brieff / und begehret von
Jubiln / als Schwieger-Sohn /nichts mehr zu wissen. Indessen nun Malovend in
Armenien geht / die Catta zu suchen / langet Diesskau bei seinem Herrn wieder an
/ welcher von der Gräfin von Benteim Brieffe erhalten hatte / dass Leitolde
seine Liebe anzunehmen unfähig sei. Allein so sehr verzweiffelt er sich im
Anfang geberdet / so löblich fasset er den Schluss / seinen Liebes-Gedancken so
lange Anstand zu geben / biss er Marboden das Hermundurische Land wieder
abgenommen habe. Gottwald kömt von der Jagt nach Budorgis in Begleitung
Adgandesters / der als ein Kohlenbrenner ihn bewirtet / nachmahls sich vor
einen Gotonischen Edelmann aus- und dem jungen Fürsten viel leichtfertige
Einschläge gegeben hatte / die Marckmännische Cron zu erlangen. Er beschenckt
den Betrüger und lässet ihn heimgehn; beredet die von ihm in der letzten
Schlacht gefangenen Marckmänner / Wartenberg und Zevusch / einen Auffstand wider
Marboden zu erregen / und lässt sie hierauff nach Boviasmum reisen. Stirum und
Malzan kommen ohne Tussnelden wieder. Herrmañ schreibet daher an Assblästen / ob
er seine Gemahlin iemahls wieder sehen werde? Dero dunckele Antwort beweget ihn
zu Todes-Gedancken. Segestes ertappet seine Sentia mit Bojocaln im Bette;
dannenhero er ihm die Ohren abschneidet / die Ehebrecherin aber so lange
öffentlich prügelt / biss sie sich den Kopff an einem Baum entzwei stösset. Im
Teutschburgischen Häyn wird ein Reichs-Tag gehalten und Segestes / Segimer /
Sesitach / Malovend und Bojocal in das Fürsten-Bündnis wieder auffgenommen. Die
drei ersten wollen den letztern / als einen Ehebrecher / nicht darinnen leiden;
darüber kömts zum Wort-Wechsel und endlich zu einem Kampff zwischen dem
Segestes und Bojocal / derer jener den Sieg gewinnt und das Leben einbüsst /
dieser hingegen das Leben behält und seine Ehre verliehrt. Als nun Segimer
seines Bruders Länder erbt / wollen Beroris und Dietrich ihren Bruder Melo
nötigen / das Sicambrische Hertzogtum mit ihnen zu teilen. Jedoch ist jener
auff Zureden des klugen Winsheims zufrieden /so bald er das geistliche
Ober-Haupt aller Eubagen wird. Dietrich aber hat das Glück / dass die Bataver an
statt des Cariovalda ihn zum Ober-Stattalter beruffen. Mitlerzeit verschweren
sich Wartenberg /Zevusch / Hincko / Branick / Jarossla / Crocus / Adalbert /
Bohussla / Zyto und viel andere Marckmänner /(zu denen sich auch Luitbrand
gesellet /) wider Marboden; doch zu ihrem Verderben / weil ein Bettel-Weib dem
König ihre Nahmen etliche Wochen zuvor schrifftlich eingehändiget hatte. Dieser
meint  / sein Schutz-Geist sei unter so verächtlicher Gestalt erschienen;
richtet daher demselben zu Ehren etliche Denckmahle auff / und ordnet allerlei
Lust- und Ritter-Spiele an. Alldieweil aber Luitbrand in der Marter / wiewohl
fälschlich / erhalten / dass Inguiomer / Adelgund und Vannius seine
Mit-Verschwohrnen gewesen / hält Marbod ihnen solches mit harten Worten vor und
machet / dass sie alle drei unvergnügt und erzürnt davon reisen. Gleichwie er nun
drei wahre Freunde sich hiermit zu Feinden gemacht: also bildet er sich an der
Bettel-Frau einen sonderbahren Freund / ja Schutz-Geist vergeblich ein / nachdem
sie sein Tod-Feind / Adgandester / gewesen. Dieser / so bald er Marboden
gewarnet / begiebet sich in ritterlicher Kleidung nach Godanium unter dem
Britannischen Nahmen Kenelm und überredet daselbst den Adel durch allerlei
Arglist zum Bündnis wider Marboden und Hass gegen Gottwalden. Der königliche
Stadtalter / Graff Witgenstein / hält auff seines Herrns Geburts-Tag ein
prächtig Ritter-Spiel / wobei denn ein grausamer Aufflauff entstehet und Kenelm
zuletzt an statt Marbods zum Gotonischen / Estischen und Lemovischen Hertzog
gemacht wird. Die Lygier und Burier unterwerffen sich dem Sarmatischen König
Jagello / die Marsinger aber dem Feld-Herrn Herrmann. Jubil fällt mit
Cherusskischen Hülffs-Völckern ins Hermundurische / jaget die Marckmänner heraus
und wird zum König des Landes bei einem kostbahrn Singe-Spiel ernennet. Bald
hernach erfährt er / was sich mittlerzeit in der Nachbarschaft begeben. Es
hatten nehmlich viel Marckmännische Grafen und Ritter ein neues Bündnis wider
den Tyrannen Marbod gemacht und dem Feld-Herrn Hermann ihre Cron angetragen.
Dieser sendet deswegen den Gottwald mit einem fliegenden Heer nach Maroboduum /
der auch solches glücklich einnimt / und den Wüterich nötigt / ins Römische
Gebiet zu fliehen und den Käyser umb Hülffe anzuruffen / der ihm aber nur eine
freie Wohnung und königl. Unterhalt zu Ravenna verordnet. Gottwald beredet die
vornehmsten unter denen Reichsständen / ihn / anstatt Herrmanns / zum König zu
machen / und sucht vergeblich solche Untreu durch etliche Geschencke uñ ein
Entschuldigungs-Schreiben bei dem Feldherrn wieder gut zu machen. Sobald nun
Jubil alles dieses vernimmt / geht er mit einem mächtigen Heer hinüber ins
Marckmännische Königreich /überwindet Gottwalden und zwinget ihn / nach Marbods
Exempel / zu denen Römern zu fliehen / von denen er zu Forum Julium einen
Auffentalt bekömmt / nicht lange hernach aber vor Kummer stirbt. Währender Zeit
kömmt Herrmann zu Boviasmum an / und wird zum Marckmännischen König gekrönet.
Stifftet daselbst eine immer-während Freundschaft mit Jubiln. Unterschiedene
Freuden-Bezeugungen werden ihm zu Ehren angestellt / worunter die letzte ein
Fischer-Rennen auff der Mulda ist. Diesem sieht auch Kenelm zu / weil er sich
unbekanter Weise ins Marckmännische Land begeben hatte / umb den vom Sejanus
überschickten Gift wider Herrmannen zu gebrauchen. Er wird aber ungefehr vom
Ufer ins Wasser gestossen / halb todt auff die Festung getragen und daselbst vor
Adgandestern erkant. Aus Furcht eines grössern Unglücks verschlinget er eine von
seinen Gift-Kugeln / wird hierdurch rasend / stürtzt sich zum Fenster hinaus /
und er säufft in der Mulda. Sein Cörper wird auffgefischt und nach Godanium
geschickt / daselbst aber in die Weichsel geworffen und der abwesende Inguiomer
zum Gotonischen / Estischen und Lemovischen Hertzog von den Land-Ständen
erwehlt. Dieser fängt unterdessen einen gefährlichen Krieg mit Hermannen an /
den er so wohl bei dem Arpus und Segimer / als auch bei denen Cherusskern selbst
in den Verdacht gebracht hatte / als ob er ein anderer Marbod werden und ganz
Deutschland umb seine Freiheit bringen wollte. Es kömt endlich zur Schlacht nicht
ferne vom Hartz-Wald / welche Inguiomer verliehrt. Doch fällt er zwei Nacht
hernach in Herrmañs Lager und nimmt ihn mit Hülffe des verräterischen Segimers
gefangen / der biss anher sich als ein Freund und Bundsgenosse gegen den
Feld-Herrn angestellet hatte. Weil dieser Ehr-vergessene Chassuarier von
Herrmannen verwundet war und den kalten Brand bekömmt / muss Inguiomer ihm auff
den Fall seines Todes versprechen / Herrmannen das Leben zu nehmen. Er stirbet
einige Zeit darnach und der Bructerische Hertzog wird gezwungen / seinem Wort zu
Folge / an Arnheimen Befehl zu erteilen / den Marckmännischen König entäupten
zu lassen. Das abgeschlagene Haupt wird auff den höchsten Schloss-Turm zu
öffentlicher Schau gestellet; der Cörper hingegen verbrannt und begraben. Ein
unbekanter machet eine nachdenckliche Grab-Schrifft auff Herrmannen / dessen
Leben der Barde Holenstein beschreiben will. Atticus zu Rom gibt ihm einen
grossen Lob-Spruch in seinen Jahr-Büchern. Inguiomers Verfahren wird von denen
meisten Deutschen Fürsten übel auffgenommen. Ein grosses Heer von Hermundurern
/Marckmännern / Langebarden / Semnonern und Marsingern fällt ins
Cherussker-Landein / Hermañs Gefängnis und Todt zu rächen. Inguiomer liefert und
verliehrt eine Schlacht / wird gefangen und in ein Gezelt / zu Anhörung seines
Urteils / gebracht / allwo er mit grosser Erstaunung Tussnelden / Erato /
Rhamis / Catta / Jubiln / Flavius / Siegmund und Malovenden sitzen sieht. Er
wird nach einigen Wort-wechseln verdammt / dass er bei Herrmanns Grabe / dessen
Geist zur Versöhnung / geschlachtet und verbrannt werden soll. Tussnelde schickt
zwantzig tausend Mann voran / den Ort zu instehendem Rach-Opffer zu zubereiten.
Sie folget mit denen übrigen / lässet den marmorsteinernen Aschen-Topff
aussgraben / und / da sie ihn umbfangen und mit ihren Tränen benetzt /gleich
wieder beisetzen und eine Spitz-Seule darüber aufführen. Die Barden besingen
Herrmanns rühmliches Leben und kläglichen Tod. Indemnun der Oberste Druide dem
vor dem Altar knienden Inguiomer die Kehle abzustechen sich gefasst macht /
entsteht ein Geschrei: König Herrmanns Geist komme / seinem Sühn-Opffer
beizuwohnen. Der vermeinte Geist versichert Tussnelden und die andern
Leid-tragende /dass er noch lebe / nimmt Inguiomern in seine Freundschaft wieder
auff und hält hiernächst mit der ganzen Durchläuchtigen Gesellschaft einen
höchstvergnügten Einzug in Teutschburg. Besucht daselbst die Hertzogin Adelgund
/ welche mit der kleinen Velleda etliche Wochen zuvor nieder kommen war. Bei der
Taffel wird erzählt / wie Adelgund Herrmanns Leben gerettet / und hingegen ihn
vermocht / Inguiomern von der Auffopfferung eiligst zu befreien. Hierbei wird
des Seleucus erwehnet / der eine Stachel-Schrifft wider des Augustus
Vergötterung gemacht und deswegen gehenckt worden. Inguiomer berichtet / was ein
Wahrsager seiner Tochter Velleda bei der Geburt geweissaget habe. Folgenden
Morgends wird Herrmann und Tussnelde in ihrem Zimmer von der sämtlichen
fürstlichen Gesellschaft besuchet. Erato gibt Nachricht / wie sie von ihrem
Zeno aus dem Cattischen Jäger-Hause abgeholet worden / und zwar durch Hülffe des
Zauberers Ostanes / welcher seinen Lohn von denen bösen Geistern beim
Ambra-Fluss bekommen; ingleichen wie Pytodoris / des Pontischen Königs Polemons
Wittwe und Gemahlin des Königs in Cappadocien Archelaus / den Zeno erst vor
ihren Pflege-Sohn und hernach vor den jüngern Artaxias / Armenischen
Reichs-Erben / erkantabe. Des Flavius und der Erato Beilager wird auff den
funffzehenden April angesetzt. Bei der Mittags-Taffel giebet Siegmund Anlass zu
einem Gespräch von gemeinen Irrtümern. Flavius erteilt Nachricht / was massen
er durch seiner Mutter Assblaste Straff-Predigt an der Emse zwar gerührt worden /
doch noch immer in Römischen Kriegs-Diensten verblieben sei / weil er in
Deutschland so viel Her und Einkommen zu erlangen nicht verhoffet. Tussnelde
füget hinzu / wie sie durch den Aristides so wohl aus ihrem Gefängnis auff dem
Marssfeld / als auch aus Lebens-Gefahr zu Aten errettet worden; und wie sie
nebenst ihrer ganzen Gesellschaft mit dem Flavius in Freundschaft wieder
geraten / ein Soldat geworden und nach Carien vorangeschiffet sei. Flavius
gedencket / welcher gestalt er den zum Feg-Opffer bestimmten Aristides als einen
Beleidiger der Käyserlichen Majestät denen Ateniensern abgenommen und mit sich
in Carien gebracht /daselbst zum Tode verurteilt und doch zu einer sichern
Flucht und Rettung verholffen. Wie Erato berichtet / werffen sich Vonones und
Orodes zu Armenischen Königen auff. Allein jener wird gar bald von dem Creticus
Silanus / unter dem Schein erwiesener Ehre / des Reichs entsetzt und in Syrien
geschafft. Zeno gibt sich / als Artaxias / bei denen Armeniern und dem Tiberius
an; beiderseits sind willig / ihm zu seinem väterlichen Erbteil zu verhelffen.
Flavius setzt die Geschichte fort und fügt der Gesellschaft zu wissen / wie er
und Artaxias in Armenien eingebrochen seind und Artaxata belägert haben.
Tussnelda rühmt / dass Flavius sie aus der Todtes-Gefahr errettet / als Orodes
einen Aussfall auff die Belägerer getan. Sie gibt auch Nachricht / wie sie und
Ismene Artaxata erstiegen und in Lebens-Gefahr geraten / davon aber befreit
worden / als König Artabanus seinem Sohn Orodes durch etliche Abgesandten
andeuten lassen / dass er Armenien verlassen sollte; welches auch nachmahls
geschehen. Sie lieset die Schrifft ab / die Assblaste ihr bei ihrer Vermählung
gegeben / mit der Erinnerung / sie nicht ehe / als in Artaxata / anzusehn. Sie
führt endlich aus / wie Germanicus in Armenien angekommen / und Artaxias
gekrönet worden; desgleichen / wie Agrippina ihr erzählt / warumb sie ihres
Germanicus Todt befürchte; wie Rhemetalces zu Artaxata angelanget und von des
Cotys und der Ada Tod / so wohl auch Gefangenschaft des Rhascuporis / ein und
anders ihr kund getan habe. Sie beschliesst ihre Rede mit der Nachricht von
ihrer Abreise aus Armenien und Ankunft zu Teutschburg. Malovenden trifft
hierauff die Reihe / anzuzeigen / warumb er nicht mehr des Jubils Mitbuhler sei.
Worauff Siegmund hinzu tut / wie es ihm ergangen / seit dass er den Tumelich zu
Mäyntz auffopffern sollen. Catta /Jubil und Malovend erheben sich nach Mattium
zum Arpus. Hertzog Melo lässet dem Feld-Herrn den Heirats-Schluss zwischen
seinem Sohn Franck und Leitolden anmelden und sich durch Herrmanns Gesandten
erbitten / dass das Beilager auff einerlei Zeit und Ort / als des Flavius seines
/ verlegt wird. Aristides kömt aus denen Nordischen Königreichen an und
berichtet / was daselbst vor Veränderungen durch den Tod des Froto und Erichs
sich zugetragen haben. Tiribaces / ein Armenischer Gesandter / gibt Nachricht
von der Vermählung des Artaxias und der Ismene /wie auch des Rhemetalces und der
Clotildis / ingleichen vom Tode des Rhascuporis / Vonones und Germanicus. Die
Cherusskischen Stände überliefern Herrmannen eine königliche Cron / die er aber
dem Flavius mit dazu gehörigen Landen schenckt. Unterschiedene hohe Personen
kommen zu Teutschburg an / woselbst auff den funffzehenden April das dreifache
Beilager des Flavius und der Erato / des Jubils und der Catta / des Francks und
der Leitolde mit standesmässiger Pracht vollzogen wird.
 
                                Das Neunte Buch.
Germanicus hatte nunmehr die höchst-bekümmerte Gesellschaft der gefangenen
Teutschen unter der verdriesslichen Aufsicht des Sextus Papinius biss auf ein nicht
weit von Rom entlesenes Käyserliches Lust-Haus gebracht; allwo er mit ihnen sich
so lange verborgen aufzuhalten entschlossen war / biss Tiberius /dem er durch den
Veranius hiervon gebührende Nachricht geben lassen / deswegen gemässenern Befehl
erteilet hätte: wiewol ganz Rom diesen seinen Auffentalt wusste / als welches
biss in die zwantzigste Meile hinaus ihm entgegen gekommen war / und / so sehr es
die Beschleunigung seiner höchst-beliebten Ankunft wünschete / so sehr dieselbe
gehindert hatte / indem es alle Wege aus Neugierigkeit dermassen starck vertrate
und besetzte / dass Germanicus sich fast mehr durchschlagen / als durchziehen
musste. Er wusste inzwischen kaum selbst / ob er sich vollends nach Rom sehnen
sollte / oder nicht; weil dasselbe ihm zwar ein Siegsgepränge / seinen besten
Freunden aber die äusserste Schmach zubereitete. So sehr er demnach sich freuete
/ den Ort wieder zu begrüssen / da die Römische Wölffin ihm / als einem andern
Romulus / dir erste Mutter-Milch gegeben hatte: so sehr zitterte er über dero
unbarmhertzigen Klauen / worein er die Unschuld selbst zu liefern genötigt
wurde. Tussnelde hingegen litte mit unvergleichlicher Gedult / was keine
menschliche Klugheit ändern konnte / lebete aber gleichwol der Hoffnung / Gott
würde auf dem Schauplatz unvermutlich erscheinen und in diesem höchstverwirrten
Trauerspiel einen vergnügtern Beschluss machen. Es diente auch ihr ruhmwürdig
Exempel ihren viel kleinmütigern Unglücksgenossen für einen Leitfaden / der sie
zu recht führete / wenn sie in den Irrgarten ihrer schwehrmütigen Gedancken
allzu tieff geraten wollten. Wären sonst alle Wollüste der Welt fähig gewesen
ihr Gemüt zu vergnügen / so würde der sie zu bedienen vom Käyser verordnete
Titus Cäsonius Priscus dazu bald Rat geschaffet haben / massen er unter dem
Nahmen eines Wollustmeisters alle das in steter Bereitschaft halten musste /was
die lüstern Begierden derer Menschen zu ihrer Ersättigung jemahls erfunden
haben. Aber alle diese Lust war unsern Teutschen eine Last / die marmornen
Zimmer ein grässlich Gefängnis / die wohlbesetzten Tafeln eine betrübte
Todten-Mahlzeit / die unvergleichliche Music ein Zeter- und Mord-Geschrei / die
weichen Betten endlich eine neue Art von einer Folterbanck. Denn die Freiheit
gibt aller Vergnügung das Leben und alle gegenwärtige Freude erstirbt über der
Furcht eines zukünftigen Ubels.
    Sentius Saturninus war befehlicht / die Wirtschaft an statt des Käysers zu
verwalten / und liess ihnen zwar die Freiheit / aus einem Zimmer in das andere
nach Belieben zu gehen / doch nicht einen Fuss ausser das Haus zu setzen. Weil nun
Tussnelde ihn /als ihrer boshaften Stiefmutter Vater ansehen musste /kunte sie
sich nicht entalten / zu befürchten / dass vielleicht dieser Stamm von einer
schädlichen Art wäre / alldieweil er eine so gifftige Frucht getragen hätte /
und sie dahero einen ihrer ärgsten Feinde unter der Larve eines aufrichtigen
Freundes umb sich leiden müste. Jedoch fassete sie sich alsbald / und befunde
unbillig / jemand durch Argwohn ohne Beweis zu beschuldigen / oder umb einer
ungeratenen Tochter einen tugendhaften Vater zu verdammen.
    Kaum zwei Stunden waren verflossen / als des Germanicus abgeordneter
Veranius aus Rom wieder zurück kam in Begleitung des Sejanus des vornehmsten
Käyserliche Staats-Bedientens. Dieser / nachdem er im Nahmen seines Herrn den
Germanicus mit aller ersinnlichen Höffligkeit bewillkommet / und ihn in diesem
Garten-Haus biss auf den zu seinem Triumph bestimmten sechsten Tag vor Anfang des
Junius mit seiner ganzen Reise-Gesellschaft unbekanter weise zu verziehen
gebeten / auch dessen Gemahlin die gebührende Aufwartung geleistet hatte / liess
er sich bei dem deutschen Frauenzimmer anmelden / und so bald er vorgelassen
worden / bezeugete er mit vielen Worten / dass der Beherrscher der Welt Tiberius
aus unterschiedenen Staats-Ursachen zwar genötiget worden seinen besten
Freundinnen eine so beschwerliche Reise anzumuten; er hoffete aber mit der Zeit
Gelegenheit zu finden / den hierbei mit unterlauffenden kleinen Verdruss durch
desto grössere und angenehmere Dienste zu ersetzen / massen er die
unvergleichliche Fürstin der Cherusker sonderlich versichern lasse / dass sie in
Rom mehr zu sprechen Macht haben sollte / als wenn selbiges sie vor seine
Käyserin erkennete. Tussnelde stattete hierauf ihre Dancksagung ab vor eine so
unverhoffte grossmütige Versicherung und sagte / dass ob sie wohl wüste / dass der
grosse Tiberius denen Verlassenen wohl zu tun und die Bedrängten zu schützen
nicht ehe / als sterblich zu sein / auffhören würde; so hätte doch das gemeine
Geschrei /dass sie zu einem schimpfflichen Schauspiel der Stadt Rom verurteilet
wären / sie fast besorgt machen wollen / ob hätte Tiberius aufgehöret / Tiberius
/ das ist /die Grossmut selbst / zu sein. Nunmehr aber verstände sie voller
unsäglicher Freude / dass der Römische Adler sich viel zu edel halte ohnmächtige
Tauben feindselig anzutasten / und ein so hoch verständiger Vater seinem an
Tugend und Glück ähnlichen Sohne / dem Germanicus / es schimpflich zu sein
erachte / geraubete Weibes-Bilder / an statt überwundener Feinde / in
Siegs-Gepränge aufzuführen. Sejanus wusste zwar wohl / dass Tussnelde aus seinem
Erbieten mehr Trost schöpffete / als sie Ursach hatte; jedennoch wollte er nicht
durch verdriessliches Widersprechen seine Person auf ewig deroselben verhasst
machen / sondern überreichte vielmehr dem sämtlichen Frauenzimmer des Käysers
Geschencke /Tussnelden insonderheit aber ein güldenes Kästlein mit einem
vollkommenen Diamantenen Schmuck. Bald hierauf eilete er wieder zum Käyser; liess
aber bei dem Abschied solche Blicke schiessen / die zur Gnüge verraten kunten /
dass er seine Freiheit der gefangenen Tussnelde aufgeopffert hätte / und nicht
weniger in Liebes- als Reichs-Geschäfften des Käysers Gefährte sein wollte.
    Er gab damit der vorwitzigen Zirolane die Freiheit / das auf der Taffel
stehende Kästlein zu eröffnen. So höchlich sie nun über dem Glantz der
unschätzbaren Diamanten erstaunete: so wunderwürdig kamen ihr der Deckel und
Seiten des Behältnüsses vor / als welche allerseits mit Onychtaffeln überlegt
waren / in die ein berühmter Künstler allerlei Spiele von kleinen Liebes-Göttern
eingeschnitten hatte. Der Bodem aber setzte sie vollends aus ihr selber / indem
sich darauff die verlassene Ariadne mit tränenden Augen nach ihrem entflohenen
Gemahl / dem Teseus / umbsah /von dem Bacchus aber mit Verheissung seiner
Liebe und ihrer Vergötterung getröstet wurde. Denn des Tiberius Ebenbild war so
deutlich / in des Wein-Gotts und Tussneldens Gestalt / in der Ariadne Gesichte
entworffen / dass kein Ey dem andern ähnlicher sein konnte. Sie zeigte solches der
bestürtzten Cheruskischen Hertzogin / die alsbald die Hände in einander schlug
und ausrieff: O Jammer! nun bin ich verloren! Bissher fürchtete ich mich / meine
Ehre zum Schein in dem Siegs-Gepränge zu verlieren; nunmehr / da ich meiner
Einbildung nach / durch des Tiberius zweideutigen Zusage / aus dem Sturm in
Hafen versetzet worden / gerate ich in Gefahr an derselben in der Tat einen
unvermeidlichen Schiffbruch zu leiden. Unverschämter Wüterich! ich will zugeben /
dass deine Völlerei dir mit eben dem Recht das Ebenbild des Bacchus / als etwa
den Nahmen Caldius Biberius Mero erworben. Aber meinst du / dass ich deswegen
mich in dich / als einen Gott vergaffen werde? Solte ich dich meinen nicht
weniger getreuen / als tapffern Teseus vorziehen? Nein! sicherlich! viel ehe
will ich deinen oder meinen Lebens-Faden / als das heilige Band meiner Ehe /
zerreissen. Ach! vergebliche Hoffnung / die auf betrügliche Menschen sich
gründen soll!
    Tussnelda hätte sonderzweiffel ihren Klagen noch weiter nachgehangen / wenn
nicht Agrippina ins Zimmer getreten wäre mit der Nachricht / dass Tiberius
willens gewesen / Tussnelden zu besuchen / wäre aber im herabreiten vom Berge
Palatinus mit dem Pferde gestürtzet / und hätte nicht nur den einen Schenckel in
etwas verletzet / sondern auch vielleicht eine Ader im Leibe gespränget; weil
das Blut ihm häuffig zu Mund und Nasen herausser schiesse. Wesswegen Sullustius
ihren Gemahl durch einen Freigelassenen dessen hätte berichten und ermahnen
lassen /dem Käyser ungesäumet / doch ohne alles Gefolge / in seiner Unpässlichkeit
auffzuwarten. Tussnelden kam diese gute Zeitung so unvermutlich / dass sie ihre
Freude über dieser göttlichen Hülffe nicht allerdings in ihren Geberden
verbergen kunte / ungeachtet sie um Wohlstands willen gegen die
Schwieger-Tochter des Käysers sich dessen nicht mercken lassen dürffte. Allein
diese bezeugete selbst mit vielen Worten / dass sie ihrem Vater-Lande die
Befreiung von dem Joch dieses Wüterichs nicht missgönnete / weil er zwar auff
Befehl des Augustus ihren Gemahl zum Sohn angenommen / gleichwohl iederzeit sein
und aller tugendhaften Leute geschworner Feind gewesen.
    Sie lebten also allerseits zwischen Furcht und Hoffnung / biss Germanicus
zwei Abende hernach sich wieder einstellete und ihnen kund tate / es hätte
keine Gefahr mit dem Kayser: das Blut wäre gestillt /der Schenckel nur ein wenig
gestreifft: doch müste er auff Rat der Aertzte biss auff den einmal bestimmten
Triumph-Tag sich inne- und aller Bewegung entalten. Hiermit war abermals die
Freude der armen Tussnelda in der ersten Blüte ersticket. Indem kam ein
Hauptmann aus dem deutschen Heer an / und berichtete den vor Tussneldens Zimer
hinauserbetenen Feld-Herrn / dass selbiges nur noch vier Meilen von Rom sich
befände und Befehl erwartete / wenn es sich nebenst denen Gefangenen auff dem
Marssfelde einfinden sollte. Nachdem er nun den siebenden Tag vor Anfang des
Junius hierzu angesetzet / begab er sich zur Ruhe / derer er aber wegen
vielfältiger Sorgen so wenig / als iemand in diesem Garten-Hause geniessen
konnte.
    Zwei Tage hierauff zog Germanicus mit etlichen vertrauten Freunden seinen
Legionen entgegen / die nunmehr die Reise nach Rom biss auff eine viertel Meile
hinter sich geleget hatten. Er wurde mit grossen Frolocken empfangen / massen
das sieghafte Heer /seit dass es sein Haupt nicht gegenwärtig gesehen /viel
trauriger sich bezeiget hatte / als wenn es auffs Haupt von denen Deutschen wäre
geschlagen worden. Er hingegen beschenckte und lobte sie nach ihrem selbsteignen
Wunsch / führete sie in guter Ordnung auffs Marss-Feld / und liess den Käyser und
Römischen Rat durch sechs an sie abgeordnete Hauptleute um Vergünstigung des
Einzugs in die Stadt zum Triumph ersuchen. Nach Erhaltung derselben trat die
Nacht ein / welche der Feld-Herr in einem köstlich- Schlaff-Gemach des
Isis-Tempels; das Heer aber unter freien Himmel zubrachte. Folgenden Morgen ward
Germanicus vom sämtlichen Rat mit dem bei solchen Begebenheiten gebräuchlichen
Gepränge eingehohlet / und durch das Triumph-Tor in die Stadt auffs Capitolium
gebracht. Damit wir aber nur dessen gedencken / worinnen dieser Auffzug von
andern seines gleichen unterschieden war / so wurden unter andern die Bildnisse
des Rheins / der Emse / der Weser und unterschiedener daran gelegenen
Haupt-Städte / schaugetragen / als woselbst Germanicus durch sein Feuer und
Schwerd diese höchste Ehrbezeigung der Stadt Rom verdienet haben sollte. Ja so
gar Tanfanens Heiligtum war in Silber gegossen zu sehen / dessen
ungewissenhafte Zerstörung die Römischen Mordbrenner für ihren ruhmwürdigsten
Sieg hielten / weil sie darinnen nicht Menschen / sondern Göttern obgelegen
wären / und wollten also dem grossen Pompejus es gleich tun / welcher seinen
dritten Triumph mit gefangenen und auff Wagen angeschmiedeten barbarischen
Göttern das gröste Ansehen gemacht hatte. Diesen Bildnüssen folgeten die
Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich mit güldenen /der Priester Libys mit
silbernen / und unterschiedene Cheruskische / Cattische / Bruckterische /
Sicambrische / Marsische / Chaucische Grafen / Ritter und gemeine Knechte mit
eisernen Ketten beleget / die als Schlacht-Opffer auffs beste gezieret / sich
die gewisse Rechnung zu machen hatten / dass ihr unschuldig vergossenes Blut zu
Ende dieses ihres letzten Ganges dem Purpur-Rock des Uberwinders eine höhere
Farbe und grössern Glantz würde geben müssen.
    Nechst denen sah man zwei Wagen mit sieben Fürstlich gekleideten
Weibs-Personen besetzet / unter denen die vornehmste ein klein Kind auff dem
Schoss hielte; Alle aber durch ihre güldenen Fessel anzeigen mussten / dass sie
dem armen Beroris und Dietrich das Geleite in die unterirrdische Welt geben
sollten. Weil ihre Angesichter mit Schleiern behangen waren / entstund unter dem
unzehlbahren Volck ein unordentlich Gemürmel / wer diese wären / denen die Gnade
wiederführe / dass sie zu Wagen und ohne schimpffliche Entblössung des Haupts /
wider alle Gebräuche derer Alten / zu ihrem Tode gebracht würden; da denn die
Antwort mitten unter denen Fragen in gleichmässiger Unordnung gehöret ward / es
wären solches des Cheruskischen Feld-Herrn Gemahlin Tussnelde / ferner dessen
Schwester Ismene / über dieses des Cattischen Hertzogs Tochter / und eine von
dero Basen / Rhamis genannt / ingleichen eine gewisse Marsingische Fürstin /
nebenst zwei vornehmen teutschen Gräfinnen. Diese gnädigere Art des
Siegs-Gepränges hätten sie der Freundschaft der Agrippina zu dancken / die
denen Teutschen so gewogen wäre / dass sie ihrem Gemahl sonder Zweiffel überredet
haben würde / den vom Rat zu Rom angetragenen Triumph auszuschlagen / daferne
sie nicht das Exempel des Cnäus Fulvius Flaccus vor Augen gehabt / welchem ins
Elend zu gehen aufferleget worden / weil er den vom Römischen Rat angebotenen
Triumph kaltsinnig ausgeschlagen hatte.
    Niemand war unter allen denen / so ehemahls die unvergleichliche Tussnelda
zu Rom gesehen hatte /der nicht ihr Unglück hertzlich betauret / und diesen
frohen Tag mit milden Mitleidens-Tränen enteiliget hätte.
    Der eintzige Segestes / der unwürdig die Ehre hatte / Tussneldens Vater zu
sein / und nebst seiner Gemahlin diesem Siegs-Gepränge als ein Bunds-Genosse
derer Römer zusah / freuete sich hierüber so heftig / dass die um ihn stehenden
Römer über seinen unnatürlichen Hass / den er nicht nur über sein Vater-Land /
sondern auch über sein Fleisch und Blut selbst in dessen äussersten
Beschimpffung so grausamlich ausliess / sich höchlich ärgerten.
    Germanicus stund auff einem güldenen und mit elffenbeinern Bildern
niedrig-erhobener Arbeit gezierten Triumph-Wagen / an welchem unter andern die
Brust-Bilder der Cheruskisch und Cattischen Hertzoge zu sehen waren. Denn also
musste man über Teutscher Helden Bilder triumphiren / weil man derer Helden
selbst nicht mächtig werden konnte. Man wollte anfänglich / nach des Marcus
Antonius Exempel / vier Löwen für den Wagen spannen / den Cattischen Löwen
dadurch zu bedeuten; weil aber die Cherusker vornehmer waren / schien es
prächtiger zu sein / vier weisse Pferde / dergleichen eines im Cheruskischen
Wappen zu sehen ist / zum Zeichen des über jetzt genanntes Volck erhaltenen Siegs
zu gebrauchen. Dem Germanicus folgte zunächst seine Gemahlin auff einem weiten
silbernen Wagen / hatte auff beiden Seiten ihre ältesten zwei Söhne Nero und
Drusus; auff dem Schoss den kleinen Cajus / und unten vor denen Füssen ihre zwei
Töchter Agrippina und Drusilla; schiene aber mehr traurig als frölich diesem
grossen Ehrenfest beizuwohnen. Welches von dem Volck insgemein / als ein
heimliches Mitleiden über ihre zum Tode verdammte Freundinnen ausgedeutet ward /
warhaftig aber daher entstund / dass sie diese Beehrung ihres allerliebsten
Gemahls wie seine Leichbestattung ansähe. Denn weil ihm der Todt im Morgen-Lande
vorlängst war gewahrsaget worden /und er gleichwohl dahin auff Käyserlichen
Befehl nach geendigten Triumph ziehen sollte / als ahnete ihr / das undanckbahre
Rom würde nach dieser letzten Ehre ihn zwar nicht eigenhändig tödten / jedoch
dasjenige zu tun nötigen / womit die himlische Schickung seinen
unausbleiblichen Untergang verknüpffet hätte.
    So bald Germanicus am Berge Capitolinus ankam /hielt er eine herrliche
Danck-Rede an die ganze Gesellschaft / und lude sie zu einer Mahlzeit und
allerhand Ritter-Spielen auff diesen und folgende vier Tage ein. Nachdem auch /
wie gewöhnlich / ihm Nachricht gegeben worden / dass die sämtlichen teutfchen
Gefangenen im Tullianischen Gefängnis hingerichtet worden / befahl er den
weissen Ochsen zu Ehren des Capitolinischen Jupiters / der Juno und aller
Rom-gewogenen Götter und Göttinnen zu schlachten und zu opffern; Nach dessen
Verrichtung die Gäste zur Triumph-Gasterei geführet und mit so ungemeiner
Verschwendung bewirtet worden / dass man gestehen musste / der langwierige
teutsche Krieg hätte weniger Unkosten / als dieser eintzige Triumph-Tag
erfordert.
    Der Käyser war zwar hierzu gleichfalls eingeladen /aber so wenig / als die
Bürgermeister Cajus Cäcilius Rufus und Lucius Pomponius Flaccus / erschienen
/damit niemand dem Triumphirenden an seinem höchsten Ehrenfeste die Oberstelle
streitig machen könnte.
    Sie speiseten hingegen alle drei auff dem Palatinischen Berge / da denn der
vor ein paar Wochen zu Rom angekommene Tracische Reichs-Erbe Rhemetalces die
Gnade hatte / auff Tiberius Erforderung die vierdte / gleich wie Sejanus die
fünfte / und der Weltweise Seleucus die sechste Stelle an der Käyserlichen
Taffel zu bekleiden. Nachdem nun Tiberius unterschiedene gelehrte Fragen seiner
Gewohnheit nach unter dem Essen auffgeworffen und dieselben entschieden / dabei
aber viel Widersprechens von dem Seleucus erduldet hatte / welches dem einigen
Rhemetalces frembde vorkam / denen andern Gästen aber eine bekannte Sache war;
verlangte er endlich / der Tracische Fürst sollte ihm und denen beiden
Bürgermeistern anjetzo / die Zeit desto angenehmer hinzubringen / einige
Nachricht kürtzlich geben / in was Zustande er sein Vaterland hinterlassen.
Dieser antwortete hierauf: Selbiger ist leider mehr als zu schlecht. Denn
obgleich Tracien mit hoher Bewilligung des nunmehr zum Gott gewordenen Augustus
/unter meinen Vater Rhascuporis und dessen Bruders-Sohn den König Cotys
verteilt worden / hat es doch scheinen wollen / als ob es so wenig zwei Könige
/als die Welt zwei Sonnen / ertragen könnte; der unvergleichliche Augustus hatte
kaum das Haupt gelegt /als beide Könige in Grentzstreit gerieten / und tausend
kleine Verdriesslichkeiten einander erwiesen / also gar / dass sie endlich
beiderseits zu denen Waffen grieffen. Cotys bezeugete zwar vielfältig / wie
ungern er hieran gienge / weil das Kriegs-Feuer nicht so leicht sich leschen /
als anzünden liesse; doch könnte er meinem Vater es nimmermehr gut heissen / dass
er durch die Schmeichelei der Ada / (meiner Stiefmutter) die ihren leiblichen
Kindern ein Erbe gern erwerben wollte / sich bewegen liesse / ihm seinen Scepter
anzutasten / da er doch seinen eigenen des Cotys Gütigkeit allein zu dancken
hätte. Er müste demnach der undanckbaren Schlange den Kopff zertreten / weil sie
ihn zu stechen sich erkühnete / an statt dessen / dass er sie ehemahls in seinen
Busem erwärmet und beim Leben erhalten hätte. Wolte Rhascuporis wie der Krebs
umb sich fressen / so hätte ihm der Himmel Feuer und Messer in die Hand gegeben
/ sein Vaterland von solchem Ubel aus dem Grunde zu heilen. Mein Vater
Rhascuporis hingegen wendete wider diese Vorwürffe seines Feindes vor / dass er
dem Cotys keines seiner Länder zu schmählern willens wäre / gleichwohl
diejenigen Städte / Berge oder Flüsse seinem Reich wieder einverleiben müste /
die von uralten Zeiten Stücken derjenigen grössern Landschaften gewesen / die
Cotys selbst vor Rhascuporis Eigentum erkennete; und vermöchte die letztere
Grentzscheidung die Sache nicht zu heben / weil ihm dieselbe damals mit Gewalt
abgenötiget worden / da doch viel mehr diejenigen Grentzmahle beobachtet werden
sollten / die der Himmel selbst durch Berg und Flüsse einer jeden Landschaft
gesetzet hätte. Weil nun beide mein Vater und Cotys recht zu haben vermeinten /
als wäre sonder Zweiffel der Untergang Traciens unvermeidlich gewesen / daferne
nicht eure Käyserliche Majestät durch dero hohe Vermittelung es bald darauf
dahin gebracht hätte / dass Cotys seine ganze Kriegs-Macht abgedancket / nachdem
der Unter-Landfleger in Mösien / Latinius Pandus / ihm im Nahmen des gerechten
Tiberius die Versicherung gegeben hatte / ihn bei seinen Rechten mit aller Macht
auf den Notfall zu schützen. Inmittelst hat mein Vater ein mündlich Gespräch
als ein zulänglich Mittel vorgeschlagen / wodurch der edle Friede wieder
ergäntzet werden könnte. Cotys hat hierauf den Ort / Zeit und Innhalt dieses
neuen Bündnüsses / nach meines Vaters Vorschlage / angenommen und zu Stifftung
desto bessern Vernehmens dem grossen Friedensmahl in seines bisherigen Feindes
Hauptstadt beizuwohnen sich nicht gewegert; ist aber zu Ende der Gasterei auf
Befehl meines Vaters in Ketten und Bande gelegt worden / ungeachtet er umb der
Schutz-Götter ihrer beiden Häuser willen / das Recht der Gastfreiheit nicht an
ihm zu brechen / gebeten hat. Dieses alles hatte sich in meiner Abwesenheit
zugetragen / da ich mich anfangs in Deutschland / als ein Gefangener / und bald
darauf als ein neuer deutscher Fürst / aufgehalten habe / hernachmahls aber mein
Vaterland zu suchen schlüssig wurde; weil ich ohnedem wegen eines mir in
Schwalbach begegneten Unglücks meines Lebens ganz überdrüssig war / und dahero
nicht gross geachtet hätte / wenn mein Stiefbruder Taxiles durch meinen Tod eine
Krone bekommen /meine Mutter aber dadurch die Ursach verloren hätte / aus des
Cotys todter Leiche eine Stuffe zu machen /auf welcher ihr Sohn einen Tron
besteigen möchte. Ich konnte aber / leider! weder meinen Todt noch des Cotys
Freiheit / sondern den Befehl allein von meinem Vater erhalten / ein Schreiben
an Eure Käyserliche Majestät und den Rat zu Rom zu überbringen /in welchem er
weitläufftig ausgeführet hat / wie er Gift mit Wider-Gift vertreiben / des
Cotys List mit Gegen-List zuvor kommen / und durch dessen Bande das Band des
Friedens in ganz Tracien feste knüpffen müssen. Dieses haben Eure Majestät
vorigen Tages ausser dem Capitolium nicht annehmen wollen / weswegen ich mit
dero hohen Bewilligung morgen aufwarten und denen versammleten Vätern der Stadt
Rom / die ein kluger Cyneas wohl ehe vor eben so viel Könige angesehen hat /
diese Streitigkeit beider Tracischen Könige zu beurteilen demütigst übergeben
will / voller Hoffnung / dass selbige nicht nur meines Vaters Brief einiger
schrifftlichen Antwort würdigen / sondern auch einen neuen Stadtalter in Mösien
abschicken werden / der in dieser Sache ein unparteiischer Schiedsmann sei /
welches mein Vater von dem Latinius Pandus / einem Hertzens-Freunde des Königs
Cotys / niemahls verhoffen können.
    
    Tiberius erbote sich / nach dem Beschluss dieser Rede / beiden Teilen mit
aller Macht zu ihren Rechten zu verhelffen; fragte inzwischen (unter andern über
dieser Tracischen Geschicht entstandenen Gesprächen /) ob nicht Rhemetalces /
nach des Cotys Exempel / auf Fortpflantzung seines Königlichen Geschlechts
bedacht wäre / massen er dadurch seinen Missgönstigen den Mut nehmen würde / an
ihn sich zu wagen / alldieweil es leichter ist / einen dürren Ast / als einen
fruchtbaren starcken Stamm-Baum zu zerbrechen / und gefährlicher / den zu
ermorden / so jemanden hinterlässt / den die Natur selbst zur Rache des dem Vater
zugefügten Unrechts anfrischet.
    Rhemetalces versetzte: Ich habe einmal die Torheit begangen / von einem
Weibsbilde treue und beständige Liebe zu hoffen: Allein es ist mir gegangen /wie
denen Motten / die ihre Flügel an den schönen Flammen verbrennen. Ich bin
nunmehr gleiches Sinnes mit dem / der einmal Schiffbruch gelitten / und demnach
dem ungetreuen Meer sich wieder zu vertrauen Bedencken nimmt. Tiberius verlangte
den Nahmen dieser Unbeständigen zu wissen; und bekame zur Antwort: Ich bekenne /
dass ich das Gedächtnis dieser Wanckelmütigen wider meinen Willen so heilig
halte / dass ich unmöglich über mein Hertz bringen kann / ihren Nahmen und
zugleich ihre Schande zu entdecken; zumahl da ihr Todt alle Feindschaft in mir
vollends getödtet hat: Wesswegen ich auch heute bei ihrem lebendigen
Leich-Gepränge so wahrhaftige Tränen vergossen / als wenn sie ihre Treue mit
in die Grube genommen hätte. Jedennoch dünckt mich unverantwortlich / denen
irrdischen Göttern etwas zu verhöhlen. Drum muss ich sagen / dass die Marsingische
Zirolane dieselbe sei / die meinem Gemüte die erste Liebes-Milch eingeflösset /
nachmahls aber diese mit solcher Wermut durchbittert hat / dass ich von Stund an
einen ewigen Eckel davor bekommen habe / und nicht mehr ein einfältig Kind /
sondern völlig entwöhnet bin. Tiberius hatte durch Brieffe aus Teutschland
gnugsam erfahren / wer unter diesen beiden das meiste Recht gehabt; Rhemetalces
oder die mit ihrem Bruder unschuldigverdachte Zirolane? Er liess sich aber dessen
/ aus einem sonderbahren Absehen / nicht mercken / sondern antwortete: Ich
begehre Zirolanen nicht zu entschuldigen / weil ich allzuviel Beweisstümer habe
/ dass / so leicht unter Aepffeln Wurmstichige anzutreffen sind / so leicht
finden sich unter denen grösten Schönheiten eine und andere / die sich ihrer
Ehre / als einer grossen Last / je eher je lieber zu entschütten begierig sind.
Ich kann selbst nicht läugnen / dass ich ein solches Ungeheuer zum Ehegatten aus
gerechten Zorn des Himmels eine gute Zeitlang gehabt. Denn ungeachtet ich durch
vieles Bitten meine Mutter bewogen / den auff dem bekanten Göttermahl in der
Ziegen-Insul getroffenen Heiratschluss für einen blossen Schertz zu halten; So
war doch die Höhle der Egeria der unglückliche Ort / darinnen das einmal
zurissene Band meiner Heirat mit dieser Nennens-Unwürdigen wieder ergäntzet /
und hingegen das höchst-vergnügliche / welches mich an meine getreue Vipsania
verband / wieder getrennet musste werden; da ich dann auff einmal alle die
Unlust erfuhre / die Orpheus erlitten / als er seine allerliebste Euridice zum
andernmahl eingebüsst hat. Nichts destoweniger will ich von der schönen
Zirolane noch etwas bessers / als von der Julia / hoffen; und überlasse demnach
ihre Vertädigung dero nach dem Todterumirrenden Geiste / der im Fall seiner
Unschuld / von den Tracischen Reichs-Erben wegen eines so verkleinerlichen
Verdachts schwere Rechenschaft fordern dürffte. Sollte sie nun allenfalls
unschuldig sein / würde ich mich höchlich betrüben /dass ich dero Erwürgung nicht
mit aller Macht verhindert habe / nachdem ich ganz unverhofft anjetzt vernehme
/ dass sie einem von meinen besten Freunde so nahe angegangen sei. Doch wir
wollen die Todten von der Taffel lassen. Und gleichwie ich kurtz zuvor mit
meinem Exempel bestätigte / dass nicht alle Eyfersucht ungegründet und unbillig
sei: also kann ich leichte gegenteils erweisen / dass mancher Männer seltzames
Gehirn einer Art Spiegel gleich kömmt /welche ein Gesicht krumm und recht
wercklich-zerzerret vorstellen / das sonst nach den Regeln der natürlichen
Schönheit auffs vollkommenste eingerichtet und gebildet ist. Die Eifersucht ist
wie die gelbe Sucht / die alles vor gelbe ansiehet / und wenns gleich der
reineste Schnee wäre. Ich habe dieses gestriges Tages nach Art unsers Virgilius
in einem Schäffer-Gespräche entworffen / welches ich dieser werten
Gesellschaft zeigen will / daferne ich die Versicherung habe / dass man nicht
alle Vollkommenheiten gelehrter Verse von dem begehren will / der sein Tage mehr
den Degen oder Scepter / als die Feder hat führen dürffen. Die Bürgermeister
liessen sich nichts gutes schwahnen / und gerieten in Furcht / sie würden
allerhand abscheuliche Vorstellungen unnatürlicher Wollüste mit ansehen müssen /
dergleichen Tiberius sonst / bei allen Schauspielen in seinem Taffel-Gemach /
einzuführen pflegte. Allein die Ehrerbietung / die er gegen sie truge / und die
Furcht in Tracien einen übeln Nahmen zu bekommen / machte / dass er ein zwar
lustiges / doch nicht unerbahres Gedicht etlichen von seinen Freigelassenen
auswendig zu lernen gegeben hatte / so bald er auff den Sinn gekommen war / den
Tracischen Fürsten / und um seinet willen die Bürgermeister / einladen zu
lassen. Als nun Pomponius Flaccus im Nahmen der sämtlichen Gäste /mehr aus
Furcht als aus Hertzens-Grund / eine ungemeine Begierde bezeuget hatte / das
Kunst-stück zu sehen / das (wie er sagte /) den Teocritus und Virgilius
sonderzweiffel beschämen würde / gab der Käyser mit einem kleinem Pfeiffgen das
Zeichen / worauff die Tapezerei / so ein gross Teil von der einen Wand des
Zimmers bedecket hatte / unvermutlich verschwand / und an dessen statt ein
nicht gar grosser /aber sehr wohl gemahlter Schau-Platz erschien / der in der
Nähe einen Wald / in der Ferne aber einen Berg mit unterschiedenen Hirten und
Heerden vorstellete. Aus diesem traten zwei Schäfer-Knaben unter dem muntern
Schall zwölff Feld-Schallmeien in das Tafel-Gemach und überreichten iedweden von
denen Zuschauern einen geschriebenen Zettel dieses Innhalts:
                       Schäfer-Spiel von der Eifersucht.
    Mopsus ein Schäfer in Tessalien / hat das Glück /der schönen Alcippe
Gewogenheit zu erlangen; gerät aber aus blinder Liebe in eine noch blindere
Eifersucht / damit er diese Unschuldige so wohl als sich selbst / aufs äusserste
qvälet. Allein / indem er sein Elend dem klugen Menalcas klaget und dieser
seinen Argwohn ganz unbillich und ungereimt erkennet /wird er von ihm eines
bessern unterrichtet / so dass er von Stund an seiner törichten Gemüts-Regung
den Abschied gibt.
    Es waren diese beide kaum wieder zurück gekehret / als die Schallmeien den
vorigen lustigen Ton in einen so betrübten veränderten / dass man hätte meinen
mögen / es würden etliche verdammte Seelen aus der Höllen auftreten. Allein es
kam an deren statt ein fast noch mehr verzweiffelter Schäfer / der mit seinem
verstöreten Angesicht bewiese / dass die Eyfersucht /die er litte / eine Art von
der Höllen-Pein wäre. Er ging in seinen schwermütigen Gedancken so lange herum
/ biss unterschiedene Säitenspiele an statt der Schallmeien mit einem
halbgebrochenen Ton sich hören liessen / worein er dieses Lied nicht ohne
Tränen absunge:
Ihr Bäume / die ihr alle Jahr
Verwandelt Farbe / Laub und Früchte:
Ihr Blumen / die ihr ganz und gar
Des andern Tages geht zu nichte:
Ihr Bäche / die ihr stets verändert Strom und Lauff
Und gleichsam eure Ruh in solchem Wechsel findet;
Ach! merckt nur / bitt' ich / eigen drauff /
Ob euch Alcippe nicht im Wechseln überwindet.
Ihr Felsen / die ihr immerfort /
Biss an das Ende dieser Erden /
Bleibt gegenteils an einem Ort /
Und niemahls wolt beweglich werden!
Ihr Pyramiden prahlt mit eurem Altertum /
Dadurch ihr euch erkühnt der Zeit selbst Trotz zu bieten!
Doch mag wohl euer stoltzer Ruhm
Mit meiner Lieb' und Treu sich zu vergleichen hüten!
Weh mir! du must / O treues Blut /
Den Unbestand beständig lieben
An einer / die in Wanckelmut
Und steten Wechsel sich will üben.
Alcippe neigt ihr Hertz zum Meliböus hin:
Kan ich mit Phyllis denn nicht auch vertraulich leben?
Palämon lenckt Aecippens Sinn;
Wolan! so will ich auch der Nisa mich ergeben.
O ja! ich kann dir falsches Kind /
Die Wechsel-Kunst gar bald ablernen.
Doch / O gerechter Himmel! find't
Mein Hertz auch Krafft sich zu entfernen?
Ach nein! ob du gleich wirst im Lieben flüchtig sein /
Steht dennoch meine Treu ganz stelff und unbewogen:
Ich weiss / du stellst dich wieder ein /
Wenn alle Schäfer erst an deinem Joch gezogen.
Wie aber? trägst du keinen Scheu /
Dass dir bald schwartz / bald weiss beliebet /
Und dass der beste dieser sei /
Der sich bei dir zuletzt angiebet?
Was hilfft dichs / ob du schon unzählich Sclaven hast /
Doch bei der erbarn Welt nur liederlich must heissen?
Dass doch dein Hertz kein Beispiel fasst /
Nach Turtel-Tauben Art der Treu sich zu befleissen!
    Dieser Gesang war ungefehr halb aus / als der alte Menalcas darzu kam / und
mit grosser Gedult das Ende desselben abwartete / worauff er sich also redend
vernehmen liess / nachdem die Schallmeien durch einen kurtzen Nachklang die
Zuhörer desto williger gemacht hatten / das folgende anzuhören:
Freund / euer Jammer hat mich allerdings bewegt /
Nur möcht ich auch hiervon den Ursprung gerne kennen:
Hat euch Alcippe was vielleicht in Weg gelegt?
Wolt ihr mir nicht den Qvell von euren Tränen nennen?
Gläubt / dass ich schweigen will; wisst / dass ich trösten kann:
Gönnt euch Alcippe nicht so viel von ihren Blicken /
Als sie wohl anderm Volck / ohn ihr Verdienst / getan?
Pflegt sie / was ihr ihr schenckt / mit Spott zurück zu schicken?
Mopsus runtzelte hierauf die Stirne und antwortete:
Die Sonne hat nunmehr den Lauff durch alle Welt
Zum vierdtenmahl vollbracht; seit dem das Band der Liebe
Mich an Alcippens Hertz so fest verknüpffet hält /
Und ich mich / ungeliebt zu lieben / stetig übe.
So oft hat auch die Heerd' ihr Kleid hinweg gelegt /
Seit dem die Liebe mich legt zu Alcippens Füssen /
Die mich mit Manckelmut / gleich einer Rute / schlägt
Vnd ich die Rute noch muss ganz gedultig küssen.
Gleich damahls war's / als ich den ersten Hirtenstab
Da sie zwölff Jahre kaum in ihrem Alter zehlte
Ihr unter diesem Wahn und süssen Hoffnung gab /
Ich würde nun die Glut / die sie in sich verhöhlte /
Vnendlich brennen sehn. Wahr ists / dass solche Brunst
Auch auf das eusserste die ersten sechzehn Mohnden
Beharrlich kommen sei: da Lieb und Gegengunst
Den schönen Wettstreit leicht in stiller Lust gewohnten.
So oft ich Trost gesucht bei ihrem holden Blick /
Sah ich auch ihren Geist auf gleiche Sehnsucht zielen.
Mein Hertz und ihr Gemüt umbfieng ein Liebes-Strick /
Damit ich kont ihr Weh und sie mein Wohlsein fühlen;
Wir teilten beiderseits Vergnügung und Verdruss.
Die Farbe die sie trug / die sah man mich auch tragen;
Ja unser Vieh ging selbst beisammen Fuss vor Fuss /
Weil sie biss in die Nacht auf einer Heide lagen.
Es schien / als wären sie so sehr als wir verliebt /
Vnd fühlten gleichen Trieb sich immer anzuschauen.
Man merckte ganz genau / wie ihnen so betrübt
Als uns das scheiden fiel / dass iedes fast mit grauen
Zu seiner Ruhe ging. Des morgends aber drauff
Wenn sie auf einer Trifft zusammen wieder kahmen /
Da sah man seine Lust / wie sie in vollen Lauff /
Flugs / stracks / nach ihrer Art / sich in die Arme nahmen.
Ein ieder Hauffe schien dahin bedacht zu sein /
So gar vor allen Schein der Grobheit sich zu hüten /
Vnd stellte sich bei zeit mit seinem Grüssen ein /
Eh' / als der and're noch / den guten Tag zu bieten.
Indes schlich ich mich meist mit meiner Schäferin
In ein Gehöltz hinein: Die Lämmer gingen weiden
Gantz sicher vor den Wolff nach ihren eig'nen Sinn
Dem kühlen Schatten nach / die Hitze zu vermeiden.
Was uns von Liedern nur daselbst zu Sinne kam /
Indem wir lass und faul im weichen Grase lagen /
Erschallte weit und breit: was Echo nur vernahm /
Ward gleich bald hier / bald dort / den Nymphen zugetragen /
Die darümb wohnhaft seind / biss sie Alcippens Ton
Vnd meinen Flöten-Klang recht ins Gedächtnis fassten.
Damahls nun war mir diss der höchste Liebes-Lohn /
Dass an der liebsten Brust ich durfft' alleine rasten.
Da war kein Schnaphahn nicht / der mir in Eisen lag:
Die Süssigkeit der Lust war durch und durch vollkommen /
Die ich auch biss dahin genosse Tag vor Tag /
So dass kein Zehren mir die Augen eingenommen.
Ach! aber / Götter! ach! wie hat sich diss mein Glück /
Eh' ich michs selbst versehn / in tausend Angst verkehret!
Alcippe hat nunmehr gar gerne zwantzig Stück
Von unserm Schäfer-Volck / die sie mit Lieb ernehret.
Mnasylus / Corydon verdienen meinen Hass;
Damötas / Tityrus / Allexos; (Lasst doch sehen!)
Auch Daphnis / Bavius / Palämon / Lycidas
Vnd Damon müssen all in dieser Rolle stehen.
Noch zehne weiss ich mehr / die jenen gäntzlich gleich;
Doch will ich keinen nicht zu meiner Schande nennen.
Die Schallmeien und Säitenspiele hielten hierauf eine kleine Weile einen
annehmlichen Wettstreit / und bildeten hierdurch vor / wie Melnalcas mit dem
Mopsus in einen unblutigen Krieg geraten wird / massen er diesen mit folgenden
Worten empfing / die ihm weher taten / als wenn man Stahl und Eisen wider ihn
gebrauchet hätte.
O Mopsus! alle Schuld liegt / dünckt mich / bloss an euch:
Ohn' euer Bildnis werd' ihr keinen Buhler kennen.
Die Waffen / die euch selbst die schähle Eyfersucht
Bissher geschmiedet hat / bestürmen eure Sinnen.
Dnnn alle Schäfer hier / die ihr aus Groll verflucht /
Treibt nur die Freundschaft an / dasselbe zu beginnen /
Was ihr vor Lieb' auslegt. Alcippe liebt niemand
Als euer Hertz / das sie in ihre Brust versencket /
Da glimmt und brennt dennoch der erste Liebes-Brand;
Vnd wo ihr ja Verdacht auf einen Schäfer lencket /
Den mit der schönen ihr zum öfftern reden seht /
So sollt und müsst ihr / mein Freund / doch dieses wissen /
Dass ihre Treu allzeit auf festen Grunde sieht /
Der nie von Wanckelmut im mindsten wird zerrissen.
Ja dass ihrs eben wisst / so muss bei solchem Tand
Der schlimmen Eyfersucht Alcippens Gunst erkalten:
Wenn ihr das / was man stets vor Höffligkeit erkant /
Aus blossem Eigen-Sinn stracks wolt vor Liebe halten.
Sie hat sich einen zwar erwehlt zu ihren Schatz:
Wie aber? Wolt ihr denn ihr vollends untersagen
Mit Freunden Freund zu sein? verwehrt ihr allen Platz
Der Liebe / die sich kann mit Freundschaft wohl vertragen?
Der unwillige Mopsus fiel ihm demnach in die Rede:
Es darffs der Worte nicht / dadurch ihr euch bemüht
Die Freundschaft / die ich selbst hoch achte / zu beschönen.
Ja wenns bei Freundschaft blieb! wer alles weiss und sieht /
Wodurch Alcippe mich gewohnt ist zu verhöhnen;
Wie ihr Gemüte sich bald da / bald dortin neigt /
Wie sie zwar freilich liebt und gleichwohl doch darneben
So viel Gewogenheit fast allen Schäfern zeigt /
Der wird der Liebe nicht den Freundschafts-Nahmen geben.
Nachdem nun Menalcas eingewandt hatte:
Wohlan! so leget denn ein klar Beweisstum dar /
Das diese Schöne kann der Vntreu überführen;
    Fuhr der ander also fort:
Seht / als ich nächst mit ihr bei unsrer Heerde war /
So durffte Tityrus / der Schäfer / sich so zieren /
Dass er ihr seinen Hut auf solche Art zuwarff /
Die gar gemeine mir von einem Frembden schiene.
Merckt: wie Alcippe sich darbei verhalten darff?
Sie wurff ihn wieder zu / fürwahr mit einer Mine /
Die ich / wenn sie mit mir am allerschönsten tut /
Von ihr bin kaum gewohnt. O ihr gerechten Götter!
[Gedacht ich bei mir selbst mit ganz erschlagnen Mut /)
Bist du Alcippe denn? O Vnglücks-volles Wetter!
Alcippe? die in mir der Liebe Feuer hält?
Alcippe? dich ich sonst / als diss mein Auge hielte?
Der aber Blick und Winck / und Lächeln wohlgefällt /
Von einem / der mit ihr so untern Hütgen spielte.
    Hierüber stimmten die Säitenspiele ein recht traurig Stück an / gleich als
ob sie ein Mitleiden mit dem Mopsus hätten.
    Menalcas aber fuhr den armen Tropffen mit diesen Worten an:
Recht so! ich sag es selbst: es trifft vortrefflich ein!
Pfuy! Lasst ihr euch so leicht die Eifersucht betören?
Pfuy! schämt euch Alberling! habt ihr sonst keinen Schein /
Geschweige / guten Grund / die Vnschuld zu beschweren?
    Mopsus wollte hierauf die Sache unwidersprechlich beweisen: weswegen er also
versetzte:
O ja: Kurtz drauf / als ich mich gleich bei ihr befand /
Schenckt Damon ihr ein Lamm: sie nahms auch ohn Bedencken
Vnd hertzt' es no comma?: sie strich' es mit der Hand:
Sie durff't ihm gar an Hals ein Blumen-Sträussgen hencken
Von Nelcken und Jasmin. Seht an! das falsche Kind
Besonne sich nicht drauff / dass ich auch eines hätte /
Das noch viel schöner wär / von Wolle so gelind /
So lieblich und dabei so schnackisch / und so nette /
Als jenes nimmermehr. Es fiel zu einer Zeit
Mit diesem Hämmel hier: und zwar so hatt' ichs eben
(Sie weiss es selber wohl /) aus treuer Redligkeit
Deswegen ausgesetzt / ihr zum Geschenck zu geben.
Kaum war der Streich vorbei / so fand ich ohngefehr
In einem Büchen-Baum (Menalcas! ach! bedencket!)
Den Zug: ich merckte gleich / was solches Rätzel wär:
Alcipp' und Daphnis stund beisammen eingeschräncket.
O weh! der Schreiber war auch mehr als wohl bekant.
Alcippe hatt' es selbst mit eigner Hand geschnitten.
O falsche! die du gibst dem Daphnis Hertz und Hand!
Ihr habt den Mittel-Punct der Wollust selbst beschritten!
Auch must ich mit der Zeit mit meinen Augen sehn /
Als Phillis Hochzeit war / wie sie herum gerantzet /
Wie sie (da Mopsus must als wie ein Narre stehn /)
Mit allen Schäffern hat biss in die Nacht getantzet.
Nehmts selber bei euch ab / wie mir zu mut gewest?
Ob einem Gall und Gift nicht drüber kochen sollte?
Mich / warlich / hat das Ding so sehr auffs Hertz geprest /
Dass ich sie oft bei mir den ärgsten Wildfang scho the;
Zumahl da ich must sehn / wie ihr bei diesem Tantz'
Ein frecher Schäffers-Kerl / der sich Palämon nennte /
Ein zierlich Sträussgen gab / und wie sie gar den Krantz
Dem Blutund Corydon ihr abzunehmen gönnte.
O Pein! die ich damahls in meiner Seel ertrug!
Weil sie noch über dies dergleichen Dienst-bezeigen
Gantz wohl vergnügt auffnahm / so dass ich Beifall gnug
Bei allen Schäffern fand. Denn teils durch höhnisch schweigen /
Teils auch durch laut Gespräch / fiel mir ein jeder bei /
Alcippen graute nun vor Mopsus seinen Flammen;
Daher dies aller Welt ein klar Beweisstum sei.
Noch mehr / Menalcas! ach! als einsmahls ich ein Lied
Ja meine Flöte sang; sass sie bei ihrem Vetter /
Dem schon der blasse Tod aus beiden Augen sieht /
Und stimmte selbst mit ein / wie dieser alte Spötter
Ein stück ganz andern Tons zu Trotze hören liess.
Sie war auch so verstockt / weil ihr verkehrt Gemüte /
Sie List / Betrug und Schwur zum Schein gebrauchen hiess;
Dass sie / ob ihre Gunst gleich allbereit verblüh'the /
Sich dennoch hoch vermass: Sie wär und bliebe mein /
Ich dröschte mich umsonst mit den und den Gedancken:
Ich trieb ihr blödes Hertz mit höchstem Vnrecht ein /
Da sie doch nie gedacht in ihrer Treu zu wancken.
Hierbei so weinte sie nicht ohne grosse Kunst /
Nur bloss mir armen Schöpss den Affen recht zu schleiern /
Biss dass ihr Freundlichtun / und vorgewandte Gunst /
Mich zwunge meinem Zorn und Eifersucht zu steuern /
Die mir höchst-straffbahr schien. Ich ganz aus mir gesetzt
Sprach heimlich zu mir selbst: Ihr ist zu viel geschehen
Sie ist und bleibt dir treu. Sie ist durch dich verletzt:
Sie liebt dich / wie sie soll: du musts ja selbst gestehen!
Ach! aber ich erfuhr gleich drauff / wie ich von ihr
Dennoch betrogen wär; dass leider bei Alcippen
Nur List und Bosheit sei / die Treu und Huld zu mir
Wär nicht im Hertzensgrund / nur auff den falschen Lippen.
Denn jenes sei doch stets mit frembder Glut entzündt /
Nun wären dieses zwar / wie ichs auch oft erwogen /
Noch schwache Zeugnisse / die viel zu wenig sind /
Als dass sie völlig mich zum Argwohn hingezogen.
Alleine gebt nur acht: denn euer kluger Sinn
Wird aus dem folgenden die Sache leicht entscheiden /
Und dass ich wohl befugt zu stärcksten Eifer bin.
Wo nicht; so will ich denn mein Vnglück gerne leiden.
Als wir des andern Tags am Vfer eines Teichs
Gantz mutter-stein-allein herum spazieren giengen /
So schwur Alcippe mir / nach Inhalt des Vergleichs /
Mich niemahls zum Berdacht und Kummer mehr zu bringen:
Mein Lieben wollte sie von aller Furcht befrein /
Dass ich an ihrer Treu nie dürffte Zweiffel tragen:
Ich sollte ganz allein bei ihr der Liebste sein /
Vnd nun und nimmermehr ihr flüchtig Hertz anklagen.
Kaum ware dies geschehn / als mir ganz unverhofft
Ihr ungetreuer Sinn mehr als zu klar erschiene /
Vnd dass ein falscher Eyd ihr gar zu viel und oft /
Als wärs ein Meisterstück / mich zu berücken diene.
Palämons grosser Hund / dem nie kein Wolff entspringt /
Kam auff uns zugerannt mit auffgesperrtem Rachen:
Das Feuer / so ihm stets aus beiden Augen dringt /
Liess sich ganz lodernd sehn. Da war nicht Zeit zu lachen:
Alcipp' erschütterte / als wie ein Aespen-Laub /
Ja wusste sich vielmehr so furchtsam zu gebärden /
Als wär sie allbereit des tollen Hundes Raub.
Bald sah ich sie so bleich wie eine Leiche werden.
Bald kirrte sie vor Angst: Sie schrieh umb Hülff und Rat /
Dass man sie rings umbher im Dorffe hat vernommen:
Ach aber ach! wie schoss mir Armen doch das Blat /
Als ich ihr eben gleich zu Hülffe wollte kommen!
An statt / dass sie der Hund auff einen Zug und Riss
Hätt unter sich gebracht / zerzerrt / zerfleischt / zerrissen /
So schmiegt' er sich an sie ohn allen Krell und Biss /
Vnd wollte Hand und Fuss ihr / so zu reden / küssen.
Sie / die sich stellen kunt / als hätte sie sich kaum
Von Schrecken recht erhohlt / gab / dass ichs sehen musste /
Den Liebes-Regungen so schändlich Platz und Raum /
Dass sie nicht Schmeichelei genug zu finden wusste
Vor ihres Buhlers Hund / das grosse Schmoer-Vieh;
Den Hund / den sie bald da / bald dort mit Lust besah /
Indes er weidlich boll' / und lustig rumb um sie
Mit vollen Springen lieff / so dass sie sich bei nahe
Hätt in das Affenspiel des närr'schen Tiers vergafft;
Die falsche Mähre / die! Ob mirs zu Haupt gestiegen /
Ob die Verachtung mich zum Eyfer hingerafft /
Wird / hoff ich / vor sich selbst / euch schon vor Augen liegen.
Ha! sagt ich bei mir selbst: Ein neues Bubenstück!
Man sehe / bitt ich / an / wie sie sich zitternd stellet?
Vnd mit der blauen Dunst in einem Augenblick
Ihr untreu Hertz verhüllt! wie sehr ihr auch gefället
Der unversehne Fall / ob schon ihr Angst-Geschrei
Den Tod im Munde führt. Der Hund / der sie so liebt /
Verrät ja seinen Herrn / dass / wenn ich nicht dabei /
Er ihr sein ganzes All in Arm und Hände giebet.
Könnt ich / Menalcas / nun (so unter uns geredt /)
Wohl zu verdencken sein / wenn ich ein Missvertrauen
In dieses Lumpen-Mensch dadurch gesetzet hätt'?
Ich meine ja / sie läst mich gar zu deutlich schauen /
Dass sie ein heimlich Band an den Palämon bindt.
Dass sie sich ganz gewiss oft gnug zusammen schleichen
Bud dieser Läpsch alsdenn / was er nur sucht / gleich findt /
Weil sich Alcippe läst so leicht von ihm erweichen.
Ein unvernünftig Vieh tat mir die Augen auff /
Wie sie wohl manchmahl mag mit diesem Gold-Sohn leben.
So must auch über diss ihr Schrecken / Flucht und Lauff
Der Lieb' ein Mäntelgen / nur bloss zum Schein / umbgeben.
Ja darauff spielte sies / damit ich alsofort
Den treuen Zeugen solt von ihr und mir verjagen /
Der ihr sonst öffentlich / auch ohne Weis' und Wort /
Die schnöde Wanckelmut möcht ins Gesichte sagen.
    Ware nun der gute ehrliche Mann das erste mahl übel angelauffen / so kam er
ietzund vollends aus der Trauffe in den Schlag-Regen; massen ihm Menalcas also
ableuchtete:
Hört auff! Ich mag nicht mehr! Ihr habt genug erzehlt:
Man könnt ein Possen-Spiel aus eurem Leben machen /
Weil ihr euch ohne Not mit eiteln Eifer qvält;
Doch kränckt mich das im Ernst / worüber and're lachen.
Ein Schatten irret euch: Nichts ist bei euch ein Grund /
Darauff ihr das Gebäudes nicht'gern Argwohns setzet.
Ein Wort / Geberd' und Blick macht euch stracks tödtlich wund /
So niemand schädlich ist / und jederman ergötzet.
Wird etwan ungefehr Alcipp ein bissgen blass /
Zieht lächlend ihren Mund ein wenig nur zusammen /
Nickt mit dem Kopff einmal / so muss gleich euer Hass
Sie stracks / als überführt / doch ungehört / verdammen.
Ein Eyfrer kann niemahls im Lieben glücklich sein:
Er mag auch / wie er will / der Lüste Nectar schmecken /
So mischt ihm seine Furcht doch stets den Wermut ein /
Dass selbst im Liebes-Kern wird etwas bitters stecken.
Kömmt ihm ein Mensch in Weg; Huy! (denckt er /) ob auch der
Mein Neben-Buhler ist? So gar ist nichts zu finden /
Das ihm nicht hinderlich in seinem Vorsatz wär!
Vnd säh' er noch so scharff / so gibt er keinem Blinden
Doch was an Blindheit nach. Das arme Marter-Holtz
Wird selbst sein Hencker-Knecht / und qvählt doch als Tyranne
Die Schöne / die er liebt / mit unbefugten Stoltz /
Nur dass er jederman aus ihrem Dienst verbanne /
Den er verdächtig hält. Er möchte (könt' es sein)
An ihr der Haare Zahl zu scharffer Rechnung bringen;
Er schlöss sie lieber gar ins Grab lebendig ein /
Nur dass kein frembdes Wort / noch Winck möcht' zu ihr dringen.
Stellt sie sich gleich bemüht ihn aus der Irrtums-Nacht
Durch tausendfachen Brauch gefliessner Gunst zu reissen;
So lang er ihr Gemüt und Treu hält in Verdacht /
Wird auch ihr Honigseim bei ihm nur Wermut heissen.
Ihr bestes Freundlich-tun ist ihm ein lauter Gift:
Er traut so wenig ihr / als sich und seinen Freunden.
Nachdem er statt des Lichts nur Finsternis antrifft /
Vnd stete Furchtsamkeit sein Hertz pflegt anzufeinden.
Selbst die Verdriesslichkeit sieht ihm zum Aug' heraus /
Wenn er am mindesten kann der Schwermut Vrsach nennen /
So dass der schlimme Tropff in seines Hertzens Haus
Die wahre Seelen-Ruh wird niemahls finden können.
Was meint ihr / Mopsus / nun? Ist dieses nicht ein Bild
Der ärgsten Höllen-Pein / die eure Geister qvählet?
Das Alter macht mich klug / das mir zum Zeugnis gilt /
Weil mancher Schäffer mich vor andern hat erwehlet /
Dass er sein Missvertraun mir liess vertraulich sehn:
Da denn die Wirkung mich gar leicht kunt überführen /
Ihr rasen sei nur bloss aus Zauberei geschehn /
Weil ich sonst keinen Qvell des Vbels konnte spühren.
Ich bin nun gute Zeit bei diesem Hirten-Stand
Dass ich auch / wie ihr seht / ganz grau darüber worden;
Doch hab' ich hier und dar / noch immer eine Hand
Der Scheelsucht strenge Krafft erkannt an unserm Orden.
Vor dessen wie ich selbst noch wohl empfindlich war /
So liess ich mich vielleicht die Missgunst auch verleiten:
Drauff als ich älter ward / so musste mir so gar
Mein Witz und mein Verstand ein Gegen-Gift bereiten
Vor aller Eyfersucht. Ich sah / dass ihre Macht
In unsrer Schwachheit nur die Herrschaft führen kunte /
Vnd dass der Liebsten Sinn oft kaum an diss gedacht /
Worüber der Verdacht zu richten sie begunte.
Ihr wisst nun / liebster Freund / wie es mit euch bewand /
Was eure Kranckheit sei. So seht / je eh / je besser /
Wie euch zu helffen steh'. Euch ist nunmehr bekant /
Wie dass ein Eyferer durch alle Tor und Schlösser
Nach eigner Vnlust strebt. Tut ihr das Widerspiel
Zu Fördrung eurer Ruh. Bild't euch von allen Sachen /
Wodurch Alcippe sonst in Argwohn bei euch fiel /
Nichts als Vergnügung ein. Last euch nicht irre machen
Von dem / was jemahls wohl ein leicht Gemüt bewiess:
Nehmts auff / als Höfflichkeit / und angenehme Minen:
Glaubt nicht / was euch von ihr der Eyfer glauben hiess;
Traut mehr der Redligkeit / die sonst an ihr erschienen.
Dass sie die Eure sei / das hofft in sichrer Ruh:
Last keinen falschen Tand euch Augenscheinlich blenden:
Was irrt euch denn ein Blick? stopfft selbst die Ohren zu /
Wenn euch ihr Lächeln will auff arge Meinung wenden.
Es heist nur freundlich tun / davon das Hertz nichts weiss:
Macht keinen falschen Schluss aus jeden Lappereien;
Prägt dies in euren Sinn / und zwar mit allem Fleiss /
Dass keine Falschheit wird die treue Brust entweihen.
Vnd wenn ja allenfalls ein Schäffer läuffig wär /
Dürfft ihr den Gecken doch nicht als Geliebt betrachten;
Forscht ja nach ihren Tun / (ich bitt euch /) nicht zu sehr /
Sie wird und muss euch sonst vor einen Wütrich achten /
Der auff ihr Leben stets ein grimmig Absehn richt.
Lasts gut sein / ob sie gleich ein wenig munter lebet;
Beschützt sie gegen dem / der sie mit Schimpff ansticht.
Vermeint / als wenn ihr stets in höchster Wollust schwebet /
Man red' auch / was man will. Wann ihr euch so erweisst /
Solt ihr nach Wunsch vergnügt aus der Erfahrung sagen /
Der sei des Glückes Kind / der allzeit sich befleisst /
Sich niemahls ohne Not mit Eifersucht zu plagen.
    Mopsus hörte dieser guten Vermahnung anfänglich mit sehr unwilligem Gesichte
zu / welches sich aber zusehend ausklärete / also dass er zum Beschluss des Spiels
mit Hülffe der untereinander vermischten Saiten-Spiele und Schalmeien sich
solcher Gestalt singend hören liess:
Gewiss kein Mahler kann das Bild der Eifersucht
Abscheulicher / als ihr anjetzt getan / entwerffen.
Wohlan! die Höllen-Brut sei ewiglich verflucht!
Mein Hass soll wider sie sich alle Tage schärffen.
Was mich bisher geqvält / ist Torheit insgesammt;
Die soll nun der Vernunft die Wohnung wieder geben:
Die Glut / die von dem Gott der keuschen Liebe stammt /
Soll ungestört in mir / so lang ich lebe / leben.
    Inzwischen nun Trompeten und Paucken anzeigten / dass das Spiel geendet wäre
/ brachten sechs Hirten-Knaben eben so viel silberne Schalen voll herrlicher
Erfrischungen denen Zuschauern / zur Dancksagung vor dero geneigtes Gehör;
worauff sie sich unverzüglich in den Schau-Platz wieder verfügten / welcher
gleich drauff durch die niederfallende Tapezerei verdecket ward / und also dem
Taffel-Gemach seine vorige Gestalt und Grösse wieder geben musste.
    
    Tiberius verlangte hierauf seiner Gäste Urteil /welches allentalben in
lauter Danck und Lob bestunde; da einer die seltzame Erfindung / ein anderer die
niedrige / aber in dergleichen Gedichten notwendige Redens-Art / noch ein
anderer die heilsame Sitten-Lehre / nicht gnug heraus zu streichen wusste. Der
eintzige Seleucus schwieg stille und sah unaufhörlich die Decke des Zimmers an
/ an welcher alle Götter-Verwandelungen aufs künstlichste angemahlt waren. Der
Käyser konnte sich nicht entalten / ihn umb die Ursach seines tieffsinnigen
Stillschweigens zu befragen; bekahme aber zur Antwort / Er hätte ein
nachdencklich Sinnbild in dem Gemählde ungefähr gefunden / in welchem Pelias von
seinen drei Töchtern Alcestis / Amphinome und Evadne / auf Rat der
betrügerischen Medea / zerstücket würde / damit diese Zauberin seine Stücken
wieder zusammen setzen und also diesen ganz verlebten und getödteten König
wieder lebendig machen und verjüngen möchte. Denn so wenig dieses Kunst-stück
bei dem Pelias damahls angegangen; so leicht gienge es (verblümter Weise zu
reden) heute zu Tage an / indem mancher einen guten alten Poeten zerstückte / in
eine andere Forme brächte / hernachmals aber solche verjüngte Missgeburt vor
sein eigen Gemächte auszugeben kein Bedencken nähme.
    Diese Stachel-Rede ging dem Tiberius durch Marck und Blut; alldieweil ein
gewisser Gallischer Poet / Nahmens Pelias / der eigentliche Uhrheber des
Schäffer-Gespräches war / welches der Käyser von dem Bellovakischen Fürsten
Julius Florus geschenckt bekommen / aus dem Gallischen übersetzet / den Anfang
und Ende / wie auch alle darinnen gemeldete Schäffer-Nahmen geändert / und es
also für sein eigen Werck bei denen Bürgermeistern und dem Rhemetalces
ausgegeben hatte / nachdem er wohl versichert war / dass dieselben / als der
Gallischen Sprache Unerfahrne / solches sinnreiche Gedicht in seiner Sprache
niemahl würden gelesen haben. Dieses hatte der neugierige Seleucus von einem
Freigelassenen des Käysers ausgekundschaffet / welcher die halb angefangene
Ubersetzung auf des noch schlaffenden Tiberius Schreib-Tische etliche Tage zuwor
früh morgends gesehen / und (unwissend / dass dieser ein Geheimnis daraus machte
/) solches dem Seleucus entdecket hatte / als derselbe ihn / was der Käyser
ietzt vor Bücher lese / vertraulich befraget / zu dem Ende / damit er aus eben
denselben Büchern sich geschickt machen könnte / auf die Fragen zu antworten /
die Tiberius täglich bei der Taffel aufzuwerffen pflegte.
    Ob nun wohl der zweideutige Stich den Käyser heftig schmertzte / so dass er
bei nahe solches mit einem Stich seines Dolches an dem unzeitig-weisen
Weltweisen gerochen hätte / behielte er doch die Rachgier unter einem muntern
Gesichte / (gleich wie der Aetna sein inwendiges Feuer unter dem eusserliche
Schnee /) biss auf beqvemere Gelegenheit verborgen. So bald aber die Tafel
aufgehoben war / zohe er diesen Freveler an ein Fenster und sagte ihm ins Ohr:
Geh / du unverschämter Hund! gleich diese Stunde aus Rom und innerhalb zwei
Tagen aus Italien; und gedencke ja gegen keinen Menschen in der Welt / was
dessen Ursache sei; wo nicht / so schwere ich ein Trauerspiel zu spielen / in
welchem du die Person des zerfleischten Pelias viel natürlicher vorstellen
sollst /als Ovidius sie beschrieben hat.
    Seleucus ward durch dieses unvermutete Urteil wie vom Donner gerühret /
wäre auch gleich einem Stein unbeweglich stehen geblieben / wenn ihn nicht die
Furcht des Todes zu gehen erinnert hätte / ehe ihm das Stehen verboten würde.
    Er ging demnach stillschweigend fort und beseuffzete unterwegens die
Undanckbarkeit der Welt / die der Warheit ein ewiges Stillschweigen auferlegte /
und nur Hunde / die ihr die Schwären leckten / nicht aber Aertzte / die ihr
solche aufstächen / umb sich leiden wollte. Er ruffte wohl tausendmahl aus: O
Zeiten! O Sitten! O Jupiter! zu was hast du uns aufgesparet! Unterdessen liess er
sich keines weges gereuen / dass er gegen einen Käyser nicht grössere Höffligkeit
gebraucht; sondern priese sich vielmehr selig / dass er dem Philoxenus es gleich
getan / der sich lieber zu dem blutsauern Steinschneiden verdammen liess / ehe
dass er dem Könige Dionysius in Sicilien den Gefallen tun / und dessen
übelgemachte Reimen mit geduldigen Ohren anhören wollte. Er bejamerte auch von
Hertze das unglückliche Rom / dessen künftige Barbarei / worein es durch diese
seine Verbannung geraten würde / er im Geist schon zu sehen vermeinte. Hingegen
zweiffelte er nicht / die so genannten barbarischen Parter oder Deutschen
würden ihn wie einen Gott mit Freuden annehmen / wenn er sich mit seiner
Grichischen Grammatica zu ihnen begeben wollte /nachdem die Partischen Könige
den Nahmen Liebhaber der Griechen auf ihre Müntzen prägten /diese aber unter des
Hertzogs Melo Gebiete unterschiedenen Griechischen Weltweisen reichlichen
Unterhalt verordnet hätten.
    Inzwischen hatte der Käyser die Bürgermeister und den Rhemetalces
wolvergnügt von sich gelassen; welche im hinabgehen vom Palatinischen Berge /
unter andern Gesprächen von neuen Zeitungen / auch auf Deutschland zu reden
kamen: da denn Cajus Cäcilius Rufus erwähnte / er erwartete mit unsäglichem
Verlangen / zu vernehmen / ob der junge Gotonische Fürst Gottwald glücklicher
sein würde / als sein Vater / nachdem er mit Hülffe seines grossen Freundes /
des Cheruskischen Feldherrns / dem Marbod sein väterliches Hertzogtum wieder
abzunehmen willens wäre; oder ob vielleicht das Unglück / gleich einem Aussatz /
dem Gotonischen Hause von Geschlecht zu Geschlecht angeerbet wäre; denn
obgleich Herrmann dem Marbod die Semnoner und Longobarden nur neulichst
abspenstig gemacht; so müste doch die Zeit lehren / ob dieses auch bei denen
Marckmännern oder Gotonen sich eben so leichtlich tun liesse / indem es bisher
geschienen hätte / als ob Marbod der Zucht-Rute des Glückes bereits entwachsen
wäre. Rhemetalces wunderte sich nicht wenig über dieser Nachricht / weil er sich
nicht besinnen konnte /von Gottwalds Nahmen / oder Freundschaft mit dem
Cheruskischen Feldherrn / so lange er in Deutschland gewesen wäre / das
geringste gehöret zu haben. Er zeigte auch solches dem Cäcilius an / der aber
lächelnd antwortete: dieses hätte ich von einem ehemahligen Liebhaber der so
genannten Marsingischen Fürstin Zirolane nimmermehr vermuten können; sintemahl
der junge Gottwald dero leiblicher Bruder ist. Jedoch wird mein Fürst vielleicht
von dem Cheruskischen Hofe schon Abschied genommen haben / als unsere Agrippina
in dem Schwalbacher Sauer-Brunnen bewirtet worden. Denn sonsten würde selbigen
nicht unbekant sein / was mir damahls einer von der Agrippina Bedienten
weitläufftig geschrieben hat /wie nämlich ein Edelknabe des Alemannischen
Hertzogs Ariovists für den Sohn des Obersten Barden /dieser aber vor den alten
Gotonischen Hertzog Gottwald / ietztgedachten jüngern Gottwalds und der Fürstin
Zirolane oder vielmehr Clotildis Vater / erkant worden. O Himmel! (rieffe
Rhemetalces /) was höre ich? Ist derselbige Knabe / den Hertzog Ariovist bei
denen Barden einweihen liess / Zirolanens Bruder gewesen? Ist Zirolane eine
Gotonische Fürstin? Ist Clotildis ihr rechter Geburts-Nahme? und hat nicht eine
böse Lust / sondern das erregte nahe Geblüt /gleich einem Magnet / sie zu diesem
nackenden Jüngling gezogen?
    Er bate dannenhero den Bürgermeister inständigst ihn durch umbständlichere
Erzehlung der ganzen Geschicht zu verpflichten; weil er zwar dero Anfang mit
angesehn / das Ende aber nicht hätte abwarten wollen. Dieser tate solches ganz
willig / indessen Rhemetalces bei jedem Wort bald rot / bald bleich wurde /bald
vor Gram über dem der unschuldigen Zirolane zugefügten Unrecht vergehen wollte /
bald über der Zeitung von dero unverletzten Keuschheit ganz neugebohren / bald
aber durch das schmertzliche Andencken ihres Todes biss auf den Tod gekräncket
wurde.
    Er kunte kaum vollends aushören / was jener sagte / sondern nachdem er
unzählige Seufzer vorher geschicket / brach er in diese Worte aus: O welche
unvermutete Dinge sind dieses / derer ich mich weniger / als des
Himmels-Einfalls / versehen habe! O verfluchte Eyfersucht! du Ursprung alles
meines Unglücks! Ach! wie deutlich hat das heutige Schäfferspiel mich mir selbst
zum Gelächter vorgestellt / so dass ich in die Gedancken beinahe gerate /
Tiberius habe bloss zu meinem Spott den Mopsus auffgeführet / umb unter dessen
Person meine Fehler mir vorzurücken. Die Bürgermeister wussten nicht / ob sie bei
diesem Zustande dem Tracischen Fürsten ihr Mitleiden bezeugen oder Glück
wünschen sollten. Denn das erste schien seine Schwermut über Zirolanens Todt /
das letztere aber sein Vergnüge / so er über der Nachricht von ihrer Unschuld
empfand / zu erfordern. Allein weil sie bald darnach auf einen Scheideweg
stiessen /nahmen sie allerseits einen verwirrten Abschied von einander / mit dem
Verlass / folgenden Tages einander auf dem Capitolium wieder anzutreffen.
    Es ermangelte auch Rhemetalces nicht / sich zu rechter Zeit daselbst
einzufinden / und seines Vaters Rhascuporis Schreiben dem Rat zu Rom zu
übergeben / dem der Käyser dasmahl selbst beiwohnete. Er ward vertröstet auf den
ersten Tag des Monats Junius / an welchem er seine Abschieds-Verhör haben sollte.
So bald er abgetreten war / wurde er von einem Käyserlichen Bedienten Tiberius
ersuchet / nach geendigtem Rat-Sitz bei einer kleinen Reis: auf eines seiner
Lust-Häuser Gesellschaft zu leisten.
    Unterdessen hielte Tiberius eine kurtze / aber nachdrückliche Rede an den
Rat / dieses Inhalts: Sie wüsten / was für grosse Veränderungen in denen
Morgen-Ländern einige Zeit her vorgegangen wären / da Artabanus das Partische
Scepter mit Gewalt an sich gerissen hätte und dass zu befürchten stünde / dass er
Armenie / (welches die Könige von Rom zu empfangen bisher gewohnet gewesen /)
seinem Reich einzuverleiben trachten möchte; Allermassen die Herrschsucht mit
Ländern so wenig / als die Wassersucht mit Geträncke ersättigt werden könnte. So
müste auch Cappadocien von Rom einen König bekommen /sonst würde es dieses nicht
mehr als seine Königin ehren wollen. Syrien / Judäa und andere umbliegende
Länder / verlangten eine Erleichterung ihrer Schatzungen; und darauf müsse man
vor allen Dingen mit bedacht sein / alldieweil ein guter Hirte seine Schaffen
zwar Wolle abnehmen / nicht aber die Haut abziehen dürffe. Nun würde es nicht
genug sein / Volck oder Geld hinaus zu schicken / umb mit jenem denen Römischen
Feinden zu widerstehen / mit diesem aber denen getreuen Untertanen des
Römischen Reichs aufzuhelffen; Sondern es müste auch ein ansehnlich Haupt
erwehlet werden / so alles selbst in Augenschein nehme / und nach Gutbefinden
den Zustand selbiges Königreichs einrichtete; Er wollte zwar sich selbst zu
dieser Mühewaltung vorschlagen / und /gleich einem Liecht / andern zu Dienst
sich verzehren. Allein er bedaure / dass er die Jahre nicht mehr habe /in welchen
er ehemahls / auf seines Vaters Augustus Befehl / dem Tigranes die Armenische
Krone auffgesetzt hätte; sein herannahendes Alter / darinnen er ehestens
vielleicht eine Reise aus der Welt würde tun müssen / verböte ihm langwierige
Reisen in die Welt hinein zu tun. Es müsse demnach einer von seinen Söhnen
hierzu bestimmet werden. Weil aber Drusus noch allzujung wäre / dürffte er /
(Tiberius) noch nicht dessen Dienste in diesem Stück dem Römischen Rat und
Volck anbieten / aus Furcht / er möchte noch zu schwache Schultern haben / eine
so übermässige Bürde zu tragen. Germanicus aber wäre der rechte Hercules / der
ihm / als einem alten abgematteten Atlas / die Last der Morgenländischen
Reichs-Geschäffte abnehmen und tragen könnte / nachdem man seines gleichen an
Tugend / Erfahrenheit und Glück nirgends finden würde. Er wäre auch versichert /
selbiger würde mit der bisher in Deutschland ausgestandenen grossen Arbeit sich
nicht entschuldigen und Ruhe verlangen; Vielmehr würde er sich bescheiden /dass
man nicht sich / sondern dem Vaterland zum besten geboren wäre; und diesem
nicht ehe zu dienen /als zu leben / aufhören dürffte. Hingegen würde es /seines
Erachtens / nicht übel getan sein / wenn Drusus in Illyricum geschickt würde /
umb Nord und West unter Römischen Gehorsam zu erhalten / und daselbst im Friede
an denen einheimischen Streitigkeiten der zancksüchtigen Barbarn zu erlernen /
was er mit der Zeit auf den Fall eines Krieges / zum Nutzen des gemeinen Wesens
/ vorzunehmen hätte. Er gäbe solches alles denen versammleten Vätern zu
bedencken / und erwartete entweder die Guteissung /oder die Verbesserung seines
Vorschlags.
    Ob nun wohl die meisten von dem Rate dem Germanicus entweder einige Ruhe /
oder doch die Aufsicht über die Deutschen Legionen lieber gönneten /so hatte
doch keiner das Hertz / etwas anders zu sagen / als was der Käyser ihnen
vorsagte / so dass Tiberius bei sich selbst lachen musste / wenn dreihundert
Stimmen nichts mehr / als ein blosser Wiederschall seiner einigen Stimme /
waren. Solchergestalt ward beschlossen / dass Germanicus mit ungemässener Gewalt
in die Morgenländer / Drusus aber in Illyricum ziehen sollte; welches niemand
lieber als dem Aelius Sejanus war / als welcher den Käyser zu diesem
heimtückischen Vornehmen am meisten verleitet hatte und verhoffte / es könten
vielleicht alle beide nächsten Erben des Käysers in der Frembde dem Tode / und
folgbar ihm das Römische Reich zu teil werden / massen er schon damahls mit
derjenigen grossen Hoffnung schwanger ging / derer Geburt nach der Zeit ihm das
Leben kostete / weil eine so grosse Frucht eben so wenig in eines
kleinstädtischen Menschens niedriges Gemüt / als der grosse Hercules in den
Leib der kleinen Alcmena / sich schickete.
    Nach Vollendung dieser Zusammenkunft funde Tiberius den Rhemetalces an
denen Stuffen des Capitolinischen Berges auf ihn warten. Er nahm ihn derhalben
in seine weite von acht Syrischen Sclaven getragene Sänfte; allwo denn der
Tracische Fürst unverzüglich Gelegenheit nahm / dasjenige feierlichst zu
widerruffen / was er den Tag zuvor an des Käysers Tafel von seiner Zirolane
Keuschheit ungebührliches geredet hatte. Unter solchem Gespräche kamen sie nicht
lange hernach vor dem Lustause auf dem Marsfelde an / in welchem Germanicus mit
seinen Deutschen Gefangenen seine erste Einkehr gehabt hatte. Tiberius befahl
seinem ganzen Gefolge in die Stadt wieder zu kehren und ihn erst gegen Abend
aus dieser Einsamkeit wieder abzuholen; er aber ging bloss in Begleitung des
Rhemetalces und Sejanus durch die gewöhnliche Tor-Wacht die Stiegen hinan / in
den Vorsaal / allwo dem betrübten Liebhaber der Todten Zirolane am hellen Tage
ein so unvermutlich Gesicht begegnete / dass er nicht wusste / ob er träumete /
oder betört würde. Denn es dünckte ihm / als ob er die warhafte Gestalt nicht
nur der Zirolane / sondern auch der ihm wohlbekandten Gräfin von Nassau sähe /
derer jene einen kleinen flachen Korb voll grüner mit Gold durchwirckten Bänder
/ diese aber etwas von Kleidung über den Saal zu tragen schiene. Er fühlete zwar
hierüber einig Schauern; Liebe / und Verzweiffelung aber nötigten ihn auf
diesen so angenehmen Schatten zuzueilen / und zu ruffen: Ach! edelster Geist der
unvergleichlichen Clotildis! Kömmst du /deinen getreuesten Knecht mit deinem
Anblick zu erqvicken / oder vielmehr gebührende Rache an ihm wegen seiner
vormahligen höchstunbillichen Beleidigung zu suchen? Inzwischen hatte er die
ausweichende Zirolane so weit nach der Wand getrieben / dass er endlich den Korb
zu fassen bekam / den sie mit steiff-ausgestrecktem Arm vor sich hielt / umb
damit zu verhindern / dass Rhemetalces sie selbst nicht berühren könnte. In dem
Augenblick aber sprangen die beiden vermeinten Geister in das nächste Zimmer /
und liessen dem armen Fürsten nichts als den Korb in Händen / und Verzweifflung
im Gemüte. Er brachte ganz beschämt dad Geschencke seiner verschwundenen
Zirolane dem Käyser entgegen / der hierüber lachend anfieng: Ey! das ist was
unerhörtes / dass abgeschiedene Seelen ihren Liebhabern Körbe austeilen /welche
in Deutschland eine sehr unglückliche Bedeutung haben! das heist wohl recht:
Gleiches mit gleichen / Verschmähung mit Verschmähung gerochen! Jedoch das grüne
Band ist gegenteils ein Zeichen guter Hoffnung und ein Vorbild des
Liebes-Bandes /so die getrenneten Hertzen der schönen Clotildis / und meines
wertesien Fürstens wieder zusammen verknüpffen wird. Rhemetalces begegnete:
Tiberius hätte zwar Macht mit seinem verpflichtesten Diener nach hohen Belieben
zu reden; doch bäte er demütigst /mit einer solchen Sache nicht zu schertzen /
die ihm einen so tödtlichen Kummer verursachte. Der Käyser umbarmte ihn hierauf
/ mit der Versicherung / dass Zirolane nebenst dem sämtlichen gefangenen
deutschen Frauenzimmer warhaftig annoch lebete / und dass er sein Haupt nicht
ehe sanft legen wollte / biss er die Erfüllung seiner ietzigen Wahrsagung zuwege
gebracht hätte. Indessen nun Rhemetalces diese gemachte Hoffnung mit
ersinnlichstem Danck annahm / hatte sich Aelius Sentius Saturninus aus seinem
Zimer eingefunden / und den Käyser untertänigst bewillkommet. Er musste aber
ohne Verweilung der Cheruskischen Hertzogin und dero Gesellschaft anmelden /
Tiberius wäre deroselben die Hand zu küssen angekommen und erwartete hierüber
dero gütige Erlaubnis. Tussnelda ging alsbald dem Käyser auf den Saal entgegen
/ und begleitete denselben nebenst bei sich habenden in ihr Gemach / allwo er
die Fürstinnen Ismene / Catta und Rhamis / wie auch die Gräfin von der Lippe mit
dem kleinen Herrmann antraff. Nach abgelegten allgemeinen Höffligkeiten
entschuldigte er sich / dass er sie aus Deutschland hieher bemühet hätte. Er wäre
vorlängst höchst begierig gewesen /ihnen allerseits angenehme Dienste zu
erzeigen und die dero Landen durch seine Waffen angefügten Verdriesslichkeiten
dadurch einiger massen gut zu machen. Jedennoch hätte er von dem Hertzen seines
Reichs /so wenig als eine Seele aus ihrer Brust / sich entfernen dürffen /
dafern er nicht die gemeine Wohlfahrt über seiner eigenen Vergnügung in gewisse
Gefahr setzen wollen. Nachdem aber das gütige Glück so wertgeschätzte
Freundinnen in die Gräntzen seines Gebietes geliefert / hätte er eine so
wunderschöne Gelegenheit / dero höchstvergnüglichen Gesellschaft unweit Rom zu
geniessen / nicht aus Händen lassen dürffen. Sie sollten inzwischen allerseits an
diesem Orte eben so viel zu befehlen haben / als zu Teutschburg oder zu Mattium
/ und würden ihn nimmermehr höher verpflichten / als wenn sie kühnlich
anzeigeten / womit ihnen die gefälligste Aufwartung könnte geleistet werden;
massen sie bei ihm nicht gefangene /sondern viel willkomenere Gäste wären / als
etwa Ceres beim Triptolemus gewesen.
    Tussnelde antwortete: Es wäre eine eben so unbegreiffliche Sache / dass man
jemand durch Ketten und Bande zu einer Gasterei lüde / als dass man Leute durch
Schläge und Schmach zum rechten Gottesdienst und Erlangung einer himmlischen
Seeligkeit nötigen wollte. Man pflegte ja dem keine Guttat aufzudringen / der
dieselbe nicht verlangte / man hielte ihn denn für ganz einfältig oder
wahnsinnig / auf welchen Fall man dessen bestes / er möchte wollen oder nicht /
befördern müste / weil er selbst nicht erkennen könnte /was ihm gut sei. Nun
wüste sie nicht / für was man sie hielte / weil man sie wider ihren Willen zu
einer so weiten Spatzierfahrt und Römischen Gastgebot zu nötigen bemühet
gewesen / auch sie anietzt mit so vieler Höffligkeit überladete / dass kein
Wunder wäre / wenn sie darunter ersticken müste. Zum wenigsten glaubte sie
festiglich / ihre höchst-bekümmerte Seele würde den Kercker ihres Leibes bald
verlassen / wenn ihr Leib dieses Römischen Kerckers nicht je ehe / je lieber /
befreit würde. Das hoffe ich nimmermehr /(wandte Tiberius ein) pflegen doch
Blumen am besten zu gedeien / wenn sie von ihrem Geburts-Ort in andere Erde
fortgesetzet werden. So verlange ich ja auch nicht / der unvergleichlichen
Tussnelde die Hoffnung aller Wiederkehr in ihr so liebes Vaterland
abzuschneiden: vielmehr will ich meiner hochwertesten Fürstin eine sichere
Gelegenheit an die Hand geben /morgendes Tages an dero Gemahl zu schreiben und
selbigen auf ihre eheste Wiederkunft zu vertrösten. Die aufrichtige Tussnelda
maasse das falsche Gemüt des ertzheuchlerischen Tiberius nach dem Massstab ihres
ungefälschten Hertzens / und liess sich diese neue Windstille verleiten / den
gefährlichsten Strudel für den sichersten Hafen zu halten. Dahero sie /nächst
gebührender Dancksagung an den Tiberius /desto freimütiger den Rhemetalces
empfieng / dabei aber fragte / woher dieser Korb / (den er ins Gemach
mitgebracht und auf einen Tisch bei der Tür niedergesetzt hatte /) das Glück
hätte / dass derjenige sich dessen so sorgfältig annehme / von dem doch dessen
viel edlere Besitzerin so schmählich verachtet worden? und ob er vielleicht dem
gegenwärtigen Frauenzimer ein so nachdencklich Geschenck zugedacht hätte / damit
keine unter ihnen sich vergebliche Hoffnung von dessen Person machte / oder auf
dasselbe Eis mit denen Gedancken sich wagete / welches die gute Zirolane so
unverantwortlich fallen lassen? Rhemetalces bekannte seinen ehemahligen Fehler;
bate aber mit seiner ietzigen Busse zu frieden zu sein und seine
tugend-vollkommene Clotildis dahin zu vermögen / dass sie dero gütigen Gehöres
ihn würdigte / und sich nicht härter gegen ihn anstellete / als der Himmel
selbst / bei welchem eine hertzliche Reue die beste Müntze ist / die grössesten
Schulden zu bezahlen. Ja er erbote sich zum Uberfluss / dass / daferne auch
Busstränen zu wenig wären / seine so schwartze Ubeltat abzuwaschen / er auch
sein Blut hierzu zu gebrauchen bereit sein wollte. Ismene liess sich hierdurch
erbitten Zirolanen in ihrem Zimmer zu suchen / allwo sie gleich durch die Gräfin
von Nassau sich ankleiden liesse / und ihr nebst Uberbringung ihrer Bänder / die
allem Ansehen nach ernstliche Reue ihres so liebgewesenen und so schmertzlich
vermisseten Rhemetalces zu vermelden. Weil aber Freude und Schrecken /Hoffnung
und Misstrauen / Zorn und Liebe in selbiger stritten / währete es eine gute Zeit
/ ehe sie sich entschliessen konnte / dem Rhemetalces ihre Gegenwart wieder zu
gönnen.
    Unterdessen hatte Tiberius bei Tussnelden sich entschuldiget / dass er auf
zwei Wagen sieben gemeine Weibspersonen in Fürstlicher Kleidung mit
verschleiertem Gesichte / und gefässelten Händen in des Germanicus Triumph
auffführen lassen / welches das Römische Volck für gegenwärtiges Durchlauchtiges
Frauen-Zimmer gehalten hätte. Ich / (sagte er) will solches lieber selbst
bekennen / ehe dass diese hochwerteste Gesellschaft solche unvermutete Zeitung
von jemand anders erfahre / der vielleicht dessen hochwichtige Ursachen nicht
wissen möchte / oder nicht sagen wollte. Ihnen selbst ist bekant / dass der
Römische Pöbel ein vielköpffigt Tier sei / welches /weñ es rasend wird / durch
keine Keule oder glüendes Eisen eines Hercules kann gebändiget werden. Man muss
viel gelindere Mittel gebrauchen / wenn man selbiges zur Vernunft bringen will.
Sonderlich aber sind Triumphe / Schauspiele / Kämpffe wilder Tiere und andere
prächtige Auffzüge / rechte Wiegen-Lieder /die dieses wunderliche Kind einwiegen
müssen. Nun muss ich gestehen / dass das sehr zweiffelhafte Glück der Römischen
Waffen in Deutschland / sonderlich aber des Qvintilius Varus Niederlage / Rom
dermassen unruhig gemacht habe / als wenn ein neuer Hannibal vor dem Tor
stünde. Und stelle ichs dannenhero dahin / ob nicht manche unserer Nachkommen /
nicht zwar meine Geschickligkeit / jedoch mein Glück für ungemein achten werden
/ wodurch ich Mittel erfunden / der besorglichen Meuterei des Pöbels
vorzubeugen. Ob wohl aber das Geschrei von des Germanicus Siegen das Murren des
Volcks in etwas übertäubt; so würde doch solches noch lange nicht den
hochnotwendigen Glauben gefunden haben / wenn man nicht im Triumph einige
Wahrzeichen davon aufgeführet hätte. Ich musste solcher Gestalt mit dem
ungewöhnlichen Glantz so vieler gefangenen Hochfürstlichen Personen / so vieler
kostbahrgewaffneten Legionen /so vieler güld- und silbernen Schaubilder / gleich
als mit einem hellbrennenden Liecht / dieser unnützen Menge Frösche unter die
Augen leuchten / wollte ich anders ihr verdriessliches qväcken in ein
Stillschweigen verwandeln. Dieses aber kunte ich nimmermehr zugeben / dass dero
hohe Personen zu diesem Aufzuge genötiget würden; gleichwohl hat die äusserste
Not / welche kein Gesetz hat / mich verleitet / zum wenigsten durch dero
Schatten dem Siegesgepränge ein Ansehen zu machen.
    Tussnelda hatte mit grosser Gedult zugehöret /antwortete aber endlich: Ich
will nicht leugnen / dass der grosse Tiberius einen klugen Herrscher vorstellen
könne; ob aber derselbe zugleich mit allzugrossem Recht den Nahmen meines
getreuesten Freundes sich zueigne / davon gebühret mir nicht zu reden. Denn
obwohl ein Fürst die Wohlfahrt seines Landes mehr als das Vergnügen seiner
Freunde beobachten muss /so kann ich gleichwohl mich nicht überreden / dass eben an
der Einbildung des Volcks / als ob wir gefangenen Weibsbilder in Triumph
geführet / oder im Tullianischen Gefängnis hingerichtet worden wären / des
Römischen Reiches Wohlfart hange. Solte wohl eine solche Spinnewebe ein Grund
des allgemeinen Heils sein? oder sollte wohl das kluge Rom vermeinen / ein
grosses gewonnen zu haben / wenn Teutschland etliche Weiber einbüssete? Herrmann
/ Arpus / Melo /Jubil / Ganasch / Malorich / würden hierzu dienlicher gewesen
sein.
    Tiberius wandte hierwieder ein: Ich verlange meiner geehrtesten Hertzogin
nicht zu widersprechen. Gleichwohl ist die Einbildung manchmahl die beste
Artzenei / die nicht nur eintzele Leiber / sondern auch ein ganzes gemeines
Wesen von denen gefährlichsten Seuchen heilen kann; ob sie gleich noch so
töricht und ungegründet wäre: gleichwie wohl ehe einer das Fieber verloren hat
/ wenn er ein leeres in Leinwad vernehetes Papier an Hals gehänget / bloss weil
er sich hatte überreden lassen / dass solches voll allerlei zauberischer
Buchstaben geschrieben wäre. Allein es sei ferne / dass ich vorbesagte Einbildung
meiner Untertanen für so übelgründet halten sollte! Sie wissen allzuwohl / was
die tapffere Tusnelda / und die unverzagte Issmene in der Schlacht wider unsern
unglücklichen Qvintilius Varus vor wunderwürdige Helden-Talen ausgeübt / nicht
weniger / wie das andere gegenwärtige Frauen-Zimmer in so vielen Ritterspielen
die berühmtesten Amazoninnen mit ihrer Geschickligkeit übertroffen habe.
Dannenhero hält es Rom für einerlei / ob solchen unüberwindlichen Heldinnen die
Gewalt zu schaden benommen werde /oder ob es so viel deutsche Hertzoge gebunden
oder getödtet vor sich liegen sähe. In Betrachtung dessen hoffe ich / dass dieser
Triumph meinen hochwertesten Freundinnen zu mehrerer Ehre / als Schmach /
gedeien soll / nach dem alle Welt dadurch wird überführet werden / dass sie von
Rom für ganz ungemeine Heldinnen erkant worden / alldieweil es so grosses
Gepränge über dero Gefangenschaft und Tode getrieben / gleich als ob es bei
dero Freiheit und Leben seines Lebens und Freiheit nicht hätte versichert sein
können. Jedennoch / wenn / wider alles Verhoffen /alle diese Entschuldigungen
nicht gültig sollten erkant werden / will ich hiemit so wohl / als der Tracische
Reichs-Erbe / dero gerechten Urteil mich unterwerffen / nichts destoweniger
eine billige Milderung der verdienten Straffe von dero Gütigkeit erwarten.
    Dieses sagte er / weil er gleich Zirolanen mit Ismenen und der Gräffin von
Nassau in Tussneldens Zimmer eintreten sah. Rhemetalces / der hierauf
schmertzlich gewartet hatte / kunte kaum dem Tiberius die Ehre lassen / dieselbe
am ersten zu empfahen: doch so bald dieses geschehen / wollte er deroselben den
Rock küssen / mit diesen Worten: Ich fange nunmehr an zu leben / da ich meine
unvergleichliche Clotildis lebendig sehe. Allein Zirolane antwortete: Mich
wundert höchlich / dass Clotildis so hohe Gunst bei dem Erb-Fürsten der Tracier
findet / da Zirolane seiner Freundschaft nicht würdig ist. Rhemetalces machte
hierauf seine Entschuldigung so gut und so ausführlich / als er konnte; mit
angehengter Bitte / umb der ehemahls geleisteten / vielfältigen treuen Dienste
willen einen einigen Irrtum hochgeneigt zu übersehen. Hingegen erinnerte ihn
Zirolane / man könnte mit einem Schwam auf einen Zug so viel von einer Schrifft
wegleschen / als man mit tausend Zügen zuvor aufgeschrieben hätte; und eine
einige ehrenrührige Beleidigung leschte billig alle vorige Dienste aus / die
sonst in das Tage-Buch des Gedächtnisses mit dem grösten Fleiss wären eingetragen
worden. Rhemetalces fragte / was sie denn vor eine Gnugtuung verlangte / ob sie
entweder künftige angenehme Aufwartungen / oder seinen Todt hierzu zulänglich
erkennete? Er bekame aber nur diese Gegenantwort: Das letztere halte ich vor
unbillich / weil Tracien durch Verlust seines künftigen Königes / das nicht
verbüssen darff / worinnen dieser unrecht gehandelt. Das erste aber ist für mich
zu gefährlich; weil ich nicht gerne das Feuer umb mich leiden mag / welches mein
Gemüt im Anfang geblendet und meinen Nahmen zuletzt geschwärtzet hat. Aber doch
(warf Tiberius lächelnd ein) Sie ins künftige desto angenehmer wärmen kann? Ach!
(setzte Rhemetalces hinzu:) wer wollte so töricht sein und meinen / dass meine
ungegründete eifersüchtige Einbildung den ruhmwürdigsten Nahmen der
Tugend-vollkommensten Fürstin geschwärtzet habe? Warlich: dieses ist so wenig
möglich / als dass die dicksten und unreinesten Nebel die Sonne schwärtzen werden
/ indem dieselbe durch ihren viel stärckern Glantz sie im Augenblick zertreiben
kann. Ich fürchte zwar dieses nicht; (sagte Zirolane) denn warumb müste die
Unschuld unschuldig zu sein aufhören / ob sie gleich der Argwohn fälschlich
beschuldigt? Solte ein rein Gesichte deswegen unrein sein / weil ein unreiner
Spiegel dasselbe fleckicht abbildet? Oder sollte wohl eine tugendhafte Seele
deswegen lasterhaft werden / alldieweil ein anderer sie in dem Spiegel seiner
Einbildung sich mit Lastern befleckt vorstellet? Nein! dieses hoffe ich
nimmermehr! Ein unverletztes Gewissen ist die beste Rüstung /womit man seine
Unschuld schützen und seinen Feind zu schanden machen kann. Doch tut man wohl /
dass man desselben Gesellschaft meidet / der gleich einer Spinne aus denen
gesundesten Kräutern Gift zu saugen pflegt. Denn man kann niemahls allzu
sorgfältig sein / seinen guten Nahmen ungekränckt zu bewahren. Ach! gütigste
Fürstin! (antwortete Rhemetalces) habe ich denn nicht bald genug gebüsst? Oder
sollen solche Worte / zur Straffe / dass ich an der Keuschheit selbst mit
ungereimten Gedancken mich vergriffen /grössere Grausamkeit an mir ausüben / als
der Geier /der dem verdammten Tityus das Hertz unaufhörlich abnagen muss / weil
er der keuschen Diana Gewalt anzulege sich erkühnet hat? Ach! schonet doch /
unvergleichliche Clotildis! Schonet bitte ich / undbetrachtet / dass ein einiger
Fehler in einer so gar unvermuteten Sache nicht so hoch zu ahnten sei.
Bedencket / dass wenn ja iemand in der Welt durch meinen bösen Verdacht / als
eine Pestilentz / mit gleichmässigen angesteckt worden wäre / selbiger nicht
füglicher zur Erkenntnis seines Irrtums / als durch unsere Liebe und Vermählung
könne gebracht werden / weil iederman vermuten muss / dass ich zu solcher mich
nicht würde entschlossen haben / wenn ich nicht unwiedersprechlichen Beweisstum
von dero unverletzten Keuschheit überkomen hätte.
    Tussnelda kunte hierbei nicht unterlassen / des Rhemetalces Vorsprecherin
bei Zirolanen zu sein. Doch würde dieses wenig gefruchtet haben / wenn nicht die
sich allsachte wiederfindende Liebe vor dem Richterstuhl ihres Hertzens dem so
schmertzlich-reuenden Beklagten das Wort geredet hätte. Sie gab demnach der
Cheruskischen Hertzogin / nach vielen andern Ausflüchten / diese Antwort: Ich
kann mich ohne meines Bruders Einwilligung zu nichts verstehen / in Ansehung /
dass selbiger auch mein Herr und Landes-Fürst ist. Alleine Tussnelda versetzte:
Vor dessen Einwilligung will ich gut sein; massen ich gewiss weiss / dass derselbe
meinem Gemahl keine Bitte abschlagen werde. Dieser aber wird nichts höhers
wüntschen / als zu erfahren / dass meine allerliebste Freundin die Tracische
Krone trage.
    Die ganze Durchlauchtige Gesellschaft hätte sonder Zweiffel dieses
Gespräch weiter fortgesetzt / daferne nicht der Wollustmeister Titus Cäsonius
Priscus dem Tiberius untertänigst berichtet hätte / dass die Tafel im nächsten
Zimmer mit Speisen besetzt wäre. Sie verfügten sich demnach alle dahin / biss auf
den unvergnügten Sejanus / welcher aus törichtem Hochmut sich einbildete / als
ob Tussnelda den Käyser allzu gütig / ihn aber allzu verächtlich ansehe;
dannenhero bate er umb Verlaub sich in die Stadt zu begeben / weil ihm gähling
eingefallen wäre / dass unterschiedene Reichs-Geschäffte noch vor Abends
verrichtet werden müsten. Er gedachte aber folgenden morgen allein Tussnelden zu
besuchen / in der Hoffnung / dass er alsdenn mehr Ansehen haben würde /wenn ihm
als einem kleinem Stern keine Sonne an der Seite stünde und durch grössern
Glantz seinen Schein verdunckelte.
    Er wurde unterdessen wenig bei unserer Gesellschaft vermisset; welche auf
des Tiberius Bitte / sich umb die Tafel herum lagerte / welche dreimal nach
einander mit Speisen und Schau-Gerichten besetzet ward / derer jene den Leib /
diese hergegen das Gemüt höchlich vergnügten. Es bestunden aber die letzteren
allemahl in einem grossen und vier kleinern elffenbeinern Bildern / so alle
einige Verwandniss mit einander hatten und eine verdeckte Liebes-Ermahnung vor
Tussnelden in sich entielten.
    Das grosse zwischen denen vier Jahres-Zeiten stehende Bild / als das
Merckzeichen der ersten Tracht /war eine gewaffnete Weibs-Person / die auf einem
siebenspitzigen Gebürge sass und an der lincken Seiten einen Schild angelehnet
hatte / darauf eine Wölfin mit zwei saugenden Kindern niedrig-erhoben erschiene.
Unter ihr funden sich diese Reimen:
Mein Nahme schreckt die Welt / weil ich mich ohne Ruh
Zu jeder Jahres-Zeit in Streit- und Siegen übe:
Doch sehet / wenn ihr wolt / mich an von hinten zu;
Was gilts / ihr findet nichts so denn an mir / als LIEBE.
Tussnelda erriet gar bald die Bedeutung / welche sie auch auf befragen des
Tiberius entdeckte / nämlich wie das hier abgebildete Rom in der Liebe ja so wohl
als im Kriege sich vor eine Meisterin achtete; gestalt denn auch in seinem
umbgekehrten Nahmen ROMA nichts als AMOR, oder die Liebe steckete. Tiberius
setzte hinzu: Die schönste Tussnelde hat recht geraten; und wundert mich
solches desto mehr / weil Rom ihr zwar bisher seine Streitbarkeit / nicht aber
seine Liebe / zu erkennen gegeben hat. Tussnelde antwortete: Ich habe schon so
viel vergönneter Liebe von der Gütigkeit des Käysers genossen / dass mehr und
stärckere mir eben so wenig als viel und starcker Wein einem krancken Magen /
oder die offtmahlige Betrachtung des Sonnenlichts einem schwachen Auge
zuträglich sein würde. Ich erfreue mich hingegen /dass das liebreiche Rom mit
seinem kräfftigen Einfluss das ehemahls Felsen-harte Hertz meiner allerliebsten
Clotildis in so weiches Wachs zu verwandeln scheint / dass des Tracischen
Fürstens Bildnis darein wieder zu drücken unschwer fallen dürffte. Clotildis
versetzte: Meine geehrteste Fürstin hält den Triumph / ehe sie den Sieg über
mein Gemüt / als des Rhemetalces Vorsprecherin / erlangt hat. Allein er muss
sich das nicht verdriessen lassen / was aus Versetzung der Buchstaben in ROMA
und AMOR heraus kömmt /nämlich MORA, ein Verzug. Schon überaus und nach Wuntsch
gut vor mich! (sagte Rhemetalces) der kluge MARO, dessen Nahme eben so wohl in
jenem verborgen ist / gibt mir den Trost / den der durchs Unglück ausgehärtete
Aeneas seiner Gesellschaft ehemahls gegeben hat:
Ihr müsst getrost ausstehn / was ihr bisher erfahren /
Und euch aufs künftige zu bessern Glücke sparen.
Ja! Warhaftig (fügte Ismene hinzu) das ist sehr wohl gegeben! denn es ist am
besten / dass man bei der Hoffnung Trost in Widerwärtigkeiten suche / weil es
doch noch niemahls gedonnert und geregnet hat / dass es nicht sollte wieder
aufgehöret haben / und / (wie dieses Schauessen mich erinnert /) noch niemahls
ein verdriesslicher Winter gewesen ist / dem nicht ein lieblicher Frühling / ein
warmer Sommer / ein fruchtbarer Herbst gefolget wäre. Mir ists überaus lieb
/(versetzte der Käyser /) dass meine wehrteste Fürstin ihr bissheriges
Stillschweigen ändert / weil ich beinahe nicht wusste / ob ich solches einem
kleinen Hochmut / oder einem grossen Kummer zuschreiben sollte; es wäre denn /
dass sie sich vor eine Ergebene des Zeno wollte halten lassen. Ismene ward
hierüber feuerrot und meinte / Tiberius stichelte auf ihre und ihres Zeno
Liebes-Händel / die er selbst zu Mäyntz mit angesehen hatte; worüber dieser
lächelnd anhub: Die angenehme Ismene darff nicht erröten. Ich meine nicht den
Pontischen Zeno / dem ich umb ihrentwillen die Armenische Krone zugedacht habe;
sondern den ehrlichen alten Grossvater aller Stoicker /den Cyttischen Zeno / als
dessen Denckspruch bekant ist: Wir haben deswegen zwei Ohren und eine Zunge /
dass wir viel hören und wenig reden sollen / und es ist besser mit denen Füssen /
als mit der Zungen / einen Fehltrit tun.
    Unterdessen nun jedermann über der beschämten Ismene unzeitigen
Liebes-Bekenntnis schertzte / wurde die erste Tracht ab- und eine andere
aufgetragen /wobei das Schau-Gerichte aus denen vier Elementen bestund / unter
welchen in der Mitten eine nackte /aber mit Myrten gekräntzte Göttin auf einer
grossen Muschel sass / und in der rechten Hand eine dem Ansehen nach brennende
Fackel / mit der lincken aber ein paar Tauben in ihrem Schoss hielte. Dass
solches die Venus sein sollte / zeigte diese Unterschrifft an:
Die Erde krönet mich / die Lufft gibt mir zu spielen /
Das Wasser reicht den Sitz / das Feuer diesen Brand.
Sagt nun / beherrsch' ich nicht Lufft / Feuer / Wasser / Land?
Muss nicht / was lebt / mein Joch auf seinem Halse fühlen?
    Rhemetalces sah hierauf seine Clotildis an und sprach: Nun muss meine
Fürstin entweder eine Göttin lästerlicher Weise einer Unwarheit beschuldigen
/oder bekennen / dass sie liebe. Es hat mit einer beinern Göttin nicht viel zu
bedeuten / (antwortete sie /) und wird keine grosse Sünde sein / wenn ich gleich
dieses nackete Bild für die nackete Warheit nicht halten will. Doch daferne ich
von dem Tracischen Fürsten eine warhafte Besserung hoffen dürffte / wollte ich
ihm dieses Rätzel aufzuraten geben:
Was langsam kömmt / kömmt auch!
Diss ist mein steter Brauch:
Wird gleich bei mir die Blüte
Ein wenig lang gesucht;
Ist doch zuletzt die Frucht
Von desto grössrer Güte.
Ich dancke demütigst (sagte Rhemetalces /) für diese unverhoffte gütige
Erklärung meiner schönsten Clotildis. Mein Fürst irret sich / (wandte diese ein
/) massen meine Reime nicht meine Erklärung / sondern ein Rätzel von einem
Maulbeerbaum in sich entalten. O! ist meine Fürstin in Rätzeln so erfahren /
(waren des Käysers Worte /) so muss ich mit ihrer Bewilligung auch eines
deroselben auffzulösen vorlegen. Er nahm hiermit etwas aus seinem Kleide / tate
solches in die zugemachte Hand und sagte diese Reimen her:
Ein Ebnbild der Ewigkeit /
So wohl ohn Anfang / als ohn Ende /
Vnd doch nur seines Fingers weit /
Verbergen jetzund meine Hände.
Ein kleines Ding von grossen Gaben!
Sagt / was es sei / so solt ihrs haben.
Clotildis bedachte sich ein wenig / endlich brach sie in diese Worte aus: Es ist
ein Ring / der / weil er rund ist / so hat er / als wie die Ewigkeit / keinen
Anfang und kein Ende / ist aber nur eines Fingers weit und also der Ewigkeit
sehr ungleich. Allein was heissen grosse Gaben bei einem Ring? Rhemetalces
setzte hinzu: Ich halte / die grossen Gaben eines Ringes sind eine gute Heirat
/ die der Ring der Person zu geben pfleget / welcher er gegeben wird. Ja gewiss!
(rieffe Tiberius aus /) alle beide haben recht! Alldieweil aber nur ein Ring in
meiner Hand gewesen / so wird er geschwind noch einen hecken müssen / damit
jedwedem der wolgewonnene Preis eingelieffert werden könne. Er öffnete hiermit
die Hand / in welcher er / unter diesen reden / dem schon darinnen liegenden
güldenen mit Diamanten rund-herumb besetzten Ringe einen andern von gleicher Art
/ mit grosser Geschwindigkeit und unvermerckt / beigesüget hatte. Er überreichte
den grössern der Clotildis / den kleinern dem Tracischen Fürsten. Weil aber
beide sich beschwerten /dass ihnen die Ringe nicht gerecht wären / mussten sie auf
inständiges Anhalten der Gesellschaft / solche unter einander verwechseln;
worauff jederman der Clotildis zu dero neuen Verlobung glückwünschte /ob sie
wohl nicht allerdings gestehen wollte / dass sie ihrem Ringe den Rhemetalces / als
seine gröste und beste Gabe / zu dancken willens wäre. Gleichwohl tate sie
dieses mit solchen Geberden / die den hierob ganz neu-gebohrnen Fürsten alles
von deroselben hoffen hiessen. Man schertzte nunmehr über der Fruchtbarkeit des
ersten Ringes / der in so kurtzer Zeit seines gleichen gezeuget hätte. Es ist
solches noch wunderbahrer / (sagte Rhamis /) als dass eine Fürstin in Gallien
ungeschliffene Diamanten gehabt /die andere ihres gleichen / ausser dem
Mutter-Schoss der Erden / geboren haben; oder dass der Cimbrische König in
seiner Kunst-Kammer ein Ey zeigen kann / in welchem ein anders steckt. Mir kömmt
beides sehr fabelhaft vor / (erwähnte Ismene /) und möchte ich wohl meinen
Unglauben durch würckliche Besichtigung wiederlegen. Tussnelda antwortete: dass
es mit dem Cimbrischen Ey kein Betrug sei / hat meines Gemahls Fran Mutter /
diebei dem König Froto sich eine gute Zeit auffgehalten / mich
unwiedersprechlich versichert. Und was will meine Fürstin hierzu sagen? hat man
doch wohl bei Tieren und Menschen schwangere Leibs-Früchte gefunden? wie denn
nicht nur ein Mutter-Pferd in Hispanien eine trächtige Maul-Eselin geworffen;
sondern auch in einem Dorff im Hermundurischen am Saalstrom vor etlichen Jahren
eines Müllers Eheweib eine Tochter zur Welt gebracht / die am achten Tage ihres
Alters eine andere geboren / auf eben die Art / als bei erwachsenen gebährenden
zu geschehen pfleget; jedeñoch aber sind so wohl die kleine Sechswöchnerin / als
dero noch kleinere Tochter / folgenden Tages verstorben / nachdem viel Adeliche
und andere Personen dieses ungemeine Spiel der Natur mit ihren Augen beschauet
und ohne allen Betrug befunden hatten. Ists möglich? (versetzte der Käyser;) so
dürffte ich doch fast demjenigen Glauben zustellen / was vor ein oder zwei
Jahren von Rhegium in Calabrien geschrieben wurde /dass nehmlich ein Weib nach
ordentlicher neun-nonats-Zeit eines wohlgestalten Töchterleins genesen wäre /
welches indem es von der Heb-Amme gebadet wird / ein gar kleines doch lebendiges
Knäblein zur Welt geboren / auch so gar einer Kindbetterin von gewöhnlichem
Alter gleich gewesen / dass so oft es der alten Mutter an die Brust geleget
worden / es zugleich ihren kleinen Sohn mit ihren von Milch auffgeschwollenen
Brüstlein säugen können; Und welches das seltzamste ist / so wurde dabei
gemeldet: Es wären schon siebenzehen Tage nach der Geburt verflossen gewesen /
als dieser Brieff geschrieben worden / und gleichwohl hätten Grossmutter / Mutter
und Enckel bei solchem Zustand sich annoch frisch und gesund befunden. Tusnelde
fügte hinzu: Meine Schwiegerfrau-Mutter hat über dergleichen wunder-geburten mit
dem Cimbrischen Weltweisen Didymus Torbalinus eine weitläufftige Unterredung
gehalten /der keine bessere Antwort als diese zu finden gewust /es hätte die
Natur in solchem Fall Zwillinge zu zeugen vorgehabt / davon aber eines / als es
noch sehr zart gewesen / in des andern Unter-Leib sich verirret und daselbst mit
einem Häutlein wäre überwachsen worden.
    Indem dieses geredet wurde / liess Cäsonius Priscus die Speisen zum dritten
mahl verändern und das Schau-Essen mit denen vier Altern des Menschen auf die
Tafel setzen; da denn in der Mitten ein kahlköpffigter Greiss wohl zu sehen war /
welcher als der Lehrmeister aller vier Alter / auff einem niedrigen Stuhl sass /
mit dieser liederlichen Unterschrifft:
Wenn ich was Liebes hab' / ist mirs allein nichts nütze.
Drumb will ich / dass zugleich mein Freund / mein ander Ich
Mein ander Ich mein Weib / so wohl als ich besitze.
Der weise Cato sagts! Ein jeder bessere sich.
Ey! das ist eine treffliche Sitten-Lehre! (rieff Tiberius aus /) die man so
schlechtin nicht verdammen darff /weil der tugendhafte Marcus Cato sie
vorbringt und mit seinem löblichen Exempel bestätiget. Denn ich gläube nicht /
dass jemanden unter uns unbekant sei /dass dieser Cato seine Frau / die Martia /
dem Hortensius seinem Hertzens-Freunde bei seinem Leben zu heiraten vergönnet
habe / nach der Sitten Regel: Unter Freunden muss alles gemein sein. Rhemetalces
antwortete: Es ist mir solches gnugsam bekant. Ob man nun aber wohl diesen Cato
ins gemein vor den weisesten und tugendhaftesten Römer / ja vor klüger als
dreihundert Socrates ausgeben will / stelle ich doch solches dahin; indem
dergleichen Unachtsamkeit seiner eigenen Ehre zum wenigsten ein Zeichen eines
vollkommenen Sonderlings und Grillenfängers ist. Wesswegen ich nicht wüste /
worinnen er dem Socrates vorzuziehen oder gleich zu schätzen wäre / ausser dass
alle beide / in Betrachtung ihrer Weiber / grosse Torheiten begangen / und
jener zwar die Martia verschenket / dieser aber nicht nur die Donnerworte /
sondern auch manchen Regen von seiner Xantippe gedultig ausgehalten hat. In
dieser Meinung / dass (wie mancher Aberwitziger in seiner Raserei) also auch Cato
in seiner Weissheit Ruhe-Stunden und Stillstand öffters gehabt / werde ich nicht
wenig dadurch gestärcket / dass er vielmahl in blossen Füssen und zurissener
Kleidung ohne Not auf die Gassen gegangen und also alles für wohlanständig
gehalten / was nicht lasterhaft ist. Gewiss solche eigensinnige Stoicker gehören
ehe unter Vieh / als vernünftige Menschen / die von dem Himmel seine Gaben und
die Beqvemligkeit dieser Welt ohne lasterhaften Missbrauch anzunehmen sich nicht
wegern sollen. Zudem so hat auch der gute Cato seine Verunft so oft im Wein
gebadet / dass es kein Wunder gewesen /wenn sie endlich ertruncken. Ich
geschweige / dass sein Selbstmord eine Verzweiffelung anzeiget / welche bei einem
rechten Weisen nicht statt hat / nachdem derselbe jederzeit mit Gottes
Verhängnis zu frieden sein / auch seinem Herrn im Himmel den Dienst nicht
aufkündigen soll / ehe er selbst ihn seiner Dienste auff Erden erlassen will.
Vielleicht ist auch des Cajus Julius Cäsars Mutmassung nicht ungegründet / dass
der blosse Geitz Kupler in dieser Heirat gewesen und Cato nur zu dem Ende dem
Hortensius seine Frau gegeben / damit dieselbe / gleich einem Schwamm /
desselben Reichtum einsaugen und nach seinem Tode in ihres vorigen Mannes / des
Cato /Schoss wiederumb ausdrücken könnte. Tussnelda führte solches ferner aus mit
diesen Worten: Mein weniges Urteil wird nicht viel gnädiger herauskommen. Doch
halte ich eben so wohl die Martia für einen Schandfleck unsers Geschlechts. Sie
hätte ja einem törichten Befehl einen klügern Ungehorsam leisten sollen. Massen
sie eben so wenig von jemanden in der Welt konnte genötiget werden / ihre Ehre /
als ihr Leben / dem Eigensinn des Mannes und der Bosheit des Ehebrechers
aufzuopffern. Wird doch mehrenteils in meinem Vaterlande die Frau schlechter
Ehre wert geschätzet / die nach dem Tode ihres Mannes einem andern sich
vermählen läst / weil sie hierdurch erweisen soll / dass sie nicht den Mann /
sondern nur ihre Wollust in der ersten Ehe geliebt habe. Was sollte man nun
vollends bei uns zu einer Ehefrau zweier lebendigen Männer sagen? Gewiss! weil
der Mann das Haupt der Frauen ist / würde man sie mit grösserm Abscheu ansehen /
als eine Missgeburt / die zwei Häupter und nur einen Leib hat.
    Der geile Tiberius hätte lieber gesehen / dass die Cheruskische Hertzogin das
Exempel des Cato nicht so heftig verdammet hätte; doch / wie er ein Meister im
stellen und verstellen seiner Worte und Geberden war / also lobete er dieses
Urteil zwar mit dem Munde / dachte aber unterdessen in seinem Hertzen auf
allerlei Mittel / wodurch er die keuscheste Tusnelda auf der Martia Sinn / und
sich die Freiheit zu wege bringen könnte / des Hortensius Person bei ihr in
Abwesenheit ihres Gemahls aufs eheste zu spielen.
    Bald hierauff ward die Taffel aufgehoben / nachdem Tiberius Tusnelden
erinnert hatte das Schreiben an ihren Gemahl diesen Abend zu verfertigen / weil
er willens wäre / morgen nach Mittage den Beroris /Dietrich und Libys wieder in
ihr Vaterland zu schicken. Tusnelda bate sich / auf eidliches Anbieten einer
freien Bitte / die Freiheit aus / ihr kleines Kind in Gesellschaft der Gräffin
von der Lippe dessen Vater / dem Feld-Herrn Herrmann durch den getreuen Libys zu
übersenden / damit er / bei solchen Vorboten / ihre eigene Ankunft desto
gewisser erwarten möchte. Dieses brauchte Tusnelda nur zum Vorwand: Denn ihr
eigentlicher Zweck war / alles auf die Seite zu schaffen / was im Fall der Not
/ sie an einer schleunigen Flucht verhindern möchte. Der Käyser besonne sich ein
wenig. Endlich dachte er / dass ihm das kleine Kind bei seiner verhofften Lust
ehe hinderlich / als beförderlich sein könnte. Dannenhero willigte er gar gern
ein; ob er wohl zum Schein tate / als wenn es umb seines Eydes willen geschäh /
der aber bei ihm nur gültig war / wenn es ihm nützlich deuchtete; sonst hielt
ihn ein Haar fester gebunden /als tausend Eydschwüre. Hierauf nahm er mit dem
Rhemetalces Abschied / und die Rückreise nach Rom für sich.
    Daselbst hatte inzwischen der unruhige Sejanus seine Zeit bei der
leichtfertigen Sentia zugebracht. Denn weil seine Liebe gegen Tusnelden aus
blosser geilen Lust herrührete / war es ihm ein leichtes / selbige auch mit
seinen alten Buhlschaften zu teilen /und den Durst aus gemeinem Wasser zu
stillen / weil ihm Tusneldens Nectar verwegert wurde. So sehr nun Sentia ihren
Leib entblössete: so sehr entblössete Sejanus die bisher so
verschwiegen-gehaltene Geheimnisse seines Gemütes; Denn als das freche Weib
nachfragete / in was vor Gesellschaft sich der Käyser befände / derer er sich
zu Gefallen einmal aus Rom gewaget hätte; gab dieser mit etwas unbeständiger
Geberde eine solche Antwort / die ihr nicht ganz aufrichtig zu sein schien.
Daher sie alle ersinnlichen Liebreitzungen anwendete / ihn zu bewegen /ihr etwas
mehr hiervon zu sagen. Wodurch er endlich gewonnen und also zu reden veranlasst
wurde: Sie wundere sich nicht / allerliebste Sentia / warumb ich so lange
verschwiegen habe / dass Tusnelda annoch lebe / und vom Käyser geliebt werde.
Tiberius will solches durchaus geheim gehalten haben / und sein Wille ist ein
festes Siegel / so meinen Mund biss ietzt so fest verschlossen hat. Allein ein
eintziger Strahl von ihrer feurigen Liebe ist tüchtig dieses Wachs zu
zerschmeltzen und das Siegel auffzulösen. Sie weiss /dass / als neulichst der
Käyser den Fall tate / Germanicus ihn unbekanter Weise besuchte; Damahls war
seine erste Bitte / das gefangene Fürstliche und Gräffliche Frauen-Zimmer des
Triumphs zu erlassen / und ohne ihr Wissen / gemeine Weibspersonen mit
verhülltem Gesicht an ihrer statt aufzuführen / auch zu vergönnen / dass er denen
vornehmsten gefangenen Fürsten und Graffen das Leben schencken dürffte / so bald
man sie im Triumph auf- und ins Tullianische Gefängnis zu ihrem Tode würde
hingeführet haben. Der schlaue Tiberius willigte nach einer kleinen
Scheinwegerung in dieses Begehren des Germanicus; teils weil er Tusnelden
liebte; teils / weil er / allen Deutschen zur Beunruhigung und dem
Sicambrischen Hertzog zum Verdruss / dessen beide ehrsüchtige Brüder / als
Mitbuhler seiner Hertzoglichen Würde /beim Leben erhalten wollte; teils / weil
er verhoffte /es würde diese unzeitige Barmhertzigkeit des Germanicus ihn bei
dem gemeinen Volck verhast machen /als welches nicht nur sein Gespötte darüber
treiben würde / so bald es erführe / dass dieser Aufzug der vermummten
Weibsbilder mehr ein Gauckelspiel als ein warhaftiges Siegs-Gepränge gewesen /
sondern auch wohl aus einem blinden Eyfer den Triumphirer für einen
Götter-Verächter ausruffen dürffte / weil er die zum Tode nach denen Gesetzen
verdammte Feg-Opffer denen Göttern freventlich entwendet und die ganze
triumphirende Gesellschaft mit der lügenhaften Zeitung von dero Hinrichtung im
Gefängnis geäffet hätte. Sentia wollte über Tusneldens ganz unverhofften Leben
bei nahe von Sinnen kommen; jedennoch / weil sie die Liebe des Sejanus zu jener
wusste /bemühete sie sich ihre Gedancken / so viel möglich /zu verbergen / ja sie
erbote sich / zum Schein / aus einer Mitbuhlerin ihrer Stieff-Tochter dero
Kuplerin bei dem Sejanus zu werden / daferne nur der Käyser ihr die Besuchung
des sämmtlichen deutschen Frauen-Zimmers vergönnen wollte.
    Sie blieben in diesem verdamten Zeitvertreib beisammen / biss Hertzog
Segestes nach Hause kam /und ihnen erzehlete / mit was Schauspielen der
triumphirende Germanicus diesen Tag über das Römische Volck unterhalten hätte /
wie teils tausend Paar Fechter / teils mehr als drei oder vier tausend Löwen /
Bäre / Panter / Auerochsen / Tiger / wilde Pferde /Wölffe / Luchse und Schweine
untereinander kämpffen müssen. Weil aber Segestes an seiner Gemahlin eine
ungemeine Röte / am Sejanus ein sonderliches Schrecken in acht nahm / entsponne
sich bei ihm der erste Verdacht / der nach der Zeit sich täglich mehrte und also
aus einem dünnen Faden zu einem festen Stricke wurde / welcher endlich der
verruchten Ehebrecherin den Hals brach.
    Sejanus begab sich letzlich gegen Abend auf den Palatinischen Berg / allwo
er dem zurückkommenden Käyser begegnete und den Befehl empfieng / morgends frühe
die gefangenen deutschen Fürsten und Grafen zu Tussnelden zu bringen und so denn
mit sichern Frei-Briefen nach Deutschland zu schicken. Er kam diesem Befehl
fleissig nach / mehr aus Begierde /Tussnelden zu sehen / als aus Gehorsam gegen
seinen Herrn. So bald er nun vor sie war gelassen worden /vermeldete er nach
abgelegter Begrüssung / dass der Käyser alle diese Gefangenen Tussnelde
schenckete und deroselben die völlige Gewalt überliesse / ihnen das Leben und
Freiheit entweder zu geben oder abzusprechen. Die Hertzogin nahm solches
Geschenck mit grosser Höffligkeit an / und versicherte den Sejanus /dass es sie
dem Käyser höher verbände / als wenn sie so viel Perlen und Diamanten empfangen
hätte / die diesen Gefangen-gewesenen an der Schwere die Wage halten könten. Sie
begrüssete hierauf diese ihre Landes-Leute / und übergab den kleinen Herrmann
und die Gräfin von der Lippe der Vorsorge des klugen Libys und dem Schutz der
andern tapffern Helden /die sich deñ alle erboten / auch ihr Leben zu dessen
Dienst willigst anzuwenden / weil sie ohne dem den schimpfflichen Fleck ihrer
Gefangenschaft nicht besser als mit der unverzagten Versprützung ihres Blutes
vor das edle Blut des grossen Herrmanns ausleschen könten. Sejanus teilete
ihnen zu nötigen Reise-Unkosten eine ansehnliche Menge Römischer güldener
Müntzen im Nahmen seines Herrn aus. Tussnelde aber nahm eine davon aus dem auf
der Tafel stehenden offenen Behältnisse in die Hand / das Gepräge zu besehen /
und fand auf dero einen Seite des Tiberius Bildnis mit der Uberschrifft:
Tiberius Augustus /des Gottes Augustus Sohn: Auf der andern sah sie die
geflügelte halbnackende Siegs-Götttin auf einer Weltkugel sitzen und in iedweder
Hand einen Palmzweig halten / mit der Unterschrifft: Im siebenzehenden Jahr der
allgemeinen Zunftmeisterschaft. Sie wandte sich deswegen zum Sejanus und
sagte: Ich sehe aus dieser Jahrzahl / dass gegenwärtiges Goldstück zum Andencken
unserer Gefangenschaft gepräget sei. Nun will ich zwar nicht streitig machen /
ob der deutsche Sieg ein güldenes Denckmahl verdienet habe. Doch bin ich dessen
gewiss / dass die Gütigkeit des Käysers / die er anietzo meinen Landes-Leuten
erzeiget / eines ja so kostbaren Ehren-Gedächtnisses würdig / und nunmehr erst
recht erfüllet sei / was ich allhier auf einer andern zu Anfang seines
Käysertums geprägten güldenen Müntze versprochen finde / da auf einer Seite
sein Bildnis / auf der andern ein Schild mit einem Weibes-Kopff nebenst der
Uberschrifft: der Gütigkeit / zu sehen ist; sonder Zweiffel hiemit anzuzeigen /
dass die Gütigkeit die eintzige Göttin sei / zu dero Dienst er sich ganz und gar
gewiedmet habe. Wolte der Himmel (antwortete Sejanus / nachdem er sie an ein
Fenster geführet hatte /) dass die sonst Tugend vollkommene Tussnelde auch diese
Tugend zu ihrer Göttin annehmen und eben so grosse Gütigkeit gegen dero
Gefangene gebrauchen wollte /als sie an meinem Herrn rühmet. Tussnelda bate / den
Gefangenen nur zu nennen / so wollte sie dessen Freiheit bei ihrem Gemahl aufs
fleissigste befördern. Sie bekam aber die unvermutete Antwort: Die Bande /die
Tussneldens unvergleichliche Schönheit anleget /kann niemand / als sie selbst /
erträglich machen. Doch sind sie so angenehme / dass man tausendmahl lieber
/seine Freiheit zu verlieren / als jener befreit zu werden / wüntschen muss. Die
keusche Tussnelda verdrosse diese Tumkühnheit dermassen / dass sie sich nicht
entalten konnte / mit mercklicher Hefftigkeit zu sagen / sie hoffte nicht / dass
das kluge Rom jemand in sich hegen würde / der einer so schändlichen Torheit
fähig wäre / dass er von ihr etwas unanständiges begehren wollte: da sie doch
verhoffentlich ihr ganzes Leben also geführet hätte / dass iederman schlüssen
könnte / es wäre ihr dieses nicht so lieb / als ihre Ehre; und nähme sie diese
sorgfältiger in acht / als ihre Augen: Allermassen / wie das Auge durch ein
eintzig Stäublein / wärs auch noch so klein / kann verletzt werden; also dünckte
ihr auch kein eintziger unkeuscher Gedancken zu wenig / dass er nicht ihrer Ehre
einen unwiederbringlichen Schaden zufügen könnte. Solte aber wider alles
Verhoffen einiger Römer einer solchen verdammlichen Kühnheit sich unterfangen /
würde sie nicht einen Augenblick verziehen / den Schutz des gerechten Käysers
anzuruffen / weil sie versichert wäre / dass der Römische Adler so wohl Flügel
hätte / die Unschuldigen zu beschirmen / als auch Blitze / denen Frevlern ihren
verdienten Lohn zu geben. Sejanus erschrack über dieser Dräuung und besorgte
sich des ärgsten von demjenigen / den er nicht zwar als einen gerechten Richter
/ iedennoch als einen mächtigern Mitbuhler fürchtete; nahm aber gleich alsobald
ein freier Wesen an / und sagte: Hieran ist ganz nicht zu zweiffeln; Und wollte
ich dannenhero mit einem solchen Missetäter Schuld und Straffe ungerne teilen
/ ungeachtet ich die Ehre / des Käysers Vertrautester / uñ das Glück / ihm
niemahls missfällig zu sein / eine geraume Zeit her besitze. Tussnelda merckte
wohl / dass diese Aufschneiderei ihr einige Furcht einjagen sollte / als ob sie
bei dem Tiberius keinen Schutz wider seines Lieblings Frevel finden würde;
allein sie begegnete ihm mit dieser klüglichen Antwort: Umb so vielmehr achte
ich mich sicher / nachdem auch so gar der grosse Sejanus / der doch des Käysers
Hertz in Händen hat / sich eine solche Untat zu begehen fürchtet; und ist diese
seine Bescheidenheit / da er sich der Gunst des Käysers /als wie eines kostbaren
/ aber zerbrechlichen Crystallinen Glases erinnert / dasjenige / so ich am
allermeisten an ihm hochachte. Denn gleichwie die Götter der Erden gar
geschwinde etwas grosses schaffen können / also pflegen sie auch gar bald nichts
aus etwas zu machen / und denjenigen / der da vergisset / was er vor seiner
Erhöhung gewesen / seines Ursprungs durch einen plötzlichen Fall nachdrücklich
zu erinnern. Ein solcher Mensch ist alsdenn einer Sonnen-Blumen nicht ungleich /
weil er durch die Gnaden-Strahlen seines Fürstens zu einem so grossen Wachstum
gelanget / dass er alle andere an Höhe und Ansehen übertrifft / gleichwohl aber /
wenn er lange genug sich nach dem Lauff seiner Sonne herum gedrehet hat / durch
ihre Hitze verbrandt und zu einem hässlichen Strauche wird. Wohl demnach dem /
der entweder ausser dem Hoffe sich selbst zur Vergnügung lebet /oder wenn er so
wenig ausser dem Hoffe als ausser dieser Welt leben kann / sich allezeit
einbildet / dass er eben so wohl an jenem / als in dieser / nicht ewig leben
werde!
    Zorn und Liebe / Hoffnung und Verzweiffelung zermarterten den Sejan bei
Anhörung dieser ernstaften Verwarnung / gleich als ob er an statt dieser vier
Gemüts-Bewegungen von vier Pferden zurissen würde. Weil aber der Zorn die Liebe
/ und Verzweiffelung die Hoffnung endlich überwältigte / schwur er bei sich
selbst / Tussnelden / und umb ihrentwillen /das gesamte Frauenzimmer dermassen
bei dem Tiberius zu verleumden / dass derselbe an seiner statt die Rache
ausführen sollte. Nachdem er demnach zum Schein höfflichen Abschied genommen und
seine Mitgebrachten dem Saturninus bestermassen anbefohlen hatte / begabe er
sich ohne Verzug wieder nach Rom.
    Unterdessen letzten sich die nach Deutschland Reisefertigen und empfieng
Libys in geheim einen Brieff von Tussnelden an Hertzog Herrmannen / welcher ein
gut Teil länger war / als der / den sie zum Schein geschrieben und dem Käyser
durchzusehn überschicket hatte. Catta aber vertraute dem Beroris einen an ihren
Vater Arpus und einen andern an ihren Bräutigam Jubiln.
    Diss währte biss gegen Mittag / da der trunckene Tiberius mit dem Crispus
Sallustius / nach gehaltenem Frühstück / in dem Garten-Haus ankame / und das
Frauenzimmer besuchte. Hätte man nun des vorigen Tages ihn in seiner Verstellung
vor höfflich und bescheiden halten können / so hatte er nunmehr mit der
Nüchterkeit auch die Larve seiner Geilheit gäntzlich abgezogen. Und nachdem er
nicht wenig schandbare Schertz-Reden vorgebracht / so das sämtliche Frauenzimmer
mit der grösten Ungedult anhören musste /Tussnelde auch deswegen ihn anfieng zu
erinnern /ihrer mit dergleichen unanständigen Dingen zu verschonen / nahm er /
an statt sich zu entschuldigen /die Freiheit / ihren Busen freventlich zu
betasten; welches aber die bei ihr stehende Catta beizeiten inne wurde und /
sein leichtfertig Vorhaben zu unterbrechen / ihn mit aller Krafft wider die
Brust stiess / dass er rücklings auf die Erde zu grossen Schrecken der
Gesellschaft niederstürtzete; worüber Catta noch lächelnd ausrieffe: O! auf was
schwachen Füssen steht das Römische Reich! Indem aber hatte der Trunckenbold
durch Beihülffe des Sallustius / Dietrichs und Saturninus sich wieder in die
Höhe aufgerafft / und fiel mit einer solchen Wut über Catten her / dass er sie
ohne Zweiffel würde erwürget haben / wenn nicht der kluge Sallustius dem Käyser
in die Armen gefallen und die Cattische Fürstin seinen Mord-Klauen eiligst
entwischet wäre. Er fluchte / schnaubete / dräuete und schriehe unterdessen
dergestalt / dass man gnugsam urteilen konnte / Zornige und Trunckenbolde wären
mit eben dem Recht / als Wahnsinnige / an Ketten zu legen. Sallustius aber / der
seiner sehr mächtig war / beredete ihn nach Rom wieder zu kehren; welches er
endlich tat / nachdem er dem Saturninus befohlen hatte / die Ubeltäterin auf
morgen mit dem Beil hinzurichten / oder im Fall / dass solches nicht geschehe /
seinen Kopff zu verlieren.
    Sie waren kaum in Rom wieder ankommen / als Tiberius auf den nechsten Stuhl
fiel und einschlieff. Zwei Stunden darauf erwachte er und hatte zwar den Rausch
/ nicht aber den Groll wider die unschuldige Catta ausgeschlaffen; Gleichwohl
wagete es Sallustius und stellte ihm aufs glimpflichste vor / dass Catta
nimmermehr eine solche Unbescheidenheit würde gebraucht haben / daferne nicht
der Käyser durch den übermässigen Trunck aus denen Schrancken seiner gewöhnlichen
Höffligkeit sich hätte herausleiten lassen. So würde auch Tussnelda den Schimpff
und Straffe /so ihrer Freundin / darumb weil sie ihr beigestanden wäre /
begegnete / so hoch empfinden / als weñ sie selbst damit beleget würde.
    Diese letztere Erinnerung war der beste Tamm / der den wütenden Strom seiner
überlauffenden Galle aufhalten / und ihn zu vernünftigern Gedancken bringen
konnte / also dass er alsobald an den Saturnin schrieb /die Catta der Hafft zu
erlassen und in seinem Nahmen der Verzeihung zu versichern. Allein indem trat
Sejan ins Zimmer / dem der Käyser den Zettel wiess und solchen ungesäumt
bestellen zu lassen anbefahl. Dieser wusste nun nicht / wie er dem Glück genug
dancken sollte / dass dasselbe auf so unverhoffte Art ihm hülffreiche Hand böte /
einen Anfang zu seiner Rache zu machen. Er fing demnach an: Was gedencken sie
denn / Allergnädigster Käyser / dass sie ihr so gerechtes Urteil wiederruffen
und sich selbst dadurch in Verdacht bei der Welt bringen wollen / als wenn ihnen
einiges Wort hätte entfahren können / dass einer Verbesserung bedürffte? Eines
Fürsten Wille soll sich so wenig ändern / als der Lauff der Sonnen / der einmal
wie das andere bleibet / ob sie gleich hierdurch grosse Finsternissen am Mond
und auf Erden verursachen muss. Man lasse es sein / dass das Urteil wider die
Catta ungerecht sei / so muss doch der Käyser seinen vermeinten Fehler ehe durch
ihr vergossenes Blut bedecken / als durch Wiederruffung seines Wortes entdecken.
Jedoch wie sollte es nicht der Gerechtigkeit höchstgemäss sein / dass eine solche
Frevlerin den Schimpff und Schmertz mit dem Leben bezahle / den sie dem
Beherrscher der Welt verursachet hat? sollte ihr solches so vor genossen ausgehen
/ würde sie ins künftige ja so leicht das Messer / als dieses mahl die Hand
wider dero allerheiligste Person zücken. Man darff auch keinen Zorn von
Tussnelden befahren /nachdem Geschencke und Gaben Götter und Menschen versöhnen
/ ja es wird vielleicht Tussnelda aus Furcht des Todes desto geschmeidiger
werden / wenn sie sehen wird / wie gefährlich es sei / demjenigen was zu
versagen / in dessen Hand ihr Leben und Tod stehet / und dessen Hertz so bald
von Rache / als von Liebe entbrennen kann. Der Käyser riess hierauf seinen Zettel
entzwei: und obgleich Sallustius diese erste Hitze des Käysers durch
unterschiedenes vernünftiges Einwenden wieder dämpffen wollte / gosse er doch
lauter Oehl ins Feuer / und Wasser in ungeleschten Kalck. Tiberius liess alsbald
die Sänfte bringen / und sich neben dem Sejan und Sallustius in das Garten-Haus
wieder tragen / umb daselbst an der Entauptung der armen Catta seine Augen zu
weiden. Auf dem Vor-Saal begegnete ihm Aelius Sentius Saturninus und brachte im
Nahmen Tussneldens an /der Käyser möchte entweder sie selbst an statt der
Cattischen Fürstin zu seinem Rach-Opffer nehmen /weil sie der Ursprung / Catta
aber nur das Werckzeug der Beleidigung des Käysers wäre; oder / daferne sie die
Gnade nicht haben könnte / möchte man die Hinrichtung heimlich und durch einen
vornehmen Kriegs-Bedienten / keines weges aber durch einen gemeinen Soldaten
oder Leibeignen verrichten lassen / auch (wo möglich) der Catta etliche Stunden
zur Todes-Bereitung vergönnen. Jedennoch würde dieser Mord einer unschuldigen
Fürstin der Geschichte seines Käysertums einen grossen Schandfleck anhängen /
auch der gerechte Himmel das gebrochene Gast-Recht nicht unbestraffet lassen.
Dannenhero sie ein- vor allemahl den Käyser gewarnet haben wollte / und
verhoffte / es würden die letztern Gedancken die ersten bei ihm verbessern und
erweisen / dass der grosse Tiberius viel zu gerecht sei / als dass er ein aus
Ubereilung gesprochenes Wort höher als alle göttliche und weltliche Gesetze zu
achten begehre. Aber alles solches Bitten war vergebens und dem Saturnin
unmüglicher / diesen tollen rasenden Hund / als dem Herkules / den
dreiköpffigten Cerberus / zu bändigen. Der Tyrann schwur und verfluchte sich /
es sollte und müste der Catta der unnütze Schedel im Hoffe des Hauses
unverzüglich für die Füsse geleget werden: Weil aber Saturninus sich unterwunden
hätte / ein Vorsprecher einer so verruchten Ubeltäterin zu werden / und also in
Vertädigung der Feindin des Käysers sich ebenfalls vor dessen Feind erkläret
hätte / sollte er zur Straffe das Amt des Nachrichters bei ihr auf sich nehmen;
widrigenfalls / als ein Beleidiger der Käyserlichen Majestät / ein ander Urteil
erwarten. Der tugendhafte Saturninus erzitterte zwar in etwas über diesen
unverhofften Befehl; musste aber doch / weil er sich eines ärgern besorgte / mit
zwei Worten seinen Gehorsam versprechen.
    Tiberius wollte hierauf Tussnelden besuchen. Allein sie hatte sich mit dem
gesammten Frauen-Zimmer in ihr Taffel-Gemach begeben und dasselbe fest
verriegelt / und wollte nichts mehr mit einer solchen Hyäna zu schaffen haben /
die / ausser der Stimme /nichts menschliches an sich spühren liess. Es fehlete
wenig / dass der Wüterich nicht das Zimmer mit Gewalt gestürmet hätte. Doch /
weil er dergleichen harte Schmach von seinem Gewissen täglich einfressen musste /
achtete er sie auch diesmal nicht allzuhoch /und verdäuete sie viel leichter /
als der Strauss das Eisen. Zumahl da so wohl seine Liebe / als auch der
vernünftige Sallustius ihm Einrede taten.
    Unterdessen besonne sich dieser letztere auf das uhralte Römische Herkommen
/ dass keine Jungfrau zum Tode verurteilet werden durfte. Dannenhero er auch den
Tiberius erinnerte / dass Catten ihr Jungfräulicher Stand zu einem Frei-Brieff
vor dem peinlichen Hals-Gerichte billig dienen müste. Der Käyser stutzte
hierüber; Allein der bosshaftige Sejanus ware mit der Antwort bald fertig. Wohl!
(sagte er /) Catta kann nicht als eine Jungfrau sterben / wollen wir anders nicht
die alte Gewohnheit brechen; welches aber / (wenn es auskäme /) den ganzen
Pöbel uns auf den Hals hetzen würde. Jedoch was brauchte viel Wesens? Der /so
die Hinrichtung auf sich genommen / mag sie schänden; so lassen wir sie alsdenn
nicht als eine Jungfrau / wohl aber als eine Geschändete köpffen.
    Indessen nun der Käyser über dieser verdammten Erfindung sich öffentlich
wohl zulachte / tate solches Sejanus bei sich selbst / weil er wusste / dass
dieses die Catta mehr als der Todt betrüben / auch diese aufgezwungene geile
Lust dem tugendhaften Saturninus die gröste Unlust sein würde. Er dachte aber
nicht /dass eben dieser sein Rat zwölff Jahr hernach / (nachdem er selbst einen
schimpf- und schmertzlichen Todt erleiden müssen /) seine eigene Tochter ihrer
Ehre berauben / und dass sich Tiberius ein Gewissen machen würde / dieselbe
erwürgen zu lassen / ehe er sie durch den Hencker schänden / und also der
Hinrichtung im Gefängnis hätte fähig machen lassen. Inzwischen wollte gleichwohl
Tiberius in etwas Tussnelden fugen; Dannenhero / weil sie umb einige Zeit zur
Todesbereitung vor die Cattische Fürstin hatte Ansuchung tun lassen / entschloss
er sich / dero Entauptung biss auf morgen aufzuschieben; zumahl als er bedachte
/ dass der Todt ihr die geringste Straffe / dieses aber eine unerträgliche
Höllen-Pein sein würde /wenn sie sich mit dem Andencken ihrer erlittenen Schande
die ganze Nacht hindurch qvälen müste. So bald nun der Schadenfroh Sejanus
dieses mit gut befunden / ward dem Saturninus durch einen Freigelassenen des
Tiberius angedeutet / dass er die gefangene Catta / ihr Urteil anzuhören / vor
den Käyser bringen sollte. Diese kam mit unerschrockenem Hertzen; denn weil sie
wusste / dass sie der Natur ohne dem einen Tod schuldig wäre / so hatte sie sich
jeder Zeit zur Bezahlung fertig gemacht. Sie gedachte zwar öffters an ihren
Verlobten / den Hertzog Jubil / und tate es ihr nicht so wehe / dass der Todt
ihren Leib und Seele /als / dass er sie und ihren Allerliebsten trennen sollte.
Jedoch verhoffte sie / ihr unsterblicher tugendhafter Geist würde bei Verlust
der Erden den Himmel erlangen / und an statt einer flüchtigen Menschen-Liebe
einer unendlich-vollkommenern Göttlichen teilhaftig werden. Ach! aber / wie
erschracke sie / als das Urteil ihr so wohl Ehre / als Leben absprach! Der
heitere Himmel ihres Angesichtes ward mit düstern Wolcken ümbzogen / die bald in
einen Tränen-Regen ausbrechen / bald die Strahlen ihrer Auge in eitel Blitz und
Donnerkeile wider ein so gottloses Anmuten verwandeln wollten. Allein weder
Tränen /noch Worte wollten in so heftiger Bestürtzung fliessen. Gleichwohl
fassete sie den festen Vorsatz sich gegen den Saturninus mit Zähnen und Nägeln /
so lange es möglich / dermassen zu vertädigen / dass es leichter sein sollte /
dem donnerenden Gott die Blitze /als ihr ihre Ehre / mit Gewalt zu nehmen. Aber
er hatte selber schlechte Begierde dazu; bate demnach mit einem Fussfall den
Käyser / seiner zu verschonen /nachdem er schon das Alter erreichet hätte /
welches Cupido aus seinem Lager auszumustern pflegte. Der spöttische Tiberius
antwortete: Mein liebster Saturninus! die Gesetze sind über den Käyser / drümb
kann ich auch dieselben euch zu gefallen nicht brechen. Ha! ungerechter Wüterich!
(rieff Catta aus;) müssen nun die heiligen Gesetze ein Schand-Deckel deiner
Bosheit sein? Und das / was mir zum Vorteil verordnet ist / zu meinem ärgsten
Verderben gereichen? Verdammter Ertzheuchler! du lebendiges Todten-Grab /das
auswendig die prächtige Uberschrifft eines gerechten Käysers / in sich aber
lauter Stanck und Unflat der greulichsten Laster / lauter Würme eines bösen
Gewissens hat! Hiemit schwiege sie mit dem Munde; da unterdessen dennoch diese
heimlichen ängstlichen Seuffzer in ihrem Hertzen aufstiegen: Ach! gerechter
Himmel! Warumb hast du mich deñ nicht lieber unter die grimmigsten Parder und
Löwen /als in die Hände dieses noch wildern Tiers / geraten lassen / weil jene
zwar mein Leben / aber nicht meine Ehre / würden angetastet haben? Jedoch was du
verhängest / ist gerecht; Und was nicht zu ändern ist /das geschehe! Nicht eine
Gewalttat / sondern unser Wille macht die Seele dessen schuldig / was dem Leibe
widerfährt: Kan ich dir nun nicht meinen Leib unberührt aufopffern / so soll
doch meine Seele dir zu einem unbefleckten Geschencke gewiedmet sein und eine
unwillige Niederlage darff meiner Keuschheit den Sieges-Krantz nimmermehr
streitig machen.
    Tiberius ward endlich des Wartens überdrüssig und schwur / dass er den
Saturninus entmannen und die Catta dem Mutwillen der geringsten Stallbuben
übergeben wollte / woferne sie beide einen Augenblick verziehen würden / seinem
vorigen Befehl nachzuleben. Diese aber liessen es hierzu nicht kommen /sondern
weil es nicht anders sein konnte / sich alle beide allein in das nächste
Schlaffgemach versperren. Und war diss wohl das erste Exempel in der Welt / da
ihrer zwei sollten sündigen und doch keines den Willen haben zu sündigen.
    Unter solcher Unruhe erinnerte sich der Käyser derer freigesprochenen
Deutschen / die eben den Nachmittag mit dem kleinen Herrmann nach Deutschland
hatten reisen sollen. Von diesen befürchtete er sich nicht ohne Ursach / dass sie
daselbst die Schand-Tat nicht verschweigen würden / womit er alle deutsche
Fürsten in der Catta Person verletzet / und durch Brechung des Gastrechts sie
befugt gemachet hatte /den neulichst-geschlossenen und dem Römischen Reiche
höchstnotwendigen Frieden zu brechen. Sejanus riete / man sollte sie alle
zusammen mit Gift hinrichten. Allein Sallustius wollte diese Gewalttat keines
weges billigen; nachdem der Käyser sein Wort halten müste und doch diesen
Deutschen durch einen viel gelindern Weg / nämlich durch einen Eyd / das Maul
stopffen könnte / dass sie nichts in ihrem Vaterland sagen dürfften / als was dem
Käyser unschädlich wäre; massen die Deutschen zu Meineiden noch zu einfältig
wären / und sich viel zu sehr vor Gott fürchteten / als dass sie etwas / auch mit
ihren Schaden / zu halten sich wegern sollten / welches sie unter der Anruffung
des göttlichen Nahmens versprochen hätten. Und wenn sie ja endlich nicht
schweigen wollten / so könnte hieraus kein grösser Unheil entstehen / als etwa
auch daraus kommen möchte / wenn man das deutsche Frauenzimmer wider gegebene
Treu und Glauben gefangen behielte und also ihren Landes-Leuten Anlass gäbe einen
an ihnen vollbrachten Meuchelmord zu mutmassen; oder wenn man sie los liesse
und damit Gelegenheit verstattete / dasjenige zu klagen /was ihnen ungütiges von
dem Käyser widerfahren wäre.
    Es wurden hiermit die gefangen-gewesene Fürsten und Grafen nebenst der
Gräfin von der Lippe herzu gehohlet / und ihnen die Wahl gegeben / entweder zu
schweren / dass sie in ihrem Vaterlande leugnen wollten etwas zu wissen / wie es
dem gefangenen Frauenzimmer ergienge / ohne was Herrmann / Arpus und Jubil aus
denen ihnen von Tussnelden und Catten mitgegebenen Briefen selbst ersehen
würden; oder aber ihre Freiheit zu verlieren und zuzusehen / wie dem kleinen
Herrmann der Kopff umbgedrehet werden sollte.
    Diese mussten in einen sauern Apffel beissen / aus zwei Ubeln das kleinere
erwählen / und lieber schweren / die Warheit zu verschweigen / als durch
Widerspenstigkeit des jungen Hertzogs Hinrichtung befördern: worauf sie denn mit
gnugsamen Pferd und Wagen versehen und ohne ferneres Wortsprechen Italien zu
verlassen genötiget wurden.
    Dieses war kaum verrichtet / als Saturninus die vor Scham ganz Feuer-rote
Catta zum Schlaff-Gemach wieder herausbrachte / da denn der leichtfertige Sejan
das Bette alsobald zu besehen hinein lieffe und aus dem darauf gefundenen
blutigen Wahrzeichen den Käyser versicherte / dass jener getan / was Urteil und
Recht mit sich gebracht hätte. Tiberius aber umbarmte den traurigen Saturninus
und sagte: Wenn ich nicht gewiss wüste / dass ihr einen Triumph verdienet hättet /
sollte ich fast dencken / als wenn euer Sturm bei der Cattenburg übel abgelauffen
wäre; Massen euer niedergeschlagenes Gesichte sich vor einen Uberwundenen besser
/ als für einen Uberwinder schicket. Jedoch die Gelegenheit des Ortes und der
Zeit will das wohlverdiente Siegs-Gepränge nicht zulassen; Nichts desto weniger
soll die Triumph Gasterei unverzüglich ihren Fortgang haben.
    Saturninus führte hierauf die Fürstin in ihr Zimmer / oder Gefängnis / da
ihm unterwegens der über den Weinkeller verordnete Aristides begegnete / so
ehemahls ein Griechischer Leibeigener gewesen / nunmehr aber ein Käyserlicher
Freigelassener war. Mit diesem nahme er eine und andere Abrede und verfügte sich
nachmahls zum Käyser / der mit denen bei sich habenden so unmenschlich zu
sauffen anfieng / als wenn sie befürchtet hätten / sie müsten auf morgen mit der
Catta sterben und also bei dieser Henckermahlzeit ihrer hitzigen Leber den
letzten Dienst noch erzeigen. Sie gerieten hierüber in einen so harten Schlaff
auf denen Purpur-Betten an der Taffel / dass man diese zu ihren Todtenbahren ja
so leichte hätte machen können / so leichte es jener Königin war /ihren
trunckenen Gemahl lebendig zu begraben.
    Sallustius erwachete am ersten / kunte aber so wohl wegen Kopff-Schmertzen /
als auch wegen der inzwischen angebrochenen Nacht in dem dunckelen Gemach keinen
Stich sehen / hörte gleichwohl ein unsäglich Schnarchen so wohl an der Taffel /
als auch in allen Winckeln des Zimmers / so dass es schiene /wenn dem Morpheus
seine alte schwartze Höhle zur Wohnung nicht gut genug mehr wäre / könnte er
nirgends besser / als hieselbst ein anständiges Heiligtum antreffen. Er
ermunterte mit grosser Mühe den Sejan / welcher aber meinte / jener sollte kein
Getöse anfangen / sondern die Nacht mit dieser Schlaffstäte zufrieden sein.
    Gegen morgen träumete den Käyser / als ob er einem Schauspiel zusähe / in
welchem Mercur mit seiner Schlangen-Ruten den hundertäugigen Argus einschläffte
und ihm seine anvertraute und in eine Kuh verwandelte Jo entführte: Es bedünckte
ihn aber / als ob die Sänger ihre Personen sehr übel vorstellten / da hingegen
die andern Zuschauer ein lautes Freuden-Geschrei und Hände-Klopffen darüber
anfiengen; welches ihn dermassen heftig verdross / dass er aufspringen und die
nächsten unter denen Umbstehenden mit nachdrücklichen Schlägen überführen wollte
/ dass sie übel geurteilet hätten. Uber dieser Bewegung stiess er sich wider den
an seiner Brust liegenden Sejan / dass beide aus dem Schlaff auffuhren und nicht
wussten / ob die Pest im Hause wäre / weil sie über die zwantzig Leichen im
Zimmer umb sich liegen sahen / derer doch die meisten durch das Schnarchen ihr
noch währendes Leben anzeigten / zwei oder drei aber wahrhaftig sich zu tode
gesoffen hatten. Hiernächst wurden die schlaffenden Gäste / wie auch Titus
Cäsonius Priscus und alle die andern / die bei der Taffel gedienet hatten /
aufgeweckt / auch die Leichen hinweg geschaffet. Tiberius aber befahl / die
Catta zu hohlen; weil Trauben-Blut zwar gestern seinen Durst gestillet hatte /
heute aber Menschen-Blut darzu erfordert wurde.
    Saturninus wollte solches tun / fand aber vor dem Zimmer den Rhemetalces /
welcher dem Käyser in seinem Pallast bei dem Aufstehn und Ankleiden hatte
aufwarten wollen und nach erhaltener Nachricht / dass selbiger ausser Rom wäre /
sich in dieses Garten-Haus verfüget hatte. Der Wohlstand erforderte / den
Fürsten alsbald und vor allen Dingen beim Tiberius anzumelden und / auf dessen
Erlaubnis / ins Gemach zu begleiten. So bald dieses geschehen / ging er mit
etlichen Bedienten in der Catta Zimmer / in welchem er aber nichts / als eine
Einöde antraff. Dannenhero er dem Käyser diese Nachricht brachte: Ich weiss nicht
/ob unsere Catta verschwunden ist / oder sich dermassen gehärmet hat / dass sie /
wie die Nymphe Eccho /in unsichtbare Lufft verwandelt worden. Dieses befrembdete
die ganze Gesellschaft überaus sehr; daher iederman begierig wurde / den
leeren Ort selbst in Augenschein zu nehmen. Allein wie sehr man die Catta
suchte: so wenig fand man sie. Und wollte weder die Wacht des Zimmers / noch des
Hauses /etwas von ihr wissen; wiewohl auch diese nicht sagen konnte / wer etliche
an beiderseits Orten in ihrem Blute liegende Leichen so übel zugerichtet hätte.
Man vermeinte zwar / Catta würde sich in Tussneldens Zimmer geflüchtet haben;
wie starck man aber gleich daselbst anklopffte und rieffe / so war doch nicht
die geringste Antwort zu erlangen / also dass der ergrimmte Tiberius die fest
verschlossene Türe endlich mit Gewalt in Stücken hauen liess. Doch auch hier war
niemand zu sehen / noch zu hören. Tiberius befahl zwar etlichen Dienern / so
wohl Tussneldens / als Cattens Zimmer von oben biss unten aus zu durchsuchen / ob
man vielleicht einiges Merckmahl von dem finden könnte / was zu dieser Flucht
behülfflich gewesen. Allein sie brachten nichts / als das in der Cattischen
Fürstin Gemach auf dem Tisch gestandene und Tussnelden ehemahls geschenckete
Diamanten-Kästlein / in dessen Boden aber das Tussnelden-ähnliche Gesichte der
Ariadne in hundert kleine Stücken zerstossen war. Es lagen aber vier Briefe
darinnen / derer der erste also lautete:
                    An den unmenschlichen Wüterich Tiberius.
    Der gerechte Himmel ist endlich mit der Probe meiner Gedult vergnügt / und
weiset mir anietzt den We /gdeinem ungerechten Richterstuhl zu entgehen. Freue
dich ja nicht über meiner vermeinten Schande. Denn ich versichere dich / dass
Saturninus meiner Keuschheit so wenig Abbruch getan / als Ixion deiner Juno
soll getan haben. Lebe wohl / daferne es die wohlverdiente göttliche Rache und
dein unruhiges Gewissen zugeben können.
                                                                          Catta.
    So sehr sich nun Tiberius hierüber ereiferte: so sehr betrübte sich
Rhemetalces über den abermahligen Verlust seiner geliebten Clotildis; und sah
sein vorgestriges Glück wie einen süssen / aber betrüglichen Traum an / in
welchem man öffters isset und trincket /aber wenn man erwacht / eben so hungerig
und durstig ist / als etwa zuvor. Jedoch es funde sich vor ihn ein sonderbarer
Trost in dem andern also abgefassten Schreiben:
       An den ruhmwürdigsten Erben des Tracischen Reiches / Rhemetalces.
    Die Freundschaft nötigt mich / diesen Ort zu verlassen / ungeachtet die
Liebe ihn vorgestern mir sehr angenehm gemacht hat. Ich hoffe inzwischen / der
gütige Himmel werde meiner neuen Wallfahrt ehestens ein vergnügtes / unserer
Gemüts-Vereinigung aber nimmermehr ein Ende geben.
                                                                      Clotildis.
    Der Käyser wusste nicht / ob er dieses Schreiben vor ein mit dem Rhemetalces
angelegtes Spiel halten sollte / weil ihm dessen Gegenwart bei so früher
Tages-Zeit in diesem Garten-Hause sehr verdächtig vorkam. Gleichwohl weil er
einen Brief von Tussnelden an sich liegen sah / richtete er alle seine
Gedancken voller Furcht und Hoffnung darauf / und lase / wie folget:
                  An den grossen Tiberius / Römischen Käyser.
    Ich sollte wohl vor die einige Zeit her erwiesene Höffligkeit mein
stetswährendes Andencken versprechen / wenn nicht das schlimme Ende den guten
Anfang aufhübe und der bisherigen Heuchelei die Larve abnähme. Jedoch es mag der
Anfang das Ende / wie der Schlangen-Kopff seine Schwantz / verschlingen: Und
will ich demnach / zur Danckbarkeit vor genossene Woltaten / unsers so
unbilligen Verfolgers jederzeit zu vergessen verbunden leben.
                                                                      Tussnelda.
    Unter diesem Schreiben ward noch eines gefunden /dieses Inhalts:
   An die unvergleichliche Agrippina / des grossmütigen Feldherrns Germanicus
                                Cäsars Gemahlin.
    Das bisherige Sieges-Gepränge hat uns die Ehre dero hochgeschätzten
Gegenwart entzogen. Und unsere eilfertige Abreise will uns noch weniger
verstatten /den vertraulichen Abschieds-Kuss bei unserer hohen Wohltäterin zu
geben oder zu empfangen. Unterdessen werden wir dennoch dero wertes Andencken
in unserm getreuen Gemüt heilig und unversehrlich aufbewahren / und ob gleich
nicht mit dem Leibe /doch mit hertzlichen Wüntschen / Sie in Armenien zum Kriege
und Siege begleiten.
                                                                     Tussnelda /
                                                vor sich und ihre Gesellschaft.
    Tiberius gab hiermit dem Sejan Befehl / eiligst von Rom aus unterschiedene
Soldaten denen Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich nachzuschicken und zu
sehen / ob das flüchtige Frauen-Zimmer ihnen gefolget wäre; Auf welchen Fall sie
die deutschen Fürsten und Grafen geschwind aus dem Wege räumen und die
Fürstinnen wieder nach Rom bringen / sonsten aber / wenn jene noch
alleine-reisend angetroffen würden / ihnen keine Unhöffligkeit erweisen sollten.
Er sollte auch eine andere Schaar nach dem Lust-Haus senden / umb daselbst die
bisherige Wacht in Ketten und Bande zu schliessen und den fünften unter ihnen /
nach geworffenem Losse / nieder zu hauen.
    Unterdessen dachte der Käyser nach / ob Germanicus / Rhemetalces / Segestes
/ Saturninus / oder wer sonst in der Welt / Tussnelden zu ihrer Flucht
hülffliche Hand geboten / und schwur bei sich / seine Feindschaft wider ihn
nicht anders / als durch den Tod zu endigen. Sonderlich wurde Saturninus auf
Cattens Brieff befraget / ob nehmlich sie mit Wahrheit sich ihrer unversehrten
Jungfrauschaft rühmen könnte? Dieser aber gab zur Antwort: Ich meine ja /Sejanus
habe im Bette einige Merckmahl dessen / das vorgegangen ist / gefunden. Wer will
mich aber versichern / ob ich nicht / nach der Catta Bericht / durch eine
zauberische Verblendung ein Ixion worden / welcher an statt der Juno eine Wolcke
unter der Göttin Gestalt umbfangen und seine blinde Begierden daran ausgelassen
hat? Haben denn so viel Menschen ohne Kräuter eingeschläfft werden / oder die
Flüchtigen durch eine so starcke Wacht ungesehn durchkommen können / wenn sie
sich nicht gleich dem Gyges vermittelst eines Zauber-Rings unsichtbar gemacht?
Tiberius musste zu frieden sein / und mit dem Rhemetalces / Sallustius /
Saturninus und andern von seinen Bedienten nach Rom wiederkehren / ohne dass er
wusste / wen er unter ihnen vor Freund oder Feind halten sollte; Und weil er also
niemand finden konnte / den er dem Hencker übergeben möchte / so wurde er
indessen sein eigener Hencker; massen doch ein lasterhaft Gewissen eine ärgere
Marter ist / als des Phalaris glüender Ochs.
    Dieser unbeständige und stürmische Aprill währte in seinem Gemüte noch /
als der liebliche May dem gleich selbigen Tag eintretenden warmen Junius wieche:
und in seinen Gedancken war ein heftigerer Sturm / als wohl jener bei der Insel
Corsica mochte gewesen sein / wodurch des Lucius Scipio Schiffsflotte beinahe
untergangen wäre / zu dessen Andencken / und Abwendung dergleichen
bevorstehenden Ubels / der Göttin des Ungewitters in ihrem Tempel vor dem
Capenischen Tor auf dem Appischen Wege / eben an diesem ersten des Monats
Junius / das jährliche Fest-Opffer gebracht wurde. Es war aber auch selbigen
Morgen der sämmtliche Rat der Stadt Rom zusammen beruffen / wobei sich denn
unter andern Tiberius / Germanicus / Drusus / Sejanus und Saturninus einfunden.
    Das erste Reichs-Geschäffte / so abgehandelt ward / betraff die
Burgermeisterwahl auf künftiges Jahr /da denn der Käyser selbst zum dritten /
Germanicus aber zum andernmahl zu solcher Würde ernennet wurden. Dem Pomponius
Flaccus ward das Stadtalter-Amt in Mösien zu verwalten aufgetragen / so bald er
sein noch tragendes Bürgermeisterliches Amt würde abgeleget haben. Germanicus
erklärte sich innerhalb zwei Wochen seinen Armenischen Feldzug anzutreten. Er
musste aber zu seinem grossen Verdruss hören /dass Cnäus Piso Landpfteger in Syrien
werden sollte /da ihm denn der Sinn zutrug / dass dessen bosshaftiges Gemüte ihm
tausendfachen Verdruss in denen Morgen-Ländern antun würde.
    Rhemetalces ward hiernächst bei dem Rat angemeldet / und vorgelassen; da er
denn tausenderlei Versicherungen einer aufrichtigen Gewogenheit vor sich und die
seinigen / nebenst einem Schreiben an seinen Vater / erhielt / dieses Inhalts:
Der Käyser /wie auch der Römische Rat und Volck / verlangten nichts höhers /
als den Wohlstand ihrer Nachbarn; nehmen demnach gerne auf sich / die
Streitigkeit derer beiden Tracischen Könige zu entscheiden. Nachdem aber ein
Richter zwei Ohren hätte / ümb eines dem Kläger / das andere dem Beklagten zu
Dienst zu gebrauchen; als könnten und wollten auch sie nicht ehe den vom König
Rhascuporis gefangenen König Cotys verdammen / bevor sie seine Verantwortung
angehöret hätten. Getraute sich nun jener recht zu haben /möchte er diesen dem
Latinius Pandus / Unter-Landpfleger in Mösien / übergeben / der ihn sicher nach
Rom bringen würde. Rhascuporis selbst aber sollte sich gleichfals dahin begeben
und gewiss glauben /dass sie nach Anhörung beider Teile ihren möglichsten
Beistand weder einer gerechten Sache versagen /noch einer bösen leisten würden.
    Rhemetalces / dem der Inhalt des versiegelten Schreibens mündlich kund
getan wurde / danckte für diese gewierige Antwort / nahme damit seinen Abschied
/ und eilete zwei Stunden hierauf aus Rom /damit er nicht durch längeres
Verweilen seinem Vater Anlass geben möchte / noch mehrere Grausamkeit an dem
unschuldigen Cotys auszuüben.
    Gegenteils kamen selbigen Tag die Ritter Kulenburg und Tannenberg als
Abgesandte von dem König der Marckmäñer Marbod vor Rom an / und liessen ihre
Anwesenheit dem Sejanus durch einen von ihren Edelleuten zu wissen machen;
worauf denn dieser alsbald anordnete / dass sie auf dem Marsfelde biss zu ihrer
Verhör in einem Käyserlichen Lustauss ihre Wohnung und reichliche Verpflegung
haben sollten. Die Ursach ihrer Ankunft war diese: Es hatte das Glück dem Marbod
/ dem es ehmahls angetraut zu sein schiene / einige Zeit her einen
Scheide-Brieff gleichsam geschickt; und gleichwie dessen Macht und Gewalt von
Jahren zu Jahren gewachsen war; also nahm es nunmehr von Tagen zu Tagen ab / und
zwar so plötzlich / dass man alle seine fast unzehlbaren Untertanen für einen
grossen Schneeberg hätte halten mögen / der aus einem kleinen Balle durch das
stete hin- und herweltzen zu einer ungeheuren Grösse kommen war / den
vergangenen Frühling aber zu zertauen und zu zerfliessen angefangen hätte. Denn
nachdem die Semnoner und Langobarden sein Joch von sich geworffen / und den
gütigen Feld-Herrn derer Deutschen / Hertzog Hermannen / zu ihrem Ober-Herrn
erwehlet hatten / gewann es das Ansehen / als ob dem Königlichen Marbodischen
Stuhl ein Bein abgebrochen wäre / und dahero selbiger auf denen übrigen nicht
lange mehr bestehn / sondern gar bald den Schwang zu seinen Untergange bekommen
würde.
    Der tapffere Inguiomer hatte indessen Marbods Tochter geheiratet; und
hierdurch ward zwar seine Liebe / nicht aber seine Ehrsucht vergnügt. Darumb
reizte er seinen Schwäher-Vater an / nicht nur seine noch getreuen Länder zu
verwahren / sondern auch die abgefallenen unter seinen Gehorsam wieder zu
bringen; weil doch die Klugheit eines Fürstens nicht weniger aus der
stetswährenden Erhaltung seiner Gräntzsteine / als aus dero ehemahligen Setzung
zu ersehen / und es weit beschwerlicher wäre / den Verlust eines grossen
Königreichs bei seinem Leben zu erfahren / als etwa in einer geringen
Bauerhütten so wohl den ersten Atem zu hohlen / als den letzten auszublasen.
Dieses Zureden des hitzigen Inguioners tauete das gefrohrne Blut in des Marbods
Adern auf / dass er mit einem mächtigen Heer von Marckmännern / Hermundurern /
Sedusiern / Bruckterern /Lygiern / Gotonen und dergleichen Völckern / in die
Gräntze der Langobarden einfiel / des festen Fürsatzes / entweder alles / was er
jemahls gehabt / wieder zu gewinnen / oder alles zu verlieren. Er eilete nach
aller Möglichkeit / über den Havelstrom aufs geschwindeste zu gehn / damit der
Feind keinen andern Zeitungsbringer von seiner Ankunft haben möchte /als sein
Feuer und Schwerdt. Allein der kluge Herrmañ hatte dieses längst vermutet.
Dannenhero war diesseits das Ufer mit sechs tausend Langobarden stets besetzt
geblieben / welche etliche Tage den Marbod über den Fluss zu kommen abhielten /
endlich aber weichen / und sich auf den mit acht tausend Semnonern / fünff
tausend Cheruskern und drei tausend Langobarden ihnen zu Hülffe eilenden
Feld-Herrn zurück ziehen mussten; worauff denn Marbod sein Lager schlug / und zur
Schlacht Anstalt machte / welche aber nicht so bald geschehen konnte / dass nicht
unterdessen so wohl der junge Gottwald mit tausend Cheruskern / als auch Iubil
mit drei tausend Hermundurern sich mit dem Feld-Herrn vereinigt hätten / also
dass dieser sechs und zwantzig tausend wohlversuchte Soldaten gegen des Marbods
seine viertzig tausend ins Feld stellen konnte.
    Er ermunterte sie zur Tapfferkeit mit dieser Rede: Auf! Auf! ihr
unüberwindlichen Deutschen! folget /wohin euch das Glück ruft; und befestigt
durch die Uberwindung dieses inheimischen Feindes eure ehemahligen Siege wider
die auswärtigen Feinde des deutschen Reiches. Wie lange ists / dass ihr denen
mächtigen Römern eure Freiheit und ihre selbsteigenen Waffen aus denen Händen
wundet? wie lange ists / dass so viel Legionen durch den Blitz eurer Schwerter
entweder erschlagen / oder dermassen geblendet wurden / dass sie sich in die
Sümpffe und Moräste verkrochen und ihre Sicherheit in ihrem gewissen Verderben
suchen mussten? Solte denn Marbod mehr Kraft / mehr Hertz / mehr Glück / als die
Römer haben? Marbod / (sage ich /) der sich besser mit der Flucht als der
Schlacht behelffen kann / und niemahls /als durch List und Verräterei /
obgesieget hat? Dass er auch vor denen Römern sicher ist / hat er nicht seinen
Waffen / sondern seiner Kleinmut und denen finstern Schlupflöchern des
Hercynischen Waldes zu dancken. Denn ehe jene sich wagen wollten / ihn darinnen
aufzusuchen / willigten sie lieber / auf sein inständiges bitten / in das
vorgeschlagene Bündnis und spareten desto williger ihr Blut / weil sie den
verzagten Marbod ohne Blutvergiessen aus einem freien Könige / zu ihrem
Leibeigenen machen konten. Wohlan denn / ihr tapffern Brüder! greifft diesen
Verräter des Vaterlandes mit solchem Mut und Glück an / als ehmahls den
Qvintilius Varus; und seid versichert / dass Marbod noch mehr als jener verdienet
/unser Feind zu sein / seine Uberwindung auch uns mehr Ehre / Beute und
Sicherheit / als die Niederlage jener drei Legionen / bringen wird.
    Mit dem letzten Wort gab er das Zeichen zur Schlacht / da denn das ganze
Heer mit Zusammenschlagung derer Schilde und einem grausamen Geschrei ihre
Willigkeit zu fechten bezeugete. Marbod hatte gleichermassen den Seinen mit
diesen Worten ein Hertz eingeredet: Recht so! Meine lieben Getreuen! Euer
unverzagter Mut ist des höchsten Lobes würdig / mit welchem ihr mir eurem
sorgfältigen Landes-Vater Beistand leistet / seine ungeratene Kinder wieder zum
Gehorsam zu bringen und von dem Joch des betrüglichen Cheruskers zu erlösen. Die
Mühe wird nicht gar gross sein / weil wir fast zwei oder drei Mann einem entgegen
setzen können / und jeder unter euch ihrer zehnen unter jenen an Hertz und
Erfahrenheit überlegen ist. Wahr ists: Herrmann hat ehmahls drei Römische
Legionen aus dem Felde geschlagen / und er bildet sich ohne Zweiffel mehr
hierauf ein / als weñ er den Himmel gestürmt und erobert hätte. Aber o des
elenden Sieges! Hätte er nicht durch vielfältigen Meineid de Quintilius Varus
eingeschläffet / so würde der ohnmächtige Zaunkönig denen Krallen derer
Römischen Adler ihre Beute schwerlich entrissen haben. Einen schlaffenden Löwen
kann auch wohl ein Kind / einen schlaffenden Crocodil eine Maus / und einen
schlaffenden Varus der kindische und furchtsame Herrmann umbbringen. Und ach!
wie viel Blut hat dieser unzeitige Sieg das arme Deutschland gekostet! Wäre
dieser nicht erlangt worden /Tanfanens Heiligtum stünde noch / Mattium wäre
nicht verbrant / die Länder derer Sicambern / Chaucen / Marsen / Bruckterer /
Friesen / ja der Catten und Cherusker selbst / wären nicht biss auf den Grund
verwüstet und verheeret worden. Aber so gehts / wenn man einem jungen närrischen
Phaeton den Sonnen-Wagen und einem naseweisen Herrman Deutschland zu regieren
anvertrauet. Seine eigene Gemahlin und Sohn müssen seinen Frevel in der
Römischen Gefängnis noch diese Stunde büssen / uñ ich fürchte / ganz Deutschland
dürffte endlich erfahren / dass der / den sie bisher wie eine Sonne verehret /
ein schädlicher Schwantzstern gewesen sei. Hingegen seht hier den
unvergleichlichen Ingviomer / dessen weiser Rat und tapffere Faust dem
tummkühnen Herrmann alle seine Siege zu wege / aber lauter Undanck zum Lohne
davon gebracht hat. Unter einem solchen Mann dürffet ihr euch nicht schämen zu
fechten / ob euch gleich sonst der Sieg wider den Herrmann verächtlich düncken
möchte / der ehe ein Ehemann worden / ehe er recht zum Manne geworden / und
seine Kräffte der Venus allbereit aufgeopffert hat / da er kaum die Erstlinge
davon dem Krieges-Gotte dargebracht hatte. Mich selbst will ich nicht rühmen.
Der todte Briton /Gottwald / Dietmar / Critasir / mögen aus dem Staube vor mich
das Wort reden. Doch bedünckt mich / dieses sei eine von meinen glückseligsten
Begebenheiten / da Tiberius mit zwölff ganzen Legionen meine Gräntze zwar
angefochten / aber so wenig ausgerichtet hat / dass er einen für uns sehr
vorteilhaften Frieden eingehen müssen. Und dem Himmel und eurer Tapfferkeit sei
Danck / dass es in unseren Händen stehet / ob wir wollen einen neuen Krieg denen
Römern anbieten / oder Ruhe und Friede ohne Blut und Brand von ihnen annehmen.
Allein was brauchts viel Worte? Folget mir / eurem ietzigen / und dem
grossmütigen Bructerischen Hertzog / eurem zukünftigen Könige /zur Schlacht /
oder besser zu sagen / zum Siege!
    Das Ende dieser Rede kunte man vor dem Schall der Paucken / Krumbhörner und
messingen Töpffe nicht hören / welcher denn durch ein wüstes Feldgeschrei
verdoppelt ward. Das Haupt-Heer führte Marbod selbst / den rechten Flügel
Ingviomer / den lincken der Graff von Steinfurt.
    Bei denen Cheruskern hatte das mittelste Heer den Feld-Herrn Herrmañ / der
rechte Flügel den Hertzog Jubil / der lincke aber den alten wohlversuchten
Helden / den Grafen von Nassau / zum Haupt und Anführer. Die Schlacht war so
hitzig und so blutig / dass die vielfältigen Sümpffe und Lachen / die hier und
dar auf der Wahlstatt waren / fast mehr Blut als Wasser in sich hielten.
Ingviomer machte anfänglich dem Nassau überaus viel zu tun. Weil aber seine
Völcker mehrenteils Hermundurer und Gotonen waren / verliessen sie ihn nach
und nach / also dass es dem Nassau ein leichtes war / durch diese Lücken in des
Feindes Flügel einzubrechen / und nachdem derselbe sich über die zehenmahl
wieder in Ordnung gesetzet hatte / ihn gäntzlich aus dem Felde zu schlagen. Es
wäre auch solches vielleicht noch nicht geschehen / wenn nicht Ingviomer selbst
durch den Schweinitz am rechten Arm verwundet / bald hierauf mit dem unter ihm
von Ritter Tschirnhausen erstochenen Pferde gestürtzet wäre; worauf denn mehr
als viertzig von seinen Grafen und Edelleuten das Leben einbüsseten / indem sie
verwehrten / dass Schweinitz und Tschirnhausen ihren Sieg an dem auf der Erde
liegenden Fürsten nicht vollenden konten. Ingviomer kam hiermit wieder zu
Pferde; weil aber seine Völcker / über dem falschen Geschrei von dem Verlust
ihres Hauptes / die Flucht ergriffen hatten / musste auch er / er mochte wollen
oder nicht / jenen nachfolgen.
    Hingegen hatte der Graf von Steinfurt grosse Ehre wider den Jubil
eingelegt; denn weil der Oberste derer unter dem Hermundurischen Hertzog
fechtenden Langobarden / Fürstenberg / welcher den ersten Angriff tun sollte /
ein heimlich Verständnis mit jenem hatte / wiche er ohne alle Not nach geringen
Widerstande zurücke / und brachte damit Furcht und Schrecken in den ganzen
Flügel. Der unverzagte Gardeleben entsetzte ihn zwar mit grosser
Hertzhaftigkeit; Allein das Glück hatte einmal den Hang zu denen Marckmännern
bekommen / und dannenhero ob sich gleich Jubil den ganzen Tag mit unsäglicher
Mühe wehrete und über sechs Wunden aufzuweisen / vier Pferde aber unter dem
Leibe verloren hatte / musste er doch endlich das Feld räumen.
    Unterdessen war Britomartes der Bastarnische Fürst / dem König Marbod einige
von seinen Völckern untergeben und die Ehre des ersten Angriffes vergönnet hatte
/ mit dem Gotonischen Fürsten Gottwald und seinen Cheruskern ins Handgemänge
geraten; und nachdem dieser durch den Grafen von Steinau mit einigen Semnonern
/ jener durch den Sarmatischen Fürsten Bolessla mit Sedusiern und Harudern
verstärckt worden war / ging der Streit so heftig an /dass man über die
Tapfferkeit aller vier Helden sich nicht genug verwundern konnte; ungeachtet die
Verwirrung der Schlacht keinem eintzigen Menschen verstattete / alle Taten
eines iedweden in acht zu nehmen. Hermann hatte bisher mit Raten und Befehlen
das Amt eines Feldherrn verwaltet; nunmehr aber dachte er selbst mit dem Degen
in der Faust in Marbods Heer einzubrechen / umb vielleicht denselben hiermit in
Zweikampff zu bringen / und durch seine Niederlage dem Kriege ein Ende zu
machen. Allein /weil dessen rechter Flügel gäntzlich geschlagen war /der lincke
aber / der den Jubil bisher so herumb getrieben hatte / durch den Cheruskischen
Entsatz wieder zurück zu weichen genötiget ward / als liess dieser König / über
alles Vermuten des Feindes / zum Abzuge blasen / und zoge sich auf die unferne
von der Wahlstatt liegende Hügel / jedoch fechtend und mit so guter Art / dass
die Cherusker / aus Furcht eines Hinterhalts / zu folgen sich nicht getraueten.
    Diese kleinmütige Flucht verdross den Britomartes und Bolessla so sehr / dass
sie deswegen / doch mit aller Höffligkeit / den Marbod zur Rede setzeten / so
bald sie im Lager zusammen kamen. Aber er antwortete ihnen gar nicht nach ihrem
Sinne / der auf die hertzhafte Fortsetzung der Schlacht gerichtet war; sondern
gab unter andern vor / er hätte solches tun müssen / weil er sonst die übrigen
seines rechten Flügels nicht wieder an sich ziehen / noch auch den lincken
Flügel verhindern können / sich allzu weit von dem mitteln Heer zu entfernen /
und dass endlich nicht sie / sondern er / als Herr und Haupt aller dieser Völcker
/ am besten wissen müste / ob er seine getreuen Schafe / umb etliche räudige
unter seine Heerde wieder zu bringen / auf die Schlachtbanck liefern sollen
/oder nicht. Weil er nun dieses mit einer sehr verächtlichen Art verbrachte /
auch sich immer mürrischer vernehmen liess / ie höfflicher die vernünftigen
Gegeneinwürffe der beiden Fürsten waren; begehrten sie beiderseits ihre
Erlassung / welche Marbod ihnen auch stehendes Fusses gab / und sie mit ihren
eigenen Sarmatisch- und Bastarnischen Edelleuten nebenst einer kaltsinnigen
Dancksagung für ihren bisherigen Beistand / ihres Weges ziehen liess: Alldieweil
er vermeinte / man würde eine handvoll Volckes unter so viel tausenden nicht
vermissen. Aber er bedachte nicht / dass es mehr schadete eine so genante
handvoll Helden / als noch so viel tausend gemeine Knechte verlieren. Ihr Abzug
machte ein grausames Gemürmel und eine fast tödtliche Furcht in dem ganzen
Lager /dessen Würckung erst folgenden morgen zu sehen war / indem alle Gotonen
und Sedusier / ja etliche vornehme Marckmänner zu Herrmannen und Gottwalden /
alle Hermundurer aber zum Jubil / durch Hülffe der dunckeln Nacht / übergegangen
waren. Hatte nun Marbods Lager zuvor das Ansehen einer volckreichen Stadt gehabt
/ so ward es ietzo zu einer Wüste / in welcher er sich länger zu bleiben
fürchtete / dannenhero über Hals und Kopff in sein Marckmännisches Gebiet die
Flucht nahme / und damit dem grossen Herrmann den völligen Besitz der
Semnonischen und Langobardischen Lande einräumte und überliesse.
    Zu Maroboduum traff er den gefährlichverwundeten auf dem Bette liegenden
Ingviomer in der Gesellschaft seiner höchst-bekümmerten Gemahlin an. Welche /
als sie den unvergnügten Abschied derer Sarmatisch- und Bastarnischen
Erb-Fürsten vernahm /höchlich erschrack / und weil Ingviomer wegen seines
Wund-Fiebers nicht reden konnte oder durffte / selbst Gelegenheit nahm / ihren
Vater / den Marbod / also ungefehr anzureden: Ich weiss nicht / gnädigster Herr
und Vater / warumb mich die Wegreise des Britomartes und Bolessla so sehr
betrübet; Ungeachtet der Schmertz über die heftige Kranckheit meines
allerliebsten Gemahls mein Gemüte dermassen angefüllet hat / dass es fast
unmöglich scheinen sollte / dass ein anderer Kummer noch einigen Raum darinnen
finden könnte. Allein / wahrhaftig! der Verlust zweier so teuren Helden und
zweier so treuer Freunde unsers Hauses ist noch wohl einer ungemeinen
Empfindligkeit wert. Deñ ein Freund ist ein lebendiger Schatz /der lange
gesucht / aber selten gefunden wird / und sehr sorgfältig bewahret werden muss.
Niemand in der Welt ist so reich / so hoch / so mächtig / der nicht Freunde
bedürffte. Sonderlich aber sind solche Freunde nicht leichtlich vor den Kopff zu
stossen / die uns mit ihrer Gunst nützen / mit ihrer Ungunst schaden können. Nun
aber ist die kluge Erfahrenheit / der kühne Mut / die tapffere Faust des
Bolessla und Britomartes es nicht allein / was wir hoch zu achten hatten /
sondern ihre volckreichen Länder hätten zugleich auf allen Notfall uns so wohl
streitbare Hülffs-Völcker / als auch einen sichern Auffentalt und Freistatt
geben können. Dahingegen nunmehr der vorige köstliche Wein in desto schärffern
Essig / ihre ehemahlige dienstfertige Gunst in desto unversöhnlichern Hass sich
verwandeln möchte. Alldieweil auch keine Funcke Feuer so klein ist / die nicht
einen ganzen Palast anzünden könnte / wenn man sie nicht wohl verwahret; oder
kein Mensch so ohnmächtig / dass er nicht seinem Beleidiger einigen Schaden
wieder antun könnte: was soll ich denn von zwei so grossen Fürsten sagen / oder
fürchten? Zu geschweigen / dass alle benachbarten Höfe sich vor unserer
Freundschaft hüten dürfften / wenn sie aus diesem Exempel die Folge machen
wollten / dass wir angebotene Dienste zu unserm Nutzen von iederman willig
annehmen / einen wolverdienten Freund aber durch gebührende Bescheidenheit und
danckbare Erkentlichkeit zu erhalten unbemühet wären.
    Marbod antwortete: Ich weiss wohl Freunde zu erhalten; allein sie müssen meine
Freunde bleiben / nicht meine Herren werden. Denn was hilfft michs / ob diese
beiden Frembdlinge verhindern / dass ich nicht unter Herrmañs Joch gerate / wenn
sie selbst meinen Willen beherschen wollen? O! nein! Ich bin viel zu alt / als
dass ich diesen unbärtigen Jünglingen / meine Lehr- und Zuchtmeister zu sein /
verstatten sollte. Gnädigster Herr und Vater! (wandte Adelgund ein) Eure Majestät
vergeben / dass ich bitte / diese tapffern Fürsten wegen ihrer unbärtigen Jugend
nicht zu verachten / nachdem man die Helden nicht nach denen Bärten ausmässen /
sondern nach ihren Taten schätzen muss. Ich kann aber keines weges begreiffen /
warumb eure Majestät die ohne Zweiffel wohlgemeinte Erinnerung dieser so
höfflichen und vernünftigen Fürsten so gar übel ausdeuten. Gesetzt auch / sie
hätten ein wenig zu frei und scharff geredet / pflegt man denn eine Biene
deswegen wegzujagen / weil sie einen Stachel führt / und nicht vielmehr an sich
zu locken / weil sie mit ihrem Honig uns nützen kann? Wer von einem Freunde seine
aufrichtige Meinung ohne alle Heuchelei hören kann / und doch die Freiheit behält
das zu tun / was ihn seine eigene Vernunft lehren wird / der ist der
glückseeligste auf Erden. Denn iedweder Sterblicher braucht ja so wohl jemand /
die Fehler seines Gemüts / als einen Spiegel / die Flecken seines Angesichtes /
zu erkennen. Man lass auch sein / dass der Freund uns dieses mahl zur Ungebühr
einrede: vielleicht trifft ers ein ander mahl besser. Und damit er nicht alsdenn
schweige / muss man ihm auch ietzo gedultig Gehöre geben. Ist doch eine
freundliche Erinnerung nur ein Rat / nicht ein Befehl: kein König aber ist so
gross / dass er sich einen Rat anzunehmen schämen dürffte. Und ich kenne die Art
dieser unvergleichlichen Fürsten allzu wohl / als dass ich vermuten sollte / dass
sie ihre Einrede vor ein unverbrüchlich Gesetz / keines weges aber vor ein
unvorgreifflich Gutachten / ausgegeben hätten. Wir haben ja Heuchler gnug an
unserm Hofe / die eben so leicht Worte finden unsern grösten Fehler / als wie
jene Griechen / die Fliegen / Fieber und Glatzen / zu lobon. Allein was sind
wirs gebessert / wenn wir uns gleich die süsse Einbildung beibringen lassen /
wir könten so wenig / als Götter / irren? Wir verlieben uns hiermit in unsere
alte Mängel / an statt dass wir selbige abschaffen sollten. Diese unglückliche
Eigen-Liebe heckt hernachmahls unzählige Missgeburten /sonderlich Spott bei der
klugen Welt / bei uns aber eine allzuspäte Reue.
    Liebste Adelgund! (versetzte der König /) ihr seid allzu kleinmütig! Das
hoffe ich nimmermehr zu erleben / dass ich ausser meinem Reiche zu einigen
Menschen Zuflucht nehmen müste. Am allerwenigsten aber soll es in Sarmatien oder
Bastarnien geschehen. Der Römische Botschafter / Vellejus Paterculus /hat mich
tausendmahl versichert / dass die ganze Macht des unüberwindlichen Roms mir /
als dessen treuesten Bundesgenossen / im Fall der Not zu Dienst stehe.
Dannenhero will ich ehest Römische Legionen gnug in meinem Lande haben / wenn
ich nur den Käyser darumb gebührend begrüssen will. Ach! gnädigster Herr und
Vater! (erwiederte Adelgund /) Wolte der Himmel / dass wir so gar sicher zu sein
Ursach hätten / als eure Majestät sich einbilden. Unser Reich ist ein grosser
Leib von vielen Gliedern. Der kalte Brand hat etliche von diesen schon
gefressen: Wer weiss / ob er nicht weiter umb sich greiffen möchte? Wir wären
warlich nicht die ersten in der Welt /die den Unbestand des Glücks erfahren
hätten. Wer würde es dem Briton gesagt haben / dass er den Kopff auf dem Block
unter dem Beil verlieren sollte? Wie will man doch unter dem wandelbaren Mond was
unwandelbares finden? Die schönste Morgenröte bringt mehrenteils einen trüben
Tag; und ein glücklicher Anfang im Regiment nimt öffters ein unglückliches Ende.
Wohl dem / der zu beiden geschickt ist / und weder wegen eines ungewissen
zukünftigen Unglücks sich vor der Zeit härmet / noch auch dasselbe aus
allzugrosser Vermessenheit vor eine unmögliche Sache hält! Solte aber nun
einiger menschlicher Zufall auch über uns verhänget sein / ich fürchte / es
möchte alsdenn mit unsern Freunden wie mit denen Arabischen Ziphern gehe; da man
etwan nur eine eins oder zwei weg tun mag / so sind alle die nachfolgenden
/obgleich unzähligen / Nullen nichts nütze. Es wäre uns demnach gar gut / wenn
wir nicht nur den Britomartes und Bolessla / sondern auch noch mehr ihres
gleichen zu Freunden hätten / damit wir auf den unverhofften Notfall desto ehe
die Wahl hätten / und /wo einer nichts von uns wissen wollte / bei dem andern
Hülffe fänden. Dass aber eure Majestät so grosse Hoffnung auf die Römer setzen /
muss ich mir so gefallen lassen. Gleichwohl haben sich Tiberius und Paterculus
schon mehr als zu viel verraten / dass ihnen gute Worte nicht sauer ankomen /
und das Heucheln und Betrügen ihr ordentlich Handwerck sei. Ich habe neulichst
ein eintzig stück von einer Römischen Historien gesehen / so Paterculus zu
schreiben willens ist. Warhaftig fast mehr Schmeicheleien gegen den Käyser und
den Sejan / als Worte waren drinnen entalten! So er nun sich nicht für einen
Schimpff hält /durch Papier / Feder und Tinte seine Unwarheiten der Welt bekant
und sich verbindlich zu machen / selbige jederzeit zu vertädigen; wie sollte er
uns nicht geschmierte Worte ohne Bedencken geben / nachdem dieselben
verschwunden / so bald er sie gesprochen hat / und wir demnach sie ihm
nimmermehr wieder vor Augen legen können / wenn ers nicht mehr vor nötig hielte
/ zu gestehn / dass er dergleichen geredt hätte. Sagte doch unlängst ein kluger
Mann / Abgesandten wären solche Leute / die an andere Höffe hingeschickt würden
/ umb daselbst eine Zeitlang zum Nutzen ihrer Herren zu liegen; da denn die
Aussprache des letzten Wortes so zweiffelhaftig klunge / dass man nicht wusste /
ob er liegen oder lügen sagen wollte. Ich halte / diese Beschreibung dürffte an
unserm Vellejus am gewissesten eintreffen. Jedoch der Himmel verhüte / dass wir
weder bei ihm / noch bei seinem Herrn / Schutz und Hülffe zu suchen genötiget
werden!
    Marbod bedachte sich hierauf ein wenig; endlich sprach er: wir müssen uns in
die Zeit schicken; auch /weil wir noch mächtig sind die Römer zu Hülffe ruffen /
und in ein festes Kriegs-Verbündnüss wider unsere Feinde verwickeln. Denn bei
unserm jetzigen Zustande lassen sie es wohl bleiben / dass sie sich unserer
Freundschaft gäntzlich entschlagen sollten / welches ehe geschehen möchte / wenn
wir ganz und gar von Land und Leuten verstossen wären. Und demnach werden wir
desto weniger das zu befürchten haben /was euch / geliebtste Tochter / so
furchtsam machet. Hiermit ging er aus dem Zimmer / und lase unter seinen
Rittern den Kulenburg und Tannenberg zu Abgesandten nach Rom aus. Selbige mussten
selbdreissig des Tages hernach aufbrechen und kahmen endlich den Nachmittag vor
Rom an / an welchem Rhemetalces nach Tracien abgereiset war.
    Weil sie nun umb Beschleunigung der Verhör Ansuchung tun liessen / wurden
sie folgenden Tages auf das Capitolium durch den Sallustius gehohlet / da sie
denn dem Käyser und Römischen Rat des Marbods Schreiben übergaben / in welchen
er ümb eine Vereinigung der Römischen Waffen mit denen Seinigen wider die
Cherusker anhielt. Sie wurden darauf mit aller Höfflichkeit wieder aufs Marsfeld
gebracht. Zwei Tage hernach erhielten sie die Abschieds-Verhör / welche aber
ihnen zu schlechten Trost gereichte. Denn sie empfingen diese so münd- als
schrifftliche Antwort: König Marbod fordere unbillig einigen Beistand von denen
Römischen Waffen wider die Cherusker / nicht allein / weil die Römer nur
neuligst einen beständigen Frieden mit diesen geschlossen /sondern auch weil er
denen Römern seinen wircklichen Beistand versaget hätte / da sie annoch mit
denen Cheruskern in einen so schweren Krieg verwickelt gewesen wären / und ihn
durch ihren Gesandten /den Servilius / ersuchen lassen / ihre Freunde und Feinde
auch für die Seinigen zu halten. Jedennoch aber wollten sie seinen Feinden wider
ihn nicht behülfflich sein; Vielmehr sollte des Käysers Sohn Drusus in Illyricum
ehester Tage abreisen / und nicht zwar mit denen Waffen / doch mit
nachdrücklichen Zureden / den Frieden in ganz Deutschland zu vorigem Stand
wieder bringen.
    Die armen Marckmännischen Gesandten mussten mit einer so schlechten
Verrichtung ihres Weges wieder fort ziehen / und hatten keinen andern Nutz / als
dass sie draus lernen kunken / dass wer auf Menschen sein Vertrauen setzet / der
baue ein Schloss auf einen Hauffen Schnee / oder auf einen gefrohrnen Strohm.
Denn / so lange man keine Hülffe bedarff / ist iederman darzu willig und
erbötig; So bald aber die Not an Mann geht / so sind die vorigen Freunde
schwerlich zu erhalten / und gebrauchen sich ihres höhern und bessern Zustandes
mehr zu unsern Schaden / als Nutzen; gleich wie etwan Qvecksilber / wenn es ein
wenig Hitze ausstehen soll / davon und in die Höhe fleucht / in der Höhe aber
zum schädlichsten Gift wird.
    Diese öffentlichen Feinde des deutschen Feld-Herrn Herrmanns waren kaum aus
Rom hinweg / als Schreiben von einem seiner heimtückischen Feinde ankamen /
welche der Käyser bei der ersten Rats-Versamlung durch den Bürgermeister
Cäcilius nachfolgender massen ablesen liess:
An den Unüberwindlichen Claudius Tiberius Nero /Römischen Käyser / Beherrschern
                                   der Welt.
    Nachdem Eurer Käyserlichen Majestät an denen Cheruskischen / Cattischen und
Marckmännischen Höfen einige geringe / doch treue und vielleicht nicht
unnützliche Dienste zu leisten / ich ehemahls das Glück gehabt; als wird
verhoffentlich mein Nahme nicht so unglücklich sein / dass er dero
allergnädigsten Andencken gäntzlich entfallen wäre. Ich gehe jetzund in der Irre
in meinem Vater-Land; und lebe zwar in Deutschland / doch so / dass ich diesem
ganz abgestorben / und hingegen mein Leben allein nach Eurer Käyserlichen
Majestät allergnädigsten Belieben anzuwenden oder aufzuopffern erbötig bin. Dass
ich ehemahls dem Cheruskischen Hertzog das Leben mit Gefahr meines Lebens
gerettet / damit hab ich keine Gunst bei denen Deutschen / und lauter Hass bei
denen Römern verdienet. Solchen Fehler an beiden Orten zu verbessern / bin ich
des Vorsatzes / diesem Undanckbahren das ehemahls-gerettete Leben zu nehmen /
und damit Rom von einem gefährlichen Feinde / Deutschland von einem ehrsüchtigen
Tyrannen / die Welt von einem unruhigen Friedensstöhrer zu befreien. Mit dem
Degen in der Faust will sich die Sache nicht tun lassen; massen Herrmann
niemahls ohne starcke Leib-Wacht ist: Gift aber scheinet das kürtzste und
sicherste Mittel zu sein. Jedoch / weil dergleichen in unsern Landen nicht
zubereitet wird /werden Eure Käyserliche Majestät so viel / als zu einer so
wichtigen und heilsamen Unterfahung nötig ist / zu übermachen allergnädigst
geruhen / übrigens aber dero untertänigsten Diener ihrem mächtigen Schutze und
Beförderung aufs beste empfohlen sein lassen.
                                                                    Adgandester.
    Nicht wenig unter den Rats-Herren dachten dem Blutdürstigen Tiberius zu
heucheln / und fingen an /diesen Vorschlag des Cattischen Fürstens Adgandesters
mit vielen Worten gut zu heissen. Allein sie änderten gar bald die Sprache / als
der Käyser ihre Stimmen mit dieser Rede unterbrach: Es braucht nicht gross
Nachsinnens / ihr edlen Väter unsers Reichs /was wir antworten sollen? Rom darf
nicht mit List oder Meuchelmord seine Feinde überwinden; Es hat Macht und Mut
genug / mit den Waffen in der Hand und im freien Felde es zu tun. Die Deutschen
sollen nimmermehr uns nachsagen können / dass ihr so gerühmter Grubenbrand /
ehemahliger Hertzog derer Sicambrer / uns an Tugend übertroffen / in dem er
seinen Feind / den Gallischen Feld-Herrn Turranius für dem Meuchel-Mörder
gewarnet / der ihm angeboten hatte / jenen nieder zu machen. Der sterbende
Hannibal beschwerete sich zwar / dass die Römer die Sitten ihrer löblichen
Vor-Eltern verlernet hätten / welche ihren offenbahren Feind / den König in
Epiro / Pyrrhus / vor seinen Leib-Artzt gewarnet / als ihn dieser /denen Römern
zu Dienst / mit Gift hinrichten wollte. Aber das sei ferne! Diese Redligkeit ist
auch uns angeerbt. Adgandester mag seine Dienste zum Gifftmischen anbieten / wo
er will und kann! Bei uns soll er damit schlechten Danck verdienen!
    Es ward demnach eine Antwort von gleichem Inhalt verfertiget / Adgandesters
Schreiben deroselben beigelegt / und nebenst einem Umbschlag an den Hertzog der
Catten Arpus abgeschickt / nebenst freundlicher Bitte / Inschluss an seinen
Vetter zu befördern / weil man zu Rom dessen Auffentalt nicht wüste. Wobei denn
Tiberius hoffte / Arpus würde diesen an seinen ärgsten Feind haltenden und
demnach sehr verdächtigen Brief eröffnen / dadurch eine grosse Einbildung von
der Redligkeit derer Römer überkommen und desto ehe zu rechter Zeit betrogen
werden können. Adgandesters Boten aber hatte Sejanus / auf Gutbefinden des
scheinheiligen Käysers / in seinen Palast verborgener Weise aufgenomen / gab ihm
auch ein starckes / doch langsam-tödtend- und rasendmachendes Gift / nebenst
mündlicher Versicherung / dass der Käyser zwar nicht den Nahmen haben wollte / als
ob er durch Gift sich von seinen Feinde befreien müste / jedennoch würde es ihm
kein geringer Dienst sein / wenn Adgandester seinen guten Vorsatz zu Wercke
richtete und aller selbst-verlangten Belohnung davor gewärtig wäre. Der Bote /
(welches eben der leichtfertige Druyde Luitbrand unter falschen Haar / Bart und
Kleidung war /) bate zwar um einigen schrifftlichen Schein / den er wegen seiner
Verrichtung dem Fürsten Adgandester auflegen könnte. Allein Sejanus dachte / eine
mündliche Antwort liess sich besser / als eine schrifftliche / läugnen / wenn es
allenfalls mit dem Bubenstück nicht wohl von statten gienge. Drumb antwortete er
/ das empfangene Gift wäre Scheins genug / er möchte nur je ehe / je lieber
fortreisen. Solchergestalt schämet sich die ruchlose Welt lasterhaft zu heissen
/ nicht aber lasterhaft zu sein / und achtet nicht / ob gleich das Gewissen sie
täglich ihrer Missetaten aufs schärfste erinnert /wenn nur niemand ihr solche
unter das Gesichte sagen darff.
    Mitler Zeit waren die dem Beroris und Dietrich nachgeschickten Soldaten
wieder ankommen / brachten aber an statt der flüchtigen Tussnelda die Nachricht
/ dass man sie nirgends hätte finden können. Diese Ungewissheit verdross den
Tiberius und Sejanus nicht so sehr / als die gottlose Sentia / welche daher
endlich bewogen ward / bei einer Zauberin nachzufragen / was es doch für eine
Beschaffenheit mit Tussneldens Flucht gehabt? Diese hielte sich ganz verborgen
in einem schlechten Hause bei dem Berge Cölius auf / und hatte nur vor weniger
Zeit sich verstohlener Weise daselbst wieder eingeschlichen /nachdem sie vor dem
Jahre wegen des Libo Verräterei aus Italien nebenst unzählich andern ihres
gleiche war verwiesen worden. Weil nun sie ihrer ehemahligen grossen Woltäterin
/ der Sentia / ihren Aufentält zu wissen getan / verfügte sich diese in
Mannes-Kleidern zu ihr / und bekam / nach vielen Gauckeleien der alten Hexe /
diese Schrifft in einem Spiegel zu sehn:
Der dir das Leben gab / befreite die vom Tod /
So dir verhasster ist / als alle Todes-Not.
Doch wird er deiner Nach' ein fettes Opffer geben:
Du machst den Urteils-Spruch; Tiber nimt ihm das Leben.
    Der Lügen-Geist redete hierinnen die Warheit. Denn als der Sentia Vater
Aelius Sentius Saturninus /auf Befehl des Käysers / die zum Todt verdammte Catta
ihrer Ehre berauben sollte / führete er sie zwar mit Gewalt in das Zimmer /
welches zu dieser Schandtat bestimmt war; So bald er aber sich bei ihr alleine
sah / sprach er: Sie sehen / gnädigste Fürstin / in was für einen Zustand wir
geraten / und wie uns nichts mehr frei stehe / als die Wahl / entweder
warhaftig / oder zum Schein zu sündigen. Unter diesen zwei Ubeln müssen wir das
Letzte erwählen. Denn wenn auch dieses uns zuwieder wäre / würde der tolle
Käyser uns alle beide auf andere Art etwas ärgers zu leiden sonder Zweiffel
nötigen. Dieses hatte er kaum gesagt / als er zu denen weissen seidenen Betten
trat /dieselbe unter einander warf / hernachmals sich oben in den hierzu
aufgestreifften lincken Arm mit dem Dolch stach / ein teil Bluts ins Bette
lauffen liess /die Wunde mit einem zarten Schweiss-Tuch verband /und zuletzt also
anfieng: Sie wollen / gnädigste Fürstin / dieses mein Verfahren nicht in
Ungnaden vermercken / nachdem es die äusserste Not erfordert /und selbiges zwar
den Käyser / jedoch nicht nur zu unsern / sondern auch zu seinem besten /
betriegen soll / massen er hierdurch gehindert wird / grössere Greueltaten an
uns beiden ausszuüben. Weil uns aber der Tyrann selbst zu dieser einsamen
Unterredung behülfflich gewesen / wollen wir uns deroselben auch recht
nutzbarlich gebrauchen.
    Sie beratschlagten sich hierauff / wie so wohl sie /als auch das sämtliche
Frauenzimmer / in Freiheit könnte gesetzet werden. Als sie nun deswegen einig
waren / vollzogen sie ihre Abrede folgender massen: Es hatte ehemahls Saturninus
dem gefangenen und leibeigenen Griechen Aristides / wegen seines sonderbaren
Verstandes in Hausshaltungs-Sachen / bei dem Käyser den Hut eines Freigelassenen
und das Amt eines Kellermeisters über etliche von seinen Lustäusern zuwege
gebracht. Wegen dieser Verbindligkeit gedachte er jenen mit grossen Geschencken
und noch grössern Versprechen zu gewinnen / dass er / wenn er der Wacht und
andern Haussgenossen zur Abendmahlzeit / wie bissweilen geschahe / Wein austeilen
würde / einen sehr wohlschmeckenden mit Allraunwurtzel oder Mahsafft zu einem
starcken Schlafftrunck machen möchte. Diss ging glücklich an. Aristides
versprach dem Saturninus / in Tussneldens Dienst zu treten / weil es ihm ohnedem
in die Länge beschwerlich fiele / einem Tyrannen zu dienen / bei dem er keinen
Augenblick seines Lebens sicher wäre. Weil nun über dieses der tobende Käyser
eine Triumph-Mahlzeit / dem Saturninus zu Spott / hielte /gab es desto weniger
Verdacht / dass alles / was im Haus war / so viel Wein zu sauffen bekam / als es
begehrte. Jederman kostete den guten Wein / und kunte dessen nicht satt werden /
biss endlich einer nach dem andern wider sein Vermuten in einen tieffen / ja
mancher aus dem natürlichen in den ewigen Schlaff fiel; massen die
einschläffenden Artzeneien zu Gift werden / wenn man darvon mehr zu sich nimt /
als die Natur ertragen kann. Saturninus selbst / allen Verdacht zu meiden /
tranck so viel / als er zu einem mässigen Schlaff nötig hatte / stellete sich
aber am allerersten schlafftruncken. Inzwischen hatte Aristides / durch die vom
Saturninus empfangene Haupt-Schlüssel /Tussneldens Gemach aufgeschlossen / wobei
er zugleich sie bate / kein gross Geräusche zu machen /weil er sie in ihre
Freiheit zu versetzen willens wäre. Er bracht ihr zum Wahrzeichen des Saturninus
Schreib-Taffel / in welche Catta mit eigener Hand dieses geschrieben hatte:
Glaubt diesem Freigelassenen / der uns aus freien Fürstinnen zu seinen
    Freigelassenen machen will.
                                                                          Catta.
    Er führte hiemit Tussnelden / Ismenen / Rhamis /Clotilden / und die Gräfin
von Nassau in ein nahe dabei gelegenes Gemach / in welchem männliche und
weibliche Kleidungen und Waffen / nach Art unterschiedener Völcker in der Welt /
in grosser Menge lagen / und wenn es dem Käyser beliebte / zu Täntzen und
Schauspielen gebrauchet wurden. Sie verwechselten hier ihre weibliche Teutsche
mit männlicher Römischer Kleidung / gürteten gute Schwerdter an die Seite / und
giengen hiernächst vor Cattens ihr Zimmer / bei welchem zwei Soldaten noch
wachten / die andern zwei aber hart und feste schlieffen. Wegen ihrer mäñlichen
Kleidung sah sie die Wacht anfänglich vor ihres gleichen an; so bald sie aber
näher kamen /und auf dieser ihr Zuruffen nicht antworten wollten /wurden
beiderseits die Schwerdter geblösset / uñ der eine Kriegsknecht von Tussnelden /
der andere von Ismenen niedergehauen. Ihr Geschrei war gleichwohl in der stillen
Nacht die Stiegen hinunter in das Haus gedrungen / dannenhero fünff noch
darunten wachende mit Ungestüm hinangelauffen kamen / aber von unsern Heldinnen
so tapffer empfangen wurden / dass sie ihre Wachsamkeit mit einem immerwährenden
Schlaffe büssen mussten. Hierauf ward das Gemach von Aristides geöffnet / und
Catta von Ismenen und der Gräfin von Nassau eiligst in männliche Tracht
umgekleidet; auch die obgedachten vier Brieffe an den Tiberius / Agrippina / und
Rhemetalces von Tussnelden / Clotildis und Catta geschrieben / und die völlige
Flucht vorgenommen; woran sie zwar noch zwei sich ermunternde Wächter hindern
wollten /aber zur Straffe in die andere Welt verwiesen wurden. Aristides legte
die Hauptschlüssel an einen gewissen Ort / den Saturninus wusste / und diente dem
flüchtigen Frauenzimmer zum Wegweiser.
    Dieses alles konnte die vertrackte Sentia aus denen in dem Zauber-Spiegel
gesehenen Reimen guten teils abnehmen / weswegen sie eine unversöhnlichen Hass
auf ihren leiblichen Vater warff und noch selbigen Tages Gelegenheit nahm / den
Käyser zu besuchen /ihm die Reimen zu erzählen und zu raten / dass er den
Saturnin auf die Folter sollte werffen lassen. Tiberius / ob ihm wohl sonst kein
Laster zu gross war / erstaunete nicht wenig / als er sah / dass dieses Weib ihm
an Bosheit überlegen sein wollte. Jedoch freuete er sich / dass er nun wusste / wen
er wegen Tussneldens Flucht zu besprechen / oder zu straffen befugt wäre. Daher
er auch weder der Sentia ihre Zauber-Händel verwiese / noch auch die Hexe zu
gebührender Straffe ziehen liess. Nichts destoweniger sah er wohl / dass er eine
so hochverdiente Rats-Person und ansehnlichen Kriegs-Helden auf das dunckele
Zeugnis einer Zauberin zur Marter oder Tode nicht verdammen könnte / wollte er
anders nicht den ganzen Rat / Soldaten und Pöbel ohne Not sich zu Feinden
machen. Drumb begehrte er / die Fürstin möchte nachdencken / ob man nicht den
Saturninus des Lasters der verletzten Majestät wahrscheinlich / ob gleich
fälschlich / beschuldigen und unter solchem Vorwand dem Gericht des Rats
übergeben könnte / da er denn wegen seines ziemlichen Alters die scharffe Frage
ohne Bekenntnis dessen / was man verlangte /schwerlich aushalten würde.
    Sie musste sich hiermit zu frieden geben und bald drauf Abschied nehmen.
Indem sie nun von dem Käyser aus seinem Gemach hinaus begleitet ward / stiesse
sie ungefehr mit dem Fuss wider ein zusammenegrolltes Pergament / welches sie
durch einen von ihren Dienern aufheben liess. Sie hatte aber kaum die erste Zeile
oder Uberschrifft dieses sehr klein und sauber geschriebenen Blates gelesen /
als sie zum Käyser heimlich sprach: Dieser Zettel entält in sich die
vornehmsten Taten Eurer Käyserlichen Majestät. Es wäre demnach unbillich / wenn
er mit Füssen sollte zertreten werden. Wollen Eure Majestät vergönnen /dass in
dero Zimmer wieder zu folgen / ich die Gnade habe / wäre ich bereit dero
höchstverdienten Lobspruch daselbst abzulesen / weil vielleicht Eure Käyserliche
Majestät / aus angebohrner übermässiger Bescheidenheit / selbst nicht wissen oder
im Gedächtnis halten / weswegen der ganze Parnassus auf dero Altar Weihrauch
aufzustreuen verpflichtet ist.
    Tiberius musste in diese Bitte aus Höffligkeit alsbald einwilligen. Nachdem
er nun die Fürstin neben sich in seinem Gemach an einen kleinen elffenbeinen
Tisch gesetzet hatte / fienge sie an zu lesen. Allein die andere Zeile des
ersten Gesetzes kam ihr gleich verdächtig vor / dass sie nach einem auf dem
Tische liegenden Messer grieff und die Schmähschrifft in Stücken zerschneiden
wollte. Der Käyser aber risse ihr das Pergament unverletzt aus der Hand; worauf
sie ihm zu Füssen fiel und seine Knie unter diesen Worten umbfassete: Ach!
allergnädigster Käyser! Ich bin des Todes schuldig / nachdem ich eine verfluchte
Lästerschrifft / als einen Lobspruch / vor dero Augen bringen dürffen. Aber
Tiberius hub sie mit aller Freundligkeit auf und sagte: Sie machen sich deswegen
keine Sorge / geehrteste Fürstin! Mir ist gnugsam bewust / dass sie unschuldig
sein. Unterdessen achte ich dergleichen Schmähungen so wenig als der Mond das
Anbellen der Hunde / oder die Sonne die Flüche derer Atlanten bei Cyrene / die
sie wegen ihrer durch übermässige Hitze verbranten Aecker täglich wider jene
ausschütten. Ich tue / was ich will / und lasse meine Feinde reden / was sie
wollen. Drumb so muss ich selber dieses Gedicht ablesen und sehen / ob was kluges
darinnen stecke:
             Vornehmste Taten des ruhmwürdigsten Käysers TIBERIUS.
                                       I.
                   Tiberius heiratet eines Käysers Tochter.
Es wird vielleicht Tiber noch einst auf dieser Erden
Ein neuer Jupiter / doch ohne Blitze / werden;
Es trifft sein Bildnis ja mit Hammons überein /
Weil Julia sein Haupt mit grössern Hörnern zieret /
Als Zevs in Libyen an beiden Schläffen führet:
So mag Rom Africa / Tiber der Hammon sein.
    Der Käyser setzte / nach Verlesung / nichts mehr /als dieses / hinzu: O
Torheit! was kann ein Mann davor / wenn seine Frau ihrer Ehre überdrüssig ist? Er
lase aber ferner fort / wie folget:
                                      II.
       Tiberius nimt den Sejan zum Gefährten seiner Reichs-Geschäffte an.
Was neues und nichts guts! Rom! schau doch und erzitter'!
Es wird dein Käyser nun aufs Alter gar zum Zwitter.
Er ist ein Herr der Welt / doch eines Knechtes Knecht.
Wohl! schmeiss den Knecht nur todt; so kriegt der Herr sein Recht.
    Ey (brach Tiberius ein /) das ist trefflich spitzsündig ausgesonnen! Man
will meiner als eines Käysers und so genanten Herrns der Welt verschonen /
jedennoch einen Meuchelmord an mir als einem vermeinten Knechte des Sejanus ohne
allen Scheu begehen. Wohl! ich muss es erwarten! Allein kennete ich diesen
Tichter / so sollten seine Poetischen Lorbern ihn vor den Blitz des
Hencker-Schwerdtes wenig schützen. Doch die herrlichen Erfindungen müssen noch
weiter durchgelesen werden.
                                      III.
Tiberius wollte aus kindlicher Liebe hertzlich gerne je ehe je lieber seine Frau
                               Mutter vergöttern.
Wer will vor Livien Verwandlungs-Bücher schreiben /
Und ihres Sohnes Ruhm denselben einverleiben?
Das Leben gab sie ihm; Er wüntscht sie zu begraben.
Verkehrt der Adler nun sich nicht in einen Raben?
    Warhaftig! (sagte der Käyser /) bei dir / du armer Bavius! wird der
Römische Adler zu keinem Raben werden / umb dir die Augen am Creutz auszuhacken!
Es tut dirs schon ein geringerer! Allein wollte der Himmel / dass ich dich kennen
möchte! ich wollte sicherlich durch dein eigen Exempel den Ort in deines Ovidius
Verwandlungs-Büchern trefflich erläutern /wo der ehrliche Orpheus von denen
Bacchen gesteinigt und zerfleischet wird. Zwar ich möchte wohl meiner Frau
Mutter Urteil wissen / ob sie mich auch vor einen undanckbaren Raben halte?
Doch lasts gut sein! Zeit hat Ehre! Last sehn! sie geht gleich mit der Jahrzahl.
Vielleicht sieht sie es noch dreissig Jahr mit an / so hat sie ihre hundert voll
und kann sich an denen hundert-jährigen Lustspielen besser als an ihrer
Vergötterung ergetzen. Gleichwohl weil ich höre / dass Liviens künftige
Vergötterung dem Römischen Volck ein solcher Dorn im Auge ist / so will ich
hiermit hoch und teuer geschworen haben / solche nimmermehr zuzugeben und also
diesen liederlichen Tichter zu überführen / dass seine Getichte blosse Gedichte
gewesen! Doch stille! die Hefen sind noch zum besten.
                                      IV.
Der ernstafte Tiberius schickt seinen Sohn Germanicus in den Armenischen Krieg
          und hält derer Römer Schätze mit guter Sparsamkeit zu rat.
Saturn herrscht nun in Rom! Tiber zeigt in Geberden
Saturnus Aehnligkeit!
Wie aber! will die Zeit
Nicht unter dem Saturn / wie vormahls / gülden werden?
Sein Gelddurst nimt uns Gold; sein Blutdurst gibt uns Eisen /
Er frisset Kinder auf und Rom mag Eicheln speisen.
    So! so! (beschlosse der Käyser /) nun sehe ich erst /woran es dem guten
Menschen mangelt. Er beklagt sich / dass er weder Geld / noch was gutes zu essen
oder zu trincken habe. Allein er mag sich trösten / dass die Armut mehrenteils
ein Zeichen eines guten Poeten sei / weil der Parnassus keine Gold- und
Silber-Bergwercke hat. Ein guter Wein ist sonsten zwar der Poeten Reitpferd; kann
er aber solchen nicht bezahlen /so mache er sich mit dem Pferdeharn lustig / ich
will sagen / mit der Hippocrene / die von seinem Pegasus entsprungen ist. Jedoch
ich muss nicht zu viel schertzen; sonst verliere ich die Ehre / Saturnus zu
heissen.
    Sentia hatte bisher in tieffen Gedancken gesessen /weil sie aus ihrem Kopff
/ gleich einer Spinnen / ein Netze weben musste / das ihren Vater zu fahen fest
genug wäre. Endlich rieff sie ganz freudig aus: Allergnädigster Käyser / nichts
ist so schlimm / das nicht zu etwas gut wäre. Kein Gift ist so schädlich / aus
welchem man nicht eine heilsame Artzenei machen könnte. Eben diese gifftige
Schmähe-Schrifft soll ein dienlich Mittel sein / Eure Käyserliche Majestät an
dero bosshaftesten Feinde glücklich zu rächen. Mein Gemahl zwinget mich /
übermorgen nach Teutschland zu reisen. Wolten nun Eure Käyserliche Majestät uns
beiden die Gnade erweisen / und uns nebenst meinem gewesenen Vater zum Frühstück
einladen / wollte ich diesem unter dem letzten Abschieds-Kuss diss Pergament in
seinen Ratsherrn-Rock unvermerckt stecken / da es denn entweder von sich selbst
heraus auf die Erde fallen wird / oder / wenn sich Saturninus nicht starck genug
bewegen sollte / könten Eure Majestät /unter dem Schein einer sonderbaren
Vertraulichkeit /ihn nötigen / sich des Bades zugleich mit Ihnen in ihrer
Palatinischen Grufft zu gebrauchen; da denn bei Ablegung der Kleider / das
Schand-Gedichte in Gegenwart aller Badebedienten sich bald gnug würde zeigen
müssen. Er muss hierauf entweder als Urheber oder als Mitwisser dieser
verräterischen Schrifft /sonderlich wegen des andern Gesetzes / des Lasters der
verletzten Majestät beschuldigt / auf die Folter gebracht / vor den Rat
gestellet und ohne Verzug / ehe einige Vorbitte vom Kriegs-Heer oder Pöbel
eingelegt werde / von dem Tarpejischen Felsen hinab gestürtzet werden. Ich
wünschte zwar selbst das Spiel mit an zu sehen; Allein mein Gemahl dringet / ich
weiss nicht /warumb / allzu sehr auf unsere Abreise / und wenn ich nicht rechten
Abschied nehme / so kann ich den schmähsüchtigen Bösewicht nicht lange genug in
meine Arme schlüssen / welches doch zu unserm grossen Anschlage allerdings
nötig ist.
    Tiberius konnte sich nicht genug über die unergründliche Bosheit dieses
arglistigen Weibes vesrwundern; liess sich aber doch die ganze Sache gefallen /
und sagte: Wohlan! Es sei also! Wir wollen uns die nötige Anstalt bestermassen
anbefohlen sein lassen. Saturnus / weil er keine Kinder zu fressen hat /wird nun
seine Rach-Begierde auffs eheste an dem Saturninus sättigen.
    Sentia nahm hiermit ihren Abschied zum andern mahl; Indem sie aber in
Begleitung des Käysers in den Vorsaal trat / kam ihr Gemahl ihr unvermutet
entgegen / dieweil er dem Käyser seine auf übermorgen bestimmte Wegreise ansagen
wollte. Sie giengen demnach alle drei zurücke ins Zimmer / allwo Segestes auf
geschehene Einladung versprache / nebenst seiner Gemahlin / jedoch wo es dem
Käyser nicht zuwider wäre / in Reise-Kleidern / bei dem Frühstück aufzuwarten.
Worauf Segestes und Sentia nach einigen Gesprächen sich von dar in ihren Palast
begaben.
    Der abgeredete Tag brach endlich an. Die zum Frühstück erbetenen Gäste
funden sich ein / nämlich Sejanus und die Ratsherren Cnäus Lentulus / Aelius
Sentius Saturninus / Gallus Asinius / Cotta Messalinus und Papius Mutilus /
welche allerseits dem Käyser / der Sentia und dem Segestes Gesellschaft
leisteten. Dieser gute Hertzog war nunmehr so wohl über den Tiberius / als über
den Sejanus / eifersüchtig und wüntschete nichts mehr / als dass die Tafel
aufgehoben würde. So bald dieses nun geschehen war / nahm beides Sentia und
Segestes den letzten Abschied. Da es denn jener gar nicht schwer war / ihren
Vater unter vielen Küssen / Tränen und Wüntschen zu umbfahen / und das ganz
klein zusammen gefaltzete Pergament bei dem Halse zwischen seinen
Ratsherrn-Rock hinein zu stecken. Hiernächst wurde sie nebenst ihrem Gemahl vom
Käyser und seiner Gesellschaft / mit vielfältigen Zuruffen einer glücklichen
Reise / biss in den Hoff des Palastes / wo der Postwagen wartete / hinunter
begleitet; Tiberius aber nötigte alle diese Ratsherren wieder mit hinan zu
gehen und noch ein und andern Trunck auf das Vergnügen und Wohlergehen derer
Reisenden / als treuer Freunde des Römische Reichs / mit ihm zu tun. Indem nun
Saturninus hinauf stieg / fiel das Pergament durch solche Bewegung zwischen dem
Ober-und Unterkleide hervor / auff die Stuffen der steinernen Stiege. Der
hierauf laurende Käyser hatte zu dem Ende immer zurück gesehen und mit dem ihm
folgenden Sejanus geredet. Als er nun das zusammen gewickelte fallen und liegen
sah / sagte er alsbald: Saturninus! ihr verlieret etwas. Ich? fragte
Saturninus. Ja /(sagte Papius Mutilus / der hinter ihm hergegangen war / aus
Höffligkeit aber das verlohrne aufhub und ihm überreichte;) hier ist es! Ich kann
mich nicht besinnen / (erwiederte jener /) was es sein müsse; doch ich muss
nachsehen. Er lase hierauf die erste Zeile und sagte: Es ist ein Lobspruch Eurer
Käyserlichen Majestät. Jedoch wüste ich warlich nicht / wo ich solchen
herbekommen hätte? Der Käyser riss ihm die Schrifft mit einer freundlichen
Geberde aus der Hand / lase das andere Gesetz öffentlich daraus her und fieng
endlich an: Verräter! ist das mein Lobspruch? Trabanten! schlagt den Hund
alsbald nieder / ehe er zu beissen anfahe / weil er genug gebellet hat. Hiermit
waren wohl vier oder fünff Schwerdter bloss und über den Saturninus her / hätten
ihm auch sonder Zweiffel den Rest gegeben / wenn nicht der Käyser geruffen
hätte: Haltet ein! der Verräter ist ein Ratsherr gewesen; Er mag sich vor dem
Rat vertädigen / wenn er das Laster der verletzten Majestät von sich weltzen
kann. Ob nun wohl Saturninus leugnete / dass er ehe / als diesen Augenblick / von
der Schmäheschrifft etwas gewust hätte; so halff doch kein leugnen / weil Gallus
Asinius / Cotta Messalinus / Papius Mutilus / auch einige Trabanten / einmütig
bezeugten / dass das Pergament aus seinen Kleidern heraus gefallen wäre. Wohlan!
(sprach letzlich der unschuldig-beklagte /) ich will sterben / weil es des
Käysers Wille ist / doch nicht umb einer Ubeltat / sondern umb der Tussnelden
erzeigten und ihm / ich weiss nicht durch wen / bekant-gewordenen Woltat willen
/ die der Käyser mir zur Ubeltat ausleget. Jedennoch freue ich mich / dass ich
weder die Catta mit geiler Lust / noch mich mit ihrem Blute besudelt habe.
Tiberius sagte: Ich weiss nicht / was der vor Todes-Angst rasende von der längst
im Triumph (meines wissens) getödteten Tussnelda und Catta sagt? Trabanten!
führt ihn alsbald in ein wohlverwahrtes Zimmer!
    Inzwischen ward der ganze Rat eiligst zusamen beruffen / und eine Stunde
hernach der so genañte Ubeltäter vor denselbe geführet. Weil er aber weder vor
den Verfasser / noch mitwisser dieses Läster-Gedichts sich bekennen wollte / ward
er denen Soldaten zur scharffen Frage übergeben. Ungeachtet er nun auf seine
Rats-Herren-Würde sich berieff / ward ihm doch vorgehalten / dass er selbige und
alle daranhangende Freiheiten durch das Laster der verletzten Majestät verloren
hätte. Dannenhero sagte er: Wohl! ich begehre nicht die schimpfliche Marter
auszustehen! ich will schuldig sein / weil es der Käyser spricht / ob es gleich
mein Gewissen verneinet. Du gerechter Himmel! weissest allein meine Unschuld; du
wirst den Urheber meines Todes mit deiner Straff-Hand schon zu finden wissen /
ob ich gleich denselben nicht eigentlich weiss. Ich unterwerffe mich deiner
Schickung in aller Demut / und gehe mit freudigem Hertzen aus der Unruhe zur
Ruhe / aus dem Kercker des Leibes zur Freiheit vor aller Tyrannei.
    Nach dieser seiner Bekenntnis ward das Urteil gefället / dass er von dem
Tarpejischen Felsen / der neben dem Capitolium gegen Abend nach der Tiber zu
lieget und ein stück des Capitolinischen Berges ist / herabgestürtzet / seine
Güter in die Käyserliche Schatz-Kammer eingezogen und seine Anverwandten in
gefängliche Hafft gebracht werden sollten. Das erste geschahe alsbald. Saturninus
ward von dem Felsen lebendig hinabgeworffen / brach das Genick und lincken Arm /
und verlohr also sein Leben / durch List derselben / die ihm das Ihrige zu
dancken hatte. Der Käyser aber milderte das Urteil / sprach die Verwandten des
Getödteten samt und sonders von aller Schuld und Straffe frei / befahl auch
dessen Erbschaft an seine Tochter / die Chassuarische Fürstin Sentia /
getreulich zu übermachen; welche vermeinte Gütigkeit des Käysers mit einem
grossen Lob-Spruch in die öffentlichen Stadt-Bücher eingetragen wurde. Denn also
pflegen die lasterhaftesten Menschen manchmahl das beste Gerüchte von ihren
leichtfertigsten Taten auf dieser Welt zu haben. Doch gleichwie auf veralterten
runtzlichten Gesichtern keine Schmincke mehr haften will: also wäscht die Zeit
denen Lastern ihren Anstrich öffters ab. Die Tinte warhafter Historienschreiber
muss einen Tyrannen nach Verdienst schwärtzen / ob er gleich bei seinen Lebzeiten
sich weiss gebrennet und durch falsche Zeugnisse seiner Müntzen und
Gedächtnis-steine die Nachwelt zu betriegen bemühet gewesen ist.
    Die Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich brachten etliche Wochen
hernach den kleinen Herrmann nach Budorgis / die Haupt-Stadt der Semnoner /allwo
damahls der Cherusskische Hoff sich befand. Und weil sie unterwegens neun Barden
aufgesprochen hatten / die neue Freude des Landes ihrer Gewohnheit nach zu
besingen / mussten diese sich alleine anmelden lassen / als der Feld-Herr
Mittags-Taffel hielt / dass sie nämlich ihm mit einem verhoffentlich-angenehmen
Geschencke aufzuwarten verlangeten. Der Feld-Herr wollte anfänglich kein Gehör
verstatten / weil er gleich Brieffe aus Rom bekommen hatte / dass Germanicus /
wider gegebene Treu und Glauben / die Hertzogin Tussnelda und ihre Gesellschaft
verschienenen sechs und zwantzigsten May bei seinem Einzug öffentlich
aufgeführet und (nach Gewohnheit des Römischen Triumphs /) im Tullianischen
Gefängnis erwürgen lassen. Darüber war ihm wegen seiner Gemahlin / dem Jubil
wegen seiner Catta / dem Gottwald wegen seiner Schwester Clotildis / alles essen
und trincken vergangen. Jedoch weil die Barden nochmahls untertänigst anhielten
/ mit dem Beisatz / dass an ihren Anbringen sehr viel gelegen wäre / bekamen sie
endlich die Freiheit zu erscheinen. Der vornehmste mit Lorbern gekräntzte Barde
/ der wegen seiner überausgrossen Erfahrenheit in denen deutschen Geschichten
weitberühmte Edle Seckendorff trug das auf ein kostbahres Bette gelegte Kind vor
des Hertzogs Taffel / da deñ jederman mit Verwunderung es ansah / und mit
Schmertzen erwartete / was dieser Aufzug bedeutete / indessen die andern acht
Barden das Lied absungen / welches ihr jetzt genantes Haupt nachfolgender massen
aufgesetzet hatte:
                                       I.
Ihr Barden! freuet euch! stimmt an die frohen Lieder /
Von welchen jegliches das beste Zeit-Buch ist!
Des Himmels hohe Gunst gibt sein Geschenck uns wieder /
Das wir noch nie gehabt und dennoch eingebüsst.
Ihr seht ja schon
An Herrmanns annoch kleinem Sohn'
Den zarten Mittelpunct von Seel- und Leibes-Gaben /
Die ihren vollen Kräyss im grossen Herrmann haben.
                                      II.
Die Hoffnung lässet uns des Himmels Ratschluss lesen:
Dies Kind soll einst mit Ruhm des Landes Vater sein.
Und seiner Augen Glut / sein unerschrocknes Wesen
Stimmt schon mit dem Entwurff der Hoffnung überein.
Ein Riesenbild
Nach dem verjüngten Massstab füllt
Mit solchen schönen Glantz der Deutschen Aug und Sinnen /
Dass auch ein Menschen-Feind es möchte liebgewinnen.
                                      III.
Rom wolt' in seine Zucht den jungen Löwen nehmen;
Er sollte mit der Lufft den Sclaven-Geist einziehn:
Doch zweiffelt' es gar bald / denjenigen zu zähmen /
An dem des Vaters Geist im Ebenbild erschien.
Es liess geschehen /
Dass er sein Land durfft wiedersehn;
Dacht' aber / ihn hierdurch sich höchlich zu verbinden /
Umb mit der Zeit bei ihm auch Gnad und Huld zu finden.
                                      IV.
Tussnelda fehlt uns noch / die Mutter unsers Landes /
Die mit dem Feld-Herrn macht das allergleichste Paar /
Ein Wunder der Natur / die Zier des Fürsten-Standes /
Die stets der Feinde Furcht / der Freunde Freistatt war.
Jedoch das Glück
Giebt uns den Trost in diesem Stück /
Wir werden bald die Sonn' in unsrer Gräntz' empfangen /
Dieweil der Morgenstern schon bei uns aufgegangen.
    Der Feld-Herr war über der ganz unverhofften guten Zeitung so erstaunet /
dass er in Zweiffel stund /ob er dieses Kind vor das Seinige annehmen sollte /oder
nicht. Indem aber traten der alte Libys / Beroris /Dietrich / die Gräffin von
der Lippe und ihre übrige Gesellschaft ins Taffel-Gemach und veruhrsachten
hiermit so viel Schrecken / als Freude / weil man nicht wusste / ob man sie vor
lebendige Menschen /oder vor Gespenster ansehen sollte. Libys aber sagte:
Unüberwindlichster Feld-Herr. Dero hertzgeliebteste Gemahlin hat auf
Vergünstigung des Kaysers gegenwärtiges Pfand dero ehelichen Liebe / welches sie
in ihrer Gefangenschaft geboren / zum glücklichen Vorboten ihrer künftigen
Nachfolge voraus geschickt / wie Sie / gnädigster Herr / aus diesem
Handschreiben mit mehrern zu vernehmen geruhen wollen. Hiermit überreichte er
Tussneldens Brieff / welcher also lautete:
  An den unüberwindlichen Feld-Herrn derer Teutschen / Herrmannen / Hertzogen
                   derer Cherusker /Semnoner und Langobarden.
                            Allerteuerster Gemahl.
    Ich lebe jetzt auf einem Lust-Haus vor Rom; Ach! aber ich weiss nicht / ob
ich lebe / weil ich von dem getrennet bin / der mehr / als meine eigene Seele
/mich belebet / und ob ich dies ein Lust-Haus nennen soll / worinnen ich zu
meiner grossen Unlust gefangen bin. Nichtsdestoweniger muss ich mir den weisen
Ratschluss des gerechten Himmels gefallen lassen /und eine glückliche Aenderung
meines trübseligen Zustandes von dessen gütigen Schickung mit der Zeit erwarten.
Unterdessen erweiset mir Tiberius alle Höffligkeit / ohne die einige / die ich
allein verlange /nämlich mich auf freien Fuss zu stellen. Hoch damit er mir in
etwas fugen möchte / hat er mir vergönnet /meinem allerliebsten Gemahl
gegenwärtigen unsern Sohn / als ein sicheres Pfand der auch mir versprochenen
Freilassung / zu übersenden. Nun wollte ich zwar meine Mutter-Milch dem
bisherigen so werten Andencken des unvergleichlichen Herrmanns noch länger
gerne gönnen; Gleichwohl weil ich keinen Bürgen von des Tiberius beständigen
ehrliebenden Gewogenheit habe / allenfalls auch verhoffe / unserm Sohne könne es
nirgends besser / als bei seinem Vater / nirgends schlimmer / als im Römischen
Gefängnis / oder auf einer ungewissen Flucht ergehen / als muss ich ihm den mit
Tränen vermischten Abschieds-Kuss geben / damit er zumahl demjenigen seine
Erziehung zu dancken habe / dem er nechst Gott sein Leben schuldig ist. Er ist
dem grossen Herrmann an Nahmen und Gestalt allbereit gleich; Gebe der Himmel /
dass er ihm an Tugend und ruhmwürdigen Taten nicht unähnlich werde! Hiermit lebe
vergnügt und nach eigenem Wunsch / zum Besten der jetzigen / und Exempel der
künftigen Welt; und gedencke bei dem Anblick deiner beiden Kinder dero
unglücklichen Mutter /welche aber dennoch das Glück hat / zu heissen deine biss
ins Grab treuergebenste
Gegeben auf dem Marssfelde vor
    Rom / den 27. May im Jahr
    nach Erbauung der Stadt
    Rom 770.
                                                                      Tussnelda.
    Beroris / welcher höchlich besorgte / dass die Cattische Fürstin Ehr und
Leben eingebüsst hätte / unterliess dennoch nicht / dero Gruss und Brieff Hertzog
Jubiln indessen zu überbringen / wiewohl mit einer etwas traurigen Geberde /
also dass jener nicht wusste /ob er vielleicht einen heimlichen Mitbuhler an ihm
hätte / massen das Schreiben nichts trauriges / sondern lauter gute Zeitungen
und Liebes-Versicherungen von seiner Verlobten in sich entielte. Es kam aber
ein paar Tage hernach der Ritter von Buren mit einem Schreiben von der
Chassuarischen Fürstin Sentia an Jubiln an / so den acht und zwantzigsten May in
Rom geschrieben war und ihm vertrauliche Nachricht gab / dass die unglückliche
Catta auf Befehl des Käysers durch ihren Vater Saturninus selbigen Tag den
Jungfrau-Krantz verloren hätte und auf folgenden Tag den Kopff darzu verlieren
sollte.
    Der Hertzog war zwar der unausforschlichen Bosheit der Sentia mehr als zu
wohl versichert / die keine Lügen würde geschonet haben / wenn sie hiermit alle
deutschen Fürsten zu kräncken / oder uneins zu machen / gewust hätte. Jedoch
weil es wider die Natur ist / dass eine Tochter ihren leiblichen Vater ohn allen
Grund so schrecklich verläumbden sollte / erschracke er im Anfang dermassen / dass
er fast in einer viertel Stunde sich nicht besinnen oder entschlüssen konnte /den
abgeschickten Ritter eigentlicher deswegen zu befragen. Allein dieser wusste ohne
dem nicht anders /als dass Catta samt Tussnelden im Siegs-Gepränge wäre erwürget
worden: Daher als ihn der Hertzog vor sich fodern liess / kunte er aus seiner
Antwort nichts klüger werden. So war auch Beroris / ehe ihn Jubil wieder zu
sprechen bekam / nach Mattium zum Hertzog Arpus verreiset / um ihm seiner
Tochter Schreiben zu überliefern; Dietrich aber war schon auf dem Wege nach
Novesia begriffen / woselbst er seinem Bruder / dem regierenden Sicambrischen
Hertzog Melo / die Nachricht von seiner Befreiung geben wollte.
    Libys hingegen konnte dem Jubil nicht entweichen /sondern musste den Tag
hernach sich von ihm befragen lassen: Ob der Sentia Schreiben wahr / oder unwahr
wäre? Dem guten Alten aber stiegen / an statt der Worte seines durch den Eyd
versiegelten Mundes / die milden Tränen in die Augen. O Himmel! (rieff Jubil
aus:) wie soll ich das verstehen? Ach! diese Wasserfarben mahlen mir die
verfluchte Greueltat des Saturninus deutlicher vor Augen / als keine Zunge sie
aussprechen / keine Feder sie beschreiben kann! Libys antwortete: Ich weiss
warhaftig nicht eigentlich / ob das wahr sei / was Sentia berichtet; massen ich
durch einen Eyd genötiget worden / nichts zu sagen /was ich von dieser Sache
dencke. Jedoch fürchte ich /dass - -. Und damit verstumte er. Jubil aber wollte
hierüber fast rasend werden und den ihm in seiner Verlobten erwiesenen Schimpff
mit Ermordung des Tiberius und Saturninus unverzüglich rächen. Allein der kluge
Selmnitz / sein allervertrautester Ritter /führte ihn auf die Seite und sprach:
Sie wollen / gnädiger Herr / dero teuren Gesundheit durch unzeitigen Eyfer
nicht Abbruch tun. Der Catta Zufall mag ein Mitleiden / nicht aber eine
Verzweiffelung / bei Sie erwecken. Wir verlieren zwar der mächtigen Catten
Beistand / als welche sich unsert wegen keine Mühe und Unkosten machen werden /
nachdem ihres Hertzogs Tochter dessen nicht mit geniessen kann. Allein weil alle
Hermundurer das Joch des Marbods von sich zu werffen begierig sind / so bald nur
dero angebohrner Herr sich in ihren Gräntzen zeigen wird / wir uns auch derer
Cheruskischen Hülffs-Völcker unfehlbarlich zu getrösten haben / bedürffen Sie
keiner Staats-Heirat und können nunmehr eine Person in dero Hoch-Fürstliches
Ehebette erheben / die Ihren Neigungen noch gleichförmiger ist / als die
verlohrne Catta. Die Ascanische Fürstin Leitolde hat ihr fünffjähriges Gelübde
in dem Heiligtum der Herta abgeleget und kann ihr nunmehr niemand wehren /wenn
sie will / sich der Freia / an statt der Herta /durch eine anständige Heirat
zu wiedmen. Wie? wenn die Liebe eben deswegen die Catta in solches Unglück hätte
fallen lassen / damit sie der holdseligen unvergleichlichen Leitolde ihr erstes
Recht an den zukünftigen König derer Hermundurer nicht streitig machen möchte?
Ich weiss wohl / dass ihr Vater / der Graf von Ascanien / vor acht oder neun
Jahren erst /wegen seiner ungemeinen Helden-Taten / den Fürsten-Stand erlanget
habe. Jedennoch / was dem Mond an eigenem Schein und Licht fehlt / wird durch
den Glantz der Sonnen leicht ersetzet werden.
    Jubil geriet über diesen Worten in grosses Nachdencken und fiel ihm
unschwer / dem alten unter der Asche noch glimmenden Feuer wieder Lufft zu
geben. Er schrieb dannenhero an die Gräfin von Benteim /seine und Leitoldens
grosse Freundin / klagte sein erlittenes Unglück und bate bei Gelegenheit
Leitolden vorzubereiten / seine ietzigen Gedancken mit der ehemaligen Gütigkeit
anzuhören. Diesskauen aber schickte er an Hertzog Arpus mit einem Schreiben
/darinnen er die ihm in seiner allerliebsten Catta angetane Beschimpffung /
auch die daraus folgende Verhinderung seiner ehelichen Verbindung mit dem
Hochfürstlichen Cattischen Hause / höchst-wehmütigst klagete / und umb einigen
Trost in diesen seinen unbeschreiblichen Leiden Ansuchung tate. Er legte aber
so wohl Cattens als auch der Sentia Brieffe in seinem Umbschlag / ob er wohl im
Geist zuvorsah / dass dem guten Hertzog die Aufopfferung der Jungfräulichen
Keuschheit seiner Tochter mehr zu Sinne steigen würde / als die Opfferung der
Iphigenia in ihrem Jungfer-Stande / dero Vater den Agamemnon geschmertzet hat /
welchen der berühmte Mahler Timantes umb desswillen nicht mit blossen / sondern
verhüllten Gesicht mahlen wollte / weil er wusste / dass keine Farbe geschickt wäre
/ das verzweiffelte Gesicht eines biss in den Todt über seiner Tochter betrübten
Vaters nach dem Leben zu entwerffen.
    Unterdessen sandte Hertzog Herrmann den Grafen Stirum und Ritter Malzan mit
einem Gefolge von funffzig Personen an den Käyser / ihn wegen der an Catten
verübten Untat zu besprechen / sie nebenst allen mitgefangenen Fürstinnen
abzufordern / und auf den Fall / dass einer unter ihnen an ihrer Ehre und Leben
Gewalt angelegt worden / den Krieg anzukündigen / gegenteils / wenn sie samt
und sonders an Ehr und Leben ungekräncket diesen Abgesandten in ihre Hände
geliefert würden / den vor dem Jahre zwischen den Römern und Cheruskern
geschlossenen Frieden zu erneuern.
    Zu Mattium / an des Cattischen Hertzogs Hoffe /so nach dem letztern Brande
grossen teils wieder erbauet war / gienge inzwischen Freud und Leid seltsam
untereinander / so dass man in dem bald stillen / bald ungestümmen Meer fast
grössere Beständigkeit / als daselbst / hätte finden mögen. Denn anfänglich kam
die junge Fürstin Adelmunde mit einem Wohlgestalten Sohne nieder / der seines
mütterlichen Grossvaters / des Chaucischen Fürstens Ganasch / Nahmen bekam /
gleich wie man ihn auch als dessen künftigen Erben betrachtete / dahingegen
sein erstgebohrner Bruder /der kleine Arpus / den Nahmen seines väterlichen
Gross-Vaters und die Hoffnung seiner Erbschaft hatte. Wie denn Hertzog Ganasch
vor weniger Zeit /auf Zureden seiner klugen Gemahlin / seinen Willen in des
Catumers Heirat gegeben hatte / weil die Himmlische Versehung selbst durch die
Fruchtbahrkeit der unfruchtbahr-vermeinten Adelmunde ihr Wohlgefallen darüber
bezeuget hatte / und er selbst erwoge / dass keine irrdische Gewalt geschehene
Dinge ungeschehen zu machen vermöchte / die menschliche Vernunft aber alsdenn
ihr Meisterstück erwiese / wenn sie bei unänderlichen / ob gleich unangenehmen
Dingen ihr Vergnügen finden / und auch aus bittern Kräutern ein süsses Honig'
herausziehen könnte.
    Doch der Mond leidet nicht ehe Mangel am Liecht / als wenn er voll von
Liecht ist; und des Menschen Hertz leidet mehrenteils eine traurige
Verdüsterung /wenn es am meisten voller Freude ist. Die Lust-Feuer über der
Geburt des jungen Fürstlichen Erbens branten noch / als die Zeitung von dem
Römischen Triumph über die Catta und Rhamis sie ausleschte / und hingegen ein
heftiges Zorn- und Rach-Feuer in des ganzen Hofes Gemütern entzündete. Doch
dämpffte sich solches gar bald / als Fürst Beroris mit der Catta Schreiben an
dero Vater / den Hertzog Arpus / ankam / dieweil diese die bisherige Höffligkeit
des Tiberius darinnen rühmete und nichts beklagte / als dass sie /wider ihren
Willen so viel Ehr und Lust zu Rom zu geniessen / verdammt wäre / auch noch
nicht eigentlich wüste / wenn ihr die Hand ihrer geliebten Eltern und den Mund
ihres verlobten Bräutigams wieder zu küssen vergönnet werden möchte. Allein die
kaum wieder angefangene Gemüts-Beruhigung des Cattischen Hoffes ward plötzlich
durch den Ritter Diesskau verstöret / welcher seines Herrn / Hertzog Iubils
/Brieffe an Arpus überbrachte. Dieser wollte fast verzweiffeln / als er die ihm
in seiner Tochter angelegte Schande aus der Sentia Schreiben ersah; und weil
Beroris mit seiner zweiffelhaftigen Antwort auf geschehene Befragung und
Vorschützung seines Eydes die Sache zu bekräfftigen schiene / auch glaubwürdig
war / dass eine Tochter ein so schrecklich Laster ihrem leiblichen Vater ohne
Not und Grund nicht schuld geben würde / als bildete er sich dieses Unglück
seines allerliebsten Kindes so gewiss / so eigentlich / so grässlich / so
erbärmlich vor / als wenn er es mit seinen eignen Augen annoch gegenwärtig sehen
müste. Er kunte auch dem Jubil die Aufkündigung der Heirat nicht übel deute /
nachdem er es selbst nicht würde gut geheissen haben / wenn jener eines so
niedrigen Gemütes gewesen wäre / dass er aus blossen Staats-Ursachen mit einer
geschändeten seinen Fürstlichen Stand zu schänden verlanget hätte / da doch der
Cheruskische Hertzog Flavius vor weniger Zeit seine Verlobung mit der schönen /
reichen und mächtigen Africanischen Fürstin Dido für nichtig gehalten hatte
/nachdem sie durch List eines geilen Priesters in einen solchen Zustand war
gebracht worden / dass sie ihrem vorigen Bräutigam nicht mehr eine unverletzte
Keuschheit zum Heirat-Gut mitbringen können. Erdmut aber fiel anfänglich aus
einer Ohnmacht in die andere; nachmahls / als das erste Schrecken vorbei war /
legten ihr dennoch ihre mütterliche Liebe /Erbarmung und Rachgier so viel Marter
an / dass es scheinen wollte / sie wäre anietzt durch den Verlust ihrer Tochter in
die Höllen-Qvaal / wie neulichst durch die Geburt ihres Enckels in die
himmlische Vergnügung / versetzet worden. Sie zehrete sich in zwei Tagen
dermassen ab / dass sie einem Todten-Gerippe fast ähnlicher / als einem
lebendigen Menschen / sah / und wenn sie ungefehr einem Römischen stählernen
Spiegel gegen über zu stehen kam / sich selbst in sich suchen musste und doch
nicht finden konnte.
    Der mitleidige Himmel aber wollte diesem tödtlichen Kummer der tugendhaften
Cattischen Herrschaft nicht länger zusehen / sondern schickte es /dass der
Marsen-Fürst Malovend in adelicher Kleidung / unter dem Nahmen des ehemahls von
den Römern gefangenen Ritter Ahlefelds / mit Schreiben von Agrippinen an die
Herzogin Erdmut ankam / in welchen jene dieser den wahren Verlauff von der
Ehr-und Todtes-Gefahr / auch glücklichen Flucht ihrer Tochter berichtete und
solchen nicht nur durch des unglücklichen Saturninus letzte Bekenntnis / sondern
auch durch die beigelegte Abschrifften der beiden an den Tiberius von Tussnelden
und Catten abgelassenen Brieffe / so wohl auch durch das eigenhändige Schreiben
der gedachten Cheruskischen Fürstin an sie / unwidersprechlich bestätigte /
schlüsslich aber beklagte / dass sie von des flüchtigen Frauenzimmers ietzigen
Auffentalt nichts wüste / wobei sie dennoch hoffte / selbiges würde vielleicht
sein Vaterland mit seiner unvermuteten Ankunft schon erfreuet haben. Die
Hertzogin lieff eiligst mit dieser frölichen Botschaft in ihres Gemahls
geheimes Zimmer / der hierauf den vermeinten Ahlefeld auch dahin erfordern liess
und unter tausend Dancksagungen ihm eidlich versprach / alles zu tun / womit
demselben einiger Gefallen geschehen könnte / daferne es nur in seinem Vermögen
bestünde.
    Unterdessen ging Erdmnt aus dem Zimmer / und gab hiermit dem verkleideten
Fürsten die Freiheit /also zu reden: Der so teure Eyd des redlichsten unter
allen deutschen Fürsten macht / dass ich das hoffe /wessen ich durch mein
bissheriges übeles Verhalten mich unwürdig gemacht. Ich bin Malovend / der ich
mich durch die grossen Verheissungen derer Römer /gleich als durch betrügliche
Irrwische / von der Tugendbahn in den stinckenden Abgrund der Untreu und
Verräterei verführen lassen / und dahero den schimpfflich- und schmertzlichsten
Tod vor dem gerechten Gericht derer sämtlichen Reichs-Fürsten verdienet habe /
welche auch sonder Zweiffel mir solchen zuerkennen werden / daferne nicht die
kräfftige Vorbitte des grossmächtigen Hertzogs derer Catten mir Ehr und Leben /
samt Land und Leuten erhalten wird; warumb ich denn demütigste Ansuchung will
getan haben.
    Arpus antwortete: da sieht mein Fürst den Nutzen /beides von der Römischen
Freundschaft / und von der Untreu gegen das Vaterland. Mit Schaden wird man
klug / und am Ende merckt man / dass der schöne Ehren-Titel eines Römischen
Bundsgenossen dem Schnee ähnlich sei / der anfänglich mit seiner Farbe die Augen
blendet / ehe man aber es sich versieht / zu Wasser und Unflat wird. Nun wollte
ich zwar bei nächster allgemeiner Reichs-Versammlung / welche erst auf den
längsten Tag des künftigen Jahres im Teutschburgischen Hayn gehalten werden
soll / mit einem guten Worte ihm hertzlich gerne dienen. Aber wen werde ich zum
Bürgen stellen können / dass der /so schon zweimahl die hinfallende Sucht
bekommen /von derselben nicht wieder werde befallen werden /oder dass der / so
zweimahl zu denen Römern abgefallen / vor dergleichen Laster ins künftige sich
beständig hüten werde?
    Malovend gab hierauf dem Arpus eidliche Verheissung einer unbrüchlichen
Teutschen Treu und Redligkeit / und empfing gegenteils von diesem die Zusage /
sich seiner im Fall der Not besten Fleisses anzunehmen. Er erzehlte nachmahls /
wie er / aus grosser Verzweiffelung über seiner unglücklichen Verliebung / zu
denen Römern übergegangen und daselbst gleich einem kleinen Kinde mit dem
Puppenwerck eines Purpur-Rocks / elfenbeinern Stabs und dergleichen Eitelkeiten
/ geschweiget worden wäre / indessen er sein Land und Leute mit dem Rücken hätte
ansehen müssen. Er wäre den Tag nach gehaltenem grossen Triumph des Germanicus
in Rom ankommen und hätte den vermeinten Todt des Hoch-Fürstlichen deutsen
Frauenzimmers mit unsäglicher Betrübnis angehöret / bald darauf aber / als er
geheimes Gehör bei der tugendhaften Agrippina erlanget / die erwünschte
Nachricht von dem Leben der unvergleichlichen Catta / und etliche Tage hernach
ohne des Germanicus wissen die überbrachte Brieffe erhalten. Er wünschte zwar
nun nichts mehr / als die glückliche Ankunft der Durchlauchtigen Cattischen
Fürstin und dero Ehe-Verbindung mit dem tapffern Hermundurischen Hertzog /
welcher sie mehr verdiente / als er / niemahls aber höher lieben würde / als er
sie zu seiner grossen Unruhe geliebt hätte. Arpus versetzte: Die Heirat meiner
Tochter mit dem Hermundurischen Jubil steht noch im weiten Felde und hat dieses
sein Schreiben mir die Augen geöffnet / wie schlechte Wurtzeln dessen Liebe
gegen meine Catta in seinem Hertzen müsse gefasset haben / weil eine eintzige
falsche Zeitung von einer beschriebenen Landlügnerin selbige in einem Augenblick
mit Strumpff und Stiel ausrotten können.
    Malovend lase das überreichte Schreiben des Jubils mit unglaublicher
Bestürtzung durch / und fieng endlich an: Ich habe so viel Gütigkeit von dem
grossmütigen Cattischen Hertzoge empfangen / die mein Verdienst weit übersteigen
/ dass ich dahero zu der grossen Kühnheit veranlasst werde / dasjenige
unschätzbare Kleinodt zu verlangen / das der undanckbare Jubil so wenig / als
der Hahn eine gefundene Perle / oder eine Kuhe das beste Gewürtze / nach Würden
schätzen kann. Das Cattische Haus führet von undencklichen Zeiten einen gelben /
gleichwie das meinige einen roten Löwen in seinem Wapen. O Himmel! könnte ich so
glücklich sein / die Vereinigung des gelben Löwen mit dem roten zu erleben /so
würde ich mich vor ein Schoss-Kind des Glückes achten / dem Sylla den Titel des
Glückseligen ohne Wegerung abtreten müste! Ich bekäme ja ietzund fast einige
Hoffnung dazu / nachdem der Hermundurische Luchs selbst erkennet / dass Löwen und
Luchse kein gleiches Paar abgeben. Allein meine Unwürdigkeit gibt dem roten
Löwen noch eine stärckere Schamröte und erinnert ihn / dessen nicht zu begehren
/wessen kein Sterblicher würdig ist.
    Hertzog Arpus geriete über dieser verdeckten und doch offenhertzigen
Liebes-Erklärung des Malovends in ein stillschweigend Nachdencken / endlich aber
sprach er: Der Himel verleihe / dass meine Tochter dero Vaterland bald wieder
betreten möge! das übrige wird die Zeit geben. Er führte hierauf den so genanten
Ahlefeld mit sich zur Tafel uñ erwiese ihm alle die Ehre / die seinem
angenomenen adeliche Stande gemäss war. Diesskau ward folgenden morgen zur
Abschieds-Verhör gelassen / da denn Arpus ihm der Agrippina / Catta und
Tussnelda Briefe vorlegte und darauf ihn also beurlaubete: Ihr könnet nun /
edler Ritter / eurem Herrn berichten / wie unnötig sein Mitleiden gewesen / das
er über meiner Tochter vermeintes Unglück bezeuget hat. Mit der höfflichen
Aufkündigung der Heirat bin ich sehr wohl vergnügt. Will er selbiger eine
Aufkündigung unserer Freundschaft beifügen / steht es in seinem Belieben.
    Der Hermundurische Ritter wollte zwar den Hertzog bitten / seines Herrn
Schreiben vor ungeschrieben zu halten / weil er selbst nunmehr des einmal
erlangten Glücks der Verbindung mit dem Hochfürstlichen Cattischen Hause sich
nicht begeben würde / so bald er vernähme / dass die befürchtete Hindernis nur
eine blaue Dunst der betrieglichen Chassuarischen Fürstin gewesen. Aber Arpus
fertigte ihn mit dieser ernstlichen Antwort ab: Ritter / euer Hertzog hat euch
eine Heirats-Aufkündigung / nicht eine Heirats-Werbung aufgetragen. Darumb
redet nicht mehr / als euch zukömmt. Doch hoffe ich / euer Herr werde durch
seine ietzige Unbedachtsamkeit gewitziget werden /und ins künftige behutsamer
reden und schreiben /dafern er anders nicht alle die zu seinen Feinden machen
will / durch derer Beihülffe er sein Fürstentum wieder zu erlangen gedenckt.
Denn wer seine Zunge und Feder nicht regieren kann / der wird noch weniger Land
und Leute zu regieren wissen. Diesskau wollte seinen Herrn in unnötige
Feindschaft durch scharffes Widerreden ungerne verwickeln; konnte aber
gleichwohl / umb Wohlstands willen / nicht vorbei /also zu antworten: Die Zeit
wird lehren / ob nicht der Himmel meines Herrn Tugend und Verstand einer
Königlichen Krone / geschweige eines Fürstlichen Hutes / wert erkenne; auf
welchen Fall ihm der ganzen Welt Missgunst oder ungegründetes Urteil wenig
schaden wird. Der Hertzog lachte in seinem Hertzen der vergebliche Hoffnung und
sagte aus Spott: Ich gönne dem tapffern Jubil eine Krone lieber als mir selbst /
noch mehr aber Land und Leute; Bekömmt er beides / so will ich anders reden.
Inzwischen fahrt wohl und versichert euern Herrn meiner beständigen
Freundschaft.
    Indem nun der höchst unvergnügte Diesskau aus Mattium wegzoge / wusste der
schlaue Malovend bei Hertzog Arpus sich dermassen und so lange einzuschmeicheln
/ biss er endlich von ihm diese Zusage erhielte / dass er dessen Tochter zur
Gemahlin erlangen sollte / so bald dieselbe in Deutschland wieder ankäme.
Hingegen musste er eine Schrifft aufsetzen / die Arpus der künftigen
Reichs-Versamlung übergeben wollte / darinnen jener seine Fehler erkannte /
Besserung versprach und umb Wiederaufnehmung unter die deutschen Reichsstände
Ansuchung tate. Uber dies machte er sich verbindlich seine verlobte Catta in
Italien / Griechenland / sonderlich aber in Armenien zu suchen / welches
letztere ihm deswegen in Sinn kam /weil er sich erinnerte / dass Tussnelda von
der hocherleuchteten Assblaste einsmahls eine verschlossene Schreibtaffel
empfangen hatte / mit dem ausdrücklich angehengten Befehl / selbige nirgend
anders als zu Artaxata in Armenien / zu eröffnen; woraus er denn schlosse / dass
Catta / ihre Reissgefährtin / vermutlich eben daselbst würde anzutreffen sein.
Arpus willigte alsobald in seine Wegreise / weil ihm zumahl seine Anwesenheit
bei denen eifrigsten Liebhabern der Deutschen Freiheit in der ersten Hitze
vielleicht allzuschädlich hätte sein mögen. Er bekam hiernechst von dem Hertzog
und Hertzogin einen guten Vorrat von güldener Müntze / nebenst vier Dienern und
sechs überaus starcken und wohlgewandten Pferden /zog folgenden Tags nach Rom /
auch so fort durch Griechenland und Syrien in Armenien.
    So freudig er nun seine Reise antrat: so bestürtzt beschlosse Diesskau die
seinige / als er seinen Hertzog zu Budorgis in der grösten Traurigkeit antraff.
Er erzehlte ihm zwar die gute Zeitung von Cattens unverletzten Keuschheit: weil
aber ihm zugleich alle Hoffnung zu ihr abgesprochen war / kunte solches seinen
Schmertz so wenig lindern / so wenig die Galle einen Wermut-Wein versüssen kann.
Uber dieses so kränckte ihn nicht allein das / was Diesskau wusste; Sondern die
Qvelle seines Leidens floss sonderlich aus der Feder der Gräffin von Benteim /
als welche auf des Hertzogs Brieff geantwortet hatte: Sie wunderte sich /warumb
Leitolde nunmehr erst seiner Liebe würdig geachtet würde / nachdem sie vor
fünff Jahren nicht so glücklich hätte sein können. Allein man pflegte insgemein
das am höhesten zu schätzen / was man verloren hätte / und ein jedwedes Liecht
hätte in der Ferne einen grössern Glantz / als es in der Nähe gehabt. Nun wollte
sie zwar nichts höher wünschen / als Hertzog Jubiln mit einer so tugendhaften
und ausbündig-schönen Fürstin vermählet zu sehen. Nichts destoweniger hätte die
Gelegenheit nur auf der Stirne einen Schopff; werden nicht ergreiffen wollte /
wenn er könnte / der könnte ihn auch nicht fassen / wenn er wollte. Leitolde hätte
jederzeit das löbliche Exempel des tugendvollkommenen Jubils für eine sichere
Regel ihres tuns und lassens gehalten / und dahero /gleichwie er sein ihr
ehemahls gewidmetes Hertz einer andern Abgöttin eingeweiht / also hätte sie das
ihrige / so ihm sonst zum Heiligtum bestimmt gewesen /dem Bilde eines solchen
Fürstens eingeräumt / welchen eine hohe Ankunft / Anwartung einer
weitläufftigen Herrschaft / uneigennützige Liebe / Tugend /Tapfferkeit /
Schönheit höchst-liebens-würdig machten.
    Nachdem nun Jubil beides aus diesem Schreiben uñ aus Diesskaus mündlicher
Nachricht versichert ward / dass er bei Catten und Leitolden nichts mehr zu
hoffen hätte / verfiel er hierüber in eine tiefsinnige und fast verzweiffelte
Betrübnis / und fladerte in einem Augenblick durch ganz Deutschland mit seinen
Gedancken / umb Leitoldens glücklichen Liebhaber zu erraten. So vergeblich
aber dieses war / ungeachtet er bald auf den Bastarnischen Britomartes /bald auf
den Sarmatischen Bolessla / bald auf den Sicambrischen Franck / bald auf den
Gotonischen Gottwald / bald auf den Chassuarischen Siegmund oder Dulgibinischen
Sesitach seine Mutmassung richtete: So fest beschlosse er sich deswegen ins
künftige nicht mehr zu kräncken / vielweniger aber alle Hoffnung / durch Catten
sein Glück zu machen /ersterben zu lassen; Nachdem er zwar ietzo bei ihrem Vater
in Ungnaden stünde / doch bei der Tochter jederzeit eine ungefälschte Treue und
unveränderte Liebe gespüret hätte. Wobei er denn hoffte / dass gleich wie ein
ausgeblasenes und verrauchendes Liecht / wenn es nahe an ein noch brennendes
gehalten wird / jenes von diesem die vorige Flamme gar leichtlich wieder
empfähet; also würde auch die noch gegen ihn brennende Liebe der Catta des Arpus
seine ungesäumt von neuen entzünden / so bald nur iene bei diesem wiederankommen
würde. Er brach daher /nach einen langen Stillschweigen / in diese Worte heraus:
O gerechte Straffe meiner Leichtsinnigkeit! So geht es / wenn man an zweien
Orten liebt und darüber des Aesepus Hunde gleich wird / der / indem er nach
andern Fleisch schnappet / das verlieret / was er schon im Munde hatte! Verzeihe
mir / unvergleichliche Catta / diese höchst-straffbahre Untreu / damit ich deine
unveränderte Treu undanckbarlichst vergolten habe! Ich verschwere hiermit alle
Liebe ausser der deinigen und will künftig / gleich dem Hermelin / lieber
sterben / als mit dem an dir begangenen Laster mich jemahls wieder beflecken. Es
kam ihm hiernächst die auf dem Tisch liegende Schreib-Taffel in die Hände /
worein er folgende Reimen nach kurtzen Nachsinnen einzeichnete:
                      An die flüchtige Cattische Fürstin.
Du irr'st jetzt durch die Welt: Ach! stelle dieses ein!
Du kanst dich ja der Ruh' in meiner Brust befleissen.
Wirstu gleich dort nicht mehr der achte Irrstern heissen;
Solstu doch stets bei mir die rechte Venus sein.
    Nachdem er sich aber aus Diesskauens Erzehlung erinnerte / dass Arpus / ob
gleich vielleicht zum Spott / versprochen hatte / andere Antwort zu geben / wenn
Jubil mit gekröntem Haupt dieselbe fordern würde /fielen ihm / an statt der
Liebes-Gedancken / diese in Sinn / welche er jenen beifügte:
Lass / Liebe! deinen Trieb ein wenig bei mir ruhn!
Dein Pfeil und Fackel gibt mein Erbreich mir nicht wieder;
Das muss mein Schwerd und Feuer tun.
Ein mutig Feld-Geschrei dämpfft deine Wiegen-Lieder /
Wodurch so mancher kühner Held
Zum Kinde wieder wird / ja sich noch feiger stellt.
Wird sich der Lorber nur umb meine Schläffe winden /
Soll sich dein Myrten-Krantz mit leichter Mühe finden.
    Er nahm auch Selmnitzen wieder zu Gnaden an /und versicherte ihn / dass weil
sein Rat zwar übel ausgeschlagen / doch wohlgemeint gewesen / er keinen Zorn
deswegen auf ihn geworffen habe; zumahl da er an ihm weder einen Wahrsager /
noch Sternseher / unterhielte und also nicht übel nehmen dürffte /dass er Cattens
vergangene Zufälle nicht im Crystall /noch der Gräffin von Benteim Antwort aus
dem Gestirn ersehen / und seinen Rat darnach eingerichtet hätte.
    Indem er dieses redete / erhub sich ein grosses Freuden-Geschrei vor dem
Haus / weil Hertzog Gottwald von der Jagt glücklich wieder heim kam / nachdem
man ihn sechs ganzer Tage vermisset und befürchtet hatte / dass er vielleicht
von Bären zerrissen worden. Jederman empfing ihn mit unzähligen Glückwünschen
und wollte wissen / wo er so lange gewesen / und ob vielleicht eine Diana einen
so schönen Endymion zu ihrer Lust einschläffen lassen? Er gab aber nur diesen
Bericht: Er hätte sich im Walde verirret /wäre gleichwohl nach etlichen Tagen
halb-verhungert in des mitgebrachten guttätigen Kohlenbrenners Wohnung
eingekehret / von dem er so wohl verpfleget und erqvicket worden / dass er ihm
seine Danckbarkeit in der Tat zu erweisen schuldig wäre.
    Unterdessen dachte niemand / dass dieser am Leibe mit Kohlenstaub
geschwärtzte Mann eine mit so vielen Lastern und schwartzen Künsten besudelte
Seele in sich hegte. Allein es war Adgandester / der seinen Nahmen in der Welt
so verhasst gemacht hatte / dass er sich dessen nicht mehr gebrauchen durffte /
wann nicht die Leute davor ärger / als vor einem Gespenst /erschrecken sollten.
Er war aus Marbods Reich aufs schimpfflichste verwiesen worden / hatte aber auf
dessen Grentzen Bauer-Kleider gekaufft und angelegt /und in denenselben sich in
den Wald acht Meilen von Budorgis geflüchtet / allwo er einen Kohlenbrenner
angetroffen und bei ihm seine Lebens-Art zu erlernen / sich aufgedungen hatte /
umb in solcher Einsamkeit sicher zu leben / denn und wenn zu Budorgis ein und
anders auszukundschaften und von langer Hand her diejenige Anschläge ins
gevierte zu bringen / wordurch er sich an Herrmann / Marbod und Arpus aufs
grausamste rächen und seinen Nahmen mit eben dem Recht / als der Mordbrenner
Herostratus / unsterblich machen wollte. Er nannte sich insgemein Hildebrand
/trug eine schwartze Haar-Haube und falschen Bart /damit er sich ehemahls auf
allen Notfall versehen hatte / als er nach seiner staats-klugen Stern-Kunst
/aus der Zusammenkunft des Saturnus und Mars /oder des alten Marbods und
tapffern Vannius / am Marckmännischen Himmel / ein grosses Unglück vor sich
besorgen müssen. So hatte er auch nach der Zeit den landflüchtigen Druiden
Luitbrand wieder an sich gezogen / mit dessen zutun er bald darauff den alten
Kohlenbrenner und dessen einige Tochter umbrachte und verbrandte / sich aber zum
Erben ihrer elenden Hütte und mittelmässigen Verlassenschaft einsetzte. Er legte
sich hiernächst aufs Strassenrauben und meinte alle diese Laster liessen sich
zugleich mit dem Kohlenstaub abwaschen / so bald er nur seinen vorigen
Fürsten-Stand wieder anträte.
    Luitbrand war kaum mit dem vom Sejanus empfangenen Gift wieder bei ihm
angelanget / als der Gotonische Fürst Gottwald sich auf der Jagt verirrte und
endlich bei dieser tieff im Walde stehenden Kohlen-Hütte anlangete. Er wurde
gleich von Luitbranden erkennet / wiewohl dieser sichs nicht mercken liess; auch
/ auf sein Bitten und Geschencke / von Hildebranden mit Aepffeln geräuchertem
Fleisch / Brodt und einem frischen Trunck Wasser bewirtet und mit einer guten
Schlaffstäte versorget. Es war nun an dem / dass er in seiner Mittagsruhe unter
denen Mordklauen dieser zwei vernünftigen Bären sein Leben verlieren sollte /
weil es keine Unvernünftigen hatten tun können. Doch Adgandester bedachte sich
noch ein wenig / ob es nützlicher wäre / ihn umb seiner wenigen Kleider / Ringe
und Gelder willen zu ermorden /oder ihm vielmehr das Leben zu gönnen und zu
einem Werckzeuge der Rache wider Marboden und Herrmännen zu machen. Nachdem der
Schluss nun auf das letztere gefallen war / gebrauchte er sich aller möglichsten
Aufwartung bei dem nach etlichen Stunden erwachenden Gottwald. Er lenckte unter
andern Gesprächen seine Rede auf den gefährlichen Zustand Fürstlicher Personen /
die sich selbst und ihren Vergnügen absterben / und nur andern / ja / (welches
das schlimste wäre /) Undanckbaren zu Dienste / leben müsten: Daher der kluge
Cheruskische Fürst Julius /über das in seinem Wapen stehende weisse Pferd
schreibe lassen: Ich nutze mich ab / andern zu Nutz. Jedoch hätte er
(Hildebrand) keine undanckbahrere Untertanen auf seiner langwierigen
Wanderschaft durch die Welt gesehen / als die Gotonen /die ihrem so gütigen
Hertzog / dem so fromm- als klug- und tapffern Gottwald / nicht besser
beigestanden / dass er seine Lande dem Ertz-Räuber Marbod hinterlassen / und sein
Leben kümmerlich im Elende beschliessen müssen. Der junge Gottwald gab sich
hierauf vor des von Hildebranden so gerühmten Gottwalds einigen Sohn zu erkennen
/ worüber der heuchlerische Adgandester eine überaus-grosse Freude bezeugte /
weil er (wie er sagte) nicht vermeint hätte /seines gewesenen Landes-Fürstens
einigen Erben in der Welt anzutreffen / ja unter seinem Dache zu beherbergen. Er
hielte aber nunmehr vor eine unverantwortliche Sünde / selbigem zu verhöhlen /
dass er ein Gotonischer Edelmañ von Geburt / Nahmens Grünbach / wäre; hätte
unweit der unvergleichlichen Hertzogin Hedwig gefochten / als selbige / in der
Belägerung der Haupt-Stadt Godanium / ihr Leben mit mehr als männlichem Mut
eingebüsst. Nach der Zeit / da Marbod fast alle Ehrenstellen unter denen
Gotonen / Estiern und Lemoviern mit seinen Marckmännern besetzet und also dem
Land-Adel die Hoffnung aller Beförderung abgeschnitten / hätte er sein Glück
anfänglich durch Reisen / hernach durch die Waffen / bald unter den Römern /
bald unter denen Cheruskern / Sicambrern oder Catten / (doch allezeit unter
frembden Nahmen) über funfzehen Jahr gesuchet / endlich aber / durch Anleitung
gegenwärtigen gottseeligen Druiden Gottards / seine Ruhe in der grösten
Einsamkeit gefunden. Hier lebte er sich selbst zum Vergnügen und ob gleich sein
Leib nicht aller vorigen Beqvemligkeiten genösse / könnte er doch seine Seele
desto beqvemer von der Erde abziehen und zu himmlischen Betrachtungen gewöhnen.
Denn der wäre recht selig / der die stets mühsamen Menschen in den volckreichen
Städten / als wie Ameisen in ihren Hauffen / herumb rennen / sorgen / zancken
/und sich untereinander zu tode arbeiten liesse / sich aber selbst gleich einem
einsamen Paradiess-Vogel von der Erde ab und nach dem Himmel zu mit seinen
Gedancken schwinge. Er hätte ehemahls von denen Gärtnern in Italien gehöret /
dass ein Granat-Apffelbaum im Schatten am allerersten reiff würde / und er
erführe nunmehr / dass sein Gemüte viel reiffer und vernünftiger im Schatten
seiner schlechten Hütte würde / als es gewesen da er an das öffentliche
Tageliecht / und unter Leute mehr gekommen wäre / als ietzo geschehe.
    Gottwald behauptete hingegen weitläufftig / dass Grünbach unrechtmässiger
Weise seinen Verstand und Kriegs-Erfahrenheit bei lebendigem Leibe begrübe /da
doch der Mensch seinem Vaterlande mehr als sich selbst schuldig wäre; daher
sollte er in seine Dienste treten und aller Gnade und selbst-verlangten
Beförderung gewärtig sein. Adgandester / Grünbach / Hildebrand / (oder wie man
sonst diesen Proteus heissen will /) liesse sich nicht wenig zu einer Sache
bitten /die er selbst höchlich verlangte; endlich auf Zureden des Gottards oder
Luitbrands und aus Gehorsam gegen seinen Landes-Herrn / versprach er zu tun
/was dieser befehlen würde. Sie taten hierauf die Abendmahlzeit / wobei alles
viel reinlicher und kostbarer / als bei dem Mittags-Essen zugienge und so wohl
Wein / als Wilpret zugegen war.
    Folgenden Tages kamen sie auf den Cheruskischen Hoff zu reden / da denn
Grünbach den Feldherrn höchlich rühmte / dabei aber beklagte / dass er / wie
ehemahls dem Adgandester / also ietzo dem Grafen Nassau allzu viel nachsehe.
Mich deuchtet (fuhr er fort) man könnte kein wahrhaftiger Sinnbild erdencken /
als wenn man ein weisses Pferd mahlen liesse / dergleichen in Herrmanns Wapen zu
sehen ist / auf welchem ein Ritter sässe / der im Schilde den Nassauischen
güldenen Löwen führete; da denn die Beischrift: Es weiss seine Stärcke nicht /
anzeigen müsse / dass der grosse Herrmann seiner eignen Grösse zu vergessen
pflege und ein Untertaner seines Untertanen werde. Von diesem seinem
Lehrmeister lernet nun Herrmann / sich zu stellen / als wollte er iedermann
helffen / und doch niemand würckliche Hülffe zu leisten / als mit einem grossen
Eigennutzen. Als die Semnoner und Langobarden des Marbods überdrüssig waren / und
Herrmannen zum Herrn verlangten / war es ihm ein leichtes sie aus Marbods Joch
unter das seine zu bringen. Hingegen da er seinem alten Freunde / dem Jubil /
die Hermundurer / und meinem gnädigen Fürsten die Gotonen unterwerffen soll /
weiss er weder Rat / noch Hülffe zu schaffen.
    Mit diesen und dergleichen Reden brachte der Ertzbetrieger nach und nach dem
guten Fürsten einen so starcken Argwohn gegen den redlichen Feldherrn bei / dass
er beim Abendessen dem leichtfertigen Einraten des vermummten Grünbachs ferner
Gehör gab / da er unter andern sich also vernehmen liess: Mein gnädigster Fürst
könnte sich bemühen die von ihm gefangenen vornehmen Marckmänner durch alle
ersinnliche Höffligkeit zu bewegen / dass sie ihn zu ihrem Könige verlangten.
Hätte dieses seine Richtigkeit / so dürffte man nur diese Marckmänner dem
Feldherrn einige Hoffnung zu Marbods Krone machen lassen / mit Bitte / ihrem
tapffern Uberwinder / dem Gotonischen Fürsten / ein fliegendes Heer zu
vertrauen / umb einen unversehenen Anfall auf Boviasmum damit zu tun; auf
welchen Fall sie durch einen Ausstand in der Stadt ihm hülffreiche Hand bieten
wollten; Mitlerweile könnte Jubil im Hermundurischen mit einem andern
Cheruskischen Heer sich zeigen / bei welcher Gelegenheit denn die Gotonen / die
Wiedererlangung ihrer Freiheit zu beobachten / gleichfals unvergessen sein
müsten. Auf diese Art würden alle Marbodischen Länder in des Feldherrn Gewalt
geraten / wovon er so viel / als ihm beliebte / vor sich behalten / mit denen
übrigen aber / sonderlich dem Hermundurischen und Gotonischen / die beide
Fürsten Jubil und Gottwald abfinden / und zu seinen ewigen Schuldnern machen
könnte. Dieses (sagte Adgandester ferner /) wird unserm Herrmann eine gefundene /
und dieser Krieg eine so leichte Sache sein / dass man sich wundern wird / wie
durch den Eigennutz alle bisher unmögliche Dinge so geschwind möglich worden.
Sind nun die Marckmänner durch Hülffe der Cherusker einmal wieder frei / so
sollen sie dieser unnötigen und beschwerlichen Gäste sich auch bald wieder
entledigen / weil sie doch lieber einen eigenen König werden haben wollen / der
die Gotonischen Landschaften ihrem Reich einverleibe / als dass sie die
Botmässigkeit über andere Länder verlieren / und nur vor ein dem Cheruskischen
Hertzog unterwürffiges Stück Landes gerechnet werden sollten. Indessen /weil mein
gnädigster Fürst mit den Marckmännern zu tun hätte / hoffte ich dero Erblande
durch allerlei List und Einraten meiner Bluts-Freunde / ohne Schwerdtschlag /
unter dero Gehorsam zu bringen.
    Der brennende Eyfer vor die Wohlfahrt seines Fürsten / der zum Schein an
Adgandestern zu sehen war /erweichte das Hertz des in denen Welt-Betrügereien
noch nicht zur Gnüge erfahrnen Gottwalds / dass es alles das in sich / als in
lindes Wachs / drücken liesse / was jener nur wollte. Es kame auch so weit / dass
Gottwald und Grünbach vor dem Druiden Gottard die bündigsten Eyde ablegten /
alle Verschwiegenheit und Treu einander zu leisten und einer des andern
Anschläge mit Rat und Tat zu befördern. Und zwar so scheuete sich Adgandester
keines weges / falsch zu schweren. Denn sein Gewissen war fürlängst dermassen
ausgedehnet / dass ein so schrecklicher und ungeheurer Meineid gar guten Raum
daselbst funde. Diss hingegen war sein ernstlicher Vorsatz / sich selbst zum
Fürsten derer Gotonen / Estier und Lemovier zu machen / und wenn der
rechtmässige Erbe dieser Länder mit dem mächtigen Cheruskischen Feldherrn in
einen schweren Krieg sich verwickelte / im trüben Wasser nach aller Lust zu
fischen. Hermannen aber begehrte er nicht ehe mit dem von Rom empfangenen Gift
hinzurichten / ehe und bevor er sich seiner zur Unterdrückung des Marbods
gnugsam gebrauchet hätte.
    Der nächstkommende Tag war kaum angebrochen /als Grünbach Gottwalden das
letzte Frühstück vorsetzte / und ihn hierauf nach Budorgis begleitete /
unterwegens aber so viel unrechtfertige Staatsgriffe beibrachte / dass ein ganz
anderer Mensch aus ihm / und durch sein Exempel bestätigt wurde / eine
lasterhafte Gesellschaft sei anfälliger / als Aufsatz und Pestilentz.
    Es wollte sich aber der vermeinte Grünbach unter Hildebrands Nahmen in der
ihm gar zu bekanten Stadt nicht lange aufhalten lassen / aus Furcht / an der
Sprache vielleicht ungefehr erkant zu werden; sondern / nachdem er eine eintzige
Mahlzeit unter dem Hoff-Gesinde genossen und von dem Fürsten viel grosse und
reiche Geschencke aus der neulichsten Marckmännischen Beute bekommen hatte /
wanderte er wieder in seine Kohlen-Hütte / und erhielt beim Abschied die
heimliche Zusage von dem unruhigen Gottwald / dass er ehest unter dem Schein der
Jagt bei ihm einsprechen und Nachricht geben wollte / wie weit er es mit seinen
Marckmännern gebracht hätte.
    Unter diesen waren die vornehmsten der gefangene Graf Wartenberg / und der
in der Schlacht übergegangene Ritter Zevusch; zwei recht tugendhafte und
tapffere Helden / die aber beiderseits Ursach hatten /Marboven biss auf den Todt
zu hassen. Denn / damit dieser seinem Liebling / dem Tanneberg / eine Gnade tun
könnte / hatte er den Wartenberg von dem Königlichen Erbschencken-Amt entsetzet /
welches doch seine Ahnen von Geschlecht zu Geschlecht über etliche hundert Jahr
gehabt hatten. Zevusch aber hatte einen Rechts-Streit wegen einer gewissen
Erbschaft mit eben diesem Tanneberg verloren und meinte /Marbod hätte das
Urteil nicht nach denen Gesetzen /sondern nach des Beklagten Eingebung /
abgefasset. Nachdem nun Gottwald bei Hertzog Herrmann sich die Freiheit
ausgebeten hatte / einige von seinen Gefangenen los zu lassen / umb sie dadurch
sich dermassen zu verbinden / dass sie ihm mehr beförder- als hinderlich wären /
wenn er / durch die längst-versprochene Beihülffe des Feldherrns / seine
Gotonischen Erb-Länder wieder einzunehmen versuchen würde; liess er Wartenbergen
und Zevusch zu sich kommen /sprach sie frei / beschenckte sie herrlich uñ bat
sie /etliche Tage auf der Jagt ihm Gesellschaft zu leisten. Diese beide wurden
von so ungemeiner Freundlichkeit ganz bezaubert und hörten daher desto williger
zu / als er folgenden Tag unterwegens die Marckmänner wegen der Tyrannischen
Regierung des Marbods beklagte / auch nachgehends sie zur Rache und Erlösung
ihrer Landes-Leute anfrischte / und endlich seine Person ihnen zu beständiger
Gunst aufs höfflichste empfohle. Er machte sie hierdurch so treuhertzig / dass
sie anfangs wüntschten an Marboden einen so gütigen Herrn zu haben / als sie von
Gottwalden verhoffen wollten / wenn das Glück sie seiner Beherrschung würdig
geachtet hätte; ja sie versprachen ihm zuletzt hoch und teuer / alle ihre
Verwandten und gute Freunde zu Maroboduum wider den Wüterich in ein enges und
fest beschwornes Bündnis zu bringen /ihn vom Tron zu stürtzen / und / wo
möglich / dessen Krone auf ihres höchstverdienten Woltäters / des Gotonischen
Hertzogs Haupt zu setzen. Jedoch bedungen sie sich / dass zu einem so wichtigen
Werck grosse Verschwiegenheit und sechs oder sieben Monat Zeit ungefehr
gehöreten. Gottwald liess sich alles gefallen / stärckte sie in ihrem Vorsatz /
beschenkte sie nochmahls und tate ihnen die Verheissung / alles Glück / das er
durch sie erlangen würde /mit ihnen gemein zu haben. Worauf sie denn von ihm
erlassen wurden / und unter dem Schein einer selbst ergriffenen Flucht zu
Boviasmum oder Maroboduum ankamen.
    So gross nun Gottwalds Freude und Hoffnung bei einem so guten Anfang war: so
gross war die Traurigkeit des Feldherrns / als seine Abgesandten an den Tiberius
/ Graf Stirum und Ritter Malzan / ohne Tussnelden wieder kamen und berichteten /
es habe Tiberius sie hoch versichert / dass das gefangen gewesene deutsche
Frauenzimmer wirklich auf der Flucht / wo nicht schon in Deutschland / sich
befünde / wannenhero sie den mit denen Römern gemachten Frieden aufzukündigen
sich keines weges hätten unterfangen wollen. Ob man nun aber wohl Tussneldens
Wiederkunft täglich erwartete / so verstrich doch diss Jahr /ehe dass die
geringste Nachricht von ihr einlieff. Dieses machte / dass der grossmütige
Herrmann endlich fühlen musste / er wäre ein Mensch / und könnte so wenig seine
hertzgeliebte Gemahlin / als das Hertz aus seiner Brust / ohne tödtliche
Schmertzen verlieren. Er zweiffelte nunmehr nicht / dass sie in ihrer Flucht zu
Wasser oder Land umbgekommen / und ihr Grab vermutlich / entweder in dem Magen
derer Fische oder wilden Tiere gefunden hätte. Er schrieb aber deswegen an die
heilige Asblaste seine Frau Mutter / welche / nachdem sie dem Flavius den Stich
mit dem Messer in die Brust / und mit ihrer Straff-Predigt ins Hertz / gegeben
hatte / in das Heiligtum der Cimbrischen Alironien zurück gekehret war. Dieser
klagte er seine hertzkränckende Besorgung und bat / aus weissagendem Geist zu
entdecken / ob Tussnelda noch lebe und ihn iemahls in diesem Leben wieder sehen
werde. Er bekam aber erst etliche Monat hernach diesen dunckeln Ausspruch / an
statt einer klärern Antwort.
                           Unüberwindlicher Feldherr!
                            Gott geliebtester Sohn!
                            Wenn das deutsche Reich
                              an Blut und Tränen
                                arm sein wird /
                                    wovon es
                      jenes deinem Leben zur Beschützung /
                           diese deinem Tode zu Ehren
                                vergiessen soll;
                               Wird es Tussnelden
                         mit Freuden -Tränen begrüssen
                           und mit Mitleidens-Tränen
                           von ihr begrüsset werden.
                                Alsdenn wirst du
                  unter der Erden zwar eine sichere Wohnung /
                           in Tussneldens Seele aber
                          das edelste Mausoleum haben.
                            Doch traue dem Himmel /
                                  dass die Erde
                 euch beide nach Wuntsch vereinigt werde wieder
                                     sehn.
                              Diejenige soll dich
                     wohlvergnügt in ihre Arme schliessen /
                        die du ohne Ursach beweinet hast
                    und die dich ohne Ursach beweinen wird.
                               Dein Begräbnis-Tag
                       gibt dir und deiner Allerliebsten
                                ein neues Leben.
                                     Darumb
                                sei zu frieden /
                weil die Linien in dem Buch deines Verhängnisses
                    zwar wunderbahr unter einander lauffen /
                             gleichwohl allerseits
                       dein bestes zum Mittelpunct haben.
    Herrmann sagte bei Verlesung dieses: Nun so lebe denn wohl /
unvergleichliche Tussnelda! Sterbe ich /ehe ich das Glück habe dich wieder zu
sehen / so lebe ich doch in dir auch nach meinem Tode / und erfreue mich
hertzlich / dass Assblaste uns beiden einerlei Grabstätte verspricht! Graff Nassau
/ dem Herrmann Assblastens Brief vorgelesen hatte / versetzte: Wir wollen diesen
Ausspruch keines weges so übel deuten. Der Himmel wird Deutschland nicht so
ungnädig sein / dass er selbigem dessen so teuren Beschützer und gütigen
Beherrscher mehr gezeiget / als geschenckt haben sollte / massen mein gnädiger
Feld- kaum fünff und dreissig Jahr vorjetzt erlebet hat /welches erst die Helffte
von dem ordentlichen Alter des Menschen ist. Wer weiss / wie die Weissagung
auszulegen / und ob sie nicht einer Castanien-Nuss gleich sei / an welcher man
auswendig lauter Stacheln / inwendig eine angenehme Frucht findet. Vielleicht
steckt ein viel besserer Verstand in Assblastens Worten / die im ersten Anblick
nichts als Hertzens-Stiche zu geben tüchtig scheinen?
    Was brauchts viel vergeblichen Trostes? (antwortete der Feld-Herr:) Fürchte
ich mich denn vor dem Tode? O nein! Lasts sein / dass der gemeine Menschenhauffe
ihn vor das schrecklichste aller schrecklichen Dinge halte: Ich dencke bei dem
Bilde eines Todtengerippes an das / was der berühmte Zeuxis sagte / als ein von
ihm hauptsächlich-gutgemahltes Bild dem Pöbel nicht gefallen wollte: Wenn ihr mit
meinen Augen sähet / würdet ihr dieses Gemählde mit der grösten Lust von der
Welt betrachten. Mein bester Teil kann von denen Unvollkommenheiten dieses
Lebens nicht ehe frei werden / biss der Tod das Band entzwei geschnitten /
welches die Seele an dieselben ja so fest / als an ihren Leib bindet. Man härmet
sich nicht halb so sehr / wenn man die lebendigen Inwohner und den besten
Hausrat aus einem baufälligen Hause unverletzt herausbringen kann / ob gleich
Stein /Leim und Holtz zerfallen / zerbrechen / und zu Staube werden: und wenn
nur die Einwohnerin unsers Leibes / die Seele / mit ihren Gemüts-Gaben sich in
den Ort derer Seligen flüchten kann / darff man nicht klagen /dass die
gebrechliche Leibes-Hütte in Asch und Staub zerfället. Zudem / weil der Himmel
weder denen Gottlosen alles böse / noch denen Frommen alles gute / so sie in
ihrem Leibe getan / in diesem Leben zur Gnüge vergilt; so halte ich gäntzlich
davor / dass /gleich wie ein in der Erde ersterbendes Korn zu seiner Zeit wieder
aus der Erden hervor grünet / also alle Leiber zu einer gewissen Zeit wieder
werden lebendig werden / damit der / so ein Werckzeug einer boshaften Seele
gewesen / strenge Straffe / der / so einer Tugendhaften zu Dienst gestanden /
gnädige Belohnung von der Göttlichen Gerechtigkeit empfahen könne. Wundert euch
demnach nicht / dass die kluge Assblaste meinem Tode und Begräbnisse so grosse
Lobsprüche gibt / und so herrliche Würckungen zuschreibt. Unterdessen muss ich
gestehen / dass das beschwerlichste bei der Todes-Finsternis sei / dass man dero
Zeit nicht so eigentlich wissen oder ausrechnen kann / als eine Sonnen- oder
Monden-Finsternis. Vor dem Donnerschlag sieht man den Blitz / vor einem Feuer
den Rauch / vor einem Schiffbruch düstere und stürmische Lufft. Der Tod aber
kömmt öffters / ehe er sich durch einige Kranckheit / als seinen Vorboten /die
Herberge bestellen lassen. Jedennoch wer sich alle Tage durch ein tugendhaftes
Leben zum Sterben bereit machet / den kann es nie zu ungelegener Zeit betreffen.
Inzwischen weil ich lebe / soll dieses meine gröste Sorge sein / meinen Kindern
und Ländern also vorzustehen / dass jene glücklich über diese nach meinem
Hintritt zu regieren geschickt / und diese jenen gebührend zu gehorsamen willig
sein mögen.
    Diese löbliche Todes-Gedancken währeten bei dem Feld-Herrn den ganzen
ohnedem traurigen Winter hindurch. Als aber der Frühling anbrach / wurden
selbige durch eine seltzame Zeitung aus dem Chassuarischen Hertzogtum in etwas
unterbrochen. Selbige betraff die gottlose Sentia / mit welcher der gerechte
Himmel einmal abrechnen musste / nach dem sie einen sehr grossen Lohn / mit so
vielfältiger Verräterei / Ehebruch und Vatermord / verdienet hatte. Bojocal /
ihr ehemahliger Buhler / hatte fast alle Monat entweder bei dem Segestes
eingesprochen / oder selbigen sammt seiner Gemahlin nach Techelia an seinen Hoff
erbeten. Das ehebrecherische Paar konnte seine Leichtfertigkeit so sinnreich
bemänteln / dass der gute Segestes mit sehenden Augen blind war / wiewohl ihn
dennoch die Geschichte mit dem Sejan begierig gemacht hatte / täglich zu suchen
/ was er nicht zu finden begehrte. Der Mertzmonat war inzwischen halb vorbei /
als Bojocal heimlich vor Sentiens Schloss in unbekanter Kleidung nur selbdritte
ankam /und Sentien durch dero vertrauteste Dienerin seines Verlangens
verständigen und fragen liess / wo und wenn er heimlich sie zu sprechen die Ehre
haben sollte. Die Ehebrecherin konnte ihrem Liebling nichts versagen. Dannenhero
setzte sie / statt einer Antwort /dieses Getichte auf:
                           An die gesprächige Nymphe
                                     Eccho.
Du holde Nymphe / merckst am besten / was ich will.
Dein halbgebrochner Ton aus deiner Grufft im Garten
Beschämt die Nachtigal: Mein Mund wird dir aufwarten /
Wenn du Gehöre giebst. Nur dencke nicht: Schweig still!
Komm / liebliches Eccho / und nimm
Von mir an / was ich
Von Liedern zu opffern vor dich
Aus Freundschaft bestimm'.
Du schweigst / biss alles schweigt; biss ungefehr umb acht
Die Vnruh' wird zur Ruh / der muntre Tag zur Nacht.
Narcissus fehlt dir zwar. Sag' aber doch: kanstu
Ohn ihn nicht glücklich sein? Begieb dich nur in Ruh!
Statt seiner lieb ich dich. So wirstu ja im lieben
Auch umb die Wette stets mit Sentien dich üben.
                                  Wahlspruch:
                               Bedencke das Ende.
    Sie schrieb noch an dem letzten Wort / als ihr Gemahl ins Gemach trat und
fragte: Was sie guts machte? Wolte sie nun keinen Verdacht erwecken / musste sie
ihm das Papier zu lesen überreichen / wobei sie aber bate / die Poetische
Schwachheit ihr nicht zu verargen / dass sie über ihr artiges Garten-Eccho ein
Getichte verfertigt und dasselbe angeredet / als wenn es eine Person wäre / weil
dieses auf des Ovidius Verwandlungs-Bücher sich gründete / allwo die Nymphe
Eccho sich dermassen abhärmete / dass sie endlich zu einer dünnen Lufft würde /
nachdem der schöne / aber stoltze Narcissus ihre hertzliche Liebe verschmähet
hätte. Was aber ihren erwehlten Spruch / Bedencke das Ende / anbelangte / setzte
sie solchen zu allen dergleichen weltlichen Eitelkeiten / damit sie sich
hierinnen nicht vertieffen möchte / gleich wie etwa die Aegyptier bei ihren
lustigsten Gastmahlen das Bild eines Todten-gerippes auf die Tafel gesetzet
hätten.
    Segestes konnte dieses nicht tadeln / vielweniger Verdacht hieraus schöpffen
/ ohne dass er meinte / die Verse klängen etwas hart und gezwungen / welches aber
einem Frauenzimmer nicht dürffte übel gesprochen werden. So bald er aber hinweg
war / sandte sie es dem Bojocal / der / nach ihrer ehemahls-genommenen Abrede /
das Ende nicht des Lebens / sondern derer Verse / bedachte und die zwei letzten
Sylben in jedem männlichen / die drei letzten aber in jedem weiblichen Reime
zusammensetzte / da denn diese verlangte Nachricht heraus kam:
Ich will Bestimm
Im Garten Vmb acht
Aufwarten Zur Nacht
Schweig still Kanstu
Vnd nimm In Ruh
Was ich Im lieben
Vor dic Dich üben.
Er hatte verlängst einen eigenen Schlüssel zu diesem unkeuschen Sammel-Platz von
Sentien empfangen; dannenhero verfügte er sich umb acht zur Nacht dahin / und
wurde von der Ehebrecherin nach seinem Wunsch bewillkommet. Indessen hatte
Sentiens kuplerische Dienerin an statt ihrer Frauen in Segestes Ehebette sich
legen müssen und ware wider ihre Gewohnheit fest eingeschlaffen / als Segestes
/ dem seine Gemahlin über der Abendmahlzeit zu starcken Trincken Anlass gegeben /
umb Mitternacht aufstehen musste / umb den Magen von seinem Uberfluss zu
erleichtern. Weil er aber ein Schweisstuch auf dem Nacht-Tisch suchen wollte /
musste er die unter einen Sessel gesetzte Lampe in die Hand nehmen / welche denn
einen so hellen Schein aufs Bette warf / dass er dabei den Wechselbalg / ich
meine / die mit der Frauen verwechselte Magd / ersah. Da brauchte es nun wenig
Kunst die Warheit zu erraten; deswegen er ein auf dem Tisch liegendes grosses
Messer ergriff / die schnarchende Dienerin aufweckte und ihr den Tod dräuete /
wenn sie nicht alsbald bekennete / wo Sentia wäre? Diese konnte sich so bald
nicht auf eine Lügen besinnen / sondern gestund aus Furcht des Todes /dass die
Hertzogin mit dem Angrivarischen Fürsten die Nach im Schloss-Garten zubrächte und
gegen morgen sie wieder abzulösen willens gewesen wäre. Der eifrige Segestes
stiess hierauf das Messer der betrügerischen Griechischen Sclavin durch die Brust
/ und warf das mit dem Tode ringende Aass auf die Erde. Unterdessen hatte dieses
Getöse zwei in der nächsten Kammer liegende Edel-Knaben ermuntert / durch welche
Segestes sich eiligst ankleiden / und in den Garten begleiten liess. Er traff
allda das Schandpaar im Bette nacket und schaffend beisammen an / da er denn dem
Ehebrecher / ehe er sich fast recht ermuntern kunte / beide Ohren mit dem aus
der Kammer mitgebrachten Messer wegschnitte / hätte ihn auch sonder Zweiffel
ertödtet / wenn nicht die erwachende Sentia ihm in die Arme gefallen wäre / so
dass jener Gelegenheit bekam / auffzuspringen / den einen im Wege stehenden
Kammer-Diener mit aller Macht über den Hauffen zu stossen und durchzugehen /
indessen der andere dem Segestes die flüchtige Sentia halten halff. Der
ehrvergessene Bojocal wurde zwar von dem einem Diener verfolget; allein dieser
verfehlte seiner bei der Nacht in denen hochaufgewachsenen Spatziergängen /
dergestalt / dass er / obgleich im blossen Hembde und mit hartblutenden Ohren /
bei seinen Leuten an- und / nachdem er sich in etwas verbinden und bekleiden
lassen / aus Segestes Gebiete sicher entkame.
    Sentia musste inzwischen mutternacket an die Garten-Türe mit den Haaren
angebunden / die kühle Nacht hinbringen / da ihr denn nicht anders deuchtete /
als wenn ihres ermordeten Vaters Geist sie aufs grausamste mit
Schlangen-geisseln peitschete / so dass die ganze Haut an ihr zerrissen / und
ihr meistes Blut vergossen würde. Doch / da der Tag anbrach / war weder geronnen
Blut / noch Striemen an ihr zu sehn /und musste sie ihr böses Gewissen für diesen
nächtlichen Plagegeist halten. Segestes ging nun bei sich zu rate / ob er die
Ubeltäterin heimlich / oder / nach denen damahligen Rechten und Gebräuchen
aller Deutschen / öffentlich abstraffen wollte. Nachdem er aber dies letztere zu
Rettung seiner Ehre am dienlichsten befunden hatte / liess er der Ehebrecherin
alle Haar vom Haupt glatt abscheren und trieb sie also ganz nackend mit einem
Prügel aus seinem Palast /würde sich auch nicht geschämet haben / sie auf
etliche tausend Schritt solchergestalt vor sich wegzutreiben / wenn sie nicht
selbst mit dem Kopff wider eine im Wege stehende Eiche gelauffen wäre / und die
Hirnschale zerschmettert hätte. Man liess sie demnach / jederman zum Abscheu und
denen Hunden und Raben zur Speise / an diesem Ort verrecken und drei ganzer
Tage also liegen / endlich aber bei denen Beinen auf den Schinde anger
hinausschleppen. Solchergestalt bekam diese Lasterhafte ihren Lohn und die Welt
ein Exempel / dass der Himmel denen Verächtern seiner Güte eine Schuld lange
borge / aber zu rechter Zeit richtig bezahle. Solche schreckliche Fälle
betreffen wenige und erinnern viel Sünder / wie ein Comet nur etlichen schadet /
doch allen zum Schrecken vor die Augen gesetzet wird. Dieweil man aber der
Sentia keinen marmornen Grabstein setzen wollte / machte ein Unbekandter einen
von Pergament / und schlug ihn an eine unfern von der Schindgrube stehende Weide
bei Nacht an:
                                 Stehe stille /
                                 wer du bist /
                      und besiehe auf einen kurtzen Blick
                          diesen greulichen Anblick /
                                      der
                     wo nicht Mitleiden / doch Schrecken /
                             bei dir erwecken soll.
                         Wilst du meinen Nahmen wissen?
                                wohl! gieb acht!
                          Ich kann mich Medusa nennen;
                                    weil ich
                    im Leben die schönste im Lande gewesen /
                im Tode meine erstaunende Zuschauer versteinere
                   und an statt meiner abgeschnittenen Haare
                              Schlangen und Würmer
                     aus meinem Leibe herfür wachsen lasse.
                     Doch was nützt mir ein falscher Nahme?
                    Ich will mit dem Leben zu lügen aufhören
              und einer noch nie versuchten Sache mich unterfangen
                                   nämlich /
                                 wahr zu reden.
                                  Ich heisse:
                                    SENTIA.
                 Dieser mein Nahme ist in der Welt so bekant /
               dass alle Tugendhaften mich mit mehrerer Furcht /
                      als die Abergläubisschen den Wolff /
                               zu nennen pflegen.
                           Und dieses nicht unbillig:
                              massen nicht allein
                    die Römische Wölffin meine Mutter ist /
                             sondern ich auch stets
                          durch Blutdurst und Geilheit
              den Titel einer Wölffin zu behaupten gesuchet habe.
                              Ich wollte mich gerne
              vor des Aelius Sentius Saturninus Tochter ausgeben:
                           Allein wer wirds gläuben /
                      nachdem mein an ihm begangener Mord
                             zu beweisen scheinet /
                                    dass ich
                        einem Ehebrecher ehe / als ihm /
                         das Leben zu dancken gehabt /
                           und meine Geilheit demnach
                     eine Gattung von Aussatz gewesen sei /
                    so von Eltern auf Kinder vererbet wird?
          Alldieweil auch Rom keine mit Napell vergifftete Indianerin
                 vor den tapffern Segestes / zu finden wusste /
                  wie etwan dergleichen dem grossen Alexander
                               geschencket ward;
                 musste mein mit allem ersinnlichen Laster-Gift
                              durchwürcktes Gemüt
                          den Chassuarischen Alexander
                             dermassen anstecken /
                                     dass er
                        dem Griechischen zur Nachfolge /
                       mehr als ein deutsches Persepolis
                             einer Hure zu Gefallen
                            in Brand geraten liess.
                             In schwartzen Künsten
              hat die einige Wartpurg es höher gebracht / als ich:
                             daher auch verdienet /
                        dass sie an einem hohen Galgen /
                    ich nur in einer tieffen Schind-Grube /
                             den Auffentalt habe.
                   Ich habe vorlängst alle Scham verloren /
                        drumb darf ich keiner Kleider /
                                sie zu bedecken.
                         Ich nehrte mit meinem Fleisch
                      die unflätigen Lüste des Bojocals /
                             der seinem Vaterlande
                       zu Vergeltung mütterlicher Treu /
                       nach Art der undanckbaren Raben /
                          die Augen aushacken wollen.
                             Was ists denn Wunder /
           dass ich ietzt einer andern Art von Raben zur Speise diene?
                                  Nun gehe hin
                               und würdige mich /
              die ich einen ewigen Nahmen durch Laster zu erlangen
                               getrachtet habe /
                          deiner ewigen Vergessenheit.
    Auf Bojocals Ohren wurden auch nicht wenig Stachel-Schrifften von
unterschiedenen Händen verfertigt. Bald wollte einer den Segestes vor einen
guten Artzt rühmen / dass er den hitzigen Brand des Bojocals durch einen
glücklichen Schnitt so nachdrücklich steuren können / da gemeine Wundärtzte mit
ihren Sägen und Messern kaum den kalten Brand heilen könten. Bald wunderte sich
einer / warumb die Ohren hätten büssen müssen / was ein anderer Teil des Leibes
verbühret; und schlosse endlich: solches wäre geschehen / entweder / weil zwei
Adern von denen Ohren nach dem Unterteil des Leibes sich ziehen /oder weil
Segestes vielleicht des unbändigen Bojocals Beschwerung eben so heilen wollen /
als wie manche Aertzte das Hüfften-Weh / da man den Daumen des Krancken brennet
und durch die Marter des unschuldigen Teils den schuldigen wieder zurecht
bringt. Noch ein anderer meinte / jederman würde dem Bojocal nunmehr bei dem
ersten Blick ansehen /dass der Ehren-Titul eines Römischen Bunds-Genossen ihm
zukäme; weil in denen Gesetzen entalten wäre / dass Uberläuffern und Verrätern
des Vaterlands die Ohren sollten abgeschnitten werden.
    Nichts aber fiel mehr ist die Augen / als das wohlgemahlte vier Ellen hohe
Bild eines Butavischen am Chassuarischen Hoffe lebenden Künstlers. Man sah
darauf einen Altar / auf welchem Mnemosyne / die Göttin des Gedächtnüsses / in
einem mit lauter Ohren bemahlten Kleide stund und mit der rechten Hand an ihr
recht Ohr griffe / mit der lincken aber einen flachen Teller hielt / worauf zwei
blutige Ohren lagen. Die Meinung des Gemähldes ward durch folgende Schrifft
erkläret / welche in die vorderste Seite des Altars eingegraben zu sein schiene:
Weil der Göttin des Gedächtnüsses die Ohren heilig sind / übergibt ihr Bojocal
/ der aller deutschen Redligkeit bisher vergessen hat / seine straffbahren Ohren
zum Versöhnopffer und sichern Pfande / bei derer Verlust an seine
ehemahls-verübte Bosheit und künftig-obliegende Schuldigkeit lebenslang zu
gedencken.
    Allein Bojocal bewegte sich im geringsten nicht über solcher übeln Nachrede
/ sondern meinte dieselbe ehe durch stillschweigen / als widersprechen zu
dämpfen. Er setzte im Hause eine Haar-Haube / und auf der Gasse / Reise / Fürst-
und Ritterlichen Zusammenkünften einen Helm auf / und bemühete sich ja so sehr
/ seine verkürtzten / als Midas seine allzulangen Ohren / zu verdecken. Ein
unvermuteter Zufall aber entdeckte dieselben vor denen Augen des ganzen
deutschen Reichs.
    Denn als Herrmann / Arpus mit seinem Sohne Catumern / Melo mit seinen zwei
Brüdern und so viel Söhnen / Ganasch / Ariovist / Malorich / Jubil / Gottwald /
und etliche andere treuverbundene deutsche Fürsten / wie auch derer Cimbrischen
/ Suionischen /Bastarnischen und Sarmatischen Könige Gesandten /nebenst einem
Abgeordneten des Batavischen Volcks / am längsten Tag des Jahrs im
Teutschburgischen Hayn zusammen kamen / ihren Bund wieder zu erneuern / funden
sich auch Segestes / Segimer / Sesitach und Bojocal ein / bereueten / dass sie
von denen Römern verführet worden / und baten mit grosser Demut / derer
vergangenen Dinge zu vergessen / ihnen ihren ehemahligen Ort in der
Fürsten-Versammlung wieder einzuräumen und ins künftige aller Treu und
Redligkeit von ihnen versichert zu sein. Dergleichen suchte auch Arpus vor
seinen abwesenden Malovend. Es gab hierüber viel streitens / ehe in solch
Begehren allentalben eingewilliget wurde. Weil aber Melo /Ganasch und Malorich
/ so ehemahls Römische Bundsgenossen gewesen waren / das Laster nicht allzu hoch
anten oder aller Vergebung unwürdig halten durfften / welches ihnen ihr
Gewissen selbst vorrückte / und dannenhero / nebenst dem Arpus / eine eiferige
Vorbitte vor diese Verbrecher einlegten /ward endlich einmütigst geschlossen /
dass die obgenanten Segestes / Segimer / Malovend / Bojocal und Sesitach / alle
ihre vorigen Rechte wiederbekommen und an dem allgemeinen Bündnis derer
deutschen Fürsten Teil haben sollten. Als man nun dachte / sie würden insgesamt
ihre Dancksagung hierüber ablegen / bedungen sich Segestes / Segimer und
Sesitach / dass sie sich viel zu edel hielten / mit dem Ehebrecher Bojocal in ein
Bündnis sich einzulassen; baten dabei / in Bedencken zu ziehen / ob nicht die
Verletzung eines Fürstlichen Ehebettes einen so unverschämten Missetäter aller
Fürst- und Ritterlichen Gesellschaft unwürdig machte? Bojocal verwarff hierauf
solche Anklage / als eine offenbahre / unerweissliche und ungegründete
Schmachrede. Segestes versetzte: Bojocal führe den Beweis wider sich unter
seinem Helm / nämlich seine verstümmelten Ohren; die möchte er nur entdecken /
so würde es unnötig sein / die jetzt angebrachte Klage weitläufftiger zu
behaupten. Bojocal antwortete: Es ist die Gewohnheit von unsern hochlöblichsten
Vorfahren auf uns gebracht und so viel undenckliche Jahr erhalten worden / dass
wir bei allgemeinen Versamlungen in voller Rüstung erscheine; so wenig nun einem
unter gegenwärtiger Durchlauchtigen Gesellschaft zugemutet werden darff /
seine Waffen abzulegen; so wenig kann ich dem Chassuarischen Hertzog die Gewalt
einräumen / mir die Abnehmung meines Ritterlichen Helms nach eignem Wohlgefallen
anzubefehlen. Doch dieses wundert mich sehr / dass wenn es wahr ist / dass ich
meine zu kurtzen Ohren klüglich verberge / Segestes nicht von mir lernen will /
seinen ausgewachsenen Kopff zu verdecken; Und dass er mit Gewalt zu behaupten
gedencket / er habe an seinem Haupt etwas zu viel und ich etwas zu wenig.
Nimmermehr will ich hoffen / dass er noch ein König werden will / weil etwa dem
Marcus Genucius Cipus zu Rom / als er unvermutlich Hörner bekam / der gleichen
Hoheit gewahrsaget worden. Welch eine Torheit aber ists /dass / da er als ein
Mann dem vermeinten Ehebrecher zusammt den Ohren das Leben zu nehmen sich nicht
getrauet hat / er nun wie ein feiges Weib dieser Hochfürstlichen Gesellschaft
Gehöre mit dem albern Gedichte von meinen gejüdscheten Ohren beschweret. Allein
was braucht viel Worte? Ich fordere hiermit /aus Ehrerbietung gegen seine hohe
Anverwandten /diesen leichtfertigen und lügenhaften Ehren-Dieb zu einem
ritterlichen Kampff aus / in welchem er mir den Helm abziehen mag / wenn er so
viel Hertz und Kräffte hat. Er will ja ein Actäon Not sein: weil aber seine
Hunde..och nicht für voll ansehn / und als einen rechten Hirsch zerfleischen
wollen / so will ich ihm aus alter Bekantschaft solchen letzten Dienst
erweisen.
    Segestes durffte sich diese Ausforderung nicht zuwider sein lassen /
sondern musste selbst die Hochfürstliche Gesellschaft ersuchen / unparteiische
Kampffrichter abzugeben. Herrmann deutete ihnen beiderseits an / sich in etwas
zu entfernen; inzwischen er die Stimmen herumb gehen liess; und / als sie beide
wieder vorgefordert waren / ihnen diesen Bescheid gab: Daferne Hertzog Segestes
deutlich genug erwiesen hätte / dass Hertzog Bojocal das vorgeworffene Laster des
Ehebruchs warhaftig begangen /würde man ihm nicht zumuten können / dass er ihn
seines Speers und Schwerdtes würdigte. Nachdem aber der Beweis noch nicht zur
Gnüge geführet wäre /als sollte der Kampff nicht allein ihnen frei stehen
/sondern auch unumbgänglich auferlegt sein / doch mit diesem Bedinge / dass wo
Hertzog Segestes Hertzog Bojocals Haupt nicht entblössen und den Mangel der
Ohren augenscheinlich erweisen könnte / er als ein unverschämter Verläumbder aus
der Fürstlichen Gesellschaft und Bündnis sollte gestossen werden; welche Straffe
aber auch Hertzog Bojocaln betreffen würde / daferne Hertzog Segestes dartun
könnte /dass er seine Ohren / und folgbar seine Ehre / verloren hätte. Beide
streitende Teile nahmen die Bedingung an. Hierauf wurde die Reñebahn vor dem
Teutschburgischen Schloss zum Kampffe bereit gemacht / und vier Tage hernach
nahmen die Fürstlichen Personen bei früher Morgenzeit ihre Schaubühnen daselbst
ein. Der Adel / Soldaten und gewaffnete Weiber besetzten von aussen zu die
Schrancken.
    Segestes hatte in seinem Schild ein paar abgeschnittene blutende Ohren
mahlen lassen / nebenst dieser Beischrift:
                     Sie können nicht reden / doch zeugen.
    Der Ansibarische Hertzog aber führte im Schilde den Fluss Achelous / unter
der Gestalt eines Ochsens /dem Hercules im Ringen ein Horn abbrach / mit dem
Beiwort: Diss gehöret nicht vor dich. Hiemit anzuzeigen / dass er den Segestes
durch den Kampff überführen wollte / dass er sich Hörner anmassete / da ihm doch
die unschuldige Sentia keine Ursach hierzu gegeben hätte. So bald nun die
Trompeten zum drittenmahl sich hören liessen / ranten Segestes und Bojocal mit
ihren Speeren wider einander: da denn dieser das seinige auf Segestens Brust
brach / jener hingegen Bojocals Helm so gewaltig traff / dass ihm derselbe und
zugleich das Hertz entfiel / weil er das Haupt mit seiner Haar-Haube nicht wider
Segestes Schwerdt verwahren kunte. Er wollte sich demnach bücken / den auf der
Erde liegenden Helm mit der zubrochnen Speerstange aufzuheben. Alleine sein
Widersacher wollte die schöne Gelegenheit nicht aus der acht lassen / und schlug
ihn mit dem Degen flächlings auf das Hinterteil des Haupts / dass er betäubet
wurde / aus dem Gewichte kam und zur Erden stürtzte: da war es nun dem Segestes
ein leichtes / dem Bojocal das falsche Haar abzureissen / und fehlte wenig / dass
er ihm nicht auch den Schedel für die Füsse gelegt hätte. Allein er hielte sich
für allzu edel /einem öffentlich-überzeugten Ehebrecher das Leben zu nehmen.
Darumb vergönnte er denen Ansibariern /ihren Herrn hinweg zu führen / und meinte
/ eine bessere Rache zu haben / wenn er ihn lange in Schimpff leben / als
geschwinde sterben liess. Denn gleichwie ehemahls den Smerdes seine
abgeschnittene Ohren umb das Persische Königreich brachten: Also war der auf der
Erde halb-todt liegende Bojocal durch ein allgemeines Geschrei aller Zuschauer
verdammet worden / dass er als ein überwiesener Ehebrecher auf ewig aus der
löblichen deutschen Ritterschaft und Fürsten Bündnis sollte ausgeschlossen sein
und bleiben. Der langmütige Himmel gab also diesem ruchlosen Menschen eine
längere Lebens- und Buss-Zeit; massen er erst viertzig Jahr hernach mit allem
seinem Volck von dem Dubius Avitus auf Befehl des Käysers Nero aus dem Lande
verjagt wurde und im Elend jämmerlich umbkommen musste; solchergestalt aber einem
Mastochsen nicht ungleich war / dem das Leben gefristet wird / damit er zu
anderer Zeit geschlachtet werden könne / und zwar wohl gar durch desselben Hand
/dessen Hause er Zeit Lebens am allermeisten genützet und gedienet hat.
    Es war aber bei diesem Kampff auf Leib und Leben nichts wunderbarers / als
dass der Uberwundene das Leben davon brachte / der Uberwinder hingegen selbiges
einbüssete; alldieweil Segestes von Bojocaln mit dem Speer über der rechten
Brust verwundet worden / und bisher vor grossen Eyfer die Wunde nicht gesühlet
hatte / endlich aber wegen häuffig vergossenen Blutes kraftlos und ohnmächtig
zu werden begunte. Worauf man ihn nach Teutschburg bringen wollte; Allein ehe man
dahin kommen konnte / verschied er plötzlich / eine viertel Stunde ungefehr nach
erhaltenen Obsieg. Und also musste der offtmahlige Vaterlands-Berräter Segestes
durch den nichts-bessern Bojocal das Leben / wie dieser durch jenen seine Ehre /
verlieren. Jedoch war dieses dem Segestes noch rühmlich / dass er / als ein
wider einen Feind des Vaterlands tapffer- und siegreich-streitender Held /
tödtlich verwundet ward / und dadurch bewiese / wie er nicht ganz ohne sein
Verdienst die Ehre hätte / ein deutscher Fürst und Tussneldens Vater zu heissen.
Er ward mit Fürstlicher Pracht in sein Land abgeführet und daselbst verbrant;
bekam aber seinen Bruder Segimer / an statt seines bei denen Römern sich noch
aufhaltenden Sohns / des Siegmunds / auf einhelliges Urteil der deutschen
Fürsten-Versamlung / zum Erben aller seiner Länder.
    Dieses unverhoffte Glück des Segimers stach die Sicambrischen Fürsten
Beroris und Dietrich trefflich in die Augen / und verleitete sie / ihre alten
Ansprüche an das Sicambrische Hertzogtum / welches ihr erstgebohrner Bruder
Melo allein beherrschete / wieder hervor zu suchen. Zumahl / da Drusus in allen
seinen Briefen aus Illyricum sie vielfältig dazu anfrischte. Massen dessen
Hauptzweck war / den Saamen der Zwytracht unter die deutschen Fürsten
auszustreuen /und die Fabel von denen Brüdern in Böotia / die zu Cadmus Zeiten
aus einerlei Erde aufgewachsen sein /und sich selbst unter einander aufgerieben
haben sollen / auf Deutschen Grund und Boden zu einer wahren Geschichte zu
machen. Melo schützte zwar das väterliche Testament vor; aber es würde ein
Papier / das von Würmen und Mäusen kann zerfressen werden / ein schlechter Schild
des Hertzogs wider Spiess und Degen gewesen sein / wenn die beiden Brüder alles
hätten tun wollen / was ihnen der Ehrgeitz einriete. Allein zu allem Glück kam
der kluge Eubage Winsheim ungefehr / den Beroris zu besuchen / und nahm
Gelegenheit / von dessen Anspruch an das Sicambrische Hertzogtum zu reden / da
er denn unter andern sich also vernehmen liess: Ich leugne nicht / dass viel
hundert tausend Menschen unter seiner Botmässigkeit zu sehen / eine sehr
angenehme Sache sein müsse / wenn dieselben entweder durch freie Wahl oder durch
Erbrecht / oder durch einen dem Beherrscher abgenötigten Krieg / selbigem
untertan worden sind. Jedennoch wenn der Himmel einem tugendliebenden Fürsten /
auf keine von diesen drei Arten /viel Land und Leute unterworffen hat / kann und
soll er / meines wenigen Erachtens / sich nicht mit vergeblichen Ehrgeitz qvälen
und lieber über wenig wohl / als über viel nicht so wohl / zu regieren verlangen
/ weil jenes ihm im Gewissen Ruhe / unter denen Untertanen Liebe / bei denen
Nachbarn Verwunderung / allentalben Ruhm und Ehre bringt / dieses aber /gleich
dem Blitz / zwar in die Augen überaus sehr fället / doch vergänglich und
jederman mehr schäd- als nützlich ist. Es ist einem Künstler rühmlich / wenn er
mit gebührendem Fleiss einen so grossen Colossus verfertigt / dass Schiffe
zwischen dessen Füssen ungehindert durchgehen können; Allein auch der wird vor
einen ungemeinen Kopff gerühmet / der in verjüngter Arbeit was sonderliches tut
/ und wohl gar auf eine Kirschkern mehr als hundert unterschiedene Gesichter
bringen kann. Eine Seele ist grösser zu achten / die einen kleinen Cörper
geschicklich regieret / als eine andere / die einem grössern Leibe so übel
vorsteht /dass er und sie Kranckheit / Reue und Schande davon haben. Was ist aber
wohl ein Fürst anders / als die Seele eines gemeinen Wesens / das / gleich einem
Cörper / aus sehr vielen und unterschiedlichen Gliedmassen bestehet? Mir gefällt
überaus wohl / was der Spartanische Fürst Agis zur Antwort gab / als ihm einer
vorrückte / der mächtige Macedonische König Philippus schnitte denen Spartanern
die Macht und alle Gelegenheit ab / ihre Botmässigkeit über andere Griechische
Städte zu erweitern: Unser Land (sagte er) ist gross genug vor uns / dariñen zu
leben und zu wohnen; und unser Hertz ist iederzeit geschickt / beides unsere
Herrschaft zu vergrössern / wenn es das Recht und Glück zulassen / und auch
nach Gelegenheit mit einem mittelmässigen Zustand wohl vergnügt zu sein. Es will
und soll ja ein Fürst den Nahmen haben / dass er zu keinem andern Ende gross zu
sein begehre / als dass die / so er zu seinen Untertanen verlangt / sich unter
ihm ruhig und vergnügt befinden mögen. Ist dieses nicht / so ist er nicht ein
Fürst / sondern ein Wüterich / nicht ein Ebenbild des allgütigen Gottes /
sondern eines höllischen Plagegeistes. Nun muss mein gnädigster Fürst am besten
wissen / ob die Sicambrer unter dero Regierung eines vollkommenern Wohlstands
teilhaftig sein können / als unter der Botmässigkeit dero ietzigen
Beherrschers? Gesetzt demnach / es wäre dieses zu hoffen / (wiewohl manchmahl
tausend nie vermutete Unglücks-Fälle die gute Hoffnung eines Fürsten
krebsgängig machen können /) so wird doch die gewaltsame Befreiung derer
Untertanen von dem vermeinten Joch ihres ietzigen nicht unerträglichen Herrns /
sie dermassen schwach / arm und dünne machen / dass sie in denen künftigen
güldenen Zeiten / wenn selbige gleich unzählig Jahre beständig anhalten sollten /
nicht so leichtlich sich wieder erhohlen werden. Denn der Ehrgeitz kann in einem
Tag mehr verbrennen und veröden / als eine ämsige Landes-Vorsorge in funffzig
Jahren bauen oder erwerben. Solte gegenteils dero weltbekante höchstrühmliche
Bescheidenheit sich unserm bisher regierenden Hertzog an Gerechtigkeit /
Verstand / Erfahrenheit und Glück vorzuziehen nicht gemeinet sein / würde folgen
/ dass dero vorhabende Vergrösserung nur aus einem Eigennutz / nicht aber aus
blossen Eyfer für die Wohlfahrt des Vaterlandes /ihren Ursprung habe; welches
mir gleichwohl ungläublich scheinet. Es ist ja einem Lande nichts schädlicher /
als eine Zerstückung in allzu viel Fürstentümer / deren keines das andere vor
sein Oberhaupt erkennen will / und ist dahero so wenig zu raten / als dass man
eines verstorbenen Hertzogs Hermelinen-Mantel in so viel Stück zerschneide / so
viel Leibes-Erben vorhanden seind. Mich dünckt auch /die Nachwelt wird mit
mehrern Ruhm des tugendvollkommenen Beroris erwähnen / wenn er aus Ehrerbietung
gegen das väterliche Testament / und aus Liebe zu der Ruh und Friede seines
Vaterlandes / mit dem blossen Ehren-Titel eines Sicambrischen Fürstens /und dem
ihm ausgemachten / zwar kleinen / doch auskommentlichen Unterhalt vergnügt sein
wird / als wenn er viel tausend Leichen seiner besten Freunde und Diener zu
Grund- und Füllsteinen machen wollte /umb darauf seiner Herrschsucht einen Tempel
zu bauen. Und wo ja alles dieses nichts verfangen will /könnte vielleicht Hertzog
Melo meinem gnädigsten Fürsten eine völlige Gnüge schaffen / wenn er ihn zum
geistlichen Oberhaupt aller Eubagen in seinen Ländern machte. Diese Insul heckt
nicht so viel Sorgen-Würmer / als der Hertzogliche Purpur; wärmet aber und
zieret ja so gut / als dieser.
    Beroris dachte dem Einraten des Winsheims nach / und befand es sehr wohl
getan / daferne nur selbiger die Einwilligung des Hertzogs Melo zuwege bringen
könnte. Allein dieser war bald zu frieden / seinen Bruder mit einer so guten Art
abzufinden und ihm dadurch die Lust zu benehmen / ehest vielleicht zu heiraten
und das Land mit allzu viel Fürstlichen Erben zu beschweren. Mit Dietrichen aber
/ der ohndem seinen weit-sanftmütigern und stillern Bruder Beroris vornehmlich
in Harnisch gebracht hatte / schiene die Sache mehr Schwerigkeiten zu haben.
Doch da man des ärgsten sich besorgte / und Dietrich zwar die Untertanen
aufzuwiegeln gedachte / als welche immer eine aufgehende Sonne lieber / denn
eine untergehende anbeten / Melo aber ihn heimlich aufzufangen und auf ein
Bergschloss zu sicherer Verwahrung bringen lassen wollte / kamen zwei Abgeordneten
von dem Batavischen Volck an / erzehlteten / dass dasselbe bisher / nach
ritterlichem Tode Hertzogs Cariovalda /ohne ein Haupt gelebet / nach und nach
aber befunden hätte / dass seine bisherigen adelich- und bürgerlichen Vorsteher
durch ihre Zwietracht nicht geringen Schaden verursacht / weswegen es letzlich
einmütig sich erkläret / den wegen seines tapffern Muts weltberühmten Dietrich
/ gebornen Sicambrischen Fürsten /zu seinem allgemeinen Oberstattalter zu
erwählen /zumahln da der auf dem neulichsten Reichstage in dem Teutschburgischen
Hayn gewesene Abgeordnete desselben Fürstliche Gemüts- und Leibes-Gaben nicht
genug hätte zu rühmen gewust. Melo machte nunmehr eine ganz andere Geberde
gegen seinen Bruder / so bald er von ihm vernahm / dass er solch Glück nicht
auszuschlagen / sondern das gewisse für das ungewisse zu nehmen / willens wäre.
Es wurde demnach dem neuen Batavischen Fürsten und denen Abgeordneten des Volcks
alle gebührende Ehre mit sonderbarem Eyfer erzeiget / beiderseits trefflich
beschencket / etliche Tage hernach in einer überaus-prächtigen Abschieds-Verhör
beurlaubet / und also mit dem Ende alles gut gemacht.
    Das ganze Sicambrische Hertzogtum hielt hierüber tägliche Gastereien und
an statt / dass es befurchtet hatte / sein Blut in einem bürgerlichen Kriege zu
vergiessen / musste nunmehr Wein und Bier dessen entgelten; da unterdess ganz
Maroboduum in Blut und Tränen ersauffen wollte. Denn nachdem Graf Wartenberg und
Ritter Zevusch von Fürst Gottwalden in ihre Freiheit gesetzet und als flüchtige
daselbst wieder angekommen waren / machten sie den Marbod bei allen ihren
Verwandten dermassen verhasst / dass ihrer über funffzig sich in ein enges Bündnis
einliessen und zusamen verschwuren / dem Tyrannen das Liecht auszuleschen / wenn
der längste Tag im Jahr anbrechen würde. Hincko / Marbods Trabanten-Hauptmann /
wollte das von ihm selbst empfangene Schwerdt / so er bisher vor ihn ritterlich
geführet hatte / wider ihn gebrauchen / und damit den Zweiffels-Knoten / den
Herrmann ein wenig gelöset hatte /zerschneiden / ob nämlich Marbod / (wie man
ehemahls gemeint hätte /) keinem widerwärtigen Glück könnte unterworffen sein?
Der Druide Luitbrand wohnete allen diesen Beratschlagungen bei / nachdem er auf
Adgandesters Begehren / unter dem Nahmen Gottard und dem Vorwand allerhand
Länder zu besehen und Sprachen zu erlernen / in ritterlicher Kleidung sich dahin
begeben und deñ und wenn bissanher mit Adgandestern / durch einen von Gottwalds
Bedienten / Brieffe gewechselt hatte. Die Sonne trat endlich in den Krebs; doch
auch zugleich der Aufstand / der auf solche Zeit abgeredet war / und die Pfeile
/ die auf Marboden gerichtet waren / prallten wider alles Verhoffen auf die
Verschwornen zurücke: iederman zum Beispiel / dass wer die Hand an Fürsten leget
/ sich mehrenteils schändlicher Weise verbrenne / und dass ein Land / so eine
innerliche Unruh und Aufstand anfähet / keinen grössern Vorteil habe / als wenn
es sich selbst durch ein Erdbeben erschüttert und verwüstet. Denn als Marbod
neun Wochen ungefehr zuvor in Begleitung Tannebergs und wenig Diener auf die
Jagt reiten wollte / lief ihn unterwegens ein Bettelweib an und überreichte ihm
fussfällig ein Bittschreiben /mit vielen Seuffzen und Flehen / es selbst je ehe
je lieber zu erbrechen. Und damit verlohr es sich so geschwind in den Wald / dass
man hätte meinen mögen /es wäre verschwunden. Dies bewoge den Marbod nach dem
Inhalt dieses verdächtigen Briefes selbst zu sehn / den er denn also abgefasset
befunde:
                            Grossmächtigster Marbod.
    Der instehende längste Tag ist dein letzter / wofern du dich nicht deines
Lebens durch den Tod deiner Feinde versicherst. Wartenberg / Hincko / Jarossia
/Branick / Adalbert / Zevusch / Crocus / Bohussla und Zyto sind die vornehmsten
unter dem Bündnis / und haben keine Scheu / ihren unvergleichlichen Verstand und
Heldenmut zu einen so unverantwortlichen Vorhaben zu missbrauchen. Die grüne
Farbe ist selbigen Tag dein Untergang / wo du sie nicht mit Blut rot färbest.
Ich sage nicht mehr. Nötige obbenante durch die scharffe Frage / ausführlichere
Antwort zu geben. Lebe wohl und schweige von meiner Warnung / damit die Welt von
deiner Rache sagen könne.
                                                                 Der Unbekandte.
    Marbod wiese nach langen Nachsinnen seinem Liebling Tanneberg das Schreiben;
der versprach ihm ein paar hundert Mann getreuer Leute in möglichster Stille
aufzubringen / das Schloss beniemten Tages damit zu besetzen / und die
Verräterei in erstem Grase zu ersticken; Inzwischen aber weder Inguiomern noch
sonst jemanden in der Welt etwas davon zu sagen. Umb welches letztere er denn
auch den König ersuchte. Die neun Wochen lieffen also hin / ehe man fast sich
dessen versah; und die Verschwornen vermuteten am wenigsten / was ihnen bevor
stund / weil Marbod sich indes weder freundlicher / nach ernstafter gegen sie
bezeugete. Er stunde sehr früh am Morgen des obbenennten und zu seiner Ermordung
bestimmten Tages auf / und liess nach dem Hincko fragen / der denn schon damahls
mit Jarossla und Crocus im Schloss-Platz herumb spatzierte / und so wohl als jene
die Haare mit einem grünen Band zur Losung zusammengebunden hatte. Er ging auf
Erfordern mit beiden in des Königs geheimes Zimmer ohne andere Begleitung; sah
aber daselbst niemand /als den König / der auf seinen Stuhl in seinem
gewöhnlichen himmelblauem Schlaff-Peltz / mit dem Rücken nach der Türe zu /
sasse / das in eine grosse Schlaffmütze versteckte Haupt zwischen die auf den
Tisch ausgestreckten Arme gelegt hatte / und dem Ansehn nach / in dieser frühen
und kühlen Morgenzeit aus Müdigkeit wieder eingeschlaffen war. Dannenhero sagte
Crocus heimlich zu denen andern: Der Himmel segnet unser Vorhaben! Der Tyrann
schläfft und wir wollen ihm vollends dazu behülfflich sein. Jarossla mag an der
Türe stehn. Hincko und ich wollen den Streich verrichten. So bald es geschehen
/müssen wir die Stadt zu ihrer Freiheit beruffen. Hierauf giengen sie ganz
leise hin / und Hincko stach dem auf dem Schreibetisch liegenden das Schwerd
durch den Rücken / Crocus gab ihm einen Hieb über den Kopff. In dem Augenblick
aber waren wohl zwölff wohlbewaffnete Soldaten über sie und halb so viel über
den Jarossla her / dass sie nicht wussten / ob selbige vom Himmel gefallen wären.
Ungeachtet nun alle drei sich trefflich wehrten / wurden ihnen doch die Arme
gehalten / die Schwerdter genommen / und Ketten und Bande angelegt / auch jeder
in ein absonderlich Gefängnis geführt. In der Türe des geheimen Zimmers
begegnete ihnen König Marbod / der doch nach selbst eigner Meinung dieser
Verräter am andern Ende des Gemachs von ihnen war erwürget worden. Allein sie
hatten ihren Grimm nur an einer grossen / ausgestopffeten und mit Marbods
Kleidern angezogenen Puppe ausgelassen / die Tanneberg verfertigen und in diese
Stellung bringen lassen / damit wenn die Verschwornen sich daran vergriffen /
man sie der Verräterei desto ehe überzeugen könnte. Diese achtzehn Soldaten aber
hatten längstin an der Wand hinter einer Tapezerei gestanden / umb durch einige
Ritzen das Vornehmen des Hincko zu beobachten /und nach Befinden zu bestraffen.
Alle drei wurden absonderlich aufs schrecklichste gemartert / ob sie gleich ihre
edle Ankunft vorschützten; doch bekannte keiner nichts / als dass sie drei allein
ohne jemands Mitwissen dem gedrückten Lande zu seiner Freiheit wieder
behülfflich zu sein / den Vorsatz gehabt hätten. Nachdem aber dem Crocus
vorgehalten ward /dass Jarossla auf Wartenbergen / Adelberten / Zevusch / Branick
/ Bohussla und Zyto bekant / rief er aus: O! weh! nun ists geschehn! und gestunde
eben dieses. Dem Hincko / desgleichen dem Jarossla ward des Crocus Uhrgicht
vorgelesen / und durch solche List die Bekenntnis ebener massen abgenötigt.
Hierauf wurden ietzt benennte aus ihren Häusern gefänglich abgeholet / indessen
die andern dem König noch unbekandte in tausend Aengsten waren / und nunmehr
sahen / dass es unmüglich sein würde / den Anschlag auszuführen / weil Marbod in
so guter Verfassung stünde. Viel wollten demnach ausreissen; allein die Tore
waren zu. Und keiner / als Wartenberg / hatte das Glück / bei einem gewissen
Freunde in Weiber-Kleidung drei Tage zu verharren / und hernach sein Leben durch
die Flucht zu Gottwalden in Sicherheit zu setzen. Die andern wurden alle nach
und nach von denen gemarterten Mitverschwornen verraten /gleichfalls aufgesucht
und in gefängliche Hafft gebracht. Insonderheit traff die Reihe den falschen
Gottard oder Luitbrand. Dieser dachte demnach auf eine sonderbahre Rache / weil
er dem Tode nicht entfliehen konnte. Daher gab er nicht nur alle Verschwornen an
/ auf welche er vor der Marter gefragt wurde / sondern setzte auch fälschlich
hinzu / dass noch drei hohe Häupter / denen Marbod ein wenig zu lang lebete /von
ihrem Anschlage gewust hätten; doch wolle er sie nicht nennen / damit Marbod
sich selbst Schlangen ernehren möchte / die ihn mit der Zeit umbbringen /und den
Todt so vieler tapffern Helden rächen könten. Man fieng hierauf an mit
brennendem Schwefel und Pech ihn zu betreuffen / da er denn stracks im Anfang
bekannte / selbiges wären Adelgund / Inguiomer und dieser beiden bester
Hertzens-Freund / König Vannius. Marbod erstaunete und erzürnete sich über
dieser greulichen Aussage / dass er des Todes hätte sein mögen. Doch wusste er
nicht / ob sie wahr wäre / oder nicht. Sie schien unglaublich zu sein / weil
diese drei die grösten Wohltaten von ihm / nämlich Adelgund das Leben /
Inguiomer die Tochter und Erbrecht /Vannius das Schwäbische Königreich /
empfangen hatten. Doch schien auch gegenteils bedencklich /dass alle drei in dem
Hercynischen Walde schon vierzehn Tage jagten und vielleicht den Ausschlag ihres
Anschlags von weiten absehen wollten. Zum wenigsten war dem Wüterich alles
verdächtig / dass er öffters vor seinem eigenen Schatten / als vor einem Gespenst
oder Meuchelmörder / erschracke. Hierzu kame / dass Luitbrand die vollständige
Marter über seiner Bekenntnis aushielt und darauf blieb / dass er deswegen von
allen dreien Besoldung genossen hätte. Er wurde aber hierdurch dermassen
entkräfftet / dass man ihn auf einen Stuhl setzen und mit einer an den Knöpffen
der Lehne festgemachten und umb seine Brust geschlungenen Binde halten musste.
Tanneberg befahl / den halbtodten Ubeltäter zu erqvicken /damit man ihn denen
so freventlich-beschuldigten hohen Personen unter die Augen stellen könnte. Aber
indem hatte der vertrackte Bösewicht auf dem Folterstuhl die Binde von der Brust
an den Hals hinangestreifft / und legte sich mit der Kehle dermassen hart an
dieselbe / dass er die gottlose Seel ausbliess / ehe ihn iemand daran verhindern
kunte. Er zahlte also sich selbst den wohlverdienten Lohn aus und verfiel durch
seine heimtückische Bekäntnis / vermittelst derer er den Marbod und dessen
besten Freunde zusammen hetzen wollte / in eine ärgere Marter / als ihm
vielleicht kaum wiederfahren mögen / wenn er die Wahrheit ausgesaget hätte / und
etwa zum Beil oder Strange wäre verurteilt worden. Allein so bosshaftig ist die
Rache / dass sie wohl ehe ihr eigen Haus ansteckt / umb ein dabei gelegenes in
Brand zu bringen / und selbst von einer vergiffteten Speise frist / umb ihren
Feind zu verleiten / auch selbige zu kosten.
    Hiernächst wurden über funffzig Gräfflich- und Adeliche Personen öffentlich
entäuptet und ihre Köpffe auf Bäume gesteckt. Wohl zwei oder dreimal so viel
Diener wurden an Bäume aufgehenckt. Noch mehr aber mit Ruten gezüchtiget /
andere des Landes verwiesen; und musste hier mancher Unschuldiger mit dem
Schuldigen leiden / dieweil dieser auf jene bekannte / als er auf selbigen bei
der unerträglichen Marter befraget wurde. Gewiss ists / dass kein einig vornehmes
Haus unter denen Märckmännischen Gräflich-Adelich und bürgerlichen Geschlechtern
zu finden war / das nicht entweder einen lieben Blutsfreund oder einen
zuverlässigen Beförderer verloren hätte. Marbod aber liess sich sein Aderlassen
wohl bezahlen / indem er aller Getödteten / so wohl auch der Landsverwiesenen /
und derer in die Acht erklärten Güter in seine Cammer einzog. Wesswegen auch
einer den Charon unter der Gestalt des alten Marbods abmahlete / wie er ein
Schifflein voller abgeschiedener Seelen über die Höllen-Wasser in die
unter-irrdische Welt übersetzte; Weil er aber nicht / wie jener Poetische
Schiffmann mit einem Heller / den man denen verblichenen Cörpern zum Schifslohn
in den Mund legte / zu frieden war / wurden ihm zum Spott diese Verse unter das
Bild geschrieben und an dem öffentlichen Marckt bei Nachtzeit angeschlagen.
Du nimmst mit recht das Amt des alten Charons an
Und bringst in Plutons Reich in einem Tag mehr Leichen /
Als er im ganzen Jahr getan.
Er muss dir ja im Fleiss / doch auch im Geitze weichen.
Ein blosser Heller war sein Lohn;
Du trågst vor deine Muh die Erbschaft ganz davon.
    An statt dieser Stachelschrifft befahl Marbod eine weisse Marmorne
Spitzseule auf dem Marckt aufzurichten / die auf vier rotstreifichten Marmelnen
Knöpffen / diese aber auf einem hohen und mit schwartzen Serpentinsteinernen
Taffeln belegten viereckten Fusse stunden. In die vörderste Seite der
Flammen-Seule waren diese Worte mit sehr grossen Buchstaben eingegraben:
Danckbahres Andencken des wachsamen Schutz-Geistes. In die rechte Neben-Seite:
Allgemeine Freude über die Göttliche Erhaltung. In die hinterste Seite: Sichere
Hoffnung künftiger Glückseeligkeit. In die vierte oder lincke Neben-Seite:
Ewige Warnung treuloser Verräter. Er liess auch sich und seine auf die Jagt
reitende Gesellschaft nebenst dem Bettelweibe / mit ihrem Brieffe in der Hand /
in Lebens-Grösse auf Leinwad mahlen; da denn über dem Bilde auf dem schmalen
Rande die Schrifft längstin zu lesen war:
Marbod wird durch seinen Schutzgeist vor einer obhandenen Verråterei gewarnet.
    Der breite Rand unter dem Bilde war in fünff Felder abgeteilet; von denen
das Mittelste diese Jahrzahl in sich entielte:
    Den neunten April im zwei und funftzigsten Jahr des Marbodischen Reichs und
siebenhundert ein und siebenzigsten nach Erbauung der Stadt Rom. Im andern Felde
war ein offener Brieff gemahlt mit der Uberschrifft: So viel Zeilen / so viel
Strahlen. Die Meinung war etwas klärer aus dem ins erste Eck-Feld geschriebenen
Geticht zu nehmen:
Der Schutzgeist und die Sonn' hat den Gebrauch gemein /
Er hullt sich in dies Kleid / sie sich in Wolcken ein.
Doch pflegt sie manchmahl so noch Strahlen auszustreu'n /
Gleichwie auch seine Hand uns oft bringt Liecht und Schein.
Im vierdten Felde war ein hauffen grünes und brennendes Holtz / mit dem Beiwort:
Viel Getöse /wenig Schaden. Dieses ward im fünften oder andern Eck-Felde mit
folgenden Reimen erläutert:
    Wen selbst der Himmel schützt / der kann der Holle lachen.
    Der Schutzgeist muss vor uns / auch wenn wir schlaffen / wachen.
    Was will ein Erdwurm denn sich wider uns aufmachen?
    Sein Zorn schreckt uns nicht mehr / als nasser Brånder Krachen.
    Mittlerweile kamen König Vannius / Hertzog Inguiomer / und dessen Gemahlin
Adelgund mit ihren Bedienten von der Jagt zu Maroboduum wieder an. Sie zogen
alle in grüner Kleidung nach Jäger-Art auf /unwissend / dass diese unschuldige
Farbe in des Marbodischen Schutzgeistes Brieff / als ein Zeichen der wider den
König zusammenverschwornen / angegeben war. Marbod geriet über diesem Anblick
in einen hertzfressenden Argwohn / und hielt Luitbrands letztes Bekenntnis für
allzu gewiss; zumahl da jene von der Erhitzung im Reiten ganz feuer-rot im
Gesichte waren / welches er auf eine Schamröte wegen entdeckten Anschlags
ausdeutete. Er kunte auch nicht unterlassen / als sie ihm wegen überstandener
Gefahr Glück wünschen wollten / mit einer verdriesslichen Geberde Gottards in der
Marter erhaltene Aussage zu erzählen. Gläuben denn eure Majestät (antwortete
Vannius) einem solchen Ertzbösewicht mehr / als dero Sohn / Tochter / und alten
Freunde? Nein! (sagte Marbod) gleichwohl hat er mit seinem Tode sein Bekenntnis
versiegelt. Hilff Himmel! (rieff Adelgund aus /) ists möglich / dass ein solch
schelmisches Todes-Siegel mehr gelten soll / als unser blosses Wort? Können denn
Eure Majestät sich einbilden /dass wir unter der Jagt von Bären und Wölffen
gelernet haben / unmenschlich zu leben / ja / welches mehr als viehisch ist /
unserm Vater und höchsten Woltäter nach dem Leben zu trachten? Ich hoffe es
nicht; (versetzte Marbod /) ob gleich keine Untat der Herschsucht zu gross / und
ihr höchstes Gesetz der Eigennutz ist. Der grossmütige Inguiomer kunte ein so
unbilliges Verfahren nicht mit Gedult verschmertzen /sondern brach in diese Wort
aus: Ey verfluchter Argwohn! Soll ich solche Ehren-Verkleinerung ohne Widerrede
einfressen? das sei ferne! Mein Bructerisches Hertzogtum kann mich so wohl
ernehren / als das Marckmännische Königreich. Hiermit fassete er seine Gemahlin
bei der Hand und wollte sie mit sich weg führen. Aber der sanftmütige Vannius
hielte ihn auf / mit diesen Worten: Ey nicht zu eilig! mein Fürst! Man muss einem
Vater ein Wort zu gut halten. Marbod aber fiel ihm in die Rede: Es fleucht kein
Storch weg / der nicht dächte wieder zu kommen. Das Marckmännische Kronen-Gold
hat eine Magnetische Krafft / die auch biss ins Bructerische Hertzogtum langet.
Und wenn ich ja weder Freund noch Feind umb mich hätte / würde mir mein
unsichtbahrer Schutzgeist schon Gesellschaft leisten. Vannius ward darüber
gleichfals ungedultig und sagte: Worzu dienen so viel verdriessliche Rätzel? Man
sage es uns in die Augen /ob man uns drei für Feind oder Freund / für Verräter
oder für unschuldig halte? Marbod gab mit einer kaltsinnigen Art zur Antwort:
Bin ich denn ein Hertzens-Kündiger? Verhöret euer Gewissen gegen des Todten
Anklage: Ich muss euch wohl entschuldigt halten. Alle drei wurden hierdurch
unsäglich entrüstet und eilten zur Tür hinaus nach ihren Pferden zu / da denn
Adelgund allein im weggehen sagte: Der Himmel bewahre eure Majestät / und bringe
Sie zur Erkenntnis ihres Irrtums. Und damit setzten sie sich mit ihren Leuten
auf und Vannius zwar ging in sein Königreich / Inguiomer aber und Adelgund in
ihr Hertzogtum.
    Tanneberg kam gleich damahls zum Schloss hinein und kunte sich nicht gnug
wundern / dass die Wegreisenden ihn weder sonderlich grüsseten / noch zusprachen.
Er begab sich demnach zum Könige / und nachdem er die Ursach erkundiget hatte /
sagte er: Eure Majestät wollen gnädigst vergeben; ich fürchte / die kaltsinnige
Erlassung dieser drei hohen Personen hätte nicht so schleunig geschehen sollen.
Was? (sagte der erzürnete Marbod /) habe ich nicht Ursach gnug / Argwohn wider
diese Leute zu fassen / die mit ihrer grünen Kleidung / Schamröte und
selbsterwehlten Flucht so deutlich sich verraten und Gottards Aussage
bekräfftigen? Jener erwiese hierauf weitläufftig / dass aller dieser Beweis wider
dergleichen Personen zu schwach wäre / und setzte letzlich hinzu: Zu wünschen
wäre es / dass Eure Majestät nicht nur halb / sondern ganz jenem zu unser Väter
Zeiten lebenden Allobrogischen Hertzog gleich wären / welcher eines teils zwar
überaus argwöhnisch / anders teils aber so gar sehr verschwiegen war / dass man
ehe die Tieffe des Meers / als seine Gedancken /hätte er gründen mögen; daher
man von ihm ins gemein zu sagen pflegte / sein Hertz wäre mit mehr und höhern
Gebürgen rings herumb besetzet und verwahret / als etwa sein Land; und keines
Menschen Verstand so gross / dass er selbige übersehen könnte. Die Vorsichtigkeit
ist ein nötig Ding vor einen Fürsten /weil selbiger so vielerlei Leute umb sich
leiden muss /die mehrenteils nicht sein / was sie sein wollen /und denen nichts
mehr als das Kleid mangelt / dass man sie nicht vor vollkommene Comödianten
halten könnte; so gar sehr wissen sie sich zu verstellen. Wer nun allzu
leichtlich solchen falschen Freunden traut /wird leichtlich betrogen. Doch muss
man nicht aus allzu grossem Nachdencken die besten Freunde zu lauter grässlichen
Larven machen; womit wir uns ohne Not qvälen / und furchtsamer als kleine
Kinder werden. Man wirfft deswegen nicht alsbald alle güldene Müntzen oder
Edelgesteine weg / weil öffters falsche unter guten sich finde / sondern man
prüfet dieselben mehr / als einmal; und warumb nicht vielmehr rechtschaffene
Freunde / die nicht mit Gold oder Edelgesteinen zu bezahlen sind? Es erschrickt
ein Weib von Hertzen / weñ sie eine garstige Missgeburt gebieret /und sucht
dieselbe vor aller Welt je ehe je lieber sorgfältig zu verbergen; biss dieselbe
vollends verrecket. Was ist aber wohl ein ungegründeter Argwohn bessers / als
eine Missgeburt / die unsere Vorsichtigkeit /auch wider ihren Willen / manchmahl
aushecket / allein umb so viel mehr vor iederman verborgen werden muss / biss sie
mit der Zeit in unserm Gemüt wieder erstirbt.
    Marbod kunte dieser Predigt nicht länger zuhören /unterbrach sie demnach mit
folgenden Worten: Es kann sein und kann nicht sein / dass ich in meinem Verdacht
irre. Soll aber ein solcher Hochmut mich nicht kräncken / als dieses Volck mir
durch ihre so plötzliche Abreise erzeiget hat / da doch Vannius ohne mich kein
König / Adelgund kein Mensch / Ingviomer kein Reichs-Erbe gewesen wäre? Doch
lasts sein! ich kann ihrer / sie aber meiner nicht entbehren. Der Zorn wird ihnen
schon vergehn; und wo nicht / ist mir ein getreuer Diener so lieb zum Erben /
als ein ungeratener Schwieger-Sohn!
    Tanneberg hörte dieses nicht ohne Entsetzen an; wollte aber sich selbst nicht
im Wege stehn / wenn ihm vielleicht Marbod seine Krone zugedacht hätte. Daher
der Eigennutz ihm in Augenblick eine andere Sprache lehrete / dass er / an statt
jene drei zu entschuldigen / fortin nach und nach sie desto schwärtzer bei dem
Könige zu machen / bemühet war.
    Sechs Wochen hernach ward des Marbods sieben und siebenzigster Geburts-Tag
gefeiert / da denn iederman sich wunderte / dass er noch so eine muntere Art und
gesunde Leibes-Beschaffenheit hatte / dass man ihn kaum für funffzigjährig
ansehen konnte. Und weil er der neulichsten recht-augenscheinlichen Lebens-Gefahr
so glücklich entrissen worden / wollte man bei nahe fürchten / dass er nimmermehr
sterben würde / sondern der Welt bei ihrem Untergang die Grabschrifft zu
verfertigen bestellet wäre. Da durffte es nun an Schauspielen / Jagten
/Gastereien und Opffern nicht mangeln / die er seinem Schutz-Geist zu Ehren in
grosser Menge / mit ersinnlichster Pracht /anordnete.
    Er würde aber vielleicht solche Mühe gespart haben / wenn er gewust hätte /
wie er seinen ärgsten Todtfeind unter dem Blendwerck des Schutz-Geistes
verehrete. Denn selbiger war niemand anders / als Adgandester / der allen
Höllen-Geistern mehr gutes gönnete / als Marboden / ungeachtet er diesem das
Vorhaben des Hincko entdecket hatte. Er war den ganzen Winter hindurch
beschäfftigt gewesen seine tückischen Anschläge völlig auszubrüten / biss dass
endlich Luitbrand mitten im Mertz-Monat ihm zu wissen machte / dass das Bündnis
wider Marboden den eilfften Junius / als den längsten Tag des Jahres /
ausbrechen sollte. Wäre nun Adgandestern mit Marbods Todte allein gedient gewesen
/ so hätte er nur die Sachen dürffen gehn lassen / wie sie giengen. Allein weil
er ein weiteres Absehn hatte / wollte er lieber etliche von denen ietzt
verschwornen dem Marbod zu Schlacht-Opffern überliefern / der ohne dem hiedurch
allentalben sich dermassen verhasst machen würde /dass sich bald ein und andere
von denen hinterbliebenen Freunden derer hingerichteten aufs neue wider ihn
verschweren würden. Er bekümmerte sich unterdessen wenig drumb / obgleich sein
lieber getreuer / der Luitbrand / darüber vielleicht mit drauff gienge; Vielmehr
wünschte er dieses / damit niemand in der Welt umb seinen warhaften Nahmen und
Zustand wissen möchte. Solchergestalt bezahlte ein Verräter den andern / da
doch sonst keine Krähe der andern die Augen auszuhacken pflegt.
    Seinen Anschlag nun auszuführen / erschlug er ein ihm auf der Strasse nach
dem Walde zu begegnendes Bettelweib / verwechselte seine Köhler-Kleider mit
ihren alten Lumpen / wusche sich den Staub ab / verhüllte das Angesicht mit
Schweisstüchern / ging ins Marckmännische Gebiete und suchte so lange
Gelegenheit / dem Marbod vermittelst eines Schreibens seine Gefahr zu entdecken
/ biss ihm solches endlich am neunten April obbesagter massen glückte. Hierauf
machte er sich durch den Wald eiligst fort ins Gotonische / zoge daselbst in
einem Gesträuche ein dünnes seidenes Manns-Kleid an / setzte eine liechtbraune
Haar-Haube und dergleichen Bart auf / welches er alles nebenst einer guten
Anzahl derer von Gottwalden empfangenen Gelder in dem Bündel unter dem
Bettlers-Mantel auf dem Rücken mit sich herumb geschleppet und dadurch zugleich
diesem die Gestalt eines Puckels gegeben hatte. In dem nächsten Dorff kauffte er
von einem Edelmann Pferd und ritterliche Waffen / und kam endlich zu Anfang des
Junius unter dem Nahmen Kenelm nach Godanium. Er setzte sich daselbst in der
Herberge / und wie er allerlei Hände nachzumahlen vorlängst ausgelernet hatte /
also schrieb er im Nahmen Marbods einen Brieff an den Graf Witgenstein / der des
Gotonischen / Estischen und Lemovischen Hertzogtums Stadtalter war / dieses
Inhalts: Er hätte Uberbringern dieses / Kenelmen /(dessen Vorfahren unter König
Cassibellin in Britannien ehemahls Fürstliches Geschlechts gewesen /) als seinem
getreuesten Bedienten / völlig Glauben zuzustellen; sollte demnach / wie ihm
dieser mündlich weitläufftiger sagen würde / auf den zwantzigsten Julius / woran
er diese Welt zuerst betreten hätte / die vornehmsten und ihm wegen eines mit
Gottwalden gepflogenen heimlichen Verständnüsses sehr verdächtigen Gotonen /
wie auch die Gotonisch-gesinneten / zu Godanium aber wohnhaften Marckmänner /
zu gast laden und mit Gift oder Schwerdt hinrichten. Vornemlich sollte er hiebei
nicht vergessen derer Grafen von Heldrungen / Radzivil / und Dietrichstein
/desgleichen derer Ritter Erlichshausen / Kniprode /Hirtzberg / Ostrawitz /
Liebenstein / Ulsen / Dhona /Rautenberg / Gabelentz / Dumpeshagen / Frymersen
und Hohenbach. Er wollte seines Ortes auf den eilften Junius ungefehr noch ein
ärger Blutbad im Marckmännischen anrichten / als etwa seine Feinde / wie er
glaubwürdig wüste / ihm zubereiteten.
    Hierauf sprach der so genante Ritter Kenelm oder Adgandester bei dem Grafen
von Heldrungen ein / so mit einem Fräulein von Radzivil sich vermählet hatte /
und deswegen im Gotonischen sich aufhielt. Dem entdeckte er nach etlichen
Gesprächen im höchsten Vertrauen / zu was für einem unmenschlichen Absehen er
von Marboden hieher verschicket wäre. Ungeachtet er nun seinem durch die
Britannischen bürgerlichen Kriege verderbten Hause nicht anders / als durch
Marbods Beförderung / zu seinem ehemahligen Ansehen wieder helffen könnte / wollte
er doch lieber des Todes / als ein Werckzeug solcher Mordtaten sein. Dem Grafen
kam diese unverhoffte Nachricht ganz unglaublich vor / auch Marbods Hand schien
ihm in etwas verändert und dannenhero verdächtig. Allein Kenelm antwortete: Ich
kans dem Grafen von Heldrungen nicht verargen / dass er an der Warheit dieses
Schreibens zweiffelt. Denn ich selbst kann mich noch nicht recht überreden / dass
dieses sich also verhalte /was doch mehr als zu gewiss ist. Jedennoch wenn das
Blutbad zu Maroboduum auf den eilfften dieses Monats oder ein paar Tage später
erfolget / wird das unschuldig-vergossene Blut derer Marckmänner denen Gotonen
ihr Todes-Urteil klärer vorlegen / als diese Tinte tut. Vielleicht kömmt umb
selbe Zeit auch Witgensteins Einladung zu Marbods Geburts-Feste mit dazu / als
welche / wie ich davor halte / ihm von Hoff aus von neuest wird anbefohlen
werden / so bald Marbod in die Gedancken geraten sollte / dass ich auf der Reise
verunglückt wäre / weil aus des Stattalters Briefen an ihm leicht erhellen wird
/ dass ich gegenwärtiges Schreiben ihm nicht eingeliefert habe. So wird man
alsdeñ desto weniger zweiffeln dürffen /dass die edlen Gotonen die zu solchem
Fest bestimmten Schlacht-Opffer sind. Graf Heldrungen fand dieses sehr
vernunftmässig geredet / versprache dannenhero dem vermeinten Britannier
(nachdem er noch ein und anders mit ihm geredet hatte /) einen verborgenen und
sichern Auffentalt in seinem Hause / zeigte auch bald darauf dem Radzivil /
Erlichshausen / Ulsen und Dhona den Brieff und fragte / was zu tun? Sie
vereinigten sich nach vielen Wortwechseln endlich dahin /zwar allen in dem
Schreiben benennten Grafen und Rittern Teil davon im Vertrauen zu geben / doch
nicht ehe sich in sonderbare Gegenverfassung zu stellen / biss eines derer zwei
von Kenelm gegebenen Zeichen einträffe. Unter solchen Beredungen lieffen zwei
oder drei Wochen hin / als das Geschrei die Zeitung nach Godanium brachte / wie
Marbod unter denen gräflich- und adelichen Marckmännischen Häusern ärger / als
eine Pestilentz / aufgeräumet hätte. Und gleichwie allen Marbodischen Ländern
anbefohlen wurde / wegen der glücklichen Entdeckung der höchstgefährlichen
Verräterei allerlei Freuden-Bezeugung sehen zu lassen: Also kam auch ein Befehl
an den Grafen von Witgenstein / dass er seine Vergnügung hierüber / wo nicht ehe
/ doch gewiss auf des Königs Geburts-Tag / mit Ritterspielen und Gastereien
bezeugen sollte. Worauf auch dieser die ganze Gotonische / Estische und
Lemovische Ritterschaft hierzu gewöhnlicher massen durch unterschiedene Herolde
nach Godanium ungesäumet einladen liess.
    Mitlerzeit wiese ieder von denen obgenanten zwölff Grafen und Rittern eine
Abschrifft von dem vermeinten Marbodischen Brieff seinen guten Freunden und
Anverwandten / und brachte sie dadurch in Harnisch /ehe die Zeit herbei kam / da
sie auf dem Kampffplatz im Harnisch erscheinen sollten. Sie verschwuren sich
demnach unter einander / dass Marbods Geburts-Tag der Sterbe-Tag seiner
Herrschaft sein / und das von ihm angeordnete Ritterspiel in einem ernstlichen
Auffstand hinaus lauffen sollte. Kenelm hatte indessen durch seine
Geschickligkeit im Jagen / sonderlich bei Erlegung einiger Bäre und Schweine mit
dem Degen in der Faust sich in sonderbare Hochachtung bei dem Adel gesetzt und
fehlte wenig / dass man ihm nicht unter der Hand die Fürstliche Würde angetragen
hätte / wenn nicht etliche wohlgesinnete Gottwalden hierzu vorgeschlagen hätten.
Adgandester suchte daher seine Zuflucht bei der Unwarheit / welche seine
Vorsprecherin gemeiniglich sein musste / wenn die Warheit sich hierzu nicht wollte
gebrauchen lassen. Er nahm einen weissen Bogen Papier und besudelte selbigen mit
so schwartzen Lästerungen / dass die Tinte selbst darüber zu erbleichen schiene.
Denn der Brieff war dieser:
                              Wehrtester Grünbach.
    Es ist nunmehr Zeit / unsern grossen Anschlag auszuführen. Die Geister
meiner Eltern fordern die Köpffe ihrer Mörder und Verräter zum Rachopffer / und
der mir zustehende Purpur muss einmal durch der Marckmänner und Gotonen Blut
seinen Glantz wieder bekommen / nachdem er so viel Jahr her durch meiner Eltern
Asche bestäubet und unscheinbar worden. Ich verlasse mich hierinnen auf deinen
Verstand /der auch unmögliche Dinge möglich zu machen / und also was mehr als
menschliches zu verrichten tüchtig ist; werde unterdessen meinen annoch
gefangenen Gotonen nach deinem Rat alle Höffligkeit erweisen: alldieweil doch
der / so Vogel fangen will / die roten Beeren keines weges sparen darf und gute
Worte sich leichter müntzen lassen / als gut Geld. Lebe wohl /und schaffe durch
den Todt meiner Feinde / dass ich auch wohl leben möge.
Gegeben zu Teutschburg /
    den 18. Hornung im sechsten
    Jahr meiner
    Regierung.
                                                                       Gottwald.
    Folgende Nacht hatte der junge Radzivil seiner Braut / einem Fräulein von
Dietrichstein / zu Ehren ein kostbares Gastmahl und sinnreichen Tantz
angestellet; in welchem diese unter dem Nahmen des Glücks / nicht nackend /
sondern in überaus herrlicher Kleidung / gleich einer Juno / mit einem silbernen
Körbgen in der lincken Hand / anfänglich allein /nachmahls zugleich mit vier
Weibes-Personen / so durch ihre unterschiedene Kleider-Tracht anzeigten /dass sie
den fürstlichen / adelichen / bürgerlichen und bauer-Stand bedeuten sollten /)
tantzte; von welchen sie letzlich auf ein erhobenes Gestelle gebracht wurde /
umb sich daselbst auf einem mit grün und silbernen Stück behangenen Stuhl / ihr
Körbgen aber auf den neben ihr stehenden niedrigen marmornen Tisch / (der an
statt eines Altars gebraucht wurde) zu setzen. Hiernächst hielten sechzehen
Ritter und so viel Frauenzimmer einen Tantz umb sie / da sie ihr bald den Rock
küsseten / bald mit sehr tieffer Neigung sie verehreten / bald allerlei kleine
Geschencke auf den Altar legten und also ihre Huld auf vielfältige Art zu
erwerben trachteten. Unter allen diesen war ihr wohl keiner angenehmer / als
Radzivil / der ihr einen vortrefflichen Diamant-Ring in den Schoss warff.
Adgandester fand hierbei Gelegenheit sein lügenhaftiges Schreiben in das
Körbgen unvermerckt zu legen /als welches ohnedem mit lauter Briefen angefüllet
war. Nach dem nun diese Lust eine Weile gewähret hatte / erhub sich das Glück
von dem Stuhl / und gab einem jeglichen von der Gesellschaft / so vor ihr auf
die öberste Stuffe des Gestelles knien musste / einen von ihren Briefen / unter
welchen Radzivil den besten bekam / weil in selbigem der von der Braut
unterschriebene Heiratschluss zu finden war. Von denen andern traffen etliche in
denen ihrigen nichts / als höhnische Spottreden / andere ein blosses Lob /
andere gewisse Kleinote / andere Lob und Geschencke zugleich / an: Wodurch denn
vorgebildet ward / wie wunderbahr das Glück seine Gaben auszuteilen pflegte.
Jedweder musste / bei Straffe / seines Brieffes Inhalt der Gesellschaft zu
wissen tun. Insonderheit hatte die Frau von Hirtzberg Gottwalds Brieff von dem
Fräulein von Dietrichstein empfangen / und hub nach dessen heimlicher Verlesung
an: Nunmehr erst halte ich mein Fräulein vor das Glück / weil sie diesen
verräterischen Brieff aufgefangen / der unserm Vaterland das ärgste Unglück
andräuet. Ihr Gemahl stund ihr zur Seiten / durchsah eiligst den Inhalt und
ersuchte Radziviln / alle Diener und Dienerinnen aus dem Saal abtreten zu
lassen; worauf er das Schreiben öffentlich ablase. Jederman erstaunete über dem
tyrannischen Vorhaben des jungen Fürsten / und kunte sich nicht gnug wundern /
wo diese Schrifft in der Braut Hände geraten wäre. Nachdem man aber vergebliche
Nachfrage deswegen bei allen Anwesenden getan hatte / sagte endlich
Dietrichstein: der Brieff komme her / wo er wolle / so ist es doch nicht
unnötig / dessen Inhalt ferner nachzudencken. Heldrungen hatte immittelst das
Papier noch einmal durchgelesen und merckte hierauf dieses dabei an: Seht doch
die törichte Hoffart unsers jungen Wüterichs! Er hat seinen Brief gegeben im
sechsten Jahr seiner Regierung / ohne Zweiffel / weil sein unvergleichlicher
Vater vor fünff Jahren als oberster Barde im Schwalbach sein Leben beschlossen /
und ihm das Erbrecht hinterlassen. Allein er möchte nur sich seiner Regierung
nicht allzusehr rühmen / weil er weniger Ritter und Bauern unter sich hat / als
der König im Schachspiel. Er könnte sein ganzes Land in einen Korb fassen / wenn
er einen beqvemern Ort in der Welt zu seiner Bewohnung verlangete. Doch würde
mancher Reisender vielleicht ihn unterwegens fragen: Wohin er mit dem leeren
Korb gedächte? Man lachte nicht wenig über des schon-bejahrten Grafens lustige
Einfälle: Doch wurde aus solchen Schertz rechter Ernst und Gottwald / so wohl
als Marbod / einhellig verfluchet.
    Der kluge Ritter Ulsen begehrte allein / man möchte sich nicht übereilen;
weil vielleicht dieser Brief unter des unschuldigen Gottwalds Nahmen von einem
Betrüger gemacht wäre / der entweder Marboden /oder wohl sich selbst / mit
Gottwalds Schaden nützen wollte. Zumahl da keiner unter ihnen mit dem jungen
Fürsten Brieffe gewechselt hätte / und also nicht urteilen könnte / ob dies
seine Hand sei / oder nicht. Kenelm antwortete: Man könnte dem Zweiffel am besten
abhelffen / wenn man bei Gottwalden durch ein paar Ritter / (sonder sich mercken
zu lassen / dass man diesen Brieff aufgefangen hätte /) Nachfrage tun liesse: ob
einer unter seinen vertrautesten Dienern Grünbach hiesse; alldieweil einer
dieses Nahmens bei etlichen vornehmen Gotonischen Edelleuten sich angemeldet
hätte / und den Vorteil seines Fürstens wider Marboden zu befördern geflissen
wäre.
    Dieses ward von allen beliebet / auch Dumpeshagen und Frymersen zu geheimen
Gesandten an Gottwalden ernennet. Allein etliche vornehme Gotonische Ritter /
und unter denen Graff Gutzkow / ingleichen der Sidinische Graf Bogissla ersparten
ihnen diese Mühe / indem sie nechstkommenden Morgens bei dem alten Graf Radzivil
einsprachen und berichteten / dass sie bisher Gottwalds Gefangene gewesen /aber
so wohl von ihm gehalten / auch letzlich auf freien Fuss gestellet worden wären /
dass sie ihm zu unsterblichen Danck hiervor verbunden sein müssen. Sie hatten
auch ein eigenhändiges Schreiben von Gottwalden an den Grafen / darinnen er ihm
seinen lieben getreuen Grünbach aufs beste empfohl und bate / dessen Anschläge
nach Mögligkeit zu befördern. Radzivil erzürnete sich über solchem Zumuten
überaus heftig / zeigte denen angekommenen Rittern den vorigen Brieff / und
brachte diese so weit / dass sie nebenst ihm das heimtückische und blutdürstige
Gemüt des Gottwalds aufs greulichste verwünschete / auch sich Nachmittags
darauf nebenst der gestrigen Gesellschaft verschwuren / nimmermehr zuzugeben
/dass diese junge Schlangenbrut die Gewalt über sie bekäme / weil zu vermuten
wäre / dass sie mit denen Jahren an gifftiger Bosheit mehr zu- als abnehmen
würde. Man fieng hiernächst an zu ratschlagen / wer zu der Hertzoglichen Würde
sollte erhaben werden. Da denn die Stimmen bald auf den Britannischen Fürsten
Kenelm / bald auf den alten Grafen von Radzivil /bald auf den von Dietrichstein
/ bald auf den tapffern Ritter Dhona fielen. Endlich gab Graf Heldrungen den
Rat / man sollte den wählen / der sich am besten im künftigen Ritterspiele
halten würde / und so bald Marbods Stattalter / der alte Graff von Witgenstein
/selbigem den Sieges-Krantz überreichen würde / ihn zugleich mit einem
allgemeinen Geschrei zum Hertzog ausruffen / Marbods Bild-Seulen niederreissen
und dessen Getreue aus dem Lande verjagen.
    Dies erfolgte auch also. Denn als Marbods Geburts-Tag anbrach / versammleten
sich nach Godanium mehr denn sechs hundert Ritter / derer jeder unterschiedene
Verwandten und Diener bei sich hatte. Auf dem Kampff-Platz gegen Norden zu stund
des Stadtalters Schaubühne; gegen Süden aber ein marmornes Bild des Marbods /
so noch einmal so hoch als er selbst war / und hinter dem ein gleichfals
marmorner Schutzgeist / der mit der Gesichts-Bildung dem Marbod sehr ähnlich /
doch ohne Bart / auch mit fleischigtern Wangen und glätterer Stirn gebildet war
/ und am Leibe einen langen Rock / auf dem Häupte einen mit Lorbern gekrönten
Helm / in der rechten Hand ein blosses Schwerd / in der lincken einen Schild
trug. Gegen Osten war das eine grosse Tor der Stechbahn / durch welches des
Stadtalters Sohn /der junge Graff von Witgenstein / mit einem Gefolge von
funffzig / mehrenteils Marckmännischen / Rittern / am ersten einzog. Er führte
im Schild das Marckmännische Reich unter dem Bilde eines gewaffneten Weibes / so
neben sich einen Schild geleget hatte /auf welchem ein schwartzer Adler zu sehen
war / an ihrem lincken entblösseten Arm aber sprang ihr aus einer geschlagenen
Ader nicht wenig Blut heraus; mit der Beischrift: Nur das unnütze. Eine andere
Ritter-Gesellschaft hatte zu ihrem Haupt den Grafen von Heldrungen erkieset /
dieser aber zu seinem Merckzeichen einen blauen Schild / in welchem ein güldener
und mit einem rot- und weiss-gewürffelten breiten Bande umbschlungener Löwe
gegen einen schwartzen Adler kämpffte. Da denn jener aus dem Heldrungischen
Stamm-Wapen / dieser aus dem Königlichen Marckmännischen genommen war. Hierbei
war zu lesen: Es steht beim Glück. Radzivil zohe hiernächst mit seinen guten
Freunden überaus prächtig auf; hatte zum Sinnbild nichts anders / als seinen
gewöhnlichen in vier Felder eingeteilten Schild / davon so wohl das erste / als
vierdte blutrot gemahlet und mit diesen güldenen Buchstaben: denen Ungetreuen /
beschrieben war. Das andere und dritte Feld aber war silbern und führte diese
blaue Obschrifte denen Getreuen: Hierdurch sonder Zweiffel anzuzeigen /dass er /
wenn er die Regierung über die Gotonen /seiner Hoffnung nach / erlangen sollte /
er denen Getreuen Silber zur Belohnung geben / derer Ungetreuen Blut aber zur
gerechter Straffe vergiessen wollte. Der Ritter Dhona hatte sich zum Anführer
eines andern Hauffens erwählen lassen / und denen kreutzweiss-gelegeten silbernen
Hirsch-Geweihen in seinem blauen Schilde diesen Reim beigefügt:
Ich stosse nieder /
Was mir zuwider.
    Durch das Westen-Tor zog der vermeinte Britannische Fürst Kenelm mit einer
sehr starcken Gesellschaft ein und führte im Schilde ein güldenes Tier
/welches der Pöbel vor einen gemeinen Löwen ansah / die Wapenverständigen aber
einen zum Leoparden gewordenen Löwen zu nennen pflegen. Denn weil es mit den
Vorderfüssen in die Höhe sprunge / war es einem Löwen ähnlich; weil es aber das
Mittel von dem Gesichte nicht vor sich weg / sondern seitwerts kehrete / war es
ein Leopard. Er hatte darüber schreiben lassen: Glückselige Verwandlung: umb
sich selbst in seinem Gemüt zu kützeln / dass sein angebohrner Cattischer Löwe
in einen Britannischen Leoparden so listig und glücklich verwandelt worden.
Diesem folgte Graf Dietrichstein / und hatte die zwei Wintzermesser aus seinem
Wapen und etliche zerschnittene Stricke sich zum Sinnbilde ausersehen / nebenst
der Beischrift: Zur Freiheit behülfflich. Vor dem nächstkommenden Hauffen liess
sich der Graf Gutzkow sehen / der im Wapen vier Rosen führte mit der
Uberschrifft: Der Mistkäfer Todt. Zu allerletzt kam Bogissla ein Sidinischer Graf
mit seiner Gesellschaft. Er hatte sich kentlich gemacht / durch den in seinen
blauen Schild gemahlten roten Greiff / der mit seinen vergüldeten Klauen
allerlei Vögel / sonderlich aber den Marckmännischen schwartzen Adler /
auszufordern schien; wobei zu lesen war: Ich fürcht' auch keinen Adler nicht.
    Nachdem nun Trompeten und Paucken das Zeichen gegeben hatten / brachen bald
ganze Hauffen / bald einzelne Ritter / ihre Lantzen gegen einander / welches
denn von frühmorgends sechs Uhr biss gegen Mittag währete. Unter diesen hielte
sich der Marckmännische Graff Waldstein überaus wohl / und weil er mehr als
zwantzig Ritter zur Erden gefället hatte /meinte er den besten Preis in Händen
zu haben. Sobald er aber mit Kenelmen anband / musste er vom Pferd herunter / ob
er gleich schweren wollte / dass er dessen Speerstoss nicht gefühlt hätte. Dies gab
zwar einig auffsehen. Doch weil Adgandester unterschiedene Lantzen zuvor
glücklich gebrochen hatte / fiel endlich der Verdacht der Zauberei weg. Radzivil
und Witgenstein hielten drei Rennen gegen einander aus /dahingegen dieser bald
hernach auf den Frymersen so gewaltig traff / dass dessen Sattelgurt entzwei
sprang und er im Sande zu liegen kam. Radzivil aber warff den Nachod im dritten
Satze zu Boden / dass er den Hals stürtzte und von jederman wegen seiner Tugenden
höchlich beklaget ward. Ulsen und Dumpeshagen forderten hiernächst den Sternberg
und Pötting aus /und weil ihre Pferde stärcker / als jener ihre waren /hatten
sie das Glück / diese in ernstlichern Kriegen so geübte Helden zusammt denen
Rossen über einen Hauffen zu rennen. Bogissla nahm den tapffern Graf Lobkowitz
vor sich / der denn / indem er sich auf dem Kampf-Platz im Sande krümmte / inne
wurde / dass nicht nur Geschicklichkeit / sondern auch Glück / zu dergleichen
Lust-Spielen gehörte. Wer wollte aber aller Ritter Wohl- oder Ubelverhalten nach
der Länge beschreiben können? Es wird demnach gnug sein zu wissen / dass der
Stattalter / nach geendeten Treffen /Fürst Kenelmen den ersten / Radziviln den
andern /Bogissla den dritten / seinem Sohn (dem jungen Witgenstein) den vierdten
/ Ritter Ulsen den fünften /und Dumpeshagen den sechsten Preis nach dero
Verdienst und der Kampffrichter Urteil eigenhändig eingelieffert habe. Hiermit
erhub sich ein erschrecklich Freuden-Geschrei unter denen Verschwornen: Lange
lebe Hertzog Kenelm! der Blutund Marbod vergehe! Unter solchen Getümmel brachen
etliche hundert reisige Knechte / (nach der vormahls mit ihren Herren genommenen
Abrede /) die Schrancken entzwei / fielen mit unmenschlicher Wut das Bild des
Marbods an / und schlugen dasselbe mit denen auf der Erde liegenden zerbrochenen
Lantzen in stücken /sonder dass der gute marmorne Schutzgeist sich im geringsten
gewehret / oder dem Adgandester einen Schaden zugefügt hätte / ungeachtet ihm
von diesen nur neulichst ein freventlicher Eingriff in sein Amt bei dem König
war getan worden.
    Der alte Graff Witgenstein dachte zwar mit Zuruffen diesem Auflauff zu
steuern; und sein Sohn und dessen Getreue blösseten die Schwerdter; allein sie
waren übermengt / weil hiermit auch alle wider Marboden verschworne Ritter vom
Leder zogen. Gleichwol brachten endlich die Grafen Heldrungen / Dietrichstein
und Radzivil einen Stillstand zu wege / lasen das vermeinte Schreiben des
Marbods an den Stattalter öffentlich ab / und legten ihm vor zu wählen
/entweder den Blutund und Gifftmischer Marbod nicht mehr vor seinen Herrn zu
erkennen / oder alsbald das Hertzogtum mit denen seinigen zu räumen /oder
endlich eines noch ärgern gewärtig zu sein. Ob nun wohl Witgenstein behaupten
wollte / dass das Schreiben falsch wäre; halff doch alles nichts. Er musste
innerhalb vier Stunden sich fort machen / alle Rüstung biss auf das Unter-Gewehr
/ auch alle Güter und Gelder im Stich lassen / ohne was er und seine Leute / die
gleichwohl über hundert Mann austrugen /auf ihren Pferden mit fortschleppen
konten / und wurde mit sechshundert wohlbewehrter Mann biss an die
Marckmännischen Gräntzen gebracht. Kenelm hingegen setzte den Hertzoglichen Hut
/ der zu Godanium verwahret wurde / mit grosser Pracht auf / teilte die
Ehren-Aempter unter seine Freunde aus / mässigte die Anlagen des Landes und
beflisse sich ein übel-erworbenes Regiment durch eine kluge Vorsichtigkeit und
äusserliche Schein-Tugend zu befestigen.
    So bald nun Witgenstein bei Marboden ankam /ward alsbald Befehl so wohl an
die Lygier / als auch Marckmänner / Hermundurer und Marsinger erteilet / die
Gotonen wieder zu bändigen. Allein es gienge alles schläfferig zu / biss gegen
das Ende des Weinmonats / also dass man wegen des einfallenden harten Winters die
Sache biss ins Früh-Jahr versparen musste. Als man aber sich auf die nächsten
Nachtbarn derer abtrünnigen Gotonen / die zwischen der Warte und Weichsel
wohnhaften Lygier / am meisten verliess /fielen sie ebenfalls unvermutet ab /
und unterwarffen sich dem Sarmatischen König Jagello. Ihr Exempel bewoge die
zwischen der Warte und Oder gelegenen Burier / eben selbiges zu tun. Da
hingegen die Marsinger Herrmannen erbaten / sie mit seinem Semnonischen
Hertzogtum zu vereinigen und seiner Beherrschung würdig zu achten.
    Inzwischen wurden so wohl Jubil / als Gottwald /nicht weniger durch des
Drusus vielfältige Anreitzungen / als ihre eigene Regung / bewogen / bei dem
Cheruskischen Feldherrn anzuhalten / ihnen zu Erlangung ihrer Erbländer
behülfflich zu sein. An dessen statt sie beiderseits sich verpflichteten / die
Marckmännische Krone ihm zuwege zu bringen. Herrmann übergab demnach einem
ieglichen ein fliegendes Heer von sechs tausend Mann / nicht so wohl aus
Hoffnung eines eigenen Nutzens / als vielmehr aus Willigkeit seinen Freunden
nach Vermögen zu dienen. Jubil machte bald nach Anfang des neuen Jahrs den
Anfang zum Kriege / oder / welches einerlei war / zum Siege; massen er sich kaum
über der gefrornen Elbe in seinem Hermundurischen Erbreiche hatte sehen lassen
/als Jung und Alt wider die Marckmänner aufstund /und sie über Hals und Kopff
zum Land hinaus jagte. Er nahm hierauf die Huldigung an / teilte denen von
Hertzog Herrmannen ihm geschenckten Hülffs-Völckern unterschiedene öde Dörffer
zu ihrer Wohnung aus / besetzte die durch die entflohenen oder erschlagenen
Marckmäñer verledigten Ehrenstellen mit tüchtigen Leuten / richtete die
Herrengefälle erträglich ein und bezeugte sich gegen männiglich so gütig und
wohltätig / dass ein jeder seine hierob geschöpffte unsägliche Vergnügung nicht
gnug an Tag zu lege wusste.
    Unter allen öffentlichen Freudens-Bezeugungen aber war diese / obwohl fast
die letzte / iedoch auch die sinnreichste / welche die Barden in Gegenwart
Hertzog Jubils und einer unbeschreiblich-grossen Menge Volckes anstelleten.
Selbige bestund in einem kostbaren mit allerhand Täntzen vermischten Singespiel.
Wobei denn des Schauplatzes hinterster Teil ein hohes Gebirge / der vordere
aber allerlei Klippen und wilde Bäume vorstellete. In der Mitten des Berges
sasse eine Nymphe in himmel-blauer Kleidung /so neben sich einen Schild geleget
hatte / auf welchem ihr Nahme Hermunduris und das Wapen des Hermundurischen
Hertzogtums / der Luchs / zu sehen war. Auf beiden Seiten / am Fusse des Berges
/ hatten sich zwei alte / nackende und mit Schilff am Haupt und Unterleib
umbwundene Männer auf sehr grosse Wasser-Krüge geleget / in welche durch
verborgene Röhren natürlich Wasser geleitet ward / so mit einem angenehmen
Geprassel ohn unterlass auf den Schauplatz fiel / und aus selbigen seitwärs /
zwischen denen Klippen hin / wieder hinaus lauffen musste. Auf dem einem Gefässe
war der Nahme der Elbe / auf dem andern der Saale zu lesen.
    Nachdem nun die Säitenspiele die Gemüter derer Zuhörer durch einen
betrübten Ton vorbereitet hatten / fieng die recht wohl gebildete / doch etwas
blasse und magere Hermunduris an / die beiden Ströme also anzusingen:
Ach! last ein ewig Qvell aus euren Krügen schiessen
Denn mein verstortes Haupt kann sich nicht mehr ergiessen /
Seit dem dass Marbods grimme Wut
Mich ganz umb Gut und Mut
Und Blut und Trånen-Flut
Auf einmal hat gebracht /
Und mein so fruchtbar Reich zu lauter durren Sande /
Mein vormahls gut Gerucht' zu stetem Spott und Schande /
Mich selbst zum Schatten dess / so ich sonst war / gemacht.
Ihr weint noch nicht genug; wollt ihr die Trånen hemmen /
Da ihr mich lieber sollt auf einmal uberschwemmen?
Ich bilde mir ohndem nicht ein /
Dass ich kann jemahls rein
Von Britons Blute sein /
Biss eure strenge Flut
Mich ins Verderben reist und Britons Geist versöhnet.
Denn wenn man sich so lang zu Lastern angewohnet /
Was Wunder / wenn zuletzt die Rach' ihr Ampt auch tut?
    Indem eröffnete sich das Erdreich / und aus selbigem stiege des entauptete
Hertzog Britons Geist herauf / mit sechs andern Geistern vergesellschaftet. Er
ging in einem langen Rock von Silberstück / seine Gesellschaft aber in weisse
Leinwad gekleidet. Dieses erweckte kein kleines Schrecken unter denen
Zuschauern. Doch war dieses das grässlichste / dass Briton seinen verblassten und
blutenden Kopff unter dem Arm trug / gleichwohl selbigen / unter dem gedämpfften
Ton der bei Leich-Begängnüssen gebräuchlichen Pfeiffen auf den Hals setzte /
und nachmahls also zu singen anhub / ob sich gleich seine starren Lippen nicht
im geringsten rühreten:
Getrost! du Gott-geliebtes Land!
Der trube Himmel klårt sich wieder:
Des allgemeinen Richters Hand
Legt nun sein Rachschwerdt gutig nieder.
Denn / weil du endlich dich voll Reu
In wahrer Demut lernest bücken /
So bricht dein Vater auch die scharffe Rut' in Stücken
Macht dich von Marbods Joche frei
Und låsset dich die Lehr' in dessen Beispiel lesen:
Dass deine Straffe zwar von dir verdient gewesen /
Doch dass die Übermass' in Marbods Tyrannei
Hochst-straffbahr / ungerecht und GOtt zuwider sei.
    Die sechs Geister stimmeten hierauf dieses Lied an / wobei die Pfeiffen nach
Endigung eines iedweden Gesetzes einen kurtzen Nachklang machen mussten:
        Wer vor GOttes Richterstuhl sich in wahrer Busse beuget /
    Dem wird er viel eh' geneiget /
    Als wenn er mit frechen Worten seine Freveltat verficht:
    Wie der Wind nur starre Cedern / nicht ein schwanckes Reiss zerbricht.
        Wenn die Reue das Gesicht in des Kummers Nacht verstecket
    Und mit Scham und Trånen decket /
    So dass eine Morgenrote gleichsam selbiges bemahlt
    Und die aufgelauffnen Schulden mit dem Trånen- Tau bezahlt;
        Pflegt des grossen GOttes Liecht / dass vor mehr / als tausend Sonnen
    Hat der Klarheit Preis gewonnen /
    Einer düstern Brust zu scheinen und Versicherung zu tun:
    GOtt woll' in betrubten Hertzen / als im kuhlen Schatten / ruhn.
    Hermunduris hatte inzwischen unbeweglich / wie ein Stein / gesessen. Endlich
liess ihr doch ihre Bestürtzung zu / diese Worte aufzubringen:
Wie? leb' ich? Seh' ich recht? Betreugt sich mein Gehore?
Briton antwortete:
Befürchte dich nur nicht / dass iemand dich betore.
Hermunduris versetzte:
Ach Briton! schreibt dein Blut mein letztes Urteil auf
Wie meine Tinte dir das Todes-Vrteil schriebe?
Briton aber gab ihr diesen Trost:
Versich're dich von mir unausgeleschter Liebe.
Mein vormahls-kurtzer Lebens-Lauff
Verlängerte sich durch mein Sterben;
Mein Blut muss meinen letzten Tag
Als ein gross jährlich Fest in dem Calender färben.
Der unverdiente Richtstock mag
Zum Denckmahl meiner Vnschuld dienen /
Ein Gråntzstein meiner Sterbligkeit /
Nicht meines Lebens / sein. Doch soll auch jederzeit
Mein abgehau'ner Stam in seinem Sprossling grunen.
Der frohe Tag ist nun erschienen /
Da mein Jubil / mein tapffrer Sohn /
Auf dem ihm angeerbten Tron
Sich wird zu deinem Trost und mir zur Ruhe zeigen
Vnd recht nach Phonix-Art aus meiner Asche steigen.
Hiermit verschwunden die Geister und zugleich die bisherige Schwermut der
Hermunduris. Gestalt denn auch diese mit folgenden Worten solches bezeugte:
O! unverhofftes Glück! Erleb' ich Marbods Fall?
So lasst / ihr Strohme / denn die Freuden-Trånen fliessen.
Lasst eurer starcken Wellen Schwall
Mit gleichsam jauchzenden Geråusche sich ergiessen.
Ihr kleinen Flusse / tantzt mit euren leichten Fussen
Nach dieser grossern Strome Schall:
Lasst uns im Vorschmack schon der Freiheit Lust geniessen.
    Die Mulda / Pleisse / Elster und noch neun andere kleine Flüsse / so durch
nackende und mit Schilff umbwundene Knaben bedeutet wurden / erwiesen
unverzüglich ihren Gehorsam / sprungen hinter dem Berge hervor und hielten unter
dem Wasser-Geräusche der beiden alten Flüsse und dem Ton einer verborgenen
Wasser-Orgel / einen artigen Tantz.
    Selbiger ward gleich geendigt / als eine in Purpur gekleidete Nymphe auftrat
/ die auf dem Kopff eine güldene Krone / am lincken Arm einen Schild mit dem
Nahmen Marcomannis und einem gemahlten schwartzen Adler / im Gesichte eine
braune Zorn-röte / im Munde diese Worte führte:
Wie? darffst du ohne meinen Willen /
Leibeigne! Freuden-Täntz' anfahn?
Stracks / sag' ich / weicht von dieser Bahn!
Kan ich denn nicht den Vnfug stillen?
    Die kleinen Flüsse zerstreueten sich in alle Ecken des Schauplatzes auf
diesen Befehl der Marcomannis / welche von drei Weibs-Personen begleitet
erschienen war. Die erste von selbigen bedeutete den Blutdurst; hatte einen
schwartzen Rock an / der aber / so wohl als ihr Gesicht und Hände / mit
Blutflecken besudelt war / in der Hand einen blossen Dolch und auf dem Haupt
eine Wolffs-Haut / so ihr zugleich den ganzen Rücken bedeckte. Die andere war
die Herschsucht / und mit einem rot- und goldgewürckten Rock bekleidet. Sie
führte auf dem Helm eine Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Die dritte hiess der
Geitz und hatte einen aus groben grün- und gelben Tuchflecken zusamen gesetzten
Bettlersmantel umbgehängt. Unter dem lincken Arm trug sie einen ziemlich grossen
vollgestopfften ledernen Sack und mit dem Gesichte sah sie aus einem
aufgesperrten Schweinskopff heraus / vielleicht anzuzeigen / dass beides ein
Schwein und ein Geitziger im Leben niemand / vielen aber im Tode / nützen
können. Diese drei Laster liessen sich nach einander also vernehmen:
                                   Blutdurst.
Was helffen leere Wort? der kleine Rest vom Blut /
Den dieses halbe Aass in seinen Adern fuhret /
Ist von verruchten Vbermut
Vorlångst schon durch und durch beruhret.
Drumb muss man ihm mit Fleiss sein oft zur Ader lassen.
Vnheilbar Vbel heilt sich fuglich solcher massen.
                                  Herschsucht.
Halt ein! halt ein! nicht allzu scharff!
Denn uns're Konigin bedarff
Auch Vntertanen in dem Lande;
Sonst wird das Feld zu leerem Sande.
Man muss das Leben denen gonnen /
Die lebendig uns nutzen konnen.
                                     Geitz.
Fullt denn die handvoll Blut mein leeres Vorrats-Haus?
Ein Schweissbad kann dem Vbel steuern.
Man press' ihr nur ihr Geld / Korn / Obst / Saltz / Honig aus;
Sie wird gewiss so denn kein Freuden-Fest mehr feiern.
Der Vberfluss ist eine Last /
Die sie mit grossrer Muhe fast /
Als unser knechtisch Joch / das wir ihr aufgelegen /
Auf den verwöhnten Schultern tråget.
    Die auf ihrem Berge sitzende Hermunduris behielt unter solchen Dräuungen ein
freimütig Gesichte; sagte dannenhero / so bald jene beschlossen hatten:
Ich muss drei rechte Furien
Zu meiner Qvaal gerustet sehn.
Doch bin ich noch nicht überwunden:
Der Himmel legt den Hollen-Hunden
Schon solche feste Ketten an /
Dass / wo er's nicht verhångt / nicht einer beissen kann.
    Marcomannis ergrimmete hierüber und sprach:
Bellstu noch / todter Hund? Ohnmächt'ge! darffst du dräu'n?
Hermunduris antwortete getrost:
Der Himmel schutzet mich: wie kann ich furchtsam sein?
    Dies verdross den Blutdurst dermassen / dass er seine Königin mit Ermordung
der Hermunduris rächen wollte. Alldieweil aber dem Geitz und der Herschsucht mit
lebendigen Untertanen mehr gedienet war / hielten sie ihn bei dem Arm zurück
und liessen sich in folgenden Wortstreit mit ihm ein:
                                   Blutdurst.
Wie nun? soll ich den Spott nicht rächen?
                                  Herschsucht.
Vnd hierdurch meine Herrschaft schwächen?
                                     Geitz.
Gemach! ich leid' es selbst auch nicht.
                                   Blutdurst.
Der Donner und mein Dolch / die lassen sich nichts hindern.
                                  Herschsucht.
Die Herschsucht muss ihr Reich vergrossern / nicht vermindern.
Kein Stein / kein Baum / kein Tier gehorchet auf mein Wort.
                                     Geitz.
Nur Menschen bringen mir Gold / Korn / Wein aus der Erden.
                                  Herschsucht.
Sind alle Menschen denn aus meiner Gråntze fort /
So muss ich selbst mein Herr und selbst mein Sclave werden.
    Darüber stimmeten die Krumbhörner einen kriegerischen Tantz an: Die drei
Laster aber bewegten sich vortrefflich wohl nach solchem Ton / so dass der
Blutdurst manchmahl biss zur Hermunduris hin tantzte / von seinen beiden
Gesellinnen aber allezeit wieder zurück gezogen ward. Sie wurden in dieser
Bemühung gestöret durch einen Schutz-Geist / der ein weisses Kleid nebenst einem
güldenen Helm und Gürtel / in der rechten Hand ein blitzend Schwerd / in der
lincken einen hell-polierten ehrnen Schild trug. Dieser liess sich sacht und
sacht aus denen Wolcken herab und schwebte uber der Hermunduris Haupt.
Marcomannis und die drei Laster gerieten hierdurch in eine stille und
erstaunende Aufmercksamkeit zumahl / da er also zu singen anfieng:
Seht / Ungeheuer / hier den hellgeschliff'nen Schild /
Der reinen Unschuld Ebenbild.
Dies Spiegel-Ertzt erwürgt die Basilissken-Brut:
Medusens Schlangen-Haupt ist lange nicht so gut.
    Nachdem aber die drei Unholdinnen sich endlich im Tantz vereiniget hatten /
und auf die Hermunduris zu lieffen / kehrte der Schutzgeist seinen Schild ihnen
entgegen / durch dessen Anblick sie in unbewegliche Bilder verwandelt wurden.
    Ob nun wohl Marcomannis hierüber höchlich erschrack / war sie doch willens /
der Hermunduris den garaus zu machen / so bald der Schutz-Geist sich in die
Wolcken wieder erhoben hatte. Allein die Göttin des Geschreies unterbrach dieses
böses Vorhaben; indem sie sich / in der Lufft schwebend / in einem blauen und
mit fleischfarbigen Zungen bestreuetem Kleide sehen / auch anfänglich mit der
Trompete /nachmahls also singend hören liess:
Jubil kommt! Auff! Hermunduris!
Jubil kommt; freue dich! Jubil kommt ganz gewiss!
    Marcomannis brach deswegen in diese bestürtzte Worte aus:
Wie? ruhret mich der Blitz? trifft mich ein Donnerkeil?
                            Das Geschrei antwortete:
Der tapffere Jubil / mag wegen seiner Eyl
Des schnellen Donners Nahmen fuhren.
Fleuch! Marcomannis / fleuch! such in der Flucht dein Heil /
Soll anders nicht der Blitz von seinem Schwerdt dich ruhren.
Du aber / du / Hermunduris /
Magst triumphirend jubiliren;
Jubils sein Nahm' erfordert dies.
Jubil kömmt! freue dich! Jubil kommt ganz gewiss!
    Marcomannis hätte vielleicht etwas eingewandt /wenn nicht die Furcht / unter
der Gestalt einer blassen Weibs-Person / unvermutet herzu geschlichen und ihr
um den Hals gefallen wäre. Sie hatte einen langen erdfarbigen Rock an; Auf dem
Helm führte sie einen Haasen und auf dem Rücken zwei Flügel. Hierdurch entstund
zwischen beiden dieses Gespräch:
                                    Furcht.
Geh' / Marcomannis / geh'! der Weg ist ietzt noch offen.
                                  Marcomannis.
Wer bistu / grasses Vngetum?
                                    Furcht.
Ach komm'! Jubil kömmt sonst: Hier ist nichts mehr zu hoffen.
                                  Marcomannis.
Was hålstu mich? Lass gehn! sei nicht so ungestum!
                                    Furcht.
Ich bin die Furcht. Ach komm! Ich bin dein bester Freund.
Fleuch! (bitt ich) fleuch! ach! fleuch! sonst bistu selbst dein Feind.
                                  Marcomannis.
Geh weg / du Pest der tapffern Hertzen!
                                    Furcht.
Wer sich nicht raten låst / der muss sein Gluck verschertzen.
    In dem sah sie ihren Schatten vor Jubiln an und sagte:
O weh! was seh' ich hier? ist dieses nicht Jubil?
                            Marcomannis antwortete:
Erschrickstu / dåm'sches Tier / vor deinem eignen Schatten?
Geh fort! wie lange soll ich mich mit dir abmatten?
    Weil dieses geredet ward / kamen die vier Winde /mit Wolcken-Kleidern
angezogen / aus allen vier Ecken des Schauplatzes in die Mitten geflogen und
fiengen einen kurtzen Wettstreit mit einander in der Lufft an. Die Furcht ward
durch dies Getümmel bewogen / der Marcomannis in die Armen abermals zu fallen
und auszuruffen:
Ach weh'! Ach horstu nicht das lautgeruhrte Spiel
Der Drommeln / Horner und Trompeten?
Ich zitt're ganz! mich dunckt / ein Fieber will mich tödten.
                     Marcomannis versetzte voller Ungedult:
Mein schwartzer Adler fuhrt kein furchtsam Tauben-Hertz
Vnd diese Lowen-Brust beherbergt keinen Hasen.
Was machstu / Nårrin / mir vor Nasen?
Soll denn der Winde froher Schertz
Ein gråsslich Feldgeschrei nun heissen?
    Die Furcht fiel auf die Knie und ruffte denen Winden in der Lufft zu:
Ihr Winde! helfft uns denn! Ihr must uns aus der Not
Mit euren starcken Armen reissen.
Wo nicht; so bin ich selbst und Marcomannis todt.
    Worauf denn dieselben alle vier hernieder kamen /da inzwischen das Geschrei
sich in der Lufft wieder einstellete und sunge:
Jubil låst sich nicht weit von diesem Orte sehen.
Fleuch! Marcomannis / fleuch! sonst ists umb dich geschehen.
    Es stiesse hiernechst eine geraume Zeit in die Trompete. Mitlerweile
tantzten die Winde mit der Marcomannis und bemüheten sich / sie / wider ihren
Willen / nebenst der hierzu willigen Furcht / davon zu führen. Welches auch
endlich angieng; massen ihrer zwei die Marcomannis / zwei aber die Furcht
anfasseten / und durch die Lufft über der Hermunduris Gebirge / aus denen Augen
aller Zuschauer hinweg brachten.
    Hiermit verlohre sich das Geschrei in die Wolcken. Doch kam hingegen eine in
grün und gülden Stück gekleidete Person auf einem erhabenen Triumphwagen unter
dem Schall der Trompeten / Krumbhörner und Paucken zwischen denen wilden Bäumen
heraus in den Schauplatz gefahren. Selbige sollte den Hertzog Jubil bedeuten /
welcher also / durch ein neues Wunderwerck / zugleich unter denen Schauspielern
und denen Zuschauern sich befand. Vorher giengen eine grosse Menge Soldaten mit
blossen Schwerdtern in der Hand. Diesen folgeten zwölff Barden in drei Gliedern
/ mit Lorbern bekräntzet. Nechst denen kam die Liebe des Vater-Landes in einem
roten mit güldenen Flammen bestreueten Kleide / und hatte auff dem Helm ein
Bild des Aegyptischen Vogels Ibis / welcher sein Vaterland so lieb hat / dass er
ausser demselben nicht leben kann. An dem darauff kommenden von vier falben
Pferden gezogenen Triumph-Wagen war das vordere Teil mit einem in Helffenbein
künstlich-geschnittenen Luchs gezieret / der einen schwartzen
Serpentin-steinernen Adler unter sich hatte und zerfleischte / welches denn
gnugsam anzeigte / dass der Hertzog derer Hermundurer / und Uberwinder derer
Marckmänner in solchem Siegsgepränge einzöge. Auf der rechten Seiten des Wagens
giengen die Klugheit und Gütigkeit; derer jene durch den Spiegel und Schlange in
der Hand / diese durch den keine Galle habenden Delphin auf dem Helm / sich
käntlich machte. Auf der lincken Seite funden sich die Tapfferkeit und
Gerechtigkeit / derer jene an ihrer Löwen-Haut und Räule / diese an ihrer Wage
und Schwert leichtlich zu erkennen war. Den Aufzug beschlossen wieder mehr als
hundert Soldaten. Unter allen diesen Personen waren die Barden die ersten /die
nach dem Schall der Trompeten folgendes Lied absungen:
Hermunduris! Triumph! gewonnen!
Jubil vergleichet sich dem guld'nen Glantz der Sonnen:
Auff seinen ersten Blick
Verfinstern sich die blutigen Cometen.
Der schwartze Adler fleucht nach Eulen-Art zuruck.
Der Himmel rettet dich nunmehr aus allen Noten.
Nåchst warstu einem Knecht der Laster untertan!
Anietzo nimmt Jubil dich zur Gemahlin an.
Eine Brenne-Spiegel brennt von ferne;
Man fuhlt von weiten auch die Krafft der hochsten Sterne:
Jubil kann beides sein.
Die Tyrannei empfand den Nachdruck seiner Blicken;
Sie bildete sie sich von stern' als Flammen ein
Vnd wich' aus banger Furcht des Brandes schnell zurucke:
Doch dråut Jubil als Mars nur Feinden Tod und Pein /
Hat sonst die Gutigkeit mit Jupitern gemein.
Der Feld-Herr aller deutschen Helden /
(Von dem die Nachwelt erst die Taten wird vermelden /
Die man jetzt insgemein
Kaum halb pflegt anzusehn und nach Verdienst zu schåtzen /
Die aber / wenn er wird dereinst unsterblich sein /
Die Zeit ins Demant-Buch der Ewigkeit wird etzen;)
Der stehet dem Jubil als seinem Freunde bei /
Vnd seine kluge Wahl zeugt / dass ers wurdig sei.
So komme denn dem Held entgegen /
Der durch die Tapfferkeit den festen Grund muss legen
Zum allgemeinen Heil.
Die Klugheit baut hierauff des steten Gluckes Tempel
Er gibt den Schuldigen und Frommen ihren Teil;
Sein Ernst und Gute dient zu aller Welt Exempel.
Die Liebe fuhret ihn. Empfang' ihn hochstvergnugt!
O! wohl dir / weil sie Ihn und dich zusammen fugt.
    Hermunduris wollte auf diese Erinnerung dem Jubil entgegen gehen / weil er
vom Wagen abstiege. Allein die Erde borste vor ihr entzwei und verhinderte sie
also / ihr Vorhaben zu bewerckstelligen. Sie wurde hierdurch veranlasst
ausszuruffen:
Ach Himmel! hilff! was ist denn dies?
Vngluckliche Hermunduris!
Der tieffe Hollenschlund eröffnet seinen Rachen.
Ihr Weisen! sagt mir doch den Zweck von diesen Sachen.
Warumb schlingt mich der Abgrund ein?
Vielleicht / weil ich Jubils kann niemahls wurdig sein /
So soll ich niemahls auch mich seiner teilhaft machen.
    Die von ihr angeredeten Wahrsager unter denen Barden antworteten:
Die Ehrsucht / Blutdurst / Geitz muss man vor allen Dingen
Dem Fursten aus den Augen bringen.
Glåubt / dass der Liebe nichts so sehr zuwieder sei.
Wo ihre Bildnusse ihm noch im Sinne schweben /
Da kann er nimmermehr in wahrer Liebes-Treu
Mit seinem treuen Lande leben.
    Die Soldaten nahmen dannenhero die drei steinern Laster-Bilder und wurffen
sie in den Abgrund / der sich denn unverzüglich wieder zutate. Die Liebe des
Vater-Landes aber führte Jubiln und Hermunduris zusammen / schlug ihnen die
Hände in einander und begleitete sie endlich auf den Berg / woselbst sie sich
beiderseits neben einander niederliessen. Unterdessen sunge die Vaterlands-Liebe
folgendes in die Seitenspiele:
Vereinigt zusammen
Die heiligen Flammen /
Die euch
Zugleich
Vergnuglich entzunden
Vnd ewig zu hertzlicher Liebe verbinden.
    Zwei Schutz-Geister kamen hiernechst aus den Wolcken hernieder / wovon der
eine dem Jubil einen grünen Lorberkrantz aufsetzte / der andere aber der
Hermunduris eine güldene Krone in den Schoss legte; Indem sie nun sacht und
sacht sich in die Höhe erhuben / liessen sie dieses Lied erschallen:
Jubil / nimm hin den Krantz zum Denckmahl deiner Siege:
Doch schenck' ihn der Hermunduris /
Vnd sag' ihr / dass ihr Heil und Wolfart ganz gewiss
Auf deinen tapffern Sieg hochst wohlgegrundet liege;
Du habest nichts davon / als nur den blossen Ruhm /
Der Nutzen bleib' ihr Eigentum.
Es ist / Hermunduris / der Vmbkreiss deines Landes.
Fur einen Fursten-Hut zu gross;
Drumb wirfft der Himmel dir dies Gold in deinen Schoss.
Jubil ist wurdiger des Koniglichen Standes /
Als eh'mahls Marbod war. So gieb nun diese Cron
Des grossen Britons grossern Sohn.
    Dieses geschach auch also; massen Jubil seinen Lorber-Krantz auf der
Hermunduris Haupt / Hermunduris aber ihre Königliche Krone auf Jubils Haupt
setzte: Worüber die Barden ihre Freude durch diesen Gesang an Tag legten:
Der Himmel setzt Jubiln zu unserm Konig ein:
Wer wollte nicht mit Lust ihm untertånig sein?
Wohlan denn so bezeugt / ihr mutigen Soldaten /
Wie hoch ihr seid
Erfreut /
Dass diese Konigs-Wahl so trefflich wohl geraten:
Des hohen Himmels Gute gebe /
Dass immerdar ohn alles Ziel
Der unvergleichliche Jubil
Sich selbst zu höchster Lust und uns zu Nutzen lebe.
    Und also ward das ganze Schauspiel durchs einen Waffen-Tantz von vier und
sechzig Soldaten / zu grossen Vergnügen derer Zuschauer / beschlossen.
    Erdmannsdorff / der den Jubil vorgestellt / tat hiermit die Larve ab /
welche dem Gesicht des neuen Königs vollkommen gleichete. Umb desswillen hatte
man ihm auch nichts zu reden gegeben / weil man billig befürchtete / seine
Aussprache würde nur unvernehmlich / auch nicht Jubils seiner ähnlich gewesen
sein. Er ging aber nebst der Hermunduris (oder vielmehr dem jungen Bünau) und
seiner ganzen Gesellschaft / dem warhaften Jubil entgegen und überreichte ihm
fussfällig die Cron / die er / so bald das Spiel geendet war / vom Haupt genommen
hatte. Weil nun die Barden / wie auch die vornehmsten Grafen und Ritter des
Hertzogs / sich heimlich unter einander beredet hatten / auf dieses Zeichen
ihren Herrn zum König auszuruffen / geschahe es anjetzo mit einem so grossen
Freuden-Geschrei / dass die ganze umbliegende Gegend davon ertönete. Jubil aber
nahm solche neue Würde / umb so viel lieber an / weil er nicht allein aus dem
alten Königlichen Bojischen Geschlecht herstammete / und nicht geringer sein
wollte /als Marbod / der letztere Beherrscher seines Hermundurischen Hertzogtums
/ sondern auch weil er dem Arpus zu weisen verlangte / dass er Mut und Verstand
gnug gehabt / eine Krone und vermittelst derselben / seine Tochter zu erlangen.
Massen jener (wiewohl mehr aus Spott / als aus Ernst) versprochen hatte / dem
Jubil selbige nicht zu versagen / wenn er mit gekröntem Häupt sie verlangen
würde. Er ergetzte hingegen den ganzen Hoff mit einer dreitägigen Gasterei /
wie auch Schweinhatz und Ringrennen / und beschenckte die Barden mit einigen
zwischen der Pleisse / Elster und Pahre gelegenen lustigen Gehöltzen und daran
stossenden Feldern. Diese Freude aber verkehrte sich unvermutlich in eine
heftige Verbitterung wider Gottwalden / der seinem höchsten Wohltäter / dem
Feldherrn Herrmann / die schändlichste Untreu erwiesen hatte. Denn der alte
Marbod war /durch das neulichste strenge Verfahren gegen die wider ihn zusammen
verschwornen Marckmännischen Grafen und Ritter / vollends umb alle Gunst bei
denen meisten seiner Untertanen gekommen / welche jener abgehauene Köpffe auf
denen Baum-Aesten nicht erblicken kunten / sonder sich einzubilden / als wenn
sie von ihnen umb Rache angeschriehen würden. Hierdurch fiel es dem
landflüchtigen Graf Wartenberg unschwer / ein neu Bündnis wider Marboden /
vermittelst seiner zu Maroboduum hinterlassenen Blutsfreunde / zu entspinnen.
Wobei denn die Grafen Bercka und Trautmansdorff sich zu Häuptern derer
Bundsgenossen machen liessen / die das Marckmännische Reich durch das Blut des
Scorpions zu heilen gedachten / der selbigen so viel tödtliche Stiche
vergangenen Sommer gegeben hatte. Hingegen ward Hertzog Herrmañ von ihnen durch
etliche Abgeordnete untertänigst ersuchet / mit dem Anfang des instehenden
Jahrs ein Ende ihrer bisherigen Dienstbarkeit zu machen und an statt einer
Belohnung vor solche Mühe mit der Marckmännischen Cron und Scepter vergnügt zu
sein. Fürst Gottwald musste demnach umb selbige Zeit mit sechs tausend Cherusskern
von dem Feld-Herrn nach Maroboduum gehen. Er nahm solches auch willigst auff
sich / war aber des Vorsatzes / die Sache also zu spielen / dass Marcomannis
nicht dem vermeinten Bräutigam / sondern dem Brautwerber / ich will sagen / das
Marckmännische Reich nicht dem Feld-Herrn / sondern ihm selbst / zu Teil würde.
Der Jenner war schon über halb vorbei /als die zu Frost und Hitze abgehärteten
Cherussker in der Mitternacht ganz nahe bei Maroboduum ankamen / und ihre
Ankunft dem Ritter Falckenau / so die Wacht in dem einen Haupt-Tor nach der
Elbe zu befehlichte / wie auch dem Grafen Bercka / als Obersten der Besatzung
auf der neben der Hauptstatt gelegenen Festung / durch drei angezündete Bäume zu
wissen taten. Hierauf zogen sich zwei tausend nach der Festung und vier tausend
nach der Stadt zu / da denn so wohl Bercka / als Falckenau / jedweder seines
Ortes /sie persönlich bewillkomte und ohne gross Geräusch einziehen liess. Sie
fielen hiernächst in alle Gassen der Stadt / allwo die in dem Bündnis mit
begriffene Edelleute die ganze Nacht hindurch in ihren Häusern gewacht und sich
fertig gehalten hatten / mit denen ankommenden Cherusskern die Waffen zu
vereinigen. Dieses konnte so stille nicht zugehen / dass nicht alsbald Lermen in
der Königlichen Burg und in denen andern Stadt-Toren dadurch entstanden wäre.
Die Verschwornen fiengen dannenher auch an / wüste durch einander zu ruffen:
Freiheit! Freiheit! Es lebe Herrmann und Gottwald! Marbod vergehe! Tanneberg
hatte deswegen den Marbod aufgewecket und ihm die vielfältigen kleinen Hauffen
Cherussker und Marckmänner gezeiget / die aus allen Gassen auf den grossen Platz
vor dem Schloss zugelauffen kamen / und gleichsam wie Wolcken in ein Ungewitter
sich zusammen zogen / so mit einem schrecklichen Sturm in die Burg einzuschlagen
dräuete. Hierüber wurde er ganz kleinmütig und rieff: Der zornige Himmel hat
nunmehr den Stab über mich gebrochen! Ein iedweder rette sich / so gut er kann!
Die Besatzung machte zwar ein gross Geschrei und erbote sich dem Könige biss in
den Todt getreu zu bleiben / auch ihr Leben vor das seinige willigst
aufzuopffern. Doch wie dem allen /raffete er seine besten Kleinode in höchster
Eyl zusammen / vermehrte aber die Perlen mit nicht wenig Tränen / alldieweil es
nunmehr so weit gekomen war / dass der / so ehemals alle Marckmäñischen /
Hermundurischen / Gotonischen / Estischen / Lygischen / Semnonischen /
Langobardischen / Burischen und Marsingischen Schätze unter seiner Botmässigkeit
gehabt / dem Bias seinen Denckspruch: Ich trage alles das meinige mit mir /
abborgen musste. Er wollte nicht des äussersten erwarten / weil er des Lebens nun
so gewohnet war / dass er sich / solches noch einmal tapffer an den Feind zu
wagen / nicht konnte bereden lassen. Derowegen setzte er sich mit Tannebergen und
vier Dienern zu Pferde / ging durch das Hintergebäude der Burg über die
gefrorne Mulda und reisete so lange mit grosser Gefahr seines Lebens / biss er
vor einer Römischen Gräntzfestung an den Ort / wo die Donau bei dem Norichischen
Lande vorbei fliesset / höchstbekümmert ankam. Er wusste / dass er weder zu Jagello
dem Sarmatischen / noch zu Schwatopluck dem Bastarnischen / vielweniger zu
Vannius dem Schwäbisschen König / ja auch nicht zu seinem Schwieger-Sohn
Ingviomern Zuflucht nehmen dürffte und betauerte nunmehr zu spät / dass er seiner
Tochter nicht gegläubet / die viel gewisser / als eine Aurinia / seinen ietzigen
Zustand verkündiget hatte. Niemand war nun übrig / als Tiberius / von welchem er
noch einige Erbarmnis verhoffen kunte. Doch schrieb er umb Hülffe an ihn / nicht
als ein fussfälliger Flüchtling / sondern als einer / der noch wohl zurück
dencken durfte / was er ehemahls gewesen / wie sehr alle benachbarte Könige und
Fürsten / ja die Römer selbst / sich umb seine Freundschaft beworben / und wie
viel diese letztern ihm schuldig wären / indem er durch die ihnen erzeigte
unbrüchliche Treu und Liebe die ganze Nord- und West-Welt sich zu Feinden
gemacht.
    Allein Rom hatte gar ein schwaches Gedächtnis /wenn es wollte / und achtete
sich keinem zu dancken verbunden / der den Undanck zu rächen nicht mehr
vermochte. Tiberius hielte vielmehr gegen den ganzen Rat eine ausführliche
Rede / wie höchlich er dem Glück verpflichtet wäre / nachdem der grosse Marbod /
der seines gleichen unter allen barbarischen Königen an Macht und Klugheit
vordessen nicht gehabt / durch seine Sorgfalt in aller Deutschen Hass und endlich
ins Verderben gestürtzet worden. Nunmehr sollte man denen Römern Glück wüntschen
/ dass sie eines Feindes los geworden / dessen Nahme ihnen vor etlichen Jahren
mehr Furcht eingejaget hätte / als Philippus der Stadt Aten / oder Pyrrhus und
Antiochus dem alten Rom.
    Alles demnach / was Tiberius dem Marbod zu Trost wieder schrieb / bestund
hierinnen: Er möchte in Italien sicher kommen / und / wenn er wollte / sein Leben
zu Raveña beschliessen / woselbst er königlichen Unterhalt aus Freigebigkeit des
Käysers geniessen sollte. Gefiel ihm aber dieses nicht / stünde ihm allezeit frei
/ eben so sicher und ungehindert wieder weg zu ziehen / als er gekommen wäre.
Dieses musste der nunmehr ganz geschmeidig-gewordene Marbod aus höchster Not
annehmen und in die achtzehn Jahr lang zu Ravenna leben / damit jederman an ihm
ein Exempel zu sehen bekäme / dass keine Gewalt so gross sei / die nicht eine
höhere zu fürchten habe / und dass derjenige / der aller Welt Gesetze
vorzuschreiben vermocht / dem Gesetz des göttlichen Verhängnisses unterworffen
bleibe.
    Unterdessen hatte Gottwald durch die Cherusker das Königliche wohlbevestigte
Schloss mit aller Gewalt stürmen lassen; wiewohl vergebens / weil Graf
Lichtenstein sich vortrefflich darinnen über eine gute Stunde wehrte / damit
keiner von denen Feinden der Flucht seines Königes inne würde / ehe er sich
durch einen guten Vorsprung ausser Gefahr gesetzet hätte. Nach solcher Zeit
folgte die ganze Schloss-Besatzung dem Marbod über die Mulda nach; und fanden
dahero die Cherusker keinen Widerstand / als sie zum andern mahl anlieffen.
Hiermit aber ward allentalben kund /dass der Tyrann weg wäre und durch seine
kleinmütige Flucht sich selbst der Marckmännischen Cron unwürdig erkannt hätte.
Dannenhero begaben sich die Cherusker aufs Beute machen; wobei sonderlich die
Römischen Kauffleute / die sich zu Maroboduum gesetzet und Bürgerrecht erhalten
hatten / allen bisherigen Gewinn auf einmal einbüsseten / als die Soldaten mit
ihnen auf eine gar ungewohnte Art zusammen zu rechnen anhuben. Der Römische
Botschafter Vellejus Paterculus wäre in der ersten Wut beinahe niedergehauen
worden / dafern nicht Gottwald diesem Ubel durch eine starcke Wacht / die er ihm
vor seine Wohnung legte / in Zeiten vorgebauet hätte. Er liess endlich auch den
weissen Pferde-Kopff / als das vornehmste Cheruskische Kriegs-Zeichen auf den
Schlossplatz pflantzen / und durch den Trompeten-Schall Befehl ergehen / dass
iedweder Soldat bei Lebens-Straffe sich zu seiner daneben aufgerichteten Fahne
einfinden sollte / wodurch denn die besorgliche allgemeine Plünderung der Stadt
glücklich verhütet ward. Und weil Marbod / als er vergangenen Sommer erfahren /
wie wenig gutes er seinen Untertanen zuzutrauen hätte / iederman / (ausgenomen
Grafen / Ritter und Soldaten) alle Waffen abnehmen und in ein gross Zeughauss
zusamen tragen lassen; teilte Gottwald dieselben unter die vorigen Besitzer
wieder aus und machte damit mehr als zehn oder zwölff tausend bewehret und sich
überaus sehr verpflichtet / nachdem ihre Waffen ihnen ja so lieb / als ihr eigen
Leben /waren. Er verschrieb überdiess den ganzen Adel und alle zum Krieg
geschickte auf den zehnden Mertz nach Boviasmum / welches man kurtz zuvor
Maroboduum hiess. Zwölff vornehme Marckmänner machte er / im Nahmen Hertzog
Herrmanns / zu Reichs-Räten / verminderte die Zölle / Kopffsteuer und andere
Gaben / und suchte durch eine sonderbahre Freundlichkeit die Gemüter des Volcks
zu gewinnen. Indessen nahm Wartenberg die mächtigsten Edelleute /sonderlich die
neuen Räte / auf die Seite und beklagte / dass sie aus Marbods Tyrannei unter
Herrmanns Joch gerieten und also nur den Herrn / nicht den Zustand / änderten.
Denn bisher wäre das Land derer Marckmänner ein grosses freies Königreich
gewesen / das fast von ganz West und Nord vor seine Königin wäre erkant worden;
ietzo würde es eine blosse Landschaft oder Stück des Cheruskischen
Hertzogtums. Dieses wüchse gegenteils so unglaublich geschwind / dass es
schiene / das Verhängnis habe mit Hermannen eben das / was mit Marboden / vor /
und wolle einerlei Trauerspiel mit veränderten Personen wiederhohlen; weil doch
alle Herrschaften / wenn sie allzu schnell und allzu sehr zunehmen / so wenig
als wassersüchtige Leiber / lange bestehen könten / und die Reichsäpffel /
welche das Glück zu ihrer Lust als Bälle gebrauchte / desto jählinger fallen und
zerfallen müssen / je höher sie zuvor gestiegen wären. Dannenhero stünde zu
wüntschen / dass das Marckmännische Reich einen eigenen Herrn hätte / der
dasselbe in seinen ietzigen Gräntzen erhielte / und dass ein Fürst ohne Land
hierzu lieber erwehlet würde / als ein König oder Hertzog / der schon durch ein
übermässiges Glück in eine so unersättliche Herschsucht geraten / dass er ein
paar Welt-Kugeln leichter / als Cleopatra ihre grosse Perlen / zu verschlingen
sich getrauete. Man hätte ja an der Cheruskischen Soldaten rauberischen
Verfahren wider die Römischen Kauffleute gesehen / wie ihr Herr seine Leute
gewöhnete und wie er die seinem Hertzogtum einverleibten Landschaften durch
solche Egeln aussaugen liesse /damit dieselben / gleich einem Cörper / der sich
ganz verblutet hat / das Vermögen verlöhren / sich wider ihn aufzurichten oder
zu wehren / wenn er etwa ihnen mehr zumuten wollte / als ihre angebohrne
Freiheit erleiden könnte. Der eintzige Fürst Gottwald wäre noch derer Marckmänner
Schutz-Geist dissmahl gewesen und hätte sie viel glücklicher durch sein hohes
Ansehen / als Zetes und Calais mit ihren Pfeilen den Phineus wider die Harpyien
/ beschützet. Dieser junge Fürst hätte einen so reiffen Verstand / eine so
tapffere Faust und ein so leichtvergnügliches Gemüt / dass seines gleichen wenig
zu finden wäre; allermassen die besagten drei Dinge in einer einigen Person sich
schwerer und seltener / als schwartze Schwäne und weisse Raben in der Welt /
antreffen liessen.
    Diesen Begehren ward durch Gold und Silber der rechte Nachdruck gegeben /
massen keine Rede bessere Wirkung hat / als wo der Schall der Worte und der
Klang des Geldes wohl zusamen stimen. Der Marbodische Schatz / so auf der
Festung lage / kam dem Gottwald hierbei trefflich zu statten. Deñ er beschenckte
alle Grossen so reichlich / dass sie nun endlich die güldene Zeit erlebet zu
haben vermeinten. Bald darnach taten ihm die Bestochenen heimlich zu wissen /
dass man seine hohe Person am allerliebsten zum König hätte / wenn man nur so
vieler Cherusker mit guter Art los werden könnte. Gottwald wegerte sich zum
Schein nicht wenig / das jenige / was er (seinem Vorgeben nach) Hertzog
Hermannen so gern als sich selbst gönnete / anzunehmen. Jedoch willigte er
endlich ein / als er befürchten musste / man möchte seine Wegerung vor lauter
Ernst aufnehmen. Er sandte aber nächstfolgenden Tages die Helffte derer
Cherusker nach Budorgis / wo sie zuvor in der Besatzung gelegen hatten; unter
dem Vorwand / dass man das neuerworbene Land mit allzu vielen Soldaten im Anfang
nicht belegen / sondern ihm / wie einen neuen Most / Lufft lassen müste. Denn
sonst geriete es in eine höchst-verderbliche Unruhe und schadete beides sich
und seinem Eigentums-Herrn. Zwar Ritter Maltzan erinnerte ihn mehr als einmal
/ dass man nicht allzu sicher sein dürffte / weil vielleicht noch viel im Lande
vorhanden wären / die Marboden wieder zufallen könten / wenn man ihnen nicht
eine ansehnliche Cheruskische Kriegsmacht stets vor die Augen stellete / damit
sie entweder willig oder unwillig treu verbleiben müsten. Gottwald aber ward
ungeduldig und gab zur Antwort: Hertzog Herrmann hat mir / als Feldherrn dieses
fliegenden Heers / ungebundene Macht erteilet / zu tun und zu lassen / was ich
will. Mein Wille ist demnach / dass ihr die dreitausend Mann unverzüglich nach
Budorgis führet / oder ich werde euch und allen Widerspenstigen / im Nahmen
unsers allgemeinen Feldherrns / den Abschied geben /und den Gürtel nieder zu
legen anbefehlen. Malzan musste hierauf gehorsamen und mit denen dreitausend Mann
das Marckmännische Gebiet räumen. Nach seinem Abzug liess Gottwald einen
silbernen Kasten mittelmässiger Grösse mit allerlei artigen güldenen / silbernen
und elffenbeinern Kunststücken anfüllen / so teils aus Marbods Schatz genommen
/ teils von denen Römischen Kauffleuten erbeutet waren; und verschloss ihn aufs
beste / nachdem er diesen Brieff an Hertzog Hermannen mit hinein gelegt hatte:
                           Grossmächtigster Feldherr.
    Die Marckmännischen Stände haben mir wider meinen Willen Cron und Scepter
aufgedrungen; ungeachtet ich verhofft hatte / selbige meinem höchsten Wohltäter
zu übergeben. Allein der Himmel hat es anders gefüget und ich weiss gewiss / dass
der gottsfürchtige Hermañ weder den Himmel zu stürmen /noch dessen Verhängnis zu
ändern / willens sei. Er ist schon so gross / dass er den Verlust eines noch nie
gehabten Landes wenig / weit höher aber dieses achten wird / dass der neue
Marckmännische König sich vor des grossen Hermanns ewig-verbundensten Diener
erkennt.
                                                                       Gottwald.
    Hiernächst erwehlte er zweitausend Cherusker unter dem jungen Graf Hanau /
vertraute ihnen den Kasten nebenst dem versiegelten Schlüssel / und befahl
beides Hertzog Hermannen nach Teutschburg unverzüglich zu überbringen; indem
hierinnen so wohl Marbods beste Verlassenschaft / als auch eine notwendige
Nachricht von dem Marckmäñischen Reich entalten würde. Weil sie nun aus diesen
Worten schlossen / dass so wohl des vertriebenen Königs hinterlassene Cron und
Scepter / als auch derer Marckmännischen Stände Einladungs-Schreiben zur
Regierung in diesem Behältnis zu finden wäre / eilten sie destomehr zu dem
Feldherrn / von welchem sie kein geringes Gnaden-Geschenck davor zu erlangen
verhofften. Die übrigen tausend Mann behielt Gottwald zu seiner Leibwacht biss
auf den zehnden Märtz / an welchem die ganze Ritterschaft und die Abgeordneten
aller Städte und Dörffer in einem verschlossenen Häyn des Hercynischen Waldes
zusammen kamen /da er sich denn durch Graf Wartenbergen und den von ihm
reichlich beschenckten Obersten Druiden Milota auf obbesagte Art iederman
dermassen einloben liess /dass / weil die Vornehmsten schon gewonnen waren /sich
jähling ein unordentliches Geschrei erhub: Hertzog Gottwald / unser neuer König
/ lebe! Wartenberg eilete hierauf aus dem Hayn / und fügte Gottwalden / (der /
weil er ein Frembder war / so wenig als die Cherusker / der Versammlung
beigewohnt hatte /) in einer wohlausgedachten Rede das untertänigste Verlangen
derer gesamten Reichsstände zu wissen; setzte ihn auch auf einen grossen Schild
und liess ihn durch acht vornehme Edelleute empor heben und in die Versammlung
tragen; allwo ihm der Oberste Druyde Cron und Scepter überlieferte und zur
neuerlangten Königlichen Hoheit Glück wüntschete. Dieses gienge so stille nicht
zu / dass die Cherusker nicht hiervon Wind bekommen hätten. Daher stelleten sie
sich in Ordnung und wollten auf den Hayn zuziehen. Allein Gottwald kam ihnen
beizeiten mit sechs tausend Mann entgegen / umbzingelte sie / hiess sie die
Waffen niederlegen / und dräuete / den redlichen Ritter Berlepsch mit eigener
Hand nieder zu hauen / als er sich erkühnete zu fragen: Ob dieses der gegebenen
Treu und Glauben gemäss wäre? Sie mussten hierauf allerseits schweren / das
Marckmännische Gebiet /ohne König Gottwalds Willen / nimmermehr wieder zu
betreten / und wurden also von drei tausend Marckmännern biss an die
Hermundurischen Gräntzen begleitet und daselbst frei gelassen. Solchergestalt
ward Gottwald König. Wie schlecht aber die überstimmt-und übereilten Untertanen
damit zu frieden wären /zeigte sich gar bald / indem sich die meisten / ohne
vorher gegangene ordentliche Erlassung / nach ihren Häusern wieder begaben. Doch
achtete er dieses nicht allzu hoch / weil er alle Gräntz-Vestungen / die Marbod
auf Römische Art / gegen das Semnonische und Langobardische zu / angelegt hatte
/ so wohl auch die Hauptstadt Boviasmum / in seiner Gewalt sah.
    So bald nun die gedachten Cherussker einen Fuss auf den Hermundurischen Grund
und Boden gesetzet hatten / wehleten sie sechs aus ihrem Mittel zu Abgeordneten
an den König Jubil / und eröffneten ihm das Unrecht / so Hertzog Herrmann von
dem treulosen Gottwald erlitten. Jubil beschiede dannenhero alle zu denen Waffen
geschickte Mann- und Weibs-Personen nach Calegia auf den zwölfften April /
hielte ihnen in einer langen Rede vor / wie die Danckbarkeit erfordere / Hertzog
Herrmañs Beschimpffung an Gottwalden zu rächen / nachdem jener allein durch
seine Völcker denen Hermundurern zu ihrer Freiheit wiedergeholffen hätte. Er
funde jederman zur Rache willig und bereit; ging daher mit einem Heer von
dreissig tausend Männern und zehen tausend Weibern ins Marckmännische / ehe
Gottwald solches dencken können /als welcher mehr bisher gefürchtet hatte / das
Wiehern und Schnauben der Cheruskischen Pferde zu hören / als zu sehen / dass die
Hermundurischen Lüchse seine Hercynischen Gebürge übersteigen sollten; Gestalt
denn auch auf der Grentze zwischen dem Marckmännischen und Hermundurischen Lande
kein Ort sonderlich befestigt war / weil beides vor kurtzer Zeit gleichsam nur
ein Land und Marbod so wohl dieses als jenes fast zu einer Zeit im Anfang seiner
Regierung unter sich bekommen hatte. Nichts hielte demnach den Jubil auf / vor
Boviasmum zu rücken /da denn unterwegens mehr als acht oder zehentausend
Marckmänner ihm zufielen. Gottwald hatte gegenteils die seinigen
zusammengezogen und liess es auf eine Schlacht ankommen / die aber so unglücklich
auf seiner Seite ablieffe / dass er nach einem sechsstündigen Gefecht sich in die
Stadt flüchten musste. Unterdessen schickte Graf Bercka dem König Jubil die
Schlüssel zu der an die Stadt angebaueten Festung und bezeugete / wie froh er
wäre / dass Hertzog Herrmann / dem allein zu Liebe er sich in das Bündnis wider
Marboden mit eingelassen hätte / durch Beihülffe des tapffern Hermundurischen
Königs / zu seinem Recht wieder gelangen sollte. Jubil danckte vor solche gute
Zuneigung des redlichen Grafens gegen den Feld-Herrn / besetzte sein Lager mit
zwölff tausend Mann / das gröste Teil des Heers aber führete er durch einen
ziemlichen Umbschweiff nach der Festung und kam von hinten zu in dieselbe bei
schon einbrechender Abenddemmerung. Gegen morgen liess er aus seinem Lager durch
Selmnitzen Lermen machen und das Haupt-Tor stürmen. Als nun die meiste Macht
derer Marckmänner sich dahin zog / fiel Jubil mit einem grausamen Geschrei aus
dem Schloss in die Stadt und brachte damit den Feind in solche Unordnung / dass
Gottwald selbst nach dem grossen Tor an der Mulda die Flucht nahm; Inmittelst
verliess ihn fast jederman / alldieweil zumahl Graf Wartenberg todt /Falckenau
höchstgefährlich verwundet / Trautmannsdorff aber zu dem Feinde übergegangen
war. Jubil verfolgte hierauf seinen Sieg / und nötigte Gottwalden sich mit
seinen geringen Hauffen über die Mulda / ja endlich biss in das denen Römern
untertänige Noricum zu flüchten und also eben den Weg selbst zu betreten / den
er sich durch Marboden vor etlichen Monaten hatte bähnen lassen. Marbods Exempel
machte ihm auch die Hoffnung / einen sichern Auffentalt von dem Käyser zu
erlangen / welcher denn /auf sein untertänigstes und einem deutschen Fürsten
höchstunanständiges suchen / Befehl gab / ihm für seine Person einen Ort zur
Wohnung in den Narbonensischen Gallien zu Forum Julium anzuweisen. Alle seine
Bedienten und Anhänger aber / so wohl auch die / welche dem Marbod aus
Deutschland nachgefolget waren / liess er über die Donau zwischen die Flüsse
Marus und Cusus dem Römischen Bundsgenossen und Schwäbisschen König Vannius zum
Geschenck überliefern; allermassen er besorgte / dass weil sie etliche tausend an
der Zahl austrugen / möchten sie vielleicht / wenn sie in die Römische
Landschaften sollten verteilt werden / mit ihrem unruhigen kriegerischen
Gemüt auch jene anstecken / die doch bisher der Ruhe und des Friedens so wohl
gewohnt waren / dass sie sich mit ihrer Knechtschaft besser vergnügten / als Rom
mit seiner Herrschaft über den grösten Teil der Welt; und daher mit denen
Massageten sich nicht übel vergleichen liessen / unter welchen ein Edelmann oder
Bauer / wenn jener vom Fürsten / dieser von seinem Edelmann geprügelt wird /
noch zu dancken pfleget / dass der Herr sich die Mühe genommen / ihn wohlmeinend
zu züchtigen und gehorsamer zu machen.
    Zu Forum Julium hätte nun Gottwald die beste Gelegenheit gehabt / seinen
Fehler lange genug zu bereuen; allein er starb vor grossen Hertzeleid / ehe es
jemand vermutet hatte / und ward ohne alle Pracht verbrant und begraben. Ja
damit es auch dem Todten an einer Straffe nicht mangeln möchte / ungeachtet
seine Unbedachtsamkeit im Leben mehr als zu viel erlitten hatte / klebete ein
Unbekanter diesen Zettel / statt einer Grabschrifft / an sein Begräbnis:
                             In diesen finstern Ort
                                      hat
                                   GOTTWALD /
            gebohrner Hertzog derer Gotonen / Estier und Lemovier
                                sich verstecket;
                             Weil er Scheu trägt /
                   sich fortin vor der Welt sehn zu lassen /
                    nachdem er einmal auf ihrem Schauplatz
                                   die Person
                          eines Marckmännischen Königs
                              übel gespielet hat.
    Währender Zeit hatte sich Hertzog Herrmann mit vier tausend Langobarden ins
Marckmännische Gebiet eingefunden und durch das Geschrei von seiner Ankunft
die drei Grentzvestungen bewegen / sich an König Jubiln zu ergeben. Dannenhero
dieser mit dem ganzen Kriege fertig war / als der Feld-Herr ankam. Es ist nicht
zu beschreiben / mit was ungemeiner Freude jederman ihn empfangen / weil Jubil
in dessen Nahmen eine allgemeine Verzeihung allen bisherigen Anhängern des
Gottwalds versprochen hatte. Der tapffere Slawata / und der kluge Trautmansdorff
waren die Abgeordneten derer sämtlichen Reichsstände / überlieferten dem neuen
König Cron und Scepter und führten in einer herrlichen Rede aus / wie wunderbahr
der Himmel vor das Marckmännische Land gesorget / indem er es so wohl von
Marbods unerträglicher Tyrannei / als auch von Gottwalds unbefugter Gewalt
glücklich befreit und durch diesen doppelten Krieg alle unruhigen Köpffe
entweder sterben oder sich hinweg flüchten lassen / damit der grosse Herrmann
ein mit lauter getreuen Untertanen besetztes Königreich finden und ja so
vergnügt selbiges beherrschen möchte / so begierig dieses sich seiner
Botmässigkeit unterwürffe. Herrmann antwortete / er würde jederzeit gerne mit
der Besitz- und Erhaltung derjenigen Lande zu frieden gewesen sein / denen er
biss daher vorgestanden / und die entweder durch das Erbrecht oder ordentliche
Wahl unter seine Auffsicht geraten wären. Alldieweil aber die Marckmänner
selbst ihm ehemahls von freien Stücken ihr Königreich angeboten und ihn also zu
dessen Einnehmung gnugsam berechtiget hätten / als würde es ihm die ganze Welt
zu einer kindischen Einfalt oder Kleinmut aussgeleget haben / daferne er ohne
alle Bewegung zugesehen / wie ihm der undanckbahre Gottwald das Seine
freventlich aus denen Händen risse. In Betrachtung dessen wäre er mit einem
mächtigen Heer im Anzuge gewesen / umb dem unverschämten Räuber das Kleinod
wieder abzunehmen / warumb er noch nicht mit dem rechtmässigen Besitzer
gestritten hätte. Unterwegens aber wäre ihm das Geschrei entgegen gekommen /dass
König Jubil ihm die Mühe der Rache ersparen wollen / welches denn ihm umb so
viel lieber gewesen / weil er ohnedem darzu wenig Lust gehabt / wenn nicht seine
Ehre und die Ruhe Deutschlands ein solches unumbgänglich erfordert hätten. Daher
sei er schlüssig worden / alle seine Cherusker und Semmoner wieder nach Hause zu
erlassen / und von denen Langobarden nur etliche tausend zu seiner Begleitung zu
behalten. Er fände nunmehr die Gemüter der edlen Marckmänner gegen ihm so
gesinnet / wie er es wünschete. Sie hingegen sollten auch allezeit einen treuen
und liebreichen Vater des Landes / nach ihrem selbsteigenen Wunsch / Zeit seines
Lebens / an ihm finden.
    Slawata und Trautmannsdorff danckten untertänigst vor dieses gnädige
Erbieten / versprachen nochmahls mit denen verbündlichsten Worten alles das /was
ein gerechter Fürst von seinem Lande hoffen kann / küsseten dem König die Hand
und fingen hierauf das gewöhnliche Freuden-Geschrei an / welches alles Volck
eine gute Zeitlang wiederhohlete. Unterdessen statteten die Könige Herrmann und
Jubil gegen einander mit ersinnlicher Höffligkeit den gebührenden Danck ab / dass
jener dem Jubil das Hermundurische Königreich durch seine Hülffs-Völcker /
dieser aber jenem das Marckmännische durch einen kostbahren und persönlichen
Feldzug unterwürffig gemacht hatte. Es versicherte einer den andern
immerwährender nachtbahrlichen Freundschaft / welche auch durch ein prächtiges
/ zu Boviasmum angestelltes Gastmahl bekräfftigt wurde / daferne sie anders noch
mehr bekräfftigt werden konnte / nachdem sie sich schon auf die Tugend der beiden
Helden gründete und durch einen so grossen würcklichen Dienst an beiden Seiten
bewähret war. Die nächsten drei Tage wurden mit der Huldigung / Ersetzung der
Ehren-Aempter / und Bestätigung der Landgesetze hingebracht. Ritterspiele und
Jagten blieben biss auf folgende Woche ausgesetzet. Mittlerweile liess König
Herrmañ alle hinterlassene Brieffe des entwichenen Gottwalds ungelesen
verbrennen / damit keinem / der sich nunmehr seiner Pflicht gemäss bezeigte /
einige Schande oder Schade aus dem mit dem Feinde ehemahls gepflogenen
Verständnis erwachsen möchte.
    Umb diese Zeit wurde ihm unter andern Geschencken / auch eine
rechtwohlgemahlte Leinewad überreicht / die von der Hand eines Römischen Mahlers
/so zu Boviasmum nebenst andern seines gleichen sich sesshaft niedergelassen
hatte / mit sonderbahrem Fleiss verfertiget war. Man sah darauf den Bellerophon
/ des Corintischen Königs Glaucus Sohn /wider des Jupiters Willen auf dem
geflügelten Pegasus durch die Lufft gen Himel reiten. Worüber er aber rasend
wurde und vom Pferde herabsuncke. In der Ferne des Gemähldes lage bei einem
Berge ein Ungeheuer / so mit dem Kopff und Brust einem Löwen /mit dem Bauch
einer Ziege / mit dem Schwantz einem Drachen ähnlich war / von denen Poeten
Chimära genennet wird / und von dem Bellerophon zu seinem ewigen Nachruhm soll
getödtet worden sein; durch welchen Sieg aber er in einen törigten Stoltz / und
durch diesen in einen schrecklichen und tödtlichen Fall geraten. Der Künstler
hatte sein Absehen durch diese Unterschrifft erkläret:
Seht / wie Bellerophon / der sich sonst Gottwald nennet
Vnd der das Vngeheur / den Marbod / hat erlegt /
Dem Himmel selbst zu trotz in sein Verderben rennet /
Indem sein Ubermut ihn in den Himmel trågt.
Erhebt ein stoltzer Sinn sich uber alle Sterne /
Ist Raserei und Fall gewiss von ihm nicht ferne.
    Die letzte unter allen Ergetzligkeiten / die König Herrmannen zu Ehren
angestellet wurden / war ein Fischer-Rennen auf der Mulda / dem die Königliche
Personen und dero vornehmste Bedienten aus der Vestung / so an die Stadt
Boviasmum anstösst / eine unzählige Menge Volck aber auf dem Ufer und kleinern
Insuln des Flusses zusah. Jedweder Fischer hatte ein aus vierfacher Leinwad
gemachtes und allentalben durchnehetes Kleid an statt des Harnisches / wie auch
einen höltzernen Schild und stumpffe Lantze und stund im Vorderteil des Kahnes
/ in dessen Hinterteil ein Fischerknecht sass und ruderte. Wenn nun die Kähne
einander erreichten / stiess ein jeder Kämpffer die Lantze mit solcher Gewalt
wider seinen Gegener /dass darüber einer von ihnen / wo nicht alle beide
/rücklings in den Kahn / oder seitwerts ins Wasser stürtzten. Anfänglich gab es
lauter Zwei-Kämpffe /hernach ruderten zehn gegen zehn und endlich hundert gegen
hundert. Es fielen aber nicht allein die Fechtenden / sondern auch bissweilen die
Zuschauer ins Wasser / und kunten eine Probe ablegen / wie weit sie es in ihrer
Schwimm-Kunst gebracht hätten. Denn der neugierige Pöbel / der in viel Reihen
hintereinander stund / drunge immer mehr und mehr nach dem Ufer zu / so bald die
vorn am Rande stehenden lachten /schriehen oder sagten / wie ietzt dieser und
jener Fischer sich wohl hielte / ein anderer aber gegenteils den kürtzern zöge.
Daher musste mancher von denen /so sich nicht in acht nahmen / hier und dar wider
seinen Willen einen Sprung ins Wasser tun. Dieses Unglück betraf auch einen
frembden ansehnlichen Ritter; worüber seine Diener ein gross Geschrei erhuben
/und ihrer zwei ihm alsbald nachsprungen / die andern vier riefen denen
Fischern zu / diesen vornehmen Herrn zu retten und versprachen davor eine
Belohnung von zwei oder drei hundert Kronen. Hierüber ward ein grausames
Aufsehen so wohl auf der Vestung / als allentalben / weil keiner unter denen
Fechtenden den Verdienst aus handen lassen wollte. Allein alle Mühe war
vergebens; Man fienge wohl die zwei des Schwimmens nicht allzu wohl erfahrne
Diener auf und legte sie in Kähne. Der Herr aber war lange nicht zu finden.
Endlich merckte ein Fischer /dass sich etwas an den Boden seines Kahnes fest
anhielte; daher rieff er etliche zu Hülffe / und risse mit dero Zutun den
halb-todten Ritter hervor und in den Kahn / kehrete ihn auch mit dem Kopff
unterwärts /damit er das Wasser wieder von sich geben möchte. Graf Bercka hatte
inzwischen eine Sänfte aus der Vestung geschickt / diesen unglücklichen
Frembden / der noch nichts von seinen Sinnen wusste / abzuhohlen /damit der
Fischer-Streit seinen Fortgang und Ende ohne fernere Verhinderung gewinnen
möchte. Als man aber dem Todtkrancken die nasse Haarhaube vom Kopffe nähme /
auch das Gesichte mit einem warmen Tuch trocknete / fiel der angeklebte
schwartze Bart ab und wurde der bisher unbekannte von dem jungen Graf Pötting vor
Adgandestern angesehn. Man strich ihn dahero desto fleissiger mit Balsam und
köstlichem Schlagwasser an / und bracht ihn letzlich wieder zu sich selbst.
Worauf er aber aus seinem Unterkleide eine silberne Büchse und aus dieser eine
Kugel in Grösse einer Erbse hervor suchte und solche / ehe es iemand hindern
kunte / in den Mund tät und verschlang.
    Inmittelst hatte Pötting seine Mutmassung denen Grafen von Nassau und
Trautmannsdorff zu wissen gemacht / welche sich denn ohne verweilen in diesem
Zimmer ein- und zwischen dem bettlägerigen Edelmann und Adgandestern eine grosse
Aehnligkeit / ja völlige Gleichheit / funden. Auf befragen / wer er wäre / gab
er sich für einen Gotonischen Edelmañ aus / und bate / dass man ihn durch seine
Diener in die Herberge bringen lassen wollte. Ob er nun wohl die Sprache in etwas
veränderte / so erkannte ihn doch der kluge Nassau gnugsam vor den / der er war /
liess demnach das Gemach wohl verwahren / und gab beiden Königen Nachricht von
diesem Handel. Hierauf ward das Fischertreffen beschlossen / und die Preise
ausgeteilet. Den Krancken aber befahl Herrmañ zu entkleiden und nachzusuchen /
ob er nicht Gift bei sich trüge / nachdem Hertzog Arpus des Tiberius Brieff an
Adgandestern / als einen geschwornen Feind aller deutschen Fürsten / erbrochen
und Herrmannen zugeschickt hatte / weswegen man befürchtete / dass ein solcher
Ertzbösewicht vielleicht anderweit sich umb Gift beworben / oder doch mit
einigem meuchelmörderischen Gewehr versehn hätte / umb dieses mahl das
Schelmstück zur Welt zu bringen / mit welchem er so lange Zeit schwanger
gegangen war. Man irrete auch in solchem Verdacht keines weges / indem der
gefangene allerdings Adgandester oder der so genañte Kenelm war. Dieser hatte
Graf Radziviln / Dietrichsteinen und Heldrungen die Oberaufsicht über seine drei
Hertzogtümer auf eine Monats-Frist in höchster Geheim anvertrauet / unter dem
Vorwand /dass er in unbekanter Gestalt einen gewissen Hof und die allda
befindlichen Fürstlichen Fräulein sehen /auch so denn sich entschliessen wollte /
ob er eine von solchen zur Gemahlin verlangen sollte / oder nicht. Er begab sich
hiernächst in Begleitung sechs Diener ins Marckmännische Königreich / umb
daselbst die von dem Sejanus in einem silbernen Behältnis überschickten
Gift-Kugeln wider König Herrmannen zu gebrauchen / als welchem er das Leben nur
darumb so lange gefristet / weil er seiner zur Rache wider Marboden nötig zu
haben vermeint hatte. Er kam den Abend vor dem Fischer-Gefechte zu Boviasmum
an; verfügte sich gleichwohl des folgenden Tages an das Ufer / umb die Lust mit
anzusehen / weil er nicht gedachte / dass jemand in seinem langen Reise-Mantel
/falschen Haar und Bart / auch gelb-angestrichenem Gesichte Adgandestern suchen
sollte. Alldieweil aber die Mulda seine Farbe abgewaschen / den Bart ein wenig
lossgeweichet und Anlass gegeben hatte / ihn samt der Haarhaube dem Betrieger
abzunehmen /ward er von iederman vor Adgandestern erkant / ungeachtet er uñ
seine herbei geholten Diener nach vielfältigen Fragen nichts Mehr gestunden /
als / dass er Kenelm / der Gotonische Hertzog / wäre. Man liess unterdessen die
zähen und klebrichten Kugeln in Gegenwart derer Gotonen aus dem gefundenen
silbernen Büchslein heraus nehmen und an etlichen Hunden probiren. Allein / weil
keine sonderliche Aenderung an diesen etliche Stunden lang zu mercken war /
kunte man Adgandestern noch nicht als einen Gifftmischer überführen; zumahlen da
seine Leute beständig dabei blieben / dass er umb einer Heirat / und sonst umb
keiner andern Ursach willen / diese Reise angetreten hätte.
    Kenelm bate inzwischen / man möchte ihm / als einem Fürsten / wo nicht an
seiner völligen Freiheit /zum wenigsten doch an der notwendigen Mittags-Ruhe
nicht hinderlich sein. Man kunte ihm dieses letztere nicht versagen. Hierauf
fieng er an über zwei Stunden lang zu schlumern / nachmahls im Schlaff zu
schreien und endlich gar vom Bette aufzuspringen und zu rasen. In solchem Wüten
bekannte er freiwillig / dass er Adgandester wäre / und redete viel Dinge /die
niemand als Adgandester wissen kunte. Es wurde auch von Stund zu Stund ärger mit
ihm / weil die Gift-Kugel / die er aus Verzweiffelung zu sich genommen hatte /
immer mehr und mehr ihre Würckung spüren liess. Gegen Abend tat er erschrecklich
kläglich / wunde sich im Bette wie eine Made / brüllete wie ein Ochse und
stellete sich so ungeberdig / als wenn er alle Höllen-Pein auf einmal litte.
Man gab ihm demnach etliche Personen zu / die auf ihn acht haben sollten /
nachdem man ihn als einen Fürsten in Ketten zu schliessen Bedencken trüge. Als
aber einsmahls nur zwei umb ihn stunden / warf er sie unvermutet zu Boden und
sprung aus dem Bette zu dem offenen Fenster hinaus / ehe man solches verwehren
kunte / fiel mit dem Bauch in einen spitzigen Felsen nahe am Ufer / ermannete
sich gleichwohl / riss seine Eingeweide aus dem Leibe / stürtzte sich hiernächst
in die Mulda und ersoff. Bald drauf fieng der Gift an / die Hunde eben so
jämmerlich zu peinigen; daher denn die Gotonen gestehen mussten / dass ihres
Hertzogs Todt aus eben dieser Ursache entstanden wäre.
    Herrmann liess nachgehends Adgandesters Cörper auffischen und dessen Dienern
andeuten / dass er aus sonderbahrer Güte sie durch Zwangs-Mittel zur Bekenntnis
nicht nötigen / sondern ihrem blossen Wort gläuben wollte / dass sie weder von
ihres Herrns gottlosem Vorsatz / noch warhaften Nahmen etwas gewust hätten. Sie
sollten demnach frei sein / und den zerfleischten todten Leichnam in ihr
Vaterland führen damit Graf Heldrungen / Dietrichstein und andere /die mit
Adgandestern / als gewesenen vornehmsten Staatsbedienten des Marbods /
Kundschaft gepflogen / ihn ohne falsches Haar und Bart besehen und erkennen
möchten / wie unglücklich ihre Fürsten-Wahl geraten / und wie unbillich es sei
/ Hertzog Ingviomern von dem Besitz des Gotonischen / Estischen und
Lemovischen Hertzogtums auszuschliessen / da doch seiner Gemahlin Gross-Vater
dessen rechtmässiger Beherscher gewesen.
    Die Diener legten hierauf das Aass in einen grossen Kasten voll Honig /
verbranten die Eingeweide und führeten beides mit sich weg. Damit aber Sentia
und Gottwald nicht mehr Ehre / als ihr Freund Adgandester / nach ihrem Tode
hätten / schickte ein unbekanter der reisenden Gesellschaft ein wohl
versiegeltes Pergament / mit Bitte / es an den Grafen von Heldrungen zu
überbringen / welcher es nachmahls eröffnete und dieses Inhalts befand:
                           Adgandesters Grabschrifft.
                                   Hier ruht
                           der unruhige Adgandester /
                             wofern der ruhen kann /
                                     der /
                                weil er lebte /
                         des Ixions Rad im Gehirn truge
                            und daher nach dem Tode
                      billig von ihm wieder getragen wird.
                                     Er war
                          dem veränderlichen Vertumnus
                                ganz ähnlich /
                       ausgenommen in der Unsterbligkeit.
                                   Doch weil
                           die Marckmännische Pomona
                           ihm nicht zu willen war /
                                   suchte er
                             in vermummter Gestalt
                      die Gotonische Ceres zu betriegen.
                       Niemahls war er / was man dachte;
                            allezeit / was er wollte;
                             selten / was er sollte;
                                  Dem Phaeton
                     ward er im Leben und Sterben ähnlich:
                 Jener stürtzte aus der Lufft in den Eridanus /
                      nachdem er die Welt verbrant hatte.
                                     Dieser
                      hatte die ganze Nord- und West-Welt
                                 veranlasst /
                      in einer unaufhörlichen Kriegs-Glut
                           so viel Jahr nach einander
                                  zu brennen.
                       Nunmehr findet er seinen Eridanus
                                 in der Mulda.
                           Diss allein stehet dahin /
                                       ob
                            die Gotonischen Nymphen
                    mit ihren kostbaren agtsteinern Tränen
                         sein Grabmahl beehren wollen /
                                   gleichwie
                           dem Aetiopischen Phaeton
                     von der Phaetusa / Lampetie und Phöbe
                                   geschehen.
                                  Gewiss ists /
              dass er keine / als nur Freuden-Tränen / verdienet /
                   weil seine Anschläge dem ganzen Vaterland
                            so viel Leidens-Tränen
                          ehemahls ausgepresset haben.
                                 Drei Elemente
                    waren zu seinem Untergang beförderlich:
                            Er fiel aus der Lufft /
                        zerschmetterte sich auf der Erde
                            und verreckte im Wasser.
                       Das vierdte Element / das Feuer /
                     hätte gern etwas hierzu beigetragen /
                              wenn es nicht dessen
                      danckbarlich hätte schonen müssen /
                 welcher ihm so viel deutsche Städte und Länder
                          zur Speise übergeben hatte.
                                     Jedoch
                 was gehen die vier Elemente Adgandestern an /
                        der ein einiges Element hatte /
               in welchem er lebte / und durch welches er starb /
                                   nämlich /
                           heimtückische Betrügerei.
    Heldrungen / Dietrichstein / Gutzkow / Dhona /Ulsen und andere / die
Adgandestern ehemahls gekant hatten / waren zugegen / als Kenelms Sarg geöffnet
und die Leiche abgewaschen wurde. Sie befunden aber gar bald / dass es der
beschriehene Adgandester wäre / wiewohl die Gift-Flecken und die bleiche
Todten-Farbe ihn nicht wenig unkäntlich machten / auch der Gestanck des
verfaulenden Cörpers nicht gestatten wollte / ihn lange anzusehn. Sie schämeten
sich nicht wenig ihres Versehens in der Fürsten-Wahl und dachten sich an dem
Betrüger zu rächen / indem sie ihn unverbrant und unbegraben in die Weichsel
warffen /welche ihn weiter in die Oost-See führen mochte. Nachgehends beredeten
sie alle Gotonische / Estische und Lemovische Stände / dass sie Hertzog
Ingviomern die Herrschaft über sich durch etliche Abgeordnete antragen liessen /
weil weder er / noch seine Gemahlin dessen entgelten dürfften / womit Marbod
sich verhasst gemacht hätte / der letztere Marbodische Brieff auch nunmehr vor
Adgandesters Missgeburt von iederman gehalten würde. Ingviomer nahm das
angebotene Hertzogtum zu Danck an / verordnete in seiner Abwesenheit den Ritter
Dhona zum Gotonischen / Graf Radziviln zum Estischen und Graf Gutzkow zum
Lemovischen Stadtalter.
    Er erzeigte unterdessen König Herrmannen vor seine Empfehlung bei denen
Gotonischen Ständen gar schlechten Danck. Denn weil das Marckmännische
Königreich / welches er von seinem Schwieger-Vater Marbod zu erben vermeint /
durch Herrmannen eingenommen war / versuchte er / seines Schadens an dessen
Cherusskischen Erblanden sich zu erhohlen. Er hatte nicht wenig Freunde unter der
Ritterschaft daselbst / die seiner Gnade vor mehr als zwölff biss zwantzig
Jahren genossen hatten / als er an statt des damahls minderjährigen oder ausser
Landes sich aufhaltenden Herrmañs die Regierung geführet. Da nun Gottwald im
vergangenen Jenner mit einem fliegenden Heer ausgesand ward / Marbodens Cron vor
Herrmannen zu erwerben / schrieb Inguiomer an etliche von seinen Vertrauten mit
verdeckten Worten: Er wundere und betrübe sich höchlich / dass das uhralte freie
Hertzogtum der edlen Cherusker / welches offtmahls Königen Gesetze
fürgeschrieben / dem ganzen deutschen Reiche so viel allgemeine Feldherren
gegeben / und weder Gut noch Blut zu Befestigung seiner Freiheit gesparet /
anitzo so willig und gerne eine Landschaft des Marckmännischen Königreichs
würde. Denn entweder müste auch selbiges seinen Hertzoglichen Hut in eine Cron
verwandeln / und also gestehn / dass es sich beinahe vor Herrmanns Leibeigene
erkenne / oder aber der Marckmännischen den Vorzug lassen. Jedweder Königliche
Tron hätte ja die Art eines hohen Berges an sich: Wer einen von beiden bestiege
/ dem kämen alle die Örter klein und unansehnlich vor / aus welchen er gekommen
wäre /ungeachtet dieselben warhaftig noch so gross und ansehnlich sich befänden.
    Er schickte auch den Ritter Oswald / als eine reisende Person / ins
Cattische Gebiete / der denn Gelegenheit suchte und fand / ganz geheime Verhör
bei Hertzog Arpus zu erlangen / als er eben zu Neidenstein mit einer engen
Hoffstatt sich aufhielt. Diesen nun befrembdete es nicht wenig / als Oswald sich
vor Hertzog Inguiomers Bedienten ausgab und die Begrüssung aufs höfflichste im
Nahmen seines Herrn ablegte; Er fragte den Ritter voller Verwunderung und nicht
ohne Argwohn eines listigen Betruges: ob er von König Marbods Schwieger-Sohne
dergleichen Versicherung einer aufrichtigen Freundschaft annehmen dürffe /
nachdem ja selbigen solche seine Befreundung mit dem allgemeinen Feind aller
deutschen Fürsten nötigte / der ehemahligen alten Freundschaft / so er mit
denen Cherusskischen / Cattischen /Sicambrischen / oder Chaucischen Häusern sonst
gepflogen / zu vergessen und an statt eines so angenehmen Botschafters /
sauersichtige und ungestüme Herolden an gedachte Höffe abzuordnen? Allein Oswald
berichtete den Hertzog eines andern mit diesen Worten: Mein Herr hat das Unglück
oder Glück gehabt / Marbods Ungnade auf sich zu laden / weil er von dessen
wunderlichen Sinn nicht alle Unbilligkeiten annehmen wollen / die auch wohl
einem gemeinen Edelmann unerträglich gewesen wären. Er beweget sich daher anjetzt
nicht im geringsten / ob er gleich dieses seines Schwieger-Vaters Untergang vor
Augen sieht und hierdurch alle Hoffnung zu der Marckmännischen Cron verlieret.
Er gönnet dem Vaterland lieber seine Freiheit / als etwa sich selbst diejenige
Herrschaft / die so viel Jahr her denen Teutschen Fürsten Sorge gemacht hat /
dass jene durch diese Abbruch leiden möchte. Jedoch fürchtet er nicht unbillig /
dass wo Marbod eine Charybdis gewesen / Herrmann eine Scylla abgeben werde /
woran die deutsche Freiheit völligen Schiffbruch leiden dürffte. Denn grosse
Königreiche sind denen Kindern gleich / welche anfänglich kaum zwei Spannen lang
sind / und niemand zu schaden vermögen / nachgehends aber von Jahren zu Jahren
grösser / stärcker und daher fähig werden /auch wohl diejenigen zu bezwingen und
über einen Hauffen zu stossen / die ihnen in ehmahliger Schwachheit hülffliche
Hand geboten haben. Marbods Herrschaft erstreckte sich anfänglich bloss über die
Marckmänner / hatte aber nach und nach ein so ungemeines Wachstum / dass sie
auch die Hermundurer /Sedusier / Lygier / Semnoner / Burier / Langobarden
/Gotonen / Estier / und Lemovier an sich zoge. Ebener massen hat Herrmann die
Semnoner / Langobarden / und Marsinger seinen angeerbten Cheruskern beigefügt /
wird auch / allem Ansehen nach / die Marckmänner seinem neuen Reiche ehest
einverleiben / welchem vielleicht die Gotonen / Estier und Lemovier mit der
Zeit folgen dürfften. Jubil und Gottwald sind seine Geschöpffe / und wenn sie
gleich Herren mächtiger Länder durch ihn werden / bleiben sie dennoch seine
Knechte. Nunmehr muss die Zeit lehren / ob Herrmann ohne Hochmuts-Schwindel ein
so hohes Glück ruhig besitzen könne / oder ob nicht seine bisherige
Bescheidenheit die letzte Probe allbereit ausgehalten habe und er unter Menschen
das versuchen werde / was er auf der Jagt unter Tieren gewohnet ist / nämlich /
nicht mit dem schon gefälleten vergnügt zu sein / vielmehr so fort dem annoch
freien Wild desto begieriger nachzutrachten. Der gütige Himmel gebe / dass die
streitbahren Catte / Sicambrern / Chaucen / Bructerer / Chassuarier und andere
freie Völcker / nicht ins künftige erfahren mögen /dass das Glück einem
herrschsüchtigen Herrmann zu viel und doch nimmermehr gnug geben könne. Gestalt
auch einer von seinen Marckmännischen Fuchsschwäntzern / (wie man sagen will)
ihm vor kurtzer Zeit ein ertzschmeichlerisches Sinnbild überschicket hat / da
das Cheruskische weisse Pferd auf einer Rennebahn im Kräyss herumblauffend
gemahlt gewesen /also dass man an dessen Fussstapfen im Sande sehen können / dass
es schon mehr als einmal dergleichen Kräyss zu Ende gebracht. Hierbei soll die
Uberschrifft gestanden sein: Ein Kräyss ist zu wenig. Wie auch eine Erklärung in
Reimen:
Dem Alexander war ein Weltkråyss viel zu wenig:
Auch einer ist zu klein / vor unsern neuen Konig.
    Arpus hatte bisher mit nicht geringer Gedult und noch grösserer Verwunderung
zugehöret; antwortete aber endlich: Ich erfreue mich höchlich / dass Hertzog
Inguiomer von neuen zu erweisen gedencket / dass seine ehemahlige
Vaterlands-Liebe noch nicht erstorben / sondern dem Anas / Alpheus und andern
Flüssen von dergleichen Natur ähnlich sei / indem sie sich zwar im Marbodischen
Gebiete unter die Erde hat verkriechen müssen / anderweit aber / sonderlich in
seinem Bructerischen Hertzogtum / desto stärcker wieder hervor bricht. Nur
wünsche ich beständige Fortsetzung eines so lobwürdigen Anfangs. Solte sonst
Herrmann / der bisher sich als einen grossen Eiferer für die deutsche Freiheit
erwiesen / ein anderer Marbod werden / wird es so denn an tapffern Helden nicht
mangeln / die ihn der Bescheidenheit nachdrücklich erinnern können. Jedoch hoffe
ich noch das beste / ob ich gleich auf alle Fälle mich gefast halten / auch
hiervon so viel / als nötig / denen Chaucischen / Sicambrischen und
Chassuarischen Hertzogen zu ihrer Nachricht bei Gelegenheit kund tun werde.
Ubrigens halte ichs vor unbillig / wegen gedachten hochmütigen Sinnbildes auf
Herrmannen einigen Unwillen zu werffen; Nachdem kein Fürst davor kann / wenn ein
Poet allerlei werckliche Träume von ihm hat / und ihn trefflich zu loben meint /
indem er ihn aus einem grossen Menschen zu einen grossen Ungeheuer macht /und
bedencket nicht / dass ein unmässiger Ruhm eine Art von einer unverständigen
Schmähung ist. Denn was kann wohl seltzamers erdacht werden / als dass dieser
eintzige Erdkräyss einem Fürsten zu klein sein soll? Gewiss ein solcher Tichter
muss die Welt nur auf einer Land-Taffel gesehen haben. Nichts destoweniger haben
wohl ehe vernünftige Fürsten dergleichen Eitelkeiten sich wohlgefallen lassen.
Wie denn eben das auf Hermannen / wegen seines Wapens / nicht uneben-gedeutete
Sinnbild von etlichen Druiden dem Britannischen König Hippon zu Ehren schon vor
hundert Jahren ungefehr erfunden worden; und wie lange ists / dass der Gallische
König Vercingetorich selbst eine Sonne zu seinem Sinnbilde erwehlte / welche
eine Welt-Kugel beschiene / mit der Uberschrift: Sie könnte auch noch mehrere
überstrahlen. Allein eben des so genannten grossen Alexanders Beispiel lehret /
dass eine Gruft von drei oder vier Ellen für denjenigen geraumig gnug gewesen sei
/ für welchen doch Anaximenes nicht hat Welten gnug erdichten können.
    Sie kamen hiernächst auf andere Gespräche und giengen nicht lange darnach
zur Tafel / da sich Oswald vor einen Bataver ausgab und auf Anregen der
Hertzogin weitläufftig erzählen musste / wie höchlich Fürst Dietrich mit dem
Batavischen Volck und selbiges mit diesem seinem Ober-Stattalter vergnüget sei.
    Nachmittage nahm er Abschied von dem Hertzog und der Hertzogin und setzte
seine Reise nach dem Chassuarischen Hoffe fort / allwo er es mit Hertzog
Segimern / wie mit dem Arpus / machte. Sonderlich aber bemühete er sich /
weitläufftig zu erweisen / dass Hertzog Herrmann gegen seine Blutsfreunde und
Schwäger sich jederzeit neidisch und ungütig erzeiget hätte. Unter andern sagte
er: Es ist uns leider in mehr als zu frischen Andencken / wie er seines Vaters
Bruder und ehemahligen Vormund Hertzog Inguiomern /ja seinen leiblichen Bruder
Flavius so verzweiffelt gemacht hat / als er jenem an der Einnehmung des
Marsischen Gebietes hinderlich war / diesem aber nicht einen Fussbreit von dem
Cheruskischen Lande abtreten wollte / also dass jener bei Marboden / dieser bei
denen Römern / beide bei ihren ehemahligen geschwornen Feinden / ihr Glück zu
suchen genötiget wurden. Das Durchlauchtige Chassuarische Haus sollte ja wegen
seiner nächsten Bluts-Freundin / der Hertzogin Tussnelda / in sonderbahrer
Hochachtung bei ihm sein. Allein Hertzog Segestes ist mehr als einmal als ein
Verräter des Vaterlands von ihm in denen Fürsten-Versammlungen angeklaget
worden. Und obwohl nicht zu läugnen ist / dass der sonst unvergleichliche Held
etwas menschliches erlitten hat /indem er durch die Schmeicheleien seiner
betrüglichen Römischen Gemahlin / mit denen Reichs-Feinden sich in engere
Bündnisse eingelassen / als er verantworten können: Nichtsdestoweniger hat
Herrmann kein geringes hierzu beigetragen / indem er ihm die Tochter mit Gewalt
genommen und ihn veranlasst /bei Feinden Hülffe zu suchen / weil er keine bei
Freunden zu finden wusste. Uber dies wäre es dennoch einem Schwieger-Sohn nicht
unanständig gewesen /mehr Bescheidenheit gegen seinen Schwäher zu gebrauchen /
gesetzt gleich tausendmahl / dass er gefehlet hätte. Jedoch was bedarff es viel
Beweises? Sie selbst / gnädigster Hertzog / dürffen nur zurück gedencken / wie
höchlich es Sie müsse geschmertzet haben / als Herrmann Ihnen das Heer wider die
Römer an der Weser zu führen versagte und den Grafen von Mansfeld vorzoge / umb
keiner andern Ursache / als weil man ohne allen Grund befürchtete / dass Sie mit
dero Bruder / dem damahls Römisch-gesinnten Hertzog Segestes / ein heimlich
Verständnis hätten. Der tapffere Fürst Sesitach konnte / als ein wohlgeratener
Sohn / die seinem hochverdienten Vater angetane Schmach nicht so gedultig
verdauen / gabe demnach Herrmannen ungescheuet zu vernehmen /dass er sich aus dem
Staube machen müste / weil man sonder Zweiffel den Sohn des unverantwortlichen
Verdachts würde entgelten lassen / womit man seinen unschuldigen Vater beleget
hätte. Er verlohre sich zwar hiermit aus dem Heer / hinterliess aber einen
sonderbahren Stachel in meines Herrns / des Bructerischen Hertzogs Gemüt / ob
er schon damahls Herrmanns bester Freund noch war / indem er hierbei / als im
Spiegel / vorher sah / dass ihm vielleicht mit der Zeit nicht danckbarer oder
höfflicher würde begegnet werden; wovon ihm auch der Glaube mehr als zu zeitlich
in die Hände kommen ist. Ich muss zwar gestehen / dass Sie / gnädigster Hertzog /
dem Feldherrn einiger massen verbunden sind / weil er bei dem Todesfall Hertzog
Segestens dessen völlige Erbschaft Ihnen zugesprochen hat / ungeachtet Fürst
Siegmund / als Sohn / ein näheres Recht zu seines Vaters Landen zu haben
scheinet / als Sie / die sich nur vor des Verstorbenen Bruder angeben können. Ob
man nun wohl dem Siegemund vorwirfft / dass er sich unter denen Römern als ein
Priester des todten Drusus aufhalte /auch dero hertzgeliebteste Gemahlin / wie
nicht weniger Tussnelden und Ismenen entführet habe / so ists doch nicht
ungläublich / dass woferne nicht Herrmannen selbst durch den Raub seiner
Schwester / ja derjenigen / die er mehr als sich selbst liebt / ins Hertz
gegriffen wäre / möchte er vielleicht das der Hertzogin Rhamis angefügte Unrecht
nicht so hoch ahnten. Ja wenn Siegmund die einige Tussnelda wieder lieferte /
würden Sie demselben das Chassuarische Fürstentum wieder abzutreten bald
genötiget werden. Denn das ehemahlige Bezeigen des Cheruskischen Hertzogs gegen
Sie kann zu gnugsamen Beweisstum dienen / dass Ihnen neulichst einige Freundschaft
geschehen sei / nicht weil Herrmann sonderliche Gewogenheit gegen Sie trägt /
sondern vielmehr / weil er durch Ihre Beförderung seinem neuern Feinde / dem
Fürsten Siegmund / nachdrücklich zu schaden und sich wohl zu rächen / gemeint
gewesen ist.
    Segimer antwortete hierauf: Ich kann Hertzog Herrmannen in vielen Stücken
entschuldigen; doch läugne ich nicht / dass dieses ein schlechtes Freundstück
gewesen / als man den Grafen von Mannsfeld das Heer an der Weser vertrauete / da
ich doch diese mühselige Ehre vor mich durch meinen Sohn mit aller Höffligkeit
suchen liess. Wie dem allen aber / Herrmañ hat auf dem letzten Teutschburgischen
Reichs-Tage sein Versehen gnugsam gut gemacht. Nichts destoweniger daferne ich
mit der Zeit mercken sollte / dass des Feldherrn mir erzeigte Wohltat nicht aus
guter Zuneigung zu mir / sondern aus einer leicht-veränderlichen Abneigung gegen
meines Bruders Sohn entsprungen wäre / würde ich so dann schon wissen / was zu
tun sei. Inmittelst hoffe ich / Herrmann werde sich in seinen Schrancken halten
/ und über freie deutsche Fürsten nicht mehrerer Gewalt sich anmassen / als ihm
gebühret. Wiedrigen falls wird es keinem meines gleichen an Willen oder Vermögen
mangeln / ihn zu erinnern / dass wir ihn zu unserm Feldherrn / nicht aber zu
unserm König und Beherrscher / erwehlet haben.
    Oswald musste damit vergnügt sein / hielte sich aber noch drei Tage auf und
machte den Hertzog von Stund zu Stund argwöhnischer gegen den unschuldigen
Herrmann. Er tate hierinnen / was ihm sein Herr befohlen hatte / ob ihm gleich
sein Gewissen das Gegenteil zu tun riete und es ihm selbst eine grosse Unlust
war / dem ungerechten Willen seines herschsüchtigen Fürstens zu gehorsamen.
    Unterdessen ward Marbod von Gottwalden und dieser von Jubiln verjagt.
Herrmann aber / da er mit einem mächtigen Heer im Anzug wider Gottwalden
begriffen war und unterwegens vernahm / dass dieser schon landflüchtig wäre /
hatte nur vier tausend Langobarden / als nächste Nachbarn derer Marckmänner /bei
sich behalten / alle Cherusker aber nach Hause erlassen / weil er weder sie ohne
Not bemühen / noch das Marckmännische Land mit allzu grossem Gefolge beschweren
wollte. Dieses gute Absehen verbitterte die schon durch Ingviomern verhetzten
Gemüter / so dass sie es vor einen Schimpff aufnahmen / dass Herrmann seinem
Siegs-Gepränge sie nicht beiwohnen liesse / und diese Ehre denen Langobarden
allein gönnete. Hierbei bliebe es zwar vor dieses mahl. Allein es ward immer
ärger / als nachgehends erscholle / dass der Feldherr die Marckmänner nicht als
ein Hertzog /sondern als ein König beherrschen wollte / ingleichen /dass die
Langobarden / Semnoner und Marsinger sich vereiniget hätten / und eine Cron vor
sich verfertigen liessen / umb solche ihm ehester Tage zu übergeben /mit Bitte /
dieses dreifache Hertzogtum zu einem eigenen Reich zu machen und sich ins
künftige einen König der Marckmänner / wie auch der Semnoner /Langobarden und
Marsinger zu nennen. Denn nunmehr kunten die Cherusker / ihrer Meinung nach / an
denen Fingern abzählen / dass auch sie die Reihe bald treffen würde / ihre
Freiheit seiner Herschsucht aufzuopffern. Hierzu kam / dass der schlauhe und
heimtückische Drusus aus Illyricum dem König Herrmann eine güldene Krone / einen
helffenbeinern Stuhl und Regiments-Stab / einen Purpurmantel und dergleichen
Dinge überschickte / und ihm eine solche Freundschaft antragen liess / wodurch
einer so wohl als der andere sollte verbunden sein / einerlei Freunde und Feinde
zu haben. Dieses letztere Erbieten nahm zwar Herrmann nicht an. Jedoch hatte
diese List des Drusus die gewüntschte Würckung / indem nicht nur alle
benachbarte Fürsten / sondern auch die Cherusker selbst hierüber grosse Augen
aufsperreten und besorgten / dass die übermässige Vertrauligkeit zweier ehmahligen
Feinde die gäntzliche Sklaverei des freien Deutschlandes zum Zweck hätte. Sie
wurden in diesem falschen Wahn bestärcket / als allentalben nicht ohne Grund
verlautete / dass zu Augusta in Vindelicien auf Drusus Befehl Herrmanns Bildnis
aus Ertz gegossen würde / zu welchem Ende Vellejus Paterculus den König abmahlen
lassen und den Entwurff dahin senden müssen. Und welches das ärgste / sollte in
den Fuss des Ehren-Gedächtnüsses diese Schrifft gesetzet werden:
                               Der deutsche König
                                    Herrmann
                             ein Freund der Römer.
    Dieses ward nicht anders aufgenommen / als wenn Herrmann selbst ein solches
Denckmahl verlangte /oder als wenn der Nahme eines deutschen Königs eben so viel
zu sagen hätte / als dieser: Der König derer Deutschen. So verdross es auch die
Cherusker nicht wenig / als Herrmann seine beiden Kinder zu sich nach Boviasmum
hohlen liess / umb desto füglicher auf dero Erziehung nach seiner Gewonheit acht
zu geben / weil er beschlossen hatte / auf der Vestung daselbst / (die man
nunmehr Herrmannsburg nennete /) biss zu Anfang des Winters zu verharren / damit
er durch seine Gegenwart die neuen Untertanen umb so viel besser im Gehorsam
erhalten / zugleich auch der fruchtbaren Marckmännischen Gegend zu seiner
Ergetzung desto länger geniessen möchte. Man sah dieses zu Teutschburg als eine
blosse Verachtung an und redete ungescheut in allerlei Gesellschaften / dass
/nachdem Herrmann einen Königlichen Sitz bekommen hätte / rechnete er sichs zur
Schmach / einen hertzoglichen fernerweit zu bewohnen.
    Mittlerzeit erhielte Graf Styrum / der Cheruskische Stadtalter zu
Teutschburg / Brieffe von dem vornehmsten Staats-Bedienten / dem Grafen von
Nassau / darinnen sich dieser wunderte / warumb die Cherusker die gebührende
Freude über ihres Hertzogs erlangten Königlichen Hoheit durch kein Ritter- oder
Schau-Spiel / (so viel man wüste /) bezeiget hätten. Hingegen rühmte er den
Eyfer derer Marckmänner /Semnoner / Langobarden und Marsinger / die sich umb die
Wette bemüheten / ihrem neuen König ungemeine Ehre zu erweisen: Uberschickte ihm
auch eine Beschreibung aller zu Boviasmum angestelleten Lustbarkeiten; wobei er
zugleich eine ausführliche Nachricht von dem Singespiel / in welchem Hertzog
Jubil zum Hermundurischen König war erkläret worden /wegen seiner artigen
Erfindung zu legen / vor gut befunden hatte.
    Graf Styrum zeigte alles dieses aus keiner bösen Meinung etlichen vornehmen
Cheruskischen Rittern /die er zu sich auf eine Abend-Mahlzeit hatte erbitten
lassen / und begehrte ihre Meinung zu wissen / auf was Art auch sie ein
sinnreiches und prächtiges Denckmahl ihrer untertänigsten Zuneigung gegen dero
Durchlauchtigsten Hertzog stifften wollten / ob solches durch eine Ehrenseule /
oder Ritterspiel / oder ansehnliches Geschenck geschehen sollte. Denn dass es /
auf was Art es auch wäre / geschehen müste / zweiffelte er nicht / weil sie
andern Völckern hierinnen nicht würden weichen / vielmehr iederman hierdurch
kund tun wollen / wie weit sich ihr Nachsinnen und Reichtum erstreckte. Es
würde auf diesen Vortrag nichts sonderliches geantwortet / weil die Vornehmsten
alsobald umb Bedenckzeit biss folgenden Abend baten. Sie waren aber kaum von dem
Grafen weg / als sie alle unter einander sagten: Nun sähe man deutlich / was man
bisher befürchtet. Was Herrmann verlange / das lasse er durch seinen Liebling
fordern. Dieser begehre eine Freuden-Bezeigung; jedoch damit man wissen möchte /
worinnen sie bestehen solle / wäre das Muster dem Brieffe beigelegt / umb daraus
zu erlernen / dass die Cherusker sich eben so gegen ihren Hertzog / wie die
Hermundurer gegen Jubiln / bezeigen müsten / wollten sie anders ihm einen recht
gefälligen Dienst erweisen.
    Hierauf giengen die Ratschläge wunderlich durch einander; doch lieffen sie
endlich alle da hinaus / dass man Ingviomern zum Cheruskischen Hertzog machen
sollte / daferne er denen Cheruskern die Oberstelle unter allen ihm ergebenen
Völckern einräumen wollte. Zwei Ritter wurden deswegen an ihn abgeordnet. Die
andern bemüheten sich inzwischen unter der Hand /die Gemüter ihrer andern
Landes-Leute gleichfalls von Herrmannen abwendig zu machen / welches bei vielen
angieng; Denn gleichwie ein Jähnender viel kann zu jähnen machen / dass sie selber
nicht wissen /wie ihnen geschicht: Also verhielt sichs mit denen Cheruskern.
Indem etliche Maul und Augen aufsperrten / und täglich auf ihren neuen Hertzog
warteten /taten es viel hundert / ja tausend andere ihnen nach. Unterdessen
hatten die neulichen Gäste des Grafens Styrum ihm / ihren Versprechen nach / zu
wissen gemacht / dass sie auf einen kostbaren Aufzug bedacht wären / zu dessen
Anstalt aber sechs Wochen erfordert würden. Jedweder Graf sollte sich mit einer
absonderlichen ritterlichen Gesellschaft versehen und ein gewiss Volck in der
Welt durch die Kleidung und Waffen vorstellen; alle Hauffen aber sollten zuletzt
einmütig ausruffen: Herrmann sei würdig / dass alle Völcker in der Welt ihn zu
ihrem Haupt erwehleten. Hierbei sollte es an allerlei Sinnbildern / Gesängen und
dergleichen Dingen nicht mangeln. Und hoffte man / der Stattalter selbst würde
sichs nicht verdriessen lassen / eine eigene Gesellschaft aus seinen Freunden
und Ergebenen auszulesen und ihrer untertänigen Freudens-Bezeigung durch seine
Gegenwart ein desto grösser Ansehn geben.
    Styrum war damit zu frieden und hätte sich nimmermehr von denen sonst so
ehrlichen Cheruskern träumen lassen / dass / da sie ein weisses Pferd / als ein
Merckmahl ihrer tapffern Grossmut und ungefärbten Redligkeit von Alters her im
Wapen gehabt /sie nunmehr das Trojanische von rechtswegen hierzu gebrauchen
sollten / zum Zeichen / was für schändliche Arglist sie im Schilde führeten.
Jedoch wie war es möglich / dass ihm nicht zum wenigsten ein halbgebrochener
Wiederschall von denen heimtückischen Reden des murrenden Volckes sollte zu Ohren
gekommen sein. Er merckte dannenhero wohl / dass ein grosser Sturm zu befahren
wäre / weil man schon halb und halb das Toben der rasenden Winde vernehmen könnte
/ doch wusste er nicht / dass Ingviomer der Aeolus wäre / der dieses Unwesen
angerichtet hatte / erkannte aber gleichwohl für höchstnötig / dass Herrmann sich
ohne Verzug wieder einfände und durch sein Ansehen die unruhigen Köpffe eben so
leicht beruhigte / als Neptun bei des Aeneas Schiffahrt die Winde soll gestillet
haben. Diese seine Gedancken schrieb er an den König / der denn nicht ermangelte
/ mit einem Gefolge von tausend Personen sich in das Cheruskische Hertzogtum
wieder zu erheben. Ehe er aber anlangete / war Ingviomer mit zwei hundert Mann
durch das Angrivarische Gebiet schon daselbst angekommen und hatte einen so
grossen Zulauff von denen Aufrührern / dass man nicht wusste / ob er selbige / wie
die Rattenfänger das Ungeziefer / zusammen bannen könnte. Es folgten ihm nach und
nach mehr Bructerische Hülffs-Völcker und nicht wenig Catten lieffen ihm zu /
weil ihre Landes-Herrschaft ihnen solches weder erlaubete / noch verbote.
Ingviomer brachte hiermit ein Heer von zwantzig tausend Mann zusammen / da
hingegen Graf Styrum mit genauer Not zehen oder zwölff tausend zu Herrmanns
Dienst ins Feld stellen konnte. Die meisten von denen Cheruskern waren
zweifelhaft / wem sie zufallen sollten? Ingviomern / der ihnen güldene Berge
versprach? oder Herrmannen / der ihr Erbherr war / sie bisher wohl beherschet
hatte / nunmehr aber in einen ungewissen Verdacht kam / als ob er sie an ihrer
Freiheit kräncken und gleichsam zu seinen Leibeigenen machen wollte? Doch hielt
es fast die Helffte des Landes / so an die Weser stösst / mit Ingviomern / die
andere Helffte aber / so die Elbe zur Gräntze hat / mit Herrmannen. Jedweder von
beiden schickte einige Ritter an die benachbarten Höfe umb Hülffe. Allein diese
verzögerten alle mit Fleiss die Ankunft ihrer Völcker / weil sie fast des
Vorsatzes waren / demjenigen beizufallen / der das beste Glück / nicht aber dem
/ der die beste Sache habe möchte. Der eintzige Segimer stellte sich am
eifrigsten an / mit seinen Chassuariern und Dulgibinern Herrmannen zu dienen.
Die Langobarden und Semnoner wüntschten zwar ihrem König mit aller Macht
beizustehn; Allein die Gotonen stellten sich in solche Kriegs-Verfassung / dass
man nicht wusste / ob jene oder diese dessen würden entgelten müssen. Daher
durffte man keines von beiden Ländern ganz und gar von allen Volck entblössen.
    Ob nun gleich aus dem Lust-Aufzug nichts worden war / wurde doch ein weit
ernstlicher Spiel von denen beiden Mitbuhlern des Cheruskischen Hertzogtums
nicht weit vom Hartzwald angefangen / welches zwar nur sieben Stunden ungefehr
währte / aber so blutig war / dass auf Ingviomers Seiten sechs tausend Mann /auf
Herrmanns vier tausend blieben. Jedoch verlohr jener endlich das Feld / weil die
meisten von seinen Soldaten nicht nur ausser sich einen Feind hatten /sondern
auch in sich selbst mit einem bösen und unruhigen Gewissen kämpfen mussten;
wiewohl es im Anfang mehr als einmal das Ansehen hatte / als ob solches Unglück
Herrmannen betreffen würde. Ingviomer sah sich also genötigt / in den
Hartz-Wald zu flüchten und hätte beinahe das Land verlauffen /wenn nicht ein
Chassuarischer Ritter in Bauers-Kleidern von Segimern zu ihm gekommen wäre. Denn
dieser argwöhnische Fürst hatte nach Oswalds Abreise seine von Herrmannen
ehemahls erlittene geringe Beleidigung so oft überdacht / dass sie / wie eine
kleine Pille / so man im Munde lange käuet / ihm immer bitterer und bitterer
schmeckte; da er hingegen wenig Verdruss davon würde empfunden haben / wenn er
sie gleichsam alsbald verschlungen und durch eine grossmütige Vergessenheit
verdauet hätte. So ward auch der Cheruskische Hertzog währender Zeit
Marckmännischer König. Weil nun Oswalds Wahrsagung in diesem Stück so richtig
zutraff / fürchtete der misstrauische Chassuarier / dass gleichfalls alles das /
was jener diesem schuld gegeben / nämlich / dass er ganz Deutschland umb seine
Freiheit zu bringen trachte /wahr werden möchte. Hierzu kam endlich / dass er
durch seine Kundschaffer sichere Nachricht erhielt /wie Siegmund bei König
Herrmannen mit einem demütigen Bittschreiben eingekommen wäre / er möchte ihm
doch zu seiner väterlichen Erbschaft wieder verhelffen / nicht weil er es umb
ihn verdient / sondern weil er die Ehre hätte / Tussneldens Bruder zu sein;
wobei er sich auch verbindlich gemacht / seine Schwester in der Welt zu suchen
und nach Hause zu begleiten. Nun wurde zwar nicht gemeldet / dass der Feldherr
solche Bitte und Erbieten angenommen. Jedoch befahrete es Segimer und ward
dadurch so verhärtet in seinem Groll gegen ihn / dass er den Ingviomer in seinem
bösen Vorhaben mehr als einmal durch unterschiedene Brieffe stärckte und also
auch diessmahl mündlich versichern liess / er würde sich übermorgen unter Freundes
Nahmen in Herrmanns Lager mit einer ansehnlichen Kriegsmacht einstellen /doch
aber auf eine merckwürdige Art zeigen / wessen Freund oder Feind er wäre. Er
funde sich auch auf die gesetzte Zeit mit zwölff tausend Mann bei König Herrmann
ein / dem seine Ankunft wohl recht lieb war / weil er durch ihn das Wespen-Nest
vollends zu zerstören gedachte / das sich an seinen Hartzwald angeleget hatte.
Er empfieng ihn mit grosser Höffligkeit und wurde mit grösserer Ehrerbietung von
Segimern angeredet und versichert / dass er fast alle seine streitbare
Untertanen anher geführet / umb seine Danckbarkeit / vor die am
Teutschburgischen Reichs-Tage genossene Wohltat / im Werck einiger massen zu
erweisen / nachdem er biss daher wenig Worte davon gemacht / und seinem
Wohltäter zum besten lieber reiffe Früchte / als etwa nur rauschende Blätter /
tragen wollen. Sie speiseten hierauf in einem Gezelt /und lebten so vergnügt /
als wenn dieses schon die Triumph-Mahlzeit wäre / die Herrmann wegen des
gäntzlich-überwundenen Ingviomers ausrichten müste. Doch wurde beides denen
Cheruskern und Chassuariern angesagt / des nächsten Tages den verzagten Feind in
seinen Schlupfflöchern aufzusuchen und zugleich dem Kriege ein Loch zu machen.
Ingviomer aber erwartete dieser Zeit nicht / sondern führte noch in der
Mitternacht zuvor denjenigen Anschlag /den der ehrvergessene Segimer selbst ihm
unter den Fuss gegeben hatte / folgender massen aus. Er fiel mit allen seinen
funfzehen tausend Mann durch einen mit Chassuariern besetzten Ort ins Lager und
kam / weil alle Untertanen des tückischen Segimers sich auf seine Seite
schlugen / ohne sonderliche Mühe mitten auf den grossen Platz / auf welchem
Herrmanns und Segimers Schlaff-Gezelte neben einander stunden und von fünff
hundert Cheruskern und Langobarden / und eben so viel Dulgibinern und
Chassuariern bewacht wurden. Segimer liess sich auf dieses Getümmel alsbald ganz
gewaffnet sehen / weil er sich eine halbe Stund zuvor schon hierzu fertig
gehalten hatte. Herrmann aber kam nur mit Helm / Schwerdt und Schild
hervorgesprungen und wollte Anordnung zur Gegenwehr tun. Allein die grosse
Unordnung / da seine Leute weder Freund noch Feind unterscheiden kunten / machte
/ dass alle Anordnung vergeblich war. Herrmann gedachte nun alsobald / es würde
Asblastens Wahrsagung diese Nacht eintreffen / und er sein Leben durch
Verräterei verlieren / weil keine redliche Gewalt ihm etwas anhaben konnte. Er
rieff demnach: Heran! heran! ihr Verräter! Hiermit aber stiess ihn Segimer / der
sich bisher noch vor Freund erkläret und die Schuld des Aufflauffs auf die
ungetreuen Cherusker geschoben hatte / durch den lincken Arm / ob er wohl die
Brust zu treffen willens war. Der König hingegen gab dem Meuchelmörder / weil er
sich am Oberleibe allentalben verpantzert hatte / eine tieffe Wunde in das
dicke Fleisch oberhalb dem rechten Knie / ward aber in dem Augenblick von so
viel Feinden umbringet / dass er / nachdem seine getreuen Grafen / Nassau /
Styrum / Qverfurt / Waldeck / Tecklenburg und noch zwanzig oder dreissig andere
mit ihren Leichen einen rechten Wall ümb ihn gemacht hatten /gefangen und
Inguiomern zugeführet wurde. Er redete den Uberwinder also an: Inguiomer! tue
mit mir /was dir beliebt; Erinnere dich aber / dass mein heutiger Unfall
vielleicht ein Vorbild deines künftigen sei. Der Herzog gab ihm keine Antwort /
sondern nur seinen Dienern Befehl / den Gefangenen fleissig zu verbinden.
Inmittelst gienge es Herrmanns Heer / wie einem Cörper / dem das Haupt
abgeschlagen worden /dessen Lebensgeister sich ein wenig noch regen / und bald
darnach ersterben. Denn also erstarb auch aller Geist und Mut in denen vor drei
Tagen so tapffern Soldaten / dass sich einer hier / der andere dortin verlohre;
doch warff sich der hartverwundete Graf Mansfeld mit ungefehr hundert Mann ins
Deutschburgische Schloss / des festen Vorsatzes / solches Herrmanns Kindern zum
besten / biss auf den letzten Blutstropffen zu vertädigen / weil er verhoffte /
dass in wenig Tagen die versprochene Beihülffe derer Semnoner und Langobarden
ankommen würde. Folgenden Morgen langete die Hertzogin Adelgund in einer Senfte
mit vier tausend Bructerischen streitbahren Weibern an / ruhete eine Nacht aus
und / ob sie wohl hochschwangern Leibes war / ging sie dennoch nebenst ihrem
Gemahl mit vor Teutschburg / allwo man aber grössern Widerstand fand / als man
vermutet hatte. Allein Inguiomer liess den gefangenen König auf eine von
ausgestochenen Rasen erbauete Höhe führen /und dem Schloss-Hauptmann / dem Grafen
von Mannsfeld / andeuten / entweder die Vestung alsbald aufzugeben / oder
Herrmanns Entauptung unfehlbahr zu erwarten. Dieser musste demnach dem Feind die
Schlüssel überbringen und inzwischen vier tausend Bructerer durch das eine Tor
einziehen lassen / welchen denn Inguiomer / Adelgund / Segimer und ihre
vornehmsten Bedienten folgten. Herrmann ward in ein tieffes / doch reinliches
Gefängnis gelegt und hierdurch zu seinem Tode sich zu schicken veranlasst. Bei
Segimern hingegen schlug der kalte Brand zu seiner Wunde / weil er dieselbe
nicht gross geachtet /sondern durch die starcke Bewegung und den unmässigen Trunck
bei dem angestellten Siegesmahl / dermassen gefährlich entzündet hatte / dass
alle Aertzte für nötig befunden / ihm den Schenckel abzulösen. Er wegerte sich
aber dieses einzugehen / weil er befürchtete / dass das Geblüt durch seinen
ganzen Leib schon angesteckt wäre / so dass der brennende Holtzhauffen das beste
Mittel vor seinen kalten Brand sein würde. In Betrachtung dessen wollte er sich
umb einer ungewissen Rettung keine gewisse Marter auf den Hals laden. Hingegen
musste der neue Cheruskische Hertzog in Gegenwart vieler Chassuarischen und
Bructerischen Grafen und Ritter vor Segimers Bette versprechen / dass wenn dieser
allenfalls an dem Leibesschaden stürbe / den er Inguiomern zu Dienst empfangen
hätte / sollte Herrmann dessen entgelten und ihm in die unterirrdische Welt
nachgeschickt werden. Mittlerzeit lieff Nachricht ein / dass etwan sechs tausend
Langobarden und vier tausend Semnoner ihrem König zu helffen im Anzug wären /
weswegen denn dreissig tausend Cherusker / Chassuarier / Dulgibiner und Bructerer
ihnen entgegen geschickt wurden. Allein weil das Geschrei auskam / Herrmann wäre
bereits niedergehauen / über dieses auch eine so grosse Macht die Grentzen
besetzt hielt / erkannten die Semnoner und Langobarden es vor unvernünftig /sich
ohne Not den Kopff zu zerstossen; zogen dannenhero in unsäglicher Bekümmernis
nach Hause /umb daselbst sich zu verstärcken und die Rache alsdenn desto
nachdrücklicher vor die Hand zu nehmen. Die Bructerer und Cherusker blieben an
der Elbe liegen. Die Chassuarier und Dulgibiner aber kehreten wieder nach
Teutschburg / weil ihnen das Hertz sagte / dass sie ihren Segimer zum letzten
mahl würden gesehen haben. Diese ihre Furcht war nicht vergebens. Denn da sie
den Weg biss auf eine viertel Meile ungefehr zurück geleget hatten / starb er in
Inguiomers Armen unter unleidlichen / doch wohlverdienten Schmertzen / nachdem
er diesen nochmahls beschworen hatte / seinem Sohn Sesitach zu seiner Erbschaft
/seinem Feind Hermannen aber vom Leben zu helffen. Dies hatte er nun von seiner
gifftigen Rache / womit er eine ziemliche Zeit war schwanger gegangen und die er
auf eine so verräterische Art ans Tagelicht brachte / dabei aber einer Natter
gleich wurde / die wenn sie ihrer Brut das Leben gibt / es selbst notwendig
verlieren muss. Er ward hierauf abgewaschen und seinen Völckern überliefert / ihn
nach seinem Hertzogtum abzuführen und auf Fürstliche Art daselbst zu
verbrennen. Allein sie zogen sich zusammen in Ordnung und wegerten sich ehe von
dar zu weichen / biss sie gesehen hätten / dass man den gefangenen Herrmann ihres
verstorbenen Hertzogs Geiste zum Rachopffer abgeschlachtet hätte. Inguiomer
ging nicht allzugern dran / weil seine tugendhafte Gemahlin / die gleich
damahls in Kindesnöten arbeitete /ihm mit vielen Worten und Tränen riete /
sich hierinnen nicht zu übereilen. Als aber die Dulgibiner /Chassuarier / ja die
Bructerer selbst / mit unterschiedenen gefährlichen Reden sich verlauten
liessen: Wofern er sein Fürstlich Wort bräche / das er einem so hochverdienten
Bundsgenossen zum Trost wegen dessen tödtlichen Verwundung gegeben hätte /
wollten sie aus seinem Exempel lernen / wie man auch die Treu zu halten
unverbunden wäre / wozu sonst Hülffsvölcker und Untertanen verpflichtet sind.
Dies setzte den Hertzog in grosse Unruh / und weil er sich in einen neuen Krieg
zu verwickeln nicht Lust hatte / sagte er endlich in Beisein einer grossen Menge
/ so wohl von seinen / als Segimers gewesenen Bedienten: Arnheim! Ihr wisst / was
ich gesprochen. Geht dannenhero ins Gefängnis und lasset dem König das Haupt
abschlagen / steckt es auf einen langen Spiess und stellet diesen auf den
höchsten Turm des Schlosses / damit es von jederman könne gesehen werden. Gebet
aber ja nicht zu / dass dem übrigen Leichnam einige Beschimpfung wiederfahre /
vielmehr beerdiget ihn / wie sichs gebühret / weil ich nur gegen solche Feinde
Gewalt gebrauchen lasse / die fähig sind die Ruhe des Landes zu zerstören. Denn
mit Schatten zu kämpfen ist kindisch / wider Todte zu wüten ist viehisch und
unvernünftig.
    Arnheim kame dem Willen seines Hertzogs völlig nach / und machte damit eine
grosse Freude bei denen wegziehenden Chassuariern und Dulgibinern / ein noch
grösser Schrecken aber bei denen abtrünnigen Cheruskern / welche erst gedachten
/ wie greulich ihre Untat wäre / nachdem sie dieselbe schon vollbracht hatten.
Allermassen / so oft sie den stummen Todtenkopff ansahen / sie sich düncken
liessen / als ob er ihnen ganz gewiss ihr instehendes Verderben ankündigte /
gleichwie etwan die alten Mesopotamier den Aberglauben hatten / dass sie von
denen Häuptern der geopfferten erstgebohrnen Söhne / welche sie Teraphim nennten
/ ihr zukünftiges Glück und Unglück erfahren könten. Der blutige Cörper wurde
unterdessen in seinem gold- und rotdurchwirckten Rock / mit welchem Herrmann in
der Schlacht war bekleidet gewesen / unter der Begleitung etlicher tausend
Cherusker und Bructerer sechs hundert Schritt ungefehr vom Schloss getragen / und
daselbst auf einen Holtzstoss geleget. Man schlachtete auch das Pferd / dessen
sich der König das letzte mahl gebraucht hatte / und warf es / nebenst Herrmanns
Helm / Schild / Schwerd und Pantzer auf eben diesen Scheiterhauffen / welcher so
fort an acht Orten zugleich angezündet ward. Nachdem alles verbrand war /
samlete man die Gebeine nebenst der zunächstliegenden Asche / tate sie in ein
marmorsteinernes Gefäss und verscharrte es in die Erde / über welche eine
Spitzseule von grünen Rasen zehn Ellen hoch gebauet wurde. Viel tausend unter
denen Cheruskern betauerten / dass der grosse Herrmann so eines gewaltsamen Todes
sterben müssen /nachdem er nicht mehr / als sieben und dreissig Jahr in der Welt
und zwölff im Regiment erlebet hätte. Noch mehr aber jammerte es sie / dass ein
so hochverdienter Held keines prächtigen Begräbnüsses gewürdigt würde / weil
Ingviomer weder Ritterspiele / noch Lobgesänge derer Barden dabei verstatten
wollen. Jedoch funde sich iemand / der nachfolgende Schrifft in eine höltzerne
Tafel schnitte und / zwei Nächte hernach / oben an die Spitze des Rasen-Hauffens
anhefftete:
                                 Glaube nicht /
                                    Leser /
                            dass der grosse Herrmann
                     in dem hier eingescharrten engen Topff
                                 zu finden sei.
              Er hat sich durch seine Tugend unsterblich gemacht:
                            und da er ein Behältnis
                       nach seinem Tode brauchen sollte /
                           ist nichts hierzu fähig /
                                      als
                        das Gedächtnis der ganzen Welt.
    So fasste auch der grundgelehrte Barde Holenstein den Vorsatz / das
ruhmwürdige Leben des grossen Herrmanns / der späten Nachwelt zum besten / mit
dem grösten Fleiss zu beschreiben und hierdurch ein solches Denckmahl zu stifften
/ wodurch nicht nur dieser unvergleichliche Held / sondern auch er selbst /nach
dem Tode unsterblich werden könnte. Ja / welches das wunderbahrste war / so musste
Rom / nachdem es Herrmañs Absterben erfuhr / diejenigen Tugenden an ihm in
öffentlichen Schrifften rühmen / vor denen es bei seinem Leben sich gefürchtet
hatte. Allermassen sonderlich der Welt-kluge Atticus in seinen Jahr-Büchern ihm
dieses höchst-verdiente Lob gab: Herrmañ war ohne Zweiffel Deutschlands Erretter
/ der nicht das Römische Volck in seinem ersten Alter / wie andere Könige und
Hertzoge ehemahls getan; sondern das zu seiner grösten Vollkommenheit gelangete
Käysertum angetastet und in Feldschlachten zwar bissweilen zweiffelhaftig Glück
gehabt / doch niemahls durch einen Krieg das geringste verloren hat.
    Unterdessen ward Ingviomern zu wissen getan /dass eine höltzerne Tafel bei
Herrmanns Grabe aufgehängt wäre. Er liess demnach durch den Ritter Stochow
selbige abreissen und sich vorlesen / worauf er anfänglich etwas stutzte /
endlich aber keiner Gemahlin ins Ohr sagte: Der Verfasser dieser Schrifft weiss
entweder mehr / als er schreibt / oder schreibt mehr /als er weiss. Doch hoffe
ich / dieses letztere wird wohl das gewisseste sein. Er befahl hiernächst
Arnheimen /instehende Nacht den Todten-Kopff vom Schlossturm zu nehmen / und im
nächstens Walde zu verbrennen /die Asche auch daselbst in aller Stille
beizusetzen. Inmittelst trieb ihn sein unruhiger Geist / dasjenige /was ihm vor
etlichen Jahren missglücket war / noch einmal zu versuchen / nämlich das Land
der Marsen einzunehmen / welches an das Bructerische Hertzogtum anstiess und ihm
deswegen vortrefflich angestanden wäre / sonst aber den abwesenden Malovend vor
seinen Herrn erkennete. Allein hierdurch verschüttete er des mächtigen Arpus
bisherige Gunst; also dass derselbe nicht nur die Bructerer aus dem Gebiet seines
künftigen Schwieger-Sohns hinaus schlug / sondern auch den Inguiomer mit seiner
Todtfeindschaft und einem unvermeidlichen Krieg bedräuen liess / wo er iemahls
wieder einen Gedancken fassen würde / die Marsen zu beunruhigen. So kamen auch
alle seine Abgesandten nicht gar sehr vergnügt von denen Sicambrischen /
Chaucischen / und Frisischen Höffen wieder zurück / allwo sie den über
Herrmannen erhaltenen Sieg kund gemachet und nachtbarliche Freundschaft und
Bündnisse gesuchet hatten. Denn kein redlicher deutscher Fürst wollte das recht
sprechen / dass er sich an dem allgemeinen Feld-Herrn vergriffen. Der
Sicambrische Hertzog Melo versagte dem an ihn abgesandten Ritter Milissow die
Verhör ganz und gar / es wäre denn / dass dessen Herr seine Unterfahung vor
einer künftigen Reichs-Versammlung gnugsam rechtfertigte. Hertzog Sesitach
erbte zwar seines Vaters Lande / aber nicht dessen bosshaftes Gemüt / bedanckte
sich demnach / als Inguiomer sich erbot / ihn wider Siegmunden bei seiner
Erbschaft zu schützen / und wandte vor / dass er durch sein Recht sich wider
alle Gewalt zu vertädigen verhoffte / jedem aber / der besser Recht / als er /
dazu hätte / ohne Wegerung weichen wollte. Es ward hierüber dem Inguiomer nicht
wohl zu mute und fürchtete er / dass der Cheruskische weisse Hengst dem
purpurroten Wunderpferd des Cnäus Sejus ähnlich sein möchte. Denn dieses hatte
an Grösse / Stärcke und Farbe seines gleichen nicht / dabei aber die seltzame
Eigenschaft / dass alle seine Besitzer elendiglich sterben und verderben mussten;
gestalt nicht nur gedachter Sejus / sondern auch nach ihm Cornelius Dolabella
/Cajus Cassius und Marcus Antonius zu ihrem grossen Schaden erfahren haben.
Ebenermassen dünckte Inguiomern / dass das schöne und herrliche Cheruskische Land
ihn in ja so grosses Unglück stürtzen könnte / als etwa dessen vorigen Herrn /
dem König Herrmann / wiederfahren wäre.
    Es traff auch diese seine Sorge mit dem Erfolg der Sachen gnugsam ein;
alldieweil Deutschland kaum acht Wochen Herrmanns Todt beklaget hatte / als ein
sehr mächtiges Heer von ungefehr funffzig tausend Mann aus Langobarden über die
Elbe setzte und ins Cherusker-Land einbrach / da denn die Grentzwacht so wenig
selbiges / als etwa den starcken Elb-Strom /aufhalten und hemmen konnte. So bald
nun Inguiomer diese unglückliche Zeitung von zehen oder zwantzig Flüchtigen
erhielt / nahm er von seiner Gemahlin schwermütigen Abschied / befahl ihr und
dem Ritter Arnheim die Auffsicht über Teutschburg / welches er mit zwei tausend
Cheruskern und vier tausend Bructerischen Weibern besetzte. Er selbst aber
eilete mit einer Kriegs-Macht von zwantzig tausend Mann dem Feind entgegen /
teils / weil er nicht eigentlich wusste / dass derselbe so starck wäre / teils /
weil er sich auf seine Adelgund verliess / von welcher er auf den Fall der
höchsten Not eine gewisse Hülffe erwartete. Er hatte ungefehr fünff Meilen
hinter sich gelegt / als sechs tausend Hermundurer unvermutet auf ihn stiessen
/ jedoch nach einer kurtzen Gegenwehr mit blutigen Köpffen zurück gewiesen
wurden. Weil aber ein anderer Hauffen von vier tausend Marckmännern diesen
unterwegens begegnete / und Versicherung gab /dass noch drei tausend Langobarden
ihnen auf dem Fusse nachfolgeten / ungeachtet man noch nicht gewust / dass
Inguiomer sich aus Teutschburg herausgewaget / kehreten sie wieder umb mit ihrem
Losungs-Worte: Rache! Rache! Die Bructerer antworteten mit dem ihrigen:
Freiheit! Freiheit! Inguiomer hatte eine Schildwache auf eine hohe Eiche
gestellet / die Anzahl des feindlichen Heers zu überschlagen. Weil diese nun
selbiges auf acht biss zehn tausend Mann schätzete / ging der Streit an / bei
welchem sich die Hermundurer / Langobarden und Marckmänner mit Fleiss verzagt
anstelleten / biss dass ein Entsatz von zehen tausend Semnonern und Marsingern
ankam /auch etliche tausend Cherusker von dem Bructerischen Hertzog zu ihnen
übergiengen. Da wurde der Kampff allentalben so hitzig / dass Herrmanns Geiste
zu Ehren etliche tausend Schlacht-Opffer unter der ungeweihten Priester Händen
das Leben einbüsseten. Indessen langeten in drei grossen Schaaren die übrigen
sieben und zwantzig tausend Mann an / und fielen mit solcher Wut und Eifer in
die Bructerer / dass sie in die Länge nicht mehr widerstehen konten / sondern die
völlige Flucht zu nehmen gezwungen wurden. Ingviomer befand unmöglich / bei so
gestalten Sachen das Feld zu erhalten; daher wollte er durch die Flucht sich auf
eine bessere Rache sparen. Allein Haugwitz / Dölau und Nostitz ware ihm allzu
geschwind auf dem Halse / dass er sich wenden und wehre musste. Aber er ward von
noch mehrern umringet / von dene seinigen hingegen gäntzlich verlassen und also
endlich durch den dazu kommenden Graf Polheim gefangen genommen. Bald darnach
führete ihn der letzt benennte in ein grosses Gezelt / allwo er zu seiner
höchsten Bestürtzung auf einer Seiten die Königinnen Tussnelda und Erato / wie
auch die Fürstinnen Rhamis und Catta / auf der andern den König Jubil / die
Hertzoge Flavius / Siegmund und Malovend sitzen sah. Flavius wollte gleich dem
Gefangenen sein Verbrechen und Urteil vorhalten. Aber der Schmertz ware bei
Tussnelden so gross / dass sie ihm zuvor kam und durch folgende Worte sich Lufft
zum Hertzen machte: Kommst du / verdammter Blutund! du ungewissenhafter
Friedens-Störer und Schandfleck aller deutschen Fürsten? Ingviomer wollte
dergleichen Vorwurff nicht leiden und sagte: Durchlauchtigste Tussnelda! geht
mit mir umb / nichts als mit einem Mörder / oder gemeinen Soldaten / sondern als
mit einem Fürsten / der euch vor alles angetane Unrecht gebührende Gnugtuung
geben wird. Gnugtuung? (fragte die Königin;) Ja wohl werde ich dieselbe fordern
und dich bei dem Grabmahl meines allerliebsten Gemahls / seinem Geist zur
Versöhnung / hinrichten lassen. Aber ach! damit bekomme ich meinen Herrmann
nicht wieder. Zwar die Todes-Nacht kann ihm ja so wenig den Glantz benehmen / als
eine so genannte Sonnen-Finsternis den Sonnen-Cörper verdunckeln. Ich / ich /
die ich gleich einem Mond von seinem Liecht alle mein Ansehen hatte / werde nur
verdüstert und der ganzen Welt zum Schreckbild vor Augen gestellet. Sei aber
versichert / Ingviomer /dass mein trauriger Anblick nichts anders / als deinen
Untergang und Verderben / bedeute. Der Hertzog forderte einen Stuhl / allein
Flavius antwortete: Er sollte seine Entschuldigung stehend vorbringen / wo er
anders eine hätte. Tussnelda setzte hinzu: Wo sollte die Entschuldigung herkommen
/ da alle Welt weiss / wie verräterisch er die Cherusker wider ihren Erbherrn
aufgewiegelt / auch dadurch so viel unschuldig Blut seiner verfluchte
Herrschsucht aufgeopffert. Und ach! wie kann er den an meinem allerteuersten
Gemahl vollbrachten Mord leugnen oder beschönen / nachdem (leider!) iedermann
dessen abgehauenes Häupt öffentlich zu sein und meiner Schmach auf dem Spiesse
stecken gesehen? Ja: ist nicht der Rasenhauffen / darunter man den Aschen-Topf
beigesetzt / ein stummer / doch unverwerflicher Zeuge seines höchststrafbahre
Frevels! Weil nun Ingviomer sich durchaus nicht verantworten wollte / daferne man
ihm nicht zu sitzen vergönnete / ward das schon zuvor abgefassete Urteil ihm
kund gemacht / dass er auf morgenden Tag /an welchem man der Asche des
unschuldigertödteten unvergleichlichen Herrmanns die letzte Ehre zu tun
entschlossen wäre / sich zu seinem wohlverdienten Tode gefasst halten sollte.
Ingviomer veränderte nicht im geringsten seine Farbe / sondern sprach mit lauter
Stime: Man will mich nicht hören auf eine mir anständige Weise. Ich muss es
geschehen lassen. Aber ich schwere / dass wo mir nicht anders begegnet wird
/meine Gemahlin sich auf eine so grausame Art rächen soll / dass ihr alle werdet
gestehen müssen / mein Tod habe euch / oder doch dem / was euch lieb ist / mehr
Schaden gebracht / als mein Leben hätte tun können. Doch will ich hiervon nicht
ehe klärer reden / biss es die Notwendigkeit erfordern wird. Flavius fiel ihm in
die Rede: Wie lange soll das törichte Prahlen währen? Graf Polheim! lasst den
Verräter fortführen; weil er nicht mehr wert ist / einen Fürsten anzusehen.
Inmittelst wurden zwantzig tausend Mann befehlicht /nach gehaltener Plünderung
voran zu gehn und ein weites Lager umb Herrmanns Grabmahl abzustechen / die
Spitzsäule nieder zu reissen und hingegen viel tausend Stück frische Erde zu
graben / damit folgendes Tages eine desto höhere hiervon könnte aufgebauet
werden. Die Barden mussten sich zu Lobgesängen /die Druiden zur Aufopfferung des
Ingviomers / der Adel zum Rennen und Kämpffen zu Ross und zu Fuss /bereit machen.
Die Nacht drauf war zwar wegen der Jahres-Zeit eine von denen längsten: doch
dünckte sie Tussnelden gar unendlich zu sein / weil sie mit der grösten Ungedult
sich nach der Stunde sehnete / in welcher sie ihres Allerliebsten Asche mit
ihren Tränen zu benetzen verhofte. Wiewol sie in sich selbst überaus
zweifelhaft war / ob sie sich bei dem Grab an einen Baum hencken und mit ihrem
Tode ihre eheliche Treu versiegeln sollte: massen so wohl der vorlängst schon
eingerissene Landes-Gebrauch / als auch ihr heftiger Kummer dazu rieten /
hingegen die gesunde Vernunft und der von ihrem Gemahl ehemahls empfangene
ausdrückliche Befehl sie davon zurücke hielten. Der so sehr gewüntschte Tag
brach endlich an / worauf das übrige ganze Heer in der Morgendämmerung zum
Begräbnis fortzog / und weil es der Kälte wohl gewohnet war / auch weder Nebel
noch Schnee sich hindern liess / langete es gegen Mittag schon bei der Grabstätte
an. Unterwegens hatte sich der Ritter Stochow / als ein Abgeordneter von der
Hertzogin Adelgund / angemeldet und gebeten / mit Ingviomers Abschlachtung sich
nicht zu übereilen /sondern biss folgenden Tag zu warten / an welchem sie ihr
Kindbett verlassen und Tussnelden persönlich aufwarten / auch mit ihr einen
solchen Vergleich treffen wollte / der ihnen allerseits zu sonderbahrer
Vergnügung gereichen würde. Aber weder bitten noch dräuen halff etwas; Vielmehr
ward dem Stochow angesagt / dass wenn er oder ein anderer mit dergleichen
Anbringen wieder käme / würde man ihm nicht besser / als seinem Herrn /
begegnen.
    Als nun Tussnelde im Lager anlangete / liess sie sich den Weg nach der Grufft
/ in welcher Herrmanns Gebeine ruhen sollten / alsbald zeigen und floge gleichsam
dahin / weil sie einer verwitweten Turteltaube nicht weniger hierinnen als im
trauern / ächzen und girren ähnlich sein wollte. So bald nun der marmorsteinerne
Topff auf ihren Befehl ausgegraben war / umbfieng sie denselben eine viertel
Stunde lang ungefähr / unter unzehlich Zähren / so dass es schiene /als wenn sie
in einen Brunnen verwandelt würde / wie Egeria / da sie ihren Numa Pompilius
beweinete. Sie musste endlich / nachdem sie dreimal: Gehabe dich wohl /
allerliebste Seele! ausgeruffen hatte / das Aschenbehältniss wieder beisetzen /
und eine neue Spitzseule darüber aufführen lassen. Die unterste viereckte Stuffe
daran war hundert Ellen breit und lang / das ganze Werck aber funffzig Ellen
hoch. Denn obwohl die Deutschen damahls allzu grosse und kostbahre Grabmahle vor
eine Eitelkeit / viel auch aus Aberglauben für eine Last der Todten hielten / so
bekamen doch fürstliche oder sehr hoch umb das Vaterland verdiente Personen
mehrenteils ein etwas beständiger Ehren-Gedächtnis. Indem nun zwei tausend Mann
hieran arbeiteten / brachte man den gefangenen Ingviomer zu einem zwantzig
Schritt davon entferneten Rasen-Altar und ermahnete ihn / sich zum Tode fertig
zu halten / so bald der Gesang würde beschlossen sein / in welchem die Barden so
wohl Herrmañs Helden-Taten rühmen / als auch sein frühzeitig Ende beklagen und
dem abgeschiedenen Geist das Blut des zum Tode verurteilten Feindes zum
Rachopffer antragen sollten. Jederman hörte nun mit möglichster Aufmercksamkeit
diesen vier und zwantzig Sängern zu / die mit kläglichem Ton folgender massen
sich hören liessen:
Ihr Augen! lasset Blut an statt der Trånen rinnen:
Denn Herrmanns blutig End' ist solches Opffers wert.
Soll euch der blasse Neid den Vorzug abgewinnen /
Der Herrmanns Tugenden / obgleich unwillig / ehrt?
Er schåmt sich ja nunmehr / nach dessen Schmach zu trachten
Der beides Låsterung und Ruhm
Mit seinem Gluck / Verstand und Taten uberstiegen.
Er muss fussfållig hier vor dieser Asche liegen
Und willig sein / sein eintzig Eigentum
(Die schnode Schlangenbrut) zum Opffer abzuschlachten.
Der Feldherr stammete von zwolff beruhmten Helden /
Davon ein jeder auch der Deutschen Feldherr hiess:
Doch wird man mehr von ihm bei spåter Nachwelt melden /
Weil aller Zwolffe Bild sich in ihm sehen liess.
Denn der zwolff Ahnen Tun kont' einem Kraysse gleichen /
Der in zwolff Håuser abgeteilt;
Durch den hat er den Lauff nach Sonnen-Art vollfuhret /
Da er gleich so viel Jahr die deutsche Welt regieret.
Er hat nicht lang' im Erd-Kråyss sich verweilt
Und muss nun seinen Zweck im Himmels-Kråyss erreichen.
Schweigt von Andromeden und Perseus / o ihr Griechen!
Schweigt von dem Ungeheur / das sie zu fressen dråut.
Vor der Geschichte muss die Fabel sich verkriechen /
Seit Herrmañ Deutschland hat von Varus Wut befreit.
Wie wust' er doch den Schwamm so artig auszudrucken /
Der ehmah's unser Schweiss und Blut
Gantz unersåttlich hatt' in sich hinein gesogen!
Baut sich ein Drusus schon Altår' und Sieges-Bogen;
Wenn unser Held nur einen Blick drauf tut /
Schlågt stracks ein Donnerstrahl die Eitelkeit in Stucken.
Tiber ist zwar bemuht / des Varus Todt zu råchen;
Germanicus stimmt auch mit ihm im Vorsatz ein:
Doch weder List / noch Mut kann Herrmanns Kråffte schwåchen
Und weder Löwenhaut / noch Fuchsbalg schådlich sein.
Augustus kriecht ins Grab aus Schrecken vor dem Feinde.
Tiber låsst den Germanicus
Mit unserm Herrmann sich in Deutschland abarbeiten
Vnd / wo es blitzen will / da bleibet er von weiten.
Weil aber gleich und gleich sich lieben muss /
Wird selbst des Kåysers Sohn zu Herrmanns besten Freunde.
Rom hat zwar schon den Sieg im Sinn / doch nicht in Hånden
Indem Germanicus so pråchtig triumphirt.
Allein es mochte nur die Augen zu uns senden /
So wurd' es durch's Gehor' so greulich nicht verführt.
Germanicus verdient ja wohl ein Siegs-Geprånge:
Nicht / weil er Deutschland hat besiegt;
Nein! sondern weil er sich vernunftig uberwunden
Vnd mit der deutschen Welt in Frieden abgefunden.
Ihr tåtet wohl / ihr Romer / wenn ihr schwieg't!
Des Prahlens blaue Dunst besteht nicht in die Långe.
Schaut nur den Marbob an / der vormahls euer Schrecken
Das Meisterstuck des Glucks und Deutschlands Geissel hiess!
Diss ungezåhmte Tier macht' Herrmañ stracks zur Schnecken
Da er am Havelstrom es in sein Haus verwies.
Ja letzlich ward ihm auch sein Haus und Reich zu enge /
Als der Cherusker fliegend Heer
Ihm Eulen-Flugel gab. Da must' er vor sein Leben
Aus Danckbarkeit die Cron vor Herrmanns Haupt hergeben.
Ach! dass der Streit durch ihn zu schlichten wår /
Ob Hermann / oder Rom verdien' ein Siegs-Geprånge?
Doch wer bekummert sich / was Rom vom Herrmann dencke?
O Greuel / den es ietzt erstaunt von Deutschland hört!
Ach! Jammer! ach! wo ist das herrlichste Geschencke /
Womit des Himmels Huld uns jemahls hat beehrt?
Rom hat beim Romulus als Wolffin sich bezeiget /
Weil es in dessen Blut sich wåscht /
Der an der Wolffin Brust doch Nahrung finden konnen.
Rom! Deutschland will dir nicht der Wolffin Nahmen goñen?
Weil es den Durst in Herrmanns Blute lescht
Vnd den nunmehr zerreisst / den es zuvor gesåuget.
Brich / tieffster Abgrund / auf! verschlinge die Verråter!
Ihr Wolcken! ist der Blitz vor Morder allzu gut?
Wie? oder kennet ihr noch nicht die rechten Täter
Weil ihr an ihnen nicht / was eures Amptes / tut?
Allein ihr sehet wohl / wir sind nicht alle schuldig:
Des Vaterlandes Mutter-Hertz
Wird biss in Todt gekrånckt durch seine bösen Kinder /
Vnd ist Erbarmens wehrt. Sie aber sind die Sunder;
Dieselben strafft und håufft nicht unsern Schmertz.
Doch kans nicht anders sein / so sind wir auch geduldig.
Indessen / wehrter Geist! ach! lass dir doch belieben
Das Opffer / das dein Land dir zur Versohnung bringt.
Dein immerwåhrend Lob wird hier durch Blut beschrieben /
Das aus Ingviomers verdammten Hertzen dringt.
Die Trånen sind zu schlecht vor einen solchen Helden /
Bei dem das Leben ruhmlichst war
Vnd dessen Seel' im Todt in Sternen-Himmel steiget.
Leb' ewig! lebe wohl! was du uns hast erzeiget /
Das wollen wir / wie ietzund / jedes Jahr
Durch uns'rer Lieder Ton stets danckbarlich vermelden.
    Als man das letzte Gesetz anfieng / kniete Inguiomer nieder und der oberste
Druide nahm das Opffermesser in die rechte / ein silbernes Becken aber in die
lincke Hand / umb mit jenem ihm die Kehle abzustechen und mit diesem das Blut
aufzufangen. Allein es erhub sich gleich zu Ende des Gesanges ein grosses
Geruffe von weiten / dass der hierüber erzürnete Priester sich umbsah und
fragte: wer so kühn wäre / das heilige Stillschweigen zu brechen? Er musste aber
an statt der Antwort damit zu frieden sein / dass das Geschrei immer grösser
wurde: König Herrmans Geist käme / seinem Rachopffer und Begräbnis-Feier
beizuwohnen. Es währete auch nicht lange / als der vermeinte Geist in einem
grün- und gold-gewirckten Kleide nebenst drei Rittern in vollen Rennen sich
einfand / alsbald aber auf dem grossen Platz vom Pferde sprang / die bei dem
Grabmahl sitzende und vor Harm / Furcht und Erstaunung halbtodte Tussnelda in
seine Arme mit diesen Worten schloss: Ich lebe /meine Allerwerteste! Allein er
bekam keine Antwort / indem sie ganz stumm und starr ihn ansah / so dass wenn
ein Mahler den Pygmalion / der seine Helffenbeinerne Liebste umbfängt / hätte
abbilden sollen /würde er hier das beste Muster der Stellung angetroffen haben.
Mittlerweile traten Flavius / Jubil / Erato /Catta / Rhamis / Malovend /
Siegmund / der oberste Druide und andere Grossen / herbei und fragten in der
allergrösten / doch höchstglücklichen Unordnung: ob sie ihren Augen trauen
sollten? So erholte sich auch Tussnelda und rieffe: O Himmel! habe ich das Glück
/ dass mein Herrmann mich überleben kann? Und damit fiel sie ihm mit
unbeschreiblicher Inbrunst umb den Hals und zugleich in eine schwere Ohnmacht /
dass man in Zweiffel stund / ob sie todt oder lebendig wäre. Erato hatte zu allem
Glück ein güldenes Büchslein voll Balsam von Jericho bei der Hand / und brachte
sie wieder zu sich selbst. Unterdessen machten sich Herrmanns Gefährten Arnheim
/ Stochow und Milissow zu denen Druiden und gaben ihnen zu verstehen / sie
sollten Inguiomern losslassen und Fürstlich halten / nachdem der König völlig
nunmehr mit ihm ausgesöhnet sei. Diese wollten nicht trauen und befragten sich
deswegen bei Herrmannen / der denn solches bekräfftigte und dem Bructerischen
Hertzog /zu Bezeugung seiner Gewogenheit / von der Erden aufhub / umbarmete und
Tussnelden zuführete / die hierauf neben ihrer ganzen Gesellschaft ihn aufs
höfflichste wegen des bisher-vorgegangenen umb Verzeihung bat / doch aber auch
freundlich verwiese /dass er lieber aus eigensinniger Einbildung einer
sonderbahren Ehre sterben / als durch rechte Entdeckung der wahren Geschichte
sich frei machen wollen. Er begegnete ihr hingegen mit grosser Demut und
erwiese / dass er sich zu erniedrigen ja so willig wäre /wenn man ihm seinen
freien Willen gönnete / als gegenteils unwillig und halsstarrig / daferne man
ihn hierzu mit Gewalt nötigte. Jedoch gestunde er / dass er nur umb dess willen
sich so unerschrocken zum Tode angestellt / weil er eines von diesen drei Dingen
verhofft / nehmlich / dass entweder seine Gemahlin Adelgund sich ins Mittel
schlagen / oder Flavius ihn noch einmal mit besserer Bescheidenheit (an statt
ihm in die Rede zu fallen) umb seine versprochene Gnugtuung befragen oder
endlich er selbst im Fall der höchste Not deutlicher zu reden noch Zeit haben
würde / ehe ihm der Priester die Kehle abschnitte. Sonsten aber erklärete er
sich öffentlich in Gegenwart des ganzen Heers / dass er hiermit allen Anspruch
auf das Cheruskische Hertzogtum fahren liesse / und die Untertanen / die ihm
bisher mit Eyd und Pflicht verbunden gewesen / an ihren rechtmässigen Erb-Fürsten
/ König Herrmannen / wolle gewiesen haben. Hiernächst mussten / auf Flavius und
Jubils Befehl / alle anwesende Völcker ein lautes Freuden-Geschrei erschallen
lassen / in gleichen einige Druiden den Altar der Erden gleich machen / hundert
Soldaten aber den grossen Holtzstoss / worauf Inguiomer hatte sollen verbrant
werden / abtragen. Man wollte dieses auch bei dem halb-aufgebaueten Rasen-Hauffen
tun: Allein Herrmann gebot das Grabmahl zu vollführen /weil der getreue
Schwanitz / der sich vor ihn in der letzten Schlacht ritterlich gewaget und auch
nach dem Tode ihm das Leben erhalten hätte / wohlverdiene /dass seine Gebeine mit
einem ungemeinen Denckmahl beehret würden. Graf Polheim tate endlich Anregung
zum Aufbruch nach Teutschburg / wohin sich denn /weil es begunte dunckel zu
werden / alle König und Fürstlichen Personen nebenst zwei tausend ihrer
vornehmsten Grafen und Ritter erhoben / dahingegen alle Bructerer biss etwa auf
zwei hundert Männer und so viel Weiber die Vestung verliessen und im freien
Felde auf Bären- und andern dergleichen Häuten übernachteten.
    Die Durchläuchtige Gesellschaft legte nach ihrer Ankunft ins
Teutschburgische Schloss ohne Verweilung eine überaus-vergnügliche Besuchung bei
der Hertzogin Adelgund ab und bezeugte ihre Freude nicht allein über der
glücklichen Geburt der kleinen Velleda / sondern auch wegen des zwischen so viel
hohen Häusern getroffenen höchsterwünschten Vergleichs. Eine Stunde verfloss
unter solchen Höffligkeiten; worauf man von Adelgunden Abschied nehmen und zur
Taffel gehen musste. Diese ward zwar in der Eyl nicht eben allzuprächtig
besetzet. Jedoch würtzten der Hunger und die annehmlichen Gespräche alle Speisen
dermassen / dass man weder die Phönicopter-Zungen / noch Scarus-Lebern oder
Pfauen-Gehirn / davon das wollüstige Rom ein so grosses Wesen machte / dabei
vermissete. Unter andern sagte König Herrmann: Wir sind heute durch Freude und
Verwunderung in so grosse Unordnung geraten / dass wir noch nicht Gelegenheit
gehabt / einander unsere Begebenheiten ordentlich kund zu machen. Flavius
fassete seinen Bruder bei den Worten und bate / seine Glücks- und Unglücksfälle
diesen Abend zu erzählen / versprach hingegen auf morgenden Tag eine
ausführliche Nachricht von alle dem / so er zu wissen verlangen würde. Der König
war alsbald willig / solchem Begehren eine Gnüge zu tun; zumahln / weil er von
Tusnelden hörete / dass sie von Jubiln die Geschichten des Marbods / Gottwalds /
Segestes und Adgandesters / unterwegens die Zeit zu kürtzen und ihr Gemüt vom
Kummer in etwas abzulencken /gnugsam vernommen hätten. Herrmann kam demnach
alsbald auf den neulichsten Krieg mit Inguiomern und Segimern zu reden. Als er
hiermit fertig war / sagte die Hertzogin Rhamis: Wie sehr mich kränckt / dass
derjenige / der mir der Liebste auf Erden gewesen /etwas begangen hat / das ihn
des Hasses des grossen Herrmanns schuldig macht: so höchlich erfreue ich mich /
dass mein Sohn durch seine Bescheidenheit den Fehler seines Vaters ersetzet / und
also der hohen Gewogenheit Eurer Königlichen Majestät mit der Zeit würdig werden
dürffte. Sie zweiffeln nicht / Durchlauchtige Hertzogin / (antwortete Herrmann
/) dass ich dero tugendvollkommenem Sohne zu dienen willig sei: Meine
Feindschaft gegen Hertzog Segimern gehört nicht mit zu seiner Erbschaft. Ja
wenn ich das Leben ihm zu geben wüste / wäre ich hierzu willig und verhoffte so
viel Wohltaten auf ihn zu häuffen /dass sein Groll wider mich darunter ersticken
müste. Denn dieses halte ich vor die sicherste Art der Rache /die mir nützet und
niemand schadet.
    Hierauf ersuchte er Inguiomern / dasjenige vorzubringen / was nach Absterben
Hertzog Segimers erfolget wäre. Wesswegen dieser sich also vernehmen liess: Ich
muss mich meiner Gemahlin höchst-verpflichtet erkennen / die durch ihr
vernünftiges Einraten die tobende Hitze meines Herrschlüchtigen Geblüts
dermassen gedämpffet und gemässigt hat / dass kein Opffer-Messer erst demselben
hat Lufft machen müssen. Wäre sie nicht König Herrmanns Schutzgeist gewesen / so
dürffte ich vielleicht etwas getan haben / das mich ewig / und doch vergeblich
/ gereuet hätte. Allein / da sie in schweren Kindes-Nöten arbeitete /musste ich
ihr mit einem teuren Eyd zusagen / den umb Deutschland hochverdienten Helden
nicht zu tödten / sondern in dem Erdgewölbe / darinnen er verwahret wurde / so
lange verbleiben zu lassen / biss er entweder durch einen natürlichen Hintritt
mich überhübe / meine neue Hertzogliche Würde mit unschuldigem Blut zu entweihen
/ oder auch ich mich dermassen in meiner Gewalt fest gesetzet hätte / dass ich
den Unbillig-gefangenen noch ferner fest zu setzen unnötig erkennete. Ich war
auch desto williger dazu /weil das nahe Geblüt endlich meinen Ehrgeitz
überwältigte und es also meinem allernächsten Vetter /dem König Herrmann und mir
/ als zwei Aesten eines einigen Stamm-Baums / er ging / welche man wohl von
einander beugen kann / die aber dennoch eine von der Natur eingepflantzte
Begierde behalten / sich wieder zusammen zu tun / wenn nur niemand ihnen daran
hinderlich ist. So sehr aber meine Adelgund mich in meinem guten Vorsatz
stärckte; so wenig wollte auch gleichfalls gegenwärtiger Ritter Arnheim /nach
dessen Rat ich öffters meine Entschlüssungen richte / mich hiervon abhalten.
Indessen starb Segimer und seine und meine Völcker unterstunden sich / mir eine
Mordtat abzutrotzen. Allein Arnheim hatte zu allem Glück unter seinen
Kriegs-Gefangenen einen edlen Langobarden / den Ritter Schwanitz / der König
Herrmannen an Farbe der Haare / Bildung des Gesichts und Länge des Leibes
ziemlich ähnlich war. Dieser ward in der letzten Schlacht hart verwundet und
starb gleich damahls / als wir eine Leiche höchstnötig hatten. Arnheim liesse
demnach durch etliche getreue Diener den Cörper in eine Lade legen / in des
Königs unterirrdisches Behältnis bringen / daselbst mit dessen gold- und
rotgewürckten Kleide anziehen / den Kopff abschneiden / und mit frischem
Hüner-Blut überstreichen und unkäntlich machen. Hiernächst ward dieser auf dem
höhesten Turm zur öffentlichen Schau ausgestecket / der Leichnam aber verbrant
und begraben. Welchergestalt nun so viel ungemeine Helden und Heldinnen mit
einem auserlesenen Heer mich und die meinigen überwunden und zu einem
sonderbahren Versöhnopffer des todtvermeinten Feld-Herrns der Deutschen Anstalt
gemacht haben / ist ihnen besser als mir selbst bekant.
    Der Hermundurische König bekam hierdurch Anlass / Herrmannen eines und anders
davon zu berichten / worauf dieser folgender Gestalt seine obangefangene
Erzehlung beschlosse: Die Hertzogin Adelgund / die ich Lebenslang als ein
Meisterstück der Tugend rühmen werde / hatte nicht so bald die unglückliche
Nachricht von ihres Gemahls Niederlage erhalten / als sie den Ritter Stochow
abordnete / so wohl dessen Freiheit bei meinen Freunden zu erbitten / als auch
von ihm selbst Erlaubnis vor sie zu begehren / das bewusste Geheimnis bekant zu
machen. Weil aber der Ritter nicht so glücklich sein und Inguiomern zu sprechen
bekommen konnte / auch von meinem Leben nichts gehöret hatte / kam er
unverrichter Sache wieder. Die wegen ihres allerliebsten Gemahls höchstbesorgte
Fürstin liess mich demnach durch dero Schloss-Hauptmañ / den Ritter Arnheim /in
ihr Zimmer hohlen und machte mir jetzt besagtes kund / bate dabei / ich möchte
mich so grossmütig bezeigen und Inguiomers Leben unverzüglich retten /auch damit
zu frieden sein / dass er das Cheruskische Hertzogtum mir wieder abträte. Sie
wollte zwar wohl einen Ritter nochmahls an meine Gemahlin mit der Nachricht von
meinem Leben absenden: Allein sie stünde in Furcht / man möchte eine so
unvermutete Sache nicht alsbald glauben / und daher das Opffer seinen Fortgang
gewinnen lassen; Wodurch sie aber würde genötiget werden / teils aus
unerträglichen Kummer / teils zur merckwürdigen Rache / dieses Schloss und
darinnen sich / ihre zarte Velleda und mich selbst in Rauch gen Himmel zu
schicken. Ich erbote mich ihren so billigen Verlangen alsbald Folge zu leisten;
setzte mich deswegen neben Arnheim /Stochow und Milissow zu Pferde und eilete
nach aller Mögligkeit dahin / wo ich schon in einem Aschentopffe stecken sollte.
So bald ich von der äussersten Schildwach angeschriehen wurde / wer ich wäre
/nennte ich meinen Nahmen / und verursachte damit /dass man mich vor einen Geist
hielt und mir mit ja so tieffer Ehrerbietung allentalben aus dem Wege wiche /
als immermehr das abergläubische Rom würde getan haben / wenn ich vor den
Halbgott Castor oder Pollux / die mehr als einmal auf weissen Pferden reitend
sollen erschienen sein / mich auszugeben wäre gesonnen gewesen. Allein ich habe
die Eitelkeit nie verlangt / ein Gott zu sein / und der klugen Welt ein solches
Possenspiel zu zeigen / als sie bei der gotteslästerlichen Vergötterung des
Augustus anzusehen bekam / darüber diese Stachelschrifft zu Mäyntz ausgestreuet
wurde:
Ich kann dich warlich nicht vor einen GOtt erkennen;
Doch / weil du dich so sehr im Ehebruch geubt /
Will ich dich Jupiter und (wo es dir beliebt /)
Dem Hirtius zum Ruhm / gar Ganymedes nennen.
    Dieses Getichte (sagte Malovend) ist vor des Weltweisen Seleucus Gemächte
erkant worden. Denn als Tiberius ihn wegen seines Hochmuts nicht länger umb
sich leiden können / und daher ins Elend gehen lassen / hatte man unter seinen
Wachstaffeln und Papieren / nebenst andern Sachen von dergleichen Inhalt / den
ersten Entwurff dieser vier Verse gefunden. Weswegen der Käyser / der seines
verstorbenen Vaters Schmach höher / als die seinige empfand / Befehl erteilte /
den Spott-Vogel aufzufangen. Es wurde auch dieser endlich zu Aten ertappt / da
er eben eine Reise ins Parter-Land tun wollte. Man machte aber nicht viel
Wesens mit ihm / sondern nachdem er kaum zwei Tage gefangen gesessen hatte /
hieng man ihn an seinen eigenen Hals; da denn ein lustiger Kopff diesen Reim auf
ihn machte:
Er hat das A.B.C. an Schuhen långst zerrissen
Und doch das lange J. im Alter lernen mussen.
    Jedennoch hatte er zuvor / sich zu rächen / diese Schutz-Schrifft verfertigt
und / ich weiss nicht wie /unter das Volck gebracht / welches sie wohl
tausendmahl abgeschrieben / obgleich nicht allerdings verstanden hat. Mir wurde
auch solche bei meiner Durchreise von meinem Wirt gezeiget und lautete /wo ich
mich noch besinnen kann / also:
Sieht Naso den August
Nach seiner geilen Lust
Was ungebuhrlichs tun /
Muss er ins Elend gehen.
Was meint / ihr Griechen / nun /
Wodurch ich es versehen /
Dass ich an Galgen muss?
Ihr dürfft nicht lange dencken:
Es stielt Tiberius /
Drumb muss Seleucus hencken.
    Inguiomer setzte hinzu: Ich habe / wie billig / einen ja so grossen Abscheu
vor solcher törichten Vergötterung / als etwan Seleucus; Nichts desto weniger
hat ein Wahrsager meiner kleinen Velleda bei ihrer Geburt etwas seltzames
verkündiget / dessen Warheit oder Unwarheit unsere Nachkommen erfahren mögen.
Seine Worte zu dem Kinde waren diese:
Du brauchst nur funffzig Jahr / wenn du auf dieser Erden
Wilst deines Landes Haupt / ja eine Göttin / werden:
Doch nimmstu nach der Zeit an deiner Gotteit ab /
Die dein so grosses Hertz zum Eigentum dir gab.
Wie kann es anders sein? Aegypten mag dichs lehren:
Das Hertz wächst funffzig Jahr; hernach muss sichs verzehren.
    Jederman wünschte / dass alles Glückliche in dieser Weissagung erfüllet /
alles Böse aber abgewendet werden möchte. Herrmann trunck dem Jubil eine Schale
voll Wein zu auf beständiges Wohlsein der sämtlichen Bructerischen Herrschaft.
Worauff denn die Gesundheiten derer Cheruskischen / Hermundurischen / Cattischen
/ Chassuarischen und Marsischen Königlichen und Hochfürstlichen Häuser folgten.
Weil aber die ganze Gesellschaft recht müde war /begabe man sich zeitlich von
der Taffel zur Ruh.
    Die Sonne am Himmel war wegen der Winter-Zeit noch nicht aufgegangen / als
Herrmann den süssesten Einfluss einer irrdischen Sonne durch unzählige Küsse in
sich soge / und die Versicherung einer unveränderten Zuneigung mit solcher
Inbrunst gab und empfing /dass die in der Kammer brennende Lampe ganz unnötig
gewesen wäre / wenn die Liebe so viel Schein /als Feuer in sich hegte. Indem ihn
die unvergleichlich- Tussnelda in ihre schneeweisse Arme schloss /erkannte er vor
die unbetrieglichste Wahrheit / dass der Schnee den Leib erwärmen / und die Augen
erqvicken könne / ungeachtet eines so wohl als das andere denen in dergleichen
Geheimnissen Unerfahrnen so falsch und unglaublich vorkommen möchte / als die
Meinung des Anaxagoras / dass der Schnee schwartz sei. Bedient sich aber sonst
ein vernünftig Gemüt des köstlichsten Weins nur zur Lust / nicht zur
Trunckenheit; so wusste in Wahrheit das tugendvollkommene Paar des Nectars
wohlvergönnter Vergnügung mit gleichmässiger Bescheidenheit zu geniessen;
allermassen es noch in der Morgendemmerung das Bette verliess / ungeachtet dieser
tapffere Mars und die keusche Venus sich vor keiner Sonne scheuen durften /
nachdem nicht Buhlerei / sondern die Ehe sie zusamen gebracht hatte. Eine Stunde
hernach funden sich Erato /Catta / Rhamis / Jubil / Flavius / Malovend /
Siegmund und Inguiomer bei Herrmannen und Tussnelden ein / legten die
gewöhnliche Begrüssung ab / und erkundigten sich untereinander / wie jedweden
die Nachtruhe nach der Unruhe des verwichenen Tages bekommen wäre. Man setzte
sich hiernechst in einen Kräyss und gebrauchte einen geglüeten Wein /als eine
bewährte Artzenei vor die Kälte / welche der angehende Jenner mit sich brachte.
Auf dem Deckel des güldenen Bechers / (so ehemahls dem Qvintilius Varus gehört
hatte /) stund des Mercurs geflügelter Stab / welcher aber an statt der
Schlangen mit einem Weinreben umbflochten war / ohne Zweiffel hierdurch zu
bedeuten / dass der Wein alle die Tugenden an sich habe / so man sonsten dieser
Schlangenrute zuschreibe / nehmlich die erstorbenen Geister des Gemütes
aufzuwecken / jedoch auch die Sinnen des Leibes einzuschläffen. Herrmann nahm
hiervon Anlass zu sagen: Das Zeichen des GOttes der Beredsamkeit und des
Wein-Gottes sind hier mit einander vereiniget und machen mir die Hoffnung / es
werde dieser Trunck Gelegenheit geben / dass gegenwärtige hochwerte
Gesellschaft ihre morgenländischen Begebenheiten in einer solchen Rede erzehle
/ wozu jedweder / der daran Teil gehabt / das seinige beitrage. Ich habe zwar
schon einen kleinen Vorschmack heute diesen Morgen von meiner Gemahlin empfangen
/ wie hoch mein hertzgeliebtester Bruder mich ihm verpflichtet habe / und an was
Ort in der Welt unsere Schwester Ismene lebe. Allein dieses entzündet nur meine
Begierde / ein mehres zu wissen / und hat also die Natur eines guten Weins an
sich / welchen man immermehr zu prüfen Lust bekömmet / so bald man nur denselben
einmal gekostet und wohlschmeckend befunden hat. Tussnelda setzte alsbald
hinzu: Ich sehe schon /es werde die gütige Erato meinem Gemahl seine Bitte nicht
versagen / oder sich verdriessen lassen / einen angenehmen Anfang der Geschichte
zu geben / welche von uns andern zu rechter Zeit fortgesetzt werden soll. Die
Armenische Königin antwortete: Dero Verlangen / Durchlauchtige Tussnelda / ist
mir Befehls genug /ohne Umbschweiff ein und anders vorzubringen / welches mir
seit meinem letztern Kampff / dem sie allerseits zugesehen / begegnet ist. Meine
schnöde Eyfersucht verleitete mich damahls / dass ich auf des boshaften
Luitbrands Seite trat / und die unschuldig von ihm verleumbdete Fürstin Ismene
mit meinem Speer schuldig zu machen mich erkühnte. Allein der gerechte Himmel
straffte mich durch die tapffere Adelmunde / die / (wie ich von dem
Hermundurischen König vernommen /) sich mit Fürst Catumern nach der Zeit
verheiratet hat. Ich wurde wegen meiner Verwundung in ein Cattisch Jägerhaus
nebenst Saloninen / meiner Hoffmeisterin / gebracht und erlitte in meinem Gemüt
alle Qvaal / so Eyfersucht / Schahm / Zorn /Hass und Liebe verursachen können.
Doch würde ich mich weit mehr geängstiget haben / wenn ich schon dazumahl gewust
/ dass der Ritter mit dem Ulmbaum und Weinstock / der Issmenens Sache wider den
Dagobert so glücklich verfochten hatte / eben mein Zeno wäre / umb dessentwillen
ich dieser keuschen Seele so aufsätzig war. Inmittelst meldete sich ein Armenier
bei Salonine an / als sie etliche Kräuter auf einem nicht weit vom Jägerhauss
liegenden fruchtbahren Hügel zu lesen ausgegangen war / grüssete sie im Nahmen
des Zeno / mit der Versicherung / dass dieser Fürst zwei Nacht hernach kommen und
mich in mein Königreich führen wollte / wenn mir mit ihm dahin zu gehn beliebte.
Er gab ihr überdas drei Lichter / welche aus Wachs / Mahnsafft /
Allraunenwurtzel / Solanum oder Schlaffkraut / Bilsen und dergleichen Dingen /
seinem Vorgeben nach / verfertigt wären und die Eigenschaft hätten / den
alsbald einzuschläffen / dem man den Rauch davon in die Nasen steigen liess.
Hiermit sollte sie die drei Jäger beleuchten / so würden sie alles Wachens
vergessen / und nicht ehe sich wieder ermuntern können / biss die Kertzen
gäntzlich verbrant oder ausgelescht wären. Die tugendhafte Salonine trauete dem
Ostanes nichts böses zu / weil Zeno sich seiner bedienete / sie auch aus allen
seinen Reden schloss / dass er in den Geheimnissen der Natur eine ungemeine
Erfahrung hätte. Doch hat nachgehends ein gelehrter Mann zu Artaxata uns zur
Gnüge überführet / dass alle besagte Kräuter und Wurtzeln denen Wachslichtern
nimmermehr eine solche Krafft hätten geben können / wenn nicht viel andere
zauberische Mittel von dem Bösewicht wären hinzugefügt worden. Unterdessen blieb
es bei der Abrede und stellte er sich nebenst dem Zeno und dessen 2. Rittern uñ
so viel Dienern zur bestimmten Stunde ein / setzte mich auf einen mit vier
Pferden bespannten Wagen und fuhr mit mir unter dem Schein drei oder vier
Windliechter davon.
    Herrmann sah hierüber den Flavius mit einer solchen Geberde an / die diesen
nötigte zu sagen: Ich mercke wohl / dass mein Bruder sich wundere / wie dieses
übereintreffe mit dem / was ich von dem Wegzug meiner Königin ehemahls berichtet
habe / nehmlich / dass sie in Gestalt einer Diana auf einem Wagen mit Hirschen
bespannet in Begleitung etlich hundert Bockmenschen oder Waldgötter davon
gefahren sei. Allein er wolle in Gedult den Ausgang der Erzehlung erwarten.
Erato fieng hiernächst wieder an: Es ist nicht anders / als ich sage. Und schäme
ich mich nicht wenig / zu bekennen / dass ein Schwartzkünstler damahls mein
Fuhrmann gewesen / der (vielleicht / weil er den Zoroaster / den Stammvater
aller Zauberer /vor seinen Landsmann hielt /) in solchem verfluchten Handwerck
auch vollkommen zu werden / sich bemühete. Er war dem Zeno unterwegens
aufgestossen / als dieser von der Kampffbahn zurück kam und hatte aus der
Gesichtsbildung ihm ungebeten zu wissen getan / dass das Glück ihm ein
Königreich aufhübe. Der Fürst verlachte dieses / als eine Torheit / weil er
Ismenen noch liebte / und durch sie sein Glück in Deutschland zu machen gedachte
/ allwo man damahls den Nahmen eines Königreichs nicht gerne hörte. Jedoch weil
/ (wie ich ehmahls berichtet /) der Ausspruch zu Idessa im Phryxischen Tempel
der Morgenröte mir von ihm dieses zu wissen getan hatte:
Wenn man dich wieder wird zur Königin einweihn /
Wird er ein Königs-Sohn und selbst auch König sein.
    So gläubte er endlich desto ehe dem Betrüger / welcher vor einen
Naturkündiger wollte angesehn sein /der eine zeitlang bei denen Lappionen sich
aufgehalten hätte / nunmehr aber wieder auf der Rückreise in sein Vaterland
begriffen wäre. Zeno geriet hierauf in Nachdencken / ob er nicht seine vorige
Liebe zu mir sollte wieder aufwachen lassen / nicht nur / weil er durch mich /
wegen meines Rechts an Armenien / am allerersten ein König werden könnte /
sondern auch /weil er von einem Bedienten des Rhemetalces war berichtet worden /
wie sehr ich meine noch währende Zuneigung zu ihm auf dem Kampfplan an Tag
gelegt /hingegen dem Fürsten Flavius die Freiheit mich zu sehen / nach der Zeit
allerdings abgesprochen hätte. Dieweil nun Ostanes denen Jägern ganz unbekant
war / welche hingegen den Zeno und seine Leute mehr als einmal gesehen hatten /
befand ihn dieser am tüchtigsten / einige Bottschaft an mich oder Saloninen zu
überbringen. So bald ich demnach in den Vorschlag einwilligte / kauffte der
Armenier einen Wagen mit vier Pferden und machte im übrigen durch seine Künste /
dass ich mich / wie obgedacht / mit dem Zeno / und der Salonine / nebenst zweie
Rittern / und so viel Knechten / aus dem Cattischen Gebiet ins Hermundurer Land
/ so Marboden noch zum Herrn hatte /flüchten konnte. Dass aber Hertzog Flavius
sich durch das Blendwerck des Zauberers in solche Furcht und Verwunderung
bringen lassen / davor kann ich nicht; weil weder ich / noch jemand von meiner
Gesellschaft dergleichen Dinge gesehn / oder vermutet hat. Als wir über den
Mayn nach der Donau giengen /verkaufften wir unser ganzes Fuhrwerck / wie es
bespannt war. Hingegen schaffte ich mir und Saloninen Reit-Pferde und
Mannskleider / nennte auch sie ins künftige Saloninus und mich Herodotus / weil
dieser berühmte Geschichtschreiber eines von seinen Büchern mit meinem Nahmen
bezeichnet hat. Wir langten hiernächst zu Augusta in Vindelicien an / ruheten
zwei Tage aus und setzten unsern Weg nach Isinisca fort. Ostanes leistete uns
noch immer Gesellschaft und verkündigte mir unterwegens / dass dem Zeno ein
sonderbahres Licht in seinem vermeinten / das höchste Glück aber in seinem
rechten Vaterlande erscheinen würde. Ich fragte: Woher er denn so gewiss anderer
Leute zukünftige Begebenheiten erfahren könnte /nachdem vielleicht seine eigenen
ihm unbekant wären? Wie? (antwortete er:) Solte ich nicht wissen /was mir
bevorstünde? Wollen Sie mein Geheimnis bei sich behalten / so will ich ihnen
etwas offenbahren / darüber Sie sich nicht wenig wundern / auch aus meiner
Offenhertzigkeit erkennen werden / dass ich dero treuergebenster Knecht und nicht
ganz unwürdig sei / bei bei dem zukünftigen König Zeno die von ihm
versprochene Ehrenstelle seines geheimbten Rats zu bekleiden. Als ich ihn nun
meiner Verschwiegenheit versichert hatte / fuhr er also fort: Die Geister /
denen ich mich zu dienen verpflichtet habe /und die mir hergegen zeit meines
Lebens zu Gebote stehen / haben mir es in meinen freien Willen gestellet /
sterblich oder unsterblich zu sein. Denn jenes kann ich werden / wenn ich ein
wenig Ambra koste; dieses kann ich bleiben / wenn ich meiner lüstern Zunge
verbiete / dieses eintzige Ding nicht zu berühren / welches zwar andern Menschen
nützlich / mir allein aber schädlich ist / an statt dessen / dass alles /was man
sonst Gift nennet / meine beste Speise ist. Ich bestürtzete unsäglich über
diesem greulichen Bekenntnis und fieng nun allererst an / mit zittern denjenigen
anzusehn / auf dessen klugen Rat und unerschrockenen Beistand ich kurtz zuvor
eine freudige Hoffnung gesetzet hatte. Indem ich nun vor Schrecken und Furcht
eine vierteilstunde lang stumm gewesen war / kam ich mit meiner Begleitung an
einen mittelmässigen Fluss. Wir satzten uns dabei nieder und hielten
Mittagsmahlzeit / so gut / als es unser von Augusta mitgenommener Vorrat leiden
wollte; Die silberhelle Farbe des Wassers aber reizte den durstigen Ostanes /
mit der Hand zu schöpffen und zu trincken. Allein in dem Augenblick erhub sich
ein Wirbelwind / der uns zwar keinen Schaden zufügte / hingegen den Zauberer so
hoch in die Lufft führte / dass wir ihn nicht mehr sehn konten / bald aber so
schnell wieder herunter fallen liess / dass er sich auf eine abscheuliche Art
zerschmetterte und also von seinen Geistern den gebührenden Lohn vor seine
Dienste bekam. Wir erstauneten hierüber unbeschreiblicher Weise und blieben so
unbeweglich stehn / als wenn wir in marmorne Bilder verwandelt wären. Zum
wenigsten wussten wir nicht / ob wir uns über diesen gefährlichen Fluss wagen oder
wieder zurück kehren sollten. Doch erhohleten wir uns endlich / als etliche nach
Augusta zu Marckt gehende Bauern von jenseits zu uns ohne allen Schaden mit
einem kleinen Nachen überfuhren. Zeno erkundigte sich bei ihnen / was dies für
ein Wasser wäre und bekam die Antwort / es hiesse Ambra / und lauffe in den
wohlbekanten Iserstrom. Da sah ich erst / wie zweideutig die betrüglichen
Höllengeister ihrem Leibeigenen die Warheit gesagt / und unter dem Schein einer
grossen Verheissung von seiner Unsterbligkeit / sich das Recht erworben hatten /
ihm den Hals zu brechen. Das ist ja wunderbahr (sagte Jubil) und muss man mit
Entsetzung anhören / dass die bösen Geister viel Jahr vorher gewust haben / es
würde Ostanes jemahls den Ambra-Fluss sehn / will nicht sagen / kosten. Das
kommt mir eben so seltsam nicht vor / (erwiederte Malovend.) Denn warumb kann der
Mordstiffter nicht damahls schon den Vorsatz gehabt haben / denjenigen / der
sich willig in seine Stricke begeben / anzureitzen / dass er in Deutschland zu
reisen begierig würde / und / wenn er bei dem Ambra-Fluss ankäme / ihm die Zunge
dermassen dürre zu machen / dass er sich an solchem Wasser vergreiffen müste.
Gesetzt auch / es wäre ein anderer jählinger Todt darzwischen gekommen / dass der
Ausspruch nicht eingetroffen / was würde es dem Ursprung der Lügen gross
geschadet haben / auf einer Unwarheit ertappt zu werden / nach dem man ganze
Bücher von denen betrüglichen Götter-Aussprüchen zusammen tragen könnte. Und also
wird viel weniger der unverschämte Höllen-Geist sich dessen schämen / was den
Gott Apollo seines Ansehns in der Welt nicht beraubt hat. Tussnelde versetzte:
Eine Lügen und ein Gott können so wenig beisammen stehen / als Nacht und Tag ein
Ding sind. Deutschland hält billich demnach den Apollo für nichts bessers / als
eine schöne Larve / worunter des Ostanes schwartzer Geist sein hesslich Gesicht
verstecket und also der betrogenen Welt die Verehrung abstielt / die man dem
einigen Beherscher des Himmels und der Erden schuldig ist. Allein wir weichen
durch diesen Umbschweiff von unserm Vorsatz allzu weit ab und wären vielleicht
schon mit der Königin Erato auf dem grossen Adriatischen Meer / daferne uns der
unansehnliche Amber-Fluss nicht aufgehalten hätte. Erato antwortete: Haben wir
uns zu lange bei dem Amber-Fluss verweilet / so will ich mich desto geschwinder
mit meiner Erzehlung durch die Norichischen und Carnischen Lande in die
Adriatische / und folgends in die Mittelländische See begeben. Denn eben so
richteten wir unsere Reise ein. Als wir aber an Creta kamen / von dar wir nach
Cypern / Syrien und Armenien zu gehn willens waren / erhub sich ein grausamer
Sturm und trieb uns in die Enge zwischen Sestus und Abydus / da wir beinahe
Schiffbruch gelitten hätten. So ist Hero und Leander wohl recht glücklich
gewesen (schertzte Herrmann /) dass es nicht geschehen ist. Denn ich bin
versichert / dass die Welt dieses verliebten Paars sich wenig mehr bei diesem Ort
würde erinnert haben / daferne ein weit edlers und tugendhafteres / nämlich
Zeno und Erato / daselbst verunglücket wären. Mein gutes Glück (sagte Erato)
überhobe uns dieser eiteln Ehre und mir war auch mehr damit gedient / ein
lebendiger Herodotus / als eine todte Hero / zu heissen. Allein der Wind wollte
sich doch noch nicht nach unsern Willen schicken /und führte uns biss an die
andere Meer-Enge bei Byzantz. Dannenher Zeno zu mir sagte: Ich weiss nicht /ob
das Wetter das Absehn meiner Reise hindert / oder befördert hat. Denn nunmehr
sehe ich vor gut an /vollends durch das schwartze Meer nach Sinope zu schiffen /
welches ich ehemahls vor meinen Geburts-Ort gehalten habe / als der Pontische
König Polemon annoch mein Vater hiess. Vielleicht erlange ich daselbst Nachricht
von der Pytodoris / die mich in meiner Kindheit der Königin Dynamis an statt
ihres Sohns übergeben. Von derselben hoffe ich zu erfahren / entweder wer meine
Eltern gewesen / oder / ob ich /wie die Menschen zu Deucalions Zeiten / aus
einem Stein entsprungen sei. Mit einem Wort: Wir kamen zu Sinope an und fragten
alsbald den Wirt in unserer Herberge: ob Pharasmanes der Stattalter zu
Cyropolis ihm bekant wäre? O ja! (sagte dieser /) doch ist er schon vor viel
Jahren gestorben. Seine Gemahlin aber / die unvergleichliche Pytodoris / lebt
allhier / als Mutter unsers jungen Königs. Zeno wurde über dieser unvermuteten
Zeitung höchst-erfreuet und wartete nebst uns der Königin auf / als sie mit
wenig Bedienten in ihren grossen Lust-Garten fuhr. Er war so glücklich / dass sie
/ nach beiwohnender ganz ungemeinen Höffligkeit / ihn / als einen ausländischen
obgleich unbekanten Fürsten / in ihre Läube holen liess /welche aber keine Wände
hatte / sondern nur auf acht höltzernen und mit Weinreben umbflochtenen Seulen
stunde; also dass so wohl die Königlichen Bedienten /als auch wir / die
Pytodoris und den Zeno sehen /aber nicht hören kunten.
    Wie er mir nachmahls gesagt / so hatte er sie ungefehr also angeredet:
Gleichwie ich mich untertänigst erfreue / dass der gütige Himmel Eurer Majestät
nach dero hohen Verdienst die Pontische Cron aufgesetzet: also lebe ich der
Hoffnung / Sie werden geruhen in ietzigem hohen Stande / dero gnädigen Zuneigung
den unglücklichen Zeno zu würdigen / nachdem er ehemahls das unschätzbare Glück
gehabt / dero Mutter-Milch zu genüssen. Die Königin war hierauf voller
Bestürtzung in diese wenig Worte ausgebrochen: Ists möglich / dass ich meinen
Zeno sehe? Dieser wiese ihr etliche Kleinote / mit welchen ihn seine vermeinte
Mutter / die Königin Dynamis / vordessen beschencket hatte / welche denn nebenst
der Gesichts-Bildung sie endlich überredeten / dass dieser Frembder eben der Zeno
wäre / der sonst zu Sinope unter dem Nahmen der Fürstin Arsinoe gelebet hatte.
Sie umbfieng ihn demnach mit beiden Armen / zu grosser Verwunderung ihrer von
ferne stehenden Hoffstatt / und konnte vor grosser Gewogenheit nichts mehr / als
dieses /aufbringen: Seid höchst-willkommen / allerliebster Sohn! Zeno versetzte:
Eurer Majestät gnädigstes Wohlwollen gibt mir grosse Hoffnung / zu erfahren
/wie ferne ich mich der Ehre rühmen könne / dero Sohn zu sein. Sie antwortete:
Wenn ihr den Grund hiervon wissen wollt / müsst ihr meinen Lebens-Lauff anhören
/ den ich euch ganz kürtzlich erzählen will: Mein Vater war ein Trallianischer
Edelmann /Nahmens Pytodorus / zu dessen Andencken auch ich Pytodoris heisse.
Weil nun meine Mutter das Leben über meiner Geburt aufgegeben hatte / schickte
er mich an seine Schwester / die zu Satala / der Hauptstadt / in Klein-Armenien
als eine Witwe lebte / welche auch / mich wohl zu erziehen / möglichst beflissen
war. Indessen starb mein Vater und seine Güter gefielen etlichen von meinen
Verwandten so wohl /dass sie sich selbst / mir zu Schaden / zu seinen Erben
einsetzten / und meine Pflege-Mutter mit allerlei verwirrten Gerichts-Händeln
müde machten / so dass sie endlich das Meinige ihnen überlassen musste. Der Himmel
legte mir also eine sehr beschwerliche Armut in meiner Kindheit auf / damit ich
nunmehr desto besser meine nachmahlserfolgte unverdiente Erhöhung mit
demütigsten Danck erkennen und bei der Welt ein merckwürdig Beispiel abgeben
möchte /dass es ihm ja so leicht sei / eine verarmte und verachtete Wäyse gross /
als eine wohleingerichtete Welt aus einem unförmlichen Chaos zu machen. Ich war
vierzehen Jahr alt / als Parrhaces / ein reicher Edelmann des Orts / mich lieb
gewann und heiratete / weil er in meinem Gesicht und Gemüt so viel gutes zu
finden vermeinte / dass solches seinen grossen Glücks-Gütern die Wage halten
könnte. Wir lebten solchergestalt mit einander höchst-vergnügt / dass uns ein Jahr
zu einem Tage wurde / in welcher Zeit ich mit einem jungen Sohn meinen Mann
erfreuete / der ihm seinen Nahmen beilegte. Acht Wochen darnach ward er
genötigt eine notwendige Reise in das grössere Armenien zu seinen Befreundten
zu tun. Ich wollte ihn nicht verlassen / sondern begleitete ihn so wohl hin als
her / stund aber unterwegens Glück und Unglück aus. Denn mein kleiner Säugling
starb / so bald ich eine Meile von Artaxata aus nach Satala zurück gelegt hatte
und setzte uns in unsägliche Bekümmernis. Als wir hingegen über den Meerbusen
Aretusa oder Aretissa schifften / welcher die Wunder-Art hat / dass er eine
ziemlich-schwere Last tragen kann / dass sie nicht untersincket / kam uns eine
schöne vergüldete Wiege entgegen geschwomen / in welcher ein kleines in
Purpur-eingewickeltes Kind lag. Wir nahmen selbige ins Schiff als ein
sonderbahres Geschenck des Himmels / der unsern Verlust einiger massen ersetzen
wollte. Ich legte auch das so anmutige Knäblein mit aller Lust an meinen mit
Milch gefüllten Busen /nachdem es zuvor schlechte Nahrung in dem saltzigten
Seebusen gefunden hatte; und gab ihm den Nahmen meines verblichenen Kindes /
Parrhaces. Damit ihr aber wisset / was alle diese Reden zu unserm Zweck
beitragen können / so vernehmet / wertester Zeno / dass ihr eben dieser kleine
Parrhaces gewesen seid. Ihr waret nun unser einige Freude / welche aber mir gar
sehr durch den frühzeitigen Todt meines Ehemanns verbittert wurde. Unterdessen
verjagte der König des grössern Armeniens Artaxias den Medischen König
Artavasdes / welcher keine Söhne hatte /wohl aber einen kleinen Enckel / den
seine Tochter Jotape mit dem jungen Alexander / des berühmten Marcus Antonius
Sohn / gezeuget hatte. Dieses Kind hiess Ariobarzanes und ward dem Pharasmanes
von dem Artavasdes anvertraut / mit Befehl / solches an einen sichern Ort zu
flüchten. Er kam demnach damit zu Satala in Klein-Armenien an / welches unter
des Pontischen Königs Polemons Gebiet gehörte / und ward mit mir bekant / auch
bald hernach vermählt. Wir brachten also Kinder zusammen / dazu wir weder Vater
/ noch Mutter waren. Pharasmanes kauffte gleich nach dem Beilager ein
überauswohlgelegenes Rittergut am Fluss Melas nicht fern von der Stadt Zyristra
in gedachtem kleinern Armenien. Immittelst hatte ich noch einen Gast bekommen
von der Königin Dynamis / nehmlich ihren eintzigen Sohn / den ihr Gemahl Polemon
hatte in eine Wüste wegsetze lassen / nachdem ihm durch unterschiedene
Götteraussprüche kund worden war / dass er durch seines Sohnes Hand sterben
sollte. Die mitleidige Mutter aber liess ihn durch etliche verschwiegene Diener im
Walde aufheben und mir überbringen / umb ihn zu säugen und aufzuziehn / weil ich
zwei Jahr zuvor so glücklich gewesen war / ihrer hohen Zuneigung teilhaft zu
werden / als sie über vier Monat zu Satala Hoff hielt. Ihr schmertzlicher
Verlust ward vergrössert nicht allein durch die gefährliche Reise ihres Gemahls
zum Käyser nach Rom / sondern auch noch mehr durch das Absterben ihrer einigen
Tochter Arsinoe. Sie wollte hierüber fast verzweiffeln / und wurde desto
begieriger / ihren Sohn zu sehn / den ich Zeno nennte / ob wohl Polemon ihm bei
der Geburt seinen eignen Nahmen zugelegt hatte. Ich vermutete alsbald die
Warheit / dass ihn Dynamis ohne ihres Gemahls Wissen und Willen an Hoff nehmen
wollte. Damit ich nun den geweissagten Vatermord nicht befördern möchte /nahm und
brachte ich euch / liebster Parrhaces / unter dem Nahmen des Zeno / nach Sinope
/ da ihr denn der Königin so wohl gefielt / dass sie euch mit überaus grosser
Freude empfing und endlich den Vorsatz fassete / euch in Weibeskleidern
aufzuziehn und den Polemon nach seiner Wiederkunft von Rom zu überreden / dass
ihr seine Arsinoe wäret. Dieser so wohlgemeinte Betrug ging glücklich von
statten. Der König hielt euch vor seine Tochter; und Dynamis liebte euch mit
einer mehr als mütterlichen Zuneigung / sonderlich als ihr ihren Gemahl so wohl
wider einen wilden Ochsen auf der Jagt / als in einer Schlacht wider die
aufrührischen Tibarener beschütztet uñ aus augenscheinlicher Lebensgefahr
risset; alldieweil hierdurch erfüllet ward / was Apollo zu Delos ihm zu Trost
geantwortet hatte / als sie euch (ihren vermeinten Sohn) auf dem Arm trug und
umb einen gütigern Ausspruch bate / als der gewesen / durch welchen eben diese
Gotteit dem Polemon angedeutet hatte / dass er durch seinen Sohn würde getödtet
werden. Denn seine Worte zu ihr lauteten also:
Bewahre / was du trägst / es wird ein Edelstein
Der Welt / des Königs Schirm und deine Freude sein.
    Pharasmanes sollte inmittelst der Königin Jotape ihren Sohn den jungen
Ariobarzanes nach Antiochia wieder schicken / weil Augustus sie in Schutz
genommen hätte. Nun war das Kind zu unserm grossen Leidwesen gestorben und die
Mutter hätte sich ohne Zweiffel zu todt bekümmert / wenn ihr der Trauerfall wäre
offenbahret worden. Dahero nötigte mich mein Ehemann mit vielen beweglichen
Worten / den ohne dem verworffenen kleinen Polemon an statt und unter dem Nahmen
des todten Ariobarzanes dahin zu senden / der Jotape zur Befriedigung / dem
alten Polemon zur Sicherheit und dem kleinen Polemon selbst zu nutzen; Massen
dieser letztere hierdurch König in Meden / wie auch im grössern Armenien wurde.
Er verlangte hiernächst euch / als die so genannte Arsinoe / zur Gemahlin. Weil
nun dieses wider die Natur war / musste der alte Polemon euer Geschlecht
notwendig erfahren / der euch deswegen ermorden wollte /aber durch seinen
Schutzgeist mit diesen Worten verhindert ward: Halt! dies ist weder dein Sohn /
noch ein Todtschläger! Doch liess euch der König andeute /sein Gebiete zu räumen.
Ariobarzanes (der nicht wusste / was es mit euch vor eine Beschaffenheit hatte
und daher durch die abschlägliche Antwort des Pontische Königs sich
höchstbeleidigt achtet.) kündigte ihm hiermit den Krieg an und verwundete ihn in
der letzten Schlacht mit einem Wurffspiess / dass er bald drauf des Todes sein
musste / nachdem mein Mann stracks nach gehaltener Schlacht auf der Wahlstatt
angekommen war und so wohl ihm als auch dem hierüber fast verzweiffelnden
Ariobarzanes entdecket hatte / wie nahe sie einander angiengen / und wie es der
Himmel wunderbahr geschickt / dass der so tugendhafte Sohn seinen Vater aus
Unwissenheit des Lebens berauben müsse. Ariobarzanes setzte hiermit die von
seinem Vater Polemon geerbte drei Kronen auf und vergnügte sich also mit Pontus
/ Colchis und klein-Armenien; dahingegen er denen Meden nicht wehrte / einen
neuen König zu wählen / weil er nicht der Jotape sondern der Dynamis Sohn war /
Gross-Armenien aber überliess er der rechtmässigen Erbin Erato. Ich zweiffele nicht
/ mein Sohn / ihr werdet dieses umbständlicher wissen / als ich / weil ihr
selbst eine Haupt-Person in diesem Trauerspiel gewesen seid. Jedoch finde ich
nötig / euch dessen zu erinnern / umb euch nunmehr kund zu tun / dass dieser
Ariobarzanes / welcher sich nachgehends Polemon den andern nennte / die Erato
zur Gemahlin verlangt habe. Als ihm aber solches fehl schlug und mein
Pharasmanes aus grossen Kummer / dass er des ältern Polemons Todt nicht hindern
können / gestorben war /tat er mir die Gnade mich in sein Königlich Ehebette zu
erheben / aus Erkentlichkeit / (wie er sagte /) weil er mir sein Leben und Glück
zu dancken hätte. Ich konnte nicht anders / als in tieffster Demut solche
unvermutete Ehre annehmen / ward also aus einer Untertanin Polemons des ersten
/ eine Gemahlin Polemons des andern und eine Mutter Polemons des dritten. Ich
mag vor Kummer nicht beschreiben / wie höchst-vergnügt ich eine Zeitlang gelebet
/ weil leider! ach! die so schöne Morgenröte einen betrübten Tag mir bedeutet
hat / woran ich manchen Tränen-Regen vergiessen müssen. Ich meine denselben /
an welchem mein allerteuerster Gemahl von denen Aspurgianern gefangen und
jämmerlich hingerichtet wurde / mit dem Vorwand / als wenn er ihnen / unter dem
Schein einer freundlichen Besuchung / sein Joch hinterlistig aufzubürden gedacht
hätte. Sein letzter Wille (den er vor seiner Abreise schrifftlich aufgesetzet
hatte /) brachte mit sich / dass ich / so lange ich lebte / Königin und nicht
gehalten sein sollte / meinem Sohne die Krone ehe / als dem Himmel meine Seele /
zu übergeben. Ob ich nun wohl den Vorsatz gefasst hatte / ohne fernere
Verheiratung meine Zeit zu beschliessen / so wurde mir doch von meinen Leuten
so sehr zugesetzt / dass ich / meinem unmündigen Sohn und Tochter zum besten /
den mächtigen Cappadocischen König Archelaus nicht mit abschläglicher Antwort
abweisen sollte / nachdem er sich so eifrig umb meine Person bewürbe. Ich bin
endlich solches eingegangen / und ob ich schon den Polemon in des Archelaus
Person nicht finde / ist dennoch mein Zustand erträglich; massen ich seine nicht
allzufreundliche Art wegen seines hohen Alters ihm zu gut halte und mit seiner
Leibes-Schwachheit gross Mitleiden trage / alldieweil er mit einer solchen
Kranckheit behaftet ist / die ihn öffters zu klagen nötiget: Wenn ich essen
soll / so habe ich keine Hände / wenn ich gehen soll / so habe ich keine Füsse;
wenn ich aber Schmertzen leiden soll / so habe ich zu viel Hände und Füsse. Er
ist jetzt auf der Reise nach Rom begriffen / dahin ihn der Käyser erfordert hat
/ und seine Abwesenheit macht / dass ich meine eigentümliche Königreiche wieder
besuchen können / auch das Glück habe / euch / liebster Parrhaces / lebendig
allhier zu finden. Dahingegen mein schwermütiger Sinn mir deutlich zuvorsagt /
dass mein Gemahl sein Cappadocien nicht wieder sehn / sondern entweder durch
seine Gicht / oder des heimtückischen Tiberius Gift / umbkommen werde.
    Inguiomer kunte sich nicht entalten / der Königin Erato in die Rede zu
fallen: Wo ich nicht irre / so ist dieser Archelaus eben der / so vor drei
Jahren ungefehr zu Rom starb? Ja (antwortete Flavius:) der Ausgang hat erwiesen
/ dass diese Furcht der Pytodoris nicht ungegründet gewesen; massen uns allen
gnugsam bekant ist / wie Archelaus zu Rom unterschiedener gefährlicher Anschläge
wider den Käyser höchstfälschlich beschuldiget und dergestalt geschrecket worden
/ dass er entweder aus Furcht / oder wegen hohen Alters / sein bevorstehendes
grösseres Unglück nicht erlebt hat. Sein Erbreich hat Germanicus zu einer
Römischen Landschaft gemacht / und den Qvintus Veranius zum Landpfleger
verordnet. Seine Wittwe aber lebt zu Sinope und regiert mit solcher Klugheit /
Güte und Bescheidenheit ihres Sohnes Lande / dass man sie billig vor ein
vollkommen Muster einer ruhmwürdigen Königin hält. Herrmann bate die Erato / sie
möchte sich in ihrer angenehmen Erzehlung nicht hindern lassen. Sie fuhr demnach
also fort:
    Als Pytodoris ihre Lebens-Geschichte dem Zeno oder Parrhaces ietztbesagter
massen eröffnet hatte /brach dieser in folgende Worte aus: Eure Majestät werden
mir es hoffentlich nicht zum Stoltz auslegen /weñ ich davor halte / dass ich der
Armenische Reichs-Erbe Artaxias sei. Denn zu geschweigen / dass ein
Götter-Ausspruch zu Idessa mich einen Königs-Sohn nennet / so sind umb eben die
Zeit und an einerlei Ort ungefehr Artaxias der Erato Bruder verloren / und ich
gefunden worden. Zu allem Glück aber hält sich in meiner Gesellschaft nicht nur
die Königin Erato /sondern auch dero alte Hoffmeisterin Salonine auf /welche uns
ein grosses Liecht in dieser dunckeln Sache geben kann / daferne eure Majestät
die Mühe nehmen wollen / sie zu befragen / wie des Artaxias Windeln und Wiege
ausgesehn haben. Ja von Hertzen gern! (sprach Pytodoris voller Freude und
Verwunderung über dieser unvermuteten Zeitung:) nichts in der Welt ist / das
ich eigentlich zu erfahren höher verlange. Ich kann stracks morgen zur Sache tun
/ und so denn die Wiege und Windeln / die ich in meiner Schatzkammer aufheben
lassen / zugleich besehen; jedoch aber alles in Gegenwart des Lycaonischen
Fürstens Masnaemphtes / meines geheimbden Rats /und drei oder vier vornehmer
Pontischer Ritter /damit ihr Zeugnis bei denen Armeniern verursache /dass man
nicht die Aussage der Salonine vor ein angelegtes Spiel achte. So bald sie diss
gesagt hatte / stund sie auf / reichte dem Zeno die Hand und liess sich zu ihren
Leuten führen / allwo sie ihn beurlaubte und die Freiheit gab / folgenden
Nachmittag auf dem Königlichen Schloss sie zu besuchen. Inzwischen entdeckte die
Königin ihrem Gefolge / dass dieser Fürst / der sie jetzt besucht habe / ihr
Pfleg-Sohn Zeno sei. Das Geschrei kam hiervon ehe aufs Schloss / als Pytodoris
selbst / wiewohl mit dem Zusatz / dass Zeno der Königin leiblicher Sohn wäre.
Daher der junge Polemon in Sorgen geriet / er würde diesen seinem neuen und
vermutlich ältern Bruder zum wenigsten die Helffte des Königreichs abtreten
müssen. Allein die Königin weltzte einen grossen Stein von seinem Hertzen /indem
sie ihn versicherte / dass Zeno ihm keinen Eintrag zu tun begehrte. Hierauff
schickte sie mir und Saloninen weiblichen Schmuck und Kleidung / darinnen wir
nächstkommenden Tages ihr aufwarteten. Wir fundenbei ihr ihren Sohn Polemon /
den Fürsten Masnaemphtes / und drei andere von ihren Staats-Räten / ingleichen
den Osaces und Tiribaces / zwei edle Armenier / so umb etlicher Rechts-Sachen
willen sich eben damahls zu Sinope aufhielten. Nachdem ihnen nun allerseits von
der Königin angedeutet war /weswegen sie hieher erfordert wären / musste Salonine
einen teuren Eyd schweren / wahrhaftig auszusagen /wenn / wo und wie der junge
Artaxias verloren worden? Sobald diese ihre Erzehlung beschlossen hatte /zeigte
die Königin / dass alles dies bei dem Zeno richtig einträffe. Hierauf erkundigte
sie sich ferner / wie die Wiege und Windeln gestaltet gewesen / und bekam von
meiner Hoffmeisterin folgende Antwort: So viel ich mich besinne / war die Wiege
von Cederholtz / starck übergüldet / in Gestalt eines kleinen Schiffs / darein
aber ein berühmter Künstler drei in Helffenbein geschnittene Sinnbilder
eingesetzet hatte. Im Hinterteil sah man den noch unmündigen Jupiter / umb
welchen die Curetes und Corybanten herumb sprungen / und auf Helme und Schilde
mit Stecken schlugen / nebenst diesem Beiwort: Wiegen-Lied eines künftigen
Heldens. Auf der rechten Seite lag Hercules in der Wiege und brachte zwei
Schlangen umb. Wobei zu lesen war: Denen Bösen zur Furcht. Auff der lincken
Seite trug der Centaur Chiron den kleinen Aesculapius auf dem Arm; vor welchem
die noch nicht in ein Mutter-Pferd verwandelte Ocyrrhoe stund / und mit Mund und
Hand eine solche Geberde machte / als ob sie weissagete / welchergestalt dieses
Kind der Welt durch seine Artzeneien mit der Zeit dienen würde; Hierbei funde
sich diese Uberschrifft: Denen Frommen zur Hoffnung. Das Gestelle / auf welchen
sich die Wiege hin und her bewegen liess / war wie eine Wasserwoge geschnitzt und
gemahlt. Die Windeln hatten wir aus einer schneeweissen zarten Indianischen
Leinwad verfertigt / die auch wohl der Arachne Gespinste beschämen konnte. Uber
diese ging ein vierecktes Purpurtuch / umb welches alles eine Schnur
kreuztweise herumb geschlungen ward / welche zwar auch aus Tuch von gleicher
Farbe bestund; doch hatte die Königin Olympia selbst eigenhändig lauter Drachen
und Bäume mit güldenen Aepffeln / einen umb den andern / von Gold und Silber
drauf gestickt / anzuzeigen / dass ein solcher Reichserbe ein weit teurer Schatz
sei / als die Hesperischen Aepffel / die man doch mit dem allergrösten Fleiss in
acht genommen und durch wachsame Drachen bewahren lassen. An des Kindes Halse
hing eine dünne güldene Müntze / auf derer einen Seite der Geburts-Tag stund:
Den ersten Lous; auf der andern Seite der Löwe / das Zeichen des ietztgedachten
Syrischen und Macedonischen Monats / welcher nach Römischen Calender den fünff
und zwantzigsten Julius einzutreten pflegt. So bald Salonine dies gesagt /führte
uns Pytodoris in die Schatzkammer und liess die Wiege / Purpurtuch / Windeln und
Schnur / die vollkömmlich mit der Beschreibung übereintraffen /aus einem grossen
eisernen Kasten heraus nehmen. Sie brachte auch die Müntze hervor / die denn
einerlei Schlages und Grösse war mit der / welche ich / als des Artaxias
Zwillings-Schwester / am Halse trug und der ganzen Gesellschaft anzusehn
überreichte: Salonine wandte sich hiermit wieder zur Pytodoris und sprach:
Jetzt fällt mir ein / dass der junge Herr am rechten Arm ein klein Feuermahl
führte / weil die Königin Olympia an ihren Arm unbedachtsam gegriffen hatte /
als sie Zeitwährender Schwangerschaft über einer jählingen Feuersbrunst
erschrocken war. Ich erinnere mich dessen gar eigentlich / alldieweil / so bald
ich nach der Geburt das Kind abgewaschen hatte / ein und andere von denen
Umbstehenden murmelten / es wäre immermehr schade / dass solcher Zufall dieses
sonst vollkommen-schönes Kind in etwas verunstaltet hätte. Wesswegen denn ein
sehr betagter Priester aus weissagendem Geist / wie ich halte / sich also gegen
uns vernehmen liess:
Ihr irret allzumahl / wenn ihr den Feuer-flecken
Der schwangern Mutter Furcht ganz unvergnugt zuschreibt:
Wie kann diss Helden-Kind das Feuer gnug verdecken /
Das seinen muntern Geist zu grossen Taten treibt?
    Zeno musste auf diese Rede der Salonine den Arm aufstreiffen und weil sich
das Mahl funde / das er selbst bisher nicht in acht genommen hatte / wurde er
umb so vielmehr vor den Artaxias erkant / auch von dem Osaces und Tiribaces nach
Landes Gebrauch angebetet oder fussfällig verehret. Der neue Artaxias und ich
sahen nunmehr / dass unsere bisherige Zuneigung nicht die Venus / sondern die
Natur / zur Mutter hätte / und befunde ich demnach allzuwahr / was mir ein
Einsiedler bei dem Wunder-Brunnen nicht fern von dem nordlichen Ursprung des
Dymelflusses / durch eine aus beschwornen Schlangen zusammengeflochtene Schrifft
gewahrsaget hatte: Die Natur verbeut dir des Zeno Liebe. Und ob es wohl in denen
Morgenländern mehr als einen Macareus und eine Canace gibt / die gleichwie sie
ehemahls unter einem Hertzen geruhet / also in einem Ehebett zu liegen sich
berechtigt achten; so meinten wir doch / dass die Ubereinstimmung der meisten
tugendhaften Völcker eine sichere Auslegerin des Rechts der Natur / und eine
Heirat zwischen Brüdern und Schwestern billig vor ein Greuel zu halten sei. Ich
muss gestehn (brach Herrmann ein) dass Clitaxus / so doch ein Oberhaupt der
Druiden gewesen / zwei leiblichen Gräfflichen Geschwistern in Gallien erlaubet
habe / sich in ein Eheverbündniss einzulassen. Aber ich bin auch dessen
versichert / dass alle Druiden heut zu Tage darinnen übereinkommen / dass
dergleichen Blutschande durch keines Menschen Vergünstigung / wider das Gesetz
/so Gott unserm Hertzen eingeschrieben hat / zu einer eigentlich so genannten
Ehe werden könne. Sie erschrecken allerseits vor der blossen Nennung einer
solchen Heirat fast ja so sehr / als des Ateniensers Rausimenes Frau über der
würcklichen Tat ihrer beiden Kinder erstaunet ist / also dass sie auch vor
grossen Entsetzen die Sprache auf ihre ganze Lebens-Zeit verloren hat. Als
Herrmann hierauf schwiege / setzte Erato ihre Geschicht also fort: Nachdem nun
solchergestalt aus meiner Vermählung mit dem Artaxias nichts werden konnte /
erinnerten wir uns mit besserer Erkentlichkeit der hertzlichen / eifrigen und
beständigen Gewogenheit / so die Fürstin Ismene zu meinem Bruder und Hertzog
Flavius zu mir bisher getragen hatten. Wir vereinigten uns demnach beiderseits /
dass wir Liebe mit Gegenliebe vergelten wollten: dafern nicht unsere
letzterwiesene Kaltsinnigkeit das Feuer einer so inbrünstigen Zuneigung
unterdessen gedämpffet hätte; Auf welchen Fall aber die so vielfältig bewährte
und doch blindlings von uns verschertzte Treu dieser zwei edlen Geschwister des
grossen Herrmanns / uns sonder Zweiffel noch manche reuende Träne dürffte
ausgepresset haben: und dennoch wäre es dahin gestanden / ob dergleichen Wasser
würde tüchtig gewesen sein / eine wiederaufglimmende Liebesglut zu leschen /
oder / gleich einem Oel / mehr zu entzünden. Gleichwohl war auch dieses bei mir
fest gesetzt / dass ich / wenn Hertzog Flavius seine ehemahligen Gedancken gegen
mich noch hegen sollte / ihn zwar nicht hassen / doch auch mich mit ihm nicht ehe
vermählen wollte / biss er zum eigentümlichen Besitzer eines Fürstentums
entweder durch den Erbfall / oder rechtmässige Waffen / geworden wäre / welches
auch derselbe höchstbillig befunde / als ich ihn nach der Zeit in Armenien zu
sprechen bekam. Jedoch hat mich die unvergleichgütige Tussnelda überredet / ihr
auf ihrer Rückreise von dar in Teutschland Gesellschaft zu leisten und bei ihr
zu erwarten / ob und wie der Wille meines nach ungemeinen Helden-Taten
begierigen Liebhabers und des Glücks seiner übereinstimmen würde. Der Fürsatz
der grossmütigen Erato (sagte Herrmann) ist ihrer Ankunft gemäss. Nichts
destoweniger bitte ich zu vergönnen / dass dero Beilager mit meinem geliebtesten
Bruder auf künftigen funffzehenden April seinen Fortgang gewinne / weil ich
mich selbst hiermit zum Bürgen darstelle / dass in solcher Zeit die Bedingung
erfüllet und Flavius mit so viel Land und Leuten versehen sein soll / dass meine
schöne Königin ihn ihrer Vermählung nicht unwürdig achten wird. Flavius und
Erato danckten gar sehr vor diese Versicherung des Königs und stelleten ihm
daher anheim / alles nach Belieben anzuordnen. Worauf denn Herrmann dem Grafen
von Mansfeld befahl / eine und andere nötige Anstalt hierzu bei Zeiten zu
machen. Tussnelda /Catta / Rhamis / Jubil / Malovend / Ingviomer und Siegmund
legten ihre Glückwünsche bei denen beiden Verlobten ab. Unterdessen sagte
Tussnelda: Wir haben noch einen weiten Weg biss in Armenien vor uns / und werden
wohl mit einiger Speise und Tranck uns versehen müssen / ehe wir unsere Reise
wieder fortsetzen. Sie führte hierauf die ganze Gesellschaft mit sich zur
Taffel / so in Adelgunds Zimmer gedeckt war. Es ging dabei sehr herrlich zu /
weil die Bructerische Hertzogin an diesem Tage ihr Wochenbette verliess und mit
der Hochfürstlichen Gesellschaft zum erstenmahl wieder speisete. Als man nun
unter andern des Königs Artaxias und seiner Gemahlin Ismene Gesundheit truncke /
sagte Inguiomer: Wer hätte es uns vor etlichen Jahren sagen sollen / dass der von
Polemon ins Elend vertriebene Zeno der Armenische Reichserbe wäre? Aber so
geschwinde verwandelt sich offtmahls der Schauplatz dieser Welt aus einer Einöde
in einen angenehmen Lust-Garten / und aus einem finstern Gefängnis in einen
Königlichen Saal. Wohl dem / der nur seine Person wohl spielt und die Zeit
gedultig erwartet / da die vorhergehenden Verwirrungen sich aus einander wickeln
sollen. Es sind (warff Siegmund ein:) noch viel tausend Menschen zu Rom / welche
vermeinen / Zeno sei Polemons leiblicher Sohn und habe also die Armenische Cron
nicht seiner Geburt / sondern der Gütigkeit des Tiberius und der Sorgfalt des
Germanicus allein zu dancken. Was ist das Wunder / (versetzte Flavius) nachdem
die Menschen insgemein eine rechte Affenliebe zu ihren alten Irrtümern tragen?
Ist wohl etwas gemeiners zu Rom / als die altväterische Sage / es wären ehemahls
drei hundert und sechs Fabier in einer Schlacht wider die Vejenter am Fluss
Cremera erschlagen und also das ganze Geschlecht ausgerottet worden / biss auf
eine eintzige Mannsperson / welche damahls zum Kriege noch nicht alt gnug
gewesen /nach der Zeit aber die Ehre erlangt habe / der Stammvater aller
ietzigen Fabier zu heissen. Allein / was kann unglaublichers erdacht werden / als
dass so viel hundert Edelleute ausser der Ehe gelebet / oder ganz unfruchtbare
Weiber geheiratet / oder lauter Töchter gezeuget haben / alldieweil zur Zeit
erwähnter Schlacht nicht mehr als ein minderjähriger Fabius in der Welt gewesen?
So wollte ich auch den Brennspiegel des Archimedes / womit er in der belägerten
Stadt Syracusa des Marcellus Schiffe soll verbrannt haben /unter dergleichen
ernstafte Mährlein der Römischen Historienschreiber nicht zehlen / daferne nur
der Künstler nicht über dreissig Schritt von dem Wasser gestanden wär. Wo man
aber / wie ins gemein geschieht / sagen will / dass der Spiegel über mehr als
drei hundert Schritt sein Feuer habe werffen müssen /umb die Schiffe zu
erreichen / so muss ich gestehn /dass meine Vernunft zu klein sei / dergleichen
Wunder zu begreiffen. Denn die gelehrte Welt hält heut zu Tage vor ein sehr
grosses / dass der sinnreiche Mannfried ein Brennglass erfunden / so auf
funffzehen Schritt gezündet hat. Allein was ist das gegen drei hundert? Unter
meinen Edelleuten (erwähnte Jubil) ist ietzt ein neuer Archimedes / der
vermittelst eines grossen Brennspiegels / innerhalb wenig Augenblick /Holtz
brennend / Steine glüend / Stahl und Eisen fliessend / Beine und
unverbrennliches Federweiss zu Glas machen kann. Doch wird man dessen Krafft
schwerlich auf so viel hundert Schritt spüren. Dergleichen Irrtümer / (setzte
Herrmann hinzu) die mit der Zeit Wahrheiten werden wollen / gibts nicht nur in
der Historie / sondern auch in der Natur. Dass kein Hammer einen Diamant
zerschlagen könne / wenn man diesen nicht durch Bocksblut erweichet habe /dass
ein Ametist wider die Trunckenheit / ein Sapphir wider Zauberei helffe / dass
ein Smaragd im Ehebette zerbreche / dass die Corallen gewächse im Wasser weich
sein / in der Lufft aber erst hart werden /dass eine Taube keine Galle habe / dass
das Feuer einen Salamander nicht tödte / sondern ernehre / dass eine Natter
allzeit über der Geburt ihrer Brut sterben müsse / dass ein Straus Eisen verdaue
/ dass eben die zehende Meereswelle gefährlicher sei / als die neundte oder
eilffte / dass ein Chamäleon von der blossen Lufft lebe / und dergleichen Dinge
sind allzusammen bei Poeten und Rednern ausgemachte Sachen; die Erfahrung mag
dazu sagen was sie will. So soll sich ja auch ein Löwe vor dem Hahnen-Geschrei
entsetzen; und doch weiss ich mehr als ein Exempel /dass Löwen aus ihren
Behältnissen sich lossgebrochen und einen grossen Hauffen Hüner / alles ihres
schreiens ungeachtet / erwürgt haben. Dieses (sagte Tussnelde lächelnd) ist zwar
ein alter Irrtum gewesen / aber zu unserer Zeit eine unfehlbahre Wahrheit
worden / indem der wegen seines Löwenmuts berühmte Germanicus Zeit seines
Lebens keinen Hahn ohne schauren und schrecken sehen oder hören können. Herrmann
beschloss: Aus allen diesen Beispielen erhellet so viel / dass gleichwie die
allgemeine Bejahung der meisten Menschen eine Sache nicht wahr zu machen vermag
/ die auch nur ein einiger mit vernünftigen Gründen verwirfft; Also könne
gegenteils die Wahrheit einer Sache dadurch keinen Abbruch leiden / ob gleich
die ganze Welt daran zweiffelte /wenn nur dieselbe auf gutem Beweis beruhet /
ungeachtet dieser kaum einem Menschen auf Erden bekant ist. Es mag demnach Rom
davor halten / oder nicht /dass Zeno Artaxias sei; so kann doch seine Unwissenheit
oder Unglauben die Sache nicht zweifelhaft machen / welche uns durch die
gründliche Nachricht der klugen Erato so unwiedersprechlich heute morgends
bestätigt ward. Und ich wollte wünschen / dass deroselben gefiel / anjetzt fort zu
fahren. Erato antwortete: Ich wäre dies zu tun nicht weniger willig / als
schuldig. Allein es ist / meines erachtens / nötig / dass Hertzog Flavius
Nachricht gebe / was ihm begegnet sei / ehe wir in denen Morgenländern wieder
zusammen gekomen sind. Hernach will ich die Armenischen Geschichten auszuführen
nicht ermangeln. Flavius nahm demnach alsbald das Wort und sprach: Sie wissen
allerseits / welcher gestalt meine gottselige Mutter mir eine scharffe
Straff-Predigt getan / als ich nebst dem Germanicus die unglückliche
Schifffahrt auf der Emse verrichten wollte. Diese harte Bezeugung der sonst so
gütigen Asblaste ging mir durch Marck und Bein und stürtzte mich in
unbeschreiblich-grosse Schwermut / dass ich wohl von Hertzen gern gesehen hätte
/ wenn ich in dem gleich drauf erfolgten Schiffbruch untergangen wäre. Allein
der Himmel gönnete mir noch eine Busszeit / in welcher ich zwar offters willens
war / von den Römern heimlich- oder öffentlichen Abschied wieder zu nehmen. Es
ging mir aber wie einem Vogel / der mit denen Flügeln in dem Leim hänget und
sich nicht davon los reissen kann / wenn er nicht zum wenigsten etliche Federn
verlieren will. Denn eben also kam es auch mir schwer an / die Römische
Ehrenstelle und Einkünfte fahren zu lassen /und mich wieder in mein Vaterland /
auf Gnade und Ungnade meines höchstbeleidigten Bruders / zu begeben. Doch hatte
ich endlich das Glück / dessen hertzgeliebteste Gemahlin zu Aten anzutreffen /
allwo ich gleich einige Völcker wurbe / die / dem Germanicus zu Dienst / mit mir
in Armenien ziehen sollten. So ists; (sagte Tussnelda /) doch muss ich zuvor
berichten / durch was Gelegenheit solches geschehen sei. Hierauf erzehlete sie
umbständlich / wie sie mit dem Germanicus und Agrippinen auf dem Marsfeld zu Rom
angekommen und vom Käyser beschencket worden / wie Catta in Ehr und
Lebens-Gefahr geraten /wie sie endlich nebst ihrer ganzen Gesellschaft mit
Hülffe des Aristides aus ihrem prächtigen Gefängnis glücklich entflohen wäre.
Der Beschluss ihrer Rede lautete / wie folget: Es mochte nunmehr etwa eine Stunde
nach Mitternacht sein / als wir uns unter freien Himel beratschlagten / was zu
tun wäre? Wir giengen alle in Manns-Kleidern und mussten uns demnach auch Nahmen
auslesen / die sich zu unserm angenommenen Geschlecht schickten. Ismene wollte
ins künftige Zenobius / Catta Hilarius / Clotildis Orpheus / ich Hermophilus /
zum stillschweigenden Andencken unserer Geliebten heissen. Die Hertzogin Rhamis
nennte sich Elpidius / die Gräfin von Nassau Ablavius / unser Wegweiser
Aristides endlich Tychicus. Wir waren also denen sieben Irrsternen an der Zahl
gleich. Aber unser Lauff war viel unordentlicher: indem etliche unter uns den
nächsten Weg nach Deutschland oder Gallien erwählen wollten; hingegen konnte ich
mir leicht einbilden / dass unsere Flucht nicht lange verschwiegen bleiben und
man uns auf solchen Wegen am ersten nachsetzen würde / darauf wir am leichtesten
in unser Vaterland wieder gelangen konten. Umb dess willen riete ich / einen
weiten Umbschweiff durch Griechenland / Tracien und Sarmatien zu nehmen. Ich
bekam endlich von allen Beifall / weil wir ohnedem nicht viel Zeit übrig hatten
/uns zu besinnen. Daher giengen wir zu Fuss in möglichster Eyl biss nach Ostia /
allwo wir aber kein ander Schiff segelfertig funden / als ein Sicilianisches.
Auf dasselbige verdungen wir uns und kamen glücklich zu Messana an. Daselbst
ruheten wir zweimahl vier und zwantzig Stunden aus / und fuhren hernach mit
einem Kauff-Schiffe durch das Adriatische und Jonische Meer nach Corint; von
dar wandten wir uns nach Aten / weil wir höreten / dass Germanicus ehester Tage
daselbst ankomen würde / weswegen man grosse Zubereitung machte / ihn mit
ersinnlichster Pracht zu empfahen; da wir denn der tugendhaften Agrippina
unsern Zustand in Vertrauen entdecken und ihres Rats uns bedienen wollten.
Jedoch / weil Catta und Clotildis von der Seelufft waren kranck und mit einem
kalten Fieber behaftet worden / mussten wir sie zu Corint sich wieder auswarten
lassen / und langeten also nicht ehe als im December zu Aten an. Man feierte
gleich damahls das Lenäische Fest und hielt /dem Bacchus zu Ehren / nach uralter
Gewohnheit /vier Schauspiele / davon das letztere sonderlich mit Stachelreden
wider übermässige Trunckenheit / Geitz /unvernünftige Urteil und andere im
Schwang gehende Laster angefüllt war und also auch dene Zuschauern am
allermeisten gefiel / nachdem ein ieder meinte / dieser oder jener wäre
getroffen / ungeachtet er vielleicht in diesem grossen Laster-Spiegel seine
Flecken so leicht hätte finden können / als anderer ihre. Das erste handelte von
der Semele / des Weingotts Mutter / die von ihrem Liebhaber / dem Jupiter / mit
Donner und Blitz getödtet worden. Das andere von dem Penteus / den die Bacchen
zerrissen haben / weil er ihres Gottes Macht verachtet hatte. Das dritte vom
Lycurgus in Tracien / so alle Weinstöcke ausgerottet /deswegen aber rasend
worden und sich selbst ins Bein hauen und ermorden müssen. Das vierdte vom Midas
/ welcher den Silenus auf freien Fuss gestellt und dem Bacchus wieder zugeführt
hat / als er von den Bauern in seiner Trunckenheit mit Kräntzen gebunden und
gefangen genomen worden; weswegen dieser besagtem Phrygischen König die
Wunderkrafft gegeben / alles / was er berührte / in Gold zu verwandeln: wodurch
er aber eine ja so grosse Torheit begangen / als da er den Vorzug in der Music
dem Appllo ab- und dem Pan zugesprochen; daher auch jener verschaffet / dass der
unzeitige Richter Esels-Ohren bekommen hat. Clotildis / weil sie nunmehr des
Tracischen Poetens Orpheus Nahmen angenommen / welcher des Bacchus Gottesdienst
zuerst in Griechenland gebracht / liess uns nicht Ruhe / biss wir uns mit ihr auf
den Platz bei Acropolis verfügten /allwo ganz Aten in einem kurtzen Begriff zu
sehen war. Aristides / (der aus der Intel Lemnos bürtig ist /) wusste nicht / dass
kein Frembder sich erkühnen darff /diesen Fest-Gebräuchen beizuwohnen. Wir
erfuhren es aber allzu zeitlich / als ein zunächst bei uns stehender Atenienser
aus unserer Farbe im Gesichte schloss / dass wir Ausländer wären. Er befragte uns
deswegen ganz freundlich und wir bejaheten auch solches ohne Bedencken /
unwissend / dass hierauf so grosse Gefahr stünde. Allein es erhub sich alsbald
ein greulich Geschrei wider uns / und fehlete wenig /unser schöner Orpheus wäre
ärger / als der Tracische / von dem wütenden Pöbel zerfleischet worden und
hätte die Neugierigkeit mit seinem und unserm Blut bezahlen müssen. Die Angst
ist sonst ein Wetzstein des Verstands und diese lehrte auch den Tychicus oder
Aristides / mit einer klugen Notlügen uns aus dem gewissen Verderben zu
erretten. Denn er rieff: Gemach! ihr edlen Atenienser! vergreifft euch an denen
nicht / die sich zu eurem Feg-Opffer wollen gebrauchen lassen. Sie erstauneten
hierüber nicht weniger / als wir / und höreten mit Entsetzen an / was er ferner
sagen würde: Habt ihr denn nicht mehr (fuhr er fort) die von undencklichen
Zeiten hergebrachte Gewohnheit / dass ihr am sechsten Tag des Monats Aprils oder
(wie ihr ihn neñt) Targelions / zwei Personen zur Versöhnung vor alle eure
Sünde abschlachtet? Seht! ich will eine von denselben sein und dencke / durch
solches gute Werck dem Apollo und der Diana einen wohlgefälligen Dienst / euch
aber keine schlechte Wohltat zu erzeigen / doch auch mir ein ewig Andencken bei
euch zu stifften. Ich bin von Ankunft ein Edelmann / und ob ich wohl wegen
meiner vornehmen Eltern und Anverwandten nicht anzeigen darf / von was
Geschlecht ich entsprossen / so könt ihr doch dessen zum wenigsten daher
versichert sein /weil ich sechs Knechte zu meiner Bedienung unterhalte. Ihr
werdet demnach es mit Danckbarkeit erkennen / in Betrachtung / dass mich nicht
etwan die verzweiffelte Armut oder das böse Gewissen wie eure gewöhnliche
Sühn-Opffer / sondern die eifrigste Andacht treibt / euch diesen Dienst zu tun.
Ich will mich zwar nicht mit eurem ehemahligen König Codrus / oder mit denen
grossmütigen Helden Cratinus /Aristodemus und Agraulus vergleichen / die sich
selbst ehedessen zu Versöhn Opffern von eure Wohlfahrt gemacht haben. Jedennoch
hoffe ich / dass mein Absterben euch eben so erspriesslich sein werde / als jener
ihres. Umb meint  willen werdet ihr auch allen meinen Leuten mit Gewogenheit
zugetan sein /nachdem keiner unter ihnen euren Gottesdienst zu entweiben /
sondern allein mich hieher zu begleiten willens gewesen ist. Man nahm hierauf
den so genanten Tychicus mit aller Ehrerbietung an / und meinte /wunder / was
denen Ateniensern vor eine Ehre wiederführe / indem ein solcher Mann / der
Stadt zum besten / sich dergestalt erniedrigte und Schmach / Fluch und Tod zu
leiden so willig wäre. Er wurd in den Tempel des Apollo gebracht / mit einem
beqvemlichen Zimmer / schönen Kleide und herrlichen Speiss und Tranck versorgt /
erhielt auch uns die Freiheit /dass wir ihm biss zu seiner Aufopfferung aufwarten
durfften und ward also zum Schein unser Gebieter aus unsern Bedienten.
    Wir kunten uns nicht gnug wundern über dieser ungemeinen Treu des Aristides
/ der sich selbst dem Verderben in den Rachen stürtzte / umb uns aus denen
Mord-Klauen des abergläubischen Pöbels unbeschädigt heraus zu reissen.
Dannenhero sonnen wir auf Mittel und Wege / wie wir ihm wieder mit Rat und Tat
beispringen möchten. Inmittelst kam Hertzog Flavius nach Aten / Volck daselbst
zu werben /begegnete ungefehr auf der Gasse dem Zenobius oder seiner
verkleideten Schwester und ward durch ihr ansehnliches Wesen und vielleicht
durch das nahe Geblüt getrieben / ihr Kriegs-Dienste anzubieten. Diese /weil sie
jederzeit viel bei ihm gegolten hatte / verhoffte auch ihn zu bewegen / dass er
uns allen aus unsern Nöten hülffe. Sie liess sich demnach werben und ward ein
Unterbefehlshaber über funfzig Mann zu Fuss; dessen Ursach unter andern war / dass
sie ihrem Zeno zu Liebe bei Eroberung des Armenischen Reichs auch etwas tun
wollte. Sie begleitete aber den Flavius in seinen Palast und erhielt etliche Tage
hernach auf ihr Ersuchen geheime Verhör / da sie ihm denn ihren rechten Nahmen /
keines weges aber unsern Auffentalt zu wissen tat / ungeachtet er sie
vielfältig deswegen befragte / biss er endlich einen teuren Eyd tat / dass er
uns dem Käyser zu verraten nicht begehrte / wenn er gleich Armenien / oder
Cappadocien / oder Comagena / damit zu verdienen wüste. Vielmehr wollte er uns
nach Mögligkeit dienen / und durch diese Busse und Besserung der Gunst seines
Bruders und der Liebe seines Vaterlands sich wieder einiger massen würdig
machen.
    Ismene überredete hierauf uns alle mit einander /das beste von Hertzog
Flavius zu hoffen. Und gewiss /solches gereuete uns keines weges. Denn als wir
ihm zusprachen / empfieng er uns mit solcher Höffligkeit /dass wir ihm hoch davor
verpflichtet sind. Wir nahmen insgesamt Kriegs-Dienste bei ihm an / und wurden
zwei Tage hernach / weil das Winter-Wetter gar sehr erträglich und der Wind gut
war / mit einem Kriegs-Schiffe in Carien verschickt / allwo wir seiner warten
und so denn ferner den Feldzug in Armenien mit ihm tun sollten.
    Als Tussnelda in ihrer Geschichte so weit gekomen war / fügte Flavius dieses
hinzu: Vier Tage nach des hochfürstlichen Frauenzimmers Abreise vollzoge ich den
mit meiner Schwester gemachten Anschlag. Ich liess mich durch den Metrodorus /
welcher selbiges Jahr Archon war / in ganz Aten herumbführen und besah das
Schloss / ingleichen alle Tempel / Marckt-Plätze / Grabmahle und Seehafen.
Solcher gestalt kam ich endlich an den Tempel des Apollo / allwo mir unter
andern der Tychicus gezeiget ward / den man als ein Schlacht-Opffer nach aller
Lust mästete. So bald ich seiner ansichtig wurde / sagte ich mit einer
angenommenen Geberde: Wie nun? du verlauffener Hund! Treffe ich dich hier in
aller Wollust an / da du von rechtswegen vorlängst am Creutz soltest verdorret
sein? Drauff kehrte ich mich zum Metrodorus mit folgenden Worten: Dieser
Aristides hat die höchste Ungnade des Käysers verdient / nachdem er demselben
etwas geraubet hat / das er höher schätzt / als ein Königreich. Ich kann demnach
nicht zugeben / dass der Ertzbube eines so gnädigen und geschwinden Todes sterbe
/ sondern gedencke selbst / ihn / als einen kundbarn Feind des Tiberius / zu
gebührender Straffe nach Rom zu bringen. Doch muss er sich erst zuvor in Armenien
schleppen lassen / damit er Zeit habe / in Ketten und Banden / oder auf der
Ruderbanck zu überlegen / wie gerecht des Himmels Rache sei / welche die
Ubeltäter / wie der Hirsch die Schlangen /aus denen tieffsten Erdlöchern zu
ihrem Verderben hervor ziehen kann. Weil nun Tychicus / (wie ihn Ismene
unterrichtet hatte /) bekannte / dass er der Kellermeister Aristides und des
Lasters der verletzten Majestät schuldig wäre / kunten die Atenienser ihn mir
nicht vorentalten / ungeachtet sie ungern dran giengen / weil sie in dem
Aberglauben steckten / alles Unglück würde sie treffen / weñ derjenige
vielleicht das Leben davon brächte / der sich zum Fluch und Fegopffer vor sie
selbst freiwillig angeboten hätte. Aristides musste also auf das Schiff / mit
welchem ich nebenst meinen Leuten den dritten Tag darnach aus dem Phalereischen
Hafen ins Aegeische Meer fortsegelte. Er liess sich aber ganz wohlgemut mit
Riemen binden / weil es nicht ewig währen sollte / und ich ihn nicht übel halten
liess. Solchergestalt kam ich endlich zu Antiochia in Carien glücklich an / und
fand daselbst unter meinen vorher geschickten Völckern alles in guter
Verfassung. Wir genossen vier Tage einer nötigen Ruhe und wollten den fünften
von dar in Pamphylien aufbrechen. Da ich denn mit dem frühesten aufstund /
etliche Hauptleute / wie auch unsere sechs in Männer-Tracht verkleidete
Amazoninnen zu mir nahm und ihnen ansagte / ich hätte einen sehr verdriesslichen
Traum von dem Aristides gehabt / also dass ich in Sorgen stünde / er würde auf
der langwierigen Reise noch entwischen / und ein grosses Unglück stifften. Daher
wäre ich willens / gleich itzo noch den verdienten Lohn ihm zu geben / und /
damit ich destoweniger Sorge tragen dürffte / dass der Bösewicht entrinnen möchte
/ der Hinrichtung in eigener Person beizuwohnen. Es durffte mir niemand
widersprechen. Ich hiess demnach den Gefangenen herzu hohlen und ritte mit ihm
bei noch währender Demmerung in möglichster Stille unter der Begleitung von
zwölf Mañ in den nächsten Wald. Alldar hielte ich ihm sein Urteil vor / dass er
sich langsam zu todte bluten und so denn den wilden Tieren zur Speise dienen
sollte. Nachdem diss geschehen war / liess ich den so genanten Ubeltäter durch den
Ablavius oder die Gräfin von Nassau an einen Baum binden und ihm eine Ader am
rechten Arm schlagen. Gleich drauf tate ich / als wenn mir etwas wichtiges
einfiele / das unverzüglich müste angeordnet werden. Daher ritte ich wieder nach
der Stadt mit einer angemassten Eilfertigkeit / und nahm alle die mit / die von
dem Geheimnis nicht wissen durfften. Denen sechs männlichen Heldinnen hingegen
befahl ich / bei dem Sterbenden zu bleiben /biss er seine Seele mit dem letzten
Blutstropffen von sich gegeben hätte. So bald ich aber weg war / lösete die
Gräfin von Nassau den Aristides vom Baum und verband ihm die Ader / gab ihm auch
herrliche Stärckungen und andere Lebens-Mittel / die sie und ihre
Spiessgesellinnen mit sich heimlich hinausgetragen hatte. Clotildisstellete ihm
einen Brief an den Rhemetalces zu / dariñen sie ihm ihre Reise in Armenien kund
machte und inständig bate / Zeigern dieses dem Sarmatischen Erbfürsten Bolessla
bestermassen zu empfehlen / damit er durch dessen Gebiet in Deutschland sicher
gehen möchte. Hiermit verliessen sie ihn im Holtz und kamen bei mir mit der
Nachricht an /dass meinem Willen eine Gnüge geschehn. Es hat auch Rhemetalces
nach der Zeit uns berichtet / dass Aristides / so bald ich aus Carien abgezogen
gewesen / sich in Tracien verstohlner Weise begeben / ihm das Schreiben
überliefert und ein anders von ihm an den Bolessla erhalten habe. Ob aber dieser
treue Mensch noch ietzo lebe / oder todt sei / kann ich nicht wissen. Doch
wüntschte ich jenes von Hertzen / umb Gelegenheit zu haben / seine Dienste
gebührender massen zu vergelten. Aus Pamphylien ging ich mit meinen Völckern in
Cilicien / da ich denn immer unterwegens durch das an jedwedem Ort auf mich
wartende Land-Volck verstärckt ward. Und endlich kam ich im grössern Armenien
an. Wie es nun daselbst vor meiner Ankunft gestanden habe / wird meine
allerliebste Erato zu berichten sich belieben lassen.
    Diese wollte hierauf antworten: Allein die ganze Gesellschaft war des
Sitzens überdrüssig und liess demnach die Tafel aufheben / weil man ohnedem der
noch etwas schwachen Adelgund einige Mittags-Ruhe göñen musste. Inzwischen aber
Herrmann seine Gäste in ein anderes Zimmer führte / ordneten Jubil und Malovend
die Ritter Diesskau und Blume an den Cattischen Hertzog Arpus ab und liessen
selbigem die längstverlangte Botschaft von Ankunft seiner Tochter in
Deutschland bringen / dabei such umb Erlaubnis bitten / die Fürstin Catta nach
Mattium zu begleiten. Als nun Erato alle ihre durchlauchtige Zuhörer wieder umb
sich herumb stehen sah / vollstreckte sie ihr voriges Fürhaben mit dieser Rede:
Das Königreich Armenien ist von langen Zeiten her wie ein schmales zwischen zwei
wilden Meeren liegendes Land gewesen / welches entweder auf der einen / oder auf
der andern Seite von denen Wellen überschwemmet / verwüstet und abgespület wird.
Denn also haben bald die Parter / bald die Römer mein väterlich Erbteil
angetastet und gleichsam zu einem sandigen Kampffplan machen wollen / auf
welchem sie ihren Streit ausführen möchten / wer unter ihnen der ganzen Welt
Könige zu geben befugt sei? Alter Geschichten nicht zu erwähnen / so ist bekant
/ dass / nachdem ich die Armenische Cron freiwillig abgelegt / der aus Partien
vertriebene Vonones sich deroselben angemasset /weil er etwa der Meinung gewesen
/ dass / wenn ein Schatz niemanden eigentümlich zusteht / habe ein jeder recht /
denselben weg zu nehmen / wer nur Lust dazu hat. Allein Artabanus in Partien
dachte auch also; und überredete dañenhero durch gute und böse Wort viel edle
Armenier / seinen Sohn Orodes zu ihrem König zu machen. Sie giengen solches umb
so viel lieber ein / weil ihnen schimpflich dünckete / den weibischen Vonones
zum Herrn anzunehmen / der denen Partern nicht gut genug gewesen war / und den
Scepter über die meisten Morgenländer sich aus den Händen so leicht und
schmählich hatte winden lassen. Nichts destoweniger / weil dieser von der Stadt
Rom gleichsam zum Sohn angenommen war /hoffte er / keine geringe Beihülffe zu
Behauptung des Armenischen Reiches von dar zu erhalten. Die tapffern Deutschen
aber hielten den Tiberius damahls so warm / dass er mehr das seinige zu schützen
/ als frembden etwas zu erwerben / bedacht sein musste. Daher bate der Syrische
Landpfleger Creticus Silanus den armen König zu sich / unterhielt ihn mit steten
Gastereien und Lustspielen / auf dass er dabei das Leid wegen seines verlohrnen
Reichs vertrincken möchte; liess ihn auch durch eine starcke Römische Leibwacht
bedienen / aus Furcht / er möchte entwischen und Händel anfangen / womit der
Käyser bei damahligen Zustand unverworren sein wollte. So stunden die Sachen in
Armenien / als Zeno vor meinen Bruder Artaxias bei der Pontischen Königin
Pytodoris zu Sinope erkant wurde.
    Die beiden Armenischen Ritter / Osaces und Tiribaces / reiseten hierauf mit
dieser neuen Botschaft in ihr Vaterland. Wie man nun das am liebsten glaubt
/was man wüntscht: also fiel es ihnen nicht schwer /fast ganz Armenien zu
überführen / dass der grosse Artaxias in seinem todt-vermeinten Sohne gleiches
Nahmens wieder lebendig worden wäre. Viel zweiffelten zwar / dass Zeno von meinem
Vater entsprossen sei; doch stimmeten sie mit jenen darinnen überein /es wäre
besser / den tugendhaften Sohn der Pytodoris / wenn er gleich nicht Artaxias
wäre / als etwan einen Partischen Tyrannen / wie Orodes / oder einen Römischen
Sclaven / wie Vonones / zum König zu haben. Denn weil die meisten auf ihren
Reisen oder bei allgemeinen Ritterspielen die heldenmässige Auferziehung der so
genanten Arsinoe zu Sinope angesehn / und gnugsam bemercket hatten / dass dieser
Pontische Hercules zwar Weibs-Kleider getragen /aber an statt des Rockens und
der Spindel Spiess und Schwerdt im Kriege / Pfeil und Fangeisen auf der Jagt /
von Jugend an geführet; so achteten sie sein eigenes Verdienst gross genug /
ihrer Cron die Wage zu halten / ohne dass man erst die Taten seiner Ahnen dazu
legen dürffte. Mein Bruder schrieb hiernächst auf ihr Einraten an den Käyser /
mit Bitte / ihm zu Wiedererlangung seines Armenischen Erbreichs behülfflich zu
sein. Er würde diss wohl nimmermehr getan haben / wenn er nicht gesehn / dass
Armenien durch die bisherige Unruhe so gar von allen Kräfften gekommen wäre /
dass man einen von diesen zwei mächtigen Widersachern / den Tiberius oder
Artabanus / zum Freunde haben müste / wenn man sich gegen den andern vor Feind
erklären wollte.
    Ich war eben damahls in Rom (sagte Flavius /damit Erato ein wenig Atem
schöpffen möchte /) als der Brieff ankahm. Jederman hörete die seltsame
Nachricht von des in der Wiege liegenden Artaxias wunderbahren Erhaltung in dem
Aretusischen Seebusem eben so an / als wenn etwa Simonides oder Euripides
erzehleten / dass so wohl Perseus als auch Telephus mit ihren Müttern / Danae und
Auge / in Kasten geschlossen / ins tieffe Meer geworffen und dennoch von denen
Wellen lebendig an Land getrieben worden. Ungeachtet nun der Käyser das
Königreich Pontus / nicht aber Armenien / vor des Zeno Vaterland hielt / so
gönnete er ihm doch diese Cron lieber /als dem feindseligen Parter; erkannte
auch / dass er sich umb das Römische Reich in der Niederlage des Qvintilius Varus
wohlverdient gemacht; suchte endlich hierdurch Gelegenheit / die mächtige
Pytodoris zu begütigen / wenn sie etwa den Todt ihres Gemahls Archelaus übel
empfinden möchte / welcher in des Tiberius Hertzen schon fest gesetzet war.
Unterdessen verursachte dieses Begehren des Artaxias / dass Germanicus aus
Deutschland zum Morgenländischen Feldzug vom Käyser abgefordert / und daher
einen Frieden mit meinem Bruder zu schliessen veranlasst wurde. Allein er hatte
so wohl auf dem Adriatischen als Jonischen Meer lauter widerwärtig Wetter /
hielte sich auch sonst bei seiner ganzen Reise ziemlich lange auf / indem er
die vornehmste Städte und Inseln in Griechenland / Tracien und Klein-Asien
besah /neue Freiheiten denen Einwohnern daselbst verliehe /dero Klagen anhörte
/ die eingerissenen Unordnungen abschafte / und die verledigten
Gerichts-Stellen mit tüchtigen Leuten besetzte / also gar / dass / wie er in
Armenien ankam / der Krieg schon zu Ende war. Denn Artabanus fürchtete sich
nicht allein vor dem weltberühmten Germanicus / der / seit dem er die Deutschen
abgehalten / nicht über den Rhein / geschweige über die Alpen / zu gehn / ob er
sie gleich unter das Römische Joch wieder zu bringen nicht vermocht / in so
grosses Ansehen bei denen Partern gekommen war / dass man ihn vor den grösten
und glücklichsten Helden achtete / den Rom iemahls erzeuget hätte; (welcher sein
Ruhm zum ewigen Nachruhm der Deutschen Tapfferkeit dienen mag:) sondern die
bekannte Herrschsucht seines Bruders Gotarzes machte auch den König höchst
besorgt / dass dieser heimtückische Hund ihn von hinten zu anfallen möchte / so
bald er mit dem mutigen Löwen Germanicus im redlichen offenbahren Kampff
begriffen wäre. Inmittelst langete ich mit vier tausend Mann ungefehr in
Armenien an und fand zwei Könige zugleich daselbst / nämlich den Artaxias und
den Orodes; von welchen jener mit drei tausend Mann aus Pontus zwei Tage zuvor
über den Antitaurus eingebrochen / und durch den meisten Land-Adel sehr
verstärckt war. Dieser aber gegenteils konnte aufs höchste acht tausend Mann ins
Feld stellen; denn die Armenier / so ihm eine Zeitlang angehangen hatten /
wurden zusehns unsichtbahr / als der bisher unsichtbahre Artaxias sich in seinem
Erbreich sehen liess. Das ganze Land unter seiner und meiner Anführung legte
sich hierauf für den Königlichen Sitz Artaxata / und schloss denselben so enge
ein / dass dem Orodes eben so angst wurde /als einem / dem das Geblüte aus allen
Gliedmassen des Leibes mit Gewalt nach dem Hertzen dringt / also dass er fast
darüber ersticken muss. Hingegen waren ich und Ismene ganz neu geboren / da
Erato und Artaxias im Lager zu uns kamen und nach angebohrner Höffligkeit sich
höchlich bedanckten / dass wir uns mit so auserlesenen Völckern eingefunden
hätten /dem rechtmässigen Erben der Armenischen Cron zu dem seinigen zu
verhelffen. Ich bezeugte hingegen eine ungemeine Freude über der Verwandelung
meines glücklichen Mitbuhlers in den Bruder meiner Geliebten / und erkannte zwar
recht und billig / dass sie ihm mit der natürlichen Liebe noch ferner zugetan
verbliebe / bate aber / ihrer ehelichen mich zu würdigen. Erato versicherte mich
/ dass sie meine beständige Gewogenheit hoch achte und zu seiner Zeit nach
Verdienst zu vergelten wollte geflissen sein. Artaxias setzte hinzu: Ich bin
meiner Schwester höchst verpflichtet / dass sie sich an meiner statt gegen den
Cheruskischen Hertzog danckbahr zu erzeigen und dessen treue Liebe mit Myrten
zu bekräntzen gedenckt /nachdem er mich mit Gold und Lorbern zu crönen bemühet
ist. Alldieweil aber auch die unvergleichliche Ismene ihr unschätzbares Leben
nicht zu teuer hält /es vor meine Wohlfahrt zu wagen / muss ich gestehen / dass
ich ihr mich ganz davor schuldig achte. Daferne demnach mein Tron einer
solchen Heldin nicht zu schlecht wäre / die ein Römisches Käysertum / oder
Partisches Königreich zu beherrschen verdient /würde ich mein wohl zwantzig mahl
kleineres Land mit dem Tiberius und Artabanus gegen das ihrige nimermehr zu
vertauschen begehren. Ismene antwortete: Mein erwehlter Nahme Zenobius kann
gnugsam dartun / dass ich die teure Zusage / so ich dem tapffern / obgleich
unbekanten Zeno in Deutschland gegeben habe / nehmlich in ihm allein zu leben /
dem grossmächtigen Artaxias in Armenien zu halten / nicht ungeneigt sei. Und ob
ich wohl an ihm nicht die Cron /sondern die Person liebe / so hat er doch die
Art eines Granat-Apffels an sich / der uns wohlgefällt / wenn er noch grün und
verschlossen ist / weit angenehmer aber wird / wenn er sich selber öffnet und
seinen ehemahls-verborgenen Purpur sehen läst. Wir hatten dergleichen höchst
vergnügliche Gespräche unter einander noch eine gute Weile / biss Tussnelda /
Catta /Rhamis und Clotildis von ihrer Wacht abzogen und Gelegenheit nahmen / uns
zuzusprechen / umb durch hertzliche Glückwüntsche ihre hohe Zuneigung gegen uns
an Tag zu legen. Nachmittags ward Kriegs-Rat gehalten und beschlossen / mit
ehesten einen Sturm auf Artaxata zu versuchen. Ehe aber solches geschahe / fiel
Orodes mit etlich tausenden in unser Lager bei Mondenschein / und weil wir ihm
dergleichen Kühnheit nicht zutraueten / fand er uns ein wenig unbereitet. Allein
/ obgleich Hermophilus nur über hundert Mann zu befehlen hatte / brachte er doch
die andern Hauptleute und gemeinen in so gute Ordnung / als immermehr bei
dergleichen Unruhe sein konnte / übete auch so ungemeine Helden-Taten aus / dass
Freund und Feind gestehn mussten / wir hätten es ihm allein zu dancken / dass wir
von den verzweiffelt-fechtenden Partern nicht eine grössere Niederlage
erlitten.
    Tussnelde verwehrete dem Flavius / sie weitläufftiger zu rühmen / indem sie
also sagte: Es würde mein schwacher Arm viel zu ohnmächtig gewesen sein /den
rasenden Orodes aufzuhalten / wenn nicht der unerschrockene Flavius selbst
hierbei getan hätte / was ihm als einem klugen Feldherrn zustund. Er raffte so
viel Volck / als er kunte / zusammen und kam mir eben zu Hülffe / als ich auf
dem vom Blute schlipferichen Erdboden gleitete und vorwärts darnieder stürtzte.
Mehr als sechs Parter waren nun mit ihren Säbeln über mich her und hätten mich
sonder Zweiffel in Stücken zerhauen / wenn er nicht gleich herzu gesprungen /
den einen Streich mit dem Schilde aufgefangen und einen andern verhindert hätte
/ indem er dem Feind eine so starcke Wunde über die Faust gab /dass er das Gewehr
und etliche Finger fallen liess: Indessen Ablavius oder die Gräfin von Nassau und
Ritter Gladebeck zwei andere hart verwundeten / also dass auch die übrigen gegen
sie sich wenden und wehren mussten. Dergestalt kame ich wieder auf die Beine und
tate nach Vermögen / was so wohl meine Soldaten-Pflicht / als die Sorge vor
mein Leben von mir erforderte. Weil nun mitlerzeit etliche hundert von unsern
Leuten sich herzu fanden / ward Orodes die Flucht nach der Stadt wieder zu
nehmen genötigt. Zwei Tage hernach wollten wir unsern Schimpff rächen. Ich hatte
auch das Glück die Mauer zu ersteigen / wurde aber nebst Ismenen und etwa zwei
hundert Mann von dem Haupt-Heer abgeschnitten. Daher wehrten wir uns aufs beste
und waren bemüht / unser Leben auf das teuerste zu verkauffen. Jedoch hätten
wir unfehlbahr unter so einer grossen Menge / da uns niemand entsetzen konnte /
erliegen müssen / wenn nicht zu unserm grossen Glück allentalben unter denen
Römern / Griechen / Armeniern / ausserhalb der Stadt / und denen meisten
Partern auf der Mauer / ein grosses Geschrei entstanden wäre: Legt die Waffen
nieder! Es ist Friede! Der wütende Orodes kehrte sich anfänglich hieran nicht /
sondern setzte meiner kleinen Gesellschaft so heftig zu / dass die Helffte von
uns todt und wir andern alle vielfältig verwundet waren. Endlich unterrichtete
ihn Abdageses / sein vornehmster Staats-Bedienter / König Artabanus befähle /
Frieden zu machen. Dahero bote er uns / wiewohl höchst-ungern / Gnade an. Ob nun
wohl dieses Wort: Gnade / mir nicht allerdings gefiel / war es doch vergebens /
uns deswegen in Streit einzulassen und in mutwillige Gefahr zu stürtzen. Wir
nahmen demnach Leben und Freiheit an und höreten hierauf / dass unten am Graben
vier Abgesandten des Artabanus stünden /die Oel-Zweige in Händen trügen und
ihren Landes-Leuten zuschrieben: des Königs Wille sei / sein Sohn solle Frieden
machen / und / dem Germanicus zu Ehren / Armenien verlassen. Weil nun ihr
Begehren nach Wuntsch derer Stürmenden war / hatten sie bald Erlaubnis erlangt /
durch das Lager biss an die Festung zu reiten / und also dem Orodes seines Vaters
Verlangen anzudeuten. Dieser / wohl wissend wie wenig mit demselben zu schertzen
wär / erwies von Stund an seinen Gehorsam / indem er den Abdageses an den
Flavius und Artaxias abschickte und das ganze Königreich zu räumen sich erbote
/ hingegen einen freien und sichern Abzug sich ausbedunge. Als sie deswegen
unter einander einig waren / führte der gewesene König sein Volck aus einem Tor
der Vestung aus / unterdessen Artaxias durch das andere einzog / und zu seiner
unbeschreiblichen Freude Ismenen nebenst mir noch lebend fand. Er verlangte zwar
/ sie möchte die Manns-Kleider ablegen und wie zuvor die Stadt-Mauern / also
auch nun den Tron besteigen. Sie wollte aber solches nicht ehe tun / biss dass
wir andern allerseits / ausser Gefahr vor dem Tiberius zu sein / verhoffen
könten. Unterdessen suchte ich die Wachs-Tafel hervor / welche mir Asblaste bei
meiner Vermählung geschencket hatte / mit der nachdencklichen Erinnerung /
dieselbe nicht ehe zu eröffnen / als biss ich mich in Artaxata befände. Sie ist
ganz klein und liegt in einem dünnen silbernen Gehäuse. Ich hatte sie
dannenhero als einen grossen Schatz schon zehn Jahr lang ohne Beschwerung bei
mir herumb getragen / aus schuldiger Ehrerbietung aber gegen eine so
hoch-erleuchtete Auslegerin des göttlichen Verhängnisses nicht ehe durchsehn
wollen.
    Als Tussnelde dieses sagte / zeigte sie der Gesellschaft die sehr zart- und
zierlich-gegrabene Schrifft /und lase nachfolgendes aus derselben ab:
                              Wehrteste Tussnelda!
                               Meine Weissagung /
                von deiner bisherigen Wallfahrt nach Artaxata /
                               ist eingetroffen.
                               Vernim nun auch /
             Was ich von deiner kunftigen Wohlfahrt zu sagen habe.
                                  Diese Stadt
                            ist das weiteste Ziel /
                               nach welchem du /
         umb den Preis der Grossmut / Gedult und Hoffnung zu erlange /
                              hast lauffen mussen.
                               Murre aber nicht /
                 dass der Himmel dir eine neue Prufung auflegt.
                 Deine Gemuts-Gelassenheit in Widerwärtigkeit
                             gefällt ihm so wohl /
                 dass er sich noch nicht satt daran gesehn hat.
                             Drumb sei zu frieden /
                      ob du gleich aus denen Morgenländern
                        nicht Perlen / sondern Tränen /
                            mit nach Hause bringst /
               und so bald du die Abend-Welt wieder betrittest /
                                  horen must /
                     deine Sonne sei blutrot untergangen.
                                 Dencke nach /
                              kann auch eine Wolcke
                     mit einem schonen Regenbogen prangen /
                   die nicht zuvor manchen Zehren vergossen?
                       oder ein Rebe sussen Wein tragen /
                            ehe er sich ausgeweinet?
                            Wurde wohl dieses Wachs
                    des Aufhebens und Ansehens wert sein /
                        dafern ihm der scharffe Griffel
                      nicht so viel Wunden gegeben håtte?
                                     Gewiss:
                    keine Vergnugung wird besser empfunden /
                   als die auf vielfåltiges Unvergnugen folgt
         und wer der Welt zum Beispiel der Beståndigkeit dienen soll /
              muss wie das Gold / mehr als eine Probe / aushalten.
                             Doch glaube getrost /
                                      dass
                wenn du vor Harm einem Schatten åhnlich worden /
                   und Herrmanns Schatten zu sehen hoffest /
                  du sein ganzes Wesen mit denen Armen fassen
                             und befinden sollst /
                 dass Schatten und Corper bei ihm einerlei sei.
                        Und also mag der Rasenhauffen /
                    womit du seine Gebeine beehren wollen /
                         zum Grabmahl deines Kummers /
                    zum Merckmahl der göttlichen Schickung /
                     zum Siegsmahl deiner Standhaftigkeit
                  und zum Denckmahl deines unverhofften Glucks
                               jederzeit dienen.
    So bald ich dieses das erste mahl gelesen hatte /(ergäntzte Tussnelda ihre
Erzehlung) machte die vermeinte Nachricht von meines Gemahls blutigen Todt / dass
mir alle Lust vergieng / in Armenien einen Augenblick zu bleiben. Mit genauer
Not liess ich mich von dem Flavius erbitten / noch drei Wochen zu verharren /
weil allein zu reisen / vor mich allzu gefährlich sein würde / er aber nicht ehe
mitziehen könnte /biss er das Heer dem Römischen Feldherrn Germanicus übergeben
hätte. Unterdessen kam dieser an / forderte alle Reichs-Stände nach Artaxata
zusammen /stellete ihnen zu ihrer unbeschreiblichen Freude den Artaxias zum
König vor und setzte ihm den Hut auf /den ich vorhin (auf deutsche Art zu reden
/) die Armenische Cron nennte. Er ist aus Purpur-Tuch gemacht /hoch und etwas
spitzig / auch starck gesteifft und mit Perlen und Edelgesteinen reichlich
besetzet; wird unter dem Kien bei denen herabhangenden Zipfeln mit einem
güldenen Hefftlein befestigt. Der hauptsächlichste Unterschied zwischen dem
Königlichen und Fürstlich- oder adelichen Hüten besteht darinnen / dass diese
nicht gerade in die Höhe gehn / sondern notwendig überhängen müssen. Artaxias
stellete hiernächst unterschiedene Gastereien / Ritterspiele und Jagten an.
Inzwischen wagte ich mich nebenst Ismenen und Clotildis / als Hermophilus /
Zenobius und Orpheus / der tugendhaften Agrippina aufzuwarten und ihr unsern
Zustand zu entdecken. Wir funden sie in grosser Schwermut / welche durch unsere
Gegenwart ein wenig gelindert wurde / wie sie uns dessen mit Worten und Geberden
versicherte. Sie erzehlete uns ihre ganze Reise von Rom aus / biss in Armenien /
kunte aber für vielen Tränen kaum reden / als sie berichten wollte / wie es ihr
zu Colophen in Jonien ergangen; Apollo (sagte sie) hat daselbst ein Heiligtum /
in welchem der Priester richts mehr / als die Nahmen und Anzahl derer Personen /
so einen göttlichen Ausspruch verlangen / erfraget / hierauf in eine Höhle geht
/ einen Trunck aus einem daselbst befindlichen Wunder-Brunnen tut / und ob er
wohl mehrenteils ganz ungelehrt ist / man auch die Fragen nur in Gedancken
abfassen darff / so antwortet er doch reimweise auf alles / was man verlanget.
So bald nun mein Gemahl angeländet war / bate er den Wahrsager ihm Nachricht zu
geben von dem / woran er gedächte? Dieser machte sich in seine Grufft und kam
mit diesen Worten wieder heraus:
Dein muntrer Helden-Geist låst dich wohl niemahls ruhn;
Du suchst es dem August an Taten gleich zu tun /
Der dich zum Enckel angenommen.
Fahr immer also fort und bilde dir nur ein:
Es werde bald die Stunde kommen /
Da du wirst dem August ganz gleich und åhnlich sein.
    Als nun Agrippina bitterlich hierüber zu weinen aufieng / wollte Ismene sie
mit diesen Worten trösten: Ich gestehe gar gern meine Einfalt. Denn ich kann
nicht begreiffen / warumb die grossmütige Agrippina über einer solchen
Weissagung sich so ungewöhnlich bekümmere / nachdem nichts daraus zu folgen
scheint /als dass Tiberius bald sterben / dero hertzgeliebtester Gemahl aber den
Käyserlichen Tron erben / und also dem August ähnlich werden soll. Wolte der
Himel /dass dem also wäre! (gab Agrippina zur Antwort /) Aber ach! nein! Es ist
meinem Germanicus vorlängst der Todt in Asien durch einen klugen Chaldäer
angekündigt worden. Und also bin ich leider! mehr als zu versichert / dass Apollo
gemeinet habe / mein Gemahl werde aufs eheste dem Augustus / nicht im Käysertum
/ sondern im Tode / gleich werden und sterben müssen. Der neue Landpfleger in
Syrien Cnäus Piso wird ohne Zweiffel hierzu beitragen / was er vermag. Denn es
bedarff dieser Atamas nicht / dass ihn eine Tisiphone rasend mache und wider uns
aufhetze / weil seine Plancina alle Furien an Bosheit übertrifft / und weder
Scham / noch Ehre achten würde / wenn sie nur ihren höchstunbilligen Hass an uns
auf das allergreulichste auslassen könnte. So leicht ein ungeheuerer Elephant
sich von einem schwachen Knaben regieren und zum Zorn wider die Feinde reitzen
läst: So wenig Mühe braucht ein ohnmächtiges Weib bei dem so genanten grossen
Piso. Wir sprachen ihr hierauf einen Mut ein / so gut es uns möglich war / und
befragten sie letzlich umb Rat / ob wir dem Germanicus unsere Anwesenheit kund
tun sollten. Sie wollte aber solches nicht gut heissen / weil er zwar sehr
gerecht / mitleidig und höfflich / dabei aber gegen seinen Vater Tiberius allzu
gehorsam wäre. Nachdem wir endlich unterschiedliche köstliche Kleinode zum
Andencken und unzähliche Küsse zum Abschied von der gütigen Agrippina empfangen
hatten / verliessen wir sie / besuchten den Hertzog Flavius und erinnerten ihn /
Anstalt zur Heimreise zu machen. Er ging umb desswillen zum Römischen Feldherrn
/ zeigte ihm seine Begierde an / in Deutschland zu ziehen und zu sehn / ob er
daselbst ein Glück antreffen und Land und Leute sich erwerben könnte; Bate
dannenhero / ihn seiner Kriegsdienste zu erlassen / weil er / (Germanicus /)
ohnedem / nach seiner persönlichen Ankunft in Armenien / deroselben nicht
sonderlich vonnöten hätte. Dieser kunte ihm solches nicht versagen / teils /
weil ihm (wie man sagte /) vom Käyser ausdrücklich befohlen war / die Deutschen
in steter Uneinigkeit unter einander zu erhalten / wozu des Flavius Vorhaben
nicht undienlich schien; sondern auch / weil er dessen ernstliche Meinung sah
und ihn / als einen freien Fürsten / keines weges wider seinen Willen zu etwas
nötigen wollte. Er gab demnach ihm / ingleichen seiner Braut / der Königin Erato
/ eine ansehnliche Menge güldener Müntzen und Edelgesteine / hierbei aber auch
einen offenen Freibrieff / darinnen allen Käyserlichen Beamten anbefohlen ward /
Zeigern dessen / den Cheruskischen Hertzog Flavius / als einen grossen Freund
des Römischen Reiches / nebenst bei sich habenden / nicht aufzuhalten / sondern
ihm mit Schiffen / Fürspann / Lebens-Mitteln / oder was er sonst begehren würde
/ ohne Entgeld auszuhelffen. Indessen langete Rhemetalces bei uns an / seine
Clotildis zu sehn / ob er wohl fürwandte / dass er den Germanicus zu besuchen
käme. Ich habe in der Erzehlung / von meinem Gefängnis auf dem Marsfeld vor Rom
/ gedacht / dass dieser Fürst dem Käyser ein Schreiben überbringen müssen /
worinnen sein Vater Rhascuporis sich entschuldigte / dass er sich der Person des
Königs Cotys versichert hätte. Tiberius und der ganze Rat antworteten: Er
sollte den Gefangenen dem Unterlandpfleger in Mösien Latinius Pandus ausantworten
und persönlich nach Rom reisen / umb seine Sache daselbst auszuführen. Dieses
stund der abgefeimten Ertzbübin Ada / des Rhemetalces Stieffmutter / keines
weges an. Dannenhero beredete sie ihren Gemahl / der gleich einem Bär nach ihrer
Pfeiffe allzeit tantzen musste / dass er ihr vergönnete / diesen verdriesslichen
Vetter auf die Seite zu schaffen und damit dem weitläufftigen Rechts-Streit zu
Rom ein kurtzes Ende zu machen. Sie ging / auf erhaltene Erlaubnis / frühe
morgends mit zweien Dienern / derer Verschwiegenheit und Geschicklichkeit sie in
dergleichen Schelmstücken mehr als einmal geprüfet hatte / und die ihr im Fall
der Not / wenn sich Cotys wehren wollte / ihr beistehn sollten / in das Zimmer /
in welchem der unschuldige König bewachet wurde und stiess ihm unter allerhand
freundlichen Zureden einen Dolch mitten ins Hertz / dass er mit den Worten: O
Himmel! dahin sanck. Die Knechte mussten hierauf die starre Hand des Sterbenden
an den Hefft des meuchelmörderischen Gewehrs legen / damit es das Ansehen
gewönne / ob hätte er sich selbst aus Verzweiffelung umbs Leben gebracht. Die
Scheide aber liess sie ihm unter dem Halse zwischen das Hembde und den blossen
Leib hinein stecken / auf dass man destoweniger zweiffeln dürffte / er wäre
vorlängst mit diesem Dolch heimlich gewaffnet gewesen / umb entweder sich selbst
/ oder wohl gar dem Rhascuporis das Licht damit auszulöschen. Nur hatte sich der
gefangene Cotys etliche Wochen zuvor unterschiedene Bücher /und insonderheit die
Wercke des Plato / zum Zeitvertreib ins Gefängnis bringen lassen. Unter diesen
suchte Ada den Phädon oder das Gespräch von Unsterbligkeit der Seele und legte
solches auf des todten Königs Schreibtisch / sonder Zweiffel darumb / weil
Marcus Cato vor sechzig Jahren ungefehr sich erstochen / nachdem er diese
Schrifft des Platons durchgelesen. Sie ging hiermit davon / und indem sie in
den Vorsaal trat / rieff sie nochmahls zur Tür hinein /dass es die Wacht hören
kunte: Wohlan! wenn euch des Plato Grillen besser gefallen / als meine Gespräche
/ so will ich euch mit meiner Gegenwart nicht länger beschwerlich sein. Umb
Mittag schickte sie /nach Gewohnheit / einige Speisen von ihrer Tafel in des
Cotys Gemach durch etliche Diener / so von der Mordtat nichts wussten. Diese
kamen mit erschrockenen Geberden zurück gelauffen und zeigten dem Rhascuporis an
/ dass Cotys sich selbst entleibet habe. So sehr sich nun dieser nebenst der Ada
/ dem äusserlichen Schein nach / hierüber entsetzte; so sehr tate es in der
Warheit der tugendhafte Rhemetalces. Sie liessen allerseits Essen und Trincken
stehn / und eileten an den Ort / allwo des Cotys Leiche lag. Ada verfluchte wohl
tausendmahl den Plato / dass er mit seiner schulfüchsischen Klugheit einen sonst
mehr als zu verständigen Fürsten so töricht gemacht / auf diese so
unvernünftige Art wider sich selbst zu wüten. Dem Rhemetalces ward hiernächst
anbefohlen / den Cörper des Cotys / so bald er in Honig gelegt wäre /seiner
Witwe / der Antiope zu überbringen / welche nebst ihren Kindern und getreuesten
Leuten eine eintzige Grentz-Festung noch inne hatte. Da hingegen das übrige
ganze Land unter der Botmässigkeit des Rhascuporis seuffzete. Ada mochte
vielleicht hoffen / Antiope würde sich aus blinder Rache an dem Rhemetalces
vergreiffen / weil seine Eltern dem Entleibten zum Selbstmord Anlass gegeben
hätten / indem / dass sie ihn so lange gefangen gehalten. Allein diese ward zwar
biss in den Todt bekümmert über dem traurigen Geschenck / das Rhascuporis ihr
überschickte; jedennoch blieb sie so vernünftig / dass sie ihres Gemahls Feinde
und Freunde gar wohl zu unterscheiden wusste. Sie beerdigte demnach die Leiche /
und zoge / des angehenden ziemlich-kalten Winters ungeachtet / nach Rom / umb
den Käyser zu bitten dass er den Bürgermeister Pomponius Flaccus / der in wenig
Wochen sein Ampt dem abwesenden Germanicus abtreten sollte / je ehe je lieber als
Landpfleger in Mösien abschickte und die Gerechtigkeit ihrer Sache untersuchen
liesse. Inzwischen berichtete Rhascuporis dem Römischen Unterlandpfleger
Latinius Pandus den tödtlichen Hintritt des Cotys. Ich halte aber gäntzlich
davor / dass der Brieff von der Tausend-Künstlerin Ada starck vergifftet gewesen
/ massen Pandus selbigen kaum empfangen und durchlesen hatte / als er kranck
wurde / und innerhalb drei Tagen lebendig und todt war. Ob ich nun wohl
hierinnen keinen Beweis wider sie aufzubringen vermag / so stärckt mich doch in
solchem Verdacht / was sich wenig Tage hernach zutrug. Nemlich sie fürchtete
ohne Zweiffel / es möchte mit der Zeit durch ihre beiden Knechte ausbrechen /
was es vor eine Beschaffenheit mit des Cotys Ende gehabt. Dannenhero gab sie ein
gross silbernes Gefäss voll Wein nebst andern Geschencken diesen ihren
Mordgehülffen / zur Ergetzung für ihre Arbeit / und versprach ihnen noch darzu
güldene Berge / die grösser sein sollten / als Hämus oder Rhodope ist. Dem einen
von diesen Buben schmeckte der Wein sehr wohl / bekam ihm aber gar übel / massen
er des morgends im Bette todt gefunden ward. Der andere hergegen / nahmens
Sitalces / hatte sich kurtz zuvor so besoffen / dass ihm gleich damahls vor allen
Essen und Trincken überaus sehr eckelte und er also seinen Teil biss auf
folgenden Tag aufheben musste. Allein er tate die Augen auf / als sein Geselle
sie zuschloss und merckte gar bald / dass Ada keinen Zeugen ihrer Bosheit in der
Welt wissen wollte. Er versuchte demnach an einem Hunde die Würckung dieses
saubern Nectars und befand / dass er mit dem stärcksten Gift angemacht wär.
Hierüber ergrimmete er und schwur / sich rechtschaffen zu rächen / die Königin
umbs Leben zu bringen / ihre Untat ihr vorzuhalten und so denn durch einen
schleunigen eigenhändigen Todt so wohl der Verfolgung des Königs / als auch der
Qvaal seines unruhigen Gewissens zu entfliehen. Er wurde zu Schein etliche Tage
kranck / nahm auch Artzeneien / die zu brechen dienen / heimlich ein. Wesswegen
Ada glaube musste / seine Natur wäre so gut gewesen / dass sie selbst das Gift
von sich weggegeben. Etliche Wochen hernach / als eben Rhemetalces von des Cotys
Witwe wieder gekommen war /brachte der rachgierige Sitalces etwas von seinen
Wein in das Taffel-Gemach / und als die Königin ihren Becher forderte /
schenckte er ihr davon ein. Sie tat einen hertzhaften Trunck / weil sie sich
von ihrem Geschöpffe / dem sie unzählig Guttaten etliche Jahr lang erwiesen
hatte / nichts böses besorgte. So bald aber dieser vermeinte / sie hätte gnug /
trat er von den Tisch / umb welchen der König / die Königin und Rhemetalces
herumb lagen und sagte: Ada hat den Cotys erstochen / des Platons Buch selbst
aufgeschlagen / und meinen Mord-Gesellen umbgebracht. Ich straffe mich ab mit
diesem Stahl / und sie selbst mit ihrem eigenen Gift. Hiermit warf er auff des
Rhemetalces Purpur-Bette ein zusammengerolletes Pergament / worinnen die ganze
Geschichte weitlaüfftiger beschrieben war / und stiess sich plötzlich den Dolch
durch die Brust / dass seine gottlose Seele mit dem Blut stracks durch die erste
Wunde den Ausgang fand / ehe sich jemand im Gemach besinnen konnte / solches zu
verwehren. Ada befahl / den rasenden Hund auf den Schind-Anger zu schleppen und
forderte den geschriebenen Zedel vom Rhemetalces / der aber selbigen erst
eilends durchsah und hernach dem König übergabe / mit diesen Worten: E. Maj.
lebe wohl! ich will lieber unter Drachen uñ Schlangenwohnen / als an einem Hoff /
da die Menschen ärger sind / als alles /was die Natur ungeheuers und gifftiges
hat. Hiermit lief er zur Tür hinaus und flüchtete sich zum Comanischen König
und Hohen-Priester / Dyteutus. Inmittelst starb Ada unter grosser Hertzens- und
Gewissens-Angst / ob sie gleich alle Arten von Widergifften / so Mitridates
erfunden / gebrauchte. Sie wurde königlich zur Erden bestattet / welche Ehre ihr
das ganze Land vorlängst hertzlich gern erzeiget hätte. Dannenhero ein
unbekanter nachfolgendes Geticht auf sie verfertigte:
Die Natter fuhrt zwar Gift / und doch auch Wiedergifft:
Der Gift / den Ada mischt / mag Wiedergifft wohl heissen /
Weil er die Ada selbst kann aus der Welt wegreissen /
Ob sie schon Nattern / Schlang- und Drachen ubertrifft.
Jedoch darff Tracien deswegen keinen Hahn
Dem Aesculapins zu einem Opfer schlachten;
Denn Ada hat verlangt / man soll die Artzenei /
Damit sie unser Land von ihrem Gift macht frei /
Als ihr selbst eig'nes Werck stets danckbarlich betrachten /
Weil sie doch ausser dem nichts gutes ie getan.
    Nicht lange hernach kam Lucius Pomponius Flaccus von Rom auf der Post in
Mösien an und verfügte sich alsbald drauf in das benachtbarte Tracien zum
Rhascuporis / der ihn / als seinen alten Hertzens-Freund / höfflich empfing und
prächtig bewirtete. Hingegen lude er ihn zu der Gasterei ein / die er zu
Axiopolis am Ister / (welcher Strohm an andern Orten die Donau heist) bei dem
Antritt seines neuen Amts denen vornehmsten Römern und Mösiern aussrichten wollte.
Des Königs böses Gewissen mochte ihm zwar sonder Zweifel abraten / sich in
Gefahr zubegeben. Jedoch die Errinnerung der alten Bekantschaft machte / dass er
dem Flaccus alles gutes zutrauete. Daher zog er mit nach Nicopolis / allwo ihm
dreihundert Römische Soldaten unter dem Schein einer Aufwartung bei allen
Schritt uñ Tritten nachfolgeten. Dies kam ihm nicht ehe / als am vierten Tage
nach seiner Ankunft / etwas verdächtig vor. In Betrachtung dessen wollte er von
seiner Heimreise reden / wurde aber mit vielen Schmeichel-Worten von dem
Landpfleger ersuchet / die Ehre seiner werten Gegenwart ihm noch etwas länger
zu gönnen. Sie ritten folgenden Morgen auf die Jagt / da er sich denn etliche
mahl von dem Flaccus entfernete / aber allezeit durch die Römische Leib-Wacht
wider gehohlet ward. Das letzte mahl wegerte er sich mit zu gehn / und bate / in
seinem Nahmen den Landpfleger zu grüssen / vor bisher erzeigte Höffligkeit zu
dancken und ihn zu entschuldigen / dass er nicht persönlich Abschied genommen
/aus Furcht / man möchte ihn allzu sehr nötigen /über einer langwierigern
Lustreise seine notwendigen Reichs-Geschäffte zuversaümen. Allein der Hauptmann
Clodius Celer bate untertänigst / der König möchte ihn nicht in die
unvermeidliche Ungnade seines Herrn bringen / der ihm und allen seinen Leuten
die Schuld geben würde / wenn ihm das Glück / mit dem grossen Rhascuporis /
(welchen er nächst dem Kayser über alles in der Welt hochschätzete /) sich
gebührend zu letzen / entgehen sollte. Er musste sich demnach hierdurch gewinnen
lassen und wieder umbkehren. Unterdessen bekam Flaccus Befehl von Rom / den
gemachten Schluss ehest zu vollziehn. Daher als ihm der Tracische König mit
ziemlich-ernstaften Worten seinen festen Vorsatz heimzureisen andeutete /
fügte er ihm hingegen zu wissen / der Kayser verlange gar sehr / ihn als einen
treuen Bundsgenossen des Römischen Reichs bei sich auf ein paar Monat zu sehn
und eine und andere Lust / ihm zu Ehren / anzustellen. Rhascuporis brachte
unzählich viel Aussflüchte auf die Bahn / solche Spatzierfahrt abzulehnen. Da
aber Flaccus sah / dass kein Bitten verfangen wollte / wurde er letzlich
gezwungen zu sagen: Es ist des Keisers Wille / dass ich eure Majestät nach Rom
begleite. Und wird am besten sein /sich in einer Sache nicht zu sperren / die
unvermeidlich / doch wie ich hoffe / Deroselben weder schimpff- / noch schädlich
ist. Solchergestalt ward er unter grosser Ehrerbietung / wie ein aufgeputztes
Opffervieh / wider seinen Willen in Italien getrieben. Wie es ihm nun daselbst
ergangen / ist mir nicht bewust. Inzwischen hatte der Landpfleger an den
Rhemetalces geschrieben / er möchte sich des Königreichs Tracien annehmen /
davon ihm die Helffte von rechtswegen zustünde / die andere aber seines
unschuldig-ermordete Freundes / des Cotys / Söhnen eigentümlich verbleiben
müste. Deñ das sollte er versichert sein / dass Rhascuporis nimmermehr Tracien
wieder sehn / und man ihm / als einem / der seiner gesunden Vernunft nicht
recht gebrauchen wollte /gleichsam einen Vormund ordnen würde / der achtung gebe
/ dass er weder sich selbst / noch jemand anders schaden könnte. Er bedürffte ja
einer solchen Person eben so sehr / als seine vorerwähnten unmündigen Vettern /
denen Trebellienus Rufus vom Kayser auf eben die Art zum Vormund bestimmt wäre /
gleichwie der Rat zu Rom die Aufsicht über des Ptolomäus Philopators Sohn dem
Marcus Aemilius Lepidus vor zeiten aufgetragen hätte.
    Rhemetalces verfügte sich nach Empfahung dieses in sein Erb-Königreich /
welches ihn willigst zum Beherrscher annahm / wiewohl er sich aussdrücklich
bedunge / dass er seinen Vater umb Cron und Scepter zu bringen / nicht willens /
sondern ihm beides zu überliefern bereit wäre / dafern er jemahls wieder von
denen Römern in vorige Freiheit sollte gesetzt werden. Sein Stiefbruder Taxiles
demütigte sich vor ihm und bate / ihn nicht entgelten zu lassen / was Ada
verschuldet / sondern zuverhoffen / dass so wenig ein Fluss deswegen saltzig sein
müste / ob er gleich aus der See entspringe / so wenig habe er einige
Feindseligkeit und heimtückischen Groll gegen ihn von seiner Mutter geerbet /
von welcher er selbst nicht läugnen könnte / dass sie einem wilden / ungetreuen
und unruhigen Meer allzugleich gewesen sei. Der neue König erbot sich zu
brüderlicher Gewogenheit und gab ihm eine aussträgliche Ehrenstelle in seinem
geheimen Rat. Der ehrliche Aristides hatte sich bisher in Tracien beständig
aufgehalten / weil er nicht gewust / wo Rhemetalces in der Welt lebte. Damahls
aber wartete er ihm auf / übergab ihm der Clotildis Schreiben /ward vortrefflich
beschenckt und endlich in Sarmatien fortgeschickt. Als nun Rhemetalces seine
Regierung in gute Ordnung gebracht hatte / tate er eine Reise in Armenien / kam
allda obbesagter massen an / und machte mir alles ietzterzehlte kund / da wir
uns eben zu unserm Abzug fertig hielten. Dieser erfolgte auch endlich und
liessen wir den Zenobius und Orpheus /(oder Ismenen und Clotildis /) zu Artaxata
/ nachdem sie Saloninen von der Königin Erato in ihre Dienste erbeten hatten /
damit sie in der Frembde eine ehemahls bekannte / getreue und der Landes-Art und
morgenländischen Sprachen kundige Weibesperson ümb sich wissen möchten. Sie
werden sonderzweifel allbereits ihr Beilager mit denen Königen Artaxias und
Rhemetalces vollzogen haben / ob ich schon hiervon noch zur Zeit keine rechte
Nachricht zu geben weiss. Wir andern giengen mit dem Flavius / als seine
Bedienten / durch Cilicien in die Mittelländische und folgends in die
Adriatische See / da uns deñ bald Sturm und Wind / bald ein Fieber / das die
Fürstin Catta abermals befiel / teils zu Creta / teils zu Corcyra / ein
ziemliche Zeit aufhielt / allentalben aber des Germanicus Freibrief wohl zu
statten kam. Mich verlangte unausssprechlich / meinen Gemahl wieder zu sehn /
nachdem ich drei ganzer Jahr solches Glücks entbehren müssen. Daher eileten wir
nach Mögligkeit / durch die Carnischen und Norichischen Lande / in das
Marckmännische Gebiet / alldieweil wir schon in Griechen-Land erfahren hatten /
dass der Deutsche Feldherr Marbods Cron anietzo trüge. Allein wir wurden überall
mit tränenden Augen bewillkommet / und angereitzet / Herrmanns Todt zu rächen.
Dies war eine Sache / darzu wir uns nicht weniger verpflichtet achtete / als
willig befunden. König Jubil stiess mit funfzehn tausend ausserlesenen Mañ zu uns
und wir brachten in die fünff und dreissig tausend Marckmänner / Semnoner /
Langobarden und Marsinger zusamen. Unser Zug ging aus dem Marckmännischen ins
Hermundurische / von dar ins Langobardische und zu allerletzt ins Cheruskische.
Hiermit beschliesse ich meine Erzehlung / nachdem alles /was sich mit uns in
diesem Herzogtum begeben /ihnen insgesamt noch in frischen Andencken ist.
Dieweil ich aber die Begebenheiten des Marsischen Herzogs wissentlich mit
Stillschweigen übergangen habe / wird er selbst sich gefallen lassen / sie
absonderlich vorzubringe.
    Malovend antwortete: Ich will nicht weitlaüfftig anführen / welcher gestalt
ich von Agrippinen zu der Cattischen Herzogin Erdmut mit der erfreulichen
Nachricht von des Hochfürstlichen Frauen-Zimmers Flucht abgesandt worden und so
glücklich gewesen sei / dass Herzog Arpus mich / an statt des weitwürdigern
Jubils / wegen bekanter Umbstände / zum Schwieger-Sohn erwehlt habe. Ich ging
hierauf durch Italien und Griechen-Land in Syrien und Armenien. Jedoch war
diejenige / die ich suchte / nirgends zu sehn / teils weil sie sich noch in
Griechen-Land wider meine Vermutung verweilete / teils auch /weil sie unter
dem Manns-Kleide und dem Nahmen Hilarius sich so gut verbergen konnte / als
Aretusa in der neblichen Wolcke / umb welche ihr Liebhaber Alpheus herumbgehet
und / ihrer würcklichen Anwesenheit ungeachtet / sie anzutreffen nicht vermag.
Ich hielte mich nun in die andere Woche zu Tospia im grössern Armenien auf /
und wollte voll verzweifelten Unmuts wieder in Teutschland gehn / weil ich alle
Hoffnung verloren gab / den Zweck meiner Reise zuerreichen. Nichts destoweniger
erwartete ich noch die Ankunft des Herzogs Flavius / mit welchem ich ehemahls
so wohl unter Freunden / als Feinden unsers Vaterlands höchstvertraulich gelebet
hatte. Sobald ich endlich denselben zu sprechen bekam / erteilte ich ihm von
meinem bisherigen Glück und Unglück aussführliche Nachricht. Allein er wollte /
ohne der Fürstin Catta Erlaubnis / mich mit dem Trost nicht erfreuen /dass sie
mir näher wäre / als ich gedächte. Er tate ihr etliche Stunden hierauf in
geheim zuwissen / dass Herzog Jubil / wegen der Sache mit dem Saturninus /seine
Verlobung vor nichtig achte und ich hingegen seine Stelle zu bekleiden
verhoffte. Allein sie liess sich damahls vornehmen / (wie ich nach der Zeit von
ihr erfahren habe:) Sie könnte Jubiln nicht verargen / dass er sich einer solchen
Person zu entäussern willens gewesen / die bei ihm durch eine so verkleinerliche
obgleich lügenhafte Nachricht aus der vorigen Hochachtung wär gesetzt worden.
Auch müste sie ihn wegen dieser seiner Leichtglaübigkeit erst hören / als
verdamen. Solte er aber ja einer vorsätzlichen und beharrlichen Untreu schuldig
sein / ungeachtet Diesskau ihm ohne Zweifel berichtet hätte / dass sie der
vermeinten Schande ohne Verletzung ihrer Ehre entgangen wäre; würde dennoch ihre
Rache darinnen hauptsächlich bestehn / dass sie ihn durch eine sorgfältigere
Beobachtung ihrer so teuren Zusage beschämete / jedoch auch nachgehends täte /
was sich gebührte.
    Mittlerweile ward ich mit dem schöne Hilarius bekant / und sobald ich die
Aehnligkeit meiner Fürstin in ihm funde / trug ich ihm Freundschaft an / die er
deñ mit grosser Demut annahm / weil ich zwar nicht dergleichen verdiente /
gleichwohl sein angenommener geringer Stand erforderte / mir als einem Fürsten
solchergestalt zubegegnen. Kurtz drauff legte er eine merckwürdige Probe von
seiner Gewogenheit gegen mich ab als / wir Artaxata belagerten und einsmahls in
der Nacht von denen Partern unvermutlich überfallen wurden. Denn gleichwie
Tussnelda und Flavius den einen Hauffen / welchen König Orodes selbst anführte /
rühmlichst widerstunden: also musste ich mich an einen andern Ort des Lagers mit
dem Abdageses in ein scharff Gefechte einlassen. Ich werde wohl nicht zu viel
reden / wenn ich sage / dass ich zwölff Feinde mit eigener Hand niedergehauen
habe. Jedoch kann man selten einen Fersenstich vermeiden / wenn man einer
Schlangen den Kopf zertreten will. Ich bekam so viel Wunden / dass ich endlich
kraftlos zu Boden fiel. Und wäre von dem Abdageses unfehlbahr hingerichtet
worden / wenn nicht der tapfere Hilarius alsbald herzugeeilet / sich über mich
gestellt und mich so lange beschirmet hätte / biss er von dem Ritter Tiribaces
entsetzet und in ein Gezelt geführet wurde / sich am rechten Arm verbinden
zulassen / an welchem er mir zum beste gefährlich verwundet war. Ich wusste vier
Tage lang wegen heftiger Verblutung kaum von meinen Sinnen / geschweige von
meiner hohen Wohltäterin und befunde mich noch ehe in Artaxata / als in
vollkommener Gesundheit. Doch wurde es täglich besser und besser; und hierauf
vernahm ich mit grosser Danckbegierde / wie Hilarius mich so gar hoch
verpflichtet hätte. Ich liess ihn demnach zu mir fordern /da eben Herzog Flavius
in Begleitung des Hermophilus mich besuchete / und bote ihm zur Belohnung an
/was er verlangen würde / und in meinem Vermögen stände. Er antwortete: Die
eintzige Wohltat / die ich von Herzog Malovenden zu empfahen fähig bin / kann
ihm nicht schwer ankommen / dafern ihm nur beliebet mich ihm damit höher
zuverbinden / als wenn er mir viel tausend Stück Goldes verehrete. Ich ruffte
unverzüglich so wohl den unsichtbaren Gott / als den Flavius und die verkleidete
Tussnelda zu Zeugen / dass ich alles willigst einzugehn bereit wäre. Hilarius
nahm zu seiner Forderung Aufschub biss zu meiner völligen Genesung. Als nun
endlich auch diese erfolgte / begehrte er von mir in Gegenwart unserer beiden
Zeugen / ich möchte ihm so münd- als schrifftliche Versicherung tun / dass wenn
der Hermundurische Herzog seiner verlobten Fürstin Catta von der Zeit an
beständig gewogen verblieben wäre / da er von ihrer unverletzten Keuschheit
durch seinen Abgesandten gnugsame Wissenschaft erhalten hätte / ich bei dero
Vater dem Herzog Arpus die Vollziehung ihrer mit Jubiln so festgesetzten und
teuer-beschwornen Heirat nicht hindern sondern nach Vermögen befördern wollte.
Ich sah ihn hierauf traurig an / und sagte: Hilff Himel! wie kömt Hilarius auf
die Catta zu reden? In dem Augenblick aber erkannte ich / dass diese grosse Fürstin
selbst unter dem schlechten Soldaten-Rock anwesend wäre. Ob nun wohl meine Liebe
mir tausend Aussflüchte an die Hand gab / mein Wort zurück zu ziehn / so
nötigten mich doch die beiden Fürstinnen / (die nicht länger läugnen wollten /
wer sie wären /) nebenst dem Flavius und der gesunden Vernunft / dass ich meine
Zusage halten / und das so billige Begehren der tugend-vollkommenen Catta
vollstrecken musste / zumahl da mir die Hoffnung zu ihr nicht abgegeschnitten
wurde / auf den Fall / dass ihr ehemahliger Bräutigam sich inmittelst
verheiratet hätte. Wir traffen nun diesen treuen Liebhaber nach unserer
Rückreise zu Boviasmum an und vernahmen alsbald aus seinen ersten Worten / dass
ich mich der bei Hertzog Arpus erlangten unverdienten Gunst nicht zum Schaden /
sondern zum besten der edlen Liebe dieses durchlauchtigen Paars zu gebrauchen
verpflichtet wäre.
    Hiermit schwiege Malovend. Siegmund aber satzte dieses zum Beschluss hinzu:
Es ist bekant / dass ich ein Priester des todten Drusus zu Mäyntz vor drei Jahren
geworden / umb vermittelst der klugen Hermengardis / den jungen Tumelich vom
Tode zu erretten / uñ solcher gestalt wieder aus zubüssen / was ich durch
Entführung meiner Schwester Ubels begangen habe. Den Schimpff / ein solcher
Götzen-Knecht zu sein / könnte ich nicht länger ertragen / als biss zu meines
Vaters Todt / da ich mein Amt aufgabe / unter dem Vorwand / dass ich meine
Erblande zu beherrschen willens wäre. Die heimtückischen Römer würden mir
vielleicht die Erlassung sauer gnug gemacht haben / daferne sie nicht vermeint
/ durch mich eine neue innerliche Krieges-Glut in Teutschland zu erregen; Massen
sie nicht viel grossmütiger gesinnet seind / als eine Art von Leuten / die
Feuers-Brünste gerne sehn / damit sie hernach unter und nach dem Brande die
Häuser ausräumen oder (auf Deutsch zu reden) bestehlen und sich mit anderer
Schaden bereichern mögen. Ich vernahme aber allzu zeitlich auf der Grentze / dass
alle deutschen Fürsten mein Erbteil dem Segimer zuerkant hätten. Dannenhero
wusste ich nicht / was ich anfangen sollte / weil ich meine Einkünfte bei denen
Römern aufgegeben und dennoch keine bei den Chassuariern hoffen durffte. Ich
zoge also wieder nach Mäyntz / allwo des Qvintus Veranius itzigen Cappadocischen
Landpflegers jüngster Bruder Cajus Veranius meine Stelle allbereit bekleidete.
Daselbst lebte ich von meinen erspareten geringen Mitteln / und erkühnte mich
endlich / vor wenig Monaten König Herrmannen schrifftlich anzuflehn /mir zu dem
meinigen wieder zu helffen und so oft er wegen des Verlusts seiner Gemahlin
gegen mich zu Zorn gereitzet würde / an die Erhaltung seines Cron-Erbens zu
gedencken / welcher mit einem einigen liebreichen Blick meine Sache besser
führen könnte /als der beste Redner mit unrählich Worten. Ich erwartete
unterdessen keine Antwort / sondern liess mich vor einen Hauptmañ über hundert
Mann unter etlichen Völckern annehmen / die der Käyser von Rom aus in die
Morgenländer sandte. Als ich aber unterwegens zu Corcyra den Flavius antraff /
söhnte der mich bei Tussnelden wieder aus / machte mich mit gutem Willen meines
Obersten von den Kriegs-Diensten los und munterte mich auf mit nach Boviasmum
und von dar anher / nach Teutschburg / zu gehn. Ich lebe nunmehr der gewissen
Zuversicht / der tugendhafte Sesitach werde nach seiner gnugbewährten Grossmut
auf Zureden seiner Frau Mutter und aller gegenwärtigen hohen Häupter / sich der
Billigkeit gegen mich befleissen / die Chassuarier mir abtreten und mit
Beherschung derer Dulgibiner vergnügt sein.
    Dieses Gespräch verzog sich / biss es Zeit war / die Abendmahlzeit
einzunehmen. Folgenden morgen reiseten Catta / Jubil und Malovend / in
Begleitung drei hundert Hermundurer / nach Mattium / nachdem ietztgedachter
König alle seine Völcker biss auf tausend Mann in sein Reich zurück zu gehn
befehlicht hatte /weil er dem Feldherrn mit so viel Gästen beschwerlich zu sein
befürchtete. Hingegen kam zwei Tage drauf der Ritter Kanitz als Gesandter vom
Sicambrischen Hertzog an und legte bei König Herrmannen die Glückwüntschung ab /
so wohl wegen gedämpffter sehr gefährlichen Unruhe im Cheruskiscken Hertzogtum
/ als auch wegen der höchsterwüntschten Heimkunft der Königin Tussnelda;
hinterbrachte dabei / dass Hertzog Franck auf den ersten Mäy sein Beilager mit
der Ascanischen Fürstin Leitolde zu vollziehn gesonnen wäre / weswegen dessen
Vater Hertzog Melo bäte / der König und dessen Gemahlin wollten geruhen / nicht
nur diesem hochfeierlichen Ehren-Fest beizuwohnen / sondern auch Eltern-Stelle
bei der hochfürstlichen Braut zu vertreten. Der Feldherr nahm Glückwüntsch- und
Einladung mit gebührendem Danck an / erbote sich zu allem / was Hertzog Melo
verlangte / zumahl da der Fürst von Ascanien ihm ehemahls grosse Dienste getan
/ und er sich also gegen dessen hinterbliebene Tochter / die hertzogliche Braut
/ desto danckbarer erweisen müste / nachdem er der Asche des
ritterlichverblichenen Vaters keine Freundschaft erzeigen könnte. Er vernahm
hiernächst / dass als Leitolde nach geendigten fünffjährigen Gelübd der
Jungfrauschaft /mit gewöhnlichem Gepränge / vor dem Heiligtum der Herta die
Freiheit wieder erlangt / sich nach Belieben zu verheiraten / wäre Hertzog
Franck aus dem Schwalbacher Sauer-Brunnen dahin gekommen /den Gebräuchen
zuzusehn; hätte aber von der Stund an sich die unvergleichliche Schönheit und
Tugend dieser Fürstin so wohl gefallen lassen / dass er vermittelst der Gräfin
von Benteim ihre Bekantschaft gesucht und endlich die Zusage einer getreuen
Gegen-Liebe erhalten habe / daferne Hertzog Melo solchen Heirats-Schluss gut
heissen wollte. Wegen ein und andern Absehns / wäre zwar dessen väterliche
Einwilligung etliche Jahr lang biss ietzt verzögert worden. Nunmehr aber sei der
ganze Sicambrische Hof mit diesem Eheverbündnüss dermassen wohl zu frieden /dass
Hertzog Franck es nicht besser wüntschen könnte. Ungeachtet nun Graf Spiegelberg
schon vor ein paar Tagen nach Novesia abgereiset war / die Heirat des Flavius
und der Erato der sämtlichen Sicambrischen Herrschaft anzumelden; so ward doch
Ritter Malzahn befehlichet / eben dahin eilfertigst zu gehen und inständigst zu
suchen / dass Hertzog Franckens Beilager auf einen Tag und an einem Ort mit des
Flavius seinem / nämlich auf den funfzehenden April und nach Teutschburg /
verlegt würde; wobei er auch berichten sollte / dass König Jubil sich gleichfalls
wohl gefallen liesse / seine Verlobung mit der Fürstin Catta zu solcher Zeit und
an eben diesem Ort durch die Ehe zum vergnüglichen Endzweck zu befördern /
woferne Hertzog Arpus nicht etwas einzuwenden hätte / welches man doch nicht
verhoffen wollte.
    Malzahn kam acht Tage hernach wieder / mit der angenehmen Nachricht / Melo
habe den getanen Verschlag zu allen Danck angenommen und sich gar sehr
verpflichtet erkant / dass Herrmann und Tussnelda mit so grosser Beschwehrung und
Unkosten sich als Eltern bei Leitolden zu bezeugen so willig wären. Inmittelst
sonne man vergeblich nach /warumb der Sicambrische Hertzog die Vermählung seines
Sohnes mit der Ascanischen Fürstin biss anher nicht zugeben wollen. Diesem
Zweiffel aber halff Aristides ab / der folgende Woche zu Teutschburg anlangete.
Er wurde mit überaus grosser Freude von der danckbahren Tussnelde willkommen
geheissen / königlich beschencket / auch in den Deutschen Adelstand und zu einem
ansehnlichen Ehren-Amt erhoben. Auff befragen / wo er so lange gewesen /
antwortete er: Eure Majestät werden sich gnädigst erinnern / dass die Fürstin
Clotildis mich an König Rhemetalces /und dieser an den Sarmatischen Cron-Erben
Bolesla verschickt habe. Letztbenennter Fürst war damahls zu König Marboden
verreiset / umb dessen Tochter Adelgund Anwerbung zu tun / welche anietzo
Hertzog Inguiomers Gemahlin ist. Dahingegen er nach der Zeit mit des
Bastarnischen Fürstens Brittomartes Schwester / und dieser mit jenes seiner
verheiratet worden. Weil ich nun den Bolesla so weit zu suchen Scheu trug / aus
Furcht / Marbod möchte mich gefangen nehmen lassen und nach Rom schicken;
ergriff ich die Waffen unter dem Sarmatischen Könige Jagello / der seine
auffrührischen Untertanen / die Reussen / mit Gewalt zum Gehorsam brachte. Der
Cimbrische Fürst Friedlev stunde ihm hierinnen treulich bei. Ich hatte das Glück
/ unter seinem Befehl zu fechten /und weil ich einsmahls ihn aus einer
augenscheinlichen Gefahr erretten halff / erlangete ich eine so ungemeine hohe
Gewogenheit bei ihm / dass er mich auch nötigte / ihn in Norwegen / nach
geendigten Reussischen Krieg / zu begleiten. Dieses Reich war des unlängst
verstorbenen Suionischen Königs Erichs Eigentum gewesen / aber von zwölff
mächtigen See-Räubern eingenommen worden. Wesswegen dessen Sohn und Erbe / Haldan
/ den tapffern Friedlev in Sarmatien persönlich suchte und bate / ihm wider
diese allgemeine Feinde der Mitternächtigen Länder mit seinem sieghaften Heer
beizuspringen. Dieser tat solches gar gern / verjagte die Raub-Vögel und setzte
dem Haldan die Norwegische Cron auff / vermählete ihm auch nachgehends seine
Schwester Schulda / welche sonst ihr Vater nicht lange vor seinem Ende an des
Sicambrischen Hertzogs / seines alten Freundes / ältesten Sohn verlobet hatte.
Allein als Froto starb / und Zeitung einlieff / dass Hertzog Franck wider seinen
Willen von seinem Vater Melo zu der Cimbrischen Heirat gezwungen würde /
verdross es die grossmütige Schulda dermassen / dass sie sich gar leicht erbitten
liess / dem Suionischen König Haldan / auff Begehren ihres Bruders / Friedlevs /
die Hand zu geben. Worüber eine unbeschreibliche Freude unter denen Suionen
entstund / weil man vor etlichen Jahren auff einem Marmelsteine unter der Göttin
Freja Bilde im güldenen Tempel zu Upsal eine Weissagung gefunden hatte / dass /
wenn Dan und Sueno oder das Cimbrische und Suionische Haus sich zusamen
vermählen würden / sollte dieses in tausend Jahren nicht ausssterben. Weil nun der
Sicambrische Hertzog gesehen / dass dem Himmel die Verehlichung seines Sohnes mit
einer königlichen Tochter nicht gefiele / soll er sich entschlossen haben /
nimmermehr denselben zu einer Staats-Heirat zu nötigen. Es sind nunmehr vier
Jahr / dass Froto im fünff und funffzigsten seiner Regierung von einer Zauberin
/unter der Gestalt einer See-Kuh / ermordet worden. Man wollte anfänglich ungern
seinen Tod kund machen / damit nicht so viel umbliegende Länder / die er seinem
Cimbrischen Reich einverleibet hatte / abfallen möchten / zumahl da der einige
rechtmässige Erbe Friedlev nicht zu Hause war. Dannenhero liess man die Eingeweide
aus dem verblichenen Cörper heraus nehmen / mit Essig abwaschen / nachmahls
inwendig und ausswendig ungeleschten Kalck / Alaun und Saltz etliche Tage lang
mit Fleiss hinein reiben / endlich aber königlich ankleiden / auff einen Stuhl
setzen und also aus einer Stadt in die andere tragen / damit es das Ansehen
gewönne / ob wäre er noch lebendig / aber wegen hohen Alters so schwach / dass er
nicht mehr auff die Füsse zu treten vermöchte. Jedoch als niemand mehr vor
unleidlichen Gestanck umb ihn bleiben konnte / ward er bei Wera / einer Brücken
in Seeland / prächtig beerdiget. Unterdessen erscholle das falsche Gerücht im
gautzen Reich / Friedlev wäre in einer Schlacht wider die Reussen auff dem Platz
geblieben. Umb dess willen gerieten die Cimbrischen Stände auff den seltsamen
Vorschlag / demjenigen den Scepter zu geben / der die Feder am besten zu führen
und dem Könige eine geschickte Grab-Schrifft zu machen wüste. Ein so grosser
Lohn reizte den Hiarn an / dass er nachfolgendes Geticht verfertigte:
Die treuen Dähnen mussten klagen /
Dass sich des Froto Geist nicht länger halten liess;
Doch ward sein Leib sehr lang durch sie herumb getragen.
Die Ehre / die das Land des Froto Schahl' erwies /
Bezeigt / wie hoch es sei dem Kern / der Seel / gewogen.
Die Erde schliesst zwar hier den blassen Leichnam ein;
Doch mag der grosse Himmels-Bogen
Vor diesen grossen Held das Grab-Gewolbe sein.
Allein der gute Hiarn tat sehr übel / dass er die Poetischen Lorbern mit einer
güldnen Cron vertauschete; weil Friedlev bei seiner Rückkehr aus Norwegen ihm
unvermutlich über den Hals kam und ihn erstlich zwar umb das Reich / welches er
zwei Jahr besessen hatte / endlich auch umbs Leben brachte. So bald dies
geschehen war / nahm ich gebührenden Abschied /welchen wir auch der König /
nebenst vielen unverdienten Geschencken / willigst gab. Ich machte mich hierauff
an diesen Ort / allwo ich Eure Majestät (dem Himmel sei Danck!) nach eigenem
hohen Wuntsch vergnügt gefunden / und das unschätzbare Glück erlanget habe / dass
ich meine übrige Zeit in Dero untertänigsten Diensten beschliessen darff.
    War nun diese Nachricht des Aristides Tussnelden angenehm: so war es
vielmehr die / welche Tiribaces /der Abgesandte des Königs Artaxias / zu Ende
des Mertz-Monats aus Armenien mitbrachte. Denn nachdem selbiger die Begrüssung
bei Herrmannen /Tussnelden / Flavius und Erato im Nahmen seines Herrns abgelegt
hatte / und gebeten ward / die Morgenländischen Geschichte / so nach der Königin
Erato Abzug sich begeben / kürtzlich / doch ordentlich / zu erzählen / tat er
dem Befehl mit diesen Worten eine Gnüge: Es ist ietzo andertalb Jahr / dass
Hertzog Flavius mit seiner durchlauchtigen Gesellschaft mein Vaterland verliess;
dazumahl kamen gleich Partische Abgesandten mit einem Gefolge von vier hundert
Mann / die mit dem Germanicus die alten Bündnisse erneuerten. Indessen
verlieffen zwei Monat / welche die wohlbekandten Zenobius und Orpheus in ihrer
männlichen Kleidung zubrachten. Hiernächst legten sie weibliche Tracht an und
liessen sich / als Ismene und Clotildis / bei der Agrippina anmelden / weil sie
nun nicht mehr besorgten / dass ihre Offenbahrung der Königin Tussnelda oder
Fürstin Catta schädlich sein könnte. Germanicus war zu solcher Zeit in Syrien und
ordnete ein und anders daselbst an. Er ward aber von denen Königen Artaxias und
Rhemetalces ersuchet /auff ihrem Beilager zu erscheinen. Nun missfiel ihm zwar
anfänglich in etwas / dass das andere Frauenzimmer durch ihre heimliche Flucht
ein Misstrauen gegen ihn bezeiget hätte; allein seine Gemahlin besänftigte ihn
durch ein Schreiben / worinnen sie beteuerte / es sei derer sämtlichen
Deutschen Fürstinnen Verschwiegenheit nicht aus Mangel einer guten Zuversicht zu
ihm entstanden / sondern aus Besorgung / er möchte / nach seiner weltberühmten
Grossmut / sie weder am Leben noch Freiheit gekräncket / und also grosse
Verantwortung beim Käyser auff sich geladen haben; welches ihnen allerseits /
als seine grossen Freundinnen / sehr zuwider würde gewesen sein. Diss machte /
dass er sich zu Artaxata einfand und einem dreitägigen Gastgebot / Ringelrennen /
zwei Schauspielen / einer Wasser-Jagt im Tiger-Fluss und dergleichen
Lustbarkeiten / beiwohnete. Rhemetalces zog nach Endigung solches Freuden-Festes
mit seiner Gemahlin Clotildis in Tracien; Und Germanicus nebenst Agrippinen zu
Anfang des neuen Jahrs in Aegypten / die der Orten befindlichen vielen
Altertümer in Augenschein zu nehmen. Ehe er von dar wiederkam / mussten zwei
Könige durch einen blutigen Todt büssen / dass der eine zu viel böses / der
andere zu wenig gutes getan. Durch jenen verstehe ich den Rhascuporis / des
Rhemetalces Vater / welcher durch des Pomponius Flaccus List nach Rom gebracht /
von des Cotys Witwe Antiope verklagt und vom Käyser verurteilt war / in
Aegypten zu Alexandria in einem freien Gewahrsam seine Lebens-Zeit zu
beschliessen. Jedoch trieb er es nicht lange / sondern ward unter dem Vorwand /
als hätte er heimlich ausreissen wollen / von denen zu seiner Bewachung
bestellten Soldaten erstochen. Der andere ist Vonones / so ehemahls Partischer
und hernach Armenischer König /endlich aber ein Possenspiel der Römer und ein
Beispiel der Unbeständigkeit des Glücks geworden. Diesen brachte man auf Befehl
des Germanicus / dem Artabanus zu Gefallen / aus Syrien in die Cilicische
Seestadt Pompejopolis. Als er nun im vorigen Sommer auf die Jagt mit seiner
Römischen Leibwacht ausritte / blendete er / (wie das Geschrei geht /) den
Hauptmann Remmius Evocatus mit etlichen Geschencken /dass er dieses grosse
Wildpret entwischen liess. Allein der gute Vonones trat kaum den allzu fernen Weg
durch Armenien und Albanien zu seinem Blutsfreund / dem Scytischen König / an /
als er schon das Ziel seiner Reise und Lebens vor sich sah. Deñ er ward noch in
Cilicien beim Fluss Pyramus von dem Vibius Fronto gefangen genommen / und / damit
er nicht die rechte Beschaffenheit von seiner Flucht entdecken möchte / stiess
ihm Remmius Evocatus / der ihn zum Schein auf allen Strassen verfolgt hatte /
mit einem angemassten Zorn den Degen durch den Leib / so bald er ihn antraff.
Solchergestalt sind beides Rhemetalces und Artaxias dererjenigen lossworden / von
denen einiger Anspruch auf die Tracische und Armenische Cron zu befahren war.
Bald nach diesem schiffte Germanicus wieder aus Aegypten in Syrien zurück. Nun
war daselbst zeit seiner Abwesenheit alles / war er in Ordnung vormahls gebracht
/ durch den boshaften Landpfleger Cnäus Piso ganz verändert / und einer
Matematischen finstern Kammer ähnlich worden /worinnen alles umgekehrt
aussiehet. Uber solchen Frevel erzürnte er sich heftig sehr; jedoch / weil
diese Gemüts-Regung ihn umbs Leben zu bringen nicht vermochte / nahm Piso seine
Zuflucht zu der beschriebenen Zauberin Martina und bekam von ihr ein langsam
tödtendes Gift / welches er dem teuren Helden über der Tafel durch dessen
bestochenen Mundschencken beizubringen wusste. Er zog hiernächst nach Seleucia
und wollte von dar aus / die Würckung seines Bubenstücks abwarten. Solche
äusserte sich auch gar bald; Indem der Feldherr alle Farbe und Fleisch verlohr /
hingegen mit reissen in allen Gliedern geplagt ward. Man fand auch unter den
Türschwellen und in den Ritzen der Wände in seinem Palast unterschiedene
Stücken Menschen-Fleisch / Zauber-Reime / bleierne Täfelein / worauf der Nahme
Germanicus geschrieben stund / und dergleichen. Weil nun des Piso
Todtfeindschaft ihm stets vor Augen schwebte / kunte er niemand anders / als
eben denselben wegen seiner höchstschmertzlichen Kranckheit in Verdacht ziehn.
Er liess ihm demnach /nach uralten Gebrauch / alle Freundschaft aufkündigen /
und befehlen / Syrien zu räumen / vermahnte die Agrippina zur Gedult / alle
Umbstehenden aber zur Rache / und erfuhr endlich im vier und dreissigsten Jahr
seines Lebens / dass der Todt einem Schatten ähnlich gewesen und vor ihm geflohen
/ wenn sein unerschrockener Mut in so viel Schlachten unter denen Spiessen und
Schwerdtern der Feinde ihn gesucht / hingegen ihm nachgeeilet wäre / da er sich
demselben gern entziehn wollen. Er ward zu Antiochia ohne Bildnüsse seiner Ahnen
oder andere gewöhnliche Pracht verbrant. Doch war ihm das Ehre gnug / dass der
grosse Partische König und alle Morgenländer umb seinet willen die Trauer
anlegten / und jederman gestehn musste / dass er dem grossen Alexander im
blühenden Alter / hohen Ankunft / ansehnlichen Leibes-Gestalt / Tapfferkeit /
Siegen und Todtes-Art gleich / in Leutseligkeit gegenteils / Keuschheit und
Mässigkeit weit vorzuziehn sei. Weil das in Agrippinens Hertzen lodernde Feuer
der Liebe und Rache sie gleichsam keine Kälte fühlen lassen / hat sie mitten im
Winter das Aschen-Gefäss nach Rom geführt und vor wenig Wochen in des Augustus
Begräbnis beigesetzt. Der neidische Tiberius ist bei iederman in Verdacht / dass
Piso alles auf seinen Befehl getan; jedoch ist kein Zweiffel / jener wird
diesen von dem wolverdienten Todt / dessen der Römische Rat und Volck ihn
schuldig erkennen / nicht erretten / alldieweil solche Wüteriche die Verräterei
zwar lieben / den Verräter aber hassen / durch anderer Bestraffung den Ruhm
eines unsträfflichen Wandels zu erhalten sich bemühen / und also der Welt eine
blaue Dunst machen / ob sie gleich vor denen allsehenden Augen des Himmels und
ihrem eigenen Gewissen ihre Misshandlungen nimermehr verbergen können.
    So hat doch gleichwohl Apollo zu Colophon wahr geredet / (sagte Erato /) ob
schon die weisse Tussnelda ihn unlängst vor eine Larve des lügenhaften
Höllen-Geists hielt? Sie ärgere sich nicht / wehrteste Erato / (antwortete
Tussnelda) dass ich in dieser Meinung beharre. Zukünftige Dinge wissen ist zwar
eigentlich ein göttlich Werck. Nichts desto weniger kann der arglistige
Ertzbetrüger mit leichter Mühe zuvor verkündigen / was er durch seine Werckzeuge
/darunter der verruchte Piso gehört / zu verrichten gesonnen ist. Gesetzt /
Germanicus habe seine Gedancken weder münd- noch schrifftlich eröffnet / so war
es doch vermutlich / dass er nichts höher verlange zu erfahren / als was seine
Reise in die Morgenländer vor einen Ausgang gewinnen würde / bei derer Antritt
er / und noch mehr Agrippina / sich so besorgt erwiesen hatten. Warumb sollte nun
der so genante Apollo nicht gedacht haben: Entweder wird er / ungeachtet aller
meiner Anschläge wider ihn / den Feldzug glücklich beschliessen / den ziemlich
alten Tiberius überleben / und solcher gestalt dem August im Siegen und im
Käysertum ähnlich werden; Oder / wo er / wie ich hoffe / durch den Piso das
Leben verliert / so ist er dennoch dem August zum wenigsten in diesem Stücke
gleich. Was mochte demnach den Wahrsager-Götzen hindern / den von Agrippinen uns
erzehleten Ausspruch abzufassen und seinem Priester einzugeben? Sonst aber ist
er ja wohl mehr / als einmal so schlecht bestanden / dass er nicht die geringste
Antwort / will nicht sagen auf Gedancken / sondern auf deutliche Fragen /
aufzubringen gewust. Als der berühmte Calchas bei einer trächtigen Sau vorbei
gienge / wollte einer von ihm wissen / weñ und wie viel Ferckel sie werffen /
auch von was Farbe diese sein würden? Allein jener musste durch das
Stillschweigen seine Unwissenheit verraten. Der jetzt lebende Aegyptier Apion
begehrete einsmahls einen Götter-Ausspruch / an welchem Ort Homerus geboren
wäre? Er musste aber ohne Nachricht wieder abziehn. Und ich erinnere mich gar
wohl / wessen ein gelehrter Mann auf meiner Rückreise aus Armenien mich
glaubwürdig versichert hat / mit diesen Worten: der Delphische Apollo / wenn er
aus den Gestirnen keine Antwort zusammen buchstabiren kann / pflegt er die
Fragenden zu bitten / ihn mit dieser oder jener Sache zu verschonen / sonst wo
sie ihn nötigten / Bescheid zu geben / wollte er / ihnen zur Straffe / lauter
Lügen vorbringen.
    Erato gab sich hiermit zufrieden und Herrmann verlangte von dem Tiribaces /
er möchte das Beilager des Flavius abwarten / nach welchem er seine
Abschieds-Verhör erhalten sollte. Unterdessen kam der dritte April herbei / auff
welchem der Land-Tag der Cheruskischen Stände aussgeschrieben war. Dieweil nun
diese wider Herrmannen unter dem Vorwand auffgestanden waren / als könten sie
nicht leiden / dass er aus ihrem Hertzogtum ein Königreich machte /vermeinten
sie ihren Fehler zu verbessern / indem sie eine köstliche Cron verfertigen
liessen / und ihm anjetzt dieselbe übergaben / nebenst untertänigster Bitte /
sich hinfort nicht mehr Cherusskischen Hertzog / sondern König zu schreiben. Sie
wussten aber nicht /ob sie ihren Augen und Ohren trauen sollten / als der Deutsche
Feld-Herr das Geschenck zwar annahm und einen Augenblick auffs Haupt setzte /
doch alssbald dem neben ihm stehenden Flavius überreichte und sie also anredete:
Edle Cherussker! Ich habe bisher in meiner höchsten Unschuld die unbillige
Nachrede erlitten / als ob ich eure wohlhergebrachte Freiheit zu kräncken / und
euch wohl gar zu Leibeigenen zu machen trachtete. Wäre es nun bei blosser
Nachrede geblieben / so müste ich endlich solches so wenig / als das Summen
einer unverschämten Fliege achten / dessen sich weder Tiberius / noch Artabanus
/ (die grössesten Welt-Monarchen /) entbrechen können. Allein wer weiss nicht /
was dieser verdammte Argwohn vor ein wirklich Unheil gestiftet? wie er mich ins
Gefängnis und die teuren Grafen Nassau / Stirum /Teckelnburg und so viel
tausend andere tapffere Helden umbs Leben gebracht? Segimers und seines gleichen
anietzo zu geschweigen. Dergleichen Ubel ins künftige zu verhüten / will ich
hiermit meine Herrschaft über euch niederlegen und gerne mit der Botmässigkeit
über die Marckmänner / Semnoner / Langobarden und Marfinger / so noch nicht das
geringste Missfallen über meiner Regierung bezeuget haben /vergnügt sein; nur /
damit meine Neider sich nicht beschweren dürffen / dass sie bei meinem Wachstum
/ wie die übelriechenden Zwibeln bei zunehmenden Mond / abnehmen müssen. Dencket
nicht / als ob ich wegen des zwischen uns vorgegangenen einen unversöhnlichen
Hass auff euch alle geworffen / und willens sei / mich gleich dem Scipio
Africanus zu rächen /der von der Stadt Rom einen so unerträglichen Undanck vor
seine Woltaten einnehmen musste / dass er sich aus Verdruss auff sein
Linternisches Land-Gut begab und befahl / wenn er gestorben wäre / ihn daselbst
zu begraben / diese Schrifft aber über seine Grufft zu stellen: Undanckbahres
Vaterland! du solst nicht einmal meine Gebeine haben. Nein! Wehrteste
Cherussker! Ich weiss / dass ihr nicht alle schuld seid; Ich will auch nicht die
Schuldigen nennen / sondern sie ihrem eigenen Gewissen zur Straffe übergeben /
und allein durch Verschenckung einer Cron erweisen / dass ich weniger Sehnsucht
nach dergleichen Beschwerung trage / als man sich bisher eingebildet hat. Gewiss
derjenige / der nimmermehr mit Reichs-Aepffeln ersättiget werden kann / ist
(meines Erachtens) viel unseliger / als Tantalus. Wer hingegen seine
Hersch-Sucht nach dem Befehl der gesunden Vernunft beherschet / ist grösser /
als wenn er die ganze Welt unter seiner Gewalt hätte. Sonsten dient mir der
grosse Marcomir zum Exempel / als welcher nicht mehr Deutscher Feld-Herr zu sein
begehrte / sobald ihn dünckte / dass sein Reichs-Apffel von der Eris mit dem
ihrigen aussgetauschet worden; weswegen er denn solchen seinem Bruder Ingram
willigst überliess. Gleichergestalt finde ich auch niemand zu meinem Nachfolger
im Cherusskischen Hertzogtum fähig / als meinen Bruder / einen Held / dessen
Verstand und Tugend ungemein und tüchtig sind / euch die Hoffnung zu machen /
ihr werdet das Gute / so vielleicht an mir sein mag / bei ihm nicht vermissen
/und gegenteils das / was ihr an mir getadelt / in besserer Vollkommenheit
antreffen. Sein Geblüt und mein Wille macht ihn zu euren rechtmässigen
Ober-Herrn. Ich bin mich ihm selbst schuldig / nachdem ich ihm die Erlösung
meiner Gemahlin und ältesten Sohns zu dancken habe. Er ist zwar durch
Adgandestern und Luitbranden verleitet worden / der Römer Seite eine Zeitlang zu
halten. Allein es gibt wenig Deutsche Fürsten / bei denen die Liebe so tieff in
ihr Vaterland eingewurtzelt gewesen / dass diese beide Sturm-Winde sie nicht
ausszureissen vermocht. Die Ruhm-würdigen Taten / die Flavius vor und nach
seinem Versehen / oder (wenn es ja so heissen soll) Verbrechen begangen hat /
nehmen dieses gleichsam in die Mitten / dass man es weder von dieser / noch jener
Seiten erblicken kann. Und ein solcher nun völlig verschwundener Flecken darff
ihm so wenig zur Schmach gereichen / als der Sonne die ihrigen / weil doch er
und sie durch gütigen Einfluss solche nicht stets-währende Mängel völlig ersetzen
werden. Drumb so lebt wohl / liebste Cherussker / unter diesem eurem Hertzog /
und (wenn es euch so gefället /) neuem Könige! Der Himmel segne alle dessen
weise Anschläge / ihm zum ewigen Ruhm / euch zur Ruh und Frieden. Wegere ich
mich gleich / als König /euch fernerweit zu befehlen / so bin ich doch bereit
/als Feld-Herr / mit Rat und Tat euch iederzeit zu dienen / so / dass ihr bei
dem Flavius etwas gewinnt /das ihr noch nicht gehabt / und bei mir nichts
verliehren solt / das bissanher zu eurem Nutzen gereichet ist.
    Herrmann wollte hierauff davon gehn. Allein etliche hundert Cherussker
verraten ihm den Weg und baten in der grösten Unordnung / mit wüste unter
einander gehendem Geschrei / ja zum Teil mit Tränen / solchen Vorsatz zu
ändern und sie dessen nicht entgelten zu lassen / was sie nicht alle verdienet
hätten. Sie versprachen auffs künftige unbrüchliche Treu und solchen Gehorsam /
dergleichen er von allen seinen neuern Untertanen nimmermehr erhalten würde.
Sie hielten ihm vor / dass kein erstgebohrner Edelmann sein Stamm-Haus dem
jüngern Bruder gerne überliesse; wie viel weniger ein Fürst seine Erb-Lande?
Flavius selbst fasste den Feld-Herrn bei der Hand / und beteuerte höchlich / dass
er sich niemanden zum Beherrscher auffzudringen verlange. Ungeachtet nun diese
Versamlung dem tobenden Meer nicht unähnlich war / so erwies sich doch auch
Herrmann als ein Fels / der durch das Geräusch der umb ihn brausenden Wellen
sich im geringsten nicht bewegen lässt. Endlich als die Unruh kein Ende nehmen
wollte / sagte er mit heller Stimme: Tretet hervor / die ihr etwas an dem Flavius
findet / das ihn / euer König zu sein /unwürdig machet! Weil sich aber dessen
niemand erkühnete / nahm er die Cron / satzte sie seinem halb-unwilligen Bruder
auff / und rieff überlaut aus: Es lebe der Cheruskische König / Flavius! Die
Grafen und Ritter / so Herrmann in würcklichen Diensten behielt / wiederhohleten
solches Geschrei. Denen folgeten die / so sich nicht ganz rein von der
neulichen Verräterei wussten / oder bei dem neuen König einzuliebeln gedachten;
und also mussten die übrigen ihr Unvergnügen unterdrücken. Herrmann sprach das
ganze Königreich abermals von der Pflicht los /womit es ihm bisher verbunden
gewesen / und nötigte die sämtlichen Stände einen andern Eyd alsbald zu leisten
/ dass sie nämlich dem Flavius / als ihrem Erbherrn / fortin treu / hold und
gewärtig sein wollten. Der neue König beschwuhr die uralten Land-Gesetze und
verhiess / mit solchem unermüdeten Fleiss vor die gemeine Wohlfart aller seiner
getreuen Untertanen zu sorgen / dass sie verhoffentlich des getroffenen Wechsels
nicht gereuen sollte / ungeachtet er sich dessen wohl bescheidete / dass er seinem
unvergleichlichen Bruder zwar nachahmen / nimmermehr aber gleich werden könnte.
    Es wurde auch die Tussnelden zugedachte Cron durch etliche Abgeordneten des
Landes der Erato in ihr Zimmer überbracht; die sämtlichen Stände aber zu einem
grossen Gastgebot auff den Abend eingeladen /wobei der Feld-Herr mit seinen
gewesenen Untertanen / denen Cherusskern / sich letzete.
    Vier Tage hernach kam Malovend wieder und berichtete / dass / da er und sein
alter Mitbuhler Jubil mit der Fürstin Catta in Mattium eingezogen / jederman mit
Schmertzen erwartet habe / was die Ursache ihrer so vertraulichen Einigkeit
wäre. Nachdem aber Arpus den ganzen Verlauff vernommen / hätte er die
ehemahlige Verlobung des Hermundurischen Königs und seiner Tochter alsbald
bestätigt / und eingewilligt /dass das Beilager mit des Flavius seinem zugleich
den Fortgang gewinne; er würde / nebenst ganzem hochfürstlichem Hause / auff
den zehenden dieses unfehlbar zu Teutschburg sich einfinden und seinen Danck vor
die unverdiente Gastfreiheit des Feld-Herrn persönlich abstatten. Dieses
geschahe auch / indem umb bestimmte Zeit der Cattische Hertzog Arpus / und
dessen Gemahlin Erdmut / dero Sohn Catumer /Schwieger-Tochter Adelmunde /
Schwieger-Sohn Jubil / und Tochter Catta sich einstelleten. Den eilfften kam der
Sicambrische Hertzog Melo an / in Begleitung seiner Schwieger-Tochter Leitolde
/ beiden Söhne Franck und Dietrich / wie nicht weniger seines Bruders Beroris.
So blieben auch die andern erbetenen hochfürstlichen Gäste nicht aus / nämlich
der Chaucische Hertzog Ganasch und seine Gemahlin Teudelinde / ingleichen der
Chassuarische und Dulgibinische Fürst Sesitach / wovon der letztere den
zwölfften / jene den dreizehenden anlangeten. Der ältere Dietrich / Batavischer
Oberstadtalter / der Frisische Hertzog Malorich / Alemañische Ariovist uñ
Schwäbische König Vañius liessen sich durch etliche Gesandten wegen
zugestossener Unpässlichkeit entschuldigen. Melo / Arpus und Ganasch samt ihrer
Gesellschaft wurden durch den Flavius unter einem starcken Gefolge von vielen
Grafen und Rittern mit grosser Pracht eingeholet / von Herrmannen / Tussnelden /
Erato / Ingviomer / Adelgund / Rhamis und Siegmund auf das freundlichste
bewillkommet und täglich mit so wohlgefälligen Gesprächen unterhalten / dass sie
sich eusserst würden gewegert haben / wenn Aeneas / Tullus / Ancus und ihre
übrige von denen Römern selig gepriesene Gesellschaft / die lieblichen /aber zu
einem steten Stillschweigen verdamten Elysischen Felder vor das lustige
Teutschburg ihnen zum Tausch angeboten hätten. Vornehmlich ward Siegmund
unvergleichlich froh / als Sesitach in Gegenwart so vieler hoher Häupter sich
erbote / ihm die Chassuarier abzutreten und mit der Herrschaft über die
Dulgibiner zufrieden zu sein. Den vierzehenden meldete sich ein zwar ungebetener
/ aber höchstwillkommener Gast an. Das war Asblaste / des Feldherrns und des
Flavius leibliche Mutter. Der Ritter / der ihr in das Cimbrische Heiligtum die
Freuden-Post von ihrer Söhne Wohlergehen hatte bringen sollen / verfehlte zwar
ihrer. Allein / nachdem sie aus erleuchteten Geist das / wozu der funfzehnde
April bestimmt wäre / längst zuvor gewust / als kame sie in ihrer Alironischen
Tracht an / umb ihren Segen denen drei verlobten Paaren zu erteilen; welcher
denn keinem angenehmer war / als dem Flavius / dieweil dieser bisher einen
stetsnagenden Wurm im Gewissen gehabt / seit dass ihn seine Mutter bei der Emse
mit solcher Strenge angegriffen hatte. Nunmehr aber vergnügte es ihn destomehr /
als sie ihn recht hertzlich in ihre Armen schloss / zum Zeichen / dass sie mit
seiner Busse und Besserung völlig zu frieden wäre.
    Endlich brach der zur Vermählung angesetzte Tag an; dannenhero sich die
ganze durchlauchtige Gesellschaft mit dem allerfrühesten in einen nahe bei der
Stadt gelegenen verschlossenen düstern Wald erhub /den man zu dergleichen
Verrichtungen gebrauchte /nachdem der abgebrante Tanfanische Tempel noch in Asch
und Staube lag. Als nun so viel hochfürstliche und unzählig gräflich- und
adeliche Personen etwan zwantzig Schritt zwischen denen Bäumen gegen morgen zu
hingegangen waren / stiessen sie auf eine hohe mit Lorbern und Myrten-Reisern
umbwundene Ehren-Pforte. Durch diese gelangte man auf einen weiten runden Platz
/ dessen Wände aus lauter dicht neben einander aufgewachsenen Eichen bestund.
Mitten darinnen erblickte man eine sehr dicke / mit starcken schattischen
Aesten. Umb diese machten drei Rasen-Altäre ein vollkomenes Dreieck / nach der
Zahl der verlobten königlich- und fürstlichen Paare; gleichwie auch in eben
solcher Stellung gleich so viel in einander gezogene doppelte Nahmen an dem
eussersten Umbkräyss dieses Orts sich sehn liessen. Jeglicher war sechs Ellen
hoch und breit / aus dünnen /doch starcken Drat verfertiget / an welchem mehr
als tausend kleine gläserne und mit Zimmet-Oel angefüllte Lampen ganz nahe
neben einander hiengen. Also /dass man in denen unzähligen Flammen gegen Ost das
F. und E. gegen Sudwest das J. und C. gegen Nordwest aber das F. und L. gar
deutlich erblicken konnte. Gegen Suden stunden die drei Gratien / Talia /Aglaia
und Euphrosyne / in Lebens-Grösse / fast ganz nackend und umbarmeten sich unter
einander. Das Gestelle / auf welches man alle drei zugleich aufgerichtet hatte /
erklärete das Absehen auf die drei Bräute in dieser Unterschrifft:
                               Wundert ihr euch /
                   dass die drei noch nie getrennten Holdinnen
                           sich so eifrig umbfangen?
                      Sie letzen sich vor ihrem Abschied;
                        Weil Flavius / Jubil und Franck
               sie anietzt trennen und unter sich teilen sollen.
    An der Nordseite sah man die drei Hesperischen Nymphen / Aegle / Aretusa
und Hesperetusa / unter der Gestalt der Erato / Catta und Leitolde; Derer jede
einen güldenen Apffel in der rechten Hand trug. Auf ihrem Fussbodem fiel
jedermann nachfolgende Schrifft durch seine grossen vergüldeten Buchstaben
trefflich ins Gesicht:
                   Rühme dich nicht / erdichteter Hercules /
                    dass du die Hesperischen Aepffel erobert.
                           Sie werden noch alle drei
                      vor gleich so viel Helden gesparet /
                        die vorlängst durch ihre Taten
                     deine Fabel zur Warheit gemacht haben.
    In Westen über der obgedachten Ehren-Pforte sasse die Tugend auf einem Tron
/ hatte unter denen Füssen einen Blitz / Meergabel und schwartzen eisernen
Scepter liegen / und zoge aus einem Topff / den das Glück hielte / drei Zettel
hervor / auf welchen die Nahmen Erato / Catta / Leitolde verzeichnet waren; Zur
rechten Hand stund die Liebe / welche mit ihrer brennenden und überaus
wohlriechenden Fackel hinüber leuchtete / dass man die Schrifft (die sonst durch
den Schatten des düstern Hayns in etwas verdunckelt ward /) füglich lesen konnte.
An denen drei Stuffen des Trons aber erblickte man neun Zeilen:
               Des Jupiters / Neptuns und Plutons berühmtes Los
              lässet der Teilung des Flavius / Jubils und Francks
                             den Vorzug des Glücks.
                   Dort kunte nur einer den Himmel erlangen.
                            die andern beide mussten
                   mit dem wilden Meer und der düstern Hölle
                                vorlieb nehmen:
                           Hier aber bekömmt jedweder
                            einen Himmel auf Erden.
    Gegen Süd-Ost und Nord-Ost stunden zwei grosse Pfannen mit glüenden Kohlen /
in welche Ambra /Weirauch / Agtstein / Wacholderbeern / Zimmetrinde und allerlei
herrliche Oele und gebrante Wasser /eines umb das andere unauffhörlich
geschüttet wurden.
    In diesem geweiheten Wald vor obbeschriebenen drei Rasen-Altären trauete der
alte Libys den Flavius mit der Erato / den Jubil mit der Catta / und den Franck
mit Leitolden. Drei weisse Pferde / unterschiedene Tauben und Sperlinge wurden
geschlachtet und verbrant / indessen die Barden annehmliche Lob-Gesänge
erschallen liessen. Ein jeder Bräutigam gab seiner Braut ein Joch weisser Ochsen
und ein vortrefflich Reit-Pferd / benebst Lantze / Schild und Schwerd. Hingegen
verehrten diese jenen drei vollständige Rüstungen. Kurtz zu sagen: alle die bei
Herrmañs und Tusneldens Vermählung beschriebene Gebräuche wurden hier
wiederhohlet / und nachdem unter solchen über zwei Stunden verflossen waren
/verfügte man sich wieder nach Teutschburg. Daselbst ward der Tag bei einem
unvergleichlich-kostbahren Gastmahl hingebracht / in welchem nicht allein Nord
und West einen vollständigen Auszug aller ihrer Güter auf die Tafel lieferten /
sondern auch Ost und Sud mit ihren Reichtümern den Mangel derer kältern Länder
überflüssig ersetzten. Die sonst leicht-vergnüglichen Deutschen erwiesen anietzt
/ dass sie beides der Kargheit und der Uppigkeit feind wären / und so wohl
Sparsamkeit als Freigebigkeit zu rechter Zeit anzuwenden wüsten. Es verzog sich
das Gesundheit-Trincken / unter denen Gesängen derer Barden und allerhand
lustigen Gesprächen / biss gegen Abend / an welchem ein artiger Tantz zwo Stunden
lang angestellet wurde. Hierauf speiste man nochmahls und brachte endlich die
Neugetraueten in ihre Schlaffgemächer /allwo sie die so lange vorentaltene
Liebes-Schuld mit Wucher einfordern mochten. Der folgende Vormittag verlieff
unter denen gewöhnlichen Opffern und Einsegnung der neuen Eheleute.
    Der siebenzehende April war zu einer Wirtschaft bestimmt / an welcher
fünffhundert königlich- fürstlich- gräflich- und adeliche Personen alle Stände
und Lebens-Arten in der Welt vorstellten / wie das den vergangenen Nachmittag
geworffene Los einen jeden hierzu veranlassete. Zu dem Ende hatte Herrmañ dem
Barden Lebrecht anbefohlen / alle zum Auffzug notwendigen Kleider etliche Tage
zuvor herbei zu schaffen und in guter Bereitschaft zu halten. Jedweder
Gesellschafter musste einige Reime mitbringen / darinnen er seinen falschen
Stand auf seinen wahren Zustand deutete. Welcher massen / zum Exempel / König
Jubil einen Fischer / mit der Kleidung / dem Netze und Angelrute / vorbildete /
auch deswegen sich also vernehmen liess:
Wohlan! es sei also! ich will ein Fischer sein:
Die Liebes-Gottin selbst kommt in mein Netz hinein /
Die sich der Catta Leib zum Auffentalt erlesen /
Sonst aber ist ein Fisch im Riesen-Krieg gewesen.
    Hingegen ward Catta eine Alironie / hatte ihre Kleider mit einem ertztenen
Gürtel aufgeschürtzet / zu Feld geschlagene Haare / blosse Arme und Füsse. Sie
nahm daher eine wahrsagende Geberde an sich / und tate ihrem Amte mit folgenden
Ausspruch eine Gnüge:
Die Liebe machet mich zur Alironie /
Jubil! dir kund zu tun / es werde Catta eh' /
Als ihre Gunst zu dir / in Asche sich verkehren:
Ihr Holtzstoss soll sich einst Liebes-Glut verzehren.
    Flavius bekam den Titel eines Königs / und dadurch Gelegenheit also zu
reimen:
Du / blindes Gluck! machst mich zum Konig;
Doch hilfft mich deine Wohltat wenig:
Nim sie nur wiederumb zuruck.
Mein Herrmann ist mein rechtes Gluck.
Dem will ich stets zu Dienste leben;
Er kann das Wesen selbst / du nur den Schatten geben.
    Erato sollte zwar / laut des von ihr erhobenen Zettels / eine Jungfrau
abgeben / die sich mit einem ewig-währenden Gelübde der Herta verbindet /
nimmermehr zu heiraten; weswegen sie ihre Haare in Knoten gebunden und mit
einem Fichten-Crantz bedeckt / sonst aber einen langen weissrötlichen Rock mit
vielen güldenen Streiffen / wie auch weisse Holtzschuhe / angezogen hatte.
Jedoch nötigte sie ihr allbereit vollzogenes Eheverbündnüss zu sagen:
Kömmt auch das Los zu spät? Wie? macht nicht Flavius
Dass Herta nun bei mir der Freia weichen muss?
Zur steten Jungfrauschaft kann man mich nicht weih'n:
Doch geh' ich das Gelübd der steten Keuschheit ein.
    Franck führte den Nahmen eines Herolds / einen Crantz von Oelzweigen auf dem
Haupt / eine Schlangen-Rute in der rechten Hand und diese Worte gegen seine
Leitolde im Munde:
Erschrick nicht / ob ich mich gleich einen Herold nenne!
Ich bringe Frieden mit. Doch / wenn ein Liebes Streit
Dir / Wert'ste / mehr gefållt / so bin ich auch bereit
Zu sehn / wer unter uns am besten lieben konne.
    Es musste sich eben fügen / dass Leitolde zur Amazonin durch das Los
erkläret ward. Dannenhero sie den Liebes-Krieg annahm / welcher darinnen von dem
Martialischen unterschieden ist / dass dieser nur denen Unerfahrnen / jener aber
denen Erfahrnen süsse vorkömt. Sie zoge mit Helm / Schwerdt / Pfeil und Bogen
gewaffnet auf. Doch kunte ihr weisser Flor nicht allerdings verdecken / dass sie
mehr als eine Brust hätte. Weil man nun nicht allein der Pfeile und Bogen /
sondern auch grosser Steinschleudern zum Kriegs-Geschütz sich damahls gebrauchte
/ redete sie ihren Gemahl also an:
Solt' ich die eine Brust zum Pfeil-Gebrauch verbrennen?
Nein! sicherlich! sie ist das Zeughauss keuscher Lust.
Der Liebe grob Geschutz bestehet in der Brust;
Der holden Augen-Strahl ist nur ihr Pfeil zu nennen.
    Hieraus wird in etwas zu ersehen sein / auf was massen die ganze
Gesellschaft Nahmen und Kleidung verändert habe. Sie zogen allerseits etliche
mahl / nach dieser durchs Glückgemachten Ordnung / im Schloss-Platz herumb / da
denn der Graff von Solms /der sich ehemahls Catumern zum besten wollte entaupten
lassen / die Ehre genosse / als Feld-Herr den ganzen Hauffen der Herren zu
führen. Das Los hatte ihm eine Gräfin von Schwartzburg zur Gemahlin angewiesen.
Und es kam noch vor Abends dahin /dass aus Schertz Ernst / und er / durch
Vermittelung seines Herrns / mit diesem wunderschönen und reichen Fräulein
verlobet wurde. Sie wusste sich im übrigen so vernünftig und bescheiden zu
erzeigen / dass jederman ihr das Glück gönnete / den Tag über das Oberhaupt des
sämtlichen Frauenzimmers zu sein. Eine herrliche Gasterei musste endlich diesen
überaus artigen Auffzug beschliessen.
    Hatte nun das Los bei der Wirtschaft nichts /als eine blosse Lust
verursachet; so verknüpffte es nächst-kommenden Tages den annehmlichen
Zeit-Vertreib mit einigem Nutzen. Indem der Feld-Herr Herrmann mit der ganzen
gestrigen Gesellschaft auff ein Lust-Haus ausser der Stadt hinaus ritte / und
einen Glücks-Topff mit sechs tausend Los-Höltzern ihnen auszugreiffen übergabe.
Hierunter waren zweihundert und funffzig Ringe und Kleinode allerlei Art / und
mehrenteils von fast unschätzbare Wert; viel güldne Ketten / silberne
Trinck-Geschirre und mit Gold eingefasste Büffels-Hörner; fünffhundert
Ritter-Pferde mit aller Zubehör; eben so viel Rüstungen; dreihundert Köcher /
Pfeil und Bogen funffzig; Jagt-Hunde. Die übrigen Preise bestunden in raren
Büchern / Matematischen und Musicalischen Instrumenten / Tapezereien /
stählernen und andern Spiegeln / allerlei aus Elffenbein gedrechselten Kunst- /
Gemählden und dergleichen Dingen / so Herrmann mehrenteils aus des Quintilius
Varus Lager / und Marbods Schatz bekomen hatte / also /dass nicht mehr als zwei
tausend Höltzer weiss / die andern alle mit einer gewissen Zahl bemercket waren.
    Die Rüstungen und Pferde kunten die Gewinner folgende drei Tage gebrauchen /
massen am ersten ein ritterliches Treffen zu Pferde / am andern ein Fussturnier
/ am letztern aber ein Kopff- und Ringrennen gehalten ward. Den zwei und
zwantzigsten April stellete Flavius / Tusnelden zu Ehren / eine neue Art von
einem Tantz an. Denn weil sie in ihrem angebohrnen Chassuarischen Wapen eine
Schach-Taffel führte /war der viereckichte Schau-Platz in vier und sechtzig
gleiche / halb schwartze / halb weisse Felder abgeteilet / wovon jedes eine
Elle in der Läng und Breite austrug.
    Die spielenden Personen hatten sich gleichfals teils schwartz / teils weiss
gekleidet. Man erkannte die Könige und Königinnen an ihren Kronen und kurtzen
Purpur-Mänteln / die Läuffer an dem auffgeschürtzten Rock / Stab in der Hand und
Brieff-Bündel unter dem Arm / die Springer an ihren blossen Degen und aus
Pferde-Köpffen gemachten Helmen /die Rochen an ihren Schilden mit getürmten
Elephanten / die Bauern an wilder Tiere Häuten / die ihnen über den Rücken
hiengen / und grossen Prügeln / so sie in der rechten Hand hielten. Sie
verrichteten ihre Züge auff diesem grossen Schachbrete so gut / als sie der
berühmte Cheruskische Fürst Selenus entworffen hat. Doch waren die drei
Abhandlungen von sehr unterschiedenen Ausgang; massen in der ersten die weisse
Königin den schwartzen König aller seiner Leute beraubete und dennoch nicht
zwingen konnte /sich zu ergeben; dannenhero der Kampff unverrichteter Sachen
auffgehoben ward. In der andern behielt er zwar etliche Bauern und einen Rochen
/ die aber allentalben so versetzt waren / dass er sich derselben nicht mehr zu
gebrauchen vermochte; weswegen eine so genannte Tafel / oder Friedens-Bündnis /
dabei sich kein Teil des Sieges rühmen durffte / daraus entstund. In der
dritten hingegen machte die weisse Königin nach allem Wundsch ihren Widersacher
schachmatt und führte ihn gefangen mit sich hinweg.
    Palamedes / der Erfinder dieser Gemüts-Ergetzung / trate als Vor-Redner
auff / und sunge vor dem Anfang des Tantzes ein langes Lob-Lied / dessen Inhalt
da hinaus lieff / das Schach-Spiel verdiene unter denen kriegerischen Spielen /
und Tusnelde unter denen Heldinnen den Preis der Vollkommenheit. Hinter
iedweder Abhandlung / oder Teil des Schauspiels ward ein Reihen gehalten. Und
zwar der erste von lauter Persen und Arabern: der andere von Griechen und
Römern; der dritte von Deutschen und Scyten. Welche denn allerseits auff
unterschiedene Art des obgenannten Vor-Redners Ausspruch bekräfftigten /und
teils sich den Ruhm der besten Schach-Spieler zuschrieben / teils hoch erhuben
/ dass Tusnelda sich nicht weniger tapffer gegen den Marbod / Orodes und Varus /
als die weisse Königin im Tantz wider den schwartzen König / gehalten hätte /
indem Marbod seines Volcks beraubet und unverrichteter Sache die Flucht zu
nehmen gezwungen worden / als er sie von Teutschburg zu entführen willens war
/Orodes aber eine Friedens-Taffel aufrichten und Varus Feld und Leben verlieren
müssen.
    Jedoch / damit man desto weniger zweiffeln möchte / dass schon Palamedes /
zur Zeit des Trojanischen Krieges / das Schachbret erfunden / liess Flavius des
Tages hernach ein Singe-Spiel von der keuschen Penelope auff den Schau-Platz
bringen / in welchem die Mitbuhler ihres abwesenden Ehemanns Ulysses / der den
Palamedes umbs Leben gebracht / sich die lange Weile mit dem Schach kürtzten.
Sie selbst aber verhielte sich / als ein ungemeines Muster einer getreuen /
vernünftigen und tugendhaften Ehe-Gemahlin / mit welcher Erato / Catta und
Leitolde verglichen zu werden sich nicht schämen durfften. Der vier und
zwantzigste und folgende zwei Tage offtgedachten Monats wurden auff eine
Haupt-Jagt im Hartzwald verwandt. Den sieben und zwantzigsten hingegen sah man
einen Kampff von gefangenen Bären /Schweinen / Lüchsen / wilden Pferden und
Auerochsen unter einander auff dem Teutschburgischen Schloss-Platze. Dem folgte
eine Wolffs-Jagt / Fuchs-Prellen und Tachs-Hätze. Den neun und zwantzigsten
bezauberte das letzte Singe-Spiel von Eroberung des güldenen Vliesses die Ohren
und Augen aller Zuhörer und Zuschauer; wobei denn die Vorrednerinnen / die
Gedult und Hoffnung / dem tapffern Flavius / Jubil und Franck glückwüntschten /
dass sie nunmehr den Zweck ihrer verliebten Sehnsucht erhalten / nachdem sie so
lange darauf warten müssen; eben als wie Jason und die Argonauten nach einer
langweiligen Schiffahrt das so hoch verlangte Widderfell zum Lohn ihrer Gedult-
und Hoffnungs-vollen Tapferkeit davon getragen hätten.
    Der letzte Tag des Aprils war auch der letzte dieses bisherigen
Beilager-Festes; Massen der Feldherr an selbigen nach Boviasmum aufbrach / da
ihm denn die ganze durchlauchtige Gesellschaft zum Abschieds-Mahl auf eine
grüne Wiese eine halbe Meile von Teutschburg hinausbegleitete. Hierselbst hatte
Flavius / seine Erkentligkeit gegen ihn zu bezeugen / durch mehr als tausend
Mann / seit dem vierdten dieses Monats ein sonderbahres Gebäude aufführe lassen.
Der Grund und Boden lag überaus lustig und zeigte auf einer Seite etwas Wald und
Gebürge / auf der andern aber nicht wenig Bäche / Aecker und Dörffer. Der
mittelste runde Platz hielt im Durchschnitt sechs und dreissig / im Umkräyss aber
hundert und dreizehn Ellen ungefehr / und war in zwölff gleiche Teile /durch
eben so viel höltzerne Seulen / unterschieden /derer jede eine Elle in der Dicke
/ und acht in der Höhe hatte / auch mit lauter geschnitzten Palmen-Lorber- und
Oelzweigen umbwunden und an eine andere acht Ellen davon aufgerichtete /
vermittelst eines Siegsbogens / gefügt wurde. Auf jeglicher sah man eine Lantze
mit einem daran befestigten Helm und Harnisch / desgleichen tausenderlei Arten
von Waffen / davon die obersten Spitzen nicht nur biss in das Mittel derer
Schwibbögen zu beiden Seiten reicheten / sondern auch sonst in die Runde herumb
sich ausbreiteten und also einen angenehmen Schatten verursachten. Mitten auf
denen zwölff Bögen stunden die Brustbilder derer Helden / die aus Cheruskischem
Geblüt entsprossen / und vor Herrmanns Zeit zu der höchsten Würde der
allgemeinen deutschen Feldherrschaft gelanget waren. Unter einen jeden auf der
Erde stellte man zwei kleine dreieckigte Tische aus Nussbaumholtz und dabei
niedrige Rasensitze vor gleich so viel fürstliche Personen. Allermassen Flavius
die ganze durchlauchtige Gesellschaft also einteilete /dass Herrmann und
Tussnelda unter dem Hermion /Jubil und Catta unter dem Mars / Melo und Asblaste
unter dem Vandal / Arpus und Erdmut unter den Ulsing / Ganasch und Teudelinde
unter dem Alemañ /Ingviomer und Adelgund unter dem Marcomir /Franck und
Leitolde unter dem Ingram / Catumer und Adelmunde unter dem Klodomir / Beroris
und Rhamis unter dem Roderich / Malovend und Siegmund unter dem Malorich /
Sesitach und Dietrich unter dem Aembrich / Flavius endlich mit der Erato unter
seinem und Herrmanns Vater / dem Segimer /sich niederzulassen und Taffel zu
halten / angewiesen wurden. Sie konten dergestalt von jedermann gesehn werden /
und durch alle Bögen in die lustige Gegend hinaus schauen. Sechzehn Ellen hinter
jedwedem Eingang deckte man vier und zwantzig dergleichen eintzele Tische in
Form zweier halber einander entgegen stehender Circkel; welche zweihundert /
acht und achtzig Stellen die vornehmsten gräflich- und adelichen Herren / Frauen
und Fräulein bekleideten. Das andere Volck musste hier und dar aufwaren / uñ
hernach in dem zunächstliegenden Wald vor der Küche die Mahlzeit einnehmen.
Diese Art Taffel zu halten traff grossenteils mit denen damahligen deutschen
Gebräuchen überein. Die Haupt-Ursache aber des ganzen Baues war eine zwölff
Ellen hohe / und wie roter Marmor gemahlte Seule / als der Mittelpunct dieses
prächtigen Umbkräyses. Auf derselben stund das ganz vergüldete Bild des
Feldherrn Herrmanns in Lebens-Grösse / mit lauter Strahlen umb das Haupt herumb.
Dannenhero nicht nur die Bögen in der Mitten unter denen obberührten
Brustbildern mit denen zwölff Zeichen des Tierkräyses bemercket waren; sondern
an jeglichen Pfeiler hienge auch ein Schild mit einem vom Sonnen-Cörper
erborgten Sinnbilde. Gestalt man denn auf dem ersten zwischen denen
Triumph-Bögen des Hermions und Mars / eine Nachteule sah / die vor dem Anblick
der Sonnen flohe / nebenst dieser Uberschrifft: Unglücks-Vögeln beschwerlich.
Auf dem andern einen Adler / der mit starren Augen an dem grossen Welt-Auge sich
ergetzte / mit dem Beiwort: Tugedhaften beliebt. Auf dem dritten einen Bach /
in welchem sich die Sonne bespiegelte; dabei stund: Aehnlich / nicht gleich. Auf
dem vierten den blossen Sonnen-Cörper am heitern Himmel / und die Beischrift:
Grösser / als es scheint. Das fünfte Sinnbild entwarff den Icarus /wie er der
Sonnen und zugleich seinem Fall zu nahe kömmt. Hierbei lase man: Unmöglich
näher. Im sechsten liessen sich die untergehende Sonne und der aufgehende
Vollmond sehn / benebenst folgendem Denckspruch: Aus deinem Uberfluss. Im
siebenden zoge die Sonne einen Nebel aus der Erden in die Höhe; wobei die
Obschrifft also lautete: Ohne dich niedrig. Den achten Schild erfüllete eine
wässerigte Wolcke / in welche die gegenüber stehende Sonne einen Regenbogen
mahlte. Hierzu war geschrieben: Durch dich bepurpert. Im neunten lag eine
güldene Krone auf der grünen Erden / und warff einen sehr hellen Glantz von sich
/ weil die Sonne / von der Seiten zu / drauf schien; weswegen jene die
Uberschrifft führte: Sonst ohne Strahlen. Das zehende Bild bestund in einem
Breñspiegel / welchen die Sonne bestrahlte / also dass er einen Hauffen Holtz
anzünden konnte. Hierbei funde sich dieser Reim: Durch dich /zünd' ich. Das
eilffte Gemählde bildete eine Sonnenblume ab / welche sich nach der Sonnen
herumb drehete / mit dem Beiwort: Auf deinen Winck. Das allerletzte zwischen des
Feldherrn Segimers und Hermions Sieges-Bögen / entielt in sich ein
schneeweisses Pferd mit einer gestickten Decke / dergleichen die Perser der
Sonne widmeten; nebenst der Aufschrifft: Der Sonne zu Dienst.
    Dieses alles erläuterten zwei güldene Uberschrifften der grossen Ehrenseul
mitten im Platz / wovon die erste in der einen Seite des viereckten schwartzen
Fussbodens folgender massen abgefasst war:
                             Dem grossen Herrmann /
                Marckmännischen / Semnonischen / Langobardischen
                           und Marsingischen König /
                   wie auch allgemeinen deutschen Feldherrn /
                             seinem ältern Bruder /
                            setzet dieses Danckmahl
                        vor die von ihm empfangene Cron
                         Flavius / König der Cherusker.
    Die andere ging umb die runde lange Seule herumb / da denn die güldenen
Buchstaben auf der roten Farbe sehr wohl abstachen:
                       Flieht / lasterhafte Nachteulen!
                      Ergetzet euch / tugendhafte Adler!
                                   Hier steht
                                   eine Sonne
                          unter menschlicher Gestalt.
          Doch bleibt zwischen ihr und dem unvergleichlichen Herrmann
                          eine grössere Ungleichheit /
               als zwischen der Sonnen und ihrem Bild im Wasser.
                           Die Welt pflegt insgemein
                    weder der Sonnen / noch Herrmanns Grösse
                   bei dem ersten Anblick recht zu ermässen:
                      Allein im Nachdencken befindet man /
                     dass beide unzählig mahl grösser sind /
                           als sie zu sein scheinen.
                     Derjenige hat gewiss es hoch gebracht /
                       der / gleich dem klugen Dädalus /
              dem richtigen Lauff dieser vollkommenen Tugend-Sonne
                                  sich nähert.
                  Denn wer ihr gleich zu gehn sich einbildet /
                  wird so wenig / als der vermessene Icarus /
                            seinen Zweck erreichen.
                        Wie soll ich aber gnug rühmen /
     dass Herrmann sich mehr umb mich ohne mein Verdienst verdient gemacht /
                             als die leblose Sonne
            umb den düstern Mond / dem sie Liecht und Ansehn gibt /
         umb einen schlechten Nebel / den sie in höhern Stand bringt /
              umb eine trübe Wolcke / die sie mit der Purpur-Farbe
                            des Regenbogens bemahlt?
                An statt der Strahlen wirfft er Scepter von sich
                         und der Glantz von meiner Cron
               ist der Widerschein seiner inbrünstigen Zuneigung.
                              Die feuerige Liebe /
                  so die Cherusker nunmehr gegen mich hegen /
                 rührt von der Sonnen-klaren Gewogenheit her /
                       die er auf mich schiessen lässet /
                       und von mir auf sie zurück fällt:
                        eben als wie ein Brennspiegel /
                   der von sich selbst nichts entzünden kann /
                        durch die Sonnen-Glut fähig wird
                       andere Dinge in Brand zu bringen.
                      Die Sonnenblume soll sich dannenhero
               nach dem grossen Welt-Auge nicht ämsiger umbsehn /
           als ich nach dem Augenwinck meines höchsten Wohltäters /
                          umb jederzeit seinen Willen
               als einen anwidersprechlichen Befehl aufzunehmen.
                                 Ja ich wiedme
                             das von ihm empfangene
                           Cheruskische weisse Pferd
                           nach Persischer Gewohnheit
                         der Deutschen Sonne zu Dienst
                             und verpflichte mich /
                    so lange ich mich desselbigen bediene /
                 der Freigebigkeit des grossmütigen Herrmanns /
                     der mich zu dessen Besitzer gemacht /
                  Stets danckbarlich ingedenck zu verbleiben.
    Die durchlauchtige Gesellschaft war beides mit dieser Erfindung / als auch
ganzen Bewirtung des Flavius überaus wohl zu frieden. Nachdem sie nun vier
Stunden ungefehr auf das Gastmahl / Gesundheit-Trincken / Glückwüntsche und
Versicherungen unveränderlicher Freundschaft verwendet hatte / erfolgte der
völlige Auffbruch / da Herrmann und Tussnelde nach Boviasmum / Jubil und Catta
nach Calegia / Asblaste und Beroris in ihre Heiligtümer / die andern
hochfürstlichen Personen aber in dero Erbländer höchstvergnügt sich erhuben.
                                     ENDE.
 
                                  Anmerckugen
                         über Herrn Daniel Laspers von
                              Lohenstein Arminiüs:
Nebenst beigefügtem Register derer in selbigem Werck befindlichen Merckwürdigen
                               Nahmen und Sachen.
                                     Vorrede.
Dan zweiffelt nicht / es werde das gegenwärtige Leben des grossen Arminius / als
des seeligen Herrns von Lohenstein vollkommenstes Meisterstück / bei gelehrter
Welt in der sonderbaren Hochachtung jederzeit bleiben / die es lange zuvor nach
seinem Verdienst erlangt hat / ehe es noch durch den Druck ans öffentliche
Tages-Liecht gekommen ist. Jedennoch dörffte manchem vielleicht beschwerlich
sein / dass die Einführung unterschiedener seltzam-benennter oder ungenennter
Personen dieses Werck hier und dar dunckel gemacht / und wäre demnach kein
Wunder /wenn selbiger der Lust und Nutzens / so er aus Lesung der deutlichen
Örter dieses sonst so hochverlangten Buches schöpffen könnte / lieber entbehren
/als zugleich über der Auslegung der verdeckten Geschichte sich den Kopff
zerbrechen wollte. Denn die Sinne derer Menschen sind ja so ungleich
untereinander / als ihre Gesichter / und suchen viel die gröste Vergnügung in
denen unverständlichsten Büchern /umb (zum wenigsten in ihren Gewissen) die Ehre
zu haben / dass sie etwas bei dem Liecht ihres guten Verstandes leichtlich sehen
können / was andern Leuten lauter Aegyptische Finsternis ist. Andere aber werden
einer so mühsamen Lust ja so bald überdrüssig / als des Schachspiels / welches
nicht wenig kluge Köpffe viel ehe unter die schwerste Arbeit / als unter
Ergetzungen des Gemütes / zu rechnen pflegen. Nun lässet man zwar einen
jeglichen gar gern bei seiner Meinung / hoffet aber doch / jene werden sich
unsere Anmerckungen über den Arminius nicht zuwider sein lassen / nachdem sie
nicht an Rand beigedruckt / sondern an diesen abgelegenen Ort verwiesen worden
/und also ihnen nicht hinderlich sein können / im eigenen Nachsinnen sich zu
üben. Diese hingegen werden sonder Zweiffel unser Vorhaben zum vergnüglichen
Gebrauch dieses Buchs höchstnötig befinden. Und obwohl gegenwärtige Schrifft
ihre grossen Unvollkommenheiten hat; wird man dennoch vielleicht noch eben so
wohl damit zu frieden sein können / als etwan mit einem unförmlichen
Grentzsteine / der einem Reisenden / wo nicht völligen Bericht vom Wege / doch
gnugsamen Anlass gibt / den rechten sonst unbekanten Weg / welchen auch der
blinde und leblose Stein nicht sehen und betreten kann / durch eigenen Fleiss zu
finden und zu gehen.
 
                                Das I. Capitel.
                     Von dem dreifachen Zweck des Arminius.
Man kann niemahls ein sinnreiches Buch mit grösserer Lust und Nutzen lesen / als
wenn man desselben Abstehen wohl inne hat. Ich zweiffele demnach nicht / es werde
vor alle Dingen nachzudencken nötig sein /was das eigentliche Vorhaben des
seligen Herrns von Lohenstein bei Verfertigung gegenwärtigen Werckes gewesen.
    Dass es eine Liebes-Geschichte sein soll / gibt die äusserliche Gestalt
leichtlich zu erkennen; und weil in dergleichen Schrifften die Haupt-Person an
Tugenden und Helden-Taten / nicht weniger als treuer Liebe /vollkommen sein muss
/ als hat der um unsere uralte Voreltern hochverdiente Arminius mit allem Rechte
zum Grund der Lohensteinischen dienen können. Denn wer wollte demselben den Ruhm
eines ganz ungemeinen Heldens streitig machen / nachdem die Warheit selbst den
klugen Tacitus1 genötiget hat /diesem Feldherrn der Teutschen und Ertzfeind der
Römer den Preis eines unüberwindlichen Erhalters seines Vaterlands zu geben.
Solten wir das Glück gehabt haben / die Gesänge der alten Barden von ihm zu
hören / oder gar seine Taten zu sehen / würden wir diesen teuren Helden uns
weit ansehnlicher in unsern Gedancken abbilden / als insgemein zu geschehen
pfleget; indem dasjenige / was Griechen und Römer von ihm melden / ein
unvollkommenes und viel ehe nach seinem Todten-Gerippe / als nach dem Leben
entworffenes Bild zu nennen ist. Inzwischen muss dennoch der Fleiss des Georg
Spalatinus /2 Ulrichs von Hütten /3 Johann Heinrich Hagelgansens4 und Conrad
Samuel Schurtzfleischens5 gerühmet werden / so dasselbe zusammen gelesen und in
gehöriger Ordnung ausgezeichnet / was Strabo / Florus / Paterculus / Tacitus /
Dio und andere / von ihm uns zu wissen gemachet haben. Aus diesen wenigen
Nachrichten aber erhellet gleichwohl so viel / dass / daferne auch eine und
andere ruhmwürdige Dinge dem Arminius von unsern Lohenstein zugeschrieben worden
/von denen man keinen Grund in denen Geschicht-Büchern der Alten findet / dieses
weder dem Lohenstein zu verargen / noch dem Arminius misszugönnen sei: nachdem
die bekanten Taten dieses letztern schon erhärten / er habe / wo nicht eben die
in diesem Buch beschriebene / dennoch dergleichen und vielleicht noch grössere
Taten tun können / und sei nur zu beklagen / dass dessen Wissenschaft mit der
Zeit /durch den Neid der Römer und die Nachlässigkeit unserer Vorfahren /
untergegangen; massen man auch aus einer eintzigen Klaue eines Löwen dessen
Grösse / und aus dem bemoossten Mauerwerck die Fürtreffligkeit eines zerstörten
Triumphbogens ermässen kann.
    Wiewohl nun aber Arminius der Mittelpunct ist /auf welchen alle Linien / so
in dem Umkreiss dieses weitläufftigen Buchs befindlich seind / sich beziehen; so
wird man doch allentalben gar vielerlei merckwürdige Dinge eingemischt befinden
/ so Teutsche und von Teutschen entsprungene Völcker / vor und nach Arminius
Zeiten in der Welt verrichtet / also gar / dass es scheinet / die Geschichte vom
Arminius sei sei bei nahe nur ein Vorwand / die allgemeine teutsche Geschichte
aber der rechte Zweck unsers Lohensteins und habe sich dieser mit der Feder um
die zu allerzeit lebende Teutschen ja so hoch / als Arminius mit dem Degen um
die nur zu seiner Zeit lebenden verdient machen wollen. Zu dem Ende sieht man
in diesem Ehren-Tempel der teutschen Helden nicht nur die vor dem Arminius
berühmten6 Bellovesus /Lingo / Brennus / Bojorich / Catumand / Teutobach /
Aembrich / oder auch die / so7 an des Arminius Begebnissen selbst Teil gehabt /
unter welchen Ingviomer / Arpus / Flavius / Jubil / Marbod /Gottwald / Melo /
Ganasch / die vornehmsten sind; sondern8 auch alle aus dem
allerdurchläuchtigsten Oesterreichischen Haus entsprossene Römische-Teutsche
Käyser; Also dass man unsern Arminius nicht weniger aus seiner Gesellschaft /
als aus seinen Taten vor einen der grösten Helden erkennen muss. Eben diese
Begierde / die Ehre seiner Lands-Leute zu befördern / hat unsern Lohenstein
vermocht / denen alten ungenanten Verfechtern der teutschen Freiheit /aus denen
noch heute zu Tage blühenden Hochfürstl. -Gräflich- Freiherrlich- und Adelichen
Häusern Nahmen zu erborgen / ob schon manche unter diesen vor sechshundert /
geschweige vor sechzehen-hundert Jahren / die Hoheit und Würde vermutlich noch
nicht gehabt / welche dero preisswürdige Ahnen nach der Zeit auf ihre ietzige
Nachkommen mit dem Geblüt fortgepflantzet haben.
    Aus eben der Ursache sind die vornehmsten Gaben / womit die Natur und Kunst
unser Vaterland begabet / so weitläufftig ausgeführet. Denn weil dasselbe mit
seinen unerschöpfflichen Bergwercken / Fisch-und Schiff-reichen Flüssen /
gesunden Brunnen /Gehöltze / Jagten / Weinwachs / Schlesischer Leinwad /
Agtstein und dergleichen vor andern Landschaften sich berühmt und beliebt
macht; als wird iederman unserm Lohenstein recht geben / dass er alle diese zum
Ruhm seines Vaterlandes dienende Sachen nicht obenhin berühren wollen. Ja dieses
gute Absehen wird gar leichtlich vor dem Richterstuhl der Billigkeit
entschuldigen können / dass die Teutschen fast in alle bekannte Welt-Händel
eingemenget worden / so dass / daferne man diese Helden-Geschicht vor die
Richtschnur der Historischen Warheit halten müste / niemand zweiffeln dürffte /
dass die Römer / insonderheit aber Cäsar / Pompejus / Antonius / Augustus / nicht
weniger die Griechen / vornemlich Alexander der Grosse / ingleichen der
sieghafte Hannibal mit seinen Mohren / die Amazonen / Samniter / Lusitanier und
fast die ganze Welt nichts wichtiges ohne der Teutschen Rat und Hülffe
ausgeführet hätten / und also die Dienste der tapfferen Teutschen gleichsam
allentalben das Postement gewesen wären / auf welchen die berühmtesten Europäer
/ Asiaten und Africaner ihre Siege gegründet hätten und darauf aus mittelmässigen
Zwärgen zu ungeheuren Riesen erwachsen wären. Um dess willen muss die Urheberin
der Amazonen9 des Teutschen Königes Alemans Tochter sein: Annibal10 bekömmt
Clotilden aus Gallien zur Ehe / und damit Gelegenheit / die Teutschen zu seinen
vornehmsten Hülffs-Völckern und Werckzeugen aller seiner Siege zu machen. Der
berühmte Heerführer der Lusitanier Viriat wäre wohl von rechtswegen nichts mehr
als eines ehrlichen Spanischen Viehhirtens Sohn. Allein / damit sein
wunders-würdiger Heldenmut und Kriegs-Erfahrenheit denen Teutschen zum Ruhm
gereichte / hat unser Lohenstein11 Wege und Mittel ausgesonnen / ihn vor einen
Teutschen und zwar des Celtischen Fürsten Olonichs Sohn / wahrscheinlich
auszugeben. Des Arminius Bruder Flavius12 muss dem König Juba in Numidien mit der
Römischen Flotte zu Hülffe ziehen / und derjenige Segimer /13 der mit einigen
Volck dem Crassus wider die Parten in Asien beigestanden / ein Teutscher
Feldherr und der Vater des Arminius sein; damit Africa und Asia / nicht weniger
als Europa / den klugen Rat und tapffere Faust der Teutschen zu bewundern Anlass
bekäme. Ja unser Verfasser hat denen Römern ihr Kunststück wohl abgelernet /14
da sie nämlich ihrer Widersacher Siege und ihre eigene Niederlagen zu
verkleinern oder also zu beschreiben gewust / dass die Uberwundenen mehr Ehre aus
der Niederlage / als die Sieger aus ihrem Triumph haben möchten. Deñ eben also
ist der Rabe / so dem Marcus Valerius Corvinus15 den Sieg im Zweikampff zuwege
bringt / lauter Zauberei und macht demnach die Uberwindung des Teutschen
Udalrich mehr schimpf- als rühmlich; Und Titus Manlius Torqvatus hat von seinem
Obsieg wenig Ehre /16 weil sein Widerpart eine verkleidete ungewaffnete
Weibs-Person ist. Da hingegen des Rühmens von denen Siegen des Corvinus und
Torqvatus bei denen Römischen Geschicht-Schreibern kein Ziel noch Ende ist.
    Dergleichen Freiheit könnte man nun zwar einem Historien-Schreiber übel
sprechen / nicht aber dem Verfasser eines so genanten Romans / als welcher /eben
so wohl als Mahler und Poeten / Macht hat / aus schwartz weiss / und aus weiss
schwartz zu machen /nach dem ein- oder andere Farbe erfordert wird / seinem
Werck das rechte Liecht und Schatten zu erteilen. Man hat daher niemahls gnug
sich wundern können über den unvergleichlichen Verstand des Durchläuchtigsten
Verfassers der Römischen Octavia /indem er aus der ehrlosen Messalina die
keuscheste Dame / aus der Zauberin und Gifftmischerin Locusta die unschuldigste
Person / aus der liederlichen Acte eine gottfürchtige Christin mit
überaus-grosser Wahrscheinlichkeit macht; auf welchen Schlag denn auch der Herr
von Lohenstein bemüht gewesen / denen wahren Geschichten derer alten Teutschen
durch sinnreich erdichtete Umstände eine andere und bessere Gestalt und Ansehn
zu geben; so dass wenn Ariovist /Arminius / Tussnelda / Arpus / Marbod / Jubil
und andere von ihm beschriebene / ihre eigene Geschichte in diesem Buche suchen
sollten / würden sie sich vielleicht mit grosser Mühe daselbst finden und in
höchliche Verwunderung geraten / dass ihre dicke Barbarei zu einen Muster aller
nach heutiger Welt-Art eingerichteten Sitten / und sie / durch den Ovidius
unserer Zeiten / nicht aus Menschen in Vieh / sondern aus halben Vieh in
vollkommene Menschen verwandelt worden.
    Dass nun alles bisher gesagte nicht ungereimet sei /wird niemand leicht in
Zweiffel ziehen; doch ist noch viel in diesem Buch begriffen / das weder zur
Liebes-Geschichte vom Arminius / noch Lobe der Teutschen nötig ist / und dahero
noch ein ander Absehen haben muss / welches denn der selige Herr Verfasser die
klügliche Anwendung seiner so weitläuftigen Gelehrsamkeit sein lassen. Denn
bloss-erdichtete Dinge zu schreiben war vor ihn eine allzu schlechte Bemühung.
Vielmehr mussten diese Gedichte ein Blendwerck notwendiger und ernstafter
Wissenschaften sein / um die jenigen auch wider ihren Vorsatz gelehrt / klug
und tugendhaft zu machen / welche daselbst nichts / als verliebte Eitelkeiten /
suchen würden. Dannenhero schweifft er in seinen Unterredungen aus / bald auf
den Ursprung / Glauben und Gebräuche aller frembder Völcker / bald auf die
Geschichte unterschiedener beschriehener Weltweisen /bald auf die Beschreibung
aller Tugenden / Laster und Gemüts-Regungen des Menschen / bald auf wichtige
Staats-Händel und die hierüber entstandenne Streit-Fragen / bald auf die grösten
Wunder der Naturkündiger und neuen Aertzte; so gar / dass der jenige sehr
verwöhnten Geschmackes sein muss / den eine so grosse Veränderung und Vermischung
lustiger und ernstafter Dinge zu vergnügen unfähig wäre. Gewiss ists / dass
gleich wie der grundgelehrte Lohenstein eine lebendige Bibliothek gewesen / also
dieses Buch ein rechter Kern und Auszug seiner ganzen leblosen Bibliothek mit
allem Rechte heissen kann.
 
                                    Fussnoten
1 Annal. II. 88.
2 Bei dem Schardio T.l. Rerum German p. 259. - 298.
3 Bei eben demselben p. 214.
4 Gedruckt zu Nürnberg 1640. in 12.
5 Seine Disputation hiervon ist gehalten zu Wittenberg 1670.
6 I. Teils VI. und VII. Buch.
7 Arminius hin und wieder.
8 I. Teils II. und VII. Buch.
9 I. Teil / V. Buch.
10 I. Teil / VI. Buch p. 820
11 I. Teil p. 888
12 I. Teil IV. Buch.
13 I. Teil VII. Buch.
14 I Teil p. 753. b. 754. a
15 I Teil p. 758 b. 759. a.
16 I. Teil p. 755.
 
                               Das II. Capitel /
                     Von der Lohensteinischen Schreib-Art.
Die Art zu schreiben / derer der Herr von Lohenstein sich in diesem Werck
gebraucht / ist zwar hoch /doch nicht unverständlich / hierbei ungezwungen
/durchgehends gleichförmig / und um dess willen desto angenehmer und wunderbarer.
Denn wenn gleich einer in einer ordentlich-niedrigen oder mittelmässigen
Schreib-Art denn und wenn hohe Reden und ungemeine Gedancken einmischt / siehets
doch nicht viel besser aus / als ein Tuch-Kleid / das mit etlichen Sammt-Flecken
geflicket ist; da man hingegen unserm Lohenstein den Preis lassen muss / dessen
Verstand so viel sinnreiche Sprüche / dessen Gedächtnis so viel merckwürdige
Exempel / dessen Einbildung so viel artige Gleichnisse iederzeit im Vorrat
gehabt / dass alle Stücke dieses Wercks mit unterschiedenen Zieraten auf
einerlei Art versetzet und denen wohlangelegten Garten-Beeten ähnlich sind / die
einander alle gleich / und doch alle mit ihrem eigenen Reichtum versorget sein
müssen.
    Wahr ists / es möchten nicht wenig Leser meinen /Lohenstein habe der Sachen
allzu viel getan / und /(da er hin und wieder auf die überwürtzten Speisen so
übel zu sprechen ist /) seine Schrifften mit solchen köstlichen Sprüchen /
Gleichnissen und Exempeln überwürtzet: Es scheinet ja fast / der unsäglich
belesene Mann habe alle seine redende Personen vom grösten biss zum kleinsten /
vom Feldherrn biss auf den geringsten Soldaten / nach seinem eigenen Maass
abgemessen / und mit seinem eigenen Geiste beseelet /weil iedweder ohne
Nachdencken im freien Felde aus dem Kopffe so viel Geschichten auf alle Fälle
herzusagen weiss / als mancher Halbgelehrter in wer weiss wie viel Wochen aus
etlichen dutzent Tröstern vergeblich zusammen suchen sollte. Allein gleich wie
Plato sein gemeines Wesen entworffen / nicht wie es sein kann / sondern wie es
sein sollte: Also machen solche Helden-Gedichte allezeit die Personen klüger und
tugendhafter / als sie vermutlich gewesen /damit sie desto eher dem Leser zum
Muster vorgestellt zu werden verdienen möchten. Und warum wollte man zu
Lohensteins Gütigkeit scheel sehen / der seinen Leser lieber mit vernünftigen
Dingen als mit eiteln Geschwätz unterhalten / und lieber seine eigene
vollkommene Gedancken seinen Helden und Heldinnen in den Mund legen wollen / ehe
dass er sie etwas reden liesse / so zwar ihrer wahrhaften natürlichen Fähigkeit
gemäss / nicht aber einen nach vollkommenern Dingen begierigen Leser völlige
Gnüge zu leisten tüchtig wäre?
    Ubrigens ist die Redens-Art unsers Lohensteins rein-Hochteutsch / und weder
mit Lateinischen oder andern frembden Wörtern ohne die höchste1 Not /noch mit
neugemachten Teutschen vermenget. Und ob wohl ein und andere Arten zu reden da
und dort2 vorkommen / so vielleicht in Schlesien gebräuchlicher als in Meissen
sein; so würde es doch eben so grosse Torheit sein / den seligen Herrn von
Lohenstein deswegen zu tadeln / als etwa den Livius und Gvicciardini / weil ihre
Redens-Arten einiger massen verraten sollen / dass3 jener von Padua / dieser von
Florentz4 bürtig gewesen; denn diss alles wird nimmermehr hindern / dass nicht
gelehrte Leute des Livius Latein / das Italiänische des Gvicciardini und des
Lohensteins Teutsches für rein und untadelhaft halten.
    Damit aber Lohenstein sein Teutsch von allem Lateinischen Beisatz desto mehr
sauberte / hat er (nach Art Johann Ludwig Gottfrieds in den vier Monarchien) die
in den Lateinisch- und Griechischen Geschicht-Schreibern gefundene und mit
Lateinisch- und Griechischen Endungen / Aussprache und Schreib-Art unkäntlich
gemachte Alt-Teutsche oder Gallische Nahmen geändert / wie sie vermutlich von
denen Teutschen und Galliern ehemahls selbst ausgesprochen worden; welches zu
dem Ende mit unterschiedenen Exempeln zu bestätigen ist / damit man desto ehe
den Polybius / Appianus / Livius / Tacitus / Florus /Dio und andere
Geschicht-Schreiber gegen unsern Lohenstein verhören könne. Solchergestalt ist
 Der bei denen Der beim
 Römern und Lohenstein gedachte
Griechen gemeldete
 Arminius Herrmann.
 Maroboduus Marbod.
 Cotualda Gottwald.
 Orgetorix Orgetorich.
 Ambiorix Aembrich5
 Adgandesterus Adgandester.
 Cimberius Cimber.
 Dejotarus Dejotar.6
 Tumelicus Tumelich.
 Deudorix Dietrich.
 Ganascus Ganasch.
 
                                    Fussnoten
1 Gleichwie also die Brahmanischen Kamma und Kristna / das Griechische ARTHSH,
das Lateinische Phalaux / Legionen / und etliche andere in sehr geringer Anzahl
/ ohne Dunckelheit der Rede / nicht haben können vermieden werden.
2 Zum Exempel / die Sonne geht zu Golde vor die Sonne geht unter; Kreilen der
Vogel vor Krallen; Angewehren vor anwenden / anwerden; Entengen vor zulassen /
verstatten; Zufrömen vor zuwenden /schencken; samb vor gleich als ob; die Säbel
vor der Säbel; eine Krause vor ein Krug; warnigen vor warnen.
3 Besiche Dan. Georg Morhoffs Buch de Patavinitate Liviana gedruckt zu Kiel
1684. in 4.
4 Hiervon ist wohl zu lesen Tomaso Porcacchi in seinem Giudicio dalla historia
d'Italia di M. Francesco Gvieciardini (so vor der Venetianischen Edition von A.
1599. zu finden /) p. 13. b.
5 Das soll so viel sein als Emerich
6 Das hat Reinesius für Dieterr gehalten.
 
                               Das III. Capitel /
                Von denen Personen / derer Lohenstein gedencket.
Die Personen / derer im Arminius gedacht wird /haben entweder Nahmen oder nicht;
Auf den letztern Fall sinds mehrenteils Leute / die nach Arminius Tode gelebet
/ und dahero ihre Nahmen ihme ohne Prophetischen Geist nicht haben bekant sein
können. Weil aber dennoch nichts neues unter der Sonnen geschieht / hat
Lohenstein1 seine Leute als vor ihrer Zeit geschehene Dinge erzehle lassen / was
doch erst nach seiner Zeit geschehen ist. Diese weder mit wahren / noch
erdichteten Nahmen benennte wahrhafte Personen zu erraten / dürffte manchem
schwer genug gefallen sein; weswegen demselben nicht unangenehm sein wird / dass
man in denen bald folgenden absonderlichen Anmerckungen / solche Mühe ihm zu
ersparen / an gehörigen Oertern geflissen gewesen ist.
    Die ausdrücklich-angeführten Nahmen aber sind dreierlei Art / und haben
entweder nirgends /oder allentalben / oder nur da und dort eine verdeckte
Bedeutung. Zur ersten Art gehören die meisten Haupt-Personen2 und die ihnen
bekant und bedient gewesen /3 desgleichen alle /4 derer Nahmen ietztbesagten
Alters halben haben bewust sein / und daher in ihren Gesprächen gemeldet werden
können. Und von diesen allen ist unnötig gewesen in denen absonderlichen
Anmerckungen etwas zu gedencken; weil entweder solche dem Leser bekant sein
/oder doch aus des Hoffmanns / Lloyds / Stephani und anderen Lexicis leichtlich
bekant werden können. Dannenhero / wenn der geneigte Leser über den und jenen
Nahmen am gehörigen Blate in oft-gedachten absonderlichen Anmerckungen nichts
angemerckt finden sollte / soll er wissen / dass er solchen Nahmen zu dieser
ersten Gattung rechnen müsse. Wolte man nun auch diesen Personen eine geheime
Bedeutung aufdichten und also aus der Liebes-Geschichte ein blosses Rätzel
machen / würde man des Verfassers Absehen eben so grosse Gewalt tun / als jener
dem Gvarini / der dessen Pastor Fido, der vor seine Liebste sich aufopffern
lassen will / auf den vor seine geliebte Gemeine sterbenden Christus gedeutet /
oder andere dem Virgilius / die seine vierdte Ecoglam auf Christi Geburt
gezogen; Allerseits nicht ohne Nachsinnen / schwerlich aber nach des Guarini
oder Virgilius eigenen Sinn und Meinung.
    Zur andern Gattung gehören lauter solche Personen / von denen in deren
absonderlichen Anmerckungen ein genugsamer Bericht erstattet worden; Zum
Exempel: Valuscenes /5 Mars /6 Facsarif /7 Sekkes /8 Tirchanis /9 Astelot /10
Gotart /11 Gunholm12 / und so weiter.
    Die zur dritten Art gehörigen hat man in denen Anmerckungen mit Fleiss
übergangen / wenn kein geheimer Verstand darunter steckt; Hingegen aber erkläret
/wenn unter solchen alten Nahmen etwas neues verborgen liegt. Wie beim Marbod /
13 Cariovalda /14 Aembrich15 und dergleichen zu sehen sein wird.
    Hierbei ist zu mercken / dass solche falsche Nahmen mehrenteils durch
Versetzung der Buchstaben unkentlich gemacht worden; offters auch wohl wahrhaft
sein / aber aus beistehenden falsche Namen gleichfalls für falsch müssen erkant
werden. Zum Exempel: Im I. Teil II. Buch / könnte Hermion wohl von einem
Unverständigen vor einen rechten alten Teutschen gehalten werden / weil
wahrhaftig unter den alten Teutschen ein Fürst mit Nahmen Hermion gewesen.
Allein dass es Rudolph von Habsburg / erster Römischer Käyser aus dem Haus
Oesterreich sei / gibt unter andern der seltzame Nahme seines Schwieger-Sohns
Valuscenes zu erkennen / aus welchem durch Buchstaben-Versetzung Venceslaus
heraus kömt. Gleicher gestalt würde beim Orismanes16 wohl niemand an den Marechal
de Biron gedencken /wenn nicht dabei des Trebosserex (das ist / Robert Esser /)
zugleich Meldung geschähe.
    So ist auch nicht aus der acht zu lassen / dass öffters ein einiger Nahme
mehr als eine Person bedeute. Zum Exempel: Divitiac ist im I. Teil p. 982. D.
Martin Luter / p. 985. aber Heinrich IV, Königin Franckreich; Lissudaval ist p.
132. col. a. Vladislaus Sigismundus König in Pohlen / und doch eben daselbst
col. b. Vladislaus König in Ungarn / Käyser Ferdinand I. Schwäher-Vater.
Gegenteils hat eine einige wahrhafte Person unterschiedene erdichtete Nahmen
an unterschiedenen Oertern. Zum Exempel /die Königin Christina in Schweden heist
Canistria /17 Tinacris18 Tirchanis /19 Vocione20; die Königin Elisabet von
Engeland wird Telesbia21 / Boudicea22 / und Antiope23 genennet. König Heinrich
der IV. in Franckreich wird durch den vierdten Induciomarer24 / Rubonor Fürst
der Bigerrionen25 /Divitiac König der Suessoner26 und Ambiorich27 angedeutet.
Wenn bei Einmischung einer kleinen Geschichte gesagt wird / diss oder jenes sei
vor wenig Jahren / neulichst / nechstin / und so weiter geschehen / so ists
gewiss und fast allezeit eine Geschichte / die Lohensteins Zeit weit näher als
der Zeit des Arminius kömmt; wenn aber etwas vorlängst soll geschehen sein / so
ists eine Geschichte / die nicht lange nach Arminius / lange aber vor unser Zeit
geschehen. Man besehe zum Exempel I. Teil p. 142 /allwo Tinacris Königin
Christina in Schweden / Rakimis König Johann Casimir in Pohlen / Heerulk Valer.
Maximianus Herculeus / Nidotical Diocletianus ist. Ingleichen wenn eine Jahrzahl
ausdrücklich gemeldet wird / ist gewiss eine neue Geschichte angedeutet worden;
wovon Exempel zu finden in denen absonderlichen Anmerckungen zum I. Teil p.
125. b. 674. a.
 
                                    Fussnoten
1 Besiehe zur Probe unsere absonderlichen Anmerckungen über I. Teil p. 91. b.
94. a. 118. a. 167. a. 169. a. 270. a.u.s.w.
2 Zum Exempel: Tussnelda / Asblaste Arpus / Ganach / Melo / Ismene / Leitolde /
Arngrim / Erato /Augustus / Tiberius / Germanicus / Rhemetalces /Zeno / Flavius
/ u.s.w.
3 Adgandester / Salonine / Slawata / Schweinitz / die Gräfin von der Lippe / und
dergleichen.
4 Alexander der Grosse / Scipio / Hannibal / Marius /Bojorich / Plato /
Aristoteles / Herostratus / u.a.m.
5 Das ist: Wenceslaus / Böhmischer Erb-Printz.
6 Das ist: Rudolph / wie auch Albrecht von Oesterreich / Käyser Rudolph des I.
Söhne.
7 Fairfax.
8 Essex.
9 Christina Königin in Schweden.
10 Der Graf von Atol (oder Atoles.)
11 Gustav Adolph / König in Schweden.
12 Gustav Horn.
13 So ferne er wider Briton seinen Herrn einen Aufruhr erwecket / ist er Olivier
Cromwell; so ferne er den Bojen-König Critasir vertreibet / ist er Carl Gustav
König in Schweden; so ferne er aber mit denen Römern / Cheruscern / Gotonen /
Semnonern zu streiten hat / ist nichts mehr / als er Marobodus beim Cornelius
Tacitus.
14 Dieser ist I. Teil p. 365. der Printz von Uranien /nunmehr König von
Engeland) Wilhelm Heinrich; sonst nichts mehr / als der bei dem Tacitus
erwehnete Fürst der Bataver Cariovalda.
15 So ferne er mit dem Julius Cäsar Händel hat und Cattivolck sein Bruder /
Ingviomer sein Sohn / Asblaste seine Schwieger-Tochter / Herrmann sein Enckel
ist / ist er der alte beim Cäsar gedachte Ambiorix /Hertzog derer Lande / so
heute Tage Braunschweig und Lüneburg heissen / so ferne er aber den Löwenmut
zum Sohn und die Teutsche Feldherrschaft hat /auch mit Arabarn / Briton und
Gotarten krieget / so ferne ist er Ferdinand II. Römischer Käyser.
16 I. Teil p. 304.
17 I. Teil p. 229.
18 I. Teil p. 142.
19 I. Teil p. 1328.
20 II. Teil p. 522.
21 I. Teil p. 229.
22 I. Teil p. 1016.
23 I. Teil p. 304.
24 I. Teil p. 226.
25 I. Teil p. 984.
26 I. Teil p. 985.
27 II. Teil p. 1268.
 
                               Das IV. Capitel /
   In welchem die notwendigen Beschlecht-Register etlicher Haupt-Personen zu
                                  finden sind.
Weil Geschlecht-Register einer Geschicht ein grosses Licht geben und verhindern
können / dass man nicht unterschiedene Personen von einerlei Nahmen unter
einander vermenge / hat man vor gut befunden / einige zu besserer Verständnis
des Lohensteinischen Werckes dienliche hieher zu setzen:
                                     No. I.
                      Käyser Augustus Beschlecht-Register.
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                     No. II
               Ein Stück des Cheruskichen Geschlecht-Registers /
                    so ferne es die Oesterreichischen Ertz-
                            Hertzoge nicht bedeutet.
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                    No. III
                      Chassuarisches Beschlecht-Register.
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                    No. IV.
                        Botonisches Beschlecht-Register
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                     No. V.
                       Sicambrisches Beschlecht-Register
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                    No. VI.
                      Das Tracische Beschlecht-Register.
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                    No. VII.
                        Armenisches Beschlecht-Register
                                        
   B
                                        
                                        
                                        
                                    No. VIII
     Auszug des wahrhaften Oesterreichischen Geschlecht-Registers / dessen
   Haupt-Personen mit alten Cheruskischen Nahmen (I. Teil II. und VII. Buch)
                     benennet werden. Diese falschen Nahmen
          sind in Parentesibus mit Lateinischen Buchstaben bemercket:
                                        
   B
 
                                Das V. Capitel /
 Von denen Völckern / Ländern / Städten / Bergen /Wäldern / Flüssen / derer im
                          Arminius Meldung geschieht.
Dero Nahmen sind öffters entweder mit Fleiss verschwiegen / oder verdrehet / oder
zwar wahrhaftig /aber doch dem zugelegt / dem sie nicht gehören; welches denn
geschieht / wenn neue Geschichte erzählt und dennoch für alte ausgegeben
werden. Und diese hat man auf alle drei Fälle in denen absonderlichen
Anmerckungen zu erklären gesucht. Deñ weil viel von denen heutigen Königreichen
/ vor und zu Arminius Zeiten / nur Römischer Botmässigkeit unterworffene Länder
waren / so konnte Arminius und seine Sprachgenossen keiner Könige gedencken / die
an solchen Orten einen freien Scepter geführt; besondern sie mussten an statt
Oesterreichs / (so mit zum Noricum gehörete /) die Cherusker / (d.i. die
Hertzoge zu Braunschweig und Lüneburg /) an statt Hispaniens Britannien oder
Celtiberien / an statt Portugal die glückseligen Eylande / an statt Franckreich
die Suessoner /an statt Böhmen die Marckmänner nennen. (Besiehe z.e.
Anmerckungen über I. Teil p. 118. a. 149. a. 232. a.) Gleichergestalt hat man
zu Arminius Zeiten von keinem Pabst / ja auch nicht von einem Haupte der Druiden
zu Rom etwas gewust. Wenn demnach des Sitzes des Haupts der Druiden oder des
Römischen Päbstlichen Stuhls in einer verdeckten Geschicht soll gedacht werden /
so muss / an statt Rom /entweder Carnutum (in Gallien) oder Cantium (in England)
genennt werden / als allwo der teutsche Druiden-Orden in Ansehen war. (Besiehe
Anmerckungen über I. Teil p. 971. 562.) Hingegen weil die Königin Christina von
Schweden als eine Cimbrische geheiligte Jungfrau eingeführt wird / ihre Reise
nach Rom anzudeuten; (I. Teil IX. Buch /) als hat auch Rom selbst mit seinen
eigenen Nahmen für den Ort ihres Auffentalts angegeben werden können.
    Doch gnug von dieser Art Nahmen; weil die obgedachten absonderlichen
Anmerckungen hierüber gnugsamen Bericht verhoffentlich erstatten werden.
    Hernachmahls ists bekant / dass die Nahmen der Länder / Völcker / Städte /
Wälder / Berge / Flüsse zu Arminius Zeiten gar anders gelautet als heute zu
Tage; z.e. Bacharach ward (Bacchi Ara) das Altar des Bacchus / München Isinisca
/ u.s.w. genennet. Weil / nun diese oft-vorkommende alte Lateinische Nahmen
derer Teutschen und anderer West- und Nord-Länder nicht iedermann bekant seind /
hat man nachfolgendes Register nach dem A.B.C. verfertigt. Solte darinnen ein
und anderer Nahme fehlen / wird er entweder von keiner Wichtigkeit / oder leicht
aus dem darbei von Lohenstein genennten wohlbekanten Berg und Fluss zu erkennen /
oder auch vielleicht in denen absonderlichen Anmerckungen über selbiges Blat
/erkläret worden sein; umb welcher und anderer Ursachen willen der geneigte
Leser solche Anmerckungen unter Lesung des / Hauptwercks bei der Hand allzeit
wolle liegen haben. Man hat sonst in Verdeutschung dieser Lateinischen Nahmen
dem Cluverius fast durchgehends gefolget / weil es geschienen / dass auch der
Herr von Lohenstein uns hierinnen vorgegangen. Will inzwischen iemand noch
eigentlicher davon berichtet sein / der bediene sich hierzu des sehr mühsamen
Lexici, des gelehrten Baselschen Professors Johann Jacob Hoffmanns / da er die
Meinungen des Cluverius / Rhenanus / Junius / Valesius / Baudrands und anderer /
über ieden Nahmen beisammen antreffen wird.
 
                                    Register
 einiger zur Zeit Arminius bekanter Länder / Völcker /Städte / Berge / Wälder /
 Flüsse / so viel deroselben nicht mit Teutschen Nahmen vom Lohenstein genennet
                                     worden
                                       A.
Berg Abnoba; im Würtenbergischen.
Agendicum; Sens in Champagne.
Alemänner; Schwaben.
Aliso; Iselburg; oder wie / Junius will / Wesel.
Altar des Bacchus; Bacharach.
Ubisches Altar; Bonn.
Angrivarier; bei Minden / zwischen der Emse und Weser.
Anstbarier; zwischen der Weser und dem Dommelfluss / wo Diepholt liegt.
Antonach; Andernach im Ertzbistum Cölln.
Arar; la Saone.
Arenacum; Arnheim.
Arverner; Auvergne.
Ascanien; Anhalt.
Atesis; Etsch.
Atrebater; Arras.
Atuaticher; Tongern.
Avaricum; Bourges.
Aventicum; Wiflisburg.
Aufidus; Fluss Lofanto.
Augustobona; Troyes in Champagne.
Augustodunum; Austun in Burgund.
Augustomagus; Senlis.
Augustoritum; Limoges.
Ausscier; Auch.
Autricum; stadt Chartes.
                                       B.
Des Bacchus Altar; Bacharach.
Bastarnen; vom Ursprung der Weichsel an biss ans Euxinische Meer.
Batavodurum; Amsterdam.
Bellovaker; Beauvoisin.
Bigerrionen; Bigorre.
Bituriger; Berry.
Bojen / Böhmen.
Boviasmum; Prag.
Briganten; im Yorkischen und Nortumberland.
Brigantinische See; der Bodensee.
Britannien; England.
Bructerer / Overyssel.
Budorgis; Bresslau.
Burier; zwischen der Warte und Oder.
                                       C.
Cadurcier; Qvercy.
Cäsarodunum; Tours.
Cäsaromagus; Beauvais.
Caninefaten; bei Utrecht.
Cantium; Kent in England.
Cariner; der Teil von Pommern / in welchem Stolpe / Colberg / Corlin / Camin /
    liegen.
Carnuter; Hertzogtum Chartres.
Catten, Hessen.
Caturiger; Les Alpes d'Ambrun.
Cavionen; Teil von der Marck bei der Grafschaft Danneberg.
Cenomäner; Mans.
Centroner; Les Alpes de Tarantaise.
Chalusus; die Trave.
Chassuarier: zwischen Paderborn und der Weser bei Huxter.
Chancen; von der Emse an biss an die Weser / und von dar biss an die Elbe.
Cheruscer; Braunschweig und Lüneburg.
Cimbern; Holsteiner und Dänen.
Codanische See; der Belt oder die Ostsee.
Codanonia; Seeland in Dänemarck.
Cronien; Grönland.
                                        D.
Dobunier; Glocester in England.
Drususburg; Duisburg.
Dulgibiner; zwischen Paderborn und der Weser / bei Flotow.
Durocorturum; Rheims.
                                       E.
Eborodunum; Olmütz.
Eburoner; Lüttich.
Est hier; Preussen.
Eudosen; im Meckelburgischen.
                                       F.
Fabiranum; Bremen.
Fennen; Finnen.
Fletio; Het Vlie.
Flevische See; Süyder-See
                                       G.
Gabretische Wald; Türinger Wald.
Garumna; la Garonne.
Gebenna; Cevennes.
Geneva; Genf.
Gennabum; Orleans.
Gepidia; Siebenbürgen.
Godonium; Dantzig.
Gotinen; In Schlesien auf denen Marckmännischen Grentzen: waren Berghäuer.
Gotonen; in Pommerellen.
Grinnes; Rhenen.
Gugerner; im Geldrischen und Clevischen.
                                       H.
Haruder; von Ursprung des Meins biss an die Donau / bei Ingolstadt.
Heduer; im Burgundischen.
Hercynische Wald; Böhmer-Wald.
Hermunduren; Voigtland / item ein Teil von Meissen und Ober-Sachsen.
Hetrurien; Grossherzogtum Florentz.
Hibernien; Irrland.
Hillevioner; Halland.
Hirren; Liefland.
Hydruntum; Otranto in Calabrien.
                                       I.
Iccius Portus; Calais.
Insubrien; Meiland.
Isinisca; München.
Juliobona; Diepe.
Iuliomagus; Angiers.
                                       L.
Langobarden; in der Mittelmarck zwischen der Elbe und Oder.
Lappionen; Lappländer.
Lemovices; Limosiner.
Lemovier; der Teil Pommern / in welchem Stetin / Usedom / Wolgast / Grypswalde
    liegen.
Lexobier; Lisieux.
Ligeris; la Loire.
Ligurier; Genueser.
Lingonen; Langres.
Lugdun; Lyon.
Lygier; zwischen der Warte und Weichsel.
                                       M.
Marckmänner; wohnten erst zwischen dem Rheine / der Donau / dem Kocher und
    Necker; nahmen hierauf der Bojen Land in: Böhmen ein.
Marsen; die Teutschen Marsen wohneten zwischen der Lippe und Emse; die
    Italienischen Marsen aber in einem Stück von Abruzzo.
Marsinger; Schlesier.
Matrona; le Marne.
Mattium; Marpurg.
Mediomatriker; Metz.
Medoslan; Znaim in Mähren.
Melibocus; Blocksberg.
Menapier; Oberteil Brabands / item Geldern biss an Rhein.
Metaurus; Metro.
Monden Altar; Lüneburg.
Moriner; in Flandern.
                                       N.
Nemeter; Speierer.
Nervier; Ihnen gehörte Cambray und Bavay.
Nidrosia; Druntem in Norwegen.
Norichischen Länder; Saltzburg / Oesterreich /
Steuermarck / Kärnten.
Noviodunum; Maine.
Nuitonen; im Meckelburgischen.
                                       O.
Ordovices; Cardigan.
Osen; in Schlesien / bei Ostra und Oswiecz.
                                       P.
Petricorier; Perigord.
Peuciner; Siehe oben Bastarnen.
                                       Q.
Qvaden; von der Oberpfaltz biss an Mähren.
                                       R.
Rauracker; Baseler.
Rhätico; das Siebengebürge / Bonn gegenüber.
Rhätien; Tyrol / die Graupündter / etc.
Rugier; in Pommern.
                                       S.
Samarobriga; Amiens.
Sarmater; Pohlen.
Scyrren; Preussen.
Sedusier; zwischen dem Kocher / Necker / Rhein und Mayn / bei Darmstadt
    sonderlich.
Segontiacher; Sussex und Soutampton.
Segusianer; Forest.
Semanische Wald; der Hartz.
Semnoner; in etlichen Stück Landes von der Marck / Meissen / Lausitz / Schlesien
    / Pohlen / zwischen der Elbe und der in die Oder fallenden Warte.
Seqvana; La Seine.
Serer; Chineser.
Sicambrer; am Ufer des Rheins / in Geldern und Zütphen biss ans Hertzogtum
    Cleve.
Sidiner; haben die neue Marck Brandenburg und ein Stück Land vom Hertzogtum
    Stetin inne gehabt.
Sitonen; Norwegen.
Sudetische Gebürge; Riesenberg.
Suessioner; Soissons.
Suionen; Schweden.
Swardonen; im Meckelburgischen.
                                       T.
Taprobana; Ceilan.
Taunus; der Berg Hayrich / Mayntz gegenüber.
Taxandrer; Seeland und Niederbraband.
Techelia; Teckelnburg.
Tencterer; wohnten am Rhein / wo jetzt das Hertzogtum Berg / ein Teil von
    Westphalen und der Grafschaft von der Marck ist.
Teutschburg; Dietmelé in Westphalen.
Teutschburgischer Wald; zwölf Meilen von Paderborn nach Norden zu.
Tule; Island.
Tibiscus; die Teisse.
Ticinum; Pavia.
Treva; Lübeck.
Tribocker; (Trebocci) Elsass.
Tricassiner; Troyes in Champagne.
Trinobanten; Mittelsex.
Turoner; Tours.
                                       U.
Vada; Wageningen.
Vangionen; diesen hat Mayntz gehört.
Variner; im Meckelburgischen.
Vasaten; Duché d'Albert.
Ubier-Stadt; Cölln am Rhein.
Ubisches Altar; Bonn.
Ucetier; Usets.
Veneter; Vannes.
Vesontio; Besançon.
Viader; Oderfluss.
Vindelicien; vom Bodensee und dem Berge Abnoba biss an den Inn. Begreifft
    Schwaben und Bayern.
Vindomana; Wien.
Visurgis; Weser.
Usipeter; Zütphen.
 
                               Das VI. Capitel /
                    Vom Bebrauch und Missbrauch des Arminius.
Ich begehre nicht / denen Romanen insgemein das Wort zu reden / von denen manche
mit so ärgerlichen oder doch ganz unnützen Geschwätze angefüllet sind / dass
Christlich gesinnete und tugendhafte Leute davor billig Abscheu tragen / und
den Verfasser und Leser höchlich betauren / die umb einer Handvoll vergänglicher
Belustigung eine so schwere Verantwortung von dem gerechten GOtt auf sich laden.
Doch gibt es auch solche / die dem Leser eine Lust / aber ohne Sünde / ja nicht
ohne mercklichen Nutzen und Beihülffe zur Erkennung der Sitten derer Menschen im
gemeinen Leben / auch zu Schärffung des Verstandes in allerlei sinnreichen
Erfindungen / zuwege bringen; welche man dahero / ohne Hindansetzung seiner
ordentlichen Verrichtungen / unter dem Absehen / das Gemüt durch solchen
unschuldigen / doch vergnüglichen Zeitvertreib zu ergetzen und zu instehender
ernstafterer Arbeit desto williger zu machen / mit ja so guten Gewissen
gebrauchen darf / als wie etwa z.e. Jagen / Music und allerhand Spiele lieben
/weltliche warhafte Historien lesen / Verse machen /von allen vergönnet wird /
die von Gewissens-Fällen geschrieben haben. Denn alle solche Dinge sind zwar
nicht eben schlechterdings nötig / jedoch auch keines Weges schlechter Dinge
verboten. Daher nicht nur ein Haupt der Druiden1 von des Eurialus und Lucretia
Liebes-Händeln ein eigen Buch geschrieben / sondern auch (welches höher zu
verwundern) ein wohlbekanter Chernskischer Barde2 sich nicht gescheuet / die
Helden-Geschichten des deutschen Herkules und Herkuliscus zu verfertigen /
welches ihn auch nicht gereuet hat / nachdem andere seine Glaubens-Genossen
jenen mit Unverstand eifernden Bischöffen / die den Bischof zu Triccä in
Tessalien Heliodorus /weil er seine in der Jugend geschriebene
Liebes-Geschichte nicht verbrennen wollen / seines Bistums entsetzet3 haben /
nachzueifern und zu folgen für unnötig erachtet / vielmehr4 den Verfasser des
Herkules dermassen gerühmet haben / dass er von allen seinen ernstaften
geistlichen und weltlichen Schrifften nicht mehrern Ruhm erwarten dürffen.
    Allein nichts ist so gut / das nicht missbraucht werden könnte; und also steht
vielleicht bei dem unvergleichlichen Werck des Herrn von Lohenstein auch
zweierlei zu besorgen.
    Vor eins möchte ein und anderer die erdichteten Umbstände von denen
warhaften / in denen unter die Gedichte eingemischten Geschichten nicht
unterscheiden können. Und erinnere ich mich hierbei / dass der kluge Herr Petrus
Bayle in seinen Nouvelles de la Republiqve des lettres sehr übel auf die jenigen
zu sprechen gewesen / die warhafte Geschichte zum Inhalt ihrer Gedichte
erwehleten / weil hierdurch mit der Zeit verursachet werden dürffte / dass man in
Historien / weder was wahr / noch was erdichtet / würde wissen und unterscheiden
können. Allein ich befürchte das so sehr nicht; nachdem iederzeit so viel wahre
Historien-Schreiber in der Welt sein werden / dass man leicht bei ihnen wird
erkundigen können / ob diss oder jenes wahr oder unwahr sei. Massen denn ihre
ausdrückliche Bejahung ein Zeichen des ersten / ihre ausdrückliche Verneinung
oder allgemeines Stillschweigen ein Zeichen des letztern sein wird. Mir kömmt
die Sache vor wie mit denen Zeitungen: die liest die ganze Welt / obgleich
offters kaum die Helffte daran wahr ist. Inzwischen schadet solches der
Historischen Warheit wenig oder nichts / weil doch immerzu und überall gelehrte
Leute seind / die aus denen Archiven der Könige und Fürsten solche Historien
heraus geben / die wird ein Prüfe-Stein anderer Erzehlungen sein können. Das ist
zwar unleidlich / wenn Varillas und andere Historien-Schreiber von dergleichen
Schrot und Korn den Leser unter dem Nahmen und äusserlichen Schein warhafter
Historien mit Fabeln betriegen; Aber diss ist von dem nicht zu befürchten / der
niemals seine siñreiche Fabeln vor blosse Warheit ausgeben hat.
    Die andere Sorge betrifft die allzu deutliche Beschreibung der Hurerei und
Ehebruchs / so sonderlich I. Teil / III. Buch / und II. Teil / I. Buch / zu
finden. Allein es ist derselben in dem Vorbericht an den Leser über den ersten
Teil des Arminius / sehr wohl abgeholffen worden. Uberdiss glaube ich / dass
lasterhafte Leute die Gedult nicht haben werden /diesen unschuldigen Zunder
ihrer verdammten geilen Brunst unter so viel ihnen beschwerlichen Tugend-Lehren
zu suchen; viel weniger werden Kinder und andere Einfältige ein so tiefsinnig
Buch lesen oder verstehen / daher sie denn sich so wenig daraus ärgern als
bessern werden. Tugendhafte aber werden von sich selbst schon / was gut und
böse ist / und jenes zu erwählen / dieses zu verwerffen wissen. Zum wenigsten
bin ich dess gewiss / dass alles vom Lohenstein gesagte so leicht zu entschuldigen
ist / als was obgenanter Verfasser des Herkules von seiner ehebrecherischen
Statira geschrieben hat. Gegenteils aber wird niemand / als der diss Werck nicht
gelesen / leugnen /dass man daraus in Staats-Sachen / in der Sitten-Lehre / in
der Historie aller Weltweisen / in der Welt-Beschreibung / Beredsamkeit / Poesie
/ sehr viel gute Dinge lernen könne / gleich wie wir oben5 hiervon zur Gnüge
gehandelt / und dem verständigem Leser mehr hiervon zu sagen Bedencken tragen
/damit es nicht scheine / dass man demselben einigen Zweiffel zutraute / als ob
nicht schon der blosse berühmte Nahme des Verfassers ein gnugsames Zeugnis von
der Güte und Nutzbarkeit dieses Wercks sein könne. Jedoch und zum Beschluss
wollen wir ein und anders annoch kürtzlich anmercken.
    Anfänglich / so läst der Herr von Lohenstein manchmal seine Heidnische
Sprach-Genossen diss und jenes reden / nicht solches alles gut zu heissen
/sondern nur zu erzählen / was sie geglaubet und gelehret. Da sich denn niemand
beschweren wird / dass er selbst den deutlichen Ausschlag zu geben unterlassen;
Nachdem er von seinem Leser gnugsamen Verstand vermutet / selbst zu urteilen /
was unter solchen Meinungen gut oder böse / denen natürlichen Rechten gemäss oder
nicht gemäss sei. Und hat er hierinnen eben so wohl getan / als Mattäus Polus /
der in seiner Critischen Bibel die Meinungen derer Gelehrten getreulich erzählt
und das Urteil hierüber dem Nachsinnen des klugen Lesers überlassen hat.
    Nachmahls / so kann man auch die kostbaren Aegyptischen Gefäss denen Heiden
entwenden / und zum Heiligtum gebrauchen; wenn man dessen zum Exempel / was der
Indianische Zarmar von6 seinem Selbstmord zu Bestätigung.
    seiner Lehre redet / bei Beschreibung des Todes eines Christlichen Märtyrers
sich bedienen wollte. Man könnte die schönen Gleichnüsse / die ein Druys von der
bei denen7 Heidnischen Teutschen gebräuchlichen Eintauchung der neugebohrnen
Kinder in fliessendes Wasser vorbringt / grösten teils in einer Rede von unserer
Geheimnis-vollen Christlichen Tauffe sehr wohl anwerden.
    Sonsten ists wohl am besten / wenn man ein Buch lesen will / dass man es von
Anfang biss zu Ende lese /und ehe nicht urteile / als biss man aus dem Beschluss
den völligen Verstand und Absehen derer vorhergehenden Dinge wohl begriffen
habe. Jedennoch aber wenn iemand anderer Meinung wäre / und erst ein Stück aus
dem Buch lesen wollte / welches seinem Sinn gleichförmig wäre / und ihn / in
Hoffnung dergleichen mehr zu finden / das ganze Buch durchzulesen nötigen
könnte / so kann demselben auch geraten werden.
    Wolte zum Exempel einer eine wohl ausgesoñene kurtze Geschicht / die mit dem
Hauptwerck nicht vermischt ist / haben / so lese er die überaus-artige
Begebnüsse des Tracischen Königs Sadal /8 da die ungegründete Eyfersucht eines
Ehemanns gegen seine unschuldige Ehegattin mit recht-seltzamen Umständen
beschrieben wird.
    Wer an verblümten Reden sich belustiget / dem kann nicht übel gefallen die
wunderwürdige Abbildung der Herrschens-Kunst durch einen9 Blumen-Garten.
    Verlangte man Exempel sinnreicher Uberschrifften / so dürffte man nur den
dem August zu Ehren damit ausgezierten10 Lugdunischen Tempel betrachten. Von
netten Versen könnte die Probe aus dem11 Aufzug der Marsingischen Edelleute bei
des Rickers Schaf Beilager genommen werden. Einem Liebhaber von natürlichen
Wissenschaften würde vielleicht nicht übel anstehen / was von Fortpflantzung
der Kranckheiten aus Menschen in Bäume von einem Wurtzelmann12 und dem Cornelius
Celsus vorgebracht wird. Wem mit einer tiefsinnigern Weissheit gedienet ist / der
lese die schöne Rede der Princessin Ismene13 von Unsterbligkeit der Seelen.
    Ferner wer etwas aufs erstemahl nicht verstehet /der lese es zum andern und
drittenmahl / es wird versichert die Mühe des Nachsinnens durch den
merckwürdigen Verstand schon bezahlet werden.
    Endlich ist zu mercken / dass in denen ersten siebenzehen Büchern nichts als
Lohensteins Arbeit zu finden / das letzte Buch aber von einer andern Hand
hinzugetan sei.
    Und hierauf hindert uns nichts mehr die absonderlichen Anmerckungen
anzufahen; worinnen zwar manchmahl ein verdeckter Nahme auf einerlei Art an
zweien oder mehr unterschiedenen Orten erkläret wird / doch nur darum / damit
der Leser bei einem von den letztern Oertern nicht Mühe habe / die Erklärung
allzu weit zu suchen. So sind auch die zugleich angeführten Geschicht-Schreiber
/ womit wir unsere Auslegung bewiesen / nicht eben die raresten / iedennoch um
so vielmehr von iedermann zu bekommen und nachzulesen. Wo man aber auf niemand
sich bezogen hat / hat man es um dess willen vor unnötig erachtet / weil alle
Lebens Beschreibungen dieser oder jener bloss hin beniemten Personen die vom
Lohenstein angedeutete Geschichte angemercket haben / und also ein
Geschicht-Schreiber vor einem andern in solchem Fall genennt zu werden nicht
verdienet.
 
                                    Fussnoten
1 Pabst Pius der andere; Besiehe des Bischoffs zu Soissons, Petr. Daniel Huët
Buch de origine fabularum Romanensium p. 118
2 Andreas Henrich Buchholtz / ehemahls Professor zu Rinteln / nachmahls
Superintendent zu Braunschweig. Besiehe Memorias Teologorum Henningi à Witten,
dec. XIII. p. 1712. 1714.
3 Dass der Bischoff Heliodorus eine Aetiopische Liebes-Geschichte geschrieben /
ist aus des Socrates Kirchen-Historien lib. V.c. 22. gewiss genug. Und dass er
deswegen abgesetzt / worden / sagt Nicephorus aus; welchem aber Valesius in
seinen Anmerckungen über den Socrates keinen Glauben beimessen will. Gewiss ists
/ dass der grosse Patriarch Photius, diese Liebes-Geschicht zu lesen in seinem
Myriobiblo Cod. 72. einen langen extract daraus zu machen / auch es sonderbar zu
rühmen / sich kein Gewissen genommen. Dahingegen er den leichtfertigen Roman des
Achilles Tatius zwar gelesen / aber demselben gar ein schlecht Lob erteilet
hat.
4 Sonderlich hat Johann Rist in der Vorrede über einen Teil seiner Lieder
solches überaus weitläufftig getan.
5 Allgem. Anmerckungen p. 6 b. 7. a.
6 I. Teil p. 712. u.f.
7 II. Teil p. 352. b.
8 II. Teil p. 40-65.
9 II. Teil p. 751.-759. und p. 765.b.-784.b.
10 I. Teil p. 354.b.-358.b.
11 I. Teil p. 2127.-1131.a.
12 II. Teil p. 4796.-483. a. lin. 3.
13 II. Teil p. 544.-545. a.
 
               Absonderliche Anmerckungen über den Ersten Teil.
p. 91. b. lin. 30. Ein verschlagener Hetrurier.) Hier wird gezielet auf den
    Curtium Inghiramium, so vor etlich funffzig Jahren diese Hetrurischen
    Antiqvitäten bei Vulterra aus der Erden ausgegraben und hernach durch
    öffentlichen Druck der Welt bekant gemacht hat. Es ist aber durch Leonem
    Allatium und Henricum Ernstium zur Gnüge erwiesen worden / dass diese alten
    Schrifften eine Missgeburt eines neuen Betrügers sein.
p. 94. a. lin. 39. Der Fürst aus Malovends Voreltern.) Otto der erste / Graf von
    Oldenburg / ein Stamm- Vater der itzigen Könige in Dänemarck und Hertzogen
    in Holstein. Die Geschicht wird von Hermañ Hamelmannen in der
    Oldenburgischen Chronica ins I.C. 990. gesetzet.
p. 110. b. lin. 35. Oberste Feldherren Deutschlands.) Römische Teutsche Käyser.
p. III. b. Cheruskische Hertzoge.) Oesterreichische Ertzhertzoge.
- Hermion.) Rudolph / Graf von Habsburg erster Römischer Käyser seines
    Geschlechtes. Besiehe allgemeine Anmerckungen / IV. Capitel / No. VIII.
- Drei erwählende Fürsten / so dem Hermion ihre Stimmen geben / hingegen seine
    Töchter zu Gemahlinnen nehmen.) Drei Churfürsten / Ludwig Pfaltzgraf am
    Rhein / Albrecht II. Churfürst zu Sachsen und Otto Marckgraf zu Brandenburg
    / derer der erste Fräul. Matilden / der andere Fräul. Agnes / der letztere
    Fräul. Hedwig sich vermählet hat.
- Istevon.) Käyser Friedrich II. Besiehe Joannis Pallatii Aqvilam Vagam l. 29.
    f. 39.
- Atcorot / Hertzog derer Qvaden.) Ottocar / König in Böhmen.
- Emma / Atcorots Tochter.) Jutta / Böhmische Princessin.
- Mars / Hermions älterer Sohn.) Rudolph Hertzog in Schwaben / Landgraf im
    Elsass. Dieser ist wohl zu unterscheiden von einem andern Mars / von welchem
    siehe p. 113. b.
- Hermion entblössete seinen Degen.) Es war ein Creutz / auf welchem Käyser
    Rudolph der I. in Ermangelung des Scepters / den Eyd von denen Churfürsten
    annahm. (Besiehe Johannis Palatii Aqvilam Vagam l. XXIX. fol. 43.) Weil aber
    kein Creutz sich vor den Heidnischen Hermion schicket / als hat Lohenstein
    an dessen statt den Degen nennen müssen.
p. 112. a. Noricher.) Die Oesterreichischen Stände.
- Gallier.) Carl von Anjou / König in Sicilien / so den Durnacin (d.i. Cunradin)
    den 27. Oct. 1229. zu Neapolis entaupten lassen.
- Garramis.) Margareta / Hertzogin von Oesterreich.
- Aleb.) Bela / König in Ungarn und Steuermarck.
- Bato / der Rhetier Hertzog.) Ladisslaus König in Ungarn.
- Rangolbebet / Fürst der Bastarnen und Dacier. Ein gewisser Siebenbürgischer
    Fürst / welchem Lohenstein einen Nahmen von dem berühmten Betlen Gabor / in
    Ermangelung des rechten Nahmens / durch Versetzung derer Buchstaben /
    erborget hat.
- lin. 38. Mit drei Ländern.) Oesterreich / Steuermarck und Cärnten.
p. 212. b. Kunigundis / eine Tochter des Königs der Reussen und Bulgarn.)
    Kunigundis Pohlnische Princessin.
p. 113 a. Regensberg.) Diesen nennet Palatius f. 47. Bertold Capella.
- Milota.) Milota de Diednicz, vornehmer Böhmischer Herr.
- Eborudun.) Brin in Mähren.
- Eburum.) Olmütz.
- Valuscenes.)Vencesslaus / Böhmischer Erbprintz.
- Jutta / Hermions Tochter.) Jutta / Käyser Rudolphs Tochter.
- Bergrose.) Dieser Ritter heisset beim Alberto Argentinensi Zevusch / beim
    Palatio aber f. 48. Zavisius Rosensis; ist nachmahls / auf Befehl jetzt
    gedachten Königs Wenceslaus / geköpffet worden.
- Seqvaner.) Burgundier.
- Hanau.) Palatius nennt ihn Herrmann Waldeck.
- Dieser Held hat die Weiber gelehrt / etc. diss gehört zu dem alt-teutschen
    Hermion.
p. 113. b. Suasandusal.) Käyser Adolff von Nassau.
- Russen.) Sind hier die Engländer.
- Sarmater.) Frantzosen.
- Mars / Hermions anderer Sohn dieses Nahmens.) Albertus Austriacus, Römischer
    Käyser.
- Nemeter Gebiete.) Speierisches Gebiete.
- Oettingen.) Ludwig Graf von Oettingen
p. 114. a. Der Hertzog derer Alemannier.) Johannes Hertzog in Schwaben.
- Drei Mitverschwohrne.) Rudolph von Wart / Walter von Eschenbach und Ulrich von
    Palm.
- Neun andere Fürsten.) Neun Römische Käyser / so nicht aus dem Haus Oesterreich
    entsprossen. Nemlich: Henrich VII. von Lützelburg; Ludwig H. aus Bäyern;
    Carl IV. König in Böhmen; Günter Graf von Schwartzburg; Wenceslaus König in
    Böhmen; Ruprecht Pfaltz-Graf am Rhein; Friedrich Hertzog von Braunschweig;
    Jodocus Marggraf in Mähren; Sigismund König in Böhmen.
- Cridiser.) Friedrich der Schöne / Röm. Käyser / Albrechts I. Sohn.
- Dulwig / Hertzog derer Vindelicher.) Ludwig IV. Hertzog in Bäyern.
- Nach 130. Jahren.) Käyser Albrecht der I. ist den I. Mäy 1308. ermordet und
    Albrecht II. im Jahr 1438. zum Röm. Käyser erwehlet worden.
- Vandal.) Albertus der andere / Röm. Käyser.
- Pannonier.) Ungarn.
- Marckmänner.) Böhmen.
p. 114. b. Eubagen.) Hussiten.
- Druiden.) Römisch-Catolische.
- Micasir / Sarmatischer Fürst.) Casimir / König in Pohlen.
- Scyten.) Türcken.
- Ulsing.) Friedrich der III. Röm. Käyser.
- Cimburgis.) Cimburgis / Hertzog Zimovit von Massow Tochter.
p 115. a. Alemann.) Maximilian I. Friedrichs III. Sohn; Besiehe unten p. 119. a.
- Vercingetorich.) Carl / Hertzog in Burgund / dessen Tochter Anna Käyser
    Maximilians des ersten Gemahlin gewesen
p. 118. a. Ein Celtiberischer König.) Alfonsus der zehnde / König in Spanien /
    ist von seinem Sohne Sanctius des Reiches entsetzet worden und in grosser
    Dürfftigkeit zu Sevilien gestorben.
p. 119. a. Alemann.) Maximilian I. Röm. Käyser.
- Marnier und Nervier.) Flandern.
p. 119. b. Trebal.) Albert Hertzog zu Sachsen.
- Lepontier.) Schweitzer.
- Hunnus.) Philipp / Käyser Maximilians I. Sohn.
- Diumfared.) Ferdinand / König in Spanien / dessen Tochter Johanna
    jetzt-gedachten Philipp dem ersten vermählt worden.
p. 120. a. Tritonische oder Atlantische Länder.) America. Besiehe Hornium de
    Originibus Americanis, den Lohenstein sehr fleissig gelesen hat.
p. 120. o.b. Kokisem. Mexico.
- Mittägige Länder / die vom Färbe-holtz berühmt sind.) Brasilien.
p. 121. a. Josua.) davon meldet Procopius. Besiehe Hornium p. 140. f.
- Tule.) Issland.
p. 122. a. Allamegan.) Ferdinand Magellan.
- Taprobana.) Ceilan.
p. 122. b. Kronen.) Grönland.
- Das Vaterland des roten Färbeholtzes.) Brasilien.
p. 123. b. Zipangrier.) Japaneser.
- Die welche die Mittags-Länder bewohnen.) Peruaner. Besiehe Hornium p. 448.
    feq.
p. 124 b. Uzou und Tepin.) Uzou der Tartarn König hat den König der Chineser
    Tepin im J. Ch. 1260. vertrieben und seinen Auffentalt in der neuen Welt zu
    suchen gezwungen. Hornius.
- Marcomir.) Carl der V. Röm. Käyser.
- Britannier.) Spanier.
- Chila Cambel.) Besiehe Hornium c.l.p. 101
p. 125. a. Treva.) Lübeck.
- Nocol.) Christoph Colon oder Columbus.
- Ligurier.) Genueser.
p. 125. b. Sitonier.) Norweger.
- Schon für acht hundert Jahren.) Harald Harfager hat gelebt im Jahr Christi
    879.
- Cimbrer.) Sind hier die Cambro-Britannier.
- Günet.) Fürst von Cambrien oder Wallis.
- Madoch.) Dieser soll im J.C. 1170. in der neuen Welt angekommen sein. Besiehe
    Hornium. p. 241. s.
p. 126 a. 11000. Inseln.) Les Maldives
p. 130. a. Serer.) Chineser.
p. 132. a. Marcomir.) Carolus V. wie obgedacht.
- Lissudaval.) Vladislaus König in Ungarn.
- Salomin.) Soliman Sultan.
- Usesival.) Franciscus der I. König in Franckreich.
- Farnaboja.) Fontarabia.
- Olamin.) Milano oder Meiland.
- Carjoma.) Majorca.
p. 132. b. Die Hertzoge derer Hermundurer und Catten.) Johann Friedrich /
    Churfürst zu Sachsen und Philipp Landgraff zu Hessen.
- Haupt derer Druiden.) Pabst Elemens der VII.
- Barden.) Evangelische.
- Eubagen.) Calvinisten.
- Zitin.) Ticinum oder Pavia.
- Jazapol.) Johannes Zapolius, Woywoda in Siebenbürgen / so unten Decebal
    heisset.
- Vindomana.) Wien.
- Assemules.) Muleassan König von Tunis.
- Barsabosar.) Barbarossa.
- Der Circkel der Sonnen ist der Tugend zu enge und des Monden zu niedrig.) PLUS
    ULTRA:
p. 133. a. Kokisem und Rupe.) Mexico und Peru.
- Opisot.) Potosi.
- Eine in einen saltzigten See gebauete Stadt.) Mexico.
p. 141 a. Hippon / Marcomirs Sohn.)
Philipp II. König in Spanien.
- Ingram.) Ferdinand der I. Röm. Käyser.
p. 142. a. Tinacris / Königin derer Samojeden.) Christina Königin in Schweden.
- Rakimis König der Geten.) Johann Casimir / König in Pohlen.
- Heerulk.) Valerius Maximianus Herculeus, Röm. Käyser.
- Nidotical.) Diocletian.
p. 143. a. Lissudaval.) Vladislaus Sigismundus / König in Pohlen.
p. 143. b. Lubomir.) Georg Lubomirsky.
- Lissudaval.) Vladislaus König in Ungarn.
- Gudwil.) Ludwig / Cron-Erbe von Ungarn.
- Hermildis.) Anna / Erb-Prinzessin von Hungarn.
p. 144. a. Decebal.) Johannes Graf von Zapolien; nachmahls König in Ungarn und
    Woywoda in Siebenbürgen. Doch ist dessen gegenwärtige Liebes- Geschichte
    nichts mehr / als ein Roman.
p. 149. a. Suessioner.) Franckreich.
p. 149. b. Eubagen.) Hugenotten.
- Colusar.) Carolus IX. König in Franckreich.
- Das eine Haupt derer Eubagen.) Henrich / König von Navarra / dem Carolus IX.
    seine Schwester Marguerite de Valois vermählet hat.
- Das andere Haupt.) Der Admiral von Franckreich Caspar Coligny.
p. 150. b. Zoma.) Mohatz.
p. 151. a. Lasabile.) Isabella (oder Elisabet) König Siegmunds in Pohlen
    Fräulein Tochter.
- Friedebald.) Churfürst Friedrich II. mit dem Zunahmen der Weise / Pfaltzgraff
    am Rhein; dessen Leben Hubertus Leodius mit Fleiss beschrieben hat.
p. 151. b. Boccan Hemer.) Marocco / so jetzt unter frembden Joch / nämlich dem
    König von Tafiletta, schmachtet.
- Dacien.) Siebenbürgen.
p. 152. a. Festan / Decebals Sohn.) Johannes II. des oben p. 144. a. gedachten
    Johannis I. Königs in Ungarn Sohn.
p. 153. a. Clodomir.) Käyser Maximilian II.
- Riama) Maria / Caroli V. Tochter.
- Olorene.) Leonora / Käyser Carl des V. Schwester. Besiehe die Anmerckung zu p.
    157. b.
p. 155. a. Bulissa.) Libussa / Königin in Böhmen.
- Sarpimil.) Primislaus / ein Böhmischer Ackersmann.
p. 157. b. Astinabes / der glückseligen Inseln König.) Sebastian / König in
    Portugal. Hier weicht die Liebes-Geschichte sehr weit von der historischen
    Warheit ab / die sich also verhält: Marcomirs (oder Käyser Carls des Vten)
    Schwester Olorene (Leonora) / so A. 1499. geboren war / ist / nicht als
    Gudwils (Ludwigs / Königs in Ungarn) Witwe / sondern als ein Fräulein im
    J.C. 1519. vermählet worden / nicht mit Astinabes (Sebastian /) sondern mit
    Emanueln / König in Portugal / dessen Kindes- Kindes-Kind erst derjenige
    Sebastian gewesen / so von Johanna / Käyser Carl des Vten Tochter / 20. Jan.
    1554. geboren worden und also A. 1558. nur 4. Jahr alt gewesen ist / als
    die inzwischen an Franciscus I. König in Franckreich (nach tödtliche
    Hintritt ihres ersten Gemahls / König Emanuels /) verheiratete Olorene
    (Leonora) gestorben / wie er denn auch nicht ehe / als den 4. Aug. 1578. vor
    todt gesaget worden / nachdem er und sein Bundsgenosse Mahomet die
    unglückliche Schlacht wider den König zu Fetz und Marocco / Abdelmelech
    verloren; davon der Herr von Lohenstein unten p. 170. b. handeln wird.
    Hingegen war des jetztgedachten Gudwils Witwe eben diejenige Maria / Käyser
    Carls V. Schwester / so Lohenstein Riama nennet.
p. 158. a. lin. 25. Es hätte das Qvadische und Pannonische Reich u.s.w.) An
    statt des ersten Worts Es hätte der Buchdrucker Er / und hinter die Worte
    Pannonische Reich ein comma setzen sollen. Denn der Verstand ist dieser: Er
    (Ingram oder Ferdinand I.) hätte (durch seine Vermählung mit Anna
    Erbprincessin von Ungarn und Böhmen) das Qvadische Böhmische) und
    Pannonische (Ungarische) Reich / dessgleiche (Rudolphus der erste /) der
    Urheber ihres (Oesterreichischen) Stames / welcher nunmehr die andere Welt
    (Indien) überschattete / (durch eheliche Verbindung seines Sohnes mit
    Elisabet Gräfin von Tyrol) ganz Noricum (die Tyrolischen Lande; ferner)
    sein Vater (Philipp I König in Castilien / vermittelst seiner Heirat mit
    der Spanischen Erbprincessin Johanna) ganz Britannien (oder Spanien) und die
    Frisischen Landschaften (Nieder-Deutschland) erworben. Durch diesen
    untadelhaften Hamen traue ihm Hippon (Philipp II.) Marcomirs (Carls V.)
    Sohn / Hibernien (England und Irrland) zu fischen / (weil er zu dem Ende
    sich mit Maria Königin in England vermählet hat.)
p. 161. b. Hunnus.) Itztgemeldter Philipp I. König in Castilien.
- Diunfared.) Ferdinandus Catolicus, König in Spanien.
- Nojanes.) Johannes / Ferdinands Sohn.
- Britannien.) Spanien. Besiehe oben allgemeine Anmerckungen p. 16. a. lin. 24.
p. 162. b. Hunnus Gemahlin.) Johanna.
- Dero ältere Schwester.) Isabella / so erst an Alphonsum den VI. nachmahls an
    Emanueln / beiderseits Könige in Portugal verheiratet worden.
- Caledonien.) Castilien.
- Betisale.) Isabella / Infantin von Castilien / König Ferdinandi Catolici
    Gemahlin.
p. 162. a. Aleman.) Käyser Maximilian I.
- Dessen Tochter.) Margareta.
- Lucosar.) Carolus VIII. König von Franckreich.
- Nana.) Anna / Hertzogin von Bretagne.
- Amorichschen Länder.) Bretagne.
- Gudwil.) Ludwig XII. König in Franckreich.
- Lucosars Schwester.) Johanna.
p. 166. b. Dinaser.) Ferdinandus Catolicus.
p. 167. a. Der Unmensch / der sich für den Jupiter ausgab.) Cajus Caligula.
- Einer / so eine Vestalische Jungfrau geheiratet.) Käyser Heliogabalus.
p. 169. a. Die zwei Gottesschänder / die sich in Saturn und Anubis verstecket.)
Jene Geschichte beschreibt Ruffinus lib.
XI. Hist. c XXV. Diese Flavius Josephus I. XVIII. Antiq. Jud. c. 4.
p. 170. b. Der verdrungene König der Mauritanier.) Mahomet.
p. 171. a. lin. 2. Der / welcher das Königreich behauptete.) Abdelmelech König
    zu Fez und Marocco. Besiehe oben die Anmerckung zu p. 157. b.
- Salomin.) Soliman Sultan / dessen auch p. 132. a. gedacht worden.
- Siegestatt.) Siget.
- Nezir.) Nicolaus Zerin.
p. 171. b. Miles.) Selim Sultan.
- Sarmatien.) Pohlen.
- Tiabor.) Stephanus Batory / Fürst in Siebenbürgen und König in Pohlen.
p. 172. a. Aembrich.) Käyser Ferdinand II.
- Segimer.) Käyser Ferdinand III.
- Roderich.) Käyser Rudolph II.
- Malorich.) Käyser Mattias.
- Turama.) Amurat Sultan.
- Mehadum.) Muhamed Sultan.
- Techma.) Achmet Sultan.
- Schwartzenberg.) Adolph von Schwartzenberg / so deswegen A. I599. zum Grafin
    gemacht worden / folgendes Jahr aber bei Papa sein Leben ritterlich
    verloren hat. Ist der Aelter-Vater des ietzigen Fürstens von Schwartzenberg
    / Ferdinand Wilhelms Eusebii.
- Pannonischer Edelmann.) Ferdinand Graf von Hardeck.
- Scyten.)Türcken.
- Arabo.) Raab.
p. 172. b. Marsingischer Ritter / Reder.) Schlesischer von Adel / Melchior von
    Redern.
- Nidavar.) Varadin oder Gross-Wardein.
- Gundimes / König der Dacier.) Sigmund Fürst in Siebenbürgen.
- Nasared.) Andreas Batory.
- Tabisock.) Stephanus Botskay.
- Mitridates.) Schach Abas der grosse König in Persien.
p. 175. b. Gotart.) Gustavus Adolphus König in Schweden.
- Treva.) Lübeck. Von diesem Lübeckischen Goldmacher / der 17000. Kronen seinen
    Erben verlassen hat / ob er gleich im Kauffhandel stets unglücklich gewesen;
    desgleichen von einem andern / der mit Segimern (d.i. Käyser Ferdinanden
    III.) zu tun gehabt / besiehe E.G. Happels Relationes curiosas, im II.
    Teil p. 286. 287.
p. 178. b. Topiso.) Potosi.
p. 182.a. Malorich.) Käyser Mattias.
- Techma.) Achmet.
- Der dem Malorich nicht beliebige Fürst.) Betlen Gabor.
p. 182. b Aembrich.) Käyser Ferdinand II.
p. 185 a. Die Stadt / so ein Rhetischer Berg bedeckt.) Plürs in der Schweitz /
    25 Aug. 1618.
p. 212. b. Sigabor.) Alexander VI. Römischer Pabst / so vor seiner Erwehlung
    Borgias geheissen.
- Apellis.) Bianca Capellis, Francisci de Medicis Grosshertzogs zu Florentz
    Gemahlin. Diese hatte ihres Gemahls Bruder / dem Cardinal Ferdinand / eine
    vergifftete Torte vorgesetzet; welcher aber sich entschuldigte / weil er
    keinen Appetit zu essen hätte. Franciscus meinte / diss geschähe aus Furcht
    dessen / welches mehr als zu gewiss war. Weil er nun dergleichen seiner
    Gemahlin nicht zutrauete / schnitte er selbst die Torte entzwei und nahm die
    Helffte zu sich. Als demnach Bianca sah / dass ihr Gemahl sich unwissend den
    Todt an Hals gegessen hätte / frass sie aus Verzweiffelung die andere Helffte
    / und starb bald drauf nebenst ihm.
p. 220. b. Ein gewisser Fürst.) Carl VII. König in Franckreich.
- Sein erwachsener Sohn.) Ludwig der XI.
- Ein anderer Vater in Hispanien.) Philipp II. König in Spanien.
- Seinem Sohne.) dem Infanten Carolus.
p. 226. a. Ein Geschlecht in Hibernien.) Das Königliche Stuartische Geschlecht
    in Grossbritañien / aus welchem nach Henrich Ranzauens Rechnung mehr als die
    Helffte / (nämlich über 50. Personen) unnatürlichen Todes verblichen. Joh.
    Buno not. ad P. Cluverii Geograph. p. 190.
- Induciomarer.) Die Henrici in Franckreich.
p. 229. b. Hippon.) Philipp II. König in Spanien.
- Hibernien.) England.
- Telesbia.) Elisabet.
- Canistria.) Christina / Königin derer Schweden und Goten.
- Britannier.) Spanier.
p. 232. a. Der Schutzherr Hiberniens. Olivier Cromwell / Protector von England /
    Schottland und Irrland.
- Des Königlichen Gesandten aus denen glückseligen Eylanden Bruder.) Pantaleon
    de Sà & Meneses, des Grafens de Penagion, Portugiesischen Ambassadeurs
    Bruder / welchen Cromwell A. 1654. köpffen lassen. Christoph Adolph
    Tuldenus, P.I. Histor. L. XI. p. 76: Wicquefort, de l'Ambassadeur L.I.
    Sect. XXVIII. p. 605. edit. 1682.
p. 248. Laodice.) Es scheint fast / als ob Laodice die Marie Françoise d'
    Aumale, Princesse de Nemours, vermählte Königin in Portugal / Artavasdes den
    König Alphonsus / Gotarzes den Don Pedro dessen Bruder / das Eyland im
    Caspischen Meer die Insel Tercera verdeckter Weise vorstelle.
p. 264. b. Idris.) So heisset bei denen Arabern der Patriarch Enoch.
p. 268. b. In Rhetien durch Einfallung eines Berges.) Plürs in der Schweitz.
- Kampff zweier Berge in der Mutinensischen Gegend.) Besiehe Plinium Hist. Nat.
    l. II. c. LXXIII.
p. 270. a. Die Persen haben ihrer Königlichen Witwe schwangern Leib gekrönet.)
    Dieses ehe gekrönte als gebohrne Kind ist Sapor III. König in Persien / so
    A.C. 380. gestorben.
p. 274. b. Die Britannische Fürstin Lelebisa.) Als König Edward I. von England
    durch einen Meuchelmörder mit einem vergiffteten Pfeil im gelobten Land
    geschossen worden / hat dessen Gemahlin Eleonora / König Ferdinands III. in
    Castilien und Leon Tochter / das Gift mit ihrem Munde aus seiner Wunde
    gesogen und ihn hierdurch von der augenscheinlichen Todes-Gefahr glücklich
    befreit. Sie starb hernach zu Herdebei in Lincolnshire den 27. Nov. 1290.
    wie Francis Sandford, in seiner Genealogical History of the Kings of England
    f. 129. berichtet. Einige Autores, insonderheit Ludovicus Vives, nennen den
    König den frommen Robert / die Königin aber Elisabet. Allein die Zeit-
    Rechnung und alte Grabsteine bekräfftigen Sandfords Erzehlung.
p. 294. b. Die Könige in Gallien biss auf des Induciomarus Söhne vertrieben mit
    dem Finger alle Kröpffe.) Diss ist vielleicht aus Boissardo de Divin. c.
    genommen / als welcher schreibt / dass die Könige in Franckreich die
    Wunder-Krafft Kröpffe zu heilen viel hundert Jahre und biss auf die Zeit
    Henrichs II. gehabt. Oben aber ist gedacht worden / dass Lohenstein I. Teil
    p. 226. die Henriche Induciomarer nenne. Hiermit stimmt Hubert Morus überein
    / wenn er l. III. de S. Un. c. 5. berichtet / dass Henrich III. einen seiner
    guten Freunde am Kropffe zu heilen sich vergeblich bemühet habe. Nichts
    destoweniger mercken doch Gramondus und andere noch heut zu Tage lebende
    Historien- Schreiber an / dass Henrichs des dritten Nachfolgere / Henrich IV.
    Ludwig XIII. und XIV. eben die Gabe gehabt / derer die vor Henrich III.
    regierende Könige sollen teilhaft gewesen sein.
p. 304. b. Antiope / Orismanes / Trebossrex.) Orismanes ist sonst in der
    Liebes-Geschichte eine erdichtete Person; hier aber ein Ebenbild des
    Marschalls von Franckreich / Charles Biron. Diesem wiese die Königin in
    England Elisabet / das Haupt ihres gewesenen liebsten Bedienten / des
    Grafens von Essex / (welchen sie 7. Mart. 1601. entaupten lassen /) und
    warnete ihn / sich vor solcher Untreu zu hüten / damit er nicht
    gleichmässiger Straffe sich schuldig machte. Allein Biron schlug solches in
    Wind und verlohr hierüber ebenfalls sein Haupt unter des Scharffrichters
    Hand / 21. Jul. 1602. Trebosserex entält in sich die versetzten Buchstaben
    Robert Essex; uno also muss Antiope Elisabet / Orismanes Biron sein.
p. 308. a. Der Weltweise / so dem Kebsweibe des Hermias geopffert.) Aristoteles.
p. 309. a. Ein die Streubüchse vergreiffender Diener.) Dem König in Spanien
    Philipp II. wird als eine sonderbare Langmut nachgerühmet / dass als er
    einst einen Brieff an den Pabst geschrieben und selbigen mit Sande zu
    bestreuen und eiligst zu bestellen / seinem Bedienten gegeben / dieser aber
    an statt der Streubüchse das Tintenfass auf das Papier geschüttet / habe
    jener sich nicht im geringsten beweget / sondern nur gesaget: Gebt ander
    Papier her: habe sich hierauf niedergesetzt und sichs nicht verdrüssen
    lassen / den Brief noch einmal zu verfertigen. Ob nun der Diener aus Furcht
    einiger heimlichen Ungnade gestorben / oder ob Lohenstein eine ganz andere
    Geschicht im Sinn gehabt / ist mir unbekant.
p. 310. a. Forstard.) Der Graff von Strafford und Viceroy von Irrland / den Carl
    Stuart I. König in Gross-Britannien / auf fälschlich Angeben und ungestümes
    Anhalten des Englischen Parlaments / 12. Maj. 1641. entaupten lassen.
- Condelar.) Don Rodrigo Calderon Graf von Oliva, welcher unter König Philipp
    III. in Spanien / nächst dem Hertzog von Lerma / der vornehmste
    Staats-Bediente gewesen / nachmahls aber unter Philipp IV. unzähliger
    Misshandlungen beschuldiget und durch den Scharffrichter vom Leben zum Tode
    gebracht worden. Besiehe Erasmus Francisci hohen Trauersaals IV. Teil.
p. 312 a. Astelot.) Der Graf von Atol (oder d' Atoles) hat den mit ihm
    verwandten König in Schottland Jacob I. mit 22. Wunden den 20 Febr. 1437.
    ermordet / nachdem ihm ein Sterngucker gewahrsagt hatte / er würde vom Volck
    für einen König öffentlich ausgeruffen werden. Deshalb ward ihm auch eine
    glüende eiserne Krone zu wohlverdienter Straffe auf das Haupt gesetzet / mit
    der Uberschrifft: Das ist der König derer Verräter! Besiehe Acta Eruditorum
    1685. p. 23.
p. 321. b. Deutsche Königinnen haben ihre Liebhaber vom Pflugschar genommen.)
    Libussa Königin in Böhmen. Siehe oben p. 155. a.
- Eine Käyserin hat sich in einen Fechter verliebt.) Faustina, Käysers Marci
    Aurelii Antonini Philosophi Gemahlin; wie bei dem Capitolino zu sehen.
- Eine Fürstin hat sich in einen Zwerg verliebt.) Julia, Käysers Augustus
    Enckelin / hat zu ihrem Liebling den Conopas gehabt / der zwei Schuhe und
    eine Handbreit lang war. Plinius H.N.I. VII. c. XVI
p 339. Bala Hippons Stadtalter.) Der Hertzog von Alba. Die Aufschrifft der
    metallenen Statua wird beim Palatio f. 599. Aquilæ Austriacæ also gefunden:
    FERDINANDO ALVAREZ A TOLEDO; ALBÆ DUCI; PHILIPPI II: HISPANIARUM REGIS APUD
    BELGAS PRÆFECTO: QUOD EXTINCTA SEDITIONE, REBELLIUS PULSI, RELIGIONE
    PROVINCIA A PACEM FIRMARIT: REGIS OPTIMI MINISTRO FIDELISS: POSITUM. d.i.
    Ferdinanden Alvarez von Toledo / Hertzogen von Alba / König Philipp des II.
    Stadtaltern in denen deutschen Niederlanden / nachdem er die Aufruhr
    vertilget / die Rebellen verjaget / die Religion beschützet / den
    Landfrieden bevestiget / ist / als des gütigsten Königs treuesten Bedienten
    / dieses Denckmahl aufgerichtet worden.
p. 304. a. Ein Serischer König eines neuen Stammes.) Besiehe Arminius I. Teil
    p. 615. a. lin. 6. feq.
p. 345 a.l. 35. Atlantische Insul.) America.
p. 347. a. Der / dem man gifftige Schwämme zu essen gab.) Käyser Claudius.
p. 362. b. Bataver.) Diss sind von hier an biss p. 369. die heutigen vereinigten
    Niederländer.
- Britannischer König.) Philipp II. König in Spanien.
- Eganor.) Wilhelm / Hertzog von Uranien / so 10. Jul. 1584. zu Delfft
    meuchelmörderisch umbs Leben gekommen.
p. 363. a. Eisenhertz.) Ist eben der / so gleich hiernächst Wodan heisset.
p. 363. b. Waldan.) Liess Wodan.
p. 364. a. Wodan.) Moritz von Nassau Printz von Uranien.
p. 364. b. Zwist zwischen denen Eubagen.) Spaltung derer Reformirten in
    Arminianer oder Remonstranten und Calvinisten oder Contraremonstranten.
- Bisuar.) Johannes Barnerelt.
p. 365. a. lin. 2. Allgemeine Landes-Versammlung.) Synodus zu Dordrecht.
- Dagobert.) Wilhelm / Printz von Uranien / so den 6. Nov. 1650. gestorben.
- Batavodurum.) Amsterdam.
- Des Caledonischen Hertzogs Tochter.) Maria / Carl Stuart des I. Königs in
    England Tochter.
p. 365. b. Caledonier und Römer.) Engländer und Frantzosen.
- Cariovalda.) Wilhelm Henrich / Printz von Uranien (nunmehr König von England)
    ward geboren den 24. Dec. 1650.
p. 366. a. lin. 6. Eydliches Bündnis.) 5. Aug. 1667. Dieses Bündnis ist von Wort
    zu Wort zu lesen in Valckeniers verwirrten Europa / Anhang N. III. f. 3.4.
- Drusus.) Ist in dieser Erzehlung Ludwig. XIV. König in Franckreich; biss auf p.
    371. a. allwo er des Käysers Augustus angenommener Sohn wieder wird.
p. 366. b. Der Fürst der Ubier.) Maximilian Henrich / Churfürst zu Cölln.
- Grinnes.) Rhenen.
- Vada.) Wageningen.
- Arenacum.) Arnheim.
- Der zur Vertädigung des Rheinstroms bestellete Kriegs-Oberste.) Jean Barton
    de Mombas, General-Commissarius über die Reuterei derer Niederländischen
    Provintzen. Besiehe Valckeniers verwirrt Europa I. Teil fol. 237
- Taxanter.) Seeland.
- Batavodurum.) Amsterdam.
- Hibernier-König.) Carl Stuart II. König in Grossbritannien.
p. 367. a. Enno.) Diese ordentliche Beratschlagung gehört zum Roman / nicht zur
    Historie. Denn der Hertzog von Uranien hat die Wiedererlangung derjenigen
    Würden und Aempter / so ihm durch das Bündnis den 5. Aug. 1667. abgesprochen
    waren / mehr dem unordentlichen Geschrei derer Bürger und des Pöbels in
    unterschiedenen Städten / als der recommendation einigen Regentens zu
    dancken gehabt. Jedoch schickt sich dieser wohl ausgesonnene Umbstand zu
    einem Helden-Gedichte weit netter / als die wahre Beschaffenheit der Sache
    selbst.
- Ein gemeiner Mann.) Wilhelm Tichelaer / ein Barbierer. Besiehe Happels Relat.
    Curios. III. Teil p. 357.
- Einer der fürnehmsten Räte.) Cornelius de Witt, Ruart von Pütten.
- Hibernier.) Engländer.
p. 371. a. Drusus.) Hier fangen die alten Römischen Geschichten wieder an.
p. 372. b. Segimer.) Ferdinandus III.
- Die Hauptstadt derer Campsacer.)
Wolffenbüttel hat Käyser Ferdinand III. durch den Pappenheim vermittelst
    Schwellung der Ocker bändigen und aus derer Dänen Gewalt unter Hertzog
    Friedrich Ulrichs von Braunschweig Botmässigkeit bringen lassen.
- Grubenbrand.) Friedrich Wilhelm / Churfürst zu Brandenburg hat 1663. die Oder
    mit der Spree vereinbahret. Besiehe Johann Wolffg. Rentschens
    Brandenburgischen Cederhayn p. 523.
p. 373. a. Vercingetorich.) Ludwig XIV. König in Franckreich hat den Fluss
    Garumna (Garonne) mit dem ins Mittel-Meer fallenden kleinern Fluss Atax oder
    l'Aude vereiniget.
- Tuisco.) Käyser Carl der Grosse. Besiehe Aventinum I. IV.
- Phrat.) Trajanus hat den Phrat mit der Tiger / und Nero die Avernische See mit
    der Tyher zu vereinigen vergeblich gesuchet.
- Massageten.) Moscowiter. Besiehe J.C. Becmanni Hist. Orb. P.I.c. III. §. XXI.
- Silem.) Sultan Selim.
p. 374. b. Socas.) Durch Buchstaben-Versetzung Saxo. Der gefangene Churfürst zu
    Sachsen / Johann Friedrich / hörte ohne Bestürtzung an / was sein Uberwinder
    Käyser Carl V. ihm im Monat Mäy 1547. andeuten liess / nämlich / dass / wo er
    nicht die Ubergabe der Stadt Wittenberg verschafte / sollte ihm das Leben
    abgesprochen sein. Er nahm den Todt mit freudigen Worten an / welche beim
    Tuano, lib. IV. zu lesen sind; ja er bat den Hertzog von Braunschweig / mit
    ihm im Schachspiel fortzuspielen. Welche seine Grossmut ihn bei Ehre und
    Leben erhalten hat. Besiehe auch Saavedra, Symb. Pol. XXXIII.
p. 398 a. In denen Römischen Lägern eine Frau.) Agrippina des Germanicus
    Gemahlin; wie im II. Teil wird erzehlt werden.
- Eine Fürstin im Kriegs-Rate.) Ich wollte fast sagen / dass die tapffere
    verwitwete Landgräfin von Hessen-Cassel / Amalia Elisabet / von welcher in
    der Historie des 30. jährigen Kriegs überaus viel Rühmens ist / verstanden
    werde. Doch dürffte auf solchen Fall eine kleine Hyperbole im Arminius sein.
p. 433. a. Eine geschändete Fürstin.) Blanca Rubea, so von dem Wüterich
    Acciolini geschändet worden; wie Bernardus Scardeonius weitläufftig
    beschrieben. Phil. Camerarius P.I. Hor. Subcisiv. c. 50
p. 439 b. Einigen hat ein Pfeil ihr Geschwür eröffnet.) Hieher gehören die
    Exempel des Pheræus Jason, (beim Cicer. de Nat. Deor. und Plin. I. VII.
    H.N.c. 50.) des Prometeus aus Tessalien / (beim Plutarch. lib. qvid
    intersit inter adulatorem) und anderer.
p. 444. b. Tauben zu Brieffträgern gebraucht.) Siehe. G.J. Vossium. l. III. de
    Idolol. c. 98. Phil. Camerarium? P.l. Hor. Succis. c. 77. Pietro della Vale,
    P.l. epist. 12.
- Stadt in Syrien.) Tyrus.
- Eine andere Festung.) Besiehe Paulum Æmilium in vita Ludovici Crassi und Petr.
    Justinianum Hist. Ven. l. II.
p. 445. a. Segimer.) Ferdinand III. R.K.
p. 448. a. Die Furcht treibt einem die grauen Haare in einer Nacht heraus.)
    Dergleichen widerfuhr dem Diego Osorio, als er auf Befehl des Königs in
    Spanien gefangen gesetzet wurde. Petrus Mexia, sylva variar. lectionum P.
    ll. c.7. Wie auch dem Henrich Gate, den die Königin Maria in England zum
    Tode verdamet hatte. Tuanus, lib. 13.
p. 448. b. Grosssprecher.) Martinus Ivanius / ein Spanischer Ritter / liess auf
    sein Grab schreiben: Hic situs est Martinus Ivanius in omni discrimine
    expers timoris, d.i. Hier liegt Martinus Ivanius / der in aller Gefahr ohne
    Furcht war. Käyser Carl V. lass solches und sagte: Dieser hat gewiss seine
    Hand niemahls ins Feuer gehalten / sonst würde er sich ohne Zweiffel für der
    Hölle gefürchtet haben. Qvirinus Pegeus (oder Harsdörffer) Kunst-Qvelle n.
    5816. In dem Buch: Les Actions heroiques & plaisantes de l'Empereur
    Charles V. (so bei dem erdichteten Pierre Marteau Cologne gedruckt ist)
    heisst dieser Spanier Martin Janus Barbuda General de l'armée d'Alcantara.
p 453. a. Jener Waldgott / der kalt und warm aus seinem Munde bliess.) Ich halte
    / der Herr von Lohenstein habe schreiben wollen: Ihr Mund bliesse / wie
    jener Bauer / (der bei einem Waldgott zu Gaste war und mit seinem Atem so
    wohl seine Hände wärmer / als das Essen kälter machte / kalt und warm
    heraus. Deñ so erzehlt diese Fabel Erasmus, Adag. Chiliad. I.n. 830.
p. 455. b. Der sich verbreñende Indianer.) Zarmar / von welchem unten p. 714.
    gehandelt wird.
p. 468. a. Taprobana.) Ceilan.
p. 473. a. Britannier.) Lohenstein hat hierbei den Engländer Kenelmum Digby
    sonder Zweiffel im Sinn gehabt.
p. 507. b. Cantabrischen.) Spanischen.
- Pannonischen.) Ungarische.
- Britannischen.) Englische.
- Der Gallier Fürsten.) Könige in Franreich.
- Persina.) Die schwartze Persina / Aetiopische Königin / hat (laut des
    Heliodori Liebes-Geschichte) an einem alabasternen Andromeden-Bild sich
    versehn und die weisse Chariclea geboren.
p. 524. b. Marcomir.) Käyser Carl V.
p. 531. b. Herulischen / Rugischen und Varinischen Hertzoge.) Die Hertzoge von
    Meckelburg. Joh. Phil. Speneri Hist. Insign. l.I.c. 61.
p. 561. b. Jener Scyte.) Timur Lanc oder Tamerlanes.
- Einen grossen Fürsten.) Bajazet / Türckischen Käyser.
p. 562. a. Alemann.) Maximilianus I.
- Marcomir.) Käys. Carl V.
p. 562. b. Carnutum.) Der Päbstliche Stuhl zu Rom.
p. 582. a. Der Rauch gedörrter Kräuter.) Tabac
p. 583. b. Das Geträncke der Seren.) Das Te derer Chineser.
p. 591 b. Huhansien / König der Scyten.) Tartar- Cham.
p. 609. b. Der Papegoy in Britannien.) Die Geschicht ist zu Londen zur Zeit
    Henrichs des VIII. geschehen / wie Gesnerus meldet.
p. 611. a. Nächstin ein Rabe zu Rom. Unter dem Käyser Tiberius / nicht lange
    nach der vom Lohenstein beschriebenen Haupt-Geschicht. Besiehe Plinium.
    l.X.H.N.c.43.
p. 629. Aletodobal.) Ferdinand Alvarez von Toledo / Hertzog von Alba. Siehe oben
    Anmerck. zu p. 340.
p. 631. b. Marcomir.) Carl V.
- Der Fürst derer Hermundurer.) Johann Friedrich Churfürst zu Sachsen.
Siehe oben Anmerck. zu p. 374. b.
p. 632. a. Türckis.) Diss hat Ruæus de Gemmis und aus ihm Happelius Relat.
    Curios. III. Teil p. 163. beschrieben.
p. 632. b. Zwei Diamante bei einer Fürstin in Gallien.) Diese Fürstin ist aus
    dem Luxenburgischen Geschlecht gewesen. Picinelli Mund. Symbol. l. XII. c.
    II. n. XXXV. aus Ruæo und Anselmo Boetio; ingleichen P. Mich. Radau Orat.
    Extempor. p. 2. c. 5. qv. I.
- Affenzahn.) Als die Portugiesen den Tempel auf der Spitze des Berges Pico
    d'Adam A. 1554 ausplündern wollen / haben sie nichts als ein güldenes
    Kästlein und in diesem einen Affenzahn gefunden. Die Landes-Könige haben
    70000. Ducaten zur Ranzion vor diesen ihren Götzen geboten; allein Bischoff
    Gaspar hat ernstlich verboten / sie anzunehmen / auch den Zahn alsbald
    verbrant und die Asche ins Meer geworffen. Johann Hugo von Lindschotten.
- Smaragd / als ein Strauss-Ey gross.) Die Indianer zu Manta (einem Dorff oder
    Flecken in Peru an der Küste des friedsamen Meers /) haben ehemahls einen
    Smaragd angebetet / der so gross gewesen / als ein Straussen-Ey. Happelius,
    III. Teil Relat. Curios. p. 149.
p. 634. a Britannische Königin.) Elisabet Königin in England.
- Caledonische Fürstin.) Maria Stuart / Königin in Schottland.
p. 635. b. Brüder der Sterne und Söhne der Sonnen.) Die Könige in Persien.
- Mit dem Mond sich vermischen.) Dessen rühmte sich Käyser C. Caligula.
p. 656. a. Jene Marsingische (d.i. Schlesische) edle Jungfrau / welche aus der
    Asche ihres erblichenen Bräutigams eine Sand-Uhrmachte.) Fast der gleichen /
    wo nicht eben diese Geschicht / ist so wohl mit Lateinisch - als
    Italiänischen Versen beschrieben beim Picinello I. XXI. Mundi Symbol. c. XI.
    n. 153.
p. 659. a. Brahmanen.) Insgemein ist zu mercken / dass was Masulipat und Zarmar
    vom Glauben und Gebräuchen derer Indianischen Brahmanen erzählen / aus
    Abraham Rogers offnen Tür zum eröffneten Heidentum und Christoph Arnolds
    beigefügten Zugaben / erborget sei; ungeachtet diese nicht von denen alten /
    sondern heutigen Braminen handeln.
p. 662. b. Basira / Serapis / Joseph.) Siehe Pietro della Valle Reisebeschr. IV.
    Teil.
- lin. 30. In weniger Zeit.) Zur Zeit des Neuen Testaments. Denn dass Zarmar
    hiervon einen Vorschmack gehabt / will der Verfasser vor wahr gehalten haben
    I. Teil p. 666. 714.
p. 670. b. Hippon.) Philipp II. Kön. in Spanien.
p. 672. b. Ein Marsingischer Priester.) Lorentz Bischoff zu Bresslau. Cromerus l.
    VIII. Hist. Polon.
- Eine Britannische Jungfrau.) Zur Zeit der Königin Elisabet. Kenelmus Digby
    tract. I. de nat. corpor. c. 38. Schottus. Phys. Curios. l. III. c. 33. §
    IV.
- Ein Kriegs-Held fürchtet sich vor Raute.) Besiehe Marcelli Donati lib. VI.
    Hist. mirab. Med. c. 4.
p. 673. b. Der Hertzog in Codanonia.) Der König in Dänemarck.
- Der Cimbrischen Fürsten Stamm-Frau.) Sueno Estritius König in Dänemarck / so
    das biss aufs J.C. 1448. blühende Königliche Geschlecht angefangen / hat zum
    Aeltervater den Biörn gehabt / welchen eine Jungfrau (nach Saxonis
    Grammatici l. 10. Hist. Dan. f. 174. Bericht) von einem Bär soll empfangen
    haben.
- Ein adelich Geschlecht in Spanien hat einen Wassermann zu seinen Anherrn.) Die
    Marini in Gallicien. Nieremberg. l.V. Hist. Nat. c. 7.
- Ein ganz Volck in Indien an dem Fluss Kinxa.) Im Königreich Pegu. Nieremberg
    l.c. aus Joh. Barro.
p. 674. a. Bei denen Batavern ist für drittalb hundert Jahren eine gefüssete
    Sirene gefangen worden / welche spinnen gelernet.) A.C. 1403. wie Noierus,
    Guicciardinus, Jonstonus, und aus diesen Schottus Physic. curios l. III. c.
    IV. §. I. berichten.
- Ein Meermann ohne Schwantz.) Im Monat May 1619. haben die Dänischen
    Reichs-Räte auf ihrer Rückreise aus Norwegen nach Kopenhagen selbigen
    gefangen bekommen. Doch scheint es / er sei ehe ein Gespenst / als eine
    unvernünftige Seecreatur gewesen / weil er verständlich geredet und
    gedräuet hat / dass weñ man ihn nicht alsbald losslassen würde / weder Schiff
    noch Gut zu Lande kommen sollte. Teatrum Europæum I. Teil. Zwar Happelius
    Relat. Curios. II. Teil p. 16. sagt: Hat nicht der allmächtige Schöpffer
    diesem Mann den Mund eröffnen können / wie Bileams Eselin? Allein was GOtt
    tun kann / tut er nicht eben allzeit; und die teufelischen Betrügereien
    sind in diesen letzten Zeiten viel gemeiner / als dergleichen göttliche
    Wunder.
p. 711. b. Wistnou.) Der Brahmanische Gott Wistnou soll zehnmahl in leiblicher
    Gestalt erschienen sein / und zwar zum ersten unter der Gestalt eines
    Fisches. Rogers Offne Tür II. Teil / III. Capitel; p. 714. b. Ramma und
    Kristna.) Was die Heiden auf der Küste Coromandel von diesem ihrem so
    genanten Gott glauben / hat einige Gleichheit mit unserer Lehre von Christo
    / wie die obgedachten Roger und Arnold hier und dar anmercken. Jedoch ist
    alles mit so viel teufelischen Lügen vermenget / dass man (meines Erachtens)
    viel ehe Diamante in einer Mistlache / als die seligmachende Warheit von der
    Menschwerdung des Sohnes GOttes in denen Brahmanischen Fabeln finden wird.
p. 736. a. Marcomir.) Käyser Carolus V.
p. 762. a. Ein einäugiger Gesandter.) Besiehe Freder. de Marselaer, l.I. Legat.
    p. 52. edit. Vinar. 1663.
p. 763. b. Marcomirs Botschafter.) Caroli V. Botschafter bei der
    Ottomannischen Pforte. Besiehe Marselaer l. II. Legati, diss. 32.
p. 784. b. Sinadat.) Graf Frantz Nadasti / Käyserl. und Königl. geheimer Rat /
    Cämerer und Judex Curiae in Ungarn / ist wegen Meuterei wider jetztregierende
    Käyserl. Majestät / zu Wien den 30. April 1671. entauptet worden.
- Ireniz.) Peter Graff von Zerini / Bannus in Croatien / so zu einerlei Zeit und
    wegen einerlei Misshandlung / als ietztgedachter Nadasti / geköpffet worden.
    Hierbei aber ist zu mercken / dass / obgleich Lohenstein die sonst ungenanten
    verräterischen Bedienten des alten Pañonischen oder Ungarischen Könige
    Hunnus mit denen Nahmen der zu unserer Zeit bekanten Ungarischen Rebellen
    beleget / die übrigen Personen dennoch in seiner Erzehlung nichts
    verborgenes bedeuten. Massen Sinadats Gemahlin des Nadasti seiner zwar
    darinnen gleich ist / dass diese den wider Käyserl. Majestät vorgehabten
    Meuchelmord verhindert / die deroselben zugedachte vergifftete Pastete mit
    einer unvergiffteten verwechselt / und also mehr Treu ihrem Oberherrn / als
    Ehegemahl erwiesen hat? jedennoch ist diese jener ungleich / indem sie nicht
    ihren entäupteten Gemahl überlebt / sondern kurtz vor dem Ausbruch der
    Verräterei im Kindbette gestorben. Worüber denn das Gerücht hier und dar in
    Deutschland erschollen ist / es hätte Nadasti sie gezwungen / obgedachte
    Pastete zu essen / die sie seinem hohen Gaste / dem Käyser / weggeruckt; das
    langsam- schleichende Gift aber erst zur Zeit ihres Kindbettes seine
    völlige Würckung erreichet. Besiehe Erasmus Francisci Trauersaals III. Teil
    XLVI. Geschicht / §. XXI.
p. 830. a. 870. b. Marcomir.) Käyser Carl V.
p. 871. b. Jener Fürst.) Käyser Valerius Aurelianus, der die Stadt Tyana in
    Cappadocien belägerte. Vopiscus.
p. 887. a. Glüenden Ochsen.) Perillus halte auf Befehl des Tyrannen Phalaris
    einen glüenden ehrnen Ochsen / andern zur peinlichen Hinrichtung /
    verfertigt / musste aber zur Probe sich selbst darinnen verbrennen lassen.
p. 970. a. Aleman.) Käyser Maximilian I.
- b. Druiden.) Hierdurch werden zwar eine Art alter heidnischer Götzen-Priester
    benennet / gleichwohl die Römisch-Catolischen Geistlichen in etlichen
    Stücken stillschweigend beschrieben; Und mag der verständige Leser selber
    urteilen / was unter dem von denen Druiden gesagten auf diese oder jene
    sich schicke.
p. 971. b. Cantium.) Rom.
- Eichenen Stab.) Pallium.
- Druiden Oberhaupt.) Pabst.
- Oberste Druiden.) Cardinäle.
- Die Wahl fället auf zwei oder drei.)
Antipapæ oder Wiederpäbste. Also sind z.e.A.C. 1409. Gregorius XII. Benedictus
    XIII. und Alexander V. Päbste gewesen / von denen das Concilium zu Pisa die
    zwei ersten abgesetzt und den dritten vor das rechte Haupt der Kirche
    erkläret hat. A. 1415. wurden die zugleich regierenden Päbste Johannes XXII.
    Gregorius der XII. und Benedictus der XIII. durch das Costnitzer Concilium
    ihrer Würde beraubet / hingegen Martinus V. zum Pabste erwehlt.
p. 979. b. Ein Miltzsüchtiger.) Diss soll ein Edelmann aus Siena gewesen sein;
    wie Happelius Relat. Curios. T.I. p 542. aus M.A. du Laurens mit mehrern
    erzehlt. Aus Jan Zoet Noct. Hybern. aber führt er dergleichen Geschicht noch
    weitläufftiger an / Relat. Curios. III. Teil p. 17.
p. 980 a. Atlantische Insel.) America.
p. 982. b. Marcomir.) Käys. Carl. V.
- Divitiac.) D. Martin Luter.
p. 983. a. Eubages.) Johannes Calvinus.
- b. Der Druys / in dessen Armen Marcomir gestorben.) Constantinus Pontius,
    Käyser Caroli V. Beicht-Vater/ so auf Befehl Philipp II. Königs in Spanien
    verbrant worden.
- Insonderheit wurden die an dem Flusse u.s.w.) Sind alte Geschichten / die
    Luterum und Calvinum nichts angehn.
p. 984. a. lin. 7.) Hier gehn die neuen Geschichte wieder an.
- Irmingardis.) Catarine de Medices, Henrichs des II. Königs in Franckreich /
    Wittwe.
- Dero 3. Söhne.) Franciscus II. Carl IX. Henrich III. Könige in Franckreich.
- Hevinserich.) Henrich Hertzog von Guise.
- Dessen ermordeter Vater.) Franciscus Hertzog von Guise.
- Barden und Eubagen.) Luteraner und Calvinisten.
p. 984. b. Rubonor.) Henrich / König von Navarra.
- Der Irmingardis Tochter.) Princessin Margareta.
- Hevinserichs Getreuer.) Croisier, ein Goldschmid.
- Cigolin.) Der Admiral Caspar Coligny.
- Obersten Druis.) Pabst zu Rom.
- Hauptstadt der Agesinaten.) Rochelle.
p. 985. a. Hibernier.) Engländer.
p. 985. a. lin. 7. - 18.) Alte Geschichte.
- Divitiac König der Suessoner.) Henrich IV. König in Franckreich / der kurtz
    zuvor / als König von Navarra / Rubonor war geheissen worden.
- Galba.) Ludwig XIII. König in Franckreich.
p. 985. a. lin. 29. - b. lin. 28.) Scheinen alte deutsche Dinge zu sein; daferne
    man nicht etwa die zwei Morinischen Fürsten auf die Grafen von Horn und
    Egmond deuten wollte.
p. 985. b. Malorich.) Käyser Mattias.
- Aembrich.) Käys. Ferdinand II.
- Ariovist.) Bernhard / Hertzog von Sachsen-Weimar.
- Arabar.) Friedrich V. Pfaltzgraff am Rhein und König in Böhmen.
p. 986 a. Briton.) Johann Georg I. Churfürst zu Sachsen.
- Quaden.) Böhmen.
- Decebal.) Betlen Gabor / Fürst in Siebenbürgen.
- Marsinger und Gotiner.) Schlesier.
- Pannonier.) Ungarn.
- Cassibellin.) König Jacob I. von Gross-Britannien.
- Fridlev.) Christian IV. König in Dänemarck.
p. 986. b. lin. 2. - 15) Alte Geschichte.
- Ubier.) Bäyern.
- Boviasmum.) Prag.
- Gotart.) Gustavus Adolphus.
- Suioner.) Schweden.
- Sitoner.) Norwegen.
- Fennen.) Finnland.
- Dorulac.) Maximilian Hertzog in Bäyern / hernach Churfürst.
p. 987 - 1000. b. lin. 9.) Sind die alten Geschichte aus dem Julius Cäsar.
p. 1000. b. Eichwälder.) Geistliche Güter / so man denen Papisten zur Zeit der
    Reformation genommen hatte.
- Catten und Vangionen.) Pfaltz am Rhein.
- Terbal.) Albertus Graf von Waldstein (oder Wallenstein) Hertzog von Friedland.
- Marcomannisch.) Böhmisch.
- Longobardische Hertzog.) Churfürst zu Brandenburg.
p. 1002. a. Nasua.) Ernst Graf von Mansfeld.
- Cimber.) Christianus Hertzog von Braunschweig.
- König Cassibellins Sohn Segonach. Königs Jacobi I. von Gross-Britannien
    Cronprintz / Carl Stuart I.
- Der Eburonische Hertzog Cattivolck.) Der König in Spanien.
p. 1003. b. lin. 16. biss 1009. b. lin. 25.) Sind alte deutsche Geschichte.
p. 1009. b. Briton.) Joh. Georg I. Churfürst zu Sachsen.
- Siegbrand der Langobarden Fürst.) Georg Wilhelm / Churfürst zu Brandenburg.
- Estier.) Die Pohlen in Liefland.
- Variner und Eudosen.) Hertzoge zu Meckelnburg.
- Swardonen.) Pommern.
- Das der Herta gewidmete Eyland.) Rügen.
- Hertzog der Tenckterer.) Graf Tilly.
- Calegia.) Magdeburg.
- Schlacht unter dem Gabretischen Gebürge.) Muss die erste Schlacht vor Leipzig
    sein.
p. 1011. a. Lilit.) Tilly.
p. 1011. b. lin. 3. biss 1018. a. lin. 8.) Diese Erzehlung gehört nicht zum 30.
    jährigen Krieg; sondern zu Cäsars Geschichten; jedoch ist zu mercken / dass
    die vergebliche Anlendung Cäsars in Britannien vom Lohenstein also
    beschrieben sei / dass wenn er p. 1016. b. lin. 2. der Boudicea gedencket /
    er vermutlich auf die Königin Elisabet von England sehe / als welche eine
    Jungfrau und eine Königin gewesen derer Mutter (Anna Bollein) entauptet
    worden / hat die mächtige Spanische Flotte A. 1588. glücklich geschlagen und
    ist also der Lohensteinischen Boudicea sehr gleich gekommen.
p. 1018. a. lin. 8.) Hier geht der 30. jährige Krieg wieder an.
- b. Terbal.) Wallenstein.
- Schlacht nicht ferne von der Elbe.) Schlacht vor Lützen.
- Burischer Ritter.) Besiehe Pufendorffs Schwedische Kriegs-Geschichte IV. Buch
    / §. 63.
p. 1619. b. Der Chassuarier Hertzog.) Gottfried Henrich Graf von Pappenheim.
p. 1020. a. Gotarts Tochter.) Christina.
- Rixeston.) Axel Oxenstiern.
p. 1023. b. Segimer.) Ferdinand III.
- Alcimoe.) Scheint Regenspurg zu sein.
p. 1024. a. lin. 2. Hefftige Schlacht.) Bei Nördlingen / im Aug. 1634.
p. 1024. a. lin. 9. Friede.) Pragischer Friede zwischen dem Käyser und allen
    Alliirten / ausser Schweden und des Königs in Böhmen Friderici Hause; M.
    Majô 1635.
p. 1024. a. lin. 31. biss 1038. a. lin. 5.) Alte Römische warhafte Geschichte.
1038. a. lin. 5. biss 1041. a. zu Ende.) Liebes-Geschichte.
p. 1039. b. Hutkrämer.) Diss soll zu Henrichs IV. Königs in Franckreich Zeit
    geschehen sein.
- Königin in Sarmatien.) Des Königs in Pohlen Johann Casimirs Gemahlin / Aloysia
    Maria Gonzaga Hertzogin von Nevers / so unten p. 1092. a. unter dem Nahmen
    Gangoza deutlicher beschrieben wird.
p. 1041 b. lin. II. Aembrich.) Das sollte zwar Käyser Ferdinand II. sein; Allein
    der war schon 15. Febr. 1637. Todes verfahren; und gleichwohl ist der Käyser
    (nämlich Ferdinandus III.) auf dem Reichstage zu Casurgis oder Regensburg
    17. Jan. 1641. in der Gefahr gewesen / in Johann Banners / des Schwedischen
    Generals / Hände zu geraten; Dieses hätte nun Lohenstein dem Segimer (als
    Ferdinando III.) wohl zuschreiben sollen; wie dem allen / Segimer ist noch
    nicht in Deutschland aus Partien wiederkommen / allwo er (nach der
    Liebes-Geschichte) seine verlohrne Asblaste sucht. Dannenhero muss Aembrich
    ein Jahr oder sechse langsamer sterben / und inzwischen die Niederlagen bei
    Kempen / Schweidnitz und Leipzig erleben.
p. 1041. b. Ubier.) Bäyern.
- Obymal.) Wilhelm Lamboy.
- Arabarn.) Diss ist nicht der oben so genannte Fridrich V. König in Böhmen /
    (als welcher schon A. 1632. gestorben /) sondern einige von dessen
    ehemahligen Alliirten / nämlich die Weimarischen unter dem Guebrian und die
    Hessischen unter dem Eberstein / welche den Lamboy 4. Jan. 1642. bei Kempen
    geschlagen.
- Aribert.) Frantz Albert / Hertzog von Sachsen-Lauenburg.
- Stordeston.) Leonh. Torstensohn.
- Unter dem Sudetischen Gebürge.) Bei Schweidnitz 21. Maj. 1642.
- Löwenmut.) Ertzhertzog Leopold Wilhelm.
- Auf eben der Stelle.) Bei Leipzig 23. Oct. 1642.
p. 1042. a. Vocione.) Christina Königin in Schweden.
- Der Cimbern König Froto.) Christianus IV. König in Dänemarck / so oben
    Friedlev genennt wurde.
- lin. 30. Stordeston rückt auf einer Seite.) Torstensohn rückt in Holstein.
- Gunholm.) Gustav Horn rückt in Schonen.
- Frieden.) zu Bremsbroe 1645. Besiehe Becmanni Hist. Orbis, P. II. c. VII §.
    VIII. n. II.
p. 1042. b. Die Könige der Pannonier und Japyden.) Die beiden Ragotzy / Vater
    und Sohn / Fürsten in Siebenbürgen.
p. 1042 b. lin. 7.) Hier bekömmt der Verfasser Gelegenheit / die alten Römischen
    Geschichte wieder einzumischen / biss 1044. a. lin. 28.
p. 1044. a. Salgal.) Gallas / 20. Aug. und 23. Nov. 1644. Besiehe Sam.
    Pufendorffs Historie über diese 2. Tage.
p. 1044. b. Bei der Stadt Boviasmum.) Bei Jancowitz in Böhmen 24. Febr.
1645.
- Ein Teil der mächtigen Stadt Boviasmum.) Die kleine Seite der Stadt Prage /
    15. Jul. 1648.
p. 1045. a. Güldenen Friedens.) So zu Osnabrüg 14. Oct. 1648. geschlossen
    worden.
- Die Suionen.) Die Schweden haben durch den Münsterisch-Ossnabrügischen
    Friedens-Schluss bekommen das Ertzbistum Bremen und Bistum Verden / nebenst
    andern Länden und Plätzen / von welchen siehe Becmann. Hist. Orb. P. II. c.
    VI. §. VI. p. 647.
p. 1046. b. Aembrich.) Ferdinand II.
p. 1063. a. Briton.) In der vorigen Beschreibung des 30. jährigen Kriegs / war
    Briton Hertzog der Hermundurer Johann Georg der I. Churfürst zu Sachsen;
    Nunmehr aber wird eben derselbe König Carl Stuart I. in Grossbritañien sein.
    Und also sind die
- Hermundurer.) Engländer.
- Marckmänner.) Schotten.
- Sedusier.) Irrländer.
p. 1063. b. Sartuda.) Maria Stuarta Königin in Schottland.
- Ihr Eheherr.) Henrich Stuart.
- Ihr aufgedrungener letzterer Gemahl.) Jacob Hepburn Graf von Botwell.
- Des Königs der Bastarnen Deldo Tochter.) Maria / König Henrichs IV. von
    Franckreich Tochter.
p. 1064. b. Der Druiden Oberhaupt in Britannien.) Pabst zu Rom.
- 1065.a. Monatil.) Marquis von Hamilton.
- Priester.) Bischöffe.
- Gemeiner Rat.) Parliament.
p. 1065 b. Die zwei treuesten Staats-Räte des Britons.) Tomas Wentwort
    Viceroy in Irrland / und William Laud Ertzbischoff von Canterbury.
p. 1067. a. Calegia.) London.
- Jubil.) Printz Carl Stuart II.
p. 1067. b. Patalin.) Robert / Pfaltzgraf am Rhein.
p. 1068. a. Sekkes.) Robert Devereux Graf von Essex.
- Lerwal.) William Waller.
- Facksarif.) Tomas Fairfax.
p. 1069. a. Marbod.) Was von ihm biss p. 1072 a. lin. 22. erzählt wird / geht
    nur den alten Marbod an / dessen Tacitus gedacht.
p. 1072. a. Marbod.) Olivier Cromwell.
- Samulocen.) York.
- Feldschlacht.) 3. Jul. 1644.
p. 1072. b. Unter dem Hercynischen Gebürge.) Schlacht zu Nevvberry, 27. Oct.
    1644.
- Der hitzige Streit.) Zu Naseby, 14. Jun. 1645.
- Zomir.) Pfaltzgraf Moritz.
- Onetier.) Ireton / Cromwells Tochtermann.
p. 1073. b. Brigobanna.) Oxford.
- Rosenberg.) Marquis von Mountross. p. 1076. b. Obiak.) Jacob Hertzog von York.
    p. 1077. a. Namilot.) Hertzog Hamilton.
p. 1077. b. Burier.) Frantzosen.
p. 1078. Cheruskischen.) Käyserlichen.
- Frisischen.) Niederländischen.
p. 1080. b. lin. 18. Die Friesen.) Die Staaten der vereinigten Niederlande.
p. 1081. b. Dass ihnen nicht einer einen Rincken an die Nase legte.) Wilhelm
    Printz von Uranien / so oben Dagobert genant ward p. 365. a.
- Dessen Grossvater.) Wilhelm von Nassau / Printz von Uranien / welcher oben p.
    362. b. Eganor hiess.
p. 1087. a. Britons Entauptung.) 30. Jan. 1648.
- Fünff Marckmännern.) Unter denen Getreuen des Königes / so nach dessen Todte
    vom Parliament zum Todte verdammet worden / sind sonderlich drei Pares Regni
    gewesen / nämlich Hertzog Hamilton / Graf Holland / und Lord Capel, so man
    den 9. Mart. 1648. entauptet hat. Francis Sandford, Genealogical History of
    the Kings of England, f. 576.
p. 1088. a.b. Die 2. Schlachten / so Jubil dem Marbod geliefert;) sind
    diejenigen / so den 3. Sept. 1650. zu Dunbar und den 3. Sept. 1651. zu
    Worcester vorgegangen.
p. 1089. a. Lygier.) Franckreich / dessen Abgesandter der Hertzog von Crequy
    war. Besiehe Wicquefort de l'Ambassadeur L.I. Sect. III. allwo dieser auch
    des Don Alonso de Cardenas gedencket / den Spanien als Ambassadeurn an
    Cromwelln abgesandt hat.
- lin. 25.) Nun legt Marbod die Person des Cromwells wieder ab / und ist nichts
    mehr / als ein König der alten Deutschen.
p. 1092. a. Critasir.) Johann Casimir / König in Pohlen.
- Gangoza.) Aloysia Maria Gonzaga / Carl Gonzaga Hertzogs zu Mantua Tochter.
    Diese ward verheiratet 4. Mart. 1649. nachdem sie zuvor den verstorbenen
    König Vladislao, König Johann Casimirs Brudern / vermählt gewesen war. Sie
    heisst eine Lygische / d.i. Frantzösische Fürstin / weil sie das Hertzogtum
    Nevers in Franckreich geerbt hatte.
- Gottschalck.) Georgius Radzevvsky, Polnischer Reichs-Cantzler.
- Marbod.) Ist in dieser Erzehlung Carl Gustav König in Schweden / so A. 1654.
    diesen Krieg angehoben / und den 12. Feb. 1660. gestorben / worauf der
    völlige Friedens-Schluss zwischen Schweden und Pohlen und dero Alliirten noch
    selbiges Jahr erfolget ist.
- Das dem Feldherrn Segimern zustehende Gebiete der Qvaden.) Schlesien.
p. 1092. b. lin. 22.) Hier höret Marbod auf / Carl Gustav zu sein / und ist
    wieder nichts mehr / als der uralte Uberwinder der Bojen / dessen im Tacito
    Meldung geschieht, gleichwie denn auch daselbst von seinem Widersacher
    Cotualda oder Gottwald ein und anders zu lesen ist.
p. 1109. b. Weltbezwingers;) etwa Alexanders des Grossen.
- Der im Fasse seine Begierden endete.) Diogenes.
p. 1126. b. lin. 35.-41. Tal.) Der Verfasser soll hier auf das Hochgräft.
    Schaffgotschische Gebiete umb Kynast / Greifenstein und der Orten / gezielet
    haben; wovon die selbiger Gegend kundigen Leser urteilen mögen; zum
    wenigsten scheint der Nahme des Ritters Schaff und die ganze Erfindung
    dieses artigen Aufzugs solches zu bekräfftigen.
p. 1147. b. Eine Mohrische Königin.) Persina; Besiehe oben Anmerckungen zu p.
    507. b.
p. 1182. Alironia.) Die von ihr benahmten Alironischen Weiber werden vom
    Lohenstein als sonderbare Heiligen hier und dar beschrieben; dannenhero er
    auch kein Bedencken nimmt / seine wegen ihrer Tugenden so hoch gerühmte
    Asblaste und Tirchanis unter dieselbigen zu setzen; obgleich sonst aus
    Jornande nicht unbekant ist / dass die Alironien / Alyrumnen / Adelrunen /
    Alrunen / Allraunen / (welches alles ein Wortist /) grosse Zauberinnen
    gewesen / wie hiervon Carolus du Fresne im Glossario Lat. voce Alyrumnæ mit
    mehrern kann nachgeschlagen werden. Jedoch ists nichts ungereimtes / dass da
    Lohenstein durchgehends die uralten heidnischen Deutschen so tugendhaft
    abmahlet / als sie / wo nicht gewesen / doch haben sein sollen; er auch
    denen Alironischen Weibern einen andern Character gegeben / als sie
    vielleicht warhaftig gehabt haben.
1204. Unterschiedene deutsche Frauenzimmer haben durch Betretung glüender Kohlen
    ihre Keuschheit bewehret.) Hier wird gezielt auf Käyser Heinrichs des andern
    / und Käyser Carls III. Gemahlinnen / von welchen besiehe Phil. Camerar.
    Oper. Subcis. P. II. c. XVIII. und die von ihm angeführte Autores.
p. 1216. a. Dem neuen Weltweisen.) Der Nahme dieses leichtfertigen Italiänischen
    Bubens / der an einem vornehmen Deutschen Hoffe solche verfluchte
    Unempfindlichkeits-Schule soll angefangen haben / ist mir nicht recht bekant
    / auch allerdings einer ewigen Vergessenheit würdig. Sonsten hat man
    gleichfalls zu unserer Zeit dem Johann Labadie und Michael de Molinos diss
    und jenes schuld gegeben / so nicht im geringsten besser herauskommet. Wie
    denn jener im Tolosanischen die nackten Nonnen nackend gelehret und damit
    ein himmlisch Leben schon auf der Welt anzufangen gemeint gewesen / wenn
    anders wahr ist / was Kipping. Supplem. Histor. ad Pappum p. 103. und der
    Verfasser des Labadischen Lebens / so in deutscher Sprache A. 1672
    herauskommen / von ihm erzählen. Daferne auch Molinos den 41. 42. 43. 44.
    45. 46. 47.Artickel / so der Pabst in einem eigenen Dekret 28. Aug. 1687.
    als dessen Lehre verdammet / sollte behauptet und in solchen Unflätereien /
    als ihm von dem gelehrten Reichsfürsten und Abt zu Sanct Gallen Celestino di
    Sfondrati in seiner Gallia Vindicata (besage derer Supplementorum ad Acta
    Erudit. p. 124.) beigemessen werden / gelebt haben / wäre er billig vor ein
    Greuel Gottes und der erbarn Welt zu achten. (Acta Erudit. 1687. p. 589.)
    Doch stellt man GOtt und der Zeit das Urteil anheim / ob ihm unrecht
    geschehen sei / nachdem viel gelehrte Leute ein und anders / nicht ohne
    gnugsamen Schein einer Glaubwürdigkeit / zu seiner Entschuldigung
    beibringen. Acta Eruditorum 1688. p. 422. - 431.
p. 1271. b. Weltweisen.) Gymnosophisten.
p. 1312. b. Die versehrte / aber gerochne Keuschheit.) Die vom Tarquinius
    genotzüchtigte Lucretie.
p. 1328. a. Tirchanis.) Durch Buchstaben-Versetzung: Christina / Königin in
    Schweden. Dero Herr Vater hiess oben Got-Art / d.i. Gustavus Adolphus König
    in Schweden. An dessen statt aber wird allhier genennt Friedlev König der
    Cimbern / mit welchen Nahmen im VII. Buch König Christian IV. von Dänemarck
    angedeutet ward. Alldieweil aber die Alyronien unter denen Dänen sonderlich
    bekant gewesen / auch aus deroselben Sprach ihren Nahmen haben: (Besiehe
    Olaum Wormium in Monumentis Danicis p. 514. 523. in Literatura Runica. c. 3.
    und in Fastis Danicis l.I.c.I. und l. 3. c. 3. oder Car. du Fresne Glossar.
    ad Script. Med. & Inf. Latinitatis, v. Alyrumnæ.) überdiss nicht
    Schwedische / sondern Cimbrische heilige Weiber unter denen heidnischen
    Römern gelebet / und gleichwohl Königin Christina als eine nach Annehmung
    einer heiligern Lebens-Art begierige vom Lohenstein nach Rom hat gebracht
    werden müssen: als hat er in dieser Erzehlung seine Tirchanis vor eine
    Cimbrische oder Dänische Princessin auszugeben / kein Bedencken nehmen
    dürffen.
p. 1328. b. Ein Fürst - - aus dem Alemañischen Stamm.) Pfaltzgraff Carl Gustav;
    hernach König in Schweden.
p. 1329. a. Alironische Gottesdienst.) Römisch-Catolische Religion; doch was
    wir oben p. 970. b. von Druiden / Eubagen und Barden angemerckt / muss auch
    hier statt finden.
p. 1332. 1333. Livia / Froto.) Alle diese eingemischten Personen gehören zum
    Liebes-Gedichte / nicht aber zur Geschichte der Königin Christina von
    Schweden; massen bekant ist / dass diese in dem einmal,beliebten Päbstischen
    Glauben ohne alle Verfolgung zu Rom den 19. April. st. n. 1689. verstorben
    sei.
p. 1346. a. Warumb haben die Aertzte so gar aus Lämern u.s.w.) Besiehe Journal
    des Sçavans 31. Jan. 14. Mart. 13. Jun. 1667; 6. Febr. und 12. Nov. 1668.
    allwo sehr viel Observationes und Tractate von dieser Materie anzutreffen
    sind. Von dieser Erfindung hat man zu Arminius Zeiten wohl noch nichts
    gewust / obwohl sonst Janssonius ab Almeloveen und etliche andere behaupten
    wollen / dass alle Erfindungen der neuen Aertzte dem Hippocrates, Galenus und
    andern alten Herren nicht unbekant gewesen.
 
           Absonderliche Anmerckungen über des Arminius Andern Teil
p. 18. a. Die wildesten Löwen.) Androdus ein entlauffener Sclave hatte einem
    Löwen einen Dorn aus dem Fusse gezogen; und wurde deswegen / als er nach der
    Zeit im Rennekräyse zu Rom ihm vorgeworffen ward / nicht im geringsten von
    ihm beschädigt. Gellius No ct. Att. l.V.c. XV.
p. 21. a. Der Pasiphae Geburt.) Der Minotaurus.
p. 55. b. Evesistratus.) Liess Erasistratus; dieser hat des Antiochi Liebe gegen
    seine Stieffmutter Stratonica erraten.
p. 79. b. Ein geiles Weib Troja eingeäschert.) Helena.
- In der einigen Stadt Corint.) Lais, ad cujus jacuit Græcia tota fores, wie
    Propertius sagt.
- Persepolis.) Tais hat Alexandern vermocht / Persepolis einzuäschern.
- Egypten dienstbar gemacht.) Cleopatra, aus Liebe zum Antonius.
p. 93. a. Eine Frau / welche bei 500. trächtige Eselinnen unterhielt.) Diese
    darff Lohenstein nicht mit Nahmen nennen / weil es des sechsten Röm. Käysers
    Nero Gemahlin Sabina Poppæa gewesen / von welcher Rhemetalces nichts hat
    wissen können. Besiehe Plinium H.N.l. XI. c XLI.
p. 143. b. Sarmatien.) Pohlen.
p. 145. a. Serer.) Chineser.
p. 147. a. Melibocus.) Blocksberg.
p. 151. a. Es hat ein abergläubischer Verführer ihm aus der grossen Augen
    eingebildeten Vollkomenheit träumen lassen / dass die Einwohner des Himmels
    mit grössern Augen / als die Straussen-Eyer wären / prangeten.) Diss ist
    Muhamed, der sich ein zukünftiges Paradis so närrisch ausgedacht hat / dass
    es einem nicht närrischer träume könnte; Besiehe E. Pococke not. in Portam
    Mosis. p. 293. und folg Derer Auge / so gross als Eyer / soll Surata 37 und
    44. meldung geschehen / wie D. Augustus Pfeiffer / Teologiæ Judaicæ &
    Mohammedicæ. p. 307. deswegen kann nachgeschlagen werden / weit in des Du
    Ryer Frantzösischer Ubersetzung des Alcorans p. 350. 391. Muhammeds Worte
    gar anders gegeben sind.
p. 156. b. Der Vasconer und Varduler König.) Ludwig XIV. König in Franckreich.
- Cantabrische Fürstin.) Maria Teresia / Infantin von Hispanien.
- Etliche Landschaften.) Spanischen Niederlande.
- Der einige männliche Erbe.) Carl der II. König in Spanien.
- Cammermägde.) Louise Françoise de la Valiere wird hier gemeint; als welche bei
    der Hertzogin von Orleans in Diensten gewesen.
- Frembde Eheweiber.) Madame de Montespan.
157. Der Sitoner Hertzog.) Christianus V. König in Dänemarck.
- Der Suioner König.) Carl XI. König in Schweden.
- Des alten Verlustes.) Welchen Dänemarck durch den zu Rotschield 26. Febr.
    1658. und hernach im Lager vor Coppenhagen geschlossenen Frieden / erlitten
    hatte. Besiehe J.W. im Hoff Notit. Procer. Imp. l. IV. c. IX. § 22.
p. 157. a. Der glückseligen Eylande Beherrscher.) Johañes IV. König in Portugal.
- Seine Tochter.) Donna Catarina.
- Der Hibernische König.) Carl Stuart II. Doch ist zu mercken / dass die
    Vermählung A. 1662. geschehen / da König Johannes IV. schon den 6. Nov.
    1656. gestorben war.
- Ein Gotischer König.) Henrich der IV. König in Hispanien. . II. Dec.1474.
- Seine Gemahlin.) Johanna.
- Einen seiner Edelleute.) Bertrando de la Cueva.
- Cimaris.) Johann Casimir / König in Pohlen.
- Rodipe.) Don Pedro, König in Portugal.
- Seines noch lebenden Bruders.) Alphonsus VI.
- Briton.) Carl I. Stuart.
- Jubil.) Carl II. Stuart.
- Britons Gemahlin Bruder.) Ludwig XIII. König in Franckreich.
- Dessen Sohn.) Ludwig XIV. König in Franckreich.
- Marbod.) Cromwell.
p. 162. b. Marsingische Fürsten.) Schlesische; nämlich von Brieg / Liegnitz und
    Wohlau.
- Desselben Urheber.) Piastus / so aus einem Ackersmann König in Pohlen / und
    des mit Joh. Casimiro A. 1672. ausgestorbenen Königlichen / wie auch des mit
    Hertzog Georg Wilhelm A. 1675. untergegangenen Fürstl. Schlesischen
    Geschlechtes Stamvater worden. Er starb A. 861. seines Alters 120. Jahr.
p. 187 b. Cimbern / Friesen / Britannier.) Dänen / Niederländer / Spanier.
212. b. Bei denen Taxandern.) Dieser Erfinder heisst Böckel / liegt begraben zu
    Enckhuysen; allwo zu dessen guten Andencken Käyser Carl der V. einen
    eingesaltznen Häring gegessen hat. J.C. Becman. Hist. Orb. P. II. c.X. §.
    IV. Besiehe auch Hapelii Relat. Curios II. Teil p. 69. allwo er den Fischer
    Wilhelm Böckelsen / dessen Geburts und Begräbnis-Statt aber Bierfliet in
    Flandern neñt / und seine Erfindung ins Jahr 1416. setzt.. Wiewohl er nicht
    in Abrede ist / dass andere ihm den Nahmen Böckel geben; weswegen er
    mutmasset / dass auch der Pöckelhäring den seinigen daher bekomen habe. In
    Joh. Ludw. Gottfrieds Chronica f. 635. wird dieser Bierflietische Fischer
    Wilh. Buckhold benahmet / die Erfindung aber ins I.C. 1386. gerechnet.
p. 262. b. Ulysses.) Tacitus de Morib. German. c. III.
p. 265. - 279.) Der Leser wird leichtlich mercken / dass unter denen Griechischen
    Weisen auf die Cartesianer / unter denen Druiden auf die
    Römisch-Catolischen / unter denen Barden auf die Evangelischen / unter
    denen Eubagen auf die Reformirten gewisser massen gesehen werde.
p. 267. a. Frembde Vogelnester.) Diese werden bei Cochinchina gefunden /
    bestehen aus einer Art Gummi / welches in warmen Wasser zerlassen und an
    statt der Würtze gebraucht wird. Jean Bapt. Tavernier, relat. nouv. du
    royaume de Tunquin, chap. 3.
- Eiter und Drüsen unbekanter Ziegen.) Mosch.
- Erdgeschwüre.) Besiehe Plinium H.N. XIX. c. II.
p. 267. b. Ein grosser Weltweiser dieser Zeit hat sich an schielenden Augen am
    meisten ergötzet.) Renatus Cartesius. Besiehe Journal des Sçavans de l'an
    1666. 3. May.
p. 301. a. So kräfftiges Bier.) Braunschweigische Mumme.
p. 305. a. Die Serer wissen aus einem gewissen Kraut Wind und Sturm zu
    weissagen.) Ist das Kraut Chifung, so bei Chiuncheu in der Chinesischen
    Provintz Quantung wächset. Neuhoffs Beschreibung von Sina p. 346. 347.
- Die Serische Rose.).Herba Tee.
p. 305. b. Atlantische Insel.) America.
- Caledonien. Schottland.
p. 333. b. Taprobana.) Zeilan.
p. 369. a. Eine heilige Egeria.) Marbods Tochter / Adelgund.
p. 380. b.) Sarmatier.) Pohlen.
p. 411. b. Ein Arabischer Fürst hat eine 48. Körner wiegende Perle.) Hier zielt
    Lohenstein vermutlich auf die grosse Perle / so der König in Persien von
    einem Araber a. 1633. vor 32000. Tomans oder 1400000. Francken gekaufft /
    davon Tavernier in seinen Reise-Beschreibungen nachzuschlagen ist.
p. 412. Der König in Indien hat einen Diamant in Gestalt eines halben Eyes /
    welcher roh 3600. Pfeffer- Körner gewogen und nun derselben 918. wiegt.)
    Diesen weltberühmten halb-eiförmichen Diamant hat Tavernier bei dem grossen
    Mogol zu sehn und zu wägen das Glück gehabt. Er berichtet / dass selbiger
    geschliffen 279 9/16 Carat / ungeschliffen aber 793. Carat gewogen habe.
p. 430. b. Ein Römer geht umb einen Raben im Leide.) Ist Tiberius. Besiehe
    Anmerckung über I. Teil p. 611.
p. 522. a. Vor wenig Jahren.) 10. Nov. 1657.
- Vocione.) Christina Kön. in Schweden.
- Marbod.) Ist hier Ludwig XIV. König in Franckreich.
- Dessen Gebiete.) Fontainebleau.
- Ausländer.) Marchgraff Monaldeschi / der Königin Christina Oberstallmeister;
    Besiehe Erasmus Francisci hohen Trauersaals II. Teil XLI. Geschichte.
p. 525. u.f.) Hier wird stillschweigend auf die Spanische Inquisitions-Griffe
    gezielet.
p. 544. a. Einige Künstler.) Besiehe D. Sachsens Gammarologiam cap. XIII. §. 5.
    allwo er erzehlt / dass dergleichen gemachte Rose zu Rom zur Zeit Urbani
    VIII. zu sehen gewesen; ingleichen Francisci Sinesischen Lustgarten / I.
    Teil p. 761. u.f.
p. 548. a. Ein Scytischer Hauptmann fragte zwei einander ausfordernde
    Krieges-Leute.) Diese Scytische oder Türckische Geschicht ist aus Busbeqvii
    Epist. III. p. 149. 150. genommen.
p. 573. a. Eine rasende Tochter.) Tullia, Servii des sechsten Röm. Königs
    Tochter.
p. 581. b. Wie jene Vögel das Mahlwerck.)
Die vom Zeuxis gemahlten Weintrauben.
p. 638. b. Mohren und Zwerge.) Besiehe Anmerckungen über I. T. 321. Blat.
- Ein verliebter Römer läst lieber den Sieg und die Herrschaft der Welt / als
    seine flüchtige Buhlschaft im Stiche.) Antonius flohe aus seiner letzten
    Seeschlacht mit dem Cajus Julius Cäsar / so bald nur seine Buhlschaft
    Cleopatra mit ihrem Schiffe den Anfang zur Flucht gemacht hatte. Florus l.
    IV. c. XI.
p. 777. a. Eines Gaucklers Sohn.) Clodius, Æsopi Sohn. Besiehe Plin. l. IX. c.
    XXXV. und l.X.c. LI.
p. 818. a. Scytischen Königs.) Türckischen Käysers.
p. 917. a. In Blut junger Kinder baden.)
Diese Erfindung zielt auf die Geschichte einer Frantzösischen Dame / so durch
    geschlachteter Kinder Blut sich von der garstigen Liebes-Kranckheit heilen
    lassen; worüber Christian Weise im politischen Redner p. 79. eine artige
    Inscription verfertigt. Vocione ist sonst Königin Christina in Schweden / I.
    Teil p. 1042. und II. Teil. p. 522. Ob aber auch allhier / ist
    zweiffelhafte; und ehe zu läugnen / als zu bejahen. Dass überdas selbige
    sich wegert solche Blut-Artzeneien zu gebrauchen / geschieht zweiffelsohne /
    damit Lohenstein sein Missfallen hierüber entdecken könne / welches vor ihm
    auch T. Bartolinus Disqu. Med. de sanguine vetito p. II. 15. getan hat.
p. 1016. a. Eine schwartz-gemahlte Andromeda.) Besiehe Anmerckung. zum I. Teil
    / p. 507. d.
p. 1268. Ambiorich ein Eubagischer Fürst.) Henrich König von Nararra / so
    hernach König in Franckreich worden / zu solchem Ende aber seine ehemahlige
    Hugonotische Religion mit der Päbstischen verwechseln müssen.
p. 1274. a. Autarich.) Dieser wird von Lateinischen Geschicht-Schreibern
    Autaris, Antaris, Antaricus, benennt / hat anfänglich Istrien / hernach
    die Lombardie sich untertänig gemacht und ist im J.C. 592. mit Gift
    hingerichtet worden.
- Dreissig Könige.) Der letzte unter diesen ist Desiderius, welchen Käyser Carl
    der Grosse im J.C. 774. überwunden und also diesem berühmten Reich ein Ende
    gemacht hat. Alle diese Geschichten hat sonderlich Paulus Diaconus mit Fleiss
    aufgezeichnet.
p. 1307. a. Ein 100. Ellenbogen langer Wallfisch im Baltischen Meer gefangen.)
    Dass diss die gröste Art sei / hat Zieglerus und Olaus, aus beide aber
    Bochartus in Hieroz. Tom I. angemerckt.
p. 1402. b. Ein König der Gallier hat sich aus Furcht für seinen Sohn
    erhungert.) Carl VII. König in Franckreich.
p. 1438..a. Wir sind die / welche vor dem Räuber Josua entflohen.) Dass
    dergleichen Seulen in Africa zur Zeit Procopii noch zu finden gewesen / ist
    aus dessen Vandalicis zu beweisen. Und haben Seldenus de Dis Syris, Proleg.
    c. 2. und Hornius de Origin. Americ. daraus geschlossen / dass die
    Tingitanischen Mohren / ihrem ersten Ursprunge nach / Canaaniter gewesen.
p. 1464. b. lin. 33. u.f.) Diese Erfindung von Marbods Antwort auf Adgandesters
    Fehlbitte ist aus der Geschichte des Castilianischen Staatsministers /
    Alvarez de Luna genommen. Besiehe Francisci Hohen Trauersaals III. Teil /
    XLVste Geschicht / §. XVIII.
p. 1475. a. lin. 14. Rom.) Suetonius in Cajo, c. 4.
p. 1475. b. lin. 6.Titus Cäsonius Priscus.) Sueton. in Tiber. c. 42.
p. 1478. a. lin. 31. Als Schlacht-Opffer.)
Siehe Jul. Cæf Buleng. de Triumf. c. 23.
p. 1479. b. Der weltweise Seleucus.) Sueton. in Tiber. c. 56. Cum soleret ex
    lectione quotidiana quæstiones super coenam proponere, comperissetque,
    Seleucum Grammaticum à ministris suis perquirere, quos quoque tempore
    tractaret auctores atque ita præparatum venire: primum à contubernio
    removit, deinde etiam ad mortem compulit. Wegen des Beschlusses dieser Worte
    kann Arminius II. Teil p. 1602. b. 1603. a. nachgelesen werden.
p. 1488. a. lin. 14. Pelias.) Durch Buchstaben-Versetzung Monsieur le Pais,
    dessen Amitiés, Amours & Amourettes bekant sind. Da Geticht de la
    Jalousie steht p. 173.
p. 1489. a. lin. 6. Liebhaber der Griechen.)
Ezech. Spanhem. Diss. V. de usu & præst. num. p. 425.
- lin.8. Melo Gebiete.) Arminius II. Teil. p. 261. ss.
p. 1498. b. Eine Fürstin in Gallien.) Aus dem Hause Luxembourg. Picinellus Mund.
    Symbol. lib. XII. c. II. n. 35.
- Der Cimbrische König.) König in Dänemarck
p. 1499. a. Eine trächtige Mauleselin.) Besiehe Decuriæ annorum secundæ
    Miscellaneorum medico- physicorum sive Ephemeridum Germanicarum Acadamiæ
    Naturæ Curiosorum, annum III. observ. 72. allwo auch Tomas Bartolinus,
    (der im Arminius Didymus Torbalinus heisst /) angeführt wird. Sonderlich ist
    merckwürdig / was D. Gabriel Clauder von Altenburg daselbst schreibt: Ein
    solcher Fall (spricht er) hat sich A. 1672. in dem benachbahrten Türingen /
    unweit Naumburg / unter dem Gebiet des hochedelgebohrnen Herrns von
    Breitenbach zugetragen / wie ich solches aus dem Munde seiner Frau
    Schwiegermutter / des hochseligen Sächsischen hiesigen Hoffmarschalls von
    Timpling Frau Witwen / vernommen. Nemlich / es ist eines Müllers Eheweib im
    Dorff Betzgendorff nach ordentlicher Zeit mit einer Tochter niedergekommen /
    welche ganz gesund gewesen / iedoch einen ungewöhnlich-geschwollenen Bauch
    gehabt. Diese neugebohrne Leibes-Frucht wird acht Tage nach der Geburt mit
    sehr grossen Schmertzen befallen / wie man aus ihrem unaufhörlichen Weinen /
    Unruhe und Erschütterungen schlüssen konnte. Hierauf dringet ein blutig
    Wasser von ihr heraus. Diesem folgt ein lebendiges Töchterlein, / die
    Affterbürde / Geblüts-Reinigung / und was sonst bei einer natürlichen Geburt
    anzutreffen ist. Dies kleine Kindes-Kind war einen Mittelfinger lang / und
    weil es lebte und wie ein vollkommener Mensch aussah / empfing es die H.
    Tauffe / starb aber des andern Tages samt seiner Mutter. Dahingegen die so
    genante Grossmutter / des Müllers Eheweib / noch biss dato gesund ist und
    lebet.
- Von Rhegium in Calabrien.) Ursula Dandalani, des Lionardo Caglierini Ehefrau /
    A. 1688. Besiehe Cornel. Nordsterns Digitum DEI, oder Sonderheiten-Calender
    auf A. 1690. gedruckt zu Nürnberg; im Monat December.
p. 1499. b. Als dreihundert Socrates.) Vetus Poeta in Florido: Sperne mores
    transmarinos; mille habent offucias. Cive Romano per orbem nemo vivit
    rectiùs: Quippe malo unum Catonem, qvàm trecentos Socratas.
p. 1500. a. lin. ult. In meinem Vaterlande.) Tacitus de Morib. German. c. XIX.
p. 1502 b. lin. 13. Tiberius Augustus.) Franc. Mediobarbus Biragus, Imper. Rom.
    Numism. soll. 64. ex Vaillant. Tom.; II. f. 25.
- lin. 35. Der Gütigkeit.) Biragus c.l. fol. 63.
p. 1506. a. lin. 38. Jungfrau tödten.) Tacit. annal. lib. V.c. IX. von des
    Sejanus Tochter: Tradunt ejus temporis auctores, qvia triumvirali supplicio
    affici virginem inauditum habebatur, à carnifice laqueum juxta compressam:
    exin oblisis faucibus, id ætatis corpora in Gemonias abjecta. Und Sueton. in
    Tiber. c. 61. insgemein: Imaturæ puellæ, quia more tradito nefas esset
    virgines strangulari, vitiatæ prius à carnifice, dein strangulatæ.
p. 1518. b. lin. II. Ein kluger Mann.) Henrich Wotton. Besiehe Supplem. ad Acta
    Erud. Sect. II. p. 85.
p. 1520. a. lin. 29. Grubenbrand.) Friedrich Wilhelm der Grosse / Churfürst zu
    Brandenburg. Besiehe Rentschens Cederhayn p. 531.
- Turranius.) Le Marechal de Tourenne.
p. 1523. seq. b. Schmähschrifft.) Diese Erfindung gründet sich in etwas auf den
    Worten des Dionis Cassi lib. LVII. f. 618. Ælium Saturninum, quod is de ipso
    carmina quædam famosa temere consuisset, Senatui reum tradidit, damnatumque
    de Capitolio præcipitavit. Denn diss hat der Herr von Lohenstein auf der
    Sentia Vater gezogen / wie im I. Teil p. 1268. b. zu sehen ist.
p. 1524. b. lin. I. Livia geht gleich mit der Jahrzahl.) Sie ist im Jahr nach
    Erbauung der Stadt Rom 700. geboren. Und die Geschicht trägt sich zu A.
    770.
- lin. 6. Liviens künftige Vergötterung.) Sueton. in Tiber. c. 51. Prohibuit
    consecrari, quasi id ipsa mandaset.
p. 1533 a. lin. 34. 35. & b. lin. I.) Besiehe Arminius II. Teil p. 1200. a.
    fast zu Ende.
p. 1537. a. Der Cheruskische Fürst Julius.)
Julius Hertzog zu Braunschweig. Masenius Spec. Imag. p. 519. n. 17.
p. 1544. b.l.I. Gebrauchen aller Deutschen.) Tacitus de Moribus German. c. XIX.
    Paucissima in tam numerosa gente adulteria, quorum poena præsens &
    maritis permissa. Accisis crinibus nudatam coram propinquis expellit domo
    maritus ac per omnem vicum verbere agit.
p. 1546. lin. I. Persepolis.) Alexander der Grosse hat / der Tais zu Liebe /
    Persepolis anstecken lassen.
- a. lin. à fine 5. Zwei Adern von den Ohren.) Besiehe Schoenborner. Polit. lib.
    III. de jurisd. crim. p. 299
p. 1556. b. lin. 38. 39. Allobrogischer Hertzog.) Carl Emanuel I. Hertzog von
    Savoyen / so A. 1630. gestorben.
p. 1562. b. Einen zum Leoparden gewordenen Löwen.) In der Herolds-Kunst nennt
    man Lion einen Löwen / so mit den Vorder-Füssen in die Höhe springt und das
    Gesicht vor sich wegkehrt / dass man nur ein Auge sehen kann; Leopard aber
    einen solchen / der auf allen vier Füssen steht / das ganze Gesicht
    seitwerts und also beide Augen nach dem Zuschauer wendet. Wenn nun der Löwe
    im Wapen zwar springt / doch beide Augen an ihm gesehn werden / pflegt er
    den Nahmen Lion Leopardé, und wenn er auf allen Vieren stehet und nur das
    halbe Gesicht herweiset / diesen: Leopard lionné, zu führen.
p. 1565. a. lin. 2. Singespiel.) Weil Lohenstein im I. Teil unter der Person
    des Britons Carl Stuarten den I. König von Grossbritannien / unter dem Jubil
    / dessen Cronprintzen / Carl den II. unter dem Marbod Olivier Cromwelln /
    vorgestellt; als wird auch solches allhier an etlichen Orten in acht
    genommen;. sonderlich p. 1566. a. lin. 17. wobei zu mercken / dass man in
    England ein jährlich Fest / dem Märtyrer-Todt Carl Stuarts des ersten zum
    ewigen Andencken / feiert. So ists auch wohl getan / wenn man bei p. 1569.
    b. lin. 20. jetztregierender Römischer Käyserlicher Majestät sich erinnert /
    nachdem der Feldherr Segimer / Herrmann Vater / Käyser Ferdinand den III. im
    I. Teil des Arminius bedeutet. Sonst aber hat der Verfasser ohne Zweiffel
    auf zwei locos im Tacito gesehen / nämlich Annal. l. II. c. 63. und LII. c.
    29. da Jubilius in dem vördersten Dux, im letztern aber Rex Hermundurorum
    heisset. Dannenhero man auch keines weges alles im Singespiel aus die neuen
    Geschichten ziehn / sondern bedencken muss / dass dessen Hauptzweck nicht Carl
    Stuart der II. sei / sondern derjenige Jubilius, so zu Arminii Zeiten
    gelebet hat.
p. 1565. a.l. 9. 10. Der Luchs.) Arminius II. Teil p. 1200. 2. l. à sin. 7.
p. 1577 a. lin. 7. Massageten.) Moscowiter. Joh. Buno not. ad Phil. Cluver.
    Geogr. p. 507.
p. 1581. b. lin. 19. Honig.) Besiehe Plin. Hist. Nat. l. XXII. c. XXIV. Fl.
    Joseph. Antiqu. Jud. l. XIV. c. XIII.
p. 1581. Gotonische.) Preussische / wo der Agtstein gefunden wird / in welchen
    die Tränen der Lampetie / Phöbe und Phaetusa / nach dem Ovidio, sich
    verwandelt haben. Sonst gibt es herrlich Getreide in Preussen / und
    häuffige Baumfrüchte im Marckmännischen / oder Königreich Böhmen.
p. 1585. b. Hippon.) Philippus II. König in Hispanien. Picinelli Mund. Symbol.
    I.V.c. XIX. §. 319.
- Druiden.) Dominicaner.
- Vercingetorich.) Ludwig XIV. König in Franckreich / dessen devise ist eine
    Sonne über der Weltkugel / mit der Beischrift: Nec pluribus impar.
p. 1594. a. Holenstein.) Herr Daniel Casper von Lohenstein.
- Atticus.) Durch Buchstaben Versetzung: Tacitus. Seine Worte Ann. lib. II. c.
    XXCVIII. lauten also: Arminius - - Liberator baud dubiè Germaniæ, & qui
    non primordia populi Romani, sicut alii Reges, Ducesque, sed florentissimum
    imperium lacessierit: prælis ambiguus, bello non victus.
p. 1602. b. lin. 8. Hirtius.) Sueton. Aug. c. 68.
- lin. 29. Das lange J.) Longman literam sese facere, sich zum langen J. machen
    / bedeutet nach Scaligeri und anderer Meinung / beim Plauto nichts anders /
    als sich erhencken.
p. 1603. a. lin. 3. Es stielt Tiberius.) Versteht sich Plagium literarium.
    Besiehe oben p. 1488. a.
lin. 9. Velleda.) Tacitus de morib. German. c. 8. und Hist. l. IV. c. 61. Sie
    ist als eine Göttin verehret worden A.V.C. 823. nach der Zeit findet man
    nichts mehr von ihr. Ist also vermutlich / dass sie entweder gestorben /
    oder durch den Petilius Cerealis überredet worden / auf der Römer Seite zu
    treten und ihr Leben in der Einsamkeit zu beschliessen. Weil sie nationis
    Bructeræ gewesen / hat der Verfasser sie wahrscheinlich vor Ingviomers
    Tochter ausgegeben. Unsere Geschicht trägt sich A.V.C. 773. zu / wovon biss
    auf 823. gleich 50. Jahr verflossen sind. Plinius lib. XI. c. XXXVII. Augeri
    cor per singulos in homine ac binas drachmas ponderis ad quinquagesimum
    annum accedere: ab eo detrahitantundem, & ideo non vivere hominem ultra
    centesimum annum, defectu cordis, Ægyptii existimant.
p. 1606. b.l. antepen. Gantze Bücher von betrüglichen Götter-Aussprüchen.)
Dergleichen haben Oenomaus und Diogenianus geschrieben / wie Teodor. terap
    Serm. VI. & X. berichtet.
p. 1607. b. lin. 8. Pytodoris.) Arminius I. Teil p. 292. lin. 4. à fine.
- lin. 16. Pharasmanes.) Arminius I. T. p. 291. b. lin. 23.
p. 1608. a.l. 23. 24. Pytodoris.) Strabo lib. XII. fol. 555. lin. ult. edit.
    Paris. 1620.
- lin. 28. Zu Satala.) Arminius I. Teil p. 292. b. lin. 29.
p. 1609. a. lin. 2. Artavasdes.) Arminius I. Teil p. 292. b.
- lin. 19. 22. Am Fluss Melas.) Arminius I. Teil p. 270 b. in der Mitten.
p. 1609. b. lin. 22. Apollo zu Delos.) Arminius I. Teil p. 271. a.
- 1in. 26. Eben diese Gotteit.) Arminius I. Teil p. 262. a.b.
- lin. 33. Den jungen Ariobarzanes.) Arminius I. Teil p. 292. b. am Ende.
p. 1610. a.l. 6. Er verlangte.) Arminius I. Teil p. 276. a.
- l. II. Schutzgeist.) Arminius I. Teil p. 516. a.
- lin. 19. In der letzten Schlacht.) Arminius I. Teil p. 290. a.
- lin. 21. Mein Mann.) Arminius I. T. p. 291.
- lin. 32. Denen Meden.) Arminius I. Teil p. 295. a.
- b. lin.6. In sein Königlich Ehebett.) Strabo f. 556.
- lin. 35. Archelaus.) Strabo, ibidem.
p. 1611. a. Archelaus.) Tacitus Annal. II.
- b. Artaxias.) Arminius I. T. p. 228. b.
- b. lin. ult. Der Königin leiblicher Sohn.) Strabo f. 556. ist eben der Meinung
    gewesen: und ohne Zweiffel nicht unbillig. Doch muss man dem Herrn von
    Lohenstein seine Freiheit lassen / die Umbstände der wahren Geschichte im
    Roman nach Belieben zu verändern.
p. 1611. b. lin. 8. Götter Ausspruch.) Aminius I. Teil p. 318.
p. 1612. a. lin. 28. In Gestalt eines kleinen Schiffs.) Dass viel Wiegen bei
    denen Alten die Gestalt eines Schiffes gehabt / ist von Bartolinô de
    puerperio veterum und andern gnugsam erwiesen worden.
p. 1612. b. Den ersten Lous.) Besiehe J. Uffer. de Maced. & Asian. anno
    solari c. IV. p. 105. so bei seinen Annalibus zu finden.
p. 1613. a. Die Natur verbeut dir des Zeno Liebe.) Arminius II. Teil p. 216.
p. 1613. b. lin. 7. Clitaxus.) Calixtus III. (der im J.C. 1455. Pabst zu Rom
    worden /) hat dem Grafen Jean d'Armagnac dispensation gegeben / seine
    leibliche Schwester sabelle de Armagnac zu heiraten / wie Pierre Bayle aux
    nouvelles de la republ. des Lettres, Tom. II. p. 147. aus / Jac. Meiero und
    Pierre Mattbieu meldet.
p. 1615. a. Der sinnreiche Mannfried.) Manfredus Septalius. Besiehe Tom &
    Brown pseudodoxiam epidemicam lib. VII. c. XVIII. §. 3.
- Ein neuer Archimedes.) Der Herr von Tschirnhausen / in der Lausitz. Acta
    Erudit. a. 1687. p. 52. a. 1688. p. 206.
- Dergleichen Irrtümer.) Von allen diesen / besiehe Tom & Brown
    pseudodoxixiam epidemicam, so der Herr Baron Christian Knorr von Rosenrot
    aus dem Englischen ins Deutsche übersetzet hat.
- b. Germanicus.) Jean Tristan, comment. historiques, Tome I.f. 153. aus
    Plutarchi Buch de odio & invidia.
p. 1620. a. lin. penult. Ein schmahles zwischen zwei Meeren liegendes Land.) Das
    soll so viel heissen / als Istmus.
p. 1623. b. lin. ult. Königlicher Hut.) Tiara.
p. 1625. a. Apollo zu Colophon.) Tacitus Ann. l. II. c. 54.
p. 1629. b. lin. 7. Hilarius.) Das ist Catta / von welcher dem Malovend (im II.
    T. p. 1158) gewahrsagt ward: du hast die / die du liebst / wohl nötig
    wert zu halten / denn hülffe sie dir nicht / so müstest du erkalten.
p. 1632 b. lin. 19. Weissagung.) Arminius II. Teil p. 883. b.
- lin. 29. Froto.) Die Art denselben zu balsamiren / ist aus Joh. Bapt. Portæ,
    Magiæ Natur. l. IV. c. XV. erborget worden.. Die Grabschrifft hat Hiarna in
    Dänischer Sprache verfertiget / Saxo Grammaticus aber ins Lateinische also
    übersetzet:
Frotonem Dani, quem longum vivere vellent
Per sua defunctum rura tulere diu:
Principis hoc summi tumulatum cespite / corpus
Ætere sub liquido nuda recondit humus.
p. 1625. lin. 40. Ein gelehrter Mann.) Hierdurch wird Porphyrius verstanden /
    der zur Zeit Käysers Aureliani gelebt. Besiehe P. Mornæum de verit. relig.
    Christ. c. XXIII.
p. 1636. lin. 38. Marcomir.) Carolus V. Röm. Käyser.
p. 1637. lin. 2.Ingram.) Ferdinand II. Röm. Käyser.
 
   Verzeichnuss der fürnehmsten in dem Arminius und der Tussnelda befindlichen
                              Sachen und Personen.
                               Wobei zu mercken:
 Dass die erste Ziffer den Teil; die andere das Buch; die dritte das Blat; und
der dabei gefugte Buchstabe a die erste Seite; das b aber die andere des Blates
                                    anzeige.
                                       A.
Abdanckung vom Regiment was sie vor Ursachen haben könne. I. II. 140. b. Etliche
    Exempel davon. I. II. 142. a. Ist ein Werck sonderlicher Klugheit. I. VII.
    1106. b.
Aberglaube treibt in die Flucht. I. VI. 782. b. Der Tracier macht den Alexander
    unüberwindlich. II. I. 34. a. seq. Hesslichste Larve der Vernunft. I. VI.
    759. b. Ist nicht so ein feste Band im gemeinen Wesen als der rechte
    Gottesdienst. II. I. 182. a. Ist eine Gemüts-Kranckheit. I. VII. 979. a.
Abhärtung der Zärtligkeit fürzuziehen. I. III. 204. b. ist gut I. II. 110. a.
Abraham bringt die Weissheit in Aegypten. II. V. 747. a.
Abydenischen Bürgers verzweiffeltes Unterfangen. II. II. 281. a.
Acacia sonderlich Gewächse. I.V. 552. b.
Academia zu Aten. I.V. 706. b. Ihr Lehr-Saal. I.V. 707. a.b.
Acheische Schleuderer. I.I. 55. a.
Achillens Aufferziehung. II. I. 179. b. Im Schauspiel vorgestellt. II. III. 494.
    b.
Ackerbaues grosses Lob. II. I. 201. a. Von Schweinen gelehrt. II. I. 210. b.
    Dessen Erfindung bei den Seeren. I.V. 595. a.
Ada Rhascuperis Gemahlin / Ankunft / Aufferziehung und Hass gegen tugendhafte
    Gemüter. II. I. 82. a. Vergifftung. II. I. 96. a. seq. Sticht den Cotys
    todt. II. IX. 1624. a.
Adel von der Mutter hergerechnet. I. III. 322. a. Alte Geschlechter die besten.
    ibid. Wird zu Rom zun Festen gelassen. II. III. 516. b. Adels Unvermögen
    schådlich. II. IV. 709. b. Adels Herrschaft wird über die andern
    Herrschafts-Arten gerühmt. II. VII. 1253. b. Adels Art bei den Lycien und
    Seeren. II. I. 1145. a. II. I. 177. a. Nirgends so hoch als in Deutschland
    und Gallien gehalten. II. I. 177. a. Ob ihm die Handlung an- oder
    unanständig. I. VII. 1059. b. Ist der Kern des Landes. II. VII. 1284. a. Wem
    er gleiche? II. VII. 1284. Nicht aus dem Lande zu lassen. II. VII. 1285. a.
    Ob er Unedele lieben soll? I. III. 321. a.b. Ob bei ihm die Freundschaft zu
    finden sei. I. VI. 1047. a.
Adelgunde König Marbods Tochter besucht die Fürstin Erdmut. I. VIII. 1272. a.
    Wird gefangen von Hertzog Jubiln. I. VIII. 1303. b. Wird die Erbhuldigung zu
    Budorgis abgelegt. II. VII. 1290. Giebt Adgandestern abschlägliche Antwort.
    II. VIII. 1362. b. Soll ihn heiraten. II. VIII. 1363. a.b. Wird aus
    Adgandesters Händen errettet. II. VIII. 1370. b. Ist in Ingviomern verliebt
    und erhält ihn. II. VIII. 1357. a. seq. Wird unrecht vom Marbod beschuldiget
    / dass sie ihn habe umbringen lassen wollen. II. IX. 1556. a. seq. Zeuget die
    kleine Velleda. II. IX. 1600. a.
Adelmunde wird in der Gestalt der Lufft-Göttin in einem Auffzuge aufgeführt. I.
    IX. 1415. a. Aufzug in einer Jagt. II. VII. 1147. a.
Adelmunde trit für Ismenen einen Zweikampff an. II. III. 554. b. Wird mit
    Catumern vermählt. II. IV. 570. b. Soll unfruchtbar gemacht worden sein. II.
    VIII. 608. a.b. Wird durch viel Ebenteur mit dem Catumer vermählt. II. IV.
    692. b. Befindet sich mit hochster Freude ihrer Eltern schwanger. II. IV.
    711. b. Kommt mit einem Sohne nieder. II. IX. 1530. b.
Adherbal / Cartaginensischer Feldherr. I. VI. 791. b. seq.
Adgandester erzählt die Taten des Drusus. I. IV. 353. b. seq. Erzehlet die
    Taten der Deutschen. I. VI. 732. b. Des Feldherrn. I. VIII. 1185. b. seq.
    Sein Verdruss und Eifersucht wegen der Ismenen und Catumers gemachten
    Heiats-Schluss. II. I. 158. a.b. Wirfft ein Auge auf Ismene und stifft
    allerhand Leichtfertigkeit. II. III. 528. a. Seine Zauberei wird offenbahr
    in einem Zweikampff. II. III. 557. a.b. Sein Fall und Untreue. II. IV. 675.
    b. Wird von dem Marbod zum vornehmsten Diener angenommen. II. IV. 586. b.
    Seine Gesandschaft. II. IV. 587. a. Verschweret sich mit Sentien das
    Cheruskische Haus auszurotten. II. V. 925. b. Hetzet die Römer an die
    Deutschen. II. V. 926. a. Errettet den Marbod aus dem Wasser. II. VIII.
    1359. b. Verlangt Adelgunden und kriegt abschlägliche Antwort. II. VIII.
    1362. b. Bietet sich an den Feldherrn mit Gift hinzurichten. II. IX. 1519.
    a. Kömmt in Gestalt eines Kohlenbreñers und mit veränderten Nahmen an
    Gottwalds Hoff. II. 1536. a. Bringt den Feldherrn bei Hertzog Gottwald in
    Verdacht. II. IX. 1538. a. Entdecket unter dem Bild einer Bettel-Frauen dem
    Marbod seine Lebens-Gefahr. II. IX. 1557. b. Richtet durch seinen Betrug dem
    Marbod und Gottwalden im Gotonischen viel Unfug an II. IX. 1558. a.b. seq.
    Wird Hertzog der Gotonen ausgeruffen. II. IX. 1563. b. Sein schrecklicher
    Untergang. II. IX. 1579. a. seq.
Adginnius / Landvoigt in Gallien begeht des Augustus Geburts Tag. I. IV. 354. b.
Adler des Romischen Heers werden versteckt. I.I. 60. a. bei den Römern hoch und
    heilig gehalten. II. II. 240. b. Låst sich über dem Römisch Heer sehen. II.
    VII. 1198. a. von den Römern in Deutschland wieder erlanget. II. VII. 1240.
    a. Deutet dem Brutus seine Niederlage an. I. VI. 744. b. seq. Fliegt aus dem
    Holtzstosse des Käysers Augustus. II. VI. 970. a. Adler wieder gefunden
    macht bei den Römern das gröste Frolocken. II. VI. 1055. a. Adler der Römer
    werden in den Tanfanischen Tempel gehangen. II. I. 69. b.
Adolph ein deutscher Hertzog ziehet nach Rom. I. VI. 754. b. Richtet eine neue
    Herrschaft an. I. VII. 756. a
Adolphs Deutschen Fürstens Redligkeit. I. VII. 995. b. seq.
Aegle eine von denen Hesperiden. II. VIII. 1439. a.
Aembrich König der Marckmänner und Qvaden erklärt. I. II. 182. b. Wird Deutscher
    Feldherr. I. VII. 986. Wil sich der Herrschaft Deutschlandes anmassen. I.
    VII. 1000. b. seq. Wird von Gotart Suionischen Könige geschlagen. I. VII.
    1010. a. Schlägt die Römer. I. VII. 1026. a. stirbet. I. VII. 1041. b.
Aesculapius / besiehe Esculapius.
Affen umbringen ist bei den Numidiern Sterbenswürdig. I. VI. 798. b.
Africa in einem Schauspiel fürgestellt. II. III. 486. a. Ist ein Schauplatz der
    Deutschen Tapfferkeit. I. VI. 795. a.
Agatoclea stürtzet Ptolomäum und Hannibal ins Verderben. II. VI. 837. a.
    vergibt die Chlotilden mit Giffte. II. VI. 841. a.
Agat was er für Krafft habe. II. III. 405. a.
Agatocle kriegt wegen vieler Schand-Taten den verdienten Lohn. I. VI. 842. b.
Agatocles von Geschichtschreibern gerühmt und gescholten. I. VI. 753. b. Kriegt
    mit den Cartaginensern. I. VI. 794. a. Belagert Cartago. Wil das Reich
    abtreten. I. VI. 796. b.
Agamemnon wie er von dem Mahler Timantes abgemahlet worden. II. IX. 1530. a.
Agbarus Arabischer Fürst führt den Crösus in seinen Untergang I. III. 216. a.
Agesilaus in einem Auffzuge fürgestellt. II. III. 441 b. Wird gestrafft / weil
    er der Bürger Hertz gestohlen. I. III. 312. b.
Agrigunts sonderbahre Merckwürdigkeit. I. VI. 788. a. Belagert. I. VI. 789. a.
Agrippa eignet ihm nichts zu / alles dem Augustus. I.V. 629. b. Ist bei dem
    Käyser hoch am Brete. I.V. 692. a. Zum Steuer-Ruder des Reichs von ihm
    gesetzt. I. VII. 1060. b. seq.
Agrippa des Käysers Augustus Enckel ist wahnsinnig / I. VIII. 1223. a. Wird vom
    Hermann aus Lebens- Gefahr errettet. I. VIII. 1224. a. Wird verwiesen in die
    Insel Planasia. I. IV. 491. a. Kömt umb. II. V. 934. b. Wird lebendig. II.
    VII. 1144. a.b.
Agrippine besucht das Deutsche Frauenzimmer. II. III. 396. a. Ihre Beschreibung.
    II. III. 397. b. Reitzet den Germanicus vergebens zum Käysertum an. II. VI.
    988. b. Fliehet von den auffrührischen Legionen in Gallien. II. VI. 992. b.
    Giebt dem Deutschen Frauenzimmer Nachricht / warumb Germanicus nach Rom
    kommen soll. II. VII. 1115. b. Gebiehrt den Caligula. II. IV. 730. b. Kömt
    mit Tussnelden bei dem Schwalbacher Sauerbrunnen zusammen. II. IV. 734. b.
    Nimt die Deutschen gefangenen Fürstinnen an. II. VIII. 1321. b. Rätet dem
    Germanicus den Frieden ein / und redet dem Deutschen Frauenzimer das Wort.
    II. VIII. 1326. a. Wird unter dem Bilde der Isis geehrt. II. VIII. 1348. b.
    Empfähet die Legionen mit grossem Lobe / und teilt ihne allerhand
    Notwendigkeit aus. II. VI. 1074. a. Kömt bei dem Tiberius in Verdacht. II.
    V. 736. b. seq. Agrippinens Traurigkeit über eine Wahrsagung des Apollo II.
    V. 1625. a.b. Geht ins Morgenland. II. V. 1625. a.b.
Agstein wird in Deutschland gefunden. I. VI. 793. a. Ist in Africa bekandt. I.
    VI. 794. a. Wie er zu bekommen; und was er sonst für Natur / Gebrauch /
    Wirkung / Ursprung und Eigenschaften habe. II. V. 854. seq. Giebt einer
    Natter ein Grab. I. VII. 1117. a. Agtstein mit einer sonderlichen Bildung.
    II. VIII. 820. a.
Agsteinen Bild der Liebe. II. IV. 703. b.
Agron König in Ilyrien vermählt mit der Teuta. I.V. 534. a. Tut grosse Taten
    in der Jugend. I.V. 530. b. Stirbt vor Freuden. I.V. 536. b.
Ahornbaums Höhe / Dicke und Fruchtbarkeit. II. II. 311. a.
Ahinnius Gallus Heuchelei ist dem Tiberius verhast. II. VI. 977. a.
Ahlefeld Cimbrischer Ritter. II. V. 874. a.
Alandblume will Blumen-König sein. I. IX. 1389. b.
Alcateus wird in einem Schauspiele erstochen. II. VIII. 141. a.
Alceis in einem Schauspiele vorgestellt. II. VIII. 1438. a.
Alcibiades in einem Auffzuge fürgestellt. II. III. 441. b.
Alcippe ein eifersüchtiger Schäffer in einem Schäffer- Spiele vorgestellt. II.
    IX. 1483. a.
Aleman wird Feldherr der Deutschen. I. II. 118. b. Wil die Macht und Vermogen
    der Priester einschrencken. I.V. 562. a.
Alexander der Grosse fragt die Deutschen / für was sie sich fürchten. I. VI.
    760. b. Macht mit den Deutschen Freundschaft. I. VI. 761. a. Läst zu
    Babylon vieler Lånder Gesandten für sich. I. VI. 761. a. Stirbt. I. VI. 764.
    a. Sein Siegesmahl. I. VII. 1217. a. Kommt biss an das Reich der Seeren I.V.
    597. a. Ob er dem Julius Cäsar furzuziehn. I. II. 135. b. Seine Taten. I.
    II. 1376. b.
Alexanders Bildnis aus einem Berge. I.V. 611. b. Wird mit einer Amazonischen
    Fürstin beschencket. I.V. 530. a. Schreibt an die Talestris einen Brieff.
    I.V. 531. b.
Alexandern hangen von seinem Lehrmeister niedrige Schwachheiten an. II. I. 179.
    a. Wird ein Gottgeheissen. II. I. 207. a. Versöhnet das Meer. I. II. 126. b.
Alexander König in Epirus erschlägt den Antigonus. I. VI. 785. a.
Alexanders Taten wider die Tracier. II. I. 33. a.b.
Algarbe verlangt von ihrem Bräutigam zur Morgen- Gabe die rechte Hand einer
    Deutschen. I. VI. 894. a. Stürtzt sich in das Feuer. I. VI. 895. a.
Alironische Warsagerin wahrsaget mit besondern Gebehrden dem Feldherrn auff
    seiner Vermählung was guts. I. VIII. 1182. a.
Alironisches Frauenzimmer. I. IX. 1334. a.
Alironischen Heiligtums Beschaffenheit und Lehre. I. IX. 1338. a.
Alison Römische Festung. I.I. 56. b. Wird erobert. I.I. 66. a.b.
Allemännner breiten sich weit aus. I. VI. 760. a.
Allemannisches Reich blüht unter Vocionen. II. V. 916. b.
Allobroger kommen unter das Römische Joch. I. VI. 898. a.
Aloe wo sie häuffig wächset. I.V. 669. a. Ihre Eigenschaft und allerlei Art.
    I.V. 670. Ihre Krafft. I.V. 672. b. Aloe gebiehret gleichsam sichtbar einen
    langen Stengel. I.V. III. 1174. a. Wil Blumen-Königin sein. I. IX. 1389. b.
Alotodobal fällt in König Hippons Ungnade. I.V. 629. b.
Alpen übersteigen wie hoch es bei den Deutschen gehalten wird. II. I. 9. a.
    Werden offtmahls von Deutschen / hernach vom Hannibal überstiegen. I. VI.
    823. a.
Alphäus wirfft eine Schaale aus. I. VI. 788. a.
Altar dem unbekandten Gotte zu Aten gesetzet. I. III. 348. a.I. III. 345. a.
    I.V. 590. a.b.
Altar in der Insel Corsica. I. VIII. 1260. a.
Altar wird dem August erbauet. I. IV. 339. a.
Altar der Schamhaftigkeit erbauet. I. IX. 1322. a. seq.
Altar des Bacchus belagert vom Hertzog Arpus. II. II. 286. a. Wird mit Sturm
    erobert. II. II. 288. a. Ubischer Altar wird von dem Hertzog Melo belagert.
    II. III. 348. b. und erobert. II. II. 361. a. Die Römer wollen den
    Bacchisch- und Ubischen Altar wieder haben. II. II. 366. a. Des Bacchus
    Altar wird dem Feldherrn überlassen. II. II. 383 b. Taraxippisches Altars
    sonderbare Eigenschaft. II. VIII. 1415. b. Libys will nicht die Hand an den
    Altar des Tanfanischen Tempels legen. II. IV. 595. a.b. Ob man Altäre
    abbrechen könne / und wie ferne. II. 4. 595. a. Sie verunehren ist ihrer
    vielen Verderb gewesen. II. IV. 598. b. Wird dem Armut gebauet. II. V. 853.
    b. Monden-Altar aufgerichtet von dem Germanicus. II. VI. 1000. b. Drusus
    Altar von dem Catumer erobert und eingeäschert. II. VI. 1082. a.
Alters Beschaffenheit. I. VII. 1108. b. Alter der Menschen nach ihren Lastern.
    I. VII. 1094. b. Alter an dem Adel anzusehen. I. III. 322. b. Alters
    sonderbare Einteilung. I. VII. 1109. a. Alter der Menschen in einem
    Schauspiel vorgestellt. II. I. 1499. b.
Altertum gebiehrt eitel Wunderwercke. I. VII. 1098. b. Altertume ertichtet. I.
    II. 91. b.
Altea in einem Schauspiel vorgestellt. II. VIII. 1429. b.
Alteim wird eingenommen. II. IV. 421. a.
Alzheim sonst Alison. I.I. 66. b.
Amalteische Ziege vorgestellt. I. VIII. 1196. a.
Amasis König in Egypten stellt sich als ein Narre für I. II. 86. a.
Amazonen Ursprung. I.V. 525. a. Haben diesen Nahmen von den Gotischen Weibern
    angenommen. I.V. 526. a. Kommen in Egypten und verrichten treffliche Taten.
    I.V. 526. a. seq. Fallen die Griechen an. I.V. 527. b. Werden von dem
    Hercules und Teseus angefochten. I. 5. 528. a. schlagen die Perser. I.V.
    530. a. Ihre Tugend und Unerfahrenheit in denen Lastern. I.V. 540. Werden
    von dem Augustus gelobet / von der Assblaste gescholten. I. VIII. 1198. a.
    Sind schön. II. VI. 108. b.
Amazonia von den Griechen gebaut. I.V. 529. a.
Amarant will Blumen-Königin sein. I. IX. 139. b.
Ambra verhindert bei einem Zauberer die Unsterbligkeit. II. IX. 1606. a.
Ambra Natur und Ursprung. I. VI. 794. a.
Amianten-Stein. I. II. 182. a.
Amilcar Feldherr der Cartaginenser. I. VI. 803. b. Kriegt in Hispanien. I. VI.
    818. b. Todfeindschaft wider die Römer. I. VI. 818. b. Wird gefangen I. IV.
    485. b. Bleibt in Hispanien. I. VI. 829. a. Wird getödtet. I. VI. 857. b.
Ammon Horn / ein Stein. I. IX. 1362. b.
Ammonischen Jupiters Gottesdienst. I. IV. 484. b. Verdrehete Antwort. II. VIII.
    1354. a.
Amphitrite vorgestellt. I. VIII. 1198. b. seq.
Ampsalis Amazonische Hauptstadt. I.V. 521. 6.
Aemter wenn und wie sie ausszuteilen. I. VII. 1159. b. seq.
Amyntas König in Sycaonien. I. III. 250. a.
Anacharsis Bildnis. I.V. 658. b.
Anaitis / Diana / Venus. I. III. 241. a. Mit Unzucht verehret. I. III. 300. a.
Anbetung ist unterschiedlich. I. VII. 980. a.b.
Ancil Schutz-Bild der Römer. I. II. 151. a.b.
Andacht vermåhlet die Seelen mit Gott / und kann bei zarten Naturen stehn. I. IX.
    1341. a.
Anemonens Ruhm. I. IX. 1386. a.
Aneroest / König der Alemånner / kommt den Deutschen in Italien zu Hülffe. I.
    VI. 809. a. tödtet sich selbst. I. VI. 811. b.
Angelöbnüsse sind zu halten. I. VI. 870. a.b. siehe Gelübde.
Angesichter sind Spiegel unserer Geheimnisse. II. V. 734. b. besiehe Antlitze.
Angrivarier erwiesene Tapfferkeit. II. VII. 1224. a. Gehen von den Römern ab.
    II. VII. 1227. a.
Angrivarier fallen von der Römer Seite und machen einen Auffstand. II. VII.
    1168. a.b.
Anhalt wie es vorhin geheissen. I. VII. 773. b.
Anicius ein Glücks-Sohn. II. III. 503. a.
Ankunft muss der Tugend weichen. I. VII. 1091. b.
Anmut Amme der Liebe. I. VIII. 1189. b.
Annemonta Abgott in der Insul Taprobane. I.V. 658. a.
Annibal / besiehe Hannibal.
Anschläge sollen heimlich gehalten werden. I. VIII. 1266. a.
Antäus in einem Schauspiele vorgestellt. II. VIII. 1438. a.
Antenor kömmt in Britannien. I. VI. 752. b.
Antario / Sicambrischer Fürst / ist wider die Römer. I. IV. 446. b.
Antyr / ein Deutscher Fürst / vermählt sich mit einer Amazonin. I.V. 531. a.
Antigonus / König in Macedonien / wird von den Deutschen überzogen. I. VI. 784.
    a. Wird erschlagen. I. VI. 785. b.
Antiochus König in Comagena. I. III. 230. b.
Antiochus kriegt mit den Römern und wird geschlagen. I. VI. 863. b. Geht einen
    schimpfflichen Frieden ein. I. VI. 863. b. Wild besiegt / weil er sich nicht
    aus den Armen seiner Gemahlin ziehen will. II. V. 743. b.
Antiope Königin in Albanien. I. III. 304. b.
Antiopens / Amazonischer Königin / Eyfersucht gegen die Tussnelda. I. IX. 1402.
    a.
Antlitze denen Menschen von der Natur unterschieden. II. I. 21. b. Antlitze der
    Weiber helffen zum Erkenntnis Gottes. II. V. 736. a. Siehe Angesicht.
Antonach befestiget. I. IV. 382. b.
Antonia des Antonius Tochter von Muräna geliebt. I. IV. 384. a. Von Muräna
    errettet. I. IV. 390. a. Wird mit dem Drusus vermählet. I. IV. 401. a.
    Stellt die Venus für. I. VIII. 195. b.
Antonius ist unglücklich gegen die Parten und Armenier. I. III. 223. a. Seine
    Staats-List. II. I. 69. a. Bürger-Krieg mit dem Augustus. II. I. 69. a.
    Offtmahlige Niederlage wegen der liebkosenden Cleopatra. II. 169. b. In die
    Julia verliebet / steht dem Käyser nach dem Reiche. I. IV. 401. a.I. VIII.
    1226. a.
Antotale eine Stadt in Getulien wird belagert / heftig verteidigt / doch
    endlich erobert. I. IV. 476. a.
Aolias wird in einem Schauspiel erstochen. II. VIII. 1415. b.
Apame erweckt durch ihre Schönheit bei dem Sadal Liebe. II. I. 43. a. Ihr
    Gespräche mit dem Sadal von der Liebe. II. I. 45. b. Wird mit dem Sadal
    vermählt. II. I. 47. a. Stürtzt sich nach vielen Anfechtungen von seiner
    Eyfersucht von einem Turm und zerschmettert. II. I. 63. a.
Apffelbaums Nutzen und Vorzug. II. II. 327. a.b.
Aphellas macht sich zu einen eigenmächtigen Könige und kömmt darüber in Africa
    umb. I. VI. 797. a.b.
Aphrodisium eine Medische Stadt. I. IV. 487. a.
Apollo sein Bild soll über Meer geschwommen sein. I. VI. 936. a. Apollo zu
    Delos. I. III. 271. a. Zu Tebe I. III. 271. a. Pytischer Apollo. I. III.
    262. a. Seine Leier macht einen Stein singend. I. IV. 445. b. Redet in
    seinen Wahrsagungen verdreht. II. VIII. 1364. b. Wird in einem Auffzug
    fürgestellt. I. VIII. 1194. b. Seine Taten / Erfindungen / und
    Eigenschaften fürgestellt. I. VIII. 1203. Wird in einem Schauspiel
    fürgestellt. II. III. 491. b. Seine betrügliche Aussprüche. II. IX. 1606.
    a.b. Apollo wahrsagt der Agrippine und dem Germanicus. II. IX. 1625. a.
Appius Claudius räumt dem Glücke einen Anteil seiner Siege ein. II. III. 499.
    a.
Arabar wird König der Qvaden. I. VII. 986. a. Wird geschlagen. I. VII. 986. b.
    Erholet sich. I. VII. 1011. a.
Araber verfallen in Streit mit den Römern. I.V. 673. a.
Arabien in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 488. b.
Arabo wird wieder gewonnen. I. II. 172. a.
Arachne in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 499. a.
Ararat ein hoher Berg. I.V. 565. b.
Aratus Sicyonius ein trefflicher Held im Anfang der Schlacht furchtsam I. IV.
    449. a.
Archelaus Comanischer Priester strebet nach der Cron. I.V. 558. b. Verteidiget
    das Pyracum. I. VI. 936. b. Wird Comanischer Priester. I. VI. 950. a.
Archelaus Cappadocischer König heiratet die Pytodoris. II. IX. 1610. b. Stirbt
    zu Rom. II. IX. 1611. a.
Archimedes Brenn-Spiegel ist ein Geticht. II. 9. 1615. a.
Ardube belägert und erobert. I. IV. 492. b. seq.
Arelich Deutscher Fürst in Italien liebt die Ruhe. I. VI. 760. a.
Aretusa eine von den Hesperiden. II. VIII. 1439. a. stürtzet eine silberne
    Schaale aus. I. VI. 788. a.
Aretusa eines kleinen Meerbusen Wunder-Krafft. II. IX. 1608. b.
Argrim eines unüberwindlichen Riesens Helden-Taten. II. V. 890. b. Erlangt
    dafür des Königs Froto Tochter zur Gemahlin. II. V. 905. a.
Argonauten ihre Zurückfart. I.V. 540. b.
Argwohn verführt in Irrtum. II. IV. 640. b.
Ariadnens Geschichte in einem Kästlein entworffen. II. IX. 1476. b.
Ariarates König in Cappadocien. II. I. VI. 929. b.
Arimenens Amilcars Gemahlin Todtfeindschaft wider die Römer. I. VI. 818. b.
Ariopagiten zu Aten setzen über hundert Jahr einen Gerichts-Tag an. II. V. 818.
    b.
Aristides in einem Auffzuge fürgestellt II. III. 441. b.
Aristides des Tiberius Freigelassener. II. IX. 1508. b. II. IX. 1521. b.
Errettet das Deutsche Frauenzimmer aus der Römischen Gefangenschaft. II. IX.
    1522. a.b. Giebt sich zu Aten zu einem Opffer an. II. IX. 1617. a. Er kömt
    mit List los. II. IX. 1619. a.b.
Ariobarzanes wird König in Meden. I. III. 235. a. Auch König in Armenien. I.
    III. 249. a. Verwundet unwissend seinen Vater tödtlich. I. III. 290. a. Wird
    endlich für seinen Sohn Polemon erkant. I. III. 292. b. Und Polemon genañt.
    I. III. 295. a. Soll / aber umbsonst / mit Arsinoen vermählet werden. I.V.
    510. a. Kündiget Polemon den Krieg an. I.V. 514. a. Wird dreimal seines
    Reichs entsetzt. I. VI. 232. b.
Ariobarzanes der Jotape Sohn wird der Pytodoris zur Aufferziehung anvertrauet.
    II. IX. 1609. a. Nennt sich Polemon den andern. II. IX. 1610. a. Wie er
    unwissend seinen Vater umbgebracht. II. IX. 1610. a. seq. siehe Polemon.
Ariovist der Alemänner Hertzog schlägt die Feldhauptmanschaft aus. I. VII. 986.
    b. Seine Taten. ibid. Hertzhafte Antwort dem Cäsar gegeben. I. VII. 992.
    a.b. Liefert dem Cäsar eine Schlacht. I. VII. 995. a. Ist zu einem
    Einsiedler worden. I. VII. 1106. a. und 1111. b. (besiehe das Wort
    Einsiedler.). Stirbt. I. VII. 1121. a. Findet sich bei dem Sauerbrunnen ein.
    II. V. 742. b. Beschreibung seines Geschlechts / Person und Länder. II. V.
    743. a. Erzehlet seinen Lebens-Lauff. II. V. 916. a. Verliebt in Zirolanen.
    II. V. 920. a.
Aristippus ein leichtfertiger Lehrmeister. I. VIII. 1216. a. Nachfolger des
    Epicurus und Lehrmeister des Käysers Enckel / welche er verführt. I. IV.
    454. a. Wil sie der Venus einsegnen. I. IV. 464. a.
Aristomachus wird in einem Schauspiel erstochen. II. VIII. 1415. a.
Armeniens Nahme / erster Ursprung / Einteilung. I. III. 208. a.b. seq. Andere
    Zufälle. II. III. 314. b. Wird in einem Schauspiel fürgestellt. II. III.
    488. b. Kriegt einen König von dem Artaban. II. VII. 1126. a. seq.
Armeniens Geschichte nach Abdanckung der Erato. II. IX. 1620. b. seq.
Armidas entführt aus Irrtum Arsinoen. I. III. 287. a.b.
Armilius ein Tugend-Sohn. II. III. 500. b.
Arminius rätt den Krieg wider die Römer. I.I. 17. a. Mehr siehe in Herrmann.
Arm-Ring wird in einem Stier mit einer sonderbahren Weissagung gefunden. I.
    VIII. 1283. b.
Armut dienet denen Römern zum Wachstum. I. II. 180. a. Ihr wird ein Altar
    gebauet. ibid. und II. V. 854. b. macht geschickt. II. V. 853. b.
Arnolds Eyfersucht gegen seine Gemahlin. I. VII. 1147. a.
Arnold der Hertzog der Gotonen stirbt. II. V. 804. a.b.
Arnolff der Alemänner Hertzog geht in Pannonien. I. VI. 760. a.
Arnsberg gibt ein Gefängnis den Deutschen Fürstinnen. I. VI. 1037. a.
Arpus rätt den Krieg wider die Römer. I. IV. 380. b. Schlägt mit den Römern. I.
    IV. 408. a.I. IV. 380. b. Rättnochmahls mit den Römern zu brechen. I. VIII.
    1314. a. Wil in einem Ritterspiele dem Feldherrn seine Tussnelde streitig
    machen. I. IX. 1356. b. Rätt die Weinstöcke ausszurotten. II. II. 292. b.
    Ist geneigt Krieg zu führen mit Ganaschen wegen angefügter Beschimpffung.
    II. II. 646. b. Bewirtet viel grosse Fürsten im Saurbrunnen. II. V. 743. b.
    Erstürmt das Römische Lager. II. VII. 1079. a. stattet seine Tochter aus.
    II. IX. 1638. a.
Arsinoe königliches Fräulein in Pontus. I. III. 250. a. Erlangt den höchsten
    Preis in einem Ritterspiele. I. III. 260. b. Wird von dem Ariobarzanes zu
    einer Gemahlin verlangt. I. III. 276. a. Heisst hernach Zeno. Besiehe Zeno.
    Bildnis aus einem Carniolstein. I. VI. 775. b. Heiratet ihren Bruder
    Ptolomäus. I. VI. 777. a. Stirbt. II. IX. 1609. a.
Artaban Königs in Partien Feldherr. I. III. 232. a. Bemächtiget sich des
    Königreichs Partiens. II. 1125. a. Setzt einen König in Armenien ein. II.
    VI. 1126. a.
Artabazes König in Armenien. I. III. 214. b. Schreibt ein Getichte. I. III. 219.
    b.
Artabazes Königs Artaxias in Armenien Bruder wird König in Comagene. I. III.
    232. b. Ersticht seinen Bruder I. III. 233. a. Wird gekrönt. I.I. 237. b.
    Kömmt erbärmlich um. I. III. 242. a.
Artafarnes Staatsdiener des Armenischen Königes Artaxias. I. III. 229. a. Läst
    die Erato zur Königin in Armenien krönen. I. III. 235. a. Komt in Pontus. I.
    III. 285. a.
Artavasdes König in Meden verfällt mit Partien in Krieg. I. III. 223. b.
Artavasdes Reichs-Gefärte in Armenien. I. III. 244. a. Heiratet seine
    Schwester. I. III. 244. a. Wird zum Könige erklärt. I. III. 247. b. Vom
    Tron gestossen. I. III. 248. a.
Artaxias König in Armenien. I. III. 225. b. Streitet tapffer wider die Römer. I.
    III. 226. b. Bekomt sein Reich wieder. I. III. 227. a. und Meden ein. I.
    III. 228. a. Wird von seinem Bruder umbracht. I. III. 233. a. Erato wird für
    den jungen Artaxias ausgegeben. I. III. 230. a. Ist der Zeno. II. 19. 1612.
    a.b. seq. erhält Ismenen. II. IX. 1633. b. siehe Zeno.
Artemisiens Tat gegen ihren Gemahl. II. V. 656. a.
Artapharnes behauptet Tracien. II. I. 35. b.
Artzneien denen Menschen von den Tieren gewiesen. I. II. 91. b.
Arverner verfallen in Krieg. I. VII. 987. a.b.
Aruntes ein Hetrurischer Edelmañ geht zum Brennus über. I. VI. 741. b. Kommt um.
    I. VI. 742. b.
Aruntium geht an die Deutschen mit Sturm über. I. VI. 742. b.
Asblaste des Feldherrn Mutter wird von den Römern gefangen. I. IV. 379. a. Eines
    Partischen leibeigenen Tochter. I. VII. 1038. b. seq. Verläst ihren Gemahl.
    I. VII. 1040. b. Kommt wieder in Partien. I. VII. 1045. a.b. Soll gerichtet
    werden und wird erlöset. I. VII. 1047. b. Stellt sich bei der Vermählung
    Hertzog Herrmanns als eine Wahrsagerin ein und wird erkennt. I. VIII. 1183.
    a. Ist sieben Jahr unfruchtbar. I. VIII. 1185. b. Gebiehrt Herrmannen und
    den Flavius. I. VIII. 1186. a.b. Wird gefangen nach Rom gebracht. I. VIII.
    1186. b. und zu des Augustus Liebe / aber umsonst / gereitzet. I. VIII.
    1189. b. Verweiset dem Flavius sein Verbrechen gegen das Vaterland und
    sticht ihn. II. VII. 1230. b. seq. Begibt sich hierauf in das Alironische
    Heiligtum / und gibt ihrem Sohne dem Herrmann eine dunckele Nachricht von
    seiner Tussnelde. II. IX. 1540. a.
Asblastens Weissagung eröffnet die Tussnelde. II. IX. 1614. a.b.
Ascanas ist ein Urheber der Deutschen. I. II. 111. a.
Asche berühmter Leute. II. VII. 1274. b.
Aschenburg wird von dem Melo eingenommen. II. II. 261. a.
Asdrubal Befehlhaber der Cartaginensischen Flotte. I. VI. 829. b. Wird von
    einem Deutschen erstochen. I. VI. 820. a. Ihm wird das Haupt von einem
    Deutschen abgeschlagen. I. VI. 845. b. Ergibt sich dem Scipio. I. VI. 886.
    a.
Asien in einem Schauspiel fürgestellt. II. III. 488. a.
Asmund lässt sich mit seinem Freunde begraben. II. V. 886. b.
Asprenas / ein Römischer Befehlhaber / trifft mit Hertzog Jubiln. I.I. 25. a.
Astartens Bildnis. II. VIII. 1438. a.
Astelot will dem Caledonischen König die Krone nehmen. I. III. 312. a.
Astinabes König der glückseligen Inseln begehrt Olorenen Marcomirs Schwester. I.
    II. 157. b. Erhält sie. I. II. 167. b. Kommt in Mauritanien um. I. II. 170.
    a.
Astrea eine Griechin lässt sich zum Werckzeuge allerhand Leichtfertigkeiten von
    der Sentia gebrauchen. II. IV. 608. a.b. Wird gefoltert / will aber nichts
    bekennen. II. IV. 626. b. seq. Beisst die Zunge ab und stirbt. II. IV. 828.
    a.
Asweit ein gestorbener Ritter fällt seinen Freund Asmund auffs grausamste in dem
    Grabe an. II. V. 886. b. seq.
Atalanta in einem Schauspiel vorgestellt. II. VIII. 1424. a.
Atcorot wirfft sich zum Feldherrn auff. I. II. 111. b. Wird von Hermion
    gedemütigt. I. II. 112. a.
Atem wird verhalten und erstickt. I.I. 76. b.
Aten geht durch Sturm an den Sylla über. I. VI. 936. a. Aten nimt den Käyser
    Augustus an. I.V. 684. a. Was darinnen zu sehen. I.V. 684. b.I.V. 702. b.
    seq. Sonderliche Begebenheit in dem Tracischen Kriege. II. I. 30. b. seq.
    Wird in einem Auffzuge fürgestellt. II. III. 441. a. Und ihre Freiheit
    geruhmt. II. III. 443. a. Aten besuchet das Deutsche Frauenzimmer. II. IX.
    1617. a.b.
Atenodorus / Stoischer Weltweiser des Käysers Augustus Lehrmeister I. IV. 451.
    b.
Atronges / ein Hirte / wirfft sich zum Könige im Jüdischen Lande auff. I.I. 44.
    a.
Atlantisches Eyland ob es von den Cartaginensern erfunden. I. II. 120. a. Vom
    Osiris bezwungen. I. II. 122. a. Wollen auch die Scyten und Nord-Länder
    erfunden haben. I. II. 122. b. Ja auch die Cimbern und Sitonier. I. II. 125.
    b.
Attalus rufft die Deutschen zu Hülffe. I. VI. 865. b. Wird belägert. I. VI. 881.
    b.
Atticus / ein Römischer Geschichtschreiber / gibt dem Feldherrn ein
    vortrefflich Lob. II. IX. 1594. a.
Aufferstehung von Zarmarn wahrscheinlich gemacht. I.V. 665. b.
Aufferziehung der Deutschen. II. II. 363. b.
Auffruhr bei zeiten zu dämpffen. II. V. 777. b.
Auffruhr der Untertanen einem andern Fürsten über den Hals zu ziehen wenn es
    zugelassen? II. VII. 1301. b.
Auffrührer Beschaffenheit. I. VII. 1076. a.
Auffzug unter gewisser Götter und Göttinnen Nahmen. I. VIII. 1193. b. Dem Käyser
    zu Ehren prächtig angestellt. I. IV. 466. a. Der Deutschen Fürsten für ihre
    Freiheit. II. IV. 445. a. Auffzug der Freiheit. II. III. 437. b. seq.
    Deutschlandes. I. IX. 1403. b. Der Amazonischen Königinnen. I. IX. 1406. b.
    Jäger-Auffzug. II. VII. 1147. b. Auffzug zu Deutschburg. I. IX. 1354. b.I.
    IX. 1368. a.
Augen schwartze oder blaue die schönsten I. IV. 458. b. und. I.V. 548. a. Sollen
    zwei sein im Gesichte. II. VII. 1171. a. Was sie für Krafft in der Liebe
    haben. II. IV. 565. a. Augen / so scharff sehen. I. VI. 791. a. Augen mit
    zwei Aepffeln. I.V. 550. a.I. IX. 1391. a. Augen werden zum letzten gebildet
    und sind unentbehrlich. I.V. 545. a.b. Ihre Beschaffenheit und
    Notwendigkeit I. VIII. 546. a. Welche Weiber die schönsten haben. II. I.
    85. b. Augen Blödigkeit wie ihr die Hirsche abhelffen. I. II. 91. a. Augen
    sind drei in Jupiters Bilde. I. VIII. 1293. a.
Augusta bei den Vindelichern / sonst Cisaris genennt. II. V. 910. b.
Augustmonat / woher er den Nahmen bekommen. I. VIII. 1218. a.
Augustus wird Herr über Rom. I.I. 6. a. Wegen Alters verachtet. I. II. 140. b.
    Soll mit Fleiss einen bösen Nachfolger gelassen haben. I. II. 183. b. Ob er
    der andere Romulus sei. I. II. 194. a. Bricht die Gesetze zu Rom. I. III.
    311. a. Sein Siegel. I. III. 341. a. Kömmt in Gallien und wird alldar
    herrlich geehrt. I. IV. 354. a. Erfindet heimliche Kennzeichen zu Brieffen.
    I. IV. 445. a. Stösst den Kopff wider die Wand wegen der Niederlage Varus. I.
    IV. 446. a. Ob er hieran fürstlich getan? I. IV. 446. a. seq. Hält seinen
    Einzug in Aten. I.V. 684. a. Lässt sich der Ceres einweihen. I.V. 689. b.
    Hält mit Terentien zu. I.V. 695. a. Und stellt sie unter dem Bilde der Isis
    für. I.V. 704. b. Bähnt seinem Heere einen Weg durch Felsen und Wasser / und
    wird verwundet. I. VII. 1043. a. Stellt zu Rom Schauspiele an. I. VII. 1055.
    a. Erschöpfft Gallien mit Schatzung. I. VII. 1057. b. Seine Staats-Klugheit.
    I. VII. 1060. b. Muss den Marbod mit Gesandschaft besänftigen. I. VII.
    1158. b. Schliesst den Tempel des Janus zu. I. VIII. 1186. a. Verliebet sich
    in die Asblaste. I. VIII. 1188. a. seq. Warumb er die Scribonia verstossen?
    I. VIII. 1193. a. Stellt selber einen Auffzug an. I. VIII. 1193. b. Stellt
    darinnen den Apollo für. I. VIII. 1194. b. Urteil über seine Tugenden und
    Laster. I. VIII. 1202. a. Wird von dem Herrmann aus Lebens-Gefahr errettet.
    I. VIII. 1210. b. Hernach auch von dem Flavius. I. VIII. 1211. a. Nimmt sich
    des Vestalischen Gottes-dienstes an. I. IX. 1331. a. Wird bei den Römern
    verächtlich. II. I. 11. a. Führt einen Bürger-Krieg mit dem Antonius. II. I.
    68. a. Sein Hochmut zieht benachbarten Völckern allerhand Unglück zu. II.
    I. 70. b. Kluge Bezeugung wegen Abnehmung des Römischen Reichs. II. I. 234.
    a.b. Wird in Gallien göttlich verehrt. II. II. 290. b. seq. Wird in einem
    Schauspiel dem Romulus vorgezogen. II. III. 425. a. Wird in einem Schauspiel
    als ein Beschirmer der Freiheit fürgestellt. II. III. 443. b. Ihm wird in
    einem Schauspiel ein Lob-Gesang gesungen. II. III. 510. a.b. Sein Bildnis zu
    Bonn auffgerichtet. II. IV. 725. b. Verwahrt Agrippinens Bildnis in seinem
    Schlaffgemach. II. IV. 730. a. Sein Ring heilt gewisse Kranckheiten. II. IV.
    800. b. Ihn wollen die Deutschen nicht göttlich verehren / wie andere
    Völcker. II. V. 928. a.b. Vor seinem Tode gehen allerhand Wunderzeichen für.
    II. V. 931. a. Stirbt zu Nola. II. V. 931. a. Seine letzte Reden. II. V.
    933. a. Seine Leiche wird nach Rom getragen. II. VI. 944. b. Wird begraben;
    worbei allerhand Gedancken. II. VI. 947. a.b. Lob und Scheltung. II. VI.
    647. b. seq. Seine Taten und Lebens-Lauff in einer Lob-Rede von dem Drusus
    ausgeführt. II. VI. 958. b. Wie auch vom Tiberius. II. VI. 965. b. Wird
    verbrannt. II. VI. 969. a. Und endlich vergöttert. II. VI. 970. a.
Aurinia besinget Herrmanns Sieg. I.I. 63. a.
Aurinia bei den Deutschen verehrt. I. VII. 977. a. wünscht dem verlobten
    Feldherrn und Tussnelden Glück I.I. 80. b.
Autoritas Heerführer der Celten verliebt in die Sophonisbe. I. VI. 802. a.b.
Azama wird belägert. I. IV. 475. a.
Azazel ein Bock von den Juden / Arabern und Egyptiern einen bösen Geist
    zugesendet. II. I. 209. a.b.
                                       B.
Babylonischer Turm. II. V. 745. a.
Bacchus Reise. I. II. 129. a. Sein Tempel in Deutschland. II. II. 291. b. Feier
    zu Oresta. II. I. 41. a. Sein Tempel wird von dem Sadal bestürmt. II. I. 61.
    a. Feier auff dem Berge Rhodope. II. 176. a.b. Wo er geboren. II. II. 344.
    a.b.
Bad der Kinder bei den Deutschen. II. II. 362. a.b. II. V. 812. a. Bäder von
    Milche. II. I. 93. a.b. Aus Blute. II. I. 94. a.b. Warme Bäder in
    Deutschland. II. V. 739. b. Denen Göttern gewidmet. II. V. 741. a. Warm Bad
    zu Wissbaden. II. V. 742. b.
Baduhenna / Stadt der Bataver / hält sich wohl. I. IV. 369. b.
Bär / besiehe Beer.
Bala lässet sein Bildnis auffrichten. I. IV. 339. b.
Balearische Schleuderer. I.I. 55. a. II. VII. 1184. a.
Balsams Herrligkeit. II. II. 707. a. Wo er am besten wachse. II. II. 308. a.
Balsambaum in Syrien will den Vorzug für andern Bäumen haben. II. II. 330. b.
Barben sind schön / wenn sie sterben. II. V. 514. a.
Barcas erstreitet die Alceis in einem Schauspiel. II. IV. 1454. b.
Bardanes / Feldherr des Königes Polemons / verrichtete Taten. I. III. 288. a.b.
Barden besingen Herrmanns Sieg. I.I. 69. a. Ihre Freiheit und Ehre bei den
    Deutschen; wie auch ihre Verrichtungen. I. VII. 970. a. Verliehren ihren
    Glantz in Deutschland. I. VII. 977. a. Gehen bei der Vermählung des
    Feldherrn vorher. I. VII. 1174. b. Bezieren diese Vermählung mit allerhand
    Sinnbildern. I. VIII. 1177. b. seq. Halten einen Wort- mit der Kunst und
    Natur unter des Feldherrn Ehren-Seule. I. IX. 1412. b. seq. Ihre Getichte
    den Herrmann zu verewigen. I. IX. 1423. a. seq. Beredsamkeit bei ihrem
    Gottesdienste. II. I. 181. b. Ihre Zwistigkeiten mit den Druiden und
    Eubagen. II. II. 276. a.b. Ein Barde beschreibet den Schwalbachischen
    Sauerbruñen. II. IV. 735. a. Ihre Gesänge. II. V. 745. a. Schule. II. IV.
    753. a. Ein Barde lehrt die Staats-Klugheit aus Garten-Gewächsen. II. V.
    751. a. Erfindet die Uhren. II. V. 762. a. Ihre Art zu speisen. II. V. 764.
    a.b. Gesang und Geschrei im Anfang des Kampffes. II. VII. 1194. a.
Bart wird in Ehren gehalten und den Göttern gewidmet. I. VI. 749. a.
Basan Achor des Fürsten Melo und der Teuta Vater. I.V. 533. a. Todtet seinen
    Sohn Sedan. II. V. 533. b. überwindet die Sarmater.
Bastarner Krieg wider die Römer. II. I. 71. a.
Bataver Freiheit / Hoheit / Fürsten. II. IV. 634. b.
Woher sie den Nahmen haben. I. IV. 752. b. Was es für ein Volck. I. IV. 362.
    a.b. Ihre Taten und Handelsschaften. I. IV. 362. b. seq. Verlieren ihr
    halb Gebiete. I. IV. 366. b. Reisen in die neue Welt. I. II. 125. a.
Batavodur Hauptstadt der Bataver will Dagobert überrumpeln I. IV. 363. a.
Batto schlägt die Römer. I. IV. 489. b. Wird von Dysidiat belägert. I. IV. 492.
    a.
Bausucht der Fürsten nicht zu billichen. I.V. 679. a.
Bauen ist löblich. I.V. 679. b. siehe Gebäude.
Baulis / daselbst wird Venus verehret. I. IV. 388. b.
Bäume geben fast alle Gaben der Natur. II. II. 305. a. Streiten umb den Vorzug.
    II. 230. a. seq. Bäume Göttern geheiliget. II. II. 263. b. so ihres
    Altertums wegen für unvergänglich gehalten werde. II. II. 264. a. werden
    gewöhnet sich für den Menschen zu neigen. II. VII. 1282. b. Dürffen bei
    etlichen Völckern nicht angerühret werden. II. II. 876. a.b.
Bäume / auf des Protesilaus Grabe sonderbahre Beschaffenheit. II. I. 9. a.
Bäume werden zum Zeugnis des Verhängnis gebraucht. II. VII. 1288. a. Trauer- und
    Glantz- Bäume. I.V. 552. b.I.V. 608. a.
Baumwolle wo sie wachse und abgenommen werde. II. I. 185. b.
Becher des Qvintilius Varus. II. IX. 1603. b.
Beere werden von den Deutschen geopffert und warum. II. I. 210. a.
Beere fallen den Hertzog Jubil an. I. IV. 426. b.
Beerenklaue Geburts-Zeichen der Gotonischen Fürsten. I. VII. 1151. a. II. V.
    799. b.
Beerenklaue will Blumen Königin sein I. IX. 1389. b.
Beermut Fürst der Ubier wider die Römer. I. IV. 361. b.
Beerentatze entdecket des Viriats Geschlechte. I. VI. 891. a. gibt dem
    Ehren-Friede seinen Vater zu erkennen II. V. 791. b.
Begräbnis auch den Uberwundenen zu geben. I.I. 63. a.I.V. 623. b. des
    Hephästions wie prächtig es gewesen. II. VI. 948. b. des Käysers Augusts.
    II. VI. 947. a.b. II. VI. 949. a. II. VI. 971. a.
Begräbnis des Osymanduas zerstört von dem Cambyses. I.V. 677. a.
Begräbnüsse von grosser Kostbarkeit. I. VII. 1117. a. In Delos darff kein Todter
    begraben werden. I. VII. 1121. b. Besiehe Grabmahl.
Begräbnis Feier der Deutschen. I.I. 68. a.
Belger werden von dem Cäsar bekriegt. I. VII. 1004. a.
Belgius wirbt vergebens umb die Arsionen. I. VI. 775. b. fällt in Macedonien
    ein. I. VI. 778. a. sein Todt. I. VI. 784. a.
Bellerophon auf einem Bilde. II. IX. 1578. b.
Bellone in einem Schauspiel fürgestellt. II. III. 422. a.
Bellovesus ein Deutscher fällt in Italien ein. I. VI. 734. b.
Berg fällt ein und begräbt eine Stadt. I. II. 184. b. Zwei Berge rennen gegen
    einander. I. II. 185. a. Berge stellen Bilder der Menschen für. I.V. 626. a.
Berg wird zu einem Bilde eines Götzen gemacht. I.V. 611. b. Der Berg Etna gibt
    sonderbare Anzeigungen. I. VI. 785. a.
Berggewächse herausgestrichen. II. II. 302. a.
Bergwerck von sonderbarer Beschaffenheit. I. VII. 1113. a.
Beroris an den Feldherrn von seiner gefangenen Gemahlin abgefertiget. II. IX.
    1402. a. gibt sich wegen des Sicambrischen Hertzogtums zu frieden. ibid
    seq.
Berosus Bild mit einer güldenen Zunge zu Aten aufgesetzt. II. 5. 745. b.
Beryllens Krafft. II. III. 405. b.
Beständigkeit Lob. II. VI. 1043. a. wie sie im Unglücke beschaffen. ibid. Ein
    Gespräche von der Beständigkeit. II. VI. 1098. a.b. seq.
Betens-Art der Egyptier. II. I. 206. b. seq. Unterschiedener Völcker. II. I.
    189. b.
Betrug ist bissweilen den Fürsten nötig. II. VI. 1063. b. seq.
Bette des Käysers Augustus Leiche. II. VI. 957. b.
Beute gibt Anlass zu unrechtmässigem Kriege / und ist die Begierde darnach
    schädlich. I. IV. 380. a.
Beilager Catumers und Adelmundens. II. IV. 692. b. Des Marbods und Marmelinens.
    II. V. 858. b. Herrmanns und Tusneldens. I. IX. 1322. b. Siehe Hochzeit und
    Heiraten.
Bienen hengen sich an die Römischen Adler an. I. IV. 380. a.
Bienen-Kraut will Königin unter den Blumen sein. I. IX. 1388. a.
Bier bei den Deutschen. I.V. 581. b. Und bei andern Völckern. I.V. 585. b.
Bilder in den Ringen getragen. I. II. 101. b. Haben die Deutschen nicht in ihren
    Tempeln. I. VII. 977. b. 972. b. Bilder der Helden zu Schutz-Bildern der
    Länder von den Gottern erkiest. I. IX. 1415. b. drücken Gemüts-Regungen
    aus. I. IX. 1422. a. Bild des Heils bei den Aegiensern darff niemand sehen /
    als die Priester. II. I. 56. a.b. Bild des Phidias in den Schild Minervens
    gefügt. II. V. 736. a. Bilder der Götter von denen Deutschen anfangs
    verworffen. I.I. 9. b. Bilder der Gotter wie sie anfangs beschaffen gewesen.
    I. IX. 1418. b. Mit keinen Uberschrifften. II. III. 471. a. Bild des Käysers
    Augustus in Bonn. II. IV. 725. b. Augustus Bildnis muss ein jeder in seinem
    Hause haben. II. VI. 973. b. Bild des Aristoteles zu Aten. I.V. 685. b. und
    I.V. 708. a. Bild des Flusses Kiang. I.V. 638. a. Bild der Diana von
    sonderbahrer Beschaffenheit. II. VII. 1148. b. Bild Minervens zu Aten. I.V.
    684. b. Des Augustus und Liviens. I.V. 685. a. Der Isis. I.V. 703. b. Bilder
    können Götter nicht vorstellen. I.V. 705. a. Bilder der Göttinnen nach Huren
    gemacht. I.V. 705. a. Bilder bei dem Begräbnis des Käysers Augustus. II. VI.
    956. b. Bild spielende verfertiget. I. II. 86. b.
Bildhauer-Kunst in einem Getichte fürgestellt. II. V. 864. b.
Bildnüsse der Helden. I. IV. 341. b. dürffen in Tempel nicht kommen. I. IV. 346.
    a.
Bilder-Saal des Mecenas. I.V. 695. a.
Bilder-Schrifft unterschiedener Volcker. II. V. 746. a.
Bildung der Natur in allerhand Steinen. I. IX. 1418. b. in den Geschopffen. I.
    III. 294. a. in Holtz und Steinen. I.V. 626. a.
Bingen zum Ort der Friedens-Handlung bestimmt. II. II. 368. a.
Birnbaums Nutzen und Vorzug. II. II. 326. b.
Bitynien sucht Hülffe bei den Deutschen. I. VI. 785. b.
Bituit Arverner König verfällt mit den Römern in Krieg I. VI. 896. a. Leidet
    eine treffliche Niederlage. I. VI. 897. a.b. Wird in einem Sieges-Gepränge
    geführt. I. VI. 898. a.
Bläsus muss den auffrührischen Gesandten ihren Willen tun. II. VI. 979. a.
Blaue Blumen wollen den Vorzug haben. I. IX. 1395. a.b.
Blinde sind verschmitzte Leute. I.V. 545. a.b.
Blitz ob er Gräber versehre. I. VII. 1118. a. Blitz abzuwenden / was dafür von
    dem August für Mittel gebraucht worden. I. VIII. 1203. b.
Blösse ein Mittel für Geilheit in Deutschland. II. V. 787. a.b. Blösse bei
    etlichen Völckern ein Zeichen der Unschamhaftigkeit; bei andern ein Zeichen
    der tieffsten Andacht. II. I. 90. b.I. III. 300. a.b. Wird gerühmt. I. III.
    302. a. Besiehe Entblössung.
Blumen / wo sie am stärcksten riechen. I.V. 672. a. Blume / so einen Vogel
    trägt. I.V. 551. a.I.V. 600. b. Blumen männliches und weibliches Geschlechts
    / wie auch der vier Jahr-Zeiten streiten umb die königliche Würde. I. IX.
    1378. a. Blumen-Tag. I. IX. 1374. b. Riechen nirgends besser / als in
    Cyrene. I. IX. 1385. a. Eigenschaften. I. IX. 1387. a. Können aus ihrer
    Asche wieder herfür gebracht werden. I. IX. 1396. b. Blumen werden heraus
    gestrichen / und dem Obste vorgezogen II. II. 304. a. Blumen Schönheit und
    Gewächse in einem Gespräche vorgestellt. II. III. 427. a. Blumen stellen die
    Herrschens-Kunst für. II. V. 748. b. seq.
Blumen-Göttin vorgestellt. I. IX. 1380. b.
Blumen-Stadt. II. III. 432. a.
Blut wie viel bei einem Menschen sein soll. II. I. 22. b. Wie es zu stillen. II.
    III. 468. b.
Blut-Bäder. II. I. 94. a.
Blut-Cur eines Griechischen Artztes. II. V. 917. a.b.
Blut-Durst in einem Singe-Spiel auffgeführt. II. IX. 1566. b.
Blut-Hochzeit angestifftet. I. II. 149. a.b.I. VII. 984. a.b.
Boberfluss gibt den Ursprung der Deutschen Dichter- Kunst. I. VII. 1132. a.
Bock wird Alexander geheissen. II. I. 207. b. Warumb sie Griechen und Deutschen
    geopffert. ibid. Bocks-Gestanck eine Straffe für Weiber. I.V. 671. a.
Boduognats Tapfferkeit gegen die Römer. I. VII. 1005. b.
Bojen / was es für ein Volck. I. IV. 349. b. Werden von den Romern angefallen.
    I. VI. 812. b. Ihr Ursprung und Sitz. I. VI. 733. b. Fallen in Italien. I.
    VI. 733. b. Und führen offtmahls mit den Römern Krieg. I. VI. 858. b.
    Verfallen mit Marbod in Krieg. I. VII. 1189. a. seq. Werden von dem Marbod
    bezwungen. I. VII. 1092. a.b. Uberfallen und geschlagen. I. VII. 1135. b.
    Sind ein Mittel zwischen dem Käyser und Marbod. II. V. 912. b.
Bojocal lässt sich die Wollust auff der Römer Seite verleiten. II. VI. 1017. b.
    Sein übeles Regiment. II. VII. 1168. b. Sein Ehebruch mit der Sentien läufft
    übel abe. II. IX. 1544. a. Wird in einem Zweikampff Ehebruchs überwiesen und
    aus der fürstlichen Gesellschaft gestossen. II. IX. 1549. a.b.
Bojorichs gegen die Römer erwiesene Tapfferkeit. I. VI. 858. a. Tapffere Antwort
    dem Papirius Carbo gegeben. I. VI. 900. b. Steigt über die Alpen und schlägt
    die Römer. I. VI. 914. b. Komt in der Schlacht rühmlich umb. I. VI. 919. a.
Bolcko Hertzog der Marsinger leget sich mit dem Hertzog Gottwald auf. II. V.
    802. a.b. seq.
Bolesla hält umb Adelgunden / Marbods Tochter / an. II. VIII. 1361. a.b.
    Errettet sie. II. VIII. 1371. a. Wird unhöfflich von dem Marbod weggelassen.
    II. IX. 1516. a.
Boller-Brunn. I. II. 103. b.
Bomilcar / Feldherr der Cartaginenser / soll seinen Sohn dem Saturnus opffern.
    I. VI. 795 a. Wirfft sich zu einem Könige in Cartago auff / wird aber
    gekreuztiget. I. VI. 797 a.b.
Bondicea verwehrt dem Cäsar das Aussteigen in Britannien. I. VII. 1017. a.b.
Bonn / zuvor der Ubische Altar genannt / ist von Römern erbaut. II. IV. 725. b.
Bonzier Welt-weise in Tschina. I.V. 617. b.
Boris / Sohn des Sarmatischen Konigs / bewirbet sich umb die Adelgunde / Märbods
    Tochter. I. IV. 425. b.
Bosphorische Reich. I. III. 253. a.
Boviasmum wird Maroboduum genannt. II. VIII. 1399. a. Hernach Herrmannsburg. II.
    IX. 1588. a.
Brahma Wort des einigen Gottes. I.V. 659. a. Ob es Pytagoras? I.V. 664. b.
Brahmanen in Indien woher sie den Nahmen. I.V. 659. a. Ihre Wissenschaft. I.V.
    659. b. Ihre Kleidung. I.V. 660. a. Und Gebräuche. I.V. 660. b. Essen kein
    Fleisch. I.V. 663. a. Ob sie die Wanderschaft der Seelen geglaubt. I.V.
    666. a. Ihre fürstliche und unmässige Gewalt. I.V. 563. a.b.
Braut / was sie in Deutschland ihrem Bräutigam zubringe. II. I. 146. a. Schöne
    Braut will Scipio ihren Bräutigam nicht nehmen. I. VI. 845 b.
Bräutigam dem Verhängnusse heimgestellt. I. II. 155. a. Bräutigams Asche von
    einer Braut zu einer Sand-Uhr verbraucht. I.V. 656. a.
Braut-Schatz von Herrmannen der Tusnelden gegeben. I. VIII. 1175. b. Siehe
    Heirats-Gut.
Bregetio von dem Salomin eingenommen. I. II. 152. a.
Brenn-Spiegel von sonderlicher Art. II. IX. 1615. a.
Brennus / Hertzog der Semnoner / geht in Gallien. I. VI. 738. a. bricht in
    Italien ein. I. VI. 739. a. und befestiget daselbst seine Herrschaft. I.
    VI. 741. a. grossmütige Reden an die Römischen Gesandten. I. VI. 747. b.
    belägert Clusium. I. VI. 743. b. Krieg mit den Römern. I. VI. 748. a. fällt
    in Sicilien / Africa und Griechenland ein. I. VI. 752. a. stirbt. I. VI.
    753. a.
Brennus / Hertzog der Tectosager / bricht in Macedonien ein. I. VI. 773. a.
    erobert fast ganz Griechenland. I. VI. 781. a. ist ein Spötter und
    Verächter der Götter gewesen. I. VI. 781. b. woher diese Unwarheit den
    Ursprung hat. I. VI. 782. a. sein Todt. I. VI. 784. a.
Brieff des Segestes an den Varus. I.I. 72. b. Marcomirs an seine Schwester
    Olorene. I. II. 155. b. Ingrams an seinen Sohn Klodomir. I. II. 158. a.
    Friedebalds an Olorenen. I. II. 159. a. des Feldherrn Herrmanns an die
    Menapier. I. II. 195. b. des Augustus an die Armenischen Stände. I. II. 242.
    b. des Scribonius falsch ertichteter Brieff. I. III. 251. a. der Princessin
    Arsinoe an die Königin Erato. I. III. 256. b. der Princessin Arsinoen an
    Ariobarzanen. I. III. 282. a. des Oresmanes an Oxartes. I. III. 314. a. des
    Drusus an die Julia. I. IV. 389. a. des Murena an die Antonia. I. IV. 389.
    b. der Antonia an den Murena. I. IV. 391. b. Juliens an Murenen. I. IV. 392.
    b. Antoniens an Murenen. I. IV. 395. a.b. des Feldherrn an König Marbod. I.
    IV. 436. b. der Dido an den Flavius. I. IV. 470. b. und I. IV. 477. a. und
    487. a. Flavius an den König Juba. I. IV. 489. a. Brieff an die Chlotildis.
    I. VI. 841. a. der Asblaste an ihren Segimer. I. VII. 1041. a. Apamens an
    ihren Gemahl Sadal. II. I. 63. a. Ada ertichtet im Nahmen Rhemetalces einen
    Brieff an den Cotys. II. I. 120. a.b. Cotys Antwort hierauff. II. I. 121. a.
    des Zeno an die Ismenen. II. III. 525. b. Ismenen an den Zeno. II. III. 527.
    a. Catumers an Adelmunden. II. IV. 623. b. Tusneldens an ihren Herrmann.
    II. VIII. 1329. b. der Fürstin Catta an ihren Vater Arpus. II. VIII. 1330.
    b. des Ingviomers an den Germanicus. II. VIII. 1343. b. des Germanicus an
    den Tiberius. II. VIII. 1344. b. Adelgundens an den Ingviomer. II. VIII.
    1356. a. der Adelgunden an den Vannius II. VIII. 1386. b. Adgandesters an
    Adelgunden. II. VIII. 1396. a. Adelgundens an den Vannius. II. 1386. b.
    Brief an die Zirolane von ihrer Erlosung. II. VII. 1100. a. Sentiens an den
    Siegemund von Hinrichtung des jungen Tumelich. II. VII. 1113. a. seq. der
    Catta an den Tiberius. II. IX. 1509. b. der Zirolanen an ihren Rhemetalcen /
    ibid. der Tussnelda an den Tiberius und Agrippinen. II. IX. 1509. b. des
    Adgandesters an den Tiberium. I. IX. 1529. b. der Tussnelden an ihren
    Gemahl. II. 1528. a. eines unbekandten an den Marbod. II. IX. 1552. b. des
    erdichteten Gottwalds an Grünbachen. II. IX. 1560. a. Gottwalds an den
    Herrmañ I. IX. 1574. b.
Briefe werden von einer Krehe bestellet. I. IV. 444. a. wie auch durch Tauben.
    I. IV. 444. b. durch geheime Ziffern. I. IV. 445. a.
Britannien wird von dem Cäsar angefallen. I. VII. 1016. a. wird in einem
    Schauspiel fürgestellt. II. III. 490. a.
Britañier besuche das Atlantische Eyland. I. II. 121. b.
Britomar Insubrer Fürst wider die Römer. I. VI. 809. a.
Britomar Hertzog der Deutschen gegen die Römer. I. VI. 770. a. wird gefangen /
    geprügelt und getödtet. I. VI. 771. b.
Britomartes hält umb Adelgunden Marbods Tochter an. II. VIII. 1361. a.b.
    errettet sie. II. 1371. a. fragt die Wahrsager. II. VIII. 1390. a. wird von
    dem Marbod unhöfflich von sich gelassen. II. IX. 1516. a.
Briton / Fürst der Hermundurer / schlägt die Qvadische Krone aus. I. VII. 986.
    Greifft wider den Feldherrn Aembrich zun Waffen. I. VII. 1009. b. Gewinnt
    eine Schlacht gegen ihn. I. VII. 1019. a.b. Schliesst Friede mit dem
    Feldherrn Aembrich. I. VII. 1024. a.
Britons Geist erscheint in einem Singe-Spiel. II. VI. 1565. b.
Briton dem jungen Hertzog fallen die Marckmäñer zu. I. VII. 1063. a. Seine
    Fehler. I. VII. 1064. a. Muss das Blut-Urteil über seine zwei Staats-Räte
    unterzeichnen. I. VII. 1066. a. wird geschlagen. I. VII. 1074. a. wird von
    den Marckmännern verraten und gefangen. I. VII. 1074. a. wird angeklagt /
    verdamet und entauptet. I. VII. 1077. b.
Brückenbau. I.V. 592. b.I. 5. 627. a.b. Zum Vorschein eines rechtmässigen Krieges
    von den Romern genommen. II. V. 929. a.
Bructerer siehe Ingviomer / Bructerer Hertzog.
Bruder tödtet sich selbst wieder auf dem seines von ihm unwissend ermordeten
    Bruders Grabe. II. I. 26. a. Bruder dringen einander Reiche auf. I.V. 599.
    a. Brüder gehen bei den Indianern den Söhnen in der Reichs-Nachfolge für.
    I.V. 657. a. Bruders Tochter heiraten ist nicht wider das Recht der Natur.
    I. VII. 1271. b.
Brunnen Ursprung. I. VII. 1115. a.b. Von sonderbarer Beschaffenheit. I. II. 104.
    a.I. VII. 1116. b.
Brunnen bei Neupactus versorget alle Tage eine ganze Landschaft mit Wasser.
    II. VIII. 1327. a. Brunnen für heilig gehalten. I. IV. 415. a. Brunnen der
    Sonnen. I. IV. 485. b. da Juno alle Jahr ihre Jungfrauschaft wieder
    bekommt. I. IV. 487. b. Bruñen so Wahrsagungen mitteilt. II. VIII. 1215. a.
    II. VIII. 1362. b. Brunnen nach Wein schmeckend. II. 299. a.b. Brunnen vom
    Agrippa aus Africanischen Marmel gebauet. II. VI. 952. b. Brunnen qvillt bei
    der Vermählung des Feldherrn unversehns herfür. I. VIII. 1176. b. Brunnen so
    heilig sind und der Gotteit gewiedmet. II. IV. 484. b. Wunderbrunnen. II.
    V. 738. a.
Brunnen Spiegel von sonderbahrer Würckung. II. I. 124. a.
Brutus als ein Verteidiger der Römischen Freiheit in einem Auffzuge
    vorgestellt. II. III. 443. b.
Brutus der klügste Narr. II. II. 334. b. Dem Brutus wird zu Aten ein Bildnuss
    gesetzt. II. I. 40. b. seine Krieges-List. II. I. 66. b. sein letztes Wort.
    II. I. 67. a.
Buch des Enochs. II. V. 746. b.
Bücher werden in Tschina verbrannt. I. IV. 340. b.I.V. 601. a. etliche werden
    erhalten. I.V. 615. b. in Rom von dem Käyser verbrannt. I. IX. 1331. b.
Bücher sind bei den Druiden nicht zu finden. I. VII. 973. a.
Bücher des Augustus. II. VI. 945. b.
Bücher der Langobarden voller Wahrsagungen. II. VII. 1274. b.
Bücher-Saal verbrannt. I.V. 680.
Buchstaben bei den Deutschen. II. V. 746. a.
Buchstaben-Erfinder. II. V. 747. a.b.
Budorgis von Marbod berennt. II. VII. 1276. a. daselbst ein neuer Fürst der
    Semnonen gewehlt. II. VII. 1279. a. wird erobert. II. VII. 1292. a. daselbst
    lässt sich Marbod huldigen. II. V. 820. b.
Bulissa / Qvadische Königin / stellt ihren Bräutigam dem Verhängnis anheim. I.
    II. 155. a.
Bundgenossen wie sie einander beizustehen verbunden. II. II. 180. a. ob er
    seinen Willen des andern unterwerffen soll II. II. 380. b. denen Bootsleuten
    verglichen. ibid. b. so aus einander gehen / wem sie zu vergleichen. II. II.
    383. b.
Bündnisse durch Tiere bestätiget. II. I. 202. a.
Bündnisse / so ausdrücklich / gehn den stillschweigenden für. II. II. 374. a.b.
Bürger sollen gewaltsamer Herrschaft gehorchen. II. VII. 1298. a. wie viel
    ihrer gewesen zu Rom zu Zeiten des Augustus. II. II. 234. a.
Bürgerlicher Gesellschaft Ursprung. I. IV. 352. a.b.
Bürgerlicher Herrschaft Bequemligkeit. I. VII. 1080. b.
Bürgermeister-Amt zu Rom wie es beschaffen gewesen. II. III. 519. a.
Burgundier werden vom Marbod und seinen Bundesgenossen gebändiget. II. V. 821.
    b.
                                       C.
Cäciña wird vom Ingviomer in die Flucht getriebe. II. VI. 1061. b. seq. Kömmt in
    ein hartes Gedränge. II. VI. 1066. b. wird von dem Pferde gerennt. II. VI.
    1069. a.
Cäsonius Priscus Wollust-Meister des Tiberius. II. IX. 1490. a.
Cälius stösst sich zu tode. I. 71. b.
Cälius / Römischer Befehlhaber / wird von den Semnonern auffs Haupt geschlagen.
    I. VI. 773. a.b.
Cäsar ob er dem Alexander dem Grossen fürzuziehe. I. II. 135. b. seine Taten.
    I. II. 134. a.I. II. 137. b. wird mit einem Tempel und Bilde verehret. I.
    IV. 356. a.b. setzt über den Rhein und bricht in Deutschland ein. I. II. 90.
    a. hält nichts auf Vogelgeschrei. I. VI. 745. b. läst den Bart lang wachsen.
    I. VI. 749. b. seine Schrifften. I. VI. 753. b. bietet den Helvetiern die
    Spitze. I. VII. 989. b. hochmütige Antwort gegen den Ariovist. I. VII. 992.
    a.b. und Krieg mit ihm. I. VII. 996. a.b. Bekriegt die Belgen. I. VII. 1004.
    a. spielt Meister in Gallien. I. VII. 1005. b. fängt mit den Deutschen an.
    I. VII. 1011. b. wird zurücke getrieben. I. VII. 1015. a. schifft in
    Britannien uber. I. VII. 1016. a. erobert Gallien. I. VII. 1034. a.b.
    verfällt mit dem Pompejus in Krieg. I. VII. 4035. a.b. suchet Freundschaft
    bei den Traciern und Galatern. II. I. 39. b. ist ein Glucks-Sohn. II. III.
    904. a.
Cajus der Enckel des Augustus kömmt in Rat. I. III. 246. a. ihm wird der
    Armenische Krieg vertrauet. I. III. 247. a. wird verwundet. I. III. 248. b.
    stirbt. I. III. 249. a. wird von dem Aristippus verführt. I. IV. 455. a.b.
    ist in eine Cimbrische Sclavin verliebt. I. IV. 468. a. dessen Unart. I.
    VIII. 1222. a. wird Feldherr wider die Parten erklärt. I. VIII. 1229. a.
    wird aber geschlagen. I. VIII. 1231. a.
Calata ein Eyland. I. IV. 488. a.
Calenus vom Rat zu Rom umb Rat gefragt. I. II. 91. b.
Caligula geboren. II. 4. 730. a.
Calegia ergibt sich dem Fackserif. I. VII. 1076. b.
Calingische Weiber werden in Indien im fünften Jahr schwanger. I. IX. 1385. a.
Callirhoens Abschlachtung ihrer selbst. II. V. 880. b.
Cambaules besicht einen herrlichen Sieg in Tracien. I. VI. 775. b.
Cambyses zerstört das Begräbnis des Osymandyas. I.V. 677. a.
Cameleon ob es esse. I.V. 593. a. seine Veränderung. I. IX. 1347. a.
Camillus errettet die Römer von dem Brennus. I. VI. 751. a.
Camma vergibt dem Sinorix I. III. 198. b.
Campanien Paradiess der Welt verzärtelt den Hannibal. I. VI. 831. a.
Canarische Insuln woher sie den Nahmen haben. I. II. 121. a.
Canatus ein Fluss gibt die Jungfrauschaft wieder. I. IV. 487. b. und IV. 488.
    b.
Candacens Eifersucht gegen Tussnelde. I. IX. 1402. b. und 1406. b.
Canna ein Schauplatz der Tapfferkeit des Annibals. I. VI. 832. b.
Capetus in einem Schauspiel vorgestellt. II. VIII. 1414. b.
Capitolium wird von dem Brennus belägert. I. VI. 750. b.
Cappadocien kann nicht ohne König leben. I. VI. 930. a.b.
Capua vertirbt der Hannibal. I. VI. 836. b.
Cariovalda Hertzog der Bataver wird zu keinem hohen Amte gelassen. I. IV. 364.
    a. Cariovalda liegt in einem Zweikampff mit Ismenen unter. II. III. 553. b.
    entschuldiget sich bei dem Ganasch wegen einer ihm schuld gegebenen
    Ubeltat. II. IV. 630. a.b. hält umb Adelmunden an. II. IV. 635. a.
    verschweret sich wider die Deutschen. II. VII. 1015. a. wird erschlagen. II.
    VII. 1178. b.
Carniol von sonderbarem Wert. I. VI. 775. b. seine Krafft. II. V. 405. a.
Cartago beneidet die Römer. I. VI. 788. a. ist bald in gleicher / bald
    ungleicher Macht mit den Römern. I. VI. 828. a. bekommt mit dem Syphax zu
    kriegen. I. VI. 847. a. wird von dem Scipio belägert I. VI. 850. a. zum
    letzten belägert und zerstört. I. VI. 885. b. Neu-Cartago in Hispanien wird
    erbauet. I. VI. 829. b.
Cartaginenser Schiffart nach dem Atlantischen Eylande. I. II. 120. a.
Cartaginenser bekommen Krieg mit den Römern. I. VI. 788. a. suchen Hülffe bei
    den Deutschen. I. VI. 788. a. kriegen neuen Krieg mit den Römern. I. VI.
    822. a Cartaginensischer dritter Krieg mit den Römern. I. VI. 885. a.
Cassander vergibt dem Alexander. I. VI. 764. a.
Cassien Baums Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 333. a.
Caspische Meer. I.V. 588. a.
Cassibellin König in Britannien verbindet sich wieder Aembrichen. I. VII. 1002.
    b.
Cassius sein Kopff von Langerten einer deutschen Fürstin abgehauen. I. III.
    863. a.
Cassius erwählen zwei Druiden zu ihrem Könige. I. VII. 980. b.
Castaniens-Baum Vorzug und Nutzen. II. II. 323. b.
Castor / ihm zu Ehren angestellte Ritterspiele. I. VIII. 1249. b.
Catalina will Rom vertilgen / und ist darinnen unglücklich. I. VI. 954. b. fällt
    endlich in der Schlacht. I. VI. 956. a.
Cato ein Tugend-Sohn. II. III. 502. a. II. III. 505. a. bemeistert mit der
    Vernunft seine Regungen. II. III. 455. b. in einem Schauessen vorgestellt.
    II. IX. 1499. b. überläst seine Frau einem andern. ibid. b. Ob er mit recht
    dem Socrates vorzuziehen. ibid. ist ein grosser Sonderling gewesen. ibid.
Catta des Hertzogs Arpus Tochter / und Braut des Jubils in Gestalt einer Dame
    aufgeführt. II. VII. 1147. b. ihre Vermählung mit dem Hertzog Jubil laufft
    unglücklich ab. II. VII. 1106. b. wird von dem Malovend entführt. II. VII.
    1163. a. stösst den Tiberius zu boden. II. IX. 1504. a. soll entauptet und
    zuvor geschändet werden. II. IX. 1505. a.b. seq. rettet sich aber mit der
    Flucht. II. IX. 1509. b. wird dem Malovend verbrochen. II. IX. 1534. a. wird
    mit Hertzog Jubiln vermählt. II. IX. 1640. a.
Catten Bildnüsse in Ringen. I. II. 102. a. ist ein kriegerisches Volck. I. II.
    89. b. sind denen Cheruskern aufsätzig. I. VII. 1038. a. lassen keine
    Handelsleute ein. I. VII. 1058. a. schlagen mit den Römern I. VII. 1060. a.
    seq. breite ihre Waffen biss an die Seulen Hercules aus. II. I. 146. b.
    dürffen kein Geschenck nehmen. II. III. 401. b.
Catulus ein Tugend-Sohn. II. III. 504. a.
Catumer fordert den Feldherrn in Verstellung des Scytischen Königes in einen
    Zweikampff heraus. I. IX. 1367. a. seq. streitet für ihn in einem
    Zweikampff. II. III. 560. a. wird mit Adelmunden vermählet. II. IV. 570. a.
    will sich durch keinen wunderbahren Fall von ihm trennen lassen. II. IV. 636.
    b. wird mit ihr zusammen gegeben. II. IV. 692. b. seine unbeschreibliche
    Vergnügung an Adelmunden. II. IV. 702. b. läst des Drusus Bild
    niederreissen. II. VI. 1085. a.
Caucasische Reich in einem Schauspiel fürgestellt. II. III. 489. a.
Caucasus ein Berg sehr hoch / und dessen Beschaffenheit. I.V. 565. a.
Caudinische Enge. I. VI. 765. a.
Cecinna Mysischer Landvoigt. I. IV. 490. a.
Cecrops in einem Aufszuge vorgestellt. II. III. 441. a.
Cecropsburg zu Aten. I.V. 690. a.
Cedern Höhe / Oel und andere Kostbarkeiten. II. II. 319. b.
Cejonius wird in einen Sumpff geworffen. I.I. 70. b.
Celsus der berühmte Artzt. I. III. 260. b. hält mit einem Kräuter-Manne ein
    Gespräch von der Heilungs-Kunst. II. III. 479. b.
Celten gründen das Reich Celtiberien. I. VI. 753. a. sind Deutsche. I. VI. 851.
    a.
Ceres Bild und Einweihung zu Aten. I.V. 689. b. wird von der Livia fürgestellt.
    I. VIII. 1194. b. ihre Taten / Erfindungen und Eigenschaften I. VIII.
    1200. b.
Chalcedon in einem Schauspiel fürgestellt. II. 1414. b.
Chaldeer Gesänge von den Taten tapfferer Helden. II. V. 745. b. weissagen
    falsch. I. III. 263. a.
Changleang / Feldherr des Königs Lieupang / bauet eine wunderwürdige Brücke.
    I.V. 627. a.
Chauzen bekommen mit den Friesen zu streiten. I. IV. 177. a.b. werden von dem
    Tiberius angefallen. I. VIII. 1260. b.a. und bezwungen. I. VIII. 1263. b.
Cheliang eine Hauptstadt in Tscheno. I.V. 644. a.
Cherämon ein Egyptischer Sternseher. I. III. 263. a. rechtfertiget seine Kunst.
    I. III. 264. a.b.
Cheremon / ein Griechischer Welt-weiser / in der Schule Platonischer
    Welt-weiser. I.V. 707. b. verteidigt den Dienst der Isis und die Vielheit
    der Götter. I.V. 707. und 709. a.
Cherusker Haus ist durch Heiraten gewachsen. I. II. 119. b.
Cherusker Hertzogen Wapen. I.I. 31. b.
Cherusker und Catten Todfeindschaft. I. VII. 1038. a. werden geschlagen. I.
    VII. 1044. a.b. ihr verwirrter Zustand nach des Segimers Tode. I. VIII.
    1248. a. kriegen den Herrmann zu ihren Hertzog. I. VIII. 1261. a. werden dem
    Feldherrn auffsätzig. II. IX. 1587. b. und wählen zum Ingviomer. II. IX.
    1590. a.b.
Cheucung / Welt-weiser der Serer / weiset die Krafft des Magneten. I.V. 636. a.
Chimära auff einem Bilde. II. IX. 1578. b.
Chiomara / Deutsche Fürstin / rächet sich wegen angetaner Schmach. I. VI. 868.
    a.
Chloris vorgestellt. II. III. 431. b.
Chlotildis / Gemahlin des Hannibals / streitet in seinem Heere. I. VI. 818. a.
    ist eifersüchtig wegen Hannibals Vergehungen. I. VI. 840. a. wird vergeben.
    I. VI. 841. a.
Cicero verhindert Catilinens Vornehmen gegen Rom. I. VI. 955. b. ist Römischer
    Feldherr. II. III. 505. a. wird ins Elend verjagt und sucht seinen
    Auffentalt bei den Traciern. II. I. 39. a.
Cigolin wird ermordet. I. VII. 984. b.
Cimber errettet den Marius. I. IX. 1330. b.
Cimbern lassen sich an der Ost-See nieder. I. II. 111. a. werden von dem Meer
    überschwemmet. I. VI. 899. b. und breiten sich hiermit weit aus; fallen
    sonderlich in Italien und Gallien ein. I. VI. 900. a. werden geschlagen von
    dem Marius. I. VI. 913. a. ob sie die Flüsse mit Ruten geschlagen? I. VI.
    913. b. verteidigen ihr Recht zur See. II. VII. 1236. b.
Cimbrischer Fürsten Ursprung. I.V. 673. b.
Cimon in einem Auffzuge fürgestellt. II. III. 441. b. in einem Schauspiele. II.
    III. 496. b.
Cincibil / ein Deutscher König / wird von den Römern beehrt. I. VI. 875. b.
Cinghoa hart belägert und erobert. I.V. 647. a.
Cirta die Hauptstadt in Numidia. I. IV. 477. a.b.
Cisa die Göttin wird umb Rat gefraget von Gottwalden. II. V. 911. a.
Cisaris hernach Augusta genennt. II. V. 910. b.
Citysus ein Baum in Pannonien. II. II. 318. a.
Claudius (Appius) räumet dem Glücke den Anteil seiner Siege ein. II. III. 499
    a.
Clemens / ein Knecht / gibt sich für den Agrippa / des Augustus Enckel / aus.
    II. VII. 1144. b.
Cleopatra Gemahlin des Königes Juba. I. IV. 484. a.
Cleopatra verursachet des Antonius sein Unglück und Niederlage. II. I. 69. a.b.
Clotildis / besiehe Zirolane. kömmt zu Aten in Gefahr. II. IX. 1617. a.b.
Clodomir / Feldherr der Deutschen / wird an Marcomirs Hofe erzogen / und
    verliebt sich in die Fürstin Riama. I. II. 153. a. soll und will gegen sie
    die Feldhauptmannschaft abtreten. I. II. 154. a. und 155. a.b. Erlanget sie
    ohne Bedingung. I. II. 160. a. Kömmt in Lebens-Gefahr. I. II. 164. a. seine
    glückliche Regierung. I. II. 171. a.
Clusium / Hauptstadt in Hetrurien / von den Deutschen belägert und erobert. I.
    VI. 743. b.
Coblenz wird von den Römern befestiget. II. IV. 726. a.
Cöpio raubet das Gold aus dem Tempel zu Tolosa. I. VI. 904. a. sein Betrug gegen
    den Viriat. I. VI. 893. a.
Colocasia will Blumen-Königin sein. I. IX. 1390. b.
Colossischen Seulen. I. IV. 993. a.
Coma bringt sich umb durch Verhaltung des Atems. I.I. 76. b.
Combalus entmannet sich selbst. I. IV. 489. a.
Commontars Deutschen Fürstens Taten. I. VI. 784. a.
Concoleton kommt den Deutschen in Italien zu Hülffe. I. VI. 809. a.
Condelar wird in Iberien zerfleischet. I. III. 310. a.
Confutius Welt-weiser in Tschina. I.V. 617. a.
Corcyra wird von den Deutschen Fürsten verbrandt. I.V. 537. a.b.
Coresus schlachtet sich für die Callirhoen ab. II. V. 880. b. Lässt sich für
    seine umbsonst geliebete abschlachten. I. VIII. 1408. a.b.
Corint von den Römern verheert. I. VI. 887. a.b.
Corolam / ein Deutscher Fürst / wird gegen gleich wiegendes Geld ausgewechselt /
    und hält sich tapffer gegen die Römer. I. VI. 858. a.
Corospandes Geissel zu Rom. II. VII. 1118. a.
Corsica das Eyland wird erfunden. I. VIII. 1259. b. ihr sonderbahrer
    Schutz-Altar. I. VIII. 1260. a.
Cosrhoes Persischer Krieges-Held. I. IX. 289. b.
Cossus (Cornelius) Römischer Feldhauptmann in Numidien. I. IV. 474. a.b.
Cotiso lässet seine Tochter von den Amazonen entführen. I.V. 540. b.
Cotys Königs in Tracien Wahnwitzigkeit. II. I. 31. b. greifft die Römer an. I.
    VI. 784. b.
Cotys eines andern Tracischen Königs Taten. II. V. 36. a. wird hämisch
    erschlagen. II. IX. 1480. b.
Cotys wird von der Ada erstochen. II. IX. 1624. b.
Cotys Oberpriester in Tracien. II. I. 40. b. seine Sterbens-Art. II. I. 58. a.
Cotys der jüngere vereiniget Cron und Insel. II. I. 65. a.b.
Cotys wird von seinem väterlichen Reiche ausgeschlossen. II. I. 116. b. Kömmt
    wieder darzu. II. I. 125. a.
Crassus Betrug wider den Bastarnischen König und seine Gesandten. II. I. 71. b.
    Dürstet nach Partischem Golde und wird damit ersättiget. I. III. 215. a.b.
    I. III. 220. a. Seine Taten wider Tracien. II. I. 73. a. seq.
Crassus (Lucius) Glücks-Sohn. II. III. 505. b.
Creutz ein Zeichen der Unsterbligkeit / und bei vielen Völckern ein Geheimnis.
    II. V. 886. b.
Cridifer wird gefangen. I. II. 114. a.
Critasir kömmt mit Hertzog Gottwalden zusammen. II. V. 912. a.
Critasir / Hertzog der Bojen / wird von Land und Leuten gestossen. I. VII. 1092.
    a. wird von dem Marbod gefangen. I. VII. 1131. b. muss den Marckmännern das
    Land räumen. II. VII. 802. a.
Cron / siehe Kron.
Crotalus wird in einem Schauspiele erstochen. I. VIII. 1414. a.
Curetes haben ein jährlich Feier. II. I. 173. a.
Cycicus wird vom Mitridates umbsonst belagert. I. VI. 947. a.
Cyclopen halten einen Tantz. I. IX. 1413. a.
Cypressen Nutz / Vorzug und Versprechung. II. II. 317. b. wachsen zu Patra sehr
    hoch. II. V. 876. a.b.
Cyrene ist eine Mutter vieler Welt-weisen; aber eine wollüstige Stadt. I. IV.
    460. b.
Cyrus wird von der Tomyris erschlagen. I.V. 530. a.
                                       D.
Dacier führen Krieg wider die Römer. II. I. 71. a. seq.
Dädalus führt ein Kunst-Gebäude in der Insul Corsica auff. I. VIII. 1259. b.
Dagobert Hertzog der Bataver. I. IV. 362. b. wird in einem Zwei-Kampff wider
    Ismenen erlegt. II. III. 553. a.
Dalmatien führt Krieg mit den Römern. I. IV. 490. a. wird ihnen gehorsam. I. IV.
    495. a.
Danck ist für Wohltaten abzustatten. II. VIII. 1327. a.b.
Darius ein vortrefflicher Jäger. I. II. 88. a.
Datopherne / Armenische Fürstin / wird ihrem Gemahl untreu. I. III. 245. a.
Dattelbaums Nutzbarkeit und Vorzug. II. III. 330. a.
Debris bei den Garamanten belagert. I. IV. 485. a.
Decebal / Fürst in Dacien / bewirbt sich umb die Hermildis / Hertzogin in
    Pannonien. I. II. 144. a. gebraucht sich hierzu einer Arglistigkeit I. II.
    144. b. Stifft in Pannonien Uneinigkeit an. I. II. 148. b. wird zum Könige
    in Pannonien erwehlt. I. II. 151. a.
Decius Römischer Feldherr gegen die Deutschen. I. VI. 767. a. opffert sich für
    sein Heer auff. I. VI. 767. b.
Deinaira in einem Schauspiel fürgestellt. II. III. 497. a.
Dejoces / König in Medien / bauet die Stadt Ecbatana. I. III. 227. b.
Dejotar / ein Deutscher Fürst / kömmt aus Lebens- Gefahr / und rächet sich. I.
    VI. 938. b. geht zum Lucullus über. I. VI. 946. b. steht dem Pompejus bei.
    I. VII. 1035. b.
Delfinen Liebe gegen die Menschen. I. IV. 387. a.
Delos / eine Insul / hat was besonders. I. III. 271. a. ist der Götter Vaterland
    / und wird von den Deutschen eingenommen. I. VI. 936. a. darinnen darf kein
    Todter begraben werden. I. VII. 1121. b.
Demarates gibt ein Gesetz bei den Spartanern. II. VII. 1199. a.
Demetrius / Vormund des Fürsten Pinnes / heiratet die Triteuta und ersticht
    sie. I.V. 539. a.
Demut und Einfalt wird gelobt. II. III. 398. b.
Denhoffs Treue gegen das Gottwaldische Haus. II. V. 801. b. Erzehlet die
    Begäbnüsse des Hertzogs Gottwalds. II. V. 802. b. Kömmt in Cimbern. II. V.
    873. b.
Deucalion errettet sich auff dem Berge Ararat. I.V. 565. b.
Deutschburg Schloss des Feldherrn. I.I. 64. a. wird von dem Ingviomer
    eingenommen. II. IX. 1592. a.
Deutschburg in Pannonien erbauet. I. IV. 495. b.
Deutschburgischen Schauplatzes Beschreibung. I. IX. 1353. b.
Deutsche woraus sie künftige Dinge erforschen? I.I. 306. woher sie entsprossen?
    I. II. 111. a.I. VI. 732. b. verlachen den Aberglauben der Römer. I.I. 7. a.
    ihre Spielsucht / ob sie zu tadeln? I. II. 86. b. wie sie mit Gefangenen
    umbgehn? I.I. 60. b. ehren kein Geschöpffe. I. VII. 980. a. Deutsche werden
    insgemein Gallier genennet. I. III. 118. a. ob sie drei Götter anbeten. I.
    IV. 346. a. haben keine Städte. I. IV. 352. b. gehn über den Rhein wider den
    Drusus. I. IV. 370. b. halten sich unter dem Flavius wohl in Africa. I. IV.
    474. a. in Pannonien und Dacien. I. IV. 489. b. streiten wider die Egyptier.
    I.V. 523. b. fürchten sich für nichts als für den Einfall des Himmels. I.V.
    580. a.I. VI. 760. b. eignen ihren Fürsten alles zu. I.V. 629. a. grübeln
    nicht in dem Gottesdienst. I.V. 659. a. ihre erste Kriege. I. VI. 733. a.
    fallen in Italien ein. I. VI. 735. a. ziehen dem Kriege nach. I. VI. 740. b.
    rächen die versehrte Keuschheit. I. VI. 746. b. behalten die Weissagung aus
    dem Vogelflug. I. VI. 746. b. machen sich mit ihren Haaren erschrecklich. I.
    VI. 750. a. werden von frembden Völckern zu Obristen und Leibwachen
    angenommen. I. VI. 753. a. breiten sich in Pannonien aus. I. VI. 760. a.
    verneuren den Bund mit König Philip in Macedonien / und halten Alexanders
    Siege vor verdächtig. I. VI. 760. b. schicken Gesandten an Alexandern den
    Grossen. I. VI. 761. a.b. fallen in Macedonien ein. I. VI. 778. a.I. VI.
    784. a. werden von den Macedoniern geschlagen. I. VI. 785. a. kommen den
    Cartaginensern zu Hülffe. I. VI. 788. b. ihre Taten in Africa. I. VI. 795.
    a. fallen die Römer an. I. VI. 809. a.b. ihre erschreckliche Gestalt. I. VI.
    814. a. reisen vielmahl über die Alpen und helffen den Hannibal. I. VI. 823.
    a. erwerben Hannibal seine Siege. I. VI. 834. a.I. VI. 851. a. haben einen
    neuen Krieg mit Rom. I. VI. 801. a. kriegen in Asien. I. VI. 864. a. halten
    Treu und Glauben. I. VI. 870. a. fangen mit den Eumenes an. I. VI. 880. b.
    sind Ursache / dass Cäsar den Pompejus bezwungen. I. VII. 1034. b. Deutschen
    sonderliche Vermählungs Art. I. VIII. 1174. b. erfordern der Eltern
    Einwilligung bei der Kinder Hochzeit. I. VIII. 1175. a. ihre Gewohnheit /
    was die Neuvermählten betrifft. I. VIII. 1185. a. Deutsche müssen zu Rom mit
    einander auf den Tod fechten. I. VIII. 1140. a.I. VIII. 1141. b. Deutscher
    Jugend erste Zierat. I. VIII. 1262. a. Deutscher Weiber Heirat. I. IX.
    1340. a.b. Deutsche Täntze. I. IX. 1425. a. Deutsche werden aus Rom
    verbannet. II. I. 11. a. glauben dass nur ein Gott sei. II. I. 72. a. halten
    eheliche Liebe hoch. II. I. 175. a. Deutschen ihr Gottesdienst. II. I. 181.
    b. was sie für Gewohnheit mit ihren Ahnen haben. II. I. 184. a. ihre Liebe
    zur Blösse. II. I. 190. a. Deutscher Waffen Rüstung. II. I. 289. a. ihre
    Auferziehung. II. II. 363. b. baden ihre Kinder. II. V. 812. b. bei den
    Deutschen bringen die Männer den Weibern Heirat-Gut zu. II. IV. 707. b.
    trincken bei Auffrichtung ihrer Bündnisse. II. VI. 1007. b. deutsche Sitten
    II. VII. 1259. b. Deutsche wissen von vollmächtigen Königen nichts. II. VII.
    1296. a.b. wie sie der Helden Taten verehren. II. VIII. 1333. a.b. Deutsche
    sind treu / aber selbst unter einander zwistig. II. VI. 1010. b. stehn im
    Kriege beisammen nach dem Verwandnüsse. II. VII. 1211. a. halten es für eine
    sonderbahre Ehre / aus dem Horne ihres Fürsten zu trincken. II. VII. 1214.
    a. wollen das Gedächtnis-Mahl des Germanicus Siege nicht leiden. II. VII.
    1215. b. schütten ihren Eiffer zur Unzeit aus. II. VII. 1216. a. ihnen sind
    die Waffen angewachsen. II. VII. 1225. a. siegen wider die Römer. II. VII.
    1219. a.b. II. V. 777. a. was sie für Buchstaben gebrauchen II. V. 746. b.
    ihre Mässigkeit im Essen. II. V. 776. a.b. von wem sie die Weissheit bekommen.
    II. V. 744. b.
Deutschland ist mit unrecht übel ausgeschrien. I. II. 105. a.
Deutschland Vaterland der Schönheiten. II. III. 397. a. kommt in Ruhe / I. II.
    171. a. in grosse Unruhe und Kriege. I. VII. 985. b. Deutschland wird mit
    seinen 12. Flüssen von der Natur zu Hertzog Herrmanns Ruhm in einem Aufzug
    fürgestellt. I. IX. 1403. b. verteidigt wider einen Barden die dem
    Herrmann aufgerichtete Ehren-Seule. I. IX. 1418. a. In Deutschland wird kein
    Unedler zu einem Priester und Fürsten genommen. II. I. 177. b. II. I. 179.
    a. darinnen wird der Adel in Künsten unterwiesen. II. II. 273. b.
    Deutschland als eine Königin in einem Auffzug furgestellt. II. III. 144. b.
    wird nochmahls in einem Schauspiel fürgestellt. II. III. 490. b.
Diamanten werde in einem Bergwerck in Deutschland gefunden. I. VII. 1113. b.
    hecken Junge. I.V. 632. b. II. I. 183. b. Diamanten Krafft. II. III. 406. a.
    unterschiedene Arten und Eigenschaften / wie auch ihr Ursprung und Grösse.
    II. III. 412. a. Diamanten so andere hecken. II. IX. 1498. b.
Diana in Persien hilfft wider die Unfruchtbarkeit. I. III. 261. b. ihr wird in
    Betulien ein Tempel gebauet I. IV. 478. a. Dianen Bildes sonderbare
    Eigenschaft. II. VII. 1148. b. wird von der Julia vorgestellt. I. VIII.
    1195. a.b. ihre Erfindungen und Taten vorgestellt. I. VIII. 1296. b.I.
    VIII. 1206. b. Dianens Bild zu Oresta. II. I. 59. b. wer ihr hat eingesegnet
    werden können? ibid.
Diceneus der Disa oberster Priester. II. V. 882. a.b.
Dideus ein Tugend-Sohn. II. III. 504. b.
Dido Königs Juba Tochter kommt nach Rom / und wird von dem Lucius geliebt. I.
    IV. 465. b. will ihn nicht lieben. I. IV. 467. b. verliebt sich in den
    Flavius. I. IV. 470. b. verwundet den Lucius tödtlich. I. IV. 472. a.b. wird
    um ihre Jungferschaft gebracht. I. IV. 486. b. kommt in der Insul Dianium
    zu dem Flavius. I. IV. 495. b.
Diener hat alles seinem Fürsten zuzuschreiben. I.V. 628. b.I.V. 675. a. Warum
    mittelmässige Köpffe meistens zu Dienern genommen werden? I.V. 630. a. Diener
    der Fürsten wie sie beschaffen sein sollen. I. VII. 1102. a. Ob ihnen die
    höchste Gewalt anzuvertrauen. I. VII. 1001. a.I. VII. 1018. b. Diener eines
    Fürsten / so böse / wie sie beschaffen. II. VII. 1282. a. wie der Fall eines
    Fürsten Diener anzusehen. II. IV. 576. a. gefallene Diener sind nicht wieder
    zu erhöhen. II. IV. 577. b. II. IV. 582. b. Vornehmste Staatsdiener wie sie
    beschaffen. II. IV. 590. b. haben ihres Herrn Befehl genau in acht zu
    nehmen. II. IV. 598. b. sollen nicht Heuchler sein. II. IV. 620. b. Diener
    des Fürste wird oftmals vom Verhängnis eingeschoben. II. VII. 1286. a.
    sollen weder böse Zeitungen verschweigen / noch Heimlichkeiten ausbreiten.
    II. VII. 1291. b. Diener der Fürsten wem sie gleich. II. VIII. 1357. b. von
    schlechten Herkomen und Verdiensten. II. VIII. 136. a. Diener der Fürste zum
    Freunde erkiesen. II. VIII. 1358. a. Diener muss auf den Willen seines
    Fürsten sehen. II. VIII. 1341. b. ob sie wider die Verordnung ihrer Fürsten
    tun können oder nicht. II. VIII. 1341. a.b. was für Diener ein Fürst
    auszulesen. II. VIII. 1392. a. sind oft bei grossem Verstande unglücklich.
    II. VIII. 1393. a.
Dietrich ein Sicambrischer Fürst von denen Batavern zum Oberstadtalter
    erwehlet. II. IX. 1551. a.
Dinfared König in Britannien wird vom Reiche verdrungen. I. II. 161. b.
Diomedes in einem Schauspiel aufgeführt. II. III. 497. b.
Dion ist gar zu gut Käyserlich. I. VI. 753. b.
Dionysius Weltweiser in Tracien. II. I. 39. a.
Dionysius Periegetes hält ein gelehrt Gespräch mit den deutschen Barden. II. V.
    744. b.
Dioscorida fruchtbare Insul in Arabien. I.V. 669. a.
Dioscurias / Stadt der Amazonen. I.V. 540. a. eine berühmte Handels-Stadt. I.V.
    519. a.
Divitiack / ein tieffsinniger Druys / reiniget der Druyden scheinheiligen
    Gottes-Dienst. I. VII. 982. b.
Divitiack / Fürst der Svessionen und seine Taten I. VII. 985. a.
Divitiack / Fürst der Heduer und seine Taten. I. VII. 987. a.
Divitiack / Britannischen Druys / Wort-Streit vom Zweiffel und der Warheit. II.
    II. 265. b.
Divodur eine Stadt / daselbst eine Schlacht gehalten. I. VII. 1061. b.
Dodonischer Jupiter. I. III. 262. a.
Dolabella überwindet den Briton / Hertzogen der Semnoner. I. VI. 771. b.
Dolch des Mitridates wird König Polemon von seinem Geist eingehändiget. I.V.
    514. a.b.
Domitius (Cneus) ein Glücks-Sohn. II. III. 503. b.
Domitius Enobarbus heiratet des Antonius Tochter. I. IV. 384. a.
Donnerschläge welche glücklich / und welche unglucklich. II. II. 377. a.
Dornstrauch bei den Seren von sonderbahrer Art. I.V. 608. a.
Dorulach / ein Deutscher Hertzog / erweiset eine vortreffliche Tapfferkeit gegen
    die Römer. I. VI. 859. a.b.
Drache ist bei den Traciern ein Krieges-Zeichen. I.I. 42. a. wird für die
    Hesperischen Gräntzen gestellt. II. VIII. 1437. a.b. Drachen ziehen die
    Medea. I. IV. 389. a.
Dreieck ein Geheimnis. II. I. 203. b. aus Eichen bei den Druiden heilig. II.
    III. 531. a.
Dreieinigkeit wird von dem Ober-Priester Libys bewiesen. I. IV. 346. a.b. wie
    sie von den Druiden erwiesen werde. II. III. 532. a. ob sie bei andern
    Heiden bekandt gewesen. II. III. 534. b.
Druiden ob sie sich des Fleisch-essens entalten. I. IV. 461. b. verrichten
    ihren Gottesdienst in Rom. I. IV. 465. a. ihre Ober-Priester / und was sie
    vor Ansehen haben. I.V. 559. b. seq. halten ihren Gottesdienst heimlich.
    I.V. 569. a. Beschreibung ihres Ursprungs / Ansehens / Lebens-Art / Gewalt /
    Ehre / Sprache / Schrifft und Speise. I. VII. 970. seq. nisteln in
    Deutschland und Gallien ein. I. VII. 975. a. werden herrschsuchtig. I. VII.
    982. a. erschlagen die Eubagen in Sebusien. I. VII. 1066. b. ihr Hass gegen
    die Griechischen Weltweisen. II. II. 262. a. machen Anspruch auff der
    Minerven Tempel. ibid. was sie für Zwistigkeiten mit den Barden und Eubagen
    haben. II. II. 276. a.b. ihre Lehre von der Reinigung der Seele. II. II.
    363. a.b. halten hohes Gerichte über die Ismene II. III. 529. b.
Drusus was er in Deutschland verrichtet. I. III. 320. a.b. wird mit einer
    Uberschrifft und Gedächtnis- Mahl verehret. I. IV. 336. a.b. sein
    Geschlechte und Taten. I. IV. 349. b. machet einen Graben 8000. Schuh lang.
    I. IV. 371. a.b. wird von den Chautzen geschlagen. I. IV. 378. a. setzet zum
    andern mahl an die Deutschen. I. IV. 378. b. Kömmt nur biss an die Weser / wo
    er ein Mahl aufrichtet. I. IV. 380. a. soll und muss Antonien heiraten. I.
    IV. 384. b.I. IV. 397. a. ist in Julien verliebt. I. IV. 389. a. verwirrte
    Liebkosungen gegen die Antonia. I. IV. 303. a.b. Sohn des Augustus. I. IV.
    400. a. Kommt zum dritten mahl in Deutschland. I. IV. 407. b. darff nicht
    über die Elbe. I. IV. 413. a. stirbt an seinen Wunden. I. IV. 420. b. führt
    den Feldherrn und seine Mutter in die Gefangenschaft. I. VIII. 1187. b.
    stellt den Jupiter im Auffzuge für. I. VIII. 1193. b. wird beerdiget und mit
    einer Uberschrifft beehret. I. VIII. 1217. a. legt Wein in Deutschland an.
    II. II. 301. b. sein Grab-Mahl wird zerstört. II. VII. 1162. b. hält eine
    Lob-Rede auff des Augustus Begräbnis. II. VI. 958. b. soll die
    auffrührischen Legionen in Pannonien stillen. II. VI. 979. b. wird
    befehlicht in Illyricum zu reisen. I. IX. 1491. a. sein listig Geschencke an
    den Herrmann. I. IX. 1587. b.
Durst fuhlet einer niemahls. I.V. 593. a.
Dynamis Königin in Pontus. I. III. 250. a. vermählet mit dem Polemon. I. III.
    253. a. ist unfruchtbar. I. III. 261. a. wird schwanger. ibid. hält ihren
    Sohn verborgen. I.V. 511. a.
Dysidiat jagt den Diomedes aus dem Felde. I. IV. 490. a. macht Friede mit den
    Römern / und wird hernach belägert. I. IV. 491. b.
                                       E.
Ebenholtz ist bei den Mohren in grossem Ansehn. II. II. 267. b. seine
    Vortreffligkeit. II. II. 317. b.
Ecbatana die Hauptstadt in Armenien. I. III. 227. a.
Echo in einem Getichte von der Sentia angeredet. II. IX. 1542. b.
Eckel / woher er entstehe. II. VI. 1029. b.
Edele / ob sie unedele lieben sollen. I. III. 321. a.b.
Edelgesteine auff dem Sudetischen Gebirge. I. VII. 1114. a. Edelgesteine Natur /
    Eigenschaften / Nutzen und vielerlei Arten. II. III. 402. b. werden auch in
    Deutschland gefunden. II. VIII. 410. a. werden mit Indianischen Königen
    gewogen. I.V. 653. b.
Eganor Batavischer Hertzog wider den König der Britannier. I. IV. 362. b.
Eggias / ein Römischer Feldhauptmann / wird vom Ingviomer umbgebracht. I.I. 41.
    a.
Eginhard / ein Barde / richtet den Hertzog Gottwald mit seiner Welt-Weissheit
    auff. II. V. 914. a.b.
Egypten in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 487. b. besitzt
    unausleschliche Lichter. I. II. 171. b. verstecket den Gottesdienst in
    Rätzel. I. IV. 345. a. Lehre von den Geistern. I. IV. 414. b. wie viel es
    Schutz-Geister ehre. ibid. In Egypten spinnen die Männer; die Weiber
    verrichten männliche Geschäffte. I.V. 522. a.b. Wie viel Jahr es von Königen
    beherrschet worden. I.V. 566. b. Egyptens Bild. I.V. 676. a.
    Merckwürdigkeiten. I.V. 674. b. Deutschen führen darinnen Krieg. I. VI. 716.
    a. in ieder Stadt ein sonderbarer Gottesdienst. II. VII. 1267. a.
Egyptier streiten mit denen Phöniciern / wer zuerst in die Atlantische Eylande
    gekommen sei. I. II. 122. a. befleissigen sich der Schiffarten. I. II. 122.
    a. Egyptier Krieg wider die Amazonen. I.V. 525. a.b. Ehren ihre Priester
    hoch. I.V. 559. a.b. schreiben ihren Königen alles böse und gutes zu. I.V.
    635. b. eusern sich aller Schiffart. I.V. 537. a. halten ihren Gottesdienst
    heilig. I.V. 659. b. bekomen ihren Gottesdienst und Lehre von den
    Brachmannen. I.V. 662. a.I.V. 666. a. essen von keinem Schafe / wie auch
    ihre Priester von keinem Tiere. I.V. 663. b. glauben / dass die Seele
    unsterblich sei. I.V. 665. b. lehren / dass die Seele aus einem Leibe in den
    andern wandele. I.V. 666. 7. was sie unter einem Frosche fürbilden. I.V.
    700. b. geben vor / die ersten Menschen wären bei ihnen gewachsen. I. VI.
    732. b. Straffe ihren Könige. I. VII. 1085. b. halten ihr Geheimnisse in
    göttlichen Sachen heimlich. I. IX. 1351. a.b. ihre Bilderschrifft. II. V.
    746. b. bezieren ihre Heiligtümer mit Sphynxen. II. V. 748. a. ihre Meinung
    von Einteilung der Tage. II. V. 761. a. lassen keinen Ausländer zu ihrer
    Weissheit und Priestertum. II. I. 1778. b. ihre Lebens- Art. II. I. 206. b.
    essen von keinem Tier-Kopff. II. I. 208. a. ihre Lehre von der
    Dreieinigkeit Gottes. II. 537. a.
Ehe mit des Bruders Tochter ist nicht wider das Recht der Natur. I. VII. 1271.
    b.
Ehebruch ist bei den Deutschen unbekandt. II. II. 362. a. Ehebruchs Straffe. I.
    IX. 1335. b. Ehebruchs des Antonius bei seinem Eheweibe. II. VIII. 1226. b.
    Ehebruch der Sentien von ihrem Gemahl hart gestraffet. II. IX. 1544. a.b.
Ehegatten gegen einander erwiesene Treue. II. IV. 574. a. Ehegatten Liebe der
    Vaterliebe vorzuziehen. I. VI. 783. a. Ein Gesetz des Lycurgus für junge
    Ehegatten. II. VIII. 1185. a.
Ehescheidung zu Rom wie weit sie zugelassen. I. IV. 405. a.
Ehestand ob er zu grossen Taten unfähig mache? I. IV. 397. b.
Ehnligkeit ist eine Mecklerin der Liebe. II. I. 22. a.
Ehre als ein Gott verehret. I. IV. 349. a. Ehre gelobet. II. IV. 625. a. ihr
    hoher Wert. II. I. 144. b. wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. V.
    863. a. ist der Tugend Zunder. I. VII. 897. b. Ehre so geringschätzig aus
    Staats-Klugheit von Fürsten verkaufft. I. VII. 1060. b. ist empfindlich. I.
    VIII. 1312. b.
Ehren-Antastung Ursache des Krieges. II. IV. 645. a.b.
Ehren-Bezeigungen hindern die Vertrauligkeit. II. III. 398. a.b.
Ehrenfrieds Taten gegen die Romer. I. VI. 858. a. wird in der Barden Schule
    getan. II. V. 785. b. heisset mit den rechten Nahmen Gottwald. II. V. 840.
    a. kommt nach Cisaris und der Vocione ihren Hof. II. V. 919. a. wird mit des
    Königs Bojud Tochter vermählt. I. VII. 1146. b. Besiehe den Nahmen Gottwald.
Ehren-Mahle werden eingeäschert. I. IV. 339. a. sollen Merck-Mahle Lob-würdiger
    Taten sein. I. IX. 1419. a. gehn nicht bald unter / wenn sie Tugend zum
    Grunde haben. I. IX. 1420. b.
Ehren-Pforte zu Ehren dem Augustus auffgerichtet. I. IV. 355. b. dem Melo zu
    Ehren von den Griechischen Weltweisen auffgerichtet. II. II. 261. a. der
    Marmeline und dem Marbod auffgerichtet. II. V. 860. b. dem Germanicus zu
    Ehren auffgerichtet. II. VIII. 1348. b.
Ehren-Säule bei des Augustus Begräbnis. II. VI. 949. a. Sind den Deutschen mit
    vielen Völckern gemein. II. VIII. 1333. b. derselben Vielheit. I. IX. 1419.
    b. werden oft den Lasterhaften auffgerichtet. I. IX. 1420. a. werden von
    dem Verhängnisse beschützet. I. IX. 1425. a.
Ehren-Säulen siehe Ehren-Mahle.
Ehrsucht streitet mit der Wollust und der Tugend umb den Vorzug. II. IV. 572. a.
    unersättlich. I. VII. 1096. a. wird gelobet und entschuldiget. I. VII. 1097.
    b. lescht die Funcken kindlicher Liebe aus. I. VII. 1153. b.
Eiche wird vom Donner getroffen. I. VI. 735. b.
Eichenholtz ist bei den Deutschen hellig. I. VII. 970. b.
Eichen halten die Druiden für heilig. II. 3. 531. a. II. II. 262. a. II. II.
    263. b. von vortrefflicher Grösse. II. II. 264. b. werden von dem
    Protesilaus für Wunderwercke gehalten. II. II. 264. b. ihre Vortreffligkeit
    / Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 313. a. werden versprochen. II. II. 1313.
    a. seq.
Eid / besiehe Eyd.
Eifersucht des Tiberius. I. IV. 406. b.I. VIII. 1234. a. höret mit dem Tode
    nicht auff. ibid. des Arnolds gegen seine Gemahlin. I. VII. 1147. a. was es
    fur eine Missgeburt sei. I. VIII. 1220. a. von Eifersucht wachsen Würmer
    auff den Geweihen der Hirsche. II. I. 98. a. Eifersucht vorgestellt. II.
    VIII. 1409. a. wundersahme Eifersucht hindert Sadaln zu lieben. II. I. 40.
    b. II. I. 47. a. machet einen Schatten zum Nebenbuhler. II. I. 47. b.
    stifftet allerhand Unfall an. II. I. 99. b. wird in einem Bilde fürgestellt.
    I. VIII. 1180. b. in einem Getichte weggewiesen. I. VIII. 1181. a. wird in
    einem Schauspiel fürgestellt. II. VIII. 1442. a. II. VIII. 1436. a. in einem
    Schäferspiele vorgestellt. II. IX. 1483. a. Eifersucht des Wald-Esels. I.V.
    545. b. ob sie mit ihres gleichen zu tun habe. I.V. 548. a.b.
Eigen-Liebe wie sie beschaffen. I. II. 96. a.
Eigen-Mord ist unzulässlich. I.I. 77. a.
Eigen-Nutzes Schändligkeit. II. I. 26. a. ist der Zanck-Apffel aller Tiere und
    Gewächse. I. VII. 1038. a. was er würcke. II. VII. 1277. b.
Eigenschaften der Dinge gelten mehr bei ihnen / als die Vernunft bei den
    Menschen. II. I. 193. a.
Einbildung hat sonderbahre Würckungen in Gesundmachung und Kinderzeugung. I.V.
    507. b. ist die gröste Gemüts-Kranckheit. I. VII. 979. a. ist eine seltsame
    Mahlerin. I. VII. 1147. b. sonderlich bei denen Schlaffenden. I. IX. 1321.
    a. dass sie frembdes Wasser zu Zucker mache durch ein artiges Beispiel
    erwiesen. I. VIII. 1226. b. verhinder die Warheit. II. II. 267. a. seq.
Einfalt und Demut wird gelobt. II. III. 398. b. seq.
Einsamkeit überleget. I. III. 306. a. ist vedriesslich. I. IV. 350. a.I. IV. 351.
    b. in einem Getichte gelobet. I. VII. 1111. a. darinnen zu leben ist vielen
    angebohren. II. I. 130. b. ist vedriesslich. II. V. 734. a.b.
Eisenhertz Batavischer Hertzog setzet die Bataver in Freieit. I. IV. 363. a.
Einsiedlers herrliche Tugend-Lehre. I. VII. 1094. b. erzählt seinen
    Lebens-Lauff / und beklagt sein Unglück. I. VII. 1106. b.
Eintracht ist der natürliche Zustand der Menschen. I. VI. 737. b. wird in einem
    Schauspiel eingeführt. II. III. 509. a.
Einweihung der Ceres. I.V. 689. b. zum Priestertum der Herta. II. I. 195. b.
    Einweihung des Sigismunds zum Priestertum. II. VII. 1231. a.
Einzele sind zum herrschen geschickt. I. VII. 1102. a.
Einzug des Feldherrn zu Deutschburg in seine Hoffstadt zu seiner Vermählung. I.
    VII. 1162. a.b. der Marmeline mit dem Marbod in Godanium. II. V. 859. a.
Eis bei den Mahlzeiten gebrauchet. I.V. 585. a.b. Eissvögel in Britannien. II.
    VII. 1237. b.
Elbe Ursprung. I. VII. 1115. a. wird in einem Singespiel eingeführt. II. IX.
    1565. a.
Elemente halten einen Streit. I. IX. 1410. a. streiten ums Vorrecht in Zeugung
    der Perlen. I. IX. 1375. b. Elementen zusammenstimmungen. II. I. 221. a. in
    einem Auffzuge vorgestellt II. IV. 570. b. in einem Schauessen vorgestellt.
    II. IV. 1497. b. siehe Grundzeug.
Elephant liebt ein Mägdlein. I. IV. 386. b. Elephanten-Verstand. I.V. 610. a.
    was sie lernen und tun. ibid. Weisse Elephanten bei den Indianern in
    grossem Ansehen. I.V. 649. a.b. Elephanten-Geschencke werden in Indien hoch
    geschätzt. I. IX. 1367. b. Elephanten-Tantz. I. IX. 1374. b.
Elephantis schändliches Buch verbrennt die Hiarne. I. IX. 1333. a.
Eleusinisches Feier wird begangen. I. VIII. 1200. b.
Eliogabalus ein schwartzer Stein wird in Indien angebetet. I. IV. 458. b.
Elitoro geht in Italien. I. VI. 734. a.
Elster wird in einem Singespiel auffgeführt. II. IX. 1566. a.
Eltern Recht über ihre Kinder. I. VIII. 1280. b. Eltern Liebe / woher sie
    entstehe? I.V. 516. b. Eltern sollen Kindern nichts böses raten. II. IV.
    700. a. Eltern übermässige Liebe mit was sie zu vergleichen. II. V. 817. a.
Emma Atcorots Tochter dem Mars gegeben. I. II. 112. a. Emma eine deutsche
    Fürstin hänget sich über ihres Eheherrn Grab I.I. 69. a.
Enno ein alter Bataver von Adel. I. IV. 367. a. komt zu der Herrschaft. I. IV.
    368. b.
Enochs Buch. II. V. 746. b.
Entblössung Ursache des Eckels / verursachet bei den Deutschen keine bose Regung.
    I. VIII. 1184. b. Entblössung der Glieder ist schändlich. I. III. 300. a.b.
    wird verteidigt. I. III. 302. a. siehe Blosse.
Entmannung der Priester. I. IV. 489. a.b. Entmannung eine harte Straffe bei den
    Deutschen und Römern. I.V. 547. a.
Epicurus was er für ein höchstes Gut gelehrt habe. I. IV. 453. b. wird
    verteidigt. I.V. 617. b. seine Meinung von der Welt. I.V. 575. a. von den
    Sternen. I.V. 566. b. von dem Leben. I.V. 697. a.I.V. 712. a. von dem
    Aepffeln. II. II. 327. b. seine Lehre / was den Zweck der Weltweissheit
    anbelangt. I. VIII. 1214. a. seine Weissheit und Lehrsåtze. I. IV. 454. a.
Epicurische Weltweise werden aus Rom vertrieben. I. IV. 463. a.
Epirus ergreifft die Waffen. I.V. 537. a.
Erato wie sie gestalt gewesen. I. III. 196. a. verehret die Hoffnung zu Aten.
    I. III. 207. a.b. wird in dem Tempel der Sonnen geboren. I. III. 228. a.b.
    wird unter der Gestalt eines Fürsten aufferzogen. I. III. 230. a. wird zum
    Könige in Armenien gekront. I. III. 235. a. heisset zu Sinope Massabazanes.
    I. III. 253. b. gibt sich für ein Frauenzimmer zu erkeñen. I. III. 259. b.
    verspricht sich mit dem Fürsten Zeno. I. III. 273. b. gibt sich der Arsinoe
    zu erkennen. I. III. 285. a. wird vor dem jungen Artaxias ausgegeben. I.
    III. 285. a. und I. III. 230. a. verwundet den Ariobarzanes. I. III. 290. b.
    wird Königin in Armenien. I. III. 295. a. legt Krone und Scepter nieder. I.
    III. 315. b. kommt nach Rom. I. III. 320. a. in Deutschland. ibid. wird
    entführet und erlöset. I. IV. 426. b. ist aus Amazonischen Geschlechte. I.V.
    532. a. wird von dem Flavius geliebt. II. I. 13. a. ihre von einer Schlange
    erhaltene besondere Wahrsagung. II. I. 214. a.b. will sich wegen fälschlich
    geglaubten Todt des Zeno selbst umbringen. II. III. 457. a.b. streitet
    darüber mit Ismenen. ibid. wird in einem Zweikampff heftig verwundet. II.
    III. 555. a. wird von den Waldgöttern von einem Jäger-Hause entführet. II.
    IV. 566. a. ist wieder in Deutschland. II. IX. 1596. a. wie sie entführet
    worden. II. IX. 1604. a.b. neñt sich Herodotus. II. IX. 1605. a. williget
    mit Bedingungen in des Flavius Heiratung. II. IX. 1614. a. seq.
Erdapffel-Blum will Königin unter den Blumen sein I. IX. 1391. a.
Erdbeben zu Artaxata. I. III. 241. a. wird in einer Schlacht nicht gemerckt. I.
    VI. 829. b. von grosser Merckwürdigkeit. II. VII. 1161. a.
Erde ist eine Göttin unter vielerlei Nahmen. II. II. 171. a. Erden-Bild. I. IX.
    1408. b. ob sie rund sei / von Griechen und Römern erkundiget. I. II. 126.
    a.
Erdkugel bildet Gott für. I.V. 670. a. in dem Tempel des Prometeus. I.V. 566.
    a. der Syrmanis von dem Könige Huhansien geschencket. I.V. 616. b. Mittel
    des Erdbodens ist in Taprobana. I.V. 656. b.
Erdmann Hertzog der Moriner hat Krieg mit den Römern. I. IV. 361. a. ein
    deutscher Edelmann ficht wider die Römer tapffer. I. VI. 757. b. was er für
    einen Nahmen bekommen. I. VI. 756. a.
Erdmeier Oberster Druys führt für dem Hertzog Melo gegen die Griechischen
    Weltweisen wegen eines Heiligtums der Druiden ihre Sache. II. II. 263. a.
Erdmut eine Cattische Fürstin will das Geschencke von Agrippinen nicht annehmen.
    II. III. 402. b. hat über Kinder Freud und Leid. II. IX. 1531. a.b. seq.
Eresberg wird sonst Hermionsberg genennt. II. IV. 686. b. ist ein grosses
    Heiligtum in Deutschland. II. IV. 687. a.b.
Ergebung im Kriege durch was sie vordem angedeutet worden. II. V. 896. a.
Erfindungen allerhand Sachen. I. II. 128. a.I.V. 595. a. Erfindung allerlei
    Künste / ob sie zu tadeln. I. II. 108. b. Erfindungen der Juno. I. VIII.
    1197. a. des Jupiters. I. IX. 1362. a.b.
Ergamenes / König in Numidien / soll sich selbst hinrichten. I. VI. 801. b.
Eriphylens Laster-Taten und erfolgte Straffe. II. I. 104. b. seq.
Erkenntnis sein selbst ist der Grund eines glückseeligen Lebens. II. V. 914. a.
    Erkenntnis sein selbst / wie möglich es sei. I. VII. 1100. a.b.
Erich / der Svionen König / erlegt den König Hun. II. V. 874. a. hält das
    neunjährige Feier zu Upsal. II. V. 875 b. Entsetzet den Froto. II. V. 898.
    b. hält einen Zweikampff mit Torismunden. II. V. 905. a.
Erstegeburt / was sie für ein Recht in dem Reichsnachfolgen habe. II. IV. 591.
    b.
Erta die Deutsche Göttin. I.V.I. 978. a.
Ertztes Vermischung mit Wasser. II. V. 739. a. wird beim Gottesdienst gebraucht.
    II. V. 760. a.
Eryteus in einem Schauspiele erschlagen. II. VIII. 1415. b.
Erytia eine von den Hesperiden. II. VIII. 1439. a.
Esculapius sein Tempel. I. II. 164. b. seine Liebe. I. II. 165. b.
Esel setzt Mecenas seinen Gästen für. I.V. 693. b. Eselsmilchs-Bad. II. I. 93.
    b.
Etna / Berg in Sicilien / wird die Säule des Himmels genennt / und gibt
    sonderbahre Anzeigungen. I. VI. 788. a.
Eubagen heben bei den Batavern einen Zwist an. I. IV. 364. b. ihre Zwistigkeiten
    / wie sie zu heben. II. II. 276. a. werden verfolget. I. VII. 983. b. ihr
    Irrtum von dem Willen des Menschen. II. III. 522. b.
Eubages seine besondere Lehre. I. IV. 983. a.
Euclides Verwunderung über die Bienen. II. III. 428. a.
Eudämon eines Griechischen Arttzts Blut-Cur. II. V. 917. a.b.
Eulen bei andern Unglücks-Vögel / bei den Ateniensern Glücks-Boten. I. III.
    265. b. den Scyten Glücks- den Indianern Unglücks-Vogel. I.V. 657. b.
    deuten auff Glück und Unglück. II. VI. 746. a. sagen gutes und böses war.
    II. II. 377. a. bei den Eulen schweren die Tattern. I.V. 606. a.
Eumenes verhetzet die Römer gegen die Deutschen. I. VI. 867. a. fällt mit den
    Deutschen in Krieg I.I. VI. 880. b.
Euridice mit ihrem Orpheus in einem Schauspiele auffgeführt. II. I. 44. b.
Europa in einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 489. b.
Euryalus wird in einem Schauspiel erstochen. II. VIII. 1414. a.
Ey des Zoroasters. II. IV. 571. a. eines Cimbrischen Fürsten / in welchem ein
    anders steckt. II. IX. 1498. b.
Eyd zweier Ritter. II. VIII. 1391. a.
Eydschwüre ob sie den Römern zu halten. I. VI. 870. a.
Eyland / siehe Inseln.
                                       F.
Fabier brechen das Völcker-Recht. I. VI. 745. b. ob es wahr / dass ihrer
    dreihundert und sechs erschlagen worden. II. IX. 1614. b.
Fabius ist langsam gegen den Hannibal. I. VI. 831. a. ist ein Tugend-Sohn II.
    III. 501. a. ein Glücks- Sohn. II. III. 503. b.
Facksarif / Feldhauptmann der sich empöhrenden Hermundurer. I. VII. 1072. a.b.
    sein Gemahl will dem Hertzoge vom Tode helffen. I. VII. 1086. a. spricht das
    Todes-Urteil über den Hertzog Briton. I. VII. 1087. a.
Fahne in dem Stiche lassen ist bei den Deutschen grosse Schande. II. V. 850. b.
    durch die dem Feind zugeworffenen Fahnen erhalten viel den Sieg. II. V. 850.
    b.
Falcke lässet sich auff der Jagt gebrauchen I. II. 88. a. setzet sich zum guten
    Zeichen auff den Feldherrn. II. VII. 1207. a.
Fallende Sucht wie sie zu heilen sei. II. III. 473. a.b. II. VII. 479. a.
Farben streiten umb den Vorzug. I. IV. 469. a.
Fe eines Götzen Bildnis. I.V. 611. a.
Feber des Flavius wird wundersam geheilet. II. III. 471. b. II. III. 479. a.b.
    seq.
Fechten wird zu Rom dem Adel verstattet. II. III. 516. b.
Fechter werden gezwungen zur Kurtzweil auffs Leben zu fechten. I. VIII. 1217. b.
    Fechter sich selbst auffreiben zu lassen / missfällt der Tusnelden / und
    wird von dem Germanicus verteidigt. I. VIII. 1240. a. von dem Feldherrn
    widersprochen. ibid. werden zu Rom in grossen Ehren gehalten. I.V. 885. b.
Fehler der Fürsten werden von Volcke nachgeäffet. I. VII. 1038. b.
Feigen-baums Nutzen und Vorzug. II. II. 314. b. werden gescholten. II. II. 326.
    a. sind Ursache des Persischen Krieges. II. II. 324. b. werden den Göttern
    verehret. II. II. 325. a.b. geben Anlass zu grossem Kriege. I. III. 210. a.
Feind ist in seinem Lande anzugreiffen. II. III. 1146. a.b.I. III. 194. b. ist
    nicht zu verachten. II. VI. 1071. a.b. ist nicht zur Verzweiffelung zu
    treiben. II. II. 281. a.
Feldhauptmann / wie er sein Gemüt fassen soll. II. VI. 1068. a.
Feldherr muss in Schlachten ein grosses Hertze und auffgeräumten Kopff haben.
    I.V. 524. b. wie sich ein Feldherr der Unglücks-Zeichen und Zufälle zu
    gebrauchen hat. I. VI. 735. b. ob ein Feldherr mit in die Schlacht zu gehen
    nötig habe. I. VI. 825. b.I. IV. 419. a.b. ein Feldherr hat sich zu
    fürchten / aber die Furcht nicht sehen zu lassen. II. II. 258. a. Feldherrn
    zu Rom haben Macht Friede zu schliessen und Krieg anzufahen. II. VIII. 1336.
    a. Feldherrn Beschaffenheit in Deutschland. I. II. III. a.b.
Fest-Gebräuchen der Atenienser darff kein Frembder beiwohnen. II. IX. 1617.
    a.b.
Festungen sind Kapzäume der Freiheit. II. IV. 727. a.b. was davon zu halten.
    ibid.
Feuer brennet etliche Sachen nicht an. I. II. 150. b. wird göttlich verehrt. II.
    V. 879. a. Feuer / so ewig ist. I. II. 181. a. Feuer ist in einem
    glücklichen Eylande nicht gewest. II. II. 271. a. Feuer der Opffer wird vom
    Himmel angezündet. II. III. 395. a.
Fichte ist bei den Svionen heilig. II. V. 876. a. sind der grossen Mutter
    geweihet. II. I. 172. b.
Fichtelberg ist ein Vater vieler Flüsse. I. VIII. 1301. a.
Fieber / besiehe Feber.
Fische erkundigen zukünftige Dinge. I. VIII. 1284. b. Fische in warmen Wassern.
    I.V. 579. a.
Fischer bemühet sich umb eine schöne Jungfrau. I. VII. 1228. b.
Fischer-Rennen auff der Mulda. II. IX. 1579. a.
Flachses Beschaffenheit / Wert / Vaterland und Festigkeit. II. I. 185. a.b.
Flaminius (Titus Quintus) ein Tugend-Sohn. II. III. 501. b. kommt umb in der
    Schlacht mit Hannibaln. I. VI. 829. a.
Flavius / des Feldherrn Bruder / wird von den Römern in seiner Jugend gefangen.
    I. IV. 379. a. hat sonst einen andern Nahmen / und kömmt zu Deutschburg an.
    I. IV. 442. b. kömmt bei dem Käyser in Gnaden. I. IV. 450. a. wird von dem
    Aristippus / einem Epicurischen Weltweisen / verführt. I. IV. 455. b. wird
    von dem Sotion zurücke gehalten. I. IV. 460. a. verliebet sich in Dido. I.I.
    IV. 471. a.b. wird von dem Lucius tödtlich verwundet. I. IV. 472. b. krieget
    in Getulien glücklich. I. IV. 474. a.b. seine sonderbahre Krieges-List. I.
    IV. 475. b. hält ein Sieges-Gepränge zu Cirta / und hat hernach einen
    sonderbahren Traum. I. IV. 468. a. zieht in den Dalmatischen Krieg. I. IV.
    489. b. wird auff die Insel Dianium geschafft / und fliehet von hier in
    Deutschland. I. IV. 495. a.b. wird geboren. I. VIII. 1187. b. errettet den
    Käyser aus Lebens-Gefahr. I. VIII. 1211. a. verliebt sich in die Königin
    Erato. II. I. 113. a. sein Gespräch mit ihr davon II. I. 129. a. wird zu
    einen Zweikampff ausgefordert / und ist darinnen glücklich. II. III. 447. a.
    wird von Adgandestern durch Geschencke und andern Betrug abwendig gemacht.
    II. IV. 589. a. kömmt von dem Tiberius zu dem Geranicus Deutschland mit
    Krieg zu überfallen. II. VI. 995. b. ziehet wider die Cherusker. II. VI.
    1015. b. kömmt umb das lincke Auge. II. VI. 1059. b. fühlt Reue / dass er
    sein Vaterland bekriegt. II. VII. 1096. a. hält ein Gespräch wegen seiner
    Feindseeligkeit mit Hertzog Herrmannen. II. VII. 1171. a. wird zum Fürsten
    der Cherusker erklärt. II. VII. 1214. b. wird von seiner Mutter Asblaste
    wegen seines Verfahrens gegen Deutschland gescholten und gestochen. II. VII.
    1230. b. fällt deswegen in Schwermut. II. VII. 1232. a. verlässt die Römer
    und trifft Tusnelden zu Aten an. II. IX. 1616. a. kömmt in Armenien an.
    II. IX. 1620. a. erhält gute Verheissung von der Erato wegen der Ehe. II.
    IX. 1614. a. kömmt in Deutschland an. II. IX. 1624. a.
Fleisch essen die Druiden und andere nicht. I. IV. 461. b. ob es zu essen. ibid.
    wenn es zu essen auffgekommen. II. I. 201. a. Fleisch essen die Brahmanen
    nicht / und warumb? I.V. 662. b. ist den Menschen zulässlich zu essen. I.
    VII. 1031. b. Fleisch essen schlägt zu einen Missbrauch aus. II. V. 764. a.b.
Fliegen werden geopffert. II. I. 206. a.
Florens Feier wird gehalten. I. VIII. 1226. a. wird zu Rom gehalten. II. I. 173.
    b.
Flotte der Römer wie sie zu erst erbauet worden. II. III. 500. a. Flotte der
    Römer wird verbrannt. II. VI. 1064. a.
Flucht artlich entschuldiget. I. VI. 817. a. Flucht eines Gefangenen / wie weit
    sie zugelassen. I. VIII. 1248. b. ist bei den Spartanern verboten. II. VII.
    1199. a.
Fluss unten heiss / oben kalt. I.V. 628. a. Flüsse mit einander zu vereinigen. I.
    IV. 373. a. Flusse werden mit Tempeln geehret. I. IV. 415. a. Flusse / so
    sich mit einander unter der Erde verbinden. I.V. 588. a. Flusse gehen unter
    denen Gebürgen und der Erden hin. I. VII. 1115. a. Flüsse von sonderbahrer
    Beschaffenheit. I. II. 104. a.
Fohius / vom Regenbogen gezeuget / stifftet das Serische Reich. I.V. 594. b.
Forstard wird in Hibernien entauptet. I. III. 310. a.
Francke Hertzog wird mit der Leitolde vermählet. II. IX. 1640. a.b.
Frau bei den Herulen darff ihren Mann nicht überleben. I.I. 69. a.
Frauenzimmer ob es der Tapfferkeit und Waffen fähig sei? I. III. 198. a. ist der
    Tapfferkeit fähig. II. VIII. 1430. a. Frauenzimmer mit was es zu
    vergleichen. II. VI. 1020. b. Frauenzimmer von Atenodor dem Lucius verhast
    gemacht. I. IV. 452. b. vom Aristippus eingelobt. I. IV. 455. b. ficht
    tapffer gegen den Cäsar. I. VII. 998. b. in Deutschland billiget den
    Frieden. II. II. 385. b. ist bei den Deutschen in besondern Ansehen. II. II.
    386. a. sind Friedens-Gesandten. II. II. 386. a. sind bei den Deutschen
    schön und schamhaftig. II. III. 397. a.b. Frauenzimmers Regungen / Tugenden
    und Laster. II. I. 79. a.b. seq. besiehe Weiber.
Freha wird jährlich von denen Marsingern mit einem Feier und warum beehret. I.
    VII. 1126. a.b.
Freude ist eine offenhertzige Regung. II. I. 13. a. Hertzog Gottwald stirbt vor
    Freude. II. V. 792. b.
Freudigkeit wird in einem Schauspiel aufgeführet. II. III. 509. a.
Freunde sind eine sicherere Hülffe als ganze Heere und Schätze. I. II. 136. a.
    des Fürsten wie sie beschaffen sein müssen. II. VIII. 1392. b. Jupiter wird
    ein Freund genennt. I. IV. 352. a. Freunde sind zu erhalten / und ihre
    Erinnerungen wohl aufzunehmen. II. IX. 1516. b.
Freundschaft hat Glück und Unglück gemein. I. III. 273. b.
    Freundschafts-Sinnebild. II. II. 338. b. Zerfallene Freundschaft wem sie
    zu vergleichen. I. VIII. 1266. b. Freundschaft ist die Sonne der Welt. II.
    V. 734. a.b. wird mit denen Bienen verglichen. II. VI. 1047. a. ist auch bei
    dem Adel zu finden / aber in Unglück selten. ibid. Freundschaft des Geblüts
    hört nicht auf. II. VII. 1097. b. Falsche Freundschaft mit wem sie zu
    vergleichen. II. III. 395. a. Liebt Gleichheit und Aufrichtigkeit. II. III.
    399. a. Wie sie von der Liebe unterschieden werde. II. III. 400. a. Ob ihr
    der Krieg abbrüchig sein könnte. II. III. 401. a.
Freia / Otins Gemahlin / Göttin bei den Nordvölckern / wie sie gestalt gewesen.
    II. V. 878. a.
Freien Künste in einem Auffzuge fürgestellt. II. III. 438. a
Freigebigkeits-Sinnbild. II. II. 338. b. mit was sie zu vergleichen. II. VII.
    1277. b. wie sie auszuüben sei. II. V. 766. a.
Freiheit Deutschlandes mit wem sie zu vergleichen. II. I. IX. a. Freiheit besser
    als Pracht. II. VII. 1171. b. gibt Ursache / dass Untertanen sich
    aufflehnen. II. VII. 1295. a. von dem Tiberius in einem prächtigen Auffzug
    fürgestellt. II. III. 438. b. ihr Lobgesang. ibid. Unumschrenckte Freiheit
    ist schädlich. II. VII. 1257. b.
Friede gemacht mit den Seren und Scyten. I.V. 635. a. wird von ihnen
    beschworen. I.V. 641. b. Friedens Vortreffligkeit. I. II. 115. b. Friede ist
    vor dem Krieg zu erkiesen. I. II. 173. b. II. II. 361. a. Frieden sollen die
    Menschen halten. II. VIII. 1328. b. läst das eroberte berasen. II. IV. 723.
    b. ist vornemlich von den Fürsten zu suchen. II. IV. 724. a.b. ob er auf die
    Nachkommen zu ziehen. II. VIII. 1339. a. Friedens-Bruch der Römer. I. VI.
    751. a. Friedens-Bild von dem August aufgerichtet. I. VIII. 1211. b. seq.
    Friedens-Puncte zwischen den Deutschen und Römern. II. II. 384. a.
    Friedenshandlung wird oft aus liederlichen Ursachen zerstöret. II. II. 358.
    b. der Römer mit den Sicambern. II. IV. 723. a.b. Friedens-Bedingungen
    worauff und in was für einer Sprache sie zu schreiben. II. II. 388. a.b.
    Friedens-Tempel fürgestellt. II. VI. 953. a. Friedens-Vorschläge werden von
    den Deutschen den Römern getan. II. VIII. 1334. b. werden beliebet. II.
    VIII. 1335. a. und von den Deutschen und Römern unterschrieben. II. VIII.
    1343. a.b.
Friedebald wird von Riamen Marcomirs des Feldherrn Tochter geliebt. I. II. 153.
    b. kommt im Wasser um. I. II. 163. a. erscheinet auf der Hochzeit der Riame.
    I. II. 167. b.
Friedlev verfällt in Krieg mit dem Feldherrn Aembrich. I. VII. 910. b. wird todt
    gesagt und kommt wieder lebendig. II. IX. 1633. a.b.
Friedsame und Kriegerische sollen mit einander abwechseln. I. II. 119. b.
Friesen kommen mit den Chauzen zu streiten. I. IV. 377. a.
Frosch ist dem Mäcenas angenehm. I.V. 700. a. hat ihn in seinem Petschier-Ring.
    I.V. 700. b. durch ihn wird der Menschen Unvollkommenheit vorgebildet. I.V.
    700. b. und 701. a. hat zwei sonderliche Eigenschaften. I.V. 701. b.
Froto hält bei dem Käyser August um Loslassung seiner Schwester an. I. IX.
    1333. a. seine Gemahlin treibt Ehebruch und wird deswegen verurteilt. I.
    IX. 1335. b. Froto Königs in Cimbern seine Macht und Taten. II. V. 873. b.
    kömmt dem König Eris zu Hülffe wider die Norweger. II. V. 888. a. kommt in
    Gefahr. II. V. 889. b. läst die gestrandeten Römer los. II. VII. 1236. b.
    wird mit einer Grabschrifft beehret. II. IX. 1633. a.
Fruchtbarkeit ihr Sinnbild. II. I. 176. a. wird in einem Schauspiel vorgestellt.
    II. IV. 572. a.
Frühlings sinnreiche Vorstellung. I. IX. 1377. a. Frühling vorgestellt II. I.
    173. a.b.
Fühlen will am meisten zur Liebe beitragen. I. IX. 1412. b.
Fulvius ist ein Tugend-Sohn. II. III. 500. b. II. III. 502. b.
Fünsternüsse an der Sonne und an dem Mond verleiten oft zur Furcht. I. VI. 782.
    b. seq. davon sind unterschiedene Meinunge. ibid. dienen offters zu Glücke.
    I. VI. 783. b. so für übernatürlich gehalten. II. V. 745. b. Mond-Finsternis
    stillt den Auffruhr der Pannonischen Legionen. II. VI. 980. a. Egyptier
    ruffen die Finsternis an. II. I. 206. b.
Furcht / ob sie eine Stiffterin sei der bürgerlichen Gemeinschaft. I. IV. 350.
    a. was sie tue und nutze. ibid. wird mit Tempeln und Altären verehrt. ibid.
    was sie verursache. I. IV. 448. a.I. VI. 830. a. etlicher Tiere Furcht für
    sonderlichen Sachen. I. IV. 448. b. sieget bissweilen. I. IV. 449. a. ist
    oft nützlich. I. IV. 449. a. ihr wird vom Hercules geopffert. I.V. 527. b.
    verhindert nicht / dass man nicht halten müsse / was man versprochen. II.
    VII. 1298. b. hat weder Maass / noch Ziel. II. VII. 1292. b. in einem
    Singespiel auffgeführt. II. IX. 1568. a.
Furchtsame Räte taugen nicht. II. VI. 983. b. Ratschläge / wie sie anzusehen.
    II. V. 812. b.
Furius ist sonderbahr glücklich. II. III. 501. b.
Fürsten ohne Gesetze. I.I. 14. a.b. ob sie befugt Schätze zu samlen? I. II. 129.
    b. ob es ihnen anständig sei zu spielen. I. II. 86. a. ergötzen sich mit
    künsteln. I. II. 86. b. dessen bester Ruhm. I. IV. 348. b. soll nicht
    kleinmütig sein in Unglück I. IV. 446. a. darff aber auch nicht in allem
    Unglück unempfindlich sein. I. IV. 447. a. ob es ihnen löblich sei zu bauen.
    I.V. 679. a.b. können ruhmrätige und mit einem hohen Geiste begabte Diener
    nicht vertragen. I.V. 630. a. sollen sich nicht gross machen. ibid. b.
    Fürsten Sinnbild der Paradiess-Vogel. I.V. 676. b. kömmt Schonheit zu. I. VI.
    762. a. gelehrte Fürsten sind nicht allezeit glücklich. I. VII. 981. a.
    schicken sich auch nicht alsofort zur Herrschaft. ibid. b. wollüstige tun
    dem Reich Schaden. I. VII. 1039. a.b. ob er mit ins Treffen gehen soll? I.
    VII. 1019. a. sind dem Gesetze unterworffen; und ob einen ohne Verhör zu
    verdammen zu entschuldigen sei. I. VII. 1021. b. wie weit sie dem Urteil
    des Volcks unterworffen sein. I. VII. 1077. b. was sie für Laster an sich
    haben. I. VII. 1079. b. haben sich im Reden der Kürtze zu befleissigen. I.
    VII. 1105. a. ihre Fehler werden von den Untertanen nachgeäffet. I. VII.
    1038. b. über derselben Wohlstand bei den Zauberern nachzufragen ist den
    Untertanen nicht zugelassen. II. II. 365. a.b. was ihnen für Rache anstehe
    II. II. 368. a. soll Treu und Glauben halten. I. VIII. 1248. b. neue geben
    besondere Hoffnung von sich. I. VIII. 1261. a. sollen Meister ihrer
    Gemüts-Regungen sein. I. VIII. 1262. a.b. Fürsten herrliches Bild unter dem
    Herrmann abgemahlet. I. VIII. 1262. a.b. ob und wenn ihm sich zu verstellen
    erlaubt sei? I. VIII. 1267. a.b. muss Diener haben / und was fur welche. I.
    VII. 1102. a. was ihr Ampt sei. I. VII. 1102. b. haben ihre Gewalt vor dem
    Auffruhr zu bewahren. I. VII. 1066. a. ihre Geschlechter / mit was sie zu
    vergleichen sein. I. VII. 1079. a. sind so gut / als ein Geschencke des
    Himmels. II. VII. 1279. a wie sie zu erziehen / an den Garten-Gewächsen
    gewiesen. II. V. 757. a.b. ihre Zusammenkunft ist schädlich. II. V. 778. b.
    II. VII. 1175. a. haben in Deutschland eine umschrenckte Gewalt. II. VII.
    1296. a. ob und wie weit er die Gräntzen seiner Macht überschreiten möge.
    II. VII. 1297. a. sollen ihr Wort halten. II. VIII. 1337. a. ihre Gnade /
    wie sie beschaffen sei. ibid. Fürsten / so ohne Zulassung frembdes Gebiete
    betreten / können gefänglich eingezogen werden. II. VIII. 1380. b. was sie
    für Freunde und Diener haben müssen. II. VIII. 1391. a. ob sie über
    unschuldiger Untertanen Ehre Macht haben. II. IV. 714. a. wie er sich gegen
    seine Untertanen / gegen Frembde / gegen Diener / und in seinem Wohlstande
    zu verhalten habe. II. V. 765. b. können sich bissweilen eines Betrugs
    gebrauchen. II. VI. 1063. a. seq. ihr Wille soll beständig sein. II. IX.
    1505. a. hat sich begnügen zu lassen wenig Land und Leute zu regieren. II.
    IX. 1550. a.b.
Fürstliche Herrschaft ist die älteste. II. VII. 1254. b.
                                       G.
Gades eine uhralte Stadt von den Tyriern erbauet. I. IX. 1327. b.
Galatien wird von den Deutschen beherrschet. II. VI. 873. b. der Galater Reich
    ist von den Deutschen gestifftet und gegründet. I. VI. 786. a.
Galba betreugt die Catten. I. VI. 889. b. legt sein Schulrecht ab. II. II. 248.
    b.
Gallien ein Sitz der Druiden. I. VII. 974. b. fällt in die Knechtschaft der
    Römer. I. VII. 1029. b. wird von dem Käyser Augustus mit Schatzung
    erschöpffet. I. VII. 1057. b. wird in einem Schauspiel vorgestellt II. III.
    490. a.
Gallier haben ihren Ursprung von den Deutschen / und gehen in Welschland. I. VI.
    733. a. gehn über den Rhein. I. VI. 736. a.b. fallen in Deutschland ein. I.
    VI. 738. a. müssen Friede von den Deutschen kauffen. I. VI. 738. b. Gallier
    sind die Deutschen. I. VI. 851. a. ihre Buchstaben und Sprache. I. VIII.
    1255. b.
Gallischen Fürsten heilen Kröpffe. II. V. 800. b. Gallischen Poetens
    Schäferspiel. II. IX. 1488. a.
Ganasch deutscher Hertzog rätt zum Kriege wider die Romer. I.I. 25. b. wird von
    dem Drusus überfallen. I. IV. 376. b. von dem Tiberius untergedruckt. I.
    VIII. 1264. b. fordert den Feldherrn unter den Nahmen des Pontischen Königes
    zum Zweikampff. I. IX. 1367. b.I. IX. 1371. b. liegt an sieben und zwantzig
    Wunden kranck. II. I. 256. b. läst dem Arpus wegen eingebildeter ihm
    angetaner Beschimpffung schimpfliche Wort anbieten. II. IV. 439. a. wird in
    einem Treffen heftig verwundet. II. IV. 701. b. Graf von Lingen will den
    Ganasch von Römischer Seite abziehen. II. VI. 1012. wird durch ertichtete
    Schreiben gegen die Cherusker aufgebracht. II. VI. 1016. a. verlangt wieder
    in der Deutschen Bündnis. II. VII. 1241. b.
Ganges / ist ein Fluss in Indien. I.V. 892. wird göttlich verehret von den
    Indianern. I.V. 652. a.b.
Gangolfs obriste Priesterschaft II. VII. 1294. b. seine vernünftige Reden von
    der Macht der Untertanen gegen ihre Fürsten. II. VII. 1295. a.
Gänse erhalten das Capitolium zu Rom. I. VI. 750. b.
Garaman die Hauptstadt der Garamanten wird erobert. I. IV. 485. a.
Garn unterschiedlicher Völcker welches dem andern vorzuziehen. II. I. 186. a.b.
Garrest verrät dem Marbod Godanium seines Vatern Todt zu rächen. II. V. 842. a.
    kriegt aber seinen Lohn. II. V. 843. b.
Gärten vertreiben vielen Fürsten ihre Sorgen. II. III. 431. a.b. in Asien sind
    die ersten und schönsten; Gärten in Syrien / Arabien / Egypten und
    Mohrenland. II. II. 306. a. seq. Garten der Barden ist eine Taffel der
    Weissheit. II. V. 748. b. II. V. 750. b. einem Fürsten verglichen. II. V.
    756. a. seq.
Garten-Gewächse Lehrmeister allerhand Tugenden und der Staats-Klugheit. II. V.
    751. b. seq.
Gärtner bemüht sich um eine schöne Jungfrau. I. VII. 1230. a.
Garumna mit dem Mittel-Meer verknüpffet. I. IV. 373. a.
Gastfreiheit zu loben. I. III. 258. a. der Suionen. II. V. 874. b. etlicher
    Völcker. II. III. 420. a. wird von den Deutschen heilig gehalten. II. III.
    420. a. von etlichen Völckern unterlassen / von etlichen in acht genommen.
    II. V. 527. a.
Gastmahl des Arminius oder des Feldherrn. I.I. 17. a. des Tiberius / da er die
    Deutschen bewirtet. II. III. 432. a.b. II. IX. 1489. a. Gastmahlen dürffen
    bei den Römern und Griechen die Jungfrauen nicht beiwohnen. II. III. 432. a.
Gastzeichen werden von den Römern den Deutschen ausgeteilet. II. III. 419. b.
Gebährenden Häuser unrein geachtet. II. IV. 730. b.
Gebäude von sonderbahrer Merckwürdigkeit. I. II. 117. b. von dem Feldherrn
    Ulsing aufgeführet. I. II. 117. b. Irrgebäude Möris Königs in Egypten. I.V.
    676. a. siehe bauen.
Gebet soll sich bei den Persen nicht mit der gemeinen Lufft vermengen. II. I.
    190. b.
Gebrauch und Missbrauch zweierlei. I. IX. 1444. b.
Geburt so neunmahl neun Jahr im Mutterleibe gelegen. I.V. 617. b. Geburten
    zeugen andere Geburten. II. IX. 1499. a.b.
Geburts-Glied ein Sinnbild der Tapfferkeit. II. IV. 729. b.
Geburts-Tag des Augustus wird gefeiert. I. IV. 354. a.b. und Sterbens-Tag. I.V.
    712. b. Geburts-Tag des Käysers wird von dem Drusus begangen. II. II. 302.
    b. der Tussnelden wird gefeiert. II. I. 162. a. seq.
Geburts-Zeichen grosser Geschlechter. II. V. 800. b. wo sie herrühren. II. III.
    801. a.b.
Gedächtnis grosser Helden nicht in acht genomen. I. III. 233. a.
Gedächtnis-Mahle / siehe Ehren-Mahle.
Gedächtnis-Qvelle bei dem Brunnen der Vergessenheit. I. IX. 1418. a.
Gefangene Römer werden geopffert. I.I. 69. b. Gefangene von Deutschen werden
    übel gehalten. I.I. 60. b. Gefangene von Mitridates werden los gegeben.
    I.I. 70. a. Gefangener / ob er fliehen könne. I. VIII. 1248. b. II. VII.
    1108. b. ob sie auszuwechseln. II. VII. 1212. a.b. wie sie sich anzustellen
    haben. II. VII. 1096. b. Gefangenen elender Zustand zu Rom. II. VII. 1110.
    b. werden bei vielen Völckern geopffert. II. VII. 1132. b.
Geheimnisse den Freunden zu offenbahren. II. I. 14. b. II. I. 15. a.
Gehirne / was es für Speise. I.V. 694. a.
Gehöre will haben / dass es am meisten zur Liebe beitrage. I. IX. 1411. a.
Geier werden abgerichtet ein gut Zeichen zu sein. I. VI. 911. a.
Geist und Seele ist einerlei. I. II. 169. a. Geister der Lebenden und der
    Todten. I. II. 167. a. Geister / ob sie durch Beschwehrung können
    auffgebracht werden. I. II. 168. a. Geister zeugen Kinder. I. II. 170 b.
    Geister über die Länder. I. IV. 414. b. werden von den Römern allen Sachen
    zugeleget. II. VII. 1180. a.b. Feld-Berg- und Wasser-Geister in einem
    Schauspiel vorgestellt. II. V. 865. a.b. höllischen Geister zweideutige
    Rede. II. V. 1606. a.b.
Geistliche / warumb sie nicht eben zu regieren geschickt sein. II. V. 865. a.b.
Geitz streitet mit Wollust / Vernunft und Ehrsucht umb den Vorzug. II. IV. 572.
    a. wird in einem Singespiel auffgeführt. II. IX. 1567. a.
Gelbe Blumen wollen den Vorzug haben. I. IX. 1393. b. Gelbe Farbe / wie sie
    entstehe. I. IX. 1393. b.
Geld bei den Egyptiern eingeführt. II. II. 339. a.
Gelo wird in einem Schauspiele vorgestellt. II. VIII. 1444. b.
Gelübde der Harpalice. II. I. 30. b. der Keuschheit ob es zu halten. I. VIII.
    1277. b. der Keuschheit und Jungfrauschaft bei etlichen für ein Greuel
    gehalten. II. I. 175. a. der Jungfrauschaft ist vor Deucalions Sündflut
    nicht gewesen. II. I. 174. b. wie weit derselben Vermessenheit das Göttliche
    Verhångnüss erstatte. I. VI. 812. a. siehe Angelobnüss.
Gemählde spielende verfertiget. I. II. 86. b. siehe Bilder.
Gemeinschaft / so bürgerlich / was sie für einen Ursprung habe. I. IV. 350. a.
    ist den Menschen angebohren und angenehm. II. V. 734. a.b.
Gemüter der Menschen haben eine sonderbahre Gleichheit. I.V. 505. a. und
    Verwandnüss. I. IV. 445. a. Gemüts-Schwachheiten tödtlich. I. II. 164. a.
    Gemüter Unterschied an Garten-Gewächsen fürgestellt. II. V. 757. a.
    Gemuts-Regungen / ob sie ihren Sitz im Gehirn haben. I. II. 91. b. seq.
    kommen von dem Gestirne. II. VII. 1107. a. welche am leichtesten zu
    bezwingen sein. II. VI. 1048. b. Gemüts-Regungen so tödtlich. I. II. 164.
    a. ob sie einen zu verzweiffelten Entschlüssungen zwingen. II. III. 451. b.
    seq. woher sie entstehen. ibid. sind unter der Herrschaft der Vernunft.
    ibid. ob sie bei den Tieren befindlich sind. I. II. 91. b. werden von den
    Stoischen Weltweisen für Kranckheiten des Gemüts gehalten. I. IX. 1344. a.
    ob sie auszutilgen sein. ibid. siehe Regungen.
Gemüts-Ruhe ist das höchste Gut. I. VIII. 1214. a.
Gemüts Wachstum. I. VII. 1098. a.
Gentius / König aus Deutschland / verletzet das Bruder- und Völcker-Recht zu
    seinem Schaden. I. VI. 879. a. seq.
Gerechtigkeit wird in einem Ritterspiele vorgestellt. I. IX. 1361. a. wird
    heraus gestrichen. II. III. 538. b. Gerechtigkeit wird von dem Granatbaum
    fürgebildet. II. II. 338. a.
Gericht / ob es von dem Volcke über die Fürsten zu halten. I. VII. 1081. b.
    Gerichts-Schärffe in etlichen Exempeln vorgestellt. II. V. 817. b. Gerichts-
    Hegung über die Ismene. II. III. 538. b.
Germana / eine Stadt in Getulien / den Deutschen zu Ehren erbauet. I. IV. 476.
    a.
Germanicus / vom Tiberius zum Sohn angenommen / kömmt in Pannonien. I. IV. 491.
    a. kömmt bei dem Ubischen Altar an. II. II. 235. b. läst das Deutsche Läger
    stürmen. II. III. 353. a. wird Bürgermeister zu Rom II. III. 515. b. hält
    eine Zusammenkunft mit dem Feldherrn. II. IV. 726. a.b. schickt sich von
    neuen zum deutschen Kriege II. VI. 978. b. stillet den Auffruhr der
    deutschen Legionen. II. VI. 979. a. will nicht Käyser werden. II. VI. 990.
    a. fällt in Deutschland ein. II. VI. 996. b. II. VI. 1033. a.b. bekommt das
    deutsche Frauenzimmer gefangen. II. VI. 1037. a.b. fällt den Cheruskern mit
    einer Flotte ins Land. II. VI. 1055. b. sängt an die erschlagenen Römer zu
    verscharren. II. VI. 1056. b. ihm erscheint der Varus. II. VI. 1061. a.
    leidet Schiffbruch. II. VI. 1066. a. seine grosse Sorgfalt für das Römische
    Kriegs-Heer. II. VI. 1075. b. kommt in Lebens-Gefahr. II. VI. 1088. a. wird
    nach Rom beruffen und warum. II. VII. 1115. b. will mit den Deutschen nicht
    schlagen. II. VII. 1175. b. forschet verkleidet bei Nacht die Gemüter
    seiner Krieges-Leute aus. II. VII. 1180. b seine sonderbare Trauer. II. VII.
    1183. b. wie er sich seines Sieges gebrauchet. II. VII. 1214. b.
    unversehenen Zufalls. II. VII. 1198. a. setzet ein Sieges-Mahl. II. VII.
    1228. b. macht sich auf die See / und leidet Schiffbruch. II. VII. 1232. b.
    wird von dem Tiberius beneidet. II. VIII. 1318. b. wird aus Deutschland
    abgefordert. II. VIII. 1319. a.b. reiset aus Deutschland nach Rom. II. VIII.
    1345. a. kommt daselbst an. II. IX. 1475. a. wird befehlicht in die
    Morgenländer zu ziehen. II. IX. 1491. a. kann Zeit seines Lebens keinen Hahn
    hören. II. IX. 1615. b. wird endlich von dem Piso mit Giffte hingerichtet.
    II. IX. 1634. b.
Gertrud gebiehrt eine weisse Tochter und einen Mohren-Sohn. I. VII. 1147. a.
    welcher hernach weiss wird. I. VII. 1151. b. nimmt sich ihres Sohnes an. I.
    II. 1153. a.
Gertrudis wird als ein Wunderwerck zum Scipio gebracht. I. VI. 845. b. seq.
Geruch gibt den Blumen keinen Vorzug. I. IX. 1396. b. will am meisten zur Liebe
    beitragen. I. IX. 1412. a. Geruch etlicher Vögel. I.V. 670. b. fehlt
    etlichen Menschen. ibid. etliche haben einen sonderbaren Geruch. ibid.
    etliche sterben davon. I.V. 672. a.
Gesandten Recht ist heilig. I. III. 231. b. Beleidigtes Gesandten-Recht wird
    gerochen. ibid. Gesandten sollen sicher sein. I. VI. 762. a.b. Eines
    Gesandten von Agrigent spitzfündige Begegnüss-I. VI. 762. b. haben ihren
    Fürsten nichts zu vergeben. I. VI. 763. a. etlicher sonderbahre Klugheit.
    ibid. soll nicht verhast sein. I. VI. 770. b. Gesandten-Recht wie weit es
    unbeleidlich. I. VII. 986. a. Gesandten- Recht ausgeführt. II. IV. 719. a.
    seq. Gesandten können keine frembde Untertanen unter ihr Gericht ziehen.
    II. VIII. 1381. a. wenn einer köñe mit Recht angegriffen werden. II. VIII.
    1381. a.b. Gesandten haben Recht anderer Fürsten ihre Anschläge
    auszuforschen. II. II. 370. a.b. Gesandten Häuser ob sie unversehrlich. I.
    VIII. 1280. b. Junius Gesandter von Rom muss sein Leben einbüssen. I. VI.
    770. a. Friedens-Gesandten des Marbods. II. II. 335. a.
Gesaten in Gallien. I. VI. 815. a.
Geschencke von Perlen und Diamanten darff die Catta nicht annehmen. II. III.
    401. b. welche anzunehmen / welche auszuschlagen. II. IV. 589. a.
Geschichtschreiber soll die Warheit sagen. I. VI. 753. b.
Geschlechter von hohen Alter. I. III. 280. b. Geschlechter Merckmahle. II. V.
    799. b.I. III. 294. a.
Geschmack will am meisten zur Liebe beitragen. I. IX. 1412. a.
Geschöpffe können nicht Gott sein / geben aber Gott zu erkennen. I.V. 553. a.b.
    sind Beweisstümer einer unbegreiflichen Gotteit. I. 9. 1340. a.
Geschrei in einem Singespiel vorgestellt. II. IX. 1568. a.
Geschwister-Heiratungen sind unglücklich. I. VI. 776. b. nicht zugelassen. II.
    IX. 1613. a.b. siehe Schwester.
Geselligkeit ist den Menschen angebohren und angenehm. II. V. 734. a.b.
Gesellschaft so bürgerlich was sie für einen Ursprung habe. I. IV. 350. a.I.
    IV. 352. b.I. VI. 736. b. siehe Gemeinschaft.
Gesetze zum Abgotte gemacht. I. VII. 1014. a. der Römer so ungerecht. I. VII.
    1014. a. sind die Seele der Reiche. I. III. 310. a.
Gesichte will am meisten zur Liebe beitragen. I. IX. 1411. a. Gesichts
    Vortrefflichkeit. I.V. 546. a.
Gessko Stadtalter in Lilybeum verlanget Sophonisben. I. VI. 802. b. seq. sein
    schmählicher Todt. I. VI. 805. a.
Gespenste zeigt sich dem Drusus. I. IV. 413. a. erscheinen sonst. I. IV. 417.
    a. ob sie Ungewitter verursachen. I. VII. 1125. a. Gespråche von der Tugend
    des Marbods mit einem Einsiedler. I. VII. 1095. a.b.
Gespråche des Hertzogs Jubil von Veränderung der Liebe mit Leitolden. II. I.
    52. a. seq.
Gespräche des Ariovists und des Zirolane von seiner Liebe. II. V. 921. a.b.
    Liebes-Gespräche des Flavius und der Erato. II. I. 15. b. des Sadals und der
    Apame. II. I. 45. b. Gespråche zwischen der Tussnelden und anderer Deutschen
    von Hoffligkeiten mit der Agrippine. II. III. 397. b. des Feldherrn und des
    Flavius in ihrer Feindseeligkeit. II. VII. 1171. a. der Agrippine und des
    deutschen Frauenzimmers von der Unbeständigkeit. II. VI. 1046. a. seq. des
    Cornelius Celsus mit einem Kräuter-Manne von der Heilungs-Kunst. II. III.
    479. b.
Gestanck der Böcke eine Straffe für die Weiber. I.V. 671. a.
Gestirne ob sie einen mit ihren Einfluss zu verzweiffelten Dingen zwingen. II.
    IV. 451. b. ihre Wirkung. I. III. 265. a. verwandeln ihren Stand. I. III.
    266. a. Gestirne sind der Ursprung der Gemüts-Regungen. II. VII. 1107. a.b.
    können nicht das Verhängnis einer Stadt andeuten. II. VII. 1288. b. siehe
    Irrgestirne.
Gesundheit-Trincken ist schon bei denen Römern gebräuchlich gewesen. I. IX.
    1365. b.
Geten Råuber auf dem Euxinischen Meere. I.V. 519. b. Geten Könige haben eine
    dienstbare Herrschaft. I. II. 143. a.
Getichte über einer Höhle. I.I. 9. a. trägt eine Bitte an die Geister in der
    Hand einer Leiche für. I. IX. 12. a.b. Artabazes auff Armenien. I. III. 219.
    a. über die Einsamkeit und Unbeständigkeit des Hoffes. I.V. 556. a. unter
    einem Paradiess-Vogel / als einem Sinnbilde der Fürsten. I.V. 677. a.
    Getichte allerhand Liebhabenden zu Ehren einer schönen Jungfrau angestimmet.
    I. VII. 1127. b. seq. eines Triton gegen Asblasten gesungenes Getichte. I.
    VIII. 1199. b. Etliche Getichte dem Herrmann und seiner Tussnelden zu Ehren.
    I. VIII. 1179. b. Getichte von der Tapfferkeit abgesungen. I. IX. 1369. b.
    auf des Feldherrn Sieg wider die Römer. I.I. 65. a. der Antonia über die
    Muräna. I. IV. 385. b. über der Vermählung des Feldherrn mit Tussnelden. I.
    IX. 136. b. über die Vortreffligkeit der Perlen. I. IX. 1375. a. auf
    Tussnelden von Julien gesungen. I. IX. 1376. b. über die Blumen. I. IX.
    1380. b. auf die Rose. I. IX. 1401. a. eines deutschen Barden auf den
    Herrmañ. I. IX. 1404. a. der Barden über Herrmanns Taten. I. IX. 1423. a.
    auf die Liebe. I. IX. 1425. a. II. I. 45. a. Lobgetichte der Agrippina. II.
    V. 1349. a. auf den Lentz. II. I. 173. a.b. auf die Sonne. II. I. 175. b.
    auf den Herbst. II. I. 176. a.b. auf den Winter. II. I. 183. b. auf den
    Hertzog Melo. II. II. 261. b. über die Geburt des Tumelichs. II. II. 364.
    a.b. auf die Krafft der Liebe. II. VIII. 1440. a. über den Frieden zwischen
    den Römern und Deutschen. II. II. 389. b. Allerhand Getichte von Roms
    Hoheit. II. III. 390. b. unter Hermions Bild II. IV. 960. a. der Barden bei
    Ablegung der Huldigung der Langobarder an den Feldherrn. II. VII. 1307. a.b.
    auf die Säule der Hermengardis aufgerichtet. II. VIII. 1352. b. vom Mercur
    und dem Germanicus. II. VIII. 1345. b. auf des Käysers Tiberii Taten. II.
    I. 1523. b. auf den jungen Herrmann. II. IX. 1527. b. der Sentien an
    Bojocaln. II. IX. 1592. b. über den vermeinten Todt des Feldherrn. II. IX.
    1598. a.
Geträncke allerlei Art. I.V. 882. a.
Getulier kriege wider den König Juba. I. IV. 474. a.b.
Gewächse so frembde ob sie den Einheimischen fürzuziehen. I. II. 107. a.
    Garten-Gewächse Lehrmeister der Regierungs-Kunst und andern Tugenden. II. V.
    751. b. seq.
Gewissens-Angst Beschaffenheit. I. III. 234. a. ein gutes Gewissen ist der
    gröste Schatz in der Welt. I.V. 695. b. das böse ist die ärgste Marter. I.V.
    696. b. Gewissens-Ruhe ist ein köstlicher Schatz. I. VIII. 1288. a.
Geier siehe Geier.
Gift zu bereiten für die sterben-wollende. I. IV. 481. b.
Gift auszusaugen gewöhnte Völcker. I. VIII. 1253. b. aussaugen macht gesund.
    I.V. 507. b. verlangt der Adgandester von Tiberio den Feldherrn damit
    hinzurichten. II. IX. 1359. a. Gifftmischer ist Meherdates. II. VII. 1122.
    a. Gifftmischerei der Ada. II. I. 96. a. seq.
Glaube wird von den Römern nicht gehalten. I.I. 24. a. ob er auch Untreuen und
    Räubern zu leisten. I. VI. 869. a. Glaubens Zwistigkeiten sind in der Blüte
    zu dämpffen. I. IX. 1331. b. Glaube macht gesund. I.V. 507. b. siehe Treue.
Glaucias König in Ilyrien hält sich wohl. I.V. 535. a.
Gleissnerei ob sie bei einen Fürsten ärger sei als Unglauben. II. VII. 1269. a.b.
Glessaria ein Eyland bei Godanium. II. V. 851. b.
Glied männliches und weibliches Geschlecht verehret. I. III. 302. b.
Glöcklein bei dem Gottesdienst gebräuchlich. II. V. 760. a. wird von dem
    Obersten Barden am Halse getragen. II. V. 761. a.
Glücke wird beschrieben. I.V. 652. b. wie es mit der Liebe stehe. ibid. wie es
    beschaffen. II. VII. 1302. b. II. VIII. 1319. a.b. steht selten bei der
    Tugend. I.V. 539. a.b. kömmt zu den Schlaffenden. I. III. 297. a.b. wird mit
    Tempeln verehrt. I. III. 297. b. was es sei. ibid. wie es zu halten sei. II.
    VI. 1046. b. in einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 486. a. II. III.
    492. a. in einem Tantze. II. IV. 572. b. II. IX. 1560. a. singt den
    Lob-Gesang der Liebe. II. VII. 1406. a. Glücks-Bild verbietet den Römern zu
    schlagen. I. VI. 733. a.b. Glücks-Spiel des Marbods / Juliens und Tiberius.
    I. VII. 1071. a. Glücks-Topff von Hertzog Herrmannen angegeben. II. IX.
    1642. b. Glücks Unbeständigkeit. II. I. 81. a.b. Glücks Unbeständigkeit wird
    in Reimen entworffen. I.V. 556. b. Trost-Reden über des Glücks
    Unbeständigkeit. II. VI. 1046. a.b. II. IV. 580. a. Glücks-Zeichen deuten
    nichts gutes an. II. II. 378. a. Glücke macht die Reiche und Könige
    ansehnlicher als die Tugend. II. IV. 633. a.b.
Gnade der Fürsten wie sie beschaffen. II. VIII. 1336. a.
Godanium wird von Hertzog Gottwald besetzet. II. V. 840. a. dessen Beschreibung.
    II. V. 841. a. wird von dem Marbod belägert und endlich erobert. II. V. 841.
    a.
Gözonar ein Deutscher Fürst in Galatien wider die Römer. I. VI. 873. b.
Gotart / der Svioner König / kömmt in Deutschland an wider den Feldherrn
    Aembrich. I. VII. 1009. b. und schlägt ihn. I. VII. 1010. a. geht durch
    ganz Deutschland. I. VII. 1011. a. stirbt in der Schlacht. I. VII. 1019. a.
Gold wird in Weintrauben in Pannonien gefunden. II. II. 346. b. regnet drei
    Tage. I.V. 598. b.
Gold-Artznei wider alle Kranckheit. I. II. 178. b.
Gold erhebet die Könige. I. II. 180. b. wird von den Einwohnern der Stadt
    Babytace verscharret. I. II. 179. a. dessen Gebrauch wird von dem Lycurgo
    verboten. I. II. 179. b. Gold zu Tolosa aus dem Delphischen Tempel gestohlen
    machet unglücklich. I. VI. 904. a.
Gold-Axt bekommt seinen Nahmen. I. VI. 746. a.
Gold-Finger. I. II. 101. a.
Gold-Gruben Eigenschaft. I. VII. 1113. a. seq.
Goldmacher-Kunst wird untersuchet. I. II. 175. a. derselben sind Könige
    zugetan. I. II. 180. b.
Golden-Fluss was es gewesen. I. II. 176. b.
Goldene Katze angebetet. I. II. 181. a.
Gomar Ur-Anherr der Marsen. I. II. 111. a.
Gorgonia / Amazonische Konigin / verrichtet herrliche Taten. I.V. 526. b.
Gossypischer Baum in Arabien. II. II. 319. b.
Gotarzes König in Armenien. I. III. 248. b.
Goten Kriege wider die Egyptier. I.V. 523. a. Gotische Weiber nehmen den
    Nahmen der Amazonen an. I.V. 526. a.
Gotonen fallen in bürgerlichen Krieg / und kommen hernach unter Marbods Gewalt.
    I. VII. 1154. b. nehmen hernachmahls Adgandestern zu ihren Hertzog an. II.
    IX. 1563. b. hernach den Ingviomer. II. IX. 1583. a.b.
Gotonischer Fürsten gewisse Merckmahle. II. VII. 799. b.
Gott ist nur einer. I. IV. 344. a. II. IV. 346. a. kann nicht durch Bilder
    ausgedrücket werden. I. IV. 346. a. soll nicht sein / nach der Lehre des
    Aristippus / Socrates / und des Epicurus. I. IV. 454. b. kann kein Geschöpffe
    sein. I.V. 559. a.b. ist aber aus den Geschöpffen zu erkennen. I.V. 553. b.
    Wird durch einen Zirckel fürgestellt. I.V. 661. b. wie er von den Deutschen
    geehret werde. II. I. 182. a.b. ist aus den Geschöpffen wahrzunehmen. I. IX.
    1339. a. seine Eigenschaften an den Geschöpffen vorgestellt. I. IX. 1339.
    b. übet das Werck unserer Regung aus. I. IX. 1350. b. was Gott sei / weiss
    Simonides nicht zu sagen. I. IV. 347. a. ist allein zu ehren. I. IV. 348. a.
    ist allein zu lieben. II. I. 193. a.b. ist nur einer bei Deutschen. II. I.
    72. a. dessen Wesen erwiesen. II. III. 541. b.a.I.V. 709. b. unbekandten
    Gottes Altar zu Aten. I.V. 590. a.b.I.V. 712. b.I. III. 345. a.I. III. 348.
    a. Gott soll man Danck opffern. II. IV. 686. b. dass er sei / erwiesen: dass
    er nicht sei / ob es jemand glauben konne? II. II. 271. a ist von allen zu
    erkennen. II. II. 274. a.b.
Gottesdienst wird verborgen gehalten. I. IV. 345. a.b.I.V. 658. b. II. I. 182.
    b. ob er von den Fürsten zu ändern sei I. III. 301. b. ob er eine Erfindung
    der Staats-Klugheit sei. I. IV. 361. a. Gottesdienst der Völcker frei
    gelassen. I. VII. 1160. b. wird gelobt. II. III. 539. a.b. Gottesdienst
    Larve der Staats-Klugheit und Liebe I. II. 166 b. ist bei vielen Völckern
    auff die Staats-Klugheit gerichtet; nicht aber bei den Deutschen. II. I.
    181. a.b. selbigen verändern ist gefährlich. I. VII. 974. b. ob ein frembder
    einzuführen. I. VII. 975. b. frevelhafter Gottesdienst der Samnitischen
    Weiber. I. VII. 985. a. frembder Gottesdienst von einem Fürsten allezeit
    gedrückt. II. VII. 1268. a. was die Jüden von Gott lehren. II. III. 538. b.
    Juden Gott wird geboren. II. VI. 975. b. so man über dem Gottesdienst
    zwistig ist / bringt es das Land in Gefahr. II. VII. 1268. b. ist eine
    Grundfeste der Herrschaft. II. VII. 1269 b. ob er des Fürste Recht
    auslesche / wenn dieser dem Gottesdienst der Untertanen nicht beipflichte.
    II. VII. 1267. a. wird zur Ursache genommen von den Untertanen sich dem
    Fürsten zu widersetzen. II. VII. 1295. a. Gottesdienst unterschiedener
    Völcker. II. I. 170. a.b. abgewartet in Hölen. ibid. wird zum Vorschein
    eines rechtmässigen Krieges genommen gegen die Deutschen. II. V. 926. b. ein
    nützliches Werckzeug der Staats- Klugheit. II. VII. 1144. b. der Griechen
    ist schädlich. II. II. 272. a.b. ist den Untertanen nicht frei zu lassen.
    II. II. 272. a.b. ob er für dem Pöfel zu verbergen sei. II. II. 273. a.
Gottesfurcht / so angenommen / ob sie bei einem Fürsten ärger sei / als keine.
    II. VII. 1269. a.b.
Gottes Liebe ziehet die Seele nach sich. I. II. 139. a. hat nichts unreines an
    sich. I. IX. 1327. a.
Gottes Nahme bei den alten Celten. II. III. 531. b. ihm kann kein rechter Nahme
    gegeben werden; doch haben die Brahmanen tausend Nahmen. I.V. 668. b.
Gottes Stime in den Geschöpffen. II. IV. 686. a.b.
Götter / siehe Schutz-Götter.
Götter Vielheit. I. IV. 343. b. unter vielerlei Nahmen einer. I. IV. 345. a.b.
    Götter im Feuer / Erden / Wasser und Himmel. II. VIII. 1408. b. der Liebe
    untertan. II. VIII. 1408. b. sind nicht nackend zu sehen. I.V. 668. b.
    Bilder der Götter / wie sie vor dem beschaffen. I. IX. 1419. b. seq. Götter
    angebunden. II. II. 361. b.
Göttlicher Dinge Weissheit versteckt. I. IX. 1351. b.
Gottwald kriegt seinen Sohn und Tochter durch wunderbahre Gelegenheit zu
    erkennen / und stirbt vor Freuden. II. V. 792. b. Gottwalds Begebenheiten
    weitläufftig ausgeführet. II. V. 803. wird vor den Hertzog der Gotonen
    erkennet. II. V. 810. b. Gottwalds Krieg mit seinen Schwestern Marmelinen
    und dem Marbod. II. V. 827. a. sein mit einem Priester vom Glück und Unglück
    gehaltenes Gespräch. II. V. 829. a. kommt mit dem Marbod in einen
    Zweikampff. II. V. 834. a. wird in einer Schlacht geschlagen. II. V. 837. a.
    wird für todt ausgegeben. II. V. 845. b. wird aus dem Schiffbruch errettet.
    II. V. 845. a.b. sein Begräbnis. II. V. 872. a. soll zu Upsal geopffert
    werden. II. V. 879. a. ziehet wider die Norweger. II. V. 885. a. hält sich
    wohl in der Schlacht mit Haralden. II. V. 899. b. komt wieder in Deutschland
    und wird ihm daselbst sein Sohn genommen. II. V. 910. a. wird ein Barde. II.
    V. 915. b. Gottwald überfällt und schläget den Marbod. I. VII. 1093. b. wird
    in einem Treffen mit dem Marbod verwundet. I. VII. 1135. a.I. VII. 137. a.
    seine wunderliche Ankunft und Verhängnis. I. VII. 1152. a. wird mördlich
    angefallen auf Anstiftung seiner Schwester. I. VII. 1152. b. wird zum
    Reichsfolger erkläret. I. VII. 1154. a.
Gottwald der Jüngere / (sonst Ehrenfried geheissen / siehe Ehrenfried.) II. V.
    840. a. wird wunderbahr errettet. II. V. 851. a.b. hält sich tapffer in der
    Schlacht. II. VIII. 1194. b. verirret sich in einem Walde; und lässet sich
    nachdem gegen den Feldherrn verhetzen. II. IX. 1539. a. erweiset gegen den
    Feldherrn eine grosse Untreu. II. IX. 1571. a. 1573. a.b. seq. nimt das
    Marckmännische Reich ein. II. IX. 1575. a. kommt wieder darum / und muss bei
    den Römern Unter- und Auffentalt suchen. II. IX. 1576. a.b. und stirbt
    kümmerlich zu Forum Julium. II. IX. 1577. b.
Grab heilig zu halten. I.I. 63. a. können ohne Nachteil eröffnet werden. II.
    IV. 599. a. Gräber werden fleissig besuchet. II. VI. 971. b. Grabmahle der
    Deutschen. I.I. 29. a. Grabmahl Ivons König der Seeren. I.V. 641. a.
    Grabmahle sind unversehrlich. II. VI. 1083. a. Grabmahl der Könige machen
    ihre Eitelkeit berühmt I. VII. 1109. b. Grabmahle werden den Tieren
    aufgerichtet. I. VII. 1118. Grabmahl des Käysers Augustus beschrieben: ihm
    werden gewisse Einkünfte verordnet. II. VI. 972. b. des Drusus wird von den
    Legionen zerstöret. II. VII. 1162. b. siehe Begräbnis.
Grabschrifft weissaget von Hertzog Herrmannen. I.I. 29. a.b. des Cajus. I. III.
    249. a. der Sylla. I. VI. 943. b. des Mitridatens. I. VI. 950. b. der
    Calpurnie des Marius Tochter. I. VI. 909. b. auff den Spartacus. I. VI. 954.
    a. des Libys auf den Varus. I.I. 81. b. des Scipio. I. VI. 743. b. Tuisco.
    I. VII. 1119. a.I. VII. 1120. a. des Ariovistens. I. VII. 1122. a. über des
    Mäcenas und Terentien Grab. I. VII. 1222. b. der Königin Apame. II. I. 65.
    b. über Käysers Augustus Grab. II. VI. 971. b. Sentiens II. IX. 1544. a. des
    Gottwalds. II. IX. 1577. a. Adgandesters. II. IX. 1581. a. des Feldherrn.
    II. IX. 1594. a. verdient ein Königreich. II. IX. 1633. a. siehe
    Uberschrifft.
Gracchus (Sempronius) ein Tugend-Sohn. II. III. 502. b.
Gräntz-Gott will dem Jupiter nicht weichen. II. VIII. 1344. b.
Granat-Apffelbaums Nutzbarkeit und Vorzug II. II. 338. a.
Grausamkeit gegen die Feinde verübet. I.I. 71. a. macht furchtsam. I. IV. 428.
    b.
Griechen Schiffarten. I. II. 126. b. führen Krieg mit den Amazonen unter dem
    Hercules. I.V. 527. a. mit Deutschen. I. VI. 779. a. ihre Städte verlieren
    ihre Herrschaft / weil iedwede herrschen will. I. VII. 1007. b. verstecken
    die göttlichen Geheimnisse. I. IX. 1351. a. ob sie mit den Deutschen einen
    Ursprung haben. II. II. 262. a.b. haben einerlei Gottesdienst. II. III. 928.
    a.b.
Griechen Weltweisen in Deutschland. II. II. 262. a. Griechen woher sie ihre
    Weissheit geholet. II. V. 745. a. Griechische Weissheit bei den Juden
    verflucht. II. V. 745. b. Griechische Sprache in der Welt gemein. II. V.
    747. b. Griechen sind dem Trunck ergeben. I.V. 581. b. pralen mit ihren
    Taten. I. II. 95. a. Griechische Helden in einem Auffzug aufgeführet. II.
    III. 441. b. haben einen Streit mit den Romern. II. III. 442. b. Griechen
    haben Partische Könige lieb. II. IX. 1489. a.
Griechenland ist ein Schauplatz grosser Kriege. I. VI. 864. a. von Romern
    angefochten. I. VI. 876. a. wird römisch. I. VI. 939. b. wird in einem
    Schauspiel vorgestellt. II. III. 489. b.
Grondeberg Fürstin in Cimbern wegen Schönheit berühmt. I. II. 145. a.
Grösse eines Menschen aus den Gliedern zu urteilen. II. I. 224. b.
Grubenbrand vereinbahret den Viader mit der Spreu. I. IV. 372. b.
Grundzeug der Natur ein Auffentalt menschlicher Gebrechen. I. VII. 1097. b.
    siehe Elemente.
Grüne Farbe wie sie entstehe. I. IX. 1393. b.
Gudwil König in Pannonien kommt im Morast um. I. II. 150. b.
Gueicing kluger Feldherr bei den Serern. I.V. 603. b.
Gülden Vliess was es gewesen. I. II. 176. b. güldene Katze angebetet. I. II. 181.
    a.
Gürtel einer Amazonischen Fürstin soll Hercules holen. I.V. 527. a.
    Gürtel-Kämpffer zu Sparta. I. IX. 1414. a.
Gut / das höchste / nach der Stoischen Weissheit. I. IV. 452. a. bei dem
    Aristippus. I. IV. 453. a.b. der Griechischen Weltweisen. II. II. 266. a.
                                       H.
Haare abschneiden ist ein Zeichen der Trauer. I. IV. 486. b. werden den Göttern
    geopffert. ibid. Haar abschneiden ist Klagens Art. I.V. 661. a. Haare werden
    in Ehren gehalten. I. VI. 749. a. welches die schönsten sein. II. I. 151. b.
    Haare Hochschätzbarkeit und Heiligtum bei den Alten. II. I. 184. a. Haar
    Zierde bei vielen Völckern. II. 1284. a.
Haase verrückt dem Marbod sein Vorhaben. II. II. 373. a.b.
Häphäftion wie herrlich er von Alexandern dem Grossen sei begraben worden. II.
    VI. 946. a. seq.
Hamelberg wird von dem Feldherrn erobert. I. VIII. 1309. a.b.
Hamilcar Feldherrn der Cartaginenser verrichtete Taten. I. VI. 792. b. wird
    entäuptet. I. VI. 794. b.
Hanchug berühmte Stadt bei den Seren erobert. I.V. 623. a.b.
Handels-Leute dürffen nicht zu den Catten. I. VII. 1058. a.
Handlungs Wert und Unwert / ob solche dem Adel anständig oder unanständig. I.
    VII. 1058. a.b. siehe Kaufmannschaft.
Handels-Gesellschaften angerichtet. I. IV. 363. b.
Hannibal wird von den Deutschen aus Agrigent bracht. I. VI. 789. a. kommt in
    Sicilien an mit einer Flotte. I. VI. 791. a.b. streitet in Africa mit
    unterschiedenen Völckern. I. VI. 806. b. seq. muss seinem Vater einen ewigen
    Hass gegen die Römer schweren. I. VI. 818. b. seq. erwirbt ihm Clodomirs
    Tochter. I. VI. 820. a. belägert Sagunt. I. VI. 822. a. bricht über die
    Alpen in Italien ein. I. VI. 823. a. verliert ein Auge. I. VI. 824. a.
    gewinnt die Schlacht bei Cana; kann sich aber derselben nicht gebrauchen. I.
    VI. 832. b. seq. macht ein Bündnis mit König Philippo in Macedonien. I. VI.
    835. b. lässet Agatoclen zerreissen. I. VI. 842. b. ist hernach
    unglücklich. I. VI. 844. a. kann sich in das Verhängnis nicht finden. I. VI.
    846. a. wird von dem Scipio geschlagen. I. VI. 850. b. gröste Krieges-Mann.
    I. VI. 852. a. wird mit Scipio verglichen. I. VI. 852. b. geht zum Antiochus
    über. I. VI. 857. b.
Hanno führet seine Landes-Leute in das Atlantische Eyland. I. II. 222. a. des
    Cartaginensischen Feldherrn verrichtete Taten. I. VI. 789. a.b.
Harald schläget mit den Cimbern. II. V. 891. b. wird in einem Zweikampff von
    Gottwald erlegt. II. V. 901. b.
Harffe der Welt. II. I. 219. a.b. die allervollkommenste ist der Mensch. II. I.
    222. b.
Harteck woher und wie er den Nahmen bekommen? I. VI. 758. a.
Hartmann ein deutscher Hertzog rächet seinen Bruder gegen die Römer. I. VI. 772.
    a.b. wie er mit dem Zunahmen genennet worden. I. VI. 772. b.
Hass auf einem Bilde entworffen. I. VIII. 1179. b.
Hauffen / so heilig / bei den Tebanern. II. VII. 1211. a.
Haupt des Varus wird geopffert. I.I. 69. b. des Postumius zu einem
    Trinck-Geschirr gemacht. I. VI. 835. b. siehe Köpffe.
Haus des Augustus fürgestellt. II. VI. 957. a.
Häuser der Gebährenden unrein geachtet. II. IV. 730. b.
Häyn der Göttin Tanfana. I.I. 7. b.
Hedwig / Gottwalds Gemahlin / gebiehrt Zirolanen. II. VII. 802. b. zeuget eine
    Tochter / und nennet sie Clotildis. II. VII. 811. b. sich ungebärdig bei
    dessen Verlust. II. V. 813. a. nimmt Mechtilden ihr Kind II. V. 816. a.
    streitet deswegen mit ihr / vergleichen sich aber nach über sie
    vorhergegangenem Gericht. II. V. 817. a. seq. hat einen sonderlichen Traum.
    II. V. 1615. a. muss auff Godanium fliehen. II. V. 844. a.b. wird todt
    geschlagen. II. V. 851. a.
Heere sollen mittelmässig sein. II. VI. 1009. b. seq.
Heil auff einem Bildnis darff niemand sehen bei den Aegiensern / als die
    Priester. II. I. 56. a.b.
Heiligtum / siehe Tempel.
Heilung durch Anrührung. II. V. 800. b.
Heilungs-Kunst / ein Gespräch hiervon. II. III. 479. b.
Heimligkeit hat sich ein Fürst zu gebrauchen. I. VIII. 1266. a.
Helden nicht nach Verdienst gerühmt. I. III. 233. a. befällt oft eine
    Schlaffsucht. I. VI. 916. a. wie sie zu Rom belohnet worden. I. IX. 1419.
    a.b. reitzen zur Nachfolge an. I. IV. 340. b. seq. werden göttlich verehret.
    I. IV. 342. b.I. IV. 359. a. Helden- Nahme bei der Vor-Welt gemein. I. IV.
    383. a. Helden Griechenlandes in einem Auffzuge vorgestellt. II. III. 441.
    a. seq. Helden Deutschlandes ebenfalls in einem Auffzuge vorgestellt wie
    sie für ihre Freiheit fechten. II. III. 445. a.b.
Helena weinet über ihren Spiegel. I. IV. 468. a.
Helvetier werden von dem Ariovist gedrückt. I. VII. 988. a. kommen mit dem
    Julius in einen Krieg. I. VII. 990. a.
Herbst vorgestellt. I. IX. 1381. a. II. I. 176. a.b.
Hercules soll einer Amazonischen Königin Gürtel bringen. I.V. 527. a. muss dem
    Schrecken opffern. ibid. b. ist feste. I.V. 528. a. erlanget den Gürtel.
    ibid. b. wird von den Deutschen angeruffen. I. VII. 977. a. soll bei ihnen
    entsprossen sein. I. VII. 977. b. will den Taleman erschlagen. I.V. 630. b.
    schläget den Hesperischen Drachen todt. II. VIII. 1440. b. seq. was er für
    Schiffart vollbracht. I. II. 129. a. ober in Deutschland gewesen. I. IV.
    374. b. sind viel dieses Nahmens gewesen. I. IV. 374. b. den Deutschen
    fürgestellt in einem Auffzuge. II. 3. 444. b. in einem Schauspiele. II. III.
    496. b. seine Liebe in einem Auffzuge fürgestellt. II. V. 859. a. Hercules
    Urheber der Träume. II. VII. 1183. a.b. seine Keule. I. VII. 1079. a.
Herennius / Fürst der Samniter / beschleusst die Römer in der Caudinischen
    Berg-Enge. I. VI. 765. b.
Herrmanns / des Feldherrn / Vor-Eltern. I. II. 110. b. wird von den Römern in
    seiner Jugend gefangen. I. IV. 379. a. errettet seine Tusnelde aus des
    Marbods Händen. I. IV. 424. a. wird geboren. I. VII. 1054. b. hält seinen
    Einzug nach Deutschburg. I. VII. 1163. a. wird mit Tusnelden vermählet I.
    VIII. 1176. a.b. seine Gebuhrt und Aufferziehung. I. VIII. 1186. a. wird in
    seiner Jugend gefangen und nach Rom gebracht. I. VIII. 1187. b. errettet den
    Käyser Augustus aus dem Meer. I. VIII. 1210. b. seine Ubung und Lob zu Rom.
    I. VIII. 1211. a. seq. entscheidet scharffsinnig einen Wort-Streit. I. VIII.
    1212. a. kommt mit dem Mäcenas in eine Vertrauligkeit. I. VIII. 1213. b.
    erlegt zwei Crocodile. I. VIII. 1224. wird des Augustus Leib-Wache
    fürgesetzt. I. VIII. 1824. b. redet dem Tiberius das Wort bei dem Cajus. I.
    VIII. 1230. a.b. lescht die von den Parden den Römern angetane Schmach
    einer Niederlage aus. I. VIII. 1231. a. erhält die Post von seines Herrn
    Vaters Tode. I. VIII. 1244. a.b. trägt der Tusnelden seine Liebe an. I.
    VIII. 1246. a.b. ihm wird mit Giffte nachgetrachtet. I. VIII. 1252. a.b.
    kömmt zum andern mahl in Lebens-Gefahr. I. VIII. 1253. a. ziehet heimlich
    von Rom. I. VIII. 1255. a. tritt seine Regierung an. I. VIII. 1261. a. seine
    herrliche Anordnungen / Fursten- und Staats-Tugenden. I. VIII. 1262. a.
    nimmt die Feldhauptmañschaft an. I. VIII. 1264. a. wird von einem Geist
    erinnert seiner ertrunckenen Tusnelde zu Hulffe zu kommen / und tut es
    auch. I. VIII. 1290. a. wird von Segesten gefangen / und kömmt hernach los.
    I. VIII. 1295. a.b.I. VIII. 1301. a. nimmt den Marckmännern seine Braut ab.
    I. VIII. 1301. b. rätt mit den Romern zu brechen. I. VIII. 1313. a.b. wird
    zum obristen Feldherrn Deutschlandes erwehlet. I. VIII. 1318. a. ficht in
    einem Ritterspiele umb seine Tussnelde. I. IX. 1360. b.I. IX. 1367. a.
    verfällt mit seinem Bruder / dem Flavius / wegen eines falschen letzten
    Willens des Segimers in Zwistigkeit und Krieg. II. IV. 605. b. seq. kömmt
    mit dem Germanicus nahe an einander. II. VI. 1058. a. hält mit seinem Bruder
    Flavius / so auff Römischer Seiten ist / ein Gespräch. II. VII. 1171. a.
    wird zum Fürsten der Marsen erklärt. II. VII. 1221. b. ist so wohl tapffer /
    als verständig. II. VII. 1247. a. schlisset Bündnis und Friede mit den
    abgetretenen Fürsten Deutschlandes. II. VII. 1246. b. wird zum Hertzoge der
    Semnoner und Langobarden erwehlt. II. VII. 1294. a. nimmt diese Ehre an. II.
    VII. 1306. b. wird zum Marckmännischen Hertzogtum beruffen. II. IX. 1571.
    a.b. wird bei seinen Untertanen und den Fürsten Deutschlandes verkleinert.
    II. IX. 1583. a. wird von Ingviomern gefangen. II. IX. 1591. b. dem Schein
    und Vorgeben nach entauptet. II. IX. 1593. a. empfähet seine Gemahlin
    wieder. II. IX. 1599. a.b. kömmt wieder zu seinen Ländern. II. IX. 1600.
    a.b. empfähet die Cheruskische Krone. II. IXI. 1636. a. und überlässt sie
    seinem Bruder dem Flavius. II. IX. 1637. a.b.
Herrmann der jüngere wird nach Deutschland geschickt aus seiner Gefangenschaft.
    II. IX. 1402. a. wird nach Budorgis gebracht. II. IX. 1527. a.
Herrmannsfeld erlangt von Hertzog Herrmannen seinen Nahmen. I. VIII. 1311. a.b.
Herrmannsstadt / sonst Boviasmum. II. IX. 1588. a.
Hermegildis Rache gegen einen Sach-Redner. I.I. 62. a.
Hermegildis muss ihrer Mutter Arimenen eine stetswährende Feindschaft wider die
    Römer schweren. I. VI. 818. b.
Hermengarde / in einen Römer verstellt / erzehlt dem Deutschen Frauenzimmer die
    Reue des Siegemunds. II. VII. 1102. b. lässt ihren Sohn für den Tumelich
    schlachten. II. VII. 1139. b.
Hermengardis stifftet Friede zwischen den Römern und Deutschen. II. VIII. 1331.
    a. ihr werden Ehren- Säulen auffgerichtet. II. VIII. 1332. a.b.
Hermes Lehre in Säulen geschrieben. II. III. 537. a.
Hermildis / eine Pannonische Hertzogin / ficht mit Ingram. I. II. 147. b.
Hermion der erste Feldherr aus dem Cheruskischen Hause. I. II. III. b. sein
    Bildnis. II. IV. 686. b. was darauff für ein Getichte gefunden worden. II.
    IV. 690. a. ist in Gefahr des Lebens. I. II. 112. b.I. II. 113. a.
Hermions-Berg königlicher Sitz der Beherrscher Deutschlandes. II. IV. 686. b.
Hermunduren werden vom Drusus überfallen. I. IV. 410. a. Auffstand wider ihren
    Hertzog Briton. I. VII. 1065. a. fangen einen bürgerlichen Krieg an. I. VII.
    1066. a. werden von dem Hertzog Jubil bezwungen und unterwürffig gemacht.
    II. IX. 1565. a.
Hermunduris in einem Singespiel auffgeführt. II. IX. 1565. a.
Herodes befiehlt nach seinem Tode viel vornehme Leute zu tödten. I.V. 633. b.
    wird König in Partien. II. VII. 1121. b.
Herodotus verstellter Nahme der Erato. II. VII. 1605. b.
Herrschaft ist süsse. I. III. 316. a. ist die beschwerlichste Dienstbarkeit. I.
    VII. 1096. a.b. Herrschafts-Art welche am besten sei? II. VII. 1254. a.
    seq. Herrschaft der Weiber / wie weit sie glücklich gewesen und zu
    verwerffen sei. II. VII. 1265. a. seq. eintzele Herrschaft welche am besten
    sei. I. VII. 1080. b. Herrschafts-Begierde ist überall zu finden. II. VII.
    1294. b. Herrschaft niederlegen ist ein Werck der Klugheit. I. VII. 1106.
    b. Siehe Abdanckung vom Regiment.
Herrschsucht in einem Spiele singende eingeführt. II. IX. 1566. b.
Herta bei den Deutschen / ob sie eine Göttin sei. I. IV. 346. b. das erste
    Weib. I. VI. 732. b. ihr Heiligtum. II. I. 170. a. wie sie von den
    Deutschen verehret werde. II. I. 171. a. ihr Feier. II. I. 172. a.b.
Hertz oder Liebe / welches am ersten zu leben anfange. II. I. 12. a.
Hesperiden in einem Schauspiele auffgeführt. II. VIII. 1439. a. werden auff
    fürstlicher Vermählung vorgestellt. II. IX. 1639. b.
Hetrurien ist der Geilheit und Unzucht ergeben. I. VI. 744. a.
Heuchelei was sie für Schaden den Fürsten tue? I. VII. 1099. b. ob sie bei
    einem Fursten ärger sei als der Unglaube. II. VII. 1269. a.b. Heuchelei der
    Messala Valeria bei dem Grabe des Augustus. II. VI. 946. a.b. der
    Staats-Klugheit höchste Tugend. I. VIII. 1283. a. dem Feigenbaum verglichen.
    II. II. 320. b. zu Hoffe eine Sclavin. I. VII. 1039. a.
Hevinserich wird mit der Irmengardis vertraut. I. VII. 984. a. macht einen
    Schluss die Barden zu vertilgen. I. VII. 984. a.b.
Heidexe errettet den Feldherrn Alemann. I. II. 119. a.
Heiraten der Fürsten was sie vor eine Bewandnüss haben. I. III. 279. b.
    Heiraten ungleicher Personen I. III. 280. a. Heiraten zwischen. den
    Geschwister ist unglücklich. I. VI. 776. b. und unzulässlich. II. IX. 1613.
    a.b. siehe Hochzeit Beilager.
Heirat-Gut bei den Deutschen von den Mäñern den Weibern gegeben. II. IV. 707.
    a. von dem Catumer seiner Adelmunden gegeben. II. IV. 707. b. siehe
    Brautschatz.
Heiratungen müssen Liebe zu ihren Boden haben. II. IV. 637. a. versagte Heirat
    Ursache vieler Kriege. II. IV. 698. a. Heiratungen der Fürsten öffters nur
    von der Staats-Klugheit angesponnen. II. 156. a.b. sind aber unglucklich.
    II. I. 157. a. Heiratungen der Fürsten. I. II. 158. a.I. II. 160. b.
    Heiratungen machen das Cheruskische Haus gross. I. II. 1196. a.b. erfordern
    Gleichheit. I. III. 321. a.b.
Hiacint streichet sein Lob heraus. I. IX. 1387. a.I. IX. 1390. a.I. IX. 1391.
    b.
Hiaoking / Königs der Seren / verrichtete Taten. I.V. 602. b.
Hiaovus / Konig der Seren / überwältiget die Tattern. I.V. 603. a.b.
Hiarba / Befehlhaber in Azana / wehret sich auffs äusserste. I. IV. 477. a.
Hiarn / ein Cimbrischer Tichter / verdient mit einer Grabschrifft eine Krone.
    II. IX. 1633. a.
Hiarne / Konig Bojorichs Tochter / wird vom Marius geliebt; schlägt aber diese
    Liebe aus. I. IX. 1329. b. wird zu einer Vestalischen Jungfrau gemacht. I.
    IX. 1330. b. verbrennt das Schand-Buch der Eliphantis; und wird daher
    gefangen gesetzt. I. IX. 1333. a.
Hiempsals / Fürstin in Getulien / verrichtete Taten. I. IV. 475. a. kömmt umb.
    I. IV. 477. a.
Hierapolis / von wem sie erbauet. I.V. 525. a.
Himmel ist der Ursprung aller Ubereinstimmung. II. I. 220. a.
Himmels Zeichen in einem Schauspiel vorgestellt II. III. 485. b.
Himilco beschützet Lilibäum / und wird von den Deutschen errettet. I. VI. 791.
    a.b.
Hippodamia in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 498. a. II. VIII. 1410. b.
Hippolyte wird von dem Teseus geliebt. I.V. 527. a. kommt um. I.V. 829. a.
Hippomanes in einem Schauspiel aufgeführt. II. VIII. 1431. b.
Hippon / Konig in Britannien / hat keinen Geruch. I.V. 670. b. läst viel Eubagen
    hinrichten. I. VII. 983. b.
Hipsicratea will einem Hertzog opffern. I. VI. 795. a. Hipsicrateens Bild. I.
    III. 320. a.
Hirnschådel Trinckgeschirre bei den Suionen. II. V. 884. a.
Hirschens langes Alter. I. II. 90. a. seq. wird von Cåsarn in die Freiheit
    gelassen. I. II. 90. b. mit einem sonderbaren Halsbande. I. II. 90. b.
Hispanien kommt unter die Römer. I. VI. 895. a. von den Cartaginensern fast
    ganz bemächtiget. I. VI. 818. a. hält bei ihnen wider die Römer. I. VI.
    818. b. läst dem Allacius seine Braut ausfolgen. I. VI. 848. a.
Hoangti König der Seren herrschet wohl. I.V. 595. a. erfindet herrliche Sachen;
    und so werden alle Serische Könige genennt. ibid.
Höchstes Gut der Griechischen Weltweisen. II. II. 266. a.
Hochzeit-Gebräuche bei den Deutschen. I. VIII. 1175. a. siehe Heiraten.
Hochzeit-Taffel des Feldherrn. I. VIII. 1183. b.
Hoejal König der Seren. I.V. 602. a.
Höffligkeit angelt die Gemüter. I. VIII. 1267. b. verträgt sich mit der Tugend.
    II. III. 399. b.
Höhle / daraus sich die Barden waschen / von sonderlicher Beschaffenheit. II. V.
    759. b.
Hofes Unbeständigkeit. I.V. 558. a.b. II. IV. 576. b.
Hofeleben treibet zur Wollust. I. VII. 1151. a.
Hoffnung Traum der Wachenden. I. VIII. 1299. b. wird in einem Auffzuge
    vorgestellt. I. IX. 1354. b. Hoffnungs-Vortreffligkeit. II. VIII. 1324. a.
    Hoffnung hat einen prächtigen Tempel zu Aten. I. III. 207. a. ist ein
    Merckmahl eines grossen Geistes I. VII. 1043. b.
Hohlenstein beschreibt des Feldherrn Leben. II. IX. 1594. a.
Holderbaumes Nutzen / Vorzug. II. II. 334. a.
Holdinnen halten einen Tantz. I. IX. 1413. a. werden auf der deutschen Fürsten
    Vermählung vorgestellt. II. IX. 1639. b.
Homerus vierdtes Buch der Ilias macht gesund. I.V. 507. b. entspringet aus des
    Orpheus Geschlechte. II. I. 29. b. wo er geboren. II. IX. 1635. b.
Honigs Krafft. I. IX. 1385. b. des Attischen und Colossischen Unterscheid. II.
    I. 40. a.
Horatius des Mäcenas Gast. I.V. 693. b. stirbt. I. VIII. 1222. b. bei dem
    Begräbnis des Augustus fürgestellt. II. VI. 950. b.
Horn von einer Waldgöttin einer Fürstin verehret. I. II. 94. a. bei den
    Deutschen ein Trinckgeschirr. II. V. 777. a. II. VII. 1214. a. wozu es sonst
    die Deutsche gebrauchen. II. I. 201. b. Horner unvermutend heraus fahrend
    wahrsagen dem Marcus Genucius Cippus ein Königreich. II. IX. 1548. a.
Hornungs-Feilge will König unter den Blumen sein. I. IX. 1391. b.
Hostilius (Tullius) in einem Schauspiel vorgestellt. II. VIII. 422. b.
Huffeisen mit zwei Fingern zerrissen. I. VII. 986. a.b.
Hüfften-Weh wie es gheilet werde. II. IX. 1546. a.
Huhansien König der Scyten streitet wider die Seren. I.V. 592. a. ist in
    Syrmanis verliebt. I.V. 594. a. sein Krieg mit Pirimal König in Indien. I.V.
    648. b.
Hulderichs Kriege mit den Römern. I. VI. 897. a.
Hülffe von andern wie sie nicht zu verlangen. I. II. 152. b. Hülffe soll ein
    Fürst von andern nicht ohne Hülffe begehren. II. VIII. 400. b.
Hun ein deutscher Fürst erlangt Pannonien. I. VI. 784. a.b.
Hun der König der Hunnen erlegt. II. V. 874. a.
Hunde Vortreffligkeit. II. 97. b. ihre Treue. I. II. 98. a. ihrer Herren
    Dienste. I. IV. 434. b.
Hundsstern wird mit Opffer verehret. II. I. 17. b.
Hunnus König in Britannien / vertreibt seinen Schwieger-Vater vom Reiche. I. II.
    161. b.
Hut / königliche fürst- und adelicher was darunter vor ein Unterscheid. II. IX.
    1625. a.
                                       J.
Jagello läst bei dem Marbod um Adelgunden werden. II. VIII. 1361. a.
Jäger gewesen sein läst Darius auf sein Grab schreiben. I. II. 88. a.
Jagt des Feldherrn. I. II. 88. a. herausgestrichen. I. II. 88. a. wird von den
    streitbarsten Völckern beliebt. ibid. des Marbods. I. VIII. 1273. b. von
    Hertzog Arpus angestellt. II. VII. 1147. a. in einem Getichte gelobet. II.
    VIII. 1424. b.
Jahrs Anfang unterschiedener Völcker. II. I. 169. b.
Jahres Zeiten sinnreiche Vorstellungen. I. IX. 1377. a. II. I. 173. a.
Jasmin will Blumen-Königin sein. I. IX. 1389. b.I. IX. 1098. b.
Jason schifft nach dem güldenen Vliess / kommt in Colchis und wird alldar
    göttlich verehret. I. III. 208 b.
208. b. was unter dem von ihm geholten güldenen Vliess verborgen werde. I. VII.
    1059. b. sein Bildnis zu Rom. I. VII. 1070. a.
Iberier fechten gegen die Cartaginenser I. VI. 819. a.
Ibis ein Vogel bei den Egyptiern vergöttert. I. IV. 359. b.
Ideessa eine Stadt in dem Moschischen Gebürge. I. II. 288. b.
Jerusalem wird von dem Pompejus eingenommen. I. VI. 949 b.
Illyris ergibt sich den Römern. I. IV. 495. a.
Illyrischen Reichs Ursprung und vornehmste Zufälle. I.V. 534. b. wird vom
    Philipp König in Macedonien bezwungen. I.V. 535 a.
Indatyrsus König der Cimbern. I. II. III. a.
Indianer Reichtum. I.V. 653. a.b. halten den Gottesdienst heilig. I.V. 659. a.
    behalten durch angezogene Bleischuh kleine Füsse. II. IV. 706. a.
Indianischer Gebräuche Vortrefligkeit. I. IX. 1367. b.I. IX. 1372. a.
Indianische Weiber verbrennen sich mit ihren Männern auf dem Holtzstosse. I.V.
    654. a.
Indien auf einem Elephanten reitend abgebildet. I. IX. 1379. b. singt Tussnelden
    zu Ehren ein Geticht. I. IX. 1376. b. wird in einem Schauspiele
    vorgestellt. II. III. 489. a. II. V. 867. b.
Ingviomers Rede. I.I. 26. a. ist ein Sohn Aembrich des Feldherrn. I. VII. 1042.
    a. schlägt mit dem Agrippa und geht hernach mit ihm in Hispanien. I. VII.
    1062. a.b. schreibet an den Hertzog Herrmañ. I. VIII. 1247. b. holet den
    Hertzog Herrmañ ein. I. VIII. 1261. a. erzählt die Verrichtung seiner
    Gesandschaft bei dem Marbod. II. II. 368. a. hält sich wider und bei den
    Römern tapffer. II. VI. 1061. b. seq. wird verwundet. II. VI. 1073. a.
    zerstöret des Drusus Altar. II. VII. 1162. b. will den Friede des Feldherrn
    mit den deutschen Fürsten nicht billigen. II. VII. 1247. b. verliebet sich
    in Adelgunden. II. VIII. 1067. b. hält in eigener Person bei dem Marbod um
    Adelgunden an. II. VIII. 1389. a.b. erstreitet Adelgunden; welche ihm
    hierauf vermählet wird. II. VIII. 1460. a. verlieret eine Schlacht gegen den
    Herrmann. II. IX. 1515. b. wird von dem Marbod beschuldiget / dass er ihn
    habe umbringen wollen. II. IX. 1556. a. bekommt das Gotonische und andere
    Hertzogtümer. II. IX. 1583. a.b. macht dem Herrmann seine Untertanen und
    andere Fürsten auffsätzig. II. IX. 1583. a.b. will Hertzog der Cherusker
    werden und wird von ihm geschlagen. II. IX. 1590. a. will die Marsen
    unterwürffig machen. II. IX. 1594. b. soll geschlachtet werden und erhält
    durch eine sonderbare Schickung sein Leben. II. IX. 1596. a.b. seq.
Inseln entstehen von neuen. I. II. 126. a.I. II. 184. b.I. VI. 864. a.
Insubrier werden von den Römern überfallen. I. VI. 813. a.b. ihr Krieg mit den
    Römern. I. VI. 858. a.b.
Inunan Reich der Seren. I.V. 645. b.
Jotape / Alexanders des Antonii Sohns Gemahlin. I. III. 329. b.
Irgebäude des Möris Königs in Egypten. I.V. 676. a.
Irmingardis verfolgt die Barden und Eubagen in Gallien. I. VII. 984. a.
Irrsterne in Bildern vorgestellt. I.V. 565. a. streiten um das Vorrecht. I.
    VIII. 1208. a. sind sieben Säiten auf der Harffe der Welt. II. I. 220. a.b.
    werden in den Eingeweiden der Erden gefunden. II. I. 221. b. siehe Gestirne.
Irrtum bezahlet unrecht. I. III. 213. b. Irrtümer der Menschen. II. II. 234.
    a. sind bei seite zu schaffen. II. II. 278. a.b. alt eingeführte Irrtümer.
    II. IX. 1615. a.b.
Is Königs der Seren verrichtete Taten und Regierung. I.V. 598. b.
Isis Bild zu Aten. I.V. 703. b. damit wird Terentia angedeutet. I.V. 704. b.
    ihr Dienst von Zarmarn verteidigt. I.V. 709. b. Isis Tempel zu Rom. I. IV.
    459. b. Isis Schleier niemahls aufgedeckt. II. I. 190. b. Isis stellet
    Agrippina für. II. VIII. 1348. b.
Ismene wird in der Schlacht mit den Römern von dem Zeno zur Beute / und von den
    Römern gefangen weggeführt. I.I. 38. a.b. seq. entlediget sich aus dem
    Gefängnis. I.I. 52. a. stellt die Königin Candace im Mohrenlande für. I. IX.
    1406. b. erscheinet in der Gestalt der Feuer-Göttin in einem Auffzuge / und
    erweiset eine sonderbare Geschickligkeit im Rennen. I. IX. 1414. b. ihre
    vortreffliche grosse Liebe gegen den Zeno. II. I. 10. a. Gespräche mit ihrem
    Bruder von beiderseits Liebe. II. I. 10. a. seq. gibt dem Zeno ihre Liebe
    zu erkennen. II. I. 133. a. seq. Gespräche der Ismenen mit der Zirolanen
    über ihre Entfliehung. II. VII. 1108. b. seq. Ismene wird von dem Druis in
    den Bann getan. II. III. 524. a. will sich nicht in den Catumer verlieben.
    II. III. 523. b. wird von den Druiden für Gericht gefordert. II. III. 529.
    b. Ismenens Verantwortung Rede gegen Luitpranden. II. III. 541. a. Ismene
    will sich umbringen wegen falsch geglaubten Todt des Zeno. II. III. 457. b.
    streitet darüber mit der Erato. ibid. sauget dem Zeno das Blut aus / und
    heilet ihn. II. III. 470. a.b. wird nach Rom gefangen geführt. II. IX. 1475.
    a. nimmt zu Aten bei ihrem Bruder Flavius unter dem Nahmen Zenobius
    Krieges-Dienste an. II. IX. 1618. a.b.
Istevon / Hertzog in Deutschland. I. II. III. a.
Juba König in Numidien hat mit den Getuliern Krieg. I. IV. 474. a. wird
    geschlagen und belägert. I. IV. 474. b.
Jubil / Britons / des letzten Bojischen Hertzogs / Sohn / rätt den Krieg wider
    die Römer. I.I. 23. a. trifft mit des Marbods Leuten. I. IV. 423. b. hält
    einen Kampff mit Boris / einem Sarmatischen Fürsten. I. IV. 426. a. wird für
    dem Reichstage befragt. I. VII. 1027. b. wird zum Oberhaupt der Marckmänner
    erklärt. I. VII. 1087. b. wird von dem Marbod geschlagen und muss entfliehen.
    I. VII. 1134. a.b. stösst zum Hertzog Herrmannen und wird von ihm
    auffgenommen. I. VIII. 1303. a.b. fordert den Feldherrn / unter Verstellung
    des Indianischen Königs / in einen Zweikampff. I. IX. 1367. b.I. IX. 1372.
    b. Jubils Liebe gegen die Leitolde. II. I. 13. a. verliebt sich aber
    hernach in die Catta aus einer Staats-Ursache; und sein Gespräch von
    Veränderung der Liebe mit Leitolden. II. I. 52. a. wird von Malovenden zu
    einem Zweikampff ausgefordert / und überwindet ihn. II. III. 448. a.b.
    streitet für Ismenen in einen Zweikampff / und gewinnt. II. III. 559. b.
    seine Vermählung mit der Fürstin Catta geht wegen Zauberei unglücklich ab
    und wird auffgehoben. II. VII. 1160. b. Jubil betrübt sich über die schlimme
    Nachricht von seiner Catta / und sagt ihren Eltern die Vermählung auff. II.
    IX. 1529. b. seq. nimmt sein Land ein. II. IX. 1564. b. wird in einem
    Schauspiele auffgeführet. II. IX. 1569. a. schlägt den Gottwald / und nimmt
    Boviasmum ein. II. IX. 1576. a. wird Hermundurischer König. II. IX. 1578.
    a.b. wird mit der Catta vermählet. II. IX. 1640. a.
Juden fahren in das Atlantische Eyland. I. II. 121. a. was sie für Schiffarten
    verrichtet. I. II. 279. b. ihr Gott wird geboren. II. VI. 975. b.
    verfluchen / wer der Griechen Meissheit lernt. II. V. 745. b. ihre Lehre von
    Gott. II. III. 538. b.
Iven / König der Seerer / führt Krieg mit einem andern Könige der Seerer. I.V.
    597. b. wird von der Syrmanis erschlagen. I.V. 614. a. seq. sein
    Begräbnis-Mahl. I.V. 641. a.
Jugurta wird überwunden. I. VI. 904. a. muss verschmachten. I. VI. 907. a.
Julia / des Käysers Tochter / wird von dem Drusus geliebt. I. IV. 389. a. geht
    arglistig mit Antonien umb. I. IV. 392. b. hat mit ihrer Schönheit den
    Julius Antonius gefangen. I. IV. 401. a.b. tödtet ihren Ehemann Marcellus.
    I. IV. 403. a. erbauet eine Stadt nach ihrem Nahmen. I. IV. 417. a.
    entbrennet in den Marbod. I. VII. 1070. a. will mit ihm nach Deutschland
    reisen / aber vergebens. I. VII. 1071. b. stellt die Diana für. I. VIII.
    1191. a. wird mit dem Tiberius vermählt. I. VIII. 1197. b. ihre Uppigkeiten
    verleiten sie zu Zauber- und Kupplereien. I. VIII. 1225. b. trachtet dem
    Augustus nach dem Leben. I. VIII. 1226. a. wird verwiesen. I. VIII. 1229. b.
    soll nicht mehr die Mutter des gemeinen Wesens genennet werden II. VI. 978.
    a.
Julich / eine Stadt von Julien erbauet. I. IV. 407. b. Forum Julium / daselbst
    Hertzog Gottwald sich biss an den Todt auffgehalten. II. IX. 1577. b.
Jung macht das Kraut Pusu. I.V. 642. b.
Jungfrauen besingen des Feldherrn Sieg. I.I. 63. a. sind nicht zu entehren. I.V.
    619. a. gräulichste Junfrau wird die schönste Frau. II. I. 89. a.
Jungfrauschaft hoch zu halten. I. III. 300. b. seq. bekommt Juno alle Jahr
    wieder. I. IV. 487. b. wird in Africa für einen Fehler gehalten / und
    bestehet in der Einbildung. I. IV. 488. b. vor Deucalions Sündflut nicht
    gelobt. II. I. 174. b. dessen Gelobung bei etlichen ein Greuel. II. I. 175.
    a. dessen Verlust für heilig zu halten. II. I. 175. a. wird bei den
    Deutschen hoch gehalten. II. IV. 703. b. wird durch Fliegen vorgestellt. I.
    VIII. 1278. a.
Junius / Abgesandter von Rom / muss sein Leben einbüssen. I. VI. 770. a.
Juno teilt Herrmannen seine Tusnelde zu. I. IX. 1373. b. wird von der
    Terentien fürgestellt. I. VIII. 1194. a. ihre Taten / Eigenschaften und
    Erfindungen fürgestellt. I. VIII. 1197. a. bekommt alle Jahr ihre
    Jungfrauschaft wieder. I. IV. 487. b.
Jupiters Bild. I.V. 571. b. hat drei Augen. I. VIII. 1293. a. bei den Deutschen.
    I. VII. 978. b. wird ein Freund genennet. I. IV. 352. a. Ammonischer
    Jupiter. I. III. 262. a. davon eine artige Stachel- Schrifft auff den
    Tiberius. II. IX. 1523. b. dessen Gottesdienst. I. IV. 484. b. Dodoneischer
    Jupiter. I. III. 262. a. Jupiters Bildnis wird von dem Drusus vorgestellt.
    I. VIII. 1193. b. seine Taten und Eigenschaften. I. VIII. 1196. a. seine
    Buhlschaften werden in einem Schauspiel ausgedrückt. II. VIII. 1441. a.
Ivus / Königs der Seeren / Taten und Regierung. I.V. 598. b.
                                       K.
Kampff der Cyclopen auffgeführt und vorgestellt. I. IX. 1413. a.
Kämpffer / Gürtel-Kämpffer zu Sparta I. IX. 1414. a.
Kassiopa / erster Brahmen I.V. 659. a.
Katze von Golde wird angebetet. I. II. 181. a.
Kaufmannschaft / ob sie dem Adel anständig sei / oder nicht. I. IV. 363. b.
    seq. giebet grossen Vorteil. I. IV. 364. a. und wird von grossen Leuten
    getrieben. I. IV. 364. a. siehe Handelschaft.
Kennzeichen sind etlichen Geschlechtern angebohren. I. VII. 1106. b.
Kessel von 600. Eymern auff 600. Pfeilern gemacht. I. IX. 1333. b.
Keuschheit / so versehret / bei den Deutschen gerochen. I. VI. 741. b. derselben
    Bildnis. I. VIII. 1201. b. kömmt auch Fürsten zu. I.I. 14. a.b. ohne
    Versuchung ist sie nur Schlaffsucht. I. VIII. 1215. b. wird gelobet / und /
    ob sie eine grössere Hertzhaftigkeit / als die Helden-Taten der Helden zu
    achten / untersuchet. I. IV. 439. a.b. wird vorgestellt. II. VIII. 1409. a.
    derselben Sieges-Lied. II. VIII. 1431. a. in einem Schauspiel auffgeführt.
    II. VIII. 1435. a. kömmt auch Eheleuten zu. I. IX. 1325. a. Krantz der
    Keuschheit der Tusnelden von dem Ober-Priester Lybis auffgesetzt. I. IX.
    1322. b.
Kihala / eine Göttin bei den Pannoniern. I. II. 150. a.
Kinder sind Pfeiler der Herrschaft. I. II. 174. b. Kinder-Opffer. I.I. 77. b.
    werden bei den Deutschen im Rhein gebadet. II. II. 363. b. sind Schutz und
    Ehre der Fürsten. II. II. 365. b. derselbigen Wohlerziehung ist den Müttern
    zu zuschreiben. II. 131. b. die keine Zähne haben / werden bei den
    Marsingern und Römern nicht verbrandt. II. V. 815. b. wo sie zu Aten und
    Rom weggelegt werden sein. II. V. 816. a. deren Bad und Prüfung bei den
    Deutschen. II. V. 812. b.
Kirchen-Räuber. I. VI. 782. a.
Kirschen Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 329. a.
Klage-Weiber aus Phrygien. II. VI. 956. a.
Kleider-Pracht ist nicht zu hintertreiben. II. III. 1409. a. Kleider dienen zur
    Uppigkeit. II. V. 787. a.b. Gewisse Art anzuziehen ist schädlich. II. I.
    186. b. weisse Kleider bei den Griechen ein Zeichen und Bild der Freiheit.
    II. III. 441. b.
Kleinmütigkeit stehet einem Fürsten nicht an. I. IV. 446. a. ist bei
    Uberwundenen unanständig. I. IV. 374. b.
Klodomer / Deutscher Fürst / gegen die Römer. I. VI. 766. b.
Klodomir / Sicambrischer Fürst / erlegt den Viridomar in einem Zweikampff. I.
    VI. 815. b.
Klugheit / siehe Staats-Klugheit.
Knaben-Kraut will Blumen-Königin sein. I. IX. 1388. b.
Kochen ist zu Rom eine sinnreiche Kunst. II. V. 776. a.
Komana von denen Vandalen erbauet. I.V. 526. a.b.
König in Persien schickt dem in Indien ein Bretspiel. I. II. 86. a. und ein
    König in Indien schickt einem Persischen Könige ein Königspiel. I. II. 86.
    a. Egyptier schreiben ihren Königen alles böse und gute zu. I.V. 635. b.
    Könige der Geten haben eine dienstbare Herrschaft. I. II. 143. a. Könige
    der Römer. I. II. 119. b. König der Indianer wiegt sich alle Jahr mit
    Edelgesteinen ab. I.V. 653. b. Könige bei den Persern und Americanern was
    sie tun sollen. I. IV. 168. a. Könige / so unter der Gewalt des Volcks. I.
    VII. 1084. b. Könige / ob und wie weit sie dem Urteil ihres Volcks
    unterworffen. I. VII. 1082. b. König / so glücklich und mächtig / wird höher
    gehalten / als ein tugendhafter. II. IV. 633. a.b. Könige bei den Galliern
    und anderswo an Gesetze gebunden. II. VII. 1296. b. ob das Volck Gewalt über
    sie habe. II. VII. 1295. a. wie die Serische Könige genennet werden. II. V.
    595. a. seq. ob sie ihre Reiche verlassen können. II. I. 68. a. Könige in
    Armenien / was sie tun müssen bei ihrer Crönung. I. III. 314. b. sind den
    Gesetzen der Natur unterworffen. I. III. 315. a.
Königs-Cron will die Herrschaft der Blumen behaupten. I. IX. 1387. b.
Königin der Scyten / wie sie erkläret werde. I.V. 622. a.
Königliche Herrschaft / ob und warumb sie den andern vorzuziehen. II. VII.
    1254. b. ob sie von Königen könne verlassen werden. II. I. 68. a.
Königs-Spiel / woher es seinen Ursprung habe / und ob es einem Fürsten anstehe.
    I. II. 86. a.
Kohl heilet zu Rom die Kranckheiten. I.V. 506. b.
Kokisem ein Reich in der neuen Welt. I. II. 122. a. und 124. a.b.
Kokusnüsse Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 331. b.
Köpffe der Gefangenen werden von Deutschen aufgehoben. I.I. 70. a. Köpffe auff
    dem Tarpejischen Berge gefunden. I. II. 91. b. siehe Haupt.
Korn wird in Pannonien zu Weitzen. I. II. 177. b.
Krähe bestellet Briefe. I. IV. 444. a.
Krancken Glaube macht gesund. I.V. 507. b.
Kranckheiten in einen Baum finden. II. III. 479. a.b. durch Einpflantzung zu
    heilen. II. III. 482. a. werden durch Anrühren geheilet. II. V. 800. b.
Kraut im Königreich Tangu wird im Wasser zu Kot; im Feuer aber glüend. I.I.
    181. b. Kraut Pusu macht alte Leute jung. I.V. 642. b. Kraut Qui vertreibet
    die Traurigkeit. ibid. Kraut zündet das Oel an. I. VII. 1053. a. von tausend
    Jahren. I. III. 203. b. Kraut / so fühlet. I. III. 208. a. glüet im Feuer.
    I. II. 181. b. Kräuter / ob sie eine Seele und Fühle haben. I.V. 608. b.
Kräuter-Manns Gespräche mit dem Cornelius Celsus von der Heilungs-Kunst. II.
    III. 479. b.
Krieg der Römer mit den Pannoniern und Dalmatiern. I. IV. 489. a.b. seq. mit den
    Daorichern. I. IV. 493. b. der Amazonen mit Vexores / Egyptischem Könige.
    I.V. 523. a. der Perser wider die Amazonen. I.V. 529. b. Deutschlandes mit
    denen Daciern und Sarmatern. I.V. 533. b. des Königs Huhansien mit den
    Seren. I.V. 592. a. und I.V. 605. b. der Scyten mit den Seren. I.V. 594. b.
    der Indianer mit den Scyten. I.V. 557. a.b. ersten Kriege der Deutschen. I.
    VI. 733. a. der Römer mit dem Brennus und den Semnonern. I. VI. 748. a. der
    Samniter mit den Römern. I. VI. 765. a. der Deutschen mit den Macedoniern.
    I. VI. 777. a. in Egypten zwischen dem Ptolomäus und Seleucus. I. VII. 786.
    a. der Römer mit den Cartaginensern. I. VI. 788. b. den Africanern. I. VI.
    792. b. der Cartaginenser mit den Spaniern. I. VI. 819. a. der
    Cartaginenser mit Syphax dem Numidischen Könige. I. VI. 847. a. der Römer
    mit den Macedoniern geht an. I. VI. 857. a. des Anitlus mit dem Gentius. I.
    VI. 879. a. dritter Krieg der Cartaginenser mit den Römern. I. VI. 885. a.
    der Cimbern unter Bojorich mit den Römern. I. VI. 900. a.b. des Sertorius
    mit den Römern. I. VI. 943. b. des Spartacus mit den Römern. I. VI. 951. b.
    Bürgerlicher Krieg der Hermunduren. I. VII. 1067. a. der Römer und Parter.
    I. VIII. 1229. b. der Römer / Dacier und Tracier. II. I. 69. b. des
    Gottwalds mit der Marmelinen und dem Marbod. II. V. 826. a.
Krieg mit dem Friede verglichen. I. II. 116. a.I. II. 173. a.b. Krieges Ursach
    und Vorwände ist zweierlei. I. III. 209. b.
Krieg ist auch aus wichtigen Ursachen nicht anzufangen. II. II. 378. b. Krieges
    Beschaffenheit. II. II. 234. a. Krieges Recht ist scharff. II. VI. 1037. b.
    Krieg ob er die Freundschaft auffhebe. II. III. 401. b. Krieg ist mit was
    wichtiges anzufangen. II. VI. 997. a. ist nicht ohnbedachtsam anzufangen.
    II. IV. 643. a.b. was er für Ursachen haben solle. II. IV. 644. a.b. II. IV.
    646. a. ob man sich in der Nachbarn-Krieg mischen solle. II. VII. 1276. a.
Krieg ist in des Feindes Lande zu führen. II. VII. 1146. a.b. sollen nicht zwei
    auf einmal geführet werden. II. VII. 1300. a.
Krieges-List des Flavius. I. IV. 475. a.
Kriegerische Fürsten sollen mit denen friedsamen abwechseln. I. II. 119. b.
Krone von Papier wird dem Pharnaces auffgesetzt. I. VI. 950. a. von Stahle der
    Stadt Vindobon Schutzbild. I. II. 151. a.
Kuh ist bei den Brahmanen heilig. I.V. 662. a. ist ein Bild der Fruchtbarkeit.
    ibid. b. wird herrlich begraben. I.V. 663. b.
Kunigundis reitzet ihren Gemahl zum Friedens-Bruche. I. II. 112. b.
Kunst verteidigt die Ehren-Säule. I. IX. 1420. a.
Künste machen weibisch. I.V. 612. a.b.
Küsse werffen wohin es ziele II. I. 190. b.
Küssen unter hohen Personen ist eine alte Gewohnheit bei den Deutschen. II. V.
    743. b.
                                       L.
Lager der Römer wird belägert. I.I. 53. a. und erobert. I.I. 59. b.
Lager der Römer wird von dem Feinde gestürmet. II. VI. 1572. a. seq.
Lämmer wachsen auf Stauden. II. II. 319. b.
Lämmer-Felle zu was sie vor dem bei denen Deutschen und Nordvölckern gebrauchet
    worden. I. IX. 1322. a.
Lampeto Königin der Getischen Amazonen. I.V. 526. a. verrichtet grosse Taten.
    I.V. 526. a.
Länder haben alle genung sich zu erhalten. I. II 105. b.
Landleben wird von den Helden beliebet. I. III. 246. a.
Landtaffeln des Anaximanders und Alexanders. I.V. 566. a. in Mäcenas
    Bücher-Saale. I. II. 127. b.
Langareten einer deutschen Fürstin Helden-Taten gegen den Marius. I. VI. 913.
    a.
Langobarden streiten mit den Cheruskern. I. IV. 245. a. werden von dem Tiberius
    angefallen; verteidigen sich aber tapffer. I. VII. 1155. a. verfallen mit
    dem Tiberius in Krieg / und suchen Hülffe bei dem Marbod. I. VIII. 1267. b.
    Langobarden begeben sich unter den Hertzog Herrmann. II. VII. 1252. a.b.
    wollen kein Weib zur Herrscherin haben. II. VII. 1265. b. haben von ihrem
    Reiche eine besondere Weissagung. II. VII. 1274. a.b. werden von dem Marbod
    überwunden / und er von ihnen zum Könige gusgeruffen. II. VII. 1276. a.
    Langobarden verfallen in einen Krieg unter sich selbst II. VII. 1272. a.
    Langobardischer Adel wird vogelfrei erkläret von dem Adgandester. II. VII.
    1282. b. machen einen Auffstand wider den Marbod. II. VII. 1289. a. kommen
    wieder zu ihrer Freiheit. II. VII. 1292. b. erwählen den Feldherrn zu ihrem
    Hertzog. II. VII. 1294. a. ihre Priesterschaft hat die Herrschaft über
    ihren Hertzog. II. VII. 1272. a. II. V. 829. a.
Laodice Artavasdes Reichs-Gefärten in Armenien Gemahlin. I. III. 244. a.b.
    klagt ihn Unvermögens an. I. III. 248. a.
Lars streitet wider die Deutschen. I. VI. 742. b.
Lasibile wird von Solamin aus dem Pannonischen Reiche vertrieben. I. II. 152. a.
Laster der Fürsten sind schädlich. I.I. 15. b. werden zu Tugenden gemacht. I.
    II. 87. a. sind anfällig. II. VI. 1018. a.b. was es sei / ist
    zweiffelhaftig. II. II. 270. a. wem sie zu vergleichen. II. III. 558. b.
    Laster hoher Personen sind so viel hesslicher. I. VIII. 1225. a. in einem
    Schauspiel auffgeführet. II. IX. 1617. a.b.
Lasterhafte Leute sind ärger als Tiere. I. IV. 434. a. und 435. a. Leute und
    doch berühmt. I. III. 233. b.
Lasurstein. II. III. 405. b.
Läuffer so geschwinde gewesen. I. IV. 444. b.
Leben wird mit dem Schiffbruch verglichen. II. VIII. 1318. a. Lebens wird ein
    weisser nicht überdrüssig. I.V. 697. b. Gedancken des Mäcenas vom Leben und
    Tode. I.V. 697. a.b. seq. des Epicurus Meinung hiervon. I.V. 697. a.I.V.
    712. a. Lebens Elend und Nichtigkeit ausgedrücket. I. VII. 1109. a.b.
Lehrmeister sollen verständig und eckel sein. II. I. 179. a.b.
Leibes Wachstum. I. VII. 1098. a.
Leibes Schwachheit schadet der Tapfferkeit nicht. I. III. 203. a.
Leibes-Früchte so schwanger gewesen und andere geboren. II. IX. 1499. a.
Leichen zu Rom begraben. I. VI. 943. a.
Leichen Gang dem Käyser Augustus angestellet. II. VI. 944. b.
Leinwands Wert / Herrligkeit und Vaterland. II. I. 185. a.b. seq.
Leitolde eine Marsingische Fürsten-Tochter erkieset ihr einen Bräutigam. I.
    VII. 1132. a. ist umsonst in Hertzog Jubiln verliebt / und verliert sich
    hernach von Hoffe. II. I. 161. b. lässet sich der Herta auf fünff Jahr
    einweihen. II. I. 191. a.b. hat ihr fünffjähriges Gelübde überstanden. II.
    IX. 1530. a. wird mit Hertzog Francken vermählet. II. IX. 1640. a.
Lelebisa errettet ihrem Gemahl das Leben. I. III. 274. b.
Leonars des Brennus Sohn verrichtete Taten. I. VI. 784. a. stifftet mit seinem
    Bruder das Reich Galatien. I. VI. 786. a.
Lerchenbaum ist bein Deutschen heilig. II. I. 172. b.
Leuchtenberg ein deutscher Obrister macht den seinigen eine Hertze. I. VI. 759.
    a.
Leutertals gedoppelte Verräterei. II. V. 828. b. II. V. 838. a.b.
Leier des Apollo macht einen Stein singend. I. IV. 450. b.
Leier des Orpheus was sie vor einen Klang gehabt. II. V. 908. b.
Letzter Wille des Augustus. II. VI. 945. b.
Libitier deutsche Völcker. I. VI. 733. a.
Libo ein Römischer Edelmann läst die höllischen Geister auf des Käysers Tiberius
    Leben beschweren. II. VII. 1152. a. seq.
Libys der Oberpriester in Deutschland opffert. I.I. 10. b. billiget die
    Ehren-Mahle der Helden. I. IV. 342. a. beweiset / dass nur ein Gott sei. I.
    IV. 344. a. doch in einer dreifachen Einigkeit. I. IV. 446. a.b. giebet
    Herrmannen und Tussnelden zusammen. I. VIII. 1170. a. setzet der Tussnelden
    den Crantz der Keuschheit auf. I. IX. 1322. b. hält ein Gerichte in einem
    Eichwalde mit den andern Druiden. II. III. 529. a. seq. Libys untersuchet
    den letzten Wille des Segimers / ob er der rechte oder unrechte sei. II. IV.
    595. a. redet die dem Tanfanischen Tempel einäscherten Römer an. II. VI.
    998. b. wird gefangen. II. VI. 1025. a.b.. wird aus der Römischen
    Gefangenschaft nebenst andern Gefangenen in Deutschland geschickt. II. IX.
    1402. a.
Libyen in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 486. a.
Lichter den Schlaff zu machen. II. IV. 567. a.b.
Liebe gekreuztiget und gesteiniget. I. II. 165. a. ist was anders / als
    Gewogenheit. I. III. 283. b. seq. durch allerhand Sinnbilder vorgestellt. I.
    VIII. 1178. a. ist ein Wetzstein der Tugend / und Ursache anderer
    Geschickligkeit; aber keine Kranckheit. I.V. 507. a. Liebe / die vernünftig
    ist / wie sie aussehe. II. IV. 637. a.b. rechtschaffene / was sie ausstehe /
    und wo sie ihren Ursprung her habe. II. IV. 637. b. wird durch
    Widerwärtigkeit herrlicher gemacht. II. III. 528. a. II. IV. 569. b. Liebe
    zu Gott / zur Tugend und die eheliche Liebe wird in einem Tantze
    vorgestellt. II. IV. 571. a.b. Zwist zwischen der Gebuhrts-Freundschafts-
    und Ehelichen Liebe. II. IV. 572. a.b. muss dem Beispiel der Bienen folgen.
    II. IV. 735. b. ihre Beschaffenheit und Würckung. II. VI. 1031. b. ob sie
    von Zauberern könne zu wege gebracht werden / und was sie vor einen Ursprung
    habe. I. IX. 1337. a. derselben befleissigen sich alle Dinge in der Welt. I.
    IX. 1425. a. ist die scharffsinnigste unter den Göttern. I. IV. 408. a. wird
    in einem Schauspiele vorgestellt. II. VIII. 1404. a. II. VIII. 1434. a. ihre
    Gewalt ausgedrücket in einem Getichte. II. VIII. 1404. a. ihren Lob-Gesang
    singet das Glücke. II. VIII. 1406. b. die Keuschheit. II. VIII. 1435. a.
    Liebe wird mit Perlen verglichen. I IX. 1375. a. ihr wird ein Altar
    auffgerichtet. I. III. 336. b. ihr wird im Tempel der Pallas von den Samiern
    ein Altar gebauet. II. I. II. b. ob die Liebe / oder das Hertze in dem
    Menschen zu erst zu leben anfange. II. I. 12. a. wie sie entstehe. ibid.
    wird von den Mohren mit Kohlen abgemahlet. II. I. 13. a. misstrauerischer und
    wütender Sinnbild. II. II. 340. b. Liebe höchste Gunst ist die
    Zusammenkunft. I.V. 652. a. ist von der Gewogenheit unterschieden. I.V.
    652. b. wie es mit ihr stehe. I.V. 653. a. wie sie von der Freundschaft
    unterschieden sei. II. III. 400. a. ist von unterschiedlicher Art. I. VIII.
    1190. a. wird von der Anmut geboren. I. VIII. 1192. a. hat keine
    Gemeinschaft mit dem Tode. II. III. 467. a.b. kann nicht zerteilt sein.
    II. III. 473. a. ihre Veränderung ist zulässlich. II. III. 476. b.
    schändlicher und hesslicher Liebe Eigenschaften I. VI. 842. b. Liebe mit
    sonderbahrer Eigenschaft. I. VIII. 1236. a. Liebe durch ein Sinnbild
    vorgestellt. I. III. 194. a. erfordert Gleichheit. I. III. 321. a.b. singet
    das gewaffnete Frauenzimmer an. I. IX. 1413. a. wird in einem Getichte
    gelobet. II. I. 45. a. des weiblichen Geschlechts ist heftiger / als des
    männlichen. II. IV. 703. a. das niedlichste in der Liebe. II. IV. 703. a.
    die empfindlichste und glückseeligste Liebe des Catumers und der Adelmunde
    beschrieben. II. IV. 702. seq. hat Verwandnüss mit dem Feld- Leben. II. IV.
    706. a. des männlichen Geschlechts / ob sie stärcker sei / als des
    weiblichen. II. V. 929. a. seq. pfleget Erleichterung und Entdeckung zu
    suchen. II. I. 14. b. zeuget Gegen-Liebe. II. I. 17. a. ihre Geburt /
    Kindheit und Aufferziehung. II. I. 17. a.b. ist die rechte Woltat. II. I.
    18. a. Liebe ohne Gegen-Liebe ist vollkommener / als andere. II. I. 24. a.b.
    Liebe der Anverwandten hat zum Ursprunge das Geblüt; die übrige die Sterne.
    II. I. 25. a.b. ihr Wachstum / wem es zu vergleichen. II. I. 146. b. sieht
    nicht auff grosses Gut. II. I. 155. a. was sie vor einen Ursprung habe. II.
    I. 167. a.b. II. VII. 1106. b. derselben Eitelkeit und Vergängligkeit. II.
    I. 192. b. Ubermässige / womit sie zu vergleichen. II. V. 817. a. gleichet
    dem Himmel. I.V. 549. a.
Liebes Artzeneien leschen dem Menschen das Licht aus. I. IX. 1337. b.
Liebe der Eltern woher sie entstehe. I.V. 516. b.
Liebes-Feuer dem natürlichen durch allerhand Sinnbilder verglichen. I. VIII.
    1178 a. seq.
Liebe Gottes ziehet die Seelen nach sich. I. II. 1396. b. ihre Vortreffligkeit.
    II. I. 193. a.b.
Liebes-Kranckheiten geheilet. I. II. 165. a.b.
Liebe Richter. II. V. 818. b.
Liebe des Vaterlandes der Ehestands-Liebe vorzuziehen. I. VI. 783. a.
Liebenden Trennung ist unerträglich. II. VIII. 1323. b.
Liebhaber welche wahrafftig solche sind. II. IV. 637. a.b.
Lieupang / König der Seren / streitet wider die Tattern. I.V. 601. b. ist aber
    unglücklich. I.V. 602. a.
Lieuping / König der Seren und seine Taten. I.V. 627. a.
Ligurier von den Römern gedrücket. I. VI. 863. a. kommen wieder empor. I. VI.
    882. b.
Lilge will Königin sein unter den Blumen. I. IX. 1388. a.
Lilibäum in Sicilien wird von den Deutschen erhalten. I. VI. 791. a.
Limonien baums Vorzug uñ Nutzbarkeit. II. II. 339. a.
Lincke Seite ist bei den Alemännern und Asiatischen Völckern die ehrlichste und
    ansehnlichste. II. V. 744. a.
Linden / heilige Bäume / warsagen den Untergang des Marckmännischen Reichs. II.
    VII. 1287. a.b.
Lingen / ein Graff / verbrennt mit List die Romischen Schiffe. II. VI. 1062. b.
Gräffin von der Lippe erzählt die Geschichte der Asblasten. I. VIII. 1188. b.
    seq.
Livia / des Germanicus Schwester / ist in den jungen Jahren die hesslichste in
    Rom / und wird hernach schön. II. I. 89. a.
Livia ist mit dem Käyser zu Rom / und lässt sich der Ceres einweihen. I.V. 684.
    b. II. V. 685. a. ihre Gespräche mit der Asblasten. I. VIII. 1189. a. will
    sie zu des Augustus Liebe bewegen. II. VIII. 1190. a. seq. ist eine
    Kupplerin ihres Gemahls. I. VIII. 1193. a. stellt in einem Auffzuge die
    Ceres für. I. VIII. 1194. b. streitet mit der Terentia / welche die schönste
    sei. I. VIII. 1212. a. setzet mit Schmeicheleien und Liebes-Träncken an die
    Tusnelde. I. VIII. 1250. a. seq. ihre Gottlosigkeit bei dem Gottesdienste.
    I. IX. 1332. b. will die Hiarne zur Liebe des Käysers bewegen. I. IX. 1333.
    a. wird unter dem Bilde des Bacchus göttlich verehrt. II. II. 292. a. ihre
    Listigkeit bei des Augustus Tode. II. V. 932. a.b. balsamirt den Käyser
    Augustus ein. II. VI. 969. a. bleibt 5. Tage in seinem Grabe. II. VI. 972.
    a. wird Priesterin des Käysers. II. VI. 973. a. ihr Angeben das Partische
    Reich in Unruh zu setzten. II. VII. 1118. a. seq.
Livius ist gar zu Pompejisch / und sparet sonst die Warheit. I. VI. 753. b.
Lob / siehe Nachruhm / Ruhm-Sprüche.
Lollius wird wegen seiner Verräterei hingerichtet. I. VIII. 1252. a.
Lorbeer-Baums Hoheit / Gebrauch und Nutzen. II. II. 320. b. seq.
Loos bei dem Opffer zu Upsal. II. V. 878. b. II. V. 882. a.
Lotus ein Wasser-Brunn. I.V. 641. a.
Lucius des Keisers Enckel ist wollüstig. I. IV. 451. b. wird davon umsonst
    abgehalten. I. IV. 466. a. liebt ein Mohrisches Fräulein. I. IV. 465. b.
    sticht den Flavius. I. IV. 472. a. wird von der Dido verwundet I. IV. 472.
    b. bricht zu Massilien den Hals. I. IV. 483. b. dessen Unart. I. VIII. 1228.
    a.
Löwen im Ringen. I. II. 102. a.
Lucretia ob sie eben so sehr zu loben. I. IV. 432. a. verglichen mit der
    deutschen Fürstin Chiomara. I. VI. 868. a.
Lucullus seine Taten gegen Tracien. II. I. 38. a.b. ist ein Glückskind. II.
    III. 504. b. streitet wider den Mitridates und Tigranes. I. III. 211. b.
    ziehet wider den Mitridates. I. VI. 946. b.
Lucumar beflecket seines Vaters Ehebette. I. VI. 741. b. wird dem Brennus
    überlieffert. I. VI. 744. a.
Ludewig des Brennus Sohn kömmt den Velitern zu Hülffe. I. VI. 753. a.
Ludgardis den Langobarden zur Herrscherin vorgeschlagen. II. VII. 1265. a.
Luft mit einem Tempel verehret. I.V. 565. a.
Luitbrand der fürnehmste Druys an Herrmanns Hoffe beschuldiget die Ismene einer
    Ketzerei. II. III. 540. b. gibt sich daselbst schuldig und wird gestrafft.
    II. III. 557. a. steckt einen falschen letzten Willen dem Segimer unter. II.
    IV. 600. a. liess sich von Adgandestern zu allerhand leichtfertigen Händeln
    gebrauchen. II. IX. 1520. b. wird gemartert und sagt falsch Zeugnis aus. II.
    IX 1554. a.b. bringt sich selbst um. II. IX. 1554. b.
Lügen ist bissweilen gut. II. VI. 1064. a.b.
Lusitanier gegen die Römer. I. VI. 889. b.
Lüsternheit wird gescholten. I. II. 106. a.
Lustauss von grosser Herrligkeit. II. III. 516. b.
Lutetius ein Glücks-Kind. II. III. 500. a.
Luters eines Sohnes des Brennus Taten. I. VI. 784. a. stifftet das Reich
    Galatien. I. VI. 786. a. ihm wird mit Gift nachgestellet. I. VI. 786. b.
Lycurgus wird im Schauspiel erstochen. II. VIII. 1414. b. seine Gesetz von neuen
    Eheleuten. I. VIII. 1185. a.
Lygier werden gebändiget. II. V. 821. b. fallen von dem Marbod ab. II. IX. 1564.
    a.
Lysimachia eine Stadt geht unter. I. II. 184. a.
Lysimachus König in Tracien und seine Taten. II. I. 34. b.
                                       M.
Macedonien hat Krieg mit den Deutschen. I. VI. 777. b. wird von ihnen erobert.
    I. VI. 779. b. von ihnen nochmahls angefallen. I. VI. 784. a. Macedonien
    verfällt in Krieg mit Rom. I. VI. 857. a. Macedonien wird in einem
    Schauspiel vorgestellt. II. III. 489. b.
Macedonier kommen in Tracien. II. I. 32. b.
Magilus ein deutscher Fürst schlägt die Römer und hält es mit Hannibaln. I. VI.
    823. a.b.
Magnetens Krafft weiset Cheucung ein Serischer Weltweiser. I.V. 636. a. dienet
    zun Schiffarten. I.V. 636. a.b. wird von den Seren Göttlich verehret. I.V.
    636. a. Magnet stösset das Eissen von sich. II. I. 12. b. Magnet worinnen er
    seine Krafft verliehre. II. III. 472. a.
Magurus eines Baums in dem Atlantischen Eylande Nutzbarkeit und Vorzug. II. II.
    332. b.
Mahle angebohren. I. III. 294. a.
Malerei wird in einem Schauspiele vorgestellt. II. V. 864. b.
Mahlschatz bei den Deutschen worinnen er bestanden / und wer ihn eingeführt. I.
    II. 113. b. Siehe Brautschatz.
Mahlzeiten so kostbar bei den Römern und Persern. I.V. 178. b.
Mahu eine See genennet von einem Drachen-Pferde. I.V. 606. a.
Majoran will Blumen-Königin sein. I. IX. 1391. b.
Makeda Mohrenländische Königin kömt zu dem Salomo in die Schule. II. V. 750. a.
Mallia Königin in Armenien. II. III. 1399. a.
Malorichs deutschen Feldherrns Regierung. I. II. 182. a.
Malorichen will der Graf von Hohenstein von der Römer Bündnis abziehen. II. V.
    1013. a.
Malorich wird auf der Römer Seite durch ertichtete Brieffe gebracht. II. VI.
    1016. b. seq. muss der Römer Seite annehmen. II. VII. 1166. a. seq.
Malovend ficht wider sein Vaterland / und bekömt ihm übel. I.I. 57. b. seq.
Malovend erzählt die deutschen und Römischen Geschichte. I. VII. 969. b. fodert
    Jubiln zum Zweikampff heraus; und wird dariñen von ihm überwunden. II. IV.
    347. a.b. leidet einen unversehenen Streich vom Stertinius. II. VI. 1053. a.
    verliebt sich aufs neue in die Fürstin Catta. II. 7. 1148. b. Fraget eine
    Zauberin deswegen um Rat. II. VII. 1153. a. II. VII. 1158. a. schlägt sich
    wieder zu den Römern. II. VII. 1162. a. entführet die Fürstin Catta. II.
    VII. 1163. a. geht im Treffen zun Römern über. II. VII. 1177. a. II. VII.
    1196. a.b. wird zum Römischen Bundsgenossen auffgenommen. II. VII. 1214. b.
    wird von seinen Marsen verstossen. II. VII. 1221. b. vereiniget sich mit den
    Römern. II. VII. 1196. b. seine Untertanen wollen ihn nicht wieder annehmen
    II. VII. 1239. b. hält um die Catta des Hertzogs Arpus Tochter an. II. IX.
    1533. a. welche ihm versprochen wird. II. IX. 1534. a. die er aber wegen
    sonderbahrer Zufälle nicht erlanget. II. IX. 1630. a. trit wieder zu den
    Deutschen und hält mit Bojocaln einen Zweikampff. II. IX. 1548. a. wird
    verwundet und stirbt. II. IX. 1549. b.
Mann wird bei den Deutschen verehret. I. VII. 977. a.
Mann Hertzog in Deutschland. I. II. III. a.
Männlich siehe männlich.
Manco lehret die Einwohner des Atlantischen Eylandes ein besseres Leben. I. II.
    124. a.
Mandelbaums Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 324. a.
Manlius bei und durch welche Gelegenheit er Torquatus genennet worden. I. VI.
    755. a.b.
Manlius ist ein Glückskind. II. III. 501. a. II. III. 502. b.
Manlius wird von den Deutschen geschlagen. I. VI. 823. b.
Maotun der Tattern König ist wider die Seeren glücklich. I.V. 601. b.
Marbod ziehet gegen den Drusus / und verträgt sich mit ihm. I. IV. 410. b.
    raubet Tussnelden. I. IV. 422. b. und 441. a. komt von Rom ins Vaterland. I.
    VII. 1069. a. seine Aufferziehung. I. VII. 1069. a. wird von der Julien
    geliebt. I. VII. 1070. a. muss Rom verlassen. I. VII. 1072. a. kommt bei den
    Hermunduren ans Bret. I. VII. 1073. a. Künste ihm das Krieges-Heer zu
    verbinden. I. VII. 1075. b. überwindet die Sebuster. I. VII. 1087. b. und
    Marckmänner. I. VII. 1088. a. und wird ein Haupt der Hermundurer. I. VII.
    1098. b. überwältiget die Bojen. I. VII. 1092. a.b. wird von innen
    überfallen und verwundet. I. VII. 1093. a. Tugend-Gespräche mit einem
    Einsiedler. I. VII. 1095. a.b. Gespräche mit einem Wurtzelmanne. I. VII.
    1123. b. kommt in Gefahr und nach derselben wieder in sein Land. I. VII.
    1134. a. nimmt den Bojen ihr Land und bringt die Suionen / Lygier und Arier
    unter sich. I. VII. 1139. a. Marbods tapffere Antwort dem Tiberius gegeben.
    I. VII. 1157. a. verlässet seine Bundsgenossen. I. VII. 1158. b. seine
    versichtige Herrschens-Kunst. I. VII. 1159. b. wird an einen Brunnen in
    Tussnelden verliebt. I. VIII. 1271. a. wird von Tussnelden errettet. I.
    VIII. 1271. a. hält bei dem Segestes umb sie an. I. VIII. 1284. a. giebet
    sich zum Unterhändler des Friedens zwischen den Römern und Deutschen durch
    Gesandschaft an. II. II. 355. a. will die Deutschen bekriegen / wenn sie
    nicht Friede machen. II. II. 326. a. Marbod kommt mit Gottwalden in einen
    Krieg und in einen Zweikampff. II. V. 834. a. seq. Marbod verspricht der
    Marmelinen Hülffe und verliebt sich in ihr. II. V. 821. b. erkläret die
    Marmeline zur fürstlichen Gemahlin. II. V. 837. b. bezwinget den Gottwald /
    und hält in Godanium seinen Einzug. II. V. 860. a.b. rufft seine Marckmänner
    von dem Feldherrn und dem Hertzog Arpus zurücke. II. VII. 1188. a.
Marbod hetzet die Semnoner und Langobarden unter sich zu seinem Nutzen an
    einander. II. VII. 1272. a. seine Herrschaft wird gelobet. II. VII. 1276.
    b. seine Künste werden offenbahr. II. VII. 1281. a. lässet sich nach
    Gefallen von dem Adgandester regieren. II. VII. 1283. a. verläst aus Furcht
    das Semnonische Gebiete. II. VII. 1292. b. will Adgandestern nicht
    abschaffen. II. VIII. 1358. a. wird von dem Adgandester aus dem Wasser
    errettet. II. VIII. 1359. b. Marbod wird von dem Herrmann geschlagen. II.
    IX. 1515. b. soll erstochen werden; wird aber errettet. M. IX. 1553. a. wird
    aus seinem Lande getriebe und fliehet in das Römische Gebiete. II. IX. 1972.
    a. lebt darauff noch achtzehen Jahr zu Ravenna. II. IX. 1572. a.
Maraboduum sonst Boviasmum. II. VIII. 1399. a.
Marcellus gegen die Insubrier schlägt den Zweikampff aus mit dem Hertzog
    Viridomar. I. VI. 815. a.b. stirbt als ein tapffrer Kriegesmann / aber
    unvernünftiger Feldherr. I. VI. 816. b.
Marcellus ein Glücks-Kind. II. III. 501. a.
Marcellus (Claudius) ein Tugend-Sohn. II. III. 502. a.
Marckmänner werden von dem Feldherrn geschlagen. I. IV. 423. b. entpöhren sich
    wider ihren König Briton. I. VII. 1065. a. verraten ihren Herrzog. I. VII.
    1074. a. Marckmänner Sitten und Gewalt über die Fürsten. I. VII. 1063. a.
    empöhren sich wider ihren Fürsten und ergeben sich dem Marbod. I. VII. 1064.
    a. werden von dem Marbod bezwungen. I. VII. 1088. a. werden von dem Marbod
    aus des Feldherrn Gebiete zurücke geruffen. II. VII. 1118. a. seq. nehmen
    den Herrmann zu ihrem Könige an. II. IX. 1577. a.b.
Marcomir Feldherr der Deutschen beherrscht eine zweifache Welt. I. II. 132. a.
    hat herrliche Siege. ibid. richtet zwei Säulen auff. ib. leget die
    Herrschaft nieder. I. II. 138. b. will dem Fürsten der Hermundurer den Kopff
    abschlagen lassen. I.V. 631. b.
Marius verliebet sich in die Hiarne / und tut die Cimbrischen Jungfrauen in den
    Tempel Vesta. I. IX. 1330. b.
Marius zieht wider die Cimbern und opffert seine Tochter Calphurnien. I. VI.
    908. b. überwindet die Cimbern. I. VI. 913. b. seq. schläget den Bojorich /
    und wird lebendig unter die Zahl der Götter gerechnet. I. VI. 929. a.I. VI.
    920. b. danckt ab. I. VI. 925. a. sein Tod und Urteil von ihm. I. VI. 926.
    b.
Marmariden dem Juba unterworffen. I. IV. 485. a.
Marmeline wird Fürstin der Gotonen. II. V. 811. a. seq. I. VII. 1152. a. will
    ihrem Bruder die Herrschaft nicht einräumen. I. VII. 1152. b. sucht bei dem
    Marbod Hülffe wider ihren Bruder und erlangt sie. I. VII. 1154. a.b.
    Marmeline wird von dem Marbod in Schutz genommen. II. V. 823. a. seq. kriegt
    mit ihrem Bruder. II. V. 834. a. seq. wird von dem Marbod zu seiner Gemahlin
    erkläret. II. V. 823. a. ihr Einzug in Godanium. II. V. 858. a.b. stirbt. I.
    VII. 1272. a.
Marpesia Königin der Getischen Amazonin hält sich tapffer. I.V. 526. a.
Mars sein Bild. I.V. 570. b. wird von dem Lucius in einem Schauspiel,
    vorgestellt. I. VIII. 1195. a. seine Taten und Eigenschaften vorgestellt.
    I. VIII. 1209. b. seine Erfindungen. I. IX. 1363. a.
Mars / Feldherr der Deutschen. I. II. 113. b.
Marsen Krieg mit den Römern. I. VI. 924. b. werden von dem Cäcinna überfallen.
    II. VI. 997. a. wollen den Malovend nicht wieder annehmen. II. VII. 1239. b.
Marsinger streiten wider den Hertzog Jubil. I. IV. 425. a. begehen jährlich das
    Fest der Freha. I. VII. 1126. a. bei ihnen hat die Deutsche Tichter-Kunst
    den Ursprung genommen. I. VII. 1132. a. nehmen Marboden zu ihren Schutzherrn
    an. I. VII. 1140. a. ihre Kunst in spinnen und weben. II. I. 185. b. seq.
Marsyas in einem Schauspiel mit dem Apollo streitend eingeführt. II. III. 491.
    b.
Martius (Ancus) in einem Spiele vorgestellt. II. III. 423. a.
Masanissa schlägt den Syphax aus dem Felde. I. VI. 847. a.b. wird zum Könige in
    Numidien erklärt. I. VI. 848. a.b. wird geschlagen / und erholet sich. I.
    VI. 849. b. nimmt den Syphax gefangen. I. VI. 850. a.
Massilien ist ein Begriff ganz Griechenlandes. I. IV. 481. a.b. eine getreue
    Freundin Deutschlandes. I. IV. 482. b. stehet den Römern bei. I. VI. 752. a.
Mastix Kost- und Nutzbarkeit. II. II. 309. a.
Masulipat / eines Gesandten des Indianischen Königs an den Augustus /
    Verrichtung. I.V. 656. a.
Matos bekriegt die Cartaginenser. I. VI. 806. a.
Mattium ergiebet sich. I. II. 185. b. ist die Hoffstadt des Hertzogs Arpus. I.
    VIII. 1293. b. und der Catten Hauptstadt. II. III. 520. a. wird
    eingeäschert. II. VI. 1033. b.
Maulbeerbaums in Italien seine Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 319. a. ein
    Rätzel hiervon. II. IX. 1498. a.
Mauer 380. Stadien lang. I.V. 540. b. lange Mauer bei den Seren von Tschina
    erbauet. I.V. 597. b. I.V. 601. a.
Mauritanien in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 487. a.
Mäyen-Blume will Königin unter den Blumen sein. I. IX. 1387. a.
Mecänas lebet tugendhaftig und prächtig. I. II. 110. b. wird beschencket. I.
    II. 127. b. hat ein anmutiges Lustauss. I. IV. 384. a. führt die
    Indianischen Gesandten zur Verhör. I.V. 690. b. unterhält sie auff einem
    Gastmahle. I.V. 691. a. seine anständige Treffligkeiten. I.V. 691. a. setzt
    seinen Gästen ein Vierteil von einem Esel für. I.V. 693. b. hat eine
    untreue Ehefrau. I.V. 695. a. seine Meinung vom Leben und Tode. I.V. 697. a.
    sein Bilder- Saal. I.V. 695. a. sein Buch / so Prometeus heisst. I.V. 702.
    a. hat am Verstande keinen seines gleichen. I. VII. 1061. a. stellt den
    Mercurius in einem Auffzuge für. I. VIII. 1193. b. Lob desselben wegen
    seiner ungemeinen Klugheit. I. VIII. 1197. a. lässt den Herrmann zu seiner
    Vertrauligkeit. I. VIII. 1213. b. setzet den August zum Erben ein und
    stirbt. I. VIII. 1222. a.
Mechtildis / Marsingischer Fürstin / der Hedwig erwiesene Gewogenheit. II. I.
    803. a.b.
Medea wird von den Marsen verehret. I.V. 540. b.
Medens Ursprung. I. III. 201. b. ihr Bildnis zu Rom. I. VII. 1070. a.
Medon / ein Deutscher Hertzog / fällt in Italien ein. I. VI. 734. b.
Meer / ob es könne eigentümlich genennet werden. II. VII. 1233. a. Meeres
    Eigentum / ab sichs behaupten lasse. II. VII 1236. a. Meere / so
    unterschieden / ob sie zu einander zu leiten / und mit einander zu
    vereinigen sind. I. IV. 371. b. Meeres Ursprung untersuchet. I. VII. 1116.
    a.b.
Meersberg heisset sonst Erensberg. II. IV. 686. b.
Meerwunder. I.V. 673. b. seq.
Meherdates / Priester der Natur aus Armenien. I.V. 555. b.
Meleager bekrieget seinen König. I. III. 209. b. bringt dem grossen Schweine
    einen Fang an. II. VIII. 1427. a. wird in einem Schauspiele vorgestellt. II.
    VIII. 1429. a.
Melitene / Hauptstadt in klein Armenien. I. III. 289. a.
Melo / Deutscher Fürst / klaget den Deutschen Fürsten sein Leid. I. VIII. 1312.
    a. fordert den Germanicus heraus. II. II. 257. b. schlägt ihn. II. II. 260.
    b. belägert Novesium. II. II. 272. a.b. entscheidet die Griechen und
    Druiden. II. II. 279. a. erobert das Ubische Altar / und stellet sich
    hartnäckicht gegen den Frieden. II. II. 361. a. geht heimlich mit den
    Römern einen Vertrag ein. II. IV. 725. b. Lässt sich wider die Deutschen mit
    den Römern in ein Bündnis ein. II. V. 996. a. wird ermahnet von den Römern
    abzustehen. II. V. 1012. a. lässt sichs reuen / dass er sich zu den Römern
    gewendet. II. VII. 1167. a.b.
Memmius (Lucius) ein Glücks-Kind. II. III. 503. a. stillet durch seine Kühnheit
    einen Auffruhr. II. VI. 991. a.b.
Memnons Bild in Egypten. I. VII. 1120. b. Memnons Säule bleibt von dem Cambyses
    unangefochten. I. IX. 1415. a.
Memnons Säule in Tebe. I. IX. 1422. b. lacht frühe; weinet des Abends. II. V.
    872. a.b.
Menalcas in einem Schauspiele vorgestellt. II. IX. 1483. a.
Menschens Ursprung nach der Meinung der Egyptier und Deutschen. I.V. 732. b.
    Menschen sind in den Regungen ärger / als ein Tier. I. IX. 1341. a. Mensche
    ist die vollkommenste Harffe der Welt. II. I. 222. b. seq. in den Menschen
    sind alle Bildungen der Messkunst zu finden. II. I. 124. a.b. des Menschen
    Grösse aus einem Gliede zu urteilen. II. II. 124. b. seq. er ist zum Friede
    geschaffen. II. VIII. 1328. b. desselben natürlicher Zustand. I.V. 737. b.
    soll ein Tempel Gottes sein; hänget aber an denen Eitelkeiten. II. I. 193.
    a.b. gleichet dem Magnetsteine. II. V. 733. a.b. ist veränderlich / bald zur
    Gemeinschaft / bald zur Einsamkeit geneigt. II. V. 734. a.b. ist ein Bild
    Gottes. II. V. 736. a. verwandelt sich oft in ein Tier. II. V. 736. b.
    will Gottes Stimme in den Kreaturen nicht hören. II. IV. 685. b. ist das
    grimmigste Tier / und seine in der Bosheit zunehmende ausgeteilte Jahre.
    I. VII. 1096. a.
Menschen-Fleisch / ob es zulässlich gegessen werde I. VII. 1032. a.
    Menschen-Fresser. I. II. 123. a.b.
Menschen-Opfferung / siehe Opfferung.
Menschlich Geschlecht kömmt von einem her. II. VI. 1025. b.
Merckmahle gewisser Geschlechter. II. V. 799. b. gewisser Völcker. II. V. 800.
    a.
Mercurius Bildnis. I. VIII. 1193. b.I.V. 569. b. wird vom Mecenas vorgestellt
    seinen Taten und Eigenschaften nach. I. VIII. 1198. b. seine Erfindungen
    fürgestellt. I. IX. 1363. b.
Meris lässt eine See 50. Ellen tieff in den Sand graben. I.V. 675. b. und
    Irr-Gebäude auffbauen. I.V. 676. a.
Messala (Valerius) heuchelt dem Tiberius. II. VI. 946. a.
Messkunsts-Bildung ist in den Menschen zu finden. II. I. 124. b.
Metalle werden herausgestrichen. II. II. 303. a.
Metellus / ein Glücks-Kind. II. III. 500. b. Cäcilius Metellus / ein
    Glücks-Kind. II. III. 503. a. Quintus Metellus ein Glücks-Sohn. II. III.
    503. b. Quintus Cäcilius Metellus / ein Glücks-Kind. II. III. 505. a.
Meiland wird von Deutschen erbaut. I. VI. 734. a.
Meinz wird von dem Feldherrn beälgert. II. II. 348. b.
Micipsa wird getödtet. I. IV. 485. b. sein Betrug gegen die Deutschen. I. IV.
    485. b.
Midas verwandelt alles in Gold. I. II. 180. b.
Milch unterschiedener Tiere ihre Beschaffenheit. II. I. 208. a.b. ob sie ein
    Weib oder Mann gemolcken kann Agatien unterschieden. I.V. 670. b. seq. Milch
    der Mutter von der Milch der Schafe / Ziegen und Ammen unterscheiden I. VII.
    1150. a. Milch-Bäder. II. I. 93. a.b. Milch-Gebürge. I. VIII. 1189. b.
Miltiades wird in einem Auffzuge fürgestellet. II. III. 441. b.
Minerva wird fürgestellet. I. VIII. 1194. a. ihre Taten / Eigenschaften und
    Erfindungen werden fürgestellet. I. VIII. 1198. a. Minervens Bild zu Aten.
    I.V. 684. b. Minervens Schleier. I. IV. 342. b. ihr Bild darff zu Rom
    niemand sehen / als die Vestalischen Jungfrauen. I. IX. 1333. b.
Minotea Königin der Amazonin ist in den Oropastes verliebet. I.V. 542. b.
    sticht ihrer Schwester deswegen die Augen aus. I.V. 544. b.
Minutius Römischer Feldherr wird mit seiner Vermessenheit zu schanden. I. VI.
    831. b.
Mion eine Stadt ergibt sich. I.V. 648. a.
Missbrauch von dem rechtmässigen Gebrauch zu entscheiden. I. IX. 1344. b.
Missgunst befördert die Tugend. II. II. 320. b.
Mispel anrühren Bekräfftigung der Warheit bei den Druiden. II. III. 546. b.
Mispel-Crantz des Hohenpriesters in Deutschlande. II. III. 546. b.
Mitridates König der Parten schickt an Roderichen eine Gesandschaft. I. II.
    173. a.
Mitridates läst die Gefangenen mit einem Zehrpfennig los. I.I. 70. a.
    Mitridates ersticht seinen Sohn. I.V. 512. a. sein Dolch wird dem Polemon
    von dem Schutz-Geiste eingehändiget. I.V. 514. a.
Mitridates König in Partien. I. III. 214. a.
Mitridates Pontischer König nimmt Zuflucht zu dem Tigranes. I. III. 211. b.
    wird verwundet. I. III. 212. b. seine Geburt durch einen Schwantzstern
    angedeutet. I. VI. 927. a. seine Wissenschaften / Aufferziehung und
    verrichtete Talen. ibid. was er vor einen Rat von dem Marins bekommen. I.
    VI. 929. a. fänget mit den Deutschen an. I. VI. 929. b. verfällt mit den
    Römern in einen Krieg. I. VI. 932. b. läst viel von dem Deutschen Adel
    erschlagen. I. VI. 938. b. lässet seinen Sohn vergifften. I. VI. 942. a. will
    sich mit Gifte tödten; läst sich endlich erstechen. I. VI. 950. a.
Mitridatens Taten in Tracien. II. I. 37. a. seq.
Mittel des Erdbodens in Taprobana. I.V. 656. b.
Mittler unter den Streitenden sind sehr nützlich. II. II. 356. b. ob sie zu
    verwerffen / wenn sie sich selbst angeben? ibid.
Mitternacht ist fruchtbar an Völckern. I. VI. 732. b.
Mogerin eine wohlriechende Blume. I.V. 551. a. will Blumen-Königin sein. I. IX.
    1389. b.
Mohr wird weiss. I. VII. 1152. b. Mohren werden vier Augen zugeeignet. II. I. 15.
    b. Mohren die ersten Menschen. II. II. 343. a. sollen eine schwartze
    Zeugungs-Krafft der gemeinen Meinung nach haben. II. I. 93. b.
Mohrenland wird in einem Schauspiel aufgeführt. II. III. 487. b.
Mohrinnen schön und Liebens wert. I. IV. 457. b.
Moling Königl. Hauptstadt in Tschina. I.V. 639. a.b.
Moltzblume will Blumen-Königin sein. I. IX. 1389. a.
Monatbilder werden auf einer Mahlzeit aufgesetzet. II. IV. 436. b.
Mond wird von den Deutschen geehret. I.I. 8. a.b. voller Mond hat mehr Krafft
    als der Neumonden. II. VII. 1262. a. Monden-Bild. I.V. 569. a. ob im Monden
    Leute sein? und ob etliche daraus auf die Erde gefallen. I.V. 574. a.b.
    siehe Vollmond.
Monden-Altar von dem Germanicus aufgerichtet. II. VI. 1000. b.
Monden-Fische. I.V. 673. a.
Monden-Finsternis verursachet Furcht I. VI. 782. b. seq. Monden-Finsternis kommt
    dem Drusus zu statten bei dem Aufruhr der Legionen. II. VI. 980. a.
Mondes Lauff. II. I. 304. a.
Monden-Schein wird von den Deutschen in acht genommen. I. 7. 977. b.
Monden-Stein. I.V. 632. a.b.
Monden-Zelt fürgestellt I. IX. 1364. a.
Monime Arsinoens Kammer-Mägdlein soll entführet werden. I. III. 286. a.
Mopsus in einem Schauspiel vorgestellt. II. IX. 1483. a. seq.
Morgengabe bei den Deutschen. II. IV. 703. b. siehe Brautschatz.
Morellen Nutzen und Vorzug. II. II. 328. b.
Morgenröte ob ihr zu opffern. I.V. 527. b.
Morgenröte Abbildung. I. IX. 1405. a.
Moses verbietet den Hurenkindern den Eintritt ins Heiligtum. I. VII. 975. b.
Mosincken Fürst wie er gestraffet werde. I. II. 143. b.
Mous König der Seren fängt Krieg an mit den Tattern. I.V. 599. b.
Mumien in Egypten. I.V. 678. b.
Muren ein herrlicher Fisch. I. IV. 385. a. wird von der Antonia hochgeachtet I.
    IV. 385. a. wie auch von andern. I. IV. 387. b.
Murena ein edler Römer verliebet sich in die Antonia. I. IV. 387. b. rettet sie
    aus dem Wasser I. IV. 390. a. wird von Julien geliebt. I. IV. 394. a. wird
    Stadt- Voigt. I. IV. 401. b.
Musa-Baum in Indien ihr Nutzen und Vorzug. II. II. 336. a.
Muscaten-Baums Nutzen und Vorzug. II. II. 335. b.
Mussbaum will Blumen-König sein. I. IX. 1389. b.
Mussen in einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 491. b. werden in einem
    Auffzuge fürgestellet. II. III. 440. a.b.
Museus sein Gedichte. I.V. 703. a. Museus Haupt wahrfaget nach seinem Tode. II.
    I. 28. b. entspringet von dem Orpheus. II. I. 29. b.
Müssiggang in einem Auffzuge vorgestellt. II. III. 438. a.
Mutinus Tetinus I. III. 302. b.
Mutinus Bild zu Rom. I. VIII. 1201. a.
Mütter pflantzen den Kindern Tugend an. II. I. 81. a.b.
Mütter opffern ihre Söhne. II. VII. 1141. b. sollen die Kinder selbst säugen. I.
    VII. 1149. a.
Mütterliche Blutschande mit dem Sohne wie sie die Termusa gebilliget. II. VII.
    1120. a.
Mutter-Liebe ist unzertrennlich. I. VII. 1148. b. Zwei Mütter streiten um ein
    Kind. II. V. 816. a.
Müntzen mit Zahlen bezeichnet sind von sonderbahrer Krafft. II. III. 405. b.
    seq. Römische Müntzen mit ihrem Gepräge. II. IX. 1562. a.
Myrrhen-Baums Vortreffligkeit / Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 307. a.
Myrten-Baums Hoheit / Nutzbarkeit und Vorzüg. II. II. 322. b.
Myrtilus des Onomans Fuhrmann vorgestellt. II. VIII. 1413. b.
                                       N.
Nabel-Kraut will Königin sein unter den Blumen. I. IX. 1391. a.
Nachfolge im Reiche bei den Indianern. I.V. 657. a.
Nachfolger im Reich sind beizeite zu erwählen. I. II. 182. b.
Nachrede ist von Fürsten zu verachten. II. VII. 1248. a.
Nachruhm den Helden zuständig. I. IV. 348. b. ist unterschieden von ewiger
    Schande. I. VII. 1099. a. Nachruhms Eitelkeit. I. III. 218. b. siehe
    Ruhmsprüche.
Nachtigallen singen bei des Orpheus Grabe. I. IV. 450. b.
Nackt gehen die Deutschen und Indianer ohne böse Begierden. II. V. 787. a. siehe
    Entblössung.
Nadel weiset bei den Deutschen den Schiffahrenden den Weg. I. II. 131. b.
Nahalania was es bei den Batavern gewesen. II. IV. 635. b.
Nahmen wenn sie bei den Deutschen und andern Völckern gegeben werden. II. II.
    364. a. werden in den Tempeln auffgezeichnet. II. II. 364. a. Nahmen der
    Oeter und Menschen gewisse Bedeutung. II. II. 259. a.
Nahmen Veränderung dienet zur Abgötterei. I. IV. 347. a. Nahme wird verändert
    den Königen der Seren. I.V. 640. b. unglückliche Nahmen. I. III. 226. a.
Nanmin ein Berg in Tschina. I.V. 620. a.
Narcissblumen Lob. I. IX. 1386. b. will den Vorzug haben für den Blumen. I. IX.
    1398. b.
Narrheit ist eine Erhalterin der Welt. I. VII. 105.
Narvas deutscher Hertzog geht zu den Cartaginensern über. I. VI. 792. b. wird
    als ein Knecht verkaufft. I. VI. 794. b. soll dem Saturnus geopffert werden.
    I. VI. 795. a. wird Feldherr und gefangen genommen. I. VI. 798. a. soll von
    den Affen getödtet werden / entkommt aber. I. VI. 799. a. errettet den König
    der Numidier / und wird König der Massesiler. I. VI. 802. a.b.
Narvas / der Jüngere / verliebt sich in Sophonisben. I. VI. 803. b. wird mit ihr
    vermählt. I. VI. 805. a.
Nattern Eigenschaft untersucht. I. VII. 1124. a.I. VII. 1125. b.
Natter findet in Agtstein ihr Grab. I. VII. 1117. a.
Natur eine Göttin; abgebildet und verehret. I.V. 562. a. ob sie eine
    Stieffmutter sei? I.V. 554. b. ist nicht Gott / sondern sein Spiegel. I.V.
    585. a. Natur hat iedem Lande gnung gegeben. I. II. 108. a.b. Natur ist
    nicht auszulernen. II. III. 482. b. wird vorgestellt. II. II. 302. a. blidet
    allerlei in Steine. I. IX. 1418. b.
Natur eine Frau. II. V. 735. b.
Neid in einem Bilde vorgestellt. I. VIII. 1180. b. und in einem Schauspiele
    vorgestellt. II. VIII. 1411. b. II. VIII. 1427. b. seine Beschaffenheit
    ausgedrücket. II. VII. 1303. a.
Neigung / so viehisch / bei den Menschen verborgen. I. VII. 1100. b. Neigung der
    Seelen / wie sie geschehe. II. II. 362. a.
Nelcke will Königin unter den Blumen sein. I. IX. 1388. b.
Nemesis Bild zu Smyrna I. IV. 407. a.
Neptunus wird von dem Cajus in einem Auffzuge fürgestellt. I. VIII. 1194. a.
    seine Taten / Eigenschaften und Erfindungen werden fürgestellt. I. VIII.
    1198. a.b.
Nero (Claudius) ein Glücks-Sohn. II. III. 501. b.
Nervier Ursprung. I. VI. 792. b.
Neuigkeiten sind beliebet. II. I. 94. b.I. VIII. 1261. a.
Neunaugen werden auffgesetzet. I.V. 578. b.
Neunjähriges Feuer zu Upsal. II. V. 587. b.
Nicomedes / Stadtalter zu Libyssa / erlässt den Zeno aus dem Gefängnis. I.V.
    513. a.b. muss sich nach dem Mitridates einrichten. I. VI. 929. b.
Nicomedes / König in Bitynien / sucht Hülffe bei den Deutschen. I. VI. 785. b.
Nicomedien wird von den Deutschen beschützet. I.
Nicopolis in Armenien wird erbauet. I. VI. 949. b.
Niensulin / Serischer Weltweiser / geht den angemuteten Reichs-Aemptern aus
    dem Wege. I.V. 644. a.
Nil wird an einer Spitz-Säulen abgebildet. I.V. 675. b. sein Wachstum und seine
    Uberschwemmung. ibid. seq.
Nocol / ein Ligurier / erfindet die neue Welt. I. II. 125. a.
Nomades / ein Scytisches Volck / besitzet Sogdiana eine Landschaft. I.V. 590.
    b. ob es nur Räuber sind. I.V. 591. a.
Nord-Stern von Phöniciern zum Leit-Stern der Schiffarten erkieset. I. II. 121.
    a.
Not-Blumen wollen den Vorzug haben. I. IX. 1394. a.
Novesium wird von dem Melo belägert und erobert. II. II. 279. a.b.
Numa in einem Spiel vorgestellt. II. VIII. 422. b.
Numantia wird viermahl belägert. I. VI. 893. b. seq. äschert sich selbst ein. I.
    VI. 895. a.
Numidien in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 486. a.b.
Numidische Kriegs-Händel. I. VI. 848. b.
                                       O.
Obrigkeiten der Römer benahmet. II. III. 483. b.
Obst / ob es den Blumen vorzuziehen. II. II. 304. a.
Ochse / von was für Farbe er bei denen Deutschen und Egyptiern zum Opffer sein
    müssen. II. I. 200. a.b. seine vielfältige Nutzbarkeit. I.I. 201. a. seq.
    küpfferne Ochsen werden bei denen Cimbern im Kriege gebrauchet. II. V. 889.
    b. Ochsen-Post in Indien ist die geschwindeste. II. I. 201. b.
Oel / so unverbrennlich ist. I. II. 181. a. Oel des Phidias erhält seine Bilder
    für Rost und andern Veränderungen. II. IV. 451. a.
Oelbaum ist ein Sinnbild der Fruchtbarkeit. II. I. 176. a. Oelbaums Nutzbarkeit
    / Lobspruch und Vorzug. II. II. 315. a.
Oenomaus in einem Schauspiel eingeführt. II. III. 498. a.
Örter haben gewisse Unsterne und Unglück. II. I. 259. a.
Ogyges wird von Uberschwemmung der Erde erhalten. II. V. 746. b.
Ohren werden dem Bojocal abgeschnitten / und vieler Spott hierauff. I. IX. 1544.
    a.b. II. IX. 1546. b. abgeschnittene Ohren bringen den Smerdes um das
    Königreich. II. IX. 1549. a.
Olorene / Markomirs Schwester / ist in Friedebalden verliebt. I. II. 154. a.
    wird von dem Astinabes / dem Könige der glückseeligen Inseln / verlangt. I.
    II. 157. b. wird von ihrer Gemüts- und Leibes- Kranckheit geheilet. I. II.
    164. b. dem Astinabes vermählet. I. II. 167. b.
Olympia / Tiridates Tochter / wird dem Könige in Armenien / Artaxias /
    verheiratet. I. III. 227. a. wird gefangen. I. III. 237. b. seq. soll mit
    Artobazen verheiratet werden. I. III. 241. b. ersticht sich selbst. I. III.
    242. b.
Onomaus / König zu Elis / wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. VIII. 1410.
    b.
Opalen Vaterland und Beschaffenheit. II. III. 412. b. dienet zum Pitschier des
    Mecenas / und wird Nonius darumb verjagt. I.V. 700. b.
Opffer der Deutschen. I.I. 10. b II. I. 1213. b. der Egyptier und Jüden. II. I.
    196. a.b. des Feldherrns wegen erhaltenen Sohns. II. II. 363. b. der
    Agrippinen / nachdem sie den Caligulam geboren. II. IV. 731. a.b. Opffer
    bei dem neunjährigen Feier zu Upsal. II. V. 878. b.
Opfferung des Tumelichs. II. VII. 1135. b. II. VII. 1439. a. seq. Opfferung der
    Menschen bei den Getuliern. I. IV. 478. a.b. ist grausam und wird vom
    Feldherrn Marcomir abgeschaffet. I. II. 133. b. wird auch in Svionen durch
    eine Weissagung auffgehoben. II. V. 883. a.
Oresta / Sitz des Tracischen Reichs und Heiligtums. II. I. 77. a.
Orgetorich kann die Herrschaft des Ariovists nicht leiden. I. VII. 988. b. muss
    sich mit Gift hinrichten. I. VII. 988. b. seine Entschliessung wird vom
    Julius Cäsar unterbrochen. I. VII. 989. b. schläget die Römer. I. VII. 991.
    a.
Orismanes / Armenischer Fürst / richtet im Reiche Unfug an. I. III. 308. a.
    verlanget die Erato. I. III. 3. b. tödtet sich. I. III. 317. a.
Oritia eine Amazonische Königin ficht tapffer. I. 5. 525. b. seq.
Orodes Königes in Persien Grausamkeit. I. VII. 1047. a.b. wird in Artaxata
    belägert. II. IX. 1565. a.
Orodes / König in Partien. I. III. 215. a. wird mit Gift hingerichtet. I. III.
    222. b.
Oropastes / ein Sohn des Cotiso / von den Amazonen gefangen und los gelassen. I.
    VIII. 542. a. verliebet sich in den Zeno. ibid. muss flüchtig werden. I.V.
    550. b. wird genötiget in Scytischen Krieg zu gehen. I.V. 598. b.
Orpheus Leier / was sie für einen Klang gehabt. II. V. 908. b. wird mit seiner
    Euridice in einem Schauspiele vorgestellt. II. I. 44. b.
Osaces / Feldherrn in Partien / verrichtete Taten. I. III. 220. b.
Ostanes / ein Zauberer / kriegt seinen Lohn. II. IX. 1605. a.b. seq.
Ost-See in einem Schauspiel vorgestellt. II. V. 868. b.
Otin / Gott des Krieges / bei den Deutschen verehret. II. V. 877. b.
Oxatres / Reichs-Rat in Armenien. I. III. 312. a. kömmt umb. I. III. 316. b.
                                       P.
Pacor / Partischer Fürst / wird gefangen. I. III. 219. a. heiratet Sigamben /
    eine Armenische Fürstin. ibid b. fliehet zu dem Artabazes. I. III. 220. b.
    kömmt umb. I. III. 222. a.
Padebrun / wie er entstehe. II. VI. 969. b.
Palamedes / Erfinder des Schachspiels. II. IX. 1643. a.
Palmbaums Nutzbarkeit / Vorzug und Alter. II. II. 300. a. lehret / wie der Sieg
    zu gebrauchen sei. II. V. 783. a.
Pallas Bild zu Rom darff niemand sehen / als nur allein die Vestalischen
    Jungfrauen. I. IX. 1333. b. siehe mehr Minerva.
Pan bewillkommt den Ariovist in einem Walde. II. V. 906. b.
Pandal wird obrister Feldherr. I. II. 114. a.
Pannonien führt Krieg mit den Römern. I. IV. 990. a. seq. wird in einem
    Schauspiel vorgestellt. II. III. 490. a.
Papagoy macht / dass sich Siuchau ergiebet. I.V. 606. b. warsaget. I.V. 607. a.
    können reden. I.V. 609. b.
Papier / so unzerbrennlich. I. II. 182. a. Papier von Cocus-Bäumen. II. II. 331.
    b. ist von den Deutschen erfunden worden. II. V. 747. a. käyserlich Papier.
    II. III. 387. b.
Papierbaums in Egypten Vorzug. II. II. 320. a.
Paradiess-Vogel ist ein Bild der Fürsten. I.V. 676. b.
Parrhasius verfertiget seine Gemählde singende. I. II. 86. b.
Parter Krieg wider die Armenier und Römer. I. III. 215. a. werden von den
    Deutschen geschlagen. I. VII. 1050. b. seq. sind ein Zeichen der Römischen
    Herrschaft. II. VII. 1117. b. woher sie ihren Ursprung haben. I.V. 525. a.
Parter Geschichte unter dem Augustus. II. VII. 1157. a. Parter werden von dem
    Herrmann überwunden. I. VIII. 1233. a.
Partische Gewohnheiten. I. IX. 1367. b.I. IX. 1371. a.
Parysatis Ehebruch und schmählicher Todt. II. I. 104. b. seq.
Paterculus (Vellejus) Römischer Gesandter handelt von dem Recht der Gesandten.
    II. VIII. 1379. a.b. ist zu Maraboduum in Lebens-Gefahr. II. IX. 1573. a.
Pelias von seinen dreien Töchtern zerstückt. II. IX. 1487. b. Gallischer Poet.
    II. IX. 1487. a.
Pelops ist in die Hippomania verliebt / und wird in einem Schauspiel eingeführt.
    II. VIII. 1416. b. seq.
Penninische Gebürge verehren die Gallier. I. VI. 825. b.
Pentasilea der Amazonischen Königin Schwester wird von dem Zeno geliebt. I.V.
    521. a. ist in den Telephus der Mpsier König verliebt. I.V. 529. a. muss
    deswegen in Mysien flüchten. ibid. b. kommt wieder in ihr Land. I.V. 540. b.
    ist in Oropasten verliebt. I.V. 542. a.b. wird deswegen ihrer Augen
    beraubet. I.V. 544. b.
Peonie will Blumen-Königin sein. I. IX. 1389. a.
Pergamus wird belägert. I. VI. 864. a. wird eingenommen. I. VI. 865. b.I. VI.
    881. b.
Pericles wird in einem Auffzuge fürgestellet. II. III. 441. b.
Periegetes ein Weltweiser / und Hofemeister der Erato. I. III. 230. b.
Perlen werden in Deutschland gefunden. II. III. 410. b. wie die gelben gezeuget
    werden. II. III. 411. a. wie und wo sie gesangen werden. II. III. 411. a.b.
    Perlen werden in der Queiss gefangen. II. V. 810. b. von sonderbahrer Art und
    Wert. I.V. 632. a. von sonderlicher Grösse haben einen König. I. IX. 1374.
    b. ihre Eigenschaft und Schätzbarkeit; sind mit der Liebe zu vergleichen.
    I. IX. 1375. a. welches unter den Elementen am meisten zu ihrer Zeugung
    tue. I. IX. 1375. b.
Perlen Nutz / Missbrauch / Natur und Kostbarkeit zu Rom. II. III. 406. a. seq.
Persien wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 489. a.
Perser streiten wider die Amazonen / aber unglücklich. I.V. 530. a. sind dem
    Trunck ergeben. II. V. 580. b. bei ihnen darff sich der König des Jahrs nur
    einmal volltrincken. I.V. 581. b.
Perses in Macedonien bekrieget die Römer durch Hülffe der Deutschen. I. VI. 873.
    b. muss die Flucht nehmen / und entweihet ein Heiligtum. I. VI. 878. b. wird
    in Rom zum Sieges-Gepränge geführet. I. VI. 879. a.
Persische Seltzamkeiten. I. IX. 1367. b.I. IX. 1371. a.
Persischer Könige Nahmen. I. IX. 1372. a. Gewohnheit. I. VII. 1066. a. Persische
    Könige verändern ihr Lager. I.V. 584. b. dürffen sich des Jahrs nur einmal
    volltrincken. I.V. 581. b.
Peryegeten rühmten sich die schönsten zu sein. I. IX. 1387. b.
Petronius ein Glücks-Sohn. II. III. 505. b.
Pfauen des Königes der Mohren. I.V. 611. a.
Pfefferstaude Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 335. b.
Pfeffer wird von den Phöniciern ins Meer geschüttet. I. II. 107. a.
Pferde wahrsagen böses. I. II. 36. b. gutes. I.I. 30. b. werden der Sonnen
    geopffert. I.V. 550. b. Pferde der Sarmaten lauffen geschwinde. I. IV. 444.
    a. Pferd macht das ganze Römische Lager schüchtern. II. VI. 1070. a. das
    fürnehmste Krieges-Zeichen der Cherusker. II. II. 348. b. in Herrmanns Wapen
    / davon ein Bild genommen. II. IX. 1538. a.b. eine Sinnebild daraus. II. IX.
    1585. b. des Cne Sejus macht seine Besitzer unglücklich. II. IX. 1595. a.
    Pferde von Adel. II. I. 177. a.b. werden bei Vermählung des Feldherrn
    abgeschlachtet. I. VIII. 1175. a.b. Pferde Geschlechts-Register. I.V. 650.
    b. ihre übrige Zubereitung ist schädlich. I.V. 650. b. Pferd des Hectors.
    II. IV. 708. a.
Pfirsken Nutzen / Vorzug. II. II. 328. a.
Pflantzen ob sie eine vernünftige Regung haben. I.V. 607. b. werden
    herausgestrichen / und verlangen den Vorzug von der Natur. II. III. 303. a.
Pflaumen Nutzen / Fruchtbarkeit. II. II. 329. a.
Phasis eine Stadt in Bosphorischen Reiche. I. III. 288. a.
Pherecydes lehret die Unsterbligkeit der Seelen. II. V. 745. a.
Phidias fügt sein Blenbild in den Schild der Minerva. II. V. 736. a.
Phileterus König in Attalien reibet sich an die Deutschen. I. VI. 787. a.
Philipp König in Macedonien bekriegt die Illyrier. I.V. 534. b. Philipps Königs
    in Macedonien Kriege. I. VI. 865. a. seq. Philippus König in Macedonien
    bemeistert Tracien. II. I. 32. b.
Philippus (Quintus Martius) ein Glücks-Sohn. II. III. 503. a.
Philiscus bringt die Weissheit in Tracien. II. I. 39. a.
Philopemenes Sieges-Bilder. I. IV. 341. b.
Phönicier kommen in das Atlantische Eyland. I. II. 120. b.
Phönix gibt Anlass zu Sinnbildern. I. IV. 354. b. seq. äschert sich ein. I. VI.
    923. a. lässt sich sehen. II. V. 516. a.
Phraataces wird von seinem Vater Phraates zu seinem Nachfolger erklährt. II.
    VII. 1118. b. seine Blutschande mit seiner Mutter. II. VII. 1120. b. wird
    ermordet. II. VII. 1121. b.
Phraates / König in Partien / streitet wider den Tigranes. I. III. 214. a.
    kömmt umb. ibid. richtet seinen Vater und Sohn hin. I. III. 222. b.
    bekrieget Armenien. I. III. 245. b.
Phraates wirfft sich gegen dem Vater zum Könige auff. I. VII. 1058. a.b. erwürgt
    den Vater. I. VII. 1054. a.
Phraates schickt dem Augustus die eroberten Adler wieder. I.I. 7. a. II. VII.
    1117. b. gibt den Römern viel Söhne zu Geisseln. II. VII. 1118. a. wird mit
    Gift hingerichtet. II. VII. 1121. b.
Phrygien wird in einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 488. a.
Pindarus wird von Alexander dem Grossen hoch gehalten. I. II. 135. a.
Pingli ficht tapffer gegen die Scyten. I.V. 623. b. erlangt von dem Feinde eine
    Ehren-Seule. ibid.
Pinnes schlägt die Römer. I. IV. 490. b.
Pinnes / der jüngere / streitet wider die Römer. I. IV. 493. b.
Pipelas / ein in Stein gehauenes Weib. I. II. 123. b.
Pirimal folget seinem Bruder / und wird König über Indien. I.V. 557. a. sein
    unglücklicher Streit gegen Huhansien. I.V. 648. a. seq. hält bei dem Käyser
    August umb Hülffe an wider die Scyten. I.V. 653. b.
Piso wird Landpfleger in Syrien. II. IX. 1512. a. bringt dem Germanicus Gift
    bei. II. IX. 1634. b.
Pistatzenbaums Gebrauch / Nutz und Vorzug. II. II. 323. b.
Pituanus / Zauberer zu Rom / ist der Zauberinn Wartburgis in der Kunst
    überlegen. II. VII. 1152. b. bekommt seinen Lohn. II. VII. 1153. a.b. II.
    VII. 1154. a.b.
Plato lehret verdeckt. I. IX. 1351. b. eignet der Tugend Flügel zu. I. III. 342.
    b. seine Lehre von den Weibern. I. III. 201. b. seq. und von der Seele. II.
    I. 191. a. bindet seinen Zuhörern die Ehrerbietung gegen ihre Seele ein. I.
    VII. 1101. a. sein Grabmahl zu Aten. I.V. 706. b. sein Lehrmeister. I.V.
    710. a.
Pleiades geben mit ihrer Bewegung Anlass zu Erfindung der Täntze. I. IX. 1413. a.
Pleisse in einem Schauspiele auffgeführt. II. IX. 1566. a.
Pleurates König in Illyris hält sich wohl. I.V. 535. a.
Poausa nimmt Ivus / den König der Seren ein / und kommt umb. I.V. 599. b.I.V.
    600. a.
Podalia sein Grab. I. II. 164. a.
Poeten sind meistenteils arm. II. IX. 1524. b.
Pöfel / ob und wie viel sein Urteil über Fürsten sein könne. I. VII. 1081. b.
    wem er zu vergleichen. II. I. 113. a. II. I. 117. a. ist in Einfalt und
    Unwissenheit zu erhalten. II. I. 180. b.
Polemon König in Pontus. I. III. 249. b.I. III. 252. b. wird auch König in
    Bosphorus. I. III. 253. a. hat einen bösen Traum. I. III. 261. b. wird von
    seinem eigenen Sohne tödtlich verwundt. I. III. 290. a. stirbt. I. III. 294.
    b. will seine Gemahlin und Tochter erstossen. I.V. 512. a.b. sein
    sonderlicher Traum. I.V. 519. a.
Pollux wird mit einem angestellten Ritterspiel verehret. I. VIII. 1239. 6.
Polycrates Ring wie er zu Tussnelden kommen. I. VIII. 1273. a.I. VIII. 1283. b.
Polymnestors Untergang II. I. 29. a.
Pommerantzen-Baums Nutzbarkeit / Ansehen und Vorzug. II. II. 339. a.b.
Pompejus wird gegen den Mitridates und den Tigranes geschickt. I. III. 212. b.
    Pompejus ein Tugend- Sohn. II. III. 504. a. Pompejus kriegt Hülffe von den
    Traciern. II. I. 39. a.b. Pompejus tritt zum Sylla über. I. VI. 940. b.
    wird vom Sylla der grosse Pompejus geheissen. I. VI. 943. a. führt den Krieg
    wider den Mitridates. I. VI. 949. a. nimmt Jerusalem ein. I. VI. 949. b.
    hält sein Sieges-Gepränge. I. VI. 951. a. ziehet wider den Cäsar. I. VII.
    1033. a. muss in Egypten seine Gurgel einem Knechte darreichen. I. VII. 1036.
    b.
Pontische Reich. I. III. 252. b.
Pontus wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. II. 488. b.
Popel Sarmatischer Heerführer. I. IV. 994. a.
Porcellan kommt nach Rom. I. IX. 1362. b. von Porcellan ein Turm. I.V. 639. b.
Porcellan wird von den Seren nach Rom von dem Pompejus gebracht. II. V. 762. b.
Porcia wird vorgestellt. I. VIII. 1204. a. ihre Tat wird überleget. I.V. 656.
    a.
Portaon wird in einem Schauspiel erstochen. II. VIII. 1414. b.
Postumius wird von den Samnitern eingeschlossen. II. VI. 765. a.b.
Priapus Bilder den kleinen Kindern gut. II. IV. 730. b.
Prias wird in einem Schauspiel erstochen. II. VIII. 1415. a.
Priester soll ein Fürst nicht beleidigen. II. V. 783. a. II. VIII. 1391. a. ihre
    absonderliche Kleidung. I.V. 660. a. Priester sonderliche Würde. I.V. 558.
    a.b. haben sich aber nicht in irrdische Händel zu mischen. I.V. 569. b. ihre
    Gebrechen sind zu ertragen. I.V. 563. b. Egyptische Priester essen von
    keinem Tiere. I.V. 663. b.
Priester haben bei den Langobarden die Herrschaft über ihren Hertzog. II. VII.
    1272. a. II. VIII. 1429. a.
Priesterliche Würde ist bei den Deutschen dem Adel zuständig. II. I. 177. a.b.
    ist bei etlichen Völkkern mit weltlicher Herrschaft vereinbaret. II. VII.
    1241. b.
Priestertum ist vor dem bei den Deutsche von den Fürste verrichtet worde. I.
    VII. 970. a. Priestertum ist bei etlichen Völckern den Schönsten gegeben
    worden. II. V. 878. a. ist bei den Deutschen und andern Völckern
    Unverehlichten anvertrauet worden. II. I. 174. b. des Aegiensischen Jupiters
    wird den allerschönsten Gaben anvertrauet. II. I. 43. a.
Priscus (Tarqvinius) in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 423. a.
Prometeus ein Buch so Mecenas geschrieben. I.V. 702. b.
Prometeus wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 425. a. sein
    Heiligtum. I.V. 566. a. sein Bildnis. I.V. 577. b. betrachtet die Sternen;
    ob er an den Caucasus gebunden worden. I.V. 577. b. sein Bildnis fällt über
    einen Hauffen. I.V. 586. a.
Protis von der Gyptes zu ihrem Bräutigam erwehlet. I. II. 154. b.
Prusias kommt in Bytinien. I. VI. 865. b. nennet sich einen Freigelassenen des
    Rats zu Rom. I. VI. 880. a. plündert die Tempel. I. VI. 881. a.
Prytaneum zu Aten. I.V. 689. a.
Ptolomäus König in Macedonien berückt seine Schwester Arsinoe schändlich. I. VI.
    776. a. seq. heiratet sie und tödtet ihre Kinder. I. VI. 777. a. verlieret
    eine Schlacht und sein Haupt. I. VI. 778. b.
Ptolomäus der Jüngere wird König I. VII. 778. b.
Pulver ist bei den Seren gebräuchlich. I.V. 647. b.
Purpurfarbe woher sie entstehe. I. IX. 1393. b.
Pusse einer Göttin ihr Bildnis. I.V. 642. a. kömmet vom Himmel auf Erden. ibid.
    durch sie wird die Isis und Natur vorgestellt: ibid.
Pyräum wird belägert. I. VI. 936. a.b. geht über. I. VI. 936. a.
Pyräischer Haven. I.V. 683. b.
Pyrrho ein Griechischer Welt-Weiser hat sonderliche Lehre / und was sein
    höchstes Gut gewesen. II. II. 266. a.b.
Pyrrhus König in Epirus fällt mit den Deutschen in Macedonia ein / und schlägt
    den Antigonus. I. VI. 784. b. hilfft denen Miltzbeschwerten. II. V. 800. b.
Pytagoras wie er von den Bramahnen angebetet werde. I.V. 664. b. verfälschet
    die rechte Weissheit. I.V. 666. b. seine Lehre von der Seele. I.V. 666. b.
    sein Lobspruch. I.V. 680. b. seine Nachfolger / Vater / Verwandten / Taten
    und Erfindungen. I.V. 682. a. seine Lehre von Zusammenstimmung der sieben
    Irrsterne. II. V. 908. a.
Pytagorische Lehre ist die andere Staffel des Alironischen Heiligtums. I. IX.
    1343. a.
Pytischer Apollo. I. III. 262. b.
Pytodoris ziehet den jungen Sohn des Königs Polemons auff. I. III. 292. a. wird
    Königin in Armenien / und lässt hernach den Zeno seine Geburt und Stand
    wissen. II. IX. 1607. b. erzehlt ihren Lebenslauff. II. IX. 1607. b. seq.
                                       Q.
Quaden werden gleichsam von den Schwaben zu Knechten gemacht. II. VII. 1144. a.
    werden von dem Vannius unter sich gebracht. ibid.
Quanchung wird erobert. I.V. 631. a.
Quangcheu eine Wunderstadt. I.V. 645. a.
Quirinus (Publius) Bürgermeister zu Rom. I. IV. 484. b.
Quittenbaums Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 337. a.
                                       R.
Rabe / ein Ritter / woher er den Nahmen bekommen habe. I. VI. 759. a.
Raben kündigen den Deutschen Unglück an. I. VI. 759. a.
Rabenstein / woher er den Nahmen bekommen habe. I. VI. 759. a.
Rache macht blind. I. IV. 429. a.b. wird in einem Schauspiele vorgestellt. II.
    VIII. 1412. b. seq.
Rakimis / König der Geten / trit das Reich ab und ist unglücklich. I. II. 142.
    a.b. seq.
Ranzau / ein Cimbrischer Gesandter. II. V. 873. b.
Räte sollen nicht furchtsam sein; ein Gespräch hiervon des Feldherrn mit dem
    Hertzog Arpus. II. VI. 983. b.
Ratschläge wem sie zuweilen gleich sein. I. VIII. 1246. a. welche am besten
    sein. II. VI. 988. a. wem sie zu vergleichen. II. I. 117. a. kommen von sich
    selbst aus. II. II. 369. b. welches die besten sein? II. VI. 988. a.
    furchtsame Ratschläge wie sie aussehen. II. V. 812. b.
Räuber sind fähig / dass mit ihnen Friede geschlossen werde. II. II. 377. b.
Recht der Natur. I. IV. 351. a.b.
Recht der Völcker verteidigt die Gesandten. II. VIII. 1381. a.b. was es von
    der Reichsfolge haben wolle. II. I. 68. b.
Rechte Seite bei Deutschen / Persern und Römern für die ehrlichste gehalten. II.
    V. 744. a.
Rede über der Fürstin Wallpurgis ihrem Tode. I.I. 13. a. des Arminius an die
    deutschen Fürsten. I.I. 17. a.I.I. 31. b. des Hertzogs Arpus. I.I. 20. a.
    des Segestes. I.I. 21. b. des Hertzog Jubils. I.I. 23. b. des Hertzog
    Inguiomers. I.I. 26. a. des Priesters Libys. I.I. 78. b. des Feldherrn
    Marcomirs. I. II. 183. a. des Feldherrn Herrmanns. I. III. 194. b. der
    Königin Erato an ihre Stände. I. III. 314. b. des Königs Huhansien an die
    Syrmanis und sein Volck. I.V. 625. a.b. die letzte Rede Terentiens an ihren
    Mecenas. I. VII. 1221. a. Liebes-Rede des Marbods an Tussnelden. I. VIII.
    1274. b. des Germanicus an sein Krieges-Heer. II. II. 258. b. des
    Befehlhabers Stertinius an sein Volck. II. II. 280. b. des Fürsten Zeno an
    seine Erato. II. III. 461. b. an den Zeno. II. III. 463. a. des obristen
    Priesters bei Hegung des Gerichts über die Ismene. II. III. 838. b.
    Luitbrands Anklagungs-Rede gegen Ismenen. II. III. 539. b. ihre entgegen
    gesetzte Verteidigungs- Rede. II. III. 540. a. Rede des sterbenden Grafen
    Solms. II. IV. 712. b. Lobrede Drusus auff den verstorbenen Augustus. II.
    VI. 958. b. des Tiberius auff eben denselbigen. II. VI. 965. b. Rede des
    Germanicus an das auffrührische Krieges-Volck. II. VI. 992. b. des Segestes
    an den Germanicus. II. VI. 1036. b. des Feldherrn an sein Krieges-Heer. II.
    VI. 1042. a. Rede des Froto an sein Krieges- Heer. II. V. 894. b. des
    Priesters Libys an die den Tanfanischen Tempel einäschernden Römer. II. VI.
    998. b. des Germanicus an sein Krieges-Heer. II. VII. 1227. b. des
    Oberpriesters der Langobarden an den Adel. II. VII. 1273. a.b. des
    Oberpriesters bei den Semnonern bei der Wahl eines Fürsten. II. VII. 1279.
    a. des Grafen Ravenssperg gegen die Deutschen. II. VII. 1167. b. des
    Germanicus an sein Krieges-Volck tapffer zu fechten. II. VII. 1182. b. des
    Feldherrn und Ingviomers an ihr Krieges-Volck. II. VII. 1190. a. des
    Tiberius an den Rat zu Rom II. IX. 1490. a. des Herrmanns an sein
    Krieges-Heer von der Schlacht wider den Marbod. II. IX. 1513. b. des Marbods
    an seine Soldaten. II. IX. 1514. a. Abdanckungs-Rede des Hertzog Herrmanns
    an die Cherusker. II. IX. 1636. a.
Redligkeit ihr Bildnis. II. II. 333. b.
Regen so Gold bringt. I.V. 598. b. wird nach einer siebenjährigen Dürre vom
    König Tangus bei den Seren erbeten. I.V. 596. a.b.
Regierungs-Kunst aus Garten-Gewächsen gewiesen. II. V. 751. a.
Regillus (Cäcilius) ein Glücks-Kind. II. III. 502. a.
Regulus ein Glückskind. II. III. 500. a. Regulus in Africa I. VI. 789. b. stirbt
    zu Cartago für Betrübnüss. I. VI. 790. a.
Regungen ob sie eine Kranckheit des Gemüts sein. I. IX. 1344. a.b. ob sie
    auszutilgen / böse  / gut oder mittelmässig sein. I. IX. 1344. a. ob sie den
    Tieren zukommen. I. IX. 1347. b.I. IX. 1348. b. siehe Gemüts-Regungen.
Reiche sollen nicht unmässig erweitert noch mit andern vereiniget werden. II.
    VII. 1300. a.b. II. VIII. 1400. a. II. III. 371. a.
Reiche werden von Brüdern einander aufgedrungen. I.V. 599. a. Reiche so erblich
    und nicht geteilet werden können. II. IV. 593. a.
Reichs Nachfolge wie sie nach dem Völcker-Rechte beschaffen sei. II. I. 68. b.
    Reiche Untergang woher er entstehe. II. VII. 1286. a.
Reichs-Pfänder vieler Reiche / insonderheit der Römer. II. VII. 1274. a. siehe
    Schutzbilder.
Reichs Urheber und ihrer Vergrösserer Würde. I. II. 134. a.
Reichhold ein deutscher Fürst tröstet den Hannibal. I. VI. 844. a.
Reichtum ist besser als Armut. II. V. 853. b. Reichtum ob es ein Pfeiler sei
    der Reiche. I. II. 179. b.I. II. 180. b. Reichtum ob es denen Untertanen
    nützlich sei. I. VII. 1056. a.b.
Reigerbeitzen. I. II. 88. a.b.
Reisen / so gross und geschwinde verrichtet. I. IV. 443. a.
Rennespiel wird gehalten. I. IX. 1414. a.
Reuter / so feurig werden von den Römern über der deutschen Heere gesehen. II.
    VI. 1060. b.
Rhamis Braut des Segimers wird von den Räubern errettet. I. VIII. 1294. a.
Rhascuporis heiratet die Ada. II. I. 82. a. wird von ihrem Gemahl zum Ehebruch
    verleitet. II. I. 97. a. läst sich für den König in Tracien ausruffen. II.
    I. 115. b.
Rhascuporis muss nach Rom. II. IX. 1627. a. wird endlich erstochen. II. IX. 1634.
    a.
Rhein ist zur Gräntze Deutschlandes und Gallien gemacht. II. VIII. 1344. b.
Rhein-Wein wird nach Rom geführt. II. II. 289. b. sein herrlicher Geschmack und
    gute Farbe. II. II. 297. b. seine Tauerung. II. II. 301. a.b. Rheinwein hat
    den Preis für andern allen. II. VIII. 347. a.b.
Rhemetalces wird von der Aurinia vom Tode befreit. I.I. 80. b.
Rhemetalces verwundet den Segestes. I. IV. 424. b. wird zum Fürsten
    Deutschlandes erkläret. I. IV. 442. a. hält sich in Pannonien wohl. I. IV.
    490. a. erzählt die Beschaffenheit seines Vaterlandes Tracien / und die
    Taten seiner Vorfahren. II. I. 27. a. seq. ihm wird mit Gifte
    nachgestellet. II. I. II. a. wird in Verhaft gesetzt von seinen Vater. II.
    I. 119. a.b. ziehet nach Rom / und von hier in Deutschland. II. I. 126. a.
    entweicht aus ungegründeter Eifersucht aus Deutschland. II. VII. 888. a. II.
    VII. 795. a. streitet für Ismenen in einen Zweikampff. II. III. 560. a.
    verwundet den Siegemund tödtlich. II. VII. 794. a.b. erfähret von dem
    Tiberius seine unzeitige Eifersucht. II. IX. 1489. b. kommt mit der
    Zirolanen wieder zusammen / und will sich mit ihr aussöhnen. II. V. 1491. b.
    ziehet von Rom. II. IX. 1522. a. besuchet seine Clotildis. II. IX. 1624. a.
    komt in sein Erb-Königreich. II. IX. 1627. b.
Rhemetalces König in Tracien geht zum Octavius über. II. I. 70. a.
Rhemetalces unwissend zum Ehebruche verleitet von der Ada. II. I. 106. a. wird
    erschlagen. I.I. 115. b.
Rhetier was es für ein Volck sei. I. IV. 349. b. handeln wider das Recht der
    Natur. I. IV. 353. b.
Rhodan / an demselbigen ist ein Tempel dem August gebauet. I. IV. 355. b.
Rhodis umsonst von den Mitridates angegriffen. I. VI. 935. b.
Rhodobates komt vom Cyrus um. I.V. 530. a.
Rhodope bei den Traciern. II. I. 29. a.
Rhodus wird von einem Erdbeben eingeworffen. I. II. 184. b.
Rhumsprüche ohne Verdienst wem sie zu gleichen. I. VII. 1099. b. siehe Nachruhm.
Rhumsucht so übermässig wem sie zu gleichen. I. VII. 1099. a.
Rhymetalces allzufrühzeitige Herrschaft ist Tracien nachteilig. II. I. 73. a.
    wird vom Trone gestürtzt. II. I. 77. a. komt aber wieder dazu. II. I. 78.
    a.
Riama des Feldherrn Marcomirs Tochter verliebet sich in Friedebalden. I. II.
    153. b. wird Clodomirn hernach Feldherrn verheiratet. I. II. 160. a. wird
    von ihrer Gemüts- und Liebes-Kranckheit geheilet. I. II. 164. b.
Riessen-Gebürge. I. VII. 1117. a.b.
Riessen Pusion und Secundelle zu Rom. I. III. 202. b. sind ungeschickt. ibid.
    seq.
Rindviehes Nutzbarkeit. II. I. 200. b.
Ring des Augustus heilt gewisse Kranckheiten. II. V. 800. b. Ring Polycratens
    kommt unversehens zu Tusnelden. I. VIII. 1273. a. Ringe so Weissagungen in
    sich haben. I. VIII. 1284. a.b. werden hochgeschätzt. I. II. 97. b. von
    sonderbahrer Krafft. ib. Ring wird von dem August einem Knechte gegeben zum
    Zeichen seiner Freiheit. I. VII. 1046. a. Ringe gewisse Anzeigungen. I. II.
    102. b. von Golde wer sie zu Rom getragen. I. II. 99. a. von Eissen werden
    von den Catten getragen. I. II. 97. b. auch von andern. I. II. 97. b. Rätzel
    auf einen Ring. II. IX. 1498. a.
Ritterspiele zu Sinope. I. III. 253. b. Ritterspiel dem Castor und Pollux zu
    Ehren zu Rom angestellet. I. VIII. 1239. b. zu Deutschburg bei der
    Vermählung des Feldherrn. I. IX. 1353. b.I. IX. 1368. a. seq. zu Godanium.
    II. IX. 1562. b. Sarmatische Ritterspiele der allerannehmlichsten. I. IX.
    1369. b.
Roderich Feldherr der Deutschen regieret wohl. I. II. 172. a. trit seinen Bruder
    Pannonien ab. I. II. 173. a. schickt Mitridaten dem Könige der Parten
    herrliche Geschencke. I. II. 175. a.
Rollers Erichs Königs der Suione Bruder ungläubliche Tapfferkeit. II. V. 874. a.
    wird in einem Zweikampff mit Torismunden erlegt. II. V. 900. a.b.
Rom wird wegen seiner Grösse dienstbar. I.I. 5. a. wie gross es gewesen. I.I. 7.
    a. wie viel es Menschen in sich gehabt. I. II. 107. b. wie viel Bürger zu
    Zeiten des Augustus. II. II. 234. a. Rom hat die Freiheit verloren / als
    die Griechischen Künste zu ihr gekommen. I.V. 613. a.b. zittert über die
    Niederlage des Varus. I. IV. 445. b. verfället in Wollüste und Laster. I.
    VI. 923. a. wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. VI. 422. b. wird in
    einem Sieges-Gepränge vorgestellt. II. IV. 484. b. Roms Beschaffenheit nach
    Absterben des Augustus. II. VI. 943. a. wird durch den Deutschen Krieg
    erschöpfft. II. VII. 1094. b. Roms Wachstum und Grossmütigkeit. I. VI. 852.
    a. ihr Untergang vom Scipio geweissaget. I. VI. 886. b. Rom will Catilina
    vertilgen. I. VI. 954. b. welcher Gott am meisten zu seinem Wachstum
    beigetragen. I. VIII. 1204. a. singt ein Loblied von ihrer Freiheit. II.
    III. 440. b. erteilet Deutschlande die Helffte ihres Crantzes. II. III.
    446. a.b. wird vom Brennus erobert und verbrant. I. VI. 748. b. zu einem
    Schauessen auffgesetzet. II. IX. 1490. b.
Römer halten keine Treue. I.I. 24. b.
Römer werden geschlachtet. I.I. 68. b. handeln ungerecht gegen andere Völcker.
    I. II. 95. a. ihre Schiffarten. I. II. 126. b. Römer Grosssprechen von ihren
    Taten. I. II. 94. b. Römer verdrücken der Deutschen ihren Ruhm. I. III.
    118. a.I. 168. a.I. VI. 732. a. halten oft falsche Sieges-Gepränge. I. IV.
    385. a.I. VI. 753. b. seq. rühmen sich selbst / und schelten andere Völcker.
    I. IV. 383. a.b. werden in Pannonien geschlagen. I. IV. 490. a.b. halten
    kostbare Mahlzeiten. I.V. 578. b. verleumbden die Deutschen. I.V. 580. b.
    lieben eben so wohl den Trunck. I.V. 581. a. Römer Krieg mit dem Brennus. I.
    VI. 748. a. brechen mit den Deutschen den Friede. I. VI. 757. a. sticht
    Cartago in die Augen. I. VI. 788. a. fangen ungerechte Kriege an. I. VI.
    807. b. werden von den Deutschen überzogen. I. VI. 789. a. wollen Rom und
    Italien verlassen. I. VI. 834. a. verfallen in Krieg mit den Macedoniern. I.
    VI. 857. a. ihre glückliche Taten in Griechenland und den anliegenden
    Ländern. I. VI. 873. b.I. VI. 880. a. der Römer Blindheit in Einäscherung
    der Stadt Corint. I. VI. 887. a.b. Römer werden von dem Mitridates
    geschlagen. I. VI. 935. a. ihre Falschheit die sie zu gebrauchen wissen. I.
    VIII. 1282. a.b. ihre üppige Schwelgerei wird vorgestellt. I. IX. 1362. a.
    Herrschenssucht und Staats-Griffe bei Krieges- und Friedens-Zeiten. II. I.
    9. a. Römer Furcht für den Deutschen nach des Varus Niederlage. II. I. 10.
    b. seq. sind Räuber der Welt. II. VI. 1007. a. haben Wolffs- Magen. II. VI.
    1014. a. machen den Deutschen eine blaue Dunst. II. VI. 1014. b. haben die
    Gewohnheit die Abtrünnigen zu züchtigen II. VII. 1169. a. sagen / dass den
    Römern dienen sei Freiheit. II. VII. 1171. b. wie weit sich ihre Herrschaft
    erstrecke. I. VII. 1172. b. Römer Grausamkeit gegen die überwundene
    Deutschen. II. VII. 1211. b. vergrössern ihre Taten. II. VII. 1212. b.
    setzten sonsten keine Siegesmahle. II. VII. 1217. a. werden gross durch
    Zwiespalt anderer Völcker. II. VII. 1007. b. ihr Schutz-Bild. II. VII. 1274.
    a.b. Römer Klugheit in Belohnung der Helden. II. IX. 1419. a.b. werden
    nochmahls von den Deutschen geschlagen II. II. 241. a.b. halten in einem
    Auffzug einen Streit mit den Griechischen Helden. II. III. 442. b. Römer Art
    zu Tischen. II. V. 763. b. Römer Verschwenderei in dem Essen. II. V. 776. a.
Romulus wird in einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 422. b. sein Spiess. I.
    VII. 1079. a.
Rosen der Seren. I. III. 308. b.
Rose wird von der Sonne als Königin der Blumen gepriesen. I. IX. 1397. a.
    etlicher Rosen sonderbahre Art. I. IX. 1399. a. setzet Tusnelden ihren
    Krantz auff. I. IX. 1401. b.
Rosenholtz bei den Seren und seine Vortrefligkeit. II. II. 318. a.
Rote Farbe GOtt zu versöhnen. II. I. 200. a. ist im Morgenlande ein Merckmahl
    und Kennzeichen des Adels. II. III. 530. b.
Röte des Antlitzes woher sie entstehe. II. II. 257. b. Röte ist der Tugend
    Leibfarbe und ein Zeichen der Vollkommenheit. I. IX. 1324. a.
Rubin scheinet des Nachts. I.V. 656. b.
Rubins Krafft. II. III. 406. a.
Ruboner / Haupt der Eubagen / hält sein Bylager. I. VII. 984. b.
Ruffs Geschwindigkeit. I. IV. 442. b. in einem Singespiele vorgestellt. II. IX.
    1568. a.
Ruhe des Gewissens ist ein köstlicher Schatz. I. VIII. 1288. a. siehe Gewissen.
Ruhm siehe Nachruhm.
Rusila zerreisset ein Huffeisen mit zwei Fingern. I. VII. 986. b.
                                       S.
Saale in einem Schauspiel aufgeführet. II. IX. 1565. a.
Sachredner ängstigen die Deutschen. I. IX. 19. b.
Sachredner der Römer werden gepeiniget. I.I. 61. a.
Sadal beherrschet Tracien. II. I. 14. a. seine Unempfindligkeit und wundersame
    Eifersucht in der Liebe. ibid. seq. verliebt sich in ein Venusbild. I.I. 41.
    a.b. wird endlich in die Apame verliebet. II. I. 45. b. und mit ihr
    vermählet. II. I. 47. a. seine wunderliche und sonderbahre Eifersucht. II.
    I. 47. a. seq. will der Dianen Tempel stürmen. II. I. 60. a. wie auch des
    Bacchus. II. I. 64. b. wird um sein Königreich gebracht. II. I. 65. a.b. und
    stirbt. II. I. 67. b.
Säule zu Memphis. II. III. 537. a. Ehren-Säulen zum ersten erbauet. I. IV. 339.
    a. richtet Unfall an / und ist nicht zu billichen. I. IV. 339. a.b. ein Lohn
    der Tugend. I. IV. 340. a.b. siehe Ehren-Säulen.
Saffran will Blumen-König sein. I. IX. 1389. a.
Sagunt wird von Amilcar belägert. I. VI. 822. a.
Salacia / Saltz-Göttin. II. I. 212. a.
Salier deutsche Völcker. I. VI. 735. a.b.
Salomin König der Scyten fällt in Pannonien ein. I. II. 150. b. belägert
    Vindobon. I. II. 151. a. vertreibt Lisabilen und ihren Sohn und nimmt
    Bragetio ein. I. II. 152. a.
Salomon vertieffet sich in die natürlichen Sachen. II. V. 750. a.
Salonine / die Gefehrtin der Königin Erato erzählt ihren Lebenslauff. I. III.
    204. a. seq. giebet sich einen andern Nahmen. II. IX. 1605. b.
Salustius verteidigt den Germanicus. II. VIII. 1320. a.
Saltzes Hochschätzbarkeit und vielfältiger Gebrauch. II. I. 211. b. Saltz
    versaltzet den Albaniern allen Geschmack. II. II. 270. a. Saltz gemacht. I.
    IV. 410. a. Saltz-Seen der Deutschen. II. I. 217. a.
Samniter Krieg mit den Römern. I. VI. 765. a. seq.
Samnitischer Weiber frevelhafter Gottesdienst. I. VII. 985. a.
Samos des Pytagoras Vaterland besichtiget. I.V. 680. a. seq.
Samotischen Weisens Unterredung mit dem Ariovist. I. VII. 1107. b.
Sand-Seiger. II. V. 762. a.
Saphieres Krafft. II. III. 405. b.
Sardinien von den Cartaginensern befreit. I. VI. 805. b.
Sardonich von ungemeiner Grösse. II. III. 515. a. seine Krafft. II. III. 405. a.
Sarmater sind den Römern beschwerlich. I. IV. 425. b. streiten wider die Römer.
    I. IV. 493. a.b.
Sarpimil ein Ackersmann wird durch einen glücklichen Zufall zu einem Könige. I.
    II. 155. a.
Saturninus vernünftige Bescheidenheit. I. VII. 1167. a. seine Freundschaft mit
    dem Feldherrn. I. VIII. 1267. b. wird von den Deutschen geschlagen. II. II.
    285. b. seq. soll das Amt eines Nachrichters bei der Catta verwalten und sie
    zugleich schänden. II. IX. 1506. a. II. IX. 1521. a. hilfft dem deutschen
    Frauenzimmer aus der Gefangenschaft. II. IX. 1521. b. wird des Lasters der
    verletzten Majestät beschuldiget / und von dem Tarpejischen Felssen herunter
    geworffen. II. IX. 1526. a.
Saturnus Bild. I.V. 572. a. Saturnus Bild auf dem Melibokischen Gebürge. I. VII.
    978. b. Saturnus von den Cartaginensern mit Menschen-Opffern verehret. I.
    VI. 795. a.b. Saturnus wird von dem Tiberius vorgestellt. I. VIII. 1195. b.
    seine Taten / Erfindungen und Eigenschaften werden vorgestellt. I. VIII.
    1208. Saturnus Zelt wird vorgestellt. I. IX. 1362. a. auf den Tiberius in
    einer Schmähe- Schrifft gedeutet. II. IX. 1524. b.
Satyren ob und was sie sein? II. IV. 568. a.b.
Sau zerstört die Stadt der Libetrier. II. VIII. 1364. a.
Sauerbrunnen bei dem Lohnstrome. II. IV. 726. a. Ursprung und Ursache. II. IV.
    738. b. ob sie sicher zu trincken sein. II. V. 740. b.
Sauff-Helden werden von dem Tiberius zu Ehren- Aemtern befördert. II. III. 435.
    a. Säuffer von grossen Trincken. I.V. 580. b. seq. Sauffstreit eines Römers
    mit einem Deutschen. II. III. 436. a.
Säule / siehe oben Saeule.
Scarusfisch zu Rom wird hochgehalten. I. IX. 1362. a.b.
Schachspiel von dem Fürsten Selenus entworffen. II. IX. 1642. b.
Schachtafel Wapen der Chassuarier. II. IX. 1642. q.
Schaf heiratet eine Marsingische Fürstin. I. VII. 1132. a.
Schafe von sonderlichen Schwäntzen. II. I. 1213. a.b. sind Todfeinde der Wölffe.
    II. I. 197. a. ihre mancherlei Art und Nutzbarkeit. II. I. 198. a.b. seq.
Schäfer bemühet sich um eine schöne Jungfrau und erlangt sie. I. VII. 1230. b.
Schamhaftigkeit wird mit Altaren und Heiligtümern geehret. I. IX. 1323. a.
    woher sie entstehe / und ihr Unterschied von der Schande. I. IX. 1324. a.
    ihr Lob. ibid.
Schamröte ist die Morgenröte der aufgehenden Tugend. II. I. 89. a.
Scharbock befällt das Römische Krieges-Heer. II. VI. 1075. a.
Scharlach-Bäume in Gallien. II. II. 318. b.
Schatz eines Fürsten mit wem er zu vergleichen. II. V. 771. a. Schätze sammlen /
    ob es Fürsten anständig und nötig. I. II. 179. b. richten Unfall an. ibid.
Schatzungen ob und wie weit sie den Untertanen auffzulegen. I. VII. 1056. a.b.
Schau-Essen auf einer prächtigen Mahlzeit fürgestellet. II. III. 433. b. seq.
    welche Tiberius Tusnelden und andern deutschen Frauenzimmer zu Ehren
    austragen lassen. II. IX. 1490. b.
Schauplatz zu Deutschburg beschrieben. I. IX. 1313. b.
Schauspiel zu Sinope. I. III. 250. zu Rom. I. IV. 466. a.I. VII. 1055. a.
    Schauspiele mit den Händen ohne Sprache vorzustellen. I. IX. 1366. a.
    Vannius stellet dem Marbod ein Schauspiel an von der Hippodamia. II. VIII.
    1403. b. II. VIII. 1423. a. von dem Drachen und dem Hesperischen Garten. II.
    VIII. 1436. a. von der Römischen Freiheit. II. VIII. 1421. a. Schauspiel den
    Deutschen zu Ehren angestellt. II. III. 483. a. bei der Vermählung des
    Marbods mit der Marmeline. II. V. 862. b. von den Barden auffgeführet / als
    Jubil sein väterliches Hertzogtum eingenommen II. IX. 1464. b. Schauspiele
    zu Rom auffgestellet. II. V. 519. a. Schauspiel zu Aten auffgeführt von
    unterschiedenen Lastern. II. IX. 1617. a.
Schiff darauff Deucalion erettet worden. I.V. 565. b. der alten sind klein und
    langsam gewesen. I. II. 129. b. seq. doch auch geschwinde. I. II. 131. b.
    Wunder-Schiff des Archimedes. I. II. 130. b. sonderbahrer Schiffe
    sonderbahre Begebenheit. II. V. 590. a. Schiffe von unterschiedenen
    Ruderbäncken. II. V. 888. a.
Schiffarten der Phönicier / Britannier / Scyten / Bataver / Griechen und
    Römer. I. II. 121. a. biss 127. b. der Alten. I. II. 128. b. ist ein Bild des
    Lebens. I. VIII. 1318. a.
Schiffbruch des Germanicus. II. VII. 1233. a.b.
Schiffbruch des Germanicus und der Römer bei Epp und Flut. II. VI. 1066. a. II.
    VII. 1233. a.b.
Schiffsflotte des Froto von sonderbahrer Grösse und Menge. II. V. 888. a. seq.
    der Römer wird verbrandt. II. VI. 1063. a. seq. neuerbauete Schiffsflotte
    der Römer. II. VII. 1165. a.
Schild einbüssen ist bei den Deutschen eine Schande. I.I. 55. b. sonderbares
    Schild von den Deutschen erobert. II. VII. 1214. a. Schilde berühmter Helden
    werden in grosser Menge in Tanfanens Tempel geschickt II. II. 289. a.b.
Schlacht der Deutschen mit den Römern. I.I. 35. a. Schlachten so verloren /
    sich zum Siege zu machen. I. VI. 754. a. Schlacht der Römer mit dem Hertzog
    Adolph. I. VI. 756. a. der Macedonier und der Deutschen. I. VI. 778. a. der
    Deutschen mit den Römern. I. VI. 809. b. der Römer mit Hannibaln. I. VI.
    828. a.b. der Deutschen mit den Römern. I. VI. 860. b. Schlacht so die
    Herrschaft entschieden. I. VI. 866. b. der Deutschen. I. VI. 912. a. des
    Sylla mit den Griechen. I. VI. 937. b. zwischen dem Sertorius und dem
    Pompejus. I. VI. 844. a. zwischen dem Pomejus und dem Mitridates I. VI.
    948. a. des Spartacus mit den Römern. I. VI. 953. b. der Römer mit den
    Helvetiern I. VII. 991. b. des Cäsars und des Ariovists. I. VII. 997. a.b.
    Gotarts mit dem Feldherrn Aembrich. I. VII. 1019. a. der Hermundurer. I.
    VII. 1066. b. des Marbods und der Bojen. I. VII. 1136. b. des Sandals und
    Cotys / und des Cassius mit dem Antonius. II. I. 66. a. andere Schlacht der
    Deutschen mit den Römern. II. II. 239. a. Schlacht des Hertzogs Gottwalds
    mit der Marmeline. II. V. 832. b. Seeschlacht des Torismunds und des Froto.
    II. V. 891. a.b. des Feldherrn mit den Römern bei dem Tanfanischen Tempel.
    II. VI. 998. b. grausame Schlacht der Deutsche mit dem Cäcinna. II. VI.
    1067. a.b. der Deutschen mit den Römern. II. VII. 1177. a. des Feldherrn mit
    dem Marbod. II. IX. 1514. a.b.
Schlaff bei etlichen lang während. II. IV. 567. a.
Schlange von funffzig Ellen. I. VIII. 1208. a.
Schlangen so keinen Gift haben. I.V. 644. b.
Schlange richtet eine grosse Schlacht an. I. III. 292. a.
Schlangen dräuen den Untergang. II. V. 834. b.
Schlagen sind der Botmässigkeit der Weisen unterworffen. II. I. 1213. a.b. oft
    sie künftige Dinge wahrsagen können II. I. 1214. a. sprechen der Erato den
    Zeno ab / und der Ismenen zu. II. I. 1216. a.b.
Schleier Minervens. I. IV. 342. b.
Schmähe-Schrifften wider den Kayserlichen Hof. II. V. 517. b. wie dergleichen
    Schrifften zu rächen sein? ibid. auf Livien und den Tiberius. II. VI. 975.
    b. auff den Tiberius. II. IX. 1523. a.
Schmidt bemüht sich um eine schöne Jungfrau. I. VII. 1229. a.
Schmincke von der Ade gebraucht. II. I. 85. a.b. wie weit sie zu gebrauchen. II.
    I. 86. b. allerhand Arten. II. VI. 1026. b.
Schnee bei Mahlzeiten gebrauchet. I.V. 583. a.b.
Schöneus in einem Schauspiele vorgestellt. II. VIII. 1424. a.
Schönheit vollkommen abgemahlt. I. IV. 459. a. bestehet oft in der Einbildung I.
    4. 468. a. der Helenen wird nicht mehr in ihrem Spiegel vorgestellt. I. IV.
    468. a. kommt fürnehmlich Fürsten und Gesandten zu. I. VI. 762. a. ist bei
    unterschiedenen Völckern unterschiedlich. II. VI. 1021. b. worinnen sie
    bestehe. II. VI. 1023. a. bedarff auch eines euserlichen Aufputzes. II. II.
    407. b. ob ihr durch Schmincke zu helffen sei? II. I. 88. a. erlangt König
    Ariovists Gemahlin nach der grösten Hässlichkeit. II. I. 89. a. ohne Tugend
    ist nur betrügliche Schmincke. II. I. 190. a. worinnen sie bestehe. ibid.
    ist vielerlei Urteil unterworffen. I. VIII. 90. a. über die Schönheit
    zancken sich die Völcker. II. I. 103. b. mit was sie zu vergleichen. II.
    VIII. 1367. b. ob sie in der Einbildung bestehe? II. I. 151. a. seq. was sie
    gutes und böses würcke? ist eine Mutter der Liebe und Beherrscherin der
    Götter und Menschen. I. VIII. 1238. a. des Leibes vergesellet mit der
    Schönheit des Gemütes. I. VIII. 1239. a. ist oft gefährlich. ibid. b. wie
    sie beschaffen sei. I. VIII. 1242. b. die grösten Schönheiten wo sie zu
    befinden. II. I. 16. a. hat die Natur zur Mutter und die Welt zur Anbeterin.
    II. I. 21. a. vollkommene Schönheiten wem sie gleich. II. I. 22. b.
Schönste in der Welt. I. IX. 1307. b.
Schreibens geheime Art bei den Spartanern. II. VIII. 1318. b.
Schuh bei den Deutschen. II. I. 176. b.
Schutzbild der Stadt Apollonia. I. IV. 415. a.
Schutzbilder gewisser Örter. I. II. 151. a.b. sieben Schutzbilder zu Rom. II.
    I. 184. b.
Schutzbilder der Cimber und Scyten. I. IX. 1333. b. der Römer sind blosse
    Larven. I. IX. 1334. a. der Estier ist ein wild Schwein. II. V. 829. a.b.
    der Römer sind Freistädte. I. IX. 1415. b.
Schutz-Geister. I. II. 167. a. Schutz-Geist überliefert dem Polemon einen Dolch
    seinen Sohn zu erstechen. I.V. 515. a. Schutz-Geister der Geschöpffe. I. IV.
    414. a.b. nehmen sich der ihrigen an. I. IV. 416. a.b. weichen von bösen. I.
    IV. 417. a.b. erinnern viel Helden. II. VII. 1288. a. unterschiedener
    Völcker. I. VII. 119. a.b. Schutz-Geist des Gabretischen Gebürges führet den
    Feldherrn von einem gifftigen Wasser. I. VIII. 1305. a. Schutz-Geister der
    Fürsten. I. VIII. 1307. b.
Schutz-Gott der Elbe. I. IV. 413. a.b. dem Schutz- Gott des Julius Cäsar wird
    ein Marmel-Bild auffgerichtet. I. IV. 388. a. Schutz-Götter bei den
    Deutschen. I. VII. 978. a.
Schwaben brechen in Gallien ein. I. VI. 738. b.
Schwalbachischer Sauerbrunn. II. V. 734. b.
Schwanen niemahls denen Göttern geopffert worden und warum. I. VII. 976. a.
Schwäntze der Schafe um Bytzantz herum von grosser Schwerde. II. I. 1213. a.
Schwantzstern erscheinet. I. II. 184. a. ob sie was böses bedeuten / und wo sie
    sein. ibid. Schwantz- Gestirne Ursprung. I.V. 574. a. von den Egyptern
    vorher gesehen. I. III. 267. a. deuten des Mitridates Geburt an. I. VI.
    927. a.
Schwartzer Farbe Lobspruch. I. IV. 458. a. wird gescholten. I. IV. 468. b.
    schwartze Farbe wird bei den Deutschen hoch gehalten. II. I. 200. a. ihre
    Natur und Beschaffenheit. ibid. ist bei den Mohren in grossem Ansehen. II.
    II. 267. b. kann bei der Schönheit stehen. II. VI. 1023. a. woher sie bei den
    Mohren entstehe. II. VI. 1023. b. seq.
Schwefel wird für heilig gehalten. II. V. 741. b.
Schweine werden ganz auffgesetzt. I. II. 97. a.
Schwein zu Memphis macht unrein. I.V. 663. b.
Schweines Bild wird in der Schlacht fürgetragen. II. V. 829. a. Schweine werden
    von den Egyptiern geehret als Erfinder des Ackerbaues II. I. 210. b.
    Morgenländer haben einen Absche dafür. II. I. 211. a. Schwein wird göttlich
    verehret II. II. 388. a.b.
Schweinhaut kann kein Behältnis des Frieden-Schlusses sein. II. II. 388. b.
Schwerdlilge will Blumen-Königin sein. I. IX. 1388. b.
Schwester heiraten verdammen die Indianer. I.V. 649. a. siehe Geschwister.
Schwimme-Kunst. I. VIII. 1223. b.
Scilurus König in Chersonesus hat achtzig Söhne. I. VI. 923. b.
Scipio der Römische Feldherr erleidet von denen Deutschen eine grosse
    Niederlage. I. VI. 766. a.b.
Scipio ist ein Glücks-Kind. II. III. 500. a.
Scipio Africanus ein Tugend-Sohn. II. III. 503. 6. rächet sich an seinem
    Vaterlande / indem er solches im Leben und Sterben verläst. I. VI. 743. b.
    II. IX. 1636. b. Lucius Cornelius Scipio ein Glücks-Sohn. II. III. 502. b.
    Publius Scipio Aemilius ein Tugend- Sohn. II. III. 503. a. Scipio gegen
    Hannibaln. I. VI. 826. a. setzet Hispanien in einen bessern Stand. I. VI.
    844. b. belägert Cartago. I. VI. 850. a. wird mit Hannibaln verglichen. I.
    VI. 852. b. zerstöret Cartago. I. VI. 886. a. und weinet über ihren
    Untergang. I. VI. 886. b. seine Taten in Hispanien. I. VI. 894. a.
Scribonius gibt sich für Mitridatens Sohn aus. I. III. 251. a.b. ist ein
    Freigelassener des Pollio. I. III. 252. b. Scribonius (Curio) ein
    Tugend-Sohn. II. III. 504. b.
Scordisskische Deutsche ängstigen die Römer. I. VI. 925. b.
Scorpionen unschädlich. II. I. 137. b.
Scyten wollen zuerst in das Atlantische Eyland gekommen sein. I. II. 122. a.
    sind unüberwindlich. I. IX. 1367. a. in einem Schauspiel auffgeführet. II.
    III. 490. a.
Scytischer König fordert den Hertzog Herrmann zu einem Zweikampff heraus. I.
    IX. 1367. a. woher die Scytischen Könige entsprossen sein? I. IX. 1368. b.
Seckendorff ein vortrefflich erfahrn- und gelehrter Barde. II. IX. 1527. a.
See im Mohren-Land nötiget einem alles zu sagen / was einem auff dem Hertzen
    lieget. II. I. 14. b.
See-Weib auf dem roten Meere. I.V. 673. b. siehe Sirene.
Seele ist unsterblich. I. II. 168. a.b. Seelen ob sie nach dem Tode erscheinen?
    ibid. Seele und Geist ist einerlei. I. II. 179. a. Seelen verlangen nach
    Gott und der Unsterbligkeit I. II. 139. b. Seele hat drei Kräffte. II. V.
    542. b. ist eine eintzige in der Welt. I.V. 664. b. Seelen Schönheit
    worinnen sie bestehe? I. VIII. 1192. a. Seelen Eigenschaft läst sich nicht
    betrachten. II. I. 180. a. Seelen Unsterbligkeit ist der Grund des
    Gottesdienstes und wird behauptet. II. III. 540. b. Seelen Wanderschaft ob
    sie von den Brahmanen gegläubet werde? I.V. 663. b. wie auch von denen
    Egyptiern. I.V. 666. b. was Pytagoras von der Seelen und ihrer
    Wanderschaft gelehret. I.V. 666. b. unterschiedliche Meinung davon. I.V.
    695. b. Seele / was sie sei wird beschrieben. II. II. 362. b. kann nicht
    gewaschen werden. II. III. 362. a.b. wie sie gereiniget werde. II. II. 363.
    a. Seele schwinget sich in den Himmel nach des Plato Lehre. II. I. 193. a.
    ob sie leibliche Empfindung habe? I. III. 325. b. wo sie ihren Sitz hat nach
    dem Tode? I. IV. 344. a. Seelen Anruffung wird gemissbraucht. I. IV. 347. a.
    Seelen Unsterbligkeit wird erwiesen. II. II. 271. b. Seele des Menschen was
    sie sei? II. I. 216. b.
Segestes widerätt den Krieg wider die Römer. I.I. 21. b. wird von seiner
    Tochter Tussnelden unwissend verwundet. I.I. 47. a.b. soll geopffert werden.
    I.I. 74. b. giebet seinen Willen in die Heiratung Tussneldens mit dem
    Feldherrn. I.I. 80. a. raubet seine Tochter Tussnelden dem Feldherrn. I. IV.
    421. b. und I. IV. 441. a. wird verwundet. I. IV. 424. b. gibt seine Kinder
    einer Römerin wegen den Römern zu geisseln. I. VIII. 1234. a. läst sich des
    Saturnins Tochter / die Sentia vermählen. I. VIII. 1234. b. verspricht dem
    Herrmann abermahl seine Tussnelde. I. VIII. 1249. b. ziehet dieses sein Wort
    wieder zurücke. I. VII. 1250. b.I. VIII. 1264. b. fällt unter die Räuber und
    wird von dem Herrmann errettet. I. VIII. 1257. a.b. läst seine Tochter auf
    der Jagt gefangen nehmen. I. VIII. 1277. b. verspricht sie dem Marbod. I.
    VIII. 1285. a. wiederum dem Tiberius. I. VIII. 1296. b. wird vom Hertzog
    Herrmannen gefangen und lossgelassen. I. VIII. 1310. a. ficht noch einmal
    wider Deutschland / und wird von seinem Sohne aus dem Sattel gehoben. II.
    VIII. 242. a. wird ausgesöhnet. II. III. 414. a.b. schläget sich wieder zum
    Germanicus und verrätt seine Tochter. II. VI. 1036. b. klaget seine
    Gemahlin wegen Ehebruchs an. II. IX. 1544. b. wird von Bojocaln in einem
    Zweikampff ausgefordert. II. IX. 1547. a.b. seq. überwindet ihn / muss aber
    gleichwohl darüber sterben. II. IX. 1549. b.
Segimer des Feldherrn Vater hält sich bei Parten tapffer I. III. 217. b. wird
    in seinem Lande von den Römern überfallen. I. IV. 373. b. schläget den
    Drusus. I. IV. 381. a.b.I. IV. 418. b. seq. kann geziefferte Brieffe
    auffschliessen. I. IV. 445. a. bekömmt die Feldhauptmannschaft. I. VII.
    1023. b. heiratet eine Partische leibeigene. I. VII. 1038. b. verliert
    sich aus Deutschland. I. VII. 1041. a. kömt zurücke. I. VII. 1045. b.
    erlöset seine Asblaste. I. VII. 1048. a. kömmt aus Lebens-Gefahr. I. VII.
    1050. a. kömmt wieder in Deutschland. I. VII. 1054. b. stirbt. I. VII. 1155.
    a.I. VIII. 1244. a.b. bekommt einen Sohn. I. VIII. 1186. a. ihm wird
    vergeben. I. VIII. 1248. a. ob er seines Reiches wegen einen letzten Willen
    gemacht. II. IV. 595. b. dessen letzten Willens Falschheit wird entdecket.
    II. IV. 600. a.
Segimer des Segestes Bruder Fücft der Dulgibiner. I. VIII. 1294. a. tritt die
    neue Regierung an. II. IX. 1549. b. leget sich wider den Feldherrn. II. I.
    1590. a. stöst ihn. II. IX. 1591. b. stirbt an seiner Wunde. II. IX. 1592.
    b.
Sejanus kommt bei dem Tiberius ans Bret. II. VI. 978. a. macht die Agrippine bei
    dem Tiberius verdächtig. II. VI. 1074. b. ist des Germanicus Feind. II.
    VIII. 1320. a. braucht zu seiner Wollust und Glücke die Zauberei-Kunst. II.
    VII. 1151. a. seq. empfähet die Tussnelden / und verliebet sich in dieselbe.
    II. IX. 1476. a.b. ist deswegen eifersüchtig gegen den Tiberius. II. IX.
    1490. b. büsset seine schändliche Lust bei der Sentia. II. IX. 1501. a.
    trägt Tussnelden seine Liebe vor. II. IX. 1503. a. schickt dem Adgandester
    Gift den Herrmann hinzurichten. II. IX. 1520. b.
Seiden-Staude bei den Seren. II. II. 320. a.
Seiden-Würmer Gespinste. II. I. 185. a.b.
Seiten sind sieben auff der Harffe der Welt. II. I. 220. a.
Seitenspieles wundersame Würckung. II. V. 907. a.
Selbst-Erkenntnis ist eine Artzenei wider die Gemüts- Kranckheit. I. VII. 1100.
    b. ist die Glückseligkeit der Menschen. II. V. 750. a.b. ist der Grund der
    Tugend. II. V. 914. a.b.
Selbst-Mörde. I.I. 71. b. Selbst-Mord ist unrecht. I.I. 77. a.I.V. 713. a. ist
    von Gott verboten. II. IV. 705. b. Selbst-Mord der Ungedultigen II. VII.
    1112. a. seq.
Selenus / ein Cheruskischer Fürst / entwirffet die Züge des Schachspiels. II.
    IX. 1642. b.
Seleucus / König in Egypten / zwingt dem Ptolomäus den Frieden ab. I. VI. 786.
    a. wird von dem Antiochus geschlagen. ibid.
Seleucus / eines unverständigen Schul-Gelehrten / übel gefälltes Urteil / und
    betrübter Fall. II. IX. 1487. b. seq. wird zu Aten gehangen. II. IX. 1602.
    b.
Semiramis in einem Auffzuge fürgestellt. II. V. 859. a.
Semnogallien wird von dem Brennus auffgebauet. I. VI. 741. b.
Semnoner werden von den Römern geschlagen. I. VI. 768. a. sind die ältesten der
    Schwaben. I.V. 738. a. streiten mit den Römern. I.V. 747. b. fallen in
    Sicilien / Africa und andere Länder. I.V. 752. a. Zweikampff gegen die
    Römer. I.V. 755. a. werden von dem Marbod unter sich gebracht. I. VII. 1139.
    b. begeben sich unter Hertzog Herrmañs Schutz. II. VII. 1252. a.b. ihre
    Sitten und Kinder-Zucht. II. VII. 1260. a. fallen einander in die Haare. II.
    VII. 1264. a. ihre Sitten. II. VII. 1259. b. müssen den König Marbod zu
    ihrem Fürsten annehmen. II. VII. 1280. a. verfallen in Krieg unter sich
    selbst. II. VII. 1272. a. kommen wieder zu ihrer Freiheit / und erwählen den
    Feldherrn zu ihrem Hertzog. II. VII. 1294. a.
Senectius / der Römer Obrister / wird erlegt. I. IV. 381. a.
Sentia wird an den Segestes vermählt. I. VIII. 1234. b. bemühet sich Bojocaln
    durch Geilheit auff der Römer Seite zu bringen. II. V. 1018. b. ihre
    Geilheit gegen denselben. II. VI. 1020. b. gebrauchet sich der Zauberei. II.
    VII. 1150. b. bringt den Malovend auff der Römer Seite. II. VII. 1155. a.
    seq. ihre Bosheit gegen das Cheruskische Haus. II. IV. 585. b. schlägt vor
    die Adelmunde unfruchtbar zu machen. II. IV. 608. a. ihre Schand-Taten mit
    dem Sejanus. I. IX. 1521. a.b. stifftet ihrem Vater den Untergang. II. IX.
    1525. b. kriegt endlich / wegen Ehebruchs mit Bojocaln / ihren Lohn. II. IX.
    1544. a.b.
Serapio / erster Druis in Deutschland. I. VII. 980. b.
Serapis sonderbahre Antwort. II. III. 538. a.
Seren hencken sich für ihrer Feinde Türe. II. IV. 705. b. ihre Feindschaften
    mit den Tattern. I.V. 598. a. ihr grosser Stoltz. I.V. 599. a.
Seretium in Pannonien wird von dem Germanicus belagert und erobert. I. IV. 492.
    a.
Serischen Reichs Ursprung / Beschaffenheit und vielerlei Glücks- und
    Unglücks-Fälle. I.V. 594. b. Serische Könige unterschiedener Stäme nach.
    I.V. 594. b. seq.
Sertorius fängt einen grausamen Krieg gegen die Römer an. I. VI. 943. a. wird
    erstochen. I. VI. 946. a.
Serviltens Ehebruch. I. VIII. 1226. a.
Servilius ist Gesandter beim Marbod. II. II. 369. b.
Sesitach schneidet dem Varus den Kopff ab. I.I. 50. a. wird nach viel erwiesener
    Tapfferkeit in der Römer Läger eingeschlossen / und kömmt davon. II. VI.
    1044. a.b. macht sich zu den Römern. II. VI. 1056. a. II. VI. 1066. b. erbet
    die ihm zugefallenen Länder. II. IX. 1595. a.
Sesostris kömmt in Tracien. II. I. 29. b.
Sextius (Cajus) und seine verrichtete Taten. II. III. 503. b.
Sibylla zu Lilibäum in Sicilien. I. VI. 791. a. Sibyllen in einem Schauspiel
    eingeführt. II. III. 509. a.
Sibyllinische Wahrsagung. I. VIII. 1268. b.
Sicambrer / woher sie den Nahmen habe. I. VI. 752. b.
Sicilien wird bekriegt. I. VI. 788. a.b. seq. wird von den Römern und
    Cartaginensern bekriegt. I. VI. 791. a.b. kömt an die Römer / und hat viel
    Krieg. I. VI. 792. b.
Sieben Seiten sind auff der Harffen der Welt. II. II. 220. a.
Siebender Zahl Heiligkeit. II. I. 203. b.
Sieg soll man gebrauchen. I. III. 194. b. II. V. 783. a. soll man mit
    Verzweiffelung des Feindes nicht verfolgen. I.I. 57. a. aus verlohrnen
    Schlachten zu machen. I. VI. 754. a. in einem Auffzuge vorgestellt. I. IX.
    1355. a. mit wem sie zu vergleiche. II. I. 124. b. Sieg / Göttin der Stadt
    Rom / fürgestellt. II. III. 507. b.
Sieges-Bilder wozu sie diene. I. IV. 339. a.I. IV. 341. b.
Sieges-Bogen des Todes. II. VI. 953. b.
Siegefluss darein Wartpurgis gesprungen. I.I. 16. a.
Siegesgepränge wird von den Römern ohne Sieg gehalten. I. VI. 754. a.I. IV. 383.
    a. wird dem Drusus verstattet. I. IV. 381. a.b. wird sonst nicht stracks
    verstattet. ibid. ist ein Zunder der Tugend. II. II. 261. a. der Römer in
    einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 483. b. sind den Besiegten
    schmertzlich. II. VII. 1112. b. seq.
Sieges-Göttin soll dem Mitridates eine Krone aufsetzen. I. VI. 235. b.
Siegesmahle wenn sie aufkommen bei den Römern. II. VII. 1217. a. läst Germanicus
    in Deutschland aufsetzen. II. VII. 1228. b.
Siegesmund Römischer Priester. I.I. 72. a. seine Liebe gegen Zirolanen. II. I.
    161. b. seq. hält einen Zweikampff mit Rhemetalcen unglücklich. II. I. 162.
    a. ist in einem Zweikampff wider Ismenens Ritter unglücklich. II. III. 554.
    a. wird von Rhemetalcen tödtlich verwundt. II. V. 793. b. sucht Hülffe bei
    der Sentia. II. VI. 1034. b. nimmt Zirolanen und Tusnelden gefangen. II.
    VI. 1035. a. nimmt das Priestertum des Augustus an / und kommt übel bei
    Zirolanen und Tusnelden an. II. VI. 1097. b. wird von der Flucht zurücke
    gezogen. II. VII. 1129. a.b. soll den jungen Tumelich zur Straffe
    schlachten. II. VII. 1130. b. seq. opffert den untergesteckten Tumelich.
    II. VII. 1135. a.b.
Siegestadt wird belägert. I. 2. 171. a.
Siegel des Käysers Augustus. I. III. 341. a. der Araber und Egyptier von
    sonderbahrer Krafft. II. III. 404. b. des Mars stifftet Unfruchtbarkeit. II.
    III. 404. b.
Siegfried Fürst der Semnoner zieht wider die Römer. I. VI. 765. a.
Sigan Hauptstadt in Tschina. I.V. 627. a. wird erobert. I.V. 631. a.
Silenen begehen ihr Feier. I. IX. 1416. b.
Simoninides weiss nicht was GOtt ist. I. IV. 347. b.
Sina / Sineser / siehe Seren / Serer etc.
Sinadats Verräterei gegen Hun König in Pannonien. I. VI. 784. a.b.
Singekunst ihre Würckung. II. V. 907. a.
Singende verfertiget Parrhasius seine Gemählde. I. II. 86. b.
Sinnbilder auf Schilden. I. II. 144. a.b.I. II. 147. a.I. VII. 998. a. II. VIII.
    1446. a. II. III. 499. a. Sinnbilder der Liebe. I. III. 194. a.b.I. III.
    322. b. auff des Augustus Geburts-Tag. I. IV. 354. a. seq. in etlichen
    Fahnen. I.V. 624. b. von Fröschen hergenommen. I.V. 701. a. in Fahnen. I.
    VI. 951. b. in dem Tanfanischen Tempel auf des Feldherrn Vermählung. I.
    VIII. 1177. a. des Siegemunds. II. I. 161. b. auf Schilden der für und gegen
    die Ismenen streitenden. II. III. 551. VI des Hertzogs Melo. II. I. 261. b.
    auf des Segestes Schilde. II. IX. 1548. b. etlicher Marckmännischen von
    Adel in ihren Schilden. II. IX. 1562. b. seq. auf einer Wiege. II. IX. 1612.
    a.b. von dem Flavius dem Hertzog Herrman zu Ehren angegeben. II. IX. 1644.
    b.
Sinnen streiten um den Vorzug / welcher am meisten zur Liebe tue. I. IX. 1411.
    a. verfälschen die Warheit. II. II. 266. a.
Sinope Königlich-Pontischer Sitz. I. III. 238. a. seq.
Sinorix wird mit Gift hingerichtet. I. III. 295. b.
Siphax verbindet sich wider die Cartaginenser mit denen Römern. I. VI. 847. a.
    macht Friede mit ihnen. I. VI. 848. a. kommt mit Massanissen in Krieg I. VI.
    849. a. wird von demselbigen gefangen. I. VI. 850. a.
Sirene wird gefangen. I.V. 673. b. was sie sein. I.V. 674. a. siehe Seeweib.
Sisigambis Fürstin in Armenien. I. III. 214. b. wird gefangen. I. III. 219. a.
Sitalces König in Tracien. II. I. 31. a.
Sitten-Lehre Notwendigkeit. II. V. 749. b.
Sinchen von denen Tattern erobert. I.V. 606. a.
Siven König der Seren. I.V. 605. a.b.
Siwalds verübte Verräterei gegen die Deutschen. I. VII. 998. a.
Smaragden Krafft. II. III. 405. b.
Socas des Hermundurischen Hertzogs Grossmütigkeit. I. IV. 374. b.
Socrates sein Todt. I.I. 77. a. weiss nicht / ob er ein Tier oder ein Mensch
    sei. I. IV. 434. a. was er von Gott gehalten. I. IV. 455. a. sein Heiligtum
    / Grabmahl. I.V. 684. a. sein sonderbahre Traum. I.V. 707. b. seine Lehre
    und Ruhm. I.V. 708. b. sein unedler Ursprung. II. I. 177. b.
Sogdiana eine Landschaft besitzen die Nomades. I.V. 590. b.
Sohn kann seinen Vater nicht sehen. I.V. 518. a. vom Vater über sich geliebt.
    I.V. 511. b. Söhne werden von ihren Müttern geopffert. II. VII. 1141. b.
    Sohn Gottes wird von einem Druis gelehret. II. III. 535. a.
Sold im Kriege / ob er eines Reiches Wachstum befördere. I. VI. 739. b. und ob
    er nötig sei. I. VI. 740. a.
Soldaten ob sie aus frembden Völckern zu nehmen oder aus eigenen. I. VI. 739. b.
Solms / des Grafen / freimütiges Bekenntnis. II. IV. 710. b. sonderbahre
    Begebenheit bei Ausführung seines Todten-Urteils. II. IV. 713. b. wird
    wunderbahr vom Tode errettet. II. IV. 716. b. ist in einer Wirtschaft
    Feldherr. II. IX. 1641. b.
Sommers sinnreiche Fürstellung. I. IX. 1379. a. II. I. 173. a.b.I.I. 175. b.
Sonne / wie sie von den Deutschen geehret werde. I.I. 8. a.I. VII. 978. a.b. was
    sie sei nach der Lehre des Epicurus. I.V. 566. a. was sie sei / nach Meinung
    der Stoicker. I.V. 567. b. ihre Beschaffenheit und Flecken. ib. warum sie
    nicht der Krebs und Steinbock überschreite. ib. ihr Lob. I.V. 586. b. ist
    der Mittelpunkt dieser Welt. I.V. 575. b. Smirdanis rühmt sich / er hätte
    sie in zwantzig Jahren nicht auffgehen sehen. I.V. 581. a. wo sie alle Tage
    des Jahres scheinet. II. IV. 702. b. erlösst in einem Schauspiele die
    Hippodamien. II. VIII. 1412. a. gibt Sinnbilder. I. IV. 555. b. sonderbahre
    Meinung davon. I. VII. 979. b. singet das Lob der Rose. I. IX. 1390. b. seq.
    ob sie die Mohren schwärtze. II. VI. 1024. a. in einem Sinnbilde vorgestellt
    vom Könige Vercingetorich. II. IX. 1585. b.
Sonnen-Auge will Königin unter den Blumen sein. I. IX. 1388. a.
Sonnen-Bildnis in dem Heiligtum des Prometeus. I.V. 566. a.
Soñen-Finsternis bringt die Deutschen in Furcht. I. VI. 752. b.
Sonnen-Krone will Blumen-Königin sein. I. IX. 1389. a.
Sonnen-Opffer bei den Egyptiern. II. I. 196. a.
Sonnen-Stengel will Königin unter den Blumen sein. I. IX. 1387. b.
Sonnen-Tempel in Meden. I. III. 228. a.b.
Sonnen-Wirbel will Blumen-Königin sein. I. IX. 1389. a.
Sophonisbe ist dem Deutschen Fürsten Narvas gewogen. I. VI. 803. b. wird an den
    jungen Narvas vermählt. I. VI. 807. a.
Soraspades wird Geissel zu Rom. II. VII. 1118. a.
Sostenes / König in Macedonien / streitet wider den Brennus. I. VII. 779. a.
Sotion / ein Cheruskischer Fürst / reiset in der Welt nach der Weissheit herumb /
    und unterrichtet darinnen den Flavius. I. IV. 460. a.b. kömmt bei dem Käyser
    in Gnade. I. IV. 465. a.
Sostratus / Priester der Venus. I. III. 319. b.
Spartacus ein Scordisker Deutscher ängstiget Rom. I. VI. 957. a. stirbet
    ritterlich. I. VI. 954. a.
Speisen von sonderbahrer Kostbarkeit. I. II. 105. a.I. IV. 462. b. frembde
    Speisen kommen von der Uppigkeit her. I. II. 106. a. unterschiedlicher
    Speisen Beschaffenheit. I.V. 694. a. Speisen / so von etlichen gerne
    gegessen werden / von etlichen gar nicht. I.V. 694. a.b.
Spendius bekriegt die Cartaginenser. I. VI. 806. a.
Sphynx in Egypten von vortrefflicher Grösse. I.V. 611. b.
Spiegel so breñen von sonderlicher Art. II. IX. 1615. a.
Spiegel stellet nicht mehr der Helena ihre Schönheit vor. I. IV. 468. a.
Spiele bei denen Suionen im Fechten und Ringen. II. V. 884. a.
Spielen ob es Fürsten anständig sei oder nicht? I. II. 86. a.
Spielsucht der Deutschen ob sie zu tadeln? I. II. 86. b.
Spinnen haben sechs biss sieben Augen. I. IX. 1339. a. tödten die Schlangen. II.
    IV. 717. b.
Spinnen wird bei den Marsingern und Römern fleissig getrieben. II. I. 187. a.b.
Spitz-Säulen in Egypten. I.V. 674. a. von hundert Ellen werden zu Rom
    auffgesetzt. I. VIII. 1254. b. bei des Augustus Begräbnis. II. VI. 958. a.b.
Spitz-Türme warum sie vor dem auffgerichtet worden. I. II. 117. a.
Sprache der Tiere. I.V. 609. b.
Sprachen wie viel in der Welt. II. II. 389. a. soll nur eine sein. ibid.
Staats-Klugheit abgebildet. II. VIII. 1409. a. aus den Garten-Gewächsen
    gewiesen. II. V. 751. a. seq.
Stärcke des Leibes woher sie komme? I. III. 202. a. seq. ungemeine Stärcke des
    Leibes besitzen etliche. I. III. 203. a.
Stärck-Kraut bringt Ruhm und Gunst zuwege. I. IX. 1422. a.
Stargard wird erbauet. I.V. 531. a.
Steine darein Bilder gebildet. I.V. 626. a. so von Monden genennet / und
    Mondens-Art an sich haben. I.V. 632. a.b. andere Steine von sonderlicher
    Art. I.V. 632. b. Stein der Weisen. I. II. 176. a.
Steinbocks Geburts-Stern des jungen Tumelichs. II. II. 364. a.b. Steinbock des
    Käyser Augustus Geburts-Stern. II. III. 426. b.
Sternberg Gesandter an Alexander den Grossen. I. VI. 761. a.
Sterne ob sie Tiere? I.V. 575. a. wie viel Sterne nach Meinung des Ptolomeus
    sein. I.V. 576. a. neue Sterne. ibid. Sterne verschwinden und werden wieder
    geboren an dem Himmel. I. VII. 1118. b. Sternen Unordnung. II. III. 400. a.
    ob sie einen zu verzweiffelten Entschlüssungen zwingen? II. IV. 451. a. siehe
    Gestirne.
Sternseher und ihre Kunst. I. III. 164. a. sind nicht ewig über dem Gestirne. I.
    III. 265. a. ihre Kunst ist eine Närrin. I. III. 290. a. seq. Sternseher
    sind über der Fürsten Zustand nicht zu fragen. II. II. 365. a.b.
    Sternseher-Kunst aus Rom vertrieben. II. VII. 1154. b. welche zu rühmen /
    und welche zu verachten ist. I. II. 118. a.
Stier wird in der Elbe gefangen. I. VIII. 1283. b.
Stillschweigen der Druiden bei ihrem Gottesdienst. II. III. 531. a.
Stimme erhebet sich unversehens / und wird den Faunen zugeleget. II. VII. 1290.
    b. wird heller aus dem Wasser des Flusses Zame. II. IV. 449. a.
Stoische Weisen werden aus Italien vertrieben. I. IV. 453. b. halten die
    Regungen für Kranckheiten des Gemütes. I. IX. 1344. a. Stoische Weissheit
    ist in Ansehen. I. IV. 452. a. Stoische Weltweissheit irret / was die
    Gemüts-Ruhe und Wollust betrifft. I. VIII. 1214. a.
Storch ziehet den Marbod von dem Krieg gegen die Deutschen ab. II. II. 377. b.
Strabo ein scharffsichtiger Mann. I. VI. 791. a.
Strandrecht bei den Nord-Völckern. II. V. 874. b. bei den Cimbern. II. VII.
    1233. a.
Stunden halten einen Lauff-Streit. I. IX. 1412. a. wie sie von den Barden /
    Egyptiern und andern eingeteilet worden. II. V. 761. a. Stunden-Uhr. II. V.
    761. b.
Sturm auf der See erreget. II. VII. 1232. b.
Styraxbaums Beschaffenheit. II. II. 310. a. seq.
Suasandusal / Fürst der Teucterer / wird zum Feldherrn erwehlet. I. II. 113. b.
Suchen / Haupt-Stadt bei den Serern. I.V. 639. a.
Suchuen / Königreich der Serer / unter was für Herrschaft es gewesen. I.V. 594.
    b. wird von den Tattern verheeret. I.V. 599. b. wird nach dessen Eroberung
    mit guten Verfassungen versehen. I.V. 643. a.b.
Sudetischen Gebürges unschätzbarer Reichtum. I. VII. 1113. b.
Sulpitius geht Friede mit dem Brennus ein. I. VI. 751. a.
Summanus / ein Gott. I. IV. 354. b.
Sybariten sind dem Trunck sehr ergeben. I.V. 580. b.
Syeda / des Getischen Königes / Sytalcen / Tochter / streitet wider die Perser.
    I.V. 530. b. wird dem Deutschen Fürsten / Antyr / vermählet. I.V. 531. a.b.
    erbauet Stargard. ibid.
Sylla (Lucius) ein Glücks-Kind. II. III. 504. b.
Sylla ist sehr grausam zu Rom. I. VI. 926. a. stehet den Deutschen im Wege. I.
    VI. 936. a. seine Taten in Griechenland. I. VI. 936. a. streitet wider Rom.
    I. VI. 940. b. seq. wird ewiger Feldherr und erhält ein Sieges-Gepränge. I.
    VI. 941. b. begibt sich seiner Gewalt und auff sein Vorwerg. I. VI. 943. a.
    stirbt. I. VI. 943. a. wie herrlich er verbrañt und begraben worden. II. VI.
    946. a.
Sylla wird wider die Tracier geschickt. II. I. 37. a. seq.
Syrien wird in einem Schauspiel vorgestellt. II. III. 488. b.
Syrmanis / des Getischen Königes Tochter / flüchtet zu den Amazonen. I.V. 540.
    b. flüchtet von dannen. I.V. 550. b. wird genötiget in den Scytischen
    Krieg zu gehen. I.V. 591. b. wird von Huhansien / Könige der Scyten /
    geliebt. I.V. 594. a. tödtet Iven / den König der Seren. I.V. 614. a. wird
    von Huhansien zur Königin in Suchuen eingesetzt / hernach mit ihm vermählet.
    I.V. 622. a.b. seq.
                                       T.
Tacsarinas / vornehmster Diener des Venones / kommt endlich / wegen Treue gegen
    ihn / umb. II. VII. 1124. a. seq.
Tacht des Callimachus brennet ein ganzes Jahr. I. II. 181. b.
Tafel von Blei wegen ihres Altertums verkauffet. I. II. 91. b. Tafeln / oder
    Tische / von hohem Wert. I.V. 583. b.
Tage sind nicht gleich. II. II. 258. b. Tage / so glücklich und unglücklich /
    von denen Völckern angemercket. II. V. 830. a. Tage-Wahl von vielen nicht in
    acht genommen. II. V. 831. a. Tages Einteilung. II. V. 761. a.
Tamarinden-Baumes Nutzen und Vorzug. II. II. 329. b.
Tamm der Deutschen kann von den Römern nicht erobert werden. II. VII. 1223. b.
Tanfana / was es für ein Gott sei. II. I. 472. a.
Tanfanischer Altar eröffnet und gibt eine Weissagung. II. IV. 596. b.
Tanfanischer Tempel. I.I. 7. b. darein wird des Drusus Gedächtnis-Mahl gebracht.
    I. IV. 338. a.b. ingleichen die Vermählung des Feldherrn mit Tusnelden
    darinnen vollzogen I. VII. 1175. a.I. IX. 1322. a. wird eingeäschert. II.
    VI. 998. b.
Tangus / König der Seren / erbittet Regen. I.V. 596. a.
Tanian / ein Scytischer Fürst / erzählt die Ursachen des Scytischen Krieges.
    I.V. 597. b.
Tantz über dem Farben-Streit. I. IV. 470. b. der Cyclopen bei Vermählung des
    Feldherrn. I. IX. 1355. a.I. IX. 1366. a. allerhand andere Täntze. I. IX.
    1366. a. Tantz der Elephanten. I. IX. 1374. a. der Blumen. I. IX. 1384. b.
    der Cyclopen / Heldinnen und fünff Sinnen. I. IX. 1413. a. Fackel-Tantz. I.
    IX. 1424. a. Waffen- / Wald-Gotter- und andere Täntze. I. IX. 1425. a. Tantz
    der vorgestellten vier Jahrs-Zeiten. II. I. 173. a. von Ismenen und Catumern
    gebracht. II. IV. 570. b. der Deutschen von neuer Art. II. III. 446. a. nach
    Erfindung der Epizephyrier. II. III. 493. b. Mantinescher. II. III. 494. a.
    Waffen-Tantz vom Pyrrhus erfunden. II. III. 494. a. Kranich-Tantz. II. III.
    495. b. Mauritanischer. II. III. 496. a. dem Fräulein Ditrichstein zu Ehren
    gehalten. II. IX. 1560. a. Flavius stellet Tusnelden zu Ehren einen neuen
    Tantz an. II. IX. 1642. b.
Tanusis / König der Goten / streitet wider dm Vexoris / König in Egypten. I.V.
    523. a.
Tanyu / Scytisches Reich besitzet ein sonderliches Kraut. I. II. 181. b.
Tapfferkeit / ob sie die Oberstelle unter den Tugenden verdiene. I. II. 116. a.
    ob sie dem Frauenzimmer zustehe. I. III. 198. a. kann bei der Zärtligkeit
    stehen. I. III. 204. a. der Helden / ob sie mehr Hertzhaftigkeit habe / als
    die Keuschheit. I. IV. 430. a. singt dem Feldherrn und Tusnelden zu. I. IX.
    1369. b. kann bei der Weissheit stehn. II. II. 261. b. wird in einem
    Schauspiel fürgestellt. II. VIII. 1412. b.
Tapis Hertzog der Marsinger ficht wider die Cherussker. I. IV. 427. b.
Taprobana glückselig. I. 5. 551. b. wird beschrieben. I.V. 656. b. Taprobana ein
    grosses Eyland. II. II. 333. b. Vaterland der Perlen. II. III. 410. b. seq.
Tarantulen werden durch Säitenspiele geheilet. II. V. 907. b.
Tarqvinier Sieg wider die Römer. I. VI. 757. b.
Tarquinius in einem Spiel vorgestellt. II. III. 423. b.
Tattern Feindschaft mit den Serern. I.V. 598. b. bezwingen sie. I.V. 600. b.
    sind endlich unglücklich. I.V. 602. b.
Tauben bestellen Brieffe. I. IV. 444. b. fliegen aus Sicilien in Italien. I. VI.
    792. a.
Tausendschön will Blumenkönigin sein. I. IX. 1392. a.
Tausi ein Weltweisser in Tschina ist neunmal neun Jahr in Mutterleibe. I.V. 617.
    b.
Tectosager werden geschlagen. I. VI. 784. a.
Teich mit Weine gefüllet. I.V. 581. b.
Telephus Hercules Sohn wird von Pentasileen geliebt. I.V. 529. a.
Temiscyra Königlicher Sitz der Vandala. I.V. 525. a. wird von dem Hercules
    belägert. I.V. 527. a.
Tempel des Glücks zu Aten. I. III. 207. a. Tanfanischer Tempel. I.I. 7. b.
    Tempel der Sonnen in Meden. I. III. 228. a.b. der Derceto. I. III. 286. b.
    Phrixischer Tempel. I. III. 318. a.b. Tempel der Venus in Cypern. I. III.
    315. b. des Augustus bei dem Rhodan und Araris. I. IV. 357. b. werden dm
    Flüssen erbauet. I. IV. 415. a. des Apollo. I. IV. 417. a. der Isis zu Rom.
    I. IV. 459. b. der Diana in Numidien. I. IV. 478. und zu Marsilien. I. IV.
    481. a. der Taurischen Diana. I.V. 526. a. des Achilles. I.V. 541. a. des
    Prometeus. I.V. 550. b.I.V. 565. a.b. der Luft von den Griechen geweihet.
    I.V. 565. a. des Olympischen Jupiters. I.V. 586. b. des Prometeus fällt
    über einen Hauffen. I.V. 586. a. auf dem Berge Lungmuen herrlich
    aufgeführter Tempel. I.V. 614. b. Tempel zu Rom der Ehre sehr niedrig
    erbauet. I.V. 630. b. dem Winde ein Tempel gebauet. I.V. 658. a. Tempel der
    Ceres in der Insel Samos. I.V. 680. a. der Pallas. I.V. 683. a.I.V. 687. a.
    des Socrates. I.V. 684. a. der Ceres zu Aten. I.V. 685. a.I.V. 689. a.b.
    des Olympischen Jupiters. I.V. 688. a.I.V. 703. a. Serapis und Isis zu
    Aten. I.V. 703. b. Musen-Tempel. I.V. 706. a. Tempel des Vulcanus in
    Sicilien. I. VI. 788. a. den Siegen des Marius zu Ehren erbauet. I. VI. 921.
    a. geben Kapzäume ab. I. VI. 928. b. der Göttin Erta. I. VII. 878. a. auf
    des Augustus Geburtsstelle erbauet. I. VIII. 1202. b. dem Drusus zu Ehren
    von dem Germanicus erbauet. I. VIII. 1237. a. der Gaditanische Tempel des
    Hercules. I. IX. 1327. b. Tempel des Bacchus zu Oresta. II. I. 61. a. des
    Augustus auf dem Berge Rhodope. II. I. 74. b. wird eingeäschert. II. I. 76.
    a. der Minerva in Deutschland. II. II. 262. a. des Bacchus in Deutschland
    beschrieben. II. II. 291. b. des Augustus und der Livia zu Rom eingeweiht.
    II. II. 292. a. des Krieges und der Bellona. II. III. 421. a. zu Upsal sehr
    alt / und wie er gestalt gewesen. II. V. 875. a.b. seq. des Friedens
    vorgestellt. II. VI. 953. a. Tanfanischer Tempel wird eingeäschert. II. VI.
    998. b.
Tempel dienen zu Festungen / die Leute in Zaum zu halten. I. VI. 928. b. sind
    unversehrlich. I. IV. 482. b. beleidigen macht unglücklich. II. VI. 999. a.
Tecbals hohe Macht bei dem Feldherrn Aembrich. I. VII. 1001. a. wird derselben
    entsetzet; kommt aber wieder darzu. I. VII. 1018. b. seine Verräterei gegen
    den Feldherrn. I. VII. 1020. a. muss mit dem Leben bezahlen. I. VII. 1021. a.
Terentia stellt die Juno in einem Schauspiel vor. I. VIII. 1195. b. hält mit dem
    Augustus zu. I.V. 695. a. seq. ist des Mecenas Ehefrau. I.V. 694. b. wird
    unter dem Bilde der Isis vorgestellt. I.V. 704. b. lobet der Asblasten die
    Wollust ein. I. VIII. 1191. a. bekömmt von dem Herrmann ein artlich Urteil
    von ihrer Schönheit. I. VIII. 1213. a.b. versucht den Herrmann. I. VIII.
    1213. b. 1215. b. ersticht sich selbst mit einem Dolche. I. VIII. 1221. b.
Teresmanes erleget den Herodes / König in Partien. II. VII. 1122. b.
Terpentin-Baums Schönheit / Vorzug und Nutzbarkeit. II. II. 317. a.
Teuta / Königin in Ilyricum / aus Deutschland bürtig / wird dem Könige Igron
    vermählet. I.V. 534. a. tut im Kriege grosse Taten. I.V. 536. a. schlägt
    die Epirer. I.V. 537. a. wird durch vergifftete Handschuh getödtet. I.V.
    538. b.
Teutobachs / Hertzogs der Cimbern / Krieges-Zug und herrliche Taten. I. VI.
    901. b. seq. wird gefangen. I. VI. 913. b.
Teutoner werden von dem Meer überschwemmet. I. VI. 899. b.
Teutsche / Teutschland / etc. siehe Deutsche / Deutschland. etc.
Tabor / König der Sarmater / wird vom Basan / Feldherrn der Deutschen /
    überwunden. I.V. 534. a.
Talestris / Amazonische Königin / kömmt dem Könige in Persien zu Hülffe. I.V.
    530. b. ziehet zum Alexander / und wird von ihm schwanger. I.V. 531. b.
Tebais in einem Schauspiele vorgestellt. II. II. 487. b.
Tee-Strauchs Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 332. b. Tee-Tranck. II. II. 333.
    a.
Temistocles in einem Auffzuge fürgestellet. II. III. 441. b.
Termopylen bestürmet Brennus. I. VI. 780. a.
Termusa ihre arglistige Erfindung ihren Sohn auf den Partischen Tron zu
    bringen. II. VII. 1118. a. ihre Blüt-Schande mit ihrem Sohne. II. VII. 1119.
    a.b. wird gekreuztiget. II. VII. 1121. b.
Teseus verliebet in eine Amazonin. I.V. 527. a. wird verwundet. I.V. 527. a.
Teudelindens Verräterei gegen ihr Vaterland. I. VII. 985. b.
Teudo Hertzog der Friesen wird vom Drusus überfallen. I. IV. 371. a. und
    gefangen. I. IV. 373. b. wird lossgegeben. I. IV. 374. a.b.
Teut auf wem er gedeutet bei den Deutschen. I. VII. 977. a.
Tiere / ob sie vernünftig? I.V. 607. b.I.V. 609. a. ihre Sprache. ibid. Liebe
    gegen Tiere in Menschen. I. IV. 386. b. Gemüts-Regungen ob sie bei den
    Tieren zu befinden? I. II. 91. b.I. IX. 1347. b.I. IX. 1348. b. Tiere so
    bei Völckern heilig. I.V. 662. a. weisen denen Menschen Artzneien. I. II.
    91. b. herrlich mit Halsbändern und andern Zierat ausgeputzt. II. V. 762.
    b. mit Waffen versehen von der Natur. II. VIII. 1328. b. wer sie zum ersten
    getödtet uñ obs recht? I. IV. 462. a. verliebet in den Menschen. I. IV. 386.
    b. wachsen auf Bäumen. I.V. 608. b. leisten ihren Herrn Dienste. I. IV. 434.
    b. seq. so starck und gar nicht rüchen. I.V. 670. b. der Tiere den Regungen
    der Menschen nachahmende Verrichtungen. I. IX. 1349. a. Tiere / so wilde /
    Zahmheit. II. I. 197. a.b. werden gestrafft. II. I. 201. a.b. in sie wüten
    ist straffbahr II. I. 207. b. Opffer-Tiere erforderte Art und
    Beschaffenheit. II. I. 209. a. Tiere werden von den Deutschen an statt der
    Fahnen gebrauchet. II. VII. 1200. a. Egyptischen Priester essen von keinem
    Tiere. I.V. 663. b.
Tinacris trit vom Reich ab. I. II. 142. a.
Tor der höchste Gott bei den Nord-Ländern wie er ausgesehen und verehret
    worden. II. V. 877. a.b.
Torballinus Cimbrischer Weltweiser gibt seine Meinung von etlichen
    Wunder-Geburten. II. IX. 1499. a.
Traciens Fruchtbarkeit / Einwohner / Beschaffenheit; des Adels Merckmahle /
    Grösse / Ursprung. II. I. 27. a. seq. Tracien kommt in Macedonische Hände.
    II. I. 32. a. wird dem Römischen Volcke vermacht. II. I. 67. a. wird von der
    Ada mit Wollüsten angesteckt. II. I. 83. a. wird in einem Schauspiele
    vorgestellt. II. III. 490. a.
Tracische Könige. II. I. 28. a. seq.
Tränen für Freude und Liebe. I. III. 325. a. versiegen bei grossen Schmertzen.
    I. VIII. 1288. b. siehe Weinen.
Trasyllus der Wahrsager läst sich bestechen / und weissaget dem Augustus
    Unglück. I. VIII. 1228. a.b. saget dem Segestes wahr. I. VIII. 1256. a.b.
Tule wird von den Phöniciern besucht. I. II. 121. a. Tulens Einwohner / von
    was sie ihre Wohnung bauen / und was ihnen träume? I. IX. 1321. a. nach
    Tule werden die Römer durch Schiffbruch verschlagen. II. VII. 1237. b.
Tumelich wird geboren und eingeweiht. II. III. 362. a. II. III. 364. a. seine
    Geburt wird gefeiert. II. III. 364. a. wird gefangen und zu dem Germanicus
    gebracht. II. VI. 1637. b. wird von der Flucht zurücke gezogen. II. VII.
    1129. b. soll von dem Siegemund geschlachtet werden. II. VII. 1130. b. wird
    zu dem Opffer geführet / und kömmet wunderbahr darvon. II. VII. 1134. a.
    wird Tussnelden lebendig dargestellt. II. VII. 1139. a.
Turn von Porcellan. I.V. 659. b. zu Babylon. II. V. 745. a.
Tuscier werden von den Deutschen verdrungen. I. VII. 734. b.
Tussnelde hält einen Zweikampff mit der Königin Erato. I.I. 32. a. hält einen
    Kampff mit ihrem Vater Segestes und verwundet ihn / doch unwissend. I.I.
    47. a. will sich für ihren Vater opffern lassen. I.I. 77. b. besuchet die
    krancke Königin Erato. I. III. 196. a. wie sie gestaltet gewesen. ib. wird
    geraubet und weggeführet. I. IV. 421. b. errettet den Feldherrn von Ketten.
    I. IV. 424. b. hält zu Deutschburg als Braut ihren Einzug. I. VII. 1163. b.
    wird mit dem Feldherrn vermählet. I. VIII. 1176. a. seq. kömmt in ihrer
    Jugend nach Rom. I. VIII. 1235. a. wird für die Helena gehalten. I. VIII.
    1237. a. gibt sich dem Herrmann zu erkennen. I. VIII. 1244. a. wird dem
    Herrmann versprochen. I. VIII. 1249. a.b. hat von der Liebe des Tiberius
    Anfechtung. I. VIII. 1250. a. fällt unter die Räuber / und wird von dem
    Herrmann errettet. I. VIII. 1257. b. flüchtet heimlich zu der Cattischen
    Hertzogin. I. VIII. 1269. b. schläget das Ansuchen des Marbods aus. I. VIII.
    1275. a.b. wird von ihrem Vater auf der Jagt gefangen genommen. I. VIII.
    1277. b. schläget die Marckmännische Krone und vier und zwantzig
    Fürsten-Hütte aus I. VIII. 1287. b. wird deswegen in ein Gefängnis
    geschlossen. I. VIII. 1289. a. seq. wird von ihrem Herrmann aus dem Wasser
    errettet. I. VIII. 1292. a.b. wird nochmahls von ihrem Herrmann errettet. I.
    VIII. 1302. b.I. VIII. 1307. b. ihre Gelübde bei ihrer Vermählung. I. IX.
    1322. b. wird in einem Schauspiel vorgestellt. I. IX. 1355. a.b. ihr
    Auffzug unter der Gestalt der Tetis / und vortreffliche Geschickligkeit im
    Rennen und den Waffen. I. IX. 1414. b. gebieret einen Sohn / II. II. 362. a.
    ziehet in den Sauerbrunnen / und hält sehr vernünftige Unterredungen mit
    den Barden und der Agrippine. II. V. 754. a. seq. wird gefangen und zu den
    Römern gebracht. II. VI. 1035. a.b. ihr Gespräche von ihrer Entfliehung. II.
    VII. 1108. b. gebiert einen jungen Sohn. II. VII. 1128. a. nimt von ihrem zu
    Opffer bestimmten Sohne beweglichen Abschied. II. VII. 1135. a. seq. wird
    nach Rom gebracht. I. IX. 1475. a.b. seq. wird von dem Tiberius bewirtet.
    II. IX. 1489. a.b. fliehet von Rom. II. IX. 1510. b. ist wieder in
    Deutschland. II. IX. 1596. a. läst sich auf der Flucht Hermophilus nennen.
    II. IX. 1616. b. kömmt nach Aten. II. IX. 1617. a.b. hilfft Artaxata mit
    belägern / und eröffnet daselbst die von der Asblaste erhaltene Weissagung.
    II. IX. 1624. a.b. kömt wieder in Deutschland / und will den Ingviomer
    aufopffern lassen; wird aber von ihrem darzu kommenden / und sie
    empfangenden Herrmañ daran verhindert. II. IX. 1599. a.b.
Tiberich die Stadt an dem Rheine erbauet. I. IV. 407. b.
Tiberius ziehet in die Insul Rhodus der Weissheit obzuliegen. I. III. 246. a.
    soll mit Julien verlobet werden. I. IV. 396. a. soll und muss die Julia
    heiraten. I. IV. 404. a. muss die Vipsania verstossen. I. IV. 406. a. ist
    eifersüchtig gegen die Julia. I. IV. 406. b. kömmt in Deutschland zu dem
    Drusus. I. IV. 420. b. ziehet in Dalmatischen Krieg. I. IV. 490. a. hält
    hierauff ein Sieges-Gepränge. I. IV. 495. a. machet den Cheruskern Lufft. I.
    VII. 1042. b. wird vom Augustus zum Sohn angenommen. I. VII. 1146. b.I.
    VIII. 1233. b. wird von ihm gegen den Marbod geschickt. I. VII. 1154. b.
    erlanget den Nahmen eines Deutschen Feldherrn. I. VII. 1155. b. will mit dem
    Marbod anbinden. I. VII. 1157. a. stellet den Saturnus in einem Schauspiele
    vor. I.I. IX. 1195. b. wird mit der Julia unvermutet vermählet. I. VIII.
    1197. b. ziehet nach Rhodus. I. VIII. 1223. b. verliebet sich in die
    Tussnelda. I. VIII. 1250. a. fasset eine Feindschaft gegen den Herrmann. I.
    VIII. 1233. b. seine Schwelgerei und Unzuchts-Taten. I. VIII. 1251. a.
    stellt dem Herrmann nach dem Leben. I. VIII. 1252. a.b.I. VIII. 1254. b.
    wird in Deutschland verschickt / und sieget daselbst. I. VIII. 1261. b.
    träget dem Marbod der Römer Freundschaft mit Abstehung der Tussnelden an.
    I. VIII. 1298. a.b. wird in einem Ritterspiele von dem Hertzog Arpus
    vorgestellt / und will dem Feldherrn seine Tussnelde streitig machen. I. IX.
    1356. b. wird von dem Feldherrn geschlagen. II. II. 243. a. bewirtet die
    Deutschen Fürsten ansehnlich. II. III. 420. a. will sie an einander hetzen.
    II. II. 348. a. seine falsche Freundschaft gegen selbige. II. III. 396. a.
    beschencket sie. II. III. 513. a.b. hält drei Sieges-Gepränge. II. III. 516.
    a. bricht den Frieden gegen die Deutschen. II. V. 926. a.b. trit nach des
    Augustus Tode die Herrschaft an. II. V. 934. a. alles Volck leistet ihm
    Gehorsam. II. VI. 944. b. rüstet sich mit Gewalt zum Deutschen Kriege. II.
    VI. 1095. a.b. hält dem Augustus eine Lob-Rede. II. VI. 965. b. mit die
    Herrschaft anzunehmen gebeten sein. II. VI. 976. a.b. nimmt sie endlich
    an. II. VI. 978. b. wird Caldius Biberius Mero genennt. II. IX. 1477. a.
    stürtzet mit dem Pferde. ibid. gastieret das Deutsche Frauenzimmer. II. IX.
    1489. a.b. wird in Schmäheschrifften durchgezogen. II. IX. 1523. a.
Tibur der Stadt artliche an die Stadt Rom abgelassene Frage. I. VI. 754. a.
Tichter-Kunst in einem Schauspiel vorgestellt. II. V. 864. b. Deutsche hat ihren
    Ursprung bei dem Bober-Fluss genommen. I. VII. 1132. a.
Tiegel von den Cimbern aus den Römischen Waffen gegossen. I. IX. 1333. b.
Tieger ohne Grimm. I.V. 644. b.
Tigranes / König in Partien. I. III. 209. a. bemächtiget sich ganz Armeniens.
    I. III. 211. a. wird von den Römern überzogen. I. III. 211. b. ist an seinen
    Kindern unglücklich. I. III. 213. a. stirbt auff der Jagt. I. III. 114. a.
Tigranes wird mit des Mitridates Tochter verheiratet / und zum Könige in
    Syrien gemacht. I. VI. 930. b. seine Taten. ibid. seq. ergiebet sich den
    Römern. I. VI. 949. b.
Tigranes / Artaxias / Königs in Armenien / Bruder / kömmt zur Krone. I. III.
    243. b. gefällt den Armeniern nicht. I. III. 244. a. führt Unzucht ein.
    ibid. b. verbrennt sich. I. III. 247. b.
Tigranocerta wird erbauet und erobert. I. III. 211. a.I. III. 212. b.
Timon Griechischen Weltweisens / seine Sache gegen die Druiden. II. II. 263.
    a.b.
Tingis in eine Schauspiel vorgestllet. II. VIII. 1438. b.
Tridates König in Partien. I. III. 225. b. weichet aus seinem Reiche. I. III.
    235. b.
Tirchanis Cimbrischen Königes Tochter. I. IX. 1328. a. soll sich verheiraten /
    will aber nicht / und legt den Scepter ab. I. IX. 1328. b.
Tische oder Tafeln von hohen Wert. I.V. 583. b.
Tissaphernes ein Armenischer Fürst. I. III. 309. a.
Todt hat Gemeinschaft mit der Liebe. II. III. 467. a. ist ein schreckliches
    Ungeheuer. II. VIII. 1323. a. seq. darff für dem Serischen König nicht
    genennet werden. I.V. 639. b. seeliger Tod ob er einem guten Gewissen
    fürzuziehen. I.V. 695. b.I.V. 696. b.
Todten-Auffzug. I.I. 11. a.
Todten-Bereitung ist nötig. I. VII. 1110. a. und löblich. I. II. 138. b.
Todtes-Gedancken des Feldherrn. II. IX. 1541. b.
Todtes Sieges-Bogen. II. VI. 953. b.
Todten welche wieder lebendig worden sein. II. VII. 1140. a.
Tolosa wird eingenommen / und das daselbst in dem Delphischen Tempel befindliche
    Gold und Silber entwendet. I. VI. 904. a.
Tomyris Amazonische Königin bringt den Cyrus um. I.V. 529. b.
Topiso ein Berg voller Gold. I. II. 178. b.
Torismund König in Norwegen hält eine See-Schlacht mit Froto dem König der
    Cimbern. II. V. 888. a. II. V. 891. a.b. hält einen Zweikampff mit Rollern.
    II. V. 900. a. und mit König Erichen. II. V. 901. a.
Tranburg wird eingenommen. I. II. 185. b.
Traum der Olorene und Riame. I. II. 164. b. welche niemahls geträumet haben. I.
    II. 165. a. des Fürsten Zeno. I.V. 506. a. weisen einem Gesundheits- Mittel.
    I.V. 506. a. des Polemo. I. III. 261. a. und I.V. 515. a. zeigen an / dass
    einer seinen Feind tödten solle. ibid. a.b. des Antigonus Traum. I.V. 515.
    b. Träume von Alexander dem Grossen und dem Cäsar. I. II. 134. b. Traum des
    Marius. I. VI. 908. b. der Asblaste und anderer. I. VIII. 1186. a. des
    Flavius. I. IV. 486. a. Träume entdecken den bevorstehenden Tod. I.V. 514.
    a. sind sonst nachdencklich. ibid. Traum des Feldherrn von seiner Tussnelda.
    I. VIII. 1235. b. der Erato von ihrer Liebesverwirrung. II. III. 461. a.
    Träume wie sie entstehen. II. IV. 610. a. etliche sonderbahre Träume / so
    eingetroffen. II. IV. 619. a. Traum des Octavius. II. VI. 955. a. eines
    Römischen Edelmañs. II. VII. 1152. a.b. Germanicus hält viel auf Träume. II.
    VII. 1183. a. seq. woher dieselben entstehen ibid. Traum der Adelgunde. II.
    VIII. 1459. b.
Treva eine Stadt an einem Fluss erbauet. I. II. 175. b.
Treue und Glauben ob sie auch Räubern zu halten. I. VI. 869. a. ist Fürsten
    wohlanständig. I. VI. 870. b. siehe Glauben.
Triclinion zu Aten. I.V. 688. a.
Trincken ist von einem dreissig Tage unterlassen worden. I.V. 593. a.
Trinckgeschirre bei Vermählung des Feldherrn. I. VIII. 1184. a. der Römer von
    grossem Wert und Uppigkeit. II. V. 776. b.
Tricolamus in einem Schauspiel erstochen. II. VIII. 1415. a.
Triteuta heiratet den Demetrius doch unglücklich. I.V. 538. b. seq.
Triton in einem Aufzuge vorgestellt. I. VIII. 1198. a.b.
Trojanische Belägerung. I.V. 529. b.
Trunckenheit entstehet aus Wein und ist schädlich. I.V. 579. b. wird den
    Deutschen zugeleget. I.V. 580. b. wird von vielen Völckern beliebet. ibid.
    trunckene Könige bei den Indianern von Weibern ungestraffet getödtet. I.V.
    663. a. Trunckenheit macht keine rechtschaffene Tapfferkeit. II. II. 296.
    a.b. siehe Vollheit.
Tschina / Tschineser / siehe Seren / Serer.
Tugend gebiehret den Untergang. I. III. 309. a. ist unglückselig. I.V. 539. a.b.
    aber vergnügt dabei. ibid. ist keinem Lande gemein. I. IV. 433. a. ist bei
    Feinben hoch zu halten. I. IV. 338. a.b.I. IV. 342. a. hat Flügel. I. IV.
    342. b. wird durch Härte befördert. I. II. 209. a. muss Anfechtung ausstehen.
    I. VIII. 1216. a. ist kein Feind der Gemächligkeit. I. II. 110. a. läst sich
    im Unglück sehen. II. VI. 1046. a.b. wird mit Ambra verglichen. I. IX. 1344.
    a. Eigenschaft und Beschaffenheit. I. VII. 1108. a.b. was sie sei ist
    zweiffelhaftig. II. II. 270. a. kann auch bei Gemächligkeit stehen; wird
    aber bei Wiederwärtigkeit desto herrlicher. I. VIII. 1191. b. II. III. 398.
    b. wird in einem Schauspiel vorgestellt / wie sie mit dem Glücke streite.
    II. III. 493. b. II. III. 485. b. ist über hohe Ankunft. I. VII. 1091. a.b.
    ob sie ihren Glantz unter den Lastern erhalte. I. IX. 1332. a.b. reitzet zur
    Nachfolge. I. IV. 450. b. kann auch ohne Ruhm sein. I. VII. 1097. b. wird bei
    Vermählung dreier Fürstlichen Pesonen aufgeführet. II. IX. 1640. b.
Tugendhafte sind unglückselig. I. III. 206. b. vereinigen sich miteinander.
    I.V. 505. b. haben sich für nichts zu fürchten. II. VII. 1111. a. seq.
Tuisco der erste Mensch. I. VI. 732. b. kömmt in Deutschland. I. II. 111. a.
    sein Leichnam in Kristallen verwahret auf einem Gebürge. I. VII. 1117. a.
    ist ein Schutz-Gott Deutschlandes. I. VII. 1119. a.
Tuiscon hat zu den Deutschen die Weissheit gebracht. II. V. 744. b.
Tulipanen Lob. I. IX. 1386. b. will den Vorzug vor den Blumen haben. I. IX. 1398.
    a.
Tullius (Servius) in einem Schauspiel vorgestellt II. III. 423. b.
Türckis was er für eine Krafft habe. II. III. 405. b.
Turnus Hertzog der Umbrier streitet wider den Brennus. I. VI. 739. b.
                                     U. V.
Vandala giebet den Ursprung denen Amazonen. I.V. 522. b. wird vom Tanauses
    geliebt. I.V. 523. a. erobert viel Städte und Länder. I.V. 524. a. stirbet
    und wird zu einer Göttin gemachet. I.V. 526. a.
Vannius ein Quadischer Fürst geht mit dem Drusus einen Vertrag ein. I. IV. 410.
    b. sein Ursprung und wie er zu dem Marbod kommen. I. VII. 1144. a. rückt mit
    achtzig tausend Mann über die Donau. I. VIII. 1297. a. wird unschuldiger
    Weise beschuldiget / dass er den Marbod habe wollen helffen umbringen. II.
    IX. 1556. a.b.
Vannius Rat dem Marbod gegeben. II. V. 823. und 825. b. gibt dem Marbod wegen
    seiner Tochter Rat / und stellt ein herrlich Schauspiel für. II. VIII.
    1402. a. seq.
Varro seine Bücher. II. V. 745. b.
Varus will die Fürstin Walpurgis schwächen. I.I. 13. a. seine Verrichtungen in
    Syrien. I.I. 43. b. ist ein schlechter Feldherr. I.I. 45. a. seine letzte
    Rede. I.I. 49. a. seq. ersticht sich. I.I. 58. a. Varus Cörper wird ein und
    ausgegraben. I.I. 63. a. sein Haupt wird geopffert. I.I. 69. b. sein
    Leichnam wird geopffert. I.I. 72. a. drucket die Cherussker und andere
    Völcker. I. VIII. 1290. a. läst Rhamis eines Fürsten Braut rauben. I. VIII.
    1294. b. erscheinet dem Germanicus II. 6. 1061. a.
Vaters Gewalt über seine Kinder. II. IV. 634. a. Vater Urheber des Geschlechts.
    I. III. 32. a. so klug haben selten kluge Kinder. II. I. 81. a.b.
    Grausamkeit gegen ihre Söhne. I.V. 517. b. lieben ihre Söhne über sich. I.V.
    511. b.
Vaterland ist nicht zu bekriegen. I.I. 73. a. nicht zu beleidigen / noch hat man
    sich an dasselbige zu rächen. I. VI. 743. a. Vaterlandes Liebe ist der Liebe
    des Ehestandes vorzuziehen. I. VI. 783. a. Vaterlande soll man mit seinem
    Schaden beistehen. I. III. 309. a. Liebe dazu ob sie von der Natur. ibid.
Ubeltäter ohne Verhör zu verdammen obs zu entschuldigen. I. VII. 1021. b. seq.
Uberfluss wird gescholten. I. II. 106. a.
Uberschrifft über der Walpurgis Grab. I.I. 29. a.b. auff dem Grabe des Varus.
    I.I. 81. b. auff den Drusus. I. IV. 336. b. dem Augustus zu Ehren in einem
    Tempel. I. IV. 357. b. über des Wodans Taten. I. IV. 373. b. auff des
    Drusus Taten in Deutschland. I. IV. 418. a.b. über die Sonne. I.V. 568. b.
    über das Götzenbild Fe. I.V. 612. a. auff die Ehrensäule des Pingli. I.V.
    623. a. auff des Zenonis herrliche Taten. I.V. 628. b. über Ivens Grab.
    I.V. 634. b. über das Bild des Flusses Xiang. I.V. 638. b. des Galles über
    eine Spitzsäule. I.V. 674. a. über die Mumien. I.V. 678. b. über Socratens
    Grab. I.V. 684. a. über Platons Grabmahl. I.V. 706. b. über Zarmars
    Grabmahl. I.V. 707. a. über dessen Asche. I.V. 715. a. über die von den
    Cimbern erschlagene Leichen. I. VI. 906. a. über die Opfferung der
    Calphurnia. I. VI. 907. b. über das Grab der Königin Hatta. I. VI. 920. b.
    über des Spartacus Säule. I. VI. 954. a. über eines Samotischen Weisens
    Höhle. I. VII. 1111. a. über das Bild der Porcia. I. VIII. 1204. a. über des
    Drusus Grabmahl. I. VIII. 1217. a. auff einem Ringe gefunden. I. VIII. 1284.
    a. über das Bild der Venus / der Ceres und des Bacchus. II. I. 41. a. über
    die Agrippine unter der Gestalt der Isis. II. VIII. 1348. a. bei des
    Augustus Begräbnüssen. II. VI. 949. a. auff den Käyser Augustus. II. VI.
    974. b. auff den Schilden in Deutschland. II. III. 444. b. auff einer
    Glocken. II. V. 760. b. auff des Germanicus Schiffen. II. VII. 1165. b. auff
    Gottwalds Grab. II. VI. 872. b. seq. über des Drusus Bildnis. II. VI. 1082.
    b. über Hermengardis Ehrensäule. II. VIII. 1332. b. über der Minerven Tempel
    in Deutschland. II. II. 276. a. über allerhand Speisen. II. V. 871. a.
    Uberschrifften auf und bei den Bildnüssen der Gratien / Hesperiden / und der
    Tugend auf fürstlichen Vermählungen. II. IX. 1639. a.b. seq. stehen nur über
    Helden nicht der Götter Bildnis. II. III. 471. a.
Uberschrifft auf Hertzog Herrmannen auf der von dem Flavius zu Ehren ihm
    aufgesetzten Ehrensäule. II. IX. 1645. a. siehe Grabschrifft.
Uberwundene sollen nicht kleinmütig sein. I. IV. 374. b. wie mit denen
    Uberwundenen umzugehen. II. VII. 1280. b.
Velleda Ingviomers junge Tochter soll eine Göttin werden. II. IX. 1603. a. wird
    geboren. II. IX. 1600. a.
Uen König der Seren. I.V. 602. b.
Ventidius ein Glücks-Sohn. II. III. 505. b.
Venus ihr Tempel in Cypern. I. III. 318. b. ihre Bilder. I. III. 319. b.
Venus bei den Deutschen. I. VII. 979. a. ihr Bild zu Ascalon. I. IV. 402. a. ihr
    Zelt wird fürgestellet. I. IX. 1362. a.b. Venus ihr Bild. I.V. 570. a.
    erfindet das eingemachte. I. IX. 1363. b. wie sie die Spartaner gemahlet
    haben. I.I. 194. a. zu Baulis verehret. I. II. 388. b.
Venus-Haar eine Blume. I. IX. 1391. a.
Verachtung tut wehe. II. IV. 645. b.
Veränderung ist süsser als Beständigkeit. II. I. 128. a. ist den Menschen
    angenehm. II. IV. 706. a. nicht zu schelten. II. I. 150. a.b. siehe
    Unbeständigkeit.
Verbotene Sachen werden begierig verlangt. II. IV. 682. a.b.
Vercingetorich verknüpffet die Garumna mit dem Mittelmeere. I. IV. 373. a. wird
    von den Galliern zu ihren Feldherrn erwehlet. I. VII. 1029. a. wird von dem
    Cäsar geschlagen. I. VII. 1031. b. sein Siñbild von der Soñe hergenomen. II.
    IX. 1585. b.
Verdienste sind manchmahl grossen Leuten ein Fallbret. II. VII. 1228. b.
Vergängligkeit der grösten Glückseeligkeit. II. IV. 580. a.
Vergessenheits-Brunn. I. IX. 1428. a.
Vergnügung woher sie entstehe? II. VII. 1295. a.
Vergötterung wohlverdienter Leute. I. IV. 342. b. ist unrecht. I. IV. 343. b.
    wird von vielen Völckern verdammet. I. IV. 346. b.I. IV. 359. a.b. von
    etlichen verlanget. ib. Vergötterung des Augusts. II. VI. 970. a.
Verhängnis hat seltsame Leitungen. I. III. 216. b. bemeistert alle Ratschläge.
    I. III. 856. b. sein unerforschliches Wesen. I. VI. 846. a. ist
    unvermeidlich. I. III. 295. b. läst sich an nichts binden. II. VII. 1288. b.
    ist die weiseste Richtschnur. I. VIII. 1206. b. wird in einem Schauspiele
    vorgestellt. II. V. 803. a. siehe Versehung.
Verläumbdung zu ertragen. I. III. 299. b. ist von Fürsten zu verachten. II. VII.
    1248. a.
Verliebten sind weder im Leben noch im Tode. I. VIII. 1236. b. wem sie gleich
    sein. I. VIII. 1236. a.
Velitrer werden von Römern belägert. I. VI. 753. a.
Vermählungs-Gebrauch bei den Deutschen. I. VIII. 1175. a. in acht genommen bei
    der Verbindung des Catumers und der Adelmunden. II. IV. 693. a.b. siehe
    Heiratung.
Vernunft des Menschen wird gelobet. I. IV. 435. b. ob mit der Vernunft die
    Tiere begabet sein. I.V. 607. b. herrschet über die Gemüts-Regungen. II.
    III. 453. a. streitet mit der Ehrsucht / Geitz und Wollust um den Vorzug.
    II. IV. 572. a. ob sie den Menschen zur Straffe gegeben. I. IX. 1343. b. ist
    unruhiger als der Trieb in den Tieren. ibid. bedarff Regung. I. IX. 1349.
    b.
Verräter sind überall verachtet. I.V. 631. a.b.
Verräterei Saamen unaustilglich. I. VII. 1078. b. ob und wie sie zu straffen.
    II. V. 838. b. seq.
Verschnittene sind in Ansehen. I.V. 556. a.b. sind schädlich. I.V. 547. a.b.
Verschwendung der Römer über dem Essen und in ihren Geschirren. II. V. 776. a.b.
Verschwiegenheit ist die Spannader der Klugheit. II. I. 14. b.
Versetzung Gottes / wie sie von den Menschen anzusehn. I. VIII. 1292. b.
    verfähret wunderbahr. I. IX. 1326. a. siehe Verhängnis.
Verwegenheit oder Furchtsamkeit welche am besten. II. VI. 986. b.
Verzweiffelte sind nicht anzufallen. II. V. 902. b.
Vesta / eine von den Hesperiden. II. VIII. 1439. a. wird von der Assblaste
    fürgestellt. I. VIII. 1195. a. ihre Taten / Eigenschaften und Erfindungen.
    I. VIII. 1203. b.
Vestalische Jungfrauen. I. IX. 1329. b. wie sie die Missetäter vom Tode
    errettet. I. IX. 1330. b. ihr Aberglauben und Unkeuschheit. I. IX. 1331.
    a.b.
Veturius wird von den Samnitern eingeschlossen. I. VI. 765. a.b.
Vexoris / König in Egypten / streitet wider den Tamausis. I.V. 523. a.b.
Uhr wird eine schöne Griechin geheissen. I. IV. 406. b. wird von einer Braut aus
    ihres Bräutigams Asche gemacht. I.V. 656. a. sind von den Barden erfunden
    worden. II. V. 762. a.
Uhr-Ochsen sind feste fornen an der Stirne. I. II. 88. b.
Vierdte Zahl führt besondere Geheimnisse bei sich. II. I. 203. b.
Vindobon wird vom Salomin / Könige in Scytien / belagert. I. II. 151. a.
Vipsania / des Tiberius Gemahlin / wird von ihm verlassen. I. IV. 406. a.
Virgilius / des Mecenas Gast. I.V. 693. b. seine mit eigener Hand geschriebene
    Getichte verehret Mecenas dem Horatius. I. VIII. 1222. a. wird an dem
    Begräbnis des Augustus vorgestellt. II. VI. 950. b.
Viriats Ursprung / wunderbahre Aufferziehung und wider die Römer verrichtete
    Taten. I. VI. 888. b. wird Hertzog in Lusitanien. I. VI. 890. a. wird vor
    einen Fürsten durch ein gewisses Mahl erkennet. I. VI. 891. a. wird
    meuchelmörderisch erstochen. I. VI. 893. b.
Viridomar / Hertzog der Hermundurer / erlegt die Römer. I. VI. 814. b. fordert
    den Marcellus zum Zweikampff aus. I. VI. 815. a. kömmt in einem Zweikampff
    umb. I. VI. 815. b.
Ulsing wird Feldherr. I. II. 114. b.
Ulysses ob er in Deutschland gewesen? I. II. 129. a. II. II. 262. b. wird in
    einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 495. a.
Umbrier wider die Römer. I. VI. 766. b.
Unähnligkeit Ursache der Uneinigkeit. I.V. 518. b.
Unbeständigkeit hat die schönste Anmut / und ist guten Gemütern anständig. II.
    I. 128. a. Gespräch der Agrippina und des deutschen Frauenzimers von der
    Unbeständigkeit des Glücks. II. VI. 1046. a. seq. siehe Veränderung.
Undanck ist bei den Parten verhasst. II. VII. 1121. b.
Undanckbare werden an etlichen Orten gestraffet. II. VIII. 1327. b.
Unedele sind von Würden und Priestertum nicht auszuschliessen. II. I. 177. a.b.
    sind von der Weissheit nicht auszuschliessen. II. I. 180. a.b. seq.
Unchliche ob sie deswegen von der Nachfolge auszuschliessen oder nicht? II. VII.
    1270. a.b. seq.
Unfruchtbar zu machen / was es für ein Laster. II. IV. 610. seq.
Unfruchtbarkeit wird in einem Bilde vorgestellt. I. VIII. 1181. b. macht Fürsten
    verächtlich. I. VIII. 1185. b. ist bei denen Deutschen eine Schande. II. IV.
    609. a b.
Unglück macht glückselig. II. V. 759. a. ist etlichen Geschlechtern erblich. I.
    III. 226. a.
Unglückseligkeit bei der Tugend. I.V. 539. a.b.I. VIII. 1191. a. ist gemein. I.
    IV. 438. b. dienet oft zur Glückseligkeit. I. IV. 439. b.
Unglückszeichen werden von etlichen in Wind geschlagen. II. II. 376. b.
Unglücksvögel geben glückliche Zeichen ab. II. II. 376. b.
Unordnung unter Sternen / auff der Erden / in dem Meere und sonsten angenehm.
    II. III. 400. a.b.
Unschamhaftigkeit wird verehret. I. III. 303. a.I.V. 527. b.
Unschuld hat sich für nichts zufürchte. II. VII. 1111. a. seq.
Unschuldige köñen von Fürsten nicht gestraffet werden. II. IV. 714. a. seq.
Unsterbligkeit verlanget die Seele. I. II. 139. b. siehe Seele.
Untertanen ob sie durch Uberfluss oder Schatzung im Zaume zu halten. I. VII.
    1056. a.b. eines Fürsten ob sie von einem andern Fürsten in Schutz zu nehmen
    sind. II. VII. 1299. b. seq.
Unverträglichkeit gewisser Dinge gegen einander. II. V. 528. a.
Unverzagt ein deutscher Ritter. I. VI. 780. a.
Unwissenheit wird von vielen geliebt. II. I. 180. b.
Unzucht eingeführet zu Ehren der Anaitis. I. III. 300. a. ist eine Brut der
    Höllen. I. IX. 1337. a.b. wird gelobet und verteidigt. I. III. 303. a.
Vocione des Ariovists Tochter überhebt ihn in seiner Herrschaft. I. VII. 1107.
    b. macht mit dem Marbod ein Bündnis. I. VII. 1135. a.b. ihre löbliche
    Herrschaft. II. V. 916. a.
Vogel wächset von einer Blume. I.V. 551. a. und I.V. 608. b. reden / lachen und
    weinen. I.V. 607. a.I.V. 609. b. Glücks-Vogel bei den Serern. I.V. 633. a.
    Vögel lernen singen. II. VIII. 1365. b. Unglücks- Vögel geben Zeichen des
    Sieges. II. II. 377. a. ob sie zukünftige Dinge weissagen können. I. VI.
    744. a.b. II. VII. 1263. a.
Vogelstreit wird entschieden. II. VII. 1226. a.b.
Volck / so klein ist / und zwischen grossen Fürsten inne liegt / was es für einen
    Herrn zu erwählen. II. VII. 1293. a. wie weit es sich seinem Fürsten
    entgegen setzen könne. II. VII. 1295. b. seq. Völcker Eigenschaften sind
    unterschiedlich. II. V. 779. a.b. haben gewisse Merckmahle. II. V. 800. a.
Vollheit gewisser Völcker woher sie entstehe. II. II. 294. b. siehe
    Trunckenheit.
Vollmond bei den Deutschen glücklich. II. V. 829. a. seq.
Vologeses ein Armenischer Fürst. I. III. 243. b. sein Eheweib. I. III. 245. a.
    des Bacchus Priester behauptet durch Aberglauben das Tracische Reich. II.
    I. 75. a. seq.
Vonones wird Geissel zu Rom. II. VII. 1118. a. wird König in Partien. II. VII.
    1122. b. wird durch seine Tugenden bei den Parten verhasst. II. VII. 1124.
    b. muss aus seinem Reiche weichen. II. VII. 1125. a.b. wird gefangen in
    Syrien geführet. ib. kommt um. II. IX. 1634. a.b.
Voranzeigungen in dem Römischen Läger. II. VI. 1060. b. seq.
Vorsehung Gottes machet keinen Notzwang. I. III. 298. a.
Vorsorge Gottes über alle Geschöpffe. I. IX. 1328. a.
Vorwand des Krieges von den wahren Ursachen zu unterscheiden. I. III. 209. b.
Uppigkeit zu Rom. I. II. 209. b. siehe Verschwendung.
Upsal hält das neunjährige Feier. II. V. 875. a.
Ursachen des Krieges von dessen Verwande zu entscheiden. I. III. 209. b. sind
    nicht allezeit zu entdecken. I. III. 210. b.
Ursprung / zu demselben werden alle Dinge beweget. II. IV. 630. b.
Urteile sonderlicher Art in Gemählden vorgestellt. II. V. 817. b.
                                       W.
Wachholderbaums Gebrauch und Vorzug. II. II. 323. a.
Waffen / wie weit sie von den Weibern zu tragen sind. I. III. 198. b. ob sie mit
    der Weissheit köñen verknüpffet sein. I.V. 612. b. den Göttern gewiedmet. II.
    VII. 1215. a.
Waffen-Heilung. I. IV. 473. a.b.
Waffen-Salbe Beschaffenheit. II. III. 480. b.
Wahl eines Fürsten / wie sie beschaffen sein soll. II. VII. 1279. a.
Wahl-Königreichs besondere Kranckheit. I. VII. 1092. b.
Wahlstadt des Varus kläglicher Anblick. II. VI. 1057. a.
Waldau / Hertzog der Bataver / richtet Handels-Gesellschaften an. I. IV. 363.
    b.
Wallfisch strandet in der Elbe. II. VII. 1307. a.
Wallpurgis / eine Deutsche Fürstin / wird vom Varus an ihrer Keuschheit
    angefochten / und springet in einen Fluss. I.I. 13. a. wird begraben. I.I.
    11. b.
Wald-Götter entführen die Erato von einem Jäger- Hause. II. IV. 566. a. wie es
    damit zugegangen. II. IX. 1605. a.b. seq.
Wanderung der Seelen lehren die Egyptier. I.V. 666. b. siehe Seele.
Wanderung der Völcker mehr schmertzhaft als grausam. I. VII. 1062. b.
Wapen der Cheruskischen Hertzoge. I.I. 31. b. siehe Pferd.
Warheit ob sie allezeit in acht zu nehmen sei. I. VI. 871. a.b. Warheit soll der
    kindlichen Liebe überlegen sein. II. VII. 1178. b. wird von der Unwissenheit
    des Pövels umsonst verfolgt. II. VIII. 1388. b. Warheits Erforschung. II.
    II. 66. a. soll nicht versehret werden. II. II. 277. a. Warheit wie sie in
    Deutschland von den Druiden und dem Frauenzimmer bestätiget werde. II. III.
    546. b. wie sie sonst erforschet werde. II. III. 547. a. ist eine schöne und
    verschämte Tochter. II. VIII. 1365. a.
Wahrsager Betrug wird entdecket. II. VIII. 1389. a.
Wahrsagerin sagt der Sentien wahr. I. VIII. 1268. a.
Wahrsagerei auf was Grunde solche bestehe. I. IX. 1352. a. von Fürsten geheget.
    I. III. 233. b. aus denen Sternen trifft ein. I. III. 270. a.
Wahrsager-Geister verstummen. I.V. 714. b.
Wahrsagung von dem Verhängnis eingetroffe. II. VII. 1288. a. ertichtet vom
    Adgandestern. II. VIII. 1363. a. Wahrsagungen sind ungewiss und versteckt.
    II. VIII. 1364. a.b. sind Betrügereien. II. VIII. 1366. a.b. Wahrsagung in
    einem Ringe. I. VIII. 1284. a. siehe Weissagung.
Waschen zur Einweihung gehörig. II. I. 194. b.
Wasser macht voll. I.V. 578. a. allerlei Wasser von sonderbahrer Art und
    Würckung. I.V. 582. a.b. wird von vielen Völckern getruncken. I.V. 583. a.b.
    ob eines schwerer sei als das andere. I.V. 584. a. Wassers Lobgesang. II.
    VIII. 1425. a. Wasser stellet in Sinnbildern die Liebe vor. I. VIII. 1178.
    a. der Unfruchtbarkeit. II. IV. 610. b. seq.
Wasser-Treter gehen weit unter dem Wasser. II. V. 889. a.
Wartburgis eine Zauberin unterrichtet den Malovend in dem Geheimnis der
    Wahrsager-Kunst / und zaubert auff abscheuliche Art. II. VII. 1153. a.b. und
    1157. a. erzählt ihren Lebens-Lauff / und ihrer Sentien zur Liebe in
    Deutschland und zu Rom verübte Zauberei. II. VII. 1150. b. seq. wird von dem
    Rat zu Rom verhöret und verdammt / und kömt davon. II. VII. 1154. a. kriegt
    endlich ihren Lohn. II. VIII. 1464. a.
Webekunst Wert und Vaterland. II. I. 185. a.b. II. I. 189. a.
Weber bemühet sich umb eine schöne Jungfrau. I. VII. 1228. a.
Weichsel empfähet den König Marbod. II. V. 860. a.
Weib erscheint dem Drusus. I. IV. 412. b. Liebreitzendes und Ehr- süchtiges /
    was sie vor eine Stärcke habe. I. VIII. 1245. b. warumb sie mehr zu Tränen
    geneigt sein / als Männer. I. III. 326. a.b. können herrliche Dinge tun. I.
    III. 198. b.I. III. 200. b. sind auch zu herrschen geschickt. I. III. 229.
    a.I. III. 294. b. Schmach-Rede auff sie. I. III. 307. b. ob sie der Weissheit
    fähig sind. I. IX. 1342. a. der Serischen Könige / dürffen kein Mahl an sich
    haben. II. I. 92. a. rechten bei den Traciern / welche sich mit ihrem Manne
    ins Grab verscharren soll. I.V. 654. a. ob sie ihre Männer überleben sollen.
    I.V. 655. a. so göttlich verehret worden. I. III. 342. b. sind verhinderlich
    an grossen Taten und Glück. I. IV. 397. a.b. ihre Herrschaft glücklich.
    II. VII. 1265. a. ist zu verwerffen. II. VII. 1266. a. ob sie mit in die
    Schlacht zu nehmen. II. VII. 1193. b.
Weibes-Bild von der Natur auff einem Berge gebildet. I.V. 625. a.b.
Weibliche Geschlecht liebt stärcker / als das männliche II. IV. 703. a. II. V.
    922. a. dessen Gemüter sind unergründlich. I. VII. 1039. a. Regungen /
    Tugenden und Laster. II. I. 79. a.b. hat Rauch und Licht bei sich. I. VIII.
    1287. b. dessen grössere Stärcke Schmertzen auszustehn. II. IV. 426. a. kann
    die Liebe nicht verringern. II. V. 735. b. ihre Antlitzer helffen zur
    Erkenntnis Gottes. II. V. 736. a.
Wein wird heraus gestrichen. I.V. 579. a. II. 2. 292. a. ob er ein dienliches
    Geträncke sei? I.V. 579. b. wird etlichen zu trincken verboten. ibid. wird
    in Deutschland gebracht. I.V. 582. b. ein Teich mit Weine gefüllet. I.V.
    581. b. in welchem Lande der beste Wein wachse? II. II. 343. b. seq. aus
    allerhand Früchten zubereitet. II. II. 345. a. seq. Weins Nutz und
    Schädligkeit. II. II. 292. b. etlicher Weine sonderbahrer Geruch. II. II.
    297. a. Wein- und Wasser-Vermischung ob sie zu tadeln oder nicht? II. II.
    299. a. wie sie geschehe. II. 300. b. alte Weine. II. II. 301. a. Wein ist
    ein Spiegel des menschlichen Gemüts bei den Deutschen. II. VI. 1007. b.
    siehe Rhein-Wein.
Weinen gibt einen merckwürdigen Unterscheid der Menschen von den Tieren. I.
    IV. 438. b. siehe Tränen.
Weinreben zum ersten in Deutschland gebracht. I. IV. 531. b. geben ein Sinnbild
    der Fruchtbarkeit ab. II. I. 176. a.
Weinstöcke von besonderer Grösse. I. VII. 1146. b. werden von dem Germanicus
    ausgerottet. II. VI. 1083. b. seq. Weinstock träget unter den Bäumen den
    Vorzug darvon. II. II. 343. b. II. II. 347. a.
Weirauch / siehe Weirauch.
Weissagungen werden gemissbrauchet. I. III. 263. a.
Weissagung des Tanfanische Altars von dieses Heiligtums Untergang. II. IV. 596.
    b. Weissagung von der Langobarden Reich. II. VII. 1274. a. auf einer Linde
    gefunden / vom Untergang des Marckmännischen Reichs. II. VII. 1287. b. von
    dem gebohrnen GOtt der Jüden. II. VI. 975. b. an einer Eiche wider die
    Druiden. II. II. 265. a. Weissagung des Apollo vom Untergang des Germanicus.
    II. IX. 1625. a. Gedancken hiervon. II. IX. 1635. a.b. Weissagung der
    Asblaste ihrem Sohn Herrmann gegeben von ihm und seiner Tusnelde. II. IX.
    1541. b. der kleinen Velleda / dass sie eine Göttin werden soll. II. IX.
    1603. a. der Asblaste an die Tussnelde. II. IX. 1624. a.b. siehe Warsagung.
Weisse Farbe ist die schönste. I. VI. 761. b. wird herausgestrichen und
    gescholten. I. IV. 468. b. wird gelobet. I. IX. 1393. b. Ob weisse oder
    schwartze Farbe mehr zur Schönheit dienlich sei. II. VI. 1028. a.b.
Weisse Kleider bei den Griechen ein Bild der Freiheit. II. III. 441. b.
Weisser ist dem Berg Caucasus gleich. I.V. 565. a. siehe Weltweise.
Weissheit ob sie verzärtele oder tapffer mache / und ob sie bei den Waffen stehen
    könne. I.V. 612. b. II. II. 261. a.b. von Göttlichen Dingen ist versteckt.
    I. IX. 1351. b. seq. ist Männern und Weibern gemein. I. IX. 1341. a.b. kann
    bei Gemächlichkeit stehn. I. IX. 1344. a. ist so wohl Edlen als Unedlen
    anständig. II. I. 177. b. II. I. 180. a. ist bei den Fürsten Gold. ibid. ist
    das höchste Gut des Socrates. II. II. 275. a. kömmt in Griechenland empor.
    II. V. 745. a.b. wie sie sonst fortgepflantzet werde. II. V. 746. a. der
    Deutschen unterschieden von der Griechen ihre. II. V. 747. b. siehe
    Weltweissheit.
Weissen Stein. I. II. 176. a.
Weitzen-Stengel in Mauritanien sein Nutz und Gebrauch. II. II. 336. a.
Welt Alter. I. III. 264. b. Welt ob sie ein Tier sei? I.V. 575. a. ob mehr als
    eine Welt sei. I.V. 575. a.b. Welt-Gestelle ist unterschiedlich. I.V. 575.
    b. ob die Welt stille stehe oder beweget werde? I.V. 576. a. Welt ist eine
    Harffe mit sieben Säiten. II. I. 219. a.b. ob sie nur einen Herrscher haben
    könne? II. VII. 1172. b. Neue Welt wer sie erfunden? siehe
    Atlantische-Eyland.
Weltkugel in siebe Landstriche eingeteilt. I. IV. 433. a.
Weltweise so Schmeichler. I. IV. 456. a. sind dem Hasse und Neide unterworffen.
    II. II. 262. a. was sie für Laster haben. II. VII. 1154. a.b. siehe Weiser.
Weltweissheit wahrer Zweck. I. VIII. 1214. a. siehe Weissheit.
Werffel-spielen ist vom August beliebet worden. I. II. 86. b.
Werners Verräterei. II. V. 829. a.
Westwind wird vorgestellt. I. IX. 1377. a.
Wette-lauffen wie und wo es aufgebracht worden. I. VIII. 1197. a.
Weirauchs Ursprung. I. VI. 793. a.
Weirauchs Köstlichkeit / Nutzbarkeit und rechtes Vaterland. II. II. 308. a.b.
Wieder des Dädalus der Venus gegossen. I. VI. 792. a. Wieder wird von Deutschen
    geopffert; von andern verehret. II. I. 198. a. II. I. 199. b.
Widersprechen soll kein Kluger dem andern. I. VI. 820. b.
Wiege des Zenons wird beschrieben. II. IX. 1625. a.b.
Wiesels Eigenschaft wird untersucht. I. VIII. 1124. b.
Wille des Menschen ist frei. I. III. 296. b.
Wille des Menschen ist blind. II. I. 66. b.
Wille des Menschen ob er den Sternen unterworffen. I. III. 265. a.
Wind gekaufft. II. VII. 1232. b. mit einem Tempel verehret. I.V. 658. a.
Windeln des Zenons. II. IX. 1612. a.b.
Winter vorgestellt. I. IX. 1382. b. II. I. 183. a.
Wirtschaft ausgerichtet. II. IX. 1641. a.
Wodam Batavischer Fürst führt die Kaufmannschaft ein. I. IV. 346. a.
Wodan Gott der Deutschen. I.I. 69. b.
Woltaten / so nicht zu vergelten / bringen einen in Hass. I. VIII. 1245. a.I.
    VIII. 1282. a.
Wohltaten sind danckbarlich zu erkeñen. II. 1327. a.b.
Wohltätigkeit hat den Hercules unter die Sterne versetzet. I. IV. 352. b.
Wolff-Wurtzel will Königin unter den Blumen sein. I. IX. 1391. a.
Wolle schären. II. I. 198. a.b.
Wollust verderbt die Helden / ein Krieges-Heer. I. VI. 837. a. was sie anrichte.
    I. IV. 402. a. wird herausgestrichen. I. IV. 455. b. ist des Epicurus
    höchstes Gut. I.V. 618. a. mit der Wollust soll man Scytisch fechten. I.
    VIII. 1216. b. wird mit den Fliegen verglichen. I. VIII. 1225. a. von denen
    Citronen vorgebildet. II. II. 343. b. streitet mit Ehrsucht / Geitz und der
    Vernunft um den Vorzug. II. IV. 572. a. wird in einem Schauspiele
    vorgestellt. II. VIII. 1428. b. seq. siehe Uppigkeit.
Wort / Gottes Sohn / von einem Druis ausgeführet. II. III. 534. b. II. III. 535.
    a.
Wotan Gott des Krieges bei den Deutschen. II. V. 877. b.
Wunde geheilet ohne Pflaster mit einem Staube. I. IV. 473. a.b.
Wunderzeichen für Augustus Tode. II. V. 931. a. seq.
Würcken Wert / Nutzbarkeit und Kunst. II. I. 186. a.
Würffel von vornehmen Leuten beliebt. I. II. 86. b.
Würmer werden gegessen. I.V. 578. b.
Würtze aus Morgenland ist den Deutschen nicht gesund. I. II. 106. b. II. V. 776.
    a.b.
                                       X.
Xantippus / Feldherr der Cartaginenser / wird ins Wasser gestürtzt. I. VI. 779.
    a.
Xaochavus / König der Seren. I.V. 595. a.
Xerxes tut einen Zug in Griechenland aus einer besondern Ursache. I. III. 210.
    a.
Ximungi / König der Seren / erfindet den Ackerbau. I.V. 595. a.
Xius König der Seren. I.V. 600. b. Urheber des Tschinischen Stammes. I.V. 1601.
    a. lässet alle Bücher verbrennen. ibid.
Xunus löblicher König der Seren. I.V. 596. a.
                                       Y.
Yaus / löblicher König der Seren / ist ein Erfinder vielerlei nützlicher Sachen.
    I.V. 595. b.
Yoniu ein Wunderberg in Tschina. I.V. 625. b.
                                       Z.
Zackenbach hat nahe bei sich Gesundheits-Brunnen. I. VII. 1124. a.
Zagheit wird gestrafft. I.I. 70. b.
Zahlen Heimligkeiten. II. I. 203. a.b. Zahlen heimliche Krafft. II. III. 404. b.
Zähne werden ins Grab geworffen. I.V. 634. a.b. Kinder / die keine Zähne haben /
    werden bei den Marsinger und Römern nicht verbrannt. II. V. 815. b.
Zamolxis besondere Meinung. I. II. 106. a. ist der Tracier Halb-Gott. I. IV.
    460. a.
Zarina / eine tapffere Amazonin. I.V. 525. b.
Zarmar / ein Indianischer Brahman / verwirfft die Vielheit der Götzen. I. IV.
    346. a. erzählt dem Zeno die Beschaffenheit und Lehren der Brahmanen und
    Weisen der Indianer. I.V. 658. b. verehret den unbekanten Gott. I.V. 690. b.
    lobet und verteidigt den Socrates. I.V. 708. b. erweiset / dass nur ein
    Gott sei. I.V. 709. b. verbrennet sich deswegen selbst zu Aten an seinem
    Geburts-Tage. I.V. 712. b. seq. seine Asche wird heilig verwahret. I.V.
    715. a.
Zauberer verursachet Ungewitter. I. VII. 1115. a.
Zauberei der alten Weisen. I.V. 661. a.b. eines Weibes wider die Deutschen. I.
    VI. 758. a.b. der Druiden in Deutschland. I. VII. 974. b. eines Weibes. I.
    VIII. 1268. b. was sie würcken könne. I. IX. 1337. b. Zauberei mit der
    Königin Erato vorgenommen. I. IX. 1605. a.b.
Zauberin verleitet zu Ehebruche. I. IX. 1336. b. ihre Warsagung für die Sentien.
    II. IX. 1521. a. siehe Wartburgis.
Zeichen des Himmels werden auff einer Mahlzeit vorgestellt. II. III. 433. a.
Zeit / wie sie zu gebrauchen. I. VIII. 1308. b. ist eine Meisterin aller Dinge.
    I. VIII. 1173. a. in einem Schauspiele vorgestellt. II. III. 485. a.b. bei
    dem Begräbnis des Käysers Augustus vorgestellt. II. III. 954. a.
    Zeit-Abmessung zu Rom und anderswo. II. V. 761. b.
Zeitlose will Blumen-Königin sein. I. IX. 1391. b.
Zeitungen / so böse / sollen von Staats-Dienern den Fürsten nicht verschwiegen
    werden. II. VII. 1291. a.
Zela / König in Bitynien / wird von den Deutschen in Stücken zerhauen. I. VI.
    785. b.
Zelte nach Art der sieben Irr-Sterne eingeteilet. I. IX. 1362. a.
Zeno / ein Armenischer Fürst / streitet wider die Deutschen. I.I. 36. a. seq.
    wird durch die Aurinia vom Tode befreit. I.I. 80. b.
Zeno / Fürst in Pontus / sonst Arsinde genannt / verliebt sich in Erato. I. III.
    260. b.I. III. 272. a. verspricht sich ihr. I. III. 274. a. kommen beide
    unvermutet zusammen. I. III. 323. a.b. muss sich von den Räubern entführen
    lassen. I. IV. 441. a. wird zum Fürsten Deutschlandes erklärt. I. IV. 442.
    a. wird von einem Medischen Edelmaine aus Unwissenheit entführet. I.V. 508.
    b. aber zurücke gebracht / und soll dein Ariobarzanes vermählt werden; will
    aber nicht. I.V. 510. a.b. ihn will sein Vater Polemon erstossen; wird aber
    erretett. I.V. 513. a.b. muss Sinope räumen. I.V. 529. a. hält einen
    Schiffstreit. I.V. 520. b. wird von Oropastes geliebt. I.V. 541. a.
    flüchtet ins Taurische-Gebürge. I.V. 550. b. wird genötiget in den
    Scytischen Krieg zu gehn. I.V. 592. a. besieht einen berühmten Tempel. I.V.
    550. a.I.V. 586. a. streitet tapffer unter Huhansien wider die Seren. I.V.
    623. a. wird von einem Elephanten zu einem Gefangenen der Uberwundenen
    gemachet. I.V. 651. a. komt mit Zarmarn / einem Brahmanen / von ihrer
    Weissheit in ein Gesprach. I.V. 658. b. besieht Griechenland. I.V. 684. a.
    I.V. 715. b. seq. wird eifer süchtig wegen seiner Erato und will sich
    umbbringen. II. I. 131. b. fordert den Fiavius in einen Zweikampff aus und
    ist darinnen unglücklich. II. III. 448. a.b. will sterben und begibt sich
    der Erato. II. III. 462. b. seq. muss aus Deutschland weichen. II. III. 523.
    b. lässt die Erato entführen. II. IX. 1615. a. komt mit ihr zu Sinope an. II.
    IX. 1607. b. wird von der Pitodoris vor die Arsinoe ausgegeben. II. IX.
    1609. b. wird vor den jungen König Artaxias erkannt. II. IX. 1612. a.b. wird
    König in Armenien. II. IX. 1614. a.b.
Zeno irret was die Wollust betrifft. I. VIII. 1214. a. sein Grabmahl zu Aten.
    I.V. 707. a. seine Meinung von den Gemüts-Regungen. I. IX. 1347. a.b. sein
    Spruch. II. IX. 1497. b.
Zepter sind Merckmahle der Herrschaft. I. IX. 1387. b. Sinnbilder der
    Persischen Könige. II. IV. 723. b.
Zeuxes mahlt ein Hippocentaur. II. I. 152. b. mahlt alle Leute grösser als sie
    sein. II. IX. 754. a. sein Bildnis und Gemählde wird unbedachtsam von dem
    Pöfel getadelt. II. IX. 1541. b.
Ziegen-Insul in Italien. I. VIII. 1193. a.
Ziffern sonderliche Krafft. II. III. 404. b.
Zimmet-Baums Nutzbarkeit / Vorzug. II. II. 333. b.
Zlnober wird zu Rom unter Artznei gemischt. I. II. 106. b.
Zipetes stifftet wider seinen Bruder einen Krieg in Bitynien an. I. VI. 785. b.
Zirolane / siehe Clotildis.
Zirolane stellt die Pasiphaen vor. I. IX. 140. a.b. verliebet sich in den
    Rhemetalces. II. I. 127. a. krieget ihren Vater zu erkennen. II. V. 792.
    a.b. will sich umbringen. II. V. 795. b. wird geboren. II. V. 802. b. ihr
    Gespräch mit dem Ariovist von seiner Liebe gegen ihr. II. V. 921. a. wird
    gefangen zu den Römern gebracht. II. VI. 1035. a. will sich von Siegemunden
    nicht besänftigen lassen. II. VII. 1108. b. seq. nimmt den Rhemetalces
    wieder zu Gnaden an. II. V. 1495. a. fliehte von Rom. II. IX. 1520. a.
Zircul stellet Gott für. I.V. 661. b.
Zitronen-Baums Frucht / Nutzbarkeit und Vorzug. II. II. 341. a.b.
Zorn des Feldherrn. II. VI. 1039. b.
Zorns Eigenschaft. II. VII. 1262. a. II. VII. 1263. b.
Zoroasters Lehre von der Drei-Einigkeit Gottes. II. III. 573. a.
Zuckerschilffs Nutzen und Vorzug. II. II. 340. b.
Zufälle / so sonderbahr / hat ein Feldherr zu seinem Vorteil zu gebrauchen. I.
    VI. 735. b. Zufalls gebrauchet sich Germanicus klüglich. II. VII. 1198. a.
Zusammenstimmung der Elementen und anderer Dinge. II. I. 220. a.b. der Menschen
    mit der grossen Welt. II. I. 223. a.b.
Zweiffel ob er zur Erfindung der Warheit diene. II. II. 266. a.b. II. II. 269.
    a.
Zweikampff der Tussnelda mit der Königin Erato. I.I. 32. a. seq. Ismenens mit
    dem Armenischen Fürsten Zeno. I.I. 35. a. der Semnoner und Römer. I. VI.
    655. a. eines Deutschen mit einem Römer. I. VI. 759. a. des Viridomars mit
    Clodomirn. I. VI. 815. b. für Ismenen. II. III. 552. a. des Segestes mit
    dem Fürsten Bojocal. II. IX. 1548. a. von dem Marius mit spitzigen Worten
    ausgeschlagen. I. VI. 910. a.b. stehet Fürsten nicht an. I. VI. 816. a.
    Mittel die Warheit zu erforschen bei den Deutschen. II. III. 547. a. wird
    verdammet und gebilliget. ibid. seq.
Zwistigkeiten der Druiden / Barden und Eubagen wie sie zu heben. II. II. 276. b.
 
               Absonderliche Anmerckungen über den andern Teil.
p. 1642. b.l. 30. Selenus.) Gustavus Selenus. Denn so nennt sich der gelehrte
    Braunschweig- und Lüneburgische Hertzog / Augustus / dessen Werck vom
    Schachspiel in Folio zu Leiptzig in Verlegung Henning Grossens mit vielen
    Kupffern heraus gegeben worden. Sonst ist zu mercken / dass jedwedes Spiel im
    Schach entweder auff eine Robada, oder Tavola, oder Scacco matto
    hinauslauffe; dannenhero auch aus diesen drei Arten die drei Abhandlungen
    des Ballets im Arminius bestehn. Die erste zielt auff den Marbod / der
    Tusnelden entführen wollte; (I. Teil. I. IV.) aber aller seiner Leute
    beraubet wurde und unverrichteter Sache abziehn musste. Die andere auff den
    Orodes / welcher mit Frieden / oder gleichem Gewinst und Verlust davon
    kömmt. (II. Teil IX. Buch.) Die dritte auff den Quintilius Varus / der das
    Feld und Leben verloren. (I. Teil I. Buch) Ubrigens / wem bekañt ist / dass
    man zu Paris vor zehen Jahren ein Piquetballet getantzt habe / da die
    Personen eben so gekleidet waren / wie sie in denen Frantzösischen Charten
    gemahlet werden / und durch ihre unterschiedene Stellungen bald tertien /
    quarten / quinten / sexten / septimen / octaven / item gedrittes und
    gevierdtes / und dergleichen vorbildeten / der wird sich leichtlich die
    Rechnung machen / dass es nicht schwer sei / alle Züge des Schachspiels auff
    gleiche Manier vorzustellen.
p. 1645. l. 19. Flavius / König der Cherusker.) Die Ursachen / warumb Flavius
    Cheruskischer König wird / sind vielleicht diese: Erato ist seine Gemahlin.
    (Armin. II. Teil p. 216. b.l. 6.) Diese muss wieder Königin werden. (I.p.
    318. b.l. 5.) Das kann nicht füglicher geschehn / als im Cherusker-Lande /
    als wozu Flavius / nächst dem Arminius / das meiste Recht hat. Uberdiess so
    ist dessen Sohn Italus (besage Taciti annal. I. XI. c. XVI.) zu eben dieser
    Würde gelangt / nicht aber Tumelich / oder der jüngere Herrmann. Es haben
    auch nach der Zeit die Cherusker alles Ansehn unter den Deutschen verloren
    / wie Tacitus de morib. German. bezeugt; dahingegen die Marckmänner in
    grosser Hochachtung bei Freund- und Feinden geblieben sind. Weil nun die
    Gesetze eines Helden-Gedichts den Verfasser genötiget haben / Herrmannen
    wieder lebendig zu machen / seit dem er durch die Untreu seiner Erb-Lande in
    solches Unglück geraten / dass alle Welt (nach dem Zeugnis Taciti Annal. II.
    c. ult.) ihn vor todt gehalten; als ists wohlgetan gewesen / ihn mit guter
    Art von denen Cheruskern abzusondern / also zwar / dass er bei Verlust dieses
    Reichs Feldherr bleibt / an seinen Beleidigern teils durch Verschmähung
    ihrer Cron / teils durch Auffdringung des bei ihnen verachteten Flavius /
    sich grossmütig rächet / ingleichen erweiset / er könne (so wohl als
    Tiberius) Könige einsetzen / endlich gegen seinen Bruder / wegen Errettung
    Tusneldens / seine Danckbarkeit sehn lässt / und solcher gestalt
    allentalben bekräfftigt / dass er sei le Heros de la fable, oder die
    Haupt-Person im Spiel zu heissen.
                                     ENDE.
 
                                  Abbildungen
   B Titelkupfer
   B Titelkupfer Band 1.
   B Band 1, Seite 81.
   B Band 1, Seite 186.
   B Band 1, Seite 327.
   B Band 1, Seite 497.
   B Band 1, Seite 716.
   B Band 1, Seite 959.
   B Band 1, Seite 1164.
   B Band 1, Seite 1319.
   B Titelkupfer
   B Titelkupfer Band 2.
   B Band 2, Seite 228.
   B Band 2, Seite 391.
   B Band 2, Seite 562.
   B Band 2, Seite 731.
   B Band 2, Seite 935.
   B Band 2, Seite 1086.
   B Band 2, Seite 1308.
   B Band 2, Seite 1467.
 
    